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-The Project Gutenberg EBook of Helianth. Band 3, by Albrecht Schaeffer
-
-This eBook is for the use of anyone anywhere in the United States and
-most other parts of the world at no cost and with almost no restrictions
-whatsoever. You may copy it, give it away or re-use it under the terms
-of the Project Gutenberg License included with this eBook or online at
-www.gutenberg.org. If you are not located in the United States, you'll
-have to check the laws of the country where you are located before using
-this ebook.
-
-
-
-Title: Helianth. Band 3
- Bilder aus dem Leben zweier Menschen von heute und aus der
- norddeutschen Tiefebene
-
-Author: Albrecht Schaeffer
-
-Release Date: December 4, 2019 [EBook #60845]
-
-Language: German
-
-Character set encoding: ISO-8859-1
-
-*** START OF THIS PROJECT GUTENBERG EBOOK HELIANTH. BAND 3 ***
-
-
-
-
-Produced by Jens Sadowski and the Online Distributed
-Proofreading Team at http://www.pgdp.net. This book was
-produced from images made available by the HathiTrust
-Digital Library.
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- HELIANTH
-
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- Bilder
- aus dem Leben
- zweier Menschen von heute
- und aus der norddeutschen Tiefebene
- in neun Büchern dargestellt
-
- von
- Albrecht Schaeffer
-
-
- Der drei Bände dritter
-
-
- Im Insel-Verlag zu Leipzig
- 1920
-
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-
- Siebentes Buch.
- Hochsommertag
- oder
- Der große Mummenschanz
-
-
- Dann der traum höchster stolz steigt empor
- Er bezwingt kühn den gott der ihn kor
- Bis ein ruf weit hinab uns verstößt
- Uns so klein vor dem tod so entblößt.
-
-
- Erstes Kapitel
-
-
- Firmament
-
-Unablässig funkelten die Gestirne.
-
-Georg, auf dem Dache der Sternwarte, schräg auf der niedern, steinernen
-Brüstung sitzend, hatte die goldübersäte Wand des südöstlichen Himmels
-vor Augen; wieder und wieder jedoch zog das lebendige Gefunkel zur
-Rechten seinen Blick herum, und folgte er dorthin, so brach weiter
-rechts neue Funkelbewegung auf und zwang sein Auge weiter und abermal
-weiter und so fort, -- er mußte sich drehen, den rechten Arm hinter sich
-aufgestützt, so daß die rauhe Fläche von Stein in seinen Handballen
-brannte, und bis sein Nacken sich weigerte, weiter herumzugehen. Dann
-loderte über seinem Haupt andere Heerschar; ein geheimnisvoller Strom,
-weißlich und nebelnd, ergoß sich die Milchstraße vom Zenit bergunter,
-alle Ufer umblitzt und umglitzert vom Sterngetümmel in tausend Formen,
-in schweren Klumpen gleich Waben, gefüllt mit Nacht, in reichen Trauben
-und Gewinden, in seltsamen Kränzen und durchbrochenen Reigen, alle
-lebendig, beweglich von Licht, zitternd, strahlend, keiner dem andern
-gleich, winzige und einzelne gewaltige, nahe scheinende und unsäglich
-ferne, vergehende Lichter im Hauche der Finsternis. -- Aber da war der
-Schattenumriß des Schloßdaches hinter Georgs rechter Schulter in der
-Nacht, der Schatten des hangenden Fahnentuches in selten fallender
-Bewegung, eine bleiche Geste, welche die Sterne hin und wieder
-verdeckte, unkenntlich, doch schimmerte einmal -- wie ein Antlitz -- das
-bleiche Weiß ...
-
-Kein Laut war in der Nacht. Schweigsam im Nachtblau standen die
-abertausend stillen, in sich beweglichen Goldpunkte, die wachsamen
-Posten, durch alle Räume der Himmel hin verteilt auf den ewigen Bergen.
-Nun schienen es Gefäße, glasklare, voll von einer feurig leuchtenden
-Flüssigkeit, in der geheimnisvolles Dasein sich regte, Kristalle
-vielleicht, riesige, in denen gefangene Götter die Glieder bewegten,
-Göttinnen oder heilige Tiere, ruhend das Einhorn, still blickend der
-Widder, großhäuptig, wachsam schläfrig der Leu, scharfäugig der Greif.
-Schöne Kugeln waren auch da, gefüllt mit Lebensessenz, in der liebliche
-Kinderseelen atmeten mit ganzem Leib, -- denn immer atmete es dort oben
-und lächelte, immer ging eine Woge von Odem, eine stürmisch sanfte Welle
-von Lächeln über ganze Scharen der Goldenen hin, und sie flackerten
-wehend auf wie Felder von Fackeln.
-
-Daß auch nicht Einer dem Andern glich! So wie unten das menschliche
-Gewimmel erst gleichförmig erscheinen mag und doch zehntausendfach und
-mehr wandelbar und wechselvoll ist an Charakter und Art, an Seele und
-Leidenschaft, an Schicksal und allen Farben der Stunden und der Jahre,
-der Freude und des Schmerzes, so waren auch dort oben die Völker an
-Seele mannigfalt, Alle nur einander ähnlich durch Liebe, durch Ruhe,
-durch Glanz. Oh, und das waren keine kleineren und größeren Lampen,
-entzündet am harten Gewölbe, an dem sie hafteten! Sondern der Himmel war
-nachtblaue Tiefe, farblos fast, bräunliches Dunkel, ewig beschattete
-Weltenräume, in denen die Erden schwebten. Ach, wogten sie nicht nieder
-und auf in einem gewaltigen Takt? -- Nein, sie ruhten! Sie zogen wie
-lautlose Schwäne jeder seine Bahn, zeitlos, spurlos in der riesigen
-Flut, und sie lächelten im Entschwinden. Tauschten sie Fahrtzeichen und
-Wink im Vorübergleiten? -- Da schienen scharenweise die flammenden Feuer
-zu wanken und zu erlöschen, scharenweise aber loderten sie höher empor
--- Georgs Herz zog sich schaudernd zusammen --, das Firmament bewegte
-sich! Heere zogen klirrend auf über ungeheure Brücken, Heere schwärmten,
-Geschwader kamen triumphierend entgegen, sie teilten, sie schlossen sich
-wieder, sie wanderten im Takt, unerschöpflich überstiegen neue mit
-Bannern und Panzern den finstern Rand der Tiefe, ein lautlos
-unbeschreiblicher Jubel wogte mit ihnen herauf, -- wie Heere der Erde in
-Wolken des Staubes, in Wolken von Jubel wanderten diese, -- o es war
-Seligkeit in den Sternen, rieselnde, feurige, bebende Seligkeit des
-nächtlichen Daseins, Seligkeit im Übersteigen der Nachtgebirge,
-Seligkeit, zu strömen in goldener Woge, Millionen Tropfen zur Woge
-geschlossen, Seligkeit, einsam dahinzuziehen, Seligkeit, in luftigen
-Ketten zu hangen, in Kränzen sich zu wiegen, in Bildern sich zu ordnen,
-Seligkeit, sich anzutönen mit Licht, in Strahlen sich zu umfassen, in
-dunkler Kraft einander schwebend zu erhalten, Seligkeit, grenzenlose
-Seligkeit des unendlichen Nichtwissens von Anfang und Ende, und
-millionenstimmig brach aus goldenen Lippen der Schrei ihres leuchtenden
-Schweigens: Ewigkeit! Ewigkeit! Gott will es! Gott will es! -- --
-
-Namenlos geworden, der unten lauschte, beugte die betäubte Stirn,
-glühend und frierend voll Schauder. Verschleierte Augen schauten, kaum
-noch die Höhe der goldgestirnten Gebirge ertragend, wie der Himmel
-wankte, Massen von Sternen herunterstürzten; Goldrutsche, entfesselt,
-schlugen mit lautlosem Dröhnen gegen die Wandung seines Daseins und
-zerstäubten in Musik; es kreiste, in schmetternder Eile, sausend aus
-Unermeßlichkeit daher, in Unendlichkeit dahin, jagten Welten über Welten
-einander nach, tönend ohne Schwingen, klirrend von Licht, aufblitzend
-und erlöschend im Eise der Finsternis, Sturmatem schnob ihnen nach, die
-gewaltigen Tiere, auf riesigen Flößen aufrecht stehend, flogen durch die
-Nacht, aufrecht in den Zenit starrte des Einhorns goldene Stirnlanze,
-der Löwe hob die Pranke und brüllte goldenen Donner über die Eisfelder
-der Einsamkeit, riesig ausgebreiteter Schwingen schwebte der Greif,
-schlug die Fittiche knatternd und warf sich in schwingenden Bögen
-gewitternden Tiefen zu, und riesigen Wuchses, auf seinem Schilde
-stehend, den gewaltigen Bogen spannend, daß die bis zum Ohr gezogene
-Sehne klang, stürmte der titanische Orion aus der Nacht herauf, die
-Sehne klirrte, der Pfeil stürzte sich und fuhr unten in ein Herz,
-aufschreiend riß es die Augen auf und sah -- den stilleren Himmel, sah
-still stehn, zur großen Kuppel gewölbt, das ganze Firmament, leise
-flackernd in zehntausend Leuchten, ruhig blickend mit zehntausend Augen,
-eine zitternde Welle von Innigkeit überlief sie, -- sie schlossen sich
-lächelnd, sie öffneten sich wieder, und -- ach, nun, nun quoll wieder
-aus der Tiefe der Welt der ruhige Atemzug, der Hauch des Unsterblichen
-aus seiner dunklen Ferne, von dem alles lebte, was war. --
-
-Georg nahm das nasse Gesicht aus den Händen. Er glaubte, sie ganz
-eingetaucht zu haben in den Himmel, in die unsterbliche Flut, -- ja,
-entströmte ihnen nicht noch Duft, der letzte Hauch andern Lebens, wie
-Leben und Frische aus schlafenden Blumen bei Nacht? Unablässig aber
-funkelten die Gestirne, wogten, schwiegen. Sie schwiegen, doch kein
-Gedicht und keine Musik tönte so beredt wie die Sprache ihres Schweigens
-in das Herz, denn Wissen senkte sich von ihnen zur Unwissenheit
-unmittelbar, mit Glanz, mit Lächeln, mit Stille, mit blickender
-Gewißheit. Die Sterne wußten und schwiegen ihr Wissen in die Welt aus,
-die Sterne wußten und hielten nicht an sich mit Wissen, zeigten es
-unverhüllt in ihrer ruhigen Gestalt von oben, neigten sich sprachlos und
-teilnahmsvoll in der Höhe, und Zuversicht strömte aus ihnen, ein milder
-Regen in die keuchende, seufzende, ratlose, beklemmte Brust, -- da war
-sie schon aufgetan, sicherer, leichter, atmend und wunderbar beruhigt.
-Der Augenblick, wo unten das Auge und ein Auge dort oben sich begegnen
-im sprachlosen Austausch des Sinnens, der Augenblick ist ohne Zeit,
-nichts geschieht, nichts löst sich, bewegt sich und fällt, und nichts
-steht auf. -- Nein, Herz, sagte es leise in Georgs Tiefe, von deinem
-Schicksal wissen die dort oben nichts, was könnte es sie kümmern? Was
-geht es sie an, ob du das Auge hier aufschlägst zu einem Blick oder ein
-Andrer? Deine Handlungen und deine Träume, dein ganzer Wandel ficht sie
-nicht an, sie gehören sich selber an, sie wissen nur, sie wissen! Schau
-du in diesen Spiegel heut und nach einem Jahr, einmal und noch einmal
-zwischen Tod und Geburt; sehen wirst du nichts, doch zitterst du wohl,
-und das Schauen genügt.
-
-
- Sternwarte
-
-Georg, unfähig, den Anblick länger zu erdulden, senkte die Augen, wandte
-sich um und gewahrte auf dem Steintisch das matte Leuchten des goldenen
-Bechers und der Kanne. Gleich durstig, erhob er sich, trat hinzu, goß
-langsam den farblos klaren Wein, in dessen rinnender Falte es glitzerte,
-in den Becher und umfaßte ihn mit beiden Händen. O wie kühl, wie eisig
-kühl! -- Er setzte ihn an die Lippen. Seit anderthalb Jahren der erste
-Tropfen Wein, dachte er und trank langsam Schluck um Schluck das süße
-und herbe, kühle Getränk, in dem deutlich ein Hauch von Adel, ein Duft
-von Alter, von Würde, Fürstlichkeit und großer, männlicher Seele mit
-einströmte in sein Inneres. Den noch halbvollen Becher in der Hand, trat
-er an die Brüstung zurück und blickte unter dem Sternenhimmel hinweg wie
-unter einem fast zur Erde gesenkten Vorhang über das schlummernde
-Nachtland. In der Tiefe zu Füßen waren dunkel lebendig die Laubmassen
-der Wipfel, in denen es da und dort bleich erschimmerte; der
-Wassergraben blinkte verkleinert, dahinter standen finster die Schatten
-anderer Bäume, Geruch des Laubes und von Blumen stieg auf, ein Stück der
-Mauer glänzte kalkweiß, dahinter war undeutlich das flache Land, die
-Wiesen, ganz fern darüber ein, zwei rötliche Lichter. Die laue Nacht
-atmete kaum.
-
-Alsbald erhob sich das gedämpfte Getöse eines Orchesters in Georg. Ah,
-Bennos Sinfonie von der Ebene, am Abend gehört, klang wieder aus der
-Ferne, in die sie entströmt war. -- Ja, -- bei aller Weichheit seiner
-Musik, die im Schmelz größer war als in der Bändigung, im Sehnsüchtigen
-größer als in der Vollendung -- es war doch ein Gewebe von strahlender
-Großartigkeit geworden, in dem -- so fern jedes rationale Vortäuschen
-von Wirklichem blieb -- doch der Geist der Ebene so mächtig hauchte wie
-der Geist des Heros in der heroischen Sinfonie, wo dann auch der
-Gedanke: Ebene -- sie wohl sichtbar werden ließ, sie, breiten Abfluß des
-sinnenden Gebirgs, flutend von Handlung, glänzend in Strömen, duftend in
-Wäldern und Äckern, das Antlitz von Sternen behaucht, gebettet in den
-väterlichen Odem der See. Und war seine Kunst auch romantisch, von der
-sehnsuchterregenden Art, die eher bezwingen möchte und eindringen, als
-Maße aufrichten, die aus sich selber wirken, der deshalb das Süße lieber
-ist als die Feste, der Ansturm lieber als der Schritt, -- zu welch
-erstaunlicher Form war er selber gewachsen! Ungeschickt, hülflos, wie
-zwängte er sich noch als schutzloser Eindringling durch die Reihen
-seiner sicheren Mannschaft! Aber der Augenblick, wo er, die Hörerschaft
-im Rücken, das unmerklich klappende Zeichen gab, zauberte ihn um,
-unglaublich zu sehen! In seinem Profil wechselten Strenge und kindliche
-Weichheit, drohende Befeuerung und lächelnde Beruhigung in kaum
-erkennbaren Wellen, doch in deutlichen, in spielend gemeisterten
-Übergängen; sichtbar magisch geworden, seine Hände entströmten Zwang
-oder Verlockung, Ergreifen oder Verschenken, und seine lange, kaum sich
-regende schwarze Gestalt lebte allein im geschmeidigen Zucken der Arme,
-der gebieterisch gewordenen Hände, sich zusammen -- und alles an sich
-reißend nur an den gewitternden Stellen, -- solch ein Befehlshaber war
-aus dem Scheuesten aller Scheuen geworden, nun der eigene Geist ihn
-weit, wie ein Gestirnsnebel, tönend umwölkte. -- Ja, Benno, du hast das
-Ziel erreicht, dachte Georg glücklich und schwer, -- weißt du, ich
-könnte dich beneiden aus einem Grunde! Denn dir ist der Augenblick
-gegeben, der Glanz der Krise, der Blitz, der Zeit spaltet in Links und
-Rechts und das ewige Juwel zeigt im Schacht. Ich soll nun lenken in der
-breiten Zeit, im Unsichtbaren, im alltäglichen Tage, im ...
-
-Georg verlor die deutlichen Begriffe im Bangen vor leibhafter
-Vorstellung, lächelte noch einmal dem Freunde zu und wandte sich um.
-
-Im Osten war der Nachthimmel gerötet, unten glühend weißlich und rot
-über der Stadt. Die Schattenrisse der Türme von der Universität standen
-drüben; nahe dahinter eine bleiche goldige Kuppel; ziemlich vorn die
-weißrötlich wie ein Feuerloch glühende Tiefe war der Platz an den
-Kasernen, deren beleuchtete Fronten schimmerten, dunkel befenstert. --
-Stumm erstreckten sich die finstern Wipfeldämme der Lindenalleen; ganz
-vorn, im Dämmer des Sternlichts, ruhte das Rasenrund in den Wegen. Es
-rauschte auf, -- und jetzt, seltsam lieblich zu hören, scholl aus der
-Tiefe, aus dem Stall das Klirren einer Kette, ein stampfend aufgesetzter
-Huf und ganz leise das Husten eines Pferdes. Ach, da unten stand der
-gute alte Unkas in seiner warmen Stalldämmerung, das Haupt schlaftrunken
-gesenkt, nur atmend, blind, mit sich seelenallein, dürftig, ein
-gefangenes Tier, das nichts wußte, nie fragte, nichts wußte ... Georg,
-lächelnd erst, wurde ernst. Ein Tier, das fromm war, frommer vielleicht
-als er hier oben in der Freiheit, dieser Aufgerichtete, immer Denkende,
-Sehende, Sternumstellte, in Gottes Odem schweigend, viel wissend, alles
-nennend, immer irrend, immer nur für Augenblicke sich erhebend und schon
-wieder gesenkten Hauptes nichts haltend mit den Augen als das wechselnde
-Vorwärtskommen und Zurückschwinden der eigenen, wandernden Füße. Sondern
-dies Pferd war fromm in unerschütterlicher Folgsamkeit, fragte nicht,
-klagte nie, sprach nie sich aus, war immer zufrieden, nur laufen zu
-können, es kannte keinen eigenen Weg. Nicht einen einzigen Schritt hatte
-es allein gemacht, mit eignem Willen, -- Georg stockte und erinnerte
-sich dunkel: ja, auch damals, wann war es noch? In Helenenruh, ich stand
-im Hof, Unkas schritt zum Stall, blickte her, schien klug, schien zu
-verstehen, und tastend stieg er davon, -- ja, damals auch ging er
-blindlings dahin das kurze Stück von meinem haltenden, winkenden Auge
-zum Stall, angelockt und gelenkt vom duftenden Heu und dem eigenen Mist.
-Immer war er geführt wie ein Blinder, immer war ein Wille über ihm, und
-er folgte gern, -- er -- der nicht einmal ein Er war, nicht männlich,
-nichts Eigenes mehr, sondern ein menschliches Gemächt, ein Enterbter,
-ein verschnittener Wallach, ausgeschlossen aus dem feurigen Ring der
-Hengste und Stuten, gebrochen in der Jugend, in Zeugungslosigkeit
-gebannt, unfruchtbar wie ein Pfahl in der Schöpfung, -- o der war fromm
-... Ja, so Gott will, Unkas, sagte Georg sonderbar wehmütig, reite ich
-einmal auf dir in Elysium ein, dort, wo alle Trennungen sich ergänzen,
-wo alles heil wird, wo du auch nicht froh wärst ohne meine Nähe, -- dort
-wirst auch du dein Männliches wieder haben, ein stampfender Hengst,
-selig wiehernd und trabend über den saftigen Wiesen ...
-
-Georg sah wieder in das Land hinein, bewegte den Becher und leerte ihn
-langsam in die Tiefe aus; Blätter klatschten getroffen und rauschten
-leise, sonderbar war das Geräusch des Tröpfelns in der schweigsamen
-Tiefe. -- Mein Land, murmelte er, sich schämend, mein Land ... Weiterhin
-versagte sein Denken, und dies genügte ja wohl auch. Er stellte den
-Becher wieder auf den Tisch, rückte den Sessel der Weite des Himmels
-gegenüber und setzte sich. Ein wenig müde, vom Weinrausch umnebelt, sah
-er die Sterne sich zusammenziehn, sich dehnen, heller glitzern und
-schwanken. Er war glücklich. Morgen, dachte er, morgen ... und prallte
-von unvorstellbaren Bildern und am Wunsch, dieses Schönste und Farbigste
-seines Krönungstages sich nicht durch Vorahnung zu entstellen, ins
-Gestern zurück, glitt unmerklich in den fahnen- und blumengeschmückten
-Saal des Landtages, hörte die Eidesformel verlesen und sah den Vorbeizug
-der bärtigen Gesichter, selber feierlich und ergriffen die vielen,
-unterschiedlichen Drücke der glatten und rauhen, schlaffen und kräftigen
-Hände verspürend.
-
-Vor den halbgeschlossenen Lidern die Felder der Sterne, kam ihm jetzt
-die Frage, woran nur dies unablässige Auffunkeln, heller und schwächer
-Brennen, Wogen und Wanken und Zittern der unzählbaren Leuchten erinnre,
-und bald darauf senkte er sich in die Helenenruher Wiesen nieder. Wie
-dort das Gewoge der Halme --, nein, nicht das! Das Glitzern und Brennen
-der Sonnenstrahlen --, auch nicht! -- Ah, das Gezirp der Grillen war es,
-das wogte so lodernd auf, brodelte und senkte sich schwächer, entfernte
-sich und schwoll laut und nahe heran. Helenenruh, ja, Helenenruh, sang
-es beseligt in Georg, das war Vater und Mutter und Kindheit, das war ja
-wie Ewigkeit so lang! Immer Sommer und Sonne, immer Ferien und Faulheit,
-Reiten und Schwimmen, die blaue See und die Wiesen, die ewigen Wiesen.
-Er wünschte, mehr aus seinen jüngsten Jahren wiederzusehn, aber es war
-sonderbar, er gelangte nicht tiefer in die Zeit zurück als bis zu
-irgendeinem Tag vor ein paar Jahren, wo er schon erwachsen war. Ja, in
-dem Sommer nach dem Examen, da war es wohl am schönsten; niemals wieder
-waren die Tage so lang, jedoch -- das Ende war seltsam. -- Mit meinem
-Geburtstag muß es aufgehört haben, eigentlich wars ein langweiliger Tag,
-so viele Gäste, Fremde, nur Bogners Gesicht wohltätig dazwischen. Auf
-einmal sah er das Gesicht des Malers an einem Fenster, ein Gewitter war,
-ja, Artaxerxes ... er flog ja wohl plötzlich ... Und Magda, -- Georg
-seufzte, -- Anna nannte ich sie damals und liebte sie sehr ... Richtig,
-das war der sonderbare Tag vor meinem Geburtstag, mit Jason al Manach,
-und -- ja, da begann ja auch alles eigentlich! -- Das Gesicht seines
-Vaters erschien ihm dicht über dem seinen, wie eingebrannt in die Luft,
--- jede Falte, der Mund und die Augen vor allem. Georg konnte sich nicht
-auf ein einziges Wort mehr besinnen, das er gesagt hatte, nur daß sie
-alle wunderbar klangen, und sein Gesicht, dachte er, werde ich noch in
-meiner Todesstunde unverblichen und unverändert sehn, wie es damals war.
-Ja, damals muß er auch zuerst von dem Vertrag gesprochen haben ... Da
-erschien, blaß und verwischt wie ein halber Mond am Nachmittag, Sigunes
-Gesicht, ein Seufzer, der durch Georgs Brust hinzog und sie hob und
-verhauchte. O das arme, kranke Kind! Wärest du doch niemals geboren!
-Badenbach, dieser Jesuit! Aber, wie er dastand -- oder habe ich das nur
-geträumt? -- Georg besann sich, aber er schien ihn doch wirklich gesehn
-zu haben, als er kam, um Sigunes Hinscheiden zu melden, -- richtig, fiel
-es Georg ein, ich war ja krank, Virgo war dabei, nein, sie war schon
-fort, -- seltsam, Papa küßte sie auf die Stirn, und später sagte er, ob
-ich nicht auch gefunden habe, wie sie Mama ähnlich gesehen habe ... Ich
-konnte es eigentlich nicht finden, ihn täuschte wohl das
-kurzgeschnittene Haar, und Mamas Nase habe ich immer so viel hagrer
-gesehn, -- allerdings -- in ihrer Jugend ... aber auf der Miniatüre ist
-die Biegung unsichtbar ...
-
-Wie groß der Orion dort stand, ungeheuer deutlich und fast erschreckend
-menschlich, Füße, Schultern, Haupt, Gürtel und sogar das Schwert,
-inmitten des Schwarmes ungeordneter Sterne. Tiefer in das goldne Bildnis
-sich hineinschauend, ließ Georg die Lider sinken und fühlte sich empor
-und angesaugt von dem leuchtenden Riesen; schwebte er wirklich?
-Plötzlich stand er selber als Orion am Himmel, unter sich Nacht und
-Tiefe; eine fahle, zackig abgeteilte Mondscheibe, die dampfte, schwebte
-die Erde, ihn schwindelte, er stürzte, erschrak flackernd und fuhr mit
-einem Ruck in seinen Körper und den Sessel.
-
-Gottseidank lächelte er matt, es war wieder ein Traum! -- Wie still es
-doch ist! -- In diesem Augenblick aber rasselte es in der Luft, ein
-heller Schlag durchdröhnte das Schweigen, es rasselte, ein zweiter riß
-sich los, es rasselte wieder, ein dritter ... dann war Stille. Erst
-dreiviertel eins? dachte Georg verwundert, ich bin doch eine Ewigkeit
-hier oben! -- Aber das Zifferblatt seiner Uhr zeigte keine andre Stunde
-im Zwielicht der Sterne. Wie absonderlich das Uhrglas glänzte und die
-Zahlen so verändert in der Dämmerung! -- Und warum habe ich es denn
-nicht viertel und halb schlagen hören? Jetzt fängt der Wein an zu
-wirken, dachte er schläfrig, fühlte aber gleichzeitig ein leises
-Angstgefühl in sich aufsteigen oder heranschleichen. Wie still es nur
-ist! -- Und doch -- es ist ja, -- als wäre ich nicht mehr allein!
-Unsinn! -- Er setzte sich tiefer zurück, seine Gedanken lockten ihn
-spielend wieder ins Morgen hinüber, Renate erschien, -- wie würde sie
-nur aussehn in der mittelalterlichen Tracht? Er hatte sie ja Wochen
-nicht gesehn und empfand Sehnsucht. Ich habe doch immer nur sie geliebt,
-dachte er schwermütig, warum nur ließ ich mich so oft irren? Cora, --
-nun das kann freilich kaum gelten, aber Esther, -- ach Cordelia, du
-warst doch unsagbar lieblich und süß! -- Einmal dachte ich sogar, Virgo
-zu lieben, aber das war denn doch ein Irrtum, weil ich krank war und ich
-sie Esther ähnlich fand, aber -- ja, von Renate hielt sie mich doch ein
-Weilchen fern ...
-
-Mein Gott, es ist doch wer in der Nähe! dachte er plötzlich. Seine
-Kopfhaut krauste sich. Ja, was soll denn sein, dachte er ärgerlich, wenn
-was da ist, solls kommen! Aber sein Herz klopfte. Er streckte die Hand
-nach der Kanne aus, schenkte den Becher voll, setzte die Kanne hin und
-lauschte. Die Stille rieselte über ihn hinweg, es wurde kühler. Wieder
-zwang er seine Gedanken, aber sie gehorchten schlecht und nur
-begrifflich, so daß er dachte, er lebe und bewege sich eigentlich erst
-seit drei Jahren, seit er den Plan des Vertrages mit sich herumtrage. Da
-erinnerte er sich an Berlin und seines Sofas in der Kantstraße. Ja,
-dieses Sofa! Darauf verbrachte ich die halbe Zeit des Winters, o es war
-ja grauenhaft! Diese Nachmittage, wenn ich lag und lag und die weiße
-Lampe auf dem Schrank ansah, bis sie verschwamm und schließlich
-verschwand in der immer tieferen Dämmerung, auch die Tür und alles, und
-von draußen kam das Laternenlicht über den Hof herein und malte die
-Schatten der Gardinen und des Fensterkreuzes an die Decke und auf den
-Schrank, und ich konnte nicht aufstehn, ich konnte nicht, mein Kopf
-glühte, ich konnte kaum noch liegen. Dieser Winter war das Verruchteste
-in meinem Leben. Und der in München war nicht besser! Ach, und vor
-allem, all die Jahre lang dieser grauenhafte Druck, diese niemals
-weichende Angst, diese sinnlose, die eigentlich noch immer nicht
-gänzlich --, jedenfalls -- wäre nicht Vater ...
-
-Georg fuhr mit einem Ruck im Stuhl herum und sah mit flimmernden Augen
-im grauen Dämmerlicht der Sterne eine dunkle Gestalt hinter sich stehn,
-am Treppenschacht ... Er sprang heftig klopfenden Herzens auf; nun, es
-war ein richtiger Mensch, groß, dunkel gekleidet, und griff jetzt
-höflich nach dem Hut, nahm ihn ab und sagte:
-
-»Ich bitte tausendmal um Verzeihung, königliche Hoheit, wegen meines
-Eindringens, -- übrigens, erkennen Sie mich nicht?«
-
-Georg nahm sich zusammen, faßte mit Anstrengung das bleiche, sonderbar
-starre Gesicht ins Auge, dachte: Ja, das ist doch ... »Herr von
-Montfort?« sagte er zögernd; und mit deutlichem Erkennen hastig: »Aber
-natürlich, natürlich! seien Sie mir willkommen! Wo kommen Sie her?«
-
-Georg ging um den Tisch, nicht allzu leicht, er merkte den Wein, gab
-Montfort die Hand, der seltsam lächelte mit seiner einen Gesichtshälfte.
-
-»Ich klopfte unten,« sagte er mit Heiterkeit, »bekam keine Antwort und
-trat ein, denn ich hatte Ihren Schatten hier oben gesehn, und ich dachte
-es mir wunderbar, hier oben unter den Sternen zu sitzen und von
-erhabenen Dingen zu reden. Ja, -- ich kam so vorbei ... Die
-Heimgekehrten ergötzt es, wissen Sie, Stadt und Gegend zu durchwandeln
-und an den leisen Veränderungen den süßen Kitzel des Unwandelbaren der
-Heimat zu verspüren, und so geriet ich in diesen Park. Nun kommen Sie,
-wir wollen die Sterne betrachten!« Georg fühlte sich leicht am Arm
-ergriffen und folgte an die Brüstung.
-
-»Ach, da steht ja auch Wein!« bemerkte Josef, »oh, erlauben Sie mir
-einen kleinen Schluck?«
-
-Er trat an den Tisch. Georg murmelte etwas und benutzte die Gelegenheit,
-um sich völlig zu sammeln, beruhigte sein klopfendes Herz, die Hände auf
-die Brüstung stützend und in die Sterne blickend; der Himmel war ihm
-jetzt nur eine verschwommene, über und über glitzernde und funkelnde
-Wand von Gold, in der seltsam blaue, rote und grünlichweiße Lichter
-zuckten. Sich wendend, sah er Montfort mit dem Becher am Munde und
-streckte die Hand aus.
-
-»Geben Sie mir auch«, sagte er, sich räuspernd. Montfort gab ihm den
-Becher, er trank begierig, der Wein schien noch einmal so kühl und
-duftend. Er stellte den Becher hin und ließ sich, da Montfort auf der
-Brüstung Platz genommen hatte, in den Sessel fallen. Josef, mit einer
-umfassenden Geste des rechten Armes, sagte:
-
-»Der Mensch und die Sterne -- das heiße ich den Gipfelpunkt des
-Irdischen. Obendrein sind Sie seit gestern zur Hälfte Großherzog, -- ah,
-nicht wahr, Sie bejahen das Leben?« Er lachte leise.
-
-»Sie sagen das so sardonisch«, lächelte Georg.
-
-»Mich,« versetzte Josef, »mich lächert es immer, wenn ich so in den
-Zeitungen lese von großen Autoren als den Bejahern oder Verneinern des
-Lebens. Auf tief pessimistischer Basis, so las ich neulich von
-irgendwem, bejahte er dennoch das Leben. Hanswürste, die sie sind! Da
-sehe ich jemand vor vollbesetzter Tafel sitzen, hungrig wie ein Löwe,
-und essen, was sich essen läßt, aber -- er verneint das Essen, er
-schreit: Nein! nein! zwischen jedem Bissen und jedem Schluck. Begreifen
-Sie, Prinz? Ich kann das Leben verneinen durch Handlung, indem ich mich
-hinausbegebe, aus dem Leben oder zumindest aus der Gemeinschaft, also
-aus dem menschlichen Leben. Aber das Leben zu verneinen durch Meinung,
-zu leben unter Neinneingeschrei ... welch ein abscheulicher Unsinn! Und
-nun erst gar die Bejahung. Ich bin am Ertrinken und sage zu dem, der
-mich über Wasser hält, unablässig: Ja! ja! ja! du hältst mich über
-Wasser. Was soll das? Kann der bejahen oder verneinen, der gar nicht
-gefragt wurde? Aber natürlich: Charakter muß der Mensch haben, so
-heißts, und zudem eine deutlich erkennbare Weltanschauung. Ach, und über
-uns sind die Sterne! Wer darf noch an den Nachtraum -- die Stirne lehnen
-wie ans eigne Fenster? Kennen Sie diese Verse von Rilke?«
-
-Georg, tiefer in sich versinkend, hörte mit mächtiger Ergriffenheit über
-sich die kostbare, tönende Stimme in der Nachtluft:
-
-»Siehe, dies -- Bedürfte nicht und könnte, der Entfernung -- Fremd
-hingegeben, in dem Übermaß -- Von Fernen sich ergeben, fort von uns. --
-Und nun geruhts und reicht uns ans Gesicht -- Wie der Geliebten
-Aufblick, schlägt sich auf -- Uns gegenüber und zerstreut vielleicht --
-An uns sein Dasein, und wir sinds nicht wert.
-
-»Vielleicht entziehts den Engeln etwas Kraft, -- Daß nach uns her der
-Sternenhimmel nachgiebt -- Und uns hereinhängt ins getrübte Schicksal.
--- Umsonst. Denn wer gewahrts?
-
-»Und wo es einer -- Gewärtig wird: wer darf noch an den Nachtraum -- Die
-Stirne lehnen wie ans eigne Fenster? -- Wer hat dies nicht verleugnet?
-Wer hat nicht -- In dieses eingeborne Element -- Gefälschte, schlechte,
-nachgemachte Nächte -- Hereingeschleppt und sich daran begnügt?«
-
-Die letzten Worte mit Härte niederschmetternd, schwieg der dunkle
-Sprecher vor den Gestirnen, und Georg, hingerissen und bis zum Weinen
-erschüttert, stammelte: »Ja, ja, ja! so ist es, es ist wahr, oh, hören
-Sie nicht auf, sprechen Sie weiter, es muß weiter gehn!«
-
-Montfort schwieg, begann nach einem Schweigen, während Georg mit
-verschwimmenden Augen, vorgebeugt im Stuhl, zu ihm aufsah:
-
-»Wir lassen Götter stehn um gohren Abfall, -- Denn Götter locken nicht.
-Sie haben Dasein -- Und nichts als Dasein, Überfluß von Dasein, -- Doch
-nicht Geruch, nicht Wink. -- Nichts ist so stumm wie eines Gottes Mund.
--- Schön wie ein Schwan -- -- Auf seiner Ewigkeit grundloser Fläche --
-So zieht der Gott und taucht und schont sein Weiß ...«
-
-Georg fühlte Tränen über sein Gesicht laufen und wehrte ihnen nicht.
-Nie, dachte er, in keinem Traum erfuhr ich solche Wonne der Tränen.
-Siehe, da stand Montfort groß und schwarz vor den beweglichen,
-schlagenden, strömenden Sturzfalten von Nacht und Gold, und es war, als
-ob er sänge:
-
-»Nur der Gott! -- -- Wie eine Säule läßt der Gott vorbei, verteilend, --
-Hoch oben, wo er trägt, nach beiden Seiten -- -- Die leichte Wölbung
-seines Gleichmuts ...«
-
-Georg, von kalten und wilden Schaudern überronnen, schloß die Augen. Wie
-war es? wie hieß es nur? Auf seiner Ewigkeit grundloser Fläche, so zieht
-der Gott und taucht und schont sein Weiß ... Oh ... oh! schont sein
-Weiß! Es war kaum zu ertragen. An allen Gliedern gelöst, fühlte er sich
-in ein grundlos Weiches mit unsäglicher Wollust einsinken, hörte aber
-jetzt laut durch das Sausen und Singen in seinen Ohren drei starke
-Schläge gegen eine Tür. Wild zusammenfahrend, setzte er sich auf.
-Niemand war bei ihm.
-
-Was war das? Habe ich geträumt? -- Das Herz klopfte ihm dicht unterm
-Halse, er fühlte sich seltsam schlaff, elend und an alles ausgeliefert.
-Wüste Furcht krauste ihm die Haut des Rückens, des Kopfes und der Stirn.
-Er schüttelte sich und fühlte sich sehr müde im Körper; aber der Geist
-war frei. Er sah nach dem Orion, aber nachdem der einen Augenblick über
-ihm aufgeblitzt war, war er völlig verschwunden, die Nacht ganz leer an
-seiner Stelle.
-
-Georg fuhr sich mit der Hand über die Augen. Das ist ja unheimlich,
-murmelte er. Die Augen wieder öffnend, sah er zu seinem heftigen
-Entsetzen die Umrisse eines Riesen von flammend blauer Farbe am Himmel
-schweben; sie entfernten sich langsam, wurden kleiner und kleiner und
-verschwanden.
-
-Da! Wieder die drei starken Schläge an der Tür -- -- es mußte unten die
-Tür der Sternwarte sein. Georg stand wankend auf, packte mit letzter
-Kraft seine Furcht und stieß sie fort. Einen Augenblick stand er wütend,
-konnte nichts sehn, dann lief eine große, schneeweiße Kugel auf der
-Mauerbrüstung vor ihm bis zum Rand, schwebte dann und entfernte sich
-nach rechts. Da peitschte das Entsetzen auf ihn ein, er stürzte zum
-Treppenschacht, die eisernen Stufen dröhnten unter seinen Füßen, er
-stolperte, rutschte am Geländer hinab, gewahrte dann den Lichtschein in
-der getäfelten Halle. Kaum aber, daß er die sieben Flammen des
-Kronleuchters und die beleuchtete Tischplatte ins Auge gefaßt hatte,
-einen Pulsschlag lang beruhigt, waren sie verschwunden. Er warf den Kopf
-herum, sah die Tür, die zum Gang ins Schloß führte, wollte drauf zu,
-aber sie war nicht mehr da.
-
-Vor Angst kaum noch wissend, was er tat, ging Georg mit vorgestreckten
-Händen tastend auf die Pforte zu, erlangte einen Pfosten, ertastete die
-Klinke, riß auf und taumelte zurück vor einer finster schwarzen Gestalt,
-die darin stand, augenlos, eine spitze Gugelkappe anstatt des Kopfes auf
-den Schultern. Georgs Schrei vergurgelte, da die Gestalt im selben
-Augenblick spurlos verschwunden war. Statt ihrer sah er jetzt seinen
-eignen Schatten riesenhaft über die wieder sichtbare Tür ins Getäfel
-heraufsteigen, ein furchtbar beängstigender Anblick, so daß er beide
-Fäuste in die Augen stieß. So, einen Augenblick in sich selbst
-zurückgepreßt, gelang es ihm, sich zuzustammeln: du fürchtest dich
-nicht, nein, das ist seine Furcht, das ist -- er fand nicht, was es war,
-fühlte sich wehrlos, ergrimmte, würgte sich minutenlang herum mit der
-Furcht, riß die Augen auf und sah zu seinem unermeßlichen Staunen einen
-feurig roten Engel dicht vor sich stehn, leider ohne Haupt, die Fittiche
-weit entfaltet, doch schrumpfte er alsbald zusammen und schwand, während
-Georg, zerrissen von Wut und Entsetzen, mit geballten Fäusten auf ihn
-zutaumelte.
-
-Da stand er vor der Tür, die ins Freie führte und stieß sie auf. Gott im
-Himmel, es stand wieder der Schwarze darin, ohne Haupt und Augen, nur
-die Gugelkappe zwischen den Schultern.
-
-Nein, was denn, was denn? Nichts war da, sondern ein wunderbarer Gang
-von milchfarbenen Säulen, die von innen bläulich erleuchtet waren,
-hunderte in einer Reihe, die ins Endlose führte. Georg starrte so lange
-hin, bis sie in sich zerflossen. Da war die Nacht draußen, am Pfosten,
-zur Seite getreten, stand der Schwarze, und dort, mitten auf dem weißen
-Wege, in der Dämmrung, ein zweiter, still, ohne Bewegung. Georg warf
-sich herum ... Es waren drei! Der dritte stand -- es war der erste -- in
-der andern Tür, und Georg wich, gefühllos geworden, rückwärts bis zur
-Wand, fühlte sie mit den Händen hinter sich und lehnte sich daran. Der
-Schwarze in der Gangtür war schon wieder fort, aber der andre war ins
-Zimmer gekommen, wo er sofort verschwand, jedoch in die Tür trat der
-dritte und verschwand, aber nun war der erste wieder sichtbar, war näher
-gekommen und stand dicht neben dem siebenarmigen Leuchter, der im selben
-Augenblick ausgelöscht und nicht mehr da war.
-
-Georg schloß die Augen, versuchte zu lauschen, hörte aber keinen Laut.
-
-Als er die Augen zu öffnen versuchte, standen da drei Schwarze mit
-Gugelkappen in einer Reihe, einen Augenblick, dann waren sie fort.
-Alsbald jedoch erschien der linksstehende wieder, der in der Mitte
-alsdann, zuletzt der rechte. Kalte Tropfen liefen über Georgs Stirn,
-sein Haar knisterte, er krallte die Finger hinter sich in die Wand und
-hörte jetzt eine sanfte und schöne Stimme sagen:
-
-»Nicht fürchten ...«
-
-Er richtete sich schlotternd auf. »Ich fürchte mich nicht,« stammelte
-er, »was willst du?«
-
-Da standen die drei Schwarzen wieder, in Abständen voneinander, es war
-aber schon tröstlich genug, daß sie nicht entschwanden, sondern blieben.
-Lange Zeit war kein Laut zu hören. Endlich machte die tiefe und ruhige
-Stimme sich wieder auf:
-
-»Wir sind gekommen, aber wir kommen nicht aus der Zeit. Aus Zeit ist
-unser Kleid, das schwarze, fremde. In Zeiten wüst und abenteuerlich,
-ging auch das Rechte und das Wahre, das im Licht verstummte, in Nacht
-gekleidet und vermummte sich in schwarzes Kappenzeug und schwarzes
-Hemde; zu richten über Ritterhelm und Diademe, Wirrnis zu schlichten,
-Böses zu vernichten, kam bei Nacht die Feme, Tore öffnend mit dem
-Zauberring, und nichts, das ihr entging.
-
-»Fürchte dich nicht! Sei wie die sieben Lichter in unsrer Nähe nicht
-voll Angst und Graun, obwohl zu schaun nicht unsre Angesichter und unsre
-Namen dir verborgen sind. Dein Herz, das von Entsetzen noch gerinnt,
-samml' es getrost, denn wir sind keine Schlimmen, sind Kläger nicht,
-noch Henker oder Richter, sind nur Stimmen, und was mit unsrer Zunge
-spricht, ist das Verborgene in deinem Herzen, sonst ists nichts.
-
-»Denn wir sind eingedenk des Lichts wie du; obwohl wir gleichen
-ausgelöschten Kerzen, leuchten wir dir zu, auf daß es helle wird in
-deinem Herzen.«
-
-Die Stimme schwieg. Georg, aus Schaudern in Schauder stürzend, fragte
-angstvoll, da das Schweigen dauerte:
-
-»Was wollt ihr?«
-
-Eine härtere, hellere Stimme, die von rechts zu kommen schien, sagte:
-
-»Prinz Georg Trassenberg.« Und nach einem Schweigen: »Vorgeblich.« Und
-nach aber einem Schweigen: »In Wahrheit Sohn der Kaja Moscherowska.«
-
-Georg fuhr mit dem Oberkörper nach vorn, öffnete den Mund, stammelte:
-»Ka--« Aber der Sprecher zur Rechten erhob die Hand und sagte:
-
-»Still! Wir klagen nicht an, wir urteilen nicht, wir richten nicht, wir
-nennen. Wir sind nur Stimme. Anklage, Urteil und Vollstreckung übt
-allein dein eigenes Herz.«
-
-Um Georg zuckte und schwirrte der Raum. Die Drei standen unbeweglich,
-hinter sich ihre die Wand emporsteigenden Schatten. Die sanfte, erste
-Stimme tat sich auf:
-
-»Das Kind Esther schläft an dem Grunde des Meeres. Ist in deinem Herzen
-nichts, das sich verflochten fühlte mit dem Untergang einer ratlosen
-Seele?«
-
-Georg zitterte heftig, senkte schwer die Stirn, bewegte die Lippen ohne
-Laut, zitterte nur. In weiter Ferne sagte jemand: »Sigune ...«
-
-Sie lebte ohne mich noch, bewegte es sich in Georg, sie lebte, sie lebte
-... Eine ungeheure Angst drang auf seine Seele ein, er fühlte seine
-Glieder an sich hängen wie erschlagen, totmatt, schwer wie gefüllt mit
-Steinen.
-
-»Wir reden nicht von Schuld und nicht von Sünden«, scholl es sanft und
-fast liebevoll nahebei. »Wir sind allein gekommen, zu verkünden, was in
-der Brust dir schlummert eingelullt. Bedenke: nichts auf Erden wird
-durch fremden Griff und äußres Handeln. Aus dir selber mußt du werden,
-kannst dich aus dir selbst nur wandeln! Aus der Ferne kann nichts an
-dich heran, nur du selbst allein kannst dich gefährden. Daß vom Dache
-fällt auf dich der Stein, lenkst du selbst in jene Straße ein. Niemand
-kannst auch du verletzen, aus ihm selber kommt ihm Pein, Lust erkaufst
-du nicht mit Schätzen, du bist selber Rausch und Wein. Niemand stürzt
-durch deine Hand, Schuld verstrickt sich nur mit Schulden, nie bedacht
-und nie erkannt, -- aber du mußt es erdulden. Hiermit schweige unser
-Chor. Nicht von außen, nein, von innen tönten wir zu deinen Sinnen,
-stiegen aus dir selbst hervor; wandeln wir auch jetzt von hinnen, keiner
-sich von uns verlor. Sieh uns schwinden ... tausendmal, über Bergen, im
-Tal, du hast keine Wahl, -- immer wirst du uns wieder finden.«
-
-
- Traum
-
--- -- -- -- -- -- -- -- -- -- Kaja! -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- --
-Hell sprang ein Klingen in Georgs Gehör auf, es summte lange nach, er
-merkte, daß er in allen Gliedern zusammengefahren war, glitt ganz
-langsam in alle Enden seines körperlichen Daseins zurück und fühlte, daß
-er aufrecht saß. Da brannten die Kerzen, nur noch Stümpfe, über und über
-tropfend von Wachs. Gott sei gelobt, dachte Georg schwach lächelnd, das
-war ja ein fürchterlicher Traum! Aber wie elend mir ist! Ich glaube, es
-geht auf Morgen. Ich möchte zu Bett, -- aber -- ich -- kann -- -- nicht
-...
-
-Ohne Bewegung hockte er im Sessel, sank endlich zusammen, legte das
-Haupt auf die Lehne und fühlte sich im selben Augenblick mit
-atemraubender Schnelligkeit fortgerissen, daß der Raum um ihn sauste und
-toste. Es war dämmrig umher, er flog, wie es schien, in großer Höhe, und
-alsbald erkannte er, ohne Schwindel und mit Entzücken, unter sich das
-Meer, schimmernd blau in gewaltiger Tiefe. Wogenzüge, gebogen und in
-Schlangenlinien, schoben sich schimmernd weiß in der metallenen Fläche
-hin und her, er flog, da stieg in der Ferne eine schneeweiße Klippe auf,
-er stürmte darauf zu, hoch über ihr, und allmählich wurde sie zu einer
-riesenhaften Säule, die wiederum sein Herz hüpfen ließ vor Wonne mit der
-Schönheit ihres schlanken Wuchses und der geschwungenen Räder ihres
-jonischen Kapitäls. Auf dessen Platte war eine farbige Bewegung,
-Gestalten in bunten Gewändern, und im Näherfliegen erkannte er, daß eine
-in der Mitte stand, die war glänzend golden, und rings im Kreise waren
-eine Menge, zehn -- oder zwölf? -- ja, zwölf aufgestellt. Deren jede
-hielt eine goldene Stange neben sich stehend, und oben daran, über den
-Häuptern der Gestalten -- ihre Gewänder leuchteten rot und gelb, violett
-und grün und weiß und in noch mehr Farben -- blitzten große goldene
-Ziffern, -- Georg erkannte und las eine Neun, Zehn und Zwölf, Sieben und
-Acht, und jetzt sah er auch die Gesichter, die ihm bekannt erschienen,
-ohne daß er Namen für sie finden konnte. Aber da bewegte sich etwas,
-nämlich ein uralter Mann, weißhäuptig mit langem weißem Bart, in einem
-schwarzen Talar. Dieser schritt gebückt und die Hände auf dem Rücken
-außen im Kreise um die Ziffernträger, und nun wußte Georg, daß es eine
-Sonnenuhr war und der Greis ihr Schatten. Die goldene Figur in der Mitte
-drehte sich mit den Schritten des Greises, und da jetzt eben ihr Gesicht
-aufleuchtend herumkam, so erkannte Georg deutlich Renate, erkannte ihren
-Seligkeitsmund, die blaue Farbe ihrer Augen, in denen das Meer
-aufgebrochen zu sein schien, und ihr bräunliches Haar. Erhob sie nicht
-die Hand, lächelte und winkte ihm zu? Ja, waren denn alle Ziffern schon
-da? Er suchte verkrampften Herzens im Kreis, auf einmal selber auf der
-marmorweißen Platte stehend, dicht neben einem der Zifferträger, dem er
-ins Antlitz sah, -- es war Bogner; sehr groß, fremd und verhärtet stand
-sein Antlitz in die Mitte des Kreises gerichtet, er zuckte nicht mit der
-Wimper, und Georg eilte angstvoll weiter, gewahrte fern drüben eine
-Stelle leer, ging hinter Josef Montfort herum, der ganz wie Bogner
-unbeweglich gradeaus sah, ebenso hinter Ulrika Tregiorni, hinter
-Saint-Georges, hinter Magda, da begegnete ihm der wandernde Greis, der
-alte Montfort wars, -- mein Gott, es wird gleich schlagen, dachte er in
-unsäglicher Furcht, wo war denn der leere Platz, sein Platz? Seine Füße
-wollten nicht mehr fort, er schleppte sie wie bleigefüllte Säcke, da war
-Erasmus Montfort, düster und schweigsam, Esther stand da, ihr Bruder,
-Irene war da, nun Klemens, -- Cordelia, ach hilf mir doch, liebe
-Cordelia, stöhnte Georg, aber ihr Gesicht war eine weiße, lächelnde
-Maske, seine Kniee versagten, er sah undeutlich Dora Vehm, auch Benno,
-ach Gott, ach Gott, da stand schon wieder der Maler ... Auf einmal
-rührte jemand seine Schulter an, er fuhr entsetzt herum, atmete aber
-beseligt auf, als er Jason al Manachs freundliches kleines Antlitz sah,
-ganz klein, ja, wie eine Hand, und die Hälfte davon war Stirn. »Ist denn
-für mich kein Platz, Jason?« stammelte er flehend. »Es muß jeden
-Augenblick zwölf schlagen, und dann ists ja aus.« Er riß sich wieder
-los, schleppte sich zu Esther hin und sagte mit unterdrückter Stimme:
-»Du bist ja tot, was willst du denn hier?« und versuchte, sie
-wegzudrängen. Da seufzte Esther, alle Gesichter im Kreis blickten
-vorwurfsvoll auf Georg, er raufte sich das Haar, keuchte, stammelte: Ja,
-ja, ja, ich bin der Mörder, ich bin der Mörder! -- Unter ihm glitzerte
-die blaue Meeresfläche, er stürzte kopfüber hinab, stürzte, stürzte, --
-schlug die Augen auf und lag still, nichts empfindend durch Minuten als
-das göttliche Gefühl der Rettung.
-
-Einige Zeit danach schien es ihm, als stünde er vor seinem Bett; danach
-kam es ihm vor, als läge er in Kissen, dann versank er in Müdigkeit.
-
-
- Zweites Kapitel
-
-
- Frühstück
-
-Renate, schon in ihrem lavendelblauen Festkleid, wollte sich eben vor
-ihren Frühstücksteller setzen, als ihr der Herzog gemeldet wurde. Leicht
-innerlich zuckend, fragte sie sich: Morgens um acht Uhr, was soll denn
-das bedeuten? -- Sie wußte, was das bedeutete, aber sie verschwieg es
-sich, ging in die Halle und sah ihn eben zur Tür hereinkommen, ein wenig
-ungeschickt, aber ganz leicht, den Stock kaum benützend, ein großes
-Bündel Lilien in der Hand. Sie lachte ihn an, er blieb stehn, lachte
-auch, und -- »Lieber Freund,« sagte sie, »das ist ja wundervoll, so früh
-am Morgen und auf so tapferen Füßen!«
-
-Nun ging sie zu ihm hin und gab ihm die Hand, zugleich die Lilien aus
-seiner Linken nehmend und an die Brust drückend. Sie neigte das Gesicht
-in die Kelche und hörte ihn sagen, während er ihre Hand festhielt:
-
-»Ja, Renate, das ist wahr, was Sie sagen: tapfere Füße, und es sind auch
--- besondre Füße, auf denen ich hereinkomme.«
-
-»Ja?« sagte sie zögernd. Er legte auch die andre Hand um die ihre, zog
-sie zur Brust empor, wollte lachen, atmete mit ganzer Brust auf und
-sagte ernsthaft: »Freiersfüße, Renate.«
-
-Hart stand ihr Herz auf und lief. Ich wußte es ja, sagte eine Stimme in
-ihr, wußte es längst, aber ich wollte es nicht wahrhaben. -- Es gelang
-ihr, ihn anzusehn, da mußte sie lächeln. Wie er keuchte! Sie drehte ihre
-Hand in den seinen hin und her, bis sie losgenestelt war, ging zum
-nächsten Fenster, legte die Lilien auf die Fensterbank und stützte das
-Kinn in die linke Hand, den Ellenbogen in die rechte setzend. Sie
-blickte auf, ließ die Hände fallen und wandte sich langsam zum Herzog
-herum. Der schloß eben die hängenden Hände und spreizte sie wieder. Sie
-sah ihn voll an, fühlte, wie sie errötete, und sagte leise: »Ja -- ich
-möchte -- -- ich möchte sehr gern -- --.«
-
-Hastig lief sie wieder auf ihn zu, legte die Hände auf seine Brust, sah,
-die Brauen ganz zusammenziehend, angstvoll in sein großes, starkes
-Gesicht und hörte ihn sagen:
-
-»Ich liebe Sie, Renate, das ist der ganze Grund, ich liebe Sie sehr. Ich
-bin fünfundzwanzig Jahre älter als Sie, aber ich -- ich gebe Ihnen mein
-Wort, daß ich in fünfundzwanzig Jahren noch so jung bin wie heut, wenn
-Sie ...«
-
-Er verstummte und tastete nach ihren Händen. Sie merkte, daß er
-zitterte, und alle Macht strömte aus seinem Zittern frohlockend in sie
-zurück. Lange stand sie und sah nichts als seine fast schwarzen,
-flehenden, besorgten, zuckenden, befehlenden Augen. Langsam glitt sie
-mit den geschlossenen Händen an seinem Gesicht empor und deckte seine
-Augen zu, drückte sie dann gegen seine Lippen, seine Wangen, trat
-plötzlich zurück und sagte, aufhorchend bei dem tiefen Klang ihrer
-Stimme: »Nun Geduld! -- Geduld ...«
-
-»Geduld«, sagte er mit zuckenden Brauen, »ist das Schwerste auf der
-Welt.«
-
-Nun konnte sie strahlend lächeln und rief: »Das Schwerste von der Welt
-ist grade noch leicht genug für Renate Montfort!« Sie stampfte leicht
-mit dem Fuß auf: »Weißt du das nicht?«
-
-»Doch!« sagte er ehrlich. Alle weiteren Worte schnitt sie mit einer
-Handbewegung ab, ging zur Tür, drückte auf die Klingel und blieb dort
-wartend, die Hand am Klingelknopf, indem sie lächelnd auf den Herzog
-blickte, der sich umgewandt hatte. Als das Mädchen kam, bat sie um eine
-Vase für die Blumen und um noch ein Gedeck für den Herzog.
-
-»Ich habe Hunger,« sagte sie freundschaftlich, »wollen Sie mit mir
-frühstücken? Wir müssen uns beeilen, um neun Uhr kommt Georg und holt
-mich zum Festspiel.« Als sie an ihm vorübergehen wollte, merkte sie, daß
-er nach ihr greifen wollte, schlug geschwind einen Bogen, raffte ihr
-Kleid vorn mit beiden Händen und lief schwebenden Schrittes und vor sich
-hinlächelnd zur Tür des Frühstückszimmers; dort blieb sie stehn, ließ
-ihr Kleid fallen, lehnte sich mit dem Rücken gegen die Türfüllung, faßte
-den Rahmen mit den Händen und sah ihn so von dort aus an, lächelnden
-Mundes, mit weit offnen, liebevollen Augen. »Komm!« verlockte sie, kaum
-die Lippen bewegend, und dachte: Ich habe ja Künste in mir aufbewahrt,
--- oh, dann will ich sie brauchen! -- Damit ging sie leicht und die
-Stirn gesenkt wieder bis zu ihm und reichte ihm die Hand. Während er sie
-an die Lippen hob, neigte sie den Kopf tiefer und tiefer, unvermögend,
-einen Gedanken zu fassen.
-
-Renate kam erst eigentlich zu sich, als sie am Tische saß, dem Herzog
-gegenüber, Kaffee in seine Tasse füllend. Da merkte sie plötzlich, daß
-ihre Augen heiß und feucht wurden, sie setzte hastig die Kanne hin,
-schüttelte, den ängstlichen Ausdruck in seinen Zügen gewahrend, den
-Kopf, daß zwei Tränen abfielen, und sagte ernst: »Lieber, ich habe dies
-Haus hier zu hüten, was soll ich tun? Ich habe mir geschworen, nicht
-hinauszugehn, als bis alles wieder so ist, wie ich kam, -- ja, das tat
-ich nun,« sagte sie fest, »das müssen wir behalten. Du weißt ja alles
-vom Onkel, ich kann ihn nicht im Stich lassen. Was ich mir gedacht habe,
-kann ich dir auch nicht sagen, aber das ist auch gleich; du bist nun
-gekommen, und es muß wohl irgend etwas geschehn. Du mußt dich gedulden,
-bis ich das erledigt habe. Rede ich zuviel?« fragte sie wehmütig,
-lächelte ihn an und streckte ihre Hand über den Tisch nach ihm hin, zog
-sie aber schnell fort, als er danach faßte, ergriff ihre
-Weißbrotscheibe, zog den Honigtopf heran und begann zu essen.
-
-»Mein Sohn Georg«, hörte sie den Herzog sagen, »hatte einmal eine
-Redensart, die hieß: quid quod? auf deutsch: Was soll man dazu sagen?
-Also ich sage: quid quod? Nämlich,« fuhr er eiliger fort, während sie
-leise lachte, »ich wollte ja erst morgen kommen, wenn all das mit Georg
-erledigt sein würde, aber heut morgen hat es mich doch übermannt.«
-
-»Oh,« meinte Renate nachsichtig, »zu früh aufstehn kann man nie.«
-
-»Und den Tag über heut«, fuhr der Herzog fort, »habe ich keine Zeit; da
-mein Sohn Festspiele aufführt, muß ich die Gäste empfangen, und heut
-nachmittag sind ja die großen Vereidigungen.«
-
-Die großen Verneigungen ... klang es sonderbar in Renate, sie suchte,
-wann und wo sie das einmal gehört hatte, hörte zerstreut zu, was der
-Herzog sagte, ohne etwas zu verstehn, und wurde langsam mit Essen und
-Trinken fertig. Plötzlich übergoß es sie dann, da sie den Herzog groß
-dasitzen sah, mit durchdringenden Augen, während er sagte: »Sie sind ja
-so über alle Begriffe schön, daß -- -- daß --«
-
-Die drei großen Verneigungen, klang es wieder, die drei großen
-Verneigungen. Dann merkte sie, daß er Sie gesagt hatte, und gerührt von
-dieser Zartheit, erhob sie sich, ging um den Tisch zu ihm hin und legte
-einen Arm um seinen Nacken. Langsam hob er das Gesicht, sie beugte sich
-und küßte seine Stirn.
-
-»Genug für heut,« sagte sie mit plötzlicher Entschlossenheit, »und nun
-muß ich mir das Haar machen lassen, in einer Stunde kommt Georg.«
-
-»Georg,« sagte der Herzog aufstehend, »ja, ist er eigentlich blind?«
-
-Renate verstand nicht, obwohl sie gut verstand. »Leb wohl«, sagte sie
-und streckte die Hand aus.
-
-Wieder stand er vor ihr, sehr groß, fast überwältigend, und sie bebte
-leicht, bog sich zurück, ließ aus aller Glut, die sie in Schnelle zu
-sammeln vermochte, einen strahlenden Schein aus ihrem Antlitz über das
-seine gehn, verschattete sich wieder, neigte kurz das Haupt und ging,
-von ihrer Seide umrauscht, mit kleinen und festen Schritten hinaus.
-
-In ihrem Zimmer oben stand sie, an unfaßliche Vorstellungen verloren, so
-lange, bis die Zofe mahnte; die nächste halbe Stunde verging ihr
-gedankenlos unter dem mühseligen Aufbau ihres Haars und der Zieraten.
-
-
- Verkleidung I
-
-Georg erwachte, hob langsam die Lider und sah, daß es Morgen war.
-Ungeblendet sahen seine Augen ins Zimmer, -- ja, wie ist mir denn?
-dachte er, -- oh, mir ist wunderbar! -- Unvermutet mußte er die Arme mit
-geballten Fäusten von sich stoßen und aus dem Bett springen; im
-Aufsprung taumelte er, stolperte auf einen Stuhl zu und hielt sich
-daran, lachte und hielt erstaunt einen kostbaren Gegenstand in der Hand,
-eine seidene Strumpfhose, deren eines Bein weiß, das andre schilfgrün
-war. Das ist ja meine Hose, dachte Georg, ah, nun merke ich, daß der
-wunderbare Tag anfängt. Er bauschte in den Händen die weiche Seide
-zusammen und betrachtete entzückt die hineingestickten Wappen, Blumen
-und Ornamente von Silber auf beiden Beinen. Da hing auch der Rock überm
-Stuhl, gleichfalls zur Hälfte weiß, zur Hälfte grün, und am Bügel
-darüber der kurze Mantel, tiefblau, glänzend von Seide, mit Hermelin
-leicht verbrämt, und am Stuhl lehnte die Laute, still, umschlungen von
-weißen und schilfgrünen Bändern, -- alles genau so, wie er selber es am
-Abend zuvor aufgebaut hatte. Nun sprang er ans Fenster, riß den Vorhang
-auf und bemerkte enttäuscht, daß es grau draußen war; aber siehe, der
-Himmel blendete leicht, naß und schwer hingen die Büsche und die
-Hopfenranken jenseit des Weges, und schon glaubte er zu sehn, daß dieses
-Morgengrau mit goldenen Hefteln, zum Abstreifen lose, befestigt war. Die
-Sonne kommt, frohlockte er, Renate kommt, und nun bin ich Großherzog.
-Seine Brust dehnte sich schwer, er mußte einen Augenblick die Hände
-darauf drücken, er suchte die alte Angst im Herzen, aber nichts da,
-nichts gab es als eine seltsam üppige Kraft, ein stilles Feuer, von dem
-sein Innres glühte bei seltsam klarem Kopf. Nie war mir so wohl,
-flüsterte er sich zu, nie im Leben, ach das ist ja herrlich, ich möchte
--- was möchte ich nur? Einen Kiefernbaum ausreißen und den Staub von
-Renates Türe kehren, ja, das möchte ich! -- Aber erst will ich baden.
-
-Er streifte den Schlafanzug ab, ging nackt ins Badezimmer und stellte
-sich unter die kalte Brause. Da ward ihm so unbändig zumut, daß er
-glaubte, er sei berauscht. Ich habe doch Wein getrunken in der Nacht,
-aber eine solche Wirkung habe ich noch all mein Lebtage nicht bemerkt.
-Er trocknete sich flüchtig ab, trat dann mit einem plötzlichen Entschluß
-an das Fenster, und -- jetzt in einer süßen Beklommenheit zum Beten
-entschlossen -- öffnete er die Flügel. Er blieb so, die erhobenen Hände
-an den Fensterflügeln, sehr aufrecht; und nun, aus blinder Beschämung,
-alles vergessend, hineinwachsend, als ob er sauste, in eine Inbrunst
-ohnegleichen, in der er, wie in gewaltigen Schwingen stehend, zum
-sicheren Absturz in unendliche Tiefen bereit war, sammelte er die Worte
-der Andacht.
-
-»Licht, du selber verhülltes!« sagte er, »sieh mich nun! Verhüllt,
-siehst du mich doch. Sieh mich nackt, sieh mich auf meinem Gipfel! Groß
-ist der Tag, zu dem ich entschlossen bin. O Licht, du siehst, ich bin
-heiter, -- aber nicht würdelos, nein. Nein, sieh doch die letzte Stunde
-der Freiheit, gönne mir, noch einmal heiter zu sein, gönne mir noch
-einen Flug, noch diesen Trunk aus dem Leichten, diesen Kuß der schönen
-Vergänglichkeit! Dann will ich die Arme gern ausstrecken, die eisernen
-Handschellen darumlegen zu lassen, die ich mir selber geschmiedet habe.
-Verachte mich heute nicht, Licht, entzieh mir nicht deine ewige Gnade,
-erleuchte mich morgen und allezeit, laß mich, wie in diesem feurigen
-Augenblick, nur allezeit wahr sein, ganz sein, der ich bin, wahr, wahr,
-ein Gemächt des Schicksals, aber ein stolzes!«
-
-Er öffnete die schamvoll geschlossenen Augen, da ihn die Worte
-verließen, wandte sich und atmete, als wäre er in sich zurückgekehrt,
-tief auf, gleichsam beruhigt, sich so einfach zu finden. So einfach, ja,
-aber auch so hundertfältig wohl.
-
-Aus den Poren seiner Haut strömte nicht Wärme, sondern Kühle; von sich
-selber umfächelt trat er vor den Spiegel und war durchaus mit sich
-einverstanden, außer mit seinem Gesicht, das stark gemagert war, -- ja,
-das war gerechte Folge der Arbeitsmonate, -- und dafür hatte er seine
-Augen noch nie so groß und leuchtend gesehn; sie blitzten wie durch
-Glas, und die Pupillen schienen ihm vergrößert, als hätte ihm jemand
-Belladonna eingegeben. --
-
-Georg begann sich anzuziehn, die seidenen Hosen auf die nackte Haut,
-eine kühle Wonne, in die er sich kleidete. Dabei fiel ihm ein, daß er
-schwer und seltsam geträumt hatte bei Nacht. Er besann sich, auf dem
-Bettrand sitzend, die Hosen erst halb übergestreift, und für einen
-Augenblick wälzte sich schwer und wolkig ein Stück Nacht in sein Innres,
-gefüllt mit schaurigen Beängstigungen. Ich stürzte ja immer, erinnerte
-er sich, zuletzt von einer Klippe ins Meer, -- wie war es doch nur?
-Sonnenuhr ... aber die Ziffern waren Menschen, und ich -- ich konnte
-meinen Platz nicht finden. Nein, viel schlimmer waren ja diese
-Gugelmänner! Und wie sie fortwährend schwanden! Dann redeten sie
-kostbare Dinge, Verse glaub ich, die mich durchschauderten, aber das
-habe ich schon oft erlebt, daß mir im Traum etwas wunderbar erschien,
-was sich im Wachen als sinnlos und albern herausstellte. Als Esther noch
-lebte, träumte ich einmal eine ganze Novelle von ihr, noch im Wachen war
-ich entzückt davon, und dann zerstob es wie Nebel in sinnlose Stücke;
-daß eine Droschke darin vorkam, weiß ich noch. -- Sieh da -- habe ich
-nicht auch den Orion gesehn diese Nacht? Den Orion, den Winterstern! ist
-es zu sagen ...
-
-Kaja ...
-
-Plötzlich sanken ihm die Hände, er erschrak, aber -- was war denn zu
-erschrecken? Er suchte und fand nichts, als wieder dies Wort Kaja, und
-dann -- er lächelte -- ach, meine Mutter, sagten die Schwarzen, habe
-Kaja geheißen. Ich Kajus, nehme dich, Kaja, so hieß doch die alte
-römische Trauformel, und: Wo du bist, Kajus, da bin auch ich, Kaja. --
-Es ist aber doch eigentlich schauerlich mit dem Träumen, dachte er,
-aufstehend und den Hosenbund zusammenschnürend, sie machen, was sie nur
-wollen, mit uns, wir müssen lieben oder hassen, bekämpfen oder fürchten,
-ganz ohne unser Zutun, und was uns längst abgetan schien, das kommt
-wieder, immer wieder, auch die Toten ...
-
-Überdem war er wieder vor den Spiegel geraten und vergaß alles über dem
-unverhofften Glanz seiner Beine. Dann fuhr er in den Rock und hakte ihn
-zu, von der Achselhöhle zur Hüfte; er fiel über die halben Oberschenkel
-herab, in der Mitte leicht eingerafft; die Ärmel, der weiße und der
-grüne, umgekehrt wie die Farbteilung der Beine, lagen eng wie die Haut
-selber an, aus dem Halsausschnitt kräuselte sich der gewellte Ring des
-Hemdes am Halse empor. Während er das verwirrte Haar mit dem Kamm
-glättete, sah er im Spiegel, daß draußen das Grün schon leuchtete und
-sich vergoldete, und plötzlich glänzte es zu seinen Füßen, und ein
-breiter Streif Sonne stand, in Milliarden Stäubchen schimmernd, mitten
-im Zimmer. Ach, und kühl war es, kühl! Er griff nach dem kurzen Schwert,
-dessen Gürtel über der Stuhllehne hing, und der aus verhakten Quadraten
-von Silberfiligran und dunkelblauem Email bestand; die Klinge stak in
-schwarzlederner Scheide mit silberner Spitze. Er nahm den Gürtel
-auseinander und legte ihn um die Lenden, unterhalb des Leibgurtes, wo er
-an kleinen Haken festhing. Auf die Uhr blickend, fand er, daß es gleich
-dreiviertel Neun war, er eilte ins Eßzimmer und aß mit starkem Hunger
-Eier, Brot, kalten Braten und warmen Haferbrei mit Milch. Im Hause war
-es still, Egon mußte längst draußen sein, auch die Hausmeistersleute
-waren gewiß schon auf der Wandrung zu ihrem Tribünenplatz.
-
-Georg legte die Zigarette unangebrannt noch einmal fort, trat in die
-offne Gartentür, atmete tief und lang die Kühle des Morgens und begrüßte
-mit immer leichterem Herzen die hervorsegelnden Bläuen überm Nebelmeer
-der Lüfte. Sein Gesicht zuckte von innen heraus mit Lächeln und
-Freudigkeit, kein Gedanke tat sich hervor, er konnte nur atmen und sich
-wohlfühlen und dem Himmel danken, daß er Augen hatte zu schaun, Lungen
-zu atmen und eine brennende Seele, die alle Welt umher an sich zog wie
-Luft, um sie zu verzehren und höher davon zu leuchten. Alles funkelte
-ihn an, jede Farbe, das Grün, das lichte Gelb und Zinnober der
-Stockrosen; das Blau der Glockenblumen im Garten schien ihm noch einmal
-so tief, er begriff es nicht, er wollte es nicht begreifen. Keine Kontur
-war je so deutlich, kein Blatt ihm je so stark und lebendig gekrümmt,
-gezahnt und beschattet erschienen, ach, wie mußte erst blühen Renate! --
-und er kehrte um, lief zur Tür, besann sich auf seine Laute, suchte sie
-in allen Zimmern, dachte: sie wird brausen und klingen unter meinen
-Fingern, obwohl ich keinen Griff verstehe, fand sie endlich auf dem
-Bett, halb unter der Decke, sprang auf den Gang und zur Tür hinaus, wo
-bei Gott ein Automobil stand, als wäre es hergezaubert. Nach einem
-kleinen Versuch, mit dem Kopf voran durchs Fenster ins Innre zu
-springen, öffnete er ernsthaft den Schlag, schrie dem Kutscher zu:
-Güntherstraße fünf! warf sich in den Rücksitz und schloß die Augen.
-
-Wenn wir nur erst zu Pferd wären! wünschte er begierdevoll und öffnete
-die Augen wieder; sogleich wogten zu beiden Fenstern bunte Stürze von
-Stoffen, Fahnen, Blumen und Bewegung herein, er packte die Ringe der
-Vorhänge und zog sie straff herunter, er wollte nichts sehn, wollte die
-ganze Vollkommenheit des Schauspiels sich bewahren, drückte sich wieder
-in die Ecke, stöhnte vor unbezwinglicher Ungeduld und kniff die Augen
-zu. Alsbald brandete die Woge der Erregung wilder und kälter um sein
-Herz, so daß er sich leiblich umklatscht fühlte von einer großartigen
-Kühle, die ihn trug und aufrecht machte, ja, deutlich unterschied er im
-lauten Toben seines Blutes die geistige, fast eisige Stille seiner
-Kaltblütigkeit. Sein ganzer Leib dehnte sich in allen Fugen und Nähten
-vor fiebrischer Erwartung Renates, es knatterte in ihm, wie eine
-Stichflamme aufschießend mitunter, schien er sich als ein riesenhaft
-gebauchtes Segel, eine tönende Gefäßwand voll praller Windvölle über
-einem tosenden Geroll strömender Wasser zu stehn, zu prasseln, zu
-fliegen, unsagbar leicht und straff, strotzend von Kräften. Draußen
-unsichtbar, dumpf murmelnd und brausend, rollte das farbenreiche
-Getümmel der sich zur Freude sammelnden Mengen, und mit ihnen -- so war
-es! -- rollte aus allen Fesseln die Gewalt seines durchkühlten Bluts,
-schlug wogenhoch an Häuserfronten, spritzte klatschend zu Fenstern
-hinein, wirbelte um auf Plätzen und ergoß sich vollen, stürmischen
-Schwalles durch die Gassen, während er selber dasaß, wie ein Gott in
-sich zuhaus, in einer flammenden Wolke von Inbrunst, berauschten,
-tönenden Herzens, in den Ohren Musik und Gelächter, die Lippen
-überquellend von Jubel; und um so lautloser all dies in langen, lang
-schwankenden Minuten sich ergoß, um so magischer war es auch, -- wie
-Legende, so wars. Und schon hielt der Wagen an.
-
-
- Verkleidung II
-
-Und schon sprang Georg, federnd wie ein Ball, von sich selber um- und
-angeschillert mit seidener Buntheit, durch einen fremden, sonnigen
-Vorgarten, auf ein fremdartiges, grau und sonniges Haus zu, über Stufen
-hinweg durch ein gläsernes Tor, warf sich durch einen kühl dämmrigen
-Flur wohlbekannten Geruches, vorbei an wohlbekannten Bildern, Spiegeln,
-weißen Türen auf eine dämmerweiße Doppeltür zu, die von selber vor ihm
-sprang, und schon stand er vor dem Wunder.
-
-Lavendelblaues Wunder! Er stand nicht, er stürzte an den Boden, leicht,
-in sich gefaßt, geworfen und gehalten, auf das rechte, gebogne Knie, die
-Arme aufwerfend und breitend und senkend, die flachen Hände angeströmt
-von Lust und Glanz, das Haupt im Nacken, brausend unter allen Gliedern
-wie ein niederströmender Aar aus Lüften und Gewölk, und rief mit heller
-Stimme: »Herrlichkeit! Herrlichkeit über Herrlichkeit! ich bin da, ich
-bin gekommen!«
-
-Renate, unter sich Georgs lachendes, magres, knabenhaftes, leuchtendes
-Gesicht, bewegte sich nicht, da Magda hinter ihr den Schleier auf ihrem
-Kopf befestigte, sah steifen Gesichts, die Augen gesenkt, auf ihn
-nieder, faßte, um ihn zu begrüßen, in die Falten ihres Kleidrocks über
-dem Knie und hob ihn an, so daß der starre Saum von Silberbrokat an sein
-Gesicht rührte. Er faßte mit beiden Händen zu, Inbrünstigkeit spielend,
-so tief er sie empfand, und küßte sie lachenden Mundes. Dann bat er um
-Erlaubnis, aufstehn, und nachdem sie ihm gewährt worden, die
-Wundererscheinung betrachten zu dürfen. -- Renates Gelächter schwang
-über ihm wie eine Glocke, da sie erklärte, das Wunder sei erst halb,
-noch fehlten die Überärmel und der Mantel, ja, es sei alles schon
-verpackt, jedes zu seiner Zeit ... Georg stammelte, daß er dann nicht
-wüßte, wie er das Ganze ertragen solle, und fing an, um sie herumzugehn.
--- Ihr Haar sah er, das bräunliche; es schimmerte durch ein fabelhaftes
-Netz von großen Perlen, vorne aber fielen die Zöpfe, wie Taue so dick,
-Haarsträhnen, durchflochten mit Perlenschnüren und schilfgrünen Bändern,
-über die Brust bis zu den Knieen herab, und die Enden der Bänder bebten
-bei jeder Bewegung leise dicht über den Füßen in silbernen Schuhen. Die
-lavendelblaue Seide, grauschiefrig schillernd in der Nähe der Nähte,
-umschloß Brust, Leibesmitte und Hüften eng, ergoß sich dann in großem,
-starrem Faltenwurf; vom runden Ausschnitt des Halses senkte sich zwei
-Hände breit eine glitzernde Borte von Silberbrokat vorn herab bis zum
-Saum, der starr stand, drei Hände breit, silberner Brokat. Und in all
-dem Silbernen, dem lichten Blau, Perlweiß und lichtem Grün glühte das
-meilentiefe Blau ihrer Augen, hauchte die rosene Zartheit ihrer Wangen,
-glühte das Rot ihrer Lippen, der göttlich geschwungenen, alles in allem
-ein Pokal voll Unersättlichkeit, in den Georgs Herz hineinsprang mit
-einem Satz wie ein Panther. -- In der Nacht, wo ich dies umarme, dachte
-er, werde ich sterben und das ewige Leben davontragen wie eine Harfe,
-auf der ich -- ach, ich weiß es nicht, aber warum sage ich es ihr nicht?
-Ich werde es ihr sagen, doch nicht jetzt, am Mittag vielleicht, am
-Abend, ich will -- noch -- noch! -- kein Band und keine Fessel zu ihr
-hinüber als mein trunkenes Empfinden, und er sagte: »Jetzt wollen wir
-fahren. Aber Magda, -- was ist denn mit dir? kommst du nicht mit?«
-
-Sie schüttelte lächelnd den Kopf und sagte: erstens müßte sie das Haus
-hüten und den Onkel ...
-
-»Und zweitens?«
-
-Zweitens hätte sie kein Kleid. Er erinnere sich ja wohl noch, daß er
-selber das Gebot erlassen habe, daß niemand in andrer als in alter
-Tracht sich heut öffentlich zeigen dürfe ...
-
-Georg mußte es zugeben. Allein in plötzlicher Liebe zu ihrer dürftigen
-Gestalt, bestand er darauf, ihr am Abend das Feuerwerk und den Tanz in
-den Gärten zu zeigen. Ob sie nicht eines von Renates Trachtkleidern
-anziehen könne, -- und nun gab sie gerührt nach.
-
-Und schon saß Georg, nachdem Renate lächelnd zugegeben hatte, daß er die
-Vorhänge herunterzog, auf dem schmalen Rücksitz des Wagens ihr
-gegenüber, genau genommen, dachte er, in ihr, denn sie füllte den halben
-Wagen mit ihrem Kleid und den Luftraum ganz mit Duft und Blühen. Sie
-schauerte ihn an wie atlantischer Wind, er schloß die Augen und sah sie
-in brennenden Umrissen dasitzen, in ihrer sinnenden Haltung, die sie
-liebte, die er liebte, das Kinn in die rechte Hand gestützt, den
-Ellenbogen auf dem übergeschlagnen rechten Knie, in der Linken im Schoß
-den kostbaren Haufen ihrer Zopfenden und der Seidenbänder. Ihr
-leibliches Leben strahlte über und über aus ihr; in allen Falten
-raschelte, in allen Nähten lief, im äußersten Saume brannte und zitterte
-noch die Süßigkeit ihres rosigen Lebens. Georg sah und sah, -- sah alles
-Unsichtbare: unter dem lavendelblauen Kleidhimmel wie eine lockre Schar
-schneeweißer Fittiche das Gewoge ihrer Leibwäsche in weißer Dämmrung;
-darein stiegen von unten, aus Silberschuhn, die schlanken Schäfte ihrer
-Beine, glatt bespannt mit blauem Flor; da wölbten sich unbeschreiblich
-die Rundungen der Knie, blau bespannt bis zu einer Handbreit höher
-hinauf, wo es kaum sichtbar schimmerte -- nicht wie Marmor und nicht wie
-Rosen, wie Schnee nicht, noch Elfenbein, noch Mandelblüte, -- Magnolie
-vielleicht, -- nein, davon nichts, sondern lebendige Haut, unfaßliche
-Glätte, Süße, Hauch, Schimmer, Duft, Verwirrung aller Sinne unter dem
-weißen Spitzenschaum und -- Georg dehnte ein wenig die Brust, breitete
-die Arme zu beiden Seiten aus, sich anlehnend, und suchte umsonst zu
-begreifen, wie er so gelassen dasitzen konnte, die sanften Schwellungen
-ihrer Brust offnen Auges betrachtend, dazu die zarte Linie ihres
-Profils, der gebogenen Nase, lieblichste Wölbung der Oberlippe und
-flügelnde Entzückungen der tiefgezogenen Mundwinkel, von kaum
-sichtbarem, weißem Fruchtflaum umhaucht, -- anstatt in all dies
-hineinzuwühlen Haupt und Mund und erblindende Augen, an allen Sinnen
-gesträubt und betäubt, geglättet, unersättlich, rauchend und begraben im
-klirrenden Schutt seines Daseins.
-
-
- Fahrt
-
-Renate, still vor sich niederblickend, sehr glücklich, atmete tief und
-leicht, gewahrte von Georg gegenüber in der sonnigen Dämmrung des
-kleinen Raums den Schatten seines blassen Gesichts, dachte an seinen
-Vater, lächelte sanft auf, indem sie bemerkte, daß sie ja seine Mutter
-sein würde, blickte ihn voll an und fand ihn so hübsch, so liebenswert,
-so jung und schmal wie je; freilich nur ein schmaler Baum war er neben
-dem Turmbau seines Vaters.
-
-»Wie mager Sie geworden sind, Georg,« sagte sie leise bedauernd.
-
-Die letzten Wochen, erklärte Georg, seien schon schlimm gewesen, er habe
-sich hineingefressen in den ganzen Trassenberg und kaum Atem geschöpft.
-
-Sie fand ihn leidender aussehend, während er so sprach. »Und obendrein
-waren Sie krank«, sagte sie.
-
-»Ach,« äußerte er munter, »das war ganz schön, -- die paar Tage! -- und
-da ist mir auch alles eingefallen. Ja, was Sie heute sehn, und ich
-hoffe, einiges davon wird Sie erstaunen, das habe ich mir ausgedacht,
-als ich krank lag. Ja, geben Sie schön acht, damals lag ich wie ein
-brennender Saturnring um Ihre --«
-
-Sie hob warnend den Finger, lächelte und sagte: »Georg! Ich mag sehr
-gern, wenn man mir schöne Dinge sagt, aber man muß niemals übertreiben,
-dann verraucht die Wirkung spurlos.« Übertreiben? dachte Georg, ach, du
-lieber Herr Jesus! »Erzählen Sie mir, wer war Heliodora!« befahl sie.
-
-»Heliodora«, erklärte Georg, »war eigentlich Libussa. Kennen Sie
-Libussa?«
-
-Renate nickte und sagte, Libussa sei ihre Lieblingsgeschichte gewesen
-als Kind.
-
-»Meine auch«, log Georg und fuhr fort. »Ich wollte Libussas Geschichte
-aufführen lassen, Sie sollten Libussa sein, aber als ich mit Onkel Salm
-darüber sprach -- Papa hat ihn mir überlassen, er mußte alle meine Pläne
-ausführen -- sagte er, wieso ich nach Böhmen wolle -- er weiß ja alles
---«
-
-Wie Georges, dachte Renate gerührt; wie er sich freuen wird, der Gute,
-und sie unterbrach Georg mit der Frage, was Saint-Georges darstellen
-würde, aber er wußte es nicht. Ihr hatte er nichts verraten wollen.
-
-»Also, da sagte er,« fuhr Georg fort, »warum ich nach Böhmen wollte, da
-wir doch die Heliodora hätten. Aus dem Festspiel kennen Sie ja dieselbe,
-sie war, richtig wie im Festspiel, eine byzantinische Prinzessin,
-verstand allerdings leider nicht, ihre Legendenschönheit zu vererben, --
-oder -- was meinen Sie?«
-
-Renate meinte, er könne ganz zufrieden sein, aber woher denn die schiefe
-Nase seines Vaters komme.
-
-»Nicht von Heliodora freilich, sondern eben von dem Bauern, dem Gregor,
-oder Georg, den sie zum Mann nahm, -- es steht ja alles im Festspiel.
-Auch das weiße Pferd und der Tisch von Eisen ist Legende, nur waren es
-in der Überlieferung die Sachsen, nicht die Beuglenburger Markgrafen,
-mit denen Heliodoras erster Mann und sie selber kämpfte, und Trassenberg
-war damals natürlich noch nicht Herzogtum, wie im Festspiel, sondern
-Freigrafschaft. Heliodora,« sagte Georg langsam und leise, »Sonnegabe,
-ein schöner Name ...«
-
-Sonnegabe, wiederholte Renate, sich erinnernd, daß der Herzog seinen
-Antwortbrief auf den ihren, in dem sie ihre Mitwirkung im Festspiel
-erwähnte, mit diesem Wort begonnen hatte, -- und da, dachte sie,
-wußte ich schon alles, aber ich wollte es nicht wissen ...
-»Zwölfhundertsiebenunddreißig« hörte sie Georg murmeln, und der Wagen
-stand still. Georg öffnete den Schlag, sprang hinaus und reichte ihr die
-Hand hinein. So stieg sie gebückt vorsichtig ins Freie hinab. Da standen
-sie auf der Landstraße neben dem Reitweg und sahen sich um.
-
-Allein Georg, von plötzlichem Argwohn herumgeworfen, mußte vor Renate
-hintreten und fragen, indem er ihre Hände ergriff:
-
-»Renate! begreifen Sie es, oder nicht, daß ich mich hier unter Trachten
-und bei Festen herumtreiben kann und heute nachmittag die Verantwortung
-für ein ganzes Volk auf mich nehmen soll?« --
-
-Renate, sein blasses Gesicht mit angstvollen Augen dicht über dem ihren,
-sah ihn nur gut an und antwortete nach einer Weile, ihm zu helfen: »Ist
-es nicht auch Ihre letzte Freiheit, heut? Ich habe ja wohl manchmal
-gestaunt,« fuhr sie leise fort, »wenn ich im stillen bedachte --« sie
-lächelte, da seine Züge sich schon glätteten, »-- was Sie auf sich
-nahmen, aber -- nun, Sie haben das Herrschen wohl im Blut ...«
-
-Was hatte sie gesagt? -- Er zuckte zusammen. »Im Blut ...« wiederholte
-er tonlos, »nicht im Blut, Renate ...«
-
-Er senkte den Kopf, und sie sagte leise und begütigend über ihn: »Ich
-weiß ...«
-
-Gleich warf er den Kopf auf. »Sie wissen? Ach, dann ist es gut, dann ist
-es gut! Und Sie verstehn mich doch?« Sie nickte. »Papa hat es Ihnen
-verraten?« Sie nickte. »Aber ich habe gelogen vorhin,« murmelte er
-beschämt, »als ich von der Heliodora sprach. Ach, gute Renate,« fuhr er
-glühend und eifrig fort, »mir ist so unbeschreiblich heute ums Herz, so
-wild und zugleich sanft und kühl, kräftig und wunschlos und glücklich,
-nur eins fehlt, nur eins müßte man können!« Er hob die linke Hand und
-ballte sie: »Sein können, was man ist!« Er trat zurück, wies mit leicht
-gebreiteten Armen auf seine Tracht und sagte: »Wie locker und gewandelt
-fühle ich mich nicht schon durch diese Kleider, und doch -- von der
-göttlichen Laune, die mich erfüllt, kann ich nichts nach außen schlagen
-lassen, da ist alles beladen mit Ketten dieser hundert Hemmungen, ich
-kann mich nur fühlen, geben kann ich mich mit keinem Blick, keiner Geste
-und keinem Wort, wie ich bin; ich bin vielleicht nicht einmal geschickt
-genug dazu, aber selbst wenn ichs wäre, wäre immer mein Anzug von
-Neunzehnhundert um mich herum, Kragen und Manschetten, Weste und Stiefel
-und alle Allüren meiner großstädtischen Erziehung, die nur zum Verbergen
-da sind, nicht zum Ausdrücken, zum Zurückhalten, nicht zum Ausströmen.
-Anno zwölfhundertsiebenunddreißig wäre ich ein Schwärmer gewesen, ein
-Dichter, jedem ins Gesicht hinein und -- aber genug!« er brach ab.
-»Jetzt _will_ ich siebenhundert Jahre zurück, geben Sie acht, sehen Sie
-mich fest an, wo sind wir? Freigrafschaft Trassenberg, Heliodora,
-Sonnegabe, Zwölfhundertund --« »Siebenunddreißig,« ergänzte Renate
-lächelnd. »Nun wollen wir uns umsehn!«
-
-
- Mummenschanz
-
-Georg behielt freilich ihr sonneglänzendes Profil vor Augen, dahinter
-die Äcker, Roggenfelder, wogend in reifem Gelb, dahinter den grünen
-Traum der Hügel und ein Stück der dunstigen Stadt, Türme grau und
-Neubauten, flimmernd im Sonnenglast. Nach links gewandt sah er mit
-Freude die weiße Straße unter schwer tragenden Kuppeln der Fruchtbäume
-weithin betupft mit leuchtenden Farben; ein Zitronengelber wandelte ganz
-vorn heran, weiter hinten zog ein ganzer Haufen, aus dem zwei
-Zinnoberrote glühten, und er berührte Renates Arm, damit sie es auch
-sähe.
-
-Dann mußte er aufhorchen. War das wirklich oder nur in seinem Gehirn?
-Ein weiter Ring von sanft hallendem, ruhigem Glockengeläut schien ihm
-alle Fernen zu umschließen, -- darinnen war tiefe Sommerfülle, -- nein,
-es klang wohl doch nur in seinen Ohren, -- aber waren nicht alle Weiten
-erfüllt mit heiter schwirrender Musik? -- Ah, Mandolinen und Gitarren,
-sie kamen auf der Landstraße heran, leise rauschend im Takt. Wo nun die
-Pferde seien, hörte er Renate fragen, wandte sich und sah mit ihr zur
-Rechten hinauf; dort enteilte die Straße leer, von den Schatten der
-Obstbäume leicht gegittert, zur Ferne der Landschaft, und dort flackerte
-es bunt, rot und gelb. Nahebei drehte ein einzelner Geharnischter sein
-braunes Pferd um sich selbst und lenkte herbei, die lange Lanze im
-Bügelschuh, den Kopf im spitzgewölbten blanken Helmtopf, das Kinn vom
-stahlmaschigen Halskragen umschlossen, im grauen Kettenhemde mit
-anliegenden Ärmeln, die Beine in ebenso anschließenden, stahlmaschigen
-Strümpfen, -- die Vermummung eines Feldgendarmen, der für Ordnung zu
-sorgen hatte. Wieder nach links schauend, glaubte Georg in der Ferne,
-von der Stadt her, hinter den Zinnoberroten etwas schwarzrot Vermummtes
-mit einem braunen Pferdekopf zu sehn, daneben ein silbernes, dann auch
-einen Reiter in Weiß und Grün; das waren die Pferde. Er zeigte sie
-Renate.
-
-Indem war drüben auf dem Fußsteig unter den Bäumen der Wandrer im
-faltigen Zitronenhemd nahe gekommen, ein rüstiger Greis von fünfzig
-Jahren in schönen, grünen Strümpfen, am Wanderstabe, einen spitzen
-Strohhut auf dem Kopf, hager und braunbärtig. Jetzt blieb er stehn und
-starrte, Augen und Mund weit offen, auf Renate. Georg lachte.
-
-»Mit Permission,« sagte der Gelbe, »ob dies wohl die Heliodora ist?«
-
-Georg zog zwei arg verbogene Zigaretten aus dem Wams, schlenderte
-frohgelaunt zu dem Staunenden hinüber und reichte ihm eine, seine Frage
-bejahend und um Feuer bittend. Der Gelbe bedankte sich höflich, krempte
-sein Hemd auf, eine mächtige, manchesterne Hose kam zum Vorschein und
-aus ihrer Tasche alsbald eine alte Streichholzschachtel, die der Mann
-halb auseinanderzog, um Georg in der Höhlung das brennende Streichholz
-zu reichen. Georg bemerkte, als die Zigaretten beide qualmten, es sei
-ein schöner Tag.
-
-Jeder Tag, sagte der Gelbe, sonderbar im Stehn beständig die Füße
-wechselnd wie ein Tanzmeister, jeder Tag sei schön, an dem der
-Christenmensch sich nicht zu schinden brauche. Er blinkte Georg
-verschmitzt zu und sagte: »Heliodora, eiweih! die heilige Dora! ha, ha,
-ha, ha!« und wechselte die Füße, seinen Stock hinter sich aufstützend.
-
-»Frei Essen und Trinken obendrein«, bemerkte Georg leutselig, aber der
-Mann kratzte sich den Kopf unterm Hut, daß er ihm über das halbe Gesicht
-rutschte, nahm ihn ab, schwenkte ihn und meinte, was zum Teufel er
-morgen mit dem gelben Hemde machen solle.
-
-»Menschenskind,« rief Georg entrüstet, »müßt Ihr denn immer was zu
-sorgen haben?«
-
-Der Gelbe grinste. Indem war die schwirrende Saitenmusik nahe gekommen,
-Georg sah das bunte Menschenhäuflein, die Zinnoberroten voran,
-hermarschieren mit Mandolinen und Lauten im festen Takt eines muntern
-Marsches. Wandervögel, dachte er und hörte den Gelben sagen, er wäre
-Professor am Orientalischen Seminar, wozu er da ein gelbes Hemd
-brauchte? -- Georg fuhr lachend und erschreckt herum, aber der witzige
-Professor winkte großartig ab und wanderte fürbaß.
-
-Hinter den Jungens, die ihre Instrumente spielten -- sie waren ähnlich
-wie Georg gekleidet, einer in Schwarz und Gelb, einer in Grün, -- kamen
-die Mädchen, schön flatternd in Gewändern, Kränze im Haar, eine
-schieferblau, eine rostrot, eine grün und weiß gestreift, Arm in Arm
-kamen sie daher. Jetzt hoben die Jungens die Instrumente vor der Brust
-hoch, vollführten ein betäubendes Saitengerassel und fielen mit Klängen
-und Stimmen in das rasche Lied: Horch, was kommt von draußen 'rein? --
-Sie sangen aber, kräftig ausschreitend, die Augen stramm auf Renate
-geheftet:
-
- »Seht, was steht denn dort am Rain?
- Hollahe! hollaho!
- Das muß Heliodora sein!
- Hollahehaho!
-
-Hel--io--do--ra, lächle mal!« damit kamen sie taktfest vorüber. Georg
-wollte sich umdrehn, um Heliodora lächeln zu sehn, wäre aber ums Haar
-überritten worden, sprang zurück vor einem feueräugigen roten Roßkopf
-und sah darüber das volle, brennend braun und rote Gesicht eines
-Geharnischten, barhaupt, mit gestutztem Armeeschnurrbart und funkelnden
-schwarzen Augen, der lachend sein Streitroß zur Seite nahm, Georg im
-Bogen umtrabte und sich verneigte. Georg rief ihm nachblickend zu --
-erfreut vom Anblick den blauverstählten Panzerhemdes mit aufgesetzten
-Messingplatten an den Kniescheiben, Achseln und Ellbogengelenken --:
-»Wer sind Sie?«
-
-Mit schallender Stimme: »Rittmeister Freundlich, königliche Hoheit,
-vierte Eskadron Beuglenburgische Jäger zu Pferde!« rief der Trabende
-winkend zurück, und da schaukelte sein weiß und roter Knappe an Georg
-vorüber, Schild und Lanze seines Herrn in Händen, den Helm am Sattelbug,
-aber das rosige Gesicht war umflogen von langem, braunem Haar, eine Frau
-wars, und »Ich bin seine Frau!« rief sie strahlend, aber da war die
-Eskadron heran und polterte klirrend vorbei, rote schwitzende
-Bauerngesichter unter den Helmen, auf und nieder, auf und nieder im
-englischen Trabe, nickende Pferdehäupter, Mähnen, Hufschlag, wirbelnde
-schwarze Schweife, weißrote Dreieckfähnlein und wogendes Wippen in den
-fesselartigen Eisensätteln, Geklirr und Geklapper, zwei hüpfende Reihen
-dunkelgrauer Kettenhemden. Einer der Unteroffiziere oder Wachtmeister
-hob die Lanze aus dem Schuh, tippte mit der Spitze nach einem der offnen
-Mundes anstaunenden Mädchen, die bog Brust und Hals zurück und erwischte
-den Wimpel, hielt ihn schreiend fest und wollte nicht loslassen,
-scheltend wie ein Sperling und hinterdrein springend; die reitenden
-Kerle in Eisen lachten dröhnend, da wars vorüber, reitende Schatten
-verschwanden in weißem, wolkig steigendem Staub, und von den am
-Straßenrand aufgestellten Musikanten waren schwirrend und rauschend die
-heitern Takte des Radetzkymarsches zu hören. Sie fielen Georg ins
-rauschende Blut, oh er hätte tanzen mögen, und eins der Mädchen, das in
-Schieferblau mit violettrotem Rocke, sah aufs Haar wie jene
-Riemenschneidersche Madonna aus, Kranz im Gelock, Schultern und Brust
-glatt bedeckt vom Stoff, der über den Hüften locker auseinanderfiel auf
-den weitfaltigen Kleidrock, und wie entzückte sie Georg mit Erröten und
-Knicks und Lächeln, denn nun wußten sie ja Alle, wer er war.
-
-
- Ritt
-
-Da kamen die Pferde. Ja, da staunten sie. Die Wandervögel staunten,
-Georg staunte, Renate staunte höchlich. Unkas ging, bis zu den Hufen
-vermummt im steifen Umhang dunkelroter Decken mit schwarzen Wappen und
-Ornamenten, was aber neben ihm schwebte, das war die silberne
-Unwirklichkeit in Gestalt eines Pferdes: milchweißer Kopf und Nacken
-unter breitfallender, gewellter Mähne und starrer Deckenumhang von
-silbernem Brokat mit blauen Wappen und Arabesken; ein weißer Gießbach,
-ergoß sich der gewellte Schweif, und unter den handbreiten, blauen,
-silbergestickten Säumen hoben sich und traten die versilberten Hufe. Die
-großen, braunen Augen aber blickten aus vergilbten, faltigen Lidern
-fremd und fromm wie die eines Fabeltiers. -- Renate, ganz gerührt,
-bedankte sich feierlich bei Georg für diese schöne Erfindung, er aber
-lachte und sagte, dies wäre nun noch gar nichts, aber jetzt wüßte sie
-wohl, was ihrer noch wartete ... Ferdinands, des Reitknechts, blankes
-und schurkisches Gesicht -- wie das aller Reitknechte -- fuhr
-dazwischen, er schwang sich vom Pferde, weiß und grün halbiert wie
-Georg, doch nicht so schön, und auf der Brust das silberne Wappen in
-Metall. Er führte den Schimmel vor, aber nun stürzten sich sämtliche
-Wandervögel auf den Steigbügel, einer stand ab nach Kampf, nahte sich
-ritterlich Renate, verbeugte sich tief und bot ihr die Hand. Wie ein
-kostbares Gefäß aus Kristall wurde sie aufs Pferd gehoben, Georg fragte,
-ob sichs gut sitze, Renate fand, sie sitze weich wie in einem Heuberg,
-und Georg saß selber auf. Stracks fuhr sein ganzer, heftiger Geist
-dermaßen in Unkas, als sei Georgs Leib eine elektrisch geladene Zange;
-er brachte unleidliche Verwirrung in das alte, kalte Wallachenblut, es
-drängte ungestüm gegen die Schimmelstute, sie stob schnaufend auf und
-davon, Georg folgte, Unkas mit voller Armkraft in die Trense nehmend,
-aber das half alles nichts, er raste wie ein Untier davon, holte den
-locker laufenden Schimmel ein und bohrte, gegen ihn anstürmend, die
-linke Schulter gegen seine Hinterhand. Renate erschrak leicht und
-galoppierte weiter, aber Georg, Unkas zurückreißend, merkte, daß der die
-Trense aus dem Maul genommen hatte und damit herumfletschte; er stieg
-ab, schaffte unter milden Verwarnungen Ordnung, stieg wieder auf und
-folgte einem Hauch von Blau und Silber oben auf dem Hügelrücken, den die
-Landstraße überstieg.
-
-Oben winkte ihm herrliche Aussicht. Von rechts strömte eine breitere
-Chaussee heran, über und über bedeckt mit farbiger Bewegung, Kavalkaden
-von Edelleuten und Frauen, wandernden Mönchen in schwarzen und weißen
-Kutten, reisigen Pilgern aus dem Morgenland im Schatten ihrer
-breitkrempigen Muschelhüte. Leiterwagen rollten heran, geschmückt mit
-Kränzen, unter wallenden Bannern, gefüllt mit schmetternder Musik und
-Scharen buntfarbener Männer und Frauen in weiten Mänteln, die sich
-blähten; überall wandelten gelbe, weiße, grüne Hemden, grüne, weiße,
-rote Strümpfe, bekränzte Mädchen. Stimmen, Zurufe, Scheltworte und
-Gelächter schollen, der Himmel flammte mit goldenen, weißen und blauen
-Strahlen hinein, Wolken Staubes ballten sich so leicht wie himmlische
-dazwischen, ringsum schweiften die Ebenen, Felder in breiten gelben
-Wogen, Wiesen, kleine, dunkle Haine über Gehöften, -- eine Augenlust
-unbeschreiblich. Schon war Georg das silberne Pferd im Getümmel verloren
-gegangen, er ließ Unkas die Zügel und stob bergunter, vorbei am
-rollenden Strom der Wagen, Rosse und Wandrer, an Geharnischten zur
-Seite, die aufrecht Wache hielten; um ihn sauste die Kälte der
-durchschnittenen Luft, hinter ihm weg schnellte fortgerissen das
-schreiende Bunt gelber, violetter, schwarzblauer, brauner und
-birnengrüner Mäntel und Mantelfutter, ein Knabe vor ihm, dahinwandernd,
-schwenkte großartig von rechts nach links an kurzem Fahnenstiel ein
-ungeheures, blau-weiß-schräg kariertes Banner mit grüner Bewimpelung an
-der unteren Kante, -- dann war die Straße vor ihm leer und weiß, in der
-Ferne schimmerte das silberne Pferd und in dessen Nähe etwas Blutrotes,
-das Georg im Näherfliegen als zwei Beine in blutroten Strumpfhosen
-erkannte; auch die linke Schulter des Mannes war blutrot, und was so
-blendende Blitze von Silber schleuderte, das war -- es war ein riesiges
-Beil mit geschweiften Seiten und konkav gewölbter Schneide. Ein Henker.
--- Neben ihm trabte der Schimmel, da war Georg heran, der Mensch mit dem
-Beil auf rotem Mantel über der linken Achsel, im kurzen schwarzen
-Büffelwams drehte sich um und zeigte Bogners langes, graues Gesicht.
-»Halloh, Bogner!« rief Georg, »machen Sie den Henker?!«
-
-Der Maler nickte lachend, sprang aber im selben Augenblick mit hurtigem
-Satz seiner langen roten Beine neben Renate auf den Reitweg, und Georg
-verstand nicht, was er sagte, denn da kam unter prasselnden Becken und
-schallenden Posaunen vierspännig ein ganzer Leiterwagen voll Musikanten
-und schwerer Ratsherren, pelzverbrämt und mit blitzenden Amtsketten,
-vorbeigerollt, ein zweiter dahinter voll von lustigen Matronen, ein
-dritter gefüllt mit Töchtern und Schwiegersöhnen und Bräutigamen bis zum
-Rand; sie schwangen Keulen und ganze Leiber gebratener Hühner, Enten und
-Tauben, Becher und Gläser und sangen »Weg mit den Grillen und Sorgen!«
-daß es in Georgs Ohren brauste. Vor ihm saß Renate, weich wie auf einem
-Stuhl in einem Kahn; auf der silberweißen Kruppe ihres Pferdes saß
-Rücken an Rücken mit ihr ein kleiner, schmaler Windgott wie ein Faun,
-der hielt das Ende ihres durchsichtigen Kopfschleiers in braunen Fingern
-und blies mit vollen Backen hinein, daß der luftige Bogen hinter ihr
-stand.
-
-»Ist es schön, Renate, ist es schön?« schrie Georg überlaut.
-
-Renate, wohlig dahingleitend, die Finger der rechten Hand mit dem
-Trensenzügel im Nackenwirbelhaar des Pferdes, in der Linken im Schoß die
-Enden ihrer Zöpfe und der Bänder, drehte sich um, lächelte und nickte.
-Bogner getroffen zu haben, war schön, er erinnerte angenehm an den
-Herzog, er war trotz Beil und Blutfarben ein gewisser Halt in all dem
-Lärm und Getriebe, der bunten Lautheit, die sie nie gewohnt gewesen,
-zumal in den letzten, stillen Jahren.
-
-»Seht ihr die Burg?« schrie Georg. »Bogner hat sie ganz neu aus Pappe
-gemacht!«
-
-Renate sah zur Linken auf dem niedern Berge die längsterblickten
-klobigen grauen Rundtürme, drei, über deren Plattform, weit
-ausgebreitet, schwer Falten schlagend, die blauweißgrünen Banner
-standen; dazwischen graue Mauern mit mächtigen Streben und breiten
-Zinnen, fast so hoch wie die Türme selbst.
-
-Jetzt war eine blauweißgrüne Schranke neben der Landstraße, von zwei
-Geharnischten bewacht; dahinter führte ein Feldweg zur Burg, der im
-Bergwalde verschwand. Einer der Reiter erkannte Georg, stieg ab und
-öffnete die Schranke, sie ritten hindurch, auf schmalem Pfad zwischen
-dem hohen Roggen, Georg mußte zurückbleiben.
-
-»Sie sehen so schön aus, Maler,« sagte Renate leise, »es ist schade, daß
-Sie sich nicht immer so kleiden können. Haben Sie die Gesichter der
-Menschen gesehn, wieviel freier, leichter und schöner sie alle geworden
-sind durch die Tracht? Und wer ein Gesicht von Bedeutung mitgebracht
-hat, der sieht gleich wie ein König aus oder mindestens wie ein
-Minister.«
-
-Georg erinnerte sich des gelben Professors, des Rittmeisters Freundlich
-und gab Renate eifrig recht. -- Es ging bergan, die Sonne glühte schon,
-doch nahm jetzt der Wald sie in Kühle und grünes Dunkel seiner schönen
-Wölbungen auf; es roch strömend nach Buchenblättern, Brombeeren und den
-herben Farnen. Die Hufe der bergansteigenden Pferde rauschten im braunen
-Laub, Georg saß, träumerisch bewegt vom Schreiten des Pferdes, im
-Schweigen lauter tönenden Herzens, verklärt aufblickend in die laubigen
-Baldachine von durchbrochenem Grün und Himmelsblau, hörte im Traum einen
-schneeweißen Wasserfall rauschen und murmelte sich trunken zu, das sei
-der Schweif von Renates Stute. Ich träume wieder, dachte er, ich träume,
-wann werde ich wieder stürzen? Ich werde nicht stürzen, lächelte er, all
-dies geht vorüber, der Nachmittag naht Schritt vor Schritt mit dem
-Ernst, mit der Last, mit der Sorge, dann werde ich glücklich sein, all
-dies gesehn zu haben, und Renate -- Renate --, die Gedanken verließen
-ihn, er sah über sich im Wald den Fuß der grauen Mauern und ringsum die
-Räume des Waldes bevölkert mit Gestalten, Trupps lediger Pferde,
-langhalsig angelnd mit dem Maul nach Gras und Gestrüpp, farbige Menschen
-wandelten umher, lagerten in Gruppen beim Frühstück und waren allesamt
-unsterblich guter Dinge.
-
-Da ritten sie in den Burghof ein, Renate glitt vom Pferde, sie konnten
-keinen Schritt weiter, denn der Hof war vollgepfropft mit essenden
-Menschen. Georg sprang ab und versuchte, sich zur Schenke
-durchzudrängen, wurde alsbald erkannt, und schon bestürmte ihn vorn und
-hinten ein Getümmel der reizendsten Frauen und Mädchen, die ihm
-Schinkenbrote, Gläser voll Wein und Backwerk hinhielten und bettelten:
-»Von mir, königliche Hoheit, bitte von mir!« oh es war herrlich! So viel
-er fassen konnte, teilte er weiter an Renate und Bogner, schlang selber,
-was der Mund halten konnte, mußte aber mit randvollen Backen bald
-versichern, von jetzt ab nähme er nur schon Vorgekautes. Eine Weile
-später, umringt, lachend, scherzend, immer ausgelassener, hatte er
-dunkel das Gefühl, in einen strudelnden Gesundbrunnen verwandelt zu
-sein, plätschernd in allen Becken, und deren Ränder waren dicht besetzt
-mit Schwärmen äußerst bunter, wild durcheinander schwatzender,
-flatternder und zwitschernder Papageien, Kolibris und Eisvögel, oder was
-es sonst ganz Buntes gab. Diese Vision wurde jählings weggefegt von drei
-schmetternden, an allen Mauern widergellenden Fanfarenstößen, und schon
-toste herum die gewaltigste Aufregung; Alles rannte gegeneinander,
-bekämpfte sich, rang, umschlang und entwand sich einander. Geschrei,
-Gekreisch und Gelächter. Herrgott, wo ist denn bloß mein Mann? -- Mein
-Hut, um Himmelswillen, mein Hut! Sie haken ja an meinem Hut fest! Und
-eine ungeheure Baßstimme sagte: Ja, will sich denn keiner meinen Kaffee
-bezahlen lassen? -- -- Georg, ob er wollte oder nicht, wurde ins Freie
-geschoben, dachte, der Traum geht weiter, wo finde ich Renate? wo ist
-Unkas? Unkas stand da, Ferdinand dabei, das gnädige Fräulein, hörte
-Georg, wäre schon fortgeritten. Hastig saß er auf, befahl dem
-Reitknecht, sich hinter ihm zu halten, versuchte, das Getümmel von
-Bäumen und lauter plötzlich Berittenen zu durchspalten, gab es auf und
-lenkte den Abhang hinunter und im Bogen auf den Waldrand zu. Die
-Buchenzweige zur Seite stemmend, gelangte er ins Freie.
-
-Mein Gott, das war ein Ausblick! Er schoß, ein riesenhafter Fächer, aus
-Georgs Augen so gewaltig nach allen Seiten dahin, daß er taumelnd nach
-Himmel und Gewölkedunst griff, um sich zu halten, und er schaute ...
-
-
- Ausschau
-
-In der Tiefe, ausstrahlende Meilen weit nach Süden, Westen und Norden
-hin, nicht zu ermessen mit Augen, lagerte sein Land, Ebenen an Ebenen
-geschoben, hineingefügt azurblaue Seen und das silberne Geschlängel des
-Stroms, hauchend von heiterer Glut, rauchend von dunstigem Golde, grüne
-Flächen, gelbe, und bräunliches Gehügel der sich rötenden Haide,
-lagernde Bergrücken in den Fernen unter grauen Dünsten. Unten aber, zu
-Füßen seines Hügels, erst klein im Vergleich zur Unendlichkeit ringsum,
-sah er die grüne Ellipse der Arena ruhen, völlig leer, im farbenreichen
-Kranze der Tribünen und Zuschauerringe, und bemerkte nun auch ihre
-Riesigkeit, denn von hier oben war nichts zu erkennen als ein Gewirr und
-Gemenge von Farben, Gesichter wie Punkte klein; selbst die vielen großen
-Banner, an Stellen zu schattigen Wäldern gesammelt, knatternd und
-schlagend über den glänzenden Tribünendächern, schienen wie
-Taschentücher klein. Ringsum in dem bunten Kranze lief ein
-ununterbrochenes Glitzern, Funkeln und Blitzen von sonnegetroffenen
-Metallspitzen und Schmuck, Wellen von Bewegung rannen zugleich rundum,
-viele rote Tupfen flammten auf einmal an jener Stelle hervor, plötzlich
-war alles weiß gesprenkelt, und immer wieder strahlten das Blau, das
-Weiß und das Grün der Landesfarben hervor, -- keine schöneren kann es
-geben, dachte Georg: des Himmels Blau, Grün der Natur und das schöne
-menschliche Weiß. -- Er entdeckte nun auch den zum Walde den Hügel
-hinansteigenden Damm, der aus der Arena dort kam, wo sie den größten
-Durchmesser hatte, und hier unten konnte er allerlei unterscheiden:
-Strohhüte, rote Hemden, weiße, gelbe, das Rosige von Händen und
-Gesichtern, und er sah Männer und Frauen, Mädchen und Kinder, hörte ihr
-leises Brausen und die seltsame Stille, in der sie sich unablässig
-bewegten, drehten, gingen und setzten und über die Schranken vorbeugten.
--- Unsichtbar blieb ihm das obere Ende des Damms hinter dem Vorsprung
-des Waldrandes, er trieb sein Pferd an und erkannte, seltsam deutlich
-wie manchmal im Traum, daß die Hufe in einer tiefen Furche am Rand eines
-stillen, wehenden Haferfeldes entlang schritten. -- Noch einmal ließ er
-die Augen ins Weite schweifen, sie flogen wie Greife dahin, schwebten
-groß unter der bläulichen Kuppel in der Sonne, stürzten herab aus Lüften
-mit Getön und rissen nun jählings mit Zauberkraft zu sich herauf das
-Unerkennbare: die Schwärme von Gesichtern, Agraffen, Pelzkragen,
-Halsausschnitte in violettem Samt, in weißer Seide der Frauentrachten,
-die schönen, geschatteten Falten ihrer Mäntel, die sie im Arme trugen,
-und ihre Bewegungen, wie sie lachten und sich bogen, im Stuhl sich
-drehend, nach oben sprachen zu Männergesichtern, die sich neigten, --
-und er schnellte ab und warf sich über den breiten Bannerschwarm hin wie
-über einen faltig rauschenden See, -- und siehe, etwas noch Ungesehenes
-war da, nämlich ein dunkel herwandernder Strom von Geharnischten, der
-aus der Ebene kam und jenseits in die Arena mündete, tausendfach
-überhüpft vom Gefunkel der Lanzenspitzen und Helmbügel und den winzigen
-Segeln der weißroten Dreieckfähnlein. Tausend Pferdeköpfe bewegten sich
-nickend, die Gesichter der Männer glühten in Staub und Schweiß, -- alles
-sah Georg, die linken Fäuste über der Vorderlehne des Eisensattels, aus
-denen die vier Zügelriemen flossen, sah die Beine in Stahlmaschen, die
-ledernen Bügelschuh der Lanzen und unten im Schatten das wirre
-Durcheinander der braunen und weißfüßigen Pferdebeine. Die ganze
-Beuglenburgische Kavallerie und Rittmeister Freundlich, murmelte Georg
-im Traum, Dragoner und Jäger zu Pferd, oder der einziehende
-Beuglenburgische Heerbann.
-
-Indem schmetterte nahebei aus dem Walde hervor die Fanfare, Georg sah
-und erblickte undeutlich, hinter einer langen Reihe dunkelgrauer
-Geharnischter auf lauter Apfelschimmeln: Waldinneres, wie ein Bild,
-angefüllt mit Fahnen, Standarten, Helmen, Gesichtern und bunten Farben,
-ganz vorn das brennende Scharlachrot zweier Kardinäle oder Äbte auf
-Maultieren. Die Reihe der Berittenen setzte sich eben langsam talwärts
-in Bewegung, alsbald begannen sie zu traben, zwanzig grünweiße Fähnlein
-senkten sich miteins nach vorn, sie galoppierten leicht rasselnd den
-Damm hinunter, verteilten sich unten, schwärmten, entfalteten sich durch
-den ganzen Durchmesser der Arena und hielten auf einen Ruck in langer,
-loser Reihe. --
-
-Georg holte den Blick von unten herauf. Jetzt -- wo war Renate? -- Im
-Grün des Waldes und der Menge sah er ein braunes, südliches Gesicht auf
-dem Grund eines weißen Banners von Seidendamast; vorne schritten zwei
-Reihen von Herolden in Weiß und Grün, an den hochaufgesetzten Trompeten
-viereckige Standarten von dunkelblauer Seide mit silbernen Fransen. Die
-Klänge prasselten lustig und leicht umher, sie schritten zu Tal. Unter
-den Buchenkronen war jetzt ein berittener Halbkreis sichtbar, -- ah, die
-Geistlichkeit, Mönche, Äbte, Kardinäle, -- und schon löste es sich vorn
-heraus, in grandiosem Pomp, Kopf und schmaler Hals eines Maultiers,
-vorsichtig schreitend unterm großen grünen Behang mit goldenen Wappen
-und Verzierungen, auf dem Rücken einen schwankenden Turm von Weiß und
-Gold: der Erzbischof, ein faltig rosiges, mächtiges Gesicht, Kinn und
-starke braune Augen unter der goldenen und weißen, mittwärts gespaltenen
-Mitra, den Krummstab in der Hand. Ihm folgte der Klerus, eine erlauchte
-Schar von hundert Berittenen, Mönche in weißen Chorhemden mit
-handbreiten goldenen Säumen, alles glitzerte von Gold und weißer
-Leinwand, da waren scharlachne Pelerinen und Hüte, Kasulen und Stolen
-funkelten von bunten Steinen, prachtvolles Violett loderte dazwischen,
-Decken von weißem Samt, von Wiesengrün, ein riesiges gelbes Banner mit
-schwarzen Greifen entfaltete sich, zeigte sich groß und schloß sich
-zufrieden, und alles umrahmten, umwallten und trugen die langen
-Schlangenbänder der blauweißgrünen Fahnen. Es schwankte zu Tal.
-
-Aber jetzt ... Wo blieb denn Renate? Georg fieberte, sein Herz tobte
-nach ihr, wieder war da eine schwarze Mauer Geharnischter, zwanzig
-Rappen bewegten sich und stiegen Schritt vor Schritt bergab, -- da --
-ach, da war sie, da hielt sie ja, ein wenig blaß, er sah es deutlich,
-mitten im Halbkreis ihres waldumdämmerten Hofstaats, der Ritter,
-Knappen, Frauen, hielt sie auf ihrem silbernen Pferd, jetzt weit umwallt
-von dunkelroten Mantelfalten. Der Schimmel hob den Kopf; in der Tiefe
-entwogte der glitzernde Haufe der Klerisei, Georg mußte den Kopf senken
-und seine zitternden Hände sehn, eiskalt vom Kopf zu den Füßen. Er sah
-auf, -- das silberne Pferd bewegte sich und schritt vor, langsam,
-beseelt von seiner Einsamkeit und sehr stolz; es tänzelte leicht
-seitwärts, Georg sah Renates Körper sacht nach vorn rucken bei jedem
-Schritt des Pferdes, einsam lenkte sie den Berg hinunter, -- aber jetzt,
-unten in der Ebene, war wilde Bewegung in den Kranz der Menschen
-gefahren, ein Brausen, erst dumpf, dann heller brandete herauf, alle
-Fahnen wankten, senkten sich und stiegen und stürzten wieder, Wellen um
-Wellen von Geglitzer, Wellen um Wellen von geschwungenen Tüchern, Hüten,
-Schleiern, Händen jagten sich im Ring, Musikchöre schmetterten hoch auf,
-unerschöpflich toste der Jubelsturm, -- unendlich einsam und königlich
-trug das kleine, silberne Pferd seine Last, purpurumwogt, langsam,
-langsam -- in die Ebene hinunter.
-
-Georg fuhr mit der Hand über die Augen; sie brannten. Er glaubte nicht,
-was er sah, fühlte sich nun vom Getümmel des Gefolges aufgenommen und
-ritt, sich selber unsichtbar, umhüllt von kostbarer Dunkelheit, tief im
-Traum, Renate nach.
-
-
- Traumspiel
-
-Ja, nun war der Traum vollkommen.
-
-Georg hielt zu Pferde -- weshalb zu Pferde? -- und wie war dies Pferd
-vermummt! aber es war Unkas! -- in fremder, grün und weißer Tracht --
-warum in fremder Tracht? -- inmitten einer dichten Menge von Frauen und
-Männern zu Pferde und in fremden Trachten, deren Gesichter, neben ihm,
-vor ihm und hinter ihm, fremd ihm eines wie das andre, allesamt
-unbeweglich gradeaus eingestellt waren. Es erinnerte seltsam an das
-teilnahmslose Beieinandersein der Menschen auf der vorderen Plattform
-eines Straßenbahnwagens. Und wie still war es? Was ging hier vor? Wozu
-war er, waren all diese versammelt?
-
-Er hielt wie in einem Dickicht; es bestand, statt aus Bäumen und
-Gebüsch, aus verzauberten Menschen; traumhell brannte Sonnenglut herein,
-und alles beschattete sich gegenseitig. Er gewahrte vor sich einen
-kurzen, mit schwarzem Pelz verbrämten dunkelgrünen Mantel und die runde
-Kruppe eines glänzend schwarzen Pferdes, die Wurzel des Schweifs und die
-rote Schlinge, aus der er wuchs, den Schweif, -- wie still er hing auf
-die starken Pferdehacken; darunter waren die Füße weiß, von den Hufen
-stand einer fest auf, etwas einwärts, der andre auf seinem vorderen
-Rand, und dies Bein war gewinkelt; am andern Huf glänzte noch ein Streif
-der schwarzen Wichse durch den Bezug von Staub. -- Und nun, unten
-wandernd mit den Augen, sah er überall dies andre, dies untere Leben,
-das für sich war, ganz für sich allein und im Schatten, Pferdebeine und
-Hufe überall, große Decken, verändert durch das Dunkel, grün und braun
-und gelb leuchtete nicht mehr und Wappen und Zierate waren stumpf
-umdunkelt; er sah die still hängenden Falten der Schleppröcke, einen
-roten, einen grauen, einen violetten, sah die Linien der Pferdebäuche,
-Gurten, an deren Rand das eingeschnürte Fell manchmal zuckte, und die
-prallen, runden Leiber dehnten sich atmend, er roch das Pferd. Ein Huf
-bewegte sich wie ein lebendes Wesen, schlug vor, setzte sich stampfend
-auf im Gras, -- und dort im winklig verhängten Schattendunkel von
-Kleidern und Decken kam eine weiße Frauenhand nach unten, tastete in
-grünen Falten, raffte sie, ein farblos dunkler Fuß wurde sichtbar, ein
-leer hängender Steigbügel, und der Fuß suchte nach dem Bügel, stieß
-daran, angelte, erlangte ihn, die Falten fielen, Fuß und Bügel waren
-völlig fort. --
-
-Diese Stille! -- Aber sprach nicht jemand, ganz allein?
-
-Georg richtete sich in den Bügeln auf und war plötzlich ganz hoch und im
-Freien. Ein paar Gesichter links und rechts drehten sich, blickten nach
-ihm. Fern drüben, wie eine Blumenterrasse, war die Tribüne,
-menschenvoll, noch eine links von ihr, eine dritte rechts; tausend
-Farben und Gesichter glänzten in der Sonne, schräg gestreift vom
-Schatten der Dächer, in dem alles farbloser und dunkel war; darüber
-glänzten wie Silber die Dächer; schlaff hingen die Fahnentücher,
-unkenntlich.
-
-Unterhalb war der grüne Rasen, ein Trupp lediger Pferde stand dort, alle
-Zügelriemen liefen zusammen in die Hände zweier Menschen, die rot und
-weiß gestreift waren von oben bis unten, sich anstießen und
-unterhielten. Über die fast leere, grüne Fläche schritten Geharnischte
-von verschiedenen Seiten heran, einer hatte den Topfhelm im Arm, etliche
-knieten; mit jedem zog im Grase sein kurzer Schatten und machte jede
-Bewegung mit, manchmal kaum zu erkennen flüchtig. Diese waren in einer
-unverständlichen Handlung begriffen. Einer trat vor und verbeugte sich;
-ganz schnell, als müßte er eher fertig sein, tat sein Schatten dasselbe.
-
-Georg spähte verwirrt und ängstlich nach Renate, -- und sieh -- -- ganz
-nahe zur Rechten, erschreckend nahe, über ein paar Reiter hinweg, sah er
-einen großen Thronhimmel mit plattem, viereckigem Dach und darunter, in
-seinem Schatten, ein sehr stilles Bild von Renate, ganz entfremdet, nur
-ein Bild, ihr beschattetes Profil; sie saß in einem Stuhl mit hoher
-Rückwand, die Unterarme flach auf den Seitenlehnen; neben ihr, etwas
-zurück, stand ein Riese in schwarzem Kettenhemd und dem abenteuerlichen
-Topfhelm mit spitzer Wölbung. Grade vor ihr, zehn Schritt in die Wiese
-hinein, stand ein andrer Geharnischter und schien zu reden. Jenseit
-gewahrte Georg den Erzbischof zu Fuß auf der Erde, eine große, weiß und
-goldne Puppe mit dem Krummstab vor der bunten und glitzernden Mondsichel
-seiner Kirchendiener.
-
-Georg hörte auf einmal sprechen, horchte, verstand aber keine Silbe.
-Jählings zusammenfahrend, mit den Augen schon wieder im unteren
-Schatten, vernahm er Renates Stimme, so hell und klingend, daß er vor
-Bestürzung die Worte nicht erraffen konnte, er hastete nach und hörte
-ein paar zerstückte Wendungen, die wohlbekannten vom eisernen Tisch und
-vom Leibroß. Plötzlich brach Geschrei aus auf allen Seiten, Bewegung,
-alle Arme fuhren empor und winkten, Georg selber schrie und winkte mit
-und sagte zu sich: Ah, jetzt ist das Bündnis geschlossen. -- Aber da,
-ganz entsetzt, mußte er denken: Nein, es ist ja genau, genau wie im
-Traum! wie oft habe ich mir da einen Vorgang mit solchen Worten
-bekräftigt, die, wenn ich mich im Wachen erinnerte, ohne Sinn und albern
-waren. Einmal -- wie war es doch? -- das große Hurra, etwas vom großen
-Hurra sagte jemand, und im Traum begriff ich es ...
-
-Ich träume aber doch nicht! ermannte er sich aufgeregt. Also paß auf!
-Beuglenburg und Trassenberg konnten sich nicht besiegen und schlossen
-auf einer großen Wiese vor Altenrepen ein Bündnis. Aber die
-Beuglenburger verlangten, daß Heliodora einen von ihnen zum Mann wählte,
-denn sie fürchteten sich sonst vor ihr. Da erzählte sie von der
-Weissagung, ihrem Pferde, das den vom Schicksal Erlesenen finden würde,
-und von dem eisernen Tisch, an dem er tafele, und das bezogen sie auf
-ihre eisernen Schilde, gemeint war aber die Pflugschar des Bauern Gregor
-... Georg setzte sein Pferd in Bewegung, da Alles umher sich bewegte; er
-träumte nicht, das war klar, aber diese Wirklichkeit war allzu
-traumhaft. Dazu ward ihm jetzt sehr müde im Kopf, er schloß die Augen,
-öffnete sie nach einer Weile wieder, da es bergan ging; rings war
-blendendes Getümmel, die blauweißgrünen Wände der Fahnen standen ihm
-riesig und flammend vor Augen, und plötzlich erkannte er nicht weit von
-sich entfernt, mitten im Gedränge, das Gesicht Ulrika Tregiornis; sie
-blickte vor sich hin, ganz ernst, sie sah Georg nicht, und er schrie
-innerlich verzweifelt: Ist es denn doch ein Traum? Auf einmal dies
-bekannte Gesicht unter all den fremden, und sie ist da und sieht mich
-doch nicht, ganz wie -- wie -- wer war es denn? -- Renate? -- Nein ...
-Dora! Dora Vehm ...
-
-Plötzlich, wie ein Gewölk, riß das Gewimmel in bunte Fetzen auseinander
-und zerstreute sich. Georg hielt auf der Plattform der Dammhöhe nahe dem
-Walde, ein Geharnischter näherte sich zu Pferd und schien etwas sagen zu
-wollen, aber, Georg erkennend, wurde sein Gesicht ehrerbietig, er kehrte
-um. -- Der Raum ward leer, mitten darin, einsam, hielt Renate.
-
-Sie war ja todbleich! sah starr gradeaus. Georg sprang ab, eilte auf sie
-zu, dabei immer müder von Sekunde zu Sekunde, stand unter ihr, streckte
-die Hand empor. Da schien sie ihn zu sehn, sie wandte das Gesicht herab,
-unendlich fremd und hoffärtig, -- aber langsam kehrte Blick und Erkennen
-zurück, die Starre schmolz, doch waren die Züge noch ohne Bewegung, als
-sie das rechte Knie über das Horn weg hob und zur Erde glitt, ohne Georg
-anzurühren.
-
-Einen Augenblick stand sie geschlossenen Auges, gegen das Pferd gelehnt,
-wankte dann und fiel gegen Georg. Er glaubte, vor Müde und Seligkeit
-umzusinken, hielt ihren weichen, seltsam sich lösenden Körper, sah die
-rotbekleideten Schultern, dicht unter sich die großen Perlen des
-Haarnetzes, das seltene Braun des Haars, atmete seinen Duft und merkte,
-daß sie weinte. Ihre Schultern zuckten, sie schluchzte mehrere Male
-heftig auf, den Kopf auf seiner Schulter, hob ihn dann, öffnete die
-verschleierten Augen, aber da standen sie mit einem Schrecken starr,
-über Georgs Schulter hinweg gerichtet.
-
-»Was ist denn?« flüsterte er, sah sich um und starrte schaudernd: da,
-neben einem weißgolden flimmernden Mönchshaufen, stand einer der
-schwarzen Gugelmänner aus seinem Traum. -- Ach, Unfug! schnob er
-innerlich, das ist ja Zuf-- und sah im selben Augenblick, daß Renates
-Schrecken in ein süßes Lächeln schmolz.
-
-»Es ist ja ...« murmelte sie, denn der Schwarze erhob eben die flache
-Hand und winkte.
-
-»Wer?« fragte Georg; er hatte nicht verstanden.
-
-»Saint-Georges«, wiederholte Renate, völlig wach. »Ach, bitte, Georg --
--- ja, wie stehn wir denn da?« fragte sie erstaunt und trat ohne
-weiteres Befremden zurück. »Bitte,« fuhr sie fort, »gehen Sie hin und
-sagen Sie ihm, er möchte -- ja, er möchte nachher vor dem Ankleidezelt
-im Burghof auf mich warten.«
-
-Ja, was ist denn nun? dachte Georg. Er schwankte vor Müdigkeit, suchte
-unwillkürlich nach einem Halt und sah den guten, ruhigen Unkas dastehn,
-gesenkten Halses, mit geraffter Oberlippe im kurzen Gras rupfend. Er
-ging zu ihm hin, nahm ihn bei der Trense und schritt, doch wieder
-schaudernd, auf den unbeweglich dastehenden Gugelmann zu.
-
-»Fräulein von Montfort läßt Sie bitten,« sagte er, »nachher am
-Ankleidezelt zu sein, im Burghof.«
-
-Der Schwarze neigte nur den vermummten Kopf und fuhr fort, durch die
-Augenschlitze gradaus zu spähn, -- denn so schien es. Todmüde wandte
-Georg sich um und sah Ulrika und Renate zusammenstehn, Renate auf den
-Gugelmann blickend, wie er auf sie. Er zog Unkas hinter sich her,
-waldeinwärts, stolpernd mit halbgeschlossenen Augen, und dachte noch
-schlaftrunken: So führt ein Blinder den andern. -- Dann zog sich alles
-in flimmernde, farbige Kreise auseinander, und mehr wußte er nicht.
-
-
- Drittes Kapitel
-
-
- Theater
-
-Renate, ohne den Blick von Saint-Georges zu wenden, tastete nach Ulrikas
-Hand und faßte sie. »Was war dir denn?« hörte sie Ulrika fragen, »du
-weintest.« Jetzt entfernte der Gugelmann sich mit einem Winken, sie
-wandte sich zu Ulrika, sah erfreut das zarte und ernste Gesicht, ein
-wenig entfremdet von der großen, dunkelroten Krone von Haar, die mit
-grünen Bändern durchflochten einem maurischen Turban ähnlich war, und
-sammelte ihre Gedanken. »Laß dich anschaun,« sagte sie, »wie köstlich du
-aussiehst!«
-
-Ulrika ließ sich mit ein wenig ironischer Miene betrachten und befühlen
-in ihrem großen, grünen Mantel, dessen weißseiden gefütterte Falten sie
-im linken Arm trug, die goldene engärmlige Tunika darunter, und den
-weiten, mattlila Kleidrock. »War es denn nicht schön?« fragte sie,
-wieder besorgten Gesichts, »ich meine, -- weil du weintest ...«
-
-»Habe ich geweint?« fragte Renate erstaunt. »Richtig, Georg war ja da,
--- wo ist er denn geblieben? -- Ja, es war schön, aber -- es war
-schauerlich -- oh!« sie zog die Schultern zusammen. »Ich bin völlig zu
-Eis geworden, weißt du.« Sie lachte. »Nun, und das hat halt schmelzen
-müssen. Du weißt doch, Herz, man weint nie, wenn etwas grausig ist oder
-so, sondern wenn man sich nicht anders zu helfen weiß.«
-
-Wieder schaudernd blickte sie in die letzte Stunde zurück, fand jedoch
-wenig und sah nun nahe vor sich den Schimmel, dem eben Decken und Sattel
-abgenommen wurden, auch das Kopfzeug.
-
-»Mein Gott, sieh doch nur, wie schön sie ist!« rief Ulrika entzückt, als
-die Stute nackend dastand in der Herrlichkeit ihrer edlen Glieder,
-gedrungen, doch nicht plump, zierlich die Hufe voreinander wie eine
-Tänzerin, breit von Brust, dicken, kurzen, zum kleinen Kopf stark
-verjüngten Halses, mit dem starken Wirbelhaar über der Stirn, schnobernd
-mit den Nüstern, daß leises Wiehern quoll.
-
-»Ja, du bist sicherlich grad so erleichtert wie ich, aus deinen warmen
-Decken«, sagte Renate, zu ihr gehend, um ihr den Hals zu liebkosen.
-»Ohne Furcht und Tadel bist du wie ich,« murmelte sie dabei, »was wird
-aus uns werden?«
-
-Die Stallknechte und ein Geharnischter, der Spielleiter, kamen, legten
-der Stute eine Trense in weißem Halfter an, in deren Ringen dünne und
-viele Ellen lange, rote Lederriemen befestigt waren; zwei Edelleute auf
-schönen, goldroten Pferden lenkten heran und ergriffen die Riemenenden.
-
-»Bitte, wollen Sie nun --« hörte Renate den Schauspieler sagen. Sie
-griff in den Halfter und führte die Stute einige Schritte gegen den
-leeren Damm vor, besann sich vergeblich auf ihre Verse und bat endlich
-unsicher: »Ja, nun mußt du laufen!«
-
-Sie trat seitwärts. Einer der Reiter schnalzte mit der Zunge, hinten
-knallte eine Peitsche. Die Stute fuhr zusammen, trat drei Schritte vor,
-blickte sich erschreckt und verwundert mit klugen Augen um, wieder
-knallte die Peitsche, da sprang sie heftig an, trabte ein Stück, setzte
-sich in Galopp, die Reiter folgten, und plötzlich schnellte sie ab,
-flog, ein weißer Pfeil, der Tiefe zu, die Reiter jagten bergunter nach,
-aber schon schienen die Riemen sich erstaunlich zu verlängern, und
-schon, gedankenschnell, war der weiße Ball durch die leere Hälfte der
-Arena geschnellt, auf die vielen weißen Zelthüte der Beuglenburgischen
-Ritterschaft zu, und, wie ein Blitz wegzuckend, war sie die breite Gasse
-hinab und draußen im Dunste der Ebenen verschwunden. Nachhetzend, weit
-zurück, leuchteten noch eine Weile die roten Pferde und schwanden. --
-
-Im Kreis der Zuschauer hinter Renate gab es Gelächter. Sie wandte sich
-zu Ulrika, die lachend meinte, sie sei neugierig, ob der gute Schimmel
-richtig von selber zum Bauern Gregor hinlaufe, der draußen im Felde
-warte. Renate legte den Arm um ihre Schulter und sah wieder weiße
-Wolkenballen, wie Stiere scheinend, über den fernen Erdrand
-heraufklimmen.
-
-»Es fing an, weißt du, als ich hier den Damm hinunter reiten mußte,«
-sagte sie tief in Gedanken, »oder vielmehr --, da hörte etwas auf.
-Kannst du dir diese Vereinsamung vorstellen, mit der ich da plötzlich
-der riesigen Tiefe und den zehntausend Augen ausgesetzt war? Ich weiß
-nur noch, daß ich furchtbar fror, meine Augen wurden unermeßlich weit,
-aber ich sah trotzdem nichts als den Himmel und diese gewaltigen, weißen
-Wolken, und wie stürmten sie gegen mich herauf! Wie Stiere sahen sie
-aus. Wie aber dann der Jubel ausbrach -- --, sehen konnten sie,
-wenigstens mein Gesicht, ja noch kaum, aber es galt doch mir, und das
-gab einen Sturm, der mich leer ausfegte und mit Eis, -- ja mit Eis
-anfüllte. Ich mußte mich zusammenraffen -- furchtbar!« Sie lächelte und
-fuhr eifrig fort. »Da konnt ich denn freilich merken, -- das heißt,
-weißt du, ich merke es erst jetzt, -- wie wenig ich in Wirklichkeit
-allein gewesen bin, denn es sind doch immer Gedanken dagewesen,
-Erinnerungen und immer doch auch die Nähe vertrauter Menschen. Psyche
-auf dem Wege zum Hades, weißt du, der muß so ums Herz gewesen sein. Und
-erst unten, weißt du, -- ja, was lachst du denn?«
-
-»Ich lache, weißt du,« sagte Ulrika, »weil du, weißt du, immer weißt du
-sagst!«
-
-»Sage ich das? Ja, weißt -- nein wirklich! -- aber da kannst du sehn,
-wie ich durcheinander geraten bin. Nein, der Jubel unten, sie rasten,
-und nun wußte ich doch auch, daß sie mich wirklich sahen --«
-
-»Ha,« unterbrach Ulrika ihren Wortschwall, »das hast du doch gemerkt!«
-
-»Ich habe es gefühlt, du Närrchen,« sagte Renate lachend, »aber ich weiß
-es erst jetzt!«
-
-»Ist das ein Unterschied bei dir?« fragte Ulrika verwundert. Renate sah
-sie an. »Ja, bei dir etwa nicht?«
-
-Ulrika schien innerlich zu kämpfen. »Du magst recht haben,« gestand sie
-endlich, »aber -- wenn es so ist -- dann --«
-
-»Ist es unsre ganze Macht«, funkelte Renate. »Nein, weißt du, sie rissen
-mich in Stücke mit ihrem Lärm.«
-
-»Und das war das Grausige?«
-
-Renate blickte versonnen vor sich hin, lächelte, hob die Achseln. »Das
-Schöne«, sagte sie leise. »Es war nur noch Brausen, ich war wie -- weit
-fort, und doch war ich es, die groß umherging und galt. Es war gut, das
-einmal erlebt zu haben, -- ein zweites Mal ...« Sie schauerte.
-
-»Und den Festzug hast du noch vor dir«, neckte Ulrika.
-
-Renaten zog ein schönes Wort durch den Sinn:
-
- Verschmolzen mit der tausendköpfigen Menge,
- Die schön wird, wenn das Wunder sie ergreift ...
-
-Tiefer schauernd, schloß sie die Augen. War sie verschmolzen gewesen? --
-Nein, und -- nein, das verschmolzen bezog der Dichter ja nicht auf den
-Dargestellten, sondern auf einen der Gläubigen in der Menge, wenn sie
-sich recht erinnerte. Die Menge aber, war sie wirklich schön geworden?
-Im Herzen vielleicht, die Hände lärmten sehr. Aber das war nun so ihre
-Art ... Die Augen öffnend, rief sie: »Sieh nur, was kommt da?«
-
-Durch die Gasse der weißen Zeltestadt und die Gruppen der dunklen und
-blitzenden Harnischleute kam von jenseit ein großes, braunrotes Pferd
-dahergebraust; sein Reiter schien sehr klein, -- ah, es war der
-Botschafterjunge! In der einen Hand schwang er etwas Gelbrotes wie eine
-Fahne. Nun stürmte er über die Wiese heran, der Gaul bockte am Damm, kam
-aber dann in großen, heftigen Galoppsprüngen herauf, der Knabe,
-nacktbeinig in kurzer schwarzer Hose und weißem Hemd, schwenkte ein
-mächtiges Bündel bäurischer, gelber und roter Stockrosen, -- jedoch in
-der Tiefe ward jetzt wieder das weiße Pferd sichtbar, das unter einem
-Reiter leicht zwischen den Zelten zurückgaloppierte; dahinter die Füchse
-der Edelleute. -- Jetzt war der Knabe heran, warf sich noch im vollen
-Ansprung von seinem braunen Elefanten, stolperte, fiel aber geschickt
-und anmutig auf seine Knie vor Renate, die Arme ausbreitend, den Kopf im
-Nacken, offnen Mundes minutenlang nur keuchend, flammenrot im Gesicht,
-das mager war mit großen, braunen Augen voll Entzücken. Endlich konnte
-er mit heller Stimme rufen: »Sie kommen! Der König kommt! Es lebe
-Heliodora!«
-
-»Herzog muß es heißen,« flüsterte Renate lachend, über sein beflammtes
-Gesicht huschte leichter Schreck, dann lächelte er und fuhr richtig
-fort:
-
- »Am eisernen Tische fand dein weißes Roß
- Den Auserwählten, doch es war kein Schild;
- Des Bauern Pflugschar wars, von der er schmauste
- Sein karges Brot!«
-
-Renate, hinter sich das erstaunte Bühnengemurmel ihres Hofes, sagte:
-»Da, komm, mein braver Junge!« und, den süßen Botenlohn ihrer Jamben
-verschluckend, hob sie den Jungen kräftig von der Erde auf, drückte ihn
--- er war klein wie ein zehnjähriger -- an die Brust und küßte ihn fest
-auf den Mund. Der Junge schloß die Augen, hing einen Augenblick still,
-riß sich erschrocken los, machte eine Bewegung mit dem freien Arm, als
-ob er sich den Mund wischen wollte, schüttelte sich plötzlich und
-sprang, sich umwirbelnd, davon. Renate lachte ihm mit der Umgebung
-fröhlich nach.
-
-Nun waren auch Schimmel und Reiter nahe heraufgesprengt, der
-Schauspieler im weißen Bauernhemd und blauen, riemenumwundenen
-Strümpfen, nicht ungeschickt auf dem ungesattelten Pferd, hielt, sah
-sich staunend um. -- Theater, dachte Renate, ist doch was Sonderbares!
--- Das bartlose, ungeschminkte Gesicht erinnerte weitläufig an Georg,
-aber die tönende Stimme, mit der er nun sein: »Wo bin ich? Welch ein
-Traum umfängt mich denn?« hervorsang, enttäuschte Renate. Sie erklärte
-mit natürlichem Hochmut:
-
-»Heliodora siehst du, Herzogin von Trassenberg. Und wie es scheint,
-sollst du mein Gatte sein!«
-
-Über ihre eigne Nichtachtung lächelnd, froh, daß eine Schauspielerin im
-nächsten Akt Heliodoras Zähmung darzustellen habe, fuhr sie fort: woher
-er komme, wer er sei. -- Gregor, der erstaunte Bauer, sprang nun vom
-Pferde, es wurde fortgeführt, er sank aufs Knie, flüsterte: »Sakrament,
-Sakrament, Fräulein, wie schön sind Sie!« und ließ die Jamben des
-Stadtpoeten rollen:
-
- »Wie leicht ist Fragen, -- Antwort, ach, wie schwer!
- Du fragst: Wer bist du? Frage, wer ich war!
- Kaum weiß ich dies; verzaubert bin ich wohl,
- Ein Roß, ein holdes Weib ...«
-
-Renate überhörte den folgenden Schwall, nahm beim Nahen ihres
-Stichwortes den Mantel von der Achsel, schleuderte ihn über eine
-Schulter des Knieenden, indem sie dachte: Handeln ist besser als Reden!
-und herrschte ihn kühl an:
-
-»Ich erkenne -- Den Spruch des Schicksals an. Da ist mein Mantel. --
-Zeichen der Würde, weiter nichts. Ich selbst -- Bleibe mein eigen, hörst
-du wohl --« Sie endete, plötzlich selbst erregt: »Mein eigen!«
-
-Das Übrige ging sie nichts mehr an, sie drehte sich um, sah Ulrika
-dastehn, trat zu ihr und sagte, den Arm um ihre Schulter legend,
-lächelnd: »Das Stück ist aus, -- nun wollen wir zu Georges, der Bauer
-machte Augen wie ein Dorsch!« worauf sie, zierlich und hochmütig
-angelehnt, wie es die Rolle wollte, mit ihr durch die Gasse ihres
-Hofstaats in den Wald hineinging.
-
-»Verstehst du denn die Menschen?« fragte sie, stehen bleibend, und
-drückte die Handflächen lachend gegen die Wangen. »Du weißt doch, was
-für einen Kampf es gegeben hat, bis die Schauspielerin zugab, daß ich
-ihr diese paar Worte raubte, weil Georg darauf brannte, mich den Ritt
-aufführen zu sehn, -- ja, wo ist er denn nur geblieben?«
-
-Ulrika bückte sich zu einem Grashalm am bemoosten Wegrand, riß ihn aus
-und sagte nachdenklich im Weitergehn:
-
-»Ich verstehe sie, ja. Wenn ich gespielt _habe_, wenn ich fertig bin und
-die Leute klatschen, und ich gehe hinaus und komme wieder, sooft man
-mich hineinschiebt, -- das ist -- Lärm, davon verstehe ich nichts. Aber
-vorher -- -- die Erwartung, und das Gefühl: zu können, Macht zu haben,
-und -- das Zurechtrücken im Stuhl, und das Präludieren ... ja, es ist
-sonderbar und ist doch so: besser spiele ich wohl nicht, als wenn ich
-mit dir oder sonst jemand im Zimmer allein bin, -- aber anders spiele
-ich, ganz anders, und sie Alle spielen mit ...«
-
-Renate vergaß, etwas zu antworten, denn sie waren im Burghof; die beiden
-Ankleidezelte waren da, aus dem einen spähte eine Frau mit nackten
-Armen, eine andre ging hinein, Saint-Georges war nicht zu sehn.
-
-»Eins,« hörte sie Ulrika sagen, »du hast es leider nicht gesehn, das war
-köstlich. Der Junge, den du geküßt hast, -- ich sah ihn nachher unter
-dem Gedränge stehn, versteckt, nur den Kopf streckte er nach dir hin,
-und auf einmal zog er ihn zurück, sah seine Hand an, und dann legte er
-sie auf den Mund, -- so --« Ulrika machte es vor, den Kopf in den Nacken
-legend, als schütte sie Beeren in den Mund. -- »Danach nahm er die Hand
-wieder fort, schaute hinein, als ob es nun darin wäre, deckte die Hand
-drüber, ganz vorsichtig, und schlich sacht damit fort.«
-
-Renate begriff noch nicht recht. »Ach, er konnte meinen Kuß nicht im
-Mund behalten?« sagte sie lachend. »Ja, wie alt war der Junge denn?«
-
-»Dreizehn,« versetzte Ulrika, »er sieht viel jünger aus, weil er so
-klein ist. Bogner hat ihm die Rolle gegeben, er ist sein kleiner
-Schüler, und Bogner sagt, er könnte jetzt schon mehr als er.«
-
-»Ja, so ist Bogner«, lachte Renate, den Vorhang hebend.
-
-
- Zelt
-
-Stühle und Tische im Zelt waren mit den Teilen des zweiten Kleides
-bedeckt, die Zofe drängte, Renate ließ sich entkleiden, setzte sich in
-Unterrock und Leibchen vor den Spiegeltisch und sah über sich Ulrikas
-Gesicht im Glas, etwas schief, aber auch, wie es schien, sehr ernst,
-während ihre Hände das Perlennetz behutsam aus dem Haar lösten.
-
-»Du siehst so dunkel aus«, sagte Renate in den Spiegel. Ulrika
-antwortete nicht. Erst nach einer Weile, als die Zofe sich entfernt von
-ihnen beschäftigte, sagte sie halblaut: »_Mio marito e ritornato._«
-
-»So ...« Ihr Mann war wiedergekommen ... Renate mochte nicht gern vor
-einer Dienerin in fremder Sprache reden und fragte erst nach einer
-Weile: »Anderthalb Jahr war er fort?«
-
-Ulrika antwortete, er sei vor ein paar Tagen gekommen, sei nun in
-Wilhelmshaven stationiert, komme aber alsbald zum Admiralstab nach
-Berlin ... Weiter ließ sich zur Zeit wohl nichts sagen.
-
-Nun war auch das Haar zu kämmen und zu bürsten, die Zöpfe mit Perlen und
-Goldbändern neu zu flechten, dann der grade Kronenring auf dem Kopf mit
-weißem Flor unter dem Kinn zu befestigen. -- Renate stand auf.
-
-Die Zofe kam, auf den Armen den mächtigen Bausch des dunkelvioletten
-Kleidrocks. Renate, vor Ulrika stehend, fragte leise: »Was soll denn nun
-werden?«
-
-Sie schüttelte traurig lächelnd den Kopf, faßte in die Falten des
-Kleides und zog sie nach unten, während die Zofe sie oben über Renates
-Kopf und Schultern auf die Hüften senkte. Dann fuhr sie in die
-schilfgrüne, engärmelige Tunika mit goldenen Säumen und Stickerei;
-Ulrika brachte einen Gürtel aus schwarzen und goldenen Quadraten.
-
-»Den kenne ich ja gar nicht«, sagte Renate verwundert und betrachtete
-voll Freude die Bildnerei in den Goldvierecken, die Tiere der
-Wendekreise und Figuren aus den Sternen. »Seine Durchlaucht«, gestand
-die Zofe lächelnd, »haben ihn mir heute morgen gegeben.« Ulrika sagte
-nur: »Ha!« während Renate errötete und sich freute. Das war schön, das
-war ein schöner Gedanke, sie heute zu gürten. Sie hakte den Gürtel
-wortlos über den Lenden zusammen, sah das freibleibende Ende mit einer
-großen goldenen Scheibe daran zwischen den Knien niederfallen, dann
-stand die Zofe da mit den schneeweißgefütterten, goldenen Überärmeln,
-riesengroßen Tüten, deren Zipfel, als sie übergezogen waren, bis auf die
-Füße hinunterhingen.
-
-»Bin ich schön?« fragte sie, sich vorm Spiegel drehend und
-zurücktretend, die händefaltende Ulrika, »ach, es ist eine Lust heute,
-schön zu sein! Den Mantel nachher,« sagte sie und mußte plötzlich zum
-Türvorhang eilen, im Gefühl, jemand stehe draußen. Die Falte hebend, sah
-sie wirklich den Gugelmann, streckte freudig die Hand nach ihm, erfaßte
-die seine und sagte leise: »Komm herein, Georges, ich bin so froh, daß
-du --«
-
-Die Gugelkappe bewegte sich langsam, verneinend, hin und her. »Wir
-befinden uns in einem Irrtum«, sagte eine nicht völlig unbekannte
-Stimme; er lüpfte die Kappe über der Achsel; im Dunkel, dort wo das
-Gesicht war, wurde etwas häßliches Rotes sichtbar.
-
-»Josef!« stieß sie halblaut hervor, erschreckt. Er ließ die Kappe wieder
-fallen und nickte. Sie sah jetzt durch die Schlitze dunkel den Schein
-seiner Augen, dazu auch seine Größe, da er Georges doch um einen Kopf
-überragte. Sie ließ seine Hand fallen.
-
-»Komm herein«, sagte sie und trat zurück. Er folgte.
-
-Für Minuten verwirrt, nach zwei Seiten gerissen von wünschenden,
-hoffenden, begierigen Gedanken, rauschte Renate in den großen Raum
-hinein, bemerkte einen Karton, an dem die Jungfer packte, und bat sie,
-einen Augenblick ins Freie zu gehn. Rauschte wieder zurück, sah den
-schwarzen Josef still an der Tür stehn, drehte sich um, stand und sagte
-kurz zu Ulrika hinüber: »Es ist mein Vetter Josef.«
-
-Ulrika grüßte freundlich und murmelte etwas. -- Renate vergrub die
-Unterarme in die Ärmelfalten, dachte schwirrend deutlicher an den
-Herzog, an ihren Onkel, warf den Kopf in den Nacken und sagte: »Ich habe
-damals nicht gewollt, daß du meinetwegen zum Vater gingest. Sagtest du
-nicht, daß du gehen würdest?« Die schwarze Kappenspitze bewegte sich
-bejahend. »Heute muß ich wünschen, daß du um meinetwillen gehst, meine
-Gedanken verkehren sich, ich weiß nicht mehr, was Recht und was Unrecht
-ist.«
-
-»Wie unverständlich«, hörte sie Josef sagen. »Wenn du dir von meinem
-Kommen etwas versprichst für deinen Onkel, so dürfte es wohl gleich
-sein, aus welchem Grunde ich komme.«
-
-»Ich wußte es längst,« murmelte Renate unwillig, »ich fühlte es.«
-
-»Wir sind es immer,« hörte sie Josefs kühle Stimme sagen, »die alle
-fremde Angelegenheit durch unsre eigenen entstellen. Immer müßt ihr
-selber zwischen euch stehn und den Dingen.«
-
-»Du sprichst gegen dich selbst, Josef?«
-
-»Ich sehe, was kommt,« versetzte er ruhig, »und außerdem äußere ich eine
-Meinung, weiter nichts. Wenn jemand imstande ist, von sich selber
-abzusehn, so bin ich derjenige, -- du weißt.«
-
-Renate mußte da lächeln, heftete die Augen fest auf ihn und sagte: »Seit
-heute morgen bin ich die Verlobte des Herzogs.« Ihre Augen glitten zu
-Ulrika, die überrascht und heiter den Kopf zurückbewegte. Josef regte
-sich nicht; aber es verging eine halbe Minute, bis Renate etwas vernahm,
-das halb ein Pfeifen war, halb ein Seufzer, schwer, und doch wieder --
-erleichtert. Dann hörte sie ihn sagen:
-
-»Ich gratuliere. Ziemlicheres ließ sich kaum erdenken. -- Er ist ein
-Mann,« setzte er großmütig hinzu, kam zu Renate, sie ließ ihm die rechte
-Hand, er ergriff und küßte sie. Auch Ulrika kam und umarmte sie
-schweigend und mit Innigkeit.
-
-»Du kommst also mit mir, Josef? Ich verlasse das Haus nicht, eh dein
-Vater dich gesehn hat.« Er neigte den Kopf.
-
-»Dann fort!« rief Renate, »auf dem Festwagen wird Platz für dich sein.«
-Sie lief zur Tür, winkte der Zofe, die herlaufend rief, Herr Bogner
-ließe sagen, das Automobil stünde am andern Ende der Burg. -- Sie
-verließen das Zelt.
-
-
- Im Wagen
-
-Durch den Burghof, am Fuße der Mauern hin, gelangten sie zur Fahrstraße;
-dort, in der Nähe des schwarzen Wagens, saß auf einem Baumstumpf der
-rotbeinige Maler; sein kleiner Schüler lehnte ihm am Knie und zeichnete
-auf einem Block. Nun blickten Beide auf, der Junge sprang zur Seite und
-errötete tief, vielleicht weil er seine linke Hand mit dem Taschentuch
-verbunden hatte, und da Renate ihn sacht herbeiwinkte, kam er trotzig
-hergeschlendert, die Hände mit seinem Zeichenblock auf dem Rücken und
-mit der Miene eines jungen Hundes: es paßt mir gerade diesen Weg zu gehn
-... Renate fragte leise, sich zu ihm bückend: »Was hast du mit deiner
-Hand gemacht?«
-
-»Mich gerissen,« log er finster und flammenrot im Gesicht.
-
-»Laß mal sehn«, lockte sie, aber er schüttelte nur abweisend den Kopf.
-Da ehrte sie seinen männlichen Ernst und stieg in den Wagen, Ulrika zu
-sich nehmend. Die Zofe nahm mit ihrem Pappkarton den Platz neben dem
-Fahrer, auch der Junge kletterte zu ihr. Bogner und Josef standen noch,
-miteinander sprechend, zusammen, es schien, sie hatten sich schon
-begrüßt, -- kletterten dann auf die hochgeklappten Vordersitze
-nebeneinander, so daß Renate Bogners Rücken und Hinterkopf vor sich
-hatte, Ulrika Josefs Gugelkappe. Sie rollten ab.
-
-»Welch ein schöner, keuscher Junge, Bogner,« sagte Renate nach einer
-Weile, »keusche Männer sind so selten.«
-
-Bogner, sein Profil herwendend, fragte spät: »Warum keusch?«
-
-Renate fand nicht gleich eine Antwort, und Josef, sich herumsetzend,
-sagte hurtig: »Keusche Männer sind etwas Unleidliches. Ich sage nichts
-gegen deinen Knaben Tobias, der ja kein Mann ist.«
-
-»Heißt er Tobias?«
-
-»Er heißt nicht so, wird aber so genannt, weil er ein Hündlein hat und
-einen Engel in Bogner.«
-
-»Und keusch ist wie Tobias,« lachte Renate, von dem Gleichnis erfreut,
-»oder betete Tobias nicht drei Nächte mit seinem Weibe Sarah, ehe er sie
-nahm?«
-
-»Sarah, siehst du,« erwiderte Josef, »war keusch; sieben Männer mußten
-Todes sterben und durften nicht an sie heran, dann kam der rechte, und
->Azaria, mein Bruder< trieb den Teufel der Unkeuschheit aus.«
-
-»Was ist denn unkeusch, Josef, bitte, ich habe dich so lange nicht
-plätschern gehört!«
-
-»Vielleicht stehts im Tobias, Renate, du wirsts wissen.«
-
-Renate, alle väterliche Bibelkenntnis zusammenraffend, suchte und fand:
-»Höre zu, ich will dir sagen, über welche der Teufel Gewalt hat. Nämlich
-über diejenigen, welche Gott verachten und allein um der Unzucht willen
-Weiber nehmen, wie das dumme Vieh.«
-
-»Oh, verblüffend!« staunte Josef, »wie das dumme Vieh!« und Renate
-erkannte mit heller Freude trotz der Maske seine Lieblingsbewegung, da
-er über dem schwarzen Zeug mit der flachen Hand nach unten strich, und
-sie sah sein Gesicht darunter, ganz und heil wie je, hochgezogne Brauen,
-hängende Mundwinkel und trüb lächelnde Augen, während sie, Hoffnung und
-Zuversicht im Herzen, eifrig und skandierend fortfuhr:
-
-»Wenn aber die dritte Nacht vorüber ist, Josef, so sollst du dich zur
-Jungfrau zutun mit Gottesfurcht, Bogner, mehr aus Begierde der Frucht,
-denn aus böser Lust, Josef, daß du und deine Kinder den Segen erlangen,
-der dem Samen Abrahams zugesagt ist, Bogner, -- ach Gott, jeden und
-jeden Sonntag nachmittag habe ich Papa das predigen hören in seinem
-Zimmer, und dann kamen sie mit gesenkten Ohren heraus wie die Pudel,
-aber Papas Traugelder erhöhten sich in keinem Jahr, in keinem, und als
-ich geboren wurde, da sollen die Ammen das Haus gestürmt haben, Ulrika!«
-
-Ulrika sah geistesabwesend auf und lachte gezwungen. -- _Mio marito_ ...
-klang es Renate im Ohr, sie konnte aber ihr Lachen nicht gleich
-zerdrücken, sah sich vielmehr genötigt, es zu erneuern, da sie Josef
-sagen hörte: »Caramba, Kusine, was bist du doch unkeusch!«
-
-»Rede weiter, Josef«, befahl sie, ihn anblitzend.
-
-»Jedermann,« sagte Josef, »der handelt, ist gut, also Mönche, Asketen,
-Einsiedler. Eine Frau kann keusch sein, nicht bloß so in der eben
-beliebten Art: die keusche Dirne, -- denn wer, Bogner, hätte sich nicht
-eine letzte Zelle im Gemüt reinlich erhalten? -- sondern durchaus bis zu
-einem schönen Grade von Prüderie, nämlich: in ihrer Haltung, in ihrer
-Geste, in dem, was sie angreift, tut und läßt, nicht in den Büchern, die
-sie liest, sondern in der Art, wie sie darin liest. Was aber Keuschheit
-beim Weibe ist, das ist Selbstzucht beim Mann. Unterhält es Sie, Frau
-Tregiorni? Vielleicht wundert es Sie, daß ich mein Gesicht verhülle?
-Glauben Sie mir, es würde Ihnen keine Freude machen, es zu sehn. In
-einem Lande --«
-
-Ja, wie er nun plätschert, dachte Renate und glaubte fast schon zu sehn,
-wie das weiche, leichte Geriesel die Starre seines Vaters auflöste.
-
-»In einem Lande, wo die Gesichter weniger kostbar sind als Spiegelglas,
-hielt jemand es für eine Fensterscheibe, so ging es in Scherben.
-Erinnerst du dich übrigens an Dorian Grays Bildnis, Renate? Sein Gesicht
-blieb das gleiche an die dreißig Jahr, derweil seine Seele sich
-schandbar verwandelte. Nun sehen Sie, Frau Tregiorni, mit mir verhält es
-sich genau umgekehrt, obgleich ich dir damals weissagte, ich würde an
-Antlitz und Seele gleicherweis --«
-
-»Du schweifst ab, Vetter!« unterbrach ihn Renate. Sie fühlte wieder die
-alte, stolze Dankbarkeit für die Leichte, mit der er all und jedes,
-nicht zum wenigsten sich selber, aufnahm und zur Schau trug, Haltung und
-Gebärden wie eines Tierbändigers, der einen funkelnden Jaguar auf der
-Achsel um die Arena trägt.
-
-»Keuschheit«, erklärte Josef, »hat mit der Selbstzucht wie mit allen
-übrigen Tugenden das gemein, daß sie allesamt aufhören, Tugenden zu
-sein, sobald sie von sich wissen. Ach, zum Schriftsteller bald wird der
-einst so poetische Jüngling! Wird der Knabe zum Mann, wird er wissend,
-wird er klug. Eine Frau braucht nicht zu wissen --« Ulrikas Züge
-spannten sich aufhorchend --, »sie verfügt über die verblüffende Gabe
-der Willkür, diese Gabe -- -- es giebt ein Augenleiden, das besteht in
-sogenannten Ausfällen im Gesichtsfeld, das heißt in einer
-Lückenblindheit für eben die Stelle, die das Auge fassen will -- und
-solche Ausfälle hat sie dann in ihrem seelischen Gesichtsfeld. Der
-Schmutz ist da, hell in der Sonne, aber sie sieht ihn nicht, sie sieht
-ihn wahrhaftig nicht, sie übersieht, was ihr mißfällt, überdenkt oder
-überfühlt, was ihr Empfinden verletzen müßte. Es ist nicht keusch, von
-Mutterschaft, Zeugung oder Liebeskrankheit nichts zu wissen, sondern es
-ist keusch, dergleichen auf keusche Weise zu wissen, ebenso wie es
-nämlich nicht genial ist, anders zu sein, zu handeln als die Andern,
-sondern: was jeder sein könnte, auf geniale Weise zu sein, das ist
-genial, -- glauben Sie mir, Bogner, wenn Sie ein Genie genannt zu werden
-verdienen, so geschieht das aus keinem andern Grunde, als weil Sie eins
-sind,« Nun spricht er genau wie Georges, dachte Renate wehmütig, wo
-bleibt er nur den ganzen Tag? --
-
-Josef hatte Atem geschöpft und spielte leicht und rauschend weiter:
-
-»Nicht anders verhält es sich mit der Selbstzucht. Die Frau kann
-Gefahren vermeiden. Da sie nicht zu lernen braucht, sondern alles
-eingeboren auf die Welt bringt wie ein Tier, so weiß sie, gesetzt sie
-ist grade beschaffen, in jedem Notfall das Richtige und Heilsame zu
-treffen; sie tut es blindlings, sie verjagt als Henne blind den Sperber,
-sie gebiert blindlings ein Kind ums andre und kennt keine Furcht und
-keinen Schmerz, weil eins not ist! Der Mann muß all und jedes ganz von
-vorne lernen, und er kennt keinen Lehrmeister als die eigne Erfahrung.
-Darum sucht er die Gefahr, bildet sich an der Gefahr, nährt sich mit
-ihr. Er will wissen, er soll wissen, er hat sich nirgend zu
-verschließen, denn er soll zeugen. Wer zeugen soll, muß wählen, wer
-wählen soll, muß forschen, erkennen, wissen. Die Frau kann sich rein
-halten, der Mann kann das nicht, aber er kann sich reinigen. Die
-stärksten Seelen gehn am längsten fehl, las ich bei einem Dichter. Es
-kommt nicht darauf an, sich nicht zu verlieren; sich immer wieder zu
-gewinnen, darauf kommt es an. Und darauf freilich, gute Renate, daß es
-ein Gewinn wirklich sei, nämlich ein Mehr, nicht bloß ein Ebensoviel.
-Ich zum Beispiel verlor ein halbes Gesicht und verdoppelte die
-Spannkraft meiner Seele. Aber auch die verbliebene Hälfte meines
-Hauptes, sei überzeugt, werde ich nicht verloren geben, und hier endet
-unser Gespräch.« Der Wagen hielt.
-
-
- Festzug
-
-Renate, an Bogners Hand nach rechts aus dem Wagen auf die leere und
-sonnige Landstraße kletternd -- sie seien dicht vor der Stadt, erklärte
-Bogner --, fand sich nahe gegenüber einer haushoch scheinenden goldenen
-Wand, die fast die Breite der Straße ausfüllte und über und über mit
-einer leuchtenden Malerei von altertümlichen Figuren bedeckt war. Indem
-kam um die Ecke, staunend nach oben verdrehten Kopfes, der eine
-himbeerfarbene Kugel war, der Erzbischof, unterm Arm die gespaltene
-Mitra, ein golden und weißes Faß auf Füßen, warf gegen Renate einen
-verwirrten Blick, fuhr sich mit dem Taschentuch über den blanken Schädel
-und fuhr fort, zu schauen und zu staunen. Die Wand war in hohe und
-schmale gotische Flachnischen geteilt, drei oben und sechs darunter; die
-Umrahmungen waren von Gold, golden auch der Grund des Inneren, das die
-gemalten Figuren füllten. Bogner hinter ihr sagte, es sei die Rückwand
-des Festwagens. Die Gestalten -- Heilige schienen es in reichen Trachten
--- waren so schön gemalt, daß sie nach dem Künstler fragte. Statt
-Bogners antwortete nun Josefs Stimme hinter ihr, Bogner habe sie
-entworfen, und Tobias und sein Hündlein hätten sie gemalt. Ja, da stand
-Tobias, blaß und mit ängstlich gerunzelten Brauen. Renate nahm ihn beim
-Kopf, lobte ihn sehr und sagte, nun müßte er ihr die Bilder auch
-erklären.
-
-Es wären die neun Monate, fing der Junge an.
-
-»Neun, Tobias, seit wann haben wir neun?«
-
-Tobias sah verlegen zu Josef auf. »Weil es«, hörte Renate seine Stimme
-hinter der Maske, »nur neun giebt, mein Knabe. Ihr könnt das erstens
-daran erkennen, daß der Mensch sich neun Monate im Mutterleib aufhält
-und nicht zwölf, seine Natur müßte sich also an eine ganz neue Rechnung
-gewöhnen. Ihr wißt aber, daß es die Eigenschaft der Natur ist, sich an
-nichts und niemals zu gewöhnen. Du kannst aber auch anders rechnen, mein
-Junge, indem du dir sagst, daß von unsern zwölf Monaten drei keine
-Gezeiten sind, sondern nur Zeit, nämlich Dezember, Januar und Februar,
-wo die Erde schläft oder sich erholt. Im ersten Falle müßtest du jedem
-unsrer Monate vier Drittel seiner jetzigen Tageszahl zuteilen, und wenn
-du dann das Ganze durch Drei teilest, so bekämest du drei schöne
-Jahresstücke, die ungefähr unserm März bis Juni, Juli bis Oktober und
-November bis Februar entsprechen würden, mit Werdezeit, Reifezeit und
-Sterbezeit. Deinen Lehrer Bogner aber siehst du hier das Jahr mit dem
-Frühling, mit dem März beginnen, einem schönen Sankt Sebastian, dessen
-Stricke gesprengt zu seinen Füßen liegen, der ins Goldgewölk lächelt,
-und dessen Leib und Marterstamm über und über gespickt sind mit farbigen
-Krokus, Schlüsselblumen, Hyazinthen und Narzissen, in die sich die
-Pfeile oder Hagelgeschosse des Winters verwandelt haben, -- aber,
-Renate, es wird Zeit, wenn du den ganzen Wagen noch beschauen willst
-...«
-
-»Nein, diesen noch,« bat Renate entzückt, »das scheint Sankt Christofer
---« sie zählte ab, »-- Oktober, warum Oktober?«
-
-»Siehst du nicht,« sagte Josef, »daß es nicht Sankt Christofer ist,
-sondern der griechische Gott Herakles mit seiner Keule, der den kleinen
-Dionysos-Christus auf der Schulter trägt, Weinlaub im Haar, und daß es
-die große, blaue Traube in seiner Kinderhand ist, die dem Alten so viel
-Beschwerde macht? Du kannst es dann bei Hölderlin nachlesen.«
-
-»Was doch dieser Maler alles weiß!« lächelte Renate verwundert und
-bemerkte, sich umdrehend, ihre Zofe, welche die goldene Wand ihres
-Mantelfutters entfaltete. Sie ließ sich den dunkelblauen Mantel auf die
-Achseln legen und wollte den hohen, nach außen gebogenen Kragen der
-Wärme wegen offen lassen, aber nun bat Josef: »Einen Augenblick!« hakte
-den Kragen zu, raffte die dunkelblauen Falten unten, belud ihr den
-linken Arm damit, spreizte auch leicht die Finger der Hand unter dem
-Bausch, trat zurück und sagte: »Erstaunlich! Wem gleichst du nun auf ein
-Haar?«
-
-Renate, an sich herunterblickend, meinte: »Der Naumburger Uta? Seh ich
-so hold und kindlich aus?«
-
-»Oh, sie hat ja auch keine Zöpfe,« sagte er, »aber die Hand mit dem
-Bausch und dem Faltensturz und die blaue Farbe, das ist kostbarer als
-der alte graue Stein. Komm weiter!«
-
-Er zog Renate um die Wagenecke, aber sie prallte heftig zurück, denn
-dort hinten, vor den riesigen Wagen geschirrt, standen zwei Elefanten,
-nein vier, nein sechs! zu zweien hintereinander, Ungetüme von hellgrauer
-Farbe, seltsam von einem rötlichen Hauch bedeckt, und von Josef
-hingezogen, sah Renate, daß es die künstlichsten Ornamente, Ranken,
-Blumen und Tiere waren, mit feinem, rotem Pinsel aufgetragen.
-
-»Dein Ritter Georg hat es so gewollt,« äußerte Josef, »man macht es so
-in Indien, aber ohne meinen Chinesen hätte er es nicht bekommen.«
-
-»Chinesen? Ach, der auch deine Maske --«
-
-»So hast du sie gesehn? Sie taugt nicht viel, außer bei Dämmrung,«
-meinte Josef, »aber der Brave liebt mich sehr und brachte sie eines
-Tages an.«
-
-Renate fuhr in diesem Augenblick, langsam weiter schreitend, von einem
-Anblick zusammen, dessen Art und Gewalt sie fürs erste gar nicht
-begriff. Wo war sie denn? Ein schneeweißes Tier hielt ein langes weißes
-Horn auf sie gerichtet ... Auf der leeren Straße, einsam in einem weiten
-Kreise von seltsam bunten Menschen, stand, die Vorderhufe zierlich
-eingestemmt, milchweiß -- das Einhorn. Das Legendentier, das heilige, --
-am Nacken breit fiel das gewellte Tuch der weißen Mähne nieder, vor der
-Stirne, gerade auf Renate gerichtet, stand -- wunderbar -- die lange
-Düte des großgewundenen weißen Horns.
-
-Schauder von Furcht, Schauder von Süße durchwirbelten Renate; sie
-faltete die Hände, ihr ward glühend heiß und jetzt auf eine
-unerklärliche Weise furchtsam, immer furchtsamer zumut, bis es sie kalt
-durchlief und sie sich ermannte. Da stand Josefs schwarze Gestalt mit
-unsichtbarem Kopf neben ihr, unheimlich genug, aber, kaum wissend, was
-sie tat, trat sie dicht vor ihn hin, drängte sich an seine Brust und
-sagte angstvoll zu den Augenschlitzen hinauf:
-
-»Was will das Tier, Josef? Oh, Josef, das schreckliche, heilige Tier!«
-Seltsam fern hörte sie Josefs Stimme:
-
-»Erkennst du denn deinen Schimmel nicht wieder, Renate? Das Horn ist
-Papiermasse und mit einer kleinen, silbernen Platte befestigt, siehst
-du?«
-
-Sie lächelte nun, denn er sprach ihr zu wie einem Kinde. Nachdenklich
-stützte sie das Kinn in die linke Hand, den Ellbogen in die Rechte
-setzend, und betrachtete das Wunder, wie es den Kopf senkte und aufwarf
-und das weiße Horn stieg und fiel. Die Stute war so viel kleiner
-geworden und sah zugleich mutwillig, fromm, klug und ganz und gar
-fabelhaft aus.
-
-»Welch gutes Herz du doch hast, Renate,« hörte sie Josef sagen, »aber
-das kommt davon, wenn man nie ins Theater gehn will, dann nimmt man
-alles für Natur.«
-
-Sie lächelte zerstreut. Dazu die Trachten ringsum, tiefes Mittelalter
-... Ein wenig entfremdet wurden für Renate all diese Edelleute, Frauen
-in Mänteln und engärmeligen Tuniken, diese Mohren in reichen Gewändern,
-Sarazenen, durch ihre Buntheit, da sie eben noch das graue Mittelalter
-der steinernen Uta vor sich gesehn, aber nun wurden es schon die alten
-Evangelienbilder Stefan Lochners und der namenlosen Meister von Cöln und
-Niederland, und schließlich erschien langsam die neue Zeit in den von
-der Tracht veränderten Zügen der Gegenwart, zudem in einem Schwarm von
-Negerknaben in dunkelblauen Hemden mit kleinen goldenen
-Kardinalskäppchen auf dem Kopf, die, sich balgend, über das Feld zur
-Seite dahinstoben. Ah, die gehörten wohl auf den Rücken der Elefanten,
-wo auf kleinen grünen Schabracken dunkelblaue Enziankelche, wie Kessel
-groß, befestigt waren. Nun sah sie auch die Straße hinab das wogende
-Getümmel, hochgetürmte Wagen hintereinander, seltsame, riesige Puppen,
-Tiere, Berittene in Kettenhemden und ringsum den Hain der Masten,
-Fahnen, Wimpel und Banner in allen Farben, vor allem den heiteren Blau,
-Weiß und Grün, und dieser Strom war am Straßeneingang links und rechts
-flankiert von den fensterlosen Ziegelwänden zweier Neubauten wie von den
-Wänden eines Steinbruchs. Die Häuserfronten an der Straße waren kaum
-sichtbar vor hangenden Fahnentüchern, Teppichen und den Gesichtern und
-Oberkörpern in allen Fenstern. Gläsern wie über Korn oder Haide
-flackerte darüber die Sonnenluft in den heißen, blauen Himmel.
-
-Josef mahnte, den Wagen zu besteigen. Sie wandte sich, -- sieh, da stand
-auf der untersten breiten Plattform, -- mit buntem Steinmosaik belegt,
-zwei Schuh hoch über dem Pflaster, -- der riesige Erzbischof mit dem
-Krummstab auf einem flachen Podium, eine weiß und goldene Glocke, die
-gespaltene Mitra noch in der Hand. Ritterlich bot der dicke Mann -- in
-Wahrheit der Postdirektor, sie kannte ihn vom Sehen -- ihr die Hand, sie
-stieg die Stufen zur Plattform empor und stand vor einer Terrasse in
-fünf Streifen, breit von der obern Plattform droben herunterströmende
-Gefälle von mannshohen Lilien, drei, an den Seiten und in der Mitte;
-dazwischen die schmaleren, goldenen Streifen waren sechs oder sieben
-fußhohe Stufen mit goldenen Geländern. Darauf kämen viele holde
-Jungfrauen zu stehn, erklärte Bogner, der plötzlich wieder da war und
-ihr nach oben verhalf. Im Hinaufsteigen sah sie die obere Plattform;
-zwei schwarze, überlebensgroße Reiher standen da links und rechts, die
-scharfen langen Schnäbel senkrecht eingestellt, und in der Mitte ein
-goldner Sessel ohne Rückenlehne vor einer ganz goldnen Wand von drei
-grünspangrünen gotischen Bögen, die blendend glitzerte, mit gehämmertem
-Goldblech belegt. Ja, dieser Georg! Wo war er nur geblieben? -- Er hatte
-scheinbar Wert darauf gelegt, daß alles an diesem Wagen echt sein
-sollte. Ganz verwirrt ließ sie sich zwischen den Reihern nieder, aber
-nur um jählings zusammenzuschrecken von dem unverhofft schwindelnden
-Niedersturz ihres Blickes aus dieser Höhe. Sie mußte sich halten und
-sammeln, die Lilienkatarakte wimmelten schon von bunten Mädchen, Kränze
-im Haar und lange Lilienstengel in den Händen, unten der Erzbischof war
-klein geworden, klein sogar die Elefanten, und klein wie ein Zwergtier
-stand vor ihnen die Stute in der Tiefe, jetzt von Renate abgekehrt, an
-langen, dünnen Goldketten den Rüsselungetümen vorgespannt. Aber kühn
-geworden jetzt, wie eine Seeschwalbe schweifte ihr Blick über den
-wogenden Strom der Straße, wegschnellend über Bannerwälder in die Täler
-der brodelnden Menge des Zuges und der Zuschauer tief hinunter, zu
-kleinen Gesichtern, Händen, Schwertern und Blumen, hundert
-durchschatteten, flimmernden, beweglichen, hundertfach wechselnden und
-sich verändernden Farben, und jählings durch ein riesenhaft
-erschreckendes, in die Flucht schlagendes Wanken, Schwanken, Wogen und
-Gebausche von Fahnen über Fahnen hoch hinauf in den Himmel rechts,
-anprallend, zurück und um taumelnd vor einer gigantischen, still im Azur
-hangenden, smaragdgrünen Raupe, von deren Bauchseite lange blauweiße
-Fahnentücher in sachter Faltenbewegung nach unten hingen, zum Lachen
-schön und gelassen und deutlich mit jeder Schattenregung auf einem der
-Farbenstreifen, -- und schon -- weit in die Ferne davongeschossen,
-kreiste ihr Blick um eine andre, in der Entfernung kleinere Raupe,
-schneeweiß blitzend, unterwärts behangen mit langen Purpurtüchern, und
-schließlich verging ihr das Schauen an einer flimmernden goldenen
-Riesenkugel hoch über dem Dächermeer der Stadt.
-
-Gottseidank, da lächelte und nickte Ulrikas Gesicht aus dem Schwarm der
-Frauen herauf. Und sieh da, zu ihren Füßen kniete ja Bogner, mit den
-violetten Falten ihres Kleiderrocks beschäftigt, die er -- ganz mit den
-Bewegungen eines gefälligen Ladeninhabers -- um ihre Füße die Stufen
-hinunter in gebrochene Wellen fallen ließ. Blutrotbeinig und
-schwarzbewamst -- Bogner war doch sehr vertraueneinflößend, und
-obendrein wand sich auch jetzt mit vieler Mühe ein schwarz Geharnischter
-durch die kreischenden und sich windenden Mädchen, unter dessen Topfhelm
-das graue und heiße Gesicht des Erasmus sichtbar wurde, ungemein passend
-zu diesem Rahmen von Helm und stahlmaschigem Halskragen, der fest das
-Kinn umschloß. Nun war er oben, lachte vergnügt, indem er Renate die
-Hand hinstreckte, und setzte sich alsbald zu ihren Füßen links auf die
-oberste, frei gebliebene Stufe. -- Bogner ordnete noch ihre blauen
-Mantelfalten, daß der Goldstoff seines Futters und ihrer Überärmel
-sichtbar wurde, turnte dann durch die Frauen nach unten und setzte sich
-auf den Wagenrand unterhalb des Erzbischofs neben sein Henkerbeil, das
-auf dem roten Mantel lag, so daß seine Beine herunter hingen. Im selben
-Augenblick fühlte auch Renate schon, daß sie sich bewegte. Die
-Elefantenbeine in der Tiefe schritten; eifrig, vornübergebogen mit
-stählernen Schenkeln zog das weiße Pferd an, und unaufhörlich im Auf und
-Nieder zeigte sich und verschwand das lange Horn.
-
-Sanft, kaum schaukelnd auf weichen Rädern fühlte Renate sich hinbewegt
-in der Höhe des ersten Stockwerks an den Häusern vorüber. Sie freute
-sich, alle Furcht war verflogen, sie lächelte heiter und gelassen, als
-nun wieder der Jubel, unten überm Pflaster und die langen Reihen der
-Fenster und Balkone hinunter, aufbrach bei ihrem Nahen, immer neue,
-weiter wallende, voraufeilende Bewegung, geschwungene Hüte und Tücher,
-winkende Hände, hundert und tausend eifrige Arme, hundert und tausend
-staunende, bei ihrem Anblick sich einander zudrehende und zurufende
-Gesichter, Augen und schallende Münder, so viele immerhin, daß die
-Häßlichkeit nicht eines einzigen sich gewahren ließ, wenn es sie gab. Zu
-ihren Füßen Ritter, Bischof und Henker, die Träger ihrer Macht, gezogen
-von Fabel- und Legendengetier, -- es war eine sonderbare Wanderschaft
-durch die Stadt. Sie hatte nie dergleichen geträumt, aber wie töricht
-war es auch, zu erschrecken! sie mit Heiterkeit und Gelassenheit zu
-ertragen, war das einzig Mögliche, das Nötige mit Anmut zu leisten. Wie
-war sie nur dahineingeraten? -- Sie konnte sich im Augenblick nicht
-besinnen, jedoch wurde nach einer Zeit das Gesicht des Herzogs hinter
-diesen transparenten bunten Wänden sichtbar, sie nickte ihm zu und
-sagte: Guter Woldemar, so komme ich nun zu dir, was sagst du denn dazu?
--- Ein großer Mummenschanz, Renate, hörte sie ihn gutmütig murren.
-
-Jesus, wie schwefelgelb war diese Riesenfahne, zehn Meter lang gewiß,
-die der Kerl da auf dem Schornstein schwenkte. Da bog der Wagen um die
-Ecke, langsam, langsam in eine breitere Straße hinein, die nun
-unabsehbar vor ihr dahinrollte, ein tosender Strom, kochend von
-Sommerhitze und Geschrei, brodelnd, überschäumend in Blumengirlanden,
-Teppichen, Teppichen, Fahnen, Fahnen, Fahnen, schlagenden, Schatten groß
-niederwerfenden, brandend aufwärts, klatschend und spritzend die steilen
-Ufer empor, über Gesichter und Gelächter in die Fenster, in die Zimmer
-hinein und wieder hinausgeschüttet mit vollen Händen: es regnete Blumen.
-Renate fühlte ihren Aufschlag auf Kopf und Schultern und Schoß, um sie
-her bedeckte der Boden der Plattform sich mit kleinen Sträußen,
-einzelnen Rosen, Reseden und Kornblumen, ununterbrochen kreuzten sich in
-der Luft vor ihr von beiden Seiten die Sturzbögen des bunten Regens, die
-Mädchen schleuderten sie wieder nach den Seiten empor und nach unten,
-Erasmus -- da hatte er den ganzen Helm voll gesammelt im Arm und schien
-begeistert und schleuderte Blumensträuße, wohin sichs schleudern ließ,
-mit ungeheurem Eifer. Unübersehbar vor ihr wankte die Wagenreihe,
-ohrbetäubend scholl das Gebrause, Toben und Gelächter, in Lüften
-tauchten auf und schwebten vorüber andre Ungetüme, Lindwurme mit
-beweglichem, feuerzüngigem Rachen und schlagenden, gezahnten Schweifen,
-aus der Gondel eines drohend und gewaltig daherlenkenden schneeweißen
-Luftschiffes regneten blitzende Schauer grünweißer Fähnlein, ein
-feuerfarbener Flieger, ein zitronengelber mit blauen Ringen, ein
-flammendblauer, schlugen herzbeklemmende Kreise, schleuderten sich in
-schwingenden Bögen durcheinander und hoch davon, wieder rollte zu
-Renates Füßen der Strom, der tausendstimmige, und wieder, in seiner
-Einsamkeit immer wieder fremd und ganz Legende, erschien das weiße,
-gehörnte Tier, ein kleiner Knabe in himmelblauem Kaftan ging daneben mit
-einem Mandelzweig, jetzt sah sie es erst, aber sonst schien alles sich
-fern zu halten, immer schritt es in freiem Raum, immer voll Eifer in
-seiner Arbeit, als schleppe es die sechs rüsselschwingenden Riesentiere
-auch, die ihm großmütig nachschritten. Da warf jemand von einem
-Eckbalkon einen ganzen Schwarm weißer Tauben in die Luft, daß es überall
-von geschwungenen Flügeln blitzte; eine, zwei, dreie strichen, laut
-flatternd, dicht über und vor Renate dahin; sie hielten Blumen in den
-roten Krallen. Ach, da unten saß ja dieser geduldige Bogner auf dem
-Wagenrand! Was tat Bogner? Er hielt eine Banane in der linken Hand, zog
-mit der rechten das Fell sorgsam in Streifen nach unten und biß hinein
-mit Behagen, während er schon mit der freigewordnen Hand nach
-einer neuen griff, denn ein ganzer Haufen davon lag in den
-auseinandergeschlagenen Falten seines roten Mantels.
-
-Welch süßer Wohlgeruch aber, welcher feuchte Regen von Frische umstäubte
-mit einem Mal ihr erhitztes Gesicht? Ah, diese Reiher! Da stießen sie in
-Pausen haardünne Silberstrahlen aus den Pfeilschnäbeln in die Lüfte, wo
-sie zerstäubend Kühle und Erquickung nach unten regneten. Dieser Georg
-hatte an alles gedacht. Aber wo war er denn? Diese Fahrt mit ihr zu
-machen, war doch sein ganzes Trachten gewesen ... Herr des Lebens, und
-nun tat sich der Boden vor ihren Füßen auf, eine Klappe schlug hoch, und
-herauf stiegen schwarze Gugelkappe, schwarze Schultern und Arme, die
-Josef, Renate den Rücken wendend, zu beschwörender Gebärde über die
-Tiefe ausbreitete. Wie der Teufel aus dem Kasten, dachte Renate, lachend
-und entrüstet mehr als erschreckt, raffte ihr Kleid und stieß ihm die
-Fußspitze zwischen die Schultern. Seinen Namen zu rufen, verhinderte sie
-sich rechtzeitig, gewahrte freilich mit einem Seitenblick, daß Erasmus
-weiter unterhalb so in seinen Blumenschleuderkampf verwickelt und
-vertieft war, daß er von dem Auftauchen seines Bruders nichts merkte.
-
-Ob das auch zum Programm gehöre, fragte Renate leise, sich vorbeugend,
-da Josef sich langsam zu ihr umdrehte.
-
-»Nicht eigentlich,« hörte sie ihn raunen durch das Getose, »ich sitze
-unten bei dem Mechaniker und der Musik und wollte mich nur überzeugen,
-ob die Reiher ordentlich arbeiteten.«
-
-»Musik?« fragte Renate erstaunt.
-
-»Ja, hast du sie nicht gehört? Gieb acht, sie fangen gleich wieder an!«
-
-Die ganze Luft war zum Bersten und Reißen gefüllt mit Musik, Fanfaren,
-Märschen, Glocken und dem menschlichen Gelärme dazu, aber jetzt
-plötzlich prasselte, rasselte und stampfte aus der geöffneten Klappe ein
-seltsam barbarisches Getöse von gestopften Hörnern, Fagotten, Becken und
-Schellen. Vor Josefs Gesicht bewegte sich das schwarze Zeug, aber Renate
-konnte nichts mehr verstehn. Die Gugelkappe nickte und tauchte langsam
-in die Tiefe, die Klappe fiel, gedämpfter scholl die Janitscharenmusik
-und verging im übrigen Brausen.
-
-Jetzt, da sie erst des Getöses bewußt geworden war, ermüdete Renate
-schnell. Ihre Ohren weigerten sich, ihre Augen ebenso. Neue
-Taubenschwärme, neue Luftungeheuer, rosige und schwarze Fische mit
-ungeheuren, schleierartigen Schwänzen und Flossen, neue Riesenraupen,
-Paradiesvögel, Böllerschüsse, Kanonenschläge, Glocken, Schreie
-vernichteten allmählich alle Empfindungen, sie saß kalt und matt,
-aufatmend, da am Ende der verengten Gasse der Marktplatz sichtbar wurde
-und die blumenbunte gotische Front des Rathauses; bald hielt ihr Wagen
-vor der Treppe, allein; der übrige Zug war abgeschwenkt, um von andrer
-Seite her vorbeizuziehn.
-
-Irgendwie nach unten gelangt, fühlte Renate mit schwachen Beinen das
-Pflaster unter den Füßen, als sei sie von einer Seefahrt gelandet, jetzt
-schwankend auf festem Boden. Irgend jemand half ihr die Seitentreppe zur
-Empore hinauf, sie fand sich in einem Saal, sie saß in einem Sofa, vor
-ihren Augen kreiste es und zuckte, ein Glas berührte ihre Lippen, sie
-sah aufblickend Ulrikas gute, besorgte Züge, trank und schmeckte kühle
-Limonade von Zitrone. Vor ihr stand der gute Erzbischof, ein Weinglas in
-der Hand und zu Tode erschöpft, auch den Spielleiter sah sie und sagte
-ihm ein paar Worte, da er nach ihrem Befinden zu fragen schien. Sie
-hatte sich nun wieder und war bereit, den Vorbeizug abzunehmen, aber nun
-fehlte die königliche Hoheit. Der Darsteller des bäurischen Herzogs
-erschien in großem Krönungsornat, bereit für Georg einzutreten, wenn er
-ausblieb. Sie warteten.
-
-
- Viertes Kapitel
-
-
- Getümmel
-
-Georg, in einer sonderbaren Dunkelheit, bestieg Unkas, der ungewöhnlich
-hoch und breit war, nämlich ein Elefant, ein brauner Elefant ohne
-sichtbaren Kopf für Georg von oben, und er wunderte sich flüchtig, daß
-er diesen gewaltigen Rücken mit den Schenkeln umspannen konnte, jedoch
-ging es bequem. Dann war es ein angenehmer Kitzel für ihn, zu spüren,
-wie folgsam und sicher das Ungetüm unter seinem leichten Schenkeldruck
-ging und Wendungen machte -- denn er hatte keine Zügel -- immer schön in
-ruhigem Trabe auf dem braunen Hufschlag an der Wand der dunklen Reitbahn
-herum, in der übrigens noch Andre, Undeutliche sich bewegten, Tiere und
-Menschen, und in der Mitte stand sein Vater im Frack mit vielen Orden
-auf der Brust und um den Hals, und es lächerte Georg, daß sein Vater
-auch die rote, weiß gewässerte Schärpe des Beuglenburgschen Hausordens
-umgelegt hatte, bloß weil sein Sohn ihn bekam. Nachgerade aber fing
-Georg an sich zu ärgern, daß sein Vater in einem fort mit Magda
-schäkerte, die ein langes, hellblaues Schleppkleid und Blumen im Haar
-trug, auch entzückend anzusehn war, -- anstatt seine Reitkünste zu
-beachten, zumal der Elefant jetzt im Traben sich immer schräger nach der
-Mitte der Bahn neigte und wieder aufrichtete, ganz wie ein Segelboot,
-und nun merkte Georg auch, daß der Koloß nicht lief, sondern schwamm,
-seine Beine waren nicht mehr zu sehn in einem braunen Wasser, das an den
-Wänden der Bahn plätscherte und angenehmerweise Georgs hineinhängende
-Füße nicht naß machte, und nun schwammen sie durch die Tür in ein
-Zimmer, wo die Möbel vergnüglich umhertaumelten, Sessel, ein Sofa und
-ein Klavier, auf dem Benno saß, die Beine an sich gezogen, und
-nachdenklich sagte: Du hast es gut, Georg, aber was machst du, wenn die
-Überschwemmung bis an die Decke steigt? Benno sah eigentlich genau aus
-wie Ulrika Tregiorni, war es auch wohl in Wirklichkeit, Georg rief ihr
-zu, sie solle schnell hinter ihm aufsitzen, aber da war er schon wieder
-zu einer Tür hinaus und schwamm sachte ins Tal hinunter, auf ein
-schönes, rotes Dorf zu, wo in einer sonderbaren farbigen und düstern
-Luft dreifarbige Fahnen hingen, für deren sonderliche Tönung er lange
-keine Namen fand, bis sie ihm violett, grau und braun zu sein schienen.
-Da war er schon mitten im Dorf und stand auf einem der Dächer, aber nun
-war die Überschwemmung auch schon bis an die Dachkanten gestiegen, und
-wie er höher klettern wollte, so neigte sich das ganze Dach wie ein Tuch
-nach innen, er glitt weich und sehr angenehm zu Boden, dann gab es einen
-Ruck ...
-
-Georg riß heftig die Augen auf, starrte in blendende Luft, kniff die
-Lider wieder zusammen, öffnete sie langsam und hatte ein wehendes
-Haferfeld mit riesengroßen Halmen dicht vor sich, doch entfernte es sich
-langsam, die Halme nahmen natürliche Größe an, eine tiefe, grabenartige,
-braune Furche war davor, in der seine Füße standen, und er saß mit
-vornüberhängendem Leibe in etwas Grünem, Moos und Grashalmen; über ihm
-waren Zweige, die Sonne schien grell und glühend, dunstig golden in
-allen Tiefen lagerte die Ebene.
-
-Müde, schläfrig, mit langsamen Gedanken kehrte Georg zu sich zurück.
-Wie? Er hatte sich ein wenig ausruhen wollen, weil Renate sich doch erst
-umkleiden mußte ... Aber was? Vorher kam doch erst der Lauf des
-Schimmels ... Nach der Uhr tastend, bemerkte er mit ängstlichem
-Mißtrauen die Stille umher und dann, die Uhr in der Hand, daß Arena und
-Tribünen in der Tiefe völlig leer waren. Die Uhrzeiger standen vor drei
-Viertel und eins. Noch gelähmt entdeckte er ein paar Schritte weit
-rechts, vorn im Haferfeld, den vermummten Unkas, das Maul still in der
-Luft, aus dem lange Halme mit ihren Wurzeln nach allen Seiten hingen.
-Georg fuhr zusammen, in jäher Angst ward ihm klar, daß um ein Uhr der
-Festzug begann, er hatte geschlafen, geschla-- -- Er sprang in rasender
-Wut und Angst auf, zu Unkas hin, suchte mit flatternden Händen die
-Verschlüsse der Decke, brachte mit unsäglicher Mühe eine nach der andern
-der neuen, harten Schnallen auf, riß die Decken zu Boden, war im Sattel.
-Unkas drehte sich unter Zügelriß und Absatz, Georg zerrte ihm
-wutschnaubend den Hafer aus den Zähnen, dann brach er durch Gestrüpp und
-Unterholz in den Wald ein, ins Freie der steilen Böschung und
-Buchenstämme. Den stürzenden Gaul konnte er noch eben hochreißen, dann
-zwang er ihn in schräger Linie den Abhang hinunter, der linke Vorderfuß
-trat zweimal, dreimal ins Leere, ehe er Boden fand, dann brach Unkas
-vorne nieder und stürzte um. Georg gelang es, den Fuß aus dem Bügel zu
-nehmen, ehe er gegen einen Baumstamm flog, mit der Stirn so kräftig
-anknallend, daß er schrie, Funken und Sterne spritzen sah und einen
-Augenblick, halb gelähmt, schmerzzerrissen, an dem Baum hing, auf den er
-in tobendem Grimm mit Fäusten hätte einhämmern mögen. Betäubt nach Unkas
-blickend, sah er ihn geduldig auf dem Rücken liegen, kletterte etwas
-tiefer, redete ihm gut zu, haschte nach dem Zügel, Unkas wälzte sich,
-schlug mit allen vieren um sich, kam auf die Vorderfüße, sprang auf und
-schüttelte sich. Georg reinigte ihn und sich obenhin von Moos, Zweigen
-und welken Blättern und zog ihn hinter sich den Abhang hinunter, durch
-Haselgesträuch ins Freie und saß auf.
-
-Danach hielt er lange Sekunden in völliger Lähmung. War dies wirklich?
-fragte er sich entsetzt. Was war mit ihm vorgegangen? Wie hatte er
-schlafen können? Und wie war ihm jetzt elend zumut! Gott im Himmel, war
-die strahlende Ausgelassenheit am Morgen nicht ein Wahnsinn gewesen,
-Unnatur, Wahnsinn?
-
-Gleich rechts lief der Feldweg gegen die offene Schranke und die
-Landstraße; Georg, jetzt fast besinnungslos vor würgender Angst, zu spät
-zu kommen, klemmte die Schenkel an, da streckte sich Unkas, und weinend
-vor Rührung empfand Georg im Davonjagen: Zwölf Jahre, alter Unkas, zwölf
-Jahre hast du mich getragen, du fühlst, was ich fühle ... da waren sie
-in spritzendem Bogen unter der Schranke weg um den Baum auf dem Reitweg
-der Landstraße. Georg lachte vor Angst, als er unter sich die wirbelnden
-Vorderbeine und Hufe des Pferdes sah, die Bäume flogen vorüber, ach, es
-ging längst noch nicht schnell genug, er legte sich, so lang er war,
-über den Pferderücken, am weitausgestreckten Arm die Hand unter der
-grunzenden Kehle, die er liebkoste unter weinendem Stammeln: Gott segne
-Napoleon, Gott segne den verfluchten Kaiser der Franzosen, der die
-Straße so breit gemacht hat, daß es Reitwege giebt! lauf Unkas, bitte,
-schneller, lieber Unkas, schneller, viel schneller! Lauf! lauf! du
-sollst bis ans Lebensende goldenen Hafer aus marmorner ... großer Gott,
-das steht ja in alten Kindergeschichten! Und nun sah er den Festzug, den
-Elefantenwagen und Renate, Alle warteten, der Festzug bewegte sich
-schon, da kam er angestürzt, -- um Himmels willen, die ganze Straße war
-versperrt von bunten Menschen, Planwagen, Kindern, und heraus ragten die
-dunklen Oberkörper einer ganzen Beuglenburgischen Schwadron. Er schäumte
-vor Wut, riß das Pferd zurück, jagte es zwischen den Bäumen durch in den
-trocknen Graben und stob weiter, unter den Zweigen her, die an ihm
-rissen, Unkas lag unter fortwährendem Stolpern fast mehr auf der Erde,
-als er lief, endlich war die Straße wieder frei, der Wallach erlangte
-sie von selber mit einem Satz und arbeitete sich wieder auf dem Reitweg
-dahin, während Georgs rechte Kniescheibe wie Feuer brannte vom Anprall
-an den Apfelbaum. Ein gelber Kerl, der vor ihm hintrottete, warf auf
-Georgs Wutschrei die Arme hoch und taumelte zur Seite, aber gleich
-darauf war er verfitzt in ein Getümmel von Reitern, die entsetzlich
-langsam dahintrabten, auf seinen Anruf sich unwillig und langsam
-umdrehten, dann aber, als sie sein Gesicht sahen, schleunig
-auseinanderwichen, ebenso die nächsten, denn sie schrien hinter Georg
-her: Achtung! der Großherzog! -- Großherzog, es war zum Totlachen und
-die ganze Straße querüber vermauert mit grellbunten Fußgängern. Georg
-wollte und mußte hindurch, schrie, so laut er konnte: »Platz! Platz für
-den Großherzog!« Zweie vor ihm sprangen zur Seite auseinander, die
-Andern drehten sich um, sahn ihn, sprangen seitwärts, schrien, es gab
-eine Gasse, und links war Bennos erschrecktes Gesicht. Georg nickte ihm
-im Vorübertraben zu und fragte angstvoll: »Wie spät ist es?« Eine Stimme
-schrie hinter ihm: »Gleich zwei!« dann noch mehrere durcheinander:
-»Dreiviertel! Zwei! Gleich zwei!« Georg hielt, riß die Uhr heraus, sie
-zeigte unwandelbar drei Viertel eins.
-
-Ich habe sie nicht aufgezogen in der verwünschten Nacht, murmelte Georg
-fassungslos im Weitertraben. Die Leute standen überall und sahn ihn an,
-er bemerkte, daß er dicht vor der Stadt war, ritt langsam weiter,
-begriff, daß der Zug um zwei Uhr am Rathaus sein sollte, -- also
-dorthin! aber wie kam er durch die Stadt? -- Nun waren da Häuser, er kam
-nur noch im Schritt vorwärts, Gott sei gelobt, da glänzte der weiße
-Zylinder eines Taxameterkutschers, der auf Georgs Anruf sofort nach
-Zügeln und Peitsche griff. Georg stieg ab, ein Mann hielt dienstfertig
-das Pferd, Georg griff in die Tasche, gab ihm, was er faßte, und fragte
-ihn, ob er das Pferd zum Schlosse bringen wollte, worauf sich von allen
-Seiten Hände streckten. Er lachte, nickte ihnen verloren zu und sprang
-in den Wagen, keuchend: »Zum Rathaus, so schnell wie möglich, durch
-leere Straßen!« Völlig verschlagenen Atems, legte er sich in eine Ecke
-und schloß die Augen. Sein linker Augenbuckel schmerzte, hinfassend
-fühlte er die Geschwulst, das war ja reizend! Zuckend an allen lahmen
-Gliedern, hätte er auf der Erde liegen mögen, so lang er war, aber er
-fuhr wieder hoch, erkannte, daß er durch leere, verlassene, düsterrote
-Straßen fuhr, saß nun vornübergebeugt, die Uhr in der Hand, zog sie auf
-und stellte die Zeiger auf fünf Minuten vor zwei. Ich komme ja doch zu
-spät, murmelte er matt. Und nun ging es endlos durch Straßen und
-Straßen, breite und schmale, über einen kleinen stillen Schmuckplatz,
-über eine Brücke, und wieder Straßen und Straßen. Er las alle Schilder
-über den Läden, die Reklamen, Straßenweiser ... Rackows Handelsakademie
-stand da. Kramläden zögerten vorüber, zeigten alles, Bilder von roten
-Kindern und Katzen mit Kakes, Pakete, aufrecht stehend, mit Kakao,
-Schüsseln voll Erbsen und Linsen, Lindener Warenhaus stand über einem
-kleinen Weißzeugladen voll Frauenwäsche, Packen länglich aufgerollter
-Langettenkanten und Anordnungen von Weißknöpfen auf blauen
-Papptäfelchen, aufgehäuft. Er sah in den Spiegelscheiben, in den dunklen
-Parterrefenstern zwischen Blumen und schwärzlichen Gardinen dunkel sein
-Gesicht im Vorbeiziehn, das Weiß und Grün seines Anzugs, versuchte, auch
-die Beule zu sehn, und bemerkte, daß er sich in der schwarzen Hälfte des
-Fahrtmessers spiegeln konnte. Gottlob, es war nur ein roter Fleck zu
-sehn, die Beule fühlte sich wohl nur so stark an, weil der Augenbuckel
-unter der Schwellung war. Auf einer breiten Straße mit Baumreihen in der
-Mitte hinrasselnd, durch Menschen, elektrische Bahnen, setzte er sich
-wieder in die Ecke und stützte den Kopf in die Hand, um nicht gesehen zu
-werden, in seinem Schädel war eine Feuersbrunst, aus der es zuckte.
-Niemals endete diese Fahrt, nun warf ihn der Wagen schüttelnd, aus einem
-Bahngleis gerissen, hin und her, dann gings um die Ecke, in eine
-schmale, einsame Straße, ein Überdach war rechts, das Deutsche Theater,
-Gottlob, nun kam die Altstadt, es ging wieder um eine Ecke, ein blauer
-Zettel klebte daran, halb zerrissen, mit großen schwarzen Lettern: Wählt
-Plate! -- Wieder um eine Ecke, vorbei an rundgebogenen Eckläden voll von
-Anzügen, alten Büchern, Harmonikas und nebeneinander aufgereihten
-Revolvern an einer Schnur; der Wagen rollte schneller auf Asphalt, aber
-die Zeiger der wahllos gestellten Uhr waren schon über zwei und zwölf,
-ich komme nie hinein! stöhnte Georg, und sofort darauf sagte eine
-Stimme: Sie kommen nicht hinein ...
-
-Georg starrte. Da saß Josef Montfort an einem Kaffeehaustisch und sagte:
-Sie kommen ... Josef von Montfort, dieser Scharlatan, heute nacht war er
-bei mir, er legte mir damals meinen Traum aus, vor drei Jahren, ach, es
-ist zum Tollwerden, zum Tollwerden ... Georg sah sich und die Droschke,
-Pferd und Kutscher wellig in den großen Spiegelscheiben des Warenhauses
-dahinziehn, dämmrig, vermischt mit Herrenhemden und Spazierstöcken, nun
-mit Kleiderstoffen, die in Stürzen von Stöcken fielen, nun mit Pyramiden
-und Säulen von Konservendosen, dann wurde er rechts um die Ecke
-geschüttelt und sah vor sich die Straße vollgepfropft mit Menschen. Ein
-Stück noch ging es weiter, er stand schon im Wagen, drückte dem Kutscher
-etwas in die Hand, sprang hinaus und versuchte, sich durchzudrängen.
-Dies war eine Lage zum Rasendwerden. Da war er mitten unterm Volk, im
-Theaterkostüm, so mußte es kommen: -- Na, na! junger Mann! sagte jemand,
-aber da war ein Schutzmann, er erkannte ihn, nun gab es entsetzliches
-Aufsehn, aber er kam durch, plötzlich war da der leere Platz, Georg
-zitterte und jauchzte, lief die Straße hinunter, am Fuß des Domes
-vorüber, da war das Lutherdenkmal, da die Seitentreppen zur kleinen
-Empore, sie war leer, Männer in Fräcken wollten auf ihn eindringen und
-prallten in der Luft zurück, er sprang die Stufen hinauf, und Renate
-wandte sich nach ihm um aus einer Gruppe ...
-
-
- Verspätung
-
-Jetzt, dachte Georg, auf Renate zuschreitend, die lächelte, jetzt ist
-der Augenblick da, wo es nur mich giebt, mich allein und sie, keinen
-Großherzog, kein Drum und Draußen, nur meinen Willen und mein Handeln.
--- Renate raffte ihr Gesicht aus der Müdigkeit mit einem erfreuten
-Lächeln auf, streckte ihm die Hand entgegen und fragte: »Nun?« Er faßte
-sie, da standen überall Menschen, aber dort war das Innere eines kleinen
-Zimmers durch die offene Tür sichtbar, und er sagte heiser, sich
-räuspernd: »Bitte, kommen Sie dort hinein«, und zog sie mit sich.
-
-Renate fragte sich, ob etwas geschehen sei, das er ihr allein mitteilen
-wollte; Georg sah gradeaus, während ihm Anfänge über Anfänge durch den
-Kopf schossen: Ich bin zwar erst zur Hälfte Großher-- -- wie dumm! --
-Renate, heute morgen habe ich vor Ihnen gekniet, aber ... Er fühlte sich
-kalt vor Angst, da waren sie in dem Zimmer, er stand vor ihr, wollte
-sagen: Renate, seit drei Jahren ... brachte auch dies nicht heraus,
-keuchte ... Renate wurde ängstlich vor seinen Augen; das eine war
-kleiner als das andre, ein roter Fleck darüber; da wußte sie schon
-alles, brachte es nicht fertig, es wirklich zu wissen, aber als Georg
-nun sagte: »Renate ...« flog sie furchtbar erschrocken auf ihn zu und
-drückte die linke Hand auf seinen Mund.
-
-Er ergriff taumlig ihr Handgelenk, die Augen fielen ihm zu, da merkte
-sie, daß er ihre Handfläche küßte, daß er ihre Gebärde falsch verstanden
-hatte, aber als sie jetzt an seinen Vater dachte, konnte sie sich nicht
-bergen vor einem unwiderstehlichen Lachgefühl, das sie lächeln machte,
-und sie senkte den Kopf und stotterte ganz ratlos und beschämt: »Lieber
-Junge, du kommst ja zu spät ...«
-
-Durch Georg zischte ein blendender Schwerthieb. Er riß die Augen auf,
-starrte sie verständnislos an und hörte sie sagen, während ihre
-Mundwinkel zuckten, immer heftiger zuckten und die Augen glänzten und
-funkelten: »Dein Vater war heut morgen schon ...«
-
-Renate konnte nicht mehr an sich halten, drehte sich um und stopfte sich
-die ganze Mundhöhle mit den Mantelfalten aus, um nicht zu lachen, aber
-auch das half nichts, mein Gott, was sollte das nur? ihre Nerven, die
-Aufregung ... sie erstickte beinah, riß die Seide wieder aus den Zähnen
-und brach in ein so erschütterndes, endloses Lachen aus, daß sie sich
-auf einen Sessel werfen mußte, die Stirn auf der Lehne, gestoßen und
-geschüttelt vom Lachkrampf.
-
-Leer stand Georg da. Fenster, so, Fenster ... Eins, zwei, drei ...
-Andersherum: Eins -- zwei -- drei --. Gotische Bögen. Renate lachte und
-lachte. Wie? Dein Vater war ... Im Munde hatte er noch das Beseligende
-und den ganz leisen Salzgeschmack ihres Handballens, und noch zuckte und
-zitterte sein Herz von der schwellenden Trunkenheit ihrer Berührung.
-Vater! dachte er endlich. Ja, ja, -- ja, freilich, so etwas denkt man
-wohl nie von seinen Vätern. Wie gut, daß er doch nicht mein Vater ist
-... Warum gut? -- Nun Haltung! sagte er sich fast bewußtlos, merkend,
-daß er schwankte. Renate lachte noch immer. Einen Augenblick lang
-empfand er Hohn und sagte vor sich hin: Nur die Ruhe kann es machen!
-dann durchflammte ihn der Ingrimm auf diese alberne Redensart.
-
-Renate hatte sich endlich erholt, fand ihr Taschentuch, trocknete sich
-die Augen, schneuzte sich, lachte noch einmal schluchzend auf, nahm sich
-zusammen und stand auf. Da sie Georg mit gesenktem Kopf vor sich
-hinstarren sah, ging sie leise auf ihn zu, legte eine Hand auf seine
-Schulter und wollte sagen: Lieber Georg ... Aber er zuckte vor ihrer
-Berührung zurück, trat seitwärts, biß die Zähne zusammen, sagte sich:
-Jetzt nur Haltung! senkte den Kopf und brachte leise hervor: »Verzeihen
-Sie, Renate, ich konnte nicht wissen ...«
-
-Nun streckte sie die Hand aus, er legte die seine zögernd hinein, Renate
-durchzuckte es, daß dies doch böse war, für später, was sollte daraus
-werden? Georg zog still ihre Hand nach vorn, indem er sich etwas drehte,
-so daß ihr rechter Arm in seinen linken zu liegen kam, und führte sie
-hinaus.
-
-Dann standen sie auf der Freitreppe, die Musik spielte Tusch, es regnete
-Blumen, die Menge war außer sich. Georg lächelte und winkte, Renate
-hielt sich zurück, neigte ein, zweimal den Kopf und ging schnell wieder
-in den Saal, indem sie bedachte, daß mindestens die Hälfte dieser
-Menschen sich jetzt etwas Verkehrtes einbildete. Dann ging auch Georg in
-den Saal zurück. Er fragte irgend jemand, ob ein Wagen da sei, ging mit
-außerordentlich leichten und freien Gliedern die Treppen hinunter, fand
-ein Automobil in einem Kreise von Menschen, welche die Hüte schwangen
-und Hurra schrieen, stieg ein, setzte sich zurück, winkte, lächelte und
-fuhr davon.
-
-Unterwegs sah er nach der Uhr. Es war noch nicht halb drei. Um halb war
-er zuhause, um halb vier mußte er auf dem Bahnhof sein und Prinz
-Adelbert empfangen, um vier Eidesleistung der Stände, Umkleiden, Uniform
-und Vereidigung des Füsilierregiments Großherzog in Stellvertretung der
-Armee, dann Paroleausgabe, es konnte halb sechs werden. Um sieben
-Galatafel im Schloß, große Cour, Défilée, um neun Anfang des Balles in
-der Universität, Terrasse, Gärten, Masken ... Illumination und
-offizielle Huldigung ... Wozu das alles? Renates Gesicht erschien, er
-schluchzte trocken ... Niemals -- niemals -- niemals ... Und sie würde
-die Frau seines Vaters ... Herrgott, was soll das werden? Das war
-niemals zu ertragen. Er legte das Gesicht in die Hände, ihm war, als ob
-er weinte, aber er weinte nicht. Gelacht hatte sie, krampfartig gelacht.
-Ja, es war wohl sehr komisch. Um halb neun war ich bei ihr, dachte er
-nüchtern, und Vater -- oh Vater war der Mann der Tat und stand früh auf.
-Warum hatte er übrigens bis heute gewartet, und warum nicht bis morgen?
--- Niemals -- niemals --. Ihm brannte die Brust, er fühlte sich matt und
-elend. Dieser wahnsinnige Ritt. Ich komme nicht hinein, dachte er,
-Montfort hat recht in jeder Beziehung.
-
-
- Heimkehr
-
-Vor der Tür des Schlößchens erwarteten ihn zwei unbekannte Lakaien, die
-er wegschickte. Seine Zimmer sahen ihn fremd an und fürchterlich unnütz.
-Er ging durch das Schlafzimmer ins Badezimmer, holte das Schlüsselbund
-hervor und öffnete das heimliche Gemach. Schön dämmrig lag es in der
-Nachmittagssonne, die breite goldene Dämme durch die Fenstervorhänge
-hineinstellte. Still, sehr schön, edel -- trotz Cora -- stand das
-wolkige Himmelbett. Er dachte: Ja, Cora war darin, so konnte es wohl
-nichts werden ... und fiel vor dem Kopfkissen auf die Knie, legte die
-Stirn auf den Bettrand und verlor sich. Er sprang wieder auf und ließ
-sich rücklings auf das Weiche hinfallen, lag ausgestreckt, dankbar für
-die Wohltat des Ruhens. Da schrillte fern im Zimmer das Telephon, aber
-erst, da es gar nicht wieder aufhören zu wollen schien, entschloß er
-sich aufzustehn, ging hin und nahm den Hörer ans Ohr. Er wollte sagen:
-Prinz Trassenberg, -- aber -- nein, Großherzog war er ja noch immer
-nicht ganz, so sagte er nur wie Birnbaum »Ja?«
-
-Eine Männerstimme fragte: »Hoheit?«
-
-»Ja.«
-
-»Zwillinge!« schrie die Stimme Schleys so fürchterlich laut, daß ihm das
-Ohr schmerzte, »Zwillinge! Zwei Sozialisten!«
-
-Georg begriff Augenblicke lang gar nichts, dann entfuhr es ihm: »Was?
-Virgo? deine Frau? Donnerwetter!«
-
-Schley drüben schien zu lachen, rief dann: »Ich glaube, Hoheit, du bist
-der elfte, der Donnerwetter sagt, das scheint bei Zwillingen das einzig
-Mögliche.«
-
-Georg wußte nicht, was er denken sollte. Der Begriff Zwillinge verdeckte
-für den Augenblick alles, er konnte nur fragen: »Und Virgo?« wobei er
-nun denken mußte: Dieser Name -- und Zwillinge ...
-
-»Danke, vortrefflich,« hörte er Schley sagen, »ein wenig sehr matt, aber
-sie ist immerhin im besten Alter, -- freilich, als der zweite heraus
-war, bin ich dem Tode fast so nah gewesen wie sie, ohne mich brüsten zu
-wollen, -- stell dir vor! Ich war am Ohnmächtigwerden vor Wut. So ein
-kleiner Mensch wie sie und in Stücke gerissen ...«
-
-Georg schauderte plötzlich; er sah zwei unflätige Riesen, und Virgo im
-Bett, schreiend, sich wälzend, und die Riesen zerrten an ihren Beinen
-... Er schüttelte sich.
-
-»Ich habe geflucht und gebetet,« sagte Schley, »und der Arzt, es war zum
-Tollwerden, er tat wie ein Athlet, der seine Tochter Kunststücke machen
-läßt und lacht, wie gut sie's kann. Aber nun stehn die Namen wenigstens
-fest.«
-
-Georg erinnerte sich der unzähligen Verhandlungen über die Namensfrage,
-und wie Virgos Mann sich erbost hatte, daß ein Junge Georg, ein Mädchen
-Georgine heißen sollte.
-
-»Nun?« fragte er. »Ja, weißt du,« hörte er Schley kleinlaut sagen, »beim
-ersten schrie sie immerfort: Georg! ...« Georg zuckte das Herz. Da hatte
-sie gelegen und seinen Namen geschrien ... Und er, wo war er? -- »Beim
-zweiten«, fuhr ihr Mann muntrer fort, »sagte sie gar nichts, da
-knirschte sie nur, aber als ich dann ins Zimmer durfte, sagte sie nur:
-Wolf... -- mit ihrer tiefen Stimme, und wie sie dalag --« Georg sah sie
-daliegen, sah die übermenschlich groß gewordenen braunen Augen unter dem
-knabenhaften Haarbusch im kleinen, weißen Gesicht -- »und mich ansah,«
-sagte Schley, »ja, -- da bin ich umgefallen ...« Seine Stimme zitterte
-heiser. »In meinem Leben habe ich nicht so geweint«, sagte er.
-
-Sie schwiegen Beide. In Georgs Gehör brach Gesang auf, die Glucksche
-Melodie: Ach ich ha--be sie -- verlo--o--ren ...
-
-»Also heißen sie Georg und Wolfgang«, sagte Schley.
-
-»Hoffentlich«, meinte Georg matt, »kann man sie unterscheiden.«
-
-»Na, vorläufig ist nicht dran zu denken, einer wie der andre ist eine
-rote Zuckerrübe mit einem schwarzen Busch auf dem Kopf, ich weiß längst
-nicht mehr, wer Georg und wer Wolfgang ist, die Hebamme ist der einzige
-Zeuge, und Virgo will ja nun durchaus, daß dem Georg ihr einer Ohrring,
-der kleine goldene, eingeklemmt wird, und ob du einverstanden wärst?«
-
-Ja, Georg war einverstanden. »Und bitte: tausend Grüße, und wenn ich nur
-einen Augenblick heute frei hätte, so käme ich.«
-
-»Ja, höre, Georg, noch etwas --« sagte Schley, »hast du meinen Schwager
-getroffen?« Georg verneinte. »Er wollte dich treffen und ging schon früh
-fort; er hatte kein Kostüm und wollte sehn, daß er noch eins bekäme, er
-müßte dich heute noch sprechen. Zurückgekommen ist er nicht, auch nicht
-zum Essen, aber er hat angeläutet -- ich war grade in die Apotheke
-hinüber -- und hat sagen lassen, falls ich erführe, wann du Zeit für ihn
-hättest -- er würde wieder anrufen ...«
-
-Georg dachte nach. Halb vier, fünf, -- »Ja, zwischen sechs und sieben
-wäre es möglich«, sagte er.
-
-»Schön, zwischen sechs und sieben! ich habe leider keine Ahnung, um was
-es sich handeln mag. Adieu, Hoheit! Wie fühlst du dich denn? Der Festzug
-soll ja großartig ...«
-
-»Ja, es war schade, daß ihr gar nichts zu sehn bekamt. Also leb wohl,
-leb wohl!«
-
-»Adieu, Georg!«
-
-Georg legte langsam den Hörer nieder und glitt in den Armstuhl zurück.
-Die Sonne, die den ganzen Schreibtisch vor ihm bedeckte, blendete seine
-Augen, er setzte sich zurück, beschattete die Augen, den Ellbogen
-aufstützend, und sah, undeutlich hinterm blitzenden Glase, Virgos
-Photographie, während es durch ihn hinsang: All mein Glück -- ist nun --
-dahi--in ... Esthers Bild nahm ich fort, dachte er, ich gab Esther für
-Renate, ich gab Virgo für Renate. Esther starb, und Virgo bekam
-Zwillinge. Sonderbar, man sagt doch immer: bekam, obgleich eigentlich
-... Freilich, ich gab sie nie ganz, und infolgedessen legte Renate sich
-über den Stuhl und bekam einen Lachkrampf. Kann man das so aufreihn:
-Bekam Lachkrampf, bekam Zwillinge, bekam Tod ... Schwer und verdumpft
-fühlte er seine Brust, er sah Renate, auf dem silbernen Pferde ganz
-klein am Fuß des Dammes, wie sie in die Arena ritt, dann ihr Profil
-unterm Thronhimmel ... Immer wieder kehrst du, Melancholie ... hörte er
-sagen. Von wem war das noch? Von Trakl, zuerst hörte ich es von Josef,
-oh ich weiß noch, in der Droschke, als wir zu Lenusch fuhren, und
-Cornelia Ring, -- Cordelia ... An seinen Lippen brannte plötzlich
-Renates Hand, er schmeckte ihre Haut, Tränen schossen ihm in die Augen,
--- oh nicht weinen! sagte er sanftmütig. Ich war ja glücklich heut, oh
-wie war ich glücklich! Es war ein Rausch, ich glaube, es war im Grunde
-ganz unnatürlich. Ja, sehr -- denn wie konnte ich so tief und lange
-schlafen am Waldrand? Was ist hier nicht in Ordnung? fragte er scharf,
-sich vorsetzend.
-
-Ach, ich ha--be sie ... Die kleine Uhr vor ihm schlug dreimal hell, er
-sah die Zeiger auf drei Uhr stehn. Schwerfällig stand er auf. Nun also
-Haltung! mahnte er sich und kam nicht weiter. Alles schien grau. Nur die
-Sonne brannte und brannte. Die Farbe Renate erlosch, und -- richtig,
-sagte Georg, alles kam, wie es kommen mußte, sagt Georg Hermann; wer
-Renate will, hat allein sie zu wollen. Wer Renate will, hat allein sie
-zu wollen. Wer Renate will ... Wer Renate will ... Jählings faltete er
-die Hände, seine Lippen zitterten, das Weinen stieg ihm in die Kehle, er
-wand sich, die Knie sanken ihm ein, er flüsterte: Renate, Gott im
-Himmel, Renate, ich kann ja nicht, oh mein Gott, ich kann ja nicht! Dann
-schüttelte er sich barsch, ging zur Wand und drückte auf den
-Klingelknopf. Er schwankte, sein Kopf fiel vornüber, er stand, den Arm
-gegen die Klingel gestemmt, als der Lakai eintrat. Drei Sekunden hatte
-er verständnislos ein uralt scheinendes, faltiges, gütig aussehendes
-Gesicht über einer grünen Livree vor sich, dann dachte er langsam: Ach
-so! es geht ja weiter, immer weiter ...
-
-»Wie heißen Sie?« fragte er leise.
-
-»Albert Neffe, königliche Hoheit«, sagte eine farblose Stimme. Das Wort
-königliche Hoheit machte Georg sonderbar hochgehn. Er gab dem alten
-Manne die Hand und sagte, unfähig, laut zu sprechen:
-
-»Gut, Albert. Sie sind ein alter Mann. Ich verlange nicht viel. Sie
-erfahren meine Gewohnheiten von Egon. Ich pflege alles allein zu tun.
-Heut können Sie mir helfen. Also hurtig!«
-
-Er lächelte. Als der Kammerdiener ihm den Rücken drehte, fragte er ihm
-nach: »Wie alt sind Sie?«
-
-Der Alte drehte sich und stand still, Georg sah seine weißen Strümpfe
-und hörte ihn sagen: »Königliche Hoheit, zweiundfünfzig.«
-
-»Na, da sind Sie ja noch ein ganz junger Mann!« Der Diener lächelte
-gütig, aber dabei ward eine Zahnlücke im linken Mundwinkel sichtbar, und
-im Augenblick erschien hinter dem ersten, faltig vornehmen ein ganz
-anderes Gesicht, das heimlich kümmerliche eines gewöhnlichen alten
-Mannes. -- Er verschwand im Schlafzimmer.
-
-Merkwürdig, dachte Georg, was es für Menschen giebt! Der sah erst aus,
-als ob er die Livree auch nachts nicht auszöge, auch nicht im Traum. Er
-war ja nur Gesicht, alles Übrige waren Leib und Beine, ausgestopft und
-nur -- Stütze. Sowas lebt auch. Tante Henriettes Mann sieht aufs Haar so
-aus wie er, -- und eigentlich ists auch kein Gesicht mehr, es sind nur
--- -- Er fand nicht, was es war, verlor Zusammenhang und Gedanken. Das
-macht die Gewohnheit, sagte er mit jäher Erkenntnis, ja die Gewohnheit
-... Er fuhr heftig zusammen. Dann richtete er sich auf und ging schnell,
-aufrecht und ganz blind ins Schlafzimmer.
-
-
- Fünftes Kapitel
-
-
- Heimkehr (die andre)
-
-Renate ging zu Ulrika, blieb vor ihr stehn und merkte, daß ihr Gesicht
-sich wieder in Lächelfalten verzog. »Komm bloß fort,« raunte sie ihr zu,
-»es ist furchtbar mit mir, ich -- ich sage dir gleich alles!«
-
-Im Treppenhaus, nach dem Geländer fassend, blieb sie stehn, aber kaum
-daß sie, zu Ulrika gewandt, herausbrachte: »Georg --« prustete sie nur,
-ergriff Ulrika am Arm, zog sie die Treppe hinunter und zwang sich
-unterwegs, heftig den Kopf aufrecht stellend, zum Ernst. »Wie ist es
-denn,« fragte sie unten, »kommst du mit mir?«
-
-Während sie Ulrika leise sagen hörte: »Ja, ich möchte gern«, fiel ihr
-Josef ein -- wo war er geblieben? -- und alles andre, ihr Herz wollte
-sich zusammenziehn, aber der helle Sonnenglanz über dem bunten,
-lebhaften Gedränge im halben Schatten der Gasse und, da ihr Blick von
-selber aufwärts ging, große, schimmernde Wolkengebäude im starken Blau,
-die zwischen die scharfen, altertümlichen Dächer und Kanten
-herabzusinken schienen, machten sie leicht und sicher. Josef wird schon
-dort sein, dachte sie, jedenfalls kann ich mich auf ihn verlassen; es
-wird alles gut. »Komm nur mit, Ulrika, ich sage dir alles unterwegs.«
-Der große Türsteher murmelte etwas ... »Ja, meinen Wagen,« antwortete
-sie, sich umsehend, »da steht er ja!« Sie gingen hin, stiegen ein,
-rollten ab.
-
-Ernsthaft jetzt und wehmütig dachte sie Georgs. »Ich habe den guten
-Georg eben sehr gekränkt,« begann sie, »weißt du -- ich bekam einen
-Lachkrampf, ach, gar nicht seinetwegen, er war nur der Anlaß, weißt du,
-es hatte sich wohl alles mögliche angesammelt, das brach nun auf diese
-Weise los. Ja, weißt du -- Nein,« unterbrach sie sich verstimmt, »dies
-beständige Weißtu --, ich bin ja ganz kindisch geworden. -- Ich sagte
-dir ja,« fuhr sie gefaßter fort, »daß der Herzog und ich uns
-zusammengefunden haben, und eben nun -- kommt Georg und will mir einen
-Antrag machen. Siehst du, nun lächelst du sogar!« Sie fiel der
-lächelnden Ulrika um den Hals, küßte sie und stammelte: »Ach, Kind, ich
-bin ja so glücklich! Nicht wegen Woldemars, -- das heißt, natürlich auch
-seinetwegen, zumeist seinetwegen, aber -- du weißt ja nicht: Josef ist
-schon lange wieder hier, seit wir aus Helenenruh zurückkamen im vorigen
-Herbst, erinnerst du dich des Tages? Bogner und du, ihr wart da, ihr
-lachtet soviel -- Kind, was ist denn mit dir?« unterbrach sie sich, da
-Ulrikas Gesicht sich schmerzlich verdüsterte.
-
-»Nur weiter,« bat sie freundlich, »ich komme nachher schon mit meinen
-Geschichten.«
-
-Besorgt und zaudernd, Ulrikas kalte Hand in ihrer warmen, fuhr Renate
-fort: »Er wollte sich aber seinem Vater nicht zeigen, und ich, weißt du,
-ich war so töricht --, ach, wie war ich doch töricht!« Sie schwieg, sich
-verlierend, sprach dann hastig weiter:
-
-»Einen Grund, weshalb er nicht zu seinem Vater gehen wollte, sagte er
-nicht, aber da er mich merken ließ, daß er überhaupt nur um meinetwillen
-wiedergekommen war, und weil er auch gleich sagte: Wenn _ich_ es von ihm
-verlangte, so -- ja, da war ich so töricht -- -- ach, aber das war es ja
-nicht, -- was man tut und denkt und sagt, das ist es ja alles nicht ...«
-Sie legte das Gesicht in die Hände, sah sich in Josefs Armen, grübelte,
-murmelte endlich: »Es läßt sich nicht ausdrücken. Ich habe ihn lieb,
-Josef, er zieht mich unweigerlich an, und so fürchte ich ihn wohl --,
-nein, du kannst es nicht verstehn. Ich weiß bestimmt, daß ich ihn
-niemals lieben könnte, aber wenn er da ist, so bin ich -- schwach, --
-wehrlos, weißt du, irgendwie, -- ja -- es _läßt_ sich eben nicht sagen.
-Ich bin nicht schwach, wenn er da ist, im Gegenteil, ich bin durch und
-durch hochmütig und bin kälter und abweisender als je, aber hinterher
-könnte ich manchmal zu Boden sinken vor Schlaffheit, und dann merke ich
-wohl, was die aufrechte Haltung vorher mich gekostet hat. Und so, weißt
-du --, ja, so stand er eben, so stand ich eben zwischen ihm und dem
-Onkel, du hörtest vielleicht, er sagte es selber heut, und -- er war
-fort, die Zeit ging hin, ich kämpfte, ich -- --
-
-»Es war -- unmöglich«, schloß sie. Danach schüttelte sie alles ab,
-setzte sich zurück, nestelte den Schleier unter dem Kinn los, nahm den
-Kronenring ab und behielt ihn im Schoß. Ihr war sehr warm; auch die
-Luft, die voll durch die offenen Wagenfenster hereinströmte, war allzu
-lau, um zu erfrischen. Sie sah, daß sie schon die Steigung der Döhrener
-Heerstraße hinanrollten, rechts lagen die roten, festungsähnlichen Werke
-der Zuckerfabrik, in der Tiefe die Bahngleise.
-
-»Und du?« fragte sie leise und liebevoll, sich wieder zu Ulrika wendend
-und ihre Hand fassend.
-
-»Du,« antwortete Ulrika nach einer Weile, »sage, was du willst, du bist
-doch immer frei und rein und triffst das Rechte. Ich bin am Klavier
-aufgewachsen, damit ist wohl alles gesagt. Wie so ein Klettergewächs
-habe ich mich von allen Seiten immer nur um meinen schwarzen Freund
-gerankt, der Flügel war alles, und dann --«
-
-Da sie verstummte, hörte Renate Worte Jasons undeutlich vorübereilen:
-Ulrika Tregiorni hatte bis zum Heimkehrtage Benvenuto Bogners niemals
-nachgedacht -- hieß es nicht so? Wie seltsam er gleich alles in einen
-Anfang zusammengefaßt hatte ...
-
-»Und dann«, hörte sie die Freundin weitersprechen, »merkte ich eines
-Tages, daß einer mich dicht über der Wurzel abgeschnitten hatte. Ich
-verdorrte nicht, oh nein!« sie lächelte glücklich und verloren, »im
-Gegenteil, es war ja herrlich, ich blühte mir noch einmal so schön und
-reich, nur -- -- ich hatte keine Wurzel mehr.« Sie brach ab.
-
-Renate sah, aus dem Fenster blickend, Tore, Kapellen, rote Mauerzüge und
-die Gruftgiebel und Lebensbäume des Friedhofs hinter den staubigen,
-sonnigen Äckern und Gärtnereien neben der Straße. Da irrten ihre
-Gedanken schon ab und vorauf in das nahe Haus, sie mußte Atem schöpfen
-und fühlte die Beklemmung. War er wirklich schon da? -- Oh, Josef war
-ritterlich, vielleicht hatte er sie das Geschehnis schon fertig
-vorfinden lassen wollen, oder auch -- es konnte ja fehlschlagen -- ihr
-den Anblick der Enttäuschung ersparen. --
-
-»Ja, wie ist es denn nun?« hörte sie Ulrika fragen, »Josef kommt also
-heute?«
-
-»Ich hoffe, er ist schon da.«
-
-»Ja, störe ich dann aber nicht ...«
-
-Da merkte Renate, daß sie bei aller Zuversicht doch heimlich einen Halt
-in Ulrika mit sich genommen hatte, umschlang sie zärtlich und beschämt
-und dachte -- ihr versichernd, daß sie gewiß nicht stören könne --, wie
-grausam besinnungslos der Mensch doch immer um sich fasse, sobald er nur
-eben ins Schwanken geriet, unbekümmert, ob der, nach dem er griff, nicht
-heftiger selber im Schwanken war.
-
-»Ach, vielleicht«, sagte sie verstört und furchtsam, »ist die Krankheit
-meines Onkels ja doch unheilbar, und dann -- dann wird es gut sein, wenn
-ich dich in der Nähe ... ach, vergieb nur, Liebste, nun belade ich dich
-auch noch mit mir!«
-
-Ulrika zeigte eine zuversichtliche Miene und versicherte, der Arzt habe
-es doch wiederholt gesagt, daß es sich gewiß nicht um eine
-Gehirnkrankheit handle, sondern um ein Gemütsleiden, und -- »ja, ja,«
-fiel Renate erleichtert ein, »er war immer ein so weichmütiger Mensch
---, und sicherlich giebt es das, daß ein Mensch sich etwas so zu Herzen
-nimmt, daß er -- daß er eben aus dem Gleis kommt, sich selbst vergißt
-und nur den einen Gedanken verfolgt ...«
-
-»Wir kennen es«, sagte Ulrika langsam, »ja Alle selber so gut, die
-Anfänge davon, dies --« sie schauderte -- »oh dies besinnungslose
-Dastehn, mitten in irgendeinem Tun, nicht weiter Wissen, minutenlang,
-und -- wir sind da!« schloß sie hastig. Der Wagen hielt.
-
-
- Veranda
-
-Das Herz schlug Renate in den Hals hinauf, als sie durch den Vorgarten
-zum Hause ging, aber dem entgegenkommenden Hausmädchen war nichts
-anzusehn, Renate wagte nicht, zu fragen, warf im Flur den Mantel ab und
-trat in die Halle. Durch das offne Fenster sah sie den Tisch in der
-Veranda gedeckt, dann, durch die Tür, draußen Erasmus, noch gepanzert,
-mit Magda, die einen seiner Arme hochhob und ihn betrachtete, und Renate
-hörte ihr Lachen. Dann wurde Erasmus ihrer gewahr, Beide kamen auf sie
-zu, Erasmus in bester Haltung, aber -- was war mit seinen Augen? Sie
-glühten und glichen Georgs Augen, als der ... Ihr Herz zog sich
-ängstlicher zusammen. Wäre nur Josef erst da! dachte sie, alles von ihm
-erhoffend.
-
-Erasmus nahm ihre Hand, küßte sie sogar und sagte mit seiner dunklen
-Stimme: »Na, endlich, wir haben einen bärenmäßigen Hunger.«
-
-Renate umarmte Magda. -- »Du siehst wirklich vortrefflich aus,« sagte
-sie mühsam zu ihm, sich von Magda losmachend, »du solltest immer so
-gehn, weißt du!«
-
-Er lachte verlegen: es sei etwas warm, -- und sie hatte ihn im Verdacht,
-daß dies gute Aussehn der Grund war, weshalb er sich noch nicht
-umgezogen hatte. Doch zog es sie nun zum Onkel, sie bat die Andern, auch
-Ulrika, die hereinkam, um Entschuldigung und ging hinaus, die Treppe
-hinauf und stand vor der Tür, hinter der sie Schritte hörte. Er ging
-wieder auf und ab! Nun machte er halt; nun ging er wieder zurück ... Sie
-öffnete leise und trat ein. Er stand mitten im Zimmer und sah ihr
-entgegen.
-
-Seine Augen hatten Blick, er sah. Sekunden stand sie fassungslos, ihre
-Hände falteten sich, sie flüsterte: »Onkel ...«
-
-»Ja,« sagte er, »ja, was ...«
-
-Er sprach ja! Er sprach ja wieder!
-
-Aber was nun? Josef, oh wärst du da! Sinnverwirrt, angstvoll, die
-einzige Minute, diese, verstreiche ungenutzt, senkte sie die Stirn,
-wußte nichts. Als sie wieder aufsah, hatte er sich abgewendet, blickte
-nach dem Fenster, nach der Straße. -- Stand Josef unten? -- Sie machte
-zwei Schritte vor, unten die Straße war leer. -- Aber -- war er nicht
-größer geworden? Der seltsame, ganz kahlglatte, hohe und gerundete
-Schädel, die steile, von den Brauen fast vornübersteigende Stirn und
-dicht unter den Augen das weiß und glatt nach unten fließende lose
-Barthaar machten ihn trotz der schwarzen Joppe zu einer Figur der Zeit,
-aus der sie kam; er glich einem heiligen Antonius oder Hieronymus.
-
-Sie ging nun zu ihm und berührte seinen Arm. Er wandte das Gesicht, ein
-wenig tiefer als das ihre, mit einem Zucken, sah sie fremd an. Nein,
-nicht völlig fremd, nicht wie sonst, und -- Unruhe ist es, frohlockte
-Renate, und allen Willen und Einfluß aufbietend, bat sie: »Komm, Onkel,
-es ist Essenszeit!« Schob die Hand in seinen Arm, zog und drängte sanft.
-Er folgte.
-
-Zitternd, sich gewaltsam haltend, weinend, lachend, angstvoll,
-triumphierend im Innern, führte sie ihn die Treppe hinunter in die
-Halle. Erasmus stand draußen an der Verandatreppe, an den Eisenpfeiler
-und die Weinranken gelehnt, herunterblickend auf Ulrika und Magda mit
-einer fast leutseligen Haltung. Jetzt sah er seinen Vater, die Frauen
-wandten sich, Renate legte den Finger vor den Mund und sah, wie Erasmus
-seine erschreckten Züge beherrschte. In der Verandatür, an Magda
-vorübergehend, flüsterte Renate: »Noch ein Gedeck!« und führte den Onkel
-um den Tisch, wo er sich ohne Widerstand auf den Stuhl am weitesten
-rechts, vor der Seitenwand der Veranda niedersetzte. Sie setzte sich in
-seiner Nähe mit dem Rücken zum Garten, winkte Erasmus seinem Vater
-gegenüber und sagte, so leicht sie konnte: »Nun erzähle, Erasmus, wie
-war es! Hoffentlich hast du nirgend Schaden angerichtet mit deinen
-Blumen!«
-
-Ulrika setzte sich ihr gegenüber, auch Magda kam herein, dann der
-Diener, der vor dem alten Mann deckte. Erasmus bewährte sich
-außerordentlich und sagte, es sei ungemein lustig gewesen. Dann redete
-er kräftig darauflos, er sei überhaupt der einzige, der richtig
-begreifen könnte, wie schön so ein Tag sein könne, er plagte sich
-jahrein, jahraus, daß genug Essen auf den Tisch komme, -- oh, er gab
-sich glänzend preis! -- und ob Renate wohl ein einzig Mal bedacht hätte,
-daß es sein saurer Schweiß wäre, in den sie sich kleidete, niemals
-dächte sie daran. »Kinder, Kinder,« sagte er, »was Mädchen, was Mädchen!
-Eine Zeitlang dachte ich, es wären immer dieselben wie im Theater, wo
-immer dieselbe Korporalschaft über die Bühne marschiert im Triumphzug
-des Germanikus, oder war es in Aida?« Und er fing an zu erzählen, wie
-sie als Schüler Statisten gemacht hatten, -- Renate lachte das Herz im
-Leibe, wie sie ihn heiter und gelassen die Augen von Einem zum Andern
-bewegen sah, nur seinen Vater vermeidend, der indessen in sich versunken
-war, die Hände neben seinem Teller auf dem Tischtuch, ohne etwas zu
-essen.
-
-Erasmus schenkte Wein ein. Plötzlich sah Renate das Gesicht Magdas, die
-eben ihr Glas aus Ulrikas Hand nahm, stillstehn, indem sie nach draußen
-blickte. In die Augen kam Schrecken, Renate drehte sich langsam, von
-ihrem Onkel abgekehrt, um und sah im Garten Josefs Gesicht, frei, die
-heile und die schreckliche, rote Hälfte; er trug noch die schwarze
-Kutte, deren Kapuze hinter seinem Kopf abstand, seine Hände unten waren
-etwas gespreizt, er sah nicht seinen Vater, sondern seinen Bruder an,
-vorbei an Renate, die sich langsam wandte. Erasmus setzte eben den
-Pfropfen auf die Flasche und stellte sie vor sich auf den Untersatz,
-ergriff sein Glas und wollte sich wohl zu Renate wenden, aber sie drehte
-sich weiter, -- und da saß Josefs Vater und hielt das Gesicht in den
-Händen. Renate preßte ihr Herz gewaltig zusammen, stand ruhig auf, trat
-zu ihrem Onkel, faßte nach seinen Händen und sagte: »Josef ist im
-Garten, Onkel, soll er nicht hereinkommen?« Und sich zurückwendend,
-winkte sie Josef mit den Augen.
-
-Jetzt hatte ihr Onkel die Hände fallen lassen, sie sah seine Augen, die
-erst angstvoll und suchend nach den ihren griffen, aber gleich glitt der
-Blick weiter, und dort stand Josef, den Kopf etwas gesenkt und sah
-seinen Vater an. Neben ihm Erasmus war an die Wand zurückgetreten, seine
-Augen standen auf seinen Bruder gerichtet, als sollten sie ihn
-durchbohren, Renate sah etwas in seinen geschlossenen Händen, das --
-nein, das nicht ein Obstmesser zu sein schien! Und da war auch schon
-wieder das Gesicht seines Vaters, der sich langsam vom Stuhl erhob,
-während Josef mit seltsam heller und klingender Stimme sagte: »Da bin
-ich wieder, Vater, aber ich habe mich abscheulich verändert. Laßt euch
-nicht stören«, sagte er zu Ulrika und Magda, die aufgestanden waren.
-
-Sein Vater fuhr mit der rechten Hand über die Stirn, lächelte und sagte:
-»Wahrhaftig, Josef! Ich dachte fast, du hättest uns vergessen! Da kommst
-du ja grade recht zum Essen.«
-
-Josef trat zu ihm, sie drückten sich die Hände, Josef legte seinem Vater
-einen Augenblick die Linke auf die Schulter, Renate sah, wie der alte
-Mann sich duckte, seine Lider zitterten, aber er bezwang sich, mit einer
-ungeheuren Kraft, wie es schien, blickte leicht in Josefs entstelltes
-Gesicht empor, schüttelte langsam den Kopf und meinte: »Ein Adonis bist
-du gewesen, mein Junge.«
-
-Josef lachte herzlich. »Du weißt ja, Papa, es ist Adonislos, daß ihn die
-Evierinnen zerfleischen!«
-
-Sein Vater fiel munter ein und sagte: »Setz dich, setz dich doch, iß und
-trink und erzähle!«
-
-Da nahm er Renates Stuhl. Sie drehte sich um. Erasmus war nicht mehr da,
-und sie setzte sich schnell an seinen Platz. Der Diener, der schon
-gewartet hatte, kam leise und sammelte die Teller ein. Renate faltete
-unter dem Tisch die Hände, mußte aber unter ihren Gebetsworten bemerken,
-daß es doch das Obstmesser gewesen war, denn es fehlte. Sie zuckte einen
-Augenblick, Erasmus nachzugehn, hörte jedoch ihren Namen, blickte
-rundum, lachte und sagte, atmend aus voller Brust:
-
-»Also wären wir Alle wieder beisammen. Wie lange warst du fort, Josef?
-Keine drei Jahre, weißt du, schreiben hättest du wohl einmal können, wo
-du überall gesteckt hast.«
-
-Josef wandte sich halb zu seinem Vater und bemerkte halblaut:
-»Iphigenie! sie hat sich nicht verändert, oje-oje!« und Renate merkte,
-daß sie den rechten Unterarm auf der Tischplatte vor sich liegen hatte,
-den linken aufgestützt und das Kinn in der Hand.
-
-Ein wenig später war Renate unter fernem Stimmengeschwirr und Lachen
-sich nicht mehr klar, was sie tat, sprach oder empfand, fühlte sich
-selber undeutlich in lebhaftester Erregung und Bewegung und hörte nur
-einmal Josefs Stimme, wie er zu seinem Vater sagte: »Sieht sie nicht
-aus, als ob sie einen ganzen Nachtigallenschwarm in der Brust hätte,
-Papa?« und er sagte noch weiter etwas von Rosen und Lilien ihres
-Gesichts, die von diesem, unten hineingesetzten Nachtigallenschwarm ins
-Wanken und völlig durcheinandergekommen seien. Sie hörte ihr eigenes
-Lachen fern, dann schien es ihr, als sei von ihrer oder Ulrikas Kleidung
-die Rede, -- nein, er beschrieb das mittelalterliche Bild, das er vom
-Garten aus gesehen habe: Ulrika und Renate in ihren farbigen Kleidern
-und Kopfzierden, Erasmus im Panzer, der Eremitenkopf seines Vaters, --
-ein bißchen Veronese, aber sonst ganz ...
-
-Plötzlich stand alles für einen Augenblick still, sie sagte: »Ja, nun
-müßt ihr aber etwas hören! -- Ich habe mich verlobt.«
-
-Es war still geworden.
-
-»Verlobt?« fragte ihr Onkel leise; seine dunklen Augen standen fest,
-dann senkten sich langsam die Lider darüber. »So. -- Ja, mit wem denn?«
-hörte Renate ihn noch leiser fragen.
-
-Erschreckt blickte sie auf Josef, sah den roten Fleck seines rechten
-Gesichts und die linke Braue leicht angehoben.
-
-»Mit dem Herzog, -- Herzog Trassenberg, Onkel,« sagte sie unsicher, für
-Sekunden ratlos, was dies bedeute, und fügte mit wankender Stimme hinzu,
-er habe zwar ihr Wort noch nicht, aber ... Da wußte sie, daß ihr Onkel
-an seinen Sohn dachte. Sie sah ihn ängstlich zur Seite nach Josef spähn;
-Josef beugte sich ein wenig zu ihm und sagte ironisch: »Ja, willst du
-eigentlich nicht gratulieren, Papa?«
-
-Nun stand er langsam auf, aber diesmal, merkte Renate, gelang ihm die
-Beherrschung nicht, er legte die Hände zusammen und fragte furchtsam:
-»Josef -- verzeih, aber -- ich habe immer gedacht ...«
-
-Jetzt rückte Josef, vor Staunen fassungslosen Gesichts, seinen Stuhl
-nach hinten, sah zu seinem Vater auf, erst wie völlig verwirrt, dann
-fragend, endlich strafend, und sagte: »Ja, nun brennen alle Kandelaber,
-Papa! Renate, ists nun hell genug? Ich und du, stell dir vor! Eiweih
-geschrien!«
-
-Renate lachte, so hell sie konnte, es fiel ihr schwer, da Josef das
-heile Auge zusammenkniff, wodurch sein Gesicht zu einer scheußlichen
-Grimasse wurde, aber sein Vater konnte es nicht sehn, und sie atmete
-erleichtert auf.
-
-»Ja, dann,« sagte er zögernd, »dann wird der Herzog wohl zu mir kommen
-wollen?«
-
-Renate nickte und hörte Josef sardonisch fragen, ob er Angst vor
-Herzögen habe. Nun lachte er gütig, ergriff sein Glas und richtete sich
-mit Würde auf. »Dein Wohl, mein Kind,« sagte er, »von Herzen dein Wohl
-und das seine! Ich werde den Herzog mit viel Freude empfangen, denn von
-ihm hat man ja nur Schönes und Gutes und --« Er stockte, und Renate
-vermeinte, er erinnere sich, daß der Herzog verheiratet war, dann fuhr
-er mit plötzlich bebender Stimme fort: »-- und Edles gehört.« Das Glas
-entfiel seiner Hand, Tränen brachen stromweise aus seinen Augen, er
-drehte sich zu Josef um und stammelte: »Josef! Josef! Mein Sohn ist
-wiedergekommen! mein Sohn hat mich nicht verlassen, er war tot und ist
-wieder lebendig -- geworden --«
-
-Er brach ab, schluchzend an Josefs Brust, der, selber ganz grade
-stehend, ihn mit den Armen umschloß, einmal schnell und fest die Lippen
-auf seinen Kopf drückte und wieder grade stand.
-
-Renate wandte sich glücklich ab und sah den Garten in der Sonne, den
-hellgrauen Sockel der Uhr und seltsam deutlich den Schatten des Zeigers
-auf der braunen Metallscheibe; die Stunde freilich war nicht zu
-erkennen; dann verschleierten sich ihre Augen. Bald darauf hörte sie das
-Weinen ihres Onkels leiser werden und Josefs liebevolle Frage, er sei
-gewiß müde, ob er sich nicht niederlegen wolle? -- Ja, er sei müde, sehr
-müde ... kam die Antwort. Sie sah, sich wendend, wie er gebückt,
-glücklich lächelnd durch nasse Augen, sich von Josef fortführen ließ,
-und spürte, als habe das Wort >müde< sie verzaubert, nun eine rieselnde
-und süße Mattigkeit in allen Gliedern, die zugleich alles umher in
-Goldstaub und grünes Geflimmer auflöste. Sie überwand sich aber,
-plötzlich von einer Woge der Dankbarkeit und Liebe zu Josef überspült,
-rührte seinen Arm an, und da er sich umwandte, so legte sie die Arme auf
-seine Schultern, hob ihren Mund zu seinem, hatte aber nun so nah und
-deutlich die stramm gezogne, glatte und rote Haut seiner rechten Wange
-und darin das Augenloch mit den von allen Seiten zusammen- und
-hineingezerrten Falten dünner Haut vor sich, daß sie zurückgeschaudert
-wäre, wenn sie nicht wieder sein heiles Auge gesehn hätte und den Blick
-von sonderbar weichem Staunen, so daß ihr Mund nun stehn blieb, nicht
-weit von dem seinen, sekundenlange, während sie lächelte und ihn mit
-großer Zärtlichkeit anblickte. Zurückweichend, fühlte sie noch, daß er
-ihre rechte Hand ergriff und, das Gesicht sehr tief beugend, an den Mund
-drückte, und hörte ihn sehr leise sagen: »Es genügt. Ich habe nun nichts
-mehr zu wünschen und kann --«
-
-Danach entschwand er ihr; sie verging sich selber in Schlafverlangen,
-empfand noch, daß sie im Gehen, daß da Ulrikas und Magdas Gesichter
-waren, daß sie sprach und ferne Stimmen hörte, dann, daß sie durch den
-Garten schwebte, und endlich, daß sie sehr tief lag. Sie öffnete mit
-Anstrengung die Augen, hoch über ihr war wunderbares Grün, von Bläue
-durchbrochen, ganz nahe über ihr Ulrikas Gesicht und das Ende einer
-Hängematte. Sie wollte die Hand zu Ulrika hinaufheben, brachte es aber
-nicht fertig, und dann war nichts mehr.
-
-
- Sechstes Kapitel
-
-
- Garten
-
-Renate, die Augen aufschlagend, staunte über die Schönheit der Welt.
-
-Vom Schlummer tief erquickt, lag sie im Grase, leicht, ungeblendeten
-Auges, im Innern zart im Entflüchten abwärts lächelnde, farbige Träume,
-vor Augen die nahe von allen Seiten herangedrängten grünen Nischen und
-Bögen von Flieder, Goldregen und Holunder -- voll großer, noch grüner
-Beerenscheiben --, durchspannt von einer leeren Hängematte, durchstochen
-von langen, haarfeinen Goldstrahlen der Sonne, und nahe gegenüber
-seltsam schön und nachdenklich die durchsichtigen Züge Ulrikas; sie saß,
-seitwärts die Knie unterm blaßvioletten Rock, am Stamm der Kastanie; auf
-der goldenen Tunika mitten vor ihrer Brust brannte in feuriger Stille
-ein Sonnenfleck; das dunkelrote Haar war wieder in Flechten schwer
-aufgenommen; sie hatte die rechte Hand neben sich ins hohe Gras
-gestützt; die linke lag im Schoß zwischen einer großen, grünbeerigen
-Holunderscheibe und einigen aufgebrochenen Kastanien, grün mit noch
-weißem, feuchtem Kern. -- Glücklich in sich, glaubte Renate sich atmend
-zu fühlen mit ganzem Leib, wie in der Mutter ein Kind, auswärts strebend
-nach keiner Richtung, sondern alles in sich habend, Natur und Menschen,
-Gegangenes und Kommendes. Ich bin glücklich, dachte sie dankbar, nun
-darf ich es sein! Oh, wie gut ist der Schlaf! Josef ist im Haus, Onkel
-gesund und froh, und Woldemar fern und nah ... Holunderbeeren ... Wann
-sah ich die einmal schwarz an Ulrika? Zu Irenes Hochzeit trug Ulrika sie
-im Haar, ein schwerer, böser Tag, und nun ist doch alles wieder heil.
-
-»Sage, was denkst du, Ulrika?« fragte sie leise. Ulrika wandte langsam
-das Gesicht herüber, ihre Augen glitten über Renate hin und blieben
-stehn; mit einem eigentümlichen Blick von Glücklichkeit und Ferne, den
-Renate nicht recht verstand, sagte sie: »Ich horche ...«
-
-Bemüht zu lauschen, glaubte Renate in der Kapelle hinter sich Magdas
-Singstimme zu hören. Allein es war still. Ein kleiner Vogel zirpte
-entfernt im grünen Dickicht. Meinte sie den? Eine Scheu hinderte Renate,
-zu fragen.
-
-»Du«, sagte Ulrika nach einer stillen Weile, »hast eine Stunde
-geschlafen, und ich war glücklich unterweil.« Sie hob den Stoff im
-Schoße ein wenig an, so daß Holunder und Kastanien ins hohe Gras
-rollten, glättete ihr Kleid, ein paar winzige Blätter und Stacheln
-fortstreifend, und fuhr fort: »Glücklich. Eine volle Stunde. Freilich
-auch der Vormittag war schön, er war so heiter --, aber all das Bunte
-war nicht in mir, sondern lose herum, und auch das Glück meine ich
-nicht, das heiter ist, sondern das ernste. Eine Stunde davon, --
-vielleicht ist das so viel, wie ein Mensch wünschen darf, wenn ein
-Wunsch ihm freigestellt würde vom Schicksal. -- Und nun geht es wieder
-weiter.«
-
-Sie sprach sehr gefaßt. Ungewohnt tief klang Renate ihre langsame
-Stimme. »Sage nun alles«, bat sie schlicht.
-
-Ulrika faltete die Hände um das Knie, lächelte, sah aufwärts, und mit
-einem Schlage war ihr ganzes Gesicht so heilig, daß Renate auf das
-tiefste erschrak und sich und alles vergaß, kaum hinzuschauen wagend und
-bald nur noch hörend.
-
-»All meine Gedanken?« sagte Ulrika leise. »Ich will es versuchen. Eben
-stand alles still. Ein Vogel zirpte irgendwo, und mehr war nicht. Die
-Sonne wanderte, ihre Strahlen kamen schräger, und so füllte sich langsam
-die Schleuse. Nun steht die Flut bis zum Rand, die Fahrt geht weiter. Es
-geht langsam im Anfang, da kann ich noch allerlei am Ufer sehn, das
-geräuschlos zurücktritt, und es dir nennen.
-
-»Von ihm und mir, was früher war, weißt du alles. Zwischen Seele und
-Seele blieb alles so unverändert, wie ich es dir damals beschrieb, du
-wirst es noch wissen. Einmal machtest du einen Vers auf ihn, das ist
-lange her. Ein Selbsterzeugter und ein Selbsterzogner, so hieß es, und
-daran dacht' ich heut, als dein Vetter Josef von der Selbstsucht sprach.
-Auch er hat mir einmal davon gesprochen. Die Bienen, so sagte er, lassen
-die Giftblumen aus, aber nicht so das männliche Herz im Flug durch die
-Welt. Auch aus Unrat und Gift den lebendigen Honig zu schmelzen, das ist
-die Aufgabe des Werdenden bis zum siebenzigsten und achtzigsten Jahr. --
-Alle seine Worte stehn unverlierbar in meinem Herzen.
-
-»Doch liebe ich ihn nicht. -- Ich fürchte ihn vielleicht.
-
-»Zwanzig Jahre und mehr wuchs ich auf an mir selber, glaubte den
-Anforderungen des Lebens zu genügen, liebte meine Mutter und die
-Freunde, schrieb Briefe und las, nannte mich stolz eine Dienerin und
-fühlte daneben immerhin das Fehlende. Ich liebte niemand. Ich wußte es
-nicht, denn ich liebte die Kunst.
-
-»Er aber liebt nicht die Kunst, und: man darf sie nicht lieben, sagt er,
-man darf sie nur haben. Zu lieben ist die Welt, Kunst ist nichts. -- Der
-Schatten auf einem Blatt, die Runzel in einer Stirn, an einem Stuhlbein
-das zögernde Licht, des Baumes Wuchs und große Haltung, die Ebene,
-menschliches Lächeln, alle menschlichen Verwandlungen durch Trauer und
-Hoffnung, Trübsal, Geduld, Gram, Leichtheit und Tiefen, die sind seiner
-ernsten Seele lieb, und über diese gebeugt, macht er sie nach mit einer
-ungeheuren Kunst, die er hat, daß sie sich wieder erkennen und ihn
-ansehn und sich verwundern und sagen: Wir sind es. -- Und dann sind sie
-schön.
-
-»Oh, er sah sie so großäugig an, wie liebten sie ihn, sie sahen ihm
-lange nach, wenn er vorüberging, er wanderte ja tastend im Irrsal, aber
-er erzog sein Herz. Er diente. Er wurde weit, alles Land zog in ihn ein,
-Schicksale kamen und schlugen ihre Zelte in ihm auf, der Strom rollte um
-sein Herz, Vögel brachten Samen, und Bäume schlugen Wurzel auf ihm, und
-die Vögel spielten auf im Gezweig. Wir sind es! sangen sie, wir sind es!
--- In seinem Schatten schlief ich ein und war froh.
-
-»Er sagte, er liebe mich, und ich wunderte mich nicht. Er liebte so
-vieles zu seiner Zeit. Er wollte mein Herz, er sagte, es sei weich, und
-ich gab es und gern. Er trägt ja das Abbild fremder Gesichter in Büchern
-nach Hause, und uns sind es Lichter und holdes Gebrause. Er malt sie mit
-flüchtigem Strich auf den reinen Grund seiner Liebe zum Lachen und
-Weinen, -- wie schön ist die Welt!
-
-»Und alles war gut.
-
-»Alles schien gut, ich wußte es, ich fühlte es nicht. Denn ich war immer
-nur ein armer Mensch; das, was ich konnte, tat ich wohl, jedoch am
-Grunde meines Lebens wucherte es fort, die trüben Gedanken, wer kann sie
-verscheuchen? Denn ich liebe ihn nicht.
-
-»Oh, nicht dies ist es, mein Gott, nicht die Kluft zwischen ihm und mir,
-nicht daß, wenn er liebend und eifrig sein ganzes Innres vor mich
-hinschüttete, daß hinter den goldenen Bergen immer die graue Wand
-sichtbar blieb, daß ich seufzen mußte und sein fernes Herz hören hinter
-dieser Wand, wo es im Ewigen wandert mit Stürmen und Flüssen, dort, wo
-ich nicht bin.
-
-»Dies ist es nicht.
-
-»Wenn es still ist und ich lausche, höre ich es von fern. Oh -- jenseit
-ist sein Land, das Allerseelenland; in dem er wandert fern und wohl zu
-Hause ist. Du kannst es heute sehn und morgen, wann du willst --
-betreten kannst du's nicht. Dort ist ein jeder Baum sein Haus,
-Nachtlager, Traum, und jede Frucht ihm Speise. Oh nein, er hat es selbst
-gemacht, es ist nur, weil er ist.
-
-»Ich liebe ihn nicht, weil ich ihn niemals genug lieben könnte, weil ich
-nicht hineingelangen kann dort. In meinen grauen Stunden liege ich
-davor, die Stirn gebeugt auf die Knie und klage. In den heiligen Stunden
-lege ich die Stirn gegen seine Mauer und die flachen Hände und fühle im
-kalten Stein den zuckenden Schlag seines Herzens, denn voll von ihm, so
-voll ist jenseit die göttliche Luft, daß es den Stein schwellen und
-tönen macht, -- ich aber bin dort nicht.
-
-»Oh, wer kann sich denn genug tun in der Liebe, wenn er liebt? Wer kann
-jemals aufhören, zu begehren, wo alles unendlich ist! Wer kann sich an
-die Brust schlagen und sagen: Genug! Wer wollte die Arme breiten um die
-Welt und sagen: Ich habe! Ich fliege und bin doch kein Vogel, ich flute
-und bin doch kein Strom, ich singe und bin nicht Gesang, ich brenne und
-bin nicht die Glut, ich schöpfe und schöpfe mich aus bis zum Boden, und
-es ist nicht Liebe genug, nicht Liebe genug.«
-
-Ulrika legte die linke Hand unter die linke Brust und sagte nach langer
-Zeit kaum vernehmbar leise:
-
-»Aber doch ist er zu mir gekommen, und ich -- wenn ich nun lausche auf
-das ferne Pochen seines Herzens, so höre ich es näher und näher, nahe,
-ganz nahe, und endlich ist es hier; nicht im Herzen, sondern darunter
-trage ich das seine. Drei Monate sind es bald ...«
-
-Blaß, leuchtenden, schwimmenden Auges blickte sie aufwärts, ihre Lippen
-zitterten, sie schluckte, dann fiel die Hand unter ihrem Herzen fort,
-sie setzte einmal, zweimal zum Sprechen an, bis die Worte kamen, ein
-Hauch:
-
-»Gott! -- Gott! -- Gott! -- Nun habe ich dir alles gesagt, was göttlich
-und schön war. Rein, rein, rein habe ich es dir hingehalten, habe keine
-gemeine Schlacke daran gelassen und es gehalten, wie einen schweren
-Spiegel, vor dein Gesicht. Nun -- laß ichs -- -- fallen.«
-
-Lange war es still. Mit brennenden und vergehenden Augen richtete Renate
-sich langsam auf, kniete, bückte sich auf Ulrikas Hand und küßte sie. In
-demselben Augenblick stürzte sie seitwärts mit Gesicht und Brust so
-schwer auf den Boden, daß Renate ein leises Dröhnen durch die Knie bis
-zum Herzen zittern fühlte. Die Luft war noch ganz voll von dem leisen
-Gesang der Liebe; Renate, hülflos auf die Daliegende blickend, weinte
-vor sich hin und sah mit grenzenlosem Mitleid diese goldenen Arme und
-die Hände über ihren Kopf lang hin geworfen, so daß sie dalag wie eine
-Angespülte. Schicksal und alles hatte sie ausgegossen und verströmt und
-war nun wohl so leer in dünner Hülle, daß der Schritt der Stunde, der
-sie träfe, einbrechen müßte; aber vielleicht stand die Stunde still,
-getraute sich nicht und ging leise einen andern Weg.
-
-Renate wagte es endlich, legte sich zu Ulrika, faßte nach einer ihrer
-Hände; aber wenn sie auch neben einer Gestürzten lag, so empfand sie
-doch nur, daß sie ihre eigne, geringe Demut zu einer unendlich größeren
-gebettet hatte, und daß die Hülflose immer noch wie ein Engel war gegen
-sie. »Weine nicht, oh weine nicht!« bat sie. Ist nicht Josefs Vater heil
-und gesund, fragte sie sich, Rettung suchend, ist nicht dieser Tag
-sonnig, begünstigt, was kann denn nur fehlen?
-
-Ulrika setzte sich auf, auch Renate mußte es tun und sah, daß Ulrika
-nicht Tränen geweint hatte. Ihre Augen waren heiß, aber trocken, sie
-griff nach ihrem Haar, steckte eine gelockerte Flechte fest und sagte
-ruhiger:
-
-»Was wußten wir von Kindern, Renate! Sage die Wahrheit! Sie kommen und
-sind da wie so vieles in der Welt, Häuser, Blumen, sind Freude oder
-Plage, und wir wußten wohl, daß wir eine bestimmte Beziehung zu ihnen
-haben sollten, aber wir bedachten es nicht. Im Gegenteil, man hat uns so
-erzogen, daß wir alles eher bedenken als sie. Du freilich bist klüger
-als ich, aber ich gehörte doch zu denen, die nichts wissen, denen am
-Hochzeitstage ihre Mutter weinend um den Hals fällt und unverständlich
-von grausigen Dingen spricht. Eine von denen, die beim Einrichten der
-neuen Wohnung hin und wieder so etwas hören wie: Vorläufig genügen ja
-vier Zimmer, aber wenn erst Kinder kommen ... Und man hört das nicht,
-denn hier ist -- wie sagte dein kluger Vetter? -- eine Lücke im
-Gesichtsfeld, die weiß der Himmel mit Keuschheit so viel zu tun hat wie
-der Teufel mit Gott.«
-
-Renate, die unter unklarem Empfinden zustimmen mußte, hörte sie immer
-härter und zorniger weitersprechen:
-
-»Und wenn wir auch dies und das in Büchern gelesen haben, um zu wissen,
-du wirst es ja zur rechten Zeit immerhin getan haben, wie ich es nicht
-tat, so lasen wir doch nur, -- wie man auch von einer Löwenjagd liest,
-ohne zu denken, daß man je dazu kommen könnte. --«
-
-Sie schwieg grüblerisch, Renates Gedanken waren weit fortgeeilt, sie
-faßte wieder Ulrikas Hand und sagte eilig: »Du, sage doch gleich: soll
-ich Magda bitten, daß wir nach Helenenruh fahren, wenn es soweit ist? Du
-weißt, ihr gehört Helenenruh, und --«
-
-»Du weißt ja noch nicht alles,« unterbrach Ulrika, aber sie lächelte
-danach und sagte: »Du bist doch ein praktisches Mädchen, Renate, ich
-hatte das gar nicht gewußt.« Wieder dunkler blickend, fuhr sie fort:
-
-»Ich fürchte mich vor dem Kind, ich erschrak zuerst namenlos, und noch
-heut kann ichs nicht glauben.« Ihre Augen glänzten stumpf, als sie
-sagte: »Wir werden von bösen Geistern erzogen, Renate, zum Grimm
-erzogen, und --« sie jammerte jetzt fast -- »was soll ich mit einem
-Kind? was weiß ich von einem Kind?« Sie lachte plötzlich verzerrt, ja
-grausam, indem sie schloß: »Ich hab nun schon seit Wochen die
-Vorstellung, daß ich sehe, wie mein schwarzer Flügel Kinder bekommt,
-immer eins nach dem andern.« Sie brach schluchzend ab und verbarg ihr
-Gesicht.
-
-Da merkte Renate mit leisem Schauder, daß etwas in ihr war, das dies
-nicht an sich herankommen lassen wollte. Sie wehrte sich Augenblicke
-lang besinnungslos nach zwei Seiten hin, und plötzlich stand der Herzog
-vor ihr. Entsetzt sprang sie auf, glühte und stieß rauh hervor: »Nein!«
-Sie streckte die Hände von sich, krallte wild die Finger, biß sich auf
-die Lippen und sagte wieder: »Nein!« und ein drittes Mal: »Nein!« Sie
-sah Ulrika vor sich stehn, unbegreiflich dunkel glühte ihr das rote
-Haar. »Was sagst du?« hörte sie von einer fremden, nahen Stimme und
-stammelte: »Was hast du gemacht, Ulrika, um Gottes willen, was hast du
-...«
-
-Dann wurde sie ihrer bewußt, rüttelte sich hart zusammen, strich mit der
-rechten Hand den linken Arm hinunter, mit der linken den rechten, schloß
-einen Haken am Halsausschnitt, zog am Saum der Tunika über den Knien und
-arbeitete unterdes mit gewaltiger Anstrengung innerlich an einem Koloß,
-der aus dem Wege sollte und mußte, und dann hatte sie ihn aus dem Weg.
-Eine schneidende Stimme zwischen ihren Schläfen sprach: Das war Unsinn.
--- Mit flackernden Augen und zitterndem Mund sagte sie zu Ulrika: »Man
-denkt diese Dinge nicht, man tut oder läßt sie.« Noch brauste es um sie,
-sie stand frierend im warmen Schatten und sah einen feinen Sonnenstrahl
-durch das Laub, vorüber an einem zitternden Blatt, dessen Spitze er
-vergoldete, nach dem Stamm der Kastanie stechen, wo ein talergroßer
-Sonnenfleck erschien und drinnen, sehr deutlich und ganz hell, die
-Flecke und Falten der Borke. Rundherum war Grün und Schatten.
-
-»Ja, und nun ist es genug,« sagte sie kalt, »komm, sprich nun weiter, du
-Gute!« und zog sie, an den Boden gleitend, mit sich nieder. Ulrika
-zauderte noch mit besorgten Augen, besann sich eine Weile und fing ruhig
-an zu sprechen:
-
-»Damals, vor drei Monaten, schrieb ich an meinen Mann. Er lag damals vor
-Valparaiso, der Brief reiste ihm nach und erreichte ihn erst in
-Deutschland. Ich schrieb ihm, daß -- daß wir ja nie verheiratet waren,
-daß ich bei ihm geblieben sei, weil er sagte, daß er mich liebe, und es
-wollte; daß ich nie gewußt hätte, was das heiße für ihn; daß ich seine
-Güte kaum begriffe, die nie gefordert habe, obgleich er doch im besten
-Vertrauen auf mein Wissen und meinen Willen vor Jahren den Bund mit mir
-schloß, dessen Erfüllung ich dann verweigerte; und dann schrieb ich, daß
-ich nun alles verstünde, weil ich selber liebte; daß ich ihn um Freiheit
-bitten müßte ... Mehr wagte ich damals nicht zu schreiben; es war ja
-auch wohl alles, für mich war es das, -- freilich, was wissen wir von
-den Gedankengängen eines Andern?
-
-»Dann kam er. Ein wortkarger Mensch war er stets, jetzt brachte er kaum
-ein Wort heraus. Seine Haut war braun von Meer und Sonne, aber es schien
-kein Blut darunter zu sein, sie war grau. Wenn es sein müßte, sagte er,
-so solle ich einen Andern lieben; meine Pflicht sei freilich, diese
-Liebe zu bekämpfen, doch sei das meine Sache, er habe ja mein Herz nicht
-in der Hand. Aber daß ich einem Andern gehören solle, das wäre nicht zu
-ertragen. Er ließe mich nicht frei.
-
-»Vielleicht glaubst du, daß es in diesem Augenblick viel schwerer
-gewesen sein müßte, den Mut zu haben, den ich vor Monaten nicht hatte.
-Es war wohl auch kein Mut, es war -- die Henne verjagt den Habicht
-blindlings, -- hieß es nicht so? -- Ich war eiskalt vor Angst, aber ich
-sagte ihm die Wahrheit.
-
-»Er kam auf mich zu und sah mich nur an. Oh sein Gesicht, sein Gesicht!
-Laß! laß!« rief Ulrika, die Hände vor den Augen. Sie ließ die Hände
-fallen, sah vor sich hin und sagte: »Wie Asche von Papier, so war es.
-Dann ging er hinaus. Er ist bei meiner Mutter gewesen und hat wohl den
-Namen erfahren. Aber das war vorgestern, bei Benvenuto ist er nicht
-gewesen, auch weiß niemand sein Haus, selbst seine Eltern wissen nur
-ungefähr, wo es liegt, und -- du lieber Gott,« schloß sie
-kopfschüttelnd, »was könnte Benvenuto geschehn!«
-
-Seltsam klang Renate auf einmal der Name Benvenuto im Ohr, -- als sei
-der Maler plötzlich ein andrer Mensch dadurch geworden, zarter gleichsam
-und nicht mehr so abgewandt. Indem sah sie Ulrikas stille, traurige Züge
-sich heben und von einem Lächeln kräuseln, als ob sie jemand ansehe, und
-hörte sie gleich darauf sagen: »Sieh da, Jason!«
-
-Richtig -- Renate wandte sich -- stand dort Jason, halb verdeckt vom
-Buschwerk wie ein guter Geist der Gewächse, schwarz gekleidet, sehr weiß
-von Gesicht durch das Grüne ringsum; so nickte er von oben auf die im
-Grase Sitzenden mit freundlich glänzenden, schwarzen Augen und sagte:
-»Ein schöner Anblick, ihr Beiden, das muß ich sagen.«
-
-Renate, ein wenig hochmütig über diese äußerliche Art, zu sehn, sagte,
-wie ihr selber schien, einfältig: »Es ist nicht alles Gold, was glänzt,
-Jason.«
-
-»Es sieht doch aber gut aus,« versetzte er beharrlich, »ihr kennt nur
-viel zu wenig meine Vorliebe für schöne Gegenstände. Jetzt zum Beispiel
-habe ich Lust, Brahms' deutsche Tänze zu hören. Ich glaube fast, ich bin
-deswegen hergekommen.«
-
-Renate blickte kopfschüttelnd und forschend Ulrika an, aber die erhob
-sich gleich, stand frei da und sagte: »Gern, Jason, wenn Renate will
-...«
-
-Da dachte sie, daß Jason doch wohl insgeheim das Rechte meine; daß es
-gut sei, eine Zeitlang die Ohren mit schönem Geräusch zu füllen und das
-Herz zu erleichtern, sie nahm Ulrikas Arm und wollte sie durch das
-Gebüsch auf den Weg ziehn, doch mußte sie sich noch einmal umdrehn, da
-sie Jason sagen hörte: »Was liegt denn da?«
-
-Im hohen Grase lagen zusammen eine Schildpattspange Renates, eine
-Holunderdolde und zwei grüne Kastanien, ein seltsam armes Häuflein, wie
-Spielzeug von einem Kinde, das plötzlich fortgerufen wurde.
-
-»Blumen, Früchte und eine Spange,« sagte Jason, sich bückend, nahm die
-Spange auf und gab sie Renate, indem er leicht bemerkte: »Das übrige
-Spielzeug kann da liegen bis nächstes Jahr; vielleicht findens dann
-andre Kinder und spielen damit.«
-
-Jason wußte, schiens, wieder alles.
-
-
- Kapelle
-
-Sie saßen in der Kapelle an den beiden Flügeln, im rechten Winkel zu
-einander, so daß sie sich sehen konnten, und spielten ohne Noten einen
-der heiter und festlich stampfenden Tänze nach dem andern, zuweilen sich
-zulächelnd, so daß Renate heitrer gestimmt, wenn Ulrikas Gesicht leicht
-emporgedreht von ihr abgewandt war, durch die laute Musik wieder ihre
-leise, fast nur atmende Stimme hörte, mit der sie den reinen Gesang
-ihrer Liebe aus sich schöpfte.
-
-»Bravo,« sagte Jason, als sie geendet hatten, »das hat mir sehr
-gefallen. Es ist doch sehr sonderbar und kaum zu begreifen, wenn man so
-vier Hände sieht, immer zwei ganz für sich, springend hin und her,
-greifend und tanzend, und dann diese ordentliche, sinnreiche Musik hört.
-Aber dieser Brahms ist nun weiß Gott und wahrhaftig wie schöne Kleider.
-Darin ist er Feuerbach wieder ähnlich, Feuerbach ist auch lauter schöne
-Kleider und kein Herz.«
-
-Renate blickte sich um; Jason saß über ihr auf dem Drehstuhl vor der
-Orgel, hatte das rechte Schienbein quer vor sich auf den linken
-Oberschenkel gelegt, ganz hoch, und hielt es mit beiden Händen wie ein
-delikates Instrument.
-
-»Kein Herz,« sagte sie, »Jason, das geht zu weit, -- aber --«
-
-»Ach, ich habe mich wohl auch versprochen,« unterbrach er sie, »ich
-meinte irgendeinen andern Gegenstand mit H --, warte, wir werden das
-gleich haben, Halsband, Handwerk --« er zählte, innerlich suchend,
-weiter --, »Herrlichkeit, Hintertür, Hoheit, Humor! das wollen wir
-nehmen,« schloß er blinzelnd und zufrieden, »und nun, was wolltest du
-sagen?«
-
-»Ja, nun weiß ichs nicht mehr,« lachte Renate. »Ulrika, vielleicht weißt
-du es.«
-
-Ulrika, die Hände vor sich auf dem Tapet, sah aus, als ob sie eifrig
-nachsänne. Jason aber war aufgestanden. »Ja. -- Ja, gewiß,« meinte er
-zerstreut, vor sich hinsehend, »allein ...« Er ging die Stufen hinunter,
-hielt an, sah angestrengt mit gerunzelter Stirn gegen den Fußboden und
-ging plötzlich durch den Raum und hinaus.
-
-»Was hatte er denn?« fragte Ulrika. Renate machte, ohne denken zu
-können, ein paar Griffe im Baß, formte einen Übergang, hörte gleich
-darauf Ulrika in der Mittellage einfallen, und dann waren sie, ab und zu
-einander mit Frage und Bejahung anblickend, im leichten, verfließenden
-Durcheinander der kunstlosen Verknüpfungen und Lösungen, die sie sich
-aufgaben und ausführten, bis wieder Jason zwischen ihnen stand und
-gewillt zu sprechen schien. Sie hörten auf, und er sagte zu Ulrika:
-
-»Es wird doch besser sein, wenn du jetzt gehst. -- Ich habe Reinhold
-gebeten, vorzufahren,« sagte er leicht zu Renate hinüber,
-»möglicherweise ist es eilig. Aber du mußt dich nicht sorgen, Kind, ich
-kann mich auch irren«, endete er ermunternd, indem er die linke Hand auf
-Ulrikas Schulter legte, die still saß und gradeaus blickte. Sie stand
-nun wortlos auf, war aber sehr weiß im Gesicht, nickte Renate fremd
-lächelnd zu und ging mit Jason hinaus.
-
-Renate sah sich an der niedern Brüstung des mittleren Fensters stehn,
-die alle drei weit offen waren. Nur Grün, nur Grün ... murmelte sie,
-hinausblickend. Oben hing ein Stückchen Himmelsblau herein wie eine
-Fahne, und Renate murmelte wieder, tief beklommen: Die letzte Fahne vom
-Fest ... Sie fröstelte mitten in der Wärme. Nun erinnerte sie sich des
-Onkels, -- ob er noch schlief --? Und sie sah ihn sich weinend zu Josefs
-Schulter bücken und sah Josefs schnelle und feste Bewegung und die
-gepreßten Lippen, als er den Kopf neigte und ihn küßte und wieder grade
-stand. -- Überflutend plötzlich wünschte sie inständig nach oben: Wäre
-doch der Tag schon zu Ende! -- Warum bin ich nicht mit Ulrika gefahren?
-fragte sie sich unwillig, wandte sich nach einem Geräusch hinter ihrem
-Rücken um und sah Jason wieder eintreten. »Du bist nicht mit ihr?«
-fragte sie enttäuscht.
-
-Er antwortete nicht, und sie spürte etwas Erleichterung, weil er
-geblieben war. Jason ging zu Ulrikas Flügel, setzte sich davor, legte
-leise den Deckel nieder und drückte einmal fest und weich die
-Handflächen darauf. -- Muß ich denn jetzt überall etwas wittern? fragte
-Renate sich ängstlich und verdrossen, -- aber was dachte ich denn bei
-diesem Schließen von Ulrikas Klavier? -- Sie wollte sich Worte Ulrikas
-ins Gedächtnis zurückrufen, aus jenem schönen Augenblick, wo sie lag und
-sang, fand aber kein Wort mehr und sagte nur zu Jason: »Ulrika hat
-vorhin von der Liebe gesprochen, so wundersam ...«
-
-Jason nickte ein-, zweimal langsam mit dem Kopf, indem bemerkte Renate,
-daß er nicht mehr den Kopf schüttelte, und rief hocherfreut: »Was ist
-mit deinem Kopf, Jason?«
-
-Er faßte nach der Stirn. »Ist etwas?« fragte er unsicher.
-
-»Das Schütteln, Jason, wo ist es?«
-
-»Das Schütteln?« fragte er. »Ach, es ist fort? Siehst du, ich habe es
-gewußt und habe es gesagt,« fuhr er fröhlich fort, »die Zeit,
-prophezeite ich, wird es an sich nehmen, man muß nur zu warten verstehn
-und nicht immer denken, das, was gerade geschieht, ist das All- und
-Einzige, was überhaupt geschehen kann; es kommt vielmehr immer noch
-andres, immer noch andres, das ganze lange Leben hinunter, und mit dem
-Tode ist das wirklich auch nicht alles so sicher, wie die Lehrer sagen.
--- So, hat sie von der Liebe gesprochen? Das ist schön. Es wird so viel
-Mißbrauch getrieben mit der Liebe.«
-
-Renate, dankbar und beruhigt, ihn nur sprechen zu hören, glitt auf die
-Fensterbrüstung und fragte, da er schwieg: »Inwiefern, Jason?«
-
-»Zum Beispiel sagen manche, Liebe müsse auch treu sein. Ja, wie kann sie
-denn? Muß sie denn nicht sein, wie sie will, hat sie nicht einen Anfang,
-mitten im Leben des Menschen, und muß also ihr Ende haben? Ist sie nicht
-eine sonderbare Gabe, die keiner kommen sieht, keiner sich verschaffen
-kann, mit keiner Münze und mit keiner Kunst, und da wollt ihr sie nun
-verhaften und binden? Wenn sie kommen darf, muß sie nicht auch gehen
-dürfen? Ist sie nicht mehr ein Gefühl? Da sprechen Andre zum Geliebten:
-Wir lieben uns Beide, aber ich liebe dich mehr, und du liebst mich zu
-wenig, und heute liebst du mich nicht wie gestern und die andern Tage
-vorher, aber du hast mir Versprechungen gemacht, und wenn ich dir nicht
-glauben kann, kann ich dich auch nicht mehr lieben. Dann sagen sie auch:
-Du hast mir Liebe geschworen, und nun liebst du an andrer Stelle, was
-soll das bedeuten? und mit alledem verändern sie ihre eigne Liebe,
-machen sie groß und klein, je nachdem, und indem sie drüben dies und
-jenes fordern, tun sie doch selber jenes und dies. Oder auch da heiraten
-sie und zeugen Kinder und meinen, damit drückten sie nun ihre Liebe aus.
-Sie schmieden Pläne und haben schöne Gedanken, sie streiten herum,
-weinen und versöhnen sich, sie verdienen Geld, kochen und backen, mieten
-Wohnungen und sitzen viele Tage über Tapeten und Kücheneinrichtungen,
-und all das halten sie für Gestalten ihrer Liebe, und nun, es ist da
-wohl etwas Richtiges, denn es ist göttliche Eigenschaft, alle Gestalt
-annehmen zu können, sie aber wollen den Gott verhaften und binden mit
-dieser Gestalt, verhaften und binden, und martern sich selber allein und
-wissen nicht, daß der Gott alsbald auch wieder die Gestalt verläßt und
-kehrt nach Hause und wohnt bei sich selber. So ist die Liebe ein Gefühl,
-wohnt allein im Gefühl und läßt ihrer nicht spotten. Ulrika hat wahrlich
-die wunderbare Demut erlernt, denn sie liebt nur, sie liebt. Lieben,
-solange der Odem reicht, nicht fragen nach Gegenstand und Erwiderung,
-nach Plage und Wonne, nur ganz und gar sich darbringen, unverlangt und
-ungelohnt, wer hat euch das gelehrt? Und dann, Renate, danach, so Gott
-will, wirst du nach deinem Ende in eine schöne Blume verwandelt werden,
-deren Anfang dein Ende ist, eine Sonnenblume vielleicht, aber auch die
-einfache Primel trägt ein deutliches Zeichen an ihrem gelben Kleid, daß
-sie die Sonne sieht und nichts sieht als die Sonne, jene uralte, der
-dein weißer, zarter Freund Ech-en-Aton Stadt und Tempel baute, die an
-demselben Tage, wo er starb, verlassen und gestürzt wurden, dieweil die
-Menschen gehorchen und vergessen, er aber von ihrem Wege wich und in die
-ewige Verwandlung einging. Komm, Renate, wir wollen in den Garten gehn.«
-
-
- Lindenallee
-
-Wie schön war es nun, im Garten umherzugehn! Zu ihrer völligen
-Beruhigung legte Renate die linke Hand auf des kleineren Jason linke
-Schulter, und so gingen sie schweigsam und friedfertig auf den kleinen,
-engen Wegen, an der Veranda vorüber und um den Rasenplatz. Dem Haus
-gegenüber, an dem ihre Augen hinaufglitten, blieb Renate vor einem
-überraschenden Bilde stehn. Im Schlafzimmerfenster des Onkels war, nicht
-hoch über der Fensterbank, sein hoher Kopf und weißer Bart zu sehn, wie
-sie ihn des öftern während dieses Sommers sitzen gesehn hatte, da er den
-Blick von oben auf den Garten zu lieben schien; jetzt blickte er zu
-Josef auf, der in der linken Fensterhälfte ein wenig zurückstand und
-rauchte und sprach, die rechte Hand gegen den Rahmen gestützt, und in
-dieser Haltung beugte er sich eben vor und ließ mit klopfendem
-Zeigefinger ein Stück Asche von seiner Zigarre tropfen, wobei er Renates
-gewahr wurde, nickte und winkte, und jetzt wandte auch der Onkel die
-stillen, dunklen Augen her, lächelte und nickte. -- Welch ein Frieden,
-ach, welche Erleichterung!
-
-Schon im Weiterschreiten glaubte Renate im Fenster über den Beiden, dem
-des Erasmus, etwas zu gewahren, ging aber weiter, hörte Jason etwas
-sagen und sah währenddem aus dem unkenntlichen braun und grauen Haufen
-auf der Fensterbank, den sie bemerkt hatte, den Kopf und die
-eisenbekleideten Schultern des Erasmus werden, als ob er hinter der
-Fensterbrüstung kniete, eine sinnlose Vorstellung, da Erasmus in der
-Fabrik sein mußte. Es mochte ein Stück seiner Rüstung gewesen sein. --
-Sie fragte Jason, was er gesagt habe, und hörte ihn wiederholen, indem
-er stehen bleibend sie zum Halten zwang:
-
-»Ich fragte, ob du dich eigentlich über nichts wundertest, wenn du mich
-solche Sätze sagen hörst wie soeben.«
-
-Seine gedämpften, leise fragenden, ganz wenig ironisch zusammengezogenen
-Augen unter sich, versetzte sie: »Nein, Jason, ich finde es immer so
-schön, daß ich zu keinem andern Gedanken komme.«
-
-»Das,« sagte Jason, die Stirn senkend, »das ist es. Du triffst den Nagel
-auf den Kopf wie immer. So schön, daß ihr euch nicht das geringste dabei
-denkt, das tut ihr, ja, das tut ihr, oh welch unsagbar kümmerliche
-Einrichtung!« Mit unendlichem Bedauern den Kopf wiegend, wanderte er
-weiter, indem er sagte: »Ich weiß es alles und trage es in schönen
-Perioden vor, ich, der ich kein andres Leben mehr habe als eben dies, zu
-wissen und zu sagen, und die Andern leben es, und das heißt: sie leben
-es nicht. Sie wissen nichts, auch du, wenn du in irgendeiner solchen
-Lage bist, auf die meine Sprüchlein passen, erinnerst du dich dann
-vielleicht des langmütigen Jason und seiner blühenden Erkenntnisse?
-Nein, denn dann seid ihr alle höchlich kurzmütig, dann ist da nur die
-fassungslose Geschwindigkeit, nur die Lage ist eben da, blindlings muß
-gehandelt werden, keiner besinnt sich, keiner befolgt andern Ratschluß
-als das brennende Verlangen seines gepeinigten Herzens, -- ja, könntet
-ihr wohl an einem meiner Sätze gehn wie an einem sichern Geländer,
-könntet ihr darauf reiten oder fahren, wenn eure Füße müde geworden
-sind? Hundert und tausend Menschen kenne ich wohl, denen ich und meine
-Reden immer willkommen sind, aber würde vielleicht ein einziger dadurch
-klug? -- Man hört, sagt ja, spricht von andern Dingen und vergißt, und
-dieses nennt man das tägliche Leben.«
-
-»Es ist deine Schuld, Jason,« sagte Renate mit leichter Wehmut, stehen
-bleibend vor den ersten Sonnenblumen an der Rückwand der Kapelle und
-undeutlich dies und jenes bedenkend, woran die zu stolzer Neigung
-erhobenen kleinen und strengen Antlitze sie erinnerten. -- »Es ist deine
-Schuld, denn du sagst es zu schön. Du sagst es, wie soll ichs nennen,
-sanft einschläfernd. Du bist zu gut, Jason.«
-
-»Und wäre ich böse, Schwester Sonnenblume, wer denn, glaubst du, wollte
-mich hören?«
-
-Schwester Sonnenblume -- tönte es seltsam in Renate nach, wer hatte das
-einmal zu ihr gesagt? Ach, sie selber hatte einmal eine Sonnenblume so
-angeredet an jenem Tage, wo Sigurd --, wo die Todesnachricht von Esther
-kam. -- »Nun, was giebt es denn da?« hörte sie Jason indem halblaut
-sagen und wandte sich.
-
-Innerhalb der kleinen Lindenallee in der Nähe der Kapelle stehend, über
-die Kohlköpfe und Erdbeerpflanzungen des kleinen Gemüsegartens hinweg
-sah sie die rote, häßliche Rückwand des Herzbruchschen Hauses im
-Schatten, dann hinter dem Zaun eine Bewegung in dem dichten
-Holundergestrüpp, dessen Zweige schwerbelaubt und doldenvoll
-herüberhingen. Irenes blonder Kopf und schwarze Schultern wurden
-jenseits sichtbar, sie schien einen schweren Gegenstand durch das
-Buschwerk zu heben und zu drängen, einen Stuhl, und Renate fragte sich
-verwundert: Will sie herübersteigen? es ist doch eine Tür da! -- Indem
-erschien am Ende der Lindenallee eine abenteuerliche Figur in schwarzem,
-faltig zerknittertem Hemde von Kaliko und brennendroten Strümpfen mit
-gerollten Wülsten unterhalb der Knie, und das wild aussehende, rote und
-schwarzbärtige Gesicht war das von Klemens, der, ohne sie und Jason zu
-sehn, stehen bleibend nach Irene hinüber starrte, deren Gesicht eben
-deutlich im Blätterwerk auftauchte und still blieb, gegen Klemens
-gewandt. Klemens schwang jetzt ruckweise einen und den andern Arm, stieg
-mit weiten Tritten über die Beete, hielt mitten und schrie außer sich
-Irene an:
-
-»Was wollen Sie denn schon wieder? Wollen Sie mich bis ans Ende der Welt
-verfolgen? Sie -- oh Sie, ich leugne diesen Vorfall, ich leugne ihn, ist
-Ihnen das noch immer nicht klar geworden? Soll ichs Ihnen beibringen?«
-
-Mit zwei Sprüngen war er am Zaun, Irene streckte die Arme aus, über den
-Zaun zwischen ihnen faßten sie sich und fingen an sich zu küssen, so daß
-Renate vor besinnungslosem Staunen die Augen nicht abwenden konnte, und
-erst als sie gar nicht aufhören wollten, drehte sie sich, die Unterlippe
-zwischen den Zähnen, weg, sah den unverwandt und sehr teilnehmend das
-Schauspiel betrachtenden Jason neben sich, wollte etwas äußern, fühlte
-aber seine Hand am Arm, und er sagte, ohne den Kopf zu heben, leise:
-»Scht! man spricht nicht in der Tragödie.«
-
-War das Ernst oder -- --? -- Sie wagte es, wieder zum Zaun zu blicken,
-da stand Klemens allein und keuchte, in den Büschen rauschte es noch. Er
-wurde jetzt der Beiden ansichtig, schüttelte den roten und schwarzen
-Kopf mit blinden Augen wie ein Stier, versuchte zu lachen, starrte an
-die Erde und kam langsam zwischen den Beeten heran. Vor ihnen blieb er
-stehn, stützte sich wie vorm Umfallen an einen Stamm und sagte: »O
-Gott!« und noch einmal: »O Gott!« so zerbrochen, daß Renates Herz
-klopfte. Dann sah er verloren auf, betrachtete seinen Ärmel, faßte den
-Saum mit den Fingern und wischte sich mit dem schwarzen Zeug überm
-Handrücken die Schweißtropfen von der Stirn.
-
-»Nein,« sagte er endlich, »geleugnet kann es wohl doch nicht werden, und
-nun kann ich ja hingehn und meinen Freund umbringen.«
-
-Er schluchzte haltlos auf, die Tränen liefen ihm hell übers Gesicht. Mit
-beiden Händen am Leibe nach Taschen tastend, schien er seinen Anzug zu
-bemerken und schnob: »Der verfluchte Mummenschanz! Der verfluchte
-Mummenschanz ist an allem schuld!« trocknete sich die Augen mit den
-Händen und blickte Renate trostlos an.
-
-»Es war ja schon das zweite Mal,« sagte er leise; »wenn wir uns sehn,
-geraten wir aneinander, so oder so. Ja, wie bin ich denn hier
-hereingekommen?« fragte er, stecken bleibend.
-
-»Ich vermute,« sagte Jason ruhig, »Sie wollten eigentlich ins
-Herzbruchsche Haus, und da Sie an diesem vorüberkamen, sind Sie in Ihrer
-Verwirrung hineingegangen, weil Sie's kannten.«
-
-»Das wird es gewesen sein«, versetzte er stumpf.
-
-Am Ende der Lindenallee tauchte Irene auf; im schwarzen, wehenden Kleid,
-kam sie leicht und schwebend daher.
-
-»Hören Sie nur,« sagte Klemens, der sie nicht sah, »ich habe sie immer
-geliebt. Aber das ging mich allein an, und sie haßte mich ja, ich sie
-auch wegen ihrer lächerlichen Lebensführung.«
-
-Irene, nicht mehr weit von ihnen, blieb stehn, faltete die Hände unter
-der linken Brust, sah zugleich schmerzlich und beseelt und fast
-glücklich aus.
-
-»Da hatten wir heut morgen wieder einen Zweikampf, oder mittags
-meinetwegen. Ich war den ganzen Vormittag draußen gewesen, um zum
-Großherzog zu gelangen, konnte nicht zu ihm und kam todmüde zu
-Herzbruchs. Da fingen wir wieder an, uns wegen dieses verfluchten Zeuges
-zu zanken, -- es durfte ja keiner ohne Kostüm draußen herumlaufen, da
-bekam ich dies geliehn, und sie verhöhnte mich wegen meiner Teilnahme an
-dynastischen Festen, und da --« Indem drehte er sich seitwärts und sah
-Irene dastehn.
-
-»Ich war bei meinen Eltern,« sagte Irene leise, »aber es ist niemand im
-Haus. Da kommst du wieder, und es ist wohl recht, und -- da bin ich.«
-
-»Zu mir?« fragte Klemens entsetzt. »Da sei Gott vor! Und dein Mann?«
-
-»Ich -- du -- zu meinem Mann schickst du mich?« fragte sie leiser. »Und
-ich war doch schon da ...«
-
-»Schon ...? Bist du ...? Was hast du denn da gemacht?« stöhnte er.
-
-»Ich habe ihm gesagt, daß ich nun nicht mehr bei ihm bleiben könnte. Es
-war schrecklich ...«
-
-Renate suchte ängstlich nach einem Ausweg für sich, aber Irene kam nun
-zu ihr, faßte ihre Hand, und Renate fühlte, daß sie innerlich zitterte.
-
-»Was sagte er?« fragte Klemens.
-
-Irene, heftig Atem schöpfend, brachte heraus: »Nichts. Gar nichts. Er
-saß da und -- sah mich an. Da bin ich wieder gegangen.«
-
-Klemens hob die geballten Hände und schüttelte sie und schluchzte: »Du!
-schämst du dich denn nicht?«
-
-»Eins, zwei, drei, marsch,« sagte Renate kräftig, »entweder Sie
-beherrschen sich jetzt, Herr Doktor, oder Sie gehn Ihres Weges, Punkt.«
-
-»Klemens! Klemens!« flüsterte Irene angstvoll, aber er bearbeitete seine
-Stirn mit den Fäusten und weinte in sich hinein.
-
-»Es fällt ihm ja so schwer, sich zu beherrschen,« flüsterte Irene an
-Renates Ohr, »wir müssen Geduld haben.«
-
-Überdem wurde er still, ließ die Hände fallen, blickte Irene verstört an
-und sagte: »Meinst du denn, ich wollte meinem Freunde seine Frau
-wegnehmen? Meinem Freunde, von dem ich alles habe, was ich bin? Das
-einzige, was er hat?« Er kam auf Irene zu, sie streckte die Hände aus,
-er packte ihre Handgelenke, schüttelte sie rasend, drehte um und stürzte
-den Weg hinunter wie ein Trunkener. Irene hob, ihm nachsehend, ihre
-Handgelenke, wischte um die roten Eindrücke und sagte leise: »Du tust
-mir unrecht, Ot--, Kle--« Sie schrak zusammen und flüchtete sich zu
-Renate.
-
-»Ich habe noch niemals«, sagte Jason ganz ergriffen, »an einem sonst
-vernünftigen Menschen ein so schreckliches Verhalten bemerkt. Und nun
-kehrt er wieder um.«
-
-Klemens kam wieder zurück, ruhiger, wie es schien, blieb ein paar
-Schritte entfernt stehn und sagte:
-
-»Noch ein Wort, Irene. Du befindest dich in einem Irrtum, denn: ich
-glaube dir nicht. Ich weiß von Otto, daß du seine Frau gar nicht gewesen
-bist, daß du ihn betrogen hast; endlich bist du zu ihm gegangen, und das
-war aus Angst vor mir, zu dem du nun von ihm wegläufst. Das genügt mir.
-Wenn du doch Kinder hättest! Dann könnt' ich denken, du hast wenigstens
-deine Pflicht getan. Aber so -- bloß mit einem Manne gelebt und gelacht
-und geschlafen, und jetzt das selbe mit mir --, und dann wirst du eines
-Tages kommen und sagen, du hättest dich wieder geirrt -- so wie damals
-mit deiner Gottesmutter.«
-
-»Warum so hart?« sagte Renate, da sie Irene heftiger zittern fühlte,
-doch ließ die jetzt ihre Hand los und fragte: »Geirrt? wie meinst du
-das?«
-
-»Ich meine,« versetzte er und jetzt nicht ohne Haltung und Würde, »daß
-du damals ebensogut wie zu Otto zu mir hättest kommen können. Mich
-kanntest du freilich nicht und hättest mich schwerlich da gesucht, wo
-ich lag. Aber krank war ich auch, Pflege braucht ich auch, um genau
-dieselbe Zeit.«
-
-Irene flog auf ihn zu, lachte, faßte seine Schultern, rief ganz erlöst:
-»Klemens! Aber dann wissen wir's ja! Dann bin ich falsch gegangen! Dann
-war's meine Schuld! Dann ist ja alles gut!«
-
-Ohne sich zu bewegen, sah er sie an und versetzte: »Das meinst _du_!
-_Ich_ finde aber, diese Erkenntnis kommt dir etwas spät. Wievielmal,
-sage, willst du denn noch fehlgehn? Sicherheit will ich. Deine Ehe und
-meine Freundschaft -- all das soll hin sein? Sicherheit! Glaubst du, daß
-ich so eines Aberglaubens wegen der Dritte sein will?«
-
-»Der Dritte?« fragte sie zurückweichend.
-
-Klemens warf einen Blick auf Renate und sagte: »Hattest du nicht einen
-himmlischen Bräutigam zuerst? Da gab dir der Himmel ein Zeichen, und du
-nahmst einen Andern. Nun erzählst du mir, das Zeichen war falsch, und
-kommst zum Dritten. Das soll ich glauben? Waren denn Otto und ich die
-einzigen Kranken in der Stadt? Wirst du nicht morgen kommen und sagen:
-Das Zeichen war falsch, es hieß überhaupt, daß ich Krankenschwester
-werden sollte? Darum sage ich --« Er brach ab, sein Gesicht wurde weich,
-er sagte erschüttert: »Gott verzeih mir, Irene, ich bin zu hart zu dir
-gewesen. Das war wohl Unsinn, was ich geredet habe, aber auf all das
-kommt es ja gar nicht an, und auf unsre Liebe kommt es nicht an, sondern
-nur auf die Treue. Ich halte sie, ich halte sie, und wenn ich in Stücke
-gehe. Vergieb mir, vergiß mich! Aus uns wird nie was. Leb wohl!« Er
-drehte sich schnell um und ging den Weg hinunter und verschwand. Irene
-stand hülflos.
-
-»Vielleicht«, hörte Renate Jason neben sich sagen, »wunderst du dich
-nun, indem du meiner Reden gedenkst. Welch wunderbare Erläuterung! Wie
-hinfällig sieht doch die ganze schöne Liebe aus, vom Gesichtspunkt der
-Treue aus betrachtet.«
-
-Sie machte vergebliche Anstrengungen, das Ganze zu begreifen, entschied
-sich vorläufig zum Mitleid mit Irene, zog sie an sich und fragte: »Was
-soll nun werden?«
-
-»Ich kann nicht weiter«, erwiderte sie erschöpft, widerstand aber
-Renates Bemühung, ihren Kopf an die Brust zu ziehn, stumpf zu Boden
-blickend.
-
-»Ja, nun -- immer gleich helfen lassen«, sagte Jason. Irene blickte ihn
-fragend an. »O nein, nein, Kind,« fuhr er gelassen fort, »möchtest du
-vielleicht Redensarten von mir hören? Nun sag uns nur einmal: warum
-willst du nun durchaus von deinem Mann fort?«
-
-»Ach, Jason, du bist furchtbar,« seufzte Irene, »glaubst du denn auch
-nicht, daß ich Klemens liebe?«
-
-»Aber wie denn? Hab ich das gesagt? Er hat es doch selber anerkannt, daß
-du ihn liebst. -- Ach so, nun willst du ihn auch heiraten. Ja, weißt du,
-das ist doch aber eigentlich etwas viel verlangt.«
-
-Irene richtete sich auf. »Ich will ihn nicht heiraten. Ich weiß nur, daß
-ich bei Otto nicht bleiben darf. Herrgott, wie mir das jetzt
-unaufhörlich in Augen und Ohren brennt! Da kam Klemens zur Tür herein,
-damals, und dann hat er schon gebrüllt, und ich lauter, und dann wurde
-ich wie Holz, und dann war alles Haß. Jason, kann denn ein Mensch so
-schauerlich verblendet sein? Wie soll ich das jemals wieder gutmachen?
-Er spricht von seiner Freundschaft, ich hab sie nicht verstanden. Von
-meiner Ehe, -- ich hab sie nicht verstanden, ich verstehe mich selber
-nicht, wie soll ich da wissen, was zu tun ist? Und nun --« schloß sie,
-sich zusammenraffend, »nun will ich zu meinen Eltern.«
-
-Sie nickte Renate und Jason zu und schritt ganz leicht und schwebend in
-ihrem schwarzen Kleid zwischen den Beeten hindurch zum Zaun, öffnete die
-Tür und verschwand.
-
-»Ist es zu begreifen, Jason?« fragte Renate vor sich hin. »Sie lieben
-sich und bekämpfen sich doch.«
-
-»Sie bekämpfen einander nicht,« sagte Jason verloren nach oben blickend,
-»sie bekämpfen nur immer sich selbst -- durch den Andern. Sie stehen in
-Rauch und Flammen und suchen einen Brandstifter. Sie wollen jeder das
-Seine und lassen sich immer hindern. Wäre ich nicht so leicht,« schloß
-er leise, den Kopf senkend, »wie, meint ihr, müßte alle Last meines
-Wissens mich zu Boden drücken. Oder nein,« verbesserte er sich trübe,
-»ich bin der Schwere, denn die Wahrheit ist immer leicht -- für den, der
-sie nicht braucht.«
-
-Renate hörte ihn wehmütig an, sah auf einmal ihre Hände, in die sie
-verloren hineinblickte, fand sie unsauber und erinnerte sich, daß sie
-sich im Ankleidezelt der Burg zuletzt gewaschen hatte. Gleich ergriff
-sie der Wunsch, zu baden, mit unerklärlicher Heftigkeit, sie setzte sich
-in Bewegung, Jason ging schweigend mit, so kamen sie ins Haus, wo ihnen
-Magda begegnete, Renates lavendelblaues Kleid über dem Arm.
-
-»Könntest du mir wohl helfen?« bat sie verlegen lächelnd. »Ich habe mir
-doch dein Kleid für heut abend zurechtgemacht, aber hier am Ausschnitt
-will es nicht sitzen ...«
-
-Renate, bereitwillig lächelnd, setzte sich in einen Sessel der Halle,
-nahm das Kleid auseinander, hob aber den Kopf und sagte: »Bitte, Kind,
-erlaube, daß ich mich eben etwas wasche, ich komme dann gleich und
-helfe. Wie spät ist es eigentlich?«
-
-»Es wird sechs Uhr sein,« meinte Magda; »willst du nicht bleiben,
-Jason?« fragte sie ihn, der an der Tür stand.
-
-»Richtig, wohl,« versetzte er mit nachdenklich auf Renate gerichteten
-Augen, »ich kann auch bleiben.«
-
-Renate wollte sich erheben, indem kam er zu ihr, sah immer
-nachdenklicher auf sie herunter, beugte sich dann und küßte sie auf die
-Stirn. Sie litt es lächelnd und erfreut, sah ihm nach, wie er zur
-Verandatür ging und dort stehen blieb, stand auf, nickte Magda zu und
-ging hinaus.
-
-
- Siebentes Kapitel
-
-
- Garten
-
-Georg, in einer dumpfen, ihn selber dunkel befremdenden Verfassung,
-betrat sein Zimmer und stand minutenlang zwischen dem Schreibtisch und
-den Fenstern im leeren Raum, der Tür zum Speisezimmer zugewendet, leise
-erstaunend über die große Pracht der Nachmittagsonne, die nebenan hinter
-den geschlossenen Vorhängen den Flügel, die Wände, Vitrine und die
-gläserne Apsis sehr geheimnisvoll und edel erscheinen ließ. Die Sonne,
-dachte Georg, ist dieselbe wie am Vormittag, nur aus einer andern
-Richtung, aber mein Herz drehte sich ganz herum nach unten. »Nun, Egon,
-bist du wieder da? Wie war es denn?«
-
-Warum spreche ich so leise? Wunderte sich Georg. -- Egon versicherte, es
-sei fabelhaft gewesen. Im Garten, sagte er, warte ein Herr, Herr Dr.
-Klemens ... Georg nickte, bat Egon, sich in einer halben Stunde
-bereitzuhalten, und konnte wieder nicht laut sprechen. Ich konnte es
-doch eben, dachte er, setzte sich vor den Schreibtisch und stützte den
-Kopf in die Hand; -- aber ich glaube, es kostete mich eine furchtbare
-Anstrengung ... Er hörte sich wieder die Rede halten im Ständehaus: »...
-keine Versprechungen, meine Herren, es schiene mir lächerlich, das
-Vertrauen, mit dem Sie nach mir blicken mögen ... Nur die sichtbare
-Gestalt des Mannes, den ich mit tiefster Scheu und Ehrfurcht Vater
-nenne, dessen jahrelanges Wirken, unermüdlich zum Wohle ... Nur er,
-dessen kräftiger Unterstützung ich tief bedarf und in dieser ernstesten
-aller Stunden erbitte ...« Ach, dachte Georg, das war schön, das war
-schön! Wie es mir die ganze gelernte Rede mitten zerriß, weil er groß
-und mächtig dastand in dem roten Waffenrock und mir das Herz zum
-Springen füllte mit heiliger Sehnsucht und Liebe ... Nein, mein Gott,
-wenn ich der wirklich wäre, der ich sein soll, ich glaube nicht, daß ich
-nur halb das empfinden könnte, was ich nun empfand.
-
-Vor ihm erschienen die bärtigen Altmännergesichter, Kneifer, Kahlköpfe,
-vielen Fräcke im großen Ständehaussaal, alle Arme gingen hoch, er hörte
-seinen Namen gerufen ... Er schauderte nach. Seine Blicke, an ihm
-heruntergleitend, ließen ihn die hellblaue Uniform gewahren, in der er
-steckte, er lächelte und dachte: Nein, diese im Viereck aufmarschierten
-Dragoner und Füsiliere, die waren doch nur sonderbar, ebenso wie die
-krähende und überlaute Stimme, welche die Eidesformel verlas. Tüchtig
-war's wohl, die Hurras knallten wie mit dem Hammer festgenagelt, man
-müßte sie noch sehen können an der Wand. -- Ja, nun werde ich wohl erst
-eine Weile Soldat werden müssen, vielleicht ist es das beste. Vater kann
-ich nicht verlieren, kann's nicht, kann's nicht. Aber gut, daß es schwer
-ist. Wenn es leicht wäre, was wäre es dann? Er sprang auf, riß Haken und
-Knöpfe der warmen, engen Uniform auf, ging zum Bücherbord, hob einen
-kleinen Band aus der Tiefe, las mit verschleierten Augen die goldenen
-Buchstaben B. Cellini, küßte sie hastig, stellte den Band fort, richtete
-sich grade auf und ging in den Garten.
-
-Auf der Bank am Wasser saß ein Mensch, den Kopf in Händen, rote Strümpfe
-an den Beinen. Als Georg ihm näher kam, sah er empor, erhob sich, hatte
-ein schwarzes Kalikohemde an und war Klemens; sein Gesicht war so bleich
-mit roten Flecken, und die Augen flackerten, daß Georg, ihm die Hand
-reichend, fragte, bemüht, laut zu sprechen: »Ist Ihnen etwas, Klemens?«
-
-Klemens wehrte hastig ab und sagte heiser und sich räuspernd: »Danke,
-nein, danke! -- ja! mir ist nicht grade wohl, aber -- es kommt jetzt
-nicht darauf an.«
-
-»Setzen Sie sich doch,« bat Georg, »oder wollen Sie einen Schluck Wein?«
-Allein Klemens schüttelte den Kopf, er tränke keinen Alkohol.
-
-Wer ihm denn dies Zeug gegeben habe, erkundigte sich Georg, um die
-Stimmung ein wenig zu heben. Es sei das Letzte gewesen, was er habe
-kriegen können, meinte Klemens, er habe Georg ja am Vormittag draußen
-gesucht, sei aber nicht zu ihm gelassen worden, und als ein Bekannter
-ihm Zutritt zur Burg verschafft habe, sei Georg nirgend zu finden
-gewesen.
-
-»Da saß ich am Waldrand und schlief,« meinte Georg gelassen, »und nun,
-was habe ich verschlafen?«
-
-»Das«, bemerkte Klemens mit einem hastig prüfenden Blick, »kommt auf Sie
-an. Das heißt,« setzte er hinzu, »das soll heißen, daß es dabei
-keinesfalls auf mich ankommt.«
-
-Georg, da er nicht begriff, schwieg. Klemens blickte eine Weile
-geradeaus, wandte sich mit einem Ruck zu Georg und sagte: »Da wir
-bisher, ich darf wohl sagen, gute Freunde waren, eine grade Frage, -- um
-das Ganze zu vereinfachen: Glauben Sie, der zu sein, für den Sie
-gelten?«
-
-»Nein«, sagte Georg ruhig.
-
-»Schön, eine grade Antwort,« fuhr Klemens fort; »also, wenn ich Ihnen
-dies heut morgen als Neuigkeit mitgeteilt hätte, so würde es Sie in
-Ihrem Wege nicht abgelenkt haben?«
-
-»Heute vormittag? Nein.« Wie ruhig ich bin, dachte Georg; ja, all dies
-hat nun längst seine Erledigung gefunden.
-
-Klemens, der wieder nachgedacht zu haben schien, sagte: »Wenn ich
-versuche, mich an Ihre Stelle zu setzen, so kann ich allerdings nicht
-sagen, daß ich wie Sie gehandelt hätte. Sie aber sind anders
-aufgewachsen, das heißt --«
-
-Georg erriet seine Frage und antwortete: »Mein Vater und ich wissen es
-selbst erst seit zwei Jahren und einem halben. Meine Mutter erfuhr es
-nie. Sie sind in schönen gemeinsamen Stunden mein Freund geworden, wenn
-ich das sagen darf --« Klemens nickte freundlich, »ich brauche vor Ihnen
-nichts zu verbergen. Daß ich gekämpft haben muß, wird Ihnen klar sein.
-Aber Sie haben recht, wenn Sie sagen, ich sei anders aufgewachsen. Daran
-lag es. Über alldas sprechen wir vielleicht später einmal, wenn Sie --
-weiter mein Freund bleiben werden ...«
-
-Er hielt ihm die Hand hin, Klemens ergriff sie fest und, wie es schien,
-mit großer Rührung; er behielt sie noch, drehte sie hin und her, lachte
-kurz und sagte: »Sie bemerken eigentlich nichts an dieser meiner Hand?«
-
-Georg sah sie an, Klemens machte die Finger grade, es war eine schöne,
-kräftige, nicht eben kleine Arbeitshand von ungemeiner Lebendigkeit.
-
-»Was soll ich bemerken?« fragte Georg.
-
-»Daß es nicht die Hand eines Freundes, sondern eines Bruders ist. Wir
-hatten dieselbe Mutter.«
-
-Georg zuckte leise zusammen, sah in das dunkle, bärtige Gesicht mit der
-fleischigen, groben Nase, dem schönen Kinn und Mund im Bart und mußte
-langsam lächeln, dann erröten. -- Ich erröte ja wieder, durchzuckte es
-ihn, -- wie lange nicht! Seit meiner Kindheit.
-
-»Ja, dann sollten wir wohl du zueinander sagen, wenn du mir nichts
-vormachst«, sagte er leise.
-
-»Die geistige Brüderschaft«, meinte Klemens lachend, »wird wohl doch die
-größere sein.«
-
-Sie ließen sich los, saßen sekundenlang Beide in der selben
-Verlegenheit, bis Georg glaubte, seiner Würde die leichtere Haltung
-schuldig zu sein, und sagte: »Also sprich, was du zu sagen hast, ich
-habe kaum eine Viertelstunde mehr bis zum Umziehn, aber du kannst ja
-dabei zusehn und weiterreden.«
-
-»Es wird am besten sein,« meinte Klemens, »du selber sagst mir, was du
-weißt.«
-
-»Ja, ich weiß fast nichts«, sagte Georg. »Und all das zu erklären, _was_
-ich weiß, würde lange dauern. Du kannst es später alles geschrieben
-lesen. Jedenfalls: wer meine Eltern waren, weiß ich nicht, ich wurde
-hier in der Nähe von Altenrepen geboren, nur der ehemalige Verwalter
-meines Vaters, Chalybäus, wußte davon. Meine Mutter soll gestorben sein;
-im selben Hause lag die Frau meines Vaters, sie brachte ein
-schwächliches Kind zur Welt, und ich wurde --«
-
-»Das Kind war meine Schwester Virgo«, sagte Klemens.
-
-»Mein Gott, ist das wahr? Das ist ja wunderbar! Das war --?«
-
-»Virgo,« wiederholte Klemens trübe; »dafür, daß ich einen Bruder bekam,
-habe ich nun eine Schwester verloren.«
-
-»Unsinn!« tröstete ihn Georg, »was könnten Sie denn da verloren haben?«
-Klemens lächelte wieder. »Höre, --« sagte Georg, »dann ist dir
-vielleicht auch eine sonderbare Frauensperson bekannt, die bei meiner
-Geburt eine Rolle gespielt hat; Nassja hieß sie und hatte ein T-förmiges
-Kreuz --«
-
-Klemens nickte, während er sein Kleid unter der linken Achsel aufknöpfte
-und aus einer Westentasche ein zusammengeknifftes, altes und schmutziges
-Papier und ein Notizbuch hervorzog.
-
-»Anastasia Petrowna Schischin, schreib Zizin,« sagte er, »sie brachte
-seinerzeit Virgo ins Waisenhaus, besuchte sie auch; ich kannte sie und
-wurde nicht selten von ihr besucht und unterstützt, als ich aus dem
-Waisenhaus gelaufen war. Sie wurde über vierundachtzig Jahre alt, vor
-anderthalb Jahren etwa ist sie gestorben. Letzthin besuchte ich sie
-seltener, sie wohnte an der russisch-polnischen Grenze und schmuggelte
-Leute drüberweg. Sie war der wortkargste Mensch, den ich je gesehn habe,
-aber sie machte sonderbare Andeutungen, die ich nicht verstand und daher
-vergessen habe. Es muß aber etwas von einem vornehmen Verwandten gewesen
-sein, das warst du also. Wie es scheint, hat also sie diesen Brief hier
-geschrieben.« Er zog einen alten, abgerissenen Briefbogen aus dem
-Umschlag. »Dieser Brief ist von meiner Mutter. Er befand sich in einem
-Bündel Kinderkleidchen Virgos, hier diese russischen Buchstaben auf dem
-Umschlag bedeuten: für meine Tochter, wenn sie erwachsen ist. Scheinbar
-hat die alte Rüdiger, Virgos Ziehmutter, diese Anweisung geachtet, denn
-der Brief kam geschlossen in Virgos Hände, als sie vor ein paar Wochen,
-in Muttergefühlen, das alte Bündel hervorholte. Ja, nun hat sie ja
-Zwillinge --« Klemens strahlte. »Ich«, fuhr er, Georgs Ungeduld
-bemerkend, fort, »nahm den Brief an mich, weil ich Russen kenne, traf
-aber keinen von ihnen, vergaß den Brief auch, bis ich zufällig gestern
-den Almanach sah und ihn fragte, ob er russisch verstünde. Er hat mir
-dann den Brief übersetzt; gegen seine Mitwisserschaft wirst du wohl
-nichts einzuwenden haben.«
-
-Georg, den Brief in der Hand, verfolgte die verwischten Bleistiftzeilen,
-die russischen Buchstaben, die er nicht verstand, sah am Ende die
-Unterschrift, zittrige Linien, wie die ersten Schreibversuche eines
-Kindes, und dachte wehmütig, daß dies die Schrift seiner rechten Mutter
-sei, solch ein welkes Blatt ... spät ihm zugetrieben.
-
-»Ist das der Name?« fragte er leise.
-
-»Ja,« sagte Klemens, »Krotkaja oder Kaja Moscherowska --« Georgs Blick
-fiel ab.
-
-Ganz deutlich standen im dämmrigen Raum der Kerzenflammen die drei
-schwarzen Femrichter der letzten Nacht, und eine helle, fremde Stimme
-sagte: Kaja Moscherowska ... Georg fiel innerlich zusammen, er hatte
-einen widrigen Geschmack im Mund. »Ist dir nicht gut?« hörte er fragen.
-Da saß Klemens. Indem kamen Schritte auf dem Kies, Georg wandte sich und
-sah Egon dastehn. »Ich komme«, sagte er und stand auf. Er bemerkte den
-Brief am Boden, nahm ihn auf, fragte dann schwach: »Also was steht in
-diesem Brief?« Klemens sagte: »Es steht drin, daß meine Mutter nicht
-eine Tochter zur Welt brachte, sondern einen Knaben, -- der du bist ...«
-
-Georg versuchte, zu überlegen. Etwas schien ihm an diesen Zusammenhängen
-noch zu fehlen, aber sein Denken war jetzt gelähmt, er verschob es auf
-später. Allein -- da stand wieder Klemens und beanspruchte noch
-Aufklärungen. In einem unerträglichen Ekelgefühl riß er den Brief in
-kleine Stücke und ließ sie wegfliegen.
-
-»Es ist genug«, sagte er leise. »Komm morgen zu mir. Ich sage dir dann
-alles, was ich weiß.«
-
-Da war diese elende Müdigkeit wieder. Eine Mutter hatte er nun, ach, er
-kannte sie ja sogar, auf Virgos Schreibtisch stand ihre Photographie,
-ja, sie war schön, sah etwas slawisch aus, es war irgendein Rollenbild,
-ja, die Gräfin im Figaro, glaubte Virgo, und Georg sah die schönen
-schwarzen Zöpfe um jene Züge vom >reinsten Ebenmaß<, wie Chalybäus es
-ausgedrückt hatte, schmal, die Mandelform der Augen und Virgos
-hochmütige Nase, nein, es war ja nicht Virgos, es war die seiner --
-seiner andern Mutter. Plötzlich glaubte er zu empfinden, wie das Bild
-seiner Mutter ihn ansah und zu sich zog ...
-
-Dann, langsam neben Klemens den Weg hinaufgehend, fühlte er immer
-deutlicher und peinlicher neben der Erscheinung seiner Mutter einen
-dunklen Hohlraum. Ja, dort fehlte ein Vater, und Georg kam sich
-namenloser vor als vorher.
-
-Im Arbeitszimmer gab er Klemens die Hand. »Du warst die Nacht nicht hier
-im Hause?« mußte er plötzlich fragen.
-
-»Ich? hier im Hause? Was sollte ich --«
-
-»Entschuldige nur,« lächelte Georg, »mir fiel etwas Dummes ein. Alles
-andre später, wenn's dir recht ist, nicht?« Klemens nickte ernst. »Ich
-werde meinem Vater sagen, daß er eine Tochter bekommen hat, das wird ihn
-freuen.«
-
-»Obendrein wo sie schon Zwillinge hat,« bemerkte Klemens mit
-ermunterndem Lächeln; »also auf Wiedersehn, vielleicht seh ich dich
-morgen bei Virgo?«
-
-Georg nickte, drückte ihm die Hand, sah ihn die Stufen hinaufgehen zur
-Tür, öffnen, nickte noch einmal lächelnd und stand stumpf, nachdem die
-Tür geschlossen war. Egon war wieder da; er faßte vorn nach seinem
-Uniformrock, schlug ihn auseinander, Egon hob schon die Arme, um zu
-helfen, aber er riß den Rock plötzlich mit Gewalt wieder auf die Achseln
-und ging heftig durch das Zimmer nach nebenan. Er öffnete die Tapetentür
-neben der Schenke, drehte die Lichtkurbel, ging den schmalen Gang hinab
-und betrat die Sternwarte durch die kleine Tür. Drinnen war der
-Sonnenschein, breite, tausendfach flimmernde, goldleuchtende Balken,
-schräge von den bleiverglasten Rundbogenfenstern hernieder. Mitten in
-einem von ihnen stand funkelnd der Leuchter mit herabgebrannten Stümpfen
-von Lichten. Sonst war nichts. Georg lief dumpf und zornig die eiserne
-Wendeltreppe hinauf, Becher und Kanne standen auf dem Steintisch, sonst
-war nichts. Langsam stieg er wieder hinunter.
-
-Den Gang schwerfüßig zurückgehend, sah er an der zugefallenen Tür zu
-seinem Eßzimmer etwas glänzend Blaues, Schillerndes. Beim Näherkommen
-ward es ein schöner, sehr großer Schmetterling von stark leuchtendem
-metallischen Blau, der dort steckte, und die Nadel hielt zugleich eine
-weiße Seidenschleife mit drei langen Bändern. Georg sah Schriftzüge auf
-dem einen, hob es an und las: Saint-Georges, in großzügigen, steifen,
-ein wenig ausgeflossenen Lettern. Er hob das zweite Schleifenende, und
-es stand in ganz steilen Buchstaben, deren große wie Maste und Fahnen
-waren, darauf: Josef Montfort. Auf dem dritten Bandende las er Jason al
-Manach, in kleiner, sehr zierlicher und ganz runder Schrift, die aus
-lauter Kreisen zu bestehen schien. --
-
-Georg nahm das schöne, tote Tier vorsichtig ab und trug es hinaus. Sich
-im Schlafzimmer findend, wußte er nicht wohin damit; er ging durchs
-Badezimmer, die Tür zu dem besonderen Gemach war angelehnt, Georg trat
-vor das Himmelbett, schlug das leichte gelbliche Gewölk auseinander und
-heftete den blauen Falter auf das reine, weiße Kopfkissen.
-
-Soll ich nun lachen, oder soll ich weinen? fragte er sich, das
-sonderbare Andenken der Nacht betrachtend.
-
-
- Haus
-
-Renate hatte alle Fenster im Erdgeschoß geöffnet, aber es blieb schwül
-in den langsam dunkelnden Zimmern. Sie ging durch die Räume hin und her,
-im Garten stand noch die Helle, kein Blatt bewegte sich, die Luft war
-lau und feucht. Sie stand lange an der Verandatür, auf die Sonnenuhr
-hinabschauend, und dachte: man müßte sie eigentlich verhängen bei Nacht
-wie einen Vogel, der nur am Tage singt. -- Sonderbar verlassen und
-entseelt schien ihr der Zeiger in seiner Einsamkeit ohne Schatten, steif
-und schräge dastehend, wie er mußte. Sie fragte sich verworren: sind
-auch nicht vielleicht wir ganz Andre in den Stunden, wo das Licht uns
-nicht trifft und der Schatten uns verließ? -- Alles gute Getier aber
-hüllt sich in Schlaf bei der Nacht; die es nicht tun, sind böse oder
-betört wie Nachtigall und -- Katze und -- -- Dunkelfalter, fand sie
-noch, sich umwendend. Und das, dachte sie matt, ist auch wieder so eine
-Jasonische Erkenntnis, die man in der Hand hält und nichts damit
-anzufangen weiß ...
-
-Sie ging durch die nie gebrauchten, fremden Zimmer der toten
-Hausherrinnen zur Straßenseite hinüber. Die Laterne brannte schon
-drüben, bleichgelb im Hochsommerzwielicht. -- Da bin ich auf einmal ganz
-allein im Hause, dachte sie verwundert, das war ja noch nie seit bald
-zwei Jahren! -- Aber Erasmus ... Sie schüttelte ärgerlich den Kopf. Wenn
-ich nur bestimmt wüßte, daß er nicht im Hause ist! Und wie komm ich doch
-nur auf den Gedanken? -- Da merkte sie, daß sie nur nach oben lauschte,
-daß sie schon oft gelauscht hatte. Sie wollte entschlossen zum Flur und
-fragen --, nein, die Dienstboten waren ja alle zur Illumination
-fortgeschickt. Hinaufgehn? -- Aber das wagte sie nicht, aus Angst, ihn
-wirklich oben zu finden. Erasmus läßt sich entschuldigen, sagte der
-Onkel beim Abendessen, sie hörte es deutlich wieder, und sie wußte
-nicht, war er im Hause oder in der Fabrik, fragte nicht und hörte Josefs
-Vater begütigend zu ihm sagen: Wir wissen ja, daß er zu allem längere
-Zeit braucht als wir Andern ... Ja, guter Gott, wie schnell hatte der
-Onkel sich in alles gefunden! wie leicht war es, seine Gedächtnislücken
-durch ihn selber füllen zu lassen, und Josefs zerstörtes Gesicht schien
-er so wenig zu sehn, daß auch Renate sich bald daran gewöhnte. -- Wie
-munter sie gewesen waren! -- Renate hörte sich von >Heliodora, lächle
-mal<, von ihrer Elefantenfahrt erzählen, und Magda wurde geneckt, daß
-sie mit Großherzögen zu Balle wollte ... Und auf einmal waren sie samt
-und sonders auf und davon. Der gute Onkel! Die Freude ließ ihn nicht im
-Haus, vielleicht wollte er den Heimgekehrten zeigen, -- und wie mühelos
-gelang es ihr und Josef, ihn zum Anschaun der Illumination und des
-Maskenfestes im französischen Park zu verlocken ... Und ich war so
-tödlich müde, -- das Bad muß schuld daran gewesen sein, denn nun bin ich
-wacher als je ...
-
-Sie wanderte wieder durch die Zimmer zur Halle zurück, erschrak ein
-wenig vor ihrer eigenen, weißen Erscheinung im schon dunklen Hohl des
-Spiegels, trat nahe daran, um Mut zu zeigen, und sah ihre Augen fast
-schwarz und entfernt hinter den dämmrigen, entfremdeten Zügen. -- Wäre
-Jason geblieben, oh, stundenlang sollte er reden! aber nun hatte er sich
-mit den Andern irgendwie verloren. -- Renate fiel ein, daß er sie geküßt
-hatte, und ihr wurde sonderbar ums Herz. Es freute dich doch, sagte sie
-zu sich selbst, nun suchst du wieder Bedeutungen! -- Da sah sie Jason in
-der Kapelle Ulrikas Klavier schließen. -- Ulrika, wo bist du, was ist
-mit dir? -- Überall gehen Dinge vor, die ich nicht weiß! Es ist ja fast
-wie damals, als Doras Mann am Zaun stand und ich nichts wußte, und dann
-kam das Entsetzliche. -- Nun erwartete sie wieder ein Kind, -- Renate
-grübelte, aber was Dora empfinden mochte, fand sie nicht, nur verworrene
-Trauer. -- Was war nur mit Ulrika? -- Ach, nun hat sie wieder kein
-Telephon! War etwas mit ihrem Mann? -- Sie sah Ulrikas heilig bleiches,
-innen glühendes Gesicht und hörte ihre seltsam sausende, beseligte
-Stimme Worte der Liebe singen. Und sie fand ein Stück davon wieder und
-summte, Augenblicke lang sich vergessend und heiter: Und uns sind es
-Lichter und süßes Gebrause, -- wie schön ist die Welt!
-
-Der Morgen war doch so schön! -- Das Einhorn! -- Wie sonderbar
-erschreckte es mich! -- Armer Georg, wie war er erst glücklich! -- Aber
-statt Georgs erschien ihr sein Vater an ihrem Frühstückstisch des
-Morgens. Er war so ungeschickt, er hatte fast keine Haltung, und sie
-freute sich leise, -- wieviel leichter wäre es gewesen, sie zu haben,
-als sie zu verlieren, -- Georg verlor die seine keinen Augenblick. --
-Und Irene und Klemens stürzten aufeinander los wie -- ja wie Achill und
-die Amazone, um sich mit Küssen zu töten. Und dies war nun der Sinn vom
-Haß ...? Georges -- Renate blieb stehn.
-
-Georges, wo bist du denn den ganzen Tag? fragte sie fast laut. Böse auf
-sich selber, sagte sie sich, daß sie ihn kaum entbehrt hatte, aber so
-sonderbar war er doch nie! Jetzt weiß ichs, jubelte sie auf, ich fahre
-zu ihm! Ich werde ihn fürchterlich bestrafen. -- Aber sie bewegte sich
-nicht. Bin ich angewachsen? fragte sie, sekundenlang gelähmt. Sie hob
-den Fuß, ihr Herz pochte, sie ging vorwärts. Es ist besser, ich
-telephoniere mit Irene, oder Anna kann hinüber ... ach, es ist ja
-niemand da! Ein jählings überquellendes Verlangen, eine Stimme zu hören,
-trieb sie zum Telephon, schon die Hand am Hörer besann sie sich
-vergeblich, welche Nummer sie jetzt rufen sollte, Georges' oder Irenes,
-dann schämte sie sich und bezwang sich. -- Sie stand wieder in der
-Veranda, es dämmerte nun, sie lief plötzlich die Stufen hinunter zur
-Uhr, erfaßte den Zeiger, bückte sich und legte die Wange auf die
-Metallplatte, einen Augenblick erquickt von der Kühle.
-
-Renate ging wieder ins Haus hinauf, durch die Halle, die Zimmer, und sah
-auf die leere Straße. Beleuchtet, durchscheinend hellgrün hingen die
-schweren Laubmassen der Ulmen über der Laterne. Jetzt gab es ein
-Geräusch in der Ferne, es wurde schnell lauter, ein Automobil, es
-rauschte, -- kamen sie schon zurück? unmöglich! -- Begierig neigte sie
-sich vor, es war doch wenigstens ein Ereignis, und sie zitterte, es
-könnte nicht in die Straße einbiegen. Da toste es nahe, schoß, ein
-flacher, offner Wagen, fern links hinter den Vorgärten hervor und bog
-ein. Es rauschte näher, breit fächerten die mächtigen Strahlenkegel über
-die Straßen in die Gärten zu Fenstern und Hauswänden, im Brennpunkt
-glotzten grell die riesigen Augen, geblendet sah sie undeutlich eine
-einzelne Gestalt im Rücksitz, da stand es stampfend und klirrend still
-neben der Gartentür zu ihrem Hause. Die dunkle Gestalt erhob sich,
-Renate sah einen großen Radmantel, auf der Schulter ein weißes,
-ausgezacktes Kreuz und erkannte den Kopf des Herzogs. Und augenblicks im
-Gefühl, daß sie ihm irgendwann am Tage einmal unrecht getan habe, lehnte
-sie sich weit hinaus und rief: »Woldemar!« stieß sich vom Fenster
-zurück, lief zur Tür, durch den Flur, riß die Haustür auf und lief die
-Stufen hinunter ihm entgegen.
-
-Bei ihrem Anblick blieb der Herzog stehn; einen Schritt vor ihm hielt
-sie inne, die Hand ausstreckend.
-
-»Da bist du!« sagte sie, leise vor Ergriffenheit, »es ist wunderbar, daß
-du kommst! Mir war so seltsam angst.«
-
-»Angst, Renate, dir?« hörte sie ihn fragen, selig über seine gute,
-ruhige Stimme, die ihr über alles wohltuend schien. Sie zog ihn an der
-Hand mit sich ins Haus, machte Licht im Flur und staunte, als unter dem
-fallenden schwarzen Seidenmantel die rote Johanniteruniform zum
-Vorschein kam, die linke Brust obendrein strotzend beladen mit Orden,
-und das Ganze überspannt mit farbigen Schärpen.
-
-»M--m!« machte Renate, »weißt du, -- wir sind ja zwei Schöne! Aber
-Herzog, wie groß ist dein Kopf! Das kommt von dem engen Kragen!«
-
-Der Herzog hob beide Hände hoch, in der einen seinen Stock, in der
-andern den losgehakten dünnen Degen. »Laß mich um Gottes willen zu Worte
-kommen,« flehte er, »sonst geschieht ein Unglück. Du hast ja keine
-Ahnung, keine Ahnung, weshalb ich komme!«
-
-Renate schluckte gewaltsam die Enttäuschung hinunter. Nicht meinetwegen?
-dachte sie, lachte indes fröhlich und fühlte sich ganz kalt. »Aber komm
-nur erst ins Zimmer«, sagte sie noch lachend, ging in die Halle voran
-und machte Licht.
-
-»Nun los,« sagte sie, sich zurückwendend, »die Trommel gerührt, das
-Pfeifchen gespielt, was giebt es Gutes?«
-
-Seine Augen funkelten; wie seine Brust von Kreuzen und Sternen, strotzte
-sein ganzes, gerötetes Gesicht von Gelächter und Glückseligkeit, und
-Renate rief sich innerlich scheltend an: Er ist da, er ist glücklich
-über und über, und du bist bloß gekränkt, daß er nicht deinetwegen
-kommt, schäme dich! Sie sah ihn zum Sprechen ansetzen, aber seine Augen
-schienen ihm die Rede abzuschneiden, er brachte endlich heraus: »Du! Es
-ist schwer, dich anzusehn und nicht zu küssen.«
-
-Sie lächelte ihn kalt an und sagte: »Das weiß ich. Es wäre mir aber
-lieb, wenn du dich auch in dieser Beziehung anders bezeigtest als die
-Andern. Komm, laß uns sitzen.«
-
-In einen Sessel gleitend, hörte sie ihn laut lachen, dann saß er ihr
-gegenüber, den Stock quer über den Knien, beugte sich vor, bat: »Rate
-doch! Tu mir den Gefallen und rat, was ich gekriegt habe!«
-
-Renate tat ihm den Gefallen und riet: »Einen Orden.«
-
-Er freute sich wie ein Knabe, lachte schallend, klimperte an seiner
-Brust und sagte: »Ein großer Mummenschanz, Renate.«
-
-Da mußte sie hellauflachen, sie schlug die Hände zusammen und rief:
-»Sagte ich es nicht? Wörtlich, genau wörtlich hast du's eben gesagt, wie
-ichs heut mittag hörte, als ich mit den Elefanten fuhr! Also keinen
-Orden? Ja, dann vielleicht -- einen Großherzog?«
-
-»Bei Gottes Thron!« rief er, »beinah richtig, einen Sohn habe ich
-bekommen, Renate, einen richtigen Sohn, und was mehr? Eine Tochter! --
-Und was mehr? -- Zwei Enkel, männliche Söhne, eben geboren, Zwillinge!
-Gott sei Dank, nun weißt du's!« Er setzte sich zurück und rollte
-triumphierend den Stock über die Oberschenkel hinunter und hinauf.
-
-»Nun, das glaube, wer Mut hat«, versetzte Renate, gänzlich
-begriffsverwirrt. »Das mußt du mir er--«
-
-»Erklären?« Er hob Arm und Handfläche und schüttelte sie heftig.
-»Nimmermehr! Kein Mensch findet da mehr hindurch. Aber fest steht: Georg
-ist mein richtiger, echter, natürlicher Sohn, -- das heißt, verzeih!
-wirklich: natürlich, wie man sagt ...« Er schloß ernst und mit leiser
-Stimme: »Von einer Frau, die ich sehr liebte, so gut ich das damals
-verstand.«
-
-Renate machte verwunderte Augen, da sie dachte, daß jene Kinder zur
-gleichen Zeit geboren wurden, und er hatte ihr doch gesagt, daß er
-damals die Herzogin liebte. Er schien dies empfunden zu haben, denn er
-sagte hastig:
-
-»Du mußt es recht verstehn. Ich erzählte dir von der Frau, der Sängerin,
-mit der ich meine erste Reise machte. Ich trennte mich von ihr, aber sie
-wollte es nicht verschmerzen, sie -- kurz, ich war einen Monat vor
-meiner Hochzeit noch einmal bei ihr, Abschied zu nehmen, wie sie sagte;
-sie bot alles auf, um mich zu -- halten, zu binden, und -- aus dieser
-Stunde wurde mein Sohn.«
-
-Aus solcher Stunde kommen Kinder, dachte leise schaudernd Renate. Breit,
-rot und mächtig sah sie ihn dasitzen, sein Gesicht glänzte metallisch,
-er sagte:
-
-»Eine brennende Stunde. Es ging aufs Blut, es war ein harter Kampf, aber
--- wenn Mann und Weib miteinander kämpfen, so giebts nur diesen
-Ausgang«, und Renate durchfuhr es: Irene! --
-
-»Merkwürdig,« sagte sie leise, »das gleiche, was du mir eben sagst,
-erfuhr ich heute an jemand anders ...«
-
-»Die berühmte Verdoppelung der Fälle, Renate,« hörte sie ihn leise
-lachen, dann fuhr er fort: »Georg wurde fast um einen Monat zu früh
-geboren; infolge des Erschreckens über meinen Unfall.« Er stand auf und
-ging in den Raum hinein. »Ich kann nicht sitzen,« hörte Renate ihn
-hinter ihr sagen, »es tut zwar scheußlich weh, aber --«
-
-Er fing an auf und nieder zu gehn, den Stock vor sich aufstoßend. Wenn
-er ihr gegenüber war, sah Renate im Schatten der kleinen Schirmlampe
-seinen glühend roten Waffenrock und das Geglitzer von Metall und Steinen
-an seiner Brust. Nun redete er unaufhörlich, sie horchte aufmerksam,
-ohne doch recht zu hören, als gerate sie langsam weiter von ihm fort.
-
-»Vor dem Abendessen kommt Georg, -- ich weiß nicht, was der Junge hat,
-er sah so -- innerlich geduckt aus, freilich, das Beste weiß er ja noch
-gar nicht, -- Herrgott, ich muß aber zu ihm! aber höre noch erst ... ja,
-wo blieb ich? So, Georg, er sagt mir also in zwei Augenblicken ganz
-eilig, er hätte erfahren, wer mein echtes Kind sei, ich kennte sie
-selber, es sei die kleine Virgo Schley, -- erinnerst du dich? ach, du
-kennst sie ja selbst, -- ich sagte dir, daß ich sie bei Georg sah und
-wie ich sie Helene ähnlich fand, Gottes Thron, ich habe sie sogar
-geküßt, ich wußte nicht weshalb, es war mein Blut, ah das Blut, Renate,
-es erkennt sich durch Wände, ja, habe ich denn je und je gezweifelt, daß
-Georg mein Sohn sei? Nein, nein, nein, das soll mir keiner verreden! Ich
-hab es hingenommen, aber geglaubt habe ich es nie! -- Nun das ewig lange
-Essen, ich verkohle vor Ungeduld nach meinem Kind, ich halte es nicht
-aus, ich breche auf. Kenne ja Schley, -- du weißt: der neue
-Amtshauptmann, er wohnt noch hier, weil seine Frau guter Hoffnung --,
-ja, also denke dir, ich stürme ahnungslos ins Haus, sie wohnen hier
-draußen bei ihrer Fabrik in Wülfel, -- da höre ich gleich: Zwillinge!
-Zwillinge männlichen Geschlechts, zwei Männer hat dies kleine blasse
-Wesen hervorgebracht, ja, ist es denn zu sagen? Liegt im Bett und ist
-ganz vergnügt, die Jungens schreien, ich kläre Schley auf, er weiß schon
-alles, nein, die Hälfte, das Ganze kam zutage durch einen alten Brief,
-der -- ja, verzeih bloß, ich kann das nicht alles aufsagen -- jedenfalls
--- Virgo ist Helenes Kind, sie lag da, ein Jugendbild von Helene, und
-wir saßen alle zusammen und weinten. Ich hatte ja Wein getrunken und --«
-
-»Woldemar,« sagte Renate erregt und stand auf, »muß denn nun immer Wein
-oder so was untergeschoben werden? Könnt ihr denn niemals aus euch
-selber weinen und euch vergessen, wenn das Herz überläuft?«
-
-»Ihr, Renate,« sagte er langsam, »wer ist: ihr?«
-
-Sie blieb stehn, nahm ihre Jadekette gespannt zwischen die Zähne und sah
-ihn lauernd an.
-
-»Verzeih, ist dir nicht gut?« fragte er, auf sie zukommend.
-
-Sie wich hinter ihren Sessel zurück, die Kette fallen lassend, daß sie
-klirrte, schüttelte den Kopf und rief:
-
-»Nein, nein, verzeih nur! Weißt du, es ist so viel heut, mir ist ganz
-wirr im Kopf, -- du weißt ja all das nicht! Das Festspiel am Morgen und
-der Zug, das konnte allein genügen für den Tag, und was gab es noch
-alles! Josef, weißt du, er ist wieder im Haus, mein Onkel ist wieder wie
-zuvor und glückselig, nun sind sie Alle zur Illumination.« Sie lachte.
-»Ach, und das ist längst nicht alles,« sagte sie, wieder trübe, »komm,
-sei nicht böse --«
-
-Zu ihm gehend, legte sie die Hand auf seine Brust, glitt, den Daumen
-nach oben, unter den orangefarbenen und blauen Schärpen mit der
-Handfläche glättend nach unten, küßte ihn leicht mit den Augen, lachte
-wieder und meinte: »Ich bin freilich kein Klärchen, schöner, guter
-Egmont, obgleich du so wahrhaft spanisch funkelst über und über«, worauf
-sie zurückwich, in den Sessel glitt und ihn mit den Augen zu sitzen bat.
-Er gehorchte lächelnd und eifrig, indem er sagte: »Noch zwei Sekunden.«
-
-»Und nun, wie ging es weiter?« fragte Renate. Er besann sich.
-
-»Du weintest«, sagte Renate ernst und weich. »Einmal weintest du, als
-ich deine Hand hielt, und du warst mir nicht fremd. Weißt du das noch?«
-
-Gehalten und weich wie sie, stimmte er zu: »Ich weinte, weil jemand
-starb, nun weinte ich, weil geboren wurde. Damals aber«, fuhr er
-heiterer fort, »dachte ich nicht an dich, obgleich du vor mir standest,
-aber heute dachte ich an dich. -- Aber weiter! Es war sehr einfach. Es
-fand sich ein Bild von Virgos vermeintlicher Mutter, und ich erkannte es
-wieder. Lieber Gott, Renate, sage, ist es nicht wundervoll? Blut -- geht
--- zu Blut, kein Magnet hat solche Kraft, die Berge, die eisernen,
-brechen nicht auf und wandern, aber das Blut hebt die Füße, bricht auf
-und macht seinen Weg. Von Helene bekam ich keinen Sohn, aber dies Land
-wollte seinen Fürsten und bekam ihn, -- ja, so lacht man über
-Weissagungen und alte Sprüche, aber innerst im Herzen lebt man schlecht
-und recht nur nach ihnen. Wie ich eben im Automobil zu Schley fuhr,
-hatte ich unablässig mit wundervollem Gefühl -- wie eine große,
-metallene Spannung -- die Vorstellung von zwei Wagen, die vor zwanzig
-Jahren wie von einem großen Magneten an ein und denselben Ort und
-zusammengezogen wurden, und in denen die Mütter meiner Kinder saßen.
-Alle hundert Jahre einmal vielleicht geschehen solche Dinge, und wir
-sind es, die sie -- nein, aber nun muß ich fort, verzeih, verzeih, hätte
-ich nur eine Ahnung, wo ich Georg finde, in dem Maskentrubel -- wo ist
-mein Degen? ach, draußen ...«
-
-Sie waren Beide aufgestanden, Renate gab ihm die Hand und litt es, daß
-er ihre Stirn küßte, dann tappte er eilfertig hinaus. Sie folgte ihm auf
-den Flur, sah ihn Degen und Mantel über den Arm nehmen, nickte ihm
-lächelnd nach und schloß hinter ihm die Tür. -- Danach fielen ihr die
-Arme schlaff nach unten, ihr Kopf glühte wie Feuer, sie ging dumpfen
-Sinnes und mit schweren Füßen in ihr Zimmer hinauf.
-
-
- Achtes Kapitel
-
-
- Masken
-
-Georg nahm die schwarzseidene kleine Halbmaske vor, stieg aus dem Wagen
-und stand am Fuß der Freitreppe vor der Universität, über sich die
-beiden fleischroten, milchigen Sphären der Bogenlampen, von innen
-eigentümlich Licht ausquellend, umtaumelt von dicken Schwärmen weißer
-Nachtfalter. Georg drehte sich um und sah im weiten, hellen Schein
-dieses Lichts den dichtgemauerten Halbkreis der fast stillen Menge,
-hundert und tausend beleuchtete Gesichter rings um das springende
-Bronzepferd, dessen Rücken im Lichtschein glühte, quer über die
-Fahrstraße und unter dem lichtberonnenen, dunklen Wipfelwall der Allee.
-Jason, Josef, Saint-Georges -- zählte Georg vertieft und ging die Stufen
-hinauf; es war verflucht, er kam nicht darüber hinaus, und es ließ ihn
-auch nicht los. Josef, Saint-Georges, Jason, was haben sie gewollt?
-Saint-Georges, Jason, Josef, -- Josef war vorher da und hielt eine
-wunderbare Rede. Jason, Saint-Georges, Josef, -- ich kann es drehen wie
-ich will, ich weiß, daß sie etwas wollten, wenn sie den Namen meiner
-Mutter sagten, und -- Josef, Saint-Georges, Jason, es ist zum
-Verrücktwerden -- ich weiß, daß ihre Rede eine schauerliche Wirkung auf
-mich hatte, -- da steht ja Renate am Türpfeiler? Nun bloß nicht
-fürchten! Nein, es ist ja nur ihr Kleid, wer ist denn das? -- Die
-weißmaskierte Gestalt in Renates lavendelblauem Kleid bewegte sich gegen
-ihn vor, -- Saint-Georges, Josef -- dachte er und hörte sie sagen:
-»Georg?«
-
-»Ach, Anna, da bist du ja, oh verzeih tausendmal, daß ich so spät komme!
-Hast du lange gewartet?«
-
-»Wie still sind die Menschen unten,« sagte sie, »es war ganz schön hier
-oben.«
-
-Georg drehte sich um und sah das schweigsame Gedränge unten in dem
-fremden Licht.
-
-»Angenehm, daß sie mich nicht erkannt haben,« sagte er leise, »ich nahm
-einen Wagen ohne Abzeichen. Es ist gräßlich warm, findest du nicht?« Er
-trocknete sich die nasse Stirn mit dem Taschentuch. Josef, Jason,
-Saint-... »Komm, Magda, wir sehen alles an,« sagte er heiser, »oder
-möchtest du tanzen? Im kleinen Schloßhof in Herrenhausen wird getanzt.«
-Er drängte sie am Arm neben sich her, durch die Halle, die breite Treppe
-hinauf, bunte Trachten, Masken liefen vorüber, andre stiegen mit ihnen,
-stießen zusammen, drängten sich, -- sie stiegen langsam Stufe um Stufe.
-
-»Ich glaube, Magda,« seufzte Georg, »uns ist Beiden nicht nach Masken
-und Tanzen zumute, aber du weißt ja,« schloß er bitter, »ich trage eine
-Maske mein ganzes Leben.«
-
-»Oh, Georg,« sagte sie schmerzlich, stehen bleibend, »glaubst du denn
-unrecht zu tun?«
-
-»Ach, unrecht,« meinte er wegwerfend, »das sind alles so Ausdrücke.« Die
-Hand am Treppengeländer, beugte er den Nacken und starrte auf die Stufen
-hinunter. »Wenn du in einem Buch liest: Ehebruch, dann weißt du gleich,
-um was es sich handelt, und hast Urteil und alles bei der Hand. In
-Wirklichkeit hat man vielleicht einen Mann, den man haßt, und ein
-verkehrtes Leben und liebt einen Andern, und all das verschmilzt sich zu
-einem schrecklich leidigen und treibenden Gefühl, aber mit Ehebruch hat
-es gar nichts zu tun.«
-
-»Nun, Georg, wenn das wahr ist, so ist es mit deiner Maske wohl
-dasselbe.«
-
-»Komm weiter«, bat er leise, in dem Gefühl, daß sie recht habe, ohne es
-sich selber zugeben zu wollen.
-
-»Ich muß dir verschiedenes erzählen«, sagte er, als sie oben in der
-Halle waren und gegen die Tore vorgingen, durch die es von Masken
-wimmelte, die er kaum ansehn mochte, ein so widriges Empfinden erregten
-sie ihm. Von unten ertönte gedämpfte Musik, sie standen über einem
-Gewimmel von unzählbaren winzigen Lichtern, roten, weißen, grünen und
-blauen, darin lag der weite Rasen unten, umringt von alten Bäumen; von
-oben und bei der Dunkelheit sah es wie ein Wald aus, Georg fand es ganz
-schön. »Renates Vetter Josef«, hörte er Magda sagen, »ist wieder im
-Hause, jetzt ist er hier mit seinem Vater.«
-
-»Hier?«
-
-»Ja, ich weiß freilich nicht, wo sie sind, sie wollten in den
-Französischen Garten.«
-
-»Dann laß uns versuchen, ob wir sie finden,« bat Georg; »ach, Magda,
-verzeih mir nur, daß ich so kümmerlich zu dir bin, es ist ein bittrer
-Tag, und ich weiß bald nicht mehr, ob ich wache oder träume.« Sie
-ergriff seine rechte Hand, drückte sie schweigend. »Diese Hitze könnte
-mich rasend machen,« stöhnte Georg, »bei der Galatafel wars zum Platzen,
-und dann in dem grellen Licht der Vorbeizug, und der Geruch nach Puder
-und Parfüm und Schweiß, -- ich muß noch ein paar Tage nach Helenenruh
-und mich in die Nordsee stürzen ...«
-
-Stirn und das klebende Haar an den Schläfen reibend, stieg Georg die
-großen Terrassen hinunter. Unten gerieten sie bald auf einen dunklen
-Seitenweg im Gebüsch; ein einzelnes, rotes Licht hing an einem
-Baumstamm, es roch nach welkenden Rosen, Georg erinnerte es an eine
-Kirche in Athen. Josef, Jason -- da fängt es wieder an, dachte er
-verzweifelt. Magda, vor ihm stehend, ergriff seine Hände und sagte leise
-und eindringlich:
-
-»So froh kamst du heut morgen herein, Georg, und nun bist du am Ziel und
-doch nicht glücklich?«
-
-Da fühlte er wieder den Hohlraum, in dem das wesenlose Wesen seines
-Vaters umtrieb, der Schweiß brach ihm heftiger aus, »was ist denn
-Glück?« sagte er stumpf. »Jetzt bin ich Großherzog, und warum bin ich
-nicht Steineklopfer?« -- Und ohne etwas zu denken, fuhr er fort: »Glück?
-Etwas, das man hat und nicht weiß, etwas, das man weiß und nicht mehr
-hat. Und wenn es ein Glück gäbe, wie du es meinst,« sprach er
-verzweifelt weiter, Gedanken schwerfällig aus Gedanken ziehend, »glaubst
-du, daß es so leicht wäre, daß man es im ersten Augenblick begreift?«
-
-»Georg,« hörte er ihre ruhige, weiche Stimme erwidern, »du weißt immer
-einen Satz und eine Erklärung, aber ich glaube nicht, daß sie mit deinem
-innern Zustand etwas zu tun haben, oder daß sie dir überhaupt etwas
-bedeuten.«
-
-Er öffnete den Mund, um zu sagen: Das sei eben das Wesen der Tragik,
-zerspellt zu sein in Erkenntnis und Empfinden, aber sie kam ihm zuvor,
-indem sie sagte: »Jetzt willst du wieder einen Satz sagen, vielleicht
-weiß ich ihn sogar, oder ... Ich habe das jedenfalls an mir selber
-erfahren, daß Klugheit und Wissen etwas für sich sein kann, außer uns,
-neben uns her, und es ist wohl manchmal sehr schwer, es mit unserm
-wirklichen Wesen zu vereinen.«
-
-»Nein, das meinte ich glaub ich nicht,« sagte er, den Kopf hin und her
-bewegend, trübe, »aber du wirst wohl recht haben. Ja, nun meinst du, ich
-soll diese meine Klugheit an einem tüchtigen Strick wie -- wie so einen
-Fesselballon in mich hineinziehn? Ach, Worte, Worte, Worte, ich werde
-noch verrückt davon werden, komm bloß weiter!«
-
-Er ließ ihre Hände los, dann zwang es ihn plötzlich, die Stirn auf ihre
-Achsel zu legen, er stand sekundenlang so, fühlte die sanfte Erlösung
-dieses Ruhns, aber in ihm lehnte etwas sich auf, er sagte zu sich
-selber: Du liebst diese ja nicht, sie ist dir fremd, sie meint es gut,
-aber -- »O Gott!« seufzte er leise.
-
-»Es kommen Menschen«, sagte Magda, er richtete sich auf, nahm ihre Hand
-und zog sie weiter.
-
-Sie wanderten wortlos auf den schmalen Wegen, immer belästigt durch
-Geschrei, Vorbeigelaufe der Maskierten, die ihnen zuriefen oder nach
-ihnen schlugen, sie mußten selber tun, als ob sie daran Gefallen hätten,
-lachen und erwidern, endlich gelangten sie ans Tor. Von ihm zur
-Lindenallee war schräg über den Fahrdamm eine Gasse von Girlanden und
-bunten Laternen gezogen, hinter denen die zuschauende Menge sich staute.
-Sie eilten freier hindurch in das Dunkel der Alleen, gingen wieder
-langsamer unter den Bäumen hin, querhinüber und zwischen den Stämmen
-hindurch am Ende der Alleen schräg auf das Tor des Französischen Gartens
-zu. Der vorderste Block der haushohen Mauern dunkler Baumhecken stand
-über ihnen in der Nacht, aus der Tiefe quellend beleuchtet; hier waren
-weniger Menschen, in der Ferne rauschte Musik. Zwischen kleineren Hecken
-hindurch gelangten sie zu der ersten großen und gingen unter ihr
-hinunter. Am Fuße eines Baumes stand eine der Lichtquellen, sie traten
-hinzu und sahen auf einer kurzen und dicken Steinsäule ein metallenes
-Becken -- »eigentlich ein Papierkorb« sagte Georg -- mit Wasser gefüllt,
-an dessen Grunde drei in rotes Zeug gewickelte Glühbirnen leuchteten; in
-der roten Flüssigkeit schwammen zwei tote Fische. Georg tauchte einen
-Finger hinein, das Wasser war beinahe kochend.
-
-»Ein Genie, wer das erdacht hat,« meinte er, »die Fische sollten das
-Wasser in Bewegung erhalten; der Erfinder sollte sie alle zu Mittag
-bekommen.«
-
-»Arme kleine, tote Fische«, sagte Magda, und beim Klange ihrer Stimme
-befiel Georg ein sonderbar süßlicher Schmerz. Das war Anna Chalybäus'
-Stimme, dachte er, als sie weitergingen, und eine meilenferne selige
-Vision von Helenenruh zog, seinen Augen unsichtbar, seiner Vernunft
-unnennbar, mit schmerzlichem Schauder durch seine Brust. Er mußte
-plötzlich an seine tote Mutter denken, sie, für die er keinen Namen mehr
-fand, nur einen Baumstamm auf einer Insel mit der Tafel: Helene --
-
-Georg merkte, daß er stillstand; der Heckengang war zu Ende, rechts
-neben einem freien Platz mit Bäumen rauschte laute Tanzmusik aus dem
-großen Pflasterhof des niedrigen weißen Schlößchens; die Umrisse
-leuchteten, starke, weiße Linien in der Nacht; im dämmrigen Licht
-buntfarbener Laternen bewegte sich hinter den hohen Gittern das wogende
-Getümmel der Tanzenden. »Oh sieh wie schön!« hörte er Magda sagen und
-sah nach links. Dort standen in den vier Ecken des weiten Quadrates
-haushoher, düstrer Hecken vierfarbig leuchtende Fontänen, eine
-schneeweiße, eine lichtgelbe, eine tiefrote und eine lichtblaue.
-Zwischen den Wegen, Rasenplätzen, Beeten und Bosketts wandelten die
-undeutlich buntgekleideten Gestalten in diesem Halbdunkel und standen
-auf ihren Postamenten, leise von unten beleuchtet, die Steingötter,
--göttinnen und Urnen mit schweren Schatten und in starker und düstrer
-Bewegtheit ihrer Falten und Glieder, und Georg sah den Schattenriß eines
-Füllhorns in der Nähe, eine Keule zwischen stämmigen Beinen anderswo,
-und nun wieder, hoch über dem niederhangenden Füllhorn, ein zartes,
-leuchtendes Profil, dahinter einen großen, leicht zum Nacken gesunkenen
-schwarzen Kopf, dessen Umrisse die Umrisse von Früchten und Blumen
-schienen, und wieder dachte Georg Annas und des Bildes, das Bogner von
-ihr gemacht hatte; und nun ging er hier mit ihr wie mit einer Schwester.
-
-Indem fühlte er sich am Arm berührt und sah ein häßliches Wesen neben
-sich: eine rote, lottrige Tunika über schwarzen Trikots, eine schwarze,
-törichte Bartmaske unter starrendem Haar nach allen Seiten, aus dem ein
-Schlangenkopf zitterte; eine Hand schwang einen langen Dolch oder ein
-Schwert. Sie warf den Kopf zurück und bewegte Arme und Oberkörper mit
-solchen schiefen, zuckenden Gebärden, daß Georg gleich Cora erkannte,
-auch ihre Stimme hinter den hohen verstellten Tönen, mit denen sie
-sagte: »Nun, mein Schöner?«
-
-Es ekelte ihn unbeschreiblich; ihre sich hebenden und fallenden
-Schultern, das Vordehnen des Leibes erinnerten ihn an gräßliche Dinge,
-er schnob kurz: »Was willst du?« im halben Gefühl, Magda nichts gewahr
-werden zu lassen.
-
-»Du siehst, was ich bin?« fragte ihre Stimme, schon weniger verstellt.
-Georg wandte sich zu Magda und sagte: »Sie fragt, was sie vorstellt. Ich
-glaube, eine Furie. Eine Furie, Erinnye oder so!« sagte er zu Cora,
-ergriff Magdas Arm und wollte sie weiter drängen, aber Cora war mit
-einer ihrer weichen Seitwärtsbewegungen um ihn herum, ergriff Magdas Arm
-und zischte theatralisch: »Nun? Nun, schöne Heliodora, sind Sie nun am
-Ziel Ihrer Wünsche?«
-
-»Ich bin nicht Heliodora,« sagte Magda ruhig, machte ihren Arm los, und
-Georg, hinter sie tretend, fuhr Cora wütend an: »Geh zum Teufel, mit
-deinem Mummenschanz!«
-
-»Der Großherzog hat befohlen,« sagte sie höhnisch, »seinetwegen hat sich
-das Volk in Masken gehüllt!« und wich zurück, schwenkte sich herum und
-ging schlenkernd, in den Hüften sich wiegend davon.
-
-Georg, Magda fortziehend, hörte sie fragen: »Wer war denn das?« Sie
-schien zu lachen, er vermied deshalb eine Antwort und fragte: »Lachst
-du, Anna?«
-
-»Ja, es war so komisch! Erinnerst du dich, ich sagte dir einmal von
-einer Legende, die Jason uns erzählte, von Orest und der Eumenide, und
-ich mußte denken, wenn die Eumeniden so ausgesehn haben, waren sie nicht
-sehr zum Gruseln.«
-
-»Nein, weiß Gott nicht«, murmelte Georg verdrossen. Ach, wie ist das
-wieder ganz Cora, seufzte er innerlich, im Kostüm und mit Schlangen und
-Dolchen als Rachegöttin vor mich hinzutreten. Aber ich muß sehn, daß sie
-uns nicht wieder über den Weg läuft.
-
-
- Tempel
-
-Sie traten aus dem Heckengang auf den äußeren Fuhrweg hinaus. Drüben
-standen die schwarzen Wipfelgruppen der englischen Anlagen unter matten
-Sternen, Georg roch das brackige Wasser der unsichtbaren Gracht,
-jenseits des Weges in der Tiefe. Sie gingen zur Rechten am Fuß der hohen
-Heckenwand hinunter, die in der Ferne hier und da von den unteren
-Lichtquellen rötlich gefleckt war, auf den kleinen Rundtempel an der
-Ecke des Gartens zu; eine seiner Säulen stand ganz schwarz vor ihnen,
-dahinter mußte der Leuchtkörper sein, von dem die Wölbung innen und die
-Säulen links und rechts weißrötlich glühten. Auf dem breiten Wege ging
-nur hier und da ein stilles Paar. --
-
-Hand in Hand wanderten sie auf die freundliche Erscheinung des Lichts
-und des kleinen Tempels zu. »Dort steht eine Bank am Wasser,« sagte
-Georg, »wir können dort sitzen, und ich sage dir einiges. Bald muß auch
-das Feuerwerk kommen. Es soll rund um das ganze Gartenviereck brennen,
-dann können wir's schön sehn, auch im Wasser.«
-
-So gingen wir vor drei Jahren, dachte er währenddem leise bekümmert,
-hätte gern etwas Liebreiches, Dankbares, Verzeihungbittendes gesagt,
-fand aber kein Wort, und sie gingen schweigsam dahin. -- Was dachte sie
-nur? --
-
-Vor den drei Stufen ins Innre des Tempels blieb Georg stehn und nahm die
-Maske ab. Magda tat dasselbe, er sah dämmrig den Schein ihres Gesichts
-und der Augen im Dunkel, dahinter die graue Säule und sagte, vor sich
-niederblickend:
-
-»Vielleicht -- --, vielleicht ist diese Stunde die beste am Tag. Es ist
-wieder stiller in mir, ich -- ich bin so froh, mit dir zusammen zu
-sein.« Er suchte, beschämt, sich zerknirschend und traurig nach Worten.
-»Und --« fuhr er stockend fort, »und --« Er wußte nicht weiter, sah
-verschwimmenden Auges den breiten Weg hinunter, in dessen Mitte einsam
-eine dunkle Gestalt stand, an der seine Augen nun festhingen, so daß er
-alle Gedanken verlor.
-
-Als er sich umwandte, war Magda nicht mehr neben ihm, er ging über die
-Stufen in den Raum und sah sie neben einem unterwärts dunklen, innen
-stark leuchtenden, großen Becken stehn, das Antlitz, stark beleuchtet,
-leise auf das Licht gesenkt, anmutiger als es ihm je geschienen in den
-letzten Jahren, -- wie lang doch ihre Wimpern waren, nun sie gesenkt
-ruhten! die Augen glitzerten feucht dahinter, die Stirn war freilich --
-irgendwie arm, so hoch, nicht streng, -- vielleicht karg, -- ach arm nur
-für meine Augen, dachte er trübe, weil sie keinen Reiz für meine Sinne
-hat. Näher tretend gewahrte er, daß vom Rande des metallenen Beckens
-unaufhörlich dünne Wasserfäden zu seinem Grunde niederrannen und
-glitzerten; in der Tiefe war eine Glasplatte, durch die das starke Licht
-fast blendend emporquoll.
-
-Die Armut steht am Lebensquell ... dachte Georg, es schien ihm der
-Anfang eines Gedichts, und -- wie töricht! schalt er sich, denn wer ist
-hier arm und wer nicht?
-
-Magda sagte aufblickend: »Ich fürchtete schon wieder tote Fische, aber
-hier sind sie geschickter gewesen.«
-
-»Ja, aber der Brunnen war hier immer,« meinte Georg, »nur das Licht ist
-neu.«
-
-Angenehm gekühlt und gedankenverloren schaute er in das glitzernde,
-unablässig rinnende Rund, legte eine Hand hinein und schauderte
-wollüstig von der kalten Flut. Magda hatte die beiden Hände auf den Rand
-gestützt und stand leicht übergebeugt, er legte, ihr gegenüberstehend,
-sich neigend wie sie, die Hände auf die ihren, ihre Gesichter waren
-dicht voreinander, Magdas Augen hafteten -- ihre fast brauenlosen
-Augenbögen zogen sich dabei zusammen -- in den seinen mit leise
-schmerzlichem, bekümmertem, sorgendem Ausdruck, dann bewegte sie langsam
-das Antlitz vor, und ihre Lippen berührten die seinen, leicht wie eine
-Blume, die weht.
-
-»Gott segne dich, Georg«, sagte sie leise. -- Er senkte den Kopf, ihm
-quoll das Herz.
-
-Ein Geräusch hörend sah er auf. Magda lehnte drüben an der Säule, in
-ihren Augen war ängstliche Verwunderung, und Georg sah dort, wohin sie
-blickte, nicht weit rechts neben sich Cora, geduckt wie ein Indianer,
-den Griff des Dolches gegen die Brust gestemmt, so daß die Spitze nach
-vorn stand, und Georg sagte, als er das sah, hohnerfüllt: »Man stößt von
-unten, Cora, von oben macht man's bloß im Theater.«
-
-Cora zeigte beide Zahnreihen; die Maske, dumm und grotesk aussehend,
-hielt sie in der linken Hand.
-
-»Ja, was willst du denn nun eigentlich?« fragte Georg ungeduldig und
-bewegte sich zu Magda hinüber. Indem flog Cora empor und auf Magda zu,
-den Dolch in der Hand, blindlings von oben stechend; Georg, wütend in
-Bewegung, stürzte mit halbem Leibe über das Becken, raffte sich mit
-schmerzender Hüfte auf, sah Magda mit vorgestreckten Armen nach Coras
-Handgelenken fassen, plötzlich schrie sie auf, taumelte zurück und mit
-der Stirn so heftig gegen Georgs Schulter, daß es in ihm dröhnte. Sie
-hing an ihm, preßte den Kopf an seine Brust, die Hand vor den Augen. War
-sie verletzt? Und wo? -- Er verspürte eine schäumende Wut, auf Cora zu
-stürzen, die er die Stufen hinunter ins Dunkel rennen sah, da verließ
-ihn alle Kraft, er mußte Magdas Gestalt zu Boden lassen, sie drehte das
-Gesicht weg, ihre Hand war so dunkel und fleckig im Schatten am Boden,
-er stand über ihr, da wurde der dunkle Boden, auf dem sie lag, zu
-dunkler Wiese, ihr Kleid färbte sich langsam rot, Georg roch mit
-fürchterlichem Grauen Kühe und Gras aus einer Entfernung von drei
-Jahren, er wich zurück, schlotterte, er stieß mit dem Hinterkopf an
-Stein, drehte sich um, stürzte Stufen hinunter, trat, niederbrechend, in
-weiches Gras, raffte sich hoch und stand.
-
-Ganz langsam drehte es ihn herum. Dort am Boden lag unverändert die
-Gestalt. Es wandte ihn wieder fort, durch Sekunden spürte er merklich,
-wie sein Inneres sich leerte. Er dachte noch: So ... also hier ist nun
-das Ende. -- Leere und eine unendliche Schwäche machten ihn so leicht,
-daß er umzuwehen meinte, sein Kopf sank vornüber, zu seinen Füßen war
-Mauer, etwas tiefer ein dunkelwässriges Glitzern, in das es ihn
-wonnevoll hinabzog. Ah stürzen! dachte er, stürzen! -- Dann fühlte er
-die Erlösung des Fallens.
-
-Aber dann klatschte sein Gesicht, seine Brust auf harte Wasserfläche, er
-versank, schlug mit den Armen um sich, entsetzliche weiche Bänder
-umschlangen ihm Hals und Gesicht, er war am Ersticken, gurgelte,
-schluckte, Wasser drang in gräßlichem Strom in seinen Mund, er bohrte in
-Todesangst den Kopf nach oben, da war Luft, er gurgelte, atmete, spie
-und rülpste Wasser aus, versank wieder, stieß mit den Füßen, riß sie aus
-Umstrickendem los, warf die Arme auseinander und merkte plötzlich, daß
-er schwamm.
-
-Nasses Haar hing ihm in die Augen und verwirrte sie; indem er es
-wegstreifte, machte ein riesiger Kanonenschlag sein Herz zusammenzucken,
-dann -- zischend und johlend schoß eine blendend weiße Kurve in die
-Nacht hinauf, heulte ganz rasend, eine Bestie, die sich vor Wut
-schüttelte, zerfiel aber plötzlich in eitel staunenswerte Sanftmut
-vieler blauer Kugeln und silberner, blendend hell strahlender Sterne,
-ein wundersamer Regen --, jedoch da stürzte sich wieder ein
-fürchterliches Winseln und Jaulen, ein lang hintanzendes satanisches
-Hu--ih--ih--ih! in die Lüfte empor, es prasselte plötzlich überall, rote
-Streifen kreuzten sich emporschießend, es knatterte, rauschte, fegte,
-drei -- unzählbare Feuerbögen jagten gegeneinander, rote Kugeln,
-goldflimmernde Sterne regneten von oben, es war blendend hell, da setzte
-eine riesige, von Golde brennende Sonne vor seinen Augen sich in
-Bewegung, Goldgarben aus ihren Rändern schleudernd, eine Feuergarbe nach
-oben, nach unten, nach rechts, nach links ausstoßend, Georg schwamm,
-richtete sich auf im Schwimmen, grunzte und schrie: »Mit Feuerwerk --
-woll'n wir zugrunde gehn!« und schwamm, während das ganze Ufer hinunter
-die Raketen sich höllisch bekämpften, Sonnen über Sonnen sprühend,
-sausend und brausend entfesselt wurden, über finstere Baumkugeln
-gewaltige rote Wolken von unten nach oben wogten, in denen die
-Laubkugeln rötlich leuchteten; dazwischen huschten schwarze Gestalten,
-die Nacht war tageshell, das grüne Wasser lag deutlich vor Georg mit
-großen Flecken wie Morast in dem starken Licht, aber als das grenzenlose
-Toben, Zerstieben von Silberbüscheln, Heulen der Flammenbögen und das
-besessene sich Herumwirbeln der Garbensonnen nicht enden wollte,
-ermattete er jählings, gewann mit zerfallenden Armen ein Ufer, kroch die
-Böschung triefend, schaudernd und frierend hinauf, lag eine Weile
-keuchend, zuckte, schluchzte und wünschte, tot zu sein. Er schleppte
-sich höher empor, stand; eine Feuersonne vor ihm -- ihr weißer Mast, an
-dem sie schwebte, war hell zu sehn -- drehte sich langsamer, spie
-schnaufend ihre letzten zwei Garben nach unten, stand still und regnete
-aus. Georg ging besinnungslos auf die dunkle Stelle zu, jemand rannte
-gegen seine Schulter und fluchte, eine dunkle Gestalt huschte vor ihm
-ins Dunkel mit einem Stabe, dessen Spitze brannte, gleich darauf riß ein
-zischendes silberweißes Band sich aus dem Grase und wand sich mit
-ungeheurer Schnelle in den Himmel hinein. Georg taumelte weiter, kam an
-eine Hecke, wankte an ihr hinunter, brach durch eine Lücke, hörte das
-Feuergetöse gedämpfter hinter sich und ging, bei jedem Schritt vornüber
-fallend, hustend und von Frost geschüttelt weiter und weiter, stand
-endlich still und sah in der Dunkelheit rechts vor sich schweigend und
-gewaltig einen schwarzen Fabrikschlot himmelhoch vor sich stehn und auf
-ihn hinunterblicken. Irgendeine Bekanntschaft dieses Ungetüms veranlaßte
-Georg, die dämmrig sichtbare Straße zur Linken hinunterzugehn, er ging
-und ging, fiel vor Müdigkeit gegen Bäume oder Pfosten im Weg, machte nur
-von Zeit zu Zeit die Augen auf, um zu sehn, wo er war, und flüsterte
-sich unaufhörlich zu: Fort, nur fort, ach nur fort! nur fort! --
-Sinnlose Angst trieb ihn weiter und weiter, auf einmal sah er, die
-Augenlider schwer aufreißend, seltsam die Hinterfront des Schlößchens,
-die er erkannte, ganz nah zu seiner Linken, er ging draufzu, der Boden
-wich, er stolperte bergauf und bergunter, fiel, stand wieder auf und
-fiel wieder und stand wieder auf, und war plötzlich vor einer Mauer. Er
-ging daran hinunter, sie wurde von einem Gitter fortgesetzt, er begriff,
-daß er hinüber mußte, und plötzlich lag er drüben an der Erde mit
-schmerzenden Gliedern. Nun an Gebüschen hinunter streifend, fand er die
-kleine Brücke, ging hinüber und befand sich gleich darauf in einem
-Zimmer, das er gut kannte. Die Angst hetzte ihn weiter, ich will nur
-noch -- dachte er, -- er wußte nicht was, schlich mühselig ins nächste
-Zimmer, hindurch und durch noch eines und fiel gegen etwas weiches
-Dehnbares. Das Bett ... flüsterte er, er sank zu Boden, rollte um, sein
-Kopf füllte sich mit Feuer, er lag und zuckte.
-
-Jählings fuhr er auf, da er Stimmgewirr und Schritte vernahm. Er kniete
-und richtete sich auf, erkannte im Halbdunkel den Raum, die Fenster,
-ging auf eines zu, streifte den Vorhang seitwärts, hakte den Riegel auf
-und stieg über die Brüstung ins Freie. Draußen stand er zitternd und
-todmüde, schlich ins Gebüsch, entsetzte sich vor einer Helle, die von
-der linken Seite über ihn fiel, sah all seine Fenster hell werden,
-sprang ins Dickicht und schlug sich durchs Gezweige weiter, bis er ins
-Freie und Dunkle kam. Der Stall ... flüsterte er, schlich über den Hof,
-hakte die Tür auf und atmete unsäglich dankbar den Geruch des Pferdes.
-Dann wurde es Nacht um ihn.
-
-
- Neuntes Kapitel
-
-
- Zimmer
-
-Renate lag nackend auf dem Rücken schräg über ihr Bett hin, schlaff
-neben sich Arme und Hände, die Füße hingen nach unten. Wie sie
-hingesunken war im Dunkeln, so lag sie, glaubte, schon Stunden zu
-liegen, schwer atmend, das Hirn im Feuer aller durchhinzuckenden Bilder
-des Tages. Losgefesselt von ihr jagte es haltlos durch ihre
-geschlossenen Augen, flatterte in Fetzen, wirbelte eins ins andre, und
-ineinander und auseinander zog und ergoß sich schon, was sie als Bild
-vor Augen sah und was sie im Halbschlaf träumend selber mit lebte. Sie
-glaubte, ein Bild aus einem Kinderbuche zu betrachten, eine
-Wiederfindung, harte Holzschnittfarben, aber es waren Klemens in seinem
-bäuerlichen Kleid und Irene, die über dem Zaun zusammenhingen, zum Bilde
-erstarrt. Sie ritt auf dem silbernen Pferd, fühlte sich gewiegt von den
-weichen Gängen, Ulrika stand am Weg, hielt das Pferd fest, weinte und
-sagte: So laß dir doch endlich erzählen, was geschehn ist! -- Eine rote,
-brennend rote Uniform ohne Kopf wirbelte in ein Zimmer herein und fuhr
-wieder hinaus, -- der Satan! sprach Jason mit warnend erhobenem
-Zeigefinger. Unter sich sah sie Rücken und Hinterbeine der Elefanten
-sich vorwärts bewegen, sie wurden kleiner und kleiner, es waren Hunde,
-weiße, kleine, sie erschrak und dachte: Sollen die den riesigen Wagen
-ziehn? aber das geht doch nicht, man muß es den Leuten sagen, daß es
-nicht geht! -- Plötzlich hörte sie sich seufzen und schlug die Augen
-auf.
-
-Neben ihr, beinah über ihr, sah sie die seitwärts gerafften Vorhänge des
-Fensters und den matten Glanz einer offenen Scheibe, aber es kam keine
-Kühle herein. Dann blendete sie von drüben der schmale senkrechte
-Lichtspalt der angelehnten Tür; sie konnte sich nicht entschließen,
-hinzugehn und das Licht zu löschen. Gott sei Dank, dachte sie ergeben,
-wenigstens ist es Nacht! Weit zurück in der Zeit glaubte sie die
-Heimkehrgeräusche der Andern zu hören, Schritte treppauf, Türen, -- sie
-legte den aufgerichteten Kopf wieder hin und war wieder hineingerissen
-in den feurigen Strudel, Bilder aus der biblischen Geschichte, sie
-selber war darunter, der verlorene Sohn kniete vor seinem Vater, --
-abseits, verfinstert, stand Erasmus, sie seufzte und fand sich gleich
-darauf liegend auf dem kleinen Rasenplatz im Gartendickicht, Ulrika
-beugte sich weinend über sie und bat: Wach doch auf, um Gottes willen
-wach doch auf, sonst ist es zu spät! aber sie konnte die Lähmung nicht
-abschütteln, rang mit dem Nacken, spürte endlich ihr wirkliches Genick,
-das sich löste, und brachte den Kopf in die Höhe.
-
-Da! -- sie fuhr entsetzt zusammen, -- es schlürften Schritte nebenan!
-Eine Stimme fragte: »Schläfst du schon, Renate?« Es war Josef.
-
-»Nein, Josef, was ist denn?« fragte sie zitternd.
-
-»Verzeih nur,« sagte er, »ich sah im Garten unten dein Licht und kam
-herauf. Ich glaubte, du habest >Herein< gesagt, und eben hörte ich dich
-rufen ...«
-
-»Habe ich gerufen? Ja, wie spät ist es denn?«
-
-»Es wird bald elf Uhr sein, ich dachte, du gingest vielleicht noch etwas
-ins Freie mit mir ...«
-
-Erst elf Uhr? fragte sie sich bitter enttäuscht, legte die heiße Stirn
-gegen den Handballen und bemühte sich, zu denken. Ja, am Wasser war es
-vielleicht kühl, zu schlafen war unmöglich. »Ich komme gleich, Josef!«
-rief sie leise. Sie wartete dann, hörte ihn durchs Zimmer zurückgehn,
-einen Stuhl rücken, erhob sich lautlos, schlich zur Tür und machte sie
-leise zu. Dann stand sie tief aufatmend, suchte ihre Kleider, die weiß
-am Boden vor dem Bett lagen, ihr Kopf schmerzte heftig, sie kleidete
-sich hastig an, machte Licht überm Spiegel, aber nachdem sie, mit
-geblendeten Augen kaum ihr Spiegelbild wahrnehmend, eine Flechte
-aufgelöst und neugeflochten hatte, brachte sie mehr nicht fertig, ließ
-die Zöpfe hängen, ging zur Tür und trat leise ins Nebenzimmer.
-
-Josef saß vor dem Schreibtisch, ihr den Rücken wendend, die Hände um das
-übergelegte rechte Knie geschlossen, und sah zu der kleinen, schneeweiß
-leuchtenden Gipsbüste des Ech-en-Aton empor. Wieder wie immer, da sie
-den kleinen Königskopf im zarten Licht der gelben Schirmlampe unten
-schimmern sah, erfüllte seine gesteigerte Süße und Schönheit sie mit
-leisem Schreck. Die Zartheit des schrägen Profils, der unbeschreibliche
-Ausdruck der flachen, ganz wenig nach außen abhängenden Augen, das
-wunderbare Kinn, die himmlische Blüte der küssend immer gewölbten Lippen
-und -- vielleicht das Wunderbarste -- am Halse die senkrechten beiden
-Muskelfalten, leise schattend und unsäglich lebendig -- all dies auf dem
-Grunde grüner, schimmernder Blätter und Ranken, im Zwielicht so weiß,
-zart und locker wie von frischem Schnee -- hielt lange ihre Augen fest,
-während sie hinter Josef trat, die Hände auf seine Schultern legte und
-leise sagte:
-
-»Ich danke dir -- heute erst -- für ihn. Er war mir fremd im Anfang.
-Aber nun ist er mir von Tag zu Tag und von Jahr zu Jahr
-unbeschreiblicher und lieber geworden.«
-
-»Er wächst«, hörte sie Josef sagen, »wie eine Blume, die Jahr um Jahr
-köstlicher blüht. Er blüht und wächst für sich selbst, aber wer ihn
-ansieht, über den wächst er selig hinaus und nimmt nur die schauenden
-Augen mit sich hinauf. Als ich hier saß, war er mir fast schon ein Stern
-geworden, bis du kamst und er wieder nahe, klein und lieblich wurde, --
-denn wir sind unten.«
-
-Er sprach sehr leise. Sie schwieg und hörte bald darauf seine Stimme
-wieder:
-
-»Wasser sind wir; ja, wir sind das Wasser. Wir sind das Fließende, immer
-sich Gleichende, nur Wellen, nur Wellen, eine der andern ganz gleich,
-eine verfließend zur andern, immer das nämliche Weinen und Traurigsein,
-nämliche Lachen und Stehn und Nichtwissen, Schluchzen auf Steinen und
-Schluchzen in Kissen, und Vergehn.
-
-»Du aber bist aus dem dämmernden Strom von uns Andern getaucht ...
-
-»Du trägst den reinen Spiegel an der Stirn, -- o du Delfin des Lichts!
-
-»Du bist der Fisch, der selige Tummler im Klaren, du weidest einsam
-durch die Wogenscharen, schon lange halb durchgotteten Gesichts!
-
-»Du bist des Wachstums zarteste Lieblichkeit, wie eine Blume in
-Bescheidenheit -- erglüht dein weißes Antlitz ...
-
-»Die Sonne spreitet hundert goldne Hindernisse, Delfin, Delfin, du
-überschaukelst sie getrost dahin ...
-
-»Du wiegst dich schnelle durch das Ungewisse, denn deine Reinheit war
-von Anbeginn. -- Du kamst voll großer Freude aufgetaucht, Lüfte küssend,
-trunkener Delfin, Göttern ähnlich, so erlaucht, weil die Strahlende
-erschien.
-
-»Nun stehst du in Sternen vielleicht als uns funkelndes Bild, -- näher
-der Ewigen als wir, bald in die Flamme getaucht, die uns den düsteren
-Scheitel umraucht. Wir sind das Wasser, sind hier ...«
-
-Er hatte bei den letzten Worten die Fingerspitzen leicht auf ihre Hände
-gelegt, die noch auf seinen Schultern waren. Sie schwieg noch eine
-Weile, seinen Worten nachlauschend, durchschaudert und gekühlt von
-Schauen und Lauschen, aber indem sie zu sagen im Begriff war, wie
-glücklich sie sei, daß er wieder hier war, bewegte er sich unter ihr,
-streifte ihre Hände sanft fort und stand auf. Undeutlich erblickte sie
-nahe über sich sein Gesicht im Schatten, die entstellte Hälfte
-erschreckte sie nicht. »Laß uns nun gehn«, sagte er; sie nickte dankbar
-lächelnd und ging vor ihm hinaus.
-
-
- Wehr
-
-Bald waren sie im Finstern außerhalb des Gartens unter den Bäumen. »Gieb
-acht!« warnte Josefs Stimme hinter ihr, sie fühlte seine Hand an ihrer
-linken. »Kannst du mich denn sehn?« lachte sie leise. »Dein weißes
-Kleid«, hörte sie sagen, glitt ihm davon, wäre aber fast an einen
-Pfosten der Schaukel gestoßen, sah nach oben blickend das Schwarze des
-Gerüstes gegen die mattere Dunkelheit und zwei Sterne, wandte sich und
-sagte: »Hier ist die Schaukel.« Er antwortete nicht. Sie fragte:
-»Josef?« »Hier!« hörte sie weit rechts hinter sich seine Stimme, drehte
-sich, ging weiter, vorsichtig um den Schatten eines breiten Baumstamms,
-fühlte die harten Falten der Borke und sah Josefs Schattengestalt unter
-sich im Freien gegen den grauen Grund der Wiese. Wie kühl war es hier
-schon! -- Sie holte ihn ein, seine feierliche Stimme klang wieder in
-ihrem Ohr: O du Delfin des Lichts! -- -- So hatte die Heimkehr zum Vater
-ihn doch tiefer ergriffen ... Aber, als sei noch ein andrer Ton in
-seiner Stimme gewesen, mußte sie nun, die rechte Hand in seinen Arm
-schiebend, sagen: »Du hast so abschiednehmend gesprochen, Josef, als
-wolltest du morgen schon wieder davon.«
-
-»Nun, wie lange meinst du denn, daß ich bleibe?« fragte er freundlich.
-Sie konnte nicht antworten, da sie sich nun fragen mußte, ob hier
-wirklich eine Stätte für ihn sei, und so wanderten sie wortlos weiter
-auf dem Sandweg. Der Himmel war besät mit den Sternen, die klein waren
-im warmen Dunst der Nacht; dunkel lagen die Wiesen. Josef blieb stehn,
-gleich darauf auch sie, sich zu ihm wendend.
-
-»Höre einmal,« sagte er leicht, »was ich noch fragen wollte ... Wußte
---, oder sagen wir: weiß Erasmus eigentlich, daß du mit dem Herzog
-verlobt bist?«
-
-Renate versuchte sich zu besinnen. »Ja, warum fragst du? Ich glaube
-wohl. Nein -- das heißt, -- ich sagte es ja bei Tisch, als er nicht da
-war.«
-
-»So«, bemerkte Josef, vor seine Füße blickend. »Ich dachte, als du im
-Zelt --«
-
-»Ach ja, Josef,« rief sie rasch, im Gefühl, von etwas andrem reden zu
-müssen, »ich wollte dich ja auch immer etwas fragen. Nun fällt mirs
-wieder ein, da du vom Zelt redest!«
-
-»Nun?«
-
-»Warum hast du dich mir eigentlich heut gezeigt?« Sie trat auf ihn zu,
-liebevoll. »Hast du doch geahnt, daß ich dich brauchte? Oder was trieb
-dich?«
-
-Er antwortete nicht, sondern sah sie nur fest an durch die Dunkelheit.
-Alsdann wandte er das Auge fort und trat zur Seite.
-
-»Die Antwort«, sagte er, in das Dunkel der Wiesen blickend, »ist nicht
-leicht. Du fragst nämlich nach meinem Geheimnis. Ich werde es dir gleich
-erklären. Ja,« hörte sie ihn mit einer schönen Ruhigkeit fortfahren,
-»das Geheimnis meines Lebens. Es hat endlich -- vor einigen Tagen --
-seine Lösung gefunden; und also wurde es Zeit, zur Versöhnung zu
-schreiten.«
-
-»Mit deinem Vater?« fragte sie hastig, und er erwiderte mit gesenkter
-Stimme: »Jawohl«, -- aber das klang wie eine Verneinung, und er setzte
-eilig hinzu: »Versöhnung, ja, wenn du das Wort in einem sehr weiten
-Sinne --« Er brach ab.
-
-Da waren sie am Zaun, gingen durch das schief wie immer zur Erde
-hangende Pförtchen, über die Brückenplanke und weiter den weichen
-Wiesenpfad, wo Renate seine Hand wieder losließ. Bald war das Rauschen
-des Wehrs zur Linken hörbar, über ihnen war der rote Himmel der Stadt.
-Renate bat: »Komm ans Wasser!« Sie bogen vom Wege ab und gingen unsicher
-und stolpernd über die sommerdürren Buckel der Wiese im tiefen Grund.
-Baumsilhouetten wuchsen über ihnen aus dem Dunkel, dann wurde die
-schwarze Linie des hohen Ufers sichtbar, da war der Hang, Renate stieg
-von Josef gestützt hinan, oben empfing sie das laute Brausen der
-stürzenden Wasser. Die Geländer der schmalen Holzbrücke waren zu sehn,
-die über den Fluß führte gerade dort, wo die Wasser abstürzten. Renate
-ging daraufzu und sah einen Augenblick mit leichtem Schwindel, umrauscht
-vom jähen Getöse, unter sich die dämmerweiße, schräge Ebene von Schaum,
-die ihren Blick in das tosende Wirrsal gelblich weißen Gischts
-hinunterriß und weiter hindurch, wo dies entströmte in die dunkle,
-langsam sich glättende Fläche des Stroms, wo gemauerte Wände dunkel
-standen, Bäume, und Sterne zu sehen waren. Sie faßte den dünnen
-Geländerbalken vor sich mit den Händen und gab sich dem Donner der
-Fluten und dem geheimnisvollen Niederschießen des Weißen hin, in aller
-Weite doch eingeengt durch die Betäubung des Ohrs; dann sah sie zu ihrer
-Linken dicht neben sich Josef auf dem Geländer sitzen, ganz dunkel.
-Unsicher hob sie die linke Hand und streckte sie nach ihm aus; er nahm
-sie, hielt sie mit seiner linken auf dem Oberschenkel und deckte die
-rechte darüber. Sie glaubte, ihn etwas sagen zu hören, verstand nichts
-und sah fragend in den dämmrigen Schein seines Gesichts. Nun beugte er
-sich näher und sagte, ihre Hand fahren lassend: »Sei so gut und tritt
-etwas zurück.«
-
-Sie tats unwillkürlich, doch war gleich hinter ihr das Geländer, an das
-sie sich lehnte.
-
-»Kannst du meine Stimme verstehn?« fragte er durch das Rauschen.
-
-Sie bejahte.
-
-»Dann, mein Kind,« fing er nach einer Weile wieder an, »dürfte es an der
-Zeit sein, dir mein Geheimnis zu sagen. Wie dir bekannt sein wird, hat
-jeder Mensch sein Geheimnis, das nur der Tod oder höchstens die Geliebte
-erfährt. So erlaube mir, dich dafür anzusehn. Höre zu. Was in meinem
-Brief gestanden hat, dem Abschiedsbrief, das sind lauter Lügen gewesen.
-Nicht so gemeine, senkrechte Lügen, wie man sie alltäglich gebraucht,
-sondern feine, schräge natürlich, und zwar deshalb, weil da hundert
-Gründe für mein Fortgehn angegeben wurden, statt des einen wirklichen.
-Nun höre wohl zu ...«
-
-Er schwieg Augenblicke lang, dasitzend schräg auf dem Geländer, eine
-Hand auf dem Knie, die er zu betrachten schien, während er mit
-gelassener Stimme fortfuhr:
-
-»Der einzig und alleinige Grund, den ich dir nun zu verraten habe, war
-der: daß ich auszog, das Fürchten zu lernen. Lächle meinetwegen,
-Mädchen,« sagte er, flüchtig aufblickend, »du weißt nicht, was du tust.
-Sich nicht fürchten, denkst du, das ist weiter nichts, oder man nennts
-auch Tapferkeit, wovon ich freilich nicht rede. Wovon ich rede, das ist:
-sich nicht fürchten können und doch immer: sich fürchten wollen,
-fürchten müssen, ja einfach eine unwiderstehliche, eine maßlose, eine
-wütende Lust nach dem haben, vor dem sich grausen ließe. Verstehst du's
-vielleicht? Oder soll ich dirs erklären? Was mag es denn wohl heißen für
-einen Knaben, daß er Tiere langsam zu Tode martern muß und dabei warten,
-bis aus ihren nicht verstehenden Augen das Grauen überschlägt in die
-eignen? Nicht gefürchtet. Siehe auch einen Jugendlichen, der die kleinen
-Tiere satt hat, zum Schlachthof gehn und dem Totschläger der Bullen die
-Axt fortnehmen und Stiere und Rinder in Reihen erschlagen, um zu sehen,
-wie der Tod in ihre Augen und das Feuer darin zu blauer Asche tritt.
-Nicht gefürchtet. Ich habe gesehn, kann ich dir sagen -- denn zum andern
-bekam ich naturgemäß die Gabe, immer dort zu sein, wo es etwas zu
-fürchten gab --, wie Menschen sich von Rädern zermalmen ließen. Nicht
-gefürchtet. Ich sah Menschen bei Feuersbrünsten aus Wolkenkratzern
-hüpfen wie die Flöhe und auf dem Pflaster unten zerspritzen wie
-Gefülltes. Nicht gefürchtet. Ich sah den Lift aus der Höhe herunter
-sausen und seinen zerquetschten, noch lebenden Inhalt im Kellerschacht.
-Nicht gefürchtet. Ich habe Männer bei langsamem Feuer rösten sehn --
-nicht gefürchtet; Kinder bei satanischen Messen lebendig zerlegen --
-nicht gefürchtet. Ich habe mir alle Arten der Hinrichtung besehn,
-Strick, Stuhl, Axt und Maschine. Ich sah in China Menschen, denen die
-Köpfe von zurückschnellenden Bambusbäumen ausgerissen wurden, die durch
-Tropfen von Wasser auf die bloßen Schädel zum Rasen gebracht wurden, --
-nicht gefürchtet, -- Frauen, die bis an den Schoß in die Erde gegraben
-wurden, und denen ein schnellwachsendes Gewächs ... nicht gefürchtet.
-Ich habe alle diese Menschen zur Richtstätte führen, in Todesangst
-schlottern und wahnsinnig werden sehn -- nicht gefürchtet. Ich --«
-
-Plötzlich fühlte Renate, die ganz erloschenen Leibes mit zugefallenen
-Lidern gehört und gehört hatte, ihre Handgelenke von Händen ergriffen,
-sich vorwärts gezogen und ihre eine Hand mitten auf seine Brust gelegt.
-Sie konnte die Augen nicht aufbringen, als sie ihn jetzt sagen hörte:
-
-»Da! Fühlst du mein Herz? Hier mitten in der Brust, nicht wie beim
-gemeinen Volk links oder gar rechts, da -- kannst du den Schlag fühlen?«
-
-Er zählte, und wie er langsam, langsam die Zahlen sagte, und sie
-mitzählte: »Eins -- -- -- zwei -- -- -- drei -- -- -- vier -- --«,
-hörte, fühlte sie die entsetzliche Langsamkeit des Schlagens darunter,
-kein Herz, ein eisernes Gangwerk, und Josef sagte:
-
-»Spürst du's nun? Kennst du den Schlag? Er ist gar nicht so langsam, wie
-dirs vielleicht vorkommen mag, er ist der Schlag der Sekunde. Aber! Dies
-Herz, dieser Schlag ist nur in einem einzigen Augenblick meines Lebens
-schneller gegangen. Begreifst du, was das heißt? Ah, Kind, das heißt,
-sagen sie, daß meine Mutter mit diesem Uhrenschritt um die Sonnenuhr
-gegangen ist, als sie mich trug, um mich hart zu machen für das Leben.
-Ich kann mich nicht fürchten, Renate, nein, du brauchst mich nicht
-anzusehn, ich kann mich nicht fürchten, ich habe nur einmal -- ja, hin
-und wieder einmal habe ich etwas gespürt, das von weitem -- sehr von
-weitem, denn es war nur eine Möglichkeit, ein Reiz -- aussah wie Furcht,
-ein süßer Hauch der letzten Zerstörung, des Grauens, und das war die
-Möglichkeit: dir Gewalt anzutun. Nun genug. Du weißt alles bis auf das
-Letzte. Nämlich: heut vor drei Tagen --, ja, heut vor drei Tagen habe
-ich das Fürchten -- gelernt. Und das war freilich so, daß es mich jetzt
-wundert, daß ich es überlebte. Ich will dirs sagen. Ich habe --«
-
-Plötzlich war sein zerspaltenes Gesicht so nah vor dem ihren, daß sein
-Mund fast den ihren berührte, daß sie nichts sah als die Gräßlichkeit
-des blinden zerflossenen Auges, während seine Stimme von unten her
-flüsterte oder zischte: »Ich habe -- mich selbst erschossen.«
-
-Renate schloß die Augen, öffnete sie wieder. Josef saß wie vorher. Ihre
-Haut war kraus und eiskalt geworden am ganzen Leibe, sie glaubte kein
-Herz mehr zu haben, als sie von ihm fort sich am Geländer dahinschob.
-
-»Ja, geh nur,« hörte sie ihn noch sagen, »für dich ist es Zeit. Geh nur
-zu, Kind!« Er hob winkend die Hand. Sie entlief.
-
-Gleich darauf strauchelte sie über eine Unebenheit und gewahrte in der
-Wiesentiefe zur Linken eine Gestalt. Sie blieb stehn, die Gestalt kam
-näher; erst dunkel, ward sie grau; ihre Augen umklammerten sie
-angstvoll, sie wußte schon, wer es war, sie wollte nicht --, da kam er
-den Hang herauf, Erasmus, noch immer im Harnisch, barhaupt, und sie
-gefror. Aber ein jähes und wütendes Grauen trieb sie zwischen ihn und
-Josef, sie lief zurück.
-
-Josef stand aufrecht oben und rief jetzt mit heller Stimme:
-
-»Hier bin ich, Erasmus, hier! Ich fürchte dich nicht!«
-
-Da stand Erasmus oben wie ein Gespenst, schrecklich groß, sie konnte
-seine Augen sehn, die aus den Höhlen quellen wollten, er hielt beide
-Hände geballt vor der Brust, die wogte, -- nie, schrie es in Renate, ist
-er in der Fabrik gewesen, er trägt ja immer die Rüstung noch! -- Und sie
-riß aus dem zugewürgten Hals klingend ihre Stimme heraus und sagte:
-»Erasmus? Ja, willst du denn --« wirklich jetzt immer geharnischt gehn?
-wollte sie fragen, aber er schlug ihr die dünne Klinge, die sie
-vorstreckte, mit einer Keule nieder und mitten durch, indem er sagte:
-»Du!« sonst nichts, doch eben dies hob sie wieder ganzen Leibes so
-leicht, als ob sie flöge, und sie lächelte angstlos und sagte: »Was hier
-geschehen soll, das wird nie geschehn.«
-
-Im Augenblick darauf taumelte sie zur Seite, von einem Stoß oder -- sie
-wußte es nicht, sie sah nur, in die Knie brechend und nun von Sinnen vor
-Angst, Erasmus dastehn, als stürze er vornüber und hörte ihn, keuchend,
-schäumend, gurgelnd:
-
-»Endlich -- ists -- soweit. -- Du! Mörder! Dieb! Mutter--mörder. -- --
-Gestohlen -- -- Mutter hast -- -- mir gestohlen ... Vater -- Liebe -- --
-gestohlen. Liebe -- immer, immer -- gestohlen, immer -- stohl ... nun --
-nun -- stehlen -- diese -- die -- willst -- diese -- du -- du --
-verlorner Sohn! Abrechnen -- rech -- ich -- Jahre geduld -- -- geduldet.
--- -- Alles -- alles -- alles -- getan -- -- rechnet, ge -- -- schunden,
-Blut unter -- Blut -- -- und -- nun, nun, nun -- auch diese -- Re -- --
-Renate. Weg! du! weg du! weg, weg! Oh -- uh -- weg!«
-
-Renate legte die Hände auf die Augen und drehte sich um. Sie machte
-einen Schritt, strauchelte und glitt den Abhang hinunter, brach unten
-auf die Knie, richtete sich schwer und mühsam auf und sah nun ruhig
-staunenden Blutes hoch über sich alles rot und in dem Rot eine ungeheure
-Gestalt, die eine andre wagerecht über sich hochgehoben hatte.
-
-Da floh sie besinnungslos in das Dunkel, lief, im Fallen unzählige Male
-sich aufraffend, lief, ihr Kleid riß, sie packte es mit den Händen und
-hob es vorn und lief, hakte mit dem Fuß an Latten, riß ihn los, ihr Atem
-versagte, sie lief, blindlings einem bleichen Streifen am Boden folgend,
-keuchte und lief eine Schräge hinauf, wich einem Baum aus, der ihr
-jählings schwarz entgegentrat, und indem schmolz aus ihren Knien alle
-Kraft. Sie glitt vornüber und nieder, raffte sich wieder hoch, fiel
-gegen den Baum und schrie, ihn mit den Armen umklammernd: »Das war die
-erste!« Sie hing und sah sich selber im Dunkel, in ihrem weißen Kleid,
-in einem jahrfernen Traum, in die Knie gleiten und wieder aufrichten,
-und stammelte: Die Verneigungen, die Verneigungen, die Verneigungen ...
-nun kommen die Verneigungen, oh Gott! -- und sie lief weiter, sie war im
-Garten, in der Veranda, im Flur, -- da mußte sie halten.
-
-
- Treppenhaus
-
-Einen Augenblick lang in großer Leere des Herzens mußte sie plötzlich
-erkennen, daß die Angst, die eben noch hinter ihr gewesen, vor ihr war;
-vielmehr war es nicht Angst, sondern nur ein leises Grauen, mit dem sie
-etwas Unheimliches über sich, im Treppenhaus witterte, und da wagte sie
-es, dem zu entfliehen, und bewegte sich bis zur Haustür hinüber, wo sie,
-jetzt gelähmt, stehen blieb und sich umwandte.
-
-War denn Licht im Treppenhaus oder nicht? Wie seltsam helle es dämmerte!
-Weiß stieg die Treppe mit dem blauen Läufer bis zur ersten Biegung, von
-da aus das weiße Geländer. Und jetzt wußte sie: oben war etwas; das kam
-herunter. Kein Mensch, ein Tier, ein riesiges Tier, wild, sie hörte
-schon das langsame Treten der Tatzen von Stufe zu Stufe, das rauhe Fell,
-das am Geländer schräge nach unten sich hinabschob und scheuerte, sie
-roch den wilden heißen Dunst, und ihr Herz stand still. Gleich darauf
-tauchte der riesige weiße Kopf des Tigers oben hinter dem Geländer auf,
-die Lichter glommen auf in den gedehnten Augen, er wandte das Gesicht
-herum. Plötzlich saß er auf der Plattform, ganz still, die weißen Tatzen
-vor sich, und Renate sah das furchtbare, streifig bemalte Tiergesicht in
-einem Kranz weißer Mähnenhaare, sah, vom wilden Atem auf und nieder
-bewegt, die gelben, roten und schwarzen Streifen der Flanken. Der lange
-Schweif legte sich nach vorn, er duckte den Kopf, schloß die Augen und
-war verschwunden.
-
-Sie stieg langsam die Treppe hinauf ohne andres Empfinden als die
-furchtbare Mühsal des Steigens. In ihrem Zimmer drückte sie die
-Handballen gegen die Stirn, stand und hörte sich stöhnen. Sie sah einen
-schwarzen Menschenkörper in einer ungeheuren Höhe schweben, und dann
-klatschte Wasser. Wieder stieg in ihr das Grauen, sie wankte vorwärts,
-ertastete den Türvorhang, fiel dagegen und an dem weichenden hin auf den
-Fußboden.
-
-Renate lag totenstill. Alles war still geworden. Sie bewegte die
-klebrigen Lippen und lallte: Nichts ... Es war ja nichts. Nichts ist
-geschehn. -- Sie hob den Kopf hoch, tastete nach ihrem Haar, entsetzte
-sich vor dem Rauhen ihrer eignen Flechte und gelangte mühselig auf die
-Knie. So lag sie eine Weile zitternd, stellte sich dann auf die Füße,
-tastete nach der Bettstelle, fühlte das Holz, machte zwei Schritte und
-setzte sich auf den Bettrand. Wankend vor und zurück fühlte sie, daß sie
-ohnmächtig wurde, aber im selben Augenblick mußte sie aufhorchen. Es
-waren Schritte auf der Treppe. Langsam kam es herauf, Fuß um Fuß, Stufe
-um Stufe, sie erhob sich und ging vor, trat in die Tür, lehnte sich mit
-Rücken und Kopf gegen den Pfosten und flüsterte: Sein Vater -- kommt,
-nun -- nun wollen wir Rede stehn. -- Sie lächelte.
-
-Langsam kamen die Schritte über den Flur näher, immer ein wenig lauter,
-und nun war alles still vor ihrer Tür. Sie wartete gefühllos. Ihre
-Augen, im Dunkel irrend, sahen die Fenster, und weiß den kleinen Schein
-der Gipsbüste in der Luft. Nun ging die Tür auf; da stand Erasmus. Sie
-sah seine Augen, die nicht Augen mehr waren, sondern nur Entsetzen. Dann
-hörte sie eine Stimme leise sagen:
-
-»Ich hab's -- getan.« Er schluckte. Sie sah seine Hände, die sich
-einander näherten, dann rieb die eine die Knöchel der andern. »Nun,«
-sagte er unendlich leise, »nun steht, auf der Treppe, steht -- -- Gott
--- Vater, mit dem Licht und sagt -- -- wo -- wo ist ...«
-
-Renate sah den alten Mann oben stehn und die Treppe hinunterleuchten.
-Aber als die Erscheinung verschwunden war, wurde ihr leichter um die
-Brust, sie sah die Gestalt des Erasmus in der Tür sich wenden, sie löste
-sich vom Türrahmen und ging zu ihm; da fühlte sie wieder das Grauen, biß
-die Zähne auf die Lippe und sagte: »Erasmus ...« Sie mußte die Augen
-schließen, hörte einen Fall und fühlte seine Hände in den ihren und sein
-Gesicht. Dann sah sie ihn vor ihr knien, machte eine Hand los, legte sie
-auf seinen Kopf und fing an, ihn zu streicheln. Er weinte und sagte
-kindisch mehrere Male: »Er sollte ja nur weg ...« Dies dauerte eine
-Weile, dann war Erasmus plötzlich verschwunden, sie saß vor dem gelben
-Schirm ihrer Lampe am Tisch, sah über sich das weiße Antlitz
-Ech-en-Atons unverändert, oder lächelte es nun? Dann war nichts mehr.
-
-
- Hörsaal
-
-Renate hing verzweiflungsvoll am Drücker einer Tür, rüttelte mit aller
-Kraft und brachte sie nicht auf. -- Ja, was ist denn? fragte sie sich,
-ablassend. Es war dunkel; was sie in der Hand hielt, war der Türdrücker
-an Reinholds Wohnung, sie sah die dunklen Fenster neben sich,
-Blumenstöcke und Gardinen. Da fühlte sie wieder ihre Angst, sie weinte:
-Ich muß ja fort, ich muß ja fort! -- Indem hörte sie links hinter sich
-ein Knarren, die große Einfahrt bewegte sich, Reinhold kam herein mit
-seiner Frau. Im selben Augenblick auch schon saß Renate in ihrem
-Automobil und sah durchs Fenster die Straßenlaternen vorbeiziehn. Kaum
-hatte sie dies gesehn, so flammte es vor ihr und ward wieder Nacht, sie
-erschrak und sah, daß sie durch die Stadt fuhr, daß unaufhörlich
-Schwerter von einfallender Helle und Dunkel vor ihr in den Wagen
-schnitten, und nun sah sie im schmalen Spiegel gegenüber ihr Gesicht.
-Jetzt kommen Leute, dachte sie, sammelte sich, so gut sie konnte, und
-sah, daß sie in einem goldenen Mantel saß; ich hab ihn verkehrt
-umgenommen, dachte sie, es schadet nichts. -- Sie schloß einen Haken am
-Halsausschnitt der Tunika, beugte sich vor und sah im Spiegel ihre
-Augen, sehr dunkel und tief in den Höhlen. Man sieht mir nichts an,
-dachte sie verwirrt, saß in einer großen Leere und merkte, daß der Wagen
-stillstand. Doch fuhr er gleich wieder, ein Gesicht kam ganz nah an die
-linke Scheibe, sie drückte Haupt und Rücken an und saß aufrecht, die
-Arme nach beiden Seiten gestreckt, und zitterte. Sie hörte dumpfes
-Brausen, die Lider sanken ihr zu, unter ihr sah sie die gelbliche
-Schaumfläche des Wehrs, es zog sie hinunter, sie warf den
-vorübersinkenden Kopf zurück und stöhnte: Oh Gott, wie lange dauert
-diese Qual! -- Heftig erschreckend fiel ihr ein, ob Reinhold denn
-überhaupt wußte, wohin sie wollte, sie rückte ans Fenster, sah die
-Alleebäume dunkel, umwogt von menschlichem Getümmel, dachte inbrünstig
-an den Herzog, an alle Beruhigung, an Schlaf. Jetzt wurde die Wagentür
-aufgerissen, Reinholds Gesicht war draußen, sie raffte Mantel und Kleid
-und dachte: Zusammennehmen ...
-
-Langsam stieg sie aus, ging zu der breiten Freitreppe der Universität
-vor und hinauf. Es schwirrte vor ihren Augen, groß und größer wurde der
-dunkel glänzende Fleck ihres violetten Kleidrocks, auf den sie
-hinuntersah, sie glaubte vornüber zu fallen, und erreichte mit Mühe die
-oberste Stufe. Ein Mensch, ein bunter, ein Türsteher, fragte sie etwas,
-sie antwortete: »Zum Herzog.« »Seine Königliche Hoheit --« hörte sie
-sagen und unterbrach: »Herzog Trassenberg.« Der Mann verbeugte sich und
-ging fort.
-
-Renate stand in einer Halle, sah einen breiten Korridor mit Türen zur
-Rechten und ging im ohnmächtigen Verlangen, nur sitzen zu können,
-hinein. Musik ... sagte sie, aufhorchend, ein Klavier ... Eine helle,
-singende Stimme schmetterte unverständliche Worte, sie ging daraufzu,
-eine Tür neben ihr stand halboffen, sie sah drinnen eine Wand mit einer
-schwarzen Tafel, darunter ein Podium und ein Katheder. Ach, dachte sie,
-ein Hörsaal ... Weiter vortretend, gewahrte sie unterhalb des Podiums
-Kopf und Rücken eines Menschen, der vor einem Flügel saß, spielte und zu
-einem Mädchen mit Haarschnecken an den Ohren aufsah, das in der
-Einbuchtung des Flügels stand, ihn lächelnd ansah und sang. Nun wurde
-auch das Profil des Spielenden sichtbar, ein hängender Schnurrbart,
-große hängende Nase und fliehende Stirn mit schwermütigen Brauenbögen;
-sie sah das nach hinten gestrichene, lang fallende Haar und glaubte den
-Menschen zu kennen. Die Schultern waren braun, Frackschöße hingen
-zwischen den Stuhlbeinen, oben darüber brannte eine harte Flamme, die
-ihre Augen blendete. Ach, Benno ists! dachte sie dankbar, da sitzt er
-nun und spielt ... Renate fühlte es rieseln im Herzen, sie lehnte sich
-an den Türrahmen, die Augen der Sängerin bewegten sich zu ihr, aber sie
-sang weiter, obschon sie betroffen schien und die Augen nicht wieder
-abwenden konnte. Ihr Gesicht war weiß wie eine Blüte, die Augen
-glitzerten blank und dunkel, die Backenknochen schienen etwas
-vorzustehn, sie sah munter und herzlich aus, und als sie nun wieder
-lächelte, mußte Renate es auch tun, während eine zarte, auf und nieder
-schwebende Melodie ein weiches Band um ihr Herz wand und wieder davon
-abzog und sie die Worte hörte: »Der mich ins Zimmer trägt, mir in die
-Hand -- Wärmend ein Herz giebt mit Glutenbestand.« Dann wechselte die
-Tonart in Moll: »Kommt jetzt der Winter mit Schloßen und Schnein ...«
-sang das Mädchen wehmütig, fragend, wartete ein Weilchen auf einer
-Fermate in der Höhe und endete mit kurz und trübselig hervorgestoßenen
-Lauten in der Mittellage, eintönig: »Frier' ich am Feuer und blase
-hinein ...« während aber dahinter die Klaviermusik in einem lustigen
-Spottgelächter einen rauschenden Dur-Aufschwung nahm und abspringend,
-wie ein landender Vogel, mit zwei, drei Sprüngen prasselnd endete.
-
-»Bravo!« sagte Benno hochentzückt, »Du hast herrlich gesungen, ganz
-herrlich!«
-
-»Guck mal da!« antwortete die Sängerin, »da steht Fräulein von
-Montfort!«
-
-Benno drehte sich um und sprang auf; sein heißes und gerötetes Gesicht
-wurde ganz dunkelrot, als er mit vielem Dienern auf Renate zukam, die
-Arme schlenkernd nach außen bewegte und lächelte und etwas stammelte mit
-seiner gebrochenen Stimme.
-
-»Guten Abend, Benno,« sagte Renate ihm die Hand reichend, »war das von
-Ihnen? Ach, machen Sie's noch mal, es war so lieblich, bitte, wollen Sie
-so gut sein?« fragte sie das Mädchen, in dem sie nun Bennos Braut
-erkannte, und das gleich bereit war. »Heliodora gebietet,« sagte sie zu
-Benno, der sich maßlos wand und zierte, »also los!«
-
-»Es ist aber ganz unbyzantinisch«, suchte Benno sich herauszuwinden. --
-Renate schwindelte es plötzlich, sie beherrschte sich mühsam, ging auf
-eine graue Bank zu und setzte sich. Bald darauf hörte sie das Klavier
-wieder, ihr schien, wehende Gartenzweige gingen vor ihr auf und nieder
-und die Sonne brannte. Aus Vogelgezwitscher schmetterte eine singende
-Stimme:
-
- Lieblich ist Sommer mit Ähren und Mohn,
- Ach und die Bäume entlaubten sich schon ...
-
-Die Stimme, während das Klavier rumorte und aus der Fassung zu kommen
-schien, wurde wehmütig und murmelte:
-
- Warfen die Kleider hin, steigen ins Grab;
- Werf ich die Schuhe, die Kleider jetzt ab,
- Find't mich doch keiner, der eilig und gut
- Um mich den Mantel der Zärtlichkeit tut ...
-
-Die Stimme schwieg, das Klavier suchte murmelnd und ein wenig
-schnüffelnd wie ein unruhiges Tier im Baß, Renate öffnete die Augen,
-glaubte Schritte zu hören, da erschien die rote Uniform und das Gesicht
-des Herzogs mit fragenden Augen. Es waren noch Menschen da, aber er
-schloß die Tür hinter sich. Renate bewegte sich nicht, sah ihn nur
-unendlich erquickt und beruhigt an, nur mit ihrer Haltung andeutend, daß
-gesungen wurde und nicht zu stören sei.
-
-»Der mich ins Zimmer trägt, mir in die Hand --« hörte sie wie vorhin,
-die Worte entgingen ihr, gegen Ende stand sie langsam auf, der Herzog
-bewegte sich vor, und sie faßte seine Hände. Es war still.
-
-»Danke schön, Benno,« sagte Renate den Kopf neigend, »dank Ihnen
-tausendmal, kleines Fräulein! Und -- Benno, -- mir ist etwas
-eingefallen, -- ich möchte Sie gern um etwas bitten ...«
-
-Sie sah das Mädchen bittend an, die verstand, nickte Benno zu, rief:
-»Ich warte auf der Terrasse!« und lief mit halbem Knicks vor dem Herzog
-hinaus.
-
-»Dies ist Benno Prager,« erklärte Renate, »du kennst ihn wohl ...«
-
-Benno mußte in seiner tödlichen Verlegenheit herkommen und dem Herzog
-die Hand geben. Da wurde wieder der Boden und alles umher weich und
-löste sich um sie, auf einmal saß sie, sah das besorgte Gesicht des
-Herzogs nahe über sich, drückte ihm die Hände und sagte leise: »Nichts
--- fragen, Liebster, ich -- ich darf noch nicht denken. Nur ein wenig
-ausruhn!« bat sie müde. Mit geschlossenen Augen raffte sie nun ihre
-Gedanken zusammen, merkte, daß hinter ihr etwas Hinderndes war, an das
-sie nicht rühren durfte, öffnete die Augen und sagte:
-
-»Es ist nur, -- ich kann nicht zu Hause schlafen heut nacht. Ich dachte
-erst an dich, aber --« es gelang ihr zu lächeln -- »was sollst du mit
-mir? Benno, nicht wahr?«
-
-»Aber,« fiel der Herzog ein, »Georg kann ja im Stadtschloß -- -- ja,«
-unterbrach er sich, »was das nur mit Georg sein mag?« Und nun glaubte
-Renate zu erkennen, daß er selber in Aufregung war. »Ist etwas mit
-Georg?« fragte sie.
-
-»Ach ...« Er zauderte. »Ich weiß ja nicht. Er ist verschwunden.
-Um Mitternacht sollte doch große Huldigung sein vor der
-Universitätsterrasse, im Garten, und jetzt gehts auf Viertel --« Er warf
-den Arm aus dem Ärmel vor, um nach der Uhr auf seinem Handgelenk zu
-sehn, und murmelte erschreckt: »Gleich halb eins.«
-
-Renate schwieg und mußte die Augen schließen vor Schwäche. Sie hörte
-sprechen, es rauschte in ihrem Gehör. Die Lider mühsam aufbringend, sah
-sie aus weiter Ferne den Herzog und Benno miteinander sprechen, doch
-kamen sie näher, als sie selber den Mund öffnete.
-
-»Wir können vielleicht«, sagte sie, »so lange in Georgs Zimmer sein, bis
-bei Benno zurechtgemacht ist, -- Benno, nicht wahr? Sie haben ja einen
-so schönen Diwan ...«
-
-Benno schien erlöst, daß es nicht sein Bett sein sollte, rang die Hände
-und konnte vor Dienstbereitschaft, Peinlichkeit und Wonne kein Wort
-hervorbringen.
-
-Alessandro Stradella ... las Renate fortwährend in kleiner, mickriger
-Kreideschrift an der Wandtafel, dahinter eine ausgewischte Jahreszahl
-und, etwas darunter: Pugiani. -- Alessandro Stradella, sagte der Herzog
-nun, -- was wollte er denn damit? -- Sein Gesicht und das Bennos
-entfernten sich unaufhörlich und schwebten wieder näher, -- nein, um
-Gottes willen, flüsterte Renate sich zu, du mußt dich doch
-zusammennehmen!
-
-»Wollen wir gehn?« fragte sie und sah lächelnd vom Einen zum Andern.
-»Ihr dürft mich nicht auslachen, daß ich so mitten in der Nacht ankomme!
--- Benno, und wie reizend war das kleine Lied!« Sie lachte leise, erhob
-sich, wäre aber zurückgesunken, wenn sie nicht allen Willen aufgeboten
-und sich zornig angeherrscht hätte. Sie ging mit halbgeschlossenen
-Augen, an der Treppe nahm sie Bennos Arm, bald darauf saß sie in einem
-Wagen und fühlte, daß er rollte. Es dauerte nicht lange, sie sah Benno
-vor sich aussteigen, nahm seine Hand und trat auf die Erde. Dann war sie
-in Georgs Zimmer, das sie erkannte.
-
-
- Schlafzimmer
-
-Sie saß in einem Sessel und sah undeutlich den roten Rücken des Herzogs
-sich entfernen, ein Türrahmen war herum, er wurde kleiner in einer
-andern Tür, die Augen fielen ihr zu, sie öffnete sie wieder, da sie die
-Stimme des Herzogs nahe über sich hörte. Sie sah ihn lächeln, während er
-sagte:
-
-»Dieser Georg! Hier hat er noch ein Zimmer, komm nur, das ist wie für
-dich erfunden.«
-
-Sie stand müde lächelnd auf, nahm seinen Arm und ließ sich davonführen.
-Es ist wie als Kind, dachte sie ergeben, die Augen geschlossen, wenn ich
-mit Vater blind spielte ... »Kann ich nun aufmachen?« fragte sie leise,
-öffnete die Augen und sah den Herzog lächeln ohne zu verstehn.
-
-Nahe vor ihr stand ein Diwan, dunkelviolett wie ihr Kleidrock mit
-lichtfarbigen Kissen. Große schwarze Reiher flogen schön über Vorhänge,
-und hinter dem Herzog war das gelblichweiße Gewoge und Gewölk eines
-großen Himmelbetts. Sie sah es zweifelnd an, witterte leicht mit der
-Nase und sagte: »Ich weiß nicht ...«
-
-Langsam gegen das Himmelbett vorgehend, blickte sie zwischen den
-gerafften Falten hinein und sah einen schönen und großen, blauen
-Schmetterling auf dem Kopfkissen stecken. »Nein, sieh, Woldemar,« sagte
-sie, »das scheint doch für jemand anders ...«
-
-Plötzlich kreiste das Bett vor ihr, der Schmetterling wurde zu vielen,
-die sich auseinander schoben und umher zuckten, sie fiel vornüber und
-sammelte den Rest ihrer Kraft, um den Schmetterling nicht zu zerdrücken,
-faßte darunter, fühlte sich im selben Augenblick aufgehoben und sanft
-niedergelegt. Eine Weile war es schwarz um sie her, aber sie konnte die
-Lider wieder heben. Der Herzog stand deutlich vor ihr, besorgten Auges,
-sie fing an, die Ordensreihe auf seiner Brust zu zählen, deren Kreuze
-übereinander gelegt waren. »Wie die Schmetterlinge«, sagte sie ganz
-leise und sah, daß sie den blauen noch in der Hand hielt. Sie steckte
-ihn mit schweren und lahmen Händen auf den Brokatstreifen vor ihrer
-Brust, die Augen fielen ihr darüber zu, sie dachte erschreckend: ich muß
-es ihm doch sagen, er muß es doch wissen! Schon saß sie wieder aufrecht,
-blickte hart und fest in seine Augen empor und sagte, kaum ihre Stimme
-vernehmend:
-
-»Du mußt noch wissen ... Es ist etwas -- geschehn. Nein, laß nur,«
-wehrte sie todmüde ab, da er eine beschwichtigende Bewegung machte,
-»einmal muß es doch sein. Nun -- mußt du -- ganz verstehn,« brachte sie
-in Absätzen hervor, »willst du?« Er nickte.
-
-Eine Weile war alles fort, sie konnte sich an nichts mehr erinnern.
-Endlich dämmerte es langsam wieder, sie hielt sich mit beiden Augen an
-den verschwimmenden Linien der weißlichen Wässerung in einer
-orangefarbenen Schärpe und sagte, seine Hand fassend:
-
-»Josef ist -- tot. -- Erasmus ...«
-
-Da merkte sie, daß ihr Kopf sich ganz tief neigte, und dann lag sie
-wieder. Sie brachte mit unsäglicher Mühe die Lider hoch, sah das Gesicht
-des Herzogs und hörte ihn, gütig zuredend, sagen: »Nun mußt du aber
-schlafen ...«
-
-»Erasmus«, flüsterte sie sehr leise, »ist böse, nicht?« Der Herzog
-nickte und nahm ihre Hand. »Aber Josef,« sagte sie heller und froh,
-»Josef ist gut! Ist er nicht gut?« fragte sie, sich schnell aufrichtend.
-
-»Liebes Kind,« hörte sie den Herzog sagen, »du drückst mir das Herz ab,
-es ist ja nun genug! -- Mein Gott,« stöhnte er ganz erschüttert, saß da
-neben ihren Füßen und hielt die Stirn in der Hand, »mein Gott, es ist ja
-fürchterlich, wie du dich aufrecht gehalten hast!«
-
-Ach, dachte Renate, da ist schon wieder einer, dem ich den Kopf
-streicheln soll! -- Sie legte die Hand auf sein Haar und hörte sich
-ferne sagen: »Haltung, lieber Freund, giebt es ganz umsonst, wenn das
-Schicksal seinen Tribut -- --«
-
-Sie verlor das Ende des Satzes und sank zurück. Aber sie konnte nicht
-stilliegen, schlug plötzlich die Augen wieder auf und sagte mit kleiner
-Stimme: »Du meinst vielleicht, -- weil sein Gesicht -- weil er -- -- nur
-noch halb ist ... Aber weißt du, -- er hat ja eine -- -- Ergänzung, --
-oh, eine schöne! Das glaub nur ja nicht, daß sie nicht gut paßt, sie ist
-ja von einem Chinesen! Sieh, nun weißt du's!« sagte sie triumphierend
-und dachte: wie vernünftig ich doch sprechen kann, er merkt sicher
-nichts. »Und siehst du,« fing sie wieder an, unterbrach sich aber und
-sagte: »Hast du's gehört? Siehst du, habe ich gesagt, und Ulrika
-behauptet, daß ich immer >weißt du< sage, aber das tue ich gar nicht.
-Nein, siehst du, Josef, -- du mußt nicht denken, daß er es nicht gewußt
-hat. Oh, Josef ist so gut, so gut, er ist ein solcher Held, er sagte:
-ich fürchte mich nicht! -- Das sagte er, und es lauerte doch, weißt du,
-immer lauerte es schon, unter den Bäumen, wo die Schaukel ist, weißt du,
-und dann in den Wiesen, am Wehr, oh wie das rauschte, hörst du? ganz
-laut -- höre ich es ...« Sie schöpfte Atem, bewegte den Kopf hin und her
-und sprach heiß und eilig weiter: »Kein Wort, hörst du wohl, kein Wort
-hat er gesagt, so saß er da, du mußt es seinem Vater sagen, daß er kein
-Wort gesprochen hat, er war ein Held, war er nicht? -- _Was not he?_«
-flüsterte sie, »das ist englisch ... Ach, meine Stimme -- will gar nicht
-mehr«, sagte sie heiser und gequält und merkte, wie ihr die Worte
-erloschen.
-
-»Schlaf nun, du mußt wirklich schlafen«, sagte jemand.
-
-»Muß ich?« fragte sie lächelnd mit geschlossenen Augen.
-
-»Ja, ja, du mußt«, sagte die gute Stimme wieder.
-
-»Dann will ich gern, wenn du's sagst«, flüsterte sie gehorsam, drehte
-den Kopf auf die Seite und machte die Augen fest zu. Gleich aber öffnete
-sie die Lider wieder, lachte leise und fragte: »Ists so recht?«
-
-Sie hörte noch ein Gemurmel, seufzte tief, streckte sich und empfand
-dankbar die Dunkelheit.
-
-
- Schlafzimmer (das andre)
-
-Doch stürzte sich jetzt ein peitschender Knall mitten durch ihr Herz.
-Sie schnellte hoch, schrie auf: »Erasmus! Du darfst nicht, du darfst
-nicht mehr!« Ein wütender Ingrimm jagte sie auf, da knallte es wieder,
-sie fiel innerlich zusammen, wankte gegen Hartes, fühlte einen
-Türdrücker, riß und zerrte ohnmächtig daran, endlich schlug die Tür nach
-außen auf, es war blendend hell, der rote Waffenrock ... bläulicher
-Dampf -- -- und wieder ein Knall und scharfes Pfeifen dicht neben ihr
-... Dahinten stand in der Tür ein Mensch, schwarzbärtig; aber sie kannte
-ihn, sie rang nach dem Namen, sie mußte ihn rufen, der Herzog hob den
-Stock und rief wütend: »Du bist verrückt, Schurke, wirst du endlich
-aufhören!« Menschen warfen sich herein, packten ihn, er schüttelte sich
-mit ihnen herum, es knallte wieder, Renate, am Türpfosten hängend mit
-Kopf und Rücken, wand sich und schrie plötzlich: »Sigurd!«
-
-Da fielen ihm die Arme herunter, sie sah Sigurds Nase und bestürzte
-Augen, dann den Herzog, der an einer Badewanne lehnte und schwankte. Sie
-lief zu ihm, kniete vor ihn hin, stützte seine Stirn, er machte die
-Augen weit auf, lächelte und sagte leise: »Es ist ja nichts. Ein
-Streifschuß, -- oder ...«
-
-Nun giebt es zu tun, dachte Renate, aber sie bewegte sich nicht, lehnte
-matt in der Tür zum Badezimmer, bis ihr einfiel, was sie suchte, eine
-Waschschüssel, doch war keine zu sehn. Es rauschte, laut und lauter
-rauschte es in ihren Ohren. Sie drehte sich wieder um, da lag der Herzog
-furchtbar groß auf dem Bett mit riesigen, spiegelblanken Reiterstiefeln
-an den Füßen; seine linke Hand, die herunterhing, war ganz rot, und das
-Blut tropfte eilig an den Boden und bildete eine Lache. Menschen standen
-herum, die Tür ging auf, eine Waschschüssel, in der ein Handtuch lag,
-wurde hereingetragen, Renate ging draufzu und nahm sie aus den Händen
-eines zitternden alten Mannes, kniete neben dem Herzog nieder, setzte
-die Schüssel hin und wusch die Hand, es war keine Wunde daran.
-
-»Ein Messer,« sagte Renate, hatte gleich darauf ein Taschenmesser in der
-Hand und trennte die Ärmelnaht auf, schnitt und riß den Ärmel ab,
-knöpfte die Manschette auf, streifte den Hemdärmel hoch und sah am
-Oberarm einen klaffenden Riß, den sie wusch. Impfnarben kamen groß und
-zerflossen zum Vorschein, sie drückte das Handtuch auf den Riß und sah,
-einen Augenblick dahockend, das Gesicht des Herzogs, sonderbar still und
-bleich mit geschlossenen Augen. Er atmete. Und sie dachte, da er so in
-sich gekehrt dalag: Das kann doch von dem Riß nicht kommen ...?
-
-Schritte kamen, ein Gesicht mit einem spitzen Bart neigte sich von oben,
-eine Hand nahm stillschweigend das Messer aus ihrer Hand und fing an,
-die Schärpen durchzuschneiden. Sie begriff und hakte den Waffenrock von
-unten auf, ließ es aber, da das Blut wieder vom Arm lief, nahm das
-zusammengepreßte, nasse Handtuch auseinander und wickelte es, so fest
-sie konnte, um die Wunde. Mit dem Taschenmesser, das sie wieder auf dem
-Boden liegen sah, schnitt sie das Ende des Tuches auf und knotete es
-fest. -- Nun konnte sie die Brust des Herzogs sehn, ganz schwarz von
-krausem Haar, darunter sehr weiß, und in der Nähe der bräunlichen
-Brustwarze war ein kleiner Fleck. Plötzlich fühlte sie, daß sie sich in
-ihrer hockenden Stellung nicht mehr halten konnte, und stand auf.
-
-Etwas Blaues und Weißes schaukelte zur Erde. Jemand hob es auf und gab
-es ihr: es war der Schmetterling mit den Schleifen. Sie behielt ihn in
-der Hand, ging vorwärts und atmete kühle Luft. Der Garten, sagte sie,
-trat durch eine Tür, lehnte die Flügel hinter sich aneinander und sank
-mit dem Rücken dagegen. Sie sah das Schwarze von Bäumen, eine dunkle
-Lücke darin und zwei weiße Sterne, der rechte ein wenig tiefer als der
-linke. Sie konnte die Augen nicht abwenden von ihnen, ihr Blick war
-unendlich fest und ruhig, bändigte den ihren, bändigte ihr ganzes Herz
-und Dasein.
-
-Zu Gottes Ehr' bin ich durch Feuer geflossen, hörte sie sagen, Matthias
-Zach hat mich gegossen, Hötting siebenzehnhundertundachtzig. -- Sie
-lächelte und wiederholte willenlos: Zu Gottes Ehr' bin ich durch Feuer
-geflossen ... Wie still und kühl es war! Nur das Rauschen hielt an. --
-Hötting siebenzehnhundertundachtzig, Matthias Zach hat mich gegossen ...
-Eine alte Glocke hing still im Gestühl, Schwalben schrien, kleine
-Engelsköpfe von Bronze glänzten dunkel auf der Glockenspitze, und sie
-las die Inschrift: Matthias Zach hat mich gegossen ... Die Sterne
-flackerten ganz wenig, als ob der Wind sie bewegte, der durch den Garten
-kam. Ein Tropfen näßte kühl ihre Stirn. Es fängt an zu regnen, dachte
-Renate und wandte sich um.
-
-Hinter den Glasscheiben sah sie, daß die Tür zum Flur geöffnet wurde,
-jemand kam groß, bleich und schwarzbärtig die Stufen herab, die Hände
-auf dem Rücken, -- Sigurd. Renate öffnete die Tür, trat ein, ging zum
-Fußende des Bettes, sah das bleiche und verschlossene Gesicht des
-Herzogs, unter einer wollenen Decke die Umrisse seines Körpers, und
-neben sich in der Tür den Arzt.
-
-Der Herzog öffnete die Augen, lächelte bei ihrem Anblick, fragte dann:
-»Ist er da?« Renate nickte.
-
-Ein Offizier in blauer Polizeiuniform bedeutete Sigurd vorzutreten, --
-da stand auch ein Schutzmann. -- Der Herzog wandte das Gesicht herum,
-betrachtete lange den Dastehenden, der bei Renates Anblick den Kopf
-senkte, fragte dann mit leiser Stimme: »Was hat das -- zu bedeuten?«
-
-Sigurd schwieg. »Ich verrate nichts«, sagte er endlich, den Kopf hebend,
-und senkte ihn gleich wieder.
-
-»Sie sollen nichts«, sagte der Herzog, »verraten. Ich will -- wissen,
-wie ich -- zu der Ehre komme ...« Er hob mühsam den Kopf, blickte zornig
-und brachte knirschend hervor: »Haben Sie mich denn weiß Gott mit meinem
-Sohn verwechselt?«
-
-Sigurd schien erstaunt. Ob er denn nichts wisse, fragte er nach
-Sekunden, zögernd. Der Herzog bewegte den Kopf, und Sigurd sagte mit
-einem eigentümlichen, irren Aufleuchten der Augen: »Er liegt in -- der
-Gracht. -- Nicht ich!« setzte er hastig und laut hinzu, -- »er stürzte
-hinein, ich -- ich sah es von weitem.«
-
-Renate sah die Brust des Herzogs auf und nieder gehn, sein Atem
-rasselte, er stöhnte: »Unsinn! er kann schwimmen!«
-
-»Er kam nicht wieder hoch«, sagte Sigurd.
-
-»Ach, in Teufels -- Namen,« keuchte der Herzog, »was wollen Sie -- dann
-von mir?« Sigurd hob den Kopf, blickte glänzend geradaus und sagte kurz:
-»Den Nachfolger.«
-
-Der Herzog sah ihn nur an. »Wir wissen alles«, erklärte Sigurd nicht
-ohne Stolz.
-
-»Und -- und der Sinn des Ganzen?« fragte der Herzog leise. Sigurd
-blickte Renate mit flackernden Augen an und sagte: »Ich will es der Dame
-erklären, wenn sie verspricht, es nicht vor morgen abend weiterzusagen
-...«
-
-Der Herzog blickte Renate fragend an, sie winkte Sigurd mit den Augen
-und ging ihm voran in das Zimmer mit dem Himmelbett; sie ließ ihn
-eintreten, lehnte die Tür hinter ihm an, Sigurd stellte sich dagegen und
-fing sofort an, die Augen niederschlagend, zu sprechen, heiser und
-halblaut:
-
-»Er ist nicht der einzige. Es handelt sich um zweierlei gleichzeitig.
-Wir stehen vor einem Kriege. Die einzige, wirkliche Gefahr ist der
-Patriotismus in Deutschland oder das dynastische Gefühl. Nur in
-Deutschland giebt es Fürsten. Ich bin nur ein Glied in einem großen
-Plan, nach dem sie Alle fallen heute und morgen. Der Schrecken wird die
-Gemüter bändigen. Es folgt die soziale Erhebung. Renate,« sagte er noch
-leiser, plötzlich das Gesicht und die schönen Augen hebend, die -- o,
-sie sah es! -- irre waren, ganz irre! -- »vor Ihnen muß ich mich nun
-verteidigen ... Was ich tat, war gut und -- schwer.«
-
-»Ich weiß«, sagte sie stumpf, während eine entsetzte Stimme in ihrem
-Herzen schrie: Er ist ja wahnsinnig, o Gott, er ist wahnsinnig! --
-Sigurd atmete tiefer. »Ich wollte,« sagte er, jählings flammend, »den --
-den Andern, den Sohn, diesen --«
-
-Gleich darauf lag er vor ihren Füßen auf der Erde, sie sah seine Hände
-von stählernen Ringen zusammengehalten und schauderte vor diesem Zeichen
-des Verbrechens. Sie fühlte sein Gesicht an ihren Knien, wollte es
-wegheben, aber eine schaurige Erinnerung zwang sie, die Hände auf seinem
-Kopf zu lassen: damals, als Esther tot war, damals kniete er so. -- Und
-dann fuhr sie ein-, zweimal mit den Fingern durch das lockre und weiche
-Haar. -- Hötting siebenzehnhundertundachtzig ... hörte sie, ihr Mund
-zuckte, sie streichelte wieder seinen Kopf, hörte ihn leise wimmern,
-fuhr, verzweifelten Herzens, fort, dem zerrütteten Haupt an ihren Knien
-mit den Händen wohlzutun und es zu beruhigen, und murmelte Worte, die
-sie nicht mehr verstand. --
-
-Er gehorchte und stand vor ihr, die geröteten Augen verstört, voll
-Schmerz und Feuer. Um seinen Mund zuckte ein Lächeln, da er sagte:
-»Esther hat es ja nicht zu erleben brauchen ...«
-
-Seine Blicke glitten an den Boden; als sie mit den ihren folgte, sah sie
-wieder den blauen Falter dort liegen, bückte sich und hob ihn auf.
-
-»Immer«, sagte sie leise zu Sigurd, »liegt mir der Falter im Weg; sieh,
-wie ist er schön, und immer unverletzt.«
-
-Sigurd schluchzte plötzlich auf und sagte: »So wie du ...«
-
-Sie schauderte, da wurde die Tür geöffnet, der Offizier erschien, auch
-der Arzt, der sie zum Herzog bat.
-
-Nun stand sie zu Füßen des Bettes. Das Gesicht des Herzogs war gelb. Er
-schlug die Augen auf, sah sie schmerzlich und mitleidig an und sagte
-sehr leise: »Tut es noch immer weh?«
-
-Renate senkte die Stirn, ohne zu verstehn, und er sagte wieder: »Ich
-dachte, dir wäre längst besser -- nun.« Und nach einer langen Pause:
-»Arme Helene ...«
-
-Renate ging um das Bett zu ihm, schlug die Decke zurück, legte die
-Finger in seine Hand und drückte sie leise. Er hatte die Augen
-geschlossen.
-
-Eine Weile später sah sie die dunklen Pupillen wieder glänzen. »Ach,
-Renate!« sagte er, leise lächelnd und kaum vernehmbar; dann -- mit einer
-langen Pause zwischen jedem Wort: »Du -- -- warst -- -- sehr -- --
-schön. -- -- Aber -- --«
-
-Lange Zeit kam nichts mehr. Sein Atem ging sehr rasselnd. Die Tür wurde
-plötzlich aufgerissen, ein halbes Gesicht fuhr herein und verschwand
-sofort: die Tür wurde sehr langsam zugezogen.
-
-»Helene?« hörte sie eine kraftlose Stimme sagen und nach langen
-Sekunden: »bist -- -- du -- -- noch -- -- da? -- -- Ach so!« sagte er
-dann.
-
-Renate stand auf und stellte sich in die Gartentür. Leise fiel im Dunkel
-der Regen. Auf dem vom Licht im Zimmer beleuchteten Wege sah sie ihren
-Schatten liegen, dessen Haupt im Schatten von Zweigen verschwand. Sie
-fröstelte, wandte sich um und trat wieder ans Bett. Vor ihr beugte der
-Arzt sich auf den Daliegenden, beugte sich tiefer, richtete sich nach
-Sekunden wieder auf, sah sie ernst an und nickte. Gleich darauf fing
-irgendwo ein Mensch laut zu weinen an.
-
-Renate warf noch einen Blick ohne Gefühl auf das gelbe, entfremdete,
-hager gewordene Gesicht, wandte sich ab und ging zur Tür, die vor ihr
-geöffnet wurde, ging zwischen Menschen hindurch über den Flur und trat
-in die Nacht und den Regen, wo Menschen im Halbkreis geschart im
-Laternenlicht standen. Sie ging geradesweges zwischen ihnen hindurch und
-weiter, steif in sich, kalt, unbeweglich, nur langsam ermüdend, aber sie
-ging weiter und weiter, bog um Hausecken, ging viele Straßen kreuz und
-quer, jemand redete sie an, sie blieb stehn und fragte: »Ja, was
-wünschen Sie?« und die Gestalt vor ihr drehte eilig um und entfernte
-sich. Sie ging weiter, schritt plötzlich auf ein riesengroßes, leuchtend
-weißes und vergittertes Fenster zu, das über ihr schwebte, erkannte eine
-hohe Mauer und bog um die nächste Ecke. Neben einem Hauseingang blieb
-sie stehn und sah zu den Fenstern auf. Drei erleuchtete gewahrte sie,
-sie hörte einen Fensterriegel, ein Schatten beugte sich heraus und
-verschwand gleich wieder. Sie konnte nicht mehr stehn, ging zur Haustür,
-faßte nach dem Türdrücker und lehnte sich in die Nische. Die Augen
-fielen ihr zu. Dann hörte sie einen Schlüssel im Schloß, die Tür bewegte
-sich, sie öffnete die Augen, erkannte im Dunkel Saint-Georges' Gesicht
-und sagte leise und vorwurfsvoll: »Aber Georges! -- wo warst du denn den
-ganzen Tag?« Seine Antwort vernahm sie nicht mehr.
-
-
- Sterne
-
-Georg konnte sich nicht bewegen. Das weiße und blaue Pferd rannte in
-wütender Eile mit Renate bergunter, aber, obgleich sie laut um Hülfe
-schrie, lag er auf der Seite fest und konnte die überkreuz gefesselten
-Hände nicht bis zu der Pistole bringen, die dicht vor seinen Augen lag.
-Das Pferd galoppierte unaufhörlich, endlich hatte er nach fürchterlicher
-Mühe die Hände an der Pistole, aber sie war so groß wie ein
-Maschinengewehr, hatte keinen Lauf und einen unverständlichen
-Mechanismus von lauter Hebeln und Rädern, der Kolben war nicht zu
-finden, er ächzte und fluchte: »Wer hat denn dies verrückte Ding
-hierhergestellt, damit kann man doch nicht schießen!« -- Aber plötzlich
-knallte es, jedoch ganz leise, und Georg sah einen kleinen Hahn sich
-bewegen und auf ein Zündhütchen fallen, und dachte: Sonderbar! Erst
-schießt es, und dann fällt erst der Hahn. -- Der Hahn bewegte sich von
-selbst wieder in die Höhe, und nun fiel das Zündhütchen herunter, fiel
-ins Innere der Maschine zwischen die Hebel und Stangen, und Georg sah es
-unten unter der Tabulatur liegen, denn nun war es eine Schreibmaschine.
-Ach, nun weiß ich! dachte er und drückte eine Taste; sogleich knallte
-es, und noch einmal, und wieder, sooft er die Taste niederdrückte ...
-
-Georg schlug die Augen auf und fand sich in einem Halbdunkel. Irgendwo
-mußte ein Licht sein, da berührte etwas Warmes und Weiches seine Stirn,
-und er sah dicht über sich einen großen Pferdekopf. Unkas, dachte er,
-merkte, daß er am Boden lag, und fror. Sein Kopf glühte, ihm war sehr
-elend, aber nun fiel ihm ein, daß er ja gesucht wurde, daß er fort
-wollte, fort mußte. Er stand auf, seine Glieder schmerzten heftig, er
-schwankte, ihm wurde tödlich übel, und an den Pfosten der Box gelehnt,
-erbrach er sich mit furchtbarem Krampf. Danach war ihm etwas leichter,
-er sah das Kopfzeug des Pferdes dahängen, nahm es herab, trat neben
-Unkas und machte es mit unsäglicher Anstrengung, mit immer wieder lahm
-herabfallenden Armen, notdürftig fest. Er ergriff einen Zügelriemen und
-zog das Pferd hinter sich her. Die Stalltür war angelehnt, er kam auf
-den Hof, sah im Vorwärtsgehn alle Fenster seiner Wohnung erleuchtet,
-auch einige darüber. Die arbeiten die ganze Nacht durch, dachte er
-spöttisch, aber wieder fiel ihm ein, daß er gefangen werden sollte, und
-er zog Unkas nach links hinüber in den Garten. Nun konnte er nicht mehr
-gehn, streifte Unkas den Zügel über den Hals und kletterte ächzend und
-verzweifelt auf seinen Rücken. »Ja, nun geh, geh doch!« flüsterte er.
-Das Pferd fing an zu gehn, er hielt sich an der Mähne fest, wankte mit
-geschlossenen Augen vor- und rückwärts, da stand das furchtbare Tier
-wieder still. Die Augen öffnend, sah Georg Wasser unter sich, daneben
-einen kreisförmigen Schattenriß strahlenartiger Latten, die den Weg am
-Wasser versperrten, begriff, daß er durch den Graben mußte, trieb Unkas
-mit Faustschlägen und den Absätzen hinein, und nun hörte er lange Zeit
-das schwere Planschen der Hufe im Wasser. Plötzlich ging es mit einem
-Ruck bergauf, er hielt sich fest, sah im Dunkel vor sich ansteigend den
-Pferdenacken, warf sich vornüber, und nun ging es wieder auf ebenem
-Boden weiter, entsetzlich langsam, und schließlich stand die Bewegung
-wieder still.
-
-Da funkelten Sterne ... Drei, fünf, viele, unzählbare standen in der
-Nacht und funkelten unablässig. Weiter oben am Himmel jedoch waren
-keine, und Georg wunderte sich, daß die Sterne nur noch unten waren.
-Ihre kleinen Feuer loderten, andre blinzelten nur leise, aber sie waren
-alle seltsam in Bewegung und funkelten ohne Unterlaß. Er sah wieder nach
-oben, ob dort noch immer keine seien, legte den Kopf in den Nacken,
-verspürte augenblicks einen knallenden Schlag und starken Schmerz am
-Hinterkopf und lag am Boden. Vor seinen Augen zuckte und sprang das
-Sterngewimmel aufgelöst durcheinander, nach einer Weile wurde es wieder
-ruhiger, jedoch eine wahnsinnige, tödliche Angst wälzte sich zermalmend
-über seine Brust; er glaubte zu sterben, alles wurde weich und schwarz
-um ihn her, die Augen fielen ihm zu, aber unverändert noch lange Zeit
-blieben im Dunkel ihm Sterne sichtbar, sich verlierend in eiskalte
-Finsternis, funkelnd und glitzernd unablässig.
-
-
- Hier enden des siebenten Buches neun Kapitel oder dreimal soviel
- Stunden.
-
-
-
-
- Achtes Buch.
- Hallig Hooge
- oder
- Die Kammern der Seele
-
-
- Erstes Kapitel: August
-
-
- Renate an Magda
-
- am 1. nachmittags
-
-Magda!
-
-Schon Nachmittag, und ich bin noch hier. Georges, der Dir diesen Zettel
-bringt, wird Dir sagen, daß ich bei ihm bin, und alles andre! Mitleid,
-Liebste, meine Sorge um Dich ist grenzenlos, wer wüßte wie ich, was der
-Herzog Dir war, aber ich kann nicht, kann nicht in das Haus kommen, wo
-Du bist! Ja, Grauen überstehn, aber hingehn, wo es ist? oh nein! Ach, zu
-Asche gebrannt, Kind! Genug, vergieb, komme zu mir, nein, komme nicht,
-hüte mir -- umsonst, ich kann den Namen nicht schreiben, alles versagt.
-
-Georges gieb bitte ein Kleid für mich, Wäsche für Tag und Nacht, und was
-sonst nötig. In meinem Festkleid -- ich sitze da wie eine Irre. Georges'
-Bruder trat mir Kammer und Bett ab. Morgens als ich aufstand, da war
-alles leer, nur ein Zettel von Georges' Hand, daß er seinen Bruder ins
-Gymnasium fuhr, da fiel mir sein erster Schultag ein, er geht ja noch
-ein Halbjahr hin wegen des Examens. Den ganzen Vormittag blieb er,
-Georges, weg, um Zitate nachzuschlagen in der Bibliothek. Es war so zart
-von ihm, mich allein zu lassen, aber solche Zartheit macht in die
-Verzweiflung einen Knoten, wenn man schon drin sitzt. Ich muß wohl
-aufhören zu schreiben. Innig Dein!
-
- R.
-
-
- Renate an Magda
-
- noch am 1. nachts
-
-Noch ein Wort in der Nacht für Dich, armes, gequältes Herz, und die
-Bitte, Dich meinetwegen nicht zuviel zu sorgen. Kraft ist noch da, weiß
-nur eben nicht wo, aber glaub schon, daß ich sie finde! Habe Dank für
-Dein liebes Wort durch Georges, die Franziska hat alles schön besorgt,
-sogar an meine Badessenz gedacht. Daß Du Dich niedergelegt haben
-würdest, konnte ich freilich denken, es ist schmerzlich, daß Georges
-Dich nicht sah, nun, morgen seh ich Dich selbst. Jetzt ist alles leer,
-ich fühle nur den Schmerz des Risses, er trennte mich in leblose Teile,
-nur wo der Riß läuft, brennt Leben, Vergangenheit und Zukunft sind wie
-abgehauen, der Himmel weiß, wann sie mir wieder anheilen werden.
-
-Hörtest Du von Georg? In der Zeitung soll gestanden haben, er sei
-erkrankt.
-
-Heute morgen erwachte ich aus diesem Traum, in dem Du vorkamst. Es fängt
-an mit etwas Kleinem, das an der Erde lag; als ichs heben wollte, wars
-eine haarige Spinne, ich bebte zurück, trat mit geschlossenen Augen auf
-ihren Leib, der war weich und regte sich, da sah ich, daß es ein
-widerlicher brauner Frosch war, so groß wie eine Hand; sah mich
-verschmitzt an und sagte: Ich bin so weich und gehe nicht entzwei! -- Da
-lag auf einmal der Herzog auf einer Bahre, hatte die Augen zu, und ich
-wußte, wenn er nur die Augen aufmachen könnte, war der Zauber gebrochen,
-ich lag auf den Knieen, rang und weinte, da stand Erasmus hinter mir und
-sagte, die Hände faltend: Laß uns beten! -- Wie ich aber unter sein
-Gesicht blickte, sah ich, daß er heimlich lachte. Ich stand vom Bett auf
-und sah, daß ich nichts anhatte als weißen Unterrock und Leibchen, ich
-schämte mich, da hing ein violettes Kleid über der Wäscheleine, es war
-nun im Gemüsegarten, das nahm ich herab und zog es an, und nun kam Josef
-über die Beete im Frack, einen seltsamen großen Zylinder in der Hand,
-und sagte ernst: Dein Onkel liegt im Sterben, und du hast ein rotes
-Kleid an. -- Ich sagte: Es ist doch blau! aber es war wirklich blutrot,
-und da wußte ich, es war das, das Bogner angehabt hatte. Josef lachte da
-fürchterlich, und ich war so erstaunt und sagte: Josef, ich dachte, du
-wärst tot! Ach, dann hab ich das nur geträumt, oder schriebst du es
-nicht? Daneben war nun das große Blaue, das warst Du, die fortwährend
-mit einem großen Kleidrock rauschte, den Du nicht festbinden konntest,
-Du warfst ihn hin und her, es waren hundert Falten, es dauerte endlos,
-dann fingst Du an zu fliegen, flogst auf die Fensterbank, drehtest Dich
-wie ein Vogel und sagtest triumphierend: Siehst du, nun kann ich doch
-fliegen, und du wolltest es nicht glauben. -- So schwebtest Du davon,
-machtest einen Bogen, und nun war es ein ungeheurer blauer
-Schmetterling, der die Flügel langsam auf und zu faltete. Das sah
-wunderbar aus, aber nun kam er auf mein Bett gekrochen, und als ich die
-langen haarigen Beine sah, die so vielgliedrig griffen, Hörner und
-Glasaugen und das braune, mundlose Gesicht, packte mich das Entsetzen,
-ich brachte aber keinen Ton aus der Kehle, und es kam immer näher
-gekrochen, ich dachte, ich stürbe vor Ekel, da merkte ich, daß ich alles
-abschütteln könnte, wenn ich es nur fertigbrachte, aufzuwachen. Es gab
-einen Ruck, ich lag in Finsternis und atmete auf ...
-
-Ach, und jetzt: wenn ich es nur fertigbrächte, aufzuwachen, und auch
-dies wäre ein Traum gewesen, -- oh mein Gott!
-
-Und um das Haus, das mir Heimat wurde, liegt nun der magische Gürtel.
-Drin sitzt das Grauen mit den Augen eines alten Mannes, und statt eines
-Mundes steht da Kain geschrieben.
-
-Ja, aber weißt Du es denn überhaupt? Nein! und nun sehe ich erst, daß
-ich vergaß, Georges danach zu fragen, und gewiß hat er Dir nichts
-gesagt, da er Dich nicht sah. Ich muß ihn morgen fragen. Ach, nun ist
-alles wieder glühend geworden.
-
-
- Aus Renates Gedächtnisbuch
-
- am 2. August
-
-Ein stiller Vormittag. Ich schnitt mir von Georges' Aktenbogen Blätter
-in der Größe meines Buches; nun soll einmal die Feder laufen statt
-meiner Füße, die eine Stunde lang den grauen Läufer herauf und herunter
-irrten, und diese hohen roten Mauern da drüben, regennaß, die schwarzen
-Gitterfenster und die grasbewachsenen Dächer, naß und umspült vom Regen,
-die grauen Wolkenfetzen am jagenden Himmel, ich kann sie nicht mehr
-ansehn. Als ich heut nacht erwachte, hörte ich schon den Regen in einer
-Dachrenne klappern so fremd! fremd wie nun die Stille. Und doch
-wohlbekannt seit Jahren! Ach, das Alleinsein ist fremd im Zimmer der
-langen, gemeinsamen Arbeit, der Gespräche, der Behaglichkeit! und was
-auch sonst im Leben geschah: die Arbeit war jahraus jahrein; wie wird
-das werden, wenn sie vollendet ist? und auch das soll nun bald sein.
-
-Kraftlos, oh ganz kraftlos zu sein! Ich bin so müde und matt. Und wie
-das nun aussieht, geschrieben! Wie machen es nur die Dichter? Wenn sie
-dergleichen schreiben, so spürt mans in allen Gliedern, und konnten sie
-es mehr fühlen als ich? Georges würde sagen -- o Himmel, was gehn mich
-alle Dichter an und Georges, jetzt wo Eins not ist? Aber die Gedanken!
-Sie stellen sich ein, unbekümmert darum, wer das ist, der sie denkt. --
-Wer hat mir das einmal gesagt? Das schrieb Magda in einem Brief, im
-Herbst vor drei Jahren muß es gewesen sein, ja fast um diese Zeit. Was
-war ich damals, was bin ich heut? Ihre elenden Briefe damals und meine
-stolzen! Ich saß im Überfluß wie die Königin aller Bienen und dünkte
-mich groß, mitfühlen zu können mit einer verfolgten Seele.
-
-Wie wölbten mir damals die noch unverblühten Linden hinter der Kapelle
-den Eingang in ein reiches Leben! Düfte der tausendfältigen Erwartung
-regneten in mein offenes Herz. Die Orgel tönte Zuversicht, ich war
-fleißig, meine Kenntnisse in Kontrapunktik und Generalbaß zu vollenden,
-ich dachte kaum nach, Erasmus gab es noch nicht.
-
-Du tust mir weh, Erasmus, mit deinem immer gesenkten Kopf! Armer Kain!
-Du hast es nicht tun wollen? -- Nein, sagst du, ich wollte, weil ich
-mußte, man muß nicht schönreden. -- Sieh, was hier liegt, ein schönes
-Ding, ein großer blauer Schmetterling, eine seidne Schleife hängt dran,
-und Abels Namen steht darauf. Als ich ihn gestern zuerst las beim
-Erwachen, küßte ich ihn und weinte darüber. Diese Tränen gönnen wir ihm,
-ein zarter Abel war er nicht und Kain seit ewig beklagenswerter als er.
-Gebe Gott, daß die große kalte Seele sich erwärme im warmen All, wo sie
-nun ist! Deine Seele war immer warm, lieber Kain, oh wer hat sie so
-furchtbar zum Glühen gebracht!
-
-Mir wird wieder wirr.
-
- nachmittags
-
-Wie gut, daß ich den Nachtbrief an Magda Georges doch nicht mitgab! Denn
-was heißt nun diese Nachricht, die er mir heut von ihr bringt: »durch
-Zufall eine Verletzung der Augen zugezogen«? Kein Wort zur Erklärung.
-Bin ich übervoll? Ich kann nichts aufnehmen, verstehe nichts, und wenn
-ich ahnen will, geht es schon auf im allgemeinen Grauen, und ich wende
-mich ab ...
-
-Kleinigkeiten erhalten Zutritt. Der graue Läufer. An drei Jahre sah ich
-ihn abgenützt werden, ohne ihn je genützt zu sehn, da Georges nur darauf
-geht, wenn er allein arbeitet. Und nun gehe ich selber darauf und denke,
-er muß in einer Stunde zerschlissen werden, und weiß nicht, warum mir
-das wunderbar scheint!
-
-Da sitz ich am Sofatisch und schreibe. Am Fenster ganz links sitzt der
-Gelähmte still für sich an seinem Pult; am Fenster ganz rechts sein
-Bruder, die vier Kartothekenkästen je zwei zur Linken und Rechten, und
-ich kann ihm minutenlang zusehn, wie er die saubern Karten, die wir
-Beide beschrieben, im Kranz um seine Schreibunterlage ausfächert, jede,
-von der er abschrieb, zur Seite legt, eine auf die andre, dann den
-ganzen Pack in seinen Umschlag und in den Kasten zurück, und dabei nimmt
-er den Federhalter quer in den Mund, und wenn er schreibt, geht das wie
-ohne Besinnen, es ist alles schon fertig. Lauter kleine Vorgänge
-peinlichster Ordnung. Und so entstehn Werke; so eine Dichtung, denn die
-Art, wie er Geschichte schreibt, ist ganz Dichtung. Oh heroisch, oh
-göttlich der Mensch, der etwas entstehen sieht unter seinen Händen! Die
-Berührung des Werdens verleiht Unsterblichkeit ganz gewiß, Leben springt
-über in Funken zum toten Stoff und der lebt, Augen schlagen sich auf,
-Lippe färbt sich und lächelt, Stirne blinkt weiß und rein, und aus
-ganzem, vollem Antlitz haucht es: Siehe, ich bin! und durch mich bist
-erst du!
-
-Wie nun der Regen strömt um die Zinnen der Mauer!
-
- am 3.
-
-Als ich heut morgen ins Zimmer kam, stand Georges entfernt am letzten
-der drei Fenster, die Hände auf dem Rücken. Hell war der Raum im kühlen
-Regenlicht. Ernst, blasser als sonst schien er mir im Entgegenkommen.
-Ich glaube, ich stand wohl eine Weile vor ihm, die Hände auf seinen
-Schultern, und sah an ihm vorüber die nasse blanke Bekrönung der roten
-Mauer, die Drahtnetze und Gitterstäbe der Fenster und all das andre von
-Gefangenschaft, und dann fragte ich: »Grünt die Hoffnungsbirke noch?«
-»Sie grünt wie alljährlich«, versetzte er still, führte mich ans Fenster
-und ließ mich nach links sehn, und da stand die kleine, seltsame Birke
-oben auf der Ecke der Mauer, grün und zitternd im Regenfall. Plötzlich
-fiel mir ein, daß Georges noch immer nicht alles von mir wußte, ich
-setzte mich auf den Stuhl am Schreibtisch, wußte nicht, wie ich anfangen
-sollte, es war so grenzenlos traurig auf einmal. -- Wir waren verlobt,
-der Herzog und ich, stieß ich dann hervor. Er antwortete nicht, ich
-hätte weinen mögen vor Hülflosigkeit, aber auf einmal stand ich mitten
-im Zimmer und sprach und sprach, es war schrecklich, jeder Satz wurde
-mir in der Mitte oder im Anfang abgerissen, ich strauchelte über meine
-eigenen Worte, sprach nur weiter wie im Fieber, von Josef und dem
-Ech-en-Aton, von Benno, von Sigurd, von Erasmus, vom Wehr und der Nacht,
-von Ulrika und meiner Angst um sie, das strudelte alles durcheinander,
-und immer sah ich Josef in seiner schwarzen Vermummung aus der Luke im
-Festwagen tauchen und Erasmus hinter ihm, den Helm voll kleiner Sträuße.
-Schließlich wars aus, ich saß wieder im Stuhl hinter Georges und hörte
-ihn nach einer Weile langsam sprechen.
-
-»Ja, dort drüben wird der arme Sigurd nun sein. Über ihn wird man lesen:
-der feige Meuchelmörder, -- da es aber unser Sigurd ist, so werden wir
-wissen, daß er nicht feige war, sondern vielleicht mehr ein Held als ein
-überzeugter Monarchist aus der Schlacht bei St. Privat, denn es ist ja,
-nach allem was man weiß, eine schwerere Aufgabe für den Edlen, auf einen
-Wehrlosen zu schießen als auf einen, der wiederschießt. -- Ach, sagte
-ich, ich glaubte, er sei irr, -- aber er meinte, deshalb dürfte es doch
-kaum leichter gewesen sein, und dann mußte ich ihm Sigurds Plan erklären
-vom bevorstehenden Krieg und den Fürsten, die allesamt fallen sollten.
--- »Ach,« sagte Georges, »daran erkenne ich meinen Sigurd! Der Herzog
-wäre vielleicht ganz gern gestorben, wenn alldas richtig gewesen wäre.
-Regimenter der Unterdrückten, die riesige Internationale der
-Ungerechtigkeit in allen Ländern, die hörte Sigurd ja immer
-aufmarschieren, Juden und Polen, Iren und Finnen, Armenier und Serben,
-Arbeiter in England und in Frankreich und Deutschland, hungernde Rumänen
-und verwahrloste Portugiesen, Heere unübersehbar, alle vereint in einen
-Schrei nach dem Recht, -- ja, wer wollte da nicht Tambour sein! Und
-kommt vielleicht in hundert Jahren«, fuhr er fort, die Augen heiß und
-schmerzlich zu den Gitterfenstern gewandt, »ein Luftschiff hoch mit
-Griechenwein --« er lächelte fast schluchzend -- »durchs Morgenrot
-dahergefahren, wer möchte da nicht Fährmann sein! -- Ihr habt ihn ja
-nicht gekannt! Die Menschen sind uns nicht, was sie sind, sondern was
-wir von ihnen sehn, und wen von euch hat er beraten, betreut, ihm
-geholfen, wen hat er besucht in Gefangenschaft und getröstet in
-Krankheit und gespeist, wenn ihm die Seele hungerte, mit edler Speise
-des Vertrauens und der Begeisterung, und mit wessen Traurigkeit war er
-traurig, in wessen Heiterkeit froh? Ihr saht ihn feiertags, da spielte
-er Cello und war eine schöne Figur ...«
-
-Und nun nach einer Weile fing er an, mir von Magda zu erzählen, was er
-mir auf ihre Bitte bisher geheimgehalten hatte; da konnte ich nicht
-anders als nur seufzen: Oh Gott, will es denn niemals ein Ende nehmen?
--- worauf ich ihn alsbald etwas sagen hörte von: Renate Montfort, die er
-gestern auf einem goldenen Wagen gesehen habe mit Elefanten und
-Einhornen, und was ich nun den Kopf hängen ließe! -- »Ach, du häßlicher
-Spötter!« sagte ich und sprang wieder auf, »warst du nicht auch bei
-denen, die mich immer auf goldenen Wagen sehn wollten und schöne
-Vergleichungen wußten von Bienen und Sonnenblumen!« Ich war ganz von
-Sinnen und sagte, wenn ich auf goldenen Wagen gefahren wäre, so wäre ich
-auch tiefer herabgestürzt, als er vielleicht sehen könnte, und dann
-herrschte ich ihn an, mir meinen Mantel zu geben. Ich zitterte am ganzen
-Leib und erinnerte ihn daran, wie ich ihn einmal hinausgeschickt hatte,
-obgleich ich damals doch im Unrecht war. Seine Gestalt, das Zimmer, die
-Fenster zuckten groß auf und nieder, ich mußte noch etwas sagen, und so
-fragt ich: »Wo warst du am Festtag?«
-
-Er drehte sich langsam zum Fenster um, sagte kein Wort. Ich wiederholte
-meine Frage, gepeinigt, um ihn zu peinigen. -- »Du hast«, hörte ich ihn
-endlich sagen, »beinah zwölf Stunden geschlafen, denn es ist Mittag, und
-dich ausgeweint. Andre hatten nicht soviel,« schloß er, »und ich war
-dort, wo du mich fandest, als du mich brauchtest.« Da war meine Kraft zu
-Ende, auf einmal hatte ich einen Regenmantel an, legte den Kopf auf
-seine Brust und sagte, er möchte mir vergeben, er wisse ja immer alles.
-Dann bin ich hinaus, auch die Treppe ganz hinuntergegangen, aber vor dem
-Haustor drehte ich um und stieg wieder hinauf.
-
-Nun sitze ich und schreibe, um nicht zu denken.
-
- Nachmittags
-
-Ich ließ Georges nach Hause telephonieren und um den Wagen bitten. Der
-Wagen, dacht ich, soll dich denn zwingen, wenn du nicht willst. Nun sitz
-ich und warte, weiß nicht, wie ich es fertigbringe, mir fliegen die
-Hände, ich muß schreiben, daß ich nicht rasend werd vor Angst. Schwach
-sein, oh schwach sein in der Stunde der Not, ich, ich! Gestern -- was,
-gestern? drei Tage ists ja schon her, aber da hab ichs doch ertragen.
-Nein, das Grauen -- Josefs Vater ... ich kanns nicht! Und wieder Magda,
-die mich braucht! Ließ ich sie vor drei Jahren nicht allein und begnügte
-mich mit redseligen Briefen?
-
-Schuld ist es, Schuld, sag es, sag es doch, daß du dich lange schuldig
-fühlst! hier, sitz, schreib, schreib auf, willst du wohl! schreib:
-Damals, als Josef aus dem Haus wollte, konntest du ihn nicht halten?
-Nein, da war die Kunst vergebens, du bewegst keinen Marmor, es war zu
-spät! Aber Erasmus? Sah ich ihn nicht mit Fäusten losgehn, damals, auf
-seinen Bruder? Und dann, was sagte er? »Ich bin doch schon als Junge
-einmal mit dem Messer auf ihn ...« Oh das hör ich nun, als wärs heute!
-Warum vergaß ichs denn inzwischen? Warum war ichs nicht eingedenk Tag
-und Nacht, wachend und schlafend: er ist als Junge schon mit dem Messer
-auf ihn losgegangen! Warum war ich nicht eingedenk Jahr um Jahr: »Lieber
-Bruder Erasmus, noch ists nicht Zeit! -- Und warte,« sagte Josef, »ich
-entgehe dir nicht!« Wars nicht so? Oh Gott, habe Barmherzigkeit, was
-konnt ich tun? Liebte mich nicht Erasmus, kannt ich nicht seine Natur,
-die mich in keine Nähe zu ihm ließ, es sei denn die eine?
-
-Fort jetzt, nur fort! Warum kommt nur der Wagen nicht. Ich muß hin, ich
-muß ihm in die Augen sehn! Sehn, sehn, ob ich schuld bin wie er, und ihn
-bei der Hand fassen und verbrennen mit ihm, wenn ichs bin.
-
- in der Nacht
-
-Wieder in meinem Zimmer.
-
-Sonderbar und unbeschreiblich ist mir zumut. Ist das möglich, daß alles
-hier unverändert ist? Lampe und Sofa, Ofen und Bücher, -- und mein
-weißer König sieht über mich hinweg wie immer.
-
-Ja, du mein Heiland, du heilender, so laß mich dir bekennen alles, was
-inzwischen geschah.
-
-Die Fahrt war so grauenhaft schnell zu Ende, daß ich kaum nach dem
-Hinsetzen im Wagen die Augen geschlossen hatte, als er schon wieder
-hielt, und da war wirklich die alte Hausfront, das Tor und die goldene
-Fünf in den eisernen Ranken, alles fest und still und genau. Als ich
-durch den Vorgarten ging, öffnete Konrad die Glastür, lächelte und sagte
-bekümmert: »Das kleine Fräulein, ach Gott!« Aber kaum im Hausflur, fuhr
-ich entsetzt zusammen, weil das Telephon aus der Kleiderablage gellte.
-Ich dachte, ich sei nur wie immer erschrocken, seit Irene durch das
-Telephon von Doras Kindern sprach, und so nahm ich mich zusammen, ging
-selber in den kleinen Raum voller Mäntel.
-
-Und dann wars Ulrikas Stimme, matt und erschöpft, die fragte, ob ich es
-schon wisse, und unendlich weit fort hört ich sie sagen, ach, ich weiß
-die Worte nicht mehr ...
-
-Sie haben sich geschossen. Bogner ist verwundet. In der Brust. Der Arzt
-sagt, er wird leben bleiben. Ulrikas Mann -- ja, nun weiß ich das auch
-nicht mehr, -- ist er tot? Ich verstehe es nicht, verstand es kaum, als
-ich sie sprechen hörte, es schien mir so gleichgültig, -- und auch --
-als hätte ich alles schon gewußt ...
-
-Und im nächsten Augenblick, glaube ich, hatte ich alles vergessen; statt
-dessen merkt ich, daß ich furchtbaren Hunger hatte; zu Mittag hatt ich
-keinen Bissen hinuntergebracht. So stand ich minutenlang, konnte mich
-auf nichts besinnen, zwischen den Mänteln und Jacken, und da lag der
-große graue Hut des Erasmus auf den Messingstäben und Magdas grober
-Gartenpanamahut mit dem dünnen schwarzen Band. Der sagte mir denn, was
-zunächst kam, und ich ging die Treppen hinauf bis vor mein Zimmer. Die
-Klinke in der Hand merkte ich, daß ich falsch gegangen war, wollte
-zurück, bildete mir aber nun ein, eine Minute Schonung, nein, Aufschub
-sei wohl gegönnt, und als ich öffnete, saß im Sofa, eine breite, weiße
-Binde vor den Augen, Magda.
-
-Wie starrt ich nur hin! Eine leise Stimme sagte: Da sitzt es! -- Ihre
-grade Haltung und die Binde, das halb verdeckte Gesicht machten sie so
-zu einer Figur, einem Bilde der Gerechtigkeit oder etwas ähnlichem, so
-daß sie mir vorkam wie eine Gestalt all des Tödlichen und Schaurigen,
-das mich durchfahren hatte, so reißend schnell, daß jedes sich erst
-verstehen ließ, wenn es schon geschehn war. Nun saß das Unheil hier,
-ganz still, eine Binde vor den Augen ... Magda! schrie ich und fiel mit
-den Gesicht in ihren Schoß. Mit mir fiel die Erde. Sie hielt nun nicht
-mehr, ich wollte schreien vor Angst, als ich spürte, wie die Erdfesseln
-ganz lose wurden, und da rissen sie, der Boden tat einen ungeheuren
-Ruck, es toste, riesige Bäume wankten und schlugen um, ich konnte noch
-denken: Ein Augenblick, dann ist alles vorüber! Da kreiste die rote
-Finsternis langsamer, von unten kam die Sicherheit wieder, der Boden
-hielt, ich kniete, in meinem Haar glitt eine lindernde Hand ...
-
-Dann sprach ich mit Magda. »Wir wollen nicht verzweifeln,« sagte sie,
-»der Arzt meint, das eine Auge würde sicher heil bleiben --« sie brach
-unruhig ab, lehnte den Kopf gegen die Wand zurück und drehte das Gesicht
-nach dem Fenster. Ihre Stimme war so tief gewesen wie sonst nur, wenn
-sie singt.
-
-Meine Fragen wehrte sie ab und fragte selber nach Georg. Als sie hörte,
-daß er krank sei, stand sie gleich auf, sagte, sie müsse zu ihm, ich
-sollte sie führen, aber plötzlich schlug sie die Hände vor das Gesicht
-und rief verzweifelt: »Daß ich nun hülflos bin, mein Gott, das durfte
-doch nicht kommen!« Ich hielt ihren Kopf an meine Brust gedrückt, das
-kleine weiße Königsantlitz flimmerte mir vor den Augen, und ich sagte zu
-ihm: Wir, Josef, ja, wir gehn unsre luftigen Wege und finden die
-schönsten Worte, o du Delfin des Lichts, aber unsre Handlungen gehn
-allein vor sich, bis es zum Sterben kommt, dann besinnen wir uns und
-nehmen grade Haltung vorm Tode. Herrgott, schrie ich innerst, und die
-Kinder müssen leiden, was Riesen nicht schleppen, über die Armen wird
-Armut gehäuft, die Hungrigen bekommen zu fasten, und wer Sonne austeilen
-möchte mit beiden Augen, dem werden sie ausgestochen, und ich, sagte ich
-außer mir, ich habe die Verneigungen nun satt, große wie kleine, und ich
-habe genug gelitten! -- Sage doch, was du willst, antwortete es kühl aus
-den weißen Statuenaugen, aber du irrst, wenn du meinst, daß ich hinsehe.
---
-
-Magda machte ihren Kopf frei und sagte: »Jahre sind gekommen und
-gegangen, und ich habe mich in die unbekannte Einsicht Gottes gefügt und
-gewartet.« Und, sie habe gelitten, sagte sie, so sei es nicht schwer
-gewesen, an den Tod zu denken und seine Bitterkeit mit einer rettenden
-Tat zu vergolden, -- so daß ich nun merkte, sie hatte die alte
-Prophezeiung der Zigeunerin niemals vergessen. -- Ihre Hände fielen
-schlaff herunter, sie fing wieder an: »Die Nacht ist hingegangen, die
-ich mit Grübeln versessen hab, die Uhren schlugen Tag, und es kamen
-Menschen, und ich -- was soll ich glauben? Ich bin ja hülflos. Ich kann
-nun bloß dastehn und warten, daß der Tod jemand treffen will, und ich
-stehe vielleicht dazwischen, und er trifft aus Versehen mich, -- was
-kann ich tun?«
-
-Mir quoll das Herz. Aber jetzt auf einmal kam das Seltsamste zu Tage.
-Sie wußte ja noch nicht die genauen Vorgänge vom Tode des Herzogs, wie
-sie aber nun alles von mir hörte, fuhr sie zusammen, berichtete mir in
-der Hast etwas von einer Fremden, im französischen Park, einem Anfall
-gegen sie oder Georg, ich verstand es nicht deutlich, und daß sie Georg
-habe ins Wasser fallen hören, was ich ihr ja aus Sigurds Worten
-bestätigen konnte. »Und siehst du,« sagte sie dann erglühend, »wenn
-nicht das mit mir geschehen wäre, so würde Sigurd Georg getroffen haben,
-und also -- also wars nun das dritte Leben, das ich -- gerettet habe.
-Und meins ist nun aus ...«
-
-Danach wurde sie ruhig. Franziska kam und meldete, es sei zu Abend
-angerichtet, und sie stand auf, ich führte sie zur Tür. Draußen ließ sie
-meine Hand los und ging allein an der Wand hinunter, fand auch zum
-Treppengeländer hinüber, wo sie aber fast umgesunken wäre. Sie brachte
-keinen Laut hervor, richtete sich nach Sekunden wieder auf und ging die
-Treppe hinunter. In der Halle -- nein, da riß alles ab.
-
-Plötzlich stand ich vor Erasmus' Stubentür. Ich wollte klopfen, aber
-meine Hand versagte, auch den Türdrücker bekam ich kaum herunter, und
-als die Tür aufging, wars, als fiele ich an ihr herunter in das Zimmer.
-Da saß Erasmus vor dem Schreibtisch in Hemd und Hose, über ein großes
-Buch auf seinen Knieen gebückt, schon umgewandt nach mir, aber ganz
-geduckt, und als ich seine Augen sah, schrie ich: »Mach die Augen zu,
-Erasmus!« Dabei muß ich selber die meinen geschlossen haben, aber nach
-einer Weile sah ich ihn wieder mit gesenktem Kopf wie einen Sünder in
-seinem gelben Unterhemd über seinem Bibelbuch hocken. Da ging ich zu
-ihm, als ging ich über Wasser, legte eine Hand auf seine Schulter, und
-sein Nacken war so lang und ganz rostrot, und sagte leise: »Was liest du
-denn da, Erasmus?« Er hatte die Unterarme über die Seiten gelegt und die
-Hände über die oberen Buchränder gekrallt; so blätterte er mit den
-Fingern die Seiten auf, zog aber endlich die Arme fort und ließ mich auf
-das Blatt sehn. Die schwarzen Zeilen schwammen ineinander, es war, als
-begingen wir eine Sünde zusammen, und ich flüsterte: »Du mußt mirs
-zeigen!« Nun brachte er eine Hand über die Seite hin, der Zeigefinger
-krümmte sich und wies eine Stelle, und ich las hinter dem rückenden
-Finger her langsam die Worte: So wird mirs gehen, daß mich totschlage,
-wer mich finde ...
-
-Und dann? Ich hielt sein Gesicht in den Händen, sah durch das Fenster
-mit blinden Augen, sah das Gartengitter unten und die Alleebäume, und
-seine großen Hände lagen glühend um meine Unterarme geschlossen; dann
-fand ich mich über ihm stehend, und er hielt meine Hände. Auf einmal
-hatte ich wieder Kraft, nahm das Buch von seinen Knieen, legte es fort
-und sagte zu ihm: Steh auf! -- Mir zitterte das Herz, wie blindlings er
-gehorchte, und er stand da wie ein Knecht, groß, so breit und mit
-geducktem Nacken. Darauf ging ich zur Tür, hörte, wie er sich auch in
-Bewegung setzte und mir nachkam und die Tür wieder schloß und hinter mir
-die Treppe hinunter stieg; es brauste in meinen Ohren, alle Geräusche
-waren so deutlich und doch wie in weiter Ferne. Vor dem Schlafzimmer
-seines Vaters hab ich auf ihn gewartet. Als ich die Tür öffnete, gab es
-einen Luftzug, ich fühlte das Haar wehn auf meiner Stirn, und an beiden
-offenen Fenstern den Raumes wehten die leichten weißen Vorhänge herein.
-In seinem Bett, das frei dastand, saß der alte Mann; ich sah seine hohe,
-kahle Stirn und den Bart und die flackernden dunklen Augen, er aber sah
-mich nicht, sondern den, der draußen stand und die Hände rang, und dann
-fühlte ich mein eignes Lächeln so brennend, als hätte ich eine Sonne im
-Antlitz. Ja, ja, ja, die hielt ich ihm hin, die Luft brauste auf,
-Fittiche schlugen weiß aus der Tiefe, der Engel stieg wieder herauf, und
-die uralte Stimme rief laut: »Komm herein, mein Sohn, komm herein!« Da
-stürzte ein schwerer Körper an mir vorüber in den wolkigen Raum, ich
-hörte einen dumpfen Fall und die Worte: »Vergieb mir, mein Sohn, und laß
-mich wieder dein Vater sein!« -- Dann war ich draußen.
-
-Am Ende eines langen weißen Flurs sah ich das stille Einhorn auf und
-nieder gehn; doch entfernte es sich bald, bog um eine Ecke unter eine
-altertümliche Arkade ein -- später fand ich sie wieder auf der römischen
-Abbildung, die dort hängt -- und verschwand, den langen, weißwallenden
-Schweif sanft um die zierlichen Fesseln legend, in einer grünen
-Dämmerung, die sich langsam schloß und zu grünen Korridorwänden mit
-weißen Türen wurde.
-
-Später fand ich mich in meinem Schlafzimmer auf dem Bett und schlief
-gleich.
-
-
- Cornelia Ring an Renate
-
- Altenrepen, am 4. 8.
-
-Liebes Fräulein von Montfort,
-
-bitte wollen Sie mir verzeihen, daß ich mich an Sie wende, aber ich habe
-sonst niemand, den ich fragen könnte, wo Herr von Montfort ist, und ich
-bin ja so verzweifelt! Nun ist schon der fünfte Tag, daß er das Haus
-verließ -- Sie werden wohl wissen, daß er seit seiner Rückkehr nach
-Deutschland hier im Hause von Herrn Bogner wohnt --, und es wäre gar
-nicht seine Art, uns ohne Nachricht zu lassen. Mit >uns< meine ich
-seinen Diener, der Ihnen diesen Brief bringt, einen Halbchinesen; er
-heißt Li und hängt mit so außerordentlicher Liebe an seinem Herrn, daß
-ich Sie bitten möchte, falls Herrn von M. etwas zugestoßen sein sollte,
-es ihm zu sagen, und Sie brauchten dann mir nicht erst zu schreiben.
-
-Von Herrn Bogner hörten Sie wohl? Er ist heute zum ersten Mal zur
-Besinnung gekommen, der Arzt meint, er soll ins Krankenhaus, was auch
-recht schmerzlich für mich ist zu aller Aufregung, ich meine, weil ich
-ihn dann nicht pflegen kann und nur unruhiger werde. Ich will nun aber
-schließen und grüße Sie mit nochmaliger Bitte um Vergebung als Ihre
-gehorsame
-
- Cornelia Ring
-
-
- Renate an Cornelia Ring
-
- Waldheim, am 4. August
-
-Liebes Fräulein Ring,
-
-durch Li wissen Sie nun schon, ehe Sie diese Zeilen lesen, was geschehen
-ist. Glauben Sie mir, daß ich wie eine Schwester mit Ihnen empfinde, und
-so gerne wäre ich selber zu Ihnen gekommen, aber leider habe ich eine
-erkrankte Freundin im Haus, die ich noch nicht allein lassen kann.
-Möchten Sie nicht statt dessen mich besuchen? Ich könnte Ihnen dann
-vielleicht noch mehr sagen, was Sie wissen möchten. Li, der kleine, war
-so sehr gebrochen, ich werde nie vergessen, wie sein eben noch
-lächelndes gelbes Gesicht ganz grau wurde! Er bewegte sich nicht, aber
-er sank ganz zusammen in seinem langen braunen Mantel. Ich bin sehr in
-Angst um Sie, liebes Fräulein, und bitte, wenn Sie sich fähig dazu
-fühlen, besuchen Sie ja recht bald Ihre
-
- Renate Montfort
-
-Noch etwas fällt mir ein, das Li betrifft. Meine kranke Freundin, deren
-ich erwähnte, hat eine Augenverletzung, es ist zu fürchten, daß sie
-erblindet. Nun war sie dabei, als ich mit Li sprach, und da er mehrere
-Male ganz verzweifelt sagte: Was soll nun aus mir werden? so ging es uns
-durch den Kopf, daß ihn meine Freundin zu sich nehmen könnte, gesetzt,
-Sie selber wollen ihn nicht behalten. Meine Freundin würde einen Führer
-brauchen, und mir gefiel er sehr! Seine Treue, sein Schmerz, seine
-Höflichkeit, und was hat er für merkwürdig runde Augen in dem
-Chinesengesicht!
-
-
- Irene an Renate
-
- Nonnenkloster Mariabrunn, am 7. August
-
-Ja, Renate, da bin ich wieder hier, Hals über Kopf, und da ich leider
-keine Ahnung habe, weshalb Du nicht im Hause warst, so bin ich ziemlich
-ratlos und wäre Dir dankbar für ein Wort über Dich und vor allem über
-Magda. Renate, was ist mit ihr? Ich sah sie, sie sprach von einem
-Unfall, sie war so beängstigend still!
-
-Zu Hause wars nämlich nicht auszuhalten. Meine Eltern redeten bis in die
-Nacht, und am nächsten Morgen fingen sie wieder an. Und alles die
-reinste Neugier! Herrgott, was wollten die alles wissen! und o Himmel,
-diese Vorstellungen! Immer wieder die Fragen: Ob denn mein Mann nicht
-gut zu mir gewesen wäre? Ob ich ihn denn nicht liebte? Als ob das etwas
-damit zu tun hätte! Als sie sich aber bis zu dem Ausdruck Ehe
-verstiegen, da hatte ich denn doch die Nase voll. Ach, du lieber Gott,
-wenn Worte einen Menschen zu etwas machen könnten, ich wäre es geworden
-in diesem Augenblick. Ich hätte an mir selber irre werden können, packte
-meine Sachen und entfloh.
-
-Hier ist alles, wie es war. Die guten Alten sind bis auf eine einzige
-noch dieselben, die Jungen sind Andre als dazumal, aber das Genre ist
-geblieben. Ein Aufheben gab es meinetwegen natürlich nicht, nur die
-Abatissa konnte sich eine triumphierende Bemerkung und einen spitzen
-Mund nicht verkneifen. Sie ist eine Gräfin und hat sich auch so! Vor
-lauter Genugtuung über meine Wiederkunft sagte sie etwas ganz
-Verwickeltes vom Heiland, der nicht in Häusern wohnte, sondern in
-Herzen. Ja, dacht ich, der wird sich grade bedanken und in deinem
-verprömmelten Herzen wohnen! und sagte: ich wäre dankbar, hier nur etwas
-Ruhe und Sammlung zu finden, bis sich herausstellte, ob mein Aufenthalt
-von Dauer sein würde (was der Himmel verhüten möge!) oder nicht. Da
-wurde sie noch spitzer und sagte, ein Herz voll Unruh wäre was
-Köstliches, und nur am Abgrund hin führte der Weg in den Frieden. -- So
-eine geht nun alle Tage mit dem Heiland um, und ist sie deshalb anders
-als die Andern? Na, die wird sich wundern, wenn es am Jüngsten Tage
-heißt: Reichsgräfin Jutta von Lindenau, weiland Abatissa, verblichen im
-Geruche großer Heiligkeit, und sie sieht sich denn dastehn in ihrem
-Sündenstank, der zum Himmel schreit. Mir ging ein großes Licht auf, und
-ich sehe, daß es mit der Mehrzahl der Menschen so bestellt ist: der eine
-ist leidenschaftlich Bergsteiger, der andre sammelt leidenschaftlich
-Briefmarken, einer geht ins Kloster, und eine ist meinetwegen
-Frauenrechtlerin. Und all diese leidenschaftlichen Dinge tragen sie
-sauber verschlossen in einem großen Koffer mit sich herum, den sie
-überall vorzeigen und sagen: da ists drin! und im übrigen sind sie ganz
-gewöhnliche Menschen. Die Briefmarken machen sie nicht weiser, und die
-Berge nicht klar; die Jesusliebe nicht demütig, und das Frauenrecht
-nicht duldsam. Ach, ist es denn mit mir vielleicht anders gewesen? Ja,
-denn ich war die ganzen Jahre lang überhaupt nichts!!!
-
-Was mit mir zu geschehen hat, ist klar. Ich muß wieder werden, die ich
-gewesen bin, vor der Ehe, mit Leib und Seele. Ich weiß noch nicht, wie
-das geschehen soll, aber es muß. Nun -- damit muß ich allein fertig
-werden. Leb herzlich wohl, wenn ich kann, werde ich schreiben. Gedenke
-nicht unfreundlich Deiner
-
- Irene
-
-In meiner üblichen Selbstsucht vergaß ich natürlich, daß ich Dir von
-meiner Schwägerin Dora schreiben wollte. Daß sie mich vermissen wird,
-glaube ich zwar nicht, bei dem versteinerten Zustand, in dem ich sie
-verließ; da ich aber weiß, daß ich trotz ihrer vielen Freunde und
-Bekannten allein ihr ganz nahe war, so ist mein Gewissen gar nicht rein!
-Deshalb möchte ich Dich bitten, recht bald einmal nach ihr zu sehn und
-mir möglichst ausführlich zu schreiben, wie Du sie fandest! Nicht wahr,
-Du bist so lieb?!
-
-
- Renate an Irene
-
- Waldheim, am 14. August
-
-Meine liebe Irene!
-
-Daß ich Deinen Brief erst heute beantworte, geschieht deshalb, weil ich
-erst Bestimmtes über Magda wissen wollte. Das habe ich nun heute
-erfahren, und es ist sehr schmerzlich. Die Sehkraft des einen Auges ist
-ganz, die des andern fast erloschen. Sie sieht nichts, wir dürfen uns
-das nicht verhehlen, obgleich sie selber behauptet, Farben, sogar
-Gestalten erkennen zu können, und hell, sagt sie, sei es stets. Du
-siehst: sie ist, wie sie immer war! Übrigens giebt es etwas, das ihr
-dies Schicksal tragen hilft, aber ich finde die Worte nicht, es zu
-erzählen. Es ist aber das, daß sie die alte Prophezeiung, von der Du
-weißt, nun erfüllt sieht; und daß es Georg war, an dem sie sich
-erfüllte, ist ihr Trost.
-
-Zu Dora ging ich schon zwei oder drei Tage nach Empfang Deines Briefes,
-fand sie über einem Berg von Schriften und Rechnungen ihrer Vereins- und
-Küchenangelegenheiten, und sie gestand mir ihre letzte Verzweiflung: ihr
-Gedächtnis habe gelitten, sie könne nicht mehr rechnen oder mit
-Angestellten verhandeln und dergleichen. Es gelang mir, ihr meine Hülfe
-aufzudrängen, ich bin seitdem fast täglich bei ihr gewesen, sie hat mich
-bei ihren Mitarbeiterinnen eingeführt und so nach und nach alles in
-meine Hände gleiten lassen. Ich werde es freilich wieder abgeben müssen,
-ausgenommen die Beschäftigung mit der Volksküche, Doras persönliche
-Domäne, denn für die Damen bin ich ein Eindringling. Bin auch wohl fähig
-einzusehn, daß Kampf gegen die vielen sozialen Schäden und
-Unvollkommenheiten notwendig ist, aber in der Welt, wo er vor sich geht,
-bleibe ich fremd und mag auch nicht kämpfen. Die Welt ist bisher eine
-männliche Angelegenheit gewesen; haben sie sie verunglimpft, sollen sie
-sie auch wieder rein machen, und sind die Frauen unzufrieden, so können
-sie ja streiken, aber als Frauen, und kein Geschrei machen wie die
-Männer. Daß arme Leute für wenig Geld viel und gut zu essen haben
-müssen, leuchtet mir ohne weitres ein, und deshalb gehe ich in die
-Küche.
-
-Kaum dann, daß ich alles so weit hielt, um es weitergeben zu können, ist
-Dora mir fast unter den Händen erloschen. Sie lebt, sie besorgt weiter
-für sich und ihren Bruder das Haus, aber sie ist stumm und ganz stumpf.
-Jason, den ich häufig bei ihr fand, sagte mir, was sie ihm bekannte: sie
-erwartet ein Kind, das sie in der Nacht empfing, als die andern starben.
-Warum gerade dies ihr so qualvoll ist, würde ich mich vergebens fragen,
-wenn ich nicht wüßte, daß jede Qual den Menschen weniger bricht, als
-vielmehr ihn furchtbar verkehrt, und was dann Andern Trost scheinen mag
-oder Hoffnung: es paßt alles nicht für ihn; es wird alles nur wieder
-Qual.
-
-Soviel habe ich an mir gelernt. Dir mehr davon zu sagen, bin ich noch
-nicht fähig, gute Irene, und muß es Deinem liebevollen Herzen
-überlassen, zu ahnen, was sich nicht erklären läßt. -- Daß Du den Weg
-finden wirst, den Du suchst, will ich von Herzen mit Dir glauben. Da
-sehe ich Dich wieder in meiner Kapelle stehn: >Die Wege des Himmels sind
-außerordentlich ...< hieß es nicht so? Ach, Kind, Kind! ehe wir nicht
-durch die menschlichen Ordnungen gebrochen sind und rasend geworden vor
-Not, eher werden wir in die göttlichen kaum passen. Da sind die
-alltäglichen Verrichtungen für uns gut genug, und nach uns wendet kein
-Gott sich um, wenn wir vorübergehn.
-
-Magda schließt ihre innig liebenden Grüße den meinen an! Stets Deine
-alte
-
- Renate
-
-
- Aus Renates Buch
-
- am 21. August
-
-Heut habe ich nun zum ersten Mal Bogner wieder gesehn, ein Anblick zum
-Weinen.
-
-Er hat Schlimmes überstanden. Zu den Wunden trat Rippenfellentzündung;
-bei der Punktion, um das Wasser zu entfernen, muß schon Eiter dagewesen
-sein, es gab eine Infektion an der Stelle, und nun waren weitere
-Punktionen unmöglich. Später stellte sich eine schwere innere
-Vereiterung heraus, es mußte geschnitten werden, ein Stück Rippe heraus,
-und es gab einen Eimer voll Eiter. Nun liegt er mit einer Kanüle an
-einen Saugapparat angeschlossen. Ulrika erzählte mir das auf der Fahrt
-zur Klinik und bereitete mich auf seinen Anblick vor. Ihre eigenen Züge
-waren verfallen, oder war es schon diese unheimliche Erweiterung von
-innen durch die Mutterschaft?
-
-In dem schmalen Krankenzimmer war zuerst nichts zu sehn als die hohe
-Rückenwand eines Metallbettes, ausgefüllt von hochgestellten Kissen,
-dazu ein Gestell mit dem Saugapparat, von dem aus ein langer roter
-Gummischlauch in den Kopfkissen verschwand. Weiter vorgehend sah ich
-einen alten, furchtbar vergrämten Mann dasitzen, und aus schlottrigen
-grauen Stoppelfalten seiner Gesichtshaut, aus den Knochenrändern seiner
-großen Augenhöhlen blinzelten ganz dunkle Augen in die Höhe, wo von
-einer der Länge nach über dem Bett angebrachten Eisenstange eine Kette
-mit einem Ringe hing, den er mit schneeweißer, langfingriger Hand gefaßt
-hielt. Ich glaubte, in einem falschen Zimmer zu sein, und wollte mich zu
-einer Tür umdrehn, als er mir das Gesicht zudrehte und ich ihn erkannte.
-Oh, hinter der Maske von Gram und Krankheit das alte, wohlbekannte
-Gesicht nun so erschreckend deutlich wie ein Gesicht in einem Gebüsch
-oder hinter einem Zaun!
-
-Die Rosen, die ich ihm hinlegte, sah er gar nicht an, sondern griff
-gleich mit beiden Händen nach meiner. Dann saß ich auf einem Stuhl bei
-ihm, meine Hand hielt er fest, und von irgendwo kam eine kaum
-vernehmbare Stimme: »Renate Montfort ...« Da seine Lippen sich bewegten,
-so mußte es seine Stimme gewesen sein, nun mußte er husten, es dauerte
-lange, bis er fortfahren konnte: »Ich wollte sagen: Renate Montfort
-weint. Traurig für mich,« setzte er hinzu, »aber -- hübsch! hübsch!«
-Dabei lächelte er, daß mich die Erinnerung an meinen Vater durchrann;
-der hatte auch in den letzten Tagen dies mühselige Lächeln der dem Tode
-Nahgekommenen: nur ein Gesichtverziehen, als ob sie erstaunten.
-
- 24. August
-
-Mein dritter Besuch bei Bogner. Beim zweiten bat er mich, doch täglich
-zu kommen. Er spricht nun viel, wird aber schnell müde; seine Stimme ist
-mitunter kaum zu vernehmen; seine Gedanken scheinen rastlos in Bewegung.
-
-»Sagen Sie doch,« fragte er heute, »ist Fuge wirklich das lateinische
-_fuga_?« Da ich bejahte, wunderte er sich und meinte: »Also wirklich
-Flucht? Das ist ja abscheulich!« worauf er mich und Ulrika nachdenklich
-betrachtete und fragte: »Ich möchte wirklich wissen, wie ihr es
-anstellt, diese unseligste aller Künste zu betreiben!«
-
-Wir stellten uns sehr böse. Warum unselig?
-
-»Eben,« sagte er fein, »weil sie gradezu die Seligkeit will. Aber sie
-kriegt sie nie. Sie ist ja nur immer da hinterher. Sie ist so ganz --
-bergig! _Fuga_, die Flucht. Sie ist wie der Lauf eines flüchtigen Tiers
-über ein Gebirge.« So sprach er unaufhaltsam weiter. Immer hätte die
-Musik etwas Gejagtes, könne nie stillhalten, sei zwischen ihrem Anfang
-und dem Ende unaufhörlich, und wenn man ja absetze an einer Stelle, so
-geschehe das nicht glatt wie bei einem Gedicht, sondern mit einer
-zackigen Bruchstelle. Immer wolle sie die Ruhe, liege immer im Sterben,
-»und hat sie die Ruhe doch einmal,« sagte er, »so tritt sie schon wie
-ein Gewässer über ihren Rand.«
-
-Ulrika wandte ein, wenn er ihr einmal bei einem guten Legatosatz schön
-zugehört haben würde, ob er dann nicht hinter der Bewegung den
-Stillstand gehört haben würde.
-
-»_Quies in fuga?_« meinte er zweifelnd, »die Ruhe auf der Flucht?«
-
-Schöner, erwiderte ich, ließe es sich kaum ausdrücken.
-
-»Aber erklärt mir eins,« fing er nach einer Weile wieder an, »warum habe
-ich denn immer, wenn ich genau zuhöre, das Gefühl: weshalb ist das nun
-so? Könnte es nicht gradsogut alles ganz anders sein?«
-
-Weil er, erklärte Ulrika ihm lachend, jetzt genug geredet hätte und
-schlafen sollte.
-
-»Das will ich,« sagte er folgsam entschlossen, »aber noch eins!« Er fing
-umständlich wieder an, wir hätten seine erste Frage nicht beantwortet,
-wie wir es nämlich machten, die unselige Kunst zu betreiben. Er rieb
-sich die Hände. »Ich wills euch sagen. Die Musik ist für gewöhnliche
-Menschen Gift, ihr aber habt in euch ein Gegengift, denn -- ihr seid
-_Angeli sancti_, nicht wahr?« schloß er mit einem sonderbar ängstlichen
-Blick zu Ulrika empor.
-
-Diesen scheuen Blick seh ich noch immer. Denn er war nicht nur dasmal,
-und wenn er nicht in seinen Augen war, so doch in einer Bewegung; und
-stets ist er gegen Ulrika von einer so ängstlichen Zartheit, die mir,
-ich weiß nicht warum, so schuldvoll erscheint, und ich muß die Augen
-niederschlagen, wenn er nur sagt: »Möchtest du wohl so gut sein ...«,
-als wäre da etwas zum Schämen.
-
- am 25. August
-
-Auf Ulrikas Bitte teilte ich Bogner heute mit, was er von Magda noch
-nicht wußte. Er hörte wortlos zu, schloß dann die Augen und hielt sie
-lange so, wie um zu versuchen, was Blindheit sei. Als er sie wieder
-öffnete, sagte er, sie zukneifend, geblendet: »Unmöglich! Sterben ist
-möglich, aber blind werden nicht!« Da erinnerte ich ihn, um ihn sich
-selber vergessen zu machen, daran, daß Magda nicht male.
-
-»Richtig,« sagte er, »sie hat ja auch eure Musik. Oh freilich Musik! Die
-Sehenden macht sie halb blind, diese blendende Sonne, aber für Blinde
-kann sie ja dann wohl eine schöne Quelle der Wärme sein.«
-
-»Ich wills Magda sagen«, meinte ich leise.
-
-»Nein,« sagte er da, »sagen Sie ihr nicht das! Es klingt nicht gut so
-von Blinden ... Sagen Sie ihr --« Er besann sich, die Lippen bewegend,
-sagte dann: »Der Körper ist blind, aber die Seele ein Argus mit tausend
-Augen; soviel Götter, soviel Augen.«
-
-Wir hatten dann eine Weile von andern Dingen gesprochen. Auf einmal
-fragte er mich, lächelnd mit einem Mundwinkel, ob mein Vater nicht
-Pfarrer gewesen sei, und als ich nickte, ob er gewesen sei, was man so
-liberal nennte. -- »Ach, nein!« »Ein ganz frommer Mann?« Ich bejahte.
-
-»Dann«, sagte er, »will ich Ihnen noch was schenken. Jason hörte ich
-einmal sagen: Ein liberaler Pastor -- da könnte man auch sagen: eine
-liberale Musik, -- und nun fällt mir bei dem Seelenargus ein: das
-sogenannte liberale Christentum ist wie der einäugige Polyphem,
-geblendet vom listenreichen Ulyß,« schloß er verschmitzt, »der
-Vernunft.«
-
-Er ist nun so klügelnd geworden ...
-
- am 26.
-
-Ich kam von Bogner zurück, es war schon spät und dämmrig geworden, da
-hörte ich die Orgel. Konnte das wieder Magda sein? Gleich lief ich in
-den Garten, wo ich dem Getön anhörte, daß Tür und Fenster der Kapelle
-geschlossen sein mußten und daß es äußerst heftig war. Näher kommend
-hörte ich Gesang und erkannte die Musik der alten Kirchenarie von
-Stradella >_Si miei sospiri_<, zu der Georg Magda einmal einen deutschen
-Text geschrieben hat. >Wer weint in Finsternis? Wer schluchzt im
-Dunkel?< fing es an. Vor der Tür der Kapelle hörte ich die Orgel allein
-die Schlußwendungen mit solcher Kraft brausen, daß die hölzerne Tür
-erbebte; ich öffnete und trat ein, es war dunkel drin, die riesigen
-Orgelstimmen warfen sich über mich wie Geister, schon wieder mit der
-Wucht der Oktavengänge im Baß des Anfangs einherstampfend. Ach, ich
-glaube, alle Engel meiner Brust sind aufgestanden vor einer
-übermenschlichen, viel zu lauten, einer rauchenden Stimme aus dem
-Dunkel, die hinfegte über mich durch den Raum, so tief und gewaltsam, so
-brechend aus allen Fugen, nach oben stürzend und sich niederschmetternd,
-daß ich mich nicht halten konnte und hingekniet bin und das Gesicht in
-die Hände gelegt habe. Und jetzt: schwarzblau durch das Schwarze der
-Nacht, unter Gewölben her, kam der Engel gebraust, der furchtbare,
-blinde. Die Stirn im Armbug trat er die Lüfte hinter sich mit zuckenden
-Füßen; die riesenhaften Schwingen bogen und wanden sich wie schwarze
-Flammen, er peitschte mit ihnen, und so jagte er unterm Gewölbe hin und
-über mir fort, und die Lüfte schlugen schallend hinter ihm auf wie
-Gewässer, heraufklatschend an den Nachtwänden. Es war ein endloser Gang,
-nicht breiter, als daß der Engel darin fliegen konnte, und so kam er
-zurück; ich, oh ich sah die Sohlen seiner Füße bleich schimmern, wie er
-über mir fortstürmte, und plötzlich sah ich ihn an den Stäben eines
-Gitterfensters hängen und daran rütteln; sein Leib fiel nach unten, er
-hing, so lang er war, aber er schwang die Füße hoch, stemmte sie gegen
-die Wand, und während hinter ihm die ohnmächtigen Flügel in rasenden
-Wirbeln die Lüfte peitschten, rüttelte er mit seinen langen Armen,
-rüttelte und schrie auf, ließ los, ermattete, tastete und stürzte ins
-Bodenlose ab. Ehe aber der Donner seiner Schwingen in den Tiefen
-verhallt war, kam er wieder herauf gerauscht wie ein Brunnen, und jetzte
-rannte er mit wütender Schnelle schräg nach oben und mit ungeheurem
-Prall gegen die Wölbung, daß sie barst.
-
-Sechs schöne, farbige Engel, Gitarre, Harfe und Posaune in Händen,
-standen in einem tiefen, morgenstillen Zwielicht auf der Kuppe eines
-Berges; tiefer braute Gewölk. Es orgelte ruhig in den Tiefen, große
-Takte schlugen majestätisch herauf, der Umkreis der Himmel erschien,
-duftende Büschel und Hecken feuerfarbener Lilien raschelten, bewegten,
-ordneten sich und standen still, mit fahrender Schnelle kam das Licht,
-körperlos zog es herauf, goldene Dünste stiegen in triumphierenden
-Wolken überall, die Engel hoben ihre Instrumente, die lange Lure wies
-steil in das kühle Morgenblau oben. Dort stand einsam ein weißer Stern,
-aus dem langsam eine Träne rollte und fiel; der Stern war ein weinendes
-Auge, die Träne fiel naß und brennend auf meine Hand, es war dunkel.
-
-Nun hörte ich meine Orgel leiser sausen, es war wieder das Vorspiel,
-aber als nun Magdas singende Stimme wieder einsetzte, war es reine
-Sanftmut, nur schmelzender Wohlklang, und sie leitete nun ihren Gesang,
-wie es schön und recht war, ohne Übermaß, beugte ihn und richtete ihn
-auf, ließ ihn schwellen und verhallen, ließ die Stimme schweigen lernen
-und sich bändigen durch unerbittliche Pausen des bemessenen Orgeltons.
-Und als sie zum vierten Male zum _da capo al fine_ einsetzte, hatte sie
-das Maß; die Stimme gehorchte freiwillig, der lärmende Gott der
-Blindheit war nirgend.
-
-Und wiederum in diesem fremden Augustmond sah ich meine Erscheinung.
-
-Im grünenden bewegten Garten stand die Sonnenuhr. Es war heller Tag, in
-allen Büschen glitzerten Taulichter, aber als ich wieder nach der
-Sonnenuhr blickte, war der Zeiger sonderbar lang und war das gewundene
-Horn des Tiers. Das weiße Tier stand im Garten, es hob die leichten
-seligen Füße und ging vorwärts wie im Tanz, indem es sich unaufhörlich
-verneigte, die Stirn mit dem Horne senkte und hob, ein Tanz von der
-unbeschreiblichsten Sanftmut, der plötzlich endete, da das Tier den Kopf
-stillhielt und zu lauschen schien, und nur die Spitzen des Mähnenhaars
-und des Schweifs flatterten ganz wenig an dem Marmor gewordenen Leibe.
-Jetzt wendete es den Kopf zu mir her, und ich sah, daß es freundlich
-lächelte, während es auf einen großen, blauschwarz gewandeten Engel
-zuschritt, der plötzlich unter den hohen Bäumen stand. Er legte eine
-Hand auf den Rücken des Tiers und wandte sich zum Gehn, so daß ich die
-hohen Büge seiner gewaltigen Schwingen über seinen Schultern sah,
-während die gebogenen, sehr schmalen Flügel selber an seinem Leib
-vorüber weit nach vorne die Spitzen streckten. Der Engel und das Einhorn
-gingen so zusammen fort in den Wald hinein, und sonderbar nahm er im
-Gehn seine Fittiche unter die Arme; dann legte er die Hände auf dem
-Rücken zusammen; er war klein geworden in der Ferne und sah nun schon
-ganz wie Jason aus; er war es auch wirklich, da er sich nun umdrehte und
-sein Gesicht zeigte, weiß mit schwarzen Augen, aus denen es lächelte ...
-
-Sie waren verschwunden. Es rauschte durch den Wald, dann erlosch er
-eilig. Ich lief, Magdas Namen leise rufend, zum Podium, sie wandte sich
-zu mir und sagte, wie sie im Traum gesagt hatte: »Siehst du wohl, daß
-ich doch fliegen kann?« »Ich muß es glauben«, antwortete ich leise und
-schauderte.
-
- am 27. nachts
-
-Bei Bogner traf ich Ulrika heut nicht mehr an und statt dessen Jason. In
-der Volksküche hatte es eine böse Geschichte gegeben mit zwei ineinander
-verhakten Aufsichtsdamen, die auf keine Weise auseinander zu bringen
-waren. Um so stiller war Bogner. Es geht immer auf und ab mit ihm. Immer
-wieder kommt Eiter und mit ihm Fieber. So abgemagert er ist, war er doch
-ein schwerer Mann; er hat sich ganz wundgelegen, die Füße sind
-geschwollen und sollen ganz violett aussehn. Er fieberte, lag unruhig da
-und sprach kaum.
-
-So verließ ich ihn in recht gedrückter Stimmung. Auf der Heimfahrt
-erzählte mir Jason, den ich mit zu Magda nahm, daß er vor ein paar Tagen
-bei Georg gewesen ist; daß er nun anfängt zu gesunden. Er liegt in dem
-kleinen Schloß, in dessen Nähe er auch gefunden wurde. Was mit ihm
-vorgegangen ist, weiß niemand, und vielleicht wäre er gar nicht entdeckt
-worden, wenn nicht sein Reitpferd sich beim Hause gezeigt hätte. Auch
-das ist nicht zu verstehn, denn der Park ist klein und von einer Mauer
-abgeschlossen; wie konnte er da reiten wollen?
-
-Dies hörte Jason von Doktor Birnbaum. Als dieser dann von seiner
-Bekümmertheit sprach, daß er sich nicht getraue, Georg den Tod seines
-Vaters mitzuteilen, so hat Jason sich angeboten.
-
-»Aber da«, sagte Jason, »hatte ich einen Versager. Vielleicht hätte ich
-es doch lieber mit Einschläfern versuchen sollen. Er schien ruhig
-zuzuhören, aber als ich besser hinsah, war er einfach ohnmächtig
-geworden.«
-
-Als wir nun schwiegen, erschreckte mich das Geräusch des Fahrens,
-überlaut in meinem Gehör, und da merkte ich, wie alles wieder bröcklig
-in mir wurde. Da erschien der Festzug, ich saß auf der Höhe des Wagens,
-die Elefanten schritten dort, ich sah das bunte Getümmel unten und oben,
-und jetzt, wie es erlosch, jetzt erst sah ich alles, was geschehen war
-an diesem Tage, der so triumphierend begann. Alles zählte ich da Jason
-auf: Erasmus' Tat, und Josefs Tod, den Jammer seines Vaters und meinen
-eignen, den Tod des Herzogs, und Sigurd, Georgs Erkrankung, Magda, und
-weiter noch Bogner und Ulrika und gar Irene. »Jason!« mußte ich endlich
-entsetzt fragen, »wie war es nur möglich! all dies an einem Tag!«
-
-Jason sagte: »Du lieber Egoismus! Warum lässest du alles Übrige fort? An
-jenem heißen Sommertag haben achtzehn Menschen einen Hitzschlag
-erlitten, woran sieben starben; drei stürzten mit einem
-zusammenbrechenden Balkon beinah hinter dir in den Festzug; zwei fielen
-vom Dach, zwei von der Straßenbahn, sechs wurden überfahren, einer brach
-den Arm im Gedränge, und übrigens müssen der Wohnungen, die von ihren
-Besitzern verlassen waren und in die eingebrochen wurde, mindestens
-zwanzig gewesen sein.« Er hätte nicht gezählt, schloß er, aber was mir
-einfiele, alldas nicht zu rechnen?
-
-»Nein, Jason,« konnte ich trotz der erschreckenden Aufrechnung
-entgegnen, »du wirst mich wohl recht verstehn: die ich aufgezählt habe,
-gehörten doch Alle zusammen. Wir waren doch Alle verwandt miteinander!«
-
-»Freilich,« erwiderte er, »kommt ein Sturm, stürzt das Dach ein, so
-trifft es Alle, die darunter versammelt sind. Oh gewiß, ich erinnere
-mich wohl: die Friedliebende Gesellschaft hieß es, und damals fing alles
-an. Denn«, endigte er liebenswürdig, »ich gebe dir gern zu, daß du die
-Dinge so ansehn mußt, wie sie sich um dich ordneten.«
-
-»Ordnung, Jason!« rief ich empört.
-
-»Ja, wer kennt denn all die Gesetze? Hat der Mensch einen Gott, muß er
-auch Dämonen haben.«
-
-Mir graute es vor Jason in diesem Augenblick, und es dauerte eine Weile,
-bis ich fragen konnte, wie er es mache, stets gelassen zu bleiben, denn
-ich wisse ja, er meine es gut mit uns Allen.
-
-»Ein bißchen schwarze Kunst vielleicht?« riet er.
-
-»Ach freilich, die Schwärze sieht man an den Augen! Aber worin besteht
-sie?«
-
-Das sei schwierig, meinte er, jeder Zauber sei nur in einer Hand
-wirksam; worauf er mir ernsthaft riet, wenn ein Leid an mir zerrte, nur
-die Augen kräftig zuzumachen und zu denken, daß es mich gar nichts
-anginge.
-
-»Du hast uns so oft wohlgetan, Jason,« sagte ich leise, »wie willst du
-das denn gemacht haben, wenn wir dich nichts angingen?«
-
-Das, sagte er, sei eine Verwechselung der Ausdrücke. »Ihr Alle geht mich
-viel an und auch euer Leid. Wenn aber eines davon an mir zerren wollte,
-an mir, nämlich an jemand, den es in Wahrheit nicht betrifft, und ich
-lasse das zu, und es wird nun meine Sache, was geschieht? Dann werde ich
-verwirrt und unnütz, und das Leid ist weiter nichts als größer geworden.
-Muß man ihm nicht Grenzen setzen? Kommt die Springflut über den Deich,
-so zieht man einen neuen. Wie soll man denn ein Leiden verringern, als
-indem man ihm Einhalt gebietet und versucht, es in ein ordentliches Bett
-zu leiten? Oh, man muß es gut schieben und zwängen, bis es an Ort und
-Stelle und eingepaßt ist. Dazu ist aber doch Besinnung nötig. Nun, und
-wenn schon der sie verliert, der darin steckt, soll ich sie auch noch
-verlieren?«
-
-Ich konnte nur den Kopf schütteln und sagen: ich verstehe es nicht.
-
-»Es läßt sich ja nicht verstehn,« erwiderte er freundlich, »ich sagte es
-schon. Oder kann dirs klar werden, wenn ich sage: Man muß mit fühlen,
-aber nicht mit leiden?«
-
-»Ja, wie denn nur, Jason, wie denn?«
-
-»Nehmen wir«, erklärte er nun, »einen eisernen Topf. Der ist voll
-Wasser, steht am Feuer, das Wasser fängt an zu kochen. Das Feuer glüht,
-der Eisentopf glüht, aber die leiden nicht. Das Wasser leidet, und die
-Luft im Wasser, die vor Angst, hinauszukommen, alles über den Rand
-wirft. Sie leidet die Glut, aber der Topf? Er fühlt sie. Fühlt sie ganz
-ruhig so lange, bis die Luft in der Freiheit der Lüfte ist, alle
-schädlichen Keime tot sind, und das Wasser gekocht. Das Feuer geht aus,
-der Topf wird kalt, alles hat seine Richtigkeit. Du aber, sage mir, mein
-Kind: war ein Gott im Feuer oder ein Dämon?«
-
-»Beide, Jason, doch beide!« rief ich ganz aufgelöst, »aber warum, und
-wie macht es denn dein Topf, dein --«
-
-Ich glaube aber, ich habe das gar nicht gesagt oder jedenfalls nicht
-weitergesprochen. Mir fiel nämlich etwas ein, das mit Jason
-zusammenhing, doch konnte ich es nicht finden; dann hielt auch der
-Wagen, und jetzt erst in der Nacht, wo ich mein Buch hervorholte, um zu
-schreiben, wußte ich, daß es darin stand, was ich gesucht hatte, und ich
-brauchte nicht lange, um diese Zeilen zu finden, Jasons Worte,
-geschrieben am 5. November im vorigen Jahr:
-
-»Gewiß erinnerst du dich der Geschichte von den drei Männern im
-Feuerofen, die sangen. Ganz kühl standen sie in aller Glut und sangen
-schöne Lobgesänge. Das sollten eigentlich wir Alle können, ja, das ists,
-was wir lernen sollten. Die Glut verschonte sie ja nicht, jene Drei, was
-wäre das weiter gewesen? Ist Gott ein Taschenspieler, der Kunststücke
-macht mit seinen Heiligen? Nein, er ließ sie ganz und gar verzehrt
-werden von der Feuersglut, bis sie zu Asche gebrannt waren, aber siehst
-du, Kind,« sagte er zu mir, »in ihnen war Gott, mit seiner himmlischen
-Essenz waren ihre Leiber durchtränkt, so daß ihre Asche fest wurde, fest
-wie gebrannter Ton, und da empfanden ihre Seelen erst, wie kühl und wie
-angenehm gekleidet sie mitten in den Flammen standen, und nun begannen
-sie unverbrennlich den Lobgesang.«
-
-Unverbrennlich, das war das Wort. Das sollten eigentlich wir Alle
-können, -- o Gott!
-
-Jason, ja, und die Andern! Magda ist es geworden, Bogner wird es
-vielleicht, aber ich, wie weit bin ich davon! In Flammen stand ich
-lichterloh, aber alles, was ich davontrug, sind Wunden. Und war es nicht
-so, wie Jason erklärte? Was gingen jene Flammen mich an, mich, die sie
-nicht betrafen? Erasmus, den trafen sie und gingen sie an, und seinen
-Vater, Sigurd und den Herzog, aber doch nicht mich! Sie konnten brennen
-und verbrannt werden, ich aber lief nur zum Feuer hin und versengte mir
-die Hände. Nein, mein Gott, oh nein, was konnt ich denn tun? Erasmus,
-was konnte ich tun? Ich legte die Hände auf seinen Kopf, oh Heiland, wie
-das Feuer drin raste! Ich habe Woldemar einen Verband gemacht, so gut
-ich konnte, und ich habe Sigurds Stirn angefaßt und gefühlt, wie sie
-glühte, und da war meine Hand noch kühl. Ach, sie ist doch verbrannt,
-denn was half ich?
-
-Was ist denn nur mit mir, was ist denn nur? Diese Schwäche, diese innere
-Lähme schon durch die Wochen. Es ist, als hätte ich Angst, dies könnte
-noch nicht alles sein, wenn aber das Letzte kommt, das Wirkliche, werde
-ich schwach sein und nur brennen und nicht überstehn. Sollte das möglich
-sein? Ein schlimmeres Unheil und eins, das nur nach mir zielt, nach mir?
-Ach, und die Jahre all, wie hungerte michs nach dem Glück!
-
-Ruhig war ich früher immerhin und sagte: ich warte! Da aber, in jener
-Nacht, am Wehr erst, dann im Zimmer, auf der Fahrt, in der Universität,
-im Schloß dann, die lange Ewigkeit bis zum Schlaf bei Saint-Georges, da
-war ich -- besinnungslos, war ich leer, von mir selber verlassen und
-betäubt, und da hat mich einer, der mich schon lange belauerte, der hat
-mich da überfallen, der schlüpfte in mich hinein und hockt nun in mir,
-zusammengekrümmt, und wartet, und dies alles bisher waren nur erst die
-großen Verneigungen.
-
-Bist du ein Gott, du fürchterlicher in mir, sage, bist du Gott oder der
-Teufel? Du hast mich öfters auch trunken gemacht in diesen Wochen,
-hingegeben der Ferne, einem himmlisch Kommenden zugeschmolzen, und dann
-dachte ich gewiß: Ein Gott muß es sein! Aber ich weiß es nicht, ich weiß
-es ja nicht! Angst ist immer Angst, ob sie nun süß ist oder bitter, wie
-soll ich da erkennen?
-
-War ein Gott im Feuer oder ein Dämon? fragte Jason, und ich schrie:
-Beides!
-
-
- Cornelia Ring an Renate
-
- Altenrepen, am 29. August
-
-Liebes Fräulein von Montfort, wie sehr danke ich Ihnen für Ihre lieben
-Zeilen, und denken Sie bitte nicht schlecht von mir, daß ich Sie bis
-heut ohne Antwort ließ! Ich, wissen Sie, habe gar keine
-Widerstandskraft, und wenn mich etwas trifft, so kann ich nur
-stillhalten und mich zerreißen lassen. Es ist nun so weit vorüber, daß
-ich wenigstens der Außenwelt Fassung zeigen kann, aber sehen lassen kann
-ich mich noch nicht, ich bin am ganzen Körper geschwollen. Wenn Sie es
-denn erlauben, komme ich in der nächsten Woche zu Ihnen. Heute will ich
-Ihnen nur schreiben, weil Sie nach Li fragen. Er hat mir erst einen
-guten Schrecken eingejagt, denn nachdem er Ihren Auftrag an mich
-ausgerichtet hatte, ging er hin und wollte sich umbringen. Ja, Sie haben
-sein >Was soll nun aus mir werden!< wohl nicht ganz recht verstanden,
-denn das hieß nicht, daß er nun keinen Herrn mehr hätte, sondern daß mit
-seinem Herrn auch sein Leben zerrissen war; es bestand nur in ihm. Ach
-Gott, es war wohl sehr komisch! Er war hinaus, ich glaubte, ohnmächtig
-zu werden, mein Herz ist nicht gut, ich schrie nach ihm, da kommt er
-wieder hereingelaufen ohne Jacke, um den Hals einen Strick, an dem er
-zerrt, und der nicht los will. Ich habe nun gesucht, ob sich in Josefs
-Papieren irgendwelche Bestimmungen für Li fänden, fand aber nichts. Li
-selber hat sich nun eines Auftrages seines Herrn entsonnen und
-behauptet, seine -- Josefs -- Erinnerungen aufschreiben, das heißt aus
-seinen Tagebüchern wiederherstellen zu müssen und herausgeben. Er,
-Josef, erlebte ja viele und unglaubliche Dinge, es giebt mehrere
-Tagebücher, die meistens von Li geschrieben wurden nach seinem Diktat
-oder auch ganz selbständig. Schon hieraus können Sie sehn, wie sehr der
-Kleine sein Vertrauen hatte. Wenn er lebte, würde er Ihnen Li aufs
-höchste rühmen. Er spricht, glaube ich, alle lebenden Sprachen und
-besitzt tausend Fertigkeiten. Er hat ihn, Josef, auf allen Reisen
-begleitet, und seit ich Josef kenne, war er, Li, immer bei mir, wenn er,
-Josef, in Ihrem Haus wohnte. Er hielt es irgendwie (ich glaube fast,
-seinem Bruder gegenüber) für unpassend, einen Diener für sich allein zu
-haben. Ich habe ihm nun Ihren Wunsch mitgeteilt und auch, daß er bei mir
-nicht bleiben könne. Er hat sich Bedenkzeit erbeten, obgleich es ihm
-gewiß lieb sein wird, in Josefs Haus zu kommen. Bitte, wenn Sie oder
-vielleicht Herr Montfort etwas aus Josefs Leben wissen möchten: Li weiß
-alles, und es sind ja auch die Tagebücher da. Heute erklärte er mir,
-wenn er schon bei mir nicht bleiben könnte, so gefalle es ihm, daß seine
-neue Herrin nicht sehen könne, denn da es die alten Augen seines wahren
-Herrn nicht sein könnten, wären gar keine schon das beste. Das klingt
-ein wenig lieblos, aber Sie sehen, wie er es meint, und das ist auch
-ganz so, wie ich Josef einmal sagen hörte: Wenn ein Mensch ein Unglück
-hat und gar nicht weiß, wie er damit fertig werden kann, so macht er
-einen Haken und hängts am Unglück von einem Andern auf. Und ein andermal
-sagte er: Unglück kommt selten allein; das ist wahr, denn immer hat es
-irgendein Glück zur Folge für jemand anders, und aus der Birne, die ich
-für faul halte, klaubt mein Bruder die Kerne und pflanzt sich eine
-Allee.
-
-Ich schicke Ihnen also Li mit diesem Brief. Entschuldigen Sie bitte
-meinen Freimut, aber wenn er nicht ginge, so würde ich mich am liebsten
-selbst anbieten. Einem Blinden zum Führer dient wohl der am besten, der
-selber kaum noch aus den Augen sieht, und mir fällt wieder ein Wort
-Josefs ein: Schlage mich auf den Leib, so trägt er ein blaues Auge
-davon; wo es aber die Seele traf, was für ein Auge wird sie da
-aufschlagen? -- Herr Bogner wird mich ja kaum mehr brauchen; da Frau
-Tregiornis Mann tot ist, nehme ich jedenfalls an, daß sie zusammen
-bleiben.
-
-Und nun gottbefohlen! Herzlich grüßend Ihre
-
- Cornelia Ring
-
-
- Zweites Kapitel: September
-
-
- Georg an seinen Vater
-
-
- I
-
-Jason sagte (und nämlich im Auftrage der Andern, denn sie hielten ihn
-für den Geeigneten, und er wars auch!), Jason also sagte mir, daß Du
-gestorben seist. Aber das ist auch wieder so ein Ausdruck! (Übrigens,
-ich erinnere mich, es war ein so besondrer Augenblick, wie ich ihn noch
-nicht erlebt zu haben glaube, auch kaum mehr vorstellbar, doch war es
-so, daß Jason ganz weiß von oben bis unten in einer pechschwarzen Wolke
-saß, in der es donnerte. Dann liefen sie haufenweise zusammen, und
-diese, ich muß gestehen, ziemlich unglaubliche Erscheinung verschwand.)
-
-Aber wie gesagt: das ist auch wieder so ein Ausdruck. Dir ist bekannt,
-denn wir sprachen mehr als einmal darüber, daß wir im Zeitalter des
-Ausdrückens leben, auch Expressionismus genannt. Dichter und Maler: was
-das Wesen ihres Wirkens in Wahrheit ist, nämlich: die Form, das weiß
-ihrer keiner mehr (ausgenommen wie immer George), und eines jeden ganzer
-Stolz ist es, wenn er für irgendeine Nervensache einen Ausdruck gefunden
-hat. So auch die übrigen Menschen, und so auch in diesem Fall und so
-weiter.
-
-Nämlich, ich will sagen: die Umstände reden ja gewissermaßen zugunsten
-der Andern. Mordanschlag eines Irren ... ich beklage Sigurd nicht
-weiter, als ich ihn eben verstehe, das heißt, ich habe alles, was
-Vernunft und Sinnenordnung heißt unter den Menschen, so oft
-hirnverbrannt finden müssen, an Andern und an mir, daß ich durchaus
-nicht weiß, ob wir nicht in die wahren Ordnungen gerade dann eintreten,
-wenn die uns bekannten gesprengt scheinen, und übrigens, wer sagt denn:
-gesprengt? Ebensogut können sie ja nur erweitert sein. Attentate auf
-Fürsten sind auch von sogenannt vernünftigen Leuten nicht selten verübt
-worden, und so ließe sich in Sigurds Falle besonders gut annehmen, daß
-es für ihn, um zu dieser Tat zu gelangen, eben jener Erweiterung
-bedurfte, die uns unter dem Ausdruck Irrsinn bekannt ist. Auch wieder so
-ein Ausdruck!
-
-Ferner Trauer im Lande, an den Kleidern, betrübte Mienen und so weiter,
-vor allem unbedingt Deine sonst ganz unverständliche Abwesenheit, -- wie
-gesagt, all das spricht für Totsein, aber, wie ich auch schon sagte: das
-ist eben der gängige Ausdruck. Und eine Nervensache ist es ebenfalls,
-denn wie? Wenn ich wirklich glaubte, Du seist tot, in dem üblichen Sinn
-des nicht mehr Vorhanden-, des Abgeschiedenseins: müßten nicht meine
-Nerven reißen im Augenblick? Mit einem Wort: ich stürbe vor Angst?
-
-Nein, mein Glaube bleibt die Form. (Übrigens ist es, wie mir einfällt,
-gerade Sigurd, dem ich die frühste Belehrung hierüber verdanke.) In der
-Form offenbart sich die Seele; Deine Seele aber, wie könnte sie
-gestorben sein? Ich habe es nicht gesehn. Ihre stoffliche
-Erscheinungsart, ja, die hat sie allerdings in außerordentlicher und
-besondrer Weise gewechselt, so wie die Vernunft es eben tut, indem sie
-rasend wird. Einzig wunderbar aber bleibt, daß die Form, in der Du nach
-wie vor Wesen hast und lebst, daß sie ganz und gar zusammenfällt mit der
-Form, in der ich Dich empfinde. Und ist nicht dieser Gedanke fast
-göttlich: Du, gemacht aus väterlichem Stoff, eingesetzt in die Form des
-Vaters für unsre Lebenszeit, nicht leiblich mein Vater, aber ganz und
-ewig im Geist? Nein, besondrer konnte es unmöglich erdacht werden. Mir
-verbleibt.
-
-Sieh, da war er wieder eingeschlafen! Er schläft immer ein, dieser Knabe
-Georg! Ich dachte erst, das Schreiben würde ihn munter erhalten, aber es
-scheint mir doch nun wieder eine besondre Nervensache. Mein Geist, das
-merkst Du wohl, ist schon wieder scharf wie ein Eisbrecher (übrigens, in
-Chöttingen sagt man Cheist, -- ich weiß nicht, es reizt mich so
-besonders, wenn ich nicht alles aufgeschrieben habe, was mir eben
-einfällt. Nicht wahr, es könnte ja grade das von ausschlaggebender, mit
-einem Wort von besondrer Wichtigkeit sein!), also wie ein Eisbrecher,
-wie gesagt, aber du lieber Gott, meine Hand ist so schlaff wie meine
-Beine und so weiter.
-
-Nämlich --
-
-Oder vielmehr --
-
-Nein, es tut mir besonders leid, aber ich kann nun das Ende des Satzes
-oben nicht mehr finden. Nun, Geduld, Geduld, wenns Herz auch bricht, Mit
-Gott im Himmel hadre nicht und so weiter, wie der Doktor Bürger so schön
-singt, aber -- das ist auch nicht so einfach!
-
-
- II
-
-Denn (um an meinen ersten Brief anzuknüpfen): warum bist Du fort und ich
-hier allein? Ist das nicht zum Hadern? Du bist freilich nun der große
-Strahlende geworden, ja der so blendend Strahlende, daß ich gar nicht
-die Augen zu Dir aufheben darf, und schon deshalb ist das Schreiben sehr
-dienlich, -- ich aber blieb hier in der kranken Dämmerung, und wenn ich
-nicht die Hoffnung hätte wie einen Felsen, wie einen _rocher de bronce_,
-in nicht gar zu langer Frist dorthin zu gelangen, wo Du bist -- wie wäre
-dies Dasein sonst zu ertragen? Lieber Papa, verzeih schon, ich weiß, daß
-die Äußerung von Gefühlen früher nicht üblich war zwischen uns, aber
-damals ging es uns Beiden ja verhältnismäßig wohl. Nun verstehst Du
-wohl: meine Einsamkeit macht mich mitunter recht weich.
-
-
- III
-
-Standhaftigkeit sagst Du. O gewiß, natürlich! Ich weiß ja auch: es lebt
-niemand in der Dämmerung, der nicht _recte_ hineingehört, und schon daß
-ich darin bin, wäre mir ein Beweis. Und nun der lange schwere Weg, den
-ich vor mir habe, dieser furchtbare und erhabene Weg zu Dir, der mich
-besonders entmutigen würde, wenn ich es wagte, ihn ganz ins Auge zu
-fassen: ich muß schon sagen, ich bin mitunter recht verzagt. Du würdest
-mir ja gern helfen, ich weiß, aber da es verboten ist, so sehe ich es ja
-vollkommen ein. In Deine Klarheit, in Deine Hoheit, wie fang ichs an? Wo
-ich doch ganz unten erst auf dem Punkte stehe, wo man tausend Fehle um
-sich her sieht wie ein grausames Dickicht, und ganz fern -- o
-himmlisches Grün hinter Bäumen! -- dämmert die heilige Wahrheit ...
-
-
- IV
-
-Ich weiß nicht, als ich neulich meinen ersten Brief an Dich begann, war
-ich so besonders glücklich und munter, aber bei mir hält auch rein gar
-nichts vor. (So war es immer in meinem Leben. Zum Beispiel Cordelia.
-Kaum war sie da, war sie auch wieder fort.) Dann ist auch diese elende,
-besondre Müdigkeit ... Ich glaube, ich fahre bald nach Helenenruh. Da Du
-in Trassenberg bist, darf ich ja leider nicht dorthin, und Helenenruh --
-ja, Helenenruh, das steht immer vor einem wie eine Fontäne! Helenenruh
-war immer Sommer. Und die Kindheit, was ist die? Ein einziger Sommer.
-Folglich ist Helenenruh eine einzige besondre Kindheit, und daraus
-wieder die einfache Folge ist, daß ich nach Helenenruh fahren muß, um --
-wenn ich schon in die Väterlichkeit nicht gelangen kann -- wenigstens in
-die Kindheit zu gelangen. Und führt wirklich ein Weg zu Dir hinauf: nur
-dort kann er beginnen.
-
-
- V
-
-Da hier nun Geist zu Geist redet, mein lieber Papa, so unterließ ich
-bisher eine meinen Körper betreffende Mitteilung von nicht besonderer
-Wichtigkeit. (Immerhin giebt es auch an ihr etwas Bedeutsames.) Ich bin
-nämlich krank gewesen, ja, und denke Dir, es war aufs Haar genau
-dieselbe Krankheit, an der Sigune starb! Ist das nicht besonders
-merkwürdig? Genau die selbe! Und sie starb daran, und ich lebe. Welch
-ein unmenschliches Glück, nicht wahr, für diesen Knaben Georg? Denn
-wohin wäre er gelangt, wenn er jetzt schon gestorben wäre? O die Tiefe
-ist ja nicht auszudenken! Nun blieb ich am Leben und bin Dir um so viel
-näher immerhin, das heißt: Du mußt verzeihn, wenn meine Berechnungen
-vielleicht ganz unsinnig sind, denn was sind Entfernungen in unserm
-Land? Dein letzter äußerster Strahl gelangt bis zu mir mit solcher Kraft
-noch, daß er mich zu blenden vermag, und das ist alles, was ich weiß.
-
-Darüber müssen wir noch viel reden zusammen. Denn ich weiß nicht: mir
-wird eigentlich tagtäglich schwerer und unseliger zumut. Du bist so
-schwer zu fassen! Früher, ach weißt Du noch? >Wie wir einst in
-grenzenlosem Lieben -- Späße der Unendlichkeit getrieben ...< Ja, damals
-war alles leicht.
-
-Und wenn schon die gewöhnlichen Menschen sagen, der Tod trennt, und es
-manchmal kaum zu ertragen wissen, was soll da erst ich sagen? Sie haben
-es doch leicht. Um die Trennung des Todes aufzuheben, was brauchen sie
-nur zu tun? Sie legen sich hin und sterben gleichfalls. Haha, es ist
-fabelhaft! Legen sich hin und sterben. Ich aber, ich? ich muß noch
-lange, lange leben, muß schaffen und streben und mein goldenes Kleid aus
-lauter verknöselten Fäden weben.
-
-Ach, und es geht mir so schauderbar viel durch den Kopf, was ich nie im
-Leben zu Papier bringen werde. Ich glaube übrigens, es wird besser mit
-mir werden, wenn ich erst wieder gehen kann. Dann läuft sich vieles so
-an den Sohlen ab. Aber die Beine, o je! Ja, das kommt von der Krankheit.
-Glaube mir, Papa, es war die reine Hölle! Ich will mal sehn, ob ich es
-Dir beschreiben kann.
-
-Das Schlimmste war -- abgesehen von dem ganz, dem besonders Schlimmen --
-das lange Fahren. Immer dieser merkwürdige Wagen ohne Pferde, in dem ich
-vorne so angeschmiedet saß, als wäre ich ein Stück mit ihm, und neben
-mir auf dem Bock -- meist war es wohl Helene, die fuhr, aber auch Andre
-müssens gewesen sein, die allesamt, wenn ich mich recht erinnere, munter
-und gesprächig waren -- untereinander --, während ich selber keinen Laut
-äußern konnte und nichts begriff und nichts fühlte als den entsetzlichen
-Druck, in den mein ganzes Sein eingepreßt war. Und dann die schaurige
-Langsamkeit! (Seltsam, wenn wir uns sagen, daß es in Wirklichkeit doch
-kaum Minuten waren, während ich umgebettet wurde, und doch diese
-Unendlichkeit, zu der das Delirium die Minuten dehnte! Es ist also
-gewiß, daß es nur außerhalb unsrer, und für uns nur insofern wir mit dem
-Äußern in bewußter und vernünftiger Beziehung stehn, Zeit giebt, nicht
-aber in uns selbst.) Fahren, fahren und nicht vorwärts kommen, manchmal
-zwischen den unsäglich grauen Feldern, ohne Himmel, jedoch immer
-bedrückt von der schweren Niedrigkeit, unter der sich alles bewegte,
-dann wieder die endlose Mauer entlang, endlich durch die Höfe, die
-zahllosen Höfe, dann die Räume dieses öden Hauses, das nichts hatte als
-seine Wände, langsam, grauenvoll langsam, immer wieder Stillstand, bis
-ich endlich lag, angeschmiedet wieder ins Liegen wie zuvor in den Sitz
-(und es kam wohl, weil sie mich unter den Armen und Knieen faßten beim
-Umbetten, daß ich mich so in halb sitzender Stellung befand -- das
-Fahren! -- jedoch schwer hing und nicht saß), bis ich dann merkte, daß
-sie mich ja wieder aufgehängt hatten, an den Füßen aufgehängt an der
-Wand, ohne daß ich mich bewegen konnte, wobei ich doch nicht eigentlich
-hing, sondern lag -- ein im Wachen nicht vorstellbarer Zustand, das
-heißt ich hing, aber um mich herum war alles, wie wenn ich wagerecht
-läge. Und daß dies immer wieder kam! Und immer waren sie Alle herum,
-Onkel Salomon, Magda, Renate, Du Papa, Virgo, Schley, Klemens, sprachen
-miteinander, nichts war für mich zu verstehn, ich flehte, ich war für
-sie gar nicht vorhanden. Es war die Hölle! Ich glühte festgegossen,
-hing, -- ach, Sigune, hast du nicht auch so gelegen, den Kopf
-hintenüber, das Genick schon versteift? Hast du nicht ganz das selbe
-ertragen? Sieh, so habe ich es dir nachgelitten!
-
-Doch war dies alles ja nichts gegen -- das Große.
-
-Mich friert, wenn ich nur das Wort denke. Beschreiben kann ichs Dir
-nicht mehr, es läßt sich ja nur träumen. Es war nur Empfindung. Es war
-Nacht, -- und ich war selber die Finsternis. Ich war ausgedehnt und
-überall. Es war das Große, das ungeheure schwarze Wälzen vor mir, über
-mir --, und ich selber war das Wälzen. Ich war zum Giganten geschwollen
-und hatte eine entsetzliche Angst, nicht wieder klein sein zu können.
-Ich sollte das Große umwälzen, es war ein grauenvoller Drang,
-umzuwälzen, und es wälzte mich um. Es war eine so wahnsinnige Angst ...
-Nein, kein Großes, kein Wälzen, kein Ich. Nur Angst. Es war das Sterben.
-
-Und doch -- ich erinnere mich -- es war schon einmal da, das Große. Wie
-ich die Masern hatte als Junge, war es da, und als ich, ganz klein,
-Lungenentzündung hatte, muß es dagewesen sein. Ja, und damals selbst
-kann ich es nicht zum ersten Mal erlebt haben; damals schon -- ich
-erinnere mich -- muß ich mich erinnert haben, wie ich mich heute
-erinnere. Und ja -- mein Gott! ich glaube, das Fürchterlichste war die
-Erinnerung, daß es schon einmal da und damals schon nicht zum Ertragen
-gewesen war. Und Erinnerung eigentlich war die ganze Angst, -- aber
-wann? wann?
-
-
- VI
-
-Dieser besonders gute Jason war eben da und erzählte mir etwas
-Niedliches, das ich meinem lieben Papa nicht vorenthalten will, doch muß
-ich einige Erklärungen vorausschicken.
-
-An jenem 31. Juli nämlich, der uns am Abend die Trennung brachte, wo der
-große Mummenschanz war, mit einem Wort: an jenem besondern Tag, das
-heißt während seiner ganzen ersten Hälfte war ich -- kurz und gut:
-gewissermaßen berauscht. Damals wußte ich es natürlich nicht, das heißt
-als ich es nicht mehr war, da fiel es mir auf. Es war jedoch ein
-besondrer Rausch, nämlich nicht im Kopf allein, sondern in allen
-Gliedern, es war ein ganz rasendes Behagen, es war _quasi_ nichts als
-ein ganz gewaltiges, besondres Strotzen von Lebenskraft.
-
-Ja, und noch etwas! In der Nacht vorher hatte ich -- sagen wir:
-Erscheinungen. Nun, wo Jason mir alles erklärt hat, erinnere ich mich
-erst deutlich wieder. Ich saß nämlich um die besondre Mitternachtstunde
-oben auf der Sternwarte, weintrinkenderweise, eine etwas romantische
-Idee, obwohl ich im allgemeinen kein Romantiker bin. Dann erschien auf
-einmal jener Montfort bei mir, Josef, dann kamen diese optischen
-Erscheinungen, Kugeln aus Feuer und so weiter, auch so besondre Ausfälle
-im Gesichtsfeld, wie man das nennt, und schließlich stellten sich drei
-Gugelmänner vor, so besondre Femrichter, die allerlei unvergeßliche
-Dinge sagten, das heißt -- nun habe ich sie ja doch vergessen. Bis auf
-eins: den Vornamen meiner richtigen Mutter, nämlich Kaja.
-
-Und nun höre diese entzückenden Zusammenhänge! Ja, also am 31.
-nachmittags kam doch jener Klemens mit einem in russischer Sprache
-abgefaßten Brief meiner Mutter, den Virgo ein paar Tage vorher irgendwo
-gefunden hatte, und in eben dem drin stehen sollte, daß die Schreiberin
-meine Mutter sei, ich hielts nicht für wichtig, ihn zu lesen. Mit diesem
-Brief in der Hand war besagter Klemens nun die Tage vorher umhergelaufen
-(entschuldige gütigst: vorher umher klingt abscheulich, aber es
-langweilt mich nun schon ein wenig!) auf der Suche nämlich nach einem
-besondern Russen, der ihn übersetzen könnte. Wen findet er am Ende?
-Natürlich jenen Jason, der bekanntlich alle Sprachen spricht, aber siehe
-da: dor hatt en Uhl seten, und er konnte wohl und konnte auch nicht, das
-heißt, der Brief war so unleserlich, Jason fehlten ein paar besondre
-Worte, und kurz und gut, ihm fällt ein, daß ja dieser Josef Montfort
-vorhanden ist und grade aus Rußland gekommen, und nun wandern sie
-selbander zu ihm, das heißt in das Haus von Maler Bogner, wo Montfort
-wohnt.
-
-Und wie sie dahin kommen, was herrscht daselbst? Allgemeine Heiterkeit!
-Es hatte nämlich besagter Montfort aus Südamerika, wo er auch gewesen
-ist (in dem Lande der Chinesien bin ich auch einmal gewesien!) ein
-besondres Gift mitgebracht namens Macu, das daselbst von den Indianern
-zu Kultzwecken gebraucht wird, und dessen besondre Wirkung eben darin
-besteht, wunderbare optische Erscheinungen hervorzurufen. »Und da,« sagt
-Jason, »da sitzen sie nun auf einem Berge, diese guten Indianer, und
-machen sich gegenseitig ihren schönen blauen Dunst vor.« Das selbe nun
-taten allda jener Maler, Montfort benebst seinem Chinesen -- er hat
-einen Chinesen! --, seine Freundin Cornelia und sein Freund
-Saint-Georges, der zu diesem Zwecke geladen war. Auch Jason sagte
-natürlich: gieb mir die rote Speise, -- und so war es eben. Wie nun aber
-Jason, oder vielmehr Klemens seinen Brief herauszieht, was kommt zutage?
-Josefs Kenntnisse in Russisch sind überaus mangelhaft, aber sein
-Chinese, der kann es glänzend, bloß -- er kann nun wieder keine
-russischen Buchstaben lesen, und kurz und gut: da sitzen sie schließlich
-allesamt und raten auf den Brief und bekommen ihn auch schließlich
-heraus.
-
-Siehe, da sagte jener Montfort: bedeutsame Vorfälle und so weiter, mit
-einem Wort: ob ich nun schon wisse, was in dem Brief geoffenbart wurde,
-oder nicht, und ob Klemens es mir sagen würde oder nicht (derselbe
-nämlich ging wieder fort und sagte, er wollte es sich überlegen, und das
-tat er auch den ganzen folgenden Tag lang), ihre Pflicht sei, mir eine
-besondre geheimnisvolle Warnung zukommen zu lassen; ein schöner Gedanke,
-nämlich in Hinsicht auf die königliche Würde, die ich in jenen Tagen auf
-mich zu nehmen gedachte, und Montfort in seiner ungeheuren Beredsamkeit
-dringt so lange auf die Andern ein und entwirft so köstliche Bilder und
-so weiter, daß sie allesamt einsehn: es ist notwendig, es muß geschehn.
-So kauften sie denn am folgenden Tage -- nämlich das heißt: Montfort und
-Saint-Georges, und Jason sollte dabei sein, weil er eine so musikalische
-Stimme hat und am besten Verse aus dem Stegreif aufsagen kann -- kauften
-sie diese besondren Femrichtertrachten, und das Gift nahmen sie auch
-mit, um es mir zu verabreichen, dieweil, wenn ich schon vorher
-Erscheinungen hätte, ich auch die Gugelmänner für ebensolche halten
-würde. Jason, das muß ich noch sagen, war eigentlich abgeneigt, allein
-was geschieht? Zu ihm kommt jener Sigurd, und wie Jason das einmal an
-sich hat: Sigurd beichtet ihm alle Tyrannendolche, die er in seinem
-Gewande trägt, und Jason? Ja, da meinst Du nun wohl, er habe die
-Obligation gehabt, zum Kadi zu rennen, allein da kennst Du den Jason zu
-schlecht. Der weiß nämlich haargenau, daß er an etwas, das geschehen
-soll, nicht das geringste ändern kann. Er kann nicht eingreifen, er ist
-gleichsam handlos oder bloß Kopf, oder wie er es ausdrückt: er wäre nur
-eine Begleiterscheinung. -- Immerhin findet er sich bewegt, Kopf zu sein
-und ergo mit Femrichter zu spielen, -- bin ich klar?
-
-Und siehe da, wie sie um Mitternacht zum Schlosse wandeln, was
-geschieht? Sie sehen meinen Schatten oben auf der Sternwarte. Nun kommt
-Montfort herauf, um Hausgelegenheit auszubaldowern, wie die Gauner
-sagen, »und da saßen Sie ja«, sagt Jason, »und tranken Ihren herrlichen
-Christitränenwein, oder wie solche besondren Weine heißen«. Nun, und
-kurz und gut, das Gift ist im Wein, ich trinke, Montfort schwand >und
-Goethe schwindet, und wer unbelohnt gelitten, strahlt in neuer
-Herrlichkeit< und so weiter. Und dann kamen sie, und es war alles
-schauerlich und sehr schön, bloß ich natürlich, ich schlug alles in den
-Wind, naturgemäß -- meiner Natur gemäß --, das heißt: in diesem Fall war
-ich gewissermaßen unschuldig, denn eben jenes besagte Macugift hatte
-neben jener optischen auch die Wirkung, während der optischen äußerst
-schlaff und elend zu machen, hinterher jedoch eben jenes Strotzen von
-besondrer Lebenskraft hervorzurufen, das mich am folgenden Morgen prompt
-überfiel. Aber es war doch sehr schön, und ich bilde mir schon was
-darauf ein, so besondre Heroen wie diesen Josef und gar Jason zu meinem
-Seelenheil in Bewegung gesetzt zu haben, und dieser Josef hatte ja auch
-noch eine sehr feine Idee, nämlich einen Schmetterling, auch aus
-Südamerika. Er war so groß wie meine Hand, ganz blau wie lauter Türkise,
-und dran hing eine seidene Schleife, auf deren Bänder die Drei ihre
-erlauchten Namen eingetragen hatten, worauf sie das Ganze irgendwo in
-meinem Palast anbrachten, damit ich am andern Tage wenigstens wüßte,
-wers gewesen war, aber siehe da, was geschieht? Ich wußte es ganz und
-gar nicht.
-
-So geht es, Papa, so geht es! Aber nun muß ich leider aufhören, ich
-hätte allerdings noch viel zu sagen, aber Du mußt verzeihen, ich bin so
-fürchterlich müde!
-
-
- VII
-
-Ach Gott, nein, sind die Menschen dumm! das ist ja nicht auszuhalten! Im
-allgemeinen weiß mans ja, aber diejenigen, die einem besonders
-nahestehen, die hält man doch gemeinhin für Ausnahmen.
-
-Heute war mein Freund Benno da, zusammen mit der kleinen Virgo Schley.
-(Da ich mir bisher alle Besuche verbeten hatte, meinten sie wohl, es
-wäre ein Aufwaschen.) Virgo -- ich irre mich doch nicht, daß Du sie
-einmal bei mir kennen gelernt hast? -- brachte inzwischen Zwillinge zur
-Welt, was merkwürdigerweise auf ihr Äußeres nicht den geringsten
-Eindruck gemacht zu haben scheint, und sie sieht nach wie vor süß und
-wie ein halber Knabe aus. Nur weniger unschuldig; den besondren Ausdruck
-aller jungen Frauen von Wissen ohne rechtes Begreifen, weich und ein
-bißchen erstaunt, den hat sie schon. Von ihren Kindern erzählte sie
-naturgemäß tausend Geschichten. Benno schwieg sich aus in Kindheit,
-Rührung und vermischten Gedichten. Von Dir schwiegen sie natürlich, die
-überaus Zarten. Als sie im Begriff zu gehen sind, frage ich, ob ich
-vielleicht Grüße an Dich ausrichten soll. Was ereignet sich? Allgemeines
-Staunen. Nun und so weiter, ich habe keine Lust, ihre Dummheiten
-obendrein zu Papier zu bringen. Dennoch, dieser Mensch! Da waren wir nun
-so und so viel Jahre lang ein Herz und eine Seele, und nun stellt sich
-heraus: alldas war bloß Oberfläche. Er ist so flach wie eine Furt für
-Kühe. Nun, er heiratet ja demnächst auch diese japanische Ente, die er
-sich da angebändelt hat. Obendrein rückt er mit der Absicht heraus,
-durch meine Vermittlung eine demnächst freiwerdende Korrepetitorstelle
-am Hoftheater zu erhalten. Wer dahintersteckt, war zu erraten: die dicke
-Person von Schwiegermutter, der die Unterstützung eines ums Haar zu den
-Toten versammelt gewesenen gekrönten Freundes nicht geheuer scheint. Mag
-er denn hingehn zum Theater und sich die Seele vollends verschandeln
-lassen. Die nächste Forderung der Dicken wird wohl sein, daß er eine
-Operette komponiert von wegen der Tantièmen und so weiter.
-
-Gute Nacht, Papa, ich bin heute zu abgespannt zum Schreiben. Dies mit
-Benno hat mich auch wieder recht aufgeregt. Armer Benno! Da hängt er nun
-wie der selige Absalon mit seinem langen Haar an den Ästen meines
-Nervenbaums, und noch habe ich die Kraft nicht, ihm den Gnadenstoß zu
-versetzen. Ach, könnte ich nur gleich den ganzen Baum bei den Wurzeln
-abhacken und ins Feuer werfen! Etwas derart muß ja geschehn, ich weiß,
-damit die Seele ganz frei und rein werde -- für Dich! Du willst keine
-Götter neben Dir haben -- o nimm doch nur, nimm alles, was Du willst,
-wäre es nur mehr, was ich geben könnte, jeden Freund, jede Geliebte,
-alles, alles will ich Dir ja zum Opfer bringen, leichter zu werden,
-eisiger, ruhiger im Beschreiten des Weges zu Dir!
-
-
- VIII
-
-So nüchtern und kalt und altersschwach wie jeder bisher sah mich heute
-der Morgen an, der mich aus einem Traum von Dir weckte. Ich hatte schon
-alles zur Abreise nach Helenenruh vorbereiten lassen -- Doktor Birnbaum
-übersiedelt mit mir, um die Verbindung zwischen mir und den
-Regierungspersonen aufrechtzuhalten, obschon ich gestehen muß, daß ich
-noch nicht mehr tun kann als unterzeichnen, was er mir vorlegt --, und
-nun zögere ich wieder.
-
-Mir träumte, daß ich in Trassenberg ankam und in die Gruft
-hinunterstieg, zu der aber die Treppe in den Grabenrest am alten Pallas
-hinabführte. Das Gewölbe unten, in das ich gelangte, war aber leer,
-zuerst. Dann erkannte ich ganz in der Ferne vor einem bunten Fenster
-Birnbaum, der an einem Tisch saß und in einen sonderbaren Trichter
-hineinsprach. Es war sehr still, mir war ängstlich, weil Du nicht da
-warst, dann bemerkte ich eine Tür, und wie ich behutsam näher trat, sah
-ich Dich in einem kleinen, ganz kahlen und niedrigen Raum sitzen auf
-einem Stuhl. Du hattest Dein gewöhnliches Aussehn, saßest ganz still da,
-die Hände geschlossen auf den Knien, und sahst nach dem Fenster hin.
-Meiner hattest Du nicht acht, und wie ich dann näher zusah, waren auch
-Deine Augen geschlossen, und Dein Gesicht war ganz gelb. Plötzlich
-wendetest Du Dich, öffnetest schwer die Augen und sahst mich fremd an
-...
-
-Früher einmal gab mir Josef einige Anweisungen zur Traumdeutung, aber
-hier versagen sie mir ganz, und es scheint mir auch verboten.
-
-Aber es soll wohl so sein, daß es täglich schwerer wird. Helenenruh wäre
-ja eine Erleichterung.
-
-Wieder eingeschlafen über dem letzten Satz. Mich friert immer noch so
-trotz hundert Decken, ich sitze vor der Gartentür -- das heißt also: im
-Zimmer -- und versuche an den nassen Blättern der Büsche zu erraten, ob
-es regnet oder nicht. In Helenenruh, denk ich mir, scheint die
-Nachmittagssonne auf die Dächer, die Schwalben kreisen um die Türme, ich
-sehe sie, wie ich sie immer sah: die Luft über dem Schloß ist wie ein
-riesiger Trichter, gefüllt mit dem Durcheinanderjagen der hundert
-schwarzen Flügelleiber; manchmal, wenn eine sich herumwirft, sehe ich
-die weiße Brust; sie kreuzen sich wie lange gebogene Klingen, und außen
-um den fernsten Rand des Trichters streichen ein paar ganz eilige in
-großer, sausender Fahrt. Mariä Geburt -- Ziehen die Schwalben furt. --
-Ich habe so eine Ahnung, als ob Mariä Geburt um diese Zeit sein müßte.
-
-
- IX
-
-So schreibe ich Dir denn doch heute aus Helenenruh, aber wenn ich
-zuletzt etwas von Erleichterung sagte, so muß ich das zurücknehmen. Eher
-dürfte es schwerer geworden sein. Ich möchte nur wissen, was es
-eigentlich ist! Aber es läßt sich nicht feststellen. Ich bin einfach
-ganz schwer geworden. Von Sonne keine Spur. Wind und Strichregen, dazu
-viel welkes Laub. Rosen blühn noch unter der Terrasse. Ich versuchte es
-mit dem Gehn, hielt auch schon eine kleine Viertelstunde aus, aber dann
-dachte ich, daß Du es ja auch nicht bis zum richtigen Gehen gebracht
-hast, solange Du hier warst, und nun sitze ich wieder unter meiner
-Decke, immerhin im Freien.
-
-Es ist ja auch alles leer hier. Von uns Allen blieb nur Birnbaum mit
-seiner Arbeit. Übrigens bin ich mit Deiner gütigen Erlaubnis in Dein
-Schlafzimmer eingezogen und in das große Bett mit den geschnitzten
-Evangelistentieren auf den vier Pfosten -- Bewunderung und Ehrfurcht der
-Kindheit!
-
-Aber sage mir, warum nur dies mich so besonders erschreckte? Bei meinem
-heutigen Gehversuch gelangte ich bis zu Helenes Grab und betrat, um mich
-etwas auszuruhn, den Pavillon, in dem noch der Sessel von Dir stand. Auf
-einmal, wie ich da saß, entdeckte ich auf dem Bretterboden das
-zertretene Ende einer Zigarre von Dir. Oh Gott, ich kann nicht sagen,
-wie das mich entsetzte! Es war ein so leibhaft lebendiges Stück von Dir,
-und nun ist mir, als hättest Du mich drohend angesehn aus dem Fußboden.
-Die Rechenschaft, ja, ich weiß, ich weiß ja, ich schob sie immer noch
-hinaus, es ist die alte Schwäche, allein -- gedulde Dich nur noch zwei
-Tage, nur noch einen! Es ist so schwer, ich habe noch immer nicht alles
-beisammen, es sind immer noch ein paar Lücken da, aber wer kann denn
-inständiger als ich hoffen, zum Ende zu kommen! Morgen ganz bestimmt,
-oder wenn nicht dann, übermorgen sollst Du mich bereitfinden! Rechne
-darauf! Ganz bestimmt!
-
-
- X
-
-Es dröhnt die riesige Posaune des Letzten Tags; an Felsen, an Grüfte, an
-Totes schlägt das Engelswort: Auf! und da kommen sie hervor, staunend,
-schwankend, erlöst, aber siehe da -- welche Verwandlung ging mit uns vor
-nach diesem Tod? Keine, keine, denn wehe uns, wir haben nichts
-vergessen, es ist alles da, was wir verließen, in unsrer Erinnerung
-grauenvoll da, jedes Jahr, jede Stunde und Minute, jedes Wort, jeder
-Blick, jeder Schritt und Gedanke ist mit uns lebendig geworden, warum?
-Rechenschaft abzulegen darüber.
-
- O Gabe des Vergessens, die allein
- Uns möglich macht das ungeheure Leben!
- Du wundervoller Allernächtewein,
- Von dem wir trunken über Schlünden schweben!
- Der gute Heiland wußte, was er tat,
- O Lazarus, als du im Tod erschlafft;
- Er kannte wohl die nicht geheime Kraft,
- Er sah die süße Schwester, die ihn bat,
- Und lächelte dich los aus deiner Haft.
- Der Honig von der Götterlippe schmolz
- Und tropfte Süße in dein krankes Herz,
- Und Grünes sproß aus dem verdorrten Holz,
- Da sahst du auf, und dieser Blick war Schmerz.
- Der erste wars, an dem Erinnerung
- Von innen saugte in die Nacht zurück.
- Der zweite Kosten schon, der dritte Trunk,
- Und alle andern waren wieder Glück ...
-
-
- XI
-
-Nun sieht auf einmal der Himmel mich an. Es ist Abend. Hinter dem
-Eichendickicht im Westen lodert ein scharfes Gold. Der südliche Himmel
-von graublauen zarten Zügen, leise vergoldeten, wölbt seine reine
-Muschel über mir. Selige Schale! Geliebtes Gold, o geliebter Hauch,
-geliebte Bläue, dein Anblick ist schmerzlich, wie er es dem Verbannten
-sein muß, der das goldene Abendwunder der Heimat sich über fremdem Ufer
-entfalten sieht, -- erinnernd an alles, was einmal war.
-
-Übrigens bemerke ich, daß ich nichts datiert habe in diesen Briefen. Da
-es mich auch nichts angeht, ob es Stunden sind, Tage oder vielleicht
-schon Wochen, die vergingen, während ich schrieb, und sie also einer wie
-der andre das Siegel einer und der selben Stunde an sich tragen, so muß
-es wohl heißen, wie C. F. Meyer an seine Schwester schrieb: >Aus allen
-Augenblicken meines Lebens.<
-
-
- XII
-
-Kennst Du diese Verse von Greiner, Papa?
-
-Und immer fremder sind mir Tag und Räume ...
-
- Was weht um mich? Man sagt: ein Menschenwort.
- Was rauscht um mich? Man sagt: die alten Bäume,
- Die rauschen noch aus deiner Kindheit fort.
- Und Gärten stehn im abendlichen Land,
- Ihr Schatten grüßt mich kühl und altbekannt.
- Ich aber wandre dunkel fort, im Innern
- Ein uralt Schattenbild, das leise weint.
- Die nenn ich Mutter, diesen nenn ich Freund
- Und lächle tief und kann mich nicht erinnern.
-
-Sie passen -- und sie passen auch nicht. Ich kann mich nicht erinnern,
-wie ich einmal als ein Andrer gelebt habe, damals als all dieses um mich
-her war, wie es heute ist, und doch anders, oh so anders! Oder ist dies
-kein Leben mehr? Es wird sich mit der Zeit herausstellen, ob es Leben
-ist, und ob es möglich sein wird, es zu leben oder nicht. Sollte jenes
-der Fall sein, so müßte es mir in der Tat gelungen sein, die ganze
-Oberschicht menschlichen Wesens, die uns gemeinhin bedeckt, abzukratzen
-(_grattez le Russe_!), die ganze moralische Haut sozusagen, jene, in der
-auch das sogenannte Gewissen steckt, das Alltagsgewissen, nach dem man
-so behaglich lebt, dieweil es mit Gründen für alles voll steckt wie ein
-Brombeerbusch im Oktober. Möglich, es ist so. Möglich, das qualvolle
-Unbehagen, das mir das jetzige Leben verursacht, kommt davon, daß ich
-die Haut verlor und nun schauderbar friere in der Nacktheit. Worauf es
-ankäme, wäre dann wohl, nicht, wie ich es unbewußt bereits vorhaben
-werde, eine neue Haut zu bilden -- die nur die alte werden könnte --,
-sondern vielmehr den Zustand der Hautlosigkeit als dauernden zu
-ertragen, mit Frieren aufzuhören, ihn lebensfähig zu machen.
-
-Wie soll mans nennen? Nur -- Mensch zu sein. Alle Strahlen des
-Lebendigseins aufzufangen -- mit keiner spiegelnden Netzhaut, die Bilder
-hervorfluten läßt und verwirrende Gestalten --, sondern sie aufzusaugen
-in den innerst glühenden Kern des Menschseins, wo sich von selber zu
-ätherischer Reine und Klarheit die ewigen Begriffe bilden, die
-zeitlosen, die unwandelbaren Formen, in denen die Gottheit sich
-darstellt.
-
-Aber das sind alles wohl nur so Ausdrücke ...
-
-Fest steht, daß ich bis zum 31. Juli dieses Jahres nichts weiter war als
-ein blasser und nichtemal besondrer Nervenbaum. Nun sehe ich, daß ich in
-den Zweigen oben eine nahezu völlig unbenützte Seele sitzen habe, --
-leider keinen goldenen Fasan, sondern so ein besondres Zwitterding von
-Sperber und Nachtigall. Warum es so stille sitzt, darf uns nicht
-wundern. (Total verlaust!)
-
-
- XIII
- Rechenschaftsablage an meinen Vater
-
-Zuvor habe ich zu gestehen, daß der einzelnen Schuldposten einerseits so
-viel sind, und andererseits in einem so besondren Durcheinander über die
-Blätter des Schuldbuches verstreut, daß ich den Vorschlag eines
-besondren Verfahrens machen möchte, nämlich daß ich die einzelnen
-Hauptposten zusammenstellen darf in der Art jener kindlichen
-Spielzeugkästen, bestehend aus einem Dutzend würfelförmiger Holzklötze,
-als welche zusammen mit jeder ihrer Seiten ein Gemälde herstellen, mit
-dessen Einzelquadraten besagte Seiten beklebt sind, und es bleibt nur
-noch zu erwähnen, daß in meinem Falle jeder Teil jedes vorgestellten
-Bildes so wenig im eigentlichen Sinne als Bruchstück erscheint, als jede
-geistige, sinnliche Vorstellung in ihrer Art immer eine Ganzheit zu
-haben scheint, -- das heißt also gleichfalls die Form eines Bildes.
-
- * * * * *
-
-Ich fange an! Erstes Bild:
-
-Ein Mädchen, das ich vielleicht liebte, hieß Esther. Hier steht sie, in
-der Hand eine sogenannte Gänseblume, an der sie zupft: Liebe ich ihn?
-Liebe ich ihn nicht? Andrerseits sehen wir hier mich selbst, eine
-ähnliche Blume zupfend: Ich liebe sie --, ich liebe sie nicht. --
-Weiter: Eine Abschiedsszene. Sie -- will nach Amerika, um dort
-gewissermaßen zu heiraten. Will -- will auch nicht. Ich -- möchte sie
-wohl halten; will -- will auch nicht. Letztes Stück: Ein
-Schiffsuntergang mit Pauken und Trompeten; sie ertrinkt.
-
-Summa: Ich bin der Schuldige am Untergang dieser hülflosen Seele.
-
- * * * * *
-
-Zweites Bild: In einer Sylvesternacht las mein Vater Briefe einer
-gewissen liebenden Cordelia, genannt die arme Seele. Hier ist sie zu
-sehn, wie sie sich in inbrünstigem Verlangen verzehrt, mir das Geheimnis
-ihres Lebens zu öffnen. Hier zu sehen bin ich, wie ich gepeinigt bin von
-einem ähnlichen Verlangen. Hier zu sehen ist Cordelia: tot.
-
- * * * * *
-
-Summa: Gesetzt, ich hätte die Kraft aufgebracht, zu bekennen: wäre nicht
-die zwingende Folge davon ihre Erleichterung zum eigenen Geständnis
-gewesen? Summa: Ich bin der Schuldige am Tode dieser armen Seele.
-
- * * * * *
-
-Drittes Bild: Hier ist Sigune, eine blasse verwaiste Pflanze. (>Ich
-wünschte, daß vom Fenster sie verschwände!<) Hier der vielerseits
-bekannte Georg, eine Art besondren Wirbelwinds. Hier liegt sie,
-ausgerissen.
-
-Summa, und so weiter.
-
- * * * * *
-
-Viertes Bild: Da wäre noch ein besondres Vorgeständnis zu machen. Ich
-verschwieg, daß unlängst die vielerseits bekannte Magda Chalybäus bei
-mir war, das heißt, ich war eben wieder einmal eingeschlafen, und sie
-saß neben mir wie der beste Engel, als ich erwachte. Obwohl sie mich
-anzusehen schien wie immer, merkte ich wohl, daß etwas keine Richtigkeit
-hatte mit ihrem Blick, und gleich sehe ich folgende Bilder:
-
-Eine Frau, die einmal kürzere Zeit so eine besondre Art Geliebte von
-immer Demselben war. Diese und jene Szene der Eifersucht oder der
-ehrgeizigen Andeutungen. Trennung. Jahrelanges Nichtvorhandensein in der
-Erinnerung Desselben. Nun der wohlbekannte Festabend. Jene Frau, genannt
-Cora, in der Maske einer Eumenide. Scheint Magda wegen ihres von Renate
-geborgten Kleides für dieselbe zu halten. Alberne (?) Drohungen. Später
-Magda mit Demselben im Monopteros. Theatralischer Überfall Coras mit
-einem Dolch. Ich weiß nicht: galt es mir oder galt es ihr? Ehe Derselbe
-dazwischen fährt, sinkt Magda zu Boden.
-
-Nun, meinem Vater ist obgenannte Magda besonders bekannt, und er kann
-sich demgemäß ihre Rede vorstellen auf meine Frage nach ihren Augen. Oh,
-sie könne recht gut sehn! Grade heute zum Beispiel sei es besonders gut,
-sie sehe mich ganz deutlich, sie sei auch zum Beispiel ganz allein zu
-mir durch das Zimmer gekommen, ja, es wäre geradezu schade gewesen, daß
-ich eben schlief -- und so weiter. Mit einem Wort: blind.
-
-(Aber deswegen keine Ergriffenheit! Sondern standfest jetzt, Auge in
-Auge, Zahn um Zahn, -- auch abgesehen von noch weiteren diesbezüglichen
-Ausführungen ihrerseits, nämlich betreff einer gewissen besondren
-Prophezeiung, die endlich in Erfüllung gegangen zu sehn Derselben eine
-besondre, sozusagen seelische Genugtuung bereitete.)
-
-Summa: -- -- erübrigt sich wohl nach Analogie der vorigen.
-
- * * * * *
-
-Ein Würfelklotz verfügt über sechs Seiten. Zwei blieben noch leer. Auf
-eine derselben würde ich ja sehr gerne mich bringen, wie ich am Tode
-Helenes schuldig bin, aber -- ich kanns drehen, wie ich mag: es will mir
-durchaus nicht gelingen. Es scheint kaum erklärlich, aber vorläufig muß
-es dabei bleiben, daß ich tatsächlich am Tode Helenes _nicht schuldig zu
-sein scheine_.
-
- * * * * *
-
-Nun wären freilich die bisher aufgedeckten nur Zusammenhänge äußerer
-Art, und ich käme nunmehr zum Nachweis der besonderen, inneren
-Notwendigkeiten, nämlich folgendermaßen in der Ordnung:
-
-
- _Ad I._
-
-_A._ Allgemein. An dem Tage, wo es sich darum handelte, Esther endgültig
-zu halten, war ich deshalb nicht genügend bei der Sache, weil ich am
-nächsten Morgen auf Mensur zu stehen hatte, einer, wie ich wußte, nicht
-eben leichten Mensur, und so kam es auch. Ferner ist zu sagen, daß ich
-in München bereits nach wenigen Wochen Corpslebens wußte: es war eine --
-nun, seien wir gnädig und sagen ein Irrtum. Gleichwohl wurde ich nicht
-nur in A. wiederum aktiv aus unbesondrer Berauschtheit, sondern beharrte
-auch dabei _wider besseres Wissen_, nämlich aus purer Schwäche, will
-sagen _Unverstand des für mein Leben notwendigen Tuns_.
-
-Gedankenlosigkeit, Schwäche, völlige Unkenntnis des Notwendigen, des
-Einen, bei fortwährendem im Mund- und im Hirne-Führen großartiger Plane,
-Gedanken, Phantasiestücke in Napoleons Manier und so weiter -- das sind
-die Anklagungen.
-
-_B._ Besonders: Obendrein fortwährende Verwirrung. In einem Kaffeehaus
-oder Chantant, einer Bar meinetwegen war ich einmal Augen- und
-Ohrenzeuge eines besondren Gesprächs zwischen den allerseits bekannten
-Josef Montfort und Saint-Georges. Es wurde darin auf das glaubwürdigste
-nachgewiesen, daß die seelische Versetzung eines beliebigen Menschen in
-die Leiblichkeit eines Andern, -- kurz und gut: die Vornahme einer
-_Maske_ unbedingt führen müsse zum Unheil, _wo nicht zum Verbrechen_.
-
-Wer schlug dieses in den Wind seiner Berauschtheit? (Immer Derselbe!)
-Nicht nur seiner Berauschtheit! Denn bei völliger Nüchternheit des
-folgenden Nachmittags, in _einer Stunde höchster Notwendigkeit_ war ihm
-jenes Gespräch _klarstens_ erinnerlich, er aber schlugs in alle
-Windsbräute, nahm die Maske vor, und es begann: uralte Verwirrung.
-
-Denn: >so begannst du, mein Tag -- Von Verheißungen voll<: aus
-jahrelanger kindlicher Dumpfheit rauchte mit unbekannter Geschwindigkeit
-hervor die Flamme des Verstandes, die alle Dinge so überdeutlich -- in
-einem Betracht -- zeigte, daß die Beschäftigung ihres Erkennens ihm
-allein schon ruhmwürdig schien und ihn somit verschluckte, alldieweil
-das genügsame Herz, gespeist mit einigem Abfall, sich allein großzuziehn
-hatte.
-
-So geschah es denn _recte_, daß ich -- Beispiel Magdas zweite Errettung
-Jasons -- allüberall mit Gedanken handvoll bei der Hand, zu spät kam in
-den Augenblicken des Fühlens oder Handelns. Die Ewigkeit habe ich
-allzeit großartig begriffen; den Augenblick niemals.
-
-Immerfort mit mir selber im Schwunge wie mit einer irrsinnig gewordenen
-Gebetskaffeemühle sah ich von jedem, was vor mich hingeriet, stets so
-viel, wie der Blick aus der Dreharbeit nach oben eben hergab. So kam der
-Tag Esthers, und ich dachte an mich, scherte mich den Henker um sie und
--- lieferte sie demgemäß dem Henker aus. Seelisch immerfort großen
-Umgang pflegend mit Heroen und Dämonen, war ich _immer unvorbereitet für
-Bruder und Schwester_. So kam der Tag, wo Cordelia zusammenbrach vor
-mir, wo schon das Geständnis sich auf ihren Lippen wand wie eine
-flammende Schlange, aber ich ließ mich gerne _beschwichtigen_, auf
-später vertrösten, wo es zu spät war (denn immer ist später zu spät!),
-denn: der Mensch zwar hat eine besondre Membran erfunden, so fein, daß
-er über Länder und Ströme hinweg seiner Geliebten den Zustand seiner
-zärtlichen Gefühle mitzuteilen vermag: eine Membran aber, innerstes
-Empfinden der selben Geliebten ahnend aufzufangen im Augenblick, wo Leib
-sich preßte an Leib, die zu erfinden bemühte er sich nicht. Und ich, der
-ich ein Mensch bin: _hatte ich nicht die Aufgabe, sie zu erfinden_?
-
-Ich? Freilich, es ist wahr, daß ich unter allen gewöhnlichen Menschen
-nichts bin als ein ebenso gewöhnlicher Mensch, und dennoch war ich nicht
-ganz ausgeschlossen vom Besondren, will sagen: der Gnade. Augenblicke
-erstrahlten schon ganz im überirdischen Feuer. Aus Nacht und Buschwerk
-hervortretend die Erlauchte -- oh wie? durchflammte sie mich nicht mit
-einem Strahl ihres Auges? war nicht eine einzige Wimper ihres Lides
-stark und scharf genug zur _magischen_ Durchbohrung, und ich brannte auf
-lichterloh? Was denn erlosch ich im Nu? Ich hatte doch die Kraft, das
-Schicksal über mir zu empfinden, das mich in jenem Augenblick an ihre
-Fußspur fesselte, und die Kraft, mich in meinen Grundfesten erschüttern
-zu lassen! Warum war ich denn so lau und so erbärmlich und gewöhnlich,
-daß ich nicht festhielt mit Klauen und Zähnen, und warum ließ ich mich
-fortlocken von jeder Stimme, die vorüberflog, jedem Bleiglanz, jeder
-trüben eigenen Not, all dem Zuvielen? Warum tat ich denn nicht, was not
-war, heftete mich an das Eine, unlösbar, mit allen Gewalten Leibes und
-der Seele, verfolgte es, setzte ihm zu, warf ihm immer neue Schlingen
-um, wenn es die ersten zerriß, ließ nicht ab von ihm, wich nicht von
-seiner Seite, wurde taub und blind gegen alles andre, gegen Blitz und
-Donner, Frühling und Winter, Leben und Sterben, nur aufdürstend, nur
-auflodernd in der Flamme! Statt dessen taumelte ich so umher, war immer
-gut und niemals mehr, verirrte mich in der Vielheit, sah immer -- o
-holdes Wort der Gepriesnen! -- nur Masse, nur Masse, richtete nichts als
-Unheil an und stand und stehe nun da endlich, die Hände von Schätzen
-leer, aber übervoll von der Schuld. Wenn ich das Eine getan hätte, wären
-mir nicht vielleicht Kronen und was ich nur wünschte freiwillig in den
-Schoß geregnet? Ich hätte gelebt, ich lebte noch, und Alle mit mir, die
-nun dahin sind durch mich. Warum, ja warum _bin_ ich denn gewöhnlich,
-wenn ich Wort um Wort und Schale um Schale _weiß_, wie man es macht, es
-nicht zu sein!
-
-In einer übertriebenen, wegen der Maske übertriebenen eingebildeten
-Sicherheit raste ich mördrisch mit Keulen umher, da im Gegenteil alles
-unsicher war, und unsicher in Wahrheit bis ins Mark unaufhörlich tanzte
-ich herum mit Lemuren und Chimären der tausend fernen Möglichkeiten,
-immer ins Weiteste gerichtet, augenlos immer fürs Nächste, die nächste
-Sigune! Ratlos bis ins Mark vor lauter gedachtem Tunwollen war ich am
-Ende nur immer froh, ja lieber nichts zu tun, als etwas _Bestimmtes_,
-und Esther ging in den Tod, Sigune ging, und Cordelia fragte ich nicht
-nach.
-
-Dreimal kam der Tod selber, um mich zu warnen -- ich überhört' es! Oh
-die ewige Schande, nicht eher zu wissen von einer Not, ehe man sie
-selber erfuhr! nicht eher zu wissen vom Tod, ehe selber man starb.
-
-Hemmungen, aha! Hemmungen der Tat, die hatte ich gut und gern, aber
-hatte ich je eine einzige Hemmung meiner Gedanken? In Erwartung der
-Geliebten -- ich konnte ja nicht einmal den Urin verhalten und dünkte
-mich wahrhaftig zu lieben, als ob es möglich wäre, seine Notdurft zu
-verrichten in der Stunde der Unsterblichkeit. Magda, sie wars, die Jason
-aus dem Teich holte, Magda, die ihn vor der Windmühle bewahrte, und ach,
-da blüht nun meine Verworfenheit auf dem Mist, denn: Jason retten, heißt
-das nicht, Gott selber aus dem Wasser ziehn? Ich aber, ich wars nicht
-wert (obgleich dieser Bogner sich damals hinstellte und die Hände
-aufhob: Danken Sie Gott, Sire, daß nicht Sie diese Verantwortung und so
-weiter!) und kann nun heulen und mich zerknirschen und zerreißen am zu
-späten Tag, daß ich beim Ewigen ewig dabeistehn muß _und darf es nicht
-tun_! Ist das die Hölle? Ist das Höllenpein? Ist das auszudenken? Ja,
-denke, denke du nur, laß die Schwäche groß handeln und setze du den
-Grübelbohrer an Maler Bogner. Oh meine Herren Richter, bilden Sie sich
-vielleicht ein, ich hätte irgend was vergessen? Freiwillig geblendet hab
-ich mich, an den Augen kastriert, als mein Herr Vater mir eine gewisse
-besondre Mitteilung über meine Geburt machte, und da tappte ich denn ins
-Leben hinein wie der blinde gewesene Hengst Unkas, nur Eines, nur Eines
-in Nase und Nieren, daß es mir ja nicht entwiche, o du heiliger
-Mistgeruch aus der eigenen Stalltür: die _Gewohnheit_.
-
-Gewohnheit, das leirige Gleis, zog mich widerstandslos dahin, und wo mir
-das Große, Heilige, Ewige entgegentrat, den Blitz in den Händen, da zog
-ich hurtig die Weiche auf, da hielt ich hurtig den Ableiter vor, glitt
-glatt weiter mein Gleis, geführt statt zu führen, und was -- statt des
-Erlauchten, Unsterblichen -- was bekam ich? Cora bekam ich, das Halbe,
-das Armselige, das Ding, >das wie Gold ist aus Lehm<, den Antichrist!
-
-Gnädiger Gott, der du bist! Wenn es denn möglich sein soll, wenn es aus
-all diesem noch einen Weg geben soll für mich, so bewahre mich vor dem
-einen: ja, wahrlich, wenn ich auch mit Blut und Knochen, mit all meinen
-Sinnen und Übersinnen wieder hinein muß ins Alte, -- so sei mir gnädig
-und verhilf mir zu dem Einen: nicht der Gewohnheit wieder anheimzufallen
-mit meiner _Seele_! Daß ich meine eigenen Gedanken sehe wie Sterne,
-meine _eigenen_ Gefühle fühle wie Blumen; daß ich nicht dem Ungefähren
-nachtappe, wie ich das Pferd Unkas sich selber nachtappen sah in den
-ewigen Stall!
-
-Ich bin zu Ende.
-
-
- Magda an Dr. Birnbaum
-
- Waldheim, am 16. September
-
-Lieber Onkel Salomon!
-
-Nun siehst Du, jetzt kann ich wieder schreiben! Es geht sogar schon fast
-so schnell wie mit der Feder, und dabei ist die Maschine, die
-mein Freund Jason mir besorgte, nicht einmal eine richtige
-Blindenschreibmaschine; er hat nur die Tasten, die eigentlich weiße
-Lettern auf schwarzem Grund haben, mit weißen Plättchen belegt, weil ich
-die zumeist doch sehen kann, und dann hat er auf jeden mittelsten
-Buchstaben der drei Tastenreihen einen Tropfen Siegellack fallen lassen,
-so daß links und rechts sich auseinander halten läßt, und ich kam
-wirklich überraschend schnell vorwärts. -- Heute wollte ich Dich bitten,
-doch so gut zu sein und Mahlmann zu veranlassen, daß er drei, oder am
-besten vier Zimmer im Gastflügel zurechtmachen läßt. Mein lieber Freund
-Bogner ist nun nach fast sechs Wochen so weit wiederhergestellt, daß er
-das Krankenhaus verlassen darf. Er hat allerdings noch eine offene Wunde
-im Rücken mit einer Kanüle darin, aber er darf sich doch schon bewegen.
-Ich sprach zufällig von Helenenruh mit ihm, und er erinnerte sich mit
-solcher Freude der hier verbrachten Wochen, daß ich ihn eingeladen habe,
-dorthin zu gehn. Eine sehr nahe Freundin von ihm, Frau Tregiorni, wird
-ihn begleiten, und wahrscheinlich auch noch das Fräulein Ring, durch die
-ich den Li habe, wie Du Dich erinnern wirst. Ich selbst denke, in den
-ersten Oktobertagen zu kommen und außer Renate den jungen Saint-Georges
-mitzubringen; er ist gelähmt und wird dann Schulferien haben. Ich würde
-eher kommen, wenn nicht Renate zögerte; ihr Onkel ist leider von sehr
-zarter Gesundheit und beansprucht ständig Aufmerksamkeit und Pflege; sie
-wird deshalb auch wohl nur einige Tage in Helenenruh bleiben. Mahlmann
-lasse ich dann bitten, für die zwei oder drei Wochen meines Dortseins
-ins Gestüt zu übersiedeln, da ich doch gern im alten Hause wohnen möchte
-und der Gastflügel auch besetzt sein wird. Alldas schreibe ich Dir,
-damit Mahlmann den Eindruck behält, daß ich bei Georg zu Gast bin, und
-nicht umgekehrt. Also vergieb, daß ich Dich zu Deiner vielen Arbeit auch
-noch behellige! Da Du von Georg nichts schreibst, so nehme ich wie
-verabredet an, daß in seinem Befinden keine Änderung eingetreten ist.
-
-Auf baldiges Wiedersehen also! Ich sehne mich sehr nach Helenenruh! Ich
-werde ja nun eine zweite Kindheit dort haben, denn damals, nicht wahr,
-damals war es doch so, daß man die Dinge der Welt, die man sah, erst mit
-Händen fühlen mußte, um sie zu kennen, und das muß ich nun auch wieder
-tun. Ob meine Füße wohl die alten Wege gleich erkennen werden? Ich freue
-mich schrecklich darauf!
-
-Mit vielen Grüßen an Tante Flora in Liebe Deine
-
- Magda
-
-
- Dr. Birnbaum an Magda
-
- Helenenruh, am 17. Sept.
-
-Meine liebe Magda, Dein Brief wird mir im selben Augenblick gebracht, wo
-ich mich hinsetze, um Dir zu schreiben. Du mußt nicht erschrecken, von
-einer großen Aufregung zu hören, in die ich durch Georg versetzt wurde,
-denn es scheint nun vorüber zu sein, und ihretwegen wollte ich Dir
-schreiben, indem ich mir vermute, von Dir, das heißt eigentlich von
-Deiner Freundin, Fräulein von Montfort, einige Aufklärungen erlangen zu
-können.
-
-Erlaube, daß ich gleich _in medias res_ gehe. Gestern äußerte Georg
-plötzlich die Absicht, den geisteskranken Sigurd in seiner Anstalt zu
-besuchen, wofür er, als ich ihn zu hindern suchte, als Grund anführte,
-es sei »gewissermaßen seine christliche Pflicht«, Sigurd zu sagen, daß
-er ihm den zugefügten Schmerz nicht anrechne. Er sprach die Hoffnung
-aus, ihn in einer klaren Stunde anzutreffen, machte übrigens auch einige
-Andeutungen, dahingehend, daß »Verschiedenes noch unaufgeklärt« sei.
-Alles was ich erreichen konnte, war die Erlaubnis zu einer
-telephonischen Anfrage in Lauensee, auf die ich den Bescheid erhielt,
-daß der Kranke nach einem letzten Anfall vor einigen Wochen der
-Stumpfheit anheimgefallen, daß eine Verständigung mit ihm also wohl
-ausgeschlossen sei. Leider ließ ich mich dadurch beruhigen und setzte es
-nur durch, daß ich Georg begleitete.
-
-Es nahm aber einen ganz bösen Verlauf. Sigurd erkannte Georg sofort, es
-schien, als wollte er sich auf ihn stürzen, doch begnügte er sich mit
-einem Strom von Flüchen und Schimpfreden, nannte ihn Mörder, mit allen
-möglichen Zusätzen des Wahnsinns, Vater-, Mutter-, auch Schwestermörder,
-bis es uns gelang, Georg aus dem Zimmer zu ziehn. Er war
-zusammengefallen, sein Aussehn während der Fahrt war so, daß ich
-mitunter glaubte, mit einer Leiche im Wagen zu sitzen. Einmal nur sagte
-er etwas mir Unverständliches. Ich hatte ihn angerührt, er schien mich
-zu erkennen, nannte meinen Namen und sagte dann: Die sechste Seite!
-siehst du, nun haben wir die sechste! worauf er an den Fingern rechnete
-und sich verbesserte: nein, es stimmte ja doch nicht, die fünfte wäre ja
-Helene, und das stimmte ja nicht, -- oder ähnlich.
-
-Liebes Kind, Du kannst Dir mein Erschrecken vorstellen, aber höre erst
-weiter! Übrigens ist er, wie gesagt, nun ganz ruhig, spricht überhaupt
-nicht mehr, geht aber fortwährend, auch draußen bei dem nassen Wetter
-umher, während er früher nur immer dasaß und sehr viel schlief und
-dazwischen hastig schrieb, Briefe wohl, doch bekam ich nichts davon zu
-sehn. Der Himmel weiß, was daraus werden soll, ich bin nun auch bald am
-Ende meiner Kräfte, das mit dem Herzog hat mich gebrochen, die Arbeit
-häuft sich von Tag zu Tag, meine alte Frische habe ich längst nicht
-mehr. Dazu wieder die bösen politischen Aussichten! Aber da komme ich
-ins Schreiben und verschwende meine Zeit.
-
-In der Nacht nach unsrer Rückkehr arbeitete ich noch in meinem Zimmer,
-die Türen zu Georgs Schlafzimmer -- dem früheren seines Vaters --
-standen offen. Plötzlich hörte ich ihn drinnen stöhnen, dann in ein so
-verzweifeltes Geschrei, Klagen und Anklagen ausbrechen, wie ich es im
-Leben nicht gehört habe. Er hatte aber alle Türen seines Zimmers
-abgeschlossen. Ich kann das nun nicht beschreiben, er schrie einmal
-minutenlang nur immerfort: die Hölle, die Hölle, die Hölle! Dann rief er
-wieder nach seinem Vater, er schrie wie Sigurd: Mörder! und das schien
-er auf sich selber zu beziehn, und auch Sigurds Namen hörte ich und den
-seiner Schwester. Aber genug!
-
-Alldies ging mir nun durch den Kopf, es muß ja irgend etwas Reelles
-dahinterstecken, eine Einbildung, eine Täuschung vielleicht, die sich
-beheben läßt, und da fiel mir ein, daß Deine Freundin vielleicht helfen
-könnte. Möchtest Du so gut sein und sie noch einmal genauestens nach
-ihrem Gespräch mit Sigurd in jener Nacht befragen? Da kann ja der
-kleinste Umstand von Wichtigkeit sein, und mir selber war in dem, was
-ich durch Dich erfuhr, einiges unklar geblieben, zum Beispiel wollte mir
-in Sigurds Plan von der Beseitigung aller gekrönten Häupter die
-Ermordung meines Herzogs niemals recht passen. Also sei so gut, und wenn
-etwas Neues sich ergeben sollte, teile es mir doch bitte gleich mit!
-
-Ich werde mich vor allem freuen, Dich recht bald hier begrüßen zu
-können! Deine Anweisungen an den Verwalter Mahlmann habe ich wunschgemäß
-befolgt. Ich schließe mit meinen und meiner Frau herzlichsten Grüßen,
-bitte auch, mich Deiner Freundin ganz gehorsamst empfehlen zu wollen! In
-alter Treue Dein
-
- Birnbaum
-
-
- Renate an Dr. Birnbaum
-
- Waldheim, am 19. September
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-Verehrter Herr Doktor!
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-Auf Magdas Bitte bin ich selber es, die Ihren Brief gleich beantwortet.
-Allerdings glaube ich zu den erschreckenden Dingen, die wir von Ihnen
-hören, einige Erklärungen geben zu können, obgleich das meiste daran
-auch weiterhin wohl nur zu ahnen bleibt. Wenn Sie Sigurd Georg Mörder
-nennen hörten, so glaube ich, daß sich das auf Sigurds Schwester
-beziehen soll. Etwas Ähnliches hörte ich schon damals, nach Esthers
-Tode, von ihm, doch blieben mir die Gründe dafür unbekannt. Daß Sigurds
-Plan ursprünglich nicht gegen den Herzog, sondern Georg gerichtet war,
-sagte er selber deutlich in unserm Gespräch. Und dann weiß ich, daß er,
-Sigurd, der Meinung war, Georg sei in die Gracht gestürzt und ertrunken,
-worauf dann sein Attentat auf den Herzog nur ein schreckliches Glied in
-der Methode seines Irrsinns wurde. Und rechnen Sie zu diesem, daß Georg
-mit durchnäßten Kleidern gefunden wurde, daß auch Magda stets
-dabeiblieb, er sei es gewesen, dessen Fall ins Wasser sie hörte, so
-brauchen wir uns nur vorzustellen, in welch zerstörtem Licht Georg die
-Geschehnisse und Zusammenhänge sehn mag, um mit dem Scharfsinn seiner
-Krankheit alles zu erraten und -- auf sich zu beziehn; sich also für
-schuldig zu halten am Tode seines Vaters. Was dem Außenstehenden nur
-eine wenn auch furchtbare Verstrickung von Umständen zu sein scheint,
-dahinein fühlt sich ja der selber Betroffene mit Leib und Seele
-gerissen, der Kranke sieht Krankheit überall, und wer schuldig sein
-will, Schuld.
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-Magda läßt Ihnen tausend Grüße sagen, sie leidet schwer unter ihrer
-Ohnmacht, die Neuheit ihres Zustandes läßt sie sich auch für hülfloser
-halten, als sie ist. Sie läßt Sie bitten, doch ja Georg unser Kommen
-rechtzeitig anzumelden. Möglicherweise ist er ja ganz unzugänglich. Wir
-werden, denk ich, am 1. fahren.
-
-Ich nehme so von Herzen teil, lieber, verehrter Herr Doktor, an Ihnen
-und Ihren Sorgen und grüße Sie mit: Auf Wiedersehn! Ihnen von Herzen
-traurig zugewandt!
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- Renate Montfort
-
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- Georg an Magda
-
-Aber so viel Zartgefühl scheint mir fast übertrieben, o edle Seele! Ich
-eile, mich durch diese Zeilen nachträglich als meinen Gast in Deinem
-Eigentum zu bekennen, nicht mehr als Bogner, den ich plötzlich von
-weitem hier aufgetaucht entdeckte, -- ich mocht ihn nicht sehn. Daß
-Helenenruh Dein einziges Haben ist, dürfte mir bekannt sein, während mir
-die ganze bewohnte und unbewohnte Welt zur Verfügung steht. Dein
-Ergebener muß Dich jedoch bitten, ihn der Einsamkeit zu überlassen, die
-er für seiner nötig erachtet. Dieser Wink dürfte genügen, da mir
-bekanntermaßen freisteht, eine Annäherung, die als feindlich betrachtet
-würde, dadurch zu vereiteln, daß er sich in andre Gegenden dieses mit
-Recht so beliebten _orbis picti_ begiebt.
-
-Es verbleibt mit besonders herzlichen Grüßen in seiner Schuldigkeit:
-
- Georg
-
-
- Von Georgs Hand geschrieben
-
-Jener, vom bekannten Baron Münchhausen mit dem Schwanz an eine besondre
-Eiche genagelte besondre Fuchs, als welcher durch Peitschenstreiche
-veranlaßt wurde, sich zu entfernen, den durch Gewohnheit lieb gewordenen
-Balg jedoch an Ort und Stelle zu lassen, ist eine immerhin wollüstige
-Vorstellung für die ins Fell der Gewohnheit eingewachsene Seele. Denn
-siehe da: nachdem es verwehrt ist, an _Ihn_ zu schreiben, dessen dreimal
-geheiligten Namen der feurige Makkabäer zerriß und in die Winde streute,
--- was bleibt mir übrig, um den Tag zu ertragen, der sich inzwischen
-anstatt bisher üblicher sechzehn bis siebenzehn Stunden deren
-vierundzwanzig zugelegt hat? >Ein Rätsel ist Reinentsprungenes<, sagt
-Hölderlin, zum Beispiel der Schlaf. Die meisten Menschen üben ihn bei
-Nacht aus; ich nahm ihn in kürzlich erst sich verabschiedet habender
-Zeit wie so eine besondre Arznei, alle Stunde einen Eßlöffel voll; aber
-nun hat mir so ein besondrer Beelzebub von hinterlistigem Satan die
-Flasche verstochen, und wo finde ich dieselbe? -- Meist schleicht er
-sich abends herein, verabreicht mir einen Löffel voll -- damit die süße
-Gewohnheit nicht schwinde! -- und bleibt für den Rest aller Stunden
-unsichtbar. Was also bleibt mir? Ach: zwischen Leib- und Seelenonanieren
-blieb dem Menschen nur die bange Wahl! Aber so sei sie gewählt, die süße
-andre Gewohnheit des schriftlichen sich Niederlegens aufs platte
-Plättbrettbett des Papiers: das Schreiben, nicht wegen der besondren
-Unsterblichkeit, nicht wegen des süßen Pöbels, sondern ganz allein _sui
-ipsius causa_, um des Schreibens willen! Es ist Wollust, der eigenen
-Seele liebzukosen, zumal wenn sie leidet, und zugleich ist das Schreiben
-so ein förderliches Purgativ, ein besondres Sieb sage ich besser, den
-weichen Brei von Allerhand durchzurühren zur Beförderung der Erkenntnis.
-Man denkt zwar in Sätzen, aber merkwürdig: gedachte Sätze haben nie
-einen Punkt, und ein Punkt zwischen zwei Sätzen auf reinem Papier
-scheint mir so was unendlich Haltbares, um so mehr, je länger man drauf
-hat warten müssen.
-
-Ich will einen Nachtspaziergang beschreiben. Die Menschen lassen einem
-ja koa Ruh net, wie Cordelia selig zu sagen pflegte, also daß man nachts
-auswandern muß wie die Rattenkönige, alle Seelenschwänze zu einem
-gordischen verknotet. Übrigens denkt es sich besser bei Nacht, und kurz
-und gut, beschreiben wir uns diesen wackern Knaben Telemach unter dem
-paßlichen Motto:
-
- Das Steuer führt' ein Jüngling unruhvoll,
- Dem früh des +++ Rat und Hülfe schwand --
-
-folgendermaßen:
-
-Telemach erwacht wie üblich aus befristetem Halbschlaf. Er erseufzt,
-legt sich auf den Rücken und öffnet, wach und keines Schlafes bedürftig,
-die Augen in die Nacht. Bald darauf wird über ihm das graue Vieleck der
-am Tage weißen Zimmerdecke sichtbar; er schiebt sich höher im breiten
-Bett, erkennt die Schattenrisse der beiden hockenden Tiere, Adler und
-Löwe, auf den Bettpfosten, dahinter die bleichen Streifen der
-Fenstervorhänge und dazwischen das dunkle Rechteck der offenen Tür zur
-Terrasse; dann auch die dunklen und großen Flecken der Schränke und die
-weißen der Türen. Im Glase des Türflügels draußen glitzert es bläulich.
-Telemach -- oder sagen wir kurz T.; kann auch wieder Topf heißen --
-schiebt sich bis fast zur Rückwand des Bettes hinauf, sitzt in dem
-großen Achteck des Raums und fröstelt. Draußen rasselt es eisern, der
-Uhrhammer in der Höhe fällt hell schmetternd, ein Mal, dann ist alles
-still. Halb zwölf. -- T. seufzt vermutlich wieder. Nun wieder die Nacht,
-die ganze lange Nacht bis zum Morgen -- und was dann? -- Es wird heller
-und heller um ihn, die dunklen Schränke sind nun körperlich sichtbar,
-die Maserung, Kanten und Beschläge, und vor der Tür draußen ist die
-graue Fläche der Terrasse erschienen und, dunkel im Zwielicht, der
-Schattenriß einer großen Steinurne mit Früchten und Blättern auf der
-Brüstung. Das ist besonders still.
-
-Im Dorf schlafen die Bauern eng und heiß in ihren karierten Betten. Die
-harte Weckuhr tickt durch die Schwüle, sie stöhnen im schweren Schlaf
-und schnarchen. Eine Kuh brummt im Schlaf, ein Huhn gackert im Traum,
-niemand hört den Spitz, der mit rasendem Geheul auf die Decke seiner
-Hütte sprang, weil draußen Schritte hallten, und der Hund kriecht wieder
-in seine warme Höhle, knurrt, muß noch einmal blaffen, dreht sich um
-sich selbst und fällt hin.
-
-T. sitzt und wacht, lauscht. Die Nachtstille singt in seinen Ohren, es
-rauscht leise im Park, die See ist nicht zu hören.
-
-Hier, denkt er, lag einer des Nachts, und wie oft wohl wachte er auf und
-glaubte über sich Schritte zu hören, ruhelos, ruhelos, so leise, ein
-Huschen, hin und her streifend, hin und her ... T. lauscht, alles bleibt
-still, er sieht den Schatten einer Hyäne, den hochgebogenen Rücken,
-schieftrabend in der Finsternis, nun funkeln grünlich, bläulich die
-Lichter, er hört die Pfoten trotten, er riecht ... Das war Mama, denkt
-er matt und gespenstisch, das war Mama ... Zwanzig Jahr Pein und
-Sehnsucht und Gänge, Gänge im Finstern, und dann -- nichts mehr; der
-Tod. -- Wie ich damals, denkt er, meine Gedichte fand ... Mein Sohn war
-klein, und nichts verstand ... Und sie lag und lächelte grade genug.
-Wenn man nachgrübe und den Sarg öffnete, würde man ihr Lächeln
-unversehrt darin finden, -- und das war ihre Genugtuung, so viel zu
-lächeln. -- Die Umrisse der Insel erscheinen ihm finster, die Bäume, er
-sieht ein bleiches Gesicht unter der Buche liegen wie eine Maske, es
-lächelt, oben saust der Herbst und reißt Blätter aus den Kronen, sie
-fährt fort zu lächeln; der Winter deckt alles zu, sie lächelt fort; im
-Frühling liegt ihr Lächeln unter dem ersten Krokus, den langen Sommer
-lang lächelt sie fort, ganz für sich allein ...
-
-T. fröstelt, rutscht wieder tiefer im Bett und steckt die Arme unter die
-Decke. Es waren viele Tote. Esther -- Sigune -- Cordelia -- Mama ...
-Alle schon wieder weit fort, und gelernt hatte er nichts. Nur der Eine
-... T.s Brust schmerzt.
-
-Warum lebe ich noch? Telemach stellt sich wieder einmal vor, er läge
-begraben. Alsbald erscheint auch der Platz in A., die Bahnen fahren,
-Menschen eilen kreuz und quer, die Spiegelscheiben der Auslagen
-glitzern, aber es quält nicht mehr wie vor einem halben Jahr. Es war
-niemand mehr da, von dem es schmerzlich wäre Abschied zu nehmen, oder
-ihn lebend zu denken, beschäftigt wie immer, während man tot ist ...
-Renate? -- Er fühlt sie nicht mehr.
-
-Ich sollte wohl, denkt Telemach, ein Ende machen. Aber da ist zum
-Beispiel das Land. Brauchte es ihn? Jener Birnbaum würde ihm schon einen
-besondren Telemachschwung versetzen. T. sieht den stämmigen Mann
-aufgeregt im Zimmer hin und her laufen, eine Hand im Ärmelloch der
-Weste, fuchtelnd mit der Zigarre in der andern, niesend und prustend,
-und er schreit: Und wenn wirs so einrichteten, daß es an Preußen fiele,
--- no -- was denn? no? was denn? T. wußte es nicht. -- Hatn dazu dein
-Vatter sich sein Lebtag abgerackert, un dein Großvatter, un dein
-Urgroßvatter vielleicht? Du bistn Literat, Hoheit, du hast gar keine
-dynastischen Gefühle, nee, aber gar keine! -- T. lächelt und bestreitet
-es schweigend. Ich wills ja versuchen, beschwichtigt er sich selbst, ich
-bin nur so müde und innerlich kraftlos. Die Länder sind so gut im Stande
-... Das heißt Beuglenburg? Und sie würden Schley dort nicht sitzen
-lassen, diese Preußen. Ach, nun kamen die Wahlen! Früher war die
-Sozialdemokratie unter der Hand unterstützt, und -- und ... T.s Kopf tut
-ihm weh. -- Ich kann noch nicht, ich kann noch nicht! -- Er wälzt sich
-fieberisch und atmet beklommen. Es ist, denkt er, wieder die alte Angst,
-wie in Berlin. Berlin war nicht schuld, sondern mein eigenes Krüppeltum.
-Punkt. Toter T. punkt.
-
-Er schleudert die Decke von sich, zieht die Schlafschuh an die Füße und
-hockt schlottrig auf dem Bettrand. Es ist nun ganz hell umher, dämmrig,
-doch alles deutlich erkennbar. Den Kopf drehend, sieht er über sich,
-überm Kopfende des Bettes die Figuren des Bildes Emmaus, den
-einfallenden Lichtstrom, am Tische Christus und die erschrockenen
-Beiden, dahinter die Nacht.
-
-Ja, denkt er verwirrt, ich kam zu allem zu spät.
-
-Er schlürft eilig zur Glastür, friert im Kalten, lehnt sich an den
-Rahmen und raunt: Was soll man denn tun? Man fährt ins Dasein hinein mit
-feuriger Schnelle, findet alles vorbereitet und ist es von Ahnen und
-Urahnen her gewohnt, eh man es besitzt. Da erkennst du dich selber, aber
-schon steckst du so tief im Gewohnten, daß kein Riese dich ausreißt.
-Wenn ich Verse machen will, und wäre ich Hölderlin, ich müßte anfangen
-wie Schiller, und zehn Jahre danach merke ich vielleicht, daß Sprache
-des Verses und Sprache des Umgangs voneinander so verschieden sind wie
-der Vogel vom Fisch. Ich kleide mich, rede, lache, fahre, spiele, lerne
-wie die Andern, und längst bin ich in zehntausend unlösliche
-Zusammenhänge verstrickt, und dies -- ach dies wird die letzte Not sein,
-daß man an Tausenden hängt und nicht steht, und Tausende hängen an mir,
-und ich komme nicht los zu mir, nicht los zu mir ...
-
-Ganz hell aus der Tiefe klagt jetzt ein Kinderweinen, schauerlich
-anzuhören, und T. zuckt merklich. Ein Gespenstergelächter folgt, ganz
-schnell: Hahahahaaa! und wieder das plärrende Weinen. -- Kauz in der
-Nacht, End ehs gedacht! -- Stille liegt die Terrasse, stille stehen die
-mächtigen grauen Urnen, besonders, verhaltenen Lebens, atmen, auch die
-Steinplatten atmen, Schlaf oder das Schweigen ... Über dem schwärzlichen
-Gewipfel des Eichwaldes quillt ein bleiches, silbriges Scheinen im
-Himmel, ein wenig tiefer muß die Mondsichel sein. Emporblickend sieht
-Telemach wenige, schwach flimmernde Sternlichter im Dunste der feuchten
-Nacht. -- >Schaudernd unter herbstlichen Sternen -- Neigt sich jährlich
-tiefer das Haupt ...<
-
-T. macht Licht, geht mit geblendeten Augen ins Ankleidezimmer, erhellt
-es und legt eilig das für morgen zurechtgelegte Unterzeug,
-Schnürstiefel, Reithosen und Ledergamaschen, eine braune Lederweste mit
-Ärmeln an, windet einen grau und grünen Schal um den Hals, fährt in den
-Rock und fühlt sich einen Augenblick warm und behaglich. Nachdem er das
-Licht gelöscht hat, geht er leise über die Terrasse in den Garten hinab.
-
-Unschlüssig unten stehen bleibend, zum Hause zurückgewandt, findet er
-sich plötzlich sehr klein und einsam im Hof der drei mächtigen Fronten
-mit langen Fensterreihn und kalkweißen Mauern. Unendlich schweigsam und
-hoch steigen die zwei weißen, schwarz behelmten Türme auf den Ecken in
-die Dunkelheit; das Ganze, hell und doch seltsam verdüstert im
-nächtlichen Licht, atmet eine tiefe Gewalt aus, liegt da, ruhig in sich
-selber, bedrohlich für ihn, der sehr klein ist. Unbekümmert scheint es
-seine dämmernde Seele bei Nacht zu enthüllen; es dehnt sich, atmet
-vielfach, sammelt Essen und Fenster, Türme und Dächer, Simse und Mauern
-in eine strotzende und alte Gesundheit und ist immer bereit zu dauern.
-Heiliges Kindheitsland, wo bist du? zieht es da schmerzlich durch seine
-Brust. Jählings ist das Haus umnachtet und fremd, und er geht davon, den
-Kopf gesenkt, verloren in alte Erinnerungen.
-
-Denn zum Beispiel was tun wir inbezug auf unsre Kindheit? Heraus reißen
-wir uns an den Haaren, ganz genau wie eben jener Baron Münchhausen sich
-an den Haaren zerrte aus dem Sumpf mitsamt seinem Unkas, bloß daß sie
-kein Sumpf ist, diese Kindheit, sondern -- das Paradies. Geschah es
-nicht hier? T. wendet sich vermutlich und murmelt, den dämmrig
-erkennbaren Weg durch das Eichenwäldchen hinunter blickend: Weiß ichs
-nicht, als wärs heute gewesen? Hier auf der Terrasse brannte der bunte
-Lampenschirm und saß Bogner; und dort unten am Gatter stand ich, wußte
-nicht, was fort war aus mir, und war selber stillschweigend fortgegangen
-aus meiner Kindheit zu Annas Bett.
-
-Da zwingt er sich mit Gewalt durch den Spalt zu einem kindlichen
-Aufenthalt.
-
-Der Kaufmann in Böhne hieß Sengstaak, ein Name, den ich als Junge
-niemals aus dem Gedächtnis in die Luft schreiben konnte. In allen Ferien
-einmal war eine Monatsrechnung zu bezahlen, das tat Onkel Salomon selber
-und nahm uns mit. Im Laden war die Diele mit weißem Sand bestreut, durch
-eine geriffelte Glasscheibe sah man Herrn Sengstaak an einem Stehpult
-schreiben, und wir zitterten, er möchte nicht merken, daß wir da waren,
-denn dann bekamen wir ja keine Cakes, und einmal gab sie uns der
-Ladendiener, aber das war längst nicht so schön. Kisten standen da mit
-eingewickelten Apfelsinen, Fässer mit Mehl, mit Margarine, mit Butter,
-Kisten voll Eier, und wie war alles dauerhaft und dick, die Holzgriffe
-an den Schiebladen und die hölzernen Schaufeln in den Erbsen und Linsen.
-Über dem Tresen -- ja, da wurde womöglich auf dickem blauen Papier ein
-Zuckerhut zerkleinert, ach, wie war das alles besonders und reichlich
-und solide! Und oben war es dunkel von ganzen Bündeln in Lagen
-zusammengeschichteter Tüten, rechteckiger und spitzer, brauner, blauer
-und roter, und sie hatten alle ein schwarzes Wappen als Aufdruck
-zwischen zwei wilden Männern. Ja, vor der Tür, da war ja der mächtige
-goldene Mohr mit bunter Federnkrone und einer Zigarre zwischen den
-Wulstlippen. Aber über den Düten, noch höher, war es finster wie ein
-Gewitter, von tausend Würsten und Schinken, und wie das roch nach
-Rosinen und Gurken und Vanille und Gewürznäglein, und geheimnisvolle
-Leitern lehnten im Winkel oder wurden von kleinen neugierigen Jungen mit
-wasserblanken Haaren schwierig hin und her getragen. Dann kam Herr
-Sengstaak aus dem Kontor, das ich nachher in Soll und Haben wiederzusehn
-glaubte; er hatte ein rotes längliches Gesicht, kleine Augen und Falten
-unter dem Kinn, rieb sich die Hände und sprach unverständlich mit
-eigentümlichen Bewegungen des Kinns. Er beugte sich über den Tresen,
-griff Anna und mir mit großer Hand unters Kinn und holte, während er
-immerfort mit Onkel Salomon sprach, einen der großen blechernen Kasten
-mit Cakes herunter und hielt ihn uns offen schräg entgegen, und jeder
-nahm einen kleinen Cake heraus, aber das war nicht alles. Nun wurde ein
-großer, brauner Papiersack abgerupft, und wie wundervoll war das, wenn
-Herr Sengstaak mit dem einen Arm hineinfuhr, mit der andern Hand die
-eine Ecke weich eindrückte, dann ganz leicht die Tüte herumwarf und die
-andre Ecke einknickte, und dann kam ein Blechkasten nach dem andern
-herunter, und die Tüte wurde voll -- nicht ganz bis oben, es blieb noch
-genug Papier, das dann auf wundervolle Art zu parallelen Streifen
-zusammengelegt wurde, und dann wurden sie nach innen umgeknickt und
-festgedrückt, das Paket auf die Seite hingelegt, und dann kam Bindfaden
-aus einem verblüffenden Ding heraus, und das Paket flog links herum und
-rechts herum, und der Bindfaden schlang sich darum, es war herrliche
-Zauberei, ein Holzknebel war mit einmal da, wurde in die Schlinge
-geschoben, und dann wurde es mir überreicht. Dies war unser heiliges
-Recht, Kekse -- wir sagten Kekse -- von Herrn Sengstaak, aber eine Sorte
-war dabei, die mochten wir nicht, die hießen Dextrinkeks, denn so
-schmeckten sie, und die kriegte Mama.
-
-T. denkt hierauf gebeugt, er müsse damals unmenschlich glücklich gewesen
-sein, daß all dies sich ihm eingebrannt habe, wovon er damals doch
-nichts wahrnahm, denn immer war er ein blinder Junge und hatte niemals
-etwas gesehn, wenn er gefragt wurde. -- Oder ist das ganze Glück
-wirklich dieser Augenblick, wo ich es so brennend wieder fühle?
-
-Er fährt leise zusammen, da er am Weiher steht, gegenüber der Insel,
-keine fünf Schritt von der Brücke. Die Bäume rauschen und bewegen sich
-ernst, beklommener atmend geht er zur Brücke, bleibt stehen und
-flüstert: Hier schläft Mama ... Er geht hinüber, achtet darauf, daß
-seine Füße leise sind, taucht ängstlicher in den finstern Gang zwischen
-Buschwerk, tastet sich langsam hindurch und tritt ins Freie der leicht
-übernebelten Lichtung. Drüben, über dem weißlichen Gewoge wölbt sich die
-schwarze Kuppe der Trauerbuche; auf einmal ergreift ihn schaurige
-Furcht, sie könnte dort liegen, unter dem Baum; nicht sie, ihr Gesicht,
-das Lächeln; nicht ihr Lächeln, Cordelias ... Und er geht mit
-knisternden Haaren und schlagendem Herzen hin und bleibt, drei Schritte
-vom Stamm entfernt, stehn. Auf dem grauen Oval glänzen leise doch
-sichtbar die beiden Worte: Helene -- Herzogin.
-
-Hier unter ihm steht ein Sarg, liegt eine Tote, ein Mensch, -- wie war
-es doch möglich? Er wendet sich schaudernd. -- Etwas läuft in die
-Lichtung hinein, bleibt still, läuft hierhin, dorthin, schnüffelt
-vernehmlich, ein Igel. Heftiger zitternd faßt er in das Gezweige über
-seinem Kopf, ein Blatt bleibt in seinen Fingern, sein Arm fällt herab,
-er zerknittert es und fühlt es feucht; in weiter Ferne kräht ein Hahn.
--- Sie schläft, flüstert er besinnungslos, dann sinkt er langsam in die
-Kniee, bückt sich, harkt mit der Hand im Gras und flüstert: Mutter!
-Mutter! hilf mir doch! Mutter, dein Sohn ist doch da! Ach, sag doch
-nicht, daß es zu spät ist, sei nicht hart, ich kann ja nicht mehr, ich
-kann, kann, kann ja nicht mehr! -- So wimmert er eine Zeitlang, dann
-liegt er plötzlich still und steht auf. Seine Hände, sein Gesicht sind
-naß, er trocknet sich mit dem Schal und geht davon, schamvoll und doch
-erleichtert. Er horcht stehen bleibend zurück. Sie war entsetzlich
-einsam dort ... Er schüttelt den Kopf und geht weiter, durch den Gang,
-über die Brücke, am Weiher hin und den dunklen, beschatteten Weg hinab
-unter dem schwarz und zerrissen herabhängenden Laubwerk der Eichen.
-
-Dort steht er und denkt wieder. Ja, was dachte er wohl? Er dachte nicht
--- denn das denke vielmehr jetzt ich: welch eine wonnevolle
-Erleichterung es für mich ist, einmal die ganze Last des Daseins auf
-diesen vorgespiegelten Telemach abzuwälzen und daneben zu stehn und es
-immerhin begreiflich zu finden, daß sie ihn quält. -- Sondern er dachte
-vielleicht oder empfand die Höllenqual der zu späten Einsicht. Die
-furchtbar ironische Bitterkeit der Erkenntnis, daß alles, was heute ist,
-seit Jahren sich vorbereitete, daß es in all und jedem Denken, Planen
-und Handeln schon war, -- oh ja:
-
- Was vom Menschen nicht gewußt,
- Oder nicht bedacht, (!!!)
- Durch das Labyrinth der Brust
- Wandelt in der Nacht.
-
-Und weiter, daß nun mit der Erkenntnis alles ein Ende nahm und nur sie
-noch ist, und kurz und gut: die Schuld selber nur noch. Schuld, nichts
-als Schuld, an jedem Fleck, auf jedem Schritt; Schuld jeder Weg, jede
-Bewegung, jede Aussicht und jeder Stern; Schuld jeder Bissen und jeder
-Atemzug, und kein Gedanke mehr, kein Ausblick und keine Möglichkeit mehr
-zu etwas Neuem, -- nirgend ein Anfang, nur das Dickicht.
-
-Und dann versucht er es wohl, dieser T., und stellt die bekannten
-Figuren zum tausendsten Male auf, und eiskalt vor rasendem Wissen der
-Unabänderlichkeit will er sie doch zwingen mit Zauberei, daß sie sich
-anders bewegen, als sie taten, aber immer steht hier Magda und drüben
-Cora, hier er selber und da Sigurd und da -- ER, und wenn er sie auch
-zwingen kann, steif dazustehn wie die Puppen, so erreicht er doch
-niemals, daß er selber es ist, der die erste Bewegung macht, oder
-Sigurd, sondern immer, immer ist es die Furie.
-
-Und seine Stirn bedeckt sich mit Schweiß, die Figuren schwinden
-erlöschend, als würde ein Bühnenlicht abgedreht, im Finstern, und er
-denkt nun:
-
-Daß er seine Schuld am Ende vielleicht übertrieb. Etwas scheint nicht zu
-stimmen. So viel kann ja ein Mensch nicht schuldig sein. Oder er könnte
-es allenfalls sein aus bösem Willen, aus angeborener Ruchlosigkeit, wie
-man gebürtiger Raubmörder sein mag, oder Muttermörder. Er selber aber,
-er soll dies Gebirge von Schuld über sich gewälzt haben aus keinem
-andern Grunde als: _weil er so war_!?
-
-Worauf er dies Rätsel bis zum nächsten Mal sich selbst überläßt und sich
-weiterbegiebt. -- Oh die Nacht ist noch lang!
-
-Krähte nicht, denkt er, soeben ein Hahn? Hähne krähen im Schlaf. Aber
-ach, wie konnte er es nun wieder aufsteigen lassen fontänenhaft!
-Frühmorgens in der Kindheit, das Krähen der Hähne, heiser, krächzend,
-und hell schmetternd, ferne und nah. Sonntag war anders als die andern
-Tage, obgleich doch an keinem Schule war in den Ferien. Die Straße unter
-den Fenstern, die Felder daran, das Dorf in der Frühsonne, alles sah
-gleich anders aus, feierlicher wohl und viel stiller. Man hatte einen
-schneeweißen Anzug an und ein weißes Kleid mit zwei Hände breiter
-blauseidener Schärpe. Du lieber Gott, wie hoch war damals eine
-Roggenwand! Wir verschwanden uns, wenn wir vorsichtig kaum
-hineintauchten, um eine Kornblume herauszuholen oder eine violettrote
-Rade, die ich liebte, weil sie so geometrisch waren: vier lange grüne
-Blattspitzen genau in den Einbuchtungen der kleinen Kelchblätter. Der
-Sandweg in der Sonne wie hell! Unsre Schatten, ganz dick und kurz und
-mit ungeheuren Kreisen von Hüten, schoben sich voraus, ach jedes
-Staubkorn wie hell, die Steine im Staub, jeden einzelnen könnt ich
-beschreiben, denn ich liebe ihn, Brocken von rotem Klinker, halb vom
-Sand verschüttet, und die Krusten der Wagenspuren, und scharfe
-Chausseesteine, mit denen man gut schmeißen konnte, und runde,
-geschliffene von der See, und dann die großen, weiß übertünchten
-Steinbrocken am Wegrand, -- ach, nur Steine, und was hatten sie Leben
-damals und Bedeutung! An diesen weißen kletterte aus der Grasnarbe die
-vielköpfige kleine Schlange der Winde mit schönen, sehr weißen
-Kelchhäuptern; rote Kleepflanzen wuchsen da, es waren kleine grüne Oasen
-von niedrigem Dreiblätterklee, und wir suchten bei jeder ein Weilchen
-nach einem Vierblatt. Immer schien die Sonne, nur damals schien die
-Sonne, ein einziger Vormittag war so lang wie ein Sommer von heut, und
-dann hörten wir die Lerchen. Oh die Stille nun, diese Stille überm
-singenden Korn, und in der Stille überall, unaufhörlich, immer wieder
-anschrillend, ganz hoch oben das Lerchengetriller, immer mit neuem
-Anlauf: ziziziziziziiih! ziziziziziziiih! -- Und insgeheim glaubten wir
-doch immer, daß die Lerchen im Korn säßen, wir sahn uns die Augen blind
-im flimmernden Blau, aber niemals haben wir eine Lerche gesehn. -- Dann
-kam --
-
-T., denke ich mir, findet sich jetzt am Gatter, das, hell im nächtlichen
-Licht, als habe es ihn lange erwartet, ihn unsichtbar ansieht aus dem
-grauen Holz seiner Stangen. Er lehnt sich darauf, sieht oben am Himmel
-die dünne Mondsichel im Fahren leicht durch das fließende weiße Gewölk
-schneiden, sieht die dunklen und doch erhellten Wiesen und die schwarzen
-Linien der sich kreuzenden Hecken, aber -- -- aus dem schwindenden
-Dunkel dieses Grundes flattert ein Kohlweißling taumlig den glühend
-heißen Sandweg hinunter, hin und her über die Wagenfurchen, den Hügel
-hinauf, -- er hört Annas schreiendes Lachen und sein eignes, atemlos
-hinlallend, wie er später Jungens hat lachend rennen sehn, im Laufen
-zusammentaumelnd, lachend nur Lachens wegen, laufend nur um zu laufen,
--- und dann liegt man da, der weiße Anzug sieht bejammernswürdig aus in
-einer braunen Staubschicht, aber -- T. schreckt auf, da wiederum, jetzt
-gerade über ihm gellend und überlaut das Gelächter schallt, mauzt und
-weint. Er öffnet das Gatter und geht hastig den getretenen Pfad über die
-Wiese zum Knicktor; das senkrechte Brett über den Stufen sieht ihn wie
-das Gatter aus dem Dunkel mit seltsamem Glanz verhaltenen Lebens an, in
-sich geduckt wie ein ertapptes kleines Tier, das aber keinen Angriff
-befürchtet, denn es ist umgänglichen Charakters. Telemach aber bleibt
-stehn und heftet ihm eine Erinnerung an. Hier leuchtete Annas Haar über
-der Dämmerung, und sie sagte: Ach, es ist himmlisch! -- Das Kind, das so
-sprach, habe ich niemals wieder gesehn ...
-
-Beim Ersteigen des Deiches fällt er hintenüber, muß sich nach vorn
-werfen und erreicht auf Händen und Füßen im nassen Grase die Höhe, wo er
-sich zu tiefem Erstaunen über einem totenstillen weißen Felde befindet,
--- Nebel, weißem, lautlosem, regungslosem Nebel, der die ganze See
-bedeckt. Nur tief unten, am Fuß der Deichmauer, sind die schwarzen
-Pfahlköpfe der Buhne zehn Schritte weit sichtbar, dann ist nichts mehr
-als Nebel.
-
-Oben am Himmel segelt die bläuliche Mondsichel durch weißes Gewölk. Die
-Tiefe aber zieht T. besonders an, er setzt sich und klettert mit
-Absätzen, Händen und Gesäß die schräge Mauer hinunter, springt auf
-festen Ebbeschlamm, zaudert und schreitet in den Nebel hinein.
-
-Es ist tiefe Ebbe. Der Mond wurde zu einem bleichen Fleck im Nebel, der
-alsbald über ihn hinzog; er geht selber in einem dunklen Kreis, der
-Nebel bleibt stets ein wenig vor ihm, zurückgehaltenen Scharen sehr
-zusammengedrängter Gestalten ähnlich, die sich manchmal bewegen, nicht
-einzeln, sondern stets im ganzen. Jetzt wird der Boden weicher, und
-jetzt -- da ist Wasser, er riecht, er fühlt es. Was sitzt denn dort?
-Kleine, dunkle Gestalten hocken ... Ach, hier sitzt der Tütvogel im
-Nebel am Wasser und schläft, -- zwei, drei kleine Gesellen. Nun bewegt
-sich einer, ein grauer Schatten schwebt, -- auch der andre, der dritte;
-Flügel rauschen leise, sie sind verschwunden, und gleich darauf fällt
-ein leiser, klagender Schrei von oben. -- Wie die Seelen am Acheron im
-Nebel ... denkt Telemach. -- Es plätschert. Hier ist Gewässer, hier,
-ungeheure Meilen weit die tiefe See, satt von einer Menge Land, das sie
-eingeschlungen hat, Marschland und die Inseln und Halligen, Frauen und
-Kinder, Kirchen und Gehöfte, Rinder und Schafe, Eichenwälder und die
-langen Deiche. Es gurgelt im Schlick, die Flut regt sich. T. fühlt seine
-Sohlen langsam einsinken, dreht sich genau um und geht zurück. Er geht
-rascher als beim Kommen, etwas kommt hinter ihm her und macht ihn eilig,
-sein Herz klopft, wie lange dauert es bis zum Deich! Er läuft fast und
-läuft so, erleichtert sich auslachend, gegen die mannshohen Buhnenpfähle
-von der Seite, ein Zeichen, daß er doch schief gegangen ist, worauf er
-die Deichmauer wieder hinanklettert und oben weitergeht. -- --
-
-So, ja so war es in jeder Nacht. In der letzten aber war auf einmal ein
-rotes Licht über dem Nebelfeld. Ein Schiff? im Nebel so nah? Unmöglich.
-Ja, wohnte denn jemand auf Hallig Hooge? -- Das Licht blieb,
-unverrückbar, stille scheinend über das Nebelmeer. Hallig Hooge lag
-dort.
-
-Hallig Hooge, dachte Telemach, wir durften niemals dorthin. Wenn wir mit
-Onkel Salomon segelten bei Landwind, sahen wir die grüne Insel vom
-weiten, und er tat uns wohl den Gefallen, herumzufahren und uns das
-gewaltige grüne Gebirge der aufgetürmten Deichmauern sehn zu lassen,
-einen Baumwipfel niedrig darüber und den roten, plumpen Rundturm der
-alten Sternwarte auf dem Norddeich. Olesland ... Wie mochte doch der
-Name Hallig Hooge aufgekommen sein, nachdem vor Zeiten nur die winzige
-Grasoase so hieß, die landeinwärts davor lag? Einmal beim Kreuzen auf
-der Rückfahrt sahen wir das langgestreckte Haus mit schwarzem Strohdach
-auf der Wattseite, wo es flach und offen war, und kaum noch sichtbar in
-der steigenden Flut das wallende Gras von Hallig Hooge. Olesland,
-erklärte Onkel Salomon geheimnisvoll, darf keiner mehr sagen. Er verriet
-uns nicht weshalb, er war nicht für Schauergeschichten, wir bettelten
-umsonst, denn Olesland und Hallig Hooge -- beides klang so schaurig!
-Aber Domina verriet allerhand. Auf Hallig Hooge war Großvater gestorben,
-und der Urgroßvater war da umgekommen; es schien beinah ein Schicksal,
-und ich habe als Junge manchmal nachgedacht, ob -- jemand -- auch dort
-sterben müßte. An mich dachte ich damals noch nicht. Und Domina erzählte
-vom >Dränger< ...
-
-Im Herbst, wenn die Nebel kamen, durfte man nicht an der Außenseite des
-Deiches gehn, wenn Ebbe war. Denn dann kam der Dränger. Auf einmal
-erschien eine Gestalt im Nebel, seitwärts, oder auch zurück, am Deich,
-und man entsetzte sich. Ja, da konnte man wohl rufen, wer hörte das?
-Damals, als der Dränger noch umging, war Oles--, war Hallig Hooge noch
-ganz vom Deich umschlossen, ein Inselbollwerk, das sich gegen die See
-hielt, eine kleine halbe Segelstunde vom Land, -- aber merkwürdig, zu
-sehen war es nie, bei keinem Wetter. Domina sagte, das läge an der
-Spiegelung. -- Anno Sechzehnhundertvierundneunzig, die große Flut ... Da
-verschwanden drei große Inseln und siebenzehn große und kleine Halligen
-spurlos in der See, Hallig Hooge aber hielt stand. -- De ole Graf --?
-Nach ihm mußte die Insel Olesland genannt sein, aber gerade über ihn
-fand sich in der Chronik nicht eine Spur. Er muß ausgerissen sein aus
-dem Gedächtnis wie Olesland, -- ja, von wem hörte denn überhaupt ich den
-Namen? Es muß doch wohl Domina gewesen sein. -- Ja, damals also hatte
-Hallig Hooge noch sieben Hügel, die nach den Hügeln Roms genannt waren
-von einem gelehrten Mann, -- wie hieß er noch? Archivarius Pontifex,
-Brückenbauer, Silas Pontifex hieß er. Auf dem Palatindeich stand der
-Deichhauptmann und rief alle seine Teufel zu Hülfe gegen die Flut, aber
-das half ihm nichts, Aventin und Esquilin und Palatin wurden
-nacheinander weggerissen, und als der Palatin stürzte, warf
-Deichhauptmann Waldemar Montanus sich kopfüber hinterdrein. Danach war
-die See gesättigt und zog sich zurück, aber im Abrollen brüllte sie noch
-einmal auf und nahm die ganze Wattseite mit fort samt dem Cälius. Ja,
-damals hörte das Watt auf, Watt zu sein, die See mit ihren Heeren ging
-geradewegs das Festland an und hämmerte auf die Deiche, -- bloß nach
-einigen Tagen kam Hallig Hooge zum Vorschein wie eine Nachgeburt des
-Unheils, der Name Olesland verschwand, und Waldemar Montanus ging dort
-um und drängte die Menschen in die See. Auf den noch übrigen Hügeln
-starben die Bewohner aus, Viminal ... ja, Viminal und Quirinal und
-Capitol müssen sie ja wohl heißen. -- Die See fraß einen nach dem
-andern, beim Fischfang kamen sie um, manche auf ganz fremden Meeren mit
-großen Schiffen, Waldemar Montanus paßte auf, -- er lockte ja auch den
-fremden Reisenden zu sich, anno Siebzehnhundertneunzehn soll es gewesen
-sein, der nicht an den Dränger glauben wollte, -- in der Chronik stand,
-daß es viel Aufsehens erregt habe, denn damals war doch die Wattseite
-schon offen; aber die Leute sagten, in den Nächten, wo Waldemar Montanus
-sich zeigte, wäre die ganze Insel wieder wie einst, der Deich ringsum
-geschlossen, und der Dränger, gegürtet mit Grauen, ließ den Furchtsamen
-nicht an den Deich, er mußte tiefer und tiefer in den Nebel hinein, am
-Ende kam das Entsetzen, und er rannte in die steigende Flut ...
-
-T., besonders durchschaudert, erschrak vor einem riesigen, schwarzen
-Schattenkoloß, der plötzlich vor ihm stand. Aber es war nur Lornsens
-Mühle, und sie war gar nicht so nah, mindestens hundert Meter
-landeinwärts stand sie auf ihrem Hügel, auf ihrem weißen Unterbau, zwei
-schwarze Flügelarme mächtig drohend in Lüften. -- Da unten in den Wiesen
-lief Jason al Manach heran, Magda lag dort in ihrem hellroten Kleid ...
-
-T. gewann sich wieder in dem Gedanken, daß unmöglich dieser immer
-gleiche, liebliche, freundliche Jason wie ein Don Quixote die Mühle
-attackiert haben könne, -- doch konnte er lange die Augen nicht abwenden
-von der unsichtbaren Stelle in der Dunkelheit, wo sie gestanden hatte
-und geschossen, dann umfiel und vor ihm lag, als wäre sie selber
-getroffen ...
-
-Langsam erlosch alles in T.s Hirn, während er sich umdrehte und wieder
-das rötliche Licht über der Schneefläche des Nebels gewahrte. Wer hauste
-denn dort und hatte ein Licht brennen mitten in der Nacht? -- -- Georg,
-der Astrolog, hatte ein furchtbares Bollwerk von Deichen und Buhnen aus
-Hallig Hooge gemacht, hatte die Sternwarte bauen lassen, das Jupiterhaus
-für sich selbst auf dem Capitol und das Gesindehaus auf dem Viminal oder
-wie er nun hieß (ich entsinne mich eines Plans der Insel, sie hatte
-Bollwerke wie eine Festung, Bastionen und Vorsprünge und über vierzig
-Buhnen bei einem Umfang von einer guten halben Gehstunde). Niemand
-wollte wissen, wie er gestorben war. Er hauste einsam mit seinen
-Sternen; mit dem Tage, wo Trassenberg seine Selbständigkeit verlor,
-verschwand er dorthin, sein Sohn kam jung um, der Enkel starb wieder auf
-Hallig Hooge, -- seit -- -- achtzehnhundertfünf --, ja, fünfundsechzig
-war es wohl, war Hallig Hooge unbewohnt geblieben. Dann bin ich wohl an
-der Reihe, dachte Telemach erbebend, und das Licht ist nur da, um mich
-zu erinnern und zu rufen ...
-
-Er schüttelte alles ab. Ich frage morgen Birnbaum, was es mit Olesland
-ist, und dann fahre ich selber hin, sagte er sich im Weitergehn, die
-weiße, chaussierte Straße hinunter neben der Pappelreihe. Doch hatte er
-es nun eilig, wieder ins Haus zu kommen, stockte nur einmal im Hofplatz
-vor dem Verwalterhaus, da der Wolfshund lautlos auf ihn zusprang, aber
-er ließ sich leise knurrend streicheln und ging wieder davon, T.
-nachsehend, der durch den Heckengang das Rasenoval erreichte und bald am
-Fuß der Terrasse stand, wo nichts sich verändert hatte, -- doch, die
-Urnen warfen nun Schatten, sah er im Aufwärtssteigen, und da war ja ein
-Lichtfaden im Laden! -- Onkel Salomon war noch an der Arbeit. T. war
-besonders gerührt. Indem er die Uhr zog, schlug über ihm der Uhrhammer
-einmal an; es war halb zwei.
-
-Er schloß leise die Tür zum Vogelsaal auf, wandte sich im Dunkel nach
-links, stieß, vermut ich, schmerzlich mit den Schienbein an einen Stuhl
-und erreichte die Tür. Leise öffnend trat er ein.
-
-An der langen Wand der Aktenregale brennt die elektrische Lampe unter
-ihrem grünen Blechtrichter und überstrahlt den Wust von Papieren,
-Aktenstößen und Mappen und Glanzpapierdeckeln, rot und gelb und blau.
-Davor, den grauen Kopf auf dem rechten Arm, der auf der
-Schreibtischplatte liegt, schläft der alte Salomon; der linke Arm hängt
-herunter, zwischen zweitem und drittem Finger steckt die erloschene
-Zigarrenhälfte. Der papierne Berg über ihm scheint sehr sorgsam auf
-seinen Schlaf zu passen, -- das Hörrohr über dem Telephonapparat ruht
-still wie ein Kahn auf hoher See, in der Nähe schwimmt als Boje,
-braunglänzend, die runde Platte der Briefwage. -- Ja, nun braucht es
-Posaunentriller und Böllergeheul, wenn er nicht von selber aufwachte.
-Der alte Mann atmet laut und tief. T. geht, aus Ehrfurcht mehr als aus
-Vorsicht, leise über den Teppich zu ihm hin, gerührt und beschämt seine
-Krankheit verwünschend, und hat, als er sich über den Schläfer beugt,
-das Gefühl, dies dünn emporstehende, lichte Haar, durch das die Kopfhaut
-glänzt, so daß er die Haarschatten hätte zählen können, küssen zu
-müssen. Es geht so nicht weiter, denkt Telemach, aber Mentor läßt sich
-ja nichts aus der Hand reißen, und wie soll ich wissen, wer die Arbeit
-machen könnte, wenn er mirs nicht sagt? -- Unter dem Arm des Schlafenden
-sehen gelbe Foliobogen hervor, ein weißer zuoberst, Telemach kann lesen:
-M. H.! Im Auftrage und in Stellvertretung Seiner Königlichen Hoheit und
-so weiter erkläre ich hierdurch den Landtag für wieder eröffnet ... Ach
-so, denkt er, Xylanders Vorlage zur Begutachtung ... Er klappt das Blatt
-in die Höhe und entziffert die kaum leserliche Bleistiftnotiz: Entw. z.
-Umw. v. T. i. prov. Landesdir. n. br. M. -- Was? Das hieß -- --, ja, das
-hieß? Er wollte Trassenberg in ein Landesdirektorium nach
-brandenburgischem Muster verwandeln ... Keine üble Idee, das würde
-allerhand Entlastung geben. Die ganze Verwaltungsschikane käme in eine
-Hand, und es bliebe für mich, -- ja für mich bliebe eigentlich überhaupt
-nichts mehr übrig als die persönlichen Geschäfte, und die macht
-Birnbaum. Telemach denkt angestrengt nach, aber um so heftiger weicht
-alles vor ihm zurück, und er befindet sich bald völlig im Leeren.
-Minutenlang geistlos starrt er so auf Mentors Kopf ... Willenlos hebt er
-diese und jene Mappe auf und findet zum Beispiel eine zum Einklemmen mit
-breitem festen Rücken und der Aufschrift: Täglicher Einlauf. Die behält
-er in der Hand, sieht sich nach einem Stuhl um, holt einen vor einer der
-Schreibmaschinen am Fenster fort, stellt ihn dicht an die
-Schreibtischecke und setzt sich und schlägt den Deckel auf. Briefbogen
-und Umschläge sind fest hineingeklemmt, es ist schwierig, mit Hin- und
-Herdrehn und Aufklappen, zu lesen. Da liest er nun zum Beispiel:
-
-Taubstummenanstalt Göhrde ... Einladung zur Feier des Zwanzigjährigen
-Bestehens und Besichtigung des Neubaus ... (Sonderbar! Da war >jemand<
-vom Gerüst gestürzt, -- da wurde ich geboren, ein Jahr später wurde sie
-... T. gewissermaßen schmerzlich versonnen, liest auf der nächsten,
-zugehörigen Seite verschwimmende Zeilen:) ... ehrfurchtsvolle Bitte, den
-Titel und die Würden eines Ehrenvorsitzenden des Vereins ... bisher in
-den Händen Seiner hochseligen Durchlaucht ... (T. schlägt das Blatt um,
-den Umschlag, der folgt, und liest:) Annenmagdalenenheim, Stiftung für
-lungenkranke Fabrikarbeiterinnen ... (Ach, Helene gründete sie, als
-Magda geboren wurde ...) Erhöhung des Anlagekapitals, da die jährlichen
-Kosten ... (Das kam doch aus Helenes Schatulle ...? Richtig ...)
-Vermächtnis Ihrer hochseligen Durchlaucht als noch nicht zureichend
-erwiesen ... (Ich bin ja Erbe, murmelt T., die Toten, immer die Toten
-... Er fühlt, wie ihm der Schweiß ausbricht, die Buchstaben flimmern ...
-Krank ... krank ... krank ... tanzt es ihm vor den Augen, er bezwingt
-sich besonders, -- warum: nicht zureichend erwiesen? Ach, es war ja halb
-abgebrannt, ein paar Tage vor -- vor -- -- vor was? -- T. starrt in die
-grelle Glühbirne, sieht die roten Fäden; vor dem großen Tralla, flüstert
-jemand ihm zu, und er begreift. Er nimmt bewußtlos die Hand von dem
-Blatt, schlägt den nächsten Briefumschlag um, senkt die Augen auf die
-Seite und liest:) Oberförster -- -- unleserlich. In Blankenheide ...
-einen neuen Plankenzaun notwendigerweise, weil mir sonst die Bauern das
-Wild totschlagen, was übrigens nichts schaden könnte -- ungerechnet, daß
-sie es meist nicht richtig tot kriegen und ich dann die Schweinerei im
-Jagen fünfzehn herumliegen finde -- (Der schreibt ja einen haarigen
-Stil, meint wohl noch, jemand vor sich zu haben ... Also warum: nichts
-schaden könnte?) -- -- herumliegen finde, Klammer, weil es doch kein
-Mensch abschießt. (Blankenheide? Blankenheide gehörte zu
-Dannel-Biebereck, Tante Henriette war kein Nimrod, Onkel Anton auch
-nicht, der Namenlos hatte die Verwaltung und haßte die Schießerei im
-Treiben. Aber es liegt ja an der Grenze, Schley kann hinübergehn, --
-richtig! -- T. findet im Weiterlesen den Satz:) ... da mir die _p. p._
-Beuglenburgschen Bauern wieder ein Stück von Jagen fünfzehn abschneiden
-wollen, und die _p. p._ Prozesse ... (soll wohl heißen: die verfluchten
-Bauern beziehungsweise Prozesse?) ... ja doch immer zehn Jahre dauern,
-so möchte ich ehrerbietigst _p. p._ -- (schon wieder! so'n Pepe scheint
-ihm für alles gut zu sein!) -- anraten, die Grenze doch gleich ein für
-allemal vier Meilen westlich zu legen, indem ich dann Beuglenburgisch
-werde und ein für allemal die Ruhe habe. (Georg dreht -- matt lächelnd
-das Blatt um. Was kommt nun für ein Fetzen? Er sieht nach der
-Unterschrift, wie von einer Kindeshand gemalt:) Bombe, Kätner und
-Kesselflicker, -- (ja, sie müssen jetzt doch jeder eine Firma haben ...
-Was will er denn? Kann die Pacht nicht zahlen, -- ach, der scheint zu
-Helenenruh zu gehören. Bombe? Natürlich, der klebte doch
-Invalidenmarken, und der Sohn war -- war Vorarbeiter bei Haupt und
-Ungefesselt, Dampframmen und ... verdiente fünfzig Mark die Woche und
-war nicht verheiratet.) Kuh gefalen ... ale Katoffeln Faul, -- liest T.
-weiter, -- Frau Hochgratig Magen Leident ... anliegent At --
-Apothekerrechnung soll das heißen. Georg findet das Blatt. --
-Opiumtropfen -- Opiumtropfen -- Opiumtropfen ... Lezithin, drei
-Flaschen, Summa acht Mark neunzig, abzüglich Kassenprozente fünf Mark
-und fünfzehn Pfennige, -- ob ich das zahlen kann? -- T. trocknet sich
-die mittlerweil triefende Stirn, langt einen Bleistift aus der Schale
-vom Schreibtisch und schreibt: Bezahlen! auf das Blatt; seine Hand klebt
-beim Schreiben, er muß husten und liest umblätternd weiter: Verein
-ehemaliger Königinhusaren ... 23. Stiftungsfest ... Weiter: Elisenhütte,
-Einladung zur Aufsichtsratssitzung ... Verteilung der Dividende ... T.
-klappt die Mappe zu, legt sie leise auf den Tisch und sitzt, das
-Taschentuch in den Händen; lockert den Schal vorn am Hals und starrt
-trübe vor sich hin und denkt bloß: Ein Fünftel vom ganzen Einlauf, und
-schon kaputt ...
-
-Wozu all das, wozu? Geld ging hinaus, Geld kam herein! Warum kann ich
-nicht auf all das verzichten? Birnbaum machts ja doch Vergnügen, er
-kennt nichts andres, er weiß überhaupt nichts andres, es ist seltsam und
-unbegreiflich, aber sein Leben besteht darin, und er fühlt sich wohl,
-abgesehn von seinen Sorgen, die aber nicht durch dieses bedingt sind.
-Eine Abendstunde mit Dickens, ein Gespräch mit seiner Frau, ein
-Spaziergang am Schabbesabend, tausend Schritt genau bis Lornsens Mühle,
-Schachspiel, -- das sind seine Freuden, und dann -- ja, dann ist ihm
-wohl das Ganze durchwärmt und vertieft durch Liebe, zu ... zu mir ...
-und er würde es nicht fassen können, wenn ich die Hand davon abzöge. Er
-dient, und es ist ihm Wonne zu dienen, und ich --
-
-Womit es denn nun wohl genug sein dürfte. Das ist ja alles bloße
-Quälerei.
-
-Es hat aufgehört zu regnen, wie ich sehe, ich hätte Lust, nach Hallig
-Hooge zu fahren. Also dieser Maler Bogner haust, wie ich nun erfahren
-habe, dort mitsamt Ulrika, -- man trifft doch überall die selben Leute.
-Vielleicht störe ich ihn. Wer nach Hallig Hooge zieht, den zog
-vermutlich Einsamkeit. Ich glaube, jetzt schreibe ich ein Gedicht.
-
- Noch ist es hell und rein
- Hoch in den Räumen, --
- Schon bricht die Nacht herein
- Unter den Bäumen, --
- Schlafen und stille sein,
- Nicht einmal träumen ....
-
- Dunkel, o Dunkel, ohn
- Arg dir ergeben,
- Fühl ich die Gottheit schon
- Über mir schweben:
- Schlaf, gieb die Mohnenkron',
- Sanfter zu leben.
-
- Wacht nun der Himmel, der
- Goldengeäugte?
- Auge, du fragst nicht, wer
- Jetzt dir noch leuchte.
- Nacht ist, nur Nacht umher,
- Göttergezeugte.
-
- Tief in die Dunkelheit
- Antlitz vergraben,
- Träume, wie fern ihr seid,
- Flötende Knaben!
- Abgrund der Schweigsamkeit,
- Dich will ich haben.
-
-Und endlich denn am Ende von allem das Unumgängliche: der ewige Sturz.
-
-Auf die Knie an dem Bett unterm Emmausbild, und endlich schrei dich aus,
-verzweifelnde Seele! Schrei aus die Schuld und den Gram und die Not,
-immer schrei aus den verbotenen Namen, schrei: Ich kann nicht mehr!
-schlag an die Brust, jammre nur los, und lasse dich endlich durchstoßen
-von der verruchten Wollust immer des einen Gedankens: Oh Glück, oh
-Glück, daß der Träger des heiligen, verbotenen Namens doch nicht war,
-was er hieß! Daß ich nicht bin aus dem Blute dessen, des Blut durch mein
-Verschulden vergossen ward! Oh, daß heute mein Glück sein muß, was
-jahrelang Jammer und Elend war: nicht der Sohn zu sein ...
-
-Und endlich das letzte Flehn: Wenn es einen Weg giebt, doch immer noch
-einen Weg zu dir: gieb ein Zeichen, komme im Traum, erscheine, wie du
-willst, aber gieb ein Zeichen, daß du noch bist, denn ich glaube es
-nicht mehr!
-
-
- Drittes Kapitel: Oktober
-
-
- Insel
-
-Renate erwachte in Helenenruh vom lauten Zusammenschrein der Stare in
-den Bäumen mit einem fast schweren Gefühl des Wohlseins. In
-augenblicklicher Wonne des Erkennens: Nun ist alles, alles wieder
-abgefallen ... spürte sie sich noch aus dem Schlummer liegend
-heraufgehoben, spürte, wie er dünner und leichter um sie wurde, endlich
-aus ihr selber fortrieselte. Und nun empfand sie ihr ganzes Wesen wie
-durchduftet, gesättigt mit einem wundervoll kühlen Dampf, der
-ausquellend um ihre Glieder lag. Sie warf die leichte Steppdecke ab,
-setzte sich auf und sah nach dem Fenster, wo die klaren Mullvorhänge
-unbeweglich hingen, obgleich es offen stand, -- nicht ohne leichtes
-Enttäuschtsein, denn da schien keine Sonne, es war grau. Die Stare
-schrien immerfort an derselben Stelle. Auf einmal zog ihr Herz sich
-empfindlich zusammen unter einem Bangigkeitsanhauch, der sehr langsam
-wieder entwich, und danach blieb ein Gefühl, als müßte einer ihrer Sinne
-beeinträchtigt sein oder gar verschwunden -- und doch war da jeder:
-Gesicht wie Gehör, Geruch und Geschmack, und sie fühlte sich auch! --
-Die andern aber hatten sich zu einem süß brausenden Chaos von Musik
-vereint, das in ihr brodelte wie eine innere Sonnenwärme, und dies wars,
-wovon sie für Augenblicke blind, für Augenblicke taub zu sein glaubte,
-und die Stare waren jetzt kaum hörbar oder ganz fern.
-
-Sie streifte das Nachthemd von der linken Schulter und versuchte, den
-nackten Oberarm an das Ohr zu halten, im Gefühl, sie müsse es darin
-dröhnen hören wie in einer Stimmgabel. Dabei neigte sie den Kopf und
-rührte unversehens mit dem Kinn an die Schulter, zuckte aber, kaum daß
-sie die weiche und kühle Glätte spürte, zusammen wie unter einem
-magischen Schlage, streifte den Ärmel wieder hoch, sprang vom Bett, ging
-zum Fenster und teilte vor dem offnen den leichten Vorhang.
-
-Draußen war nichts als ein undurchdringlich dichter weißer Nebel von
-unbeweglicher Stille. Erst nach einer Weile erschienen schattige Massen
-darin, zwei große Bäume, und von dorther lärmten die Stare.
-
-Diese Welt schien so geheimnisreich, daß Renate sich überneigte, um zu
-sehn, ob die Hecke noch da war, und richtig, da war die sehr stille Wand
-von rauhen Haselblättern, matt glänzend von schwerer Nässe, dunkelgrün
-und vielfach bräunlich gesprenkelt.
-
-Als sie aber nach oben sah, verriet ihr ein ganz geringes Blenden die
-Reinheit des Himmels über der Nebeldecke, in der so viel Blau war wie in
-frischer, gewaschener Leinwand.
-
-Baden jetzt, ah in diesem Nebel baden! wie still würde die See sein! --
-Renate hatte augenblicks das Nachthemd abgestreift, den daliegenden,
-dunkelgrünen Trikot angezogen, dann die Sandalen mit goldenen
-Wadenbändern angelegt, worauf sie in den seegrünen Bademantel schlüpfte
-und die grüne Gummikappe in die Hand nahm. Die Uhr im Armband, das sie
-überstreifte, zeigte ein Viertel nach sieben.
-
-Im Nebenzimmer stand ihr Frühstück bereit, doch nahm sie nur, um nicht
-ganz nüchtern zu sein, einen Schluck warmer Milch und ein Stück Weißbrot
-mit Honig zu sich, das sie noch im Fortgehn fertig kaute.
-
-Wie klein war dann der Hof vor dem Verwalterhause! Kein Mensch ...
-Schweigen, und nur vor der roten Hauswand bewegte sich ein Schatten, der
-Hund, der vorkam, soweit es seine Kette erlaubte, wedelte und ihr
-nachsah, die leichtfüßig am Gartenzaun hinlief und, an seinem Ende nach
-links biegend, durch das lange, nasse Gras der Wiesen in den Nebel
-hinein. Es war so lautlos um sie her, daß sie stehen blieb und sich
-umsah. Deutlich in den Nebel hinein zog sich eine dunkle Furche dort,
-woher sie gekommen war, aber zu hören war nichts als das Schlagen ihres
-eigenen Herzens; dann das leise und spitze Ticken der Uhr.
-
-Sie ging weiter, angenehm frierend in der Morgenkühle; unter dem Nebel
-erschien die sanfte Schrägung des Deichs, die sie alsbald erstieg mit
-einer leisen Besorgnis: wenn jetzt nur nicht Ebbe ist! -- Sie stand oben
-und sah die schräge Mauer der Quadersteine mit grünen Fugen von Tang
-hinab. Nein, da war das Wasser, dunkel, unbeweglich! Ohne Laut war es
-bis hier herangekommen. Zu sehen war nur wenig von ihm, alles verbarg
-der Nebel, in dem allhier ein geisterhaftes Fliegen und Bewegen war,
-ohne daß die Dichte und Undurchsichtigkeit sich dadurch änderte.
-Zerfließend weiche Füße tanzten auf der dunklen Glätte der Flut. Die
-ganze große See war nicht vorhanden.
-
-Renate konnte die Höhe des Wasserstandes an der Entfernung von ihm bis
-zur Deichkrone messen. Sie warf den Mantel ab und legte die Uhr darauf.
-Als sie wieder gerade stand und die Luft an den Umrissen ihrer Glieder
-fühlte, mußte sie lächeln mit zusammengezogenen Augen. Sie zog die Kappe
-fest über das Haar, stieß dann die Arme wagerecht von sich, dehnte die
-Brust, legte den Kopf ins Genick und blieb so Sekunden, mit schon
-schärfer geblendeten Augen spürend, daß hoch über ihr ein Hauch von
-Bläue sich regte. Plötzlich gluckste das Wasser in der Tiefe. Sie senkte
-den Kopf, verscheuchte den Schauder vor dem Kalten, lief behutsam drei
-Viertel der Schräge hinunter und warf sich über den Rest hinweg laut
-klatschend in die Flut.
-
-Aber -- oh tausend Teufel! -- sie schrie und schnaubte vor Schreck, wie
-eisigkalt das doch war! Sie schwamm heftig, merkte, als sie nach einer
-Weile die Füße sinken ließ, keinen Grund mehr unter sich, drehte sich
-halb zurück und schwamm nun, die Linie des Deiches achtsam mit den Augen
-haltend, in langen Stößen die Füße schließend, übergreifend mit dem
-rechten Arm, am Ufer hin, den Kopf schüttelnd und leise prustend nach
-jedem Stoß, wie alle rechten Schwimmer es machen. Als sie das Wasser lau
-um sich her fühlte, drehte sie um und schwamm so weit zurück, wie sie
-gekommen zu sein glaubte, legte sich auf den Rücken und erreichte so
-bald den Deich.
-
-Kaum mehr als zehn Minuten konnte sie im Wasser gewesen sein, und doch
-war, als sie wieder oben stand und sich frierend und triefend nach ihrem
-Mantel umsah, alles schon verändert. Wind wehte jetzt. Die Sicht über
-die Wiesen hin war freier geworden, die Zäune sichtbar, und in der Höhe
-bewegten sich flüchtende blaue Löcher im Weißen. Und als Renate ihren
-Mantel entdeckt, ihn an- und den Trikot darunter ausgezogen hatte, war
-die Uhr fast acht, war die Sonne als matte Goldscheibe hinter der weißen
-Wand zu erkennen, und war sie selber vom Frottieren so brodelnd heiß wie
-ein eben neugeborenes Brot aus dem Ofen.
-
-Voll Behagen schlenderte sie noch eine kleine halbe Stunde --
-gedankenlos wie ein Pferd, wie sie meinte -- am Deichrand hin und her,
-See und Himmel beobachtend, die immer blauer wurden und immer freier,
-und dann lief sie plötzlich in größter Eile ins Haus zurück, um sich
-anzukleiden und zu frühstücken, jählings ersterbend vor Hunger.
-
-Später dann, als vom Nebel auch nicht eine Spur mehr weit und breit zu
-entdecken war, fand sie sich auf einer guten Kamelhaardecke ausgestreckt
-im nebelnassen Gras unter den äußersten Zweigen der Parkeichen, vor sich
-die Wiesen, grau taugestreift in der Morgensonne, wehend von Halmen und
-den letzten Margueriten bis in die offen feurige Bläue des Himmels
-hinein. Sie holte den kleinen Kamm hervor, den sie im Strumpfband zu
-tragen pflegte, und eine gute Stunde verging ihr mit dem Auflösen ihrer
-um den Kopf gelegten Flechten und sorgsamem Kämmen, stückweis erst von
-oben bis unten hin, dann der langen Schweife, die sie in der Hand
-hochhalten mußte, in großen Strichen, wonnevoll spürend, wie die Masse
-weicher und lockrer sich dehnte und es darin knisterte von elektrischer
-Kraft.
-
-Später saß sie auf ihrer Decke mit hochgezogenen Knien, die Hände um die
-Fußknöchel geschlossen, während der leichte Mantel ihres Haares um sie
-wehte und sich zerteilte im behutsamen Wind, und vergnügte sich damit,
-in den Ausschnitt ihres Kleides über ihre Brust hinunter zu blasen.
-
-Später lag sie, schmal und lang hingestreckt, die Arme über der Brust
-gekreuzt, das Gesicht von der Sonne abgewandt, aufgelöst in Erd- und
-Himmelswärme, und dachte, halb schon im Schlaf: Nun bin ich so rein wie
-die Welt! --
-
-Dann entschlief sie beruhigt.
-
- * * * * *
-
-Irgendwie war es Nachmittag und Abend geworden. Renate ging in einem
-weißen Kleid auf den gewundenen Wegen des Parks umher zwischen
-tiefgrünen Flächen der von Bäumen und Gebüschen langhin überschatteten
-Wiesen, -- jetzt innerlich nur tief hinabgeneigt über die immer noch
-unvollkommene Musik, die dort unerlöst wogte, nicht näher kommen, nicht
-deutlich werden wollte. Kaum daß sie hier und da einmal aufsah und es
-bemerkte, wenn eine große Gruppe von Buchen ein plötzliches und
-gewaltiges Rauschen begann, laut zusammenredend, vorwurfsvoll, wie ein
-Chor, während sie die laubigen Arme und Glieder schüttelten, von denen
-flüchtende Blätter seitwärts hinunterwehten über die Wiese. Oder wenn
-eine Schar weißer Birken die ganze leichte Masse goldgelben Laubes
-hochausgestreckt ins blaue Leuchten der Höhe hineinwarf, in einer
-feurigen und weiblichen Gebärde des Fortverlangens. Für Augenblicke dann
-betroffen, zuckte sie mit, gleich nach innen wieder gebeugt, fast
-verstimmt, weil die Musik in dem Innern geringer vernehmbar geworden
-schien.
-
-Als sie dann vor der kleinen Brücke zur Insel stand, fühlte sie sich
-angesichts der mächtigen, schattenvollen Masse der Baumkuppeln von einem
-unerklärlichen Zaudern ergriffen, ja, von einer Angst, so daß sie sich
-selbst hinüberlocken mußte mit dem Gedanken an das Grab der Herzogin,
-und fast hinüberziehn mit der einen Hand am Geländer. Drüben stehend,
-gewahrte sie zum erstenmal das kleine Rad der Winde, trat hinzu, begann
-zu drehen und sah mit Verwunderung die Brücke sich bewegen und
-hochsteigen, bis sie im Winkel von dreißig Graden stillhielt.
-
-Nun bin ich allein! dachte sie, jedoch nicht eigentlich erleichtert, und
-ging leise in den schmalen Gang zwischen dem Buschwerk hinein.
-
-Da lag die Wiesenmulde, ganz im Schatten, so einsam, so abgeschlossen im
-Ring der Bäume wie in der Tiefe eines Waldes. Nichts bewegte sich, kein
-Blatt an den dichten Zweigen der braunen Trauerbuche, an deren Stamm das
-eherne Schild kaum noch zu sehn war im Düster des Laubes. Darunter
-nichts als ein besonders grüner, geschorener Fleck im Gras: das war das
-Grab.
-
-Hier dämmerte es schon. Renate sah die ganze Mulde kaum wahrnehmbar
-übersprenkelt von den lila Flecken der Herbstzeitlosen. Sie sah, die
-Augen hebend, den Himmel oben im Kranze der Wipfel wie einen ganz
-seligen See von Bläue, überrieselt von güldenen Funken, und ein
-einsamer, weißer Fittich, vergoldet, streckte sich hinein, als stünde im
-Jenseits ein Engel. Dann empfand sie die Wärme hier, dunstiger,
-feuchter, und auf einmal glühte ihr ganzes Gesicht.
-
-Da stand zur Linken auf der niedrigen Anhöhe unter Kastanien der kleine
-Tempel von Rokokochinesisch, aus Baumrinde und längst ohne Glöckchen;
-langsam ging Renate hinüber und trat in das Innre, in dem nichts war als
-ein Sessel mit verblichener, grünlich goldiger Damastbespannung. Renate
-glitt hinein und fand, daß sie gerade gegenüber die Blutbuche mit dem
-Namensschild hatte. Plötzlich entdeckte sie auf dem Fußboden den
-plattgetretenen Rest einer Zigarre, erinnerte sich, daß der Herzog hier
-oft gesessen hatte, und daß er nun auch tot war.
-
-Für eines Augenblicks Dauer, angehaucht von den Toten, ward ihr das Herz
-schwer, und sie fröstelte. Schwerer aber dann empfand sie ihr Haar,
-zögerte noch eine Sekunde, löste Spangen und Nadeln, schüttelte den Kopf
-und fühlte erfreut die Erleichterung der zum Rücken fallenden Last von
-Zöpfen.
-
-Aber nein, das war es ja nicht gewesen! Oder es war doch nicht genug!
-Ihr Kleid war das Drückende, und sie glühte, und im nächsten Augenblick
-hatte sie die ganze geringe Bürde der zwei Röcke und Wäsche von sich
-gestreift und auf den Sessel gelegt, leise, als dürfe niemand es merken.
-Sie legte Schuh und Strümpfe hinzu und ging dann halbgeschlossenen
-Auges, die Hand um die linke Brust und mit dem unsicher weichen Gang der
-ungewohnten Nacktheit im Freien, erst nur bis zum Türpfeiler, den sie
-umfaßte, und an dem hin sie sich selber hinunterdrängte, sich hingleiten
-zu lassen ins Gras.
-
-Augenblicks durchrann ihren ganzen Leib ein magischer Schlag von solcher
-Gewalt, daß ihr Herz stand. Dann lag sie angeschmiedet, hineingefügt in
-die glühende Erde. Schon fühlte sie weit am Ende ihrer ausgebreiteten
-Arme, so weit wie am Himmelsrand, ihre Hände schreckenvoll vergrößert,
-und nicht Gräser, nein Gesträuche, nein Bäume wuchsen zwischen den
-Fingern hervor, ihre Finger waren Wurzeln, sie dehnte sich, aus riesigem
-Gewipfel über ihr stürzte Finsternis und Gold, da war ein gewaltiges
-Gesicht, da brauste es aus ihren Fingern nach oben, reißenden Himmeln zu
-und hinein, es brauste herauf durch die Arme zu den Schultern, daß sie
-schmerzten. An ihrem Rücken war die ganze Erde, ein andrer, ein riesiger
-Rücken, ein ungeheures Tier, das sie trug, hinwandelnd langsam durch
-ungemessenen Raum, und dann war auch dies nicht mehr, wieder Ruhe, und
-nur das langsame ächzende Drehen der Kugel, mit der sie eines wurde.
-
-Unaufhörlich aus dem Himmel über ihr fielen blaue Stücke mit goldenen
-Rändern und zergingen lautlos an ihr, aufbrennend in Flammen sonder
-Asche und Rauch.
-
-Ein Angstgefühl, das nicht menschlich war, ergriff sie jetzt. Sie lag
-bewegungslos, sie wollte sich aufrichten, sich losmachen, allein
-umsonst. Jetzt, dachte sie plötzlich, jetzt geht der Gott durch den
-Wald, jetzt steht er im Tal, jetzt sieht er herauf! Sah er mich? Ach!
-
-Unter dem qualvollen Zwange, sich aufzurichten, gab es in ihr einen Riß,
-und langsam, erstaunend, erhob sich die sanfte, feierliche Seele aus
-ihr, sah sich um ohne Bangigkeit, sah hinunter vom Gipfel des Gebirges
-über das gewaltige Land, zu andern, schweigsamen Bergen voll Dunkel hin,
-über den abendlichen Strom, über die ewigen Hügel von Grün; atmete das
-Gold ein der regungslosen Lüfte, der unendlichen Abgeschiedenheit, und
-sie erkannte mit einem Schluchzen, süß betroffen, ihre Heimat.
-
-Dann saß Renate aufrecht und gewahrte deutlich drüben zwischen der
-braunen Buche und der Fichte in der schwarzen Dämmrung ein weißes,
-menschliches Gesicht, klein, sanft, ewig, -- und sie schrie auf aus
-tödlich entsetztem Herzen: Ech-en-Aton!
-
-Da begriff sie: der da kam, war Saint-Georges, aber das war ein und
-derselbe! -- Und noch zitternd, übermenschlich sich wehrend gegen den
-Kommenden, schmolz sie schon hin, schmolz hin zu seinen Füßen, lag hin
-vor seinem Nahesein, und das Niegekannte, das Niegewußte, das
-Niegeglaubte, das Gefühl über allen Gefühlen, seufzte sich los aus dem
-Stein, nicht mehr Lust, nicht mehr Grauen, ein beides in ungeheurer
-Majestät nur Dasein grenzenlos, Süße grenzenlos, und mit dem Herzschlag
-des Wissens: es kam! und: es ist da! vergingen Leib und Seele ihr in das
-strömende Schluchzen, mit dem sie ihn empfing.
-
-Da rauschte nieder zu ihr alles Leben der Höhen und vereinte sich mit
-den aufwärts stürzenden Tiefen. Über sie hin ging ein Regen von Küssen,
-in dem sie sich löste, und sie war eine Wolke von Küssen um den Gott.
-Bäume, brausend, warfen sich mit herunter zur Umarmung mit tausend
-Zweigen; herunter zu ihr schmolz der Himmel, herunter taumelten Schwärme
-von Gefieder, in unterirdischen Strömen ihres Blutes zogen Geschwader
-silberner Fische noch stumm, Vögel mit Fittichen von Sternen bewegten
-sich versuchend in ihrem Haar, auf und nieder wogten die Berge, wartend
-auf das Zeichen zum Aufbruch, da stand das riesenhafte Einhorn
-schneeweiß auf einer Silberzacke und senkte das Horn auf ihr Herz.
-
-Eine Fanfare von Schmerz, ein ungeheurer Leib auf dem ihren, der sich
-regte, und so zog durch ihren Schoß ein die Orgelbrandung des
-himmlischen Sterbens. Noch verbrannte an der Berührung eines Mundes ihr
-Mund zur zitternden Narzisse, und eines Schlages war die Stummheit aller
-Kreatur aufgelöst in ihrer Umarmung zu schallender Harmonie. Es
-lobsangen in den Höfen die Engel, in den Lüften die Vögel, hinschweifend
-ohne Pfade, in den Bergen tönten die Erze, auf den Bergen die Wälder,
-Gebrüll der reißenden Tiere in Tälern ward Gesang, Heerscharen der
-Fische zogen musizierend nach Sonnenaufgang, und in Strömen und Quellen,
-in Teichen und Wasserstürzen standen Orgeln und wandelten Harfen,
-erklingend, erklingend, ewige Tage lang, bis aus dem unsterblichen
-Abend, einsam, die Flöte des Hirten Frieden blies, über Dämmerung, durch
-das Finster, und ein Stern ging auf.
-
-Es war Nacht. Fremde Bäume rauschten gedankenvoll. Eine Kühle ging
-nachdenklich aus dem schwarzen Dickicht hervor, breitete die Arme und
-verhauchte schaudernd den Geist. Schonungsvoll zerfiel eine gealterte
-Vollkommenheit. Das dunkle Tier irrte zackig umher. Langsam fielen
-eisigklare, ruhige Tränen.
-
-
- Aus den Papieren Georgs
-
- Auf Hallig Hooge
-
-Mir scheint, ich bin ruhiger geworden. Sollte das die Wirkung dieser
-ganz grünen Insel sein, auf der ich nun hause? Wir sind heute nicht
-abergläubisch mehr, und im Gegenteil, was diesen Telemach anbetrifft, so
-machen ihm die Geister und die Toten beziehungsweise ein gewisses
-Behagen. Übrigens sind ja auch Lebendige vorhanden, obschon auch diese
-besondre Untertanen des Todes, sein Zeichen tragend an der Stirn:
-Bogner, den er eben aus seinen Reichen entließ, und Ulrika, die -- ich
-hoffe -- nur hindurchgehen wird. Nur das Mädchen Cornelia scheint
-munter.
-
-Der notwendige Hauptmann, den sie mir mitgegeben haben, scheint sich gut
-ertragen zu lassen; er schweigt. Birnbaum wird ihn ausgesucht haben. Da
-er bürgerliche Kleidung angezogen hat, könnte er der Pächter dieser
-Insel sein, seit langem: Einsamkeit steht um sein bartloses Gesicht wie
-ein fester Bart, gut und ruhig sind die Augen, immer scheint er zur
-Teilnahme bereit. Doch er schweigt. Ein wenig hat er etwas Russisches,
-vielleicht ist er Balte; die Sprache verriet nichts.
-
-Ja, hier kann man leben und sterben! dachte ich schon im Segelboot auf
-der Fahrt.
-
-Ja, so gieb nach, Georg, gieb einmal nach und sag es! Sage, wie
-unbeschreiblich es dich schon ergriff auf der Fahrt. Vom Festland der
-weiche, emsige Wind trieb das Boot in gerader Fahrt, weich reitend über
-die dunkle bläuliche See. Und da, wie vor dir nur Himmel noch war, zu
-sehen, ja fast schon zu fühlen die grenzenlose und berauschte Seligkeit,
-die seiner Umarmung mit dem Ozean ausstrahlt, -- großes, locker
-bewegliches Getümmel grauer und weißer Wolken überm blauen Grund, und
-die Wasserwüstenei, kalt, nicht weit zu überschaun: unwiderstehlich
-preßte da der kühle, brausende Odem der Göttin sich in deine Brust,
-verdrängend den kranken Menschenatem drin, bis es nur der ihre noch war.
-Oh ruhiges, mildäugiges Leuchten der Nachmittagsstunde, schräge von oben
-durch die Breschen der himmlischen Wanderung! Oh wieder empfindliches
-Zittern beim Eintauchen in ihre leiblosen Schatten! Oh wieder
-Entschweifen weithin und voraus des entfesselten Blicks! Bis wieder ein
-Festes dem Auge sich bot, und plötzlich entzaubert das Inselgebirge sich
-schwimmend erzeigte ganz grün.
-
-Wenn ich nun die Augen schließe und mir die Insel vorstellen will,
-erscheint sie mir besondrerweise immer aus der Vogelschau, -- erhob mich
-so mein Gefühl? -- Ich sehe den kreisrunden grünen Kranz des Deiches aus
-einer wolkigen Höhe, fest hineingefügt in die ungestüm daraufzu und an
-zwei Seiten vorübergewälzte dunkle See; sehe die leere Wiesenmulde im
-Kranz, und sehe, daß sie ein Amphitheater ist, diese Insel, denn an der
-Wattseite fehlt ein Stück des Deiches, dort ist flacher Strand, und dort
-zur Linken, schräge hinter dem Deich, liegt das Gesindehaus,
-langgestreckt, mit seinem schwarzmoosigen Schilfrohrdach, etwas erhöht,
-überwölbt vom einzigen Baum, dem Birnbaum voll kleiner, glänzend grüner
-Früchte, dahinter Gemüsefelder. Vom offenen Strandstück quer durch das
-grüne Tal führt ein getretener Pfad ganz grade zum >Kavalierhaus<, das
-übrigens dem Gesindehaus gleicht, außer daß es Fachwerk ist, weiße,
-jetzt schwärzliche Balken mit blauer, jetzt weißlicher Füllung, während
-das andre ganz rot ist, in dem seinerzeit die Begleitung des
->Astrologen< wohnte. Und keine dreihundert Meter östlich von ihm steht
-der achteckige Turm der Sternwarte oben auf dem Deich.
-
-Ich glaube, ich zitterte seltsam, als ich wieder den festen Boden
-betrat. Ja, hier läßt es sich leben und sterben ... Die schrägen, an der
-Außenseite vom Seetang ganz begrünten Wände des Deiches stiegen haushoch
--- und das scheint berghoch dahier vor der riesigen Fläche. Vom Winde
-war plötzlich kaum ein Hauch mehr zu spüren, es war rätselhaft still.
-Rechts, am innern Abhang des Deiches, wo er endete, waren zwei weiße
-Ziegen angepflockt, die bei meinem Anblick sofort entgeistert die Bärte
-hoben, sich ungemein wunderten und sich verabredeten, so weit näher zu
-stelzen um ihren Pflock, als es die Kette erlauben würde. Menschen waren
-nicht sichtbar, und so ging ich in die tiefe, grüne Stille des Tals
-hinein, abgeschlossen von aller Welt durch die berghohe Umwallung, deren
-westliches Stück eine breite Schattendecke in das Innere legte.
-
-Das Haus, auf das ich von ferne zuging, ist gebaut wie alle Bauernhäuser
-der Landschaft, langgestreckt; ein Mittelstück ist überhöht, links sind
-die Stallungen (hier freilich keine), rechts die Wohnräume; Vorder- wie
-Hintertür in der Hausmitte sind zerteilt, so daß die obere Hälfte sich
-allein aufschlagen läßt und man darin lehnen kann.
-
-Wie freundlich leuchteten mir im Näherkommen dann das Blau und Weiß des
-Hauses im tieferen Licht und im Blumengarten davor Gebüsche von rosigem,
-weißem und ziegelrotem Flor! Ich glaubte, wieder wie einst, das große
-Wandern der Sonne spüren zu können und wieder Raum in meiner Brust.
-
-Als ich dann zum Hause gelangt und zur Linken um seine Ecke gebogen war,
-hatte ich dies unvergeßlich scheinende Bild:
-
-Zwanzig Schritte hinter dem Hause wieder die hier gelindere Steigung des
-Deichs, -- rundum schließend wie ein Ende der Welt. Hoch oben stand,
-noch ganz am Rande, die Gestalt der Cornelia, die ich gleich erkannte,
-obwohl sie schräg von mir abgewandt stand nach der See, ganz leuchtend
-vom feurigen Sonnenschein, im blauen Kleidrock und weißer Bluse und in
-einer Haltung, als ob sie im Gehen festgewurzelt wäre. Ein paar Schritte
-weiter rechts saß, zur See gewandt wie sie, auf einem Feldstuhl ein
-grauhaariger, unbekannter alter Mann, in dem mich erst Erfahrung zu
-meinem tiefen Erschrecken den Maler Bogner erkennen lehrte, -- und Beide
-über der grünen Wand waren wie vor einer sattblauen, vor dem leeren
-Himmel, ganz nahe davorgesetzt. -- Und dann, wie ich wieder nach unten
-und zur Rechten sah, gewahrte ich auf einer Bank vor der Hauswand Ulrika
-Tregiorni in einem grünen Kleid, die Hände im Schoß, sitzend in einer
-solchen Ergebenheit, so sich hineinfügend in die Tiefe, über der droben
-die beiden Andern feierlich eifrige Ausschau hielten über ein
-unsichtbares Land, -- daß es schmerzlich zu sehn war.
-
-Unbeschreiblich war dann die Freude des Malers, als ich seinen Namen
-rief. Wie er sich umdrehte im Sitzen; wie sein gealtertes Gesicht sich
-veränderte in der Freude; wie er aufstand und die Arme nach mir
-ausstreckte wie ein Vater -- leider im Stehen noch verkrümmt infolge der
-fehlenden Rippe --; wie ich zu ihm hinauflaufen mußte und er fast
-weinte, -- ach, ich fürchte doch, dies ist mehr erschreckend als
-erfreulich, denn früher war er alles andre als weich. Mir aber blieb
-alles nach in der Brust und so, als ob unmerklich eine Seele wieder sich
-bilde, von weicher Wasserfaltung erwacht, zartes Korallengeäst in dem
-Dämmer der Tiefsee.
-
-Ich bin also in den besondren Turm eingezogen und so weiter, -- ich weiß
-nicht, mir wird auf einmal wieder so unruhig ...
-
- * * * * *
-
-Ah, haha! _Rideamus, amici!_ Nun lustig, lustig, _rideamus_, und die See
-brüllt dazu wie besessen, denn warum? Ein neuer Aspekt des Todes,
-jawohl, jawohl, jetzt hätten wir alles besonders beisammen, _rideamus
-nunc_, was stellt sich heraus? was fördert sich, was muß ich selbst
-zutage fördern, wie ich nämlich mit Ulrika und Bogner abendlich dämmernd
-zusammensitze und keiner was zu sagen weiß und ich deswegen nach Irene
-frage? Dieselbe ist wieder im Kloster und warum? Nach einem endgültigen
-Endkampf mit diesem besondren Klemens haben sie sich zur süßen Liebe
-entschlossen, aber deswegen keine lieblichen Gefühle -- nein, bloß nicht
-weich werden! -- sondern er stößt sie von sich, jedoch -- das ist nicht
-meine Sache, aber wie es entstand, das ist die besondre Frage, und zwar
-war es der große Mummenschanz naturgemäß, der jenen Klemens zu grausamen
-Schmähungen veranlaßte, weil Dieselbe trotz Verehelichung mit einem
-roten Sozialdemokraten es leckerte nach dem dynastischen Gepränge, und
-demgemäß, wer trägt die Schuld auch an dieser besondren Verwirrung?
-Immer derselbe. Nein, bloß nicht weich werden, und die See brüllt wie
-besessen, denn weiter: Spazierend am schmalen Gestade der Ebbe mit der
-sogenannten muntren Cornelia, will ich was Munteres sagen und öffne die
-Lippen zur Frage: Wie gehts eigentlich jenem Josef von Montfort? Oh
-erbarmungswürdige Entgeisterung! Einerseits und dann beiderseits, denn
-siehe da, derselbe ist maustot, umgebracht von dem eigenen Bruder!
-_Rideaumus_, es ist zum Haarausraufen, denn gleich holt mich der Teufel,
-wenn das sich nicht auf immer denselben Mummenschanz zurückführen läßt,
-bloß nicht weich werden, denn das ist freilich noch nicht alles, denn
-sie weint ja nun und zeigt sich besonders bekümmert, daß dies an ein und
-demselben Tage vor sich ging, an dem auch der bekannte Maler beinah sein
-liebes Leben verlor, und auf Befragen erzählt sie gern eine höllische
-Szene, nämlich wie sie ein grausames Schießen hört, mitten am
-friedlichen Nachmittag, immerzu Knallen und Knallen, und hinunterläuft
-und in ein Zimmer, und da steht ganz rauchend dieser Bogner, oder
-vielmehr er fällt schon hin, vornüber auf eine besondre Fensterbank,
-fluchend und röchelnd und mit einer besondren Pistole fuchtelnd, und
-immer in seinen roten Teufelshosen vom Mummenschanz dazu, und draußen im
-Freien, wer liegt an der Erde und sagt auch nicht ein Wort mehr?
-Natürlich der andre Duellant, tot wie eine Ratte, und sie haben sich
-Beide mindestens mit zwanzig bis dreißig Kugeln durchlöchert, bloß nicht
-weich werden, denn siehe da, worüber zerbrachen sie sich lange den Kopf,
-Cornelia und auch die Ulrika? Wie ihr sogenannter Ehemann ihn hat
-ausfindig machen können, aber Bogner offenbarte dasselbe, denn der
-Ehemann muß ihn beim Mummenschanz gesehen haben zusammen mit Ulrika,
-seinen Namen erforscht, da er ihm natürlich gleich besonders erschien,
-und ihm nachgegangen sein, nachgegangen wem? dem mit den roten Beinen,
-sie ließen sich auf keine Weise aus den Augen verlieren, im dichtesten
-Dickicht der Beine nicht, und so geschah's!
-
-Rein in die Hölle, raus aus der Hölle, und nicht weich werden und die
-Rechnung aufgestellt, denn nun hätten wir ja den Unheilsberg strahlend
-beisammen, als da sind: Esther und Sigurd, Cora und Magda, Josef,
-Erasmus, sein Vater und Renate, Cornelia und Cordelia, Bogner benebst
-Eltern und Ulrika mit Mutter, Irene nebst Ehemann und Klemens, bloß
-Helene ist leider noch immer nicht dabei, und über Allen schwebt -- --
---
-
-Ich, ich, ich! Ich hinter der Maske, da saß ich jahraus und jahrein über
-Töpfen und Retorten und destillierte das zarteste Gift, verabreicht' es
-an einem Tag, und da sitze ich nun mit meinem grinsenden Schädel auf dem
-Berge der Leichen und kann meinen Nabel betrachten!
-
-Auf, laßt uns nun wahnsinnig werden!
-
-Den Verstand verlieren, o mein Gott, den Verstand verlieren! All ihr
-Götter, wie kann ich denn einen haben, wenn ich ihn jetzt nicht
-verliere!
-
-
- Renate an Saint-Georges
-
- am 7. Oktober
-
-Mein Geliebter!
-
-Siehe da, ich schreibe und weiß nicht wohin. Der Gedanke, daß Du
-augenblicks in die Welt aufbrechen solltest, um das Tal und das Haus zu
-finden, in dem wir bis in alle Ewigkeit wohnen würden, war preiswürdig,
-als wir ihn dachten, nun aber jammert mich seiner, er hat gar so viel
-Ähnlichkeit mit einem halb ersoffenen Kätzlein. Legen wir es auf den
-guten warmen Ofen bis übermorgen, und trösten wir uns derweil mit der
-süßen Speise Wiedersehn und dem klaren Weine, der Dann-niemals-mehr
-heißt.
-
-Ach, mein ewiger Geliebter, wenn es in der Welt etwas giebt, das anders
-ist als alles Leben und alle Dinge dieser Welt, und das Liebe heißt, was
-kann denn dieses anders sein als die Vollkommenheit? Und wenn sie die
-Vollkommenheit wirklich ist, so ist doch alles, was geschieht, in der
-Liebe geschehn, was der oder die Liebende tut, was sie nur denken und
-anfangen, es muß alles in der Liebe sein und vollkommen. Demnach ist ein
-jedes verständlich und ganz klar, und daß Du dort bist und ich hier,
-auch dieses muß Vollkommenheit genannt werden, ich sehe es vollkommen
-ein und begreife es, bloß: sie ist nicht so leicht zu ertragen, diese
-Art von Vollkommenheit, und sicher ist Übermorgen gar nicht, aber Du
-kommst ja erst Freitag.
-
-Freitag, das soll auch so was heißen! Morgen ist Dienstag, übermorgen
-ist Mittwoch, überübermorgen Donnerstag, und was über überübermorgen
-geht, das kann schon kein Mensch mehr aussprechen, also was fang ich an?
-Soviel im Hinblick auf die Vollkommenheit ...
-
-Übrigens:
-
- Renate
-
- Nachts
-
-Aber eben als ich aufwachte aus dem Schlaf, und Du warst nicht da, als
-ich das Alleinsein spürte und den immerwährenden Schmerz und den
-Verlust, da fühlt' ichs doch auch: daß es vielmehr ein Verlust meines
-Wesens ist als meines Habens, ach, und daß es vielleicht nur einer
-kleinen Anstrengung bedürfte, um mein ganzes Wesen, dies hier und das
-Stück dort, wo Du bist, wieder ganz zu fühlen, und schon wie ich es
-versuchte, da -- nicht in mir, ach, das nicht! Aber _in der Welt_ fühlte
-ich die Vollkommenheit ganz heil und unerschütterlich, und ich seufzte.
-
-Denn Du und ich sind eins und vollkommen, und eins und vollkommen in uns
-ward die zerrissene Welt; darum sollten wir nicht trennen, auf keine
-Weise, was eben erst heilte.
-
- am 8. Oktober
-
-Dein Bruder hat Schülerwitze gesammelt in den letzten acht Wochen und
-läßt sie nun vorsichtig los. Meist kann ich sie nicht behalten, aber
-höre diesen: Kannst Du mir einen Satz sagen, in dem die Worte an und bis
-hintereinander vorkommen? Nein, Du rätst es ja nicht, Du rätst es ja
-ganz verkehrt! -- Es heißt: Ich angelte, wo der Fisch anbiß. Ach, wie
-kann es so etwas Dummes geben!
-
-Aber Du Fischiger weißt Du auch, warum diese Dummheit mein Gedächtnis
-anbiß? Weil Du schon ganz kalt und naß anzufühlen bist vor lauter
-Fischigkeit, will sagen lauter Stummheit! Ich rede den ganzen Tag mit
-Dir, Du hörst weise zu, aber Du schweigst wie Dein weißes Abbild vor mir
-auf dem Tisch. Ich sehe es an, bis mir die Augen übergehn, und dann wird
-mir unbegreiflich zumut.
-
-Ech-en-Aton und Du! Ist es möglich, daß ich ihn hatte und Dich, drei
-lange Jahre lang, und doch glauben konnte, Ihr seid zwei? Ist es, war es
-wirklich möglich: drei Jahre zusammen mit Dir, am selben Tisch, im
-selben Raum, in derselben Luft tagaus und tagein und blind, so ganz
-blind >für was in dünnem Schleier schlief<? Nein, wäre es möglich, daß
-plötzlich glühen kann, was durch Jahre hin nicht kalt war, nicht warm?
-Daß Augen eines Abends in lichtem Feuer stehn, in Feuer der Mund, in
-Feuer das Haar und der ganze Mensch, ein Feuerofen, aus dem ein selig
-Verbrennender singt? Ach, Geliebter, es ist wahr, und es mußte so sein,
-denn es ist ja kein Du und kein Außen, für das ich plötzlich Augen und
-alle Sinne bekam, sondern das ist meine brausende Seele, die endlich,
-endlich über die Ufer ging und mich himmlisch zerriß. Und ich kann es
-doch nicht fassen, nein, nie, nie, niemals werde ich es fassen können,
-daß diese Hand hier, die schreibt, an _einem_ Tage süß geworden ist,
-ach, so süß durch die eine Berührung, daß ich denke, alle Bienen müssen
-kommen und sammeln und die ambrosische Wabe bauen in Gottes Herz! Und so
-süß, daß ich sie manchmal hinnehmen muß in die andre, sie halten und
-fühlen schwer wie von Gold. Ach, so verwandelte schon ein holder Geist
-den Stab des Armen auf der Straße, daß er schwerer ward und schwerer in
-seiner Hand und längst zu Golde geworden war, ehe der es begriff mit den
-Augen. Ja, ist es nicht so? Es vollzieht sich die göttliche Wandlung,
-wir wissen es längst, alle Sinne wissens und sagens, aber da ist noch
-ein letzter Sinn, der weiß nichts, und grade der ists, den wir zum
-Erkenner gemacht haben, und endlich, endlich erfährt es auch der, wie
-der einsamste Siedler in den Bergen vielleicht von einem Kriege hört,
-der die halbe Welt zerriß, und er ist fast schon vorüber. Ein Schiffer
-vor tausend Jahren fuhr durch die Nacht an einer Insel vorüber und rief
-hinein: Der große Pan ist tot! -- Und da, als dieser Schiffer es rief,
-da wußte es erst die Welt. Ach, aber wenn etwas sein sollte, und es ist
-nur ein Ding der Erde, das nichts davon weiß, so ist es noch nicht, so
-kann es nicht sein.
-
-Mein Geliebter seit Ewigkeit, das warst Du! Und Alle, Alle, alle Geister
-der Erde haben es gewußt, nur ich nicht, nur ich! Und ob ich es nun auch
-zehntausendmal weiß: ich sehe mich nur immer an und frage mich und kann
-nicht begreifen: Warum ist sie denn jetzt süß, diese Brust, die linke
-und rechte, und süß dieser Mund, süß das Haar und die Knie und der ganze
-Leib unaufhörlich ein schluchzendes Wunder von Süßigkeit, warum, wenn er
-es vorher nicht war?
-
- am Abend
-
-Ich habe Dich im Süden und Norden gesucht, mein Geliebter, ohne Dich zu
-finden, kam müde heim, und da lächelst Du mich an aus meinem Herzen. Der
-Mond stieg, die liebliche Sichel, aus dem Meer. Nein, nicht aus dem Meer
-kommt der Mond, sondern aus der Tiefe der Welt; nicht aus mir kommt die
-Liebe, sondern aus der Tiefe der Welt; und Mond und die Liebe, sie
-fahren einer im andern durch mich und das Meer in die ruhige Tiefe der
-Welt. Schlafe wohl, mein Geliebter!
-
-
- Renate an Irene
-
- Helenenruh, am 8. X.
-
-Irene! Irene, muß ich wirklich, oder besser noch, darf ich es wagen, den
-Drachen des Schweigens, von dem Du Dich verzehren lässest, mit dem
-Schwert meiner Rede zu bestehn? Ich könnte Dir, arme kleine Aja,
-freilich auch einen richtigen Saint-Georges zu Pferde schicken, der Dir
-und mir den Lindwurm erlege, aber leider kann ich ihn heute noch nicht
-entbehren ...
-
-Oh Worte, oh Worte! Komme zu mir, und Du wirst alles wissen. Ich bin
-glücklich, Du kannst es auch sein! Ich liebe, Du kannst es wie ich, ich
-werde geliebt, und Du kannst es werden. Kannst Du nicht lieben? Liebst
-Du nicht lange? Ich sage Dir, Irene, daß Du rasend bist, wenn Du andre
-Wege irgendwo suchst und vermutest, daß Du rasend bist, wenn Du nicht
-aufbrichst auf dem einen Weg, Dich hinzuwerfen und zu lieben!
-
-Liebe, liebste Irene, muß ich Dir vielleicht noch erklären, wie Du das
-machst? Laß Dir sagen, Du brauchst nichts zu tun, als hinzugehn, wo Dein
-Georges, also Dein Klemens ist, und zu bleiben und zu lieben. Wenn er
-sich wehren sollte, so mußt Du ihn mehr lieben. Dann könnt Ihr Euch
-heiraten oder nicht heiraten, aber von nun an sollt Ihr alles gemeinsam
-tun, schlafen und essen, Werktage haben und Feiertage, eine Wohnung
-nehmen und drin wohnen, Einkäufe machen und Bücher lesen und
-Spaziergänge machen und keinen Armen von Eurer Türe weisen, und was es
-auch sei: hierin, hierin wird Eure Liebe, die Liebe sich zeigen und
-bestehn, und wenn dies so ist, werdet Ihr heilig geworden sein und dürft
-mit Eurer Berührung schon an Kranken und Beladenen, an Traurigen und
-Schwachen -- Wunder der Liebe entfalten.
-
-Dies verheißt Dir
-
- Renate
-
-
- Renate an Saint-Georges
-
- Nachts am 9.
-
-Heute nachmittag fuhren wir vom Böhner Hafen im Segelboot nach Hallig
-Hooge, Magda und ich mit Deinem Bruder und Li. Ulrika ist nun im
-siebenten Monat, und man sieht es; sie ist sehr still geworden, ihr
-Gesicht erschreckend verändert und auseinandergetrieben. Dem Maler --
-doch davon nachher. Wie die Insel aussieht, weißt Du, der Tag war
-köstlich, kühl, aber licht, der große, von allen Seiten her aufgebaute
-Himmel bewegt von reichen Scharen riesiger Wolken, schneeweiß, das Meer
-darunter, von ihren Schatten durchdunkelt, in Streifen schwarzblau und
-lebhaft bewegt, aber ganz ohne Schaum. Als Ebbe war, zogen Ulrika,
-Magda, die Cornelia und ich Schuh und Strümpfe aus und wandelten als
-Kette Arm in Arm den Strand hin, schrien und sprangen, wenn eine Welle
-über unsere Füße ging, und auf seinem Turm stand der arme Sternedeuter
-Georg mit einem langen Handfernrohr und betrachtete uns durchbohrend.
-Aber er zeigte sich nicht, obwohl wir Li als Boten zu ihm schickten.
-Armer Georg! Ach, und arme Liebe, die Magie ist nur an Zweien, an mir
-und an Dir! Müßte ich nicht die Hand auf seine Stirn legen können und
-sagen: Stehe auf und wandle? -- --
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-Ich habe keine Grenzen an mir, wenn ich allein bin und eingehe in unsern
-ewigen Gedanken. Immer wieder ist sie dann, die einzige Stunde, und
-alles hebt wie damals an: aus unsern Herzen der einige Strom, großen
-Ganges durch die schlafende Welt, wir selber der Strom, nicht mehr
-Gestalt, nur unermeßlich Fluten, Wogenberge gleitend hingetürmt,
-durchqueren wir das alte Erdenland. Nicht einsam, Geliebter, nicht
-einsam! Sieh, es bevölkern sich unsre glücklichen Gestade, und wir,
-heilig leben wir, verhundertfacht wieder haben wir Herz und Odem und
-Gestalt in allen Wesen, die wir laben: Wenn sie, die großen Fabeltiere,
-sie, die erlauchte Tiere noch sind, Behausungen nur der Götter, noch
-Götter nicht, noch nicht Strom, die _einsamen_ Liebenden all: wenn sie
-von ihren Weideplätzen hergewandert kommen scharenweis, oder auch
-einzeln in der dumpfen Leidenschaft der Einsamkeit; wenn dann ihr tief
-und frommes Schlürfen hörbar ist allein im weiten Mondesschweigen: oh
-wie leb ich, wie leben wir dann, tränkend, nährend, Liebe zeugend, da
-wir Liebe sind!
-
-Und ich weiß, daß es einmal sein wird, weiß, daß Liebe Liebe zeugen
-wird, einmal, ich weiß -- --
-
-Und dennoch: es braucht nur irgendein Mensch vor mir zu stehn, leibhaft,
-so habe ich schrecklich nahe Grenzen überall, und kaum ein Strahl dringt
-aus meiner Hülle zu ihm. Wer sieht denn die Liebe, ach wer? in ihren
-Augen sind wir gewöhnlich wie sie selber, gekleidete Menschen mit
-Aussehn und Handeln: aber doch Liebende nicht! -- Bogner freilich, er
-hat ja selbst einen Gott in der Brust, der erkannte sich gleich mit dem
-unsern, und sie lächelten einander zu. Noch seh ich ihn vor mir sitzen
-auf seinem Feldstuhl oben auf dem Deich -- Stehen und Gehen gelingt ihm
-noch kaum, obgleich er schon ganz gut Fleisch angesetzt hat, auch braun
-geworden ist und sein Auge wieder das alte, helle -- dasitzen und zu mir
-aufschaun mit seinen einzig sehenden Augen. Er sagte kein Wort, hielt
-nur meine Hand, und so erfuhr er alles und lächelte und war meiner froh.
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-Es wurde Nacht, ehe die Flut kam und wir zurückfahren konnten. Das
-Wattenmeer regte sich kaum, wir schaukelten auf seinen Atemzügen, schön
-wie ein Geist stand das bleiche Segel unter den herbstlichen Sternen. Da
-sah ich zum ersten Mal in diesem Jahr den Orion, Zeichen des Winters,
-und ich bat ihn, den großen Jäger, daß er mir Dich erjage und bald, bald
-die heilige Beute lege an mein zitterndes Herz!
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- am 10.
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-Du hast mir so schöne Namen geschenkt, mein Geliebter, und ich hole sie
-so behutsam hervor wie irgend wirkliche Kleinode, halte sie lang in den
-Händen und freu mich an ihnen, ehbevor ich sie anlege und vor den
-Spiegel trete, noch schöner als schön! Ach, und wenn jemals eine Armut
-war in meiner Schönheit, wie ist sie nun Reichtum geworden durch deine
-allsehenden Augen!
-
-Ach ja, mein Gebieter, wenn Du sagst, daß ich die Magnetnadel sei, die
-niemals jemand einstellen könne als sie selber, so will ichs gern
-glauben, und die drei Jahre tun nicht mehr so weh. Mit Libussa aber,
-dieser Huldin, das stimmt doch schon gar nicht, denn wo blieb das weiße
-Pferd? Oder sandt ich es wirklich -- im Traum? Am Morgen mags gewesen
-sein, als ich am Parkrand schlief nach dem Bad; der Nebel war so weiß,
-da machte mein Traum draus einen Schimmel und schickt' ihn zu Dir, und
-da kamst Du auf ihm geritten durch das Wasser des Teichs, denn war die
-Brücke nicht hoch? Woher aber dann die nassen Beine, mein Fürst, wo das
-Wasser doch ganz flach ist für ein Pferd? Nein, nein, ich seh Dich schon
-durchwaten, ich seh Dich, und Du bist der umgekehrte Christoferus
-gewesen, -- oder wars nicht so, daß die Last der Liebe auf Deiner
-Schulter leichter und leichter wurde mit jedem Schritt zu mir her?
-
-Was aber mich betrifft, so werfe ich alle Bürden kurzerhand von mir und
-breche morgigen Tages auf heimwärts. Morgen, sagst Du, kommst Du zurück,
-den Zug weiß ich auch, da bin ich an der Bahn, und es ist herzzerreißend
-schön, wenn wir uns unter all den Menschen wieder sehn und nichts sagen
-können und nach Hause fahren und -- und -- -- und -- --
-
-Weißt du nicht, daß ich ein Weib bin, sagt die gute Rosalinde im
-Shakespeare, und nur denken kann, wenn ich rede? -- Na, glaubs schon
-nicht, Teuerster, ein bißchen kann ich schon, auch wenn ich nicht rede,
-aber nun nimmt es ein plötzliches Ende und -- und --
-
-Und ganz schön still bin ich wieder und rede nur noch unsre heilige
-Sprache, der Liebe einzige Sprache des Schweigens, dort, in meinem
-Zimmer, in meinem alten Leben, im alten Muschelbett der einst lieblosen
-Träume, -- des Schweigens Sprache, einsilbig in immer dem selben Kuß!
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- Saint-Georges an Renate
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-Den Du erwartest, kommt nie zurück.
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-Es muß eine Wahrheit gesagt werden viel zu spät. Und darum ist die
-Schmach, sie nicht in Deine Augen sagen zu können, leicht genug zu
-tragen mit dem Ungeheuren.
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-Kommt nie zurück. -- Denn --
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-Es sind am heutigen Tage drei Jahre und drei Tage her, als er Dich zum
-erstenmal sah; im ersten Augenblick das Schicksal wissend, das ihn mit
-Dir zusammenfügte; im nächsten auch schon das Zweite: daß Du die
-Magnetnadel seist, die niemand einstellt als die Kraft. Das Dritte ahnte
-er damals nicht.
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-Daß es drei Jahre dauern würde, drei niemals endende Jahre der
-unaufhörlichen Qual. Und daß, wenn diese drei Jahre dann ein Ende
-genommen haben würden, das Feuer sich selbst verzehrt haben sollte und
-nichts mehr sein.
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-Daß Du aber an ihrem Ende kommen würdest, ausgestoßen, aus einer ganz
-verschütteten Welt, in sein Haus, schon wissend -- und doch es nicht
-begreifend --, daß niemand mehr war als Du und Er.
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-Und daß zwei Nächte der vollkommenen Hölle sein würden, Tür an Tür mit
-Dir und -- genug!
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-Und danach die Erkenntnis.
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-Und danach die Angst, daß nun das Unselige kommen würde, nun, nun! daß
-die Nadel sich einstellen werde in diesem Augenblick, in jedem nächsten,
-der bevorstand. Und die Angst, daß die Erkenntnis ein Irrtum sei. Und so
-lag er über der Asche Tage und Nächte, blies und blies, bis dann beide
-Ängste ihn hinüberrissen zu Dir, um -- was? Vielleicht -- nur zu
-gestehn. Vielleicht wegen der Erlösung.
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-Da aber war die Insel. Da war die Erkenntnis ein Irrtum gewesen. Da kam
-der Flug in die Flamme. Und durch die Flamme. In das zeitlose Eis.
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-Da war sie doch wahr gewesen, die Erkenntnis.
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-Noch ist zu sagen von einer Flucht und einigen Tagen sinnlosen Kampfes
-um das, was längst nicht mehr war.
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-Und zu sagen vielleicht von der ruhigen Kälte Eines, der drei Jahre im
-Feuer stehn sollte -- ganz kalt.
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-Und vom Ende und diesem Briefe, der keine Namen hat. --
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- Viertes Kapitel: November
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- Cornelia Ring an Magda
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- auf Hallig Hooge, am 1. November
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-Liebe Magda, heute will ich nun daran gehn, Ihren Wunsch zu erfüllen und
-von uns Allen hier, besonders von Ihrem Freund Georg einen möglichst
->naturgetreuen< Bericht zu geben. Es ist später damit geworden, als ich
-dachte, aber Sie werden einerseits daran sehn, daß nichts Beunruhigendes
-zu melden war und ist, und andrerseits sind es ja immerhin sechs
-Menschen und drei Häuser, für die ich nun haushälterisch aufzukommen
-habe, das reicht schon für den Tag.
-
-Ich beginne mit Bogner, und über ihn glaube ich Sie recht beruhigen zu
-können, jedenfalls was seine Gesundheit angeht. Ich mache ihm täglich
-nach wie vor selber seinen Verband neu, da Frau Tregiorni den Anblick
-nicht ertragen kann, begreiflich bei ihrem Zustand, und sehe, wie es
-eigentlich täglich besser wird. Er selber klagt auf Befragen noch immer
-über Schmerzen beim Gehen, aber an Stellen, wo wirklich nichts sein kann
-außer schmerzlicher Gewohnheit von früher her, vom Liegen oder so, das
-Loch im Rücken braucht natürlich Fleisch zum Ausfüllen, und da er so
-wenig ißt ... Doch denk ich, es wird schon werden, ich habe da
-allerdings mehr Vertrauen als er -- obgleich er nicht davon spricht,
-weiß ich, daß er noch immer der Meinung ist, es gehe mit ihm zu Ende --,
-aber ich kenne einen ganz ähnlichen Fall aus Erfahrung.
-
-Frau Tregiorni ist recht still geworden. An ihr zeigen sich alle Leiden
-dieses Zustands, Fröste, Fieberschauer, plötzliche Ängste, immer wieder
-Übelkeit, Abscheu vor diesem und jenem, heut einer Speise, heut einem
-Kleid, oder vor Menschen, nun -- Sie werden wissen, wie das zu sein
-pflegt, und daß es an sich nicht besorgniserregend ist, obgleich ich
-schon sagen muß, daß es mehr ist als gewöhnlich.
-
-Ja, und nun Georg. Sie möchten, daß ich ihn recht genau beschreibe, und
-in so etwas habe ich freilich gar keine Übung, wie denn meine ganze
-Berichterstattung wohl daran leiden wird, daß ich das Schreiben gewöhnt
-bin in allen möglichen Sprachen, nur nicht in der deutschen; es ist
-merkwürdig, wie wenig man doch weiß von einer Sprache, die man beständig
-spricht, und wie farblos mir selber alles klingt! -- Körperlich scheint
-es ihm, Georg, ganz gut zu gehn; er klagt nur über Schlaflosigkeit. Das
-würde ich auf die See schieben -- sie ist seit Ihrer Abreise fast
-ununterbrochen stürmisch gewesen --, aber er behauptet, »ohne die See
-könnte er nicht leben«. Ich kenne ihn ja auch wenig.
-
-Aber ich kann wohl sagen, daß ich erschrak, als ich ihn zuerst hier
-wiedersah und kaum erkannte. Daran war allerdings hauptsächlich der
-dünne, rötliche Bart schuld, der ihm ums Kinn gewachsen ist, und der
-sein Gesicht älter macht, auch weicher und leidender. Am linken
-Mundwinkel hat er ein nervöses Zucken bekommen, indem es die Unterlippe
-ruckweise nach links zerrt, oft drei, viermal nacheinander, dann wieder
-versucht er es zu unterdrücken, und so kann man daran immer erkennen,
-wie sein innerer Zustand ist. Die Augen, die erst erschreckend
-eingesunken waren, kommen nun langsam wieder hervor, weil die Wangen
-etwas fleischiger werden. Wenn ich Ihnen nun noch sage, daß sein Haar
-über den Schläfen dünner geworden ist und um die ganze Stirn
-zurückgewichen, so werden Sie ungefähr wissen, wie er aussieht. Fast
-scheint es mir, er ist noch gewachsen während seiner Krankheit, das wäre
-ja nicht unmöglich, er ist nun fast einen Kopf größer als Sie und ich
-und dabei so schmal!
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-Es ist ja furchtbar schwer, im Innern eines Menschen zu lesen, dessen
-ganze Natur so wie die seine durch Erziehung und Vererbung darauf
-eingestellt ist, sich zu beherrschen, aber ich kann doch erkennen, daß
-er Unbeschreibliches erlitten haben muß und noch immer leidet. Er ist
-nun, wenn man mit ihm spricht, von einer solchen -- ja wie sage ich nur?
--- Demut, möchte ich fast sagen und weiß doch nicht, indem ich das Wort
-schreibe, wie und wo ich sie gesehen haben will. Er hat eine so
-unbeschreibliche Gebärde, wenn jemand ihm erzählt, so von Menschen, die
-man kennt -- er will immer von Menschen hören und lauscht dann mit einer
-fast glühenden Angespanntheit, als ob er das Wichtigste lernen und
-nichts vergessen müßte --, so eine Gebärde, wollt ich sagen, mit der er
-dann die Hand hochhebt und einen ganz vertieft ansieht und sagt: Ja sehn
-Sie! -- mit dem Ton auf sehn --, aber es läßt sich wohl nicht
-beschreiben, und ich will nun aufhören, Sie werden sich schon gewundert
-haben über all das wirre Zeug. Ein wenig betrübt es mich schon und
-beunruhigt mich auch, von Ihnen und Fräulein Renate so gar nichts zu
-hören seit Ihrer Abreise, und ich hoffe nur, daß dem nicht etwas
-Schlimmes zugrunde liegt!
-
-Ich hoffe nur, daß Sie nicht ganz unzufrieden sind mit meiner
-Berichterstattung, die wie gesagt besser sein würde, wenn ich
-unglückliches Menschenkind eine eigene Sprache hätte, aber das ist nun
-zu spät. Ich grüße Sie und Fräulein Renate recht herzlich! Ihre
-
- Cornelia Ring
-
-
- Georg an Benno
-
-Mein lieber Benno, wie geht es denn Dir? Teuerster Benno, die See ist
-des Teufels! Heute nacht -- ich hatte der Abwechselung halber einmal ein
-paar Stunden geschlafen -- fing ein großes Rumoren an, und als der
-sogenannte Morgen kam -- >ein Ding, das wie Nacht ist aus Lehm< --, war
-der Teufel los. Ich hause nämlich gewissermaßen auf einer Insel jetzt,
-ja, das wäre schon etwas andres als Serk, wo wir triumphierend wie die
-Vögel in der Höhe schwebten, sondern dies hier ist nichts weiter als ein
-kleiner Teller voll Erde, mitten und unten in der Unermeßlichkeit
-rollender Wasser, rundherum ist ein besondrer Wall, auf dem Wall ein
-Turm, in dem Turm ich, nicht völlig mir selbst überlassen, sondern ich
-habe allerlei Gesellschaft, als da sind: zwei Ziegen, eine Kuh,
-verschiedene Hühner, ferner Bogner, Ulrika, ein besonders notwendiger
-Hauptmann namens Ferdinand Rieferling, eine junge Dame mit Namen
-Cornelia Ring und mehrere Tote. Mein Turm steht auf dem Deich, und stehe
-ich auf dem Turm, so habe ich naturgemäß das ganze Panorama unter mir:
-Himmel, grau und schwarz in fürchterlicher Aufregung, ein unsagbares
-Fluchtgetümmel von Lapithen und Giganten, die vor Raserei sämtlich in
-Fetzen gehn, und darunter die ruhmwürdige Winterschlacht der bodenlosen
-Gewässer. Wie wäre es, wenn Du kämst? Hier säßest Du, wie gesagt, mitten
-darin und schlottertest vor Angst, die Wüstenei überrennte Dich
-kaltherzig im nächsten Augenblick; die Seele wird sich Dir umkrempen
-wollen (Notabene bist Du sicher, eine zu haben?), und wenn Du Dich nicht
-an der Brüstung hältst, so reißt Dich das riesige Saugen der Aussicht
-ins schwarze Brodeln hinunter. Tausend Satanasse von Gischt siehst Du da
-herumtanzen und denkst: Wie einfältig ist doch das Land gegen die See,
-eine fromme milchende Kuh gegen einen tollwütigen Stier. Hundert
-Millionen in Raserei aufgelöster Büffel sind hier zu sehn, wie sie
-herantaumeln, nichts in den Hirnen als die aberwitzige Vorstellung, sich
-allhier die Schädel einrennen zu müssen, und schon ists ein Erdbebenfeld
-von Legionen zertrümmerter Mauern, die dahergeschoben werden von einer
-entsetzlichen Leidenschaft, alldas zerspritzt und zerknattert sich zu
-Deinen Füßen, und das Gebrüll steigt zum Himmel, daß er davonjagt. Alles
-siehst Du wanken, die bewohnte Erde ist allerseits spurlos verloren
-gegangen, nun berennt hier die See ihren letzten Widerstand, auf dem
-Wir, die Letzten, herumkriechen wie die Raupen. Allein getrost! Begeben
-wir uns vom Turm hinunter ins Wiesental, so ist alles schon wieder ganz
-sanft geworden, ein wenig öde, ein wenig trostlos, aber der Teufelslärm
-hat sich gelegt und ist zum Orgelrumoren geworden.
-
-Du solltest wirklich kommen! Wie war das noch? Vor einem Jahr ungefähr
-schriebst Du mir einen Brief in einer besondren Zeit, wo ich keine
-Briefe zu empfangen gedachte, und siehe da, ich war gekränkt. Nun haben
-wir wieder eine ähnliche Zeit, wo ich um Dein freundschaftliches
-Schweigen ersuchte, und Du schweigst wirklich, und ich bin auch
-gekränkt. So ist das Leben! Was tust Du? Korrepetierst Du fleißig mit
-Deiner Elfe das ewige Paternoster: Ich liebe Dich, du liebst mich und so
-weiter? Nein, laß das, es führt ja zu nichts, komm hierher, hier läßt es
-sich trefflich rasend werden, und paß auf, ich will Dir mein Haus
-beschreiben!
-
-Stelle Dir vor: einen Turm, achteckig, nicht eben hoch. Kleine Tür, Du
-trittst ein und befindest Dich in einem großen und hohen Achteck, das
-dunkel scheint, nur von rechts und links und Dir gegenüber zerschnitten
-von bleichen Lichtbalken aus drei, nicht eben großen Fensterscharten,
-die gut ihre anderthalb Meter tief sind, denn so dick sind die Mauern,
-und außerhalb enger als innen. Sie liegen genau nach Norden, Westen und
-Osten, die Tür im Süden. Die Wände sind dunkelbraun getäfelt, in der
-Höhe befinden sich rundherum die vor Altersschwärze kaum noch
-erkennbaren Bildnisse der sieben Planeten. Die vorhandenen Möbel,
-bestehend aus einem Schreibbüro, rechts vom nördlichen Fenster, einem
-Ohrensessel irgendwoanders, einem runden Tisch in der Mitte des Raums
-nebst drei Stühlen, genügten dem letzten Wohner, genügen demnach auch
-mir. Eine eiserne Geländertreppe führt durch eine Luke in einen gleichen
-Raum, der als Schlafzimmer eingerichtet ist, und weiter hinauf zur
-Plattform des Daches. Der runde Tisch aber im unteren Zimmer ist
-besonders geeignet, immerzu rundherum zu laufen, es ist auch Platz genug
-für einen zweiten Läufer, also komm, Benno, wir laufen zusammen, einer
-so herum, einer so, wie die Daumen.
-
-Was jedoch tue ich, wenn ich nicht laufe? Entweder ich laufe doch, bloß
-anderwärts, nämlich allein oder mit der gewissen Cornelia außen um den
-Deich, was bei Ebbe manchmal geht, aber wir müssen uns bei jeder siebten
-Welle an die Deichwand klemmen, -- oder ich schreibe meine Memoiren.
-Memoirenschreiben ist wichtig, oder wie? Ein Mensch stirbt, keine
-Memoiren, was kommt zu Tage? Er hat gar nicht gelebt. Augenblicklich bin
-ich leer, darum schreibe ich erstens an Dich, und werde ich zweitens
-anfangen, Aussprüche von Bogner zu sammeln. Er tut immerfort ganz
-bedeutende Aussprüche. (Früher war er nicht so, nun ist er redselig
-geworden.) Willst Du einen? Da hast Du: Bei Gelegenheit unermeßlicher
-Ruhmreden auf allerlei Maler, darunter Kokoschka (ach, wohin verschwand
-mein früher so ebner und stetiger Bogner, nun ausschweifend in
-Empfindsamkeit und Erschütterungen?), verglich er dessen Bildnis des
-Schriftstellers P. Altenberg besonders trefflich mit dem >Hinterteil
-eines Engels in einem Gestrüpp<. Die Gesichter auf Kokoschkas
-Bildnissen, sagte er fernerhin, seien allesamt ohne Haut, das wolle
-sagen, er ziehe die Haut davon ab und sehe darunter nichts als wimmelnd
-zuckendes Schicksal und Leben der Seele, -- so ungefähr, ich werde von
-nun an mehr acht auf die Worte geben. Bogner ist ein seltner Mann!
-
-Und kurz und gut, ich will Dir sagen, wie es mit Bogner steht. Er ist
-verrückt. Platterdings, es läßt sich nicht anders ausdrücken. Mit einem
-Wort: fixe Idee. Plötzlich nimmt er mich beiseite, das heißt, er führt
-mich von Ulrika fort in ein Nebenzimmer, legt mir die Hände auf die
-Schultern, sieht mich trübe prüfend an und fragt: Was meinst du, Georg,
-sie wird es doch gut überstehn? -- womit er das Kind meint, das sie
-kriegt. (Beiläufig hat er mir nämlich Brüderschaft angeboten, und siehe
-da, so wandeln sich die Zeiten! Einst, als ich ein pickliger Hering war,
-wie verging ich in Ehrfurcht vor diesem besondersten Mann, und nun, wo
-ich inzwischen so heruntergekommen bin, daß ich keinen Bissen mehr von
-mir annehmen mag, da stellt er mich zur Rechten seines Throns und
-bezeugt mir sein Wohlgefallen. Wie besonders ergötzlich, zumal wenn man
-bedenkt, daß es mein telemachisches Zwerchfell natürlich doch kitzelt!)
-Also, ich antworte: Glänzend! sie übersteht es glänzend! -- Er nickt vor
-sich hin, sagt: Und ich, Georg, was hältst du von mir? -- Ich -- wie
-oben und so weiter ... Lieber Georg, sagt er da trübsinnig, du irrst
-dich. Dies ist bloß Schein. Und, sei nicht traurig, sagt er so in seiner
-besondren Weichmütigkeit, aber -- kurz und gut: mit mir ist es aus. --
-Ich bin sprachlos, murmele einiges, und da fängt er tatsächlich an, mir
-seine Idee zu entwickeln. Nämlich erstens: Geistig zeugerische Menschen
-dürfen keine Kinder haben. -- Das nannte er ein Naturgesetz. Man, sagt
-er, darf nur auf eine Art zeugen. Gesetzt also, ich zeuge trotzdem auf
-eine andre, so ist damit bewiesen, daß die meine nicht gilt. Ich bin
-verworfen, sagt er unfehlbar, und geht und sitzt am Fenster bei den
-Fuchsien in Gestalt eines alten, gebrochenen Mannes. Mir brach das Herz,
-und er fährt mit einer feierlichen Wehmut fort: Sie -- wird leben, und
-was aus ihr kommen wird; ich sterbe. -- Ja, so stellte es sich ihm dar:
-sein Leben hört auf, das des Kindes fängt an. Worauf er anfängt, es mir
-andersherum zu beweisen.
-
-Einsamkeit, sagt er, ist das Gesetz des Arbeiters im Geist. Dies, sagt
-er, habe ich an mir erprobt gefunden, denn immer, wenn ich versuchte,
-mit andern Menschen eine Verbindung einzugehn, gab es Unheil für sie und
-für mich. So auch jetzt, und jetzt das besonders Böse: Als ich mich mit
-Ulrika verband, tat ich unwissend etwas, an dessen äußerstem Ende mein
-Tod erschien. Ich legte Hand an meine eigne Form, ich zerstörte sie.
-Ich, schloß er, habe selber auf mich geschossen, nicht der Andre.
-
-Und dann wieder von vorn und hundert Mal immer das gleiche in andern
-Gestaltungen.
-
-Die Verwandlung dieses von mir geliebten Menschen ist zum Grausen.
-Früher die Stetigkeit selber und Feste, eine gotische Burg, ist er nun
-wie ein Erdhaufen, unter dem der Maulwurf arbeitet. Ich kann nicht
-umhin, unsrer ersten Gespräche vor Jahren zu gedenken. Damals -- den
-Inhalt vergaß ich --, damals aber jedenfalls war ich der besondre
-Dialektiker, nicht ganz ungewandt, wenn ich auch heute weiß, daß meine
-Einfälle sich assoziativ einstellten, vermittels Luftwurzeln sich
-fortpflanzend, anstatt aus unterster Wurzel zu treiben. Heute kann ich
-mir immerhin einen gewissen Zwang nachrühmen, jeden Gedanken auf seinen
-Ursprung zu prüfen, er dagegen ist von einer Spitzfindigkeit
-ohnegleichen und fängt die Behauptungen aus der Luft, weil sie da
-funkeln. Zum Beispiel folgendes:
-
-Nämlich die Rede war von dramatischer Kunst. Ich weiß was, sagt Bogner,
-das Drama ist die leibhaftigste, menschenhafteste Kunstform, und darum
-hat es fünf Akte wie die Hand fünf Finger. -- Blendend, nicht wahr?
-Übrigens, fährt er fort, ist es dir auch schon einmal aufgegangen, daß
-sich das Drama zum Epos verhält wie das Gebirge zur Ebene? --
-Aufgegangen nicht, sage ich, aber wo du es sagst, kommt es mir ganz
-bekannt vor. -- Denn siehst du, fährt er eifrig fort, so ein Trauerspiel
-ist wie eine Gebirgswanderung. Da giebt es überall Plötzlichkeiten,
-Täler, Abgründe, Schroffen, halsbrecherische Stege, einsam
-emporstrauchelnde Seelen, Anseilungen, und die großen unverhofften
-Ausblicke in dampfende Tale, Ängste und Entzückungen, mit einem Wort:
-Tragödie.
-
-Als Einfall wieder blendend, wie schon bemerkt. Ich aber sagte, ohne
-mich zerblitzen zu lassen: Und aus diesen Gründen schrieb ja auch der
-Bergschotte Scott seine langen Romane, der Tiefländer Shakespeare
-dagegen Tragödien, Epen die Bergschweizer Keller, Meyer und Spitteler,
-der Tieflandfriese Hebbel dagegen nebst dem Märker Kleist Dramen, ebenso
-wie Grillparzer vom sanften Kahlenberge. -- Bogner war ganz elend von
-meiner Beweisführung und wollte sich kläglich herauslügen: Keller hätte
-vor der Ebene gesessen (ich schrie: aber Blut und Geburt!), Shakespeare
-wäre als Genie überhaupt unkontrollierbar, Kleist hätte Novellen
-geschrieben und einen verloren gegangenen Roman (was der alles weiß!).
-Spittelers Werke wären erfüllt mit alpiner Landschaft und Scott
-überhaupt bloß ein Schriftsteller gewesen, und vor allem hätte ich
-vergessen: Balzac, Dickens und Dostojewski aus dem breitesten Flachland.
--- Ja, so spitzfindelten wir herum, und er schloß mit der tiefsinnigen
-Frage, ob das vielleicht deshalb so sei -- wenn ich nämlich doch recht
-hätte --, weil, wie der Bauer seine Natur so gewohnt wäre, daß er ihrer
-nicht mehr gewahr würde, so auch der Dichter -- und so weiter ...
-
-So viel vom Bogner. Ja, aber Benno, was muß ich da sehn? Du sitzt und
-liest und liest an einem Brief, und am Ende stellt sich heraus, daß Du
-ihn gar nicht gekriegt hast! Nein, ich werde mich hüten, ihn
-abzuschicken! Eine andre Form der schriftlichen Niederlegung meiner vor
-Gewohnheit ächzenden Seele wars, Benno, sonst nichts!
-
-
- Aus den Papieren Georgs
-
-
- (von Bogner)
-
-»Georg,« sagte Bogner fast traurig zu mir, »ich glaube, du hast einen
-großen Fehler. Du willst zuviel wissen.«
-
-Wir hatten nämlich halbe und ganze Nächte alles Denkbare bis ins
-Undenkbare erörtert, und ich dachte, als er mir diesen besondren Fehler
-vorwarf, ich hätte das auch tun können. Ich sagte deshalb, bloß um etwas
-zu sagen: »Wie kommst du darauf?« Aber diese Frage war ihm grade recht.
-
-Nämlich in seinem Zimmer steht eine alte, hölzerne und geschnitzte
-Wiege, die Ulrika langsam mit den fertig werdenden Kleidungsstücken für
-ihr Kind anfüllt. Vor dieser Wiege saß ich eben, bewegte sie mit der
-Hand hin und her und fragte mich, warum das eigentlich angenehm für
-Kinder sei, gewiegt zu werden, da die selbe Bewegung doch für den
-größten Teil der erwachsenen Menschheit unerträglich sei, nämlich an
-Bord der Schiffe auf See.
-
-»Nun möchtest du nämlich wissen,« sagte Bogner freundlich, »warum die
-Wiege hin und her geht. -- Und ich weiß es«, setzte er leise hinzu.
-
-Als ich aber nun um die Erklärung bat, wehrte er ab. »Du willst zu viel
-wissen, Georg, und weißt du, was du tun wirst? Du zerstörst dir deinen
-Gott.«
-
-»Weißt du denn, wer mein Gott ist?«
-
-»Alles, was dir unbegreiflich ist. Alles Rätselhafte in dir ist Gott.«
-
-»Ach,« sagte ich, »dann werde ich ihn nicht zerstören, sondern im
-Gegenteil, ich werde ihn nur wachsen machen, denn je mehr ich davon in
-Erfahrung bringe, um so ungeheurer werden die Umrisse im Dunkel. Sag
-mir, was ist mit der Wiege?«
-
-»Du mußt,« erklärte er nun, »wenn du es wissen willst, nicht die große
-Frage nehmen, sondern die kleine. Unbekannt? Also werde ich dich sie
-fragen: Warum geht die Wiege hin und her, von links nach rechts, nicht
-auf und abwärts von vorne nach hinten?«
-
-Diese Frage kam mir schon so besonders vor ... Aber ich wußte keine
-Erklärung.
-
-»Weil«, sagte er da, »die Mutter, die in ihrem Leibe das Ungeborene
-trägt, es wiegt, indem sie es von einem Fuß auf den andern bewegt im
-Gehn, von links nach rechts. Aus diesem Grunde lieben wir diese
-Bewegung, wenn wir geboren sind, dann erinnern wir uns an vorher.«
-
-Ich dachte noch: Das Kind fühlt sich in der Wiege, wie in der Mutter;
-und es glaubt, was es fühlt; aber der Mensch hat freilich Erfahrung und
-ist so groß geworden, daß er selbst im Meere sich nicht mehr fühlen
-kann, obwohl er ganz darin ist, denn er ist nun nur noch in sich selbst,
-und er glaubt an nichts mehr.
-
-Ich kann aber nicht sagen, wie sehr mich diese Erklärung Bogners
-ergriff, ja erschütterte. Sie traf mich wie ein Blitz, und eine Sekunde
-lang wußte ich alles. Das war, als hätte die vorher immer grenzenlose
-Welt plötzlich ein ganz nahes Ende genommen. Dort, in der Mutter, war
-alles zu Ende.
-
- * * * * *
-
-Ich fragte Bogner heut in Erinnerung an das Gestrige, ob er an Gott
-glaube. Er sagte, wenn ich >glauben< gleichsetzte mit Fürwahrhalten, so
-könne er nicht sagen, daß er glaube.
-
-Ich fragte: Warum?
-
-Er sagte erst nach einer Weile: »Ein religiöser Mensch, mit dem ich
-einmal über das Jenseits sprach, meinte, ich glaubte daran nicht, weil
-meine hiesigen Sinneswerkzeuge nicht imstande seien, mich über das
-Dortige aufzuklären und mir Beweise zu schaffen.«
-
-»Das war nun nicht der Fall«, fuhr Bogner fort. »Zwar bin ich der
-Meinung, daß es sinnlos ist, mich in meinen Sinnen mit Dingen zu
-befassen, die für eben diese Sinne unzugänglich sind. Ich habe aber eine
-Seele. Und warum ich diese Seele mit einem Dort beschäftigen soll, da
-sie im Hier vollauf Arbeit und Nahrung und Wachstum findet, das
-allerdings ist mir unerfindlich. Warum aber tun dies fromme Leute wie
-jener Frager?
-
-»Sie tun es deshalb, weil eben ihr hiesiges Dasein ihnen keine
-Gelegenheit bietet, oder im Verhältnis ihres übervollen, sorgengefüllten
-Daseins zu geringe Gelegenheit, um sie zu betätigen, ja nur zu
-empfinden. Zu Essen und Schlafen, Sichbegatten und Plagen, zu
-Büroarbeit, zu Kinderschelten und -kleiden, zum Spaziergang und
-Musikkapelle haben sie eine Seele nicht nötig. Vielleicht daß sie es
-meinen, aber alledies und noch viel feinere Dinge würden sie mit der
-Vernunft allein und ohne Seele genau so gut besorgen, und die Tiere tun
-das in ihrem Maße, zum Beispiel die Ameise oder der Biber. Aber doch
-wissen sie von der Seele durch den Tod. Sie sind arm und wollen reich
-werden. Sie sind so arm, daß sie sogar einsehn: für einen Reichtum der
-Seele ist in diesem Dasein kein Platz. Sie müssen selber wider Willen
-einsehn, daß sie ihre Seele hier nicht brauchen können. Wäre Mitleid von
-allen Lebensvehikeln nicht das gefährlichste, so könnte man Mitleid mit
-ihnen empfinden.
-
-»Ich,« sagte er langsam, »ich war ein glücklicher Mensch. Ein reicher
-Mensch. Ich brauchte auf keinen dortigen Reichtum zu sinnen. Ich habe
-durch über zwanzig Jahre meines Lebens jede Stunde und Minute jedes
-Tages meine Seele gebraucht. Ich war reich«, schloß er traurig.
-
-(Dieweil er ja denkt zu sterben und also zu verarmen; er kommt immer zur
-selben Stelle zurück.)
-
-Ob das alles sei, woran er glaube, fragte ich bald, um ihn abzulenken.
-Er schwieg lange. Endlich sagte er:
-
-»Ich glaube ja nicht. Ich -- bedarf. Du und ich, wir bedürfen des
-Göttlichen.«
-
-»Und das ist?«
-
-»Ich sage es ja: das Geheimnis. Es giebt die unbekannten Dinge, vor
-denen dich schaudert. Es giebt dich und mich selber, die wir uns so
-unbekannt sind, daß uns schaudert, wenn wir diese Stelle berühren. Warum
-mußte ich malen? Wenn ich diese Stelle an mir berührte, so sagte Gott:
-Ja. -- Und ich sah ihn golden eingehüllt in sein Rätsel. Warum kann ich
-nicht mehr malen? Ich habe die Gnade verloren.«
-
-Immer die gleiche Stelle. Er weinte. Wir wurden unterbrochen und kamen
-an diesem Abend nicht weiter.
-
- * * * * *
-
-Da wir heute von großen Menschen vergangener Zeiten sprachen, so malte
-Bogner in einer unbeschreiblich wunderbaren Weise von manchem das Wesen,
-mit Bildern aus drei Worten oft, wie ich es nie von ihm hörte (und immer
-mit diesem leichten Zittern von Tränen in der Stimme, das er jetzt bei
-solchen Gelegenheiten hat), und ich erinnere mich nur noch, wie er
-Hölderlins äußerlich rührend dürftige Gestalt hinstellte als einen
-abnehmenden Mond am Abendhimmel, dessen ganzes volles Rund doch im
-Unendlichen schwebe; wie er Jean Paul nannte: einen Pfauenschweif aus
-Regenbögen, und Novalis die Narzisse mit den Zeichen der Passion in
-Blüte verwandelt, -- worauf er dann mir ganz unvermutet in Klagen
-ausbrach, daß es nur früher Menschen von solchem Seelenadel, solcher
-Reinheit, Größe, Süße und Einfalt gegeben habe. Ich mocht es nicht
-glauben, widerstritt aber nur unvollkommen: eben heute hätten wir andres
-...
-
-Er seufzte. Was das für ein sinnloser Einwand sei. »Du vermissest eine
-Blume und sagst: aber jetzt habe ich einen Edelstein. Ist nicht das
-Dasein jedes Dinges gegründet auf seine Notwendigkeit? Gäbe es überhaupt
-etwas, das wert wäre zu sein, wenn es einen Ersatz dafür gäbe? Gut aber,
-du sagst, du habest jetzt den Edelstein, und eins machst du damit
-natürlich klar: daß der Edelstein, den du kennst, im Augenblick für dich
-einen solchen Wert hat, daß du den der Blume, die du nicht kennst, gar
-nicht begreifen kannst. Und so hättest du recht. Und noch aus einem
-andern Grunde sogar wirst du recht haben, denn du hast den Verstand für
-dich, der dir sagt: ich lebe heute; also muß das Heutige mir wert sein.
-Ja, Georg, der Nüchterne, der Unbewegte, oder der sich so stellt, der
-hat immer recht, wenn er linker und rechter Hand aufs Fluten hinabsieht
-und sagt: da und dort ist gleiche Stromgeschwindigkeit. Wen aber eigne
-tiefe Wallung der Stunde selber hineinriß in die Strömung, der hat nur
-das Jauchzen -- nach vor- -- und das Klagen -- nach rückwärts, und
-morgen, Georg, morgen, wenn du im Strome liegst und ich am Ufer stehe,
-wirst du mit meinen Worten zu mir aufjammern, und ich werde dich und
-mich Lügen strafen.«
-
- * * * * *
-
-Ich fand Bogner über einer Bibel am Tisch; er schien auf mich
-gewartet zu haben, denn er sagte gleich: »Da habe ich die ganze
-Schöpfungsgeschichte gelesen, und weißt du, was ich gefunden habe? Es
-werden alle erschaffenen Dinge aufgezählt, aber ein ganz wichtiges ist
-vergessen. Es könnte vergessen scheinen«, verbesserte er sich. »Wenn ich
-es dir nenne, wirst du seine tiefe Bedeutsamkeit erkennen. Ja,« fuhr er
-eifrig fort, »angenommen, dies ist der Fall: ein Ding, das wir von Gott
-erschaffen glauben, wurde bei der Aufzählung des von ihm Erschaffenen
-nicht genannt, was muß die Folge sein?«
-
-»Daß er selber dies Ding ist.«
-
-»Gut, Georg!« Er lobte mich. »Und nun weiter: Was tat Gott, nachdem er
-den Menschen aus Lehm geknetet hatte? Er machte ihn lebendig. Wodurch?
-Dadurch daß er ihm seinen Odem einblies. Was aber war dieser Odem?«
-
-Ich sagte: »Die Luft.«
-
-»Und die Luft,« rief er, »die ist das Ding, das nicht aufgezählt ist
-unter den erschaffenen Dingen, wo doch Sonne und Sterne, der Himmel, das
-Meer und das Feste und was auf dem Festen wuchs, alles aufgezählt wurde.
-Konnte etwas wachsen, konnten Tiere sein ohne Luft? Dennoch wurde die
-Luft für den Menschen, für Gott vorbehalten, denn der Mensch war für den
-Schreiber dieser Geschichte das einzig wahrhaft Lebendige, und das Leben
-kam ihm und nur ihm mit der Luft. Und siehst du wohl,« fuhr er fort,
-»auf schlechten Bildern, Bildern, auf denen doch alles recht und
-deutlich gemalt ist, was scheint dir daran zu fehlen? Die Luft. Und sie
-fehlt sogar auf den Bildern der einfältigen Meister aus Niederland und
-Köln, aber warum vermissen wir sie doch nicht? Weil sie nicht nur die
-_Gabe_ hatten wie die nichtswürdigen lustlosen Maler von heut, sondern
-etwas ganz Einziges: den Fleiß. Einen so großen Fleiß und eine so große
-Sorgfalt, daß er sogar die Luft und die Gnade ersetzte, denn im Fleiß
-war die Liebe, und in der Liebe«, schloß er triumphierend, »muß immer
-auch Gnade sein.«
-
- * * * * *
-
-Ich hatte Bogner aus dem Gedächtnis einige Gedichte von Stefan George
-gesagt, darunter zuletzt den >Tag des Hirten<: Die Herden trabten aus
-den Winterlagern ... Schon bei der ersten Zeile sah ich seine Augen weit
-werden; bei der himmlischen zweiten: Ihr junger Hüter zog nach kurzer
-Frist ... legte er das Gesicht in die Hände, und als ich dann schloß:
-
- Er krönte betend sich mit heilgem Laub,
- Und in die lindbewegten, lauen Schatten
- Schon dunkler Wolken drang sein lautes Lied ...
-
-seufzte er dermaßen schmerzlich, als wäre ihm eine Welt untergegangen.
-Er sprach kein Wort mehr den Abend, und erst als ich schon gehen wollte,
-zog er mich auf einmal in die Arme, küßte mich und murmelte etwas, das
-ich nicht verstand.
-
-»Du kannst doch auch dichten, Georg,« sagte er dann, »du bist auch ein
-Dichter!« Und hierbei beharrte er eigensinnig, obwohl ich es ihm lang
-und breit abstritt, daß ich wohl Verse schriebe, aber kein Dichter sei.
-Fast wäre er ärgerlich geworden. »Wenn du es weißt, Georg,« sagte er,
-»wenn du weißt, wie es ist, wenn du Sprache hast, so mußt du es doch
-auch sein!« beharrte er und wurde erst unschlüssig, als ich es ihm an
-Malern nachwies, die zwar das Handwerk hätten, aber doch nicht die
-Kunst.
-
-»Das mag für Maler stimmen,« meinte er dann, »aber doch nicht für die
-Sprache! Da sind Farben, Finger und Hände und Pinsel; was geht nicht
-alles verloren auf so weitem Wege, wenn einer nicht die ganze Kraft hat
-und Gottes Beistand. Aber in der Sprache ist alles! Sie allein ist
-unmittelbar und enthält doch eins im andern das Beide, sonst so
-Getrennte: Vernunft und Gefühl, verschmolzen im Tönen der Seele!«
-
-»Die göttliche Sprache!« fing er nun an. »Ja, das ist das Wunderbare an
-ihr, das unterscheidet sie von allen andern Künsten und erhebt sie zur
-höchsten: daß sie so unmittelbar ist. Nichts als der zaubrische Mund! Da
-ist der Mensch, allein, und er selber ganz und gar und allein ist:
-Instrument. Die Öffnungen einer Flöte mit den Fingern betupfen, auf den
-Saiten einer Geige die Finger so und so stellen, mit dem Bogen so und
-anders anstreichen, -- was andres tut denn der Mensch, der redende, wenn
-er die Zunge so und so an den Gaumen, an die Zähne drückt, die Lippen
-weit oder wenig, rund oder schmal öffnet? Und er tut ja mehr! Im
-Instrument ist der Ton, er bringt ihn nur hervor, tut Wissen und
-Handhabung hinzu, aber die Sprache, die bildet er ja selbst, er bildet
-das Wort, ganz und gar, außen und innen, Zeichen und Sinn, und wie aus
-einer Blume, so duftet die himmlische Seele daraus hervor! Und ist der
-Mensch selber das Instrument, so muß einer sein, der spielt, wer ist
-das? Der Gott. -- Allem Alltäglichen, allem Irdischen und Menschlichen
-abgewandt, ganz hingegeben dem göttlichen Spieler allein, an seine Brust
-gelegt wie die Geige, -- wie durchrauscht ihn sein Tönen! >Die Herden
-trabten aus den Winterlagern<. Sieh, das ist meine Sprache, alles ist da
-wie in meiner Sprache, aber vom ersten Hauche an fühlst, ja, noch ehe du
-die Lippen öffnest, fühlst du schon: es ist ein Andrer, der dir den Mund
-öffnet, und nun wird eine andre Sprache ertönen, erkennbar an keinem
-besondren Klang, oder Bild, oder Gedanken, sondern nur an diesem allein,
-diesem göttlichen _Anderssein_, das du so spürst wie -- wie wenn du
-schlafend auf einen Stern versetzt wärest und erwachtest auf ihm und
-wüßtest gleich beim ersten Atemzug aus seiner Luft, aus der _anderen_
-Luft: du bist auf einem Stern. >Die Herden trabten aus den Winterlagern
-...< Oh wie es da hervorduftet aus dem Unsichtbaren, wie am dunklen
-Morgen der Geist der Erdenkräfte schlafkühl duftet aus dem Schlummer der
-Geschöpfe. Jedes Gedicht aber, das so nicht ist, an dem man nur zu
-Stellen, wie den Kristall im Stein, das göttliche Dasein spürt,
-verkalkt, getrübt und unrein, ist Lästerung des Gottes, Georg,
-Vergiftung des Gottes, und sie wird sich rächen und die Seele dessen
-vergiften, der sie beging!«
-
-»Du meinst mich«, sagte ich hierauf.
-
-Aber nun wollte er es nicht gelten lassen.
-
- * * * * *
-
-Ich saß hinter dem Tisch auf dem Sofa, hatte die Ellenbogen auf der
-Platte, die Hände übereinander gelegt und das Kinn darauf, und so
-rauchte ich, und wir schwiegen. Auf einmal lächelte Bogner. --
-
-»Warum lächelst du?« fragte ich.
-
-»Ich lächelte über dich«, gab er zur Antwort.
-
-»Du hast nämlich«, fuhr er auf mein Ersuchen fort, »mitunter eine so
-erinnerungsvolle Bewegung beim Rauchen. Mitunter, wenn du die Zigarette
-aus dem Munde nehmen willst, dann nimmst du sie zwischen zwei steife
-Finger, und dann schiebst du die Lippen ganz weit vor, wie zum Saugen,
-und dann lösest du das an der Lippenhaut klebende zarte Papier langsam
-ab. Dabei saugst du dich innerlich ganz voll mit Rauch, und nach einer
-Weile strudelst du ihn von dir mit einem traurigen Seufzer.«
-
-»Gott segne deine Augen, Bogner,« erwiderte ich, »und was soll das
-alles?«
-
-»Darin soll«, sagte er, »eine Antwort auf die Frage liegen: warum raucht
-der erwachsene Mensch? Es giebt ja Unverständige darunter, die nehmen
-bloß den Mund voll, aber der Wissende tränkt seinen ganzen Leib durch
-die Lunge mit dem schönen Gift. Warum, Georg? Aus Erinnerung. Er denkt
-an seine Kindheit und saugt wieder. Damals weiße Milch, heute braunes
-Gift. Und er muß den entseelten Rest des nur halb Verzehrten wieder von
-sich geben und tut es mit einem traurigen Seufzer.«
-
-Bogner lachte bis zu Tränen, zog dann seine alte Pfeife aus der Tasche,
-die er nicht brauchen darf, betrachtete sie wehmutvoll und roch daran.
-Auch ich hatte erst lachen müssen, aber nun wurde ich von Schrecken
-ergriffen im Gedanken an das von der Wiege und der Mutter, und ich
-sagte: »Ja, ist es denn wirklich so, Bogner, daß mit unsrer Kindheit
-alles ein Ende nimmt, und wenn wir uns an Äonenfernes zu erinnern
-glauben, so war es nur zwanzig Jahr her?«
-
-»Glaubst du das?« fragte er. »Ich weiß es seit langem.« Und er erklärte
-mir, daß er besonders deutliche Erinnerungen an früheste Kindheit hätte,
-und zwar nicht eingebildete nach Erzählungen Erwachsener.
-
-Und da fängt er an, von den Erscheinungen seiner kindlichen Fieberträume
-zu sprechen, und sagt: »Da war nämlich das Große!«
-
-Ich wäre gern in ihn hineingestürzt. Ich schrie: »Das Große! das kennst
-du auch? Dies entsetzliche schwarze Anwachsen und Riesigsein und --«
-
-»Und dann der Gang, durch den man hindurchsoll, und der zu eng ist ...«
-
-»Ein Gang war bei mir nicht,« sagte ich, »bei mir war das Wälzen!«
-
-»Nun, das ist gleich,« meinte er, »es hat ja den gleichen Sinn.«
-
-Ich schrie wieder: »Es hat einen Sinn? Welchen Sinn hat es denn?«
-
-»Du siehst, daß es einen Sinn haben muß, denn wie könnten sonst wir
-Beide es erlebt haben? Und nicht nur wir Beide. Ich glaube, daß jeder
-Mensch es kennt, und zum Beispiel in dem Buch von Rilke, da steht es
-auch darin.«
-
-»Ja, aber was ist es denn, mein Gott?«
-
-Er sagt: »Die Geburt.«
-
- * * * * *
-
-Heute will ich nur aufschreiben, was mir eben wieder ins Gedächtnis
-kommt aus den ersten stillen Tagen dahier.
-
-Wir befanden uns in der noch lauen Nacht ohne Sterne oben auf dem Deich
-über der Ebbe des Meers. Zwei Tütvögel, die unsre Anwesenheit erregte,
-kreuzten unaufhörlich über uns hinweg, jeder eine Zeitlang, wenn er über
-uns war, anhaltend und mehrmals seinen mißtönigen Klageschrei
-ausstoßend, -- der einzige Laut in der Stille. Ich lag auf meinem
-Mantel, die Füße in der Richtung der unsichtbaren See, die Hände unterm
-Kopf, im linken Augenwinkel, mehr gewußt als gesehn, den Schatten des
-sitzenden Malers auf seinem Feldstuhl. Wir hatten -- nicht das erste Mal
--- von Ulrika gesprochen, und er deutete mir wieder Züge ihres Wesens
-und das Ganze auf eine unendlich innige Weise des Wissens. Dabei war es
-aber immer, als ob hinter seinen Worten sich das bewegte, was er mir
-später >gestand<, wie er sagte, das Geheimnis seines und ihres Lebens
-und Sterbens. An jenem Abend sagte er, er habe einmal in seinem Leben,
-vor Jahren, eine Frau so geliebt, daß er fast daran zu Grunde gegangen
-wäre; »und das«, sagte er, »schien mir später zuviel für einen Menschen,
-dessen Auftrag es nicht ist, Menschen zu lieben, sondern --«
-
-Er schwieg, und ich glaubte das Ungesprochene richtig zu ergänzen, indem
-ich sagte: »die Kunst.«
-
-Ich wandte mich zu ihm bei diesem Wort und sah nun sein eines Auge im
-Dunkel, der See zugewendet in einer Haltung des Kopfes, die mir
-besonders verzweifelt erschien.
-
-»Nein, Mensch, wie kommen Sie darauf?« sagte er dann. »Glauben Sie,
-einer wie ich -- liebte die Kunst? Denken Sie bitte einmal an das, was
-Sokrates im Gastmahl Platos feststellt: daß man liebt, was man nicht
-hat. Was ich nicht habe, ja, das liebe ich freilich, und das ist: die
-Form. Die Vollkommenheit. Das ist jedes Bild, das ich noch nicht gemacht
-habe.«
-
-Ich sagte nun einiges Unvollkommene und Verlegene, wie daß Kunst selber
-eben die Liebe sei, die alles, was sie nicht habe -- ewig und ewig die
-Form -- mit solchem Wahnsinn begehre, daß sie es darstellen müsse.
-
-»Ja, den Dämon,« sagte er leise, »wenn Sie den meinen, -- den Dämon, der
-treibt und widersteht, den liebt man ja wohl.«
-
-»Und übrigens«, fuhr er nach einer Pause gequält fort, »habe ich Sie
-eben belogen. Früher war das so. Nun, ja nun haben Sie recht, nun liebe
-ich die Kunst, die ich nicht mehr habe, und den Dämon erst, der mich
-verlassen hat, weil ich ihn verließ und zu Menschen ging.«
-
-»Bogner,« sagte ich und legte die Hand auf sein Knie, »Bogner, das ist
-doch nicht wahr!«
-
-Ich setzte mich auf. Der Schatten schlagender Flügel, Weißes vom
-Vogelleib fielen aus der Nacht herunter, deutlich scholl der Notschrei.
-Bogner ergriff meine Hand und hielt sie fest. Er nickte dann langsam mit
-dem Kopf und sagte leise und geheimnisvoll:
-
-»Wenn es einer begreifen könnte außer mir, -- was wäre es dann?«
-
-Meine Hand ließ er nicht los. Ich fand kein Wort, und er blieb
-verschwiegen. Aber meine Hand hielt er fest, daß es mich jammerte im
-Herzen, bis wir dann aufstanden und ins Haus hinabstiegen.
-
-
- (Cornelia)
-
-Bei einer Wanderung, auf langer Straße im flachen Land, kann es uns wohl
-begegnen, daß wir in weiter Ferne zu unsrer Linken oder Rechten etwas
-Menschenhaftes gewahren, nichts weiter als einen Punkt, der menschenhaft
-erscheint, ohne Bewegung, und der die Weile, während der wir ihn im Auge
-behalten, sich nicht verändert noch deutlicher werden will. Vergaßen wir
-ihn dann lange Zeit über andern sehenswerten Dingen umher, so gewahren
-wir ihn plötzlich gar nicht weit von uns auf einer zur unsern
-heranführenden Straße, deutlich genug, um ihn an Gang und Kleidern als
-einen Menschen, wie wir selber es sind, zu erkennen, und dann betritt er
-vielleicht keine drei Schritte vor uns unsre Straße, hält an und
-erwartet uns, wir reden uns an, wir finden Gefallen genug an einander,
-zusammen zu bleiben für ein paar Stunden, wir verstehen uns gut mit ihm,
-oder auch er erscheint uns sehr merkwürdig während der nun gemeinsamen
-Wanderung, und schließlich fällt es uns wohl zu unserer Verwunderung
-ein, daß wir hier zusammen gehn und gut Freund sind mit jenem Punkt, den
-wir vor zwei Stunden keiner Beachtung, keines Gedankens von Möglichkeit
-einer Beziehung für uns wert hielten.
-
-Es sind heut Jahre her -- nach der gewöhnlichen Berechnung nur Jahre --,
-da sah ich Cornelia ganz von fern, nicht deutlicher, als daß sie zu
-erkennen war als ein weiblicher Mensch. Auf einmal sah ich sie zu meiner
-Straße heraufkommen; hier war es, hier sollte sie wenig Schritte vor mir
-meine eigene Straße betreten, ich gewahrte sie schon deutlicher, so daß,
-wenn wir etwa am Vormittag zusammen um den Deich gingen, heut, oder
-morgen am Nachmittag Tee tranken mit den Andern, oder einer las vor und
-wir lauschten: daß ich dies und jenes schon sicher an ihr wahrnahm: den
-Schnitt ihres Mantels, die Form ihrer Stiefel, Besatz an der Bluse, ihr
-Haar, ihren in den Fußgelenken schwingenden Gang, ihre länglichen Hände,
-die Lockerheit des Daumens, das Rund ihrer Augen und ihren Blick.
-Langsam bildete sich so ein Ganzes aus vielen Teilen, dieweil wir uns
-nun entschlossen hatten, nebeneinander zu gehn, -- erkennbar schon als
-ein Ganzes, obwohl noch manches Stück fehlte und zwischen den
-vorhandenen die Risse und Fugen noch ungeheilt schimmerten. Aber sie
-heilten, denn nun kam auch Teilnahme, das formenschaffende Gefühl, ein
-Wesen bildend langsam, das mir wohlgefiel, das meinen Sinnen wohltat,
-den fünfen und jenem unbekannten, nicht mit Namen zu nennenden, jenem
-Tastempfinden von Mensch zu Mensch, auf dem alle Möglichkeiten und
-Beziehungen der Menschen zueinander beruhen, der uns den andern Menschen
-_atmen_ läßt wie ein besondres Arom in unserer Luft, und in dem dann
-bald die süße Flamme Ähnlichkeit sich gläsern erhebt, wie die Flamme der
-heißen Mittagsluft überm Wachholder der Haide, -- sie zeigte sich über
-Cornelia.
-
-Nun erschien sie mir schon besonders; nun erschien sie mir, meiner
-Veranlagung gemäß, vor allem: hübsch, und es deuchte mich angenehmer,
-beim Gehen die Hand in ihren Arm zu schieben, und so weiter. Es war
-bereits immer ein leises Freuen, wenn sie kam und zugegen war; was man
-sagte, dem hörte sie gut zu und gab die rechten Ergänzungen oder
-Erweiterungen, und so man nicht sprach, war sie's auch zufrieden und
-schwieg. Sie war nämlich bereitwillig.
-
-Morgens kam sie selbst mit dem Frühstück, ich lud sie zu bleiben, und
-sie blieb, dann stellte sich heraus (nämlich ich mußte fragen, von
-selbst gab sie nichts preis), daß sie selber noch nüchtern war, und nun
-mußte sie ihr Frühstück mitbringen. Erlaubte es irgend das Wetter, so
-erwarteten wir gemeinsam am Strande das tägliche Boot mit meinem Kurier,
-dort trafen wir den notwendigen Hauptmann, standen in unsern Mänteln und
-hochgeschlagenen Kragen gegen den Wind gedreht, froren erbärmlich und
-sahen uns gegenseitig immer röter anlaufen.
-
-Nun und so weiter ...
-
-Was aber war dann eines Tages anders geworden? -- Nun hielten wir uns
-nämlich bei den Händen im Gehn, meine Stimme hatte den weicheren Ton der
-Vertraulichkeit, meine Hand das Recht, den vom Wind umgekrempten
-Mantelkragen zurechtzuschieben oder die schiefgewehte gestrickte Mütze
-gradezuziehn über ihrer Stirn, ohne daß sie oder ich dabei den grade
-begonnenen Satz unterbrach. Ich fand alte Gedichte und las sie ihr vor,
-ich kannte nun den besondren Ton ihrer Haut am Nacken, dort wo die Bluse
-sich ablüpfte, wenn ich ihr in den Mantel half. Ich kannte genau die
-Form ihrer Stirn und jede Bewegung ihres Mundes, und viele ahnte ich
-voraus und erwartete sie, und all dies ward mir sehr lieb. Ich erinnerte
-mich: dies hatte ich schon früher erlebt, und doch war es dadurch nicht
-abgenützt worden. Ich dachte aber nicht, daß ich sie küssen möchte, denn
-so besonders war mir noch von der Krankheit her.
-
-Aber siehe da, plötzlich eines Nachts, schrieb ich diese Verse auf:
-
- Diese Nacht aus dumpfem Schlummern
- Fuhr ich auf: das Schweigen dröhnte
- Mir ans Ohr, doch spürt ich: andres
- Dröhnen, Fausthieb, Fausthieb draußen,
- Zornig auf des Tores Bohlen
- Jagte mich empor.
-
- Gleich da wußt ich draußen stehen
- Ihn vorm Tore, Eros, jenen:
- Eros mit den Löwenfüßen,
- Eros mit den Geierschwingen,
- Eros mit dem Fackelantlitz
- Donnerte ans Tor.
-
-Am folgenden Morgen dann, siehe da gingen mir die Augen auf, und ich
-erkannte, daß sie weiblich war.
-
-Bald darauf stellten sich von Augenblick zu Augenblick Worte oder
-Handlungen ein, die sich auf keine Weise besser begleiten ließen oder
-gar ausdrücken als durch einen Kuß, und ich küßte sie zum Dank, daß sie
-das Frühstück brachte, beim Gutenachtsagen, beim Morgengruß, beim
-Klettern über eine Buhne, beim stillen Hinaussehn über die See, kurzum
-bei jeder Gelegenheit. Küssen ist, wie wenns regnet; erst wenig, dann
-immer mehr.
-
-Sie aber, sie hatte auf meine Veranlassung angefangen, mit mir zu
-frühstücken, mit mir spazieren zu gehn, sich vorlesen zu lassen, lange
-mit mir zusammen zu sein, schließlich auch sich küssen zu lassen und
-wieder zu küssen. Ich bedachte mich zuweilen, was in ihr vorgehen
-mochte. Sie äußerte nichts, außer auf Befragen. Und dies mocht ich nicht
-fragen, denn dann hätte der immer noch in der Entwicklung sich windende
-Satz plötzlich ein Ende genommen, ob mit Fragezeichen, Rufzeichen oder
-Punkt, -- jedenfalls ein Ende, und ein ganz neuer hätte begonnen. Ich
-dachte: sie ist doch klug, sie sieht kein Ding halb, sondern rund, wie
-zum Beispiel auch den Mond, von dem man weiß, daß er rund ist, obwohl
-scheinbar eine Sichel. Nur: sie tat zu alledem nichts dazu. Sie schien
-immer mit allem zufrieden.
-
- * * * * *
-
-Ein Winterabend. Im Dunkel trat ich aus meiner Tür, ausgewiesen nämlich
-vom dortigen Eros. Unwandelbar dröhnte der Ozean. Das Tal unter mir
-schimmerte mattweiß, eine dünne Schneedecke war drübergefallen, es
-rieselte noch in der Luft, es war kalt. In der Tiefe zur Rechten zwei
-rötliche Rechtecke -- die erleuchteten Fenster in Bogners Haus; in der
-Tiefe mir gegenüber ein gleiches. Dorthin ging ich; nicht daß ich
-erwartete oder verlangte, aber -- was konnte nicht möglich sein?
-
-Mir begegnete nichts unterwegs. Tote begegnen nicht, sie sind Wink. Ein
-roter Becher bei einem brennenden Leuchter ... nahe darunter ein niemals
-vergehendes Lächeln. Jedes Lächeln nimmt ein Ende zu seiner Zeit. Dies
-endete niemals. Siehe da, welch eine Schattengestalt über den Lichtern?
-Josef Montfort. Zwei Tote. Damals zusammen, heut wieder zusammen; so
-stellten sie sich mir dar.
-
-Ich kam aber durch die hartgefrorenen, dünn schneeüberzogenen
-Gemüsefelder an das Fenster, das zu ebener Erde liegt, und schaute
-hinein. Irgendwo stand ein brennendes Licht. Der Raum war klein und
-niedrig. Sie stand vor einem geöffneten Kleiderschrank, hängte eine
-blaßrosa Seidenbluse über einen Bügel, diese in den Schrank hinein und
-schloß die Türen; lautlos, denn in der Nacht brüllte der Eros über die
-See. Da klopft ich ans Fenster. Sie kam und machte auf. Ich sagte wohl:
-Guten Abend! und: Noch nicht schlafen gegangen? Sie antwortete dies und
-das; wir küßten uns dann wohl.
-
-Und es hatte nunmehr jene Frage zu kommen, die aussieht wie alle andren
-Fragen, die aber am unsichtbaren Faden weit hinter sich her etwas zieht,
-das nicht den geringsten Zusammenhang mit ihr hat. Ich fragte nämlich,
-ob ihr auch nicht kalt sei. -- Sie konnte nun dies oder jenes antworten,
-es gab auf jeden Fall ein Gelenk, und sie sagte: Es geht -- und Ihnen?
--- Nun tat ich scherzhaft, als ob ich gewaltig fröre, um Grund zu haben,
-sie fest an mich zu drücken, worauf sie wiederum -- übrigens aus keinem
-besondren Grunde -- tat, als ob ich ihr wehtäte, und sagte: Ich sollte
-lieber hereinkommen. Da schloß sich denn der Ring zur ersten Frage mit
-meiner letzten, (die ich jedoch erst nach einer Weile tat, damit sie
-auch recht bedeutungsvoll erschiene, und während der ich sie mit
-Behutsamkeit an dieser und jener Stelle des Gesichts küßte:) Ins
-Wohnzimmer oder in dieses?
-
-Eine Antwort erhielt ich naturgemäß nicht. Aber nach wenigen Sekunden
-hatte die Erwiderung meiner Küsse einen andren Schmelz, und ich hielt
-einen andren Menschen im Arm. -- --
-
- Und als sie wieder lagen auf bekränzter,
- Ermüdete, auf schmaler Lagerstatt,
- Stand auch der Geierfittich sanft am Fenster
- Und lächelte auf das erglänzte Watt.
-
-Es schien nämlich (ganz nutzlos, aber doch überaus frohgemut und
-strahlend über seine Anwesenheit) schien der Mond vom Himmel herab, als
-ich wieder aus dem Hause trat, und geleitete mich mit meinem Schatten
-wie mit einer Hand fürsorglich durch das Tal bis nach oben vor meine
-Tür, wo er zurückblieb.
-
-Wieder einmal aber, schlafesunbedürftig sitze ich nun in der langsam
-verhauchenden Wärme des Ofens, verzeichne eine Stunde dieses nie zu
-begreifenden Daseins, blicke von unten in die Lampe, bin besonders
-ruhig, allem Ewigen so fern, ein kleiner Mensch im Gehäus, und ich
-beginne fruchtlos zu staunen über die Ahnungslosigkeit unseres Seins.
-
-Da doch immer wir selber es sind, die alles tun, was unser Leben
-ausmacht, wie unbegreiflich, wenn man sich hineinversenkt, scheint es,
-daß wir vom tausendsten Teil des allen, solange es gegenwärtig ist,
-nicht die wirkliche Bedeutung erfassen. Was würden wir sagen, wenn bei
-der Begegnung mit einer fremden Frau ein Dritter uns darauf aufmerksam
-machen würde, daß uns über Jahr und Tag ihre besondre Art, das
-Strumpfband zu verhaken, nicht unbekannt sein würde und keine besondre
-Sache, und daß wir zusammenschliefen in einem noch nicht einmal gebauten
-Bett?
-
-Es geschieht auch wohl einmal, daß die gewohnten Zusammenhänge mit
-unsrer Umgebung und uns selber unvermerkt sich in nichts auflösen; wir
-sehen mit einem Schlage auf uns selber herunter wie von einem Stern,
-sehen uns und unser Erdendasein in einem fremden Licht, im Licht der
-Lebensart auf jenem Stern, und da kommt es uns so fremd und ohne Sinn
-vor, daß wir uns fragen: Dies sind die Dinge, die dorten vor sich gehn?
-Dazu wird dorten gelebt? Warum sind sie so? Welche Gründe haben sie zu
-all diesem? Was frommt ihnen dies? Was haben sie davon?
-
-Antworten aber giebt es keine. Aber so erkannte ich auf einmal sie und
-mich ganz von oben in jener Stunde, wo ich mich neben ihr in dem
-bäuerlichen Schrankbett fand, ausgestreckt auf dem Rücken, die Hände
-unter dem Kopf. Ich hörte dumpf das Brausen der See. Ein Licht in einem
-Holzleuchter, bestehend aus einer größeren rot- und drei kleineren
-grünlackierten Kugeln als Füßen, bewegte leise die goldene Flamme mit
-gasblauem Kern im Luftzug der nahen Fensterfuge; dahinter hingen die
-stillen, weißen Gardinen hellbeleuchtet; es stand auf einem einfachen
-Tisch, hellblau gestrichen wie die übrigen Möbel, Stühle, Waschtisch,
-Kommode, Schrank -- mit bunter Blumenmalerei -- und hinter allen, die
-Wände empor, waren die stillen Schatten. Zwischen mir und der Wand im
-Bett aber saß, die Arme um ihre Knie geschlungen, das Kinn fast darauf,
-Cornelia, und ihre Augen, groß, rund und dunkel, waren ohne Bewegung auf
-das Licht gerichtet, von dem sie erglänzten. Sie sah aus, als wüßte sie
-genug. Weich und gerötet war die Haut ihres Gesichts. Sie sprach kein
-Wort wie auch ich. Und sie und ich, so enge beisammen, sie saß und ich
-lag, und wir dachten Beide weit weg unsrer Toten.
-
-
- (Von Bogner)
-
-»Rembrandt,« sagte Bogner, »er mußte nur immer malen.«
-
-(Ich hatte Bogner mit einem großen und roten Buch voller Wiedergaben
-Rembrandtscher Gemälde angetroffen, und wir sprachen darüber.)
-
-»Er mußte nur immer malen, und um ja nicht nachdenken zu müssen über
-einen Gegenstand -- denn was ihn anging, war immer nur das Eine: das
-Leuchtende, wie es aufblüht aus der Nacht! -- so malte er unaufhörlich
-sich selber. Sieh doch nur,« sagte er blätternd, »diese ungeheure Anzahl
-von Selbstbildnissen! Und nun sieh nur einmal, wie er es anstellt,
-Abwechselung zu gestalten! Hier, hier hast du drei, sieben, vierzehn
-Bilder aus benachbarten Jahren, aus demselben Jahr! Immer derselbe
-Mensch, und immer ein Andrer. Das ist die Kunst des Entfremdens. Ja,
-glaubst du, er hatte sich so verändert in so kurzer Zeit? Sieh doch an,
-was macht er hier? Er runzelt die Stirn, und schon wards ein andres
-Gesicht. Er setzt einen Hut auf, eine Mütze, einen Helm, eine
-Sturmhaube, und die geringe Veränderung, die der Kopfschmuck bewirkte,
-breitete er aus über das ganze Antlitz, und es gab neue Schatten, neue
-Lichtflächen, und schließlich bildete er sich alles nur ein und konnte
-Runzeln oder Falten oder Furchen, Glätten oder Rauhen oder Rundungen
-sehen, wo gar keine waren, gar keine. Sieh doch das hier! das --« er
-lächelte, »ja, da haben sie darunter geschrieben >Bildnis eines jungen
-Mannes<. Meinst du vielleicht, das wäre er nicht? Und hier --« er zeigte
-auf ein Bild, unter dem ein Name stand, den ich nicht im Gedächtnis
-behielt -- »das ist er natürlich selber! Seine ganze Phantasie -- glaube
-mirs, Georg -- bestand im Verändern. Sieh doch hier diese Landschaft mit
-den geisterhaften Bäumen! Das ist nicht wirklich und ist nicht
-empfunden, nur sein Dämon griff hinein, riß und bogs auseinander und
-stellte sich mitten hinein.«
-
-Er schwieg, schlug langsam die Seiten um, und ich sah, daß er zu den
-Altersbildern gelangt war. Gleich darauf begann er wieder, furchtbar
-ernst:
-
-»Und nun sieh hier das. Siehst du, da kam es! Jahrzehntelang hatte er
-Mummenschanz getrieben mit seinem Gesicht, und nun -- nun sitzt
-plötzlich einer innen und verändert willkürlich, von innen! -- Da!
-siehst du das? Wer ist das? Ihre Majestät die Ruine. Nun kann er sich
-jeden Monat malen und jede Woche, jeden Tag, ja, jede Stunde -- es ist
-immer Verfall. Er zerfällt, er zerblättert fürchterlich, es bläht ihn
-auf, es sackt wieder zusammen, es glotzt aus ihm, es grinst, es
-schluchzt, es sickert, es bröckelt, es -- zerfällt, zerfällt, und er --
-er malt es, malt es, er ist ganz blöd, er denkt bloß, daß ihm auch das
-Verändern jetzt abgenommen ist, und daß diese Art des Veränderns noch
-genialischer ist als die eigene Methode, und er malt, halb blind,
-besinnungslos, ein Schwamm, ein morscher Stumpf, der phosphoresziert!
-Sieh die Gesichter, diese Larven einer Armenhäuslergalerie, diesen
-Katalog aller Krankheiten, ohne Geist und ohne Seele, ohne Zukunft, ohne
-Gott, nur noch Schicksal, wütendes Schicksal des Malenmüssens, das in
-seiner leiblichen Hülle sitzt. Und malt er denn noch, er? Seine Hände
-malen, in seinen Händen sitzt das Malen und rast mit den Pinseln, ohne
-Farbe, ohne Leinwand, ein Stück Brett und nasser Lehm, mehr ist nicht
-nötig für den glorreichen Triumph seiner Hände, drin die Natter Gicht
-sich verbiß. Und so bis zum letzten die ewige Glorie: Licht! Licht!
-Licht! das die vergrämte Ruine mit Seelenblut überlodert, die goldene
-Quelle, das ewige Rieseln aus der Nacht -- Gott im Himmel, Georg, wenn
-aus Baumstämmen vom Druck der Jahrtausende Kohle wird, und aus Kohle
-Diamant: so müssen seine Augen, als er endlich tot lag, zwei Demanten
-geworden sein, zu lauter kristallenem Licht gepreßt in der ewigen
-Faust.«
-
-Er schwieg. Ich dachte: er spricht von sich. Scheinbar aber hatte er
-doch an sich selbst nicht gedacht; er machte jetzt das Buch, das er im
-Schoß hatte, zu, legte es vor sich auf den Tisch, trocknete die
-übergelaufenen Augen und sagte nun mit sanfterer Stimme:
-
-»Immer muß ich bald auch an van Gogh denken, wenn ich mich auf Rembrandt
-besinne.«
-
-Ich meinte, da er wieder verstummte, das sei wohl der Fall, weil für ihn
-das Malen so sehr das Einzige, so sehr eine Raserei gewesen sei wie für
-Rembrandt.
-
-Das nicht, erwiderte er. Dazu seien sie doch von zu verschiedenen
-Größenmaßen gewesen. »Raserei, sagst du. Ja, aber bei van Gogh doch nur
-die eines Menschen, während die Rembrandts an den Niagara denken läßt
-oder auch an eine dieser gewaltigen Maschinen, die still zu stehn
-scheint mit allen Rädern und Riemen, obwohl sie in ungeheurem Schwunge
-ist, und die dabei so sorgsam, zart und genau arbeitet wie eine
-Spitzenklöpplerin. Van Gogh flackerte ja. Nein, ich meinte den
-Gegensatz, nicht ein Gemeinsames.
-
-»Ihrer beider Wollust war -- bis zum Äußersten, wie bis zu einem
-gewissen Grade in jedem Maler -- das Licht. Da war nun van Gogh leider
-von einem blinden Teufel besessen, der ihn zwang, geradeswegs mitten
-hineinzusehn in das Licht -- und das malen zu wollen. Und -- siehst du
--- da flackerte alles und zerstob zu Myriaden bunter Funken. Ich weiß
-nicht, wie sein leiblicher Wahnsinn an ihm sich geäußert hat, aber ich
-könnte mir denken -- weil er so besessen war von der flammenden
-Erscheinung der Sonne --, daß er im Irrsinn nichts andres gewollt hat,
-als geradezu die Sonne malen -- wie er es zuvor versuchte mit Hülfe der
-Landschaft --, nämlich ihre flammend brodelnde Goldscheibe selbst und
-sonst nichts. Und so, verstehst du? hat er die Wahrheit doch nie gesehn.
-
-Die Sonne, Georg, was liegt denn an der Sonne? Wenn ich blind bin, ist
-deshalb kein Licht? Die Sonne, hat sie nicht dunkle Strahlen der Wärme?
-Und der blinde Leib, hat er nicht seelische Strahlen eines Lichts? Was
-van Gogh sah, war die Erscheinung, das Sein, das seiende Licht, das von
-außen in ihn eindrang. Was liegt an ihm? Was ist selbst Dasein? Dasein
-ist nichts, Zeugung ist alles. Und -- es zeugt, das Licht, das ist die
-Wahrheit! Es hat gezeugt -- diese Erde, diese Wälder und Äcker und das
-Meer, jeden Baum, die Tiere und den Menschen und seine Seele. Es zeugte
-aus uns den Flammengeist, und es zeugte die Weiße der Narzisse; es
-zeugte die Wärme des Blutes und die Glut des Herzens. Die Wärme, Georg,
-die Wärme! Die aber hat er gefühlt, Rembrandt, und die hat er gemalt,
-Rembrandt! Er sah -- die Nacht. Und in der Nacht sah er sich zeugen: das
-Licht, das ewige Juwel, die Wonne des erleuchteten Daseins mitten im
-Finstern, und Entzücken strahlte ihn an aus der Nacht, und so malte er
-das Licht in seiner unendlichen Fruchtbarkeit. Er malte es als Maler an
-malerischen Dingen. Er ließ es saugen am riesigen Leibe der Nacht, und
-überall taten sich Adern auf, und es schmolz hervor: Juwelen und Perlen,
-die Brokate und die Spitzen, Fahnen und Harnische und Fackeln,
-Stickereien und Sammet, das Lachen der Saskia und der Körper Hendrikjes,
-und hundert Male immer wieder -- nur noch Leuchter fürs Licht -- das
-eigene Antlitz, und hinter dem Antlitz die eigene, brennende, brodelnde,
-wollüstige, trinkende, schaffende, zeugende Sonne der Seele. Das ganze
-Dasein war ihm eine unendliche Nacht voller tausend Geschichten, die
-sich fortzeugten auseinander, und die ganze Nacht nur ein riesenhafter,
-schwarzer Spiegel, in dem meilenfern, ein verlorener Funken Goldes,
-widerglänzte die eigene Seele, ein Tropfen an Gottes Wimper.«
-
-Dies, dachte ich, als ich durch die brausende Nacht zu mir hinüberging,
-blindlings im völlig Schwarzen, dies ist nun Bogner? Dieser einst
-gelinderte, wortkarge, sparsame Mensch? Freilich: damals malte er, die
-Seele glühte sich schweigend aus; nun muß sie reden und verbrennt dabei.
-Und ich erschrak, da ich bemerkte, daß ich nicht der einzige Unselige
-bin auf einer so kleinen Insel.
-
-
- Fünftes Kapitel: Dezember
-
-
- Aus Georgs Papieren
-
-Von Zeit zu Zeit ereignet es sich wohl einmal -- zumeist wenn ich sitze
-und schreibe --, daß hinter meinem Rücken in der Nachtferne etwas mir
-vorhanden scheint, das ich mehr empfinde denn sehe als: Land. So eine
-dunkel verdämmernde Fläche nämlich ohne Umrisse, von unsichtbarem Leben
-überwebt -- das Land, das meinen Namen trägt (obwohl wiederum selber ich
-ihn nicht trage, aber wer weiß das?). Dazu ein Staat, der in
-hunderttausend Gehirne geprägt ist als das Bild eines Berges, auf dessen
-Spitze ich stehe.
-
-Und ich denke weiter: Hunderttausend Menschen -- was liegt an der Zahl?
--- sind dort, die an jedem Tage zumindest einmal ein Wort sagen oder von
-bedrucktem Papier lesen, einen Titel, unter dem sie mich zu fassen
-glauben. Mitunter, wenn sich ihrer Mehrere zusammentreffen, machen sie
-ein Bündel aus ihren Köpfen und -- nun, aus den mehr oder minder
-abenteuerlichen oder mitleidigen oder argwöhnischen Vorstellungen, die
-sie sich machen mögen, ein paar willkürliche herauszugreifen und
-aufzuschreiben, das hat wenig Sinn. Es kommt auf die Tatsache an, die ja
-nun fast von einer metaphysischen Bedeutsamkeit ist, denn was ist in
-Wirklichkeit an mir und ebenso an jenen Erdbewohnern, das diese Art von
-immerhin besondrem Schauer in ihr Empfinden von meinem Dasein mischt,
-denn sie mögen mich nun achten oder verachten, mich für mehr oder nur
-soviel wie ihresgleichen halten, gut von mir denken oder böse: dieser
-bestimmte Schauer ist immer da, war da von dem Augenblick an, wo ich
-jenen Titel bekam wie ein Kleid, also daß ich seitdem tun oder denken,
-sein und treiben kann, was ich will: den Schauer verliere ich so wenig,
-wie ein Mensch seinen Schatten verlieren kann. Es ist beinah wie mit
-Gott. Die Welt mag sein, wie sie will, den Menschen darin mag es
-ergehen, wie es wolle: Gott bleibt ihnen immer Gott, und ob der eine nun
-sein Wirken darin sieht, daß sein kranker Bruder gesund wird, der andre
-darin, daß ein Erdbeben kommt, der dritte darin, daß er anstatt den Hals
-nur das Bein brach, und der vierte darin, daß sein Nachbar an derselben
-Krankheit starb, die er überstand: Gott bleibt immer derselbe Gott, sie
-glauben an ihn, und er kann sich auf keine Weise verändern.
-
-Und weiter, was jenes Land angeht, so bin ich es, der darin diesen und
-jenen, mir ganz unbekannten Menschen veranlaßt, eines Tages mit seiner
-Familie und aller beweglichen Habe von Süden nach Norden zu reisen, und
-einen ähnlichen von Osten nach Westen; ja, es geschieht Tag für Tag, daß
-nach meinen Angaben Leute von einer Stelle weggenommen und an eine andre
-gesetzt werden, wo wieder Andre erst fortgenommen wurden, die zu einer
-dritten geschickt werden, und so fort. Sterne und Kreuze aus Metall
-werden in meinem Namen verteilt und als besondre Geschenke von mir
-angesehn, Urteile ganz fremder Leute über Andre werden gültig durch
-meine Unterschrift, und in Kirchen wird für mich gebetet.
-
-Telemach, begreifst du? Sollte es sich jemals verstehen lassen?
-Verstehen, daß wirklich du es bist, der gemeint ist? Und solltest du
-jemals nicht jenseit sein können von alledem, sondern darin?
-
-Nein, dies wird niemals möglich sein, weil es niemals hat möglich sein
-sollen. Die Schnecke wird erst nackend geboren und bildet sich hernach
-ihr Gehäuse, und ich bin nackend herumgelaufen Jahr um Jahr, aber das
-Gehäuse, das auf einmal gebildet war, es war nicht von mir geplant, und
-wer hätte auch von einer Schnecke gehört, für die ihr Gehäuse eine Last
-ist, die sie langsam zu Tode würgt?
-
-Nur so viel sieht Telemach ein, daß es doch möglich ist, darin zu wohnen
-für eine Weile.
-
-Da ist ein Tisch, und ich gehe um den Tisch. Was liegt an Tagen? Ich
-gehe linksherum und rechtsherum, tagein und tagaus, und fange an zu
-bemerken, daß sich eine Spur bildet in der Farbe der Dielen. Was Schlaf
-ist, habe ich auch einmal gewußt; nun ist es ein fliegender Rauch, durch
-den die allstündlichen Bilder wirbeln aus Wachsein in Wachsein hinüber.
-Es ist nicht genügend Einsamkeit vorhanden. Die Wintersee ist so laut
-geworden, daß die Andern und ich es aufgegeben haben, miteinander zu
-reden, -- dann züngelt die rasende Ungeduld aus mir, wenn ich sitze und
-sie sitzen sehe, der letzte bange Rest Menschenliebe windet und verzehrt
-sich in meinem Herzen, und ich denke, daß ich bald nicht mehr kann.
-
-In eine hohe Flamme zu steigen wie in ein Bad und drin prasselnd zu
-stehn, müßte das nicht wollustvoll sein? Ich brenne allzeit, und mir
-wird nicht einmal warm davon. Ich rüttle an den Steinen des ewigen
-Geduldspiels, aber wie ich die Steine einmal zusammengefügt habe, so
-stecken sie nun, und keiner weicht von der Stelle. Ich hoffe, rasend zu
-werden, und bemerke, daß ich mit der Zeit vielmehr in Ordnung gekommen
-sein muß, denn nicht immer, wenn ich schreibe, muß ich wie ehedem jede
-Laus von Wort, die durch mein Gehirn läuft, aufs Papier streichen,
-sondern ich lasse sie sitzen.
-
-Oh Himmel meiner endlosen Tage wie so grau! Wiesen des Sommers und ihre
-Aurikeln, blaues Wogen des Jugendtags, wart ihr wirklich einmal? Ein
-Knabe klettert hoch am Sockel der Sonnenuhr, deckt Zeiger und
-Zifferblatt zu mit dem eigenen Schatten, sucht und wundert sich, nichts
-drauf zu finden, was ihm die Stunde anzeigt -- -- es ist keine Stunde,
-und dies war die Jugend. In der tiefen Scharte meines Fensters sehe ich
-ein Stück wankender Wasser, grau und voll gelblichen Schaums, ein
-Hundert Wellenköpfe in jagendem Durcheinander, immer dieselben, die auf
-mich zutaumeln und unter mir im Unsichtbaren verschwinden, und ich sehe
-und sehe.
-
-Oh ein Zeichen, das Zeichen gieb, heilige Allmacht! Halte mich doch
-nicht mehr auf, laß mich doch los! All ihr unendlichen Mächte, was
-verschlägt es denn, ob einer getröstet wird? Wenn ich auch schuldig
-wurde an Menschen, so warens doch immer solche, die ich liebte, und
-ge--, oder hätte ich besser hassen sollen? Ja, war es dies, daß ich lau
-war, nicht böse, nicht gut, nicht kalt und nicht heiß, und soll ich
-darum, darum in alle Ewigkeit sitzen zwischen Leben und Sterben?
-
-
- (Von Bogner)
-
-Das fehlte noch! Heute sagte Bogner: er fände die Welt in Ordnung. Ja,
-wie soll man da widersprechen? Er hat es entschieden, und nun war es so.
-Mitten in der Nacht war er aufgewacht und hatte diese Entdeckung
-gemacht. Erstens: die Welt; zweitens: in Ordnung.
-
-Danach bewies er es mir auch.
-
- * * * * *
-
-Es wurde sehr spät gestern nacht über Erzählungen Bogners von Frankreich
-und Spanien. Später kam er auf einige besondre persönliche Erlebnisse,
-und dann fand ich mich dabei, wie ich ihm von Cordelia erzählte. Am
-Schlusse unterließ ich dann nicht eine besondre Darstellung meiner
-Verschuldung, zu der mir im Laufe der Zeit ein neues Ingredienz bekannt
-geworden war, nämlich daß ich sie nur aus Lüsternheit suchte, nicht aus
-Liebe; daß sie mich deshalb nicht für ihr so nahe halten konnte, um ihr
-Geheimnis zu beichten; daß also, wenn meine Sinnlichkeit schon in
-früheren Jahren ihre notwendige, regelmäßige Stillung gefunden hätte --
-und so weiter.
-
-»Der Fluch der Lüsternheit über der Menschheit«, sagte er, »ist der
-Schatten eines Segens und darum unheilbar. Im Grunde davon wohnt einer
-der beiden tiefen, alles beherrschenden Triebe, deren einer zielt nach
-dem Lichte, deren andrer nach dem Dunkel. Niemand liebt wahrhaft das
-Licht, der nicht auch die Nacht liebte; niemand wahrhaft die Nacht, der
-nicht auch das Licht liebte. (Darum beginnt Novalis den Hymnus auf die
-Nacht: >Welcher Lebendige, Sinnbegabte liebt nicht vor allen
-Wundererscheinungen des verbreiteten Raums um ihn das allerfreuliche
-Licht ...<) Im Licht ist das Wissen, im Dunkel das Geheimnis. Wir sehnen
-uns nach dem Wissen und sehnen uns nach dem Geheimnis. Wir sehnen uns
-nach dem Verhüllten, das für den Dumpfen das verhüllte Nackte ist. Er
-will nicht das Nackte, er will das geheime Nackte. Wäre es nicht geheim,
-so wäre es kaum noch.
-
-»Der aber«, sagte Bogner, »ist der Heilige, der das Geheimnis weiß im
-Licht.«
-
-Und der, setze ich nun hinzu, ist der Glückliche, der ewig ein Geheimnis
-pflegen kann -- es besitzend, ohne es je zu durchschauen --, dem es
-selber zur Magie geworden ist: der Dichter.
-
-Hielt ich mich selbst nicht für einen? Heute weiß ich nicht einmal, wie
-ich davon abgekommen bin. Es vollzog sich die Einsicht wohl mir selber
-unvermerkt im Wirbel des Übrigen, und nun erst, ganz plötzlich, fühle
-ich einen Schmerz.
-
-Ich sehe Bogner, wie er war, wie ich noch immer glaube daß er ist, und
-sehe, daß es ein unmenschliches Glück sein muß, ein Glück über allen
-Glücken, Dichter zu sein. An jedem Tag die Quellen seines Lebens strömen
-zu lassen, sich selber hundertfach sichtbar zu sehn und zu haben im
-erschaffnen Gebilde! Sich im Stande der Gnade zu fühlen, einsam, einzig
-mit den Wenigen, oh Flügel an die Füße selbst in den erzschweren Stunden
-des Seins! Was könnte einem Solchen geschehn? Muß ihm nicht alles zum
-Besten dienen? Muß ihm nicht Honig fließen aus jedem Ding, das er selber
-erst zur Blüte wandelt, sei es giftig oder rein, gemein oder edel -- aus
-jedem strömt ihm eine, die seine Kraft. Die gehäufte Welt ist sein
-Thron, seine Schatzkammer das Firmament, er allein besitzt die Erde, da
-er sie machen kann. Ungeheuer sein Stolz wie seine Demut. Mich faßt ein
-unendlicher Jammer an, wenn ich der Ärmsten unter den Armseligen
-gedenke, der Dichter, die es sind und dennoch nicht glücklich. Die eine
-Begierde haben können, außer der einen, tausend Jahre so leben zu
-wollen; die nach Ruhm begehren, nach Achtung und Liebe der Menschen,
-nach Brot. Die das Heilige erniedrigen können, indem sie es zu einem
-Mittel ihrer Notdurft machen. Denen es nicht Wonne ist, zu dulden dafür,
-daß sie so sind.
-
-Da an Gott das einzig Wesentliche ist, daß er ein den irdischen Trieben
-und den menschlichen Zwecken nicht unterworfenes Wesen sei, so giebt es
-nur einen Menschen, der seiner entraten kann: den Dichter. Er allein muß
-ja erkennen, daß sein innerster und einziger Lebenstrieb ihn zu einem
-mit keinem irdischen Nutzzwange verbundenen Tun zwingt, unweigerlich,
-wider seinen eignen, kleinen Willen, unbeeinflußbar von ihm selber. Wenn
-er zeugt, so zeugt er wie der Gott: allein um des Zeugens willen. Alle
-können anders; er muß das Eine.
-
- Ich aber bog den Arm an seinen Knieen,
- Und aller wachen Sehnsucht Stimmen schrieen:
- Ich lasse nicht -- du segnetest mich denn!
-
- * * * * *
-
-Damals, als Bogner das Wort >Geburt< vor mich hinstieß wie die Faust mit
-dem Schlüssel, der den Zugang zu den Müttern eröffnen sollte, mich in
-meinen Festen schon als Ahnung erschütternd -- damals genügte mir der
-Schlüssel, ich war froh, das Kleinod im Geheimnis zu haben, froh, es nur
-zu wissen, vom Gedanken an es mich immer wieder süß durchzucken zu
-lassen. Nun ist mit der Verflüchtigung der Zeit auch die Wißbegierde
-gekommen, der Zweifel mit seiner Stimme: ganz hinunter gelangst du ja
-doch nicht, so geh wenigstens tiefer. -- Heute fragte ich Bogner:
-
-»Du mußt mir nun sagen, wo der Anfang war. Ich sehe die Kindheit wie
-eine Wand, mit der alles ein Ende nimmt. Du sagtest das selber. Und was
-ist das mit dem Geheimnis? Du sagst: der Schauder vor dem Geheimnis sei
-unsre ganze Lust. Aber _warum_ ist sie das?«
-
-»Ja,« sagte er, »auch ich glaube, daß mit der Kindheit alles ein Ende
-nimmt, und auch ich habe in diesen Tagen wieder und tiefer darüber
-gedacht. So laß uns doch einmal erinnern.
-
-»Ich will dir sagen, was meine fernste Erinnerung ist. Zuerst ein
-schwarzes Unbegreifliches voll Kampf und entsetzliches Grausen. Ein
-Erwachen dann, ein sanfter, ferner Goldschein; ein Schatten im Golde,
-und in dem Schatten das nicht zu beschreibend Tröstliche, alles
-Stillende, Sichere, ein Gesicht, ein Paar Augen. -- Solltest du das nie
-erlebt haben?«
-
-Seine Worte hatten mich in eine seltsame Magie versetzt. Ich glaubte zu
-sehen, was ich nie gesehn hatte. Ich wollte mich schon wieder
-herauszerren aus diesem, weil ich glaubte, es sei Einbildung, ich sähe
-nur, was er zeigte. Allein plötzlich, bei der Vorstellung jenes
-Schattens und seiner Augen geschah das Seltsame, daß ich ihn sah --
-nicht aber mit zwei Augen, sondern mit nur einem. Das saß in der Mitte,
-unter der Stirn.
-
-Der Maler schwieg, ich nahm alle Willenskraft um mich zusammen und
-dachte. Da geriet ich besondrer Weise in einen Schwarm von tausend
-wütend wirbelnden Vorstellungen, Bildfetzen ohne Beziehung zur Stunde.
-Bis dann plötzlich mit einem Ruck dieses riß, und ich sah -- Ihn.
-
-Ich war ein Knabe, er hob mich auf, er setzte mich auf sein Knie, und
-ich -- fürchtete mich vor ihm. -- Warum das? Ich soll ein wenig
-geschielt haben als kleines Kind, und ich fürchtete mich vor ihm: weil
-er nur ein Auge habe. Seine eng beisammen sitzenden Augen hielt ich für
-nur eines und fürchtete mich.
-
-Es durchsauste mich, als ich es bedachte. Er, immer Er! Er war die
-Erscheinung, der eingeäugte Schatten, und damals hatte ich keine Furcht.
-Warum kam sie später?
-
-Ich wollte es Bogner sagen, aber siehe da, ich konnte ja nicht! Wie soll
-ich seinen Namen sprechen? Kurz und gut, ich sagte ihm so viel, daß ich
-mich an Ähnliches zu erinnern glaubte.
-
-»Und dies,« sagte er nun, »dies war der Anfang. Wie hieß der Anfang,
-Georg? Angst. Nun wollen wir an unsre früheste Kindheit denken, an
-damals, als wir Menschen waren und noch ganz Kinder. Damals war Wald,
-und Verirrtsein im Wald, und die Dämonen, die hunderttausend Mächte der
-Angst, die böse Natur. Damals brach in den riesenhaft umgewälzten
-schwarzen Klumpen, der wir selber waren, ausgedehnt in die Urwaldsnacht
-und verschmolzen mit ihr, in ihn brach der Morgen hinein. Eine Sanftmut
-ging hervor, öffnete alles und machte es lind. Licht kam und war
-tröstlich. Uns segnete die Blaue. Und das war Gott.
-
-»Die Sanftmut, das Heilende, die Sicherheit der Wiederkehr (>Noch
-niemals blieb der Morgen aus, der lichtend -- Das Tal ihr wieder wies,
-das duftig bläut<) und die Hoffnung: all das und mehr wurde Gott.
-
-»Und weiter, Georg: Wenn die Pferde einen Gott hatten, wie würde er
-aussehn? Wie ein Pferd. Wir Menschen gaben ihm menschliches Gesicht, und
-da in Urzeiten und bis spät hinauf nur der Mann etwas galt, so wurde der
-erste Gott männlicher Gestalt. Später kamen die Mutter, das Weib, die
-Jungfrau am Ende im Kleide vom himmlischen Blau.
-
-»Aber ein Tiefers ist in diesem. Denn wer war das, Georg, der am Morgen
-in unsre Wälderangst trat? Wer war der Tröstliche, der im Lichtschein
-erschien, als wir Kind waren und vergingen in der Angst unsrer Träume?
-Der uns anblickte und uns zusprach und --«
-
-Ich bat ihn, zu schweigen.
-
-Er dachte wohl, es seien Trauer und Schmerz um einen Gestorbnen, der
-mich weich machte, und begann deshalb nach einer Weile an einer andern
-Stelle.
-
-»Du fragtest nach dem Geheimnis, Georg. Im Anfang war das Geheimnis
-schwarz, war Angst, und der Schauder war böse. War die Erscheinung
-minder rätselvoll, minder voll Schauder? -- Damals aber mischte sich
-Angstgrauen und Lichtgrauen, wie Nacht und Tag sich am Morgen vermengen.
-Geheimnis hob nicht Geheimnis auf, sondern jedes vertiefte das andre,
-und die ganze Lust der Süße wurde fühlbar erst durch das Grauen zuvor,
-und das furchtbare Grauen wurde versüßt durch die Aussicht auf Heilung.
-Schon das Kind, das sich fürchtet, im Dunkel einen Gang hinunterzugehn,
-lernte es, dieselbe Furcht süß zu finden in Geschichten. Wir waren ein
-unendliches Gemisch von Anfang her, aber wir lernten viele Teile davon
-erkennen und sie auszuspielen gegeneinander, immer auf der Suche nach:
-mehr Süße.
-
-»Am Ende erlernten wir dann das Wunderbare: das Gesetz. Aller
-Geheimnisse süßestes, erkennbar schon am Antlitz Gottes, vor dem
-Schwarzes und Wüstenei sich auflösten, sich darstellten gesondert, nicht
-mehr erschreckend, sondern bekannt -- aller Geheimnisse süßestes: die
-Ordnung.
-
-»Die Ordnung aber ist das Bekannte. Das Geheimnis der Heilsamkeit ist
-das Wiedererkennen, ist die Sicherheit des Einen, das in jedem waltet
-und sich gerne verrät. Alle Dinge gingen hervor aus Gottes Hand; in
-allen Dingen wohnt seine Form. Wie ward da magisch unser Finger, unser
-Ohr, unser Mund! Morgens tropfte auf uns der Gesang der schwarzen Amsel,
-und wir horchten, und da war das Gesetz. Im Wasserfall schlief, und wir
-weckten es auf, das Gesetz. In unserm Gang das Gesetz, in unserm Antlitz
-Gesetz, im Tier das Gesetz; Gesetz, Bekanntes, Ordnung, Heilung, Süße,
-Form allüberall. Oh der süßeste Schauder, Georg, den Freund
-wiederzuhaben nach langen, schmerzlichen Jahren! Oh der süßeste
-Schauder, das Bekannte wiederzusehn im Wilden, Erschreckenden, Fremden!
-
-»Und dieses wurde das Gute genannt, und alles andre das Böse.«
-
-»Bogner,« mußte ich plötzlich sagen, »noch eins! Du hast einmal ein
-schrecklichen Wort zu mir gesagt; eben fällt es mir ein, du sagtest: Die
-Menschen sind alle gut; es will sich nur niemand hindern lassen. Ich
-habe es wohl nie verstanden, aber jetzt sehe ich, daß ich immer daran
-geglaubt habe. Was heißt es denn aber? Sie wollen also das Gute -- aber
-sie wollen sich nicht hindern lassen. Ja, was heißt das?«
-
-»Habe ich das gesagt?« fragte Bogner nach einer Weile. »Dann wird es
-dieses heißen:
-
-»Du sagst: das Gute. Giebt es ein >das Gute<? Es hat ein jeder sein
-Gutes, nämlich was er für gut hält, ohne daß irgendeine Beeinträchtigung
-seines Wesens damit verbunden wäre. So ist auch das, was uns ein
-Immergutes ist -- Eltern, Geliebte, und was du noch willst --, nicht gut
-mehr, wenn es uns hindert. Wir können nur um unsrer selbst willen sein.
-Ob wir lieben oder hassen, töten oder uns opfern, verzichten oder
-erobern, bitten oder befehlen: all dies geschieht um unsertwillen von
-uns, weil wir so sind und so müssen. Was wir Altruismus nennen, kann nur
-eine Komponente des Egoismus sein, ob er bis zum Opfer, zur
-Selbstvernichtung geht oder nicht. Wir können ewig nur auf egoistische
-Weise altruistisch handeln. Und es wäre die vollkommene Art, den
-Egoismus zu befriedigen, indem wir ihn in altruistischem Wesen
-darstellen. Der Mensch kann nur sich selber gut sein; aber er kann sich
-in der Vollkommenheit gut sein, indem er es gegen Andre ist.
-
-»So gut sein, daß nichts mehr mich behindern kann -- das wäre zu
-wünschen. Es wird nicht gehn. Der Tätige kann nicht nützen, ohne zu
-schaden. Malen ist gut; aber wenn dein Vater nicht will, daß du malst?
-Wenn er aus reinem Altruismus überzeugt ist, es sei besser für mich,
-wenn ich nicht male?
-
-»Darum sagte ich, sie sind Alle gut, denn das heißt: sie wollen Alle
-nicht das Schlechte; sie wollen sich nur nicht hindern lassen an ihrem
-Guten.« Er lächelte plötzlich.
-
-»Etwas fällt mir ein«, sagte er dann ernst. »Vielleicht wirst auch du
-erst lächeln, wenn ich es dir sage, und doch scheint mir, sind wir damit
-am Ersten und Letzten angelangt. Nämlich: das Neugeborene schreit;
-ununterbrochen, aus vielleicht gar keinem Grunde, als weil es weiß, daß
-es schreien kann, schreit es die ganze Nacht. Das vernünftige Elternpaar
-möchte freilich schlafen, allein was hilfts? Es will sich nicht hindern
-lassen an seinem Guten, dem Schlaf, aber da es vernünftig ist,
-einerseits, und eine Liebe hat für das Neugeborene, andrerseits, und
-vielleicht weiß, daß auch das Schreiende nichts will als sich nicht
-hindern lassen am Schreien, was tut es? Es läßt sich doch hindern an
-seinem Guten und steht auf und beruhigt das Kind. -- Und dies ist der
-Anfang.«
-
-Zu alledem -- nachdem ich es gehört und geschrieben habe -- kann ich nur
-Eines sagen: so wenig mir irgend etwas wirklich bewiesen scheint von
-alldem, so sehr muß ich daran glauben. Es hat mich beruhigt auf die
-absonderlichste Weise. Es ist, als fände ich die Welt jetzt in Ordnung
-wie Bogner. Ich weiß nicht; es ist mir so, es ist so. Es ist kühl und
-natürlich, es ist gut. Ich weiß, was zu wissen ist; innerhalb ist alles
-Geheimnis geblieben, und auch die Grenze rundum blieb Geheimnis wie die
-Linie des Himmels auf der Erde. Doch die Linie beruhigt. Es macht
-sicher.
-
- * * * * *
-
-Wir waren allein, es war spät in der Nacht, die Stehlampe brannte auf
-dem Tisch. Er rückte daran, stand dann auf, stand nun mitten im Zimmer,
-etwas schief, die Hände auf dem Rücken, ging dann ans Fenster und
-stellte sich davor. Von dorther begann er von seiner Mutter zu erzählen.
-
-Er berichtete erst einiges von seinem Vater, den er als einen Mann
-schilderte, schlecht und recht, ohne Eigenart, ohne besondere Gaben, ein
-wenig kleinlich, geneigt, zu >nörgeln< oder >mäkeln<, aber mit Maßen und
-jedenfalls ohne Heftigkeit. Von seiner Mutter sprach er nicht; nicht von
-ihrem Wesen. Dann sagte er:
-
-»Als meine Mutter fünf oder sechs Jahre verheiratet war, lernte sie
-einen andern Mann kennen und lieben. Sie sagte es mir selber, es war
-damals, als ich heimging, vor drei Jahren. Ja, da kam sie in der ersten
-Nacht, um es zu sagen. Seinen Namen hat sie mir nicht genannt, ich weiß
-nichts von ihm, als daß er Schriftsteller war oder Dichter, und das
-ergab für mich freilich ein seltsames Gefühl von Verwandtschaft. Es
-giebt wohl mehr Kinder, deren Vater nicht der Mann, sondern ein Wunsch
-ihrer Mutter war. Mein älterer Bruder und ich selbst waren damals schon
-am Leben. Meine Mutter hatte meinen Vater geheiratet, weil ihre Eltern
-ohne Vermögen waren, weil sie viel Geschwister hatte, und weil mein
-Vater durch mehrere Jahre nicht abließ, sie zu nötigen.
-
-»Nun wollte sie sich scheiden lassen. Aber er gab die Kinder nicht her
-und wollte es überhaupt zu keiner Einigung über sie kommen lassen. Über
-ein Jahr lang gab es einen furchtbar häßlichen Kampf. Dann erlahmte
-meine Mutter und wurde, was sie während dieses Jahres nicht gewesen war,
-wieder die Frau meines Vaters.
-
-»Aber dies ist es ja nicht. Nun stelle dir vor, Georg: eine alte Frau
-von beinah sechzig Jahren kommt zu ihrem lange verschollenen Sohn, der
-heimkam. Sie war auch einmal gegen ihn gewesen. Aber nun, wo er kam und
-sie ihn so gealtert sah, da weiß sie auf einmal, daß er vieles gelitten
-hat, und da steht ihr eigenes Leiden auf, das sie immer verschwieg, und
-da muß sie kommen und es sagen und weiß, daß ihr Sohn sie versteht. --
-Und nun sitzt er vielleicht da und denkt an fünfzehn riesige Jahre, und
-daß es nun ist, als wären sie nur gewesen, damit sie nach ihnen zu ihm
-kommen könnte, und daß sie und er sich verstehen. -- --
-
-»Und also fängt sie an, eine alte Frau, die das Ihre berichtet in ihrer
-Sprache; die nicht erzählt, sondern der in wirrem Durcheinander hundert
-Züge der Erinnerung einfallen; die es nicht darstellt, wie in einer
-künstlichen Novelle etwas dargestellt wird, sondern die darüber spricht,
-sich beschuldigend, den Mann entschuldigend, den Dritten entschuldigend,
-sich wieder ent- und die Andern beschuldigend, und das wieder
-zurücknehmend oder aufhebend; immer nach Gründen suchend und doch ganz
-ratlos. Sie hatte es gut ertragen, und doch ballte es sich einmal
-zusammen und verlangte, gesagt zu werden, und da sagte sie es mir, ihrem
-Sohn. Es war doch das Heilige gewesen. Es war das Jahr gewesen, wo sie
-über sich stand, wo sie mehr wollte als sich, wo sie sogar ihre Kinder
-nur als einen Teil ihrer selbst empfand und sich davon trennen zu können
-glaubte. Und sie hatte Moral, sie sagte: die Strafe blieb ja auch nicht
-aus ... indem sie meinte, daß ihre Tochter klein starb, und daß ich zehn
-Jahre später verloren ging.
-
-»Siehst du, Georg: man wird doch unruhig, wenn man dergleichen hört, wie
-ich damals. Man versuchts doch wieder mit dem Rütteln und sagt: Wenn ...
-und: Vielleicht ... Wenn nun ich, als meine Mutter dies erlebte, etwas
-älter gewesen wäre und es erfahren hätte? Ich würde mit ihr im Vater den
-Feind gesehen haben und sie vielleicht bewogen, von ihm zu gehen. Der
-Unbekannte und sie und ich, wir wären dann vielleicht glücklicher
-geworden, ich hätte einen Vater gehabt, sie einen Sohn und -- so etwas
-denkt man denn.
-
-»Ich hätte es auch zu einer Zeit hören können, wo ich meinen Vater für
-einen Verbrecher und ein Tier gehalten hätte. Ihn, der doch Gewalt
-brauchte, wo kein wahres Recht mehr für ihn war; ihn, der eine Frau in
-sein Bett zurückzwingen konnte, die ihn nicht liebte, die ihn haßte; und
-dies aus nichts als aus Lust, aus Bedürfen. Ihn, der endlich so klein
-war, daß er auch in diesem nicht etwas Großes sehen konnte, um sich
-dadurch ändern, sich nur auf sich besinnen zu lassen. Hätte er sie noch
-gehaßt, sie gepeinigt, sie erniedrigt, so wäre es doch Leben gewesen.
-Aber er blieb, was er war, kleinlich, mäkelig, alltäglich. Er war nicht
-schlecht; er hatte nur sein Wissen und seinen Besitz, seinen Trauschein
-und seine Triebe, und wollte sich nicht hindern lassen an alldem.«
-
-Bogner sprach längst nicht mehr so gelassen wie im Anfang. Er hatte sich
-mir wieder zugewandt, sein zerfallnes Gesicht war gerötet, er versuchte
-immer wieder sich aufzurichten, und nun stieß er die gespreizten Hände
-hinter sich und sagte mit unterdrückter Stimme der Heftigkeit:
-
-»Da quälen sie sich und quälen sich und verspritzen ihr Blut in den
-Unsinn, tun immer das Falsche, klagen immer den Andern an und weinen und
-sterben und haben selber die Schuld. Ich habe jahrelang gehungert, und
-das war es nicht! Ich habe jahrelang im Elend und im Finstern gelegen
-und geschrieen nach einem Einzigen, der bei mir wäre, und das war es
-nicht! Ich bin verzweifelt und hab sterben wollen, ich hab mich
-geschändet und gedemütigt und zerknirscht, und all das war es nicht!
-Alles das ist vergangen, ist vergessen, und geblieben ist immer nur
-Eins, das Eine, das ich nicht kenne, das hier in mir sitzt und sich
-abarbeitet, das Unbekannte, das Unmenschliche, nicht Ehrgeiz, nicht
-Ruhm, kein Wollen, keine Lust, keine Freude, keine Qual, nur dies --
-Rütteln, dies Rütteln in mir, das will, daß ich male.«
-
-Er hatte gesprochen wie in einem magischen Zustand. Der fiel nun
-plötzlich ab, ich sah ein furchtbares Schaudern über sein Gesicht und
-seinen Körper gehen, er ging auf den nächsten Stuhl zu und setzte sich
-darauf wie ein Knecht.
-
-Nach einer Weile sagte er erschöpft:
-
-»Ich rede von mir selber. Es war nicht meine Absicht.«
-
-Plötzlich packte er die Kante des Tisches mit beiden Händen, als wollte
-er ihn wegstoßen; sein Gesicht veränderte sich in einer schrecklichen
-und unmenschlichen Weise, ich glaubte, er würde schreien, aber er sagte
-all das, was nun kam, nicht laut, nur mit einer ungeheuren Gedrungenheit
-in der Stimme:
-
-»Und wenn ich jetzt sterbe, und wenn ich jetzt glauben muß, daß es alles
-nicht wahr gewesen ist, der Schmerz nicht wahr und die Not und das
-Heilige, alles nicht wahr, weil ich zugrunde gehe und mich Lügen strafe,
--- ja, wenn es nicht wahr gewesen sein soll an mir, so will ich doch bis
-zum letzten Atemzug glauben, daß es Wahrheit ist in der Welt, und daß
-diese Not und dies Glück, dieser Druck und dies Heil das einzige ist,
-was Leben hat in der Welt! Es braucht keine Götter zu geben, es soll
-keine Götter geben, aber --
-
-»Aber der Mensch auf seiner Erde, mit strotzenden Armen umspannt er den
-Baum und preßt einen Gott heraus, der seufzend sich aus den Blättern
-neigt, und Vaterlächeln aus rauschenden Zweigen. Er sät die funkelnde
-Drachensaat der Sterne in seiner Winternacht, und es steigen und beugen
-sich Gestalten heraus, blühende, Tiere und Menschen, der selige Delphin,
-die Jungfrau und der Jäger. Er zeugt dennoch, der Mensch, was größer ist
-als er: den Sohn. Er stellt den Sohn vor sich hin und spricht: du sollst
-mein Feind sein und über meine Leiche höher steigen, ich soll dein
-Knecht sein, dein Widersacher, dein Stachel, deine grenzenlosen Mächte
-zu entfesseln, und auf meinen Schultern stehend, sollst du in den Himmel
-reichen. Ich soll dich in Bande schlagen, und du sollst an ihnen deine
-Zähne wetzen. Ich soll dich verfluchen, ich soll dich durchsäuern mit
-meinem Fluch, daß dein Dasein genießbar werde für Geschlecht und
-Geschlechter. Ich bin dein Engel, Jakob, ich schlage dich auf die Hüfte,
-aber du wirst mir die Krone des Lebens aus den Händen reißen. Und wenn
-im Morgengraun nach der langen Kampfnacht über dir die Drossel singt, so
-soll dein ganzes Haupt wie eine kalte reife Traube am Berg liegen,
-berstend von Süße, ein Wunder der Erde an Erfüllung.«
-
-
- Georg an Benno
-
- auf Hallig Hooge, im Dezember.
-
-Ich empfinde die besondre Pflicht und den Auftrag, Dir mitzuteilen, daß
-Deine Freundin Ulrika Tregiorni im Begriff ist zu sterben. Im Bewußtsein
-Deiner besondren Verehrung für ihr reines und zartes Wesen, will ich
-nicht unterlassen, die einzelnen, ihr plötzliches Ende herbeiführenden
-Umstände vor Deiner Teilnahme auszubreiten. Sollte das Ende, das wir zur
-Stunde nahe befürchten müssen, wider Erwarten nicht eintreten, so werde
-ich es Dir am Ausgange dieses Briefes mitteilen.
-
-Nachdem bis vor wenigen Tagen ein unveränderlicher Nordwestorkan über
-unsre Insel getobt hatte, sprang der Wind in einer Nacht plötzlich um,
-wehte einen Tag lang warm und nässend vom Lande herüber, legte sich dann
-oder verschwand, und über die beruhigte See zog sich ein dichter Nebel,
-der die Aussicht verbarg. Ich erinnere mich, daß infolgedessen
-ehegestern oder schon vorehegestern (wer hält all die Tage auseinander?)
-zwischen Bogner, Ulrika und Cornelia beratschlagt wurde, ob sie, Ulrika,
-nicht die Tage der Meeresstille benutzen solle, um jetzt schon zum Lande
-hinüberzufahren, wenn auch ihre Entbindung erst in ungefähr einem Monat
-bevorstehe; weshalb es dann unterblieb, entzieht sich meiner Kenntnis.
-
-Wer sich einmal an eine Abgeschiedenheit wie die unsre gewöhnt hat, der
-mag eben gar nicht wieder weg. Zwar ich, der ich, wie bekannt, oben auf
-dem Deich wohne, im Fenster also das Wasser habe und von der Plattform
-meines Turmes aus die ganze See, ich behielt noch ein gewisses besondres
-Gefühl von Welt, obschon von Wasserwelt nur. Die Andern jedoch in der
-haushohen Umwallung des Deiches, die sie selten ersteigen, leben in
-einer warmen Enge, zu der kein Zugang ist, die keinen Bezug mehr zu
-irgend etwas hat, die völlig für sich allein da ist, durch Tage und
-Nächte überwölbt von dem Donner der See. Der aber war nun verstummt;
-plötzlich war in den Häusern der klagende Schrei des Tütvogels hörbar,
-langsam dehnte und entfaltete sich die Stille mit dem Nebel und ward
-ungeheuer.
-
-Damit Dir das Folgende verständlich sei, bin ich genötigt, einiges von
-einer Unterhaltung zu schreiben, die vor etlichen Tagen zwischen Bogner
-und mir stattfand, und der auch die Frauen -- nebst dem notwendigen
-Hauptmann -- beiwohnten, diese drei schweigend nach ihrer Gewohnheit.
-Die Rede war nämlich angelangt bei den Bewohnern dieser Küstengegend,
-ihren Sitten und Eigentümlichkeiten, und hielt alsbald bei der besondren
-Erscheinung des zweiten Gesichts, die ich Dir erklären oder, falls Du
-Dich an frühere Auslassungen meinerseits erinnern solltest, ins
-Gedächtnis zurückrufen werde. Die Erscheinung ist, wie Du weißt, nicht
-nur hier auf den Inseln und Halligen nordwärts, sondern auch auf dem
-Festlande verbreitet, in ähnlichen Formen zudem in Westfalen und
-Schottland. Ihr Ursprung ist vermutlich die ungeheure Einsamkeit
-einerseits, welche die in ihr Hausenden zwang, übersinnliche Fäden der
-Wahrnehmung zu weit fernen Personen hinüberzuspinnen, andrerseits der
-vielfältige Zusammenhang mit abwesend verstorbenen Menschen, das heißt
-den auf See umgekommenen Söhnen, Vätern und Gatten. Stelle Dir die
-Inseln vor, die winzigen Halligen, überhängt von der stürzenden See, das
-Leben dort, im Winter zumal, in den Nächten ohne Ende, die Einsamkeit
-dieser Gehöfte und Werften, abgeschnitten durch Wochen und Wochen von
-jeder Verbindung, dazu die jahrtausendlangen Kämpfe mit den drei ewigen
-Gewalten, See, Wind und Sand, die ohne Unterlaß fraßen, Land fraßen und
-Menschen. Da begannen die monatelang Nachricht voneinander Entbehrenden
-den furchtbaren Raum der Einsamkeit zwischen sich zu durchstoßen mit
-ihrer Seele, die jenseits hervortrat und sich zeigte. Wann gelang ihnen
-das? In den besonderen Augenblicken des Lebens, im einzig besondern, in
-dem des Todes. Begräbnisse wurden sichtbar, Sarg und die Lichter, Gesang
-erscholl, das Trauergefolge zeigte sich deutlich. Und es kamen die Toten
-aus der Nacht- und Wasserferne und zeigten sich, so daß man wußte: sie
-waren tot. Diese wurden >Gänger< genannt, die Gehenden, Wiedergehenden,
-Wiederkommenden unter den Toten. Ich erzählte Bogner den folgenden
-Vorgang, den mir ein Pfarrer als eigenes Erlebnis berichtet hat, ein
-Mensch übrigens, trocken und klar, ohne unsre Nervenphantasie, wie all
-diese Menschen hierzuland.
-
-Zu Besuch bei einem erkrankten Freunde und Amtsbruder auf einer der
-nördlichen Inseln -- große Schafherden weiden dort fast wild; ich vergaß
-nun den Namen --, folgte er an seiner Statt der Bitte eines Mädchens zu
-ihrer im Sterben liegenden Mutter. Die Strecke zu ihr, stundenweite Wege
-im Dünensand, wurde im Wagen zurückgelegt, sie kamen mit Einbruch der
-Dunkelheit an, das Haus lag hinter den Haidhügeln der Wattseite, Wiesen,
-bevölkert mit Schafen, erstreckten sich von ihm aus zu den Hügeln und
-Gletschern der Sanddünen. Du kennst die langgestreckte Form der
-niedrigen Häuser. -- In ihrem Bettschrein lag die sterbende Frau ohne
-Besinnung. Der Pfarrer setzte sich zu ihr, ein mögliches Wachwerden
-erwartend; die Tochter kniete am Bett, in dessen Nähe ein Licht brannte.
-Da sieht der Pfarrer eine dunkle, menschliche Gestalt draußen an den
-Fenstern vorübergehn, in der Richtung der Haustür. Aus diesem oder jenem
-Grunde erhebt er sich und geht aus dem Zimmer auf den schmalen Hausflur
-zwischen Vorder- und Hintertür. Die obere Hälfte der vordern steht
-offen, von draußen herein lehnt ein Mensch, still, bleich, die Haare
-hängen ihm unordentlich in die Stirn. -- Wünschen Sie etwas? fragt der
-Pfarrer. Kommen Sie doch herein! -- Er öffnet die Tür, tritt zurück und
-wiederholt seine Aufforderung; wiederholt sie ein zweites Mal, schon in
-der Zimmertür. Jetzt kommt der Mensch ihm nach, betritt das Zimmer,
-sieht die Frau im Bett und setzt sich auf einen Stuhl, immer die Augen
-auf das Bett gerichtet. Da schlägt die Frau die Augen auf und sieht ihn.
-Die Tochter folgt ihrem Blick, sieht den Fremden, springt auf, stößt
-einen Schrei aus und sagt: Jan! -- Der Mensch erhebt sich nach einer
-Weile wieder und geht hinaus, wie er kam. -- Die Frau starb bald; die
-Erscheinung war die ihres Sohnes, der in jener Nacht ertrank.
-
-Diese Erzählung erregte den Maler auf so besondre Weise, daß ich
-ihm gleich noch eine vortragen mußte, und zwar die von den
-Doggerbankfischern.
-
-Die Doggerbänke sind Dir bekannt. Die dort mit Netzen Fischenden kehren
-wochenlang oft nicht zurück, leben wochenlang schweigsam, nur mit ihrer
-schweren Arbeit beschäftigt mitten in der riesigen See, im Regen, im
-Nebel; auch ihre Boote trennen sich weit voneinander; jede Mannschaft
-arbeitet in völliger Abgeschiedenheit, im Unsichtbaren.
-
-An einem Nebelabend gewahrte die Besatzung eines fischenden Kutters
-plötzlich in fast schon gefährlicher Nähe ein andres Boot, das auf das
-ihre zukam ohne Laut. Sie schrieen Warnungen hinüber, sie lärmten und
-fluchten, allein das stumme Boot kam näher und näher, fuhr endlich so,
-daß Bordwand an Bordwand streifte, an dem Kutter vorüber. Drin saß die
-Mannschaft an ihren Plätzen, ohne Bewegung, ohne Laut. Nur der am Steuer
-sagte, als sie fast schon vorüber waren: »Wir dürfen keinen Lärm
-machen.« Der Ton lag unmerklich auf dem Wir. -- Der Kutter schwand im
-Nebel. Später ward offenbar, daß jenes Boot an jenem Abend an einer
-meilenweit entfernten Stelle untergegangen sei.
-
-Als ich aber dies Geschehnis berichtet hatte, erhob sich Ulrika ohne ein
-Wort und ging hinaus.
-
-Wir Andern, Bogner, Cornelia und der Notwendige, schwiegen ziemlich
-lange. Bogner zeigte sich dann besonders verwundert und ergriffen von
-dieser Art und Weise und der Haltung der Toten. Daß sie kamen, nicht
-anders als im Leben erscheinend, jedoch auf eine unbeschreibliche Weise
-feierlich und verschönt. Der Sohn der Sterbenden schwieg und sah nur die
-Mutter an; die Schwester schrie; er schwieg und ging wieder. Er hatte
-sich nur zeigen wollen. -- In dem Boot die Lebenden lärmten, die Toten
-verhielten sich still, nur einer mahnte ruhig: Wir -- dürfen keinen Lärm
-machen. -- Noch so viel Güte, daß er wegen der bewußtlosen Lebenden das
-Schweigen brach!
-
-Und noch dies Seltsame: die Doppelheit der Menschen! Ihr eines Halb sah
-die Erscheinung, hatte Verbindung mit dem Jenseits, und zwar vermittels
-derselben Sinne, mit denen ihr andres Halb die Erscheinung nicht begriff
-und sie für natürlich und ihresgleichen hielt.
-
-Nun, so kamen wir wieder ins Gespräch, und es war begreiflich, daß ich
-nun auf das in unsrer besondren Nähe befindliche Gespenst zu sprechen
-kam, das diese Insel für Jahrzehnte unbewohnt gemacht haben soll,
-nämlich den sogenannten Dränger, eine Erscheinung, die übrigens auch in
-andern Gegenden bekannt ist. Hier ists der weiland Deichhauptmann
-Waldemar Montanus, der bei Ebbezeit einsamen Gehern außerhalb des
-Deiches im dichten Nebel erschienen sein soll mit der ausgesprochenen
-Absicht, dieselben in die See zu drängen. Sie verloren nämlich die
-Besinnung vor Angst, den Deich aus den Augen, er drängte und drängte von
-hinten, von der Seite, von überallher, kurzum: er drängte sie in die
-See. Wenn dazu berichtet wird, daß der Deichring um Hallig Hooge, der an
-der Wattseite ein breites Loch hat, in solchen Nächten geschlossen sein
-soll, so liegen dem wohl die Erfahrungen zugrunde, daß Angst erstlich
-die Sinne blendet, so daß der Verfolgte das Deichloch übersah, und
-zweitens die Zeit und den Weg unmäßig in die Länge zu dehnen pflegt,
-also daß der Verfolgte meinte, die Lücke im Deich, die er nach wenig
-Schritten vielleicht erreicht hätte, sei schon vorüber, worauf er
-womöglich umdrehte und nun niemals mehr hingelangte, -- allein wer weiß
-das eigentlich? Der Betreffende konnte es kaum weiter sagen.
-
-Heut abend nun -- oder gestern, wie Du willst, es geht nun auf morgen --
-wollte Bogner, indem wir wieder beisammen saßen, auch wieder von diesen
-Gespenstergeschichten anfangen, aber Ulrika stand gleich mit einer
-besondern Schroffheit auf und bat zu schweigen. Sie setzte sich nicht
-wieder, blieb eine Weile stehen und ging dann hinaus.
-
-Wir sprachen trotzdem nun nicht weiter. Ich dachte, was wohl auch die
-Übrigen dachten, daß jemand ihr folgen solle, aber sie liebte es, allein
-zu gehn, und ich hatte beim Herkommen aus meinem Turm den halben Mond
-über dem dünnen Nebel stehen sehn. So saßen wir längere Zeit schweigsam
-im größeren Schweigen der Stunde. Das Zimmer war voller Schatten rundum,
-die Petroleumlampe brannte auf dem Tisch, seitwärts dazu saß der Maler,
-ich im Sofa dahinter und rauchte, irgendwo waren die Augen Cornelias,
-dunkel und glänzend, und irgendwo das rechteckige Gesicht des
-Notwendigen. Dann stand Cornelia auf und sagte mir, durchs Zimmer und
-hinausgehend, mit den Augen, daß sie Ulrika folge.
-
-Nein, kein Unheil hing in der Luft; es war durchaus besonders friedlich.
-Auch der Hauptmann, der sich einige Minuten nach Cornelias Fortgang
-erhob und ihr nachging, sagte später, daß er zwar einen gewissen,
-besondern Zwang empfunden habe, jedoch ohne jede Besorgnis.
-
-Aber Minuten später erschreckten uns eilige Schritte im Flur, Cornelia
-riß die Tür auf und schrie mir zu, ich solle sofort kommen, der
-Hauptmann könne sie nicht allein tragen ... Bogner nämlich galt ihr noch
-für zu schwach, obwohl er inzwischen schon beinah grade geworden ist. Er
-war denn auch zugleich mit mir in der Tür, Cornelia berichtete fliegend,
-sie habe Ulrika nirgends gefunden, dann einen dünnen Schrei gehört, sei
-zur Deichlücke gelaufen, habe wieder den Schrei gehört und nach einigem
-Suchen, wenige Schritt weit am Fuß des Deiches Ulrika gefunden,
-zusammengekrümmt, sich windend und stöhnend in Krämpfen. Die Zuckungen
-der Wehen verhinderten den notwendigen Hauptmann, den die um Hülfe
-zurückrennende Cornelia traf, sie zu tragen.
-
-Der Mond, wie gesagt, schien. Die dunkle Mulde war, fast frei von Nebel,
-in schönes Silber getaucht, in dem wir schon von weitem die schwarze
-Gestalt des Notwendigen gewahrten, der uns entgegenkam, die ruhiger
-Gewordene auf dem Arm. Ihr erstes Wort an Bogner war: Benvenuto, das
-Kind, das entsetzliche Kind! -- Später hat er noch erfahren, daß sie im
-Nebeldunst draußen am Deich einen Schein und in dem Schein -- ich weiß
-nicht, ob ein Kind mit einem übergroßen oder ohne einen Kopf gesehen
-haben will, worauf sie vor Furcht und Grauen auf den Deich zugelaufen
-und beim Versuch, hinaufzuklettern, abgestürzt ist.
-
-Wolle aber bedenken, Benno, was ich schrieb: Sie war nicht mehr im
-Zimmer, als ich vom Dränger erzählte. Wie sollen wir das nun verstehn?
-
-Im Haus überließen wir sie Cornelia. Der Notwendige und ich saßen drei
-Minuten später im Segelboot, aber -- ach Benno, die Unseligkeit dieser
-Fahrt hätte ich selbst mir kaum gegönnt! Über dem Wasser schwebte ein
-Hauch von Wind, in dem zuerst gar keine Richtung war. Als wir dann
-weiter hinaustrieben, schien er sich für Nordwesten entscheiden zu
-wollen, schließlich aber wehte er, o sanfter Satan! aus Nordosten, so
-gut wie uns entgegen. Und was hilft es nämlich bei Fahrten wie dieser,
-daß man die Logik in die Hand nimmt wie eine Pistole und sich sagt: es
-hat keine übermenschliche Eile, denn wenn vor Minuten erst die ersten
-Wehen eintraten, so dauerts noch Stunden bis zur Geburt. Die Pistole
-geht nicht los, sie braucht auch gar nicht losgehn, aber da sitzest du
-bei einer brennenden Laterne, bloß mit einem zufälligen Uhrkompaß, den
-der Notwendige bei sich hat, mitten in der nebelglänzenden See, im
-Halbdunkel, wo keine Bewegung an nichts zu erkennen ist, durch Minuten,
-die Stunden werden, stille liegend, und du reißest Herz und Lungen und
-alle Organe auf, als ob du geboren wärst, im Augenblick, wo du das
-Leuchtfeuer vom Außenhafen siehst, Auge der Seligkeit durch die
-silbernen Dünste der See. Und nun Kreuzen, Kreuzen ohne Ende. Es ist
-schwer wie die Verdammung, ein Ziel durch Vorbeifahren zu erreichen,
-obgleich es im Leben nicht anders ist. Man fängt an zu beten, Benno,
-ohne zu wissen, was es ist! Nach einer Fahrt von beinah zwei Stunden --
-statt einer halben -- lagen wir im Binnenhafen, und hätten nicht
-gelegen, wenn uns nicht der Polizeikutter geschleppt hätte, so schnell
-wie ein Pferd, aber all diese Dampfer und Schlepper und Kähne, die an
-den Molen und an den Hafenwänden lagen, die unendlichen Lagerschuppen,
-die Kräne, die Kohlenberge, die unerhört langen Reihen von Fässern, und
-wieder Dampfer, Schlepper, Ewer, Schaluppen, Pinassen, Segelboote, wo
-einer einsam steht und schöpft, Südamerikafahrer, wo ein paar Kerle im
-Dunkel über der Reling liegen und spucken, Ziegelkähne von endloser
-Länge, wo am Rande ein wilder Spitz rennt und bellt und am Ende eine
-Kajüte ist und Licht und ein rauchender Schlot, und ein Ehepaar mit den
-Ellbogen auf den Knieen -- weißt Du, wie das sich einbrennt in die Augen
-auf solchen Fahrten?
-
-Also, ich rannte denn zum Arzt (weißt Du, wieviel Vorstellungen der
-Orte, wo er sein könnte in solchen Minuten, da er ja auf keinen Fall zu
-Hause sein kann?) und fand ihn -- es war gegen zehn Uhr -- in seinem
-Zimmer bei der Zeitung. Endlich hatte ich ihn denn mitsamt seiner Tasche
-in einem, vom Notwendigen inzwischen geheuerten Motorboot, und wir
-langten eine halbe Stunde später wieder an.
-
-Langten an, empfangen von einem Geschrei, das ich -- wie bereits oben,
-Benno, es geht jetzt auf Morgen, noch ist immer nicht geschehen, was
-geschehen soll, ich sitze und schreibe nach der anfänglichen besondren
-Kälte mit rauchenden Händen. Ich habe ein Geschrei gehört, Benno, das
-Gott nicht erfunden hat. Ich habe ein Weib, das er aber erfunden hat,
-brüllen und heulen und pfeifen hören. Ich habe hinter der Türe gestanden
-und geschlottert mitsamt dem Notwendigen. Ich habe das Licht in den
-Türritzen gesehn wie bei Weihnachten, wenns drinnen raschelt. Ich habe
-an der Füllung gekratzt wie ein Hund und dazu mit den Augen gewinselt.
-Ich habe den Doktor herauskommen und schwitzen und klappern sehn und ihn
-Worte sagen hören, bei denen es mich in den Ästen meines besondren
-Nervenbaums aufhenkte wie Absalom, -- Gebärmuttersenkung -- es drehte
-sich schon ehemals alles in mir um, wenn ichs hörte. Weißt Du was,
-Benno? Wenn die Menschen anfangen, von Sinnen zu geraten, so tun sie das
-Allergewöhnlichste, und zwar mit einer besondern Genugtuung, und der
-Doktor in diesem Fall putzte seine Brille wie den Abendstern. Ich habe
-Cornelia völlig rasend gesehn, dieweil sie kein Wort äußerte, ab und zu
-ging, das Nötige besorgte und zwischenhinein bei der halb schon
-Zerfetzten saß und ihre Hand hielt. Ich hörte mich selber klappern und
-den Arzt fragen, ob der Sturz geschadet habe, und hörte ihn schnauben
-und sagen, ob gestürzt oder nicht, und ob heute geboren oder morgen, das
-wäre alles Unsinn, und sie hätte niemals dazu kommen dürfen, und das
-Kind würde sich höchstwahrscheinlich erdrosseln. Ein Kind, o ihr Helden,
-noch im Leib seiner Mutter, und hat schon einen Strick zum Erdrosseln!
-Ich habe, Benno, auf der Erde gelegen, im Freien und an den Nägeln
-gekaut. In meinem Zimmer habe ich den Finger in mein brennendes Licht
-gehalten, um mir eine Abkühlung zu verschaffen, und die Wunde als
-höchste Wollust meines Lebens empfunden. Ich habe Tränen vergossen und
-diese rasende Halbtote geliebt wie keinen Menschen jemals, und ich habe
-sie um Vergebung meiner Sünden gebeten. Gott im Himmel, Benno, ich habe
-angeboten, alles noch einmal erdulden zu wollen, wenn bloß dies
-aufhörte.
-
-Ich habe nämlich auch Bogner gesehn, ganz besonders! Der saß all die
-Stunden im Nebenzimmer und hörte es mit an. Ich kam herein, ich denke,
-da sitzt eine Leiche. Aber er sieht ganz aufmerksam auf das Tischtuch.
-Als ich näher zusah, merkte ich dann, daß ich, wenn ich ihn anrühren
-sollte, einen elektrischen Schlag empfangen würde, denn er saß auf einem
-Elektrisierstuhl, gerade so geladen, daß es eben noch zu ertragen war.
-Nein, er saß auf durchaus keinem Stuhl, sondern auf einem pfeilschnell
-rennenden Tier; saß in einem rasselnden Panzer von Schnelligkeit, saß
-gewissermaßen auf dem hurtigsten Tier, das da trägt zur Vollkommenheit,
-genannt Leiden.
-
-Es war eben wieder still; ich setzte mich und fing an zu rauchen, die
-Lampe begann zu stinken und gab vor unsern Augen den Geist auf, Bogner
-erbarmte sich ihrer und blies sie aus. Bogner gönnte sich dieses alles.
-
-Und all diese Stunden lang in Pausen dies rauchende Geschrei wie aus
-einer eisernen Röhre, diese minutenlangen Strudel von Wimmern und Flehen
-an alle Mütter und Maler und Götter um Erbarmen.
-
-Aber sie ertragens. Vielleicht ist dies auch nicht besonders, vielleicht
-nur um kleine Grade schlimmer als üblich. Cornelia scheint es ja zu
-verstehn. Sie erheben sich sogar hinterher und fangen wieder an zu
-leben. Ich will mal nachsehen.
-
- * * * * *
-
-Fünf Uhr. Nun muß es bald kommen, sagt der Notwendige, der es vom Arzt
-erfuhr. Bald, das ist ein Ausdruck!
-
-Bogner war nicht mehr im Zimmer. Ich suchte ihn, da sah ich im Dunkel
-seinen Schatten auf dem Deich und stieg zu ihm hinauf. Er hatte seinen
-Stuhl hinausgetragen und saß dort, die Hände auf den Knien, unter sich
-den Nebeldunst, der Nacht zugewandt, wo sie nur dunkel war, denn hinter
-seinem Rücken stand der Mond. Da habe ich ihn gefragt: »Nun, Bogner,
-proklamierst du heut auch noch deine Vollkommenheit der Welt?«
-
-Er wendet den Kopf zu mir, sieht mich an. Plötzlich überläufts ihn. Er
-wartet, bis er wieder ruhig ist, und er sagt: »Ja.«
-
-»Bist du wahnsinnig?« schrei ich ihn an. »Nachdem du dies gelitten hast?
-und sie?«
-
-»Ja,« sagt er nach einer Weile. »Auch daß ich leide, ist -- gut.«
-
-Da waren wir still. Später sagte er:
-
-»Wenn ein Opfer gebracht wird -- hier; und dort ist einer -- der nimmt
-es an; dann ist alles erfüllt.«
-
-Oh mir brannte das Herz! Bogner -- ich weiß, welche Furcht vor dem Tod
-er erlitt. Nun hat er eingesehn, daß nicht er gefordert wurde, sondern
-sie. Und nun stirbt er mit ihr. Denn so stirbt der Mensch im Opfer, das
-er bringt. Vielleicht wäre er lieber gestorben, als so überleben zu
-müssen. Aber es ist Sinn in dem allen. Freilich muß man ein Kentaur
-sein, um ihn erleben zu können und doch zu verstehn.
-
-Ich weiß nun nichts mehr und schließe den Brief.
-
- Georg
-
-Tot.
-
-
- Georg an Magda
-
- auf Hallig Hooge, am 29. Dezember.
-
-Meine liebe Magda!
-
-Eine schmerzliche Nachricht: Bogner bittet mich, Dir mitzuteilen, daß
-Ulrika Tregiorni vorgestern morgen vor Tagesanbruch verschieden ist,
-nachdem sie vergeblich versuchte, einer Tochter das Leben zu geben.
-
-Ein unglücklicher Fall am Abend zuvor beschleunigte die Geburt, die sie
-nach der Meinung des Arztes allerdings auch unter günstigeren Umständen
-nicht überstanden haben würde.
-
-Bogner ist jetzt ruhig. Sollten wir jemals über diese Dinge miteinander
-sprechen, so würdest Du erfahren, daß meine alte Ehrfurcht vor ihm nun
-fast das Maß des Menschlichen überschritt.
-
-Wir werden Ulrika am Abend hier begraben. Bogner fuhr heute früh mit
-meinem Adjutanten, Hauptmann d. J. Rieferling zur Stadt und kehrte gegen
-Mittag mit einem ungestrichenen weißen Sarge und einem kleinen weißen
-Marmorblock zurück, auf dem nichts eingegraben ist als ihr Name und --
-darunter -- das Bild eines in seinen Fittichen aufrecht stehenden
-Schwanes. Wir Alle, die wir hier sind, haben ihr das Grab oben auf der
-Nordseite des Deiches geschaufelt, wo sie liegen wird mit den Füßen in
-der Richtung der See. --
-
-Ich habe zu diesem einige Worte über mich beizufügen.
-
-Aus einem Grunde, den Du verstehen wirst, wenn Du gelesen hast, war ich
-nicht fähig, die Tote zu sehn. Überdies hielt noch etwas mich ab, ihr
-Zimmer zu betreten. Bogner saß neben ihr und zeichnete sie. Da er
-keinerlei Mal- oder Zeichenwerkzeuge dahier hat, so riß er vom Deckel
-eines bräunlichen Pappkartons die Randstücke ab und fand ein kleines
-Stück Rötel. Durch die offene Tür zum Sterbezimmer sah ich ihn dann
-schräg auf Ulrikas Bett sitzen, auf den Knien den Pappdeckel, nach
-ihrem, mir unsichtbaren Gesicht blickend, und so sah ich ihn jedesmal,
-wenn ich das Haus betrat, vorgestern, gestern und noch in der letzten
-Nacht, doch hatte ich nie den Eindruck, als ob seine Hände beschäftigt
-seien.
-
-(Sage, kommt Dir vielleicht auch, indem Du dies liesest, ein japanischer
-Wandschirm in Erinnerung? Der erschien jedenfalls mir und stellte
-alsbald die Verbindung mit jener Frau wieder her, Judith Österreicher
-jener, von der uns Bogner erzählte -- vor Jahren --, die er zum Leben
-erweckte, im Bilde, während sie daraus fortglitt. Was schien Bogner uns
-damals? Was scheint er mir wieder heut? Aber --
-
- es kehret umsonst nicht
- Unser Bogner, von wo er kam.)
-
-Heute vormittag endlich, als ich eben an meinem Schreibbüro mit den
-täglichen Unterzeichnungen beschäftigt war, der Hauptmann und der
-Ordonnanzoffizier mir dabei mit Zureichen und Abnehmen der Blätter zur
-Hand gingen, überhörte ich das Eintreten jemandes, bis ein leiser
-weiblicher Aufschrei mich veranlaßte, mich umzuwenden. Von den drei,
-durch die kleinen Fensterscharten einfallenden und sich kreuzenden
-Lichtkeilen geblendet, sah ich zuerst am Tisch in der Zimmermitte
-Cornelia lautlos hereingekommen und mit dem Zusammenstellen des
-Frühstücksgeschirrs beschäftigt, dann die Gesichter der Herren und das
-ihre absonderlich verzerrt im Blick nach der Tür, und dort sah ich nun
-Bogner, der seinen Pappdeckel in der Höhe seines Kopfes hielt und uns
-zeigte. Anfänglich schien mir nichts darauf wahrzunehmen, als wenige und
-verwirrte, rötliche Linien ohne Sinn und Zusammenhang. Aber jählings
-schossen sie zusammen, schlossen sich, wurden Züge, umrahmendes Haar,
-halb geschlossene Augen, und ich sah die Meduse.
-
-Tot, tot, tot, nichts als tot. Alles gebrochen und entstellt. Die Lippen
-halb geöffnet wie die Augen mitten in der Not des Lebens und Sterbens
-stehen geblieben, oder gleichgültig stehen gelassen von ihm, der die
-Seele noch lebend heraus und in Fetzen riß. Es war zu sehn, daß er das
-tat. Hier war alles zerstört. Hier war nichts mehr; nur Tod.
-
-Bogner selber, scheinbar erst aufmerksam durch unser Schaudern, blickte
-hin und entsetzte sich. Er legte es auf den Tisch und sah uns ratlos an.
-Und wir starrten darauf und sahen, daß da nichts war. Ein paar verwirrte
-rote Linien auf ödem Braun.
-
-Ich sah Gestorbne schon früher. Damals war es anders als hier, weniger
-deutlich und minder wild, und es war doch das gleiche. Nichts. Ich habe
-mich überzeugen wollen und Ulrika selber gesehn. Es war nur grauenvoller
-das gleiche. Ihr Gesicht war gelb in dem roten Haar, die Lippen
-bläulich, halb nur zu wie die Augen, hinter deren Lidern etwas bläulich
-Weißes schimmerte. Es war entseelt.
-
-Er hat mich nicht versteinert, der Anblick der Meduse, nein. Er löschte
-in mir nur das Licht. Es läßt sich sehr einfach ausdrücken. Ich hatte
-bisher nicht geglaubt, daß mein Vater gestorben sei. Ich nahm an, er
-lebte in einer andern, höheren Form, und nahm an, daß sie die selbe sei,
-in der er mir erschien. Nun weiß ich, daß die Toten keine andre Gestalt
-haben als die, in der sie uns erscheinen. Das ist die Form der toten
-Ulrika. Mein Vater ist tot. Was von ihm noch lebendig ist, ist in mir.
-Es sollte golden sein; aber es ist Gift. Denn es ist nichts als Schuld.
-
-Dies versuche mir zu glauben, ohne daß ich es erkläre.
-
-Ich bin ruhig, seit ich dies weiß. Ich habe die Hoffnung, daß in Bälde
-alles zu der nötigen Ordnung kommen wird, und Du wirst dann von mir
-hören.
-
-Ich schließe. Bogner wird mich morgen verlassen, und Du wirst ihn wohl
-über kurz oder lang selber sehn, wie er den gefesselten Riesen losmacht
-und zur Arbeit geißelt. Ihm ist das Tor, durch das die Tote hinausging,
-was es dem wahrhaft Lebenden sein soll: ein Eingang.
-
-Ich bleibe allein zurück mit dem Hauptmann, da ein Zufall will, daß auch
-Cornelia geht, wenn auch unbestimmt ist, wie lange sie ausbleiben wird.
-Sie empfing einen Brief von der Schwester eines Mannes, mit dem sie vor
-Jahren einmal verlobt gewesen ist, eines kränklichen, schwer
-hysterischen Menschen, von dem sie sich trennen mußte. Nun soll ihm eine
-schwierige Operation bevorstehn, vor der er sich fürchtet ohne sie. Sie
-reist nach Zürich, wird aber auf der Durchfahrt durch A. bei Dir
-vorsprechen.
-
-Lebe wohl! In Liebe brüderlich Dein
-
- Georg
-
-
- Georg an Bogner
-
- Hier, am letzten Tage des Jahres.
-
-Du bist fort. Ich kann hier nichts mehr halten, und mit Dir verließ mich
-auch Dein Geist. Doch ich weiß nun, wer Du bist. Als Du diese Erde
-betratest, gaben die Götter Dir den Namen und sagten: Benvenuto! das
-ist: Sei uns willkommen!
-
-Du bist aber Herakles.
-
-Derselbe Halbgott kämpfte mit den gewaltigen Tieren der Fabel und
-bezwang sich in der Knechtschaft. Zuletzt legte er das brennende Kleid
-an, und es >ging in Lüfte der Geist ihm auf<; er betrat den Raum seiner
-Unsterblichkeit.
-
-Der alle Schrecken des Lebens in sich selbst überwindende Mensch: das
-ist der Heros, der die Unsterblichkeit davonträgt.
-
-Vielleicht nicht: Heroen zu werden, aber -- heroisch zu sein in allen
-wahrhaften Augenblicken des Lebens, das ist unsre Aufgabe. Es ist die
-Aufgabe, die ich sieben Mal verriet.
-
-Mein Heros, lebe wohl!
-
- Georg
-
-
- Sechstes Kapitel: Januar
-
-
- Cornelia an Georg
-
- Zürich, am 11. Jan.
-
-Mein Lieber, Du hast mir verboten, zu schreiben, aber ich muß Dir doch
-sagen, daß meine Rückkehr sich noch verzögert. Die Operation ist
-überstanden, aber es sind im Zustand des Kranken Verwickelungen
-eingetreten, die mich noch bei ihm festhalten. Ich bin furchtbar
-unglücklich darüber, nicht nur meine Liebe, auch Angst und Sorge ziehn
-mich ja unaufhörlich zu Dir, aber -- was bin ich Dir, und ihm hier bin
-ich das Einzige! Nimm dies und die innigsten, liebendsten Grüße Deiner
-
- Cornelia
-
-
- Georg an Magda
-
- Auf meiner Insel, am 20. I.
-
-Dieser Brief wird in meinem Schreibbüro gefunden werden, wenn das Wenige
-vorüber ist, das hier »alles« genannt wird.
-
-Nun kann ich nicht mehr. Ich bin leer, es drückt meine Wände ein. Ich
-bin so furchtbar müde, daß es keinen Schlaf mehr für mich giebt als
-einen, nach dem ich mich sehne wie ein Kind. Mitunter fühle ich meinen
-Körper schlummern, aber die Seele löst es nur in einen rauchenden Wirbel
-auf. Dann ist immer der gleiche Traum, daß ich Sindbad bin. Die Beine
-jenes bösen Geistes, den er auf seiner Insel schleppen mußte, liegen um
-meinen Hals geschlungen, sie würgen mich, und ich lauere darauf, daß der
-Alte einschläft und ich mich losmachen kann, und er belauert mich. Wenn
-ich dann erwache, so weiß ich, daß er nicht schläft, ehe ich selber
-schlafe.
-
-Laß mich schlafen, Magda, tue das Eine mir nicht an und halte mich nicht
-für feige! Vielleicht könnte ich leben in einer Einsamkeit, unbeachtet,
-mit diesem und jenem Menschen, verantwortlich allein mir selber. Es ist
-aber all die Zeit während der letzten Jahre mein mehr oder minder
-bewußtes Streben gewesen, den Punkt zu erreichen -- wo dann alles unter
-mir brach --, den Augenblick, wo ich an die Spitze eines Reiches trat.
-Dies habe ich gewollt und habe es erreicht, auf Kosten all dessen, was
-ich jetzt schleppe, und auf Kosten all Derer, die mit mir mein Leben
-ausmachten. Mein Recht auf sie verlor ich durch Schuld, aber es hieße
-sie selber ausblasen wie ein Licht, wollte ich heute verzichten und mich
-in mich selber zurückziehn. Entweder der Staat oder nichts. Zum Entweder
-jedoch gehört eine Verantwortung, die ich nicht auf mich nehmen kann.
-Tag für Tag wächst allein die alte Einsicht neu: Du kommst nicht hinein.
-Zu den handelnden Menschen, in ihre Gewohnheiten treten und selber doch
-frei sein vom Zwang des Gewohnten: dazu finde ich keine Möglichkeit, und
-ohne sie die Verantwortung einer solchen Stellung auf mich zu nehmen,
-das bringe ich nicht mehr fertig.
-
-Um die Erde ist Nacht. Ich stand auf der Plattform im Frost und im
-Schwarzen, im uralten Donner der Freundin, der See, und ich sah im
-Nächtigen rote Punkte, die Lichter fahrender Schiffe, sah sie aufglühn
-und wieder erlöschen. Eine Flamme, die mir frei und golden schien, hat
-sich zum letzten glimmenden Punkt zusammengezogen. Möchte der
-Flügelschlag, der sie verlöscht, der des Gedankens sein, daß Du die
-geschwundene nur aus den Augen verlierst und nicht aus dem Herzen!
-
-Noch ist eine Spur von Kraft in mir. Sie mag Tage reichen oder Wochen,
-ich verspreche Dir, daß kein Ende sein wird, ehe ich nicht den letzten
-Rest von mir verbraucht habe.
-
-Dann glaube mir, daß ich erleichtert wurde, und traure mir nicht nach!
-
-Lebe wohl!
-
- Georg
-
-
- Georg an Benno
-
- Auf meiner Insel, am 24. I.
-
-Mein Freund:
-
-Du wirst wissen, daß ich hier aus Staatsraison einen Begleiter habe,
-einen Infanteriehauptmann namens Rieferling, Johannes. Nachdem ich
-mehrere Wochen in wenn auch nicht eben nahem Umgang mit ihm gestanden
-hatte, ohne mich um sein Inneres zu bekümmern, machte ich mir
-Gewissensbisse und begann, ihn Einiges nach seinem Leben zu fragen,
-infolge seines ernsten Wesens in der fast sicheren Vermutung, auf etwas
-zu stoßen, das ihm die Einsamkeit hier aus ähnlichen Gründen wie mir
-nicht beklagenswert erscheinen läßt. Aber nichts dergleichen. Er hatte
-kaum etwas zu berichten. Seine Eltern haben ein kleines Gut in den
-Ostseeprovinzen, haben viele Kinder, in deren Reihe er irgendwo in der
-Mitte steht, alles ist gesund, er hat stets nur zum Soldatenstand Lust
-gehabt, mußte freilich ein bescheidenes Leben führen, hat aber außer
-seinem Beruf nie Bedürfnisse gehabt, verließ die Kriegsakademie mit den
-höchsten Auszeichnungen, hat nach wie vor keine Wünsche, als einmal nach
-Italien zu reisen, und bedauert nur, daß der nächste Krieg eher da sein
-wird als für ihn das Bataillon, aber ich hoffe, für diesen absurden
-Fall, wenn er eintreten sollte, noch Vorsorge treffen zu können. Hier
-arbeitet er den ganzen Tag, kümmert sich den Teufel um die See und liest
-jeden Abend ein Kapitel im Neuen Testament.
-
-Möchte man auch so sein, Benno? Wie geht so ein Leben weiter? Entweder
-in den vorgeschriebenen Bahnen, und er endet einmal als
-Generalinspekteur eines Armeekorps, die Brust voller Orden, oder der
-nächste Krieg kommt wirklich, und ist er noch nicht im Generalstab
-gelandet, so führt er seine Kompagnie zu einem glänzenden Sturmangriff,
-erhält das Eiserne Kreuz, und ein paar Tage oder ein paar Wochen später
-legt ihn eine sanfte Kugel von Gottweißwo her schmerzlos und ruhig auf
-den Rasen. Der Leutnant sagt: Die Kompagnie hört auf mein Kommando! und
-an der Stelle, die er ausfüllte, steht ein Andrer, der sie gerad so
-ausfüllt.
-
-Indem ich noch dies bedachte, erinnerte ich mich Deiner und merkte
-dabei, daß meine Gewissensbisse in Wahrheit mit der Erscheinung des
-Hauptmanns nur eine Verbindung zweiten Grades gehabt hatten, und
-eigentlich meinte ich Dich.
-
-Solange wir zusammen unseres Weges gingen, warst Du der Sorgenvollere,
-aber wie war damals zwischen uns alles einfach! Wir waren Freunde, und
-was das Herz beschweren mochte, sagte sich leicht. Nicht verfiel der
-Eine in Schweigen, so daß der Andre erst viel sich bekümmern mußte und
-endlich fragen. Wie es mit Dir jetzt steht, ahne ich nicht, aber ich
-glaube, daß nicht nur meine Bürde mit der Zeit zugenommen hat, und nun
-sind wir jeder allein. Freilich, die meine ist von der Art, die
-schweigsam und einsam macht. Aber die Deine, Benno, wie ists mit der
-Deinen?
-
-Lieber Freund, dies ist eine Frage, die leider nicht mehr auf Antwort
-warten kann, wie Du sehn wirst, wenn Du sie vor Augen hast, so eine
-besondre Art von rhetorischer Frage, siehst Du. Nun ists zu spät; zu
-spät auch, festzustellen, was mich eben bewegt, nämlich, ob wir schon
-damals, vor die Entscheidung gestellt, unsre Neigung für ein ungemeines
-Leben durch den Entschluß bekräftigt hätten, den Weg, den es uns führen
-würde, bis zum bittersten Ende zu gehn. Ich kann nur hoffen, daß ich
-mich entschlossen hätte. Es ist, wie gesagt, zu spät, und für mich ists
-schon viel, daß ich aus dem Brande, in dem ich nun seit ungezählten
-Tagen herumjage, auf der Suche nach einem Ausgang außer dem, der mir
-sichtbar ist, daß ich noch einmal mit der Hand herauswinken kann. In der
-Ahnung, es müsse auch ein Wimpel noch irgendwo liegen, mit dem zu winken
-wäre, fand ich ein Gedicht unter meinen alten, das ich einmal im
-Gedanken an Dich schrieb und Dir damals nicht in alltäglicher Stunde
-geben wollte. Die heutige dürfte ungemein genug dazu sein.
-
-Abschied nehmen bei einem Fortgang wie dem mir nahe bevorstehenden,
-scheint mir wenig passend; ein Wort aber dürfte schicklich sein, und ich
-bin in Höflichkeit geboren und erzogen, so daß es mir kaum weniger
-passend erschiene, wortlos zu gehn.
-
-Darum wünsche ich Dir eins: Wenn Du einmal in Not sein solltest, in
-einer äußersten Not, ein gefangenes Tier, das in Herzensqual nichts mehr
-weiß als zu laufen, zu rennen, auf und ab, oder im Kreis, winselnden
-Herzens mit rasenden Füßen um den verglimmenden Rest Deiner Welt, Tage
-und Nächte: dann wünsche ich Dir die eine Stunde Schlaf, nach der ich
-durste, und die, wie es scheint, nicht für mich bestimmt ist. Dann
-trinke Dich satt an ihr und gedenke Deines Freundes
-
- Georg
-
-
- Das Schweigen
-
- Gingst du je beladen, ein Mensch, und suchtest
- Eines Bruders, einer Schwester Schoß,
- Auszuruhen, das stet und steil
- Aufwärtsragte, das überbürdete Haupt?
-
- Und vom Schweigen, im Lärm deine einzige Wehr,
- Ach, vom Schweigen, der Lippen brennendem Siegel,
- Einmal zu erlösen sehnsüchtiger Lippen Dürre
- An kühlen Quellen, an geliebtem Mund?
-
- Suchtest du lang, und sank nicht der Tag, ach sanken
- Viele nicht? Doch als eines Abends dein Blut
- Müde verging in die ruhige Röte und Nacht,
- Fandest auch du; und immer gefaltete Hände
- Lösten sich still, geliebter Geschwister gewiß.
-
- Zuckte die Lippe auch schon? und ging euer Atem
- Schwer von Verlangen inbrünstigen Worten vorauf?
- Aber ihr schwiegt. Durch Stummheit, die sternhelle, gingen
- Aller Fülle beglänzte Ströme
- Lautlos, selig, zwischen euch hin und her.
-
-
- Hallig Hooge
-
-Es war ganz dunkel.
-
-Georg saß, die Hände auf den Knäufen der Stuhllehnen, ein wenig
-vorgebeugt, als ob er lausche. Der Armsessel stand an der Wand. Nichts
-bewegte sich. Es war still.
-
-Als Georg merkte, daß er horchte, wußte er, daß unendliche Zeit
-vergangen war, während er so gesessen hatte. Während dieser Zeit mußte
-der Rest abgelaufen sein. Nun war nichts mehr.
-
-Vor seinen Augen war das Zimmer dämmrig, obgleich die tiefe
-Nachtschwärze in den Rechtecken der Fenster stand. Das Schreibbüro war
-deutlich erkennbar, die weiße Kuppel der Lampe, die Umrisse des runden
-Tisches in der Mitte des Raums, die Lehnen der Stühle, schattenhaft
-alles.
-
-Und was war dies mit der See? Still, kein Laut. Georg erinnerte sich,
-daß es mitten im Winter war. Vielleicht war die See zugefroren.
-
-Er fuhr sich unbewußt mit der Hand über die Stirn.
-
-Ja, sagte er halblaut. Ja, dann ist es wohl so weit ...
-
-Er lehnte die linke Schläfe gegen die rauhe Wange des Stuhls, plötzlich
-zitternd vor Müdigkeit, und so saß er eine lange Weile, ohne Widerstand
-gegen das immer wieder losrieselnde Zittern. Langsam verging es. Auf
-einmal flatterte seine linke Hand heftig. Dann war alles still.
-
-So wirds gut sein, dachte er dankbar. So -- immer tiefer ... immer
-tiefer ... dann ein kleiner Ruck, -- alles steht.
-
-Aber ich schlafe ja vorher ein! schrak er auf und lächelte.
-
-Also ... ist noch etwas? dachte er mühsam. Abschied? Von wem?
-
-Ein Schatten kam um den Tisch, die Seele Cornelias blickte traurig zu
-ihm hin. Sie dauerte ihn. Hoffentlich, dachte er, findet sie sich mit
-dem Andern besser zurecht. Bei mir hatte sie, glaub ich, zu wenig zu
-tun.
-
-Ach, ich werde schlafen! fiel ihm da ein, und das Dunkel verklärte sich.
-Ach, oh, ich werde schlafen!
-
-Er rückte mit dem Oberleib vor im Stuhl und stand auf, ging zum
-Sekretär, zog die bestimmte Lade hintastend auf, nahm den Kasten heraus,
-öffnete die Verschlüsse, und weil ihm die Finger bebten, mußte er an
-einen Morphinisten denken, der seine Spritze auspackt. In dem heller
-grauen Rechteck von Samt lag das dunkle Instrument, erkennbar und
-wohlbekannt, anders als alle Gebrauchsdinge, eigentlich aber ohne
-Zusammenhang mit seinem Sinn. Wenn man es in gewisser Weise handhabte,
-war die Folge der Tod, und doch stellt man sich Töten gemeinhin anders
-vor.
-
-Er bemühte sich nun eine ganze Weile krampfhaft, etwas zu denken, aber
-nichts kam zum Vorschein. Keine Menschen, keine Erinnerung, auch keine
-Schuld, so fest er sich an das Wort klammerte. Nur ein Gähnen überfiel
-ihn bald, das kein Ende nehmen wollte. Als es schließlich vorüber war,
-bemerkte er, daß er die Uhr gezogen hatte. Ja, ich will doch sehn, wie
-spät es ist, fiel ihm ein; er klappte den Deckel auf und starrte auf die
-kleine, bleiche Kreisfläche, bis die Zeiger hervor kamen. Sie standen
-auf ein Viertel nach Sieben. Er hielt die Uhr ans Ohr, allein sie tickte
-vernehmlich, und nun zerbrach er sich lange den Kopf, um
-herauszubekommen, ob Morgen oder Abend sei, aber umsonst. Er trat ans
-nächste Fenster und blickte hinaus. Draußen war ein grauer Schein. Von
-den Sternen, deren abendliche Stellungen ihm bekannt waren, fand er
-nicht einen.
-
-Übrigens -- dachte er -- eine sonderbare Stunde, aus dem Leben zu gehn:
-ein Viertel nach Sieben. Ich glaube, gemeinhin tun es die Leute zwischen
-drei und fünf Uhr morgens.
-
-Aber immer war da noch ein Hindernis, unerkennbar, aber es war. Da er
-seinen Kopf heiß und dumpf empfand, beschloß er, vor die Tür zu treten
-und noch einmal nach dem Meer auszusehn.
-
-Draußen stehend mit einer übergangslosen Schnelligkeit -- er dachte, das
-ist wie im Traum! -- staunte er, wie milde die Luft war. Feuchter Dunst
-berührte seine Stirn. Ach, dachte er, heute ist wohl dieser Tag im
-Januar, wo der Frühling sich im Schlaf umdrehn soll und seufzen. -- Dann
-ging er in schräger Linie über den Deich bis an den Rand.
-
-Das Wasser in hoher Flut stand bis an den Fuß der Mauersteile unten,
-stand, dunkel, ohne jede Bewegung. Unsichtbar regte sich dann ein Laut,
-etwas klatschte leise an. Jetzt ein andrer Ton, näher ... Etwas glänzte
-zu Georgs Füßen, so sehr einem Aufblick ähnlich, daß es ihn rührte. Nun
-war alles wieder still.
-
-Wie geräuschlos sie kommen kann! dachte er, die Riesige, leiser als ein
-Mensch! Erstes Staunen der Kindheit, -- da liegt sie nun, unsichtbar. Er
-starrte in die Finsternis vor ihm, die er meilenweit ohne Grenzen wußte,
-und die schweigsamen Gewässer hauchten ihn mit dem Odem ihres übergroßen
-Wesens an. Ein wenig höher, wo der Nachthimmel war, bewegte sich etwas
-quellendes Licht, gelblich, weißlich, und seltsam erschien der Umriß
-eines Berges.
-
-Plötzlich rührte das Geheimnis der Erde an seine Brust; er mußte den
-Kopf senken vor dieser Stille und Feierlichkeit, Scham erfüllte ihn, auf
-einmal bog sich sein Knie, er legte die Hände zusammen, kniete und
-sagte, die Worte im Munde zerdrückend, zur Erde:
-
-»Vergieb mir! Ich bin sehr arm. Meine Augen wollen nicht mehr. Ich will
-fort ...«
-
-Gras um ihn her wehte im Dunkel. Es überlief ihn glühend.
-
-»Und ich danke auch«, sagte er. »Dank für alles! Du bist gut und schön.
-Deine Abende und dein Frühling, die Amsel und alldas.«
-
-»Viel gelitten,« sagte er plötzlich, »viel gelitten ...«
-
-Er stand hastig auf und wollte fortgehn. Da spaltete es ihn wie ein
-Schwert, ein grenzenloser Jammer, und er schrie in seiner Verlassenheit
-ganz laut: »Mein Vater ist tot! oh Gott, mein Vater ist tot!«
-
-Schwer und gelassen bejahend klatschte eine Welle am Deichfuße hin;
-Georg ging mit leisen Schritten zum Turm zurück, schloß die Tür, ging
-zum Schreibbüro und mit der Waffe in der Hand zum Stuhl, wo er sich in
-die linke Ecke lehnte.
-
-Die Augen schließend, gewahrte er plötzlich einen Lichtschein hinter den
-Lidern, hob sie wiederum und sah erstaunt, daß die Lampe brannte. -- Was
-ist denn das? dachte er, wer hat denn die Lampe angesteckt? Einen
-Augenblick durchrann ihn sonderbar das Gefühl, die Lampe habe sich
-selbst entzündet, um ihn zu verhindern. -- Mag sie brennen! dachte er
-dann, aber nun quälte es ihn, daß dies Licht im Zimmer sein sollte, wenn
-er nicht mehr darin war, und auch, daß er nicht wußte, wann er sie
-angezündet hatte. So erhob er sich wieder, ging hin zu ihr und bemerkte,
-daß auf der Schreibunterlage ein Papier lag, auf dem das Wort: Mutlos
-stand, quer durchstrichen, worauf ihm denn einfiel, daß er das vorhin
-geschrieben hatte und dazu wohl die Lampe entzündet haben mußte. Es
-sollte ein Gedicht werden, ja, das letzte, er erinnerte sich einmal
-gelesen zu haben, daß man sein ganzes Leben nur ein einziges Gedicht
-machen sollte, vorm Tode, das würde dann außerordentlich werden. Es war
-aber nichts geworden, und ich, fiel ihm ein, ich habe ja auch schon
-früher eine Menge Gedichte gemacht. -- Er knüllte das Blatt zusammen,
-aber, da er bedenken mußte, daß es später gefunden werden könne, zog er
-es wieder auseinander, hielt eine Ecke über den Zylinder der Lampe und
-wartete, bis es Feuer fing. Eine blaue Flamme leckte daran hoch,
-plötzlich lohte es zu einem mächtigen, roten Scheinen auf, in dem er
-geblendet das ganze Achteck des Raums taghell bis zu den Gesichtern der
-Planetengötter unter der Decke erkannte. Dann warf ers an die Erde, mit
-der sinkenden Flamme sackten schwere Schatten rundum, der einer
-Stuhllehne reckte sich noch einmal hochauf an der Wand, langsam
-verflackerte die Lohe, ward es dunkler; endlich Nacht und am Boden ein
-paar rote Funken.
-
-Nun noch die Lampe. Er löschte sie hastig, lief fast auf seinen Stuhl
-zu, setzte sich wie zuvor, drückte die linke Schläfe an, und die
-Müdigkeit überströmte ihn, daß es ihn schauderte vor Wollust des nahen
-Schlafs. Prickeln bedeckte seinen ganzen Leib, er sank schlaff zusammen,
-bewegte die rechte Hand, um die Waffe zu fühlen, und lächelte. Von fern
-zog Musik in ihn ein, es brauste melodisch. Er hob langsam die Hand, er
-gähnte ein wenig, drückte sich fester an, -- nun kam die letzte, große
-Woge, das Dunkel ...
-
-Seine Hand glitt neben den Schenkel zurück. Cornelia erschien plötzlich
-im Zimmer, dann andre Gestalten; sie beschäftigten sich im Halbdunkel,
-er wollte zu ihnen, vermochte es nicht, und unter einem rieselnden
-Klingen wurden sie ferner und ferner ...
-
-Georg schlief.
-
- * * * * *
-
-Georg schlug die Augen auf. Eine tiefe, aber erleuchtete Dämmerung
-füllte den Raum mit Wärme und Sanftmut. Auf der Platte des Schreibbüros
-brannte die Lampe, so daß in ihrem Licht die kleinen Schubladen mit
-ihren Messingknöpfen, die geschnitzten Säulen und die Treppe aus
-farbigen Hölzern in der Mittelnische hell und freundlich sich zeigten;
-aber unter die weiße, mild leuchtende Kuppel war ein Stück Papier in den
-Ring geklemmt, das, ein rechteckiger Schatten vor dem Licht,
-herunterhing und den Raum mit Dunkelheit füllte. Dies war so erstaunlich
-schön anzusehn und von solchem Frieden, daß Georg lange Zeit die Augen
-nicht davon abwenden konnte.
-
-Er erschrak dann leise, als er entdeckte, daß er nicht allein war: im
-Schatten, rechts neben der Platte des Büros war ein sitzender Mensch; er
-schien die Beine übereinander gelegt zu haben und hielt den Kopf in die
-Hand gestützt.
-
-Und sieh! -- das Grauen, ohne doch schrecklich zu sein, vertiefte sich
-in Georg -- der ganze Raum war ja voller Menschen! Ganz still waren sie
-da, ohne Laut noch Bewegung. Wer waren die?
-
-Grade ihm gegenüber hinter dem dunklen, runden Tisch saß eine weibliche
-Gestalt; ihre bloßen Unterarme lagen flach auf der Tischdecke mit
-gefalteten Händen; den Kopf hielt sie so tief gesenkt, als ob sie
-schlafe oder bete, und Georg gewahrte deutlich die stille und lichte
-Furche ihres Scheitels in den leise glänzenden Wellen des Haars. Sie
-schien ihm nicht unbekannt.
-
-Hinter ihr, weiter zurück an der Wand, ganz im Schatten stand ein Mann,
-den Kopf geneigt, die Stirn in der linken Hand, als ob er sehr tief
-nachdenke.
-
-Als aber Georg die Augen weiter nach rechts hin bewegte, leuchtete es
-ihm von der Türe her strahlend blau entgegen, und äußerst betroffen von
-Verwunderung erkannte er in diesem Blauen die seidene Jacke eines
-Chinesen, der dort stand wie in einer tiefen Verneigung; ja, es war
-Georg, als habe er diese Bewegung schnell noch ausgeführt, bevor seine
-Augen dorthin gelangt waren. Ein großer, grün und golden feuriger Drache
-glänzte aus dem Himmelblau der Brust.
-
-Dies alles begriff Georg so wenig wie seinen eigenen Zustand, der ihm
-zauberhaft deuchte. Sein Körper war ihm so leicht, daß er ihn kaum
-fühlte, die Seele so frisch und kühl, daß er kaum Atem zu holen wagte,
-aus Furcht, diese Frische und Kühle könne abfallen wie lockerer Schnee.
-Hoch über ihm sang die zarte Stimme des Schweigens, lieblich und wie ein
-ferner Choral. Über alles Begreifen feierlich schien dies.
-Augenscheinlich ein Traum.
-
-Warum saßen und standen diese hier? Hatten sie auf sein Erwachen
-gewartet? Oder -- plötzlich graut' es ihn dennoch -- war er vielleicht
-doch tot, und hier war nur seine Seele, die ohne es zu wissen gewandert
-und in dies Zimmer zu Fremden gelangt war, die gar nicht ahnten, daß er
-zugegen war? Die vielleicht um einen andern Toten trauerten? Oder um
-ihn? -- Allein -- dies war sein Zimmer; im Turm, -- Hallig Hooge fiel
-ihm ein und alles andre.
-
-Und jetzt auf einmal bemerkte er mitten auf der dunklen Decke des
-Tisches einen schwärzlichen Gegenstand, in dem er sogleich seine Pistole
-erkannte. Und gleich auch, mit einer traumhaften Klarheit, wußte er, um
-was es hier ging.
-
-Er hier, er hatte über sich selbst ein Urteil gefällt, eigener Kläger
-und Richter. Da es sich aber um eine Versündigung gegen Menschen
-handelte, gegen Andre, so konnten auch nur Menschen, nur Andre über ihn
-urteilen und richten. Und zu diesem Zweck waren diese stillen Fremden
-nun da.
-
-In diesem Augenblick hob die weibliche Gestalt hinter dem Tisch das
-Gesicht, und er erkannte mit heller Freude Magda, die ihn anzusehn
-schien. Ach ja, daß sie blind war, hatte er nur geträumt.
-
-Indem richtete auch der neben dem Schreibbüro sich auf, und es zeigten
-sich Jasons Züge und schwarze Augen.
-
-Der hinter Magda stand, ließ die Hand sinken; es war der Hauptmann.
-
-Bewegung, so leise sie war, rieselte umher, und gleich darauf wurde
-Magdas Stimme hörbar, klar, aber gedämpft: »Ist er erwacht?«
-
-»Erwacht«, sagte Jason. »Er wird gleich sprechen. Wir wollen guten Abend
-sagen, -- oder gute Nacht.«
-
-Georg sagte leise: »Schön, daß ihr da seid! Wie kamt ihr hierher?«
-
-»Wie alle Reisenden,« versetzte Jason, »über das Meer. Über seine
-beruhigten Flächen sind wir geritten auf schönen Delphinen mit Augen
-gleich Sternen, die blickten und schienen, dieweil sie glitten. Ihre
-Schwanzflossen, gebildet wie Leiern, klangen lieblich zu unserer Fahrt.
-Aber dies ist zu zart, um es ganz zu entschleiern.«
-
-»Ich glaubte, daß ihr Träume wart«, sagte Georg.
-
-»Glaube, wir sind es! -- Wir kamen kraft eines geistigen Windes, jeder
-ein Traum, und aus Traum ist der Raum, wo wir weilen.«
-
-»Und warum kamt ihr?«
-
-»Um zu heilen.«
-
-»Und wie könnt ihr?«
-
-»Du mußt dich mitteilen. Aber erst höre, wie dies sich begab. Wir
-stiegen an deinem Ufer ab, hier ich, die Freundin, die du lange kennst,
-und dieser Diener aus dem Reich der Mitte. Hier der Notwendige, wie du
-ihn nanntest, führt' uns zu dir, wir pochten, aber du gabst keine
-Antwort. Schliefst du schon? es war erst Abend, aber deine Fenster
-dunkel. Wir traten ein, und einer machte Licht. Da sahn wir gleich dein
-schlummerndes Gesicht in einem Schlaf, wie wir noch nicht gesehen. Wir
-konnten sprechen, sitzen oder gehen, du aber schliefst und wußtest von
-uns nicht. Am Abend hatten wir uns eingefunden. Nun ist es tiefe Nacht,
-du schläfst seit Stunden, du schliefst dich glühend an und wieder kühl;
-es wurde sanft in dir, und dein Gefühl, das schmerzliche, stieg auf wie
-Wasserblasen zu deinem Antlitz, wo sie sprangen zart in lauter Lächeln.
-Was einst Qual und Rasen gewesen, schreckenvoll mit Nacht geschart,
-verwandelte sich in der Schlafmagie. Nun deine letzten Träume, siehe sie
-um dich versammelt, da du nun genesen! Die Freundin still und ernst,
-stumm den Vasall, und mich, in Händen klar den Sprachkristall, und bunt
-und immer lächelnd den Chinesen ...«
-
-»Aber Jason, mir scheint, dies war schon einmal, nur nicht so wunderbar
-und --«
-
-»Das sind die Femrichter gewesen. Jenes war Mummenschanz, dieses ist
-wahr.«
-
-»Soll ich nun sprechen?«
-
-»Wenn du es willst. Wenn es zerbrechbar ist, sollst du es brechen, wenn
-es dir stillbar ist, daß du es stillst. Zwar ist der Teufel gemeinhin im
-Zweiten ...«
-
-»Wie soll ichs verstehn?«
-
-»Beizeiten! Laß sehn: Was du allein weißt -- nicht wahr? -- das ist gut.
--- Gut ist es und echt. Weiß es ein Zweiter mit dir, ist es schlecht, --
-dieweilen es heißt: sein Haben mitteilen. Teilst du aber dein Wissen mit
-Reden, so wird es zerrissen, was bleibt für jeden? Die Hälfte, nicht
-wahr? Und teilst du's mit Dreien, teilst es mit Vieren, mit Hunderten
-gar, so wirst du's verlieren, und keiner hat was. Darum sagt der Chinese
-vom Tao: Tao zu lehren, ist verwehrt. Tao gelehrt, hieße Tao geteilt,
-aber Tao ist das Eine. Darum ist Lao-Tse, der Reine, in die
-Verborgenheit gegangen. Nur im Verborgenen konnt er empfangen -- den
-Zweiten, der mit ihm die Einheit sei.«
-
-»Was heißt das? verzeih!«
-
-»Gott ist immer der Zweite in Wahrheit. Was du allein besitzest in
-Klarheit, das hast du mit ihm. Jedes Ding ist ein Seraphim zwischen
-Gotte und dir. Seine Schwingen nach dort und hier aufgespannt, bilden
-die Brücke von dir zu dem Zweiten. Da doch alles nach allen Seiten
-unendlich ist, was könntest du halten, hielte das andere Ende nicht Er?
-Aber gestützt auf diese Gewalten, auf Gott und auf dich, wird es keiner
-zerschlagen und hat es die Kraft, die Erde zu tragen. Ein solches Ding,
-so zauberhaft, ist das Gebet, ein solches ist die Tat, die gut geschah,
-und jedes gute Wissen auch. Wenn du es aber teilst mit einem Dritten, so
-wird auch Gott -- vergänglich ist sein Hauch, im Maß wie du vergänglich
-bist -- zerschnitten. Er wird gevierteilt und getausendteilt. Christus
-war gut, war Gott ganz zugeheilt. Er war mit Gott, doch Paulus war schon
-schlecht, da er mit Christus war und Christi Knecht. Wissen, Habe, Kraft
-und Lehre, sei es rein und ganz vollkommen, giebs an Menschen, so wards
-Schwere und die Reinheit schon genommen. -- Bleibe mit Gotte allein!«
-
-»Und gäb es kein Mittel, ihn zu halten?«
-
-»Dreieinigkeit giebt es. Es giebt das Falten der beiden Hände zum Gebet,
-auf deren Brückenjoch die Gottheit steht. So falte dich mit einem Andern
-fest. Daß nur keiner sich wanken läßt und niemals erschlafft! Euch zu
-halten, die Kraft ohne Gott: Gottheit erschafft. Sie wird Liebe genannt.
-Sie ist so bewandt, daß sie Gott teilen kann ohne Grenzen und ihn aus
-sich selbst ergänzen. Liebe kann ihn vielmals teilen und wieder
-erhalten. Nur hütet euch vor dem Erkalten, und daß kein Teil verloren
-geht, und daß nicht Einer den Andern von euch einen Augenblick nur und
-nur um ein Gran -- weniger liebe, -- so bleibt Gott vollkommen, und die
-Liebe vollkommen, und ihr selber vollkommen.«
-
-»Ach, was ist vollkommen?«
-
-»In Nachtgewalten -- In Taggewittern -- Sich süß erhalten -- sich nicht
-verbittern!« -- --
-
-Eine Weile herrschte das tiefe Schweigen. Leiser dann fuhr Jasons Stimme
-fort:
-
-»Vollkommen war Renate, denn sie liebte. Nun ist sie die Verstörte und
-Betrübte; sie geht umher und kennt sich selbst nicht mehr. Sie ist
-geteilt in Leib und Seele, beide sind da und dort, dazwischen blitzt die
-Schneide; es ward die Gnade Sprache ihr genommen, sie ist verwaist und
-arm und unvollkommen, und ihre Augen sind wie Fenster leer. Sie fürchtet
-sich, sie weicht den Menschen aus. Sie sitzt im Zimmer, das Gesicht in
-Händen, sie schleicht sich manchmal in das Treppenhaus und tastet sich
-durch Zimmer an den Wänden. Gesichter kann sie nicht ertragen, sie stößt
-Geschrei aus wie ein Tier und läuft von hinnen. Sie war vollkommen; nun
-ist sie von Sinnen, und keiner weiß, wie man sie wohl erlöst.«
-
- * * * * *
-
-Georg hatte plötzlich die Empfindung, als sei das Licht dunkler geworden
-oder matter. Wollte die Lampe erlöschen? Waren seine Augen trüber
-geworden? Ach nein, in ihm war etwas Schmerzendes, und das gab einen
-Druck auf seine Sehkraft. Renate? Was war mit Renate?
-
-»Ich verstehe nicht!« stieß er hervor. »Was ist mit Renate?«
-
-Jason schwieg. Georg sah, daß Magda das Gesicht in die Hände gelegt
-hatte. Danach sah er den Hauptmann, sah Jason und den Chinesen, der
-übrigens, wie er jetzt erkannte, zwar anhielt, chinesenhaft zu lächeln,
-aber zwei völlig europäische, ja erstaunlich runde und braune Augen
-hatte, glänzend wie Kastanien. Obgleich aber so alles umher natürlich
-geworden schien, eines Glanzes entkleidet, so fühlte er es doch nicht
-minder ernst, nicht minder tief. Es war nur verdunkelt; es ward traurig.
-
-Die Hände fallen lassend, das Gesicht schmerzlich aufhebend, sagte
-Magda:
-
-»Es ist, wie Jason erklärte. Sie ist -- irr. Ja, sie liebte.
-Saint-Georges. Ich fand auf ihrem Schreibtisch einen Brief von ihm, in
-dem stand, daß er sie seit Jahren geliebt hat, und daß es über seine
-Kraft ging. Nun, da sie ihre Liebe erkannte, war es aus mit der seinen.
-Ich kam einen Tag später als sie nach Altenrepen zurück, da war sie
-schon, wie sie jetzt ist. Ihre Zofe hatte sie im Schlafzimmer an der
-Erde gefunden. Sie scheint sich vor uns Allen zu fürchten. Sie kleidet
-sich, ißt und schläft, aber sie spricht nicht, und wie es scheint, kann
-sie es wirklich nicht, denn sie stößt Laute hervor, die --«
-
-Magda schwieg.
-
-»Ich kenne sie ja,« begann sie von neuem, »sie hat eine andre Natur als
-wir, und alles trifft sie ganz anders als uns. Immer schien sie kühl und
-beherrscht, und so leicht sie erglühte, war immer die Grenze da. Sie
-sparte alles auf. Oft hatte sie seltsame Gesichte. Dies Gesicht nun
-scheint anzuhalten, und -- ach, ich habe ja immer gehofft, deshalb
-schrieb ich auch nie davon. Jetzt, wo so lange Zeit vergangen ist -- es
-kam schon im Oktober --, mag dir das vielleicht sonderbar scheinen, aber
-die Tage jagten dahin, und an jedem hoffte ich, ich würde morgen
-erwachen, und alles sei ein Traum. Und ich wollte dich nicht
-erschrecken, denn --« Magda errötete so tief, daß Georg es erkennen
-konnte durch die Dämmerung -- »du liebst sie doch.«
-
-»Aber nun wollen wir das lassen«, fuhr sie fort. »Ich bin ja gekommen
-... Lange war ich ganz ruhig um dich, obwohl unsicher, aber was soll ich
-tun? Ich muß ja nun immer angestoßen werden. Als aber dein Brief kam
-nach Ulrikas Tod, und der an Benno, den er mir zeigte, -- ja seitdem ist
-meine Angst um dich gestiegen, bis sie mich heute gepackt hat, und hier
-bin ich nun. Verzeih, daß ich nicht allein blieb mit dir, aber -- wir
-sahn ja, was dir aus der Hand geglitten war, die Andern sahn es, und ich
-fürchtete mich vor deinem Erwachen ...«
-
-Georg hörte die Worte nur von fern, wie zu einem Andern geredet. Er
-dachte mit einem bittern Schmerzgefühl an Renate, und dann, wie er sich
-sagte, daß sie stumm sei, nicht reden könne, stieg auf einmal wie ein
-Springquell in ihm die Sehnsucht nach Worten. Jetzt erst spürte er die
-ganze Pein des viele Wochen langen Schweigens, und Angst ergriff ihn,
-daß er hätte sterben können, ohne alles gesagt zu haben. Keiner hätte
-ihn verstanden, er sah sich selbst, sein Andenken, seine Seele, wie
-einen ausgegrabenen Torso zwischen ihnen liegen, ein Rätsel, an dem sie
-deuteten und alles falsch.
-
-Diese Erregung aber senkte sich wieder, und hernach war ihm wunderbar
-ruhig ums Herz. Er begriff nun diese Magie. Daß diese Menschen in dieser
-Stunde um ihn waren, das war ihr Zauber, das hatte sie selber so still
-gemacht, das stieg wie ein friedfertiger Rauch aus ihnen und legte sich
-um seine Sinne.
-
-Er beugte sich vornüber und verbarg das Gesicht in den Händen. Da
-erschien ihm schon alles zu Sagende in reinlicher Klarheit und als ob er
-es besser verstünde als jemals, dazu weder bitter noch schwer, sondern
-alles mitsamt der Schuld hatte nur sein einfaches Dasein, als ob es nur
-sich selbst angehörte. Worte zeigten sich schon, so leuchtend in
-Natürlichkeit, daß er zitterte vor Sehnsucht, sie sprechen zu können.
-
-»Ja, ich will sprechen,« sagte er, »ich will alles sagen, ihr Alle sollt
-es hören! Ihr werdet Alle sehn, daß ich recht hatte!«
-
-Während dieser Worte gewahrte er, daß es doch wirklich dunkler im Raum
-geworden war. Jetzt blickte auch Jason in die Lampe und sagte:
-
-»Die Lampe stirbt. Darf ich sie ausmachen?« Und er neigte sich über die
-Platte zu ihr und drehte sie aus. Es war Nacht.
-
-Georg sprach schon. Er hatte aber kaum die ersten Worte gesagt, als er
-sie nur noch mit Ohren hörte und wahrnahm, und indem er länger und
-länger redete, schien es ihm mitunter, als wäre in den Worten gar kein
-Sinn, als wären sie völlig verwirrt oder eine fremde Sprache, die er im
-Wahnsinn redete, ohne sie zu verstehn. Wo er begonnen hatte, wußte er
-nicht mehr, denn alsbald waren ihm ganz ferne Dinge, Bilder, Vorgänge
-aus seiner Kindheit in solcher Leibhaftigkeit erschienen und in solch
-einem Leuchten, und wie mit einem Zunicken bekundend, daß sie unendlich
-wichtig waren und keinesfalls verschwiegen werden durften, -- daß er
-nicht rasch genug seine Schlinge darum werfen konnte, sie zu halten und
-zu beschreiben. So lange hielten sie geduldig still, dann aber waren sie
-augenblicks verschwunden ein jedes, und schon stand ein andres da,
-bereit, sich fangen zu lassen. So sprach er und sprach, es kam vor, daß
-er sich auf einer riesigen, abschüssigen Bahn zu befinden glaubte, die
-er mit Sturmeseile hinunterfuhr, spürend, wie die Luft ihn umsauste,
-oder war es die Zeit? Dann wieder stand alles still, und er glaubte, zu
-empfinden, daß alles dies in einem Ewigen vor sich ging, und dann sah er
-die Nacht um sein Haupt und da und dort den Schein eines Gesichts, und
-er saß hoch über der Welt in einer Versammlung verdunkelter Monde, und
-sein Leben rauschte in der Tiefe wie ein Strom. Jede Welle aber dieses
-Stroms hatte ihren Sinn und Bezug und ließ ihn zurück wie einen
-Bodensatz, -- und das war alles Schuld. Nur von einer so ungeheuren
-Unabänderlichkeit war es jetzt, daß es die Beziehung auf ihn verloren
-hatte. Einen Augenblick fühlte er dies; da wars leicht. Plötzlich schlug
-ihn Bangnis an, wenn er zu Ende sein würde, dann wäre alles wie zuvor.
-In diesem Augenblick merkte er, daß er nichts mehr zu sagen hatte. Er
-suchte, lange wie ihm schien, aber nichts war da. Er hatte alles
-ausgeschöpft, und erschöpft saß er selber in dem Dunkel, das die
-Gewöhnung seiner Augen in graue Dämmerung verwandelt hatte, und sah
-wieder den bleichen Schein der Lampenkuppel, und den von Jasons Gesicht,
-von Magda und vom Hauptmann.
-
-Sterbensangst ergriff ihn da. Was war eben gewesen? Was hatte er getan?
-Was sollte das alles? Ach, es sollte wohl noch das Urteil kommen? Das
-war ja alles nur Zeitversäumnis. Und nun stand alles noch einmal bevor
-...
-
-Das reißende Krachen eines Streichholzes ward hörbar, die Flamme zuckte
-auf und leuchtete, schwer stürzten Schatten in Masse von oben, und neben
-Magdas von der Seite hell beschienener Gestalt und hinter der des
-unwandelbar aufrecht stehenden Hauptmanns an der Wand reckten die
-Schatten sich den obern entgegen. Da war der ganze, düstre Raum, und
-Jason saß dort und näherte die Zündholzflamme der Siegelkerze im
-Leuchter, die langsam erglomm. Er blies das Streichholz aus und legte es
-in die Leuchterschale.
-
-Magda sagte, tief Atem schöpfend:
-
-»Das war dein Leben, Georg ... Ich danke dir, daß du so gesprochen hast!
-Dazu darf ich nichts sagen. Aber -- was du in alledem immer wieder
-erkannt haben willst, das -- das ist Wahnsinn, Georg, in dem Maß ist es
-Wahnsinn!« Sie wandte sich hülflos um. »Sagt es ihm doch, daß es
-Wahnsinn ist!«
-
-»Warum?« sagte Jason. »Er hat doch recht. Wenn etwas Wahnsinn ist, ist
-es weniger wirklich darum? Ist der Irrsinn für den Irren das Leben oder
-nicht? Wahnsinn löscht doch sich selber nicht aus, nur wir sagen immer,
-wenn wir an Wahnsinn denken: das ist nichts. Auf diese Weise wird ihn
-wohl keiner überzeugen.«
-
-»Ja, aber Jason ...« Magda gab ihn auf, wandte sich wieder zu Georg
-hinüber und fragte bekümmert. »Was glaubtest du denn, Georg? Wenn all
-dies wirklich wahr sein sollte, glaubst du denn, daß du es mit dem Tode
-wieder gutmachen könntest? mit dem Tode?«
-
-»Wenn ich so wahnsinnig wäre, wie du meinst ... Im Gegenteil, Magda, im
-Gegenteil!« rief er gequält, »ich hätte Leben dazu gebraucht, zehn
-Leben, hundert! Muß ich dir denn erst sagen, daß ich eine Pflicht hier
-habe? Hast du denn meinen Brief nicht gelesen?«
-
-»Welchen Brief?« fragte sie erschreckt, und nun fiel ihm ein, daß der
-Brief, den er meinte, noch in seiner Lade lag.
-
-»Keinen Brief!« sagte er ärgerlich, »ich hab mich versprochen. Ja, nun
-ist alles wieder da, Mißverständnisse und Versprechungen und alles! Wie
-war denn das damals, Jason, als wir dich aus dem Teich holten? Da warst
-du höchst ungehalten, dich wiederfinden zu müssen. Kannst du beschwören,
-Jason, daß dir nicht wohler gewesen wäre, wenn --«
-
-Jason lächelte vor sich hin. -- Georg fuhr fort:
-
-»Das ist ja alles gar nicht wahr! Um alldas handelt es sich gar nicht!
-Alldas war es nicht, sondern es war nur das -- das rasende Verlangen,
-einmal heraus zu sein! Draußen! draußen! versteht denn das auf einmal
-keiner? Versteht denn keiner, wie bis zum Irrsinn das brennen kann,
-nicht los von etwas zu kommen, und daß alles zugepicht ist, alles
-verklebt und vernietet ist mit diesem Leben? Und Tag und Nacht und Woche
-um Woche kein Aufhören, nicht die kleinste Lücke mehr, und nur noch
-diese prasselnde Sehnsucht, einmal herauszustürzen aus diesem Leibe, aus
-diesem Ganzen, und lustig zu sein, darüber und -- ein Geist -- -- und
-zur Stunde zu sagen: da bist du, und ich bin nicht darin! Es ist ja
-alles wie Musik so unaufhaltsam und atemlos und -- zum Tollwerden, und
-Bogner hat wieder mal recht! Einmal alles anders sehn können als von
-innen. Umkrempen sich und in den Winden sein ganz nackt und das Eis am
-Leibe zu spüren von allen sieben Seiten! Eine Pause, Herrgott, eine
-Pause! Warum läuft denn der Tertianer, der ein schlechtes Zeugnis hat,
-in die Speisekammer und hängt sich auf? Weil er eine Pause will zwischen
-jetzt und dem Geständnis, und weil er nicht weiß, was der Tod ist.« Er
-sprang auf. »Gnädiger Gott, Magda, ich weiß, was er ist!«
-
-»Oh ich verstehe die Welt!« fing er gleich darauf brennend wieder an.
-»Ihr einziges Verlangen ist meins. Der Schuster, wenn er einen Schuh
-gemacht hat, der Dichter, wenn er einen Vers, der Gott selber, der eine
-Welt fertig hat: sie Alle machen, so schäbig es werden mag, etwas, in
-dem sie sind, und in dem sie doch nicht mehr sind. In dem sie sich von
-außerhalb ansehn können und sich herrlich finden. Man denkt, man will
-sich befreien, jawohl, aber das will man ja nicht, man will nur ein
-Stück von sich in der Hand haben, um hineinzubeißen oder es
-wegzuschmeißen wie einen Stein. Man will sich gefangen haben außerhalb,
-und sich erlöst fühlen von sich. Und das ist die Erlösung der Welt! Das
-ist die Form. Die Welt ist Chaos, wir können sie nicht begreifen und
-nicht durchdringen. Aber drinnen sind wir, der Mensch, und wir sollen es
-lichten, und ordnen, und sinnvoll machen. Bewußt oder unbewußt, und ob
-Tat oder Werk: da stehn sie als Form, und da ist das Chaos klar. Es ist
-drin in der Form als der Stoff, und doch ist die Form es nicht mehr,
-sondern sie schließt es aus, und verneint es, und vernichtet es. Und
-also, Magda,« schloß er heiser, »damit du mich verstehst: dies ist die
-Aufgabe, für jeden und für mich: die Verwandlung. Verwandlung des Chaos
-unaufhörlich und unermüdlich in die Form.« Er fing, da er sie den Mund
-öffnen sah, gleich wieder an: »Und ich kann es nicht, ich kann es nicht
-mehr, ich sage dir, daß ich es nicht kann, denn ich kann die
-Verantwortung nicht auf mich nehmen! Und es ist also keine Form mehr
-da!« schrie er wütend, »und wenn keine Form mehr reicht, ja was dann?
-Und wenn kein andrer Stoff zu haben ist, alles ausgeformt ist, alles in
-dir, in deine Seele geformt, was dann? In Stücke muß dann die Form
-wenigstens, in Stücke um jeden und jeden Preis, damit wenigstens Ruhe in
-der Welt ist, Ruhe!«
-
-»Und der Selbstmord --« Er war ganz heiser, aber im Augenblick, wo er
-Magda die Lippen bewegen sah, mußte er etwas sagen, und es fiel ihm
-immer etwas Neues ein, »der Selbstmord, Jason, der sogenannte, was ist
-das überhaupt? Du und ich, wir werdens ja wissen. Das ist keine Buße und
-kein Loskauf, und das sind alles bloß Ausdrücke! Und es hat mit dem
-Leben überhaupt nichts zu tun! Es hat der Tod einzutreten, und das weiß
-man, und das ist die Sachlage. Es ist nichts andres mehr _da_! das ist
-es, und es sind keine Gründe und all dergleichen, sondern man geht auf
-Pflaster, und da fängt der Asphalt an, weil er da anfängt, weil die
-Obrigkeit das so eingerichtet hat, und man ist des Pflasters nicht
-lebensüberdrüssig, sondern man _geht_ auf den Asphalt, weil er da ist!
-Und man legt sich doch schlafen, wenn der Tag aus ist, und man ist
-müde!«
-
-Georg hustete sich aus und verstummte. Dann setzte er sich wieder.
-
-Nun begann Jason mit aller Freundlichkeit:
-
-»Du sagtest eben Schlafen. Das hatte ich eigentlich schon früher
-erwartet. Du wolltest schlafen. Nun -- hast du nicht? War es nicht eine
-Pause?«
-
-Georg fühlte sich irgendwie umstrickt, wollte jedoch nicht nachgeben und
-beharrte: es sei nun aber alles wie vorher.
-
-Das, meinte Jason, dürfte kein zwingender Einwand sein. Im Gegenteil, es
-sei das Wesen der Pause, daß danach alles wie zuvor sei; sonst könnte
-sie kaum Pause genannt werden, sondern Ende.
-
-Georg beharrte weiter: »Sie genügt mir nicht!«
-
-»Freilich,« versetzte Jason, »das ganze Leben genügt kaum. Wenn die
-ewige Fermate kommt, war es immer zu wenig, und man versucht die
-Ritardandos. Aber wir wollen nicht mit Worten streiten.«
-
-»Die Ritardandos wären auch wohl das Letzte, was du mir nachweisen
-könntest, nicht wahr? Aber du hattest ja ganz recht: es kommt vom
-Mitteilen. Nun hab ich mich unter euch aufgeteilt, nun habt ihr jeder
-ein elend kleines Stück, einer hat den Arm, einer ein Bein, und ich
-fühle mich längst nicht mehr ganz.«
-
-»Und das liegt daran, wie ich sagte,« erwiderte ruhig Jason, »daß du zu
-wenig Liebe hast.«
-
-Georg fühlte sich in die Brust getroffen. Jason hatte recht: die Andern
-hier waren gut, Jason selber, Magda, der Hauptmann in seiner Stummheit,
-und dieser rundäugige Kleine hier. Er selber aber, er war unheilbar ...
-
-Da warf er das Gesicht in die Hände, fühlte sich jämmerlicher
-zerschnitten als jemals und wünschte sich den Tod.
-
-Dieweil hörte er Magdas Stimme, entfernt, die von ihm sprach. Er wollte
-nichts hören, verstand nur hier und da ein Wort, und es schien ihm, sie
-sagte, er habe vielleicht bislang zu sehr sich selber und für sich
-allein gelebt, zuviel an sich selbst gedacht statt an Andre, -- und von
-seiner Jugend sprach sie, und daß er viel zu lernen gehabt habe. »Viel
-mehr Möglichkeiten«, hörte er sie sagen, »als Andre, und deshalb mehr
-Schwierigkeiten ...« Und zuletzt: »Sollte nun nicht alldas den Sinn
-haben, daß du nun an die Grenze gelangt bist und -- ausgelernt hast, und
-nun, was du für dich gewonnen hast, für Andre verwenden kannst?«
-
-Georg fuhr verzweifelt wieder empor. »Aber Magda! Das ist es ja doch!
-Warum verstehst du es denn nicht? Ich möchte mich ja verwenden, ich will
-es ja so brennend, aber ich habe doch nur diesen Weg, das Land, das
-Volk, das Reich! Wie soll ich denn die Verantwortung für eine Million
-übernehmen, wenn ich für mich selber ratlos bin? Und wer sagt dir denn,
-daß ich ausgelernt habe, daß ich gelernt habe überhaupt? Ich hab doch
-nur Schulden machen gelernt! Ich kann ja nicht mal praktisch etwas!
-Regieren ...« Er stockte. Etwas, das er während der letzten Jahre
-hundertmal empfunden und als eitle Eingebildetheit unterdrückt hatte;
-was noch in den letzten Wochen mitunter aufgezuckt und von ihm zerpreßt
-war; jene dunkle Vorstellung im Gedanken an sein Regieren, die sich
-schattenhaft hinter den Worten: Ich kann es ... erhoben und im Schwinden
-vor seinem Druck ein dünnes Lächeln der Selbstverachtung um seinen Mund
-gelegt hatte: sie stand auf einmal in einer Weise ruhig und unverhohlen
-da, daß er sekundenlange nichts tun konnte, als sie ansehn.
-
-Du kannst es, wenn du willst, sagte sie ruhig. Du fühlst dich dazu
-begabt und bestimmt, und wenn du das im Tiefsten deines Wesens, wo du
-echt bist, nicht immer gewußt hättest, nur als Geheimnis vor dir selber
-es wahrend, so wärst du ja eine Kanaille gewesen.
-
-Die Erscheinung schwand langsam und ließ Georg in Verwirrung Magda
-gegenüber, die sehr deutlich dasaß, zur Hälfte im Kerzenlicht, zur
-andern im Schatten, und ihn ansah, so daß es schien, als ob eben sie die
-Worte der Erscheinung gesprochen hätte. Da bemerkte er seine Verwirrung
-und dachte: Sie macht mich ja nur wieder wirr, und morgen bin ich allein
-...
-
-»Rieferling!« rief er plötzlich. »Nun sagen Sie etwas. Sie sind ein
-schlichter Mensch. Ich verspreche Ihnen --« sich vorsetzend im Stuhl,
-die Hände an den Knäufen der Lehnen, erleuchtet von der List, mit der er
-sie jetzt Alle fangen würde; »ich verspreche Ihnen,« wiederholte er fast
-schmeichelnd, »wenn Sie das rechte Wort -- nein, wenn Sie nur ein Wort
-treffen, in dem ich die geringste Möglichkeit für mich finden kann, so
-will ich ihr folgen.«
-
-Vorgebeugt bleibend in seiner lauernden Haltung, schon im Vortriumph,
-daß nun das gewünschte Ende für ihn nahe war, glühte er mit beiden Augen
-den Menschen an, der, die Hände fest um die Lehne des vor ihm stehenden
-Stuhls pressend, die blickenden Augen in dem geprägten, geordneten und
-stämmigen Gesicht auf ihn geheftet hielt. Nach einer Weile sprach er
-einfach: »Hoheit sollten es versuchen ...«
-
-Ho -- -- heit ... tönte es echohaft in Georg nach. Er setzte sich im
-Stuhl zurück. Ho -- -- heit ... Ein sonderbares Wort. Ho -- -- heit ...
-sollten es versuchen ... Das war wieder so ein Ausweg, so eine
-schwächliche Halbheit! schlicht gedacht, üblich; praktisch nannte man so
-etwas, praktisches Leben -- das war der Ausdruck. Möglichst wenig
-heroisch.
-
-»Es hat ja doch keinen Sinn mehr ...« würgte er endlich widerwillig
-hervor. »Ich kann ja auch nicht mehr! Ich habe gelitten, gut, darüber
-ist weiter nichts zu sagen. Aber alldas -- es muß doch ein Ergebnis
-tragen, eine Erkenntnis, ein -- kurz ein Ergebnis!«
-
-»Das Ergebnis des Leidens«, sagte der Hauptmann, seltsamerweise
-errötend, »ist wohl, durchlitten zu sein.«
-
-Worauf er sich entschuldigte: das sei so ein Gedanke, er wisse selbst
-nicht, wie ... er könnte nicht sagen, daß er aus eigner Erfahrung ...
-
-Georg stand auf. »Du mußt todmüde sein, Magda, komm, geh schlafen.« Er
-sah in diesem Augenblick, wie grau und zerfallen ihr Gesicht war.
-»Rieferling wird Li alles zeigen. Wir können ja morgen weiterreden.« Er
-sah auf die Uhr und erschrak. Sie stand auf ein Viertel nach sieben.
-»Was ist das?« fragte er, »ist es jetzt wirklich Viertel acht?« Die Uhr
-ans Ohr haltend, merkte er, daß sie ging, und der große Zeiger stand
-auch genau genommen erst zwölf Minuten über Voll. Einen Augenblick
-glaubte er, alles geträumt zu haben und vor derselben Minute zu stehn
-wie am Abend zuvor. Dann hörte er Jason sagen, es sei an vier Uhr in der
-Nacht gewesen, als Georg aufgewacht sei. Magda erhob sich und bewegte
-sich auf ihn zu mit vorgestreckten Händen. Er ließ sie die seinen fassen
-und litt es, daß sie sie liebkoste und an die Wange drückte, indem es
-ihm beschämend und verkleinernd vorkam, sich streicheln zu lassen, weil
-er sich nicht totgeschossen hatte, und er konnte es nicht lassen,
-dieweil er sie in die Arme schloß, zu sagen: »Nun gehts glücklich aus
-wie eine Sitzung im Bürgerverein. Ihr Frauen seid nur froh, wenn ihr
-alles eingereiht habt!«
-
-»Ist es denn, Georg?« fragte sie, ängstlich zu lächeln bemüht, »ist es
-denn wirklich?«
-
-Er dachte hart: Wenn sie mich nicht sehen kann durch meine Schuld, so
-habe ich ja wohl ein Recht, jetzt zu lügen! und sagte mit müdem Ton: »Es
-scheint ja so. Du --« fuhr er zärtlicher fort, »warst ja immer bereit
-zur Verantwortung.«
-
-»Ja,« sagte Jason, »sie hat mich vor Teichen und Windmühlen bewahrt, und
-deshalb saßen wir hier Alle zusammen. Gute Nacht, Georg!«
-
-Er reichte ihm flüchtig die Hand und ging an ihm vorüber zur Tür. Li
-hatte inzwischen einen besonders langen, braungelben Mantel mit sehr
-breiten Ärmeln übergezogen und einen steifen Hut aufgesetzt. Georg nahm
-ihm Magdas Pelzmantel ab und hängte ihn um ihre Schultern, worauf er sie
-zur Tür führte. Jason wartete dort und nahm ihren Arm. Alle schienen es
-eilig zu haben, als könnte er etwas zurücknehmen. Georg drückte dem
-Hauptmann die Hand und sah sie alle Vier die Senkung hinabsteigen in der
-Richtung zu Cornelias Haus. Dabei bemerkte er, daß es neblig geworden
-war; die Nacht über dem grauen Dunst war pechschwarz, die Luft nicht
-eben winterlich, feucht, aber kalt genug, um Georg schaudern zu lassen,
-während er die Gestalten in der Tiefe mählig verschwinden sah. Plötzlich
-dann war alles leer.
-
-Hin und wieder zusammenschaudernd in der Kälte lehnte Georg am
-Türpfosten. Was nun? -- Er kam sich zusammengeschrumpft vor und
-erbärmlich klein. In seinen Schläfen pochte das Blut, nun stach es in
-seinen Augen, die Müdheit war wieder da. Halb unbewußt wandte er sich
-zur offenen Tür zurück, sah eine Weile dem Brennen der fernen Kerze zu,
-sah die Schatten der Stühle sich leise anheben, und plötzlich wurden sie
-alle beweglich, ein Luftzug strich an ihm vorüber, ein warmer Hauch von
-drinnen. Im Aufflackern der Kerzenflamme sah er einen Gegenstand auf dem
-runden Tisch Schatten werfen, seine Pistole.
-
-Da lag sie! Es zuckte schon in seiner Hand, als ihm einfiel, wie
-sonderbar das sei, daß weder Jason noch der Hauptmann sie an sich
-genommen hatte. Das tat man doch! Als ob sie sich verabredet hätten! --
-Ach, das ist elend, dachte Georg, mit diesem Vertrauensbeweis wollten
-sie mir nun die Hände binden!
-
-Und wenn sie sie mitgenommen hätten, fiel ihm hinwider ein, was dann?
-
-Ihm schauderte heftiger in der Kälte, ohne doch drinnen eintreten zu
-können, denn dann, dachte er, nimmt mich das Alte wieder auf, und ich
-bin im Geleise. -- Er war allein; Nacht und Nebel --, das war geblieben.
--- Aber die See! zuckte es durch ihn hin. Wenn ich sie nehme statt der
-Pistole, so verstehen sie alles und erkennen den Ernst.
-
-Georg schloß gedankenlos die Zimmertür, drehte sich langsam und ging,
-stolpernd im höckrigen Grasboden, Schläfen und Augenwinkel zerstochen
-von Erschöpftheit, nach der Stelle am Deichrand, wo die Treppe nach
-unten begann.
-
-Der Nebel war hier außen etwas dichter; die Sichtbarkeit des Sandbodens
-unten zeigte, daß Ebbe war. Richtig, als er am Abend hier gestanden
-hatte, war die Flut noch im Steigen gewesen.
-
-Stufe um Stufe trat Georg nach unten. -- Ein Freund kalten Seewassers
-bin ich nie gewesen, dachte er verächtlich, aber -- das wird sich ja
-wohl noch überwinden lassen. Wenn es nur nicht so weit wäre bis in die
-Tiefe ...
-
-Er ging in den Nebel hinein. Das Ebbewasser pflegte hier weit
-zurückzuweichen, da noch die versunkenen Inseln vor Hallig Hooge lagen.
-
-Georg hatte die Lider über die Augen fallen lassen, gehend, weil er im
-Gehen war, in einer leeren Unschlüssigkeit, die ihn peinigte. Als er die
-Lider wieder hob, sagte es in ihm: Da! -- -- Da war es ...
-
-Im Nebel, gerade vor ihm, stand eine ferne Gestalt, nicht mehr als ein
-Schatten. Georg selber stand wie sein Herz. Das jagte im nächsten
-Augenblick Wellen und Sprünge unzähliger wütender Schläge bis gegen
-seinen Hals hinauf. Ihn grauste.
-
-Dann ermannte er sich. Schwerfällig und langsam formten sich
-Vorstellungen in ihm. Jason ... Rieferling ...
-
-Wenn es aber einer von ihnen wäre, so würde er doch kommen ... Er
-wartete ... Plötzlich hatte er mit großer Erleichterung das gewisse
-Gefühl, daß der dort ihm den Rücken zuwandte und von ihm nichts wußte;
-es war der Hauptmann. Er wollte ihn rufen, aber das gelang ihm nicht.
-Nur räuspern konnte er sich und tat es, so laut er vermochte.
-
-Der Schatten bewegte sich nicht, und nun war Georg doch nicht mehr
-sicher, daß er von ihm abgewandt stand. So versuchte er jetzt, sich auf
-den Namen zu besinnen, jenen Namen, -- allein während das Grauen wieder
-in ihm stieg, merkte er, daß jenes Wort nicht zu finden war. Es lag auf
-seiner Zunge, Georg stieß ... Al-- Albert ... Aldebaran ... Baldamus ...
-Nein M! ein M wars. Ma-- -- Magus ...
-
-In diesem Augenblick schien der Schatten zu schwinden, und Georg
-flüsterte Atem schöpfend: Eine Sinnestäuschung! -- worauf er sich einen
-Stoß gab und vorwärts ging. Mut zeiget auch ... flüsterte es in ihm, Mut
-zeiget auch ...
-
-Aber mit einem maßlosen Entsetzen mußte er plötzlich merken, daß er
-nicht gradeaus ging, nicht konnte, daß seine Füße -- er drückte mit
-aller Gewalt --, nein, die Füße wollten nicht dorthin, wo der Schatten
-gewesen war, sie sträubten sich wie Tiere, es war fast, als ob sie
-knurrten und sich gegenstemmten, und Georg überließ sich ihnen in
-hängender Schlaffheit, so daß sie ihn in einer gebogenen Linie nach
-rechts davonführten, und -- -- da war der Schatten wieder, bewegte sich,
-glitt, auf derselben Höhe mit ihm.
-
-Georg wußte, wenn er jetzt nur den Namen hatte, wenn er ihn rief,
-brüllte, so war alles verschwunden. Aber er konnte nicht, er ging, und
-plötzlich war der Schatten weg.
-
-Unter dem Nebel, fünf Schritte vor Georg, glänzte es. Etwas Blinkendes
-lag dort, ein Krokodil, -- das Wasser. Dennoch spürte Georg für eine
-Sekunde eine Erleichterung. Er wußte nun, worauf es ankam, und wo er
-war. Er mußte wieder nach rechts hinüber. Ich will laufen, dachte er,
-setzte auch dazu an, aber seine Beine waren schwer wie Säcke voll Sand.
-Nun redete er sich Mut zu. Das ist ja alles Unsinn! Es ist ja nichts da!
-Du bist übermüdet, du hast Einbildungen! und er ging derweil mit
-zusammengebissenen Zähnen, den Kopf gesenkt, die Augen halb geschlossen,
-hin und wieder strauchelnd, nur mehr sich nach rechts haltend, längst in
-der Gewißheit, daß die Gestalt jetzt hinter ihm herkam. Nun würde sie
-sich weiter und weiter vorschieben, bis sie auf seiner Höhe, zwischen
-ihm und dem Deich war. Oh dieser verruchte Nebel! Er sah nach oben.
-Einen Stern! nur einen einzigen Stern!
-
-Georg blieb stehn. Fast war er bereit, sich auszuliefern. Er fühlte, daß
-unter seinem Stirnhaar sich Tropfen lösten und kalt über sein Gesicht
-rannen. Er hatte zu nichts mehr Kraft. Wie lange Zeit so verging, wußte
-er nicht. Endlich drehte er langsam den Kopf, langsam schließlich den
-Rumpf. Da war die Gestalt, stehend wie er selber.
-
-Georg ging wieder; er ging und summte dazu im Takt seiner Füße. Dann
-zählte er: Eins -- zwei -- drei -- vier -- fünf -- sechs ... Irgendwo in
-einer unsichtbaren Ferne war ein erleuchtetes Fenster, und er sah das
-Haus, die Umrisse in der Nacht, und rechts davon, drei Schritte weit von
-ihm selber den Abhang des Deiches, wo er ein Ende nahm. Er glaubte,
-alldas wirklich zu sehn, aber als er es ins Auge faßte, war da nur
-Nebel.
-
-Auf einmal -- er tat, als geschehe es unabsichtlich -- blickte er nach
-rechts und bemerkte den Schatten dort etwas hinter sich, der ihm
-nachging.
-
-Georg schritt aus, so gut er konnte. Er ging ja nach rechts, gleich
-mußte der Deich kommen, bald auch die Lücke, und er rechnete: sieben
-Minuten konnten es im ganzen sein, ein gutes Stück hatte er schon hinter
-sich und --
-
-Was war das? Es glänzte grade vor ihm. Das Wasser! Wo kam das Wasser
-her? War er doch daraufzu gegangen? Oder -- nein, hier war eine
-Buchtung, das Wasser schnitt tiefer in den Strand ein, -- merkwürdig!
-fiel ihm ein, wo sind denn die Buhnen geblieben? Ah, versandet! besann
-er sich und machte sich klar, daß er nun rechtshin am Wasser einhergehn
-müsse, -- worauf er sich drehte, schon spürend, daß seine Füße
-einsanken, im aufgeweichten Sandboden strauchelte und nun die Gestalt
-grade vor sich entdeckte, allerdings entfernt.
-
-Der Kopf fiel ihm vornüber. Aber jetzt, wie er in dem weicheren Sand
-dahinging, sich am Wasser haltend, so dicht er konnte, fing er an, sich
-zu sammeln. Haha! dachte er, die Gewohnheit, da ist sie ja wieder! Ich
-habe mich daran gewöhnt! -- Und er konnte sich nun wieder besinnen, ihm
-fiel allerlei ein, eine blaue Jacke erschien sehr schön, der Chinese,
-die Kerze vor den Schubläden mit glänzenden Messingknöpfen, daneben, mit
-Schatten gefüllt, die Nische, dann der Park von Helenenruh, sommerlich,
-grün ... und nun bemerkte er, daß die Nässe und das Wasser zu seiner
-Linken waren. Er ging weiter nach rechts, seine Eile verhaltend in der
-Vorstellung, wenn er liefe, würde die Gestalt auf ihn stürzen. Da! da
-war sie ja, fast auf gleicher Höhe mit ihm, sie war näher, sie wollte
-ihn gegen die See drängen, er mußte sie mit aller Gewalt wegdenken, denn
-das Grausen rieselte von ihr aus, und er ging, die linke Hand auf der
-Stelle seines Anzugs, wo er die Uhr fühlen konnte, die sich nicht lesen
-ließ in dem Dunkel. Wo blieb denn die Lücke im Deich? Sieben Minuten
-mußten lange vorüber sein ...
-
-Da blieb er stehn. Seine Kraft war dahin. Das heißt, dachte er, die
-Kraft mich verfolgen zu lassen. Nun wollen wir aber sehn!
-
-Er saugte sich künstlich voll Wut. Es dauerte noch eine Weile, bis er
-die Lähmung in seinen Fingern überwunden und die kraftlosen nach innen
-gekrümmt hatte. Die Fäuste schienen ihm aber so locker, daß er die
-Finger immer tiefer nach innen preßte, bis er plötzlich mit einem über
-Erwarten heftigen Schmerz die Nägel im Fleisch fühlte. Dann riß er die
-Augen weit auf. Es flimmerte, aber da stand die Gestalt. Er setzte zum
-Gehen an, senkte den Kopf tief gegen die Brust, setzte abermal an, hörte
-ein Röcheln und ging auf sie zu.
-
-Alles an ihm raste vor ungeheurer Angst, und doch blieb ein Rest, der
-Rest, der ihm sagte, daß noch Kraft in ihm war, zu gehn, darauflos zu
-gehn, der ihn vor dem Zusammenbruch bewahrte. Dies dauerte endlos. Als
-er den Kopf hob, war die Gestalt so nah, daß er fast aufgeschrieen
-hätte, aber da sah er hinter ihr eine dunkle Wand, den Deich, und dann:
-daß die Gestalt sein Vater war.
-
-Er machte noch ein paar Schritte, schluchzte, fühlte, wie er am ganzen
-Leibe erlosch, und während über ihm die Stimme seines Vaters begütigend
-sagte: Es ist genug, Georg! legte er sich, in staunender Erleichterung
-hinsterbend, nieder vor seine Füße.
-
-
- Siebentes Kapitel: Februar
-
-
- Bogner an Georg
-
- Böhne, am 6. II.
-
-Mein Lieber!
-
-Da ich höre, daß Du noch auf Deiner Insel bist, möchte ich Dich für den
-Fall Deiner -- hoffentlich mit dem Frühjahr erfolgenden -- Abreise
-bitten, nicht an mir vorüberzugehn. Ich bin nämlich dahier geblieben. Es
-kam so, daß ich während der zwei Stunden, die ich auf den Anschlußzug zu
-warten hatte, einen Spaziergang über die schönen alten Stadtwälle machte
-und im Nordwesten -- in der Richtung auf Helenenruh -- unweit im
-Wiesengelände ein Gebäude liegen sah, dessen runde, flachgedeckte
-Gestalt -- wie ein Panorama -- mich anzog. Es war die Reitbahn eines
-Tattersalls, dessen Unternehmer, ein ehemaliger Offizier, kürzlich mit
-Spielschulden flüchtig wurde; die Pferde sind verkauft, der Tattersall
--- mit der Reitbahn hängt ein hübsches kleines Haus zusammen -- war
-verkäuflich. Mein guter Stern wollte, daß ich die Tante des
-Unternehmers, eine angenehme alte Dame, verwaist und betrübt
-zurückgeblieben fand, -- und so habe ich denn das Ganze, Haus, Atelier
-und Wirtschafterin erworben. Die Reitbahn hat gutes Oberlicht, und in
-mir war das Fieber der Arbeit, so daß ich glücklich war, nicht erst
-weiter zu müssen. Leinwand und alles sonst Nötige gab es im Ort zu
-kaufen, ich ließ mir dann meine Habe aus Altenrepen kommen, und kurz:
-seit ich anfing zu arbeiten, habe ich noch keinen Augenblick aufgehört;
-hatte, wie es scheint, den Vesuv in der Brust und stehe nun verschüttet
-vom Ausbruch. Du kannst dann einiges sehn, wenn Du kommst. Mir ist wohl.
-Ich wünsche Dir das gleiche, mein Lieber, und bin Dein guter Freund
-
- Bogner
-
-
- Magda an Georg
-
- am 15. Februar
-
-Georg, oh mein Georg! Ich habe sie wieder! Lieber Georg, denke doch nur,
-wir haben sie! Renate, sie lebt, ach sie ist freilich krank nun, sehr
-krank, der Arzt will mir nicht sagen, was es ist, aber das Leben, sagt
-er, sei nicht gefährdet. Sie liegt in Fieber, schon Tage, schreit und --
-ach nein, wozu davon reden, es ist ja Hoffnung! Georg, es werden viele
-Fehler in diesem Brief sein, ich treffe ja kaum die Tasten überhaupt,
-wie sollt ich die richtigen treffen?
-
-Ja, und weißt Du denn, wem wir dies zu verdanken haben? Denke bloß!
-Jason! Er ist selber ganz ratlos vor Verwunderung und schüttelt den Kopf
-beinah wie damals, als er das Schütteln hatte. Daß er, Jason, etwas tun
-konnte, etwas Richtiges tun, -- das wäre ein völliger Umsturz, sagte er,
-und er könnte nur Gott danken, daß er keine Weltanschauung gehabt hätte,
-denn was wäre aus der sonst geworden? Aber nun höre, wie es gekommen
-ist! Es war ja so einfach, es war, sagt Jason, sogar noch einfacher als
-das Kolumbusei.
-
-Jason kam, um Adieu zu sagen. Irene hat ihn nämlich gebeten, sie in
-Dresden zu treffen, es scheint ihr nicht gut zu gehn, Jason machte ein
-paar Andeutungen, sie schrieb ja auch kein Wort die ganze Zeit, und das
-Kloster scheint sie also wieder verlassen zu wollen. -- Nun wollte er
-versuchen, Renate noch einmal zu sehn, und da ich dachte, daß sie
-_seinen_ Anblick vielleicht ertragen könnte, so ging ich mit ihm hinauf,
-sie war eben in ihrem Zimmer. Er trat allein ein und ließ die Tür offen,
-aber gleich gab es drinnen einen Aufschrei, und sie floh so schnell an
-mir vorüber, daß ich mich wunderte, wo sie gleich hergekommen war, aber
-Jason sagte, sie hätte dicht an der Tür gesessen, und das ist ja nun ein
-glücklicher Zufall gewesen, nämlich daß sie nach draußen und nicht ins
-Schlafzimmer gelaufen war, wie Du gleich sehn wirst. Jason sah sich
-nämlich im Zimmer um und fragte sofort: Wo ist denn der Ech-en-Aton? Ist
-er nicht da? frage ich; dann hat sie ihn wohl weggestellt. Aber warum
-denn? fragt er wieder und hat sich gleich etwas gedacht, während ich gar
-nichts ahnte, aber so ist Jason. Er fing nun an im Zimmer zu suchen, ich
-mußte ihm auch den Schlüssel zum Schreibtisch geben, den ich selber
-abgezogen hatte seinerzeit, aber der Kopf war nicht zu finden. Wir
-klingelten nach Franziska, aber sie wußte nichts zu sagen. Jason ließ
-sich nicht irremachen, behauptete steif und fest, sie müßte ihn
-versteckt haben, und suchte im Schlafzimmer, und nun -- dort hat er ihn
-denn wirklich gefunden, ganz unten im Wäscheschrank, unter einem Stoß
-Kissenbezüge, die »so eigentümlich dagelegen hätten«, wie er sagte.
-
-Ja, und als er ihn dann hatte, wußte er sich im Grunde auch keines Rats
-mehr; nur daß es irgendeine Bewandtnis mit dem Kopf haben müsse, das
-könne er ihm überall abfühlen, erklärte er und meinte schließlich, das
-Richtige würde zweifellos sein, ihn wieder auf sein Postament zu
-stellen, und das tat er.
-
-Wir haben dann hinter dem Vorhang der Schlafzimmertür auf Renates
-Wiederkehr gewartet, und kaum war sie eingetreten, so höre ich einen
-lauten Aufschrei und dann einen Fall. Als wir hinzukamen, war sie
-bewußtlos, sie ist aber bald wieder zu sich gekommen und hat mich
-erkannt, auch ein paar Worte mit mir gesprochen, ganz klar, obschon sie
-nicht wußte, was mit ihr geschehen war. Dann schlief sie ein, und dann
-kam leider das Fieber.
-
-Jason sagt: Weißt du was? Sie hat sich vor ihm gefürchtet und hat ihn
-versteckt, und dann hat sie sich gefürchtet, er könnte doch irgendwo
-sein, und die Gesichter von uns für seines gehalten. -- Jason ist immer
-genügsam, also war ers auch mit dieser Erklärung, und wir Alle müssen
-uns zufriedengeben, bis wir vielleicht einmal mehr erfahren. Ach, mir
-genügts ja auch, ich hab ja genug an meiner Glückseligkeit, und je
-weniger ich weiß, um so mehr kann ich an ein Wunder glauben, und ist es
-nicht jedenfalls über alle Vernunft wunderbar? Wüßtest Du nur recht, wie
-sehr es mich auch wieder für Dich tröstet! Mein Glaube an Dein Heil ist
-noch einmal so stark geworden!
-
-Sieh, mein Georg, es war ja so ganz ein Wunder, wie wir in der Nacht zu
-Dir kamen, und wie Du da saßest und schliefest! Schliefest, Georg, so
-tief, so schwer, -- glaubst Du, daß ich es nicht gesehen habe an Deinen
-Atemzügen? mit der Waffe in der Hand, anstatt tot zu sein! Wenn Du das
-an einem Andern erlebt hättest wie ich an Dir -- all die vielen Worte
-nachher hättest Du nicht mehr gesprochen, sondern wie ich gewußt, daß
-hier ein Ende war und keine Pause! Und war das kein Wunder, daß Dir der
-Schlaf geschenkt wurde in dem Augenblick, wo Du Dir das Leben nehmen
-wolltest? Den Tod nehmen, wollte ich sagen, der Ausdruck führte mich
-irre. Das sah ich so deutlich wie mit beiden Augen: wie Du in Deiner
-Müdigkeit die Hand des Todes zu fassen meintest, und wie statt seiner
-der Bruder sich dazwischenschob und Dir lächelnd seine Hand hinhielt.
-Und ich habe lange Zeit ganz allein im Zimmer gesessen und mich nicht
-gesorgt um Dein Erwachen, und erst nach Stunden, wie immer wieder die
-Andern kamen, um zu sehn, ob Du wach seist, und was Du dann tun würdest,
-da wurde ich freilich ängstlich durch sie und bat sie zu bleiben.
-
-Ich hatte, als ich da in Deiner Nähe saß und Dich atmen hörte, immer ein
-sehr trauriges Bild vor Augen, und ich will Dir davon sagen. Nämlich
-damals, an Deinem letzten Geburtstag, als mir das in dem Tempel
-geschehen war, versuchte ich zu gehn, weil ich gehört hatte, daß Du in
-das Wasser stürztest, aber ich glitt auf den Stufen aus und habe dann
-dort gesessen und nicht gewußt, was nun kommen würde. Nach langer Zeit
-hörte ich dann Schritte und daß jemand bei mir stand und leise jammerte
-und fragte, was mir wäre. Das war jene Frau, Georg, ich weiß nicht, wie
-sie heißt, sie kauerte sich dann zu mir, zitterte und schluchzte, -- ihr
-Gesicht war überschwemmt von Tränen, ach, und sie roch so nach Wein, ich
-dachte fast, es wäre Wein, wovon ihr Gesicht so naß war.
-
-Das war meine dunkelste Stunde, Georg, ich dachte immer, ich müßte es
-Dir einmal sagen. Ich war nicht gut darin, ich habe die Andre mehr als
-einmal von mir gestoßen, bevor ich sie ertrug. Ich weiß nicht, warum
-gerade dieser Augenblick in meinen Gedanken war, als Du saßest und
-schliefst; es ist ja auch gleich, und nun habe ich es gesagt.
-
-Ein Wunder, heißt es, würde mit den Gesetzen der Natur in Widerspruch
-stehn, das wäre sein Wesen und eben deshalb könne es nicht geschehn. Und
-das Wunderbare, Georg, steht es nicht mit den Gesetzen der Vernunft im
-tiefsten Widerspruch, wenn auch nicht mit der Natur, und wäre es
-wunderbar, wenn es sich gleich einfügen wollte? wenn es nicht selber
-sein Gesetz gäbe und uns nötigte, uns ihm zu fügen?
-
-Nun lebe wohl, lieber Georg, ich hoffe, recht bald, eine gute Nachricht
-von Dir in Händen zu haben, und küsse Dich als Deine alte
-
- Anna
-
-
- Georg an Magda
-
- Hallig Hooge, am 20. II.
-
-Anna!
-
-Du hast sie wieder! Ja, welch ein Glück für Dich und für sie, das
-mitzuempfinden ich mich nach Kräften bemühe. Zwar habe ich keine Ahnung,
-was für ein »Elch-in-Atomen« das sein mag, der in Deinem Brief umgeht
-und auch die arme Renate so entsetzte, aber was liegt daran? Ich hoffe
-vor allem, daß auch die Krankheit, von der Du schreibst, sich als so
-ungefährlich erweise, wie der Arzt versprach, und dazu, daß der
-erweckerische Jason so gut das Richtige getroffen habe, wie jener
-Christus mit dem Lazarus.
-
-Was Du mir von Dir geschrieben hast, nahm ich in mein Herz auf. Danken
-kann ich Dir nicht dafür, aber ich kann Dir nun etwas von mir schreiben
--- nichts aus neuer Zeit! --, das mir lange Zeit für zu heilig galt, um
-es selber mit Dir teilen zu können, -- allein wer weiß? es giebt mehr
-solche Dinge, die man in Heiligkeit hüllt -- als Vorwand, um sie für
-sich allein zu behalten.
-
-In jener Nacht, als Du schlafen gegangen warst, beruhigt, wie ich nun
-wohl glauben darf, durch andres als durch meine Versicherung, daß »alles
-eingereiht« sei, denn sie war mir leider nicht Ernst, -- in jener Nacht
-war ich noch jenseit des Deiches, an der See. Was ich dort wollte,
-kannst Du Dir denken. Auch dieses Mal wurde ich verhindert. Von wem? Von
-meinem Vater.
-
-Es hat überlange gedauert, bis ich ihn erkannte, und was er gewollt hat,
-wurde mir erst manchen Tag später klar. Ich hielt ihn für den Dränger,
-für jenes Gespenst, das hier umgehn soll und die Menschen in die See
-drängen, und grausige Minuten lang glaubte ich mich von ihm verfolgt. Am
-Ende ging ich doch auf ihn zu, mit meiner äußersten Kraft, und als ich
-dann sah, _wer_ es war, der vor mir stand, und seine Stimme vernahm: Es
-ist genug! -- da, Magda, da erst bin ich gestorben.
-
-Ich erinnerte mich später deutlich, vor langer Zeit einmal geträumt zu
-haben, ich stürbe. Es war ein weiches Stürzen ins Bodenlose, aber
-während alles an mir sich auflöste und ich, noch in tausend Ängsten,
-wußte, daß ich starb, überwehte mich schon eine linde Verwunderung, mit
-der ich dachte: so leicht ist es? -- Und nicht anders war es jetzt, als
-ich zu seinen Füßen erlosch.
-
-Als ich wieder zu mir kam -- das kann ich Dir noch sagen --, sah ich,
-daß ich im ganzen keine zweihundert Meter weit bei meiner Flucht
-gekommen war, denn ich hatte von der Treppe aus noch nicht die nächste
-Buhne erreicht. Es gab noch viel Seltsames, von dem ich schreiben könnte
--- wie ich mich auf den Namen Waldemar Montanus besinnen wollte und es
-um keinen Preis konnte, (mir fiel später die Geschichte vom Bruder Ali
-Babas ein, in der ich als Junge nie begriff, wie er das einfache Wort
-Sesam vergessen konnte) -- aber wir wollen dies gut sein lassen; nur
-eins wollte ich Dir noch sagen, was mir erst Tage später deutlich ward.
-
-Wo nämlich hätte der Dränger erscheinen müssen, Anna, wenn er einen
-Menschen in die See drängen wollte? Doch wohl in der Nähe des Deiches,
-nicht wahr? Dieser aber, der mir erschien, stand am Wasser, auf das ich
-zuging, und er erwartete mich; um mich nicht hineinzulassen! Es ergreift
-mich heute nichts mehr so, wie das, daß ich, als ich zum Wasser ging,
-nicht einmal wußte, ob ich wirklich hineingehn würde, -- er aber besorgt
-war auf alle Fälle und mir den Weg verlegte. Dann folgte er mir, und ich
-floh, und da merkte er wohl, daß ich durchaus nicht ins Wasser ging,
-sondern daran her, und nun wollte er sich zu erkennen geben und
-verstellte mir die Richtung zum Deich. Ach, nun ist alles begreiflich
-und klar, und nur dies, daß ich, der noch Stunden zuvor entschlossen zum
-Tode war, nicht mehr daran dachte, nein, mit keinem fernsten Gedanken
-mehr daran dachte, als ich in die See getrieben zu werden glaubte, --
-das erscheint mir noch einigermaßen sonderbar, obwohl die Sache
-vermutlich so liegen wird, daß ich mich freilich nicht vor der See
-fürchtete, sondern -- vor dem Grauen, und daß dieses alles mir
-verkehrte, -- als worin wiederum eine kleine Erkenntnis enthalten ist,
-indem ich mich früher stets gewundert habe, wenn ich las oder hörte, daß
-bei einer Feuersbrunst jemand aus Angst durch das Fenster gesprungen
-sei, aus Furcht vor dem Tod in den Tod, denn auch solch einer springt
-nicht aus Todesfurcht, sondern bloß aus Grauen, das ihn verkehrte und
-Wege sehn ließ, wo keine waren.
-
-Siehst Du wohl die feine Klugheit, die rechteckigen Gedanken in dem
-Vorstehenden, kleine Anna, siehst Du sie gut und bist höchlich zufrieden
-und denkst: er ist gänzlich der Alte?
-
-Im Übrigen ist zu sagen, daß ich bereits an mancherlei wieder Gewöhnung
-gefunden habe, zum Beispiel an gebackener Flunder. Ferner begann ich zu
-arbeiten, habe mir staatswissenschaftliche Bücher kommen lassen, auch
-Geschichte (Notabene, wie steht es mit der amerikanischen von
-Saint-Georges? erscheint sie oder nicht?), ich lese mit dem Hauptmann
-französisch den kunstvollsten und dürrsten Roman der Welt, Flauberts
-Education sentimentale; und arbeite am Abend mit ihm den
-Zweifrontenkrieg aus, denn er ist eine strategische Leuchte und giebt
-an, es daure nicht _so_ lange, bis Rußland und Frankreich und vielleicht
-noch sieben Völker über uns herfallen (im Ernst, Anna, es giebt sonst
-vernünftige Menschen, die sowas glauben!). Schließlich versuche ich, die
-Schriften, die mir täglich von Birnbaum vorgelegt werden, nicht nur zu
-unterzeichnen, sondern auch zu lesen und, was mehr, zu verstehn. Kurzum:
-ich bin am Leben.
-
-Siehst Du, Anna, Du bist zufrieden mit so etwas! Ein Kind wird geboren,
-und wenn es nur lebt, ist die Mutter schon froh, gleichviel zu welcher
-Alraune an Häßlichkeit und Bosheit es sich auswachsen mag. Ach, ihr
-Mütter, ihr Mütter! Wege finden sich immer, meint ihr, und: kommt Zeit
-kommt Rat, wie all die Sprüche heißen, aber: wenn nun bloß _ein_ Weg
-ist?
-
-Du weißt den Weg, Anna, und -- ich kann ihn nicht gehn. Und dies ist das
-Elend, daß, wenn ich denke, ich kann es vielleicht doch, ich es schon
-aus Gewohnheit denke und nicht aus Willen, und es einmal aus Gewohnheit
-tun werde und nicht aus Kraft.
-
-Siehe den Fluch der Gewohnheit: Du schreibst von Wundern, vom
-Wunderbaren immerhin, und selbst dieses, wie sehr bildete es sich in
-Dir, wie sehr warst Du selber der Wundertäter! Ich, Anna, ich sah das
-Wunder leibhaft, mit meinen Augen, sah meinen toten Vater wiederkehren
-um meinethalb, und schon als ich hinterdrein erwachte, riet mir eine
-sogenannte Stimme, es nicht anzuerkennen. Ich erkenne es an, ich halte
-daran fest, aber -- es ist so: es muß uns immer alles wahrscheinlich
-sein und berechenbar. Wir versagen, so wie wir nicht mehr messen können.
-Wir sind die vollkommenen Narren, als welche das Wunder immer ersehnen,
-und in der Not ihrer Sehnsucht das Wunder selbst zum Maß aller Dinge
-machen und sie gewöhnlich, alltäglich und minder heißen. Und kommt das
-Wunder mit seinem eigenen Maß, wie Du sagst, so sehen wir uns zu nichts
-genötigt, als in möglichster Hurtigkeit ein andres Maß zu ergreifen, und
-so ertappen wir jetzt das Gewöhnliche, das Natürliche. Nun ging längst
-alles wieder in mich ein, und ich glaube zu fühlen, wie die Erscheinung
-des Toten, aus meiner Todesnot entsprungen, meiner eigenen Brust
-entstiegen vor mich hintrat. Wie sollte da mein Einschlafen mit der
-Pistole mir genügen, das mir freilich ein Zeichen hätte sein sollen, daß
-mir der Tod nicht bestimmt war? Noch glaube ich, Anna, an das erste
-Wunder, aber schon arbeitet dieses zweite an seiner Wurzel, es
-umzuhacken, und mit Stricken von oben am himmlischen Wipfel zerrt die
-uralte Riesin: Gewohnheit ...
-
-Ach, und warum dies alles? Es liegt am Blut. Es war immer kalt, oder es
-ist nun so kalt geworden, daß es nicht wieder erwarmen kann. Mir
-scheint, es ist Februar. Das ist der schlimmste Monat, der, wo alles
-schon möchte, und wo alles noch eingefroren ist. Umsonst, kleine
-Sonnenseele, umsonst!
-
-Genug! Du hast Deinen Willen: ich lebe. Gebe Dir Gott dazu, daß ich Dir
-einmal so dankbar dafür sein kann, wie Du es -- nach üblicher Rechnung
--- verdienst. Wie immer Dein
-
- Georg
-
-
- Achtes Kapitel: März
-
-
- Aus Renates Gedächtnisbuch
-
- Anfang März
-
- Geliebter Himmel, blasser,
- Von Abendglut gebräunt,
- Liebling der blanken Wasser
- Und Seelenfreund --
-
- Ich sitze dir zu Füßen,
- Aus Krankheit wieder erwacht.
- Genesung zu versüßen,
- Dein ist sie, ach brauch deine Macht!
-
-Nun, gleich Verse? Nein, dieser Anlauf schoß wohl doch übers Ziel
-hinaus, und da sitz ich freilich schon fest. Ach, und nun seh ich erst,
-was ich da richtig in der Hand halte! Einen Bleistift, einen ganz
-schönen, ganz langen und ganz gelben Bleistift, gelb wie eine Primel,
-nein, was bist du schön! du siehst ja wie ein Prinz aus! Laß mal zählen:
-Eins, zwei, drei, vier -- sechs Ecken und sechs Kanten, ich kann sie von
-den Fingerspitzen bis ins Handgelenk fühlen, wenn ich schreibe, und es
-laufen nur ganz lange schlanke Buchstaben aus einem so schlanken
-Gegenstand. Lieber Himmel, ein Bleistift -- und macht glücklich. Ich
-halte einen Bleistift! Den Satz könnt ich hundertmal abschreiben wie
-eine Strafarbeit, aber das sollte keine Strafe sein, und beim
-hundertsten Mal würd ich noch nicht wissen, was er richtig bedeutet.
-
-Still! Ganz langsam! Schreib was andres! Schreib: Das -- Leben -- ist --
-süß. Punkt. So. Ach, warum muß ich nun weinen?
-
- an einem andern Tage
-
-Nachmittags aufwachen im Sofa, so leicht nun, gleich so klar, und im
-Fenster ein Holdes sehn, unbekannt was, alles so hell, kühl, und es
-summt nur noch immer im Kopf, und Geräusche sind so fern! Ach, das ist
-ja das süße Leben, immer wieder, immer wieder! -- Dann aufstehn, geheim,
-als wärs noch verboten, die Beine sind freilich schwer, aber -- sich
-langsam aufrichten, und nun dastehn, es zittert in den Knieen, aber man
-steht, und nun -- sich langsam um den Tisch herumschieben, ach, und
-schon ist die ganze Welt verwandelt, es schwindelt, weil man nur steht.
-Horch, wie still es ist! In einem fremden Haus tief unten geht eine Tür.
-Das ist schön, wie die Tür geht. Und immer steht man, zum Fenster
-gewandt, die Hände auf den Tisch gestützt, im Fenster ists leer und
-klar, wie ist alles unbekannt! Die Bücher auf dem Tisch, die kleine rote
-Schale auf der Decke, die Decke selber, der Tisch, lauter harte,
-deutliche, glänzende Dinge, sind alle ganz neu wie Geschenke, und auf
-einmal mußt du an dir heruntersehn, du bist ja ganz weiß, du trägst ja
-ein ganz weißes Kleid, es ist so leicht wie eine Wolke, die Falten
-bewegen sich geheimnisvoll ganz von selbst, es duftet aus ihm, es
-knistert und bebt, und all das heißt: die Gesundheit. Es liest sich wie
-eine Überschrift im Lesebuch. Endlich mußt du ans Fenster, du bist wie
-ein kleines Kind, zum Fenster ists elend weit, aber du bist schon kühn,
-wenn man nur will, gehts, und auf einmal, mit drei kleinen Schritten
-bist du hurtig hinüber, und da knickst du auf den Stuhl, sagst: Ach
-Gott! -- Nun ists aus, du bist ganz matt, du hast genug vom Leben für
-heut.
-
- Freitag
-
-Freitag, heut ist Freitag. Freitag -- Dreitag -- drei Tage sitzt du nun
-schon am Fenster und kannst schreiben. Oh mein Gott, daß nur das Leben,
-das nackte Leben so süß sein kann! Da steht eine Hyazinthe im Fenster,
-eine große, hellblaue Hyazinthe, in einem Topf mit moosgrüner
-Manschette, die ist schön anzufassen, so rauh. Die Hyazinthe dagegen ist
-glatt, sie ist ganz wie aus einem dicken, hellblauen Duft gemacht, so
-einen Stoff giebt es sonst nicht, vielleicht Reif, so dicker blauer Reif
-an Trauben und Pflaumen, mit Frühjahrhimmel gemischt und etwas weißer
-Wolke, und ganz wenig Schnee, und etwas Narzisse, und all das steht ganz
-zart und steif und nackend da, macht die Luft süß um sich her und ist
-ein großer Trost.
-
-Draußen, da ist noch gar nichts, ein Garten, ganz kahl, schwarze Bäume,
-ein einziger grüner Busch ganz unten, der Rasen ist gelbgrau wie ein
-Fell, da steht eine Kapelle sehr sichtbar mit hohen Fenstern. Aber oben,
-da ist schon der Frühling, da sind ganz stillhaltende Wolken zum
-Anschaun wie auf Bildern, weiße, überall beschattet, dahinter ist eine
-blaue Leere, weich, kühl -- und doch warm, in der es rieselt und sich
-wandelt unmerklich und vergeht. Plötzlich wird dir warm in einem ganz
-hellen Schein, es blendet, es überläuft dich was, dir zieht das Herz
-sich zusammen -- --
-
- am 7. März
-
-Was ist mir denn?
-
-Schrieb ich denn wirklich selber das, was ich heute lesen muß vom süßen
-Leben? Kann denn eine einzige Nacht einen Menschen so verwandeln? Als
-seien meine Augen hart geworden, und alle Dinge stehn wie in einem
-Spiegel ohne Luft. Ach nein, verwandelt hat mich die Nacht nicht, es
-stieg nur nach oben, was erst in dieser Nacht fertig wurde, der Baum von
-Eis in meiner Brust, und da steht er nun, und seine Zweige klirren mir
-am Herzen, und es ist ganz lautlos dabei.
-
-Kalt, oh wie kalt ist der Tag und ist mir! Wohin geriet ich denn nur? In
-welches Leben? Ich weiß, ich träumte von Einem diese Nacht, für den ich
-keinen rechten Namen mehr habe. Weiß nicht mehr, was es war, es war
-kalt. Mir stachs eine eisige Nadel durch die Brust, und alles rollte
-sich zusammen und erstarrte. Da sitz ich nun, die Feder bewegt sich
-leicht übers kühle und weiße Papier, Schneefeld, Schneefeld! Wenn ich
-durchs Fenster schaue, seh ich es rieseln in der kalten grauen Luft, die
-schwarzen Zweige starren, Tropfen blinken am Glase, hier innen leb ich.
-Warum? Wozu? Was soll hieraus werden?
-
- am 12.
-
-Ich schrieb nichts auf in diesen Tagen, obgleich sie so lang waren wie
-die meilenlangen Winterseen, bläulich in der unendlichen Weiße,
-aufgehend in weißlichem Dampf unter dem dunkelgrauen Himmel, und in der
-maßlosen Stille klingt nur einmal ein heiserer Schrei, etwas Schwarzes
-steigt aus weißem Uferbaum, schwer im Flug wie ein langsamer Dämon
-streicht es seeüber, und von den Ästen, wo es abflog, fallen locker die
-weißen, leichten, eiskalten Kissen.
-
-Immer liegt mir der See vor der Seele, ich schau drüberhin, ich muß
-immer sehen und sehn, nichts verändert sich, und ich merke endlich, daß
-ich immer auf den einen schwarzen Flecken im weißen Baum starre, wo der
-Vogel abflog. Der kleine Kalender sagt, es ist März, im Garten ist ein
-grüner Busch mehr, aber der Rasen blieb wie zuerst, ich ging einmal
-schnell drüberhin, dann dacht ich: Ach, keine Krokus werden da mehr
-stehn, -- wo du gegangen bist. Das ist mir im Sinn geblieben, es klingt
-wie ein Stück Lied, so ein aufgetautes Stück.
-
-Da stand ich vor der Orgel. Kühl war sie und fremd. Ich wagte keine
-Taste zu berühren. Sie war so kalt, als hätte sie in einem Haus aus
-Schnee gestanden. Einmal vor Jahren träumte mir, daß ich spielte;
-lebendiges Wasser rauschte unter meinen Füßen hervor, da tönte die
-Orgel, vox humana sang mit der Stimme der Amsel. Eingefroren,
-eingefroren, oh ihr Wasser des Lebens, ich töne nicht mehr!
-
- am 13.
-
-War denn dir so weiß alles vor Augen, Lazarus, armer, als dich das ewige
-Lächeln aufgetaut hatte aus dem Frost? Aber vor dir stand Einer, der
-wußte, was gut ist, auf seiner Schulter saß die schwarze Amsel und sang,
-Primeln fielen aus seiner erwärmten Hand; als er gegangen war, sah man
-da Kissen von Veilchen, wo seine Füße standen.
-
-Die Tage kommen, die Tage gehn. Ich glaube manchmal, ich muß sterben,
-ehe der Tag herum ist, ehe das Dunkel kommt und endlich die Stunde des
-Schlafs. Wie lange muß ich dann noch liegen, immer fröstelnd in den
-Decken; die blauweißen Falten des Betthimmels über mir fließen herunter,
-bleich in der Dämmerung, wie aus Eis, in der lautlosen Luft rieselt das
-Eisige, langsam gefriert alles, ich suche, ich suche, und alles ist leer
-...
-
- am 14.
-
-Und du, Freund der Sonne, Gesegneter von Strahlenhand, ach, einmal auch
-mein Freund, du siehst über mich hinweg, auch du bist mir zu Schnee
-geworden. Sie haben dich mir wieder gegeben, hätten sie's lieber nicht
-getan!
-
-Der Garten, das weiß ich nun wieder, war nicht der Garten, sondern die
-Lichtung der Insel. Immer wieder zog es mich dorthin, Grauen zog mich
-hin, ich erschrak, wie sie sich veränderte, wie sie zerfiel, wie die
-Blätter herunterwirbelten, ich glaube, ich muß sie immer aufgerafft
-haben und mit den Händen hochgehalten, oder träumt ich das nur, daß ich
-immerfort herumjagte und die Blätter schalt und aufraffte und in die
-Luft warf? Aber es nützte ja nichts, und dann waren eines Tages die
-Bäume leer. Oh, und diese Angst, unaufhörlich in der Brust! Meist vergaß
-ich ja alles, nur die Angst war da; plötzlich dann fiel mir das Gesicht
-ein, alle meine Angst galt dem Gesicht, das erscheinen könnte, im
-Gezweige, im Zwielicht, ich glaube, besonders in der Dämmerung abends
-muß es am schlimmsten gewesen sein. Ach, die grenzenlose Süßigkeit des
-ersten Erschreckens damals auf der wirklichen Insel hatte sich mir in
-unseliges Grausen verkehrt, und nun drohte das weiße Gesicht von
-überall, und immer atmete ich auf, es nicht zu sehn, und immer
-befürchtete ich es wieder. Es waren wohl die Gesichter der Andern, die
-immer wieder entsetzensvoll gegen mich vorbrachen, und ich schrie und
-wußte nicht wohin laufen vor Angst.
-
-Ich vermißte einen Brief in diesen Tagen, Magda gab ihn mir ängstlich,
-ich las ihn, er sagte mir nichts. Er galt nicht mehr mir. Seltsam nur:
-als ich am Ende war, sah ich mich selber aufstehn, den Ech-en-Aton vom
-Sockel nehmen, eine Weile dann nicht wissen wohin mit ihm, sondern nur,
-daß er fort mußte, um jeden Preis fort, daß er sonst aus meiner Hand
-fallen und grauenvoll zerscherben würde. Dann war ich auf einmal im
-Schlafzimmer, vor einem Schrank, und stellte ihn blindlings hinein. Ein
-Schmerz zerriß mich blendend von oben bis unten, noch einmal in der
-Erinnerung.
-
-Das also, das muß ich damals getan haben, als ich jenen Brief zum ersten
-Mal las.
-
-Dann fragte ich Magda, und sie sagte mir, daß Jason den Kopf im
-Wäscheschrank gefunden hat.
-
-Es ist noch winterlich draußen, alle Zimmer sind geheizt und trocken von
-der warmen Heizungsluft, und ich höre nicht auf, am ganzen Leibe zu
-zittern vor innerer Kälte. Ich wollte ein lebendiges Feuer haben und
-ließ meinen Ofen heizen. Erst war es schön, die Hände anhaften zu lassen
-an der glatten, glühenden Säule, gleich wurden sie ganz warm, aber die
-Wärme drang nicht weiter vor, und da fing ich an zu schaudern, eiskalt
-wie ich mich fühlte mit meinen feurigen Händen.
-
-Der Arzt tröstete mich mit Frühling, Sommer und Sonnenwärme und riet
-eine Reise. Sonne, ach Sonne, du willst keine Seele erwärmen, die von
-innen gefror, und ich weiß, ich weiß wohl, was mir erlosch. Das ist die
-Wärme der Menschen, Wärme aus ihnen und Wärme zu ihnen. Der Eine nahm
-sie aus allen fort. Er nahm alles an sich: den Schmerz und das Glück,
-den Gram und die Wärme. Ich bin bitter geworden.
-
- Eine Stunde
- Lebt ich wie Götter, und mehr bedarfs nicht.
-
-Oh wer es glauben könnte! Dem war die Brust quellend und reich, gesegnet
-von Nachwonne, der das schrieb. Wozu leb ich? Es ist ja leer alles, ganz
-leer. Darum soll ich jetzt leben? Mich ankleiden und essen, Orgel
-spielen, mit Menschen sprechen und lesen und diese und jene Erfahrung
-sammeln, den einen Tag wie den andern, dafür? Oh meine erloschene Liebe,
-dafür? Barmherziger Gott, mir bricht die ganze Brust in Schluchzen aus,
-wenn ich denke, daß ich alles, alles sparte auf den einen Tag, und --
-nichts mehr. Warum weinen? Nichts mehr bewegt sich, auch die Tränen
-stehn still.
-
-
- Georg an Magda
-
- Hallig Hooge, am 18. März
-
-Mit einem Wort: Laokoon! Laokoon, oder die aussichtslose Verstricktheit:
-ein Alter, zwei Junge, drei Schlangen -- sämtlich in meiner Figur
-dargestellt. Nur daß mein Mund nicht zum -- unkünstlerischen -- Schrei
-geöffnet ist, möchte ich festgestellt haben.
-
-Herz, mein teuerstes, glaubst du wirklich, daß hier alles, worauf es
-ankommt, mir nicht so klar ist wie Glas? Es bedurfte nur Deines Briefes
-und in ihm der bezaubernden Schilderung meiner eignen, entschlafnen
-Person, infolge deren ich mich selber sitzen sah in Eurer andächtigen
-Runde, um mir die Augen völlig zu öffnen. Und nun sehe ich mich dasitzen
-allerdings wie so etwas Halbgöttliches und zwar -- woher mir diese
-Erscheinung kam, blieb unbekannt -- durchaus als jenen unflätigen, aber
-achtbaren schlafenden Faun in München, aus dessen reisiger
-Ungeschlachtheit dennoch etwas Göttliches raucht, ein Göttliches, das
-nichts andres ist als der Schlaf.
-
-Nicht umsonst von den Alten als Gottheit verehrt: es ist wahrlich etwas
-Göttliches um den Schlaf des Menschen, um den Schlaf einer Seele, -- das
-weiß ich und darf es sagen, der ich auf der Jagd nach diesem
-flüchtigsten aller Götter ihn verfolgt habe bis hinunter an das schwarze
-Tor, hinter dem es braust von den Schatten. Wahrhaftig, es war nicht
-unheroisch, zu schlafen in jener Stunde, da ich die Jagd aufgab und er
-nun stillschweigend aus den Stämmen hervortrat und die ermüdete Hand
-ergriff. Wie wenn es geheißen hätte in einem arkadischen Dorf: ein Gott
-sitzt an der Straße vor dem Tor, er wollte vorüber, da ergriff ihn die
-Müdigkeit, nun sitzt er im Schlummer dort ganz wie ein schlafender
-Mensch, und man kann ihn sehn. Und nun eilen sie in den glühenden Mittag
-hinaus und versammeln sich um jenen und staunen an seinem Schlaf. -- So
-war auch Euch jene Stunde heilig, meine Anna, und gewiß: wenn es einer
-Sache nicht bedurfte hinterdrein, so waren es all unsre Worte.
-
-Es bedurfte der Worte nicht! Denn nie hat es der Worte bedurft zu
-nachträglicher Deutung; Wissen ist schweigend, aber es ist mein Fluch,
-daß ich ihrer niemals entraten konnte. Was ich auch erlebte: nicht eher
-wurde es mir haltbar, ehe es mir denkbar erschien. Dies aber ist Gnade
-der Dichter: ein Stummes zu geben wie die Blume, deren Sprache der Duft
-ist, zu reden und dennoch zu schweigen, aus dem menschlichsten Stoff,
-aus der Sprache, die göttliche Form zu bilden, und doch nicht einen
-Hauch ihr zu mindern von ihrem Duft. Ich bin kein Dichter, aber immer
-möchte ich dies auch, und meine Worte sind nur Fallen und Schlingen, in
-denen vielleicht Unsterbliches hängt, -- halb erwürgt. Gut und heilig
-jene Stunde des Schlafs, aber ungut und unheilig darüber jedes Wort;
-ungut und unheilig, da nur das Schweigen gilt und Ehrfurcht vor der
-großen Erscheinung, ungut und unheilig die Deinen, Anna, in denen Du
-mirs erklärtest, und hier die meinen, in denen ich mich zu Ende
-erklärte.
-
-Mir wäre weit besser, ich läge da tot. Wenn ich auch als ein dreifach
-Umstrickter gestorben wäre, so war es doch eine königliche Verstrickung
-geworden, und es wäre nicht kleinlich gewesen, den beiden großen
-Pythons, Schuld und Tod, zu erliegen. Die sind nun auch klein geworden,
-sehn der gemeinen Ringelnatter ganz ähnlich, und andre von gleicher
-Statur gesellten sich zu: Schwäche, Arglist, die sagt: Hoheit sollten es
-versuchen ... und Feigheit, die überreden will, es käme am Ende doch nur
-aufs Leben an, und auf einen Thron brauchte sich keiner zu setzen, der
-nicht wolle.
-
-Klarheit, o himmlische Klarheit, warum niemals zu mir? Erkenntnisse hat
-mich auch Bogner viele gelehrt, so viel, daß, wenn es Pfähle wären, ein
-ganzes Venedig sich drauf bauen ließe. Damals, als der kranke Heros
-neben mir saß, da glühte sein Herz in meinem Blut, und was ich erkannte,
-das war mir auch Leben. Längst wieder leblos und eisig geworden, klirre
-ich mit den schönen Erkenntnissen herum wie mit nutzlosen Prunkstücken,
-als sei damals Festtag gewesen und Alltag heut, und wann unterschiede
-sich Alltag und Festtag im Leben der Seele?
-
-Ich hebe meine Augen auf zu den Bergen, von denen mir Hülfe kommt, --
-ach Anna, bist Du denn dort drüben? Ich denke viel an Dich, ich sehe
-Dich dann immer vor mir sitzen wie damals, als ich erwachte, und jenes
-Glück und die Zauber des schönen Erwachens atmen mich sanft wieder an.
-
-Aber ich will nicht sein, hörst Du, ich will, ich will, ich will nicht
-wieder sein -- nach diesem! --, der ich zuvor war, nur reicher um diese
-Erfahrung, daß am Ende alles tragbar ist. Als hätt ich ein Tier erlegt
-und seine Haut angetan, und täglich wird sie dünner vom Tragen. Ach, daß
-kein Hirsch je zu königlich war, man macht einen Jagdrock aus seinem
-Fell und drechselt Knöpfe aus dem heroischen Gehörn. Ich will das nicht,
-Anna, und diese Verstricktheit muß einmal zerreißen, oder ich zerreiße
-denn mich.
-
- Georg
-
-Der Brief blieb liegen, von Rechts wegen; die drohend herausgeballte
-Faust am Ende wäre Dir unleidlich zu sehn gewesen. Tage sind wieder
-vergangen, die kalte Verdrossenheit, die mich schon hatte, als ich noch
-schrieb, hielt seitdem an. Nimm ihn, er ist Dein Eigentum, leg ihn zum
-Übrigen, Du gute Geduld! Ich bin seit gestern entschlossen abzureisen
-und wäre schon davon, wenn ich nicht halb betäubt wäre von einer wilden
-Erkältung, die in meinem Kopf alle Ein- und Ausgänge verstopfte. So
-bleibt mir unklar, ob ich gleich nach Altenrepen fahre, oder erst -- mit
-Deiner Erlaubnis -- nach Helenenruh. Mein Fernbleiben von den
-Regierungsgeschäften ist nunmehr nicht zu entschuldigen, da ich leidlich
-leistungsfähig bin. Ich habe mir den Vollbart abgeschnitten, nur die
-Armeebürste auf der Oberlippe sitzen lassen, die beiläufig dunkelrot
-ist, und kann nun ganz gut für einen Prinzen oder angehenden Herzog
-gelten. Vor Altenrepen hält mich eine letzte Feigheit zurück; ich
-überlege ...
-
- am Abend
-
-Der Brief sollte mit dem Kurier zurückgehn, da bringt er mir ein
-Telegramm von Tante Henriette mit der Nachricht vom Tode ihres Mannes.
-»Recht bekümmert« nennt sie sich darin, und so stelle ich sie mir vor.
-Ich fahre also morgen mit der Frühflut und denke am Nachmittag in Berlin
-zu sein. Das paßt mir als Übergang und Pause vor dem endgültigen
-Schritt.
-
-Dank übrigens für Deinen Gruß durch die Cornelia! Sie besuchte mich
-hier, Du wirst von ihr gehört haben, daß sie sich wieder mit ihrem
-ehemaligen Verlobten zusammenzutun gedenkt, wenn der vier Wochen
-Nervenheilanstalt hinter sich hat. Ein entzückender Gedanke! Und so echt
-weiblich! Denn: wie herrlich sinnlos kann man sich da zum Opfer bringen!
---
-
-Wenn ich noch einmal über die letzten Wochen hinblicke, so sehe ich, daß
-ich in einer völligen Hoffnungslosigkeit lebe. Hoffnungslos mir selbst,
-da, wie ich schon sagte, nur um eine Erfahrung reicher; hoffnungslos für
-alles Tun und Lassen, was in diesen Erdreichen geschieht. Was aus diesem
-Stumpf etwa zu entwickeln sein mag, wissen die Götter.
-
-Immerhin auf baldiges Wiedersehn!
-
-
- Aus den Papieren Georgs
-
- In Berlin, 20. März
-
-Um Mitternacht schlug ich das Fenster auf, vielleicht daß der Schlaf
-draußen stünde, der mich wiederum mied. (Aber möglich, daß es hier ein
-andrer Schlaf ist, der Schlaf der großen Städte, für den ich noch die
-magische Formel nicht fand.) Rechts oben in der Höhe, hinter einem
-marmornen Gewirk von Wolkenweiß und mattem Blau, war der abnehmende Mond
-zu sehn, gerade über der Spitze des kleinen Matthäikirchturms, dessen
-Schattenriß schwarz und altertümlich inmitten des Platzes stand. Ein
-dumpfes Brausen, nicht das nahe der See, entfernt: die schlaflose
-Geschäftigkeit des Labyrinths. Da erschien mir am Himmel oben mein
-letzter Augenblick auf Hallig Hooge.
-
-Schon wartete das Boot, ich hatte über den eilfertigen Vorbereitungen
-der Abreise den Abschied vergessen und ging jetzt noch einmal zu Ulrikas
-Grab. Der einsame weiße Stein mit ihrem Namen im graugelben Vorjahrgras
-glänzte spärlich in einem eben hervorbrechenden, sehr kühlen
-Morgenlicht, das meine Augen nach oben lenkte, obwohl es meinen Schatten
-vor mich über den Stein legte, denn ich stand mit den Augen zur See.
-Seltsam war der Himmel. Das ganze gewaltige Halbrund der Kuppel, in der
-ich stand, war in der Höhe reinblau, gedämpftes Morgenblau, aber rundum
-auf den Rand, bis zu Haushöhe schiens, war eine Lagerung von sechs,
-sieben Stufen weißer Quadern mit Fugen geädert von Blau. Die See
-darunter war dunkel, in kleinen Wellen kräftig bewegt; breitere Wogen zu
-meinen Füßen zerschellten zu reinweißem Schaum, laut brausend mit
-einzeln vernehmlichen Stimmen, und der Wind strich sausend herauf.
-Wunderbar aber waren diese, ringsum zum Kreise geschlossenen Terrassen
-von Wolken zu sehn; jeden Augenblick war mirs, als müßte ich Gestalten
-des Äthers auf sie hinaustreten sehn, leise farbig und glänzend aus der
-kühlblauen Wand, allein sie blieben immer leer, und nur, als ich mich
-suchend endlich umwandte, blendete mich die Morgensonne, die, den
-obersten Rand des Wolkengemäuers im Osten zerbrechend und schmelzend,
-goldene Hörner und Stäbe durch die Fugen nach unten zwängte, und dort
-glitzerte silbrig die See.
-
-Ganz plötzlich, mit einem Zucken, fühlte ich den Frühling. Die Mulde
-unter meinen Füßen schien mir grüner, als sie nach der Jahreszeit sein
-konnte; rechts unten glänzte das Fachwerk weiß und blau, fern drüben das
-tiefe Rot an Cornelias Haus, grad gegenüber mir, in der Lücke des
-Deiches, lag das Boot schneeweiß unter Segel, wo Cornelias grüne Jacke
-leuchtete; links auf meiner Höhe stand mein alter Turm in dem Licht.
-Mich fröstelte im Wind, aber meine Sinne sogen Frühling aus den Farben
-des Toten, hier, wo das Jahr durch kaum eine blumige Farbe erscheint.
-Die zarte Neuigkeit spürt ich, unsichtbar aufgesprossen im Gras überall,
-eine Regung, einen Atemzug aus dem Innern. So sehr vergaß ich mich
-selber über diesem, daß ich den Deich hinabstieg und fortging, ohne der
-Toten zu gedenken.
-
-Als ich dann im Boot saß, das grüne Eiland vor mir im Entgleiten sich
-langsam erhob und erhöht im dunklen Rollen der Wasser ruhte, erschien
-mirs auf einmal wie eine riesige Schildkröte. Auf ihren gewölbten Rücken
-hatten ich und die Andern uns gerettet, nackt in unserm Leben,
-Schiffbrüchige aus einem Sturm, wie ichs als Knabe in jenen Büchern des
-Behagens las. Monatelang hatten wir dort gehaust, so gut sichs eben
-hausen ließ, Gestrandete: einer starb, einer baute ein Floß und warf
-sich mit ihm in die See, nun schieden die Letzten. In diesem Augenblick
-glaubte ich zu sehn, wie das bislang geduldig still gelegene Tier sich
-erleichtert bewegte und -- ich sahs von mir abgewandt liegen nach der
-offenen See hinaus -- den Kopf hob und drehte, um nach mir zu sehn.
-
-Da erinnerte mich der noch ragende Turm des Grabes in seiner Nähe, und
-erschreckend befiel mich die Verlassenheit der Toten, die dorten
-verblieben war, allein mit zwei Geräuschen, jenem des ewig sausenden
-Windes und jenem der wogenden See. Ein unendlicher Schmerz ergriff mich
-auf einmal, ich hätte dort liegen können wie sie, aber mir hätte es
-keinen Schaden getan. Sie war hülflos und zart, nun versank vor meinen
-Augen die Insel, ich konnte mir leicht einbilden, das riesige Tier
-fortrudern zu sehn und hinuntertauchen in die Dämmerungen der
-schweigsamen Tiefe. Die verarmte Tote! sie blieb allein, unbekannt den
-brüllenden Völkern des Meers, aus denen bald einer heraufsteigen würde
-zum verlassenen Eiland, dort zu sitzen in seiner schwermütigen Natur und
-ins dumpfe Muschelhorn zu stoßen. Die Sonne stieg höher herauf, den
-Schatten meines Segels legte sie auf die glänzenden Hügel des Wassers,
-aber mir ging aus dem Odem der windigen Kälte die schwere, die sternlose
-Herbstnacht auf über dem Eiland, und die abgeschiedene Seele erstand
-schattig und dürftig auf dem Kranze des Deichs, leise klagend um ein
-Ungebornes und um den Undank des Daseins für vieles reine Bemühn. -- --
-
-Webe mir denn ein starkes Kleid, blindäugige Mutter, Hoffnungslosigkeit,
-armlos den Webstuhl tretend mit ehernen Füßen, an dem die Fäden von
-selber fließen aus dem Unsichtbaren der ewigen Nacht. So läuft einmal
-alles hinaus auf ein Dürftiges: Haltbarkeit.
-
-Ich erinnere mich: auf einem Ritt durch die Ebene um Helenenruh sah ich
-auf einer Wiese eine uralte, magre braune Stute, die beim Nahen des
-Wallachs sofort die Ohren hochstellte und herangejagt kam bis an das
-Gatter, das sie von uns trennte, und an dessen andrer Seite sie mit uns
-trabte bis an sein Ende, wo sie noch lange stand und uns nachsah, das
-heißt meinem Pferde, das kein Ohr und nicht den Kopf ihretwegen bewegte.
-In ihrem langen Halse war ein Loch, in dem bei jedem ihrer Atemzüge die
-Spitze eines Rohres zum Vorschein kam, und sie atmete laut rasselnd und
-schnaufend. Vielleicht daß diese haltbare Alte mich damals an Tante
-Henriette erinnerte, und deshalb erschien sie mir nun.
-
-So wird auch der Seele, wenn der natürliche Eingang des Lebens versagt,
-ein neuer gebohrt, und der ganze Unterschied besteht in den lauteren
-Atemzügen. Besonders leise wird mein Leben ja fortan nicht mehr sein,
-und keiner wird, und ich selber kaum, die rasselnde Seele hören, die
-sich haltbar erweist.
-
- am 22.
-
-Soll ich aufschreiben, was heut sich begab? Wird dieses nun, dieses die
-Kraft beweisen, die ich in ihm zu erkennen glaubte, und die bei ihm
-Unsterblichkeit heißt, oder wird es mir schon unter den Fingern zur
-Haltbarkeit von blauer Tinte zerrinnen? Gott helfe mir, ich will es
-versuchen.
-
-Gleichviel, wie ich, noch einmal mit mir allein, in den Tiergarten
-geriet und, wieder in plötzlicher Erinnerung an Hallig Hooge, zwischen
-den kaum ergrünten Büschen hindurch, wo erste Amseln über den Rasen
-schlüpften und erste warme Erleichterungen durch die alte Kühle der
-Lüfte zogen, in die Stadt gelangte, durch das Tor, die Linden hinunter
-und weiter gedankenlos auf der linken Straßenseite bis zur
-Charlottenstraße, wo eine eben anfahrende und haltende Elektrische Bahn
-mich zum Stehenbleiben nötigte. Ich sah zu, wie eine Dame sehr mühselig
-ausstieg, oben vom Schaffner, unten von einem Herrn gestützt, und in ihm
-erkannte ich langsam Hardenberg. Die Dame war seine Frau; ich sprach sie
-an, sie kamen aus dem Norden, wo sie sich um das Fortkommen
-irgendwelcher Kinder ohne oder mit verderbten Eltern bemühten, von denen
-die Frau gleich mit ihrer strudelnden Lebendigkeit und so erregt zu
-erzählen begann, daß ihr Mann und ich beim Gehen alle Mühe hatten, sie
-zwischen uns zu halten, dermaßen riß sie an uns mit ihren unbeherrschten
-Bewegungen. Da sie mir sagten, sie seien im Begriff, einen Freund zu
-besuchen, den ich sofort kennen lernen müßte, wenn er mir noch fremd
-sei, so schloß ich mich ihnen an; sie machten nur eine Anspielung auf
-die ägyptische Abteilung des neuen Museums.
-
-Schwer zu glauben: vor einem Jahr war ich dort und sah nichts. Woher
-plötzlich die Augen? Gute Anna, kein Wunder könnte mir je wunderbarer
-erscheinen, als was ich nun sah. Ein Ding von dieser Wunderart hätte
-genügt, und ich sah hundert, sah Flure und Säle gefüllt mit
-Unglaublichkeit. Das ist Ägypten: ein würfelförmiger Block aus Granit,
-bedeckt mit Hieroglyphen; mitten in der Oberseite des Blockes der Kopf
-eines Kindes. Dahinter der größere Kopf des in dem Würfel hockenden
-Mannes, ein schlichtes Antlitz mit leider zertrümmerter Nase, das Haar,
-in strenge Linien gepreßt, links und rechts von dem Haupte in festen
-Massen niedergestrichen und, unterhalb wagerecht abgeschnitten,
-solchermaßen auf die Oberfläche des Würfels gestellt. In der ungeheuren
-Starre des Granit aber bewegen sich die hochgestellten Knie und die
-darum geschlungenen Arme des Mannes, zwischen denen das Kind steht,
-lebendig in sichtbaren Wellen des Lebens; ganz deutlich und klar ist da
-alles im Stein, Füße und Knöchel, Schienbeine und Knie, Ellenbogen und
-Arme und Hände und darinnen das leibliche Kind.
-
-Alles, was ich sah, war unfaßlich. Das Antlitz des ewig geheimnisvollen
-Wesens Form sah mich hier so schleierlos und so mit großem Auge an, daß
-es schien, als sei kein Geheimnis mehr da. Hier ist alles unbekannt, und
-nur am sonst unverständlichen Schmerz ließ sich spüren, daß Bekanntheit
-sein sollte und einmal war, was für immer versunken schien. Tiefen sind
-hier, Räume, ein Wesen mit einem Wort, dessen äußerste Grenze uns immer
-unauffindbar sein wird. Denn was wir sehen, ist das für uns Sichtbare,
-was uns Ordnung scheint, unser Gesetz, aber nicht das seine, das aus
-einer anderen Wirklichkeit kam. Auf keinem Stern könntest du dich umsehn
-und dich so tief im Unbekannten finden und doch in der Wahrheit. Und
-wenn hier ein Wunder sein sollte, so wäre es dies, daß du doch atmen
-kannst in dieser Luft, dieser Welt.
-
-Ich mußte mich umsehn, woher ich kam, und fand, daß ich ja aus Hellas
-hierher geriet. Plötzlich war mirs da, als ob eine seltsame Sonne
-schiene mitten in der gestirnten Nacht. Oh in Hellas war alles Blut und
-Odem, Sonne und Wind, Ströme und Wald und das Meer, Gottheit und Getier,
-ein Himmel voller Gestalt von Fischen und Männern, tausendfach
-gestaltige Natur, überall Blick und Wink und Gebärde. Das Lächelnde war
-dort und das Schöne, die Leier, die singende Lippe, der schwebende Fuß
-und das fliegende Haar. Da erschien mir das hellenische Bildwerk,
-aufgestellt mit tausend seinesgleichen um eine Mitte, von der ein Strahl
-ging zu jedem, aber ihrer aller Mitte lag außerhalb ihrer selbst, und
-sie alle, geordnet zusammen ergaben die Welt. Und ich sah das
-Menschliche in ihnen, aufleuchtend in seiner ganzen, höchsten
-Erfülltheit. Solange aber Menschliches waltet, solange ist Willen und
-Verlangen, Streben, Bewegung, Wandlung; Wandlung zum Gotte hinauf und
-Wandlung des Gottes herab, lauter schweifende Seligkeit, Schweben,
-Heiterkeit, Anmut, Würde, tausend Eigenschaften des Göttlichen in einer
-blühenden Zerstreutheit, und alles überglänzend und bindend der Segen,
-das ewige Auge. Jetzt aber, wie erschien mir in der Erinnerung auf
-einmal ein niegesehener, immer gefühlter Zug von Schwermut in der
-griechischen Form? Diese schönen Dinge scheinen zu wissen: irgend etwas
-fehlt, irgend etwas in ihrer Ordnung blieb ungelöst, sie ermangeln des
-Letzten.
-
-Da sah ich vor mir die Vollendung aus Stein. Alles sah ich abgetan, alle
-Gebundenheit an Götter und Erde, an das Sonnige und Bewegte, an das
-Werden und die Erregung. Kein Wollen mehr, nur Gewißheit. Der Grieche,
-wenn er etwas machte, so wollte er doch, daß es schön sei, wollte die
-Erfüllung in der adligen Form. Der Ägypter wollte nur die Form; wollte
-nur: daß sie sei.
-
-Menschenhände machten dies nicht. Vielleicht daß sie letzte Bindungen
-lösten fürs menschliche Auge, eine Oberfläche abschälten. Diese Dinge
-waren im Stein, verhüllt, seit ewig; sie machten sich frei. Und darum:
-in welcher Mitte auch das hellenische Werk zu stehen scheint, Mitte für
-tausend sehende Augen, denen es sich lächelnd erzeigt, Augen von Göttern
-und Dämonen, tausend blickenden Augen der Natur: hier ist die ungeheure
-Zentripetalität; hier ist das Ding, das um seine Mitte gebaut ist wie
-der Kristall, und diese seine Mitte ist auch die Mitte der Welt. Es ist
-gleichgültig gegen sehende Augen. Dies wird nicht gesehen. Es stellt
-sich nicht dar. Es ist. Aber herum von allen Seiten, von oben und unten
-gewölbt ist das ganze All der Gestirne.
-
-Hardenberg sagte mir ein Gleichnis mit Worten für das, was ich selber
-empfand: jedes ägyptische Werk sei in jedem seiner Maße ausgerichtet
-nach den Sternen. Es war Religion. Sie wußten die Unsterblichkeit in der
-Form. Sie machten ein Bild, daß es sei und lebe, und die Seele trat ein
-und blieb in ihm wohnen. Sie stellten es nicht hin an diese oder jene
-Stelle der Welt, sondern dort, wo es erschien in seiner grenzenlosen
-Notwendigkeit, war der Raum ausgespart zuvor, und es paßte sich ein in
-die Welt.
-
-Als mir aber solchermaßen die Augen aufgetan waren, wandte ich mich um.
-
-Ich befand mich in einem halbdunklen Umgang ägyptischer Säulen voller
-Statuen und Bilder; zwei Stufen vor mir führten in einen von Oberlicht
-erhellten Raum hinab. Hatten meine Augen schon das Wunder gesehn, und
-verwandelte sein Blick in meinem Blick mir zum Heiligtum den Raum?
-Duftete nicht alles? -- Da sah ich das Reine.
-
-Mitten im Raume ein einfaches, kleines Gesicht, gelblich, mir zugewandt,
-sah mich an. Auf einem brusthohen Postament stand es in einem gläsernen
-Würfel, ein Kopf, kaum so groß wie meine Hand, Gesicht, Hals und der
-Ansatz von Schultern und Brust. Sah er mich an? Sein Blick ging
-plötzlich durch mich hin, als wäre ich aus Glas, und doch fühlt ich mich
-durchschnitten, daß ich fror. Es war kein Ansehn, es war ein ganz
-blinder Blick, jener, der durch alle Dinge der Welt hindurch gerichtet
-ist in das Ewige.
-
-Nun wagte ich näher zu treten und deutlich zu sehn. Es war zarter als
-alles; viel zarter als eine Blume. Alles an ihm war Duft. Ich sah
-Wangen, sanfte, unter den Augen leise gewölbt, nach unten wie mit
-liebkosenden Fingern zusammengeschlossen zur weichen Spitze des Kinns;
-sah darüber den Mund, Lippen, voll und mit zärtlicher Genauigkeit
-umzogen, überhaucht von leisem Rot, und sie standen ganz wenig vor wie
-in einem unaufhörlichen Kuß. Zart, frisch, fast süß, glich die Nase der
-eines kleinen Tiers; die Augen endlich, flach, leise zur Mandel nach
-außen geschlitzt, blickten über mich hinweg, und das Ganze von
-unendlichem Ernst war wie ein Lächeln so leicht.
-
-Ach, blind war dieser Blick wie die Seligkeit, blind wie das ernste
-Lächeln der Blume, das nichts ist als Gefühl und Echo des Lichts.
-
-Ich sah Hardenberg und die kranke Frau neben mir; sie lächelten
-verstehend, und ich brachte hervor: Wohin steht er denn?
-
-In die Sonne, sagte Hardenberg ernst. Er sieht immer nur in die Sonne.
--- Und er nannte mir den Namen: Amenophis und erzählte mir einiges. Daß
-er einen Kult der Sonne begründete und für diesen Kult eine ganze Stadt.
-Daß es noch Reliefbilder von ihm giebt, wo er dargestellt ist mit Gattin
-und Töchtern, und die Sonne darüber senkt Strahlen auf alle, an deren
-Enden winzige Hände sind, die sie ihnen auflegt. Daß, als er starb, die
-Stadt -- Heliopolis -- verlassen wurde und bald zerfiel, daß sein
-Nachfolger, im ägyptischen Glauben, die Form bewahre die Seele, alle
-Bilder von ihm zerstörte, sein Dasein zu vernichten, und daß nur dieses
-blieb, ein kleines Bildhauermodell, sowie ein halb zertrümmertes andres.
-(Er war unvernichtbar; er blieb.) Daß alldies mehr als zweitausend Jahre
-her sei. Und er sieht in die Sonne unwandelbar.
-
-Kein Wunder. Ein Weizenkorn, vor zehntausend Jahren in tönerner Schale,
-in einem Grabe bewahrt, behielt seine eingeborene Kraft und trägt Frucht
-in der heutigen Erde; also konnte auch die steinerne Blume unwelkbar
-bleiben bis heute.
-
-Die Sonnenblume von ihrem festen Stengel aus folgt der Sonne nach
-überall: ihn kannst du aufstellen, wo du willst, im Licht oder in der
-Nacht: wann und wo du ihn anschaust, blickt er geradeswegs in die Sonne
-hinein.
-
-Und ist dies nicht hoffnungslos? Die Sonne anbeten und sehn und niemals
-die Sonne sein können?
-
-Sonne sein können, welch Wort! Es muß --
-
-Oh du mein Gott, so wie er -- Stoff sein der ewigen Hand! Sein im Wandel
-unwandelbar leicht wie ein Spiel! Fern der Erfüllung doch stets, stets
-auf dem Wege zu ihr -- ach, wie aus endloser Mühsal doch blühte Geduld!
-
-Reinlich getan jede Tat, reinlich gewirkt jedes Werk, griff aus dem
-Chaos ein Stück, und du ballst es zur Form. Dasein und Stein und
-Gedicht, Tagwerk und Sternengesang; alle sie schmelzen in diesen, den
-einzigen Chor.
-
-Leben, ein jedes, es glüht, wandelnd in jedweder Form, die es
-vollbrachte, sich reinlich und reinlicher aus. Form ward es, schön und
-gewiß, Ordnung, ertönend Gesetz -- ach, aus dem Leiden, so heilen wir
-lächelnd uns aus. Weltleid, es heilte in uns, Gottleid erlöst sich uns,
-wir, die Erlösenden, werden unendlich getrost.
-
-
- Georg an Magda
-
- Berlin, am 23. März
-
-Tante Henriette, darf ich Dir sagen, hat sich -- um ein ehemaliges
-Lieblingswort von mir zu gebrauchen -- mit ganz besondrer Teilnahme nach
-Dir erkundigt und sich erzählen lassen; ebenfalls nach der »süperben
-Person« mit den »Flammenaugen«, und mich beauftragt, sowohl Dir wie ihr
-mit ihren huldreichsten Grüßen eine Einladung in ihr Haus zu
-übermitteln, falls ihr den Mut hättet zu einer magern alten Person, die
-»keinen Braten mehr abgiebt«, aber die es selber nötig hätte, sich
-»warme Krammetsvögel vor den Leib zu binden« (wie mir scheint eine kühne
-biblische Anspielung), um nicht zu erfrieren. Die Krammetsvögel solltet
-dann Ihr sein, und alles dieses mußt Du Dir vorgebracht denken in einem
-wahren Ton »rechter Kümmernis«. Sie ist in der Tat mehr mitgenommen, als
-man hätte ahnen mögen, vom Hingang des kleinen Alten; die Kümmernis
-reicht ihr bis zum Grunde, und der alte Mann, der mit einem ganz wenig
-törichten oder verwunderten, aber sonst vollkommenen Ausdruck von
-Friedfertigkeit seines etwas schiefgedrehten Kopfes daliegt und emsig zu
-schlafen scheint, muß beim Abscheiden nach so viel gemeinsamen Jahren
-doch ein beträchtliches Stück von ihr mit abgerissen haben. Dem Papagei
-hat es auch einen Ruck gegeben: bis gestern abend saß er still und
-steif, den Schnabel nach hinten gedreht, den Kopf auf der Schulter, auf
-seinem Querholz und blinzelte nicht einmal: heute morgen war er
-heruntergefallen und tot. Siebenundvierzig Jahre war er seines Lebens
-alt und hätte noch T. Henriette getrost überdauern können. Der
-Kanarienvogel ist zu dumm, trällert tagein tagaus und muß durch ein
-dunkles Tuch zum Schweigen gebracht werden.
-
-Es sind doch nicht viele Dinge so erfreulich und selten wie der Anblick
-tüchtiger alter Menschen, und mir scheint, auch diese gehen eines Weges
-mit der Petroleumlampe, dem Indianer und Knoops beklagtem Elefanten.
-Hier ist die Busenfreundin von T. Henriette zu sehn, eine Gräfin Török
-aus Ungarn, gebürtige Wienerin; die ist so alt wie der Böhmerwald, ganz
-unförmig, im Gesicht so faltig wie ein Truthahn, bloß rosig, das Haar
-ist weiß, Augen und Augenbrauen sind kohlschwarz, und schwarze und weiße
-Haare hängen ihr überall aus den Gesichtsfalten. Die redet nun von früh
-bis spät ununterbrochen mit einer haarsträubenden Munterkeit, erzählt
-eine Geschichte oder Anekdote nach der andern, ihr Gedächtnis ist schon
-ein bißchen wirr, aber ihre Herzlichkeit und ihr erschütterndes
-Vergnügen an den Erscheinungen des Lebens sind erstaunlich. Dies war ihr
-Schicksal: Als Angehörige des Wiener Hochadels kaisertreu bis in die
-Fingerspitzen, verwandelte sie sich mit dem Augenblick ihrer Heirat vom
-Kopf zu den Füßen in eine ungarische Patriotin, und das will etwas
-heißen, denn es war vor 48! Ihrem Mann wich sie in allen politischen
-Lagen nicht von der Seite, folgte ihm, was damals noch anging, auf die
-Schlachtfelder, jung und schön, wie sie war, ein Trost und eine
-Befeuerung für alle ritterlichen ungarischen Herzen, pflegte die
-Verwundeten, und so weiter. Ganz plötzlich, Anfang der fünfziger Jahre
-starb ihr Mann, was für sie eine eigentümliche Folge hatte. Nach einigen
-Wochen der Verzweiflung erschien sie wieder wie zuvor, ihre Lebenskraft
-hat, wie Du siehst, seitdem nicht abgenommen, sie ist in allen Ländern
-der Welt zu Hause, war in Amerika und in Japan, in >Zeylon, Zingiber,
-den fernsten Inden<, läuft noch heute in jede Uraufführung, vergleicht
-die Elena Gerhardt mit der Patti oder Lucca, oder wie jene Verschollenen
-heißen mochten, Grete Wiesenthal mit der Camargo, schwärmt für Nijinski,
-liest Strindberg und Rilke, humpelt Dir sicher am Eröffnungstage der
-Freien Sezession an ihrem Stock entgegen und kann Dir von jedem Breughel
-oder Rembrandt sagen, ob er im Haag, in Kassel oder Wien hängt. Aber:
-bei alledem ist sie in steter Begleitung ihres Mannes. Es kommt vor, daß
-sie im Gespräch, zum Beispiel wenn ihr Gedächtnis versagt, zur Seite
-fragt: Wie? und dann sagt er ihr Bescheid, gleichviel ob die fragliche
-Sache sich zu seinen Lebzeiten ereignete oder nicht. T. Henriette sagt,
-manchen, der, unbekannt mit dieser Erscheinung, sich erkundigt habe, an
-wen sie eben diese Frage richtete, und den Bescheid erhielt: O ich
-fragte bloß meinen Józsy! -- manchen, wie gesagt, habe dies schon
-betreten gemacht. Sie plant auch keine Reise oder entschließt sich zu
-sonst etwas, ohne ihren Józsy zu Rate zu ziehn, sie geht mit ihm in
-ihrem kostbaren alten Garten in Budapest spazieren, und man kann sie
-abends und auch nachts in ihrem Zimmer beträchtliche Zwiesprache mit ihm
-halten hören.
-
-Gott segne diese seltene alte Frau, sie hat vielleicht niemals über die
-ewigen Dinge gegrübelt oder eine Frage über die Ordnung oder die
-Fehlerhaftigkeit des irdischen Daseins gestellt, sondern es ist
-wahrscheinlich, daß sie all dergleichen, ohne das sich sonst ein
-wahrhaft kluger und geistiger Mensch schwerlich denken ließe, ersetzte
-durch Lebenskraft, durch vigor, durch Feuer und Schwung. Siebenzig
-Lebensjahre lang blieb ihr jeder Morgen und jedes Ding neu und
-erstaunlich und bezaubernd an sich, wert des seelischen Feuers, wert
-deswegen und dadurch zu leben, mit einem Wort: sie verfügte über die
-magische Essenz, die alle Dinge um sie her in ihren persönlichen
-Reichtum verwandelt.
-
-Ich möchte das auch können ...
-
-Denn es giebt solche Menschen, zu denen sie gehört, die tragen ihr Leben
-wie eine glänzend passende Form, wie einen seidenen, bunten Trikot, der
-allüberall glatt anliegt. Bei Andern, zu denen ich gehöre, scheint es
-vielmehr so zu sein, als wäre der Trikot für eine andere Figur
-geschnitten, und überall giebt es Falten und Beulen, hier kneift es, da
-schlottert es, man braucht das halbe Leben, um hineinzuwachsen, und
-schrumpft schon wieder drin zusammen, wenn er kaum eine halbe Stunde
-lang paßte.
-
-Gute Nacht, Anna! Ich bleibe noch ein paar Tage, indem ich die
-Gelegenheit benutze, mich überall vorzustellen, wo ich in meiner
-jetzigen Form noch unbekannt bin. Peinlich einerseits, ein schmerzliches
-Glück andrerseits ist das namentlich bei älteren Leuten ganz rührende
-Entgegenkommen gegen den Sohn meines Vaters -- hier und da mit ein wenig
-Skepsis verbunden wegen Vererbung der politischen Gesinnung. Gestern war
-ich im Reichstag (in den leeren Fensterhöhlen -- und so weiter!),
-Parlamentarier habe ich ein ganzes Schock kennen gelernt, nun kommen
-Großindustrie und Banken an die Reihe, deren Häupter ich morgen bei
-einem Geschäftsfreunde von Papa versammelt finden werde. Im ganzen, ich
-würde nach der langen Stille und Einsamkeit der Halligwochen nicht
-wissen, wo mir der Kopf steht, bräche nicht immer wieder >ein Streif wie
-schieres Silber durch den Spalt<. Woher aber dieser und welcher Art, das
-Dir nachzuweisen, fehlt nun die Ruhe, und ich bin auch begierig, es
-mündlich zu tun. Sei gewiß, daß ich die erste Bresche in der ersten
-Altenrepener Woche benutzen werde, um zu Dir zu gelangen, und sei es
-auch nur für Minuten. Auf Wiedersehn, Herz, auf Wiedersehn! Dein
-
- Georg
-
-
- Jason an Renate
-
- am 25. März, in Sizilien
-
-Liebe Renate!
-
-Ob Du Dich Irenens noch erinnerst?
-
-Ihre Augen hatten die gleiche Eigenschaft wie die Deinen: sie wechselten
-mit jedem Licht, das in sie fiel; so schienen sie meistens blau, aber im
-Hellen wurden sie grün, in der Dämmerung schwarz, und stieg das Blut in
-sie hinein, wurden sie schwer blau und düster. Ihre Hüften hatten die
-längliche Rundung der schönen Empirefigur, ihr Gesicht war immer rosig,
-wir bewunderten ihre Bewegungen, die auch in der Leidenschaft anmutig
-blieben, und obgleich sie das Derbe liebte, erschien sie uns doch gerne
-amselhaft; in ihr stand ein geigender Engel knabenhaften Geschlechts wie
-hinter einem Morgenrot, ein goldener Schatten. Dann überfiel sie die
-seltsame Zwietracht, das Morgenrot zeigte phantastische Risse,
-Märzgewitter rauschten mit lockeren Blitzen hinein, dann entzog sie uns
-gänzlich die schwarzblaue Wolke.
-
-Ich muß Dir schreiben, daß Du sie nicht wiedererkennen wirst, wenn Du
-sie siehst, was, wie ich hoffe, bald geschehen wird. Laß Dir sagen, daß
-ihr Gesicht nunmehr kleiner ist als meine Hand und so völlig von
-Elfenbein scheint, wie etwas noch Lebendes elfenbeinern scheinen kann;
-so leblos, so glatt und so hart. Ihre Augen darin sind von schwarzer
-Bronze, tot.
-
-Es hat demnach den Anschein, als läge hier wieder eine jener
-beklagenswerten Verwechselungen vor, an denen die menschliche
-Gesellschaft so reich ist, und hier scheint irrtümlich in den Leib einer
-Baumnymphe oder Dryade die Kraft und der Wille eines Kentauren geraten
-und entsetzlich darin gehaust zu haben.
-
-Irene, fragte ich, nahezu sprachlos, als ich sie sah, was hast du
-gemacht?
-
-Sie zuckt die Achseln, sagt: Gebetet.
-
-Was? sage ich, die ganze Zeit, nichts als gebetet? -- Sie sagt: Ja.
-Andres gab es nicht mehr. Im Anfang, sagte sie, sei es schwer gewesen
-und reichlich unvollkommen. Bis dann eines Tages die Welt verdämmert war
-und sie allein lag auf ihren Knien, irgendwo im Raum, auf einem Stern,
-oder selber ein Stern, der an Gottes Himmel aufging. Sie begann zu
-glühen vom Gebet, dann glühte nur noch das Gebet, dann begann sie zu
-leuchten, dann ging sie auf. Aber nicht der Mensch und sein Wille ist
-schuld, sondern das Düster der Erde, wenn uns leiblich zu erlöschen
-scheint, was seelisch entbrannte.
-
-Auch im Kloster scheinen sie nicht eben richtig geschliffene Augen
-gehabt zu haben, denn sie wurde nach etwas über halbjährigem Aufenthalt
-vor die Wahl gestellt: entweder zu bleiben für immer, oder zu gehn.
-Schließlich muß man zugeben, daß ein Kloster kein Asyl für Obdachlose
-sei. Irene freilich war nun ratlos, wäre es vielmehr gewesen, wenn sie
-nicht in der Nacht einen schönen Traum gehabt hätte. Ich an ihrer Stelle
-würde ja der Weisung von Träumen nicht ganz so unbedingt Glauben
-schenken, allein sie ist, wie sie ist. Was sie träumte, war ein ganz
-blaues Meer, ein hellblaues, südliches Meer, auf dem rosafarbene Glocken
-schwangen, und sie selber schwamm ihnen entgegen, und sie lösten sich an
-ihren Gliedern in einen so unbeschreiblichen Duft auf, daß sie noch
-darin gebettet war, als sie erwachte.
-
-Die Auslegung des Traumes nahm die Gestalt an, daß wir uns jetzt seit
-einigen Wochen an der Küste des Mittelländischen Meeres befinden, nicht
-weit von Taormina, und daß Irene jeden Morgen bei Sonnenaufgang, nackt
-wie sie geschaffen wurde, in die See hinausschwimmt, so weit sie kann.
-Dies, sagt sie, wäre ihre Reinigung. Ihr Gebet dabei ist wieder dasselbe
-wie zuvor; es lautet:
-
- Du bist klar,
- Ich war klar,
- Mach mich wieder, was ich war!
-
-Daß ihre schon im Schwinden begriffenen Kräfte dabei absterben wie
-dünner Schnee, das ist vorläufig die erste Folge. Aber ihr Gesicht
-bräunte sich wieder langsam, in die Augen kam wieder ein leises Blau.
-
-Da ich sie nicht hindern könnte, selbst wenn ich das wollte, so ist
-dieser Brief nichts als eine matte Spottgeburt meiner Unbeholfenheit.
-Eine Änderung scheint mir notwendig. Das beste wäre, Klemens käme im
-Augenblick, aber ich habe eine Abneigung gegen gewaltsame Eingriffe.
-Irene hört, wenn ich von Dir und Andern spreche, zwar zu, erwidert aber
-nichts. Es wäre trotzdem möglich, wenn Du ihr den Vorschlag machtest,
-sie irgendwo zu treffen, wo Wasser ist, an einem italienischen See zum
-Beispiel -- denn der Frühling, der hier fast die Augen blendet, gelangte
-ja noch nicht zu Euch --, oder aber bis hier herunter zu kommen, doch
-habe ich so eine Ahnung, als wäre Dir das zu weit. Ich fürchte aber
-jeden Tag, sie zerschmilzt mir zwischen den Händen, und wenn wir im
-Garten sind und der Himmel sich bewegt zwischen den Mandelbäumen, so muß
-ich sie ansehn, ob sie noch ganz da ist, oder ob es nicht das blaue
-Flackern ihrer Seele war, die über die rosigen Wipfel enteilte.
-
-Ich kann nicht gut briefschreiben, da ich keine Übung habe, und im
-ganzen wird dieser Brief Dir vermutlich erscheinen wie eins der alten
-Bilder vom Martyrium einer Heiligen: was man sieht, sind Farben,
-Gewänder und teilnahmslos reine Gesichter; was man nicht sieht, ist das
-Blut, die Not, und das Sterben. Wer aber Zeuge war dieser drei Dinge,
-dem werden sie ein seltsames Gift einflößen, dessen Wirkung es ist, daß
-er von allen Dingen der Welt reden kann, nur von diesen muß er
-schweigen.
-
-Ich hoffe also, Du willigst ein, wenn ich sage: Auf Wiedersehn!
-
- Jason
-
-
- Renate an Irene
-
- am 29. März
-
-Liebe Irene!
-
-Jason schreibt mir, daß Ihr in Sizilien seid, und daß er sehr besorgt um
-Dich ist. Ich selber war lange krank, das hörtest Du wohl von ihm, nun
-möchte ich gern mit Magda nach dem Süden, Sizilien ist uns freilich zu
-weit, Magda könnte auch nicht sehr lange bleiben, da sie im April zum
-ersten Mal öffentlich singen wird, -- am Charfreitag. Möchtet Ihr uns
-nicht in Torbole oben am Gardasee treffen? Mehr als sechs Jahre, glaub
-ich, war ich dort mit meinem Vater in den Sommern und habe plötzlich die
-heftigste Sehnsucht. Es wird freilich noch eine Woche dauern, bis wir
-fortkommen können, teils weil ich Onkel noch überreden muß, mitzukommen,
-teils weil Magda sich vor ein paar Tagen eine leichte Erkältung
-zugezogen hat, so daß sie sich noch schonen muß. Es schadet ja aber
-nichts, um so weiter wird der Frühling dort schon sein. Ich hoffe sehr
-auf ein Wiedersehn, Irene! Sage Jason alles Liebe und Dank für seinen
-Brief! Von Herzen Deine
-
- Renate
-
-
- Neuntes Kapitel: April
-
-
- Aus den Papieren Georgs
-
- am 1. April
-
- Sein Antlitz, das wie eine Blume war,
- Enthauchte aus den Augen Duft! Ich schwelgte
- In diesem Glanz, der nicht wie andre welkte,
- Ich schmolz wie Wolke auf und wurde klar.
-
- So ganz verleiblicht ward die Gottheit hier,
- So ward noch nie der Sonne Bild zur Blume!
- O daß ich Land sei, Ackers ärmste Krume,
- Und diese reine Seele blüht' in mir!
-
- Jedoch ich bin soviel nur wie der Wind,
- Der streifend nur den Duft vermag zu fangen,
- Und trägt ihn fort auf Stirn und Mund und Wangen,
- Vor Schmerz vergehend, und vor Wonne blind.
-
- am 2. April
-
-Telemach, o Telemach, da hast du es wieder! Eine trübe Erkenntnis und
-obendrein in Versen! Die alte Empfindsamkeit und der alte Betrug! Weil
-die Erkenntnis reizlos ist, so werden reizvolle Bilder erfunden; weil
-sie bedrückend ist, so wird sie in leichte Gegenstände aufgelöst; weil
-sie trübe ist, so wird sie wenigstens mit einem schwermütigen Lächeln
-beflügelt, und weil sie wärmelos und nüchtern ist und wahr, so wird sie
-in schöne, warme Scheinkleider eingemummt. Lyrische Erschütterungen,
-lyrisches Dasein -- wenn anders lyrisch heißt: einsame Hingabe an
-gegenwärtige Gluten --, lyrische Schwermut, -- und sowas will -- Monarch
-sein. Wie ich sie nun hasse, diese dastehenden Verse, diese sprachlosen
-Gemächte, die ein Unsagbares tönend machen sollten und es nur bereden.
-Das alte Lied, das alte Leid: Unruh, Ungenügsamkeit, Überdruß und
-Verdrießlichkeit, alles, was peinigt und reizt, kommt aus dem Ungelösten
-in uns, das zur Klarheit will. Was ist Sehnsucht? In dem hundert- und
-tausendfachen Hingerissensein und Zerstreutsein, alltäglich,
-allstündlich an die Dinge der Erde, ist sie Verlangen nach dem Einen,
-das not ist. Aus den tausend Möglichkeiten ist sie das Streben nach dem
-Einen, das notwendig sei; aus den tausend Empfindsamkeiten nach der
-einen Liebe. Aus der tausendfachen Verschwendung nach -- nach? --
-
-Dem Opfer.
-
-Hoffnungslos. Wozu dies dem Telemach? Was er tun kann, ist seine
-Schuldigkeit, ist das Weitergehn auf dem Wege, auf den uns die Toten
-verhalfen. Ich kann in die Sonne starren, bis ich blind werde, und das
-dürfte der ganze Erfolg sein. Näher, o Sonne, zu dir! Hoffnungslos, ich
-habe meine Liebe in einer Insel eingesargt, als sie totgeboren hatte,
-das ists.
-
-Erkenntnisse, Erkenntnisse! feil wie Brombeeren. Steine im Strom, über
-die sich von Ufer zu Ufer springen läßt, ein Haus baut sich nicht
-daraus. O weh mir, daß ich meinen Tod verschlief!
-
- am 6. April
-
-Erloschen.
-
-So mußte es freilich kommen; unabänderlich; genau so.
-
-Ich erhaschte eine freie Minute und fuhr zu Anna. Warum fuhr ich? Weil
-seit dem Zusammensein mit ihr auf Hallig Hooge ein Duft von ihr in mir
-verblieben war, beunruhigend, der immer drängte, mit ihr zu reden, ihr
-zu schreiben, ihr -- kurz, ihr nahe zu sein. Kann, dacht ich,
-wiederkommen, was lange verging? Immer sah ich auch ihr Gesicht in
-dieser sonderlichen Verändrung, die ich seinerzeit erst nicht zu deuten
-wußte, bis ich entdeckte, daß ihr Augenbrauen wuchsen, noch dünn,
-schwarze, nicht blonde Brauen -- als sollten sie ein Ersatz sein für
-das, was den Augen genommen war. Fast farbig wurde von ihnen das sonst
-farblose Gesicht, sie gaben ihm Gestalt, Zeichnung, trennten die
-überstarke Stirn von dem Untergesicht und ersetzten wirklich etwas von
-dem fehlenden Blick der sonst klaren Augen. Und ich deutete daran herum,
-schon tauchten zärtliche Schatten auf, ich empfand Sehnsucht.
-
-So fuhr ich zu ihr, und sie war nicht da. Ich wollt es kaum glauben.
-Bekanntlich ist so der Mensch: kommt, fragt -- was, sagt er, ich komme,
-und sie ist nicht da? (Später hörte ich dann: sie wollte verreisen und
-war noch einmal zu ihrem Lehrer.) Nun mußte ich mich bei Renate melden
-lassen -- ah, Telemach, schlug dir das Herz?
-
-Der Tag war von besondrer Wärme, so fand ich sie halb im Freien, in der
-Veranda, sie schien unverändert. Und was mich betrifft, so konnte ich
-sie ruhig betrachten -- nämlich zu Anfang.
-
-Unverändert schien sie, von Zügen, obgleich von solch einer -- wie nenn
-ichs nur? -- aber es giebt kein Wort für diesen Bund von Lieblichkeit
-und von Majestät, der ihr immer eigentümlich war. Sie saß in einem
-Korbsessel, im dünnen Sonnenlicht, weißgekleidet, die Arme bis zum
-Ellenbogen unter einer Decke von weißem Plüsch. Weiß wie alldies war
-auch ihr Gesicht, darin die Augen von so hellem Blau wie das der
-Hyazinthe. Langsam dann, immer merklicher, wie ich vor ihr saß, begann
-sie sich zu verwandeln. Ich glaube, mit ihrer Hand fing es an, ihrem
-Arm, der nun auf der Decke lag, und diese Hand, die nur ein Gebilde
-schien aus Schnee und Schmerz, war gleichwohl von einer
-herzdurchschaudernden Menschlichkeit; eine Menschenhand, eine weibliche
-Hand, und Daumen und Zeigefinger sahen aus, als hätten sie erlebt, wie
-sie gemacht wurden aus lebendigem Fleisch, Schmerz, den sie
-nie vergessen würden. Das, womit ihre Finger spielten, war
-erstaunlicherweise das Ende von einer ihrer beiden hellbraunen Flechten,
--- das hatte ich auch freilich noch nie gesehn. Und jetzt der Mund, ach
-der Mund! Als ob sie sich ins eigene Herz gebissen hätte mit ihm, -- so
-zuckte es unmerklich an seinen Winkeln, die tief in das weiße Fleisch
-hinabgezogen und eingebettet waren. Und jede Linie ihrer Züge war mit
-einer geheimnisvollen andern nachgezogen, wovon sie aber nicht scharf
-geworden waren, sondern ganz weich. Der ganze Mensch war nichts als
-blühendes Schicksal.
-
-Nun erscheint sie mir wieder im Raum, und was ich nun um sie atmen
-fühle, ist Verlassenheit, Hülflosigkeit, Unwissen. Wohin jener Zauber
-von damals, jener Gürtel von Unnahbarkeit? Die Unnahbarkeit war
-geblieben, aber sie war nicht mehr Wille und Stolz und Bewußtheit. Ganz
-magisch war sie geworden, und in ihr rieselte ein Brennen, ein
-Aufgelöstes, ein Schmelz -- furchtbarer Nachglanz einer unendlichen
-Umarmung, aus der sie gerissen wurde, und ich -- ja, ich fürchtete sie
-mehr, als daß ich hätte begehren können.
-
-Von dem, was wir gesprochen haben mögen, ist nur das Letzte wichtig. Da
-ich vom Amenophis begann, so hörte sie mir eine Weile zu, lächelte
-langsam und meinte, es sei schön, daß ich ihn auch kennen und so sehr
-lieben gelernt hätte; ihr sei er Freund seit Jahren, nur unter seinem
-ägyptischen Namen Ech-en-Aton; sie habe einen Abguß in ihrem Zimmer
-stehn, ob ich ihn sehn wolle -- ja, Weihnachten sei es drei Jahre her
-gewesen, daß sie ihn bekam, von Josef, und ob ich nicht auch fände, daß
-er Saint-Georges ähnlich sehe.
-
-Nun, mein Telemach, was hilft es jetzt, zu sagen: Und wenn wir ihn
-damals gesehn hätten, ja, wenn es möglich gewesen wäre, ihn zu sehn, was
-aber nicht möglich war, da ihr Zimmer damals unbetretbar war für
-unsersgleichen: so würden wir ihn doch nicht erkannt haben, weil uns die
-Augen abgingen. Dies aber hilft uns nichts, sondern dies bleibt: das
-Geheimnis. Daß er drei Jahre in unsrer Nähe stand, erreichbar und nie zu
-erreichen, in diesem, in ihrem, in Renates Haus, Renates Eigentum,
-Renates Freund -- darin verhüllt sich das Geheimnis unsres Lebens. Und
-der Schluß wird uns überdauern: wir blieben blind für die Wahrheit
-Renates, weil er uns verborgen blieb; oder Renates Wahrheit blieb uns
-verborgen, weil wir blind für ihn waren. Das geht so herum oder so herum
-wie die Daumen -- der Schluß bleibt derselbe.
-
-Wir aber wollen es aufgeben, dasitzend nachzusinnen wie der
-nachdenkliche Medici: wie alles so gekommen ist. Kopf hoch und geradeaus
-in das Hoffnungslose. Renate nämlich -- ist zu vergessen. Denn
-Sehnsucht, sang Chastelard, Sehnsucht ist Qual. Sehnsucht dieser Art
-verbittert, Sehnsucht trübt, Sehnsucht macht schwindlig, macht unfroh
-und kränklich und feige. Schließlich: ich bin mir zu edel für Sehnsucht.
-
-Und mein Leben -- wie ein schwarz verkohltes Stück Papier so zerflattert
-mirs unter den Händen.
-
-
- Magda an Georg
-
- 7. April
-
-Mein Lieber,
-
-gestern abend und heute den ganzen Tag versuchte ich vergebens, Dich am
-Telephon zu erreichen, Du warst immer wo anders, um Dir Lebewohl zu
-sagen und vor allem, mich nach Onkel Birnbaum zu erkundigen. In der
-gestrigen Abendzeitung stand »ein leichter Schlaganfall«, ich fuhr
-gleich hinaus, konnte aber nur das Mädchen sprechen, seine Frau hatte
-sich schon hingelegt -- und die Morgenzeitung heute weiß auch nur von
-»bestem Befinden« und »keinen Besorgnissen« zu fabeln, aber die
-Zeitungen beschönigen immer alles, und ich hätte so gerne von Dir
-Gewisses erfahren. Nun muß ich ohne das reisen. Auch ohne einen
-Händedruck von Dir, -- aber es werden ja nur wenige Wochen sein.
-Außerdem hoffe ich, Dich gleich nach unsrer Rückkehr ein paar Tage in
-Helenenruh ganz für mich zu haben, was Du mir nicht abschlagen darfst.
-Du weißt ja, daß der Geburtstag Deiner Mutter diesmal auf Charfreitag
-fällt, und hast vielleicht nicht vergessen, was ich Dir erzählte: daß
-der Gesangverein in Böhne beschlossen hat, den Tag durch eine Aufführung
-des Deutschen Requiems zu feiern, daß ich aufgefordert bin, zu singen,
-und daß Benno das Orchester des Stadttheaters in Altenrepen dirigieren
-wird. Damals versprachst Du mir -- etwas zu leichthin -- zu kommen;
-vielleicht findest Du Dich eher bewogen, wenn ich Dir verrate, daß
-Renate bereit ist, wenn ihre Gesundheit es erlaubt, den Orgelpart zu
-übernehmen. Da hättest Du denn alles zusammen, was Du liebst. Nun bitte,
-lieber Freund, schenk mir die Charwoche! Eine Erholung wird Dir sicher
-gut tun, ich weiß ja, was die Krankheit Birnbaums für Dich bedeutet,
-also versprich mir, Georg! die Charwoche! Danach gehn wir für längere
-Zeit auseinander, ich auf meine erste kleine Konzertreise, Benno nach
-Aachen, wie Du wissen wirst, und wer weiß, wann wir wieder
-zusammenkommen.
-
-Schreibe mir nach Torbole am Gardasee postlagernd. Alles Gute, Georg,
-und tausend liebevolle Gedanken Deiner alten
-
- Anna
-
-
- Aus Renates Buch
-
- am 9. April
-
-In der Nacht träumte mir, daß ich in mein Zimmer kam, das schon voll von
-Koffern und Taschen war, und ein Mensch, den ich dann als Josef
-erkannte, war dabei, einen großen Koffer zu schließen. Auf meine Frage,
-ob alles fertig sei, richtete er sich auf und sagte: Ja, soll dein Onkel
-denn hierbleiben? Was ich geantwortet habe, ist mir entfallen, aber da
-er hinausging, muß ich angenommen haben, daß er Onkel holen wollte, und
-ich wartete, aber er kam nicht wieder. Endlich wurde mir ängstlich zu
-Sinne, ich ging hinaus, da war draußen alles finster, ich tastete mich
-an der Wand hin, furchtsam, ich könnte die Treppe verfehlen und
-abstürzen. Da kam aus einer Türe Erasmus mit einem Licht und sagte,
-indem er mich geheimnisvoll ansah: Einer von uns muß hierbleiben ...
-
-Davon erwachte ich mit einem Schrecken, machte gleich Licht, die Uhr
-stand auf ein Viertel nach vier. Plötzlich wußte ich, daß ich nach Onkel
-zu sehn hatte; ich glaube wohl, daß ich schon alles wußte, und als ich
-in seinem Zimmer war und Licht machte, lag er in dem Schlaf, aus dem er
-nicht mehr erwachen wird.
-
-Sanft war es gekommen, das Ende. Kein Ende, nein, nur ein schmerzloser
-Übergang von Schlaf zu Schlaf. Auf seinem Gesicht, so rein, daß ich
-nicht weinen konnte, stand zu lesen, daß es nichts als eine wunderbare
-Vertauschung gewesen ist.
-
-
- Georg an Magda
-
- am 11. April
-
-Meine liebe Anna!
-
-Dank für Deine Zeilen! Um Birnbaum sei unbesorgt! Ich sage die Wahrheit,
-indem ich die Aussage des Arztes an Dich weitergebe, daß es »einer der
-leichtesten Schlaganfälle ist, die ihm je vorkamen«, und daß er
-voraussichtlich nahezu spurlos bleiben wird. Übrigens fand ich ihn in
-der letzten Zeit so innerlich freudlos geworden, daß es ihm kaum leid
-tun würde, diese Welt zu verlassen, die ihm seit Papas Tode nur ein
-zerbrochenes Ding ist, an dem er müde herumflickt. Wie ich den Ausfall
-seiner Arbeitskraft ertragen sollte, ist mir unbekannt, aber wenn es
-erst so weit ist, wird sich, wie alles andre, auch das tragen lassen.
-
-Verzeih die allzu geschwind hingewischten Zeilen! Ich glaubte schon, Dir
-auf dem Klosett schreiben zu müssen, weil ich nicht wußte, woher die
-Zeit nehmen. Nichts für ungut, Anna, und ich komme nach Helenenruh, um
-das alte Trio zu hören, >nicht die ganze, doch die halbe< Charwoche,
-mehr wird nicht möglich sein, sagen wir Mittwoch, vielleicht erst
-Donnerstag, vielleicht würg ich den Dienstag heraus, aber versprechen
-kann ich nichts. Sei versichert, daß ich überaus gern komme, Deinetwegen
-und natürlich auch meiner selbst wegen. Der verruchte Zustand, in dem
-ich herumschnaube, muß ein Ende nehmen, ich will mich noch einmal vor
-den Göttern von Helenenruh niederwerfen und -- aber wozu, wozu das? Lebe
-wohl! Hab gute Tage am blauen See, grüße Renate, auf Wiedersehn, lebe
-wohl!
-
- Georg
-
-
- Aus Renates Buch
-
- Torbole, am 12. April
-
-Es ist alles geblieben, wie es war: meine beiden Zimmer von damals, die
-strahlenden Morgende, Papas Olivengarten, die uralte Straße nach Mago
-zwischen vergessenen Gärten, in denen jahrhundertealte Ölbäume wachsen,
--- alles geblieben, nur daß ich jetzt die Augen schließen muß, um einen
-geliebten Schatten durch meine Landschaft gehen zu sehn, und daß ich
-ganz eine Andre bin. Etwas wohler ist mir doch! In der vollen Sonne zu
-liegen, vor halbgeschlossenen Lidern die gläsern blauen Gluten des Sees,
-grünes, raschelndes Feuer aus Wipfeln in Lüften -- da läßt es sich nicht
-widerstehn, und solange der Tag währt, ist es ganz gut. Nur an die
-Nächte darf ich nicht denken.
-
-Irene fand ich schon vor. Oh wie mich schauderte bei ihrem Anblick! Im
-Ölbaumgarten saß sie halb ausgestreckt in einem Liegestuhl und bewegte
-kaum den Kopf nach mir, kaum das weiße Gesicht in dem grünen Schatten
-mit den, wie Jason schrieb, bronzenen Augen. Ihr Lächeln war
-herzzerreißend. Ich konnte lange nicht sprechen und war froh, daß Magda
-nichts sah und zu plaudern begann. Wie ich sie so daliegen sah in ihrem
-leichten goldenen Haar, allzudünn in einer an Leib und Armen eng
-anliegenden grünen Tunika, an deren Ärmelenden sie beständig und rastlos
-zupfte, und schwarzem Seidenrock mit rostigen Falten, wußte ich lange
-nicht, an was sie mich erinnerte; aber dann fiel mir ein, daß ihr Körper
-wie der weiche und haltlose Stengel der Wasserrose war, der das weiße
-Haupt nicht hält, sondern es ruht auf dem Wasser; und so schien auch ihr
-kleiner Kopf nicht mehr vom Leibe getragen, sondern von einem dunklen,
-geheimnisvollen Element, in dem sie schwebte. Noch immer, sagt Jason,
-badet sie in der Morgenfrühe im See, woher sie die Kraft dazu nimmt,
-begreift keiner von uns. Übrigens ist sie das Gegenteil von mir, sie
-glüht am ganzen Leib, ihre Hände sind wie Flammen, aber sie kann mich
-nicht wärmen, und ich ihr nicht kühlmachen, und es muß alles Elend
-bleiben, was Elend ist.
-
-Die Tage vergehen in Ruhe und Sonnenklarheit, das kleine Klavier ist
-gestern gebracht worden, Magda übt fleißig, ich begleite sie auch.
-Abends sitze ich in der Bucht am Sasso. Wie weit man nach Süden sieht,
-oh wie weit!
-
- am 13.
-
-Ich hatte heut ein schönes Gespräch mit Magda über Georg -- das heißt,
-das Schöne war, was sie von ihm sagte. In der häßlichen Vergeßlichkeit,
-an der ich nun mitunter kranke, hatte ich an dem Tag, wo er bei mir
-gewesen war, vergessen, es ihr zu sagen, dann kam die Reise, heut erst
-fiel es mir wieder ein. Sehr lange saß ich dann noch in Gedanken, als
-sie gegangen war.
-
-Ach, was ist es nur mit uns Menschen? Schicksal, sagte Magda, was ist
-denn das? ein Wort, ein Begriff, eine Macht? Wir sind doch Menschen!
-Irene, Ulrika ... Ach, Ulrika ... ein einziges Mal, fällt mir ein,
-sprach sie von sich selber, wie Magda heut, es war an einem Weihnachten,
-oder Neujahr, aus irgendeinem Grund brach das Gespräch plötzlich ab, und
-Bruchstück blieb es, wie sie selber es mir immer war, bis ich ihr
-Totenantlitz sah von Bogners Hand, und nie werde ich dies verstehn:
-warum sie, das geistige Wesen, sie, die immer nur Geist zu sein schien,
-warum sie so leiblich zerrissen wurde und wie das nur möglich war! Muß
-man nicht denken, daß die Natur sich hat rächen wollen?
-
-Ja, Bogner auch und Georg, Irene und Magda, und ich selber, was geht
-denn nur vor in uns Allen? Ist denn das, wohin wir geraten, wirklich
-das, was wir wollten? Zwang es uns? wer denn? Schicksal? Ja, es ist
-doch, als ob jeder für ein Gewisses bestimmt wäre, er kann jahrelang
-irregehn, kann dies und jenes tun, aber immer geht er den einen Weg,
-immer wirkt er am einen, seinem Schicksal, bis eines Tages das Gewisse
-fertig wurde, und nun sieht er ein. Sie glaubt ja, Magda glaubt ja an
-Georg, daß er seine Bestimmung erreichen wird, weil er sie in sich hat,
-rein gesondert von allem Irren ...
-
-Und das wäre Schicksal? Ach, wenn es sich wirklich nennen läßt, so kann
-es nichts andres als dies sein: daß wir so sind, wie wir sind, und daß
-uns Unheil daraus kommt, und daß wir selber es leiden müssen.
-
-Oh nähme es endlich ein Ende!
-
- am 18.
-
-Warum sitze ich denn wach in der Nacht und will schreiben? Unten am
-Hafen stehen die dunklen Gestalten der Männer in Gruppen, sie sprechen
-aufgeregt, es wird geflucht, -- nun, es sind Italiener, es ist ihre Art,
-ich freue mich, daß ich noch jedes Wort verstehe, das zu mir herauf
-kommt. Der Vater Alberti hat noch Licht im Zimmer, ich höre ihn gehn, er
-ordnet wohl etwas; als ich vorhin aus dem Fenster sah, konnte ich
-draußen im hellen Viereck, das aus seinem Fenster am Boden geworden war,
-hinter den Schatten der Gardinen den seinen sich bewegen sehn. Wie gut
-und wie sicher scheint dies kleine Leben! Es ist eine kühle, unruhige
-Nacht, der Wind kommt vom Norden und treibt die Wolken gegen Süden, weit
-draußen bei Limone blitzt der Scheinwerfer vom Zollschiff, der lange
-Lichtstreifen sucht Buchten und Berge ab, die kleinen, halbversteckten
-Schmugglerpfade oben bei Pregasina, wie immer, aber ich erschrak
-plötzlich, als der riesige Finger herum kam; ich bildete mir ein, nun
-würde er auf mich deuten, ich würde furchtbar deutlich dastehn in einer
-riesigen Helle, -- Gott leuchtete nach mir aus und würde mich armselig
-finden.
-
- am 23.
-
-Wieder wie damals koche ich mit Barbara für uns Alle und drei kleine
-Fischerkinder das Mittagessen, und es macht mir Spaß, daß ichs noch
-kann. Könnte nicht Li so viel mehr! Wo in aller Welt hat er gelernt,
-eine Polenta zu machen, wie sie kein Italiener köstlicher machen kann?
-Jason hilft auch mit, steht in einer weißen Kochschürze und schuppt den
-Fisch, oder putzt Gemüse, denn Li, sagt er, ist nur für das Feine, ein
-so kunstreicher Koch! Jason, nun sehe ich ihn zum ersten Mal unter
-andern Menschen; sie sprechen von ihm wie von einem guten Geist, wüste
-Kerle kommen auf der Straße auf ihn zugerannt, um ihm die Hand zu
-schütteln und tausend Dinge zu erzählen mit zehntausend Gesten. Auch
-Magda lieben sie sehr und lehren die Kinder, zu ihr hingehn und nach
-ihrer Hand fassen; plötzlich hält sie dann so eine fettige, kleine
-Dreckpfote und strahlt mit ganzem Gesicht. Durch die Küchentür hörte ich
-Li zu Barbara sagen: Der Herr al Manach, wenn der über die Straße geht,
-das ist, wie wenn Bruder Franziskus kommt; mein gnädiges Fräulein, das
-ist die gute Madonna, aber das Fräulein Renate, das ist die Monstranz,
-da bekreuzigen sie sich und murmeln: _il miracolo_ ...
-
-Sie bekreuzigen sich, und ich glaube fast, sie wissen, was sie tun.
-
-Um ein Uhr essen wir Alle zusammen vor dem Haus unter der Olive, die
-drei Kinder sitzen furchtbar gewaschen mit ihren Schüsselchen im Gras,
-und ich teile Polenta aus, -- oh die Tage, die Tage!
-
-Unbeschreiblich die Klarheit! Ich gehe ganz früh allein durch die
-Straßen, an den Hafen, kein Mensch ist zu sehn, es duftet nach Oleander,
-der Morgen entfaltet sich wie eine Blüte, ich friere leise und nicht
-einmal unangenehm. Ein paar alte Männer hantieren auf dem Kai, ein
-Segler fährt aus, lautlos gleitend in den flammenden Azur, es ist alles
-wie verzaubert. Und die Abende! Der Mond kommt spät und leuchtend,
-silberne Streifen glänzen im ruhigen Wasser, ich sitze auf einem der
-Liegestühle auf der einsamen Bootsbrücke, keiner von uns spricht ein
-Wort, dann tastet eine Hand nach der meinen, Magdas klare Stimme fragt
-durch das Schweigen: Schwester? -- Ich kann nicht sprechen.
-
- am 24.
-
-So ist denn Irene am Ziel. War es eine Ahnung, die mich am frühen Morgen
-in den Garten führte? Da lag sie auf dem Rasen im beweglichen Schatten
-der Blätter, in sich gebogen, ganz schlaff, aber wie ich sie aufrichten
-will, bewegt sie sich schon, ist ganz wach, todmatt, aber ihr Gesicht
-ist in Glückseligkeit wie gebadet. Erst sagte sie nur, als sie mich
-erkannte: Ach! -- Nach einer langen Weile dann: Nun kann er kommen. --
-
-Sie war wieder in den See hinausgeschwommen, und beim Zurückschwimmen
-verließ sie die Kraft. Sie fühlte sich zum Stein werden, der sich selber
-hinab zog, alles ward blau um sie her, und in diesem Augenblick, sagte
-sie, sah ich unter mir in der Tiefe den Tod stehen wie einen ungeheuren
-Geist in weißen Falten, und er stieß mit einer gläsernen Lanze gegen
-mein Herz. -- Dann sei in einem einzigen Feuerstrahl ihr ganzes Wesen
-aufgeflammt und erloschen. Als sie erwachte, habe sie auf dem Strand
-gelegen. --
-
-Sie ging bis zur Grenze. Was verschlägt es, ob sie sich nun verwandelt
-glaubt und der Vergangenheit zurückgegeben? Sie vollbrachte das
-Mögliche, sie stieß bis zur Grenze vor, -- und das, sagt Jason, ist der
-einzig bekannte Weg, zu unsrer Mitte zu gelangen. -- So ist sie am Ziel.
-
-Obgleich sie noch so schwach ist wie ein Blatt, will sie gleich fort,
-und mich drängt es mit ihr. Mir ist seltsam. Als ob alles umher sich
-verwandelte und abfiele. Herr, mein Gott, was soll denn noch geschehen
-mit mir? Auf einmal zieht es mich nach Hause, nach dem Hause, wo ich
-Heimat bekam. Heut nacht kam mein Vater, sah mich traurig an und sagte
-eine Menge Dinge, von denen ich nicht ein Wort verstehen konnte, ich war
-verzweifelt und rief mehrmals: Ich verstehe dich ja nicht! -- Da nickte
-er schmerzlich, sank langsam in sich zusammen und glich nun ganz seinem
-Bruder; plötzlich dachte ich: Er stirbt ja! und erwachte voll Grauen.
-
- am 26., München
-
-Am Abend vor unsrer Abreise saß ich mit Irene, Magda und Jason noch
-zusammen, und auf einmal war mirs, als sähe ich alles zum letzten Mal,
-ja, so eigen, als wäre es das Letzte, was ich zu sehen bekäme. Ich
-konnte mir nicht vorstellen, was sein würde, ich dachte gepeinigt nur
-immer ganz sinnlos: Morgen ist das alles ganz anders! Oder: Morgen ist
-alldas nicht mehr! Ich glaube fast, so muß ein Verurteilter empfinden am
-Abend vor seiner Hinrichtung. Ich sah auch alles so übergenau: den
-schönen Raum mit alten Möbeln, das kleine Harmonium, die Skizzen im
-Rahmen von Vaters Hand -- jeden Tag wollte ich sie fortnehmen, nun ließ
-ich sie doch hängen --, die liebe Ecke mit dem Spiegel, vorne den Erker,
-das runde Fenster und dahinter, dicht am See, meinen Garten, meine
-Olive. Später stand ich noch lange im Dunkel vor der Haustür zum Garten,
-erkannte den winzigen Lattenzaun im Finstern und die alte Steinpforte
-zum Traubengarten. Herrlich war es immer damals, unter diesen
-hochgezogenen Lauben zu gehn; dunkle, volle Trauben streiften mir das
-Haar in den letzten Jahren, dieselben, nach denen ich die Hände
-vergeblich reckte in den ersten, und es gab auch eine Wiese da mit zwei
-hohen Pappeln und einer Quelle zwischen Steinblöcken.
-
-In meiner Stube sah alles traurig aus und als wäre ich schon fort. Die
-immer unstet und flüchtig aussehenden Koffer standen umher, das Glas mit
-den Blumen lag vom Wind umgeworfen, die Blumen waren welk.
-
-Am Morgen war es wie Traum. Ich saß schon im Wagen, gleich ging es
-rechts die steile Straße hinauf zwischen Mauern und Oleanderbüschen, und
-wieder sprach es: Morgen ist dies alles nicht mehr ... Mein Herz klopfte
-mit furchtbarer langsamer Gewalt, ich sah alles und nichts, plötzlich
-erschrak ich, zu bemerken, daß es noch dunkel war, mir schien wirklich,
-ich träumte, woher war es eine Mondnacht auf einmal? Wieder kam das
-Frieren. Da war die Kirche hoch über dem Dorf, von Zypressen umgeben,
-der kleine Friedhof, immer wieder Ölbäume und Feigen, deren Blätter so
-würzig duften bei Nacht. Alles schien mir ewig vertraut und bekannt, und
-alles, dacht ich, wird nie mehr sein. Vielleicht, fiel mir ein, bekomme
-ich ein neues Leben. Wir fuhren die lange Straße zum Fort hinauf, steil
-und steiler, und ich sah, mich zurückwendend, den See schon tief unter
-mir liegen, er leuchtete im Mondlicht, und fern im Himmel standen die
-wunderbar großen, fremden Sterne des Südens friedvoll über der
-schlafenden Landschaft. Die Pferde hörte ich leise schnauben, sie
-trabten langsam im weißen Sand der höher ansteigenden Straße, da war der
-starke Stall- und Ledergeruch auf einmal so beruhigend wirklich und
-alltäglich da, und minutenlang war es nur eine Fahrt, auf einer
-Landstraße, im bekannten Gelände, in Sicherheit. Beim Fort trat der
-Posten heran, las im Schein der Wagenlaterne den Passierschein des
-Kutschers, grüßte und trat in den Schatten zurück. Da dacht ich, nun
-müßte ich aus dem Wagen springen und zurücklaufen, alles noch einmal nah
-haben am Herzen, aber ich hing doch ganz still mit dem Blick an dem
-einzig geliebten Bild von See und Ferne im Rahmen des Torbogens, stehend
-im Wagen, und so entschwand es, -- die Pferde zogen an, der Weg senkte
-sich, plötzlich fuhren wir durch Nago, und der See war verschwunden. Da,
-da! der kleine Weg, wie oft gegangen in der glücklichen Zeit, zur Ruine
-hinauf, man mußte über wilde Rosenhecken klettern, -- oh mein Vater,
-mein Vater! Ich sah und ich sah, wie brannten mir die Augen, ich wußte
-brennend und wild, es würde mir etwas begegnen; die Landstraße, weithin
-sichtbar bergabwärts führend in vielen Windungen, leuchtete weiß im
-starken Licht. Wieder ein Soldat mit aufgepflanztem Bajonett, dunkle
-Häuser, ein einsamer Mann mit Stock und Felleisen kam uns entgegen, und
-mir raste das Herz, ich wagte nicht, nach seinem Gesicht zu sehn, ich
-dachte: Das ist er! das ist Vater! Nun steht er, nun spricht er dich an!
-Ich sah und ich sah. Loppio, die schöne Kirche mit den weißen Säulen,
-der kleine See dahinter lag tief im Bergschatten, es war so kühl! Nun
-lag ich erschöpft und überwach im Wagen, hellhörig für jedes kleinste
-Geräusch und im Fieber. Warum wollte es denn gar nicht Tag werden? Der
-Mond stand immer noch hoch am Himmel, ich konnte meine Uhr ablesen, ich
-vergaß die Zeit im Augenblick wieder. Jetzt öffnete sich das Tal, und
-mit einemmal blitzten Lichter auf, rote, grüne, von fern schrie ein
-gellender Pfiff in die Stille hinaus, da war auch schon die
-Eisenbahnbrücke von Mori, da waren Menschen, der Wagen hielt vor dem
-Bahnhof.
-
-Ich aber schrie fast, bebend und schlotternd beim Aussteigen: Nach Haus!
-nach Haus!
-
-Und was dort? -- Und was dort?
-
- Zu Haus
-
-Ich lief, nein, ich flog meine Treppe hinauf, auf mein Zimmer zu. Nun
-mußte es ja kommen, nun mußte er da sein, der Brief, oh endlich der
-Brief, in dem alles stehen würde; daß es ein wahnsinniger Irrtum war,
-alles nicht wahr, ein grausiger Traum, und ich würde aufwachen, und auch
-meine Liebe war nicht umgebracht, sondern lebte und lebte, -- oder --
-kein Brief, er selber, er, im Zimmer, wartend ...
-
-Wie bracht ich die Tür nur auf? Seltsam: auf dem Schreibtisch, nicht auf
-seiner Säule, stand der weiße Kopf und sah still durch das Fenster.
-Franziska muß ihn beim Zurechtmachen des Zimmers zum Abstauben
-herabgenommen und vergessen haben. Nun stand er da wie ein abgehauener,
-ich sah ihn schon verschwommen durch Tränen und hob ihn auf und dachte,
-er steht auf dem Brief. --
-
-Nein, kein Brief. Oh, aber weinen, wieder weinen können! Fast lächeln
-läßt es sich wieder danach. Magda sagte noch gestern, stirnrunzelnd, mit
-solch einer kräftigen Düsterkeit, wie sie nun manchmal annimmt: Männer
-haben die Verachtung, wir haben immer nur Tränen. Jedem seine Waffe.
-
-Ein wenig Erleichterung doch! Ich muß wieder hoffen lernen.
-
- nachts
-
-Nein, ich kann hier nicht bleiben, ich kann nicht! Ich erfriere ja hier!
-Das Wetter wie im Februar, und das Haus ganz leer. Onkel tot, der
-Erasmus verschwunden. Verreist, heißt es. Magda sagt ja, in Helenenruh
-wäre es immer Sommer; wir wollen gleich fahren. Auch Irene läßt den Kopf
-hängen, ach gewiß, wie ich mir den Brief einbildete, hat sie sich
-vorgestellt, Klemens an der Bahn zu finden, und nun friert sie, wie ich,
-bei ihren Eltern; sie kam nach dem Essen, wir saßen zusammen und
-weinten, ach, du lieber Gott! Ich nehme sie mit nach H.; dort kann ich
-dann überlegen, ob es gut sein wird, Klemens zu sagen, daß sie auf ihn
-wartet.
-
-Irene, ach, wer noch warten könnte wie du!
-
-
- Hier enden des achten Buches neun Kapitel oder ebenso viele
- Monate.
-
-
-
-
- Neuntes Buch.
- Charfreitag
- oder
- Die Eltern
-
-
- All dies stürmt reißt und schlägt blitzt
- und brennt
- Eh für uns spät am nacht-firmament
- Sich vereint schimmernd still licht-kleinod:
- Glanz und ruhm rausch und qual traum und tod.
-
- Stefan George
-
-
- Erstes Kapitel
-
-
- Georg
-
-Unermüdlich wanderten die Gedanken.
-
-Georg, mit den Füßen ebenso unermüdlich, wanderte das kalte kleine
-Helenenruher Zimmer ab. Im Winkel neben dem Fenstervorhang strömte die
-alabasterne Schale ihr immer gedämpftes Licht aus, in einer Stetigkeit
-ohnegleichen, die Georgs Auge zu Boden schlug, wenn er ihrer gewahr
-wurde. Im ständigen Hin und Wider die kurze Strecke durch den Raum
-streiften seine Blicke unteilhaft Wände und Gegenstände des
-Kindheitszimmers, die ihm, so wenig ers inne ward, mit Alterslosigkeit
-und Unwandelbarkeit doch der letzte Halt waren, nicht aus sich
-herauszufahren, ein unseliger Wirbel, von sich selber zerrissen. Die
-Nacht war laut. Frühling und Winter schlugen die letzte Schlacht in der
-Finsternis, und unter einem Sturmwind, der selber von unheimlicher
-Lautlosigkeit war, tosten die Bäume des Parks, die ferne Stimme der See
-überbrüllend; das ganze Haus mitunter bebte und verriet knackend seine
-Fugen. Georg lief, in so rastloser Bewegung wie ein Gesteinsbohrer sich
-hineinschraubend in den Gneis seiner Ratlosigkeit.
-
-Auf dem Schreibtische vor dem Fenster lagen und standen in dem stillen
-nächtlichen Licht die Gegenstände der Kindheit, vom gegenwärtigen
-Augenblick wie von der Vergangenheit unberührt. Aber mitten in ihrem
-unangefochtenen Stillesein lag das Brennende, die schwälende Fackel, aus
-der jeder seiner Blicke im Streifen einen neuen Schluck verzweifelter
-Gluten schöpfte: lagen die wiederaufgefundenen Briefe an seinen Vater --
-eigentümlicherweise von ihm selber scheinbar in diesem Schreibtisch nur
-deshalb versteckt, damit er sie fände --, die aus den höllenhaften
-Septembertagen des Vorjahres. Georg hatte sie gelesen, sich ins Bett
-geschlagen vor Entsetzen und sich nach endlos flammenden Stunden der
-Schlaflosigkeit an die Wanderschaft durch den Raum gemacht,
-entschlossen, noch in dieser Nacht fertig zu werden mit diesem und sich.
-
-Das allerdings, was ihn zuerst aus den Briefen entsetzt hatte, der
-Irrsinn, das Wiedereintauchen in die Folter von damals, war nun längst
-schon verschwunden hinter einem mehr würgenden Elendsgefühl. Denn was
-stand da geschrieben, Zeilen, die sich eingebrannt hatten in sein Hirn,
-in sein Herz? >So müßte es mir in der Tat gelungen sein, die ganze
-Oberschicht menschlichen Daseins, die uns gemeinhin bedeckt,
-abzukratzen, die ganze moralische Haut sozusagen, jene, in der auch das
-sogenannte Gewissen steckt, das Alltagsgewissen, nach dem man so
-behaglich lebt, dieweil es mit Gründen für alles vollsteckt wie ein
-Brombeerbusch im Oktober. Möglich es ist so. Möglich, das qualvolle
-Unbehagen, das mir das jetzige Leben verursacht, kommt davon, daß ich
-die Haut verlor und nun schauderbar friere in der Nacktheit. Worauf es
-ankäme, wäre dann wohl, nicht, wie ich es unbewußt bereits vorhaben
-werde, eine neue Haut zu bilden -- die nur die alte werden könnte --,
-sondern vielmehr den Zustand der Hautlosigkeit als dauernden zu
-ertragen, mit Frieren aufzuhören, ihn lebensfähig zu machen.
-
->Wie soll mans nennen? Nur -- Mensch zu sein. Alle Strahlen des
-Lebendigseins aufzufangen -- mit keiner spiegelnden Netzhaut, die Bilder
-hervorfluten läßt und verwirrende Gestalten --, sondern sie aufzusaugen
-in den innerst glühenden Kern des Menschseins, wo sich von selber zu
-ätherischer Reine und Klarheit die ewigen Begriffe bilden, die
-zeitlosen, die unwandelbaren Formen, in denen die Gottheit sich
-darstellt.<
-
-Und schlimmer noch diese Sätze:
-
->Gnädiger Gott, der du bist! Wenn es denn möglich sein soll, wenn es aus
-alldiesem noch einen Weg geben soll für mich, so bewahre mich vor dem
-einen: ja, wahrlich, wenn ich auch mit Blut und Knochen, mit all meinen
-Sinnen und Übersinnen wieder hinein muß ins Alte, -- so sei mir gnädig
-und verhilf mir zu dem Einen: nicht der Gewohnheit wieder anheimzufallen
-mit meiner Seele! Daß ich meine eignen Gedanken sehe wie Sterne, meine
-eigenen Gefühle wie Blumen; daß ich nicht dem Ungefähren nachtappe, wie
-ich das Pferd Unkas sich selber nachtappen sah in den ewigen Stall!<
-
-Ja, gnädiger Gott, war es faßbar, war es nun nicht doch geschehn, war er
-nicht ganz wieder der alte, hatte er sein Leben geändert? -- Seine
-Gedanken jagten wie herrenlose Hunde in den letzten Monaten herum,
-suchend nach einer geringsten Veränderung gegen früher. Nichts da,
-nichts! Da war ja auch keine Zeit zum sich Ändern; da war ja nur von
-Arbeit ein Ozean, in dem er so hülflos herumpaddelte wie ein Pudel, und
--- Ich weiß was! knurrte er wild: Wenn du echt wärst, Georg, wärst, der
-du scheinst, so wärest du ruhig, verlebtest nicht Tag und Nacht in
-hundert Ängsten vor unerledigten Aufgaben, hättest ein gutes Gewissen,
-hättest auch Vertrauen zu denen, die du verständig weißt, um ihnen das
-Übermaß des Deinen zuzuschütten, anstatt daß du nun keine stinkende
-Ratte von Angelegenheit vorbeilaufen lassen kannst, ohne sie an die Nase
-zu führen. Also bist du verflucht, mein Prinz, mußt dir selber die Zeit
-wegrauben, und alldas, alldas von Anfang her, ist deine Schuld!
-
-Herr des Lebens, und sollte er nun glauben, daß jenes Fegfeuer des
-Irrsinns im vorigen Herbst keinen Sinn gehabt hatte, als einmal zu
-brennen und zu verlöschen? Ungereinigt war er herausgestiegen ins vorige
-Sein. -- Wie es da ausgedrückt war: den Zustand der Hautlosigkeit zu
-einem dauernd erträglichen auszubilden, so wars eine poetische
-Redefigur; eine Haut mußte sich wieder bilden, aber: ein Zeichen, ein
-winzigstes, mußte doch zu entdecken sein an der neuen Haut, erkennbar zu
-machen, daß sie neu war.
-
-War er ein andrer Mensch? Hatte er irgendwas gewonnen?
-
-Seine Phantasie, auf der Suche, geriet sofort an Renate.
-
-Da stand, als er nach der Ankunft in Böhne aus dem Bahnhof ins Freie
-trat, im Zwielicht das Viergespann, das Magda, ihn festlich zu
-empfangen, vom Gestüt hatte herausfahren lassen, und drin saß sie mit
-Renate, gut aussehend, heiter, noch angebräunt vom italischen Frühling,
-und Hut und Kleidung schienen gefälliger als früher. Renate unkenntlich
-vor Schleiern ... Er aber empfand Lust, zu kutschieren, und stieg auf
-den Bock.
-
-Es dämmerte schon, als die Stadt hinter ihnen zurückwich. Weit vorauf
-sichtbar die weiße gewundene Straße schien seltsam leidend; weit und
-verlassen die grünen Gefilde der Wiese, verloren im Abend; vereinsamt in
-ihrem Dunkel die kleinen Wäldchen fern unter den lastenden schweren
-Wolkenmassen des ruhlosen Himmels. Tropfen fielen und eintönig die
-Schläge der vielen trabenden Hufe, ein trappelndes Durcheinander. Und
-noch im aufatmenden Gefühl, daß er sich nicht mehr beeinflussen ließ von
-Landschaft und Witterung, wie früher, daß er sie nur um sich her sein
-ließ zum Beschauen, wandte er sich um, und da saß Renate, Schleier und
-Hut im Schoß, das Antlitz zur Seite gewandt aus dem Wagen, still, und
-Tränen liefen naß und glitzernd aus ihren Augen. Ihn streifte sie mit
-einem flüchtigen Blick, einer verlorenen Bitte, und fuhr einfach mit
-Weinen fort.
-
-Nun sah er wieder die süßen Farben des einzigen Gesichts, das glänzend
-rinnende Blau der Augen, das bräunliche Haar, die Blüte der Wangen, --
-sah es in seiner Vereinsamung mitten im immer dunkleren Kreis des
-Landes. Der Himmel verfinsterte sich mehr, das Land schwand in der
-Dunkelheit der Fernen, lauter scholl das Trotten der Hufe, steif in den
-Händen die Riemen fuhr er dies Weinen durch den Abend hin, und ihm war,
-als führe er Persephone weinend über das seufzende Land, er, Hades,
-seinem trostlosen Hause zu.
-
-Das lag dann plötzlich, erhöht über die schwarze Masse des Waldes, aus
-dem es zu wachsen schien, schwarz mit den Türmen vor dem düsteren
-Westhimmel, in dem noch geheimnisvolle Röten glühten in Streifen, wie
-von Bränden und nicht von Sonne.
-
-Beim Aussteigen nahm sie nicht nur seinen Arm, sondern stützte sich
-sogar, ihres verstauchten Fußes wegen, und er empfand körperlich ihre
-Weichheit. Daß er sie einmal führen und stützen müsse, hätte er nie
-gedacht. Beim Essen dann konnte er alles sehn: die Hoheit von einst, den
-magischen Kreis um sie her, den er immer gefürchtet hatte, und der jetzt
-durchwirkt war von Weichheit, einem hülflosen Schmelz, für ihn
-schmerzhaft verlockend und von kaum erträglicher Süße.
-
-Dann erschien Benno, verlegen und strahlend ...
-
-Wie, Benno? Das hatte er vergessen, mit Benno hatte sich etwas
-zugetragen, aber das war nachher zu bedenken, erst weiter -- Renate ...
-
-Magda sang auf seine Bitte, oben im Klaviersaal am Harmonium, zwei der
-ernsten Gesänge von Brahms.
-
-Indem fiel Georg ein, daß der Geburtstag seiner Mutter bevorstand, und
-seine Brust zog sich leise zusammen, halb in Scham, daß er jetzt erst
-ihrer gedachte, und mit einem jähen und schweren Gefühl des Vermissens
-sah -- nein, empfand er ihr leidvolles Dasein und ganz stark ihre
-vereinsamte Liebe zu ihm. Wieder brannte ihm das Herz, er dachte Emmaus,
-und er stöhnte plötzlich unter einer siedenden Woge Leides, eigenen
-Leides im letzten Jahr, die über ihn hinschlug. -- Es geht vorüber,
-murmelte er dumpf und geduldig, es geht vorüber ...
-
-Wieder erschien ihm Benno, wie er dastand hinter seinem Stuhl, die Lehne
-in Händen, und sich wand und verteidigte.
-
-Also das wars, er komponierte eine Oper. Nein, erst war das mit George,
-wie kamen sie darauf? Ja nun, wie das so geht ... Menschen, die sich
-lange nicht sahn und vieles erlebten, wovon zu reden wäre, greifen
-vielmehr nach dem Unpersönlichen. So sprachen sie von Literatur, von
-Stefan George, und was hatte er gesagt, dieser verfluchte Benno? Er
-hatte den »Gehalt« vermißt an George. -- Da vermißte einer Gehalt am
-Marmor, dessen Eigenschaft es ist, Marmor zu sein durch und durch. --
-Georg war sprachlos.
-
-Ja, richtig, Benno bewunderte ihn, George, aber er erschütterte sein
-Herz nicht. Es fehle am Menschlichen irgendwie. Gewaltig, ja, oh
-natürlich, und er gab überhaupt alles zu, wie immer, und er sei im
-Unrecht, das wisse er wohl, aber er könne sich nicht helfen, -- und
-lobte darauf Gerhart Hauptmann. Georg staunte baß und gab zu: Michael
-Kramer, Florian Geyer und vielleicht das Friedensfest, mehr um keinen
-Preis, worauf Benno eine schmächtige Hymne sang auf das Hannele, indes
-Georg begriff und ihm auf den Kopf zusagte, daß, wenn ein Mensch zu ihm
-träte und sagte, das Menschenherz ist voll Tränen und Sehnsucht, er
-schon jubelte und schrie: _Ecce poeta!_ Oh uralte Verwirrung der
-Begriffe, denn wo Welt und Schicksal und Not und Überfeuer
-zusammengepreßt seien in eine eherne Musik der Sprache, da stehe er leer
-und dunstig. -- Kein Zentrum in ihm, das ists, murrte Georg. Vor sechs
-Jahren las ich das erste Gedicht von George, verstand ihn vor Jugend
-noch kaum, und seitdem, Jahr um Jahr, wieviel, wie vieles ist abgefallen
-und verwelkt, all die Dehmels und Hauptmanns und Wedekinds, bei denen
-man damals sich freute und meinte, es genüge, wenn da etwas sei, -- aber
-er -- und noch Hölderlin --, diese Beiden gingen immer mächtiger und
-strahlender auf wie die Sterne mit der tieferen Nacht. Die sind freilich
-nicht leicht zu tragen, aber wer sich nie mit ganzer Kraft um das Leben
-mühte, wie will der das Wahre gewinnen an der Kunst?
-
-Denn Benno, der komponierte nunmehr glückselig eine Oper. Eine
-Spieloper? Keineswegs, sondern ein stolzes Musikdrama, und gar war er
-sichtlich enttäuscht, keine glückwünschende Zustimmung zu erhalten, und
-gar endlich auf einen Text, den ein Freund oder Vetter seiner Elfe,
-Schriftsteller, hergestellt hatte aus einer Erzählung von Riehl. Bei den
-Göttern, so wars, damit nur alles zusammentreffe: Musikdrama und
-Dramatisierung eines epischen Stoffes, -- alle Notwendigkeit beim
-Teufel! Georg stand wütend auf.
-
-Du, Benno, hielt er plötzlich seine Rede aufgebrachter noch einmal, hast
-du denn alles vergessen von damals? War dir alldas etwa nur wert,
-gefühlt und gesungen zu werden? Nichts als Sentimentalität? Nun sind wir
-Männer und hätten zu zeigen, was wir gewannen, und ich, Benno, ich hab
-auch Verse gemacht und mich für einen Dichter gehalten; als ich aber
-einsah, daß es nicht das Ganze war, da verzichtete ich. Hast du,
-frommer, weicher Mensch, denn nun in Wahrheit keinen Weiser in dir für
-das Echte? Daß es nicht genügt, dies und jenes zu tun, weil es sich tun
-läßt, und es nur möglichst gut zu machen, sondern daß es die Aufgabe
-ist, auch zu lassen? zu prüfen erst und dann zuzugreifen? Da haben eine
-Menge Leute Musikdramen geschrieben, die Form des Musikdramas steht dir
-als praktische Möglichkeit leibhaft vor Augen, und sofort hast du
-vergessen, was du sehr wohl weißt -- sehr wohl, Benno, nach früherer
-Aussage! --, daß du eine Schande begehst, daß du die Musik, den reinen
-Engel, erniedrigst und entstellst, indem du sie zu dem einzigen
-verwendest, wozu sie nicht da ist: auszudrücken! Etwas auszudrücken, was
-sich auch auf andre Weise ausdrücken läßt, Geräusche der Natur, oder
-durch Handlung und Wort auf der Bühne! Oder das simpel Menschliche
-auszudrücken, Leidenschaft, Klage, alldas zufällig Tatsächliche, anstatt
-das himmelhaft Zeitlose! Aber freilich, du mußt auf das Praktische
-gerichtet sein, mußt auch Geld verdienen für deine Frau, und darum
-siehst du nichts als die Verlockung des prächtigen Librettos, und daß es
-halt Musikdramen giebt, und ergo, daß die möglich sind, und fragst wie
-der Galizier: Gott über die Welt, warum soll ich nicht? -- Und daß es an
-dir ist, alle zehntausend hundsföttischen Möglichkeiten durchzusieben
-bis auf die eine, die Notwendigkeit heißt, das -- -- ah, mein Benno,
-jetzt schwant mir etwas ganz Böses! Wenn wir dazumal einer Meinung
-gewesen sind, so waren wir doch nicht eines Herzens, und zwar meintest
-du das gleiche wie ich, aber du meintest es auf andre Weise! -- Das wäre
-des Teufels.
-
-Und ich, mußte er sich jetzt wieder fragen, bin ich eigentlich anders
-gewesen? Habe ich geprüft? Nein, bei Gott nicht! Aber wie, konnte ich
-das ebenso echt empfinden -- und doch unrecht haben? Was gab mir denn
-recht?
-
-Eine Stimme in ihm sagte: Leiden. -- Erst glaubte er, sie überhören zu
-müssen, gab aber nach: das möchte wahr sein.
-
-Und dann, jählings, als habe ihn jemand geschüttelt, so daß alles eben
-Empfundne und Gesehne von ihm abfiel wie Lumpen, stand er wieder in
-voller Glut seiner Scham, sah er am herumliegenden Abfall, wohin er
-abgeirrt war, und daß er der alte war, unabänderlich unverändert der
-alte.
-
-Eine Nebelwand vor den Augen, das ist das Leben für mich, und dahinter
-ein dünnes Licht. Was für ein Licht? Das Licht bin ich selber, ich, den
-ich suche, um den ich mich bemühe, und was mich anleuchtet, ist die
-Angst, nicht zu werden, zu verlöschen im Alltage. Früher -- habe ich
-mich da schon gesucht? Auch, ja, aber dumpf nur und kaum bewußt. Ich
-strebte, wohl, ich strebte nach einem menschlich hohen und wertvollen
-Ziel, und was ich auch vornahm, was ich betrieb --, wenn ich aus der
-Trunkenheit aufwachte, so hatt ich doch Augen für die Sterne, --
-Hölderlins und Georges Form, in sie konnte mein Leben doch eingehn und
-in der Wahrheit lebendig sein, -- oh mein Gott, daß ich dies immer
-wieder vergaß! Das Schlechte erkannt ich doch immer als schlecht, wenn
-auch nachträglich nur, und ich quälte mich dran, wollt es verleugnen,
-wand mich am Ende heraus; und das Gute -- war es mir jemals ganz gut,
-war es mir -- wirklich? Hatt ich nicht immer die Qualen der
-Unwirklichkeit, die Reue, daß selber der höchste Augenblick Augenblick
-war und verlöschen mußte, und sucht ich nicht immer nach -- nach --
-Renate? Und immer wieder vergaß ich Renate und nahm jemand anders, --
-und zuletzt, da ich zugriff wie ein Taps, so entzog sie sich selber, für
-immer, und da steh ich und starr' ins Symbol Renate, hoch und nie zu
-erreichen.
-
-Dumpf damals und im Dunkel, jetzt etwas heller, in Dämmrung: wäre das
-wahrlich der ganze Unterschied? Wäre das Hoffnung, daß langsam, aber
-doch sicher, die Helle zunähme? Daß deshalb Nächte kommen wie diese, wo
-ein guter Dämon mir Öl ins Feuer der Reue gießt?
-
-Georg wanderte auf und nieder. Augenwinkel und Schläfen brannten von
-Schlafverlangen, auch peinigte ihn die Unaufhörlichkeit des Nachtsturms,
-den er immer wieder, nachdem das Tosen der Bäume fernhin versaust war,
-heranrollen, schwellen, toben, sich im Gewipfel wälzen hörte. -- Ich
-lasse dich nicht, murmelte er sinnverloren, du segnest mich denn! O
-Gott, mein Gott, diese Einsamkeit! Und wären sie Alle hier, die mich
-jemals liebten, die Lebenden und die Toten, und könnte ihrer Aller Liebe
-sich zu einem allmächtigen Leuchtfeuer vereinen --, ich würde es wie
-einen Sternfunken klein in der Nacht sehn; meine Nacht würde Nacht
-bleiben. Niemand kann helfen, niemand, niemand, nur Gott.
-
-Und in einer Verzweiflung, stehen bleibend, die Augen schließend, stieß
-er aus seinem Unglauben die Worte: Gott, Gott, Gott, wenn du bist, gieb
-mir ein Zeichen, gieb! Laß diesen Sturm sich legen, wenn du bist, und
-ich weiß, daß ich auch einmal Ruhe finde!
-
-Danach lauschte er lange Sekunden. Der Sturm wurde schwächer, entfernte
-sich, es grollte von weitem gedämpft, wurde stiller, still. Und dann
-machte es sich wieder auf und rollte heran, Woge um Woge.
-
-Georg ließ die Arme fallen. Einen Augenblick später saß er plötzlich und
-schrieb.
-
-Mein Leiden, schrieb er, war und ist noch immer eine Art
-Cäsarenwahnsinn, nicht der Tat, sondern des Verstandes. So wie jene
-Kaiser, geboren zu einer Zeit, wo das Leben des Untertans weniger wert
-war, und erzogen zu dem Herrscherempfinden unumschränkter Gewalt über
-Leben und Tod, sich über Vorstellung und Leidenschaft hinaus zügellos
-hinreißen ließen zu den Ausführungen schrecklicher Art, Massenmord,
-Muttermord, Brandstiftung, was es auch war: so wirkte in mir ein an sich
-zügellos beschaffenes, durch unbewußte Betätigung ins Unermeßliche und
-Schamlose gesteigertes Denkvermögen. Mit ziemlich offenen Sinnen
-versehen, war mir Beobachtung, Ergreifung sowohl aller sinnlichen
-Vorgänge um mich her, wie der in Büchern erreichbaren geistiger,
-seelischer, humaner, gesellschaftlicher, natürlicher, künstlerischer
-Art, immer Vergnügen und leichte Gewohnheit. Die Fertigkeit, Bezüge
-herzustellen, von einem aufs andre, von zweien aufs dritte zu schließen,
-ein ähnliches Drittes als erhärtet und verbürgt anzusehn durch Erstes
-und Zweites, diese Fertigkeit ist nicht nur mir, ist jedem Menschen von
-Natur eigen, und ich übte sie nach Gefallen. Und das Wichtigste: eine
-unbegrenzte Ichsucht, schaurig durch Unbewußtheit vertieft, die jeden
-begegnenden Vorgang, jede Erscheinung des Lebens und noch mehr: in der
-Lektüre jede Meinung, jedes Urteil innerhalb des ganzen Bereiches des
-menschlichen Wesens nur in der einen Beziehung auf das eigene Ich, die
-Wahrscheinlichkeit des selber so handeln, denken, empfinden Könnens oder
-Wollens oder Mögens aufnahm. Alldies -- und gewiß noch andres in Menge
-mehr -- züchtete diese geistige oder nervische Leidenschaft des alles
-Denkenkönnens; des alles für -- nicht nur wahrscheinlich, möglich,
-plausibel, sondern für wahr Haltens, nicht weil es wahr, sondern weil es
-so denkbar erschien. In keinem Stoffgebiet, keiner Kunst oder
-Wissenschaft wirklich zu Hause, keiner menschlichen Weisheit, keiner
-Wesenheit wirklich auf den Grund gekommen, erregte mich vielmehr gerade
-die Leichtheit des -- scheinbar -- alles fassen, umfassen, durchschauen
-und verbinden Könnens. Es ist ein gealtertes Wort, daß jeder Mensch nur
-sich herausliest aus dem Buch, das er liest; er ist sich selber der Held
-eines jeden Romans, und sei der ein Herkules oder Cäsar Borgia.
-
-Mildernde Umstände machen die Tat ebensowenig ungeschehn, wie sie die
-Schuld aufheben können; mildernde Umstände enthalten recht eigentlich
-die Erklärung, die Anlässe der Verbrechen, machen sie verständlich,
-erkennbar. So habe ich etwa die mildernden Umstände für mich, daß ich am
-Leben bin zu einer Zeit, die ebensolche hervorbringt wie mich; Menschen,
-die zu einer Zeit ihres Lebens, beim Übergang von der Jugend zum
-Mannesalter sich im Besitz eines leicht und handlich arbeitenden
-Verstandes, offener Sinne, leidlich geschulter Logik und der oder jener
-Begabung oder Kunstfertigkeit sehen, >hochbegabt<, wie man sie nennt,
->talentiert<, ohne dabei von einer seelischen Festigkeit, einem innern
-Ausgerichtet- oder im Gleichgewichtsein, mit einem Wort: von Charakter
-zu sein, in dessen Händen allein jene Begabungen wahrhaft
-leistungsfähig, notwendig und gerecht wären. Tausend Dinge ohne
-innerstes Müssen zu tun, weil sie sich tun lassen, das ist der Fehler.
-Fertigkeiten zu haben, die das Maß der innern Bedürftigkeit übersteigen,
-wie das Angebot die Nachfrage auf dem Markt. Mit den Augen größer zu
-sein als mit dem Magen. Kein Ernst, immer Spiel. Übung der
-Geschicklichkeiten zu keinem nützlichen Zweck, sondern um der
-Geschicklichkeit willen. Grammatik Treiben am Homer. Immer jenseits der
-Grenze des Notwendigen im Elysium alles Möglichen. Keinerlei
-Beschränkung im Geistigen, Zügellosigkeit, Cäsarenwahnsinn des
-Verstandes.
-
-Und noch möchte alles das hingehn, blieb es auf sich, auf mich selber
-beschränkt. Gäbe es nicht Menschen, die bei solcher Beschaffenheit das
-beschaulichste Leben führen? Und zwar dies, teils weil das Leben sie auf
-einen Platz stellte, wo kein Handeln, also kein Mitgefühl, kein Denken
-und Sorgen für Andre von ihnen verlangt wird; teils weil sie niemals
-darauf verfallen sind, sich selbst zu erkennen. Ich aber war unzählige
-Male zu einer Zeit, wo ich nicht daran dachte, daß ich es sei:
-hineingestellt mitten in das menschliche Labyrinth des Wollens,
-Tunsollens, Unterlassens und der Schuld; bin es heute wie je mit dem
-einen Unterschied, daß ich nun weiß. Hinderte mich aber am Rechten
-damals die riesige Wucherung meiner Sinne, meines Verstandes, die mir
-alles zeigte wie ein Glück, es wahrnehmen und denken zu können, aber
-nicht rechtzeitig hineinzugreifen und auszuführen: so hemmt mich nun, da
-ich Erfahrung gewonnen habe, eben sie. Nun bin ich so belastet mit
-Wissen, wie wenn eine Schnecke ein Haus hätte, das zu schleppen ihre
-Kraft nicht ausreichte, so daß sie zwar drin hausen kann, aber es nicht
-hinbringen, wo Nahrung ist. Wußte ich früher nichts und war geblendet
-durch die Last, Wissen -- oder was ich dafür ansah -- zu erwerben -- und
-was schien mir nicht erwerbenswert? --, so bin ich nun blind ...
-
-Voll Unmut und Widerwillen schon während der letzten Sätze gegen das
-Hinschreiben, legte Georg die Feder hin und das Gesicht in die Hände. In
-diesem Augenblick ging durch die schwere Beklemmung, die ihn erfüllte,
-ein sanftes Licht. Dem gab er nach, erweicht, und dachte so in schwerer
-Nachgiebigkeit:
-
-Es ist nicht möglich, Georg, daß es nur dies ist. Es ist nicht möglich
--- denn es wäre nicht menschlich! --, daß irgend jemand so wie du sich
-im tiefsten belastet fühlen, im tiefsten unglücklich sein könnte durch
-die reine Erkenntnis seines Soseins, das Wissen um -- psychologische
-Vorgänge. Alldies ist das Allgemeine; was aber ist das Persönliche, in
-dem es sich bei dir darstellt? Was ist das Wesen?
-
-Gieb es zu, Georg, gieb es zu!
-
-Es ist die Lüge. Es ist ganz einfach. Wäre es jenes allein, so würde ich
-wie jeder Andre auch drüber hinwegkommen. Würde es bestehen lassen,
-würde suchen, es zu verarbeiten, würde aber weitergehn, würde mich
-nicht, o mein Gott, bei jedem Atemzug so gehindert fühlen am Leben. Gieb
-zu, daß es die Lüge ist! Daß du scheinst, was du nicht bist. Daß du
-nicht, so eitel gern du es möchtest, beschlossen bist in dir, unabhängig
-von den Andern und ihrem Meinen. Denn du stehst an einer offenbaren
-Stelle, du weißt dich in jedem Augenblick von einer Menge gesehn,
-bedacht, beurteilt, und was in dir Seelenstoff ist, das steht mit allem
-Seelenstoff um dich her in Beziehung, und du empfindest auch, was dein
-Verstand leugnen möchte. Du stehst an sichtbarer Stelle und lügst.
-Versetze dich in die Andern, betrachte dich selber von außen! Stelle dir
-eine Bronze vor und dich in dem Augenblick, wo du entdeckst, sie ist
-Gips und bemalt. Rede dich nicht heraus mit allfälliger höherer
-Einsicht, die hinterdrein kommen könnte. Den ersten Augenblick nimm:
-Gips und nicht Bronze! So! Weißt du nun, was du empfandest? Kannst du
-die erste Enttäuschung verwinden? Nützt es, dir einzureden, daß im
-besondern Fall Gips zweckdienlicher sein kann als das Edelmetall?
-
-Ich hab keine Kraft mehr! stöhnte Georg und stand auf. Ich kanns nicht
-mehr erwehren. Ich sehe alles ein. Aber dem wollt ich mein Herz geben,
-der mir die Kraft gäbe, es zu ändern.
-
-Da, mitten in seine Aufgelöstheit, in Unkraft hinein blühte das Antlitz
-Jason al Manachs, kaum lächelnd, weiß wie eine Narzisse, und Georg
-flüsterte staunend: Du Lieber! Sieh, auch du hast mir nicht helfen
-können! Aber du, o dies ist wohl dein Zauber! du liebst uns, du liebst
-Alle und alles, liebst, was du ansiehst, und liebst, mit wem du
-sprichst, mit unwiderstehlicher Liebe, die durchdringt und so süß und
-milde das Leben macht, solange du bei uns bist ...
-
-In diesem Augenblick kreuzten sich zwei verschiedene Wahrnehmungen in
-Georg: die eine, daß er Jason so angeredet hatte, als wäre er Jesus; und
-die andre, daß der Sturm sich gelegt hatte, ja, daß er vor langer Zeit
-schon verstummt war.
-
-Nicht ein einziger Laut war in der Nacht. Georg stand müde, erschlafft,
-dachte kummervoll seiner Anrufung des göttlichen Wesens, -- hatte Gott
-doch ein Zeichen gegeben? Der Sturm schwieg. Hatte er wieder einmal
-nicht warten können und bemerkte das Zeichen erst, als es schon welk
-geworden war, -- nein, er selber welk, es zu fühlen?
-
-Er stützte die Hände vor sich auf die Lehne des Stuhls und suchte nach
-dem Gefühl, das er hatte, als er zu Gott schrie.
-
-Was sich einstellte, war nun die Frage, was für eine Nacht dieses sei;
-und gleich die erschreckende Antwort dahinter: die Nacht vom
-Gründonnerstag zum Charfreitag.
-
-Sein Herz fing an zu klopfen. In dieser Nacht ... In dieser Stunde
-vielleicht, in dieser Nacht kniete einer am Ölberg, schrie zu Gott, und
-Alle schliefen, für die er schrie.
-
-Und nun -- er wußte nicht, wovon an die Erde hinunter gezwungen, ob von
-einem überwältigenden Schamgefühl über die Ähnlichkeit, ob von einer
-äußersten Sehnsucht, zu liegen, zu knien, widerstrebend voll
-Verzweiflung ließ er sich an dem Stuhl hinunter, kniete, ließ den Stuhl
-fahren, fiel langsam vornüber, und in dem Augenblick, wo er von Scham
-übergossen aufspringen wollte, lag er und küßte den Fußboden.
-
-Eine Sekunde später hatte er mit den Kleidern alles von sich
-geschleudert, lag im Bett und stürzte sich wie einen Stein in den
-Schlaf.
-
-
- Renate
-
->Der Tod Christi<, so las Renate in ihrem Zimmer, >bezeichnet uns das
-Größte -- nicht in seinem Wesen, aber in seinem irdischen Leben. Niemand
-ist eines so vollkommenen Todes gestorben. Darum sollst du die Tage
-seines Sterbens als die heiligsten halten im Jahr, und sie sollen ganz
-allein dem Heiland gewidmet sein.
-
->Zu dieser Versenkung deiner Seele bedarf es einer Überwindung zuvor.
-Denn es fällt der Seele nichts schwerer, als aus der Gewohnheit ihres
-Treibens von selber den Übergang in ein größeres Dasein zu finden, und
-zumal der Geist bedarf des besonderen Antriebs. Darum sollst du zwischen
-Alltag und Feiertag die Mauer einer Überwindung aufrichten und am Mittag
-des Gründonnerstags ein vollkommenes Fasten beginnen, das bis zum
-Samstag in der Frühe währt. Erst wenn es dir vermittels dieses Fastens
-gelungen sein wird, dein leibliches Dasein zu verleugnen, kann das
-seelische in dir geboren werden, das nur Liebe ist, und du --<
-
-Renate legte das Buch hin; ihre Augen flimmerten und versagten, noch
-eine Weile zuckten die Lettern der väterlichen Handschrift vor ihren
-Augen und zerflatterten im Lampenlicht; dann waren die Wimpern gefallen,
-sie saß im Dunkel.
-
-Das erstemal in ihrem Leben fühlte sie die alte Charfreitagsübung
-versagen. Der Hunger, der sie aus dem Schlaf geweckt hatte, peinigte,
-ohne daß sie etwas andres empfinden konnte als ihn, es sei denn ihr
-Frieren. Schaudernd vor Kälte, öffnete sie die Augen wieder, kniff sie,
-geblendet vom Licht, wieder zu, stand auf, ging und löschte die grell
-brennende Lampe.
-
-Nun fiel durch die halboffene Tür zum Schlafzimmer der Schein der
-verschleierten Lampe auf dem Nachttisch, und die Hälfte des Zimmers, in
-dem sie wanderte, lag im Schatten der Tür. Doch immer wieder, in die
-Nähe der Türöffnung gekommen, mußte sie anhalten und nach nebenan spähn,
-in den schmalen Raum, wo nichts war als die kleine gelbe Schleierlampe
-auf der Platte des Nachtkastens neben dem leise glänzenden Armband mit
-der Uhr, und vorne das Fußende des Bettes. Ihr war dann, als läge jemand
-krank in dem Bett, ihr unsichtbar -- Jason vielleicht, der vor Jahren
-dort gelegen, oder ihre eigene Seele, und was hier von ihr rastlos
-umging in der Nachtstille, war nur ein kranker Traum der sehr kranken.
-Lange versunken in den Anblick, zog sie dann den Schal fester um
-Schultern und Arme, machte den Blick -- so schwierig, fast wie die an
-Gedörn verhakten Zipfel eines Kleides oder Schleiers -- los von dem
-Licht und ging auf die Fenster zu, die kaum sichtbar waren im Finstern.
-
-Im Gehen fing ihr rechter Fuß mit der noch aus Italien heimgebrachten
-Sehnenentzündung sofort Feuer, obwohl sie ihn immer mit ganzer Sohle
-aufsetzte und nur leicht -- weniger ein Schmerz als eine Behinderung
-mehr zu den andern. Ah, wozu ein Glied schonen, wenn das ganze Wesen
-sich hülflos verzehrte!
-
-Und zum hundertsten Male, seit sie dies Fasten begonnen hatte, versuchte
-sie sich aufzurütteln mit dem Gedanken an ihren Vater. Was sie aber
-denken konnte, war nur, daß sie, solange er lebte, solange sie mit ihm
-Charfreitage beging, niemals auch nur einen Hauch von Hunger verspürt
-hatte, so vollkommen gesättigt, wie sie war, von dem unversieglichen, an
-diesem Tage süßer und herrlicher als alle Tage strömenden Quell seiner
-Liebe und Weisheit. Und noch die nächsten Charfreitage waren ernst und
-schön im Geleit seiner niemals gestorbenen Augen, seiner niemals
-versiegten Liebe. Heute zum ersten Mal war sie allein wie ein Tier und
-litt Hunger.
-
-Sie fror unablässig. Zuweilen hauchte sie in die Luft, um ihren Atem zu
-sehn und sich zu beweisen, daß die Nacht wirklich so kalt war, doch
-zeigte sich kaum ein dünnes Gebilde von Dunst. Nein, diese immer
-erneuten Wellen von Schauder kamen von innen! Sie ächzte fast weinend.
-Ich kann nicht mehr! Ich kann nicht mehr frieren! Senkte den Kopf und
-ging weiter.
-
-Die Stille nach dem vertosten Sturm blieb unverbrüchlich. Zuweilen
-knackte eine Diele unter ihrem Tritt; im Nebenzimmer, unermüdlicher als
-sie selber, doch gleichmäßiger, wurde bei jedem Näherkommen das feine
-Ticken der Uhr hörbar. Ein Fenster stand jetzt offen, nachdem sie es
-zehnmal geschlossen und wieder geöffnet hatte, schwankend zwischen dem
-Schauder vermeintlicher Kälte von draußen und dem Gefühl, ersticken zu
-müssen. Draußen knisterte es dann und wann. Über der See stand ein
-Frühlingsgewitter, und in Pausen regte sich dort ein dünnes Lichtzucken,
-lautlos. Oder vielleicht wars ein Blinkfeuer.
-
-Ach, sie hätte auf einem Schiff sein mögen in dieser Nacht, keinem
-großen, einem kleinen, festen Ding, das mit dem unermüdlich schlagenden
-Herzen sich durch die schwere See hinarbeitete, ein geduldiges
-Tierwesen, folgsam und standhaftig. Zu fühlen sein leises eifriges
-Ächzen, das Knacken und Dehnen seiner Glieder, und daß die schwere
-Arbeit ihm doch eine Lust war, und immer wieder ein Behagen, den Kopf
-aus der zusammengestürzten Woge zu heben, triefend, augenlos in das
-Finstre und doch mit einer Art Lächeln ...
-
-Renate erholte sich an solchen Vorstellungen minutenlang. Sie waren wie
-Streichholzflammen, an denen sie die gewölbten Handflächen wärmte,
-heftiger fröstelnd, wenn sie erloschen. Wieder und wieder durchsuchte
-sie ihr Leben nach ähnlich wärmlichen Bildern, -- ach deren gab es zu
-Hunderten, allein ihre Wärme war kraftlos, drang nicht her bis zu ihr,
-oder ein Keim Eises war drin, der, aufgehend in magischer Schnelle,
-einen Schauer von Schnee über sie wölkte. Die Stunden mit Saint-Georges
--- jede voll Ausdauer und Frieden und Versöhnlichkeit -- und in jeder
-der Keim des Unheils, des Todes, der Unseligkeit. Die Stunden der
-Friedliebenden Gesellschaft, ach alle zerstäubt und verblasen. Aus
-Magda, aus Sigurd und Esther, aus Ulrika, aus Irene -- was war aus ihnen
-geworden? Gräber, -- und wenn sie in geträumter Lebendigkeit vor Renate
-erschienen, so hatten sie eine Geducktheit an sich, als schleppten sie
-unsichtbar ihre eigenen Leichname. Hatte der Tod nicht gewütet um sie
-her? Und waren sie es am Ende, all diese Toten, die um sie her die Luft
-töteten mit ihrer Starre, und war darum kein Hauch mehr von Wärme zu
-finden? Aber Magda lebte, die liebste, und von ihr entströmte doch immer
-eine unendliche Glut ebenmäßiger Fülle.
-
-Die Müdigkeit zitterte schon in ihr, aber sie wußte, daß sie sich nur
-hinzulegen brauchte, um wacher und unseliger zu sein als zuvor. Also
-schleppte sie weiter ihren Fuß, als wäre ein Gefäß voll Gluten daran
-gebunden, das sie mit Vorsicht bewegen mußte, nichts zu verschütten. Die
-Gedanken gingen ihr aus.
-
-Wieder das Fenster schließend, bildete sie sich ein, sofort die
-Zimmerwärme zu spüren, und stand so eine Weile, die Hände leis reibend,
-vor dem dunklen Glas und dem eigenen, eben erkennbaren Widerschein
-darin, bis aus der Bewußtlosigkeit eine Stimme sie zu sich rief, die
-hinter ihr melodisch laut ward mit den Worten:
-
-»Es kommt alles nur von der Wärme und der Kälte ...«
-
-Nur wenig erschreckend, wandte sie sich um und merkte, daß sie in ihrem
-Zimmer daheim war; daß die Lampe auf dem Schreibtisch brannte -- und
-jetzt, daß in der Türöffnung zum Schlafzimmer eine nicht eben große
-Gestalt in einem rosenfarbenen Kleide stand: Ech-en-Aton, der König.
-
-Er sah ruhig umher. Sein kleines Antlitz war weiß wie Apfelblüte mit
-rosigen Hauchen; fast unsichtbar das helle Blond des Haars, die Augen
-von fast nächtiger Bläue. Der Kleidrock von glanzloser Rosenfarbe stand
-in jener rhomboiden Form, die Renate von den alten Bildern her kannte,
-unten, zwei Hände breit über den nackten geschlossenen Füßen ab, und ein
-kurzer Kragen von gleicher Farbe bedeckte Schultern, die Brust und die
-Arme. Plötzlich erschrak sie doch, da er sie ansah, sie durchdringend
-mit dem Blick, der nicht von ihrer Welt war. Aber er lächelte, und schon
-machte es sie glücklich, ihn, diesen Göttlichen, so menschenhaft zu
-sehen und das Königliche, zur Schau getragen weder in Haltung und Miene,
-nur in so unbeschreiblicher Weise vorhanden an ihm wie die Unschuld im
-Auge eines Kindes. Und wieder doch verging sie fast, als jetzt unter dem
-Mantelkragen ein lebendiger Arm zum Vorschein kam, eine zarte, längliche
-Hand sich erhob und in die weißen Falten des Vorhangs über seinem Haupte
-hineingriff. Ach, sie hätte der Samt sein mögen, jetzt!
-
-Er sagte, langsam sprechend, mit tiefer Milde:
-
-Ȁngstige dich doch nicht, Schwester! Sorge dich doch nicht um dein
-Leben, Schwester! Liebe Seele, habe Geduld! Süße Vollkommenheit, du
-darfst mir nicht zerblättern! Sei ruhig! Sei weise! Da bin ich ja! Ich
-will dich trösten! Wir wollen zusammen sein und etwas sprechen ...«
-
-Renate hatte sich so weit gewonnen, daß sie etwas sagen konnte von ihrer
-Beglücktheit und Überraschung, was er freundlich anhörte, ohne zu
-erwidern. »Setz dich nur!« sagte er dann, »ich stehe lieber; ich stehe
-gern.«
-
-Sie nahm einen Stuhl am Tisch. Seine zarte, farbige Gestalt war dem
-lichten Raume umher schon so natürlich geworden, als hätte dessen vorher
-unsichtbares Wesen nur diese Gestalt angenommen. Renate bebte fast im
-Verlangen, nur die Mildigkeit seiner Stimme wieder zu hören, die sich
-ihr einflößte wie ein himmlischer Trank, wärmend, bezaubernd und doch
-nicht berauschend. Da sprach er auch schon.
-
-»Sprechen wir vielleicht von diesen Dingen, der Wärme und der Kälte, die
-dich so bewegen. An ihnen läßt sich ja alles erklären, und um zu
-erklären, bin ich gekommen. Man muß wohl die Geduld verlieren unter den
-Menschen, wenn man nicht wie ich in die Unveränderlichkeit eingegangen
-ist. Da nahm ich unter den stillen Geschwistern deiner seit langem wahr,
-und da du nun meiner so sehr bedarfst -- sieh, da bin ich!«
-
-Renate fiel ein in sein Lächeln und löste sich darin -- ihr deuchte mit
-einem Harfenton.
-
-»Erinnern wir uns einmal daran,« begann er still, »was du gelernt hast.
-Licht und Finsternis hast du gelernt, die Urzustände.
-
-»Licht und Finsternis. Aber du wirst gleich begreifen, daß dies falsch
-sein muß, wenn du nur bedenkst, daß Nacht eine örtliche Erscheinung ist.
-Überall ist die Sonne. Nur dich verläßt sie zuzeiten.
-
-»Die Schlaflose -- immer irgendwo ist die Sonne, die alleine der
-Anbetung würdig ist.
-
-»Bedenke nun Wärme und Kälte. Es ist Winter, nicht wahr? Es stürmt bei
-dir in dem Norden, es schneit, die Sonne blickt vor, aber es ist doch
-nicht warm. Sommers aber, der Himmel ist bewölkt, Regen fällt, die Sonne
-ist nirgend, und dir ist doch warm genug, unter leichter Decke zu
-schlafen.
-
-»Oder das Wasser. Es ist Juli, die Fläche des Weihers glüht, -- du aber,
-Kühlung bedürftig, tauchst die Hände hinein, und sieh, du erfährst eitel
-Kaltes unter der Glanzhaut der Glut.
-
-»Also sieh an, du kannst dir Kälte und Wärme bereiten, wann du willst,
-Nacht und Tag aber kannst du dir nicht bereiten, ob du tausend Lampen
-entzündest oder die stärksten Mauern errichtest, denn immer wo sie sein
-will ist die Sonne.
-
-»Wärme und Kälte dagegen können überall sein zugleich, an tausend
-Stellen unter der Sonne, und was heißt das? Es heißt, daß die ganze Erde
-ein Gemisch ist von Warm und Kalt. Kannst du dir vorstellen, es gäbe ein
-ähnliches Gemisch von Dunkel und Licht? Licht mit schwarzen Stellen oder
-umgekehrt? Gewiß nicht.«
-
-Er schwieg eine Weile und schien zu bedenken, wie er fortfahren solle.
-In Renate war jedes seiner Worte eingegangen wie eine Flocke reiner
-Süßigkeit; sie war schon erfüllt davon, wußte sich aber unendlich an
-Raum und Verlangen nach mehr. Wenn der Saum seines Rockes bebte, bebte
-sie mit, -- so war ihr ganzes Wesen an das seine geschlossen.
-
-Der König fuhr fort:
-
-»Vom Leibe sprachen wir bisher und den leiblichen Wahrnehmungen, aber
-uns beschäftigt die Seele. Daß auch sie ein solches Gemisch ist, wie wir
-erkannten, das weißt du; ein Gemisch zweier Richtungen, zweier Triebe,
-die du gut und böse zu nennen gewohnt bist nach ihrer Wirkung. Da nun
-auch hier im Gebiet der Seele, einer andern Erde, nicht Nacht herrschen
-kann mit Flecken des Lichts, wie wir sahen, so muß es wohl auch das
-Kalte sein und das Warme.
-
-»Und willst du noch einen Beweis? Erinnere dich, wo warst du, bevor du
-geboren wurdest?«
-
-»In der Mutter«, sagte Renate.
-
-»Und wie war es allda?«
-
-»Warm.«
-
-»Wie also mußt du das Dasein dahier empfunden haben, als du zu ihm
-eingingst?«
-
-»Als kalt.«
-
-»Und diese Kälte an den Gliedern wie?«
-
-»Schmerzlich.«
-
-»Denn du schriest. Und was ward seitdem die Folge? Ich will es dir
-sagen: Die Folge ward ein unbegrenztes Verlangen nach Wärme, jener
-Wärme, aus der du kamst.
-
-»Ja, meine Schwester, dieses ist Lust: Wärme. Und Kälte ist alle Pein.
-Und alles was entstand, ist aus diesem Gegensatz entstanden, aus dem
-Mangel an Wärme. Alle Wissenschaft, alle Weisheit und Bildung und die
-erlauchten Geheimnisse der Kunst.
-
-»Woher aber die Seele? Wo ihr Keim, wo ihr Beginn? Dein Ahne im Norden
-hat wohl nicht viel von ihr gewußt, da er aus Schlachten und Jagden zu
-den ewigen Schlacht- und Jagdgründen einging. Aber südwärts der wärmere
-Grieche, was glaubte der? An den Hades, an sinnlose Schatten, die wesend
-nicht lebten, weshalb? Hatten sie nicht Schein von Gliedern und Sinnen,
-und hörtest du nicht, daß sie blickten und sprachen, daß sie wieder
-liebten und haßten, wenn sie -- etwas bekamen? Was? -- Blut -- das warme
-Blut. Kalt war es im Hades, eingefroren waren ihre Sinne, taub,
-abgefroren mit dem Augenblick des Sterbens und mit der Seelengeburt.
-Siehe aber, das wußte der Grieche, daß sie leben kann, die Seele, wenn
-nur Wärme vorhanden ist. Er wußte von der Seele, denn er wußte von der
-Wärme, von dem Glück seines Blutes, von dem Frühling, von Persephone und
-Demeter, von -- Dionys. Kalt, so nannten sie den Hades, und warm war
-ihnen das heitere Land, aus dem ihnen, vom Tyrsos geschlagen, tausend
-und tausend feurige Quellen sprangen im Wein. Die Andern waren noch
-nichts -- Dionysos war der seelische Gott, Schöpfer der Seelen, da er im
-Kalten die Wärme gab, Feuer der Seele, gewaltige Lust, Trunkenheit, sich
-den wärmlichen Göttern ähnlich zu fühlen.
-
-»Mein Volk wußte viel, aber dumpf. Sie ahnten die Seele, aber das Leben
-hatten sie noch nicht. Ihnen war wohl ein wenig zu heiß in der ewigen
-Sonne, und also suchten sie die Dunkelheit auf und die Kühle und liebten
-den ewigen Stein. Wie aber heißt das Wort vom Leben?«
-
-Renate sagte: »Wer an mich glaubt, der wird leben, ob er gleich stürbe.«
-
-Der König leuchtete seltsam auf, und höher erscheinend, auch die andre
-Hand hebend, sagte er wie einen Gesang:
-
-»Jesus von Nazareth, der Christus. Er kam und sagte: Hier ist mein Blut!
-Hier wohnt deine Seele. Du sollst warm sein, sprach er, dann fühlst du,
-daß eine Seele in dir ist, und du hast den Himmel auf Erden. Und: Seid
-wie die Kinder, sagte er, -- und nun -- was giebt es Wärmeres als ein
-Kind?«
-
-Es rieselte in Renate. Der König lächelte tiefer, bis das Lächeln im
-Sinnen verging, er die Lider senkte und leiser fortfuhr:
-
-»Wenn ich auf meinen Terrassen stand, im Antlitz die brennende Wüste, im
-Antlitz das große Goldbrodeln der Höhe ... Wenn alles erwarmte in mir,
-in mir erglühte der süße, der flutende Baum aus Purpur, tausendästig --
-dann wußte mein ganzes Wesen vom Scheitel bis zu den Füßen: Es ist das
-Blut!
-
-»Sie verstanden mich kaum, -- sie gehorchten nur --, wann hätten sie
-jemals verstanden? Sie zerstörten meine Stadt, sie zerstörten meine
-Bilder, aber sieh dort!« Seine Augen winkten zu seinem Bildnis hinüber.
-»Sie konnten mich nicht zerstören, und ich bin ewig.
-
-»Ach, auch Ihn, den ganz Warmen, verstanden sie nicht! Nehmet und esset,
-sagte er, und sie glaubten, sie müßten nun Menschenfresser werden und
-seinen Leib vertilgen wie den des Viehs. Wein gab er und setzte ihn
-gleich dem heiligen Blut, und sie verstanden nichts, sondern begannen
-einander totzuschlagen um der Frage willen, ob sie trinken dürften oder
-nicht.
-
-»Sie sagten: Gut und Böse und Vergebung der Sünden. Ich sage: Kalt und
-Warm.
-
-»Und wer ist gut? Der warm ist, der warm hat und jedem die Wärme gönnt,
-und für jeden die Wärme will. Für sich Wärme wollen und die eines Andern
-nehmen, -- meinst du nun, das wäre das Böse? Ach, das ist das
-Menschliche nur, der alte Trieb, die Gier nach der Wärme und nur
-Übertreibung. Dies ist nur schädlich. Alles was schädlich ist, kommt aus
-dieser Übertreibung. Nimm einem die Wärme, so schadest du ihm -- und wem
-noch? Dir. Denn woher kann Wärme allein kommen? Aus dir. Siehe noch
-einen Beweis, daß nicht Dunkel und Licht, daß Kälte und Wärme die alten
-sind und die einzigen. Denn kannst du Dunkel empfinden am hellen Tag?
-Nein, aber hast du noch nie gefroren in der Mittagsglut? Wann ist das
-gewesen? Wenn du dich schuldig fühltest. Was kommt aus dem Dunkel? Das
-Traurige, die Verlassenheit, der Gram. Das ist nichts Böses. Das ist nur
-eine Art Leiden, nur eine. Wenn du Schlechtes getan, wenn du Schaden
-angerichtet hast, dann fröstelt es dich, nicht wahr? Glaubst du, dich
-fröstelt aus Bosheit? Nein, in dir friert die dem Andern geraubte Wärme,
-und dich friert, weil du dir genommen hast, was du als Pein empfinden
-würdest, wenn man es dir nähme. Du hast nur übertrieben, hast nur Wärme
-genommen oder gedacht, sie zu bekommen, anstatt sie zu bilden. Bekamst
-du sie? Kannst du Feuer nehmen und dich daran wärmen? Ja, aber lege das
-Feuer fort, und dir ist wieder kalt.
-
-»Nun aber denke folgendes: Du liegst im Bett und dich friert. Wie kannst
-du dir helfen? Mit Kissen und Decken. Sind solche warm an sich? Befühle
-sie oben, wenn du darunter liegst und schon glühst; wie fühlen sie sich
-an? Eisigkalt. Aber so beschaffen sind sie, daß dir warm wird, --
-solchen Charakters sind sie, daß sie dir helfen, Wärme zu bilden!
-
-»Und weiter nun: Ist ein Mensch an sich kalt oder warm? Nicht das eine
-noch das andre, aber was kannst du tun? Du kannst ihn benutzen, um in
-dir Wärme zu erzeugen, und du kannst dich benutzen, ihm warm zu machen.
-Und dies ist das Leiden: nicht warm sein! nicht warm sein können!«
-
-»Ach,« sagte Renate, »das meine!« erfreut, es zu wissen. »Aber,« setzte
-sie hinzu, »dann gäbe es gar keine Bosheit?«
-
-»Wie? sie gäbe es nicht?«
-
-»Sondern nur Leiden. Nicht warm sein können.«
-
-»Vielleicht. Aber meinst du nicht, daß es eine noch fürchterlichere Art
-der Übertreibung giebt? Die Übertreibung bis zur Bosheit; das: nicht Maß
-halten können, welches ist: nicht warm sein können und auch nicht warm
-sein wollen.«
-
-»Das wäre der Teufel!«
-
-»Wörtlich, gewiß. Denn er war der Abtrünnige aus Gottes Wärme, und der
-sich Verhärtende in der Kälte, welcher trotzte in seiner Teuflischkeit,
-sich erstarrte, und übertrieb. Und was mußte er wollen in seiner
-Maßlosigkeit des nicht warm werden Wollens? Daß nirgends mehr Wärme sei,
-daß niemand mehr Wärme habe, alles erstarre, und wo er also eine Wärme
-betraf, da schleuderte er die Eislanze hinein, sie, den Zweifel am
-Warmen, den eisigen Zweifel am warmen Glauben, den fröstelnden, der um
-sich frißt wie der Frost in der Märznacht, und am Morgen schaudert dichs
-vor der ergrauten Natur. Und was ist Altern? Nicht mehr jung sein
-können, erkalten, ergrauen, ergreisen, vereisen, sterben.
-
-»Er fiel ab aus der Liebe. Was ist Liebe? Wärme zu bringen, glaubst du?
-Ach nein, sondern sie ist: Wärme zu bilden. Liebe! so ist dir warm.
-Liebe entzündet sich an der Liebe wie Licht am Licht, darum sollst du
-die Kalten nicht lieben, nicht sie, die Tausend, die Toren, die nicht
-warm sein wollen. Aber wo der Keim eines Willens zur Wärme ist, da lege
-dich über ihn mit deiner ganzen, nähre ihn, ziehe ihn gläubig groß!
-Frage nicht! Fragt auch die Sonne? Wen erwärmt sie? Der sie liebt, sonst
-keinen. Heut aber lieben sie das Kunstlicht aus den Nachtschächten der
-Erde. Was wird er, der sie liebt? Fruchtbar. Fruchtbar wird, der sie
-empfängt, der Wärme bildet aus ihr wie die Erde. Weißt du aber, ob nicht
-auch der Felsen der Einöde sie liebt und es dauert nur länger? Klagte
-nicht Memnons Säule bei Abend- und Morgenrot? Das ist die Klage der
-Welt: Oh Morgenrot, und ich werde nicht erwarmen können! Oh Abendrot,
-und ich blieb kalt!
-
-»Dies aber ist Bosheit. Die Bosheit des menschlichen Herzens. Dies ist
-der Böse, der niemandem Wärme gönnt, die er selbst abgeben müßte; der
-lieber selber erstarrt in dem Frost, nur um nicht abgeben zu müssen. Der
-immer Wärme verlangt und nicht geben will. Ach, die uralte Eisestorheit
-der Erde! Wie denn ists mit dem Sünder? Er darf bereuen und wieder in
-Wärme gelangen. In sich gehn, heißt es darum von dem Sünder; innen ist
-die Wärme zu bilden. In sich gehn, dorthin, wo es warm ist von Urbeginn,
-kann der Mörder, der Betrüger, der Seelenverkäufer, der nur Wärme für
-sich wollte und Kälte bildete, ihm kann wieder warm werden, aus innen,
-wenn er an Wärme glaubt, wenn er einsieht, daß sie sich nicht gewinnen
-läßt von außen und nicht durch Übertreibung. Bereit sein ist alles.
-Schwester, warst du nicht bereit? Denn wo ist der ewige Quell? Im
-Herzen. Und wo wohnt Gott? Im Herzen. In keinem Himmel, in keinem
-Draußen. Draußen ist kalt, und der Himmel ist kalt. Von keiner Sonne
-saugt kein Mond einen Tropfen der Wärme, er bleibt kalt, tot, erloschen,
-unfruchtbar. Glaubst du, sie erhalte von der Sonne ihr Warmes, die alte
-Erde? Warum ist denn sie fruchtbar, der Mond aber nicht? Nein, sondern
-weil ihre Beschaffenheit so ist, daß sie Wärme bilden kann, darum ist
-sie fruchtbar und nicht der Mond. Sie erschuf sich meinen ewigen Nil,
-und sie erschuf sich den warmen Menschen, sich zu bedecken mit seiner
-Wärme, sich helfen zu lassen zu ihrer Wärme im Segen des Ackers.
-
-»Nicht Gut ist, nicht Böse. Fruchtbar ist und das Unfruchtbare. Auch
-Schädliches wuchert in der fruchtbaren Erde dazu, und es hat sein Gutes
-an sich, sein warmes Leben, seine Lust an dem Licht, seine Sehnsucht
-nach Morgen, seine Angst vor dem Frost, sein Erwarmen und Erkalten,
-Erglühn und Erlöschen, sein Wachstum und seinen Tod. Es ist nicht
-unfruchtbar deshalb. Unfruchtbar allein ist das Böse; böse allein ist
-das Unfruchtbare, das nicht fruchtbar werden will, und du, meine
-Schwester, bist gut.«
-
-»Ich?« erschrak Renate. »Ich bin nicht schuld?«
-
-»Ja, woran solltest du schuld sein?«
-
-»Ich fror so ...«
-
-»Willst du denn frieren?«
-
-»Nein.«
-
-»Oder unfruchtbar sein?«
-
-»O nein!«
-
-»Also was, Schwester?«
-
-»Wie kann ich denn frieren, wenn nicht ...?«
-
-»Weil du menschlich bist, Schwester! Weil du die Geduld verloren hast!
-Geduld ist die Wärme des Einsamen. Bist du nicht vereinsamt? Hast du
-nicht geliebt? viel geliebt? Habe Geduld!«
-
-Es schien, er bereitete sich zum Gehen vor; er ließ die Hand sinken und
-zog den Mantelkragen zusammen. Renate erschauderte leise vor dem
-Augenblick, wo sie allein sein würde, und bat:
-
-»Wenn du wieder gegangen sein wirst, Bruder, werde ich dann nicht alles
-vergessen haben?«
-
-Er nickte lächelnd: »Alles.«
-
-»So tröste mich für diesen Augenblick nur! Ich will wieder Geduld haben
-nachher, aber sage mir jetzt nur: wird es noch lange dauern?«
-
-Der König schwieg eine Weile und prüfte sie mitleidvoll. Endlich sagte
-er langsam und wie mit einem Seufzer:
-
-»Morgen und ewig.«
-
-»Was willst du sagen?«
-
-»Morgen schon wirst du nicht mehr warten, o Schwester, und ewig mußt du
-noch warten.«
-
-»Wie soll ich verstehn?«
-
-»Ich meine die Wandlung. Es zieht eine Wandlung durch die Welt von ewig
-zu ewig, und immer andre Wandlungen ziehen in ihr, die sich jeweils
-vollenden und in andere münden. Eine Wandlung ist die Erde. Eine
-Wandlung ist auf Erden der Mensch. Viele Wandlungen sind das Leben des
-Menschen. Aber fürchte nichts, Schwester, du wandelst dich nie!«
-
-»Niemals?«
-
-»Niemals, Schwester, du bist das Weib. Der sich wandelt allein, ist der
-Mann. Gebärende, immer gebierst du. Das ist deine Wandellosigkeit. Sein
-ist das Töten und der Wandel. Du die Geduld, er die Ungeduld. Du die
-Ruhe, er die Unrast. Du das Opfer, er das Schwert. Du Liebe, er Haß. Du
-Seele, er Geist. Du Dienerin, er Herrscher. Er erobert die Welt, du
-nützest sie. Unzählbar seine Wandlungen, unwandelbar du. Er sündhaft, du
-ohne Sünde. Er der Zwinger, du die Bezwungene. Kain gebarst du und
-Jesus, Mörder und Sühner, Teufel und Gott. Entarte, so neigst du noch
-immer zum Guten. Torheit deine Sünde, Eitelkeit, Oberflächlichkeit,
-Nichtigkeit, Vergessenheit der Seele, Tanz in das Tier, das nur tanzen
-mag und sich zur Schau stellen. Was liegt an denen? Ewig im Kern mußt du
-gut sein. Du mußt gebären.«
-
-Renate zitterte in ahnungsvollem Schrecken, und sie flehte: »So sage mir
-eines noch, Bruder! Da wir so ungleich sind, Mann und Weib, schließen
-die Reihen sich nie?«
-
-Der König lächelte: »Sie werden sich schließen.«
-
-»Und ich, Bruder, hilf mir, ich, kann ich nichts tun?«
-
-Der König lächelte mehr und heller, während er fragte: »Was denn
-möchtest du tun?«
-
-»Kann ich mich nicht wandeln wie er?«
-
-Immer stärker lächelte der König und sagte: »Nein.«
-
-»Bruder, Bruder!« flehte Renate, »ich sehe es dir an! an deinem Lächeln
-sehe ich, daß ich etwas tun kann, daß ich etwas tun muß! Sage es mir,
-ich lasse dich nicht!«
-
-Sein Lächeln schwoll. »Ja, du mußt etwas tun. Was du immer getan hast,
-was all deine Schwestern taten, das mußt auch du tun!«
-
-»Was denn, Bruder, ach was?«
-
-»Du mußt helfen, daß er dem Ende der Wandlung näher kommt!«
-
-»Wie denn, Bruder, ach wie?«
-
-Sein Lächeln flammte ungeheuer auf und erlosch augenblicks mit dem
-letzten Worte:
-
-»Ihn gebären!«
-
-Es war dunkel. Renate fand sich auf einem Stuhl sitzend und vor sich den
-Tisch. Sie sah Lichtschein hinter einer Wand und sah, daß die Wand der
-Türflügel war, der ins Zimmer hineinstand vor ihr, und an dem vorüber
-der Lichtschein von nebenan ins Zimmer fiel und sie sah auch die Ritze
-erleuchtet zwischen Tür und Wand zwischen den Angeln. Ihr war sehr warm,
-aber ihre Müdigkeit so groß, daß sie die Augen kaum offen halten konnte,
-um ihren Weg zum Bett zu finden. Die Uhr war drei. Sie wußte nichts
-mehr. Sie entschlief.
-
-
- Zweites Kapitel
-
-
- Georg
-
-Charfreitag, sagte Georg stumpf und verständnislos vor sich hin, als er
-des Morgens gebadet und angekleidet zum Fenster trat. Der Regen fiel
-lautlos und nebelhaft, er entdeckte mit einer bitteren Wehmut das Alte,
-unter sich den Hof zwischen den Schloßflügeln, die Terrasse mit
-plätschernden Stufen, den Rasen und die altersschwarzen Dächer und
-Ochsenaugen, naß und traurig vom Regen.
-
-Das sieht traurig aus, murmelte er, weil ich traurig bin, und spürte in
-allen Gliedern die Zerschlagenheit von der schlaflosen Marter der Nacht.
-Sich wendend, gewahrte er die nächtlich beschriebenen Blätter noch offen
-daliegend, empfand Ekel und drehte sich weg. Da der Regen, dachte er
-ingrimmig, weder traurig noch heiter fällt, warum, o Himmel, warum muß
-das so sein und warum bin ich so eingerichtet, daß ich ihm Traurigkeit
-ansehe, weil mir elend zumute ist? Warum kann ich nicht sein wie der
-Regen?
-
-Charfreitag ... wiederholte er gleich darauf leise. Das erschütternde
-Wort hatte ihm schon als Kind feierlicher und fremder als jedes andre
-geklungen, und ohne seinen Sinn zu begreifen, machte es, wenn man es
-sagte, gleichsam eine Lücke in das ganze Jahr; es lag Schatten auf ihm
-fremder biblischer Erinnerungen, -- und später im Leben der niemals ganz
-zu begreifende Schauder: Die Sonne verfinsterte sich, die Erde bebte,
-die Gräber taten sich auf ...
-
-O Christus, warum bist du gestorben? Für wen, für was starbst du denn?
--- Georg suchte vergebens, dachte: Wegen des Leidens ... Nein! Wegen der
-Schuld? Ja, oder Erbsünde sagen sie, was ist Erbsünde? Nein, ist das
-wahr? Wäre das möglich? Er litt, um die Erbsünde aus der Welt zu
-schaffen, aber wir sündigen nach wie vor, und was soll denn geändert
-sein? Wir sündigen und wir leiden. O lieber Gott, wenn wir auch Sünder
-sind, ist es nicht so, daß selber der grausamste, der teuflischste von
-ihnen mit unaussprechlichem Leiden tilgt, und also was brauchte es
-Christus? Ich verstehe es nicht. Ich verstehe überhaupt nichts mehr. Es
-wird immer verworrener. Übrigens sind das Lehren, die nur die Andern aus
-seinem Leben und Sterben gezogen haben, und vielleicht haben sie alles
-gefälscht. Ich müßte nachlesen, aber ich glaube, ich habe selbst die
-Verfälschung bereits im Blut und würde ganz andres herauslesen, als was
-dasteht. -- Er grübelte weiter.
-
-Hat er nicht allen Sündern Verzeihung und Barmherzigkeit verheißen? Was
-verlangte er denn? Liebe und wahres Empfinden! Daß man sich reinige, daß
-man strebe, daß man still und einfältig sei wie die Kinder, -- aber die
-alles aufschrieben, schilderten Engel und Engelstimmen und Tauben, und
-er selber sprach vom Himmelreich so, daß man doch glauben muß an -- an
-ein Jenseits und -- -- Seine Gedanken irrten ab, die Briefe Paulus'
-durchschweifend auf der Suche nach einem haltbaren Wort, aber -- ich
-glaube, dachte er, schon Paulus hat alles in Verwirrung gebracht.
-
-Darüber endlich unwirsch geworden, mußte er heftig gähnen, empfand sich
-so müde, als ob er nicht eine Stunde geschlafen hätte, und erinnerte
-sich mit dem Gedanken an Magda, ans Frühstück, Renates.
-
-Die litt auch. Sie weinte. Es war unvorstellbar. Er wußte nur wenig von
-ihr, nur daß sie Furchtbares erlitten hatte, doch sollte sie ja ganz
-wieder gesundet sein ... Dann hatte sie eine Sehnenentzündnng am Fuß. --
-Früher, dachte Georg, hätte mich das, wenn mans mir mitteilte, ungefähr
-so betroffen, wie wenn man einem Griechen gesagt hätte, Artemis habe
-Sehnenentzündung. Sie war keine Göttin, wars nie gewesen, wars weniger
-heute als jemals, sie war hülflos, und er -- liebte er sie immer noch?
-Beinah hatte er sie doch vergessen, nun begann ihr süßes Gift wieder zu
-wirken, und er sehnte sich nach ihr, trostlos, aber er sehnte sich.
-
-Neun Monate ist es nun her, dachte er, daß Vater starb. Allein -- liebte
-sie ihn überhaupt? -- Er verbot sich diese Gedanken und empfand um so
-stärker die keimende Hoffnung.
-
-Alsbald entschloß er sich, sie zu sehn, warf einen Blick auf die Uhr,
-und erkennend, daß es eben die Zeit war, die Magda für ihr Frühstück
-angegeben hatte, machte er sich vom Anblick des Regens los und ging.
-
-
- Magda/Benno
-
-Das runde Gobelinzimmer, in dem früher gespeist wurde, jetzt der
-Frühtisch gedeckt war, erinnerte Georg beim Betreten an ein Aquarium
-infolge des Regenlichts in Glastür und Fenstern. Rieferling stand dort,
-in Zivilkleidung wie befohlen, und sagte, nachdem Georg ihm die Hand
-gedrückt hatte, es sei ein Telegramm gekommen, an ihn adressiert, und
-zog es aus der Tasche, von Birnbaum. -- Georg las: Eintreffe mit Schley
-und Kurier mittags Birnbaum.
-
-»Verstehn Sie das, Rieferling? Das ist beängstigend. Er weiß, daß ich
-nicht gestört sein will, es muß also etwas mehr als Dringendes sein.
-Kann er denn überhaupt reisen?«
-
-Der Hauptmann meinte, er habe ihn bei seinem letzten Besuch schon ganz
-wohlauf gefunden; er habe stehen und gehen können, nur Mund und linkes
-Auge seien ein wenig schief gewesen, -- wiederholend, was Georg schon
-wußte. Überdem öffnete sich die Tür, und Anna trat ein, Georg fast
-erschreckend mit Lichtheit, in einem blaß lachsfarbenen Kleid, das ihn
-an ein andres erinnerte, von einem Tage, nach dem er noch suchte,
-während er auf sie zutrat. Heiter lächelnd sah sie so frisch und leicht
-aus, daß er den Arm um sie legte und sie auf die Stirn küßte.
-
-»Nun, gut geschlafen, Georg?« fragte sie und ließ sich zum Tisch führen.
-
-»Danke, vortrefflich. Du bekommst Besuch, Anna, dein Onkel Birnbaum
-kommt mit Schley.«
-
-»Wie herrlich! Egloffstein! Egloffstein ist doch da?« Der Alte, jetzt
-völlig schief, aber mit noch vollendeter Lautlosigkeit, war hinter ihr
-eingetreten mit einem Regenkragen und einem Strauß weißer Rosen, die er
-auf einen Stuhl legte, und bediente jetzt am Tisch. Sie bat ihn, gleich
-in der Küche Bescheid zu sagen.
-
-»Was für ein hübsches Kleid du anhast, Anna!« lobte Georg, um von
-Birnbaum abzulenken, »so -- so geburtstäglich!« fand er auf der Suche
-nach einem Wort, und sie freute sich sichtlich. Ihre Kleider mache nun
-alle Renate, erzählte sie, und Georg empfand einen leichten Stich des
-Vermissens und der Erwartung.
-
-»Und du, Georg,« fragte sie nach einer Weile, mit langsamen Bewegungen,
-die Georg etwas nervös gespannt verfolgen mußte, sich mit Butter und
-Gelee aus den Dosen versorgend, die Egloffstein dicht um ihren Teller
-geschoben hatte, »wie fühlst du dich in Helenenruh?«
-
-»Ach, geärgert hab ich mich!« versetzte er möglich saftig und munter.
-
-»Schon wieder?«
-
-»Nicht nur >schon wieder<, mein Kind, sondern sogar aus demselben Grunde
-wie gestern abend!«
-
-»Ach, Georg, wie kann man so nachträglich sein!«
-
-»Nachträglich? Das verstehe ich nicht! Ach so! Als weibliches Wesen
-nimmst du die Dinge persönlich. Nein, im Gegenteil, gestern sah ich die
-Sache nicht einmal so schlimm. Sag, ist es dir nie so gegangen? Zum
-Beispiel, man lernt abends einen Menschen kennen und findet ihn
-erfreulich; am andern Morgen steht man und denkt: was war doch das für
-ein ekelhaftes Schwein? Oder man sieht im Theater ganz zufrieden ein
-Stück, und hat mans beschlafen, sieht es völlig dumm und verblasen aus.«
-
-»Oh ja, Georg! Es kann aber auch umgekehrt sein, wenigstens ists mir
-schon so gegangen mit Menschen, die ich beim Kennenlernen gar nicht
-besonders fand, und dann, am andern Morgen lächelten sie mir zu, und ich
-war froh, sie bekommen zu haben.«
-
-»Ja. Aber ihr seid auch komische Menschen, du und Renate. Sitzt da und
-sagt nicht Muck und habt doch ganz gut gewußt, wer im Recht war!«
-
-»Aber lieber Freund, der gute Benno war doch so glücklich mit seiner
-Oper!«
-
-Georg wollte zischend auffahren, beherrschte sich aber angesichts ihrer
-heiteren Blindheit. »N--nja,« bemerkte er dann, »laß du nur die
-Menschheit sich mit Mist zudecken bis an die Augen und sage: daß bloß
-keiner sie stört! sie ist ja so glücklich!«
-
-Sie lächelte kindlich. »Georg, du bist schartig heut morgen.«
-
-»Nicht nur heut morgen, mein Herz, sondern alle Tage bin ich das. Hast
-du mal drei Wochen lang mit lauter Narren und Borstigen regiert? Dann
-sei mal nicht schartig!«
-
-»Ja, du hast nun einmal kein Christentum.«
-
-»Nein, Anna,« bekräftigte er mit scharfer Betonung, »das habe ich
-freilich nicht!«
-
-»Du wirsts noch lernen.«
-
-»Meinst du? Ja, ich will dir was sagen. Als ich heut morgen erwachte,
-mußt ich mich fragen: Wozu dies und alles andre, tagein, tagaus? Weißt
-du eine Antwort? Weiß das Christentum eine? Ich fand da meine Hände zu
-voll, um nach Antworten zu greifen, aber -- -- ich muß zugeben, daß
-etwas fehlt. Rieferling, bitte, wenn Sie aufstehn wollen, Sie sind den
-ganzen Tag Ihr eigener Herr!« Er sah den Hauptmann sich erheben und
-nickte ihm zu, während Magda die Hand nach ihm ausstreckte. Nach einem
-kleinen Zaudern bat er dann noch, Georg einmal am Tage eine Minute in
-eigener Angelegenheit sprechen zu dürfen, und ging.
-
-»Versteh mich recht, Anna! Ich glaube an einen göttlichen Odem. Aber ich
-glaube, daß er an uns vorübergeht. Er ahnt gar nicht, daß wir sind.
-Unser ganzes Treiben, ja selber das tiefste Elend, und wenn wir unsern
-ganzen Leib wundenbedeckt saugen ließen mit diesen Wunden, so könnte ihn
-das um kein Haarbreit ablenken von seinem Weg durch die Welt. Wir müssen
-allein fertig werden.«
-
-»Wenn du es kannst, Georg! Aber die Andern?«
-
-»Bitte, wen meinst du? Die zum Rennen fahren und an den Kinokassen
-Spalier stehn? Oho, Anna, bist du der Meinung, daß es eine einzige
-Religion gäbe, wenn kein Leiden wäre?«
-
-»Ja, warum auch sonst, Georg, warum?«
-
-Georg schwieg im Gefühl, daß sie jeder nach einer andern Richtung
-sprächen. Er sah sie dasitzen, einen Arm flach auf dem Tischtuch,
-während der letzten Minute mit kleinen unsicheren Aufschlägen der
-gesenkten Augen, im Ganzen aber in einer Sicherheit, die fast wundervoll
-schien. Ihr Antlitz, gesammelt und getrost, schien auf geheimnisvolle
-Weise die Augen ersetzt zu haben und war voll lebendigen Ausdrucks an
-jeder Stelle. Nichts Ratloses, kaum Tastendes war in ihren Bewegungen,
-und nur genaueres Hinsehn konnte gewahren, daß sie etwa, um nach der
-Tasse zu greifen, erst den Unterarm auf den Tisch legte, dann die Finger
-ausstreckte, die Hand weiter vor schob und, den Teller daneben mit einem
-Ahngefühl seitwärts lassend, zur Tasse. Schön breit lag nun ihre Stirn
-unter dem mittwärts gescheitelten und zur Seite gestrichenen Haar,
-dessen lockere Bäusche über den Schläfen ein liebliches Kapitäl formten.
-Übrigens war es dunkler geworden und ihre ganze Erscheinung, wie Georg
-sie umfaßte, heute schöner, als sie vor Jahren anmutig gewesen war.
-
-»Nun, Georg, was denkst du?« hörte er sie fragen, erschreckt inne
-werdend, daß sie dasaß und all die Zeit nichts sah.
-
-»Wie schön aber deine Singstimme geworden ist!« sagte er liebevoll, und
-ihr Gesicht glänzte auf. »Ich bin erschrocken gestern, als ich hörte,
-wie tief sie ist!« Er fand keine Lobesworte mehr, die ihm einfältig
-erschienen, schwieg und setzte im Innern die Rede fort: Es ist die
-Stimme eines Menschen, der die nicht sieht, für die er singt. Sie will
-niemand bezaubern, sie gebärdet sich nicht, sie geht ihres geraden
-Weges, um Gottes willen.
-
-»Ja, Georg, wovon sprachen wir noch eben?« fragte sie derweil.
-
-»Religion eine Panazee für das Leiden. Und das ist mir zu wenig. Liebe
-Anna, ist Leiden das ganze Leben?«
-
-»Nach der christlichen Auffassung --«
-
-»Die ich nicht teile! Für das ganze Leben sollte sie sein, für Tun und
-Lassen, Gut und Böse und -- Sieh, da ist Benno! Guten Morgen, Benno!«
-Georg stand auf und ging dem Freund zu möglichst herzlicher Begrüßung
-entgegen. Er schien unglückliche Augen zu machen, wie stets, war aber
-munter, noch ganz rot vom Waschen, und erschöpfte sich in Verbeugungen
-bis zum Tisch.
-
-»Setz dich, Benno, iß, trink und überlege dabei den Sinn des
-Christentums.«
-
-Jedoch Benno entschuldigte sich. So früh am Morgen ...
-
-»Freilich, Benno,« mußte Georg sofort zubeißen, »über Gott und Glauben
-läßt sich immer noch abends und übermorgen nachdenken.«
-
-Benno begann langsam, von Egloffstein bedient, dem er für jede Frage und
-jedes Zureichen besonders danken mußte, zu essen, streifte Georg dann,
-der aufrecht dasaß, durch den Raum nach draußen blickend, mit einem
-unglücklichen Blick, legte die Weißbrotscheibe, ohne sie angebissen zu
-haben, auf den Teller zurück und meinte, das Christentum sei wohl
-vorwiegend eine Religion der Armen.
-
-Magda beeilte sich, zu sagen, Georg habe sich die ganzen Wochen her mit
-Geschäften geplagt und wolle nun ...
-
-»Vorwiegend!« bekräftigte Georg, ohne sie ausreden zu lassen,
-sardonisch. »Wie triffst du nur immer den Nagelkopf! Wer aber nicht arm,
-wer hingegen reich ist, wie du und ich, was macht der?«
-
-»Nun, wenn ich vorwiegend sagte, meinte ich mehr: ursprünglich.«
-
-»So. Ja, das waren allerdings die Armen, das heißt die Elenden,
-Zermalmten, Leidenden, die diese unmännliche Religion erfanden.«
-
-»Unmännlich, Georg?«
-
-»Zum Beispiel der Gemeindegesang. Singen ist eine weibliche
-Angelegenheit, Benno, hast du's nie bemerkt? Wenn ich einen Tenor sehe,
-wie er den Mund verbiegt und eitel süßen Schmelz aus sich zieht wie
-Syrup mit dem Löffel, sehe ich immer ein fettes Weib, wo er steht. Die
-Kirchen am Sonntag sieht man gefüllt mit Frauen, die ihre kleinen Seelen
-ganz süß und dumpf fühlen, wenn sie singen. Überhaupt jeder übermäßige
-Musikbetrieb -- entschuldige schon, Benno! --, aber besonders männlich
-hab ich ihn nie finden können.«
-
-Benno krümmte sich und meinte, das sei vielleicht eine große Wahrheit.
-Aber die Musik sei doch --
-
-»Ich bitte, mach mich nicht wütend, Benno, ich rede vom Singen und
-Musizieren und nicht von der Musik! Dies Hervorziehen der fühlenden
-Seele, dies Modulieren und Drehen und Drechseln, dies Preisgeben des
-innersten Wesens, gar Aufputzen und zur Schau Tragen ist auf
-abscheuliche Weise unmännlich. Musik ist nicht männlich und nicht
-weiblich, sondern göttlich, aber drei Dinge sind verschieden: Musik,
-Musik Hören und Musik Machen. Außerdem hab ich das Ganze nur
-symptomatisch gemeint.«
-
-»Ja, wie denkst du dir denn die Entstehung des Christentums? Die
-früheren Gottheiten entstanden doch nur -- gewissermaßen -- aus Furcht.«
-
-»Naturgötter, richtig, aus Naturängsten. Nun betritt einmal Rom etwa im
-zweiten Jahrhundert oder im ersten. Da hättest du es gepflastert
-gefunden mit Götterstatuen aller Völker, die sich allesamt überboten und
-infolgedessen aufhoben. Ängste gabs keine mehr, da die Menschen sicher
-in behaglichen Wohnungen saßen, und doch hatte jeder Tag, jede Stunde,
-jede Eigenschaft und fast jede Handlung ihren kleinen Gott, und zum
-größten Schaden gabs die Divi Augusti, die Gottheiten der letzten Angst,
-vor dem Wahnsinn der Kaiser nämlich, an die schon der Einfältigste nicht
-mehr glaubte, wenn sie einen struppigen Adler, wie Pater erzählt, aus
-dem Scheiterhaufen fliegen und dann verkündigen ließen, die kaiserliche
-Seele sei sichtbar zu den Göttern heimgekehrt. Übrigens da ich Walter
-Pater erwähne, fällt mir ein, daß damals besonders der Äskulapkult
-blühte, wegen gewisser Seuchen, und mir scheint, diese, die Angst vor
-Leibeskrankheiten war die letzte. So aber war damals die Religiosität
-verkommen in dem langsam verkommenden Reich des Überflusses, und damals
-erwachte, unterirdisch, das Christentum, ganz von unten anfangend, mit
-der Lehre des Leidens. Ist es eine Religion des Leidens oder nicht?«
-
-»Natürlich, Georg, aber --«
-
-»Und da haben wir wieder die Unmännlichkeit. Das Weib bekam das Leiden
-als Auftrag: sie muß gebären. Sie hatte sich abzufinden mit ihm, sie
-lernte, sich als Opfer empfinden, sie nahm das Leiden an. Das Leiden
-annehmen, ist nicht männlich, sondern männlich ist, es abwehren, es
-befeinden, es bekämpfen, es austilgen wollen. Und was taten jene vorm
-Kreuz? Sie beteten es an.«
-
-Georg verstummte, überaus erregt. -- Was, dachte er, kocht mich denn so
-auf? -- Aber schon mußte er fortfahren.
-
-»Ich hasse das Leiden, das immerhin hab ich gelernt. Sie haben sich
-innig mit ihm beschäftigt, haben es liebend hingenommen, haben gelernt,
-daß Dulden göttlich sei, daß kein süßrer Lohn des Leidens sei als im
-Dulden, anstatt daß sie anpackten und wegschafften, und sie haben
-gesagt, daß es nichts gebe als Leid, die Welt ein Abgrund des Jammers,
-sie in ihren Katakomben, und mit einem Schlag ist ihnen das ganze Leben
-dahier aus der Hand gerutscht und zu einem traurigen Anhängsel geworden,
-zu einem Blinddarm jenes Lebens, das sie das Ewige nannten.«
-
-Benno erseufzte. »Und wenn du recht hättest, Georg, so ist doch darin
-nicht die ganze christliche Lehre enthalten.«
-
-»Ja, worin denn noch? Kannst du mir sonst etwas Brauchbares zeigen?
-Brauchst du denn Christus? Sieh dich doch um in deinem Leben, und
-begegnest du ihm irgendwo, so ist Sonntag. Oder Kindtaufe, oder
-Weihnachten. Wochentags ist er nirgend.«
-
-»Aber nun verrennst du dich, Georg! Das sind doch die Menschen und nicht
-die Lehre.«
-
-Georg sprang auf und stieß den Stuhl unter den Tisch. »Ja, du, Benno,«
-rief er, geschwollen von Gift und Hitze, »du wirst mich freilich niemals
-verstehn! Was soll denn eine Religion, die bis zum Wahnwitz überhängt
-nach der einen Seite, und aus der die Menschen auf der andern Seite
-nichts herholen können für ihr tägliches Leben. Weil sie nicht aus
-wahrhaftigem Leben kam, diese Lehre, sondern aus krankem, vergiftetem,
-weil sie eine Panazee wurde, ein Allheilmittel, eine Kopfsprunganweisung
-über den Tod, weil sie, mit einem Wort, nichts anzufangen wissen mit
-ihrem Leben. Und ich, wenn ich einen rechten Glauben bekommen hätte, mir
-wärs besser ergangen.«
-
-»Meinst du das, Georg?« fragte Magda leise.
-
-Plötzlich fühlte er seine Augen heiß, es übermannte ihn, er ergriff ihre
-Hand und küßte sie lange.
-
-Dann hörte er sie sagen, ob es noch regne; sie habe ihn bitten wollen,
-sie zum Grabe zu bringen, -- und er ging zur Glastür und stand dort eine
-Weile, in den leiser fallenden Regen blickend und sich kühlend. »Ich
-glaube, es wird bald aufhören«, sagte er, sich wendend.
-
-»Hat Egloffstein«, fragte sie, »meine Sachen hereingebracht? Es muß dein
-Buch dabei sein, das mit deinen Aufzeichnungen von Hallig Hooge, ich
-wollt es dir wiedergeben.«
-
-»Ach, hast du's gelesen?« Georg sah das Buch unter dem Rosenstrauß, ging
-hin und nahm es an sich.
-
-»Noch nicht ganz. Li hat mir daraus gelesen, hauptsächlich das von
-Bogner, und ich wollte dich bitten, mir selber noch draus zu lesen.
-Vielleicht heut nachmittag, magst du?«
-
-»Aber gerne, gewiß! Ich will mich nun eben etwas regenmäßiger anziehn
-und komm dich dann holen.« Im Vorbeigehn mit der Hand über ihre Achsel
-streichend, ging er hinaus.
-
-
- Drittes Kapitel
-
-
- Magda
-
-Als Renate auf der ratlosen Suche nach Magda das Haus durchwanderte,
-befand sie sich in einer Weichheit ihres ganzen Wesens, die jeden
-Augenblick überfließen zu wollen schien. Das Hungergefühl war
-verschwunden, obwohl sie sich kraftloser in den Knieen fühlte, als sie
-von früheren Charfreitagen her sich zu erinnern glaubte. Nun wollte sie
-sich eine Weile an der Freundin halten, mit ihr, wie sie verabredet
-hatten, das Grab der Herzogin besuchen, und dann würde sie allein sein
-den Tag über, würde es können, würde vielleicht Hoffnung, Glauben,
-Zuversicht, ach, vielleicht alles von neuem schöpfen aus den ewigen
-Augen der einzig heiligen Gestalt.
-
-So öffnete sie denn die Türe des Gobelinzimmers, ohne sich zu erinnern,
-daß Magda ihr gesagt hatte, sie frühstücke dort; aber schon der erste
-Blick auf den Tisch mit Speisen, an dem Magda und Benno saßen, bereitete
-ihr kein Gefühl des Hungers, sondern eher eines des Abscheus, was sie
-denn etwas mutvoller machte.
-
-»Schade, daß du so spät kommst!« rief Magda Renate zu, sich umwendend
-nach ihr, die sie hinter sich eintreten hörte. »Georg ist eben gegangen,
-nachdem er eine kostbare Rede gehalten hatte. Wir sind noch ganz
-niedergedonnert, Benno und ich.«
-
-Renate trat, etwas geblendet vom Licht in den großen Glasscheiben ihr
-gegenüber, hinter Magdas Stuhl, über deren Schultern die Hände
-hinabreichend, die gleich ergriffen wurden, und legte eine Wange auf das
-weiche Haar unter ihr, die Augen schließend im Wunsch, so einzuschlafen.
-Aus der Ferne hörte sie so Magdas Stimme nach ihrem Nachtschlaf fragen
-und erwiderte leise: »Gar nicht! Ich hatte einen schönen Traum; er war
-unendlich lang, aber nun kann ich mich nicht mehr darauf besinnen.«
-
-Das wären die besten Träume, meinte die Freundin tröstend, und sie
-setzte sich nun an den großen runden Tisch und starrte mutlos auf ihren
-Teller und die unterschiedlichen guten Essensdinge, die ihr Ekel
-erregten, und die sie verschwommen kaum sah. Magda erklärte Egloffstein,
-daß Renate nichts zu sich nähme. Die hörte währenddes Benno sagen:
-
-»Ich glaube, er hat etwas gegen mich.« Er neigte sich beteuernd zu
-Magda. »Glauben Sie mir, ich fühle es, und ich weiß auch, von früher
-her, daß in meinem Wesen etwas sein muß, das ihn reizen kann. Er ist ja
-auch viel männlicher als ich und stärker --« schloß er bedrückt.
-
-Sie reden von Georg, dachte Renate, Magdas abwehrende Antwort nicht mehr
-verstehend, und sah ihn wie am gestrigen Abend, wo er ihr recht lärmend
-erschienen war. Und wenn er sich einmal auf den Schenkel schlug, ein
-andermal sich zurücklehnte und lachte, dann wieder in breiter Hoffart
-gleichsam erstarrte, schien ihr dieser häufige Wechsel sich auf eine
-Umgebung zu beziehn, die gar nicht da war, die er vielleicht sonst
-gewohnt sein mochte, und so, als wollte er sagen: Lockerheit!
-Ungebundenheit, ich kann mir das leisten! Und einzelne Bewegungen hatten
-sie fast erschreckend an seinen Vater erinnert, -- ja, dessen Art, nur
-nicht ganz fertig.
-
-Allein schon brannte ihr jetzt die Stirne vom Nachdenken. Sie hörte
-Magda etwas sagen, mußte jedoch fragen und hörte nun erst ihre Stimme
-von fernher näher kommen:
-
-»Manchmal fehlt es mir doch recht, daß ich ihn nicht sehen kann. Ist er
-nicht sehr verändert? Ist er nicht breiter geworden? Oder ist das
-Einbildung? Ich rede von Georg«, schloß sie leise erinnernd, als ob sie
-gefühlt hätte, daß Renate fern war.
-
-Die dachte wieder nach, was sie sagen sollte, und seine Augen vor sich
-gewahrend, bemerkte sie in halber Zerstreutheit: »Ja --, er hat ja nun
-solche Pferdeaugen.«
-
-»Pferdeaugen? wie meinst du denn das?«
-
-Renate gab sich Mühe, auseinanderzusetzen, wie sie es meine. »Früher«,
-sagte sie, »hielt ich seine Augen für grau. Nun sind sie erstaunlich
-braun geworden, dazu sehr stark, -- nicht quellend, nein, gläsern, und
-gerade bei heftigem Feuer können sie so etwas Starres haben wie die von
-Pferden, so daß die Augäpfel manchmal blitzen wie neu geschliffen oder
-stärker gewölbt. Ich weiß nicht, ob du ...«
-
-Magda, die still und in sich gebeugt zugehört hatte, fuhr jetzt empor
-und rief halblaut: »Wie war das? Bilden sich wirklich die Königsaugen?«
-Dann lachte sie leise und meinte: »Er bekommt sie schon noch einmal,
-aber er muß noch warten. Erinnerst du dich an die Augen seines Vaters?
-Königsaugen, anders lassen sie sich nicht nennen. Manche haben sie
-immer, Andre zuzeiten. Papa konnte sie machen, Klemens konnte sie haben,
-auch Bogner, wenn er erregt war. So, weißt du, zugleich kühn und
-verständig, von oben und sehr durchdringend, -- sind sie so?«
-
-Renate gab bereitwillig zu, daß sie ungefähr so wären.
-
-»Jetzt wirst du denken,« fing Magda nach einer Weile wieder an, »daß ich
-ihn verkläre, aber das tue ich wirklich nicht. Eben zum Beispiel hat er
-wieder eine halbe Stunde von Dingen geredet, von denen er gar nichts
-weiß, das ist ja nun seine Vorliebe. Ich verhalte mich dann schweigsam
-und bin vergnügt. Aber seit uns Li, als du krank warst, aus den
-Erinnerungen der Markgräfin vorgelesen hat, erinnert er mich oft so an
-den Kronprinzen Friedrich. Gar nicht im Charakter, oh, bewahre, nein,
-solch ein Hahnenfuß wie der ist Georg doch nicht gewesen! Nein, ich
-meine nur den Tod Kattes. Da gab es die plötzliche Wandlung, und nun, --
-was bei Friedrich der Katte war, das war bei Georg doch sein Vater«,
-schloß sie behutsam.
-
-»Ich weiß noch,« fing sie wieder an, »damals, als er dich besucht hatte,
-im März, da sagtest du, er wäre spottsüchtig. Armer Benno, Sie habens
-auch gefühlt. Und was sagte er noch gestern abend, Benno, von den
-Bestien, wie wars?«
-
-Benno zitierte beglückt: »Das Richtige ist, alle Menschen für Bestien zu
-halten und bloß jedem, der einem ans Herz kommt, so viel Leiden
-zuzutraun, wie man selber zu sich genommen hat.«
-
-»Zu sich genommen hat!« wiederholte sie, »herrlich! Ja, so ist er, so
-sind sie!« rief sie ganz heiß. »Von Friedrich heißt es auch, daß er ein
-solcher Menschenverächter gewesen sei, aber meinst du, den Männern wäre
-zu trauen? Die Menschen können doch niemand zu ihrem Verächter, können
-einen zu überhaupt nichts machen, wozu man nicht die Anlage hat. Das ist
-ja alles nur Selbstverachtung, weiter nichts. Es ist nur dumm, daß ich
-ihn nicht sehn kann. Alle Männer haben diese Art, auch Saint-Georges zum
-Beispiel, einmal in tiefem Ernst zu reden, -- und dann muß man raten,
-daß sie es ganz scherzhaft meinen; oder das unsinnigste Zeug, -- das
-ihnen dann wieder der tiefste Ernst ist. Und Georg, das verstehe ich
-wohl, ist solch ein Mensch, der wohl weiß, was er gelitten hat, nun aber
-viel zu hochmütig ist, um es für etwas Wichtiges zu halten, und so
-verachtet er in Bausch und Bogen das Leiden und sich und die ganze
-Menschheit. Ich versteh ihn so gut!« schloß sie triumphierend.
-
-Ihre Stimme rauschte Renate schmerzlich im Gehör. »Und was soll nun
-daraus werden?« fragte sie matt.
-
-Magda hob die Achseln und seufzte.
-
-»Vorläufig hoffentlich gar nichts!« meinte sie dann »Je weiter der Weg,
-desto besser. Du hättest nur hören sollen, wie er vom Christentum
-sprach! Daß es eine Religion der Liebe ist, scheint er noch nie
-vernommen zu haben.« Sie seufzte wieder und schüttelte sich.
-
-Renate glaubte, nun auch etwas sagen zu müssen, und brachte vor, was ihr
-einfiel: »Josef sagte einmal, ein Messer wäre auch nur da geschliffen,
-wo es seine Schneide hat, und doch sei immer das ganze Messer ein
-scharfes, geschliffenes Messer. Das übertrug er dann auf den Menschen,
--- ich weiß nun nicht mehr ...« Sie verstummte unter dem plötzlichen
-Gedanken, ein paar Minuten vorher etwas Böses getan zu haben, während
-Magda aufleuchtend einfiel: »Natürlich, so ist es ja mit Georg! Er ist
-immerfort, immerfort geschliffen worden, nur weiß ers nicht, weiß nicht,
-daß er an der Schneide geschliffen worden ist, und nach Jahren
-vielleicht, wenn er sie schon lange gebraucht hat, dann merkt ers
-plötzlich und kommt mir mit einer goldnen Erkenntnis. Ach, es ist ja das
-einzig Gute an ihm, daß er immer alles sieht und erkennt; nur was am
-Grunde liegt --, ach, dafür hat ja uns Allen ein guter Geist den Blick
-entwendet, wie wollten wir sonst leben?«
-
-Eine lange Weile war sie nun still, schien auf ihre Hände im Schoß
-hinabzublicken, doch liefen und kreuzten sich unablässige Wellen in
-ihren Zügen und machten den Mund ganz wenig zucken. Und schließlich
-begann sie mit tieferer Stimme:
-
-»Man kann doch nicht annehmen, daß es Menschen giebt, die das Schicksal
-sich aussucht wie Lasttiere, nur um ihnen immerfort aufzuladen, über
-Vernunft? Oft mußt ich das von mir denken; oft, wenn ich am Verzagen
-war, brannte es sich mir ein, denn -- wie ist das mit mir und Georg?
-Soweit ich mein Leben hinunterblicken kann, war immer nur er. Warum
-denn? Warum diese Gebundenheit an einen Menschen, für dessen Dasein sie
-gar keinen Sinn hat? Denke nur, auf Hallig Hooge sagte er, es sei ihm
-während der vergangenen Jahre oft schwer gewesen an mich zu denken, in
-einer solchen Einsamkeit sei ich ihm immer erschienen. Das war ja
-deutlich. Es hieß, daß er sich für mich kein Leben vorstellen konnte --
-ohne ihn, und deshalb war da eben für ihn nichts zu sehn. Ich lachte ihn
-ordentlich aus und erzählte ihm dies und das aus meinem Leben, wovon er
-keine Ahnung hatte, von Berlin, wo ich mich kaum retten konnte vor
-Menschen, die alle etwas von mir wollten, -- nun, das weißt du ja, aber,
-siehst du, von alledem ahnte er nicht das geringste, er wußte nichts von
-mir, gar nichts ...«
-
-Ihr Gesicht hatte stärker zu glühen begonnen, während sie das letzte
-sprach. Jetzt stand sie auf, machte einen versuchenden Schritt, senkte
-den Kopf, besann sich und setzte sich wieder.
-
-»Antworte mir nicht auf das, was ich jetzt sage«, fing sie ruhiger
-wieder an. »Vor einer halben Stunde bat ihn der Hauptmann um eine
-persönliche Unterredung, und da hatte er natürlich auch keine Ahnung,
-daß es sich um mich handeln könnte, und daß wir uns gut kennen und er
-mich oft besucht hat, um mir von Georg zu berichten. Der Hauptmann ist
-auch dumm, er geht zu Georg, um ihn zu fragen, ob er mich fragen darf,
-aber da kann er sich dann mal wundern. Nein, nein, du sollst nichts
-sagen!« rief sie lachend, da Renate ihre Hand ergriff, »ich weiß nichts,
-und wenn du nicht still bist, heirate ich ihn sicher nicht!« Verstummend
-ließ sie Renates Hand los, ihr Gesicht wurde blaß und fast spitz vor
-gesammeltem Ernst, während sie langsam und schwer sagte:
-
-»Ja, das scheint einem freilich sehr verkehrt. Alle kamen zu mir, aber
-er kam nicht, -- und muß ich nicht annehmen, daß ich ihm viel hätte
-geben können, da es doch für so Viele gereicht zu haben scheint? Und ich
-war reich an Leben und Menschen, aber Reichtum und Leben waren nicht
-sie, sondern die Gedanken an ihn, die mir Leben gaben und mich Leben
-empfinden lehrten. Und wenn ich trotzdem Leere empfand, so war auch die
-Leere von ihm. Und obgleich ich ihm nie etwas sein werde in Wahrheit,«
-schloß sie aufleuchtend mit den blinden Augen, »so will ich doch immer
-glauben, daß es gut ist, daß es hilft, daß es irgend etwas heilt, und
-daß es sein muß, alles, für mich, und für ihn, und für die Welt.«
-
-Eine halbe Minute hielt Renate es noch aus, stand dann eilig auf, sah
-einen Stuhl neben der Glastür, setzte sich darauf, legte das Gesicht in
-die Hände und weinte aus Leibeskräften.
-
-»Ja, was ist denn, was hast du denn?« hörte sie Magda fragen, »warum
-weinst du?«
-
-»Weil ich,« stammelte sie schluchzend, »weil ich vorhin gesagt habe,
-Georg hätte Pferdeaugen!«
-
-»Das ist entsetzlich!« sagte Magda.
-
-
- Georg
-
-Wozu, fragte Georg sich, als er, aus dem Frühstückszimmer
-heraufgekommen, das Buch mit den Aufzeichnungen auf seinen alten
-Schreibtisch legte, -- wozu war nun das? Wozu sagte ich das? Wozu reden
-wir das? Hat das alles nun irgendeinen Sinn, irgendeine noch so dürftige
-Fruchtbarkeit? Wird irgendwas klarer durch solche Reden, wir selbst uns
-durchsichtiger, besser, einsichtiger? Ach, so kurz ist dies Leben, und
-wir vertun es, wir verprassen -- ach -- oh du mein uralter Vers: Wer
-wüßte je das Leben recht zu fassen! Wer hat die Hälfte nicht davon
-verloren! Im Spiel, im Fieber, im Gespräch mit Toren! Ah freilich, und
-du, mein Platen, was ist denn nun dein geschliffenes Sonett mit nichts
-als seiner trüben Feststellung unserer Beschaffenheit, was ist es mehr
-wert als irgendein Frühstücksgerede! Hats dich klarer gemacht? Und wenn
-klarer, vielleicht besser? Hats dir irgendwas geholfen?
-
-Das lange Dach gegenüber glänzte regenschwarz mit den Schwellungen der
-Ochsenaugen; auf derer einem ward eine Krähe sichtbar, indem sie lautlos
-und schwerfällig im Bogen nach unten wegflog, und Georg hörte, als sie
-schon über ihm unsichtbar geworden war, ihren Schrei. Der leichte
-Schleierfall des Regens war nur vor den Fenstern drüben sichtbar;
-sichtbarer kaum als die Stille und leichte Ödheit des Sonntags, die
-überallher aus halbgeschlossenen Augen blickte.
-
-Warum war ich so aufgebracht und hitzig? Vielleicht war es wirklich
-zuviel verlangt von dem armen Benno, ahnungslos vom Schlaf aufzustehn
-und über alle Gottheiten Roms zu verhandeln.
-
-Wie schön aber sie aussah und lauschte! Ich habe ja nicht einmal Renate
-mehr vermißt. Du guter Geist, könnt ich dich halten! -- Und Renate? So
-war es immer: ich wollte Renate -- und wollte auch Esther. Wollte Renate
-und wollte Cordelia. Nun denk ich an Anna wieder, und wieder erscheint
-diese Ewige, an der ich festhänge, seit ich sie sah, und werde ich
-jemals aufhören zu schwanken, jemals die Stimme der Wahrheit hören
-können? Wer hat die Hälfte nicht davon verloren?
-
-Ja, fuhr er nachgrabend fort, noch etwas ist anders geworden. Ich sehe
-anders. Grade an Anna, wie ich sie dasitzen sah, ihre ganze Erscheinung,
-merkte ich -- wie war es nur? Umfassend -- ja, und -- wahrhaftig, es
-ist, als hätte ich früher Vergrößerungsgläser vor den Augen gehabt, so
-daß ich sie an alles ganz nah heran halten mußte, und ich sah Einzelnes
-nur und Kleines, jedoch übergroß. Sind die Gläser fort? Bin ich
-zurückgetreten, freistehend und nun das Ganze umfassend?
-
-Was ihm aber jetzt beim Aufschlagen des Buches entgegenfiel, das war der
-letzte Brief der Cornelia, in dem sie ihm mitteilte, daß sie nicht zu
-ihm zurückkehren könne, nur noch einmal kommen müsse, ihren Koffer zu
-holen. Hier also hatte er den lange vermißten hineingelegt. -- Georg
-versank über dem Anblick der Lateinschrift auf dem Umschlag, von den
-eigentümlich geworfen, ja geschleudert und achtlos aussehenden
-Schriftzügen wie stets mit dem ganzen Gegensatz ihres bestimmten und
-geordneten Wesens betroffen, -- Georg versank für Minuten in Gefühle
-wehmütiger Sehnsucht.
-
-Sie war schlank und grade; der Gang schlank und kräftig; das Haar glatt;
-die Augen rund, kindlich die Stirn, und sie war die Einfachheit selber.
-Einmal sagte sie, sie könne nicht denken. Vielleicht hatte sie nie, was
-ein Mann denken nennt, gedacht. Aber sie wußte Bescheid in allem; was
-sie äußerte, war klar; ihr Urteil war, in Wort und Wendung und Sinne
-nichts als vernünftig, sachlich, ja nüchtern, selbst wenn es die
-höchsten Dinge betraf. Nüchtern, -- ja, das war sie; von jener
-Nüchternheit, welche Hölderlin heilig nannte.
-
-Also, dachte Georg trübe, muß es wohl doch das Richtige sein, was sie
-jetzt tut? -- Dann wünschte ich nur -- o der Satan hole diese
-Verstricktheit der Welt! --, dies Tun wäre ihr vorgelegt, als sie den
-Montfort verlor, anstatt daß sie sich erst an mich hängte ... Wie lieb,
-wie sehr lieb wurde sie mir! --
-
-Montfort ... Es blieb sonderbar und kaum verständlich, was diesen
-schwarzen Kentauren zu der stillen Gesellin gezogen hatte. Sie aber war
-unter dem sengenden Gestirn zu dieser erstaunlichen Frucht glücklicher
-Klugheit und fester Süße gereift, die -- die er gekostet und verloren
-hatte; wie jene Andern ... Georg zog sich mit einem Seufzer aus seiner
-Schwermut und legte den Brief fort.
-
-Indem fiel sein Blick auf das vor ihm liegende Buch, und er öffnete es
-in der Erinnerung, grade über seine Art zu sehen darin etwas bemerkt zu
-haben. Sein Blick traf alsbald auf die Worte:
-
->Ich will mein Leben noch einmal von vorn durchdenken. Ich will aus dem
-Brunnen, Eimer um Eimer, die Vergangenheit heraufschöpfen, und aus jedem
-das Süße, das Herbe, das Giftige ziehen und einen Becher damit füllen,
-und dann will ich ihn trinken. Wohlan, wenn ich das Gift überlebe, so
-werde ich keines Todes mehr bedürfen.<
-
-Merkwürdig! habe ich das geschrieben? Warum so pompös? Warum so viel
-Geste? -- Er blätterte weiter, kopfschüttelnd, indem er sich auf den
-Rand des Schreibtisches setzte. Zuerst wurde sein Auge von dieser Stelle
-festgehalten:
-
->Im Niels Lyhne geblättert, diesem traurigsten aller Bücher. Aber was
-sehe ich da? Ich bin ein Bastard wie dieser Niels. Wir haben unedles
-Blut alle Beide und haben deshalb kein Anrecht auf jeden der beiden
-Throne, weder auf den des Lebens noch auf den der Phantasie. Usurpatoren
-des Lebens, fühlen wir in jeder Anstrengung, die wir machen, die
-Hoffnungslosigkeit aus Ursachen der Unrechtmäßigkeit. Wir -- aber ich
-habe es noch etwas schlimmer als du, denn ich weiß, was ich bin. Du,
-Niels, hast es nicht gewußt, ich aber habe dich gelesen ...<
-
-Auffahrend aus dem Hinträumen über die letzten Zeilen, fiel Georg zu
-gleicher Zeit ein, daß er etwas Bestimmtes in den Aufzeichnungen hatte
-suchen wollen, und daß Anna auf ihn wartete. Unschlüssig noch ein paar
-Blätter umwendend, sah er den Regen wieder dichter strömen, und wieder
-auf das Geschriebene gerichtet, fing sein Blick die Überschrift
->Erinnerung< auf. Darin mußte das stehn, was er suchte. Er konnte nicht
-loskommen, dachte: Anna kann warten -- und: bei dem Regen!, tastete nach
-seiner Zigarettendose und Streichhölzern, begann, schon lesend, zu
-rauchen, und las nun, fliegender Augen, in immer kälterer Erregtheit.
-
-
- Erinnerung
-
-Ich hatte eine halbe Stunde im Lehnstuhl geschlafen und hörte erwachend
-noch schlaftrunken Mathilde, die einsame Winterfliege, in der Dämmerung
-umhersummen, friedfertig mit sich selber beschäftigt. (Tante Henriette
-pflegte die Winterfliege die unsterbliche Mathilde zu nennen, oder
-einfach Mathilde.)
-
-Da erinnerte dies Summen nebst der winterlichen Dämmerung und dem
-Wärmestrom aus dem Ofen mich an etwas ähnlich Behagliches, und als ich
-suchte, fand ich mich nach einer Weile auf dem alten Sofa in meinem
-Zimmer der Pragerschen Wohnung. Die Fliege summte, es war warm und
-geheizt, ich hatte einen Roman im Schoß vom verehrten Scott, es war
-Sonntagnachmittag nach dem Essen, die Familie war in den
-Sonntagskleidern erschienen, das Tafeltuch frisch gewesen, Weingläser
-auf dem Tisch und alles freundlicher, heller als Wochentags und selten.
-Nun war alles still geworden; nur über den Flur aus der Küche tönten die
-Geräusche des abwaschenden Mädchens, und in Pausen immer wieder, schon
-lange hörbar und doch kaum gehört unterm Lesen, fernher die unendlichen
-schmetternden Roller eines Kanarienvogels.
-
-Ach, diese Behaglichkeit, -- wie alles Behagen nicht ohne einen geringen
-Zusatz von Öde! (Ungefähr so, als ob man gleichzeitig ein Durstgefühl
-hatte, nicht stark genug, um deswegen seine behagliche Lage aufzugeben,
-und auch zu unbestimmt nach was?) Und wie abgeschieden waren solche
-Stunden, was war ferner als der nächste Morgen, Schulgang und die fünf
-end- und trostlosen Stunden!
-
-Aber auch diese Wintermorgende hatten ihr mehr grausiges Behagen! Das
-frostklappernde Aufstehn im Dunkel verlor seine Peinlichkeit alsbald im
-freundlichen, sehr hellen Licht der Gashängelampe, in dem alles warm
-wurde, eng das verschattete Zimmer, und noch höre ich in jenen Minuten,
-wo ich selber still war nach den heftigen Geräuschen des Zähneputzens
-und Waschens, die tiefe Lautlosigkeit, während des Anknöpfens der
-Hosenträger, wobei die Zeit stillzustehn schien, und auch von Benno
-nebenan war -- vielleicht aus dem gleichen Grunde -- nichts zu hören, so
-daß es plötzlich war, als sei in der ganzen Wohnung kein Mensch.
-
-Es müßte einmal einer das Behagen der kleinen Dinge beschreiben, der
-allerkleinsten, jener, die jedem bekannt sind, so daß man nur daran zu
-erinnern braucht, und die doch niemand sich sagte. Jenes Empfinden etwa
--- reizvollsten Behagens ach warum nur? --, mit dem man beim Anziehn der
-Beinkleider zwischen den Schenkeln durch nach hinten faßt und das Hemd
-straff nach unten zieht, so daß man es am ganzen Rücken und auf den
-Schultern fühlt. Oder jene höchste Wonne des Erdendaseins, das reine
-Taghemd mit allen Plättfalten und seiner Frische, fertig mit allen
-Knöpfen ausgebreitet liegen zu sehn und nun über den nackten Leib zu
-streifen! Oder die nicht minder hohe, nachts mit einem brennenden Durst
-zu erwachen, ohne Licht zu machen noch die Augen auf, zum Waschtisch zu
-tappen und dann dazustehn und lechzend aus der vollen Karaffe ... Ah,
-wahrlich, nicht unfroh bin ich, das bürgerliche Dasein kennen gelernt zu
-haben! Werde ich auch jemals den Geruch von Tabaksrauch aus den Kleidern
-und der getragenen Wäsche meines Berliner Schrankes vergessen, jenen
-abscheulichen Geruch, der mir in der Erinnerung heute die ganze Welt
-versüßt?
-
-Viele behagliche Dinge fallen mir ein. Einmal begleitete ich Benno und
-seine Eltern in den Sommerferien in einen Badeort an der Ostsee, Zempin
-glaube ich, hieß es, und unvergeßlich blieben mir die stillen,
-sonneglühenden Nachmittage dort, wenn von allen Veranden und Balkonen
-das Klirren der beim Decken des Kaffeetisches in die Untertassen
-gelegten Löffel hörbar war, ein so wechselnd getöntes Klirren. Dazu
-unaufhörliches und eintöniges Hühnergegacker. An Hotelzimmer muß ich
-denken, wie sie auf einmal bewohnt aussehn, wenn eine geöffnete
-Handtasche darin steht und auf dem Tisch eine metallene Seifendose und
-die Kristallflaschen mit silbernen Deckeln liegen, und es riecht nach
-Juchten ... Ein Abend im Schlößchen fällt mir ein: Virgo saß vor einer
-meiner Vitrinen in der Hocke, nahm jeden Gegenstand heraus und hielt
-ihn, selber im Schatten hockend, gegen das Licht hoch, Irisgläser, die
-persischen Federkästen, Porzellangruppen und was es nun war, fragte
-tausenderlei und erzählte kleine Schnurren. Eine behielt ich: wie sie
-als Kind zuweilen Kuchen stahl aus dem Korb im Büfett, hinterher aber
-für jedes Stück einen oder zwei Pfennige hinlegte. Sie nahm sie aus
-einem Portemonnaie von Perlmutter, so groß wie ein Auge ...
-
-Ja, vielleicht ist es gerade die Erinnerung und sie allein, die
-dergleichen Dinge wertvoll macht, die an sich nichtig sind. Sie sind es,
-an die man sich erinnern kann. Ich versuche, mir Stunden des Glücks oder
-des Schmerzes vorzustellen, Stunden der Leidenschaft, der Erhebung
-zurückzurufen, aber wie kann ich sie leibhaft machen, da mir in diesem
-Augenblick doch jenes Feuer, jener Odem fehlt, der sie damals beseelte?
-Aber die unspürbar leisen Rhythmen innerster Bewegung, der Stille, des
-abgeschiednen Beruhens, sie läßt das gelinde Aufpochen des Fingers
-wieder schwingen, und wir nehmen sie gerne auf.
-
-Aber dies Bild, warum blieb es in mir haften? Ein sehr stiller Raum,
-sonnig bei geschlossenen Vorhängen, von dem ich übrigens nichts sehe,
-als daß er eben da ist. Ich sitze an einem Tisch, an der anstoßenden
-Seite kniet auf einem Stuhl Anna als kleines Mädchen, halb über der
-Platte liegend, und da steht ein Wasserglas und liegen weiße Bogen und
-jene wunderbaren kleinen Hefte voll mattfarbiger, undeutlicher Bildchen,
-die aneinanderhängen, -- Abziehbilder, jawohl, so hießen sie, und Anna
-und ich mühten uns ab, die ins Wasser getauchten auf reinem Papier
-festzudrücken und -- zu warten. Dies Warten war unmöglich! Immer wieder,
-mit unsäglicher Behutsamkeit mußte ein Zipfel angelüpft werden, und
-immer war es noch weiß darunter, es mußte mit dem Finger wieder Wasser
-daraufgetropft werden, der halbe Tisch schwamm, und dann -- ja, wie kann
-ich nur meine eigne Haltung, meinen eignen Ausdruck gesehen haben, mit
-dem ich den eben abgelüpften Zipfel wieder andrücke und vor Anna so tue,
-als wäre alles in Ordnung, obgleich ich doch genau sah, daß ich die
-zarte, bunte, naßglänzende Haut darunter angerissen habe ... Anna
-natürlich war die Geduld selber, und wenn sie einmal lüpfte, so kroch
-sie von oben fast unter das Papier; dabei stöhnte sie entsetzlich.
-
-Und schon überfällt mich wieder ein andres: In der Geschwindigkeit eines
-Vorbeifahrens, über drei Stufen an einer Hausecke durch die offene
-Hälfte einer Tür aus geriffeltem Glase ein Blick in einen Bierschank:
-ein Stück von einem ungestrichenen Tisch, die blanken Messingkrahnen der
-Theke und dahinter das rote Gesicht des Wirts unter einem Öldruck der
-Kaiserin; er streift von einigen Biergläsern den Schaum mit einem
-kleinen Brett ...
-
-Wann in aller Welt sah ich das jemals? Und warum in aller Welt grub es
-sich in mein Gehirn?
-
- * * * * *
-
-Oh seltsame Wege der Nerven! Einen halben Tag lang bis zum Einschlafen
-verbrachte ich gestern mit Grübeln über jener Erinnerung, umsonst. Heut
-morgen fällt mir beim Anziehn ein -- in der Stunde, wo man nichts denkt,
-und das Denken sich selbst überlassen wirkt --, daß ich in der Nacht von
-der armen Helene träumte, und sofort sehe ich mich auf der Fahrt nach
-Helenenruh an ihrem Todestag und habe jenen Blick in die Tür des
-Bierausschanks. Wie aber kam ich gestern darauf? Nun, ganz gewiß hat
-auch etwas in mir, während ich das von den Abziehbildern schrieb, an
-Helenenruh gedacht, an Helene und an ihren Tod.
-
-Ich habe nun weiter über das eigenartige Walten des Erinnerungsvermögens
-nachgesonnen, und mir ist folgendes klar geworden:
-
-In dem leider einzigen Gespräch, das ich mit Josef Montfort hatte,
-stellte er unter mehreren anderen die Behauptung auf, daß der Mensch
-nichts je Erlebtes vergäße und an alles, wenn er nur wollte, sich
-erinnern könnte. Indem ich hieran dachte, sah ich ihn mir
-gegenübersitzen, wie damals im Kaffeehaus; fiel mir sogleich die
-Erregung auf, in der ich mich damals beim Hören befand, und schon hielt
-ich wie in einer Phiole das Element, in das getaucht ein erlebtes Bild
-Erinnerungskraft behält, ohne eignes Willenszutun von uns:
-leidenschaftliche Erregung. Gleich machte ich einige Proben: Damals die
-angstvolle Erwartung auf der Fahrt nach Helenenruh bewahrte mir jenes
-Bild und noch manches andre vom Weg, der vorüberflog. Ich denke niemals
-an meinen Vater, ohne ihn in dem Augenblick am Vortage meines
-achtzehnten Geburtstages zu sehn, wo er meine Hand preßte und etwas in
-mich hineinsprach, das ich nie behielt, da ich ein Augenmensch bin. Die
-Straßen meines Schulweges, mein letztes Klassenpult, Fenster, Wände und
-Bilder des Klassenraums, alle tausendmal gesehn in der täglichen
-Angsterwartung, stehen vor mir, daß ich die kleinste Beschmutzung, die
-geringste Entstellung daran beschreiben könnte. Fast glaube ich, daß
-Angstgefühle und Zustände des unsicheren, angstvollen Wartens die
-stärkste Macht zum Einprägen von Gesichtsbildern besitzen; angstvolles
-Warten, wo wir im brennenden Verlangen nach der einen Gestalt tausend
-Dinge mit glühendem Stempel des Auges in uns pressen, nur weil wir sehen
-müssen um jeden Preis, die Augen festklammern müssen, fiebernd uns mit
-Dingen beschäftigen. So erscheinen mir doch immer, wenn ich Renates
-gedenke, nicht einmal ihre Züge, sondern die Akazienwipfel der
-Güntherstraße, im Laternenlicht halbverschattet die graue Stirnseite
-ihres Hauses und erleuchtete Fenster, von damals her, als ich dorthin
-lief, nur gepeinigt vom Verlangen ihrer Nähe. Ja, Angst und Erwartung
-sind es, die ohne unser bewußtes Zutun jenes Könnenwollen der Erinnerung
-Josef Montforts bewirken, nicht nachträglich, sondern vorwegwirkend,
-denn in solchen Zuständen _wollen_ wir sehen, obschon nicht das, _was_
-wir sehen.
-
- * * * * *
-
-Noch immer im Lauf der Tage ab und zu mit Erinnerungsdingen beschäftigt,
-mir selber unvermerkt auf der Suche nach Zuständen der Erregtheit und
-Bildern daraus, und indem ich immer die Probe machte auf das erste,
-augenblicklich hervorschnellende Bild, dachte ich an meine Corpszeit,
-und siehe da, was stellt sich mir dar? Das Speibecken in der Toilette,
-freilich immer benutzt zu Zeiten übelster Peinigung. Verfluchtes Ding!
-Daß so das Sinnlose zur Einrichtung führen konnte! Saufen in der
-Gewißheit, in der Hoffnung sogar, das Gesoffene wieder von sich zu
-geben. Der deutsche Student, vorstellbar im Bilde von Münchhausens
-halbiertem Pferd.
-
-Ich rettete mich in einen Ausblick auf Bogner, und gleich sah ich ihn in
-Renates Kapelle stehn, einen Arm gegen die Wand gestützt. Damals malte
-er seine Engel, ich war wieder einmal Renates Nähe zugerannt, wir hatten
-dann ein Gespräch in der Nacht, und -- gewiß, wir sprachen auch vom
-Tode, den Tod brachte ich in irgendeine Verbindung mit der Liebe, und da
-sagte er: nein, das sei vorläufig nichts für ihn ...
-
- * * * * *
-
-Heut sah ich Esthers Gespenst.
-
-Ich ging auf breitem Ebbestrand. Das Meer war dunkel, bewegt, nicht
-stürmisch; der Himmel bewölkt und grau. Plötzlich läuft eine Fußspur vor
-mir auf, weibliche Füße, klein, etwas breit, und wie ich mich noch
-wundere über die seltene Erscheinung, muß ich erkennen, daß nach jedem
-dritten oder vierten Schritt der rechte Fuß leicht nach innen schlägt.
-Mir stand das Herz. Esther! dachte ich nur, folgte der Spur in einer
-unseligen Versunkenheit und -- sehe sie in plötzlicher Biegung dem
-Wasser zu hineingehn und in den Wellen verschwinden.
-
-Aus der Meerflut gekommen, mir erschienen, und wieder hineingegangen.
-Esther in dem rotvioletten Kleid, unschlüssig, traurig ...
-
-Es ist natürlich die Magd gewesen. Und sie ist nicht in die See
-gegangen, sondern nur dichter an den Wellen her, zur Zeit als die Ebbe
-noch tiefer war, und als ich kam, hatte die steigende Flut die Spur
-fortgenommen.
-
-Doch was geht das mich an? Ich saß im Zimmer und sah wieder den feurigen
-Roteichenbaum jenseits des Grabens, selber neben Esther auf der Bank, in
-angstvoller Erwartung dessen, was ich tun sollte und nicht können würde,
-und Erscheinung löste sich aus Erscheinung ...
-
-Aber Esther selber entschwand bald. Die Zeit war zu lustig und hell für
-die nun so umflorte Gestalt. Noch einmal sah ich sie deutlich: ich
-selber stand auf dem kleinen Balkon vor dem Saal im Schlößchen, unten
-stand sie mit Herrn Vögeleins kleinem Neffen, warf seinen Ball zu mir
-herauf und ich ihn wieder hinunter, -- noch glänzt mir ihr lächelnd
-erhobenes Gesicht. Dann sprang ich hinunter. Sie sagte: Nun ists genug,
-kommen Sie herunter! -- und ich hatte die meines Wissens einzige
-Anwandlung von Tollkühnheit in meinem Leben und sprang ohne weiteres in
-die Tiefe, wobei ein Fuß leider zerbrach. Oh schöne Zeit, die mirs
-lohnte! Die Ferien standen nahe bevor, ich hätte nach Helenenruh fahren
-müssen, nun wars ein Vorwand zum Bleiben, ich konnte die langen Tage
-liegen und Besuche empfangen und Esther bei mir sitzen haben, und einmal
-sogar kam Renate. Leichteste Zeit! Um ins Haus Montfort gelangen zu
-können und nicht unprinzlich hüpfen zu müssen, ließ ich eine Hängematte
-außen mit violettem Samt, innen mit weißer Seide beziehn und durch die
-Ösen an beiden Enden eine vergoldete Stange schieben; dazu mietete ich
-zwei eben stellenlos gewordene Inder, Türsteher eines verkrachten
-Panoptikums, die mich zum Wagen und im Montfortschen Haus und Garten
-überall hintragen mußten. Das war einen Tag schön, dann standen sie
-überall im Wege, und ich gab das Ganze auf.
-
-Eine Ansichtskarte fällt mir ein, die Renate oder Anna von Bogner und
-Ulrika bekam, als die Beiden einmal eine Reise machten. Darauf hatte er
-sie und sich abgebildet, wie sie auf einem Stuhl sitzt und ein Loch in
-seinem Strumpfhacken stopft, den er ihr, mit dem Rücken nach ihr vor ihr
-stehend, hinhält, mit der Umschrift: Sie wird mich in die Ferse stechen!
-
-Halbe Nächte im Gespräch mit Sigurd und Benno über die ewigen Dinge.
-Leicht genug mögen sie gewesen sein, und wenn sie mir schon schwer
-waren, so war doch das Reden darüber zu leicht. Immer im Hintergrund
-aber, ob unsichtbar, war Esther, deren leises Eintreten ich immer
-erwartete, und kam es nicht oft?
-
-Als wir einmal Alle beisammen waren, fragte jemand Jason, wie es
-eigentlich komme, daß er zu allen Frauen seiner Bekanntschaft Du sage.
--- Wie kommt es dann, fragte er hinwieder, daß sie es auch sagen, sobald
-ich es einmal getan habe? -- Ach, ihr Männer, sagte er, da niemand eine
-Antwort hatte, zu meinem Zimmerofen sage ich auch Du, sind aber die
-Frauen nicht um vieles wärmender? Sie sagen gern wieder Du, wenn ich es
-sage.
-
-Es ist immer viel mehr der Duft der Worte, den man wahrnimmt, wenn Jason
-spricht, als die Worte selbst, und ich glaube, Alle empfanden wie ich in
-jenem Augenblick, daß es kühl um uns war, daß wir uns Alle kühl waren,
-und vielleicht hätten wir eine Wahrheit entdeckt, wenn nicht einer von
-andern Dingen angefangen hätte, wie das immer zu sein pflegt, wenn
-Wahrheiten vor der Tür stehen.
-
-Nun sehe ich Dora Vehm, -- was ward aus ihr? -- Ich sehe sie beim
-Krokett auf der Wiese, es war kein Spiel für Kinder, sondern lange,
-schwere Hämmer und wuchtige Kugeln. Sie aber schlug mit einer Kraft,
-Anmut und Sicherheit die großen Bälle weithin durch die Tore, gegen
-andre Kugeln, unaufhaltsam weiter ihres Wegs, daß es eine Wonne war, sie
-dabei zu sehn. Ihre Augen brannten, sie strahlte, ich sah Ägidi, der
-ruhig wie ich dabeistand, sie hatten jeder ihre Augen in der Gewalt.
-
-Seltsam genug: für einen unernsten Menschen kann ich mich nicht halten,
-ich liebe die Schwermut vielleicht mehr, als daß ich sie habe, aber wie
-geht es zu, daß fast alle Erinnerungen heiter sind, die sich beschwören
-lassen? Noch heute fiel mir ein Fetzen Papier in die Hände, leserlich
-gekritzelt darauf:
-
- Halbgöttinnen gehn am Gestade, -- das stahlblaue Meer
- Wirft Ketten von silbernen Fischen um ihre Füße.
- Salzluft bereift der roten Lippen Süße,
- Gewänder flattern farbig um sie her.
-
-Das stammt aus den ersten Tagen meines Hierseins. Renate und Magda waren
-zu Bogner gekommen, es war ein warmer, sonniger Tag, ich stand oben auf
-meinem Turm mit dem eben gefundenen Handfernrohr und sah sie am Strande
-alle Vier, Renate, Magda, Ulrika und Cornelia. Sie hatten Schuh und
-Strümpfe ausgezogen, Renate und Ulrika Magda untergefaßt, Cornelia ging
-voran in einem lichtgelben Kleid, die drei Andern hatten allesamt weiße
-Kleidröcke und bunte, gestrickte Jacken, Renate eine burgunderrote,
-Magda eine grüne, Ulrika eine violette, und ich konnte durch das
-Fernrohr feststellen, daß nur die Renates und Ulrikas aus Seide waren,
-Magdas, stets bescheiden, war Kunstseide. Noch sehe ich die Drei im Rund
-meines Tubus unten stehn und zu mir heraufwinken, flatternd, farbig,
-lachend auf dem weißen Strand vor der dunklen Wogenwand von Blau, aus
-der die Welle, um ihre rosenen Füße leckend, kleine, silberblitzende
-Fische spülte ...
-
-Meine letzte farbige Erinnerung. -- Allein warum behielt sich mir das
-Heitre so oft?
-
-Ich schrieb es wohl neulich schon auf: An Schmerzliches kann allein die
-Vernunft sich erinnern; das Gefühl kann nicht nachschaffen aus Nichts,
-was damals erglühte, so geht der Vorgang selber unter, und es bleibt nur
-das optische Bild, um so leichter, je farbiger, je brennender es war.
-
-Ja, nur die Bilder erscheinen, mondlich angestrahlt, seltsame Monde
-selber, abgeschieden vom Damals, wirkungslos ...
-
-Wenn die versunkene Stadt -- in der Nacht der Erlösung -- sich aus den
-fallenden Wassern erhebt, -- tönen die Glocken wie vormals ... Wandeln
-wie vormals die Straßen, -- und die kindlichen Spiele -- tun es wie je
-den Erwachsenen gleich.
-
-Doch es blieb ein Vermächtnis -- aus der versunkenen Jahre Gram -- auf
-den seltsam alten -- Gesichtern zurück. -- Und es beleuchtet ein fremder
-Mond -- Turm und Planet und seltsam verschnörkeltes Dach.
-
-Während rings aus dem riesigen Meere die alten -- Gestirne steigen und
-wieder schaun, -- was niemals altert. -- -- Wo keines Segels ernster
-Schatten, -- kein Vogelflug nach der düsteren Ferne strebt.
-
-Anders lächeln von Fenster und Tür -- Mädchen auf Knaben, -- und anders
-der Alten Schritt -- über die steinernen Treppen und Höfe schallt.
-
-Mädchen, die Sträuße tragen, -- atmen befremdet den Duft, der von
-gestern erzählt ...
-
-Im Schweigen der Glocken -- hören sie Alle -- ängstlich und deutlich --
-das schwellende Dröhnen -- der kommenden Flut.
-
- * * * * *
-
-Als ich heute an der offenen Türe des Kuhstalls vorüberging, fuhr ein
-unsichtbarer Arm mitten aus dem Mistgeruch auf mich zu, packte, schwang
-und stellte mich mit gewaltigem Schwung über mehr als drei Jahre hinweg
-auf den Helenenruher Wirtschaftshof, in einen Sommertag, in den Tag, wo
-ich meine Kindheit verlor.
-
-Das weiß ich heut, daß ich sie damals verlor. Der Tag wars, wo Bogner
-gekommen war, wo das mit Jason geschah, wo ich nachts in Annas Zimmer
-war. -- Noch sehe ich die gelben Orpingtonhühner auseinander stieben,
-sie erschraken vor Unkas, und da geht Unkas tappend auf die Tür seines
-Stalles zu, und ich selber stehe da und -- ich vergaß, was ich dachte,
-aber -- es scheint mir ein Vorspuk gewesen zu sein, ein Aufdämmern vor
-dem gänzlichen Erwachen. Das kam in der selben Nacht, da lag ich auf der
-Wiese am Parkrand, nicht weit von der Stelle, wo ich am Morgen gelegen
-hatte und zu mir gekommen war aus dem Sonnensieden wie aus brodelnder
-Geburt. Da lag ich am Boden und fühlte das Tragen der Erde, sonderlich
-heimatlos und kühl war mir zu Sinne, ich wußte -- ja, was wußte ich
-wohl? Daß ich nun alles wußte, das wars.
-
-Heiliges Kindheitsland, wo bist du? -- Zurecht fallen die Verse mir
-jetzt ein, die ich in Helenes Mappe fand. Als ich sie dichtend empfand,
-da dichtete Erinnerung in mir, Erinnerung an jene Nachtstunde am
-Parkrand, wo ich mich erkannte, weil ich das Weib >erkannt< hatte; wo
-meine Kindheit ein Ende nahm. Und doch, als ich diese Worte im Gedicht
-empfand, -- wie dumpf noch, wie unwissend, wie nur abgehorcht einer
-unverständlichen Geisterstimme, und freilich echter vielleicht darum,
-echter gedichtet als das meiste sonst. Heute erst weiß ich ganz.
-
-Unkas aber mit seinem tastenden Gang, die Hühner, die tafelnden Arbeiter
-im Hof: diese waren mein erster wacher Blick, meine erste Beobachtung.
-Während es dämmrig in mir selber blieb, begann ich Bilder in mich zu
-füllen unermüdlich, deren schillernde Buntheit mir das Innre magisch zu
-erhellen schien. Immer genügte die Anschauung, und sooft ich es selber
-sein mochte, an dem ich Beobachtungen machte, so genügten mir auch sie,
-und zu Erkenntnissen dehnte ich sie nicht aus. Auch das Bild Emmaus
-beobachtete ich wohl und verstand es ästhetisch genau, und mir selber in
-jener Nacht brannte das Herz vom Zuspät. Heut weiß ich seinen Sinn,
-heut, wo es zu spät geworden ist.
-
- * * * * *
-
-Doppelt erregt, von hundert Bildern seines vergangenen Lebens aus der
-Aufzählung der Erinnerungen, und von dem heftigen Gefühl, daß gleichwohl
-nicht er dies geschrieben habe, sondern ein Fremder, der erstaunlich
-viel von ihm wußte, schloß Georg aufatmend das Buch.
-
-Nein, sagte er mit Entschlossenheit, ich bin das nicht mehr. Das ist ja
-schrecklich, diese Augenjagd nach Kleinem und Kleinstem, in der
-Aufzählung mit drangeknüpften Nutzanwendungen wie hier ja ganz reizvoll,
-aber war das der Zweck des Erlebens? -- Und er sah sich selber
-herumfahren wie einen schillernden Argos mit zehntausend apokalyptischen
-Augen. Seine eigenen Augen gingen ihm über dabei, -- aber jetzt, da er
-die Lider schloß, kam etwas aus dem Dunkel; eine dunkelblaue Brust im
-Anzug, Schlips und Kragen, und nun das Gesicht seines Vaters, Bart und
-Haar, Wangen und Brauen und endlich -- Georg erbebte -- auch der Blick
-der gestorbenen Augen. Alles dies aus der wirbelnden, einzig
-beglückenden Stunde am Vortage jenes achtzehnten Geburtstages,
-eingebrannt in die Luft, um ihm jahrelang immer wieder zu erscheinen. --
--- Im Nu war das wieder verschwunden, aber Georg, schmerzlich ihm
-nachblickend, während vor seinen wiedergeöffneten Augen Fenster und Dach
-erschienen, fragte sich schwer und gebunden: Deshalb? Deshalb das
-tausendfache Schaun, damit dies gesehen wurde und haftete?
-
-Er wartete horchend, aber es kam nichts weiter, und er erhob sich nun
-hastig, ging ins Nebenzimmer, wo er mit Egons Hülfe, auf Umkleiden
-verzichtend, festere Stiefel und Gummimantel anzog, ergriff Hut und
-Schirm und eilte hinunter.
-
-
- Viertes Kapitel
-
-
- Magda/Renate
-
-Georg war, als er das Frühstückszimmer wieder betrat, zufrieden mit dem,
-was er an sich beobachten konnte. Denn nicht nur, daß er die jetzt
-anwesende Renate, weil sie mit dem Rücken am Kreuz der Glastür lehnte,
--- so daß er, selber ins Helle blickend, ihr vom Licht abgewandtes
-Gesicht nur undeutlich wahrnahm -- für Irene hielt, zumal sie die Füße
-im Stehn vorgeschoben und sich dadurch verkleinert hatte; nein, auch als
-er sie erkannte, war, was ihm aufs Herz fiel, eher eine abweisende
-Kühle, und er fand sich unangefochten. Auf seine Frage nach Irene wurde
-ihm gesagt, daß sie sich immer noch angegriffen fühle und nicht vor zehn
-Uhr zu erscheinen pflege. Renate -- er sahs -- hatte wieder geweint, und
-Georg hatte eine alte Abneigung gegen vieles oder leichtes Weinen von
-Frauen. Im Augenblick trug sie freilich einen skurrilen Ausdruck zur
-Schau, der ihr Gesicht lieblich verkleinerte, die Augen blank machte und
-etwas spitz wie die kleiner Tiere. Georg äußerte zu Anna -- im stillen
-Renates Kleid bewundernd, das von blauem Violett, in der Form dem der
-Äbte glich, mit weitem, faltenreich glänzendem Rock und engen Ärmeln,
-die bis zum Ellbogen ein schlichter Schulterkragen bedeckte --, ob sie
-nicht auch fände, die Abatissa habe Augen wie ein Wiesel heut.
-
-Über Magdas Gesicht ging ein ungemeines Glänzen, während sie, ohne die
-Augen aufzuschlagen, schwieg und fortfuhr, die Knöpfe ihres Lodenkragens
-zu schließen. Renate fing an zu lachen, drehte sich um, legte das
-Gesicht in den hochgehobenen Ellbogen und den Arm gegen die Scheibe und
-lachte so einfältig, daß Georg ungehalten wurde.
-
-»Was lacht sie denn so? Ist heut nicht Charfreitag?«
-
-»Erst Pferd und dann Wiesel, da hast du's«, sagte Anna unverständlich zu
-Renate hinüber, und indem erschien vor Georg lautlos Egloffstein, ihn
-blicklos anblinzelnd mit den ganz hellen Augen unter weißen Brauen,
-Renates Mantel und Schirm in den Händen, die er Georg überreichte. Der
-aber fand nun, ins Freie blickend, daß es nicht mehr regnete; über die
-Terrasse glitten Sonnenstrahlen. Es gab noch einen Kampf mit Renate um
-den Mantel, bis Georg ihn ihr zum Tragen überließ, da er sie und Anna zu
-führen hatte.
-
-Als Georg dann, Annas Oberarm mit der Linken umspannend, mit der Rechten
-Renates Handgelenk, seinen Arm unter dem ihren, was sie
-unbegreiflicherweise zuließ, -- als er so am Ende des Hauses die Beiden
-die Stufen hinabführte und zur Linken den Weg hinab in den Park, sich
-aufrichtend und Luft einziehend, stimmte er sich ernster, im Gedanken
-des Wegs, den sie gingen, und an den Annas Rosenstrauß ihn erinnerte.
-
-Naß, aufgeweicht, braun erstreckte sich vor ihnen der stumpfe Sandweg
-mit glänzenden Lachen an den Rasenrändern. Über die Büsche des Waldes,
-die zierlich begrünten, lief ein fröstelndes Beben. Vor ihnen, in der
-Weite der Parkflächen, standen die Bäume noch kahl und ohne Bewegung,
-während die grünen Gesträuche sich schüttelten im leichten Wind. Birken
-glänzten kalkigweiß, und stark war der Geruch all des Nassen,
-Erfrischten umher; österlich wie das Ganze selbst der eilig in
-grauweißen Wolken fahrende Himmel.
-
-Sie schritten schweigsam, langsam dem Weiher zu. Die Insel erschien,
-noch ganz schwarz, nur über dem Ufer unten grün mit Buschwerk gefleckt.
-Georg nahm die Blicke aus der Höhe des kahlen Astwerks zurück und wandte
-sie insgeheim gegen Renate.
-
-Herzbewegend schien ihm, was er nun sah: zwischen den kleinen Bögen des
-hohen Halskragens, die unterm Kinn und den Ohren nach außen gerollt
-waren wie die äußersten Kelchblätter einer Blume, kamen von innen kleine
-weiße Zungen heraus, Kelchblätter gleichfalls, und daraus stieg, und
-darin ruhte die geschlossene, feste, reiche Blüte des kleinen Haupts mit
-den ewigen Farben: Hyazinthblau und Magnolienweiß und Buchenbraun; mit
-seinem Wunder der Braue; der Sehnsucht von Engeln im Winkel des Mundes;
-dem Stolz von Byzanz in der Biegung der Nase, -- ach, Heliodora, wie war
-alldas doch festlich und schön gewesen! -- Und er bekam den Blick nicht
-los aus diesem, gradaus schauenden ihres Auges, zwischen winzigen
-Schlägen der Wimpern aus dem feuchten, gewölbten, durchblauten Kristall;
-diesem blickenden Leben, dieser sichtbar vor sich hinschauenden Seele
-aus dem magischen Haus.
-
-Dunkelgrau lag der Weiher, leicht wellenbewegt, zur Linken die schmale
-Brücke mit dem Rindengeländer; aber die Anna blieb, als er zu ihr
-einbiegen wollte, stehen, indem sie genau zu wissen schien, wohin sie
-gelangt war. So hielten auch er und Renate, wortlos, und Georg fand sich
-emporblickend leise geblendet von einem weißgelblichen Quellen im grauen
-Gestrudel des Himmels. Nicht weit davon war ein hellblaues Loch von
-unendlicher Tiefe.
-
-»Weißt du noch,« hörte er Anna sagen, »wen wir hier herausgezogen
-haben?«
-
-»Wir, Anna? -- Übrigens hast du im Leben keine edlere Tat getan«, setzte
-er mit ungewolltem Spötteln hinzu. Sie bewegte daraufhin nur leise
-verneinend den Kopf hin und her, streckte die Hand nach dem Geländer
-aus, fand es und ging allein über die leise sich wiegenden Bohlen. Auch
-Renate bewegte, da er sie ansah, ähnlich wie Magda den Kopf, machte sich
-los von ihm und ging langsam davon, den Weg am Ufer hinunter. Also
-folgte er allein über die Brücke, rasch, um Magda in den Baumgang zu
-führen, die nach Renate nicht weiter fragte. Georg bedauerte immerhin
-soviel Zartgefühl, das ihn beraubte.
-
-
- Magda
-
-Das Herz Georgs schlug an, als er aus dem Baumgang über die kleine Mulde
-hinaustrat, behutsam und so gleichsam mechanisch wie die Einlaßglocke in
-einem Hausflur, worauf er das Ausbleiben eines Mehr an Empfinden damit
-entschuldigte, daß in dem scharfen Sterben dieses Jahres die alten Tode
-zugrunde gegangen seien. Immerhin empfand er die ernsthafte
-Feierlichkeit des leicht geschlossenen Raums, über dem er blaue Segel
-taumlig über weißquellende Meere hinfliegen sah. Die kahle und nasse
-Buche gegenüber dampfte da und dort unter dem linden Feuer vereinzelter
-Strahlen; undeutlich an der Rinde erschien das dunkel metallene Schild.
-
-Es waren aber schon Menschen dagewesen. Da, wie Georg sich erinnerte,
-sein Vater bald nach Helenes Tod eine zweite Brücke hatte schlagen
-lassen, die von der Landstraße aus zu erreichen war, so fand Georg den
-Rasen unter dem Baum bedeckt mit frommen Zeichen: Sträuße, Kränze und
-Schleifen, und um den Stamm -- welch holder Einfall eines Kindes! -- war
-eine Girlande von Primeln geschlungen, -- ein jungfräulicher Gürtel des
-Frühlings. Georg teilte Anna dies halblaut mit, und sie gab ihm ihre
-Rosen, die er in den Primelkranz hing, um ihnen so einen bevorzugten
-Platz zu geben. Sie standen dann stumm einander gegenüber, getrennt von
-dem blühenden Durcheinander am Boden, auf das Magdas Blicke
-hinabgerichtet schienen wie die seinen, und wo der Geruch von Nässe
-wetteiferte mit dem herben der Stechpalmen und dem leidenschaftlichen
-der Hyazinthen. Auf einer violetten Schleife, die seltsam an Renates
-Kleidung erinnerte, entzifferte Georg die in Gold gestickten Worte: Der
-Unvergeßlichen.
-
-Der Unvergeßlichen ... Gewiß vergaß er sie niemals. Drei Jahre bald war
-sie tot, aber worauf beruhte die Anhänglichkeit dieser Menschen an die
-immer unsichtbare Gestalt? Dienerschaftsgeflüster, dachte Georg, und
-dann, daß Güte und langes Leiden wie Christus über den Wellen wandeln
-nach überall. Indem ward er des Sarges inne, der hier unter seinen Füßen
-stand. Er fühlte die Luft kühler und fröstelte.
-
-»Sind viel Blumen da?« hörte er Magda fragen.
-
-»Eine Menge.«
-
-»Voriges Jahr«, erwiderte sie, »waren es zwei Sträuße und ein Kranz. Was
-mag das bedeuten?«
-
-Georg erriet an ihrem Ausdruck, daß sie es auf ihn selbst bezog, und
-sagte leise: »Ja, die Menschen sind seltsam.«
-
-Stille. Laut schmetternd erhob ein Buchfink seine nahe Stimme, und aus
-weiter Ferne herüber war eine Amselflöte zu hören.
-
-»Sage mir, Georg,« redete ihn das Mädchen wieder an, »glaubst du je
-empfunden zu haben, daß sie nicht deine Mutter war?«
-
-Er hob die Achseln. »Wie kann ich das sagen? Ich empfand etwas. Aber ob
-ich auch, wenn sie weniger unsichtbar gewesen wäre ...«
-
-»Aber«, sagte sie, »dein Papa, das hast du doch immer gefühlt!«
-
-»Ja, Anna!« bekräftigte er überzeugt -- und schreckte zusammen. Was
-sagte er denn da? Aber wie mißverständlich hatte sie auch gefragt! --
-Noch nach einer berichtigenden Antwort suchend, sah er Magda horchend
-den Kopf anheben und hörte gleich darauf selber Stimmen und Schritte von
-Menschen. Wenig später standen sie wieder vor der Brücke.
-
-
- Renate
-
-Unweit am Ufer zur Linken, über der Flut, wo Blaues und Weißes sich
-schnell ineinanderschlang, saß eine sehr stille, violettblau gekleidete
-Gestalt, in sich versunken, -- Renate auf ihrem Mantel, den sie über die
-Bank gebreitet hatte, und von ihr ging ein Gefühl von Ernst und Trauer
-aus. Nahe über ihr flüchteten weiße gestaltlose Nebelwolken unter dem
-blauen Gewölbe, das durch vielfache Lücken schien und glänzte, und
-Strahlen wanderten lautlos golden dazwischen umher, erloschen und
-brachen an anderer Stelle mit lächelnder Sanftmut hervor. Weit und offen
-darunter das Land glänzte in Heiterkeit; Grün der Wiesen, überall zart
-erblinkend von gelben Schlüsseln; die kleine weiße Versammlung der
-Birken, unweit hinter Renate, schien dazustehn gleich Jünglingen oder
-Mädchen, die auf den Anfang der Wettspiele warten; ganz fern wirbelten
-Büsche grün und licht, und die Gruppen der schwärzlichen Bäume hatten
-nichts Struppiges mehr, sondern Weichheit und die unsichtbare
-Verschleierung ihrer Knospen. In der bewegten Stille der Lüfte regten
-sich lebhafte Vogelstimmen, zwitschernd und zuversichtlich, durch die
-lautlos weiche Geschäftigkeit der wandernden Lichtstrahlen.
-
-Ach, mein Frühling! dachte Georg und fühlte sich wieder beglückt; er
-führte wortlos die Anna über den Brückensteg und den Weg zu Renate
-hinunter, nach einer Weile erst kurz bemerkend, daß sie dort sitze.
-
-Renate blickte auf, als sie näher kamen, durch Georgs Augen streifend
-mit einem unverständlichen Blick voll Trauer und Güte. Das verwirrte ihn
-so, daß er nach einer Weile erst inne wurde, daß sie sich mit Magda
-stritt, die sich jetzt an ihn zur Entscheidung wandte. Sie müsse zur
-Generalprobe in die Stadt, und obwohl für Renate ein Vertreter bestellt
-sei, wolle sie jetzt mitkommen, und Georg sollte es verbieten, da sie
-doch ihren Fuß für den Abend schonen müsse.
-
-»Braucht sie abends ihren Fuß?« hörte Georg sich ganz freundlich fragen.
-
-»Aber ja doch! Zum Orgelspielen! Zum Pedaltreten!«
-
-Georg, nicht recht begreifend, warum er einen kleinen schneeweißen
-Eisberg in einem blauen Wasser schwimmen sah, raffte sich auf, sie zu
-überzeugen, aber der Streit schien bereits entschieden, und er konnte
-sich nun wundern, die Anna in ihrem hellroten Kleid, den Mantel am Arm,
-zwar irgendwie unsicher, aber ganz allein den Weg hinabgehen zu sehn.
-
-»Kann sie denn sehn?« fragte er ungläubig.
-
-»O ja, heute ganz gut!«
-
-»Darf ich mich zu Ihnen setzen?«
-
-»Gern!« Und Renate zog ihren Mantel, auf dem sie saß, weiter auseinander
-neben sich, denn die Bank war ganz naß.
-
-Georg schloß die Augen, erquickt vom Gefühl des Sitzens.
-
-Eine Lust schnellte jetzt in ihm auf wie ein Hund hinter der Hoftür,
-eine Begier, zu reden über irgendwas, da er sonst denken mußte, und
-schon hatte er sich an der Banklehne hin zu Renate hinübergelehnt und
-schwoll über.
-
-In diesem Augenblick glaubte Renate zum ersten Mal, seit sie ihn kannte,
-die Leibhaftigkeit Georgs, seine wirkliche Nähe zu spüren. Früher --
-wieviel ferner als alle Andern war er ihr allzeit gewesen, ein junger
-Mensch, den sie nicht verstand, fremdartigen Wesens, abgeschlossen von
-ihr. Während sie ihn sprechen hörte, stellte sich deutlich Erinnrung an
-seinen Vater ein. Was erinnerte denn so sehr an ihn? Es war -- Magda
-hatte es getroffen -- etwas Fürstliches da, eine Unbändigkeit
-und Überlegenheit. Freilich -- seine Mundwinkel hatten ein
-Verächtlichkeitszucken, das ihr zu häufig kam, als daß es ihr ganz echt
-scheinen konnte. Aber sein Auge war klar, zumal in Pausen, wenn er
-schwieg und weithin blickte; dann hatte es einen Glanz von
-Unerschrockenheit, von Stetigkeit und -- sie fühlte ein innres Erröten,
-als sie es dachte -- fast von Wärme, wenn er sich nun zu ihr wandte.
-Warum nur lärmte er so? sprach schallend laut und machte heftige Gesten?
-Ja, auch das war wie beim Vater ...
-
-»Ja, nun sehen Sie mal, teuerste Renate, da haben wir Charfreitag. Ein
-schöner Tag offenbar, ich bin ganz erstaunt. Denken Sie an, ich habe da
-drei Wochen bis über die Augen in Geschäften gesessen und nicht bemerkt,
-daß es Frühling ist. Aber so geht es mir immer. Passen Sie mal auf!« Er
-redete nun immer freier und sorgloser, in schnellender Erleichterung von
-Satz zu Satz. »Ich will Ihnen mal genau sagen, wie sich das mit mir
-verhält. Vor ungefähr vier Jahren hatte ich folgenden Traum. Ich stand
-in einem Theaterparkett, nicht wahr; auf der Bühne war ein glänzender
-Festzug, ich sollte eigentlich mitwirken, nicht wahr, aber die Menschen
-ließen mich nicht hin, und ich schrie, nicht wahr, Sie verstehn, wie das
-so ist im Traum, und ich schrie jedenfalls: Ich komme nicht hinein.
-Komisch, was, aber wir können so weise werden wie Salomo, wir träumen
-doch immer wie die Esel. Übrigens war dieser Traum eben nicht so dumm,
-barg vielmehr eine Wahrheit am tiefen Grunde, wie der Dichter sagt, und
-was meinen Sie, wer förderte sie zutage? Natürlich Ihr leider
-verstorbener Vetter Josef. Was sagte er nämlich, wie legte er es aus?
-Ganz einfach, nicht wahr, nämlich -- ich käme bei Gott nicht hinein, in
-die Gegenwart gewissermaßen, Sie verstehn, was man so >das Leben< nennt.
-Ja, Sie lächeln, Renate, aber nun ist es wahrhaftig eingetroffen. Im
-Allgemeinen und im Besondern. Soll ichs beweisen? Ich meine --, ich weiß
-ja nicht, ob es Sie --«
-
-»Sehr, Georg, sehr doch! Ich habe ja viel an Sie denken müssen, seit Sie
-Herzog sind, und --«
-
-»Das wird ein schöner Schlamassel werden, nicht wahr? Haben Sie das
-nicht gedacht?« rief Georg, bog sich nach hinten und lachte schallend.
-
-»Nicht ganz, Georg, aber daß es sehr schwer --«
-
-»Schwer? Was für'n Unsinn, Renate! Wie kann so was schwer sein? Das ist
-genau wie mit dem Dichten, meinen Sie, das wäre schwer? Der Eine kanns
-immer, der Andre kanns nie. Ich gehöre zu denen, die es nie können«,
-schloß er überzeugt.
-
-Georg schwieg. Minutenlang schwieg er, aber während dieses Schweigens
-sprach er ganz andre Worte zu ihr als im Augenblick zuvor. Er sagte,
-langsam und nachdrücklich Wort für Wort und ohne die Fürstenpose, die er
-sich angeformt hatte, ohne selber zu wissen wie; er sagte:
-
-Sieh, Renate, wie das mit mir ist! Zwischen den Menschen und mir ist
-etwas wie ein Schleier; nicht einmal Schleier, -- nur Glas,
-durchsichtig, und scheinbar ist gar nichts da, und doch ist es etwas,
-das den geraden Blick bricht, so daß er nicht eindringen kann in ihr
-Sein. Das ist die Lüge ...
-
-Hier brach er ab, dachte trocken und heiß: Warum sag ich es nicht? Warum
-leg ichs nicht einmal in eine fremde, in ihre Hand, daß sie's weiß, daß
-sie -- ja, daß sie nur etwas näher zu mir ist, als daß wir nun sitzen
-als Unbekannte und reden, was ebenso gut und was besser ungeredet
-verbliebe?
-
-Georg bemerkte, daß genug geschwiegen war, besann sich und begann von
-neuem so wie vorher.
-
-»Also ich wills Ihnen beweisen! Zum Beispiel folgendermaßen, nicht wahr,
-ich will beispielsweise reden. Sie wissen, Ihr Vetter Erasmus hat, wie
-auch früher mein Vater, und nach dem Vorgang von Abbe in Jena, die
-Einrichtung getroffen, daß die Arbeiter seines Unternehmens am Einkommen
-beteiligt sind. Nun, herrlich, nicht wahr, menschenfreundlich und
-gerecht. Und was kommt heraus? Ein jeder Arbeiter, nicht wahr, hat sein
-Stück Geld auf der Bank, ist, mit einem Wort, ein kleiner Kapitalist.
-Ist aber damit ein Übel beseitigt? das Grundübel, der Kapitalismus?
-Tausend Menschen sitzen mit Goldplomben in den Zähnen, und da giebt man
-den Übrigen auch welche, das ist die Geschichte. Ja, sehen Sie doch, der
-steifste Reaktionär könnte ja nichts Besseres tun, um der
-sozialdemokratischen Arbeiterschaft den Mund zu stopfen, denn wer satt
-hat, der ist zufrieden, das ist so alt wie Jerusalem. Ja, aber
-meinen Sie, das könnte mir passen? Da sehen Sie also, daß bei
-Menschenfreundlichkeit nichts herauskommt. Also, wie greif ichs an, wie
-komm ich hinein, da ich auf einer ganz andern Grundlage stehe?
-
-»Oder ein andres Beispiel. Ein Dichter schickt mir da seine Verse mit
-der ergebenen Bitte, ihm zum Abdruck zu verhelfen. Dummes Zeug, nicht
-wahr, das sich reimt, na, aber das ist Zufall, sie könnten ja gut sein.
-Was tu ich? Laß ich diese drucken, so kann jeder kommen, ich muß einen
-Verlag aufmachen, das geht nicht. Aber, da ich nun mal die Aufgabe habe,
-im Einzelfall den Mangel der Gemeinschaft zu erkennen, was tu ich? Ich
-denke nach, nicht wahr, über diese besondre Gemeinschaft der Dichter,
-die keinen Verleger finden, oder wenn auch, nicht genug zum Leben
-bekommen, und was fällt mir ein? Folgendes, nicht wahr? Alle Dichter
-höheren Grades, eben jene, die es am schwersten haben, tun sich zusammen
-und geben ihre Werke gemeinsam heraus. Was geschieht? Diese Werke kauft
-niemand; da sie gut sind, niemand. Was muß der Dichterverlag m. b. H.
-tun, um sich über Wasser zu halten? Muß noch andre Werke herausgeben,
-die gehn, Kunstbücher oder Schmarren oder so, was Sie wollen, mit einem
-Wort: sie müssen einen richtigen Verlag gründen, den Konkurrenzkampf
-aufnehmen, und so weiter. Können sie das? Gott bewahre, sie sind
-Dichter, sie müssen also einen Geschäftsmann an ihre Spitze stellen,
-einen Verleger, der es macht wie die Andern, und was kommt zutage? Ein
-Verleger mehr zu den alten. Oder aber, ich muß einspringen, muß den
-Verlag unterstützen --, ja -- na, da kann ich grad so gut dem Einzelnen
-helfen, der zu mir kommt, und wir drehn uns im Kreis wie die Schafe mit
-Littiti.
-
-»Oder drittens, um zum Kern der Sache zu kommen. Ein Schuldirektor
-überreicht mir in Audienz ein dickleibiges Manuskript: Umformung des
-gesamten Schulwesens. Schön, nicht wahr, des gesamten, der Kerl, denkt
-man, fängt die Sache am Grunde an. Ich fange an zu lesen, nicht wahr?
-Übrigens ein geistvoller Mann, wie Herder, nur praktischer. Also ich
-lese zwanzig Seiten und habe folgende Vision. Ich lege das Buch meinem
-Kultusministerium vor. Das sagt: Ausgezeichnet, und streicht mir die
-Hälfte weg. Die verbliebene Hälfte, nicht wahr, leg ich vor den Landtag.
-Der sagt auch ausgezeichnet und streicht wieder die Hälfte. Das
-verbliebene Viertel geht an die Schulbehörde, und da sickert es nun über
-die Inspektoren zu den Direktoren, zum Lehrkörper endlich, und allda
-wirds ein Pensum. Da sitzen in allen Klassen diese braven und unbraven
-Berufsmenschen, die fünfzig Karpfen und drei Hechte in die Schleuse der
-Versetzung zu treiben haben, und was meinen Sie nun, ist inzwischen aus
-der glorreichen Umformung meines Herders geworden?
-
-»Und da, Renate, da haben wir die Sache beim Kopf und können sie lausen.
-Hilft es irgend etwas, die Einrichtungen ändern zu wollen? Nein, die
-Menschen müssen sich ändern, und nun sagen Sie mir um Gottes willen, wie
-ändert man die?«
-
-Georg, heftig frierend, aber sonst frei, sah zu Renate auf, die sich
-langsam erhoben hatte.
-
-»Ja, möchten Sie denn nicht zugreifen, Georg, um sie zu ändern, die
-Menschen?« sagte sie leise. »Wie schön --«
-
-»Ich, Renate, ich?« Hohnlachend warf Georg sich zurück. »Ich? Ja, wie
-komm ich denn dazu? Einigermaßen sitze ich ja fest in meinem Leben, bin
-wenigstens fertig damit, aber -- hab ich mich denn je geändert? Wie hab
-ich ein Recht? Gott, sehen Sie doch, mein Vater --« Er verstummte, für
-Sekunden sprach- und gedankenlos, und sah Artaxerxes, den Schwarzen,
-über das Wasser heranziehn, plötzlich abbiegen und um Renate, die vorn
-am Ufer stand, einen weiten Bogen beschreiben, indem er leise fauchte.
-
-»Mein Vater«, fuhr Georg mit Anstrengung fort, »war ein Mann der Tat. Er
-stand nun mal auf dem Boden, auf dem er zu schaffen verstand. Ich steh
-auf einem ganz andern, von dem aus die ganze Gemeinschaft, in der wir
-leben, falsch aussieht, oder so -- warten Sie -- nun, wie wenn Menschen,
-nicht wahr, deren Natur für eine bestimmte Höhenlage, ein bestimmtes
-Klima geschaffen ist, in einer andern, höhern oder tieferen Luftschicht
-angesiedelt sind, und was sie auch anfangen, es verbiegt sich, es wächst
-verdreht, was nach unten will, nach oben, und umgekehrt, ja, es ist doch
-wahrhaftig, als säßen sie alle mit dem Wipfel im Erdboden und ließen die
-Wurzeln in die Luft starren. Kann ich sie umdrehn?
-
-»Mit einem Wort: daß ich hier sitze und Herzog bin, das ist der
-allergrößte Schwindel. Aber so geht es eben. Jahrelang habe ich nach
-diesem gestrebt und es für Glanz und Ruhm gehalten, wie der Dichter
-sagt, und nu -- was is es nu? Wie die Engländer sagten, als sie auf dem
-Brocken gewesen waren: _We have seen all the mist and missed all the
-scene._ So ist es.«
-
-Renate lächelte, und er lachte nach Kräften.
-
-Fertig damit und still geworden, sagte er nachdenklich:
-
-»Und das, Renate, das sind denn so die Dinge, von denen sich reden
-läßt.«
-
-Renate, auf ihn heruntersehend, fragte freundlich: »Und die
-eigentlichen, die wir verschweigen --?« Aber indem fiel Georg, erstarrt
-vom Erschrecken, ein: »Um Gottes willen, was war denn das eben? Das habe
-ich doch schon einmal erlebt! Nein, es war -- anders, aber -- die Worte,
-meine Worte eben --«
-
-Er verstummte, jagend nach der Erinnerung durch hundert Bildstücke
-seines Lebens, und mit einer Erleichterung endlich traf er auf Bogners
-gutes Gesicht und hörte ihn die Worte sagen: Und das sind denn wohl so
-die Dinge, von denen man reden kann. Wann? Wann? Hier, in Helenenruh, am
-Ende auf dieser Bank? Nein, in einem Zimmer war es, im Gastzimmer. --
-Georg sprang auf und starrte die Bank an, fühlte indem die Hand Renates
-an seinem Arm, sah aufblickend ihre Augen, lächelnd in einer
-beängstigend süßen Besorgnis, und stammelte eine Entschuldigung.
-
-»Haben Sie«, fragte er, »das einmal erlebt, daß man glaubt, sich an ein
-andres, ein Leben vor diesem zu erinnern? Aber nun weiß ich schon, es
-waren nur Worte Bogners, die ich eben brauchte. Vor drei Jahren -- --«
-Er brach ab. »Soll ich Sie ins Haus bringen?«
-
-»Ja, aber auf einem Umweg bitte. Wirklich, es ist nicht so schlimm für
-meinen Fuß,« bat sie, »ich möchte so gern ein wenig gehn und auch mehr
-von Ihnen hören. Sagten Sie nicht, im Besondern und Allgemeinen? Ja,
-dann müssen Sie mir schon das Allgemeine auch noch beweisen, und dann --
-dann werde ich Ihnen einen Rat geben!«
-
-»Das wäre herrlich! Also gehn wir!«
-
-Er nahm ihren Arm wie zuvor und führte sie an der Bank vorüber, weiter
-am Teich hin, um auf einen der Wege zwischen die Wiesen abzubiegen.
-
-
- Renate (Fortsetzung)
-
-Georg brachte seine Sprachmühle laut klappernd wieder in Gang.
-
-»Ich sagte, glaub ich, schon mal, daß ich fertig wäre. Das heißt, ich
-habe mich abgefunden mit dem hier, dem sogenannten Ich. Man bastelt
-überhaupt viel zuviel dran herum, weniger wäre mehr, wie immer, aber --
-nun, was ich sagen wollte: heut morgen auf einmal wach ich auf, und kaum
-daß ich merke, ich bin für diesen schönen Charfreitag mir selbst
-überlassen, was fällt mir ein? Daß ich keinen Glauben habe. Oder das
-Christentum. Ja, ganz so sehe ich das auf einmal vor mir, als hätte ich
-das versäumt. Nun sagen Sie, Renate, Ihr Vater war doch Pastor, und Sie
--- verzeihen Sie die Frage! -- Sie sind doch fromm? Ich fände wenigstens
--- es wäre schön, wenn Sie fromm wären ...«
-
-Renate, die ihn nicht ansah, fragte, etwas tonlos, wie ihm schien:
-»Warum meinen Sie das?«
-
-»Warum? Ja, erklären läßt sich das kaum ... Aber -- eine gottlose -- ich
-meine: wirklich gottlose Frau, nicht wahr, das erschiene mir schlimmer
-als eine Betrunkene. Ja, sollten nicht alle Frauen Priesterinnen sein?
-Bei den Germanen galten sie doch wenigstens als heilig, und -- auf den
-Glauben, auf den Gott käme es vielleicht weniger an als -- eben auf das
-Frommsein. Irgendwie Gottheit verwalten, einer Gottheit dienen, sei es
-Astarte, wenn sie glauben könnten an Astarte, aber -- das ist ja
-freilich, was immer fehlt: der Glaube. Und Sie -- Sie glauben aber an
-Gott?«
-
-Er war bei diesen Worten mit ihr stehen geblieben, da sie an das Gatter
-neben dem Eichenwäldchen gelangt waren. Sich los von ihm machend, trat
-sie davor, legte eine Hand darauf, und während sie über das Land
-hinzublicken schien, sah Georg von Schatten ein ganzes Heer über die
-lichten Gefilde dieser Züge fallen. Wieder und wieder wollten sie
-aufglänzen, fast sich schüttelnd darunter hervorkommen, der Mund bewegte
-sich häufig, die Winkel bebten; mit einer Anstrengung machte sie sich
-endlich frei von den inneren Vorgängen und sagte mit rauher Stimme:
-
-»Was wollten Sie denn wissen?«
-
-Etwas beschämt, dies gesehen zu haben, und beklommen, da sie seine Frage
-nicht beantwortet hatte, schwieg Georg. Indem näßte ein Tropfen seine
-Stirn, und er bemerkte, daß Land und Himmel sich verdunkelt hatten. Der
-Himmel war wieder schwer grau, auf den zum Deich ansteigenden Wiesen
-wehte das Gras heftig, schon fiel ein feuchter Schauer von oben. Georg
-hängte Renate hastig ihren Mantel um die Schultern und sagte: »Ins Haus
-kommen wir nicht mehr, aber ich weiß hier einen Unterstand!«
-
-Sie folgte stumm, scheinbar ganz willenlos am Wäldchen hinunter, bis
-Georg, in das Unterholz einbiegend, voranging, um die tropfenbehängten
-Zweige auseinander zu schlagen. Nach wenigen Schritten stand er vor
-einem riesigen Eichenstamm ohne Krone, in dem eine fast zwei Meter hohe
-Höhle in Dreieckform klaffte. Er ließ Renate eintreten, es war Raum in
-dem warmen mehligen Innern genug, daß auch er selber drin stehen konnte,
-und so standen sie eine Weile, wortlos, lauschend, wie der Regenschauer
-von hoch oben in den Wald einfiel und hier und da prasselte auf den
-jungen Blättern.
-
-Tiefer ins Innre der Höhlung tretend -- während Renate am Eingang eine
-Schulter anlehnte, ins Freie blickend --, sah Georg mit nicht geringer
-Beklommenheit in die enge Wölbung empor, die sich in der Höhe in Nacht
-verlor. Durch einen fensterartigen Spalt über ihm in der Rückwand
-sickerte Licht. Das ist eine Kapelle! dachte er, und daß er ihr nun so
-nah und in solcher Abgeschlossenheit mit ihr war wie noch nie. Ich
-glaube, ich könnte ihr gut sagen, daß ich sie liebe; Wirkung,
-irgendwelche Folgen würde es keine nach sich ziehn, und ich werde es
-auch wohl kaum tun.
-
-Unter solchen Gedanken betrachtete er den reichgeschlungenen Knoten
-ihres Haars, dessen sondres Braun an einer Stelle matt glänzte und
-heller schien in dem aus dem oberen Spalt fallenden Licht. Nur die
-Biegung ihrer Nase war ihm sichtbar und an dem kaum merklichen Auf- und
-Niedergehn der violettblauen Schultern, daß sie schwer zu atmen schien.
-Weich lag die Stille umher mit dem Regengeräusch und fernem Gezwitscher
-von Meisen.
-
-Renate sagte:
-
-»Sie sagen, daß Ihnen ein Glaube fehlt. Was ist denn das für ein Glaube,
-den Sie haben möchten?«
-
-Georg zauderte lange im Empfinden, nun ganz aus innen sprechen zu
-dürfen, und indem wurde sein Auge von einer neuen Erscheinung gefesselt.
-Das war nichts weiter als der Zweig eines Holunderstrauchs, der sich
-gegen den Eingang von draußen erstreckte. Die jungen, noch weichen, aber
-schon großen -- vielleicht erst heut, nach dem Morgenregen so groß
-gewordenen Blätter mit kleiner Zackung waren sich in einer so
-liebreichen Weise gleich, so geschwisterlich auf ähnliche Weise immer
-wieder vorhanden, und dabei so genau gemacht und so schön, so einfach
-und klar in dem Dasein, in einer verborgenen, aber merkbaren und stillen
-Aufgabe begriffen, nur ruhig schaukelnd und ungestört, wenn eines ein
-Tropfen traf, daß Georg die Augen nicht abziehn konnte von dem
-freundlichen Bild und so lange gedankenlos blieb. Endlich fing er dann
-an:
-
-»So bin ich hineingerannt in die Welt und habe immerfort ausschauen
-müssen nach allen Seiten. Was hab ich gewonnen? -- Weltanschauung -- das
-Wort will zu viel und giebt zu wenig, denn: was ist anschaun? -- Nein:
-wahres Wissen um einige wenige Dinge, um das Eins ist not, -- und ein
-tiefes ernstes Eingerichtetsein auf dies Wissen -- das möchte ich wohl.
-Ach wohl, ich habe immer gedacht, es ernst zu nehmen mit mir, aber nun
-scheint mir fast, mir -- und jedem heut, dem der Glaube fehlt, dem fehlt
-nicht er, sondern dem fehlt es irgendwie -- am Ernst.
-
-»Und dann, Renate,« fuhr er traurig fort, »dann wäre Religion nichts,
-das einem zuflösse von außen, vom Himmel, oder woher es auch sei.
-Sondern sie wäre wie eine Eigenschaft des Wesens und Lebens, wie ein
-Temperament, wie Heiterkeit oder Schwermut, und was man mit ihr
-berührte, das müßte von ihr zu fließen anfangen.«
-
-»Und das Christentum,« hörte er nach einer Weile Renates Stimme durch
-den Regenstrom, »das, glauben Sie, könnte Ihnen --«
-
-»Ich weiß ja nicht!« rief er, sie unterbrechend. »Heut morgen sprach ich
-mit Anna und Benno darüber --, aber seitdem ist mir alles so zerfallen.
-Das Christentum ist für jenseits; ich will etwas für hier. Vom Ahnenkult
-der Japaner, das fiel mir heut morgen schon ein, las ich bei Hearn, daß
-es in ihm weder einen Unterschied zwischen Religion und Ethik gebe, noch
-zwischen Ethik und Moral oder Sitte. So etwas dachte ich mir. Die
-Gesetze der Gemeinde und des Hauses, der Familie, die, sagt Hearn, seien
-die Sittenlehre des Shintoismus, und Staat und Religion, Sitte und
-Gesetz, die sind eins. Klingt das nicht wundervoll? Und weiter erinnere
-ich mich, daß er sogar sagt, das wahre Leben jedes religiösen Gesetzes
-liege in seiner Bedeutung für die Pflicht des Menschen gegen den
-Menschen; in der Lehre von Recht und Unrecht, sagt er. Das, das ist es!
-Die sittlichen Erfahrungen eines Volkes, die zu Religion geworden sind.
-Verstehen Sie mich doch, Renate, ich will keine Religion für mich,
-sondern für Alle. Sie haben ja Alle keine, wie könnte ich sonst ohne sie
-sein? Also hätte unser Volk, hätte Europa keine sittlichen Erfahrungen?
-Warum auch übernahmen wir das Christentum? Sie wurde uns eingeimpft,
-diese unsinnige Lehre vom Leiden, diese versprechende Religion, die das
-Leben nimmt, statt es zu geben. Ja, und sehen Sie dabei: sind die
-Japaner vielleicht bessere Menschen?«
-
-Er sprach, ohne noch fest zu wissen, was er sprach, immer die mattgrünen
-stillen Blätter vor Augen, deren jedes ihm mehr und mehr eine
-Offenbarung hinzuhalten schien in ihren ruhigen kleinen Götterhänden.
-Dann als er schwieg, hörte er deutlich die große Stimme der Einsamkeit
-über die niederfallende Flut.
-
-Renate hatte ihm jetzt das Gesicht zugewandt und lächelte ein wenig.
-»Ach Georg,« sagte sie dann, »ein bißchen, ein ganz klein bißchen
-erinnern Sie mich doch immer an Jules Verne.«
-
-»Ach! Aber warum denn das?«
-
-»Weil er«, erklärte sie, »zuerst eine Möglichkeit annimmt, zum Beispiel
-die, daß eine Kugel voller Menschen sich zum Mond schießen lasse. Und
-auf dieser unbewiesenen Möglichkeit baut er nun weiter, ganz
-wissenschaftlich und logisch und richtig, und alles bekommt seine
-Ordnung und wird belegt und bewiesen -- bis auf jene Möglichkeit. Und
-Sie, Georg, Sie betrachten einen Gegenstand und sagen: der ist so! Und
-auf diesem >so< bauen Sie auch weiter nach allen Regeln der Logik, und
-es hat alles seine Richtigkeit, bloß das >so<, das hat keiner bewiesen«,
-schloß sie lächelnd.
-
-»Meinen Sie wirklich?«
-
-»Ja, nannten Sie nicht das Christentum eine Religion des Leidens? Nun,
-und selbst wenn es das wäre, heute wäre, wer zwingt Sie, das
-anzunehmen?«
-
-»Sie haben recht, Renate, ich -- ich kenne es vielleicht gar nicht. Also
-habe ich unrecht? Überzeugen Sie mich doch bitte!«
-
-Sie schwieg eine Weile und schien zu warten, daß der überlaut strömende
-Regen leiser würde. Dies geschah auch bald, und Georg hörte sie
-sprechen, von ihm abgewandt, dem Wald zugewendet.
-
-Renate begann langsam, die Worte nur selten verändernd, eine
-Charfreitags-Predigt ihres Vaters zu sagen.
-
-»Wir«, sagte sie langsam, »blicken aus der Gegenwart in die
-Vergangenheit; und sehen wir dort in der Ferne Christus, im Jahre Eins
-oder Dreißig, so scheint uns dort alles anzufangen wie die Rechnung
-unserer Zeit. Es scheint, als wäre von allem, was er brachte und war,
-nichts gewesen zuvor; als ob er ein noch nie dagewesenes Neues erfunden
-habe, und wie wäre das möglich? Nur auf einem Grund läßt sich bauen,
-nichts ist neu von allen Seiten, und wie alle Andern, die uns heute ein
-völlig Neues gebracht zu haben scheinen, war er ein Erneuerer, und es
-war alles schon vorher, und nur auf seine Weise war es noch nicht.
-
-»Und ferner sieht, wer ihn von hier aus sieht, sein Leben nicht vom
-Anfang, sondern vom Ende. Vor dem Ganzen erhebt sich das Kreuz,
-überschattet das Ganze und macht sein Leben zu einem einzigen
-Stollengange des Leidens, einem Gange zum Kreuz, in der Gewißheit dieses
-Endes von Anbeginn. Die gewaltigen Worte von Golgatha, von der Vergebung
-der Sünden, vom ewigen Leben, von der Vollendung des Leidens, sie
-scheinen nunmehr das Einzige, scheinen das Gefäß, das Leben und Lehre,
-alles umschließt, und das Leben nur der Weg zu ihm, oder der Unterbau,
-der sie als Krone, als Schlußstein trägt, und es dient nur, sie zu
-erklären, zu stützen, zu vervollkommnen. So aber müßte man sie in
-Wirklichkeit sehn, als Krone und Schlußstein des Baus, aber das
-Eigentliche ist und bleibt doch der Bau und nicht seine Bekrönung.
-
-»Und so müßte man ihm nachgehn durch dieses Leben, ihm, nicht als einem
-Halbwesen, halb wirklich, halb immer symbolisch, sondern als einem
-leibhaften, glühenden, wollenden, versuchenden Menschen, der kam, um zu
-helfen, nicht um zu sterben. Der Schritt für Schritt, immer eifriger,
-immer wissender, immer liebevoller, sich steigerte in Worten und Taten,
-erst Worte gab, dann Taten -- jene, die heute die Wunder heißen -- zur
-Erhärtung, als Bürgschaft der Worte. Er, der Liebe säte und Glauben
-empfing. Der leidenschaftlich lebte, ein Dichter, kräftig packend in die
-Speichen der Sprache, dessen Rede leben sollte und brennen, der ihr
-Augen gab und Lippen und schlagende Flügel, und der also leibhaftig
-redete und stets mit den Grenzen des Ausdrucks, in den Tiefen der
-Darlegung, und so kam es dann, daß er so widersprechende Worte sagte
-wie, daß kein Stein auf dem andern bleiben werde, bis daß es alles
-geschehe, und daß auch kein Tüttel vom Gesetz verloren gehn solle, und
-er nicht gekommen sei, aufzulösen, sondern zu erfüllen. Das sagte er,
-denn die jüdische Glaubenslehre, so erstarrt sie schon Christus
-empfunden haben mag in der Verpanzerung des Gesetzes, sie war unendlich
-reich an sittlichen Forderungen, an tiefer Weisheit des täglichen
-Lebens, und wie schön an die Erde gebunden mit dem Messias, der kommen
-sollte, nicht nach dem Tod, sondern zu lebenden Menschen der Erde. Und
-es ist die wundervolle Unterscheidung der jüdischen Heilslehre, daß sie
-das goldene Zeitalter nicht in der Vergangenheit sah wie der Grieche,
-nicht im Jenseits wie der Christ und der Brahmine, sondern in einer
-leibhaften Zukunft der Menschheit.
-
-»Man kann sich wohl denken, daß auch er dies gewollt hat, und also sein
-Leben weiter sehn. Nachdem darin im Anfang alles helle gewesen war,
-überall Freude und Entgegenkommen, Dankbarkeit und Vertrauen, fing nun
-der Haß an, der immer an zweiter Stelle kommende; die Befeindung, -- und
-langsam ließ sich gewahren, wie er sich verstrickte, und daß es nicht
-genug war, gut zu sein, daß es keinen Schutz gab gegen das Mißtrauen und
-gegen die Eigentümer des Hergebrachten, die sich bedroht schienen von
-jeder Neuigkeit. Und die Ahnung ging ihm jetzt auf, daß er einmal zu
-zeugen haben werde für das Wort seines Blutes, mit dem Blut. Jedenfalls
--- in den Beschreibungen seines Lebens findet sich vom Leiden kein Wort
--- obschon vom Dulden und Geduldhaben --, bis jene Ahnung begann. Und so
-kam die Abschiedsnacht.
-
-»Jene Nacht, in der die ewigen Worte fielen, die Samenkapseln, aus denen
-das ungeheure Feld aufgehn sollte. Er war aus Jerusalem entwichen und
-kehrte zurück. Er sammelte nun seine ganze Kraft, Bürge zu stehn für die
-Lehre, und ach sehen Sie ihn nun, den zarten, glühenden Menschen, der
-sich unterfangen hatte, Alle zu ändern auf seinem Wege, sehen Sie ihn in
-der furchtbaren Stunde gewissen Todes? Nein, denken Sie jetzt an keine
-schönen Gemälde des ruhigen Abendmahls, denken Sie nicht, daß er nur,
-wie es heißt, auf Gethsemane seine Kraft verlor und Gott bat, den Kelch
-vorübergehen zu lassen! Wenn er die Kraft auch besaß, war jene im Garten
-die einzige Stunde der Angst? War da Ruhe und Gelassenheit in dem
-fremden dunklen Gastzimmer, in der sinkenden Nacht, der letzten, da
-schon das Urteil verlesen war und nur die Vollstreckung noch ausstand?
-War er nicht unendlich einsam, eine dürftige, frierende Frucht in der
-Hand des Todes? Und diese Hand war es, die nun zugriff und preßte und
-herauspreßte das Ewige, die Blutworte aus den ersten Wunden: Nehmet hin
-und esset, dies ist mein Leib!
-
-»Ja, was war denn seine Angst, und was ist denn die Angst des Sterbens?
-Vergessen zu werden, vergessen von der Welt, vergessen zu werden mit
-seinem Werk, seinem lebendigen Willen, umsonst sich zu opfern, da er die
-Menschen doch kannte, umsonst die Marter zu leiden! Und da schmolzen ihm
-nun die glühenden Worte hervor, mit denen er sie bat, zu gedenken, sie,
-die Wenigen um ihn, die er selber gezogen hatte, die er kannte, denen er
-doch vertraute, von denen sich hoffen ließ, daß ein Strahl seiner Sonne
-sich in ihre Stirnen und Herzen eingebrannt habe, und: Dies ist mein
-Blut, das für euch vergossen wird! flehte er sie an, solches tuet zu
-meinem Gedächtnis. Und in letzter Glut, sie beisammen sehend, später in
-Jahren, allein, ohne ihn, zu seinem Gedenken versammelt, geheiligt und
-entflammt durch Treue und Sehnsucht und Hoffen, sagte er auch, daß sie
-sich das Letzte trinken würden im Wein seines Blutes, wenn sie nur
-glaubten: Reinheit, Unschuld, Vergebung der Sünden.
-
-»Nicht wer ißt und wer trinkt, dem wird vergeben, sondern wer glaubt und
-wer liebt.
-
-»Was kam danach? Dann kamen die Vielen, die aufschrieben, was sie von
-ihm wußten, einfältig die Einen, die Andern klug. Sie zeichneten sein
-Leben auf, das schon lange nicht wirklich mehr war, Legende war und
-Symbol, und zu Legende und Symbol geriet ihnen nun alles, außer dem
-frommen Einen vielleicht, dem Maler, der alles noch leibhaft sah. Und
-als dann die noch Spätern kamen, die Lehrer, die Ausleger, da war nun
-alles Symbol geworden; bitterster Schmerz nur Symbol für Schmerz, das
-Leben, das Feuer, die Zweifel, die Qualen, die Wonnen, all das
-Sterbliche, was um Unsterblichkeit erst rang, ehe sie es segnete: das
-war heraus, und es blieb ein Gleichnis vom Leiden.
-
-»Was dann kam, wissen Sie, Georg.«
-
-»Kaiser Julian«, sagte Georg schwer versonnen und atmete auf. Da war es
-zu Ende. Er hatte mit Inbrunst gelauscht -- im Anfang; mit Eifer und
-Hoffnung die ganze Zeit; als es aber ein Ende nahm, blieb ihm nichts in
-der Hand, und er sagte zu sich: Botschaft -- unendlich schön, aber so
-erging es mir immer, daß ich auf das höchste entzückt und beglückt war,
-Botschaften zu hören, aber was sie niemals enthielten, war Glaube.
-
-»Kaiser Julian?« fragte Renate, sich umwendend, »warum der?«
-
-»Der letzte Christ«, erklärte Georg trübe. »Wissen Sie, was Strindberg
-von ihm sagt? >Er lebt wie ein Christ und lehrt dasselbe wie Christus,
-ist aber doch ein Christushasser.< Das ist so beschränkt, wie Strindberg
-merkwürdigerweise immer ist. Er war mir nämlich verwandt, glaube ich,
-und nicht etwa ein Christus-, sondern ein Christenhasser. Denn: mit dem
-echten Christentum, nicht wahr, das sah er, war es aus, mußte es aus
-sein, sobald es anerkannt, sobald es Staatsreligion wurde. Bis dahin war
-das Bekenntnis für seine Anhänger Gefahr gewesen, Martyrium, nicht wahr,
-und nur die Guten, nur die Echten und Gläubigen nahmen es auf sich.
-Wurde es Staatsreligion, kam es auch an die Schlechten, wurde es zur
-Formel, die es auszusprechen genügte, während es vorher Leben,
-Schicksal, Glauben und Sterben war. Also, nicht wahr, ist dieser Julian,
-der Abtrünnige, vermutlich der letzte christliche König gewesen, der gut
-war, ohne öffentliche Formel dafür, der aber annahm, es sei dieser Lehre
-besser, ausgerottet zu werden, als verbreitet. Ach, wie kam es, wie kam
-es denn, Renate? Da wurde es Zwang, nicht wahr? da wurden die Menschen
-mit Feuer und Schwert zu Christen gemacht, dann galt es für die
-alleinseligmachende Religion, und wer sich nicht selig machen lassen
-wollte, wurde gerädert, geteert und gesäckt. Ach, ist es nicht unerhört,
-daß diese, grade diese Religion der Geduld die erste unduldsame geworden
-ist?!«
-
-»Ja, Georg, aber warum sagen Sie mir das?«
-
-»Weil -- also weil sie eben unannehmbar für mich geworden ist! Da ist
-mir alles weggeglaubt, möcht ich sagen.«
-
-»Müssen Sie denn glauben?« fragte sie plötzlich.
-
-»Ja, das ist freilich die Frage! Von der bin ich ja eigentlich
-ausgegangen heut morgen. Denn -- vielleicht ists doch nur Einbildung?
-Alle Millionen Menschen, die vor mir waren, haben geglaubt und gemeint,
-glauben zu müssen. Und wenn das nun ein Irrtum war, und ich kann mich
-nur nicht entziehen?«
-
-»Das könnten Sie doch noch versuchen, Georg. Wie es scheint, kommt es
-Ihnen vor allem auf das Sittliche an, und -- ich will Ihnen sagen, was
-mein Vater lehrte. Er hatte in einer außerordentlichen Stunde Einsicht
-gewonnen in die vollkommene Ordnung der Welt; in eine ewige, alles
-lenkende Weisheit. Und nun --«
-
-»Aber kann man das lehren? Ich meine: lassen sich daraus Anweisungen
-ziehn für das Handeln, für die Gemeinschaft?«
-
-»Gewiß. Denn wer mit vollem Glauben überzeugt ist vom Walten dieser
-Weisheit, wird der sich nicht bestreben, sein Leben, seinen Teil dieser
-Weisheit mit ihr in Einklang zu bringen? In Einklang jede Tat, jedes
-Wort und jeden Gedanken?«
-
-Georg dachte lange nach und kam zu dem Schluß, daß er von solchem
-Glauben weiter entfernt wäre als von allem andern.
-
-»Aber mein Gott, Georg,« rief sie nun verzweifelt, »was ums Himmels
-willen wollen Sie denn eigentlich?«
-
-Georg erwiderte ihren fast zornigen Blick mit möglichster Festigkeit und
-sagte:
-
-»Es giebt eine Art Menschen, die ohne Glauben leben kann. Das ist
-Bogner. Er fiel mir schon ein, als Sie vom Maler Lukas sprachen. Der
-zeugende Mensch, der braucht keinen Glauben, denn aus der Zeugung brennt
-die Unsterblichkeit, und in der Unsterblichkeit thront Gott. Wie aber
-läßt sich zeugen, Renate? Auf zweierlei Weise. Im Werk und im Opfer. In
-diesem war Christus der Höchste, der sich so sehr -- sagen Sie, ob ich
-begriffen habe! -- so sehr sich als Opfer fühlte, daß jede Berührung mit
-den Menschen Liebe wurde, und das heißt Zeugen. Dazu gehört der
-grenzenlose Glaube an die Menschen, den ich nicht habe. Glaube an die
-Menschen, der ersetzt den Glauben an Gott, oder vielmehr: er ist darin.«
-
-Georg hatte nun mit ganzer Flamme gesprochen, und mit einer schnellen
-Regung der Ergriffenheit sah er Renate sich zu ihm wenden und beide
-Hände auf seine Schultern legen. »Wir wollen uns doch bemühen, Georg,
-sollte uns das nicht fruchten?«
-
-Aber schon, während sie die Worte sprach, sah sie in seine nah vor den
-ihren stehenden Augen einen Ausdruck eintreten, den sie um jeden Preis
-verhindern wollte, -- und so gab sie, vergiftet von dem Schmerz, daß sie
-das Heiligste preisgeben wollte, das sie hatte, nur um dies zu
-verdrängen, was in seine Augen gedrungen war, aber beim Sprechen doch
-Wort um Wort kämpfend und hoffend, dies, was sie gab, müsse stärker sein
-und jenes verdrängen, bis es alleine leuchte und seine Seele erhelle,
-mit der sie Mitleid hatte, -- gab sie das letzte Wort ihres Vaters vor
-seinem Sterben; sie sprach:
-
-»Das letzte Wort meines lieben Vaters war so:
-
-_»Wenn es eine ewige Seligkeit giebt, so kann ihre Erscheinung nur die
-eines unendlichen und unablässigen Staunens sein; des Staunens über die
-unerfaßliche Herrlichkeit oder die herrliche Unerfaßlichkeit Gottes, das
-ist: des ewig seligen Daseins._
-
-_»Denn sie kann, die ewige Seligkeit, in allem nur das Gegenteil unserer
-zeitlichen Unseligkeit sein. Deren Erscheinung aber ist Gewohnheit, die
-alltägliche Wiederkehr, die Wiederholung und dadurch die Abstumpfung und
-Abnutzung, ja schließlich die Ohnmächtigkeit der Empfindung. Wir sind
-immerfort sterbend._
-
-_Dort aber werden wir immerfort lebend sein. Denn wir werden Eingang
-gefunden haben in das vollkommene und unaufhörliche Sein, dessen Wesen
-Liebe ist. In der Liebe ganz sein, das ist ganz lebend sein; sie, die
-Liebe, ist die einzige Erschafferin und Erhalterin aller Dinge, die
-unendlich Frische, alles Lebendige immer wieder neu, herrlich und
-erstaunlich Machende; so wie jeder Morgen den Tag, jeder Frühling die
-Erde, -- so wie jedes tiefe Gefühl dich und die Welt immer wieder neu
-und erstaunlich macht._
-
-_»O aber wie willst du eingehen können in die ewige dorten, wenn du in
-die zeitliche Liebe hier nicht schon weit und tief eingedrungen bist!
-Und ach, so wende dich ab von jenem unsichern Sein in den schönern
-Himmeln, das du nur dein nennst in der Hoffnung, dein im Verzicht, dein
-aus deiner irdischen Kraftlosigkeit! Laß dieses eine sein dein Bemühn:
-lerne zu staunen! Lerne die mächtige Kraft der Neuheit, die
-schöpferische; lerne zu lieben, lerne zu leben! Wenn auch alles die Zeit
-daran setzt, dir immer wieder den Faden zu zerreißen, den du liebend von
-Augenblicke zu Augenblick deines Lebens legen willst: lerne ihn immer
-wieder knüpfen, verliere nie aus dem Auge seinen einzigen Schein von
-Gold, und um so süßer verlockend das Wort »von Ewigkeit zu Ewigkeit« dir
-im Herzen ertönt: sprich dagegen: »von Augenblicke zu Augenblick« knüpf
-ich und webe ich das einzige Kleid meines Lebens. Ob es Gottes Hand
-einmal aus der meinen nehmen wird, mich für immer hineinzukleiden, oder
-ob sein ganzer Sinn der ist, von mir gewoben zu werden: das ist zu
-wissen nicht not. Not ist, zu tun. In dem Tun wird die Liebe, in der
-Liebe das Wesen, in dem Wesen das Leben sein, das weder zeitlich noch
-ewig, sondern das in der Liebe ist.«_
-
-Renate verstummte. Hoffnungsvoll mit schwellender Zärtlichkeit versuchte
-sie, durch ihren Blick Georgs über ihre Schulter gerichteten Blick zu
-sich herzuwenden, und sie sagte noch, lächelnd, obwohl schaudernd im
-Ernst des Todes: »Hast du verstanden?«
-
-»Ja,« sagte Georg, »ich liebe dich!«
-
-Sie schluchzte auf. Das lange schon in ihr quellende Schluchzen brach
-haltlos über ihre Lippen, sie senkte eilig den Kopf, und nichts wissend
-von Enttäuschung, nur verzweifelt im Herzen, brach sie blindlings durch
-Buschwerk und Bäume, bis sie den Weg erreichte.
-
-Georg wagte nicht zu folgen. Das war, dachte er mit geringer Beschämung,
-falsch, -- und war es nicht trotzdem recht? Sie sah wie ein Engel aus,
-als sie sprach, und was kann man zu einem Engel, der kommt und Gott
-verbürgt und verkündet, was kann man andres sagen als: Ich liebe dich,
-Engel? -- Und so empfand ich die Worte in diesem Augenblicke, nicht
-anders.
-
-Er senkte den Kopf. Danach konnte er den Stamm nicht verlassen, ohne
-einen dankbarlich Abschied nehmenden Blick an den Holunderzweig zu
-heften, wobei er jedoch zu bemerken glaubte, daß dieser, der während der
-ganzen Zeit die kleinen graugrünen Hände mit so viel Geduld -- damit er
-erkenne, was sie hielten! -- hingestreckt hatte, sich jetzt völlig
-achtlos verhielt. Da wandte auch er sich zögernd und fand sich bald im
-Freien der Mittelallee durch das Wäldchen und in der voll einfallenden
-Mittagssonne. Ganz fern in der lichten Öffnung, in der die Wiese vor der
-Terrasse lag, sah er die kleine dunkelbläuliche Gestalt von Renate und
-ging ihr nach.
-
-
- Fünftes Kapitel
-
-
- Erasmus
-
-Renate gewann sich erst wieder, als sie schon das Rasenoval in der
-Richtung zum Hause überschritt, und gewahrte sogleich von rechts her auf
-dem unter der Terrasse einherführenden Wege drei Gestalten, langsam
-schlendernd in kleinen Abständen wie schaulustige Fremde: zwei in
-schwarzen Lodenumhängen, von denen Einer sehr groß war, der Andre
-schwarzbärtig. Der Dritte in einem glänzend braungelben Ölmantel sah
-sich um, gewahrte sie und blieb stehn, indem er mit einer leicht
-zurückfahrenden Bewegung die Hände ausstreckte.
-
-Nur flüchtig erkannte Renate in diesem Bogner. Denn sie stand,
-angewurzelt in einer betäubenden Dumpfheit, die schmerzhaft ihren Kopf
-und auch ringsum vor ihren Augen alles zusammenzog und verdunkelte,
-gespensterhaft anzusehn, da dennoch der Mittag glühte, wie eine
-Sonnenfinsternis. Und während sie inständig an der Frage nagte, wer
-jener große Mensch da vorn sei, zuckten mit blitzhafter Schnelle und
-Leichte Bilder des Tages durch sie hin: Das schmerzhaft dumpfe Sitzen
-und Reden beim Frühstück, Bennos betrübtes Gesicht; dann: wie sie auf
-der Bank gesessen hatte am Weiher, nun erleichtert, in einer süßen und
-trauervollen Hingegebenheit an das Licht und den Anblick der
-Grabesinsel, wo mehr als die eine Tote sich ausschlief. Die Wanderung
-mit Georg und ein heiliges Leichterwerden, immer leichter, ihrer Brust
-mit jedem ihrer Worte in der seltsamen Kapelle des Eichbaums. Und sie
-sah noch Georg in der Allee vor ihr stehn. Einen Augenblick später war
-all dies erloschen; sie spähte mit heißer Angst links und rechts, wohin
-sie noch entfliehn könnte, sah die Gestalten fern wie Gestalten eines
-Traumes und setzte sich jetzt schwer in Bewegung, gehend, ohne es zu
-spüren, und Schritt um Schritt mehr entleert von Bewußtsein. Sie sah die
-zwei Andern und sah sie auch nicht; sie ging auf den großen zu, auf
-Erasmus, der entgegenkam, den Hut in die Hand nehmend. Ihn starr
-anblickend fragte sie:
-
-»Heut kommst du, Erasmus?«
-
-Er erwiderte: »Es ist Charfreitag.«
-
-Renate wollte noch nicht verstehn, obwohl sie aus dem Wort auch das
-unausgesprochene hörte: Dein ernstester Tag.
-
-Warum war sein Gesicht so verzerrt? Diese furchtbare Erschöpftheit in
-den vorquellenden Augen! Und den Mund bewegte er geöffnet wie im Kauen.
-Dabei ging sie immer weiter, und er neben ihr, zur Terrasse, die Stufen
-hinauf, über die Fläche und in die offene Tür des Vogelsaals, wo sie
-dann keine Kraft mehr hatte und stehen blieb. Hier war eine kleine Tafel
-weiß gedeckt und mit Tellern am Rande. Sie mußte zu ihm aufsehn.
-
-Tropfen standen auf seiner übermäßigen Stirn. Er bemühte sich offenbar
-schwer, ruhig zu scheinen. Sie fragte:
-
-»Woher kommst du?«
-
-»Von zuhaus.«
-
-»Zu Fuß?« fragte sie wieder, um etwas noch hinauszuschieben.
-
-»Zu Fuß«, sagte er stumpf.
-
-»Dann hast du wohl Hunger?«
-
-»Ja,« sagte er gequält, »Hunger.«
-
-Sieh, da stand ein kleiner silberner Korb mit Brötchen, und sie hielt
-ihn schon und hielt ihn Diesem hin, der Hunger hatte, wie er sagte, aber
-er legte eine riesige flimmernde Hand darauf und sprach, während alles
-zu Boden fiel aus ihren plötzlich kraftlosen Händen: »Nicht danach!«
-
-Ihr Kopf sank hintenüber; die Lider fielen zu; sie hob die Hände, legte
-sie auf ihre Brust und fragte so: »Willst du?« und stöhnte.
-
-Dann fühlte sie, daß sie gehalten wurde, legte willenlos den Kopf an der
-Schulter fest, die sie fühlte, und verlor sich für Sekunden in einem
-Schluchzen der Geborgenheit. Im nächsten Augenblick hatte sie sich
-losgerissen, und sie schrie irgend etwas -- »Warte!« schrie sie, »warte
-noch! einen einzigen Augenblick!« -- und fand sich nach einer Flucht,
-von der sie nichts wußte, auf den Knieen liegend vor einem Stuhl ihres
-Zimmers, in einer Angst, einer Ratlosigkeit, einer Zerflammtheit der
-Not, in der ihr die Sinne vergingen. Sie schrie, ohne Wort, ohne Laut,
-um Hülfe nach irgendwem, sie stammelte Sinnloses: »Nicht beten! nicht
-beten! Brennen! opfern! ich kann nicht! muß es denn sein?« Und sie stand
-wieder, mitten im Zimmer, den Kopf in den Händen, wie blind.
-
-Trotzdem gewahrte sie dann ihre Schreibmappe auf dem Tisch und wußte
-gleich, daß etwas darin war. Sie hielt sie schon in der Hand, klappte
-sie auseinander und zog, ohne sich zu besinnen, aus der innersten Tasche
-jenen großen, vergessenen Brief hervor, auf dem die Hand Josefs die
-Worte geschrieben hatte, die sie erkannte: >Zu lesen nicht vor meinem
-Tode; auch dann nur bei Lebensgefahr.<
-
-Aber sie zitterte nun so, daß sie sich setzen mußte. Als nach einer Zeit
-ihre flatternden Hände sichrer geworden waren, riß sie den Umschlag auf,
-nahm einen Pack stark und schwarz beschriebener Blätter heraus und las
-dort, wo ihr der Anfang zu sein schien, die Worte: >Auszug aus meinem
-Tagebuch vom 28. März bis zum 3. April< und eine Jahreszahl. 28. März --
-das war der Todestag ihres Vaters. -- Sie las weiter den Eingang:
->Seltsame und kaum zu erwartende Begebnisse ...<, und in einer der
-nächsten Zeilen das Wort >Erasmus<.
-
-Es betraf sie, sie und ihn, da war kein Zweifel. Nun versuchte sie zu
-lesen, aber die Buchstaben tanzten vor ihren Augen bis zur Zimmerdecke
-hinauf; sie wartete, aber umsonst, und -- Nein, das muß er doch lesen!
-dachte sie und ging zur Tür. Die Tür zum Vogelsaal, die gleich dahinter
-zu liegen schien, öffnend, sah sie den Erasmus mit dem Rücken nach ihr
-stehn. Während er sich wandte, erschien neben ihr Egloffstein mit einem
-Tafelaufsatz, und sie winkte Erasmus mit den Augen. Augenblicke später
-stand sie im Klaviersaal, drückte Erasmus die Blätter in die Hand und
-sagte: »Dies mußt du lesen!«
-
-Er zuckte mit den Augen, als er die Handschrift sah.
-
-»Jetzt?« fragte er.
-
-»Jetzt! Vorlesen, bitte!« bat sie hülflos, zurückweichend, und sah ihn
-zaudernd in der Richtung der Fenstervorhänge gehn, die in der Sonne
-dunkelgelb glühten. Dort setzte er sich zwischen zweien auf einen
-Armstuhl. Sie ging ihm näher, lehnte sich ihm gegenüber an die Kante des
-Tisches und faßte sie mit den Händen, erschreckend vor ihrer Kälte.
-
-»Das kann ich nicht lesen«, sagte er, die Hand mit den Blättern sinken
-lassend.
-
-»Ach, Erasmus, du mußt aber! Handelt es nicht von dir?« Er nickte. »Und
-von mir?« Er bejahte wieder. »Dann lies!« sagte sie aufatmend und legte
-die Hände zusammen.
-
-Erasmus las.
-
->Seltsame und kaum zu erwartende Begebnisse in einem Pastorenhause.
-
-Wir kamen -- Erasmus, der in Marburg zu mir stieß, und ich -- am
-Nachmittag in B. an, von wo wir das Kirchdorf Flor in einer kleinen
-Gehstunde erreichen sollten. Es wurde ein schöner Gang. Die
-spätmärzliche Luft atmete vielfach umher, lau und gefeuchtet; auf der
-lehmig festen Straße standen noch Lachen vom Nachtregen, in denen Weißes
-und Blaues vom Himmel sich spiegelte. Dort oben war die jugendliche
-Sonne des Jahre rüstig am Werk, noch vor Abend die grauweißen Eiswälle
-des Gewölks fortzutilgen, die nun schon, weithin sichtbar nach allen
-Seiten, überall durchbrochen, davonjagten in voller Flucht. Mächtige
-Bläuen schwebten segelnd und großherzig dazwischen; die Sonne kämpfte
-rastlos. Strahlen vergoldeten das grüne Land in der Tiefe überall, und
-es dampfte. Unsern Weg entlang -- Alleen weißblühender Kirschbäume --
-schloß sich Obstgarten an Obstgarten. Das waren ganze fremdländische
-Stadtsiedlungen niedriger weißer oder rosigbehauchter Kuppeln, Städte
-von unendlicher Zartheit, Leisheit, Empfindlichkeit. Zwischen ihnen,
-kräftig und derbe, lagen Wiesenstücke und einzeln die wirklichen Häuser,
-in deren Blumenvorgärten die großen Silberkugeln den Himmel zeigten,
-andre im Sonnenfeuer lohten und blitzten, und darunter blühten Aurikeln
-und Narzissen, standen die Tulpenreihn grade in papierner Buntheit um
-die Beetränder. -- Ach Gott, sagte ich zu Erasmus, man muß zu andrer
-Zeit sterben! Und wir beklagten den toten Mann, dessen wir uns vom
-Begräbnis des Großvaters her wohltuend erinnerten. Wie er damals
-unerwartet erschien: weißhaarig und -bärtig, unter der mildesten Stirn,
-die ich sah, Augen von eisklarem Blau, tief leuchtend, mit dem
-durchbohrenden Blicke der Wahrheit, Lippen umspielt vom ruhigen Lächeln
-des Weisen: so hätte er uns hier grüßen sollen vom Zaun eines dieser
-freundlichen Gärten, Freund der Fluren, von dem es heißt:
-
- Dann sieht man zwischen Reben ihn mit Basten
- Die losen binden an die starken Schäfte,
- Die harten grünen Herlinge betasten
- Und brechen einer Ranke Überkräfte.
- Er schüttelt dann, ob er dem Wetter trutze,
- Den jungen Baum und mißt der Wolken Schieben.
- Er giebt dem Liebling einen Pfahl zum Schutze
- Und lächelt ihm, dem erste Früchte trieben.
-
-Im Dorf, das sich allgemach aus der Straße entwickelte, wars um so
-stiller, als die ganze Bewohnerschaft im Freien, in ihren Gärten oder
-vor den Türen war, schwarz gekleidete Männer und Frauen in Gruppen
-überall, leise miteinander sprechend über ihre Heckenzäune hinweg oder
-auf den Türsteinen, und auf Bänken und Treppenstufen saßen die
-reinlichen Kinder verstummt, großäugig nur nach uns blickend. Schön, wie
-hier vom Wesen des Toten letzte Flämmchen verflackerten, von bekümmerten
-Händen beschirmt. Die Hauskatzen, die sich in sonnigen Flecken an Mauern
-putzten, schienen sich unbehaglich zu fühlen, obwohl sie sich unbesorgt
-stellten. Der Lehrer vor der Schulhaustür in einem Kreise von Männern,
-barhaupt, kenntlich an seiner überhohen Stirn, ein Mann in den dreißiger
-Jahren, den wir nach dem Wege zum Pfarrhause fragten, brachte die
-allgemeine Kümmernis mit wahrer Ergriffenheit zum Ausdruck. »Ein Mann,«
-sagte er, »wie es keinen zweiten giebt. Unser aller Vater und lieber
-Freund.« Er schloß sich uns an, augenscheinlich gesprächsbedürftig, und
-begann alsbald uns auf eigentümliche Dinge vorzubereiten, die wir sehen
-würden, über die er weiter nicht mit der Sprache herauswollte. Plötzlich
-hatten wir dann, um die Ecke in eine Seitengasse geführt, die
-reizvollste kleine Barockkirche vor Augen, durch deren, den Turmhelm
-tragenden Säulenkranz Himmel und Wolken sich bewegten, und leise wankten
-die Säulen.
-
-Die Kirche lag ein wenig erhöht, vom Friedhof umgeben, den eine
-niedrige, leuchtend gelb getünchte Mauer umschloß; darüber blitzte von
-vielen Stellen her die Vergoldung schöner, altertümlicher Grabzeichen
-aus schmiedeeisernem Arabeskenwerk um ihr Kruzifix unter bogenförmigem
-Dach, und manche hatten mit starkem Blau übermalte Schilde. Zur Linken
-um die Kirchhofsmauer im Bogen führte eine alte Kastanienallee, blühend
-übersternt mit weißen und roten Kerzen, zum Pfarrhaus, von dem eine
-Seitenwand mit zwei Fenstern übereinander sichtbar war: ein
-zweistöckiger, warm gelb getünchter Bau von schlichtem Barock, wie ich
-hernach sah.
-
-Auf die Einladung des Lehrers, uns die Grabstelle zu zeigen, gingen wir
-zwischen den gleich Betten säuberlich bereiteten Gräbern voller Blumen
-hindurch; allein das für den neuen Kömmling bestimmte Grab zeigte
-naturgemäß keinen andern als den unbehaglich gähnenden Ausdruck all
-dieser Löcher aus gelbem Sand.
-
-Dafür hatten wir von ihm aus über eine nahe kleine Gittertür hinweg
-einen anmutigen Blick: im Ausschnitt einer wohl hundert Schritt langen
-Allee noch unbegrünter kleiner Kugellinden, deren Stämme durch beinah
-mannshohe grüne Hecken verbunden waren, das schmale Portal über drei
-Stufen mit sandsteinernen Bogenstücken überm Sims; darüber den leise
-vergoldeten Korb des Balkons vor der oberen Glastür, und endlich das
-gebrochene, schwarzbraune Dach, auf welches eine große und schöne,
-schneeweiße Wolke aus dem ganz reinen Blau sich eben so anmutig
-niedergesenkt hatte, daß der Lehrer davon berührt wurde und zu sprechen
-begann in einem zierlichen Vergleich mit einem Schrein oder Schiff, das
-sich auftun möchte, eine kleine Schar singender und musizierender Engel
-zu zeigen. Er fuhr fort mit gedämpfter Stimme:
-
-»Sie« -- seine Dorfleute meinend -- »glauben, daß er mit solcher Liebe
-an der Erde hing, daß er sich nun nicht losmachen kann; und sie würden
-gewiß nicht erstaunen, wenn solch ein Wunder sich zeigte, daß er mit
-himmlischen Instrumenten hinaufgelockt würde. Denn« -- er lächelte --
-»wir sind zwar gut lutherisch dahier, aber ganz vergessen ist die alte
-Lehre doch nicht. Davon zu schweigen, daß das Wunder das liebste Kind
-_jeden_ Glaubens ist.« Er verstummte, auf das schwärzliche Netzwerk der
-nächsten Lindenkuppel deutend. Die schwarze Figur einer Amsel saß darin,
-als sei sie gefangen. »Sie singt nicht,« sagte der Gute, »alle Sänger
-sind seit vorgestern völlig verstummt. Freilich, --« setzte er
-verständig hinzu, »viele sind ja noch nicht zurückgekommen, doch haben
-wir mehrere Meisenarten allein, die überwintern.«
-
-Der Erasmus nickt ernsthaft. In Naturwissenschaft ist er mir mit dem
-Lehrer weit voraus, und so mag er lange bemerkt haben, was mir entging.
-Auch zeigte alles sich so frisch, luftig, österlich! Noch, als wir den
-Lindengang hinab und vor dem Hausportal waren, mußte ich mich künstlich
-vorbereiten auf Tod und Totes. Allein -- was war nun das, was wir fanden
-im Haus?
-
-Der Papa trat uns im Hausflur entgegen, verweint, aber doch mehr
-bedrückt aussehend als schmerzlich, grüßte uns leise und führte uns
-durch ein großes und mit weißen Abgüssen von Büsten und Figuren zwischen
-den Bücherregalen feierlich heiteres Arbeitszimmer in ein um so
-einfacheres Schlafgemach, wo der Schein zweier Kerzen im verdunkelten
-Tageslicht wie mit einem Ruck alles deutlich und fest machte, --
-sonderbar genug, wie immer das Kerzenlicht am Tag nicht erhellt, sondern
-zu verdunkeln scheint. Diese beiden, wächsern und lang in hohen
-Leuchtern, brannten auf einem durch eine schwarze Decke zum Altar
-verwandelten Tisch an der Wand; zwischen ihnen das Bibelbuch, blinkend
-in Goldschnitt, vor einem glatten braunen Kreuz, ohne Heiland, jedoch,
-wie der Tisch, mit einer Girlande von Aurikeln und Primeln umwunden. Zur
-Rechten davor der Sarg zeigte offen sein bettweißes Inneres; der Deckel
-lag daneben. Links stand das Bett mit dem Toten, von dessen Antlitz mein
-Vater das Tuch fortnahm.
-
-Aber so hat von allen Toten, die ich zu sehen bekam, noch keiner
-ausgesehn am dritten Tage des Totseins. Anstatt in der wächsernen Gelbe,
-zeigte diese Stirn und das Sichtbare der Wangen sich so weiß wie das
-Haar und der Bart; weiß, durchscheinend gleich Alabaster, und die Hände
-waren ganz so. Erschreckend darin die zwei Augen; weitoffen, gefüllt mit
-stumpfem Blau, starrten sie nach oben.
-
-Ob sie nicht zu schließen seien, fragte ich nach einer Weile. Der Papa
-stand weinend und zuckte die Achseln. »Wer sagt denn, daß er tot ist?«
-murmelte er dann erschöpft. Ich fragte: »Der Arzt ...?« Er schüttelte
-den Kopf und bat uns, ihm zu folgen.
-
-Durch das Arbeitszimmer zurück führte er uns über den Flur und öffnete
-eine Tür an der Westseite des Hauses. Alle Drei standen wir da geblendet
-vor einem Raum aus Feuer und Gold; einem nicht eben großen,
-quadratischen Zimmer mit, wie ich bald wahrnahm, weißgoldenen Wänden,
-durch dessen gläserne Gartentür und das Fenster die tiefe Sonne in
-prachtvollem Strome hereinschwoll. Der Raum schien menschenleer; vor
-seiner einsam lodernden Feierlichkeit befremdete mich der Anblick von
-uns drei großen und schwarz gekleideten Eindringlingen, und ich sah die
-beiden Andern zögern, hineinzugehn. Nun blickt ich mich um, und ich
-glaube, selten etwas so Liebliches gesehen zu haben wie dies einfache
-Gemach mit weißer, leise golden getupfter Tapete, wo kleine graue
-Stahlstiche hingen, und mit goldgelben Möbeln aus den zwanziger Jahren,
-Schreibsekretär, Vitrine, Kommode und Spiegel. Ein runder Tisch im
-Kreise der Stühle trug einen Kristallkelch mit einigen Narzissen; er
-stand vor dem Sofa an der Wand, das mit einem erdbeerfarbenen
-Damaststoff bespannt war, und dessen eines Ende verdeckt war von dem
-einzigen Düsteren im Raum, einem schwarzen japanischen Wandschirm mit
-eingestickten silbernen Bambusrohren und dergleichen, auch er, wie alles
-umher, von der Verzaubrung des Lichts mit glühendem Rot überzogen. Fee
-oder Göttin, dachte ich, was für ein Wesen mag das sein, dem dieser
-Feuerschrein als Behausung dient? -- Und noch, während ich den Papa auf
-Zehen durch den Raum gehen sah, besann ich mich vergebens auf Gestalt
-und Züge einer flüchtig gesehenen Fünfzehn- oder Sechzehnjährigen mit
-Namen Renate.
-
-Indem rückte mein Vater den Wandschirm überseite und enthüllte die
-sitzende, gleich rosenhaft überflossene Gestalt eines schönen,
-anscheinend blonden Mädchens in weißem Kleid, das uns aus groß offenen,
-hyazinthblauen Augen so gläsern anstarrte, als wars eine Puppe. Den
-Erasmus sah ich zurückfahren. Es war freilich gespenstisch, sie ebenso
-hinter dem Wandschirm sitzen zu denken, wie sie nun fortfuhr, ohne
-Bewegung, ohne Blick.
-
-»Aber sie ist nicht tot?« hörte ich die Stimme meines Bruders sehr tief.
-Mein Vater verneinte stumm. Wir traten näher.
-
-Sie war schön. Untadelhaft schön. Schöner vielleicht als alles. Die
-Starrheit der Augen beeinträchtigte die Umgebung. Das Haar, nicht blond,
-sondern von einem mir unbekannten hellen Braun, war, in der Mitte
-gescheitelt, so um die hohe Stirne gelegt, daß sie ganz frei blieb, dann
-tief nach unten gezogen, wie man es auf Bildern der vierziger Jahre
-sieht, und der Adel und die Reinheit dieses Giebels von Alabaster war
-unendlich ergreifend. Das ganze, schmale Gesicht war schneeweiß und
-durchscheinend klar wie des Toten; ebenfalls das Paar der Hände und
-bloßen Unterarme, und ich hatte so sehr den Eindruck des aus allen
-Gliedern zum Herzen hineingesogenen Blutes, daß es mir dort innen
-erschien wie ein Glasgefäß, herzförmig, blutrot gefüllt; in einer Figur
-aus gesponnenem Glase.
-
-Ich rührte eine von diesen Händen an; eiskalt und steif; kaum zu
-bewegen.
-
-»Was ist mit ihr?« fragte ich. Allein statt einer Antwort vom Vater
-hörte ich das leise Klirren der Glastür und sah ihn ins Freie treten.
-Als ich mich nach Erasmus umwandte, stand er, die Hände auf die
-Tischplatte vor sich gestützt, übergebeugt, die Sitzende so starr
-anblickend wie sie ihn, ohne meiner zu achten.
-
-Meinem Vater nachgehend, sah ich ihn jetzt so hübsch in dem Garten
-stehn, auf einem bewegten Grund weißgetünchter, weißwolkiger Obstbäume,
-blühende Zweige zu Häupten, zwischen Tulpenrabatten, etwas schief
-haltend wie zumeist den von der Abendglut noch rosiger als gewöhnlich
-gefärbten Kopf, seine goldene Brille putzend mit dem Taschentuch, -- so
-hübsch, wie gesagt, so lebendig, daß ich ihm ernsthaft wünschte, als
-Pfarrer hierherzugehören, anstatt den Fabrikherrn spielen zu müssen, was
-ihm doch nie recht gelang.
-
-Ich begab mich hinaus zu ihm und wiederholte meine letzte Frage: »Was
-ist mit dem Mädchen?«
-
-Er sagte: »Seit ihr Vater tot ist, ist sie so. Er starb -- der Arzt
-sagte, daß er starb; wir waren Beide zugegen -- er starb unerwartet
-gegen Morgen. Ich wollte sie rufen, als er noch atmete; da saß sie schon
-fast wie jetzt, nur furchtbar keuchend, sonst starr. Ich mußte sie
-verlassen. Seitdem haben Beide sich nicht verändert. Nun schon den
-dritten Tag. Und«, er stockte, »ich fürchte mich, ihn zu begraben.«
-
-Ob er glaube, fragte ich, daß da Zusammenhang sei zwischen der Lebenden
-und dem Toten? Und ich wiederholte ihm die Worte des Lehrers vom
-Nichtfortkönnen des Toten.
-
-»Muß mans nicht glauben?« murmelte er gedankenlos, ich weiß nicht auf
-welchen meiner Sätze als Antwort.
-
-»Der Arzt?«
-
-Sei ratlos wie er selber.
-
-Das Verhältnis, meinte ich, von Vater und Tochter sei zweifellos sehr
-innig gewesen.
-
-»Das innigste!« Nun wurde er beredt. »Sie lebten jeder nur dem Andern
-und durch den Andern. Ihre Mutter starb ja, als sie zwei Jahre alt war.
-Mein Vater hatte ihn verstoßen. Alldas mußte sie ihm sein. Wenn du im
-Dorf fragst, wirst du Wunder erzählen hören von dem Mädchen, seiner
-Schönheit und seiner Klugheit, seiner Lieblichkeit, Güte und Würde. Er
-war einer der tiefsten Menschen, und sie wuchs ganz aus seinem Erdreich,
-in seiner Luft. Die Leute sagen: sie war sein lebendiger Segen unter
-uns. Ich hörte sie die Orgel spielen, kurz vor seinem Tod. Stelle sie
-dir vor --, eine andre Cäcilie.«
-
-»Vermutlich also«, fragte ich in plötzlicher Eingebung, »spielte auch
-dein Bruder die Orgel?«
-
-Er nickte.
-
-»So muß man«, sagte ich, »die Orgel spielen, um sie aufzuwecken.«
-
-Er sah mich verwundert an. Das sei ein Gedanke, meinte er, wie ich
-darauf komme?
-
-»Willst du spielen?« fragte er nach einer Weile.
-
-»Leider«, mußte ich bekennen, »ist mir die Orgel ganz fremd. Es müßte
-auch ein Stück sein, das der Tote kennt, ein Lieblingsstück vielleicht,
-und ich lese, wie du weißt, keine Noten.«
-
-Damit schlug ich den Lehrer vor, der wahrscheinlich Organist an der
-Kirche sei.
-
-Ich hatte mich aber noch kaum zur Türe zurückgewandt, so ereignete sich
-das Seltsame, daß die Orgel ertönte. Klar auftretende, lang gezogene
-Töne kamen herüber, andre Stimmen mischten sich präludierend herein,
-noch leise; dann mit plötzlich erschreckendem Brausen und voller Macht
-breitete sich die Kantate Bachs: Mein gläubiges Herze, frohlocke sing
-scherze! wundervoll jubelnd in die Lüfte. -- Später erfuhr ich dann, daß
-der Lehrer, dem es eingefallen war, das »Leibstück des Seligen«, wie er
-sagte, zu spielen, es freilich nicht aus unserm Gedanken heraus, sondern
-schlicht aus seiner und Aller Bedrängnis gespielt hatte.
-
-Als mein Vater und ich in die Tür traten, hatten wir die befremdliche
-Erscheinung, in der rechten Ecke des Sofas uns gegenüber -- in der
-linken saß das Mädchen -- den Erasmus sitzen zu sehn; den Arm auf der
-Rücklehne, seitwärts und zu ihr gewandt, saß er still und wie sie
-unbeweglich.
-
-Aber keine Wirkung des Orgelspiels ergab sich; nicht die geringste.
-
-Ich weiß eigentlich nicht, warum das so war. Wenn es wahr war, daß diese
-Beiden einander so verhaftet waren im Leben, daß sie sich nicht
-losreißen konnten; daß nun die Lebendige hier angeschlossen war an die
-Erstarrtheit des Todes, und der Tote angeschlossen ans innere Feuer des
-Lebens, zu einem grausamen Gleichgewicht Beide des Nichtsterbenkönnens
-und Nichtlebens, -- so mußte es einen Weg geben, das magische Band zu
-zerreißen. Magische Bande sind stark, aber zart, und allzuzart immer
-gegen das Hiesige. War die Erstarrung so tief? War sie ganz taub für die
-Welt? Sie blieb unverändert.
-
-Es dunkelte derweil. Der Choral: Nun ruhen alle Wälder legte sich wie
-ein dunklerer Strom über das schon versinkende Licht, und als er
-verstummte, hatte die schweigsame Welt sich geteilt in weite, leuchtende
-Klarheit oben, in verschattete Enge unten, wo mit bleicherem Weiß nur
-die blühenden Kuppeln noch das Licht festhielten.
-
-So ist es nun. Die Nacht kam; ich übernahm für den erschöpften Papa die
-Wache beim Toten und schreibe in mein Buch, das ich durch Lis vorahnende
-Aufmerksamkeit im Koffer fand. Wo ist Erasmus? Ein drittes Mal war ich
-eben an der Tür von Renates Zimmer, und nach wie vor fand ich ihn in der
-Ecke des Sofas, ruhig scheinbar, sitzend mit untergeschlagenen Armen,
-ihr zugewandt, die dasitzt unverändert, eine lebensgroße Puppe,
-starräugig im Dunkel.
-
-Geheimnisvolle Vorgänge fördern das Geheimnisvolle zutag. Doch war mir
-stets klar, daß in diesem riesigen und etwas ungeschlachten Leib sehr
-zarte Kräfte daheim seien. Und so wie Andre die feine Dryas das
-Blattwerk der Eiche haben zerteilen sehn, so konnte ich wohl im
-Nachtdunkel, über seine Schulter geneigt, das erschimmernde Haupt jenes
-Rätselhaften gewahren, dem es einmal sich loszumachen gelang und seine
-Kraft zu gebrauchen.
-
- * * * * *
-
-Die dritte Nacht unseres Hierseins, die fünfte seit dem Tode des alten
-Mannes. Es ist nichts verändert. Wir haben ihn nicht begraben. Selbst
-wenn ich nicht an einen Zusammenhang der zwei Menschen glaubte, dessen
-gewaltsames Zerreißen dem lebendigen Teil überaus schädlich sein könnte,
-würde ich nicht dazu raten, einen Menschen unter die Erde zu bringen,
-bevor er deutliche Zeichen des Verstorbenseins, der Verwesung von sich
-gab. Die Luft aber in diesem Haus --, sie kommt mir fast reiner als
-anderswo vor. Seitdem ich es weiß, empfinde ich lebhaft das
-Verstummtsein der redebegabten Natur, und ich habe Stunden damit
-verbracht, in der Nähe des Hauses Spatzen und Meisen zu beobachten, die
-keinen Laut hören lassen. Äußerst selten einmal ein schwaches Zirpen,
-das augenblicks erstirbt; sonst nichts. Ärzte, die wir riefen, kamen und
-gingen kopfschüttelnd: wer den Toten sah, sprach vom Mittel des
-Aderöffnens; hatte er danach auch das Mädchen beobachtet, so hüllte er
-sich in Schweigen. Der Papa ist am Rande seiner Kraft, ich selber bin
-ungewöhnlich erregt. Dies dauert bedenklich lange; kein Ende ist
-abzusehn, -- bei meinem Dämon, ist das Liebe, was dergestalt Lebendes
-und Totes zusammenschmolz, oder ist es nur Blut? Und wenn ich mich
-hineindenke: Allmächtige Dinge und andrerseits soviel Ohnmacht? Dann:
-Wie schauerlich dieser Kampf der zwei Kräfte, von denen keine die
-Oberhand gewinnt, und man glaubt sie keuchen zu hören durch die ewige
-Stille: Ich lasse dich nicht, du segnest mich denn! Und wo ist hier
-Jakob, wo der Engel? Wie lange die Nacht solchen Ringens? Wie lang zum
-Hades, Psyche, dein Weg?
-
-Und nun dazu: emsig, emsig die dritte Kraft bei ihrer Arbeit zu wissen,
-die sich hineingraben will in den Gneis. Erasmus, seltsamer Geist, der
-sich augenblicks, so bereit, als habe er nichts andres im Sinne gehabt,
-in dieser Aufgabe verfing, -- davon zu schweigen, daß kein Andrer
-vielleicht sie gesehen hätte. Solang wir hier sind, während mein Vater
-hülflos seinen Gestorbnen betrachtet, ich mich in der Landschaft
-herumtrieb, mit den Dorfleuten sprach -- die übrigens gar nicht so
-verstört scheinen, sondern vielmehr als verstünden sie sehr gut, was
-hier vorgeht --, oder ruderte auf dem Rhein, der in einer Biegung
-halbstundenweit dem Dorf nahe kommt, -- tagein und tagaus, nachtein und
-nachtaus weicht er nicht von dem Fleck, den er besetzte. Wann er
-schläft, kann ich nicht sagen. Speise nahm er erst keine; später, als
-wir Milch und Weißbrot neben ihn stellten, merkten wir nach einiger Zeit
-in Pausen einige Verminderung und konnten es auch erneuern. Der Wille,
-sagt man, tut Wunder. Und der seine, geschult seit immer, wie ich glaube
-daß er ist, muß ihm folgsamer zu Dienst sein als jedem Andern. Möchte es
-ihm dann gelingen, diese reine Seele in die seine hinüber --
-
- * * * * *
-
-Ich wurde unterbrochen. Erasmus kam ins Sterbezimmer, wo ich schreibend
-saß, augenscheinlich auf der Suche nach mir, denn er erklärte -- ganz
-ruhig übrigens, beinah sanft --, er verlasse das Haus für eine Weile und
-würde mich später um etwas zu bitten haben. Seitdem sind drei Stunden
-vorüber; auch dieser schön ersonnene Versuch ist gescheitert, aber die
-Ungewöhnlichkeit des Vorgangs macht mir ihn wert, ihn zu beschreiben.
-
-Erasmus also kehrte zurück, eine Decke in der Hand, in die er das Wesen
-hüllte, worauf er sie auf die Arme nahm und mich aufforderte, mit ihm zu
-kommen.
-
-Die Nacht war sehr kühl, sternlos, windig und feucht; vollkommen dunkel.
-Erasmus mußte die Wege in der Gegend von seinem früheren Besuche her
-kennen, denn er ging mit vollkommener Sicherheit durch das Finster, kaum
-einmal strauchelnd im aufgeweichten Boden. Da meine Augen die Gabe
-haben, besser als andre im Dunkel zu sehn, erkannte ich bald den Weg,
-der durch die Weingärten zum Rhein führen würde. Erstaunliche Einfälle,
-bei Gott, hat dieser Mensch! Physik und Metaphysik, welche von beiden,
-dacht ich, hat ihn auf diesen Gedanken gebracht, denn ich will nicht
-mehr Montfort heißen, wenn er nicht vorhat, das starre Geschöpf in den
-Rhein zu tauchen. Sie ist aus diesem Boden gewachsen, der Gedanke ist
-vernünftig, die Natur hat unbekannte Kräfte, Verbindungen, Zauber, --
-wahrhaftig, er hat recht, man muß sie in den Strom versenken, und was
-auch die Folge sein wird, Tod oder Leben, das unnatürliche Band wird
-zerreißen, und wenn er Glück hat, so gelingt es ihm, ihre Seele feurig
-aus dem Gewässer zu heben, wo er ein eisiges Bildnis versenkte. So dacht
-ich und fühlte das Kostbare der vom Rhein herüber hauchenden Luft von
-fast feuriger Kälte; reinen Odem der Erde und so ungebraucht, daß ich
-mich zurückversetzt fühlte in der Zeit um Jahrhunderte.
-
-Wir kamen ans hohe Ufer, das uns für Minuten der Mond, ein kaltes
-Halbgesicht im Gewölk, sehen ließ, dazu in der Tiefe die ruhig nachthin
-strömende Fläche, rastlos erfüllt von einem andern als dem Geiste der
-Feste, -- zu der eine schmale Treppe zwischen den Rebstöcken
-hinunterführte. Der Schattenriß eines langen Kahns war dort unten. Die
-kahlen Ufer, hügelig im verfahlten Licht, erschienen öde. Mein Bruder
-senkte seine Last auf den Boden des Nachens und legte sie, wie sie
-liegen konnte, seitwärts, worauf er zwei lange Stangen aufnahm und mir
-eine gab mit dem Bemerken, hier sei es zu tief für ihn, aber weiter
-unten im Strom eine Furt. -- Weshalb er schon jetzt seine Kleider abwarf
-und am Ufer niederlegte, erklärte er mir noch, indem er mich bat, falls
-das Mädchen zu sich kommen sollte, allein mit ihr ans Ufer zu fahren und
-ihn zu erwarten, der zu Fuß zu seinen Kleidern zurückgehen würde.
-
-Im Fahren hatte ich dann meine Freude an seiner heroischen nackten
-Gestalt, die in der Spitze des Kahns mit erhobenen Armen gleichmäßig
-einmal über das andre die Stange ins dunkle Gewässer senkte und wieder
-heraufholte. Wir stießen den Kahn in die Strömung und konnten ihn
-treiben lassen. Wir fuhren lautlos und rasch; kaum vernehmbar, von den
-Ufern her, rauschte das Wasser. Einige Minuten später hörte ich den Kiel
-auf Steinen knirschen; wir saßen fest. Erasmus sprang in die Flut und
-watete zum Ende des Kahns, wo sie bereits seine Hüfte überstieg; ich hob
-die Scheintote aus ihrer Decke, legte sie in seine Arme, sah ihn tiefer
-ins Dunkle watend versinken und sie mit ihm. Als nur noch ihr Haupt,
-bleich und wie steinern, die Fläche überragte, schienen mir anderthalb
-Jahrtausende noch nicht gewesen zu sein. Der Rhein floß durch die
-römische Provinz; wir senkten geheim ein Götterbild in den Strom,
-letzter Schutz vor den Eifernden einer neuen Lehre.
-
-Erasmus dauerte aus. Mir fielen die Augen zu, geschläfert vom
-einförmigen Gurgeln des Flusses, der lauter und lauter zu rauschen
-begann. Dann hörte ich die Arbeit des Gewaltigen durch die Jahrtausende,
-die den Schiefer benagte, furchtbar rastlos. Die Einsamkeit wuchs überm
-Strom. Es war kalt. Aber in einem Halbjahr würden diese jetzt kahlen
-Hügel überschüttet sein mit den süßen Gefäßen des Feuers, eine einzige
-Glut alles überwogt haben, brennend vom ausgeschütteten Pfeilhagel einer
-unerschöpflichen Sonne. Und hier bei mir im Strom -- -- bei
-halbgeöffneten Augen sah ich im Zenit der Nacht quellendes Licht,
-Wolkenumrisse, und jetzt in meiner Tiefe dunkel die Fläche des Stroms,
-glänzend darin eine Mannsschulter, nackt, ein dunkleres Haupt, und
-daneben das Alabastergesicht über dem Wasser. Ganz mächtig im Eisigen
-dieser Flut spürte ich da die lebendige Glut seines Leibes, seiner
-Seele, und so tief, daß es mich schauderte meiner Kühle. Rufe die
-Götter, dacht ich, Pygmalion! Ich ward fast neidisch.
-
-Ich fuhr auf, da etwas vor mir niedergelegt wurde, -- der schöne,
-leblose Leib in triefenden Kleidern, und Erasmus, erschöpft, übergeneigt
-aus dem Wasser, die Fäuste im Kahn aufgestützt, keuchte etwas wie, daß
-er sie in Blut baden möchte.
-
-In Blut. Er meinte das seine und starrte mich böse an, als ich sagte,
-daß man vor einigen tausend Jahren ein jugendliches Roß oder
-jungfräuliches Rind geopfert haben würde. Die Unselige dauerte mich
-wahrhaftig, und dieser Blutgedanke ließ mich lange nicht los, während
-wir uns stromauf stakten. Alle Zauber wohnen allein in dem Blut. Ein
-mittelalterlicher Quacksalber würde ihr längst eine Ader geschlagen
-haben und womöglich das Rechte getroffen.
-
-In der Haustür empfing uns die alte Dienerin, die von Erasmus
-verständigt sein mußte, denn sie ging uns wortlos voran bis in ein
-kleines weißes Schlafzimmer, wo sie Licht, Decken und Tücher bereit
-hatte, und wo wir sie mit der Leblosen auf ihrem Bett allein ließen.
-Erasmus frottierte sich warm, legte sich und schlief alsbald ein;
-weniger abgemattet als er und heftiger erregt machte ich mich ans
-Schreiben. Eben ist die Sonne am Aufgehn.
-
- * * * * *
-
-Fünfter (oder siebenter) Abend. Mein Vater entschloß sich, das Begräbnis
-für morgen anzusetzen. Die ganze Umgegend ist in Aufruhr, die Leute
-strömen in Scharen herbei, es kostet Mühe, sie vom Zimmer Renates
-fernzuhalten, wo unveränderlich, wie ich ihn fand am Vormittag nach
-jener Nacht, Erasmus ihr gegenüber sitzt, und sie anglüht rastlos mit
-brennenden Augen der Seele. Dieser Mensch macht mir Grauen mit seiner
-Leidenschaft. Wenn er seine Seele aushauchen könnte als eine Glutwolke
-um die Erstarrte, so würde ers tun. Armer Pygmalion, wenn sie wirklich
-erwacht und ist dann nur ein Mensch, der nichts weiß und nichts ahnt,
-was dann?
-
-Gleichfalls unwandelbar der Tote auf seinem Bett, unverwesend. Neben dem
-sitzt sein Bruder, unselig, verfallen und hülflos. Ich greife mir an den
-Kopf und frage, woher das Ende kommen soll?
-
- * * * * *
-
-Und da ist es, das Ende.
-
-Preis und Ehre dem Siegreichen! Ja, alle Ehrfurcht, mein Bruder, vor
-dir, ich hatte das nicht von dir gedacht, und sei überzeugt, ich werde
-es dir nicht vergessen!
-
-Schlafen gegangen nach Mitternacht, erwachte ich vom dumpfen Laut eines
-Falles und sah, daß die Sonne noch über den Rand der Erde nicht herauf
-sein konnte. Das seltsame Luftgrau des Morgens. Ich lausche, höre
-Bewegung unter mir im Zimmer des Toten, wo mein Vater auf einem Diwan
-schläft, springe aus dem Bett, eile treppab und treffe im Flur mit dem
-Vater zusammen. Wir öffnen die Tür; vor uns, fast daß wir über ihn
-strauchelten, liegt ein riesiger Körper, Erasmus. Und das Mädchen,
-Renate? Es ist hell genug, daß wir sehen können: sie sitzt dort, aber
-nicht wie bisher. Ihr Kopf ist vornüber geneigt, die Schläfe liegt am
-Polster der Lehne, wir treten hin zu ihr, da hören wir schon, daß sie
-atmet. Sie schläft. Ihre Hände, ihr Gesicht waren heiß, ihre Wangen
-glühten, kleine Perlen standen in der Nähe des Haars. Als die Sonne da
-war, konnten wir sehen, wie die Wangen gerötet waren: ein ganz helles,
-scharlachnes Rot, zart wie Morgenhimmel und so unschuldig wie eines
-schlafenden Kindes.
-
-Auf die Bitte meines Vaters hin hob ich sie auf und trug sie zu ihrem
-Bett, ohne daß sie erwacht wäre. Ihre Glieder waren sehr weich; sie war
-wieder schwer.
-
-Dann, mit einiger Mühe, gelang es uns, den Erasmus zu wecken, der beim
-Fortgehn dort zusammengefallen sein mußte, und ihn mit vereinten Kräften
-treppauf und zu seinem Bette zu schleppen, wo er hinfiel und schlief.
-Später am Tag sah ich ihn dort. Auch sein Gesicht glühte, erschöpft,
-schweißbedeckt, gemagert, aber umlodert von solchem Adel, daß ich mich
-abwandte.
-
-Der Tote aber verfiel so schnell, daß wir nicht genug eilen konnten, ihn
-einzusargen. Schön war noch dies: Wie jeden Morgen war der wackre Lehrer
-der erste, der anzufragen kam. Nachdem er die Schlafende gesehn,
-entfernte er sich eilig, und Minuten später hörten wir die Orgel
-überlaut _Te deum laudamus_ brausen. In die Haustür tretend, sahn wir
-den Heckengang unter den Linden von der Kirche bis nahe ans Haus gefüllt
-von knieendem Volk. Mein alter Vater winkte ihnen mit den Händen und
-weinte erschöpft auf; da brachen sie Alle in Schluchzen aus, das die
-Orgel übertönte. Mir fiel ein, daß es gut sein möchte, wenn der
-löwenhafte Zerreißer jenes Bandes auch in sich selber die alte Kette
-zerrissen hätte, die ihn solang als gefesselten Sklaven zwischen uns
-herumgehen ließ. Siehe da, der Sklave war stärker als Alle!<
-
- * * * * *
-
-Renate befand sich, als die lesende Stimme schwieg, nicht mehr an dem
-Tisch gegenüber, sondern in der entlegensten Ecke des Raums, wohin sie
-ohne ihr Zutun geraten war. Dort saß sie im Stuhl vor dem Harmonium, die
-Hände lautlos ringend auf dem Deckel, dann und wann aufblickend unter
-den Schnitten der Qual, wo in klar leuchtenden Farben ein Bildwerk hing,
-eine sitzende weibliche Gestalt in der Landschaft, an die sie umsonst
-ihr wortloses Stammeln richtete. In ihrer übermenschlichen und
-namenlosen Aufgabe begriffen, grübelte sie wieder und wiederum
-väterlichen Lehren nach, doch nicht ihm selbst, dessen Namen nicht
-einmal sie zu denken wagte; unzähligen seiner Auslegungen um den Kern
-seiner Lehre, die ihr zu einer Erkenntnis helfen sollten, und eine ewige
-Weile lang schien alles vergebens. Plötzlich sah sie Erasmus dasitzen,
-ganz still, den Kopf gesenkt, die Blätter noch in der Hand, nichts als
-ergeben, -- und mit einem zuckenden Schrecken spürte sie, daß etwas am
-Gelingen war, wie ein Ding, an dem sie würgte und knetete, oder als
-hätte das Ungeborene eben gelächelt. Und nun weiter, weiter in der
-ganzen wütenden Not und Mühsal und Verzweiflung und Zerrissenheit des
-Gebärens, wälzte sie Glied um Glied und Atemzug um Atemzug näher zum
-Leben, was herauf sollte aus dem erstickenden Schlund, -- und endlich
-mit einem reißenden Schmerzensstrom und einer sausenden Wonne zugleich,
-fuhr es, stand es, schwebte es in das Leben, und es war Demut.
-
-Glieder und Odem und Blut aus seliger Demut: ihre geborene Seele trug
-sie nun, lallend, weinend, behutsam, noch ungläubig, -- trug sie durch
-einen Raum weitoffener Leichte zu jenem Menschen hin, der da saß wie ein
-stiller Mönch, und sagte: »Mach du mich rein!« Ihre Knie beugten sich
-tiefer, ihr Nacken bog sich in dieser neuen, heiligen Wonne der
-Dienstbarkeit, ihre ausgestreckten Hände brannten von Eifer und
-Seligkeit, das reinlich erschaffene Juwel der Empfängnis hinzulegen. Und
-so lag sie wohl auf dem Boden, lächelte, weinte und sagte:
-
-»Ich will dich lieben!«
-
-
- Erasmus (Fortsetzung)
-
-Als Renate die Augen aufschlug, fühlte sie sich zuerst sehr müde. Mit
-einem schwachen Gefühl der Enttäuschung, daß sie nicht schlief,
-erinnerte sie sich, die Besinnung nicht verloren zu haben, und deutlich
-auch, daß Erasmus sie aufgehoben und davongetragen, dabei zweimal nach
-dem Weg zu ihrem Zimmer gefragt --, ja, daß sie zuerst gesagt hatte: In
-mein Zimmer! Sie hatte die Wände, das Treppenhaus an sich vorbeiziehen
-sehn, und nur war das in einer Art Starre vor sich gegangen; ihr Körper
-schien Ähnlichkeit zu haben -- und vielleicht auch die Seele, -- mit
-einem von betäubendem Schlage getroffenen Glied, das empfindungslos
-geworden ist, und sie meinte noch jetzt, ihre Hände, ihre Füße, ihren
-Kopf nicht zu fühlen. Als sie aber jedes ganz leise bewegte, war es da,
-nur äußerst leicht und entfernter als sonst. Und dies -- sie wußte es
-wohl -- diese Leichte, diese Wärme, das war alles wie damals; damals als
-er, der sie heute trug, sie zum ersten Mal aus dem Eise befreit hatte
-... Daß sie die Augen geschlossen hatte, als sie niedergelegt wurde,
-wußte sie, und bestimmt, daß sie höchstens einige Minuten geschlafen
-hatte. Nun sah sie die Fenster ihres Zimmers, das im Schatten lag, etwas
-kahles Gewipfel und den Regen, der leicht niederfiel. Es war hell
-draußen von entferntem Sonnenschein, und sie hörte Gezwitscher. Und im
-Fenster zur Linken -- sie war etwas geblendet -- befand sich ein
-menschlicher Schatten: Erasmus.
-
-Plötzlich spürte sie die Wärme, in die sie gebettet war, ja, die ihr
-ganzes Wesen erfüllte, und daß sie trotz schwerer Müdheit mit einem
-unendlichen seelischen Behagen gesättigt war. Eine von innen quellende
-Wärme, die duftete und an die wundervolle Wärme eines uralten
-Kachelofens erinnerte mit seinem Holzfeuer und vielen kleinen
-Darstellungen aus dem Leben Mosis, im heimatlichen Flor. Sie meinte,
-sich weder bewegen, noch einen Laut hervorbringen zu können, aber das
-Gewebe der Wärme, aus dem sie ganz und gar bestand, regte sich so atmend
-auf und nieder, daß sie zu fühlen glaubte, wie sie es mit ihren
-Atemzügen an sich zog und ausdehnte, und sie dachte: ich bin wie ein
-Licht.
-
-Die Helligkeit blendete nun nicht mehr, und nachdem sie ihr Auge von der
-Steppdecke, mit der sie bedeckt war, über die Wände mit ihren vielen
-kleinen, zartfarbenen Pferdebildern hatte gleiten lassen, ließ sie es an
-Erasmus haften, leicht hängen bleibend wie ein Falter.
-
-Er saß auf der Fensterbank mit einem Oberschenkel, das andre Bein leicht
-ins Zimmer gestreckt, das ihr der Tisch vor dem Sofa etwas verdeckte,
-und sah, etwas vorgebeugt, nach unten, so daß sie sein Gesicht fast ganz
-im Profil vor sich hatte. Dabei hatte seine Haltung mit dem einen auf
-den Schenkel gestemmten Arm einen Ausdruck von Ermüdung und großer
-unbewußter Würde. Und nun mit immer der gleichen Leichtheit im Bewegen
-ihres Blickes alle Linien seiner Züge nachziehend, fand sie, daß er
-sonst nicht schöner geworden war. Das Ganze schien so überaus
-unglücklich zusammengestellt; das Kinn viel zu klein, obgleich es an
-sich recht fein, ja fast zierlich gemeißelt war; die Oberlippe zu lang
-wie die Nase, die obendrein eingedrückt war; und nun erst diese zwei
-unmäßigen Buckel der Stirn über den überstarken Augäpfeln, Felsen
-gleich, die aneinandergelehnt sind, und die Einbuchtung zwischen ihnen
-war oben tief eingegraben, und dort schlug sichtbar ein Puls. Das
-mißfarbene Haar war dünn und auf der Kopfmitte gelichtet; Nacken und
-Hinterkopf, wie mit dem Beil geschlagen, zeigten eine einzige lange
-Linie. Und trotz allem diesem machte das Ganze keinen abschreckenden
-Eindruck; höchstens einen etwas furchterregend anziehenden, und es
-gefiel Renate, daß seine Lider, nicht wie bei anderen Menschen,
-klappten, sondern sich ruhig und selten nur legten und wieder hoben. Da
-war Geduld, Gelassenheit, Ruhe, und es erinnerte übrigens an Bogner.
-
-Eine Hand neben sich aufstützend, richtete Renate sich auf, im
-Bewußtsein berührt von einem sehr zarten Gefühl für diesen Menschen, und
-nun überrascht von der Leichtigkeit, mit der ihr jede Bewegung gelang.
-Ach, die schöne Wärme, die mit in Erschütterung gekommen war und nun an
-vielen Stellen zugleich quoll und verrieselte! Sie setzte sich, erfreut,
-daß es unhörbar gelang, in der Sofaecke aufrecht, und sagte dann leise
-nichts als: »Nun?«
-
-Er wandte sich, stand auf und kam an den Tisch, lächelnd mit einem
-Schatten von Besorgnis; sehr wohltuend war ihr dann das innerliche
-Dröhnen seiner Stimme, als er fragte, wie sie sich befinde, und ob sie
-etwas wünsche.
-
-»Befinden?« sagte sie, »gut. Und wünschen möcht ich gern, daß du dich
-wieder hinsetzest wie eben.«
-
-Er gehorchte lächelnd, nur daß er jetzt den Arm nicht aufstützte und
-Rücken und Hinterkopf grade an den Rahmen des Fensters legte, erhobenen
-Haupts, und diese Haltung von Stolz und Geduldigkeit gefiel Renate noch
-besser. Ich glaube, dachte sie bei sich, diesen Menschen zu lieben, ist
-das Leichteste von der Welt.
-
-Es tat ihr nun alles wohl; ihre Gedanken bewegten sich sacht, schwebend
-und doch sicher, nur war sie auf eine angenehme Weise geteilt in Nähe
-und Ferne, so daß es eng war um sie selber und alles andere fern, und
-daß sie niemals mehr als einem Gedanken zurzeit nachgeben konnte. Laut
-zu sprechen, war nicht gut möglich, aber auch nicht nötig.
-
-»Und nun, Erasmus,« bat sie nach einem Weilchen, die Augen schließend,
-»mußt du mir alles sagen. Ja, jetzt gleich. Ich will dir sagen, wie ich
-es meine.
-
-»Es giebt eine alte jüdische Legende vom Tode Mosis. Gott schickte alle
-Engel zu Moses, um ihm zu sagen, daß er sterben müsse, aber er weigerte
-sich. Da kam Gott selber und begann, ein Grab zu graben. Und während er
-dies tat, erzählte Moses dem Herrn sein Leben.«
-
-Obgleich sie wußte, daß es auf dem Ofen in Flor von diesem Vorgang keine
-Darstellung gab, sah sie deutlich die alten, dunkelgrünen Kacheln mit
-den undeutlich gepreßten Bildchen und darunter das, wo Moses am Berge
-sitzt; etwas unterhalb der langbärtige Herr tritt eben mit dem Fuß auf
-den eingestemmten Spaten.
-
-»Nicht,« fuhr sie fort, »daß ers wüßte, -- denn er wußte alles. Nicht
-daß ers wüßte, sondern daß ers einmal von Angesicht zu Angesicht
-erführe, so wie's gewesen war. Daß ers von ihm, von Mose hörte, der es
-ja gelebt. Daß er es einmal sagen könnte; einmal ihm zeigen könnte,
-sagen: Also war es ...«
-
-Erasmus löste seine Haltung, setzte sich wieder vor und sagte nach einer
-Weile, während seine Augen schwer wurden und angestrengt unter der Last
-der Stirn: »Ich muß wohl. -- Es wird schwer gehn.«
-
-»Ich will dirs abfragen«, sagte sie sanft, und er nickte langsam vor
-sich hin.
-
-»Weißt du, Erasmus, nun habe ich eben gesehn, was du hast. Ein sehr
-schönes Ohr. Aber das andre wird auch so sein. Hier --« sie zog mit dem
-Finger den Umriß in die Luft -- »hier oben ist eine sehr schön gebogene
-Schleife; dann wirds ganz eingezogen, und das Ohrläppchen ist sehr lang
-und gerundet.« Ja, wie schön, dachte sie innerlich, in einem so
-unvollkommenen Gesicht eine so vollkommene Sache; vielleicht gilt
-überhaupt nur die und das andere gar nicht! »Es ist genau,« schloß sie,
-»wie ein großes Fragezeichen, und das muß so sein.«
-
-Er hatte das Gesicht hergewandt. »Weswegen denn das?«
-
-»Na, Ohren, was tun die denn? Sie horchen, sie fragen doch immer! --
-Aber nun will ich fragen.«
-
-Nach einem langen Stillschweigen dann, während es draußen dunkler wurde
-und der Regen rauschender fiel, die kleinen Bilder an den Wänden fast
-ihre Farbe verloren, begann sie:
-
-»Erasmus, wie warst du als Junge?«
-
-Es dauerte eine Weile, bis sie ihn sagen hörte: »Zu!« und sie dachte, es
-käme noch eine Ergänzung, aber nichts.
-
-»Und als Jüngling?«
-
-»Böse.«
-
-»Und als Mann?«
-
-Er beugte sich weiter vor und sagte: »Hülflos.«
-
-»Zugeschlossen«, wiederholte sie leise. »Du durftest nicht zeigen, was
-in dir war. Oder du mußtest es heimlich tun, nicht wahr? Wenn du deiner
-Stiefmutter etwas schenken wolltest, so trugst du es in ihr Zimmer, wenn
-sie nicht darin war.«
-
-»Woher weißt du das?« fragte er erstaunt.
-
-»Ach woher! Ich weiß eben! Dann bist du auch so langsam gewesen und
-kamst immer zu spät, und Alle lachten. Da ließest du es lieber ganz
-sein. Und keiner, dachtest du, mochte dich leiden.«
-
-»Das dacht ich. Mein Vater fürchtete sich vor meinem Gesicht.«
-
-»Ja. Und mein Vater hat sich vor dem Großpapa gefürchtet, es war grad
-umgekehrt. Und dann war Josef immer da und viel leichter, nicht? In der
-Schule fielen dir die Antworten zu spät ein, und das genügte nicht. Ach,
-guter Erasmus, ich sehe deine Kindheit wie einen kleinen Stern hinter
-einer schweren Wolke. Nun wird alles besser werden.«
-
-»Als aber«, fing sie bald darauf wieder an, »Mathematik und
-Naturwissenschaften kamen, da hattest du einen guten Ofen, der wärmte,
-nicht wahr? Darin warst du Allen überlegen, und sie fingen an, dich zu
-achten. Bekamst du da Freunde?«
-
-»Erst nicht. Dann Bogner. Der hatte es ähnlich zu Hause wie ich, wenn
-auch in andrer Weise. Er machte mir Zeichnungen, und ich seine Aufgaben.
-Schließlich lief er doch weg.«
-
-»Wobei du ihm halfst. Dann kam das Examen bald, und du gingst --«
-
-»Nach Berlin. Da wollt ich allein sein.«
-
-»Lerntest du da Klemens kennen? Wie war das?«
-
-»Nicht besonders. Ich ging zuweilen in Arbeiterversammlungen. Da stand
-er einmal neben mir, und wir kamen ins Gespräch.«
-
-»So. Du kamst in Gespräche ...«
-
-»Diesmal.«
-
-»Wie lange bliebst du in Berlin?«
-
-»Bis zum Verbandsexamen. Dann war ich in Kiel. Dann in Marburg.«
-
-»Warum warst du da böse?«
-
-»Weil ich nicht wollte. Ich wollte niemand kennen, niemand nützen. Mir
-lag nur an meiner Arbeit.«
-
-»Was für eine Arbeit?«
-
-»Gewisse akustische Phänomene. Beobachtung der Schallwellen ...«
-
-»Ach,« sagte Renate verstehend, »wegen deiner Ohren! -- Was ist daraus
-geworden?«
-
-»Nichts. Als ich vor drei Jahren nach Altenrepen mußte, blieb alles
-liegen.«
-
-»Du warst ganz allein?«
-
-»Ja. Ich lief in den Wäldern herum und fluchte.«
-
-»Und dann kamst du in die Fabrik?«
-
-»Nein,« sagte er, sich abwendend, »da kam ich erst nach Flor.«
-
-Renate zitterte bis in die Füße. Nun gedachte sie erst wieder, daß es
-dieser Mensch war, dieser, der sein Wesen immer in einen furchtbaren
-Knoten geschlungen trug, und der sich einmal an ihr Leben gelegt hatte
-wie an eine Giftwunde und gesogen; im höchsten Augenblick aus allen
-Enden der Glieder zurückgesogen hatte das Gift wie ein Allmächtiger.
-Aber der Knoten blieb ungelöst und mußte zerhauen werden.
-
-Es dauerte lange Sekunden, bis sie fragen konnte: »Wie war das -- in
-Flor?«
-
-Da er abgewandt blieb, hörte sie seine Stimme undeutlich. Er könne es
-nicht sagen. Er hätte keine Worte dafür. Es sei dumpf gewesen.
-
-»Als ich wieder aufgewacht war,« sagte Renate mit mehr Sicherheit, »da
-konntest du nicht kommen und sagen: Du gehörst mir!?«
-
-Ja, wie denn? Ob sie ihm denn gehört hätte? Wenn ein Mensch ins Wasser
-fiele und ein Andrer hole ihn heraus ...
-
-»Ach, das paßt aber doch gar nicht, Erasmus! Ins Wasser springt es sich
-leicht. Dazu gehört nur Schwimmenkönnen und etwas Mut. Ins Wasser wäre
-Josef auch gesprungen.«
-
-»Vielleicht«, gestand er, »glaubte ich, du würdest mirs ansehn.«
-
-»Ja, da hattest du recht. Damals war ich blind, und nun sehe ich.«
-
-»Es hat so sein müssen.«
-
-»Und so blieben wir aneinander gebunden. Als wir uns wiedersahn in
-Altenrepen, was dachtest du da?«
-
-»Daß meinem Bruder kein Mensch widerstanden hatte.«
-
-Renate schwieg. »Viel fehlte ja nicht. Wenn er nicht zwei Schatten
-gehabt hätte ...«
-
-»Zwei, Renate?«
-
-»Zwei Schatten, dicht nebeneinander, wie wenn Licht brennt am Tag.
-Glaubst du an Doppelgänger? Ich glaube, es war einer.«
-
-»Bei Josef war alles möglich.«
-
-»Ich sagte es keinem, nicht einmal mir selber richtig. -- Und dann ging
-Josef, und du dachtest --«
-
-»Er wird bald wiederkommen.«
-
-»Ja, du glaubtest immer an alles, außer an dich.«
-
-»Er kam auch nach anderthalb Jahren.«
-
-»O das hast du gewußt?«
-
-»Ja. Es war so ein Zufall, wie sie sein müssen.«
-
-»Wann denn?«
-
-»Einmal -- du warst im Garten, mit Saint-Georges erst, dann allein. Du
-gingst zum Zaun und kamst nicht wieder. Ich sah alles vom Fenster. Dann
-mußte ich dir nachgehn. Ich wußte schon, wer da war. Und dann sah ich
-euch, wie ihr auf der Schaukel wart.«
-
-»Und als ich zum Abendessen heraufkam, warst du wie immer ...«
-
-»Du auch. Man beherrscht sich ja.«
-
-»Ja, wir Menschen sind wunderlich ... Und was kam dann?«
-
-Renate konnte nicht verstehn, was er sagte, oder ob er schwieg, denn in
-dem Augenblick brauste der Regen schallend auf, eine, zwei Sekunden
-lang, worauf er ebenso schnell sanft wurde, verhallte, und gleich darauf
-hörte sie nur lautes Tröpfeln. In der Ferne, wo sie den Himmel blau sah
-im Fenster, ging die goldene Gestalt einer Sonnenhelle wandernd einher
-und winkte nach allen Seiten, daß der Regen aufhöre. Renate mußte
-lächeln.
-
-Wenn ich nur wüßte, dachte sie, wie einer Frau zumute ist, die geboren
-hat! Auch erst so kalt und steif, wie als Erasmus mich trug, und dann so
-gewichtlos und warm?
-
-»Komm zu mir!« bat sie mit schwacher Stimme. Er kam und mußte sich auf
-den Stuhl neben ihr setzen, worauf sie seine eine Hand nahm und hielt.
-Sie war trocken, warm, beinah glühend, und sie dachte: Ach, aber die muß
-man kühlen! -- Warm, fiel ihr ein, wenn uns friert, und kühl, wenn uns
-glüht, denn er ist beides. -- Wer hatte denn das gesagt? Jason wohl, es
-klang so nach Jason. Derweil befühlte sie mit unmerklichen Drucken die
-große Gliederung dieser Hand, betrachtete auch verstohlen ihre Bildung.
-Sie war sehr derbe, die Fingernägel ganz rund, unedel -- bis auf den
-Daumen, der für sich allein aussah wie -- Renate fiel ein -- ein
-Konnetabel von Frankreich. Sie schloß nun die Hände um das ganze, große
-und gestaltete Werkzeug und fand endlich die leise Frage nach Josefs
-Tod:
-
-»Gab es nur die eine Lösung?«
-
-Es zuckte sofort in der Hand. Die Stimme des Menschen, zu dem sie
-gehörte, und den Renate neben sich kaum noch erblicken konnte, sagte:
-
-»Ja. Wenn es eine war. Immerhin -- ich bin frei geworden. Sogar mein
-Verstand --« Sie hörte ihn unbehülflich lachen.
-
-»Wie meinst du das?«
-
-»Es war alles locker geworden.« In der Hand liefen Wellen, die an ihren
-Händen zuckten und zerrten, immerfort hin und her. »Vorher war das --
-wie Gänge. Aus einem konnte man nur in den nächsten. Erst waren die
-Naturwissenschaften. Nein, erst war Josefs Mutter. Dann lange Zeit
-nichts, und das war schlimmer. Dann wie gesagt ... Dann das Studium, und
-meine Arbeit; dann Altenrepen, die Fabrik. Und du auch. Immer ein Gang
-und eine Höhle. Es war immer niedrig, ganz eng, ich konnte eben drin
-hingehn. Es war alles vorgeschrieben, und -- auch Lesen, Spaziergänge --
-das war nur, wie wenn ich die Hand hob und an der Decke kratzte.«
-
-Er schwieg -- und fuhr wieder fort mit einem Stoß.
-
-»Nun war die Decke fort. Der Himmel sah nicht herein. Der Tote sah
-herein, und wir sprachen miteinander. Erst im Traum nur. Dann auch ...
-Wir hatten uns ja sonst niemals schlecht vertragen die letzten Jahre;
-und er war allzeit großartig gewesen und trug nichts nach. Nun war auch
-immer etwas Hinterlist dabei, so wie er sonst nicht war. Und er wollte
-mir beweisen, daß ich ganz recht getan hatte. So war Josef.«
-
-Es kam nichts mehr. Renate sagte: »Weiter, Erasmus!« die Hand
-festhaltend wie ein warmes Tier, das immer davonwill.
-
-»Wir verglichen,« stieß er sich wieder vorwärts, »wir verglichen mein
-Leben und seinen Tod. Immer fehlte etwas bei mir am Gewicht. Ich dachte,
-ich würde verrückt. Wir hockten da beieinander und suchten und fanden es
-nicht.« Er stockte.
-
-»Das hat lange gedauert. Alte Begriffe sitzen sehr fest an einem. Es
-giebt so eine Konchylie, die am Bauch der Schiffe sich festsetzt und
-steinhart wird. Man muß sie mit der Axt abschlagen. Und man hat so
-gelernt: Tod muß mit Tod bezahlt werden. Aber das war locker geworden,
-und ich dachte: Stimmt das? Ein Mann hat einen andern erschlagen, und
-das Volk sagt: Gerechtigkeit! er muß auch sterben. -- Wenn nun die
-Gerechtigkeit erfüllt wird, so empfindet das Volk Genugtuung. Ich
-arbeitete so mit Schlüssen. Es empfindet Genugtuung über die
-Gerechtigkeit, und das stellt sich dar in Genugtuung über einen zweiten
-Mord. Ist das gut? Nein. Aber der getötet hatte, empfand auch
-Genugtuung. Heben die beiden sich auf? Die Algebra sagt: Minus mal Minus
-giebt Plus.
-
-»Ja, so hab ich gerechnet«, fuhr die immer mehr dröhnende Stimme fort,
-während die Hand in Renates Händen feucht wurde und klebend. »Und dann
-fiel mir ein: Gott machte an Kain ein Zeichen, und keiner durfte ihn
-anrühren. Unstet und flüchtig heißt es. Er wollte also keinen zweiten
-Mord. Er wollte, ich soll unstet leben.«
-
-Renate sagte leise: »Und dein Vater? Er hatte doch ver--«
-
-Sie endete nicht, da er seine Hand aus den ihren nahm, um eine
-abwehrende Bewegung zu machen.
-
-»Er -- ja, für sich! Aber für mich, und Josef, und die Welt? Nein,
-soweit war das schon richtig mit Gott.« Er sprang auf und stellte sich
-irgendwo im Zimmer auf, unsichtbar hinter Renate, deren Hände plötzlich
-aufatmeten.
-
-»Aber nun das mit dem unsteten Leben«, hörte sie seine Stimme verdeckt
-und sah, sich ein wenig wendend, ihn an der Wand stehn, eine Faust
-darauf und auf sie die Stirne gelegt. Sie sah wieder fort.
-
-»Wie soll man sich das vorstellen? Es war doch ein langes Leben wohl?
-Wovon lebte er denn? und wie? Immer auf der Flucht? Da dacht ich: das
-sind so menschliche Vorstellungen. Die Menschen erraten zuweilen etwas,
-es blitzt etwas auf, so das mit dem Zeichen, das Gott machte. Weiter
-wissen sie dann nicht, und das war eben das Wichtige. Er sühnte so --
-und es ging sie ja auch nichts an.«
-
-Nun sprach er schneller und immer heftiger weiter.
-
-»Ich hab das immerzu gedacht. Gerechtigkeit ist so ein irdischer
-Begriff. Er kommt vom Wert. Jedes Ding wird gleich gewogen mit einem
-zweiten, und Gerechtigkeit läßt sich kaufen. Früher kauften sie auch
-Frauen, und es giebt Länder, wo Blut mit Gold bezahlt wird. Hilf mir
-doch weiter!« stöhnte er plötzlich, und erschrocken sich umwendend sah
-sie ihn in einer seltsamen und furchtbaren Haltung vor dem Schrank, die
-Stirne ganz tief dagegen gesenkt und mit ausgebreiteten Händen auf und
-nieder gleitend an den Kanten, -- so wie ein Tier, das irr geworden ist
-von Gefangenschaft. Renate war gleich darauf bei ihm, er ließ sich
-aufrichten, legte seinen Kopf auf ihre Schulter und blieb so eine Weile.
-Plötzlich machte er sich dann los, setzte sich in Bewegung und redete
-vor sich hin, auf und ab gehend, und ohne die gesenkten Augen und den
-Kopf zu erheben; die Hände griffen dabei.
-
-»Die Rechnung stimmt eben nicht. Jedes Ding ist einzig. Das Volk denkt:
-Wenn mein Weib stirbt, nehm ich ein andres. Das hab ich immerzu gedacht.
-Kann Gott -- ich meine: wenn es einen giebt und er hat eine
-Gerechtigkeit, kann sie auch so --?
-
-»Nein. Für ihn ist alles einzig und unersetzlich. Ist das menschlich zu
-wägen? Nein, hin ist hin.
-
-»Aber dann dacht ich: kann der Mensch nicht etwas tun? Nehmen und dann
-wiedergeben, und wenns ihm auch sauer wird, ist doch keine Leistung. Was
-aber noch? Ich dachte: der Mensch kann _mehr_ tun.«
-
-Renate hatte sich auf den Stuhl am Tische gesetzt und die Hände darauf
-gefaltet. »Das hast du gedacht?« fragte sie ergriffen.
-
-»Es ergab sich so. Man muß rechnen, und man muß immer weiter denken.
-Früher, wie gesagt, war da Gang und Höhle, und so ist es mit dem Denken:
-links, rechts, rechts, links, und dann die Wand. Nein weiter: oben --
-unten ...«
-
-Stehen bleibend, sah er Renate mit jenem beschränkten und unbeholfenen
-Frageblick an, den sie kannte. »Mußtest du immer denken?« fragte sie
-behutsam. Er begann wieder zu gehn. Erst nach einer Weile rief er:
-
-»Na ja, was denn, was denn? Denken, der Mensch muß denken! Langsam kommt
-man vorwärts, und ich trat immer auf dieselbe Stelle und sah mich um. So
-muß mans machen.
-
-»Also nun das Mehr-tun. Wie fängt man das an? An den Menschen ist
-freilich immer zu tun, aber --« er brach enttäuscht ab. »Ihnen ist ja
-nicht zu helfen!«
-
-»Ich meine, versteh mich recht,« fing er gleich wieder an, »nicht auf
-meine Weise! mit meinen Mitteln! Was läßt sich denn ausrichten? Ich hab
-doch nur Geld. Was kann man machen? Wenn ich alles verteilt hätte, wenn
-ich jedem so viel gegeben hätte, ich meine jetzt: meinen Arbeitern, daß
-er so viel hatte wie ich selbst, das wäre doch ungerecht gewesen! Dann
-hätte ich doch zu wenig bekommen! Und was kann man sonst tun? Da sind
-überall die Gleise: Krankenhäuser, Pensionen, und bessere Wohnungen, und
-dergleichen --« Er schöpfte Atem. »Was ist denn damit gedient?
-
-»Man kann immer nur flicken. Das ist ja auch alles nicht der Rede wert,
-das war ja für mich alles viel zu wenig, da bin ich auch bald
-abgekommen. Ich habe einfach -- gerechnet! Ja!« schloß er mit großer
-Bestimmtheit, vor Renate stehend mit schwerem, aber fast zufriedenem
-Blick. Und nun sprach er schnell weiter:
-
-»Einem hab ich genommen, einem muß ich geben. Das Dasein hier, das ist
-ganz aufgebaut auf Zwein. Zwei machen die Zeugung, ohne die steht alles
-still. Zwei sind das Letzte. Wer Allen was tun will, der muß sein -- wie
-Christus. Ich meine: so einer kann ihnen doch nur mit der Seele helfen.
-Das ist doch klar! Ja, die Mathematik, wer die begreift, das ist eine
-göttliche Kunst! Es giebt eine Zahl darin, laß dir sagen,« redete er
-inständig, doch scheinbar ohne sie recht zu sehn, auf Renate ein, »das
-ist die Null. Die verzehnfacht jede Zahl, wenn man sie dahinter stellt.
-Ist das nicht ein Geheimnis? Wie macht sie das? Durch ein andres
-Geheimnis, nicht wahr? Null ist nämlich in der Mathematik gleich
-Unendlich!« schloß er mit ausgestrecktem Zeigefinger vor Renate hin.
-
-»Null ist gleich Unendlich. Und das Unendliche in Verbindung mit einem
-Endlichen wirkt in endlicher Weise, und mit einem Irdischen in irdischer
-Weise. Die Kraft des Unendlichen wirkt durch Verzehnfachen, Verhundert-,
-Vertausendfachen. An sich ist sie nichts, ist Null, für uns, ja für uns
-Null. Oder _x_, die Unbekannte. Null ist gleich _x_. In jeder Aufgabe,
-die sich löst, muß _x_ gleich Null sein.«
-
-Renate bemühte sich, mit dem offenen Blick des Verstehens und
-Einverständnisses an diesen, jetzt quellenden und glühenden Augen zu
-hängen, ohne doch dabei sie, die verwirrenden, richtig zu sehn; und sie
-klammerte sich an etwas, das ferne hinter ihnen, und hinter all diesem
-Sinnlosen und wieder Sinnreichen, zu dämmern schien wie ein Auge voll
-großer Vernunft.
-
-»Aber«, sprach er weiter, »wenn du nun Übertragungen vornimmst auf die
-menschlichen Zustände, so gehts wie mit allen Übertragungen des
-Göttlichen: es geht immer nur bis zu einer gewissen Grenze. Ich stand
-gleich vor einer Schranke, vor zwei Schranken, ja, und hinter jeder
-warst du!«
-
-Er rief ihr das zu -- so wie man einem etwas ins Gesicht ruft, damit er
-endlich begreift, und erst hinterher schien ihm bewußt zu werden, was
-das denn hieß, denn er brach ab, legte das Gesicht auf die Seite und
-versuchte zu lächeln, ohne Renate anzusehn, auf sehr traurige Weise. --
-Sie sagte nur: »Weiter, Erasmus!« und als hätte es nichts weiter
-gebraucht als das, war er wieder in Erregung und sprach, jedoch ohne sie
-anzusehn, gegen den Tisch:
-
-»Die eine Schranke war so. Einem Menschen hatt' ich genommen, einem
-andern mußte ich geben. Was? Das Leben. Ja, mein Gott, was solltest du
-mit meinem Leben? Damals warst du krank. Was sollte ich tun? Konnt ich
-wie damals? Wenn ich kam, liefst du weg und schriest --«
-
-Er verstummte. Sie konnte die Augen nicht offen halten, schaudernd vor
-der Erinnerung an ein Tier, an den Tiger, der ihr damals zuweilen
-Entsetzen eingeflößt hatte.
-
-»Weiter, Erasmus, weiter!« flehte sie.
-
-»Das war die eine Schranke. Die andre war das Unendliche. Wie läßt es
-sich binden? Kann man hineingehn? Ja, kannst du denken, was ich damals
-beabsichtigt, ganz ernst beabsichtigt habe?«
-
-Die Augen öffnend, fand sie die seinen wieder darauf eingestellt,
-fragend.
-
-»Ja, Erasmus,« sagte sie, in einem Blitz erratend, »du wolltest Mönch
-werden.«
-
-»In ein Kloster gehn. Aber es paßte doch gar nicht. Ich muß tätig sein.
-Was sollte ich anfangen in einer Zelle?«
-
-»Also einen andern Weg? Also zu einem Menschen? Da war wieder die
-Schranke, -- und du!« endete er unsicher.
-
-»Ich weiß«, sagte sie sanft. Aber wie weiter? Was nun?
-
-Es verging eine Zeit, und sie sah ihn nun wieder wie im Anfang auf der
-Fensterbank sitzen, nur viel erschöpfter, den Kopf angelehnt, das hagere
-Gesicht durchglüht und beperlt, ein Taschentuch in den Händen, das er
-unbewußt zusammendrückte und zog.
-
-»Erasmus,« fragte sie, »glaubst du an Gott?«
-
-»Ach,« versetzte er ablehnend, »wer kann das wissen! Man glaubt und auch
-nicht. Die meiste Zeit des Lebens geht ohne ihn hin, und eines Tages, wo
-man ihn haben müßte, ist er verloren. Ganz recht, denn das wäre was,
-sich das halbe Leben nicht um ihn kümmern, und dann plötzlich, wenn man
-ihn braucht. Er wird sich um uns auch nicht kümmern.«
-
-»Ja, aber wozu dann --« fragte sie in plötzlicher und dunkler Ahnung
-eines ablenkenden Wegs.
-
-Er setzte sich härter und gerader fest. »Wenn es einen giebt, muß er
-schon so groß sein, daß er sich um uns nicht bekümmern kann!« sagte er
-verächtlich.
-
-»Wirklich, ach! Was du nicht sagst!« rief sie entschlossen, jetzt ganz
-leicht zu reden. »Ich glaube, an dieser Stelle hättest du getrost auch
-weiter denken können.«
-
-»Wieso?«
-
-»So groß«, sagte sie, »kannst du dir Gott denken, daß er deiner nicht
-achtet. Warum dann, Erasmus, warum nicht noch um so viel größer, daß er
-deiner doch achtet? Wie wird denn die Größe bei dir gemessen? Wäre das
-nicht erst wahrhaft Größe: so groß -- und doch deiner achtend?«
-
-»Das wäre!« sagte er tief und sah sie mit Staunen an. »Das läßt sich ja
-begreifen!«
-
-»Und das Unendliche,« fragte sie voll Hast weiter und innerlich schon
-triumphierend: »wenn es das giebt, hat es einen Anfang? oder ein Ende?«
-
-»Nein.«
-
-»Kannst du also am Anfang oder Ende stehn?«
-
-»Nein.«
-
-»Also wo!«
-
-»Mitten.«
-
-»Und das Unendliche selbst, wo kann es nur sein?«
-
-»In mir.«
-
-»In dir, Erasmus, ja in dir! Der Kreis, der ewige Kreis, der du bist,
-und dessen Umlauf nirgend, und dessen Mitte allüberall ist. Wie konntest
-du denn -- ach, nun fällt mir etwas ein, es ist zum Lachen, aber höre
-nur! Neben unsrer Kleinbahn bei Flor standen in Abständen auf dem Damm
-immer Pfähle mit einem wagrechten Brett oben, wie Wegweiser, die
-senkrecht weg von der Bahn zeigten, und darauf war das mathematische
-Unendlichkeitszeichen gemalt -- so!« Sie malte mit dem Finger die
-liegende Acht in die Luft. »Und ich weiß noch, wie ich zu Papa gelaufen
-kam, als ich das Zeichen gelernt hatte, außer mir, weil da überall
-Wegweiser standen mit dem Zeichen. Hier gehts zur Unendlichkeit! nicht
-wahr? und natürlich hatten sie recht, da alle Wege in sie münden. Aber
-in Wirklichkeit: liegt es denn da draußen irgendwo, das Unendliche? Und
-sahst du nicht immer nach oben oder unten, nach draußen, um es zu
-finden? Was also hättest du tun müssen statt dessen?«
-
-Gott erhalte mir jetzt meinen Verstand, betete sie inbrünstig und nahm
-all ihren Scharfsinn zusammen, dieweil sie ihn antworten hörte: »Nach
-innen sehn!« und hinzusetzen, ungläubig: »Aber -- da war doch nichts!«
-
-»Nichts, Erasmus? Mit dir hat man seine Not! Wo, sagtest du eben, sei
-das Unendliche?«
-
-»In mir.«
-
-»Und in welcher Gestalt? göttlicher oder menschlicher?«
-
-»Menschlicher.«
-
-»Die wie aussieht, du sagtest es vorhin?«
-
-»Wie eine Null.«
-
-»Und die was tut in Verbindung mit der Zahl?«
-
-»Verzehnfacht.«
-
-»Was ist verzehnfachen? Ich meine: wie nennt man -- etwas, das
-verzehnfachen kann?«
-
-»Eine Kraft.«
-
-»Also stellt das Unendliche sich menschlich dar in einer gewaltigen
-Kraft, die verzehnfacht. Hast du einen Namen für solche Kraft, wenn du
-sie dir vorstellst?«
-
-Er zauderte. »Du meinst -- Liebeskraft.«
-
-»Ja, Erasmus, Liebeskraft, ja, das ist die Kraft des Unendlichen, durch
-die sie Wesen hat und waltet! Hast du sie nicht gehabt?«
-
-»Ich glaube ...«
-
-»Ach, du glaubst! Nun, und was tut man mit ihr?«
-
-»Man -- man soll sie anwenden.«
-
-»An wen?«
-
-»An Menschen.«
-
-»Was für einen Menschen?«
-
-»Der sie braucht.«
-
-»Kanntest du solch einen?«
-
-»Ja.«
-
-»Wer war denn das?« rief sie, fast zerrend an seiner Langsamkeit.
-
-Seine Augen verdrehten sich etwas. »Du.«
-
-»Nun? Und nun?«
-
-Er schüttelte den Kopf. »Aber -- Renate! Da ist ja wieder die Schranke.«
-
-»Nun Gott sei gelobt,« sagte sie strahlenden Auges, »das war alles, was
-ich wollte!«
-
-Da begriff er. Sie erhob sich langsam, während er auf sie zukam, und
-sagte: »Sollt ich nicht auf meine Art auch beweisen, Erasmus?«
-
-Er nahm ihre Hände und legte sie sich auf die Schultern. »Du verdrehst
-es nur so«, meinte er stockend.
-
-Plötzlich schlug ihr Herz wie im Fieber, und Müdigkeit nach der
-Anspannung des Denkens schwemmte heiß über sie hin. Sie legte einen
-Augenblick die Stirn gegen seine Schulter, stand auf einmal in ihrem
-Schlafzimmer, am Fußende des Bettes, und dachte besinnungslos nur: War
-das der Anfang -- --?
-
-Sie ging um das Bett, setzte sich auf die Decke, und in einem
-Schwindelgefühl erschien ihr Jason in ebendem Bett, auf dem sie saß, wie
-er krank darin lag vor Jahren. Sie und Magda saßen abwechselnd bei ihm
-und hörten ihn endlos aufsagen aus der Abgründigkeit seines
-Gedächtnisses.
-
-Ja, dachte sie weiter, ich muß ihn reden lassen, immer wieder, und ihn
-immer wieder auf einen andern Weg bringen, bis er sich ausgeschöpft hat.
-
-Wenn er sich ausschöpfen läßt! entgegnete unhörbar eine Stimme.
-
-Oder bis er es müde wird. Denn, setzte sie auflächelnd hinzu, außerdem
-wird noch das Leben sein, und alles --
-
-Sie vermochte nicht zu Ende zu denken, gab, verspürend, daß sie umsank,
-langsam nach, lag und zog auch die Füße herauf. Ihre Augen fielen zu,
-sie glühte und gab sich der Müdigkeit hin mit einem Seufzer der Lust.
-Noch hörte sie die Stille und draußen das unablässige Aprilgezwitscher
-der Vögel, und sie dachte in der Erinnerung Jasons:
-
-Er hat es überstanden, -- und du und ich, wir werden es auch überstehn.
--- --
-
-Damit entschlief sie. Sie fuhr aber schon Augenblicke danach mit einem
-zuckenden Schrecken empor und saß aufrecht. Sie horchte; nebenan war
-Stille. Eine halbe Minute wohl saß sie so, keinen Laut vernehmend als
-den dumpfen Schlag ihres Herzens und das ferne Klappern einer Dachrenne.
-Etwas -- mußte nebenan sein, und da sie doch die Vorstellung hatte, das
-Zimmer sei leer, dachte sie besinnungslos: er hat sich hinausgestürzt!
-mehrere Male; vor Augen das offene Fenster dort. Der Schlag ihres
-Herzens trat in ihre Kehle, sie schluckte und atmete behutsam.
-
-Und behutsam nahm sie die Füße vom Bett, dabei entdeckend, daß sie ihr
-Kleid nicht mehr anhatte und weiß war in Unterrock und Leibchen. Ihr
-fröstelte; aber in dem Augenblick, wo sie leise aufstehn und zur Tür
-gehen wollte, wußte sie, daß er dahinter stand, und rief schon:
-»Erasmus!« angstvoll blickend zur Tür, bis zu der das Fußende des Bettes
-reichte.
-
-Die ging auf, und er kam herein. Ohne sie anzusehn, kam er um das Bett
-und stürzte vor sie hin, umschlang ihren Leib, wühlte die Stirn in ihren
-Schoß, ächzte und schluchzte, auf und nieder geworfen von Stößen, daß
-sie ihn kaum zu halten vermochte. Aber sie preßte ihn an sich mit aller
-Kraft, küßte ihn, weinte und stammelte, was ihr einfiel: »Ja, ja,
-Erasmus, ja! O mein Gott, ich hab zu wenig getan, das war ja nichts, ich
-weiß, ich hab es ja gewußt! Sag mir, was ich tun soll, ich will alles
-tun! Sag doch, o sag doch!«
-
-Langsam wurde es in ihm stiller. Er hob den Kopf hoch, sah sie an mit
-unseligen Augen und sagte: »Gieb mir --«
-
-Er brachte nichts weiter heraus, setzte zwei- und dreimal zum Sprechen
-an, und indem hatte sie erraten, was er wollte, und schrie, sein Gesicht
-an die Brust drückend: »Die Kinder!«
-
-Und weiter mit immer erneutem Pressen und Küssen und an sich Drücken
-flüsterte sie in ihn hinein, jagend in Worten, von denen sie kaum wußte:
-»Die Kinder, ja, ja, ich hab es ja gewußt, nur das kann uns retten!
-Warte nur, o wart nur ein wenig, bald, bald, es geht ja schnell, und wir
-wollen gleich -- -- Erasmus! Willst du gleich? Jetzt! Heut nacht, heut,
-o ich will dich lieben!« schrie sie brennend, »ich will dich lieben wie
-Gott, und dann kommen sie, du wirst sie bald hören, das Neue, Erasmus,
-das neue Leben, das nichts weiß! Ach!« weinte sie, »wenn du nur erst
-sein Herz in mir schlagen hörst! Ach, wenn du fühlst, wie es sich
-bewegt, dann wird es ja gut werden. Dann wird es ja gut werden!«
-
-Sie hob sein Gesicht mit beiden Händen, damit er sie ansähe, strömend
-von Tränen, durch die seine Züge dunkel und verschwommen erschienen wie
-in Wasser. Aber er sah sie nicht an, er schien über ihre Schulter ins
-Leere zu starren oder in die Ferne, und so sagte er dann:
-
-»Ja. Aber -- -- und dann ...«
-
-»Was denn, Erasmus? was denn?«
-
-»Dann muß man -- es -- sagen ...«
-
-»Sagen? Was sagen, Erasmus, wem denn?«
-
-In seine Augen trat ein entsetzlicher Ausdruck von Lüsternheit, mit dem
-er flüsterte: »Mein Sohn ...«
-
-Sie erriet. Sie schrie: »Um Gottes willen, Erasmus, was willst du --«
-
-»Wenn er soweit -- ist ...«
-
-»Nein, Erasmus!« jammerte sie, »nein, nein!«
-
-»Dann will ich ihm sagen -- dein Vater -- ist --«
-
-»Nein, du tötest uns, Erasmus, nein!«
-
-»Mörder --«
-
-»Du bist es ja nicht! Lieber, Lieber! du bist es ja nicht!« klagte sie.
-
-»Und dann -- -- wenn ers -- erträgt ... Wenn -- ich -- einen Sohn --
-habe --« sagte er langsam, »der es -- erträgt, dann -- ist es gut.«
-
-Er sank an ihr nieder, erschöpft, sein Gesicht fiel auf den Bettrand,
-und sie saß leise weinend daneben, mit der Hand über sein feuchtes Haar
-streichend, und verstand, daß es so sein mußte. Es sei denn, das Leben
-selber brauchte seine Gewalt.
-
-Er stand von den Knien auf, wandte sich ab und ging zum Fenster, wo
-seine Gestalt den schmalen Raum ganz verdunkelte. Aber draußen war
-Helle, und Renate konnte aus ferner Höhe die leise Drosselstimme der
-Kindheit schlagen hören, friedfertig in Pausen, durch die Stille.
-
-Es war Charfreitag; Ostern stand bevor.
-
-
- Sechstes Kapitel
-
-
- Bogner/Klemens
-
-Georg, ergeben und hoffnungslos hinter Renate über das Rasenoval
-wandernd, sah die drei Ankömmlinge und daß Renate sich einem von ihnen
-gesellte und mit ihm die Freitreppe hinaufging. Aber mit abirrendem Auge
-erkannte er Bogner. Der streckte die Hände aus, und Georg lief eilfertig
-und fast mit einem Jauchzen der Erleichterung in die Arme, die er sich
-ausbreiten sah.
-
-Auch in Bogners Augen, als der ihn hielt und betrachtete, war eine
-tiefere Zärtlichkeit; aber Georg fühlte sich so aufgeregt und erweicht
-von dem unvermuteten Wiedersehn, daß es ihn mit Tränen bedrängte; daß
-er, für Augenblicke sprachlos, die Umgebung in Kreisen sah und innerst
-erbebend dachte, sein Vater sei wiedergekommen.
-
-Wieder aus seinen Armen gelöst, erkannte er in dem großen Fremden, mit
-dem Renate eben in der Glastür oben verschwand, Erasmus Montfort und
-gleich darauf in dem Andern, überaus Schwarzbärtigen, Klemens. Sein Bart
-war zehnmal so groß, als er ihn im Gedächtnis hatte. Er schüttelte ihm
-nun die Hand, fühlte sich aber von Bogner, der Klemens zuplinkte,
-beiseite gezogen.
-
-»Pst!« raunte er, »Achtung! Er hat keine Ahnung!«
-
-»Wer? Klemens? Wovon?«
-
-»Von Irene. Daß sie hier ist.«
-
-»Ah! So. Ja, was macht man da? Sie wird mit der Anna in Böhne sein.«
-
-»Gar nichts. Es wird sich schon zeigen.«
-
-Sie wandten sich Klemens wieder zu, und Georg fragte ihn, indem er sich
-doch wundern mußte, wie die Drei so zusammen gekommen waren, nach
-Erasmus.
-
-»Wir sind zu Fuß gekommen,« sagte Klemens, »und suchten Bogner auf, um
-uns herführen zu lassen.« Er wollte noch mehr sagen, aber ein
-Regenschauer ging so jählings über sie herunter, daß sie
-auseinanderfuhren, worauf Georg jeden bei einem Arm nahm und mit ihnen
-die Terrasse empor ins Gobelinzimmer lief. Egloffstein, immer bereit,
-hielt die Tür schon offen. Ob die Damen schon aus der Stadt zurück
-seien, fragte Georg. -- Noch nicht. -- »Um so besser, dann kriegt ihr
-ihr Frühstück! Sagen Sie auch gleich in der Küche an, Egloffstein, daß
-noch eine Gans geschlachtet wird. Ihr bleibt doch zum Essen?«
-
-Klemens zögerte höflich und schwieg, Bogner dagegen bedauerte: sein
-Mittagsmahl erwarte ihn daheim. Er hoffe aber, setzte er hinzu, Georg am
-Nachmittag bei sich zu sehn. Er wäre auch ohne die Andern gekommen, ihn
-zu bitten.
-
-Nun zwischen den Beiden sitzend, der offenen Glastür gegenüber, durch
-die er den leichten Sonnenregen auf die Terrasse niederrieseln sah,
-glaubte Georg, Klemens nach der ersten Erfreutheit der Begrüßung nicht
-in einem Zustand des Behagens zu sehn. So braun er war, schien er kaum
-recht gesund, im Innern erschöpft und außer Ordnung. Das tiefe Schwarz
-des großen Bartes und der dicken Brauen erhöhte nebst dem glatten
-Graubraun seiner Stirn das Seltsame der wassergrauen Augen. Sie hatten
-sich verhärtet, und Georg dachte, er sieht ja aus wie der Dulder
-Odysseus, der heimkommt und sich nicht zurechtfinden kann.
-
-Bogner an der andern Seite hatte übrigens nichts eben Väterliches an
-sich, sondern sich erstaunlich verjüngt. Fast vermißte Georg das lange
-Haar von Hallig Hooge an dem kurzüberschorenen Kopf. Es war dunkler
-nachgewachsen, nur der Scheitel noch leicht übergraut. Die hellen
-kleinen Augen in ihren Höhlen hatten einen fast lieblich zu nennenden
-Glanz, Fleisch und Haut über dem Skelett des Gesichts ihre frühere
-Festigkeit wieder, und brüderlich erschien nun, was Georg früher als
-väterlich empfand.
-
-»Giebt es Neues bei dir?« fragte er derweil. »Bilder? Wieviel? Nun, ich
-komme natürlich!«
-
-»Acht Bilder im ganzen,« erklärte Bogner, »die zusammen gehören.
-Allerdings mehr inner- als äußerlich, wenn du auch auf den meisten eine
-Gestalt wiederkehren sehn wirst. Fertig sind allerdings erst drei. Es
-sind Heldendarstellungen, eine heroische Symphonie könnte mans nennen.
-Von den übrigen kannst du Studien sehn.«
-
-»Wunderbar! Bekomm ich die alle geschenkt?«
-
-»Ich möchte sie«, sagte Bogner lächelnd, »der Stadt schenken,
-Altenrepen, wenn du sie annehmen willst?«
-
-»Mit tausend Freuden! Was willst du dafür?«
-
-»Das wird mir noch einfallen. Aber du mußt ihnen ein Haus baun. Höre
-einmal, was ich mir ausgedacht habe.«
-
-Und Georg hörte ihn langsam seinen Plan auseinandersetzen und sah ihn
-gleich kostbar entstehen vor seinen Augen. Einen Tempel, nicht eben
-groß, dem Andenken von Georgs Vater gewidmet. Er würde auf eine Anhöhe
-zu liegen kommen und die Form einer Sonnenblume haben, mit neun
-länglichten Blättern und einem Kuppelraum in der Mitte. Dieser würde
-leer bleiben, mit Eingängen zwischen den Blumenblättern, -- Bogner
-schwankte noch, ob er die musizierenden Engel aus Renates Kapelle, um
-einige vermehrt, darin wiederholen solle, was Georg begeisterte, da sie
-bei Renate von niemand gesehen würden. Jedenfalls sollte der Mittelraum
-nur der Sammlung und Andacht dienen. An die äußeren Enden der Blätter
-würden die Bilder kommen; an das des neunten eine Statue, oder besser
-eine Büste des Toten.
-
-Nun, Georg war Feuer und Flamme, aber Klemens murmelte einigermaßen
-grämlich etwas von »Archaisiererei«, die dabei herauskommen würde.
-Tempel, heute! Wer denn heut ein Gefühl für Tempel hätte, so daß es ein
-Gebilde der Zeit würde, zumal hier im Norden.
-
-»Ich weiß nicht,« sagte Bogner, »ob Tempel zeitliche Gebilde oder
-zeitgemäß sein können. Gott ist nicht zeitgemäß.«
-
-»Gott nicht, aber der Glaube.«
-
-»Dann müßte es mehr Götter geben als einen.«
-
-»Einen, der sich wandelt, wie die Menschheit sich wandelt.«
-
-»Die Kunst«, sagte Bogner nachdenklich, »hat meines Erachtens die
-Aufgabe, das Unwandelbare darzustellen. Sonst kämen wir zu Problemen,
-und das Problem Gottes zu lösen, kann nicht ihre Aufgabe sein.«
-
-»Aha, so, dann halten Sie auch das Tempelproblem für gelöst?«
-
-»Ich glaube. Wie das des Glaubens. Wenn im Tempel das Gläubige sich
-ausdrückt, so löst es sich mit der einfachsten Darstellung der
-architektonischen Aufgabe. Stütze und Last, Säule und Gebälk, und ewig
-bleibt, meines Empfindens, die Gestalt des Baumes. Hellas hat die uns
-empfunden, ihr Inneres läßt sich nicht ändern, aber ich bestehe durchaus
-nicht darauf, daß etwa das Kapitäl jonisch sein soll oder korinthisch.
-Das immerhin war zeitmäßig und landschaftlich griechischer Ausdruck, und
---«
-
-»Sie machen mittelalterliche Weinlaub- oder Eichenblätterkapitäle auf
-die dorische Säule? Übrigens«, schloß er in seinem ersten, bisher von
-Hitzigkeit abgelösten Tone der Grämlichkeit, »machen Sie, was Sie
-wollen.«
-
-»Du bist zänkisch!« sagte Georg nun, der mit Behagen dem Hin und Wider
-gefolgt war. »Du wirst der ganzen Architektur den Mund verbieten.«
-
-Klemens nahm Rührei von der Schüssel, die Egloffstein hinhielt, und gab
-sich Mühe, zu lächeln. Ja, er hätte schon neulich einen Architekten
-sagen hören, daß sie, die Architekten von heut, sich nur hinsetzen
-könnten und warten, da die Baukunst nicht -- wie vormals -- imstande
-sei, der Zeit einen Ausdruck zu geben.
-
-»Davon«, sagte Georg, »schreibt Victor Hugo sehr schön in Notre-Dame.
-Sonst übrigens ein albernes Buch. Völker, sagt er, haben ihre Geschichte
-in Baukunst geschrieben. Heut ist die Mannigfaltigkeit nun zu groß
-geworden. Auch hat immer eine Kunst die Oberstimme gehabt in den
-wechselnden Zeiten.«
-
-»Und welche wäre das heute? Die Dichtung? Literatur? Da redest du wieder
-aus der Vergangenheitsperspektive. Wenn du darin gesteckt und gelebt
-hättest, würdest du alles anders gesehn haben, und ganz ungenau. Du
-hebst einen Faden aus der Vergangenheit und sagst: das ist der Faden.
-Du, in deiner Abstraktion, kannst relativ sein, aber hier handelt es
-sich um Wirklichkeit, um Gegenwart, und das nötige Mittel der Relation,
-die Vergleichung, fehlt.«
-
-»Meinetwegen. Aber hat denn nicht die Baukunst einen Ausdruck für etwas
-Neues und Zeitmäßiges gefunden?«
-
-»Das Warenhaus wohl?«
-
-»Vielleicht.«
-
-»Lassen Sie das auch gelten, Bogner?« Klemens schien sich zu erleichtern
-im Wortstreit.
-
-Das Warenhaus, meinte Bogner, sei freilich kaum eine geistige
-Erscheinung.
-
-»Aber wieso?« fragte Georg. »In einem weiten Sinn als Verkehrssinnbild?«
-
-»Nun, Kaufhäuser gab es auch im Mittelalter. Das Warenhaus aber setzt
-die Dinge nur in Beziehung, ist -- ganz Fläche. Das mittelalterliche
-Kaufhaus war ein Ausdruck des ganzen kaufmännischen Geistes und --«
-
-»Ja, das bringt mich auf einen Hauptunterschied von heute und damals«,
-rief Georg. »Damals gab es nur zweierlei Bauten, Kirchen und
-Profangebäude. Die heutige Hundertfältigkeit --« Georg verstummte einen
-Augenblick, um Klemens sagen zu lassen, das ließe sich höchstens von der
-italienischen und deutschen Renaissance behaupten, -- um dann
-fortzufahren: »Immerhin wurden die Häuser früher allesamt von außen
-gebaut; sie bekamen eine Fassade, und die Räumlichkeiten wurden
-irgendwie hineingepackt. Heute dagegen ist das Wichtige das Innre, die
-Unterbringung einer bestimmten Anzahl von bestimmt gearteten --«
-
-»Na, und wo bleibt da deine Mannigfaltigkeit?« hohnlachte Klemens.
-»Worin unterscheidet sich denn eine Postdirektion von einer
-Lebensversicherung, einer Bank, einer Konsumgenossenschaft, einem
-Rathaus? Eins wie das andre eine große Verwaltungsanlage. Das ist es
-eben. Heut ist alles geistig erklügelt, was damals aus einer
-Freiwilligkeit entstand, wenn auch aus einer dumpferen.«
-
-»Und wer ist dran schuld?« rief Georg nun hitzig. »Du bist schuld! Denn
-der Staat ist es, der heut auf alles die Hand gelegt hat, und du willst
-den noch einfältigeren Sozialstaat. Nun, aber das weiß ich schon lange,
-daß die Zerrüttung überall herumprasselt.«
-
-»Ich freilich fühle die neue Grundlage.«
-
-»Schon? wo denn? Wir müssen ja immer tiefer. Jetzt kommt doch erst
-Amerika, und Taylor und die ganze Mechanisierung. Schon muß Bogner sich
-Kunstmaler nennen, damit man ihm glaubt, daß er kein Anstreicher ist,
-und der heutige Geistestyp ist der Schriftsteller.«
-
-»Das«, widersprach Bogner langsam, »kannst du so wohl nur für
-Deutschland festlegen.«
-
-»Und in Frankreich vielleicht? Da giebts ja nur Schriftsteller.«
-
-»Den _homme de lettres_, den _écrivain_ -- kaum im deutschen
-Sprachsinne. Der Franzose freilich ist immer der _artiste_, der, der
-diese Dinge macht.«
-
-»Ja, da hast du recht, und der Deutsche ist der, der sie erfindet,
-erdichtet. Form und Gehalt.«
-
-»Freilich,« sagte Klemens sardonisch, »er nennt sich Schriftsteller,
-aber selbst Rudolf Herzog hält sich für einen >Dichter< und wird auch
-gehalten.«
-
-»Womit du etwas sehr gutes Deutsches zum Ausdruck bringst. Der Deutsche,
-als Künstler, fühlt Verantwortlichkeit, nämlich gegen etwas, das über
-ihm ist und Allen. Er fühlt sich fraglos unterworfen dem namenlosen
-Zwang, ohne zu denken, und einsam. Der Schriftsteller in Frankreich ist
-öffentlich, wie der ganze Mensch dort, ist vergesellschaftet, ein
-Staatsinstrument. Racine, Corneille waren Staatsdichter.«
-
-»Und Baudelaire? Und Verlaine, Mallarmée?«
-
-»Lyriker, mein Lieber. Der Vers macht einsam. Nun, ich denke, das dürfte
-wohl doch klar sein, daß wir in Deutschland eine Art, ich will sagen
-dichterischer Menschen haben, die einzig ist. Der Franzose hat immer
-seine _gloire_, dargestellt in äußerer Ehre, und Balzac hätte alles
-hingeworfen, so groß er war, wenn er auf andre Weise den Ruhm hätte
-erlangen können, der ihm vorstrahlte. Der Poet in der Dachkammer,
-hungernd und frierend, verachtet und entzückt, das ist unsre Form.«
-
-Georg stand auf, da fertig gegessen war. Egloffstein stand schon mit
-Zigarren vor Klemens; Georg zog seine Dose und bot sie Bogner. Als sie
-alle Drei rauchten, trat er an die Glastür und dachte, es sei doch das
-Beste im Leben, sich um nichts und wieder nichts unter Männern mit
-Worten zu schlagen.
-
-Er wandte sich um. Bogner stand hinter seinem Stuhl, die Arme auf der
-Lehne. Klemens saß am Tisch, verfinsterten Gesichts, und wickelte an
-seiner Zigarre.
-
-Ob Irene nicht bald kommt? -- Und Birnbaum, dachte er beunruhigt,
-Birnbaum wollte kommen ... Georg blickte verstohlen auf die Uhr und
-fand, daß es drei Viertel eins war. Um halb drei sollte gegessen werden.
-
-Draußen war es wieder dunkel geworden, und der Regen plätscherte nach
-Kräften auf der Terrassenfläche.
-
-In diesem Augenblick -- da er sich schon nach drinnen wenden wollte mit
-einer Frage und gleichzeitig den Trieb verspürte, in den Regen hinein zu
-laufen -- gingen Haltung und Fassung mit so reißender Schnelligkeit von
-ihm, daß er nur noch mit einem ratlos haschenden Blick über die Beiden
-streifen konnte, bevor er zur Tür schritt, um den Nebenraum zu betreten.
-Dort stellte er sich ans nächste Fenster, legte die Stirn an die Scheibe
-und überließ sich dem inneren Toben.
-
-Warum, mein Gott, warum tu ich alldies? Das ist doch alles nur Krampf
-und nur Einbildung! Es sind ja ganz andere Dinge! Warum denn? Wie komm
-ich denn da hinein? Ich war mit Renate. Auf einmal erschienen die
-Andern, ich konnte mich nicht entziehn. Aber warum? Warum hab ich mich
-nicht vor ihre Füße geworfen, oder warum gestand ich ihr nicht
-wenigstens ein, was mich quält, oder daß ich in einem ganz andern Netz
-hänge, und bat sie, mich allein zu lassen oder zu helfen? Und warum
-Renate? Warum nicht Allen, dem nächsten, Bogner, Klemens? Was sind da
-für Widerstände? Renate? Daß ich sie liebe? Höllengelächter, und das
-machten wir uns zum Hindernis, statt zum Hebel? Wir? Sind Andre anders?
-Und bei Bogner, bei den Andern, was war da die Schranke? Daß ich hier
-Herzog bin? Das wäre fürchterlich. Das kann nicht sein; kann der
-innerste Grund nicht sein.
-
-Und warum denn, fing er von neuem an, warum nicht noch jetzt? Ich
-brauche ja nicht zu schreien, ich kann mich ganz ruhig zu ihnen setzen
-und sagen: Bogner ... Ihm brach die Brust von Verlangen nach ihm, aber
-schon im Wenden mußte er denken, daß doch wieder ein Hindernis da sein
-würde, und ihm fiel schon ein, daß Birnbaum sich angemeldet hatte. Er
-zog die Uhr, es war kurz vor eins, in einer Viertelstunde konnten sie
-hier sein. -- Ist, fragte er wieder, eine Viertelstunde nicht genug?
-Kann Birnbaum nicht warten? Aber nein -- nun, das sind wenigstens
-Pflichten, die kann man gelten lassen.
-
-Er fühlte sich wie mit Blut übergossen, zauderte aber wieder. -- Nun
-such ich nach Ausflüchten, dachte er wirr. Ja, Klemens hat mit sich
-selber zu tun, das sieht man ja. Und ist es mit ihm nicht dasselbe wie
-mit mir? Hier rennt er allein durch die Welt, wäre vielleicht längst
-wieder davongerannt, wenn man ihm gesagt hätte, daß sie hier ist,
-anstatt sich mit ihr zusammenzutun, um, da sie schon Beide um dasselbe
-leiden, wenigstens zusammen zu leiden. Der liebt sie auch und läßt sich
-auch hindern, wie ich. Und was, was ist denn der Grund, daß die Menschen
-sich lieben und heiraten, wenn nicht der, daß sie sich zusammen
-hinsetzen können, um von ihren Leiden zu reden, statt -- von
-Architektur.
-
-Aber wir wollen unser Leiden immer für uns allein haben. Warum sind wir
-denn so? Und hinterdrein klagen wir dann, daß wir einsam sind und keiner
-uns hilft. Oder liegt es am Leiden? Ist Leiden so, daß es allein gehabt
-sein will? Gott im Himmel, bist du es denn also, der im Leiden wohnt und
-sich nicht will teilen lassen mit jemand? Warum denn enthüllst du dich
-nie?
-
-Es blieb still; auch Georg wurde stiller. Die Fensterreihen des
-Nordflügels blitzten in der vorbrechenden Sonne auf, gewaltige Speichen
-aus Golddunst drehten sich magisch über dem Wäldchen, und stark
-leuchtende Wolkenballen quollen empor. Die naßbraune Terrasse dampfte.
-
-Georg drehte sich um nach einem Geräusch. Egloffstein ging durch den
-Saal mit einem Stoß Servietten, und Georg war nahe daran, sich zu
-schämen, weil er vielleicht die ganze Zeit nicht allein gewesen war.
-Danach zauderte er nicht länger, nebenan einzutreten.
-
-
- Klemens
-
-Dort stand jetzt Klemens an der Glastür, schräg, eine Schulter gegen den
-Rahmen gestemmt, die Hände in den Rocktaschen, löste aber seine Haltung
-bei Georgs Eintritt. Bogner saß pfeiferauchend seitwärts vom Tisch. Im
-Gefühl, freundlich zu Klemens sein zu müssen, fragte ihn Georg, wo er
-das halbe Jahr gewesen sei. In Italien, war die Antwort.
-
-»Aus besonderen Gründen?«
-
-»Keinen politischen jedenfalls.« Sich mit dem Rücken anlehnend, die Arme
-kreuzend und so ins Freie blickend, begann er nach einer Sekundenpause
-zu erzählen. Er sei gewandert, zu Fuß, wie schon einmal als junger
-Student, seine Geige im Wachstuchsack auf dem Rücken und ohne einen
-Heller Geld; allein, oder in der Gesellschaft von Bettlern, fechtenden
-Handwerkern aus Deutschland, entsprungenen oder entlassenen Sträflingen
-und dergleichen.
-
-»Komische Käuze,« sagte er, »diese deutschen Handwerksburschen. Sie
-arbeiten nur bei deutschen Meistern, kehren, wenn es irgend geht, nur
-bei deutschen Wirten ein, lernen kein Wort von der Sprache, laufen an
-allem vorüber. Höchstens daß sie ein bißchen was sehn, und wie es
-scheint, wandern sie also nur wegen der Freiheit und wegen des Wanderns.
-Unter den Bettlern hab ich manchen Freund gefunden. Da war ein armer
-Kerl in einem Asyl in Bologna, dem war sein Geld mitsamt den Papieren
-gestohlen, er lag und jammerte die ganze Nacht durch. Am andern Morgen
-nahm ich meine Geige und hab in den Höfen gespielt. Was einkam, haben
-wir redlich geteilt, und dieser Mensch wird mir bis ans Ende des Lebens
-ein Herz voll Dankbarkeit bewahren.«
-
-»Wurdest du dort für einen Italiener gehalten?«
-
-»Nur bis ich zu sprechen anfing, ich kann nicht sehr viel. Nun, aber die
-Menschen dort solltet ihr sehn! Da ist soviel natürliche Herzlichkeit,
-soviel Offenheit und Entgegenkommen, soviel Dankbarkeit und Anmut dabei!
-Soviel dort Musik gemacht wird, bleibt doch der Musiker, der Künstler
-immer geehrt, und nun -- wenn ich so am Abend in eine kleine Stadt
-marschiert kam, und auf dem Marktplatz, neben der Kirche unter den
-Kastanien die ersten Striche beim Stimmen tat, und dann so mit recht
-süßer Kantilene das Adagio aus dem Mendelssohnschen Konzert -- so weit
-hab ichs grade gebracht! -- durch die Stille und in die offenen Fenster
-zog: was das gleich Leben giebt und Hervorkommen, als fingen überall
-Wasser an zu laufen. Die Kinder kommen aus ihren Betten und drängen sich
-ans Fenster, und überall lächelnde Gesichter, und jede Frau, der man
-unterm Spiel einen feurigen Blick zuwirft, empfindet sich schön. Nun,
-und wenn das Konzert zu Ende ist, da kommen schon von der Veranda des
-Gasthauses die Honoratioren, der Pfarrer, der Herr Apotheker, und der
-Bürgermeister, und drücken mir die Hände und sind die feinsten Kenner
-und erlauben sich, mich zu einer Flasche Spumante einzuladen.« Klemens
-lachte nicht ohne Wehmut. »Ich war dann immer der Sohn des
-Kammervirtuosen _d'il rege di Prussia_, und schon damals, vor zehn
-Jahren, hielten sie mich meines Bartes wegen für einen sehr würdigen
-Mann und fragten gleich nach der Frau und den Kinderchen. Endlose
-Geschichten hab ich von denen erzählt. Die Kinderchen, das war ihre
-größte Freude, und wie oft hab ich Tränen in ihre Augen gelockt mit
-einer unendlich rührenden Erzählung von meiner jüngsten Tochter, die an
-Diphtheritis gestorben war. Wie ich sie hin und her getragen hab, und
-sie war so geduldig ...«
-
-Er lachte jetzt ganz fröhlich und sagte noch: »In Pisa, da war ein
-Schutzmann der mir zu spielen verbieten mußte, denn es gab einen
-Auflauf. Ja, das ist ein Land, da halten die elektrischen Bahnen, wenn
-einer Geige spielt. Der wartete schön, bis das Stück aus war, und dann
-entschuldigte er sich noch vielmals. Er sah auch vollkommen ein, daß ich
-für dies Stück doch noch sammeln mußte, und fast hätte er selber seine
--- Kappe hingehalten. Es war ein rührender Mensch.«
-
-Bogner und Georg lachten herzlich. Dann sah Georg, nicht ohne ein
-Gefühl, als sei dies alles nur die Vorbereitung zu etwas andrem gewesen,
-ihn seine Haltung verändern. Er nahm die frühere wieder ein, die Hände
-in die Rocktaschen bohrend, und seine undeutlichen Augen schienen ins
-Ferne eingestellt, während er sehr langsam sagte:
-
-»Ja, und dann kam doch wieder die Unrast, und ich bin über die Alpen
-gelaufen und nach Deutschland, aber da war kein Zuhause. Aber wer die
-Hände einmal in fremdes Blut getaucht hat, dem ergeht es immer wie Lady
-Macbeth; die Flecken wäscht kein Wasser herunter.«
-
-Er verstummte, nickte trübe und fuhr fort:
-
-»Dann habe ich meinen Freund Erasmus gefunden, der jetzt hier ist. Dem
-war es böse ergangen. Ich, wenn ich nachdenke, ich kann mir vorstellen,
-daß man eines Tages seinen Bruder erschlagen muß. Vater nicht, und
-Mutter nicht, auch keinen Juden und keine alte Wucherin wie der
-Raskolnikoff. Aber seit Kain muß die Möglichkeit in der Natur des Mannes
-liegen. Drei Nächte lang schüttete er mir sein Herz aus. Das war
-grauenerregend. Dieser Mensch, den ich kannte, hatte sein Leben lang
-gehungert. Wessen Leib hungert, kann stehlen, wem die Seele hungert,
-kann nicht stehlen. Er lebte noch immer, aber nun war er ein Schatten
-des Lebens geworden. Die Natur hatte ihm gegeben, daß er nicht vergessen
-konnte, was ihm je widerfahren war. Eines Tages fand er sich so behängt
-mit Vereinsamung, mit zehntausend Lieblosigkeiten, Gehässigkeiten,
-Verachtungen und Verhöhnungen bis hinunter zur ersten und letzten der
-Kindheit, daß er nicht mehr vorwärts gehn konnte. Da ballte er den
-ganzen scheußlichen Klumpen zusammen mit sich selbst und stürzte sich in
-den Schlund. So wars, und daß er noch jemand mit sich riß, war nicht
-seine Sache, sondern Anlage des Daseins. Und nun fuhr er seit jener
-Nacht, seit jener Tat, rasend wie der Fliegende Holländer, ohne Wind und
-ohne Ruder, rückwärts über das Meer seiner Leiden, weil sich die Wage
-nicht einstellen wollte. Die Wage, deren eine Schale den Jammer seines
-Lebens trug, und deren andre jenen Tod. Er hielt den Kopf des Toten in
-den Händen und fragte in die erloschenen Augen hinein abertausendmal:
-Hab ich gedurft? -- In einer Nacht bin ich mit ihm unterhalb des Wehrs
-auf dem Flusse gefahren, und wir haben gesucht bis zum Morgen. Er war
-vor dem Irrsinn und nahe daran, unter die Menschen zu laufen und sich
-auszuschrein. In den drei Nächten, die ich mit ihm verbrachte, ist mir
-das Herz grau geworden. Ich hatte auch einen Bruder.«
-
-Er verstummte und begann, mit ungelenken Schritten auf und nieder zu
-gehn. Georg dachte: Herzbruch ... bewegt von solcher Freundestreue, und
-war nahe daran, nach ihm zu fragen, als Klemens am Tisch stehn blieb,
-die Finger einer Hand daraufsetzte und sagte, Georg ansehend, doch ohne
-festen Blick: »Aber ich glaube, daß einmal geheilt werden kann, von
-Menschen, was Menschen zerbrochen haben. Da hab ich ihn denn
-hergeschleppt, zu Renate.«
-
-»Zu Renate?« entfuhr es halblaut Georg.
-
-»Zu Renate. Und wie es scheint, da sie nicht zum Vorschein kommen --« Er
-verstummte. Georg sah noch ein sehr weiches und zartes Lächeln in seinen
-Augen, im Bart aufkeimen, bevor er den Blick niederschlagen mußte.
-
-Diesen? fragte er dumpf. Das soll ihr Geschick sein?
-
-Er konnte aber, trotz der heißen Stiche in seiner Brust, erkennen, wie
-sehr wahrhaftig der Verzicht war, in den er sich eingegraben hatte, dort
-im Wald. Eine Weile noch kochte die schmerzliche Eifersucht in seiner
-Brust, derweil es ihm schien, als sei jemand -- er selber? --
-beschäftigt, dies Heiße zu blasen, damit es erkalte. Es erkaltete
-jedenfalls langsam, sank zugleich tiefer und blieb liegen als ein
-dumpfer und dunkler Klumpen angstvoller Beklommenheit, wie er sie aus
-früheren Jahren kannte. -- Damit, dachte er, Atem schöpfend, werde ich
-ein andermal fertig. Sein Mund zuckte in einem Hohngefühl über die ganze
-Verderbtheit der Welt.
-
-Als er die Augen hob, stand ihm gegenüber Egloffstein und meldete, Herr
-Dr. Birnbaum und Herr Schley warteten im Jagdzimmer. Auch Hauptmann
-Rieferling sei dort mit der Kuriermappe.
-
-So verabschiedete Georg sich von Bogner mit dem Versprechen, am
-Nachmittag zu kommen, entschuldigte sich bei Klemens und ging.
-
-
- Birnbaum
-
-Mit dem Öffnen der Tür fiel Georgs Blick auf den alten Mann, der neben
-dem, noch von Georgs Vater her am Kamin stehenden grünen und
-hochlehnigen Sessel aufrecht stand und so gewartet zu haben schien.
-Hinter ihm Schley hatte eine Hand unter seine Achsel geschoben. Er trug
-seinen langen und würdigen schwarzen Rock. Georg, der ihn vor einer
-Woche zuletzt im Bette gesehn hatte, erschrak nun über sein
-gespensthaftes Aussehn, in dem Elendigkeit stritt mit einer Erhabenheit.
-Sein Nacken war gebückt, die Wangen hingen faltig und waren zwischen
-Schnurrbart und Augen rot gesprenkelt von Adern. Die Nase dazwischen
-hing übermäßig heraus, und in den geröteten Augen -- das linke hing ab
-nach außen -- war Verwirrung. Ach, dachte Georg, das ist Saul, der bei
-der Hexe war! -- Und so verstört, daß er sich nicht einmal verbeugt!
-Oder kann er das nicht?
-
-Indessen tastete Birnbaum mit der Hand an der Brust, räusperte sich,
-machte einen Ruck zur Verbeugung und sagte heiser: »Ich bin gekommen, um
-Eure Hoheit untertänig um meine Entlassung zu bitten.«
-
-Georg zauderte. Er wollte noch sagen, was er zwanzig und hundert Mal
-gesagt hatte: Urlaub, soviel Sie wollen, aber seine Entlassung, -- um
-die der Alte, nur nicht so förmlich, schon lange gebeten hatte. Aber
-dann sah er ein, daß hier nichts mehr zu erwarten war. Eine Ruine, die
-nur noch gänzlich zerfallen konnte. Er ging auf ihn zu. Noch ehe er ein
-Wort sagen konnte, hatte der alte Mann ihn umschlungen, weinte
-bitterlich auf über seiner Schulter und klagte laut: »Ich habe ja keinen
-als dich, Georg, ich habe ja keinen als dich, aber nun kann ich nicht
-mehr!«
-
-Georg stand erschüttert von dem unbegreiflichen »keinen als dich« und
-hielt diesem Jammer stand, bis er sich von selber beruhigte. Danach
-sprach er dem Alten begütigend zu und führte ihn mit Schley zur Tür, ihm
-zuredend, daß er sich eine Weile niederlege und ausruhe. Von der Tür aus
-sah er Schley und den Hauptmann ihn durch den Raum führen, der öde und
-kahl war mit leeren Regalen und Schreibtischen, und zu dem alten Sofa,
-auf dem er früher in den Arbeitspausen geruht hatte. Augenblicke später
-fand er sich sitzend am Schreibtisch, ohne Gedanken als den: Das ist
-kein leichter Schlag! Was fang ich an ohne ihn?
-
-Erst als die Gestalt Rieferlings nahe vor ihm erschien, der die
-daliegende Unterschriftmappe mit ihren großen Löschblattbogen
-auseinanderschlug, die Feder eintunkte und ihm hinhielt, sagte er, zu
-ihm aufblickend, trübe: »Ein gesegneter Charfreitag, Rieferling, Sie
-hatten ja auch was auf dem Herzen! Wollen Sie auch weg? Dann fangen Sie
-lieber gar nicht --« Das Ende des Satzes ließ er in ein Gemurmel fallen,
-denn eben traf sein Blick auf die in zierlichen Schnörkeln stehenden
-Druckzeilen am Kopf des weißen Bogens, der vor ihm lag: Wir, durch
-Gottes Gnade Georg VIII., Großherzog -- und so weiter ...
-
-»Ich will heute nicht schreiben«, sagte er kleinmütig und legte die
-Feder hin.
-
-»Hoheit haben ja Zeit bis morgen«, sagte der Hauptmann.
-
-»Rieferling,« versetzte Georg verdrießlich, »Sie wissen immer was! Wo
-soll ich denn morgen die Zeit hernehmen? Also muß ich doch schreiben!«
-Ich grinse ja, dachte er und konnte die Augen nicht abwenden von
-Rieferlings sachtem Lächeln.
-
-Was heißt denn nun bloß von Gottes Gnaden? grübelte er nach, die Feder
-wieder zwischen den Fingern. Letzten Endes war es ja wohl Papa, von dem
-die Gnade ausging. Von Gottes Gnaden ... Es ist eine Floskel, dachte er
-noch und fand als letzte Möglichkeit die, den Kopf zu schütteln, worauf
-er begann, Bogen um Bogen an die gewohnte Stelle, über der zum Überfluß
-Rieferlings Zeigefinger leicht in die Luft kippte, und nach einem
-Überfliegen des Bogens, seinen Namen zu schreiben. Er traf dabei auf
-andre geschriebene Namen -- Ellerberg, Alsen, von Dreyling, Gewecke,
-Fuchs, Richter und mehr, immer mehr -- zwischen Druckzeilen, in denen
-von Beförderungen die Rede war, Auszeichnungen, Versetzungen in den
-Ruhestand und Erteilungen von Charakter, aber auch das jedesmalige
->Geruhen< hatte längst den letzten Hauch anfänglicher Skurrilität
-verloren. Lauter Dinge, die Zeit hatten bis morgen. Aber woher morgen
-die Zeit für sie? Merkwürdige Widersprüche, dachte er. Ist das überhaupt
-zu verstehn? Sie haben bis morgen Zeit, und morgen ist keine Zeit für
-sie da?
-
-Etwas nötigte ihn, die Augen zu erheben, und er sah Schley vor dem
-Fenster stehn. Weiter schreibend, seufzte er nun und fragte: »Kannst du
-dir denn vorstellen, wie das ohne ihn werden soll? Ist Zimmermann denn
-wenigstens eingearbeitet? Sonst kann ich von morgen an mir nur noch die
-Haare raufen. Sag etwas! Ist keine Möglichkeit vorhanden, daß es besser
-mit ihm wird?«
-
-Am Fenster lehnend begann Schley, während Georg die letzten Bogen
-versorgte, mit seiner langsamen und öligen Stimme, die Georg immer als
-überaus lindernd empfunden hatte durch die innere Ruhe, die unterhalb
-ihrer strömte:
-
-»Er will nämlich nach Palästina.«
-
-»Was! Birnbaum? Das ist das Neueste!«
-
-»Ja, das hat sich nun alles so eigentümlich zusammengedrängt. Und du
-weißt ja, Hoheit, wenn alle Türen verrammelt sind, brichts durch die
-Wand. Da ist dann kein Halten mehr. Zusammengebrochen ist er ja
-eigentlich schon, als dein Vater starb. Man sieht sowas ja nicht gleich.
-Und nun grenzte es ja lange schon an Verfolgungswahn. Dir wird das ja
-nicht unbemerkt geblieben sein. Die Arbeit verfolgte ihn nun; er hat
-glaub ich kaum noch geschlafen vor Angst, am nächsten Morgen keinen
-Gedanken mehr zu haben oder so.«
-
-Georg nickte. »Ich weiß ja. Aber ich hielt es für Einbildung, und er
-sagte selber, es sei Einbildung.«
-
-»Und dann hat er auch damals einen Brief bekommen, nach dem Attentat, --
-ja, eben von dem Sigurd Birnbaum. Seine Frau hat ihn unterm Kopfkissen
-gefunden und zeigte ihn mir. Er ist scheinbar am Tage vor dem Attentat
-geschrieben. Das meiste ist ohne Sinn und Verstand. Aber er spricht da
-viel von den internationalen Aufgaben des Judentums. Na, und das scheint
-nun eine ganz gegenteilige Wirkung gehabt zu haben. Auf einmal hat er
-sich glaub ich erinnert, wer er ist, und daß er doch immer im Grunde
-hier nur geduldet ist. Das weißt du ja auch. Er sprach auch mit mir
-darüber, -- na, sie wollen den Juden ja lange aus deiner Nähe weghaben.
-Und gestern -- gestern schickt er auf einmal zu mir, und da finde ich
-ihn in der größten Aufregung. Es war ganz jammervoll. Er wußte fast
-nicht wohin vor Angst, teils weil, wie er sagte, es jeden Augenblick zu
-spät sein könnte -- ja, mit Palästina, er hat da nun die sonderbarsten
-Vorstellungen --, teils vor dir, daß du ihn nicht weglassen würdest. Und
-auch vor sich selbst, daß er nun fahnenflüchtig würde. Ja, es ging so
-weit, daß er sich vor dir niederwerfen wollte, ich konnte ihn nicht
-anders beruhigen, als indem ich ihm versprach, ihn heut herzubringen.
-Eigentlich sollt ich ihn verteidigen. Auch daß Charfreitag ist, spielte
-eine gewisse -- ja -- eine Rolle.«
-
-»Aber diese Palästinaidee«, versuchte Georg schwermütig zu
-widersprechen, »will mir noch nicht in den Kopf. Wenn --«
-
-»Ja, Hoheit, da sehn wir das nun mal wieder. Nun klammert er sich ja an
-dich, aber -- ich darf das wohl sagen --, in Wirklichkeit wars doch
-alleine dein Vater, an dem er so gehangen hat. Der ist nun tot, und das
-ist denn so wie'n Mensch, der aus'm Stück Land weggetrieben wird und
-kriegt 'n andres dafür, das genau so ist, aber es ist doch nicht das
-alte. Ich hab nicht in seiner Haut gesteckt, aber -- heimatlos, Georg,
-heimatlos ist er doch immer gewesen. Wenn er Gefühl gehabt hat, ist er
-heimatlos gewesen!« wiederholte er erregter, »und ob das nun Galizien
-ist, wo er eigentlich herkam, oder Palästina, da ist wenig Unterschied.
-Man muß sich da mal hineindenken! Nun grad diese internationalen
-Ermahnungen, das ist es, die haben ihn eben drauf gebracht, wo die
-wirkliche Kraft des Menschen steckt. Die steckt doch im Boden, na, das
-ist doch allbekannt, oder sagen wir mal: in der Sprache. Er ist doch 'n
-fühlender Mensch gewesen, Georg, und hat er denn jemals seine richtige
-Sprache sprechen können? Wenn er gedurft hätte, er hätt es ja nicht mal
-ordentlich gekonnt! Nu fällt ihm das alles auf einmal ein, und er weiß
-doch genug vom Zionismus und all diesen Bestrebungen, und das fällt ihm
-nun ein, und daß er mit all seinem schönen Dienen vielleicht seine Kraft
-an der richtigen Stelle weggezogen hat. Es ist ja merkwürdig, es giebt
-so Menschen, die bringen es zu allem Möglichen, und dann -- auf einmal
--- drehn sie sich um und müssen alles im Stich lassen. Tilly, das war
-auch solch ein Mensch, wie Ricarda Huch das beschreibt; der wollt
-eigentlich immer nur 'n kleinen Garten haben. -- Das hat sich nun eben
-alles so zusammengezogen.«
-
-Georg schwieg und wußte nichts zu erwidern, zumal Schley lauter Dinge
-gesagt hatte, die nur in ihm selber warteten, gesagt zu werden.
-
-Augenblicke später hörte er aus dem Nebenzimmer Husten und ein Geräusch,
-und Georg winkte Schley, hinüber zu gehn. Sich im Stuhl drehend, folgte
-er ihm mit den Augen durch die Tür und blieb lange Zeit an ihr haften.
-Dann näherten sich Schritte, und von Schley geleitet, erschien wieder
-der alte Mann.
-
-Er ging jetzt wie ein Blinder, und der Blick seiner offenen Augen schien
-keine Nähe mehr wahrzunehmen. An dem Stuhl beim Kamin angelangt, wartete
-er eine Weile, ehe er sich langsam darein niederließ, worauf er sich
-aufrecht anlehnte, den Kopf nach den Fenstern gewandt. Georg sah voll
-Ehrfurcht seine Schultern bedeckt mit einem Mantel, der gewebt war aus
-Stille und Frieden. Der Ausdruck seiner Stirn, seiner Augen, all seiner
-Züge zeigte ein erstaunliches Gemisch von Stolz und -- Knechttum, wie
-Georg es empfand; den geheimnisvollen Ausdruck des Menschen, der durch
-langes Dienen zum Herrscher geworden war. So wenig königlich er
-erschien, versammelten sich doch biblische Könige großäugig hinter
-seinem Stuhl.
-
-Nachdem er ihn so eine lange Zeit hatte still sitzen sehn, fühlte Georg
-für eine kleine Weile seinen Blick mit großer Liebe auf sich gerichtet.
-Dann wandte er ihn wieder ab, und dann hörte Georg seine Stimme, die
-aber so fern herzukommen schien, wie seine Augen hingingen, und obgleich
-leise, ja kaum hörbar mitunter im Folgenden, hatte sie einen tieferen
-und volleren Klang als jemals, so daß es war, als wäre seine Brust ganz
-voll davon und begänne nur geheimnisvoll in Worten zu tönen. Seltsam
-auch war, daß er eine andre Sprache redete als die gewohnte, denn
-plötzlich war es die, die er doch höchstens über seiner Wiege gehört
-haben konnte, ohne sie noch zu verstehn, Laute und Satzbau, zerdrückt
-und verkrümmt, wie jener ewig zerdrückten und verkrümmten Menschen, die
-Georg einmal erstaunt im Getto von Konstantinopel zu sehn bekommen
-hatte. War er so halben Wegs schon zurückgekehrt, nach Galizien, der so
-spät noch nach Palästina wollte?
-
-Halb ein Murmeln und fast ein Gesang, so hörte Georg, der bald nicht
-mehr hinzusehn wagte, seine klagende Rede.
-
-»Ich will dirs nun mal sagen, Georg, damit du's weißt und dir keine
-verkehrten Gedanken machst. 'n Mensch, der nicht darf gehn in die Kirch
-und hat keine Stelle, wo er darf allein sein mit seinem Gott, der ist
-kein rechter Mensch. Und ich bin solch 'n Mensch immer gewesen. Ich hab
-'n nich abgeschworen in meinem Herzen und hab 'n doch abgeschworen mit
-meinem Handeln. Darum bin ich 'n bescholtener Mann gewesen, von 'nem
-bescholtenen Volk. Du sagst, ich hab 'n gutes Leben gehabt, auch 'ne
-Frau und auch Kinder. Und ich will ganz schweigen von deinem Vatter. Bin
-ich deshalb wohl 'n glücklicher Mensch gewesen? 'n Mensch, der nicht
-darf gehn vor die Tür, daß nicht die Andern 'n Finger aufheben un sagen:
-das ist keiner so wie wir, un: den könn' wir nicht achten? Recht haben
-gehabt die Leute mit mir, und recht haben sie überall, wenn sie die
-Stelle nicht achten, wo der Jud steht, denn er steht mit verkehrten
-Füßen. Er denkt, daß er geht nach vorn, und er geht immer nach hinten.
-Weil er geht weg von seiner wahrhaftigen Heimat. Darum muß er auch gehn
-so schnell und muß machen Fisematenten und 'n Gemeres unter die Leute,
-und ans Ziel kommt er doch nicht. Wenn er hat zugeben müssen, daß seine
-Heimat ihm zerstört worden ist, hat er doch nicht brauchen zugeben, daß
-er nicht hingeht und baut sie noch mal. Darum wird er auch nich geacht'
-von den Leuten. Das Leben ist schwer, und wer geboren is im Galuth, der
-sagt: soll ich auch müssen sterben im Galuth! Nee, Georg, aber nee, das
-will ich nu nich sagen! Da darf einer arbeiten sein Lebtag, der verdient
-sich doch bloß die Sohlen unter seine Füße, damit er eines Tages kann
-heimgehn, oder er verdient sich gor nix. Ich weiß doch, was ich weiß!
-Und wenn du kommst, Georg, und sagst zehn Mal: Nein! und sagst: ich will
-kämpfen den Kampf um 'n alten Mann, -- nun, was is 'n Jahr, und was sind
-selbst zwei Jahr für 'n Menschen, der jung ist? Und du wirst müde,
-Georg, und ich kann gehn und sitzen vor der Türe, -- ich weiß doch, was
-ich weiß ...
-
-»Wer wohnt in einem Volk, der soll auch werden wie 's Volk, der soll
-essen seine Speise und beten in seiner Kirch, auf daß er kriegt 'ne
-Sprache und vernünftige Sitten. Wer glaubt denn, daß einer Gott 'n
-Gefallen täte mit dem koscheren Essen und Stehn in der Synagoge am
-Schabbes und lesen aus 'm Buche 'ne Sprache, für die er hat keinen Sinn!
-Oder glaubst du 'n, daß Gott will reden 'ne Sprache, die der Mensch bloß
-kann reden mit ihm allein, und die Gott bloß versteht selber, und die er
-nicht zugleich kann reden mit Menschen? Wer nicht kann reden mit Gott,
-wie er will reden mit Menschen, der kann auch nicht reden mit Menschen,
-dem kommt keine Wahrheit aus 'm Herzen, und wenn er vielleicht nicht
-betrügen wird andre Leut, wird er doch betrogen haben sich selber. Denn
-er hat betrogen den Herrn um seine menschliche Sprache. Zweierlei Rede,
-das ist nix. Ich will hingehn und reden die Sprache. Ich wills
-versuchen.«
-
-Georg hörte ihn noch eine Weile murmeln, aber nun war nichts mehr zu
-verstehn. Vor seinen verdunkelten Augen verschwamm der entfernte Wald
-zwischen den Flügeln des Hauses, schwärzlich und grünlich im
-Sonnenschein, und in das gereinigte Himmelsblau hob sich eine
-schneeichte Wolke hoch wie ein schöner Berg. So saß er, kaum sich zu
-regen wagend in seiner Ergriffenheit, längere Zeit und wandte sich
-endlich. Da stand Schley, der sich vor das Gesicht des Sitzenden beugte,
-als ob er horchte. Gleich darauf hob er langsam den Kopf, auch die Hände
-und strich mit beiden Daumen behutsam über die Augen hin.
-
-Und dies Letzte enthielt so viel Feierlichkeit, daß Georg bei aller
-Erschrockenheit sich nicht zu rühren vermochte. Gestorben? dachte er
-dumpf. Hier, in diesem Augenblick gestorben?
-
-Schley legte die Hände des Toten im Schoß zusammen und wandte sich zu
-Georg um. »Heimgegangen«, sagte er einfach.
-
-Georg saß noch lange und blickte den alten Menschen an, der dort saß,
-und an dem noch keine Verschiedenheit wahrzunehmen war von Andern oder
-dem, der er selbst vor Minuten noch war. Vielleicht, daß er noch edler
-aussah; und daß seine stille Haltung auf die Länge der Zeit nicht
-natürlich mehr schien; oder daß er so gar nicht atmete in diesem Schlaf.
-
-Endlich spürte er, daß ihm schon lange die Tränen aus den Augen liefen,
-und nun weinte er hellauf, daß es ihn schüttelte. -- Danach stand er
-auf, um nachzusehn, ob Magda zurück war, und ihr Nachricht zu bringen.
-
-
- Irene
-
-Noch schwer mit Herz und Gedanken an dem Toten hangend, den er in
-dunkler Vorstellung sah wie einen gestürzten Baum, herausgebrochen aus
-seinem, Georgs, Leben, voll mit Früchten, unersetzlich an täglicher
-Leistung das Jahr durch, und überdies mit unsterblichen Blüten der
-Erinnerung -- oh die ersten Spiele der Kindheit! --, ging Georg durch
-die Räume, irgendwie in der Einbildung, die Anna im Gobelinzimmer zu
-finden. Da gewahrte er mit einem Zufallsblick durch ein Fenster -- das
-letzte im Vogelsaal, wie er nun erkannte -- Klemens auf der Terrasse
-allein, vor sich hingehend, gebeugt, die Hände auf dem Rücken, und Georg
-trat ans Fenster, klopfte und deutete mit der Hand an, daß er ins
-Gobelinzimmer ginge. Gleich darauf öffnete er die Tür. Der Raum war
-leer.
-
-Indem er aber im spiegelnden Glase des Türflügels zur Rechten den
-Widerschein des Herankommenden gewahrte, wurde die Flurtür zu seiner
-Linken geöffnet, und rückwärts gehend herein kam ein mädchenhaft
-weibliches blondes Wesen in einem hellgrünen, farbig überblümten Kleide
-mit Achselbändern und weißen Blusenärmeln, an einer Hand sehr behutsam
-hereinführend die Anna, hinter der Benno sichtbar wurde: Irene.
-
-So, dachte Georg, was mag nun kommen? -- Klemens stand da und blickte
-nur. Überdem wandte sich Irene, fuhr leise zusammen, ließ Magdas Hand
-fahren, machte zwei Schritte und schien, haften bleibend, zu schweben.
-In ihre Augen, die im kleiner gewordenen Antlitz Georg blauer schienen
-als jemals, trat ein sehr bittender Ausdruck, während ihr Kopf langsam
-nach hinten sank. Ihre eine Hand sah Georg zittern in den Falten des
-Kleides, wo sie hing wie vergessen.
-
-Klemens rührte sich nicht vom Fleck, schlug aber jetzt seinen Rock vorne
-zusammen und schloß langsam die beiden Knöpfe.
-
-»Klemens!« sagte sie endlich, und Staunen und Bitten ihrer Züge schmolz
-in ein nahezu triumphierendes Warten.
-
-»Mensch!« grollte nun Georg, »worauf wartest du noch?«
-
-Klemens sah ihn an. In seinen undeutlichen Augen erschien ein grübelndes
-Fragen, als ob er durch Georgs Erscheinung sich erinnern wollte an
-etwas, was er selber vor einer Stunde gesagt hatte. Dann setzte er sich
-in Bewegung, als ob er stürzte, umkreiste den großen Rundtisch, und
-plötzlich bückte er sich, hatte Irene auf den Armen, drehte sich wortlos
-um und trug sie um den Tisch, durch den Raum und ins Freie hinaus.
-
-Georg brachte es nicht fertig, ihm nicht nachzugehn, und in die Nähe der
-Tür folgend, sah er ihn draußen stehn, mitten auf der Terrasse. Über sie
-und Hofraum und Dächer fiel ein goldener Regen. Darin stand er kräftig
-und hielt mit erhobenen Armen die leichte grüne Gestalt in den
-tausendfach rieselnden Glanz hinauf.
-
-Georg drehte sich weg und mußte lächeln. Wieder hinsehend, fand er die
-Terrasse leer, glaubte aber die gedrungene und beschwerte Gestalt des
-Menschen mit seiner Last über eine dampfende Wiese voll Primeln gehen zu
-sehn, langsam, ein Pangott mit seiner gesicherten Beute, die er in grüne
-und rauschende Höhlen des alten Waldes zurücktrug.
-
-»Was war denn hier?« fragte Magda.
-
-Georg wußte weiter nichts zu sagen als: »Klemens.«
-
-»Ach! Wo sind sie denn nun?«
-
-»Verschwunden. Er hat sie weggetragen.«
-
-»Gott sei gelobt!«
-
-»Das sei er! Es giebt also doch noch --« Findungen in der Welt, wollte
-Georg schließen, als ihm in seinem Stuhl der Entschlafene erschien.
-
-»Aber,« sagte er leiser, »unser alter Birnbaum ist hier eben gestorben.«
-
-Sie streckte die Hand aus, gab aber keinen Laut von sich. Auch als Georg
-auf sie zutrat, um sie in die Arme zu schließen, bewegte sie sich nicht.
-
-»Das war der Letzte!« sagte sie nach einer Weile, -- wohl im Gedanken an
-andere Tote. Sie hielt die Augen geschlossen.
-
-»Ja, dann bringe mich bitte --« Sie verstummte, machte eine abwehrende
-Bewegung und sagte: »Aber ich kann ihn ja nicht sehn«, und trat weg von
-Georg.
-
-In der Tür erschien Egloffstein, zeigte sich Georg und verschwand, zur
-Meldung, daß angerichtet sei.
-
-Keiner sagte etwas. Georg sah eine einzelne Träne an den Wimpern des
-Mädchens hängen, wartete noch Sekunden und sagte dann: »Egloffstein
-meldet, daß angerichtet ist.«
-
-Da wandte sie sich zu ihm, kam mit niedergeschlagenen Augen und ließ
-sich an seine Brust ziehn. Sie blieb so lange Zeit ohne Bewegung, hob
-dann den Kopf, und Georg sah sie blind und seltsam in eine ewige Ferne
-lächeln. Sie sprach wie im Traum: »Irgendwo -- irgendwo -- sind sie Alle
-wieder beisammen.«
-
-Er ergriff ihre Hand und führte sie hinüber. --
-
-Sie aßen dann schnell und schweigsam an der für zehn Personen gedeckten
-Tafel, an der außer ihnen nur noch Benno, Schley und Rieferling
-erschienen. Georg empfand wie eine Wohltat das Fehlen Renates. Einmal
-fragte ihn Anna, ob er am Nachmittag Zeit für sie habe. Sie habe ihn ja
-eigentlich für sich eingeladen und ihn noch den Tag über kaum gesehn.
-Auf Georgs Erwiderung, daß er nur Bogner seinen Besuch versprochen habe,
-aber erst gegen Abend hingehen wolle, bat sie ihn, sie in einer kleinen
-Stunde nach dem Essen in seinem Zimmer zu erwarten und mit ihr Tee zu
-trinken; sie möchte nur vorher etwas ruhn. -- Gleich darauf wagte Benno
-eine bescheidene Frage nach einem Beisammensein mit Georg und war
-hocherfreut, daß Georg ihn gleich nach dem Essen mit sich nehmen wollte.
-
-Zwar fühlte Georg sich müde und schlafbedürftig, brachte es aber nicht
-über sich, weder Benno abschlägig zu bescheiden, noch ihn mit der Anna
-zusammen zu bitten, denn an eine stille Stunde mit ihr dachte er mit
-weicher Erwartung, -- davon abgesehn, daß sie ein Recht hatte, mit ihm
-allein zu sein. Auch sagte sie selber nichts, um Benno aufzufordern.
-
-Allein hinter den Türen saß noch der ruhige Tote, umringt von seinen
-nicht mehr geträumten Träumen, die ihn lächelnd und weinend bekränzten
-...
-
-Georg legte die Hand auf die neben ihm liegende Annas und fühlte ihre
-Finger sich schließen. Bald darauf hob sie die Tafel auf, nickte Georg
-zu und ging sicher zur Tür. Er schob seinen Arm in Bennos, schüttelte
-Schley, der sich zu verabschieden kam, die Hand, und sie gingen.
-
-
- Siebentes Kapitel
-
-
- Benno
-
-»Ach!« sagte Benno, nachdem er mit einem einzigen Schritt in die Mitte
-des Zimmers getreten war, wo er stehen blieb wie angenagelt, so lang und
-so dünne er war, die Hände zusammenlegend und so höchstüberrascht und
-beglückt umherblickend wie die Unschuld am Geburtstagstisch. »Ach! Hier
-ist ja alles wie früher! Georg! Aber das ist nicht zu glauben! Das ist
-unerhört!« Und Georg sah sein heißes und immer gerötetes Profil mit dem
-Haken der Nase, der über den zitternd hangenden Schnurrbart hinweg nach
-dem entgegengekrümmten Kinn langte, sich hin und her drehen in kleinen
-Rucken, vor Freude rundäugig, und die vorstehenden Wangenknochen bebten.
-Er erging sich in Ausrufen. »Die Vitrine! Und die japanischen Koffer!
-Und da --« Wieder mit einem Schritt stand er unter der Alabasterschale,
-die überm Sessel der Fensterecke hing, streifte sie mit zärtlich
-erhobener Hand -- »die Lampe!« -- worauf er mit einem Knie in dem Sessel
-lag vor Rembrandts Drei Bäumen, »und die alten Bilder!« Im nächsten
-Augenblick sich herumwirbelnd mit fliegendem Haar, stand er bei Georg,
-legte ihm eine Hand auf die Schulter und sagte, schmelzend vor Glück und
-Scham und kaum hörbar: »Und daß ich noch hier bei dir stehen darf? Und
-Du sagen? Und dich anrühren! Einen Herzog! Es ist unerhört!« Er
-schüttelte den Kopf, unter den Augen tausend Fältchen eines fast
-mütterlichen Lächelns.
-
-»Großherzog,« sagte Georg, »aber setz dich!«
-
-Mit einem Schwung saß er schon im Sessel, hatte, bereits fertig in
-Attitüde, die Hände im Schoß, gradsitzend mit übergelegtem Bein, und bat
-mit Kehltönen: »Und jetzt mußt du mir etwas vorlesen! Magst du nicht? Du
-hast Verse! Ich hätte dich heute morgen schon bitten wollen, aber -- da
-war alles so fremd; ich konnte mich gar nicht gewöhnen. Diese Renate
-dazu! Man sieht sie an -- -- und man ist einfach -- -- hin!« Er endete
-verlöschend und ließ den Kopf sinken wie ein sterbender Krieger.
-
-»Aber Georg,« fing er wiederum an, »du bist traurig. Ja, dieser
-herrliche Mensch ist nun auch gestorben ...«
-
-Georg sagte, daß er zwar traurig sei, deshalb aber doch Verse lesen
-könnte, wenn er nur welche hätte.
-
-»Stehn keine in dem Buch?« fragte der Enttäuschte mit einem Blick auf
-Georgs noch daliegende Aufzeichnungen.
-
-»Nein, das sind prosaische Aufzeichnungen und Aphorismen. Aber warte,
-ein Gedicht muß darin sein, aber -- es ist nicht sehr von Belang.«
-
-Georg setzte sich und begann zu blättern. »Hier! Nein, das ist es nicht.
-Nun, dann waren es zwei, -- also höre! Dies ist übrigens noch aus
-Berlin.« Er las:
-
- »Und alles dieses: Speise, Schlaf und Wein,
- Endlose Nächte, aufgebauschte Wonnen,
- Schiffe im Nebel, Irrfahrt, Einsamsein,
- Stein jeder Tag, gewälzt und dann entronnen --
-
- Jahrlange Mühsal und am Ziele Scherben,
- Verwelkte Kränze, Zweifel, Gram und Zorn,
- Versucher jeden Stoffs: Gold, Lehm und Horn:
- Und alles dies, damit wir endlich sterben.
-
- Und alles dies, daß uns wie dünnes Laub
- Das Leben hinsinkt auf ein kahles Leinen,
- Noch im Gehör, das schon erstickt und taub,
-
- Aus Meilenferne ein verlornes Weinen, --
- Dann der Erkenntnis Seufzer: Schwester, glaub,
- Es war nicht wert, zu sein, und nicht, zu scheinen.
-
-»Seltsam, es paßt ja hierher ... Aber doch eigentlich wohl kaum. Nur daß
-es vom Sterben handelt ... So, hier haben wir das andre!
-
-
- »_Hora melancolica_
-
- Langsam gehen die Dinge uns vorüber,
- Wolkig hinunter in die Ewigkeit.
- O Hades fern! es lockt mich selbst hinüber.
- O später Tag! o müdes Leid!
- Als führen wir im Wagen eingeschlossen ...
- Da draußen gleiten Bäume, Feld und Haus,
- Wohl kommt das Licht, auch Wind herbeigeflossen,
- Wir aber sehen immer nur hinaus.
- Was könnten wir denn tun in unserm Fahren?
- Wir wissen kaum, wer das Gefährt bewegt,
- Und sehen nur verständnislos seit Jahren
- Den bleichen Weg, den wir zurückgelegt.
- Was halten denn die Augen, die im Weiher
- Des Lichtes schwimmen, blanken Fischen gleich?
- Ach, stürzte einmal doch herab ein Reiher
- Und trüg uns flügelbrausend in sein Reich!
- Ins wirkliche aus unsern Wasserkreisen,
- Darum die Bäume voller Schwermut stehn.
- Wir ziehn, wir ziehn, -- so werden wir die Leisen,
- Die alles mit gekühlten Augen sehn.
- Dies Niemalstun, dies Nurgeschehenlassen,
- Dies weiche Wollen, ach, dies Ungefähr,
- Dies macht das Herz so schauerlich erblassen
- Wie treibend Schlingkraut in dem wüsten Meer.
- Mit tausend Siegeln ängstlich eingemauert,
- Wir zwingen nichts hinein in unser Herz.
- Nur jeder Flügel, der vorbeigeschauert,
- Erfüllte uns mit immer tieferm Schmerz.
- Aus hundert Schmerzen aber ward am Ende
- Nur Müdigkeit. Die Augen sinken zu;
- Sie wollen nichts mehr, die getäuschten Hände,
- Die Seele wiegt der letzte Traum von Ruh.
- Und endlich kam es so, daß wir nur gleiten.
- Genügsam wurden wir; die Blicke gehn
- Zu Wolken auf, um den Vergänglichkeiten
- Mit bitterem Begreifen nachzusehn.
- Die weicheren Gebilde in den Bahnen
- Des Äthers tun den kranken Augen wohl.
- O wo bliebst du, der Jugend trunknes Ahnen,
- Du einst unsterblich flammendes Idol:
- Wo bleibst du, Liebe, die um nichts bekümmert,
- Sich selbst vertrauend, rings Gesetze giebt,
- Die jeden Makel an sich rasch zertrümmert,
- In ihre Reinheit grenzenlos verliebt!
- Die herrscherlich, mit Augen hart und stählern,
- Mit Löwenschritten und mit Adlersgriff,
- Die mantelsausend stürmte über Tälern
- Und über Berge nach den Brüdern pfiff?
- Doch wir sind froh bei unsern Mittagsmählern,
- Und sicher trägt uns das gebauchte Schiff.
-
- Geschehen mag und gehen, was die Hände
- Nicht schufen, nur berührten fremd und blind:
- Der tatenlosen Liebe arme Spende,
- Der kleinen Hoffnung süßes Angebind.
- Vorüber ziehn die bunten Bilderwände,
- Wir schauen und vergessen, was wir sind.
- Die Dinge schweben her und gehn hinunter,
- Wahllos hinunter nach dem einen Tod.
- Und wir, ach Schwester, schwanken selbst darunter,
- Unwissend Lächelnde ins Abendrot.«
-
-Benno, steif sitzend, schwieg und sah vor sich nieder. »Das ist recht
-schön, Georg«, meinte er dann. »Aber -- besonders finde ich es nun eben
-nicht.«
-
-»Es soll ja auch gar nicht --«
-
-»Weißt du, ich liebe das eigentlich gar nicht. Das sind solche --
-Feststellungen. Die Welt ist so oder so, trübe, unbegreiflich -- --, das
-ist alles solcher Hofmannsthal. >Was frommt es, alles dies gesehen
-haben?< Nicht wahr? Das ist ja auch gar nicht deine wirkliche Meinung!
-Oder doch?«
-
-»Vielleicht nicht eben länger, als ich daran schreibe. Nun lassen wir
-das, mir liegt daran nichts, ich bin ja kein Dichter und habe also
-höchstens die Erlaubnis, zu sagen, was ich leide.«
-
-»Aber -- --, ja, Georg, ist denn das nicht die einzige Aufgabe des
-Dichters?«
-
-Georg schüttelte trübe den Kopf. »Benno, du wirst nie im Leben
-dahinterkommen. Nie im Leben! Aber wir wollen nicht wieder davon
-anfangen. Ich lese dir lieber noch einiges von den Aufzeichnungen, sie
-stammen alle aus der Zeit von Hallig Hooge, -- wenn du magst. Hier ist
-etwas über Flauberts _Education sentimentale_, magst du das? Also höre.
-
-
- »Zu Flauberts _L'éducation sentimentale_
-
-Dieses als Kunstwerk gewaltige Buch scheint mir bei fortschreitendem
-Lesen von Tag zu Tag mehr das, was der Titel, den es ursprünglich haben
-sollte, ausdrückt: >Dürre Früchte<. Es ist dürr, langweilig und von
-erschrecklicher Einfalt. Eine Menschendarstellung ohne Seele und Seelen.
-Da ist nur Dasein, nichts als um sich selber und um einander kreisende
-Daseinsgestalten, deren nüchternes Gesetz leider jeden Schein von
-firmamentaler Wirkung ausschließt. Der >Held< (der keiner ist und sein
-soll in unserm Sinne) streicht als nur Erlebender durch diese in ihrer
-Trostlosigkeit den einzigen Ausdruck von Unendlichkeit tragende Ebene
-umgetriebener Figuren wie ein lauer Windzug, ohne Bewußtsein seiner
-selbst, ohne Frage, ohne Aufblick, ohne Sterne, ohne Seele und ohne
-Geist. Was hier Seele scheinen könnte, ist nichts als eine Art
-romantischer Glorie um die Sinne. Von allem um ihn her nur ästhetisch,
-das heißt in seiner Anschauung berührt (oder -- was fast schlimmer ist
--- moralisch, das heißt an seiner bürgerlichen Existenz mit ihren
-Wünschen und Zielen, oder -- was das einfältigste ist -- an seinen
-Trieben), ist sein ganzes Sein und Tun: zu erleben, was aber nicht
-heißt, das eigene Leben mit anderen, mit Lebenserscheinungen
-durchtränken; es zu ernähren, zu entfalten, zu steigern, zu vertiefen,
-mit einem Wort: zu wandeln; sondern nur heißt: Erlebnisse sammeln; und
-so ist er selber am Ende (ich blätterte im Ende) nur ein Schrank voll
-alter, nicht einmal getragener Erlebnisse, undurchdrungen, unverirrt,
-unverzweifelt und unerhoben derselbe, als der er auf der ersten Seite
-des Buches erschien: _un jeune homme à longs cheveux et qui tenait sous
-son bras un album_, -- nur daß eben das Skizzenbuch mittlerweil voll
-wurde. Undurchdrungen also -- und deshalb ungestaltet, das heißt: ohne
-Geist --, ungewandelt also -- und deshalb ohne Innerstes, ohne Seele --,
-unberührt in beiden, die nicht vorhanden scheinen -- ist er auch: ohne
-Leid. Kein Leiden ist im ganzen Buche zu finden außer Notleiden,
-Bürgerjammer und Alltagselend. Sie arbeiten Alle sich in sich selber ab,
-wie das Eichhorn in der Radtrommel, und wenn selbst dieses das zu tun
-scheint aus Unruhe, aus mangelnder Freiheit, so fehlt ihnen selbst die
-leiseste Ahnung, daß es eine Welt geben könnte, außer der ihren.
-
-»Flaubert war augenscheinlich eine kleine Vernunft mit gewaltigen
-Kräften, ein Zwerg mit riesigen Armen, der nicht erschaffen konnte,
-sondern nur schaffen, aufbauen, von außen arbeitend, nicht von innen,
-hin- und darstellend, weil für ihn -- in seinen andern Büchern ist es
-nicht anders --, wie gezeigt, letztes Inneres -- der Gott, die Seele,
-der Geist -- nicht vorhanden waren. Mit einem Wort: Franzose, würde ich
-sagen, läge nicht auch über ihm der Schatten des Giganten, der, wenn
-auch keinen Gott, so doch einen Dämon in der Brust und einen Ätna im
-Gehirn trug: Balzac.
-
-»Dennoch, wovon auch Balzac nichts wußte, das ist: die Wandelbarkeit
-einer Seele; ist: Verändertwerden durch das Leben; ist:
-Durchsäuertwerden und Süßwerden von Leiden; ist Streben, Suchen nach dem
->wahren< Leben als dem wahren Stoffe des Daseins, das in ihm enthalten
-sei und aus ihm geläutert werde; ist Wachsen und Werden. Er kannte das
-menschliche Labyrinth in jeder Windung und Verschlingung nebst dem
-Minotaurus, aber er wußte so wenig wie Flaubert von der aus tausend
-Opferfeuern darüber aufsteigenden Säule Rauches, deren höchster und
-gereinigter Niederschlag an der gläsernen Nachtkuppel die Bilder des
-Firmamentes bildet.
-
-»Freilich: in keinem Werk aller europäischen Literaturen, weder der
-französischen noch englischen oder russischen, findet sich der in der
-deutschen immer wiederkehrende Mensch, jenes Gebilde, als dessen innere
-Form sich immer wieder jener herausheben läßt, welcher der erste war,
-Parzival. Wobei zweierlei zu bemerken ist, nämlich erstlich und weniger
-wichtig: daß Wolfram von Eschenbach den Stoff seines Gedichtes aus dem
-Französischen schöpfte, und zweitens, daß zwar immer von der >Form< des
-Franzosen, seiner Begabung dafür, seinem Bemühen darum, geredet wird,
-daß es sich aber in Wahrheit bei ihm um >formales< Bemühen und formale
-Begabung handelt, ohne Wissen von wirklicher Form. Was Parzivals
-Schicksal war: Erkennen und Wissen um eine Bestimmung, Suchen des Weges,
-das Streben nach Erlösung: Formung des Lebens ist das, Erlösung des
-eigenen Ich und der chaotischen Welt im geformten Schicksal, in der
-reinen Form. (So tappte auch dieser Wagner daneben, der nichts bilden
-konnte als einen unwandelbar >reinen Toren<.) Auch Parzival war im
-Anfang Franzose, in der Gralsburg froh, essen, trinken und schöne Dinge
-sehen zu können, und: er fragte nicht.
-
-»Parzival, (auch Simplizissimus sogar,) Faust, Wilhelm Meister, der
-Grüne Heinrich, Spittelers Prometheus, Leonhard Hagebucher, Hyperion,
-Michael Unger und tausend Unbekanntere in minder reinlicher Form
-enthalten als Gesetz, als Form allesamt den Einen und Erstgenannten:
-Parzival mit dem Panier über sich: >Wer immer strebend sich bemüht, Den
-können wir erlösen.<
-
-»Du aber, Georg Trassenberg, an Erkenntnissen Reicher, wohlweislich
-diese Dinge Zerlegender und Aufzeichnender: was bist du gewesen, und was
-bist du jetzt? In Wahrheit, bei Gott, wenn ich auch noch bis gestern ein
-armseliger Fréderic Moreau war, _qui tenait sous san bras un album_, so
-bin ich es heute nicht mehr! Und wenn es wahr ist, daß nichts kommt aus
-nichts, daß ich also nichts sein kann, wozu ich nicht zumindest den
-Stoff zuvor enthielt, das heißt: _wenn_ ich heute etwas andres sein
-kann, daß ich es -- oh meine Unschuld! -- niemals ganz war.«
-
-Benno sprang auf wie eine Stichflamme, daß die kleine Alabasterschale
-bebte und pendelte. »Ich kenne das Buch nicht, Georg,« sagte er mit
-empörter Gewißheit, »aber ich kenne Bücher, die so sind!« Georg sah,
-sich umdrehend, mit glücklicher Rührung all das lange Vertraute wieder
---, die alten Bewegungen der Aufgeregtheit, der Entrüstung, das
-Zurückwerfen des Haars, das mit einem Schritt dahin und dorthin sich
-Pflanzen, das im Nachdenken, bei fast über den Wirbel hochgedrehtem
-Handgelenk über das Stirnhaar Kämmen mit den Fingern, den
-Unglücksausdruck der Brauen, und es war eine Wohltat zugleich, alles
-Süße der Schuljahre wieder zu fühlen in der gebrochenen Stimme, ihren
-glühenden Betonungen und gezogenen Pausen der Überlegung.
-
-»Und es ist entsetzlich!« fuhr Benno nach langem, erschöpftem Dastehen
-fort. »Es ist die Fläche. Nicht die Fläche unserer Er--de -- --, die
-sich wölbt und abhängt nach den Seiten. Sondern sie ist nach oben
-gewölbt, und man kann nicht über den Rand sehn, und alles was gegen den
-Rand hinaufgeraten ist im Umherschleudern der Scheibe, das muß nach
-innen zurückfallen. Schau--er--lich!«
-
-»Fliegen mit ausgerissenen Flügeln in einer Glasschale, -- ja, das sind
-wir.«
-
-Benno schüttelte sich verneinend mit Leidenschaft. »Nein, sage das
-nicht, Georg! Ja, es giebt Stunden, wo es so scheint. Ich kenne diese
-Stunden, diese _horas melancolicas_, und sie sind -- -- entsetzlich!«
-
-»Nun, Benno, aber was heißt das?« fragte Georg behutsam. »Ich denke, du
-bist glücklich?«
-
-Benno setzte sich still und sah vor sich hin.
-
-»Du mußt mich jetzt richtig verstehen, Georg. Ich wäre ein -- --
-Ehrloser, wenn ich mich beklagen würde. Ich bin verlobt -- --, ich werde
-bald heiraten. Und sie -- -- oh, du kennst sie ja leider nicht, und sie
-ist -- -- sie ist -- wie aus Goldstaub! So leicht, so schwebend, und so
-rieselnd. Natürlich hat sie auch ihre Launen,« gestand er voll Großmut
-und Menschenkenntnis, »warum wäre sie ein Weib! A--ber -- -- -- Nein, an
-ihr liegt es nicht, nur -- -- -- Es ist alles zuviel!« schloß er, völlig
-erschöpft.
-
-»Zuviel, Benno?«
-
-»Zuviel! Ja, viel, viel, viel zuviel!« stöhnte er auf wie ein
-gebrochener Held im Theater, die Hand vor der Stirn. »Alles ist zuviel!
-Es ist kaum zu ertragen!« Er sprang auf. »Siehst du, was ist das
-Wunderbare immer wieder im Leben? Das sind die Anfänge! Nie sollte man
-hinauskommen über die Anfänge, und ich -- -- kann es nicht!!«
-
-Leider, dachte Georg, auch in deiner Musik! -- während er halblaut
-sagte: »Brentano!«
-
-»Ja, natürlich, natürlich Brentano, der hat so empfunden wie ich! Gehe
-hinaus -- -- im April! im März! an einem unverhofften Tag. Wie dich da
-alles verlockt! Der Himmel scheint wegzuschmelzen, kaum daß er nahte.
-Dich ziehts mit ihm in das Unendliche der Sonne. Eine unermeßliche
-Bangigkeit zugleich treibt dich fort, und du kommst dir vor, Georg, --
--- wie ein Schauer Schnee. Und alles Glück der Welt scheint sie doch zu
-enthalten -- -- diese Bangigkeit. Oh, du willst dich hinwerfen, du
-willst weinen, du bist aufgebrochen, -- und nun erst -- wenn du liebst!
-Georg, weißt du die Nächte nicht mehr? Die endlos stillen Straßen, die
-einsam leuchtenden Fenster, das nasse Pflaster, und der zitternde
-Stundenschlag. Und das dunkle Fenster endlich -- -- der Geliebten! Aber
--- -- Georg, das erloschene Fenster, hinter dem sie schlief, es enthält
-mehr Wonnen für das Herz, als das Zimmer selbst, wenn du es betreten
-darfst. Es ist alles zuviel! Glaube mir, Georg, es war mir eigentlich
-schon zuviel, daß ich sie kennen lernte. Als ich sie noch grüßen durfte
--- -- von weitem -- --, da schlug mir das Herz, und ich war ergriffen!!
-Nun --« sang er lieblich -- »ist alles ganz einfach geworden. Ist aber
-der magische Kreis einmal durchbrochen, was -- ist -- dann -- noch? Ihre
-Stimme hören -- ihr nachgehn von fern durch die bewegten Gassen --,
-ihren Gang zu sehen --, oh diesen Pendelschlag der Stunde ohne Ziffern!
--- ihr im Wald zu begegnen, wo sie Anemonen sucht an den Abhängen -- --,
-oh Georg, wenn ich erzählen wollte, ich habe Abenteuer erlebt -- --
-unerhört!«
-
-»Was, Benno, jetzt? Ich denke, du willst heiraten?«
-
-Benno lächelte schwermutvoll. »Ich genieße halt meine Freiheit«, sagte
-er natürlich. Dann lachte er verschämt. »Nun, Georg, so genau darfst du
-das nicht nehmen! Das Entfernte still zu genießen, wer will mirs
-verwehren? Und ich brauche das, Georg, ich brauche das. Oh sie ist lieb,
-sie ist edel, sie ist rein, aber daß ich nun täglich ihre Hand küssen
-darf, ihr Gesicht -- --, und sie über alles sprechen zu hören, -- -- zu
-sehn, daß sie ungeduldig ist und hart und -- -- das, Georg, -- -- das
-schlägt mich zu Boden!«
-
-»Und das ist, was ich dir immer sagte, Benno!« fing Georg an und stand
-auf. »Es ist schön. Es ist, so wie du es betreibst, menschlich schön und
-ergreifend, aber: es ist eine Schwäche des Lebens, verstehst du? Stark
-zu fühlen, ist noch keine Kraft, so schön es auch sein kann. Die Kraft
-ist im Bilden, in der Handlung, im Werk. Die >Intensität des Erlebens<,
-ja, so heißt es heut. Erleben, schon das Wort ist mir unleidlich. Das
-sind diese Zusammenballungen, die nachher nichts können als zerfließen.
-Erleben um des Erlebens willen, und keinerlei Wirkung fürs Leben selbst.
-Euer Handeln, euer Meinen, eure Haltung zu den Andern -- alldas bleibt
-unbeeinflußt. Ich will mich nicht besser machen, als ich bin, aber --
-auch ich habe erleben wollen, jedoch nicht -- --, um Erlebnisse zu
-fangen, sondern um meine Lebenskraft zu steigern und wegen der
-Erfahrung. Und wenn ichs zehntausendmal nicht getan habe, so tat ichs
-doch unbewußt, und zuletzt ist es alles in die eine Schleuse
-hineingeströmt. Ihr macht euch Zaubergärten von vornherein aus der Welt,
-dann brechen die wirklichen ein, und schon sind euch alle Schalmeien
-verstummt bis auf die der Trübsal. Bei dir, wie gesagt, ist es schön,
-weil es fromm ist und zart, und du zu weich und zu gütig, das Leben
-entgelten zu lassen, daß es dir deine Träume nicht hielt. Aber sieh in
-die Literatur von heut. Da wird aufgeblasen und aufgebauscht: Einssein
-mit der Geliebten, Ewigkeit der Verschmelzung, und was weiß ich, und
-kaum daß die Geliebte an ihrem Schuhband schnürt, wenn dich eben der
-göttliche Abend berauscht, so geht dir ein Meteorschwarm von Illusionen
-ins Chaos hinunter, und vom Augenblick an sind sie die Verächter, die
-tiefen Greise, die das Herz Gottes im brechenden Lächeln der Dirne
-entdecken, wo es >verreckt<. Sie rasen nach Gott durch die Welt,
-schlagen Fenster und Türen zusammen, brüllen: Ist keiner da? und dann
-endlich -- endlich lächelt ihnen die weise Hure. Die ganze Literatur ist
-nicht zum Teufel, aber zum Zuhälter gegangen, und das Großartigste ist,
-herumzustelzen, die ganze Brust bedeckt mit den Kotillonorden der
-verlorenen Illusionen. -- Diese Folgerungen -- das heißt nur diese
-zufällig zeitlichen des Zuhältertums -- ziehst du zwar nicht, Benno,
-aber im Kern ist es bei dir nicht anders. Hast du nicht immer verklärt
-und erhoben? Und bist du nicht schon getrübt und gesunken?«
-
-»Aber was soll man denn tun, Georg, was soll man denn tun?«
-
-Georg schwieg und sah nach dem Fenster. Ja, was? dachte er still. Auge
-im Auge mit einem Menschen das Leben ertragen, -- das wäre schon viel.
-»Was man tun soll, Benno? Wege giebts so viel wie Menschen. Aber -- man
-sollte vertraun. Nicht immer das Fluten sehen, >die zehntausend Spinnen
-in der Kufe<, das Getümmel der achtlosen Bestien; und die Heiligen
-darüber aus Regenbogen auch nicht. Das Leben ist kein Ballhaus, und ein
-Heiligtum auch nicht, und es wird nicht scharenweise gelebt. Gieb acht
-auf den Einzelnen! Es giebt nur Einzelne. Denen aber vertrau! Von dem
-fall nicht gleich ab, wenn er nicht augenblicks einstimmen will in deine
-Augenblickslaune. Seele kann nicht in Seele gelangen, obschon Leib in
-Leib. Leib fügt sich in Leib, und gezeugt wird aus Zweien das Eine.
-Seele in Seele, was zeugen die? Gemeinsamkeit. Wenn ich das Leben süß
-gefunden habe, so war es darin.« Ach, Cordelia! dachte Georg, und glitt
-von ihr zu der Schwester mit n, indem er sich sagte: Cornelia und
-Cordelia --: die Eine war, was die Andre, und darum verließen mich
-Beide. Eine Wiederholung nur, und ich habe es kaum gemerkt.
-
-Benno saß still da, eine Hand auf der Tischkante neben sich. Er sagte:
-
-»Du hast recht, Georg, natürlich hast du vollkommen recht. Immer hast du
-recht, und überhaupt -- ich bin ja einmal so, daß ich immer auch den
-Gegenteil vollkommen begreife, a--«
-
-»Aber,« rief Georg das Wort, das er längst kommen sah, »aber du handelst
-ja nicht danach! nach deinen Erkenntnissen! Du hängst ab nach zwei
-Seiten wie ein Gespaltener und --«
-
-Benno ließ sich nicht abschütteln, flüchtete hinter Georg ins Zimmer und
-rief, ihm unsichtbar, von dorther: »Nein, und du hast doch nicht recht!
-Ja, das Leben mag so sein, wie du sagst, aber -- -- soll es denn immer
-so bleiben? Und wer macht denn, daß es vielleicht einmal anders wird?
-Würde die Welt nicht stehen bleiben, wenn Alle so wären wie du? Wer
-sorgt für Änderung? Wir sind das, wir! Die Träumer, die Schwärmer, die
-Seher der Ferne. Haben nicht immer Dichter und Weise, sie, die Spiegel
-der Menschheit, das Bild einer Welt aufgefangen, die hinter der
-sichtbaren liegt? Wir haben die wahrhaftigen, die platonischen Gesichte!
-Wir schreiben unsere Träume mit goldenem Griffel in die rosigen Wolken,
-und wer die Schrift liest, den erfüllt sie mit Sehnsucht. Sehnsucht,
-Georg, Sehnsucht! Was helfen denn eure Feststellungen, eure
-Hofmannsthals und Georges, wo alles erstarrt ist! Ich erkenne sie ja an,
-diese Form, ich bewundere sie, aber sie ist die Giftschlange, die euch
-alles erwürgt! Wir, wir, wir, die Träumer, die Schwelgenden auf den
-unerreichbaren Gipfeln, wir --«
-
-»-- pfeifen wie die Rattenfänger, und pfeifen die Narren in den Berg!«
-rief Georg aufgebracht und hieb mit der Faust auf den Tisch. Danach
-verstummte er in plötzlicher Erschlaffung und dachte: Wozu? Er hat ja
-keinen Kern, wie soll ich ihn angreifen?
-
-»Na, lassen wirs gut sein, Benno, wir sind darin zu verschieden. Du --«
-
-»Vielleicht, Georg, -- und doch nicht. Ich verstehe dich ja, wir
-mißverstehen uns nur, ich meine genau das selbe wie du, nur --«
-
-Georg kniff schmerzlich die Lippen zu. »Hör auf, Benno, es hat keinen
-Sinn. Weißt du --, ich bin auch sehr müde. Tu mir die Liebe und laß mich
-jetzt ein bißchen allein.«
-
-»Ich gehe, Georg, ich gehe! Hättest du mir doch nur gesagt, daß du
-vielleicht lieber schlafen möchtest. Es tut mir --«
-
-Georg brüllte beinah, verstummte aber im letzten Augenblick angesichts
-dieser schmelzenden Betrübtheit, die schon die ganze Stunde schwarz sah,
-bloß weil er an ihrem Ende erklärte, müde zu sein.
-
-Benno nahm zärtlich Abschied, und Georg versprach, ihn in Bälde zu sich
-zu rufen, worauf er entfloh.
-
-
- Georg
-
-Nun bin ich bald am Ende der Kraft, dachte Georg, und fiel in den
-Sessel. Er wollte sich eilig bemühen, zu schlafen und zu vergessen. Aber
-die Lehne war rauh und heiß, er war nicht mehr gewohnt, im Sitzen zu
-schlafen, dachte, sich auf das Bett zu legen, aber -- in Kleidern? nein,
-und ausziehn? Er blickte auf die Uhr, -- nein, in einer Viertelstunde
-vielleicht kam die Anna. So rückte und drehte er sich hin und her,
-ächzte leise und meinte zu fiebern. Nicht denken, nicht denken!
-
-Und was ist es denn, was war es, was gab mir wieder das Recht, mich so
-als stärker zu fühlen und gütiger? Ist er mir verpflichtet? oder dem
-Dasein? Es ist schrecklich, aber es ist wohl so, daß jeder Gegensatz an
-dem, den wir lieben, uns mehr Ärgernis bereitet als am Fremden.
-
-Hat er nicht doch vielleicht recht? Wenn er so sprechen konnte, dies
-herausfühlen konnte aus mir: muß dann nicht doch ein quietistischer Hang
-vorhanden sein? >Geh an der Welt vorüber, es ist nichts.< Ja, was will
-ich denn? Ich verstehe mich selber nicht. Ich will ändern; aber alles,
-was ich sehe, ist, daß ich vorläufig nicht kann ...
-
-Er saß schon wieder mit offenen Augen, gewahrte nun das noch
-aufgeschlagene Buch auf dem Tische und empfand bald den Wunsch, sich
-noch einmal nachzuprüfen, oder vielmehr, sich zu beweisen, daß er recht
-hatte und nicht so war, wie Benno ihm vorwarf. Das Buch --, nun, was
-drin stand, hatte seine Erledigung gefunden, aber es enthielt doch
-Angaben über den Weg.
-
-Noch unschlüssig streckte er die Hand nach dem Buch aus, zog es langsam
-heran und begann, es auf dem Tischrande neben sich liegen lassend, zu
-blättern und zu lesen.
-
-Angehängt an das erste der Gedichte, die er Benno vorlas, fand er da:
-
->Wahr im Stoff, unwahr in der Form ist dieses Gedicht wie fast alle
-derartigen, ich meine gedanklichen, von mir. Von der ersten Zeile bis
-zur achten ist alles echt. Bei der neunten beginnt schon leise
-Verwirrung (da ich, als ich dies schrieb, noch nichts ahnte vom Tode!),
-die letzte ist eitel Lüge, das heißt nur Wahrheit des Augenblicks, der
-aus dem Schmerz die Verachtung erzeugte. Wie aber dürfte ein Gebilde,
-das dauern soll, die Prägung des Augenblicks an sich tragen? Bogner hat
-wahrlich recht mit seiner Vergiftung. Ich hob diese Verse als die
-stärksten auf aus meiner Berliner Zeit, und die war so faul, ganz so
-faul wie ein morsches Stück Holz, das leuchtet; nur im Dunkel leuchtet,
-und nur aus Miasmen.
-
-Mit achtzehn Jahren machte ich Gedichte von Heiligen: Er war schon der
-Vollendung fast ganz nah ... So konnte keine Gestalt mir großartig genug
-scheinen, in ihr meinen Seelestoff kostbar zur Darstellung zu bringen.
-Der Vollendung fast ganz nah ... ach, durch drei Jahre war selbst der
-Gedanke an einen Weg zur Vollendung unendlich fern! Auf Schritt und
-Tritt nur Griff um Griff nach dem Nächstliegenden, Ausfüllen mehr
-schlecht als recht, statt Erfüllung, -- warum zum Unheil muß mir ein
-anderer Vers jenes Alters ins Gedächtnis kommen, wenn er auch, schlimmer
-als schlimm in diesem Fall, nicht von mir ist, doch behielt ich ihn
-wohl, ob wider meinen Willen:
-
- Georg, der Trasse,
- Stürzt sich ins Leben wie ins Meer der Schwimmer,
- Drum sieht er nichts als: Masse, Masse, Masse.
-
-Ach, giebt es keine Erlösung aus diesem Klumpen von Wahrheit, der an mir
-hängt? -- Ah, ein Licht! eine süße Strophe: wer sagte sie mir noch?
-
-Richtig, Magda! An dem Morgen nach der Nacht, wo ich nicht starb,
-stellte sie mich wegen eines Briefes, den ich in der Nacht erwähnt habe,
-eines Briefes von mir an sie. Es war jener, den ich für sie bestimmt
-hatte, ihn nachher zu lesen. Ich gab ihn ihr, und sie sagte, nachdem sie
-las: was ich darin vom seefahrenden Sindbad und dem bösen Geist, den er
-schleppen mußte, geschrieben habe, erinnere sie an eine Legende, die
-Jason ihr und noch einigen Andern aus der Friedliebenden Gesellschaft
-einmal erzählt habe, und sie gab mir wieder, was sie davon behalten
-hatte. Jason hatte sie später für Renate aufgeschrieben, und so hatte A.
-die beiden Strophen daraus im Gedächtnis behalten, die mein eigenes,
-leichtes Versgedächtnis mir bewahrte. Die Legende handelte, wie mir
-schien sehr schön, von Orest, den die Eumeniden verfolgten, schlaflos,
-bis auch sie, die Verfolgerinnen einmal ruhen mußten im Schlaf:
-
- Oh Nacht und Tiefe! Draußen auf den Stufen
- Des Hauses ruht die Eumenide nun.
- Noch ist die Gottheit dringend anzurufen,
- So wird dir, was du sehntest: du wirst ruhn.
-
- Die ..... die Wölbung schwindet,
- Gestirne wandern über Wäldern fort.
- Blick hin: er steht schon längst im Winkel dort,
- Schlaf deiner Kindheit, der dich wiederfindet.
-
-Wahr, oh wahr! Wenn wir ihn wirklich finden, den Schlaf, so ist es kein
-fremder, kein erst im Augenblick mühsam aus uns erschaffener, sondern
-Kindheitsschlaf, und er ist es, der >uns wiederfindet<.<
-
-Wunderschön! dachte Georg und gähnte. Alles ganz wunderschön! Bloß --
-wie soll ich damit regieren?
-
-Immerhin, muß ich sagen, enthalten diese Dinge eine gewisse Kraft der
-Sprache und der Formung, die eigentlich nicht nur an dieser Stelle ...
-sondern auch sonst im Leben ... Seine Augen waren ihm zugefallen.
-
-Oder, fragte er noch, ist das Ganze nur ungesättigter Geschlechtstrieb?
-
-Darauf entschlief er.
-
-
- Bogner
-
-Renate stand mit Erasmus nach einem stillen und schönen Spaziergang
-durch den klaren Nachmittag der Wiesen vor Bogners jetziger Behausung,
-die im Tiefland um Böhne, ein kleines Stück unterhalb der alten
-Stadtwälle lag, bis auf ein nahes Gehöft einsam in weiter und flacher
-Gegend.
-
-Renate wußte, daß Bogner einen ehemaligen Tattersall bewohnte; das,
-wovor sie stand, war ein kleines weißgetünchtes Haus, hinter dem sich
-das flache und schwarze Dach eines mächtigen Rundbaus -- der Reitbahn --
-erhob. Auf ihr Klingeln erschien nach einiger Zeit der Maler selber, sie
-begrüßten sich hocherfreut, er führte sie in den Flur und gleich durch
-einen dahinter liegenden Gang zwischen den ehemaligen Boxen der Pferde,
-deren eine nur von einem großen und äußerst dicken braunen Rosse bewohnt
-war -- Renate kam es bekannt vor, ohne daß sie sich gleich erinnern
-konnte --, während die übrigen mit Leinwanden und dergleichen Malsachen
-vollgestellt waren, in die Reitbahn.
-
-In dem riesigen kreisrunden Raum war es noch taghell vom allseitig voll
-einflutenden Licht der breiten Fenster, die Renate für Augenblicke fast
-blendeten. Vor ihr, in der Mitte der Halle waren drei große Rechtecke,
-die nun zu Bildern wurden, Kehrseiten von aufgestellten Bildern,
-liegende Rechtecke, höher als sie selbst. Aufgespannte Leinwande waren
-im ganzen Umkreis an die Wandung gelehnt, häufig übereinander,
-hundertfach zuckend von abenteuerlicher Gestalt und lodernden Farben,
-und Renate ging hastig zwischen zweien der in flachen Winkeln
-gegeneinander gestellten Bilder und drehte sich um.
-
-Da stand sie vor einem so klirrenden Aufgebot der Phantasie, daß sie
-zurückfuhr. Sie mußte sich zusammenraffen, um die Augen auf das nächste
-der Bilder zu heften, wo ein gewaltiger Schwung hinsprengender Pferde
-sie anzog.
-
-Dieses Bild war sehr lang im Verhältnis zur Höhe. Einher vor einer drei
-Viertel der Bildhöhe füllenden Wand von schwarzem Blau flog ein Gespann
-fahler Rosse, graugelb, lebensgroß scheinend und überlebensgroß durch
-ihre Gestaltung, gewaltig an Gelenken, Hälsen und Häuptern,
-langausgestreckt im Galoppsprung. Dahinter -- kein Wagen, nur ein
-einziges Rad mit erzbeschlagenen Speichen in bräunlichem Metallglanz,
-trug die Gestalt eines fast nackten Mannes, um dessen Brustmitte
-geschlagen ein kurzes rotes Manteltuch flatterte, einen Arm und die Hand
-mit einer großen Bewegung des Lenkens ausgestreckt, mit kaum sichtbaren
-Streifen von Zügeln zu den Rossen hin. Dieses Rot des Mantels, das
-bräunliche Weiß seiner Glieder und das fahle Gelb des Gespanns war wie
-das Blau der Arenawand nicht irdisch; unbekannte Farben, entseelt vom
-Lichte dahier, innerlich verfinstert und wie getränkt mit einer tieferen
-Essenz farbigen Daseins. -- Aber Renate erschrak vor dem oberen Viertel
-des Bildes, aus dem Gesichter sie anblickten, tausend wie es schien, in
-Reihen übereinander und immer tiefer und kleiner in eine niemals endende
-Ferne hinein. Und all diese waren schändlich entstellt von Verhöhnung,
-Gelächter, Spott, Roheit, allen Lastern. Und so blickten sie alle in
-einer fleckigen Buntheit, ein wimmelndes Blumenfeld strotzender
-Abscheulichkeit. -- Jedoch unten der Held, schmalen Gesichts, das einen
-eher duldenden als tätlichen Ausdruck trug, zog ruhig dahin.
-
-Dies ganze unerhörte Schauspiel zeigte sich Renate in einem
-außerweltlichen Licht, das nicht darauffiel, sondern ihm, seinen Farben,
-nur entsickerte; in einer trotz der jagenden Fahrt gefesselten Stille;
-tosend und doch tief in Ruhigkeit; in Vereinsamung, in Entlegenheit; in
-einem so fernen Fürsichsein, daß Renate glaubte, über eine Mauer einen
-Blick in verbotene Gegend zu werfen.
-
-Endlich gesättigt fürs erste, trat sie zurück und vor das nebenstehende
-Bild hin.
-
-Hier war Kampf. Im dunkel gehaltenen Vorgrund zur Linken galoppierte auf
-einem grau geharnischten Pferde mit braunen Beinen ein schwarzgrau
-Geharnischter über einen Haufen Erschlagener schräg aus dem Bilde, statt
-des Kopfes nur einen graden Helmtopf mit Augenschlitzen auf den
-Schultern, den braunen Schaft seiner Lanze aus dem Bilde heraus
-gerichtet. Links von ihm tief in der Bildecke zusammengekauert war ein
-nackter Neger, der den Bogen spannte --, dessen Pfeil stak rechts drüben
-in der Weiche eines Sarazenen, der mit seiner reichen Kleidung nach
-hinten schlug, so daß der Pfeilschuß die Breite des Bildes überspannte.
-Den Mittelgrund nahm eine leere Aufhöhung ein, und hier war alles hell,
-weißlich und silbrig, und silbrig grüne und eisbläuliche Erscheinungen.
-Ganz hinten, klein, jagte mit lichtblauen Bannern, weißen Harnischen und
-weißen Pferden ein Reiterzug die Anhöhe herauf und jenseits wieder
-hinunter, entschwindend. Er war herausgekommen aus einem altertümlichen
-silbergrünlichen Stadttor, das vor dem dunklen Hintergrund wie vor einem
-düsteren Meere stand. Inmitten aber, wo der Raum der Anhöhe weit und
-breit frei war, kam langsam, Renate sichtbar erst jetzt, die in der
-Entferntheit kleine Gestalt des Eroberers geritten, gleich erkennbar als
-solcher. Das weiße, massive Roß in lichtblauem Geschirr bewegte sich,
-den dicken Hals angezogen, sich drehend, in einem großartigen Pomp,
-geführt von einem Pagen in Blau und Silber. Der Heros im Sattel zeigte,
-so klein er war, die Züge des Fahrers vom ersten Bild. Er schien eine
-Wolke von weißem Licht um sich zu verbreiten.
-
-Renate staunte, kaum atmend, über die Stille. Die schmetternde
-Gewaltigkeit des Vorganges vorn schmolz im Augenblick an der ruhevollen
-Erhabenheit dessen in der Mitte, dessen Feierlichkeit nun in eins klang
-für sie mit jener, in deren Schutze sie hergekommen war durch den
-sonnenstillen Charfreitag.
-
-So wagte sie sich vor das dritte Bild.
-
-In einem Sessel saß hier die Madonna auf einem kleinen Thron aus
-verschiedenartigem Marmor, schwarzem, weißem und braunem, Stufen,
-Plattform und Säulengeländer, in einem Gewand von ähnlichem schwarzem
-Blau wie das gewitterwandgleiche des ersten Bildes, gradausblickend,
-sehr still -- und plötzlich mit ihren eigenen, Renates, Zügen, den
-unheimlich entfremdeten durch dunkle Brauen und schwarzes Haar. Vor ihr
-der stehende Knabe in einem hellrötlichen Hemd, hatte ein sanft ovales
-Gesicht, von schwarzen Haarsträhnen umrahmt, leicht bräunlich, indisch,
-und die mandelförmigen Augen von lichtem Blau hielten ein zauberhaftes
-Lächeln der Stille wie eine Blume fast mit Fingern empor. Auf dem
-braunen Erdboden davor kniete ein nackter Mensch, der eine schmale Krone
-von braungoldenen Zacken niederlegte, und in den gemeißelten Gliedern,
-weiß mit bräunlichen Schatten, glaubte Renate die des Fahrenden zu
-erkennen.
-
-Und nun von beiden Seiten auf diese Gruppe zu war in schreitender
-Haltung je eine Reihe von Figuren geordnet, in Mänteln, in
-Priesterstolen, mit Tiaren, in Harnischen, in bürgerlicher Festkleidung
-des Mittelalters, Frauen dazwischen, jede behangen mit Farbigkeit, mit
-Purpur und dunklem Grün, braunem Pelz, Violett und bleichem Gelb, mit
-zaubrischem Rosa, gewässertem Blau, Rostrot, und Zimtfarbe. Und jede war
-in sich beschlossen und allein, obwohl oftmals nur ihr Gesicht, ihr
-Oberteil zwischen den Andern erschien, nachdenklich, verschollen, die
-schwer ernsten Züge umwölkt von Zeitlosigkeit, aus der sie blickten.
-
-Diese beiden Züge immer kleiner werdender Figur entfernten sich in
-ruhiger Biegung in den Hintergrund. Daselbst dehnte zu unendlich
-scheinenden Tiefen Landschaft sich aus: ein Strom, grade durchfließend
-von links nach rechts, Brücken darüber, Wälder entfernt, Gebäude. Und
-überall befanden sich und tauchten auf winzige Gestalten, Pflüger,
-Jäger, Pilgerscharen, Wandrer, Reiter, ein Hirt. Und jeder war ein in
-Kristall abgeschlossener Teil Lebens, in seinem Schicksal befangen,
-friedvoll, ein ihm Aufgetragenes ausführend, sein volles Dasein
-darstellend in diesem stillen Augenblick der Handlung, in einem kleinen
-Umkreis von Einsamkeit jeder und in einer Luft ohne Verhängnis. Ah diese
-Luft! Woher kam sie? Ganz klein in der Ferne eine niedrige Kette
-grünlich weißer Gebirgszacken war vom linken Rahmen zum rechten gespannt
-in einer atemlosen Stille; und über ihr rieselte ein morgenfarbener
-Himmel, vielleicht bläulich, vielleicht grau, mit bebenden Ahnungen von
-Licht, von Röte, von erbleichenden Sternen, und doch nichts als
-Schweigen und Hauch des unendlichen Raumes, der in Morgenluft schaudert.
-
-Renate verirrte sich völlig in diesem Bild. Augenblicke lang schien das
-immer wieder anziehende eigene Antlitz sie auf etwas Unerkennbares
-aufmerksam machen zu wollen, allein kaum beim Raten, verlor sie jede
-Besinnlichkeit über der tiefer und schauerlicher gewordenen Entseeltheit
-ihrer Züge von menschlicher Seele; als stünde sie vor blickender und
-atmender Unsterblichkeit, aus der doch in der nächsten Sekunde schon das
-menschlichste Lächeln süßer Ergebenheit wie eine Blume tauchte. -- Dann
-versuchte sie, sich durch die Mauer erstarrter Lebendigkeiten in
-Kleidern einen Weg zu bahnen, aber -- hielt hier das bläuliche Licht im
-Pflaumenschwarz einer Samtbrust, dort das knisternde Grau von Atlas, das
-braune Gold eines Harnischs sie auf --, so jetzt die tiefe
-Leidenschaftslosigkeit all dieser Züge, dieser Gegenstände haltenden
-Hände; dazu der Gedanke, daß nur feuerflüssige Leidenschaft eines
-Schöpfers diese gebildet haben könnte; daß sie deshalb so unbeirrten
-Ernstes erscheinen mußten, weil sonst Übermaß sich ergeben hätte. Nun
-aber hatten sie nur Dasein, und dieses in Ewigkeit. -- Auf einmal hatte
-sie dann doch die Reihe durchbrochen und fand sich selbst auf der
-Wanderung in der dunklen Weite, atmend die Morgenfrühe, die Einsamkeit,
-vorüber an dem stillen Fischer auf der Brücke, zu dem Hirten am
-Waldrand, zum kleinen Pflüger unter dem Eichbaum, -- und schon wieder
-fern allen diesen und bei sich selbst, sah sie jeden in seine entlegene
-Vereinsamung herversetzt aus der Oberwelt; aus mühsalvollem Leben in
-dies elysische Land, ewig fortzufahren im Tagewerk, kummerlos, in der
-zeitlosen Stunde vor Aufgang der Sonne, deren verborgene Strahlen
-niemals diese Berggipfel übersteigen würden.
-
-Sie merkte endlich eine Veränderung an ihren Augen und sah, daß es
-dunkel geworden war. Seltsam waren die eben noch deutlichen Bilder im
-nächsten Augenblick unkenntlich geworden, und mit einem Gefühl von
-Unheimlichkeit wandte sie sich um.
-
-Da standen ja Menschen! Wie? Menschen? oder Gemalte? Erscheinungen?
-Spiegelungen von -- ja, Bogner, Jason und Erasmus, die in der Nähe der
-Wand standen und etwas betrachteten. Sie vermochte nicht hinzugehn,
-nicht zu diesem Menschen, der -- jetzt erst traf sie der Schlag --, der
-dieses gemacht hatte.
-
-Jason aber kam daher, neigte sich freundlich zu ihr und gab ihr die
-Hand. Erfreut von der menschlichen Wärme darin, sagte sie leise zu
-Jason: »Freund, erkläre mir dieses!«
-
-»Dies«, sagte der bereitwillige Jason, »ist gemalt. Es ist ein Werk des
-Lebens und deshalb höher als das Leben. Hier ist nicht Wirklichkeit,
-sondern Bild. Hier ist kein Handeln, das wir kennen, hier ist kein
-körperliches, keine wahrnehmenden Sinne, und deshalb auch keine
-Beziehung, kein Schicksal, keine Verstrickungen und keinerlei Erregung.
-Könnte man derlei nachmachen mit Farbe und Pinseln? Und was käme heraus
-dabei? Dies ist wahrhaftig gemalt: andres Leben, andre Handlung, andrer
-Sinn, andre Gesetze, andere Luft und anderer Boden, der nicht sich
-betreten läßt, und Landschaft und Wesen, die wir nicht anrühren können,
-um ihnen gleich zu sein. Hier ist nichts gelöst als ein sehr einfaches
-Rätsel, nämlich das des Entfremdens. Es ist, wie wenn du einmal in den
-Himmel gelangtest, -- wie fremd müßtest du dir erst werden! Und dies ist
-des Lebendigen letzte Kraft: Schauer und Magie eines höheren Lebens
-hervorzurufen, aus dem die uns anwehende Luft uns die Witterung des
-Ewigen zuträgt.«
-
-»Es scheint sehr einfach«, murmelte Renate kaum bewußt und mußte sich
-wieder zu Bogner umwenden. Sie sah durch verschleierte Augen, daß er vor
-Erasmus stand, eine Hand auf der höheren Schulter des Freundes, der in
-der alten ruhigen Haltung, die sie kannte, den Kopf etwas gesenkt hielt
-und zuhörte, was Bogner leise mitteilte. Indem wurde Renate bewußt, daß
-jener der Anfang ihres Herzens gewesen war, -- und nun dieser das Ende
-sein sollte, und nichts erstaunte sie so sehr als die Ähnlichkeit dieser
-Beiden. Sie konnte sich bald nicht mehr halten, ging zu ihnen, die sich
-nun wandten, und sagte, jeden leise am Arme berührend, dankbar zum
-Einen, dankbar zum Andern: »Ich wußte es wohl, ihr seid Brüder! -- Ich
-habe euch lieb.«
-
-
- Achtes Kapitel
-
-
- Magda
-
-Erwachend aus schnellem und tiefem Schlummer, fand Georg sich
-eingetaucht in ein großes und schweres Gefühl der Feierlichkeit. Aller
-Munterkeit fern, und obwohl hell wach und erquickt, auch ferne von
-Frische, saß er im Stuhl, beladen mit dieser starken und sehr ernsten
-Schwere, in der auch ein traumhaftes Ziehen wogte, so als würden noch
-wie magische Tücher Schlaf und Traum aus seinen Gliedern hervorgezogen.
-Draußen mußte es sonnig sein, denn im Zimmer, das jetzt Schatten hatte,
-zeigten die Dinge sich in tiefem Glanz: die Vitrine voll farbiger
-Stücke, die goldbemalten schwarzen Koffer ihr zu Seiten mit ihren
-rötlichen Stricken, an der Wand überm Sofa die Bilder der Jugendjahre,
-das Sofa selbst und der Tisch, und im Schatten der Türnische, hinter dem
-grauen Rupfen der Bücherregale, zeigte sich für einen Augenblick das
-Zucken eines ewigen Auges.
-
-Schlaf, du magische Wand! dachte er erstaunt. Hindurchgegangen,
-entschwunden uns für Minuten, erwachen wir jenseits als Andre.
-
-Die Taschenuhr, die er zog, stand auf halb Fünf. Also konnte er kaum
-eine Viertelstunde geschlafen haben. Aber wo blieb die Anna?
-
-Er besann sich auf Geschehenes, auf Bevorstehendes. Klemens im
-Sonnenregen erschien mit der grünen Gestalt auf den Armen, -- dann der
-Tote, aufrecht im Sessel, ein Schläfer, der sich gestillt hatte am
-Leben. Nur ein leiser Schmerz ging von ihm aus, so daß es war, als ließe
-die mystische Schwere, die Georg umhüllte, keine tatsächliche sonst zu.
-Auch bewegten die wenigen Gedanken, die er erscheinen sah, sich
-gleichsam mit kleinen Schritten, leicht und gebunden wie Kinder am
-Sonntag. Was stand denn bevor? Was? -- Dieser Gedanke war zu schwer und
-ließ sich nicht heben.
-
-Georg erhob sich, trat an den Schreibtisch und blickte hinaus.
-
-Ja, es war heller Sonnenschein. Der Schatten des Südflügels bedeckte,
-wie an unzähligen Sonntagnachmittagen zuvor, den Hofraum zur Hälfte;
-Mauer und Fenster drüben erglänzten im Ausdruck der stillen
-Verlassenheit, die dem Sonntagnachmittag eigen ist überall auf der Welt;
-auf dem Dache, das, weil es höher war, sonniger schien, ruckte die
-Taubenschar, schillernd, deutlich mit ihren Schatten, und im vollen
-Leuchten vor der azurnen Himmelstiefe stand der weiße Turm mit dem
-Uhrblatt goldener Zeiger und Ziffern, der schwarzen Glocke im Innern, in
-dem luftigen Meer ein sehr stilles Riff, hinter dem die ruhige Überfahrt
-der bergichten Wolken schön vorüberglitt. Eine traumhafte Welle von
-Heimweh und Abschied ging langsam zitternd über dies hin und machte es
-um einen Hauch dunkler, ehe sie wieder verglitt.
-
-Traumhaft jetzt war auch das leise Pochen an der Tür und das Eintreten
-Annas in einem Kleid von der lavendelblauen Farbe, die sie zu lieben
-schien, nebst Egloffstein, der hinter ihr einen kleinen Tisch mit dem
-Teekessel und Geschirr hereinrollte und mit seiner sicheren und
-lautlosen Geschäftigkeit für eine Minute das Zimmer erfüllte. Dann saß
-Magda im Sessel am Fenster, in den Tassen rauchte der honigfarbene Tee,
-sie ließ die Augen umhergleiten, ihre Tasse im Schoß, und fragte mit
-lichter Stimme:
-
-»Ist noch alles wie früher, Georg? Hängt die Schale noch über mir?«
-
-»Ja, Anna.«
-
-»Und die Bilder, und der Schrank -- alles wie immer?«
-
-»Ja, Anna, aber wie sonderbar du sprichst! Als wolltest du Abschied
-nehmen.«
-
-Hierauf antwortete sie nicht, und Georg, die Tasse aus ihrer Hand
-nehmend und seine Linke statt ihrer hineinlegend, fragte, das Gesicht
-nahe am ihren: »Sprich die Wahrheit, Anna, kannst du wirklich irgend
-etwas sehn?«
-
-»Jetzt«, sagte sie ruhig, »sehe ich dein Gesicht und sogar deine Augen.
--- Sehen, wie du und Alle -- nein, Georg, das kann ich nicht. Aber es
-ist immer hell, auch an den schlechtesten Tagen, wenn ich abgespannt bin
-oder erregt. Sonst kannst du glauben, daß ich so viel sehen kann, wie
-man braucht, um allein seinen Weg zu finden. Nur zu Schatten ist alles
-geworden, aber --« sie hob seine Hand, »man kann fühlen.«
-
-Georg, dicht vor Augen ihren sacht sich bewegenden Mund, die ganzen
-Züge, offen, ausdruckbedeckt, durchspielt von innen, unendlich sinnvoll
-und beseelt um das tote Braun des einen und das lebendigere, aber
-gefleckte des andern Auges, -- er fühlte nach Sekunden, daß ihr Mund
-näher wollte zu ihm, und kam ihm entgegen. Ihre Lippen berührten sich
-behutsam und blieben so lange Zeit, ehe sie sich wieder ließen.
-
-Eine Weile später erinnerte sie ihn dann, daß er ihr noch habe vorlesen
-wollen. Er widersprach nicht, meinte aber, das Buch aufnehmend, es sei
-doch alles kaum von Belang, außer für ihn selber. Zumal da sie alles von
-Bogner Handelnde schon gelesen habe. Er wolle aber einmal zusehn, ein
-paar Worte von Bogner stünden zwischen dem Übrigen. Blätternd derweil
-hatte er bald gefunden.
-
-»Ja, dies sagte er einmal: >Die den Menschen erzeugte, und die er
-erzeugt: Natur und Kunst, diese beiden sind. Er selbst ist noch nicht.<«
-
-»Nein, Georg, was ihr euch alles ausdenkt!« rief Magda unschuldig.
-
-»Was, Anna, nimmst du uns nicht ernst? Bogner nicht ernst? Dann höre,
-was er noch sagte, hier steht es: >Der Mensch ist nur dazu da, um Natur
-in Kunst zu verwandeln.<«
-
-»Das glaub ich. Ja, so muß einer sprechen. Nur weiter!«
-
-Georg las:
-
-
- »Porzellan
- (nach einem Wort Bogners)
-
- Das ist die edle Alchymie des Leidens,
- Die, sehnlich nach des Himmels Gold, erfand
- Der Erde kräftig zartes Porzellan,
- Drin Kochendes sich kühlt, -- das dauerhaft
- Gezeigt wird Enkeln an der Ahnen Festtag.«
-
-»Davon ist aber zumindest die Hälfte von dir, Georg«, bemerkte sie
-heiter.
-
-»Aber keineswegs! Von mir ganz allein dagegen ist dies:« Er las ernst:
-
-
- »Nur tiefer
- (Im Gedächtnis Ulrika Tregiornis)
-
- Der Tote, den du liebst, an seiner Hand
- Führt er dich mit hinaus aus deiner Welt.
- Du siehst dich um. Und wie der Schleier fällt,
- Nur tiefer stehst du da in deinem Land.«
-
-»Ulrika ...« sagte sie leise. Dann: »Welch ferne, ferne Musik!«
-
-Georg ließ das Buch sinken und empfand lastender die Schwere, die auf
-ihm lag. Über der ehernen kalten Meerflut erschien wehend der grüne
-Deich mit dem einsamen Grabesblock, und das Auge der Verlassenheit erhob
-sich darüber, ohne Bewegung. Georg glaubte, nicht gleich weiterlesen zu
-dürfen, und glitt langsam in den ersten Absatz einer Niederschrift, die
-allein vor den andern ein Datum zeigte, von dem er jedoch nicht mehr
-wußte, was es bedeutete, und erst mit dem Anfang des zweiten Absatzes
-fiel es ihm ein mit dem Heimwehstich, den er bekam.
-
->Wenn deine Freundin über irgendeine Sache Tränen vergießt, und zwar in
-einem Maß, das dir unbegreiflich erscheint, und wenn du dann fragst, und
-sie sagt: Es ist nichts! oder: Ich weiß nicht warum, -- so fliehe gleich
-von ihr, denn über vier Wochen oder in einem halben Jahr wird sie dir
-oder ihr etwas Furchtbares antun, dessen Tränen sie damals ahnungsvoll
-vorausweinte.
-
-Dies gab sich mir heut zu erkennen, als Cornelia mir am Abend nach ihrer
-Rückkehr mitteilte, daß sie nicht bleiben könne. Nicht nur ihr unmäßiger
-Schmerzausbruch vor Wochen, als sie nur auf acht Tage fortzugehn mir und
-sich selber versprach, wurde mir Erinnerung, sondern diese zog noch zwei
-andere mit sich, nämlich Cordelias Verzweiflung ohne Maß und Grenzen,
-damals, als sie Theater vor mir gespielt hatte, und Annas Weinen,
-damals, als ich sie küßte.
-
-Da alles, was mit uns geschieht, aus uns geschieht, so gehört freilich
-nur ein tieferes Eingebettetsein in die eigne Natur dazu, um zu ahnen;
-und wie es scheint, sind Frauen so veranlagt.
-
-Cornelia also geht. Der Mensch hält sie fest. Dies ist auch ein
-Grundsatz über Frauen -- und nicht die schlechtesten: Gieb ihnen zu
-wählen zwischen einem Geschenk und einem Opfer, sie strecken mit
-tödlicher Gewißheit die Hand nach dem zweiten aus. Mit bis zum
-Unverstand tödlicher Gewißheit.
-
-Dieser Mensch war vor einigen Jahren dermaßen von Krankheit besessen,
-daß er einmal wochenlang hungerte, aus Unfähigkeit, in einen Laden, in
-ein Speisehaus zu treten, so daß er vom Frühstück der Zimmerwirtin
-lebte. Als er einmal ein polizeiliches Papier verloren hatte, mußte er
-und die Cornelia mit ihm jeden nur erdenklichen Fetzen, gleichviel
-welcher Größe oder welcher Farbe und gleichviel wo, im Haus, auf den
-Straßen, im Theater, aufheben und ihm zeigen, daß es nicht das verlorene
-war. Heut ist er kränker als jemals, einem Idioten ähnlicher als irgend
-etwas das sein könnte; was an ihm zu tun ist, könnte jeder Wärter gerad
-so gut und besser besorgen -- denn ein solcher wäre standhaft, während
-Cornelia sich mit verzehrt --, allein: sie muß. Ihr bricht das Herz im
-Gefühl für mich; aber sie muß.
-
-Ich habe ja wohl kein Recht, einen bittern Geschmack im Mund zu
-bekommen, -- da ich sie nicht liebe. Aber mir ist bitter. Und ist es
-nicht alter menschlicher Unverstand? In einem Heim für idiotische Kinder
-sah ich strotzend blühende junge Mädchen und Frauen sich abmühen mit
-diesen für alle Ewigkeit verdorbenen Geschöpfen, an die sich all jene
-schöne Kraft und Willigkeit sinnlos vergeudete. Ist es nicht sinnlos,
-daß, wenn hier ein Kranker ist, der ein gewisses -- sagen wir eine
-gewisse >Luft< braucht, um zu gesunden, diese einem Gesunden entzogen
-werde, der ihrer bedarf, um gesund zu bleiben? Ist nicht dies das
-erstlich Wünschenswerte: Gesundheit zu erhalten, danach erst: Krankheit
-zu heilen? (davon abgesehn, daß es in diesem Fall nicht einmal um
-Heilung geht.) Die Ärzte, soviel ich weiß, unterschreiben mir den ersten
-Satz, jene jedenfalls, die für den Kranken dazusein glauben und nicht
-für ihre Rechnung, denn wahrhaftig, wenn es Leitsatz der Menschheit
-wäre, auf die Erhaltung ihrer Gesundheit zu sehen, so könnte die Hälfte
-aller Ärzte Anwalt werden oder Pastor, um statt für Körperheil für
-Seelen- und Vermögenheil zu sorgen. --<
-
-»Willst du nicht mehr lesen?« hörte er sich, noch bevor er die letzten
-Sätze erreicht hatte, gefragt, und erwiderte, sie mit dem Blick
-überfliegend:
-
-»Etwas hätte ich dir gern vorgelesen, -- aber es ist etwas lang. Du hast
-es nicht schon gelesen? Es ist das Letzte im Buch, die Überschrift
-heißt: Ultimo, -- so habe ich es genannt, weil es damit >am letzten< mit
-mir ist. Mein letztes Wissen steckt darin, und -- ich möchte dich
-bitten, wenn ich nun lese, zu glauben, daß es -- nun, daß es sich nicht
-um Einfälle handelt, sondern daß es -- wirklich mein Äußerstes ist,
-nicht wahr, mein Letztes, die gesammelte Erfahrung von allem, was ich
-er--lebte. Es sind Wochen vergangen, während ich es schrieb, und das
-weiß ich noch, daß fast jeder Satz so langsam kam, als währte er eine
-Stunde, und wenn er dann dastand ... aber gleichviel.«
-
-Georg brach ab und schwieg. Eine Weile später begann er zu lesen.
-
-
- »Ultimo
-
- Motto: Wahrheit ist es nicht;
- es ist meine Wahrheit.
-
-
- I
-
-Wenn wir uns klar zu werden versuchen über die Wirkung eines Dinges auf
-uns, das wir schön nennen, welcher Art dasselbe auch sei -- der Natur,
-der Kunst, dem Handwerk entsprossen --, so wird die einfache Antwort
-lauten: Befriedigung.
-
-Wir fühlen da eine magische Kraft von dem Schönen ausgehend uns treffen,
-die, vom tiefsten Erstaunen zur höchsten Freude, eine mehr oder minder
-mächtige Wallung in uns erregt, als würden alle gelockerten Bestandteile
-unseres Seins durcheinander gewirbelt; als fühlten wir in diesem ersten
-Stadium der Ergriffenheit das Chaos Welt, dem wir angehören. Danach
-atmen wir auf; der Schrecken besänftigt sich, das Unglaubliche, die
-Fremdartigkeit des Schönen, wird glaublich, da die Erscheinung bleibt,
-und nun fühlen wir uns erlöst, fühlen uns geheilt, fühlen uns zufrieden.
-Das Chaos in uns, oder die Unordnung, ist wie zum Kristalle
-zusammengeschossen, und das Schöne ist der Kristall. Die Verworrenheit
-der tausend Stimmen in uns hat ihren Einklang gefunden, und das Schöne
-ist der Einklang. Und die wundervolle Ausschließlichkeit des Schönen,
-die alle andern zurückdrängt hinter seiner glückhaften Erscheinung, sie
-vollendet in uns die Gewißheit, daß die Welt zu einer Ordnung kam, zu
-einem umfassenden Sinn, einer Sammlung, einer Stille, einem Frieden.
-
-Hierin liegt mit ganzer Notwendigkeit die Folge beschlossen, daß, was
-wahrhaft schön ist, auch gut sei.
-
-
- II
-
-Gefälligkeit, dies ist die Wurzel des Schönen. Was dem Menschen gefiel,
-das taufte er schön. Nun aber hat es nichts Schönes oder Gefälliges
-gegeben, bevor der Mensch es nicht selber gemacht hätte. Wir heute sind
-wohl imstande, eine Blume, eine Färbung des Himmels -- Dinge, die früher
-auf dieser Erde vorhanden waren als der Mensch -- wohlgefällig zu
-empfinden; denn das Schöne ist heute in uns, wir besitzen es eingeboren,
-wir erkennen es, aus uns heraus, wieder. Daß dies heute so ist, kann
-einzig daran gelegen haben, daß die einstmalig unbewußte Erkenntnis des
-Schönen ganz durch uns durchging: daß wir ein Ding machten mit unserer
-eigenen Hand, das unser Gefühl für Gefälligkeit zum Ausdruck brachte.
-Wir mußten dem Gefälligen außer uns, das wir erkannten, nachahmen, was
-nachstreben heißt, nicht nachmachen, welches erst die Folge von jenem
-ist oder die Handlung als Verwirklichung jenes Empfindens. Wir mußten
-empfangen haben, gänzlich zu eigen genommen, das Empfangene durch unser
-Wesen verleiblicht haben, um es schließlich aus uns heraus zum Quellen,
-Erstehen, zu eigenem Leben zu bringen. Das Schöne -- nunmehr zum zweiten
-Mal außer uns, vor uns stehend, wieder fremd und doch unser Eigentum
-nun, beglückte uns durch sein lächelndes Dasein.
-
-
- III
-
-Es war eine Schale. Es war die einem Tierschädel nachgeahmte, aus Binsen
-geflochtene, mit Lehm verklebte, gewölbte, gerundete, geglättete erste
-Form eines Gefäßes, ein freudiges Lachen erregend, weil sie ähnlich
-geworden, weil sie rund und glatt und gefällig war, weil der Mensch sie
-gemacht hatte, nicht die Natur.
-
-Und welch unbewußtes und hierin unendliches Gefühl der Sicherheit!
-Sicherheit im Können, im nun Wiederholenkönnen, in der ganzen
-Unleugbarkeit des Gefertigten, das sich abgesondert hatte aus dem
-notvollen, angstvollen Wirrsal der Welt. Ein Maß war jetzt geschaffen,
-der Mensch hatte Maße, die sich abnehmen und anlegen ließen, und er
-konnte im Weitergang schaffender Erfindung Teile bilden an einem Ganzen,
-die unter sich einen Frieden hatten; konnte ein Ganzes zerlegen, ohne
-daß es zerfiel; er war im Besitze des Einklangs, im Besitze einer Kunst,
-ein Hundertfältiges, das ihn verwirrte, zu vereinfachen, und als ihm
-diese Einfachheit bedrohlich wurde durch Strenge, sie wieder aufzulösen
-durch die Verzierung. Er besaß nun das Schöne.
-
-Der Mensch wirkte das Schöne mit vieler Müh. Der noch keines Guten sich
-deutlich bewußt war, schon war er gut durch eine Kraft der Güte, die ihm
-aus den Händen quoll in das Werk.
-
-Gute Geister walteten schon: Vorsicht, Behutsamkeit, Besinnlichkeit und
-die Nimmermüdheit. Liebe kannte er nicht, aber liebevoll war er nun
-schon durch Geduld.
-
-Geduld, die Erhalterin seiner Mühseligkeit; Geduld, welche dann ihn
-belohnte durch das erschaffene Schönding aus seiner eigenen Hand.
-
-
- IV
-
-Heute sind wir nun fern von der Quelle, verirrt im hundertarmigen Delta
-des Stroms, am Rande des Meers. Was einmal einfach gewesen, haben wir
-bis ins Unzählbare gespalten; alles ist uns getrennt, auch das Schöne
-vom Guten, die uns nicht mehr beschlossen sind ineinander wie Vogel und
-Ei, unkenntlich, was früher gewesen; sondern die nun gegeneinander
-gerichtet stehn, die wir abwägen, die wir gar zu Feinden gemacht haben,
-daß wir sagen: das Schöne ist unnütz, aber Gutsein ist not! Und daß wir
-den einen Schönling nennen, der bei vieler Liebe zum Schönen kein Herz
-in sich habe für das, was gut ist.
-
-Doch nicht hiervon sei die Rede, sondern die Frage ist die: Wenn Beide
-einmal Eines gewesen sind, Schönes und Gutes, gleichviel denn, welches
-das Erste gewesen: müssen nicht auch die Eigenschaften des Guten die
-gleichen sein wie des Schönen, und die Wirkung die gleiche: ein
-Wohlgefallen, eine Erlösung, eine Befriedigung?
-
-Ja. -- Das Schöne, das wir erzeugten, hat die Gestalt des Werkes; das
-Gute, das wir erzeugen, hat die Gestalt der Handlung. Wohlgefällig ist
-uns das Schöne wegen des Einklangs, wegen der Ordnung, wegen der
-Beruhigung, in die uns die Welt da versetzt scheint. Wohlgefällig ist
-uns die gute Tat wegen des Einklangs, in die sie uns selber versetzte,
-wegen des Friedens, den sie über unsre Verworrenheit brachte.
-
-Verworrenheit -- die ist immer, und die ist das Böse; Einfachheit und
-Einigkeit, Klarheit, Ruhe, Frieden, die sind das Gute.
-
-Verworrenheit aber ist Leiden; Einigkeit ist das Heil, ist die Tröstung.
-
-Böses und Gutes beide, sie sind nicht in der Welt, sie sind allein in
-dem Menschen, der sie erkannte, so daß sie in ihm waren. Der an dem
-Einen litt, so daß er das Andre empfand.
-
-Uralte Verworrenheit, ewige Unruhe, das war die Welt, aus der er kam.
-Überfülle, Verschwendung, Versuche tausendfacher Gestaltung -- und das
-Streben nach Einheit: das war der Schacht, dem er endlich entstieg. Er,
-daß er es nicht leide! Daß er es in sich erleide und zu ändern willig
-werde. Er, der leiden lernte durch das Böse und sich heilen durch das
-Gute.
-
->Denn das Gute, das ich will, das tue ich nicht, sondern das Böse, das
-ich nicht will, das tue ich.<
-
-Denn seiend ist meine Verwirrtheit, das Böse, und ich tue sie allezeit,
-da ich bin; strebend aber, werdend ist das Gute. >Wollen habe ich wohl,
-aber vollbringen das Gute finde ich nicht.< (Römer 7, Vers 19 und 18.)
-
-
- V
-
-Gut zu handeln, haben wir gesehen, ist not. Wir finden die Richtschnur
-dieses Handelns unter den Worten Dessen, zu dem wir immer zurückkehren,
-seit er erschien, und es ist das Wort, von dem er selbst sagte, daß in
-ihm das Gesetz hange. Es lautet bei Matthäus:
-
->Ihr habt gehört, daß da gesagt ist: Auge um Auge, Zahn um Zahn. Ich
-aber sage euch, daß ihr nicht widerstreben sollt dem Übel, sondern, so
-dir jemand einen Streich giebt auf deinen rechten Backen, dem biete den
-andern auch dar.<
-
-Nicht begrifflich, sondern um deutlich verstanden zu werden, drückte er
-seine Lehre so gegenständlich aus; stellte zwei Menschen einander
-gegenüber und wies auf den Vorgang.
-
-So wollen wir auch, um auf den Grund der Lehre zu kommen, den Vorgang
-auseinanderfalten, damit wir zur Erkenntnis derjenigen Eigenschaft des
-Menschen kommen, aus der die Guttat entspringe.
-
-Der Vorgang hat seine Vorgeschichte. Ein Mensch schlägt einen andern;
-ein Mensch also hatte Streit, war verfeindet mit einem andern, glaubte
-sich also von dem andern ein Unrecht zugefügt, rechtete mit ihm, traf
-ihn. Aber die zum Widerschlagen erhobene Hand soll sinken. Ja, nicht nur
-dies; auch die andre Wange soll dargehalten werden zum neuen Schlage, --
-was heißt das?
-
-Es heißt: der Geschlagene soll sich besinnen. Sich besinnen aber, das
-heißt fragen: Warum ward ich geschlagen? -- Wie lautet die Antwort? Weil
-jener glaubte, ich hätte ihm unrecht getan. Habe ich das? Nein. -- Nein
--- oder vielleicht doch. Ja, vielleicht ist da ein Unrecht doch
-irgendwo. Vielleicht nicht dieses; vielleicht ein andres. Wir sind
-allzumal Sünder. Wir sind uns Alle verschuldet. -- Da wird er auch die
-andre Wange darhalten.
-
-Wie aber nennen wir die Eigenschaft, wie nennen wir die Gemütsverfassung
-eines Menschen, der imstande ist, bei geschlagener Wange solche
-Erwägungen anzustellen, zu einer solchen Einsicht zu kommen?
-
-Geduld.
-
-Geduld, o du zeugender Vater des Schönen! Geduld, o du leidende Mutter
-des Guten!
-
-
- VI
-
-Wie nun aber? Der Mensch, wie wir ihn sehn, ist nicht geduldig geraten;
-in zwei Jahrtausenden seit jener Lehre ist er nicht geduldig, ist er
-vielmehr ungeduldig geworden, so daß ihm immer das Licht unter den
-Nägeln brennt, so daß er nur schreien kann: Auge um Auge!
-
-Und gesetzt also, es träte einer auf, der hätte die heilsame Panazee,
-und die ganze Menschheit strömte zu ihm und ließe sich impfen mit
-Geduld: würde sie -- wie sie einmal beschaffen ist! --, würde sie heil
-werden und gut?
-
-Nein, sondern die Lymphe würde sich, >wie sie einmal beschaffen ist!< in
-ihr in Gift verwandeln, und die unaufhörlich zerdrückte, verschluckte,
-verbissene Ungeduld würde sie so zersetzen, daß sie am Ende zerreißen
-müßte.
-
-Sie kann -- entfernen wir jenen _deus ex machina_ wieder --, sie kann,
-wie sie einmal beschaffen ist, nicht zur Geduld kommen. In allem ist sie
-auf einer immer geschwinderen Jagd; weniger heute als jemals kann sie
-einhalten. Geduldig sein heißt zurücktreten; geduldig denken heißt
-zurückdenken: sie kann immer nur vorwärts.
-
-Dies alles aber, warum ist es denn so, und was ist der Fehler am Grunde?
-
-
- VII
-
-(Vielleicht ist der Fehler dies: Von der ganzen Menschheit ist weitaus
-die größte Mehrzahl mit sich, mit dem Leben, mit der Welt, selbst mit
-dem Leiden darin zufrieden. Vergeßlich beschaffen, würden sie ein
-andres, besser genanntes Leben, so mans ihnen verschaffte, annehmen,
-aber aus sich heraus wollen sie kein andres.
-
-Eine kleine Zahl von dem Rest hat zwar eingesehn, daß sie nicht
-zufrieden sein darf mit dem, was sie hat, und daß alles anders sein
-sollte. Wie sie aber beschaffen sind, vermögen sie sich von der
-zeitlichen Grundlage, auf der sie stehn, nicht zu entfernen; sie sehen
-nicht ein >Alles<, sehen kein Ausdemgrunde, das zu ändern wäre, sondern
-nur ein Vieles, und jeder ein Andres, und der Eine meint dieses, der
-Andre das, welches geändert werden und welches geändert auch alles
-Übrige umwandeln müßte, -- und der Erfolg ist nur Hader. Ganz wenige
-sind, die das >Alles< erkannten und die volle Unmöglichkeit dieses
-Lebens, in das wir Alle verstrickt sind.
-
-Diese stehen einsam in der Verstrickung, wissen weder sich selbst noch
-den Andern zu helfen, und wenn der Eine sich begnügt, ein System zu
-entwerfen: wie es eigentlich sein sollte, so hat der Andre nichts als
-den heiseren Nachtschrei zu Gott.)
-
-
- VIII
-
-Geduld dächte rückwärts und würde erfahren: die Schuld liegt bei mir;
-Ungeduld denkt nicht.
-
-Geduld ist stark; Ungeduld ist schwach.
-
-Geduld hat Vertrauen und glaubt der eigenen Rechtlichkeit. Schwäche ist
-Mißtrauen; sie ist Befangenheit in der uralten Verwirrung, erkennt nicht
-das Gute, dessen Sehnsucht, dessen Gebot und Kraft; sie mißtraut sich
-selbst und den Andern. Sie hat in sich keinen Halt und vermutet ihn bei
-keinem. Der Halt ist Glauben; der Anhalt ist Gott.
-
-
- IX
-
-Unzählbar in den Evangelien und Episteln sind die Worte vom Glauben.
-Lösen wir aus diesen und aus jenen, aus der Darstellung und der
-Auslegung nur die beiden heraus, die uns am tiefsten zu leuchten
-scheinen, so lautet das eine (bei Johannes im 11. Kapitel, V. 25):
-
->Ich bin die Auferstehung und das Leben; wer an mich glaubt, der wird
-leben, ob er gleich stürbe.<
-
-Und das andre (im Paulusbrief an die Römer, Kap. 3, V. 28):
-
->So halten wir nun dafür, daß der Mensch gerecht werde ohne des Gesetzes
-Werke, allein durch den Glauben.<
-
-Wie muß einmal aufgehorcht sein bei diesem Wort! Vom Glauben und
-Glaubensollen war in den Gesetzen Jehovas nichts zu lesen -- dessen
-Dasein verbürgt war, so daß es keiner Mahnung zum Daranglauben bedurfte
---, und die Götter der Griechen freuten sich ihres Daseins, aber sie
-hatten keine Satzung daraus gemacht.
-
-Ich möchte fragen: Muß nicht dieses das Neue gewesen sein, das bewog und
-anzog? War es nicht eben so, daß die alten Götter kraftlos geworden
-waren, daß sie sich erdrückt hatten durch ihre Vielzahl, daß ihre
-unhaltbar gewordene Vielfältigkeit hinlosch auf jenem Altar, wo die neue
-Flamme der Einzigkeit und der Einheit entbrannte, und an welchem
-geschrieben stand: >Dem unbekannten Gott<?
-
-Mißtrauen gegen die alten Götter bereitete dem neuen den Weg, denn die
-Menschen wollten noch glauben. So kam der Neue mit seiner
-Heilsverlockung: Wer an mich glaubt, der wird leben!
-
-Das Wort leuchtet wie keins. Seine Überzeugungskraft flammt so heraus,
-daß auch der Ungläubige sich ergriffen fühlen muß; daß er, solange er
-fühlen kann, wie all jene in ihrer Verworrenheit, ihrer Verlassenheit,
-in ihrer Ausgesetztheit in den Tod, aufbrennt in dem Verlangen,
-blindlings zu sein und zu glauben.
-
-
- X
-
-Was heißt glauben? Das griechische Wort heißt >_pisteuein_< und
->_pistis_< der Glaube. Es heißt, überzeugt sein, daß etwas so ist, wie
-es sich darstellt, und darauf vertrauen.
-
-Da aber Christus nur die Verleiblichung Gottes auf Erden war, was heißt
-glauben?
-
-Überzeugt sein und für wahr halten, daß Gott der Herr ist, der die Welt
-erschaffen hat samt allen Kreaturen und diese erhält; daß er allmächtig
-ist, allwissend, und allweise; daß von ihm alles abhängt, daß er die
-Vollkommenheit ist, die unsre Sinne nur zu fassen zu stumpf sind, in die
-wir aber dereinst eingehn werden, dieweil es versprochen wurde: >Wer an
-mich glaubt, der wird leben!<
-
-Die Worte stehn da, unmißverständlich wie etwas. _Pistis_ -- der Glaube,
-so heißt es, nicht anders. Die Menschen vertrauten, und wie ging es
-weiter?
-
-Sie waren Menschen, zwar glauben wollend, allein mißtrauisch beschaffen;
-waren Menschen, die aneinanderhingen, nicht jeder für sich allein
-glaubten, sondern in ihrer Gemeinschaft, und so -- wer beschriebe den
-ganzen Verlauf? -- ward aus dem Glauben Gesetz, das lebendige Neue
-wieder zum toten Alten, und weiterhin durch die Flucht der Gezeiten die
-Verkalkung im Ritus, im Zeremonial, in der Formalität, im großen
-Mummenschanz einer >allein seligmachenden< Kirche. Das Mißtrauen nahm
-überhand wie die Sintflut, die Schwachsinnigen konnten noch glauben, im
-Aberglauben und im Stein ihres Zeremonials; die Starken, die noch in der
-Lebendigkeit, in der Wahrheit glauben wollten, als auch in ihren Augen
-der alte Außengott, der die Erde erschaffen hatte, seine Glaubwürdigkeit
-verlor: sie wandten sich ab von dem klaren Tage ins Dunkel. Aus ihnen,
-die wir deshalb die Mystischen nennen, schlug noch einmal die
-Glaubensnot mit rasender Flamme hervor, riß Gott aus den Himmeln
-herunter und verzehrte ihn, so daß es nun hieß:
-
- Ich weiß, daß ohne mich Gott nicht ein Nu kann leben,
- Werd ich zunicht, er muß vor Not den Geist aufgeben.
-
-Gott wurde hineingezogen in die Welt, in den Menschen; er war nun in
-allem, im Stein, in der Pflanze, in jeder Pore am Leib. Die das
-glaubten, waren die Starken, die Inbrünstigen, die Feurigen, Seelischen,
-Leidenden, Strebenden, Guten. Und noch trat Luther hervor, streitbar,
-ein Held, der den Christen kriegerisch wollte, der brannte und sich
-dämpfte, und der noch einmal einen stämmigen Herrgott schuf nach dem
-Bild seiner Stämmigkeit; ein Gott, der, wie mir scheint, bald innen war,
-bald außen, widerspruchsvoll wie der Mensch selber, Luther. Da aber die
-Menschen keinerlei Widersprüche ertragen können, so bildete sich auch
-kein Luthertum, sondern ein kühler mittlerer Protestantismus, der
-vielerlei Möglichkeit offen ließ bis zum völlig Absurden einer heutigen
-Liberalität.
-
-Die Schwachen aber, die Haltbedürftigen, all die Notleidenden, Kranken
-an der Armseligkeit ihres Daseins, die Gebrochenen von Geburt an, die
-Unterdrückten, Taglöhner ihrer Hände, Sklaven der Maschine,
-Zusammengepferchte mit ihresgleichen, ohne Luft, ohne Licht, ohne Geduld
-über sich, ohne Schönheit, Enterbte, Verschnittene des ewigen Lebens:
-die sollten an einen Gott glauben können, der in ihnen ist, der sie
-selbst sind? Sie in ihrem Morast, in ihrem Ekel, ihrer Entrechtung,
-ihrer Entnervung, sie sollen Kraft haben zu sowas?
-
-Vielmehr hat der Teufel Mißtrauen sie All an der Kehle und beißt ohne
-Unterlaß hinein.
-
-
- XI
-
-Ich, der nicht glauben kann, der ich aber eine unaussprechliche
-Sehnsucht habe, mich zurechtzufinden, zum Frieden zu kommen; der ich
-diesen und jenen Weg versuchte, mein Hirn zernagte, mein Herz zerklopfte
-und überall so gierig wie ein verhungerter Wolf suchte nach der Speise
-des Lebens: ich habe allezeit eine bestimmte, wiewohl anfänglich unklare
-oder gar bewußtlose Abneigung empfunden gegen die Aufrichtung eines
-nichtpersönlichen, sondern eines in der Welt beschlossenen, aus ihr und
-durch sie, >in allem< seienden und wirkenden Gottes. Meines Wesens in
-allen Sachen der Seele oder des Herzens nach Einfachheit strebend, ja,
-zur Einfalt geneigt, war und ist mir immer die Vorstellung von Gott mit
-dem Persönlichen unauflöslich verbunden. Warum denn Glauben, warum
-Vertraun? Ist Gott nicht dieses menschenähnliche, aber ungeheure und
-unfaßliche Wesen, ist er nichts weiter als eine lebendige Kraft diesen
-und jenen Namens, so zeigt mir das Auge meiner schlichten Vernunft im
-Wechsel der Jahreszeit, im Kreislauf der Natur, in meinem eigenen Wesen
-das Walten einer solchen Kraft untrüglich an, und was brauchts da ein
-Herz, um zu glauben, was ich weiß?
-
- Erfüll davon dein Herz, so groß es ist,
- Und wenn du ganz in dem Gefühle selig bist,
- Nenn es dann, wie du willst,
- Nenns Glück, Herz, Liebe, Gott!
- Ich habe keinen Namen
- Dafür! --
-
-Ja, wie denn? Hier habe ich eine Frucht, die wie eine Birne aussieht,
-wie eine Birne schmeckt, in allen Dingen wie eine Birne geartet ist, die
-aber nicht am Birnbaum gewachsen ist, sondern am Apfelbaum. Giebt es da
-die geringste Notwendigkeit, diese Frucht einen Apfel zu nennen und
-Apfelbaum ihren Baum? Hinge Notwendigkeit nicht ab von Einzigkeit, vom
-Nichtandersseinkönnen? >Nenn es dann, wie du willst!< Ja, wenn ich die
-Wahl haben soll, so ist Gott freilich nur ein Name und also Schall und
-Rauch. >Wer darf ihn nennen?< Was heißt ein >darf<, wo alles >muß< sein
-sollte! Nun, Faust freilich wollte nur bestricken und eine Gleichheit
-vortäuschen: er, der übrigens doch wohl an einen persönlichen Gott wohl
-oder übel glauben mußte, da er dessen Widerspruch Mephistopheles mit
-Händen greifen konnte. Wer aber, nicht um zu täuschen, sondern zum
-Anschein der Wahrheit, gewisse nicht ganz begreifliche, mit Sinnen nicht
-durchaus faßliche, vorhanden scheinende, aber nicht beweisliche Kräfte
-innerhalb dieser natürlichen Grenzen göttlich nennt, -- nicht nur zur
-Unterscheidung von anderen ähnlichen Kräften und nur um einen Namen zu
-haben, sondern um einen ursächlich unterschiedenen Gott daraus
-herzustellen: der mag es tun, aber ich glaube ihm nicht, und er kann
-mich nicht verführen. Wenn gesagt worden ist, daß die Toten auferstehn
-werden, um ein ewiges Leben zu haben, so soll man mir keinen Possen
-spielen mit verweslich und unverweslich, mit geistigen Kleidern und mit
-Verwandeltwerden. Wenn im selben Evangelium, das uns das Leben des
-Gottsohnes wahrhaftig beschreiben will, Engel vom Himmel mit Botschaften
-kommen, ungläubige Priester, hoffende Mütter und einfältige Hirten zu
-belehren, so kann ich hinter diesen nicht >Glück, Herz, Liebe --
-Gefühl<, sondern nur einen himmlischen Vater gewahren, der weiß, was ich
-nicht weiß, und Kraft hat, die ich nicht habe. Jedes läßt sich mit jedem
-mischen und zusammenkneten, wozu nur ein wenig Verstand gehört; aber all
-dieses sind unfruchtbare Bemühungen und Versuche, einen Gott im Leben zu
-erhalten, der in Wahrheit lange verschieden ist.
-
-
- XII
-
-So blieben denn zwei Möglichkeiten über.
-
-Die erste wäre: Ich glaube. Das heißt: Ich bin überzeugt und ich halte
-für wahr, nicht mit meiner Vernunft, sondern mit meinem Ganzen, meinem
-vollen und ungeteilten Wesen, das immer einig waltet, welche Eigenschaft
-daran auch in diesem und jenem Augenblick die führende oder
-erschließende sein möge: halte für wahr mit aller Kraft meines Herzens
-und meines Geistes -- Gott, den Vater, den allmächtigen Schöpfer aller
-Kreaturen. _Credo quia_ -- oder wie Strindberg sagt: _etsi -- absurdum_.
-
-Auf solch einen Gott vertrauen, das heißt einer Vollkommenheit gewiß
-sein, ob sie auch über alle Fähigkeit menschlicher Wahrnehmung und
-Erkenntnisse hinausgeht; trotzdem ihrer gewiß sein und also für die
-Unvollkommenheit, die wahrnehmbar ist, für das Böse oder das Leiden die
-Hoffnung hegen voller Vertrauen, daß auch sie ihren Sinn habe nach dem
-Willen des höheren Wesens, und daß sie diesen Sinn irgendeinmal
-offenbaren, sich auflösen wird und nur noch Vollkommenheit sein. Und die
-zweite Möglichkeit wäre, dies nicht zu glauben. Es ist kein Gott, keine
-Vollkommenheit; es ist nur Unvollkommenheit, nur Leiden; dazu die Kraft,
-dieses immerhin einzusehn, die Kraft, sich hineinzufinden.
-
-Danach bliebe mein Wesen auf diese Erde beschränkt, das will sagen auf
-die Menschheit. Die Fähigkeit, mich selber und meinesgleichen zu
-ertragen, die mir dort aus meiner Gottgläubigkeit wuchs, muß nun aus mir
-selbst und aus der menschlichen Gemeinschaft erwachsen. An die Stelle
-des Glaubens träte das Sittengesetz.
-
-Und wiederum zwei Möglichkeiten dahier.
-
-Die eine, die für den Einzelnen, die Einsicht Habenden, sich nicht
-verloren geben Wollenden, der sich kräftig genug fühlt, gottlos, will
-sagen heillos zu leben. Für ihn die Worte: Geduld! und: Vertrauen! --
-Vertrauen auf den dunklen Drang, einen rechten Weg zu gehn, auf eine
-untrügliche Liebe zum Wahren und Guten, eine Kraft, von Augenblick zu
-Augenblick hintastend zu gehn; auf das Nächste allein immer gerichtet,
-das Ferne nicht zu verfehlen; eine innere Sicherheit, eine Kraft, die
-denn Langmut verleiht, Geduld zu haben mit den Menschen, wie man sie mit
-sich selber hat. Tröstlich auf solch einen Weg möge dann das schönste
-Wort leuchten, das ich fand:
-
->Wir rühmen uns auch der Trübsale, dieweil wir wissen, daß Trübsal
-Geduld bringt. Geduld aber bringt Erfahrung, Erfahrung aber bringt
-Hoffnung; Hoffnung aber läßt nicht zuschanden werden.<
-
-Da keine Vollkommenheit ist, so ist auch keine gänzliche Errettung zu
-denken. Aber von Augenblicke zu Augenblick führt der Weg der
-Geduldigkeit, und es glänzt uns der Stern der Hoffnung, daß wir nicht
-gänzlich zuschanden werden. (Römer 5, V. 3-5.)
-
-Dieses mein Weg, und dies mein Stern. Ich will es versuchen.
-
-
- XIII
-
-Welche Möglichkeit aber bliebe für Alle die, denen aus irgend Gründen
-die Einsicht verwehrt bleibt? Welche Möglichkeit für die Befangenen in
-Mißtrauen und Ungeduld? Für all die Erniedrigten, Dumpfen, Gebrochenen,
-für die Halben, Kraftlosen, Lauen, Oberflächlichen, Tanzenden; für die
-Masse, die >Welt<?
-
-Denn so mir Gott helfe: dies alles habe ich zuerst um meinetwillen
-erdacht und geschrieben; es hätte aber mir nicht eine solche Not sein
-können, es hätte nicht so sehr meine Sache sein können, wenn nur ich
-allein, wenn nicht die ganze irdische Legion in diesem Irrsal befangen
-wäre, also daß ich nur mit Bewußtsein leiden kann an etwas, das Alle, ob
-auch unbewußt, unaufhörlich erleiden. Somit, daß, wenn ich einen Weg
-suchte, ich ihn nicht suchte für mich, sondern im Auftrage gleichsam All
-derer, die nicht einmal suchen dürfen. Ach, wäre sie denn so groß und so
-unbarmherzig meine Not, wenn sie nicht Weltnot wäre und ich nur ein
-Gegenstand in dem Sturm, der ihn schüttelt!
-
-Aber mir bleibt aus dem Gefühle der Hoffnung, die ich selbst für den
-nächsten Augenblick habe, in Hinsicht der Welt nur ein ärmlicher
-Ausblick ins Fernste. Und Mißtraun und Ungeduld, denk ich, sie werden
-fressen und fressen und einmal sich selber gefressen haben ...
-
->Denn wir wissen, daß alle Kreatur sehnet sich mit uns und ängstigt sich
-immerdar.< (Römer 8, V. 22.)
-
->Da ist nicht, der gerecht sei, auch nicht einer; da ist nicht, der
-verständig sei, da ist nicht, der nach Gott frage. Sie sind alle
-abgewichen und allesamt untüchtig geworden; da ist nicht, der Gutes tue,
-auch nicht Einer. Ihr Schlund ist ein offenes Grab, mit ihren Zungen
-handeln sie trüglich. Otterngift ist unter ihren Lippen. Ihr Mund ist
-voll Fluchens und Bitterkeit; ihre Füße sind eilend, Blut zu vergießen;
-auf ihren Wegen ist eitel Schaden und Herzeleid, und den Weg des
-Friedens wissen sie nicht.< (Römer 3, V. 10-17.)
-
-Was aber ist das Gute? Es ist das heimliche Wissen der Verworrenheit,
-daß Klarheit sein sollte, und das offene Ahnen, daß Klarheit möglich
-ist. Das Gute ist das Böse, das an sich leidet, und wohlan, so wird es
-leiden, bis es sich durchgelitten hat, bis Geduld aufkeimt und Vertrauen
-wiederkehrt und endlich eine Kraft offenbar werden wird, die so göttlich
-ist unter den Menschen, daß sie ganz aussieht wie ein Gott.
-
-Ja, daß sie Gestalt und Wesen und Kraft und Namen, alles haben wird von
-Gott.
-
-Und seinen lange vergessenen Namen, vielleicht findet ihn jemand wieder,
-damit in Wahrheit auch Gott heiße, was allein göttlich ist: die
-Vollkommenheit.«
-
- * * * * *
-
-Georg schwieg. Magda saß, wie sie zugehört hatte, grade angelehnt mit
-geschlossenen Augen und bewegte sich nicht. Durch den tiefen Kummer, mit
-dem er ausgelesen hatte, fühlte er langsam das feierliche Empfinden von
-zuvor wieder durchdringen, und ein Blick durch das Fenster auf die
-besonnten Dächer und in die Klarheit des Äthers ließ es augenblicks
-schwellen wie zu einem Akkord. Gleich darauf hörte er Magda sprechen und
-schauderte leise, da er die gleichen Worte erkannte, die er von Renate
-gehört hatte, vor Mittag, dort in der Kapelle des Baums. Sie sagte:
-
-»Und um so süßer verlockend das Wort >von Ewigkeit zu Ewigkeit< dir im
-Herzen ertönt: sprich dagegen: >von Augenblicke zu Augenblick< knüpf ich
-und webe ich das einzige Kleid meines Lebens. Zu wissen ist nicht not.
-Not ist, zu tun. In dem Tun wird die Liebe, in der Liebe das Wesen, in
-dem Wesen das Leben sein, das weder zeitlich noch ewig, sondern das in
-der Liebe ist.«
-
-Sie verstummte, und um so weniger das Wort Liebe erschienen war in dem,
-was er gelesen hatte, um so tiefer fand er sich nun durch die Einsicht
-erschüttert, wie sehr die letzten gesprochenen Worte eine Ergänzung
-bildeten zu den gelesenen, fast so, als wären jene um dieser willen
-allein von ihm erdacht und geschrieben worden. Dann empfand er ein
-Glück, sie, die er am Morgen so anders, ja fast überhört hatte, noch
-einmal gesagt zu bekommen und nun besser zu verstehn. -- --
-
-Georg legte sein Buch fort. Er erhob sich dann, um, über den
-Schreibtisch gebeugt, nach draußen zu spähn, und entdeckte, als ob er
-ihr Vorhandensein geahnt hätte, auf der Terrasse Irene, Klemens und die
-Friedlichkeit, wie sie dabei waren, auf der leeren Fläche zu dritt
-spazieren zu gehn, Klemens links, die Hände auf dem Rücken, Irene
-rechts, beim Sprechen ihn anblickend, die Friedlichkeit, etwas schmal,
-in der Mitte. -- Georg setzte sich wieder und sagte:
-
-»Ein Rätsel. Unten gehn Klemens und Irene allein und sind eigentlich
-Drei, was ist das?«
-
-Sie erwiderte getrost: »Oh ja, sie werden wohl bald Kinder haben ...«
-
-Georg lachte herzlich, indem er so tat, als habe er diese Antwort
-gewünscht.
-
-»Und nun,« sagte sie, sich zurechtsetzend, »nun möchte ich noch über
-Benno mit dir sprechen«; wieder als ob sie vor einer Reise stünde und
-letzte Anordnungen treffen wolle. »Ihr werdet euch ja nun selten mehr
-sehn, und vielleicht erst in späteren Jahren wieder, denn du hast nun
-Schweres vor dir, und er geht ja nach Aachen als Kapellmeister und wird
-dort heiraten. -- Sei nachsichtig mit ihm, Georg, denke nicht bitter und
-falsch von ihm, denn er ist doch dein Freund! Er ist vielleicht keiner
-der Stärksten im Wollen und Leisten; er ist von den Wünschenden, von den
-Schwebenden einer, die von allem möchten, daß es weicht und nicht nahe
-kommt. Er wird vielleicht niemals ganz sein können in Diesem oder Jenem,
-in der Kunst nicht und nicht im Leben, auch nicht im Glück oder Unglück.
-War er nicht immer unglücklich im Hause seiner Eltern, herumgestoßen und
-herumgescholten, und saß er an seinem Klavier, so war alles vergessen
-und er selig. Oft habe ich mit ihm über seine Anlage gesprochen. Er
-sagte, am liebsten sei ihm wie in Hölderlins Wort: >Wie so selig doch
-auch mitten im Leide mir ist!< Er hat keine Anlage zum Glücklichsein.
-Alldas wollt ich dir einmal sagen. Immer schwärmt er, nicht wahr? er
-liebt alles von weitem, in farbiger Verschwommenheit, und das Wirkliche
-ist ihm zu hart. Und die Kunst auch, ich glaube, sie ist ihm viel mehr
-ein warmer Strom, in dem er glückselig treibt, als ein Stoff, den er
-verarbeiten kann.«
-
-Georg, der alles sehr gut verstand, ließ sie schweigen und weiterreden,
-da es ihr augenscheinlich wohltat.
-
-»Vor kurzem klagte er wieder, daß er heiraten will und auch nicht. Ja,
-er schwankt noch immer, aber natürlich wird er es tun« Sie lächelte. »Es
-ist ja zum Lachen, denn siehst du, es schadet ihm dabei gar nicht, daß
-seine Elfriede, wie ich höre, ein beinah lasterhaftes Geschöpf ist,
-jedenfalls leichtfertig bis zur Lasterhaftigkeit, obschon nicht voll
-Bosheit, -- die an ihm weiter nichts haben will, als einen berühmten
-Mann, und wird er das nicht --, nun, aber auch das wird ihm nicht groß
-Schaden tun. Er wird doch bald einsehn, daß sie recht hat, und er leidet
-ja eben an ganz andern Dingen. Er wird dir wohl auch vorgeträumt haben
-vom Frühling und den Anfängen und alldem, und wie es viel schöner
-gewesen ist, seiner Elfe von fern nachzugehn durch die -- hat er,
-Georg?« Sie stimmte lebhaft ein in Georgs Lachen und fuhr fort: »Aber so
-braucht er das Leben. Er muß sein Glück immer in einem Unglück haben,
-und deshalb, siehst du, darfst du ihm die Gewißheit deiner Freundschaft
-und Liebe nicht nehmen, denn -- ich weiß, Georg -- die gehören zu seinen
-Schätzen. Deren Verlust würde ihn wirklich schmerzen.«
-
-»Ich weiß, Anna, ich wußte alles, was du gesagt hast! Es ist wahr, er
-macht mich leicht unwirsch und --«
-
-»Ja, du weißt es, Georg, und nicht deshalb habe ich es gesagt, aber du
-willst dich nicht immer danach richten! -- Es wird ja auch gut sein,
-wenn ihr euch nicht so häufig seht. Kleine Verfremdungen schaden an sich
-nicht, aber sie sind wie so ein Loch in der Strumpfnaht, -- man muß sie
-gleich in Frieden lassen, sonst reißts weiter und weiter. Es ist nun mal
-so mit uns Menschen. Ein Augenblick Nähe zuviel bringt uns weiter
-auseinander als Jahre der Trennung, aber --«
-
-»Nein, Anna, was bist du doch klug geworden! Du bist ja klüger als ich!«
-
-»Siehst du wohl! Es läuft keiner so schnell, daß man ihn nicht einholen
-könnte.«
-
-»Na, das war aber Unsinn, Anna!«
-
-Sie lachte, fügte sich aber schnell wieder zum Ernst und erhob sich, die
-Hände ausstreckend. Aber in diesem Augenblick schwoll das Feierliche um
-ihn fast gewaltsam auf, erschreckend, da es jetzt von der schmalen
-blauen Gestalt ausging, die ihn ansah, ergriffen und sonderbar ruhevoll
-zugleich.
-
-»Und nun leb wohl, mein Georg!« sagte sie mit wunderlicher Festigkeit,
-»mein Amt hat nun sein Ende. Ich hab dich noch einmal gesehn und weiß,
-daß ich nun nicht mehr vonnöten bin. Ja, Georg,« sprach sie, seine Hände
-festhaltend, mit immer leidenschaftlicherer Innigkeit weiter: »du hast
-wieder einmal nichts gewußt, und für Rieferling war keine Zeit, und so
-ist er doch lieber gleich zu mir gekommen statt zu dir. Es war ja auch
-nur dumm, erst dich um Rat fragen zu wollen, ob ich mich auch ohne Augen
-getraute, einen Mann zu haben und Kinder zu kriegen -- denn das will
-ich, Georg! --, und du hättest es ja nicht gewußt! Mein lieber großer
-Junge, es werden nun bald vier Jahr, daß ich den schweren Weg mit dir
-gegangen bin. Du hast es nicht gemerkt, aber ich habe es gewußt, daß ein
-Mensch nötig war, zu hoffen und zu glauben und bei dir zu sein mit
-tausend Gedanken der Liebe, mit aller Kraft, Tag und Nacht, mit dem
-ganzen glühenden Leben. So war es, und nun ist es gut. Georg, ich weiß,
-was du nicht weißt, und ich muß nun gehn und an mich selber denken. Ich
-nehme dir nicht mein Herz. Ein Herz kann nicht verrückt werden, es
-bleibt immer, wo es von Anfang war. Aber ich kann einen guten Menschen
-wohl lieb haben und mit Geben und Nehmen das schöne Gewebe des Lebens
-zusammen mit ihm flechten. Ich will auch meine Kinder haben und mein
-Haus, Alltage und Sonntage, und all die Freuden und Schmerzen der
-Gemeinsamkeit. Lebe wohl! Unsern Abschiedskuß haben wir uns vorhin schon
-gegeben, und ich will keinen andern mehr. Wir sehn uns auch bald wieder!
-Und heut abend hörst du mich singen.«
-
-Sie brach ab, nahm ihre Hände, bevor er sie noch ganz an die Lippen
-hätte heben können, aus den seinen und ging zur Tür.
-
-Georg stand am Fenster. Noch sah er sie vor sich stehn und hörte ihre
-Stimme, die, innig und warm, doch wie eines Engels Rede gesungen hatte,
-so leidenschaftlich und so seltsam unteilhaft. Ein heißer Krampf
-schüttelte seine Brust; er glaubte, in Tränen ausbrechen zu müssen, aber
-es blieb alles still, und aus einer unermeßlichen und feiertäglichen
-Leere sagte er langsam und schwer:
-
-»Das -- war -- es.«
-
-Überdem aber hörte er ihre Stimme von der Tür her, erinnerte sich, daß
-sie noch gegenwärtig war, und fragte, da er nicht verstanden hatte: »Was
-sagst du, Anna?«
-
-»Ich sagte etwas, das ich dich schon lang hatte fragen wollen, Georg.
-Denn --« sie machte einen Schritt auf ihn zu -- »ich weiß wohl, in was
-du dich verstrickt hast, aber -- in alldem -- -- Georg, hat es dich
-nicht unsagbar glücklich gemacht, zu wissen, daß er wirklich dein Vater
-war?«
-
-»Wie -- meinst du?«
-
-Georg war zumut, als ob er sich auflöste. Oder als ob zwei Riesen, zwei
-Ungeheuer in ihm ihre verknoteten Leiber auseinanderrissen, und seine
-Glieder verschwanden ihm, sein Kopf wurde schwer wie ein Stein, er
-glaubte zu fallen, bemühte sich dabei mit brennender Heftigkeit, zu
-verstehn, was alldas heißen sollte, konnte aber nur würgen und nicht
-sprechen.
-
-Auf einmal streckte sie beide Arme nach ihm aus. »Georg!« schrie sie,
-»weißt du's denn nicht? weißt du's denn gar nicht?«
-
-Irgend etwas zerfiel lautlos in ungeheure Stücke. Er zerrieselte
-hülflos. Bäume, Büsche, Rasen, eine Gestalt wirbelten um ihn her und
-verschlangen sich; dann wurde seine Umgebung eigentümlich schief, er
-dachte: Was ist denn jetzt? spürte einen leisen Schmerz an Schulter und
-Hüfte und mit einem abscheulichen Gefühl von Übelkeit, daß er lag. Über
-ihm flog eine klägliche Stimme: Georg, wo bist du denn? Er schloß die
-Augen.
-
-Langsam quoll über die schwindende Übelkeit eine Erleichterung aus dem
-Dunkel; auch leises Wohlbehagen im Bewußtsein des tiefen Liegens. Er
-fühlte seine Hände naß, wollte sich aber die Wonne des Daliegens nicht
-stören lassen und stöhnte nur leise. Hände tasteten an seinem Gesicht,
-er faßte ermüdet danach und öffnete die Augen.
-
-In einem gewaltigen Kessel, der in ihm war, wälzten sich zwei Ströme
-herum; einer, der über alle Begriffe glücklich war, hieß: Vater; der
-andre, der schwarz und gallebitter war, hieß: Tod, und auch: Schuld.
-Plötzlich war alldas verschwunden, Georg stand auf, strauchelte aber und
-mußte sich, da er nichts andres fand, mit Hand und Schulter gegen die
-Anna stützen. Bald versuchte er, zu denken, aber die Zange griff trotz
-mehrmaligen Ansetzens nicht zu.
-
-Danach fand er sich auf einem Stuhl sitzend und vor sich das Mädchen,
-und er hielt ihre eine Hand. Leer von Gefühl zu ihr aufblickend, begann
-er zu fragen:
-
-»Sage mir ... Wer wußte dies außer mir?«
-
-Sie schwieg, bedachte sich und zählte leise sprechend auf: »Renate und
-ich; dann Bogner. Jason wohl. Virgo und ihr Mann. Das sind Alle.«
-
-»Woher?«
-
-»Von deinem Vater. Er sagte es Renate, damals, kurz bevor er starb. Wir
-glaubten Alle, daß du es wüßtest.«
-
-»So mußte es euch scheinen. Es ist sehr einfach. Und -- wer war dann
-meine Mutter?«
-
-»Jene Frau -- in dem Haus. Virgo hat ihr Bild, du mußt es ja kennen, und
-dort sah es dein Vater. Sie war seine Freundin ...«
-
-Georg fragte nicht weiter. Die Augen fielen ihm zu. Er glaubte nach
-langer Zeit eine leise Berührung auf seinem Kopf zu spüren. Als er die
-Augen wieder öffnete, war er allein.
-
-Er konnte die Augen nicht offen halten, und was er sah, bedrohte ihn mit
-einer nicht zu fassenden Angst. Was jetzt, Gott, was jetzt? -- Er
-merkte, daß er etwas Riesiges in sich hinabgedrückt hatte; wenn er daran
-rührte, würde es ihn zersprengen. Die Angst schwoll, er wollte Anna
-zurückrufen, er versuchte, sich zu ermannen, sagte: Du mußt allein
-fertig werden! -- Aber im Augenblick fand er sich schon überwältigt.
-Sein letzter Gedanke war: Bogner, und daß der ihn erwartete. Das war wie
-Bestimmung. Bogner, Bogner mußte helfen, und schon rasend vor Angst und
-Verlangen, war er an der Tür, wo er sich denn einen letzten Ruck gab, so
-ruhig er konnte, ins Nebenzimmer ging, um Mantel und Hut zu holen, wovon
-er indes nichts Bestimmtes wußte, als er es tat. Dann war er im Freien.
-
-
- Neuntes Kapitel
-
-
- Georg
-
-Georg stand vor einem jungen und niedrigen Feld Wintersaat und starrte
-besinnungslos in diese sehr lichte, zartgrüne Waldung hinein. Etwas
-Bläuliches stieg daraus auf, gewann Umriß und Dichte und ward der blinde
-Engel in sanftem Blau, der ihn blicklos ansah, und zu dem er sagte:
-
-Das wußtest du wohl: Wenn etwas mir Halt geben konnte für später, mußte
-er darin liegen, daß du jetzt gehst ...
-
-Ja, sagte sie unhörbar und lächelte, indem sie fortfuhr:
-
-Und daß ich dir Benno so dringlich ans Herz gelegt habe, das tat ich aus
-Klugheit und um dir doch etwas zu halten zu geben für das, was ich
-wegnahm ...
-
-Georg lächelte auch und sah die Gestalt sich langsam in einen blauen
-Nebel auflösen, der auf einmal der Himmel war. Der Osthimmel, fern,
-graublau, wolkenlos, -- und jenseits der Saatfelder unfern lagen die
-Häuser eines bekannten Dorfes mit ihrem kahlen Gewipfel im starken,
-glühenden Licht der tieferen Sonne. Ringsum lohte das Land, grün,
-übergoldet, schattenreich, singend von Stille.
-
-Sich umdrehend, bemerkte er jetzt, daß hinter ihm die Landstraße war und
-jenseits die Rampe von Helenenruh, und daß der Schatten des Hauses ihn
-und alles umher bedeckte. Indem ward ihm bewußt, daß er es eilig hatte,
-daß er zu Bogner wollte, zu Fuß, ja, gehen, gehen! und das Letzte, was
-er deutlich wußte, war das Hinwegwischen über etwas, das wie ein Dampf
-in ihm aufsteigen wollte. Noch nicht! murmelte er.
-
-Ihm war auf dieser Wandrung -- Wiesenpfade in unendlichen Windungen,
-über Knicktore, durch Gatter -- nichts bewußt als das kalte Lustgefühl
-des Dahingehns, unbeschwert, eifrig, blindlings, alles, das Kleinste,
-wahrnehmend in einer brennenden Gegenständlichkeit, und doch nichts;
-nichts als vielleicht noch das scharfe, geschmacklose Aus- und
-Einschlürfen der Luft beim heftigen Atmen, in der kühle und warme Wellen
-miteinander wechselten. Er stolperte oft, er wußte kaum, wohin er ging,
-er sah vor sich immer nur die bläuliche Lichtwand des ruhigen Himmels,
-atmete schnaufend vor Hast und Erregtheit und hatte all die Zeit das
-starke Empfinden des Feierlichen und eines Ziels, dem er unweigerlich
-zustreben mußte.
-
-In Wassergräben, dunklen, erschien ein beglückendes Blau; kleine Kreise
-regten sich blank, seltsam hoch über dem Blauen, auf der gläsernen
-Fläche; dick und gelb, wie aus Bernstein gedreht, standen die Knospen
-der Dotterblumen am Ranft. Er sahs und vergaß es. Der Ausdruck der
-Umzäunungen, über die er kletterte, erinnerte ihn an alles dumpf
-Vollkommene der im Freien hausenden Wesen, Dinge wie Tiere. Eine Unzahl
-von Eindrücken glaubte er beständig zu empfangen, eine Unzahl von
-Gegenständen zu sehn, die ihm etwas zu sagen hatten, aber er mußte
-vorüber, er sagte: ich weiß es längst! eh sie zu Worte gekommen waren
-und hinter ihm zurückblieben. Ihm war, als liefe er in dieser Eile durch
-sein ganzes Leben; und alles war ihm daher bekannt. So ging er,
-brennend, besinnungslos, keuchend, hielt auf einer eifrig erklommenen
-Anhöhe bei kleinen, dunkelgrünen Wacholdern, die Schatten warfen, und
-sah in der machtvollen Sonne der Abendstunde die Stadt unfern,
-ihrerseits etwas erhöht, Dächer und Türme, scharf, klar, leuchtend, die
-Alleen der alten Wälle ringsum, deren schräge, schattenlose Böschungen,
-den toten Flußarm, teils dunkel, teils rasengrün, die Ketten von Hecken
-und Zäunen, die sich schnitten, helle gewundene Wege, und alles leicht
-übertupft mit schwarzen oder lichtgekleideten Menschen, die gingen, mit
-spielenden Kindern, weidenden Pferden; und alles ohne Laut, tief
-überleuchtet und in seiner ganzen glanzvollen Offenheit eingebettet in
-Abendfriedlichkeit und in Ostern.
-
-Lange staunte er dies an. Mein! sagte er plötzlich und atmete tief. Da
-schwoll, tief in den dunkleren Süden hinein, das unendliche Wiesenland,
-wo das Auge fortgeführt wurde von immer enger zusammenrückenden
-Wäldchen, ganz kleinen Dörfern, und hinuntergezogen über den Rand in das
-verheimlichte Düster immer weiterer Länder. War es möglich, daß die nach
-allen Seiten hinuntergebogene Erde so bedeckt war mit tausendfachem
-Gelände?
-
-Hoch oben in Lüften richtete eine Woge von Glockengeläut sich auf, stand
-mächtig im Luftraum und sank langsam gleitend ins Nichts. Eine Stimme
-sagte: Charfreitag ... Und nun -- oh, welche Wehmut! -- --
-
-Nein, sagte eine andre Stimme nahe über ihm, sehr fest und
-unmißverständlich: Wenn er wirklich dein Vater war, so kannst du
-unmöglich eine Schuld haben an seinem Tode.
-
-Ist das wahr? fragte er, dumpf erschrocken über die Unumstößlichkeit des
-Satzes.
-
-Das ist völlig wahr.
-
-Ich kann es nicht glauben.
-
-Hierauf kam keine Antwort.
-
-Georg wandte sich langsam um, mußte aber schnell die Lider
-zusammendrücken und die Stirn senken, geblendet von dem riesigen
-Feuerloch der Sonne im tiefen Himmel, aus dem die goldflammenden Garben
-mit einem göttlichen Ungestüm in alle Weiten schossen, und das Land
-brannte unter ihnen in Lohe. -- Sie sinkt ja! schrie es in ihm, sie
-sinkt, und ich bin nicht fertig!
-
-Er suchte mit noch geblendeten Augen umher. Haidboden, schwärzlich, und
-Wacholder, klein, dunkel und ernst. -- Soll es hier sein? jetzt? Soll
-ich versuchen?
-
-Plötzlich erschrak er. Und so war es, begann etwas zu reden, so war
-dennoch dies immer die Aufgabe und die Bestimmung: zu werden, der ich
-nun bin, Fürst in diesem Land. Aufgabe, die ich zwar vor mir nur sah wie
-ein prunkvolles Gefäß, mich zu stillen. Und was ich auch tat, ich mußte
-in sie hineinwachsen? Und damit ich wahrhaft wüchse, all dies? all diese
-Hiebe des Schicksals, dies fast nun sinnlos Scheinende, da es nun wieder
-aufgehoben wird und umsonst war im Sinne menschlicher Zwecke? Dennoch
-voll tiefsten Sinns? Und nun heut, da ich mich hingefochten hab durch
-mich selbst -- nun auch das Siegel des Rechts, und ich darf der Sohn
-meines Vaters sein? Und dies heißt: von Gottes Gnaden?
-
-Oh, nein, nein, fort, es ist ja zu früh, viel zu früh! es muß ja noch --
-erledigt werden! Was? Bilder, ja, Bogners Bilder! Wie? Ja, wo bin ich
-denn? -- Nein, sieh, das muß Bogners Haus sein!
-
-Wenige hundert Schritte weit südlich stand ein weißer mächtiger Rundbau
-mit schwärzlichem, flach geschrägtem Dach und flacher Laterne; breite
-Fenster unter dem Dachrand flammten glühend golden. Ein kleines weißes
-Haus davor schien mit dem Rundbau zusammenzuhängen.
-
-Plötzlich hatte er sich losgerissen und lief durch wagenradbreite Pfade
-zwischen dem Haidekraut die Anhöhe hinunter, sprang über einen Graben
-und gelangte über eine triefend nasse Wiese auf den Sandweg, der wenige
-Schritte zur Rechten vor der Tür jenes kleinen Hauses endete. Es war
-durch einen kurzen verdeckten Gang mit dem Rundbau verbunden.
-
-Eine Glocke schlug hellstimmig an, als Georg die Tür aufklinkte. Drin
-war ein dämmriger Gang mit geweißten Wänden und Türen, von dem rechts
-hinten eine Treppe abzweigte, und in einer der Türen erschien eine
-weibliche Gestalt, die ihn ansah: Cornelia Ring.
-
-
- Cornelia
-
-Die dunklen, runden, klugen, gefaßten Augen. Das straff aus der Stirne
-gestrichene Haar. Die Stirn unter leisen Wellen von Kindlichkeit. Die
-Oberlippe. Die schmale und gefestigte Gestalt, die ihn wieder an die
-eines jungen Baumes mahnte. Georg war sehr erstaunt, beherrschte sich
-aber sonst.
-
-Sie kam zögernd näher, im Blick etwas Furchtsames, bis sie vor ihm
-stand; legte eine Hand auf seine linke Schulter und gegen die andre die
-Stirn. Unter ihr Gesicht blickend sah er, daß sie sich auf die Lippen
-biß, sich abmühend, zu sprechen, oder nicht zu weinen. -- Da sie dies
-leicht tat, schien es ihm das Beste, sie täte es gleich.
-
-Er legte deshalb den Arm um sie und mußte lächeln, als er gleich darauf
-spürte, was ihr eigen war: daß von dem überströmten Gesicht ein warmer
-Dunst aufstieg, wie von einem Kinde, und sehr rein.
-
-Sie machte sich los, zog -- oh die alte Bewegung! -- ihr Taschentuch aus
-dem Gürtel, indem sie sich dehnte und die Schultern anhob, trocknete ihr
-Gesicht, nahm seine Hand und führte ihn still in ein sehr kleines Gemach
-mit Bett, Tisch und Schrank.
-
-»Wohnst du hier?« fragte er. Sie nickte. »Lange schon?«
-
-»Eine Woche bald. Ich war in Altenrepen erst, aber da wagt ich nicht, zu
-dir zu kommen. Dann schrieb Bogner -- ich hatte ihm geschrieben --, ob
-ich nicht herüberkommen wollte, ihn besuchen, und es läge bei ihm alles
-drunter und drüber, -- Gott, ihn hab ich ja auch im Stich gelassen, er
-hatte nun eine Haushälterin, aber die ging plötzlich, und so viel Ärger.
-So kam ich her. Von Magda hörte ich dann, du kamst heute, und bat sie,
-dir nichts zu sagen. Da hab ich gewartet.«
-
-»Ich kam spät«, sagte Georg. »Ja -- und weshalb bist du nun hier?«
-
-Sie zuckte die Achseln. »Ich konnte nicht. Er ist zu krank. Ich hielt es
-nicht aus. Aber auch ohne das, Georg! Ich komme doch nicht los von dir.«
-
-Georg lächelte innerlich, -- sie war immer sehr einfach in Haltung und
-Erklärungen. Dabei sah er sie mit einem Ausdruck an, der ihr langsam
-sagte, daß er sie nicht liebe wie sie ihn und daß sie das wisse. Sie
-senkte den Kopf und legte wieder die Hand auf seine Schulter. Nach
-Sekunden sagte sie:
-
-»Laß mich dir wieder dienen wie vorher, und ich werde dir dankbar sein.«
-
-Georg begriff dieses stark. Lieben können genügt, dachte er, indem er
-sie an sich zog und sagte:
-
-»Du kannst im Schlößchen wohnen. Es wird gut werden. Ich habe leider
-sehr wenig Zeit. Das Beste wäre vielleicht, daß wir heiraten. Ich habe
-keine Vorliebe für Unoffenes. Du sollst kommen und gehen dürfen.«
-
-Sie hatte bereite das Gesicht erhoben und Widerstand gezeigt.
-
-»Nein, bitte, Georg, das nicht! Dazu wäre ich gar nicht geeignet. Dazu
-hätte ich --«
-
-»Der Mensch ist zu allem geeignet.«
-
-»Aber ich kann doch nicht, Georg! Ich würde ganz unglücklich sein!«
-
-»Ja, so wie Benno. Sei überzeugt: du wirst es auf irgendeine Weise.
-Möchtest du nicht Kinder haben?«
-
-»Gar nicht! Vor fünf Jahren --, ja, da wär ich gestorben für ein Kind.
-Aber nun ist das --«
-
-»Hab erst mal eins! Auch das Naturgesetz duldet keine Unterschlagungen.
-Aber das hat alles Zeit, überlegt zu werden. Wir können jede Methode
-versuchen. Wenn ich nicht so wenig Zeit hätte ...«
-
-Überdem merkte er, daß er in Dinge hineingeriet, die ihn nach unten
-zogen; daß er bei all diesem übrigens nur halb mit Bewußtsein teilnahm,
-und er machte sich los von ihr und trat an das Fenster, während ihm der
-Tote erschien, jetzt etwas in Händen, das er ihm aufdrängen wollte, und
-plötzlich Renate in ihrem violetten Kleid.
-
-Warum tu ich jetzt dieses? diese Pläne warum? Abzuschließen mit meinem
-Herzen. -- Und vielleicht: um irgend etwas zu geben. -- Plötzlich, auf
-einer Wagschale stehend, fuhr die Gestalt Renates sichtbar und mit so
-triumphierendem Schwunge nach unten, daß er die Augen erstaunt senkte.
-
-Wie? mußte er fragen, ist Cornelia so viel leichter? Freilich war die
-Andre beschwert mit einer Last von Kleinoden, die ihm ins Auge brannten,
-da er sie bedachte, und diese hier war ganz schlicht.
-
-Er trat wieder zu ihr, legte eine Hand auf ihre Stirn, sanft sie nach
-hinten drückend, küßte sie behutsam und sagte voll Liebe:
-
-»Cornelia Ring! Das bist du. Ein schöner echter Ring; mit einem schönen,
-echten Stein. Und nun sollst du dich um mein Dasein schließen, willst
-du?«
-
-Er duldete es eine Weile, daß sie ihn mit Leidenschaft in die Arme
-schloß, befreite sich dann, nickte ihr zu und bat sie, ihn zu Bogner zu
-bringen. »Ist er allein?«
-
-»Renate ist da, und ein Herr, ich glaube, ihr Vetter, und Jason. Aber
-der kam schon mit mir.«
-
-»So. Renate. Ja -- willst du mich nun --«
-
-»Ich glaube, sie sind jetzt oben. Ich bring dich ins Atelier!« sagte sie
-und ging voran. Am Ende des Flurs öffnete sie die Tür zu einem Gang, zu
-dessen Seiten die Wände der Boxen Georg erinnerten, daß dies
-ursprünglich ein Reitstall war. Die Boxen standen vollgepfropft mit
-aufgespannten Leinwanden und Zeichenbogen, aber über den oberen Rand der
-letzten rechts erhob sich, sich herwendend, der große braune und
-schwarze Kopf eines Rosses mit einem klugen, anscheinend fragenden Auge.
-
-»Lieber Gott,« sagte Georg, »das ist Unkas!«
-
-»Wußtest du denn nicht, daß er hier ist?«
-
-»Doch, doch, natürlich, da ich ihn Bogner schenkte, der reiten wollte.
-Er wurde zu alt für mich und schwerfällig; Bogner wünscht nur mäßige
-Bewegung.«
-
-Georg war schon zu dem alten Genoß in den Stand getreten, klopfte ihm
-liebevoll Hals, Bauch und die Nüstern, das Pferd schnoberte zärtlich,
-scheuerte sich an seiner Schulter und bohrte das Maul nach seiner
-Manteltasche, aber er mußte sich losmachen, fühlend, wie er übermannt
-werden würde. Das alte Pferd hatte ihn nicht vergessen, es tat seinen
-Dienst, wie es gewohnt war, hier wie bei ihm; keiner wußte, ob es litt
-in der Fremde, aber anscheinend wars nicht der Fall. Es atmete laut,
-plötzlich trat es zurück, daß der Halfter sich spannte, warf den Kopf
-hoch, zerrte und schien sehr ratlos. Schließlich feuerte es nach hinten
-aus, daß die getroffene Holzwand dröhnte.
-
-Georg wandte sich ab, und überdem wurde eine Tür geöffnet, Bogner
-streckte den Kopf hervor, griff nach Georgs Hand und zog ihn in den
-Raum.
-
-Was aber hier mit ihm vorging, war ihm nicht mehr bewußt; ein Andrer tat
-es für ihn, sein Inneres füllte ein gestaltlos sausender Regen, sonst
-nichts. Er stand lange vor Bildern, sprach, sah Bogner, sah Renate und
-den Erasmus, auch Jason, sprach auch mit ihm. Endlich hielt er einen
-Türgriff in der Hand, den er deutlich erkannte.
-
-Und nun wurde der ganze große und lichte Raum deutlich vor ihm, und
-jetzt, in einer blendenden Helle, sah er in einiger Entfernung sich
-gegenüber die drei Gestalten Bogners, Jasons und Renates in der Mitte,
-die ihm alle Drei nachblickten. Wunderbare Erscheinungen! zog es durch
-ihn; dann hielten Renates Augen ihn fest. Was für ein Ausdruck? Wollte
-sie etwas von ihm? Bewegte sie sich? -- Und während sein Wesen sich
-krampfhaft zusammenzog, drehte er sich langsam um und ging im Taumel
-hinaus.
-
-»Was ist dir?« hörte er eine Stimme und sah sich im Freien. Hier war es
-dämmrig. Er mußte sich abwenden von Cornelia, und in einem Feuerstrom
-von gewaltsamen Ahnungen sah er Renate stehn, verlockend wie eh und je,
-und in einem Hauch von Bewegung nach ihm hin, ihn anzurühren, ihn
-mitzuziehn in eine Ewigkeit neuer Anfänge, neuer Schmerzen, neuer
-Versuche, neuen Schicksals, eine Unendlichkeit des Lebens von vorn zu
-beginnen.
-
-Dies erlosch. Ihm war kalt. -- Sie wird jetzt kommen, wußte er
-plötzlich. Dorthin, wo ich warte. Es war alles ein Irrtum. Alles gilt
-nicht. Ich werde warten. So wird es geschehn.
-
-
- Die Blume
-
-Im Vorwärtsschreiten fühlte Georg sich zu Eis geronnen vom Kopf zu den
-Füßen. Übergroß schwebte sein Haupt in einer maßlosen Betäubtheit. Dann
-brauste alles, und er bewegte sich in Strömen von Leidenschaft. -- Mich
-hat sie geliebt! mich, mich, immer mich! sang er. Sie hat es nicht
-gewußt, sie ist die selige Unschuld, aber nun hat sie es erkannt, an
-einer Bewegung, einem Nichts, an meinem Ohr ... Sie kommt, ich werde
-warten!
-
-Dann stürzte es ihn haushoch hinunter. Und wenn es doch Einbildung war,
-was er gesehn hatte? Bloße Einbildung? Diese Bewegung zu ihm? Weshalb
-denn dies Unmaß von Angst und Schwindel und Ahnung? Nein, er hatte recht
-gesehn! Alles war ein Irrtum gewesen, ein Irrtum, ein Irrtum! das ganze
-Leben, alle Leiden, alles was je war, -- aber dies war Wahrheit, dies,
-seine Liebe, ihre Liebe, die allmächtigen Toren, die sich im letzten
-aller Augenblicke erkannten und weise wurden. Und er stand überm Land
-wie ein Turm; die Glocke seines Herzens schwang wie ein großer Adler und
-schrie: Ewig! Ewig!
-
-Und das war es, das, was ihn hergeführt hatte: sie sollte er hier
-finden, deshalb hatte Bogner ihn mittags gebeten, deshalb hat es ihn
-hergetrieben, zu ihr, zu ihr, die alles lösen würde, alles, all seine
-Not, alle Schuld, alles!
-
-Und nun erst begann das Leben! alles begann von vorn. --
-
-Überdem ward ihm bewußt, daß er eine Anhöhe erstiegen hatte, und er
-erkannte sie als jene, die er vor kaum einer Stunde verließ. Nur war die
-Erde jetzt mit ihrem Schatten bedeckt, und die Dämmerung sank eilig.
-Über die dunklere Ebene hinweg sah er Farben des Himmels im West,
-goldene Streifen zwischen violetten Wolkenbänken, das regnende Fallen
-rötlicher Dünste, dazwischen Ausblicke auf unendlich ferne grüne Halden,
-die verhauchten. Darüber bebte das weißliche Gold wie Inneres von Äpfeln
-im Kühlen, -- und noch höher ein tiefes Blau, gespannt wie ein Tuch,
-dehnte sich mählich verblassend über den ganzen Himmel aus, der so rein
-war wie eine Seele. -- Ach, die Hand zu tauchen in die Farben Gottes und
-ein unsterbliches Bildnis des Lebens zu malen! War es unmöglich?
-
-Die Wacholder warfen keine Schatten mehr, -- Schatten selber gleichend,
-die aufrecht gestellt waren. Ihn fröstelte. Wird sie mich finden? Ich
-muß stehn bleiben, wie soll sie mich sehen? -- Er wagte nicht, sich zum
-Hause zurückzudrehn. Nun Geduld! mahnte er sich, Geduld! Sie ist
-unterwegs, aber sie hat Zeit. Sie läßt sich Zeit, Renate läßt sich Zeit
-...
-
-Da ihm wieder die Brust schwellen wollte von Ängsten und Ungeduld,
-beschloß er, an andres zu denken, sich zu sammeln, sich abzulenken, --
-aber mit was? Was galt denn in dieser Stunde? -- Bogners Bilder, ja,
-Bogner! Bogner galt. >Nichts ist der Mensch, doch das Werk, Götter
-vollbrachtens durch ihn.< Was für ein Spruch? -- Er irrte mit Augen am
-Himmelsbogen, irgend etwas zu fassen. Da hing im Klaviersaal Bogners
-Bild ... Judith hieß sie ... das war lange her ... Damals lernte ich ihn
-kennen ... Georg dachte krampfhaft weiter. Welch ein Leben! Damals zur
-Ruhe gekommen nach schweren Stürmen. Nun wieder. Das letzte Mal? Damals
-schon mir so groß, wie war er nun erst gewachsen, ausgebreitet, beladen
-mit diesen heroischen Früchten! Heroische Früchte, ja, heroische Früchte
-...
-
-Aber weiter, weiter! was jetzt? Etwas denken! Etwas Wirkliches!
-Wirklichkeit ... Was ist wirklich? Wirklich ist nicht, was geschieht,
-sondern -- -- was? was? -- -- nicht, was geschieht, sondern -- was der
-Geist aus dem Geschehenden macht. Wie Bogners Bilder. -- Er fügte die
-Stücke des Satzes zusammen, -- ja, sie paßten.
-
-Erzitterte vor Aufregung. Da! rauschten da Schritte? Jetzt? Jetzt?
-
-Da regte sich in ihm das gewaltsam Hinabgedrückte, Verbotne; aber er
-konnte ein wenig nachgeben und sich fragen: Warum, ja warum nur erfuhr
-ich dies heut erst von Magda? Warum diese Frist von neun Monaten? In
-neun Monaten wächst ein Keim sich zum Kind aus, -- darum? -- Ach nein,
-antwortete er sich selbst und lächelte dabei: Hätte ich es schon damals
-erfahren, so hätte ich es ja nicht überlebt. -- --
-
-Ja, und nun -- was nun? -- Hier ging es nicht weiter, und um ihn blieb
-alles still.
-
-Orpheus! dachte er gequält, Orpheus! Warum Orpheus? Ach, sich nicht
-umzusehn, das war jetzt die Aufgabe! Geduld! Oh nur Geduld!
-
-Nichts ... Stille ...
-
-In diesem Augenblick, wo er nahe daran war, alles hinzuschütten und sich
-umzudrehn, fand er seine Augen angezogen von etwas zu seinen Füßen.
-
-Dort war -- seine Füße standen im Haidekraut -- eine kleine kahle Stelle
-darin, weißlich von Sand, rund, wie eine Tonsur, nicht größer als ein
-Wagenrad. Mitten darein hatte sich eine gelbe Sternblume gestellt, wie
-sie sonst im Frühherbst in dieser Gegend zu erscheinen pflegten; eine
-sehr kleine Sonnenblume schien sie, nur statt mit schwarzer mit gelber
-Mitte, ein vollkommenes Abbild der Sonne; stand da, ein kleiner Irrtum
-der Natur, aber nun entschlossen, ihn aufrechtzuerhalten. -- Georg
-atmete auf und lächelte.
-
-Überdem, da er fortfuhr, die kleine Freundin zu betrachten, die sich da
-stillschweigend zu ihm gesellt hatte, wurde alles um ihn fortgenommen,
-so daß er nur noch die Blume sah. Dastehn sah er sie, auf ihrem dünnen,
-mattgrünen Stengel; sah ihn, wie er in Abständen kleine Zweige abteilte,
-die gefiedert waren; und sah oben auf leiser Biegung des Stiels das
-kleine gelbe Antlitz sich wiegen, in der Dämmrung sternhell, in einer
-unschuldigen und demütigen Haltung, -- und Georg konnte im kleinen
-Umkreis um sie her den feinen Odem ihres Wesens und Daseins spüren, den
-sie ausatmete.
-
-Wie aber ward alles anders mit einem Mal? War es keine Blume mehr? War
-es nur eine kleine grüne Seelengestalt, die hier mit sich allein war in
-der Windstille? Warum hier? Und sehr allein, da sie nirgend hingehn
-konnte, zu keinem Wesen der Freundschaft, nachbarlos, wie sie beschaffen
-war. Aber wieder, je länger er hinsah, um so mehr ward sie Blume vor
-seinen Augen, und er konnte wiederum Neues erkennen: daß sie von allen
-Seiten gemacht war, ein lebendiges Wesen, das doch kein Hinten hatte
-noch Vorn, sondern nach überallhin war wie das Licht.
-
-Und wie er jetzt -- erzitternd -- sie erfüllt fand von einem inneren
-Frohsein, so sanftgeneigt, so in sich blickend; und daß sie ihm alles
-zeigte, was sie zu eigen hatte, ihr Nichtbemühn, ihre Unbedürftigkeit,
-ihr Wissen um jedes, was not war, -- da dachte er in einer rieselnden
-Bestürztheit noch: Sie ist gekommen -- und nicht Renate -- --
-
-Und kniete hin. Über die zarte Erscheinung geneigt, zerschmolz ihm an
-Wesen und Dasein die letzte Schranke; ging er, wie eine Flamme so
-leicht, ein in die letzte Stille und war selber nur noch ein kleines
-Gewölk von Seele vor dem kleinen Sonnenantlitz der Blüte.
-
-Georg legte das Gesicht in die Hände und weinte.
-
-Er erwachte, liegend am Boden, aus seinen Tränen, gelöst, heilig froh
-und gestillt in allen Tiefen.
-
-Heilig, heilig, ihr Tränen! sang eine neue Stimme. Die ihr euch im Kelch
-einer Pflanze gesammelt habt als reinlicher Tau, ihr seid heilig.
-Heilig, du ewige Pflanze! Unschuldige, aus dir leuchtete mir die letzte
-Unschuld der Natur; meine eigene Unschuld leuchtete mir entgegen. Ich
-habe gesündigt in meiner Verstricktheit, ich, der ich Füße empfing, zu
-gehn, Hände, um zu fassen, und ein Herz, um Gutes und Böses zu sinnen.
-Aber ich, der wie du aus dem unergründlichen Schoße stieg, ich habe
-dennoch teil an dir und an deiner Unschuldigkeit. Sieh, ich halte dich
-in der Hand, o du magischer Schlüssel, und die Riegel aller noch
-verschlossenen Erkenntnisse springen freudig auf und lassen die
-gefangenen Genien heraus in das nährende Licht. Vater, o Väterlichkeit!
-Oh sei mir väterlich, Welt, und ich will dir dienen!
-
-An den Ostrand des Himmels schien dem Liegenden sein Haupt, an den
-Westrand schienen ihm seine Füße zu stoßen, -- so lag er auf dem dunklen
-Rücken der Erde. Im Lüfteraum glitten Fanfaren. Aus Tiefen der See brach
-ein ferner, dunkler Chorgesang auf:
-
- _Aufgenommen, eingekehrt,
- Durchgeprüft und tief belehrt.
- Sohn und Sünder, Knecht und Held,
- Aufgenommen in die Welt.
- Nun behoben ist der Fluch,
- Kräftig zeigt sich jetzt der Spruch:_
-
- _In Nachtgewalten --
- In Taggewittern --
- Sich süß erhalten --
- Sich nicht verbittern!_
-
-Georg erhob sich. Es war nun fast dunkel geworden, aber der westliche
-Himmel leuchtete noch mit ganzer Reinheit. Als er sich umwandte,
-erschreckte ihn eine nahe, helle Gestalt, die noch Licht seltsam
-abzugeben schien und ohne Bewegung dort stand wie schon seit langem. Mit
-Überraschung und linder Freude erkannte er Cornelia und rief leise ihren
-Namen. Sie kam mit leicht rauschenden Schritten, als ob sie über Wasser
-ginge, durch die Stille; er konnte den besorgten Blick ihrer Augen
-erkennen und sagte, ihre Hand ergreifend:
-
-»Du hast gewartet?« -- Sie nickte.
-
-»So will ich dir sagen, was mir widerfahren ist«, sprach er sanft und
-geruhigte sein Wesen tiefer, seinen Arm in den ihren schiebend, an ihrer
-Nähe und am Anschaun des Himmels.
-
-»Einer wuchs auf, wie Alle, und fühlte sich richtig in seiner Welt.
-Einer erfuhr, daß er falsch war. Einer verzweifelte an sich, wollte
-nicht zweifeln und tat alles verkehrt. Einer erfuhr danach, daß er recht
-war. Da sah er, daß tausend Falsches zusammen gemacht hatten ein
-einziges Echtes. Ihm geschah wie Allen. Meinst du aber, ich rede von
-Bogner?« Georg lächelte. »Nein, ich rede -- wie Alle -- von mir.«
-
-Er schwieg. -- Sich umsehend nun, gewahrte er, an welch verlorener
-Stelle er hier in der Ebene stand, nicht weiter erhöht, als um einen
-Überblick zu haben. Unsichtbar, unhörbar im Nord lagerte die See; im
-Osten rauchte die Nacht. -- Er sah heimlich von der Seite Cornelias
-Profil und erkannte mit Rührung in seiner zarten Linie die Linie der
-Sternblume wieder; ja im Blick dieses dunklen Auges den süßen Blick der
-Natur: nach überallhin wie das Licht. --
-
-»Sieh,« sagte sie, die Hand erhebend, »ein schöner Stern!«
-
-Er sah ihn, nicht hoch am Himmel im Nord, der noch hell war dahinter.
-Sah dann einen zweiten, höher, entfernt zur Rechten; und einen dritten,
-wieder tiefer, weit rechts; alle Drei zusammen einsam, funkelnd im
-lichten Blau. Ihm fiel etwas ein dabei, und er sagte, auf die Sterne
-weisend:
-
-»Weißt du, woran die Drei dort mich erinnern? An Bogner und Jason und
-Renate, wie sie vorhin zusammen standen. Hast du's gesehn?«
-
-Sie nickte. Eine Weile noch blieben sie schweigsam stehn. Dann, als
-Georg schon zum Gehen bereit war, hörte er sie halblaut sagen:
-
-»Ja -- die Drei. -- Und sieh, was ich eben dachte: Bogners Kraft, und
-die Schönheit Renates, -- und Jasons Vernunft --, diese Drei sind ...«
-
-»Sind?« fragte Georg ruhig.
-
-Sie beschloß:
-
- _Unwandelbar._
-
-
- Hier enden des letzten Buches neun Kapitel oder doppelt so viele
- Stunden.
-
-
-
-
- Inhalt
-
-
-
- Siebentes Buch
-
- Erstes Kapitel
- Firmament 7
- Sternwarte 12
- Traum 30
-
- Zweites Kapitel
- Frühstück 34
- Verkleidung I 39
- Verkleidung II 45
- Fahrt 49
- Mummenschanz 53
- Ritt 58
- Ausschau 65
- Traumspiel 70
-
- Drittes Kapitel
- Theater 77
- Zelt 85
- Im Wagen 89
- Festzug 95
-
- Viertes Kapitel
- Getümmel 109
- Verspätung 117
- Heimkehr 121
-
- Fünftes Kapitel
- Heimkehr (die andre) 128
- Veranda 132
-
- Sechstes Kapitel
- Garten 142
- Kapelle 154
- Lindenallee 159
-
- Siebentes Kapitel
- Garten 171
- Haus 180
-
- Achtes Kapitel
- Masken 192
- Tempel 200
-
- Neuntes Kapitel
- Zimmer 208
- Wehr 212
- Treppenhaus 221
- Hörsaal 224
- Schlafzimmer 231
- Schlafzimmer (das andre) 234
- Sterne 242
-
- Achtes Buch
-
- Erstes Kapitel: August
- Renate an Magda 249
- Renate an Magda 250
- Aus Renates Gedächtnisbuch 252
- Cornelia Ring an Renate 266
- Renate an Cornelia Ring 267
- Irene an Renate 268
- Renate an Irene 271
- Aus Renates Buch 273
- Cornelia Ring an Renate 287
-
- Zweites Kapitel: September
- Georg an seinen Vater 290
- Magda an Dr. Birnbaum 319
- Dr. Birnbaum an Magda 321
- Renate an Dr. Birnbaum 324
- Georg an Magda 325
- Von Georgs Hand geschrieben 326
-
- Drittes Kapitel: Oktober
- Insel 354
- Aus den Papieren Georgs 364
- Renate an Saint-Georges 371
- Renate an Irene 376
- Renate an Saint-Georges 377
- Saint-Georges an Renate 381
-
- Viertes Kapitel: November
- Cornelia Ring an Magda 383
- Georg an Benno 386
- Aus den Papieren Georgs 393
-
- Fünftes Kapitel: Dezember
- Aus Georgs Papieren 420
- Georg an Benno 438
- Georg an Magda 451
- Georg an Bogner 455
-
- Sechstes Kapitel: Januar
- Cornelia an Georg 456
- Georg an Magda 456
- Georg an Benno 458
- Hallig Hooge 462
-
- Siebentes Kapitel: Februar
- Bogner an Georg 494
- Magda an Georg 495
- Georg an Magda 499
-
- Achtes Kapitel: März
- Aus Renates Gedächtnisbuch 505
- Georg an Magda 512
- Aus den Papieren Georgs 517
- Georg an Magda 528
- Jason an Renate 532
- Renate an Irene 536
-
- Neuntes Kapitel: April
- Aus den Papieren Georgs 537
- Magda an Georg 542
- Aus Renates Buch 543
- Georg an Magda 544
- Aus Renates Buch 545
-
- Neuntes Buch
-
- Erstes Kapitel
- Georg 559
- Renate 575
-
- Zweites Kapitel
- Georg 594
- Magda/Benno 596
-
- Drittes Kapitel
- Magda 607
- Georg 614
-
- Viertes Kapitel
- Magda/Renate 634
- Magda 637
- Renate 639
- Renate (Fortsetzung) 649
-
- Fünftes Kapitel
- Erasmus 666
- Erasmus (Fortsetzung) 690
-
- Sechstes Kapitel
- Bogner/Klemens 714
- Klemens 724
- Birnbaum 729
- Irene 739
-
- Siebentes Kapitel
- Benno 744
- Georg 759
- Bogner 763
-
- Achtes Kapitel
- Magda 771
-
- Neuntes Kapitel
- Georg 804
- Cornelia 808
- Die Blume 813
-
-
- Der »Helianth« wurde geschrieben in
- den Jahren 1912-20. -- Der Druck erfolgte
- in den Jahren 1917-20 in der
- Spamerschen Buchdruckerei in Leipzig
-
-
- Anmerkungen zur Transkription
-
-Offensichtliche Fehler wurden stillschweigend korrigiert. Weitere
-Korrekturen (vorher/nachher):
-
- [S. 163]:
- ... steckend bleibend. ...
- ... stecken bleibend. ...
-
- [S. 330]:
- ... Frühling liegt ihr Lächeln unter den ersten Krokus, den ...
- ... Frühling liegt ihr Lächeln unter dem ersten Krokus, den ...
-
- [S. 619]:
- ... des Zähneputzen und Waschens, die tiefe Lautlosigkeit, ...
- ... des Zähneputzens und Waschens, die tiefe Lautlosigkeit, ...
-
- [S. 653]:
- ... mit ihr berührte, das müßte von ihr an zu fließen fangen.« ...
- ... mit ihr berührte, das müßte von ihr zu fließen anfangen.« ...
-
-
-
-
-
-
-End of the Project Gutenberg EBook of Helianth. Band 3, by Albrecht Schaeffer
-
-*** END OF THIS PROJECT GUTENBERG EBOOK HELIANTH. BAND 3 ***
-
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-
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-
-
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-things that you can do with most Project Gutenberg-tm electronic works
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-electronic works. See paragraph 1.E below.
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-<title>The Project Gutenberg eBook of Helianth. Band 3, by Albrecht Schaeffer</title>
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-<body>
-
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-<pre>
-
-The Project Gutenberg EBook of Helianth. Band 3, by Albrecht Schaeffer
-
-This eBook is for the use of anyone anywhere in the United States and
-most other parts of the world at no cost and with almost no restrictions
-whatsoever. You may copy it, give it away or re-use it under the terms
-of the Project Gutenberg License included with this eBook or online at
-www.gutenberg.org. If you are not located in the United States, you'll
-have to check the laws of the country where you are located before using
-this ebook.
-
-
-
-Title: Helianth. Band 3
- Bilder aus dem Leben zweier Menschen von heute und aus der
- norddeutschen Tiefebene
-
-Author: Albrecht Schaeffer
-
-Release Date: December 4, 2019 [EBook #60845]
-
-Language: German
-
-Character set encoding: ISO-8859-1
-
-*** START OF THIS PROJECT GUTENBERG EBOOK HELIANTH. BAND 3 ***
-
-
-
-
-Produced by Jens Sadowski and the Online Distributed
-Proofreading Team at http://www.pgdp.net. This book was
-produced from images made available by the HathiTrust
-Digital Library.
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-<div class="frontmatter chapter">
-<div class="centerpic logo">
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-<div class="frontmatter chapter">
-<h1 class="title">
-HELIANTH
-</h1>
-
-<p class="subt">
-Bilder<br />
-aus dem Leben<br />
-zweier Menschen von heute<br />
-und aus der norddeutschen Tiefebene<br />
-in neun Büchern dargestellt
-</p>
-
-<p class="aut">
-<span class="line1">von</span><br />
-<span class="line2">Albrecht Schaeffer</span>
-</p>
-
-<p class="vol">
-Der drei Bände dritter
-</p>
-
-<p class="pub">
-<span class="line1">Im Insel-Verlag zu Leipzig</span><br />
-<span class="line2">1920</span>
-</p>
-
-</div>
-
-<div class="frontmatter chapter">
-<h2 class="part" id="chapter-0-1">
-<a id="page-5" class="pagenum" title="5"></a>
-<span class="line1">Siebentes Buch.</span><br />
-<span class="line2">Hochsommertag</span><br />
-<span class="line3">oder</span><br />
-<span class="line4">Der große Mummenschanz</span>
-</h2>
-
- <div class="epi">
- <div class="poem-container">
- <div class="poem">
- <div class="stanza">
- <p class="verse">Dann der traum höchster stolz steigt empor</p>
- <p class="verse">Er bezwingt kühn den gott der ihn kor</p>
- <p class="verse">Bis ein ruf weit hinab uns verstößt</p>
- <p class="verse">Uns so klein vor dem tod so entblößt.</p>
- </div>
- </div>
- </div>
- </div>
-</div>
-
-<div class="chapter">
-
-<h3 class="chapter" id="subchap-0-1-1">
-<a id="page-7" class="pagenum" title="7"></a>
-Erstes Kapitel
-</h3>
-
-</div>
-
-<h4 class="section">
-Firmament
-</h4>
-
-<p class="first">
-Unablässig funkelten die Gestirne.
-</p>
-
-<p>
-Georg, auf dem Dache der Sternwarte, schräg auf
-der niedern, steinernen Brüstung sitzend, hatte die goldübersäte
-Wand des südöstlichen Himmels vor Augen;
-wieder und wieder jedoch zog das lebendige Gefunkel zur
-Rechten seinen Blick herum, und folgte er dorthin, so
-brach weiter rechts neue Funkelbewegung auf und zwang
-sein Auge weiter und abermal weiter und so fort, &mdash; er
-mußte sich drehen, den rechten Arm hinter sich aufgestützt,
-so daß die rauhe Fläche von Stein in seinen Handballen
-brannte, und bis sein Nacken sich weigerte, weiter herumzugehen.
-Dann loderte über seinem Haupt andere Heerschar;
-ein geheimnisvoller Strom, weißlich und nebelnd,
-ergoß sich die Milchstraße vom Zenit bergunter, alle Ufer
-umblitzt und umglitzert vom Sterngetümmel in tausend
-Formen, in schweren Klumpen gleich Waben, gefüllt mit
-Nacht, in reichen Trauben und Gewinden, in seltsamen
-Kränzen und durchbrochenen Reigen, alle lebendig, beweglich
-von Licht, zitternd, strahlend, keiner dem andern
-gleich, winzige und einzelne gewaltige, nahe scheinende
-und unsäglich ferne, vergehende Lichter im Hauche der
-Finsternis. &mdash; Aber da war der Schattenumriß des
-Schloßdaches hinter Georgs rechter Schulter in der
-Nacht, der Schatten des hangenden Fahnentuches in
-selten fallender Bewegung, eine bleiche Geste, welche
-die Sterne hin und wieder verdeckte, unkenntlich, doch
-<a id="page-8" class="pagenum" title="8"></a>
-schimmerte einmal &mdash; wie ein Antlitz &mdash; das bleiche
-Weiß ...
-</p>
-
-<p>
-Kein Laut war in der Nacht. Schweigsam im Nachtblau
-standen die abertausend stillen, in sich beweglichen
-Goldpunkte, die wachsamen Posten, durch alle Räume
-der Himmel hin verteilt auf den ewigen Bergen. Nun
-schienen es Gefäße, glasklare, voll von einer feurig leuchtenden
-Flüssigkeit, in der geheimnisvolles Dasein sich
-regte, Kristalle vielleicht, riesige, in denen gefangene
-Götter die Glieder bewegten, Göttinnen oder heilige
-Tiere, ruhend das Einhorn, still blickend der Widder,
-großhäuptig, wachsam schläfrig der Leu, scharfäugig
-der Greif. Schöne Kugeln waren auch da, gefüllt mit
-Lebensessenz, in der liebliche Kinderseelen atmeten mit
-ganzem Leib, &mdash; denn immer atmete es dort oben und
-lächelte, immer ging eine Woge von Odem, eine stürmisch
-sanfte Welle von Lächeln über ganze Scharen der
-Goldenen hin, und sie flackerten wehend auf wie Felder
-von Fackeln.
-</p>
-
-<p>
-Daß auch nicht Einer dem Andern glich! So wie unten
-das menschliche Gewimmel erst gleichförmig erscheinen
-mag und doch zehntausendfach und mehr wandelbar und
-wechselvoll ist an Charakter und Art, an Seele und Leidenschaft,
-an Schicksal und allen Farben der Stunden und
-der Jahre, der Freude und des Schmerzes, so waren auch
-dort oben die Völker an Seele mannigfalt, Alle nur einander
-ähnlich durch Liebe, durch Ruhe, durch Glanz. Oh,
-und das waren keine kleineren und größeren Lampen,
-entzündet am harten Gewölbe, an dem sie hafteten!
-Sondern der Himmel war nachtblaue Tiefe, farblos fast,
-<a id="page-9" class="pagenum" title="9"></a>
-bräunliches Dunkel, ewig beschattete Weltenräume, in
-denen die Erden schwebten. Ach, wogten sie nicht nieder
-und auf in einem gewaltigen Takt? &mdash; Nein, sie ruhten!
-Sie zogen wie lautlose Schwäne jeder seine Bahn, zeitlos,
-spurlos in der riesigen Flut, und sie lächelten im Entschwinden.
-Tauschten sie Fahrtzeichen und Wink im Vorübergleiten?
-&mdash; Da schienen scharenweise die flammenden
-Feuer zu wanken und zu erlöschen, scharenweise aber
-loderten sie höher empor &mdash; Georgs Herz zog sich schaudernd
-zusammen &mdash;, das Firmament bewegte sich! Heere
-zogen klirrend auf über ungeheure Brücken, Heere schwärmten,
-Geschwader kamen triumphierend entgegen, sie teilten,
-sie schlossen sich wieder, sie wanderten im Takt, unerschöpflich
-überstiegen neue mit Bannern und Panzern
-den finstern Rand der Tiefe, ein lautlos unbeschreiblicher
-Jubel wogte mit ihnen herauf, &mdash; wie Heere der Erde in
-Wolken des Staubes, in Wolken von Jubel wanderten
-diese, &mdash; o es war Seligkeit in den Sternen, rieselnde,
-feurige, bebende Seligkeit des nächtlichen Daseins, Seligkeit
-im Übersteigen der Nachtgebirge, Seligkeit, zu strömen
-in goldener Woge, Millionen Tropfen zur Woge geschlossen,
-Seligkeit, einsam dahinzuziehen, Seligkeit, in luftigen
-Ketten zu hangen, in Kränzen sich zu wiegen, in
-Bildern sich zu ordnen, Seligkeit, sich anzutönen mit
-Licht, in Strahlen sich zu umfassen, in dunkler Kraft einander
-schwebend zu erhalten, Seligkeit, grenzenlose Seligkeit
-des unendlichen Nichtwissens von Anfang und Ende,
-und millionenstimmig brach aus goldenen Lippen der
-Schrei ihres leuchtenden Schweigens: Ewigkeit! Ewigkeit!
-Gott will es! Gott will es! &mdash; &mdash;
-</p>
-
-<p>
-<a id="page-10" class="pagenum" title="10"></a>
-Namenlos geworden, der unten lauschte, beugte die
-betäubte Stirn, glühend und frierend voll Schauder.
-Verschleierte Augen schauten, kaum noch die Höhe der
-goldgestirnten Gebirge ertragend, wie der Himmel wankte,
-Massen von Sternen herunterstürzten; Goldrutsche,
-entfesselt, schlugen mit lautlosem Dröhnen gegen die
-Wandung seines Daseins und zerstäubten in Musik;
-es kreiste, in schmetternder Eile, sausend aus Unermeßlichkeit
-daher, in Unendlichkeit dahin, jagten Welten
-über Welten einander nach, tönend ohne Schwingen,
-klirrend von Licht, aufblitzend und erlöschend im Eise der
-Finsternis, Sturmatem schnob ihnen nach, die gewaltigen
-Tiere, auf riesigen Flößen aufrecht stehend, flogen durch
-die Nacht, aufrecht in den Zenit starrte des Einhorns
-goldene Stirnlanze, der Löwe hob die Pranke und brüllte
-goldenen Donner über die Eisfelder der Einsamkeit, riesig
-ausgebreiteter Schwingen schwebte der Greif, schlug die
-Fittiche knatternd und warf sich in schwingenden Bögen
-gewitternden Tiefen zu, und riesigen Wuchses, auf seinem
-Schilde stehend, den gewaltigen Bogen spannend, daß
-die bis zum Ohr gezogene Sehne klang, stürmte der titanische
-Orion aus der Nacht herauf, die Sehne klirrte, der
-Pfeil stürzte sich und fuhr unten in ein Herz, aufschreiend
-riß es die Augen auf und sah &mdash; den stilleren Himmel,
-sah still stehn, zur großen Kuppel gewölbt, das ganze Firmament,
-leise flackernd in zehntausend Leuchten, ruhig
-blickend mit zehntausend Augen, eine zitternde Welle von
-Innigkeit überlief sie, &mdash; sie schlossen sich lächelnd, sie
-öffneten sich wieder, und &mdash; ach, nun, nun quoll wieder
-aus der Tiefe der Welt der ruhige Atemzug, der Hauch
-<a id="page-11" class="pagenum" title="11"></a>
-des Unsterblichen aus seiner dunklen Ferne, von dem alles
-lebte, was war. &mdash;
-</p>
-
-<p>
-Georg nahm das nasse Gesicht aus den Händen. Er
-glaubte, sie ganz eingetaucht zu haben in den Himmel, in
-die unsterbliche Flut, &mdash; ja, entströmte ihnen nicht noch
-Duft, der letzte Hauch andern Lebens, wie Leben und
-Frische aus schlafenden Blumen bei Nacht? Unablässig
-aber funkelten die Gestirne, wogten, schwiegen.
-Sie schwiegen, doch kein Gedicht und keine Musik tönte
-so beredt wie die Sprache ihres Schweigens in das Herz,
-denn Wissen senkte sich von ihnen zur Unwissenheit unmittelbar,
-mit Glanz, mit Lächeln, mit Stille, mit blickender
-Gewißheit. Die Sterne wußten und schwiegen ihr
-Wissen in die Welt aus, die Sterne wußten und hielten
-nicht an sich mit Wissen, zeigten es unverhüllt in ihrer
-ruhigen Gestalt von oben, neigten sich sprachlos und teilnahmsvoll
-in der Höhe, und Zuversicht strömte aus
-ihnen, ein milder Regen in die keuchende, seufzende, ratlose,
-beklemmte Brust, &mdash; da war sie schon aufgetan,
-sicherer, leichter, atmend und wunderbar beruhigt. Der
-Augenblick, wo unten das Auge und ein Auge dort oben
-sich begegnen im sprachlosen Austausch des Sinnens, der
-Augenblick ist ohne Zeit, nichts geschieht, nichts löst sich,
-bewegt sich und fällt, und nichts steht auf. &mdash; Nein, Herz,
-sagte es leise in Georgs Tiefe, von deinem Schicksal
-wissen die dort oben nichts, was könnte es sie kümmern?
-Was geht es sie an, ob du das Auge hier aufschlägst zu
-einem Blick oder ein Andrer? Deine Handlungen und
-deine Träume, dein ganzer Wandel ficht sie nicht an,
-sie gehören sich selber an, sie wissen nur, sie wissen! Schau
-<a id="page-12" class="pagenum" title="12"></a>
-du in diesen Spiegel heut und nach einem Jahr, einmal
-und noch einmal zwischen Tod und Geburt; sehen wirst
-du nichts, doch zitterst du wohl, und das Schauen genügt.
-</p>
-
-<h4 class="section">
-Sternwarte
-</h4>
-
-<p class="first">
-Georg, unfähig, den Anblick länger zu erdulden, senkte
-die Augen, wandte sich um und gewahrte auf dem Steintisch
-das matte Leuchten des goldenen Bechers und der
-Kanne. Gleich durstig, erhob er sich, trat hinzu, goß
-langsam den farblos klaren Wein, in dessen rinnender
-Falte es glitzerte, in den Becher und umfaßte ihn mit
-beiden Händen. O wie kühl, wie eisig kühl! &mdash; Er setzte
-ihn an die Lippen. Seit anderthalb Jahren der erste
-Tropfen Wein, dachte er und trank langsam Schluck um
-Schluck das süße und herbe, kühle Getränk, in dem deutlich
-ein Hauch von Adel, ein Duft von Alter, von Würde,
-Fürstlichkeit und großer, männlicher Seele mit einströmte
-in sein Inneres. Den noch halbvollen Becher in der
-Hand, trat er an die Brüstung zurück und blickte unter
-dem Sternenhimmel hinweg wie unter einem fast zur
-Erde gesenkten Vorhang über das schlummernde Nachtland.
-In der Tiefe zu Füßen waren dunkel lebendig die
-Laubmassen der Wipfel, in denen es da und dort bleich
-erschimmerte; der Wassergraben blinkte verkleinert, dahinter
-standen finster die Schatten anderer Bäume, Geruch
-des Laubes und von Blumen stieg auf, ein Stück
-der Mauer glänzte kalkweiß, dahinter war undeutlich
-das flache Land, die Wiesen, ganz fern darüber ein, zwei
-rötliche Lichter. Die laue Nacht atmete kaum.
-</p>
-
-<p>
-<a id="page-13" class="pagenum" title="13"></a>
-Alsbald erhob sich das gedämpfte Getöse eines Orchesters
-in Georg. Ah, Bennos Sinfonie von der Ebene,
-am Abend gehört, klang wieder aus der Ferne, in die sie
-entströmt war. &mdash; Ja, &mdash; bei aller Weichheit seiner Musik,
-die im Schmelz größer war als in der Bändigung, im
-Sehnsüchtigen größer als in der Vollendung &mdash; es war
-doch ein Gewebe von strahlender Großartigkeit geworden,
-in dem &mdash; so fern jedes rationale Vortäuschen von Wirklichem
-blieb &mdash; doch der Geist der Ebene so mächtig
-hauchte wie der Geist des Heros in der heroischen Sinfonie,
-wo dann auch der Gedanke: Ebene &mdash; sie wohl sichtbar
-werden ließ, sie, breiten Abfluß des sinnenden Gebirgs,
-flutend von Handlung, glänzend in Strömen, duftend
-in Wäldern und Äckern, das Antlitz von Sternen
-behaucht, gebettet in den väterlichen Odem der See. Und
-war seine Kunst auch romantisch, von der sehnsuchterregenden
-Art, die eher bezwingen möchte und eindringen,
-als Maße aufrichten, die aus sich selber wirken,
-der deshalb das Süße lieber ist als die Feste, der Ansturm
-lieber als der Schritt, &mdash; zu welch erstaunlicher
-Form war er selber gewachsen! Ungeschickt, hülflos,
-wie zwängte er sich noch als schutzloser Eindringling
-durch die Reihen seiner sicheren Mannschaft! Aber der
-Augenblick, wo er, die Hörerschaft im Rücken, das unmerklich
-klappende Zeichen gab, zauberte ihn um, unglaublich
-zu sehen! In seinem Profil wechselten Strenge und
-kindliche Weichheit, drohende Befeuerung und lächelnde
-Beruhigung in kaum erkennbaren Wellen, doch in deutlichen,
-in spielend gemeisterten Übergängen; sichtbar
-magisch geworden, seine Hände entströmten Zwang oder
-<a id="page-14" class="pagenum" title="14"></a>
-Verlockung, Ergreifen oder Verschenken, und seine lange,
-kaum sich regende schwarze Gestalt lebte allein im geschmeidigen
-Zucken der Arme, der gebieterisch gewordenen
-Hände, sich zusammen &mdash; und alles an sich reißend nur
-an den gewitternden Stellen, &mdash; solch ein Befehlshaber
-war aus dem Scheuesten aller Scheuen geworden, nun
-der eigene Geist ihn weit, wie ein Gestirnsnebel, tönend
-umwölkte. &mdash; Ja, Benno, du hast das Ziel erreicht, dachte
-Georg glücklich und schwer, &mdash; weißt du, ich könnte dich
-beneiden aus einem Grunde! Denn dir ist der Augenblick
-gegeben, der Glanz der Krise, der Blitz, der Zeit
-spaltet in Links und Rechts und das ewige Juwel zeigt
-im Schacht. Ich soll nun lenken in der breiten Zeit, im
-Unsichtbaren, im alltäglichen Tage, im ...
-</p>
-
-<p>
-Georg verlor die deutlichen Begriffe im Bangen vor
-leibhafter Vorstellung, lächelte noch einmal dem Freunde
-zu und wandte sich um.
-</p>
-
-<p>
-Im Osten war der Nachthimmel gerötet, unten glühend
-weißlich und rot über der Stadt. Die Schattenrisse der
-Türme von der Universität standen drüben; nahe dahinter
-eine bleiche goldige Kuppel; ziemlich vorn die weißrötlich
-wie ein Feuerloch glühende Tiefe war der Platz an
-den Kasernen, deren beleuchtete Fronten schimmerten,
-dunkel befenstert. &mdash; Stumm erstreckten sich die finstern
-Wipfeldämme der Lindenalleen; ganz vorn, im Dämmer
-des Sternlichts, ruhte das Rasenrund in den Wegen. Es
-rauschte auf, &mdash; und jetzt, seltsam lieblich zu hören, scholl
-aus der Tiefe, aus dem Stall das Klirren einer Kette, ein
-stampfend aufgesetzter Huf und ganz leise das Husten
-eines Pferdes. Ach, da unten stand der gute alte Unkas
-<a id="page-15" class="pagenum" title="15"></a>
-in seiner warmen Stalldämmerung, das Haupt schlaftrunken
-gesenkt, nur atmend, blind, mit sich seelenallein,
-dürftig, ein gefangenes Tier, das nichts wußte, nie fragte,
-nichts wußte ... Georg, lächelnd erst, wurde ernst. Ein
-Tier, das fromm war, frommer vielleicht als er hier oben
-in der Freiheit, dieser Aufgerichtete, immer Denkende,
-Sehende, Sternumstellte, in Gottes Odem schweigend,
-viel wissend, alles nennend, immer irrend, immer nur für
-Augenblicke sich erhebend und schon wieder gesenkten
-Hauptes nichts haltend mit den Augen als das wechselnde
-Vorwärtskommen und Zurückschwinden der eigenen,
-wandernden Füße. Sondern dies Pferd war fromm in
-unerschütterlicher Folgsamkeit, fragte nicht, klagte nie,
-sprach nie sich aus, war immer zufrieden, nur laufen zu
-können, es kannte keinen eigenen Weg. Nicht einen einzigen
-Schritt hatte es allein gemacht, mit eignem Willen, &mdash;
-Georg stockte und erinnerte sich dunkel: ja, auch damals,
-wann war es noch? In Helenenruh, ich stand im Hof, Unkas
-schritt zum Stall, blickte her, schien klug, schien zu verstehen,
-und tastend stieg er davon, &mdash; ja, damals auch
-ging er blindlings dahin das kurze Stück von meinem
-haltenden, winkenden Auge zum Stall, angelockt und gelenkt
-vom duftenden Heu und dem eigenen Mist. Immer
-war er geführt wie ein Blinder, immer war ein Wille
-über ihm, und er folgte gern, &mdash; er &mdash; der nicht einmal
-ein Er war, nicht männlich, nichts Eigenes mehr, sondern
-ein menschliches Gemächt, ein Enterbter, ein verschnittener
-Wallach, ausgeschlossen aus dem feurigen Ring der
-Hengste und Stuten, gebrochen in der Jugend, in
-Zeugungslosigkeit gebannt, unfruchtbar wie ein Pfahl in
-<a id="page-16" class="pagenum" title="16"></a>
-der Schöpfung, &mdash; o der war fromm ... Ja, so Gott
-will, Unkas, sagte Georg sonderbar wehmütig, reite ich
-einmal auf dir in Elysium ein, dort, wo alle Trennungen
-sich ergänzen, wo alles heil wird, wo du auch nicht froh
-wärst ohne meine Nähe, &mdash; dort wirst auch du dein
-Männliches wieder haben, ein stampfender Hengst, selig
-wiehernd und trabend über den saftigen Wiesen ...
-</p>
-
-<p>
-Georg sah wieder in das Land hinein, bewegte den
-Becher und leerte ihn langsam in die Tiefe aus; Blätter
-klatschten getroffen und rauschten leise, sonderbar war
-das Geräusch des Tröpfelns in der schweigsamen Tiefe. &mdash;
-Mein Land, murmelte er, sich schämend, mein Land ...
-Weiterhin versagte sein Denken, und dies genügte ja wohl
-auch. Er stellte den Becher wieder auf den Tisch, rückte
-den Sessel der Weite des Himmels gegenüber und setzte
-sich. Ein wenig müde, vom Weinrausch umnebelt, sah er
-die Sterne sich zusammenziehn, sich dehnen, heller glitzern
-und schwanken. Er war glücklich. Morgen, dachte er,
-morgen ... und prallte von unvorstellbaren Bildern und
-am Wunsch, dieses Schönste und Farbigste seines Krönungstages
-sich nicht durch Vorahnung zu entstellen, ins
-Gestern zurück, glitt unmerklich in den fahnen- und blumengeschmückten
-Saal des Landtages, hörte die Eidesformel
-verlesen und sah den Vorbeizug der bärtigen
-Gesichter, selber feierlich und ergriffen die vielen, unterschiedlichen
-Drücke der glatten und rauhen, schlaffen und
-kräftigen Hände verspürend.
-</p>
-
-<p>
-Vor den halbgeschlossenen Lidern die Felder der Sterne,
-kam ihm jetzt die Frage, woran nur dies unablässige
-Auffunkeln, heller und schwächer Brennen, Wogen und
-<a id="page-17" class="pagenum" title="17"></a>
-Wanken und Zittern der unzählbaren Leuchten erinnre,
-und bald darauf senkte er sich in die Helenenruher Wiesen
-nieder. Wie dort das Gewoge der Halme &mdash;, nein, nicht
-das! Das Glitzern und Brennen der Sonnenstrahlen &mdash;,
-auch nicht! &mdash; Ah, das Gezirp der Grillen war es, das
-wogte so lodernd auf, brodelte und senkte sich schwächer,
-entfernte sich und schwoll laut und nahe heran. Helenenruh,
-ja, Helenenruh, sang es beseligt in Georg, das war
-Vater und Mutter und Kindheit, das war ja wie Ewigkeit
-so lang! Immer Sommer und Sonne, immer Ferien
-und Faulheit, Reiten und Schwimmen, die blaue See
-und die Wiesen, die ewigen Wiesen. Er wünschte, mehr
-aus seinen jüngsten Jahren wiederzusehn, aber es war
-sonderbar, er gelangte nicht tiefer in die Zeit zurück als bis
-zu irgendeinem Tag vor ein paar Jahren, wo er schon
-erwachsen war. Ja, in dem Sommer nach dem Examen,
-da war es wohl am schönsten; niemals wieder waren die
-Tage so lang, jedoch &mdash; das Ende war seltsam. &mdash; Mit
-meinem Geburtstag muß es aufgehört haben, eigentlich
-wars ein langweiliger Tag, so viele Gäste, Fremde, nur
-Bogners Gesicht wohltätig dazwischen. Auf einmal sah
-er das Gesicht des Malers an einem Fenster, ein Gewitter
-war, ja, Artaxerxes ... er flog ja wohl plötzlich ... Und
-Magda, &mdash; Georg seufzte, &mdash; Anna nannte ich sie damals
-und liebte sie sehr ... Richtig, das war der sonderbare
-Tag vor meinem Geburtstag, mit Jason al Manach, und
-&mdash; ja, da begann ja auch alles eigentlich! &mdash; Das Gesicht
-seines Vaters erschien ihm dicht über dem seinen, wie eingebrannt
-in die Luft, &mdash; jede Falte, der Mund und die
-Augen vor allem. Georg konnte sich nicht auf ein einziges
-<a id="page-18" class="pagenum" title="18"></a>
-Wort mehr besinnen, das er gesagt hatte, nur daß sie
-alle wunderbar klangen, und sein Gesicht, dachte er,
-werde ich noch in meiner Todesstunde unverblichen und
-unverändert sehn, wie es damals war. Ja, damals
-muß er auch zuerst von dem Vertrag gesprochen haben
-... Da erschien, blaß und verwischt wie ein halber
-Mond am Nachmittag, Sigunes Gesicht, ein Seufzer, der
-durch Georgs Brust hinzog und sie hob und verhauchte.
-O das arme, kranke Kind! Wärest du doch niemals geboren!
-Badenbach, dieser Jesuit! Aber, wie er dastand &mdash;
-oder habe ich das nur geträumt? &mdash; Georg besann sich,
-aber er schien ihn doch wirklich gesehn zu haben, als er
-kam, um Sigunes Hinscheiden zu melden, &mdash; richtig, fiel
-es Georg ein, ich war ja krank, Virgo war dabei, nein,
-sie war schon fort, &mdash; seltsam, Papa küßte sie auf die Stirn,
-und später sagte er, ob ich nicht auch gefunden habe, wie
-sie Mama ähnlich gesehen habe ... Ich konnte es eigentlich
-nicht finden, ihn täuschte wohl das kurzgeschnittene Haar,
-und Mamas Nase habe ich immer so viel hagrer gesehn,
-&mdash; allerdings &mdash; in ihrer Jugend ... aber auf der Miniatüre
-ist die Biegung unsichtbar ...
-</p>
-
-<p>
-Wie groß der Orion dort stand, ungeheuer deutlich
-und fast erschreckend menschlich, Füße, Schultern, Haupt,
-Gürtel und sogar das Schwert, inmitten des Schwarmes
-ungeordneter Sterne. Tiefer in das goldne Bildnis sich
-hineinschauend, ließ Georg die Lider sinken und fühlte
-sich empor und angesaugt von dem leuchtenden Riesen;
-schwebte er wirklich? Plötzlich stand er selber als Orion
-am Himmel, unter sich Nacht und Tiefe; eine fahle,
-zackig abgeteilte Mondscheibe, die dampfte, schwebte
-<a id="page-19" class="pagenum" title="19"></a>
-die Erde, ihn schwindelte, er stürzte, erschrak flackernd
-und fuhr mit einem Ruck in seinen Körper und den
-Sessel.
-</p>
-
-<p>
-Gottseidank lächelte er matt, es war wieder ein Traum!
-&mdash; Wie still es doch ist! &mdash; In diesem Augenblick aber
-rasselte es in der Luft, ein heller Schlag durchdröhnte das
-Schweigen, es rasselte, ein zweiter riß sich los, es rasselte
-wieder, ein dritter ... dann war Stille. Erst dreiviertel
-eins? dachte Georg verwundert, ich bin doch eine Ewigkeit
-hier oben! &mdash; Aber das Zifferblatt seiner Uhr zeigte
-keine andre Stunde im Zwielicht der Sterne. Wie absonderlich
-das Uhrglas glänzte und die Zahlen so verändert
-in der Dämmerung! &mdash; Und warum habe ich es denn nicht
-viertel und halb schlagen hören? Jetzt fängt der Wein
-an zu wirken, dachte er schläfrig, fühlte aber gleichzeitig
-ein leises Angstgefühl in sich aufsteigen oder heranschleichen.
-Wie still es nur ist! &mdash; Und doch &mdash; es ist ja, &mdash;
-als wäre ich nicht mehr allein! Unsinn! &mdash; Er setzte sich
-tiefer zurück, seine Gedanken lockten ihn spielend wieder
-ins Morgen hinüber, Renate erschien, &mdash; wie würde sie
-nur aussehn in der mittelalterlichen Tracht? Er hatte sie
-ja Wochen nicht gesehn und empfand Sehnsucht. Ich
-habe doch immer nur sie geliebt, dachte er schwermütig,
-warum nur ließ ich mich so oft irren? Cora, &mdash; nun das
-kann freilich kaum gelten, aber Esther, &mdash; ach Cordelia,
-du warst doch unsagbar lieblich und süß! &mdash; Einmal dachte
-ich sogar, Virgo zu lieben, aber das war denn doch ein
-Irrtum, weil ich krank war und ich sie Esther ähnlich
-fand, aber &mdash; ja, von Renate hielt sie mich doch ein
-Weilchen fern ...
-</p>
-
-<p>
-<a id="page-20" class="pagenum" title="20"></a>
-Mein Gott, es ist doch wer in der Nähe! dachte er
-plötzlich. Seine Kopfhaut krauste sich. Ja, was soll
-denn sein, dachte er ärgerlich, wenn was da ist, solls
-kommen! Aber sein Herz klopfte. Er streckte die Hand
-nach der Kanne aus, schenkte den Becher voll, setzte die
-Kanne hin und lauschte. Die Stille rieselte über ihn hinweg,
-es wurde kühler. Wieder zwang er seine Gedanken,
-aber sie gehorchten schlecht und nur begrifflich, so daß er
-dachte, er lebe und bewege sich eigentlich erst seit drei
-Jahren, seit er den Plan des Vertrages mit sich herumtrage.
-Da erinnerte er sich an Berlin und seines Sofas
-in der Kantstraße. Ja, dieses Sofa! Darauf verbrachte
-ich die halbe Zeit des Winters, o es war ja grauenhaft!
-Diese Nachmittage, wenn ich lag und lag und die weiße
-Lampe auf dem Schrank ansah, bis sie verschwamm und
-schließlich verschwand in der immer tieferen Dämmerung,
-auch die Tür und alles, und von draußen kam das Laternenlicht
-über den Hof herein und malte die Schatten
-der Gardinen und des Fensterkreuzes an die Decke und
-auf den Schrank, und ich konnte nicht aufstehn, ich konnte
-nicht, mein Kopf glühte, ich konnte kaum noch liegen.
-Dieser Winter war das Verruchteste in meinem Leben.
-Und der in München war nicht besser! Ach, und vor
-allem, all die Jahre lang dieser grauenhafte Druck, diese
-niemals weichende Angst, diese sinnlose, die eigentlich
-noch immer nicht gänzlich &mdash;, jedenfalls &mdash; wäre nicht
-Vater ...
-</p>
-
-<p>
-Georg fuhr mit einem Ruck im Stuhl herum und sah
-mit flimmernden Augen im grauen Dämmerlicht der
-Sterne eine dunkle Gestalt hinter sich stehn, am Treppenschacht
-<a id="page-21" class="pagenum" title="21"></a>
-... Er sprang heftig klopfenden Herzens auf; nun,
-es war ein richtiger Mensch, groß, dunkel gekleidet, und
-griff jetzt höflich nach dem Hut, nahm ihn ab und sagte:
-</p>
-
-<p>
-&bdquo;Ich bitte tausendmal um Verzeihung, königliche
-Hoheit, wegen meines Eindringens, &mdash; übrigens, erkennen
-Sie mich nicht?&ldquo;
-</p>
-
-<p>
-Georg nahm sich zusammen, faßte mit Anstrengung
-das bleiche, sonderbar starre Gesicht ins Auge, dachte:
-Ja, das ist doch ... &bdquo;Herr von Montfort?&ldquo; sagte er
-zögernd; und mit deutlichem Erkennen hastig: &bdquo;Aber
-natürlich, natürlich! seien Sie mir willkommen! Wo
-kommen Sie her?&ldquo;
-</p>
-
-<p>
-Georg ging um den Tisch, nicht allzu leicht, er merkte
-den Wein, gab Montfort die Hand, der seltsam lächelte
-mit seiner einen Gesichtshälfte.
-</p>
-
-<p>
-&bdquo;Ich klopfte unten,&ldquo; sagte er mit Heiterkeit, &bdquo;bekam
-keine Antwort und trat ein, denn ich hatte Ihren Schatten
-hier oben gesehn, und ich dachte es mir wunderbar, hier
-oben unter den Sternen zu sitzen und von erhabenen
-Dingen zu reden. Ja, &mdash; ich kam so vorbei ... Die Heimgekehrten
-ergötzt es, wissen Sie, Stadt und Gegend zu
-durchwandeln und an den leisen Veränderungen den süßen
-Kitzel des Unwandelbaren der Heimat zu verspüren, und
-so geriet ich in diesen Park. Nun kommen Sie, wir wollen
-die Sterne betrachten!&ldquo; Georg fühlte sich leicht am Arm
-ergriffen und folgte an die Brüstung.
-</p>
-
-<p>
-&bdquo;Ach, da steht ja auch Wein!&ldquo; bemerkte Josef, &bdquo;oh,
-erlauben Sie mir einen kleinen Schluck?&ldquo;
-</p>
-
-<p>
-Er trat an den Tisch. Georg murmelte etwas und benutzte
-die Gelegenheit, um sich völlig zu sammeln, beruhigte
-<a id="page-22" class="pagenum" title="22"></a>
-sein klopfendes Herz, die Hände auf die Brüstung
-stützend und in die Sterne blickend; der Himmel
-war ihm jetzt nur eine verschwommene, über und über
-glitzernde und funkelnde Wand von Gold, in der seltsam
-blaue, rote und grünlichweiße Lichter zuckten. Sich wendend,
-sah er Montfort mit dem Becher am Munde und
-streckte die Hand aus.
-</p>
-
-<p>
-&bdquo;Geben Sie mir auch&ldquo;, sagte er, sich räuspernd. Montfort
-gab ihm den Becher, er trank begierig, der Wein
-schien noch einmal so kühl und duftend. Er stellte den
-Becher hin und ließ sich, da Montfort auf der Brüstung
-Platz genommen hatte, in den Sessel fallen. Josef, mit
-einer umfassenden Geste des rechten Armes, sagte:
-</p>
-
-<p>
-&bdquo;Der Mensch und die Sterne &mdash; das heiße ich den
-Gipfelpunkt des Irdischen. Obendrein sind Sie seit gestern
-zur Hälfte Großherzog, &mdash; ah, nicht wahr, Sie bejahen
-das Leben?&ldquo; Er lachte leise.
-</p>
-
-<p>
-&bdquo;Sie sagen das so sardonisch&ldquo;, lächelte Georg.
-</p>
-
-<p>
-&bdquo;Mich,&ldquo; versetzte Josef, &bdquo;mich lächert es immer, wenn
-ich so in den Zeitungen lese von großen Autoren als den
-Bejahern oder Verneinern des Lebens. Auf tief pessimistischer
-Basis, so las ich neulich von irgendwem, bejahte
-er dennoch das Leben. Hanswürste, die sie sind!
-Da sehe ich jemand vor vollbesetzter Tafel sitzen, hungrig
-wie ein Löwe, und essen, was sich essen läßt, aber &mdash; er
-verneint das Essen, er schreit: Nein! nein! zwischen jedem
-Bissen und jedem Schluck. Begreifen Sie, Prinz? Ich
-kann das Leben verneinen durch Handlung, indem ich
-mich hinausbegebe, aus dem Leben oder zumindest aus
-der Gemeinschaft, also aus dem menschlichen Leben.
-<a id="page-23" class="pagenum" title="23"></a>
-Aber das Leben zu verneinen durch Meinung, zu leben
-unter Neinneingeschrei ... welch ein abscheulicher Unsinn!
-Und nun erst gar die Bejahung. Ich bin am
-Ertrinken und sage zu dem, der mich über Wasser hält,
-unablässig: Ja! ja! ja! du hältst mich über Wasser.
-Was soll das? Kann der bejahen oder verneinen, der
-gar nicht gefragt wurde? Aber natürlich: Charakter muß
-der Mensch haben, so heißts, und zudem eine deutlich
-erkennbare Weltanschauung. Ach, und über uns sind die
-Sterne! Wer darf noch an den Nachtraum &mdash; die Stirne
-lehnen wie ans eigne Fenster? Kennen Sie diese Verse
-von Rilke?&ldquo;
-</p>
-
-<p>
-Georg, tiefer in sich versinkend, hörte mit mächtiger
-Ergriffenheit über sich die kostbare, tönende Stimme in
-der Nachtluft:
-</p>
-
-<p>
-&bdquo;Siehe, dies &mdash; Bedürfte nicht und könnte, der Entfernung
-&mdash; Fremd hingegeben, in dem Übermaß &mdash; Von
-Fernen sich ergeben, fort von uns. &mdash; Und nun geruhts
-und reicht uns ans Gesicht &mdash; Wie der Geliebten
-Aufblick, schlägt sich auf &mdash; Uns gegenüber und zerstreut
-vielleicht &mdash; An uns sein Dasein, und wir sinds
-nicht wert.
-</p>
-
-<p>
-&bdquo;Vielleicht entziehts den Engeln etwas Kraft, &mdash; Daß
-nach uns her der Sternenhimmel nachgiebt &mdash; Und uns
-hereinhängt ins getrübte Schicksal. &mdash; Umsonst. Denn
-wer gewahrts?
-</p>
-
-<p>
-&bdquo;Und wo es einer &mdash; Gewärtig wird: wer darf noch
-an den Nachtraum &mdash; Die Stirne lehnen wie ans eigne
-Fenster? &mdash; Wer hat dies nicht verleugnet? Wer hat nicht
-&mdash; In dieses eingeborne Element &mdash; Gefälschte, schlechte,
-<a id="page-24" class="pagenum" title="24"></a>
-nachgemachte Nächte &mdash; Hereingeschleppt und sich daran
-begnügt?&ldquo;
-</p>
-
-<p>
-Die letzten Worte mit Härte niederschmetternd, schwieg
-der dunkle Sprecher vor den Gestirnen, und Georg, hingerissen
-und bis zum Weinen erschüttert, stammelte: &bdquo;Ja,
-ja, ja! so ist es, es ist wahr, oh, hören Sie nicht auf,
-sprechen Sie weiter, es muß weiter gehn!&ldquo;
-</p>
-
-<p>
-Montfort schwieg, begann nach einem Schweigen,
-während Georg mit verschwimmenden Augen, vorgebeugt
-im Stuhl, zu ihm aufsah:
-</p>
-
-<p>
-&bdquo;Wir lassen Götter stehn um gohren Abfall, &mdash; Denn
-Götter locken nicht. Sie haben Dasein &mdash; Und nichts
-als Dasein, Überfluß von Dasein, &mdash; Doch nicht Geruch,
-nicht Wink. &mdash; Nichts ist so stumm wie eines Gottes
-Mund. &mdash; Schön wie ein Schwan &mdash; &mdash; Auf seiner Ewigkeit
-grundloser Fläche &mdash; So zieht der Gott und taucht
-und schont sein Weiß ...&ldquo;
-</p>
-
-<p>
-Georg fühlte Tränen über sein Gesicht laufen und
-wehrte ihnen nicht. Nie, dachte er, in keinem Traum erfuhr
-ich solche Wonne der Tränen. Siehe, da stand Montfort
-groß und schwarz vor den beweglichen, schlagenden,
-strömenden Sturzfalten von Nacht und Gold, und es war,
-als ob er sänge:
-</p>
-
-<p>
-&bdquo;Nur der Gott! &mdash; &mdash; Wie eine Säule läßt der Gott
-vorbei, verteilend, &mdash; Hoch oben, wo er trägt, nach beiden
-Seiten &mdash; &mdash; Die leichte Wölbung seines Gleichmuts
-...&ldquo;
-</p>
-
-<p>
-Georg, von kalten und wilden Schaudern überronnen,
-schloß die Augen. Wie war es? wie hieß es nur? Auf
-seiner Ewigkeit grundloser Fläche, so zieht der Gott und
-<a id="page-25" class="pagenum" title="25"></a>
-taucht und schont sein Weiß ... Oh ... oh! schont sein
-Weiß! Es war kaum zu ertragen. An allen Gliedern gelöst,
-fühlte er sich in ein grundlos Weiches mit unsäglicher
-Wollust einsinken, hörte aber jetzt laut durch das Sausen
-und Singen in seinen Ohren drei starke Schläge gegen
-eine Tür. Wild zusammenfahrend, setzte er sich auf. Niemand
-war bei ihm.
-</p>
-
-<p>
-Was war das? Habe ich geträumt? &mdash; Das Herz
-klopfte ihm dicht unterm Halse, er fühlte sich seltsam schlaff,
-elend und an alles ausgeliefert. Wüste Furcht krauste ihm
-die Haut des Rückens, des Kopfes und der Stirn. Er schüttelte
-sich und fühlte sich sehr müde im Körper; aber der
-Geist war frei. Er sah nach dem Orion, aber nachdem
-der einen Augenblick über ihm aufgeblitzt war, war er
-völlig verschwunden, die Nacht ganz leer an seiner Stelle.
-</p>
-
-<p>
-Georg fuhr sich mit der Hand über die Augen. Das
-ist ja unheimlich, murmelte er. Die Augen wieder öffnend,
-sah er zu seinem heftigen Entsetzen die Umrisse eines Riesen
-von flammend blauer Farbe am Himmel schweben;
-sie entfernten sich langsam, wurden kleiner und kleiner und
-verschwanden.
-</p>
-
-<p>
-Da! Wieder die drei starken Schläge an der Tür &mdash; &mdash;
-es mußte unten die Tür der Sternwarte sein. Georg stand
-wankend auf, packte mit letzter Kraft seine Furcht und
-stieß sie fort. Einen Augenblick stand er wütend, konnte
-nichts sehn, dann lief eine große, schneeweiße Kugel auf
-der Mauerbrüstung vor ihm bis zum Rand, schwebte
-dann und entfernte sich nach rechts. Da peitschte das Entsetzen
-auf ihn ein, er stürzte zum Treppenschacht, die eisernen
-Stufen dröhnten unter seinen Füßen, er stolperte,
-<a id="page-26" class="pagenum" title="26"></a>
-rutschte am Geländer hinab, gewahrte dann den Lichtschein
-in der getäfelten Halle. Kaum aber, daß er die
-sieben Flammen des Kronleuchters und die beleuchtete Tischplatte
-ins Auge gefaßt hatte, einen Pulsschlag lang beruhigt,
-waren sie verschwunden. Er warf den Kopf herum,
-sah die Tür, die zum Gang ins Schloß führte, wollte drauf
-zu, aber sie war nicht mehr da.
-</p>
-
-<p>
-Vor Angst kaum noch wissend, was er tat, ging Georg
-mit vorgestreckten Händen tastend auf die Pforte zu, erlangte
-einen Pfosten, ertastete die Klinke, riß auf und
-taumelte zurück vor einer finster schwarzen Gestalt, die
-darin stand, augenlos, eine spitze Gugelkappe anstatt des
-Kopfes auf den Schultern. Georgs Schrei vergurgelte,
-da die Gestalt im selben Augenblick spurlos verschwunden
-war. Statt ihrer sah er jetzt seinen eignen Schatten riesenhaft
-über die wieder sichtbare Tür ins Getäfel heraufsteigen,
-ein furchtbar beängstigender Anblick, so daß er
-beide Fäuste in die Augen stieß. So, einen Augenblick in
-sich selbst zurückgepreßt, gelang es ihm, sich zuzustammeln:
-du fürchtest dich nicht, nein, das ist seine Furcht, das ist
-&mdash; er fand nicht, was es war, fühlte sich wehrlos, ergrimmte,
-würgte sich minutenlang herum mit der Furcht,
-riß die Augen auf und sah zu seinem unermeßlichen Staunen
-einen feurig roten Engel dicht vor sich stehn, leider
-ohne Haupt, die Fittiche weit entfaltet, doch schrumpfte
-er alsbald zusammen und schwand, während Georg, zerrissen
-von Wut und Entsetzen, mit geballten Fäusten auf
-ihn zutaumelte.
-</p>
-
-<p>
-Da stand er vor der Tür, die ins Freie führte und stieß
-sie auf. Gott im Himmel, es stand wieder der Schwarze
-<a id="page-27" class="pagenum" title="27"></a>
-darin, ohne Haupt und Augen, nur die Gugelkappe zwischen
-den Schultern.
-</p>
-
-<p>
-Nein, was denn, was denn? Nichts war da, sondern
-ein wunderbarer Gang von milchfarbenen Säulen, die
-von innen bläulich erleuchtet waren, hunderte in einer
-Reihe, die ins Endlose führte. Georg starrte so lange hin,
-bis sie in sich zerflossen. Da war die Nacht draußen, am
-Pfosten, zur Seite getreten, stand der Schwarze, und dort,
-mitten auf dem weißen Wege, in der Dämmrung, ein
-zweiter, still, ohne Bewegung. Georg warf sich herum ...
-Es waren drei! Der dritte stand &mdash; es war der erste &mdash; in
-der andern Tür, und Georg wich, gefühllos geworden,
-rückwärts bis zur Wand, fühlte sie mit den Händen hinter
-sich und lehnte sich daran. Der Schwarze in der Gangtür
-war schon wieder fort, aber der andre war ins Zimmer
-gekommen, wo er sofort verschwand, jedoch in die Tür
-trat der dritte und verschwand, aber nun war der erste
-wieder sichtbar, war näher gekommen und stand dicht
-neben dem siebenarmigen Leuchter, der im selben Augenblick
-ausgelöscht und nicht mehr da war.
-</p>
-
-<p>
-Georg schloß die Augen, versuchte zu lauschen, hörte
-aber keinen Laut.
-</p>
-
-<p>
-Als er die Augen zu öffnen versuchte, standen da drei
-Schwarze mit Gugelkappen in einer Reihe, einen Augenblick,
-dann waren sie fort. Alsbald jedoch erschien der
-linksstehende wieder, der in der Mitte alsdann, zuletzt der
-rechte. Kalte Tropfen liefen über Georgs Stirn, sein Haar
-knisterte, er krallte die Finger hinter sich in die Wand und
-hörte jetzt eine sanfte und schöne Stimme sagen:
-</p>
-
-<p>
-&bdquo;Nicht fürchten ...&ldquo;
-</p>
-
-<p>
-<a id="page-28" class="pagenum" title="28"></a>
-Er richtete sich schlotternd auf. &bdquo;Ich fürchte mich nicht,&ldquo;
-stammelte er, &bdquo;was willst du?&ldquo;
-</p>
-
-<p>
-Da standen die drei Schwarzen wieder, in Abständen
-voneinander, es war aber schon tröstlich genug, daß sie
-nicht entschwanden, sondern blieben. Lange Zeit war kein
-Laut zu hören. Endlich machte die tiefe und ruhige Stimme
-sich wieder auf:
-</p>
-
-<p>
-&bdquo;Wir sind gekommen, aber wir kommen nicht aus der
-Zeit. Aus Zeit ist unser Kleid, das schwarze, fremde. In
-Zeiten wüst und abenteuerlich, ging auch das Rechte und
-das Wahre, das im Licht verstummte, in Nacht gekleidet
-und vermummte sich in schwarzes Kappenzeug und schwarzes
-Hemde; zu richten über Ritterhelm und Diademe,
-Wirrnis zu schlichten, Böses zu vernichten, kam bei Nacht
-die Feme, Tore öffnend mit dem Zauberring, und nichts,
-das ihr entging.
-</p>
-
-<p>
-&bdquo;Fürchte dich nicht! Sei wie die sieben Lichter in unsrer
-Nähe nicht voll Angst und Graun, obwohl zu schaun
-nicht unsre Angesichter und unsre Namen dir verborgen
-sind. Dein Herz, das von Entsetzen noch gerinnt, samml&rsquo;
-es getrost, denn wir sind keine Schlimmen, sind Kläger
-nicht, noch Henker oder Richter, sind nur Stimmen, und
-was mit unsrer Zunge spricht, ist das Verborgene in deinem
-Herzen, sonst ists nichts.
-</p>
-
-<p>
-&bdquo;Denn wir sind eingedenk des Lichts wie du; obwohl
-wir gleichen ausgelöschten Kerzen, leuchten wir dir zu, auf
-daß es helle wird in deinem Herzen.&ldquo;
-</p>
-
-<p>
-Die Stimme schwieg. Georg, aus Schaudern in Schauder
-stürzend, fragte angstvoll, da das Schweigen dauerte:
-</p>
-
-<p>
-&bdquo;Was wollt ihr?&ldquo;
-</p>
-
-<p>
-<a id="page-29" class="pagenum" title="29"></a>
-Eine härtere, hellere Stimme, die von rechts zu kommen
-schien, sagte:
-</p>
-
-<p>
-&bdquo;Prinz Georg Trassenberg.&ldquo; Und nach einem Schweigen:
-&bdquo;Vorgeblich.&ldquo; Und nach aber einem Schweigen:
-&bdquo;In Wahrheit Sohn der Kaja Moscherowska.&ldquo;
-</p>
-
-<p>
-Georg fuhr mit dem Oberkörper nach vorn, öffnete den
-Mund, stammelte: &bdquo;Ka&mdash;&ldquo; Aber der Sprecher zur Rechten
-erhob die Hand und sagte:
-</p>
-
-<p>
-&bdquo;Still! Wir klagen nicht an, wir urteilen nicht, wir
-richten nicht, wir nennen. Wir sind nur Stimme. Anklage,
-Urteil und Vollstreckung übt allein dein eigenes
-Herz.&ldquo;
-</p>
-
-<p>
-Um Georg zuckte und schwirrte der Raum. Die Drei
-standen unbeweglich, hinter sich ihre die Wand emporsteigenden
-Schatten. Die sanfte, erste Stimme tat sich
-auf:
-</p>
-
-<p>
-&bdquo;Das Kind Esther schläft an dem Grunde des Meeres.
-Ist in deinem Herzen nichts, das sich verflochten fühlte
-mit dem Untergang einer ratlosen Seele?&ldquo;
-</p>
-
-<p>
-Georg zitterte heftig, senkte schwer die Stirn, bewegte
-die Lippen ohne Laut, zitterte nur. In weiter Ferne sagte
-jemand: &bdquo;Sigune ...&ldquo;
-</p>
-
-<p>
-Sie lebte ohne mich noch, bewegte es sich in Georg, sie
-lebte, sie lebte ... Eine ungeheure Angst drang auf seine
-Seele ein, er fühlte seine Glieder an sich hängen wie erschlagen,
-totmatt, schwer wie gefüllt mit Steinen.
-</p>
-
-<p>
-&bdquo;Wir reden nicht von Schuld und nicht von Sünden&ldquo;,
-scholl es sanft und fast liebevoll nahebei. &bdquo;Wir sind allein
-gekommen, zu verkünden, was in der Brust dir schlummert
-eingelullt. Bedenke: nichts auf Erden wird durch
-<a id="page-30" class="pagenum" title="30"></a>
-fremden Griff und äußres Handeln. Aus dir selber mußt
-du werden, kannst dich aus dir selbst nur wandeln! Aus
-der Ferne kann nichts an dich heran, nur du selbst allein
-kannst dich gefährden. Daß vom Dache fällt auf dich der
-Stein, lenkst du selbst in jene Straße ein. Niemand kannst
-auch du verletzen, aus ihm selber kommt ihm Pein, Lust
-erkaufst du nicht mit Schätzen, du bist selber Rausch und
-Wein. Niemand stürzt durch deine Hand, Schuld verstrickt
-sich nur mit Schulden, nie bedacht und nie erkannt,
-&mdash; aber du mußt es erdulden. Hiermit schweige unser
-Chor. Nicht von außen, nein, von innen tönten wir
-zu deinen Sinnen, stiegen aus dir selbst hervor; wandeln
-wir auch jetzt von hinnen, keiner sich von uns verlor.
-Sieh uns schwinden ... tausendmal, über Bergen,
-im Tal, du hast keine Wahl, &mdash; immer wirst du uns
-wieder finden.&ldquo;
-</p>
-
-<h4 class="section">
-Traum
-</h4>
-
-<p class="first">
-&mdash; &mdash; &mdash; &mdash; &mdash; &mdash; &mdash; &mdash; &mdash; &mdash; Kaja! &mdash; &mdash; &mdash; &mdash; &mdash;
-&mdash; &mdash; &mdash; &mdash; &mdash; &mdash; Hell sprang ein Klingen in Georgs Gehör
-auf, es summte lange nach, er merkte, daß er in allen
-Gliedern zusammengefahren war, glitt ganz langsam in
-alle Enden seines körperlichen Daseins zurück und fühlte,
-daß er aufrecht saß. Da brannten die Kerzen, nur noch
-Stümpfe, über und über tropfend von Wachs. Gott sei
-gelobt, dachte Georg schwach lächelnd, das war ja ein
-fürchterlicher Traum! Aber wie elend mir ist! Ich glaube,
-es geht auf Morgen. Ich möchte zu Bett, &mdash; aber &mdash; ich
-&mdash; kann &mdash; &mdash; nicht ...
-</p>
-
-<p>
-<a id="page-31" class="pagenum" title="31"></a>
-Ohne Bewegung hockte er im Sessel, sank endlich zusammen,
-legte das Haupt auf die Lehne und fühlte sich im
-selben Augenblick mit atemraubender Schnelligkeit fortgerissen,
-daß der Raum um ihn sauste und toste. Es war
-dämmrig umher, er flog, wie es schien, in großer Höhe,
-und alsbald erkannte er, ohne Schwindel und mit Entzücken,
-unter sich das Meer, schimmernd blau in gewaltiger
-Tiefe. Wogenzüge, gebogen und in Schlangenlinien,
-schoben sich schimmernd weiß in der metallenen Fläche hin
-und her, er flog, da stieg in der Ferne eine schneeweiße
-Klippe auf, er stürmte darauf zu, hoch über ihr, und allmählich
-wurde sie zu einer riesenhaften Säule, die wiederum
-sein Herz hüpfen ließ vor Wonne mit der Schönheit
-ihres schlanken Wuchses und der geschwungenen Räder
-ihres jonischen Kapitäls. Auf dessen Platte war eine farbige
-Bewegung, Gestalten in bunten Gewändern, und im
-Näherfliegen erkannte er, daß eine in der Mitte stand, die
-war glänzend golden, und rings im Kreise waren eine
-Menge, zehn &mdash; oder zwölf? &mdash; ja, zwölf aufgestellt. Deren
-jede hielt eine goldene Stange neben sich stehend, und oben
-daran, über den Häuptern der Gestalten &mdash; ihre Gewänder
-leuchteten rot und gelb, violett und grün und weiß
-und in noch mehr Farben &mdash; blitzten große goldene Ziffern,
-&mdash; Georg erkannte und las eine Neun, Zehn und Zwölf,
-Sieben und Acht, und jetzt sah er auch die Gesichter, die
-ihm bekannt erschienen, ohne daß er Namen für sie finden
-konnte. Aber da bewegte sich etwas, nämlich ein uralter
-Mann, weißhäuptig mit langem weißem Bart, in einem
-schwarzen Talar. Dieser schritt gebückt und die Hände
-auf dem Rücken außen im Kreise um die Ziffernträger,
-<a id="page-32" class="pagenum" title="32"></a>
-und nun wußte Georg, daß es eine Sonnenuhr war und
-der Greis ihr Schatten. Die goldene Figur in der Mitte
-drehte sich mit den Schritten des Greises, und da jetzt eben
-ihr Gesicht aufleuchtend herumkam, so erkannte Georg
-deutlich Renate, erkannte ihren Seligkeitsmund, die blaue
-Farbe ihrer Augen, in denen das Meer aufgebrochen zu
-sein schien, und ihr bräunliches Haar. Erhob sie nicht die
-Hand, lächelte und winkte ihm zu? Ja, waren denn alle
-Ziffern schon da? Er suchte verkrampften Herzens im
-Kreis, auf einmal selber auf der marmorweißen Platte
-stehend, dicht neben einem der Zifferträger, dem er ins
-Antlitz sah, &mdash; es war Bogner; sehr groß, fremd und verhärtet
-stand sein Antlitz in die Mitte des Kreises gerichtet,
-er zuckte nicht mit der Wimper, und Georg eilte angstvoll
-weiter, gewahrte fern drüben eine Stelle leer, ging hinter
-Josef Montfort herum, der ganz wie Bogner unbeweglich
-gradeaus sah, ebenso hinter Ulrika Tregiorni, hinter
-Saint-Georges, hinter Magda, da begegnete ihm der wandernde
-Greis, der alte Montfort wars, &mdash; mein Gott, es
-wird gleich schlagen, dachte er in unsäglicher Furcht, wo
-war denn der leere Platz, sein Platz? Seine Füße wollten
-nicht mehr fort, er schleppte sie wie bleigefüllte Säcke, da
-war Erasmus Montfort, düster und schweigsam, Esther
-stand da, ihr Bruder, Irene war da, nun Klemens, &mdash;
-Cordelia, ach hilf mir doch, liebe Cordelia, stöhnte Georg,
-aber ihr Gesicht war eine weiße, lächelnde Maske, seine
-Kniee versagten, er sah undeutlich Dora Vehm, auch
-Benno, ach Gott, ach Gott, da stand schon wieder der
-Maler ... Auf einmal rührte jemand seine Schulter an,
-er fuhr entsetzt herum, atmete aber beseligt auf, als er
-<a id="page-33" class="pagenum" title="33"></a>
-Jason al Manachs freundliches kleines Antlitz sah, ganz
-klein, ja, wie eine Hand, und die Hälfte davon war Stirn.
-&bdquo;Ist denn für mich kein Platz, Jason?&ldquo; stammelte er
-flehend. &bdquo;Es muß jeden Augenblick zwölf schlagen, und
-dann ists ja aus.&ldquo; Er riß sich wieder los, schleppte sich
-zu Esther hin und sagte mit unterdrückter Stimme: &bdquo;Du
-bist ja tot, was willst du denn hier?&ldquo; und versuchte, sie
-wegzudrängen. Da seufzte Esther, alle Gesichter im Kreis
-blickten vorwurfsvoll auf Georg, er raufte sich das Haar,
-keuchte, stammelte: Ja, ja, ja, ich bin der Mörder, ich bin
-der Mörder! &mdash; Unter ihm glitzerte die blaue Meeresfläche,
-er stürzte kopfüber hinab, stürzte, stürzte, &mdash; schlug die
-Augen auf und lag still, nichts empfindend durch Minuten
-als das göttliche Gefühl der Rettung.
-</p>
-
-<p>
-Einige Zeit danach schien es ihm, als stünde er vor seinem
-Bett; danach kam es ihm vor, als läge er in Kissen,
-dann versank er in Müdigkeit.
-</p>
-
-<div class="chapter">
-
-<h3 class="chapter" id="subchap-0-1-2">
-<a id="page-34" class="pagenum" title="34"></a>
-Zweites Kapitel
-</h3>
-
-</div>
-
-<h4 class="section">
-Frühstück
-</h4>
-
-<p class="first">
-Renate, schon in ihrem lavendelblauen Festkleid, wollte
-sich eben vor ihren Frühstücksteller setzen, als ihr der Herzog
-gemeldet wurde. Leicht innerlich zuckend, fragte sie
-sich: Morgens um acht Uhr, was soll denn das bedeuten?
-&mdash; Sie wußte, was das bedeutete, aber sie verschwieg es
-sich, ging in die Halle und sah ihn eben zur Tür hereinkommen,
-ein wenig ungeschickt, aber ganz leicht, den Stock
-kaum benützend, ein großes Bündel Lilien in der Hand.
-Sie lachte ihn an, er blieb stehn, lachte auch, und &mdash;
-&bdquo;Lieber Freund,&ldquo; sagte sie, &bdquo;das ist ja wundervoll, so früh
-am Morgen und auf so tapferen Füßen!&ldquo;
-</p>
-
-<p>
-Nun ging sie zu ihm hin und gab ihm die Hand, zugleich
-die Lilien aus seiner Linken nehmend und an die
-Brust drückend. Sie neigte das Gesicht in die Kelche und
-hörte ihn sagen, während er ihre Hand festhielt:
-</p>
-
-<p>
-&bdquo;Ja, Renate, das ist wahr, was Sie sagen: tapfere
-Füße, und es sind auch &mdash; besondre Füße, auf denen ich
-hereinkomme.&ldquo;
-</p>
-
-<p>
-&bdquo;Ja?&ldquo; sagte sie zögernd. Er legte auch die andre Hand
-um die ihre, zog sie zur Brust empor, wollte lachen, atmete
-mit ganzer Brust auf und sagte ernsthaft: &bdquo;Freiersfüße,
-Renate.&ldquo;
-</p>
-
-<p>
-Hart stand ihr Herz auf und lief. Ich wußte es ja,
-sagte eine Stimme in ihr, wußte es längst, aber ich wollte
-es nicht wahrhaben. &mdash; Es gelang ihr, ihn anzusehn, da
-mußte sie lächeln. Wie er keuchte! Sie drehte ihre Hand
-<a id="page-35" class="pagenum" title="35"></a>
-in den seinen hin und her, bis sie losgenestelt war, ging
-zum nächsten Fenster, legte die Lilien auf die Fensterbank
-und stützte das Kinn in die linke Hand, den Ellenbogen in
-die rechte setzend. Sie blickte auf, ließ die Hände fallen und
-wandte sich langsam zum Herzog herum. Der schloß eben
-die hängenden Hände und spreizte sie wieder. Sie sah ihn
-voll an, fühlte, wie sie errötete, und sagte leise: &bdquo;Ja &mdash;
-ich möchte &mdash; &mdash; ich möchte sehr gern &mdash; &mdash;.&ldquo;
-</p>
-
-<p>
-Hastig lief sie wieder auf ihn zu, legte die Hände auf
-seine Brust, sah, die Brauen ganz zusammenziehend, angstvoll
-in sein großes, starkes Gesicht und hörte ihn sagen:
-</p>
-
-<p>
-&bdquo;Ich liebe Sie, Renate, das ist der ganze Grund, ich
-liebe Sie sehr. Ich bin fünfundzwanzig Jahre älter als
-Sie, aber ich &mdash; ich gebe Ihnen mein Wort, daß ich in
-fünfundzwanzig Jahren noch so jung bin wie heut, wenn
-Sie ...&ldquo;
-</p>
-
-<p>
-Er verstummte und tastete nach ihren Händen. Sie
-merkte, daß er zitterte, und alle Macht strömte aus seinem
-Zittern frohlockend in sie zurück. Lange stand sie und sah
-nichts als seine fast schwarzen, flehenden, besorgten, zuckenden,
-befehlenden Augen. Langsam glitt sie mit den geschlossenen
-Händen an seinem Gesicht empor und deckte
-seine Augen zu, drückte sie dann gegen seine Lippen, seine
-Wangen, trat plötzlich zurück und sagte, aufhorchend bei
-dem tiefen Klang ihrer Stimme: &bdquo;Nun Geduld! &mdash; Geduld
-...&ldquo;
-</p>
-
-<p>
-&bdquo;Geduld&ldquo;, sagte er mit zuckenden Brauen, &bdquo;ist das
-Schwerste auf der Welt.&ldquo;
-</p>
-
-<p>
-Nun konnte sie strahlend lächeln und rief: &bdquo;Das
-Schwerste von der Welt ist grade noch leicht genug für
-<a id="page-36" class="pagenum" title="36"></a>
-Renate Montfort!&ldquo; Sie stampfte leicht mit dem Fuß auf:
-&bdquo;Weißt du das nicht?&ldquo;
-</p>
-
-<p>
-&bdquo;Doch!&ldquo; sagte er ehrlich. Alle weiteren Worte schnitt
-sie mit einer Handbewegung ab, ging zur Tür, drückte
-auf die Klingel und blieb dort wartend, die Hand am
-Klingelknopf, indem sie lächelnd auf den Herzog blickte,
-der sich umgewandt hatte. Als das Mädchen kam, bat
-sie um eine Vase für die Blumen und um noch ein Gedeck
-für den Herzog.
-</p>
-
-<p>
-&bdquo;Ich habe Hunger,&ldquo; sagte sie freundschaftlich, &bdquo;wollen
-Sie mit mir frühstücken? Wir müssen uns beeilen, um neun
-Uhr kommt Georg und holt mich zum Festspiel.&ldquo; Als sie an
-ihm vorübergehen wollte, merkte sie, daß er nach ihr greifen
-wollte, schlug geschwind einen Bogen, raffte ihr Kleid
-vorn mit beiden Händen und lief schwebenden Schrittes
-und vor sich hinlächelnd zur Tür des Frühstückszimmers;
-dort blieb sie stehn, ließ ihr Kleid fallen, lehnte sich mit
-dem Rücken gegen die Türfüllung, faßte den Rahmen mit
-den Händen und sah ihn so von dort aus an, lächelnden
-Mundes, mit weit offnen, liebevollen Augen. &bdquo;Komm!&ldquo;
-verlockte sie, kaum die Lippen bewegend, und dachte: Ich
-habe ja Künste in mir aufbewahrt, &mdash; oh, dann will ich
-sie brauchen! &mdash; Damit ging sie leicht und die Stirn gesenkt
-wieder bis zu ihm und reichte ihm die Hand. Während
-er sie an die Lippen hob, neigte sie den Kopf tiefer
-und tiefer, unvermögend, einen Gedanken zu fassen.
-</p>
-
-<p>
-Renate kam erst eigentlich zu sich, als sie am Tische saß,
-dem Herzog gegenüber, Kaffee in seine Tasse füllend. Da
-merkte sie plötzlich, daß ihre Augen heiß und feucht wurden,
-sie setzte hastig die Kanne hin, schüttelte, den ängstlichen
-<a id="page-37" class="pagenum" title="37"></a>
-Ausdruck in seinen Zügen gewahrend, den Kopf,
-daß zwei Tränen abfielen, und sagte ernst: &bdquo;Lieber, ich
-habe dies Haus hier zu hüten, was soll ich tun? Ich habe
-mir geschworen, nicht hinauszugehn, als bis alles wieder
-so ist, wie ich kam, &mdash; ja, das tat ich nun,&ldquo; sagte sie fest,
-&bdquo;das müssen wir behalten. Du weißt ja alles vom Onkel,
-ich kann ihn nicht im Stich lassen. Was ich mir gedacht
-habe, kann ich dir auch nicht sagen, aber das ist auch
-gleich; du bist nun gekommen, und es muß wohl irgend
-etwas geschehn. Du mußt dich gedulden, bis ich das erledigt
-habe. Rede ich zuviel?&ldquo; fragte sie wehmütig, lächelte
-ihn an und streckte ihre Hand über den Tisch nach ihm
-hin, zog sie aber schnell fort, als er danach faßte, ergriff
-ihre Weißbrotscheibe, zog den Honigtopf heran und begann
-zu essen.
-</p>
-
-<p>
-&bdquo;Mein Sohn Georg&ldquo;, hörte sie den Herzog sagen,
-&bdquo;hatte einmal eine Redensart, die hieß: quid quod? auf
-deutsch: Was soll man dazu sagen? Also ich sage: quid
-quod? Nämlich,&ldquo; fuhr er eiliger fort, während sie leise
-lachte, &bdquo;ich wollte ja erst morgen kommen, wenn all das
-mit Georg erledigt sein würde, aber heut morgen hat es
-mich doch übermannt.&ldquo;
-</p>
-
-<p>
-&bdquo;Oh,&ldquo; meinte Renate nachsichtig, &bdquo;zu früh aufstehn
-kann man nie.&ldquo;
-</p>
-
-<p>
-&bdquo;Und den Tag über heut&ldquo;, fuhr der Herzog fort, &bdquo;habe
-ich keine Zeit; da mein Sohn Festspiele aufführt, muß ich
-die Gäste empfangen, und heut nachmittag sind ja die
-großen Vereidigungen.&ldquo;
-</p>
-
-<p>
-Die großen Verneigungen ... klang es sonderbar in
-Renate, sie suchte, wann und wo sie das einmal gehört
-<a id="page-38" class="pagenum" title="38"></a>
-hatte, hörte zerstreut zu, was der Herzog sagte, ohne etwas
-zu verstehn, und wurde langsam mit Essen und Trinken
-fertig. Plötzlich übergoß es sie dann, da sie den Herzog
-groß dasitzen sah, mit durchdringenden Augen, während
-er sagte: &bdquo;Sie sind ja so über alle Begriffe schön,
-daß &mdash; &mdash; daß &mdash;&ldquo;
-</p>
-
-<p>
-Die drei großen Verneigungen, klang es wieder, die
-drei großen Verneigungen. Dann merkte sie, daß er Sie
-gesagt hatte, und gerührt von dieser Zartheit, erhob sie
-sich, ging um den Tisch zu ihm hin und legte einen Arm
-um seinen Nacken. Langsam hob er das Gesicht, sie beugte
-sich und küßte seine Stirn.
-</p>
-
-<p>
-&bdquo;Genug für heut,&ldquo; sagte sie mit plötzlicher Entschlossenheit,
-&bdquo;und nun muß ich mir das Haar machen lassen, in
-einer Stunde kommt Georg.&ldquo;
-</p>
-
-<p>
-&bdquo;Georg,&ldquo; sagte der Herzog aufstehend, &bdquo;ja, ist er eigentlich
-blind?&ldquo;
-</p>
-
-<p>
-Renate verstand nicht, obwohl sie gut verstand. &bdquo;Leb
-wohl&ldquo;, sagte sie und streckte die Hand aus.
-</p>
-
-<p>
-Wieder stand er vor ihr, sehr groß, fast überwältigend,
-und sie bebte leicht, bog sich zurück, ließ aus aller Glut,
-die sie in Schnelle zu sammeln vermochte, einen strahlenden
-Schein aus ihrem Antlitz über das seine gehn, verschattete
-sich wieder, neigte kurz das Haupt und ging,
-von ihrer Seide umrauscht, mit kleinen und festen Schritten
-hinaus.
-</p>
-
-<p>
-In ihrem Zimmer oben stand sie, an unfaßliche Vorstellungen
-verloren, so lange, bis die Zofe mahnte; die
-nächste halbe Stunde verging ihr gedankenlos unter dem
-mühseligen Aufbau ihres Haars und der Zieraten.
-</p>
-
-<h4 class="section">
-<a id="page-39" class="pagenum" title="39"></a>
-Verkleidung I
-</h4>
-
-<p class="first">
-Georg erwachte, hob langsam die Lider und sah, daß
-es Morgen war. Ungeblendet sahen seine Augen ins
-Zimmer, &mdash; ja, wie ist mir denn? dachte er, &mdash; oh, mir
-ist wunderbar! &mdash; Unvermutet mußte er die Arme mit
-geballten Fäusten von sich stoßen und aus dem Bett
-springen; im Aufsprung taumelte er, stolperte auf einen
-Stuhl zu und hielt sich daran, lachte und hielt erstaunt
-einen kostbaren Gegenstand in der Hand, eine seidene
-Strumpfhose, deren eines Bein weiß, das andre schilfgrün
-war. Das ist ja meine Hose, dachte Georg, ah, nun
-merke ich, daß der wunderbare Tag anfängt. Er bauschte
-in den Händen die weiche Seide zusammen und betrachtete
-entzückt die hineingestickten Wappen, Blumen und Ornamente
-von Silber auf beiden Beinen. Da hing auch der
-Rock überm Stuhl, gleichfalls zur Hälfte weiß, zur Hälfte
-grün, und am Bügel darüber der kurze Mantel, tiefblau,
-glänzend von Seide, mit Hermelin leicht verbrämt, und
-am Stuhl lehnte die Laute, still, umschlungen von weißen
-und schilfgrünen Bändern, &mdash; alles genau so, wie er selber
-es am Abend zuvor aufgebaut hatte. Nun sprang er
-ans Fenster, riß den Vorhang auf und bemerkte enttäuscht,
-daß es grau draußen war; aber siehe, der Himmel
-blendete leicht, naß und schwer hingen die Büsche und die
-Hopfenranken jenseit des Weges, und schon glaubte er zu
-sehn, daß dieses Morgengrau mit goldenen Hefteln, zum
-Abstreifen lose, befestigt war. Die Sonne kommt, frohlockte
-er, Renate kommt, und nun bin ich Großherzog.
-Seine Brust dehnte sich schwer, er mußte einen Augenblick
-<a id="page-40" class="pagenum" title="40"></a>
-die Hände darauf drücken, er suchte die alte Angst im
-Herzen, aber nichts da, nichts gab es als eine seltsam
-üppige Kraft, ein stilles Feuer, von dem sein Innres
-glühte bei seltsam klarem Kopf. Nie war mir so wohl,
-flüsterte er sich zu, nie im Leben, ach das ist ja herrlich,
-ich möchte &mdash; was möchte ich nur? Einen Kiefernbaum
-ausreißen und den Staub von Renates Türe kehren, ja,
-das möchte ich! &mdash; Aber erst will ich baden.
-</p>
-
-<p>
-Er streifte den Schlafanzug ab, ging nackt ins Badezimmer
-und stellte sich unter die kalte Brause. Da ward
-ihm so unbändig zumut, daß er glaubte, er sei berauscht.
-Ich habe doch Wein getrunken in der Nacht, aber eine
-solche Wirkung habe ich noch all mein Lebtage nicht bemerkt.
-Er trocknete sich flüchtig ab, trat dann mit einem
-plötzlichen Entschluß an das Fenster, und &mdash; jetzt in einer
-süßen Beklommenheit zum Beten entschlossen &mdash; öffnete
-er die Flügel. Er blieb so, die erhobenen Hände an den
-Fensterflügeln, sehr aufrecht; und nun, aus blinder Beschämung,
-alles vergessend, hineinwachsend, als ob er
-sauste, in eine Inbrunst ohnegleichen, in der er, wie in gewaltigen
-Schwingen stehend, zum sicheren Absturz in unendliche
-Tiefen bereit war, sammelte er die Worte der
-Andacht.
-</p>
-
-<p>
-&bdquo;Licht, du selber verhülltes!&ldquo; sagte er, &bdquo;sieh mich
-nun! Verhüllt, siehst du mich doch. Sieh mich nackt, sieh
-mich auf meinem Gipfel! Groß ist der Tag, zu dem ich
-entschlossen bin. O Licht, du siehst, ich bin heiter, &mdash; aber
-nicht würdelos, nein. Nein, sieh doch die letzte Stunde
-der Freiheit, gönne mir, noch einmal heiter zu sein, gönne
-mir noch einen Flug, noch diesen Trunk aus dem Leichten,
-<a id="page-41" class="pagenum" title="41"></a>
-diesen Kuß der schönen Vergänglichkeit! Dann will ich
-die Arme gern ausstrecken, die eisernen Handschellen
-darumlegen zu lassen, die ich mir selber geschmiedet habe.
-Verachte mich heute nicht, Licht, entzieh mir nicht deine
-ewige Gnade, erleuchte mich morgen und allezeit, laß mich,
-wie in diesem feurigen Augenblick, nur allezeit wahr sein,
-ganz sein, der ich bin, wahr, wahr, ein Gemächt des Schicksals,
-aber ein stolzes!&ldquo;
-</p>
-
-<p>
-Er öffnete die schamvoll geschlossenen Augen, da ihn
-die Worte verließen, wandte sich und atmete, als wäre er
-in sich zurückgekehrt, tief auf, gleichsam beruhigt, sich so
-einfach zu finden. So einfach, ja, aber auch so hundertfältig
-wohl.
-</p>
-
-<p>
-Aus den Poren seiner Haut strömte nicht Wärme, sondern
-Kühle; von sich selber umfächelt trat er vor den
-Spiegel und war durchaus mit sich einverstanden, außer
-mit seinem Gesicht, das stark gemagert war, &mdash; ja, das
-war gerechte Folge der Arbeitsmonate, &mdash; und dafür hatte
-er seine Augen noch nie so groß und leuchtend gesehn; sie
-blitzten wie durch Glas, und die Pupillen schienen ihm
-vergrößert, als hätte ihm jemand Belladonna eingegeben.
-&mdash;
-</p>
-
-<p>
-Georg begann sich anzuziehn, die seidenen Hosen auf
-die nackte Haut, eine kühle Wonne, in die er sich kleidete.
-Dabei fiel ihm ein, daß er schwer und seltsam geträumt
-hatte bei Nacht. Er besann sich, auf dem Bettrand sitzend,
-die Hosen erst halb übergestreift, und für einen Augenblick
-wälzte sich schwer und wolkig ein Stück Nacht in sein
-Innres, gefüllt mit schaurigen Beängstigungen. Ich
-stürzte ja immer, erinnerte er sich, zuletzt von einer Klippe
-<a id="page-42" class="pagenum" title="42"></a>
-ins Meer, &mdash; wie war es doch nur? Sonnenuhr ...
-aber die Ziffern waren Menschen, und ich &mdash; ich konnte
-meinen Platz nicht finden. Nein, viel schlimmer waren ja
-diese Gugelmänner! Und wie sie fortwährend schwanden!
-Dann redeten sie kostbare Dinge, Verse glaub ich, die
-mich durchschauderten, aber das habe ich schon oft erlebt,
-daß mir im Traum etwas wunderbar erschien, was sich
-im Wachen als sinnlos und albern herausstellte. Als
-Esther noch lebte, träumte ich einmal eine ganze Novelle
-von ihr, noch im Wachen war ich entzückt davon, und
-dann zerstob es wie Nebel in sinnlose Stücke; daß eine
-Droschke darin vorkam, weiß ich noch. &mdash; Sieh da &mdash; habe
-ich nicht auch den Orion gesehn diese Nacht? Den Orion,
-den Winterstern! ist es zu sagen ...
-</p>
-
-<p>
-Kaja ...
-</p>
-
-<p>
-Plötzlich sanken ihm die Hände, er erschrak, aber &mdash;
-was war denn zu erschrecken? Er suchte und fand nichts,
-als wieder dies Wort Kaja, und dann &mdash; er lächelte &mdash;
-ach, meine Mutter, sagten die Schwarzen, habe Kaja geheißen.
-Ich Kajus, nehme dich, Kaja, so hieß doch die
-alte römische Trauformel, und: Wo du bist, Kajus, da
-bin auch ich, Kaja. &mdash; Es ist aber doch eigentlich schauerlich
-mit dem Träumen, dachte er, aufstehend und den
-Hosenbund zusammenschnürend, sie machen, was sie nur
-wollen, mit uns, wir müssen lieben oder hassen, bekämpfen
-oder fürchten, ganz ohne unser Zutun, und was uns
-längst abgetan schien, das kommt wieder, immer wieder,
-auch die Toten ...
-</p>
-
-<p>
-Überdem war er wieder vor den Spiegel geraten und
-vergaß alles über dem unverhofften Glanz seiner Beine.
-<a id="page-43" class="pagenum" title="43"></a>
-Dann fuhr er in den Rock und hakte ihn zu, von der
-Achselhöhle zur Hüfte; er fiel über die halben Oberschenkel
-herab, in der Mitte leicht eingerafft; die Ärmel, der weiße
-und der grüne, umgekehrt wie die Farbteilung der Beine,
-lagen eng wie die Haut selber an, aus dem Halsausschnitt
-kräuselte sich der gewellte Ring des Hemdes am
-Halse empor. Während er das verwirrte Haar mit dem
-Kamm glättete, sah er im Spiegel, daß draußen das Grün
-schon leuchtete und sich vergoldete, und plötzlich glänzte
-es zu seinen Füßen, und ein breiter Streif Sonne stand,
-in Milliarden Stäubchen schimmernd, mitten im Zimmer.
-Ach, und kühl war es, kühl! Er griff nach dem kurzen
-Schwert, dessen Gürtel über der Stuhllehne hing, und
-der aus verhakten Quadraten von Silberfiligran und
-dunkelblauem Email bestand; die Klinge stak in schwarzlederner
-Scheide mit silberner Spitze. Er nahm den
-Gürtel auseinander und legte ihn um die Lenden, unterhalb
-des Leibgurtes, wo er an kleinen Haken festhing.
-Auf die Uhr blickend, fand er, daß es gleich dreiviertel
-Neun war, er eilte ins Eßzimmer und aß mit starkem
-Hunger Eier, Brot, kalten Braten und warmen Haferbrei
-mit Milch. Im Hause war es still, Egon mußte
-längst draußen sein, auch die Hausmeistersleute waren
-gewiß schon auf der Wandrung zu ihrem Tribünenplatz.
-</p>
-
-<p>
-Georg legte die Zigarette unangebrannt noch einmal
-fort, trat in die offne Gartentür, atmete tief und lang die
-Kühle des Morgens und begrüßte mit immer leichterem
-Herzen die hervorsegelnden Bläuen überm Nebelmeer der
-Lüfte. Sein Gesicht zuckte von innen heraus mit Lächeln
-und Freudigkeit, kein Gedanke tat sich hervor, er konnte
-<a id="page-44" class="pagenum" title="44"></a>
-nur atmen und sich wohlfühlen und dem Himmel danken,
-daß er Augen hatte zu schaun, Lungen zu atmen und
-eine brennende Seele, die alle Welt umher an sich zog wie
-Luft, um sie zu verzehren und höher davon zu leuchten.
-Alles funkelte ihn an, jede Farbe, das Grün, das lichte
-Gelb und Zinnober der Stockrosen; das Blau der Glockenblumen
-im Garten schien ihm noch einmal so tief, er begriff
-es nicht, er wollte es nicht begreifen. Keine Kontur
-war je so deutlich, kein Blatt ihm je so stark und lebendig
-gekrümmt, gezahnt und beschattet erschienen, ach, wie
-mußte erst blühen Renate! &mdash; und er kehrte um, lief zur
-Tür, besann sich auf seine Laute, suchte sie in allen Zimmern,
-dachte: sie wird brausen und klingen unter meinen
-Fingern, obwohl ich keinen Griff verstehe, fand sie endlich
-auf dem Bett, halb unter der Decke, sprang auf den Gang
-und zur Tür hinaus, wo bei Gott ein Automobil stand,
-als wäre es hergezaubert. Nach einem kleinen Versuch,
-mit dem Kopf voran durchs Fenster ins Innre zu springen,
-öffnete er ernsthaft den Schlag, schrie dem Kutscher zu:
-Güntherstraße fünf! warf sich in den Rücksitz und schloß
-die Augen.
-</p>
-
-<p>
-Wenn wir nur erst zu Pferd wären! wünschte er begierdevoll
-und öffnete die Augen wieder; sogleich wogten
-zu beiden Fenstern bunte Stürze von Stoffen, Fahnen,
-Blumen und Bewegung herein, er packte die Ringe der
-Vorhänge und zog sie straff herunter, er wollte nichts
-sehn, wollte die ganze Vollkommenheit des Schauspiels
-sich bewahren, drückte sich wieder in die Ecke, stöhnte vor
-unbezwinglicher Ungeduld und kniff die Augen zu. Alsbald
-brandete die Woge der Erregung wilder und kälter
-<a id="page-45" class="pagenum" title="45"></a>
-um sein Herz, so daß er sich leiblich umklatscht fühlte von
-einer großartigen Kühle, die ihn trug und aufrecht machte,
-ja, deutlich unterschied er im lauten Toben seines Blutes
-die geistige, fast eisige Stille seiner Kaltblütigkeit. Sein
-ganzer Leib dehnte sich in allen Fugen und Nähten vor
-fiebrischer Erwartung Renates, es knatterte in ihm, wie
-eine Stichflamme aufschießend mitunter, schien er sich
-als ein riesenhaft gebauchtes Segel, eine tönende Gefäßwand
-voll praller Windvölle über einem tosenden Geroll
-strömender Wasser zu stehn, zu prasseln, zu fliegen, unsagbar
-leicht und straff, strotzend von Kräften. Draußen
-unsichtbar, dumpf murmelnd und brausend, rollte das
-farbenreiche Getümmel der sich zur Freude sammelnden
-Mengen, und mit ihnen &mdash; so war es! &mdash; rollte aus allen
-Fesseln die Gewalt seines durchkühlten Bluts, schlug
-wogenhoch an Häuserfronten, spritzte klatschend zu Fenstern
-hinein, wirbelte um auf Plätzen und ergoß sich
-vollen, stürmischen Schwalles durch die Gassen, während
-er selber dasaß, wie ein Gott in sich zuhaus, in einer
-flammenden Wolke von Inbrunst, berauschten, tönenden
-Herzens, in den Ohren Musik und Gelächter, die Lippen
-überquellend von Jubel; und um so lautloser all dies in
-langen, lang schwankenden Minuten sich ergoß, um so
-magischer war es auch, &mdash; wie Legende, so wars. Und
-schon hielt der Wagen an.
-</p>
-
-<h4 class="section">
-Verkleidung II
-</h4>
-
-<p class="first">
-Und schon sprang Georg, federnd wie ein Ball, von
-sich selber um- und angeschillert mit seidener Buntheit,
-<a id="page-46" class="pagenum" title="46"></a>
-durch einen fremden, sonnigen Vorgarten, auf ein fremdartiges,
-grau und sonniges Haus zu, über Stufen hinweg
-durch ein gläsernes Tor, warf sich durch einen kühl
-dämmrigen Flur wohlbekannten Geruches, vorbei an
-wohlbekannten Bildern, Spiegeln, weißen Türen auf eine
-dämmerweiße Doppeltür zu, die von selber vor ihm sprang,
-und schon stand er vor dem Wunder.
-</p>
-
-<p>
-Lavendelblaues Wunder! Er stand nicht, er stürzte an
-den Boden, leicht, in sich gefaßt, geworfen und gehalten,
-auf das rechte, gebogne Knie, die Arme aufwerfend und
-breitend und senkend, die flachen Hände angeströmt von
-Lust und Glanz, das Haupt im Nacken, brausend unter
-allen Gliedern wie ein niederströmender Aar aus Lüften
-und Gewölk, und rief mit heller Stimme: &bdquo;Herrlichkeit!
-Herrlichkeit über Herrlichkeit! ich bin da, ich bin gekommen!&ldquo;
-</p>
-
-<p>
-Renate, unter sich Georgs lachendes, magres, knabenhaftes,
-leuchtendes Gesicht, bewegte sich nicht, da Magda
-hinter ihr den Schleier auf ihrem Kopf befestigte, sah
-steifen Gesichts, die Augen gesenkt, auf ihn nieder, faßte,
-um ihn zu begrüßen, in die Falten ihres Kleidrocks über
-dem Knie und hob ihn an, so daß der starre Saum von
-Silberbrokat an sein Gesicht rührte. Er faßte mit beiden
-Händen zu, Inbrünstigkeit spielend, so tief er sie empfand,
-und küßte sie lachenden Mundes. Dann bat er um Erlaubnis,
-aufstehn, und nachdem sie ihm gewährt worden,
-die Wundererscheinung betrachten zu dürfen. &mdash; Renates
-Gelächter schwang über ihm wie eine Glocke, da sie erklärte,
-das Wunder sei erst halb, noch fehlten die Überärmel
-und der Mantel, ja, es sei alles schon verpackt,
-<a id="page-47" class="pagenum" title="47"></a>
-jedes zu seiner Zeit ... Georg stammelte, daß er dann
-nicht wüßte, wie er das Ganze ertragen solle, und fing
-an, um sie herumzugehn. &mdash; Ihr Haar sah er, das bräunliche;
-es schimmerte durch ein fabelhaftes Netz von großen
-Perlen, vorne aber fielen die Zöpfe, wie Taue so dick,
-Haarsträhnen, durchflochten mit Perlenschnüren und schilfgrünen
-Bändern, über die Brust bis zu den Knieen herab,
-und die Enden der Bänder bebten bei jeder Bewegung
-leise dicht über den Füßen in silbernen Schuhen. Die
-lavendelblaue Seide, grauschiefrig schillernd in der Nähe
-der Nähte, umschloß Brust, Leibesmitte und Hüften eng,
-ergoß sich dann in großem, starrem Faltenwurf; vom
-runden Ausschnitt des Halses senkte sich zwei Hände breit
-eine glitzernde Borte von Silberbrokat vorn herab bis
-zum Saum, der starr stand, drei Hände breit, silberner
-Brokat. Und in all dem Silbernen, dem lichten Blau,
-Perlweiß und lichtem Grün glühte das meilentiefe Blau
-ihrer Augen, hauchte die rosene Zartheit ihrer Wangen,
-glühte das Rot ihrer Lippen, der göttlich geschwungenen,
-alles in allem ein Pokal voll Unersättlichkeit, in den
-Georgs Herz hineinsprang mit einem Satz wie ein Panther.
-&mdash; In der Nacht, wo ich dies umarme, dachte er,
-werde ich sterben und das ewige Leben davontragen wie
-eine Harfe, auf der ich &mdash; ach, ich weiß es nicht, aber
-warum sage ich es ihr nicht? Ich werde es ihr sagen,
-doch nicht jetzt, am Mittag vielleicht, am Abend, ich will
-&mdash; noch &mdash; noch! &mdash; kein Band und keine Fessel zu ihr
-hinüber als mein trunkenes Empfinden, und er sagte:
-&bdquo;Jetzt wollen wir fahren. Aber Magda, &mdash; was ist denn
-mit dir? kommst du nicht mit?&ldquo;
-</p>
-
-<p>
-<a id="page-48" class="pagenum" title="48"></a>
-Sie schüttelte lächelnd den Kopf und sagte: erstens müßte
-sie das Haus hüten und den Onkel ...
-</p>
-
-<p>
-&bdquo;Und zweitens?&ldquo;
-</p>
-
-<p>
-Zweitens hätte sie kein Kleid. Er erinnere sich ja wohl
-noch, daß er selber das Gebot erlassen habe, daß niemand
-in andrer als in alter Tracht sich heut öffentlich zeigen
-dürfe ...
-</p>
-
-<p>
-Georg mußte es zugeben. Allein in plötzlicher Liebe zu
-ihrer dürftigen Gestalt, bestand er darauf, ihr am Abend
-das Feuerwerk und den Tanz in den Gärten zu zeigen.
-Ob sie nicht eines von Renates Trachtkleidern anziehen
-könne, &mdash; und nun gab sie gerührt nach.
-</p>
-
-<p>
-Und schon saß Georg, nachdem Renate lächelnd zugegeben
-hatte, daß er die Vorhänge herunterzog, auf dem
-schmalen Rücksitz des Wagens ihr gegenüber, genau genommen,
-dachte er, in ihr, denn sie füllte den halben
-Wagen mit ihrem Kleid und den Luftraum ganz mit Duft
-und Blühen. Sie schauerte ihn an wie atlantischer Wind,
-er schloß die Augen und sah sie in brennenden Umrissen
-dasitzen, in ihrer sinnenden Haltung, die sie liebte, die er
-liebte, das Kinn in die rechte Hand gestützt, den Ellenbogen
-auf dem übergeschlagnen rechten Knie, in der
-Linken im Schoß den kostbaren Haufen ihrer Zopfenden
-und der Seidenbänder. Ihr leibliches Leben strahlte über
-und über aus ihr; in allen Falten raschelte, in allen Nähten
-lief, im äußersten Saume brannte und zitterte noch die
-Süßigkeit ihres rosigen Lebens. Georg sah und sah, &mdash; sah
-alles Unsichtbare: unter dem lavendelblauen Kleidhimmel
-wie eine lockre Schar schneeweißer Fittiche das Gewoge ihrer
-Leibwäsche in weißer Dämmrung; darein stiegen von
-<a id="page-49" class="pagenum" title="49"></a>
-unten, aus Silberschuhn, die schlanken Schäfte ihrer Beine,
-glatt bespannt mit blauem Flor; da wölbten sich unbeschreiblich
-die Rundungen der Knie, blau bespannt bis zu
-einer Handbreit höher hinauf, wo es kaum sichtbar
-schimmerte &mdash; nicht wie Marmor und nicht wie Rosen,
-wie Schnee nicht, noch Elfenbein, noch Mandelblüte, &mdash;
-Magnolie vielleicht, &mdash; nein, davon nichts, sondern lebendige
-Haut, unfaßliche Glätte, Süße, Hauch, Schimmer,
-Duft, Verwirrung aller Sinne unter dem weißen Spitzenschaum
-und &mdash; Georg dehnte ein wenig die Brust, breitete
-die Arme zu beiden Seiten aus, sich anlehnend, und suchte
-umsonst zu begreifen, wie er so gelassen dasitzen konnte, die
-sanften Schwellungen ihrer Brust offnen Auges betrachtend,
-dazu die zarte Linie ihres Profils, der gebogenen
-Nase, lieblichste Wölbung der Oberlippe und flügelnde
-Entzückungen der tiefgezogenen Mundwinkel, von kaum
-sichtbarem, weißem Fruchtflaum umhaucht, &mdash; anstatt in
-all dies hineinzuwühlen Haupt und Mund und erblindende
-Augen, an allen Sinnen gesträubt und betäubt, geglättet,
-unersättlich, rauchend und begraben im klirrenden Schutt
-seines Daseins.
-</p>
-
-<h4 class="section">
-Fahrt
-</h4>
-
-<p class="first">
-Renate, still vor sich niederblickend, sehr glücklich,
-atmete tief und leicht, gewahrte von Georg gegenüber in
-der sonnigen Dämmrung des kleinen Raums den Schatten
-seines blassen Gesichts, dachte an seinen Vater, lächelte sanft
-auf, indem sie bemerkte, daß sie ja seine Mutter sein
-würde, blickte ihn voll an und fand ihn so hübsch, so
-<a id="page-50" class="pagenum" title="50"></a>
-liebenswert, so jung und schmal wie je; freilich nur ein
-schmaler Baum war er neben dem Turmbau seines
-Vaters.
-</p>
-
-<p>
-&bdquo;Wie mager Sie geworden sind, Georg,&ldquo; sagte sie
-leise bedauernd.
-</p>
-
-<p>
-Die letzten Wochen, erklärte Georg, seien schon schlimm
-gewesen, er habe sich hineingefressen in den ganzen Trassenberg
-und kaum Atem geschöpft.
-</p>
-
-<p>
-Sie fand ihn leidender aussehend, während er so sprach.
-&bdquo;Und obendrein waren Sie krank&ldquo;, sagte sie.
-</p>
-
-<p>
-&bdquo;Ach,&ldquo; äußerte er munter, &bdquo;das war ganz schön, &mdash;
-die paar Tage! &mdash; und da ist mir auch alles eingefallen.
-Ja, was Sie heute sehn, und ich hoffe, einiges davon
-wird Sie erstaunen, das habe ich mir ausgedacht, als ich
-krank lag. Ja, geben Sie schön acht, damals lag ich wie
-ein brennender Saturnring um Ihre &mdash;&ldquo;
-</p>
-
-<p>
-Sie hob warnend den Finger, lächelte und sagte:
-&bdquo;Georg! Ich mag sehr gern, wenn man mir schöne
-Dinge sagt, aber man muß niemals übertreiben, dann
-verraucht die Wirkung spurlos.&ldquo; Übertreiben? dachte
-Georg, ach, du lieber Herr Jesus! &bdquo;Erzählen Sie mir,
-wer war Heliodora!&ldquo; befahl sie.
-</p>
-
-<p>
-&bdquo;Heliodora&ldquo;, erklärte Georg, &bdquo;war eigentlich Libussa.
-Kennen Sie Libussa?&ldquo;
-</p>
-
-<p>
-Renate nickte und sagte, Libussa sei ihre Lieblingsgeschichte
-gewesen als Kind.
-</p>
-
-<p>
-&bdquo;Meine auch&ldquo;, log Georg und fuhr fort. &bdquo;Ich wollte
-Libussas Geschichte aufführen lassen, Sie sollten Libussa
-sein, aber als ich mit Onkel Salm darüber sprach &mdash; Papa
-hat ihn mir überlassen, er mußte alle meine Pläne ausführen
-<a id="page-51" class="pagenum" title="51"></a>
-&mdash; sagte er, wieso ich nach Böhmen wolle &mdash; er
-weiß ja alles &mdash;&ldquo;
-</p>
-
-<p>
-Wie Georges, dachte Renate gerührt; wie er sich freuen
-wird, der Gute, und sie unterbrach Georg mit der Frage,
-was Saint-Georges darstellen würde, aber er wußte es
-nicht. Ihr hatte er nichts verraten wollen.
-</p>
-
-<p>
-&bdquo;Also, da sagte er,&ldquo; fuhr Georg fort, &bdquo;warum ich nach
-Böhmen wollte, da wir doch die Heliodora hätten. Aus
-dem Festspiel kennen Sie ja dieselbe, sie war, richtig wie
-im Festspiel, eine byzantinische Prinzessin, verstand allerdings
-leider nicht, ihre Legendenschönheit zu vererben, &mdash;
-oder &mdash; was meinen Sie?&ldquo;
-</p>
-
-<p>
-Renate meinte, er könne ganz zufrieden sein, aber woher
-denn die schiefe Nase seines Vaters komme.
-</p>
-
-<p>
-&bdquo;Nicht von Heliodora freilich, sondern eben von dem
-Bauern, dem Gregor, oder Georg, den sie zum Mann
-nahm, &mdash; es steht ja alles im Festspiel. Auch das weiße
-Pferd und der Tisch von Eisen ist Legende, nur waren es in
-der Überlieferung die Sachsen, nicht die Beuglenburger
-Markgrafen, mit denen Heliodoras erster Mann und sie
-selber kämpfte, und Trassenberg war damals natürlich
-noch nicht Herzogtum, wie im Festspiel, sondern Freigrafschaft.
-Heliodora,&ldquo; sagte Georg langsam und leise,
-&bdquo;Sonnegabe, ein schöner Name ...&ldquo;
-</p>
-
-<p>
-Sonnegabe, wiederholte Renate, sich erinnernd, daß der
-Herzog seinen Antwortbrief auf den ihren, in dem sie ihre
-Mitwirkung im Festspiel erwähnte, mit diesem Wort begonnen
-hatte, &mdash; und da, dachte sie, wußte ich schon alles,
-aber ich wollte es nicht wissen ... &bdquo;Zwölfhundertsiebenunddreißig&ldquo;
-hörte sie Georg murmeln, und der Wagen
-<a id="page-52" class="pagenum" title="52"></a>
-stand still. Georg öffnete den Schlag, sprang hinaus und
-reichte ihr die Hand hinein. So stieg sie gebückt vorsichtig
-ins Freie hinab. Da standen sie auf der Landstraße neben
-dem Reitweg und sahen sich um.
-</p>
-
-<p>
-Allein Georg, von plötzlichem Argwohn herumgeworfen,
-mußte vor Renate hintreten und fragen, indem er ihre
-Hände ergriff:
-</p>
-
-<p>
-&bdquo;Renate! begreifen Sie es, oder nicht, daß ich mich
-hier unter Trachten und bei Festen herumtreiben kann
-und heute nachmittag die Verantwortung für ein ganzes
-Volk auf mich nehmen soll?&ldquo; &mdash;
-</p>
-
-<p>
-Renate, sein blasses Gesicht mit angstvollen Augen
-dicht über dem ihren, sah ihn nur gut an und antwortete
-nach einer Weile, ihm zu helfen: &bdquo;Ist es nicht auch Ihre
-letzte Freiheit, heut? Ich habe ja wohl manchmal gestaunt,&ldquo;
-fuhr sie leise fort, &bdquo;wenn ich im stillen bedachte
-&mdash;&ldquo; sie lächelte, da seine Züge sich schon glätteten,
-&bdquo;&mdash; was Sie auf sich nahmen, aber &mdash; nun, Sie haben
-das Herrschen wohl im Blut ...&ldquo;
-</p>
-
-<p>
-Was hatte sie gesagt? &mdash; Er zuckte zusammen. &bdquo;Im
-Blut ...&ldquo; wiederholte er tonlos, &bdquo;nicht im Blut, Renate
-...&ldquo;
-</p>
-
-<p>
-Er senkte den Kopf, und sie sagte leise und begütigend
-über ihn: &bdquo;Ich weiß ...&ldquo;
-</p>
-
-<p>
-Gleich warf er den Kopf auf. &bdquo;Sie wissen? Ach, dann
-ist es gut, dann ist es gut! Und Sie verstehn mich doch?&ldquo;
-Sie nickte. &bdquo;Papa hat es Ihnen verraten?&ldquo; Sie nickte.
-&bdquo;Aber ich habe gelogen vorhin,&ldquo; murmelte er beschämt,
-&bdquo;als ich von der Heliodora sprach. Ach, gute Renate,&ldquo;
-fuhr er glühend und eifrig fort, &bdquo;mir ist so unbeschreiblich
-<a id="page-53" class="pagenum" title="53"></a>
-heute ums Herz, so wild und zugleich sanft und kühl,
-kräftig und wunschlos und glücklich, nur eins fehlt, nur
-eins müßte man können!&ldquo; Er hob die linke Hand und
-ballte sie: &bdquo;Sein können, was man ist!&ldquo; Er trat zurück,
-wies mit leicht gebreiteten Armen auf seine Tracht und
-sagte: &bdquo;Wie locker und gewandelt fühle ich mich nicht
-schon durch diese Kleider, und doch &mdash; von der göttlichen
-Laune, die mich erfüllt, kann ich nichts nach außen schlagen
-lassen, da ist alles beladen mit Ketten dieser hundert Hemmungen,
-ich kann mich nur fühlen, geben kann ich mich
-mit keinem Blick, keiner Geste und keinem Wort, wie ich
-bin; ich bin vielleicht nicht einmal geschickt genug dazu,
-aber selbst wenn ichs wäre, wäre immer mein Anzug von
-Neunzehnhundert um mich herum, Kragen und Manschetten,
-Weste und Stiefel und alle Allüren meiner großstädtischen
-Erziehung, die nur zum Verbergen da sind,
-nicht zum Ausdrücken, zum Zurückhalten, nicht zum Ausströmen.
-Anno zwölfhundertsiebenunddreißig wäre ich
-ein Schwärmer gewesen, ein Dichter, jedem ins Gesicht
-hinein und &mdash; aber genug!&ldquo; er brach ab. &bdquo;Jetzt <em>will</em> ich
-siebenhundert Jahre zurück, geben Sie acht, sehen Sie
-mich fest an, wo sind wir? Freigrafschaft Trassenberg,
-Heliodora, Sonnegabe, Zwölfhundertund &mdash;&ldquo; &bdquo;Siebenunddreißig,&ldquo;
-ergänzte Renate lächelnd. &bdquo;Nun wollen
-wir uns umsehn!&ldquo;
-</p>
-
-<h4 class="section">
-Mummenschanz
-</h4>
-
-<p class="first">
-Georg behielt freilich ihr sonneglänzendes Profil vor
-Augen, dahinter die Äcker, Roggenfelder, wogend in
-<a id="page-54" class="pagenum" title="54"></a>
-reifem Gelb, dahinter den grünen Traum der Hügel und
-ein Stück der dunstigen Stadt, Türme grau und Neubauten,
-flimmernd im Sonnenglast. Nach links gewandt
-sah er mit Freude die weiße Straße unter schwer tragenden
-Kuppeln der Fruchtbäume weithin betupft mit leuchtenden
-Farben; ein Zitronengelber wandelte ganz vorn
-heran, weiter hinten zog ein ganzer Haufen, aus dem
-zwei Zinnoberrote glühten, und er berührte Renates Arm,
-damit sie es auch sähe.
-</p>
-
-<p>
-Dann mußte er aufhorchen. War das wirklich oder
-nur in seinem Gehirn? Ein weiter Ring von sanft hallendem,
-ruhigem Glockengeläut schien ihm alle Fernen zu
-umschließen, &mdash; darinnen war tiefe Sommerfülle, &mdash; nein,
-es klang wohl doch nur in seinen Ohren, &mdash; aber waren
-nicht alle Weiten erfüllt mit heiter schwirrender Musik? &mdash;
-Ah, Mandolinen und Gitarren, sie kamen auf der Landstraße
-heran, leise rauschend im Takt. Wo nun die Pferde
-seien, hörte er Renate fragen, wandte sich und sah mit
-ihr zur Rechten hinauf; dort enteilte die Straße leer, von
-den Schatten der Obstbäume leicht gegittert, zur Ferne
-der Landschaft, und dort flackerte es bunt, rot und gelb.
-Nahebei drehte ein einzelner Geharnischter sein braunes
-Pferd um sich selbst und lenkte herbei, die lange Lanze im
-Bügelschuh, den Kopf im spitzgewölbten blanken Helmtopf,
-das Kinn vom stahlmaschigen Halskragen umschlossen,
-im grauen Kettenhemde mit anliegenden Ärmeln,
-die Beine in ebenso anschließenden, stahlmaschigen Strümpfen,
-&mdash; die Vermummung eines Feldgendarmen, der für
-Ordnung zu sorgen hatte. Wieder nach links schauend,
-glaubte Georg in der Ferne, von der Stadt her, hinter
-<a id="page-55" class="pagenum" title="55"></a>
-den Zinnoberroten etwas schwarzrot Vermummtes mit
-einem braunen Pferdekopf zu sehn, daneben ein silbernes,
-dann auch einen Reiter in Weiß und Grün; das waren
-die Pferde. Er zeigte sie Renate.
-</p>
-
-<p>
-Indem war drüben auf dem Fußsteig unter den Bäumen
-der Wandrer im faltigen Zitronenhemd nahe gekommen,
-ein rüstiger Greis von fünfzig Jahren in schönen,
-grünen Strümpfen, am Wanderstabe, einen spitzen Strohhut
-auf dem Kopf, hager und braunbärtig. Jetzt blieb
-er stehn und starrte, Augen und Mund weit offen, auf
-Renate. Georg lachte.
-</p>
-
-<p>
-&bdquo;Mit Permission,&ldquo; sagte der Gelbe, &bdquo;ob dies wohl die
-Heliodora ist?&ldquo;
-</p>
-
-<p>
-Georg zog zwei arg verbogene Zigaretten aus dem
-Wams, schlenderte frohgelaunt zu dem Staunenden hinüber
-und reichte ihm eine, seine Frage bejahend und um
-Feuer bittend. Der Gelbe bedankte sich höflich, krempte
-sein Hemd auf, eine mächtige, manchesterne Hose kam
-zum Vorschein und aus ihrer Tasche alsbald eine alte
-Streichholzschachtel, die der Mann halb auseinanderzog,
-um Georg in der Höhlung das brennende Streichholz zu
-reichen. Georg bemerkte, als die Zigaretten beide qualmten,
-es sei ein schöner Tag.
-</p>
-
-<p>
-Jeder Tag, sagte der Gelbe, sonderbar im Stehn beständig
-die Füße wechselnd wie ein Tanzmeister, jeder Tag
-sei schön, an dem der Christenmensch sich nicht zu schinden
-brauche. Er blinkte Georg verschmitzt zu und sagte:
-&bdquo;Heliodora, eiweih! die heilige Dora! ha, ha, ha, ha!&ldquo;
-und wechselte die Füße, seinen Stock hinter sich aufstützend.
-</p>
-
-<p>
-<a id="page-56" class="pagenum" title="56"></a>
-&bdquo;Frei Essen und Trinken obendrein&ldquo;, bemerkte Georg
-leutselig, aber der Mann kratzte sich den Kopf unterm
-Hut, daß er ihm über das halbe Gesicht rutschte, nahm
-ihn ab, schwenkte ihn und meinte, was zum Teufel er
-morgen mit dem gelben Hemde machen solle.
-</p>
-
-<p>
-&bdquo;Menschenskind,&ldquo; rief Georg entrüstet, &bdquo;müßt Ihr denn
-immer was zu sorgen haben?&ldquo;
-</p>
-
-<p>
-Der Gelbe grinste. Indem war die schwirrende Saitenmusik
-nahe gekommen, Georg sah das bunte Menschenhäuflein,
-die Zinnoberroten voran, hermarschieren mit
-Mandolinen und Lauten im festen Takt eines muntern
-Marsches. Wandervögel, dachte er und hörte den Gelben
-sagen, er wäre Professor am Orientalischen Seminar,
-wozu er da ein gelbes Hemd brauchte? &mdash; Georg fuhr
-lachend und erschreckt herum, aber der witzige Professor
-winkte großartig ab und wanderte fürbaß.
-</p>
-
-<p>
-Hinter den Jungens, die ihre Instrumente spielten &mdash;
-sie waren ähnlich wie Georg gekleidet, einer in Schwarz
-und Gelb, einer in Grün, &mdash; kamen die Mädchen, schön flatternd
-in Gewändern, Kränze im Haar, eine schieferblau, eine
-rostrot, eine grün und weiß gestreift, Arm in Arm kamen
-sie daher. Jetzt hoben die Jungens die Instrumente vor
-der Brust hoch, vollführten ein betäubendes Saitengerassel
-und fielen mit Klängen und Stimmen in das rasche Lied:
-Horch, was kommt von draußen &rsquo;rein? &mdash; Sie sangen aber,
-kräftig ausschreitend, die Augen stramm auf Renate geheftet:
-</p>
-
-<div class="poem-container">
- <div class="poem">
- <div class="stanza">
- <p class="verse">&bdquo;Seht, was steht denn dort am Rain?</p>
- <p class="verse">Hollahe! hollaho!</p>
- <p class="verse">Das muß Heliodora sein!</p>
- <p class="verse">Hollahehaho!</p>
- </div>
- </div>
-</div>
-
-<p class="noindent">
-<a id="page-57" class="pagenum" title="57"></a>
-Hel&mdash;io&mdash;do&mdash;ra, lächle mal!&ldquo; damit kamen sie taktfest
-vorüber. Georg wollte sich umdrehn, um Heliodora
-lächeln zu sehn, wäre aber ums Haar überritten worden,
-sprang zurück vor einem feueräugigen roten Roßkopf
-und sah darüber das volle, brennend braun und rote Gesicht
-eines Geharnischten, barhaupt, mit gestutztem Armeeschnurrbart
-und funkelnden schwarzen Augen, der lachend
-sein Streitroß zur Seite nahm, Georg im Bogen umtrabte
-und sich verneigte. Georg rief ihm nachblickend zu &mdash; erfreut
-vom Anblick den blauverstählten Panzerhemdes mit aufgesetzten
-Messingplatten an den Kniescheiben, Achseln und
-Ellbogengelenken &mdash;: &bdquo;Wer sind Sie?&ldquo;
-</p>
-
-<p>
-Mit schallender Stimme: &bdquo;Rittmeister Freundlich,
-königliche Hoheit, vierte Eskadron Beuglenburgische Jäger
-zu Pferde!&ldquo; rief der Trabende winkend zurück, und da
-schaukelte sein weiß und roter Knappe an Georg vorüber,
-Schild und Lanze seines Herrn in Händen, den Helm am
-Sattelbug, aber das rosige Gesicht war umflogen von
-langem, braunem Haar, eine Frau wars, und &bdquo;Ich
-bin seine Frau!&ldquo; rief sie strahlend, aber da war die
-Eskadron heran und polterte klirrend vorbei, rote
-schwitzende Bauerngesichter unter den Helmen, auf
-und nieder, auf und nieder im englischen Trabe,
-nickende Pferdehäupter, Mähnen, Hufschlag, wirbelnde
-schwarze Schweife, weißrote Dreieckfähnlein und
-wogendes Wippen in den fesselartigen Eisensätteln, Geklirr
-und Geklapper, zwei hüpfende Reihen dunkelgrauer
-Kettenhemden. Einer der Unteroffiziere oder Wachtmeister
-hob die Lanze aus dem Schuh, tippte mit der
-Spitze nach einem der offnen Mundes anstaunenden
-<a id="page-58" class="pagenum" title="58"></a>
-Mädchen, die bog Brust und Hals zurück und erwischte
-den Wimpel, hielt ihn schreiend fest und wollte nicht loslassen,
-scheltend wie ein Sperling und hinterdrein springend;
-die reitenden Kerle in Eisen lachten dröhnend, da wars vorüber,
-reitende Schatten verschwanden in weißem, wolkig
-steigendem Staub, und von den am Straßenrand aufgestellten
-Musikanten waren schwirrend und rauschend die
-heitern Takte des Radetzkymarsches zu hören. Sie fielen
-Georg ins rauschende Blut, oh er hätte tanzen mögen,
-und eins der Mädchen, das in Schieferblau mit violettrotem
-Rocke, sah aufs Haar wie jene Riemenschneidersche
-Madonna aus, Kranz im Gelock, Schultern und Brust
-glatt bedeckt vom Stoff, der über den Hüften locker auseinanderfiel
-auf den weitfaltigen Kleidrock, und wie entzückte
-sie Georg mit Erröten und Knicks und Lächeln, denn
-nun wußten sie ja Alle, wer er war.
-</p>
-
-<h4 class="section">
-Ritt
-</h4>
-
-<p class="first">
-Da kamen die Pferde. Ja, da staunten sie. Die Wandervögel
-staunten, Georg staunte, Renate staunte höchlich.
-Unkas ging, bis zu den Hufen vermummt im steifen Umhang
-dunkelroter Decken mit schwarzen Wappen und Ornamenten,
-was aber neben ihm schwebte, das war die
-silberne Unwirklichkeit in Gestalt eines Pferdes: milchweißer
-Kopf und Nacken unter breitfallender, gewellter
-Mähne und starrer Deckenumhang von silbernem Brokat
-mit blauen Wappen und Arabesken; ein weißer Gießbach,
-ergoß sich der gewellte Schweif, und unter den handbreiten,
-blauen, silbergestickten Säumen hoben sich und traten
-<a id="page-59" class="pagenum" title="59"></a>
-die versilberten Hufe. Die großen, braunen Augen aber
-blickten aus vergilbten, faltigen Lidern fremd und fromm
-wie die eines Fabeltiers. &mdash; Renate, ganz gerührt, bedankte
-sich feierlich bei Georg für diese schöne Erfindung,
-er aber lachte und sagte, dies wäre nun noch gar nichts,
-aber jetzt wüßte sie wohl, was ihrer noch wartete ...
-Ferdinands, des Reitknechts, blankes und schurkisches Gesicht
-&mdash; wie das aller Reitknechte &mdash; fuhr dazwischen, er
-schwang sich vom Pferde, weiß und grün halbiert wie
-Georg, doch nicht so schön, und auf der Brust das silberne
-Wappen in Metall. Er führte den Schimmel vor, aber
-nun stürzten sich sämtliche Wandervögel auf den Steigbügel,
-einer stand ab nach Kampf, nahte sich ritterlich
-Renate, verbeugte sich tief und bot ihr die Hand. Wie
-ein kostbares Gefäß aus Kristall wurde sie aufs Pferd gehoben,
-Georg fragte, ob sichs gut sitze, Renate fand, sie
-sitze weich wie in einem Heuberg, und Georg saß selber
-auf. Stracks fuhr sein ganzer, heftiger Geist dermaßen in
-Unkas, als sei Georgs Leib eine elektrisch geladene Zange;
-er brachte unleidliche Verwirrung in das alte, kalte Wallachenblut,
-es drängte ungestüm gegen die Schimmelstute,
-sie stob schnaufend auf und davon, Georg folgte, Unkas
-mit voller Armkraft in die Trense nehmend, aber das half
-alles nichts, er raste wie ein Untier davon, holte den locker
-laufenden Schimmel ein und bohrte, gegen ihn anstürmend,
-die linke Schulter gegen seine Hinterhand. Renate erschrak
-leicht und galoppierte weiter, aber Georg, Unkas
-zurückreißend, merkte, daß der die Trense aus dem Maul
-genommen hatte und damit herumfletschte; er stieg ab,
-schaffte unter milden Verwarnungen Ordnung, stieg wieder
-<a id="page-60" class="pagenum" title="60"></a>
-auf und folgte einem Hauch von Blau und Silber
-oben auf dem Hügelrücken, den die Landstraße überstieg.
-</p>
-
-<p>
-Oben winkte ihm herrliche Aussicht. Von rechts strömte
-eine breitere Chaussee heran, über und über bedeckt mit
-farbiger Bewegung, Kavalkaden von Edelleuten und
-Frauen, wandernden Mönchen in schwarzen und weißen
-Kutten, reisigen Pilgern aus dem Morgenland im Schatten
-ihrer breitkrempigen Muschelhüte. Leiterwagen rollten
-heran, geschmückt mit Kränzen, unter wallenden Bannern,
-gefüllt mit schmetternder Musik und Scharen buntfarbener
-Männer und Frauen in weiten Mänteln, die
-sich blähten; überall wandelten gelbe, weiße, grüne Hemden,
-grüne, weiße, rote Strümpfe, bekränzte Mädchen.
-Stimmen, Zurufe, Scheltworte und Gelächter schollen,
-der Himmel flammte mit goldenen, weißen und blauen
-Strahlen hinein, Wolken Staubes ballten sich so leicht
-wie himmlische dazwischen, ringsum schweiften die Ebenen,
-Felder in breiten gelben Wogen, Wiesen, kleine, dunkle
-Haine über Gehöften, &mdash; eine Augenlust unbeschreiblich.
-Schon war Georg das silberne Pferd im Getümmel verloren
-gegangen, er ließ Unkas die Zügel und stob bergunter,
-vorbei am rollenden Strom der Wagen, Rosse und
-Wandrer, an Geharnischten zur Seite, die aufrecht Wache
-hielten; um ihn sauste die Kälte der durchschnittenen Luft,
-hinter ihm weg schnellte fortgerissen das schreiende Bunt
-gelber, violetter, schwarzblauer, brauner und birnengrüner
-Mäntel und Mantelfutter, ein Knabe vor ihm, dahinwandernd,
-schwenkte großartig von rechts nach links an
-kurzem Fahnenstiel ein ungeheures, blau-weiß-schräg kariertes
-Banner mit grüner Bewimpelung an der unteren
-<a id="page-61" class="pagenum" title="61"></a>
-Kante, &mdash; dann war die Straße vor ihm leer und weiß,
-in der Ferne schimmerte das silberne Pferd und in dessen
-Nähe etwas Blutrotes, das Georg im Näherfliegen als
-zwei Beine in blutroten Strumpfhosen erkannte; auch die
-linke Schulter des Mannes war blutrot, und was so blendende
-Blitze von Silber schleuderte, das war &mdash; es war
-ein riesiges Beil mit geschweiften Seiten und konkav gewölbter
-Schneide. Ein Henker. &mdash; Neben ihm trabte der
-Schimmel, da war Georg heran, der Mensch mit dem
-Beil auf rotem Mantel über der linken Achsel, im kurzen
-schwarzen Büffelwams drehte sich um und zeigte Bogners
-langes, graues Gesicht. &bdquo;Halloh, Bogner!&ldquo; rief Georg,
-&bdquo;machen Sie den Henker?!&ldquo;
-</p>
-
-<p>
-Der Maler nickte lachend, sprang aber im selben Augenblick
-mit hurtigem Satz seiner langen roten Beine neben
-Renate auf den Reitweg, und Georg verstand nicht, was
-er sagte, denn da kam unter prasselnden Becken und schallenden
-Posaunen vierspännig ein ganzer Leiterwagen voll
-Musikanten und schwerer Ratsherren, pelzverbrämt und
-mit blitzenden Amtsketten, vorbeigerollt, ein zweiter dahinter
-voll von lustigen Matronen, ein dritter gefüllt mit
-Töchtern und Schwiegersöhnen und Bräutigamen bis
-zum Rand; sie schwangen Keulen und ganze Leiber gebratener
-Hühner, Enten und Tauben, Becher und Gläser
-und sangen &bdquo;Weg mit den Grillen und Sorgen!&ldquo; daß es
-in Georgs Ohren brauste. Vor ihm saß Renate, weich
-wie auf einem Stuhl in einem Kahn; auf der silberweißen
-Kruppe ihres Pferdes saß Rücken an Rücken mit ihr ein
-kleiner, schmaler Windgott wie ein Faun, der hielt das
-Ende ihres durchsichtigen Kopfschleiers in braunen Fingern
-<a id="page-62" class="pagenum" title="62"></a>
-und blies mit vollen Backen hinein, daß der luftige
-Bogen hinter ihr stand.
-</p>
-
-<p>
-&bdquo;Ist es schön, Renate, ist es schön?&ldquo; schrie Georg
-überlaut.
-</p>
-
-<p>
-Renate, wohlig dahingleitend, die Finger der rechten
-Hand mit dem Trensenzügel im Nackenwirbelhaar des
-Pferdes, in der Linken im Schoß die Enden ihrer Zöpfe
-und der Bänder, drehte sich um, lächelte und nickte. Bogner
-getroffen zu haben, war schön, er erinnerte angenehm
-an den Herzog, er war trotz Beil und Blutfarben ein gewisser
-Halt in all dem Lärm und Getriebe, der bunten
-Lautheit, die sie nie gewohnt gewesen, zumal in den letzten,
-stillen Jahren.
-</p>
-
-<p>
-&bdquo;Seht ihr die Burg?&ldquo; schrie Georg. &bdquo;Bogner hat sie
-ganz neu aus Pappe gemacht!&ldquo;
-</p>
-
-<p>
-Renate sah zur Linken auf dem niedern Berge die längsterblickten
-klobigen grauen Rundtürme, drei, über deren
-Plattform, weit ausgebreitet, schwer Falten schlagend,
-die blauweißgrünen Banner standen; dazwischen graue
-Mauern mit mächtigen Streben und breiten Zinnen, fast
-so hoch wie die Türme selbst.
-</p>
-
-<p>
-Jetzt war eine blauweißgrüne Schranke neben der Landstraße,
-von zwei Geharnischten bewacht; dahinter führte
-ein Feldweg zur Burg, der im Bergwalde verschwand.
-Einer der Reiter erkannte Georg, stieg ab und öffnete die
-Schranke, sie ritten hindurch, auf schmalem Pfad zwischen
-dem hohen Roggen, Georg mußte zurückbleiben.
-</p>
-
-<p>
-&bdquo;Sie sehen so schön aus, Maler,&ldquo; sagte Renate leise,
-&bdquo;es ist schade, daß Sie sich nicht immer so kleiden können.
-Haben Sie die Gesichter der Menschen gesehn, wieviel
-<a id="page-63" class="pagenum" title="63"></a>
-freier, leichter und schöner sie alle geworden sind durch
-die Tracht? Und wer ein Gesicht von Bedeutung mitgebracht
-hat, der sieht gleich wie ein König aus oder mindestens
-wie ein Minister.&ldquo;
-</p>
-
-<p>
-Georg erinnerte sich des gelben Professors, des Rittmeisters
-Freundlich und gab Renate eifrig recht. &mdash; Es ging
-bergan, die Sonne glühte schon, doch nahm jetzt der Wald
-sie in Kühle und grünes Dunkel seiner schönen Wölbungen
-auf; es roch strömend nach Buchenblättern, Brombeeren
-und den herben Farnen. Die Hufe der bergansteigenden
-Pferde rauschten im braunen Laub, Georg saß, träumerisch
-bewegt vom Schreiten des Pferdes, im Schweigen lauter
-tönenden Herzens, verklärt aufblickend in die laubigen
-Baldachine von durchbrochenem Grün und Himmelsblau,
-hörte im Traum einen schneeweißen Wasserfall rauschen
-und murmelte sich trunken zu, das sei der Schweif von
-Renates Stute. Ich träume wieder, dachte er, ich träume,
-wann werde ich wieder stürzen? Ich werde nicht stürzen,
-lächelte er, all dies geht vorüber, der Nachmittag naht
-Schritt vor Schritt mit dem Ernst, mit der Last, mit der
-Sorge, dann werde ich glücklich sein, all dies gesehn zu
-haben, und Renate &mdash; Renate &mdash;, die Gedanken verließen
-ihn, er sah über sich im Wald den Fuß der grauen Mauern
-und ringsum die Räume des Waldes bevölkert mit Gestalten,
-Trupps lediger Pferde, langhalsig angelnd mit dem
-Maul nach Gras und Gestrüpp, farbige Menschen wandelten
-umher, lagerten in Gruppen beim Frühstück und
-waren allesamt unsterblich guter Dinge.
-</p>
-
-<p>
-Da ritten sie in den Burghof ein, Renate glitt vom
-Pferde, sie konnten keinen Schritt weiter, denn der Hof
-<a id="page-64" class="pagenum" title="64"></a>
-war vollgepfropft mit essenden Menschen. Georg sprang
-ab und versuchte, sich zur Schenke durchzudrängen, wurde
-alsbald erkannt, und schon bestürmte ihn vorn und hinten
-ein Getümmel der reizendsten Frauen und Mädchen, die
-ihm Schinkenbrote, Gläser voll Wein und Backwerk hinhielten
-und bettelten: &bdquo;Von mir, königliche Hoheit, bitte
-von mir!&ldquo; oh es war herrlich! So viel er fassen konnte,
-teilte er weiter an Renate und Bogner, schlang selber,
-was der Mund halten konnte, mußte aber mit randvollen
-Backen bald versichern, von jetzt ab nähme er nur schon
-Vorgekautes. Eine Weile später, umringt, lachend, scherzend,
-immer ausgelassener, hatte er dunkel das Gefühl, in
-einen strudelnden Gesundbrunnen verwandelt zu sein, plätschernd
-in allen Becken, und deren Ränder waren dicht
-besetzt mit Schwärmen äußerst bunter, wild durcheinander
-schwatzender, flatternder und zwitschernder Papageien,
-Kolibris und Eisvögel, oder was es sonst ganz Buntes
-gab. Diese Vision wurde jählings weggefegt von drei
-schmetternden, an allen Mauern widergellenden Fanfarenstößen,
-und schon toste herum die gewaltigste Aufregung;
-Alles rannte gegeneinander, bekämpfte sich, rang, umschlang
-und entwand sich einander. Geschrei, Gekreisch
-und Gelächter. Herrgott, wo ist denn bloß mein Mann?
-&mdash; Mein Hut, um Himmelswillen, mein Hut! Sie haken
-ja an meinem Hut fest! Und eine ungeheure Baßstimme
-sagte: Ja, will sich denn keiner meinen Kaffee bezahlen
-lassen? &mdash; &mdash; Georg, ob er wollte oder nicht, wurde ins
-Freie geschoben, dachte, der Traum geht weiter, wo finde
-ich Renate? wo ist Unkas? Unkas stand da, Ferdinand
-dabei, das gnädige Fräulein, hörte Georg, wäre schon
-<a id="page-65" class="pagenum" title="65"></a>
-fortgeritten. Hastig saß er auf, befahl dem Reitknecht,
-sich hinter ihm zu halten, versuchte, das Getümmel von
-Bäumen und lauter plötzlich Berittenen zu durchspalten,
-gab es auf und lenkte den Abhang hinunter und im Bogen
-auf den Waldrand zu. Die Buchenzweige zur Seite
-stemmend, gelangte er ins Freie.
-</p>
-
-<p>
-Mein Gott, das war ein Ausblick! Er schoß, ein riesenhafter
-Fächer, aus Georgs Augen so gewaltig nach allen
-Seiten dahin, daß er taumelnd nach Himmel und Gewölkedunst
-griff, um sich zu halten, und er schaute ...
-</p>
-
-<h4 class="section">
-Ausschau
-</h4>
-
-<p class="first">
-In der Tiefe, ausstrahlende Meilen weit nach Süden,
-Westen und Norden hin, nicht zu ermessen mit Augen,
-lagerte sein Land, Ebenen an Ebenen geschoben, hineingefügt
-azurblaue Seen und das silberne Geschlängel des
-Stroms, hauchend von heiterer Glut, rauchend von dunstigem
-Golde, grüne Flächen, gelbe, und bräunliches Gehügel
-der sich rötenden Haide, lagernde Bergrücken in den
-Fernen unter grauen Dünsten. Unten aber, zu Füßen
-seines Hügels, erst klein im Vergleich zur Unendlichkeit
-ringsum, sah er die grüne Ellipse der Arena ruhen, völlig
-leer, im farbenreichen Kranze der Tribünen und Zuschauerringe,
-und bemerkte nun auch ihre Riesigkeit, denn von
-hier oben war nichts zu erkennen als ein Gewirr und Gemenge
-von Farben, Gesichter wie Punkte klein; selbst die
-vielen großen Banner, an Stellen zu schattigen Wäldern
-gesammelt, knatternd und schlagend über den glänzenden
-Tribünendächern, schienen wie Taschentücher klein. Ringsum
-<a id="page-66" class="pagenum" title="66"></a>
-in dem bunten Kranze lief ein ununterbrochenes Glitzern,
-Funkeln und Blitzen von sonnegetroffenen Metallspitzen
-und Schmuck, Wellen von Bewegung rannen zugleich
-rundum, viele rote Tupfen flammten auf einmal
-an jener Stelle hervor, plötzlich war alles weiß gesprenkelt,
-und immer wieder strahlten das Blau, das Weiß und
-das Grün der Landesfarben hervor, &mdash; keine schöneren
-kann es geben, dachte Georg: des Himmels Blau, Grün
-der Natur und das schöne menschliche Weiß. &mdash; Er entdeckte
-nun auch den zum Walde den Hügel hinansteigenden
-Damm, der aus der Arena dort kam, wo sie den
-größten Durchmesser hatte, und hier unten konnte er allerlei
-unterscheiden: Strohhüte, rote Hemden, weiße, gelbe,
-das Rosige von Händen und Gesichtern, und er sah Männer
-und Frauen, Mädchen und Kinder, hörte ihr leises
-Brausen und die seltsame Stille, in der sie sich unablässig
-bewegten, drehten, gingen und setzten und über die Schranken
-vorbeugten. &mdash; Unsichtbar blieb ihm das obere Ende
-des Damms hinter dem Vorsprung des Waldrandes, er
-trieb sein Pferd an und erkannte, seltsam deutlich wie
-manchmal im Traum, daß die Hufe in einer tiefen Furche
-am Rand eines stillen, wehenden Haferfeldes entlang
-schritten. &mdash; Noch einmal ließ er die Augen ins Weite
-schweifen, sie flogen wie Greife dahin, schwebten groß
-unter der bläulichen Kuppel in der Sonne, stürzten herab
-aus Lüften mit Getön und rissen nun jählings mit Zauberkraft
-zu sich herauf das Unerkennbare: die Schwärme
-von Gesichtern, Agraffen, Pelzkragen, Halsausschnitte in
-violettem Samt, in weißer Seide der Frauentrachten, die
-schönen, geschatteten Falten ihrer Mäntel, die sie im Arme
-<a id="page-67" class="pagenum" title="67"></a>
-trugen, und ihre Bewegungen, wie sie lachten und sich
-bogen, im Stuhl sich drehend, nach oben sprachen zu
-Männergesichtern, die sich neigten, &mdash; und er schnellte ab
-und warf sich über den breiten Bannerschwarm hin wie
-über einen faltig rauschenden See, &mdash; und siehe, etwas
-noch Ungesehenes war da, nämlich ein dunkel herwandernder
-Strom von Geharnischten, der aus der Ebene
-kam und jenseits in die Arena mündete, tausendfach überhüpft
-vom Gefunkel der Lanzenspitzen und Helmbügel
-und den winzigen Segeln der weißroten Dreieckfähnlein.
-Tausend Pferdeköpfe bewegten sich nickend, die Gesichter
-der Männer glühten in Staub und Schweiß, &mdash; alles sah
-Georg, die linken Fäuste über der Vorderlehne des Eisensattels,
-aus denen die vier Zügelriemen flossen, sah die
-Beine in Stahlmaschen, die ledernen Bügelschuh der Lanzen
-und unten im Schatten das wirre Durcheinander der
-braunen und weißfüßigen Pferdebeine. Die ganze Beuglenburgische
-Kavallerie und Rittmeister Freundlich, murmelte
-Georg im Traum, Dragoner und Jäger zu Pferd,
-oder der einziehende Beuglenburgische Heerbann.
-</p>
-
-<p>
-Indem schmetterte nahebei aus dem Walde hervor die
-Fanfare, Georg sah und erblickte undeutlich, hinter einer
-langen Reihe dunkelgrauer Geharnischter auf lauter Apfelschimmeln:
-Waldinneres, wie ein Bild, angefüllt mit
-Fahnen, Standarten, Helmen, Gesichtern und bunten Farben,
-ganz vorn das brennende Scharlachrot zweier Kardinäle
-oder Äbte auf Maultieren. Die Reihe der Berittenen
-setzte sich eben langsam talwärts in Bewegung, alsbald
-begannen sie zu traben, zwanzig grünweiße Fähnlein
-senkten sich miteins nach vorn, sie galoppierten leicht rasselnd
-<a id="page-68" class="pagenum" title="68"></a>
-den Damm hinunter, verteilten sich unten, schwärmten,
-entfalteten sich durch den ganzen Durchmesser der Arena
-und hielten auf einen Ruck in langer, loser Reihe. &mdash;
-</p>
-
-<p>
-Georg holte den Blick von unten herauf. Jetzt &mdash; wo
-war Renate? &mdash; Im Grün des Waldes und der Menge
-sah er ein braunes, südliches Gesicht auf dem Grund eines
-weißen Banners von Seidendamast; vorne schritten zwei
-Reihen von Herolden in Weiß und Grün, an den hochaufgesetzten
-Trompeten viereckige Standarten von dunkelblauer
-Seide mit silbernen Fransen. Die Klänge prasselten
-lustig und leicht umher, sie schritten zu Tal. Unter
-den Buchenkronen war jetzt ein berittener Halbkreis sichtbar,
-&mdash; ah, die Geistlichkeit, Mönche, Äbte, Kardinäle,
-&mdash; und schon löste es sich vorn heraus, in grandiosem
-Pomp, Kopf und schmaler Hals eines Maultiers, vorsichtig
-schreitend unterm großen grünen Behang mit goldenen
-Wappen und Verzierungen, auf dem Rücken einen
-schwankenden Turm von Weiß und Gold: der Erzbischof, ein
-faltig rosiges, mächtiges Gesicht, Kinn und starke braune
-Augen unter der goldenen und weißen, mittwärts gespaltenen
-Mitra, den Krummstab in der Hand. Ihm folgte der
-Klerus, eine erlauchte Schar von hundert Berittenen, Mönche
-in weißen Chorhemden mit handbreiten goldenen
-Säumen, alles glitzerte von Gold und weißer Leinwand,
-da waren scharlachne Pelerinen und Hüte, Kasulen und
-Stolen funkelten von bunten Steinen, prachtvolles Violett
-loderte dazwischen, Decken von weißem Samt, von
-Wiesengrün, ein riesiges gelbes Banner mit schwarzen
-Greifen entfaltete sich, zeigte sich groß und schloß sich zufrieden,
-und alles umrahmten, umwallten und trugen die
-<a id="page-69" class="pagenum" title="69"></a>
-langen Schlangenbänder der blauweißgrünen Fahnen.
-Es schwankte zu Tal.
-</p>
-
-<p>
-Aber jetzt ... Wo blieb denn Renate? Georg fieberte,
-sein Herz tobte nach ihr, wieder war da eine schwarze
-Mauer Geharnischter, zwanzig Rappen bewegten sich und
-stiegen Schritt vor Schritt bergab, &mdash; da &mdash; ach, da war
-sie, da hielt sie ja, ein wenig blaß, er sah es deutlich, mitten
-im Halbkreis ihres waldumdämmerten Hofstaats, der
-Ritter, Knappen, Frauen, hielt sie auf ihrem silbernen
-Pferd, jetzt weit umwallt von dunkelroten Mantelfalten.
-Der Schimmel hob den Kopf; in der Tiefe entwogte der
-glitzernde Haufe der Klerisei, Georg mußte den Kopf senken
-und seine zitternden Hände sehn, eiskalt vom Kopf zu
-den Füßen. Er sah auf, &mdash; das silberne Pferd bewegte
-sich und schritt vor, langsam, beseelt von seiner Einsamkeit
-und sehr stolz; es tänzelte leicht seitwärts, Georg sah
-Renates Körper sacht nach vorn rucken bei jedem Schritt
-des Pferdes, einsam lenkte sie den Berg hinunter, &mdash; aber
-jetzt, unten in der Ebene, war wilde Bewegung in den
-Kranz der Menschen gefahren, ein Brausen, erst dumpf,
-dann heller brandete herauf, alle Fahnen wankten, senkten
-sich und stiegen und stürzten wieder, Wellen um Wellen
-von Geglitzer, Wellen um Wellen von geschwungenen
-Tüchern, Hüten, Schleiern, Händen jagten sich im Ring,
-Musikchöre schmetterten hoch auf, unerschöpflich toste der
-Jubelsturm, &mdash; unendlich einsam und königlich trug das
-kleine, silberne Pferd seine Last, purpurumwogt, langsam,
-langsam &mdash; in die Ebene hinunter.
-</p>
-
-<p>
-Georg fuhr mit der Hand über die Augen; sie brannten.
-Er glaubte nicht, was er sah, fühlte sich nun vom
-<a id="page-70" class="pagenum" title="70"></a>
-Getümmel des Gefolges aufgenommen und ritt, sich selber
-unsichtbar, umhüllt von kostbarer Dunkelheit, tief im
-Traum, Renate nach.
-</p>
-
-<h4 class="section">
-Traumspiel
-</h4>
-
-<p class="first">
-Ja, nun war der Traum vollkommen.
-</p>
-
-<p>
-Georg hielt zu Pferde &mdash; weshalb zu Pferde? &mdash; und wie
-war dies Pferd vermummt! aber es war Unkas! &mdash; in fremder,
-grün und weißer Tracht &mdash; warum in fremder Tracht?
-&mdash; inmitten einer dichten Menge von Frauen und Männern
-zu Pferde und in fremden Trachten, deren Gesichter,
-neben ihm, vor ihm und hinter ihm, fremd ihm eines wie
-das andre, allesamt unbeweglich gradeaus eingestellt
-waren. Es erinnerte seltsam an das teilnahmslose Beieinandersein
-der Menschen auf der vorderen Plattform
-eines Straßenbahnwagens. Und wie still war es? Was
-ging hier vor? Wozu war er, waren all diese versammelt?
-</p>
-
-<p>
-Er hielt wie in einem Dickicht; es bestand, statt aus
-Bäumen und Gebüsch, aus verzauberten Menschen;
-traumhell brannte Sonnenglut herein, und alles beschattete
-sich gegenseitig. Er gewahrte vor sich einen kurzen,
-mit schwarzem Pelz verbrämten dunkelgrünen Mantel
-und die runde Kruppe eines glänzend schwarzen Pferdes,
-die Wurzel des Schweifs und die rote Schlinge, aus der
-er wuchs, den Schweif, &mdash; wie still er hing auf die starken
-Pferdehacken; darunter waren die Füße weiß, von den
-Hufen stand einer fest auf, etwas einwärts, der andre auf
-seinem vorderen Rand, und dies Bein war gewinkelt; am
-<a id="page-71" class="pagenum" title="71"></a>
-andern Huf glänzte noch ein Streif der schwarzen Wichse
-durch den Bezug von Staub. &mdash; Und nun, unten wandernd
-mit den Augen, sah er überall dies andre, dies
-untere Leben, das für sich war, ganz für sich allein und
-im Schatten, Pferdebeine und Hufe überall, große Decken,
-verändert durch das Dunkel, grün und braun und gelb
-leuchtete nicht mehr und Wappen und Zierate waren stumpf
-umdunkelt; er sah die still hängenden Falten der Schleppröcke,
-einen roten, einen grauen, einen violetten, sah die
-Linien der Pferdebäuche, Gurten, an deren Rand das eingeschnürte
-Fell manchmal zuckte, und die prallen, runden
-Leiber dehnten sich atmend, er roch das Pferd. Ein Huf
-bewegte sich wie ein lebendes Wesen, schlug vor, setzte sich
-stampfend auf im Gras, &mdash; und dort im winklig verhängten
-Schattendunkel von Kleidern und Decken kam eine
-weiße Frauenhand nach unten, tastete in grünen Falten,
-raffte sie, ein farblos dunkler Fuß wurde sichtbar, ein leer
-hängender Steigbügel, und der Fuß suchte nach dem Bügel,
-stieß daran, angelte, erlangte ihn, die Falten fielen,
-Fuß und Bügel waren völlig fort. &mdash;
-</p>
-
-<p>
-Diese Stille! &mdash; Aber sprach nicht jemand, ganz allein?
-</p>
-
-<p>
-Georg richtete sich in den Bügeln auf und war plötzlich
-ganz hoch und im Freien. Ein paar Gesichter links und
-rechts drehten sich, blickten nach ihm. Fern drüben, wie
-eine Blumenterrasse, war die Tribüne, menschenvoll, noch
-eine links von ihr, eine dritte rechts; tausend Farben und
-Gesichter glänzten in der Sonne, schräg gestreift vom
-Schatten der Dächer, in dem alles farbloser und dunkel
-war; darüber glänzten wie Silber die Dächer; schlaff
-hingen die Fahnentücher, unkenntlich.
-</p>
-
-<p>
-<a id="page-72" class="pagenum" title="72"></a>
-Unterhalb war der grüne Rasen, ein Trupp lediger
-Pferde stand dort, alle Zügelriemen liefen zusammen in
-die Hände zweier Menschen, die rot und weiß gestreift
-waren von oben bis unten, sich anstießen und unterhielten.
-Über die fast leere, grüne Fläche schritten Geharnischte
-von verschiedenen Seiten heran, einer hatte den
-Topfhelm im Arm, etliche knieten; mit jedem zog im Grase
-sein kurzer Schatten und machte jede Bewegung mit,
-manchmal kaum zu erkennen flüchtig. Diese waren in
-einer unverständlichen Handlung begriffen. Einer trat
-vor und verbeugte sich; ganz schnell, als müßte er eher
-fertig sein, tat sein Schatten dasselbe.
-</p>
-
-<p>
-Georg spähte verwirrt und ängstlich nach Renate, &mdash;
-und sieh &mdash; &mdash; ganz nahe zur Rechten, erschreckend nahe,
-über ein paar Reiter hinweg, sah er einen großen Thronhimmel
-mit plattem, viereckigem Dach und darunter, in
-seinem Schatten, ein sehr stilles Bild von Renate, ganz
-entfremdet, nur ein Bild, ihr beschattetes Profil; sie saß
-in einem Stuhl mit hoher Rückwand, die Unterarme flach
-auf den Seitenlehnen; neben ihr, etwas zurück, stand ein
-Riese in schwarzem Kettenhemd und dem abenteuerlichen
-Topfhelm mit spitzer Wölbung. Grade vor ihr, zehn
-Schritt in die Wiese hinein, stand ein andrer Geharnischter
-und schien zu reden. Jenseit gewahrte Georg den Erzbischof
-zu Fuß auf der Erde, eine große, weiß und goldne
-Puppe mit dem Krummstab vor der bunten und glitzernden
-Mondsichel seiner Kirchendiener.
-</p>
-
-<p>
-Georg hörte auf einmal sprechen, horchte, verstand aber
-keine Silbe. Jählings zusammenfahrend, mit den Augen
-schon wieder im unteren Schatten, vernahm er Renates
-<a id="page-73" class="pagenum" title="73"></a>
-Stimme, so hell und klingend, daß er vor Bestürzung die
-Worte nicht erraffen konnte, er hastete nach und hörte ein
-paar zerstückte Wendungen, die wohlbekannten vom eisernen
-Tisch und vom Leibroß. Plötzlich brach Geschrei aus
-auf allen Seiten, Bewegung, alle Arme fuhren empor
-und winkten, Georg selber schrie und winkte mit und sagte
-zu sich: Ah, jetzt ist das Bündnis geschlossen. &mdash; Aber da,
-ganz entsetzt, mußte er denken: Nein, es ist ja genau, genau
-wie im Traum! wie oft habe ich mir da einen Vorgang
-mit solchen Worten bekräftigt, die, wenn ich mich
-im Wachen erinnerte, ohne Sinn und albern waren. Einmal
-&mdash; wie war es doch? &mdash; das große Hurra, etwas
-vom großen Hurra sagte jemand, und im Traum begriff
-ich es ...
-</p>
-
-<p>
-Ich träume aber doch nicht! ermannte er sich aufgeregt.
-Also paß auf! Beuglenburg und Trassenberg konnten sich
-nicht besiegen und schlossen auf einer großen Wiese vor
-Altenrepen ein Bündnis. Aber die Beuglenburger verlangten,
-daß Heliodora einen von ihnen zum Mann wählte,
-denn sie fürchteten sich sonst vor ihr. Da erzählte sie von
-der Weissagung, ihrem Pferde, das den vom Schicksal
-Erlesenen finden würde, und von dem eisernen Tisch, an
-dem er tafele, und das bezogen sie auf ihre eisernen Schilde,
-gemeint war aber die Pflugschar des Bauern Gregor ...
-Georg setzte sein Pferd in Bewegung, da Alles umher sich
-bewegte; er träumte nicht, das war klar, aber diese Wirklichkeit
-war allzu traumhaft. Dazu ward ihm jetzt sehr
-müde im Kopf, er schloß die Augen, öffnete sie nach einer
-Weile wieder, da es bergan ging; rings war blendendes
-Getümmel, die blauweißgrünen Wände der Fahnen standen
-<a id="page-74" class="pagenum" title="74"></a>
-ihm riesig und flammend vor Augen, und plötzlich erkannte
-er nicht weit von sich entfernt, mitten im Gedränge,
-das Gesicht Ulrika Tregiornis; sie blickte vor sich hin, ganz
-ernst, sie sah Georg nicht, und er schrie innerlich verzweifelt:
-Ist es denn doch ein Traum? Auf einmal
-dies bekannte Gesicht unter all den fremden, und sie ist
-da und sieht mich doch nicht, ganz wie &mdash; wie &mdash; wer
-war es denn? &mdash; Renate? &mdash; Nein ... Dora! Dora
-Vehm ...
-</p>
-
-<p>
-Plötzlich, wie ein Gewölk, riß das Gewimmel in bunte
-Fetzen auseinander und zerstreute sich. Georg hielt auf der
-Plattform der Dammhöhe nahe dem Walde, ein Geharnischter
-näherte sich zu Pferd und schien etwas sagen zu
-wollen, aber, Georg erkennend, wurde sein Gesicht ehrerbietig,
-er kehrte um. &mdash; Der Raum ward leer, mitten darin,
-einsam, hielt Renate.
-</p>
-
-<p>
-Sie war ja todbleich! sah starr gradeaus. Georg sprang
-ab, eilte auf sie zu, dabei immer müder von Sekunde zu
-Sekunde, stand unter ihr, streckte die Hand empor. Da
-schien sie ihn zu sehn, sie wandte das Gesicht herab, unendlich
-fremd und hoffärtig, &mdash; aber langsam kehrte Blick
-und Erkennen zurück, die Starre schmolz, doch waren die
-Züge noch ohne Bewegung, als sie das rechte Knie über
-das Horn weg hob und zur Erde glitt, ohne Georg anzurühren.
-</p>
-
-<p>
-Einen Augenblick stand sie geschlossenen Auges, gegen
-das Pferd gelehnt, wankte dann und fiel gegen Georg.
-Er glaubte, vor Müde und Seligkeit umzusinken, hielt
-ihren weichen, seltsam sich lösenden Körper, sah die rotbekleideten
-Schultern, dicht unter sich die großen Perlen
-<a id="page-75" class="pagenum" title="75"></a>
-des Haarnetzes, das seltene Braun des Haars, atmete
-seinen Duft und merkte, daß sie weinte. Ihre Schultern
-zuckten, sie schluchzte mehrere Male heftig auf, den Kopf
-auf seiner Schulter, hob ihn dann, öffnete die verschleierten
-Augen, aber da standen sie mit einem Schrecken starr,
-über Georgs Schulter hinweg gerichtet.
-</p>
-
-<p>
-&bdquo;Was ist denn?&ldquo; flüsterte er, sah sich um und starrte
-schaudernd: da, neben einem weißgolden flimmernden
-Mönchshaufen, stand einer der schwarzen Gugelmänner
-aus seinem Traum. &mdash; Ach, Unfug! schnob er innerlich,
-das ist ja Zuf&mdash; und sah im selben Augenblick, daß Renates
-Schrecken in ein süßes Lächeln schmolz.
-</p>
-
-<p>
-&bdquo;Es ist ja ...&ldquo; murmelte sie, denn der Schwarze erhob
-eben die flache Hand und winkte.
-</p>
-
-<p>
-&bdquo;Wer?&ldquo; fragte Georg; er hatte nicht verstanden.
-</p>
-
-<p>
-&bdquo;Saint-Georges&ldquo;, wiederholte Renate, völlig wach.
-&bdquo;Ach, bitte, Georg &mdash; &mdash; ja, wie stehn wir denn da?&ldquo;
-fragte sie erstaunt und trat ohne weiteres Befremden zurück.
-&bdquo;Bitte,&ldquo; fuhr sie fort, &bdquo;gehen Sie hin und sagen
-Sie ihm, er möchte &mdash; ja, er möchte nachher vor dem Ankleidezelt
-im Burghof auf mich warten.&ldquo;
-</p>
-
-<p>
-Ja, was ist denn nun? dachte Georg. Er schwankte
-vor Müdigkeit, suchte unwillkürlich nach einem Halt und
-sah den guten, ruhigen Unkas dastehn, gesenkten Halses,
-mit geraffter Oberlippe im kurzen Gras rupfend. Er ging
-zu ihm hin, nahm ihn bei der Trense und schritt, doch
-wieder schaudernd, auf den unbeweglich dastehenden
-Gugelmann zu.
-</p>
-
-<p>
-&bdquo;Fräulein von Montfort läßt Sie bitten,&ldquo; sagte er,
-&bdquo;nachher am Ankleidezelt zu sein, im Burghof.&ldquo;
-</p>
-
-<p>
-<a id="page-76" class="pagenum" title="76"></a>
-Der Schwarze neigte nur den vermummten Kopf und
-fuhr fort, durch die Augenschlitze gradaus zu spähn, &mdash;
-denn so schien es. Todmüde wandte Georg sich um und
-sah Ulrika und Renate zusammenstehn, Renate auf den
-Gugelmann blickend, wie er auf sie. Er zog Unkas hinter
-sich her, waldeinwärts, stolpernd mit halbgeschlossenen
-Augen, und dachte noch schlaftrunken: So führt ein
-Blinder den andern. &mdash; Dann zog sich alles in flimmernde,
-farbige Kreise auseinander, und mehr wußte er nicht.
-</p>
-
-<div class="chapter">
-
-<h3 class="chapter" id="subchap-0-1-3">
-<a id="page-77" class="pagenum" title="77"></a>
-Drittes Kapitel
-</h3>
-
-</div>
-
-<h4 class="section">
-Theater
-</h4>
-
-<p class="first">
-Renate, ohne den Blick von Saint-Georges zu wenden,
-tastete nach Ulrikas Hand und faßte sie. &bdquo;Was war dir
-denn?&ldquo; hörte sie Ulrika fragen, &bdquo;du weintest.&ldquo; Jetzt
-entfernte der Gugelmann sich mit einem Winken, sie
-wandte sich zu Ulrika, sah erfreut das zarte und ernste
-Gesicht, ein wenig entfremdet von der großen, dunkelroten
-Krone von Haar, die mit grünen Bändern durchflochten
-einem maurischen Turban ähnlich war, und sammelte ihre
-Gedanken. &bdquo;Laß dich anschaun,&ldquo; sagte sie, &bdquo;wie köstlich
-du aussiehst!&ldquo;
-</p>
-
-<p>
-Ulrika ließ sich mit ein wenig ironischer Miene betrachten
-und befühlen in ihrem großen, grünen Mantel, dessen
-weißseiden gefütterte Falten sie im linken Arm trug, die goldene
-engärmlige Tunika darunter, und den weiten, mattlila
-Kleidrock. &bdquo;War es denn nicht schön?&ldquo; fragte sie, wieder
-besorgten Gesichts, &bdquo;ich meine, &mdash; weil du weintest ...&ldquo;
-</p>
-
-<p>
-&bdquo;Habe ich geweint?&ldquo; fragte Renate erstaunt. &bdquo;Richtig,
-Georg war ja da, &mdash; wo ist er denn geblieben? &mdash;
-Ja, es war schön, aber &mdash; es war schauerlich &mdash; oh!&ldquo; sie
-zog die Schultern zusammen. &bdquo;Ich bin völlig zu Eis geworden,
-weißt du.&ldquo; Sie lachte. &bdquo;Nun, und das hat halt
-schmelzen müssen. Du weißt doch, Herz, man weint nie,
-wenn etwas grausig ist oder so, sondern wenn man sich
-nicht anders zu helfen weiß.&ldquo;
-</p>
-
-<p>
-Wieder schaudernd blickte sie in die letzte Stunde zurück,
-fand jedoch wenig und sah nun nahe vor sich den
-<a id="page-78" class="pagenum" title="78"></a>
-Schimmel, dem eben Decken und Sattel abgenommen
-wurden, auch das Kopfzeug.
-</p>
-
-<p>
-&bdquo;Mein Gott, sieh doch nur, wie schön sie ist!&ldquo; rief
-Ulrika entzückt, als die Stute nackend dastand in der Herrlichkeit
-ihrer edlen Glieder, gedrungen, doch nicht plump,
-zierlich die Hufe voreinander wie eine Tänzerin, breit von
-Brust, dicken, kurzen, zum kleinen Kopf stark verjüngten
-Halses, mit dem starken Wirbelhaar über der Stirn, schnobernd
-mit den Nüstern, daß leises Wiehern quoll.
-</p>
-
-<p>
-&bdquo;Ja, du bist sicherlich grad so erleichtert wie ich, aus
-deinen warmen Decken&ldquo;, sagte Renate, zu ihr gehend, um
-ihr den Hals zu liebkosen. &bdquo;Ohne Furcht und Tadel bist
-du wie ich,&ldquo; murmelte sie dabei, &bdquo;was wird aus uns
-werden?&ldquo;
-</p>
-
-<p>
-Die Stallknechte und ein Geharnischter, der Spielleiter,
-kamen, legten der Stute eine Trense in weißem Halfter
-an, in deren Ringen dünne und viele Ellen lange, rote
-Lederriemen befestigt waren; zwei Edelleute auf schönen,
-goldroten Pferden lenkten heran und ergriffen die Riemenenden.
-</p>
-
-<p>
-&bdquo;Bitte, wollen Sie nun &mdash;&ldquo; hörte Renate den Schauspieler
-sagen. Sie griff in den Halfter und führte die
-Stute einige Schritte gegen den leeren Damm vor, besann
-sich vergeblich auf ihre Verse und bat endlich unsicher:
-&bdquo;Ja, nun mußt du laufen!&ldquo;
-</p>
-
-<p>
-Sie trat seitwärts. Einer der Reiter schnalzte mit der
-Zunge, hinten knallte eine Peitsche. Die Stute fuhr zusammen,
-trat drei Schritte vor, blickte sich erschreckt und
-verwundert mit klugen Augen um, wieder knallte die
-Peitsche, da sprang sie heftig an, trabte ein Stück, setzte
-<a id="page-79" class="pagenum" title="79"></a>
-sich in Galopp, die Reiter folgten, und plötzlich schnellte
-sie ab, flog, ein weißer Pfeil, der Tiefe zu, die Reiter
-jagten bergunter nach, aber schon schienen die Riemen sich
-erstaunlich zu verlängern, und schon, gedankenschnell,
-war der weiße Ball durch die leere Hälfte der Arena geschnellt,
-auf die vielen weißen Zelthüte der Beuglenburgischen
-Ritterschaft zu, und, wie ein Blitz wegzuckend,
-war sie die breite Gasse hinab und draußen im Dunste
-der Ebenen verschwunden. Nachhetzend, weit zurück,
-leuchteten noch eine Weile die roten Pferde und schwanden.
-&mdash;
-</p>
-
-<p>
-Im Kreis der Zuschauer hinter Renate gab es Gelächter.
-Sie wandte sich zu Ulrika, die lachend meinte,
-sie sei neugierig, ob der gute Schimmel richtig von selber
-zum Bauern Gregor hinlaufe, der draußen im Felde
-warte. Renate legte den Arm um ihre Schulter und sah
-wieder weiße Wolkenballen, wie Stiere scheinend, über
-den fernen Erdrand heraufklimmen.
-</p>
-
-<p>
-&bdquo;Es fing an, weißt du, als ich hier den Damm hinunter
-reiten mußte,&ldquo; sagte sie tief in Gedanken, &bdquo;oder
-vielmehr &mdash;, da hörte etwas auf. Kannst du dir diese
-Vereinsamung vorstellen, mit der ich da plötzlich der riesigen
-Tiefe und den zehntausend Augen ausgesetzt war?
-Ich weiß nur noch, daß ich furchtbar fror, meine Augen
-wurden unermeßlich weit, aber ich sah trotzdem nichts als
-den Himmel und diese gewaltigen, weißen Wolken, und
-wie stürmten sie gegen mich herauf! Wie Stiere sahen
-sie aus. Wie aber dann der Jubel ausbrach &mdash; &mdash;, sehen
-konnten sie, wenigstens mein Gesicht, ja noch kaum, aber
-es galt doch mir, und das gab einen Sturm, der mich leer
-<a id="page-80" class="pagenum" title="80"></a>
-ausfegte und mit Eis, &mdash; ja mit Eis anfüllte. Ich mußte
-mich zusammenraffen &mdash; furchtbar!&ldquo; Sie lächelte und
-fuhr eifrig fort. &bdquo;Da konnt ich denn freilich merken, &mdash;
-das heißt, weißt du, ich merke es erst jetzt, &mdash; wie wenig
-ich in Wirklichkeit allein gewesen bin, denn es sind doch
-immer Gedanken dagewesen, Erinnerungen und immer
-doch auch die Nähe vertrauter Menschen. Psyche auf
-dem Wege zum Hades, weißt du, der muß so ums Herz
-gewesen sein. Und erst unten, weißt du, &mdash; ja, was lachst
-du denn?&ldquo;
-</p>
-
-<p>
-&bdquo;Ich lache, weißt du,&ldquo; sagte Ulrika, &bdquo;weil du, weißt
-du, immer weißt du sagst!&ldquo;
-</p>
-
-<p>
-&bdquo;Sage ich das? Ja, weißt &mdash; nein wirklich! &mdash; aber
-da kannst du sehn, wie ich durcheinander geraten bin.
-Nein, der Jubel unten, sie rasten, und nun wußte ich doch
-auch, daß sie mich wirklich sahen &mdash;&ldquo;
-</p>
-
-<p>
-&bdquo;Ha,&ldquo; unterbrach Ulrika ihren Wortschwall, &bdquo;das hast
-du doch gemerkt!&ldquo;
-</p>
-
-<p>
-&bdquo;Ich habe es gefühlt, du Närrchen,&ldquo; sagte Renate
-lachend, &bdquo;aber ich weiß es erst jetzt!&ldquo;
-</p>
-
-<p>
-&bdquo;Ist das ein Unterschied bei dir?&ldquo; fragte Ulrika verwundert.
-Renate sah sie an. &bdquo;Ja, bei dir etwa nicht?&ldquo;
-</p>
-
-<p>
-Ulrika schien innerlich zu kämpfen. &bdquo;Du magst recht
-haben,&ldquo; gestand sie endlich, &bdquo;aber &mdash; wenn es so ist &mdash;
-dann &mdash;&ldquo;
-</p>
-
-<p>
-&bdquo;Ist es unsre ganze Macht&ldquo;, funkelte Renate. &bdquo;Nein,
-weißt du, sie rissen mich in Stücke mit ihrem Lärm.&ldquo;
-</p>
-
-<p>
-&bdquo;Und das war das Grausige?&ldquo;
-</p>
-
-<p>
-Renate blickte versonnen vor sich hin, lächelte, hob die
-Achseln. &bdquo;Das Schöne&ldquo;, sagte sie leise. &bdquo;Es war nur
-<a id="page-81" class="pagenum" title="81"></a>
-noch Brausen, ich war wie &mdash; weit fort, und doch war
-ich es, die groß umherging und galt. Es war gut, das
-einmal erlebt zu haben, &mdash; ein zweites Mal ...&ldquo; Sie
-schauerte.
-</p>
-
-<p>
-&bdquo;Und den Festzug hast du noch vor dir&ldquo;, neckte Ulrika.
-</p>
-
-<p>
-Renaten zog ein schönes Wort durch den Sinn:
-</p>
-
-<div class="poem-container">
- <div class="poem">
- <div class="stanza">
- <p class="verse">Verschmolzen mit der tausendköpfigen Menge,</p>
- <p class="verse">Die schön wird, wenn das Wunder sie ergreift ...</p>
- </div>
- </div>
-</div>
-
-<p class="noindent">
-Tiefer schauernd, schloß sie die Augen. War sie verschmolzen
-gewesen? &mdash; Nein, und &mdash; nein, das verschmolzen
-bezog der Dichter ja nicht auf den Dargestellten, sondern
-auf einen der Gläubigen in der Menge, wenn sie sich recht
-erinnerte. Die Menge aber, war sie wirklich schön geworden?
-Im Herzen vielleicht, die Hände lärmten sehr.
-Aber das war nun so ihre Art ... Die Augen öffnend,
-rief sie: &bdquo;Sieh nur, was kommt da?&ldquo;
-</p>
-
-<p>
-Durch die Gasse der weißen Zeltestadt und die Gruppen
-der dunklen und blitzenden Harnischleute kam von
-jenseit ein großes, braunrotes Pferd dahergebraust; sein
-Reiter schien sehr klein, &mdash; ah, es war der Botschafterjunge!
-In der einen Hand schwang er etwas Gelbrotes
-wie eine Fahne. Nun stürmte er über die Wiese heran,
-der Gaul bockte am Damm, kam aber dann in großen,
-heftigen Galoppsprüngen herauf, der Knabe, nacktbeinig
-in kurzer schwarzer Hose und weißem Hemd, schwenkte ein
-mächtiges Bündel bäurischer, gelber und roter Stockrosen,
-&mdash; jedoch in der Tiefe ward jetzt wieder das weiße
-Pferd sichtbar, das unter einem Reiter leicht zwischen den
-Zelten zurückgaloppierte; dahinter die Füchse der Edelleute.
-&mdash; Jetzt war der Knabe heran, warf sich noch im
-<a id="page-82" class="pagenum" title="82"></a>
-vollen Ansprung von seinem braunen Elefanten, stolperte,
-fiel aber geschickt und anmutig auf seine Knie vor Renate,
-die Arme ausbreitend, den Kopf im Nacken, offnen Mundes
-minutenlang nur keuchend, flammenrot im Gesicht,
-das mager war mit großen, braunen Augen voll Entzücken.
-Endlich konnte er mit heller Stimme rufen: &bdquo;Sie
-kommen! Der König kommt! Es lebe Heliodora!&ldquo;
-</p>
-
-<p>
-&bdquo;Herzog muß es heißen,&ldquo; flüsterte Renate lachend, über
-sein beflammtes Gesicht huschte leichter Schreck, dann
-lächelte er und fuhr richtig fort:
-</p>
-
-<div class="poem-container">
- <div class="poem">
- <div class="stanza">
- <p class="verse">&bdquo;Am eisernen Tische fand dein weißes Roß</p>
- <p class="verse">Den Auserwählten, doch es war kein Schild;</p>
- <p class="verse">Des Bauern Pflugschar wars, von der er schmauste</p>
- <p class="verse">Sein karges Brot!&ldquo;</p>
- </div>
- </div>
-</div>
-
-<p class="noindent">
-Renate, hinter sich das erstaunte Bühnengemurmel ihres
-Hofes, sagte: &bdquo;Da, komm, mein braver Junge!&ldquo; und,
-den süßen Botenlohn ihrer Jamben verschluckend, hob
-sie den Jungen kräftig von der Erde auf, drückte ihn &mdash;
-er war klein wie ein zehnjähriger &mdash; an die Brust und
-küßte ihn fest auf den Mund. Der Junge schloß die
-Augen, hing einen Augenblick still, riß sich erschrocken los,
-machte eine Bewegung mit dem freien Arm, als ob er
-sich den Mund wischen wollte, schüttelte sich plötzlich und
-sprang, sich umwirbelnd, davon. Renate lachte ihm mit
-der Umgebung fröhlich nach.
-</p>
-
-<p>
-Nun waren auch Schimmel und Reiter nahe heraufgesprengt,
-der Schauspieler im weißen Bauernhemd und
-blauen, riemenumwundenen Strümpfen, nicht ungeschickt
-auf dem ungesattelten Pferd, hielt, sah sich staunend um.
-&mdash; Theater, dachte Renate, ist doch was Sonderbares! &mdash;
-<a id="page-83" class="pagenum" title="83"></a>
-Das bartlose, ungeschminkte Gesicht erinnerte weitläufig
-an Georg, aber die tönende Stimme, mit der er nun sein:
-&bdquo;Wo bin ich? Welch ein Traum umfängt mich denn?&ldquo;
-hervorsang, enttäuschte Renate. Sie erklärte mit natürlichem
-Hochmut:
-</p>
-
-<p>
-&bdquo;Heliodora siehst du, Herzogin von Trassenberg. Und
-wie es scheint, sollst du mein Gatte sein!&ldquo;
-</p>
-
-<p>
-Über ihre eigne Nichtachtung lächelnd, froh, daß eine
-Schauspielerin im nächsten Akt Heliodoras Zähmung darzustellen
-habe, fuhr sie fort: woher er komme, wer er sei.
-&mdash; Gregor, der erstaunte Bauer, sprang nun vom Pferde,
-es wurde fortgeführt, er sank aufs Knie, flüsterte: &bdquo;Sakrament,
-Sakrament, Fräulein, wie schön sind Sie!&ldquo;
-und ließ die Jamben des Stadtpoeten rollen:
-</p>
-
-<div class="poem-container">
- <div class="poem">
- <div class="stanza">
- <p class="verse">&bdquo;Wie leicht ist Fragen, &mdash; Antwort, ach, wie schwer!</p>
- <p class="verse">Du fragst: Wer bist du? Frage, wer ich war!</p>
- <p class="verse">Kaum weiß ich dies; verzaubert bin ich wohl,</p>
- <p class="verse">Ein Roß, ein holdes Weib ...&ldquo;</p>
- </div>
- </div>
-</div>
-
-<p class="noindent">
-Renate überhörte den folgenden Schwall, nahm beim
-Nahen ihres Stichwortes den Mantel von der Achsel,
-schleuderte ihn über eine Schulter des Knieenden, indem
-sie dachte: Handeln ist besser als Reden! und herrschte
-ihn kühl an:
-</p>
-
-<p>
-&bdquo;Ich erkenne &mdash; Den Spruch des Schicksals an. Da
-ist mein Mantel. &mdash; Zeichen der Würde, weiter nichts.
-Ich selbst &mdash; Bleibe mein eigen, hörst du wohl &mdash;&ldquo; Sie
-endete, plötzlich selbst erregt: &bdquo;Mein eigen!&ldquo;
-</p>
-
-<p>
-Das Übrige ging sie nichts mehr an, sie drehte sich um,
-sah Ulrika dastehn, trat zu ihr und sagte, den Arm um
-ihre Schulter legend, lächelnd: &bdquo;Das Stück ist aus, &mdash;
-<a id="page-84" class="pagenum" title="84"></a>
-nun wollen wir zu Georges, der Bauer machte Augen
-wie ein Dorsch!&ldquo; worauf sie, zierlich und hochmütig angelehnt,
-wie es die Rolle wollte, mit ihr durch die Gasse
-ihres Hofstaats in den Wald hineinging.
-</p>
-
-<p>
-&bdquo;Verstehst du denn die Menschen?&ldquo; fragte sie, stehen
-bleibend, und drückte die Handflächen lachend gegen die
-Wangen. &bdquo;Du weißt doch, was für einen Kampf es gegeben
-hat, bis die Schauspielerin zugab, daß ich ihr diese
-paar Worte raubte, weil Georg darauf brannte, mich
-den Ritt aufführen zu sehn, &mdash; ja, wo ist er denn nur geblieben?&ldquo;
-</p>
-
-<p>
-Ulrika bückte sich zu einem Grashalm am bemoosten
-Wegrand, riß ihn aus und sagte nachdenklich im Weitergehn:
-</p>
-
-<p>
-&bdquo;Ich verstehe sie, ja. Wenn ich gespielt <em>habe</em>, wenn
-ich fertig bin und die Leute klatschen, und ich gehe hinaus
-und komme wieder, sooft man mich hineinschiebt, &mdash; das
-ist &mdash; Lärm, davon verstehe ich nichts. Aber vorher &mdash; &mdash;
-die Erwartung, und das Gefühl: zu können, Macht zu
-haben, und &mdash; das Zurechtrücken im Stuhl, und das
-Präludieren ... ja, es ist sonderbar und ist doch so:
-besser spiele ich wohl nicht, als wenn ich mit dir oder sonst
-jemand im Zimmer allein bin, &mdash; aber anders spiele ich,
-ganz anders, und sie Alle spielen mit ...&ldquo;
-</p>
-
-<p>
-Renate vergaß, etwas zu antworten, denn sie waren
-im Burghof; die beiden Ankleidezelte waren da, aus dem
-einen spähte eine Frau mit nackten Armen, eine andre
-ging hinein, Saint-Georges war nicht zu sehn.
-</p>
-
-<p>
-&bdquo;Eins,&ldquo; hörte sie Ulrika sagen, &bdquo;du hast es leider nicht
-gesehn, das war köstlich. Der Junge, den du geküßt
-<a id="page-85" class="pagenum" title="85"></a>
-hast, &mdash; ich sah ihn nachher unter dem Gedränge stehn,
-versteckt, nur den Kopf streckte er nach dir hin, und auf
-einmal zog er ihn zurück, sah seine Hand an, und dann
-legte er sie auf den Mund, &mdash; so &mdash;&ldquo; Ulrika machte es
-vor, den Kopf in den Nacken legend, als schütte sie
-Beeren in den Mund. &mdash; &bdquo;Danach nahm er die Hand
-wieder fort, schaute hinein, als ob es nun darin wäre,
-deckte die Hand drüber, ganz vorsichtig, und schlich sacht
-damit fort.&ldquo;
-</p>
-
-<p>
-Renate begriff noch nicht recht. &bdquo;Ach, er konnte meinen
-Kuß nicht im Mund behalten?&ldquo; sagte sie lachend. &bdquo;Ja,
-wie alt war der Junge denn?&ldquo;
-</p>
-
-<p>
-&bdquo;Dreizehn,&ldquo; versetzte Ulrika, &bdquo;er sieht viel jünger aus,
-weil er so klein ist. Bogner hat ihm die Rolle gegeben,
-er ist sein kleiner Schüler, und Bogner sagt, er könnte
-jetzt schon mehr als er.&ldquo;
-</p>
-
-<p>
-&bdquo;Ja, so ist Bogner&ldquo;, lachte Renate, den Vorhang
-hebend.
-</p>
-
-<h4 class="section">
-Zelt
-</h4>
-
-<p class="first">
-Stühle und Tische im Zelt waren mit den Teilen des
-zweiten Kleides bedeckt, die Zofe drängte, Renate ließ sich
-entkleiden, setzte sich in Unterrock und Leibchen vor den
-Spiegeltisch und sah über sich Ulrikas Gesicht im Glas,
-etwas schief, aber auch, wie es schien, sehr ernst, während
-ihre Hände das Perlennetz behutsam aus dem Haar
-lösten.
-</p>
-
-<p>
-&bdquo;Du siehst so dunkel aus&ldquo;, sagte Renate in den Spiegel.
-Ulrika antwortete nicht. Erst nach einer Weile, als
-<a id="page-86" class="pagenum" title="86"></a>
-die Zofe sich entfernt von ihnen beschäftigte, sagte sie halblaut:
-&bdquo;<span class="antiqua">Mio marito e ritornato.</span>&ldquo;
-</p>
-
-<p>
-&bdquo;So ...&ldquo; Ihr Mann war wiedergekommen ... Renate
-mochte nicht gern vor einer Dienerin in fremder
-Sprache reden und fragte erst nach einer Weile: &bdquo;Anderthalb
-Jahr war er fort?&ldquo;
-</p>
-
-<p>
-Ulrika antwortete, er sei vor ein paar Tagen gekommen,
-sei nun in Wilhelmshaven stationiert, komme aber alsbald
-zum Admiralstab nach Berlin ... Weiter ließ sich zur
-Zeit wohl nichts sagen.
-</p>
-
-<p>
-Nun war auch das Haar zu kämmen und zu bürsten,
-die Zöpfe mit Perlen und Goldbändern neu zu flechten,
-dann der grade Kronenring auf dem Kopf mit weißem
-Flor unter dem Kinn zu befestigen. &mdash; Renate stand auf.
-</p>
-
-<p>
-Die Zofe kam, auf den Armen den mächtigen Bausch
-des dunkelvioletten Kleidrocks. Renate, vor Ulrika stehend,
-fragte leise: &bdquo;Was soll denn nun werden?&ldquo;
-</p>
-
-<p>
-Sie schüttelte traurig lächelnd den Kopf, faßte in die
-Falten des Kleides und zog sie nach unten, während die
-Zofe sie oben über Renates Kopf und Schultern auf die
-Hüften senkte. Dann fuhr sie in die schilfgrüne, engärmelige
-Tunika mit goldenen Säumen und Stickerei;
-Ulrika brachte einen Gürtel aus schwarzen und goldenen
-Quadraten.
-</p>
-
-<p>
-&bdquo;Den kenne ich ja gar nicht&ldquo;, sagte Renate verwundert
-und betrachtete voll Freude die Bildnerei in den Goldvierecken,
-die Tiere der Wendekreise und Figuren aus den
-Sternen. &bdquo;Seine Durchlaucht&ldquo;, gestand die Zofe lächelnd,
-&bdquo;haben ihn mir heute morgen gegeben.&ldquo; Ulrika sagte
-nur: &bdquo;Ha!&ldquo; während Renate errötete und sich freute.
-<a id="page-87" class="pagenum" title="87"></a>
-Das war schön, das war ein schöner Gedanke, sie heute
-zu gürten. Sie hakte den Gürtel wortlos über den Lenden
-zusammen, sah das freibleibende Ende mit einer großen
-goldenen Scheibe daran zwischen den Knien niederfallen,
-dann stand die Zofe da mit den schneeweißgefütterten,
-goldenen Überärmeln, riesengroßen Tüten, deren Zipfel,
-als sie übergezogen waren, bis auf die Füße hinunterhingen.
-</p>
-
-<p>
-&bdquo;Bin ich schön?&ldquo; fragte sie, sich vorm Spiegel drehend
-und zurücktretend, die händefaltende Ulrika, &bdquo;ach, es ist
-eine Lust heute, schön zu sein! Den Mantel nachher,&ldquo;
-sagte sie und mußte plötzlich zum Türvorhang eilen, im
-Gefühl, jemand stehe draußen. Die Falte hebend, sah sie
-wirklich den Gugelmann, streckte freudig die Hand nach
-ihm, erfaßte die seine und sagte leise: &bdquo;Komm herein,
-Georges, ich bin so froh, daß du &mdash;&ldquo;
-</p>
-
-<p>
-Die Gugelkappe bewegte sich langsam, verneinend, hin
-und her. &bdquo;Wir befinden uns in einem Irrtum&ldquo;, sagte
-eine nicht völlig unbekannte Stimme; er lüpfte die Kappe
-über der Achsel; im Dunkel, dort wo das Gesicht war,
-wurde etwas häßliches Rotes sichtbar.
-</p>
-
-<p>
-&bdquo;Josef!&ldquo; stieß sie halblaut hervor, erschreckt. Er ließ
-die Kappe wieder fallen und nickte. Sie sah jetzt durch
-die Schlitze dunkel den Schein seiner Augen, dazu auch
-seine Größe, da er Georges doch um einen Kopf überragte.
-Sie ließ seine Hand fallen.
-</p>
-
-<p>
-&bdquo;Komm herein&ldquo;, sagte sie und trat zurück. Er folgte.
-</p>
-
-<p>
-Für Minuten verwirrt, nach zwei Seiten gerissen von
-wünschenden, hoffenden, begierigen Gedanken, rauschte
-Renate in den großen Raum hinein, bemerkte einen Karton,
-<a id="page-88" class="pagenum" title="88"></a>
-an dem die Jungfer packte, und bat sie, einen Augenblick
-ins Freie zu gehn. Rauschte wieder zurück, sah den
-schwarzen Josef still an der Tür stehn, drehte sich um,
-stand und sagte kurz zu Ulrika hinüber: &bdquo;Es ist mein
-Vetter Josef.&ldquo;
-</p>
-
-<p>
-Ulrika grüßte freundlich und murmelte etwas. &mdash; Renate
-vergrub die Unterarme in die Ärmelfalten, dachte
-schwirrend deutlicher an den Herzog, an ihren Onkel,
-warf den Kopf in den Nacken und sagte: &bdquo;Ich habe damals
-nicht gewollt, daß du meinetwegen zum Vater
-gingest. Sagtest du nicht, daß du gehen würdest?&ldquo; Die
-schwarze Kappenspitze bewegte sich bejahend. &bdquo;Heute
-muß ich wünschen, daß du um meinetwillen gehst, meine
-Gedanken verkehren sich, ich weiß nicht mehr, was Recht
-und was Unrecht ist.&ldquo;
-</p>
-
-<p>
-&bdquo;Wie unverständlich&ldquo;, hörte sie Josef sagen. &bdquo;Wenn
-du dir von meinem Kommen etwas versprichst für deinen
-Onkel, so dürfte es wohl gleich sein, aus welchem Grunde
-ich komme.&ldquo;
-</p>
-
-<p>
-&bdquo;Ich wußte es längst,&ldquo; murmelte Renate unwillig,
-&bdquo;ich fühlte es.&ldquo;
-</p>
-
-<p>
-&bdquo;Wir sind es immer,&ldquo; hörte sie Josefs kühle Stimme
-sagen, &bdquo;die alle fremde Angelegenheit durch unsre eigenen
-entstellen. Immer müßt ihr selber zwischen euch stehn und
-den Dingen.&ldquo;
-</p>
-
-<p>
-&bdquo;Du sprichst gegen dich selbst, Josef?&ldquo;
-</p>
-
-<p>
-&bdquo;Ich sehe, was kommt,&ldquo; versetzte er ruhig, &bdquo;und
-außerdem äußere ich eine Meinung, weiter nichts. Wenn
-jemand imstande ist, von sich selber abzusehn, so bin ich
-derjenige, &mdash; du weißt.&ldquo;
-</p>
-
-<p>
-<a id="page-89" class="pagenum" title="89"></a>
-Renate mußte da lächeln, heftete die Augen fest auf
-ihn und sagte: &bdquo;Seit heute morgen bin ich die Verlobte
-des Herzogs.&ldquo; Ihre Augen glitten zu Ulrika, die überrascht
-und heiter den Kopf zurückbewegte. Josef regte
-sich nicht; aber es verging eine halbe Minute, bis Renate
-etwas vernahm, das halb ein Pfeifen war, halb ein
-Seufzer, schwer, und doch wieder &mdash; erleichtert. Dann
-hörte sie ihn sagen:
-</p>
-
-<p>
-&bdquo;Ich gratuliere. Ziemlicheres ließ sich kaum erdenken.
-&mdash; Er ist ein Mann,&ldquo; setzte er großmütig hinzu, kam zu
-Renate, sie ließ ihm die rechte Hand, er ergriff und küßte
-sie. Auch Ulrika kam und umarmte sie schweigend und
-mit Innigkeit.
-</p>
-
-<p>
-&bdquo;Du kommst also mit mir, Josef? Ich verlasse das
-Haus nicht, eh dein Vater dich gesehn hat.&ldquo; Er neigte
-den Kopf.
-</p>
-
-<p>
-&bdquo;Dann fort!&ldquo; rief Renate, &bdquo;auf dem Festwagen wird
-Platz für dich sein.&ldquo; Sie lief zur Tür, winkte der Zofe,
-die herlaufend rief, Herr Bogner ließe sagen, das Automobil
-stünde am andern Ende der Burg. &mdash; Sie verließen
-das Zelt.
-</p>
-
-<h4 class="section">
-Im Wagen
-</h4>
-
-<p class="first">
-Durch den Burghof, am Fuße der Mauern hin, gelangten
-sie zur Fahrstraße; dort, in der Nähe des schwarzen
-Wagens, saß auf einem Baumstumpf der rotbeinige
-Maler; sein kleiner Schüler lehnte ihm am Knie und zeichnete
-auf einem Block. Nun blickten Beide auf, der Junge
-sprang zur Seite und errötete tief, vielleicht weil er seine
-<a id="page-90" class="pagenum" title="90"></a>
-linke Hand mit dem Taschentuch verbunden hatte, und
-da Renate ihn sacht herbeiwinkte, kam er trotzig hergeschlendert,
-die Hände mit seinem Zeichenblock auf
-dem Rücken und mit der Miene eines jungen Hundes:
-es paßt mir gerade diesen Weg zu gehn ... Renate
-fragte leise, sich zu ihm bückend: &bdquo;Was hast du mit deiner
-Hand gemacht?&ldquo;
-</p>
-
-<p>
-&bdquo;Mich gerissen,&ldquo; log er finster und flammenrot im
-Gesicht.
-</p>
-
-<p>
-&bdquo;Laß mal sehn&ldquo;, lockte sie, aber er schüttelte nur abweisend
-den Kopf. Da ehrte sie seinen männlichen Ernst
-und stieg in den Wagen, Ulrika zu sich nehmend. Die
-Zofe nahm mit ihrem Pappkarton den Platz neben dem
-Fahrer, auch der Junge kletterte zu ihr. Bogner und
-Josef standen noch, miteinander sprechend, zusammen,
-es schien, sie hatten sich schon begrüßt, &mdash; kletterten dann
-auf die hochgeklappten Vordersitze nebeneinander, so daß
-Renate Bogners Rücken und Hinterkopf vor sich hatte,
-Ulrika Josefs Gugelkappe. Sie rollten ab.
-</p>
-
-<p>
-&bdquo;Welch ein schöner, keuscher Junge, Bogner,&ldquo; sagte
-Renate nach einer Weile, &bdquo;keusche Männer sind so selten.&ldquo;
-</p>
-
-<p>
-Bogner, sein Profil herwendend, fragte spät: &bdquo;Warum
-keusch?&ldquo;
-</p>
-
-<p>
-Renate fand nicht gleich eine Antwort, und Josef, sich
-herumsetzend, sagte hurtig: &bdquo;Keusche Männer sind etwas
-Unleidliches. Ich sage nichts gegen deinen Knaben Tobias,
-der ja kein Mann ist.&ldquo;
-</p>
-
-<p>
-&bdquo;Heißt er Tobias?&ldquo;
-</p>
-
-<p>
-&bdquo;Er heißt nicht so, wird aber so genannt, weil er ein
-Hündlein hat und einen Engel in Bogner.&ldquo;
-</p>
-
-<p>
-<a id="page-91" class="pagenum" title="91"></a>
-&bdquo;Und keusch ist wie Tobias,&ldquo; lachte Renate, von dem
-Gleichnis erfreut, &bdquo;oder betete Tobias nicht drei Nächte
-mit seinem Weibe Sarah, ehe er sie nahm?&ldquo;
-</p>
-
-<p>
-&bdquo;Sarah, siehst du,&ldquo; erwiderte Josef, &bdquo;war keusch; sieben
-Männer mußten Todes sterben und durften nicht an sie
-heran, dann kam der rechte, und &sbquo;Azaria, mein Bruder&lsquo;
-trieb den Teufel der Unkeuschheit aus.&ldquo;
-</p>
-
-<p>
-&bdquo;Was ist denn unkeusch, Josef, bitte, ich habe dich so
-lange nicht plätschern gehört!&ldquo;
-</p>
-
-<p>
-&bdquo;Vielleicht stehts im Tobias, Renate, du wirsts
-wissen.&ldquo;
-</p>
-
-<p>
-Renate, alle väterliche Bibelkenntnis zusammenraffend,
-suchte und fand: &bdquo;Höre zu, ich will dir sagen, über welche
-der Teufel Gewalt hat. Nämlich über diejenigen, welche
-Gott verachten und allein um der Unzucht willen Weiber
-nehmen, wie das dumme Vieh.&ldquo;
-</p>
-
-<p>
-&bdquo;Oh, verblüffend!&ldquo; staunte Josef, &bdquo;wie das dumme
-Vieh!&ldquo; und Renate erkannte mit heller Freude trotz der
-Maske seine Lieblingsbewegung, da er über dem schwarzen
-Zeug mit der flachen Hand nach unten strich, und sie
-sah sein Gesicht darunter, ganz und heil wie je, hochgezogne
-Brauen, hängende Mundwinkel und trüb
-lächelnde Augen, während sie, Hoffnung und Zuversicht
-im Herzen, eifrig und skandierend fortfuhr:
-</p>
-
-<p>
-&bdquo;Wenn aber die dritte Nacht vorüber ist, Josef, so
-sollst du dich zur Jungfrau zutun mit Gottesfurcht,
-Bogner, mehr aus Begierde der Frucht, denn aus böser
-Lust, Josef, daß du und deine Kinder den Segen erlangen,
-der dem Samen Abrahams zugesagt ist, Bogner, &mdash; ach
-Gott, jeden und jeden Sonntag nachmittag habe ich Papa
-<a id="page-92" class="pagenum" title="92"></a>
-das predigen hören in seinem Zimmer, und dann kamen
-sie mit gesenkten Ohren heraus wie die Pudel, aber Papas
-Traugelder erhöhten sich in keinem Jahr, in keinem, und
-als ich geboren wurde, da sollen die Ammen das Haus
-gestürmt haben, Ulrika!&ldquo;
-</p>
-
-<p>
-Ulrika sah geistesabwesend auf und lachte gezwungen.
-&mdash; <span class="antiqua">Mio marito</span> ... klang es Renate im Ohr, sie konnte
-aber ihr Lachen nicht gleich zerdrücken, sah sich vielmehr
-genötigt, es zu erneuern, da sie Josef sagen hörte:
-&bdquo;Caramba, Kusine, was bist du doch unkeusch!&ldquo;
-</p>
-
-<p>
-&bdquo;Rede weiter, Josef&ldquo;, befahl sie, ihn anblitzend.
-</p>
-
-<p>
-&bdquo;Jedermann,&ldquo; sagte Josef, &bdquo;der handelt, ist gut, also
-Mönche, Asketen, Einsiedler. Eine Frau kann keusch sein,
-nicht bloß so in der eben beliebten Art: die keusche Dirne,
-&mdash; denn wer, Bogner, hätte sich nicht eine letzte Zelle im
-Gemüt reinlich erhalten? &mdash; sondern durchaus bis zu
-einem schönen Grade von Prüderie, nämlich: in ihrer
-Haltung, in ihrer Geste, in dem, was sie angreift, tut und
-läßt, nicht in den Büchern, die sie liest, sondern in der
-Art, wie sie darin liest. Was aber Keuschheit beim Weibe
-ist, das ist Selbstzucht beim Mann. Unterhält es Sie,
-Frau Tregiorni? Vielleicht wundert es Sie, daß ich mein
-Gesicht verhülle? Glauben Sie mir, es würde Ihnen
-keine Freude machen, es zu sehn. In einem Lande &mdash;&ldquo;
-</p>
-
-<p>
-Ja, wie er nun plätschert, dachte Renate und glaubte
-fast schon zu sehn, wie das weiche, leichte Geriesel die
-Starre seines Vaters auflöste.
-</p>
-
-<p>
-&bdquo;In einem Lande, wo die Gesichter weniger kostbar
-sind als Spiegelglas, hielt jemand es für eine Fensterscheibe,
-so ging es in Scherben. Erinnerst du dich übrigens
-<a id="page-93" class="pagenum" title="93"></a>
-an Dorian Grays Bildnis, Renate? Sein Gesicht blieb
-das gleiche an die dreißig Jahr, derweil seine Seele sich
-schandbar verwandelte. Nun sehen Sie, Frau Tregiorni,
-mit mir verhält es sich genau umgekehrt, obgleich ich dir
-damals weissagte, ich würde an Antlitz und Seele gleicherweis
-&mdash;&ldquo;
-</p>
-
-<p>
-&bdquo;Du schweifst ab, Vetter!&ldquo; unterbrach ihn Renate.
-Sie fühlte wieder die alte, stolze Dankbarkeit für die
-Leichte, mit der er all und jedes, nicht zum wenigsten sich
-selber, aufnahm und zur Schau trug, Haltung und Gebärden
-wie eines Tierbändigers, der einen funkelnden
-Jaguar auf der Achsel um die Arena trägt.
-</p>
-
-<p>
-&bdquo;Keuschheit&ldquo;, erklärte Josef, &bdquo;hat mit der Selbstzucht
-wie mit allen übrigen Tugenden das gemein, daß sie allesamt
-aufhören, Tugenden zu sein, sobald sie von sich
-wissen. Ach, zum Schriftsteller bald wird der einst so
-poetische Jüngling! Wird der Knabe zum Mann, wird
-er wissend, wird er klug. Eine Frau braucht nicht zu
-wissen &mdash;&ldquo; Ulrikas Züge spannten sich aufhorchend &mdash;,
-&bdquo;sie verfügt über die verblüffende Gabe der Willkür, diese
-Gabe &mdash; &mdash; es giebt ein Augenleiden, das besteht in sogenannten
-Ausfällen im Gesichtsfeld, das heißt in einer
-Lückenblindheit für eben die Stelle, die das Auge fassen
-will &mdash; und solche Ausfälle hat sie dann in ihrem seelischen
-Gesichtsfeld. Der Schmutz ist da, hell in der Sonne,
-aber sie sieht ihn nicht, sie sieht ihn wahrhaftig nicht, sie
-übersieht, was ihr mißfällt, überdenkt oder überfühlt,
-was ihr Empfinden verletzen müßte. Es ist nicht keusch,
-von Mutterschaft, Zeugung oder Liebeskrankheit nichts
-zu wissen, sondern es ist keusch, dergleichen auf keusche
-<a id="page-94" class="pagenum" title="94"></a>
-Weise zu wissen, ebenso wie es nämlich nicht genial ist,
-anders zu sein, zu handeln als die Andern, sondern: was
-jeder sein könnte, auf geniale Weise zu sein, das ist genial,
-&mdash; glauben Sie mir, Bogner, wenn Sie ein Genie genannt
-zu werden verdienen, so geschieht das aus keinem
-andern Grunde, als weil Sie eins sind,&ldquo; Nun spricht er
-genau wie Georges, dachte Renate wehmütig, wo bleibt
-er nur den ganzen Tag? &mdash;
-</p>
-
-<p>
-Josef hatte Atem geschöpft und spielte leicht und rauschend
-weiter:
-</p>
-
-<p>
-&bdquo;Nicht anders verhält es sich mit der Selbstzucht. Die
-Frau kann Gefahren vermeiden. Da sie nicht zu lernen
-braucht, sondern alles eingeboren auf die Welt bringt wie
-ein Tier, so weiß sie, gesetzt sie ist grade beschaffen, in jedem
-Notfall das Richtige und Heilsame zu treffen; sie tut
-es blindlings, sie verjagt als Henne blind den Sperber, sie
-gebiert blindlings ein Kind ums andre und kennt keine
-Furcht und keinen Schmerz, weil eins not ist! Der Mann
-muß all und jedes ganz von vorne lernen, und er kennt
-keinen Lehrmeister als die eigne Erfahrung. Darum sucht
-er die Gefahr, bildet sich an der Gefahr, nährt sich mit ihr.
-Er will wissen, er soll wissen, er hat sich nirgend zu verschließen,
-denn er soll zeugen. Wer zeugen soll, muß wählen,
-wer wählen soll, muß forschen, erkennen, wissen. Die
-Frau kann sich rein halten, der Mann kann das nicht,
-aber er kann sich reinigen. Die stärksten Seelen gehn am
-längsten fehl, las ich bei einem Dichter. Es kommt nicht
-darauf an, sich nicht zu verlieren; sich immer wieder zu
-gewinnen, darauf kommt es an. Und darauf freilich, gute
-Renate, daß es ein Gewinn wirklich sei, nämlich ein Mehr,
-<a id="page-95" class="pagenum" title="95"></a>
-nicht bloß ein Ebensoviel. Ich zum Beispiel verlor ein
-halbes Gesicht und verdoppelte die Spannkraft meiner
-Seele. Aber auch die verbliebene Hälfte meines Hauptes,
-sei überzeugt, werde ich nicht verloren geben, und hier
-endet unser Gespräch.&ldquo; Der Wagen hielt.
-</p>
-
-<h4 class="section">
-Festzug
-</h4>
-
-<p class="first">
-Renate, an Bogners Hand nach rechts aus dem Wagen
-auf die leere und sonnige Landstraße kletternd &mdash; sie seien
-dicht vor der Stadt, erklärte Bogner &mdash;, fand sich nahe
-gegenüber einer haushoch scheinenden goldenen Wand,
-die fast die Breite der Straße ausfüllte und über und über
-mit einer leuchtenden Malerei von altertümlichen Figuren
-bedeckt war. Indem kam um die Ecke, staunend nach oben
-verdrehten Kopfes, der eine himbeerfarbene Kugel war,
-der Erzbischof, unterm Arm die gespaltene Mitra, ein
-golden und weißes Faß auf Füßen, warf gegen Renate
-einen verwirrten Blick, fuhr sich mit dem Taschentuch
-über den blanken Schädel und fuhr fort, zu schauen und
-zu staunen. Die Wand war in hohe und schmale gotische
-Flachnischen geteilt, drei oben und sechs darunter; die Umrahmungen
-waren von Gold, golden auch der Grund des
-Inneren, das die gemalten Figuren füllten. Bogner hinter
-ihr sagte, es sei die Rückwand des Festwagens. Die
-Gestalten &mdash; Heilige schienen es in reichen Trachten &mdash;
-waren so schön gemalt, daß sie nach dem Künstler fragte.
-Statt Bogners antwortete nun Josefs Stimme hinter ihr,
-Bogner habe sie entworfen, und Tobias und sein Hündlein
-hätten sie gemalt. Ja, da stand Tobias, blaß und
-<a id="page-96" class="pagenum" title="96"></a>
-mit ängstlich gerunzelten Brauen. Renate nahm ihn beim
-Kopf, lobte ihn sehr und sagte, nun müßte er ihr die Bilder
-auch erklären.
-</p>
-
-<p>
-Es wären die neun Monate, fing der Junge an.
-</p>
-
-<p>
-&bdquo;Neun, Tobias, seit wann haben wir neun?&ldquo;
-</p>
-
-<p>
-Tobias sah verlegen zu Josef auf. &bdquo;Weil es&ldquo;, hörte
-Renate seine Stimme hinter der Maske, &bdquo;nur neun giebt,
-mein Knabe. Ihr könnt das erstens daran erkennen, daß
-der Mensch sich neun Monate im Mutterleib aufhält
-und nicht zwölf, seine Natur müßte sich also an eine ganz
-neue Rechnung gewöhnen. Ihr wißt aber, daß es die
-Eigenschaft der Natur ist, sich an nichts und niemals zu
-gewöhnen. Du kannst aber auch anders rechnen, mein
-Junge, indem du dir sagst, daß von unsern zwölf Monaten
-drei keine Gezeiten sind, sondern nur Zeit, nämlich
-Dezember, Januar und Februar, wo die Erde schläft
-oder sich erholt. Im ersten Falle müßtest du jedem unsrer
-Monate vier Drittel seiner jetzigen Tageszahl zuteilen,
-und wenn du dann das Ganze durch Drei teilest, so
-bekämest du drei schöne Jahresstücke, die ungefähr unserm
-März bis Juni, Juli bis Oktober und November
-bis Februar entsprechen würden, mit Werdezeit, Reifezeit
-und Sterbezeit. Deinen Lehrer Bogner aber siehst du hier
-das Jahr mit dem Frühling, mit dem März beginnen,
-einem schönen Sankt Sebastian, dessen Stricke gesprengt
-zu seinen Füßen liegen, der ins Goldgewölk lächelt, und
-dessen Leib und Marterstamm über und über gespickt sind
-mit farbigen Krokus, Schlüsselblumen, Hyazinthen und
-Narzissen, in die sich die Pfeile oder Hagelgeschosse
-des Winters verwandelt haben, &mdash; aber, Renate, es
-<a id="page-97" class="pagenum" title="97"></a>
-wird Zeit, wenn du den ganzen Wagen noch beschauen
-willst ...&ldquo;
-</p>
-
-<p>
-&bdquo;Nein, diesen noch,&ldquo; bat Renate entzückt, &bdquo;das scheint
-Sankt Christofer &mdash;&ldquo; sie zählte ab, &bdquo;&mdash; Oktober, warum
-Oktober?&ldquo;
-</p>
-
-<p>
-&bdquo;Siehst du nicht,&ldquo; sagte Josef, &bdquo;daß es nicht Sankt
-Christofer ist, sondern der griechische Gott Herakles mit
-seiner Keule, der den kleinen Dionysos-Christus auf der
-Schulter trägt, Weinlaub im Haar, und daß es die große,
-blaue Traube in seiner Kinderhand ist, die dem Alten so
-viel Beschwerde macht? Du kannst es dann bei Hölderlin
-nachlesen.&ldquo;
-</p>
-
-<p>
-&bdquo;Was doch dieser Maler alles weiß!&ldquo; lächelte Renate
-verwundert und bemerkte, sich umdrehend, ihre Zofe, welche
-die goldene Wand ihres Mantelfutters entfaltete. Sie ließ
-sich den dunkelblauen Mantel auf die Achseln legen und
-wollte den hohen, nach außen gebogenen Kragen der
-Wärme wegen offen lassen, aber nun bat Josef: &bdquo;Einen
-Augenblick!&ldquo; hakte den Kragen zu, raffte die dunkelblauen
-Falten unten, belud ihr den linken Arm damit, spreizte
-auch leicht die Finger der Hand unter dem Bausch, trat
-zurück und sagte: &bdquo;Erstaunlich! Wem gleichst du nun auf
-ein Haar?&ldquo;
-</p>
-
-<p>
-Renate, an sich herunterblickend, meinte: &bdquo;Der Naumburger
-Uta? Seh ich so hold und kindlich aus?&ldquo;
-</p>
-
-<p>
-&bdquo;Oh, sie hat ja auch keine Zöpfe,&ldquo; sagte er, &bdquo;aber die Hand
-mit dem Bausch und dem Faltensturz und die blaue Farbe,
-das ist kostbarer als der alte graue Stein. Komm weiter!&ldquo;
-</p>
-
-<p>
-Er zog Renate um die Wagenecke, aber sie prallte heftig
-zurück, denn dort hinten, vor den riesigen Wagen geschirrt,
-<a id="page-98" class="pagenum" title="98"></a>
-standen zwei Elefanten, nein vier, nein sechs! zu
-zweien hintereinander, Ungetüme von hellgrauer Farbe,
-seltsam von einem rötlichen Hauch bedeckt, und von Josef
-hingezogen, sah Renate, daß es die künstlichsten Ornamente,
-Ranken, Blumen und Tiere waren, mit feinem,
-rotem Pinsel aufgetragen.
-</p>
-
-<p>
-&bdquo;Dein Ritter Georg hat es so gewollt,&ldquo; äußerte Josef,
-&bdquo;man macht es so in Indien, aber ohne meinen Chinesen
-hätte er es nicht bekommen.&ldquo;
-</p>
-
-<p>
-&bdquo;Chinesen? Ach, der auch deine Maske &mdash;&ldquo;
-</p>
-
-<p>
-&bdquo;So hast du sie gesehn? Sie taugt nicht viel, außer
-bei Dämmrung,&ldquo; meinte Josef, &bdquo;aber der Brave liebt mich
-sehr und brachte sie eines Tages an.&ldquo;
-</p>
-
-<p>
-Renate fuhr in diesem Augenblick, langsam weiter
-schreitend, von einem Anblick zusammen, dessen Art und
-Gewalt sie fürs erste gar nicht begriff. Wo war sie denn?
-Ein schneeweißes Tier hielt ein langes weißes Horn auf
-sie gerichtet ... Auf der leeren Straße, einsam in einem
-weiten Kreise von seltsam bunten Menschen, stand, die
-Vorderhufe zierlich eingestemmt, milchweiß &mdash; das Einhorn.
-Das Legendentier, das heilige, &mdash; am Nacken breit
-fiel das gewellte Tuch der weißen Mähne nieder, vor der
-Stirne, gerade auf Renate gerichtet, stand &mdash; wunderbar
-&mdash; die lange Düte des großgewundenen weißen Horns.
-</p>
-
-<p>
-Schauder von Furcht, Schauder von Süße durchwirbelten
-Renate; sie faltete die Hände, ihr ward glühend
-heiß und jetzt auf eine unerklärliche Weise furchtsam, immer
-furchtsamer zumut, bis es sie kalt durchlief und sie
-sich ermannte. Da stand Josefs schwarze Gestalt mit unsichtbarem
-Kopf neben ihr, unheimlich genug, aber, kaum
-<a id="page-99" class="pagenum" title="99"></a>
-wissend, was sie tat, trat sie dicht vor ihn hin, drängte
-sich an seine Brust und sagte angstvoll zu den Augenschlitzen
-hinauf:
-</p>
-
-<p>
-&bdquo;Was will das Tier, Josef? Oh, Josef, das schreckliche,
-heilige Tier!&ldquo; Seltsam fern hörte sie Josefs Stimme:
-</p>
-
-<p>
-&bdquo;Erkennst du denn deinen Schimmel nicht wieder, Renate?
-Das Horn ist Papiermasse und mit einer kleinen,
-silbernen Platte befestigt, siehst du?&ldquo;
-</p>
-
-<p>
-Sie lächelte nun, denn er sprach ihr zu wie einem Kinde.
-Nachdenklich stützte sie das Kinn in die linke Hand, den
-Ellbogen in die Rechte setzend, und betrachtete das Wunder,
-wie es den Kopf senkte und aufwarf und das weiße
-Horn stieg und fiel. Die Stute war so viel kleiner geworden
-und sah zugleich mutwillig, fromm, klug und ganz
-und gar fabelhaft aus.
-</p>
-
-<p>
-&bdquo;Welch gutes Herz du doch hast, Renate,&ldquo; hörte sie
-Josef sagen, &bdquo;aber das kommt davon, wenn man nie ins
-Theater gehn will, dann nimmt man alles für Natur.&ldquo;
-</p>
-
-<p>
-Sie lächelte zerstreut. Dazu die Trachten ringsum,
-tiefes Mittelalter ... Ein wenig entfremdet wurden für
-Renate all diese Edelleute, Frauen in Mänteln und engärmeligen
-Tuniken, diese Mohren in reichen Gewändern,
-Sarazenen, durch ihre Buntheit, da sie eben noch das
-graue Mittelalter der steinernen Uta vor sich gesehn,
-aber nun wurden es schon die alten Evangelienbilder
-Stefan Lochners und der namenlosen Meister von Cöln
-und Niederland, und schließlich erschien langsam die
-neue Zeit in den von der Tracht veränderten Zügen
-der Gegenwart, zudem in einem Schwarm von Negerknaben
-in dunkelblauen Hemden mit kleinen goldenen Kardinalskäppchen
-<a id="page-100" class="pagenum" title="100"></a>
-auf dem Kopf, die, sich balgend, über das
-Feld zur Seite dahinstoben. Ah, die gehörten wohl auf
-den Rücken der Elefanten, wo auf kleinen grünen Schabracken
-dunkelblaue Enziankelche, wie Kessel groß, befestigt
-waren. Nun sah sie auch die Straße hinab das wogende
-Getümmel, hochgetürmte Wagen hintereinander, seltsame,
-riesige Puppen, Tiere, Berittene in Kettenhemden und
-ringsum den Hain der Masten, Fahnen, Wimpel und Banner
-in allen Farben, vor allem den heiteren Blau, Weiß
-und Grün, und dieser Strom war am Straßeneingang
-links und rechts flankiert von den fensterlosen Ziegelwänden
-zweier Neubauten wie von den Wänden eines Steinbruchs.
-Die Häuserfronten an der Straße waren kaum
-sichtbar vor hangenden Fahnentüchern, Teppichen und
-den Gesichtern und Oberkörpern in allen Fenstern. Gläsern
-wie über Korn oder Haide flackerte darüber die Sonnenluft
-in den heißen, blauen Himmel.
-</p>
-
-<p>
-Josef mahnte, den Wagen zu besteigen. Sie wandte
-sich, &mdash; sieh, da stand auf der untersten breiten Plattform,
-&mdash; mit buntem Steinmosaik belegt, zwei Schuh hoch über
-dem Pflaster, &mdash; der riesige Erzbischof mit dem Krummstab
-auf einem flachen Podium, eine weiß und goldene
-Glocke, die gespaltene Mitra noch in der Hand. Ritterlich
-bot der dicke Mann &mdash; in Wahrheit der Postdirektor,
-sie kannte ihn vom Sehen &mdash; ihr die Hand, sie stieg die
-Stufen zur Plattform empor und stand vor einer Terrasse
-in fünf Streifen, breit von der obern Plattform droben
-herunterströmende Gefälle von mannshohen Lilien, drei,
-an den Seiten und in der Mitte; dazwischen die schmaleren,
-goldenen Streifen waren sechs oder sieben fußhohe
-<a id="page-101" class="pagenum" title="101"></a>
-Stufen mit goldenen Geländern. Darauf kämen viele
-holde Jungfrauen zu stehn, erklärte Bogner, der plötzlich
-wieder da war und ihr nach oben verhalf. Im Hinaufsteigen
-sah sie die obere Plattform; zwei schwarze, überlebensgroße
-Reiher standen da links und rechts, die scharfen
-langen Schnäbel senkrecht eingestellt, und in der Mitte
-ein goldner Sessel ohne Rückenlehne vor einer ganz goldnen
-Wand von drei grünspangrünen gotischen Bögen,
-die blendend glitzerte, mit gehämmertem Goldblech belegt.
-Ja, dieser Georg! Wo war er nur geblieben? &mdash; Er hatte
-scheinbar Wert darauf gelegt, daß alles an diesem Wagen
-echt sein sollte. Ganz verwirrt ließ sie sich zwischen den
-Reihern nieder, aber nur um jählings zusammenzuschrecken
-von dem unverhofft schwindelnden Niedersturz
-ihres Blickes aus dieser Höhe. Sie mußte sich halten und
-sammeln, die Lilienkatarakte wimmelten schon von bunten
-Mädchen, Kränze im Haar und lange Lilienstengel in den
-Händen, unten der Erzbischof war klein geworden, klein
-sogar die Elefanten, und klein wie ein Zwergtier stand
-vor ihnen die Stute in der Tiefe, jetzt von Renate abgekehrt,
-an langen, dünnen Goldketten den Rüsselungetümen
-vorgespannt. Aber kühn geworden jetzt, wie eine Seeschwalbe
-schweifte ihr Blick über den wogenden Strom
-der Straße, wegschnellend über Bannerwälder in die Täler
-der brodelnden Menge des Zuges und der Zuschauer
-tief hinunter, zu kleinen Gesichtern, Händen, Schwertern
-und Blumen, hundert durchschatteten, flimmernden, beweglichen,
-hundertfach wechselnden und sich verändernden
-Farben, und jählings durch ein riesenhaft erschreckendes,
-in die Flucht schlagendes Wanken, Schwanken, Wogen
-<a id="page-102" class="pagenum" title="102"></a>
-und Gebausche von Fahnen über Fahnen hoch hinauf in
-den Himmel rechts, anprallend, zurück und um taumelnd
-vor einer gigantischen, still im Azur hangenden, smaragdgrünen
-Raupe, von deren Bauchseite lange blauweiße
-Fahnentücher in sachter Faltenbewegung nach unten hingen,
-zum Lachen schön und gelassen und deutlich mit jeder
-Schattenregung auf einem der Farbenstreifen, &mdash; und
-schon &mdash; weit in die Ferne davongeschossen, kreiste ihr
-Blick um eine andre, in der Entfernung kleinere Raupe,
-schneeweiß blitzend, unterwärts behangen mit langen Purpurtüchern,
-und schließlich verging ihr das Schauen an
-einer flimmernden goldenen Riesenkugel hoch über dem
-Dächermeer der Stadt.
-</p>
-
-<p>
-Gottseidank, da lächelte und nickte Ulrikas Gesicht aus
-dem Schwarm der Frauen herauf. Und sieh da, zu ihren
-Füßen kniete ja Bogner, mit den violetten Falten ihres
-Kleiderrocks beschäftigt, die er &mdash; ganz mit den Bewegungen
-eines gefälligen Ladeninhabers &mdash; um ihre Füße die
-Stufen hinunter in gebrochene Wellen fallen ließ. Blutrotbeinig
-und schwarzbewamst &mdash; Bogner war doch sehr
-vertraueneinflößend, und obendrein wand sich auch jetzt
-mit vieler Mühe ein schwarz Geharnischter durch die kreischenden
-und sich windenden Mädchen, unter dessen Topfhelm
-das graue und heiße Gesicht des Erasmus sichtbar
-wurde, ungemein passend zu diesem Rahmen von Helm
-und stahlmaschigem Halskragen, der fest das Kinn umschloß.
-Nun war er oben, lachte vergnügt, indem er Renate
-die Hand hinstreckte, und setzte sich alsbald zu ihren
-Füßen links auf die oberste, frei gebliebene Stufe. &mdash; Bogner
-ordnete noch ihre blauen Mantelfalten, daß der Goldstoff
-<a id="page-103" class="pagenum" title="103"></a>
-seines Futters und ihrer Überärmel sichtbar wurde,
-turnte dann durch die Frauen nach unten und setzte sich
-auf den Wagenrand unterhalb des Erzbischofs neben sein
-Henkerbeil, das auf dem roten Mantel lag, so daß seine
-Beine herunter hingen. Im selben Augenblick fühlte auch
-Renate schon, daß sie sich bewegte. Die Elefantenbeine
-in der Tiefe schritten; eifrig, vornübergebogen mit stählernen
-Schenkeln zog das weiße Pferd an, und unaufhörlich
-im Auf und Nieder zeigte sich und verschwand das lange
-Horn.
-</p>
-
-<p>
-Sanft, kaum schaukelnd auf weichen Rädern fühlte
-Renate sich hinbewegt in der Höhe des ersten Stockwerks
-an den Häusern vorüber. Sie freute sich, alle Furcht war
-verflogen, sie lächelte heiter und gelassen, als nun wieder
-der Jubel, unten überm Pflaster und die langen Reihen
-der Fenster und Balkone hinunter, aufbrach bei ihrem
-Nahen, immer neue, weiter wallende, voraufeilende Bewegung,
-geschwungene Hüte und Tücher, winkende Hände,
-hundert und tausend eifrige Arme, hundert und tausend
-staunende, bei ihrem Anblick sich einander zudrehende und
-zurufende Gesichter, Augen und schallende Münder, so
-viele immerhin, daß die Häßlichkeit nicht eines einzigen
-sich gewahren ließ, wenn es sie gab. Zu ihren Füßen
-Ritter, Bischof und Henker, die Träger ihrer Macht, gezogen
-von Fabel- und Legendengetier, &mdash; es war eine sonderbare
-Wanderschaft durch die Stadt. Sie hatte nie
-dergleichen geträumt, aber wie töricht war es auch, zu erschrecken!
-sie mit Heiterkeit und Gelassenheit zu ertragen,
-war das einzig Mögliche, das Nötige mit Anmut zu leisten.
-Wie war sie nur dahineingeraten? &mdash; Sie konnte
-<a id="page-104" class="pagenum" title="104"></a>
-sich im Augenblick nicht besinnen, jedoch wurde nach einer
-Zeit das Gesicht des Herzogs hinter diesen transparenten
-bunten Wänden sichtbar, sie nickte ihm zu und sagte:
-Guter Woldemar, so komme ich nun zu dir, was sagst
-du denn dazu? &mdash; Ein großer Mummenschanz, Renate,
-hörte sie ihn gutmütig murren.
-</p>
-
-<p>
-Jesus, wie schwefelgelb war diese Riesenfahne, zehn
-Meter lang gewiß, die der Kerl da auf dem Schornstein
-schwenkte. Da bog der Wagen um die Ecke, langsam,
-langsam in eine breitere Straße hinein, die nun unabsehbar
-vor ihr dahinrollte, ein tosender Strom, kochend von
-Sommerhitze und Geschrei, brodelnd, überschäumend in
-Blumengirlanden, Teppichen, Teppichen, Fahnen, Fahnen,
-Fahnen, schlagenden, Schatten groß niederwerfenden,
-brandend aufwärts, klatschend und spritzend die steilen
-Ufer empor, über Gesichter und Gelächter in die Fenster,
-in die Zimmer hinein und wieder hinausgeschüttet mit
-vollen Händen: es regnete Blumen. Renate fühlte ihren
-Aufschlag auf Kopf und Schultern und Schoß, um sie
-her bedeckte der Boden der Plattform sich mit kleinen
-Sträußen, einzelnen Rosen, Reseden und Kornblumen,
-ununterbrochen kreuzten sich in der Luft vor ihr von beiden
-Seiten die Sturzbögen des bunten Regens, die Mädchen
-schleuderten sie wieder nach den Seiten empor und
-nach unten, Erasmus &mdash; da hatte er den ganzen Helm
-voll gesammelt im Arm und schien begeistert und schleuderte
-Blumensträuße, wohin sichs schleudern ließ, mit ungeheurem
-Eifer. Unübersehbar vor ihr wankte die Wagenreihe,
-ohrbetäubend scholl das Gebrause, Toben und
-Gelächter, in Lüften tauchten auf und schwebten vorüber
-<a id="page-105" class="pagenum" title="105"></a>
-andre Ungetüme, Lindwurme mit beweglichem, feuerzüngigem
-Rachen und schlagenden, gezahnten Schweifen,
-aus der Gondel eines drohend und gewaltig daherlenkenden
-schneeweißen Luftschiffes regneten blitzende Schauer
-grünweißer Fähnlein, ein feuerfarbener Flieger, ein zitronengelber
-mit blauen Ringen, ein flammendblauer, schlugen
-herzbeklemmende Kreise, schleuderten sich in schwingenden
-Bögen durcheinander und hoch davon, wieder rollte
-zu Renates Füßen der Strom, der tausendstimmige, und
-wieder, in seiner Einsamkeit immer wieder fremd und ganz
-Legende, erschien das weiße, gehörnte Tier, ein kleiner
-Knabe in himmelblauem Kaftan ging daneben mit einem
-Mandelzweig, jetzt sah sie es erst, aber sonst schien alles
-sich fern zu halten, immer schritt es in freiem Raum, immer
-voll Eifer in seiner Arbeit, als schleppe es die sechs
-rüsselschwingenden Riesentiere auch, die ihm großmütig
-nachschritten. Da warf jemand von einem Eckbalkon
-einen ganzen Schwarm weißer Tauben in die Luft, daß
-es überall von geschwungenen Flügeln blitzte; eine, zwei,
-dreie strichen, laut flatternd, dicht über und vor Renate
-dahin; sie hielten Blumen in den roten Krallen. Ach,
-da unten saß ja dieser geduldige Bogner auf dem Wagenrand!
-Was tat Bogner? Er hielt eine Banane in der
-linken Hand, zog mit der rechten das Fell sorgsam in
-Streifen nach unten und biß hinein mit Behagen, während
-er schon mit der freigewordnen Hand nach einer neuen
-griff, denn ein ganzer Haufen davon lag in den auseinandergeschlagenen
-Falten seines roten Mantels.
-</p>
-
-<p>
-Welch süßer Wohlgeruch aber, welcher feuchte Regen
-von Frische umstäubte mit einem Mal ihr erhitztes Gesicht?
-<a id="page-106" class="pagenum" title="106"></a>
-Ah, diese Reiher! Da stießen sie in Pausen haardünne
-Silberstrahlen aus den Pfeilschnäbeln in die Lüfte,
-wo sie zerstäubend Kühle und Erquickung nach unten regneten.
-Dieser Georg hatte an alles gedacht. Aber wo
-war er denn? Diese Fahrt mit ihr zu machen, war doch
-sein ganzes Trachten gewesen ... Herr des Lebens, und
-nun tat sich der Boden vor ihren Füßen auf, eine Klappe
-schlug hoch, und herauf stiegen schwarze Gugelkappe,
-schwarze Schultern und Arme, die Josef, Renate den
-Rücken wendend, zu beschwörender Gebärde über die Tiefe
-ausbreitete. Wie der Teufel aus dem Kasten, dachte Renate,
-lachend und entrüstet mehr als erschreckt, raffte ihr
-Kleid und stieß ihm die Fußspitze zwischen die Schultern.
-Seinen Namen zu rufen, verhinderte sie sich rechtzeitig,
-gewahrte freilich mit einem Seitenblick, daß Erasmus
-weiter unterhalb so in seinen Blumenschleuderkampf verwickelt
-und vertieft war, daß er von dem Auftauchen seines
-Bruders nichts merkte.
-</p>
-
-<p>
-Ob das auch zum Programm gehöre, fragte Renate
-leise, sich vorbeugend, da Josef sich langsam zu ihr umdrehte.
-</p>
-
-<p>
-&bdquo;Nicht eigentlich,&ldquo; hörte sie ihn raunen durch das Getose,
-&bdquo;ich sitze unten bei dem Mechaniker und der Musik
-und wollte mich nur überzeugen, ob die Reiher ordentlich
-arbeiteten.&ldquo;
-</p>
-
-<p>
-&bdquo;Musik?&ldquo; fragte Renate erstaunt.
-</p>
-
-<p>
-&bdquo;Ja, hast du sie nicht gehört? Gieb acht, sie fangen
-gleich wieder an!&ldquo;
-</p>
-
-<p>
-Die ganze Luft war zum Bersten und Reißen gefüllt
-mit Musik, Fanfaren, Märschen, Glocken und dem menschlichen
-<a id="page-107" class="pagenum" title="107"></a>
-Gelärme dazu, aber jetzt plötzlich prasselte, rasselte
-und stampfte aus der geöffneten Klappe ein seltsam barbarisches
-Getöse von gestopften Hörnern, Fagotten, Becken
-und Schellen. Vor Josefs Gesicht bewegte sich das
-schwarze Zeug, aber Renate konnte nichts mehr verstehn.
-Die Gugelkappe nickte und tauchte langsam in die Tiefe,
-die Klappe fiel, gedämpfter scholl die Janitscharenmusik
-und verging im übrigen Brausen.
-</p>
-
-<p>
-Jetzt, da sie erst des Getöses bewußt geworden war,
-ermüdete Renate schnell. Ihre Ohren weigerten sich, ihre
-Augen ebenso. Neue Taubenschwärme, neue Luftungeheuer,
-rosige und schwarze Fische mit ungeheuren, schleierartigen
-Schwänzen und Flossen, neue Riesenraupen,
-Paradiesvögel, Böllerschüsse, Kanonenschläge, Glocken,
-Schreie vernichteten allmählich alle Empfindungen, sie
-saß kalt und matt, aufatmend, da am Ende der verengten
-Gasse der Marktplatz sichtbar wurde und die blumenbunte
-gotische Front des Rathauses; bald hielt ihr Wagen vor
-der Treppe, allein; der übrige Zug war abgeschwenkt,
-um von andrer Seite her vorbeizuziehn.
-</p>
-
-<p>
-Irgendwie nach unten gelangt, fühlte Renate mit
-schwachen Beinen das Pflaster unter den Füßen, als sei
-sie von einer Seefahrt gelandet, jetzt schwankend auf festem
-Boden. Irgend jemand half ihr die Seitentreppe zur
-Empore hinauf, sie fand sich in einem Saal, sie saß in
-einem Sofa, vor ihren Augen kreiste es und zuckte, ein
-Glas berührte ihre Lippen, sie sah aufblickend Ulrikas gute,
-besorgte Züge, trank und schmeckte kühle Limonade von
-Zitrone. Vor ihr stand der gute Erzbischof, ein Weinglas
-in der Hand und zu Tode erschöpft, auch den Spielleiter
-<a id="page-108" class="pagenum" title="108"></a>
-sah sie und sagte ihm ein paar Worte, da er nach ihrem
-Befinden zu fragen schien. Sie hatte sich nun wieder und
-war bereit, den Vorbeizug abzunehmen, aber nun fehlte
-die königliche Hoheit. Der Darsteller des bäurischen Herzogs
-erschien in großem Krönungsornat, bereit für Georg
-einzutreten, wenn er ausblieb. Sie warteten.
-</p>
-
-<div class="chapter">
-
-<h3 class="chapter" id="subchap-0-1-4">
-<a id="page-109" class="pagenum" title="109"></a>
-Viertes Kapitel
-</h3>
-
-</div>
-
-<h4 class="section">
-Getümmel
-</h4>
-
-<p class="first">
-Georg, in einer sonderbaren Dunkelheit, bestieg Unkas,
-der ungewöhnlich hoch und breit war, nämlich ein Elefant,
-ein brauner Elefant ohne sichtbaren Kopf für Georg von
-oben, und er wunderte sich flüchtig, daß er diesen gewaltigen
-Rücken mit den Schenkeln umspannen konnte, jedoch
-ging es bequem. Dann war es ein angenehmer
-Kitzel für ihn, zu spüren, wie folgsam und sicher das Ungetüm
-unter seinem leichten Schenkeldruck ging und Wendungen
-machte &mdash; denn er hatte keine Zügel &mdash; immer
-schön in ruhigem Trabe auf dem braunen Hufschlag an
-der Wand der dunklen Reitbahn herum, in der übrigens
-noch Andre, Undeutliche sich bewegten, Tiere und Menschen,
-und in der Mitte stand sein Vater im Frack mit
-vielen Orden auf der Brust und um den Hals, und es
-lächerte Georg, daß sein Vater auch die rote, weiß gewässerte
-Schärpe des Beuglenburgschen Hausordens umgelegt
-hatte, bloß weil sein Sohn ihn bekam. Nachgerade
-aber fing Georg an sich zu ärgern, daß sein Vater
-in einem fort mit Magda schäkerte, die ein langes, hellblaues
-Schleppkleid und Blumen im Haar trug, auch
-entzückend anzusehn war, &mdash; anstatt seine Reitkünste zu
-beachten, zumal der Elefant jetzt im Traben sich immer
-schräger nach der Mitte der Bahn neigte und wieder aufrichtete,
-ganz wie ein Segelboot, und nun merkte Georg
-auch, daß der Koloß nicht lief, sondern schwamm, seine
-Beine waren nicht mehr zu sehn in einem braunen Wasser,
-<a id="page-110" class="pagenum" title="110"></a>
-das an den Wänden der Bahn plätscherte und angenehmerweise
-Georgs hineinhängende Füße nicht naß
-machte, und nun schwammen sie durch die Tür in ein
-Zimmer, wo die Möbel vergnüglich umhertaumelten,
-Sessel, ein Sofa und ein Klavier, auf dem Benno saß,
-die Beine an sich gezogen, und nachdenklich sagte: Du
-hast es gut, Georg, aber was machst du, wenn die Überschwemmung
-bis an die Decke steigt? Benno sah eigentlich
-genau aus wie Ulrika Tregiorni, war es auch wohl
-in Wirklichkeit, Georg rief ihr zu, sie solle schnell hinter
-ihm aufsitzen, aber da war er schon wieder zu einer Tür
-hinaus und schwamm sachte ins Tal hinunter, auf ein
-schönes, rotes Dorf zu, wo in einer sonderbaren farbigen
-und düstern Luft dreifarbige Fahnen hingen, für deren
-sonderliche Tönung er lange keine Namen fand, bis sie
-ihm violett, grau und braun zu sein schienen. Da war er
-schon mitten im Dorf und stand auf einem der Dächer,
-aber nun war die Überschwemmung auch schon bis an
-die Dachkanten gestiegen, und wie er höher klettern wollte,
-so neigte sich das ganze Dach wie ein Tuch nach innen,
-er glitt weich und sehr angenehm zu Boden, dann gab es
-einen Ruck ...
-</p>
-
-<p>
-Georg riß heftig die Augen auf, starrte in blendende
-Luft, kniff die Lider wieder zusammen, öffnete sie langsam
-und hatte ein wehendes Haferfeld mit riesengroßen Halmen
-dicht vor sich, doch entfernte es sich langsam, die
-Halme nahmen natürliche Größe an, eine tiefe, grabenartige,
-braune Furche war davor, in der seine Füße standen,
-und er saß mit vornüberhängendem Leibe in etwas
-Grünem, Moos und Grashalmen; über ihm waren
-<a id="page-111" class="pagenum" title="111"></a>
-Zweige, die Sonne schien grell und glühend, dunstig golden
-in allen Tiefen lagerte die Ebene.
-</p>
-
-<p>
-Müde, schläfrig, mit langsamen Gedanken kehrte Georg
-zu sich zurück. Wie? Er hatte sich ein wenig ausruhen
-wollen, weil Renate sich doch erst umkleiden mußte ...
-Aber was? Vorher kam doch erst der Lauf des Schimmels
-... Nach der Uhr tastend, bemerkte er mit ängstlichem
-Mißtrauen die Stille umher und dann, die Uhr in
-der Hand, daß Arena und Tribünen in der Tiefe völlig
-leer waren. Die Uhrzeiger standen vor drei Viertel und
-eins. Noch gelähmt entdeckte er ein paar Schritte weit
-rechts, vorn im Haferfeld, den vermummten Unkas, das
-Maul still in der Luft, aus dem lange Halme mit ihren
-Wurzeln nach allen Seiten hingen. Georg fuhr zusammen,
-in jäher Angst ward ihm klar, daß um ein Uhr der
-Festzug begann, er hatte geschlafen, geschla&mdash; &mdash; Er sprang
-in rasender Wut und Angst auf, zu Unkas hin, suchte
-mit flatternden Händen die Verschlüsse der Decke, brachte
-mit unsäglicher Mühe eine nach der andern der neuen,
-harten Schnallen auf, riß die Decken zu Boden, war im
-Sattel. Unkas drehte sich unter Zügelriß und Absatz,
-Georg zerrte ihm wutschnaubend den Hafer aus den Zähnen,
-dann brach er durch Gestrüpp und Unterholz in den
-Wald ein, ins Freie der steilen Böschung und Buchenstämme.
-Den stürzenden Gaul konnte er noch eben hochreißen,
-dann zwang er ihn in schräger Linie den Abhang
-hinunter, der linke Vorderfuß trat zweimal, dreimal ins
-Leere, ehe er Boden fand, dann brach Unkas vorne nieder
-und stürzte um. Georg gelang es, den Fuß aus dem Bügel
-zu nehmen, ehe er gegen einen Baumstamm flog, mit
-<a id="page-112" class="pagenum" title="112"></a>
-der Stirn so kräftig anknallend, daß er schrie, Funken und
-Sterne spritzen sah und einen Augenblick, halb gelähmt,
-schmerzzerrissen, an dem Baum hing, auf den er in tobendem
-Grimm mit Fäusten hätte einhämmern mögen.
-Betäubt nach Unkas blickend, sah er ihn geduldig auf dem
-Rücken liegen, kletterte etwas tiefer, redete ihm gut zu,
-haschte nach dem Zügel, Unkas wälzte sich, schlug mit
-allen vieren um sich, kam auf die Vorderfüße, sprang
-auf und schüttelte sich. Georg reinigte ihn und sich obenhin
-von Moos, Zweigen und welken Blättern und zog
-ihn hinter sich den Abhang hinunter, durch Haselgesträuch
-ins Freie und saß auf.
-</p>
-
-<p>
-Danach hielt er lange Sekunden in völliger Lähmung.
-War dies wirklich? fragte er sich entsetzt. Was war mit
-ihm vorgegangen? Wie hatte er schlafen können? Und
-wie war ihm jetzt elend zumut! Gott im Himmel, war
-die strahlende Ausgelassenheit am Morgen nicht ein Wahnsinn
-gewesen, Unnatur, Wahnsinn?
-</p>
-
-<p>
-Gleich rechts lief der Feldweg gegen die offene Schranke
-und die Landstraße; Georg, jetzt fast besinnungslos vor
-würgender Angst, zu spät zu kommen, klemmte die Schenkel
-an, da streckte sich Unkas, und weinend vor Rührung
-empfand Georg im Davonjagen: Zwölf Jahre, alter Unkas,
-zwölf Jahre hast du mich getragen, du fühlst, was
-ich fühle ... da waren sie in spritzendem Bogen unter der
-Schranke weg um den Baum auf dem Reitweg der Landstraße.
-Georg lachte vor Angst, als er unter sich die wirbelnden
-Vorderbeine und Hufe des Pferdes sah, die
-Bäume flogen vorüber, ach, es ging längst noch nicht
-schnell genug, er legte sich, so lang er war, über den Pferderücken,
-<a id="page-113" class="pagenum" title="113"></a>
-am weitausgestreckten Arm die Hand unter der
-grunzenden Kehle, die er liebkoste unter weinendem Stammeln:
-Gott segne Napoleon, Gott segne den verfluchten
-Kaiser der Franzosen, der die Straße so breit gemacht
-hat, daß es Reitwege giebt! lauf Unkas, bitte, schneller,
-lieber Unkas, schneller, viel schneller! Lauf! lauf! du sollst
-bis ans Lebensende goldenen Hafer aus marmorner ...
-großer Gott, das steht ja in alten Kindergeschichten! Und
-nun sah er den Festzug, den Elefantenwagen und Renate,
-Alle warteten, der Festzug bewegte sich schon, da kam er
-angestürzt, &mdash; um Himmels willen, die ganze Straße war
-versperrt von bunten Menschen, Planwagen, Kindern,
-und heraus ragten die dunklen Oberkörper einer ganzen
-Beuglenburgischen Schwadron. Er schäumte vor Wut,
-riß das Pferd zurück, jagte es zwischen den Bäumen durch
-in den trocknen Graben und stob weiter, unter den Zweigen
-her, die an ihm rissen, Unkas lag unter fortwährendem
-Stolpern fast mehr auf der Erde, als er lief, endlich
-war die Straße wieder frei, der Wallach erlangte sie von
-selber mit einem Satz und arbeitete sich wieder auf dem
-Reitweg dahin, während Georgs rechte Kniescheibe wie
-Feuer brannte vom Anprall an den Apfelbaum. Ein gelber
-Kerl, der vor ihm hintrottete, warf auf Georgs Wutschrei
-die Arme hoch und taumelte zur Seite, aber gleich
-darauf war er verfitzt in ein Getümmel von Reitern,
-die entsetzlich langsam dahintrabten, auf seinen Anruf sich
-unwillig und langsam umdrehten, dann aber, als sie sein
-Gesicht sahen, schleunig auseinanderwichen, ebenso die
-nächsten, denn sie schrien hinter Georg her: Achtung! der
-Großherzog! &mdash; Großherzog, es war zum Totlachen und die
-<a id="page-114" class="pagenum" title="114"></a>
-ganze Straße querüber vermauert mit grellbunten Fußgängern.
-Georg wollte und mußte hindurch, schrie, so
-laut er konnte: &bdquo;Platz! Platz für den Großherzog!&ldquo; Zweie
-vor ihm sprangen zur Seite auseinander, die Andern drehten
-sich um, sahn ihn, sprangen seitwärts, schrien, es gab
-eine Gasse, und links war Bennos erschrecktes Gesicht.
-Georg nickte ihm im Vorübertraben zu und fragte angstvoll:
-&bdquo;Wie spät ist es?&ldquo; Eine Stimme schrie hinter ihm:
-&bdquo;Gleich zwei!&ldquo; dann noch mehrere durcheinander: &bdquo;Dreiviertel!
-Zwei! Gleich zwei!&ldquo; Georg hielt, riß die Uhr heraus,
-sie zeigte unwandelbar drei Viertel eins.
-</p>
-
-<p>
-Ich habe sie nicht aufgezogen in der verwünschten
-Nacht, murmelte Georg fassungslos im Weitertraben. Die
-Leute standen überall und sahn ihn an, er bemerkte, daß
-er dicht vor der Stadt war, ritt langsam weiter, begriff,
-daß der Zug um zwei Uhr am Rathaus sein sollte, &mdash;
-also dorthin! aber wie kam er durch die Stadt? &mdash; Nun
-waren da Häuser, er kam nur noch im Schritt vorwärts,
-Gott sei gelobt, da glänzte der weiße Zylinder eines Taxameterkutschers,
-der auf Georgs Anruf sofort nach Zügeln
-und Peitsche griff. Georg stieg ab, ein Mann hielt dienstfertig
-das Pferd, Georg griff in die Tasche, gab ihm, was
-er faßte, und fragte ihn, ob er das Pferd zum Schlosse
-bringen wollte, worauf sich von allen Seiten Hände streckten.
-Er lachte, nickte ihnen verloren zu und sprang in den
-Wagen, keuchend: &bdquo;Zum Rathaus, so schnell wie möglich,
-durch leere Straßen!&ldquo; Völlig verschlagenen Atems,
-legte er sich in eine Ecke und schloß die Augen. Sein linker
-Augenbuckel schmerzte, hinfassend fühlte er die Geschwulst,
-das war ja reizend! Zuckend an allen lahmen Gliedern,
-<a id="page-115" class="pagenum" title="115"></a>
-hätte er auf der Erde liegen mögen, so lang er war, aber
-er fuhr wieder hoch, erkannte, daß er durch leere, verlassene,
-düsterrote Straßen fuhr, saß nun vornübergebeugt,
-die Uhr in der Hand, zog sie auf und stellte die Zeiger auf
-fünf Minuten vor zwei. Ich komme ja doch zu spät,
-murmelte er matt. Und nun ging es endlos durch Straßen
-und Straßen, breite und schmale, über einen kleinen stillen
-Schmuckplatz, über eine Brücke, und wieder Straßen und
-Straßen. Er las alle Schilder über den Läden, die Reklamen,
-Straßenweiser ... Rackows Handelsakademie stand
-da. Kramläden zögerten vorüber, zeigten alles, Bilder von
-roten Kindern und Katzen mit Kakes, Pakete, aufrecht
-stehend, mit Kakao, Schüsseln voll Erbsen und Linsen,
-Lindener Warenhaus stand über einem kleinen Weißzeugladen
-voll Frauenwäsche, Packen länglich aufgerollter Langettenkanten
-und Anordnungen von Weißknöpfen auf
-blauen Papptäfelchen, aufgehäuft. Er sah in den Spiegelscheiben,
-in den dunklen Parterrefenstern zwischen Blumen
-und schwärzlichen Gardinen dunkel sein Gesicht im
-Vorbeiziehn, das Weiß und Grün seines Anzugs, versuchte,
-auch die Beule zu sehn, und bemerkte, daß er sich
-in der schwarzen Hälfte des Fahrtmessers spiegeln konnte.
-Gottlob, es war nur ein roter Fleck zu sehn, die Beule
-fühlte sich wohl nur so stark an, weil der Augenbuckel unter
-der Schwellung war. Auf einer breiten Straße mit Baumreihen
-in der Mitte hinrasselnd, durch Menschen, elektrische
-Bahnen, setzte er sich wieder in die Ecke und stützte den
-Kopf in die Hand, um nicht gesehen zu werden, in seinem
-Schädel war eine Feuersbrunst, aus der es zuckte. Niemals
-endete diese Fahrt, nun warf ihn der Wagen schüttelnd,
-<a id="page-116" class="pagenum" title="116"></a>
-aus einem Bahngleis gerissen, hin und her, dann
-gings um die Ecke, in eine schmale, einsame Straße, ein
-Überdach war rechts, das Deutsche Theater, Gottlob, nun
-kam die Altstadt, es ging wieder um eine Ecke, ein blauer
-Zettel klebte daran, halb zerrissen, mit großen schwarzen
-Lettern: Wählt Plate! &mdash; Wieder um eine Ecke, vorbei an
-rundgebogenen Eckläden voll von Anzügen, alten Büchern,
-Harmonikas und nebeneinander aufgereihten Revolvern
-an einer Schnur; der Wagen rollte schneller auf Asphalt,
-aber die Zeiger der wahllos gestellten Uhr waren schon
-über zwei und zwölf, ich komme nie hinein! stöhnte Georg,
-und sofort darauf sagte eine Stimme: Sie kommen
-nicht hinein ...
-</p>
-
-<p>
-Georg starrte. Da saß Josef Montfort an einem Kaffeehaustisch
-und sagte: Sie kommen ... Josef von Montfort,
-dieser Scharlatan, heute nacht war er bei mir, er
-legte mir damals meinen Traum aus, vor drei Jahren,
-ach, es ist zum Tollwerden, zum Tollwerden ... Georg sah
-sich und die Droschke, Pferd und Kutscher wellig in den
-großen Spiegelscheiben des Warenhauses dahinziehn,
-dämmrig, vermischt mit Herrenhemden und Spazierstöcken,
-nun mit Kleiderstoffen, die in Stürzen von Stöcken fielen,
-nun mit Pyramiden und Säulen von Konservendosen,
-dann wurde er rechts um die Ecke geschüttelt und sah vor
-sich die Straße vollgepfropft mit Menschen. Ein Stück
-noch ging es weiter, er stand schon im Wagen, drückte
-dem Kutscher etwas in die Hand, sprang hinaus und versuchte,
-sich durchzudrängen. Dies war eine Lage zum
-Rasendwerden. Da war er mitten unterm Volk, im Theaterkostüm,
-so mußte es kommen: &mdash; Na, na! junger Mann!
-<a id="page-117" class="pagenum" title="117"></a>
-sagte jemand, aber da war ein Schutzmann, er erkannte
-ihn, nun gab es entsetzliches Aufsehn, aber er kam durch,
-plötzlich war da der leere Platz, Georg zitterte und jauchzte,
-lief die Straße hinunter, am Fuß des Domes vorüber,
-da war das Lutherdenkmal, da die Seitentreppen zur kleinen
-Empore, sie war leer, Männer in Fräcken wollten auf
-ihn eindringen und prallten in der Luft zurück, er sprang
-die Stufen hinauf, und Renate wandte sich nach ihm um
-aus einer Gruppe ...
-</p>
-
-<h4 class="section">
-Verspätung
-</h4>
-
-<p class="first">
-Jetzt, dachte Georg, auf Renate zuschreitend, die lächelte,
-jetzt ist der Augenblick da, wo es nur mich giebt, mich allein
-und sie, keinen Großherzog, kein Drum und Draußen,
-nur meinen Willen und mein Handeln. &mdash; Renate raffte
-ihr Gesicht aus der Müdigkeit mit einem erfreuten Lächeln
-auf, streckte ihm die Hand entgegen und fragte: &bdquo;Nun?&ldquo;
-Er faßte sie, da standen überall Menschen, aber dort war
-das Innere eines kleinen Zimmers durch die offene Tür
-sichtbar, und er sagte heiser, sich räuspernd: &bdquo;Bitte, kommen
-Sie dort hinein&ldquo;, und zog sie mit sich.
-</p>
-
-<p>
-Renate fragte sich, ob etwas geschehen sei, das er ihr
-allein mitteilen wollte; Georg sah gradeaus, während ihm
-Anfänge über Anfänge durch den Kopf schossen: Ich bin
-zwar erst zur Hälfte Großher&mdash; &mdash; wie dumm! &mdash; Renate,
-heute morgen habe ich vor Ihnen gekniet, aber ...
-Er fühlte sich kalt vor Angst, da waren sie in dem Zimmer,
-er stand vor ihr, wollte sagen: Renate, seit drei Jahren ...
-brachte auch dies nicht heraus, keuchte ... Renate wurde
-<a id="page-118" class="pagenum" title="118"></a>
-ängstlich vor seinen Augen; das eine war kleiner als das
-andre, ein roter Fleck darüber; da wußte sie schon alles,
-brachte es nicht fertig, es wirklich zu wissen, aber als Georg
-nun sagte: &bdquo;Renate ...&ldquo; flog sie furchtbar erschrocken
-auf ihn zu und drückte die linke Hand auf seinen Mund.
-</p>
-
-<p>
-Er ergriff taumlig ihr Handgelenk, die Augen fielen ihm
-zu, da merkte sie, daß er ihre Handfläche küßte, daß er
-ihre Gebärde falsch verstanden hatte, aber als sie jetzt an
-seinen Vater dachte, konnte sie sich nicht bergen vor einem
-unwiderstehlichen Lachgefühl, das sie lächeln machte, und
-sie senkte den Kopf und stotterte ganz ratlos und beschämt:
-&bdquo;Lieber Junge, du kommst ja zu spät ...&ldquo;
-</p>
-
-<p>
-Durch Georg zischte ein blendender Schwerthieb. Er
-riß die Augen auf, starrte sie verständnislos an und hörte
-sie sagen, während ihre Mundwinkel zuckten, immer heftiger
-zuckten und die Augen glänzten und funkelten: &bdquo;Dein
-Vater war heut morgen schon ...&ldquo;
-</p>
-
-<p>
-Renate konnte nicht mehr an sich halten, drehte sich um
-und stopfte sich die ganze Mundhöhle mit den Mantelfalten
-aus, um nicht zu lachen, aber auch das half nichts,
-mein Gott, was sollte das nur? ihre Nerven, die Aufregung
-... sie erstickte beinah, riß die Seide wieder aus den
-Zähnen und brach in ein so erschütterndes, endloses Lachen
-aus, daß sie sich auf einen Sessel werfen mußte, die Stirn
-auf der Lehne, gestoßen und geschüttelt vom Lachkrampf.
-</p>
-
-<p>
-Leer stand Georg da. Fenster, so, Fenster ... Eins,
-zwei, drei ... Andersherum: Eins &mdash; zwei &mdash; drei &mdash;.
-Gotische Bögen. Renate lachte und lachte. Wie? Dein
-Vater war ... Im Munde hatte er noch das Beseligende
-und den ganz leisen Salzgeschmack ihres Handballens,
-<a id="page-119" class="pagenum" title="119"></a>
-und noch zuckte und zitterte sein Herz von der schwellenden
-Trunkenheit ihrer Berührung. Vater! dachte er endlich.
-Ja, ja, &mdash; ja, freilich, so etwas denkt man wohl nie von
-seinen Vätern. Wie gut, daß er doch nicht mein Vater
-ist ... Warum gut? &mdash; Nun Haltung! sagte er sich fast
-bewußtlos, merkend, daß er schwankte. Renate lachte noch
-immer. Einen Augenblick lang empfand er Hohn und
-sagte vor sich hin: Nur die Ruhe kann es machen! dann
-durchflammte ihn der Ingrimm auf diese alberne Redensart.
-</p>
-
-<p>
-Renate hatte sich endlich erholt, fand ihr Taschentuch,
-trocknete sich die Augen, schneuzte sich, lachte noch einmal
-schluchzend auf, nahm sich zusammen und stand auf.
-Da sie Georg mit gesenktem Kopf vor sich hinstarren sah,
-ging sie leise auf ihn zu, legte eine Hand auf seine Schulter
-und wollte sagen: Lieber Georg ... Aber er zuckte vor
-ihrer Berührung zurück, trat seitwärts, biß die Zähne zusammen,
-sagte sich: Jetzt nur Haltung! senkte den Kopf
-und brachte leise hervor: &bdquo;Verzeihen Sie, Renate, ich
-konnte nicht wissen ...&ldquo;
-</p>
-
-<p>
-Nun streckte sie die Hand aus, er legte die seine zögernd
-hinein, Renate durchzuckte es, daß dies doch böse war, für
-später, was sollte daraus werden? Georg zog still ihre
-Hand nach vorn, indem er sich etwas drehte, so daß ihr
-rechter Arm in seinen linken zu liegen kam, und führte sie
-hinaus.
-</p>
-
-<p>
-Dann standen sie auf der Freitreppe, die Musik spielte
-Tusch, es regnete Blumen, die Menge war außer sich.
-Georg lächelte und winkte, Renate hielt sich zurück, neigte
-ein, zweimal den Kopf und ging schnell wieder in den
-Saal, indem sie bedachte, daß mindestens die Hälfte dieser
-<a id="page-120" class="pagenum" title="120"></a>
-Menschen sich jetzt etwas Verkehrtes einbildete. Dann
-ging auch Georg in den Saal zurück. Er fragte irgend
-jemand, ob ein Wagen da sei, ging mit außerordentlich
-leichten und freien Gliedern die Treppen hinunter, fand
-ein Automobil in einem Kreise von Menschen, welche die
-Hüte schwangen und Hurra schrieen, stieg ein, setzte sich
-zurück, winkte, lächelte und fuhr davon.
-</p>
-
-<p>
-Unterwegs sah er nach der Uhr. Es war noch nicht
-halb drei. Um halb war er zuhause, um halb vier
-mußte er auf dem Bahnhof sein und Prinz Adelbert empfangen,
-um vier Eidesleistung der Stände, Umkleiden,
-Uniform und Vereidigung des Füsilierregiments Großherzog
-in Stellvertretung der Armee, dann Paroleausgabe,
-es konnte halb sechs werden. Um sieben Galatafel im
-Schloß, große Cour, Défilée, um neun Anfang des Balles
-in der Universität, Terrasse, Gärten, Masken ... Illumination
-und offizielle Huldigung ... Wozu das alles? Renates
-Gesicht erschien, er schluchzte trocken ... Niemals &mdash;
-niemals &mdash; niemals ... Und sie würde die Frau seines Vaters
-... Herrgott, was soll das werden? Das war niemals
-zu ertragen. Er legte das Gesicht in die Hände, ihm war,
-als ob er weinte, aber er weinte nicht. Gelacht hatte sie,
-krampfartig gelacht. Ja, es war wohl sehr komisch. Um
-halb neun war ich bei ihr, dachte er nüchtern, und Vater
-&mdash; oh Vater war der Mann der Tat und stand früh auf.
-Warum hatte er übrigens bis heute gewartet, und warum
-nicht bis morgen? &mdash; Niemals &mdash; niemals &mdash;. Ihm brannte
-die Brust, er fühlte sich matt und elend. Dieser wahnsinnige
-Ritt. Ich komme nicht hinein, dachte er, Montfort
-hat recht in jeder Beziehung.
-</p>
-
-<h4 class="section">
-<a id="page-121" class="pagenum" title="121"></a>
-Heimkehr
-</h4>
-
-<p class="first">
-Vor der Tür des Schlößchens erwarteten ihn zwei unbekannte
-Lakaien, die er wegschickte. Seine Zimmer sahen
-ihn fremd an und fürchterlich unnütz. Er ging durch
-das Schlafzimmer ins Badezimmer, holte das Schlüsselbund
-hervor und öffnete das heimliche Gemach. Schön
-dämmrig lag es in der Nachmittagssonne, die breite goldene
-Dämme durch die Fenstervorhänge hineinstellte.
-Still, sehr schön, edel &mdash; trotz Cora &mdash; stand das wolkige
-Himmelbett. Er dachte: Ja, Cora war darin, so
-konnte es wohl nichts werden ... und fiel vor dem Kopfkissen
-auf die Knie, legte die Stirn auf den Bettrand
-und verlor sich. Er sprang wieder auf und ließ sich rücklings
-auf das Weiche hinfallen, lag ausgestreckt, dankbar
-für die Wohltat des Ruhens. Da schrillte fern im Zimmer
-das Telephon, aber erst, da es gar nicht wieder
-aufhören zu wollen schien, entschloß er sich aufzustehn,
-ging hin und nahm den Hörer ans Ohr. Er wollte
-sagen: Prinz Trassenberg, &mdash; aber &mdash; nein, Großherzog
-war er ja noch immer nicht ganz, so sagte er nur wie
-Birnbaum &bdquo;Ja?&ldquo;
-</p>
-
-<p>
-Eine Männerstimme fragte: &bdquo;Hoheit?&ldquo;
-</p>
-
-<p>
-&bdquo;Ja.&ldquo;
-</p>
-
-<p>
-&bdquo;Zwillinge!&ldquo; schrie die Stimme Schleys so fürchterlich
-laut, daß ihm das Ohr schmerzte, &bdquo;Zwillinge! Zwei
-Sozialisten!&ldquo;
-</p>
-
-<p>
-Georg begriff Augenblicke lang gar nichts, dann
-entfuhr es ihm: &bdquo;Was? Virgo? deine Frau? Donnerwetter!&ldquo;
-</p>
-
-<p>
-<a id="page-122" class="pagenum" title="122"></a>
-Schley drüben schien zu lachen, rief dann: &bdquo;Ich glaube,
-Hoheit, du bist der elfte, der Donnerwetter sagt, das scheint
-bei Zwillingen das einzig Mögliche.&ldquo;
-</p>
-
-<p>
-Georg wußte nicht, was er denken sollte. Der Begriff
-Zwillinge verdeckte für den Augenblick alles, er konnte
-nur fragen: &bdquo;Und Virgo?&ldquo; wobei er nun denken mußte:
-Dieser Name &mdash; und Zwillinge ...
-</p>
-
-<p>
-&bdquo;Danke, vortrefflich,&ldquo; hörte er Schley sagen, &bdquo;ein wenig
-sehr matt, aber sie ist immerhin im besten Alter, &mdash;
-freilich, als der zweite heraus war, bin ich dem Tode fast
-so nah gewesen wie sie, ohne mich brüsten zu wollen,
-&mdash; stell dir vor! Ich war am Ohnmächtigwerden vor
-Wut. So ein kleiner Mensch wie sie und in Stücke gerissen
-...&ldquo;
-</p>
-
-<p>
-Georg schauderte plötzlich; er sah zwei unflätige Riesen,
-und Virgo im Bett, schreiend, sich wälzend, und die Riesen
-zerrten an ihren Beinen ... Er schüttelte sich.
-</p>
-
-<p>
-&bdquo;Ich habe geflucht und gebetet,&ldquo; sagte Schley, &bdquo;und
-der Arzt, es war zum Tollwerden, er tat wie ein Athlet,
-der seine Tochter Kunststücke machen läßt und lacht, wie
-gut sie&rsquo;s kann. Aber nun stehn die Namen wenigstens
-fest.&ldquo;
-</p>
-
-<p>
-Georg erinnerte sich der unzähligen Verhandlungen
-über die Namensfrage, und wie Virgos Mann sich erbost
-hatte, daß ein Junge Georg, ein Mädchen Georgine heißen
-sollte.
-</p>
-
-<p>
-&bdquo;Nun?&ldquo; fragte er. &bdquo;Ja, weißt du,&ldquo; hörte er Schley
-kleinlaut sagen, &bdquo;beim ersten schrie sie immerfort: Georg!
-...&ldquo; Georg zuckte das Herz. Da hatte sie gelegen
-und seinen Namen geschrien ... Und er, wo war er? &mdash;
-<a id="page-123" class="pagenum" title="123"></a>
-&bdquo;Beim zweiten&ldquo;, fuhr ihr Mann muntrer fort, &bdquo;sagte sie
-gar nichts, da knirschte sie nur, aber als ich dann ins Zimmer
-durfte, sagte sie nur: Wolf... &mdash; mit ihrer tiefen
-Stimme, und wie sie dalag &mdash;&ldquo; Georg sah sie daliegen,
-sah die übermenschlich groß gewordenen braunen Augen
-unter dem knabenhaften Haarbusch im kleinen, weißen
-Gesicht &mdash; &bdquo;und mich ansah,&ldquo; sagte Schley, &bdquo;ja, &mdash;
-da bin ich umgefallen ...&ldquo; Seine Stimme zitterte heiser.
-&bdquo;In meinem Leben habe ich nicht so geweint&ldquo;,
-sagte er.
-</p>
-
-<p>
-Sie schwiegen Beide. In Georgs Gehör brach Gesang
-auf, die Glucksche Melodie: Ach ich ha&mdash;be sie &mdash; verlo&mdash;o&mdash;ren
-...
-</p>
-
-<p>
-&bdquo;Also heißen sie Georg und Wolfgang&ldquo;, sagte Schley.
-</p>
-
-<p>
-&bdquo;Hoffentlich&ldquo;, meinte Georg matt, &bdquo;kann man sie
-unterscheiden.&ldquo;
-</p>
-
-<p>
-&bdquo;Na, vorläufig ist nicht dran zu denken, einer wie der
-andre ist eine rote Zuckerrübe mit einem schwarzen Busch
-auf dem Kopf, ich weiß längst nicht mehr, wer Georg und
-wer Wolfgang ist, die Hebamme ist der einzige Zeuge, und
-Virgo will ja nun durchaus, daß dem Georg ihr einer
-Ohrring, der kleine goldene, eingeklemmt wird, und ob du
-einverstanden wärst?&ldquo;
-</p>
-
-<p>
-Ja, Georg war einverstanden. &bdquo;Und bitte: tausend
-Grüße, und wenn ich nur einen Augenblick heute frei hätte,
-so käme ich.&ldquo;
-</p>
-
-<p>
-&bdquo;Ja, höre, Georg, noch etwas &mdash;&ldquo; sagte Schley, &bdquo;hast
-du meinen Schwager getroffen?&ldquo; Georg verneinte. &bdquo;Er
-wollte dich treffen und ging schon früh fort; er hatte kein
-Kostüm und wollte sehn, daß er noch eins bekäme, er
-<a id="page-124" class="pagenum" title="124"></a>
-müßte dich heute noch sprechen. Zurückgekommen ist er
-nicht, auch nicht zum Essen, aber er hat angeläutet &mdash;
-ich war grade in die Apotheke hinüber &mdash; und hat sagen
-lassen, falls ich erführe, wann du Zeit für ihn hättest &mdash;
-er würde wieder anrufen ...&ldquo;
-</p>
-
-<p>
-Georg dachte nach. Halb vier, fünf, &mdash; &bdquo;Ja, zwischen
-sechs und sieben wäre es möglich&ldquo;, sagte er.
-</p>
-
-<p>
-&bdquo;Schön, zwischen sechs und sieben! ich habe leider
-keine Ahnung, um was es sich handeln mag. Adieu,
-Hoheit! Wie fühlst du dich denn? Der Festzug soll ja
-großartig ...&ldquo;
-</p>
-
-<p>
-&bdquo;Ja, es war schade, daß ihr gar nichts zu sehn bekamt.
-Also leb wohl, leb wohl!&ldquo;
-</p>
-
-<p>
-&bdquo;Adieu, Georg!&ldquo;
-</p>
-
-<p>
-Georg legte langsam den Hörer nieder und glitt in den
-Armstuhl zurück. Die Sonne, die den ganzen Schreibtisch
-vor ihm bedeckte, blendete seine Augen, er setzte sich zurück,
-beschattete die Augen, den Ellbogen aufstützend, und sah,
-undeutlich hinterm blitzenden Glase, Virgos Photographie,
-während es durch ihn hinsang: All mein Glück &mdash;
-ist nun &mdash; dahi&mdash;in ... Esthers Bild nahm ich fort, dachte
-er, ich gab Esther für Renate, ich gab Virgo für Renate.
-Esther starb, und Virgo bekam Zwillinge. Sonderbar,
-man sagt doch immer: bekam, obgleich eigentlich ... Freilich,
-ich gab sie nie ganz, und infolgedessen legte Renate
-sich über den Stuhl und bekam einen Lachkrampf. Kann
-man das so aufreihn: Bekam Lachkrampf, bekam Zwillinge,
-bekam Tod ... Schwer und verdumpft fühlte er
-seine Brust, er sah Renate, auf dem silbernen Pferde ganz
-klein am Fuß des Dammes, wie sie in die Arena ritt, dann
-<a id="page-125" class="pagenum" title="125"></a>
-ihr Profil unterm Thronhimmel ... Immer wieder kehrst
-du, Melancholie ... hörte er sagen. Von wem war das
-noch? Von Trakl, zuerst hörte ich es von Josef, oh ich
-weiß noch, in der Droschke, als wir zu Lenusch fuhren, und
-Cornelia Ring, &mdash; Cordelia ... An seinen Lippen brannte
-plötzlich Renates Hand, er schmeckte ihre Haut, Tränen
-schossen ihm in die Augen, &mdash; oh nicht weinen! sagte
-er sanftmütig. Ich war ja glücklich heut, oh wie
-war ich glücklich! Es war ein Rausch, ich glaube, es
-war im Grunde ganz unnatürlich. Ja, sehr &mdash; denn
-wie konnte ich so tief und lange schlafen am Waldrand?
-Was ist hier nicht in Ordnung? fragte er scharf, sich
-vorsetzend.
-</p>
-
-<p>
-Ach, ich ha&mdash;be sie ... Die kleine Uhr vor ihm schlug
-dreimal hell, er sah die Zeiger auf drei Uhr stehn. Schwerfällig
-stand er auf. Nun also Haltung! mahnte er sich
-und kam nicht weiter. Alles schien grau. Nur die Sonne
-brannte und brannte. Die Farbe Renate erlosch, und &mdash; richtig,
-sagte Georg, alles kam, wie es kommen mußte, sagt
-Georg Hermann; wer Renate will, hat allein sie zu wollen.
-Wer Renate will, hat allein sie zu wollen. Wer Renate
-will ... Wer Renate will ... Jählings faltete er die
-Hände, seine Lippen zitterten, das Weinen stieg ihm
-in die Kehle, er wand sich, die Knie sanken ihm ein, er
-flüsterte: Renate, Gott im Himmel, Renate, ich kann ja
-nicht, oh mein Gott, ich kann ja nicht! Dann schüttelte er
-sich barsch, ging zur Wand und drückte auf den Klingelknopf.
-Er schwankte, sein Kopf fiel vornüber, er stand,
-den Arm gegen die Klingel gestemmt, als der Lakai eintrat.
-Drei Sekunden hatte er verständnislos ein uralt
-<a id="page-126" class="pagenum" title="126"></a>
-scheinendes, faltiges, gütig aussehendes Gesicht über einer
-grünen Livree vor sich, dann dachte er langsam: Ach so!
-es geht ja weiter, immer weiter ...
-</p>
-
-<p>
-&bdquo;Wie heißen Sie?&ldquo; fragte er leise.
-</p>
-
-<p>
-&bdquo;Albert Neffe, königliche Hoheit&ldquo;, sagte eine farblose
-Stimme. Das Wort königliche Hoheit machte Georg sonderbar
-hochgehn. Er gab dem alten Manne die Hand und
-sagte, unfähig, laut zu sprechen:
-</p>
-
-<p>
-&bdquo;Gut, Albert. Sie sind ein alter Mann. Ich verlange
-nicht viel. Sie erfahren meine Gewohnheiten von Egon.
-Ich pflege alles allein zu tun. Heut können Sie mir helfen.
-Also hurtig!&ldquo;
-</p>
-
-<p>
-Er lächelte. Als der Kammerdiener ihm den Rücken
-drehte, fragte er ihm nach: &bdquo;Wie alt sind Sie?&ldquo;
-</p>
-
-<p>
-Der Alte drehte sich und stand still, Georg sah seine
-weißen Strümpfe und hörte ihn sagen: &bdquo;Königliche Hoheit,
-zweiundfünfzig.&ldquo;
-</p>
-
-<p>
-&bdquo;Na, da sind Sie ja noch ein ganz junger Mann!&ldquo;
-Der Diener lächelte gütig, aber dabei ward eine Zahnlücke
-im linken Mundwinkel sichtbar, und im Augenblick
-erschien hinter dem ersten, faltig vornehmen ein
-ganz anderes Gesicht, das heimlich kümmerliche eines gewöhnlichen
-alten Mannes. &mdash; Er verschwand im Schlafzimmer.
-</p>
-
-<p>
-Merkwürdig, dachte Georg, was es für Menschen giebt!
-Der sah erst aus, als ob er die Livree auch nachts nicht
-auszöge, auch nicht im Traum. Er war ja nur Gesicht,
-alles Übrige waren Leib und Beine, ausgestopft und nur
-&mdash; Stütze. Sowas lebt auch. Tante Henriettes Mann
-sieht aufs Haar so aus wie er, &mdash; und eigentlich ists auch
-<a id="page-127" class="pagenum" title="127"></a>
-kein Gesicht mehr, es sind nur &mdash; &mdash; Er fand nicht, was es
-war, verlor Zusammenhang und Gedanken. Das macht
-die Gewohnheit, sagte er mit jäher Erkenntnis, ja die Gewohnheit
-... Er fuhr heftig zusammen. Dann richtete er
-sich auf und ging schnell, aufrecht und ganz blind ins
-Schlafzimmer.
-</p>
-
-<div class="chapter">
-
-<h3 class="chapter" id="subchap-0-1-5">
-<a id="page-128" class="pagenum" title="128"></a>
-Fünftes Kapitel
-</h3>
-
-</div>
-
-<h4 class="section">
-Heimkehr (die andre)
-</h4>
-
-<p class="first">
-Renate ging zu Ulrika, blieb vor ihr stehn und merkte,
-daß ihr Gesicht sich wieder in Lächelfalten verzog. &bdquo;Komm
-bloß fort,&ldquo; raunte sie ihr zu, &bdquo;es ist furchtbar mit mir,
-ich &mdash; ich sage dir gleich alles!&ldquo;
-</p>
-
-<p>
-Im Treppenhaus, nach dem Geländer fassend, blieb
-sie stehn, aber kaum daß sie, zu Ulrika gewandt, herausbrachte:
-&bdquo;Georg &mdash;&ldquo; prustete sie nur, ergriff Ulrika am
-Arm, zog sie die Treppe hinunter und zwang sich unterwegs,
-heftig den Kopf aufrecht stellend, zum Ernst. &bdquo;Wie
-ist es denn,&ldquo; fragte sie unten, &bdquo;kommst du mit mir?&ldquo;
-</p>
-
-<p>
-Während sie Ulrika leise sagen hörte: &bdquo;Ja, ich möchte
-gern&ldquo;, fiel ihr Josef ein &mdash; wo war er geblieben? &mdash; und
-alles andre, ihr Herz wollte sich zusammenziehn, aber der
-helle Sonnenglanz über dem bunten, lebhaften Gedränge
-im halben Schatten der Gasse und, da ihr Blick von selber
-aufwärts ging, große, schimmernde Wolkengebäude im
-starken Blau, die zwischen die scharfen, altertümlichen
-Dächer und Kanten herabzusinken schienen, machten sie
-leicht und sicher. Josef wird schon dort sein, dachte sie,
-jedenfalls kann ich mich auf ihn verlassen; es wird alles
-gut. &bdquo;Komm nur mit, Ulrika, ich sage dir alles unterwegs.&ldquo;
-Der große Türsteher murmelte etwas ... &bdquo;Ja,
-meinen Wagen,&ldquo; antwortete sie, sich umsehend, &bdquo;da steht
-er ja!&ldquo; Sie gingen hin, stiegen ein, rollten ab.
-</p>
-
-<p>
-Ernsthaft jetzt und wehmütig dachte sie Georgs. &bdquo;Ich
-habe den guten Georg eben sehr gekränkt,&ldquo; begann sie,
-<a id="page-129" class="pagenum" title="129"></a>
-&bdquo;weißt du &mdash; ich bekam einen Lachkrampf, ach, gar nicht
-seinetwegen, er war nur der Anlaß, weißt du, es hatte
-sich wohl alles mögliche angesammelt, das brach nun auf
-diese Weise los. Ja, weißt du &mdash; Nein,&ldquo; unterbrach sie
-sich verstimmt, &bdquo;dies beständige Weißtu &mdash;, ich bin ja ganz
-kindisch geworden. &mdash; Ich sagte dir ja,&ldquo; fuhr sie gefaßter
-fort, &bdquo;daß der Herzog und ich uns zusammengefunden
-haben, und eben nun &mdash; kommt Georg und will mir einen
-Antrag machen. Siehst du, nun lächelst du sogar!&ldquo; Sie
-fiel der lächelnden Ulrika um den Hals, küßte sie und
-stammelte: &bdquo;Ach, Kind, ich bin ja so glücklich! Nicht
-wegen Woldemars, &mdash; das heißt, natürlich auch seinetwegen,
-zumeist seinetwegen, aber &mdash; du weißt ja nicht:
-Josef ist schon lange wieder hier, seit wir aus Helenenruh
-zurückkamen im vorigen Herbst, erinnerst du dich des
-Tages? Bogner und du, ihr wart da, ihr lachtet soviel &mdash;
-Kind, was ist denn mit dir?&ldquo; unterbrach sie sich, da
-Ulrikas Gesicht sich schmerzlich verdüsterte.
-</p>
-
-<p>
-&bdquo;Nur weiter,&ldquo; bat sie freundlich, &bdquo;ich komme nachher
-schon mit meinen Geschichten.&ldquo;
-</p>
-
-<p>
-Besorgt und zaudernd, Ulrikas kalte Hand in ihrer
-warmen, fuhr Renate fort: &bdquo;Er wollte sich aber seinem
-Vater nicht zeigen, und ich, weißt du, ich war so töricht &mdash;,
-ach, wie war ich doch töricht!&ldquo; Sie schwieg, sich verlierend,
-sprach dann hastig weiter:
-</p>
-
-<p>
-&bdquo;Einen Grund, weshalb er nicht zu seinem Vater gehen
-wollte, sagte er nicht, aber da er mich merken ließ, daß
-er überhaupt nur um meinetwillen wiedergekommen war,
-und weil er auch gleich sagte: Wenn <em>ich</em> es von ihm verlangte,
-so &mdash; ja, da war ich so töricht &mdash; &mdash; ach, aber
-<a id="page-130" class="pagenum" title="130"></a>
-das war es ja nicht, &mdash; was man tut und denkt und sagt,
-das ist es ja alles nicht ...&ldquo; Sie legte das Gesicht in die
-Hände, sah sich in Josefs Armen, grübelte, murmelte
-endlich: &bdquo;Es läßt sich nicht ausdrücken. Ich habe ihn
-lieb, Josef, er zieht mich unweigerlich an, und so fürchte ich
-ihn wohl &mdash;, nein, du kannst es nicht verstehn. Ich weiß
-bestimmt, daß ich ihn niemals lieben könnte, aber wenn
-er da ist, so bin ich &mdash; schwach, &mdash; wehrlos, weißt du,
-irgendwie, &mdash; ja &mdash; es <em>läßt</em> sich eben nicht sagen. Ich
-bin nicht schwach, wenn er da ist, im Gegenteil, ich bin
-durch und durch hochmütig und bin kälter und abweisender
-als je, aber hinterher könnte ich manchmal zu Boden
-sinken vor Schlaffheit, und dann merke ich wohl, was die
-aufrechte Haltung vorher mich gekostet hat. Und so, weißt
-du &mdash;, ja, so stand er eben, so stand ich eben zwischen ihm
-und dem Onkel, du hörtest vielleicht, er sagte es selber heut,
-und &mdash; er war fort, die Zeit ging hin, ich kämpfte, ich &mdash; &mdash;
-</p>
-
-<p>
-&bdquo;Es war &mdash; unmöglich&ldquo;, schloß sie. Danach schüttelte
-sie alles ab, setzte sich zurück, nestelte den Schleier unter
-dem Kinn los, nahm den Kronenring ab und behielt ihn
-im Schoß. Ihr war sehr warm; auch die Luft, die voll
-durch die offenen Wagenfenster hereinströmte, war allzu lau,
-um zu erfrischen. Sie sah, daß sie schon die Steigung der
-Döhrener Heerstraße hinanrollten, rechts lagen die roten,
-festungsähnlichen Werke der Zuckerfabrik, in der Tiefe
-die Bahngleise.
-</p>
-
-<p>
-&bdquo;Und du?&ldquo; fragte sie leise und liebevoll, sich wieder zu
-Ulrika wendend und ihre Hand fassend.
-</p>
-
-<p>
-&bdquo;Du,&ldquo; antwortete Ulrika nach einer Weile, &bdquo;sage,
-was du willst, du bist doch immer frei und rein und triffst
-<a id="page-131" class="pagenum" title="131"></a>
-das Rechte. Ich bin am Klavier aufgewachsen, damit ist
-wohl alles gesagt. Wie so ein Klettergewächs habe ich
-mich von allen Seiten immer nur um meinen schwarzen
-Freund gerankt, der Flügel war alles, und dann &mdash;&ldquo;
-</p>
-
-<p>
-Da sie verstummte, hörte Renate Worte Jasons undeutlich
-vorübereilen: Ulrika Tregiorni hatte bis zum
-Heimkehrtage Benvenuto Bogners niemals nachgedacht
-&mdash; hieß es nicht so? Wie seltsam er gleich alles in einen
-Anfang zusammengefaßt hatte ...
-</p>
-
-<p>
-&bdquo;Und dann&ldquo;, hörte sie die Freundin weitersprechen,
-&bdquo;merkte ich eines Tages, daß einer mich dicht über der
-Wurzel abgeschnitten hatte. Ich verdorrte nicht, oh nein!&ldquo;
-sie lächelte glücklich und verloren, &bdquo;im Gegenteil, es war
-ja herrlich, ich blühte mir noch einmal so schön und reich,
-nur &mdash; &mdash; ich hatte keine Wurzel mehr.&ldquo; Sie brach ab.
-</p>
-
-<p>
-Renate sah, aus dem Fenster blickend, Tore, Kapellen, rote
-Mauerzüge und die Gruftgiebel und Lebensbäume des Friedhofs
-hinter den staubigen, sonnigen Äckern und Gärtnereien
-neben der Straße. Da irrten ihre Gedanken schon ab und
-vorauf in das nahe Haus, sie mußte Atem schöpfen und fühlte
-die Beklemmung. War er wirklich schon da? &mdash; Oh, Josef
-war ritterlich, vielleicht hatte er sie das Geschehnis schon
-fertig vorfinden lassen wollen, oder auch &mdash; es konnte ja
-fehlschlagen &mdash; ihr den Anblick der Enttäuschung ersparen. &mdash;
-</p>
-
-<p>
-&bdquo;Ja, wie ist es denn nun?&ldquo; hörte sie Ulrika fragen,
-&bdquo;Josef kommt also heute?&ldquo;
-</p>
-
-<p>
-&bdquo;Ich hoffe, er ist schon da.&ldquo;
-</p>
-
-<p>
-&bdquo;Ja, störe ich dann aber nicht ...&ldquo;
-</p>
-
-<p>
-Da merkte Renate, daß sie bei aller Zuversicht doch
-heimlich einen Halt in Ulrika mit sich genommen hatte,
-<a id="page-132" class="pagenum" title="132"></a>
-umschlang sie zärtlich und beschämt und dachte &mdash; ihr
-versichernd, daß sie gewiß nicht stören könne &mdash;, wie grausam
-besinnungslos der Mensch doch immer um sich fasse,
-sobald er nur eben ins Schwanken geriet, unbekümmert,
-ob der, nach dem er griff, nicht heftiger selber im Schwanken
-war.
-</p>
-
-<p>
-&bdquo;Ach, vielleicht&ldquo;, sagte sie verstört und furchtsam, &bdquo;ist
-die Krankheit meines Onkels ja doch unheilbar, und dann
-&mdash; dann wird es gut sein, wenn ich dich in der Nähe ...
-ach, vergieb nur, Liebste, nun belade ich dich auch noch
-mit mir!&ldquo;
-</p>
-
-<p>
-Ulrika zeigte eine zuversichtliche Miene und versicherte,
-der Arzt habe es doch wiederholt gesagt, daß es sich gewiß
-nicht um eine Gehirnkrankheit handle, sondern um
-ein Gemütsleiden, und &mdash; &bdquo;ja, ja,&ldquo; fiel Renate erleichtert
-ein, &bdquo;er war immer ein so weichmütiger Mensch &mdash;, und
-sicherlich giebt es das, daß ein Mensch sich etwas so zu
-Herzen nimmt, daß er &mdash; daß er eben aus dem Gleis
-kommt, sich selbst vergißt und nur den einen Gedanken
-verfolgt ...&ldquo;
-</p>
-
-<p>
-&bdquo;Wir kennen es&ldquo;, sagte Ulrika langsam, &bdquo;ja Alle selber
-so gut, die Anfänge davon, dies &mdash;&ldquo; sie schauderte &mdash; &bdquo;oh
-dies besinnungslose Dastehn, mitten in irgendeinem Tun,
-nicht weiter Wissen, minutenlang, und &mdash; wir sind da!&ldquo;
-schloß sie hastig. Der Wagen hielt.
-</p>
-
-<h4 class="section">
-Veranda
-</h4>
-
-<p class="first">
-Das Herz schlug Renate in den Hals hinauf, als sie
-durch den Vorgarten zum Hause ging, aber dem entgegenkommenden
-<a id="page-133" class="pagenum" title="133"></a>
-Hausmädchen war nichts anzusehn, Renate
-wagte nicht, zu fragen, warf im Flur den Mantel ab
-und trat in die Halle. Durch das offne Fenster sah sie
-den Tisch in der Veranda gedeckt, dann, durch die Tür,
-draußen Erasmus, noch gepanzert, mit Magda, die einen
-seiner Arme hochhob und ihn betrachtete, und Renate
-hörte ihr Lachen. Dann wurde Erasmus ihrer gewahr,
-Beide kamen auf sie zu, Erasmus in bester Haltung, aber
-&mdash; was war mit seinen Augen? Sie glühten und glichen
-Georgs Augen, als der ... Ihr Herz zog sich ängstlicher
-zusammen. Wäre nur Josef erst da! dachte sie, alles
-von ihm erhoffend.
-</p>
-
-<p>
-Erasmus nahm ihre Hand, küßte sie sogar und sagte
-mit seiner dunklen Stimme: &bdquo;Na, endlich, wir haben
-einen bärenmäßigen Hunger.&ldquo;
-</p>
-
-<p>
-Renate umarmte Magda. &mdash; &bdquo;Du siehst wirklich vortrefflich
-aus,&ldquo; sagte sie mühsam zu ihm, sich von Magda
-losmachend, &bdquo;du solltest immer so gehn, weißt du!&ldquo;
-</p>
-
-<p>
-Er lachte verlegen: es sei etwas warm, &mdash; und sie hatte
-ihn im Verdacht, daß dies gute Aussehn der Grund war,
-weshalb er sich noch nicht umgezogen hatte. Doch zog
-es sie nun zum Onkel, sie bat die Andern, auch Ulrika, die
-hereinkam, um Entschuldigung und ging hinaus, die Treppe
-hinauf und stand vor der Tür, hinter der sie Schritte
-hörte. Er ging wieder auf und ab! Nun machte er halt;
-nun ging er wieder zurück ... Sie öffnete leise und trat
-ein. Er stand mitten im Zimmer und sah ihr entgegen.
-</p>
-
-<p>
-Seine Augen hatten Blick, er sah. Sekunden stand
-sie fassungslos, ihre Hände falteten sich, sie flüsterte:
-&bdquo;Onkel ...&ldquo;
-</p>
-
-<p>
-<a id="page-134" class="pagenum" title="134"></a>
-&bdquo;Ja,&ldquo; sagte er, &bdquo;ja, was ...&ldquo;
-</p>
-
-<p>
-Er sprach ja! Er sprach ja wieder!
-</p>
-
-<p>
-Aber was nun? Josef, oh wärst du da! Sinnverwirrt,
-angstvoll, die einzige Minute, diese, verstreiche ungenutzt,
-senkte sie die Stirn, wußte nichts. Als sie wieder
-aufsah, hatte er sich abgewendet, blickte nach dem Fenster,
-nach der Straße. &mdash; Stand Josef unten? &mdash; Sie machte
-zwei Schritte vor, unten die Straße war leer. &mdash; Aber &mdash;
-war er nicht größer geworden? Der seltsame, ganz kahlglatte,
-hohe und gerundete Schädel, die steile, von den
-Brauen fast vornübersteigende Stirn und dicht unter
-den Augen das weiß und glatt nach unten fließende lose
-Barthaar machten ihn trotz der schwarzen Joppe zu einer
-Figur der Zeit, aus der sie kam; er glich einem heiligen
-Antonius oder Hieronymus.
-</p>
-
-<p>
-Sie ging nun zu ihm und berührte seinen Arm. Er
-wandte das Gesicht, ein wenig tiefer als das ihre, mit
-einem Zucken, sah sie fremd an. Nein, nicht völlig fremd,
-nicht wie sonst, und &mdash; Unruhe ist es, frohlockte Renate,
-und allen Willen und Einfluß aufbietend, bat sie:
-&bdquo;Komm, Onkel, es ist Essenszeit!&ldquo; Schob die Hand in
-seinen Arm, zog und drängte sanft. Er folgte.
-</p>
-
-<p>
-Zitternd, sich gewaltsam haltend, weinend, lachend,
-angstvoll, triumphierend im Innern, führte sie ihn die
-Treppe hinunter in die Halle. Erasmus stand draußen
-an der Verandatreppe, an den Eisenpfeiler und die Weinranken
-gelehnt, herunterblickend auf Ulrika und Magda
-mit einer fast leutseligen Haltung. Jetzt sah er seinen
-Vater, die Frauen wandten sich, Renate legte den Finger
-vor den Mund und sah, wie Erasmus seine erschreckten
-<a id="page-135" class="pagenum" title="135"></a>
-Züge beherrschte. In der Verandatür, an Magda vorübergehend,
-flüsterte Renate: &bdquo;Noch ein Gedeck!&ldquo; und
-führte den Onkel um den Tisch, wo er sich ohne Widerstand
-auf den Stuhl am weitesten rechts, vor der Seitenwand
-der Veranda niedersetzte. Sie setzte sich in seiner
-Nähe mit dem Rücken zum Garten, winkte Erasmus
-seinem Vater gegenüber und sagte, so leicht sie konnte:
-&bdquo;Nun erzähle, Erasmus, wie war es! Hoffentlich hast
-du nirgend Schaden angerichtet mit deinen Blumen!&ldquo;
-</p>
-
-<p>
-Ulrika setzte sich ihr gegenüber, auch Magda kam herein,
-dann der Diener, der vor dem alten Mann deckte.
-Erasmus bewährte sich außerordentlich und sagte, es sei
-ungemein lustig gewesen. Dann redete er kräftig darauflos,
-er sei überhaupt der einzige, der richtig begreifen
-könnte, wie schön so ein Tag sein könne, er plagte sich
-jahrein, jahraus, daß genug Essen auf den Tisch komme,
-&mdash; oh, er gab sich glänzend preis! &mdash; und ob Renate wohl
-ein einzig Mal bedacht hätte, daß es sein saurer Schweiß
-wäre, in den sie sich kleidete, niemals dächte sie daran.
-&bdquo;Kinder, Kinder,&ldquo; sagte er, &bdquo;was Mädchen, was Mädchen!
-Eine Zeitlang dachte ich, es wären immer dieselben
-wie im Theater, wo immer dieselbe Korporalschaft über
-die Bühne marschiert im Triumphzug des Germanikus,
-oder war es in Aida?&ldquo; Und er fing an zu erzählen, wie
-sie als Schüler Statisten gemacht hatten, &mdash; Renate lachte
-das Herz im Leibe, wie sie ihn heiter und gelassen die
-Augen von Einem zum Andern bewegen sah, nur seinen
-Vater vermeidend, der indessen in sich versunken war, die
-Hände neben seinem Teller auf dem Tischtuch, ohne etwas
-zu essen.
-</p>
-
-<p>
-<a id="page-136" class="pagenum" title="136"></a>
-Erasmus schenkte Wein ein. Plötzlich sah Renate das
-Gesicht Magdas, die eben ihr Glas aus Ulrikas Hand
-nahm, stillstehn, indem sie nach draußen blickte. In die
-Augen kam Schrecken, Renate drehte sich langsam, von
-ihrem Onkel abgekehrt, um und sah im Garten Josefs
-Gesicht, frei, die heile und die schreckliche, rote Hälfte; er
-trug noch die schwarze Kutte, deren Kapuze hinter seinem
-Kopf abstand, seine Hände unten waren etwas gespreizt,
-er sah nicht seinen Vater, sondern seinen Bruder an,
-vorbei an Renate, die sich langsam wandte. Erasmus
-setzte eben den Pfropfen auf die Flasche und stellte sie vor
-sich auf den Untersatz, ergriff sein Glas und wollte sich wohl
-zu Renate wenden, aber sie drehte sich weiter, &mdash; und da
-saß Josefs Vater und hielt das Gesicht in den Händen.
-Renate preßte ihr Herz gewaltig zusammen, stand ruhig
-auf, trat zu ihrem Onkel, faßte nach seinen Händen und
-sagte: &bdquo;Josef ist im Garten, Onkel, soll er nicht hereinkommen?&ldquo;
-Und sich zurückwendend, winkte sie Josef mit
-den Augen.
-</p>
-
-<p>
-Jetzt hatte ihr Onkel die Hände fallen lassen, sie sah
-seine Augen, die erst angstvoll und suchend nach den ihren
-griffen, aber gleich glitt der Blick weiter, und dort stand
-Josef, den Kopf etwas gesenkt und sah seinen Vater an.
-Neben ihm Erasmus war an die Wand zurückgetreten,
-seine Augen standen auf seinen Bruder gerichtet, als
-sollten sie ihn durchbohren, Renate sah etwas in seinen
-geschlossenen Händen, das &mdash; nein, das nicht ein Obstmesser
-zu sein schien! Und da war auch schon wieder das
-Gesicht seines Vaters, der sich langsam vom Stuhl erhob,
-während Josef mit seltsam heller und klingender Stimme
-<a id="page-137" class="pagenum" title="137"></a>
-sagte: &bdquo;Da bin ich wieder, Vater, aber ich habe mich abscheulich
-verändert. Laßt euch nicht stören&ldquo;, sagte er zu
-Ulrika und Magda, die aufgestanden waren.
-</p>
-
-<p>
-Sein Vater fuhr mit der rechten Hand über die Stirn,
-lächelte und sagte: &bdquo;Wahrhaftig, Josef! Ich dachte fast,
-du hättest uns vergessen! Da kommst du ja grade recht
-zum Essen.&ldquo;
-</p>
-
-<p>
-Josef trat zu ihm, sie drückten sich die Hände, Josef
-legte seinem Vater einen Augenblick die Linke auf die
-Schulter, Renate sah, wie der alte Mann sich duckte,
-seine Lider zitterten, aber er bezwang sich, mit einer ungeheuren
-Kraft, wie es schien, blickte leicht in Josefs entstelltes
-Gesicht empor, schüttelte langsam den Kopf und
-meinte: &bdquo;Ein Adonis bist du gewesen, mein Junge.&ldquo;
-</p>
-
-<p>
-Josef lachte herzlich. &bdquo;Du weißt ja, Papa, es ist
-Adonislos, daß ihn die Evierinnen zerfleischen!&ldquo;
-</p>
-
-<p>
-Sein Vater fiel munter ein und sagte: &bdquo;Setz dich, setz
-dich doch, iß und trink und erzähle!&ldquo;
-</p>
-
-<p>
-Da nahm er Renates Stuhl. Sie drehte sich um.
-Erasmus war nicht mehr da, und sie setzte sich schnell an
-seinen Platz. Der Diener, der schon gewartet hatte, kam
-leise und sammelte die Teller ein. Renate faltete unter
-dem Tisch die Hände, mußte aber unter ihren Gebetsworten
-bemerken, daß es doch das Obstmesser gewesen
-war, denn es fehlte. Sie zuckte einen Augenblick, Erasmus
-nachzugehn, hörte jedoch ihren Namen, blickte rundum,
-lachte und sagte, atmend aus voller Brust:
-</p>
-
-<p>
-&bdquo;Also wären wir Alle wieder beisammen. Wie lange
-warst du fort, Josef? Keine drei Jahre, weißt du, schreiben
-hättest du wohl einmal können, wo du überall gesteckt hast.&ldquo;
-</p>
-
-<p>
-<a id="page-138" class="pagenum" title="138"></a>
-Josef wandte sich halb zu seinem Vater und bemerkte
-halblaut: &bdquo;Iphigenie! sie hat sich nicht verändert, oje-oje!&ldquo;
-und Renate merkte, daß sie den rechten Unterarm
-auf der Tischplatte vor sich liegen hatte, den linken aufgestützt
-und das Kinn in der Hand.
-</p>
-
-<p>
-Ein wenig später war Renate unter fernem Stimmengeschwirr
-und Lachen sich nicht mehr klar, was sie tat,
-sprach oder empfand, fühlte sich selber undeutlich in lebhaftester
-Erregung und Bewegung und hörte nur einmal
-Josefs Stimme, wie er zu seinem Vater sagte: &bdquo;Sieht
-sie nicht aus, als ob sie einen ganzen Nachtigallenschwarm
-in der Brust hätte, Papa?&ldquo; und er sagte noch weiter
-etwas von Rosen und Lilien ihres Gesichts, die von diesem,
-unten hineingesetzten Nachtigallenschwarm ins Wanken
-und völlig durcheinandergekommen seien. Sie hörte ihr
-eigenes Lachen fern, dann schien es ihr, als sei von ihrer
-oder Ulrikas Kleidung die Rede, &mdash; nein, er beschrieb
-das mittelalterliche Bild, das er vom Garten aus gesehen
-habe: Ulrika und Renate in ihren farbigen Kleidern
-und Kopfzierden, Erasmus im Panzer, der Eremitenkopf
-seines Vaters, &mdash; ein bißchen Veronese, aber sonst
-ganz ...
-</p>
-
-<p>
-Plötzlich stand alles für einen Augenblick still, sie sagte:
-&bdquo;Ja, nun müßt ihr aber etwas hören! &mdash; Ich habe mich
-verlobt.&ldquo;
-</p>
-
-<p>
-Es war still geworden.
-</p>
-
-<p>
-&bdquo;Verlobt?&ldquo; fragte ihr Onkel leise; seine dunklen
-Augen standen fest, dann senkten sich langsam die Lider
-darüber. &bdquo;So. &mdash; Ja, mit wem denn?&ldquo; hörte Renate
-ihn noch leiser fragen.
-</p>
-
-<p>
-<a id="page-139" class="pagenum" title="139"></a>
-Erschreckt blickte sie auf Josef, sah den roten Fleck
-seines rechten Gesichts und die linke Braue leicht angehoben.
-</p>
-
-<p>
-&bdquo;Mit dem Herzog, &mdash; Herzog Trassenberg, Onkel,&ldquo;
-sagte sie unsicher, für Sekunden ratlos, was dies bedeute,
-und fügte mit wankender Stimme hinzu, er habe zwar ihr
-Wort noch nicht, aber ... Da wußte sie, daß ihr Onkel
-an seinen Sohn dachte. Sie sah ihn ängstlich zur Seite
-nach Josef spähn; Josef beugte sich ein wenig zu ihm
-und sagte ironisch: &bdquo;Ja, willst du eigentlich nicht gratulieren,
-Papa?&ldquo;
-</p>
-
-<p>
-Nun stand er langsam auf, aber diesmal, merkte Renate,
-gelang ihm die Beherrschung nicht, er legte die
-Hände zusammen und fragte furchtsam: &bdquo;Josef &mdash; verzeih,
-aber &mdash; ich habe immer gedacht ...&ldquo;
-</p>
-
-<p>
-Jetzt rückte Josef, vor Staunen fassungslosen Gesichts,
-seinen Stuhl nach hinten, sah zu seinem Vater auf, erst
-wie völlig verwirrt, dann fragend, endlich strafend, und
-sagte: &bdquo;Ja, nun brennen alle Kandelaber, Papa! Renate,
-ists nun hell genug? Ich und du, stell dir vor! Eiweih
-geschrien!&ldquo;
-</p>
-
-<p>
-Renate lachte, so hell sie konnte, es fiel ihr schwer, da
-Josef das heile Auge zusammenkniff, wodurch sein Gesicht
-zu einer scheußlichen Grimasse wurde, aber sein
-Vater konnte es nicht sehn, und sie atmete erleichtert auf.
-</p>
-
-<p>
-&bdquo;Ja, dann,&ldquo; sagte er zögernd, &bdquo;dann wird der Herzog
-wohl zu mir kommen wollen?&ldquo;
-</p>
-
-<p>
-Renate nickte und hörte Josef sardonisch fragen, ob er
-Angst vor Herzögen habe. Nun lachte er gütig, ergriff
-sein Glas und richtete sich mit Würde auf. &bdquo;Dein Wohl,
-<a id="page-140" class="pagenum" title="140"></a>
-mein Kind,&ldquo; sagte er, &bdquo;von Herzen dein Wohl und das
-seine! Ich werde den Herzog mit viel Freude empfangen,
-denn von ihm hat man ja nur Schönes und Gutes und &mdash;&ldquo;
-Er stockte, und Renate vermeinte, er erinnere sich, daß der
-Herzog verheiratet war, dann fuhr er mit plötzlich bebender
-Stimme fort: &bdquo;&mdash; und Edles gehört.&ldquo; Das Glas entfiel
-seiner Hand, Tränen brachen stromweise aus seinen Augen,
-er drehte sich zu Josef um und stammelte: &bdquo;Josef! Josef!
-Mein Sohn ist wiedergekommen! mein Sohn hat mich
-nicht verlassen, er war tot und ist wieder lebendig &mdash; geworden
-&mdash;&ldquo;
-</p>
-
-<p>
-Er brach ab, schluchzend an Josefs Brust, der, selber
-ganz grade stehend, ihn mit den Armen umschloß, einmal
-schnell und fest die Lippen auf seinen Kopf drückte und
-wieder grade stand.
-</p>
-
-<p>
-Renate wandte sich glücklich ab und sah den Garten
-in der Sonne, den hellgrauen Sockel der Uhr und seltsam
-deutlich den Schatten des Zeigers auf der braunen Metallscheibe;
-die Stunde freilich war nicht zu erkennen; dann
-verschleierten sich ihre Augen. Bald darauf hörte sie das
-Weinen ihres Onkels leiser werden und Josefs liebevolle
-Frage, er sei gewiß müde, ob er sich nicht niederlegen
-wolle? &mdash; Ja, er sei müde, sehr müde ... kam die Antwort.
-Sie sah, sich wendend, wie er gebückt, glücklich
-lächelnd durch nasse Augen, sich von Josef fortführen
-ließ, und spürte, als habe das Wort &sbquo;müde&lsquo; sie verzaubert,
-nun eine rieselnde und süße Mattigkeit in allen Gliedern,
-die zugleich alles umher in Goldstaub und grünes Geflimmer
-auflöste. Sie überwand sich aber, plötzlich von
-einer Woge der Dankbarkeit und Liebe zu Josef überspült,
-<a id="page-141" class="pagenum" title="141"></a>
-rührte seinen Arm an, und da er sich umwandte,
-so legte sie die Arme auf seine Schultern, hob ihren
-Mund zu seinem, hatte aber nun so nah und deutlich die
-stramm gezogne, glatte und rote Haut seiner rechten
-Wange und darin das Augenloch mit den von allen
-Seiten zusammen- und hineingezerrten Falten dünner
-Haut vor sich, daß sie zurückgeschaudert wäre, wenn sie
-nicht wieder sein heiles Auge gesehn hätte und den Blick
-von sonderbar weichem Staunen, so daß ihr Mund nun
-stehn blieb, nicht weit von dem seinen, sekundenlange,
-während sie lächelte und ihn mit großer Zärtlichkeit anblickte.
-Zurückweichend, fühlte sie noch, daß er ihre rechte
-Hand ergriff und, das Gesicht sehr tief beugend, an den
-Mund drückte, und hörte ihn sehr leise sagen: &bdquo;Es genügt.
-Ich habe nun nichts mehr zu wünschen und kann &mdash;&ldquo;
-</p>
-
-<p>
-Danach entschwand er ihr; sie verging sich selber in
-Schlafverlangen, empfand noch, daß sie im Gehen, daß da
-Ulrikas und Magdas Gesichter waren, daß sie sprach und
-ferne Stimmen hörte, dann, daß sie durch den Garten
-schwebte, und endlich, daß sie sehr tief lag. Sie öffnete
-mit Anstrengung die Augen, hoch über ihr war wunderbares
-Grün, von Bläue durchbrochen, ganz nahe über
-ihr Ulrikas Gesicht und das Ende einer Hängematte. Sie
-wollte die Hand zu Ulrika hinaufheben, brachte es aber
-nicht fertig, und dann war nichts mehr.
-</p>
-
-<div class="chapter">
-
-<h3 class="chapter" id="subchap-0-1-6">
-<a id="page-142" class="pagenum" title="142"></a>
-Sechstes Kapitel
-</h3>
-
-</div>
-
-<h4 class="section">
-Garten
-</h4>
-
-<p class="first">
-Renate, die Augen aufschlagend, staunte über die
-Schönheit der Welt.
-</p>
-
-<p>
-Vom Schlummer tief erquickt, lag sie im Grase, leicht,
-ungeblendeten Auges, im Innern zart im Entflüchten abwärts
-lächelnde, farbige Träume, vor Augen die nahe
-von allen Seiten herangedrängten grünen Nischen und
-Bögen von Flieder, Goldregen und Holunder &mdash; voll
-großer, noch grüner Beerenscheiben &mdash;, durchspannt von
-einer leeren Hängematte, durchstochen von langen, haarfeinen
-Goldstrahlen der Sonne, und nahe gegenüber seltsam
-schön und nachdenklich die durchsichtigen Züge Ulrikas;
-sie saß, seitwärts die Knie unterm blaßvioletten Rock,
-am Stamm der Kastanie; auf der goldenen Tunika
-mitten vor ihrer Brust brannte in feuriger Stille ein
-Sonnenfleck; das dunkelrote Haar war wieder in Flechten
-schwer aufgenommen; sie hatte die rechte Hand neben
-sich ins hohe Gras gestützt; die linke lag im Schoß zwischen
-einer großen, grünbeerigen Holunderscheibe und
-einigen aufgebrochenen Kastanien, grün mit noch weißem,
-feuchtem Kern. &mdash; Glücklich in sich, glaubte Renate sich
-atmend zu fühlen mit ganzem Leib, wie in der Mutter ein
-Kind, auswärts strebend nach keiner Richtung, sondern
-alles in sich habend, Natur und Menschen, Gegangenes
-und Kommendes. Ich bin glücklich, dachte sie dankbar,
-nun darf ich es sein! Oh, wie gut ist der Schlaf! Josef
-ist im Haus, Onkel gesund und froh, und Woldemar fern
-<a id="page-143" class="pagenum" title="143"></a>
-und nah ... Holunderbeeren ... Wann sah ich die einmal
-schwarz an Ulrika? Zu Irenes Hochzeit trug Ulrika
-sie im Haar, ein schwerer, böser Tag, und nun ist doch
-alles wieder heil.
-</p>
-
-<p>
-&bdquo;Sage, was denkst du, Ulrika?&ldquo; fragte sie leise. Ulrika
-wandte langsam das Gesicht herüber, ihre Augen glitten
-über Renate hin und blieben stehn; mit einem eigentümlichen
-Blick von Glücklichkeit und Ferne, den Renate nicht
-recht verstand, sagte sie: &bdquo;Ich horche ...&ldquo;
-</p>
-
-<p>
-Bemüht zu lauschen, glaubte Renate in der Kapelle
-hinter sich Magdas Singstimme zu hören. Allein es war
-still. Ein kleiner Vogel zirpte entfernt im grünen Dickicht.
-Meinte sie den? Eine Scheu hinderte Renate, zu fragen.
-</p>
-
-<p>
-&bdquo;Du&ldquo;, sagte Ulrika nach einer stillen Weile, &bdquo;hast eine
-Stunde geschlafen, und ich war glücklich unterweil.&ldquo; Sie
-hob den Stoff im Schoße ein wenig an, so daß Holunder
-und Kastanien ins hohe Gras rollten, glättete ihr Kleid,
-ein paar winzige Blätter und Stacheln fortstreifend, und
-fuhr fort: &bdquo;Glücklich. Eine volle Stunde. Freilich auch
-der Vormittag war schön, er war so heiter &mdash;, aber all
-das Bunte war nicht in mir, sondern lose herum, und
-auch das Glück meine ich nicht, das heiter ist, sondern das
-ernste. Eine Stunde davon, &mdash; vielleicht ist das so viel,
-wie ein Mensch wünschen darf, wenn ein Wunsch ihm
-freigestellt würde vom Schicksal. &mdash; Und nun geht es
-wieder weiter.&ldquo;
-</p>
-
-<p>
-Sie sprach sehr gefaßt. Ungewohnt tief klang Renate
-ihre langsame Stimme. &bdquo;Sage nun alles&ldquo;, bat sie schlicht.
-</p>
-
-<p>
-Ulrika faltete die Hände um das Knie, lächelte, sah
-aufwärts, und mit einem Schlage war ihr ganzes Gesicht
-<a id="page-144" class="pagenum" title="144"></a>
-so heilig, daß Renate auf das tiefste erschrak und sich
-und alles vergaß, kaum hinzuschauen wagend und bald
-nur noch hörend.
-</p>
-
-<p>
-&bdquo;All meine Gedanken?&ldquo; sagte Ulrika leise. &bdquo;Ich will
-es versuchen. Eben stand alles still. Ein Vogel zirpte
-irgendwo, und mehr war nicht. Die Sonne wanderte,
-ihre Strahlen kamen schräger, und so füllte sich langsam
-die Schleuse. Nun steht die Flut bis zum Rand, die Fahrt
-geht weiter. Es geht langsam im Anfang, da kann ich
-noch allerlei am Ufer sehn, das geräuschlos zurücktritt,
-und es dir nennen.
-</p>
-
-<p>
-&bdquo;Von ihm und mir, was früher war, weißt du alles.
-Zwischen Seele und Seele blieb alles so unverändert, wie
-ich es dir damals beschrieb, du wirst es noch wissen.
-Einmal machtest du einen Vers auf ihn, das ist lange
-her. Ein Selbsterzeugter und ein Selbsterzogner, so hieß
-es, und daran dacht&rsquo; ich heut, als dein Vetter Josef von
-der Selbstsucht sprach. Auch er hat mir einmal davon
-gesprochen. Die Bienen, so sagte er, lassen die Giftblumen
-aus, aber nicht so das männliche Herz im Flug
-durch die Welt. Auch aus Unrat und Gift den lebendigen
-Honig zu schmelzen, das ist die Aufgabe des Werdenden bis
-zum siebenzigsten und achtzigsten Jahr. &mdash; Alle seine
-Worte stehn unverlierbar in meinem Herzen.
-</p>
-
-<p>
-&bdquo;Doch liebe ich ihn nicht. &mdash; Ich fürchte ihn vielleicht.
-</p>
-
-<p>
-&bdquo;Zwanzig Jahre und mehr wuchs ich auf an mir selber,
-glaubte den Anforderungen des Lebens zu genügen, liebte
-meine Mutter und die Freunde, schrieb Briefe und las,
-nannte mich stolz eine Dienerin und fühlte daneben immerhin
-<a id="page-145" class="pagenum" title="145"></a>
-das Fehlende. Ich liebte niemand. Ich wußte es
-nicht, denn ich liebte die Kunst.
-</p>
-
-<p>
-&bdquo;Er aber liebt nicht die Kunst, und: man darf sie nicht
-lieben, sagt er, man darf sie nur haben. Zu lieben ist die
-Welt, Kunst ist nichts. &mdash; Der Schatten auf einem Blatt,
-die Runzel in einer Stirn, an einem Stuhlbein das
-zögernde Licht, des Baumes Wuchs und große Haltung,
-die Ebene, menschliches Lächeln, alle menschlichen Verwandlungen
-durch Trauer und Hoffnung, Trübsal, Geduld,
-Gram, Leichtheit und Tiefen, die sind seiner ernsten
-Seele lieb, und über diese gebeugt, macht er sie nach mit
-einer ungeheuren Kunst, die er hat, daß sie sich wieder
-erkennen und ihn ansehn und sich verwundern und sagen:
-Wir sind es. &mdash; Und dann sind sie schön.
-</p>
-
-<p>
-&bdquo;Oh, er sah sie so großäugig an, wie liebten sie ihn,
-sie sahen ihm lange nach, wenn er vorüberging, er wanderte
-ja tastend im Irrsal, aber er erzog sein Herz. Er
-diente. Er wurde weit, alles Land zog in ihn ein, Schicksale
-kamen und schlugen ihre Zelte in ihm auf, der Strom
-rollte um sein Herz, Vögel brachten Samen, und Bäume
-schlugen Wurzel auf ihm, und die Vögel spielten auf im
-Gezweig. Wir sind es! sangen sie, wir sind es! &mdash; In
-seinem Schatten schlief ich ein und war froh.
-</p>
-
-<p>
-&bdquo;Er sagte, er liebe mich, und ich wunderte mich nicht.
-Er liebte so vieles zu seiner Zeit. Er wollte mein Herz,
-er sagte, es sei weich, und ich gab es und gern. Er trägt
-ja das Abbild fremder Gesichter in Büchern nach Hause,
-und uns sind es Lichter und holdes Gebrause. Er malt
-sie mit flüchtigem Strich auf den reinen Grund seiner
-Liebe zum Lachen und Weinen, &mdash; wie schön ist die Welt!
-</p>
-
-<p>
-<a id="page-146" class="pagenum" title="146"></a>
-&bdquo;Und alles war gut.
-</p>
-
-<p>
-&bdquo;Alles schien gut, ich wußte es, ich fühlte es nicht.
-Denn ich war immer nur ein armer Mensch; das, was
-ich konnte, tat ich wohl, jedoch am Grunde meines Lebens
-wucherte es fort, die trüben Gedanken, wer kann sie verscheuchen?
-Denn ich liebe ihn nicht.
-</p>
-
-<p>
-&bdquo;Oh, nicht dies ist es, mein Gott, nicht die Kluft zwischen
-ihm und mir, nicht daß, wenn er liebend und eifrig
-sein ganzes Innres vor mich hinschüttete, daß hinter den
-goldenen Bergen immer die graue Wand sichtbar blieb,
-daß ich seufzen mußte und sein fernes Herz hören hinter
-dieser Wand, wo es im Ewigen wandert mit Stürmen
-und Flüssen, dort, wo ich nicht bin.
-</p>
-
-<p>
-&bdquo;Dies ist es nicht.
-</p>
-
-<p>
-&bdquo;Wenn es still ist und ich lausche, höre ich es von fern.
-Oh &mdash; jenseit ist sein Land, das Allerseelenland; in dem er
-wandert fern und wohl zu Hause ist. Du kannst es heute
-sehn und morgen, wann du willst &mdash; betreten kannst du&rsquo;s
-nicht. Dort ist ein jeder Baum sein Haus, Nachtlager,
-Traum, und jede Frucht ihm Speise. Oh nein, er hat es
-selbst gemacht, es ist nur, weil er ist.
-</p>
-
-<p>
-&bdquo;Ich liebe ihn nicht, weil ich ihn niemals genug lieben
-könnte, weil ich nicht hineingelangen kann dort. In
-meinen grauen Stunden liege ich davor, die Stirn gebeugt
-auf die Knie und klage. In den heiligen Stunden
-lege ich die Stirn gegen seine Mauer und die flachen
-Hände und fühle im kalten Stein den zuckenden Schlag
-seines Herzens, denn voll von ihm, so voll ist jenseit die
-göttliche Luft, daß es den Stein schwellen und tönen
-macht, &mdash; ich aber bin dort nicht.
-</p>
-
-<p>
-<a id="page-147" class="pagenum" title="147"></a>
-&bdquo;Oh, wer kann sich denn genug tun in der Liebe, wenn
-er liebt? Wer kann jemals aufhören, zu begehren, wo
-alles unendlich ist! Wer kann sich an die Brust schlagen
-und sagen: Genug! Wer wollte die Arme breiten um die
-Welt und sagen: Ich habe! Ich fliege und bin doch kein
-Vogel, ich flute und bin doch kein Strom, ich singe und
-bin nicht Gesang, ich brenne und bin nicht die Glut, ich
-schöpfe und schöpfe mich aus bis zum Boden, und es ist
-nicht Liebe genug, nicht Liebe genug.&ldquo;
-</p>
-
-<p>
-Ulrika legte die linke Hand unter die linke Brust und
-sagte nach langer Zeit kaum vernehmbar leise:
-</p>
-
-<p>
-&bdquo;Aber doch ist er zu mir gekommen, und ich &mdash; wenn
-ich nun lausche auf das ferne Pochen seines Herzens, so
-höre ich es näher und näher, nahe, ganz nahe, und endlich
-ist es hier; nicht im Herzen, sondern darunter trage ich
-das seine. Drei Monate sind es bald ...&ldquo;
-</p>
-
-<p>
-Blaß, leuchtenden, schwimmenden Auges blickte sie aufwärts,
-ihre Lippen zitterten, sie schluckte, dann fiel die
-Hand unter ihrem Herzen fort, sie setzte einmal, zweimal
-zum Sprechen an, bis die Worte kamen, ein Hauch:
-</p>
-
-<p>
-&bdquo;Gott! &mdash; Gott! &mdash; Gott! &mdash; Nun habe ich dir alles
-gesagt, was göttlich und schön war. Rein, rein, rein habe
-ich es dir hingehalten, habe keine gemeine Schlacke daran
-gelassen und es gehalten, wie einen schweren Spiegel, vor
-dein Gesicht. Nun &mdash; laß ichs &mdash; &mdash; fallen.&ldquo;
-</p>
-
-<p>
-Lange war es still. Mit brennenden und vergehenden
-Augen richtete Renate sich langsam auf, kniete, bückte sich
-auf Ulrikas Hand und küßte sie. In demselben Augenblick
-stürzte sie seitwärts mit Gesicht und Brust so schwer
-auf den Boden, daß Renate ein leises Dröhnen durch die
-<a id="page-148" class="pagenum" title="148"></a>
-Knie bis zum Herzen zittern fühlte. Die Luft war noch
-ganz voll von dem leisen Gesang der Liebe; Renate, hülflos
-auf die Daliegende blickend, weinte vor sich hin und
-sah mit grenzenlosem Mitleid diese goldenen Arme und
-die Hände über ihren Kopf lang hin geworfen, so daß sie
-dalag wie eine Angespülte. Schicksal und alles hatte sie
-ausgegossen und verströmt und war nun wohl so leer in
-dünner Hülle, daß der Schritt der Stunde, der sie träfe,
-einbrechen müßte; aber vielleicht stand die Stunde still,
-getraute sich nicht und ging leise einen andern Weg.
-</p>
-
-<p>
-Renate wagte es endlich, legte sich zu Ulrika, faßte
-nach einer ihrer Hände; aber wenn sie auch neben einer
-Gestürzten lag, so empfand sie doch nur, daß sie ihre eigne,
-geringe Demut zu einer unendlich größeren gebettet hatte,
-und daß die Hülflose immer noch wie ein Engel war gegen
-sie. &bdquo;Weine nicht, oh weine nicht!&ldquo; bat sie. Ist nicht
-Josefs Vater heil und gesund, fragte sie sich, Rettung
-suchend, ist nicht dieser Tag sonnig, begünstigt, was kann
-denn nur fehlen?
-</p>
-
-<p>
-Ulrika setzte sich auf, auch Renate mußte es tun und
-sah, daß Ulrika nicht Tränen geweint hatte. Ihre Augen
-waren heiß, aber trocken, sie griff nach ihrem Haar, steckte
-eine gelockerte Flechte fest und sagte ruhiger:
-</p>
-
-<p>
-&bdquo;Was wußten wir von Kindern, Renate! Sage die
-Wahrheit! Sie kommen und sind da wie so vieles in der
-Welt, Häuser, Blumen, sind Freude oder Plage, und wir
-wußten wohl, daß wir eine bestimmte Beziehung zu ihnen
-haben sollten, aber wir bedachten es nicht. Im Gegenteil,
-man hat uns so erzogen, daß wir alles eher bedenken
-als sie. Du freilich bist klüger als ich, aber ich gehörte
-<a id="page-149" class="pagenum" title="149"></a>
-doch zu denen, die nichts wissen, denen am Hochzeitstage
-ihre Mutter weinend um den Hals fällt und unverständlich
-von grausigen Dingen spricht. Eine von denen, die
-beim Einrichten der neuen Wohnung hin und wieder so
-etwas hören wie: Vorläufig genügen ja vier Zimmer,
-aber wenn erst Kinder kommen ... Und man hört das
-nicht, denn hier ist &mdash; wie sagte dein kluger Vetter? &mdash;
-eine Lücke im Gesichtsfeld, die weiß der Himmel mit Keuschheit
-so viel zu tun hat wie der Teufel mit Gott.&ldquo;
-</p>
-
-<p>
-Renate, die unter unklarem Empfinden zustimmen
-mußte, hörte sie immer härter und zorniger weitersprechen:
-</p>
-
-<p>
-&bdquo;Und wenn wir auch dies und das in Büchern gelesen
-haben, um zu wissen, du wirst es ja zur rechten Zeit immerhin
-getan haben, wie ich es nicht tat, so lasen wir
-doch nur, &mdash; wie man auch von einer Löwenjagd liest,
-ohne zu denken, daß man je dazu kommen könnte. &mdash;&ldquo;
-</p>
-
-<p>
-Sie schwieg grüblerisch, Renates Gedanken waren weit
-fortgeeilt, sie faßte wieder Ulrikas Hand und sagte eilig:
-&bdquo;Du, sage doch gleich: soll ich Magda bitten, daß wir
-nach Helenenruh fahren, wenn es soweit ist? Du weißt,
-ihr gehört Helenenruh, und &mdash;&ldquo;
-</p>
-
-<p>
-&bdquo;Du weißt ja noch nicht alles,&ldquo; unterbrach Ulrika, aber
-sie lächelte danach und sagte: &bdquo;Du bist doch ein praktisches
-Mädchen, Renate, ich hatte das gar nicht gewußt.&ldquo;
-Wieder dunkler blickend, fuhr sie fort:
-</p>
-
-<p>
-&bdquo;Ich fürchte mich vor dem Kind, ich erschrak zuerst
-namenlos, und noch heut kann ichs nicht glauben.&ldquo; Ihre
-Augen glänzten stumpf, als sie sagte: &bdquo;Wir werden von
-bösen Geistern erzogen, Renate, zum Grimm erzogen,
-und &mdash;&ldquo; sie jammerte jetzt fast &mdash; &bdquo;was soll ich mit einem
-<a id="page-150" class="pagenum" title="150"></a>
-Kind? was weiß ich von einem Kind?&ldquo; Sie lachte plötzlich
-verzerrt, ja grausam, indem sie schloß: &bdquo;Ich hab nun
-schon seit Wochen die Vorstellung, daß ich sehe, wie
-mein schwarzer Flügel Kinder bekommt, immer eins nach
-dem andern.&ldquo; Sie brach schluchzend ab und verbarg ihr
-Gesicht.
-</p>
-
-<p>
-Da merkte Renate mit leisem Schauder, daß etwas in ihr
-war, das dies nicht an sich herankommen lassen wollte.
-Sie wehrte sich Augenblicke lang besinnungslos nach zwei
-Seiten hin, und plötzlich stand der Herzog vor ihr. Entsetzt
-sprang sie auf, glühte und stieß rauh hervor: &bdquo;Nein!&ldquo;
-Sie streckte die Hände von sich, krallte wild die Finger,
-biß sich auf die Lippen und sagte wieder: &bdquo;Nein!&ldquo; und
-ein drittes Mal: &bdquo;Nein!&ldquo; Sie sah Ulrika vor sich stehn,
-unbegreiflich dunkel glühte ihr das rote Haar. &bdquo;Was sagst
-du?&ldquo; hörte sie von einer fremden, nahen Stimme und
-stammelte: &bdquo;Was hast du gemacht, Ulrika, um Gottes
-willen, was hast du ...&ldquo;
-</p>
-
-<p>
-Dann wurde sie ihrer bewußt, rüttelte sich hart zusammen,
-strich mit der rechten Hand den linken Arm hinunter,
-mit der linken den rechten, schloß einen Haken am Halsausschnitt,
-zog am Saum der Tunika über den Knien und
-arbeitete unterdes mit gewaltiger Anstrengung innerlich
-an einem Koloß, der aus dem Wege sollte und mußte,
-und dann hatte sie ihn aus dem Weg. Eine schneidende
-Stimme zwischen ihren Schläfen sprach: Das war Unsinn.
-&mdash; Mit flackernden Augen und zitterndem Mund sagte
-sie zu Ulrika: &bdquo;Man denkt diese Dinge nicht, man tut
-oder läßt sie.&ldquo; Noch brauste es um sie, sie stand frierend
-im warmen Schatten und sah einen feinen Sonnenstrahl
-<a id="page-151" class="pagenum" title="151"></a>
-durch das Laub, vorüber an einem zitternden Blatt, dessen
-Spitze er vergoldete, nach dem Stamm der Kastanie
-stechen, wo ein talergroßer Sonnenfleck erschien und drinnen,
-sehr deutlich und ganz hell, die Flecke und Falten der
-Borke. Rundherum war Grün und Schatten.
-</p>
-
-<p>
-&bdquo;Ja, und nun ist es genug,&ldquo; sagte sie kalt, &bdquo;komm,
-sprich nun weiter, du Gute!&ldquo; und zog sie, an den Boden
-gleitend, mit sich nieder. Ulrika zauderte noch mit besorgten
-Augen, besann sich eine Weile und fing ruhig an
-zu sprechen:
-</p>
-
-<p>
-&bdquo;Damals, vor drei Monaten, schrieb ich an meinen
-Mann. Er lag damals vor Valparaiso, der Brief reiste
-ihm nach und erreichte ihn erst in Deutschland. Ich schrieb
-ihm, daß &mdash; daß wir ja nie verheiratet waren, daß ich bei
-ihm geblieben sei, weil er sagte, daß er mich liebe, und es
-wollte; daß ich nie gewußt hätte, was das heiße für ihn;
-daß ich seine Güte kaum begriffe, die nie gefordert habe,
-obgleich er doch im besten Vertrauen auf mein Wissen
-und meinen Willen vor Jahren den Bund mit mir
-schloß, dessen Erfüllung ich dann verweigerte; und dann
-schrieb ich, daß ich nun alles verstünde, weil ich selber
-liebte; daß ich ihn um Freiheit bitten müßte ... Mehr
-wagte ich damals nicht zu schreiben; es war ja auch wohl
-alles, für mich war es das, &mdash; freilich, was wissen wir
-von den Gedankengängen eines Andern?
-</p>
-
-<p>
-&bdquo;Dann kam er. Ein wortkarger Mensch war er stets,
-jetzt brachte er kaum ein Wort heraus. Seine Haut war
-braun von Meer und Sonne, aber es schien kein Blut
-darunter zu sein, sie war grau. Wenn es sein müßte,
-sagte er, so solle ich einen Andern lieben; meine Pflicht sei
-<a id="page-152" class="pagenum" title="152"></a>
-freilich, diese Liebe zu bekämpfen, doch sei das meine Sache,
-er habe ja mein Herz nicht in der Hand. Aber daß ich
-einem Andern gehören solle, das wäre nicht zu ertragen.
-Er ließe mich nicht frei.
-</p>
-
-<p>
-&bdquo;Vielleicht glaubst du, daß es in diesem Augenblick
-viel schwerer gewesen sein müßte, den Mut zu haben, den
-ich vor Monaten nicht hatte. Es war wohl auch kein
-Mut, es war &mdash; die Henne verjagt den Habicht blindlings,
-&mdash; hieß es nicht so? &mdash; Ich war eiskalt vor Angst,
-aber ich sagte ihm die Wahrheit.
-</p>
-
-<p>
-&bdquo;Er kam auf mich zu und sah mich nur an. Oh sein
-Gesicht, sein Gesicht! Laß! laß!&ldquo; rief Ulrika, die Hände
-vor den Augen. Sie ließ die Hände fallen, sah vor sich
-hin und sagte: &bdquo;Wie Asche von Papier, so war es. Dann
-ging er hinaus. Er ist bei meiner Mutter gewesen und
-hat wohl den Namen erfahren. Aber das war vorgestern,
-bei Benvenuto ist er nicht gewesen, auch weiß
-niemand sein Haus, selbst seine Eltern wissen nur ungefähr,
-wo es liegt, und &mdash; du lieber Gott,&ldquo; schloß sie kopfschüttelnd,
-&bdquo;was könnte Benvenuto geschehn!&ldquo;
-</p>
-
-<p>
-Seltsam klang Renate auf einmal der Name Benvenuto
-im Ohr, &mdash; als sei der Maler plötzlich ein andrer
-Mensch dadurch geworden, zarter gleichsam und nicht
-mehr so abgewandt. Indem sah sie Ulrikas stille, traurige
-Züge sich heben und von einem Lächeln kräuseln, als
-ob sie jemand ansehe, und hörte sie gleich darauf sagen:
-&bdquo;Sieh da, Jason!&ldquo;
-</p>
-
-<p>
-Richtig &mdash; Renate wandte sich &mdash; stand dort Jason,
-halb verdeckt vom Buschwerk wie ein guter Geist der Gewächse,
-schwarz gekleidet, sehr weiß von Gesicht durch das
-<a id="page-153" class="pagenum" title="153"></a>
-Grüne ringsum; so nickte er von oben auf die im Grase
-Sitzenden mit freundlich glänzenden, schwarzen Augen und
-sagte: &bdquo;Ein schöner Anblick, ihr Beiden, das muß ich sagen.&ldquo;
-</p>
-
-<p>
-Renate, ein wenig hochmütig über diese äußerliche Art,
-zu sehn, sagte, wie ihr selber schien, einfältig: &bdquo;Es ist nicht
-alles Gold, was glänzt, Jason.&ldquo;
-</p>
-
-<p>
-&bdquo;Es sieht doch aber gut aus,&ldquo; versetzte er beharrlich,
-&bdquo;ihr kennt nur viel zu wenig meine Vorliebe für schöne
-Gegenstände. Jetzt zum Beispiel habe ich Lust, Brahms&rsquo;
-deutsche Tänze zu hören. Ich glaube fast, ich bin deswegen
-hergekommen.&ldquo;
-</p>
-
-<p>
-Renate blickte kopfschüttelnd und forschend Ulrika an,
-aber die erhob sich gleich, stand frei da und sagte: &bdquo;Gern,
-Jason, wenn Renate will ...&ldquo;
-</p>
-
-<p>
-Da dachte sie, daß Jason doch wohl insgeheim das
-Rechte meine; daß es gut sei, eine Zeitlang die Ohren mit
-schönem Geräusch zu füllen und das Herz zu erleichtern,
-sie nahm Ulrikas Arm und wollte sie durch das Gebüsch
-auf den Weg ziehn, doch mußte sie sich noch einmal umdrehn,
-da sie Jason sagen hörte: &bdquo;Was liegt denn da?&ldquo;
-</p>
-
-<p>
-Im hohen Grase lagen zusammen eine Schildpattspange
-Renates, eine Holunderdolde und zwei grüne Kastanien,
-ein seltsam armes Häuflein, wie Spielzeug von
-einem Kinde, das plötzlich fortgerufen wurde.
-</p>
-
-<p>
-&bdquo;Blumen, Früchte und eine Spange,&ldquo; sagte Jason,
-sich bückend, nahm die Spange auf und gab sie Renate,
-indem er leicht bemerkte: &bdquo;Das übrige Spielzeug kann da
-liegen bis nächstes Jahr; vielleicht findens dann andre
-Kinder und spielen damit.&ldquo;
-</p>
-
-<p>
-Jason wußte, schiens, wieder alles.
-</p>
-
-<h4 class="section">
-<a id="page-154" class="pagenum" title="154"></a>
-Kapelle
-</h4>
-
-<p class="first">
-Sie saßen in der Kapelle an den beiden Flügeln, im
-rechten Winkel zu einander, so daß sie sich sehen konnten,
-und spielten ohne Noten einen der heiter und festlich stampfenden
-Tänze nach dem andern, zuweilen sich zulächelnd,
-so daß Renate heitrer gestimmt, wenn Ulrikas Gesicht
-leicht emporgedreht von ihr abgewandt war, durch die
-laute Musik wieder ihre leise, fast nur atmende Stimme
-hörte, mit der sie den reinen Gesang ihrer Liebe aus sich
-schöpfte.
-</p>
-
-<p>
-&bdquo;Bravo,&ldquo; sagte Jason, als sie geendet hatten, &bdquo;das
-hat mir sehr gefallen. Es ist doch sehr sonderbar und
-kaum zu begreifen, wenn man so vier Hände sieht, immer
-zwei ganz für sich, springend hin und her, greifend und
-tanzend, und dann diese ordentliche, sinnreiche Musik hört.
-Aber dieser Brahms ist nun weiß Gott und wahrhaftig
-wie schöne Kleider. Darin ist er Feuerbach wieder ähnlich,
-Feuerbach ist auch lauter schöne Kleider und kein
-Herz.&ldquo;
-</p>
-
-<p>
-Renate blickte sich um; Jason saß über ihr auf dem Drehstuhl
-vor der Orgel, hatte das rechte Schienbein quer vor
-sich auf den linken Oberschenkel gelegt, ganz hoch, und
-hielt es mit beiden Händen wie ein delikates Instrument.
-</p>
-
-<p>
-&bdquo;Kein Herz,&ldquo; sagte sie, &bdquo;Jason, das geht zu weit, &mdash;
-aber &mdash;&ldquo;
-</p>
-
-<p>
-&bdquo;Ach, ich habe mich wohl auch versprochen,&ldquo; unterbrach
-er sie, &bdquo;ich meinte irgendeinen andern Gegenstand
-mit H &mdash;, warte, wir werden das gleich haben, Halsband,
-Handwerk &mdash;&ldquo; er zählte, innerlich suchend, weiter &mdash;,
-<a id="page-155" class="pagenum" title="155"></a>
-&bdquo;Herrlichkeit, Hintertür, Hoheit, Humor! das wollen wir
-nehmen,&ldquo; schloß er blinzelnd und zufrieden, &bdquo;und nun,
-was wolltest du sagen?&ldquo;
-</p>
-
-<p>
-&bdquo;Ja, nun weiß ichs nicht mehr,&ldquo; lachte Renate. &bdquo;Ulrika,
-vielleicht weißt du es.&ldquo;
-</p>
-
-<p>
-Ulrika, die Hände vor sich auf dem Tapet, sah aus,
-als ob sie eifrig nachsänne. Jason aber war aufgestanden.
-&bdquo;Ja. &mdash; Ja, gewiß,&ldquo; meinte er zerstreut, vor sich hinsehend,
-&bdquo;allein ...&ldquo; Er ging die Stufen hinunter, hielt
-an, sah angestrengt mit gerunzelter Stirn gegen den Fußboden
-und ging plötzlich durch den Raum und hinaus.
-</p>
-
-<p>
-&bdquo;Was hatte er denn?&ldquo; fragte Ulrika. Renate machte,
-ohne denken zu können, ein paar Griffe im Baß, formte
-einen Übergang, hörte gleich darauf Ulrika in der Mittellage
-einfallen, und dann waren sie, ab und zu einander
-mit Frage und Bejahung anblickend, im leichten, verfließenden
-Durcheinander der kunstlosen Verknüpfungen
-und Lösungen, die sie sich aufgaben und ausführten, bis
-wieder Jason zwischen ihnen stand und gewillt zu sprechen
-schien. Sie hörten auf, und er sagte zu Ulrika:
-</p>
-
-<p>
-&bdquo;Es wird doch besser sein, wenn du jetzt gehst. &mdash; Ich
-habe Reinhold gebeten, vorzufahren,&ldquo; sagte er leicht zu
-Renate hinüber, &bdquo;möglicherweise ist es eilig. Aber du
-mußt dich nicht sorgen, Kind, ich kann mich auch irren&ldquo;,
-endete er ermunternd, indem er die linke Hand auf Ulrikas
-Schulter legte, die still saß und gradeaus blickte. Sie stand
-nun wortlos auf, war aber sehr weiß im Gesicht, nickte
-Renate fremd lächelnd zu und ging mit Jason hinaus.
-</p>
-
-<p>
-Renate sah sich an der niedern Brüstung des mittleren
-Fensters stehn, die alle drei weit offen waren. Nur Grün,
-<a id="page-156" class="pagenum" title="156"></a>
-nur Grün ... murmelte sie, hinausblickend. Oben hing
-ein Stückchen Himmelsblau herein wie eine Fahne, und
-Renate murmelte wieder, tief beklommen: Die letzte Fahne
-vom Fest ... Sie fröstelte mitten in der Wärme. Nun
-erinnerte sie sich des Onkels, &mdash; ob er noch schlief &mdash;? Und
-sie sah ihn sich weinend zu Josefs Schulter bücken und
-sah Josefs schnelle und feste Bewegung und die gepreßten
-Lippen, als er den Kopf neigte und ihn küßte und wieder
-grade stand. &mdash; Überflutend plötzlich wünschte sie inständig
-nach oben: Wäre doch der Tag schon zu Ende! &mdash;
-Warum bin ich nicht mit Ulrika gefahren? fragte sie sich
-unwillig, wandte sich nach einem Geräusch hinter ihrem
-Rücken um und sah Jason wieder eintreten. &bdquo;Du bist
-nicht mit ihr?&ldquo; fragte sie enttäuscht.
-</p>
-
-<p>
-Er antwortete nicht, und sie spürte etwas Erleichterung,
-weil er geblieben war. Jason ging zu Ulrikas Flügel,
-setzte sich davor, legte leise den Deckel nieder und drückte
-einmal fest und weich die Handflächen darauf. &mdash; Muß
-ich denn jetzt überall etwas wittern? fragte Renate sich
-ängstlich und verdrossen, &mdash; aber was dachte ich denn bei
-diesem Schließen von Ulrikas Klavier? &mdash; Sie wollte sich
-Worte Ulrikas ins Gedächtnis zurückrufen, aus jenem
-schönen Augenblick, wo sie lag und sang, fand aber kein
-Wort mehr und sagte nur zu Jason: &bdquo;Ulrika hat vorhin
-von der Liebe gesprochen, so wundersam ...&ldquo;
-</p>
-
-<p>
-Jason nickte ein-, zweimal langsam mit dem Kopf, indem
-bemerkte Renate, daß er nicht mehr den Kopf schüttelte,
-und rief hocherfreut: &bdquo;Was ist mit deinem Kopf, Jason?&ldquo;
-</p>
-
-<p>
-Er faßte nach der Stirn. &bdquo;Ist etwas?&ldquo; fragte er unsicher.
-</p>
-
-<p>
-<a id="page-157" class="pagenum" title="157"></a>
-&bdquo;Das Schütteln, Jason, wo ist es?&ldquo;
-</p>
-
-<p>
-&bdquo;Das Schütteln?&ldquo; fragte er. &bdquo;Ach, es ist fort? Siehst
-du, ich habe es gewußt und habe es gesagt,&ldquo; fuhr er fröhlich
-fort, &bdquo;die Zeit, prophezeite ich, wird es an sich nehmen,
-man muß nur zu warten verstehn und nicht immer denken,
-das, was gerade geschieht, ist das All- und Einzige, was
-überhaupt geschehen kann; es kommt vielmehr immer noch
-andres, immer noch andres, das ganze lange Leben hinunter,
-und mit dem Tode ist das wirklich auch nicht alles
-so sicher, wie die Lehrer sagen. &mdash; So, hat sie von der
-Liebe gesprochen? Das ist schön. Es wird so viel Mißbrauch
-getrieben mit der Liebe.&ldquo;
-</p>
-
-<p>
-Renate, dankbar und beruhigt, ihn nur sprechen zu
-hören, glitt auf die Fensterbrüstung und fragte, da er
-schwieg: &bdquo;Inwiefern, Jason?&ldquo;
-</p>
-
-<p>
-&bdquo;Zum Beispiel sagen manche, Liebe müsse auch treu
-sein. Ja, wie kann sie denn? Muß sie denn nicht sein,
-wie sie will, hat sie nicht einen Anfang, mitten im Leben
-des Menschen, und muß also ihr Ende haben? Ist sie
-nicht eine sonderbare Gabe, die keiner kommen sieht, keiner
-sich verschaffen kann, mit keiner Münze und mit keiner
-Kunst, und da wollt ihr sie nun verhaften und binden?
-Wenn sie kommen darf, muß sie nicht auch gehen dürfen?
-Ist sie nicht mehr ein Gefühl? Da sprechen Andre zum
-Geliebten: Wir lieben uns Beide, aber ich liebe dich mehr,
-und du liebst mich zu wenig, und heute liebst du mich nicht
-wie gestern und die andern Tage vorher, aber du hast
-mir Versprechungen gemacht, und wenn ich dir nicht
-glauben kann, kann ich dich auch nicht mehr lieben. Dann
-sagen sie auch: Du hast mir Liebe geschworen, und nun
-<a id="page-158" class="pagenum" title="158"></a>
-liebst du an andrer Stelle, was soll das bedeuten? und
-mit alledem verändern sie ihre eigne Liebe, machen sie
-groß und klein, je nachdem, und indem sie drüben dies
-und jenes fordern, tun sie doch selber jenes und dies. Oder
-auch da heiraten sie und zeugen Kinder und meinen, damit
-drückten sie nun ihre Liebe aus. Sie schmieden Pläne
-und haben schöne Gedanken, sie streiten herum, weinen
-und versöhnen sich, sie verdienen Geld, kochen und backen,
-mieten Wohnungen und sitzen viele Tage über Tapeten
-und Kücheneinrichtungen, und all das halten sie für Gestalten
-ihrer Liebe, und nun, es ist da wohl etwas Richtiges,
-denn es ist göttliche Eigenschaft, alle Gestalt annehmen
-zu können, sie aber wollen den Gott verhaften und
-binden mit dieser Gestalt, verhaften und binden, und martern
-sich selber allein und wissen nicht, daß der Gott alsbald
-auch wieder die Gestalt verläßt und kehrt nach Hause
-und wohnt bei sich selber. So ist die Liebe ein Gefühl,
-wohnt allein im Gefühl und läßt ihrer nicht spotten. Ulrika
-hat wahrlich die wunderbare Demut erlernt, denn
-sie liebt nur, sie liebt. Lieben, solange der Odem reicht,
-nicht fragen nach Gegenstand und Erwiderung, nach
-Plage und Wonne, nur ganz und gar sich darbringen,
-unverlangt und ungelohnt, wer hat euch das gelehrt?
-Und dann, Renate, danach, so Gott will, wirst du nach
-deinem Ende in eine schöne Blume verwandelt werden,
-deren Anfang dein Ende ist, eine Sonnenblume vielleicht,
-aber auch die einfache Primel trägt ein deutliches Zeichen
-an ihrem gelben Kleid, daß sie die Sonne sieht und nichts
-sieht als die Sonne, jene uralte, der dein weißer, zarter
-Freund Ech-en-Aton Stadt und Tempel baute, die an
-<a id="page-159" class="pagenum" title="159"></a>
-demselben Tage, wo er starb, verlassen und gestürzt
-wurden, dieweil die Menschen gehorchen und vergessen,
-er aber von ihrem Wege wich und in die ewige Verwandlung
-einging. Komm, Renate, wir wollen in den
-Garten gehn.&ldquo;
-</p>
-
-<h4 class="section">
-Lindenallee
-</h4>
-
-<p class="first">
-Wie schön war es nun, im Garten umherzugehn! Zu
-ihrer völligen Beruhigung legte Renate die linke Hand
-auf des kleineren Jason linke Schulter, und so gingen sie
-schweigsam und friedfertig auf den kleinen, engen Wegen,
-an der Veranda vorüber und um den Rasenplatz. Dem
-Haus gegenüber, an dem ihre Augen hinaufglitten, blieb
-Renate vor einem überraschenden Bilde stehn. Im Schlafzimmerfenster
-des Onkels war, nicht hoch über der Fensterbank,
-sein hoher Kopf und weißer Bart zu sehn, wie sie
-ihn des öftern während dieses Sommers sitzen gesehn
-hatte, da er den Blick von oben auf den Garten zu lieben
-schien; jetzt blickte er zu Josef auf, der in der linken Fensterhälfte
-ein wenig zurückstand und rauchte und sprach,
-die rechte Hand gegen den Rahmen gestützt, und in dieser
-Haltung beugte er sich eben vor und ließ mit klopfendem
-Zeigefinger ein Stück Asche von seiner Zigarre tropfen,
-wobei er Renates gewahr wurde, nickte und winkte, und
-jetzt wandte auch der Onkel die stillen, dunklen Augen
-her, lächelte und nickte. &mdash; Welch ein Frieden, ach, welche
-Erleichterung!
-</p>
-
-<p>
-Schon im Weiterschreiten glaubte Renate im Fenster
-über den Beiden, dem des Erasmus, etwas zu gewahren,
-<a id="page-160" class="pagenum" title="160"></a>
-ging aber weiter, hörte Jason etwas sagen und sah währenddem
-aus dem unkenntlichen braun und grauen Haufen
-auf der Fensterbank, den sie bemerkt hatte, den Kopf
-und die eisenbekleideten Schultern des Erasmus werden,
-als ob er hinter der Fensterbrüstung kniete, eine sinnlose
-Vorstellung, da Erasmus in der Fabrik sein mußte. Es
-mochte ein Stück seiner Rüstung gewesen sein. &mdash; Sie
-fragte Jason, was er gesagt habe, und hörte ihn wiederholen,
-indem er stehen bleibend sie zum Halten zwang:
-</p>
-
-<p>
-&bdquo;Ich fragte, ob du dich eigentlich über nichts wundertest,
-wenn du mich solche Sätze sagen hörst wie soeben.&ldquo;
-</p>
-
-<p>
-Seine gedämpften, leise fragenden, ganz wenig ironisch
-zusammengezogenen Augen unter sich, versetzte sie: &bdquo;Nein,
-Jason, ich finde es immer so schön, daß ich zu keinem andern
-Gedanken komme.&ldquo;
-</p>
-
-<p>
-&bdquo;Das,&ldquo; sagte Jason, die Stirn senkend, &bdquo;das ist es.
-Du triffst den Nagel auf den Kopf wie immer. So schön,
-daß ihr euch nicht das geringste dabei denkt, das tut ihr,
-ja, das tut ihr, oh welch unsagbar kümmerliche Einrichtung!&ldquo;
-Mit unendlichem Bedauern den Kopf wiegend,
-wanderte er weiter, indem er sagte: &bdquo;Ich weiß es alles
-und trage es in schönen Perioden vor, ich, der ich kein andres
-Leben mehr habe als eben dies, zu wissen und zu sagen,
-und die Andern leben es, und das heißt: sie leben es
-nicht. Sie wissen nichts, auch du, wenn du in irgendeiner
-solchen Lage bist, auf die meine Sprüchlein passen, erinnerst
-du dich dann vielleicht des langmütigen Jason und
-seiner blühenden Erkenntnisse? Nein, denn dann seid ihr
-alle höchlich kurzmütig, dann ist da nur die fassungslose
-Geschwindigkeit, nur die Lage ist eben da, blindlings muß
-<a id="page-161" class="pagenum" title="161"></a>
-gehandelt werden, keiner besinnt sich, keiner befolgt andern
-Ratschluß als das brennende Verlangen seines gepeinigten
-Herzens, &mdash; ja, könntet ihr wohl an einem meiner
-Sätze gehn wie an einem sichern Geländer, könntet ihr
-darauf reiten oder fahren, wenn eure Füße müde geworden
-sind? Hundert und tausend Menschen kenne
-ich wohl, denen ich und meine Reden immer willkommen
-sind, aber würde vielleicht ein einziger dadurch
-klug? &mdash; Man hört, sagt ja, spricht von andern Dingen
-und vergißt, und dieses nennt man das tägliche
-Leben.&ldquo;
-</p>
-
-<p>
-&bdquo;Es ist deine Schuld, Jason,&ldquo; sagte Renate mit leichter
-Wehmut, stehen bleibend vor den ersten Sonnenblumen
-an der Rückwand der Kapelle und undeutlich dies
-und jenes bedenkend, woran die zu stolzer Neigung erhobenen
-kleinen und strengen Antlitze sie erinnerten. &mdash;
-&bdquo;Es ist deine Schuld, denn du sagst es zu schön. Du sagst
-es, wie soll ichs nennen, sanft einschläfernd. Du bist zu
-gut, Jason.&ldquo;
-</p>
-
-<p>
-&bdquo;Und wäre ich böse, Schwester Sonnenblume, wer
-denn, glaubst du, wollte mich hören?&ldquo;
-</p>
-
-<p>
-Schwester Sonnenblume &mdash; tönte es seltsam in Renate
-nach, wer hatte das einmal zu ihr gesagt? Ach, sie selber
-hatte einmal eine Sonnenblume so angeredet an jenem
-Tage, wo Sigurd &mdash;, wo die Todesnachricht von Esther
-kam. &mdash; &bdquo;Nun, was giebt es denn da?&ldquo; hörte sie Jason
-indem halblaut sagen und wandte sich.
-</p>
-
-<p>
-Innerhalb der kleinen Lindenallee in der Nähe der Kapelle
-stehend, über die Kohlköpfe und Erdbeerpflanzungen
-des kleinen Gemüsegartens hinweg sah sie die rote, häßliche
-<a id="page-162" class="pagenum" title="162"></a>
-Rückwand des Herzbruchschen Hauses im Schatten,
-dann hinter dem Zaun eine Bewegung in dem dichten
-Holundergestrüpp, dessen Zweige schwerbelaubt und doldenvoll
-herüberhingen. Irenes blonder Kopf und schwarze
-Schultern wurden jenseits sichtbar, sie schien einen schweren
-Gegenstand durch das Buschwerk zu heben und zu
-drängen, einen Stuhl, und Renate fragte sich verwundert:
-Will sie herübersteigen? es ist doch eine Tür da! &mdash; Indem
-erschien am Ende der Lindenallee eine abenteuerliche
-Figur in schwarzem, faltig zerknittertem Hemde von Kaliko
-und brennendroten Strümpfen mit gerollten Wülsten
-unterhalb der Knie, und das wild aussehende, rote und
-schwarzbärtige Gesicht war das von Klemens, der, ohne sie
-und Jason zu sehn, stehen bleibend nach Irene hinüber
-starrte, deren Gesicht eben deutlich im Blätterwerk auftauchte
-und still blieb, gegen Klemens gewandt. Klemens
-schwang jetzt ruckweise einen und den andern Arm, stieg
-mit weiten Tritten über die Beete, hielt mitten und schrie
-außer sich Irene an:
-</p>
-
-<p>
-&bdquo;Was wollen Sie denn schon wieder? Wollen Sie
-mich bis ans Ende der Welt verfolgen? Sie &mdash; oh Sie,
-ich leugne diesen Vorfall, ich leugne ihn, ist Ihnen das
-noch immer nicht klar geworden? Soll ichs Ihnen beibringen?&ldquo;
-</p>
-
-<p>
-Mit zwei Sprüngen war er am Zaun, Irene streckte
-die Arme aus, über den Zaun zwischen ihnen faßten sie
-sich und fingen an sich zu küssen, so daß Renate vor besinnungslosem
-Staunen die Augen nicht abwenden konnte,
-und erst als sie gar nicht aufhören wollten, drehte sie sich,
-die Unterlippe zwischen den Zähnen, weg, sah den unverwandt
-<a id="page-163" class="pagenum" title="163"></a>
-und sehr teilnehmend das Schauspiel betrachtenden
-Jason neben sich, wollte etwas äußern, fühlte aber
-seine Hand am Arm, und er sagte, ohne den Kopf zu heben,
-leise: &bdquo;Scht! man spricht nicht in der Tragödie.&ldquo;
-</p>
-
-<p>
-War das Ernst oder &mdash; &mdash;? &mdash; Sie wagte es, wieder
-zum Zaun zu blicken, da stand Klemens allein und keuchte,
-in den Büschen rauschte es noch. Er wurde jetzt der Beiden
-ansichtig, schüttelte den roten und schwarzen Kopf mit
-blinden Augen wie ein Stier, versuchte zu lachen, starrte
-an die Erde und kam langsam zwischen den Beeten heran.
-Vor ihnen blieb er stehn, stützte sich wie vorm Umfallen
-an einen Stamm und sagte: &bdquo;O Gott!&ldquo; und noch einmal:
-&bdquo;O Gott!&ldquo; so zerbrochen, daß Renates Herz klopfte.
-Dann sah er verloren auf, betrachtete seinen Ärmel, faßte
-den Saum mit den Fingern und wischte sich mit dem
-schwarzen Zeug überm Handrücken die Schweißtropfen
-von der Stirn.
-</p>
-
-<p>
-&bdquo;Nein,&ldquo; sagte er endlich, &bdquo;geleugnet kann es wohl doch
-nicht werden, und nun kann ich ja hingehn und meinen
-Freund umbringen.&ldquo;
-</p>
-
-<p>
-Er schluchzte haltlos auf, die Tränen liefen ihm hell
-übers Gesicht. Mit beiden Händen am Leibe nach Taschen
-tastend, schien er seinen Anzug zu bemerken und schnob:
-&bdquo;Der verfluchte Mummenschanz! Der verfluchte Mummenschanz
-ist an allem schuld!&ldquo; trocknete sich die Augen
-mit den Händen und blickte Renate trostlos an.
-</p>
-
-<p>
-&bdquo;Es war ja schon das zweite Mal,&ldquo; sagte er leise;
-&bdquo;wenn wir uns sehn, geraten wir aneinander, so oder so.
-Ja, wie bin ich denn hier hereingekommen?&ldquo; fragte er,
-<a id="corr-5"></a>stecken bleibend.
-</p>
-
-<p>
-<a id="page-164" class="pagenum" title="164"></a>
-&bdquo;Ich vermute,&ldquo; sagte Jason ruhig, &bdquo;Sie wollten eigentlich
-ins Herzbruchsche Haus, und da Sie an diesem vorüberkamen,
-sind Sie in Ihrer Verwirrung hineingegangen,
-weil Sie&rsquo;s kannten.&ldquo;
-</p>
-
-<p>
-&bdquo;Das wird es gewesen sein&ldquo;, versetzte er stumpf.
-</p>
-
-<p>
-Am Ende der Lindenallee tauchte Irene auf; im
-schwarzen, wehenden Kleid, kam sie leicht und schwebend
-daher.
-</p>
-
-<p>
-&bdquo;Hören Sie nur,&ldquo; sagte Klemens, der sie nicht sah,
-&bdquo;ich habe sie immer geliebt. Aber das ging mich allein
-an, und sie haßte mich ja, ich sie auch wegen ihrer lächerlichen
-Lebensführung.&ldquo;
-</p>
-
-<p>
-Irene, nicht mehr weit von ihnen, blieb stehn, faltete
-die Hände unter der linken Brust, sah zugleich schmerzlich
-und beseelt und fast glücklich aus.
-</p>
-
-<p>
-&bdquo;Da hatten wir heut morgen wieder einen Zweikampf,
-oder mittags meinetwegen. Ich war den ganzen Vormittag
-draußen gewesen, um zum Großherzog zu gelangen,
-konnte nicht zu ihm und kam todmüde zu Herzbruchs.
-Da fingen wir wieder an, uns wegen dieses verfluchten
-Zeuges zu zanken, &mdash; es durfte ja keiner ohne Kostüm
-draußen herumlaufen, da bekam ich dies geliehn, und sie
-verhöhnte mich wegen meiner Teilnahme an dynastischen
-Festen, und da &mdash;&ldquo; Indem drehte er sich seitwärts und
-sah Irene dastehn.
-</p>
-
-<p>
-&bdquo;Ich war bei meinen Eltern,&ldquo; sagte Irene leise, &bdquo;aber
-es ist niemand im Haus. Da kommst du wieder, und es
-ist wohl recht, und &mdash; da bin ich.&ldquo;
-</p>
-
-<p>
-&bdquo;Zu mir?&ldquo; fragte Klemens entsetzt. &bdquo;Da sei Gott
-vor! Und dein Mann?&ldquo;
-</p>
-
-<p>
-<a id="page-165" class="pagenum" title="165"></a>
-&bdquo;Ich &mdash; du &mdash; zu meinem Mann schickst du mich?&ldquo;
-fragte sie leiser. &bdquo;Und ich war doch schon da ...&ldquo;
-</p>
-
-<p>
-&bdquo;Schon ...? Bist du ...? Was hast du denn da
-gemacht?&ldquo; stöhnte er.
-</p>
-
-<p>
-&bdquo;Ich habe ihm gesagt, daß ich nun nicht mehr bei ihm
-bleiben könnte. Es war schrecklich ...&ldquo;
-</p>
-
-<p>
-Renate suchte ängstlich nach einem Ausweg für sich,
-aber Irene kam nun zu ihr, faßte ihre Hand, und Renate
-fühlte, daß sie innerlich zitterte.
-</p>
-
-<p>
-&bdquo;Was sagte er?&ldquo; fragte Klemens.
-</p>
-
-<p>
-Irene, heftig Atem schöpfend, brachte heraus: &bdquo;Nichts.
-Gar nichts. Er saß da und &mdash; sah mich an. Da bin ich
-wieder gegangen.&ldquo;
-</p>
-
-<p>
-Klemens hob die geballten Hände und schüttelte sie
-und schluchzte: &bdquo;Du! schämst du dich denn nicht?&ldquo;
-</p>
-
-<p>
-&bdquo;Eins, zwei, drei, marsch,&ldquo; sagte Renate kräftig, &bdquo;entweder
-Sie beherrschen sich jetzt, Herr Doktor, oder Sie
-gehn Ihres Weges, Punkt.&ldquo;
-</p>
-
-<p>
-&bdquo;Klemens! Klemens!&ldquo; flüsterte Irene angstvoll, aber
-er bearbeitete seine Stirn mit den Fäusten und weinte in
-sich hinein.
-</p>
-
-<p>
-&bdquo;Es fällt ihm ja so schwer, sich zu beherrschen,&ldquo; flüsterte
-Irene an Renates Ohr, &bdquo;wir müssen Geduld haben.&ldquo;
-</p>
-
-<p>
-Überdem wurde er still, ließ die Hände fallen, blickte
-Irene verstört an und sagte: &bdquo;Meinst du denn, ich wollte
-meinem Freunde seine Frau wegnehmen? Meinem Freunde,
-von dem ich alles habe, was ich bin? Das einzige,
-was er hat?&ldquo; Er kam auf Irene zu, sie streckte die Hände
-aus, er packte ihre Handgelenke, schüttelte sie rasend,
-drehte um und stürzte den Weg hinunter wie ein Trunkener.
-<a id="page-166" class="pagenum" title="166"></a>
-Irene hob, ihm nachsehend, ihre Handgelenke, wischte
-um die roten Eindrücke und sagte leise: &bdquo;Du tust mir unrecht,
-Ot&mdash;, Kle&mdash;&ldquo; Sie schrak zusammen und flüchtete
-sich zu Renate.
-</p>
-
-<p>
-&bdquo;Ich habe noch niemals&ldquo;, sagte Jason ganz ergriffen,
-&bdquo;an einem sonst vernünftigen Menschen ein so schreckliches
-Verhalten bemerkt. Und nun kehrt er wieder um.&ldquo;
-</p>
-
-<p>
-Klemens kam wieder zurück, ruhiger, wie es schien,
-blieb ein paar Schritte entfernt stehn und sagte:
-</p>
-
-<p>
-&bdquo;Noch ein Wort, Irene. Du befindest dich in einem
-Irrtum, denn: ich glaube dir nicht. Ich weiß von Otto,
-daß du seine Frau gar nicht gewesen bist, daß du ihn betrogen
-hast; endlich bist du zu ihm gegangen, und das
-war aus Angst vor mir, zu dem du nun von ihm wegläufst.
-Das genügt mir. Wenn du doch Kinder hättest!
-Dann könnt&rsquo; ich denken, du hast wenigstens deine Pflicht
-getan. Aber so &mdash; bloß mit einem Manne gelebt und gelacht
-und geschlafen, und jetzt das selbe mit mir &mdash;, und
-dann wirst du eines Tages kommen und sagen, du hättest
-dich wieder geirrt &mdash; so wie damals mit deiner Gottesmutter.&ldquo;
-</p>
-
-<p>
-&bdquo;Warum so hart?&ldquo; sagte Renate, da sie Irene heftiger
-zittern fühlte, doch ließ die jetzt ihre Hand los und fragte:
-&bdquo;Geirrt? wie meinst du das?&ldquo;
-</p>
-
-<p>
-&bdquo;Ich meine,&ldquo; versetzte er und jetzt nicht ohne Haltung
-und Würde, &bdquo;daß du damals ebensogut wie zu Otto zu mir
-hättest kommen können. Mich kanntest du freilich nicht
-und hättest mich schwerlich da gesucht, wo ich lag. Aber
-krank war ich auch, Pflege braucht ich auch, um genau
-dieselbe Zeit.&ldquo;
-</p>
-
-<p>
-<a id="page-167" class="pagenum" title="167"></a>
-Irene flog auf ihn zu, lachte, faßte seine Schultern, rief
-ganz erlöst: &bdquo;Klemens! Aber dann wissen wir&rsquo;s ja! Dann
-bin ich falsch gegangen! Dann war&rsquo;s meine Schuld! Dann
-ist ja alles gut!&ldquo;
-</p>
-
-<p>
-Ohne sich zu bewegen, sah er sie an und versetzte: &bdquo;Das
-meinst <em>du</em>! <em>Ich</em> finde aber, diese Erkenntnis kommt dir
-etwas spät. Wievielmal, sage, willst du denn noch fehlgehn?
-Sicherheit will ich. Deine Ehe und meine Freundschaft
-&mdash; all das soll hin sein? Sicherheit! Glaubst
-du, daß ich so eines Aberglaubens wegen der Dritte sein
-will?&ldquo;
-</p>
-
-<p>
-&bdquo;Der Dritte?&ldquo; fragte sie zurückweichend.
-</p>
-
-<p>
-Klemens warf einen Blick auf Renate und sagte:
-&bdquo;Hattest du nicht einen himmlischen Bräutigam zuerst?
-Da gab dir der Himmel ein Zeichen, und du nahmst einen
-Andern. Nun erzählst du mir, das Zeichen war falsch, und
-kommst zum Dritten. Das soll ich glauben? Waren denn
-Otto und ich die einzigen Kranken in der Stadt? Wirst
-du nicht morgen kommen und sagen: Das Zeichen war
-falsch, es hieß überhaupt, daß ich Krankenschwester werden
-sollte? Darum sage ich &mdash;&ldquo; Er brach ab, sein Gesicht
-wurde weich, er sagte erschüttert: &bdquo;Gott verzeih mir, Irene,
-ich bin zu hart zu dir gewesen. Das war wohl Unsinn,
-was ich geredet habe, aber auf all das kommt es ja gar
-nicht an, und auf unsre Liebe kommt es nicht an, sondern
-nur auf die Treue. Ich halte sie, ich halte sie, und wenn
-ich in Stücke gehe. Vergieb mir, vergiß mich! Aus uns
-wird nie was. Leb wohl!&ldquo; Er drehte sich schnell um und
-ging den Weg hinunter und verschwand. Irene stand
-hülflos.
-</p>
-
-<p>
-<a id="page-168" class="pagenum" title="168"></a>
-&bdquo;Vielleicht&ldquo;, hörte Renate Jason neben sich sagen,
-&bdquo;wunderst du dich nun, indem du meiner Reden gedenkst.
-Welch wunderbare Erläuterung! Wie hinfällig sieht doch
-die ganze schöne Liebe aus, vom Gesichtspunkt der Treue
-aus betrachtet.&ldquo;
-</p>
-
-<p>
-Sie machte vergebliche Anstrengungen, das Ganze zu
-begreifen, entschied sich vorläufig zum Mitleid mit Irene,
-zog sie an sich und fragte: &bdquo;Was soll nun werden?&ldquo;
-</p>
-
-<p>
-&bdquo;Ich kann nicht weiter&ldquo;, erwiderte sie erschöpft, widerstand
-aber Renates Bemühung, ihren Kopf an die Brust
-zu ziehn, stumpf zu Boden blickend.
-</p>
-
-<p>
-&bdquo;Ja, nun &mdash; immer gleich helfen lassen&ldquo;, sagte Jason.
-Irene blickte ihn fragend an. &bdquo;O nein, nein, Kind,&ldquo; fuhr
-er gelassen fort, &bdquo;möchtest du vielleicht Redensarten von
-mir hören? Nun sag uns nur einmal: warum willst du
-nun durchaus von deinem Mann fort?&ldquo;
-</p>
-
-<p>
-&bdquo;Ach, Jason, du bist furchtbar,&ldquo; seufzte Irene, &bdquo;glaubst
-du denn auch nicht, daß ich Klemens liebe?&ldquo;
-</p>
-
-<p>
-&bdquo;Aber wie denn? Hab ich das gesagt? Er hat es
-doch selber anerkannt, daß du ihn liebst. &mdash; Ach so, nun
-willst du ihn auch heiraten. Ja, weißt du, das ist doch
-aber eigentlich etwas viel verlangt.&ldquo;
-</p>
-
-<p>
-Irene richtete sich auf. &bdquo;Ich will ihn nicht heiraten.
-Ich weiß nur, daß ich bei Otto nicht bleiben darf. Herrgott,
-wie mir das jetzt unaufhörlich in Augen und Ohren
-brennt! Da kam Klemens zur Tür herein, damals, und dann
-hat er schon gebrüllt, und ich lauter, und dann wurde ich
-wie Holz, und dann war alles Haß. Jason, kann denn
-ein Mensch so schauerlich verblendet sein? Wie soll ich
-das jemals wieder gutmachen? Er spricht von seiner
-<a id="page-169" class="pagenum" title="169"></a>
-Freundschaft, ich hab sie nicht verstanden. Von meiner
-Ehe, &mdash; ich hab sie nicht verstanden, ich verstehe mich
-selber nicht, wie soll ich da wissen, was zu tun ist? Und
-nun &mdash;&ldquo; schloß sie, sich zusammenraffend, &bdquo;nun will ich zu
-meinen Eltern.&ldquo;
-</p>
-
-<p>
-Sie nickte Renate und Jason zu und schritt ganz leicht
-und schwebend in ihrem schwarzen Kleid zwischen den
-Beeten hindurch zum Zaun, öffnete die Tür und verschwand.
-</p>
-
-<p>
-&bdquo;Ist es zu begreifen, Jason?&ldquo; fragte Renate vor sich
-hin. &bdquo;Sie lieben sich und bekämpfen sich doch.&ldquo;
-</p>
-
-<p>
-&bdquo;Sie bekämpfen einander nicht,&ldquo; sagte Jason verloren
-nach oben blickend, &bdquo;sie bekämpfen nur immer sich selbst
-&mdash; durch den Andern. Sie stehen in Rauch und Flammen
-und suchen einen Brandstifter. Sie wollen jeder das Seine
-und lassen sich immer hindern. Wäre ich nicht so leicht,&ldquo;
-schloß er leise, den Kopf senkend, &bdquo;wie, meint ihr, müßte
-alle Last meines Wissens mich zu Boden drücken. Oder
-nein,&ldquo; verbesserte er sich trübe, &bdquo;ich bin der Schwere,
-denn die Wahrheit ist immer leicht &mdash; für den, der sie
-nicht braucht.&ldquo;
-</p>
-
-<p>
-Renate hörte ihn wehmütig an, sah auf einmal ihre
-Hände, in die sie verloren hineinblickte, fand sie unsauber
-und erinnerte sich, daß sie sich im Ankleidezelt der Burg
-zuletzt gewaschen hatte. Gleich ergriff sie der Wunsch, zu
-baden, mit unerklärlicher Heftigkeit, sie setzte sich in Bewegung,
-Jason ging schweigend mit, so kamen sie ins
-Haus, wo ihnen Magda begegnete, Renates lavendelblaues
-Kleid über dem Arm.
-</p>
-
-<p>
-&bdquo;Könntest du mir wohl helfen?&ldquo; bat sie verlegen lächelnd.
-&bdquo;Ich habe mir doch dein Kleid für heut abend
-<a id="page-170" class="pagenum" title="170"></a>
-zurechtgemacht, aber hier am Ausschnitt will es nicht
-sitzen ...&ldquo;
-</p>
-
-<p>
-Renate, bereitwillig lächelnd, setzte sich in einen Sessel
-der Halle, nahm das Kleid auseinander, hob aber den
-Kopf und sagte: &bdquo;Bitte, Kind, erlaube, daß ich mich eben
-etwas wasche, ich komme dann gleich und helfe. Wie spät
-ist es eigentlich?&ldquo;
-</p>
-
-<p>
-&bdquo;Es wird sechs Uhr sein,&ldquo; meinte Magda; &bdquo;willst du
-nicht bleiben, Jason?&ldquo; fragte sie ihn, der an der Tür
-stand.
-</p>
-
-<p>
-&bdquo;Richtig, wohl,&ldquo; versetzte er mit nachdenklich auf Renate
-gerichteten Augen, &bdquo;ich kann auch bleiben.&ldquo;
-</p>
-
-<p>
-Renate wollte sich erheben, indem kam er zu ihr, sah
-immer nachdenklicher auf sie herunter, beugte sich dann
-und küßte sie auf die Stirn. Sie litt es lächelnd und
-erfreut, sah ihm nach, wie er zur Verandatür ging und
-dort stehen blieb, stand auf, nickte Magda zu und ging
-hinaus.
-</p>
-
-<div class="chapter">
-
-<h3 class="chapter" id="subchap-0-1-7">
-<a id="page-171" class="pagenum" title="171"></a>
-Siebentes Kapitel
-</h3>
-
-</div>
-
-<h4 class="section">
-Garten
-</h4>
-
-<p class="first">
-Georg, in einer dumpfen, ihn selber dunkel befremdenden
-Verfassung, betrat sein Zimmer und stand minutenlang
-zwischen dem Schreibtisch und den Fenstern im leeren
-Raum, der Tür zum Speisezimmer zugewendet, leise erstaunend
-über die große Pracht der Nachmittagsonne, die
-nebenan hinter den geschlossenen Vorhängen den Flügel,
-die Wände, Vitrine und die gläserne Apsis sehr geheimnisvoll
-und edel erscheinen ließ. Die Sonne, dachte Georg,
-ist dieselbe wie am Vormittag, nur aus einer andern Richtung,
-aber mein Herz drehte sich ganz herum nach unten.
-&bdquo;Nun, Egon, bist du wieder da? Wie war es denn?&ldquo;
-</p>
-
-<p>
-Warum spreche ich so leise? Wunderte sich Georg. &mdash;
-Egon versicherte, es sei fabelhaft gewesen. Im Garten,
-sagte er, warte ein Herr, Herr Dr. Klemens ... Georg
-nickte, bat Egon, sich in einer halben Stunde bereitzuhalten,
-und konnte wieder nicht laut sprechen. Ich konnte
-es doch eben, dachte er, setzte sich vor den Schreibtisch und
-stützte den Kopf in die Hand; &mdash; aber ich glaube, es
-kostete mich eine furchtbare Anstrengung ... Er hörte sich
-wieder die Rede halten im Ständehaus: &bdquo;... keine
-Versprechungen, meine Herren, es schiene mir lächerlich,
-das Vertrauen, mit dem Sie nach mir blicken mögen ...
-Nur die sichtbare Gestalt des Mannes, den ich mit tiefster
-Scheu und Ehrfurcht Vater nenne, dessen jahrelanges Wirken,
-unermüdlich zum Wohle ... Nur er, dessen kräftiger
-Unterstützung ich tief bedarf und in dieser ernstesten aller
-<a id="page-172" class="pagenum" title="172"></a>
-Stunden erbitte ...&ldquo; Ach, dachte Georg, das war schön,
-das war schön! Wie es mir die ganze gelernte Rede mitten
-zerriß, weil er groß und mächtig dastand in dem roten
-Waffenrock und mir das Herz zum Springen füllte mit
-heiliger Sehnsucht und Liebe ... Nein, mein Gott, wenn
-ich der wirklich wäre, der ich sein soll, ich glaube nicht,
-daß ich nur halb das empfinden könnte, was ich nun
-empfand.
-</p>
-
-<p>
-Vor ihm erschienen die bärtigen Altmännergesichter,
-Kneifer, Kahlköpfe, vielen Fräcke im großen Ständehaussaal,
-alle Arme gingen hoch, er hörte seinen Namen gerufen
-... Er schauderte nach. Seine Blicke, an ihm heruntergleitend,
-ließen ihn die hellblaue Uniform gewahren,
-in der er steckte, er lächelte und dachte: Nein, diese im
-Viereck aufmarschierten Dragoner und Füsiliere, die waren
-doch nur sonderbar, ebenso wie die krähende und überlaute
-Stimme, welche die Eidesformel verlas. Tüchtig
-war&rsquo;s wohl, die Hurras knallten wie mit dem Hammer
-festgenagelt, man müßte sie noch sehen können an der
-Wand. &mdash; Ja, nun werde ich wohl erst eine Weile Soldat
-werden müssen, vielleicht ist es das beste. Vater kann
-ich nicht verlieren, kann&rsquo;s nicht, kann&rsquo;s nicht. Aber gut,
-daß es schwer ist. Wenn es leicht wäre, was wäre es
-dann? Er sprang auf, riß Haken und Knöpfe der warmen,
-engen Uniform auf, ging zum Bücherbord, hob einen
-kleinen Band aus der Tiefe, las mit verschleierten Augen
-die goldenen Buchstaben B. Cellini, küßte sie hastig, stellte
-den Band fort, richtete sich grade auf und ging in den Garten.
-</p>
-
-<p>
-Auf der Bank am Wasser saß ein Mensch, den Kopf
-in Händen, rote Strümpfe an den Beinen. Als Georg
-<a id="page-173" class="pagenum" title="173"></a>
-ihm näher kam, sah er empor, erhob sich, hatte ein schwarzes
-Kalikohemde an und war Klemens; sein Gesicht war
-so bleich mit roten Flecken, und die Augen flackerten, daß
-Georg, ihm die Hand reichend, fragte, bemüht, laut zu
-sprechen: &bdquo;Ist Ihnen etwas, Klemens?&ldquo;
-</p>
-
-<p>
-Klemens wehrte hastig ab und sagte heiser und sich
-räuspernd: &bdquo;Danke, nein, danke! &mdash; ja! mir ist nicht grade
-wohl, aber &mdash; es kommt jetzt nicht darauf an.&ldquo;
-</p>
-
-<p>
-&bdquo;Setzen Sie sich doch,&ldquo; bat Georg, &bdquo;oder wollen Sie
-einen Schluck Wein?&ldquo; Allein Klemens schüttelte den Kopf,
-er tränke keinen Alkohol.
-</p>
-
-<p>
-Wer ihm denn dies Zeug gegeben habe, erkundigte sich
-Georg, um die Stimmung ein wenig zu heben. Es sei
-das Letzte gewesen, was er habe kriegen können, meinte
-Klemens, er habe Georg ja am Vormittag draußen gesucht,
-sei aber nicht zu ihm gelassen worden, und als ein
-Bekannter ihm Zutritt zur Burg verschafft habe, sei Georg
-nirgend zu finden gewesen.
-</p>
-
-<p>
-&bdquo;Da saß ich am Waldrand und schlief,&ldquo; meinte Georg
-gelassen, &bdquo;und nun, was habe ich verschlafen?&ldquo;
-</p>
-
-<p>
-&bdquo;Das&ldquo;, bemerkte Klemens mit einem hastig prüfenden
-Blick, &bdquo;kommt auf Sie an. Das heißt,&ldquo; setzte er hinzu,
-&bdquo;das soll heißen, daß es dabei keinesfalls auf mich ankommt.&ldquo;
-</p>
-
-<p>
-Georg, da er nicht begriff, schwieg. Klemens blickte
-eine Weile geradeaus, wandte sich mit einem Ruck zu Georg
-und sagte: &bdquo;Da wir bisher, ich darf wohl sagen, gute
-Freunde waren, eine grade Frage, &mdash; um das Ganze zu vereinfachen:
-Glauben Sie, der zu sein, für den Sie gelten?&ldquo;
-</p>
-
-<p>
-&bdquo;Nein&ldquo;, sagte Georg ruhig.
-</p>
-
-<p>
-<a id="page-174" class="pagenum" title="174"></a>
-&bdquo;Schön, eine grade Antwort,&ldquo; fuhr Klemens fort;
-&bdquo;also, wenn ich Ihnen dies heut morgen als Neuigkeit
-mitgeteilt hätte, so würde es Sie in Ihrem Wege nicht
-abgelenkt haben?&ldquo;
-</p>
-
-<p>
-&bdquo;Heute vormittag? Nein.&ldquo; Wie ruhig ich bin, dachte
-Georg; ja, all dies hat nun längst seine Erledigung gefunden.
-</p>
-
-<p>
-Klemens, der wieder nachgedacht zu haben schien, sagte:
-&bdquo;Wenn ich versuche, mich an Ihre Stelle zu setzen, so kann
-ich allerdings nicht sagen, daß ich wie Sie gehandelt hätte.
-Sie aber sind anders aufgewachsen, das heißt &mdash;&ldquo;
-</p>
-
-<p>
-Georg erriet seine Frage und antwortete: &bdquo;Mein Vater
-und ich wissen es selbst erst seit zwei Jahren und einem halben.
-Meine Mutter erfuhr es nie. Sie sind in schönen gemeinsamen
-Stunden mein Freund geworden, wenn ich das
-sagen darf &mdash;&ldquo; Klemens nickte freundlich, &bdquo;ich brauche
-vor Ihnen nichts zu verbergen. Daß ich gekämpft haben
-muß, wird Ihnen klar sein. Aber Sie haben recht, wenn
-Sie sagen, ich sei anders aufgewachsen. Daran lag es.
-Über alldas sprechen wir vielleicht später einmal, wenn
-Sie &mdash; weiter mein Freund bleiben werden ...&ldquo;
-</p>
-
-<p>
-Er hielt ihm die Hand hin, Klemens ergriff sie fest und,
-wie es schien, mit großer Rührung; er behielt sie noch,
-drehte sie hin und her, lachte kurz und sagte: &bdquo;Sie bemerken
-eigentlich nichts an dieser meiner Hand?&ldquo;
-</p>
-
-<p>
-Georg sah sie an, Klemens machte die Finger grade,
-es war eine schöne, kräftige, nicht eben kleine Arbeitshand
-von ungemeiner Lebendigkeit.
-</p>
-
-<p>
-&bdquo;Was soll ich bemerken?&ldquo; fragte Georg.
-</p>
-
-<p>
-&bdquo;Daß es nicht die Hand eines Freundes, sondern eines
-Bruders ist. Wir hatten dieselbe Mutter.&ldquo;
-</p>
-
-<p>
-<a id="page-175" class="pagenum" title="175"></a>
-Georg zuckte leise zusammen, sah in das dunkle, bärtige
-Gesicht mit der fleischigen, groben Nase, dem schönen
-Kinn und Mund im Bart und mußte langsam lächeln,
-dann erröten. &mdash; Ich erröte ja wieder, durchzuckte es ihn,
-&mdash; wie lange nicht! Seit meiner Kindheit.
-</p>
-
-<p>
-&bdquo;Ja, dann sollten wir wohl du zueinander sagen,
-wenn du mir nichts vormachst&ldquo;, sagte er leise.
-</p>
-
-<p>
-&bdquo;Die geistige Brüderschaft&ldquo;, meinte Klemens lachend,
-&bdquo;wird wohl doch die größere sein.&ldquo;
-</p>
-
-<p>
-Sie ließen sich los, saßen sekundenlang Beide in der
-selben Verlegenheit, bis Georg glaubte, seiner Würde die
-leichtere Haltung schuldig zu sein, und sagte: &bdquo;Also sprich,
-was du zu sagen hast, ich habe kaum eine Viertelstunde
-mehr bis zum Umziehn, aber du kannst ja dabei zusehn
-und weiterreden.&ldquo;
-</p>
-
-<p>
-&bdquo;Es wird am besten sein,&ldquo; meinte Klemens, &bdquo;du selber
-sagst mir, was du weißt.&ldquo;
-</p>
-
-<p>
-&bdquo;Ja, ich weiß fast nichts&ldquo;, sagte Georg. &bdquo;Und all
-das zu erklären, <em>was</em> ich weiß, würde lange dauern. Du
-kannst es später alles geschrieben lesen. Jedenfalls: wer
-meine Eltern waren, weiß ich nicht, ich wurde hier in der
-Nähe von Altenrepen geboren, nur der ehemalige Verwalter
-meines Vaters, Chalybäus, wußte davon. Meine
-Mutter soll gestorben sein; im selben Hause lag die Frau
-meines Vaters, sie brachte ein schwächliches Kind zur
-Welt, und ich wurde &mdash;&ldquo;
-</p>
-
-<p>
-&bdquo;Das Kind war meine Schwester Virgo&ldquo;, sagte Klemens.
-</p>
-
-<p>
-&bdquo;Mein Gott, ist das wahr? Das ist ja wunderbar!
-Das war &mdash;?&ldquo;
-</p>
-
-<p>
-<a id="page-176" class="pagenum" title="176"></a>
-&bdquo;Virgo,&ldquo; wiederholte Klemens trübe; &bdquo;dafür, daß ich
-einen Bruder bekam, habe ich nun eine Schwester verloren.&ldquo;
-</p>
-
-<p>
-&bdquo;Unsinn!&ldquo; tröstete ihn Georg, &bdquo;was könnten Sie denn
-da verloren haben?&ldquo; Klemens lächelte wieder. &bdquo;Höre, &mdash;&ldquo;
-sagte Georg, &bdquo;dann ist dir vielleicht auch eine sonderbare
-Frauensperson bekannt, die bei meiner Geburt eine Rolle
-gespielt hat; Nassja hieß sie und hatte ein T-förmiges
-Kreuz &mdash;&ldquo;
-</p>
-
-<p>
-Klemens nickte, während er sein Kleid unter der linken
-Achsel aufknöpfte und aus einer Westentasche ein zusammengeknifftes,
-altes und schmutziges Papier und ein Notizbuch
-hervorzog.
-</p>
-
-<p>
-&bdquo;Anastasia Petrowna Schischin, schreib Zizin,&ldquo; sagte
-er, &bdquo;sie brachte seinerzeit Virgo ins Waisenhaus, besuchte
-sie auch; ich kannte sie und wurde nicht selten von ihr besucht
-und unterstützt, als ich aus dem Waisenhaus gelaufen
-war. Sie wurde über vierundachtzig Jahre alt, vor
-anderthalb Jahren etwa ist sie gestorben. Letzthin besuchte
-ich sie seltener, sie wohnte an der russisch-polnischen Grenze
-und schmuggelte Leute drüberweg. Sie war der wortkargste
-Mensch, den ich je gesehn habe, aber sie machte
-sonderbare Andeutungen, die ich nicht verstand und daher
-vergessen habe. Es muß aber etwas von einem vornehmen
-Verwandten gewesen sein, das warst du also. Wie es
-scheint, hat also sie diesen Brief hier geschrieben.&ldquo; Er zog
-einen alten, abgerissenen Briefbogen aus dem Umschlag.
-&bdquo;Dieser Brief ist von meiner Mutter. Er befand sich in
-einem Bündel Kinderkleidchen Virgos, hier diese russischen
-Buchstaben auf dem Umschlag bedeuten: für meine Tochter,
-<a id="page-177" class="pagenum" title="177"></a>
-wenn sie erwachsen ist. Scheinbar hat die alte Rüdiger,
-Virgos Ziehmutter, diese Anweisung geachtet, denn
-der Brief kam geschlossen in Virgos Hände, als sie vor
-ein paar Wochen, in Muttergefühlen, das alte Bündel
-hervorholte. Ja, nun hat sie ja Zwillinge &mdash;&ldquo; Klemens
-strahlte. &bdquo;Ich&ldquo;, fuhr er, Georgs Ungeduld bemerkend,
-fort, &bdquo;nahm den Brief an mich, weil ich Russen kenne,
-traf aber keinen von ihnen, vergaß den Brief auch, bis ich
-zufällig gestern den Almanach sah und ihn fragte, ob er russisch
-verstünde. Er hat mir dann den Brief übersetzt;
-gegen seine Mitwisserschaft wirst du wohl nichts einzuwenden
-haben.&ldquo;
-</p>
-
-<p>
-Georg, den Brief in der Hand, verfolgte die verwischten
-Bleistiftzeilen, die russischen Buchstaben, die er nicht verstand,
-sah am Ende die Unterschrift, zittrige Linien, wie
-die ersten Schreibversuche eines Kindes, und dachte wehmütig,
-daß dies die Schrift seiner rechten Mutter sei,
-solch ein welkes Blatt ... spät ihm zugetrieben.
-</p>
-
-<p>
-&bdquo;Ist das der Name?&ldquo; fragte er leise.
-</p>
-
-<p>
-&bdquo;Ja,&ldquo; sagte Klemens, &bdquo;Krotkaja oder Kaja Moscherowska
-&mdash;&ldquo; Georgs Blick fiel ab.
-</p>
-
-<p>
-Ganz deutlich standen im dämmrigen Raum der Kerzenflammen
-die drei schwarzen Femrichter der letzten Nacht,
-und eine helle, fremde Stimme sagte: Kaja Moscherowska
-... Georg fiel innerlich zusammen, er hatte einen
-widrigen Geschmack im Mund. &bdquo;Ist dir nicht gut?&ldquo; hörte
-er fragen. Da saß Klemens. Indem kamen Schritte auf
-dem Kies, Georg wandte sich und sah Egon dastehn.
-&bdquo;Ich komme&ldquo;, sagte er und stand auf. Er bemerkte den
-Brief am Boden, nahm ihn auf, fragte dann schwach:
-<a id="page-178" class="pagenum" title="178"></a>
-&bdquo;Also was steht in diesem Brief?&ldquo; Klemens sagte: &bdquo;Es
-steht drin, daß meine Mutter nicht eine Tochter zur Welt
-brachte, sondern einen Knaben, &mdash; der du bist ...&ldquo;
-</p>
-
-<p>
-Georg versuchte, zu überlegen. Etwas schien ihm an
-diesen Zusammenhängen noch zu fehlen, aber sein Denken
-war jetzt gelähmt, er verschob es auf später. Allein &mdash;
-da stand wieder Klemens und beanspruchte noch Aufklärungen.
-In einem unerträglichen Ekelgefühl riß er den
-Brief in kleine Stücke und ließ sie wegfliegen.
-</p>
-
-<p>
-&bdquo;Es ist genug&ldquo;, sagte er leise. &bdquo;Komm morgen zu mir.
-Ich sage dir dann alles, was ich weiß.&ldquo;
-</p>
-
-<p>
-Da war diese elende Müdigkeit wieder. Eine Mutter
-hatte er nun, ach, er kannte sie ja sogar, auf Virgos
-Schreibtisch stand ihre Photographie, ja, sie war schön,
-sah etwas slawisch aus, es war irgendein Rollenbild, ja,
-die Gräfin im Figaro, glaubte Virgo, und Georg sah
-die schönen schwarzen Zöpfe um jene Züge vom &sbquo;reinsten
-Ebenmaß&lsquo;, wie Chalybäus es ausgedrückt hatte, schmal,
-die Mandelform der Augen und Virgos hochmütige Nase,
-nein, es war ja nicht Virgos, es war die seiner &mdash; seiner
-andern Mutter. Plötzlich glaubte er zu empfinden, wie
-das Bild seiner Mutter ihn ansah und zu sich zog ...
-</p>
-
-<p>
-Dann, langsam neben Klemens den Weg hinaufgehend,
-fühlte er immer deutlicher und peinlicher neben der Erscheinung
-seiner Mutter einen dunklen Hohlraum. Ja,
-dort fehlte ein Vater, und Georg kam sich namenloser
-vor als vorher.
-</p>
-
-<p>
-Im Arbeitszimmer gab er Klemens die Hand. &bdquo;Du
-warst die Nacht nicht hier im Hause?&ldquo; mußte er plötzlich
-fragen.
-</p>
-
-<p>
-<a id="page-179" class="pagenum" title="179"></a>
-&bdquo;Ich? hier im Hause? Was sollte ich &mdash;&ldquo;
-</p>
-
-<p>
-&bdquo;Entschuldige nur,&ldquo; lächelte Georg, &bdquo;mir fiel etwas
-Dummes ein. Alles andre später, wenn&rsquo;s dir recht ist,
-nicht?&ldquo; Klemens nickte ernst. &bdquo;Ich werde meinem Vater
-sagen, daß er eine Tochter bekommen hat, das wird ihn
-freuen.&ldquo;
-</p>
-
-<p>
-&bdquo;Obendrein wo sie schon Zwillinge hat,&ldquo; bemerkte
-Klemens mit ermunterndem Lächeln; &bdquo;also auf Wiedersehn,
-vielleicht seh ich dich morgen bei Virgo?&ldquo;
-</p>
-
-<p>
-Georg nickte, drückte ihm die Hand, sah ihn die Stufen
-hinaufgehen zur Tür, öffnen, nickte noch einmal lächelnd
-und stand stumpf, nachdem die Tür geschlossen war. Egon
-war wieder da; er faßte vorn nach seinem Uniformrock,
-schlug ihn auseinander, Egon hob schon die Arme, um zu
-helfen, aber er riß den Rock plötzlich mit Gewalt wieder auf
-die Achseln und ging heftig durch das Zimmer nach nebenan.
-Er öffnete die Tapetentür neben der Schenke, drehte die
-Lichtkurbel, ging den schmalen Gang hinab und betrat die
-Sternwarte durch die kleine Tür. Drinnen war der Sonnenschein,
-breite, tausendfach flimmernde, goldleuchtende
-Balken, schräge von den bleiverglasten Rundbogenfenstern
-hernieder. Mitten in einem von ihnen stand funkelnd der
-Leuchter mit herabgebrannten Stümpfen von Lichten.
-Sonst war nichts. Georg lief dumpf und zornig die eiserne
-Wendeltreppe hinauf, Becher und Kanne standen auf dem
-Steintisch, sonst war nichts. Langsam stieg er wieder
-hinunter.
-</p>
-
-<p>
-Den Gang schwerfüßig zurückgehend, sah er an der
-zugefallenen Tür zu seinem Eßzimmer etwas glänzend
-Blaues, Schillerndes. Beim Näherkommen ward es ein
-<a id="page-180" class="pagenum" title="180"></a>
-schöner, sehr großer Schmetterling von stark leuchtendem
-metallischen Blau, der dort steckte, und die Nadel hielt
-zugleich eine weiße Seidenschleife mit drei langen Bändern.
-Georg sah Schriftzüge auf dem einen, hob es an und las:
-Saint-Georges, in großzügigen, steifen, ein wenig ausgeflossenen
-Lettern. Er hob das zweite Schleifenende, und es
-stand in ganz steilen Buchstaben, deren große wie Maste und
-Fahnen waren, darauf: Josef Montfort. Auf dem dritten
-Bandende las er Jason al Manach, in kleiner, sehr zierlicher
-und ganz runder Schrift, die aus lauter Kreisen zu
-bestehen schien. &mdash;
-</p>
-
-<p>
-Georg nahm das schöne, tote Tier vorsichtig ab und
-trug es hinaus. Sich im Schlafzimmer findend, wußte er
-nicht wohin damit; er ging durchs Badezimmer, die Tür
-zu dem besonderen Gemach war angelehnt, Georg trat
-vor das Himmelbett, schlug das leichte gelbliche Gewölk
-auseinander und heftete den blauen Falter auf das reine,
-weiße Kopfkissen.
-</p>
-
-<p>
-Soll ich nun lachen, oder soll ich weinen? fragte er
-sich, das sonderbare Andenken der Nacht betrachtend.
-</p>
-
-<h4 class="section">
-Haus
-</h4>
-
-<p class="first">
-Renate hatte alle Fenster im Erdgeschoß geöffnet, aber
-es blieb schwül in den langsam dunkelnden Zimmern.
-Sie ging durch die Räume hin und her, im Garten stand
-noch die Helle, kein Blatt bewegte sich, die Luft war lau
-und feucht. Sie stand lange an der Verandatür, auf die
-Sonnenuhr hinabschauend, und dachte: man müßte sie
-eigentlich verhängen bei Nacht wie einen Vogel, der nur
-<a id="page-181" class="pagenum" title="181"></a>
-am Tage singt. &mdash; Sonderbar verlassen und entseelt schien
-ihr der Zeiger in seiner Einsamkeit ohne Schatten, steif
-und schräge dastehend, wie er mußte. Sie fragte sich
-verworren: sind auch nicht vielleicht wir ganz Andre in
-den Stunden, wo das Licht uns nicht trifft und der Schatten
-uns verließ? &mdash; Alles gute Getier aber hüllt sich in
-Schlaf bei der Nacht; die es nicht tun, sind böse oder betört
-wie Nachtigall und &mdash; Katze und &mdash; &mdash; Dunkelfalter,
-fand sie noch, sich umwendend. Und das, dachte sie matt,
-ist auch wieder so eine Jasonische Erkenntnis, die man in
-der Hand hält und nichts damit anzufangen weiß ...
-</p>
-
-<p>
-Sie ging durch die nie gebrauchten, fremden Zimmer
-der toten Hausherrinnen zur Straßenseite hinüber. Die
-Laterne brannte schon drüben, bleichgelb im Hochsommerzwielicht.
-&mdash; Da bin ich auf einmal ganz allein im Hause,
-dachte sie verwundert, das war ja noch nie seit bald
-zwei Jahren! &mdash; Aber Erasmus ... Sie schüttelte ärgerlich
-den Kopf. Wenn ich nur bestimmt wüßte, daß er
-nicht im Hause ist! Und wie komm ich doch nur auf den
-Gedanken? &mdash; Da merkte sie, daß sie nur nach oben
-lauschte, daß sie schon oft gelauscht hatte. Sie wollte
-entschlossen zum Flur und fragen &mdash;, nein, die Dienstboten
-waren ja alle zur Illumination fortgeschickt. Hinaufgehn?
-&mdash; Aber das wagte sie nicht, aus Angst, ihn
-wirklich oben zu finden. Erasmus läßt sich entschuldigen,
-sagte der Onkel beim Abendessen, sie hörte es deutlich
-wieder, und sie wußte nicht, war er im Hause oder
-in der Fabrik, fragte nicht und hörte Josefs Vater begütigend
-zu ihm sagen: Wir wissen ja, daß er zu allem
-längere Zeit braucht als wir Andern ... Ja, guter Gott,
-<a id="page-182" class="pagenum" title="182"></a>
-wie schnell hatte der Onkel sich in alles gefunden! wie
-leicht war es, seine Gedächtnislücken durch ihn selber füllen
-zu lassen, und Josefs zerstörtes Gesicht schien er so wenig
-zu sehn, daß auch Renate sich bald daran gewöhnte. &mdash;
-Wie munter sie gewesen waren! &mdash; Renate hörte sich von
-&sbquo;Heliodora, lächle mal&lsquo;, von ihrer Elefantenfahrt erzählen,
-und Magda wurde geneckt, daß sie mit Großherzögen zu
-Balle wollte ... Und auf einmal waren sie samt und
-sonders auf und davon. Der gute Onkel! Die Freude
-ließ ihn nicht im Haus, vielleicht wollte er den Heimgekehrten
-zeigen, &mdash; und wie mühelos gelang es ihr und
-Josef, ihn zum Anschaun der Illumination und des
-Maskenfestes im französischen Park zu verlocken ... Und
-ich war so tödlich müde, &mdash; das Bad muß schuld daran
-gewesen sein, denn nun bin ich wacher als je ...
-</p>
-
-<p>
-Sie wanderte wieder durch die Zimmer zur Halle zurück,
-erschrak ein wenig vor ihrer eigenen, weißen Erscheinung
-im schon dunklen Hohl des Spiegels, trat nahe
-daran, um Mut zu zeigen, und sah ihre Augen fast
-schwarz und entfernt hinter den dämmrigen, entfremdeten
-Zügen. &mdash; Wäre Jason geblieben, oh, stundenlang sollte
-er reden! aber nun hatte er sich mit den Andern irgendwie
-verloren. &mdash; Renate fiel ein, daß er sie geküßt hatte,
-und ihr wurde sonderbar ums Herz. Es freute dich doch,
-sagte sie zu sich selbst, nun suchst du wieder Bedeutungen!
-&mdash; Da sah sie Jason in der Kapelle Ulrikas Klavier
-schließen. &mdash; Ulrika, wo bist du, was ist mit dir? &mdash; Überall
-gehen Dinge vor, die ich nicht weiß! Es ist ja fast
-wie damals, als Doras Mann am Zaun stand und ich
-nichts wußte, und dann kam das Entsetzliche. &mdash; Nun erwartete
-<a id="page-183" class="pagenum" title="183"></a>
-sie wieder ein Kind, &mdash; Renate grübelte, aber
-was Dora empfinden mochte, fand sie nicht, nur verworrene
-Trauer. &mdash; Was war nur mit Ulrika? &mdash; Ach,
-nun hat sie wieder kein Telephon! War etwas mit ihrem
-Mann? &mdash; Sie sah Ulrikas heilig bleiches, innen glühendes
-Gesicht und hörte ihre seltsam sausende, beseligte
-Stimme Worte der Liebe singen. Und sie fand ein Stück
-davon wieder und summte, Augenblicke lang sich vergessend
-und heiter: Und uns sind es Lichter und süßes
-Gebrause, &mdash; wie schön ist die Welt!
-</p>
-
-<p>
-Der Morgen war doch so schön! &mdash; Das Einhorn! &mdash;
-Wie sonderbar erschreckte es mich! &mdash; Armer Georg, wie
-war er erst glücklich! &mdash; Aber statt Georgs erschien ihr
-sein Vater an ihrem Frühstückstisch des Morgens. Er
-war so ungeschickt, er hatte fast keine Haltung, und sie
-freute sich leise, &mdash; wieviel leichter wäre es gewesen, sie zu
-haben, als sie zu verlieren, &mdash; Georg verlor die seine keinen
-Augenblick. &mdash; Und Irene und Klemens stürzten aufeinander
-los wie &mdash; ja wie Achill und die Amazone, um sich mit
-Küssen zu töten. Und dies war nun der Sinn vom Haß ...?
-Georges &mdash; Renate blieb stehn.
-</p>
-
-<p>
-Georges, wo bist du denn den ganzen Tag? fragte sie fast
-laut. Böse auf sich selber, sagte sie sich, daß sie ihn kaum
-entbehrt hatte, aber so sonderbar war er doch nie! Jetzt weiß
-ichs, jubelte sie auf, ich fahre zu ihm! Ich werde ihn fürchterlich
-bestrafen. &mdash; Aber sie bewegte sich nicht. Bin ich
-angewachsen? fragte sie, sekundenlang gelähmt. Sie hob
-den Fuß, ihr Herz pochte, sie ging vorwärts. Es ist besser,
-ich telephoniere mit Irene, oder Anna kann hinüber ... ach,
-es ist ja niemand da! Ein jählings überquellendes Verlangen,
-<a id="page-184" class="pagenum" title="184"></a>
-eine Stimme zu hören, trieb sie zum Telephon,
-schon die Hand am Hörer besann sie sich vergeblich, welche
-Nummer sie jetzt rufen sollte, Georges&rsquo; oder Irenes, dann
-schämte sie sich und bezwang sich. &mdash; Sie stand wieder in
-der Veranda, es dämmerte nun, sie lief plötzlich die Stufen
-hinunter zur Uhr, erfaßte den Zeiger, bückte sich und
-legte die Wange auf die Metallplatte, einen Augenblick
-erquickt von der Kühle.
-</p>
-
-<p>
-Renate ging wieder ins Haus hinauf, durch die Halle,
-die Zimmer, und sah auf die leere Straße. Beleuchtet,
-durchscheinend hellgrün hingen die schweren Laubmassen
-der Ulmen über der Laterne. Jetzt gab es ein Geräusch
-in der Ferne, es wurde schnell lauter, ein Automobil, es
-rauschte, &mdash; kamen sie schon zurück? unmöglich! &mdash; Begierig
-neigte sie sich vor, es war doch wenigstens ein Ereignis,
-und sie zitterte, es könnte nicht in die Straße einbiegen.
-Da toste es nahe, schoß, ein flacher, offner
-Wagen, fern links hinter den Vorgärten hervor und bog
-ein. Es rauschte näher, breit fächerten die mächtigen
-Strahlenkegel über die Straßen in die Gärten zu Fenstern
-und Hauswänden, im Brennpunkt glotzten grell die riesigen
-Augen, geblendet sah sie undeutlich eine einzelne
-Gestalt im Rücksitz, da stand es stampfend und klirrend
-still neben der Gartentür zu ihrem Hause. Die dunkle
-Gestalt erhob sich, Renate sah einen großen Radmantel,
-auf der Schulter ein weißes, ausgezacktes Kreuz und erkannte
-den Kopf des Herzogs. Und augenblicks im Gefühl,
-daß sie ihm irgendwann am Tage einmal unrecht
-getan habe, lehnte sie sich weit hinaus und rief: &bdquo;Woldemar!&ldquo;
-stieß sich vom Fenster zurück, lief zur Tür, durch
-<a id="page-185" class="pagenum" title="185"></a>
-den Flur, riß die Haustür auf und lief die Stufen hinunter
-ihm entgegen.
-</p>
-
-<p>
-Bei ihrem Anblick blieb der Herzog stehn; einen Schritt
-vor ihm hielt sie inne, die Hand ausstreckend.
-</p>
-
-<p>
-&bdquo;Da bist du!&ldquo; sagte sie, leise vor Ergriffenheit, &bdquo;es
-ist wunderbar, daß du kommst! Mir war so seltsam
-angst.&ldquo;
-</p>
-
-<p>
-&bdquo;Angst, Renate, dir?&ldquo; hörte sie ihn fragen, selig über
-seine gute, ruhige Stimme, die ihr über alles wohltuend
-schien. Sie zog ihn an der Hand mit sich ins Haus,
-machte Licht im Flur und staunte, als unter dem fallenden
-schwarzen Seidenmantel die rote Johanniteruniform zum
-Vorschein kam, die linke Brust obendrein strotzend beladen
-mit Orden, und das Ganze überspannt mit farbigen
-Schärpen.
-</p>
-
-<p>
-&bdquo;M&mdash;m!&ldquo; machte Renate, &bdquo;weißt du, &mdash; wir sind ja
-zwei Schöne! Aber Herzog, wie groß ist dein Kopf! Das
-kommt von dem engen Kragen!&ldquo;
-</p>
-
-<p>
-Der Herzog hob beide Hände hoch, in der einen seinen
-Stock, in der andern den losgehakten dünnen Degen.
-&bdquo;Laß mich um Gottes willen zu Worte kommen,&ldquo; flehte
-er, &bdquo;sonst geschieht ein Unglück. Du hast ja keine Ahnung,
-keine Ahnung, weshalb ich komme!&ldquo;
-</p>
-
-<p>
-Renate schluckte gewaltsam die Enttäuschung hinunter.
-Nicht meinetwegen? dachte sie, lachte indes fröhlich und
-fühlte sich ganz kalt. &bdquo;Aber komm nur erst ins Zimmer&ldquo;,
-sagte sie noch lachend, ging in die Halle voran und
-machte Licht.
-</p>
-
-<p>
-&bdquo;Nun los,&ldquo; sagte sie, sich zurückwendend, &bdquo;die Trommel
-gerührt, das Pfeifchen gespielt, was giebt es Gutes?&ldquo;
-</p>
-
-<p>
-<a id="page-186" class="pagenum" title="186"></a>
-Seine Augen funkelten; wie seine Brust von Kreuzen
-und Sternen, strotzte sein ganzes, gerötetes Gesicht von
-Gelächter und Glückseligkeit, und Renate rief sich innerlich
-scheltend an: Er ist da, er ist glücklich über und über,
-und du bist bloß gekränkt, daß er nicht deinetwegen kommt,
-schäme dich! Sie sah ihn zum Sprechen ansetzen, aber
-seine Augen schienen ihm die Rede abzuschneiden, er
-brachte endlich heraus: &bdquo;Du! Es ist schwer, dich anzusehn
-und nicht zu küssen.&ldquo;
-</p>
-
-<p>
-Sie lächelte ihn kalt an und sagte: &bdquo;Das weiß ich. Es
-wäre mir aber lieb, wenn du dich auch in dieser Beziehung
-anders bezeigtest als die Andern. Komm, laß
-uns sitzen.&ldquo;
-</p>
-
-<p>
-In einen Sessel gleitend, hörte sie ihn laut lachen,
-dann saß er ihr gegenüber, den Stock quer über den
-Knien, beugte sich vor, bat: &bdquo;Rate doch! Tu mir den
-Gefallen und rat, was ich gekriegt habe!&ldquo;
-</p>
-
-<p>
-Renate tat ihm den Gefallen und riet: &bdquo;Einen
-Orden.&ldquo;
-</p>
-
-<p>
-Er freute sich wie ein Knabe, lachte schallend, klimperte
-an seiner Brust und sagte: &bdquo;Ein großer Mummenschanz,
-Renate.&ldquo;
-</p>
-
-<p>
-Da mußte sie hellauflachen, sie schlug die Hände zusammen
-und rief: &bdquo;Sagte ich es nicht? Wörtlich, genau
-wörtlich hast du&rsquo;s eben gesagt, wie ichs heut mittag hörte,
-als ich mit den Elefanten fuhr! Also keinen Orden? Ja,
-dann vielleicht &mdash; einen Großherzog?&ldquo;
-</p>
-
-<p>
-&bdquo;Bei Gottes Thron!&ldquo; rief er, &bdquo;beinah richtig, einen
-Sohn habe ich bekommen, Renate, einen richtigen Sohn,
-und was mehr? Eine Tochter! &mdash; Und was mehr? &mdash;
-<a id="page-187" class="pagenum" title="187"></a>
-Zwei Enkel, männliche Söhne, eben geboren, Zwillinge!
-Gott sei Dank, nun weißt du&rsquo;s!&ldquo; Er setzte sich zurück und
-rollte triumphierend den Stock über die Oberschenkel hinunter
-und hinauf.
-</p>
-
-<p>
-&bdquo;Nun, das glaube, wer Mut hat&ldquo;, versetzte Renate,
-gänzlich begriffsverwirrt. &bdquo;Das mußt du mir er&mdash;&ldquo;
-</p>
-
-<p>
-&bdquo;Erklären?&ldquo; Er hob Arm und Handfläche und schüttelte
-sie heftig. &bdquo;Nimmermehr! Kein Mensch findet da
-mehr hindurch. Aber fest steht: Georg ist mein richtiger,
-echter, natürlicher Sohn, &mdash; das heißt, verzeih! wirklich:
-natürlich, wie man sagt ...&ldquo; Er schloß ernst und mit
-leiser Stimme: &bdquo;Von einer Frau, die ich sehr liebte, so
-gut ich das damals verstand.&ldquo;
-</p>
-
-<p>
-Renate machte verwunderte Augen, da sie dachte, daß
-jene Kinder zur gleichen Zeit geboren wurden, und er
-hatte ihr doch gesagt, daß er damals die Herzogin liebte.
-Er schien dies empfunden zu haben, denn er sagte
-hastig:
-</p>
-
-<p>
-&bdquo;Du mußt es recht verstehn. Ich erzählte dir von der
-Frau, der Sängerin, mit der ich meine erste Reise machte.
-Ich trennte mich von ihr, aber sie wollte es nicht verschmerzen,
-sie &mdash; kurz, ich war einen Monat vor meiner
-Hochzeit noch einmal bei ihr, Abschied zu nehmen, wie sie
-sagte; sie bot alles auf, um mich zu &mdash; halten, zu binden,
-und &mdash; aus dieser Stunde wurde mein Sohn.&ldquo;
-</p>
-
-<p>
-Aus solcher Stunde kommen Kinder, dachte leise schaudernd
-Renate. Breit, rot und mächtig sah sie ihn dasitzen,
-sein Gesicht glänzte metallisch, er sagte:
-</p>
-
-<p>
-&bdquo;Eine brennende Stunde. Es ging aufs Blut, es war
-ein harter Kampf, aber &mdash; wenn Mann und Weib miteinander
-<a id="page-188" class="pagenum" title="188"></a>
-kämpfen, so giebts nur diesen Ausgang&ldquo;, und
-Renate durchfuhr es: Irene! &mdash;
-</p>
-
-<p>
-&bdquo;Merkwürdig,&ldquo; sagte sie leise, &bdquo;das gleiche, was du
-mir eben sagst, erfuhr ich heute an jemand anders ...&ldquo;
-</p>
-
-<p>
-&bdquo;Die berühmte Verdoppelung der Fälle, Renate,&ldquo;
-hörte sie ihn leise lachen, dann fuhr er fort: &bdquo;Georg
-wurde fast um einen Monat zu früh geboren; infolge des
-Erschreckens über meinen Unfall.&ldquo; Er stand auf und
-ging in den Raum hinein. &bdquo;Ich kann nicht sitzen,&ldquo; hörte
-Renate ihn hinter ihr sagen, &bdquo;es tut zwar scheußlich weh,
-aber &mdash;&ldquo;
-</p>
-
-<p>
-Er fing an auf und nieder zu gehn, den Stock vor sich
-aufstoßend. Wenn er ihr gegenüber war, sah Renate im
-Schatten der kleinen Schirmlampe seinen glühend roten
-Waffenrock und das Geglitzer von Metall und Steinen
-an seiner Brust. Nun redete er unaufhörlich, sie horchte
-aufmerksam, ohne doch recht zu hören, als gerate sie langsam
-weiter von ihm fort.
-</p>
-
-<p>
-&bdquo;Vor dem Abendessen kommt Georg, &mdash; ich weiß nicht,
-was der Junge hat, er sah so &mdash; innerlich geduckt aus,
-freilich, das Beste weiß er ja noch gar nicht, &mdash; Herrgott,
-ich muß aber zu ihm! aber höre noch erst ... ja, wo blieb
-ich? So, Georg, er sagt mir also in zwei Augenblicken
-ganz eilig, er hätte erfahren, wer mein echtes Kind sei,
-ich kennte sie selber, es sei die kleine Virgo Schley, &mdash; erinnerst
-du dich? ach, du kennst sie ja selbst, &mdash; ich sagte
-dir, daß ich sie bei Georg sah und wie ich sie Helene ähnlich
-fand, Gottes Thron, ich habe sie sogar geküßt, ich
-wußte nicht weshalb, es war mein Blut, ah das Blut,
-Renate, es erkennt sich durch Wände, ja, habe ich denn
-<a id="page-189" class="pagenum" title="189"></a>
-je und je gezweifelt, daß Georg mein Sohn sei? Nein,
-nein, nein, das soll mir keiner verreden! Ich hab es hingenommen,
-aber geglaubt habe ich es nie! &mdash; Nun das
-ewig lange Essen, ich verkohle vor Ungeduld nach meinem
-Kind, ich halte es nicht aus, ich breche auf. Kenne ja
-Schley, &mdash; du weißt: der neue Amtshauptmann, er wohnt
-noch hier, weil seine Frau guter Hoffnung &mdash;, ja, also
-denke dir, ich stürme ahnungslos ins Haus, sie wohnen
-hier draußen bei ihrer Fabrik in Wülfel, &mdash; da höre ich
-gleich: Zwillinge! Zwillinge männlichen Geschlechts, zwei
-Männer hat dies kleine blasse Wesen hervorgebracht, ja,
-ist es denn zu sagen? Liegt im Bett und ist ganz vergnügt,
-die Jungens schreien, ich kläre Schley auf, er weiß
-schon alles, nein, die Hälfte, das Ganze kam zutage
-durch einen alten Brief, der &mdash; ja, verzeih bloß, ich kann
-das nicht alles aufsagen &mdash; jedenfalls &mdash; Virgo ist Helenes
-Kind, sie lag da, ein Jugendbild von Helene, und wir
-saßen alle zusammen und weinten. Ich hatte ja Wein
-getrunken und &mdash;&ldquo;
-</p>
-
-<p>
-&bdquo;Woldemar,&ldquo; sagte Renate erregt und stand auf, &bdquo;muß
-denn nun immer Wein oder so was untergeschoben werden?
-Könnt ihr denn niemals aus euch selber weinen und
-euch vergessen, wenn das Herz überläuft?&ldquo;
-</p>
-
-<p>
-&bdquo;Ihr, Renate,&ldquo; sagte er langsam, &bdquo;wer ist: ihr?&ldquo;
-</p>
-
-<p>
-Sie blieb stehn, nahm ihre Jadekette gespannt zwischen
-die Zähne und sah ihn lauernd an.
-</p>
-
-<p>
-&bdquo;Verzeih, ist dir nicht gut?&ldquo; fragte er, auf sie zukommend.
-</p>
-
-<p>
-Sie wich hinter ihren Sessel zurück, die Kette fallen
-lassend, daß sie klirrte, schüttelte den Kopf und rief:
-</p>
-
-<p>
-<a id="page-190" class="pagenum" title="190"></a>
-&bdquo;Nein, nein, verzeih nur! Weißt du, es ist so viel heut,
-mir ist ganz wirr im Kopf, &mdash; du weißt ja all das nicht!
-Das Festspiel am Morgen und der Zug, das konnte allein
-genügen für den Tag, und was gab es noch alles! Josef,
-weißt du, er ist wieder im Haus, mein Onkel ist wieder
-wie zuvor und glückselig, nun sind sie Alle zur Illumination.&ldquo;
-Sie lachte. &bdquo;Ach, und das ist längst nicht alles,&ldquo;
-sagte sie, wieder trübe, &bdquo;komm, sei nicht böse &mdash;&ldquo;
-</p>
-
-<p>
-Zu ihm gehend, legte sie die Hand auf seine Brust,
-glitt, den Daumen nach oben, unter den orangefarbenen
-und blauen Schärpen mit der Handfläche glättend nach
-unten, küßte ihn leicht mit den Augen, lachte wieder und
-meinte: &bdquo;Ich bin freilich kein Klärchen, schöner, guter
-Egmont, obgleich du so wahrhaft spanisch funkelst über
-und über&ldquo;, worauf sie zurückwich, in den Sessel glitt und
-ihn mit den Augen zu sitzen bat. Er gehorchte lächelnd
-und eifrig, indem er sagte: &bdquo;Noch zwei Sekunden.&ldquo;
-</p>
-
-<p>
-&bdquo;Und nun, wie ging es weiter?&ldquo; fragte Renate. Er
-besann sich.
-</p>
-
-<p>
-&bdquo;Du weintest&ldquo;, sagte Renate ernst und weich. &bdquo;Einmal
-weintest du, als ich deine Hand hielt, und du warst
-mir nicht fremd. Weißt du das noch?&ldquo;
-</p>
-
-<p>
-Gehalten und weich wie sie, stimmte er zu: &bdquo;Ich weinte,
-weil jemand starb, nun weinte ich, weil geboren wurde.
-Damals aber&ldquo;, fuhr er heiterer fort, &bdquo;dachte ich nicht an
-dich, obgleich du vor mir standest, aber heute dachte ich
-an dich. &mdash; Aber weiter! Es war sehr einfach. Es fand
-sich ein Bild von Virgos vermeintlicher Mutter, und ich
-erkannte es wieder. Lieber Gott, Renate, sage, ist es nicht
-wundervoll? Blut &mdash; geht &mdash; zu Blut, kein Magnet hat
-<a id="page-191" class="pagenum" title="191"></a>
-solche Kraft, die Berge, die eisernen, brechen nicht auf und
-wandern, aber das Blut hebt die Füße, bricht auf und
-macht seinen Weg. Von Helene bekam ich keinen Sohn,
-aber dies Land wollte seinen Fürsten und bekam ihn, &mdash;
-ja, so lacht man über Weissagungen und alte Sprüche,
-aber innerst im Herzen lebt man schlecht und recht nur
-nach ihnen. Wie ich eben im Automobil zu Schley fuhr,
-hatte ich unablässig mit wundervollem Gefühl &mdash; wie eine
-große, metallene Spannung &mdash; die Vorstellung von zwei
-Wagen, die vor zwanzig Jahren wie von einem großen
-Magneten an ein und denselben Ort und zusammengezogen
-wurden, und in denen die Mütter meiner Kinder
-saßen. Alle hundert Jahre einmal vielleicht geschehen
-solche Dinge, und wir sind es, die sie &mdash; nein, aber nun
-muß ich fort, verzeih, verzeih, hätte ich nur eine Ahnung,
-wo ich Georg finde, in dem Maskentrubel &mdash; wo ist mein
-Degen? ach, draußen ...&ldquo;
-</p>
-
-<p>
-Sie waren Beide aufgestanden, Renate gab ihm die
-Hand und litt es, daß er ihre Stirn küßte, dann tappte
-er eilfertig hinaus. Sie folgte ihm auf den Flur, sah
-ihn Degen und Mantel über den Arm nehmen, nickte
-ihm lächelnd nach und schloß hinter ihm die Tür. &mdash; Danach
-fielen ihr die Arme schlaff nach unten, ihr Kopf
-glühte wie Feuer, sie ging dumpfen Sinnes und mit
-schweren Füßen in ihr Zimmer hinauf.
-</p>
-
-<div class="chapter">
-
-<h3 class="chapter" id="subchap-0-1-8">
-<a id="page-192" class="pagenum" title="192"></a>
-Achtes Kapitel
-</h3>
-
-</div>
-
-<h4 class="section">
-Masken
-</h4>
-
-<p class="first">
-Georg nahm die schwarzseidene kleine Halbmaske vor,
-stieg aus dem Wagen und stand am Fuß der Freitreppe
-vor der Universität, über sich die beiden fleischroten, milchigen
-Sphären der Bogenlampen, von innen eigentümlich
-Licht ausquellend, umtaumelt von dicken Schwärmen
-weißer Nachtfalter. Georg drehte sich um und sah im
-weiten, hellen Schein dieses Lichts den dichtgemauerten
-Halbkreis der fast stillen Menge, hundert und tausend
-beleuchtete Gesichter rings um das springende Bronzepferd,
-dessen Rücken im Lichtschein glühte, quer über die
-Fahrstraße und unter dem lichtberonnenen, dunklen
-Wipfelwall der Allee. Jason, Josef, Saint-Georges &mdash;
-zählte Georg vertieft und ging die Stufen hinauf; es war
-verflucht, er kam nicht darüber hinaus, und es ließ ihn auch
-nicht los. Josef, Saint-Georges, Jason, was haben sie gewollt?
-Saint-Georges, Jason, Josef, &mdash; Josef war vorher
-da und hielt eine wunderbare Rede. Jason, Saint-Georges,
-Josef, &mdash; ich kann es drehen wie ich will, ich weiß, daß sie
-etwas wollten, wenn sie den Namen meiner Mutter sagten,
-und &mdash; Josef, Saint-Georges, Jason, es ist zum Verrücktwerden
-&mdash; ich weiß, daß ihre Rede eine schauerliche Wirkung
-auf mich hatte, &mdash; da steht ja Renate am Türpfeiler?
-Nun bloß nicht fürchten! Nein, es ist ja nur ihr Kleid, wer
-ist denn das? &mdash; Die weißmaskierte Gestalt in Renates
-lavendelblauem Kleid bewegte sich gegen ihn vor, &mdash; Saint-Georges,
-Josef &mdash; dachte er und hörte sie sagen: &bdquo;Georg?&ldquo;
-</p>
-
-<p>
-<a id="page-193" class="pagenum" title="193"></a>
-&bdquo;Ach, Anna, da bist du ja, oh verzeih tausendmal, daß
-ich so spät komme! Hast du lange gewartet?&ldquo;
-</p>
-
-<p>
-&bdquo;Wie still sind die Menschen unten,&ldquo; sagte sie, &bdquo;es
-war ganz schön hier oben.&ldquo;
-</p>
-
-<p>
-Georg drehte sich um und sah das schweigsame Gedränge
-unten in dem fremden Licht.
-</p>
-
-<p>
-&bdquo;Angenehm, daß sie mich nicht erkannt haben,&ldquo; sagte
-er leise, &bdquo;ich nahm einen Wagen ohne Abzeichen. Es ist
-gräßlich warm, findest du nicht?&ldquo; Er trocknete sich die
-nasse Stirn mit dem Taschentuch. Josef, Jason, Saint-...
-&bdquo;Komm, Magda, wir sehen alles an,&ldquo; sagte er heiser,
-&bdquo;oder möchtest du tanzen? Im kleinen Schloßhof in Herrenhausen
-wird getanzt.&ldquo; Er drängte sie am Arm neben
-sich her, durch die Halle, die breite Treppe hinauf, bunte
-Trachten, Masken liefen vorüber, andre stiegen mit ihnen,
-stießen zusammen, drängten sich, &mdash; sie stiegen langsam
-Stufe um Stufe.
-</p>
-
-<p>
-&bdquo;Ich glaube, Magda,&ldquo; seufzte Georg, &bdquo;uns ist Beiden
-nicht nach Masken und Tanzen zumute, aber du weißt
-ja,&ldquo; schloß er bitter, &bdquo;ich trage eine Maske mein ganzes
-Leben.&ldquo;
-</p>
-
-<p>
-&bdquo;Oh, Georg,&ldquo; sagte sie schmerzlich, stehen bleibend,
-&bdquo;glaubst du denn unrecht zu tun?&ldquo;
-</p>
-
-<p>
-&bdquo;Ach, unrecht,&ldquo; meinte er wegwerfend, &bdquo;das sind alles
-so Ausdrücke.&ldquo; Die Hand am Treppengeländer, beugte
-er den Nacken und starrte auf die Stufen hinunter.
-&bdquo;Wenn du in einem Buch liest: Ehebruch, dann weißt du
-gleich, um was es sich handelt, und hast Urteil und alles
-bei der Hand. In Wirklichkeit hat man vielleicht einen
-Mann, den man haßt, und ein verkehrtes Leben und
-<a id="page-194" class="pagenum" title="194"></a>
-liebt einen Andern, und all das verschmilzt sich zu einem
-schrecklich leidigen und treibenden Gefühl, aber mit Ehebruch
-hat es gar nichts zu tun.&ldquo;
-</p>
-
-<p>
-&bdquo;Nun, Georg, wenn das wahr ist, so ist es mit deiner
-Maske wohl dasselbe.&ldquo;
-</p>
-
-<p>
-&bdquo;Komm weiter&ldquo;, bat er leise, in dem Gefühl, daß sie
-recht habe, ohne es sich selber zugeben zu wollen.
-</p>
-
-<p>
-&bdquo;Ich muß dir verschiedenes erzählen&ldquo;, sagte er, als sie
-oben in der Halle waren und gegen die Tore vorgingen,
-durch die es von Masken wimmelte, die er kaum ansehn
-mochte, ein so widriges Empfinden erregten sie ihm. Von
-unten ertönte gedämpfte Musik, sie standen über einem
-Gewimmel von unzählbaren winzigen Lichtern, roten,
-weißen, grünen und blauen, darin lag der weite Rasen
-unten, umringt von alten Bäumen; von oben und bei
-der Dunkelheit sah es wie ein Wald aus, Georg fand
-es ganz schön. &bdquo;Renates Vetter Josef&ldquo;, hörte er Magda
-sagen, &bdquo;ist wieder im Hause, jetzt ist er hier mit seinem
-Vater.&ldquo;
-</p>
-
-<p>
-&bdquo;Hier?&ldquo;
-</p>
-
-<p>
-&bdquo;Ja, ich weiß freilich nicht, wo sie sind, sie wollten in
-den Französischen Garten.&ldquo;
-</p>
-
-<p>
-&bdquo;Dann laß uns versuchen, ob wir sie finden,&ldquo; bat
-Georg; &bdquo;ach, Magda, verzeih mir nur, daß ich so kümmerlich
-zu dir bin, es ist ein bittrer Tag, und ich weiß
-bald nicht mehr, ob ich wache oder träume.&ldquo; Sie ergriff
-seine rechte Hand, drückte sie schweigend. &bdquo;Diese Hitze
-könnte mich rasend machen,&ldquo; stöhnte Georg, &bdquo;bei der
-Galatafel wars zum Platzen, und dann in dem grellen
-Licht der Vorbeizug, und der Geruch nach Puder und
-<a id="page-195" class="pagenum" title="195"></a>
-Parfüm und Schweiß, &mdash; ich muß noch ein paar Tage
-nach Helenenruh und mich in die Nordsee stürzen ...&ldquo;
-</p>
-
-<p>
-Stirn und das klebende Haar an den Schläfen reibend,
-stieg Georg die großen Terrassen hinunter. Unten gerieten
-sie bald auf einen dunklen Seitenweg im Gebüsch;
-ein einzelnes, rotes Licht hing an einem Baumstamm, es
-roch nach welkenden Rosen, Georg erinnerte es an eine
-Kirche in Athen. Josef, Jason &mdash; da fängt es wieder an,
-dachte er verzweifelt. Magda, vor ihm stehend, ergriff
-seine Hände und sagte leise und eindringlich:
-</p>
-
-<p>
-&bdquo;So froh kamst du heut morgen herein, Georg, und
-nun bist du am Ziel und doch nicht glücklich?&ldquo;
-</p>
-
-<p>
-Da fühlte er wieder den Hohlraum, in dem das wesenlose
-Wesen seines Vaters umtrieb, der Schweiß brach ihm
-heftiger aus, &bdquo;was ist denn Glück?&ldquo; sagte er stumpf.
-&bdquo;Jetzt bin ich Großherzog, und warum bin ich nicht
-Steineklopfer?&ldquo; &mdash; Und ohne etwas zu denken, fuhr er
-fort: &bdquo;Glück? Etwas, das man hat und nicht weiß, etwas,
-das man weiß und nicht mehr hat. Und wenn es ein Glück
-gäbe, wie du es meinst,&ldquo; sprach er verzweifelt weiter, Gedanken
-schwerfällig aus Gedanken ziehend, &bdquo;glaubst du,
-daß es so leicht wäre, daß man es im ersten Augenblick
-begreift?&ldquo;
-</p>
-
-<p>
-&bdquo;Georg,&ldquo; hörte er ihre ruhige, weiche Stimme erwidern,
-&bdquo;du weißt immer einen Satz und eine Erklärung,
-aber ich glaube nicht, daß sie mit deinem innern Zustand
-etwas zu tun haben, oder daß sie dir überhaupt etwas
-bedeuten.&ldquo;
-</p>
-
-<p>
-Er öffnete den Mund, um zu sagen: Das sei eben das
-Wesen der Tragik, zerspellt zu sein in Erkenntnis und
-<a id="page-196" class="pagenum" title="196"></a>
-Empfinden, aber sie kam ihm zuvor, indem sie sagte:
-&bdquo;Jetzt willst du wieder einen Satz sagen, vielleicht weiß
-ich ihn sogar, oder ... Ich habe das jedenfalls an mir
-selber erfahren, daß Klugheit und Wissen etwas für sich
-sein kann, außer uns, neben uns her, und es ist wohl
-manchmal sehr schwer, es mit unserm wirklichen Wesen
-zu vereinen.&ldquo;
-</p>
-
-<p>
-&bdquo;Nein, das meinte ich glaub ich nicht,&ldquo; sagte er, den
-Kopf hin und her bewegend, trübe, &bdquo;aber du wirst wohl
-recht haben. Ja, nun meinst du, ich soll diese meine Klugheit
-an einem tüchtigen Strick wie &mdash; wie so einen Fesselballon
-in mich hineinziehn? Ach, Worte, Worte, Worte,
-ich werde noch verrückt davon werden, komm bloß
-weiter!&ldquo;
-</p>
-
-<p>
-Er ließ ihre Hände los, dann zwang es ihn plötzlich,
-die Stirn auf ihre Achsel zu legen, er stand sekundenlang
-so, fühlte die sanfte Erlösung dieses Ruhns, aber in ihm
-lehnte etwas sich auf, er sagte zu sich selber: Du liebst
-diese ja nicht, sie ist dir fremd, sie meint es gut, aber &mdash;
-&bdquo;O Gott!&ldquo; seufzte er leise.
-</p>
-
-<p>
-&bdquo;Es kommen Menschen&ldquo;, sagte Magda, er richtete
-sich auf, nahm ihre Hand und zog sie weiter.
-</p>
-
-<p>
-Sie wanderten wortlos auf den schmalen Wegen,
-immer belästigt durch Geschrei, Vorbeigelaufe der Maskierten,
-die ihnen zuriefen oder nach ihnen schlugen, sie
-mußten selber tun, als ob sie daran Gefallen hätten,
-lachen und erwidern, endlich gelangten sie ans Tor. Von
-ihm zur Lindenallee war schräg über den Fahrdamm eine
-Gasse von Girlanden und bunten Laternen gezogen,
-hinter denen die zuschauende Menge sich staute. Sie eilten
-<a id="page-197" class="pagenum" title="197"></a>
-freier hindurch in das Dunkel der Alleen, gingen wieder
-langsamer unter den Bäumen hin, querhinüber und zwischen
-den Stämmen hindurch am Ende der Alleen schräg
-auf das Tor des Französischen Gartens zu. Der vorderste
-Block der haushohen Mauern dunkler Baumhecken stand
-über ihnen in der Nacht, aus der Tiefe quellend beleuchtet;
-hier waren weniger Menschen, in der Ferne
-rauschte Musik. Zwischen kleineren Hecken hindurch gelangten
-sie zu der ersten großen und gingen unter ihr
-hinunter. Am Fuße eines Baumes stand eine der Lichtquellen,
-sie traten hinzu und sahen auf einer kurzen und
-dicken Steinsäule ein metallenes Becken &mdash; &bdquo;eigentlich ein
-Papierkorb&ldquo; sagte Georg &mdash; mit Wasser gefüllt, an dessen
-Grunde drei in rotes Zeug gewickelte Glühbirnen leuchteten;
-in der roten Flüssigkeit schwammen zwei tote Fische.
-Georg tauchte einen Finger hinein, das Wasser war beinahe
-kochend.
-</p>
-
-<p>
-&bdquo;Ein Genie, wer das erdacht hat,&ldquo; meinte er, &bdquo;die
-Fische sollten das Wasser in Bewegung erhalten; der Erfinder
-sollte sie alle zu Mittag bekommen.&ldquo;
-</p>
-
-<p>
-&bdquo;Arme kleine, tote Fische&ldquo;, sagte Magda, und beim
-Klange ihrer Stimme befiel Georg ein sonderbar süßlicher
-Schmerz. Das war Anna Chalybäus&rsquo; Stimme,
-dachte er, als sie weitergingen, und eine meilenferne selige
-Vision von Helenenruh zog, seinen Augen unsichtbar,
-seiner Vernunft unnennbar, mit schmerzlichem Schauder
-durch seine Brust. Er mußte plötzlich an seine tote
-Mutter denken, sie, für die er keinen Namen mehr fand,
-nur einen Baumstamm auf einer Insel mit der Tafel:
-Helene &mdash;
-</p>
-
-<p>
-<a id="page-198" class="pagenum" title="198"></a>
-Georg merkte, daß er stillstand; der Heckengang war
-zu Ende, rechts neben einem freien Platz mit Bäumen
-rauschte laute Tanzmusik aus dem großen Pflasterhof
-des niedrigen weißen Schlößchens; die Umrisse leuchteten,
-starke, weiße Linien in der Nacht; im dämmrigen Licht
-buntfarbener Laternen bewegte sich hinter den hohen
-Gittern das wogende Getümmel der Tanzenden. &bdquo;Oh
-sieh wie schön!&ldquo; hörte er Magda sagen und sah nach links.
-Dort standen in den vier Ecken des weiten Quadrates haushoher,
-düstrer Hecken vierfarbig leuchtende Fontänen, eine
-schneeweiße, eine lichtgelbe, eine tiefrote und eine lichtblaue.
-Zwischen den Wegen, Rasenplätzen, Beeten und
-Bosketts wandelten die undeutlich buntgekleideten Gestalten
-in diesem Halbdunkel und standen auf ihren Postamenten,
-leise von unten beleuchtet, die Steingötter, -göttinnen
-und Urnen mit schweren Schatten und in starker
-und düstrer Bewegtheit ihrer Falten und Glieder, und
-Georg sah den Schattenriß eines Füllhorns in der Nähe,
-eine Keule zwischen stämmigen Beinen anderswo, und
-nun wieder, hoch über dem niederhangenden Füllhorn,
-ein zartes, leuchtendes Profil, dahinter einen großen,
-leicht zum Nacken gesunkenen schwarzen Kopf, dessen Umrisse
-die Umrisse von Früchten und Blumen schienen, und
-wieder dachte Georg Annas und des Bildes, das Bogner
-von ihr gemacht hatte; und nun ging er hier mit ihr wie
-mit einer Schwester.
-</p>
-
-<p>
-Indem fühlte er sich am Arm berührt und sah ein häßliches
-Wesen neben sich: eine rote, lottrige Tunika über
-schwarzen Trikots, eine schwarze, törichte Bartmaske
-unter starrendem Haar nach allen Seiten, aus dem ein
-<a id="page-199" class="pagenum" title="199"></a>
-Schlangenkopf zitterte; eine Hand schwang einen langen
-Dolch oder ein Schwert. Sie warf den Kopf zurück und
-bewegte Arme und Oberkörper mit solchen schiefen, zuckenden
-Gebärden, daß Georg gleich Cora erkannte, auch ihre
-Stimme hinter den hohen verstellten Tönen, mit denen
-sie sagte: &bdquo;Nun, mein Schöner?&ldquo;
-</p>
-
-<p>
-Es ekelte ihn unbeschreiblich; ihre sich hebenden und fallenden
-Schultern, das Vordehnen des Leibes erinnerten ihn an
-gräßliche Dinge, er schnob kurz: &bdquo;Was willst du?&ldquo; im
-halben Gefühl, Magda nichts gewahr werden zu lassen.
-</p>
-
-<p>
-&bdquo;Du siehst, was ich bin?&ldquo; fragte ihre Stimme, schon
-weniger verstellt. Georg wandte sich zu Magda und
-sagte: &bdquo;Sie fragt, was sie vorstellt. Ich glaube, eine
-Furie. Eine Furie, Erinnye oder so!&ldquo; sagte er zu Cora,
-ergriff Magdas Arm und wollte sie weiter drängen, aber
-Cora war mit einer ihrer weichen Seitwärtsbewegungen
-um ihn herum, ergriff Magdas Arm und zischte theatralisch:
-&bdquo;Nun? Nun, schöne Heliodora, sind Sie nun am
-Ziel Ihrer Wünsche?&ldquo;
-</p>
-
-<p>
-&bdquo;Ich bin nicht Heliodora,&ldquo; sagte Magda ruhig, machte
-ihren Arm los, und Georg, hinter sie tretend, fuhr Cora
-wütend an: &bdquo;Geh zum Teufel, mit deinem Mummenschanz!&ldquo;
-</p>
-
-<p>
-&bdquo;Der Großherzog hat befohlen,&ldquo; sagte sie höhnisch,
-&bdquo;seinetwegen hat sich das Volk in Masken gehüllt!&ldquo; und
-wich zurück, schwenkte sich herum und ging schlenkernd,
-in den Hüften sich wiegend davon.
-</p>
-
-<p>
-Georg, Magda fortziehend, hörte sie fragen: &bdquo;Wer
-war denn das?&ldquo; Sie schien zu lachen, er vermied deshalb
-eine Antwort und fragte: &bdquo;Lachst du, Anna?&ldquo;
-</p>
-
-<p>
-<a id="page-200" class="pagenum" title="200"></a>
-&bdquo;Ja, es war so komisch! Erinnerst du dich, ich sagte
-dir einmal von einer Legende, die Jason uns erzählte,
-von Orest und der Eumenide, und ich mußte denken,
-wenn die Eumeniden so ausgesehn haben, waren sie nicht
-sehr zum Gruseln.&ldquo;
-</p>
-
-<p>
-&bdquo;Nein, weiß Gott nicht&ldquo;, murmelte Georg verdrossen.
-Ach, wie ist das wieder ganz Cora, seufzte er innerlich,
-im Kostüm und mit Schlangen und Dolchen als Rachegöttin
-vor mich hinzutreten. Aber ich muß sehn, daß sie
-uns nicht wieder über den Weg läuft.
-</p>
-
-<h4 class="section">
-Tempel
-</h4>
-
-<p class="first">
-Sie traten aus dem Heckengang auf den äußeren Fuhrweg
-hinaus. Drüben standen die schwarzen Wipfelgruppen
-der englischen Anlagen unter matten Sternen, Georg
-roch das brackige Wasser der unsichtbaren Gracht, jenseits
-des Weges in der Tiefe. Sie gingen zur Rechten am Fuß
-der hohen Heckenwand hinunter, die in der Ferne hier und
-da von den unteren Lichtquellen rötlich gefleckt war, auf
-den kleinen Rundtempel an der Ecke des Gartens zu; eine
-seiner Säulen stand ganz schwarz vor ihnen, dahinter mußte
-der Leuchtkörper sein, von dem die Wölbung innen und
-die Säulen links und rechts weißrötlich glühten. Auf dem
-breiten Wege ging nur hier und da ein stilles Paar. &mdash;
-</p>
-
-<p>
-Hand in Hand wanderten sie auf die freundliche Erscheinung
-des Lichts und des kleinen Tempels zu. &bdquo;Dort
-steht eine Bank am Wasser,&ldquo; sagte Georg, &bdquo;wir können
-dort sitzen, und ich sage dir einiges. Bald muß auch das
-Feuerwerk kommen. Es soll rund um das ganze Gartenviereck
-<a id="page-201" class="pagenum" title="201"></a>
-brennen, dann können wir&rsquo;s schön sehn, auch im
-Wasser.&ldquo;
-</p>
-
-<p>
-So gingen wir vor drei Jahren, dachte er währenddem
-leise bekümmert, hätte gern etwas Liebreiches, Dankbares,
-Verzeihungbittendes gesagt, fand aber kein Wort, und
-sie gingen schweigsam dahin. &mdash; Was dachte sie nur? &mdash;
-</p>
-
-<p>
-Vor den drei Stufen ins Innre des Tempels blieb Georg
-stehn und nahm die Maske ab. Magda tat dasselbe,
-er sah dämmrig den Schein ihres Gesichts und der Augen
-im Dunkel, dahinter die graue Säule und sagte, vor sich
-niederblickend:
-</p>
-
-<p>
-&bdquo;Vielleicht &mdash; &mdash;, vielleicht ist diese Stunde die beste
-am Tag. Es ist wieder stiller in mir, ich &mdash; ich bin so
-froh, mit dir zusammen zu sein.&ldquo; Er suchte, beschämt, sich
-zerknirschend und traurig nach Worten. &bdquo;Und &mdash;&ldquo; fuhr
-er stockend fort, &bdquo;und &mdash;&ldquo; Er wußte nicht weiter, sah
-verschwimmenden Auges den breiten Weg hinunter, in
-dessen Mitte einsam eine dunkle Gestalt stand, an der seine
-Augen nun festhingen, so daß er alle Gedanken verlor.
-</p>
-
-<p>
-Als er sich umwandte, war Magda nicht mehr neben
-ihm, er ging über die Stufen in den Raum und sah sie
-neben einem unterwärts dunklen, innen stark leuchtenden,
-großen Becken stehn, das Antlitz, stark beleuchtet, leise
-auf das Licht gesenkt, anmutiger als es ihm je geschienen
-in den letzten Jahren, &mdash; wie lang doch ihre Wimpern
-waren, nun sie gesenkt ruhten! die Augen glitzerten feucht
-dahinter, die Stirn war freilich &mdash; irgendwie arm, so hoch,
-nicht streng, &mdash; vielleicht karg, &mdash; ach arm nur für meine
-Augen, dachte er trübe, weil sie keinen Reiz für meine
-Sinne hat. Näher tretend gewahrte er, daß vom Rande
-<a id="page-202" class="pagenum" title="202"></a>
-des metallenen Beckens unaufhörlich dünne Wasserfäden
-zu seinem Grunde niederrannen und glitzerten; in der
-Tiefe war eine Glasplatte, durch die das starke Licht fast
-blendend emporquoll.
-</p>
-
-<p>
-Die Armut steht am Lebensquell ... dachte Georg, es
-schien ihm der Anfang eines Gedichts, und &mdash; wie töricht!
-schalt er sich, denn wer ist hier arm und wer nicht?
-</p>
-
-<p>
-Magda sagte aufblickend: &bdquo;Ich fürchtete schon wieder
-tote Fische, aber hier sind sie geschickter gewesen.&ldquo;
-</p>
-
-<p>
-&bdquo;Ja, aber der Brunnen war hier immer,&ldquo; meinte Georg,
-&bdquo;nur das Licht ist neu.&ldquo;
-</p>
-
-<p>
-Angenehm gekühlt und gedankenverloren schaute er in
-das glitzernde, unablässig rinnende Rund, legte eine Hand
-hinein und schauderte wollüstig von der kalten Flut.
-Magda hatte die beiden Hände auf den Rand gestützt
-und stand leicht übergebeugt, er legte, ihr gegenüberstehend,
-sich neigend wie sie, die Hände auf die ihren, ihre Gesichter
-waren dicht voreinander, Magdas Augen hafteten &mdash; ihre
-fast brauenlosen Augenbögen zogen sich dabei zusammen &mdash;
-in den seinen mit leise schmerzlichem, bekümmertem, sorgendem
-Ausdruck, dann bewegte sie langsam das Antlitz
-vor, und ihre Lippen berührten die seinen, leicht wie eine
-Blume, die weht.
-</p>
-
-<p>
-&bdquo;Gott segne dich, Georg&ldquo;, sagte sie leise. &mdash; Er senkte
-den Kopf, ihm quoll das Herz.
-</p>
-
-<p>
-Ein Geräusch hörend sah er auf. Magda lehnte drüben
-an der Säule, in ihren Augen war ängstliche Verwunderung,
-und Georg sah dort, wohin sie blickte, nicht weit
-rechts neben sich Cora, geduckt wie ein Indianer, den Griff
-des Dolches gegen die Brust gestemmt, so daß die Spitze
-<a id="page-203" class="pagenum" title="203"></a>
-nach vorn stand, und Georg sagte, als er das sah, hohnerfüllt:
-&bdquo;Man stößt von unten, Cora, von oben macht
-man&rsquo;s bloß im Theater.&ldquo;
-</p>
-
-<p>
-Cora zeigte beide Zahnreihen; die Maske, dumm und
-grotesk aussehend, hielt sie in der linken Hand.
-</p>
-
-<p>
-&bdquo;Ja, was willst du denn nun eigentlich?&ldquo; fragte Georg
-ungeduldig und bewegte sich zu Magda hinüber.
-Indem flog Cora empor und auf Magda zu, den Dolch
-in der Hand, blindlings von oben stechend; Georg, wütend
-in Bewegung, stürzte mit halbem Leibe über das Becken,
-raffte sich mit schmerzender Hüfte auf, sah Magda mit
-vorgestreckten Armen nach Coras Handgelenken fassen,
-plötzlich schrie sie auf, taumelte zurück und mit der Stirn
-so heftig gegen Georgs Schulter, daß es in ihm dröhnte.
-Sie hing an ihm, preßte den Kopf an seine Brust, die
-Hand vor den Augen. War sie verletzt? Und wo? &mdash; Er
-verspürte eine schäumende Wut, auf Cora zu stürzen, die er
-die Stufen hinunter ins Dunkel rennen sah, da verließ ihn
-alle Kraft, er mußte Magdas Gestalt zu Boden lassen,
-sie drehte das Gesicht weg, ihre Hand war so dunkel und
-fleckig im Schatten am Boden, er stand über ihr, da wurde
-der dunkle Boden, auf dem sie lag, zu dunkler Wiese, ihr
-Kleid färbte sich langsam rot, Georg roch mit fürchterlichem
-Grauen Kühe und Gras aus einer Entfernung von
-drei Jahren, er wich zurück, schlotterte, er stieß mit dem
-Hinterkopf an Stein, drehte sich um, stürzte Stufen hinunter,
-trat, niederbrechend, in weiches Gras, raffte sich
-hoch und stand.
-</p>
-
-<p>
-Ganz langsam drehte es ihn herum. Dort am Boden
-lag unverändert die Gestalt. Es wandte ihn wieder fort,
-<a id="page-204" class="pagenum" title="204"></a>
-durch Sekunden spürte er merklich, wie sein Inneres sich
-leerte. Er dachte noch: So ... also hier ist nun das
-Ende. &mdash; Leere und eine unendliche Schwäche machten ihn
-so leicht, daß er umzuwehen meinte, sein Kopf sank vornüber,
-zu seinen Füßen war Mauer, etwas tiefer ein dunkelwässriges
-Glitzern, in das es ihn wonnevoll hinabzog. Ah
-stürzen! dachte er, stürzen! &mdash; Dann fühlte er die Erlösung
-des Fallens.
-</p>
-
-<p>
-Aber dann klatschte sein Gesicht, seine Brust auf harte
-Wasserfläche, er versank, schlug mit den Armen um sich,
-entsetzliche weiche Bänder umschlangen ihm Hals und
-Gesicht, er war am Ersticken, gurgelte, schluckte, Wasser
-drang in gräßlichem Strom in seinen Mund, er bohrte in
-Todesangst den Kopf nach oben, da war Luft, er gurgelte,
-atmete, spie und rülpste Wasser aus, versank wieder,
-stieß mit den Füßen, riß sie aus Umstrickendem los, warf
-die Arme auseinander und merkte plötzlich, daß er
-schwamm.
-</p>
-
-<p>
-Nasses Haar hing ihm in die Augen und verwirrte sie;
-indem er es wegstreifte, machte ein riesiger Kanonenschlag
-sein Herz zusammenzucken, dann &mdash; zischend und johlend
-schoß eine blendend weiße Kurve in die Nacht hinauf,
-heulte ganz rasend, eine Bestie, die sich vor Wut schüttelte,
-zerfiel aber plötzlich in eitel staunenswerte Sanftmut
-vieler blauer Kugeln und silberner, blendend hell strahlender
-Sterne, ein wundersamer Regen &mdash;, jedoch da stürzte
-sich wieder ein fürchterliches Winseln und Jaulen, ein
-lang hintanzendes satanisches Hu&mdash;ih&mdash;ih&mdash;ih! in die
-Lüfte empor, es prasselte plötzlich überall, rote Streifen
-kreuzten sich emporschießend, es knatterte, rauschte, fegte,
-<a id="page-205" class="pagenum" title="205"></a>
-drei &mdash; unzählbare Feuerbögen jagten gegeneinander,
-rote Kugeln, goldflimmernde Sterne regneten von oben,
-es war blendend hell, da setzte eine riesige, von Golde brennende
-Sonne vor seinen Augen sich in Bewegung, Goldgarben
-aus ihren Rändern schleudernd, eine Feuergarbe
-nach oben, nach unten, nach rechts, nach links ausstoßend,
-Georg schwamm, richtete sich auf im Schwimmen, grunzte
-und schrie: &bdquo;Mit Feuerwerk &mdash; woll&rsquo;n wir zugrunde
-gehn!&ldquo; und schwamm, während das ganze Ufer hinunter
-die Raketen sich höllisch bekämpften, Sonnen über Sonnen
-sprühend, sausend und brausend entfesselt wurden, über
-finstere Baumkugeln gewaltige rote Wolken von unten
-nach oben wogten, in denen die Laubkugeln rötlich leuchteten;
-dazwischen huschten schwarze Gestalten, die Nacht
-war tageshell, das grüne Wasser lag deutlich vor Georg
-mit großen Flecken wie Morast in dem starken Licht, aber
-als das grenzenlose Toben, Zerstieben von Silberbüscheln,
-Heulen der Flammenbögen und das besessene sich Herumwirbeln
-der Garbensonnen nicht enden wollte, ermattete
-er jählings, gewann mit zerfallenden Armen ein Ufer,
-kroch die Böschung triefend, schaudernd und frierend hinauf,
-lag eine Weile keuchend, zuckte, schluchzte und wünschte,
-tot zu sein. Er schleppte sich höher empor, stand; eine
-Feuersonne vor ihm &mdash; ihr weißer Mast, an dem sie
-schwebte, war hell zu sehn &mdash; drehte sich langsamer, spie
-schnaufend ihre letzten zwei Garben nach unten, stand still
-und regnete aus. Georg ging besinnungslos auf die dunkle
-Stelle zu, jemand rannte gegen seine Schulter und fluchte,
-eine dunkle Gestalt huschte vor ihm ins Dunkel mit einem
-Stabe, dessen Spitze brannte, gleich darauf riß ein zischendes
-<a id="page-206" class="pagenum" title="206"></a>
-silberweißes Band sich aus dem Grase und wand sich
-mit ungeheurer Schnelle in den Himmel hinein. Georg
-taumelte weiter, kam an eine Hecke, wankte an ihr hinunter,
-brach durch eine Lücke, hörte das Feuergetöse gedämpfter
-hinter sich und ging, bei jedem Schritt vornüber
-fallend, hustend und von Frost geschüttelt weiter und
-weiter, stand endlich still und sah in der Dunkelheit rechts
-vor sich schweigend und gewaltig einen schwarzen Fabrikschlot
-himmelhoch vor sich stehn und auf ihn hinunterblicken.
-Irgendeine Bekanntschaft dieses Ungetüms veranlaßte
-Georg, die dämmrig sichtbare Straße zur Linken
-hinunterzugehn, er ging und ging, fiel vor Müdigkeit
-gegen Bäume oder Pfosten im Weg, machte nur von Zeit
-zu Zeit die Augen auf, um zu sehn, wo er war, und flüsterte
-sich unaufhörlich zu: Fort, nur fort, ach nur fort! nur fort!
-&mdash; Sinnlose Angst trieb ihn weiter und weiter, auf einmal
-sah er, die Augenlider schwer aufreißend, seltsam die Hinterfront
-des Schlößchens, die er erkannte, ganz nah zu seiner
-Linken, er ging draufzu, der Boden wich, er stolperte bergauf
-und bergunter, fiel, stand wieder auf und fiel wieder
-und stand wieder auf, und war plötzlich vor einer Mauer.
-Er ging daran hinunter, sie wurde von einem Gitter fortgesetzt,
-er begriff, daß er hinüber mußte, und plötzlich lag
-er drüben an der Erde mit schmerzenden Gliedern. Nun
-an Gebüschen hinunter streifend, fand er die kleine Brücke,
-ging hinüber und befand sich gleich darauf in einem Zimmer,
-das er gut kannte. Die Angst hetzte ihn weiter, ich
-will nur noch &mdash; dachte er, &mdash; er wußte nicht was, schlich
-mühselig ins nächste Zimmer, hindurch und durch noch
-eines und fiel gegen etwas weiches Dehnbares. Das Bett
-<a id="page-207" class="pagenum" title="207"></a>
-... flüsterte er, er sank zu Boden, rollte um, sein Kopf
-füllte sich mit Feuer, er lag und zuckte.
-</p>
-
-<p>
-Jählings fuhr er auf, da er Stimmgewirr und Schritte
-vernahm. Er kniete und richtete sich auf, erkannte im
-Halbdunkel den Raum, die Fenster, ging auf eines zu,
-streifte den Vorhang seitwärts, hakte den Riegel auf und
-stieg über die Brüstung ins Freie. Draußen stand er zitternd
-und todmüde, schlich ins Gebüsch, entsetzte sich vor
-einer Helle, die von der linken Seite über ihn fiel, sah all
-seine Fenster hell werden, sprang ins Dickicht und schlug
-sich durchs Gezweige weiter, bis er ins Freie und Dunkle
-kam. Der Stall ... flüsterte er, schlich über den Hof,
-hakte die Tür auf und atmete unsäglich dankbar den Geruch
-des Pferdes. Dann wurde es Nacht um ihn.
-</p>
-
-<div class="chapter">
-
-<h3 class="chapter" id="subchap-0-1-9">
-<a id="page-208" class="pagenum" title="208"></a>
-Neuntes Kapitel
-</h3>
-
-</div>
-
-<h4 class="section">
-Zimmer
-</h4>
-
-<p class="first">
-Renate lag nackend auf dem Rücken schräg über ihr
-Bett hin, schlaff neben sich Arme und Hände, die Füße
-hingen nach unten. Wie sie hingesunken war im Dunkeln,
-so lag sie, glaubte, schon Stunden zu liegen, schwer atmend,
-das Hirn im Feuer aller durchhinzuckenden Bilder
-des Tages. Losgefesselt von ihr jagte es haltlos durch ihre
-geschlossenen Augen, flatterte in Fetzen, wirbelte eins ins
-andre, und ineinander und auseinander zog und ergoß
-sich schon, was sie als Bild vor Augen sah und was sie
-im Halbschlaf träumend selber mit lebte. Sie glaubte, ein
-Bild aus einem Kinderbuche zu betrachten, eine Wiederfindung,
-harte Holzschnittfarben, aber es waren Klemens
-in seinem bäuerlichen Kleid und Irene, die über dem Zaun
-zusammenhingen, zum Bilde erstarrt. Sie ritt auf dem silbernen
-Pferd, fühlte sich gewiegt von den weichen Gängen,
-Ulrika stand am Weg, hielt das Pferd fest, weinte und
-sagte: So laß dir doch endlich erzählen, was geschehn
-ist! &mdash; Eine rote, brennend rote Uniform ohne Kopf wirbelte
-in ein Zimmer herein und fuhr wieder hinaus, &mdash; der
-Satan! sprach Jason mit warnend erhobenem Zeigefinger.
-Unter sich sah sie Rücken und Hinterbeine der Elefanten sich
-vorwärts bewegen, sie wurden kleiner und kleiner, es waren
-Hunde, weiße, kleine, sie erschrak und dachte: Sollen die
-den riesigen Wagen ziehn? aber das geht doch nicht, man
-muß es den Leuten sagen, daß es nicht geht! &mdash; Plötzlich
-hörte sie sich seufzen und schlug die Augen auf.
-</p>
-
-<p>
-<a id="page-209" class="pagenum" title="209"></a>
-Neben ihr, beinah über ihr, sah sie die seitwärts gerafften
-Vorhänge des Fensters und den matten Glanz
-einer offenen Scheibe, aber es kam keine Kühle herein.
-Dann blendete sie von drüben der schmale senkrechte Lichtspalt
-der angelehnten Tür; sie konnte sich nicht entschließen,
-hinzugehn und das Licht zu löschen. Gott sei Dank,
-dachte sie ergeben, wenigstens ist es Nacht! Weit zurück
-in der Zeit glaubte sie die Heimkehrgeräusche der Andern
-zu hören, Schritte treppauf, Türen, &mdash; sie legte den aufgerichteten
-Kopf wieder hin und war wieder hineingerissen
-in den feurigen Strudel, Bilder aus der biblischen Geschichte,
-sie selber war darunter, der verlorene Sohn kniete
-vor seinem Vater, &mdash; abseits, verfinstert, stand Erasmus,
-sie seufzte und fand sich gleich darauf liegend auf dem kleinen
-Rasenplatz im Gartendickicht, Ulrika beugte sich weinend
-über sie und bat: Wach doch auf, um Gottes willen wach
-doch auf, sonst ist es zu spät! aber sie konnte die Lähmung
-nicht abschütteln, rang mit dem Nacken, spürte endlich ihr
-wirkliches Genick, das sich löste, und brachte den Kopf in
-die Höhe.
-</p>
-
-<p>
-Da! &mdash; sie fuhr entsetzt zusammen, &mdash; es schlürften
-Schritte nebenan! Eine Stimme fragte: &bdquo;Schläfst du
-schon, Renate?&ldquo; Es war Josef.
-</p>
-
-<p>
-&bdquo;Nein, Josef, was ist denn?&ldquo; fragte sie zitternd.
-</p>
-
-<p>
-&bdquo;Verzeih nur,&ldquo; sagte er, &bdquo;ich sah im Garten unten
-dein Licht und kam herauf. Ich glaubte, du habest &sbquo;Herein&lsquo;
-gesagt, und eben hörte ich dich rufen ...&ldquo;
-</p>
-
-<p>
-&bdquo;Habe ich gerufen? Ja, wie spät ist es denn?&ldquo;
-</p>
-
-<p>
-&bdquo;Es wird bald elf Uhr sein, ich dachte, du gingest vielleicht
-noch etwas ins Freie mit mir ...&ldquo;
-</p>
-
-<p>
-<a id="page-210" class="pagenum" title="210"></a>
-Erst elf Uhr? fragte sie sich bitter enttäuscht, legte die
-heiße Stirn gegen den Handballen und bemühte sich, zu
-denken. Ja, am Wasser war es vielleicht kühl, zu schlafen
-war unmöglich. &bdquo;Ich komme gleich, Josef!&ldquo; rief sie leise.
-Sie wartete dann, hörte ihn durchs Zimmer zurückgehn,
-einen Stuhl rücken, erhob sich lautlos, schlich zur Tür und
-machte sie leise zu. Dann stand sie tief aufatmend, suchte
-ihre Kleider, die weiß am Boden vor dem Bett lagen, ihr
-Kopf schmerzte heftig, sie kleidete sich hastig an, machte Licht
-überm Spiegel, aber nachdem sie, mit geblendeten Augen
-kaum ihr Spiegelbild wahrnehmend, eine Flechte aufgelöst
-und neugeflochten hatte, brachte sie mehr nicht fertig, ließ die
-Zöpfe hängen, ging zur Tür und trat leise ins Nebenzimmer.
-</p>
-
-<p>
-Josef saß vor dem Schreibtisch, ihr den Rücken wendend,
-die Hände um das übergelegte rechte Knie geschlossen, und
-sah zu der kleinen, schneeweiß leuchtenden Gipsbüste des
-Ech-en-Aton empor. Wieder wie immer, da sie den
-kleinen Königskopf im zarten Licht der gelben Schirmlampe
-unten schimmern sah, erfüllte seine gesteigerte Süße
-und Schönheit sie mit leisem Schreck. Die Zartheit des
-schrägen Profils, der unbeschreibliche Ausdruck der flachen,
-ganz wenig nach außen abhängenden Augen, das wunderbare
-Kinn, die himmlische Blüte der küssend immer gewölbten
-Lippen und &mdash; vielleicht das Wunderbarste &mdash;
-am Halse die senkrechten beiden Muskelfalten, leise schattend
-und unsäglich lebendig &mdash; all dies auf dem Grunde
-grüner, schimmernder Blätter und Ranken, im Zwielicht
-so weiß, zart und locker wie von frischem Schnee &mdash; hielt
-lange ihre Augen fest, während sie hinter Josef trat, die
-Hände auf seine Schultern legte und leise sagte:
-</p>
-
-<p>
-<a id="page-211" class="pagenum" title="211"></a>
-&bdquo;Ich danke dir &mdash; heute erst &mdash; für ihn. Er war mir
-fremd im Anfang. Aber nun ist er mir von Tag zu Tag
-und von Jahr zu Jahr unbeschreiblicher und lieber geworden.&ldquo;
-</p>
-
-<p>
-&bdquo;Er wächst&ldquo;, hörte sie Josef sagen, &bdquo;wie eine Blume,
-die Jahr um Jahr köstlicher blüht. Er blüht und wächst
-für sich selbst, aber wer ihn ansieht, über den wächst er
-selig hinaus und nimmt nur die schauenden Augen mit
-sich hinauf. Als ich hier saß, war er mir fast schon ein
-Stern geworden, bis du kamst und er wieder nahe, klein
-und lieblich wurde, &mdash; denn wir sind unten.&ldquo;
-</p>
-
-<p>
-Er sprach sehr leise. Sie schwieg und hörte bald darauf
-seine Stimme wieder:
-</p>
-
-<p>
-&bdquo;Wasser sind wir; ja, wir sind das Wasser. Wir sind
-das Fließende, immer sich Gleichende, nur Wellen, nur
-Wellen, eine der andern ganz gleich, eine verfließend zur
-andern, immer das nämliche Weinen und Traurigsein,
-nämliche Lachen und Stehn und Nichtwissen, Schluchzen
-auf Steinen und Schluchzen in Kissen, und Vergehn.
-</p>
-
-<p>
-&bdquo;Du aber bist aus dem dämmernden Strom von uns
-Andern getaucht ...
-</p>
-
-<p>
-&bdquo;Du trägst den reinen Spiegel an der Stirn, &mdash; o du
-Delfin des Lichts!
-</p>
-
-<p>
-&bdquo;Du bist der Fisch, der selige Tummler im Klaren, du
-weidest einsam durch die Wogenscharen, schon lange halb
-durchgotteten Gesichts!
-</p>
-
-<p>
-&bdquo;Du bist des Wachstums zarteste Lieblichkeit, wie eine
-Blume in Bescheidenheit &mdash; erglüht dein weißes Antlitz ...
-</p>
-
-<p>
-&bdquo;Die Sonne spreitet hundert goldne Hindernisse, Delfin,
-Delfin, du überschaukelst sie getrost dahin ...
-</p>
-
-<p>
-<a id="page-212" class="pagenum" title="212"></a>
-&bdquo;Du wiegst dich schnelle durch das Ungewisse, denn
-deine Reinheit war von Anbeginn. &mdash; Du kamst voll
-großer Freude aufgetaucht, Lüfte küssend, trunkener Delfin,
-Göttern ähnlich, so erlaucht, weil die Strahlende erschien.
-</p>
-
-<p>
-&bdquo;Nun stehst du in Sternen vielleicht als uns funkelndes
-Bild, &mdash; näher der Ewigen als wir, bald in die Flamme
-getaucht, die uns den düsteren Scheitel umraucht. Wir
-sind das Wasser, sind hier ...&ldquo;
-</p>
-
-<p>
-Er hatte bei den letzten Worten die Fingerspitzen leicht
-auf ihre Hände gelegt, die noch auf seinen Schultern
-waren. Sie schwieg noch eine Weile, seinen Worten nachlauschend,
-durchschaudert und gekühlt von Schauen und
-Lauschen, aber indem sie zu sagen im Begriff war, wie
-glücklich sie sei, daß er wieder hier war, bewegte er sich unter
-ihr, streifte ihre Hände sanft fort und stand auf. Undeutlich
-erblickte sie nahe über sich sein Gesicht im Schatten,
-die entstellte Hälfte erschreckte sie nicht. &bdquo;Laß uns nun
-gehn&ldquo;, sagte er; sie nickte dankbar lächelnd und ging vor
-ihm hinaus.
-</p>
-
-<h4 class="section">
-Wehr
-</h4>
-
-<p class="first">
-Bald waren sie im Finstern außerhalb des Gartens
-unter den Bäumen. &bdquo;Gieb acht!&ldquo; warnte Josefs Stimme
-hinter ihr, sie fühlte seine Hand an ihrer linken. &bdquo;Kannst
-du mich denn sehn?&ldquo; lachte sie leise. &bdquo;Dein weißes Kleid&ldquo;,
-hörte sie sagen, glitt ihm davon, wäre aber fast an einen
-Pfosten der Schaukel gestoßen, sah nach oben blickend
-das Schwarze des Gerüstes gegen die mattere Dunkelheit
-<a id="page-213" class="pagenum" title="213"></a>
-und zwei Sterne, wandte sich und sagte: &bdquo;Hier ist die
-Schaukel.&ldquo; Er antwortete nicht. Sie fragte: &bdquo;Josef?&ldquo;
-&bdquo;Hier!&ldquo; hörte sie weit rechts hinter sich seine Stimme,
-drehte sich, ging weiter, vorsichtig um den Schatten eines
-breiten Baumstamms, fühlte die harten Falten der Borke
-und sah Josefs Schattengestalt unter sich im Freien gegen
-den grauen Grund der Wiese. Wie kühl war es hier schon!
-&mdash; Sie holte ihn ein, seine feierliche Stimme klang wieder
-in ihrem Ohr: O du Delfin des Lichts! &mdash; &mdash; So hatte
-die Heimkehr zum Vater ihn doch tiefer ergriffen ... Aber,
-als sei noch ein andrer Ton in seiner Stimme gewesen,
-mußte sie nun, die rechte Hand in seinen Arm schiebend,
-sagen: &bdquo;Du hast so abschiednehmend gesprochen, Josef,
-als wolltest du morgen schon wieder davon.&ldquo;
-</p>
-
-<p>
-&bdquo;Nun, wie lange meinst du denn, daß ich bleibe?&ldquo;
-fragte er freundlich. Sie konnte nicht antworten, da sie
-sich nun fragen mußte, ob hier wirklich eine Stätte für
-ihn sei, und so wanderten sie wortlos weiter auf dem Sandweg.
-Der Himmel war besät mit den Sternen, die klein
-waren im warmen Dunst der Nacht; dunkel lagen die
-Wiesen. Josef blieb stehn, gleich darauf auch sie, sich zu
-ihm wendend.
-</p>
-
-<p>
-&bdquo;Höre einmal,&ldquo; sagte er leicht, &bdquo;was ich noch fragen
-wollte ... Wußte &mdash;, oder sagen wir: weiß Erasmus
-eigentlich, daß du mit dem Herzog verlobt bist?&ldquo;
-</p>
-
-<p>
-Renate versuchte sich zu besinnen. &bdquo;Ja, warum fragst
-du? Ich glaube wohl. Nein &mdash; das heißt, &mdash; ich sagte
-es ja bei Tisch, als er nicht da war.&ldquo;
-</p>
-
-<p>
-&bdquo;So&ldquo;, bemerkte Josef, vor seine Füße blickend. &bdquo;Ich
-dachte, als du im Zelt &mdash;&ldquo;
-</p>
-
-<p>
-<a id="page-214" class="pagenum" title="214"></a>
-&bdquo;Ach ja, Josef,&ldquo; rief sie rasch, im Gefühl, von etwas andrem
-reden zu müssen, &bdquo;ich wollte dich ja auch immer etwas
-fragen. Nun fällt mirs wieder ein, da du vom Zelt redest!&ldquo;
-</p>
-
-<p>
-&bdquo;Nun?&ldquo;
-</p>
-
-<p>
-&bdquo;Warum hast du dich mir eigentlich heut gezeigt?&ldquo; Sie
-trat auf ihn zu, liebevoll. &bdquo;Hast du doch geahnt, daß ich
-dich brauchte? Oder was trieb dich?&ldquo;
-</p>
-
-<p>
-Er antwortete nicht, sondern sah sie nur fest an durch
-die Dunkelheit. Alsdann wandte er das Auge fort und
-trat zur Seite.
-</p>
-
-<p>
-&bdquo;Die Antwort&ldquo;, sagte er, in das Dunkel der Wiesen
-blickend, &bdquo;ist nicht leicht. Du fragst nämlich nach meinem
-Geheimnis. Ich werde es dir gleich erklären. Ja,&ldquo; hörte
-sie ihn mit einer schönen Ruhigkeit fortfahren, &bdquo;das Geheimnis
-meines Lebens. Es hat endlich &mdash; vor einigen
-Tagen &mdash; seine Lösung gefunden; und also wurde es Zeit,
-zur Versöhnung zu schreiten.&ldquo;
-</p>
-
-<p>
-&bdquo;Mit deinem Vater?&ldquo; fragte sie hastig, und er erwiderte
-mit gesenkter Stimme: &bdquo;Jawohl&ldquo;, &mdash; aber das
-klang wie eine Verneinung, und er setzte eilig hinzu:
-&bdquo;Versöhnung, ja, wenn du das Wort in einem sehr
-weiten Sinne &mdash;&ldquo; Er brach ab.
-</p>
-
-<p>
-Da waren sie am Zaun, gingen durch das schief
-wie immer zur Erde hangende Pförtchen, über die Brückenplanke
-und weiter den weichen Wiesenpfad, wo Renate
-seine Hand wieder losließ. Bald war das Rauschen
-des Wehrs zur Linken hörbar, über ihnen war der
-rote Himmel der Stadt. Renate bat: &bdquo;Komm ans Wasser!&ldquo;
-Sie bogen vom Wege ab und gingen unsicher und
-stolpernd über die sommerdürren Buckel der Wiese im
-<a id="page-215" class="pagenum" title="215"></a>
-tiefen Grund. Baumsilhouetten wuchsen über ihnen aus
-dem Dunkel, dann wurde die schwarze Linie des hohen
-Ufers sichtbar, da war der Hang, Renate stieg von Josef
-gestützt hinan, oben empfing sie das laute Brausen der
-stürzenden Wasser. Die Geländer der schmalen Holzbrücke
-waren zu sehn, die über den Fluß führte gerade dort, wo
-die Wasser abstürzten. Renate ging daraufzu und sah
-einen Augenblick mit leichtem Schwindel, umrauscht vom
-jähen Getöse, unter sich die dämmerweiße, schräge Ebene
-von Schaum, die ihren Blick in das tosende Wirrsal gelblich
-weißen Gischts hinunterriß und weiter hindurch, wo
-dies entströmte in die dunkle, langsam sich glättende Fläche
-des Stroms, wo gemauerte Wände dunkel standen, Bäume,
-und Sterne zu sehen waren. Sie faßte den dünnen Geländerbalken
-vor sich mit den Händen und gab sich dem
-Donner der Fluten und dem geheimnisvollen Niederschießen
-des Weißen hin, in aller Weite doch eingeengt durch die
-Betäubung des Ohrs; dann sah sie zu ihrer Linken dicht
-neben sich Josef auf dem Geländer sitzen, ganz dunkel.
-Unsicher hob sie die linke Hand und streckte sie nach ihm
-aus; er nahm sie, hielt sie mit seiner linken auf dem Oberschenkel
-und deckte die rechte darüber. Sie glaubte, ihn etwas
-sagen zu hören, verstand nichts und sah fragend in den
-dämmrigen Schein seines Gesichts. Nun beugte er sich
-näher und sagte, ihre Hand fahren lassend: &bdquo;Sei so gut
-und tritt etwas zurück.&ldquo;
-</p>
-
-<p>
-Sie tats unwillkürlich, doch war gleich hinter ihr das
-Geländer, an das sie sich lehnte.
-</p>
-
-<p>
-&bdquo;Kannst du meine Stimme verstehn?&ldquo; fragte er durch
-das Rauschen.
-</p>
-
-<p>
-<a id="page-216" class="pagenum" title="216"></a>
-Sie bejahte.
-</p>
-
-<p>
-&bdquo;Dann, mein Kind,&ldquo; fing er nach einer Weile wieder
-an, &bdquo;dürfte es an der Zeit sein, dir mein Geheimnis zu
-sagen. Wie dir bekannt sein wird, hat jeder Mensch sein
-Geheimnis, das nur der Tod oder höchstens die Geliebte
-erfährt. So erlaube mir, dich dafür anzusehn. Höre zu.
-Was in meinem Brief gestanden hat, dem Abschiedsbrief,
-das sind lauter Lügen gewesen. Nicht so gemeine, senkrechte
-Lügen, wie man sie alltäglich gebraucht, sondern
-feine, schräge natürlich, und zwar deshalb, weil da hundert
-Gründe für mein Fortgehn angegeben wurden, statt
-des einen wirklichen. Nun höre wohl zu ...&ldquo;
-</p>
-
-<p>
-Er schwieg Augenblicke lang, dasitzend schräg auf dem
-Geländer, eine Hand auf dem Knie, die er zu betrachten
-schien, während er mit gelassener Stimme fortfuhr:
-</p>
-
-<p>
-&bdquo;Der einzig und alleinige Grund, den ich dir nun zu
-verraten habe, war der: daß ich auszog, das Fürchten zu
-lernen. Lächle meinetwegen, Mädchen,&ldquo; sagte er, flüchtig
-aufblickend, &bdquo;du weißt nicht, was du tust. Sich nicht
-fürchten, denkst du, das ist weiter nichts, oder man nennts
-auch Tapferkeit, wovon ich freilich nicht rede. Wovon ich
-rede, das ist: sich nicht fürchten können und doch immer: sich
-fürchten wollen, fürchten müssen, ja einfach eine unwiderstehliche,
-eine maßlose, eine wütende Lust nach dem haben,
-vor dem sich grausen ließe. Verstehst du&rsquo;s vielleicht? Oder
-soll ich dirs erklären? Was mag es denn wohl heißen für
-einen Knaben, daß er Tiere langsam zu Tode martern
-muß und dabei warten, bis aus ihren nicht verstehenden
-Augen das Grauen überschlägt in die eignen? Nicht gefürchtet.
-Siehe auch einen Jugendlichen, der die kleinen
-<a id="page-217" class="pagenum" title="217"></a>
-Tiere satt hat, zum Schlachthof gehn und dem Totschläger
-der Bullen die Axt fortnehmen und Stiere und Rinder in
-Reihen erschlagen, um zu sehen, wie der Tod in ihre Augen
-und das Feuer darin zu blauer Asche tritt. Nicht gefürchtet.
-Ich habe gesehn, kann ich dir sagen &mdash; denn zum
-andern bekam ich naturgemäß die Gabe, immer dort zu
-sein, wo es etwas zu fürchten gab &mdash;, wie Menschen sich
-von Rädern zermalmen ließen. Nicht gefürchtet. Ich sah
-Menschen bei Feuersbrünsten aus Wolkenkratzern hüpfen
-wie die Flöhe und auf dem Pflaster unten zerspritzen wie
-Gefülltes. Nicht gefürchtet. Ich sah den Lift aus der
-Höhe herunter sausen und seinen zerquetschten, noch lebenden
-Inhalt im Kellerschacht. Nicht gefürchtet. Ich habe
-Männer bei langsamem Feuer rösten sehn &mdash; nicht gefürchtet;
-Kinder bei satanischen Messen lebendig zerlegen &mdash;
-nicht gefürchtet. Ich habe mir alle Arten der Hinrichtung
-besehn, Strick, Stuhl, Axt und Maschine. Ich sah in
-China Menschen, denen die Köpfe von zurückschnellenden
-Bambusbäumen ausgerissen wurden, die durch Tropfen
-von Wasser auf die bloßen Schädel zum Rasen gebracht
-wurden, &mdash; nicht gefürchtet, &mdash; Frauen, die bis an den
-Schoß in die Erde gegraben wurden, und denen ein
-schnellwachsendes Gewächs ... nicht gefürchtet. Ich habe
-alle diese Menschen zur Richtstätte führen, in Todesangst
-schlottern und wahnsinnig werden sehn &mdash; nicht gefürchtet.
-Ich &mdash;&ldquo;
-</p>
-
-<p>
-Plötzlich fühlte Renate, die ganz erloschenen Leibes mit
-zugefallenen Lidern gehört und gehört hatte, ihre Handgelenke
-von Händen ergriffen, sich vorwärts gezogen
-und ihre eine Hand mitten auf seine Brust gelegt. Sie
-<a id="page-218" class="pagenum" title="218"></a>
-konnte die Augen nicht aufbringen, als sie ihn jetzt sagen
-hörte:
-</p>
-
-<p>
-&bdquo;Da! Fühlst du mein Herz? Hier mitten in der Brust,
-nicht wie beim gemeinen Volk links oder gar rechts, da &mdash;
-kannst du den Schlag fühlen?&ldquo;
-</p>
-
-<p>
-Er zählte, und wie er langsam, langsam die Zahlen
-sagte, und sie mitzählte: &bdquo;Eins &mdash; &mdash; &mdash; zwei &mdash; &mdash; &mdash;
-drei &mdash; &mdash; &mdash; vier &mdash; &mdash;&ldquo;, hörte, fühlte sie die entsetzliche
-Langsamkeit des Schlagens darunter, kein Herz, ein
-eisernes Gangwerk, und Josef sagte:
-</p>
-
-<p>
-&bdquo;Spürst du&rsquo;s nun? Kennst du den Schlag? Er ist gar
-nicht so langsam, wie dirs vielleicht vorkommen mag, er
-ist der Schlag der Sekunde. Aber! Dies Herz, dieser
-Schlag ist nur in einem einzigen Augenblick meines Lebens
-schneller gegangen. Begreifst du, was das heißt? Ah,
-Kind, das heißt, sagen sie, daß meine Mutter mit diesem
-Uhrenschritt um die Sonnenuhr gegangen ist, als sie mich
-trug, um mich hart zu machen für das Leben. Ich kann
-mich nicht fürchten, Renate, nein, du brauchst mich nicht
-anzusehn, ich kann mich nicht fürchten, ich habe nur einmal
-&mdash; ja, hin und wieder einmal habe ich etwas gespürt,
-das von weitem &mdash; sehr von weitem, denn es war nur
-eine Möglichkeit, ein Reiz &mdash; aussah wie Furcht, ein süßer
-Hauch der letzten Zerstörung, des Grauens, und das war
-die Möglichkeit: dir Gewalt anzutun. Nun genug. Du
-weißt alles bis auf das Letzte. Nämlich: heut vor drei
-Tagen &mdash;, ja, heut vor drei Tagen habe ich das Fürchten
-&mdash; gelernt. Und das war freilich so, daß es mich jetzt
-wundert, daß ich es überlebte. Ich will dirs sagen. Ich
-habe &mdash;&ldquo;
-</p>
-
-<p>
-<a id="page-219" class="pagenum" title="219"></a>
-Plötzlich war sein zerspaltenes Gesicht so nah vor dem
-ihren, daß sein Mund fast den ihren berührte, daß sie
-nichts sah als die Gräßlichkeit des blinden zerflossenen
-Auges, während seine Stimme von unten her flüsterte
-oder zischte: &bdquo;Ich habe &mdash; mich selbst erschossen.&ldquo;
-</p>
-
-<p>
-Renate schloß die Augen, öffnete sie wieder. Josef
-saß wie vorher. Ihre Haut war kraus und eiskalt geworden
-am ganzen Leibe, sie glaubte kein Herz mehr zu
-haben, als sie von ihm fort sich am Geländer dahinschob.
-</p>
-
-<p>
-&bdquo;Ja, geh nur,&ldquo; hörte sie ihn noch sagen, &bdquo;für dich ist
-es Zeit. Geh nur zu, Kind!&ldquo; Er hob winkend die Hand.
-Sie entlief.
-</p>
-
-<p>
-Gleich darauf strauchelte sie über eine Unebenheit und
-gewahrte in der Wiesentiefe zur Linken eine Gestalt. Sie
-blieb stehn, die Gestalt kam näher; erst dunkel, ward sie
-grau; ihre Augen umklammerten sie angstvoll, sie wußte
-schon, wer es war, sie wollte nicht &mdash;, da kam er den Hang
-herauf, Erasmus, noch immer im Harnisch, barhaupt,
-und sie gefror. Aber ein jähes und wütendes Grauen trieb
-sie zwischen ihn und Josef, sie lief zurück.
-</p>
-
-<p>
-Josef stand aufrecht oben und rief jetzt mit heller
-Stimme:
-</p>
-
-<p>
-&bdquo;Hier bin ich, Erasmus, hier! Ich fürchte dich
-nicht!&ldquo;
-</p>
-
-<p>
-Da stand Erasmus oben wie ein Gespenst, schrecklich
-groß, sie konnte seine Augen sehn, die aus den Höhlen
-quellen wollten, er hielt beide Hände geballt vor der
-Brust, die wogte, &mdash; nie, schrie es in Renate, ist er in der
-Fabrik gewesen, er trägt ja immer die Rüstung noch! &mdash;
-Und sie riß aus dem zugewürgten Hals klingend ihre
-<a id="page-220" class="pagenum" title="220"></a>
-Stimme heraus und sagte: &bdquo;Erasmus? Ja, willst du
-denn &mdash;&ldquo; wirklich jetzt immer geharnischt gehn? wollte sie
-fragen, aber er schlug ihr die dünne Klinge, die sie vorstreckte,
-mit einer Keule nieder und mitten durch, indem
-er sagte: &bdquo;Du!&ldquo; sonst nichts, doch eben dies hob sie wieder
-ganzen Leibes so leicht, als ob sie flöge, und sie lächelte
-angstlos und sagte: &bdquo;Was hier geschehen soll, das wird
-nie geschehn.&ldquo;
-</p>
-
-<p>
-Im Augenblick darauf taumelte sie zur Seite, von
-einem Stoß oder &mdash; sie wußte es nicht, sie sah nur, in die
-Knie brechend und nun von Sinnen vor Angst, Erasmus
-dastehn, als stürze er vornüber und hörte ihn, keuchend,
-schäumend, gurgelnd:
-</p>
-
-<p>
-&bdquo;Endlich &mdash; ists &mdash; soweit. &mdash; Du! Mörder! Dieb!
-Mutter&mdash;mörder. &mdash; &mdash; Gestohlen &mdash; &mdash; Mutter hast &mdash; &mdash;
-mir gestohlen ... Vater &mdash; Liebe &mdash; &mdash; gestohlen. Liebe &mdash;
-immer, immer &mdash; gestohlen, immer &mdash; stohl ... nun &mdash;
-nun &mdash; stehlen &mdash; diese &mdash; die &mdash; willst &mdash; diese &mdash; du &mdash; du &mdash;
-verlorner Sohn! Abrechnen &mdash; rech &mdash; ich &mdash; Jahre geduld
-&mdash; &mdash; geduldet. &mdash; &mdash; Alles &mdash; alles &mdash; alles &mdash; getan &mdash; &mdash;
-rechnet, ge &mdash; &mdash; schunden, Blut unter &mdash; Blut &mdash; &mdash; und &mdash;
-nun, nun, nun &mdash; auch diese &mdash; Re &mdash; &mdash; Renate. Weg!
-du! weg du! weg, weg! Oh &mdash; uh &mdash; weg!&ldquo;
-</p>
-
-<p>
-Renate legte die Hände auf die Augen und drehte sich
-um. Sie machte einen Schritt, strauchelte und glitt den
-Abhang hinunter, brach unten auf die Knie, richtete sich
-schwer und mühsam auf und sah nun ruhig staunenden
-Blutes hoch über sich alles rot und in dem Rot eine ungeheure
-Gestalt, die eine andre wagerecht über sich hochgehoben
-hatte.
-</p>
-
-<p>
-<a id="page-221" class="pagenum" title="221"></a>
-Da floh sie besinnungslos in das Dunkel, lief, im Fallen
-unzählige Male sich aufraffend, lief, ihr Kleid riß, sie
-packte es mit den Händen und hob es vorn und lief, hakte
-mit dem Fuß an Latten, riß ihn los, ihr Atem versagte,
-sie lief, blindlings einem bleichen Streifen am Boden
-folgend, keuchte und lief eine Schräge hinauf, wich einem
-Baum aus, der ihr jählings schwarz entgegentrat, und
-indem schmolz aus ihren Knien alle Kraft. Sie glitt
-vornüber und nieder, raffte sich wieder hoch, fiel gegen
-den Baum und schrie, ihn mit den Armen umklammernd:
-&bdquo;Das war die erste!&ldquo; Sie hing und sah sich selber im Dunkel,
-in ihrem weißen Kleid, in einem jahrfernen Traum, in die
-Knie gleiten und wieder aufrichten, und stammelte: Die
-Verneigungen, die Verneigungen, die Verneigungen ...
-nun kommen die Verneigungen, oh Gott! &mdash; und sie lief
-weiter, sie war im Garten, in der Veranda, im Flur, &mdash;
-da mußte sie halten.
-</p>
-
-<h4 class="section">
-Treppenhaus
-</h4>
-
-<p class="first">
-Einen Augenblick lang in großer Leere des Herzens
-mußte sie plötzlich erkennen, daß die Angst, die eben noch
-hinter ihr gewesen, vor ihr war; vielmehr war es nicht
-Angst, sondern nur ein leises Grauen, mit dem sie etwas
-Unheimliches über sich, im Treppenhaus witterte, und
-da wagte sie es, dem zu entfliehen, und bewegte sich bis
-zur Haustür hinüber, wo sie, jetzt gelähmt, stehen blieb
-und sich umwandte.
-</p>
-
-<p>
-War denn Licht im Treppenhaus oder nicht? Wie
-seltsam helle es dämmerte! Weiß stieg die Treppe mit
-<a id="page-222" class="pagenum" title="222"></a>
-dem blauen Läufer bis zur ersten Biegung, von da aus
-das weiße Geländer. Und jetzt wußte sie: oben war etwas;
-das kam herunter. Kein Mensch, ein Tier, ein riesiges
-Tier, wild, sie hörte schon das langsame Treten der
-Tatzen von Stufe zu Stufe, das rauhe Fell, das am Geländer
-schräge nach unten sich hinabschob und scheuerte,
-sie roch den wilden heißen Dunst, und ihr Herz stand still.
-Gleich darauf tauchte der riesige weiße Kopf des Tigers
-oben hinter dem Geländer auf, die Lichter glommen auf
-in den gedehnten Augen, er wandte das Gesicht herum.
-Plötzlich saß er auf der Plattform, ganz still, die weißen
-Tatzen vor sich, und Renate sah das furchtbare, streifig
-bemalte Tiergesicht in einem Kranz weißer Mähnenhaare,
-sah, vom wilden Atem auf und nieder bewegt, die
-gelben, roten und schwarzen Streifen der Flanken. Der
-lange Schweif legte sich nach vorn, er duckte den Kopf,
-schloß die Augen und war verschwunden.
-</p>
-
-<p>
-Sie stieg langsam die Treppe hinauf ohne andres
-Empfinden als die furchtbare Mühsal des Steigens. In
-ihrem Zimmer drückte sie die Handballen gegen die Stirn,
-stand und hörte sich stöhnen. Sie sah einen schwarzen
-Menschenkörper in einer ungeheuren Höhe schweben, und
-dann klatschte Wasser. Wieder stieg in ihr das Grauen,
-sie wankte vorwärts, ertastete den Türvorhang, fiel dagegen
-und an dem weichenden hin auf den Fußboden.
-</p>
-
-<p>
-Renate lag totenstill. Alles war still geworden. Sie
-bewegte die klebrigen Lippen und lallte: Nichts ... Es
-war ja nichts. Nichts ist geschehn. &mdash; Sie hob den Kopf
-hoch, tastete nach ihrem Haar, entsetzte sich vor dem
-Rauhen ihrer eignen Flechte und gelangte mühselig auf
-<a id="page-223" class="pagenum" title="223"></a>
-die Knie. So lag sie eine Weile zitternd, stellte sich dann
-auf die Füße, tastete nach der Bettstelle, fühlte das Holz,
-machte zwei Schritte und setzte sich auf den Bettrand.
-Wankend vor und zurück fühlte sie, daß sie ohnmächtig
-wurde, aber im selben Augenblick mußte sie aufhorchen.
-Es waren Schritte auf der Treppe. Langsam kam es
-herauf, Fuß um Fuß, Stufe um Stufe, sie erhob sich
-und ging vor, trat in die Tür, lehnte sich mit Rücken und
-Kopf gegen den Pfosten und flüsterte: Sein Vater &mdash;
-kommt, nun &mdash; nun wollen wir Rede stehn. &mdash; Sie
-lächelte.
-</p>
-
-<p>
-Langsam kamen die Schritte über den Flur näher,
-immer ein wenig lauter, und nun war alles still vor ihrer
-Tür. Sie wartete gefühllos. Ihre Augen, im Dunkel
-irrend, sahen die Fenster, und weiß den kleinen Schein
-der Gipsbüste in der Luft. Nun ging die Tür auf; da
-stand Erasmus. Sie sah seine Augen, die nicht Augen
-mehr waren, sondern nur Entsetzen. Dann hörte sie eine
-Stimme leise sagen:
-</p>
-
-<p>
-&bdquo;Ich hab&rsquo;s &mdash; getan.&ldquo; Er schluckte. Sie sah seine
-Hände, die sich einander näherten, dann rieb die eine die
-Knöchel der andern. &bdquo;Nun,&ldquo; sagte er unendlich leise,
-&bdquo;nun steht, auf der Treppe, steht &mdash; &mdash; Gott &mdash; Vater,
-mit dem Licht und sagt &mdash; &mdash; wo &mdash; wo ist ...&ldquo;
-</p>
-
-<p>
-Renate sah den alten Mann oben stehn und die Treppe
-hinunterleuchten. Aber als die Erscheinung verschwunden
-war, wurde ihr leichter um die Brust, sie sah die Gestalt
-des Erasmus in der Tür sich wenden, sie löste sich vom
-Türrahmen und ging zu ihm; da fühlte sie wieder das
-Grauen, biß die Zähne auf die Lippe und sagte: &bdquo;Erasmus
-<a id="page-224" class="pagenum" title="224"></a>
-...&ldquo; Sie mußte die Augen schließen, hörte einen
-Fall und fühlte seine Hände in den ihren und sein Gesicht.
-Dann sah sie ihn vor ihr knien, machte eine Hand los,
-legte sie auf seinen Kopf und fing an, ihn zu streicheln.
-Er weinte und sagte kindisch mehrere Male: &bdquo;Er sollte ja
-nur weg ...&ldquo; Dies dauerte eine Weile, dann war Erasmus
-plötzlich verschwunden, sie saß vor dem gelben Schirm
-ihrer Lampe am Tisch, sah über sich das weiße Antlitz
-Ech-en-Atons unverändert, oder lächelte es nun? Dann
-war nichts mehr.
-</p>
-
-<h4 class="section">
-Hörsaal
-</h4>
-
-<p class="first">
-Renate hing verzweiflungsvoll am Drücker einer Tür,
-rüttelte mit aller Kraft und brachte sie nicht auf. &mdash; Ja,
-was ist denn? fragte sie sich, ablassend. Es war dunkel;
-was sie in der Hand hielt, war der Türdrücker an Reinholds
-Wohnung, sie sah die dunklen Fenster neben sich,
-Blumenstöcke und Gardinen. Da fühlte sie wieder ihre
-Angst, sie weinte: Ich muß ja fort, ich muß ja fort! &mdash;
-Indem hörte sie links hinter sich ein Knarren, die große
-Einfahrt bewegte sich, Reinhold kam herein mit seiner
-Frau. Im selben Augenblick auch schon saß Renate in
-ihrem Automobil und sah durchs Fenster die Straßenlaternen
-vorbeiziehn. Kaum hatte sie dies gesehn, so
-flammte es vor ihr und ward wieder Nacht, sie erschrak
-und sah, daß sie durch die Stadt fuhr, daß unaufhörlich
-Schwerter von einfallender Helle und Dunkel vor ihr in
-den Wagen schnitten, und nun sah sie im schmalen
-Spiegel gegenüber ihr Gesicht. Jetzt kommen Leute, dachte
-<a id="page-225" class="pagenum" title="225"></a>
-sie, sammelte sich, so gut sie konnte, und sah, daß sie in
-einem goldenen Mantel saß; ich hab ihn verkehrt umgenommen,
-dachte sie, es schadet nichts. &mdash; Sie schloß einen
-Haken am Halsausschnitt der Tunika, beugte sich vor
-und sah im Spiegel ihre Augen, sehr dunkel und tief in
-den Höhlen. Man sieht mir nichts an, dachte sie verwirrt,
-saß in einer großen Leere und merkte, daß der
-Wagen stillstand. Doch fuhr er gleich wieder, ein Gesicht
-kam ganz nah an die linke Scheibe, sie drückte Haupt und
-Rücken an und saß aufrecht, die Arme nach beiden Seiten
-gestreckt, und zitterte. Sie hörte dumpfes Brausen, die
-Lider sanken ihr zu, unter ihr sah sie die gelbliche Schaumfläche
-des Wehrs, es zog sie hinunter, sie warf den vorübersinkenden
-Kopf zurück und stöhnte: Oh Gott, wie
-lange dauert diese Qual! &mdash; Heftig erschreckend fiel ihr
-ein, ob Reinhold denn überhaupt wußte, wohin sie wollte,
-sie rückte ans Fenster, sah die Alleebäume dunkel, umwogt
-von menschlichem Getümmel, dachte inbrünstig an den
-Herzog, an alle Beruhigung, an Schlaf. Jetzt wurde die
-Wagentür aufgerissen, Reinholds Gesicht war draußen,
-sie raffte Mantel und Kleid und dachte: Zusammennehmen
-...
-</p>
-
-<p>
-Langsam stieg sie aus, ging zu der breiten Freitreppe
-der Universität vor und hinauf. Es schwirrte vor ihren
-Augen, groß und größer wurde der dunkel glänzende Fleck
-ihres violetten Kleidrocks, auf den sie hinuntersah, sie
-glaubte vornüber zu fallen, und erreichte mit Mühe die
-oberste Stufe. Ein Mensch, ein bunter, ein Türsteher,
-fragte sie etwas, sie antwortete: &bdquo;Zum Herzog.&ldquo; &bdquo;Seine
-Königliche Hoheit &mdash;&ldquo; hörte sie sagen und unterbrach:
-<a id="page-226" class="pagenum" title="226"></a>
-&bdquo;Herzog Trassenberg.&ldquo; Der Mann verbeugte sich und
-ging fort.
-</p>
-
-<p>
-Renate stand in einer Halle, sah einen breiten Korridor
-mit Türen zur Rechten und ging im ohnmächtigen Verlangen,
-nur sitzen zu können, hinein. Musik ... sagte sie,
-aufhorchend, ein Klavier ... Eine helle, singende Stimme
-schmetterte unverständliche Worte, sie ging daraufzu, eine
-Tür neben ihr stand halboffen, sie sah drinnen eine
-Wand mit einer schwarzen Tafel, darunter ein Podium
-und ein Katheder. Ach, dachte sie, ein Hörsaal ... Weiter
-vortretend, gewahrte sie unterhalb des Podiums Kopf und
-Rücken eines Menschen, der vor einem Flügel saß, spielte
-und zu einem Mädchen mit Haarschnecken an den Ohren
-aufsah, das in der Einbuchtung des Flügels stand, ihn
-lächelnd ansah und sang. Nun wurde auch das Profil
-des Spielenden sichtbar, ein hängender Schnurrbart,
-große hängende Nase und fliehende Stirn mit schwermütigen
-Brauenbögen; sie sah das nach hinten gestrichene,
-lang fallende Haar und glaubte den Menschen zu kennen.
-Die Schultern waren braun, Frackschöße hingen zwischen
-den Stuhlbeinen, oben darüber brannte eine harte Flamme,
-die ihre Augen blendete. Ach, Benno ists! dachte sie dankbar,
-da sitzt er nun und spielt ... Renate fühlte es rieseln
-im Herzen, sie lehnte sich an den Türrahmen, die Augen
-der Sängerin bewegten sich zu ihr, aber sie sang weiter,
-obschon sie betroffen schien und die Augen nicht wieder
-abwenden konnte. Ihr Gesicht war weiß wie eine Blüte,
-die Augen glitzerten blank und dunkel, die Backenknochen
-schienen etwas vorzustehn, sie sah munter und herzlich
-aus, und als sie nun wieder lächelte, mußte Renate es
-<a id="page-227" class="pagenum" title="227"></a>
-auch tun, während eine zarte, auf und nieder schwebende
-Melodie ein weiches Band um ihr Herz wand und wieder
-davon abzog und sie die Worte hörte: &bdquo;Der mich ins
-Zimmer trägt, mir in die Hand &mdash; Wärmend ein Herz
-giebt mit Glutenbestand.&ldquo; Dann wechselte die Tonart in
-Moll: &bdquo;Kommt jetzt der Winter mit Schloßen und
-Schnein ...&ldquo; sang das Mädchen wehmütig, fragend,
-wartete ein Weilchen auf einer Fermate in der Höhe und
-endete mit kurz und trübselig hervorgestoßenen Lauten in
-der Mittellage, eintönig: &bdquo;Frier&rsquo; ich am Feuer und blase
-hinein ...&ldquo; während aber dahinter die Klaviermusik in
-einem lustigen Spottgelächter einen rauschenden Dur-Aufschwung
-nahm und abspringend, wie ein landender Vogel,
-mit zwei, drei Sprüngen prasselnd endete.
-</p>
-
-<p>
-&bdquo;Bravo!&ldquo; sagte Benno hochentzückt, &bdquo;Du hast herrlich
-gesungen, ganz herrlich!&ldquo;
-</p>
-
-<p>
-&bdquo;Guck mal da!&ldquo; antwortete die Sängerin, &bdquo;da steht
-Fräulein von Montfort!&ldquo;
-</p>
-
-<p>
-Benno drehte sich um und sprang auf; sein heißes und
-gerötetes Gesicht wurde ganz dunkelrot, als er mit vielem
-Dienern auf Renate zukam, die Arme schlenkernd nach
-außen bewegte und lächelte und etwas stammelte mit
-seiner gebrochenen Stimme.
-</p>
-
-<p>
-&bdquo;Guten Abend, Benno,&ldquo; sagte Renate ihm die Hand
-reichend, &bdquo;war das von Ihnen? Ach, machen Sie&rsquo;s noch
-mal, es war so lieblich, bitte, wollen Sie so gut sein?&ldquo;
-fragte sie das Mädchen, in dem sie nun Bennos Braut
-erkannte, und das gleich bereit war. &bdquo;Heliodora gebietet,&ldquo;
-sagte sie zu Benno, der sich maßlos wand und zierte, &bdquo;also
-los!&ldquo;
-</p>
-
-<p>
-<a id="page-228" class="pagenum" title="228"></a>
-&bdquo;Es ist aber ganz unbyzantinisch&ldquo;, suchte Benno sich
-herauszuwinden. &mdash; Renate schwindelte es plötzlich, sie
-beherrschte sich mühsam, ging auf eine graue Bank zu
-und setzte sich. Bald darauf hörte sie das Klavier wieder,
-ihr schien, wehende Gartenzweige gingen vor ihr auf und
-nieder und die Sonne brannte. Aus Vogelgezwitscher
-schmetterte eine singende Stimme:
-</p>
-
-<div class="poem-container">
- <div class="poem">
- <div class="stanza">
- <p class="verse">Lieblich ist Sommer mit Ähren und Mohn,</p>
- <p class="verse">Ach und die Bäume entlaubten sich schon ...</p>
- </div>
- </div>
-</div>
-
-<p class="noindent">
-Die Stimme, während das Klavier rumorte und aus der
-Fassung zu kommen schien, wurde wehmütig und murmelte:
-</p>
-
-<div class="poem-container">
- <div class="poem">
- <div class="stanza">
- <p class="verse">Warfen die Kleider hin, steigen ins Grab;</p>
- <p class="verse">Werf ich die Schuhe, die Kleider jetzt ab,</p>
- <p class="verse">Find&rsquo;t mich doch keiner, der eilig und gut</p>
- <p class="verse">Um mich den Mantel der Zärtlichkeit tut ...</p>
- </div>
- </div>
-</div>
-
-<p class="noindent">
-Die Stimme schwieg, das Klavier suchte murmelnd
-und ein wenig schnüffelnd wie ein unruhiges Tier im Baß,
-Renate öffnete die Augen, glaubte Schritte zu hören, da
-erschien die rote Uniform und das Gesicht des Herzogs
-mit fragenden Augen. Es waren noch Menschen da,
-aber er schloß die Tür hinter sich. Renate bewegte sich
-nicht, sah ihn nur unendlich erquickt und beruhigt an,
-nur mit ihrer Haltung andeutend, daß gesungen wurde
-und nicht zu stören sei.
-</p>
-
-<p>
-&bdquo;Der mich ins Zimmer trägt, mir in die Hand &mdash;&ldquo; hörte
-sie wie vorhin, die Worte entgingen ihr, gegen Ende
-stand sie langsam auf, der Herzog bewegte sich vor, und
-sie faßte seine Hände. Es war still.
-</p>
-
-<p>
-&bdquo;Danke schön, Benno,&ldquo; sagte Renate den Kopf neigend,
-&bdquo;dank Ihnen tausendmal, kleines Fräulein! Und &mdash;
-<a id="page-229" class="pagenum" title="229"></a>
-Benno, &mdash; mir ist etwas eingefallen, &mdash; ich möchte Sie
-gern um etwas bitten ...&ldquo;
-</p>
-
-<p>
-Sie sah das Mädchen bittend an, die verstand, nickte
-Benno zu, rief: &bdquo;Ich warte auf der Terrasse!&ldquo; und lief
-mit halbem Knicks vor dem Herzog hinaus.
-</p>
-
-<p>
-&bdquo;Dies ist Benno Prager,&ldquo; erklärte Renate, &bdquo;du kennst
-ihn wohl ...&ldquo;
-</p>
-
-<p>
-Benno mußte in seiner tödlichen Verlegenheit herkommen
-und dem Herzog die Hand geben. Da wurde
-wieder der Boden und alles umher weich und löste sich
-um sie, auf einmal saß sie, sah das besorgte Gesicht des
-Herzogs nahe über sich, drückte ihm die Hände und sagte
-leise: &bdquo;Nichts &mdash; fragen, Liebster, ich &mdash; ich darf noch
-nicht denken. Nur ein wenig ausruhn!&ldquo; bat sie müde.
-Mit geschlossenen Augen raffte sie nun ihre Gedanken
-zusammen, merkte, daß hinter ihr etwas Hinderndes war,
-an das sie nicht rühren durfte, öffnete die Augen und
-sagte:
-</p>
-
-<p>
-&bdquo;Es ist nur, &mdash; ich kann nicht zu Hause schlafen heut
-nacht. Ich dachte erst an dich, aber &mdash;&ldquo; es gelang ihr
-zu lächeln &mdash; &bdquo;was sollst du mit mir? Benno, nicht
-wahr?&ldquo;
-</p>
-
-<p>
-&bdquo;Aber,&ldquo; fiel der Herzog ein, &bdquo;Georg kann ja im Stadtschloß
-&mdash; &mdash; ja,&ldquo; unterbrach er sich, &bdquo;was das nur mit
-Georg sein mag?&ldquo; Und nun glaubte Renate zu erkennen,
-daß er selber in Aufregung war. &bdquo;Ist etwas mit Georg?&ldquo;
-fragte sie.
-</p>
-
-<p>
-&bdquo;Ach ...&ldquo; Er zauderte. &bdquo;Ich weiß ja nicht. Er ist
-verschwunden. Um Mitternacht sollte doch große Huldigung
-sein vor der Universitätsterrasse, im Garten, und
-<a id="page-230" class="pagenum" title="230"></a>
-jetzt gehts auf Viertel &mdash;&ldquo; Er warf den Arm aus dem
-Ärmel vor, um nach der Uhr auf seinem Handgelenk zu
-sehn, und murmelte erschreckt: &bdquo;Gleich halb eins.&ldquo;
-</p>
-
-<p>
-Renate schwieg und mußte die Augen schließen vor
-Schwäche. Sie hörte sprechen, es rauschte in ihrem Gehör.
-Die Lider mühsam aufbringend, sah sie aus weiter
-Ferne den Herzog und Benno miteinander sprechen, doch
-kamen sie näher, als sie selber den Mund öffnete.
-</p>
-
-<p>
-&bdquo;Wir können vielleicht&ldquo;, sagte sie, &bdquo;so lange in Georgs
-Zimmer sein, bis bei Benno zurechtgemacht ist, &mdash; Benno,
-nicht wahr? Sie haben ja einen so schönen Diwan ...&ldquo;
-</p>
-
-<p>
-Benno schien erlöst, daß es nicht sein Bett sein sollte,
-rang die Hände und konnte vor Dienstbereitschaft, Peinlichkeit
-und Wonne kein Wort hervorbringen.
-</p>
-
-<p>
-Alessandro Stradella ... las Renate fortwährend in
-kleiner, mickriger Kreideschrift an der Wandtafel, dahinter
-eine ausgewischte Jahreszahl und, etwas darunter: Pugiani.
-&mdash; Alessandro Stradella, sagte der Herzog nun, &mdash;
-was wollte er denn damit? &mdash; Sein Gesicht und das
-Bennos entfernten sich unaufhörlich und schwebten wieder
-näher, &mdash; nein, um Gottes willen, flüsterte Renate sich
-zu, du mußt dich doch zusammennehmen!
-</p>
-
-<p>
-&bdquo;Wollen wir gehn?&ldquo; fragte sie und sah lächelnd vom
-Einen zum Andern. &bdquo;Ihr dürft mich nicht auslachen, daß
-ich so mitten in der Nacht ankomme! &mdash; Benno, und wie
-reizend war das kleine Lied!&ldquo; Sie lachte leise, erhob sich,
-wäre aber zurückgesunken, wenn sie nicht allen Willen
-aufgeboten und sich zornig angeherrscht hätte. Sie ging
-mit halbgeschlossenen Augen, an der Treppe nahm sie
-Bennos Arm, bald darauf saß sie in einem Wagen und
-<a id="page-231" class="pagenum" title="231"></a>
-fühlte, daß er rollte. Es dauerte nicht lange, sie sah
-Benno vor sich aussteigen, nahm seine Hand und trat
-auf die Erde. Dann war sie in Georgs Zimmer, das sie
-erkannte.
-</p>
-
-<h4 class="section">
-Schlafzimmer
-</h4>
-
-<p class="first">
-Sie saß in einem Sessel und sah undeutlich den roten
-Rücken des Herzogs sich entfernen, ein Türrahmen war
-herum, er wurde kleiner in einer andern Tür, die Augen
-fielen ihr zu, sie öffnete sie wieder, da sie die Stimme des
-Herzogs nahe über sich hörte. Sie sah ihn lächeln, während
-er sagte:
-</p>
-
-<p>
-&bdquo;Dieser Georg! Hier hat er noch ein Zimmer, komm
-nur, das ist wie für dich erfunden.&ldquo;
-</p>
-
-<p>
-Sie stand müde lächelnd auf, nahm seinen Arm und
-ließ sich davonführen. Es ist wie als Kind, dachte sie ergeben,
-die Augen geschlossen, wenn ich mit Vater blind
-spielte ... &bdquo;Kann ich nun aufmachen?&ldquo; fragte sie leise,
-öffnete die Augen und sah den Herzog lächeln ohne zu
-verstehn.
-</p>
-
-<p>
-Nahe vor ihr stand ein Diwan, dunkelviolett wie ihr
-Kleidrock mit lichtfarbigen Kissen. Große schwarze Reiher
-flogen schön über Vorhänge, und hinter dem Herzog war
-das gelblichweiße Gewoge und Gewölk eines großen Himmelbetts.
-Sie sah es zweifelnd an, witterte leicht mit der
-Nase und sagte: &bdquo;Ich weiß nicht ...&ldquo;
-</p>
-
-<p>
-Langsam gegen das Himmelbett vorgehend, blickte sie
-zwischen den gerafften Falten hinein und sah einen schönen
-und großen, blauen Schmetterling auf dem Kopfkissen
-<a id="page-232" class="pagenum" title="232"></a>
-stecken. &bdquo;Nein, sieh, Woldemar,&ldquo; sagte sie, &bdquo;das scheint
-doch für jemand anders ...&ldquo;
-</p>
-
-<p>
-Plötzlich kreiste das Bett vor ihr, der Schmetterling
-wurde zu vielen, die sich auseinander schoben und umher
-zuckten, sie fiel vornüber und sammelte den Rest ihrer
-Kraft, um den Schmetterling nicht zu zerdrücken, faßte
-darunter, fühlte sich im selben Augenblick aufgehoben
-und sanft niedergelegt. Eine Weile war es schwarz um
-sie her, aber sie konnte die Lider wieder heben. Der Herzog
-stand deutlich vor ihr, besorgten Auges, sie fing an,
-die Ordensreihe auf seiner Brust zu zählen, deren Kreuze
-übereinander gelegt waren. &bdquo;Wie die Schmetterlinge&ldquo;,
-sagte sie ganz leise und sah, daß sie den blauen noch in der
-Hand hielt. Sie steckte ihn mit schweren und lahmen
-Händen auf den Brokatstreifen vor ihrer Brust, die Augen
-fielen ihr darüber zu, sie dachte erschreckend: ich muß es
-ihm doch sagen, er muß es doch wissen! Schon saß sie
-wieder aufrecht, blickte hart und fest in seine Augen empor
-und sagte, kaum ihre Stimme vernehmend:
-</p>
-
-<p>
-&bdquo;Du mußt noch wissen ... Es ist etwas &mdash; geschehn.
-Nein, laß nur,&ldquo; wehrte sie todmüde ab, da er eine beschwichtigende
-Bewegung machte, &bdquo;einmal muß es doch
-sein. Nun &mdash; mußt du &mdash; ganz verstehn,&ldquo; brachte sie in
-Absätzen hervor, &bdquo;willst du?&ldquo; Er nickte.
-</p>
-
-<p>
-Eine Weile war alles fort, sie konnte sich an nichts
-mehr erinnern. Endlich dämmerte es langsam wieder, sie
-hielt sich mit beiden Augen an den verschwimmenden
-Linien der weißlichen Wässerung in einer orangefarbenen
-Schärpe und sagte, seine Hand fassend:
-</p>
-
-<p>
-&bdquo;Josef ist &mdash; tot. &mdash; Erasmus ...&ldquo;
-</p>
-
-<p>
-<a id="page-233" class="pagenum" title="233"></a>
-Da merkte sie, daß ihr Kopf sich ganz tief neigte, und
-dann lag sie wieder. Sie brachte mit unsäglicher Mühe
-die Lider hoch, sah das Gesicht des Herzogs und hörte ihn,
-gütig zuredend, sagen: &bdquo;Nun mußt du aber schlafen ...&ldquo;
-</p>
-
-<p>
-&bdquo;Erasmus&ldquo;, flüsterte sie sehr leise, &bdquo;ist böse, nicht?&ldquo;
-Der Herzog nickte und nahm ihre Hand. &bdquo;Aber Josef,&ldquo;
-sagte sie heller und froh, &bdquo;Josef ist gut! Ist er nicht
-gut?&ldquo; fragte sie, sich schnell aufrichtend.
-</p>
-
-<p>
-&bdquo;Liebes Kind,&ldquo; hörte sie den Herzog sagen, &bdquo;du drückst
-mir das Herz ab, es ist ja nun genug! &mdash; Mein Gott,&ldquo;
-stöhnte er ganz erschüttert, saß da neben ihren Füßen und
-hielt die Stirn in der Hand, &bdquo;mein Gott, es ist ja fürchterlich,
-wie du dich aufrecht gehalten hast!&ldquo;
-</p>
-
-<p>
-Ach, dachte Renate, da ist schon wieder einer, dem ich
-den Kopf streicheln soll! &mdash; Sie legte die Hand auf sein
-Haar und hörte sich ferne sagen: &bdquo;Haltung, lieber Freund,
-giebt es ganz umsonst, wenn das Schicksal seinen Tribut
-&mdash; &mdash;&ldquo;
-</p>
-
-<p>
-Sie verlor das Ende des Satzes und sank zurück. Aber
-sie konnte nicht stilliegen, schlug plötzlich die Augen wieder
-auf und sagte mit kleiner Stimme: &bdquo;Du meinst vielleicht,
-&mdash; weil sein Gesicht &mdash; weil er &mdash; &mdash; nur noch halb
-ist ... Aber weißt du, &mdash; er hat ja eine &mdash; &mdash; Ergänzung,
-&mdash; oh, eine schöne! Das glaub nur ja nicht, daß sie nicht
-gut paßt, sie ist ja von einem Chinesen! Sieh, nun weißt
-du&rsquo;s!&ldquo; sagte sie triumphierend und dachte: wie vernünftig
-ich doch sprechen kann, er merkt sicher nichts. &bdquo;Und siehst
-du,&ldquo; fing sie wieder an, unterbrach sich aber und sagte:
-&bdquo;Hast du&rsquo;s gehört? Siehst du, habe ich gesagt, und Ulrika
-behauptet, daß ich immer &sbquo;weißt du&lsquo; sage, aber das tue
-<a id="page-234" class="pagenum" title="234"></a>
-ich gar nicht. Nein, siehst du, Josef, &mdash; du mußt nicht
-denken, daß er es nicht gewußt hat. Oh, Josef ist so gut,
-so gut, er ist ein solcher Held, er sagte: ich fürchte mich
-nicht! &mdash; Das sagte er, und es lauerte doch, weißt du,
-immer lauerte es schon, unter den Bäumen, wo die Schaukel
-ist, weißt du, und dann in den Wiesen, am Wehr, oh
-wie das rauschte, hörst du? ganz laut &mdash; höre ich es ...&ldquo;
-Sie schöpfte Atem, bewegte den Kopf hin und her und
-sprach heiß und eilig weiter: &bdquo;Kein Wort, hörst du wohl,
-kein Wort hat er gesagt, so saß er da, du mußt es seinem
-Vater sagen, daß er kein Wort gesprochen hat, er war
-ein Held, war er nicht? &mdash; <span class="antiqua">Was not he?</span>&ldquo; flüsterte sie, &bdquo;das
-ist englisch ... Ach, meine Stimme &mdash; will gar nicht mehr&ldquo;,
-sagte sie heiser und gequält und merkte, wie ihr die Worte
-erloschen.
-</p>
-
-<p>
-&bdquo;Schlaf nun, du mußt wirklich schlafen&ldquo;, sagte jemand.
-</p>
-
-<p>
-&bdquo;Muß ich?&ldquo; fragte sie lächelnd mit geschlossenen Augen.
-</p>
-
-<p>
-&bdquo;Ja, ja, du mußt&ldquo;, sagte die gute Stimme wieder.
-</p>
-
-<p>
-&bdquo;Dann will ich gern, wenn du&rsquo;s sagst&ldquo;, flüsterte sie
-gehorsam, drehte den Kopf auf die Seite und machte die
-Augen fest zu. Gleich aber öffnete sie die Lider wieder,
-lachte leise und fragte: &bdquo;Ists so recht?&ldquo;
-</p>
-
-<p>
-Sie hörte noch ein Gemurmel, seufzte tief, streckte sich
-und empfand dankbar die Dunkelheit.
-</p>
-
-<h4 class="section">
-Schlafzimmer (das andre)
-</h4>
-
-<p class="first">
-Doch stürzte sich jetzt ein peitschender Knall mitten durch
-ihr Herz. Sie schnellte hoch, schrie auf: &bdquo;Erasmus! Du
-darfst nicht, du darfst nicht mehr!&ldquo; Ein wütender Ingrimm
-<a id="page-235" class="pagenum" title="235"></a>
-jagte sie auf, da knallte es wieder, sie fiel innerlich
-zusammen, wankte gegen Hartes, fühlte einen Türdrücker,
-riß und zerrte ohnmächtig daran, endlich schlug
-die Tür nach außen auf, es war blendend hell, der rote
-Waffenrock ... bläulicher Dampf &mdash; &mdash; und wieder ein
-Knall und scharfes Pfeifen dicht neben ihr ... Dahinten
-stand in der Tür ein Mensch, schwarzbärtig; aber sie
-kannte ihn, sie rang nach dem Namen, sie mußte ihn rufen,
-der Herzog hob den Stock und rief wütend: &bdquo;Du bist
-verrückt, Schurke, wirst du endlich aufhören!&ldquo; Menschen
-warfen sich herein, packten ihn, er schüttelte sich mit ihnen
-herum, es knallte wieder, Renate, am Türpfosten hängend
-mit Kopf und Rücken, wand sich und schrie plötzlich:
-&bdquo;Sigurd!&ldquo;
-</p>
-
-<p>
-Da fielen ihm die Arme herunter, sie sah Sigurds Nase
-und bestürzte Augen, dann den Herzog, der an einer Badewanne
-lehnte und schwankte. Sie lief zu ihm, kniete vor
-ihn hin, stützte seine Stirn, er machte die Augen weit auf,
-lächelte und sagte leise: &bdquo;Es ist ja nichts. Ein Streifschuß,
-&mdash; oder ...&ldquo;
-</p>
-
-<p>
-Nun giebt es zu tun, dachte Renate, aber sie bewegte
-sich nicht, lehnte matt in der Tür zum Badezimmer, bis
-ihr einfiel, was sie suchte, eine Waschschüssel, doch war
-keine zu sehn. Es rauschte, laut und lauter rauschte es in
-ihren Ohren. Sie drehte sich wieder um, da lag der Herzog
-furchtbar groß auf dem Bett mit riesigen, spiegelblanken
-Reiterstiefeln an den Füßen; seine linke Hand, die herunterhing,
-war ganz rot, und das Blut tropfte eilig an den
-Boden und bildete eine Lache. Menschen standen herum,
-die Tür ging auf, eine Waschschüssel, in der ein Handtuch
-<a id="page-236" class="pagenum" title="236"></a>
-lag, wurde hereingetragen, Renate ging draufzu und
-nahm sie aus den Händen eines zitternden alten Mannes,
-kniete neben dem Herzog nieder, setzte die Schüssel hin
-und wusch die Hand, es war keine Wunde daran.
-</p>
-
-<p>
-&bdquo;Ein Messer,&ldquo; sagte Renate, hatte gleich darauf ein
-Taschenmesser in der Hand und trennte die Ärmelnaht
-auf, schnitt und riß den Ärmel ab, knöpfte die Manschette
-auf, streifte den Hemdärmel hoch und sah am Oberarm
-einen klaffenden Riß, den sie wusch. Impfnarben kamen
-groß und zerflossen zum Vorschein, sie drückte das Handtuch
-auf den Riß und sah, einen Augenblick dahockend, das Gesicht
-des Herzogs, sonderbar still und bleich mit geschlossenen
-Augen. Er atmete. Und sie dachte, da er so in sich gekehrt
-dalag: Das kann doch von dem Riß nicht kommen ...?
-</p>
-
-<p>
-Schritte kamen, ein Gesicht mit einem spitzen Bart neigte
-sich von oben, eine Hand nahm stillschweigend das Messer
-aus ihrer Hand und fing an, die Schärpen durchzuschneiden.
-Sie begriff und hakte den Waffenrock von unten auf,
-ließ es aber, da das Blut wieder vom Arm lief, nahm das
-zusammengepreßte, nasse Handtuch auseinander und wickelte
-es, so fest sie konnte, um die Wunde. Mit dem
-Taschenmesser, das sie wieder auf dem Boden liegen sah,
-schnitt sie das Ende des Tuches auf und knotete es fest. &mdash;
-Nun konnte sie die Brust des Herzogs sehn, ganz schwarz
-von krausem Haar, darunter sehr weiß, und in der Nähe
-der bräunlichen Brustwarze war ein kleiner Fleck. Plötzlich
-fühlte sie, daß sie sich in ihrer hockenden Stellung
-nicht mehr halten konnte, und stand auf.
-</p>
-
-<p>
-Etwas Blaues und Weißes schaukelte zur Erde. Jemand
-hob es auf und gab es ihr: es war der Schmetterling
-<a id="page-237" class="pagenum" title="237"></a>
-mit den Schleifen. Sie behielt ihn in der Hand, ging
-vorwärts und atmete kühle Luft. Der Garten, sagte sie,
-trat durch eine Tür, lehnte die Flügel hinter sich aneinander
-und sank mit dem Rücken dagegen. Sie sah das
-Schwarze von Bäumen, eine dunkle Lücke darin und zwei
-weiße Sterne, der rechte ein wenig tiefer als der linke. Sie
-konnte die Augen nicht abwenden von ihnen, ihr Blick
-war unendlich fest und ruhig, bändigte den ihren, bändigte
-ihr ganzes Herz und Dasein.
-</p>
-
-<p>
-Zu Gottes Ehr&rsquo; bin ich durch Feuer geflossen, hörte sie
-sagen, Matthias Zach hat mich gegossen, Hötting siebenzehnhundertundachtzig.
-&mdash; Sie lächelte und wiederholte
-willenlos: Zu Gottes Ehr&rsquo; bin ich durch Feuer geflossen ...
-Wie still und kühl es war! Nur das Rauschen hielt an.
-&mdash; Hötting siebenzehnhundertundachtzig, Matthias Zach
-hat mich gegossen ... Eine alte Glocke hing still im Gestühl,
-Schwalben schrien, kleine Engelsköpfe von Bronze
-glänzten dunkel auf der Glockenspitze, und sie las die Inschrift:
-Matthias Zach hat mich gegossen ... Die Sterne
-flackerten ganz wenig, als ob der Wind sie bewegte, der
-durch den Garten kam. Ein Tropfen näßte kühl ihre
-Stirn. Es fängt an zu regnen, dachte Renate und wandte
-sich um.
-</p>
-
-<p>
-Hinter den Glasscheiben sah sie, daß die Tür zum Flur
-geöffnet wurde, jemand kam groß, bleich und schwarzbärtig
-die Stufen herab, die Hände auf dem Rücken, &mdash;
-Sigurd. Renate öffnete die Tür, trat ein, ging zum Fußende
-des Bettes, sah das bleiche und verschlossene Gesicht
-des Herzogs, unter einer wollenen Decke die Umrisse seines
-Körpers, und neben sich in der Tür den Arzt.
-</p>
-
-<p>
-<a id="page-238" class="pagenum" title="238"></a>
-Der Herzog öffnete die Augen, lächelte bei ihrem Anblick,
-fragte dann: &bdquo;Ist er da?&ldquo; Renate nickte.
-</p>
-
-<p>
-Ein Offizier in blauer Polizeiuniform bedeutete Sigurd
-vorzutreten, &mdash; da stand auch ein Schutzmann. &mdash; Der
-Herzog wandte das Gesicht herum, betrachtete lange den
-Dastehenden, der bei Renates Anblick den Kopf senkte,
-fragte dann mit leiser Stimme: &bdquo;Was hat das &mdash; zu bedeuten?&ldquo;
-</p>
-
-<p>
-Sigurd schwieg. &bdquo;Ich verrate nichts&ldquo;, sagte er endlich,
-den Kopf hebend, und senkte ihn gleich wieder.
-</p>
-
-<p>
-&bdquo;Sie sollen nichts&ldquo;, sagte der Herzog, &bdquo;verraten. Ich
-will &mdash; wissen, wie ich &mdash; zu der Ehre komme ...&ldquo; Er
-hob mühsam den Kopf, blickte zornig und brachte knirschend
-hervor: &bdquo;Haben Sie mich denn weiß Gott mit
-meinem Sohn verwechselt?&ldquo;
-</p>
-
-<p>
-Sigurd schien erstaunt. Ob er denn nichts wisse, fragte
-er nach Sekunden, zögernd. Der Herzog bewegte den
-Kopf, und Sigurd sagte mit einem eigentümlichen, irren
-Aufleuchten der Augen: &bdquo;Er liegt in &mdash; der Gracht. &mdash;
-Nicht ich!&ldquo; setzte er hastig und laut hinzu, &mdash; &bdquo;er stürzte
-hinein, ich &mdash; ich sah es von weitem.&ldquo;
-</p>
-
-<p>
-Renate sah die Brust des Herzogs auf und nieder gehn,
-sein Atem rasselte, er stöhnte: &bdquo;Unsinn! er kann schwimmen!&ldquo;
-</p>
-
-<p>
-&bdquo;Er kam nicht wieder hoch&ldquo;, sagte Sigurd.
-</p>
-
-<p>
-&bdquo;Ach, in Teufels &mdash; Namen,&ldquo; keuchte der Herzog, &bdquo;was
-wollen Sie &mdash; dann von mir?&ldquo; Sigurd hob den Kopf, blickte
-glänzend geradaus und sagte kurz: &bdquo;Den Nachfolger.&ldquo;
-</p>
-
-<p>
-Der Herzog sah ihn nur an. &bdquo;Wir wissen alles&ldquo;, erklärte
-Sigurd nicht ohne Stolz.
-</p>
-
-<p>
-<a id="page-239" class="pagenum" title="239"></a>
-&bdquo;Und &mdash; und der Sinn des Ganzen?&ldquo; fragte der Herzog
-leise. Sigurd blickte Renate mit flackernden Augen
-an und sagte: &bdquo;Ich will es der Dame erklären, wenn sie
-verspricht, es nicht vor morgen abend weiterzusagen ...&ldquo;
-</p>
-
-<p>
-Der Herzog blickte Renate fragend an, sie winkte Sigurd
-mit den Augen und ging ihm voran in das Zimmer
-mit dem Himmelbett; sie ließ ihn eintreten, lehnte die Tür
-hinter ihm an, Sigurd stellte sich dagegen und fing sofort
-an, die Augen niederschlagend, zu sprechen, heiser und
-halblaut:
-</p>
-
-<p>
-&bdquo;Er ist nicht der einzige. Es handelt sich um zweierlei
-gleichzeitig. Wir stehen vor einem Kriege. Die einzige,
-wirkliche Gefahr ist der Patriotismus in Deutschland oder
-das dynastische Gefühl. Nur in Deutschland giebt es Fürsten.
-Ich bin nur ein Glied in einem großen Plan, nach dem
-sie Alle fallen heute und morgen. Der Schrecken wird die
-Gemüter bändigen. Es folgt die soziale Erhebung. Renate,&ldquo;
-sagte er noch leiser, plötzlich das Gesicht und die
-schönen Augen hebend, die &mdash; o, sie sah es! &mdash; irre waren,
-ganz irre! &mdash; &bdquo;vor Ihnen muß ich mich nun verteidigen ...
-Was ich tat, war gut und &mdash; schwer.&ldquo;
-</p>
-
-<p>
-&bdquo;Ich weiß&ldquo;, sagte sie stumpf, während eine entsetzte
-Stimme in ihrem Herzen schrie: Er ist ja wahnsinnig, o
-Gott, er ist wahnsinnig! &mdash; Sigurd atmete tiefer. &bdquo;Ich
-wollte,&ldquo; sagte er, jählings flammend, &bdquo;den &mdash; den Andern,
-den Sohn, diesen &mdash;&ldquo;
-</p>
-
-<p>
-Gleich darauf lag er vor ihren Füßen auf der Erde, sie
-sah seine Hände von stählernen Ringen zusammengehalten
-und schauderte vor diesem Zeichen des Verbrechens. Sie
-fühlte sein Gesicht an ihren Knien, wollte es wegheben,
-<a id="page-240" class="pagenum" title="240"></a>
-aber eine schaurige Erinnerung zwang sie, die Hände auf
-seinem Kopf zu lassen: damals, als Esther tot war, damals
-kniete er so. &mdash; Und dann fuhr sie ein-, zweimal mit den
-Fingern durch das lockre und weiche Haar. &mdash; Hötting
-siebenzehnhundertundachtzig ... hörte sie, ihr Mund zuckte,
-sie streichelte wieder seinen Kopf, hörte ihn leise wimmern,
-fuhr, verzweifelten Herzens, fort, dem zerrütteten Haupt
-an ihren Knien mit den Händen wohlzutun und es zu beruhigen,
-und murmelte Worte, die sie nicht mehr verstand.
-&mdash;
-</p>
-
-<p>
-Er gehorchte und stand vor ihr, die geröteten Augen
-verstört, voll Schmerz und Feuer. Um seinen Mund zuckte
-ein Lächeln, da er sagte: &bdquo;Esther hat es ja nicht zu erleben
-brauchen ...&ldquo;
-</p>
-
-<p>
-Seine Blicke glitten an den Boden; als sie mit den ihren
-folgte, sah sie wieder den blauen Falter dort liegen, bückte
-sich und hob ihn auf.
-</p>
-
-<p>
-&bdquo;Immer&ldquo;, sagte sie leise zu Sigurd, &bdquo;liegt mir der
-Falter im Weg; sieh, wie ist er schön, und immer unverletzt.&ldquo;
-</p>
-
-<p>
-Sigurd schluchzte plötzlich auf und sagte: &bdquo;So wie du ...&ldquo;
-</p>
-
-<p>
-Sie schauderte, da wurde die Tür geöffnet, der Offizier
-erschien, auch der Arzt, der sie zum Herzog bat.
-</p>
-
-<p>
-Nun stand sie zu Füßen des Bettes. Das Gesicht des
-Herzogs war gelb. Er schlug die Augen auf, sah sie
-schmerzlich und mitleidig an und sagte sehr leise: &bdquo;Tut es
-noch immer weh?&ldquo;
-</p>
-
-<p>
-Renate senkte die Stirn, ohne zu verstehn, und er sagte
-wieder: &bdquo;Ich dachte, dir wäre längst besser &mdash; nun.&ldquo; Und
-nach einer langen Pause: &bdquo;Arme Helene ...&ldquo;
-</p>
-
-<p>
-<a id="page-241" class="pagenum" title="241"></a>
-Renate ging um das Bett zu ihm, schlug die Decke zurück,
-legte die Finger in seine Hand und drückte sie leise.
-Er hatte die Augen geschlossen.
-</p>
-
-<p>
-Eine Weile später sah sie die dunklen Pupillen wieder
-glänzen. &bdquo;Ach, Renate!&ldquo; sagte er, leise lächelnd und kaum
-vernehmbar; dann &mdash; mit einer langen Pause zwischen
-jedem Wort: &bdquo;Du &mdash; &mdash; warst &mdash; &mdash; sehr &mdash; &mdash; schön.
-&mdash; &mdash; Aber &mdash; &mdash;&ldquo;
-</p>
-
-<p>
-Lange Zeit kam nichts mehr. Sein Atem ging sehr rasselnd.
-Die Tür wurde plötzlich aufgerissen, ein halbes Gesicht
-fuhr herein und verschwand sofort: die Tür wurde
-sehr langsam zugezogen.
-</p>
-
-<p>
-&bdquo;Helene?&ldquo; hörte sie eine kraftlose Stimme sagen und
-nach langen Sekunden: &bdquo;bist &mdash; &mdash; du &mdash; &mdash; noch &mdash; &mdash;
-da? &mdash; &mdash; Ach so!&ldquo; sagte er dann.
-</p>
-
-<p>
-Renate stand auf und stellte sich in die Gartentür. Leise
-fiel im Dunkel der Regen. Auf dem vom Licht im Zimmer
-beleuchteten Wege sah sie ihren Schatten liegen,
-dessen Haupt im Schatten von Zweigen verschwand.
-Sie fröstelte, wandte sich um und trat wieder ans Bett.
-Vor ihr beugte der Arzt sich auf den Daliegenden, beugte
-sich tiefer, richtete sich nach Sekunden wieder auf, sah sie
-ernst an und nickte. Gleich darauf fing irgendwo ein
-Mensch laut zu weinen an.
-</p>
-
-<p>
-Renate warf noch einen Blick ohne Gefühl auf das
-gelbe, entfremdete, hager gewordene Gesicht, wandte sich
-ab und ging zur Tür, die vor ihr geöffnet wurde, ging
-zwischen Menschen hindurch über den Flur und trat in die
-Nacht und den Regen, wo Menschen im Halbkreis geschart
-im Laternenlicht standen. Sie ging geradesweges
-<a id="page-242" class="pagenum" title="242"></a>
-zwischen ihnen hindurch und weiter, steif in sich, kalt, unbeweglich,
-nur langsam ermüdend, aber sie ging weiter
-und weiter, bog um Hausecken, ging viele Straßen kreuz
-und quer, jemand redete sie an, sie blieb stehn und fragte:
-&bdquo;Ja, was wünschen Sie?&ldquo; und die Gestalt vor ihr drehte
-eilig um und entfernte sich. Sie ging weiter, schritt plötzlich
-auf ein riesengroßes, leuchtend weißes und vergittertes
-Fenster zu, das über ihr schwebte, erkannte eine hohe
-Mauer und bog um die nächste Ecke. Neben einem Hauseingang
-blieb sie stehn und sah zu den Fenstern auf. Drei
-erleuchtete gewahrte sie, sie hörte einen Fensterriegel, ein
-Schatten beugte sich heraus und verschwand gleich wieder.
-Sie konnte nicht mehr stehn, ging zur Haustür, faßte
-nach dem Türdrücker und lehnte sich in die Nische. Die
-Augen fielen ihr zu. Dann hörte sie einen Schlüssel im
-Schloß, die Tür bewegte sich, sie öffnete die Augen, erkannte
-im Dunkel Saint-Georges&rsquo; Gesicht und sagte leise
-und vorwurfsvoll: &bdquo;Aber Georges! &mdash; wo warst du
-denn den ganzen Tag?&ldquo; Seine Antwort vernahm sie
-nicht mehr.
-</p>
-
-<h4 class="section">
-Sterne
-</h4>
-
-<p class="first">
-Georg konnte sich nicht bewegen. Das weiße und blaue
-Pferd rannte in wütender Eile mit Renate bergunter, aber,
-obgleich sie laut um Hülfe schrie, lag er auf der Seite fest
-und konnte die überkreuz gefesselten Hände nicht bis zu
-der Pistole bringen, die dicht vor seinen Augen lag. Das
-Pferd galoppierte unaufhörlich, endlich hatte er nach fürchterlicher
-Mühe die Hände an der Pistole, aber sie war
-<a id="page-243" class="pagenum" title="243"></a>
-so groß wie ein Maschinengewehr, hatte keinen Lauf
-und einen unverständlichen Mechanismus von lauter Hebeln
-und Rädern, der Kolben war nicht zu finden, er
-ächzte und fluchte: &bdquo;Wer hat denn dies verrückte Ding hierhergestellt,
-damit kann man doch nicht schießen!&ldquo; &mdash; Aber
-plötzlich knallte es, jedoch ganz leise, und Georg sah einen
-kleinen Hahn sich bewegen und auf ein Zündhütchen fallen,
-und dachte: Sonderbar! Erst schießt es, und dann fällt
-erst der Hahn. &mdash; Der Hahn bewegte sich von selbst wieder
-in die Höhe, und nun fiel das Zündhütchen herunter,
-fiel ins Innere der Maschine zwischen die Hebel und
-Stangen, und Georg sah es unten unter der Tabulatur
-liegen, denn nun war es eine Schreibmaschine. Ach, nun
-weiß ich! dachte er und drückte eine Taste; sogleich knallte
-es, und noch einmal, und wieder, sooft er die Taste niederdrückte
-...
-</p>
-
-<p>
-Georg schlug die Augen auf und fand sich in einem
-Halbdunkel. Irgendwo mußte ein Licht sein, da berührte
-etwas Warmes und Weiches seine Stirn, und er sah dicht
-über sich einen großen Pferdekopf. Unkas, dachte er,
-merkte, daß er am Boden lag, und fror. Sein Kopf glühte,
-ihm war sehr elend, aber nun fiel ihm ein, daß er ja gesucht
-wurde, daß er fort wollte, fort mußte. Er stand auf,
-seine Glieder schmerzten heftig, er schwankte, ihm wurde
-tödlich übel, und an den Pfosten der Box gelehnt, erbrach
-er sich mit furchtbarem Krampf. Danach war ihm etwas
-leichter, er sah das Kopfzeug des Pferdes dahängen, nahm
-es herab, trat neben Unkas und machte es mit unsäglicher
-Anstrengung, mit immer wieder lahm herabfallenden Armen,
-notdürftig fest. Er ergriff einen Zügelriemen und
-<a id="page-244" class="pagenum" title="244"></a>
-zog das Pferd hinter sich her. Die Stalltür war angelehnt,
-er kam auf den Hof, sah im Vorwärtsgehn alle
-Fenster seiner Wohnung erleuchtet, auch einige darüber.
-Die arbeiten die ganze Nacht durch, dachte er spöttisch,
-aber wieder fiel ihm ein, daß er gefangen werden sollte,
-und er zog Unkas nach links hinüber in den Garten. Nun
-konnte er nicht mehr gehn, streifte Unkas den Zügel über
-den Hals und kletterte ächzend und verzweifelt auf seinen
-Rücken. &bdquo;Ja, nun geh, geh doch!&ldquo; flüsterte er. Das Pferd
-fing an zu gehn, er hielt sich an der Mähne fest, wankte
-mit geschlossenen Augen vor- und rückwärts, da stand das
-furchtbare Tier wieder still. Die Augen öffnend, sah
-Georg Wasser unter sich, daneben einen kreisförmigen
-Schattenriß strahlenartiger Latten, die den Weg am Wasser
-versperrten, begriff, daß er durch den Graben mußte, trieb
-Unkas mit Faustschlägen und den Absätzen hinein, und
-nun hörte er lange Zeit das schwere Planschen der Hufe
-im Wasser. Plötzlich ging es mit einem Ruck bergauf, er
-hielt sich fest, sah im Dunkel vor sich ansteigend den
-Pferdenacken, warf sich vornüber, und nun ging es wieder
-auf ebenem Boden weiter, entsetzlich langsam, und
-schließlich stand die Bewegung wieder still.
-</p>
-
-<p>
-Da funkelten Sterne ... Drei, fünf, viele, unzählbare
-standen in der Nacht und funkelten unablässig. Weiter
-oben am Himmel jedoch waren keine, und Georg wunderte
-sich, daß die Sterne nur noch unten waren. Ihre kleinen
-Feuer loderten, andre blinzelten nur leise, aber sie waren
-alle seltsam in Bewegung und funkelten ohne Unterlaß.
-Er sah wieder nach oben, ob dort noch immer keine seien,
-legte den Kopf in den Nacken, verspürte augenblicks einen
-<a id="page-245" class="pagenum" title="245"></a>
-knallenden Schlag und starken Schmerz am Hinterkopf
-und lag am Boden. Vor seinen Augen zuckte und sprang
-das Sterngewimmel aufgelöst durcheinander, nach einer
-Weile wurde es wieder ruhiger, jedoch eine wahnsinnige,
-tödliche Angst wälzte sich zermalmend über seine Brust; er
-glaubte zu sterben, alles wurde weich und schwarz um ihn
-her, die Augen fielen ihm zu, aber unverändert noch lange
-Zeit blieben im Dunkel ihm Sterne sichtbar, sich verlierend
-in eiskalte Finsternis, funkelnd und glitzernd unablässig.
-</p>
-
-<p class="end">
-Hier enden des siebenten Buches neun Kapitel
-oder dreimal soviel Stunden.
-</p>
-
-<div class="frontmatter chapter">
-<h2 class="part" id="chapter-0-2">
-<a id="page-247" class="pagenum" title="247"></a>
-<span class="line1">Achtes Buch.</span><br />
-<span class="line2">Hallig Hooge</span><br />
-<span class="line3">oder</span><br />
-<span class="line4">Die Kammern der Seele</span>
-</h2>
-
-</div>
-
-<div class="chapter">
-
-<h3 class="chapter" id="subchap-0-2-1">
-<a id="page-249" class="pagenum" title="249"></a>
-Erstes Kapitel: August
-</h3>
-
-</div>
-
-<h4 class="section">
-Renate an Magda
-</h4>
-
-<p class="date">
-am 1. nachmittags
-</p>
-
-<p class="adr">
-Magda!
-</p>
-
-<p class="noindent">
-Schon Nachmittag, und ich bin noch hier. Georges,
-der Dir diesen Zettel bringt, wird Dir sagen, daß ich bei
-ihm bin, und alles andre! Mitleid, Liebste, meine Sorge
-um Dich ist grenzenlos, wer wüßte wie ich, was der Herzog
-Dir war, aber ich kann nicht, kann nicht in das Haus
-kommen, wo Du bist! Ja, Grauen überstehn, aber hingehn,
-wo es ist? oh nein! Ach, zu Asche gebrannt, Kind!
-Genug, vergieb, komme zu mir, nein, komme nicht, hüte
-mir &mdash; umsonst, ich kann den Namen nicht schreiben, alles
-versagt.
-</p>
-
-<p>
-Georges gieb bitte ein Kleid für mich, Wäsche für Tag
-und Nacht, und was sonst nötig. In meinem Festkleid
-&mdash; ich sitze da wie eine Irre. Georges&rsquo; Bruder trat mir
-Kammer und Bett ab. Morgens als ich aufstand, da
-war alles leer, nur ein Zettel von Georges&rsquo; Hand, daß er
-seinen Bruder ins Gymnasium fuhr, da fiel mir sein erster
-Schultag ein, er geht ja noch ein Halbjahr hin wegen des
-Examens. Den ganzen Vormittag blieb er, Georges, weg,
-um Zitate nachzuschlagen in der Bibliothek. Es war so
-zart von ihm, mich allein zu lassen, aber solche Zartheit
-macht in die Verzweiflung einen Knoten, wenn man schon
-drin sitzt. Ich muß wohl aufhören zu schreiben. Innig
-Dein!
-</p>
-
-<p class="sign">
-R.
-</p>
-
-<h4 class="section">
-<a id="page-250" class="pagenum" title="250"></a>
-Renate an Magda
-</h4>
-
-<p class="date">
-noch am 1. nachts
-</p>
-
-<p class="noindent">
-Noch ein Wort in der Nacht für Dich, armes, gequältes
-Herz, und die Bitte, Dich meinetwegen nicht zuviel zu
-sorgen. Kraft ist noch da, weiß nur eben nicht wo, aber
-glaub schon, daß ich sie finde! Habe Dank für Dein liebes
-Wort durch Georges, die Franziska hat alles schön besorgt,
-sogar an meine Badessenz gedacht. Daß Du Dich niedergelegt
-haben würdest, konnte ich freilich denken, es ist
-schmerzlich, daß Georges Dich nicht sah, nun, morgen seh
-ich Dich selbst. Jetzt ist alles leer, ich fühle nur den
-Schmerz des Risses, er trennte mich in leblose Teile, nur
-wo der Riß läuft, brennt Leben, Vergangenheit und Zukunft
-sind wie abgehauen, der Himmel weiß, wann sie
-mir wieder anheilen werden.
-</p>
-
-<p>
-Hörtest Du von Georg? In der Zeitung soll gestanden
-haben, er sei erkrankt.
-</p>
-
-<p>
-Heute morgen erwachte ich aus diesem Traum, in dem
-Du vorkamst. Es fängt an mit etwas Kleinem, das an
-der Erde lag; als ichs heben wollte, wars eine haarige
-Spinne, ich bebte zurück, trat mit geschlossenen Augen
-auf ihren Leib, der war weich und regte sich, da sah ich,
-daß es ein widerlicher brauner Frosch war, so groß wie
-eine Hand; sah mich verschmitzt an und sagte: Ich bin so
-weich und gehe nicht entzwei! &mdash; Da lag auf einmal der
-Herzog auf einer Bahre, hatte die Augen zu, und ich
-wußte, wenn er nur die Augen aufmachen könnte, war
-der Zauber gebrochen, ich lag auf den Knieen, rang und
-weinte, da stand Erasmus hinter mir und sagte, die Hände
-<a id="page-251" class="pagenum" title="251"></a>
-faltend: Laß uns beten! &mdash; Wie ich aber unter sein Gesicht
-blickte, sah ich, daß er heimlich lachte. Ich stand
-vom Bett auf und sah, daß ich nichts anhatte als
-weißen Unterrock und Leibchen, ich schämte mich, da
-hing ein violettes Kleid über der Wäscheleine, es war nun
-im Gemüsegarten, das nahm ich herab und zog es an,
-und nun kam Josef über die Beete im Frack, einen seltsamen
-großen Zylinder in der Hand, und sagte ernst:
-Dein Onkel liegt im Sterben, und du hast ein rotes Kleid
-an. &mdash; Ich sagte: Es ist doch blau! aber es war wirklich
-blutrot, und da wußte ich, es war das, das Bogner angehabt
-hatte. Josef lachte da fürchterlich, und ich war so
-erstaunt und sagte: Josef, ich dachte, du wärst tot! Ach,
-dann hab ich das nur geträumt, oder schriebst du es nicht?
-Daneben war nun das große Blaue, das warst Du,
-die fortwährend mit einem großen Kleidrock rauschte,
-den Du nicht festbinden konntest, Du warfst ihn hin und
-her, es waren hundert Falten, es dauerte endlos, dann
-fingst Du an zu fliegen, flogst auf die Fensterbank, drehtest
-Dich wie ein Vogel und sagtest triumphierend: Siehst
-du, nun kann ich doch fliegen, und du wolltest es nicht
-glauben. &mdash; So schwebtest Du davon, machtest einen Bogen,
-und nun war es ein ungeheurer blauer Schmetterling,
-der die Flügel langsam auf und zu faltete. Das sah
-wunderbar aus, aber nun kam er auf mein Bett gekrochen,
-und als ich die langen haarigen Beine sah, die so vielgliedrig
-griffen, Hörner und Glasaugen und das braune,
-mundlose Gesicht, packte mich das Entsetzen, ich brachte
-aber keinen Ton aus der Kehle, und es kam immer näher
-gekrochen, ich dachte, ich stürbe vor Ekel, da merkte ich,
-<a id="page-252" class="pagenum" title="252"></a>
-daß ich alles abschütteln könnte, wenn ich es nur fertigbrachte,
-aufzuwachen. Es gab einen Ruck, ich lag in
-Finsternis und atmete auf ...
-</p>
-
-<p>
-Ach, und jetzt: wenn ich es nur fertigbrächte, aufzuwachen,
-und auch dies wäre ein Traum gewesen, &mdash; oh
-mein Gott!
-</p>
-
-<p>
-Und um das Haus, das mir Heimat wurde, liegt nun
-der magische Gürtel. Drin sitzt das Grauen mit den
-Augen eines alten Mannes, und statt eines Mundes steht
-da Kain geschrieben.
-</p>
-
-<p>
-Ja, aber weißt Du es denn überhaupt? Nein! und
-nun sehe ich erst, daß ich vergaß, Georges danach zu fragen,
-und gewiß hat er Dir nichts gesagt, da er Dich nicht
-sah. Ich muß ihn morgen fragen. Ach, nun ist alles
-wieder glühend geworden.
-</p>
-
-<h4 class="section">
-Aus Renates Gedächtnisbuch
-</h4>
-
-<p class="date">
-am 2. August
-</p>
-
-<p class="noindent">
-Ein stiller Vormittag. Ich schnitt mir von Georges&rsquo; Aktenbogen
-Blätter in der Größe meines Buches; nun soll einmal
-die Feder laufen statt meiner Füße, die eine Stunde
-lang den grauen Läufer herauf und herunter irrten, und
-diese hohen roten Mauern da drüben, regennaß, die
-schwarzen Gitterfenster und die grasbewachsenen Dächer,
-naß und umspült vom Regen, die grauen Wolkenfetzen
-am jagenden Himmel, ich kann sie nicht mehr ansehn.
-Als ich heut nacht erwachte, hörte ich schon den Regen
-in einer Dachrenne klappern so fremd! fremd wie nun die
-Stille. Und doch wohlbekannt seit Jahren! Ach, das
-<a id="page-253" class="pagenum" title="253"></a>
-Alleinsein ist fremd im Zimmer der langen, gemeinsamen
-Arbeit, der Gespräche, der Behaglichkeit! und was auch
-sonst im Leben geschah: die Arbeit war jahraus jahrein;
-wie wird das werden, wenn sie vollendet ist? und auch
-das soll nun bald sein.
-</p>
-
-<p>
-Kraftlos, oh ganz kraftlos zu sein! Ich bin so müde
-und matt. Und wie das nun aussieht, geschrieben! Wie
-machen es nur die Dichter? Wenn sie dergleichen schreiben,
-so spürt mans in allen Gliedern, und konnten sie es
-mehr fühlen als ich? Georges würde sagen &mdash; o Himmel,
-was gehn mich alle Dichter an und Georges, jetzt wo Eins
-not ist? Aber die Gedanken! Sie stellen sich ein, unbekümmert
-darum, wer das ist, der sie denkt. &mdash; Wer hat
-mir das einmal gesagt? Das schrieb Magda in einem
-Brief, im Herbst vor drei Jahren muß es gewesen sein,
-ja fast um diese Zeit. Was war ich damals, was bin ich
-heut? Ihre elenden Briefe damals und meine stolzen!
-Ich saß im Überfluß wie die Königin aller Bienen und
-dünkte mich groß, mitfühlen zu können mit einer verfolgten
-Seele.
-</p>
-
-<p>
-Wie wölbten mir damals die noch unverblühten Linden
-hinter der Kapelle den Eingang in ein reiches Leben!
-Düfte der tausendfältigen Erwartung regneten in mein
-offenes Herz. Die Orgel tönte Zuversicht, ich war fleißig,
-meine Kenntnisse in Kontrapunktik und Generalbaß zu
-vollenden, ich dachte kaum nach, Erasmus gab es noch
-nicht.
-</p>
-
-<p>
-Du tust mir weh, Erasmus, mit deinem immer gesenkten
-Kopf! Armer Kain! Du hast es nicht tun wollen?
-&mdash; Nein, sagst du, ich wollte, weil ich mußte, man muß
-<a id="page-254" class="pagenum" title="254"></a>
-nicht schönreden. &mdash; Sieh, was hier liegt, ein schönes
-Ding, ein großer blauer Schmetterling, eine seidne Schleife
-hängt dran, und Abels Namen steht darauf. Als ich ihn
-gestern zuerst las beim Erwachen, küßte ich ihn und weinte
-darüber. Diese Tränen gönnen wir ihm, ein zarter Abel
-war er nicht und Kain seit ewig beklagenswerter als er.
-Gebe Gott, daß die große kalte Seele sich erwärme im
-warmen All, wo sie nun ist! Deine Seele war immer
-warm, lieber Kain, oh wer hat sie so furchtbar zum Glühen
-gebracht!
-</p>
-
-<p>
-Mir wird wieder wirr.
-</p>
-
-<p class="date">
-nachmittags
-</p>
-
-<p class="noindent">
-Wie gut, daß ich den Nachtbrief an Magda Georges
-doch nicht mitgab! Denn was heißt nun diese Nachricht,
-die er mir heut von ihr bringt: &bdquo;durch Zufall eine Verletzung
-der Augen zugezogen&ldquo;? Kein Wort zur Erklärung.
-Bin ich übervoll? Ich kann nichts aufnehmen, verstehe
-nichts, und wenn ich ahnen will, geht es schon auf im
-allgemeinen Grauen, und ich wende mich ab ...
-</p>
-
-<p>
-Kleinigkeiten erhalten Zutritt. Der graue Läufer. An
-drei Jahre sah ich ihn abgenützt werden, ohne ihn je genützt
-zu sehn, da Georges nur darauf geht, wenn er allein
-arbeitet. Und nun gehe ich selber darauf und denke,
-er muß in einer Stunde zerschlissen werden, und weiß
-nicht, warum mir das wunderbar scheint!
-</p>
-
-<p>
-Da sitz ich am Sofatisch und schreibe. Am Fenster
-ganz links sitzt der Gelähmte still für sich an seinem Pult;
-am Fenster ganz rechts sein Bruder, die vier Kartothekenkästen
-je zwei zur Linken und Rechten, und ich kann ihm
-<a id="page-255" class="pagenum" title="255"></a>
-minutenlang zusehn, wie er die saubern Karten, die wir
-Beide beschrieben, im Kranz um seine Schreibunterlage
-ausfächert, jede, von der er abschrieb, zur Seite legt, eine
-auf die andre, dann den ganzen Pack in seinen Umschlag
-und in den Kasten zurück, und dabei nimmt er den Federhalter
-quer in den Mund, und wenn er schreibt, geht das
-wie ohne Besinnen, es ist alles schon fertig. Lauter kleine
-Vorgänge peinlichster Ordnung. Und so entstehn Werke;
-so eine Dichtung, denn die Art, wie er Geschichte schreibt,
-ist ganz Dichtung. Oh heroisch, oh göttlich der Mensch,
-der etwas entstehen sieht unter seinen Händen! Die Berührung
-des Werdens verleiht Unsterblichkeit ganz gewiß,
-Leben springt über in Funken zum toten Stoff und der
-lebt, Augen schlagen sich auf, Lippe färbt sich und lächelt,
-Stirne blinkt weiß und rein, und aus ganzem, vollem
-Antlitz haucht es: Siehe, ich bin! und durch mich bist
-erst du!
-</p>
-
-<p>
-Wie nun der Regen strömt um die Zinnen der Mauer!
-</p>
-
-<p class="date">
-am 3.
-</p>
-
-<p class="noindent">
-Als ich heut morgen ins Zimmer kam, stand Georges
-entfernt am letzten der drei Fenster, die Hände auf dem
-Rücken. Hell war der Raum im kühlen Regenlicht. Ernst,
-blasser als sonst schien er mir im Entgegenkommen. Ich
-glaube, ich stand wohl eine Weile vor ihm, die Hände auf
-seinen Schultern, und sah an ihm vorüber die nasse blanke
-Bekrönung der roten Mauer, die Drahtnetze und Gitterstäbe
-der Fenster und all das andre von Gefangenschaft,
-und dann fragte ich: &bdquo;Grünt die Hoffnungsbirke noch?&ldquo;
-&bdquo;Sie grünt wie alljährlich&ldquo;, versetzte er still, führte mich
-<a id="page-256" class="pagenum" title="256"></a>
-ans Fenster und ließ mich nach links sehn, und da stand
-die kleine, seltsame Birke oben auf der Ecke der Mauer,
-grün und zitternd im Regenfall. Plötzlich fiel mir ein,
-daß Georges noch immer nicht alles von mir wußte, ich
-setzte mich auf den Stuhl am Schreibtisch, wußte nicht,
-wie ich anfangen sollte, es war so grenzenlos traurig auf
-einmal. &mdash; Wir waren verlobt, der Herzog und ich, stieß
-ich dann hervor. Er antwortete nicht, ich hätte weinen
-mögen vor Hülflosigkeit, aber auf einmal stand ich mitten
-im Zimmer und sprach und sprach, es war schrecklich,
-jeder Satz wurde mir in der Mitte oder im Anfang abgerissen,
-ich strauchelte über meine eigenen Worte, sprach
-nur weiter wie im Fieber, von Josef und dem Ech-en-Aton,
-von Benno, von Sigurd, von Erasmus, vom Wehr
-und der Nacht, von Ulrika und meiner Angst um sie, das
-strudelte alles durcheinander, und immer sah ich Josef in
-seiner schwarzen Vermummung aus der Luke im Festwagen
-tauchen und Erasmus hinter ihm, den Helm voll
-kleiner Sträuße. Schließlich wars aus, ich saß wieder
-im Stuhl hinter Georges und hörte ihn nach einer Weile
-langsam sprechen.
-</p>
-
-<p>
-&bdquo;Ja, dort drüben wird der arme Sigurd nun sein.
-Über ihn wird man lesen: der feige Meuchelmörder, &mdash;
-da es aber unser Sigurd ist, so werden wir wissen, daß
-er nicht feige war, sondern vielleicht mehr ein Held als
-ein überzeugter Monarchist aus der Schlacht bei St. Privat,
-denn es ist ja, nach allem was man weiß, eine schwerere
-Aufgabe für den Edlen, auf einen Wehrlosen zu
-schießen als auf einen, der wiederschießt. &mdash; Ach, sagte ich,
-ich glaubte, er sei irr, &mdash; aber er meinte, deshalb dürfte
-<a id="page-257" class="pagenum" title="257"></a>
-es doch kaum leichter gewesen sein, und dann mußte ich
-ihm Sigurds Plan erklären vom bevorstehenden Krieg
-und den Fürsten, die allesamt fallen sollten. &mdash; &bdquo;Ach,&ldquo;
-sagte Georges, &bdquo;daran erkenne ich meinen Sigurd! Der
-Herzog wäre vielleicht ganz gern gestorben, wenn alldas
-richtig gewesen wäre. Regimenter der Unterdrückten, die
-riesige Internationale der Ungerechtigkeit in allen Ländern,
-die hörte Sigurd ja immer aufmarschieren, Juden und
-Polen, Iren und Finnen, Armenier und Serben, Arbeiter
-in England und in Frankreich und Deutschland, hungernde
-Rumänen und verwahrloste Portugiesen, Heere unübersehbar,
-alle vereint in einen Schrei nach dem Recht, &mdash;
-ja, wer wollte da nicht Tambour sein! Und kommt vielleicht
-in hundert Jahren&ldquo;, fuhr er fort, die Augen heiß
-und schmerzlich zu den Gitterfenstern gewandt, &bdquo;ein Luftschiff
-hoch mit Griechenwein &mdash;&ldquo; er lächelte fast schluchzend
-&mdash; &bdquo;durchs Morgenrot dahergefahren, wer möchte
-da nicht Fährmann sein! &mdash; Ihr habt ihn ja nicht gekannt!
-Die Menschen sind uns nicht, was sie sind, sondern was
-wir von ihnen sehn, und wen von euch hat er beraten,
-betreut, ihm geholfen, wen hat er besucht in Gefangenschaft
-und getröstet in Krankheit und gespeist, wenn ihm
-die Seele hungerte, mit edler Speise des Vertrauens und
-der Begeisterung, und mit wessen Traurigkeit war er
-traurig, in wessen Heiterkeit froh? Ihr saht ihn feiertags,
-da spielte er Cello und war eine schöne Figur ...&ldquo;
-</p>
-
-<p>
-Und nun nach einer Weile fing er an, mir von Magda
-zu erzählen, was er mir auf ihre Bitte bisher geheimgehalten
-hatte; da konnte ich nicht anders als nur seufzen:
-Oh Gott, will es denn niemals ein Ende nehmen? &mdash;
-<a id="page-258" class="pagenum" title="258"></a>
-worauf ich ihn alsbald etwas sagen hörte von: Renate
-Montfort, die er gestern auf einem goldenen Wagen gesehen
-habe mit Elefanten und Einhornen, und was ich
-nun den Kopf hängen ließe! &mdash; &bdquo;Ach, du häßlicher Spötter!&ldquo;
-sagte ich und sprang wieder auf, &bdquo;warst du nicht
-auch bei denen, die mich immer auf goldenen Wagen sehn
-wollten und schöne Vergleichungen wußten von Bienen
-und Sonnenblumen!&ldquo; Ich war ganz von Sinnen und
-sagte, wenn ich auf goldenen Wagen gefahren wäre, so
-wäre ich auch tiefer herabgestürzt, als er vielleicht sehen
-könnte, und dann herrschte ich ihn an, mir meinen Mantel
-zu geben. Ich zitterte am ganzen Leib und erinnerte
-ihn daran, wie ich ihn einmal hinausgeschickt hatte, obgleich
-ich damals doch im Unrecht war. Seine Gestalt,
-das Zimmer, die Fenster zuckten groß auf und nieder, ich
-mußte noch etwas sagen, und so fragt ich: &bdquo;Wo warst
-du am Festtag?&ldquo;
-</p>
-
-<p>
-Er drehte sich langsam zum Fenster um, sagte kein
-Wort. Ich wiederholte meine Frage, gepeinigt, um ihn
-zu peinigen. &mdash; &bdquo;Du hast&ldquo;, hörte ich ihn endlich sagen,
-&bdquo;beinah zwölf Stunden geschlafen, denn es ist Mittag,
-und dich ausgeweint. Andre hatten nicht soviel,&ldquo; schloß
-er, &bdquo;und ich war dort, wo du mich fandest, als du mich
-brauchtest.&ldquo; Da war meine Kraft zu Ende, auf einmal
-hatte ich einen Regenmantel an, legte den Kopf auf seine
-Brust und sagte, er möchte mir vergeben, er wisse ja immer
-alles. Dann bin ich hinaus, auch die Treppe ganz
-hinuntergegangen, aber vor dem Haustor drehte ich um
-und stieg wieder hinauf.
-</p>
-
-<p>
-Nun sitze ich und schreibe, um nicht zu denken.
-</p>
-
-<p class="date">
-<a id="page-259" class="pagenum" title="259"></a>
-Nachmittags
-</p>
-
-<p class="noindent">
-Ich ließ Georges nach Hause telephonieren und um den
-Wagen bitten. Der Wagen, dacht ich, soll dich denn
-zwingen, wenn du nicht willst. Nun sitz ich und warte,
-weiß nicht, wie ich es fertigbringe, mir fliegen die Hände,
-ich muß schreiben, daß ich nicht rasend werd vor Angst.
-Schwach sein, oh schwach sein in der Stunde der Not,
-ich, ich! Gestern &mdash; was, gestern? drei Tage ists ja schon
-her, aber da hab ichs doch ertragen. Nein, das Grauen
-&mdash; Josefs Vater ... ich kanns nicht! Und wieder Magda,
-die mich braucht! Ließ ich sie vor drei Jahren nicht allein
-und begnügte mich mit redseligen Briefen?
-</p>
-
-<p>
-Schuld ist es, Schuld, sag es, sag es doch, daß du dich
-lange schuldig fühlst! hier, sitz, schreib, schreib auf,
-willst du wohl! schreib: Damals, als Josef aus dem
-Haus wollte, konntest du ihn nicht halten? Nein, da
-war die Kunst vergebens, du bewegst keinen Marmor,
-es war zu spät! Aber Erasmus? Sah ich ihn nicht mit
-Fäusten losgehn, damals, auf seinen Bruder? Und dann,
-was sagte er? &bdquo;Ich bin doch schon als Junge einmal
-mit dem Messer auf ihn ...&ldquo; Oh das hör ich nun, als
-wärs heute! Warum vergaß ichs denn inzwischen? Warum
-war ichs nicht eingedenk Tag und Nacht, wachend
-und schlafend: er ist als Junge schon mit dem Messer auf
-ihn losgegangen! Warum war ich nicht eingedenk Jahr
-um Jahr: &bdquo;Lieber Bruder Erasmus, noch ists nicht Zeit!
-&mdash; Und warte,&ldquo; sagte Josef, &bdquo;ich entgehe dir nicht!&ldquo; Wars
-nicht so? Oh Gott, habe Barmherzigkeit, was konnt ich tun?
-Liebte mich nicht Erasmus, kannt ich nicht seine Natur,
-die mich in keine Nähe zu ihm ließ, es sei denn die eine?
-</p>
-
-<p>
-<a id="page-260" class="pagenum" title="260"></a>
-Fort jetzt, nur fort! Warum kommt nur der Wagen
-nicht. Ich muß hin, ich muß ihm in die Augen sehn!
-Sehn, sehn, ob ich schuld bin wie er, und ihn bei der Hand
-fassen und verbrennen mit ihm, wenn ichs bin.
-</p>
-
-<p class="date">
-in der Nacht
-</p>
-
-<p class="noindent">
-Wieder in meinem Zimmer.
-</p>
-
-<p>
-Sonderbar und unbeschreiblich ist mir zumut. Ist
-das möglich, daß alles hier unverändert ist? Lampe und
-Sofa, Ofen und Bücher, &mdash; und mein weißer König sieht
-über mich hinweg wie immer.
-</p>
-
-<p>
-Ja, du mein Heiland, du heilender, so laß mich dir bekennen
-alles, was inzwischen geschah.
-</p>
-
-<p>
-Die Fahrt war so grauenhaft schnell zu Ende, daß ich
-kaum nach dem Hinsetzen im Wagen die Augen geschlossen
-hatte, als er schon wieder hielt, und da war wirklich
-die alte Hausfront, das Tor und die goldene Fünf in den
-eisernen Ranken, alles fest und still und genau. Als ich
-durch den Vorgarten ging, öffnete Konrad die Glastür,
-lächelte und sagte bekümmert: &bdquo;Das kleine Fräulein, ach
-Gott!&ldquo; Aber kaum im Hausflur, fuhr ich entsetzt zusammen,
-weil das Telephon aus der Kleiderablage gellte. Ich
-dachte, ich sei nur wie immer erschrocken, seit Irene durch
-das Telephon von Doras Kindern sprach, und so nahm ich
-mich zusammen, ging selber in den kleinen Raum voller
-Mäntel.
-</p>
-
-<p>
-Und dann wars Ulrikas Stimme, matt und erschöpft,
-die fragte, ob ich es schon wisse, und unendlich weit
-fort hört ich sie sagen, ach, ich weiß die Worte nicht
-mehr ...
-</p>
-
-<p>
-<a id="page-261" class="pagenum" title="261"></a>
-Sie haben sich geschossen. Bogner ist verwundet.
-In der Brust. Der Arzt sagt, er wird leben bleiben.
-Ulrikas Mann &mdash; ja, nun weiß ich das auch nicht
-mehr, &mdash; ist er tot? Ich verstehe es nicht, verstand es
-kaum, als ich sie sprechen hörte, es schien mir so gleichgültig,
-&mdash; und auch &mdash; als hätte ich alles schon gewußt
-...
-</p>
-
-<p>
-Und im nächsten Augenblick, glaube ich, hatte ich
-alles vergessen; statt dessen merkt ich, daß ich furchtbaren
-Hunger hatte; zu Mittag hatt ich keinen Bissen
-hinuntergebracht. So stand ich minutenlang, konnte mich
-auf nichts besinnen, zwischen den Mänteln und Jacken,
-und da lag der große graue Hut des Erasmus auf den
-Messingstäben und Magdas grober Gartenpanamahut
-mit dem dünnen schwarzen Band. Der sagte mir denn,
-was zunächst kam, und ich ging die Treppen hinauf bis
-vor mein Zimmer. Die Klinke in der Hand merkte ich,
-daß ich falsch gegangen war, wollte zurück, bildete mir
-aber nun ein, eine Minute Schonung, nein, Aufschub sei
-wohl gegönnt, und als ich öffnete, saß im Sofa, eine
-breite, weiße Binde vor den Augen, Magda.
-</p>
-
-<p>
-Wie starrt ich nur hin! Eine leise Stimme sagte: Da
-sitzt es! &mdash; Ihre grade Haltung und die Binde, das halb
-verdeckte Gesicht machten sie so zu einer Figur, einem Bilde
-der Gerechtigkeit oder etwas ähnlichem, so daß sie mir
-vorkam wie eine Gestalt all des Tödlichen und Schaurigen,
-das mich durchfahren hatte, so reißend schnell, daß
-jedes sich erst verstehen ließ, wenn es schon geschehn war.
-Nun saß das Unheil hier, ganz still, eine Binde vor den
-Augen ... Magda! schrie ich und fiel mit den Gesicht in
-<a id="page-262" class="pagenum" title="262"></a>
-ihren Schoß. Mit mir fiel die Erde. Sie hielt nun nicht
-mehr, ich wollte schreien vor Angst, als ich spürte, wie
-die Erdfesseln ganz lose wurden, und da rissen sie, der
-Boden tat einen ungeheuren Ruck, es toste, riesige Bäume
-wankten und schlugen um, ich konnte noch denken: Ein
-Augenblick, dann ist alles vorüber! Da kreiste die rote
-Finsternis langsamer, von unten kam die Sicherheit wieder,
-der Boden hielt, ich kniete, in meinem Haar glitt eine
-lindernde Hand ...
-</p>
-
-<p>
-Dann sprach ich mit Magda. &bdquo;Wir wollen nicht verzweifeln,&ldquo;
-sagte sie, &bdquo;der Arzt meint, das eine Auge würde
-sicher heil bleiben &mdash;&ldquo; sie brach unruhig ab, lehnte den
-Kopf gegen die Wand zurück und drehte das Gesicht nach
-dem Fenster. Ihre Stimme war so tief gewesen wie sonst
-nur, wenn sie singt.
-</p>
-
-<p>
-Meine Fragen wehrte sie ab und fragte selber nach
-Georg. Als sie hörte, daß er krank sei, stand sie gleich
-auf, sagte, sie müsse zu ihm, ich sollte sie führen, aber
-plötzlich schlug sie die Hände vor das Gesicht und rief
-verzweifelt: &bdquo;Daß ich nun hülflos bin, mein Gott, das
-durfte doch nicht kommen!&ldquo; Ich hielt ihren Kopf an
-meine Brust gedrückt, das kleine weiße Königsantlitz flimmerte
-mir vor den Augen, und ich sagte zu ihm: Wir,
-Josef, ja, wir gehn unsre luftigen Wege und finden die
-schönsten Worte, o du Delfin des Lichts, aber unsre Handlungen
-gehn allein vor sich, bis es zum Sterben kommt,
-dann besinnen wir uns und nehmen grade Haltung vorm
-Tode. Herrgott, schrie ich innerst, und die Kinder müssen
-leiden, was Riesen nicht schleppen, über die Armen wird
-Armut gehäuft, die Hungrigen bekommen zu fasten, und
-<a id="page-263" class="pagenum" title="263"></a>
-wer Sonne austeilen möchte mit beiden Augen, dem werden
-sie ausgestochen, und ich, sagte ich außer mir, ich habe
-die Verneigungen nun satt, große wie kleine, und ich habe
-genug gelitten! &mdash; Sage doch, was du willst, antwortete
-es kühl aus den weißen Statuenaugen, aber du irrst,
-wenn du meinst, daß ich hinsehe. &mdash;
-</p>
-
-<p>
-Magda machte ihren Kopf frei und sagte: &bdquo;Jahre sind
-gekommen und gegangen, und ich habe mich in die unbekannte
-Einsicht Gottes gefügt und gewartet.&ldquo; Und, sie
-habe gelitten, sagte sie, so sei es nicht schwer gewesen, an
-den Tod zu denken und seine Bitterkeit mit einer rettenden
-Tat zu vergolden, &mdash; so daß ich nun merkte, sie hatte
-die alte Prophezeiung der Zigeunerin niemals vergessen. &mdash;
-Ihre Hände fielen schlaff herunter, sie fing wieder an:
-&bdquo;Die Nacht ist hingegangen, die ich mit Grübeln versessen
-hab, die Uhren schlugen Tag, und es kamen Menschen,
-und ich &mdash; was soll ich glauben? Ich bin ja hülflos.
-Ich kann nun bloß dastehn und warten, daß der Tod jemand
-treffen will, und ich stehe vielleicht dazwischen, und
-er trifft aus Versehen mich, &mdash; was kann ich tun?&ldquo;
-</p>
-
-<p>
-Mir quoll das Herz. Aber jetzt auf einmal kam das
-Seltsamste zu Tage. Sie wußte ja noch nicht die genauen
-Vorgänge vom Tode des Herzogs, wie sie aber nun alles
-von mir hörte, fuhr sie zusammen, berichtete mir in der
-Hast etwas von einer Fremden, im französischen Park,
-einem Anfall gegen sie oder Georg, ich verstand es nicht
-deutlich, und daß sie Georg habe ins Wasser fallen hören,
-was ich ihr ja aus Sigurds Worten bestätigen konnte.
-&bdquo;Und siehst du,&ldquo; sagte sie dann erglühend, &bdquo;wenn nicht
-das mit mir geschehen wäre, so würde Sigurd Georg getroffen
-<a id="page-264" class="pagenum" title="264"></a>
-haben, und also &mdash; also wars nun das dritte Leben,
-das ich &mdash; gerettet habe. Und meins ist nun aus ...&ldquo;
-</p>
-
-<p>
-Danach wurde sie ruhig. Franziska kam und meldete,
-es sei zu Abend angerichtet, und sie stand auf, ich führte
-sie zur Tür. Draußen ließ sie meine Hand los und ging
-allein an der Wand hinunter, fand auch zum Treppengeländer
-hinüber, wo sie aber fast umgesunken wäre. Sie
-brachte keinen Laut hervor, richtete sich nach Sekunden
-wieder auf und ging die Treppe hinunter. In der Halle
-&mdash; nein, da riß alles ab.
-</p>
-
-<p>
-Plötzlich stand ich vor Erasmus&rsquo; Stubentür. Ich wollte
-klopfen, aber meine Hand versagte, auch den Türdrücker
-bekam ich kaum herunter, und als die Tür aufging, wars,
-als fiele ich an ihr herunter in das Zimmer. Da saß Erasmus
-vor dem Schreibtisch in Hemd und Hose, über ein
-großes Buch auf seinen Knieen gebückt, schon umgewandt
-nach mir, aber ganz geduckt, und als ich seine Augen sah,
-schrie ich: &bdquo;Mach die Augen zu, Erasmus!&ldquo; Dabei muß
-ich selber die meinen geschlossen haben, aber nach einer
-Weile sah ich ihn wieder mit gesenktem Kopf wie einen
-Sünder in seinem gelben Unterhemd über seinem Bibelbuch
-hocken. Da ging ich zu ihm, als ging ich über Wasser,
-legte eine Hand auf seine Schulter, und sein Nacken
-war so lang und ganz rostrot, und sagte leise: &bdquo;Was liest
-du denn da, Erasmus?&ldquo; Er hatte die Unterarme über
-die Seiten gelegt und die Hände über die oberen Buchränder
-gekrallt; so blätterte er mit den Fingern die Seiten
-auf, zog aber endlich die Arme fort und ließ mich auf das
-Blatt sehn. Die schwarzen Zeilen schwammen ineinander,
-es war, als begingen wir eine Sünde zusammen, und ich
-<a id="page-265" class="pagenum" title="265"></a>
-flüsterte: &bdquo;Du mußt mirs zeigen!&ldquo; Nun brachte er eine
-Hand über die Seite hin, der Zeigefinger krümmte sich
-und wies eine Stelle, und ich las hinter dem rückenden
-Finger her langsam die Worte: So wird mirs gehen, daß
-mich totschlage, wer mich finde ...
-</p>
-
-<p>
-Und dann? Ich hielt sein Gesicht in den Händen, sah
-durch das Fenster mit blinden Augen, sah das Gartengitter
-unten und die Alleebäume, und seine großen Hände
-lagen glühend um meine Unterarme geschlossen; dann
-fand ich mich über ihm stehend, und er hielt meine
-Hände. Auf einmal hatte ich wieder Kraft, nahm das
-Buch von seinen Knieen, legte es fort und sagte zu ihm:
-Steh auf! &mdash; Mir zitterte das Herz, wie blindlings er
-gehorchte, und er stand da wie ein Knecht, groß, so breit
-und mit geducktem Nacken. Darauf ging ich zur Tür,
-hörte, wie er sich auch in Bewegung setzte und mir nachkam
-und die Tür wieder schloß und hinter mir die Treppe
-hinunter stieg; es brauste in meinen Ohren, alle Geräusche
-waren so deutlich und doch wie in weiter Ferne. Vor dem
-Schlafzimmer seines Vaters hab ich auf ihn gewartet.
-Als ich die Tür öffnete, gab es einen Luftzug, ich fühlte
-das Haar wehn auf meiner Stirn, und an beiden offenen
-Fenstern den Raumes wehten die leichten weißen Vorhänge
-herein. In seinem Bett, das frei dastand, saß der
-alte Mann; ich sah seine hohe, kahle Stirn und den Bart
-und die flackernden dunklen Augen, er aber sah mich nicht,
-sondern den, der draußen stand und die Hände rang, und
-dann fühlte ich mein eignes Lächeln so brennend, als hätte
-ich eine Sonne im Antlitz. Ja, ja, ja, die hielt ich ihm
-hin, die Luft brauste auf, Fittiche schlugen weiß aus der
-<a id="page-266" class="pagenum" title="266"></a>
-Tiefe, der Engel stieg wieder herauf, und die uralte Stimme
-rief laut: &bdquo;Komm herein, mein Sohn, komm herein!&ldquo;
-Da stürzte ein schwerer Körper an mir vorüber in den
-wolkigen Raum, ich hörte einen dumpfen Fall und die
-Worte: &bdquo;Vergieb mir, mein Sohn, und laß mich wieder
-dein Vater sein!&ldquo; &mdash; Dann war ich draußen.
-</p>
-
-<p>
-Am Ende eines langen weißen Flurs sah ich das stille
-Einhorn auf und nieder gehn; doch entfernte es sich bald,
-bog um eine Ecke unter eine altertümliche Arkade ein &mdash;
-später fand ich sie wieder auf der römischen Abbildung,
-die dort hängt &mdash; und verschwand, den langen, weißwallenden
-Schweif sanft um die zierlichen Fesseln legend, in
-einer grünen Dämmerung, die sich langsam schloß und zu
-grünen Korridorwänden mit weißen Türen wurde.
-</p>
-
-<p>
-Später fand ich mich in meinem Schlafzimmer auf
-dem Bett und schlief gleich.
-</p>
-
-<h4 class="section">
-Cornelia Ring an Renate
-</h4>
-
-<p class="date">
-Altenrepen, am 4. 8.
-</p>
-
-<p class="adr">
-Liebes Fräulein von Montfort,
-</p>
-
-<p class="noindent">
-bitte wollen Sie mir verzeihen, daß ich mich an Sie
-wende, aber ich habe sonst niemand, den ich fragen könnte,
-wo Herr von Montfort ist, und ich bin ja so verzweifelt!
-Nun ist schon der fünfte Tag, daß er das Haus verließ
-&mdash; Sie werden wohl wissen, daß er seit seiner Rückkehr
-nach Deutschland hier im Hause von Herrn Bogner
-wohnt &mdash;, und es wäre gar nicht seine Art, uns ohne
-Nachricht zu lassen. Mit &sbquo;uns&lsquo; meine ich seinen Diener,
-<a id="page-267" class="pagenum" title="267"></a>
-der Ihnen diesen Brief bringt, einen Halbchinesen; er
-heißt Li und hängt mit so außerordentlicher Liebe an seinem
-Herrn, daß ich Sie bitten möchte, falls Herrn von
-M. etwas zugestoßen sein sollte, es ihm zu sagen, und
-Sie brauchten dann mir nicht erst zu schreiben.
-</p>
-
-<p>
-Von Herrn Bogner hörten Sie wohl? Er ist heute
-zum ersten Mal zur Besinnung gekommen, der Arzt meint,
-er soll ins Krankenhaus, was auch recht schmerzlich für
-mich ist zu aller Aufregung, ich meine, weil ich ihn dann
-nicht pflegen kann und nur unruhiger werde. Ich will
-nun aber schließen und grüße Sie mit nochmaliger Bitte
-um Vergebung als Ihre gehorsame
-</p>
-
-<p class="sign">
-Cornelia Ring
-</p>
-
-<h4 class="section">
-Renate an Cornelia Ring
-</h4>
-
-<p class="date">
-Waldheim, am 4. August
-</p>
-
-<p class="adr">
-Liebes Fräulein Ring,
-</p>
-
-<p class="noindent">
-durch Li wissen Sie nun schon, ehe Sie diese Zeilen
-lesen, was geschehen ist. Glauben Sie mir, daß ich wie
-eine Schwester mit Ihnen empfinde, und so gerne wäre
-ich selber zu Ihnen gekommen, aber leider habe ich eine
-erkrankte Freundin im Haus, die ich noch nicht allein
-lassen kann. Möchten Sie nicht statt dessen mich besuchen?
-Ich könnte Ihnen dann vielleicht noch mehr sagen, was
-Sie wissen möchten. Li, der kleine, war so sehr gebrochen,
-ich werde nie vergessen, wie sein eben noch lächelndes gelbes
-Gesicht ganz grau wurde! Er bewegte sich nicht, aber
-er sank ganz zusammen in seinem langen braunen Mantel.
-Ich bin sehr in Angst um Sie, liebes Fräulein, und
-<a id="page-268" class="pagenum" title="268"></a>
-bitte, wenn Sie sich fähig dazu fühlen, besuchen Sie ja
-recht bald Ihre
-</p>
-
-<p class="sign">
-Renate Montfort
-</p>
-
-<p class="noindent">
-Noch etwas fällt mir ein, das Li betrifft. Meine kranke
-Freundin, deren ich erwähnte, hat eine Augenverletzung,
-es ist zu fürchten, daß sie erblindet. Nun war sie dabei,
-als ich mit Li sprach, und da er mehrere Male ganz verzweifelt
-sagte: Was soll nun aus mir werden? so ging
-es uns durch den Kopf, daß ihn meine Freundin zu sich
-nehmen könnte, gesetzt, Sie selber wollen ihn nicht behalten.
-Meine Freundin würde einen Führer brauchen, und
-mir gefiel er sehr! Seine Treue, sein Schmerz, seine Höflichkeit,
-und was hat er für merkwürdig runde Augen in
-dem Chinesengesicht!
-</p>
-
-<h4 class="section">
-Irene an Renate
-</h4>
-
-<p class="date">
-Nonnenkloster Mariabrunn, am 7. August
-</p>
-
-<p class="noindent">
-Ja, Renate, da bin ich wieder hier, Hals über Kopf,
-und da ich leider keine Ahnung habe, weshalb Du nicht
-im Hause warst, so bin ich ziemlich ratlos und wäre Dir
-dankbar für ein Wort über Dich und vor allem über
-Magda. Renate, was ist mit ihr? Ich sah sie, sie sprach
-von einem Unfall, sie war so beängstigend still!
-</p>
-
-<p>
-Zu Hause wars nämlich nicht auszuhalten. Meine
-Eltern redeten bis in die Nacht, und am nächsten Morgen
-fingen sie wieder an. Und alles die reinste Neugier!
-Herrgott, was wollten die alles wissen! und o Himmel,
-diese Vorstellungen! Immer wieder die Fragen: Ob denn
-<a id="page-269" class="pagenum" title="269"></a>
-mein Mann nicht gut zu mir gewesen wäre? Ob ich ihn
-denn nicht liebte? Als ob das etwas damit zu tun hätte!
-Als sie sich aber bis zu dem Ausdruck Ehe verstiegen,
-da hatte ich denn doch die Nase voll. Ach, du
-lieber Gott, wenn Worte einen Menschen zu etwas machen
-könnten, ich wäre es geworden in diesem Augenblick. Ich
-hätte an mir selber irre werden können, packte meine
-Sachen und entfloh.
-</p>
-
-<p>
-Hier ist alles, wie es war. Die guten Alten sind bis
-auf eine einzige noch dieselben, die Jungen sind Andre als
-dazumal, aber das Genre ist geblieben. Ein Aufheben
-gab es meinetwegen natürlich nicht, nur die Abatissa konnte
-sich eine triumphierende Bemerkung und einen spitzen Mund
-nicht verkneifen. Sie ist eine Gräfin und hat sich auch so!
-Vor lauter Genugtuung über meine Wiederkunft sagte
-sie etwas ganz Verwickeltes vom Heiland, der nicht in
-Häusern wohnte, sondern in Herzen. Ja, dacht ich, der
-wird sich grade bedanken und in deinem verprömmelten
-Herzen wohnen! und sagte: ich wäre dankbar, hier nur
-etwas Ruhe und Sammlung zu finden, bis sich herausstellte,
-ob mein Aufenthalt von Dauer sein würde (was
-der Himmel verhüten möge!) oder nicht. Da wurde sie
-noch spitzer und sagte, ein Herz voll Unruh wäre was
-Köstliches, und nur am Abgrund hin führte der Weg in
-den Frieden. &mdash; So eine geht nun alle Tage mit dem
-Heiland um, und ist sie deshalb anders als die Andern?
-Na, die wird sich wundern, wenn es am Jüngsten Tage
-heißt: Reichsgräfin Jutta von Lindenau, weiland Abatissa,
-verblichen im Geruche großer Heiligkeit, und sie sieht sich
-denn dastehn in ihrem Sündenstank, der zum Himmel
-<a id="page-270" class="pagenum" title="270"></a>
-schreit. Mir ging ein großes Licht auf, und ich sehe, daß
-es mit der Mehrzahl der Menschen so bestellt ist: der
-eine ist leidenschaftlich Bergsteiger, der andre sammelt
-leidenschaftlich Briefmarken, einer geht ins Kloster, und
-eine ist meinetwegen Frauenrechtlerin. Und all diese leidenschaftlichen
-Dinge tragen sie sauber verschlossen in einem
-großen Koffer mit sich herum, den sie überall vorzeigen
-und sagen: da ists drin! und im übrigen sind sie ganz
-gewöhnliche Menschen. Die Briefmarken machen sie nicht
-weiser, und die Berge nicht klar; die Jesusliebe nicht demütig,
-und das Frauenrecht nicht duldsam. Ach, ist es
-denn mit mir vielleicht anders gewesen? Ja, denn ich
-war die ganzen Jahre lang überhaupt nichts!!!
-</p>
-
-<p>
-Was mit mir zu geschehen hat, ist klar. Ich muß wieder
-werden, die ich gewesen bin, vor der Ehe, mit Leib
-und Seele. Ich weiß noch nicht, wie das geschehen soll,
-aber es muß. Nun &mdash; damit muß ich allein fertig werden.
-Leb herzlich wohl, wenn ich kann, werde ich schreiben.
-Gedenke nicht unfreundlich Deiner
-</p>
-
-<p class="sign">
-Irene
-</p>
-
-<p class="noindent">
-In meiner üblichen Selbstsucht vergaß ich natürlich,
-daß ich Dir von meiner Schwägerin Dora schreiben wollte.
-Daß sie mich vermissen wird, glaube ich zwar nicht, bei
-dem versteinerten Zustand, in dem ich sie verließ; da ich
-aber weiß, daß ich trotz ihrer vielen Freunde und Bekannten
-allein ihr ganz nahe war, so ist mein Gewissen gar
-nicht rein! Deshalb möchte ich Dich bitten, recht bald
-einmal nach ihr zu sehn und mir möglichst ausführlich zu
-schreiben, wie Du sie fandest! Nicht wahr, Du bist so
-lieb?!
-</p>
-
-<h4 class="section">
-<a id="page-271" class="pagenum" title="271"></a>
-Renate an Irene
-</h4>
-
-<p class="date">
-Waldheim, am 14. August
-</p>
-
-<p class="adr">
-Meine liebe Irene!
-</p>
-
-<p class="noindent">
-Daß ich Deinen Brief erst heute beantworte, geschieht
-deshalb, weil ich erst Bestimmtes über Magda wissen
-wollte. Das habe ich nun heute erfahren, und es ist sehr
-schmerzlich. Die Sehkraft des einen Auges ist ganz, die
-des andern fast erloschen. Sie sieht nichts, wir dürfen
-uns das nicht verhehlen, obgleich sie selber behauptet,
-Farben, sogar Gestalten erkennen zu können, und hell,
-sagt sie, sei es stets. Du siehst: sie ist, wie sie immer war!
-Übrigens giebt es etwas, das ihr dies Schicksal tragen
-hilft, aber ich finde die Worte nicht, es zu erzählen. Es
-ist aber das, daß sie die alte Prophezeiung, von der Du
-weißt, nun erfüllt sieht; und daß es Georg war, an dem
-sie sich erfüllte, ist ihr Trost.
-</p>
-
-<p>
-Zu Dora ging ich schon zwei oder drei Tage nach Empfang
-Deines Briefes, fand sie über einem Berg von Schriften
-und Rechnungen ihrer Vereins- und Küchenangelegenheiten,
-und sie gestand mir ihre letzte Verzweiflung: ihr
-Gedächtnis habe gelitten, sie könne nicht mehr rechnen
-oder mit Angestellten verhandeln und dergleichen. Es gelang
-mir, ihr meine Hülfe aufzudrängen, ich bin seitdem
-fast täglich bei ihr gewesen, sie hat mich bei ihren Mitarbeiterinnen
-eingeführt und so nach und nach alles in
-meine Hände gleiten lassen. Ich werde es freilich wieder
-abgeben müssen, ausgenommen die Beschäftigung mit
-der Volksküche, Doras persönliche Domäne, denn für die
-Damen bin ich ein Eindringling. Bin auch wohl fähig
-<a id="page-272" class="pagenum" title="272"></a>
-einzusehn, daß Kampf gegen die vielen sozialen Schäden
-und Unvollkommenheiten notwendig ist, aber in der Welt,
-wo er vor sich geht, bleibe ich fremd und mag auch nicht
-kämpfen. Die Welt ist bisher eine männliche Angelegenheit
-gewesen; haben sie sie verunglimpft, sollen sie sie auch
-wieder rein machen, und sind die Frauen unzufrieden, so
-können sie ja streiken, aber als Frauen, und kein Geschrei
-machen wie die Männer. Daß arme Leute für wenig
-Geld viel und gut zu essen haben müssen, leuchtet mir
-ohne weitres ein, und deshalb gehe ich in die Küche.
-</p>
-
-<p>
-Kaum dann, daß ich alles so weit hielt, um es weitergeben
-zu können, ist Dora mir fast unter den Händen
-erloschen. Sie lebt, sie besorgt weiter für sich und ihren
-Bruder das Haus, aber sie ist stumm und ganz stumpf.
-Jason, den ich häufig bei ihr fand, sagte mir, was sie
-ihm bekannte: sie erwartet ein Kind, das sie in der Nacht
-empfing, als die andern starben. Warum gerade dies ihr
-so qualvoll ist, würde ich mich vergebens fragen, wenn
-ich nicht wüßte, daß jede Qual den Menschen weniger
-bricht, als vielmehr ihn furchtbar verkehrt, und was dann
-Andern Trost scheinen mag oder Hoffnung: es paßt alles
-nicht für ihn; es wird alles nur wieder Qual.
-</p>
-
-<p>
-Soviel habe ich an mir gelernt. Dir mehr davon zu
-sagen, bin ich noch nicht fähig, gute Irene, und muß es
-Deinem liebevollen Herzen überlassen, zu ahnen, was
-sich nicht erklären läßt. &mdash; Daß Du den Weg finden wirst,
-den Du suchst, will ich von Herzen mit Dir glauben. Da
-sehe ich Dich wieder in meiner Kapelle stehn: &sbquo;Die Wege
-des Himmels sind außerordentlich ...&lsquo; hieß es nicht so?
-Ach, Kind, Kind! ehe wir nicht durch die menschlichen
-<a id="page-273" class="pagenum" title="273"></a>
-Ordnungen gebrochen sind und rasend geworden vor Not,
-eher werden wir in die göttlichen kaum passen. Da sind
-die alltäglichen Verrichtungen für uns gut genug, und nach
-uns wendet kein Gott sich um, wenn wir vorübergehn.
-</p>
-
-<p>
-Magda schließt ihre innig liebenden Grüße den meinen
-an! Stets Deine alte
-</p>
-
-<p class="sign">
-Renate
-</p>
-
-<h4 class="section">
-Aus Renates Buch
-</h4>
-
-<p class="date">
-am 21. August
-</p>
-
-<p class="noindent">
-Heut habe ich nun zum ersten Mal Bogner wieder gesehn,
-ein Anblick zum Weinen.
-</p>
-
-<p>
-Er hat Schlimmes überstanden. Zu den Wunden trat
-Rippenfellentzündung; bei der Punktion, um das Wasser
-zu entfernen, muß schon Eiter dagewesen sein, es gab
-eine Infektion an der Stelle, und nun waren weitere
-Punktionen unmöglich. Später stellte sich eine schwere innere
-Vereiterung heraus, es mußte geschnitten werden, ein
-Stück Rippe heraus, und es gab einen Eimer voll Eiter.
-Nun liegt er mit einer Kanüle an einen Saugapparat
-angeschlossen. Ulrika erzählte mir das auf der Fahrt zur
-Klinik und bereitete mich auf seinen Anblick vor. Ihre
-eigenen Züge waren verfallen, oder war es schon diese
-unheimliche Erweiterung von innen durch die Mutterschaft?
-</p>
-
-<p>
-In dem schmalen Krankenzimmer war zuerst nichts zu
-sehn als die hohe Rückenwand eines Metallbettes, ausgefüllt
-von hochgestellten Kissen, dazu ein Gestell mit dem
-Saugapparat, von dem aus ein langer roter Gummischlauch
-in den Kopfkissen verschwand. Weiter vorgehend sah ich
-<a id="page-274" class="pagenum" title="274"></a>
-einen alten, furchtbar vergrämten Mann dasitzen, und
-aus schlottrigen grauen Stoppelfalten seiner Gesichtshaut,
-aus den Knochenrändern seiner großen Augenhöhlen blinzelten
-ganz dunkle Augen in die Höhe, wo von einer der
-Länge nach über dem Bett angebrachten Eisenstange eine
-Kette mit einem Ringe hing, den er mit schneeweißer,
-langfingriger Hand gefaßt hielt. Ich glaubte, in einem
-falschen Zimmer zu sein, und wollte mich zu einer Tür
-umdrehn, als er mir das Gesicht zudrehte und ich ihn erkannte.
-Oh, hinter der Maske von Gram und Krankheit
-das alte, wohlbekannte Gesicht nun so erschreckend deutlich
-wie ein Gesicht in einem Gebüsch oder hinter einem
-Zaun!
-</p>
-
-<p>
-Die Rosen, die ich ihm hinlegte, sah er gar nicht an,
-sondern griff gleich mit beiden Händen nach meiner.
-Dann saß ich auf einem Stuhl bei ihm, meine Hand hielt
-er fest, und von irgendwo kam eine kaum vernehmbare
-Stimme: &bdquo;Renate Montfort ...&ldquo; Da seine Lippen sich
-bewegten, so mußte es seine Stimme gewesen sein, nun
-mußte er husten, es dauerte lange, bis er fortfahren konnte:
-&bdquo;Ich wollte sagen: Renate Montfort weint. Traurig
-für mich,&ldquo; setzte er hinzu, &bdquo;aber &mdash; hübsch! hübsch!&ldquo; Dabei
-lächelte er, daß mich die Erinnerung an meinen Vater
-durchrann; der hatte auch in den letzten Tagen dies mühselige
-Lächeln der dem Tode Nahgekommenen: nur ein
-Gesichtverziehen, als ob sie erstaunten.
-</p>
-
-<p class="date">
-24. August
-</p>
-
-<p class="noindent">
-Mein dritter Besuch bei Bogner. Beim zweiten bat
-er mich, doch täglich zu kommen. Er spricht nun viel,
-<a id="page-275" class="pagenum" title="275"></a>
-wird aber schnell müde; seine Stimme ist mitunter kaum
-zu vernehmen; seine Gedanken scheinen rastlos in Bewegung.
-</p>
-
-<p>
-&bdquo;Sagen Sie doch,&ldquo; fragte er heute, &bdquo;ist Fuge wirklich
-das lateinische <span class="antiqua">fuga</span>?&ldquo; Da ich bejahte, wunderte er sich
-und meinte: &bdquo;Also wirklich Flucht? Das ist ja abscheulich!&ldquo;
-worauf er mich und Ulrika nachdenklich betrachtete
-und fragte: &bdquo;Ich möchte wirklich wissen, wie ihr es anstellt,
-diese unseligste aller Künste zu betreiben!&ldquo;
-</p>
-
-<p>
-Wir stellten uns sehr böse. Warum unselig?
-</p>
-
-<p>
-&bdquo;Eben,&ldquo; sagte er fein, &bdquo;weil sie gradezu die Seligkeit
-will. Aber sie kriegt sie nie. Sie ist ja nur immer da
-hinterher. Sie ist so ganz &mdash; bergig! <span class="antiqua">Fuga</span>, die Flucht.
-Sie ist wie der Lauf eines flüchtigen Tiers über ein Gebirge.&ldquo;
-So sprach er unaufhaltsam weiter. Immer hätte
-die Musik etwas Gejagtes, könne nie stillhalten, sei zwischen
-ihrem Anfang und dem Ende unaufhörlich, und wenn
-man ja absetze an einer Stelle, so geschehe das nicht glatt
-wie bei einem Gedicht, sondern mit einer zackigen Bruchstelle.
-Immer wolle sie die Ruhe, liege immer im Sterben,
-&bdquo;und hat sie die Ruhe doch einmal,&ldquo; sagte er, &bdquo;so
-tritt sie schon wie ein Gewässer über ihren Rand.&ldquo;
-</p>
-
-<p>
-Ulrika wandte ein, wenn er ihr einmal bei einem guten
-Legatosatz schön zugehört haben würde, ob er dann nicht
-hinter der Bewegung den Stillstand gehört haben würde.
-</p>
-
-<p>
-&bdquo;<span class="antiqua">Quies in fuga?</span>&ldquo; meinte er zweifelnd, &bdquo;die Ruhe auf
-der Flucht?&ldquo;
-</p>
-
-<p>
-Schöner, erwiderte ich, ließe es sich kaum ausdrücken.
-</p>
-
-<p>
-&bdquo;Aber erklärt mir eins,&ldquo; fing er nach einer Weile wieder
-an, &bdquo;warum habe ich denn immer, wenn ich genau
-<a id="page-276" class="pagenum" title="276"></a>
-zuhöre, das Gefühl: weshalb ist das nun so? Könnte es
-nicht gradsogut alles ganz anders sein?&ldquo;
-</p>
-
-<p>
-Weil er, erklärte Ulrika ihm lachend, jetzt genug geredet
-hätte und schlafen sollte.
-</p>
-
-<p>
-&bdquo;Das will ich,&ldquo; sagte er folgsam entschlossen, &bdquo;aber
-noch eins!&ldquo; Er fing umständlich wieder an, wir hätten
-seine erste Frage nicht beantwortet, wie wir es nämlich
-machten, die unselige Kunst zu betreiben. Er rieb sich
-die Hände. &bdquo;Ich wills euch sagen. Die Musik ist für
-gewöhnliche Menschen Gift, ihr aber habt in euch ein
-Gegengift, denn &mdash; ihr seid <span class="antiqua">Angeli sancti</span>, nicht wahr?&ldquo;
-schloß er mit einem sonderbar ängstlichen Blick zu Ulrika
-empor.
-</p>
-
-<p>
-Diesen scheuen Blick seh ich noch immer. Denn er war
-nicht nur dasmal, und wenn er nicht in seinen Augen
-war, so doch in einer Bewegung; und stets ist er gegen
-Ulrika von einer so ängstlichen Zartheit, die mir, ich weiß
-nicht warum, so schuldvoll erscheint, und ich muß die
-Augen niederschlagen, wenn er nur sagt: &bdquo;Möchtest du
-wohl so gut sein ...&ldquo;, als wäre da etwas zum Schämen.
-</p>
-
-<p class="date">
-am 25. August
-</p>
-
-<p class="noindent">
-Auf Ulrikas Bitte teilte ich Bogner heute mit, was er
-von Magda noch nicht wußte. Er hörte wortlos zu, schloß
-dann die Augen und hielt sie lange so, wie um zu versuchen,
-was Blindheit sei. Als er sie wieder öffnete, sagte
-er, sie zukneifend, geblendet: &bdquo;Unmöglich! Sterben ist
-möglich, aber blind werden nicht!&ldquo; Da erinnerte ich ihn,
-um ihn sich selber vergessen zu machen, daran, daß Magda
-nicht male.
-</p>
-
-<p>
-<a id="page-277" class="pagenum" title="277"></a>
-&bdquo;Richtig,&ldquo; sagte er, &bdquo;sie hat ja auch eure Musik. Oh
-freilich Musik! Die Sehenden macht sie halb blind, diese
-blendende Sonne, aber für Blinde kann sie ja dann wohl
-eine schöne Quelle der Wärme sein.&ldquo;
-</p>
-
-<p>
-&bdquo;Ich wills Magda sagen&ldquo;, meinte ich leise.
-</p>
-
-<p>
-&bdquo;Nein,&ldquo; sagte er da, &bdquo;sagen Sie ihr nicht das! Es
-klingt nicht gut so von Blinden ... Sagen Sie ihr &mdash;&ldquo;
-Er besann sich, die Lippen bewegend, sagte dann: &bdquo;Der
-Körper ist blind, aber die Seele ein Argus mit tausend
-Augen; soviel Götter, soviel Augen.&ldquo;
-</p>
-
-<p>
-Wir hatten dann eine Weile von andern Dingen gesprochen.
-Auf einmal fragte er mich, lächelnd mit einem
-Mundwinkel, ob mein Vater nicht Pfarrer gewesen sei,
-und als ich nickte, ob er gewesen sei, was man so liberal
-nennte. &mdash; &bdquo;Ach, nein!&ldquo; &bdquo;Ein ganz frommer Mann?&ldquo;
-Ich bejahte.
-</p>
-
-<p>
-&bdquo;Dann&ldquo;, sagte er, &bdquo;will ich Ihnen noch was schenken.
-Jason hörte ich einmal sagen: Ein liberaler Pastor &mdash; da
-könnte man auch sagen: eine liberale Musik, &mdash; und nun
-fällt mir bei dem Seelenargus ein: das sogenannte liberale
-Christentum ist wie der einäugige Polyphem, geblendet
-vom listenreichen Ulyß,&ldquo; schloß er verschmitzt, &bdquo;der
-Vernunft.&ldquo;
-</p>
-
-<p>
-Er ist nun so klügelnd geworden ...
-</p>
-
-<p class="date">
-am 26.
-</p>
-
-<p class="noindent">
-Ich kam von Bogner zurück, es war schon spät und
-dämmrig geworden, da hörte ich die Orgel. Konnte das
-wieder Magda sein? Gleich lief ich in den Garten, wo
-ich dem Getön anhörte, daß Tür und Fenster der Kapelle
-<a id="page-278" class="pagenum" title="278"></a>
-geschlossen sein mußten und daß es äußerst heftig war.
-Näher kommend hörte ich Gesang und erkannte die Musik
-der alten Kirchenarie von Stradella &sbquo;<span class="antiqua">Si miei sospiri</span>&lsquo;,
-zu der Georg Magda einmal einen deutschen Text geschrieben
-hat. &sbquo;Wer weint in Finsternis? Wer schluchzt
-im Dunkel?&lsquo; fing es an. Vor der Tür der Kapelle hörte
-ich die Orgel allein die Schlußwendungen mit solcher Kraft
-brausen, daß die hölzerne Tür erbebte; ich öffnete und
-trat ein, es war dunkel drin, die riesigen Orgelstimmen
-warfen sich über mich wie Geister, schon wieder mit der
-Wucht der Oktavengänge im Baß des Anfangs einherstampfend.
-Ach, ich glaube, alle Engel meiner Brust sind
-aufgestanden vor einer übermenschlichen, viel zu lauten,
-einer rauchenden Stimme aus dem Dunkel, die hinfegte
-über mich durch den Raum, so tief und gewaltsam, so
-brechend aus allen Fugen, nach oben stürzend und sich
-niederschmetternd, daß ich mich nicht halten konnte und
-hingekniet bin und das Gesicht in die Hände gelegt habe.
-Und jetzt: schwarzblau durch das Schwarze der Nacht,
-unter Gewölben her, kam der Engel gebraust, der furchtbare,
-blinde. Die Stirn im Armbug trat er die Lüfte
-hinter sich mit zuckenden Füßen; die riesenhaften Schwingen
-bogen und wanden sich wie schwarze Flammen, er
-peitschte mit ihnen, und so jagte er unterm Gewölbe hin
-und über mir fort, und die Lüfte schlugen schallend hinter
-ihm auf wie Gewässer, heraufklatschend an den Nachtwänden.
-Es war ein endloser Gang, nicht breiter, als
-daß der Engel darin fliegen konnte, und so kam er zurück;
-ich, oh ich sah die Sohlen seiner Füße bleich schimmern,
-wie er über mir fortstürmte, und plötzlich sah ich ihn an
-<a id="page-279" class="pagenum" title="279"></a>
-den Stäben eines Gitterfensters hängen und daran rütteln;
-sein Leib fiel nach unten, er hing, so lang er war, aber
-er schwang die Füße hoch, stemmte sie gegen die Wand,
-und während hinter ihm die ohnmächtigen Flügel in rasenden
-Wirbeln die Lüfte peitschten, rüttelte er mit seinen
-langen Armen, rüttelte und schrie auf, ließ los, ermattete,
-tastete und stürzte ins Bodenlose ab. Ehe aber der Donner
-seiner Schwingen in den Tiefen verhallt war, kam er
-wieder herauf gerauscht wie ein Brunnen, und jetzte rannte
-er mit wütender Schnelle schräg nach oben und mit ungeheurem
-Prall gegen die Wölbung, daß sie barst.
-</p>
-
-<p>
-Sechs schöne, farbige Engel, Gitarre, Harfe und Posaune
-in Händen, standen in einem tiefen, morgenstillen
-Zwielicht auf der Kuppe eines Berges; tiefer braute Gewölk.
-Es orgelte ruhig in den Tiefen, große Takte schlugen
-majestätisch herauf, der Umkreis der Himmel erschien,
-duftende Büschel und Hecken feuerfarbener Lilien raschelten,
-bewegten, ordneten sich und standen still, mit fahrender
-Schnelle kam das Licht, körperlos zog es herauf, goldene
-Dünste stiegen in triumphierenden Wolken überall, die
-Engel hoben ihre Instrumente, die lange Lure wies steil
-in das kühle Morgenblau oben. Dort stand einsam ein
-weißer Stern, aus dem langsam eine Träne rollte und
-fiel; der Stern war ein weinendes Auge, die Träne fiel
-naß und brennend auf meine Hand, es war dunkel.
-</p>
-
-<p>
-Nun hörte ich meine Orgel leiser sausen, es war wieder
-das Vorspiel, aber als nun Magdas singende Stimme
-wieder einsetzte, war es reine Sanftmut, nur schmelzender
-Wohlklang, und sie leitete nun ihren Gesang, wie es schön
-und recht war, ohne Übermaß, beugte ihn und richtete ihn
-<a id="page-280" class="pagenum" title="280"></a>
-auf, ließ ihn schwellen und verhallen, ließ die Stimme
-schweigen lernen und sich bändigen durch unerbittliche
-Pausen des bemessenen Orgeltons. Und als sie zum vierten
-Male zum <span class="antiqua">da capo al fine</span> einsetzte, hatte sie das
-Maß; die Stimme gehorchte freiwillig, der lärmende Gott
-der Blindheit war nirgend.
-</p>
-
-<p>
-Und wiederum in diesem fremden Augustmond sah
-ich meine Erscheinung.
-</p>
-
-<p>
-Im grünenden bewegten Garten stand die Sonnenuhr.
-Es war heller Tag, in allen Büschen glitzerten Taulichter,
-aber als ich wieder nach der Sonnenuhr blickte, war der
-Zeiger sonderbar lang und war das gewundene Horn des
-Tiers. Das weiße Tier stand im Garten, es hob die leichten
-seligen Füße und ging vorwärts wie im Tanz, indem
-es sich unaufhörlich verneigte, die Stirn mit dem Horne
-senkte und hob, ein Tanz von der unbeschreiblichsten
-Sanftmut, der plötzlich endete, da das Tier den Kopf stillhielt
-und zu lauschen schien, und nur die Spitzen des Mähnenhaars
-und des Schweifs flatterten ganz wenig an dem
-Marmor gewordenen Leibe. Jetzt wendete es den Kopf
-zu mir her, und ich sah, daß es freundlich lächelte, während
-es auf einen großen, blauschwarz gewandeten Engel zuschritt,
-der plötzlich unter den hohen Bäumen stand. Er
-legte eine Hand auf den Rücken des Tiers und wandte sich
-zum Gehn, so daß ich die hohen Büge seiner gewaltigen
-Schwingen über seinen Schultern sah, während die gebogenen,
-sehr schmalen Flügel selber an seinem Leib vorüber
-weit nach vorne die Spitzen streckten. Der Engel
-und das Einhorn gingen so zusammen fort in den Wald
-hinein, und sonderbar nahm er im Gehn seine Fittiche
-<a id="page-281" class="pagenum" title="281"></a>
-unter die Arme; dann legte er die Hände auf dem Rücken
-zusammen; er war klein geworden in der Ferne und sah
-nun schon ganz wie Jason aus; er war es auch wirklich,
-da er sich nun umdrehte und sein Gesicht zeigte, weiß mit
-schwarzen Augen, aus denen es lächelte ...
-</p>
-
-<p>
-Sie waren verschwunden. Es rauschte durch den Wald,
-dann erlosch er eilig. Ich lief, Magdas Namen leise rufend,
-zum Podium, sie wandte sich zu mir und sagte, wie
-sie im Traum gesagt hatte: &bdquo;Siehst du wohl, daß ich
-doch fliegen kann?&ldquo; &bdquo;Ich muß es glauben&ldquo;, antwortete
-ich leise und schauderte.
-</p>
-
-<p class="date">
-am 27. nachts
-</p>
-
-<p class="noindent">
-Bei Bogner traf ich Ulrika heut nicht mehr an und
-statt dessen Jason. In der Volksküche hatte es eine böse
-Geschichte gegeben mit zwei ineinander verhakten Aufsichtsdamen,
-die auf keine Weise auseinander zu bringen
-waren. Um so stiller war Bogner. Es geht immer auf
-und ab mit ihm. Immer wieder kommt Eiter und mit
-ihm Fieber. So abgemagert er ist, war er doch ein schwerer
-Mann; er hat sich ganz wundgelegen, die Füße sind
-geschwollen und sollen ganz violett aussehn. Er fieberte,
-lag unruhig da und sprach kaum.
-</p>
-
-<p>
-So verließ ich ihn in recht gedrückter Stimmung. Auf
-der Heimfahrt erzählte mir Jason, den ich mit zu Magda
-nahm, daß er vor ein paar Tagen bei Georg gewesen ist;
-daß er nun anfängt zu gesunden. Er liegt in dem kleinen
-Schloß, in dessen Nähe er auch gefunden wurde. Was
-mit ihm vorgegangen ist, weiß niemand, und vielleicht
-wäre er gar nicht entdeckt worden, wenn nicht sein Reitpferd
-<a id="page-282" class="pagenum" title="282"></a>
-sich beim Hause gezeigt hätte. Auch das ist nicht
-zu verstehn, denn der Park ist klein und von einer Mauer
-abgeschlossen; wie konnte er da reiten wollen?
-</p>
-
-<p>
-Dies hörte Jason von Doktor Birnbaum. Als dieser
-dann von seiner Bekümmertheit sprach, daß er sich nicht
-getraue, Georg den Tod seines Vaters mitzuteilen, so hat
-Jason sich angeboten.
-</p>
-
-<p>
-&bdquo;Aber da&ldquo;, sagte Jason, &bdquo;hatte ich einen Versager.
-Vielleicht hätte ich es doch lieber mit Einschläfern versuchen
-sollen. Er schien ruhig zuzuhören, aber als ich
-besser hinsah, war er einfach ohnmächtig geworden.&ldquo;
-</p>
-
-<p>
-Als wir nun schwiegen, erschreckte mich das Geräusch
-des Fahrens, überlaut in meinem Gehör, und da merkte
-ich, wie alles wieder bröcklig in mir wurde. Da erschien
-der Festzug, ich saß auf der Höhe des Wagens, die Elefanten
-schritten dort, ich sah das bunte Getümmel unten
-und oben, und jetzt, wie es erlosch, jetzt erst sah ich alles,
-was geschehen war an diesem Tage, der so triumphierend
-begann. Alles zählte ich da Jason auf: Erasmus&rsquo; Tat,
-und Josefs Tod, den Jammer seines Vaters und meinen
-eignen, den Tod des Herzogs, und Sigurd, Georgs Erkrankung,
-Magda, und weiter noch Bogner und Ulrika
-und gar Irene. &bdquo;Jason!&ldquo; mußte ich endlich entsetzt fragen,
-&bdquo;wie war es nur möglich! all dies an einem Tag!&ldquo;
-</p>
-
-<p>
-Jason sagte: &bdquo;Du lieber Egoismus! Warum lässest
-du alles Übrige fort? An jenem heißen Sommertag haben
-achtzehn Menschen einen Hitzschlag erlitten, woran sieben
-starben; drei stürzten mit einem zusammenbrechenden
-Balkon beinah hinter dir in den Festzug; zwei fielen vom
-Dach, zwei von der Straßenbahn, sechs wurden überfahren,
-<a id="page-283" class="pagenum" title="283"></a>
-einer brach den Arm im Gedränge, und übrigens
-müssen der Wohnungen, die von ihren Besitzern verlassen
-waren und in die eingebrochen wurde, mindestens zwanzig
-gewesen sein.&ldquo; Er hätte nicht gezählt, schloß er, aber was
-mir einfiele, alldas nicht zu rechnen?
-</p>
-
-<p>
-&bdquo;Nein, Jason,&ldquo; konnte ich trotz der erschreckenden
-Aufrechnung entgegnen, &bdquo;du wirst mich wohl recht verstehn:
-die ich aufgezählt habe, gehörten doch Alle zusammen.
-Wir waren doch Alle verwandt miteinander!&ldquo;
-</p>
-
-<p>
-&bdquo;Freilich,&ldquo; erwiderte er, &bdquo;kommt ein Sturm, stürzt das
-Dach ein, so trifft es Alle, die darunter versammelt sind.
-Oh gewiß, ich erinnere mich wohl: die Friedliebende Gesellschaft
-hieß es, und damals fing alles an. Denn&ldquo;,
-endigte er liebenswürdig, &bdquo;ich gebe dir gern zu, daß
-du die Dinge so ansehn mußt, wie sie sich um dich ordneten.&ldquo;
-</p>
-
-<p>
-&bdquo;Ordnung, Jason!&ldquo; rief ich empört.
-</p>
-
-<p>
-&bdquo;Ja, wer kennt denn all die Gesetze? Hat der Mensch
-einen Gott, muß er auch Dämonen haben.&ldquo;
-</p>
-
-<p>
-Mir graute es vor Jason in diesem Augenblick, und
-es dauerte eine Weile, bis ich fragen konnte, wie er es
-mache, stets gelassen zu bleiben, denn ich wisse ja, er meine
-es gut mit uns Allen.
-</p>
-
-<p>
-&bdquo;Ein bißchen schwarze Kunst vielleicht?&ldquo; riet er.
-</p>
-
-<p>
-&bdquo;Ach freilich, die Schwärze sieht man an den Augen!
-Aber worin besteht sie?&ldquo;
-</p>
-
-<p>
-Das sei schwierig, meinte er, jeder Zauber sei nur in
-einer Hand wirksam; worauf er mir ernsthaft riet, wenn
-ein Leid an mir zerrte, nur die Augen kräftig zuzumachen
-und zu denken, daß es mich gar nichts anginge.
-</p>
-
-<p>
-<a id="page-284" class="pagenum" title="284"></a>
-&bdquo;Du hast uns so oft wohlgetan, Jason,&ldquo; sagte ich
-leise, &bdquo;wie willst du das denn gemacht haben, wenn wir
-dich nichts angingen?&ldquo;
-</p>
-
-<p>
-Das, sagte er, sei eine Verwechselung der Ausdrücke.
-&bdquo;Ihr Alle geht mich viel an und auch euer Leid. Wenn
-aber eines davon an mir zerren wollte, an mir, nämlich
-an jemand, den es in Wahrheit nicht betrifft, und ich lasse
-das zu, und es wird nun meine Sache, was geschieht?
-Dann werde ich verwirrt und unnütz, und das Leid ist
-weiter nichts als größer geworden. Muß man ihm nicht
-Grenzen setzen? Kommt die Springflut über den Deich,
-so zieht man einen neuen. Wie soll man denn ein Leiden
-verringern, als indem man ihm Einhalt gebietet und versucht,
-es in ein ordentliches Bett zu leiten? Oh, man muß
-es gut schieben und zwängen, bis es an Ort und Stelle
-und eingepaßt ist. Dazu ist aber doch Besinnung nötig.
-Nun, und wenn schon der sie verliert, der darin steckt, soll
-ich sie auch noch verlieren?&ldquo;
-</p>
-
-<p>
-Ich konnte nur den Kopf schütteln und sagen: ich verstehe
-es nicht.
-</p>
-
-<p>
-&bdquo;Es läßt sich ja nicht verstehn,&ldquo; erwiderte er freundlich,
-&bdquo;ich sagte es schon. Oder kann dirs klar werden,
-wenn ich sage: Man muß mit fühlen, aber nicht mit
-leiden?&ldquo;
-</p>
-
-<p>
-&bdquo;Ja, wie denn nur, Jason, wie denn?&ldquo;
-</p>
-
-<p>
-&bdquo;Nehmen wir&ldquo;, erklärte er nun, &bdquo;einen eisernen Topf.
-Der ist voll Wasser, steht am Feuer, das Wasser fängt
-an zu kochen. Das Feuer glüht, der Eisentopf glüht, aber
-die leiden nicht. Das Wasser leidet, und die Luft im
-Wasser, die vor Angst, hinauszukommen, alles über den
-<a id="page-285" class="pagenum" title="285"></a>
-Rand wirft. Sie leidet die Glut, aber der Topf? Er
-fühlt sie. Fühlt sie ganz ruhig so lange, bis die Luft in
-der Freiheit der Lüfte ist, alle schädlichen Keime tot sind,
-und das Wasser gekocht. Das Feuer geht aus, der Topf
-wird kalt, alles hat seine Richtigkeit. Du aber, sage mir,
-mein Kind: war ein Gott im Feuer oder ein Dämon?&ldquo;
-</p>
-
-<p>
-&bdquo;Beide, Jason, doch beide!&ldquo; rief ich ganz aufgelöst,
-&bdquo;aber warum, und wie macht es denn dein Topf, dein &mdash;&ldquo;
-</p>
-
-<p>
-Ich glaube aber, ich habe das gar nicht gesagt oder
-jedenfalls nicht weitergesprochen. Mir fiel nämlich etwas
-ein, das mit Jason zusammenhing, doch konnte ich es
-nicht finden; dann hielt auch der Wagen, und jetzt erst in
-der Nacht, wo ich mein Buch hervorholte, um zu schreiben,
-wußte ich, daß es darin stand, was ich gesucht hatte,
-und ich brauchte nicht lange, um diese Zeilen zu finden,
-Jasons Worte, geschrieben am 5. November im vorigen
-Jahr:
-</p>
-
-<p>
-&bdquo;Gewiß erinnerst du dich der Geschichte von den drei
-Männern im Feuerofen, die sangen. Ganz kühl standen
-sie in aller Glut und sangen schöne Lobgesänge. Das
-sollten eigentlich wir Alle können, ja, das ists, was wir
-lernen sollten. Die Glut verschonte sie ja nicht, jene Drei,
-was wäre das weiter gewesen? Ist Gott ein Taschenspieler,
-der Kunststücke macht mit seinen Heiligen? Nein,
-er ließ sie ganz und gar verzehrt werden von der Feuersglut,
-bis sie zu Asche gebrannt waren, aber siehst du,
-Kind,&ldquo; sagte er zu mir, &bdquo;in ihnen war Gott, mit seiner
-himmlischen Essenz waren ihre Leiber durchtränkt, so daß
-ihre Asche fest wurde, fest wie gebrannter Ton, und da
-empfanden ihre Seelen erst, wie kühl und wie angenehm
-<a id="page-286" class="pagenum" title="286"></a>
-gekleidet sie mitten in den Flammen standen, und nun begannen
-sie unverbrennlich den Lobgesang.&ldquo;
-</p>
-
-<p>
-Unverbrennlich, das war das Wort. Das sollten eigentlich
-wir Alle können, &mdash; o Gott!
-</p>
-
-<p>
-Jason, ja, und die Andern! Magda ist es geworden,
-Bogner wird es vielleicht, aber ich, wie weit bin ich davon!
-In Flammen stand ich lichterloh, aber alles, was
-ich davontrug, sind Wunden. Und war es nicht so, wie
-Jason erklärte? Was gingen jene Flammen mich an,
-mich, die sie nicht betrafen? Erasmus, den trafen sie und
-gingen sie an, und seinen Vater, Sigurd und den Herzog,
-aber doch nicht mich! Sie konnten brennen und verbrannt
-werden, ich aber lief nur zum Feuer hin und versengte
-mir die Hände. Nein, mein Gott, oh nein, was konnt
-ich denn tun? Erasmus, was konnte ich tun? Ich legte
-die Hände auf seinen Kopf, oh Heiland, wie das Feuer
-drin raste! Ich habe Woldemar einen Verband gemacht,
-so gut ich konnte, und ich habe Sigurds Stirn angefaßt
-und gefühlt, wie sie glühte, und da war meine Hand
-noch kühl. Ach, sie ist doch verbrannt, denn was half ich?
-</p>
-
-<p>
-Was ist denn nur mit mir, was ist denn nur? Diese
-Schwäche, diese innere Lähme schon durch die Wochen. Es
-ist, als hätte ich Angst, dies könnte noch nicht alles sein,
-wenn aber das Letzte kommt, das Wirkliche, werde ich
-schwach sein und nur brennen und nicht überstehn. Sollte
-das möglich sein? Ein schlimmeres Unheil und eins, das
-nur nach mir zielt, nach mir? Ach, und die Jahre all, wie
-hungerte michs nach dem Glück!
-</p>
-
-<p>
-Ruhig war ich früher immerhin und sagte: ich warte!
-Da aber, in jener Nacht, am Wehr erst, dann im Zimmer,
-<a id="page-287" class="pagenum" title="287"></a>
-auf der Fahrt, in der Universität, im Schloß dann,
-die lange Ewigkeit bis zum Schlaf bei Saint-Georges,
-da war ich &mdash; besinnungslos, war ich leer, von mir selber
-verlassen und betäubt, und da hat mich einer, der mich
-schon lange belauerte, der hat mich da überfallen, der
-schlüpfte in mich hinein und hockt nun in mir, zusammengekrümmt,
-und wartet, und dies alles bisher waren nur
-erst die großen Verneigungen.
-</p>
-
-<p>
-Bist du ein Gott, du fürchterlicher in mir, sage, bist du
-Gott oder der Teufel? Du hast mich öfters auch trunken
-gemacht in diesen Wochen, hingegeben der Ferne, einem
-himmlisch Kommenden zugeschmolzen, und dann dachte
-ich gewiß: Ein Gott muß es sein! Aber ich weiß es nicht,
-ich weiß es ja nicht! Angst ist immer Angst, ob sie nun
-süß ist oder bitter, wie soll ich da erkennen?
-</p>
-
-<p>
-War ein Gott im Feuer oder ein Dämon? fragte Jason,
-und ich schrie: Beides!
-</p>
-
-<h4 class="section">
-Cornelia Ring an Renate
-</h4>
-
-<p class="date">
-Altenrepen, am 29. August
-</p>
-
-<p class="noindent">
-Liebes Fräulein von Montfort, wie sehr danke ich Ihnen
-für Ihre lieben Zeilen, und denken Sie bitte nicht schlecht
-von mir, daß ich Sie bis heut ohne Antwort ließ! Ich,
-wissen Sie, habe gar keine Widerstandskraft, und wenn
-mich etwas trifft, so kann ich nur stillhalten und mich
-zerreißen lassen. Es ist nun so weit vorüber, daß ich wenigstens
-der Außenwelt Fassung zeigen kann, aber sehen
-lassen kann ich mich noch nicht, ich bin am ganzen Körper
-geschwollen. Wenn Sie es denn erlauben, komme ich in
-<a id="page-288" class="pagenum" title="288"></a>
-der nächsten Woche zu Ihnen. Heute will ich Ihnen nur
-schreiben, weil Sie nach Li fragen. Er hat mir erst einen
-guten Schrecken eingejagt, denn nachdem er Ihren Auftrag
-an mich ausgerichtet hatte, ging er hin und wollte
-sich umbringen. Ja, Sie haben sein &sbquo;Was soll nun aus
-mir werden!&lsquo; wohl nicht ganz recht verstanden, denn das
-hieß nicht, daß er nun keinen Herrn mehr hätte, sondern
-daß mit seinem Herrn auch sein Leben zerrissen war; es
-bestand nur in ihm. Ach Gott, es war wohl sehr komisch!
-Er war hinaus, ich glaubte, ohnmächtig zu werden, mein
-Herz ist nicht gut, ich schrie nach ihm, da kommt er wieder
-hereingelaufen ohne Jacke, um den Hals einen Strick, an
-dem er zerrt, und der nicht los will. Ich habe nun gesucht,
-ob sich in Josefs Papieren irgendwelche Bestimmungen
-für Li fänden, fand aber nichts. Li selber hat
-sich nun eines Auftrages seines Herrn entsonnen und behauptet,
-seine &mdash; Josefs &mdash; Erinnerungen aufschreiben,
-das heißt aus seinen Tagebüchern wiederherstellen zu
-müssen und herausgeben. Er, Josef, erlebte ja viele und
-unglaubliche Dinge, es giebt mehrere Tagebücher, die
-meistens von Li geschrieben wurden nach seinem Diktat
-oder auch ganz selbständig. Schon hieraus können Sie
-sehn, wie sehr der Kleine sein Vertrauen hatte. Wenn er
-lebte, würde er Ihnen Li aufs höchste rühmen. Er spricht,
-glaube ich, alle lebenden Sprachen und besitzt tausend Fertigkeiten.
-Er hat ihn, Josef, auf allen Reisen begleitet,
-und seit ich Josef kenne, war er, Li, immer bei mir, wenn
-er, Josef, in Ihrem Haus wohnte. Er hielt es irgendwie
-(ich glaube fast, seinem Bruder gegenüber) für unpassend,
-einen Diener für sich allein zu haben. Ich habe ihm nun
-<a id="page-289" class="pagenum" title="289"></a>
-Ihren Wunsch mitgeteilt und auch, daß er bei mir nicht
-bleiben könne. Er hat sich Bedenkzeit erbeten, obgleich es
-ihm gewiß lieb sein wird, in Josefs Haus zu kommen.
-Bitte, wenn Sie oder vielleicht Herr Montfort etwas aus
-Josefs Leben wissen möchten: Li weiß alles, und es sind
-ja auch die Tagebücher da. Heute erklärte er mir, wenn er
-schon bei mir nicht bleiben könnte, so gefalle es ihm, daß seine
-neue Herrin nicht sehen könne, denn da es die alten Augen
-seines wahren Herrn nicht sein könnten, wären gar keine
-schon das beste. Das klingt ein wenig lieblos, aber Sie sehen,
-wie er es meint, und das ist auch ganz so, wie ich Josef einmal
-sagen hörte: Wenn ein Mensch ein Unglück hat und
-gar nicht weiß, wie er damit fertig werden kann, so macht er
-einen Haken und hängts am Unglück von einem Andern auf.
-Und ein andermal sagte er: Unglück kommt selten allein;
-das ist wahr, denn immer hat es irgendein Glück zur Folge
-für jemand anders, und aus der Birne, die ich für faul halte,
-klaubt mein Bruder die Kerne und pflanzt sich eine Allee.
-</p>
-
-<p>
-Ich schicke Ihnen also Li mit diesem Brief. Entschuldigen
-Sie bitte meinen Freimut, aber wenn er nicht ginge,
-so würde ich mich am liebsten selbst anbieten. Einem
-Blinden zum Führer dient wohl der am besten, der selber
-kaum noch aus den Augen sieht, und mir fällt wieder ein
-Wort Josefs ein: Schlage mich auf den Leib, so trägt er
-ein blaues Auge davon; wo es aber die Seele traf, was für
-ein Auge wird sie da aufschlagen? &mdash; Herr Bogner wird mich
-ja kaum mehr brauchen; da Frau Tregiornis Mann tot
-ist, nehme ich jedenfalls an, daß sie zusammen bleiben.
-</p>
-
-<p>
-Und nun gottbefohlen! Herzlich grüßend Ihre
-</p>
-
-<p class="sign">
-Cornelia Ring
-</p>
-
-<div class="chapter">
-
-<h3 class="chapter" id="subchap-0-2-2">
-<a id="page-290" class="pagenum" title="290"></a>
-Zweites Kapitel: September
-</h3>
-
-</div>
-
-<h4 class="section">
-Georg an seinen Vater
-</h4>
-
-<h5 class="subsection">
-I
-</h5>
-
-<p class="noindent">
-Jason sagte (und nämlich im Auftrage der Andern,
-denn sie hielten ihn für den Geeigneten, und er wars
-auch!), Jason also sagte mir, daß Du gestorben seist.
-Aber das ist auch wieder so ein Ausdruck! (Übrigens, ich
-erinnere mich, es war ein so besondrer Augenblick, wie ich
-ihn noch nicht erlebt zu haben glaube, auch kaum mehr
-vorstellbar, doch war es so, daß Jason ganz weiß von
-oben bis unten in einer pechschwarzen Wolke saß, in der
-es donnerte. Dann liefen sie haufenweise zusammen, und
-diese, ich muß gestehen, ziemlich unglaubliche Erscheinung
-verschwand.)
-</p>
-
-<p>
-Aber wie gesagt: das ist auch wieder so ein Ausdruck.
-Dir ist bekannt, denn wir sprachen mehr als einmal darüber,
-daß wir im Zeitalter des Ausdrückens leben, auch
-Expressionismus genannt. Dichter und Maler: was das
-Wesen ihres Wirkens in Wahrheit ist, nämlich: die Form,
-das weiß ihrer keiner mehr (ausgenommen wie immer
-George), und eines jeden ganzer Stolz ist es, wenn er für
-irgendeine Nervensache einen Ausdruck gefunden hat.
-So auch die übrigen Menschen, und so auch in diesem
-Fall und so weiter.
-</p>
-
-<p>
-Nämlich, ich will sagen: die Umstände reden ja gewissermaßen
-zugunsten der Andern. Mordanschlag eines
-Irren ... ich beklage Sigurd nicht weiter, als ich ihn
-eben verstehe, das heißt, ich habe alles, was Vernunft
-<a id="page-291" class="pagenum" title="291"></a>
-und Sinnenordnung heißt unter den Menschen, so oft
-hirnverbrannt finden müssen, an Andern und an mir, daß
-ich durchaus nicht weiß, ob wir nicht in die wahren Ordnungen
-gerade dann eintreten, wenn die uns bekannten
-gesprengt scheinen, und übrigens, wer sagt denn: gesprengt?
-Ebensogut können sie ja nur erweitert sein.
-Attentate auf Fürsten sind auch von sogenannt vernünftigen
-Leuten nicht selten verübt worden, und so ließe sich
-in Sigurds Falle besonders gut annehmen, daß es für ihn,
-um zu dieser Tat zu gelangen, eben jener Erweiterung
-bedurfte, die uns unter dem Ausdruck Irrsinn bekannt ist.
-Auch wieder so ein Ausdruck!
-</p>
-
-<p>
-Ferner Trauer im Lande, an den Kleidern, betrübte
-Mienen und so weiter, vor allem unbedingt Deine sonst
-ganz unverständliche Abwesenheit, &mdash; wie gesagt, all das
-spricht für Totsein, aber, wie ich auch schon sagte: das
-ist eben der gängige Ausdruck. Und eine Nervensache ist
-es ebenfalls, denn wie? Wenn ich wirklich glaubte, Du
-seist tot, in dem üblichen Sinn des nicht mehr Vorhanden-,
-des Abgeschiedenseins: müßten nicht meine Nerven reißen
-im Augenblick? Mit einem Wort: ich stürbe vor Angst?
-</p>
-
-<p>
-Nein, mein Glaube bleibt die Form. (Übrigens ist es,
-wie mir einfällt, gerade Sigurd, dem ich die frühste Belehrung
-hierüber verdanke.) In der Form offenbart sich
-die Seele; Deine Seele aber, wie könnte sie gestorben
-sein? Ich habe es nicht gesehn. Ihre stoffliche Erscheinungsart,
-ja, die hat sie allerdings in außerordentlicher
-und besondrer Weise gewechselt, so wie die Vernunft es
-eben tut, indem sie rasend wird. Einzig wunderbar aber
-bleibt, daß die Form, in der Du nach wie vor Wesen hast
-<a id="page-292" class="pagenum" title="292"></a>
-und lebst, daß sie ganz und gar zusammenfällt mit der
-Form, in der ich Dich empfinde. Und ist nicht dieser Gedanke
-fast göttlich: Du, gemacht aus väterlichem Stoff,
-eingesetzt in die Form des Vaters für unsre Lebenszeit,
-nicht leiblich mein Vater, aber ganz und ewig im Geist?
-Nein, besondrer konnte es unmöglich erdacht werden. Mir
-verbleibt.
-</p>
-
-<p>
-Sieh, da war er wieder eingeschlafen! Er schläft immer
-ein, dieser Knabe Georg! Ich dachte erst, das Schreiben
-würde ihn munter erhalten, aber es scheint mir doch
-nun wieder eine besondre Nervensache. Mein Geist, das
-merkst Du wohl, ist schon wieder scharf wie ein Eisbrecher
-(übrigens, in Chöttingen sagt man Cheist, &mdash; ich weiß
-nicht, es reizt mich so besonders, wenn ich nicht alles aufgeschrieben
-habe, was mir eben einfällt. Nicht wahr, es
-könnte ja grade das von ausschlaggebender, mit einem
-Wort von besondrer Wichtigkeit sein!), also wie ein Eisbrecher,
-wie gesagt, aber du lieber Gott, meine Hand ist
-so schlaff wie meine Beine und so weiter.
-</p>
-
-<p>
-Nämlich &mdash;
-</p>
-
-<p>
-Oder vielmehr &mdash;
-</p>
-
-<p>
-Nein, es tut mir besonders leid, aber ich kann nun das
-Ende des Satzes oben nicht mehr finden. Nun, Geduld,
-Geduld, wenns Herz auch bricht, Mit Gott im Himmel
-hadre nicht und so weiter, wie der Doktor Bürger so schön
-singt, aber &mdash; das ist auch nicht so einfach!
-</p>
-
-<h5 class="subsection">
-II
-</h5>
-
-<p class="noindent">
-Denn (um an meinen ersten Brief anzuknüpfen): warum
-bist Du fort und ich hier allein? Ist das nicht zum Hadern?
-<a id="page-293" class="pagenum" title="293"></a>
-Du bist freilich nun der große Strahlende geworden,
-ja der so blendend Strahlende, daß ich gar nicht die
-Augen zu Dir aufheben darf, und schon deshalb ist das
-Schreiben sehr dienlich, &mdash; ich aber blieb hier in der kranken
-Dämmerung, und wenn ich nicht die Hoffnung hätte
-wie einen Felsen, wie einen <span class="antiqua">rocher de bronce</span>, in nicht gar
-zu langer Frist dorthin zu gelangen, wo Du bist &mdash; wie
-wäre dies Dasein sonst zu ertragen? Lieber Papa, verzeih
-schon, ich weiß, daß die Äußerung von Gefühlen
-früher nicht üblich war zwischen uns, aber damals ging
-es uns Beiden ja verhältnismäßig wohl. Nun verstehst
-Du wohl: meine Einsamkeit macht mich mitunter recht
-weich.
-</p>
-
-<h5 class="subsection">
-III
-</h5>
-
-<p class="noindent">
-Standhaftigkeit sagst Du. O gewiß, natürlich! Ich
-weiß ja auch: es lebt niemand in der Dämmerung, der
-nicht <span class="antiqua">recte</span> hineingehört, und schon daß ich darin bin,
-wäre mir ein Beweis. Und nun der lange schwere Weg,
-den ich vor mir habe, dieser furchtbare und erhabene Weg
-zu Dir, der mich besonders entmutigen würde, wenn ich
-es wagte, ihn ganz ins Auge zu fassen: ich muß schon
-sagen, ich bin mitunter recht verzagt. Du würdest mir
-ja gern helfen, ich weiß, aber da es verboten ist, so sehe
-ich es ja vollkommen ein. In Deine Klarheit, in Deine
-Hoheit, wie fang ichs an? Wo ich doch ganz unten erst
-auf dem Punkte stehe, wo man tausend Fehle um sich her
-sieht wie ein grausames Dickicht, und ganz fern &mdash; o
-himmlisches Grün hinter Bäumen! &mdash; dämmert die heilige
-Wahrheit ...
-</p>
-
-<h5 class="subsection">
-<a id="page-294" class="pagenum" title="294"></a>
-IV
-</h5>
-
-<p class="noindent">
-Ich weiß nicht, als ich neulich meinen ersten Brief an
-Dich begann, war ich so besonders glücklich und munter,
-aber bei mir hält auch rein gar nichts vor. (So war es
-immer in meinem Leben. Zum Beispiel Cordelia. Kaum
-war sie da, war sie auch wieder fort.) Dann ist auch
-diese elende, besondre Müdigkeit ... Ich glaube, ich fahre
-bald nach Helenenruh. Da Du in Trassenberg bist, darf
-ich ja leider nicht dorthin, und Helenenruh &mdash; ja, Helenenruh,
-das steht immer vor einem wie eine Fontäne! Helenenruh
-war immer Sommer. Und die Kindheit, was ist
-die? Ein einziger Sommer. Folglich ist Helenenruh eine
-einzige besondre Kindheit, und daraus wieder die einfache
-Folge ist, daß ich nach Helenenruh fahren muß, um &mdash;
-wenn ich schon in die Väterlichkeit nicht gelangen kann &mdash;
-wenigstens in die Kindheit zu gelangen. Und führt wirklich
-ein Weg zu Dir hinauf: nur dort kann er beginnen.
-</p>
-
-<h5 class="subsection">
-V
-</h5>
-
-<p class="noindent">
-Da hier nun Geist zu Geist redet, mein lieber Papa,
-so unterließ ich bisher eine meinen Körper betreffende
-Mitteilung von nicht besonderer Wichtigkeit. (Immerhin
-giebt es auch an ihr etwas Bedeutsames.) Ich bin nämlich
-krank gewesen, ja, und denke Dir, es war aufs Haar
-genau dieselbe Krankheit, an der Sigune starb! Ist das
-nicht besonders merkwürdig? Genau die selbe! Und sie
-starb daran, und ich lebe. Welch ein unmenschliches Glück,
-nicht wahr, für diesen Knaben Georg? Denn wohin wäre
-er gelangt, wenn er jetzt schon gestorben wäre? O die
-Tiefe ist ja nicht auszudenken! Nun blieb ich am Leben
-<a id="page-295" class="pagenum" title="295"></a>
-und bin Dir um so viel näher immerhin, das heißt: Du
-mußt verzeihn, wenn meine Berechnungen vielleicht ganz
-unsinnig sind, denn was sind Entfernungen in unserm
-Land? Dein letzter äußerster Strahl gelangt bis zu mir
-mit solcher Kraft noch, daß er mich zu blenden vermag,
-und das ist alles, was ich weiß.
-</p>
-
-<p>
-Darüber müssen wir noch viel reden zusammen. Denn
-ich weiß nicht: mir wird eigentlich tagtäglich schwerer
-und unseliger zumut. Du bist so schwer zu fassen! Früher,
-ach weißt Du noch? &sbquo;Wie wir einst in grenzenlosem Lieben
-&mdash; Späße der Unendlichkeit getrieben ...&lsquo; Ja, damals
-war alles leicht.
-</p>
-
-<p>
-Und wenn schon die gewöhnlichen Menschen sagen,
-der Tod trennt, und es manchmal kaum zu ertragen wissen,
-was soll da erst ich sagen? Sie haben es doch leicht.
-Um die Trennung des Todes aufzuheben, was brauchen
-sie nur zu tun? Sie legen sich hin und sterben gleichfalls.
-Haha, es ist fabelhaft! Legen sich hin und sterben. Ich
-aber, ich? ich muß noch lange, lange leben, muß schaffen
-und streben und mein goldenes Kleid aus lauter verknöselten
-Fäden weben.
-</p>
-
-<p>
-Ach, und es geht mir so schauderbar viel durch den
-Kopf, was ich nie im Leben zu Papier bringen werde.
-Ich glaube übrigens, es wird besser mit mir werden,
-wenn ich erst wieder gehen kann. Dann läuft sich vieles so
-an den Sohlen ab. Aber die Beine, o je! Ja, das kommt
-von der Krankheit. Glaube mir, Papa, es war die reine
-Hölle! Ich will mal sehn, ob ich es Dir beschreiben kann.
-</p>
-
-<p>
-Das Schlimmste war &mdash; abgesehen von dem ganz, dem
-besonders Schlimmen &mdash; das lange Fahren. Immer dieser
-<a id="page-296" class="pagenum" title="296"></a>
-merkwürdige Wagen ohne Pferde, in dem ich vorne
-so angeschmiedet saß, als wäre ich ein Stück mit ihm,
-und neben mir auf dem Bock &mdash; meist war es wohl Helene,
-die fuhr, aber auch Andre müssens gewesen sein, die
-allesamt, wenn ich mich recht erinnere, munter und gesprächig
-waren &mdash; untereinander &mdash;, während ich selber
-keinen Laut äußern konnte und nichts begriff und nichts
-fühlte als den entsetzlichen Druck, in den mein ganzes
-Sein eingepreßt war. Und dann die schaurige Langsamkeit!
-(Seltsam, wenn wir uns sagen, daß es in Wirklichkeit
-doch kaum Minuten waren, während ich umgebettet
-wurde, und doch diese Unendlichkeit, zu der das Delirium
-die Minuten dehnte! Es ist also gewiß, daß es nur außerhalb
-unsrer, und für uns nur insofern wir mit dem Äußern
-in bewußter und vernünftiger Beziehung stehn, Zeit giebt,
-nicht aber in uns selbst.) Fahren, fahren und nicht vorwärts
-kommen, manchmal zwischen den unsäglich grauen
-Feldern, ohne Himmel, jedoch immer bedrückt von der
-schweren Niedrigkeit, unter der sich alles bewegte, dann
-wieder die endlose Mauer entlang, endlich durch die Höfe,
-die zahllosen Höfe, dann die Räume dieses öden Hauses,
-das nichts hatte als seine Wände, langsam, grauenvoll
-langsam, immer wieder Stillstand, bis ich endlich lag, angeschmiedet
-wieder ins Liegen wie zuvor in den Sitz (und
-es kam wohl, weil sie mich unter den Armen und Knieen
-faßten beim Umbetten, daß ich mich so in halb sitzender
-Stellung befand &mdash; das Fahren! &mdash; jedoch schwer hing
-und nicht saß), bis ich dann merkte, daß sie mich ja wieder
-aufgehängt hatten, an den Füßen aufgehängt an der
-Wand, ohne daß ich mich bewegen konnte, wobei ich doch
-<a id="page-297" class="pagenum" title="297"></a>
-nicht eigentlich hing, sondern lag &mdash; ein im Wachen nicht
-vorstellbarer Zustand, das heißt ich hing, aber um mich
-herum war alles, wie wenn ich wagerecht läge. Und daß
-dies immer wieder kam! Und immer waren sie Alle herum,
-Onkel Salomon, Magda, Renate, Du Papa, Virgo,
-Schley, Klemens, sprachen miteinander, nichts war für
-mich zu verstehn, ich flehte, ich war für sie gar nicht vorhanden.
-Es war die Hölle! Ich glühte festgegossen,
-hing, &mdash; ach, Sigune, hast du nicht auch so gelegen, den
-Kopf hintenüber, das Genick schon versteift? Hast du
-nicht ganz das selbe ertragen? Sieh, so habe ich es dir
-nachgelitten!
-</p>
-
-<p>
-Doch war dies alles ja nichts gegen &mdash; das Große.
-</p>
-
-<p>
-Mich friert, wenn ich nur das Wort denke. Beschreiben
-kann ichs Dir nicht mehr, es läßt sich ja nur träumen.
-Es war nur Empfindung. Es war Nacht, &mdash; und ich war
-selber die Finsternis. Ich war ausgedehnt und überall.
-Es war das Große, das ungeheure schwarze Wälzen vor
-mir, über mir &mdash;, und ich selber war das Wälzen. Ich
-war zum Giganten geschwollen und hatte eine entsetzliche
-Angst, nicht wieder klein sein zu können. Ich sollte das
-Große umwälzen, es war ein grauenvoller Drang, umzuwälzen,
-und es wälzte mich um. Es war eine so wahnsinnige
-Angst ... Nein, kein Großes, kein Wälzen, kein
-Ich. Nur Angst. Es war das Sterben.
-</p>
-
-<p>
-Und doch &mdash; ich erinnere mich &mdash; es war schon einmal
-da, das Große. Wie ich die Masern hatte als Junge,
-war es da, und als ich, ganz klein, Lungenentzündung
-hatte, muß es dagewesen sein. Ja, und damals selbst
-kann ich es nicht zum ersten Mal erlebt haben; damals
-<a id="page-298" class="pagenum" title="298"></a>
-schon &mdash; ich erinnere mich &mdash; muß ich mich erinnert haben,
-wie ich mich heute erinnere. Und ja &mdash; mein Gott! ich
-glaube, das Fürchterlichste war die Erinnerung, daß es
-schon einmal da und damals schon nicht zum Ertragen
-gewesen war. Und Erinnerung eigentlich war die ganze
-Angst, &mdash; aber wann? wann?
-</p>
-
-<h5 class="subsection">
-VI
-</h5>
-
-<p class="noindent">
-Dieser besonders gute Jason war eben da und erzählte
-mir etwas Niedliches, das ich meinem lieben Papa nicht
-vorenthalten will, doch muß ich einige Erklärungen vorausschicken.
-</p>
-
-<p>
-An jenem 31. Juli nämlich, der uns am Abend die
-Trennung brachte, wo der große Mummenschanz war,
-mit einem Wort: an jenem besondern Tag, das heißt
-während seiner ganzen ersten Hälfte war ich &mdash; kurz und
-gut: gewissermaßen berauscht. Damals wußte ich es natürlich
-nicht, das heißt als ich es nicht mehr war, da fiel
-es mir auf. Es war jedoch ein besondrer Rausch, nämlich
-nicht im Kopf allein, sondern in allen Gliedern, es
-war ein ganz rasendes Behagen, es war <span class="antiqua">quasi</span> nichts als
-ein ganz gewaltiges, besondres Strotzen von Lebenskraft.
-</p>
-
-<p>
-Ja, und noch etwas! In der Nacht vorher hatte ich
-&mdash; sagen wir: Erscheinungen. Nun, wo Jason mir alles
-erklärt hat, erinnere ich mich erst deutlich wieder. Ich saß
-nämlich um die besondre Mitternachtstunde oben auf der
-Sternwarte, weintrinkenderweise, eine etwas romantische
-Idee, obwohl ich im allgemeinen kein Romantiker bin.
-Dann erschien auf einmal jener Montfort bei mir, Josef,
-dann kamen diese optischen Erscheinungen, Kugeln aus
-<a id="page-299" class="pagenum" title="299"></a>
-Feuer und so weiter, auch so besondre Ausfälle im Gesichtsfeld,
-wie man das nennt, und schließlich stellten sich
-drei Gugelmänner vor, so besondre Femrichter, die allerlei
-unvergeßliche Dinge sagten, das heißt &mdash; nun habe ich
-sie ja doch vergessen. Bis auf eins: den Vornamen meiner
-richtigen Mutter, nämlich Kaja.
-</p>
-
-<p>
-Und nun höre diese entzückenden Zusammenhänge! Ja,
-also am 31. nachmittags kam doch jener Klemens mit
-einem in russischer Sprache abgefaßten Brief meiner
-Mutter, den Virgo ein paar Tage vorher irgendwo gefunden
-hatte, und in eben dem drin stehen sollte, daß die
-Schreiberin meine Mutter sei, ich hielts nicht für wichtig,
-ihn zu lesen. Mit diesem Brief in der Hand war besagter
-Klemens nun die Tage vorher umhergelaufen (entschuldige
-gütigst: vorher umher klingt abscheulich, aber es
-langweilt mich nun schon ein wenig!) auf der Suche nämlich
-nach einem besondern Russen, der ihn übersetzen
-könnte. Wen findet er am Ende? Natürlich jenen Jason,
-der bekanntlich alle Sprachen spricht, aber siehe da: dor
-hatt en Uhl seten, und er konnte wohl und konnte auch
-nicht, das heißt, der Brief war so unleserlich, Jason fehlten
-ein paar besondre Worte, und kurz und gut, ihm fällt
-ein, daß ja dieser Josef Montfort vorhanden ist und grade
-aus Rußland gekommen, und nun wandern sie selbander
-zu ihm, das heißt in das Haus von Maler Bogner, wo
-Montfort wohnt.
-</p>
-
-<p>
-Und wie sie dahin kommen, was herrscht daselbst? Allgemeine
-Heiterkeit! Es hatte nämlich besagter Montfort
-aus Südamerika, wo er auch gewesen ist (in dem Lande
-der Chinesien bin ich auch einmal gewesien!) ein besondres
-<a id="page-300" class="pagenum" title="300"></a>
-Gift mitgebracht namens Macu, das daselbst von
-den Indianern zu Kultzwecken gebraucht wird, und dessen
-besondre Wirkung eben darin besteht, wunderbare optische
-Erscheinungen hervorzurufen. &bdquo;Und da,&ldquo; sagt Jason,
-&bdquo;da sitzen sie nun auf einem Berge, diese guten Indianer,
-und machen sich gegenseitig ihren schönen blauen
-Dunst vor.&ldquo; Das selbe nun taten allda jener Maler,
-Montfort benebst seinem Chinesen &mdash; er hat einen Chinesen!
-&mdash;, seine Freundin Cornelia und sein Freund Saint-Georges,
-der zu diesem Zwecke geladen war. Auch Jason
-sagte natürlich: gieb mir die rote Speise, &mdash; und so war
-es eben. Wie nun aber Jason, oder vielmehr Klemens
-seinen Brief herauszieht, was kommt zutage? Josefs
-Kenntnisse in Russisch sind überaus mangelhaft, aber sein
-Chinese, der kann es glänzend, bloß &mdash; er kann nun wieder
-keine russischen Buchstaben lesen, und kurz und gut: da
-sitzen sie schließlich allesamt und raten auf den Brief und
-bekommen ihn auch schließlich heraus.
-</p>
-
-<p>
-Siehe, da sagte jener Montfort: bedeutsame Vorfälle
-und so weiter, mit einem Wort: ob ich nun schon wisse,
-was in dem Brief geoffenbart wurde, oder nicht, und ob
-Klemens es mir sagen würde oder nicht (derselbe nämlich
-ging wieder fort und sagte, er wollte es sich überlegen,
-und das tat er auch den ganzen folgenden Tag lang),
-ihre Pflicht sei, mir eine besondre geheimnisvolle Warnung
-zukommen zu lassen; ein schöner Gedanke, nämlich in
-Hinsicht auf die königliche Würde, die ich in jenen Tagen
-auf mich zu nehmen gedachte, und Montfort in seiner
-ungeheuren Beredsamkeit dringt so lange auf die Andern
-ein und entwirft so köstliche Bilder und so weiter, daß sie
-<a id="page-301" class="pagenum" title="301"></a>
-allesamt einsehn: es ist notwendig, es muß geschehn. So
-kauften sie denn am folgenden Tage &mdash; nämlich das heißt:
-Montfort und Saint-Georges, und Jason sollte dabei
-sein, weil er eine so musikalische Stimme hat und am besten
-Verse aus dem Stegreif aufsagen kann &mdash; kauften sie
-diese besondren Femrichtertrachten, und das Gift nahmen
-sie auch mit, um es mir zu verabreichen, dieweil,
-wenn ich schon vorher Erscheinungen hätte, ich auch die
-Gugelmänner für ebensolche halten würde. Jason, das
-muß ich noch sagen, war eigentlich abgeneigt, allein was
-geschieht? Zu ihm kommt jener Sigurd, und wie Jason
-das einmal an sich hat: Sigurd beichtet ihm alle Tyrannendolche,
-die er in seinem Gewande trägt, und Jason? Ja,
-da meinst Du nun wohl, er habe die Obligation gehabt,
-zum Kadi zu rennen, allein da kennst Du den Jason zu
-schlecht. Der weiß nämlich haargenau, daß er an etwas,
-das geschehen soll, nicht das geringste ändern kann. Er
-kann nicht eingreifen, er ist gleichsam handlos oder bloß
-Kopf, oder wie er es ausdrückt: er wäre nur eine Begleiterscheinung.
-&mdash; Immerhin findet er sich bewegt, Kopf zu
-sein und ergo mit Femrichter zu spielen, &mdash; bin ich klar?
-</p>
-
-<p>
-Und siehe da, wie sie um Mitternacht zum Schlosse
-wandeln, was geschieht? Sie sehen meinen Schatten oben
-auf der Sternwarte. Nun kommt Montfort herauf, um
-Hausgelegenheit auszubaldowern, wie die Gauner sagen,
-&bdquo;und da saßen Sie ja&ldquo;, sagt Jason, &bdquo;und tranken Ihren
-herrlichen Christitränenwein, oder wie solche besondren
-Weine heißen&ldquo;. Nun, und kurz und gut, das Gift ist im
-Wein, ich trinke, Montfort schwand &sbquo;und Goethe schwindet,
-und wer unbelohnt gelitten, strahlt in neuer Herrlichkeit&lsquo;
-<a id="page-302" class="pagenum" title="302"></a>
-und so weiter. Und dann kamen sie, und es war alles schauerlich
-und sehr schön, bloß ich natürlich, ich schlug alles in
-den Wind, naturgemäß &mdash; meiner Natur gemäß &mdash;, das
-heißt: in diesem Fall war ich gewissermaßen unschuldig,
-denn eben jenes besagte Macugift hatte neben jener optischen
-auch die Wirkung, während der optischen äußerst
-schlaff und elend zu machen, hinterher jedoch eben jenes
-Strotzen von besondrer Lebenskraft hervorzurufen, das
-mich am folgenden Morgen prompt überfiel. Aber es war
-doch sehr schön, und ich bilde mir schon was darauf ein,
-so besondre Heroen wie diesen Josef und gar Jason zu
-meinem Seelenheil in Bewegung gesetzt zu haben, und
-dieser Josef hatte ja auch noch eine sehr feine Idee, nämlich
-einen Schmetterling, auch aus Südamerika. Er war
-so groß wie meine Hand, ganz blau wie lauter Türkise,
-und dran hing eine seidene Schleife, auf deren Bänder
-die Drei ihre erlauchten Namen eingetragen hatten, worauf
-sie das Ganze irgendwo in meinem Palast anbrachten,
-damit ich am andern Tage wenigstens wüßte, wers
-gewesen war, aber siehe da, was geschieht? Ich wußte
-es ganz und gar nicht.
-</p>
-
-<p>
-So geht es, Papa, so geht es! Aber nun muß ich leider
-aufhören, ich hätte allerdings noch viel zu sagen, aber
-Du mußt verzeihen, ich bin so fürchterlich müde!
-</p>
-
-<h5 class="subsection">
-VII
-</h5>
-
-<p class="noindent">
-Ach Gott, nein, sind die Menschen dumm! das ist ja
-nicht auszuhalten! Im allgemeinen weiß mans ja, aber
-diejenigen, die einem besonders nahestehen, die hält man
-doch gemeinhin für Ausnahmen.
-</p>
-
-<p>
-<a id="page-303" class="pagenum" title="303"></a>
-Heute war mein Freund Benno da, zusammen mit der
-kleinen Virgo Schley. (Da ich mir bisher alle Besuche
-verbeten hatte, meinten sie wohl, es wäre ein Aufwaschen.)
-Virgo &mdash; ich irre mich doch nicht, daß Du sie einmal bei
-mir kennen gelernt hast? &mdash; brachte inzwischen Zwillinge
-zur Welt, was merkwürdigerweise auf ihr Äußeres nicht
-den geringsten Eindruck gemacht zu haben scheint, und
-sie sieht nach wie vor süß und wie ein halber Knabe aus.
-Nur weniger unschuldig; den besondren Ausdruck aller
-jungen Frauen von Wissen ohne rechtes Begreifen, weich
-und ein bißchen erstaunt, den hat sie schon. Von ihren
-Kindern erzählte sie naturgemäß tausend Geschichten.
-Benno schwieg sich aus in Kindheit, Rührung und vermischten
-Gedichten. Von Dir schwiegen sie natürlich, die
-überaus Zarten. Als sie im Begriff zu gehen sind, frage
-ich, ob ich vielleicht Grüße an Dich ausrichten soll. Was
-ereignet sich? Allgemeines Staunen. Nun und so weiter,
-ich habe keine Lust, ihre Dummheiten obendrein zu Papier
-zu bringen. Dennoch, dieser Mensch! Da waren wir nun
-so und so viel Jahre lang ein Herz und eine Seele, und
-nun stellt sich heraus: alldas war bloß Oberfläche. Er ist
-so flach wie eine Furt für Kühe. Nun, er heiratet ja demnächst
-auch diese japanische Ente, die er sich da angebändelt
-hat. Obendrein rückt er mit der Absicht heraus, durch
-meine Vermittlung eine demnächst freiwerdende Korrepetitorstelle
-am Hoftheater zu erhalten. Wer dahintersteckt,
-war zu erraten: die dicke Person von Schwiegermutter,
-der die Unterstützung eines ums Haar zu den
-Toten versammelt gewesenen gekrönten Freundes nicht
-geheuer scheint. Mag er denn hingehn zum Theater
-<a id="page-304" class="pagenum" title="304"></a>
-und sich die Seele vollends verschandeln lassen. Die nächste
-Forderung der Dicken wird wohl sein, daß er eine Operette
-komponiert von wegen der Tantièmen und so weiter.
-</p>
-
-<p>
-Gute Nacht, Papa, ich bin heute zu abgespannt zum
-Schreiben. Dies mit Benno hat mich auch wieder recht
-aufgeregt. Armer Benno! Da hängt er nun wie der
-selige Absalon mit seinem langen Haar an den Ästen
-meines Nervenbaums, und noch habe ich die Kraft nicht,
-ihm den Gnadenstoß zu versetzen. Ach, könnte ich nur
-gleich den ganzen Baum bei den Wurzeln abhacken und
-ins Feuer werfen! Etwas derart muß ja geschehn, ich
-weiß, damit die Seele ganz frei und rein werde &mdash; für
-Dich! Du willst keine Götter neben Dir haben &mdash; o nimm
-doch nur, nimm alles, was Du willst, wäre es nur mehr,
-was ich geben könnte, jeden Freund, jede Geliebte, alles,
-alles will ich Dir ja zum Opfer bringen, leichter zu werden,
-eisiger, ruhiger im Beschreiten des Weges zu Dir!
-</p>
-
-<h5 class="subsection">
-VIII
-</h5>
-
-<p class="noindent">
-So nüchtern und kalt und altersschwach wie jeder bisher
-sah mich heute der Morgen an, der mich aus einem
-Traum von Dir weckte. Ich hatte schon alles zur Abreise
-nach Helenenruh vorbereiten lassen &mdash; Doktor Birnbaum
-übersiedelt mit mir, um die Verbindung zwischen
-mir und den Regierungspersonen aufrechtzuhalten, obschon
-ich gestehen muß, daß ich noch nicht mehr tun kann
-als unterzeichnen, was er mir vorlegt &mdash;, und nun zögere
-ich wieder.
-</p>
-
-<p>
-Mir träumte, daß ich in Trassenberg ankam und in
-die Gruft hinunterstieg, zu der aber die Treppe in den
-<a id="page-305" class="pagenum" title="305"></a>
-Grabenrest am alten Pallas hinabführte. Das Gewölbe
-unten, in das ich gelangte, war aber leer, zuerst. Dann
-erkannte ich ganz in der Ferne vor einem bunten Fenster
-Birnbaum, der an einem Tisch saß und in einen sonderbaren
-Trichter hineinsprach. Es war sehr still, mir war
-ängstlich, weil Du nicht da warst, dann bemerkte ich eine
-Tür, und wie ich behutsam näher trat, sah ich Dich in einem
-kleinen, ganz kahlen und niedrigen Raum sitzen auf einem
-Stuhl. Du hattest Dein gewöhnliches Aussehn, saßest
-ganz still da, die Hände geschlossen auf den Knien, und
-sahst nach dem Fenster hin. Meiner hattest Du nicht acht,
-und wie ich dann näher zusah, waren auch Deine Augen
-geschlossen, und Dein Gesicht war ganz gelb. Plötzlich
-wendetest Du Dich, öffnetest schwer die Augen und sahst
-mich fremd an ...
-</p>
-
-<p>
-Früher einmal gab mir Josef einige Anweisungen zur
-Traumdeutung, aber hier versagen sie mir ganz, und es
-scheint mir auch verboten.
-</p>
-
-<p>
-Aber es soll wohl so sein, daß es täglich schwerer wird.
-Helenenruh wäre ja eine Erleichterung.
-</p>
-
-<p>
-Wieder eingeschlafen über dem letzten Satz. Mich
-friert immer noch so trotz hundert Decken, ich sitze vor der
-Gartentür &mdash; das heißt also: im Zimmer &mdash; und versuche
-an den nassen Blättern der Büsche zu erraten, ob es
-regnet oder nicht. In Helenenruh, denk ich mir, scheint
-die Nachmittagssonne auf die Dächer, die Schwalben
-kreisen um die Türme, ich sehe sie, wie ich sie immer sah:
-die Luft über dem Schloß ist wie ein riesiger Trichter,
-gefüllt mit dem Durcheinanderjagen der hundert schwarzen
-Flügelleiber; manchmal, wenn eine sich herumwirft,
-<a id="page-306" class="pagenum" title="306"></a>
-sehe ich die weiße Brust; sie kreuzen sich wie lange gebogene
-Klingen, und außen um den fernsten Rand des
-Trichters streichen ein paar ganz eilige in großer, sausender
-Fahrt. Mariä Geburt &mdash; Ziehen die Schwalben furt.
-&mdash; Ich habe so eine Ahnung, als ob Mariä Geburt um
-diese Zeit sein müßte.
-</p>
-
-<h5 class="subsection">
-IX
-</h5>
-
-<p class="noindent">
-So schreibe ich Dir denn doch heute aus Helenenruh,
-aber wenn ich zuletzt etwas von Erleichterung sagte, so
-muß ich das zurücknehmen. Eher dürfte es schwerer geworden
-sein. Ich möchte nur wissen, was es eigentlich
-ist! Aber es läßt sich nicht feststellen. Ich bin einfach
-ganz schwer geworden. Von Sonne keine Spur.
-Wind und Strichregen, dazu viel welkes Laub. Rosen
-blühn noch unter der Terrasse. Ich versuchte es mit dem
-Gehn, hielt auch schon eine kleine Viertelstunde aus, aber
-dann dachte ich, daß Du es ja auch nicht bis zum richtigen
-Gehen gebracht hast, solange Du hier warst, und
-nun sitze ich wieder unter meiner Decke, immerhin im
-Freien.
-</p>
-
-<p>
-Es ist ja auch alles leer hier. Von uns Allen blieb
-nur Birnbaum mit seiner Arbeit. Übrigens bin ich mit
-Deiner gütigen Erlaubnis in Dein Schlafzimmer eingezogen
-und in das große Bett mit den geschnitzten Evangelistentieren
-auf den vier Pfosten &mdash; Bewunderung und
-Ehrfurcht der Kindheit!
-</p>
-
-<p>
-Aber sage mir, warum nur dies mich so besonders erschreckte?
-Bei meinem heutigen Gehversuch gelangte ich
-bis zu Helenes Grab und betrat, um mich etwas auszuruhn,
-<a id="page-307" class="pagenum" title="307"></a>
-den Pavillon, in dem noch der Sessel von Dir stand.
-Auf einmal, wie ich da saß, entdeckte ich auf dem Bretterboden
-das zertretene Ende einer Zigarre von Dir. Oh
-Gott, ich kann nicht sagen, wie das mich entsetzte! Es
-war ein so leibhaft lebendiges Stück von Dir, und nun
-ist mir, als hättest Du mich drohend angesehn aus dem Fußboden.
-Die Rechenschaft, ja, ich weiß, ich weiß ja, ich schob
-sie immer noch hinaus, es ist die alte Schwäche, allein &mdash;
-gedulde Dich nur noch zwei Tage, nur noch einen! Es ist so
-schwer, ich habe noch immer nicht alles beisammen, es sind
-immer noch ein paar Lücken da, aber wer kann denn inständiger
-als ich hoffen, zum Ende zu kommen! Morgen
-ganz bestimmt, oder wenn nicht dann, übermorgen sollst
-Du mich bereitfinden! Rechne darauf! Ganz bestimmt!
-</p>
-
-<h5 class="subsection">
-X
-</h5>
-
-<p class="noindent">
-Es dröhnt die riesige Posaune des Letzten Tags; an
-Felsen, an Grüfte, an Totes schlägt das Engelswort:
-Auf! und da kommen sie hervor, staunend, schwankend,
-erlöst, aber siehe da &mdash; welche Verwandlung ging mit uns
-vor nach diesem Tod? Keine, keine, denn wehe uns, wir
-haben nichts vergessen, es ist alles da, was wir verließen,
-in unsrer Erinnerung grauenvoll da, jedes Jahr, jede
-Stunde und Minute, jedes Wort, jeder Blick, jeder Schritt
-und Gedanke ist mit uns lebendig geworden, warum?
-Rechenschaft abzulegen darüber.
-</p>
-
-<div class="poem-container">
- <div class="poem">
- <div class="stanza">
- <p class="verse">O Gabe des Vergessens, die allein</p>
- <p class="verse">Uns möglich macht das ungeheure Leben!</p>
- <p class="verse">Du wundervoller Allernächtewein,</p>
- <p class="verse">Von dem wir trunken über Schlünden schweben!</p>
-<a id="page-308" class="pagenum" title="308"></a>
- <p class="verse">Der gute Heiland wußte, was er tat,</p>
- <p class="verse">O Lazarus, als du im Tod erschlafft;</p>
- <p class="verse">Er kannte wohl die nicht geheime Kraft,</p>
- <p class="verse">Er sah die süße Schwester, die ihn bat,</p>
- <p class="verse">Und lächelte dich los aus deiner Haft.</p>
- <p class="verse">Der Honig von der Götterlippe schmolz</p>
- <p class="verse">Und tropfte Süße in dein krankes Herz,</p>
- <p class="verse">Und Grünes sproß aus dem verdorrten Holz,</p>
- <p class="verse">Da sahst du auf, und dieser Blick war Schmerz.</p>
- <p class="verse">Der erste wars, an dem Erinnerung</p>
- <p class="verse">Von innen saugte in die Nacht zurück.</p>
- <p class="verse">Der zweite Kosten schon, der dritte Trunk,</p>
- <p class="verse">Und alle andern waren wieder Glück ...</p>
- </div>
- </div>
-</div>
-
-<h5 class="subsection">
-XI
-</h5>
-
-<p class="noindent">
-Nun sieht auf einmal der Himmel mich an. Es ist Abend.
-Hinter dem Eichendickicht im Westen lodert ein scharfes Gold.
-Der südliche Himmel von graublauen zarten Zügen, leise vergoldeten,
-wölbt seine reine Muschel über mir. Selige Schale!
-Geliebtes Gold, o geliebter Hauch, geliebte Bläue, dein Anblick
-ist schmerzlich, wie er es dem Verbannten sein muß, der
-das goldene Abendwunder der Heimat sich über fremdem
-Ufer entfalten sieht, &mdash; erinnernd an alles, was einmal war.
-</p>
-
-<p>
-Übrigens bemerke ich, daß ich nichts datiert habe in diesen
-Briefen. Da es mich auch nichts angeht, ob es Stunden
-sind, Tage oder vielleicht schon Wochen, die vergingen,
-während ich schrieb, und sie also einer wie der andre das
-Siegel einer und der selben Stunde an sich tragen, so
-muß es wohl heißen, wie C. F. Meyer an seine Schwester
-schrieb: &sbquo;Aus allen Augenblicken meines Lebens.&lsquo;
-</p>
-
-<h5 class="subsection">
-<a id="page-309" class="pagenum" title="309"></a>
-XII
-</h5>
-
-<p class="noindent">
-Kennst Du diese Verse von Greiner, Papa?
-</p>
-
-<p>
-Und immer fremder sind mir Tag und Räume ...
-</p>
-
-<div class="poem-container">
- <div class="poem">
- <div class="stanza">
- <p class="verse">Was weht um mich? Man sagt: ein Menschenwort.</p>
- <p class="verse">Was rauscht um mich? Man sagt: die alten Bäume,</p>
- <p class="verse">Die rauschen noch aus deiner Kindheit fort.</p>
- <p class="verse">Und Gärten stehn im abendlichen Land,</p>
- <p class="verse">Ihr Schatten grüßt mich kühl und altbekannt.</p>
- <p class="verse">Ich aber wandre dunkel fort, im Innern</p>
- <p class="verse">Ein uralt Schattenbild, das leise weint.</p>
- <p class="verse">Die nenn ich Mutter, diesen nenn ich Freund</p>
- <p class="verse">Und lächle tief und kann mich nicht erinnern.</p>
- </div>
- </div>
-</div>
-
-<p class="noindent">
-Sie passen &mdash; und sie passen auch nicht. Ich kann mich
-nicht erinnern, wie ich einmal als ein Andrer gelebt habe,
-damals als all dieses um mich her war, wie es heute ist,
-und doch anders, oh so anders! Oder ist dies kein Leben
-mehr? Es wird sich mit der Zeit herausstellen, ob es
-Leben ist, und ob es möglich sein wird, es zu leben oder
-nicht. Sollte jenes der Fall sein, so müßte es mir in der
-Tat gelungen sein, die ganze Oberschicht menschlichen
-Wesens, die uns gemeinhin bedeckt, abzukratzen (<span class="antiqua">grattez
-le Russe</span>!), die ganze moralische Haut sozusagen, jene, in
-der auch das sogenannte Gewissen steckt, das Alltagsgewissen,
-nach dem man so behaglich lebt, dieweil es mit
-Gründen für alles voll steckt wie ein Brombeerbusch im
-Oktober. Möglich, es ist so. Möglich, das qualvolle
-Unbehagen, das mir das jetzige Leben verursacht, kommt
-davon, daß ich die Haut verlor und nun schauderbar
-<a id="page-310" class="pagenum" title="310"></a>
-friere in der Nacktheit. Worauf es ankäme, wäre dann
-wohl, nicht, wie ich es unbewußt bereits vorhaben werde,
-eine neue Haut zu bilden &mdash; die nur die alte werden
-könnte &mdash;, sondern vielmehr den Zustand der Hautlosigkeit
-als dauernden zu ertragen, mit Frieren aufzuhören,
-ihn lebensfähig zu machen.
-</p>
-
-<p>
-Wie soll mans nennen? Nur &mdash; Mensch zu sein. Alle
-Strahlen des Lebendigseins aufzufangen &mdash; mit keiner
-spiegelnden Netzhaut, die Bilder hervorfluten läßt und
-verwirrende Gestalten &mdash;, sondern sie aufzusaugen in den
-innerst glühenden Kern des Menschseins, wo sich von
-selber zu ätherischer Reine und Klarheit die ewigen Begriffe
-bilden, die zeitlosen, die unwandelbaren Formen, in
-denen die Gottheit sich darstellt.
-</p>
-
-<p>
-Aber das sind alles wohl nur so Ausdrücke ...
-</p>
-
-<p>
-Fest steht, daß ich bis zum 31. Juli dieses Jahres
-nichts weiter war als ein blasser und nichtemal besondrer
-Nervenbaum. Nun sehe ich, daß ich in den Zweigen
-oben eine nahezu völlig unbenützte Seele sitzen habe, &mdash;
-leider keinen goldenen Fasan, sondern so ein besondres
-Zwitterding von Sperber und Nachtigall. Warum es
-so stille sitzt, darf uns nicht wundern. (Total verlaust!)
-</p>
-
-<h5 class="subsection">
-XIII<br />
-Rechenschaftsablage an meinen Vater
-</h5>
-
-<p class="noindent">
-Zuvor habe ich zu gestehen, daß der einzelnen Schuldposten
-einerseits so viel sind, und andererseits in einem so
-besondren Durcheinander über die Blätter des Schuldbuches
-verstreut, daß ich den Vorschlag eines besondren
-<a id="page-311" class="pagenum" title="311"></a>
-Verfahrens machen möchte, nämlich daß ich die einzelnen
-Hauptposten zusammenstellen darf in der Art jener kindlichen
-Spielzeugkästen, bestehend aus einem Dutzend
-würfelförmiger Holzklötze, als welche zusammen mit jeder
-ihrer Seiten ein Gemälde herstellen, mit dessen Einzelquadraten
-besagte Seiten beklebt sind, und es bleibt
-nur noch zu erwähnen, daß in meinem Falle jeder Teil
-jedes vorgestellten Bildes so wenig im eigentlichen Sinne
-als Bruchstück erscheint, als jede geistige, sinnliche Vorstellung
-in ihrer Art immer eine Ganzheit zu haben scheint,
-&mdash; das heißt also gleichfalls die Form eines Bildes.
-</p>
-
-<p class="tb">
-&nbsp;
-</p>
-
-<p class="noindent">
-Ich fange an! Erstes Bild:
-</p>
-
-<p>
-Ein Mädchen, das ich vielleicht liebte, hieß Esther.
-Hier steht sie, in der Hand eine sogenannte Gänseblume,
-an der sie zupft: Liebe ich ihn? Liebe ich ihn nicht?
-Andrerseits sehen wir hier mich selbst, eine ähnliche
-Blume zupfend: Ich liebe sie &mdash;, ich liebe sie nicht. &mdash;
-Weiter: Eine Abschiedsszene. Sie &mdash; will nach Amerika,
-um dort gewissermaßen zu heiraten. Will &mdash; will auch
-nicht. Ich &mdash; möchte sie wohl halten; will &mdash; will auch
-nicht. Letztes Stück: Ein Schiffsuntergang mit Pauken
-und Trompeten; sie ertrinkt.
-</p>
-
-<p>
-Summa: Ich bin der Schuldige am Untergang dieser
-hülflosen Seele.
-</p>
-
-<p class="tb">
-&nbsp;
-</p>
-
-<p class="noindent">
-Zweites Bild: In einer Sylvesternacht las mein Vater
-Briefe einer gewissen liebenden Cordelia, genannt die
-arme Seele. Hier ist sie zu sehn, wie sie sich in inbrünstigem
-Verlangen verzehrt, mir das Geheimnis ihres
-Lebens zu öffnen. Hier zu sehen bin ich, wie ich gepeinigt
-<a id="page-312" class="pagenum" title="312"></a>
-bin von einem ähnlichen Verlangen. Hier zu sehen ist
-Cordelia: tot.
-</p>
-
-<p class="tb">
-&nbsp;
-</p>
-
-<p class="noindent">
-Summa: Gesetzt, ich hätte die Kraft aufgebracht, zu
-bekennen: wäre nicht die zwingende Folge davon ihre
-Erleichterung zum eigenen Geständnis gewesen? Summa:
-Ich bin der Schuldige am Tode dieser armen Seele.
-</p>
-
-<p class="tb">
-&nbsp;
-</p>
-
-<p class="noindent">
-Drittes Bild: Hier ist Sigune, eine blasse verwaiste
-Pflanze. (&sbquo;Ich wünschte, daß vom Fenster sie verschwände!&lsquo;)
-Hier der vielerseits bekannte Georg, eine
-Art besondren Wirbelwinds. Hier liegt sie, ausgerissen.
-</p>
-
-<p>
-Summa, und so weiter.
-</p>
-
-<p class="tb">
-&nbsp;
-</p>
-
-<p class="noindent">
-Viertes Bild: Da wäre noch ein besondres Vorgeständnis
-zu machen. Ich verschwieg, daß unlängst die vielerseits
-bekannte Magda Chalybäus bei mir war, das heißt,
-ich war eben wieder einmal eingeschlafen, und sie saß
-neben mir wie der beste Engel, als ich erwachte. Obwohl
-sie mich anzusehen schien wie immer, merkte ich wohl, daß
-etwas keine Richtigkeit hatte mit ihrem Blick, und gleich
-sehe ich folgende Bilder:
-</p>
-
-<p>
-Eine Frau, die einmal kürzere Zeit so eine besondre
-Art Geliebte von immer Demselben war. Diese und jene
-Szene der Eifersucht oder der ehrgeizigen Andeutungen.
-Trennung. Jahrelanges Nichtvorhandensein in der Erinnerung
-Desselben. Nun der wohlbekannte Festabend.
-Jene Frau, genannt Cora, in der Maske einer Eumenide.
-Scheint Magda wegen ihres von Renate geborgten
-Kleides für dieselbe zu halten. Alberne (?) Drohungen.
-Später Magda mit Demselben im Monopteros. Theatralischer
-Überfall Coras mit einem Dolch. Ich weiß
-<a id="page-313" class="pagenum" title="313"></a>
-nicht: galt es mir oder galt es ihr? Ehe Derselbe dazwischen
-fährt, sinkt Magda zu Boden.
-</p>
-
-<p>
-Nun, meinem Vater ist obgenannte Magda besonders
-bekannt, und er kann sich demgemäß ihre Rede vorstellen
-auf meine Frage nach ihren Augen. Oh, sie könne recht
-gut sehn! Grade heute zum Beispiel sei es besonders gut, sie
-sehe mich ganz deutlich, sie sei auch zum Beispiel ganz allein
-zu mir durch das Zimmer gekommen, ja, es wäre geradezu
-schade gewesen, daß ich eben schlief &mdash; und so weiter. Mit
-einem Wort: blind.
-</p>
-
-<p>
-(Aber deswegen keine Ergriffenheit! Sondern standfest
-jetzt, Auge in Auge, Zahn um Zahn, &mdash; auch abgesehen
-von noch weiteren diesbezüglichen Ausführungen ihrerseits,
-nämlich betreff einer gewissen besondren Prophezeiung, die
-endlich in Erfüllung gegangen zu sehn Derselben eine besondre,
-sozusagen seelische Genugtuung bereitete.)
-</p>
-
-<p>
-Summa: &mdash; &mdash; erübrigt sich wohl nach Analogie der
-vorigen.
-</p>
-
-<p class="tb">
-&nbsp;
-</p>
-
-<p class="noindent">
-Ein Würfelklotz verfügt über sechs Seiten. Zwei blieben
-noch leer. Auf eine derselben würde ich ja sehr gerne
-mich bringen, wie ich am Tode Helenes schuldig bin, aber
-&mdash; ich kanns drehen, wie ich mag: es will mir durchaus
-nicht gelingen. Es scheint kaum erklärlich, aber vorläufig
-muß es dabei bleiben, daß ich tatsächlich am Tode Helenes
-<em>nicht schuldig zu sein scheine</em>.
-</p>
-
-<p class="tb">
-&nbsp;
-</p>
-
-<p class="noindent">
-Nun wären freilich die bisher aufgedeckten nur Zusammenhänge
-äußerer Art, und ich käme nunmehr zum
-Nachweis der besonderen, inneren Notwendigkeiten, nämlich
-folgendermaßen in der Ordnung:
-</p>
-
-<h5 class="subsection">
-<a id="page-314" class="pagenum" title="314"></a>
-<span class="antiqua">Ad I.</span>
-</h5>
-
-<p class="noindent">
-<span class="antiqua">A.</span> Allgemein. An dem Tage, wo es sich darum handelte,
-Esther endgültig zu halten, war ich deshalb nicht
-genügend bei der Sache, weil ich am nächsten Morgen
-auf Mensur zu stehen hatte, einer, wie ich wußte, nicht
-eben leichten Mensur, und so kam es auch. Ferner ist zu
-sagen, daß ich in München bereits nach wenigen Wochen
-Corpslebens wußte: es war eine &mdash; nun, seien wir gnädig
-und sagen ein Irrtum. Gleichwohl wurde ich nicht nur
-in A. wiederum aktiv aus unbesondrer Berauschtheit,
-sondern beharrte auch dabei <em>wider besseres Wissen</em>,
-nämlich aus purer Schwäche, will sagen <em>Unverstand
-des für mein Leben notwendigen Tuns</em>.
-</p>
-
-<p>
-Gedankenlosigkeit, Schwäche, völlige Unkenntnis des
-Notwendigen, des Einen, bei fortwährendem im Mund-
-und im Hirne-Führen großartiger Plane, Gedanken,
-Phantasiestücke in Napoleons Manier und so weiter &mdash;
-das sind die Anklagungen.
-</p>
-
-<p>
-<span class="antiqua">B.</span> Besonders: Obendrein fortwährende Verwirrung.
-In einem Kaffeehaus oder Chantant, einer Bar meinetwegen
-war ich einmal Augen- und Ohrenzeuge eines besondren
-Gesprächs zwischen den allerseits bekannten Josef
-Montfort und Saint-Georges. Es wurde darin auf das
-glaubwürdigste nachgewiesen, daß die seelische Versetzung
-eines beliebigen Menschen in die Leiblichkeit eines Andern,
-&mdash; kurz und gut: die Vornahme einer <em>Maske</em> unbedingt
-führen müsse zum Unheil, <em>wo nicht zum Verbrechen</em>.
-</p>
-
-<p>
-Wer schlug dieses in den Wind seiner Berauschtheit?
-(Immer Derselbe!) Nicht nur seiner Berauschtheit! Denn
-bei völliger Nüchternheit des folgenden Nachmittags, in
-<a id="page-315" class="pagenum" title="315"></a>
-<em>einer Stunde höchster Notwendigkeit</em> war ihm
-jenes Gespräch <em>klarstens</em> erinnerlich, er aber schlugs in
-alle Windsbräute, nahm die Maske vor, und es begann:
-uralte Verwirrung.
-</p>
-
-<p>
-Denn: &sbquo;so begannst du, mein Tag &mdash; Von Verheißungen
-voll&lsquo;: aus jahrelanger kindlicher Dumpfheit rauchte mit
-unbekannter Geschwindigkeit hervor die Flamme des Verstandes,
-die alle Dinge so überdeutlich &mdash; in einem Betracht
-&mdash; zeigte, daß die Beschäftigung ihres Erkennens
-ihm allein schon ruhmwürdig schien und ihn somit verschluckte,
-alldieweil das genügsame Herz, gespeist mit
-einigem Abfall, sich allein großzuziehn hatte.
-</p>
-
-<p>
-So geschah es denn <span class="antiqua">recte</span>, daß ich &mdash; Beispiel Magdas
-zweite Errettung Jasons &mdash; allüberall mit Gedanken
-handvoll bei der Hand, zu spät kam in den Augenblicken
-des Fühlens oder Handelns. Die Ewigkeit habe ich allzeit
-großartig begriffen; den Augenblick niemals.
-</p>
-
-<p>
-Immerfort mit mir selber im Schwunge wie mit einer
-irrsinnig gewordenen Gebetskaffeemühle sah ich von jedem,
-was vor mich hingeriet, stets so viel, wie der Blick aus
-der Dreharbeit nach oben eben hergab. So kam der
-Tag Esthers, und ich dachte an mich, scherte mich den
-Henker um sie und &mdash; lieferte sie demgemäß dem Henker
-aus. Seelisch immerfort großen Umgang pflegend mit
-Heroen und Dämonen, war ich <em>immer unvorbereitet
-für Bruder und Schwester</em>. So kam der Tag, wo
-Cordelia zusammenbrach vor mir, wo schon das Geständnis
-sich auf ihren Lippen wand wie eine flammende Schlange,
-aber ich ließ mich gerne <em>beschwichtigen</em>, auf später
-vertrösten, wo es zu spät war (denn immer ist später zu
-<a id="page-316" class="pagenum" title="316"></a>
-spät!), denn: der Mensch zwar hat eine besondre Membran
-erfunden, so fein, daß er über Länder und Ströme
-hinweg seiner Geliebten den Zustand seiner zärtlichen Gefühle
-mitzuteilen vermag: eine Membran aber, innerstes
-Empfinden der selben Geliebten ahnend aufzufangen im
-Augenblick, wo Leib sich preßte an Leib, die zu erfinden
-bemühte er sich nicht. Und ich, der ich ein Mensch bin:
-<em>hatte ich nicht die Aufgabe, sie zu erfinden</em>?
-</p>
-
-<p>
-Ich? Freilich, es ist wahr, daß ich unter allen gewöhnlichen
-Menschen nichts bin als ein ebenso gewöhnlicher
-Mensch, und dennoch war ich nicht ganz ausgeschlossen
-vom Besondren, will sagen: der Gnade. Augenblicke
-erstrahlten schon ganz im überirdischen Feuer. Aus
-Nacht und Buschwerk hervortretend die Erlauchte &mdash; oh
-wie? durchflammte sie mich nicht mit einem Strahl
-ihres Auges? war nicht eine einzige Wimper ihres Lides
-stark und scharf genug zur <em>magischen</em> Durchbohrung,
-und ich brannte auf lichterloh? Was denn erlosch ich
-im Nu? Ich hatte doch die Kraft, das Schicksal über
-mir zu empfinden, das mich in jenem Augenblick an ihre
-Fußspur fesselte, und die Kraft, mich in meinen Grundfesten
-erschüttern zu lassen! Warum war ich denn so lau
-und so erbärmlich und gewöhnlich, daß ich nicht festhielt
-mit Klauen und Zähnen, und warum ließ ich mich fortlocken
-von jeder Stimme, die vorüberflog, jedem Bleiglanz,
-jeder trüben eigenen Not, all dem Zuvielen?
-Warum tat ich denn nicht, was not war, heftete mich an
-das Eine, unlösbar, mit allen Gewalten Leibes und der
-Seele, verfolgte es, setzte ihm zu, warf ihm immer neue
-Schlingen um, wenn es die ersten zerriß, ließ nicht ab
-<a id="page-317" class="pagenum" title="317"></a>
-von ihm, wich nicht von seiner Seite, wurde taub und
-blind gegen alles andre, gegen Blitz und Donner, Frühling
-und Winter, Leben und Sterben, nur aufdürstend,
-nur auflodernd in der Flamme! Statt dessen taumelte
-ich so umher, war immer gut und niemals mehr, verirrte
-mich in der Vielheit, sah immer &mdash; o holdes Wort der
-Gepriesnen! &mdash; nur Masse, nur Masse, richtete nichts als
-Unheil an und stand und stehe nun da endlich, die Hände
-von Schätzen leer, aber übervoll von der Schuld. Wenn
-ich das Eine getan hätte, wären mir nicht vielleicht Kronen
-und was ich nur wünschte freiwillig in den Schoß geregnet?
-Ich hätte gelebt, ich lebte noch, und Alle mit mir,
-die nun dahin sind durch mich. Warum, ja warum <em>bin</em> ich
-denn gewöhnlich, wenn ich Wort um Wort und Schale
-um Schale <em>weiß</em>, wie man es macht, es nicht zu sein!
-</p>
-
-<p>
-In einer übertriebenen, wegen der Maske übertriebenen
-eingebildeten Sicherheit raste ich mördrisch mit Keulen
-umher, da im Gegenteil alles unsicher war, und unsicher
-in Wahrheit bis ins Mark unaufhörlich tanzte ich herum
-mit Lemuren und Chimären der tausend fernen Möglichkeiten,
-immer ins Weiteste gerichtet, augenlos immer fürs
-Nächste, die nächste Sigune! Ratlos bis ins Mark vor
-lauter gedachtem Tunwollen war ich am Ende nur immer
-froh, ja lieber nichts zu tun, als etwas <em>Bestimmtes</em>,
-und Esther ging in den Tod, Sigune ging, und Cordelia
-fragte ich nicht nach.
-</p>
-
-<p>
-Dreimal kam der Tod selber, um mich zu warnen &mdash; ich
-überhört&rsquo; es! Oh die ewige Schande, nicht eher zu wissen
-von einer Not, ehe man sie selber erfuhr! nicht eher zu
-wissen vom Tod, ehe selber man starb.
-</p>
-
-<p>
-<a id="page-318" class="pagenum" title="318"></a>
-Hemmungen, aha! Hemmungen der Tat, die hatte
-ich gut und gern, aber hatte ich je eine einzige Hemmung
-meiner Gedanken? In Erwartung der Geliebten &mdash; ich
-konnte ja nicht einmal den Urin verhalten und dünkte mich
-wahrhaftig zu lieben, als ob es möglich wäre, seine Notdurft
-zu verrichten in der Stunde der Unsterblichkeit.
-Magda, sie wars, die Jason aus dem Teich holte, Magda,
-die ihn vor der Windmühle bewahrte, und ach, da blüht
-nun meine Verworfenheit auf dem Mist, denn: Jason
-retten, heißt das nicht, Gott selber aus dem Wasser ziehn?
-Ich aber, ich wars nicht wert (obgleich dieser Bogner
-sich damals hinstellte und die Hände aufhob: Danken Sie
-Gott, Sire, daß nicht Sie diese Verantwortung und so
-weiter!) und kann nun heulen und mich zerknirschen und
-zerreißen am zu späten Tag, daß ich beim Ewigen ewig
-dabeistehn muß <em>und darf es nicht tun</em>! Ist das die
-Hölle? Ist das Höllenpein? Ist das auszudenken? Ja,
-denke, denke du nur, laß die Schwäche groß handeln und
-setze du den Grübelbohrer an Maler Bogner. Oh meine
-Herren Richter, bilden Sie sich vielleicht ein, ich hätte
-irgend was vergessen? Freiwillig geblendet hab ich mich,
-an den Augen kastriert, als mein Herr Vater mir eine
-gewisse besondre Mitteilung über meine Geburt machte,
-und da tappte ich denn ins Leben hinein wie der blinde
-gewesene Hengst Unkas, nur Eines, nur Eines in Nase
-und Nieren, daß es mir ja nicht entwiche, o du heiliger
-Mistgeruch aus der eigenen Stalltür: die <em>Gewohnheit</em>.
-</p>
-
-<p>
-Gewohnheit, das leirige Gleis, zog mich widerstandslos
-dahin, und wo mir das Große, Heilige, Ewige entgegentrat,
-den Blitz in den Händen, da zog ich hurtig die
-<a id="page-319" class="pagenum" title="319"></a>
-Weiche auf, da hielt ich hurtig den Ableiter vor, glitt glatt
-weiter mein Gleis, geführt statt zu führen, und was &mdash;
-statt des Erlauchten, Unsterblichen &mdash; was bekam ich?
-Cora bekam ich, das Halbe, das Armselige, das Ding, &sbquo;das
-wie Gold ist aus Lehm&lsquo;, den Antichrist!
-</p>
-
-<p>
-Gnädiger Gott, der du bist! Wenn es denn möglich
-sein soll, wenn es aus all diesem noch einen Weg geben
-soll für mich, so bewahre mich vor dem einen: ja, wahrlich,
-wenn ich auch mit Blut und Knochen, mit all meinen
-Sinnen und Übersinnen wieder hinein muß ins Alte, &mdash;
-so sei mir gnädig und verhilf mir zu dem Einen: nicht
-der Gewohnheit wieder anheimzufallen mit meiner <em>Seele</em>!
-Daß ich meine eigenen Gedanken sehe wie Sterne, meine
-<em>eigenen</em> Gefühle fühle wie Blumen; daß ich nicht dem
-Ungefähren nachtappe, wie ich das Pferd Unkas sich selber
-nachtappen sah in den ewigen Stall!
-</p>
-
-<p>
-Ich bin zu Ende.
-</p>
-
-<h4 class="section">
-Magda an Dr. Birnbaum
-</h4>
-
-<p class="date">
-Waldheim, am 16. September
-</p>
-
-<p class="adr">
-Lieber Onkel Salomon!
-</p>
-
-<p class="noindent">
-Nun siehst Du, jetzt kann ich wieder schreiben! Es geht
-sogar schon fast so schnell wie mit der Feder, und dabei
-ist die Maschine, die mein Freund Jason mir besorgte,
-nicht einmal eine richtige Blindenschreibmaschine; er hat
-nur die Tasten, die eigentlich weiße Lettern auf schwarzem
-Grund haben, mit weißen Plättchen belegt, weil ich die
-zumeist doch sehen kann, und dann hat er auf jeden mittelsten
-Buchstaben der drei Tastenreihen einen Tropfen
-<a id="page-320" class="pagenum" title="320"></a>
-Siegellack fallen lassen, so daß links und rechts sich auseinander
-halten läßt, und ich kam wirklich überraschend
-schnell vorwärts. &mdash; Heute wollte ich Dich bitten, doch so
-gut zu sein und Mahlmann zu veranlassen, daß er drei,
-oder am besten vier Zimmer im Gastflügel zurechtmachen
-läßt. Mein lieber Freund Bogner ist nun nach fast sechs
-Wochen so weit wiederhergestellt, daß er das Krankenhaus
-verlassen darf. Er hat allerdings noch eine offene Wunde
-im Rücken mit einer Kanüle darin, aber er darf sich doch
-schon bewegen. Ich sprach zufällig von Helenenruh mit
-ihm, und er erinnerte sich mit solcher Freude der hier verbrachten
-Wochen, daß ich ihn eingeladen habe, dorthin zu
-gehn. Eine sehr nahe Freundin von ihm, Frau Tregiorni,
-wird ihn begleiten, und wahrscheinlich auch noch das
-Fräulein Ring, durch die ich den Li habe, wie Du Dich
-erinnern wirst. Ich selbst denke, in den ersten Oktobertagen
-zu kommen und außer Renate den jungen Saint-Georges
-mitzubringen; er ist gelähmt und wird dann
-Schulferien haben. Ich würde eher kommen, wenn nicht
-Renate zögerte; ihr Onkel ist leider von sehr zarter Gesundheit
-und beansprucht ständig Aufmerksamkeit und
-Pflege; sie wird deshalb auch wohl nur einige Tage in
-Helenenruh bleiben. Mahlmann lasse ich dann bitten,
-für die zwei oder drei Wochen meines Dortseins ins Gestüt
-zu übersiedeln, da ich doch gern im alten Hause wohnen
-möchte und der Gastflügel auch besetzt sein wird. Alldas
-schreibe ich Dir, damit Mahlmann den Eindruck behält,
-daß ich bei Georg zu Gast bin, und nicht umgekehrt.
-Also vergieb, daß ich Dich zu Deiner vielen Arbeit auch
-noch behellige! Da Du von Georg nichts schreibst, so
-<a id="page-321" class="pagenum" title="321"></a>
-nehme ich wie verabredet an, daß in seinem Befinden keine
-Änderung eingetreten ist.
-</p>
-
-<p>
-Auf baldiges Wiedersehen also! Ich sehne mich sehr
-nach Helenenruh! Ich werde ja nun eine zweite Kindheit
-dort haben, denn damals, nicht wahr, damals war es
-doch so, daß man die Dinge der Welt, die man sah, erst
-mit Händen fühlen mußte, um sie zu kennen, und das
-muß ich nun auch wieder tun. Ob meine Füße wohl die
-alten Wege gleich erkennen werden? Ich freue mich schrecklich
-darauf!
-</p>
-
-<p>
-Mit vielen Grüßen an Tante Flora in Liebe Deine
-</p>
-
-<p class="sign">
-Magda
-</p>
-
-<h4 class="section">
-Dr. Birnbaum an Magda
-</h4>
-
-<p class="date">
-Helenenruh, am 17. Sept.
-</p>
-
-<p class="noindent">
-Meine liebe Magda, Dein Brief wird mir im selben
-Augenblick gebracht, wo ich mich hinsetze, um Dir zu
-schreiben. Du mußt nicht erschrecken, von einer großen
-Aufregung zu hören, in die ich durch Georg versetzt wurde,
-denn es scheint nun vorüber zu sein, und ihretwegen wollte
-ich Dir schreiben, indem ich mir vermute, von Dir, das
-heißt eigentlich von Deiner Freundin, Fräulein von Montfort,
-einige Aufklärungen erlangen zu können.
-</p>
-
-<p>
-Erlaube, daß ich gleich <span class="antiqua">in medias res</span> gehe. Gestern
-äußerte Georg plötzlich die Absicht, den geisteskranken
-Sigurd in seiner Anstalt zu besuchen, wofür er, als ich ihn
-zu hindern suchte, als Grund anführte, es sei &bdquo;gewissermaßen
-seine christliche Pflicht&ldquo;, Sigurd zu sagen, daß er
-ihm den zugefügten Schmerz nicht anrechne. Er sprach
-<a id="page-322" class="pagenum" title="322"></a>
-die Hoffnung aus, ihn in einer klaren Stunde anzutreffen,
-machte übrigens auch einige Andeutungen, dahingehend,
-daß &bdquo;Verschiedenes noch unaufgeklärt&ldquo; sei. Alles was
-ich erreichen konnte, war die Erlaubnis zu einer telephonischen
-Anfrage in Lauensee, auf die ich den Bescheid erhielt,
-daß der Kranke nach einem letzten Anfall vor einigen
-Wochen der Stumpfheit anheimgefallen, daß eine
-Verständigung mit ihm also wohl ausgeschlossen sei. Leider
-ließ ich mich dadurch beruhigen und setzte es nur durch,
-daß ich Georg begleitete.
-</p>
-
-<p>
-Es nahm aber einen ganz bösen Verlauf. Sigurd erkannte
-Georg sofort, es schien, als wollte er sich auf ihn
-stürzen, doch begnügte er sich mit einem Strom von Flüchen
-und Schimpfreden, nannte ihn Mörder, mit allen
-möglichen Zusätzen des Wahnsinns, Vater-, Mutter-,
-auch Schwestermörder, bis es uns gelang, Georg aus
-dem Zimmer zu ziehn. Er war zusammengefallen, sein
-Aussehn während der Fahrt war so, daß ich mitunter
-glaubte, mit einer Leiche im Wagen zu sitzen. Einmal nur
-sagte er etwas mir Unverständliches. Ich hatte ihn angerührt,
-er schien mich zu erkennen, nannte meinen Namen
-und sagte dann: Die sechste Seite! siehst du, nun
-haben wir die sechste! worauf er an den Fingern rechnete
-und sich verbesserte: nein, es stimmte ja doch nicht, die
-fünfte wäre ja Helene, und das stimmte ja nicht, &mdash; oder
-ähnlich.
-</p>
-
-<p>
-Liebes Kind, Du kannst Dir mein Erschrecken vorstellen,
-aber höre erst weiter! Übrigens ist er, wie gesagt,
-nun ganz ruhig, spricht überhaupt nicht mehr, geht aber
-fortwährend, auch draußen bei dem nassen Wetter umher,
-<a id="page-323" class="pagenum" title="323"></a>
-während er früher nur immer dasaß und sehr viel schlief
-und dazwischen hastig schrieb, Briefe wohl, doch bekam
-ich nichts davon zu sehn. Der Himmel weiß, was daraus
-werden soll, ich bin nun auch bald am Ende meiner Kräfte,
-das mit dem Herzog hat mich gebrochen, die Arbeit häuft
-sich von Tag zu Tag, meine alte Frische habe ich längst
-nicht mehr. Dazu wieder die bösen politischen Aussichten!
-Aber da komme ich ins Schreiben und verschwende meine
-Zeit.
-</p>
-
-<p>
-In der Nacht nach unsrer Rückkehr arbeitete ich noch
-in meinem Zimmer, die Türen zu Georgs Schlafzimmer
-&mdash; dem früheren seines Vaters &mdash; standen offen. Plötzlich
-hörte ich ihn drinnen stöhnen, dann in ein so verzweifeltes
-Geschrei, Klagen und Anklagen ausbrechen, wie ich es
-im Leben nicht gehört habe. Er hatte aber alle Türen
-seines Zimmers abgeschlossen. Ich kann das nun nicht
-beschreiben, er schrie einmal minutenlang nur immerfort:
-die Hölle, die Hölle, die Hölle! Dann rief er wieder nach
-seinem Vater, er schrie wie Sigurd: Mörder! und das
-schien er auf sich selber zu beziehn, und auch Sigurds
-Namen hörte ich und den seiner Schwester. Aber genug!
-</p>
-
-<p>
-Alldies ging mir nun durch den Kopf, es muß ja irgend
-etwas Reelles dahinterstecken, eine Einbildung, eine Täuschung
-vielleicht, die sich beheben läßt, und da fiel mir ein,
-daß Deine Freundin vielleicht helfen könnte. Möchtest
-Du so gut sein und sie noch einmal genauestens nach
-ihrem Gespräch mit Sigurd in jener Nacht befragen? Da
-kann ja der kleinste Umstand von Wichtigkeit sein, und
-mir selber war in dem, was ich durch Dich erfuhr, einiges
-unklar geblieben, zum Beispiel wollte mir in Sigurds Plan
-<a id="page-324" class="pagenum" title="324"></a>
-von der Beseitigung aller gekrönten Häupter die Ermordung
-meines Herzogs niemals recht passen. Also sei so
-gut, und wenn etwas Neues sich ergeben sollte, teile es
-mir doch bitte gleich mit!
-</p>
-
-<p>
-Ich werde mich vor allem freuen, Dich recht bald hier
-begrüßen zu können! Deine Anweisungen an den Verwalter
-Mahlmann habe ich wunschgemäß befolgt. Ich
-schließe mit meinen und meiner Frau herzlichsten Grüßen,
-bitte auch, mich Deiner Freundin ganz gehorsamst empfehlen
-zu wollen! In alter Treue Dein
-</p>
-
-<p class="sign">
-Birnbaum
-</p>
-
-<h4 class="section">
-Renate an Dr. Birnbaum
-</h4>
-
-<p class="date">
-Waldheim, am 19. September
-</p>
-
-<p class="adr">
-Verehrter Herr Doktor!
-</p>
-
-<p class="noindent">
-Auf Magdas Bitte bin ich selber es, die Ihren Brief
-gleich beantwortet. Allerdings glaube ich zu den erschreckenden
-Dingen, die wir von Ihnen hören, einige Erklärungen
-geben zu können, obgleich das meiste daran auch
-weiterhin wohl nur zu ahnen bleibt. Wenn Sie Sigurd
-Georg Mörder nennen hörten, so glaube ich, daß sich das
-auf Sigurds Schwester beziehen soll. Etwas Ähnliches
-hörte ich schon damals, nach Esthers Tode, von ihm, doch
-blieben mir die Gründe dafür unbekannt. Daß Sigurds
-Plan ursprünglich nicht gegen den Herzog, sondern Georg
-gerichtet war, sagte er selber deutlich in unserm Gespräch.
-Und dann weiß ich, daß er, Sigurd, der Meinung war,
-Georg sei in die Gracht gestürzt und ertrunken, worauf
-dann sein Attentat auf den Herzog nur ein schreckliches
-<a id="page-325" class="pagenum" title="325"></a>
-Glied in der Methode seines Irrsinns wurde. Und rechnen
-Sie zu diesem, daß Georg mit durchnäßten Kleidern
-gefunden wurde, daß auch Magda stets dabeiblieb, er
-sei es gewesen, dessen Fall ins Wasser sie hörte, so brauchen
-wir uns nur vorzustellen, in welch zerstörtem Licht
-Georg die Geschehnisse und Zusammenhänge sehn mag,
-um mit dem Scharfsinn seiner Krankheit alles zu erraten
-und &mdash; auf sich zu beziehn; sich also für schuldig zu halten
-am Tode seines Vaters. Was dem Außenstehenden nur
-eine wenn auch furchtbare Verstrickung von Umständen
-zu sein scheint, dahinein fühlt sich ja der selber Betroffene
-mit Leib und Seele gerissen, der Kranke sieht Krankheit
-überall, und wer schuldig sein will, Schuld.
-</p>
-
-<p>
-Magda läßt Ihnen tausend Grüße sagen, sie leidet
-schwer unter ihrer Ohnmacht, die Neuheit ihres Zustandes
-läßt sie sich auch für hülfloser halten, als sie ist. Sie
-läßt Sie bitten, doch ja Georg unser Kommen rechtzeitig
-anzumelden. Möglicherweise ist er ja ganz unzugänglich.
-Wir werden, denk ich, am 1. fahren.
-</p>
-
-<p>
-Ich nehme so von Herzen teil, lieber, verehrter Herr
-Doktor, an Ihnen und Ihren Sorgen und grüße Sie
-mit: Auf Wiedersehn! Ihnen von Herzen traurig zugewandt!
-</p>
-
-<p class="sign">
-Renate Montfort
-</p>
-
-<h4 class="section">
-Georg an Magda
-</h4>
-
-<p class="first">
-Aber so viel Zartgefühl scheint mir fast übertrieben, o
-edle Seele! Ich eile, mich durch diese Zeilen nachträglich
-als meinen Gast in Deinem Eigentum zu bekennen, nicht
-mehr als Bogner, den ich plötzlich von weitem hier aufgetaucht
-<a id="page-326" class="pagenum" title="326"></a>
-entdeckte, &mdash; ich mocht ihn nicht sehn. Daß Helenenruh
-Dein einziges Haben ist, dürfte mir bekannt sein,
-während mir die ganze bewohnte und unbewohnte Welt
-zur Verfügung steht. Dein Ergebener muß Dich jedoch
-bitten, ihn der Einsamkeit zu überlassen, die er für seiner
-nötig erachtet. Dieser Wink dürfte genügen, da mir bekanntermaßen
-freisteht, eine Annäherung, die als feindlich
-betrachtet würde, dadurch zu vereiteln, daß er sich in
-andre Gegenden dieses mit Recht so beliebten <span class="antiqua">orbis picti</span>
-begiebt.
-</p>
-
-<p>
-Es verbleibt mit besonders herzlichen Grüßen in seiner
-Schuldigkeit:
-</p>
-
-<p class="sign">
-Georg
-</p>
-
-<h4 class="section">
-Von Georgs Hand geschrieben
-</h4>
-
-<p class="first">
-Jener, vom bekannten Baron Münchhausen mit dem
-Schwanz an eine besondre Eiche genagelte besondre Fuchs,
-als welcher durch Peitschenstreiche veranlaßt wurde, sich
-zu entfernen, den durch Gewohnheit lieb gewordenen
-Balg jedoch an Ort und Stelle zu lassen, ist eine immerhin
-wollüstige Vorstellung für die ins Fell der Gewohnheit
-eingewachsene Seele. Denn siehe da: nachdem
-es verwehrt ist, an <em>Ihn</em> zu schreiben, dessen dreimal geheiligten
-Namen der feurige Makkabäer zerriß und in
-die Winde streute, &mdash; was bleibt mir übrig, um den Tag
-zu ertragen, der sich inzwischen anstatt bisher üblicher
-sechzehn bis siebenzehn Stunden deren vierundzwanzig
-zugelegt hat? &sbquo;Ein Rätsel ist Reinentsprungenes&lsquo;, sagt
-Hölderlin, zum Beispiel der Schlaf. Die meisten Menschen
-üben ihn bei Nacht aus; ich nahm ihn in kürzlich
-<a id="page-327" class="pagenum" title="327"></a>
-erst sich verabschiedet habender Zeit wie so eine besondre
-Arznei, alle Stunde einen Eßlöffel voll; aber nun hat mir
-so ein besondrer Beelzebub von hinterlistigem Satan die
-Flasche verstochen, und wo finde ich dieselbe? &mdash; Meist
-schleicht er sich abends herein, verabreicht mir einen Löffel
-voll &mdash; damit die süße Gewohnheit nicht schwinde! &mdash; und
-bleibt für den Rest aller Stunden unsichtbar. Was also
-bleibt mir? Ach: zwischen Leib- und Seelenonanieren blieb
-dem Menschen nur die bange Wahl! Aber so sei sie gewählt,
-die süße andre Gewohnheit des schriftlichen sich
-Niederlegens aufs platte Plättbrettbett des Papiers: das
-Schreiben, nicht wegen der besondren Unsterblichkeit, nicht
-wegen des süßen Pöbels, sondern ganz allein <span class="antiqua">sui ipsius
-causa</span>, um des Schreibens willen! Es ist Wollust, der
-eigenen Seele liebzukosen, zumal wenn sie leidet, und zugleich
-ist das Schreiben so ein förderliches Purgativ, ein
-besondres Sieb sage ich besser, den weichen Brei von Allerhand
-durchzurühren zur Beförderung der Erkenntnis.
-Man denkt zwar in Sätzen, aber merkwürdig: gedachte
-Sätze haben nie einen Punkt, und ein Punkt zwischen
-zwei Sätzen auf reinem Papier scheint mir so was unendlich
-Haltbares, um so mehr, je länger man drauf hat
-warten müssen.
-</p>
-
-<p>
-Ich will einen Nachtspaziergang beschreiben. Die Menschen
-lassen einem ja koa Ruh net, wie Cordelia selig zu
-sagen pflegte, also daß man nachts auswandern muß wie
-die Rattenkönige, alle Seelenschwänze zu einem gordischen
-verknotet. Übrigens denkt es sich besser bei Nacht, und
-kurz und gut, beschreiben wir uns diesen wackern Knaben
-Telemach unter dem paßlichen Motto:
-</p>
-
-<div class="poem-container">
- <div class="poem">
- <div class="stanza">
-<a id="page-328" class="pagenum" title="328"></a>
- <p class="verse">Das Steuer führt&rsquo; ein Jüngling unruhvoll,</p>
- <p class="verse">Dem früh des &dagger;&dagger;&dagger; Rat und Hülfe schwand &mdash;</p>
- </div>
- </div>
-</div>
-
-<p class="noindent">
-folgendermaßen:
-</p>
-
-<p>
-Telemach erwacht wie üblich aus befristetem Halbschlaf.
-Er erseufzt, legt sich auf den Rücken und öffnet, wach und
-keines Schlafes bedürftig, die Augen in die Nacht. Bald
-darauf wird über ihm das graue Vieleck der am Tage
-weißen Zimmerdecke sichtbar; er schiebt sich höher im
-breiten Bett, erkennt die Schattenrisse der beiden hockenden
-Tiere, Adler und Löwe, auf den Bettpfosten, dahinter
-die bleichen Streifen der Fenstervorhänge und dazwischen
-das dunkle Rechteck der offenen Tür zur Terrasse; dann
-auch die dunklen und großen Flecken der Schränke und
-die weißen der Türen. Im Glase des Türflügels draußen
-glitzert es bläulich. Telemach &mdash; oder sagen wir kurz T.;
-kann auch wieder Topf heißen &mdash; schiebt sich bis fast zur
-Rückwand des Bettes hinauf, sitzt in dem großen Achteck
-des Raums und fröstelt. Draußen rasselt es eisern, der
-Uhrhammer in der Höhe fällt hell schmetternd, ein Mal,
-dann ist alles still. Halb zwölf. &mdash; T. seufzt vermutlich
-wieder. Nun wieder die Nacht, die ganze lange Nacht
-bis zum Morgen &mdash; und was dann? &mdash; Es wird heller
-und heller um ihn, die dunklen Schränke sind nun körperlich
-sichtbar, die Maserung, Kanten und Beschläge, und
-vor der Tür draußen ist die graue Fläche der Terrasse erschienen
-und, dunkel im Zwielicht, der Schattenriß einer
-großen Steinurne mit Früchten und Blättern auf der
-Brüstung. Das ist besonders still.
-</p>
-
-<p>
-Im Dorf schlafen die Bauern eng und heiß in ihren
-karierten Betten. Die harte Weckuhr tickt durch die
-<a id="page-329" class="pagenum" title="329"></a>
-Schwüle, sie stöhnen im schweren Schlaf und schnarchen.
-Eine Kuh brummt im Schlaf, ein Huhn gackert im Traum,
-niemand hört den Spitz, der mit rasendem Geheul auf
-die Decke seiner Hütte sprang, weil draußen Schritte hallten,
-und der Hund kriecht wieder in seine warme Höhle,
-knurrt, muß noch einmal blaffen, dreht sich um sich selbst
-und fällt hin.
-</p>
-
-<p>
-T. sitzt und wacht, lauscht. Die Nachtstille singt in
-seinen Ohren, es rauscht leise im Park, die See ist nicht
-zu hören.
-</p>
-
-<p>
-Hier, denkt er, lag einer des Nachts, und wie oft wohl
-wachte er auf und glaubte über sich Schritte zu hören,
-ruhelos, ruhelos, so leise, ein Huschen, hin und her streifend,
-hin und her ... T. lauscht, alles bleibt still, er sieht
-den Schatten einer Hyäne, den hochgebogenen Rücken,
-schieftrabend in der Finsternis, nun funkeln grünlich, bläulich
-die Lichter, er hört die Pfoten trotten, er riecht ...
-Das war Mama, denkt er matt und gespenstisch, das
-war Mama ... Zwanzig Jahr Pein und Sehnsucht und
-Gänge, Gänge im Finstern, und dann &mdash; nichts mehr;
-der Tod. &mdash; Wie ich damals, denkt er, meine Gedichte
-fand ... Mein Sohn war klein, und nichts verstand ...
-Und sie lag und lächelte grade genug. Wenn man nachgrübe
-und den Sarg öffnete, würde man ihr Lächeln unversehrt
-darin finden, &mdash; und das war ihre Genugtuung,
-so viel zu lächeln. &mdash; Die Umrisse der Insel erscheinen ihm
-finster, die Bäume, er sieht ein bleiches Gesicht unter der
-Buche liegen wie eine Maske, es lächelt, oben saust der
-Herbst und reißt Blätter aus den Kronen, sie fährt fort
-zu lächeln; der Winter deckt alles zu, sie lächelt fort; im
-<a id="page-330" class="pagenum" title="330"></a>
-Frühling liegt ihr Lächeln unter <a id="corr-9"></a>dem ersten Krokus, den
-langen Sommer lang lächelt sie fort, ganz für sich
-allein ...
-</p>
-
-<p>
-T. fröstelt, rutscht wieder tiefer im Bett und steckt die
-Arme unter die Decke. Es waren viele Tote. Esther &mdash;
-Sigune &mdash; Cordelia &mdash; Mama ... Alle schon wieder
-weit fort, und gelernt hatte er nichts. Nur der Eine ...
-T.s Brust schmerzt.
-</p>
-
-<p>
-Warum lebe ich noch? Telemach stellt sich wieder einmal
-vor, er läge begraben. Alsbald erscheint auch der
-Platz in A., die Bahnen fahren, Menschen eilen kreuz und
-quer, die Spiegelscheiben der Auslagen glitzern, aber es
-quält nicht mehr wie vor einem halben Jahr. Es war
-niemand mehr da, von dem es schmerzlich wäre Abschied
-zu nehmen, oder ihn lebend zu denken, beschäftigt wie immer,
-während man tot ist ... Renate? &mdash; Er fühlt sie
-nicht mehr.
-</p>
-
-<p>
-Ich sollte wohl, denkt Telemach, ein Ende machen.
-Aber da ist zum Beispiel das Land. Brauchte es ihn?
-Jener Birnbaum würde ihm schon einen besondren Telemachschwung
-versetzen. T. sieht den stämmigen Mann
-aufgeregt im Zimmer hin und her laufen, eine Hand im
-Ärmelloch der Weste, fuchtelnd mit der Zigarre in der
-andern, niesend und prustend, und er schreit: Und wenn
-wirs so einrichteten, daß es an Preußen fiele, &mdash; no &mdash;
-was denn? no? was denn? T. wußte es nicht. &mdash; Hatn
-dazu dein Vatter sich sein Lebtag abgerackert, un dein
-Großvatter, un dein Urgroßvatter vielleicht? Du bistn
-Literat, Hoheit, du hast gar keine dynastischen Gefühle,
-nee, aber gar keine! &mdash; T. lächelt und bestreitet es schweigend.
-<a id="page-331" class="pagenum" title="331"></a>
-Ich wills ja versuchen, beschwichtigt er sich selbst,
-ich bin nur so müde und innerlich kraftlos. Die Länder
-sind so gut im Stande ... Das heißt Beuglenburg?
-Und sie würden Schley dort nicht sitzen lassen, diese Preußen.
-Ach, nun kamen die Wahlen! Früher war die Sozialdemokratie
-unter der Hand unterstützt, und &mdash; und ...
-T.s Kopf tut ihm weh. &mdash; Ich kann noch nicht, ich kann
-noch nicht! &mdash; Er wälzt sich fieberisch und atmet beklommen.
-Es ist, denkt er, wieder die alte Angst, wie in Berlin.
-Berlin war nicht schuld, sondern mein eigenes Krüppeltum.
-Punkt. Toter T. punkt.
-</p>
-
-<p>
-Er schleudert die Decke von sich, zieht die Schlafschuh
-an die Füße und hockt schlottrig auf dem Bettrand. Es
-ist nun ganz hell umher, dämmrig, doch alles deutlich erkennbar.
-Den Kopf drehend, sieht er über sich, überm Kopfende
-des Bettes die Figuren des Bildes Emmaus, den einfallenden
-Lichtstrom, am Tische Christus und die erschrockenen
-Beiden, dahinter die Nacht.
-</p>
-
-<p>
-Ja, denkt er verwirrt, ich kam zu allem zu spät.
-</p>
-
-<p>
-Er schlürft eilig zur Glastür, friert im Kalten, lehnt
-sich an den Rahmen und raunt: Was soll man denn tun?
-Man fährt ins Dasein hinein mit feuriger Schnelle, findet
-alles vorbereitet und ist es von Ahnen und Urahnen
-her gewohnt, eh man es besitzt. Da erkennst du dich selber,
-aber schon steckst du so tief im Gewohnten, daß kein
-Riese dich ausreißt. Wenn ich Verse machen will, und
-wäre ich Hölderlin, ich müßte anfangen wie Schiller, und
-zehn Jahre danach merke ich vielleicht, daß Sprache des
-Verses und Sprache des Umgangs voneinander so verschieden
-sind wie der Vogel vom Fisch. Ich kleide mich,
-<a id="page-332" class="pagenum" title="332"></a>
-rede, lache, fahre, spiele, lerne wie die Andern, und längst
-bin ich in zehntausend unlösliche Zusammenhänge verstrickt,
-und dies &mdash; ach dies wird die letzte Not sein, daß
-man an Tausenden hängt und nicht steht, und Tausende
-hängen an mir, und ich komme nicht los zu mir, nicht los
-zu mir ...
-</p>
-
-<p>
-Ganz hell aus der Tiefe klagt jetzt ein Kinderweinen,
-schauerlich anzuhören, und T. zuckt merklich. Ein Gespenstergelächter
-folgt, ganz schnell: Hahahahaaa! und wieder
-das plärrende Weinen. &mdash; Kauz in der Nacht, End
-ehs gedacht! &mdash; Stille liegt die Terrasse, stille stehen die
-mächtigen grauen Urnen, besonders, verhaltenen Lebens,
-atmen, auch die Steinplatten atmen, Schlaf oder das
-Schweigen ... Über dem schwärzlichen Gewipfel des
-Eichwaldes quillt ein bleiches, silbriges Scheinen im Himmel,
-ein wenig tiefer muß die Mondsichel sein. Emporblickend
-sieht Telemach wenige, schwach flimmernde Sternlichter
-im Dunste der feuchten Nacht. &mdash; &sbquo;Schaudernd
-unter herbstlichen Sternen &mdash; Neigt sich jährlich tiefer das
-Haupt ...&lsquo;
-</p>
-
-<p>
-T. macht Licht, geht mit geblendeten Augen ins Ankleidezimmer,
-erhellt es und legt eilig das für morgen zurechtgelegte
-Unterzeug, Schnürstiefel, Reithosen und Ledergamaschen,
-eine braune Lederweste mit Ärmeln an,
-windet einen grau und grünen Schal um den Hals, fährt
-in den Rock und fühlt sich einen Augenblick warm und
-behaglich. Nachdem er das Licht gelöscht hat, geht er
-leise über die Terrasse in den Garten hinab.
-</p>
-
-<p>
-Unschlüssig unten stehen bleibend, zum Hause zurückgewandt,
-findet er sich plötzlich sehr klein und einsam im
-<a id="page-333" class="pagenum" title="333"></a>
-Hof der drei mächtigen Fronten mit langen Fensterreihn
-und kalkweißen Mauern. Unendlich schweigsam und hoch
-steigen die zwei weißen, schwarz behelmten Türme auf
-den Ecken in die Dunkelheit; das Ganze, hell und doch
-seltsam verdüstert im nächtlichen Licht, atmet eine tiefe
-Gewalt aus, liegt da, ruhig in sich selber, bedrohlich für
-ihn, der sehr klein ist. Unbekümmert scheint es seine dämmernde
-Seele bei Nacht zu enthüllen; es dehnt sich, atmet
-vielfach, sammelt Essen und Fenster, Türme und Dächer,
-Simse und Mauern in eine strotzende und alte Gesundheit
-und ist immer bereit zu dauern. Heiliges Kindheitsland,
-wo bist du? zieht es da schmerzlich durch seine Brust.
-Jählings ist das Haus umnachtet und fremd, und er
-geht davon, den Kopf gesenkt, verloren in alte Erinnerungen.
-</p>
-
-<p>
-Denn zum Beispiel was tun wir inbezug auf unsre
-Kindheit? Heraus reißen wir uns an den Haaren, ganz
-genau wie eben jener Baron Münchhausen sich an den
-Haaren zerrte aus dem Sumpf mitsamt seinem Unkas,
-bloß daß sie kein Sumpf ist, diese Kindheit, sondern &mdash;
-das Paradies. Geschah es nicht hier? T. wendet sich
-vermutlich und murmelt, den dämmrig erkennbaren Weg
-durch das Eichenwäldchen hinunter blickend: Weiß ichs
-nicht, als wärs heute gewesen? Hier auf der Terrasse
-brannte der bunte Lampenschirm und saß Bogner; und
-dort unten am Gatter stand ich, wußte nicht, was fort war
-aus mir, und war selber stillschweigend fortgegangen aus
-meiner Kindheit zu Annas Bett.
-</p>
-
-<p>
-Da zwingt er sich mit Gewalt durch den Spalt zu einem
-kindlichen Aufenthalt.
-</p>
-
-<p>
-<a id="page-334" class="pagenum" title="334"></a>
-Der Kaufmann in Böhne hieß Sengstaak, ein Name,
-den ich als Junge niemals aus dem Gedächtnis in die
-Luft schreiben konnte. In allen Ferien einmal war eine
-Monatsrechnung zu bezahlen, das tat Onkel Salomon
-selber und nahm uns mit. Im Laden war die Diele mit
-weißem Sand bestreut, durch eine geriffelte Glasscheibe
-sah man Herrn Sengstaak an einem Stehpult schreiben,
-und wir zitterten, er möchte nicht merken, daß wir da
-waren, denn dann bekamen wir ja keine Cakes, und einmal
-gab sie uns der Ladendiener, aber das war längst
-nicht so schön. Kisten standen da mit eingewickelten Apfelsinen,
-Fässer mit Mehl, mit Margarine, mit Butter,
-Kisten voll Eier, und wie war alles dauerhaft und dick,
-die Holzgriffe an den Schiebladen und die hölzernen Schaufeln
-in den Erbsen und Linsen. Über dem Tresen &mdash; ja,
-da wurde womöglich auf dickem blauen Papier ein Zuckerhut
-zerkleinert, ach, wie war das alles besonders und reichlich
-und solide! Und oben war es dunkel von ganzen
-Bündeln in Lagen zusammengeschichteter Tüten, rechteckiger
-und spitzer, brauner, blauer und roter, und sie hatten
-alle ein schwarzes Wappen als Aufdruck zwischen zwei
-wilden Männern. Ja, vor der Tür, da war ja der mächtige
-goldene Mohr mit bunter Federnkrone und einer Zigarre
-zwischen den Wulstlippen. Aber über den Düten,
-noch höher, war es finster wie ein Gewitter, von tausend
-Würsten und Schinken, und wie das roch nach Rosinen
-und Gurken und Vanille und Gewürznäglein, und geheimnisvolle
-Leitern lehnten im Winkel oder wurden von
-kleinen neugierigen Jungen mit wasserblanken Haaren
-schwierig hin und her getragen. Dann kam Herr Sengstaak
-<a id="page-335" class="pagenum" title="335"></a>
-aus dem Kontor, das ich nachher in Soll und Haben
-wiederzusehn glaubte; er hatte ein rotes längliches
-Gesicht, kleine Augen und Falten unter dem Kinn, rieb
-sich die Hände und sprach unverständlich mit eigentümlichen
-Bewegungen des Kinns. Er beugte sich über den
-Tresen, griff Anna und mir mit großer Hand unters Kinn
-und holte, während er immerfort mit Onkel Salomon
-sprach, einen der großen blechernen Kasten mit Cakes
-herunter und hielt ihn uns offen schräg entgegen, und jeder
-nahm einen kleinen Cake heraus, aber das war nicht
-alles. Nun wurde ein großer, brauner Papiersack abgerupft,
-und wie wundervoll war das, wenn Herr Sengstaak
-mit dem einen Arm hineinfuhr, mit der andern Hand
-die eine Ecke weich eindrückte, dann ganz leicht die Tüte
-herumwarf und die andre Ecke einknickte, und dann kam
-ein Blechkasten nach dem andern herunter, und die Tüte
-wurde voll &mdash; nicht ganz bis oben, es blieb noch genug
-Papier, das dann auf wundervolle Art zu parallelen
-Streifen zusammengelegt wurde, und dann wurden sie
-nach innen umgeknickt und festgedrückt, das Paket auf
-die Seite hingelegt, und dann kam Bindfaden aus einem
-verblüffenden Ding heraus, und das Paket flog links
-herum und rechts herum, und der Bindfaden schlang sich
-darum, es war herrliche Zauberei, ein Holzknebel war mit
-einmal da, wurde in die Schlinge geschoben, und dann
-wurde es mir überreicht. Dies war unser heiliges Recht,
-Kekse &mdash; wir sagten Kekse &mdash; von Herrn Sengstaak, aber
-eine Sorte war dabei, die mochten wir nicht, die hießen
-Dextrinkeks, denn so schmeckten sie, und die kriegte
-Mama.
-</p>
-
-<p>
-<a id="page-336" class="pagenum" title="336"></a>
-T. denkt hierauf gebeugt, er müsse damals unmenschlich
-glücklich gewesen sein, daß all dies sich ihm eingebrannt
-habe, wovon er damals doch nichts wahrnahm,
-denn immer war er ein blinder Junge und hatte niemals
-etwas gesehn, wenn er gefragt wurde. &mdash; Oder ist das
-ganze Glück wirklich dieser Augenblick, wo ich es so brennend
-wieder fühle?
-</p>
-
-<p>
-Er fährt leise zusammen, da er am Weiher steht, gegenüber
-der Insel, keine fünf Schritt von der Brücke. Die
-Bäume rauschen und bewegen sich ernst, beklommener
-atmend geht er zur Brücke, bleibt stehen und flüstert:
-Hier schläft Mama ... Er geht hinüber, achtet darauf,
-daß seine Füße leise sind, taucht ängstlicher in den finstern
-Gang zwischen Buschwerk, tastet sich langsam hindurch
-und tritt ins Freie der leicht übernebelten Lichtung. Drüben,
-über dem weißlichen Gewoge wölbt sich die schwarze Kuppe
-der Trauerbuche; auf einmal ergreift ihn schaurige Furcht,
-sie könnte dort liegen, unter dem Baum; nicht sie, ihr Gesicht,
-das Lächeln; nicht ihr Lächeln, Cordelias ... Und
-er geht mit knisternden Haaren und schlagendem Herzen
-hin und bleibt, drei Schritte vom Stamm entfernt, stehn.
-Auf dem grauen Oval glänzen leise doch sichtbar die
-beiden Worte: Helene &mdash; Herzogin.
-</p>
-
-<p>
-Hier unter ihm steht ein Sarg, liegt eine Tote, ein
-Mensch, &mdash; wie war es doch möglich? Er wendet sich
-schaudernd. &mdash; Etwas läuft in die Lichtung hinein, bleibt
-still, läuft hierhin, dorthin, schnüffelt vernehmlich, ein Igel.
-Heftiger zitternd faßt er in das Gezweige über seinem
-Kopf, ein Blatt bleibt in seinen Fingern, sein Arm fällt
-herab, er zerknittert es und fühlt es feucht; in weiter Ferne
-<a id="page-337" class="pagenum" title="337"></a>
-kräht ein Hahn. &mdash; Sie schläft, flüstert er besinnungslos,
-dann sinkt er langsam in die Kniee, bückt sich, harkt
-mit der Hand im Gras und flüstert: Mutter! Mutter!
-hilf mir doch! Mutter, dein Sohn ist doch da! Ach, sag
-doch nicht, daß es zu spät ist, sei nicht hart, ich kann ja
-nicht mehr, ich kann, kann, kann ja nicht mehr! &mdash; So
-wimmert er eine Zeitlang, dann liegt er plötzlich still und
-steht auf. Seine Hände, sein Gesicht sind naß, er trocknet
-sich mit dem Schal und geht davon, schamvoll und doch
-erleichtert. Er horcht stehen bleibend zurück. Sie war entsetzlich
-einsam dort ... Er schüttelt den Kopf und geht
-weiter, durch den Gang, über die Brücke, am Weiher
-hin und den dunklen, beschatteten Weg hinab unter
-dem schwarz und zerrissen herabhängenden Laubwerk der
-Eichen.
-</p>
-
-<p>
-Dort steht er und denkt wieder. Ja, was dachte er
-wohl? Er dachte nicht &mdash; denn das denke vielmehr jetzt
-ich: welch eine wonnevolle Erleichterung es für mich ist,
-einmal die ganze Last des Daseins auf diesen vorgespiegelten
-Telemach abzuwälzen und daneben zu stehn und es
-immerhin begreiflich zu finden, daß sie ihn quält. &mdash; Sondern
-er dachte vielleicht oder empfand die Höllenqual der
-zu späten Einsicht. Die furchtbar ironische Bitterkeit der
-Erkenntnis, daß alles, was heute ist, seit Jahren sich vorbereitete,
-daß es in all und jedem Denken, Planen und
-Handeln schon war, &mdash; oh ja:
-</p>
-
-<div class="poem-container">
- <div class="poem">
- <div class="stanza">
- <p class="verse">Was vom Menschen nicht gewußt,</p>
- <p class="verse">Oder nicht bedacht, (!!!)</p>
- <p class="verse">Durch das Labyrinth der Brust</p>
- <p class="verse">Wandelt in der Nacht.</p>
- </div>
- </div>
-</div>
-
-<p class="noindent">
-<a id="page-338" class="pagenum" title="338"></a>
-Und weiter, daß nun mit der Erkenntnis alles ein Ende
-nahm und nur sie noch ist, und kurz und gut: die Schuld
-selber nur noch. Schuld, nichts als Schuld, an jedem
-Fleck, auf jedem Schritt; Schuld jeder Weg, jede Bewegung,
-jede Aussicht und jeder Stern; Schuld jeder Bissen und
-jeder Atemzug, und kein Gedanke mehr, kein Ausblick und
-keine Möglichkeit mehr zu etwas Neuem, &mdash; nirgend ein
-Anfang, nur das Dickicht.
-</p>
-
-<p>
-Und dann versucht er es wohl, dieser T., und stellt die
-bekannten Figuren zum tausendsten Male auf, und eiskalt
-vor rasendem Wissen der Unabänderlichkeit will er
-sie doch zwingen mit Zauberei, daß sie sich anders bewegen,
-als sie taten, aber immer steht hier Magda und drüben
-Cora, hier er selber und da Sigurd und da &mdash; ER, und
-wenn er sie auch zwingen kann, steif dazustehn wie die
-Puppen, so erreicht er doch niemals, daß er selber es ist,
-der die erste Bewegung macht, oder Sigurd, sondern
-immer, immer ist es die Furie.
-</p>
-
-<p>
-Und seine Stirn bedeckt sich mit Schweiß, die Figuren
-schwinden erlöschend, als würde ein Bühnenlicht abgedreht,
-im Finstern, und er denkt nun:
-</p>
-
-<p>
-Daß er seine Schuld am Ende vielleicht übertrieb.
-Etwas scheint nicht zu stimmen. So viel kann ja ein
-Mensch nicht schuldig sein. Oder er könnte es allenfalls
-sein aus bösem Willen, aus angeborener Ruchlosigkeit,
-wie man gebürtiger Raubmörder sein mag, oder Muttermörder.
-Er selber aber, er soll dies Gebirge von Schuld
-über sich gewälzt haben aus keinem andern Grunde als:
-<em>weil er so war</em>!?
-</p>
-
-<p>
-Worauf er dies Rätsel bis zum nächsten Mal sich selbst
-<a id="page-339" class="pagenum" title="339"></a>
-überläßt und sich weiterbegiebt. &mdash; Oh die Nacht ist noch
-lang!
-</p>
-
-<p>
-Krähte nicht, denkt er, soeben ein Hahn? Hähne krähen
-im Schlaf. Aber ach, wie konnte er es nun wieder aufsteigen
-lassen fontänenhaft! Frühmorgens in der Kindheit,
-das Krähen der Hähne, heiser, krächzend, und hell
-schmetternd, ferne und nah. Sonntag war anders als die
-andern Tage, obgleich doch an keinem Schule war in den
-Ferien. Die Straße unter den Fenstern, die Felder daran,
-das Dorf in der Frühsonne, alles sah gleich anders aus,
-feierlicher wohl und viel stiller. Man hatte einen schneeweißen
-Anzug an und ein weißes Kleid mit zwei Hände
-breiter blauseidener Schärpe. Du lieber Gott, wie hoch
-war damals eine Roggenwand! Wir verschwanden uns,
-wenn wir vorsichtig kaum hineintauchten, um eine Kornblume
-herauszuholen oder eine violettrote Rade, die ich
-liebte, weil sie so geometrisch waren: vier lange grüne
-Blattspitzen genau in den Einbuchtungen der kleinen Kelchblätter.
-Der Sandweg in der Sonne wie hell! Unsre
-Schatten, ganz dick und kurz und mit ungeheuren Kreisen
-von Hüten, schoben sich voraus, ach jedes Staubkorn wie
-hell, die Steine im Staub, jeden einzelnen könnt ich beschreiben,
-denn ich liebe ihn, Brocken von rotem Klinker,
-halb vom Sand verschüttet, und die Krusten der Wagenspuren,
-und scharfe Chausseesteine, mit denen man gut
-schmeißen konnte, und runde, geschliffene von der See,
-und dann die großen, weiß übertünchten Steinbrocken
-am Wegrand, &mdash; ach, nur Steine, und was hatten sie
-Leben damals und Bedeutung! An diesen weißen kletterte
-aus der Grasnarbe die vielköpfige kleine Schlange der
-<a id="page-340" class="pagenum" title="340"></a>
-Winde mit schönen, sehr weißen Kelchhäuptern; rote Kleepflanzen
-wuchsen da, es waren kleine grüne Oasen von
-niedrigem Dreiblätterklee, und wir suchten bei jeder
-ein Weilchen nach einem Vierblatt. Immer schien die
-Sonne, nur damals schien die Sonne, ein einziger
-Vormittag war so lang wie ein Sommer von heut,
-und dann hörten wir die Lerchen. Oh die Stille nun,
-diese Stille überm singenden Korn, und in der Stille
-überall, unaufhörlich, immer wieder anschrillend, ganz
-hoch oben das Lerchengetriller, immer mit neuem Anlauf:
-ziziziziziziiih! ziziziziziziiih! &mdash; Und insgeheim glaubten wir
-doch immer, daß die Lerchen im Korn säßen, wir sahn uns
-die Augen blind im flimmernden Blau, aber niemals haben
-wir eine Lerche gesehn. &mdash; Dann kam &mdash;
-</p>
-
-<p>
-T., denke ich mir, findet sich jetzt am Gatter, das, hell
-im nächtlichen Licht, als habe es ihn lange erwartet, ihn
-unsichtbar ansieht aus dem grauen Holz seiner Stangen.
-Er lehnt sich darauf, sieht oben am Himmel die dünne
-Mondsichel im Fahren leicht durch das fließende weiße
-Gewölk schneiden, sieht die dunklen und doch erhellten
-Wiesen und die schwarzen Linien der sich kreuzenden
-Hecken, aber &mdash; &mdash; aus dem schwindenden Dunkel dieses
-Grundes flattert ein Kohlweißling taumlig den glühend
-heißen Sandweg hinunter, hin und her über die Wagenfurchen,
-den Hügel hinauf, &mdash; er hört Annas schreiendes
-Lachen und sein eignes, atemlos hinlallend, wie er später
-Jungens hat lachend rennen sehn, im Laufen zusammentaumelnd,
-lachend nur Lachens wegen, laufend nur um zu
-laufen, &mdash; und dann liegt man da, der weiße Anzug sieht
-bejammernswürdig aus in einer braunen Staubschicht,
-<a id="page-341" class="pagenum" title="341"></a>
-aber &mdash; T. schreckt auf, da wiederum, jetzt gerade über
-ihm gellend und überlaut das Gelächter schallt, mauzt
-und weint. Er öffnet das Gatter und geht hastig den getretenen
-Pfad über die Wiese zum Knicktor; das senkrechte
-Brett über den Stufen sieht ihn wie das Gatter aus dem
-Dunkel mit seltsamem Glanz verhaltenen Lebens an, in
-sich geduckt wie ein ertapptes kleines Tier, das aber keinen
-Angriff befürchtet, denn es ist umgänglichen Charakters.
-Telemach aber bleibt stehn und heftet ihm eine Erinnerung
-an. Hier leuchtete Annas Haar über der Dämmerung,
-und sie sagte: Ach, es ist himmlisch! &mdash; Das Kind, das so
-sprach, habe ich niemals wieder gesehn ...
-</p>
-
-<p>
-Beim Ersteigen des Deiches fällt er hintenüber, muß
-sich nach vorn werfen und erreicht auf Händen und Füßen
-im nassen Grase die Höhe, wo er sich zu tiefem Erstaunen
-über einem totenstillen weißen Felde befindet, &mdash; Nebel,
-weißem, lautlosem, regungslosem Nebel, der die ganze
-See bedeckt. Nur tief unten, am Fuß der Deichmauer,
-sind die schwarzen Pfahlköpfe der Buhne zehn Schritte
-weit sichtbar, dann ist nichts mehr als Nebel.
-</p>
-
-<p>
-Oben am Himmel segelt die bläuliche Mondsichel durch
-weißes Gewölk. Die Tiefe aber zieht T. besonders an, er
-setzt sich und klettert mit Absätzen, Händen und Gesäß
-die schräge Mauer hinunter, springt auf festen Ebbeschlamm,
-zaudert und schreitet in den Nebel hinein.
-</p>
-
-<p>
-Es ist tiefe Ebbe. Der Mond wurde zu einem bleichen
-Fleck im Nebel, der alsbald über ihn hinzog; er geht selber
-in einem dunklen Kreis, der Nebel bleibt stets ein wenig
-vor ihm, zurückgehaltenen Scharen sehr zusammengedrängter
-Gestalten ähnlich, die sich manchmal bewegen,
-<a id="page-342" class="pagenum" title="342"></a>
-nicht einzeln, sondern stets im ganzen. Jetzt wird der
-Boden weicher, und jetzt &mdash; da ist Wasser, er riecht, er
-fühlt es. Was sitzt denn dort? Kleine, dunkle Gestalten
-hocken ... Ach, hier sitzt der Tütvogel im Nebel am
-Wasser und schläft, &mdash; zwei, drei kleine Gesellen. Nun
-bewegt sich einer, ein grauer Schatten schwebt, &mdash; auch
-der andre, der dritte; Flügel rauschen leise, sie sind verschwunden,
-und gleich darauf fällt ein leiser, klagender
-Schrei von oben. &mdash; Wie die Seelen am Acheron im
-Nebel ... denkt Telemach. &mdash; Es plätschert. Hier ist Gewässer,
-hier, ungeheure Meilen weit die tiefe See, satt
-von einer Menge Land, das sie eingeschlungen hat, Marschland
-und die Inseln und Halligen, Frauen und Kinder,
-Kirchen und Gehöfte, Rinder und Schafe, Eichenwälder
-und die langen Deiche. Es gurgelt im Schlick, die Flut
-regt sich. T. fühlt seine Sohlen langsam einsinken, dreht
-sich genau um und geht zurück. Er geht rascher als beim
-Kommen, etwas kommt hinter ihm her und macht ihn
-eilig, sein Herz klopft, wie lange dauert es bis zum Deich!
-Er läuft fast und läuft so, erleichtert sich auslachend,
-gegen die mannshohen Buhnenpfähle von der Seite, ein
-Zeichen, daß er doch schief gegangen ist, worauf er
-die Deichmauer wieder hinanklettert und oben weitergeht.
-&mdash; &mdash;
-</p>
-
-<p>
-So, ja so war es in jeder Nacht. In der letzten aber
-war auf einmal ein rotes Licht über dem Nebelfeld. Ein
-Schiff? im Nebel so nah? Unmöglich. Ja, wohnte
-denn jemand auf Hallig Hooge? &mdash; Das Licht blieb, unverrückbar,
-stille scheinend über das Nebelmeer. Hallig
-Hooge lag dort.
-</p>
-
-<p>
-<a id="page-343" class="pagenum" title="343"></a>
-Hallig Hooge, dachte Telemach, wir durften niemals
-dorthin. Wenn wir mit Onkel Salomon segelten bei
-Landwind, sahen wir die grüne Insel vom weiten, und
-er tat uns wohl den Gefallen, herumzufahren und uns
-das gewaltige grüne Gebirge der aufgetürmten Deichmauern
-sehn zu lassen, einen Baumwipfel niedrig darüber
-und den roten, plumpen Rundturm der alten Sternwarte
-auf dem Norddeich. Olesland ... Wie mochte doch der
-Name Hallig Hooge aufgekommen sein, nachdem vor
-Zeiten nur die winzige Grasoase so hieß, die landeinwärts
-davor lag? Einmal beim Kreuzen auf der Rückfahrt
-sahen wir das langgestreckte Haus mit schwarzem Strohdach
-auf der Wattseite, wo es flach und offen war, und
-kaum noch sichtbar in der steigenden Flut das wallende
-Gras von Hallig Hooge. Olesland, erklärte Onkel Salomon
-geheimnisvoll, darf keiner mehr sagen. Er verriet
-uns nicht weshalb, er war nicht für Schauergeschichten,
-wir bettelten umsonst, denn Olesland und Hallig Hooge
-&mdash; beides klang so schaurig! Aber Domina verriet allerhand.
-Auf Hallig Hooge war Großvater gestorben, und
-der Urgroßvater war da umgekommen; es schien beinah
-ein Schicksal, und ich habe als Junge manchmal nachgedacht,
-ob &mdash; jemand &mdash; auch dort sterben müßte. An mich
-dachte ich damals noch nicht. Und Domina erzählte vom
-&sbquo;Dränger&lsquo; ...
-</p>
-
-<p>
-Im Herbst, wenn die Nebel kamen, durfte man nicht
-an der Außenseite des Deiches gehn, wenn Ebbe war.
-Denn dann kam der Dränger. Auf einmal erschien eine
-Gestalt im Nebel, seitwärts, oder auch zurück, am Deich,
-und man entsetzte sich. Ja, da konnte man wohl rufen,
-<a id="page-344" class="pagenum" title="344"></a>
-wer hörte das? Damals, als der Dränger noch umging,
-war Oles&mdash;, war Hallig Hooge noch ganz vom Deich
-umschlossen, ein Inselbollwerk, das sich gegen die See
-hielt, eine kleine halbe Segelstunde vom Land, &mdash; aber
-merkwürdig, zu sehen war es nie, bei keinem Wetter.
-Domina sagte, das läge an der Spiegelung. &mdash; Anno
-Sechzehnhundertvierundneunzig, die große Flut ... Da verschwanden
-drei große Inseln und siebenzehn große und kleine
-Halligen spurlos in der See, Hallig Hooge aber hielt stand.
-&mdash; De ole Graf &mdash;? Nach ihm mußte die Insel Olesland
-genannt sein, aber gerade über ihn fand sich in der Chronik
-nicht eine Spur. Er muß ausgerissen sein aus dem Gedächtnis
-wie Olesland, &mdash; ja, von wem hörte denn überhaupt
-ich den Namen? Es muß doch wohl Domina gewesen
-sein. &mdash; Ja, damals also hatte Hallig Hooge noch
-sieben Hügel, die nach den Hügeln Roms genannt waren
-von einem gelehrten Mann, &mdash; wie hieß er noch? Archivarius
-Pontifex, Brückenbauer, Silas Pontifex hieß er.
-Auf dem Palatindeich stand der Deichhauptmann und rief
-alle seine Teufel zu Hülfe gegen die Flut, aber das half
-ihm nichts, Aventin und Esquilin und Palatin wurden
-nacheinander weggerissen, und als der Palatin stürzte,
-warf Deichhauptmann Waldemar Montanus sich kopfüber
-hinterdrein. Danach war die See gesättigt und zog
-sich zurück, aber im Abrollen brüllte sie noch einmal auf
-und nahm die ganze Wattseite mit fort samt dem Cälius.
-Ja, damals hörte das Watt auf, Watt zu sein, die See
-mit ihren Heeren ging geradewegs das Festland an und
-hämmerte auf die Deiche, &mdash; bloß nach einigen Tagen
-kam Hallig Hooge zum Vorschein wie eine Nachgeburt
-<a id="page-345" class="pagenum" title="345"></a>
-des Unheils, der Name Olesland verschwand, und Waldemar
-Montanus ging dort um und drängte die Menschen
-in die See. Auf den noch übrigen Hügeln starben
-die Bewohner aus, Viminal ... ja, Viminal und Quirinal
-und Capitol müssen sie ja wohl heißen. &mdash; Die See
-fraß einen nach dem andern, beim Fischfang kamen sie
-um, manche auf ganz fremden Meeren mit großen Schiffen,
-Waldemar Montanus paßte auf, &mdash; er lockte ja auch den
-fremden Reisenden zu sich, anno Siebzehnhundertneunzehn
-soll es gewesen sein, der nicht an den Dränger glauben
-wollte, &mdash; in der Chronik stand, daß es viel Aufsehens erregt
-habe, denn damals war doch die Wattseite schon
-offen; aber die Leute sagten, in den Nächten, wo Waldemar
-Montanus sich zeigte, wäre die ganze Insel wieder
-wie einst, der Deich ringsum geschlossen, und der Dränger,
-gegürtet mit Grauen, ließ den Furchtsamen nicht an den
-Deich, er mußte tiefer und tiefer in den Nebel hinein, am
-Ende kam das Entsetzen, und er rannte in die steigende
-Flut ...
-</p>
-
-<p>
-T., besonders durchschaudert, erschrak vor einem riesigen,
-schwarzen Schattenkoloß, der plötzlich vor ihm
-stand. Aber es war nur Lornsens Mühle, und sie war
-gar nicht so nah, mindestens hundert Meter landeinwärts
-stand sie auf ihrem Hügel, auf ihrem weißen Unterbau,
-zwei schwarze Flügelarme mächtig drohend in Lüften. &mdash;
-Da unten in den Wiesen lief Jason al Manach heran,
-Magda lag dort in ihrem hellroten Kleid ...
-</p>
-
-<p>
-T. gewann sich wieder in dem Gedanken, daß unmöglich
-dieser immer gleiche, liebliche, freundliche Jason wie
-ein Don Quixote die Mühle attackiert haben könne, &mdash;
-<a id="page-346" class="pagenum" title="346"></a>
-doch konnte er lange die Augen nicht abwenden von der
-unsichtbaren Stelle in der Dunkelheit, wo sie gestanden
-hatte und geschossen, dann umfiel und vor ihm lag, als
-wäre sie selber getroffen ...
-</p>
-
-<p>
-Langsam erlosch alles in T.s Hirn, während er sich
-umdrehte und wieder das rötliche Licht über der Schneefläche
-des Nebels gewahrte. Wer hauste denn dort und
-hatte ein Licht brennen mitten in der Nacht? &mdash; &mdash; Georg,
-der Astrolog, hatte ein furchtbares Bollwerk von Deichen
-und Buhnen aus Hallig Hooge gemacht, hatte die Sternwarte
-bauen lassen, das Jupiterhaus für sich selbst auf
-dem Capitol und das Gesindehaus auf dem Viminal
-oder wie er nun hieß (ich entsinne mich eines Plans der
-Insel, sie hatte Bollwerke wie eine Festung, Bastionen
-und Vorsprünge und über vierzig Buhnen bei einem Umfang
-von einer guten halben Gehstunde). Niemand wollte
-wissen, wie er gestorben war. Er hauste einsam mit seinen
-Sternen; mit dem Tage, wo Trassenberg seine Selbständigkeit
-verlor, verschwand er dorthin, sein Sohn kam jung
-um, der Enkel starb wieder auf Hallig Hooge, &mdash; seit &mdash; &mdash;
-achtzehnhundertfünf &mdash;, ja, fünfundsechzig war es wohl,
-war Hallig Hooge unbewohnt geblieben. Dann bin ich
-wohl an der Reihe, dachte Telemach erbebend, und das
-Licht ist nur da, um mich zu erinnern und zu rufen ...
-</p>
-
-<p>
-Er schüttelte alles ab. Ich frage morgen Birnbaum,
-was es mit Olesland ist, und dann fahre ich selber hin,
-sagte er sich im Weitergehn, die weiße, chaussierte Straße
-hinunter neben der Pappelreihe. Doch hatte er es nun
-eilig, wieder ins Haus zu kommen, stockte nur einmal im
-Hofplatz vor dem Verwalterhaus, da der Wolfshund
-<a id="page-347" class="pagenum" title="347"></a>
-lautlos auf ihn zusprang, aber er ließ sich leise knurrend
-streicheln und ging wieder davon, T. nachsehend, der
-durch den Heckengang das Rasenoval erreichte und bald
-am Fuß der Terrasse stand, wo nichts sich verändert
-hatte, &mdash; doch, die Urnen warfen nun Schatten, sah er im
-Aufwärtssteigen, und da war ja ein Lichtfaden im Laden!
-&mdash; Onkel Salomon war noch an der Arbeit. T. war besonders
-gerührt. Indem er die Uhr zog, schlug über ihm
-der Uhrhammer einmal an; es war halb zwei.
-</p>
-
-<p>
-Er schloß leise die Tür zum Vogelsaal auf, wandte
-sich im Dunkel nach links, stieß, vermut ich, schmerzlich
-mit den Schienbein an einen Stuhl und erreichte die Tür.
-Leise öffnend trat er ein.
-</p>
-
-<p>
-An der langen Wand der Aktenregale brennt die elektrische
-Lampe unter ihrem grünen Blechtrichter und überstrahlt
-den Wust von Papieren, Aktenstößen und Mappen
-und Glanzpapierdeckeln, rot und gelb und blau. Davor,
-den grauen Kopf auf dem rechten Arm, der auf der
-Schreibtischplatte liegt, schläft der alte Salomon; der
-linke Arm hängt herunter, zwischen zweitem und drittem
-Finger steckt die erloschene Zigarrenhälfte. Der papierne
-Berg über ihm scheint sehr sorgsam auf seinen Schlaf zu
-passen, &mdash; das Hörrohr über dem Telephonapparat ruht
-still wie ein Kahn auf hoher See, in der Nähe schwimmt
-als Boje, braunglänzend, die runde Platte der Briefwage.
-&mdash; Ja, nun braucht es Posaunentriller und Böllergeheul,
-wenn er nicht von selber aufwachte. Der alte
-Mann atmet laut und tief. T. geht, aus Ehrfurcht mehr
-als aus Vorsicht, leise über den Teppich zu ihm hin, gerührt
-und beschämt seine Krankheit verwünschend, und
-<a id="page-348" class="pagenum" title="348"></a>
-hat, als er sich über den Schläfer beugt, das Gefühl, dies
-dünn emporstehende, lichte Haar, durch das die Kopfhaut
-glänzt, so daß er die Haarschatten hätte zählen können,
-küssen zu müssen. Es geht so nicht weiter, denkt Telemach,
-aber Mentor läßt sich ja nichts aus der Hand reißen, und
-wie soll ich wissen, wer die Arbeit machen könnte, wenn
-er mirs nicht sagt? &mdash; Unter dem Arm des Schlafenden
-sehen gelbe Foliobogen hervor, ein weißer zuoberst, Telemach
-kann lesen: M. H.! Im Auftrage und in Stellvertretung
-Seiner Königlichen Hoheit und so weiter erkläre ich
-hierdurch den Landtag für wieder eröffnet ... Ach so, denkt
-er, Xylanders Vorlage zur Begutachtung ... Er klappt
-das Blatt in die Höhe und entziffert die kaum leserliche
-Bleistiftnotiz: Entw. z. Umw. v. T. i. prov. Landesdir.
-n. br. M. &mdash; Was? Das hieß &mdash; &mdash;, ja, das hieß? Er
-wollte Trassenberg in ein Landesdirektorium nach brandenburgischem
-Muster verwandeln ... Keine üble Idee,
-das würde allerhand Entlastung geben. Die ganze Verwaltungsschikane
-käme in eine Hand, und es bliebe für
-mich, &mdash; ja für mich bliebe eigentlich überhaupt nichts
-mehr übrig als die persönlichen Geschäfte, und die macht
-Birnbaum. Telemach denkt angestrengt nach, aber um
-so heftiger weicht alles vor ihm zurück, und er befindet sich
-bald völlig im Leeren. Minutenlang geistlos starrt er so auf
-Mentors Kopf ... Willenlos hebt er diese und jene Mappe
-auf und findet zum Beispiel eine zum Einklemmen mit
-breitem festen Rücken und der Aufschrift: Täglicher Einlauf.
-Die behält er in der Hand, sieht sich nach einem
-Stuhl um, holt einen vor einer der Schreibmaschinen am
-Fenster fort, stellt ihn dicht an die Schreibtischecke und
-<a id="page-349" class="pagenum" title="349"></a>
-setzt sich und schlägt den Deckel auf. Briefbogen und
-Umschläge sind fest hineingeklemmt, es ist schwierig, mit
-Hin- und Herdrehn und Aufklappen, zu lesen. Da liest er
-nun zum Beispiel:
-</p>
-
-<p>
-Taubstummenanstalt Göhrde ... Einladung zur Feier
-des Zwanzigjährigen Bestehens und Besichtigung des
-Neubaus ... (Sonderbar! Da war &sbquo;jemand&lsquo; vom Gerüst
-gestürzt, &mdash; da wurde ich geboren, ein Jahr später wurde
-sie ... T. gewissermaßen schmerzlich versonnen, liest auf
-der nächsten, zugehörigen Seite verschwimmende Zeilen:) ...
-ehrfurchtsvolle Bitte, den Titel und die Würden eines
-Ehrenvorsitzenden des Vereins ... bisher in den Händen
-Seiner hochseligen Durchlaucht ... (T. schlägt das Blatt
-um, den Umschlag, der folgt, und liest:) Annenmagdalenenheim,
-Stiftung für lungenkranke Fabrikarbeiterinnen ...
-(Ach, Helene gründete sie, als Magda geboren wurde ...)
-Erhöhung des Anlagekapitals, da die jährlichen Kosten ...
-(Das kam doch aus Helenes Schatulle ...? Richtig ...)
-Vermächtnis Ihrer hochseligen Durchlaucht als noch nicht
-zureichend erwiesen ... (Ich bin ja Erbe, murmelt T.,
-die Toten, immer die Toten ... Er fühlt, wie ihm der
-Schweiß ausbricht, die Buchstaben flimmern ... Krank ...
-krank ... krank ... tanzt es ihm vor den Augen, er bezwingt
-sich besonders, &mdash; warum: nicht zureichend erwiesen?
-Ach, es war ja halb abgebrannt, ein paar Tage vor &mdash;
-vor &mdash; &mdash; vor was? &mdash; T. starrt in die grelle Glühbirne,
-sieht die roten Fäden; vor dem großen Tralla, flüstert jemand
-ihm zu, und er begreift. Er nimmt bewußtlos die
-Hand von dem Blatt, schlägt den nächsten Briefumschlag
-um, senkt die Augen auf die Seite und liest:) Oberförster
-<a id="page-350" class="pagenum" title="350"></a>
-&mdash; &mdash; unleserlich. In Blankenheide ... einen neuen Plankenzaun
-notwendigerweise, weil mir sonst die Bauern das
-Wild totschlagen, was übrigens nichts schaden könnte &mdash;
-ungerechnet, daß sie es meist nicht richtig tot kriegen und
-ich dann die Schweinerei im Jagen fünfzehn herumliegen
-finde &mdash; (Der schreibt ja einen haarigen Stil, meint wohl
-noch, jemand vor sich zu haben ... Also warum: nichts
-schaden könnte?) &mdash; &mdash; herumliegen finde, Klammer, weil
-es doch kein Mensch abschießt. (Blankenheide? Blankenheide
-gehörte zu Dannel-Biebereck, Tante Henriette war
-kein Nimrod, Onkel Anton auch nicht, der Namenlos
-hatte die Verwaltung und haßte die Schießerei im Treiben.
-Aber es liegt ja an der Grenze, Schley kann hinübergehn,
-&mdash; richtig! &mdash; T. findet im Weiterlesen den Satz:) ... da
-mir die <span class="antiqua">p. p.</span> Beuglenburgschen Bauern wieder ein Stück
-von Jagen fünfzehn abschneiden wollen, und die <span class="antiqua">p. p.</span>
-Prozesse ... (soll wohl heißen: die verfluchten Bauern
-beziehungsweise Prozesse?) ... ja doch immer zehn Jahre
-dauern, so möchte ich ehrerbietigst <span class="antiqua">p. p.</span> &mdash; (schon wieder!
-so&rsquo;n Pepe scheint ihm für alles gut zu sein!) &mdash; anraten,
-die Grenze doch gleich ein für allemal vier Meilen westlich
-zu legen, indem ich dann Beuglenburgisch werde und
-ein für allemal die Ruhe habe. (Georg dreht &mdash; matt
-lächelnd das Blatt um. Was kommt nun für ein Fetzen?
-Er sieht nach der Unterschrift, wie von einer Kindeshand
-gemalt:) Bombe, Kätner und Kesselflicker, &mdash; (ja, sie
-müssen jetzt doch jeder eine Firma haben ... Was will er
-denn? Kann die Pacht nicht zahlen, &mdash; ach, der scheint zu
-Helenenruh zu gehören. Bombe? Natürlich, der klebte
-doch Invalidenmarken, und der Sohn war &mdash; war Vorarbeiter
-<a id="page-351" class="pagenum" title="351"></a>
-bei Haupt und Ungefesselt, Dampframmen und ...
-verdiente fünfzig Mark die Woche und war nicht verheiratet.)
-Kuh gefalen ... ale Katoffeln Faul, &mdash; liest T.
-weiter, &mdash; Frau Hochgratig Magen Leident ... anliegent
-At &mdash; Apothekerrechnung soll das heißen. Georg findet
-das Blatt. &mdash; Opiumtropfen &mdash; Opiumtropfen &mdash; Opiumtropfen
-... Lezithin, drei Flaschen, Summa acht Mark
-neunzig, abzüglich Kassenprozente fünf Mark und fünfzehn
-Pfennige, &mdash; ob ich das zahlen kann? &mdash; T. trocknet
-sich die mittlerweil triefende Stirn, langt einen Bleistift aus
-der Schale vom Schreibtisch und schreibt: Bezahlen! auf
-das Blatt; seine Hand klebt beim Schreiben, er muß husten
-und liest umblätternd weiter: Verein ehemaliger Königinhusaren
-... 23. Stiftungsfest ... Weiter: Elisenhütte, Einladung
-zur Aufsichtsratssitzung ... Verteilung der Dividende
-... T. klappt die Mappe zu, legt sie leise auf den Tisch
-und sitzt, das Taschentuch in den Händen; lockert den Schal
-vorn am Hals und starrt trübe vor sich hin und denkt
-bloß: Ein Fünftel vom ganzen Einlauf, und schon kaputt ...
-</p>
-
-<p>
-Wozu all das, wozu? Geld ging hinaus, Geld kam
-herein! Warum kann ich nicht auf all das verzichten?
-Birnbaum machts ja doch Vergnügen, er kennt nichts
-andres, er weiß überhaupt nichts andres, es ist seltsam
-und unbegreiflich, aber sein Leben besteht darin, und er
-fühlt sich wohl, abgesehn von seinen Sorgen, die aber
-nicht durch dieses bedingt sind. Eine Abendstunde mit
-Dickens, ein Gespräch mit seiner Frau, ein Spaziergang
-am Schabbesabend, tausend Schritt genau bis Lornsens
-Mühle, Schachspiel, &mdash; das sind seine Freuden, und dann
-&mdash; ja, dann ist ihm wohl das Ganze durchwärmt und
-<a id="page-352" class="pagenum" title="352"></a>
-vertieft durch Liebe, zu ... zu mir ... und er würde es
-nicht fassen können, wenn ich die Hand davon abzöge.
-Er dient, und es ist ihm Wonne zu dienen, und ich &mdash;
-</p>
-
-<p>
-Womit es denn nun wohl genug sein dürfte. Das ist
-ja alles bloße Quälerei.
-</p>
-
-<p>
-Es hat aufgehört zu regnen, wie ich sehe, ich hätte Lust,
-nach Hallig Hooge zu fahren. Also dieser Maler Bogner
-haust, wie ich nun erfahren habe, dort mitsamt Ulrika, &mdash;
-man trifft doch überall die selben Leute. Vielleicht störe ich
-ihn. Wer nach Hallig Hooge zieht, den zog vermutlich
-Einsamkeit. Ich glaube, jetzt schreibe ich ein Gedicht.
-</p>
-
-<div class="poem-container">
- <div class="poem">
- <div class="stanza">
- <p class="verse">Noch ist es hell und rein</p>
- <p class="verse">Hoch in den Räumen, &mdash;</p>
- <p class="verse">Schon bricht die Nacht herein</p>
- <p class="verse">Unter den Bäumen, &mdash;</p>
- <p class="verse">Schlafen und stille sein,</p>
- <p class="verse">Nicht einmal träumen ....</p>
- </div>
- <div class="stanza">
- <p class="verse">Dunkel, o Dunkel, ohn</p>
- <p class="verse">Arg dir ergeben,</p>
- <p class="verse">Fühl ich die Gottheit schon</p>
- <p class="verse">Über mir schweben:</p>
- <p class="verse">Schlaf, gieb die Mohnenkron&rsquo;,</p>
- <p class="verse">Sanfter zu leben.</p>
- </div>
- <div class="stanza">
- <p class="verse">Wacht nun der Himmel, der</p>
- <p class="verse">Goldengeäugte?</p>
- <p class="verse">Auge, du fragst nicht, wer</p>
- <p class="verse">Jetzt dir noch leuchte.</p>
- <p class="verse">Nacht ist, nur Nacht umher,</p>
- <p class="verse">Göttergezeugte.</p>
- </div>
- <div class="stanza">
-<a id="page-353" class="pagenum" title="353"></a>
- <p class="verse">Tief in die Dunkelheit</p>
- <p class="verse">Antlitz vergraben,</p>
- <p class="verse">Träume, wie fern ihr seid,</p>
- <p class="verse">Flötende Knaben!</p>
- <p class="verse">Abgrund der Schweigsamkeit,</p>
- <p class="verse">Dich will ich haben.</p>
- </div>
- </div>
-</div>
-
-<p class="noindent">
-Und endlich denn am Ende von allem das Unumgängliche:
-der ewige Sturz.
-</p>
-
-<p>
-Auf die Knie an dem Bett unterm Emmausbild, und
-endlich schrei dich aus, verzweifelnde Seele! Schrei aus
-die Schuld und den Gram und die Not, immer schrei aus
-den verbotenen Namen, schrei: Ich kann nicht mehr!
-schlag an die Brust, jammre nur los, und lasse dich endlich
-durchstoßen von der verruchten Wollust immer des
-einen Gedankens: Oh Glück, oh Glück, daß der Träger
-des heiligen, verbotenen Namens doch nicht war, was er
-hieß! Daß ich nicht bin aus dem Blute dessen, des Blut
-durch mein Verschulden vergossen ward! Oh, daß heute
-mein Glück sein muß, was jahrelang Jammer und Elend
-war: nicht der Sohn zu sein ...
-</p>
-
-<p>
-Und endlich das letzte Flehn: Wenn es einen Weg giebt,
-doch immer noch einen Weg zu dir: gieb ein Zeichen,
-komme im Traum, erscheine, wie du willst, aber gieb ein
-Zeichen, daß du noch bist, denn ich glaube es nicht mehr!
-</p>
-
-<div class="chapter">
-
-<h3 class="chapter" id="subchap-0-2-3">
-<a id="page-354" class="pagenum" title="354"></a>
-Drittes Kapitel: Oktober
-</h3>
-
-</div>
-
-<h4 class="section">
-Insel
-</h4>
-
-<p class="first">
-Renate erwachte in Helenenruh vom lauten Zusammenschrein
-der Stare in den Bäumen mit einem fast
-schweren Gefühl des Wohlseins. In augenblicklicher
-Wonne des Erkennens: Nun ist alles, alles wieder abgefallen
-... spürte sie sich noch aus dem Schlummer liegend
-heraufgehoben, spürte, wie er dünner und leichter um sie
-wurde, endlich aus ihr selber fortrieselte. Und nun empfand
-sie ihr ganzes Wesen wie durchduftet, gesättigt mit
-einem wundervoll kühlen Dampf, der ausquellend um
-ihre Glieder lag. Sie warf die leichte Steppdecke ab, setzte
-sich auf und sah nach dem Fenster, wo die klaren Mullvorhänge
-unbeweglich hingen, obgleich es offen stand, &mdash;
-nicht ohne leichtes Enttäuschtsein, denn da schien keine
-Sonne, es war grau. Die Stare schrien immerfort an
-derselben Stelle. Auf einmal zog ihr Herz sich empfindlich
-zusammen unter einem Bangigkeitsanhauch, der sehr
-langsam wieder entwich, und danach blieb ein Gefühl,
-als müßte einer ihrer Sinne beeinträchtigt sein oder gar
-verschwunden &mdash; und doch war da jeder: Gesicht wie
-Gehör, Geruch und Geschmack, und sie fühlte sich auch!
-&mdash; Die andern aber hatten sich zu einem süß brausenden
-Chaos von Musik vereint, das in ihr brodelte wie
-eine innere Sonnenwärme, und dies wars, wovon sie
-für Augenblicke blind, für Augenblicke taub zu sein
-glaubte, und die Stare waren jetzt kaum hörbar oder
-ganz fern.
-</p>
-
-<p>
-<a id="page-355" class="pagenum" title="355"></a>
-Sie streifte das Nachthemd von der linken Schulter
-und versuchte, den nackten Oberarm an das Ohr zu halten,
-im Gefühl, sie müsse es darin dröhnen hören wie in
-einer Stimmgabel. Dabei neigte sie den Kopf und rührte
-unversehens mit dem Kinn an die Schulter, zuckte aber,
-kaum daß sie die weiche und kühle Glätte spürte, zusammen
-wie unter einem magischen Schlage, streifte den Ärmel
-wieder hoch, sprang vom Bett, ging zum Fenster und
-teilte vor dem offnen den leichten Vorhang.
-</p>
-
-<p>
-Draußen war nichts als ein undurchdringlich dichter
-weißer Nebel von unbeweglicher Stille. Erst nach einer
-Weile erschienen schattige Massen darin, zwei große
-Bäume, und von dorther lärmten die Stare.
-</p>
-
-<p>
-Diese Welt schien so geheimnisreich, daß Renate sich
-überneigte, um zu sehn, ob die Hecke noch da war, und
-richtig, da war die sehr stille Wand von rauhen Haselblättern,
-matt glänzend von schwerer Nässe, dunkelgrün
-und vielfach bräunlich gesprenkelt.
-</p>
-
-<p>
-Als sie aber nach oben sah, verriet ihr ein ganz geringes
-Blenden die Reinheit des Himmels über der Nebeldecke,
-in der so viel Blau war wie in frischer, gewaschener
-Leinwand.
-</p>
-
-<p>
-Baden jetzt, ah in diesem Nebel baden! wie still würde
-die See sein! &mdash; Renate hatte augenblicks das Nachthemd
-abgestreift, den daliegenden, dunkelgrünen Trikot angezogen,
-dann die Sandalen mit goldenen Wadenbändern
-angelegt, worauf sie in den seegrünen Bademantel schlüpfte
-und die grüne Gummikappe in die Hand nahm. Die
-Uhr im Armband, das sie überstreifte, zeigte ein Viertel
-nach sieben.
-</p>
-
-<p>
-<a id="page-356" class="pagenum" title="356"></a>
-Im Nebenzimmer stand ihr Frühstück bereit, doch nahm
-sie nur, um nicht ganz nüchtern zu sein, einen Schluck
-warmer Milch und ein Stück Weißbrot mit Honig zu sich,
-das sie noch im Fortgehn fertig kaute.
-</p>
-
-<p>
-Wie klein war dann der Hof vor dem Verwalterhause!
-Kein Mensch ... Schweigen, und nur vor der roten
-Hauswand bewegte sich ein Schatten, der Hund, der vorkam,
-soweit es seine Kette erlaubte, wedelte und ihr nachsah,
-die leichtfüßig am Gartenzaun hinlief und, an seinem
-Ende nach links biegend, durch das lange, nasse Gras der
-Wiesen in den Nebel hinein. Es war so lautlos um sie
-her, daß sie stehen blieb und sich umsah. Deutlich in den
-Nebel hinein zog sich eine dunkle Furche dort, woher sie
-gekommen war, aber zu hören war nichts als das Schlagen
-ihres eigenen Herzens; dann das leise und spitze Ticken
-der Uhr.
-</p>
-
-<p>
-Sie ging weiter, angenehm frierend in der Morgenkühle;
-unter dem Nebel erschien die sanfte Schrägung des
-Deichs, die sie alsbald erstieg mit einer leisen Besorgnis:
-wenn jetzt nur nicht Ebbe ist! &mdash; Sie stand oben und sah
-die schräge Mauer der Quadersteine mit grünen Fugen
-von Tang hinab. Nein, da war das Wasser, dunkel, unbeweglich!
-Ohne Laut war es bis hier herangekommen.
-Zu sehen war nur wenig von ihm, alles verbarg der Nebel,
-in dem allhier ein geisterhaftes Fliegen und Bewegen war,
-ohne daß die Dichte und Undurchsichtigkeit sich dadurch
-änderte. Zerfließend weiche Füße tanzten auf der dunklen
-Glätte der Flut. Die ganze große See war nicht vorhanden.
-</p>
-
-<p>
-Renate konnte die Höhe des Wasserstandes an der Entfernung
-von ihm bis zur Deichkrone messen. Sie warf
-<a id="page-357" class="pagenum" title="357"></a>
-den Mantel ab und legte die Uhr darauf. Als sie wieder
-gerade stand und die Luft an den Umrissen ihrer Glieder
-fühlte, mußte sie lächeln mit zusammengezogenen Augen.
-Sie zog die Kappe fest über das Haar, stieß dann die
-Arme wagerecht von sich, dehnte die Brust, legte den
-Kopf ins Genick und blieb so Sekunden, mit schon schärfer
-geblendeten Augen spürend, daß hoch über ihr ein
-Hauch von Bläue sich regte. Plötzlich gluckste das Wasser
-in der Tiefe. Sie senkte den Kopf, verscheuchte den
-Schauder vor dem Kalten, lief behutsam drei Viertel der
-Schräge hinunter und warf sich über den Rest hinweg laut
-klatschend in die Flut.
-</p>
-
-<p>
-Aber &mdash; oh tausend Teufel! &mdash; sie schrie und schnaubte
-vor Schreck, wie eisigkalt das doch war! Sie schwamm
-heftig, merkte, als sie nach einer Weile die Füße sinken
-ließ, keinen Grund mehr unter sich, drehte sich halb zurück
-und schwamm nun, die Linie des Deiches achtsam mit den
-Augen haltend, in langen Stößen die Füße schließend,
-übergreifend mit dem rechten Arm, am Ufer hin, den Kopf
-schüttelnd und leise prustend nach jedem Stoß, wie alle
-rechten Schwimmer es machen. Als sie das Wasser lau
-um sich her fühlte, drehte sie um und schwamm so weit
-zurück, wie sie gekommen zu sein glaubte, legte sich auf
-den Rücken und erreichte so bald den Deich.
-</p>
-
-<p>
-Kaum mehr als zehn Minuten konnte sie im Wasser
-gewesen sein, und doch war, als sie wieder oben stand und
-sich frierend und triefend nach ihrem Mantel umsah, alles
-schon verändert. Wind wehte jetzt. Die Sicht über die
-Wiesen hin war freier geworden, die Zäune sichtbar, und
-in der Höhe bewegten sich flüchtende blaue Löcher im
-<a id="page-358" class="pagenum" title="358"></a>
-Weißen. Und als Renate ihren Mantel entdeckt, ihn an-
-und den Trikot darunter ausgezogen hatte, war die Uhr
-fast acht, war die Sonne als matte Goldscheibe hinter
-der weißen Wand zu erkennen, und war sie selber vom
-Frottieren so brodelnd heiß wie ein eben neugeborenes
-Brot aus dem Ofen.
-</p>
-
-<p>
-Voll Behagen schlenderte sie noch eine kleine halbe
-Stunde &mdash; gedankenlos wie ein Pferd, wie sie meinte &mdash;
-am Deichrand hin und her, See und Himmel beobachtend,
-die immer blauer wurden und immer freier, und dann
-lief sie plötzlich in größter Eile ins Haus zurück, um sich
-anzukleiden und zu frühstücken, jählings ersterbend vor
-Hunger.
-</p>
-
-<p>
-Später dann, als vom Nebel auch nicht eine Spur
-mehr weit und breit zu entdecken war, fand sie sich auf
-einer guten Kamelhaardecke ausgestreckt im nebelnassen
-Gras unter den äußersten Zweigen der Parkeichen, vor
-sich die Wiesen, grau taugestreift in der Morgensonne,
-wehend von Halmen und den letzten Margueriten bis in
-die offen feurige Bläue des Himmels hinein. Sie holte
-den kleinen Kamm hervor, den sie im Strumpfband zu
-tragen pflegte, und eine gute Stunde verging ihr mit dem
-Auflösen ihrer um den Kopf gelegten Flechten und sorgsamem
-Kämmen, stückweis erst von oben bis unten hin,
-dann der langen Schweife, die sie in der Hand hochhalten
-mußte, in großen Strichen, wonnevoll spürend, wie die
-Masse weicher und lockrer sich dehnte und es darin knisterte
-von elektrischer Kraft.
-</p>
-
-<p>
-Später saß sie auf ihrer Decke mit hochgezogenen Knien,
-die Hände um die Fußknöchel geschlossen, während der
-<a id="page-359" class="pagenum" title="359"></a>
-leichte Mantel ihres Haares um sie wehte und sich zerteilte
-im behutsamen Wind, und vergnügte sich damit,
-in den Ausschnitt ihres Kleides über ihre Brust hinunter
-zu blasen.
-</p>
-
-<p>
-Später lag sie, schmal und lang hingestreckt, die Arme
-über der Brust gekreuzt, das Gesicht von der Sonne abgewandt,
-aufgelöst in Erd- und Himmelswärme, und
-dachte, halb schon im Schlaf: Nun bin ich so rein wie
-die Welt! &mdash;
-</p>
-
-<p>
-Dann entschlief sie beruhigt.
-</p>
-
-<p class="tb">
-&nbsp;
-</p>
-
-<p class="noindent">
-Irgendwie war es Nachmittag und Abend geworden.
-Renate ging in einem weißen Kleid auf den gewundenen
-Wegen des Parks umher zwischen tiefgrünen Flächen der
-von Bäumen und Gebüschen langhin überschatteten Wiesen,
-&mdash; jetzt innerlich nur tief hinabgeneigt über die immer
-noch unvollkommene Musik, die dort unerlöst wogte,
-nicht näher kommen, nicht deutlich werden wollte. Kaum
-daß sie hier und da einmal aufsah und es bemerkte, wenn
-eine große Gruppe von Buchen ein plötzliches und gewaltiges
-Rauschen begann, laut zusammenredend, vorwurfsvoll,
-wie ein Chor, während sie die laubigen Arme und
-Glieder schüttelten, von denen flüchtende Blätter seitwärts
-hinunterwehten über die Wiese. Oder wenn eine Schar
-weißer Birken die ganze leichte Masse goldgelben Laubes
-hochausgestreckt ins blaue Leuchten der Höhe hineinwarf,
-in einer feurigen und weiblichen Gebärde des Fortverlangens.
-Für Augenblicke dann betroffen, zuckte sie mit, gleich
-nach innen wieder gebeugt, fast verstimmt, weil die Musik
-in dem Innern geringer vernehmbar geworden schien.
-</p>
-
-<p>
-<a id="page-360" class="pagenum" title="360"></a>
-Als sie dann vor der kleinen Brücke zur Insel stand,
-fühlte sie sich angesichts der mächtigen, schattenvollen
-Masse der Baumkuppeln von einem unerklärlichen Zaudern
-ergriffen, ja, von einer Angst, so daß sie sich selbst
-hinüberlocken mußte mit dem Gedanken an das Grab der
-Herzogin, und fast hinüberziehn mit der einen Hand am
-Geländer. Drüben stehend, gewahrte sie zum erstenmal
-das kleine Rad der Winde, trat hinzu, begann zu drehen
-und sah mit Verwunderung die Brücke sich bewegen und
-hochsteigen, bis sie im Winkel von dreißig Graden stillhielt.
-</p>
-
-<p>
-Nun bin ich allein! dachte sie, jedoch nicht eigentlich
-erleichtert, und ging leise in den schmalen Gang zwischen
-dem Buschwerk hinein.
-</p>
-
-<p>
-Da lag die Wiesenmulde, ganz im Schatten, so einsam,
-so abgeschlossen im Ring der Bäume wie in der Tiefe
-eines Waldes. Nichts bewegte sich, kein Blatt an den
-dichten Zweigen der braunen Trauerbuche, an deren
-Stamm das eherne Schild kaum noch zu sehn war im
-Düster des Laubes. Darunter nichts als ein besonders
-grüner, geschorener Fleck im Gras: das war das Grab.
-</p>
-
-<p>
-Hier dämmerte es schon. Renate sah die ganze Mulde
-kaum wahrnehmbar übersprenkelt von den lila Flecken
-der Herbstzeitlosen. Sie sah, die Augen hebend, den Himmel
-oben im Kranze der Wipfel wie einen ganz seligen
-See von Bläue, überrieselt von güldenen Funken, und ein
-einsamer, weißer Fittich, vergoldet, streckte sich hinein,
-als stünde im Jenseits ein Engel. Dann empfand sie die
-Wärme hier, dunstiger, feuchter, und auf einmal glühte
-ihr ganzes Gesicht.
-</p>
-
-<p>
-<a id="page-361" class="pagenum" title="361"></a>
-Da stand zur Linken auf der niedrigen Anhöhe unter
-Kastanien der kleine Tempel von Rokokochinesisch, aus
-Baumrinde und längst ohne Glöckchen; langsam ging
-Renate hinüber und trat in das Innre, in dem nichts war
-als ein Sessel mit verblichener, grünlich goldiger Damastbespannung.
-Renate glitt hinein und fand, daß sie gerade
-gegenüber die Blutbuche mit dem Namensschild
-hatte. Plötzlich entdeckte sie auf dem Fußboden den
-plattgetretenen Rest einer Zigarre, erinnerte sich, daß der
-Herzog hier oft gesessen hatte, und daß er nun auch tot
-war.
-</p>
-
-<p>
-Für eines Augenblicks Dauer, angehaucht von den Toten,
-ward ihr das Herz schwer, und sie fröstelte. Schwerer
-aber dann empfand sie ihr Haar, zögerte noch eine Sekunde,
-löste Spangen und Nadeln, schüttelte den Kopf
-und fühlte erfreut die Erleichterung der zum Rücken fallenden
-Last von Zöpfen.
-</p>
-
-<p>
-Aber nein, das war es ja nicht gewesen! Oder es war
-doch nicht genug! Ihr Kleid war das Drückende, und sie
-glühte, und im nächsten Augenblick hatte sie die ganze geringe
-Bürde der zwei Röcke und Wäsche von sich gestreift
-und auf den Sessel gelegt, leise, als dürfe niemand es
-merken. Sie legte Schuh und Strümpfe hinzu und ging
-dann halbgeschlossenen Auges, die Hand um die linke
-Brust und mit dem unsicher weichen Gang der ungewohnten
-Nacktheit im Freien, erst nur bis zum Türpfeiler, den
-sie umfaßte, und an dem hin sie sich selber hinunterdrängte,
-sich hingleiten zu lassen ins Gras.
-</p>
-
-<p>
-Augenblicks durchrann ihren ganzen Leib ein magischer
-Schlag von solcher Gewalt, daß ihr Herz stand. Dann
-<a id="page-362" class="pagenum" title="362"></a>
-lag sie angeschmiedet, hineingefügt in die glühende Erde.
-Schon fühlte sie weit am Ende ihrer ausgebreiteten Arme,
-so weit wie am Himmelsrand, ihre Hände schreckenvoll
-vergrößert, und nicht Gräser, nein Gesträuche, nein Bäume
-wuchsen zwischen den Fingern hervor, ihre Finger waren
-Wurzeln, sie dehnte sich, aus riesigem Gewipfel über ihr
-stürzte Finsternis und Gold, da war ein gewaltiges Gesicht,
-da brauste es aus ihren Fingern nach oben, reißenden
-Himmeln zu und hinein, es brauste herauf durch die
-Arme zu den Schultern, daß sie schmerzten. An ihrem
-Rücken war die ganze Erde, ein andrer, ein riesiger Rücken,
-ein ungeheures Tier, das sie trug, hinwandelnd langsam
-durch ungemessenen Raum, und dann war auch dies nicht
-mehr, wieder Ruhe, und nur das langsame ächzende Drehen
-der Kugel, mit der sie eines wurde.
-</p>
-
-<p>
-Unaufhörlich aus dem Himmel über ihr fielen blaue
-Stücke mit goldenen Rändern und zergingen lautlos an
-ihr, aufbrennend in Flammen sonder Asche und Rauch.
-</p>
-
-<p>
-Ein Angstgefühl, das nicht menschlich war, ergriff sie
-jetzt. Sie lag bewegungslos, sie wollte sich aufrichten,
-sich losmachen, allein umsonst. Jetzt, dachte sie plötzlich,
-jetzt geht der Gott durch den Wald, jetzt steht er im Tal,
-jetzt sieht er herauf! Sah er mich? Ach!
-</p>
-
-<p>
-Unter dem qualvollen Zwange, sich aufzurichten, gab
-es in ihr einen Riß, und langsam, erstaunend, erhob sich
-die sanfte, feierliche Seele aus ihr, sah sich um ohne Bangigkeit,
-sah hinunter vom Gipfel des Gebirges über das
-gewaltige Land, zu andern, schweigsamen Bergen voll
-Dunkel hin, über den abendlichen Strom, über die ewigen
-Hügel von Grün; atmete das Gold ein der regungslosen
-<a id="page-363" class="pagenum" title="363"></a>
-Lüfte, der unendlichen Abgeschiedenheit, und sie erkannte
-mit einem Schluchzen, süß betroffen, ihre Heimat.
-</p>
-
-<p>
-Dann saß Renate aufrecht und gewahrte deutlich drüben
-zwischen der braunen Buche und der Fichte in der
-schwarzen Dämmrung ein weißes, menschliches Gesicht,
-klein, sanft, ewig, &mdash; und sie schrie auf aus tödlich entsetztem
-Herzen: Ech-en-Aton!
-</p>
-
-<p>
-Da begriff sie: der da kam, war Saint-Georges, aber
-das war ein und derselbe! &mdash; Und noch zitternd, übermenschlich
-sich wehrend gegen den Kommenden, schmolz
-sie schon hin, schmolz hin zu seinen Füßen, lag hin vor
-seinem Nahesein, und das Niegekannte, das Niegewußte,
-das Niegeglaubte, das Gefühl über allen Gefühlen, seufzte
-sich los aus dem Stein, nicht mehr Lust, nicht mehr
-Grauen, ein beides in ungeheurer Majestät nur Dasein
-grenzenlos, Süße grenzenlos, und mit dem Herzschlag
-des Wissens: es kam! und: es ist da! vergingen Leib
-und Seele ihr in das strömende Schluchzen, mit dem sie
-ihn empfing.
-</p>
-
-<p>
-Da rauschte nieder zu ihr alles Leben der Höhen und
-vereinte sich mit den aufwärts stürzenden Tiefen. Über
-sie hin ging ein Regen von Küssen, in dem sie sich löste,
-und sie war eine Wolke von Küssen um den Gott. Bäume,
-brausend, warfen sich mit herunter zur Umarmung mit
-tausend Zweigen; herunter zu ihr schmolz der Himmel,
-herunter taumelten Schwärme von Gefieder, in unterirdischen
-Strömen ihres Blutes zogen Geschwader silberner
-Fische noch stumm, Vögel mit Fittichen von Sternen bewegten
-sich versuchend in ihrem Haar, auf und nieder
-wogten die Berge, wartend auf das Zeichen zum Aufbruch,
-<a id="page-364" class="pagenum" title="364"></a>
-da stand das riesenhafte Einhorn schneeweiß auf
-einer Silberzacke und senkte das Horn auf ihr Herz.
-</p>
-
-<p>
-Eine Fanfare von Schmerz, ein ungeheurer Leib auf
-dem ihren, der sich regte, und so zog durch ihren Schoß
-ein die Orgelbrandung des himmlischen Sterbens. Noch
-verbrannte an der Berührung eines Mundes ihr Mund
-zur zitternden Narzisse, und eines Schlages war die
-Stummheit aller Kreatur aufgelöst in ihrer Umarmung
-zu schallender Harmonie. Es lobsangen in den Höfen die
-Engel, in den Lüften die Vögel, hinschweifend ohne Pfade,
-in den Bergen tönten die Erze, auf den Bergen die Wälder,
-Gebrüll der reißenden Tiere in Tälern ward Gesang,
-Heerscharen der Fische zogen musizierend nach Sonnenaufgang,
-und in Strömen und Quellen, in Teichen und
-Wasserstürzen standen Orgeln und wandelten Harfen, erklingend,
-erklingend, ewige Tage lang, bis aus dem unsterblichen
-Abend, einsam, die Flöte des Hirten Frieden
-blies, über Dämmerung, durch das Finster, und ein Stern
-ging auf.
-</p>
-
-<p>
-Es war Nacht. Fremde Bäume rauschten gedankenvoll.
-Eine Kühle ging nachdenklich aus dem schwarzen
-Dickicht hervor, breitete die Arme und verhauchte schaudernd
-den Geist. Schonungsvoll zerfiel eine gealterte
-Vollkommenheit. Das dunkle Tier irrte zackig umher.
-Langsam fielen eisigklare, ruhige Tränen.
-</p>
-
-<h4 class="section">
-Aus den Papieren Georgs
-</h4>
-
-<p class="date">
-Auf Hallig Hooge
-</p>
-
-<p class="noindent">
-Mir scheint, ich bin ruhiger geworden. Sollte das die
-Wirkung dieser ganz grünen Insel sein, auf der ich nun
-<a id="page-365" class="pagenum" title="365"></a>
-hause? Wir sind heute nicht abergläubisch mehr, und im
-Gegenteil, was diesen Telemach anbetrifft, so machen ihm
-die Geister und die Toten beziehungsweise ein gewisses
-Behagen. Übrigens sind ja auch Lebendige vorhanden,
-obschon auch diese besondre Untertanen des Todes, sein
-Zeichen tragend an der Stirn: Bogner, den er eben aus
-seinen Reichen entließ, und Ulrika, die &mdash; ich hoffe &mdash; nur
-hindurchgehen wird. Nur das Mädchen Cornelia scheint
-munter.
-</p>
-
-<p>
-Der notwendige Hauptmann, den sie mir mitgegeben
-haben, scheint sich gut ertragen zu lassen; er schweigt.
-Birnbaum wird ihn ausgesucht haben. Da er bürgerliche
-Kleidung angezogen hat, könnte er der Pächter dieser Insel
-sein, seit langem: Einsamkeit steht um sein bartloses
-Gesicht wie ein fester Bart, gut und ruhig sind die Augen,
-immer scheint er zur Teilnahme bereit. Doch er schweigt.
-Ein wenig hat er etwas Russisches, vielleicht ist er Balte;
-die Sprache verriet nichts.
-</p>
-
-<p>
-Ja, hier kann man leben und sterben! dachte ich schon
-im Segelboot auf der Fahrt.
-</p>
-
-<p>
-Ja, so gieb nach, Georg, gieb einmal nach und sag es!
-Sage, wie unbeschreiblich es dich schon ergriff auf der
-Fahrt. Vom Festland der weiche, emsige Wind trieb das
-Boot in gerader Fahrt, weich reitend über die dunkle
-bläuliche See. Und da, wie vor dir nur Himmel noch
-war, zu sehen, ja fast schon zu fühlen die grenzenlose und
-berauschte Seligkeit, die seiner Umarmung mit dem Ozean
-ausstrahlt, &mdash; großes, locker bewegliches Getümmel grauer
-und weißer Wolken überm blauen Grund, und die Wasserwüstenei,
-kalt, nicht weit zu überschaun: unwiderstehlich
-<a id="page-366" class="pagenum" title="366"></a>
-preßte da der kühle, brausende Odem der Göttin sich
-in deine Brust, verdrängend den kranken Menschenatem
-drin, bis es nur der ihre noch war. Oh ruhiges, mildäugiges
-Leuchten der Nachmittagsstunde, schräge von
-oben durch die Breschen der himmlischen Wanderung! Oh
-wieder empfindliches Zittern beim Eintauchen in ihre leiblosen
-Schatten! Oh wieder Entschweifen weithin und
-voraus des entfesselten Blicks! Bis wieder ein Festes dem
-Auge sich bot, und plötzlich entzaubert das Inselgebirge
-sich schwimmend erzeigte ganz grün.
-</p>
-
-<p>
-Wenn ich nun die Augen schließe und mir die Insel
-vorstellen will, erscheint sie mir besondrerweise immer aus
-der Vogelschau, &mdash; erhob mich so mein Gefühl? &mdash; Ich
-sehe den kreisrunden grünen Kranz des Deiches aus einer
-wolkigen Höhe, fest hineingefügt in die ungestüm daraufzu
-und an zwei Seiten vorübergewälzte dunkle See; sehe
-die leere Wiesenmulde im Kranz, und sehe, daß sie ein
-Amphitheater ist, diese Insel, denn an der Wattseite fehlt
-ein Stück des Deiches, dort ist flacher Strand, und dort
-zur Linken, schräge hinter dem Deich, liegt das Gesindehaus,
-langgestreckt, mit seinem schwarzmoosigen Schilfrohrdach,
-etwas erhöht, überwölbt vom einzigen Baum,
-dem Birnbaum voll kleiner, glänzend grüner Früchte, dahinter
-Gemüsefelder. Vom offenen Strandstück quer
-durch das grüne Tal führt ein getretener Pfad ganz grade
-zum &sbquo;Kavalierhaus&lsquo;, das übrigens dem Gesindehaus
-gleicht, außer daß es Fachwerk ist, weiße, jetzt schwärzliche
-Balken mit blauer, jetzt weißlicher Füllung, während das
-andre ganz rot ist, in dem seinerzeit die Begleitung des
-&sbquo;Astrologen&lsquo; wohnte. Und keine dreihundert Meter östlich
-<a id="page-367" class="pagenum" title="367"></a>
-von ihm steht der achteckige Turm der Sternwarte
-oben auf dem Deich.
-</p>
-
-<p>
-Ich glaube, ich zitterte seltsam, als ich wieder den festen
-Boden betrat. Ja, hier läßt es sich leben und sterben ...
-Die schrägen, an der Außenseite vom Seetang ganz
-begrünten Wände des Deiches stiegen haushoch &mdash; und
-das scheint berghoch dahier vor der riesigen Fläche. Vom
-Winde war plötzlich kaum ein Hauch mehr zu spüren,
-es war rätselhaft still. Rechts, am innern Abhang
-des Deiches, wo er endete, waren zwei weiße Ziegen angepflockt,
-die bei meinem Anblick sofort entgeistert die
-Bärte hoben, sich ungemein wunderten und sich verabredeten,
-so weit näher zu stelzen um ihren Pflock, als es die
-Kette erlauben würde. Menschen waren nicht sichtbar,
-und so ging ich in die tiefe, grüne Stille des Tals hinein,
-abgeschlossen von aller Welt durch die berghohe Umwallung,
-deren westliches Stück eine breite Schattendecke in
-das Innere legte.
-</p>
-
-<p>
-Das Haus, auf das ich von ferne zuging, ist gebaut
-wie alle Bauernhäuser der Landschaft, langgestreckt; ein
-Mittelstück ist überhöht, links sind die Stallungen (hier
-freilich keine), rechts die Wohnräume; Vorder- wie Hintertür
-in der Hausmitte sind zerteilt, so daß die obere Hälfte
-sich allein aufschlagen läßt und man darin lehnen kann.
-</p>
-
-<p>
-Wie freundlich leuchteten mir im Näherkommen dann
-das Blau und Weiß des Hauses im tieferen Licht und im
-Blumengarten davor Gebüsche von rosigem, weißem und
-ziegelrotem Flor! Ich glaubte, wieder wie einst, das große
-Wandern der Sonne spüren zu können und wieder Raum
-in meiner Brust.
-</p>
-
-<p>
-<a id="page-368" class="pagenum" title="368"></a>
-Als ich dann zum Hause gelangt und zur Linken um
-seine Ecke gebogen war, hatte ich dies unvergeßlich scheinende
-Bild:
-</p>
-
-<p>
-Zwanzig Schritte hinter dem Hause wieder die hier gelindere
-Steigung des Deichs, &mdash; rundum schließend wie
-ein Ende der Welt. Hoch oben stand, noch ganz am
-Rande, die Gestalt der Cornelia, die ich gleich erkannte,
-obwohl sie schräg von mir abgewandt stand nach der See,
-ganz leuchtend vom feurigen Sonnenschein, im blauen
-Kleidrock und weißer Bluse und in einer Haltung, als ob
-sie im Gehen festgewurzelt wäre. Ein paar Schritte weiter
-rechts saß, zur See gewandt wie sie, auf einem Feldstuhl
-ein grauhaariger, unbekannter alter Mann, in dem
-mich erst Erfahrung zu meinem tiefen Erschrecken den
-Maler Bogner erkennen lehrte, &mdash; und Beide über der
-grünen Wand waren wie vor einer sattblauen, vor dem
-leeren Himmel, ganz nahe davorgesetzt. &mdash; Und dann, wie
-ich wieder nach unten und zur Rechten sah, gewahrte ich
-auf einer Bank vor der Hauswand Ulrika Tregiorni in
-einem grünen Kleid, die Hände im Schoß, sitzend in einer
-solchen Ergebenheit, so sich hineinfügend in die Tiefe,
-über der droben die beiden Andern feierlich eifrige Ausschau
-hielten über ein unsichtbares Land, &mdash; daß es schmerzlich
-zu sehn war.
-</p>
-
-<p>
-Unbeschreiblich war dann die Freude des Malers, als
-ich seinen Namen rief. Wie er sich umdrehte im Sitzen;
-wie sein gealtertes Gesicht sich veränderte in der Freude;
-wie er aufstand und die Arme nach mir ausstreckte wie
-ein Vater &mdash; leider im Stehen noch verkrümmt infolge
-der fehlenden Rippe &mdash;; wie ich zu ihm hinauflaufen
-<a id="page-369" class="pagenum" title="369"></a>
-mußte und er fast weinte, &mdash; ach, ich fürchte doch, dies ist
-mehr erschreckend als erfreulich, denn früher war er alles
-andre als weich. Mir aber blieb alles nach in der Brust
-und so, als ob unmerklich eine Seele wieder sich bilde, von
-weicher Wasserfaltung erwacht, zartes Korallengeäst in
-dem Dämmer der Tiefsee.
-</p>
-
-<p>
-Ich bin also in den besondren Turm eingezogen und
-so weiter, &mdash; ich weiß nicht, mir wird auf einmal wieder
-so unruhig ...
-</p>
-
-<p class="tb">
-&nbsp;
-</p>
-
-<p class="noindent">
-Ah, haha! <span class="antiqua">Rideamus, amici!</span> Nun lustig, lustig, <span class="antiqua">rideamus</span>,
-und die See brüllt dazu wie besessen, denn warum?
-Ein neuer Aspekt des Todes, jawohl, jawohl, jetzt hätten
-wir alles besonders beisammen, <span class="antiqua">rideamus nunc</span>, was
-stellt sich heraus? was fördert sich, was muß ich selbst
-zutage fördern, wie ich nämlich mit Ulrika und Bogner
-abendlich dämmernd zusammensitze und keiner was zu
-sagen weiß und ich deswegen nach Irene frage? Dieselbe
-ist wieder im Kloster und warum? Nach einem endgültigen
-Endkampf mit diesem besondren Klemens haben sie
-sich zur süßen Liebe entschlossen, aber deswegen keine lieblichen
-Gefühle &mdash; nein, bloß nicht weich werden! &mdash; sondern
-er stößt sie von sich, jedoch &mdash; das ist nicht meine
-Sache, aber wie es entstand, das ist die besondre Frage,
-und zwar war es der große Mummenschanz naturgemäß,
-der jenen Klemens zu grausamen Schmähungen veranlaßte,
-weil Dieselbe trotz Verehelichung mit einem roten
-Sozialdemokraten es leckerte nach dem dynastischen Gepränge,
-und demgemäß, wer trägt die Schuld auch an
-dieser besondren Verwirrung? Immer derselbe. Nein,
-<a id="page-370" class="pagenum" title="370"></a>
-bloß nicht weich werden, und die See brüllt wie besessen,
-denn weiter: Spazierend am schmalen Gestade der Ebbe
-mit der sogenannten muntren Cornelia, will ich was
-Munteres sagen und öffne die Lippen zur Frage: Wie
-gehts eigentlich jenem Josef von Montfort? Oh erbarmungswürdige
-Entgeisterung! Einerseits und dann beiderseits,
-denn siehe da, derselbe ist maustot, umgebracht
-von dem eigenen Bruder! <span class="antiqua">Rideaumus</span>, es ist zum Haarausraufen,
-denn gleich holt mich der Teufel, wenn das sich
-nicht auf immer denselben Mummenschanz zurückführen
-läßt, bloß nicht weich werden, denn das ist freilich noch
-nicht alles, denn sie weint ja nun und zeigt sich besonders
-bekümmert, daß dies an ein und demselben Tage vor sich
-ging, an dem auch der bekannte Maler beinah sein liebes
-Leben verlor, und auf Befragen erzählt sie gern eine höllische
-Szene, nämlich wie sie ein grausames Schießen
-hört, mitten am friedlichen Nachmittag, immerzu Knallen
-und Knallen, und hinunterläuft und in ein Zimmer, und
-da steht ganz rauchend dieser Bogner, oder vielmehr er
-fällt schon hin, vornüber auf eine besondre Fensterbank,
-fluchend und röchelnd und mit einer besondren Pistole
-fuchtelnd, und immer in seinen roten Teufelshosen vom
-Mummenschanz dazu, und draußen im Freien, wer liegt
-an der Erde und sagt auch nicht ein Wort mehr? Natürlich
-der andre Duellant, tot wie eine Ratte, und sie haben
-sich Beide mindestens mit zwanzig bis dreißig Kugeln
-durchlöchert, bloß nicht weich werden, denn siehe da,
-worüber zerbrachen sie sich lange den Kopf, Cornelia und
-auch die Ulrika? Wie ihr sogenannter Ehemann ihn hat
-ausfindig machen können, aber Bogner offenbarte dasselbe,
-<a id="page-371" class="pagenum" title="371"></a>
-denn der Ehemann muß ihn beim Mummenschanz
-gesehen haben zusammen mit Ulrika, seinen Namen erforscht,
-da er ihm natürlich gleich besonders erschien, und
-ihm nachgegangen sein, nachgegangen wem? dem mit den
-roten Beinen, sie ließen sich auf keine Weise aus den Augen
-verlieren, im dichtesten Dickicht der Beine nicht, und so
-geschah&rsquo;s!
-</p>
-
-<p>
-Rein in die Hölle, raus aus der Hölle, und nicht weich
-werden und die Rechnung aufgestellt, denn nun hätten
-wir ja den Unheilsberg strahlend beisammen, als da sind:
-Esther und Sigurd, Cora und Magda, Josef, Erasmus,
-sein Vater und Renate, Cornelia und Cordelia, Bogner
-benebst Eltern und Ulrika mit Mutter, Irene nebst Ehemann
-und Klemens, bloß Helene ist leider noch immer
-nicht dabei, und über Allen schwebt &mdash; &mdash; &mdash;
-</p>
-
-<p>
-Ich, ich, ich! Ich hinter der Maske, da saß ich jahraus
-und jahrein über Töpfen und Retorten und destillierte
-das zarteste Gift, verabreicht&rsquo; es an einem Tag, und da
-sitze ich nun mit meinem grinsenden Schädel auf dem
-Berge der Leichen und kann meinen Nabel betrachten!
-</p>
-
-<p>
-Auf, laßt uns nun wahnsinnig werden!
-</p>
-
-<p>
-Den Verstand verlieren, o mein Gott, den Verstand
-verlieren! All ihr Götter, wie kann ich denn einen haben,
-wenn ich ihn jetzt nicht verliere!
-</p>
-
-<h4 class="section">
-Renate an Saint-Georges
-</h4>
-
-<p class="date">
-am 7. Oktober
-</p>
-
-<p class="adr">
-Mein Geliebter!
-</p>
-
-<p class="noindent">
-Siehe da, ich schreibe und weiß nicht wohin. Der Gedanke,
-daß Du augenblicks in die Welt aufbrechen solltest,
-<a id="page-372" class="pagenum" title="372"></a>
-um das Tal und das Haus zu finden, in dem wir
-bis in alle Ewigkeit wohnen würden, war preiswürdig,
-als wir ihn dachten, nun aber jammert mich seiner, er hat
-gar so viel Ähnlichkeit mit einem halb ersoffenen Kätzlein.
-Legen wir es auf den guten warmen Ofen bis übermorgen,
-und trösten wir uns derweil mit der süßen Speise
-Wiedersehn und dem klaren Weine, der Dann-niemals-mehr
-heißt.
-</p>
-
-<p>
-Ach, mein ewiger Geliebter, wenn es in der Welt etwas
-giebt, das anders ist als alles Leben und alle Dinge dieser
-Welt, und das Liebe heißt, was kann denn dieses anders
-sein als die Vollkommenheit? Und wenn sie die Vollkommenheit
-wirklich ist, so ist doch alles, was geschieht,
-in der Liebe geschehn, was der oder die Liebende tut, was
-sie nur denken und anfangen, es muß alles in der Liebe
-sein und vollkommen. Demnach ist ein jedes verständlich
-und ganz klar, und daß Du dort bist und ich hier, auch
-dieses muß Vollkommenheit genannt werden, ich sehe es
-vollkommen ein und begreife es, bloß: sie ist nicht so
-leicht zu ertragen, diese Art von Vollkommenheit, und
-sicher ist Übermorgen gar nicht, aber Du kommst ja erst
-Freitag.
-</p>
-
-<p>
-Freitag, das soll auch so was heißen! Morgen ist
-Dienstag, übermorgen ist Mittwoch, überübermorgen
-Donnerstag, und was über überübermorgen geht, das
-kann schon kein Mensch mehr aussprechen, also was fang
-ich an? Soviel im Hinblick auf die Vollkommenheit ...
-</p>
-
-<p>
-Übrigens:
-</p>
-
-<p class="sign">
-Renate
-</p>
-
-<p class="date">
-<a id="page-373" class="pagenum" title="373"></a>
-Nachts
-</p>
-
-<p class="noindent">
-Aber eben als ich aufwachte aus dem Schlaf, und Du
-warst nicht da, als ich das Alleinsein spürte und den immerwährenden
-Schmerz und den Verlust, da fühlt&rsquo; ichs
-doch auch: daß es vielmehr ein Verlust meines Wesens ist
-als meines Habens, ach, und daß es vielleicht nur einer
-kleinen Anstrengung bedürfte, um mein ganzes Wesen,
-dies hier und das Stück dort, wo Du bist, wieder ganz
-zu fühlen, und schon wie ich es versuchte, da &mdash; nicht in mir,
-ach, das nicht! Aber <em>in der Welt</em> fühlte ich die Vollkommenheit
-ganz heil und unerschütterlich, und ich seufzte.
-</p>
-
-<p>
-Denn Du und ich sind eins und vollkommen, und eins
-und vollkommen in uns ward die zerrissene Welt; darum
-sollten wir nicht trennen, auf keine Weise, was eben erst
-heilte.
-</p>
-
-<p class="date">
-am 8. Oktober
-</p>
-
-<p class="noindent">
-Dein Bruder hat Schülerwitze gesammelt in den letzten
-acht Wochen und läßt sie nun vorsichtig los. Meist kann
-ich sie nicht behalten, aber höre diesen: Kannst Du mir
-einen Satz sagen, in dem die Worte an und bis hintereinander
-vorkommen? Nein, Du rätst es ja nicht, Du rätst
-es ja ganz verkehrt! &mdash; Es heißt: Ich angelte, wo der
-Fisch anbiß. Ach, wie kann es so etwas Dummes geben!
-</p>
-
-<p>
-Aber Du Fischiger weißt Du auch, warum diese Dummheit
-mein Gedächtnis anbiß? Weil Du schon ganz kalt
-und naß anzufühlen bist vor lauter Fischigkeit, will sagen
-lauter Stummheit! Ich rede den ganzen Tag mit Dir,
-Du hörst weise zu, aber Du schweigst wie Dein weißes
-Abbild vor mir auf dem Tisch. Ich sehe es an, bis mir die
-Augen übergehn, und dann wird mir unbegreiflich zumut.
-</p>
-
-<p>
-<a id="page-374" class="pagenum" title="374"></a>
-Ech-en-Aton und Du! Ist es möglich, daß ich ihn
-hatte und Dich, drei lange Jahre lang, und doch glauben
-konnte, Ihr seid zwei? Ist es, war es wirklich möglich:
-drei Jahre zusammen mit Dir, am selben Tisch, im selben
-Raum, in derselben Luft tagaus und tagein und blind, so
-ganz blind &sbquo;für was in dünnem Schleier schlief&lsquo;? Nein,
-wäre es möglich, daß plötzlich glühen kann, was durch Jahre
-hin nicht kalt war, nicht warm? Daß Augen eines Abends
-in lichtem Feuer stehn, in Feuer der Mund, in Feuer das
-Haar und der ganze Mensch, ein Feuerofen, aus dem ein
-selig Verbrennender singt? Ach, Geliebter, es ist wahr,
-und es mußte so sein, denn es ist ja kein Du und kein
-Außen, für das ich plötzlich Augen und alle Sinne bekam,
-sondern das ist meine brausende Seele, die endlich, endlich
-über die Ufer ging und mich himmlisch zerriß. Und
-ich kann es doch nicht fassen, nein, nie, nie, niemals werde
-ich es fassen können, daß diese Hand hier, die schreibt, an
-<em>einem</em> Tage süß geworden ist, ach, so süß durch die
-eine Berührung, daß ich denke, alle Bienen müssen kommen
-und sammeln und die ambrosische Wabe bauen in
-Gottes Herz! Und so süß, daß ich sie manchmal hinnehmen
-muß in die andre, sie halten und fühlen schwer wie
-von Gold. Ach, so verwandelte schon ein holder Geist
-den Stab des Armen auf der Straße, daß er schwerer
-ward und schwerer in seiner Hand und längst zu Golde
-geworden war, ehe der es begriff mit den Augen. Ja, ist
-es nicht so? Es vollzieht sich die göttliche Wandlung, wir
-wissen es längst, alle Sinne wissens und sagens, aber da
-ist noch ein letzter Sinn, der weiß nichts, und grade der
-ists, den wir zum Erkenner gemacht haben, und endlich,
-<a id="page-375" class="pagenum" title="375"></a>
-endlich erfährt es auch der, wie der einsamste Siedler in
-den Bergen vielleicht von einem Kriege hört, der die halbe
-Welt zerriß, und er ist fast schon vorüber. Ein Schiffer
-vor tausend Jahren fuhr durch die Nacht an einer Insel
-vorüber und rief hinein: Der große Pan ist tot! &mdash; Und
-da, als dieser Schiffer es rief, da wußte es erst die Welt.
-Ach, aber wenn etwas sein sollte, und es ist nur ein Ding
-der Erde, das nichts davon weiß, so ist es noch nicht, so
-kann es nicht sein.
-</p>
-
-<p>
-Mein Geliebter seit Ewigkeit, das warst Du! Und Alle,
-Alle, alle Geister der Erde haben es gewußt, nur ich nicht,
-nur ich! Und ob ich es nun auch zehntausendmal weiß:
-ich sehe mich nur immer an und frage mich und kann
-nicht begreifen: Warum ist sie denn jetzt süß, diese Brust,
-die linke und rechte, und süß dieser Mund, süß das Haar
-und die Knie und der ganze Leib unaufhörlich ein schluchzendes
-Wunder von Süßigkeit, warum, wenn er es vorher
-nicht war?
-</p>
-
-<p class="date">
-am Abend
-</p>
-
-<p class="noindent">
-Ich habe Dich im Süden und Norden gesucht, mein
-Geliebter, ohne Dich zu finden, kam müde heim, und da
-lächelst Du mich an aus meinem Herzen. Der Mond stieg,
-die liebliche Sichel, aus dem Meer. Nein, nicht aus dem
-Meer kommt der Mond, sondern aus der Tiefe der Welt;
-nicht aus mir kommt die Liebe, sondern aus der Tiefe der
-Welt; und Mond und die Liebe, sie fahren einer im andern
-durch mich und das Meer in die ruhige Tiefe der
-Welt. Schlafe wohl, mein Geliebter!
-</p>
-
-<h4 class="section">
-<a id="page-376" class="pagenum" title="376"></a>
-Renate an Irene
-</h4>
-
-<p class="date">
-Helenenruh, am 8. X.
-</p>
-
-<p class="noindent">
-Irene! Irene, muß ich wirklich, oder besser noch, darf
-ich es wagen, den Drachen des Schweigens, von dem Du
-Dich verzehren lässest, mit dem Schwert meiner Rede zu
-bestehn? Ich könnte Dir, arme kleine Aja, freilich auch
-einen richtigen Saint-Georges zu Pferde schicken, der Dir
-und mir den Lindwurm erlege, aber leider kann ich ihn
-heute noch nicht entbehren ...
-</p>
-
-<p>
-Oh Worte, oh Worte! Komme zu mir, und Du wirst
-alles wissen. Ich bin glücklich, Du kannst es auch sein!
-Ich liebe, Du kannst es wie ich, ich werde geliebt, und
-Du kannst es werden. Kannst Du nicht lieben? Liebst
-Du nicht lange? Ich sage Dir, Irene, daß Du rasend
-bist, wenn Du andre Wege irgendwo suchst und vermutest,
-daß Du rasend bist, wenn Du nicht aufbrichst auf
-dem einen Weg, Dich hinzuwerfen und zu lieben!
-</p>
-
-<p>
-Liebe, liebste Irene, muß ich Dir vielleicht noch erklären,
-wie Du das machst? Laß Dir sagen, Du brauchst
-nichts zu tun, als hinzugehn, wo Dein Georges, also Dein
-Klemens ist, und zu bleiben und zu lieben. Wenn er sich
-wehren sollte, so mußt Du ihn mehr lieben. Dann könnt
-Ihr Euch heiraten oder nicht heiraten, aber von nun an
-sollt Ihr alles gemeinsam tun, schlafen und essen, Werktage
-haben und Feiertage, eine Wohnung nehmen und
-drin wohnen, Einkäufe machen und Bücher lesen und
-Spaziergänge machen und keinen Armen von Eurer Türe
-weisen, und was es auch sei: hierin, hierin wird Eure
-Liebe, die Liebe sich zeigen und bestehn, und wenn dies so
-<a id="page-377" class="pagenum" title="377"></a>
-ist, werdet Ihr heilig geworden sein und dürft mit Eurer
-Berührung schon an Kranken und Beladenen, an Traurigen
-und Schwachen &mdash; Wunder der Liebe entfalten.
-</p>
-
-<p>
-Dies verheißt Dir
-</p>
-
-<p class="sign">
-Renate
-</p>
-
-<h4 class="section">
-Renate an Saint-Georges
-</h4>
-
-<p class="date">
-Nachts am 9.
-</p>
-
-<p class="noindent">
-Heute nachmittag fuhren wir vom Böhner Hafen im
-Segelboot nach Hallig Hooge, Magda und ich mit Deinem
-Bruder und Li. Ulrika ist nun im siebenten Monat,
-und man sieht es; sie ist sehr still geworden, ihr Gesicht
-erschreckend verändert und auseinandergetrieben. Dem
-Maler &mdash; doch davon nachher. Wie die Insel aussieht,
-weißt Du, der Tag war köstlich, kühl, aber licht, der große,
-von allen Seiten her aufgebaute Himmel bewegt von
-reichen Scharen riesiger Wolken, schneeweiß, das Meer
-darunter, von ihren Schatten durchdunkelt, in Streifen
-schwarzblau und lebhaft bewegt, aber ganz ohne Schaum.
-Als Ebbe war, zogen Ulrika, Magda, die Cornelia und
-ich Schuh und Strümpfe aus und wandelten als Kette
-Arm in Arm den Strand hin, schrien und sprangen,
-wenn eine Welle über unsere Füße ging, und auf seinem
-Turm stand der arme Sternedeuter Georg mit einem
-langen Handfernrohr und betrachtete uns durchbohrend.
-Aber er zeigte sich nicht, obwohl wir Li als Boten zu ihm
-schickten. Armer Georg! Ach, und arme Liebe, die Magie
-ist nur an Zweien, an mir und an Dir! Müßte ich nicht
-die Hand auf seine Stirn legen können und sagen: Stehe
-auf und wandle? &mdash; &mdash;
-</p>
-
-<p>
-<a id="page-378" class="pagenum" title="378"></a>
-Ich habe keine Grenzen an mir, wenn ich allein bin
-und eingehe in unsern ewigen Gedanken. Immer wieder
-ist sie dann, die einzige Stunde, und alles hebt wie damals
-an: aus unsern Herzen der einige Strom, großen Ganges
-durch die schlafende Welt, wir selber der Strom, nicht
-mehr Gestalt, nur unermeßlich Fluten, Wogenberge gleitend
-hingetürmt, durchqueren wir das alte Erdenland.
-Nicht einsam, Geliebter, nicht einsam! Sieh, es bevölkern
-sich unsre glücklichen Gestade, und wir, heilig leben wir,
-verhundertfacht wieder haben wir Herz und Odem und
-Gestalt in allen Wesen, die wir laben: Wenn sie, die
-großen Fabeltiere, sie, die erlauchte Tiere noch sind, Behausungen
-nur der Götter, noch Götter nicht, noch nicht
-Strom, die <em>einsamen</em> Liebenden all: wenn sie von ihren
-Weideplätzen hergewandert kommen scharenweis, oder
-auch einzeln in der dumpfen Leidenschaft der Einsamkeit;
-wenn dann ihr tief und frommes Schlürfen hörbar ist
-allein im weiten Mondesschweigen: oh wie leb ich, wie
-leben wir dann, tränkend, nährend, Liebe zeugend, da
-wir Liebe sind!
-</p>
-
-<p>
-Und ich weiß, daß es einmal sein wird, weiß, daß Liebe
-Liebe zeugen wird, einmal, ich weiß &mdash; &mdash;
-</p>
-
-<p>
-Und dennoch: es braucht nur irgendein Mensch vor
-mir zu stehn, leibhaft, so habe ich schrecklich nahe Grenzen
-überall, und kaum ein Strahl dringt aus meiner Hülle
-zu ihm. Wer sieht denn die Liebe, ach wer? in ihren
-Augen sind wir gewöhnlich wie sie selber, gekleidete Menschen
-mit Aussehn und Handeln: aber doch Liebende nicht!
-&mdash; Bogner freilich, er hat ja selbst einen Gott in der Brust,
-der erkannte sich gleich mit dem unsern, und sie lächelten
-<a id="page-379" class="pagenum" title="379"></a>
-einander zu. Noch seh ich ihn vor mir sitzen auf seinem
-Feldstuhl oben auf dem Deich &mdash; Stehen und Gehen gelingt
-ihm noch kaum, obgleich er schon ganz gut Fleisch
-angesetzt hat, auch braun geworden ist und sein Auge
-wieder das alte, helle &mdash; dasitzen und zu mir aufschaun
-mit seinen einzig sehenden Augen. Er sagte kein Wort,
-hielt nur meine Hand, und so erfuhr er alles und lächelte
-und war meiner froh.
-</p>
-
-<p>
-Es wurde Nacht, ehe die Flut kam und wir zurückfahren
-konnten. Das Wattenmeer regte sich kaum, wir
-schaukelten auf seinen Atemzügen, schön wie ein Geist
-stand das bleiche Segel unter den herbstlichen Sternen.
-Da sah ich zum ersten Mal in diesem Jahr den Orion,
-Zeichen des Winters, und ich bat ihn, den großen Jäger,
-daß er mir Dich erjage und bald, bald die heilige Beute
-lege an mein zitterndes Herz!
-</p>
-
-<p class="date">
-am 10.
-</p>
-
-<p class="noindent">
-Du hast mir so schöne Namen geschenkt, mein Geliebter,
-und ich hole sie so behutsam hervor wie irgend
-wirkliche Kleinode, halte sie lang in den Händen und freu
-mich an ihnen, ehbevor ich sie anlege und vor den Spiegel
-trete, noch schöner als schön! Ach, und wenn jemals
-eine Armut war in meiner Schönheit, wie ist sie nun
-Reichtum geworden durch deine allsehenden Augen!
-</p>
-
-<p>
-Ach ja, mein Gebieter, wenn Du sagst, daß ich die
-Magnetnadel sei, die niemals jemand einstellen könne als
-sie selber, so will ichs gern glauben, und die drei Jahre
-tun nicht mehr so weh. Mit Libussa aber, dieser Huldin,
-das stimmt doch schon gar nicht, denn wo blieb das weiße
-<a id="page-380" class="pagenum" title="380"></a>
-Pferd? Oder sandt ich es wirklich &mdash; im Traum? Am
-Morgen mags gewesen sein, als ich am Parkrand schlief
-nach dem Bad; der Nebel war so weiß, da machte mein
-Traum draus einen Schimmel und schickt&rsquo; ihn zu Dir, und
-da kamst Du auf ihm geritten durch das Wasser des Teichs,
-denn war die Brücke nicht hoch? Woher aber dann die
-nassen Beine, mein Fürst, wo das Wasser doch ganz flach
-ist für ein Pferd? Nein, nein, ich seh Dich schon durchwaten,
-ich seh Dich, und Du bist der umgekehrte Christoferus
-gewesen, &mdash; oder wars nicht so, daß die Last der
-Liebe auf Deiner Schulter leichter und leichter wurde mit
-jedem Schritt zu mir her?
-</p>
-
-<p>
-Was aber mich betrifft, so werfe ich alle Bürden kurzerhand
-von mir und breche morgigen Tages auf heimwärts.
-Morgen, sagst Du, kommst Du zurück, den Zug weiß ich
-auch, da bin ich an der Bahn, und es ist herzzerreißend
-schön, wenn wir uns unter all den Menschen wieder sehn
-und nichts sagen können und nach Hause fahren und &mdash;
-und &mdash; &mdash; und &mdash; &mdash;
-</p>
-
-<p>
-Weißt du nicht, daß ich ein Weib bin, sagt die gute
-Rosalinde im Shakespeare, und nur denken kann, wenn
-ich rede? &mdash; Na, glaubs schon nicht, Teuerster, ein
-bißchen kann ich schon, auch wenn ich nicht rede, aber
-nun nimmt es ein plötzliches Ende und &mdash; und &mdash;
-</p>
-
-<p>
-Und ganz schön still bin ich wieder und rede nur noch
-unsre heilige Sprache, der Liebe einzige Sprache des
-Schweigens, dort, in meinem Zimmer, in meinem alten
-Leben, im alten Muschelbett der einst lieblosen Träume,
-&mdash; des Schweigens Sprache, einsilbig in immer dem
-selben Kuß!
-</p>
-
-<h4 class="section">
-<a id="page-381" class="pagenum" title="381"></a>
-Saint-Georges an Renate
-</h4>
-
-<p class="first">
-Den Du erwartest, kommt nie zurück.
-</p>
-
-<p>
-Es muß eine Wahrheit gesagt werden viel zu spät.
-Und darum ist die Schmach, sie nicht in Deine Augen
-sagen zu können, leicht genug zu tragen mit dem Ungeheuren.
-</p>
-
-<p>
-Kommt nie zurück. &mdash; Denn &mdash;
-</p>
-
-<p>
-Es sind am heutigen Tage drei Jahre und drei Tage
-her, als er Dich zum erstenmal sah; im ersten Augenblick
-das Schicksal wissend, das ihn mit Dir zusammenfügte; im
-nächsten auch schon das Zweite: daß Du die Magnetnadel
-seist, die niemand einstellt als die Kraft. Das Dritte ahnte
-er damals nicht.
-</p>
-
-<p>
-Daß es drei Jahre dauern würde, drei niemals endende
-Jahre der unaufhörlichen Qual. Und daß, wenn diese
-drei Jahre dann ein Ende genommen haben würden, das
-Feuer sich selbst verzehrt haben sollte und nichts mehr
-sein.
-</p>
-
-<p>
-Daß Du aber an ihrem Ende kommen würdest, ausgestoßen,
-aus einer ganz verschütteten Welt, in sein Haus,
-schon wissend &mdash; und doch es nicht begreifend &mdash;, daß niemand
-mehr war als Du und Er.
-</p>
-
-<p>
-Und daß zwei Nächte der vollkommenen Hölle sein
-würden, Tür an Tür mit Dir und &mdash; genug!
-</p>
-
-<p>
-Und danach die Erkenntnis.
-</p>
-
-<p>
-Und danach die Angst, daß nun das Unselige kommen
-würde, nun, nun! daß die Nadel sich einstellen werde in
-diesem Augenblick, in jedem nächsten, der bevorstand.
-Und die Angst, daß die Erkenntnis ein Irrtum sei. Und
-so lag er über der Asche Tage und Nächte, blies und blies,
-<a id="page-382" class="pagenum" title="382"></a>
-bis dann beide Ängste ihn hinüberrissen zu Dir, um &mdash;
-was? Vielleicht &mdash; nur zu gestehn. Vielleicht wegen der
-Erlösung.
-</p>
-
-<p>
-Da aber war die Insel. Da war die Erkenntnis ein
-Irrtum gewesen. Da kam der Flug in die Flamme. Und
-durch die Flamme. In das zeitlose Eis.
-</p>
-
-<p>
-Da war sie doch wahr gewesen, die Erkenntnis.
-</p>
-
-<p>
-Noch ist zu sagen von einer Flucht und einigen Tagen
-sinnlosen Kampfes um das, was längst nicht mehr war.
-</p>
-
-<p>
-Und zu sagen vielleicht von der ruhigen Kälte Eines,
-der drei Jahre im Feuer stehn sollte &mdash; ganz kalt.
-</p>
-
-<p>
-Und vom Ende und diesem Briefe, der keine Namen
-hat. &mdash;
-</p>
-
-<div class="chapter">
-
-<h3 class="chapter" id="subchap-0-2-4">
-<a id="page-383" class="pagenum" title="383"></a>
-Viertes Kapitel: November
-</h3>
-
-</div>
-
-<h4 class="section">
-Cornelia Ring an Magda
-</h4>
-
-<p class="date">
-auf Hallig Hooge, am 1. November
-</p>
-
-<p class="noindent">
-Liebe Magda, heute will ich nun daran gehn, Ihren
-Wunsch zu erfüllen und von uns Allen hier, besonders
-von Ihrem Freund Georg einen möglichst &sbquo;naturgetreuen&lsquo;
-Bericht zu geben. Es ist später damit geworden,
-als ich dachte, aber Sie werden einerseits daran sehn,
-daß nichts Beunruhigendes zu melden war und ist, und
-andrerseits sind es ja immerhin sechs Menschen und drei
-Häuser, für die ich nun haushälterisch aufzukommen habe,
-das reicht schon für den Tag.
-</p>
-
-<p>
-Ich beginne mit Bogner, und über ihn glaube ich Sie
-recht beruhigen zu können, jedenfalls was seine Gesundheit
-angeht. Ich mache ihm täglich nach wie vor selber
-seinen Verband neu, da Frau Tregiorni den Anblick
-nicht ertragen kann, begreiflich bei ihrem Zustand, und
-sehe, wie es eigentlich täglich besser wird. Er selber klagt
-auf Befragen noch immer über Schmerzen beim Gehen,
-aber an Stellen, wo wirklich nichts sein kann außer
-schmerzlicher Gewohnheit von früher her, vom Liegen oder
-so, das Loch im Rücken braucht natürlich Fleisch zum Ausfüllen,
-und da er so wenig ißt ... Doch denk ich, es wird
-schon werden, ich habe da allerdings mehr Vertrauen als
-er &mdash; obgleich er nicht davon spricht, weiß ich, daß er
-noch immer der Meinung ist, es gehe mit ihm zu
-Ende &mdash;, aber ich kenne einen ganz ähnlichen Fall aus
-Erfahrung.
-</p>
-
-<p>
-<a id="page-384" class="pagenum" title="384"></a>
-Frau Tregiorni ist recht still geworden. An ihr zeigen
-sich alle Leiden dieses Zustands, Fröste, Fieberschauer,
-plötzliche Ängste, immer wieder Übelkeit, Abscheu vor diesem
-und jenem, heut einer Speise, heut einem Kleid, oder
-vor Menschen, nun &mdash; Sie werden wissen, wie das zu sein
-pflegt, und daß es an sich nicht besorgniserregend ist, obgleich
-ich schon sagen muß, daß es mehr ist als gewöhnlich.
-</p>
-
-<p>
-Ja, und nun Georg. Sie möchten, daß ich ihn recht
-genau beschreibe, und in so etwas habe ich freilich gar
-keine Übung, wie denn meine ganze Berichterstattung
-wohl daran leiden wird, daß ich das Schreiben gewöhnt
-bin in allen möglichen Sprachen, nur nicht in der deutschen;
-es ist merkwürdig, wie wenig man doch weiß von
-einer Sprache, die man beständig spricht, und wie farblos
-mir selber alles klingt! &mdash; Körperlich scheint es ihm,
-Georg, ganz gut zu gehn; er klagt nur über Schlaflosigkeit.
-Das würde ich auf die See schieben &mdash; sie ist seit
-Ihrer Abreise fast ununterbrochen stürmisch gewesen &mdash;,
-aber er behauptet, &bdquo;ohne die See könnte er nicht leben&ldquo;.
-Ich kenne ihn ja auch wenig.
-</p>
-
-<p>
-Aber ich kann wohl sagen, daß ich erschrak, als ich ihn
-zuerst hier wiedersah und kaum erkannte. Daran war
-allerdings hauptsächlich der dünne, rötliche Bart schuld,
-der ihm ums Kinn gewachsen ist, und der sein Gesicht
-älter macht, auch weicher und leidender. Am linken
-Mundwinkel hat er ein nervöses Zucken bekommen, indem
-es die Unterlippe ruckweise nach links zerrt, oft drei,
-viermal nacheinander, dann wieder versucht er es zu
-unterdrücken, und so kann man daran immer erkennen,
-<a id="page-385" class="pagenum" title="385"></a>
-wie sein innerer Zustand ist. Die Augen, die erst erschreckend
-eingesunken waren, kommen nun langsam wieder
-hervor, weil die Wangen etwas fleischiger werden.
-Wenn ich Ihnen nun noch sage, daß sein Haar über den
-Schläfen dünner geworden ist und um die ganze Stirn
-zurückgewichen, so werden Sie ungefähr wissen, wie er
-aussieht. Fast scheint es mir, er ist noch gewachsen während
-seiner Krankheit, das wäre ja nicht unmöglich, er ist nun
-fast einen Kopf größer als Sie und ich und dabei so
-schmal!
-</p>
-
-<p>
-Es ist ja furchtbar schwer, im Innern eines Menschen
-zu lesen, dessen ganze Natur so wie die seine durch Erziehung
-und Vererbung darauf eingestellt ist, sich zu beherrschen,
-aber ich kann doch erkennen, daß er Unbeschreibliches
-erlitten haben muß und noch immer leidet. Er ist
-nun, wenn man mit ihm spricht, von einer solchen &mdash; ja
-wie sage ich nur? &mdash; Demut, möchte ich fast sagen und
-weiß doch nicht, indem ich das Wort schreibe, wie und wo
-ich sie gesehen haben will. Er hat eine so unbeschreibliche
-Gebärde, wenn jemand ihm erzählt, so von Menschen,
-die man kennt &mdash; er will immer von Menschen hören und
-lauscht dann mit einer fast glühenden Angespanntheit, als
-ob er das Wichtigste lernen und nichts vergessen müßte &mdash;,
-so eine Gebärde, wollt ich sagen, mit der er dann die Hand
-hochhebt und einen ganz vertieft ansieht und sagt: Ja
-sehn Sie! &mdash; mit dem Ton auf sehn &mdash;, aber es läßt sich
-wohl nicht beschreiben, und ich will nun aufhören, Sie
-werden sich schon gewundert haben über all das wirre
-Zeug. Ein wenig betrübt es mich schon und beunruhigt
-mich auch, von Ihnen und Fräulein Renate so gar nichts
-<a id="page-386" class="pagenum" title="386"></a>
-zu hören seit Ihrer Abreise, und ich hoffe nur, daß dem
-nicht etwas Schlimmes zugrunde liegt!
-</p>
-
-<p>
-Ich hoffe nur, daß Sie nicht ganz unzufrieden sind
-mit meiner Berichterstattung, die wie gesagt besser sein
-würde, wenn ich unglückliches Menschenkind eine eigene
-Sprache hätte, aber das ist nun zu spät. Ich grüße Sie
-und Fräulein Renate recht herzlich! Ihre
-</p>
-
-<p class="sign">
-Cornelia Ring
-</p>
-
-<h4 class="section">
-Georg an Benno
-</h4>
-
-<p class="first">
-Mein lieber Benno, wie geht es denn Dir? Teuerster
-Benno, die See ist des Teufels! Heute nacht &mdash; ich
-hatte der Abwechselung halber einmal ein paar Stunden
-geschlafen &mdash; fing ein großes Rumoren an, und als der
-sogenannte Morgen kam &mdash; &sbquo;ein Ding, das wie Nacht
-ist aus Lehm&lsquo; &mdash;, war der Teufel los. Ich hause nämlich
-gewissermaßen auf einer Insel jetzt, ja, das wäre schon
-etwas andres als Serk, wo wir triumphierend wie die
-Vögel in der Höhe schwebten, sondern dies hier ist nichts
-weiter als ein kleiner Teller voll Erde, mitten und unten
-in der Unermeßlichkeit rollender Wasser, rundherum ist
-ein besondrer Wall, auf dem Wall ein Turm, in dem
-Turm ich, nicht völlig mir selbst überlassen, sondern ich
-habe allerlei Gesellschaft, als da sind: zwei Ziegen, eine
-Kuh, verschiedene Hühner, ferner Bogner, Ulrika, ein besonders
-notwendiger Hauptmann namens Ferdinand
-Rieferling, eine junge Dame mit Namen Cornelia Ring
-und mehrere Tote. Mein Turm steht auf dem Deich,
-und stehe ich auf dem Turm, so habe ich naturgemäß das
-<a id="page-387" class="pagenum" title="387"></a>
-ganze Panorama unter mir: Himmel, grau und schwarz
-in fürchterlicher Aufregung, ein unsagbares Fluchtgetümmel
-von Lapithen und Giganten, die vor Raserei
-sämtlich in Fetzen gehn, und darunter die ruhmwürdige
-Winterschlacht der bodenlosen Gewässer. Wie wäre es,
-wenn Du kämst? Hier säßest Du, wie gesagt, mitten
-darin und schlottertest vor Angst, die Wüstenei überrennte
-Dich kaltherzig im nächsten Augenblick; die Seele wird sich
-Dir umkrempen wollen (Notabene bist Du sicher, eine zu
-haben?), und wenn Du Dich nicht an der Brüstung hältst,
-so reißt Dich das riesige Saugen der Aussicht ins schwarze
-Brodeln hinunter. Tausend Satanasse von Gischt siehst
-Du da herumtanzen und denkst: Wie einfältig ist doch
-das Land gegen die See, eine fromme milchende Kuh
-gegen einen tollwütigen Stier. Hundert Millionen in
-Raserei aufgelöster Büffel sind hier zu sehn, wie sie herantaumeln,
-nichts in den Hirnen als die aberwitzige Vorstellung,
-sich allhier die Schädel einrennen zu müssen, und
-schon ists ein Erdbebenfeld von Legionen zertrümmerter
-Mauern, die dahergeschoben werden von einer entsetzlichen
-Leidenschaft, alldas zerspritzt und zerknattert sich zu
-Deinen Füßen, und das Gebrüll steigt zum Himmel, daß
-er davonjagt. Alles siehst Du wanken, die bewohnte Erde
-ist allerseits spurlos verloren gegangen, nun berennt hier
-die See ihren letzten Widerstand, auf dem Wir, die Letzten,
-herumkriechen wie die Raupen. Allein getrost! Begeben
-wir uns vom Turm hinunter ins Wiesental, so ist alles
-schon wieder ganz sanft geworden, ein wenig öde, ein
-wenig trostlos, aber der Teufelslärm hat sich gelegt und
-ist zum Orgelrumoren geworden.
-</p>
-
-<p>
-<a id="page-388" class="pagenum" title="388"></a>
-Du solltest wirklich kommen! Wie war das noch? Vor
-einem Jahr ungefähr schriebst Du mir einen Brief in
-einer besondren Zeit, wo ich keine Briefe zu empfangen
-gedachte, und siehe da, ich war gekränkt. Nun haben
-wir wieder eine ähnliche Zeit, wo ich um Dein freundschaftliches
-Schweigen ersuchte, und Du schweigst wirklich,
-und ich bin auch gekränkt. So ist das Leben! Was
-tust Du? Korrepetierst Du fleißig mit Deiner Elfe das
-ewige Paternoster: Ich liebe Dich, du liebst mich und so
-weiter? Nein, laß das, es führt ja zu nichts, komm hierher,
-hier läßt es sich trefflich rasend werden, und paß auf,
-ich will Dir mein Haus beschreiben!
-</p>
-
-<p>
-Stelle Dir vor: einen Turm, achteckig, nicht eben hoch.
-Kleine Tür, Du trittst ein und befindest Dich in einem
-großen und hohen Achteck, das dunkel scheint, nur von
-rechts und links und Dir gegenüber zerschnitten von bleichen
-Lichtbalken aus drei, nicht eben großen Fensterscharten,
-die gut ihre anderthalb Meter tief sind, denn so dick sind
-die Mauern, und außerhalb enger als innen. Sie liegen
-genau nach Norden, Westen und Osten, die Tür im Süden.
-Die Wände sind dunkelbraun getäfelt, in der Höhe befinden
-sich rundherum die vor Altersschwärze kaum noch
-erkennbaren Bildnisse der sieben Planeten. Die vorhandenen
-Möbel, bestehend aus einem Schreibbüro, rechts
-vom nördlichen Fenster, einem Ohrensessel irgendwoanders,
-einem runden Tisch in der Mitte des Raums nebst drei
-Stühlen, genügten dem letzten Wohner, genügen demnach
-auch mir. Eine eiserne Geländertreppe führt durch eine
-Luke in einen gleichen Raum, der als Schlafzimmer eingerichtet
-ist, und weiter hinauf zur Plattform des Daches.
-<a id="page-389" class="pagenum" title="389"></a>
-Der runde Tisch aber im unteren Zimmer ist besonders
-geeignet, immerzu rundherum zu laufen, es ist auch Platz
-genug für einen zweiten Läufer, also komm, Benno, wir
-laufen zusammen, einer so herum, einer so, wie die
-Daumen.
-</p>
-
-<p>
-Was jedoch tue ich, wenn ich nicht laufe? Entweder
-ich laufe doch, bloß anderwärts, nämlich allein oder mit
-der gewissen Cornelia außen um den Deich, was bei Ebbe
-manchmal geht, aber wir müssen uns bei jeder siebten
-Welle an die Deichwand klemmen, &mdash; oder ich schreibe
-meine Memoiren. Memoirenschreiben ist wichtig, oder
-wie? Ein Mensch stirbt, keine Memoiren, was kommt
-zu Tage? Er hat gar nicht gelebt. Augenblicklich bin ich
-leer, darum schreibe ich erstens an Dich, und werde ich
-zweitens anfangen, Aussprüche von Bogner zu sammeln.
-Er tut immerfort ganz bedeutende Aussprüche. (Früher
-war er nicht so, nun ist er redselig geworden.) Willst Du
-einen? Da hast Du: Bei Gelegenheit unermeßlicher
-Ruhmreden auf allerlei Maler, darunter Kokoschka (ach,
-wohin verschwand mein früher so ebner und stetiger
-Bogner, nun ausschweifend in Empfindsamkeit und Erschütterungen?),
-verglich er dessen Bildnis des Schriftstellers
-P. Altenberg besonders trefflich mit dem &sbquo;Hinterteil
-eines Engels in einem Gestrüpp&lsquo;. Die Gesichter auf
-Kokoschkas Bildnissen, sagte er fernerhin, seien allesamt
-ohne Haut, das wolle sagen, er ziehe die Haut davon ab und
-sehe darunter nichts als wimmelnd zuckendes Schicksal
-und Leben der Seele, &mdash; so ungefähr, ich werde von nun
-an mehr acht auf die Worte geben. Bogner ist ein seltner
-Mann!
-</p>
-
-<p>
-<a id="page-390" class="pagenum" title="390"></a>
-Und kurz und gut, ich will Dir sagen, wie es mit
-Bogner steht. Er ist verrückt. Platterdings, es läßt sich
-nicht anders ausdrücken. Mit einem Wort: fixe Idee.
-Plötzlich nimmt er mich beiseite, das heißt, er führt mich
-von Ulrika fort in ein Nebenzimmer, legt mir die Hände
-auf die Schultern, sieht mich trübe prüfend an und fragt:
-Was meinst du, Georg, sie wird es doch gut überstehn? &mdash;
-womit er das Kind meint, das sie kriegt. (Beiläufig hat
-er mir nämlich Brüderschaft angeboten, und siehe da, so
-wandeln sich die Zeiten! Einst, als ich ein pickliger Hering
-war, wie verging ich in Ehrfurcht vor diesem besondersten
-Mann, und nun, wo ich inzwischen so heruntergekommen
-bin, daß ich keinen Bissen mehr von mir annehmen mag,
-da stellt er mich zur Rechten seines Throns und bezeugt
-mir sein Wohlgefallen. Wie besonders ergötzlich, zumal
-wenn man bedenkt, daß es mein telemachisches Zwerchfell
-natürlich doch kitzelt!) Also, ich antworte: Glänzend! sie
-übersteht es glänzend! &mdash; Er nickt vor sich hin, sagt: Und
-ich, Georg, was hältst du von mir? &mdash; Ich &mdash; wie oben
-und so weiter ... Lieber Georg, sagt er da trübsinnig,
-du irrst dich. Dies ist bloß Schein. Und, sei nicht traurig,
-sagt er so in seiner besondren Weichmütigkeit, aber &mdash;
-kurz und gut: mit mir ist es aus. &mdash; Ich bin sprachlos,
-murmele einiges, und da fängt er tatsächlich an, mir seine
-Idee zu entwickeln. Nämlich erstens: Geistig zeugerische
-Menschen dürfen keine Kinder haben. &mdash; Das nannte er ein
-Naturgesetz. Man, sagt er, darf nur auf eine Art zeugen.
-Gesetzt also, ich zeuge trotzdem auf eine andre, so ist damit
-bewiesen, daß die meine nicht gilt. Ich bin verworfen,
-sagt er unfehlbar, und geht und sitzt am Fenster bei
-<a id="page-391" class="pagenum" title="391"></a>
-den Fuchsien in Gestalt eines alten, gebrochenen Mannes.
-Mir brach das Herz, und er fährt mit einer feierlichen
-Wehmut fort: Sie &mdash; wird leben, und was aus ihr kommen
-wird; ich sterbe. &mdash; Ja, so stellte es sich ihm dar: sein
-Leben hört auf, das des Kindes fängt an. Worauf er
-anfängt, es mir andersherum zu beweisen.
-</p>
-
-<p>
-Einsamkeit, sagt er, ist das Gesetz des Arbeiters im
-Geist. Dies, sagt er, habe ich an mir erprobt gefunden,
-denn immer, wenn ich versuchte, mit andern Menschen
-eine Verbindung einzugehn, gab es Unheil für sie und für
-mich. So auch jetzt, und jetzt das besonders Böse: Als
-ich mich mit Ulrika verband, tat ich unwissend etwas, an
-dessen äußerstem Ende mein Tod erschien. Ich legte Hand
-an meine eigne Form, ich zerstörte sie. Ich, schloß er,
-habe selber auf mich geschossen, nicht der Andre.
-</p>
-
-<p>
-Und dann wieder von vorn und hundert Mal immer
-das gleiche in andern Gestaltungen.
-</p>
-
-<p>
-Die Verwandlung dieses von mir geliebten Menschen
-ist zum Grausen. Früher die Stetigkeit selber und Feste,
-eine gotische Burg, ist er nun wie ein Erdhaufen, unter
-dem der Maulwurf arbeitet. Ich kann nicht umhin,
-unsrer ersten Gespräche vor Jahren zu gedenken. Damals
-&mdash; den Inhalt vergaß ich &mdash;, damals aber jedenfalls war
-ich der besondre Dialektiker, nicht ganz ungewandt, wenn
-ich auch heute weiß, daß meine Einfälle sich assoziativ
-einstellten, vermittels Luftwurzeln sich fortpflanzend, anstatt
-aus unterster Wurzel zu treiben. Heute kann ich mir
-immerhin einen gewissen Zwang nachrühmen, jeden Gedanken
-auf seinen Ursprung zu prüfen, er dagegen ist von
-einer Spitzfindigkeit ohnegleichen und fängt die Behauptungen
-<a id="page-392" class="pagenum" title="392"></a>
-aus der Luft, weil sie da funkeln. Zum Beispiel
-folgendes:
-</p>
-
-<p>
-Nämlich die Rede war von dramatischer Kunst. Ich weiß
-was, sagt Bogner, das Drama ist die leibhaftigste, menschenhafteste
-Kunstform, und darum hat es fünf Akte wie
-die Hand fünf Finger. &mdash; Blendend, nicht wahr? Übrigens,
-fährt er fort, ist es dir auch schon einmal aufgegangen,
-daß sich das Drama zum Epos verhält wie das Gebirge
-zur Ebene? &mdash; Aufgegangen nicht, sage ich, aber wo du
-es sagst, kommt es mir ganz bekannt vor. &mdash; Denn siehst
-du, fährt er eifrig fort, so ein Trauerspiel ist wie eine Gebirgswanderung.
-Da giebt es überall Plötzlichkeiten,
-Täler, Abgründe, Schroffen, halsbrecherische Stege, einsam
-emporstrauchelnde Seelen, Anseilungen, und die großen
-unverhofften Ausblicke in dampfende Tale, Ängste
-und Entzückungen, mit einem Wort: Tragödie.
-</p>
-
-<p>
-Als Einfall wieder blendend, wie schon bemerkt. Ich
-aber sagte, ohne mich zerblitzen zu lassen: Und aus diesen
-Gründen schrieb ja auch der Bergschotte Scott seine langen
-Romane, der Tiefländer Shakespeare dagegen Tragödien,
-Epen die Bergschweizer Keller, Meyer und Spitteler, der
-Tieflandfriese Hebbel dagegen nebst dem Märker Kleist
-Dramen, ebenso wie Grillparzer vom sanften Kahlenberge.
-&mdash; Bogner war ganz elend von meiner Beweisführung
-und wollte sich kläglich herauslügen: Keller hätte
-vor der Ebene gesessen (ich schrie: aber Blut und Geburt!),
-Shakespeare wäre als Genie überhaupt unkontrollierbar,
-Kleist hätte Novellen geschrieben und einen
-verloren gegangenen Roman (was der alles weiß!).
-Spittelers Werke wären erfüllt mit alpiner Landschaft
-<a id="page-393" class="pagenum" title="393"></a>
-und Scott überhaupt bloß ein Schriftsteller gewesen, und
-vor allem hätte ich vergessen: Balzac, Dickens und Dostojewski
-aus dem breitesten Flachland. &mdash; Ja, so spitzfindelten
-wir herum, und er schloß mit der tiefsinnigen Frage, ob
-das vielleicht deshalb so sei &mdash; wenn ich nämlich doch recht
-hätte &mdash;, weil, wie der Bauer seine Natur so gewohnt
-wäre, daß er ihrer nicht mehr gewahr würde, so auch der
-Dichter &mdash; und so weiter ...
-</p>
-
-<p>
-So viel vom Bogner. Ja, aber Benno, was muß ich
-da sehn? Du sitzt und liest und liest an einem Brief, und
-am Ende stellt sich heraus, daß Du ihn gar nicht gekriegt
-hast! Nein, ich werde mich hüten, ihn abzuschicken! Eine
-andre Form der schriftlichen Niederlegung meiner vor
-Gewohnheit ächzenden Seele wars, Benno, sonst nichts!
-</p>
-
-<h4 class="section">
-Aus den Papieren Georgs
-</h4>
-
-<h5 class="subsection">
-(von Bogner)
-</h5>
-
-<p class="noindent">
-&bdquo;Georg,&ldquo; sagte Bogner fast traurig zu mir, &bdquo;ich
-glaube, du hast einen großen Fehler. Du willst zuviel
-wissen.&ldquo;
-</p>
-
-<p>
-Wir hatten nämlich halbe und ganze Nächte alles
-Denkbare bis ins Undenkbare erörtert, und ich dachte, als
-er mir diesen besondren Fehler vorwarf, ich hätte das auch
-tun können. Ich sagte deshalb, bloß um etwas zu sagen:
-&bdquo;Wie kommst du darauf?&ldquo; Aber diese Frage war ihm
-grade recht.
-</p>
-
-<p>
-Nämlich in seinem Zimmer steht eine alte, hölzerne
-und geschnitzte Wiege, die Ulrika langsam mit den fertig
-werdenden Kleidungsstücken für ihr Kind anfüllt. Vor
-<a id="page-394" class="pagenum" title="394"></a>
-dieser Wiege saß ich eben, bewegte sie mit der Hand hin
-und her und fragte mich, warum das eigentlich angenehm
-für Kinder sei, gewiegt zu werden, da die selbe Bewegung
-doch für den größten Teil der erwachsenen Menschheit
-unerträglich sei, nämlich an Bord der Schiffe auf See.
-</p>
-
-<p>
-&bdquo;Nun möchtest du nämlich wissen,&ldquo; sagte Bogner
-freundlich, &bdquo;warum die Wiege hin und her geht. &mdash; Und
-ich weiß es&ldquo;, setzte er leise hinzu.
-</p>
-
-<p>
-Als ich aber nun um die Erklärung bat, wehrte er ab.
-&bdquo;Du willst zu viel wissen, Georg, und weißt du, was du
-tun wirst? Du zerstörst dir deinen Gott.&ldquo;
-</p>
-
-<p>
-&bdquo;Weißt du denn, wer mein Gott ist?&ldquo;
-</p>
-
-<p>
-&bdquo;Alles, was dir unbegreiflich ist. Alles Rätselhafte in
-dir ist Gott.&ldquo;
-</p>
-
-<p>
-&bdquo;Ach,&ldquo; sagte ich, &bdquo;dann werde ich ihn nicht zerstören,
-sondern im Gegenteil, ich werde ihn nur wachsen machen,
-denn je mehr ich davon in Erfahrung bringe, um so ungeheurer
-werden die Umrisse im Dunkel. Sag mir, was
-ist mit der Wiege?&ldquo;
-</p>
-
-<p>
-&bdquo;Du mußt,&ldquo; erklärte er nun, &bdquo;wenn du es wissen
-willst, nicht die große Frage nehmen, sondern die kleine.
-Unbekannt? Also werde ich dich sie fragen: Warum geht
-die Wiege hin und her, von links nach rechts, nicht auf
-und abwärts von vorne nach hinten?&ldquo;
-</p>
-
-<p>
-Diese Frage kam mir schon so besonders vor ... Aber
-ich wußte keine Erklärung.
-</p>
-
-<p>
-&bdquo;Weil&ldquo;, sagte er da, &bdquo;die Mutter, die in ihrem Leibe
-das Ungeborene trägt, es wiegt, indem sie es von einem
-Fuß auf den andern bewegt im Gehn, von links nach
-rechts. Aus diesem Grunde lieben wir diese Bewegung,
-<a id="page-395" class="pagenum" title="395"></a>
-wenn wir geboren sind, dann erinnern wir uns an vorher.&ldquo;
-</p>
-
-<p>
-Ich dachte noch: Das Kind fühlt sich in der Wiege,
-wie in der Mutter; und es glaubt, was es fühlt; aber der
-Mensch hat freilich Erfahrung und ist so groß geworden,
-daß er selbst im Meere sich nicht mehr fühlen kann, obwohl
-er ganz darin ist, denn er ist nun nur noch in sich
-selbst, und er glaubt an nichts mehr.
-</p>
-
-<p>
-Ich kann aber nicht sagen, wie sehr mich diese Erklärung
-Bogners ergriff, ja erschütterte. Sie traf mich wie ein
-Blitz, und eine Sekunde lang wußte ich alles. Das war,
-als hätte die vorher immer grenzenlose Welt plötzlich ein
-ganz nahes Ende genommen. Dort, in der Mutter, war
-alles zu Ende.
-</p>
-
-<p class="tb">
-&nbsp;
-</p>
-
-<p class="noindent">
-Ich fragte Bogner heut in Erinnerung an das Gestrige,
-ob er an Gott glaube. Er sagte, wenn ich &sbquo;glauben&lsquo;
-gleichsetzte mit Fürwahrhalten, so könne er nicht sagen,
-daß er glaube.
-</p>
-
-<p>
-Ich fragte: Warum?
-</p>
-
-<p>
-Er sagte erst nach einer Weile: &bdquo;Ein religiöser Mensch,
-mit dem ich einmal über das Jenseits sprach, meinte, ich
-glaubte daran nicht, weil meine hiesigen Sinneswerkzeuge
-nicht imstande seien, mich über das Dortige aufzuklären
-und mir Beweise zu schaffen.&ldquo;
-</p>
-
-<p>
-&bdquo;Das war nun nicht der Fall&ldquo;, fuhr Bogner fort.
-&bdquo;Zwar bin ich der Meinung, daß es sinnlos ist, mich in
-meinen Sinnen mit Dingen zu befassen, die für eben
-diese Sinne unzugänglich sind. Ich habe aber eine Seele.
-Und warum ich diese Seele mit einem Dort beschäftigen
-<a id="page-396" class="pagenum" title="396"></a>
-soll, da sie im Hier vollauf Arbeit und Nahrung und
-Wachstum findet, das allerdings ist mir unerfindlich.
-Warum aber tun dies fromme Leute wie jener Frager?
-</p>
-
-<p>
-&bdquo;Sie tun es deshalb, weil eben ihr hiesiges Dasein
-ihnen keine Gelegenheit bietet, oder im Verhältnis ihres
-übervollen, sorgengefüllten Daseins zu geringe Gelegenheit,
-um sie zu betätigen, ja nur zu empfinden. Zu Essen und
-Schlafen, Sichbegatten und Plagen, zu Büroarbeit, zu
-Kinderschelten und -kleiden, zum Spaziergang und Musikkapelle
-haben sie eine Seele nicht nötig. Vielleicht daß
-sie es meinen, aber alledies und noch viel feinere Dinge
-würden sie mit der Vernunft allein und ohne Seele genau
-so gut besorgen, und die Tiere tun das in ihrem Maße,
-zum Beispiel die Ameise oder der Biber. Aber doch wissen
-sie von der Seele durch den Tod. Sie sind arm und wollen
-reich werden. Sie sind so arm, daß sie sogar einsehn:
-für einen Reichtum der Seele ist in diesem Dasein kein
-Platz. Sie müssen selber wider Willen einsehn, daß sie
-ihre Seele hier nicht brauchen können. Wäre Mitleid von
-allen Lebensvehikeln nicht das gefährlichste, so könnte man
-Mitleid mit ihnen empfinden.
-</p>
-
-<p>
-&bdquo;Ich,&ldquo; sagte er langsam, &bdquo;ich war ein glücklicher
-Mensch. Ein reicher Mensch. Ich brauchte auf keinen
-dortigen Reichtum zu sinnen. Ich habe durch über zwanzig
-Jahre meines Lebens jede Stunde und Minute jedes Tages
-meine Seele gebraucht. Ich war reich&ldquo;, schloß er traurig.
-</p>
-
-<p>
-(Dieweil er ja denkt zu sterben und also zu verarmen;
-er kommt immer zur selben Stelle zurück.)
-</p>
-
-<p>
-Ob das alles sei, woran er glaube, fragte ich bald,
-um ihn abzulenken. Er schwieg lange. Endlich sagte er:
-</p>
-
-<p>
-<a id="page-397" class="pagenum" title="397"></a>
-&bdquo;Ich glaube ja nicht. Ich &mdash; bedarf. Du und ich, wir
-bedürfen des Göttlichen.&ldquo;
-</p>
-
-<p>
-&bdquo;Und das ist?&ldquo;
-</p>
-
-<p>
-&bdquo;Ich sage es ja: das Geheimnis. Es giebt die unbekannten
-Dinge, vor denen dich schaudert. Es giebt dich
-und mich selber, die wir uns so unbekannt sind, daß uns
-schaudert, wenn wir diese Stelle berühren. Warum mußte
-ich malen? Wenn ich diese Stelle an mir berührte, so
-sagte Gott: Ja. &mdash; Und ich sah ihn golden eingehüllt in
-sein Rätsel. Warum kann ich nicht mehr malen? Ich
-habe die Gnade verloren.&ldquo;
-</p>
-
-<p>
-Immer die gleiche Stelle. Er weinte. Wir wurden
-unterbrochen und kamen an diesem Abend nicht weiter.
-</p>
-
-<p class="tb">
-&nbsp;
-</p>
-
-<p class="noindent">
-Da wir heute von großen Menschen vergangener Zeiten
-sprachen, so malte Bogner in einer unbeschreiblich
-wunderbaren Weise von manchem das Wesen, mit Bildern
-aus drei Worten oft, wie ich es nie von ihm hörte
-(und immer mit diesem leichten Zittern von Tränen in
-der Stimme, das er jetzt bei solchen Gelegenheiten hat),
-und ich erinnere mich nur noch, wie er Hölderlins äußerlich
-rührend dürftige Gestalt hinstellte als einen abnehmenden
-Mond am Abendhimmel, dessen ganzes volles
-Rund doch im Unendlichen schwebe; wie er Jean Paul
-nannte: einen Pfauenschweif aus Regenbögen, und Novalis
-die Narzisse mit den Zeichen der Passion in Blüte
-verwandelt, &mdash; worauf er dann mir ganz unvermutet in
-Klagen ausbrach, daß es nur früher Menschen von solchem
-Seelenadel, solcher Reinheit, Größe, Süße und Einfalt
-<a id="page-398" class="pagenum" title="398"></a>
-gegeben habe. Ich mocht es nicht glauben, widerstritt
-aber nur unvollkommen: eben heute hätten wir andres ...
-</p>
-
-<p>
-Er seufzte. Was das für ein sinnloser Einwand sei.
-&bdquo;Du vermissest eine Blume und sagst: aber jetzt habe ich
-einen Edelstein. Ist nicht das Dasein jedes Dinges gegründet
-auf seine Notwendigkeit? Gäbe es überhaupt
-etwas, das wert wäre zu sein, wenn es einen Ersatz dafür
-gäbe? Gut aber, du sagst, du habest jetzt den Edelstein,
-und eins machst du damit natürlich klar: daß der Edelstein,
-den du kennst, im Augenblick für dich einen solchen
-Wert hat, daß du den der Blume, die du nicht kennst, gar
-nicht begreifen kannst. Und so hättest du recht. Und noch
-aus einem andern Grunde sogar wirst du recht haben,
-denn du hast den Verstand für dich, der dir sagt: ich lebe
-heute; also muß das Heutige mir wert sein. Ja, Georg,
-der Nüchterne, der Unbewegte, oder der sich so stellt, der
-hat immer recht, wenn er linker und rechter Hand aufs
-Fluten hinabsieht und sagt: da und dort ist gleiche Stromgeschwindigkeit.
-Wen aber eigne tiefe Wallung der Stunde
-selber hineinriß in die Strömung, der hat nur das
-Jauchzen &mdash; nach vor- &mdash; und das Klagen &mdash; nach rückwärts,
-und morgen, Georg, morgen, wenn du im Strome
-liegst und ich am Ufer stehe, wirst du mit meinen Worten
-zu mir aufjammern, und ich werde dich und mich Lügen
-strafen.&ldquo;
-</p>
-
-<p class="tb">
-&nbsp;
-</p>
-
-<p class="noindent">
-Ich fand Bogner über einer Bibel am Tisch; er schien
-auf mich gewartet zu haben, denn er sagte gleich: &bdquo;Da
-habe ich die ganze Schöpfungsgeschichte gelesen, und
-weißt du, was ich gefunden habe? Es werden alle erschaffenen
-<a id="page-399" class="pagenum" title="399"></a>
-Dinge aufgezählt, aber ein ganz wichtiges ist
-vergessen. Es könnte vergessen scheinen&ldquo;, verbesserte er
-sich. &bdquo;Wenn ich es dir nenne, wirst du seine tiefe Bedeutsamkeit
-erkennen. Ja,&ldquo; fuhr er eifrig fort, &bdquo;angenommen,
-dies ist der Fall: ein Ding, das wir von Gott erschaffen
-glauben, wurde bei der Aufzählung des von ihm Erschaffenen
-nicht genannt, was muß die Folge sein?&ldquo;
-</p>
-
-<p>
-&bdquo;Daß er selber dies Ding ist.&ldquo;
-</p>
-
-<p>
-&bdquo;Gut, Georg!&ldquo; Er lobte mich. &bdquo;Und nun weiter: Was
-tat Gott, nachdem er den Menschen aus Lehm geknetet
-hatte? Er machte ihn lebendig. Wodurch? Dadurch
-daß er ihm seinen Odem einblies. Was aber war dieser
-Odem?&ldquo;
-</p>
-
-<p>
-Ich sagte: &bdquo;Die Luft.&ldquo;
-</p>
-
-<p>
-&bdquo;Und die Luft,&ldquo; rief er, &bdquo;die ist das Ding, das nicht
-aufgezählt ist unter den erschaffenen Dingen, wo doch
-Sonne und Sterne, der Himmel, das Meer und das
-Feste und was auf dem Festen wuchs, alles aufgezählt
-wurde. Konnte etwas wachsen, konnten Tiere sein ohne
-Luft? Dennoch wurde die Luft für den Menschen, für
-Gott vorbehalten, denn der Mensch war für den Schreiber
-dieser Geschichte das einzig wahrhaft Lebendige, und
-das Leben kam ihm und nur ihm mit der Luft. Und siehst
-du wohl,&ldquo; fuhr er fort, &bdquo;auf schlechten Bildern, Bildern,
-auf denen doch alles recht und deutlich gemalt ist, was
-scheint dir daran zu fehlen? Die Luft. Und sie fehlt sogar
-auf den Bildern der einfältigen Meister aus Niederland
-und Köln, aber warum vermissen wir sie doch nicht?
-Weil sie nicht nur die <em>Gabe</em> hatten wie die nichtswürdigen
-lustlosen Maler von heut, sondern etwas ganz Einziges:
-<a id="page-400" class="pagenum" title="400"></a>
-den Fleiß. Einen so großen Fleiß und eine so große Sorgfalt,
-daß er sogar die Luft und die Gnade ersetzte, denn
-im Fleiß war die Liebe, und in der Liebe&ldquo;, schloß er triumphierend,
-&bdquo;muß immer auch Gnade sein.&ldquo;
-</p>
-
-<p class="tb">
-&nbsp;
-</p>
-
-<p class="noindent">
-Ich hatte Bogner aus dem Gedächtnis einige Gedichte
-von Stefan George gesagt, darunter zuletzt den &sbquo;Tag des
-Hirten&lsquo;: Die Herden trabten aus den Winterlagern ...
-Schon bei der ersten Zeile sah ich seine Augen weit werden;
-bei der himmlischen zweiten: Ihr junger Hüter zog
-nach kurzer Frist ... legte er das Gesicht in die Hände,
-und als ich dann schloß:
-</p>
-
-<div class="poem-container">
- <div class="poem">
- <div class="stanza">
- <p class="verse">Er krönte betend sich mit heilgem Laub,</p>
- <p class="verse">Und in die lindbewegten, lauen Schatten</p>
- <p class="verse">Schon dunkler Wolken drang sein lautes Lied ...</p>
- </div>
- </div>
-</div>
-
-<p class="noindent">
-seufzte er dermaßen schmerzlich, als wäre ihm eine Welt
-untergegangen. Er sprach kein Wort mehr den Abend,
-und erst als ich schon gehen wollte, zog er mich auf einmal
-in die Arme, küßte mich und murmelte etwas, das ich
-nicht verstand.
-</p>
-
-<p>
-&bdquo;Du kannst doch auch dichten, Georg,&ldquo; sagte er dann,
-&bdquo;du bist auch ein Dichter!&ldquo; Und hierbei beharrte er eigensinnig,
-obwohl ich es ihm lang und breit abstritt, daß ich
-wohl Verse schriebe, aber kein Dichter sei. Fast wäre er
-ärgerlich geworden. &bdquo;Wenn du es weißt, Georg,&ldquo; sagte
-er, &bdquo;wenn du weißt, wie es ist, wenn du Sprache hast,
-so mußt du es doch auch sein!&ldquo; beharrte er und wurde
-erst unschlüssig, als ich es ihm an Malern nachwies, die
-zwar das Handwerk hätten, aber doch nicht die Kunst.
-</p>
-
-<p>
-<a id="page-401" class="pagenum" title="401"></a>
-&bdquo;Das mag für Maler stimmen,&ldquo; meinte er dann,
-&bdquo;aber doch nicht für die Sprache! Da sind Farben, Finger
-und Hände und Pinsel; was geht nicht alles verloren
-auf so weitem Wege, wenn einer nicht die ganze Kraft
-hat und Gottes Beistand. Aber in der Sprache ist alles!
-Sie allein ist unmittelbar und enthält doch eins im andern
-das Beide, sonst so Getrennte: Vernunft und Gefühl,
-verschmolzen im Tönen der Seele!&ldquo;
-</p>
-
-<p>
-&bdquo;Die göttliche Sprache!&ldquo; fing er nun an. &bdquo;Ja, das
-ist das Wunderbare an ihr, das unterscheidet sie von allen
-andern Künsten und erhebt sie zur höchsten: daß sie so
-unmittelbar ist. Nichts als der zaubrische Mund! Da ist
-der Mensch, allein, und er selber ganz und gar und allein
-ist: Instrument. Die Öffnungen einer Flöte mit den Fingern
-betupfen, auf den Saiten einer Geige die Finger so
-und so stellen, mit dem Bogen so und anders anstreichen,
-&mdash; was andres tut denn der Mensch, der redende, wenn
-er die Zunge so und so an den Gaumen, an die Zähne
-drückt, die Lippen weit oder wenig, rund oder schmal öffnet?
-Und er tut ja mehr! Im Instrument ist der Ton,
-er bringt ihn nur hervor, tut Wissen und Handhabung
-hinzu, aber die Sprache, die bildet er ja selbst, er bildet
-das Wort, ganz und gar, außen und innen, Zeichen und
-Sinn, und wie aus einer Blume, so duftet die himmlische
-Seele daraus hervor! Und ist der Mensch selber das Instrument,
-so muß einer sein, der spielt, wer ist das? Der
-Gott. &mdash; Allem Alltäglichen, allem Irdischen und Menschlichen
-abgewandt, ganz hingegeben dem göttlichen Spieler
-allein, an seine Brust gelegt wie die Geige, &mdash; wie durchrauscht
-ihn sein Tönen! &sbquo;Die Herden trabten aus den
-<a id="page-402" class="pagenum" title="402"></a>
-Winterlagern&lsquo;. Sieh, das ist meine Sprache, alles ist da
-wie in meiner Sprache, aber vom ersten Hauche an fühlst,
-ja, noch ehe du die Lippen öffnest, fühlst du schon: es ist
-ein Andrer, der dir den Mund öffnet, und nun wird eine
-andre Sprache ertönen, erkennbar an keinem besondren
-Klang, oder Bild, oder Gedanken, sondern nur an diesem
-allein, diesem göttlichen <em>Anderssein</em>, das du so spürst
-wie &mdash; wie wenn du schlafend auf einen Stern versetzt
-wärest und erwachtest auf ihm und wüßtest gleich beim
-ersten Atemzug aus seiner Luft, aus der <em>anderen</em> Luft:
-du bist auf einem Stern. &sbquo;Die Herden trabten aus den
-Winterlagern ...&lsquo; Oh wie es da hervorduftet aus dem
-Unsichtbaren, wie am dunklen Morgen der Geist der
-Erdenkräfte schlafkühl duftet aus dem Schlummer der
-Geschöpfe. Jedes Gedicht aber, das so nicht ist, an dem
-man nur zu Stellen, wie den Kristall im Stein, das göttliche
-Dasein spürt, verkalkt, getrübt und unrein, ist Lästerung
-des Gottes, Georg, Vergiftung des Gottes, und sie
-wird sich rächen und die Seele dessen vergiften, der sie
-beging!&ldquo;
-</p>
-
-<p>
-&bdquo;Du meinst mich&ldquo;, sagte ich hierauf.
-</p>
-
-<p>
-Aber nun wollte er es nicht gelten lassen.
-</p>
-
-<p class="tb">
-&nbsp;
-</p>
-
-<p class="noindent">
-Ich saß hinter dem Tisch auf dem Sofa, hatte die
-Ellenbogen auf der Platte, die Hände übereinander gelegt
-und das Kinn darauf, und so rauchte ich, und wir schwiegen.
-Auf einmal lächelte Bogner. &mdash;
-</p>
-
-<p>
-&bdquo;Warum lächelst du?&ldquo; fragte ich.
-</p>
-
-<p>
-&bdquo;Ich lächelte über dich&ldquo;, gab er zur Antwort.
-</p>
-
-<p>
-<a id="page-403" class="pagenum" title="403"></a>
-&bdquo;Du hast nämlich&ldquo;, fuhr er auf mein Ersuchen fort,
-&bdquo;mitunter eine so erinnerungsvolle Bewegung beim Rauchen.
-Mitunter, wenn du die Zigarette aus dem Munde
-nehmen willst, dann nimmst du sie zwischen zwei steife
-Finger, und dann schiebst du die Lippen ganz weit vor,
-wie zum Saugen, und dann lösest du das an der
-Lippenhaut klebende zarte Papier langsam ab. Dabei
-saugst du dich innerlich ganz voll mit Rauch, und nach
-einer Weile strudelst du ihn von dir mit einem traurigen
-Seufzer.&ldquo;
-</p>
-
-<p>
-&bdquo;Gott segne deine Augen, Bogner,&ldquo; erwiderte ich,
-&bdquo;und was soll das alles?&ldquo;
-</p>
-
-<p>
-&bdquo;Darin soll&ldquo;, sagte er, &bdquo;eine Antwort auf die Frage
-liegen: warum raucht der erwachsene Mensch? Es giebt
-ja Unverständige darunter, die nehmen bloß den Mund
-voll, aber der Wissende tränkt seinen ganzen Leib durch
-die Lunge mit dem schönen Gift. Warum, Georg? Aus
-Erinnerung. Er denkt an seine Kindheit und saugt wieder.
-Damals weiße Milch, heute braunes Gift. Und er muß
-den entseelten Rest des nur halb Verzehrten wieder von
-sich geben und tut es mit einem traurigen Seufzer.&ldquo;
-</p>
-
-<p>
-Bogner lachte bis zu Tränen, zog dann seine alte Pfeife
-aus der Tasche, die er nicht brauchen darf, betrachtete sie
-wehmutvoll und roch daran. Auch ich hatte erst lachen
-müssen, aber nun wurde ich von Schrecken ergriffen im
-Gedanken an das von der Wiege und der Mutter, und
-ich sagte: &bdquo;Ja, ist es denn wirklich so, Bogner, daß mit
-unsrer Kindheit alles ein Ende nimmt, und wenn wir uns
-an Äonenfernes zu erinnern glauben, so war es nur
-zwanzig Jahr her?&ldquo;
-</p>
-
-<p>
-<a id="page-404" class="pagenum" title="404"></a>
-&bdquo;Glaubst du das?&ldquo; fragte er. &bdquo;Ich weiß es seit langem.&ldquo;
-Und er erklärte mir, daß er besonders deutliche
-Erinnerungen an früheste Kindheit hätte, und zwar nicht
-eingebildete nach Erzählungen Erwachsener.
-</p>
-
-<p>
-Und da fängt er an, von den Erscheinungen seiner
-kindlichen Fieberträume zu sprechen, und sagt: &bdquo;Da war
-nämlich das Große!&ldquo;
-</p>
-
-<p>
-Ich wäre gern in ihn hineingestürzt. Ich schrie: &bdquo;Das
-Große! das kennst du auch? Dies entsetzliche schwarze
-Anwachsen und Riesigsein und &mdash;&ldquo;
-</p>
-
-<p>
-&bdquo;Und dann der Gang, durch den man hindurchsoll,
-und der zu eng ist ...&ldquo;
-</p>
-
-<p>
-&bdquo;Ein Gang war bei mir nicht,&ldquo; sagte ich, &bdquo;bei mir
-war das Wälzen!&ldquo;
-</p>
-
-<p>
-&bdquo;Nun, das ist gleich,&ldquo; meinte er, &bdquo;es hat ja den gleichen
-Sinn.&ldquo;
-</p>
-
-<p>
-Ich schrie wieder: &bdquo;Es hat einen Sinn? Welchen
-Sinn hat es denn?&ldquo;
-</p>
-
-<p>
-&bdquo;Du siehst, daß es einen Sinn haben muß, denn wie
-könnten sonst wir Beide es erlebt haben? Und nicht nur
-wir Beide. Ich glaube, daß jeder Mensch es kennt, und
-zum Beispiel in dem Buch von Rilke, da steht es auch
-darin.&ldquo;
-</p>
-
-<p>
-&bdquo;Ja, aber was ist es denn, mein Gott?&ldquo;
-</p>
-
-<p>
-Er sagt: &bdquo;Die Geburt.&ldquo;
-</p>
-
-<p class="tb">
-&nbsp;
-</p>
-
-<p class="noindent">
-Heute will ich nur aufschreiben, was mir eben wieder
-ins Gedächtnis kommt aus den ersten stillen Tagen
-dahier.
-</p>
-
-<p>
-<a id="page-405" class="pagenum" title="405"></a>
-Wir befanden uns in der noch lauen Nacht ohne Sterne
-oben auf dem Deich über der Ebbe des Meers. Zwei
-Tütvögel, die unsre Anwesenheit erregte, kreuzten unaufhörlich
-über uns hinweg, jeder eine Zeitlang, wenn er über
-uns war, anhaltend und mehrmals seinen mißtönigen
-Klageschrei ausstoßend, &mdash; der einzige Laut in der Stille.
-Ich lag auf meinem Mantel, die Füße in der Richtung
-der unsichtbaren See, die Hände unterm Kopf, im linken
-Augenwinkel, mehr gewußt als gesehn, den Schatten des
-sitzenden Malers auf seinem Feldstuhl. Wir hatten &mdash;
-nicht das erste Mal &mdash; von Ulrika gesprochen, und er deutete
-mir wieder Züge ihres Wesens und das Ganze auf
-eine unendlich innige Weise des Wissens. Dabei war es
-aber immer, als ob hinter seinen Worten sich das bewegte,
-was er mir später &sbquo;gestand&lsquo;, wie er sagte, das Geheimnis
-seines und ihres Lebens und Sterbens. An jenem
-Abend sagte er, er habe einmal in seinem Leben, vor
-Jahren, eine Frau so geliebt, daß er fast daran zu Grunde
-gegangen wäre; &bdquo;und das&ldquo;, sagte er, &bdquo;schien mir
-später zuviel für einen Menschen, dessen Auftrag es nicht
-ist, Menschen zu lieben, sondern &mdash;&ldquo;
-</p>
-
-<p>
-Er schwieg, und ich glaubte das Ungesprochene richtig
-zu ergänzen, indem ich sagte: &bdquo;die Kunst.&ldquo;
-</p>
-
-<p>
-Ich wandte mich zu ihm bei diesem Wort und sah nun
-sein eines Auge im Dunkel, der See zugewendet in einer
-Haltung des Kopfes, die mir besonders verzweifelt erschien.
-</p>
-
-<p>
-&bdquo;Nein, Mensch, wie kommen Sie darauf?&ldquo; sagte er
-dann. &bdquo;Glauben Sie, einer wie ich &mdash; liebte die Kunst?
-Denken Sie bitte einmal an das, was Sokrates im Gastmahl
-<a id="page-406" class="pagenum" title="406"></a>
-Platos feststellt: daß man liebt, was man nicht hat.
-Was ich nicht habe, ja, das liebe ich freilich, und das ist:
-die Form. Die Vollkommenheit. Das ist jedes Bild, das
-ich noch nicht gemacht habe.&ldquo;
-</p>
-
-<p>
-Ich sagte nun einiges Unvollkommene und Verlegene,
-wie daß Kunst selber eben die Liebe sei, die alles, was sie
-nicht habe &mdash; ewig und ewig die Form &mdash; mit solchem
-Wahnsinn begehre, daß sie es darstellen müsse.
-</p>
-
-<p>
-&bdquo;Ja, den Dämon,&ldquo; sagte er leise, &bdquo;wenn Sie den
-meinen, &mdash; den Dämon, der treibt und widersteht, den
-liebt man ja wohl.&ldquo;
-</p>
-
-<p>
-&bdquo;Und übrigens&ldquo;, fuhr er nach einer Pause gequält
-fort, &bdquo;habe ich Sie eben belogen. Früher war das so.
-Nun, ja nun haben Sie recht, nun liebe ich die Kunst,
-die ich nicht mehr habe, und den Dämon erst, der mich
-verlassen hat, weil ich ihn verließ und zu Menschen
-ging.&ldquo;
-</p>
-
-<p>
-&bdquo;Bogner,&ldquo; sagte ich und legte die Hand auf sein Knie,
-&bdquo;Bogner, das ist doch nicht wahr!&ldquo;
-</p>
-
-<p>
-Ich setzte mich auf. Der Schatten schlagender Flügel,
-Weißes vom Vogelleib fielen aus der Nacht herunter,
-deutlich scholl der Notschrei. Bogner ergriff meine Hand
-und hielt sie fest. Er nickte dann langsam mit dem Kopf
-und sagte leise und geheimnisvoll:
-</p>
-
-<p>
-&bdquo;Wenn es einer begreifen könnte außer mir, &mdash; was
-wäre es dann?&ldquo;
-</p>
-
-<p>
-Meine Hand ließ er nicht los. Ich fand kein Wort,
-und er blieb verschwiegen. Aber meine Hand hielt er fest,
-daß es mich jammerte im Herzen, bis wir dann aufstanden
-und ins Haus hinabstiegen.
-</p>
-
-<h5 class="subsection">
-<a id="page-407" class="pagenum" title="407"></a>
-(Cornelia)
-</h5>
-
-<p class="noindent">
-Bei einer Wanderung, auf langer Straße im flachen
-Land, kann es uns wohl begegnen, daß wir in weiter
-Ferne zu unsrer Linken oder Rechten etwas Menschenhaftes
-gewahren, nichts weiter als einen Punkt, der menschenhaft
-erscheint, ohne Bewegung, und der die Weile,
-während der wir ihn im Auge behalten, sich nicht verändert
-noch deutlicher werden will. Vergaßen wir ihn dann
-lange Zeit über andern sehenswerten Dingen umher, so
-gewahren wir ihn plötzlich gar nicht weit von uns auf
-einer zur unsern heranführenden Straße, deutlich genug,
-um ihn an Gang und Kleidern als einen Menschen, wie
-wir selber es sind, zu erkennen, und dann betritt er vielleicht
-keine drei Schritte vor uns unsre Straße, hält an
-und erwartet uns, wir reden uns an, wir finden Gefallen
-genug an einander, zusammen zu bleiben für ein paar
-Stunden, wir verstehen uns gut mit ihm, oder auch er
-erscheint uns sehr merkwürdig während der nun gemeinsamen
-Wanderung, und schließlich fällt es uns wohl zu
-unserer Verwunderung ein, daß wir hier zusammen gehn
-und gut Freund sind mit jenem Punkt, den wir vor zwei
-Stunden keiner Beachtung, keines Gedankens von Möglichkeit
-einer Beziehung für uns wert hielten.
-</p>
-
-<p>
-Es sind heut Jahre her &mdash; nach der gewöhnlichen Berechnung
-nur Jahre &mdash;, da sah ich Cornelia ganz von
-fern, nicht deutlicher, als daß sie zu erkennen war als ein
-weiblicher Mensch. Auf einmal sah ich sie zu meiner
-Straße heraufkommen; hier war es, hier sollte sie wenig
-Schritte vor mir meine eigene Straße betreten, ich gewahrte
-sie schon deutlicher, so daß, wenn wir etwa am Vormittag
-<a id="page-408" class="pagenum" title="408"></a>
-zusammen um den Deich gingen, heut, oder morgen
-am Nachmittag Tee tranken mit den Andern, oder
-einer las vor und wir lauschten: daß ich dies und jenes
-schon sicher an ihr wahrnahm: den Schnitt ihres Mantels,
-die Form ihrer Stiefel, Besatz an der Bluse, ihr
-Haar, ihren in den Fußgelenken schwingenden Gang,
-ihre länglichen Hände, die Lockerheit des Daumens, das
-Rund ihrer Augen und ihren Blick. Langsam bildete sich
-so ein Ganzes aus vielen Teilen, dieweil wir uns nun entschlossen
-hatten, nebeneinander zu gehn, &mdash; erkennbar
-schon als ein Ganzes, obwohl noch manches Stück fehlte
-und zwischen den vorhandenen die Risse und Fugen noch
-ungeheilt schimmerten. Aber sie heilten, denn nun kam
-auch Teilnahme, das formenschaffende Gefühl, ein Wesen
-bildend langsam, das mir wohlgefiel, das meinen Sinnen
-wohltat, den fünfen und jenem unbekannten, nicht mit
-Namen zu nennenden, jenem Tastempfinden von Mensch
-zu Mensch, auf dem alle Möglichkeiten und Beziehungen
-der Menschen zueinander beruhen, der uns den andern
-Menschen <em>atmen</em> läßt wie ein besondres Arom in unserer
-Luft, und in dem dann bald die süße Flamme Ähnlichkeit
-sich gläsern erhebt, wie die Flamme der heißen Mittagsluft
-überm Wachholder der Haide, &mdash; sie zeigte sich über Cornelia.
-</p>
-
-<p>
-Nun erschien sie mir schon besonders; nun erschien sie
-mir, meiner Veranlagung gemäß, vor allem: hübsch, und
-es deuchte mich angenehmer, beim Gehen die Hand in
-ihren Arm zu schieben, und so weiter. Es war bereits
-immer ein leises Freuen, wenn sie kam und zugegen war;
-was man sagte, dem hörte sie gut zu und gab die rechten
-Ergänzungen oder Erweiterungen, und so man nicht
-<a id="page-409" class="pagenum" title="409"></a>
-sprach, war sie&rsquo;s auch zufrieden und schwieg. Sie war
-nämlich bereitwillig.
-</p>
-
-<p>
-Morgens kam sie selbst mit dem Frühstück, ich lud sie
-zu bleiben, und sie blieb, dann stellte sich heraus (nämlich
-ich mußte fragen, von selbst gab sie nichts preis), daß sie
-selber noch nüchtern war, und nun mußte sie ihr Frühstück
-mitbringen. Erlaubte es irgend das Wetter, so erwarteten
-wir gemeinsam am Strande das tägliche Boot mit meinem
-Kurier, dort trafen wir den notwendigen Hauptmann,
-standen in unsern Mänteln und hochgeschlagenen Kragen
-gegen den Wind gedreht, froren erbärmlich und sahen
-uns gegenseitig immer röter anlaufen.
-</p>
-
-<p>
-Nun und so weiter ...
-</p>
-
-<p>
-Was aber war dann eines Tages anders geworden?
-&mdash; Nun hielten wir uns nämlich bei den Händen im Gehn,
-meine Stimme hatte den weicheren Ton der Vertraulichkeit,
-meine Hand das Recht, den vom Wind umgekrempten
-Mantelkragen zurechtzuschieben oder die schiefgewehte
-gestrickte Mütze gradezuziehn über ihrer Stirn, ohne daß
-sie oder ich dabei den grade begonnenen Satz unterbrach.
-Ich fand alte Gedichte und las sie ihr vor, ich kannte nun
-den besondren Ton ihrer Haut am Nacken, dort wo die
-Bluse sich ablüpfte, wenn ich ihr in den Mantel half. Ich
-kannte genau die Form ihrer Stirn und jede Bewegung
-ihres Mundes, und viele ahnte ich voraus und erwartete
-sie, und all dies ward mir sehr lieb. Ich erinnerte mich:
-dies hatte ich schon früher erlebt, und doch war es dadurch
-nicht abgenützt worden. Ich dachte aber nicht, daß ich
-sie küssen möchte, denn so besonders war mir noch von
-der Krankheit her.
-</p>
-
-<p>
-<a id="page-410" class="pagenum" title="410"></a>
-Aber siehe da, plötzlich eines Nachts, schrieb ich diese
-Verse auf:
-</p>
-
-<div class="poem-container">
- <div class="poem">
- <div class="stanza">
- <p class="verse">Diese Nacht aus dumpfem Schlummern</p>
- <p class="verse">Fuhr ich auf: das Schweigen dröhnte</p>
- <p class="verse">Mir ans Ohr, doch spürt ich: andres</p>
- <p class="verse">Dröhnen, Fausthieb, Fausthieb draußen,</p>
- <p class="verse">Zornig auf des Tores Bohlen</p>
- <p class="verse">Jagte mich empor.</p>
- </div>
- <div class="stanza">
- <p class="verse">Gleich da wußt ich draußen stehen</p>
- <p class="verse">Ihn vorm Tore, Eros, jenen:</p>
- <p class="verse">Eros mit den Löwenfüßen,</p>
- <p class="verse">Eros mit den Geierschwingen,</p>
- <p class="verse">Eros mit dem Fackelantlitz</p>
- <p class="verse">Donnerte ans Tor.</p>
- </div>
- </div>
-</div>
-
-<p class="noindent">
-Am folgenden Morgen dann, siehe da gingen mir die
-Augen auf, und ich erkannte, daß sie weiblich war.
-</p>
-
-<p>
-Bald darauf stellten sich von Augenblick zu Augenblick
-Worte oder Handlungen ein, die sich auf keine Weise
-besser begleiten ließen oder gar ausdrücken als durch einen
-Kuß, und ich küßte sie zum Dank, daß sie das Frühstück
-brachte, beim Gutenachtsagen, beim Morgengruß, beim
-Klettern über eine Buhne, beim stillen Hinaussehn über
-die See, kurzum bei jeder Gelegenheit. Küssen ist, wie
-wenns regnet; erst wenig, dann immer mehr.
-</p>
-
-<p>
-Sie aber, sie hatte auf meine Veranlassung angefangen,
-mit mir zu frühstücken, mit mir spazieren zu gehn,
-sich vorlesen zu lassen, lange mit mir zusammen zu sein,
-schließlich auch sich küssen zu lassen und wieder zu küssen.
-<a id="page-411" class="pagenum" title="411"></a>
-Ich bedachte mich zuweilen, was in ihr vorgehen mochte.
-Sie äußerte nichts, außer auf Befragen. Und dies mocht
-ich nicht fragen, denn dann hätte der immer noch in der
-Entwicklung sich windende Satz plötzlich ein Ende genommen,
-ob mit Fragezeichen, Rufzeichen oder Punkt, &mdash;
-jedenfalls ein Ende, und ein ganz neuer hätte begonnen.
-Ich dachte: sie ist doch klug, sie sieht kein Ding halb, sondern
-rund, wie zum Beispiel auch den Mond, von dem
-man weiß, daß er rund ist, obwohl scheinbar eine Sichel.
-Nur: sie tat zu alledem nichts dazu. Sie schien immer mit
-allem zufrieden.
-</p>
-
-<p class="tb">
-&nbsp;
-</p>
-
-<p class="noindent">
-Ein Winterabend. Im Dunkel trat ich aus meiner
-Tür, ausgewiesen nämlich vom dortigen Eros. Unwandelbar
-dröhnte der Ozean. Das Tal unter mir schimmerte
-mattweiß, eine dünne Schneedecke war drübergefallen,
-es rieselte noch in der Luft, es war kalt. In der Tiefe zur
-Rechten zwei rötliche Rechtecke &mdash; die erleuchteten Fenster
-in Bogners Haus; in der Tiefe mir gegenüber ein gleiches.
-Dorthin ging ich; nicht daß ich erwartete oder verlangte,
-aber &mdash; was konnte nicht möglich sein?
-</p>
-
-<p>
-Mir begegnete nichts unterwegs. Tote begegnen nicht,
-sie sind Wink. Ein roter Becher bei einem brennenden
-Leuchter ... nahe darunter ein niemals vergehendes Lächeln.
-Jedes Lächeln nimmt ein Ende zu seiner Zeit. Dies
-endete niemals. Siehe da, welch eine Schattengestalt über
-den Lichtern? Josef Montfort. Zwei Tote. Damals zusammen,
-heut wieder zusammen; so stellten sie sich mir dar.
-</p>
-
-<p>
-Ich kam aber durch die hartgefrorenen, dünn schneeüberzogenen
-Gemüsefelder an das Fenster, das zu ebener
-<a id="page-412" class="pagenum" title="412"></a>
-Erde liegt, und schaute hinein. Irgendwo stand ein brennendes
-Licht. Der Raum war klein und niedrig. Sie
-stand vor einem geöffneten Kleiderschrank, hängte eine
-blaßrosa Seidenbluse über einen Bügel, diese in den
-Schrank hinein und schloß die Türen; lautlos, denn in der
-Nacht brüllte der Eros über die See. Da klopft ich ans
-Fenster. Sie kam und machte auf. Ich sagte wohl:
-Guten Abend! und: Noch nicht schlafen gegangen?
-Sie antwortete dies und das; wir küßten uns dann
-wohl.
-</p>
-
-<p>
-Und es hatte nunmehr jene Frage zu kommen, die aussieht
-wie alle andren Fragen, die aber am unsichtbaren
-Faden weit hinter sich her etwas zieht, das nicht den geringsten
-Zusammenhang mit ihr hat. Ich fragte nämlich,
-ob ihr auch nicht kalt sei. &mdash; Sie konnte nun dies oder
-jenes antworten, es gab auf jeden Fall ein Gelenk, und
-sie sagte: Es geht &mdash; und Ihnen? &mdash; Nun tat ich scherzhaft,
-als ob ich gewaltig fröre, um Grund zu haben, sie
-fest an mich zu drücken, worauf sie wiederum &mdash; übrigens
-aus keinem besondren Grunde &mdash; tat, als ob ich ihr wehtäte,
-und sagte: Ich sollte lieber hereinkommen. Da schloß
-sich denn der Ring zur ersten Frage mit meiner letzten,
-(die ich jedoch erst nach einer Weile tat, damit sie auch
-recht bedeutungsvoll erschiene, und während der ich sie
-mit Behutsamkeit an dieser und jener Stelle des Gesichts
-küßte:) Ins Wohnzimmer oder in dieses?
-</p>
-
-<p>
-Eine Antwort erhielt ich naturgemäß nicht. Aber nach
-wenigen Sekunden hatte die Erwiderung meiner Küsse
-einen andren Schmelz, und ich hielt einen andren Menschen
-im Arm. &mdash; &mdash;
-</p>
-
-<div class="poem-container">
- <div class="poem">
- <div class="stanza">
-<a id="page-413" class="pagenum" title="413"></a>
- <p class="verse">Und als sie wieder lagen auf bekränzter,</p>
- <p class="verse">Ermüdete, auf schmaler Lagerstatt,</p>
- <p class="verse">Stand auch der Geierfittich sanft am Fenster</p>
- <p class="verse">Und lächelte auf das erglänzte Watt.</p>
- </div>
- </div>
-</div>
-
-<p class="noindent">
-Es schien nämlich (ganz nutzlos, aber doch überaus
-frohgemut und strahlend über seine Anwesenheit) schien
-der Mond vom Himmel herab, als ich wieder aus dem
-Hause trat, und geleitete mich mit meinem Schatten wie
-mit einer Hand fürsorglich durch das Tal bis nach oben
-vor meine Tür, wo er zurückblieb.
-</p>
-
-<p>
-Wieder einmal aber, schlafesunbedürftig sitze ich nun in
-der langsam verhauchenden Wärme des Ofens, verzeichne
-eine Stunde dieses nie zu begreifenden Daseins, blicke von
-unten in die Lampe, bin besonders ruhig, allem Ewigen so
-fern, ein kleiner Mensch im Gehäus, und ich beginne fruchtlos
-zu staunen über die Ahnungslosigkeit unseres Seins.
-</p>
-
-<p>
-Da doch immer wir selber es sind, die alles tun, was
-unser Leben ausmacht, wie unbegreiflich, wenn man sich
-hineinversenkt, scheint es, daß wir vom tausendsten Teil
-des allen, solange es gegenwärtig ist, nicht die wirkliche
-Bedeutung erfassen. Was würden wir sagen, wenn bei
-der Begegnung mit einer fremden Frau ein Dritter uns
-darauf aufmerksam machen würde, daß uns über Jahr
-und Tag ihre besondre Art, das Strumpfband zu verhaken,
-nicht unbekannt sein würde und keine besondre
-Sache, und daß wir zusammenschliefen in einem noch nicht
-einmal gebauten Bett?
-</p>
-
-<p>
-Es geschieht auch wohl einmal, daß die gewohnten Zusammenhänge
-mit unsrer Umgebung und uns selber unvermerkt
-<a id="page-414" class="pagenum" title="414"></a>
-sich in nichts auflösen; wir sehen mit einem
-Schlage auf uns selber herunter wie von einem Stern, sehen
-uns und unser Erdendasein in einem fremden Licht, im Licht
-der Lebensart auf jenem Stern, und da kommt es uns so
-fremd und ohne Sinn vor, daß wir uns fragen: Dies sind die
-Dinge, die dorten vor sich gehn? Dazu wird dorten gelebt?
-Warum sind sie so? Welche Gründe haben sie zu all diesem?
-Was frommt ihnen dies? Was haben sie davon?
-</p>
-
-<p>
-Antworten aber giebt es keine. Aber so erkannte ich
-auf einmal sie und mich ganz von oben in jener Stunde,
-wo ich mich neben ihr in dem bäuerlichen Schrankbett
-fand, ausgestreckt auf dem Rücken, die Hände unter dem
-Kopf. Ich hörte dumpf das Brausen der See. Ein Licht
-in einem Holzleuchter, bestehend aus einer größeren rot-
-und drei kleineren grünlackierten Kugeln als Füßen, bewegte
-leise die goldene Flamme mit gasblauem Kern im
-Luftzug der nahen Fensterfuge; dahinter hingen die stillen,
-weißen Gardinen hellbeleuchtet; es stand auf einem einfachen
-Tisch, hellblau gestrichen wie die übrigen Möbel,
-Stühle, Waschtisch, Kommode, Schrank &mdash; mit bunter
-Blumenmalerei &mdash; und hinter allen, die Wände empor,
-waren die stillen Schatten. Zwischen mir und der Wand
-im Bett aber saß, die Arme um ihre Knie geschlungen,
-das Kinn fast darauf, Cornelia, und ihre Augen, groß,
-rund und dunkel, waren ohne Bewegung auf das Licht
-gerichtet, von dem sie erglänzten. Sie sah aus, als wüßte
-sie genug. Weich und gerötet war die Haut ihres Gesichts.
-Sie sprach kein Wort wie auch ich. Und sie und
-ich, so enge beisammen, sie saß und ich lag, und wir dachten
-Beide weit weg unsrer Toten.
-</p>
-
-<h5 class="subsection">
-<a id="page-415" class="pagenum" title="415"></a>
-(Von Bogner)
-</h5>
-
-<p class="noindent">
-&bdquo;Rembrandt,&ldquo; sagte Bogner, &bdquo;er mußte nur immer
-malen.&ldquo;
-</p>
-
-<p>
-(Ich hatte Bogner mit einem großen und roten Buch
-voller Wiedergaben Rembrandtscher Gemälde angetroffen,
-und wir sprachen darüber.)
-</p>
-
-<p>
-&bdquo;Er mußte nur immer malen, und um ja nicht nachdenken
-zu müssen über einen Gegenstand &mdash; denn was ihn
-anging, war immer nur das Eine: das Leuchtende, wie es
-aufblüht aus der Nacht! &mdash; so malte er unaufhörlich sich
-selber. Sieh doch nur,&ldquo; sagte er blätternd, &bdquo;diese ungeheure
-Anzahl von Selbstbildnissen! Und nun sieh nur
-einmal, wie er es anstellt, Abwechselung zu gestalten! Hier,
-hier hast du drei, sieben, vierzehn Bilder aus benachbarten
-Jahren, aus demselben Jahr! Immer derselbe Mensch,
-und immer ein Andrer. Das ist die Kunst des Entfremdens.
-Ja, glaubst du, er hatte sich so verändert in so
-kurzer Zeit? Sieh doch an, was macht er hier? Er runzelt
-die Stirn, und schon wards ein andres Gesicht. Er
-setzt einen Hut auf, eine Mütze, einen Helm, eine Sturmhaube,
-und die geringe Veränderung, die der Kopfschmuck
-bewirkte, breitete er aus über das ganze Antlitz, und es
-gab neue Schatten, neue Lichtflächen, und schließlich bildete
-er sich alles nur ein und konnte Runzeln oder Falten oder
-Furchen, Glätten oder Rauhen oder Rundungen sehen,
-wo gar keine waren, gar keine. Sieh doch das hier! das &mdash;&ldquo;
-er lächelte, &bdquo;ja, da haben sie darunter geschrieben &sbquo;Bildnis
-eines jungen Mannes&lsquo;. Meinst du vielleicht, das
-wäre er nicht? Und hier &mdash;&ldquo; er zeigte auf ein Bild, unter
-dem ein Name stand, den ich nicht im Gedächtnis behielt &mdash;
-<a id="page-416" class="pagenum" title="416"></a>
-&bdquo;das ist er natürlich selber! Seine ganze Phantasie &mdash;
-glaube mirs, Georg &mdash; bestand im Verändern. Sieh doch
-hier diese Landschaft mit den geisterhaften Bäumen! Das
-ist nicht wirklich und ist nicht empfunden, nur sein Dämon
-griff hinein, riß und bogs auseinander und stellte sich
-mitten hinein.&ldquo;
-</p>
-
-<p>
-Er schwieg, schlug langsam die Seiten um, und ich sah,
-daß er zu den Altersbildern gelangt war. Gleich darauf
-begann er wieder, furchtbar ernst:
-</p>
-
-<p>
-&bdquo;Und nun sieh hier das. Siehst du, da kam es! Jahrzehntelang
-hatte er Mummenschanz getrieben mit seinem
-Gesicht, und nun &mdash; nun sitzt plötzlich einer innen und verändert
-willkürlich, von innen! &mdash; Da! siehst du das? Wer
-ist das? Ihre Majestät die Ruine. Nun kann er sich
-jeden Monat malen und jede Woche, jeden Tag, ja, jede
-Stunde &mdash; es ist immer Verfall. Er zerfällt, er zerblättert
-fürchterlich, es bläht ihn auf, es sackt wieder zusammen,
-es glotzt aus ihm, es grinst, es schluchzt, es sickert, es
-bröckelt, es &mdash; zerfällt, zerfällt, und er &mdash; er malt es, malt
-es, er ist ganz blöd, er denkt bloß, daß ihm auch das Verändern
-jetzt abgenommen ist, und daß diese Art des Veränderns
-noch genialischer ist als die eigene Methode, und
-er malt, halb blind, besinnungslos, ein Schwamm, ein
-morscher Stumpf, der phosphoresziert! Sieh die Gesichter,
-diese Larven einer Armenhäuslergalerie, diesen Katalog
-aller Krankheiten, ohne Geist und ohne Seele, ohne Zukunft,
-ohne Gott, nur noch Schicksal, wütendes Schicksal
-des Malenmüssens, das in seiner leiblichen Hülle sitzt.
-Und malt er denn noch, er? Seine Hände malen, in seinen
-Händen sitzt das Malen und rast mit den Pinseln,
-<a id="page-417" class="pagenum" title="417"></a>
-ohne Farbe, ohne Leinwand, ein Stück Brett und nasser
-Lehm, mehr ist nicht nötig für den glorreichen Triumph
-seiner Hände, drin die Natter Gicht sich verbiß. Und so
-bis zum letzten die ewige Glorie: Licht! Licht! Licht! das
-die vergrämte Ruine mit Seelenblut überlodert, die goldene
-Quelle, das ewige Rieseln aus der Nacht &mdash; Gott im
-Himmel, Georg, wenn aus Baumstämmen vom Druck
-der Jahrtausende Kohle wird, und aus Kohle Diamant:
-so müssen seine Augen, als er endlich tot lag, zwei Demanten
-geworden sein, zu lauter kristallenem Licht gepreßt
-in der ewigen Faust.&ldquo;
-</p>
-
-<p>
-Er schwieg. Ich dachte: er spricht von sich. Scheinbar
-aber hatte er doch an sich selbst nicht gedacht; er machte
-jetzt das Buch, das er im Schoß hatte, zu, legte es vor
-sich auf den Tisch, trocknete die übergelaufenen Augen
-und sagte nun mit sanfterer Stimme:
-</p>
-
-<p>
-&bdquo;Immer muß ich bald auch an van Gogh denken, wenn
-ich mich auf Rembrandt besinne.&ldquo;
-</p>
-
-<p>
-Ich meinte, da er wieder verstummte, das sei wohl der
-Fall, weil für ihn das Malen so sehr das Einzige, so sehr
-eine Raserei gewesen sei wie für Rembrandt.
-</p>
-
-<p>
-Das nicht, erwiderte er. Dazu seien sie doch von zu verschiedenen
-Größenmaßen gewesen. &bdquo;Raserei, sagst du. Ja,
-aber bei van Gogh doch nur die eines Menschen, während
-die Rembrandts an den Niagara denken läßt oder auch an
-eine dieser gewaltigen Maschinen, die still zu stehn scheint
-mit allen Rädern und Riemen, obwohl sie in ungeheurem
-Schwunge ist, und die dabei so sorgsam, zart und genau
-arbeitet wie eine Spitzenklöpplerin. Van Gogh flackerte ja.
-Nein, ich meinte den Gegensatz, nicht ein Gemeinsames.
-</p>
-
-<p>
-<a id="page-418" class="pagenum" title="418"></a>
-&bdquo;Ihrer beider Wollust war &mdash; bis zum Äußersten, wie
-bis zu einem gewissen Grade in jedem Maler &mdash; das Licht.
-Da war nun van Gogh leider von einem blinden Teufel
-besessen, der ihn zwang, geradeswegs mitten hineinzusehn
-in das Licht &mdash; und das malen zu wollen. Und &mdash; siehst
-du &mdash; da flackerte alles und zerstob zu Myriaden bunter
-Funken. Ich weiß nicht, wie sein leiblicher Wahnsinn an
-ihm sich geäußert hat, aber ich könnte mir denken &mdash; weil
-er so besessen war von der flammenden Erscheinung der
-Sonne &mdash;, daß er im Irrsinn nichts andres gewollt hat,
-als geradezu die Sonne malen &mdash; wie er es zuvor versuchte
-mit Hülfe der Landschaft &mdash;, nämlich ihre flammend brodelnde
-Goldscheibe selbst und sonst nichts. Und so, verstehst
-du? hat er die Wahrheit doch nie gesehn.
-</p>
-
-<p>
-Die Sonne, Georg, was liegt denn an der Sonne?
-Wenn ich blind bin, ist deshalb kein Licht? Die Sonne,
-hat sie nicht dunkle Strahlen der Wärme? Und der blinde
-Leib, hat er nicht seelische Strahlen eines Lichts? Was
-van Gogh sah, war die Erscheinung, das Sein, das seiende
-Licht, das von außen in ihn eindrang. Was liegt an ihm?
-Was ist selbst Dasein? Dasein ist nichts, Zeugung ist alles.
-Und &mdash; es zeugt, das Licht, das ist die Wahrheit! Es hat
-gezeugt &mdash; diese Erde, diese Wälder und Äcker und das
-Meer, jeden Baum, die Tiere und den Menschen und seine
-Seele. Es zeugte aus uns den Flammengeist, und es zeugte
-die Weiße der Narzisse; es zeugte die Wärme des Blutes
-und die Glut des Herzens. Die Wärme, Georg, die
-Wärme! Die aber hat er gefühlt, Rembrandt, und die
-hat er gemalt, Rembrandt! Er sah &mdash; die Nacht. Und
-in der Nacht sah er sich zeugen: das Licht, das ewige
-<a id="page-419" class="pagenum" title="419"></a>
-Juwel, die Wonne des erleuchteten Daseins mitten im
-Finstern, und Entzücken strahlte ihn an aus der Nacht,
-und so malte er das Licht in seiner unendlichen Fruchtbarkeit.
-Er malte es als Maler an malerischen Dingen. Er
-ließ es saugen am riesigen Leibe der Nacht, und überall
-taten sich Adern auf, und es schmolz hervor: Juwelen und
-Perlen, die Brokate und die Spitzen, Fahnen und Harnische
-und Fackeln, Stickereien und Sammet, das Lachen
-der Saskia und der Körper Hendrikjes, und hundert Male
-immer wieder &mdash; nur noch Leuchter fürs Licht &mdash; das eigene
-Antlitz, und hinter dem Antlitz die eigene, brennende, brodelnde,
-wollüstige, trinkende, schaffende, zeugende Sonne
-der Seele. Das ganze Dasein war ihm eine unendliche Nacht
-voller tausend Geschichten, die sich fortzeugten auseinander,
-und die ganze Nacht nur ein riesenhafter, schwarzer Spiegel,
-in dem meilenfern, ein verlorener Funken Goldes,
-widerglänzte die eigene Seele, ein Tropfen an Gottes
-Wimper.&ldquo;
-</p>
-
-<p>
-Dies, dachte ich, als ich durch die brausende Nacht zu
-mir hinüberging, blindlings im völlig Schwarzen, dies ist
-nun Bogner? Dieser einst gelinderte, wortkarge, sparsame
-Mensch? Freilich: damals malte er, die Seele glühte sich
-schweigend aus; nun muß sie reden und verbrennt dabei.
-Und ich erschrak, da ich bemerkte, daß ich nicht der einzige
-Unselige bin auf einer so kleinen Insel.
-</p>
-
-<div class="chapter">
-
-<h3 class="chapter" id="subchap-0-2-5">
-<a id="page-420" class="pagenum" title="420"></a>
-Fünftes Kapitel: Dezember
-</h3>
-
-</div>
-
-<h4 class="section">
-Aus Georgs Papieren
-</h4>
-
-<p class="first">
-Von Zeit zu Zeit ereignet es sich wohl einmal &mdash; zumeist
-wenn ich sitze und schreibe &mdash;, daß hinter meinem Rücken
-in der Nachtferne etwas mir vorhanden scheint, das ich
-mehr empfinde denn sehe als: Land. So eine dunkel verdämmernde
-Fläche nämlich ohne Umrisse, von unsichtbarem
-Leben überwebt &mdash; das Land, das meinen Namen trägt
-(obwohl wiederum selber ich ihn nicht trage, aber wer
-weiß das?). Dazu ein Staat, der in hunderttausend Gehirne
-geprägt ist als das Bild eines Berges, auf dessen
-Spitze ich stehe.
-</p>
-
-<p>
-Und ich denke weiter: Hunderttausend Menschen &mdash;
-was liegt an der Zahl? &mdash; sind dort, die an jedem Tage
-zumindest einmal ein Wort sagen oder von bedrucktem
-Papier lesen, einen Titel, unter dem sie mich zu fassen
-glauben. Mitunter, wenn sich ihrer Mehrere zusammentreffen,
-machen sie ein Bündel aus ihren Köpfen und &mdash;
-nun, aus den mehr oder minder abenteuerlichen oder mitleidigen
-oder argwöhnischen Vorstellungen, die sie sich
-machen mögen, ein paar willkürliche herauszugreifen und
-aufzuschreiben, das hat wenig Sinn. Es kommt auf die
-Tatsache an, die ja nun fast von einer metaphysischen
-Bedeutsamkeit ist, denn was ist in Wirklichkeit an mir und
-ebenso an jenen Erdbewohnern, das diese Art von immerhin
-besondrem Schauer in ihr Empfinden von meinem
-Dasein mischt, denn sie mögen mich nun achten oder verachten,
-mich für mehr oder nur soviel wie ihresgleichen
-<a id="page-421" class="pagenum" title="421"></a>
-halten, gut von mir denken oder böse: dieser bestimmte
-Schauer ist immer da, war da von dem Augenblick an,
-wo ich jenen Titel bekam wie ein Kleid, also daß ich seitdem
-tun oder denken, sein und treiben kann, was ich will:
-den Schauer verliere ich so wenig, wie ein Mensch seinen
-Schatten verlieren kann. Es ist beinah wie mit Gott.
-Die Welt mag sein, wie sie will, den Menschen darin mag
-es ergehen, wie es wolle: Gott bleibt ihnen immer Gott,
-und ob der eine nun sein Wirken darin sieht, daß sein
-kranker Bruder gesund wird, der andre darin, daß ein
-Erdbeben kommt, der dritte darin, daß er anstatt den Hals
-nur das Bein brach, und der vierte darin, daß sein Nachbar
-an derselben Krankheit starb, die er überstand: Gott
-bleibt immer derselbe Gott, sie glauben an ihn, und er
-kann sich auf keine Weise verändern.
-</p>
-
-<p>
-Und weiter, was jenes Land angeht, so bin ich es, der
-darin diesen und jenen, mir ganz unbekannten Menschen
-veranlaßt, eines Tages mit seiner Familie und aller beweglichen
-Habe von Süden nach Norden zu reisen, und
-einen ähnlichen von Osten nach Westen; ja, es geschieht
-Tag für Tag, daß nach meinen Angaben Leute von einer
-Stelle weggenommen und an eine andre gesetzt werden,
-wo wieder Andre erst fortgenommen wurden, die zu einer
-dritten geschickt werden, und so fort. Sterne und Kreuze
-aus Metall werden in meinem Namen verteilt und als
-besondre Geschenke von mir angesehn, Urteile ganz fremder
-Leute über Andre werden gültig durch meine Unterschrift,
-und in Kirchen wird für mich gebetet.
-</p>
-
-<p>
-Telemach, begreifst du? Sollte es sich jemals verstehen
-lassen? Verstehen, daß wirklich du es bist, der gemeint
-<a id="page-422" class="pagenum" title="422"></a>
-ist? Und solltest du jemals nicht jenseit sein können von
-alledem, sondern darin?
-</p>
-
-<p>
-Nein, dies wird niemals möglich sein, weil es niemals
-hat möglich sein sollen. Die Schnecke wird erst nackend
-geboren und bildet sich hernach ihr Gehäuse, und ich bin
-nackend herumgelaufen Jahr um Jahr, aber das Gehäuse,
-das auf einmal gebildet war, es war nicht von mir geplant,
-und wer hätte auch von einer Schnecke gehört, für
-die ihr Gehäuse eine Last ist, die sie langsam zu Tode
-würgt?
-</p>
-
-<p>
-Nur so viel sieht Telemach ein, daß es doch möglich ist,
-darin zu wohnen für eine Weile.
-</p>
-
-<p>
-Da ist ein Tisch, und ich gehe um den Tisch. Was
-liegt an Tagen? Ich gehe linksherum und rechtsherum,
-tagein und tagaus, und fange an zu bemerken, daß sich
-eine Spur bildet in der Farbe der Dielen. Was Schlaf
-ist, habe ich auch einmal gewußt; nun ist es ein fliegender
-Rauch, durch den die allstündlichen Bilder wirbeln aus
-Wachsein in Wachsein hinüber. Es ist nicht genügend
-Einsamkeit vorhanden. Die Wintersee ist so laut geworden,
-daß die Andern und ich es aufgegeben haben, miteinander
-zu reden, &mdash; dann züngelt die rasende Ungeduld aus
-mir, wenn ich sitze und sie sitzen sehe, der letzte bange
-Rest Menschenliebe windet und verzehrt sich in meinem
-Herzen, und ich denke, daß ich bald nicht mehr kann.
-</p>
-
-<p>
-In eine hohe Flamme zu steigen wie in ein Bad und
-drin prasselnd zu stehn, müßte das nicht wollustvoll sein?
-Ich brenne allzeit, und mir wird nicht einmal warm davon.
-Ich rüttle an den Steinen des ewigen Geduldspiels,
-aber wie ich die Steine einmal zusammengefügt habe, so
-<a id="page-423" class="pagenum" title="423"></a>
-stecken sie nun, und keiner weicht von der Stelle. Ich
-hoffe, rasend zu werden, und bemerke, daß ich mit der
-Zeit vielmehr in Ordnung gekommen sein muß, denn nicht
-immer, wenn ich schreibe, muß ich wie ehedem jede Laus
-von Wort, die durch mein Gehirn läuft, aufs Papier
-streichen, sondern ich lasse sie sitzen.
-</p>
-
-<p>
-Oh Himmel meiner endlosen Tage wie so grau! Wiesen
-des Sommers und ihre Aurikeln, blaues Wogen des
-Jugendtags, wart ihr wirklich einmal? Ein Knabe
-klettert hoch am Sockel der Sonnenuhr, deckt Zeiger
-und Zifferblatt zu mit dem eigenen Schatten, sucht
-und wundert sich, nichts drauf zu finden, was ihm die
-Stunde anzeigt &mdash; &mdash; es ist keine Stunde, und dies war
-die Jugend. In der tiefen Scharte meines Fensters
-sehe ich ein Stück wankender Wasser, grau und voll gelblichen
-Schaums, ein Hundert Wellenköpfe in jagendem
-Durcheinander, immer dieselben, die auf mich zutaumeln
-und unter mir im Unsichtbaren verschwinden, und ich sehe
-und sehe.
-</p>
-
-<p>
-Oh ein Zeichen, das Zeichen gieb, heilige Allmacht! Halte
-mich doch nicht mehr auf, laß mich doch los! All ihr unendlichen
-Mächte, was verschlägt es denn, ob einer getröstet
-wird? Wenn ich auch schuldig wurde an Menschen,
-so warens doch immer solche, die ich liebte, und ge&mdash;, oder
-hätte ich besser hassen sollen? Ja, war es dies, daß ich
-lau war, nicht böse, nicht gut, nicht kalt und nicht heiß,
-und soll ich darum, darum in alle Ewigkeit sitzen zwischen
-Leben und Sterben?
-</p>
-
-<h5 class="subsection">
-<a id="page-424" class="pagenum" title="424"></a>
-(Von Bogner)
-</h5>
-
-<p class="noindent">
-Das fehlte noch! Heute sagte Bogner: er fände die
-Welt in Ordnung. Ja, wie soll man da widersprechen?
-Er hat es entschieden, und nun war es so. Mitten in der
-Nacht war er aufgewacht und hatte diese Entdeckung gemacht.
-Erstens: die Welt; zweitens: in Ordnung.
-</p>
-
-<p>
-Danach bewies er es mir auch.
-</p>
-
-<p class="tb">
-&nbsp;
-</p>
-
-<p class="noindent">
-Es wurde sehr spät gestern nacht über Erzählungen
-Bogners von Frankreich und Spanien. Später kam er
-auf einige besondre persönliche Erlebnisse, und dann
-fand ich mich dabei, wie ich ihm von Cordelia erzählte.
-Am Schlusse unterließ ich dann nicht eine besondre Darstellung
-meiner Verschuldung, zu der mir im Laufe der
-Zeit ein neues Ingredienz bekannt geworden war, nämlich
-daß ich sie nur aus Lüsternheit suchte, nicht aus Liebe;
-daß sie mich deshalb nicht für ihr so nahe halten konnte,
-um ihr Geheimnis zu beichten; daß also, wenn meine
-Sinnlichkeit schon in früheren Jahren ihre notwendige,
-regelmäßige Stillung gefunden hätte &mdash; und so weiter.
-</p>
-
-<p>
-&bdquo;Der Fluch der Lüsternheit über der Menschheit&ldquo;, sagte
-er, &bdquo;ist der Schatten eines Segens und darum unheilbar.
-Im Grunde davon wohnt einer der beiden tiefen, alles
-beherrschenden Triebe, deren einer zielt nach dem Lichte,
-deren andrer nach dem Dunkel. Niemand liebt wahrhaft
-das Licht, der nicht auch die Nacht liebte; niemand wahrhaft
-die Nacht, der nicht auch das Licht liebte. (Darum
-beginnt Novalis den Hymnus auf die Nacht: &sbquo;Welcher
-Lebendige, Sinnbegabte liebt nicht vor allen Wundererscheinungen
-<a id="page-425" class="pagenum" title="425"></a>
-des verbreiteten Raums um ihn das allerfreuliche
-Licht ...&lsquo;) Im Licht ist das Wissen, im Dunkel
-das Geheimnis. Wir sehnen uns nach dem Wissen und
-sehnen uns nach dem Geheimnis. Wir sehnen uns nach
-dem Verhüllten, das für den Dumpfen das verhüllte
-Nackte ist. Er will nicht das Nackte, er will das geheime
-Nackte. Wäre es nicht geheim, so wäre es kaum noch.
-</p>
-
-<p>
-&bdquo;Der aber&ldquo;, sagte Bogner, &bdquo;ist der Heilige, der das
-Geheimnis weiß im Licht.&ldquo;
-</p>
-
-<p>
-Und der, setze ich nun hinzu, ist der Glückliche, der
-ewig ein Geheimnis pflegen kann &mdash; es besitzend, ohne es
-je zu durchschauen &mdash;, dem es selber zur Magie geworden
-ist: der Dichter.
-</p>
-
-<p>
-Hielt ich mich selbst nicht für einen? Heute weiß ich
-nicht einmal, wie ich davon abgekommen bin. Es vollzog
-sich die Einsicht wohl mir selber unvermerkt im Wirbel des
-Übrigen, und nun erst, ganz plötzlich, fühle ich einen
-Schmerz.
-</p>
-
-<p>
-Ich sehe Bogner, wie er war, wie ich noch immer glaube
-daß er ist, und sehe, daß es ein unmenschliches Glück sein
-muß, ein Glück über allen Glücken, Dichter zu sein. An
-jedem Tag die Quellen seines Lebens strömen zu lassen,
-sich selber hundertfach sichtbar zu sehn und zu haben im
-erschaffnen Gebilde! Sich im Stande der Gnade zu fühlen,
-einsam, einzig mit den Wenigen, oh Flügel an die Füße
-selbst in den erzschweren Stunden des Seins! Was könnte
-einem Solchen geschehn? Muß ihm nicht alles zum
-Besten dienen? Muß ihm nicht Honig fließen aus jedem
-Ding, das er selber erst zur Blüte wandelt, sei es giftig
-oder rein, gemein oder edel &mdash; aus jedem strömt ihm eine,
-<a id="page-426" class="pagenum" title="426"></a>
-die seine Kraft. Die gehäufte Welt ist sein Thron, seine
-Schatzkammer das Firmament, er allein besitzt die Erde,
-da er sie machen kann. Ungeheuer sein Stolz wie seine
-Demut. Mich faßt ein unendlicher Jammer an, wenn
-ich der Ärmsten unter den Armseligen gedenke, der Dichter,
-die es sind und dennoch nicht glücklich. Die eine Begierde
-haben können, außer der einen, tausend Jahre so leben zu
-wollen; die nach Ruhm begehren, nach Achtung und Liebe
-der Menschen, nach Brot. Die das Heilige erniedrigen
-können, indem sie es zu einem Mittel ihrer Notdurft
-machen. Denen es nicht Wonne ist, zu dulden dafür, daß
-sie so sind.
-</p>
-
-<p>
-Da an Gott das einzig Wesentliche ist, daß er ein den
-irdischen Trieben und den menschlichen Zwecken nicht
-unterworfenes Wesen sei, so giebt es nur einen Menschen,
-der seiner entraten kann: den Dichter. Er allein muß ja
-erkennen, daß sein innerster und einziger Lebenstrieb ihn
-zu einem mit keinem irdischen Nutzzwange verbundenen
-Tun zwingt, unweigerlich, wider seinen eignen, kleinen
-Willen, unbeeinflußbar von ihm selber. Wenn er zeugt,
-so zeugt er wie der Gott: allein um des Zeugens willen.
-Alle können anders; er muß das Eine.
-</p>
-
-<div class="poem-container">
- <div class="poem">
- <div class="stanza">
- <p class="verse">Ich aber bog den Arm an seinen Knieen,</p>
- <p class="verse">Und aller wachen Sehnsucht Stimmen schrieen:</p>
- <p class="verse">Ich lasse nicht &mdash; du segnetest mich denn!</p>
- </div>
- </div>
-</div>
-
-<p class="tb">
-&nbsp;
-</p>
-
-<p class="noindent">
-Damals, als Bogner das Wort &sbquo;Geburt&lsquo; vor mich
-hinstieß wie die Faust mit dem Schlüssel, der den Zugang
-zu den Müttern eröffnen sollte, mich in meinen Festen
-<a id="page-427" class="pagenum" title="427"></a>
-schon als Ahnung erschütternd &mdash; damals genügte mir der
-Schlüssel, ich war froh, das Kleinod im Geheimnis zu
-haben, froh, es nur zu wissen, vom Gedanken an es mich
-immer wieder süß durchzucken zu lassen. Nun ist mit der
-Verflüchtigung der Zeit auch die Wißbegierde gekommen,
-der Zweifel mit seiner Stimme: ganz hinunter gelangst du
-ja doch nicht, so geh wenigstens tiefer. &mdash; Heute fragte ich
-Bogner:
-</p>
-
-<p>
-&bdquo;Du mußt mir nun sagen, wo der Anfang war. Ich
-sehe die Kindheit wie eine Wand, mit der alles ein Ende
-nimmt. Du sagtest das selber. Und was ist das mit dem
-Geheimnis? Du sagst: der Schauder vor dem Geheimnis
-sei unsre ganze Lust. Aber <em>warum</em> ist sie das?&ldquo;
-</p>
-
-<p>
-&bdquo;Ja,&ldquo; sagte er, &bdquo;auch ich glaube, daß mit der Kindheit
-alles ein Ende nimmt, und auch ich habe in diesen Tagen
-wieder und tiefer darüber gedacht. So laß uns doch einmal
-erinnern.
-</p>
-
-<p>
-&bdquo;Ich will dir sagen, was meine fernste Erinnerung ist.
-Zuerst ein schwarzes Unbegreifliches voll Kampf und entsetzliches
-Grausen. Ein Erwachen dann, ein sanfter, ferner
-Goldschein; ein Schatten im Golde, und in dem Schatten
-das nicht zu beschreibend Tröstliche, alles Stillende, Sichere,
-ein Gesicht, ein Paar Augen. &mdash; Solltest du das nie
-erlebt haben?&ldquo;
-</p>
-
-<p>
-Seine Worte hatten mich in eine seltsame Magie versetzt.
-Ich glaubte zu sehen, was ich nie gesehn hatte. Ich
-wollte mich schon wieder herauszerren aus diesem, weil ich
-glaubte, es sei Einbildung, ich sähe nur, was er zeigte.
-Allein plötzlich, bei der Vorstellung jenes Schattens und
-seiner Augen geschah das Seltsame, daß ich ihn sah &mdash;
-<a id="page-428" class="pagenum" title="428"></a>
-nicht aber mit zwei Augen, sondern mit nur einem. Das
-saß in der Mitte, unter der Stirn.
-</p>
-
-<p>
-Der Maler schwieg, ich nahm alle Willenskraft um
-mich zusammen und dachte. Da geriet ich besondrer
-Weise in einen Schwarm von tausend wütend wirbelnden
-Vorstellungen, Bildfetzen ohne Beziehung zur Stunde.
-Bis dann plötzlich mit einem Ruck dieses riß, und ich
-sah &mdash; Ihn.
-</p>
-
-<p>
-Ich war ein Knabe, er hob mich auf, er setzte mich auf
-sein Knie, und ich &mdash; fürchtete mich vor ihm. &mdash; Warum
-das? Ich soll ein wenig geschielt haben als kleines Kind,
-und ich fürchtete mich vor ihm: weil er nur ein Auge habe.
-Seine eng beisammen sitzenden Augen hielt ich für nur
-eines und fürchtete mich.
-</p>
-
-<p>
-Es durchsauste mich, als ich es bedachte. Er, immer Er!
-Er war die Erscheinung, der eingeäugte Schatten, und
-damals hatte ich keine Furcht. Warum kam sie später?
-</p>
-
-<p>
-Ich wollte es Bogner sagen, aber siehe da, ich konnte
-ja nicht! Wie soll ich seinen Namen sprechen? Kurz und
-gut, ich sagte ihm so viel, daß ich mich an Ähnliches zu erinnern
-glaubte.
-</p>
-
-<p>
-&bdquo;Und dies,&ldquo; sagte er nun, &bdquo;dies war der Anfang.
-Wie hieß der Anfang, Georg? Angst. Nun wollen wir
-an unsre früheste Kindheit denken, an damals, als wir
-Menschen waren und noch ganz Kinder. Damals war
-Wald, und Verirrtsein im Wald, und die Dämonen, die
-hunderttausend Mächte der Angst, die böse Natur.
-Damals brach in den riesenhaft umgewälzten schwarzen
-Klumpen, der wir selber waren, ausgedehnt in die Urwaldsnacht
-und verschmolzen mit ihr, in ihn brach der
-<a id="page-429" class="pagenum" title="429"></a>
-Morgen hinein. Eine Sanftmut ging hervor, öffnete
-alles und machte es lind. Licht kam und war tröstlich.
-Uns segnete die Blaue. Und das war Gott.
-</p>
-
-<p>
-&bdquo;Die Sanftmut, das Heilende, die Sicherheit der Wiederkehr
-(&sbquo;Noch niemals blieb der Morgen aus, der lichtend
-&mdash; Das Tal ihr wieder wies, das duftig bläut&lsquo;) und
-die Hoffnung: all das und mehr wurde Gott.
-</p>
-
-<p>
-&bdquo;Und weiter, Georg: Wenn die Pferde einen Gott
-hatten, wie würde er aussehn? Wie ein Pferd. Wir
-Menschen gaben ihm menschliches Gesicht, und da in Urzeiten
-und bis spät hinauf nur der Mann etwas galt, so
-wurde der erste Gott männlicher Gestalt. Später kamen
-die Mutter, das Weib, die Jungfrau am Ende im Kleide
-vom himmlischen Blau.
-</p>
-
-<p>
-&bdquo;Aber ein Tiefers ist in diesem. Denn wer war das,
-Georg, der am Morgen in unsre Wälderangst trat? Wer
-war der Tröstliche, der im Lichtschein erschien, als wir
-Kind waren und vergingen in der Angst unsrer Träume?
-Der uns anblickte und uns zusprach und &mdash;&ldquo;
-</p>
-
-<p>
-Ich bat ihn, zu schweigen.
-</p>
-
-<p>
-Er dachte wohl, es seien Trauer und Schmerz um einen
-Gestorbnen, der mich weich machte, und begann deshalb
-nach einer Weile an einer andern Stelle.
-</p>
-
-<p>
-&bdquo;Du fragtest nach dem Geheimnis, Georg. Im Anfang
-war das Geheimnis schwarz, war Angst, und der
-Schauder war böse. War die Erscheinung minder rätselvoll,
-minder voll Schauder? &mdash; Damals aber mischte sich
-Angstgrauen und Lichtgrauen, wie Nacht und Tag sich
-am Morgen vermengen. Geheimnis hob nicht Geheimnis
-auf, sondern jedes vertiefte das andre, und die ganze Lust
-<a id="page-430" class="pagenum" title="430"></a>
-der Süße wurde fühlbar erst durch das Grauen zuvor,
-und das furchtbare Grauen wurde versüßt durch die Aussicht
-auf Heilung. Schon das Kind, das sich fürchtet, im
-Dunkel einen Gang hinunterzugehn, lernte es, dieselbe
-Furcht süß zu finden in Geschichten. Wir waren ein unendliches
-Gemisch von Anfang her, aber wir lernten viele
-Teile davon erkennen und sie auszuspielen gegeneinander,
-immer auf der Suche nach: mehr Süße.
-</p>
-
-<p>
-&bdquo;Am Ende erlernten wir dann das Wunderbare: das
-Gesetz. Aller Geheimnisse süßestes, erkennbar schon am
-Antlitz Gottes, vor dem Schwarzes und Wüstenei sich
-auflösten, sich darstellten gesondert, nicht mehr erschreckend,
-sondern bekannt &mdash; aller Geheimnisse süßestes: die Ordnung.
-</p>
-
-<p>
-&bdquo;Die Ordnung aber ist das Bekannte. Das Geheimnis
-der Heilsamkeit ist das Wiedererkennen, ist die Sicherheit
-des Einen, das in jedem waltet und sich gerne verrät. Alle
-Dinge gingen hervor aus Gottes Hand; in allen Dingen
-wohnt seine Form. Wie ward da magisch unser Finger,
-unser Ohr, unser Mund! Morgens tropfte auf uns der
-Gesang der schwarzen Amsel, und wir horchten, und da
-war das Gesetz. Im Wasserfall schlief, und wir weckten
-es auf, das Gesetz. In unserm Gang das Gesetz, in unserm
-Antlitz Gesetz, im Tier das Gesetz; Gesetz, Bekanntes,
-Ordnung, Heilung, Süße, Form allüberall. Oh der süßeste
-Schauder, Georg, den Freund wiederzuhaben nach langen,
-schmerzlichen Jahren! Oh der süßeste Schauder, das Bekannte
-wiederzusehn im Wilden, Erschreckenden, Fremden!
-</p>
-
-<p>
-&bdquo;Und dieses wurde das Gute genannt, und alles andre
-das Böse.&ldquo;
-</p>
-
-<p>
-<a id="page-431" class="pagenum" title="431"></a>
-&bdquo;Bogner,&ldquo; mußte ich plötzlich sagen, &bdquo;noch eins! Du
-hast einmal ein schrecklichen Wort zu mir gesagt; eben
-fällt es mir ein, du sagtest: Die Menschen sind alle gut;
-es will sich nur niemand hindern lassen. Ich habe es wohl
-nie verstanden, aber jetzt sehe ich, daß ich immer daran
-geglaubt habe. Was heißt es denn aber? Sie wollen
-also das Gute &mdash; aber sie wollen sich nicht hindern lassen.
-Ja, was heißt das?&ldquo;
-</p>
-
-<p>
-&bdquo;Habe ich das gesagt?&ldquo; fragte Bogner nach einer
-Weile. &bdquo;Dann wird es dieses heißen:
-</p>
-
-<p>
-&bdquo;Du sagst: das Gute. Giebt es ein &sbquo;das Gute&lsquo;? Es
-hat ein jeder sein Gutes, nämlich was er für gut hält,
-ohne daß irgendeine Beeinträchtigung seines Wesens damit
-verbunden wäre. So ist auch das, was uns ein Immergutes
-ist &mdash; Eltern, Geliebte, und was du noch willst &mdash;,
-nicht gut mehr, wenn es uns hindert. Wir können nur
-um unsrer selbst willen sein. Ob wir lieben oder hassen,
-töten oder uns opfern, verzichten oder erobern, bitten oder
-befehlen: all dies geschieht um unsertwillen von uns, weil
-wir so sind und so müssen. Was wir Altruismus nennen,
-kann nur eine Komponente des Egoismus sein, ob er bis
-zum Opfer, zur Selbstvernichtung geht oder nicht. Wir
-können ewig nur auf egoistische Weise altruistisch handeln.
-Und es wäre die vollkommene Art, den Egoismus zu befriedigen,
-indem wir ihn in altruistischem Wesen darstellen.
-Der Mensch kann nur sich selber gut sein; aber er kann
-sich in der Vollkommenheit gut sein, indem er es gegen
-Andre ist.
-</p>
-
-<p>
-&bdquo;So gut sein, daß nichts mehr mich behindern kann &mdash;
-das wäre zu wünschen. Es wird nicht gehn. Der Tätige
-<a id="page-432" class="pagenum" title="432"></a>
-kann nicht nützen, ohne zu schaden. Malen ist gut; aber
-wenn dein Vater nicht will, daß du malst? Wenn er aus
-reinem Altruismus überzeugt ist, es sei besser für mich,
-wenn ich nicht male?
-</p>
-
-<p>
-&bdquo;Darum sagte ich, sie sind Alle gut, denn das heißt:
-sie wollen Alle nicht das Schlechte; sie wollen sich nur
-nicht hindern lassen an ihrem Guten.&ldquo; Er lächelte
-plötzlich.
-</p>
-
-<p>
-&bdquo;Etwas fällt mir ein&ldquo;, sagte er dann ernst. &bdquo;Vielleicht
-wirst auch du erst lächeln, wenn ich es dir sage, und doch
-scheint mir, sind wir damit am Ersten und Letzten angelangt.
-Nämlich: das Neugeborene schreit; ununterbrochen,
-aus vielleicht gar keinem Grunde, als weil es weiß, daß es
-schreien kann, schreit es die ganze Nacht. Das vernünftige
-Elternpaar möchte freilich schlafen, allein was hilfts? Es
-will sich nicht hindern lassen an seinem Guten, dem Schlaf,
-aber da es vernünftig ist, einerseits, und eine Liebe hat für
-das Neugeborene, andrerseits, und vielleicht weiß, daß
-auch das Schreiende nichts will als sich nicht hindern lassen
-am Schreien, was tut es? Es läßt sich doch hindern an
-seinem Guten und steht auf und beruhigt das Kind. &mdash;
-Und dies ist der Anfang.&ldquo;
-</p>
-
-<p>
-Zu alledem &mdash; nachdem ich es gehört und geschrieben
-habe &mdash; kann ich nur Eines sagen: so wenig mir irgend
-etwas wirklich bewiesen scheint von alldem, so sehr muß
-ich daran glauben. Es hat mich beruhigt auf die absonderlichste
-Weise. Es ist, als fände ich die Welt jetzt in
-Ordnung wie Bogner. Ich weiß nicht; es ist mir so, es
-ist so. Es ist kühl und natürlich, es ist gut. Ich weiß,
-was zu wissen ist; innerhalb ist alles Geheimnis geblieben,
-<a id="page-433" class="pagenum" title="433"></a>
-und auch die Grenze rundum blieb Geheimnis wie die
-Linie des Himmels auf der Erde. Doch die Linie beruhigt.
-Es macht sicher.
-</p>
-
-<p class="tb">
-&nbsp;
-</p>
-
-<p class="noindent">
-Wir waren allein, es war spät in der Nacht, die Stehlampe
-brannte auf dem Tisch. Er rückte daran, stand
-dann auf, stand nun mitten im Zimmer, etwas schief, die
-Hände auf dem Rücken, ging dann ans Fenster und stellte
-sich davor. Von dorther begann er von seiner Mutter zu
-erzählen.
-</p>
-
-<p>
-Er berichtete erst einiges von seinem Vater, den er als
-einen Mann schilderte, schlecht und recht, ohne Eigenart,
-ohne besondere Gaben, ein wenig kleinlich, geneigt, zu
-&sbquo;nörgeln&lsquo; oder &sbquo;mäkeln&lsquo;, aber mit Maßen und jedenfalls
-ohne Heftigkeit. Von seiner Mutter sprach er nicht; nicht
-von ihrem Wesen. Dann sagte er:
-</p>
-
-<p>
-&bdquo;Als meine Mutter fünf oder sechs Jahre verheiratet
-war, lernte sie einen andern Mann kennen und lieben.
-Sie sagte es mir selber, es war damals, als ich heimging,
-vor drei Jahren. Ja, da kam sie in der ersten Nacht, um
-es zu sagen. Seinen Namen hat sie mir nicht genannt, ich
-weiß nichts von ihm, als daß er Schriftsteller war oder
-Dichter, und das ergab für mich freilich ein seltsames Gefühl
-von Verwandtschaft. Es giebt wohl mehr Kinder, deren
-Vater nicht der Mann, sondern ein Wunsch ihrer Mutter
-war. Mein älterer Bruder und ich selbst waren damals
-schon am Leben. Meine Mutter hatte meinen Vater geheiratet,
-weil ihre Eltern ohne Vermögen waren, weil sie
-viel Geschwister hatte, und weil mein Vater durch mehrere
-Jahre nicht abließ, sie zu nötigen.
-</p>
-
-<p>
-<a id="page-434" class="pagenum" title="434"></a>
-&bdquo;Nun wollte sie sich scheiden lassen. Aber er gab die
-Kinder nicht her und wollte es überhaupt zu keiner Einigung
-über sie kommen lassen. Über ein Jahr lang gab es einen
-furchtbar häßlichen Kampf. Dann erlahmte meine Mutter
-und wurde, was sie während dieses Jahres nicht gewesen
-war, wieder die Frau meines Vaters.
-</p>
-
-<p>
-&bdquo;Aber dies ist es ja nicht. Nun stelle dir vor, Georg:
-eine alte Frau von beinah sechzig Jahren kommt zu ihrem
-lange verschollenen Sohn, der heimkam. Sie war auch
-einmal gegen ihn gewesen. Aber nun, wo er kam und sie
-ihn so gealtert sah, da weiß sie auf einmal, daß er vieles
-gelitten hat, und da steht ihr eigenes Leiden auf, das sie
-immer verschwieg, und da muß sie kommen und es sagen
-und weiß, daß ihr Sohn sie versteht. &mdash; Und nun sitzt er
-vielleicht da und denkt an fünfzehn riesige Jahre, und daß
-es nun ist, als wären sie nur gewesen, damit sie nach
-ihnen zu ihm kommen könnte, und daß sie und er sich verstehen.
-&mdash; &mdash;
-</p>
-
-<p>
-&bdquo;Und also fängt sie an, eine alte Frau, die das Ihre berichtet
-in ihrer Sprache; die nicht erzählt, sondern der in
-wirrem Durcheinander hundert Züge der Erinnerung einfallen;
-die es nicht darstellt, wie in einer künstlichen Novelle
-etwas dargestellt wird, sondern die darüber spricht, sich
-beschuldigend, den Mann entschuldigend, den Dritten entschuldigend,
-sich wieder ent- und die Andern beschuldigend,
-und das wieder zurücknehmend oder aufhebend; immer
-nach Gründen suchend und doch ganz ratlos. Sie hatte
-es gut ertragen, und doch ballte es sich einmal zusammen
-und verlangte, gesagt zu werden, und da sagte sie es mir,
-ihrem Sohn. Es war doch das Heilige gewesen. Es war
-<a id="page-435" class="pagenum" title="435"></a>
-das Jahr gewesen, wo sie über sich stand, wo sie mehr
-wollte als sich, wo sie sogar ihre Kinder nur als einen Teil
-ihrer selbst empfand und sich davon trennen zu können
-glaubte. Und sie hatte Moral, sie sagte: die Strafe blieb
-ja auch nicht aus ... indem sie meinte, daß ihre Tochter
-klein starb, und daß ich zehn Jahre später verloren ging.
-</p>
-
-<p>
-&bdquo;Siehst du, Georg: man wird doch unruhig, wenn man
-dergleichen hört, wie ich damals. Man versuchts doch
-wieder mit dem Rütteln und sagt: Wenn ... und: Vielleicht
-... Wenn nun ich, als meine Mutter dies erlebte,
-etwas älter gewesen wäre und es erfahren hätte? Ich
-würde mit ihr im Vater den Feind gesehen haben und sie
-vielleicht bewogen, von ihm zu gehen. Der Unbekannte
-und sie und ich, wir wären dann vielleicht glücklicher geworden,
-ich hätte einen Vater gehabt, sie einen Sohn und &mdash;
-so etwas denkt man denn.
-</p>
-
-<p>
-&bdquo;Ich hätte es auch zu einer Zeit hören können, wo ich
-meinen Vater für einen Verbrecher und ein Tier gehalten
-hätte. Ihn, der doch Gewalt brauchte, wo kein wahres
-Recht mehr für ihn war; ihn, der eine Frau in sein Bett
-zurückzwingen konnte, die ihn nicht liebte, die ihn haßte;
-und dies aus nichts als aus Lust, aus Bedürfen. Ihn,
-der endlich so klein war, daß er auch in diesem nicht etwas
-Großes sehen konnte, um sich dadurch ändern, sich nur
-auf sich besinnen zu lassen. Hätte er sie noch gehaßt, sie
-gepeinigt, sie erniedrigt, so wäre es doch Leben gewesen.
-Aber er blieb, was er war, kleinlich, mäkelig, alltäglich.
-Er war nicht schlecht; er hatte nur sein Wissen und seinen
-Besitz, seinen Trauschein und seine Triebe, und wollte sich
-nicht hindern lassen an alldem.&ldquo;
-</p>
-
-<p>
-<a id="page-436" class="pagenum" title="436"></a>
-Bogner sprach längst nicht mehr so gelassen wie im
-Anfang. Er hatte sich mir wieder zugewandt, sein zerfallnes
-Gesicht war gerötet, er versuchte immer wieder
-sich aufzurichten, und nun stieß er die gespreizten Hände
-hinter sich und sagte mit unterdrückter Stimme der Heftigkeit:
-</p>
-
-<p>
-&bdquo;Da quälen sie sich und quälen sich und verspritzen ihr
-Blut in den Unsinn, tun immer das Falsche, klagen immer
-den Andern an und weinen und sterben und haben selber
-die Schuld. Ich habe jahrelang gehungert, und das war
-es nicht! Ich habe jahrelang im Elend und im Finstern gelegen
-und geschrieen nach einem Einzigen, der bei mir wäre,
-und das war es nicht! Ich bin verzweifelt und hab sterben
-wollen, ich hab mich geschändet und gedemütigt und zerknirscht,
-und all das war es nicht! Alles das ist vergangen,
-ist vergessen, und geblieben ist immer nur Eins, das Eine,
-das ich nicht kenne, das hier in mir sitzt und sich abarbeitet,
-das Unbekannte, das Unmenschliche, nicht Ehrgeiz, nicht
-Ruhm, kein Wollen, keine Lust, keine Freude, keine Qual,
-nur dies &mdash; Rütteln, dies Rütteln in mir, das will, daß
-ich male.&ldquo;
-</p>
-
-<p>
-Er hatte gesprochen wie in einem magischen Zustand.
-Der fiel nun plötzlich ab, ich sah ein furchtbares Schaudern
-über sein Gesicht und seinen Körper gehen, er ging auf
-den nächsten Stuhl zu und setzte sich darauf wie ein
-Knecht.
-</p>
-
-<p>
-Nach einer Weile sagte er erschöpft:
-</p>
-
-<p>
-&bdquo;Ich rede von mir selber. Es war nicht meine Absicht.&ldquo;
-</p>
-
-<p>
-Plötzlich packte er die Kante des Tisches mit beiden
-Händen, als wollte er ihn wegstoßen; sein Gesicht veränderte
-<a id="page-437" class="pagenum" title="437"></a>
-sich in einer schrecklichen und unmenschlichen Weise,
-ich glaubte, er würde schreien, aber er sagte all das, was
-nun kam, nicht laut, nur mit einer ungeheuren Gedrungenheit
-in der Stimme:
-</p>
-
-<p>
-&bdquo;Und wenn ich jetzt sterbe, und wenn ich jetzt glauben
-muß, daß es alles nicht wahr gewesen ist, der Schmerz
-nicht wahr und die Not und das Heilige, alles nicht wahr,
-weil ich zugrunde gehe und mich Lügen strafe, &mdash; ja, wenn
-es nicht wahr gewesen sein soll an mir, so will ich doch
-bis zum letzten Atemzug glauben, daß es Wahrheit ist in
-der Welt, und daß diese Not und dies Glück, dieser Druck
-und dies Heil das einzige ist, was Leben hat in der Welt!
-Es braucht keine Götter zu geben, es soll keine Götter
-geben, aber &mdash;
-</p>
-
-<p>
-&bdquo;Aber der Mensch auf seiner Erde, mit strotzenden Armen
-umspannt er den Baum und preßt einen Gott heraus, der
-seufzend sich aus den Blättern neigt, und Vaterlächeln aus
-rauschenden Zweigen. Er sät die funkelnde Drachensaat
-der Sterne in seiner Winternacht, und es steigen und beugen
-sich Gestalten heraus, blühende, Tiere und Menschen,
-der selige Delphin, die Jungfrau und der Jäger. Er zeugt
-dennoch, der Mensch, was größer ist als er: den Sohn.
-Er stellt den Sohn vor sich hin und spricht: du sollst mein
-Feind sein und über meine Leiche höher steigen, ich soll
-dein Knecht sein, dein Widersacher, dein Stachel, deine
-grenzenlosen Mächte zu entfesseln, und auf meinen Schultern
-stehend, sollst du in den Himmel reichen. Ich soll dich
-in Bande schlagen, und du sollst an ihnen deine Zähne
-wetzen. Ich soll dich verfluchen, ich soll dich durchsäuern
-mit meinem Fluch, daß dein Dasein genießbar werde für
-<a id="page-438" class="pagenum" title="438"></a>
-Geschlecht und Geschlechter. Ich bin dein Engel, Jakob,
-ich schlage dich auf die Hüfte, aber du wirst mir die Krone
-des Lebens aus den Händen reißen. Und wenn im Morgengraun
-nach der langen Kampfnacht über dir die Drossel
-singt, so soll dein ganzes Haupt wie eine kalte reife Traube
-am Berg liegen, berstend von Süße, ein Wunder der Erde
-an Erfüllung.&ldquo;
-</p>
-
-<h4 class="section">
-Georg an Benno
-</h4>
-
-<p class="date">
-auf Hallig Hooge, im Dezember.
-</p>
-
-<p class="noindent">
-Ich empfinde die besondre Pflicht und den Auftrag,
-Dir mitzuteilen, daß Deine Freundin Ulrika Tregiorni im
-Begriff ist zu sterben. Im Bewußtsein Deiner besondren
-Verehrung für ihr reines und zartes Wesen, will ich nicht
-unterlassen, die einzelnen, ihr plötzliches Ende herbeiführenden
-Umstände vor Deiner Teilnahme auszubreiten. Sollte
-das Ende, das wir zur Stunde nahe befürchten müssen,
-wider Erwarten nicht eintreten, so werde ich es Dir am
-Ausgange dieses Briefes mitteilen.
-</p>
-
-<p>
-Nachdem bis vor wenigen Tagen ein unveränderlicher
-Nordwestorkan über unsre Insel getobt hatte, sprang
-der Wind in einer Nacht plötzlich um, wehte einen Tag
-lang warm und nässend vom Lande herüber, legte sich
-dann oder verschwand, und über die beruhigte See zog
-sich ein dichter Nebel, der die Aussicht verbarg. Ich erinnere
-mich, daß infolgedessen ehegestern oder schon vorehegestern
-(wer hält all die Tage auseinander?) zwischen
-Bogner, Ulrika und Cornelia beratschlagt wurde, ob sie,
-Ulrika, nicht die Tage der Meeresstille benutzen solle, um
-jetzt schon zum Lande hinüberzufahren, wenn auch ihre
-<a id="page-439" class="pagenum" title="439"></a>
-Entbindung erst in ungefähr einem Monat bevorstehe;
-weshalb es dann unterblieb, entzieht sich meiner Kenntnis.
-</p>
-
-<p>
-Wer sich einmal an eine Abgeschiedenheit wie die unsre
-gewöhnt hat, der mag eben gar nicht wieder weg. Zwar
-ich, der ich, wie bekannt, oben auf dem Deich wohne, im
-Fenster also das Wasser habe und von der Plattform meines
-Turmes aus die ganze See, ich behielt noch ein gewisses
-besondres Gefühl von Welt, obschon von Wasserwelt
-nur. Die Andern jedoch in der haushohen Umwallung des
-Deiches, die sie selten ersteigen, leben in einer warmen Enge,
-zu der kein Zugang ist, die keinen Bezug mehr zu irgend
-etwas hat, die völlig für sich allein da ist, durch Tage und
-Nächte überwölbt von dem Donner der See. Der aber
-war nun verstummt; plötzlich war in den Häusern der
-klagende Schrei des Tütvogels hörbar, langsam dehnte
-und entfaltete sich die Stille mit dem Nebel und ward ungeheuer.
-</p>
-
-<p>
-Damit Dir das Folgende verständlich sei, bin ich genötigt,
-einiges von einer Unterhaltung zu schreiben, die
-vor etlichen Tagen zwischen Bogner und mir stattfand,
-und der auch die Frauen &mdash; nebst dem notwendigen Hauptmann
-&mdash; beiwohnten, diese drei schweigend nach ihrer Gewohnheit.
-Die Rede war nämlich angelangt bei den Bewohnern
-dieser Küstengegend, ihren Sitten und Eigentümlichkeiten,
-und hielt alsbald bei der besondren Erscheinung
-des zweiten Gesichts, die ich Dir erklären oder,
-falls Du Dich an frühere Auslassungen meinerseits erinnern
-solltest, ins Gedächtnis zurückrufen werde. Die
-Erscheinung ist, wie Du weißt, nicht nur hier auf den
-Inseln und Halligen nordwärts, sondern auch auf dem
-<a id="page-440" class="pagenum" title="440"></a>
-Festlande verbreitet, in ähnlichen Formen zudem in Westfalen
-und Schottland. Ihr Ursprung ist vermutlich die
-ungeheure Einsamkeit einerseits, welche die in ihr Hausenden
-zwang, übersinnliche Fäden der Wahrnehmung zu
-weit fernen Personen hinüberzuspinnen, andrerseits der
-vielfältige Zusammenhang mit abwesend verstorbenen
-Menschen, das heißt den auf See umgekommenen Söhnen,
-Vätern und Gatten. Stelle Dir die Inseln vor, die winzigen
-Halligen, überhängt von der stürzenden See, das
-Leben dort, im Winter zumal, in den Nächten ohne Ende,
-die Einsamkeit dieser Gehöfte und Werften, abgeschnitten
-durch Wochen und Wochen von jeder Verbindung, dazu
-die jahrtausendlangen Kämpfe mit den drei ewigen Gewalten,
-See, Wind und Sand, die ohne Unterlaß fraßen,
-Land fraßen und Menschen. Da begannen die monatelang
-Nachricht voneinander Entbehrenden den furchtbaren
-Raum der Einsamkeit zwischen sich zu durchstoßen mit
-ihrer Seele, die jenseits hervortrat und sich zeigte. Wann
-gelang ihnen das? In den besonderen Augenblicken des
-Lebens, im einzig besondern, in dem des Todes. Begräbnisse
-wurden sichtbar, Sarg und die Lichter, Gesang erscholl,
-das Trauergefolge zeigte sich deutlich. Und es kamen
-die Toten aus der Nacht- und Wasserferne und zeigten sich,
-so daß man wußte: sie waren tot. Diese wurden &sbquo;Gänger&lsquo;
-genannt, die Gehenden, Wiedergehenden, Wiederkommenden
-unter den Toten. Ich erzählte Bogner den folgenden
-Vorgang, den mir ein Pfarrer als eigenes Erlebnis berichtet
-hat, ein Mensch übrigens, trocken und klar, ohne
-unsre Nervenphantasie, wie all diese Menschen hierzuland.
-</p>
-
-<p>
-<a id="page-441" class="pagenum" title="441"></a>
-Zu Besuch bei einem erkrankten Freunde und Amtsbruder
-auf einer der nördlichen Inseln &mdash; große Schafherden
-weiden dort fast wild; ich vergaß nun den Namen &mdash;,
-folgte er an seiner Statt der Bitte eines Mädchens zu ihrer
-im Sterben liegenden Mutter. Die Strecke zu ihr, stundenweite
-Wege im Dünensand, wurde im Wagen zurückgelegt,
-sie kamen mit Einbruch der Dunkelheit an, das
-Haus lag hinter den Haidhügeln der Wattseite, Wiesen,
-bevölkert mit Schafen, erstreckten sich von ihm aus zu den
-Hügeln und Gletschern der Sanddünen. Du kennst die
-langgestreckte Form der niedrigen Häuser. &mdash; In ihrem
-Bettschrein lag die sterbende Frau ohne Besinnung. Der
-Pfarrer setzte sich zu ihr, ein mögliches Wachwerden erwartend;
-die Tochter kniete am Bett, in dessen Nähe ein
-Licht brannte. Da sieht der Pfarrer eine dunkle, menschliche
-Gestalt draußen an den Fenstern vorübergehn, in der
-Richtung der Haustür. Aus diesem oder jenem Grunde
-erhebt er sich und geht aus dem Zimmer auf den schmalen
-Hausflur zwischen Vorder- und Hintertür. Die obere Hälfte
-der vordern steht offen, von draußen herein lehnt ein Mensch,
-still, bleich, die Haare hängen ihm unordentlich in die Stirn.
-&mdash; Wünschen Sie etwas? fragt der Pfarrer. Kommen
-Sie doch herein! &mdash; Er öffnet die Tür, tritt zurück und
-wiederholt seine Aufforderung; wiederholt sie ein zweites
-Mal, schon in der Zimmertür. Jetzt kommt der Mensch
-ihm nach, betritt das Zimmer, sieht die Frau im Bett und
-setzt sich auf einen Stuhl, immer die Augen auf das Bett
-gerichtet. Da schlägt die Frau die Augen auf und sieht
-ihn. Die Tochter folgt ihrem Blick, sieht den Fremden,
-springt auf, stößt einen Schrei aus und sagt: Jan! &mdash; Der
-<a id="page-442" class="pagenum" title="442"></a>
-Mensch erhebt sich nach einer Weile wieder und geht hinaus,
-wie er kam. &mdash; Die Frau starb bald; die Erscheinung
-war die ihres Sohnes, der in jener Nacht ertrank.
-</p>
-
-<p>
-Diese Erzählung erregte den Maler auf so besondre
-Weise, daß ich ihm gleich noch eine vortragen mußte, und
-zwar die von den Doggerbankfischern.
-</p>
-
-<p>
-Die Doggerbänke sind Dir bekannt. Die dort mit Netzen
-Fischenden kehren wochenlang oft nicht zurück, leben wochenlang
-schweigsam, nur mit ihrer schweren Arbeit beschäftigt
-mitten in der riesigen See, im Regen, im Nebel; auch ihre
-Boote trennen sich weit voneinander; jede Mannschaft
-arbeitet in völliger Abgeschiedenheit, im Unsichtbaren.
-</p>
-
-<p>
-An einem Nebelabend gewahrte die Besatzung eines
-fischenden Kutters plötzlich in fast schon gefährlicher Nähe
-ein andres Boot, das auf das ihre zukam ohne Laut. Sie
-schrieen Warnungen hinüber, sie lärmten und fluchten,
-allein das stumme Boot kam näher und näher, fuhr endlich
-so, daß Bordwand an Bordwand streifte, an dem
-Kutter vorüber. Drin saß die Mannschaft an ihren Plätzen,
-ohne Bewegung, ohne Laut. Nur der am Steuer sagte,
-als sie fast schon vorüber waren: &bdquo;Wir dürfen keinen Lärm
-machen.&ldquo; Der Ton lag unmerklich auf dem Wir. &mdash; Der
-Kutter schwand im Nebel. Später ward offenbar, daß
-jenes Boot an jenem Abend an einer meilenweit entfernten
-Stelle untergegangen sei.
-</p>
-
-<p>
-Als ich aber dies Geschehnis berichtet hatte, erhob sich
-Ulrika ohne ein Wort und ging hinaus.
-</p>
-
-<p>
-Wir Andern, Bogner, Cornelia und der Notwendige,
-schwiegen ziemlich lange. Bogner zeigte sich dann besonders
-verwundert und ergriffen von dieser Art und Weise
-<a id="page-443" class="pagenum" title="443"></a>
-und der Haltung der Toten. Daß sie kamen, nicht anders
-als im Leben erscheinend, jedoch auf eine unbeschreibliche
-Weise feierlich und verschönt. Der Sohn der Sterbenden
-schwieg und sah nur die Mutter an; die Schwester schrie;
-er schwieg und ging wieder. Er hatte sich nur zeigen
-wollen. &mdash; In dem Boot die Lebenden lärmten, die Toten
-verhielten sich still, nur einer mahnte ruhig: Wir &mdash; dürfen
-keinen Lärm machen. &mdash; Noch so viel Güte, daß er wegen
-der bewußtlosen Lebenden das Schweigen brach!
-</p>
-
-<p>
-Und noch dies Seltsame: die Doppelheit der Menschen!
-Ihr eines Halb sah die Erscheinung, hatte Verbindung
-mit dem Jenseits, und zwar vermittels derselben Sinne,
-mit denen ihr andres Halb die Erscheinung nicht begriff
-und sie für natürlich und ihresgleichen hielt.
-</p>
-
-<p>
-Nun, so kamen wir wieder ins Gespräch, und es war
-begreiflich, daß ich nun auf das in unsrer besondren Nähe
-befindliche Gespenst zu sprechen kam, das diese Insel für
-Jahrzehnte unbewohnt gemacht haben soll, nämlich den
-sogenannten Dränger, eine Erscheinung, die übrigens auch
-in andern Gegenden bekannt ist. Hier ists der weiland
-Deichhauptmann Waldemar Montanus, der bei Ebbezeit
-einsamen Gehern außerhalb des Deiches im dichten Nebel
-erschienen sein soll mit der ausgesprochenen Absicht, dieselben
-in die See zu drängen. Sie verloren nämlich
-die Besinnung vor Angst, den Deich aus den Augen, er
-drängte und drängte von hinten, von der Seite, von überallher,
-kurzum: er drängte sie in die See. Wenn dazu
-berichtet wird, daß der Deichring um Hallig Hooge, der
-an der Wattseite ein breites Loch hat, in solchen Nächten
-geschlossen sein soll, so liegen dem wohl die Erfahrungen
-<a id="page-444" class="pagenum" title="444"></a>
-zugrunde, daß Angst erstlich die Sinne blendet, so daß der
-Verfolgte das Deichloch übersah, und zweitens die Zeit
-und den Weg unmäßig in die Länge zu dehnen pflegt, also
-daß der Verfolgte meinte, die Lücke im Deich, die er nach
-wenig Schritten vielleicht erreicht hätte, sei schon vorüber,
-worauf er womöglich umdrehte und nun niemals mehr
-hingelangte, &mdash; allein wer weiß das eigentlich? Der Betreffende
-konnte es kaum weiter sagen.
-</p>
-
-<p>
-Heut abend nun &mdash; oder gestern, wie Du willst, es geht
-nun auf morgen &mdash; wollte Bogner, indem wir wieder
-beisammen saßen, auch wieder von diesen Gespenstergeschichten
-anfangen, aber Ulrika stand gleich mit einer
-besondern Schroffheit auf und bat zu schweigen. Sie
-setzte sich nicht wieder, blieb eine Weile stehen und ging
-dann hinaus.
-</p>
-
-<p>
-Wir sprachen trotzdem nun nicht weiter. Ich dachte,
-was wohl auch die Übrigen dachten, daß jemand ihr folgen
-solle, aber sie liebte es, allein zu gehn, und ich hatte beim
-Herkommen aus meinem Turm den halben Mond über
-dem dünnen Nebel stehen sehn. So saßen wir längere
-Zeit schweigsam im größeren Schweigen der Stunde. Das
-Zimmer war voller Schatten rundum, die Petroleumlampe
-brannte auf dem Tisch, seitwärts dazu saß der Maler, ich
-im Sofa dahinter und rauchte, irgendwo waren die Augen
-Cornelias, dunkel und glänzend, und irgendwo das rechteckige
-Gesicht des Notwendigen. Dann stand Cornelia auf
-und sagte mir, durchs Zimmer und hinausgehend, mit den
-Augen, daß sie Ulrika folge.
-</p>
-
-<p>
-Nein, kein Unheil hing in der Luft; es war durchaus
-besonders friedlich. Auch der Hauptmann, der sich einige
-<a id="page-445" class="pagenum" title="445"></a>
-Minuten nach Cornelias Fortgang erhob und ihr nachging,
-sagte später, daß er zwar einen gewissen, besondern
-Zwang empfunden habe, jedoch ohne jede Besorgnis.
-</p>
-
-<p>
-Aber Minuten später erschreckten uns eilige Schritte
-im Flur, Cornelia riß die Tür auf und schrie mir zu, ich
-solle sofort kommen, der Hauptmann könne sie nicht allein
-tragen ... Bogner nämlich galt ihr noch für zu schwach,
-obwohl er inzwischen schon beinah grade geworden ist.
-Er war denn auch zugleich mit mir in der Tür, Cornelia
-berichtete fliegend, sie habe Ulrika nirgends gefunden, dann
-einen dünnen Schrei gehört, sei zur Deichlücke gelaufen,
-habe wieder den Schrei gehört und nach einigem Suchen,
-wenige Schritt weit am Fuß des Deiches Ulrika gefunden,
-zusammengekrümmt, sich windend und stöhnend in Krämpfen.
-Die Zuckungen der Wehen verhinderten den notwendigen
-Hauptmann, den die um Hülfe zurückrennende Cornelia
-traf, sie zu tragen.
-</p>
-
-<p>
-Der Mond, wie gesagt, schien. Die dunkle Mulde war,
-fast frei von Nebel, in schönes Silber getaucht, in dem wir
-schon von weitem die schwarze Gestalt des Notwendigen
-gewahrten, der uns entgegenkam, die ruhiger Gewordene
-auf dem Arm. Ihr erstes Wort an Bogner war: Benvenuto,
-das Kind, das entsetzliche Kind! &mdash; Später hat
-er noch erfahren, daß sie im Nebeldunst draußen am Deich
-einen Schein und in dem Schein &mdash; ich weiß nicht, ob ein
-Kind mit einem übergroßen oder ohne einen Kopf gesehen
-haben will, worauf sie vor Furcht und Grauen auf den
-Deich zugelaufen und beim Versuch, hinaufzuklettern, abgestürzt
-ist.
-</p>
-
-<p>
-Wolle aber bedenken, Benno, was ich schrieb: Sie war
-<a id="page-446" class="pagenum" title="446"></a>
-nicht mehr im Zimmer, als ich vom Dränger erzählte. Wie
-sollen wir das nun verstehn?
-</p>
-
-<p>
-Im Haus überließen wir sie Cornelia. Der Notwendige
-und ich saßen drei Minuten später im Segelboot,
-aber &mdash; ach Benno, die Unseligkeit dieser Fahrt hätte ich
-selbst mir kaum gegönnt! Über dem Wasser schwebte ein
-Hauch von Wind, in dem zuerst gar keine Richtung war.
-Als wir dann weiter hinaustrieben, schien er sich für Nordwesten
-entscheiden zu wollen, schließlich aber wehte er, o
-sanfter Satan! aus Nordosten, so gut wie uns entgegen.
-Und was hilft es nämlich bei Fahrten wie dieser, daß man
-die Logik in die Hand nimmt wie eine Pistole und sich sagt:
-es hat keine übermenschliche Eile, denn wenn vor Minuten
-erst die ersten Wehen eintraten, so dauerts noch Stunden
-bis zur Geburt. Die Pistole geht nicht los, sie braucht
-auch gar nicht losgehn, aber da sitzest du bei einer brennenden
-Laterne, bloß mit einem zufälligen Uhrkompaß, den
-der Notwendige bei sich hat, mitten in der nebelglänzenden
-See, im Halbdunkel, wo keine Bewegung an nichts zu erkennen
-ist, durch Minuten, die Stunden werden, stille
-liegend, und du reißest Herz und Lungen und alle Organe
-auf, als ob du geboren wärst, im Augenblick, wo du das
-Leuchtfeuer vom Außenhafen siehst, Auge der Seligkeit
-durch die silbernen Dünste der See. Und nun Kreuzen,
-Kreuzen ohne Ende. Es ist schwer wie die Verdammung,
-ein Ziel durch Vorbeifahren zu erreichen, obgleich es im
-Leben nicht anders ist. Man fängt an zu beten, Benno,
-ohne zu wissen, was es ist! Nach einer Fahrt von beinah
-zwei Stunden &mdash; statt einer halben &mdash; lagen wir im Binnenhafen,
-und hätten nicht gelegen, wenn uns nicht der Polizeikutter
-<a id="page-447" class="pagenum" title="447"></a>
-geschleppt hätte, so schnell wie ein Pferd, aber all
-diese Dampfer und Schlepper und Kähne, die an den
-Molen und an den Hafenwänden lagen, die unendlichen
-Lagerschuppen, die Kräne, die Kohlenberge, die unerhört
-langen Reihen von Fässern, und wieder Dampfer, Schlepper,
-Ewer, Schaluppen, Pinassen, Segelboote, wo einer
-einsam steht und schöpft, Südamerikafahrer, wo ein paar
-Kerle im Dunkel über der Reling liegen und spucken,
-Ziegelkähne von endloser Länge, wo am Rande ein wilder
-Spitz rennt und bellt und am Ende eine Kajüte ist und
-Licht und ein rauchender Schlot, und ein Ehepaar mit
-den Ellbogen auf den Knieen &mdash; weißt Du, wie das sich
-einbrennt in die Augen auf solchen Fahrten?
-</p>
-
-<p>
-Also, ich rannte denn zum Arzt (weißt Du, wieviel Vorstellungen
-der Orte, wo er sein könnte in solchen Minuten,
-da er ja auf keinen Fall zu Hause sein kann?) und fand
-ihn &mdash; es war gegen zehn Uhr &mdash; in seinem Zimmer bei
-der Zeitung. Endlich hatte ich ihn denn mitsamt seiner
-Tasche in einem, vom Notwendigen inzwischen geheuerten
-Motorboot, und wir langten eine halbe Stunde später
-wieder an.
-</p>
-
-<p>
-Langten an, empfangen von einem Geschrei, das ich &mdash;
-wie bereits oben, Benno, es geht jetzt auf Morgen, noch
-ist immer nicht geschehen, was geschehen soll, ich sitze und
-schreibe nach der anfänglichen besondren Kälte mit rauchenden
-Händen. Ich habe ein Geschrei gehört, Benno, das Gott
-nicht erfunden hat. Ich habe ein Weib, das er aber erfunden
-hat, brüllen und heulen und pfeifen hören. Ich
-habe hinter der Türe gestanden und geschlottert mitsamt
-dem Notwendigen. Ich habe das Licht in den Türritzen
-<a id="page-448" class="pagenum" title="448"></a>
-gesehn wie bei Weihnachten, wenns drinnen raschelt. Ich
-habe an der Füllung gekratzt wie ein Hund und dazu mit
-den Augen gewinselt. Ich habe den Doktor herauskommen
-und schwitzen und klappern sehn und ihn Worte sagen
-hören, bei denen es mich in den Ästen meines besondren
-Nervenbaums aufhenkte wie Absalom, &mdash; Gebärmuttersenkung
-&mdash; es drehte sich schon ehemals alles in mir um,
-wenn ichs hörte. Weißt Du was, Benno? Wenn die
-Menschen anfangen, von Sinnen zu geraten, so tun sie
-das Allergewöhnlichste, und zwar mit einer besondern
-Genugtuung, und der Doktor in diesem Fall putzte seine
-Brille wie den Abendstern. Ich habe Cornelia völlig rasend
-gesehn, dieweil sie kein Wort äußerte, ab und zu ging, das
-Nötige besorgte und zwischenhinein bei der halb schon
-Zerfetzten saß und ihre Hand hielt. Ich hörte mich selber
-klappern und den Arzt fragen, ob der Sturz geschadet
-habe, und hörte ihn schnauben und sagen, ob gestürzt
-oder nicht, und ob heute geboren oder morgen, das
-wäre alles Unsinn, und sie hätte niemals dazu kommen
-dürfen, und das Kind würde sich höchstwahrscheinlich erdrosseln.
-Ein Kind, o ihr Helden, noch im Leib seiner
-Mutter, und hat schon einen Strick zum Erdrosseln! Ich
-habe, Benno, auf der Erde gelegen, im Freien und an den
-Nägeln gekaut. In meinem Zimmer habe ich den Finger
-in mein brennendes Licht gehalten, um mir eine Abkühlung
-zu verschaffen, und die Wunde als höchste Wollust
-meines Lebens empfunden. Ich habe Tränen vergossen
-und diese rasende Halbtote geliebt wie keinen Menschen
-jemals, und ich habe sie um Vergebung meiner Sünden
-gebeten. Gott im Himmel, Benno, ich habe angeboten,
-<a id="page-449" class="pagenum" title="449"></a>
-alles noch einmal erdulden zu wollen, wenn bloß dies aufhörte.
-</p>
-
-<p>
-Ich habe nämlich auch Bogner gesehn, ganz besonders!
-Der saß all die Stunden im Nebenzimmer und hörte es
-mit an. Ich kam herein, ich denke, da sitzt eine Leiche.
-Aber er sieht ganz aufmerksam auf das Tischtuch. Als
-ich näher zusah, merkte ich dann, daß ich, wenn ich ihn
-anrühren sollte, einen elektrischen Schlag empfangen
-würde, denn er saß auf einem Elektrisierstuhl, gerade so
-geladen, daß es eben noch zu ertragen war. Nein, er saß
-auf durchaus keinem Stuhl, sondern auf einem pfeilschnell
-rennenden Tier; saß in einem rasselnden Panzer von
-Schnelligkeit, saß gewissermaßen auf dem hurtigsten Tier,
-das da trägt zur Vollkommenheit, genannt Leiden.
-</p>
-
-<p>
-Es war eben wieder still; ich setzte mich und fing an zu
-rauchen, die Lampe begann zu stinken und gab vor unsern
-Augen den Geist auf, Bogner erbarmte sich ihrer und blies
-sie aus. Bogner gönnte sich dieses alles.
-</p>
-
-<p>
-Und all diese Stunden lang in Pausen dies rauchende
-Geschrei wie aus einer eisernen Röhre, diese minutenlangen
-Strudel von Wimmern und Flehen an alle Mütter und
-Maler und Götter um Erbarmen.
-</p>
-
-<p>
-Aber sie ertragens. Vielleicht ist dies auch nicht besonders,
-vielleicht nur um kleine Grade schlimmer als üblich.
-Cornelia scheint es ja zu verstehn. Sie erheben sich
-sogar hinterher und fangen wieder an zu leben. Ich will
-mal nachsehen.
-</p>
-
-<p class="tb">
-&nbsp;
-</p>
-
-<p class="noindent">
-Fünf Uhr. Nun muß es bald kommen, sagt der Notwendige,
-der es vom Arzt erfuhr. Bald, das ist ein Ausdruck!
-</p>
-
-<p>
-<a id="page-450" class="pagenum" title="450"></a>
-Bogner war nicht mehr im Zimmer. Ich suchte ihn,
-da sah ich im Dunkel seinen Schatten auf dem Deich und
-stieg zu ihm hinauf. Er hatte seinen Stuhl hinausgetragen
-und saß dort, die Hände auf den Knien, unter sich den
-Nebeldunst, der Nacht zugewandt, wo sie nur dunkel war,
-denn hinter seinem Rücken stand der Mond. Da habe ich
-ihn gefragt: &bdquo;Nun, Bogner, proklamierst du heut auch
-noch deine Vollkommenheit der Welt?&ldquo;
-</p>
-
-<p>
-Er wendet den Kopf zu mir, sieht mich an. Plötzlich
-überläufts ihn. Er wartet, bis er wieder ruhig ist, und
-er sagt: &bdquo;Ja.&ldquo;
-</p>
-
-<p>
-&bdquo;Bist du wahnsinnig?&ldquo; schrei ich ihn an. &bdquo;Nachdem
-du dies gelitten hast? und sie?&ldquo;
-</p>
-
-<p>
-&bdquo;Ja,&ldquo; sagt er nach einer Weile. &bdquo;Auch daß ich leide,
-ist &mdash; gut.&ldquo;
-</p>
-
-<p>
-Da waren wir still. Später sagte er:
-</p>
-
-<p>
-&bdquo;Wenn ein Opfer gebracht wird &mdash; hier; und dort ist
-einer &mdash; der nimmt es an; dann ist alles erfüllt.&ldquo;
-</p>
-
-<p>
-Oh mir brannte das Herz! Bogner &mdash; ich weiß, welche
-Furcht vor dem Tod er erlitt. Nun hat er eingesehn, daß
-nicht er gefordert wurde, sondern sie. Und nun stirbt er
-mit ihr. Denn so stirbt der Mensch im Opfer, das er
-bringt. Vielleicht wäre er lieber gestorben, als so überleben
-zu müssen. Aber es ist Sinn in dem allen. Freilich
-muß man ein Kentaur sein, um ihn erleben zu können
-und doch zu verstehn.
-</p>
-
-<p>
-Ich weiß nun nichts mehr und schließe den Brief.
-</p>
-
-<p class="sign">
-Georg
-</p>
-
-<p class="noindent">
-Tot.
-</p>
-
-<h4 class="section">
-<a id="page-451" class="pagenum" title="451"></a>
-Georg an Magda
-</h4>
-
-<p class="date">
-auf Hallig Hooge, am 29. Dezember.
-</p>
-
-<p class="adr">
-Meine liebe Magda!
-</p>
-
-<p class="noindent">
-Eine schmerzliche Nachricht: Bogner bittet mich, Dir
-mitzuteilen, daß Ulrika Tregiorni vorgestern morgen vor
-Tagesanbruch verschieden ist, nachdem sie vergeblich versuchte,
-einer Tochter das Leben zu geben.
-</p>
-
-<p>
-Ein unglücklicher Fall am Abend zuvor beschleunigte
-die Geburt, die sie nach der Meinung des Arztes allerdings
-auch unter günstigeren Umständen nicht überstanden haben
-würde.
-</p>
-
-<p>
-Bogner ist jetzt ruhig. Sollten wir jemals über diese
-Dinge miteinander sprechen, so würdest Du erfahren, daß
-meine alte Ehrfurcht vor ihm nun fast das Maß des
-Menschlichen überschritt.
-</p>
-
-<p>
-Wir werden Ulrika am Abend hier begraben. Bogner
-fuhr heute früh mit meinem Adjutanten, Hauptmann d. J.
-Rieferling zur Stadt und kehrte gegen Mittag mit einem
-ungestrichenen weißen Sarge und einem kleinen weißen
-Marmorblock zurück, auf dem nichts eingegraben ist als
-ihr Name und &mdash; darunter &mdash; das Bild eines in seinen
-Fittichen aufrecht stehenden Schwanes. Wir Alle, die wir
-hier sind, haben ihr das Grab oben auf der Nordseite
-des Deiches geschaufelt, wo sie liegen wird mit den Füßen
-in der Richtung der See. &mdash;
-</p>
-
-<p>
-Ich habe zu diesem einige Worte über mich beizufügen.
-</p>
-
-<p>
-Aus einem Grunde, den Du verstehen wirst, wenn Du
-gelesen hast, war ich nicht fähig, die Tote zu sehn. Überdies
-hielt noch etwas mich ab, ihr Zimmer zu betreten.
-<a id="page-452" class="pagenum" title="452"></a>
-Bogner saß neben ihr und zeichnete sie. Da er keinerlei
-Mal- oder Zeichenwerkzeuge dahier hat, so riß er vom
-Deckel eines bräunlichen Pappkartons die Randstücke ab
-und fand ein kleines Stück Rötel. Durch die offene Tür
-zum Sterbezimmer sah ich ihn dann schräg auf Ulrikas
-Bett sitzen, auf den Knien den Pappdeckel, nach ihrem,
-mir unsichtbaren Gesicht blickend, und so sah ich ihn jedesmal,
-wenn ich das Haus betrat, vorgestern, gestern und
-noch in der letzten Nacht, doch hatte ich nie den Eindruck,
-als ob seine Hände beschäftigt seien.
-</p>
-
-<p>
-(Sage, kommt Dir vielleicht auch, indem Du dies liesest,
-ein japanischer Wandschirm in Erinnerung? Der erschien
-jedenfalls mir und stellte alsbald die Verbindung mit jener
-Frau wieder her, Judith Österreicher jener, von der uns
-Bogner erzählte &mdash; vor Jahren &mdash;, die er zum Leben erweckte,
-im Bilde, während sie daraus fortglitt. Was schien
-Bogner uns damals? Was scheint er mir wieder heut?
-Aber &mdash;
-</p>
-
-<div class="poem-container">
- <div class="poem">
- <div class="stanza">
- <p class="verse">es kehret umsonst nicht</p>
- <p class="verse">Unser Bogner, von wo er kam.)</p>
- </div>
- </div>
-</div>
-
-<p class="noindent">
-Heute vormittag endlich, als ich eben an meinem Schreibbüro
-mit den täglichen Unterzeichnungen beschäftigt war,
-der Hauptmann und der Ordonnanzoffizier mir dabei mit
-Zureichen und Abnehmen der Blätter zur Hand gingen,
-überhörte ich das Eintreten jemandes, bis ein leiser weiblicher
-Aufschrei mich veranlaßte, mich umzuwenden. Von
-den drei, durch die kleinen Fensterscharten einfallenden und
-sich kreuzenden Lichtkeilen geblendet, sah ich zuerst am Tisch
-in der Zimmermitte Cornelia lautlos hereingekommen und
-mit dem Zusammenstellen des Frühstücksgeschirrs beschäftigt,
-<a id="page-453" class="pagenum" title="453"></a>
-dann die Gesichter der Herren und das ihre absonderlich
-verzerrt im Blick nach der Tür, und dort sah
-ich nun Bogner, der seinen Pappdeckel in der Höhe seines
-Kopfes hielt und uns zeigte. Anfänglich schien mir nichts
-darauf wahrzunehmen, als wenige und verwirrte, rötliche
-Linien ohne Sinn und Zusammenhang. Aber jählings
-schossen sie zusammen, schlossen sich, wurden Züge, umrahmendes
-Haar, halb geschlossene Augen, und ich sah die
-Meduse.
-</p>
-
-<p>
-Tot, tot, tot, nichts als tot. Alles gebrochen und entstellt.
-Die Lippen halb geöffnet wie die Augen mitten in der
-Not des Lebens und Sterbens stehen geblieben, oder gleichgültig
-stehen gelassen von ihm, der die Seele noch lebend
-heraus und in Fetzen riß. Es war zu sehn, daß er das tat.
-Hier war alles zerstört. Hier war nichts mehr; nur Tod.
-</p>
-
-<p>
-Bogner selber, scheinbar erst aufmerksam durch unser
-Schaudern, blickte hin und entsetzte sich. Er legte es
-auf den Tisch und sah uns ratlos an. Und wir starrten
-darauf und sahen, daß da nichts war. Ein paar verwirrte
-rote Linien auf ödem Braun.
-</p>
-
-<p>
-Ich sah Gestorbne schon früher. Damals war es
-anders als hier, weniger deutlich und minder wild, und
-es war doch das gleiche. Nichts. Ich habe mich überzeugen
-wollen und Ulrika selber gesehn. Es war nur
-grauenvoller das gleiche. Ihr Gesicht war gelb in dem
-roten Haar, die Lippen bläulich, halb nur zu wie die
-Augen, hinter deren Lidern etwas bläulich Weißes schimmerte.
-Es war entseelt.
-</p>
-
-<p>
-Er hat mich nicht versteinert, der Anblick der Meduse,
-nein. Er löschte in mir nur das Licht. Es läßt sich sehr
-<a id="page-454" class="pagenum" title="454"></a>
-einfach ausdrücken. Ich hatte bisher nicht geglaubt, daß
-mein Vater gestorben sei. Ich nahm an, er lebte in einer
-andern, höheren Form, und nahm an, daß sie die selbe
-sei, in der er mir erschien. Nun weiß ich, daß die Toten
-keine andre Gestalt haben als die, in der sie uns erscheinen.
-Das ist die Form der toten Ulrika. Mein Vater ist tot.
-Was von ihm noch lebendig ist, ist in mir. Es sollte golden
-sein; aber es ist Gift. Denn es ist nichts als Schuld.
-</p>
-
-<p>
-Dies versuche mir zu glauben, ohne daß ich es erkläre.
-</p>
-
-<p>
-Ich bin ruhig, seit ich dies weiß. Ich habe die Hoffnung,
-daß in Bälde alles zu der nötigen Ordnung kommen
-wird, und Du wirst dann von mir hören.
-</p>
-
-<p>
-Ich schließe. Bogner wird mich morgen verlassen, und
-Du wirst ihn wohl über kurz oder lang selber sehn, wie
-er den gefesselten Riesen losmacht und zur Arbeit geißelt.
-Ihm ist das Tor, durch das die Tote hinausging, was
-es dem wahrhaft Lebenden sein soll: ein Eingang.
-</p>
-
-<p>
-Ich bleibe allein zurück mit dem Hauptmann, da ein
-Zufall will, daß auch Cornelia geht, wenn auch unbestimmt
-ist, wie lange sie ausbleiben wird. Sie empfing
-einen Brief von der Schwester eines Mannes, mit dem
-sie vor Jahren einmal verlobt gewesen ist, eines kränklichen,
-schwer hysterischen Menschen, von dem sie sich
-trennen mußte. Nun soll ihm eine schwierige Operation
-bevorstehn, vor der er sich fürchtet ohne sie. Sie reist nach
-Zürich, wird aber auf der Durchfahrt durch A. bei Dir
-vorsprechen.
-</p>
-
-<p>
-Lebe wohl! In Liebe brüderlich Dein
-</p>
-
-<p class="sign">
-Georg
-</p>
-
-<h4 class="section">
-<a id="page-455" class="pagenum" title="455"></a>
-Georg an Bogner
-</h4>
-
-<p class="date">
-Hier, am letzten Tage des Jahres.
-</p>
-
-<p class="noindent">
-Du bist fort. Ich kann hier nichts mehr halten, und
-mit Dir verließ mich auch Dein Geist. Doch ich weiß nun,
-wer Du bist. Als Du diese Erde betratest, gaben die
-Götter Dir den Namen und sagten: Benvenuto! das ist:
-Sei uns willkommen!
-</p>
-
-<p>
-Du bist aber Herakles.
-</p>
-
-<p>
-Derselbe Halbgott kämpfte mit den gewaltigen Tieren
-der Fabel und bezwang sich in der Knechtschaft. Zuletzt
-legte er das brennende Kleid an, und es &sbquo;ging in Lüfte
-der Geist ihm auf&lsquo;; er betrat den Raum seiner Unsterblichkeit.
-</p>
-
-<p>
-Der alle Schrecken des Lebens in sich selbst überwindende
-Mensch: das ist der Heros, der die Unsterblichkeit
-davonträgt.
-</p>
-
-<p>
-Vielleicht nicht: Heroen zu werden, aber &mdash; heroisch zu
-sein in allen wahrhaften Augenblicken des Lebens, das ist
-unsre Aufgabe. Es ist die Aufgabe, die ich sieben Mal
-verriet.
-</p>
-
-<p>
-Mein Heros, lebe wohl!
-</p>
-
-<p class="sign">
-Georg
-</p>
-
-<div class="chapter">
-
-<h3 class="chapter" id="subchap-0-2-6">
-<a id="page-456" class="pagenum" title="456"></a>
-Sechstes Kapitel: Januar
-</h3>
-
-</div>
-
-<h4 class="section">
-Cornelia an Georg
-</h4>
-
-<p class="date">
-Zürich, am 11. Jan.
-</p>
-
-<p class="noindent">
-Mein Lieber, Du hast mir verboten, zu schreiben, aber
-ich muß Dir doch sagen, daß meine Rückkehr sich noch
-verzögert. Die Operation ist überstanden, aber es sind
-im Zustand des Kranken Verwickelungen eingetreten, die
-mich noch bei ihm festhalten. Ich bin furchtbar unglücklich
-darüber, nicht nur meine Liebe, auch Angst und Sorge
-ziehn mich ja unaufhörlich zu Dir, aber &mdash; was bin ich
-Dir, und ihm hier bin ich das Einzige! Nimm dies und
-die innigsten, liebendsten Grüße Deiner
-</p>
-
-<p class="sign">
-Cornelia
-</p>
-
-<h4 class="section">
-Georg an Magda
-</h4>
-
-<p class="date">
-Auf meiner Insel, am 20. I.
-</p>
-
-<p class="noindent">
-Dieser Brief wird in meinem Schreibbüro gefunden
-werden, wenn das Wenige vorüber ist, das hier &bdquo;alles&ldquo;
-genannt wird.
-</p>
-
-<p>
-Nun kann ich nicht mehr. Ich bin leer, es drückt
-meine Wände ein. Ich bin so furchtbar müde, daß es
-keinen Schlaf mehr für mich giebt als einen, nach dem ich
-mich sehne wie ein Kind. Mitunter fühle ich meinen
-Körper schlummern, aber die Seele löst es nur in einen
-rauchenden Wirbel auf. Dann ist immer der gleiche
-Traum, daß ich Sindbad bin. Die Beine jenes bösen
-Geistes, den er auf seiner Insel schleppen mußte, liegen
-um meinen Hals geschlungen, sie würgen mich, und ich
-<a id="page-457" class="pagenum" title="457"></a>
-lauere darauf, daß der Alte einschläft und ich mich losmachen
-kann, und er belauert mich. Wenn ich dann erwache,
-so weiß ich, daß er nicht schläft, ehe ich selber
-schlafe.
-</p>
-
-<p>
-Laß mich schlafen, Magda, tue das Eine mir nicht an
-und halte mich nicht für feige! Vielleicht könnte ich leben
-in einer Einsamkeit, unbeachtet, mit diesem und jenem
-Menschen, verantwortlich allein mir selber. Es ist aber
-all die Zeit während der letzten Jahre mein mehr oder
-minder bewußtes Streben gewesen, den Punkt zu erreichen
-&mdash; wo dann alles unter mir brach &mdash;, den Augenblick, wo
-ich an die Spitze eines Reiches trat. Dies habe ich gewollt
-und habe es erreicht, auf Kosten all dessen, was ich jetzt
-schleppe, und auf Kosten all Derer, die mit mir mein Leben
-ausmachten. Mein Recht auf sie verlor ich durch Schuld,
-aber es hieße sie selber ausblasen wie ein Licht, wollte ich
-heute verzichten und mich in mich selber zurückziehn. Entweder
-der Staat oder nichts. Zum Entweder jedoch gehört
-eine Verantwortung, die ich nicht auf mich nehmen
-kann. Tag für Tag wächst allein die alte Einsicht neu:
-Du kommst nicht hinein. Zu den handelnden Menschen,
-in ihre Gewohnheiten treten und selber doch frei sein vom
-Zwang des Gewohnten: dazu finde ich keine Möglichkeit,
-und ohne sie die Verantwortung einer solchen
-Stellung auf mich zu nehmen, das bringe ich nicht mehr
-fertig.
-</p>
-
-<p>
-Um die Erde ist Nacht. Ich stand auf der Plattform
-im Frost und im Schwarzen, im uralten Donner der
-Freundin, der See, und ich sah im Nächtigen rote Punkte,
-die Lichter fahrender Schiffe, sah sie aufglühn und wieder
-<a id="page-458" class="pagenum" title="458"></a>
-erlöschen. Eine Flamme, die mir frei und golden schien,
-hat sich zum letzten glimmenden Punkt zusammengezogen.
-Möchte der Flügelschlag, der sie verlöscht, der des Gedankens
-sein, daß Du die geschwundene nur aus den
-Augen verlierst und nicht aus dem Herzen!
-</p>
-
-<p>
-Noch ist eine Spur von Kraft in mir. Sie mag Tage
-reichen oder Wochen, ich verspreche Dir, daß kein Ende
-sein wird, ehe ich nicht den letzten Rest von mir verbraucht
-habe.
-</p>
-
-<p>
-Dann glaube mir, daß ich erleichtert wurde, und traure
-mir nicht nach!
-</p>
-
-<p>
-Lebe wohl!
-</p>
-
-<p class="sign">
-Georg
-</p>
-
-<h4 class="section">
-Georg an Benno
-</h4>
-
-<p class="date">
-Auf meiner Insel, am 24. I.
-</p>
-
-<p class="adr">
-Mein Freund:
-</p>
-
-<p class="noindent">
-Du wirst wissen, daß ich hier aus Staatsraison einen
-Begleiter habe, einen Infanteriehauptmann namens
-Rieferling, Johannes. Nachdem ich mehrere Wochen in
-wenn auch nicht eben nahem Umgang mit ihm gestanden
-hatte, ohne mich um sein Inneres zu bekümmern, machte
-ich mir Gewissensbisse und begann, ihn Einiges nach
-seinem Leben zu fragen, infolge seines ernsten Wesens in
-der fast sicheren Vermutung, auf etwas zu stoßen, das
-ihm die Einsamkeit hier aus ähnlichen Gründen wie mir
-nicht beklagenswert erscheinen läßt. Aber nichts dergleichen.
-Er hatte kaum etwas zu berichten. Seine Eltern
-haben ein kleines Gut in den Ostseeprovinzen, haben viele
-<a id="page-459" class="pagenum" title="459"></a>
-Kinder, in deren Reihe er irgendwo in der Mitte steht,
-alles ist gesund, er hat stets nur zum Soldatenstand Lust
-gehabt, mußte freilich ein bescheidenes Leben führen, hat
-aber außer seinem Beruf nie Bedürfnisse gehabt, verließ
-die Kriegsakademie mit den höchsten Auszeichnungen, hat
-nach wie vor keine Wünsche, als einmal nach Italien zu
-reisen, und bedauert nur, daß der nächste Krieg eher da sein
-wird als für ihn das Bataillon, aber ich hoffe, für diesen
-absurden Fall, wenn er eintreten sollte, noch Vorsorge
-treffen zu können. Hier arbeitet er den ganzen Tag,
-kümmert sich den Teufel um die See und liest jeden Abend
-ein Kapitel im Neuen Testament.
-</p>
-
-<p>
-Möchte man auch so sein, Benno? Wie geht so ein
-Leben weiter? Entweder in den vorgeschriebenen Bahnen,
-und er endet einmal als Generalinspekteur eines Armeekorps,
-die Brust voller Orden, oder der nächste Krieg
-kommt wirklich, und ist er noch nicht im Generalstab gelandet,
-so führt er seine Kompagnie zu einem glänzenden
-Sturmangriff, erhält das Eiserne Kreuz, und ein paar
-Tage oder ein paar Wochen später legt ihn eine sanfte
-Kugel von Gottweißwo her schmerzlos und ruhig auf den
-Rasen. Der Leutnant sagt: Die Kompagnie hört auf
-mein Kommando! und an der Stelle, die er ausfüllte,
-steht ein Andrer, der sie gerad so ausfüllt.
-</p>
-
-<p>
-Indem ich noch dies bedachte, erinnerte ich mich Deiner
-und merkte dabei, daß meine Gewissensbisse in Wahrheit mit
-der Erscheinung des Hauptmanns nur eine Verbindung
-zweiten Grades gehabt hatten, und eigentlich meinte ich Dich.
-</p>
-
-<p>
-Solange wir zusammen unseres Weges gingen, warst
-Du der Sorgenvollere, aber wie war damals zwischen
-<a id="page-460" class="pagenum" title="460"></a>
-uns alles einfach! Wir waren Freunde, und was das
-Herz beschweren mochte, sagte sich leicht. Nicht verfiel
-der Eine in Schweigen, so daß der Andre erst viel sich bekümmern
-mußte und endlich fragen. Wie es mit Dir jetzt
-steht, ahne ich nicht, aber ich glaube, daß nicht nur meine
-Bürde mit der Zeit zugenommen hat, und nun sind wir
-jeder allein. Freilich, die meine ist von der Art, die schweigsam
-und einsam macht. Aber die Deine, Benno, wie ists
-mit der Deinen?
-</p>
-
-<p>
-Lieber Freund, dies ist eine Frage, die leider nicht mehr
-auf Antwort warten kann, wie Du sehn wirst, wenn Du
-sie vor Augen hast, so eine besondre Art von rhetorischer
-Frage, siehst Du. Nun ists zu spät; zu spät auch, festzustellen,
-was mich eben bewegt, nämlich, ob wir schon damals,
-vor die Entscheidung gestellt, unsre Neigung für
-ein ungemeines Leben durch den Entschluß bekräftigt
-hätten, den Weg, den es uns führen würde, bis zum
-bittersten Ende zu gehn. Ich kann nur hoffen, daß ich
-mich entschlossen hätte. Es ist, wie gesagt, zu spät, und
-für mich ists schon viel, daß ich aus dem Brande, in dem
-ich nun seit ungezählten Tagen herumjage, auf der Suche
-nach einem Ausgang außer dem, der mir sichtbar ist, daß
-ich noch einmal mit der Hand herauswinken kann. In
-der Ahnung, es müsse auch ein Wimpel noch irgendwo
-liegen, mit dem zu winken wäre, fand ich ein Gedicht unter
-meinen alten, das ich einmal im Gedanken an Dich schrieb
-und Dir damals nicht in alltäglicher Stunde geben wollte.
-Die heutige dürfte ungemein genug dazu sein.
-</p>
-
-<p>
-Abschied nehmen bei einem Fortgang wie dem mir
-nahe bevorstehenden, scheint mir wenig passend; ein
-<a id="page-461" class="pagenum" title="461"></a>
-Wort aber dürfte schicklich sein, und ich bin in Höflichkeit
-geboren und erzogen, so daß es mir kaum weniger passend
-erschiene, wortlos zu gehn.
-</p>
-
-<p>
-Darum wünsche ich Dir eins: Wenn Du einmal in
-Not sein solltest, in einer äußersten Not, ein gefangenes
-Tier, das in Herzensqual nichts mehr weiß als zu laufen,
-zu rennen, auf und ab, oder im Kreis, winselnden Herzens
-mit rasenden Füßen um den verglimmenden Rest Deiner
-Welt, Tage und Nächte: dann wünsche ich Dir die eine
-Stunde Schlaf, nach der ich durste, und die, wie es scheint,
-nicht für mich bestimmt ist. Dann trinke Dich satt an ihr
-und gedenke Deines Freundes
-</p>
-
-<p class="sign">
-Georg
-</p>
-
-<h5 class="subsection">
-Das Schweigen
-</h5>
-
-<div class="poem-container">
- <div class="poem">
- <div class="stanza">
- <p class="verse">Gingst du je beladen, ein Mensch, und suchtest</p>
- <p class="verse">Eines Bruders, einer Schwester Schoß,</p>
- <p class="verse">Auszuruhen, das stet und steil</p>
- <p class="verse">Aufwärtsragte, das überbürdete Haupt?</p>
- </div>
- <div class="stanza">
- <p class="verse">Und vom Schweigen, im Lärm deine einzige Wehr,</p>
- <p class="verse">Ach, vom Schweigen, der Lippen brennendem Siegel,</p>
- <p class="verse">Einmal zu erlösen sehnsüchtiger Lippen Dürre</p>
- <p class="verse">An kühlen Quellen, an geliebtem Mund?</p>
- </div>
- <div class="stanza">
- <p class="verse">Suchtest du lang, und sank nicht der Tag, ach sanken</p>
- <p class="verse">Viele nicht? Doch als eines Abends dein Blut</p>
- <p class="verse">Müde verging in die ruhige Röte und Nacht,</p>
- <p class="verse">Fandest auch du; und immer gefaltete Hände</p>
- <p class="verse">Lösten sich still, geliebter Geschwister gewiß.</p>
- </div>
- <div class="stanza">
-<a id="page-462" class="pagenum" title="462"></a>
- <p class="verse">Zuckte die Lippe auch schon? und ging euer Atem</p>
- <p class="verse">Schwer von Verlangen inbrünstigen Worten vorauf?</p>
- <p class="verse">Aber ihr schwiegt. Durch Stummheit, die sternhelle, gingen</p>
- <p class="verse">Aller Fülle beglänzte Ströme</p>
- <p class="verse">Lautlos, selig, zwischen euch hin und her.</p>
- </div>
- </div>
-</div>
-
-<h4 class="section">
-Hallig Hooge
-</h4>
-
-<p class="first">
-Es war ganz dunkel.
-</p>
-
-<p>
-Georg saß, die Hände auf den Knäufen der Stuhllehnen,
-ein wenig vorgebeugt, als ob er lausche. Der
-Armsessel stand an der Wand. Nichts bewegte sich. Es
-war still.
-</p>
-
-<p>
-Als Georg merkte, daß er horchte, wußte er, daß unendliche
-Zeit vergangen war, während er so gesessen hatte.
-Während dieser Zeit mußte der Rest abgelaufen sein.
-Nun war nichts mehr.
-</p>
-
-<p>
-Vor seinen Augen war das Zimmer dämmrig, obgleich
-die tiefe Nachtschwärze in den Rechtecken der Fenster
-stand. Das Schreibbüro war deutlich erkennbar, die
-weiße Kuppel der Lampe, die Umrisse des runden Tisches
-in der Mitte des Raums, die Lehnen der Stühle, schattenhaft
-alles.
-</p>
-
-<p>
-Und was war dies mit der See? Still, kein Laut.
-Georg erinnerte sich, daß es mitten im Winter war. Vielleicht
-war die See zugefroren.
-</p>
-
-<p>
-Er fuhr sich unbewußt mit der Hand über die Stirn.
-</p>
-
-<p>
-Ja, sagte er halblaut. Ja, dann ist es wohl so
-weit ...
-</p>
-
-<p>
-<a id="page-463" class="pagenum" title="463"></a>
-Er lehnte die linke Schläfe gegen die rauhe Wange des
-Stuhls, plötzlich zitternd vor Müdigkeit, und so saß er
-eine lange Weile, ohne Widerstand gegen das immer wieder
-losrieselnde Zittern. Langsam verging es. Auf einmal
-flatterte seine linke Hand heftig. Dann war alles
-still.
-</p>
-
-<p>
-So wirds gut sein, dachte er dankbar. So &mdash; immer
-tiefer ... immer tiefer ... dann ein kleiner Ruck, &mdash; alles
-steht.
-</p>
-
-<p>
-Aber ich schlafe ja vorher ein! schrak er auf und
-lächelte.
-</p>
-
-<p>
-Also ... ist noch etwas? dachte er mühsam. Abschied?
-Von wem?
-</p>
-
-<p>
-Ein Schatten kam um den Tisch, die Seele Cornelias
-blickte traurig zu ihm hin. Sie dauerte ihn. Hoffentlich,
-dachte er, findet sie sich mit dem Andern besser zurecht.
-Bei mir hatte sie, glaub ich, zu wenig zu tun.
-</p>
-
-<p>
-Ach, ich werde schlafen! fiel ihm da ein, und das Dunkel
-verklärte sich. Ach, oh, ich werde schlafen!
-</p>
-
-<p>
-Er rückte mit dem Oberleib vor im Stuhl und stand
-auf, ging zum Sekretär, zog die bestimmte Lade hintastend
-auf, nahm den Kasten heraus, öffnete die Verschlüsse,
-und weil ihm die Finger bebten, mußte er an einen Morphinisten
-denken, der seine Spritze auspackt. In dem heller
-grauen Rechteck von Samt lag das dunkle Instrument,
-erkennbar und wohlbekannt, anders als alle Gebrauchsdinge,
-eigentlich aber ohne Zusammenhang mit seinem
-Sinn. Wenn man es in gewisser Weise handhabte, war
-die Folge der Tod, und doch stellt man sich Töten gemeinhin
-anders vor.
-</p>
-
-<p>
-<a id="page-464" class="pagenum" title="464"></a>
-Er bemühte sich nun eine ganze Weile krampfhaft,
-etwas zu denken, aber nichts kam zum Vorschein. Keine
-Menschen, keine Erinnerung, auch keine Schuld, so fest
-er sich an das Wort klammerte. Nur ein Gähnen überfiel
-ihn bald, das kein Ende nehmen wollte. Als es schließlich
-vorüber war, bemerkte er, daß er die Uhr gezogen
-hatte. Ja, ich will doch sehn, wie spät es ist, fiel ihm ein;
-er klappte den Deckel auf und starrte auf die kleine, bleiche
-Kreisfläche, bis die Zeiger hervor kamen. Sie standen
-auf ein Viertel nach Sieben. Er hielt die Uhr ans Ohr,
-allein sie tickte vernehmlich, und nun zerbrach er sich lange
-den Kopf, um herauszubekommen, ob Morgen oder
-Abend sei, aber umsonst. Er trat ans nächste Fenster
-und blickte hinaus. Draußen war ein grauer Schein.
-Von den Sternen, deren abendliche Stellungen ihm bekannt
-waren, fand er nicht einen.
-</p>
-
-<p>
-Übrigens &mdash; dachte er &mdash; eine sonderbare Stunde, aus
-dem Leben zu gehn: ein Viertel nach Sieben. Ich glaube,
-gemeinhin tun es die Leute zwischen drei und fünf Uhr
-morgens.
-</p>
-
-<p>
-Aber immer war da noch ein Hindernis, unerkennbar,
-aber es war. Da er seinen Kopf heiß und dumpf empfand,
-beschloß er, vor die Tür zu treten und noch einmal
-nach dem Meer auszusehn.
-</p>
-
-<p>
-Draußen stehend mit einer übergangslosen Schnelligkeit
-&mdash; er dachte, das ist wie im Traum! &mdash; staunte er, wie milde
-die Luft war. Feuchter Dunst berührte seine Stirn. Ach,
-dachte er, heute ist wohl dieser Tag im Januar, wo der
-Frühling sich im Schlaf umdrehn soll und seufzen. &mdash; Dann
-ging er in schräger Linie über den Deich bis an den Rand.
-</p>
-
-<p>
-<a id="page-465" class="pagenum" title="465"></a>
-Das Wasser in hoher Flut stand bis an den Fuß der
-Mauersteile unten, stand, dunkel, ohne jede Bewegung.
-Unsichtbar regte sich dann ein Laut, etwas klatschte leise
-an. Jetzt ein andrer Ton, näher ... Etwas glänzte zu
-Georgs Füßen, so sehr einem Aufblick ähnlich, daß es ihn
-rührte. Nun war alles wieder still.
-</p>
-
-<p>
-Wie geräuschlos sie kommen kann! dachte er, die Riesige,
-leiser als ein Mensch! Erstes Staunen der Kindheit,
-&mdash; da liegt sie nun, unsichtbar. Er starrte in die
-Finsternis vor ihm, die er meilenweit ohne Grenzen wußte,
-und die schweigsamen Gewässer hauchten ihn mit dem
-Odem ihres übergroßen Wesens an. Ein wenig höher,
-wo der Nachthimmel war, bewegte sich etwas quellendes
-Licht, gelblich, weißlich, und seltsam erschien der Umriß
-eines Berges.
-</p>
-
-<p>
-Plötzlich rührte das Geheimnis der Erde an seine Brust;
-er mußte den Kopf senken vor dieser Stille und Feierlichkeit,
-Scham erfüllte ihn, auf einmal bog sich sein Knie,
-er legte die Hände zusammen, kniete und sagte, die Worte
-im Munde zerdrückend, zur Erde:
-</p>
-
-<p>
-&bdquo;Vergieb mir! Ich bin sehr arm. Meine Augen wollen
-nicht mehr. Ich will fort ...&ldquo;
-</p>
-
-<p>
-Gras um ihn her wehte im Dunkel. Es überlief ihn
-glühend.
-</p>
-
-<p>
-&bdquo;Und ich danke auch&ldquo;, sagte er. &bdquo;Dank für alles!
-Du bist gut und schön. Deine Abende und dein Frühling,
-die Amsel und alldas.&ldquo;
-</p>
-
-<p>
-&bdquo;Viel gelitten,&ldquo; sagte er plötzlich, &bdquo;viel gelitten ...&ldquo;
-</p>
-
-<p>
-Er stand hastig auf und wollte fortgehn. Da spaltete
-es ihn wie ein Schwert, ein grenzenloser Jammer, und
-<a id="page-466" class="pagenum" title="466"></a>
-er schrie in seiner Verlassenheit ganz laut: &bdquo;Mein Vater ist
-tot! oh Gott, mein Vater ist tot!&ldquo;
-</p>
-
-<p>
-Schwer und gelassen bejahend klatschte eine Welle am
-Deichfuße hin; Georg ging mit leisen Schritten zum Turm
-zurück, schloß die Tür, ging zum Schreibbüro und mit
-der Waffe in der Hand zum Stuhl, wo er sich in die linke
-Ecke lehnte.
-</p>
-
-<p>
-Die Augen schließend, gewahrte er plötzlich einen Lichtschein
-hinter den Lidern, hob sie wiederum und sah erstaunt,
-daß die Lampe brannte. &mdash; Was ist denn das? dachte er,
-wer hat denn die Lampe angesteckt? Einen Augenblick
-durchrann ihn sonderbar das Gefühl, die Lampe habe sich
-selbst entzündet, um ihn zu verhindern. &mdash; Mag sie brennen!
-dachte er dann, aber nun quälte es ihn, daß dies Licht im
-Zimmer sein sollte, wenn er nicht mehr darin war, und
-auch, daß er nicht wußte, wann er sie angezündet hatte.
-So erhob er sich wieder, ging hin zu ihr und bemerkte,
-daß auf der Schreibunterlage ein Papier lag, auf dem
-das Wort: Mutlos stand, quer durchstrichen, worauf ihm
-denn einfiel, daß er das vorhin geschrieben hatte und dazu
-wohl die Lampe entzündet haben mußte. Es sollte ein
-Gedicht werden, ja, das letzte, er erinnerte sich einmal gelesen
-zu haben, daß man sein ganzes Leben nur ein einziges
-Gedicht machen sollte, vorm Tode, das würde dann
-außerordentlich werden. Es war aber nichts geworden,
-und ich, fiel ihm ein, ich habe ja auch schon früher eine
-Menge Gedichte gemacht. &mdash; Er knüllte das Blatt zusammen,
-aber, da er bedenken mußte, daß es später gefunden
-werden könne, zog er es wieder auseinander, hielt
-eine Ecke über den Zylinder der Lampe und wartete, bis
-<a id="page-467" class="pagenum" title="467"></a>
-es Feuer fing. Eine blaue Flamme leckte daran hoch,
-plötzlich lohte es zu einem mächtigen, roten Scheinen auf,
-in dem er geblendet das ganze Achteck des Raums taghell
-bis zu den Gesichtern der Planetengötter unter der
-Decke erkannte. Dann warf ers an die Erde, mit der
-sinkenden Flamme sackten schwere Schatten rundum, der
-einer Stuhllehne reckte sich noch einmal hochauf an der
-Wand, langsam verflackerte die Lohe, ward es dunkler;
-endlich Nacht und am Boden ein paar rote Funken.
-</p>
-
-<p>
-Nun noch die Lampe. Er löschte sie hastig, lief fast
-auf seinen Stuhl zu, setzte sich wie zuvor, drückte die linke
-Schläfe an, und die Müdigkeit überströmte ihn, daß es
-ihn schauderte vor Wollust des nahen Schlafs. Prickeln
-bedeckte seinen ganzen Leib, er sank schlaff zusammen, bewegte
-die rechte Hand, um die Waffe zu fühlen, und
-lächelte. Von fern zog Musik in ihn ein, es brauste melodisch.
-Er hob langsam die Hand, er gähnte ein wenig,
-drückte sich fester an, &mdash; nun kam die letzte, große Woge,
-das Dunkel ...
-</p>
-
-<p>
-Seine Hand glitt neben den Schenkel zurück. Cornelia
-erschien plötzlich im Zimmer, dann andre Gestalten; sie
-beschäftigten sich im Halbdunkel, er wollte zu ihnen, vermochte
-es nicht, und unter einem rieselnden Klingen wurden
-sie ferner und ferner ...
-</p>
-
-<p>
-Georg schlief.
-</p>
-
-<p class="tb">
-&nbsp;
-</p>
-
-<p class="noindent">
-Georg schlug die Augen auf. Eine tiefe, aber erleuchtete
-Dämmerung füllte den Raum mit Wärme und Sanftmut.
-Auf der Platte des Schreibbüros brannte die
-<a id="page-468" class="pagenum" title="468"></a>
-Lampe, so daß in ihrem Licht die kleinen Schubladen mit
-ihren Messingknöpfen, die geschnitzten Säulen und die
-Treppe aus farbigen Hölzern in der Mittelnische hell und
-freundlich sich zeigten; aber unter die weiße, mild leuchtende
-Kuppel war ein Stück Papier in den Ring geklemmt,
-das, ein rechteckiger Schatten vor dem Licht, herunterhing
-und den Raum mit Dunkelheit füllte. Dies war so erstaunlich
-schön anzusehn und von solchem Frieden, daß
-Georg lange Zeit die Augen nicht davon abwenden konnte.
-</p>
-
-<p>
-Er erschrak dann leise, als er entdeckte, daß er nicht
-allein war: im Schatten, rechts neben der Platte des
-Büros war ein sitzender Mensch; er schien die Beine übereinander
-gelegt zu haben und hielt den Kopf in die Hand
-gestützt.
-</p>
-
-<p>
-Und sieh! &mdash; das Grauen, ohne doch schrecklich zu sein,
-vertiefte sich in Georg &mdash; der ganze Raum war ja voller
-Menschen! Ganz still waren sie da, ohne Laut noch Bewegung.
-Wer waren die?
-</p>
-
-<p>
-Grade ihm gegenüber hinter dem dunklen, runden
-Tisch saß eine weibliche Gestalt; ihre bloßen Unterarme
-lagen flach auf der Tischdecke mit gefalteten Händen; den
-Kopf hielt sie so tief gesenkt, als ob sie schlafe oder bete,
-und Georg gewahrte deutlich die stille und lichte Furche
-ihres Scheitels in den leise glänzenden Wellen des Haars.
-Sie schien ihm nicht unbekannt.
-</p>
-
-<p>
-Hinter ihr, weiter zurück an der Wand, ganz im
-Schatten stand ein Mann, den Kopf geneigt, die Stirn
-in der linken Hand, als ob er sehr tief nachdenke.
-</p>
-
-<p>
-Als aber Georg die Augen weiter nach rechts hin bewegte,
-leuchtete es ihm von der Türe her strahlend blau
-<a id="page-469" class="pagenum" title="469"></a>
-entgegen, und äußerst betroffen von Verwunderung erkannte
-er in diesem Blauen die seidene Jacke eines Chinesen,
-der dort stand wie in einer tiefen Verneigung; ja,
-es war Georg, als habe er diese Bewegung schnell noch
-ausgeführt, bevor seine Augen dorthin gelangt waren.
-Ein großer, grün und golden feuriger Drache glänzte aus
-dem Himmelblau der Brust.
-</p>
-
-<p>
-Dies alles begriff Georg so wenig wie seinen eigenen
-Zustand, der ihm zauberhaft deuchte. Sein Körper war
-ihm so leicht, daß er ihn kaum fühlte, die Seele so frisch
-und kühl, daß er kaum Atem zu holen wagte, aus Furcht,
-diese Frische und Kühle könne abfallen wie lockerer Schnee.
-Hoch über ihm sang die zarte Stimme des Schweigens,
-lieblich und wie ein ferner Choral. Über alles Begreifen
-feierlich schien dies. Augenscheinlich ein Traum.
-</p>
-
-<p>
-Warum saßen und standen diese hier? Hatten sie auf
-sein Erwachen gewartet? Oder &mdash; plötzlich graut&rsquo; es ihn
-dennoch &mdash; war er vielleicht doch tot, und hier war nur
-seine Seele, die ohne es zu wissen gewandert und in dies
-Zimmer zu Fremden gelangt war, die gar nicht ahnten,
-daß er zugegen war? Die vielleicht um einen andern
-Toten trauerten? Oder um ihn? &mdash; Allein &mdash; dies war
-sein Zimmer; im Turm, &mdash; Hallig Hooge fiel ihm ein und
-alles andre.
-</p>
-
-<p>
-Und jetzt auf einmal bemerkte er mitten auf der dunklen
-Decke des Tisches einen schwärzlichen Gegenstand, in dem
-er sogleich seine Pistole erkannte. Und gleich auch, mit einer
-traumhaften Klarheit, wußte er, um was es hier ging.
-</p>
-
-<p>
-Er hier, er hatte über sich selbst ein Urteil gefällt,
-eigener Kläger und Richter. Da es sich aber um eine
-<a id="page-470" class="pagenum" title="470"></a>
-Versündigung gegen Menschen handelte, gegen Andre,
-so konnten auch nur Menschen, nur Andre über ihn urteilen
-und richten. Und zu diesem Zweck waren diese
-stillen Fremden nun da.
-</p>
-
-<p>
-In diesem Augenblick hob die weibliche Gestalt hinter
-dem Tisch das Gesicht, und er erkannte mit heller Freude
-Magda, die ihn anzusehn schien. Ach ja, daß sie blind
-war, hatte er nur geträumt.
-</p>
-
-<p>
-Indem richtete auch der neben dem Schreibbüro sich
-auf, und es zeigten sich Jasons Züge und schwarze
-Augen.
-</p>
-
-<p>
-Der hinter Magda stand, ließ die Hand sinken; es war
-der Hauptmann.
-</p>
-
-<p>
-Bewegung, so leise sie war, rieselte umher, und gleich
-darauf wurde Magdas Stimme hörbar, klar, aber gedämpft:
-&bdquo;Ist er erwacht?&ldquo;
-</p>
-
-<p>
-&bdquo;Erwacht&ldquo;, sagte Jason. &bdquo;Er wird gleich sprechen.
-Wir wollen guten Abend sagen, &mdash; oder gute Nacht.&ldquo;
-</p>
-
-<p>
-Georg sagte leise: &bdquo;Schön, daß ihr da seid! Wie kamt
-ihr hierher?&ldquo;
-</p>
-
-<p>
-&bdquo;Wie alle Reisenden,&ldquo; versetzte Jason, &bdquo;über das Meer.
-Über seine beruhigten Flächen sind wir geritten auf schönen
-Delphinen mit Augen gleich Sternen, die blickten und
-schienen, dieweil sie glitten. Ihre Schwanzflossen, gebildet
-wie Leiern, klangen lieblich zu unserer Fahrt. Aber dies
-ist zu zart, um es ganz zu entschleiern.&ldquo;
-</p>
-
-<p>
-&bdquo;Ich glaubte, daß ihr Träume wart&ldquo;, sagte Georg.
-</p>
-
-<p>
-&bdquo;Glaube, wir sind es! &mdash; Wir kamen kraft eines geistigen
-Windes, jeder ein Traum, und aus Traum ist der
-Raum, wo wir weilen.&ldquo;
-</p>
-
-<p>
-<a id="page-471" class="pagenum" title="471"></a>
-&bdquo;Und warum kamt ihr?&ldquo;
-</p>
-
-<p>
-&bdquo;Um zu heilen.&ldquo;
-</p>
-
-<p>
-&bdquo;Und wie könnt ihr?&ldquo;
-</p>
-
-<p>
-&bdquo;Du mußt dich mitteilen. Aber erst höre, wie dies sich
-begab. Wir stiegen an deinem Ufer ab, hier ich, die
-Freundin, die du lange kennst, und dieser Diener aus dem
-Reich der Mitte. Hier der Notwendige, wie du ihn
-nanntest, führt&rsquo; uns zu dir, wir pochten, aber du gabst
-keine Antwort. Schliefst du schon? es war erst Abend,
-aber deine Fenster dunkel. Wir traten ein, und einer
-machte Licht. Da sahn wir gleich dein schlummerndes Gesicht
-in einem Schlaf, wie wir noch nicht gesehen. Wir
-konnten sprechen, sitzen oder gehen, du aber schliefst und
-wußtest von uns nicht. Am Abend hatten wir uns eingefunden.
-Nun ist es tiefe Nacht, du schläfst seit Stunden,
-du schliefst dich glühend an und wieder kühl; es
-wurde sanft in dir, und dein Gefühl, das schmerzliche,
-stieg auf wie Wasserblasen zu deinem Antlitz, wo sie
-sprangen zart in lauter Lächeln. Was einst Qual und
-Rasen gewesen, schreckenvoll mit Nacht geschart, verwandelte
-sich in der Schlafmagie. Nun deine letzten
-Träume, siehe sie um dich versammelt, da du nun genesen!
-Die Freundin still und ernst, stumm den Vasall, und mich,
-in Händen klar den Sprachkristall, und bunt und immer
-lächelnd den Chinesen ...&ldquo;
-</p>
-
-<p>
-&bdquo;Aber Jason, mir scheint, dies war schon einmal, nur
-nicht so wunderbar und &mdash;&ldquo;
-</p>
-
-<p>
-&bdquo;Das sind die Femrichter gewesen. Jenes war
-Mummenschanz, dieses ist wahr.&ldquo;
-</p>
-
-<p>
-&bdquo;Soll ich nun sprechen?&ldquo;
-</p>
-
-<p>
-<a id="page-472" class="pagenum" title="472"></a>
-&bdquo;Wenn du es willst. Wenn es zerbrechbar ist, sollst
-du es brechen, wenn es dir stillbar ist, daß du es stillst.
-Zwar ist der Teufel gemeinhin im Zweiten ...&ldquo;
-</p>
-
-<p>
-&bdquo;Wie soll ichs verstehn?&ldquo;
-</p>
-
-<p>
-&bdquo;Beizeiten! Laß sehn: Was du allein weißt &mdash; nicht
-wahr? &mdash; das ist gut. &mdash; Gut ist es und echt. Weiß es
-ein Zweiter mit dir, ist es schlecht, &mdash; dieweilen es heißt:
-sein Haben mitteilen. Teilst du aber dein Wissen mit
-Reden, so wird es zerrissen, was bleibt für jeden? Die
-Hälfte, nicht wahr? Und teilst du&rsquo;s mit Dreien, teilst es
-mit Vieren, mit Hunderten gar, so wirst du&rsquo;s verlieren,
-und keiner hat was. Darum sagt der Chinese vom Tao:
-Tao zu lehren, ist verwehrt. Tao gelehrt, hieße Tao geteilt,
-aber Tao ist das Eine. Darum ist Lao-Tse, der
-Reine, in die Verborgenheit gegangen. Nur im Verborgenen
-konnt er empfangen &mdash; den Zweiten, der mit
-ihm die Einheit sei.&ldquo;
-</p>
-
-<p>
-&bdquo;Was heißt das? verzeih!&ldquo;
-</p>
-
-<p>
-&bdquo;Gott ist immer der Zweite in Wahrheit. Was du
-allein besitzest in Klarheit, das hast du mit ihm. Jedes
-Ding ist ein Seraphim zwischen Gotte und dir. Seine
-Schwingen nach dort und hier aufgespannt, bilden die
-Brücke von dir zu dem Zweiten. Da doch alles nach allen
-Seiten unendlich ist, was könntest du halten, hielte das
-andere Ende nicht Er? Aber gestützt auf diese Gewalten,
-auf Gott und auf dich, wird es keiner zerschlagen und hat
-es die Kraft, die Erde zu tragen. Ein solches Ding, so
-zauberhaft, ist das Gebet, ein solches ist die Tat, die gut
-geschah, und jedes gute Wissen auch. Wenn du es aber
-teilst mit einem Dritten, so wird auch Gott &mdash; vergänglich
-<a id="page-473" class="pagenum" title="473"></a>
-ist sein Hauch, im Maß wie du vergänglich bist &mdash; zerschnitten.
-Er wird gevierteilt und getausendteilt. Christus
-war gut, war Gott ganz zugeheilt. Er war mit Gott,
-doch Paulus war schon schlecht, da er mit Christus war
-und Christi Knecht. Wissen, Habe, Kraft und Lehre, sei es
-rein und ganz vollkommen, giebs an Menschen, so wards
-Schwere und die Reinheit schon genommen. &mdash; Bleibe
-mit Gotte allein!&ldquo;
-</p>
-
-<p>
-&bdquo;Und gäb es kein Mittel, ihn zu halten?&ldquo;
-</p>
-
-<p>
-&bdquo;Dreieinigkeit giebt es. Es giebt das Falten der beiden
-Hände zum Gebet, auf deren Brückenjoch die Gottheit
-steht. So falte dich mit einem Andern fest. Daß nur
-keiner sich wanken läßt und niemals erschlafft! Euch zu
-halten, die Kraft ohne Gott: Gottheit erschafft. Sie wird
-Liebe genannt. Sie ist so bewandt, daß sie Gott teilen
-kann ohne Grenzen und ihn aus sich selbst ergänzen.
-Liebe kann ihn vielmals teilen und wieder erhalten. Nur
-hütet euch vor dem Erkalten, und daß kein Teil verloren
-geht, und daß nicht Einer den Andern von euch einen
-Augenblick nur und nur um ein Gran &mdash; weniger liebe,
-&mdash; so bleibt Gott vollkommen, und die Liebe vollkommen,
-und ihr selber vollkommen.&ldquo;
-</p>
-
-<p>
-&bdquo;Ach, was ist vollkommen?&ldquo;
-</p>
-
-<p>
-&bdquo;In Nachtgewalten &mdash; In Taggewittern &mdash; Sich süß
-erhalten &mdash; sich nicht verbittern!&ldquo; &mdash; &mdash;
-</p>
-
-<p>
-Eine Weile herrschte das tiefe Schweigen. Leiser dann
-fuhr Jasons Stimme fort:
-</p>
-
-<p>
-&bdquo;Vollkommen war Renate, denn sie liebte. Nun ist
-sie die Verstörte und Betrübte; sie geht umher und kennt
-sich selbst nicht mehr. Sie ist geteilt in Leib und Seele,
-<a id="page-474" class="pagenum" title="474"></a>
-beide sind da und dort, dazwischen blitzt die Schneide; es
-ward die Gnade Sprache ihr genommen, sie ist verwaist und
-arm und unvollkommen, und ihre Augen sind wie Fenster
-leer. Sie fürchtet sich, sie weicht den Menschen aus. Sie
-sitzt im Zimmer, das Gesicht in Händen, sie schleicht sich
-manchmal in das Treppenhaus und tastet sich durch
-Zimmer an den Wänden. Gesichter kann sie nicht ertragen,
-sie stößt Geschrei aus wie ein Tier und läuft von hinnen.
-Sie war vollkommen; nun ist sie von Sinnen, und keiner
-weiß, wie man sie wohl erlöst.&ldquo;
-</p>
-
-<p class="tb">
-&nbsp;
-</p>
-
-<p class="noindent">
-Georg hatte plötzlich die Empfindung, als sei das Licht
-dunkler geworden oder matter. Wollte die Lampe erlöschen?
-Waren seine Augen trüber geworden? Ach nein,
-in ihm war etwas Schmerzendes, und das gab einen
-Druck auf seine Sehkraft. Renate? Was war mit Renate?
-</p>
-
-<p>
-&bdquo;Ich verstehe nicht!&ldquo; stieß er hervor. &bdquo;Was ist mit
-Renate?&ldquo;
-</p>
-
-<p>
-Jason schwieg. Georg sah, daß Magda das Gesicht
-in die Hände gelegt hatte. Danach sah er den Hauptmann,
-sah Jason und den Chinesen, der übrigens, wie er
-jetzt erkannte, zwar anhielt, chinesenhaft zu lächeln, aber
-zwei völlig europäische, ja erstaunlich runde und braune
-Augen hatte, glänzend wie Kastanien. Obgleich aber so
-alles umher natürlich geworden schien, eines Glanzes entkleidet,
-so fühlte er es doch nicht minder ernst, nicht minder
-tief. Es war nur verdunkelt; es ward traurig.
-</p>
-
-<p>
-Die Hände fallen lassend, das Gesicht schmerzlich aufhebend,
-sagte Magda:
-</p>
-
-<p>
-<a id="page-475" class="pagenum" title="475"></a>
-&bdquo;Es ist, wie Jason erklärte. Sie ist &mdash; irr. Ja, sie
-liebte. Saint-Georges. Ich fand auf ihrem Schreibtisch
-einen Brief von ihm, in dem stand, daß er sie seit Jahren
-geliebt hat, und daß es über seine Kraft ging. Nun, da
-sie ihre Liebe erkannte, war es aus mit der seinen. Ich
-kam einen Tag später als sie nach Altenrepen zurück, da
-war sie schon, wie sie jetzt ist. Ihre Zofe hatte sie im
-Schlafzimmer an der Erde gefunden. Sie scheint sich vor
-uns Allen zu fürchten. Sie kleidet sich, ißt und schläft,
-aber sie spricht nicht, und wie es scheint, kann sie es wirklich
-nicht, denn sie stößt Laute hervor, die &mdash;&ldquo;
-</p>
-
-<p>
-Magda schwieg.
-</p>
-
-<p>
-&bdquo;Ich kenne sie ja,&ldquo; begann sie von neuem, &bdquo;sie hat
-eine andre Natur als wir, und alles trifft sie ganz anders
-als uns. Immer schien sie kühl und beherrscht, und so
-leicht sie erglühte, war immer die Grenze da. Sie sparte
-alles auf. Oft hatte sie seltsame Gesichte. Dies Gesicht nun
-scheint anzuhalten, und &mdash; ach, ich habe ja immer gehofft,
-deshalb schrieb ich auch nie davon. Jetzt, wo so lange Zeit
-vergangen ist &mdash; es kam schon im Oktober &mdash;, mag dir das
-vielleicht sonderbar scheinen, aber die Tage jagten dahin,
-und an jedem hoffte ich, ich würde morgen erwachen, und
-alles sei ein Traum. Und ich wollte dich nicht erschrecken,
-denn &mdash;&ldquo; Magda errötete so tief, daß Georg es erkennen
-konnte durch die Dämmerung &mdash; &bdquo;du liebst sie doch.&ldquo;
-</p>
-
-<p>
-&bdquo;Aber nun wollen wir das lassen&ldquo;, fuhr sie fort. &bdquo;Ich
-bin ja gekommen ... Lange war ich ganz ruhig um dich,
-obwohl unsicher, aber was soll ich tun? Ich muß ja nun
-immer angestoßen werden. Als aber dein Brief kam nach
-Ulrikas Tod, und der an Benno, den er mir zeigte, &mdash; ja
-<a id="page-476" class="pagenum" title="476"></a>
-seitdem ist meine Angst um dich gestiegen, bis sie mich
-heute gepackt hat, und hier bin ich nun. Verzeih, daß ich
-nicht allein blieb mit dir, aber &mdash; wir sahn ja, was dir
-aus der Hand geglitten war, die Andern sahn es, und ich
-fürchtete mich vor deinem Erwachen ...&ldquo;
-</p>
-
-<p>
-Georg hörte die Worte nur von fern, wie zu einem
-Andern geredet. Er dachte mit einem bittern Schmerzgefühl
-an Renate, und dann, wie er sich sagte, daß sie stumm
-sei, nicht reden könne, stieg auf einmal wie ein Springquell
-in ihm die Sehnsucht nach Worten. Jetzt erst spürte
-er die ganze Pein des viele Wochen langen Schweigens,
-und Angst ergriff ihn, daß er hätte sterben können, ohne
-alles gesagt zu haben. Keiner hätte ihn verstanden, er
-sah sich selbst, sein Andenken, seine Seele, wie einen ausgegrabenen
-Torso zwischen ihnen liegen, ein Rätsel, an
-dem sie deuteten und alles falsch.
-</p>
-
-<p>
-Diese Erregung aber senkte sich wieder, und hernach
-war ihm wunderbar ruhig ums Herz. Er begriff nun
-diese Magie. Daß diese Menschen in dieser Stunde um
-ihn waren, das war ihr Zauber, das hatte sie selber so
-still gemacht, das stieg wie ein friedfertiger Rauch aus
-ihnen und legte sich um seine Sinne.
-</p>
-
-<p>
-Er beugte sich vornüber und verbarg das Gesicht in
-den Händen. Da erschien ihm schon alles zu Sagende in
-reinlicher Klarheit und als ob er es besser verstünde als
-jemals, dazu weder bitter noch schwer, sondern alles mitsamt
-der Schuld hatte nur sein einfaches Dasein, als ob
-es nur sich selbst angehörte. Worte zeigten sich schon, so
-leuchtend in Natürlichkeit, daß er zitterte vor Sehnsucht,
-sie sprechen zu können.
-</p>
-
-<p>
-<a id="page-477" class="pagenum" title="477"></a>
-&bdquo;Ja, ich will sprechen,&ldquo; sagte er, &bdquo;ich will alles sagen,
-ihr Alle sollt es hören! Ihr werdet Alle sehn, daß ich
-recht hatte!&ldquo;
-</p>
-
-<p>
-Während dieser Worte gewahrte er, daß es doch wirklich
-dunkler im Raum geworden war. Jetzt blickte auch
-Jason in die Lampe und sagte:
-</p>
-
-<p>
-&bdquo;Die Lampe stirbt. Darf ich sie ausmachen?&ldquo; Und er
-neigte sich über die Platte zu ihr und drehte sie aus. Es
-war Nacht.
-</p>
-
-<p>
-Georg sprach schon. Er hatte aber kaum die ersten
-Worte gesagt, als er sie nur noch mit Ohren hörte und
-wahrnahm, und indem er länger und länger redete, schien
-es ihm mitunter, als wäre in den Worten gar kein Sinn,
-als wären sie völlig verwirrt oder eine fremde Sprache,
-die er im Wahnsinn redete, ohne sie zu verstehn. Wo er
-begonnen hatte, wußte er nicht mehr, denn alsbald waren
-ihm ganz ferne Dinge, Bilder, Vorgänge aus seiner Kindheit
-in solcher Leibhaftigkeit erschienen und in solch einem
-Leuchten, und wie mit einem Zunicken bekundend, daß sie
-unendlich wichtig waren und keinesfalls verschwiegen
-werden durften, &mdash; daß er nicht rasch genug seine Schlinge
-darum werfen konnte, sie zu halten und zu beschreiben.
-So lange hielten sie geduldig still, dann aber waren sie
-augenblicks verschwunden ein jedes, und schon stand ein
-andres da, bereit, sich fangen zu lassen. So sprach er und
-sprach, es kam vor, daß er sich auf einer riesigen, abschüssigen
-Bahn zu befinden glaubte, die er mit Sturmeseile
-hinunterfuhr, spürend, wie die Luft ihn umsauste, oder
-war es die Zeit? Dann wieder stand alles still, und er
-glaubte, zu empfinden, daß alles dies in einem Ewigen
-<a id="page-478" class="pagenum" title="478"></a>
-vor sich ging, und dann sah er die Nacht um sein Haupt
-und da und dort den Schein eines Gesichts, und er saß
-hoch über der Welt in einer Versammlung verdunkelter
-Monde, und sein Leben rauschte in der Tiefe wie ein
-Strom. Jede Welle aber dieses Stroms hatte ihren Sinn
-und Bezug und ließ ihn zurück wie einen Bodensatz, &mdash;
-und das war alles Schuld. Nur von einer so ungeheuren
-Unabänderlichkeit war es jetzt, daß es die Beziehung auf
-ihn verloren hatte. Einen Augenblick fühlte er dies; da
-wars leicht. Plötzlich schlug ihn Bangnis an, wenn er
-zu Ende sein würde, dann wäre alles wie zuvor. In diesem
-Augenblick merkte er, daß er nichts mehr zu sagen
-hatte. Er suchte, lange wie ihm schien, aber nichts war
-da. Er hatte alles ausgeschöpft, und erschöpft saß er
-selber in dem Dunkel, das die Gewöhnung seiner Augen
-in graue Dämmerung verwandelt hatte, und sah wieder
-den bleichen Schein der Lampenkuppel, und den von Jasons
-Gesicht, von Magda und vom Hauptmann.
-</p>
-
-<p>
-Sterbensangst ergriff ihn da. Was war eben gewesen?
-Was hatte er getan? Was sollte das alles? Ach, es sollte
-wohl noch das Urteil kommen? Das war ja alles nur
-Zeitversäumnis. Und nun stand alles noch einmal bevor
-...
-</p>
-
-<p>
-Das reißende Krachen eines Streichholzes ward hörbar,
-die Flamme zuckte auf und leuchtete, schwer stürzten
-Schatten in Masse von oben, und neben Magdas von
-der Seite hell beschienener Gestalt und hinter der des unwandelbar
-aufrecht stehenden Hauptmanns an der Wand
-reckten die Schatten sich den obern entgegen. Da war
-der ganze, düstre Raum, und Jason saß dort und näherte
-<a id="page-479" class="pagenum" title="479"></a>
-die Zündholzflamme der Siegelkerze im Leuchter, die langsam
-erglomm. Er blies das Streichholz aus und legte es
-in die Leuchterschale.
-</p>
-
-<p>
-Magda sagte, tief Atem schöpfend:
-</p>
-
-<p>
-&bdquo;Das war dein Leben, Georg ... Ich danke dir, daß
-du so gesprochen hast! Dazu darf ich nichts sagen. Aber
-&mdash; was du in alledem immer wieder erkannt haben willst,
-das &mdash; das ist Wahnsinn, Georg, in dem Maß ist es
-Wahnsinn!&ldquo; Sie wandte sich hülflos um. &bdquo;Sagt es
-ihm doch, daß es Wahnsinn ist!&ldquo;
-</p>
-
-<p>
-&bdquo;Warum?&ldquo; sagte Jason. &bdquo;Er hat doch recht. Wenn
-etwas Wahnsinn ist, ist es weniger wirklich darum? Ist
-der Irrsinn für den Irren das Leben oder nicht? Wahnsinn
-löscht doch sich selber nicht aus, nur wir sagen immer,
-wenn wir an Wahnsinn denken: das ist nichts. Auf diese
-Weise wird ihn wohl keiner überzeugen.&ldquo;
-</p>
-
-<p>
-&bdquo;Ja, aber Jason ...&ldquo; Magda gab ihn auf, wandte
-sich wieder zu Georg hinüber und fragte bekümmert.
-&bdquo;Was glaubtest du denn, Georg? Wenn all dies wirklich
-wahr sein sollte, glaubst du denn, daß du es mit dem
-Tode wieder gutmachen könntest? mit dem Tode?&ldquo;
-</p>
-
-<p>
-&bdquo;Wenn ich so wahnsinnig wäre, wie du meinst ...
-Im Gegenteil, Magda, im Gegenteil!&ldquo; rief er gequält,
-&bdquo;ich hätte Leben dazu gebraucht, zehn Leben, hundert! Muß
-ich dir denn erst sagen, daß ich eine Pflicht hier habe?
-Hast du denn meinen Brief nicht gelesen?&ldquo;
-</p>
-
-<p>
-&bdquo;Welchen Brief?&ldquo; fragte sie erschreckt, und nun fiel ihm
-ein, daß der Brief, den er meinte, noch in seiner Lade lag.
-</p>
-
-<p>
-&bdquo;Keinen Brief!&ldquo; sagte er ärgerlich, &bdquo;ich hab mich versprochen.
-Ja, nun ist alles wieder da, Mißverständnisse
-<a id="page-480" class="pagenum" title="480"></a>
-und Versprechungen und alles! Wie war denn das damals,
-Jason, als wir dich aus dem Teich holten? Da
-warst du höchst ungehalten, dich wiederfinden zu müssen.
-Kannst du beschwören, Jason, daß dir nicht wohler gewesen
-wäre, wenn &mdash;&ldquo;
-</p>
-
-<p>
-Jason lächelte vor sich hin. &mdash; Georg fuhr fort:
-</p>
-
-<p>
-&bdquo;Das ist ja alles gar nicht wahr! Um alldas handelt
-es sich gar nicht! Alldas war es nicht, sondern es war
-nur das &mdash; das rasende Verlangen, einmal heraus zu
-sein! Draußen! draußen! versteht denn das auf einmal
-keiner? Versteht denn keiner, wie bis zum Irrsinn das
-brennen kann, nicht los von etwas zu kommen, und daß
-alles zugepicht ist, alles verklebt und vernietet ist mit diesem
-Leben? Und Tag und Nacht und Woche um Woche
-kein Aufhören, nicht die kleinste Lücke mehr, und nur noch
-diese prasselnde Sehnsucht, einmal herauszustürzen aus
-diesem Leibe, aus diesem Ganzen, und lustig zu sein, darüber
-und &mdash; ein Geist &mdash; &mdash; und zur Stunde zu sagen: da
-bist du, und ich bin nicht darin! Es ist ja alles wie
-Musik so unaufhaltsam und atemlos und &mdash; zum Tollwerden,
-und Bogner hat wieder mal recht! Einmal alles
-anders sehn können als von innen. Umkrempen sich und
-in den Winden sein ganz nackt und das Eis am Leibe zu
-spüren von allen sieben Seiten! Eine Pause, Herrgott,
-eine Pause! Warum läuft denn der Tertianer, der ein
-schlechtes Zeugnis hat, in die Speisekammer und hängt
-sich auf? Weil er eine Pause will zwischen jetzt und dem
-Geständnis, und weil er nicht weiß, was der Tod ist.&ldquo;
-Er sprang auf. &bdquo;Gnädiger Gott, Magda, ich weiß, was
-er ist!&ldquo;
-</p>
-
-<p>
-<a id="page-481" class="pagenum" title="481"></a>
-&bdquo;Oh ich verstehe die Welt!&ldquo; fing er gleich darauf brennend
-wieder an. &bdquo;Ihr einziges Verlangen ist meins. Der
-Schuster, wenn er einen Schuh gemacht hat, der Dichter,
-wenn er einen Vers, der Gott selber, der eine Welt fertig
-hat: sie Alle machen, so schäbig es werden mag, etwas,
-in dem sie sind, und in dem sie doch nicht mehr sind. In
-dem sie sich von außerhalb ansehn können und sich herrlich
-finden. Man denkt, man will sich befreien, jawohl,
-aber das will man ja nicht, man will nur ein Stück von
-sich in der Hand haben, um hineinzubeißen oder es wegzuschmeißen
-wie einen Stein. Man will sich gefangen
-haben außerhalb, und sich erlöst fühlen von sich. Und das
-ist die Erlösung der Welt! Das ist die Form. Die Welt
-ist Chaos, wir können sie nicht begreifen und nicht durchdringen.
-Aber drinnen sind wir, der Mensch, und wir
-sollen es lichten, und ordnen, und sinnvoll machen. Bewußt
-oder unbewußt, und ob Tat oder Werk: da stehn
-sie als Form, und da ist das Chaos klar. Es ist drin in
-der Form als der Stoff, und doch ist die Form es nicht
-mehr, sondern sie schließt es aus, und verneint es, und vernichtet
-es. Und also, Magda,&ldquo; schloß er heiser, &bdquo;damit
-du mich verstehst: dies ist die Aufgabe, für jeden und für
-mich: die Verwandlung. Verwandlung des Chaos unaufhörlich
-und unermüdlich in die Form.&ldquo; Er fing, da er
-sie den Mund öffnen sah, gleich wieder an: &bdquo;Und ich
-kann es nicht, ich kann es nicht mehr, ich sage dir, daß ich
-es nicht kann, denn ich kann die Verantwortung nicht auf
-mich nehmen! Und es ist also keine Form mehr da!&ldquo; schrie er
-wütend, &bdquo;und wenn keine Form mehr reicht, ja was dann?
-Und wenn kein andrer Stoff zu haben ist, alles ausgeformt
-<a id="page-482" class="pagenum" title="482"></a>
-ist, alles in dir, in deine Seele geformt, was dann? In
-Stücke muß dann die Form wenigstens, in Stücke um
-jeden und jeden Preis, damit wenigstens Ruhe in der Welt
-ist, Ruhe!&ldquo;
-</p>
-
-<p>
-&bdquo;Und der Selbstmord &mdash;&ldquo; Er war ganz heiser, aber
-im Augenblick, wo er Magda die Lippen bewegen sah,
-mußte er etwas sagen, und es fiel ihm immer etwas
-Neues ein, &bdquo;der Selbstmord, Jason, der sogenannte, was
-ist das überhaupt? Du und ich, wir werdens ja wissen.
-Das ist keine Buße und kein Loskauf, und das sind alles
-bloß Ausdrücke! Und es hat mit dem Leben überhaupt
-nichts zu tun! Es hat der Tod einzutreten, und das weiß
-man, und das ist die Sachlage. Es ist nichts andres
-mehr <em>da</em>! das ist es, und es sind keine Gründe und all
-dergleichen, sondern man geht auf Pflaster, und da fängt
-der Asphalt an, weil er da anfängt, weil die Obrigkeit das
-so eingerichtet hat, und man ist des Pflasters nicht lebensüberdrüssig,
-sondern man <em>geht</em> auf den Asphalt, weil er
-da ist! Und man legt sich doch schlafen, wenn der Tag
-aus ist, und man ist müde!&ldquo;
-</p>
-
-<p>
-Georg hustete sich aus und verstummte. Dann setzte
-er sich wieder.
-</p>
-
-<p>
-Nun begann Jason mit aller Freundlichkeit:
-</p>
-
-<p>
-&bdquo;Du sagtest eben Schlafen. Das hatte ich eigentlich
-schon früher erwartet. Du wolltest schlafen. Nun &mdash; hast
-du nicht? War es nicht eine Pause?&ldquo;
-</p>
-
-<p>
-Georg fühlte sich irgendwie umstrickt, wollte jedoch nicht
-nachgeben und beharrte: es sei nun aber alles wie vorher.
-</p>
-
-<p>
-Das, meinte Jason, dürfte kein zwingender Einwand
-sein. Im Gegenteil, es sei das Wesen der Pause, daß
-<a id="page-483" class="pagenum" title="483"></a>
-danach alles wie zuvor sei; sonst könnte sie kaum Pause
-genannt werden, sondern Ende.
-</p>
-
-<p>
-Georg beharrte weiter: &bdquo;Sie genügt mir nicht!&ldquo;
-</p>
-
-<p>
-&bdquo;Freilich,&ldquo; versetzte Jason, &bdquo;das ganze Leben genügt
-kaum. Wenn die ewige Fermate kommt, war es immer
-zu wenig, und man versucht die Ritardandos. Aber wir
-wollen nicht mit Worten streiten.&ldquo;
-</p>
-
-<p>
-&bdquo;Die Ritardandos wären auch wohl das Letzte, was
-du mir nachweisen könntest, nicht wahr? Aber du hattest
-ja ganz recht: es kommt vom Mitteilen. Nun hab ich
-mich unter euch aufgeteilt, nun habt ihr jeder ein elend
-kleines Stück, einer hat den Arm, einer ein Bein, und ich
-fühle mich längst nicht mehr ganz.&ldquo;
-</p>
-
-<p>
-&bdquo;Und das liegt daran, wie ich sagte,&ldquo; erwiderte ruhig
-Jason, &bdquo;daß du zu wenig Liebe hast.&ldquo;
-</p>
-
-<p>
-Georg fühlte sich in die Brust getroffen. Jason hatte
-recht: die Andern hier waren gut, Jason selber, Magda,
-der Hauptmann in seiner Stummheit, und dieser rundäugige
-Kleine hier. Er selber aber, er war unheilbar ...
-</p>
-
-<p>
-Da warf er das Gesicht in die Hände, fühlte sich jämmerlicher
-zerschnitten als jemals und wünschte sich den Tod.
-</p>
-
-<p>
-Dieweil hörte er Magdas Stimme, entfernt, die von
-ihm sprach. Er wollte nichts hören, verstand nur hier
-und da ein Wort, und es schien ihm, sie sagte, er habe
-vielleicht bislang zu sehr sich selber und für sich allein gelebt,
-zuviel an sich selbst gedacht statt an Andre, &mdash; und von
-seiner Jugend sprach sie, und daß er viel zu lernen gehabt
-habe. &bdquo;Viel mehr Möglichkeiten&ldquo;, hörte er sie sagen, &bdquo;als
-Andre, und deshalb mehr Schwierigkeiten ...&ldquo; Und zuletzt:
-&bdquo;Sollte nun nicht alldas den Sinn haben, daß du
-<a id="page-484" class="pagenum" title="484"></a>
-nun an die Grenze gelangt bist und &mdash; ausgelernt hast,
-und nun, was du für dich gewonnen hast, für Andre
-verwenden kannst?&ldquo;
-</p>
-
-<p>
-Georg fuhr verzweifelt wieder empor. &bdquo;Aber Magda!
-Das ist es ja doch! Warum verstehst du es denn nicht? Ich
-möchte mich ja verwenden, ich will es ja so brennend,
-aber ich habe doch nur diesen Weg, das Land, das Volk,
-das Reich! Wie soll ich denn die Verantwortung für eine
-Million übernehmen, wenn ich für mich selber ratlos bin?
-Und wer sagt dir denn, daß ich ausgelernt habe, daß ich
-gelernt habe überhaupt? Ich hab doch nur Schulden
-machen gelernt! Ich kann ja nicht mal praktisch etwas!
-Regieren ...&ldquo; Er stockte. Etwas, das er während der
-letzten Jahre hundertmal empfunden und als eitle Eingebildetheit
-unterdrückt hatte; was noch in den letzten
-Wochen mitunter aufgezuckt und von ihm zerpreßt war;
-jene dunkle Vorstellung im Gedanken an sein Regieren,
-die sich schattenhaft hinter den Worten: Ich kann es ...
-erhoben und im Schwinden vor seinem Druck ein dünnes
-Lächeln der Selbstverachtung um seinen Mund gelegt
-hatte: sie stand auf einmal in einer Weise ruhig und
-unverhohlen da, daß er sekundenlange nichts tun konnte,
-als sie ansehn.
-</p>
-
-<p>
-Du kannst es, wenn du willst, sagte sie ruhig. Du
-fühlst dich dazu begabt und bestimmt, und wenn du das
-im Tiefsten deines Wesens, wo du echt bist, nicht immer
-gewußt hättest, nur als Geheimnis vor dir selber es wahrend,
-so wärst du ja eine Kanaille gewesen.
-</p>
-
-<p>
-Die Erscheinung schwand langsam und ließ Georg in
-Verwirrung Magda gegenüber, die sehr deutlich dasaß,
-<a id="page-485" class="pagenum" title="485"></a>
-zur Hälfte im Kerzenlicht, zur andern im Schatten, und
-ihn ansah, so daß es schien, als ob eben sie die Worte der
-Erscheinung gesprochen hätte. Da bemerkte er seine Verwirrung
-und dachte: Sie macht mich ja nur wieder wirr,
-und morgen bin ich allein ...
-</p>
-
-<p>
-&bdquo;Rieferling!&ldquo; rief er plötzlich. &bdquo;Nun sagen Sie etwas.
-Sie sind ein schlichter Mensch. Ich verspreche Ihnen &mdash;&ldquo;
-sich vorsetzend im Stuhl, die Hände an den Knäufen der
-Lehnen, erleuchtet von der List, mit der er sie jetzt Alle
-fangen würde; &bdquo;ich verspreche Ihnen,&ldquo; wiederholte er fast
-schmeichelnd, &bdquo;wenn Sie das rechte Wort &mdash; nein, wenn
-Sie nur ein Wort treffen, in dem ich die geringste Möglichkeit
-für mich finden kann, so will ich ihr folgen.&ldquo;
-</p>
-
-<p>
-Vorgebeugt bleibend in seiner lauernden Haltung, schon
-im Vortriumph, daß nun das gewünschte Ende für ihn
-nahe war, glühte er mit beiden Augen den Menschen an,
-der, die Hände fest um die Lehne des vor ihm stehenden
-Stuhls pressend, die blickenden Augen in dem geprägten,
-geordneten und stämmigen Gesicht auf ihn geheftet hielt.
-Nach einer Weile sprach er einfach: &bdquo;Hoheit sollten es
-versuchen ...&ldquo;
-</p>
-
-<p>
-Ho &mdash; &mdash; heit ... tönte es echohaft in Georg nach.
-Er setzte sich im Stuhl zurück. Ho &mdash; &mdash; heit ... Ein
-sonderbares Wort. Ho &mdash; &mdash; heit ... sollten es versuchen ...
-Das war wieder so ein Ausweg, so eine schwächliche
-Halbheit! schlicht gedacht, üblich; praktisch nannte man
-so etwas, praktisches Leben &mdash; das war der Ausdruck.
-Möglichst wenig heroisch.
-</p>
-
-<p>
-&bdquo;Es hat ja doch keinen Sinn mehr ...&ldquo; würgte er
-endlich widerwillig hervor. &bdquo;Ich kann ja auch nicht mehr!
-<a id="page-486" class="pagenum" title="486"></a>
-Ich habe gelitten, gut, darüber ist weiter nichts zu sagen.
-Aber alldas &mdash; es muß doch ein Ergebnis tragen, eine Erkenntnis,
-ein &mdash; kurz ein Ergebnis!&ldquo;
-</p>
-
-<p>
-&bdquo;Das Ergebnis des Leidens&ldquo;, sagte der Hauptmann,
-seltsamerweise errötend, &bdquo;ist wohl, durchlitten zu sein.&ldquo;
-</p>
-
-<p>
-Worauf er sich entschuldigte: das sei so ein Gedanke,
-er wisse selbst nicht, wie ... er könnte nicht sagen, daß
-er aus eigner Erfahrung ...
-</p>
-
-<p>
-Georg stand auf. &bdquo;Du mußt todmüde sein, Magda,
-komm, geh schlafen.&ldquo; Er sah in diesem Augenblick, wie
-grau und zerfallen ihr Gesicht war. &bdquo;Rieferling wird Li
-alles zeigen. Wir können ja morgen weiterreden.&ldquo; Er
-sah auf die Uhr und erschrak. Sie stand auf ein Viertel
-nach sieben. &bdquo;Was ist das?&ldquo; fragte er, &bdquo;ist es jetzt wirklich
-Viertel acht?&ldquo; Die Uhr ans Ohr haltend, merkte er,
-daß sie ging, und der große Zeiger stand auch genau genommen
-erst zwölf Minuten über Voll. Einen Augenblick
-glaubte er, alles geträumt zu haben und vor derselben
-Minute zu stehn wie am Abend zuvor. Dann
-hörte er Jason sagen, es sei an vier Uhr in der Nacht
-gewesen, als Georg aufgewacht sei. Magda erhob sich
-und bewegte sich auf ihn zu mit vorgestreckten Händen.
-Er ließ sie die seinen fassen und litt es, daß sie sie liebkoste
-und an die Wange drückte, indem es ihm beschämend
-und verkleinernd vorkam, sich streicheln zu
-lassen, weil er sich nicht totgeschossen hatte, und er konnte
-es nicht lassen, dieweil er sie in die Arme schloß, zu sagen:
-&bdquo;Nun gehts glücklich aus wie eine Sitzung im Bürgerverein.
-Ihr Frauen seid nur froh, wenn ihr alles eingereiht
-habt!&ldquo;
-</p>
-
-<p>
-<a id="page-487" class="pagenum" title="487"></a>
-&bdquo;Ist es denn, Georg?&ldquo; fragte sie, ängstlich zu lächeln
-bemüht, &bdquo;ist es denn wirklich?&ldquo;
-</p>
-
-<p>
-Er dachte hart: Wenn sie mich nicht sehen kann durch
-meine Schuld, so habe ich ja wohl ein Recht, jetzt zu lügen!
-und sagte mit müdem Ton: &bdquo;Es scheint ja so. Du
-&mdash;&ldquo; fuhr er zärtlicher fort, &bdquo;warst ja immer bereit zur
-Verantwortung.&ldquo;
-</p>
-
-<p>
-&bdquo;Ja,&ldquo; sagte Jason, &bdquo;sie hat mich vor Teichen und
-Windmühlen bewahrt, und deshalb saßen wir hier Alle
-zusammen. Gute Nacht, Georg!&ldquo;
-</p>
-
-<p>
-Er reichte ihm flüchtig die Hand und ging an ihm vorüber
-zur Tür. Li hatte inzwischen einen besonders langen,
-braungelben Mantel mit sehr breiten Ärmeln übergezogen
-und einen steifen Hut aufgesetzt. Georg nahm ihm
-Magdas Pelzmantel ab und hängte ihn um ihre Schultern,
-worauf er sie zur Tür führte. Jason wartete dort
-und nahm ihren Arm. Alle schienen es eilig zu haben, als
-könnte er etwas zurücknehmen. Georg drückte dem Hauptmann
-die Hand und sah sie alle Vier die Senkung hinabsteigen
-in der Richtung zu Cornelias Haus. Dabei bemerkte
-er, daß es neblig geworden war; die Nacht über
-dem grauen Dunst war pechschwarz, die Luft nicht eben
-winterlich, feucht, aber kalt genug, um Georg schaudern
-zu lassen, während er die Gestalten in der Tiefe mählig
-verschwinden sah. Plötzlich dann war alles leer.
-</p>
-
-<p>
-Hin und wieder zusammenschaudernd in der Kälte
-lehnte Georg am Türpfosten. Was nun? &mdash; Er kam sich
-zusammengeschrumpft vor und erbärmlich klein. In seinen
-Schläfen pochte das Blut, nun stach es in seinen
-Augen, die Müdheit war wieder da. Halb unbewußt
-<a id="page-488" class="pagenum" title="488"></a>
-wandte er sich zur offenen Tür zurück, sah eine Weile dem
-Brennen der fernen Kerze zu, sah die Schatten der Stühle
-sich leise anheben, und plötzlich wurden sie alle beweglich, ein
-Luftzug strich an ihm vorüber, ein warmer Hauch von
-drinnen. Im Aufflackern der Kerzenflamme sah er einen
-Gegenstand auf dem runden Tisch Schatten werfen, seine
-Pistole.
-</p>
-
-<p>
-Da lag sie! Es zuckte schon in seiner Hand, als ihm
-einfiel, wie sonderbar das sei, daß weder Jason noch der
-Hauptmann sie an sich genommen hatte. Das tat man
-doch! Als ob sie sich verabredet hätten! &mdash; Ach, das ist
-elend, dachte Georg, mit diesem Vertrauensbeweis wollten
-sie mir nun die Hände binden!
-</p>
-
-<p>
-Und wenn sie sie mitgenommen hätten, fiel ihm hinwider
-ein, was dann?
-</p>
-
-<p>
-Ihm schauderte heftiger in der Kälte, ohne doch drinnen
-eintreten zu können, denn dann, dachte er, nimmt mich
-das Alte wieder auf, und ich bin im Geleise. &mdash; Er war
-allein; Nacht und Nebel &mdash;, das war geblieben. &mdash; Aber
-die See! zuckte es durch ihn hin. Wenn ich sie nehme statt
-der Pistole, so verstehen sie alles und erkennen den Ernst.
-</p>
-
-<p>
-Georg schloß gedankenlos die Zimmertür, drehte sich
-langsam und ging, stolpernd im höckrigen Grasboden,
-Schläfen und Augenwinkel zerstochen von Erschöpftheit,
-nach der Stelle am Deichrand, wo die Treppe nach unten
-begann.
-</p>
-
-<p>
-Der Nebel war hier außen etwas dichter; die Sichtbarkeit
-des Sandbodens unten zeigte, daß Ebbe war. Richtig,
-als er am Abend hier gestanden hatte, war die Flut
-noch im Steigen gewesen.
-</p>
-
-<p>
-<a id="page-489" class="pagenum" title="489"></a>
-Stufe um Stufe trat Georg nach unten. &mdash; Ein Freund
-kalten Seewassers bin ich nie gewesen, dachte er verächtlich,
-aber &mdash; das wird sich ja wohl noch überwinden lassen.
-Wenn es nur nicht so weit wäre bis in die Tiefe ...
-</p>
-
-<p>
-Er ging in den Nebel hinein. Das Ebbewasser pflegte
-hier weit zurückzuweichen, da noch die versunkenen Inseln
-vor Hallig Hooge lagen.
-</p>
-
-<p>
-Georg hatte die Lider über die Augen fallen lassen, gehend,
-weil er im Gehen war, in einer leeren Unschlüssigkeit,
-die ihn peinigte. Als er die Lider wieder hob, sagte
-es in ihm: Da! &mdash; &mdash; Da war es ...
-</p>
-
-<p>
-Im Nebel, gerade vor ihm, stand eine ferne Gestalt,
-nicht mehr als ein Schatten. Georg selber stand wie sein
-Herz. Das jagte im nächsten Augenblick Wellen und
-Sprünge unzähliger wütender Schläge bis gegen seinen
-Hals hinauf. Ihn grauste.
-</p>
-
-<p>
-Dann ermannte er sich. Schwerfällig und langsam
-formten sich Vorstellungen in ihm. Jason ... Rieferling
-...
-</p>
-
-<p>
-Wenn es aber einer von ihnen wäre, so würde er doch
-kommen ... Er wartete ... Plötzlich hatte er mit großer
-Erleichterung das gewisse Gefühl, daß der dort ihm den
-Rücken zuwandte und von ihm nichts wußte; es war der
-Hauptmann. Er wollte ihn rufen, aber das gelang ihm
-nicht. Nur räuspern konnte er sich und tat es, so laut er
-vermochte.
-</p>
-
-<p>
-Der Schatten bewegte sich nicht, und nun war Georg
-doch nicht mehr sicher, daß er von ihm abgewandt stand.
-So versuchte er jetzt, sich auf den Namen zu besinnen,
-jenen Namen, &mdash; allein während das Grauen wieder in
-<a id="page-490" class="pagenum" title="490"></a>
-ihm stieg, merkte er, daß jenes Wort nicht zu finden war.
-Es lag auf seiner Zunge, Georg stieß ... Al&mdash; Albert ...
-Aldebaran ... Baldamus ... Nein M! ein M wars.
-Ma&mdash; &mdash; Magus ...
-</p>
-
-<p>
-In diesem Augenblick schien der Schatten zu schwinden,
-und Georg flüsterte Atem schöpfend: Eine Sinnestäuschung!
-&mdash; worauf er sich einen Stoß gab und vorwärts
-ging. Mut zeiget auch ... flüsterte es in ihm, Mut zeiget
-auch ...
-</p>
-
-<p>
-Aber mit einem maßlosen Entsetzen mußte er plötzlich
-merken, daß er nicht gradeaus ging, nicht konnte, daß
-seine Füße &mdash; er drückte mit aller Gewalt &mdash;, nein, die
-Füße wollten nicht dorthin, wo der Schatten gewesen
-war, sie sträubten sich wie Tiere, es war fast, als ob sie
-knurrten und sich gegenstemmten, und Georg überließ sich
-ihnen in hängender Schlaffheit, so daß sie ihn in einer gebogenen
-Linie nach rechts davonführten, und &mdash; &mdash; da
-war der Schatten wieder, bewegte sich, glitt, auf derselben
-Höhe mit ihm.
-</p>
-
-<p>
-Georg wußte, wenn er jetzt nur den Namen hatte,
-wenn er ihn rief, brüllte, so war alles verschwunden.
-Aber er konnte nicht, er ging, und plötzlich war der Schatten
-weg.
-</p>
-
-<p>
-Unter dem Nebel, fünf Schritte vor Georg, glänzte es.
-Etwas Blinkendes lag dort, ein Krokodil, &mdash; das Wasser.
-Dennoch spürte Georg für eine Sekunde eine Erleichterung.
-Er wußte nun, worauf es ankam, und wo er war. Er
-mußte wieder nach rechts hinüber. Ich will laufen,
-dachte er, setzte auch dazu an, aber seine Beine waren
-schwer wie Säcke voll Sand. Nun redete er sich Mut zu.
-<a id="page-491" class="pagenum" title="491"></a>
-Das ist ja alles Unsinn! Es ist ja nichts da! Du bist
-übermüdet, du hast Einbildungen! und er ging derweil
-mit zusammengebissenen Zähnen, den Kopf gesenkt, die
-Augen halb geschlossen, hin und wieder strauchelnd, nur
-mehr sich nach rechts haltend, längst in der Gewißheit,
-daß die Gestalt jetzt hinter ihm herkam. Nun würde sie
-sich weiter und weiter vorschieben, bis sie auf seiner Höhe,
-zwischen ihm und dem Deich war. Oh dieser verruchte
-Nebel! Er sah nach oben. Einen Stern! nur einen einzigen
-Stern!
-</p>
-
-<p>
-Georg blieb stehn. Fast war er bereit, sich auszuliefern.
-Er fühlte, daß unter seinem Stirnhaar sich Tropfen lösten
-und kalt über sein Gesicht rannen. Er hatte zu nichts
-mehr Kraft. Wie lange Zeit so verging, wußte er nicht.
-Endlich drehte er langsam den Kopf, langsam schließlich
-den Rumpf. Da war die Gestalt, stehend wie er selber.
-</p>
-
-<p>
-Georg ging wieder; er ging und summte dazu im Takt
-seiner Füße. Dann zählte er: Eins &mdash; zwei &mdash; drei &mdash; vier
-&mdash; fünf &mdash; sechs ... Irgendwo in einer unsichtbaren Ferne
-war ein erleuchtetes Fenster, und er sah das Haus, die
-Umrisse in der Nacht, und rechts davon, drei Schritte
-weit von ihm selber den Abhang des Deiches, wo er ein
-Ende nahm. Er glaubte, alldas wirklich zu sehn, aber
-als er es ins Auge faßte, war da nur Nebel.
-</p>
-
-<p>
-Auf einmal &mdash; er tat, als geschehe es unabsichtlich &mdash;
-blickte er nach rechts und bemerkte den Schatten dort
-etwas hinter sich, der ihm nachging.
-</p>
-
-<p>
-Georg schritt aus, so gut er konnte. Er ging ja nach
-rechts, gleich mußte der Deich kommen, bald auch die
-Lücke, und er rechnete: sieben Minuten konnten es im
-<a id="page-492" class="pagenum" title="492"></a>
-ganzen sein, ein gutes Stück hatte er schon hinter sich
-und &mdash;
-</p>
-
-<p>
-Was war das? Es glänzte grade vor ihm. Das
-Wasser! Wo kam das Wasser her? War er doch daraufzu
-gegangen? Oder &mdash; nein, hier war eine Buchtung, das
-Wasser schnitt tiefer in den Strand ein, &mdash; merkwürdig!
-fiel ihm ein, wo sind denn die Buhnen geblieben? Ah,
-versandet! besann er sich und machte sich klar, daß er nun
-rechtshin am Wasser einhergehn müsse, &mdash; worauf er sich
-drehte, schon spürend, daß seine Füße einsanken, im aufgeweichten
-Sandboden strauchelte und nun die Gestalt
-grade vor sich entdeckte, allerdings entfernt.
-</p>
-
-<p>
-Der Kopf fiel ihm vornüber. Aber jetzt, wie er in dem
-weicheren Sand dahinging, sich am Wasser haltend, so
-dicht er konnte, fing er an, sich zu sammeln. Haha! dachte
-er, die Gewohnheit, da ist sie ja wieder! Ich habe mich
-daran gewöhnt! &mdash; Und er konnte sich nun wieder besinnen,
-ihm fiel allerlei ein, eine blaue Jacke erschien sehr
-schön, der Chinese, die Kerze vor den Schubläden mit
-glänzenden Messingknöpfen, daneben, mit Schatten gefüllt,
-die Nische, dann der Park von Helenenruh, sommerlich,
-grün ... und nun bemerkte er, daß die Nässe
-und das Wasser zu seiner Linken waren. Er ging weiter
-nach rechts, seine Eile verhaltend in der Vorstellung,
-wenn er liefe, würde die Gestalt auf ihn stürzen. Da! da
-war sie ja, fast auf gleicher Höhe mit ihm, sie war näher,
-sie wollte ihn gegen die See drängen, er mußte sie mit
-aller Gewalt wegdenken, denn das Grausen rieselte von
-ihr aus, und er ging, die linke Hand auf der Stelle seines
-Anzugs, wo er die Uhr fühlen konnte, die sich nicht lesen
-<a id="page-493" class="pagenum" title="493"></a>
-ließ in dem Dunkel. Wo blieb denn die Lücke im Deich?
-Sieben Minuten mußten lange vorüber sein ...
-</p>
-
-<p>
-Da blieb er stehn. Seine Kraft war dahin. Das heißt,
-dachte er, die Kraft mich verfolgen zu lassen. Nun wollen
-wir aber sehn!
-</p>
-
-<p>
-Er saugte sich künstlich voll Wut. Es dauerte noch eine
-Weile, bis er die Lähmung in seinen Fingern überwunden
-und die kraftlosen nach innen gekrümmt hatte. Die Fäuste
-schienen ihm aber so locker, daß er die Finger immer tiefer
-nach innen preßte, bis er plötzlich mit einem über Erwarten
-heftigen Schmerz die Nägel im Fleisch fühlte.
-Dann riß er die Augen weit auf. Es flimmerte, aber da
-stand die Gestalt. Er setzte zum Gehen an, senkte den
-Kopf tief gegen die Brust, setzte abermal an, hörte ein
-Röcheln und ging auf sie zu.
-</p>
-
-<p>
-Alles an ihm raste vor ungeheurer Angst, und doch
-blieb ein Rest, der Rest, der ihm sagte, daß noch Kraft in
-ihm war, zu gehn, darauflos zu gehn, der ihn vor dem
-Zusammenbruch bewahrte. Dies dauerte endlos. Als er
-den Kopf hob, war die Gestalt so nah, daß er fast aufgeschrieen
-hätte, aber da sah er hinter ihr eine dunkle Wand,
-den Deich, und dann: daß die Gestalt sein Vater war.
-</p>
-
-<p>
-Er machte noch ein paar Schritte, schluchzte, fühlte,
-wie er am ganzen Leibe erlosch, und während über ihm
-die Stimme seines Vaters begütigend sagte: Es ist genug,
-Georg! legte er sich, in staunender Erleichterung hinsterbend,
-nieder vor seine Füße.
-</p>
-
-<div class="chapter">
-
-<h3 class="chapter" id="subchap-0-2-7">
-<a id="page-494" class="pagenum" title="494"></a>
-Siebentes Kapitel: Februar
-</h3>
-
-</div>
-
-<h4 class="section">
-Bogner an Georg
-</h4>
-
-<p class="date">
-Böhne, am 6. II.
-</p>
-
-<p class="adr">
-Mein Lieber!
-</p>
-
-<p class="noindent">
-Da ich höre, daß Du noch auf Deiner Insel bist, möchte
-ich Dich für den Fall Deiner &mdash; hoffentlich mit dem Frühjahr
-erfolgenden &mdash; Abreise bitten, nicht an mir vorüberzugehn.
-Ich bin nämlich dahier geblieben. Es kam so,
-daß ich während der zwei Stunden, die ich auf den Anschlußzug
-zu warten hatte, einen Spaziergang über die
-schönen alten Stadtwälle machte und im Nordwesten &mdash;
-in der Richtung auf Helenenruh &mdash; unweit im Wiesengelände
-ein Gebäude liegen sah, dessen runde, flachgedeckte
-Gestalt &mdash; wie ein Panorama &mdash; mich anzog. Es war die
-Reitbahn eines Tattersalls, dessen Unternehmer, ein ehemaliger
-Offizier, kürzlich mit Spielschulden flüchtig wurde;
-die Pferde sind verkauft, der Tattersall &mdash; mit der Reitbahn
-hängt ein hübsches kleines Haus zusammen &mdash; war verkäuflich.
-Mein guter Stern wollte, daß ich die Tante des
-Unternehmers, eine angenehme alte Dame, verwaist und
-betrübt zurückgeblieben fand, &mdash; und so habe ich denn das
-Ganze, Haus, Atelier und Wirtschafterin erworben. Die
-Reitbahn hat gutes Oberlicht, und in mir war das Fieber
-der Arbeit, so daß ich glücklich war, nicht erst weiter zu
-müssen. Leinwand und alles sonst Nötige gab es im Ort
-zu kaufen, ich ließ mir dann meine Habe aus Altenrepen
-kommen, und kurz: seit ich anfing zu arbeiten, habe ich
-noch keinen Augenblick aufgehört; hatte, wie es scheint, den
-<a id="page-495" class="pagenum" title="495"></a>
-Vesuv in der Brust und stehe nun verschüttet vom Ausbruch.
-Du kannst dann einiges sehn, wenn Du kommst.
-Mir ist wohl. Ich wünsche Dir das gleiche, mein Lieber,
-und bin Dein guter Freund
-</p>
-
-<p class="sign">
-Bogner
-</p>
-
-<h4 class="section">
-Magda an Georg
-</h4>
-
-<p class="date">
-am 15. Februar
-</p>
-
-<p class="noindent">
-Georg, oh mein Georg! Ich habe sie wieder! Lieber
-Georg, denke doch nur, wir haben sie! Renate, sie lebt,
-ach sie ist freilich krank nun, sehr krank, der Arzt will mir
-nicht sagen, was es ist, aber das Leben, sagt er, sei nicht
-gefährdet. Sie liegt in Fieber, schon Tage, schreit und &mdash;
-ach nein, wozu davon reden, es ist ja Hoffnung! Georg,
-es werden viele Fehler in diesem Brief sein, ich treffe ja
-kaum die Tasten überhaupt, wie sollt ich die richtigen
-treffen?
-</p>
-
-<p>
-Ja, und weißt Du denn, wem wir dies zu verdanken
-haben? Denke bloß! Jason! Er ist selber ganz ratlos
-vor Verwunderung und schüttelt den Kopf beinah wie
-damals, als er das Schütteln hatte. Daß er, Jason, etwas
-tun konnte, etwas Richtiges tun, &mdash; das wäre ein
-völliger Umsturz, sagte er, und er könnte nur Gott danken,
-daß er keine Weltanschauung gehabt hätte, denn was
-wäre aus der sonst geworden? Aber nun höre, wie es
-gekommen ist! Es war ja so einfach, es war, sagt Jason,
-sogar noch einfacher als das Kolumbusei.
-</p>
-
-<p>
-Jason kam, um Adieu zu sagen. Irene hat ihn nämlich
-gebeten, sie in Dresden zu treffen, es scheint ihr nicht
-gut zu gehn, Jason machte ein paar Andeutungen, sie
-<a id="page-496" class="pagenum" title="496"></a>
-schrieb ja auch kein Wort die ganze Zeit, und das Kloster
-scheint sie also wieder verlassen zu wollen. &mdash; Nun wollte
-er versuchen, Renate noch einmal zu sehn, und da ich
-dachte, daß sie <em>seinen</em> Anblick vielleicht ertragen könnte,
-so ging ich mit ihm hinauf, sie war eben in ihrem Zimmer.
-Er trat allein ein und ließ die Tür offen, aber gleich gab
-es drinnen einen Aufschrei, und sie floh so schnell an mir
-vorüber, daß ich mich wunderte, wo sie gleich hergekommen
-war, aber Jason sagte, sie hätte dicht an der Tür
-gesessen, und das ist ja nun ein glücklicher Zufall gewesen,
-nämlich daß sie nach draußen und nicht ins Schlafzimmer
-gelaufen war, wie Du gleich sehn wirst. Jason sah sich
-nämlich im Zimmer um und fragte sofort: Wo ist denn
-der Ech-en-Aton? Ist er nicht da? frage ich; dann hat
-sie ihn wohl weggestellt. Aber warum denn? fragt er
-wieder und hat sich gleich etwas gedacht, während ich gar
-nichts ahnte, aber so ist Jason. Er fing nun an im Zimmer
-zu suchen, ich mußte ihm auch den Schlüssel zum
-Schreibtisch geben, den ich selber abgezogen hatte seinerzeit,
-aber der Kopf war nicht zu finden. Wir klingelten
-nach Franziska, aber sie wußte nichts zu sagen. Jason
-ließ sich nicht irremachen, behauptete steif und fest, sie
-müßte ihn versteckt haben, und suchte im Schlafzimmer,
-und nun &mdash; dort hat er ihn denn wirklich gefunden, ganz
-unten im Wäscheschrank, unter einem Stoß Kissenbezüge,
-die &bdquo;so eigentümlich dagelegen hätten&ldquo;, wie er sagte.
-</p>
-
-<p>
-Ja, und als er ihn dann hatte, wußte er sich im Grunde
-auch keines Rats mehr; nur daß es irgendeine Bewandtnis
-mit dem Kopf haben müsse, das könne er ihm überall
-abfühlen, erklärte er und meinte schließlich, das Richtige
-<a id="page-497" class="pagenum" title="497"></a>
-würde zweifellos sein, ihn wieder auf sein Postament
-zu stellen, und das tat er.
-</p>
-
-<p>
-Wir haben dann hinter dem Vorhang der Schlafzimmertür
-auf Renates Wiederkehr gewartet, und kaum war
-sie eingetreten, so höre ich einen lauten Aufschrei und dann
-einen Fall. Als wir hinzukamen, war sie bewußtlos, sie
-ist aber bald wieder zu sich gekommen und hat mich erkannt,
-auch ein paar Worte mit mir gesprochen, ganz
-klar, obschon sie nicht wußte, was mit ihr geschehen war.
-Dann schlief sie ein, und dann kam leider das Fieber.
-</p>
-
-<p>
-Jason sagt: Weißt du was? Sie hat sich vor ihm gefürchtet
-und hat ihn versteckt, und dann hat sie sich gefürchtet,
-er könnte doch irgendwo sein, und die Gesichter
-von uns für seines gehalten. &mdash; Jason ist immer genügsam,
-also war ers auch mit dieser Erklärung, und wir
-Alle müssen uns zufriedengeben, bis wir vielleicht einmal
-mehr erfahren. Ach, mir genügts ja auch, ich hab ja genug
-an meiner Glückseligkeit, und je weniger ich weiß, um
-so mehr kann ich an ein Wunder glauben, und ist es nicht
-jedenfalls über alle Vernunft wunderbar? Wüßtest Du
-nur recht, wie sehr es mich auch wieder für Dich tröstet!
-Mein Glaube an Dein Heil ist noch einmal so stark geworden!
-</p>
-
-<p>
-Sieh, mein Georg, es war ja so ganz ein Wunder, wie
-wir in der Nacht zu Dir kamen, und wie Du da saßest
-und schliefest! Schliefest, Georg, so tief, so schwer, &mdash;
-glaubst Du, daß ich es nicht gesehen habe an Deinen Atemzügen?
-mit der Waffe in der Hand, anstatt tot zu sein!
-Wenn Du das an einem Andern erlebt hättest wie ich an
-Dir &mdash; all die vielen Worte nachher hättest Du nicht mehr
-<a id="page-498" class="pagenum" title="498"></a>
-gesprochen, sondern wie ich gewußt, daß hier ein Ende
-war und keine Pause! Und war das kein Wunder, daß
-Dir der Schlaf geschenkt wurde in dem Augenblick, wo
-Du Dir das Leben nehmen wolltest? Den Tod nehmen,
-wollte ich sagen, der Ausdruck führte mich irre. Das sah
-ich so deutlich wie mit beiden Augen: wie Du in Deiner
-Müdigkeit die Hand des Todes zu fassen meintest, und
-wie statt seiner der Bruder sich dazwischenschob und Dir
-lächelnd seine Hand hinhielt. Und ich habe lange Zeit
-ganz allein im Zimmer gesessen und mich nicht gesorgt
-um Dein Erwachen, und erst nach Stunden, wie immer
-wieder die Andern kamen, um zu sehn, ob Du wach seist,
-und was Du dann tun würdest, da wurde ich freilich ängstlich
-durch sie und bat sie zu bleiben.
-</p>
-
-<p>
-Ich hatte, als ich da in Deiner Nähe saß und Dich atmen
-hörte, immer ein sehr trauriges Bild vor Augen, und
-ich will Dir davon sagen. Nämlich damals, an Deinem
-letzten Geburtstag, als mir das in dem Tempel geschehen
-war, versuchte ich zu gehn, weil ich gehört hatte, daß Du
-in das Wasser stürztest, aber ich glitt auf den Stufen aus
-und habe dann dort gesessen und nicht gewußt, was nun
-kommen würde. Nach langer Zeit hörte ich dann Schritte
-und daß jemand bei mir stand und leise jammerte und
-fragte, was mir wäre. Das war jene Frau, Georg, ich
-weiß nicht, wie sie heißt, sie kauerte sich dann zu mir, zitterte
-und schluchzte, &mdash; ihr Gesicht war überschwemmt
-von Tränen, ach, und sie roch so nach Wein, ich dachte
-fast, es wäre Wein, wovon ihr Gesicht so naß war.
-</p>
-
-<p>
-Das war meine dunkelste Stunde, Georg, ich dachte
-immer, ich müßte es Dir einmal sagen. Ich war nicht
-<a id="page-499" class="pagenum" title="499"></a>
-gut darin, ich habe die Andre mehr als einmal von mir
-gestoßen, bevor ich sie ertrug. Ich weiß nicht, warum
-gerade dieser Augenblick in meinen Gedanken war, als
-Du saßest und schliefst; es ist ja auch gleich, und nun habe
-ich es gesagt.
-</p>
-
-<p>
-Ein Wunder, heißt es, würde mit den Gesetzen der Natur
-in Widerspruch stehn, das wäre sein Wesen und eben
-deshalb könne es nicht geschehn. Und das Wunderbare,
-Georg, steht es nicht mit den Gesetzen der Vernunft im
-tiefsten Widerspruch, wenn auch nicht mit der Natur,
-und wäre es wunderbar, wenn es sich gleich einfügen
-wollte? wenn es nicht selber sein Gesetz gäbe und uns
-nötigte, uns ihm zu fügen?
-</p>
-
-<p>
-Nun lebe wohl, lieber Georg, ich hoffe, recht bald, eine
-gute Nachricht von Dir in Händen zu haben, und küsse
-Dich als Deine alte
-</p>
-
-<p class="sign">
-Anna
-</p>
-
-<h4 class="section">
-Georg an Magda
-</h4>
-
-<p class="date">
-Hallig Hooge, am 20. II.
-</p>
-
-<p class="adr">
-Anna!
-</p>
-
-<p class="noindent">
-Du hast sie wieder! Ja, welch ein Glück für Dich und
-für sie, das mitzuempfinden ich mich nach Kräften bemühe.
-Zwar habe ich keine Ahnung, was für ein &bdquo;Elch-in-Atomen&ldquo;
-das sein mag, der in Deinem Brief umgeht
-und auch die arme Renate so entsetzte, aber was liegt
-daran? Ich hoffe vor allem, daß auch die Krankheit, von
-der Du schreibst, sich als so ungefährlich erweise, wie der
-Arzt versprach, und dazu, daß der erweckerische Jason so
-<a id="page-500" class="pagenum" title="500"></a>
-gut das Richtige getroffen habe, wie jener Christus mit
-dem Lazarus.
-</p>
-
-<p>
-Was Du mir von Dir geschrieben hast, nahm ich in
-mein Herz auf. Danken kann ich Dir nicht dafür, aber
-ich kann Dir nun etwas von mir schreiben &mdash; nichts aus
-neuer Zeit! &mdash;, das mir lange Zeit für zu heilig galt, um
-es selber mit Dir teilen zu können, &mdash; allein wer weiß? es
-giebt mehr solche Dinge, die man in Heiligkeit hüllt &mdash;
-als Vorwand, um sie für sich allein zu behalten.
-</p>
-
-<p>
-In jener Nacht, als Du schlafen gegangen warst, beruhigt,
-wie ich nun wohl glauben darf, durch andres als
-durch meine Versicherung, daß &bdquo;alles eingereiht&ldquo; sei,
-denn sie war mir leider nicht Ernst, &mdash; in jener Nacht war
-ich noch jenseit des Deiches, an der See. Was ich dort
-wollte, kannst Du Dir denken. Auch dieses Mal wurde
-ich verhindert. Von wem? Von meinem Vater.
-</p>
-
-<p>
-Es hat überlange gedauert, bis ich ihn erkannte, und
-was er gewollt hat, wurde mir erst manchen Tag später
-klar. Ich hielt ihn für den Dränger, für jenes Gespenst,
-das hier umgehn soll und die Menschen in die See drängen,
-und grausige Minuten lang glaubte ich mich von
-ihm verfolgt. Am Ende ging ich doch auf ihn zu, mit
-meiner äußersten Kraft, und als ich dann sah, <em>wer</em> es
-war, der vor mir stand, und seine Stimme vernahm: Es
-ist genug! &mdash; da, Magda, da erst bin ich gestorben.
-</p>
-
-<p>
-Ich erinnerte mich später deutlich, vor langer Zeit einmal
-geträumt zu haben, ich stürbe. Es war ein weiches
-Stürzen ins Bodenlose, aber während alles an mir sich
-auflöste und ich, noch in tausend Ängsten, wußte, daß
-ich starb, überwehte mich schon eine linde Verwunderung,
-<a id="page-501" class="pagenum" title="501"></a>
-mit der ich dachte: so leicht ist es? &mdash; Und nicht anders
-war es jetzt, als ich zu seinen Füßen erlosch.
-</p>
-
-<p>
-Als ich wieder zu mir kam &mdash; das kann ich Dir noch
-sagen &mdash;, sah ich, daß ich im ganzen keine zweihundert
-Meter weit bei meiner Flucht gekommen war, denn ich
-hatte von der Treppe aus noch nicht die nächste Buhne
-erreicht. Es gab noch viel Seltsames, von dem ich schreiben
-könnte &mdash; wie ich mich auf den Namen Waldemar
-Montanus besinnen wollte und es um keinen Preis konnte,
-(mir fiel später die Geschichte vom Bruder Ali Babas
-ein, in der ich als Junge nie begriff, wie er das einfache
-Wort Sesam vergessen konnte) &mdash; aber wir wollen dies
-gut sein lassen; nur eins wollte ich Dir noch sagen, was
-mir erst Tage später deutlich ward.
-</p>
-
-<p>
-Wo nämlich hätte der Dränger erscheinen müssen,
-Anna, wenn er einen Menschen in die See drängen wollte?
-Doch wohl in der Nähe des Deiches, nicht wahr? Dieser
-aber, der mir erschien, stand am Wasser, auf das ich zuging,
-und er erwartete mich; um mich nicht hineinzulassen!
-Es ergreift mich heute nichts mehr so, wie das, daß ich,
-als ich zum Wasser ging, nicht einmal wußte, ob ich wirklich
-hineingehn würde, &mdash; er aber besorgt war auf alle
-Fälle und mir den Weg verlegte. Dann folgte er mir,
-und ich floh, und da merkte er wohl, daß ich durchaus
-nicht ins Wasser ging, sondern daran her, und nun wollte
-er sich zu erkennen geben und verstellte mir die Richtung
-zum Deich. Ach, nun ist alles begreiflich und klar, und
-nur dies, daß ich, der noch Stunden zuvor entschlossen
-zum Tode war, nicht mehr daran dachte, nein, mit keinem
-fernsten Gedanken mehr daran dachte, als ich in die See
-<a id="page-502" class="pagenum" title="502"></a>
-getrieben zu werden glaubte, &mdash; das erscheint mir noch
-einigermaßen sonderbar, obwohl die Sache vermutlich so
-liegen wird, daß ich mich freilich nicht vor der See fürchtete,
-sondern &mdash; vor dem Grauen, und daß dieses alles
-mir verkehrte, &mdash; als worin wiederum eine kleine Erkenntnis
-enthalten ist, indem ich mich früher stets gewundert
-habe, wenn ich las oder hörte, daß bei einer Feuersbrunst
-jemand aus Angst durch das Fenster gesprungen
-sei, aus Furcht vor dem Tod in den Tod, denn auch solch
-einer springt nicht aus Todesfurcht, sondern bloß aus
-Grauen, das ihn verkehrte und Wege sehn ließ, wo keine
-waren.
-</p>
-
-<p>
-Siehst Du wohl die feine Klugheit, die rechteckigen
-Gedanken in dem Vorstehenden, kleine Anna, siehst Du
-sie gut und bist höchlich zufrieden und denkst: er ist gänzlich
-der Alte?
-</p>
-
-<p>
-Im Übrigen ist zu sagen, daß ich bereits an mancherlei
-wieder Gewöhnung gefunden habe, zum Beispiel an
-gebackener Flunder. Ferner begann ich zu arbeiten, habe
-mir staatswissenschaftliche Bücher kommen lassen, auch
-Geschichte (Notabene, wie steht es mit der amerikanischen
-von Saint-Georges? erscheint sie oder nicht?), ich lese
-mit dem Hauptmann französisch den kunstvollsten und
-dürrsten Roman der Welt, Flauberts Education sentimentale;
-und arbeite am Abend mit ihm den Zweifrontenkrieg
-aus, denn er ist eine strategische Leuchte und giebt
-an, es daure nicht <em>so</em> lange, bis Rußland und Frankreich
-und vielleicht noch sieben Völker über uns herfallen (im
-Ernst, Anna, es giebt sonst vernünftige Menschen, die
-sowas glauben!). Schließlich versuche ich, die Schriften,
-<a id="page-503" class="pagenum" title="503"></a>
-die mir täglich von Birnbaum vorgelegt werden, nicht
-nur zu unterzeichnen, sondern auch zu lesen und, was mehr,
-zu verstehn. Kurzum: ich bin am Leben.
-</p>
-
-<p>
-Siehst Du, Anna, Du bist zufrieden mit so etwas!
-Ein Kind wird geboren, und wenn es nur lebt, ist die
-Mutter schon froh, gleichviel zu welcher Alraune an Häßlichkeit
-und Bosheit es sich auswachsen mag. Ach, ihr
-Mütter, ihr Mütter! Wege finden sich immer, meint ihr,
-und: kommt Zeit kommt Rat, wie all die Sprüche heißen,
-aber: wenn nun bloß <em>ein</em> Weg ist?
-</p>
-
-<p>
-Du weißt den Weg, Anna, und &mdash; ich kann ihn nicht
-gehn. Und dies ist das Elend, daß, wenn ich denke, ich
-kann es vielleicht doch, ich es schon aus Gewohnheit denke
-und nicht aus Willen, und es einmal aus Gewohnheit tun
-werde und nicht aus Kraft.
-</p>
-
-<p>
-Siehe den Fluch der Gewohnheit: Du schreibst von
-Wundern, vom Wunderbaren immerhin, und selbst dieses,
-wie sehr bildete es sich in Dir, wie sehr warst Du selber
-der Wundertäter! Ich, Anna, ich sah das Wunder leibhaft,
-mit meinen Augen, sah meinen toten Vater wiederkehren
-um meinethalb, und schon als ich hinterdrein
-erwachte, riet mir eine sogenannte Stimme, es nicht
-anzuerkennen. Ich erkenne es an, ich halte daran fest,
-aber &mdash; es ist so: es muß uns immer alles wahrscheinlich
-sein und berechenbar. Wir versagen, so wie wir nicht
-mehr messen können. Wir sind die vollkommenen Narren,
-als welche das Wunder immer ersehnen, und in der Not
-ihrer Sehnsucht das Wunder selbst zum Maß aller Dinge
-machen und sie gewöhnlich, alltäglich und minder heißen.
-Und kommt das Wunder mit seinem eigenen Maß, wie Du
-<a id="page-504" class="pagenum" title="504"></a>
-sagst, so sehen wir uns zu nichts genötigt, als in möglichster
-Hurtigkeit ein andres Maß zu ergreifen, und so ertappen
-wir jetzt das Gewöhnliche, das Natürliche. Nun ging
-längst alles wieder in mich ein, und ich glaube zu fühlen,
-wie die Erscheinung des Toten, aus meiner Todesnot
-entsprungen, meiner eigenen Brust entstiegen vor mich
-hintrat. Wie sollte da mein Einschlafen mit der Pistole
-mir genügen, das mir freilich ein Zeichen hätte sein sollen,
-daß mir der Tod nicht bestimmt war? Noch glaube ich,
-Anna, an das erste Wunder, aber schon arbeitet dieses
-zweite an seiner Wurzel, es umzuhacken, und mit Stricken
-von oben am himmlischen Wipfel zerrt die uralte Riesin:
-Gewohnheit ...
-</p>
-
-<p>
-Ach, und warum dies alles? Es liegt am Blut. Es
-war immer kalt, oder es ist nun so kalt geworden, daß
-es nicht wieder erwarmen kann. Mir scheint, es ist Februar.
-Das ist der schlimmste Monat, der, wo alles
-schon möchte, und wo alles noch eingefroren ist. Umsonst,
-kleine Sonnenseele, umsonst!
-</p>
-
-<p>
-Genug! Du hast Deinen Willen: ich lebe. Gebe Dir
-Gott dazu, daß ich Dir einmal so dankbar dafür sein
-kann, wie Du es &mdash; nach üblicher Rechnung &mdash; verdienst.
-Wie immer Dein
-</p>
-
-<p class="sign">
-Georg
-</p>
-
-<div class="chapter">
-
-<h3 class="chapter" id="subchap-0-2-8">
-<a id="page-505" class="pagenum" title="505"></a>
-Achtes Kapitel: März
-</h3>
-
-</div>
-
-<h4 class="section">
-Aus Renates Gedächtnisbuch
-</h4>
-
-<p class="date">
-Anfang März
-</p>
-
-<div class="poem-container">
- <div class="poem">
- <div class="stanza">
- <p class="verse">Geliebter Himmel, blasser,</p>
- <p class="verse">Von Abendglut gebräunt,</p>
- <p class="verse">Liebling der blanken Wasser</p>
- <p class="verse">Und Seelenfreund &mdash;</p>
- </div>
- <div class="stanza">
- <p class="verse">Ich sitze dir zu Füßen,</p>
- <p class="verse">Aus Krankheit wieder erwacht.</p>
- <p class="verse">Genesung zu versüßen,</p>
- <p class="verse">Dein ist sie, ach brauch deine Macht!</p>
- </div>
- </div>
-</div>
-
-<p class="noindent">
-Nun, gleich Verse? Nein, dieser Anlauf schoß wohl doch
-übers Ziel hinaus, und da sitz ich freilich schon fest. Ach, und
-nun seh ich erst, was ich da richtig in der Hand halte! Einen
-Bleistift, einen ganz schönen, ganz langen und ganz gelben
-Bleistift, gelb wie eine Primel, nein, was bist du schön! du
-siehst ja wie ein Prinz aus! Laß mal zählen: Eins, zwei, drei,
-vier &mdash; sechs Ecken und sechs Kanten, ich kann sie von den
-Fingerspitzen bis ins Handgelenk fühlen, wenn ich schreibe,
-und es laufen nur ganz lange schlanke Buchstaben aus einem
-so schlanken Gegenstand. Lieber Himmel, ein Bleistift &mdash;
-und macht glücklich. Ich halte einen Bleistift! Den Satz
-könnt ich hundertmal abschreiben wie eine Strafarbeit, aber
-das sollte keine Strafe sein, und beim hundertsten Mal
-würd ich noch nicht wissen, was er richtig bedeutet.
-</p>
-
-<p>
-Still! Ganz langsam! Schreib was andres! Schreib:
-Das &mdash; Leben &mdash; ist &mdash; süß. Punkt. So. Ach, warum
-muß ich nun weinen?
-</p>
-
-<p class="date">
-<a id="page-506" class="pagenum" title="506"></a>
-an einem andern Tage
-</p>
-
-<p class="noindent">
-Nachmittags aufwachen im Sofa, so leicht nun, gleich
-so klar, und im Fenster ein Holdes sehn, unbekannt was,
-alles so hell, kühl, und es summt nur noch immer im
-Kopf, und Geräusche sind so fern! Ach, das ist ja das süße
-Leben, immer wieder, immer wieder! &mdash; Dann aufstehn, geheim,
-als wärs noch verboten, die Beine sind freilich schwer,
-aber &mdash; sich langsam aufrichten, und nun dastehn, es zittert
-in den Knieen, aber man steht, und nun &mdash; sich langsam um
-den Tisch herumschieben, ach, und schon ist die ganze Welt
-verwandelt, es schwindelt, weil man nur steht. Horch, wie
-still es ist! In einem fremden Haus tief unten geht eine
-Tür. Das ist schön, wie die Tür geht. Und immer steht
-man, zum Fenster gewandt, die Hände auf den Tisch gestützt,
-im Fenster ists leer und klar, wie ist alles unbekannt!
-Die Bücher auf dem Tisch, die kleine rote Schale auf der
-Decke, die Decke selber, der Tisch, lauter harte, deutliche,
-glänzende Dinge, sind alle ganz neu wie Geschenke, und
-auf einmal mußt du an dir heruntersehn, du bist ja ganz
-weiß, du trägst ja ein ganz weißes Kleid, es ist so
-leicht wie eine Wolke, die Falten bewegen sich geheimnisvoll
-ganz von selbst, es duftet aus ihm, es knistert und
-bebt, und all das heißt: die Gesundheit. Es liest sich wie
-eine Überschrift im Lesebuch. Endlich mußt du ans Fenster,
-du bist wie ein kleines Kind, zum Fenster ists elend
-weit, aber du bist schon kühn, wenn man nur will, gehts,
-und auf einmal, mit drei kleinen Schritten bist du hurtig
-hinüber, und da knickst du auf den Stuhl, sagst: Ach
-Gott! &mdash; Nun ists aus, du bist ganz matt, du hast genug
-vom Leben für heut.
-</p>
-
-<p class="date">
-<a id="page-507" class="pagenum" title="507"></a>
-Freitag
-</p>
-
-<p class="noindent">
-Freitag, heut ist Freitag. Freitag &mdash; Dreitag &mdash; drei
-Tage sitzt du nun schon am Fenster und kannst schreiben.
-Oh mein Gott, daß nur das Leben, das nackte Leben so
-süß sein kann! Da steht eine Hyazinthe im Fenster, eine
-große, hellblaue Hyazinthe, in einem Topf mit moosgrüner
-Manschette, die ist schön anzufassen, so rauh. Die Hyazinthe
-dagegen ist glatt, sie ist ganz wie aus einem dicken,
-hellblauen Duft gemacht, so einen Stoff giebt es sonst
-nicht, vielleicht Reif, so dicker blauer Reif an Trauben
-und Pflaumen, mit Frühjahrhimmel gemischt und etwas
-weißer Wolke, und ganz wenig Schnee, und etwas Narzisse,
-und all das steht ganz zart und steif und nackend da,
-macht die Luft süß um sich her und ist ein großer Trost.
-</p>
-
-<p>
-Draußen, da ist noch gar nichts, ein Garten, ganz kahl,
-schwarze Bäume, ein einziger grüner Busch ganz unten,
-der Rasen ist gelbgrau wie ein Fell, da steht eine Kapelle
-sehr sichtbar mit hohen Fenstern. Aber oben, da ist schon
-der Frühling, da sind ganz stillhaltende Wolken zum Anschaun
-wie auf Bildern, weiße, überall beschattet, dahinter
-ist eine blaue Leere, weich, kühl &mdash; und doch warm, in
-der es rieselt und sich wandelt unmerklich und vergeht.
-Plötzlich wird dir warm in einem ganz hellen Schein, es
-blendet, es überläuft dich was, dir zieht das Herz sich zusammen
-&mdash; &mdash;
-</p>
-
-<p class="date">
-am 7. März
-</p>
-
-<p class="noindent">
-Was ist mir denn?
-</p>
-
-<p>
-Schrieb ich denn wirklich selber das, was ich heute lesen
-muß vom süßen Leben? Kann denn eine einzige Nacht
-<a id="page-508" class="pagenum" title="508"></a>
-einen Menschen so verwandeln? Als seien meine Augen
-hart geworden, und alle Dinge stehn wie in einem Spiegel
-ohne Luft. Ach nein, verwandelt hat mich die Nacht
-nicht, es stieg nur nach oben, was erst in dieser Nacht
-fertig wurde, der Baum von Eis in meiner Brust, und da
-steht er nun, und seine Zweige klirren mir am Herzen,
-und es ist ganz lautlos dabei.
-</p>
-
-<p>
-Kalt, oh wie kalt ist der Tag und ist mir! Wohin geriet
-ich denn nur? In welches Leben? Ich weiß, ich träumte
-von Einem diese Nacht, für den ich keinen rechten Namen
-mehr habe. Weiß nicht mehr, was es war, es war kalt.
-Mir stachs eine eisige Nadel durch die Brust, und alles
-rollte sich zusammen und erstarrte. Da sitz ich nun, die
-Feder bewegt sich leicht übers kühle und weiße Papier,
-Schneefeld, Schneefeld! Wenn ich durchs Fenster schaue,
-seh ich es rieseln in der kalten grauen Luft, die schwarzen
-Zweige starren, Tropfen blinken am Glase, hier innen
-leb ich. Warum? Wozu? Was soll hieraus werden?
-</p>
-
-<p class="date">
-am 12.
-</p>
-
-<p class="noindent">
-Ich schrieb nichts auf in diesen Tagen, obgleich sie so
-lang waren wie die meilenlangen Winterseen, bläulich in
-der unendlichen Weiße, aufgehend in weißlichem Dampf
-unter dem dunkelgrauen Himmel, und in der maßlosen
-Stille klingt nur einmal ein heiserer Schrei, etwas Schwarzes
-steigt aus weißem Uferbaum, schwer im Flug wie ein
-langsamer Dämon streicht es seeüber, und von den Ästen, wo
-es abflog, fallen locker die weißen, leichten, eiskalten Kissen.
-</p>
-
-<p>
-Immer liegt mir der See vor der Seele, ich schau drüberhin,
-ich muß immer sehen und sehn, nichts verändert
-<a id="page-509" class="pagenum" title="509"></a>
-sich, und ich merke endlich, daß ich immer auf den einen
-schwarzen Flecken im weißen Baum starre, wo der Vogel
-abflog. Der kleine Kalender sagt, es ist März, im Garten
-ist ein grüner Busch mehr, aber der Rasen blieb wie zuerst,
-ich ging einmal schnell drüberhin, dann dacht ich:
-Ach, keine Krokus werden da mehr stehn, &mdash; wo du gegangen
-bist. Das ist mir im Sinn geblieben, es klingt
-wie ein Stück Lied, so ein aufgetautes Stück.
-</p>
-
-<p>
-Da stand ich vor der Orgel. Kühl war sie und fremd.
-Ich wagte keine Taste zu berühren. Sie war so kalt, als
-hätte sie in einem Haus aus Schnee gestanden. Einmal
-vor Jahren träumte mir, daß ich spielte; lebendiges Wasser
-rauschte unter meinen Füßen hervor, da tönte die Orgel,
-vox humana sang mit der Stimme der Amsel. Eingefroren,
-eingefroren, oh ihr Wasser des Lebens, ich töne
-nicht mehr!
-</p>
-
-<p class="date">
-am 13.
-</p>
-
-<p class="noindent">
-War denn dir so weiß alles vor Augen, Lazarus, armer,
-als dich das ewige Lächeln aufgetaut hatte aus dem Frost?
-Aber vor dir stand Einer, der wußte, was gut ist, auf
-seiner Schulter saß die schwarze Amsel und sang, Primeln
-fielen aus seiner erwärmten Hand; als er gegangen war,
-sah man da Kissen von Veilchen, wo seine Füße standen.
-</p>
-
-<p>
-Die Tage kommen, die Tage gehn. Ich glaube manchmal,
-ich muß sterben, ehe der Tag herum ist, ehe das
-Dunkel kommt und endlich die Stunde des Schlafs. Wie
-lange muß ich dann noch liegen, immer fröstelnd in den
-Decken; die blauweißen Falten des Betthimmels über mir
-fließen herunter, bleich in der Dämmerung, wie aus Eis,
-<a id="page-510" class="pagenum" title="510"></a>
-in der lautlosen Luft rieselt das Eisige, langsam gefriert
-alles, ich suche, ich suche, und alles ist leer ...
-</p>
-
-<p class="date">
-am 14.
-</p>
-
-<p class="noindent">
-Und du, Freund der Sonne, Gesegneter von Strahlenhand,
-ach, einmal auch mein Freund, du siehst über mich
-hinweg, auch du bist mir zu Schnee geworden. Sie haben
-dich mir wieder gegeben, hätten sie&rsquo;s lieber nicht getan!
-</p>
-
-<p>
-Der Garten, das weiß ich nun wieder, war nicht der
-Garten, sondern die Lichtung der Insel. Immer wieder
-zog es mich dorthin, Grauen zog mich hin, ich erschrak,
-wie sie sich veränderte, wie sie zerfiel, wie die Blätter
-herunterwirbelten, ich glaube, ich muß sie immer aufgerafft
-haben und mit den Händen hochgehalten, oder träumt
-ich das nur, daß ich immerfort herumjagte und die Blätter
-schalt und aufraffte und in die Luft warf? Aber es
-nützte ja nichts, und dann waren eines Tages die Bäume
-leer. Oh, und diese Angst, unaufhörlich in der Brust!
-Meist vergaß ich ja alles, nur die Angst war da; plötzlich
-dann fiel mir das Gesicht ein, alle meine Angst galt dem
-Gesicht, das erscheinen könnte, im Gezweige, im Zwielicht,
-ich glaube, besonders in der Dämmerung abends muß es
-am schlimmsten gewesen sein. Ach, die grenzenlose Süßigkeit
-des ersten Erschreckens damals auf der wirklichen Insel
-hatte sich mir in unseliges Grausen verkehrt, und nun
-drohte das weiße Gesicht von überall, und immer atmete
-ich auf, es nicht zu sehn, und immer befürchtete ich es
-wieder. Es waren wohl die Gesichter der Andern, die
-immer wieder entsetzensvoll gegen mich vorbrachen, und
-ich schrie und wußte nicht wohin laufen vor Angst.
-</p>
-
-<p>
-<a id="page-511" class="pagenum" title="511"></a>
-Ich vermißte einen Brief in diesen Tagen, Magda gab
-ihn mir ängstlich, ich las ihn, er sagte mir nichts. Er
-galt nicht mehr mir. Seltsam nur: als ich am Ende war,
-sah ich mich selber aufstehn, den Ech-en-Aton vom
-Sockel nehmen, eine Weile dann nicht wissen wohin mit
-ihm, sondern nur, daß er fort mußte, um jeden Preis fort,
-daß er sonst aus meiner Hand fallen und grauenvoll zerscherben
-würde. Dann war ich auf einmal im Schlafzimmer,
-vor einem Schrank, und stellte ihn blindlings
-hinein. Ein Schmerz zerriß mich blendend von oben bis
-unten, noch einmal in der Erinnerung.
-</p>
-
-<p>
-Das also, das muß ich damals getan haben, als ich
-jenen Brief zum ersten Mal las.
-</p>
-
-<p>
-Dann fragte ich Magda, und sie sagte mir, daß Jason
-den Kopf im Wäscheschrank gefunden hat.
-</p>
-
-<p>
-Es ist noch winterlich draußen, alle Zimmer sind geheizt
-und trocken von der warmen Heizungsluft, und ich
-höre nicht auf, am ganzen Leibe zu zittern vor innerer
-Kälte. Ich wollte ein lebendiges Feuer haben und ließ
-meinen Ofen heizen. Erst war es schön, die Hände anhaften
-zu lassen an der glatten, glühenden Säule, gleich
-wurden sie ganz warm, aber die Wärme drang nicht
-weiter vor, und da fing ich an zu schaudern, eiskalt wie
-ich mich fühlte mit meinen feurigen Händen.
-</p>
-
-<p>
-Der Arzt tröstete mich mit Frühling, Sommer und
-Sonnenwärme und riet eine Reise. Sonne, ach Sonne,
-du willst keine Seele erwärmen, die von innen gefror, und
-ich weiß, ich weiß wohl, was mir erlosch. Das ist die
-Wärme der Menschen, Wärme aus ihnen und Wärme
-zu ihnen. Der Eine nahm sie aus allen fort. Er nahm
-<a id="page-512" class="pagenum" title="512"></a>
-alles an sich: den Schmerz und das Glück, den Gram und
-die Wärme. Ich bin bitter geworden.
-</p>
-
-<div class="poem-container">
- <div class="poem">
- <div class="stanza">
- <p class="verse">Eine Stunde</p>
- <p class="verse">Lebt ich wie Götter, und mehr bedarfs nicht.</p>
- </div>
- </div>
-</div>
-
-<p class="noindent">
-Oh wer es glauben könnte! Dem war die Brust quellend
-und reich, gesegnet von Nachwonne, der das schrieb.
-Wozu leb ich? Es ist ja leer alles, ganz leer. Darum soll
-ich jetzt leben? Mich ankleiden und essen, Orgel spielen,
-mit Menschen sprechen und lesen und diese und jene Erfahrung
-sammeln, den einen Tag wie den andern, dafür?
-Oh meine erloschene Liebe, dafür? Barmherziger Gott,
-mir bricht die ganze Brust in Schluchzen aus, wenn ich
-denke, daß ich alles, alles sparte auf den einen Tag, und
-&mdash; nichts mehr. Warum weinen? Nichts mehr bewegt
-sich, auch die Tränen stehn still.
-</p>
-
-<h4 class="section">
-Georg an Magda
-</h4>
-
-<p class="date">
-Hallig Hooge, am 18. März
-</p>
-
-<p class="noindent">
-Mit einem Wort: Laokoon! Laokoon, oder die aussichtslose
-Verstricktheit: ein Alter, zwei Junge, drei
-Schlangen &mdash; sämtlich in meiner Figur dargestellt. Nur
-daß mein Mund nicht zum &mdash; unkünstlerischen &mdash; Schrei
-geöffnet ist, möchte ich festgestellt haben.
-</p>
-
-<p>
-Herz, mein teuerstes, glaubst du wirklich, daß hier alles,
-worauf es ankommt, mir nicht so klar ist wie Glas? Es
-bedurfte nur Deines Briefes und in ihm der bezaubernden
-Schilderung meiner eignen, entschlafnen Person, infolge
-deren ich mich selber sitzen sah in Eurer andächtigen Runde,
-um mir die Augen völlig zu öffnen. Und nun sehe ich
-<a id="page-513" class="pagenum" title="513"></a>
-mich dasitzen allerdings wie so etwas Halbgöttliches und
-zwar &mdash; woher mir diese Erscheinung kam, blieb unbekannt
-&mdash; durchaus als jenen unflätigen, aber achtbaren
-schlafenden Faun in München, aus dessen reisiger
-Ungeschlachtheit dennoch etwas Göttliches raucht, ein
-Göttliches, das nichts andres ist als der Schlaf.
-</p>
-
-<p>
-Nicht umsonst von den Alten als Gottheit verehrt: es
-ist wahrlich etwas Göttliches um den Schlaf des Menschen,
-um den Schlaf einer Seele, &mdash; das weiß ich und
-darf es sagen, der ich auf der Jagd nach diesem flüchtigsten
-aller Götter ihn verfolgt habe bis hinunter an das
-schwarze Tor, hinter dem es braust von den Schatten.
-Wahrhaftig, es war nicht unheroisch, zu schlafen in jener
-Stunde, da ich die Jagd aufgab und er nun stillschweigend
-aus den Stämmen hervortrat und die ermüdete
-Hand ergriff. Wie wenn es geheißen hätte in einem arkadischen
-Dorf: ein Gott sitzt an der Straße vor dem Tor,
-er wollte vorüber, da ergriff ihn die Müdigkeit, nun sitzt
-er im Schlummer dort ganz wie ein schlafender Mensch,
-und man kann ihn sehn. Und nun eilen sie in den glühenden
-Mittag hinaus und versammeln sich um jenen und
-staunen an seinem Schlaf. &mdash; So war auch Euch jene
-Stunde heilig, meine Anna, und gewiß: wenn es einer
-Sache nicht bedurfte hinterdrein, so waren es all unsre
-Worte.
-</p>
-
-<p>
-Es bedurfte der Worte nicht! Denn nie hat es der
-Worte bedurft zu nachträglicher Deutung; Wissen ist
-schweigend, aber es ist mein Fluch, daß ich ihrer niemals
-entraten konnte. Was ich auch erlebte: nicht eher wurde
-es mir haltbar, ehe es mir denkbar erschien. Dies aber ist
-<a id="page-514" class="pagenum" title="514"></a>
-Gnade der Dichter: ein Stummes zu geben wie die Blume,
-deren Sprache der Duft ist, zu reden und dennoch zu
-schweigen, aus dem menschlichsten Stoff, aus der Sprache,
-die göttliche Form zu bilden, und doch nicht einen Hauch
-ihr zu mindern von ihrem Duft. Ich bin kein Dichter,
-aber immer möchte ich dies auch, und meine Worte sind
-nur Fallen und Schlingen, in denen vielleicht Unsterbliches
-hängt, &mdash; halb erwürgt. Gut und heilig jene Stunde des
-Schlafs, aber ungut und unheilig darüber jedes Wort;
-ungut und unheilig, da nur das Schweigen gilt und Ehrfurcht
-vor der großen Erscheinung, ungut und unheilig
-die Deinen, Anna, in denen Du mirs erklärtest, und hier die
-meinen, in denen ich mich zu Ende erklärte.
-</p>
-
-<p>
-Mir wäre weit besser, ich läge da tot. Wenn ich auch
-als ein dreifach Umstrickter gestorben wäre, so war es doch
-eine königliche Verstrickung geworden, und es wäre nicht
-kleinlich gewesen, den beiden großen Pythons, Schuld und
-Tod, zu erliegen. Die sind nun auch klein geworden, sehn
-der gemeinen Ringelnatter ganz ähnlich, und andre von
-gleicher Statur gesellten sich zu: Schwäche, Arglist, die
-sagt: Hoheit sollten es versuchen ... und Feigheit, die
-überreden will, es käme am Ende doch nur aufs Leben an,
-und auf einen Thron brauchte sich keiner zu setzen, der
-nicht wolle.
-</p>
-
-<p>
-Klarheit, o himmlische Klarheit, warum niemals zu mir?
-Erkenntnisse hat mich auch Bogner viele gelehrt, so viel,
-daß, wenn es Pfähle wären, ein ganzes Venedig sich drauf
-bauen ließe. Damals, als der kranke Heros neben mir
-saß, da glühte sein Herz in meinem Blut, und was ich erkannte,
-das war mir auch Leben. Längst wieder leblos
-<a id="page-515" class="pagenum" title="515"></a>
-und eisig geworden, klirre ich mit den schönen Erkenntnissen
-herum wie mit nutzlosen Prunkstücken, als sei damals
-Festtag gewesen und Alltag heut, und wann unterschiede
-sich Alltag und Festtag im Leben der Seele?
-</p>
-
-<p>
-Ich hebe meine Augen auf zu den Bergen, von denen
-mir Hülfe kommt, &mdash; ach Anna, bist Du denn dort drüben?
-Ich denke viel an Dich, ich sehe Dich dann immer vor mir
-sitzen wie damals, als ich erwachte, und jenes Glück und
-die Zauber des schönen Erwachens atmen mich sanft wieder
-an.
-</p>
-
-<p>
-Aber ich will nicht sein, hörst Du, ich will, ich will, ich
-will nicht wieder sein &mdash; nach diesem! &mdash;, der ich zuvor war,
-nur reicher um diese Erfahrung, daß am Ende alles tragbar
-ist. Als hätt ich ein Tier erlegt und seine Haut angetan,
-und täglich wird sie dünner vom Tragen. Ach, daß
-kein Hirsch je zu königlich war, man macht einen Jagdrock
-aus seinem Fell und drechselt Knöpfe aus dem
-heroischen Gehörn. Ich will das nicht, Anna, und diese
-Verstricktheit muß einmal zerreißen, oder ich zerreiße denn
-mich.
-</p>
-
-<p class="sign">
-Georg
-</p>
-
-<p class="noindent">
-Der Brief blieb liegen, von Rechts wegen; die drohend
-herausgeballte Faust am Ende wäre Dir unleidlich zu
-sehn gewesen. Tage sind wieder vergangen, die kalte Verdrossenheit,
-die mich schon hatte, als ich noch schrieb, hielt
-seitdem an. Nimm ihn, er ist Dein Eigentum, leg ihn zum
-Übrigen, Du gute Geduld! Ich bin seit gestern entschlossen
-abzureisen und wäre schon davon, wenn ich nicht halb
-betäubt wäre von einer wilden Erkältung, die in meinem
-<a id="page-516" class="pagenum" title="516"></a>
-Kopf alle Ein- und Ausgänge verstopfte. So bleibt mir
-unklar, ob ich gleich nach Altenrepen fahre, oder erst &mdash;
-mit Deiner Erlaubnis &mdash; nach Helenenruh. Mein Fernbleiben
-von den Regierungsgeschäften ist nunmehr nicht
-zu entschuldigen, da ich leidlich leistungsfähig bin. Ich
-habe mir den Vollbart abgeschnitten, nur die Armeebürste
-auf der Oberlippe sitzen lassen, die beiläufig dunkelrot ist,
-und kann nun ganz gut für einen Prinzen oder angehenden
-Herzog gelten. Vor Altenrepen hält mich eine letzte
-Feigheit zurück; ich überlege ...
-</p>
-
-<p class="date">
-am Abend
-</p>
-
-<p class="noindent">
-Der Brief sollte mit dem Kurier zurückgehn, da bringt
-er mir ein Telegramm von Tante Henriette mit der Nachricht
-vom Tode ihres Mannes. &bdquo;Recht bekümmert&ldquo; nennt
-sie sich darin, und so stelle ich sie mir vor. Ich fahre also
-morgen mit der Frühflut und denke am Nachmittag in
-Berlin zu sein. Das paßt mir als Übergang und Pause
-vor dem endgültigen Schritt.
-</p>
-
-<p>
-Dank übrigens für Deinen Gruß durch die Cornelia!
-Sie besuchte mich hier, Du wirst von ihr gehört haben,
-daß sie sich wieder mit ihrem ehemaligen Verlobten zusammenzutun
-gedenkt, wenn der vier Wochen Nervenheilanstalt
-hinter sich hat. Ein entzückender Gedanke! Und
-so echt weiblich! Denn: wie herrlich sinnlos kann man sich
-da zum Opfer bringen! &mdash;
-</p>
-
-<p>
-Wenn ich noch einmal über die letzten Wochen hinblicke,
-so sehe ich, daß ich in einer völligen Hoffnungslosigkeit
-lebe. Hoffnungslos mir selbst, da, wie ich schon sagte,
-nur um eine Erfahrung reicher; hoffnungslos für alles
-<a id="page-517" class="pagenum" title="517"></a>
-Tun und Lassen, was in diesen Erdreichen geschieht. Was
-aus diesem Stumpf etwa zu entwickeln sein mag, wissen
-die Götter.
-</p>
-
-<p>
-Immerhin auf baldiges Wiedersehn!
-</p>
-
-<h4 class="section">
-Aus den Papieren Georgs
-</h4>
-
-<p class="date">
-In Berlin, 20. März
-</p>
-
-<p class="noindent">
-Um Mitternacht schlug ich das Fenster auf, vielleicht
-daß der Schlaf draußen stünde, der mich wiederum mied.
-(Aber möglich, daß es hier ein andrer Schlaf ist, der
-Schlaf der großen Städte, für den ich noch die magische
-Formel nicht fand.) Rechts oben in der Höhe, hinter
-einem marmornen Gewirk von Wolkenweiß und mattem
-Blau, war der abnehmende Mond zu sehn, gerade über
-der Spitze des kleinen Matthäikirchturms, dessen Schattenriß
-schwarz und altertümlich inmitten des Platzes stand.
-Ein dumpfes Brausen, nicht das nahe der See, entfernt:
-die schlaflose Geschäftigkeit des Labyrinths. Da erschien
-mir am Himmel oben mein letzter Augenblick auf Hallig
-Hooge.
-</p>
-
-<p>
-Schon wartete das Boot, ich hatte über den eilfertigen
-Vorbereitungen der Abreise den Abschied vergessen und
-ging jetzt noch einmal zu Ulrikas Grab. Der einsame
-weiße Stein mit ihrem Namen im graugelben Vorjahrgras
-glänzte spärlich in einem eben hervorbrechenden, sehr
-kühlen Morgenlicht, das meine Augen nach oben lenkte,
-obwohl es meinen Schatten vor mich über den Stein legte,
-denn ich stand mit den Augen zur See. Seltsam war der
-Himmel. Das ganze gewaltige Halbrund der Kuppel, in
-<a id="page-518" class="pagenum" title="518"></a>
-der ich stand, war in der Höhe reinblau, gedämpftes
-Morgenblau, aber rundum auf den Rand, bis zu Haushöhe
-schiens, war eine Lagerung von sechs, sieben Stufen
-weißer Quadern mit Fugen geädert von Blau. Die See
-darunter war dunkel, in kleinen Wellen kräftig bewegt;
-breitere Wogen zu meinen Füßen zerschellten zu reinweißem
-Schaum, laut brausend mit einzeln vernehmlichen
-Stimmen, und der Wind strich sausend herauf. Wunderbar
-aber waren diese, ringsum zum Kreise geschlossenen
-Terrassen von Wolken zu sehn; jeden Augenblick war
-mirs, als müßte ich Gestalten des Äthers auf sie hinaustreten
-sehn, leise farbig und glänzend aus der kühlblauen
-Wand, allein sie blieben immer leer, und nur, als ich mich
-suchend endlich umwandte, blendete mich die Morgensonne,
-die, den obersten Rand des Wolkengemäuers im Osten
-zerbrechend und schmelzend, goldene Hörner und Stäbe
-durch die Fugen nach unten zwängte, und dort glitzerte
-silbrig die See.
-</p>
-
-<p>
-Ganz plötzlich, mit einem Zucken, fühlte ich den Frühling.
-Die Mulde unter meinen Füßen schien mir grüner,
-als sie nach der Jahreszeit sein konnte; rechts unten glänzte
-das Fachwerk weiß und blau, fern drüben das tiefe Rot
-an Cornelias Haus, grad gegenüber mir, in der Lücke des
-Deiches, lag das Boot schneeweiß unter Segel, wo Cornelias
-grüne Jacke leuchtete; links auf meiner Höhe stand
-mein alter Turm in dem Licht. Mich fröstelte im Wind,
-aber meine Sinne sogen Frühling aus den Farben des
-Toten, hier, wo das Jahr durch kaum eine blumige Farbe
-erscheint. Die zarte Neuigkeit spürt ich, unsichtbar aufgesprossen
-im Gras überall, eine Regung, einen Atemzug
-<a id="page-519" class="pagenum" title="519"></a>
-aus dem Innern. So sehr vergaß ich mich selber über
-diesem, daß ich den Deich hinabstieg und fortging, ohne
-der Toten zu gedenken.
-</p>
-
-<p>
-Als ich dann im Boot saß, das grüne Eiland vor mir
-im Entgleiten sich langsam erhob und erhöht im dunklen
-Rollen der Wasser ruhte, erschien mirs auf einmal wie
-eine riesige Schildkröte. Auf ihren gewölbten Rücken hatten
-ich und die Andern uns gerettet, nackt in unserm Leben,
-Schiffbrüchige aus einem Sturm, wie ichs als Knabe in
-jenen Büchern des Behagens las. Monatelang hatten
-wir dort gehaust, so gut sichs eben hausen ließ, Gestrandete:
-einer starb, einer baute ein Floß und warf sich mit
-ihm in die See, nun schieden die Letzten. In diesem Augenblick
-glaubte ich zu sehn, wie das bislang geduldig still
-gelegene Tier sich erleichtert bewegte und &mdash; ich sahs von
-mir abgewandt liegen nach der offenen See hinaus &mdash; den
-Kopf hob und drehte, um nach mir zu sehn.
-</p>
-
-<p>
-Da erinnerte mich der noch ragende Turm des Grabes
-in seiner Nähe, und erschreckend befiel mich die Verlassenheit
-der Toten, die dorten verblieben war, allein mit zwei
-Geräuschen, jenem des ewig sausenden Windes und jenem
-der wogenden See. Ein unendlicher Schmerz ergriff mich
-auf einmal, ich hätte dort liegen können wie sie, aber mir
-hätte es keinen Schaden getan. Sie war hülflos und zart,
-nun versank vor meinen Augen die Insel, ich konnte mir
-leicht einbilden, das riesige Tier fortrudern zu sehn und
-hinuntertauchen in die Dämmerungen der schweigsamen
-Tiefe. Die verarmte Tote! sie blieb allein, unbekannt den
-brüllenden Völkern des Meers, aus denen bald einer heraufsteigen
-würde zum verlassenen Eiland, dort zu sitzen
-<a id="page-520" class="pagenum" title="520"></a>
-in seiner schwermütigen Natur und ins dumpfe Muschelhorn
-zu stoßen. Die Sonne stieg höher herauf, den
-Schatten meines Segels legte sie auf die glänzenden Hügel
-des Wassers, aber mir ging aus dem Odem der windigen
-Kälte die schwere, die sternlose Herbstnacht auf über dem
-Eiland, und die abgeschiedene Seele erstand schattig und
-dürftig auf dem Kranze des Deichs, leise klagend um
-ein Ungebornes und um den Undank des Daseins für
-vieles reine Bemühn. &mdash; &mdash;
-</p>
-
-<p>
-Webe mir denn ein starkes Kleid, blindäugige Mutter,
-Hoffnungslosigkeit, armlos den Webstuhl tretend mit
-ehernen Füßen, an dem die Fäden von selber fließen aus
-dem Unsichtbaren der ewigen Nacht. So läuft einmal
-alles hinaus auf ein Dürftiges: Haltbarkeit.
-</p>
-
-<p>
-Ich erinnere mich: auf einem Ritt durch die Ebene
-um Helenenruh sah ich auf einer Wiese eine uralte, magre
-braune Stute, die beim Nahen des Wallachs sofort die
-Ohren hochstellte und herangejagt kam bis an das Gatter,
-das sie von uns trennte, und an dessen andrer Seite sie mit
-uns trabte bis an sein Ende, wo sie noch lange stand und
-uns nachsah, das heißt meinem Pferde, das kein Ohr und
-nicht den Kopf ihretwegen bewegte. In ihrem langen
-Halse war ein Loch, in dem bei jedem ihrer Atemzüge die
-Spitze eines Rohres zum Vorschein kam, und sie atmete
-laut rasselnd und schnaufend. Vielleicht daß diese haltbare
-Alte mich damals an Tante Henriette erinnerte, und deshalb
-erschien sie mir nun.
-</p>
-
-<p>
-So wird auch der Seele, wenn der natürliche Eingang
-des Lebens versagt, ein neuer gebohrt, und der ganze Unterschied
-besteht in den lauteren Atemzügen. Besonders
-<a id="page-521" class="pagenum" title="521"></a>
-leise wird mein Leben ja fortan nicht mehr sein, und keiner
-wird, und ich selber kaum, die rasselnde Seele hören, die
-sich haltbar erweist.
-</p>
-
-<p class="date">
-am 22.
-</p>
-
-<p class="noindent">
-Soll ich aufschreiben, was heut sich begab? Wird dieses
-nun, dieses die Kraft beweisen, die ich in ihm zu erkennen
-glaubte, und die bei ihm Unsterblichkeit heißt, oder wird
-es mir schon unter den Fingern zur Haltbarkeit von
-blauer Tinte zerrinnen? Gott helfe mir, ich will es versuchen.
-</p>
-
-<p>
-Gleichviel, wie ich, noch einmal mit mir allein, in den
-Tiergarten geriet und, wieder in plötzlicher Erinnerung
-an Hallig Hooge, zwischen den kaum ergrünten Büschen
-hindurch, wo erste Amseln über den Rasen schlüpften und
-erste warme Erleichterungen durch die alte Kühle der Lüfte
-zogen, in die Stadt gelangte, durch das Tor, die Linden
-hinunter und weiter gedankenlos auf der linken Straßenseite
-bis zur Charlottenstraße, wo eine eben anfahrende
-und haltende Elektrische Bahn mich zum Stehenbleiben
-nötigte. Ich sah zu, wie eine Dame sehr mühselig ausstieg,
-oben vom Schaffner, unten von einem Herrn gestützt,
-und in ihm erkannte ich langsam Hardenberg. Die Dame
-war seine Frau; ich sprach sie an, sie kamen aus dem
-Norden, wo sie sich um das Fortkommen irgendwelcher
-Kinder ohne oder mit verderbten Eltern bemühten, von
-denen die Frau gleich mit ihrer strudelnden Lebendigkeit
-und so erregt zu erzählen begann, daß ihr Mann und ich
-beim Gehen alle Mühe hatten, sie zwischen uns zu halten,
-dermaßen riß sie an uns mit ihren unbeherrschten Bewegungen.
-<a id="page-522" class="pagenum" title="522"></a>
-Da sie mir sagten, sie seien im Begriff, einen
-Freund zu besuchen, den ich sofort kennen lernen müßte,
-wenn er mir noch fremd sei, so schloß ich mich ihnen an;
-sie machten nur eine Anspielung auf die ägyptische Abteilung
-des neuen Museums.
-</p>
-
-<p>
-Schwer zu glauben: vor einem Jahr war ich dort und
-sah nichts. Woher plötzlich die Augen? Gute Anna, kein
-Wunder könnte mir je wunderbarer erscheinen, als was
-ich nun sah. Ein Ding von dieser Wunderart hätte genügt,
-und ich sah hundert, sah Flure und Säle gefüllt
-mit Unglaublichkeit. Das ist Ägypten: ein würfelförmiger
-Block aus Granit, bedeckt mit Hieroglyphen; mitten in
-der Oberseite des Blockes der Kopf eines Kindes. Dahinter
-der größere Kopf des in dem Würfel hockenden Mannes,
-ein schlichtes Antlitz mit leider zertrümmerter Nase,
-das Haar, in strenge Linien gepreßt, links und rechts von
-dem Haupte in festen Massen niedergestrichen und, unterhalb
-wagerecht abgeschnitten, solchermaßen auf die Oberfläche
-des Würfels gestellt. In der ungeheuren Starre
-des Granit aber bewegen sich die hochgestellten Knie und
-die darum geschlungenen Arme des Mannes, zwischen
-denen das Kind steht, lebendig in sichtbaren Wellen des
-Lebens; ganz deutlich und klar ist da alles im Stein, Füße
-und Knöchel, Schienbeine und Knie, Ellenbogen und Arme
-und Hände und darinnen das leibliche Kind.
-</p>
-
-<p>
-Alles, was ich sah, war unfaßlich. Das Antlitz des
-ewig geheimnisvollen Wesens Form sah mich hier so
-schleierlos und so mit großem Auge an, daß es schien, als
-sei kein Geheimnis mehr da. Hier ist alles unbekannt,
-und nur am sonst unverständlichen Schmerz ließ sich
-<a id="page-523" class="pagenum" title="523"></a>
-spüren, daß Bekanntheit sein sollte und einmal war, was
-für immer versunken schien. Tiefen sind hier, Räume, ein
-Wesen mit einem Wort, dessen äußerste Grenze uns immer
-unauffindbar sein wird. Denn was wir sehen, ist das für
-uns Sichtbare, was uns Ordnung scheint, unser Gesetz,
-aber nicht das seine, das aus einer anderen Wirklichkeit
-kam. Auf keinem Stern könntest du dich umsehn und dich
-so tief im Unbekannten finden und doch in der Wahrheit.
-Und wenn hier ein Wunder sein sollte, so wäre es dies,
-daß du doch atmen kannst in dieser Luft, dieser Welt.
-</p>
-
-<p>
-Ich mußte mich umsehn, woher ich kam, und fand,
-daß ich ja aus Hellas hierher geriet. Plötzlich war mirs
-da, als ob eine seltsame Sonne schiene mitten in der gestirnten
-Nacht. Oh in Hellas war alles Blut und Odem,
-Sonne und Wind, Ströme und Wald und das Meer,
-Gottheit und Getier, ein Himmel voller Gestalt von Fischen
-und Männern, tausendfach gestaltige Natur, überall
-Blick und Wink und Gebärde. Das Lächelnde war dort
-und das Schöne, die Leier, die singende Lippe, der schwebende
-Fuß und das fliegende Haar. Da erschien mir das
-hellenische Bildwerk, aufgestellt mit tausend seinesgleichen
-um eine Mitte, von der ein Strahl ging zu jedem, aber
-ihrer aller Mitte lag außerhalb ihrer selbst, und sie alle,
-geordnet zusammen ergaben die Welt. Und ich sah das
-Menschliche in ihnen, aufleuchtend in seiner ganzen, höchsten
-Erfülltheit. Solange aber Menschliches waltet, solange
-ist Willen und Verlangen, Streben, Bewegung,
-Wandlung; Wandlung zum Gotte hinauf und Wandlung
-des Gottes herab, lauter schweifende Seligkeit, Schweben,
-Heiterkeit, Anmut, Würde, tausend Eigenschaften des
-<a id="page-524" class="pagenum" title="524"></a>
-Göttlichen in einer blühenden Zerstreutheit, und alles überglänzend
-und bindend der Segen, das ewige Auge. Jetzt
-aber, wie erschien mir in der Erinnerung auf einmal ein
-niegesehener, immer gefühlter Zug von Schwermut in
-der griechischen Form? Diese schönen Dinge scheinen zu
-wissen: irgend etwas fehlt, irgend etwas in ihrer Ordnung
-blieb ungelöst, sie ermangeln des Letzten.
-</p>
-
-<p>
-Da sah ich vor mir die Vollendung aus Stein. Alles
-sah ich abgetan, alle Gebundenheit an Götter und Erde,
-an das Sonnige und Bewegte, an das Werden und die
-Erregung. Kein Wollen mehr, nur Gewißheit. Der
-Grieche, wenn er etwas machte, so wollte er doch, daß es
-schön sei, wollte die Erfüllung in der adligen Form. Der
-Ägypter wollte nur die Form; wollte nur: daß sie sei.
-</p>
-
-<p>
-Menschenhände machten dies nicht. Vielleicht daß sie
-letzte Bindungen lösten fürs menschliche Auge, eine Oberfläche
-abschälten. Diese Dinge waren im Stein, verhüllt,
-seit ewig; sie machten sich frei. Und darum: in welcher
-Mitte auch das hellenische Werk zu stehen scheint, Mitte
-für tausend sehende Augen, denen es sich lächelnd erzeigt,
-Augen von Göttern und Dämonen, tausend blickenden
-Augen der Natur: hier ist die ungeheure Zentripetalität;
-hier ist das Ding, das um seine Mitte gebaut ist wie der
-Kristall, und diese seine Mitte ist auch die Mitte der Welt.
-Es ist gleichgültig gegen sehende Augen. Dies wird nicht
-gesehen. Es stellt sich nicht dar. Es ist. Aber herum von
-allen Seiten, von oben und unten gewölbt ist das ganze
-All der Gestirne.
-</p>
-
-<p>
-Hardenberg sagte mir ein Gleichnis mit Worten für das,
-was ich selber empfand: jedes ägyptische Werk sei in jedem
-<a id="page-525" class="pagenum" title="525"></a>
-seiner Maße ausgerichtet nach den Sternen. Es war
-Religion. Sie wußten die Unsterblichkeit in der Form. Sie
-machten ein Bild, daß es sei und lebe, und die Seele trat
-ein und blieb in ihm wohnen. Sie stellten es nicht hin an
-diese oder jene Stelle der Welt, sondern dort, wo es erschien
-in seiner grenzenlosen Notwendigkeit, war der
-Raum ausgespart zuvor, und es paßte sich ein in die
-Welt.
-</p>
-
-<p>
-Als mir aber solchermaßen die Augen aufgetan waren,
-wandte ich mich um.
-</p>
-
-<p>
-Ich befand mich in einem halbdunklen Umgang ägyptischer
-Säulen voller Statuen und Bilder; zwei Stufen
-vor mir führten in einen von Oberlicht erhellten Raum
-hinab. Hatten meine Augen schon das Wunder gesehn,
-und verwandelte sein Blick in meinem Blick mir zum
-Heiligtum den Raum? Duftete nicht alles? &mdash; Da sah
-ich das Reine.
-</p>
-
-<p>
-Mitten im Raume ein einfaches, kleines Gesicht, gelblich,
-mir zugewandt, sah mich an. Auf einem brusthohen
-Postament stand es in einem gläsernen Würfel, ein Kopf,
-kaum so groß wie meine Hand, Gesicht, Hals und der
-Ansatz von Schultern und Brust. Sah er mich an? Sein
-Blick ging plötzlich durch mich hin, als wäre ich aus Glas,
-und doch fühlt ich mich durchschnitten, daß ich fror. Es
-war kein Ansehn, es war ein ganz blinder Blick, jener, der
-durch alle Dinge der Welt hindurch gerichtet ist in das
-Ewige.
-</p>
-
-<p>
-Nun wagte ich näher zu treten und deutlich zu sehn.
-Es war zarter als alles; viel zarter als eine Blume. Alles
-an ihm war Duft. Ich sah Wangen, sanfte, unter den
-<a id="page-526" class="pagenum" title="526"></a>
-Augen leise gewölbt, nach unten wie mit liebkosenden Fingern
-zusammengeschlossen zur weichen Spitze des Kinns; sah
-darüber den Mund, Lippen, voll und mit zärtlicher Genauigkeit
-umzogen, überhaucht von leisem Rot, und sie
-standen ganz wenig vor wie in einem unaufhörlichen
-Kuß. Zart, frisch, fast süß, glich die Nase der eines
-kleinen Tiers; die Augen endlich, flach, leise zur Mandel
-nach außen geschlitzt, blickten über mich hinweg, und
-das Ganze von unendlichem Ernst war wie ein Lächeln
-so leicht.
-</p>
-
-<p>
-Ach, blind war dieser Blick wie die Seligkeit, blind wie
-das ernste Lächeln der Blume, das nichts ist als Gefühl
-und Echo des Lichts.
-</p>
-
-<p>
-Ich sah Hardenberg und die kranke Frau neben mir;
-sie lächelten verstehend, und ich brachte hervor: Wohin
-steht er denn?
-</p>
-
-<p>
-In die Sonne, sagte Hardenberg ernst. Er sieht immer
-nur in die Sonne. &mdash; Und er nannte mir den Namen:
-Amenophis und erzählte mir einiges. Daß er einen Kult der
-Sonne begründete und für diesen Kult eine ganze Stadt.
-Daß es noch Reliefbilder von ihm giebt, wo er dargestellt
-ist mit Gattin und Töchtern, und die Sonne darüber
-senkt Strahlen auf alle, an deren Enden winzige Hände
-sind, die sie ihnen auflegt. Daß, als er starb, die Stadt &mdash;
-Heliopolis &mdash; verlassen wurde und bald zerfiel, daß sein
-Nachfolger, im ägyptischen Glauben, die Form bewahre
-die Seele, alle Bilder von ihm zerstörte, sein Dasein zu
-vernichten, und daß nur dieses blieb, ein kleines Bildhauermodell,
-sowie ein halb zertrümmertes andres. (Er war
-unvernichtbar; er blieb.) Daß alldies mehr als zweitausend
-<a id="page-527" class="pagenum" title="527"></a>
-Jahre her sei. Und er sieht in die Sonne unwandelbar.
-</p>
-
-<p>
-Kein Wunder. Ein Weizenkorn, vor zehntausend Jahren
-in tönerner Schale, in einem Grabe bewahrt, behielt seine
-eingeborene Kraft und trägt Frucht in der heutigen Erde;
-also konnte auch die steinerne Blume unwelkbar bleiben
-bis heute.
-</p>
-
-<p>
-Die Sonnenblume von ihrem festen Stengel aus folgt
-der Sonne nach überall: ihn kannst du aufstellen, wo du
-willst, im Licht oder in der Nacht: wann und wo du ihn
-anschaust, blickt er geradeswegs in die Sonne hinein.
-</p>
-
-<p>
-Und ist dies nicht hoffnungslos? Die Sonne anbeten
-und sehn und niemals die Sonne sein können?
-</p>
-
-<p>
-Sonne sein können, welch Wort! Es muß &mdash;
-</p>
-
-<p>
-Oh du mein Gott, so wie er &mdash; Stoff sein der ewigen
-Hand! Sein im Wandel unwandelbar leicht wie ein
-Spiel! Fern der Erfüllung doch stets, stets auf dem Wege
-zu ihr &mdash; ach, wie aus endloser Mühsal doch blühte
-Geduld!
-</p>
-
-<p>
-Reinlich getan jede Tat, reinlich gewirkt jedes Werk,
-griff aus dem Chaos ein Stück, und du ballst es zur Form.
-Dasein und Stein und Gedicht, Tagwerk und Sternengesang;
-alle sie schmelzen in diesen, den einzigen Chor.
-</p>
-
-<p>
-Leben, ein jedes, es glüht, wandelnd in jedweder Form,
-die es vollbrachte, sich reinlich und reinlicher aus. Form
-ward es, schön und gewiß, Ordnung, ertönend Gesetz &mdash;
-ach, aus dem Leiden, so heilen wir lächelnd uns aus.
-Weltleid, es heilte in uns, Gottleid erlöst sich uns, wir,
-die Erlösenden, werden unendlich getrost.
-</p>
-
-<h4 class="section">
-<a id="page-528" class="pagenum" title="528"></a>
-Georg an Magda
-</h4>
-
-<p class="date">
-Berlin, am 23. März
-</p>
-
-<p class="noindent">
-Tante Henriette, darf ich Dir sagen, hat sich &mdash; um ein
-ehemaliges Lieblingswort von mir zu gebrauchen &mdash; mit
-ganz besondrer Teilnahme nach Dir erkundigt und sich
-erzählen lassen; ebenfalls nach der &bdquo;süperben Person&ldquo;
-mit den &bdquo;Flammenaugen&ldquo;, und mich beauftragt, sowohl
-Dir wie ihr mit ihren huldreichsten Grüßen eine Einladung
-in ihr Haus zu übermitteln, falls ihr den Mut hättet zu
-einer magern alten Person, die &bdquo;keinen Braten mehr abgiebt&ldquo;,
-aber die es selber nötig hätte, sich &bdquo;warme Krammetsvögel
-vor den Leib zu binden&ldquo; (wie mir scheint eine
-kühne biblische Anspielung), um nicht zu erfrieren. Die
-Krammetsvögel solltet dann Ihr sein, und alles dieses
-mußt Du Dir vorgebracht denken in einem wahren Ton
-&bdquo;rechter Kümmernis&ldquo;. Sie ist in der Tat mehr mitgenommen,
-als man hätte ahnen mögen, vom Hingang des
-kleinen Alten; die Kümmernis reicht ihr bis zum Grunde,
-und der alte Mann, der mit einem ganz wenig törichten
-oder verwunderten, aber sonst vollkommenen Ausdruck von
-Friedfertigkeit seines etwas schiefgedrehten Kopfes daliegt
-und emsig zu schlafen scheint, muß beim Abscheiden nach
-so viel gemeinsamen Jahren doch ein beträchtliches Stück
-von ihr mit abgerissen haben. Dem Papagei hat es auch
-einen Ruck gegeben: bis gestern abend saß er still und steif,
-den Schnabel nach hinten gedreht, den Kopf auf der
-Schulter, auf seinem Querholz und blinzelte nicht einmal:
-heute morgen war er heruntergefallen und tot. Siebenundvierzig
-Jahre war er seines Lebens alt und hätte noch
-T. Henriette getrost überdauern können. Der Kanarienvogel
-<a id="page-529" class="pagenum" title="529"></a>
-ist zu dumm, trällert tagein tagaus und muß durch
-ein dunkles Tuch zum Schweigen gebracht werden.
-</p>
-
-<p>
-Es sind doch nicht viele Dinge so erfreulich und selten
-wie der Anblick tüchtiger alter Menschen, und mir scheint,
-auch diese gehen eines Weges mit der Petroleumlampe,
-dem Indianer und Knoops beklagtem Elefanten. Hier ist
-die Busenfreundin von T. Henriette zu sehn, eine Gräfin
-Török aus Ungarn, gebürtige Wienerin; die ist so alt wie
-der Böhmerwald, ganz unförmig, im Gesicht so faltig wie
-ein Truthahn, bloß rosig, das Haar ist weiß, Augen und
-Augenbrauen sind kohlschwarz, und schwarze und weiße
-Haare hängen ihr überall aus den Gesichtsfalten. Die
-redet nun von früh bis spät ununterbrochen mit einer haarsträubenden
-Munterkeit, erzählt eine Geschichte oder Anekdote
-nach der andern, ihr Gedächtnis ist schon ein bißchen
-wirr, aber ihre Herzlichkeit und ihr erschütterndes Vergnügen
-an den Erscheinungen des Lebens sind erstaunlich.
-Dies war ihr Schicksal: Als Angehörige des Wiener Hochadels
-kaisertreu bis in die Fingerspitzen, verwandelte sie
-sich mit dem Augenblick ihrer Heirat vom Kopf zu den
-Füßen in eine ungarische Patriotin, und das will etwas
-heißen, denn es war vor 48! Ihrem Mann wich sie in
-allen politischen Lagen nicht von der Seite, folgte ihm,
-was damals noch anging, auf die Schlachtfelder, jung und
-schön, wie sie war, ein Trost und eine Befeuerung für alle
-ritterlichen ungarischen Herzen, pflegte die Verwundeten,
-und so weiter. Ganz plötzlich, Anfang der fünfziger Jahre
-starb ihr Mann, was für sie eine eigentümliche Folge hatte.
-Nach einigen Wochen der Verzweiflung erschien sie wieder
-wie zuvor, ihre Lebenskraft hat, wie Du siehst, seitdem
-<a id="page-530" class="pagenum" title="530"></a>
-nicht abgenommen, sie ist in allen Ländern der Welt zu
-Hause, war in Amerika und in Japan, in &sbquo;Zeylon, Zingiber,
-den fernsten Inden&lsquo;, läuft noch heute in jede Uraufführung,
-vergleicht die Elena Gerhardt mit der Patti oder
-Lucca, oder wie jene Verschollenen heißen mochten, Grete
-Wiesenthal mit der Camargo, schwärmt für Nijinski, liest
-Strindberg und Rilke, humpelt Dir sicher am Eröffnungstage
-der Freien Sezession an ihrem Stock entgegen und
-kann Dir von jedem Breughel oder Rembrandt sagen, ob
-er im Haag, in Kassel oder Wien hängt. Aber: bei alledem
-ist sie in steter Begleitung ihres Mannes. Es kommt
-vor, daß sie im Gespräch, zum Beispiel wenn ihr Gedächtnis
-versagt, zur Seite fragt: Wie? und dann sagt er ihr
-Bescheid, gleichviel ob die fragliche Sache sich zu seinen
-Lebzeiten ereignete oder nicht. T. Henriette sagt, manchen,
-der, unbekannt mit dieser Erscheinung, sich erkundigt habe,
-an wen sie eben diese Frage richtete, und den Bescheid erhielt:
-O ich fragte bloß meinen Józsy! &mdash; manchen, wie
-gesagt, habe dies schon betreten gemacht. Sie plant auch
-keine Reise oder entschließt sich zu sonst etwas, ohne ihren
-Józsy zu Rate zu ziehn, sie geht mit ihm in ihrem kostbaren
-alten Garten in Budapest spazieren, und man kann sie
-abends und auch nachts in ihrem Zimmer beträchtliche
-Zwiesprache mit ihm halten hören.
-</p>
-
-<p>
-Gott segne diese seltene alte Frau, sie hat vielleicht niemals
-über die ewigen Dinge gegrübelt oder eine Frage über
-die Ordnung oder die Fehlerhaftigkeit des irdischen Daseins
-gestellt, sondern es ist wahrscheinlich, daß sie all dergleichen,
-ohne das sich sonst ein wahrhaft kluger und geistiger
-Mensch schwerlich denken ließe, ersetzte durch Lebenskraft,
-<a id="page-531" class="pagenum" title="531"></a>
-durch vigor, durch Feuer und Schwung. Siebenzig
-Lebensjahre lang blieb ihr jeder Morgen und jedes Ding
-neu und erstaunlich und bezaubernd an sich, wert des seelischen
-Feuers, wert deswegen und dadurch zu leben, mit
-einem Wort: sie verfügte über die magische Essenz, die
-alle Dinge um sie her in ihren persönlichen Reichtum verwandelt.
-</p>
-
-<p>
-Ich möchte das auch können ...
-</p>
-
-<p>
-Denn es giebt solche Menschen, zu denen sie gehört,
-die tragen ihr Leben wie eine glänzend passende Form, wie
-einen seidenen, bunten Trikot, der allüberall glatt anliegt.
-Bei Andern, zu denen ich gehöre, scheint es vielmehr so zu
-sein, als wäre der Trikot für eine andere Figur geschnitten,
-und überall giebt es Falten und Beulen, hier kneift es, da
-schlottert es, man braucht das halbe Leben, um hineinzuwachsen,
-und schrumpft schon wieder drin zusammen,
-wenn er kaum eine halbe Stunde lang paßte.
-</p>
-
-<p>
-Gute Nacht, Anna! Ich bleibe noch ein paar Tage,
-indem ich die Gelegenheit benutze, mich überall vorzustellen,
-wo ich in meiner jetzigen Form noch unbekannt bin. Peinlich
-einerseits, ein schmerzliches Glück andrerseits ist das
-namentlich bei älteren Leuten ganz rührende Entgegenkommen
-gegen den Sohn meines Vaters &mdash; hier und da
-mit ein wenig Skepsis verbunden wegen Vererbung der
-politischen Gesinnung. Gestern war ich im Reichstag (in
-den leeren Fensterhöhlen &mdash; und so weiter!), Parlamentarier
-habe ich ein ganzes Schock kennen gelernt, nun
-kommen Großindustrie und Banken an die Reihe, deren
-Häupter ich morgen bei einem Geschäftsfreunde von Papa
-versammelt finden werde. Im ganzen, ich würde nach der
-<a id="page-532" class="pagenum" title="532"></a>
-langen Stille und Einsamkeit der Halligwochen nicht
-wissen, wo mir der Kopf steht, bräche nicht immer wieder
-&sbquo;ein Streif wie schieres Silber durch den Spalt&lsquo;. Woher
-aber dieser und welcher Art, das Dir nachzuweisen, fehlt
-nun die Ruhe, und ich bin auch begierig, es mündlich zu
-tun. Sei gewiß, daß ich die erste Bresche in der ersten
-Altenrepener Woche benutzen werde, um zu Dir zu gelangen,
-und sei es auch nur für Minuten. Auf Wiedersehn,
-Herz, auf Wiedersehn! Dein
-</p>
-
-<p class="sign">
-Georg
-</p>
-
-<h4 class="section">
-Jason an Renate
-</h4>
-
-<p class="date">
-am 25. März, in Sizilien
-</p>
-
-<p class="adr">
-Liebe Renate!
-</p>
-
-<p class="noindent">
-Ob Du Dich Irenens noch erinnerst?
-</p>
-
-<p>
-Ihre Augen hatten die gleiche Eigenschaft wie die
-Deinen: sie wechselten mit jedem Licht, das in sie fiel; so
-schienen sie meistens blau, aber im Hellen wurden sie grün,
-in der Dämmerung schwarz, und stieg das Blut in sie
-hinein, wurden sie schwer blau und düster. Ihre Hüften
-hatten die längliche Rundung der schönen Empirefigur,
-ihr Gesicht war immer rosig, wir bewunderten ihre Bewegungen,
-die auch in der Leidenschaft anmutig blieben,
-und obgleich sie das Derbe liebte, erschien sie uns doch gerne
-amselhaft; in ihr stand ein geigender Engel knabenhaften
-Geschlechts wie hinter einem Morgenrot, ein goldener
-Schatten. Dann überfiel sie die seltsame Zwietracht, das
-Morgenrot zeigte phantastische Risse, Märzgewitter
-rauschten mit lockeren Blitzen hinein, dann entzog sie uns
-gänzlich die schwarzblaue Wolke.
-</p>
-
-<p>
-<a id="page-533" class="pagenum" title="533"></a>
-Ich muß Dir schreiben, daß Du sie nicht wiedererkennen
-wirst, wenn Du sie siehst, was, wie ich hoffe, bald geschehen
-wird. Laß Dir sagen, daß ihr Gesicht nunmehr
-kleiner ist als meine Hand und so völlig von Elfenbein
-scheint, wie etwas noch Lebendes elfenbeinern scheinen
-kann; so leblos, so glatt und so hart. Ihre Augen darin
-sind von schwarzer Bronze, tot.
-</p>
-
-<p>
-Es hat demnach den Anschein, als läge hier wieder eine
-jener beklagenswerten Verwechselungen vor, an denen die
-menschliche Gesellschaft so reich ist, und hier scheint irrtümlich
-in den Leib einer Baumnymphe oder Dryade die
-Kraft und der Wille eines Kentauren geraten und entsetzlich
-darin gehaust zu haben.
-</p>
-
-<p>
-Irene, fragte ich, nahezu sprachlos, als ich sie sah, was
-hast du gemacht?
-</p>
-
-<p>
-Sie zuckt die Achseln, sagt: Gebetet.
-</p>
-
-<p>
-Was? sage ich, die ganze Zeit, nichts als gebetet? &mdash;
-Sie sagt: Ja. Andres gab es nicht mehr. Im Anfang,
-sagte sie, sei es schwer gewesen und reichlich unvollkommen.
-Bis dann eines Tages die Welt verdämmert war und sie
-allein lag auf ihren Knien, irgendwo im Raum, auf einem
-Stern, oder selber ein Stern, der an Gottes Himmel aufging.
-Sie begann zu glühen vom Gebet, dann glühte nur
-noch das Gebet, dann begann sie zu leuchten, dann ging
-sie auf. Aber nicht der Mensch und sein Wille ist schuld,
-sondern das Düster der Erde, wenn uns leiblich zu erlöschen
-scheint, was seelisch entbrannte.
-</p>
-
-<p>
-Auch im Kloster scheinen sie nicht eben richtig geschliffene
-Augen gehabt zu haben, denn sie wurde nach etwas über
-halbjährigem Aufenthalt vor die Wahl gestellt: entweder
-<a id="page-534" class="pagenum" title="534"></a>
-zu bleiben für immer, oder zu gehn. Schließlich muß man
-zugeben, daß ein Kloster kein Asyl für Obdachlose sei.
-Irene freilich war nun ratlos, wäre es vielmehr gewesen,
-wenn sie nicht in der Nacht einen schönen Traum gehabt
-hätte. Ich an ihrer Stelle würde ja der Weisung von
-Träumen nicht ganz so unbedingt Glauben schenken, allein
-sie ist, wie sie ist. Was sie träumte, war ein ganz blaues
-Meer, ein hellblaues, südliches Meer, auf dem rosafarbene
-Glocken schwangen, und sie selber schwamm ihnen entgegen,
-und sie lösten sich an ihren Gliedern in einen so
-unbeschreiblichen Duft auf, daß sie noch darin gebettet
-war, als sie erwachte.
-</p>
-
-<p>
-Die Auslegung des Traumes nahm die Gestalt an, daß
-wir uns jetzt seit einigen Wochen an der Küste des Mittelländischen
-Meeres befinden, nicht weit von Taormina,
-und daß Irene jeden Morgen bei Sonnenaufgang, nackt
-wie sie geschaffen wurde, in die See hinausschwimmt, so
-weit sie kann. Dies, sagt sie, wäre ihre Reinigung. Ihr
-Gebet dabei ist wieder dasselbe wie zuvor; es lautet:
-</p>
-
-<div class="poem-container">
- <div class="poem">
- <div class="stanza">
- <p class="verse">Du bist klar,</p>
- <p class="verse">Ich war klar,</p>
- <p class="verse">Mach mich wieder, was ich war!</p>
- </div>
- </div>
-</div>
-
-<p class="noindent">
-Daß ihre schon im Schwinden begriffenen Kräfte dabei
-absterben wie dünner Schnee, das ist vorläufig die erste
-Folge. Aber ihr Gesicht bräunte sich wieder langsam, in
-die Augen kam wieder ein leises Blau.
-</p>
-
-<p>
-Da ich sie nicht hindern könnte, selbst wenn ich das
-wollte, so ist dieser Brief nichts als eine matte Spottgeburt
-meiner Unbeholfenheit. Eine Änderung scheint mir notwendig.
-Das beste wäre, Klemens käme im Augenblick,
-<a id="page-535" class="pagenum" title="535"></a>
-aber ich habe eine Abneigung gegen gewaltsame Eingriffe.
-Irene hört, wenn ich von Dir und Andern spreche, zwar
-zu, erwidert aber nichts. Es wäre trotzdem möglich, wenn
-Du ihr den Vorschlag machtest, sie irgendwo zu treffen,
-wo Wasser ist, an einem italienischen See zum Beispiel &mdash;
-denn der Frühling, der hier fast die Augen blendet, gelangte
-ja noch nicht zu Euch &mdash;, oder aber bis hier herunter zu
-kommen, doch habe ich so eine Ahnung, als wäre Dir das
-zu weit. Ich fürchte aber jeden Tag, sie zerschmilzt mir
-zwischen den Händen, und wenn wir im Garten sind
-und der Himmel sich bewegt zwischen den Mandelbäumen,
-so muß ich sie ansehn, ob sie noch ganz da ist, oder ob
-es nicht das blaue Flackern ihrer Seele war, die über die
-rosigen Wipfel enteilte.
-</p>
-
-<p>
-Ich kann nicht gut briefschreiben, da ich keine Übung
-habe, und im ganzen wird dieser Brief Dir vermutlich
-erscheinen wie eins der alten Bilder vom Martyrium
-einer Heiligen: was man sieht, sind Farben, Gewänder
-und teilnahmslos reine Gesichter; was man nicht sieht, ist
-das Blut, die Not, und das Sterben. Wer aber Zeuge
-war dieser drei Dinge, dem werden sie ein seltsames
-Gift einflößen, dessen Wirkung es ist, daß er von allen
-Dingen der Welt reden kann, nur von diesen muß er
-schweigen.
-</p>
-
-<p>
-Ich hoffe also, Du willigst ein, wenn ich sage: Auf
-Wiedersehn!
-</p>
-
-<p class="sign">
-Jason
-</p>
-
-<h4 class="section">
-<a id="page-536" class="pagenum" title="536"></a>
-Renate an Irene
-</h4>
-
-<p class="date">
-am 29. März
-</p>
-
-<p class="adr">
-Liebe Irene!
-</p>
-
-<p class="noindent">
-Jason schreibt mir, daß Ihr in Sizilien seid, und daß
-er sehr besorgt um Dich ist. Ich selber war lange krank,
-das hörtest Du wohl von ihm, nun möchte ich gern mit
-Magda nach dem Süden, Sizilien ist uns freilich zu weit,
-Magda könnte auch nicht sehr lange bleiben, da sie im
-April zum ersten Mal öffentlich singen wird, &mdash; am Charfreitag.
-Möchtet Ihr uns nicht in Torbole oben am
-Gardasee treffen? Mehr als sechs Jahre, glaub ich, war
-ich dort mit meinem Vater in den Sommern und habe
-plötzlich die heftigste Sehnsucht. Es wird freilich noch
-eine Woche dauern, bis wir fortkommen können, teils
-weil ich Onkel noch überreden muß, mitzukommen, teils
-weil Magda sich vor ein paar Tagen eine leichte Erkältung
-zugezogen hat, so daß sie sich noch schonen muß. Es schadet
-ja aber nichts, um so weiter wird der Frühling dort
-schon sein. Ich hoffe sehr auf ein Wiedersehn, Irene!
-Sage Jason alles Liebe und Dank für seinen Brief!
-Von Herzen Deine
-</p>
-
-<p class="sign">
-Renate
-</p>
-
-<div class="chapter">
-
-<h3 class="chapter" id="subchap-0-2-9">
-<a id="page-537" class="pagenum" title="537"></a>
-Neuntes Kapitel: April
-</h3>
-
-</div>
-
-<h4 class="section">
-Aus den Papieren Georgs
-</h4>
-
-<p class="date">
-am 1. April
-</p>
-
-<div class="poem-container">
- <div class="poem">
- <div class="stanza">
- <p class="verse">Sein Antlitz, das wie eine Blume war,</p>
- <p class="verse">Enthauchte aus den Augen Duft! Ich schwelgte</p>
- <p class="verse">In diesem Glanz, der nicht wie andre welkte,</p>
- <p class="verse">Ich schmolz wie Wolke auf und wurde klar.</p>
- </div>
- <div class="stanza">
- <p class="verse">So ganz verleiblicht ward die Gottheit hier,</p>
- <p class="verse">So ward noch nie der Sonne Bild zur Blume!</p>
- <p class="verse">O daß ich Land sei, Ackers ärmste Krume,</p>
- <p class="verse">Und diese reine Seele blüht&rsquo; in mir!</p>
- </div>
- <div class="stanza">
- <p class="verse">Jedoch ich bin soviel nur wie der Wind,</p>
- <p class="verse">Der streifend nur den Duft vermag zu fangen,</p>
- <p class="verse">Und trägt ihn fort auf Stirn und Mund und Wangen,</p>
- <p class="verse">Vor Schmerz vergehend, und vor Wonne blind.</p>
- </div>
- </div>
-</div>
-
-<p class="date">
-am 2. April
-</p>
-
-<p class="noindent">
-Telemach, o Telemach, da hast du es wieder! Eine
-trübe Erkenntnis und obendrein in Versen! Die alte
-Empfindsamkeit und der alte Betrug! Weil die Erkenntnis
-reizlos ist, so werden reizvolle Bilder erfunden; weil
-sie bedrückend ist, so wird sie in leichte Gegenstände aufgelöst;
-weil sie trübe ist, so wird sie wenigstens mit einem
-schwermütigen Lächeln beflügelt, und weil sie wärmelos
-und nüchtern ist und wahr, so wird sie in schöne, warme
-Scheinkleider eingemummt. Lyrische Erschütterungen,
-lyrisches Dasein &mdash; wenn anders lyrisch heißt: einsame
-<a id="page-538" class="pagenum" title="538"></a>
-Hingabe an gegenwärtige Gluten &mdash;, lyrische Schwermut,
-&mdash; und sowas will &mdash; Monarch sein. Wie ich sie
-nun hasse, diese dastehenden Verse, diese sprachlosen Gemächte,
-die ein Unsagbares tönend machen sollten und
-es nur bereden. Das alte Lied, das alte Leid: Unruh,
-Ungenügsamkeit, Überdruß und Verdrießlichkeit, alles,
-was peinigt und reizt, kommt aus dem Ungelösten in
-uns, das zur Klarheit will. Was ist Sehnsucht? In dem
-hundert- und tausendfachen Hingerissensein und Zerstreutsein,
-alltäglich, allstündlich an die Dinge der Erde,
-ist sie Verlangen nach dem Einen, das not ist. Aus den
-tausend Möglichkeiten ist sie das Streben nach dem Einen,
-das notwendig sei; aus den tausend Empfindsamkeiten
-nach der einen Liebe. Aus der tausendfachen Verschwendung
-nach &mdash; nach? &mdash;
-</p>
-
-<p>
-Dem Opfer.
-</p>
-
-<p>
-Hoffnungslos. Wozu dies dem Telemach? Was er
-tun kann, ist seine Schuldigkeit, ist das Weitergehn auf
-dem Wege, auf den uns die Toten verhalfen. Ich kann
-in die Sonne starren, bis ich blind werde, und das dürfte
-der ganze Erfolg sein. Näher, o Sonne, zu dir! Hoffnungslos,
-ich habe meine Liebe in einer Insel eingesargt,
-als sie totgeboren hatte, das ists.
-</p>
-
-<p>
-Erkenntnisse, Erkenntnisse! feil wie Brombeeren. Steine
-im Strom, über die sich von Ufer zu Ufer springen läßt,
-ein Haus baut sich nicht daraus. O weh mir, daß ich
-meinen Tod verschlief!
-</p>
-
-<p class="date">
-<a id="page-539" class="pagenum" title="539"></a>
-am 6. April
-</p>
-
-<p class="noindent">
-Erloschen.
-</p>
-
-<p>
-So mußte es freilich kommen; unabänderlich; genau so.
-</p>
-
-<p>
-Ich erhaschte eine freie Minute und fuhr zu Anna.
-Warum fuhr ich? Weil seit dem Zusammensein mit ihr
-auf Hallig Hooge ein Duft von ihr in mir verblieben war,
-beunruhigend, der immer drängte, mit ihr zu reden, ihr zu
-schreiben, ihr &mdash; kurz, ihr nahe zu sein. Kann, dacht ich,
-wiederkommen, was lange verging? Immer sah ich auch
-ihr Gesicht in dieser sonderlichen Verändrung, die ich seinerzeit
-erst nicht zu deuten wußte, bis ich entdeckte, daß ihr
-Augenbrauen wuchsen, noch dünn, schwarze, nicht blonde
-Brauen &mdash; als sollten sie ein Ersatz sein für das, was den
-Augen genommen war. Fast farbig wurde von ihnen
-das sonst farblose Gesicht, sie gaben ihm Gestalt, Zeichnung,
-trennten die überstarke Stirn von dem Untergesicht
-und ersetzten wirklich etwas von dem fehlenden Blick der
-sonst klaren Augen. Und ich deutete daran herum, schon
-tauchten zärtliche Schatten auf, ich empfand Sehnsucht.
-</p>
-
-<p>
-So fuhr ich zu ihr, und sie war nicht da. Ich wollt es
-kaum glauben. Bekanntlich ist so der Mensch: kommt,
-fragt &mdash; was, sagt er, ich komme, und sie ist nicht da?
-(Später hörte ich dann: sie wollte verreisen und war noch
-einmal zu ihrem Lehrer.) Nun mußte ich mich bei Renate
-melden lassen &mdash; ah, Telemach, schlug dir das Herz?
-</p>
-
-<p>
-Der Tag war von besondrer Wärme, so fand ich sie
-halb im Freien, in der Veranda, sie schien unverändert.
-Und was mich betrifft, so konnte ich sie ruhig betrachten &mdash;
-nämlich zu Anfang.
-</p>
-
-<p>
-Unverändert schien sie, von Zügen, obgleich von solch
-<a id="page-540" class="pagenum" title="540"></a>
-einer &mdash; wie nenn ichs nur? &mdash; aber es giebt kein Wort
-für diesen Bund von Lieblichkeit und von Majestät, der
-ihr immer eigentümlich war. Sie saß in einem Korbsessel,
-im dünnen Sonnenlicht, weißgekleidet, die Arme bis zum
-Ellenbogen unter einer Decke von weißem Plüsch. Weiß
-wie alldies war auch ihr Gesicht, darin die Augen von so
-hellem Blau wie das der Hyazinthe. Langsam dann,
-immer merklicher, wie ich vor ihr saß, begann sie sich zu
-verwandeln. Ich glaube, mit ihrer Hand fing es an,
-ihrem Arm, der nun auf der Decke lag, und diese Hand,
-die nur ein Gebilde schien aus Schnee und Schmerz, war
-gleichwohl von einer herzdurchschaudernden Menschlichkeit;
-eine Menschenhand, eine weibliche Hand, und Daumen
-und Zeigefinger sahen aus, als hätten sie erlebt, wie sie
-gemacht wurden aus lebendigem Fleisch, Schmerz, den sie
-nie vergessen würden. Das, womit ihre Finger spielten,
-war erstaunlicherweise das Ende von einer ihrer beiden
-hellbraunen Flechten, &mdash; das hatte ich auch freilich noch nie
-gesehn. Und jetzt der Mund, ach der Mund! Als ob sie
-sich ins eigene Herz gebissen hätte mit ihm, &mdash; so zuckte es
-unmerklich an seinen Winkeln, die tief in das weiße Fleisch
-hinabgezogen und eingebettet waren. Und jede Linie ihrer
-Züge war mit einer geheimnisvollen andern nachgezogen,
-wovon sie aber nicht scharf geworden waren, sondern ganz
-weich. Der ganze Mensch war nichts als blühendes Schicksal.
-</p>
-
-<p>
-Nun erscheint sie mir wieder im Raum, und was ich
-nun um sie atmen fühle, ist Verlassenheit, Hülflosigkeit,
-Unwissen. Wohin jener Zauber von damals, jener Gürtel
-von Unnahbarkeit? Die Unnahbarkeit war geblieben, aber
-sie war nicht mehr Wille und Stolz und Bewußtheit.
-<a id="page-541" class="pagenum" title="541"></a>
-Ganz magisch war sie geworden, und in ihr rieselte ein
-Brennen, ein Aufgelöstes, ein Schmelz &mdash; furchtbarer
-Nachglanz einer unendlichen Umarmung, aus der sie gerissen
-wurde, und ich &mdash; ja, ich fürchtete sie mehr, als daß
-ich hätte begehren können.
-</p>
-
-<p>
-Von dem, was wir gesprochen haben mögen, ist nur
-das Letzte wichtig. Da ich vom Amenophis begann, so hörte
-sie mir eine Weile zu, lächelte langsam und meinte, es sei
-schön, daß ich ihn auch kennen und so sehr lieben gelernt
-hätte; ihr sei er Freund seit Jahren, nur unter seinem ägyptischen
-Namen Ech-en-Aton; sie habe einen Abguß in ihrem
-Zimmer stehn, ob ich ihn sehn wolle &mdash; ja, Weihnachten sei
-es drei Jahre her gewesen, daß sie ihn bekam, von Josef,
-und ob ich nicht auch fände, daß er Saint-Georges ähnlich
-sehe.
-</p>
-
-<p>
-Nun, mein Telemach, was hilft es jetzt, zu sagen: Und
-wenn wir ihn damals gesehn hätten, ja, wenn es möglich
-gewesen wäre, ihn zu sehn, was aber nicht möglich war,
-da ihr Zimmer damals unbetretbar war für unsersgleichen:
-so würden wir ihn doch nicht erkannt haben, weil uns die
-Augen abgingen. Dies aber hilft uns nichts, sondern dies
-bleibt: das Geheimnis. Daß er drei Jahre in unsrer Nähe
-stand, erreichbar und nie zu erreichen, in diesem, in ihrem,
-in Renates Haus, Renates Eigentum, Renates Freund &mdash;
-darin verhüllt sich das Geheimnis unsres Lebens. Und der
-Schluß wird uns überdauern: wir blieben blind für die
-Wahrheit Renates, weil er uns verborgen blieb; oder
-Renates Wahrheit blieb uns verborgen, weil wir blind
-für ihn waren. Das geht so herum oder so herum wie
-die Daumen &mdash; der Schluß bleibt derselbe.
-</p>
-
-<p>
-<a id="page-542" class="pagenum" title="542"></a>
-Wir aber wollen es aufgeben, dasitzend nachzusinnen
-wie der nachdenkliche Medici: wie alles so gekommen ist.
-Kopf hoch und geradeaus in das Hoffnungslose. Renate
-nämlich &mdash; ist zu vergessen. Denn Sehnsucht, sang
-Chastelard, Sehnsucht ist Qual. Sehnsucht dieser Art
-verbittert, Sehnsucht trübt, Sehnsucht macht schwindlig,
-macht unfroh und kränklich und feige. Schließlich: ich bin
-mir zu edel für Sehnsucht.
-</p>
-
-<p>
-Und mein Leben &mdash; wie ein schwarz verkohltes Stück
-Papier so zerflattert mirs unter den Händen.
-</p>
-
-<h4 class="section">
-Magda an Georg
-</h4>
-
-<p class="date">
-7. April
-</p>
-
-<p class="adr">
-Mein Lieber,
-</p>
-
-<p class="noindent">
-gestern abend und heute den ganzen Tag versuchte ich
-vergebens, Dich am Telephon zu erreichen, Du warst
-immer wo anders, um Dir Lebewohl zu sagen und vor
-allem, mich nach Onkel Birnbaum zu erkundigen. In der
-gestrigen Abendzeitung stand &bdquo;ein leichter Schlaganfall&ldquo;,
-ich fuhr gleich hinaus, konnte aber nur das Mädchen
-sprechen, seine Frau hatte sich schon hingelegt &mdash; und die
-Morgenzeitung heute weiß auch nur von &bdquo;bestem Befinden&ldquo;
-und &bdquo;keinen Besorgnissen&ldquo; zu fabeln, aber die Zeitungen
-beschönigen immer alles, und ich hätte so gerne
-von Dir Gewisses erfahren. Nun muß ich ohne das reisen.
-Auch ohne einen Händedruck von Dir, &mdash; aber es werden
-ja nur wenige Wochen sein. Außerdem hoffe ich, Dich
-gleich nach unsrer Rückkehr ein paar Tage in Helenenruh
-ganz für mich zu haben, was Du mir nicht abschlagen
-darfst. Du weißt ja, daß der Geburtstag Deiner Mutter
-<a id="page-543" class="pagenum" title="543"></a>
-diesmal auf Charfreitag fällt, und hast vielleicht nicht vergessen,
-was ich Dir erzählte: daß der Gesangverein in
-Böhne beschlossen hat, den Tag durch eine Aufführung
-des Deutschen Requiems zu feiern, daß ich aufgefordert
-bin, zu singen, und daß Benno das Orchester des Stadttheaters
-in Altenrepen dirigieren wird. Damals versprachst
-Du mir &mdash; etwas zu leichthin &mdash; zu kommen; vielleicht findest
-Du Dich eher bewogen, wenn ich Dir verrate, daß Renate
-bereit ist, wenn ihre Gesundheit es erlaubt, den Orgelpart
-zu übernehmen. Da hättest Du denn alles zusammen,
-was Du liebst. Nun bitte, lieber Freund, schenk mir die
-Charwoche! Eine Erholung wird Dir sicher gut tun, ich
-weiß ja, was die Krankheit Birnbaums für Dich bedeutet,
-also versprich mir, Georg! die Charwoche! Danach gehn
-wir für längere Zeit auseinander, ich auf meine erste kleine
-Konzertreise, Benno nach Aachen, wie Du wissen wirst,
-und wer weiß, wann wir wieder zusammenkommen.
-</p>
-
-<p>
-Schreibe mir nach Torbole am Gardasee postlagernd.
-Alles Gute, Georg, und tausend liebevolle Gedanken
-Deiner alten
-</p>
-
-<p class="sign">
-Anna
-</p>
-
-<h4 class="section">
-Aus Renates Buch
-</h4>
-
-<p class="date">
-am 9. April
-</p>
-
-<p class="noindent">
-In der Nacht träumte mir, daß ich in mein Zimmer
-kam, das schon voll von Koffern und Taschen war, und
-ein Mensch, den ich dann als Josef erkannte, war dabei,
-einen großen Koffer zu schließen. Auf meine Frage, ob
-alles fertig sei, richtete er sich auf und sagte: Ja, soll dein
-Onkel denn hierbleiben? Was ich geantwortet habe, ist
-<a id="page-544" class="pagenum" title="544"></a>
-mir entfallen, aber da er hinausging, muß ich angenommen
-haben, daß er Onkel holen wollte, und ich wartete,
-aber er kam nicht wieder. Endlich wurde mir ängstlich zu
-Sinne, ich ging hinaus, da war draußen alles finster, ich
-tastete mich an der Wand hin, furchtsam, ich könnte die
-Treppe verfehlen und abstürzen. Da kam aus einer Türe
-Erasmus mit einem Licht und sagte, indem er mich geheimnisvoll
-ansah: Einer von uns muß hierbleiben ...
-</p>
-
-<p>
-Davon erwachte ich mit einem Schrecken, machte gleich
-Licht, die Uhr stand auf ein Viertel nach vier. Plötzlich
-wußte ich, daß ich nach Onkel zu sehn hatte; ich glaube
-wohl, daß ich schon alles wußte, und als ich in seinem
-Zimmer war und Licht machte, lag er in dem Schlaf, aus
-dem er nicht mehr erwachen wird.
-</p>
-
-<p>
-Sanft war es gekommen, das Ende. Kein Ende, nein,
-nur ein schmerzloser Übergang von Schlaf zu Schlaf.
-Auf seinem Gesicht, so rein, daß ich nicht weinen konnte,
-stand zu lesen, daß es nichts als eine wunderbare Vertauschung
-gewesen ist.
-</p>
-
-<h4 class="section">
-Georg an Magda
-</h4>
-
-<p class="date">
-am 11. April
-</p>
-
-<p class="adr">
-Meine liebe Anna!
-</p>
-
-<p class="noindent">
-Dank für Deine Zeilen! Um Birnbaum sei unbesorgt!
-Ich sage die Wahrheit, indem ich die Aussage des Arztes
-an Dich weitergebe, daß es &bdquo;einer der leichtesten Schlaganfälle
-ist, die ihm je vorkamen&ldquo;, und daß er voraussichtlich
-nahezu spurlos bleiben wird. Übrigens fand ich ihn
-in der letzten Zeit so innerlich freudlos geworden, daß es
-<a id="page-545" class="pagenum" title="545"></a>
-ihm kaum leid tun würde, diese Welt zu verlassen, die ihm
-seit Papas Tode nur ein zerbrochenes Ding ist, an dem
-er müde herumflickt. Wie ich den Ausfall seiner Arbeitskraft
-ertragen sollte, ist mir unbekannt, aber wenn es erst
-so weit ist, wird sich, wie alles andre, auch das tragen
-lassen.
-</p>
-
-<p>
-Verzeih die allzu geschwind hingewischten Zeilen! Ich
-glaubte schon, Dir auf dem Klosett schreiben zu müssen,
-weil ich nicht wußte, woher die Zeit nehmen. Nichts für
-ungut, Anna, und ich komme nach Helenenruh, um das alte
-Trio zu hören, &sbquo;nicht die ganze, doch die halbe&lsquo; Charwoche,
-mehr wird nicht möglich sein, sagen wir Mittwoch, vielleicht
-erst Donnerstag, vielleicht würg ich den Dienstag heraus,
-aber versprechen kann ich nichts. Sei versichert, daß ich
-überaus gern komme, Deinetwegen und natürlich auch
-meiner selbst wegen. Der verruchte Zustand, in dem ich
-herumschnaube, muß ein Ende nehmen, ich will mich noch
-einmal vor den Göttern von Helenenruh niederwerfen und
-&mdash; aber wozu, wozu das? Lebe wohl! Hab gute Tage
-am blauen See, grüße Renate, auf Wiedersehn, lebe wohl!
-</p>
-
-<p class="sign">
-Georg
-</p>
-
-<h4 class="section">
-Aus Renates Buch
-</h4>
-
-<p class="date">
-Torbole, am 12. April
-</p>
-
-<p class="noindent">
-Es ist alles geblieben, wie es war: meine beiden Zimmer
-von damals, die strahlenden Morgende, Papas Olivengarten,
-die uralte Straße nach Mago zwischen vergessenen
-Gärten, in denen jahrhundertealte Ölbäume wachsen, &mdash;
-alles geblieben, nur daß ich jetzt die Augen schließen muß,
-um einen geliebten Schatten durch meine Landschaft gehen
-<a id="page-546" class="pagenum" title="546"></a>
-zu sehn, und daß ich ganz eine Andre bin. Etwas wohler ist
-mir doch! In der vollen Sonne zu liegen, vor halbgeschlossenen
-Lidern die gläsern blauen Gluten des Sees,
-grünes, raschelndes Feuer aus Wipfeln in Lüften &mdash; da
-läßt es sich nicht widerstehn, und solange der Tag währt,
-ist es ganz gut. Nur an die Nächte darf ich nicht denken.
-</p>
-
-<p>
-Irene fand ich schon vor. Oh wie mich schauderte bei
-ihrem Anblick! Im Ölbaumgarten saß sie halb ausgestreckt
-in einem Liegestuhl und bewegte kaum den Kopf
-nach mir, kaum das weiße Gesicht in dem grünen Schatten
-mit den, wie Jason schrieb, bronzenen Augen. Ihr Lächeln
-war herzzerreißend. Ich konnte lange nicht sprechen und
-war froh, daß Magda nichts sah und zu plaudern begann.
-Wie ich sie so daliegen sah in ihrem leichten goldenen Haar,
-allzudünn in einer an Leib und Armen eng anliegenden
-grünen Tunika, an deren Ärmelenden sie beständig und
-rastlos zupfte, und schwarzem Seidenrock mit rostigen Falten,
-wußte ich lange nicht, an was sie mich erinnerte; aber
-dann fiel mir ein, daß ihr Körper wie der weiche und
-haltlose Stengel der Wasserrose war, der das weiße Haupt
-nicht hält, sondern es ruht auf dem Wasser; und so schien
-auch ihr kleiner Kopf nicht mehr vom Leibe getragen,
-sondern von einem dunklen, geheimnisvollen Element, in
-dem sie schwebte. Noch immer, sagt Jason, badet sie in
-der Morgenfrühe im See, woher sie die Kraft dazu nimmt,
-begreift keiner von uns. Übrigens ist sie das Gegenteil
-von mir, sie glüht am ganzen Leib, ihre Hände sind wie
-Flammen, aber sie kann mich nicht wärmen, und ich ihr
-nicht kühlmachen, und es muß alles Elend bleiben, was
-Elend ist.
-</p>
-
-<p>
-<a id="page-547" class="pagenum" title="547"></a>
-Die Tage vergehen in Ruhe und Sonnenklarheit, das
-kleine Klavier ist gestern gebracht worden, Magda übt
-fleißig, ich begleite sie auch. Abends sitze ich in der Bucht
-am Sasso. Wie weit man nach Süden sieht, oh wie weit!
-</p>
-
-<p class="date">
-am 13.
-</p>
-
-<p class="noindent">
-Ich hatte heut ein schönes Gespräch mit Magda über
-Georg &mdash; das heißt, das Schöne war, was sie von ihm
-sagte. In der häßlichen Vergeßlichkeit, an der ich nun
-mitunter kranke, hatte ich an dem Tag, wo er bei mir gewesen
-war, vergessen, es ihr zu sagen, dann kam die Reise,
-heut erst fiel es mir wieder ein. Sehr lange saß ich dann
-noch in Gedanken, als sie gegangen war.
-</p>
-
-<p>
-Ach, was ist es nur mit uns Menschen? Schicksal,
-sagte Magda, was ist denn das? ein Wort, ein Begriff,
-eine Macht? Wir sind doch Menschen! Irene, Ulrika ...
-Ach, Ulrika ... ein einziges Mal, fällt mir ein, sprach sie
-von sich selber, wie Magda heut, es war an einem Weihnachten,
-oder Neujahr, aus irgendeinem Grund brach
-das Gespräch plötzlich ab, und Bruchstück blieb es, wie
-sie selber es mir immer war, bis ich ihr Totenantlitz sah
-von Bogners Hand, und nie werde ich dies verstehn: warum
-sie, das geistige Wesen, sie, die immer nur Geist zu sein
-schien, warum sie so leiblich zerrissen wurde und wie das
-nur möglich war! Muß man nicht denken, daß die Natur
-sich hat rächen wollen?
-</p>
-
-<p>
-Ja, Bogner auch und Georg, Irene und Magda, und
-ich selber, was geht denn nur vor in uns Allen? Ist denn
-das, wohin wir geraten, wirklich das, was wir wollten?
-Zwang es uns? wer denn? Schicksal? Ja, es ist doch,
-<a id="page-548" class="pagenum" title="548"></a>
-als ob jeder für ein Gewisses bestimmt wäre, er kann
-jahrelang irregehn, kann dies und jenes tun, aber immer
-geht er den einen Weg, immer wirkt er am einen, seinem
-Schicksal, bis eines Tages das Gewisse fertig wurde, und
-nun sieht er ein. Sie glaubt ja, Magda glaubt ja an
-Georg, daß er seine Bestimmung erreichen wird, weil er
-sie in sich hat, rein gesondert von allem Irren ...
-</p>
-
-<p>
-Und das wäre Schicksal? Ach, wenn es sich wirklich
-nennen läßt, so kann es nichts andres als dies sein: daß
-wir so sind, wie wir sind, und daß uns Unheil daraus
-kommt, und daß wir selber es leiden müssen.
-</p>
-
-<p>
-Oh nähme es endlich ein Ende!
-</p>
-
-<p class="date">
-am 18.
-</p>
-
-<p class="noindent">
-Warum sitze ich denn wach in der Nacht und will
-schreiben? Unten am Hafen stehen die dunklen Gestalten
-der Männer in Gruppen, sie sprechen aufgeregt, es wird
-geflucht, &mdash; nun, es sind Italiener, es ist ihre Art, ich freue
-mich, daß ich noch jedes Wort verstehe, das zu mir herauf
-kommt. Der Vater Alberti hat noch Licht im Zimmer,
-ich höre ihn gehn, er ordnet wohl etwas; als ich vorhin
-aus dem Fenster sah, konnte ich draußen im hellen Viereck,
-das aus seinem Fenster am Boden geworden war, hinter
-den Schatten der Gardinen den seinen sich bewegen sehn.
-Wie gut und wie sicher scheint dies kleine Leben! Es ist
-eine kühle, unruhige Nacht, der Wind kommt vom Norden
-und treibt die Wolken gegen Süden, weit draußen bei
-Limone blitzt der Scheinwerfer vom Zollschiff, der lange
-Lichtstreifen sucht Buchten und Berge ab, die kleinen, halbversteckten
-Schmugglerpfade oben bei Pregasina, wie
-<a id="page-549" class="pagenum" title="549"></a>
-immer, aber ich erschrak plötzlich, als der riesige Finger
-herum kam; ich bildete mir ein, nun würde er auf mich
-deuten, ich würde furchtbar deutlich dastehn in einer riesigen
-Helle, &mdash; Gott leuchtete nach mir aus und würde mich
-armselig finden.
-</p>
-
-<p class="date">
-am 23.
-</p>
-
-<p class="noindent">
-Wieder wie damals koche ich mit Barbara für uns Alle
-und drei kleine Fischerkinder das Mittagessen, und es macht
-mir Spaß, daß ichs noch kann. Könnte nicht Li so viel
-mehr! Wo in aller Welt hat er gelernt, eine Polenta zu
-machen, wie sie kein Italiener köstlicher machen kann?
-Jason hilft auch mit, steht in einer weißen Kochschürze
-und schuppt den Fisch, oder putzt Gemüse, denn Li, sagt
-er, ist nur für das Feine, ein so kunstreicher Koch! Jason,
-nun sehe ich ihn zum ersten Mal unter andern Menschen;
-sie sprechen von ihm wie von einem guten Geist, wüste
-Kerle kommen auf der Straße auf ihn zugerannt, um ihm
-die Hand zu schütteln und tausend Dinge zu erzählen mit
-zehntausend Gesten. Auch Magda lieben sie sehr und
-lehren die Kinder, zu ihr hingehn und nach ihrer Hand
-fassen; plötzlich hält sie dann so eine fettige, kleine Dreckpfote
-und strahlt mit ganzem Gesicht. Durch die Küchentür
-hörte ich Li zu Barbara sagen: Der Herr al Manach,
-wenn der über die Straße geht, das ist, wie wenn Bruder
-Franziskus kommt; mein gnädiges Fräulein, das ist die
-gute Madonna, aber das Fräulein Renate, das ist die
-Monstranz, da bekreuzigen sie sich und murmeln: <span class="antiqua">il miracolo</span>
-...
-</p>
-
-<p>
-Sie bekreuzigen sich, und ich glaube fast, sie wissen, was
-sie tun.
-</p>
-
-<p>
-<a id="page-550" class="pagenum" title="550"></a>
-Um ein Uhr essen wir Alle zusammen vor dem Haus
-unter der Olive, die drei Kinder sitzen furchtbar gewaschen
-mit ihren Schüsselchen im Gras, und ich teile Polenta aus,
-&mdash; oh die Tage, die Tage!
-</p>
-
-<p>
-Unbeschreiblich die Klarheit! Ich gehe ganz früh allein
-durch die Straßen, an den Hafen, kein Mensch ist zu sehn,
-es duftet nach Oleander, der Morgen entfaltet sich wie eine
-Blüte, ich friere leise und nicht einmal unangenehm. Ein
-paar alte Männer hantieren auf dem Kai, ein Segler
-fährt aus, lautlos gleitend in den flammenden Azur, es
-ist alles wie verzaubert. Und die Abende! Der Mond
-kommt spät und leuchtend, silberne Streifen glänzen im
-ruhigen Wasser, ich sitze auf einem der Liegestühle auf der
-einsamen Bootsbrücke, keiner von uns spricht ein Wort,
-dann tastet eine Hand nach der meinen, Magdas klare
-Stimme fragt durch das Schweigen: Schwester? &mdash; Ich
-kann nicht sprechen.
-</p>
-
-<p class="date">
-am 24.
-</p>
-
-<p class="noindent">
-So ist denn Irene am Ziel. War es eine Ahnung, die
-mich am frühen Morgen in den Garten führte? Da lag
-sie auf dem Rasen im beweglichen Schatten der Blätter,
-in sich gebogen, ganz schlaff, aber wie ich sie aufrichten
-will, bewegt sie sich schon, ist ganz wach, todmatt, aber
-ihr Gesicht ist in Glückseligkeit wie gebadet. Erst sagte sie
-nur, als sie mich erkannte: Ach! &mdash; Nach einer langen
-Weile dann: Nun kann er kommen. &mdash;
-</p>
-
-<p>
-Sie war wieder in den See hinausgeschwommen, und
-beim Zurückschwimmen verließ sie die Kraft. Sie fühlte
-sich zum Stein werden, der sich selber hinab zog, alles
-<a id="page-551" class="pagenum" title="551"></a>
-ward blau um sie her, und in diesem Augenblick, sagte sie,
-sah ich unter mir in der Tiefe den Tod stehen wie einen
-ungeheuren Geist in weißen Falten, und er stieß mit einer
-gläsernen Lanze gegen mein Herz. &mdash; Dann sei in einem
-einzigen Feuerstrahl ihr ganzes Wesen aufgeflammt und
-erloschen. Als sie erwachte, habe sie auf dem Strand gelegen.
-&mdash;
-</p>
-
-<p>
-Sie ging bis zur Grenze. Was verschlägt es, ob sie sich
-nun verwandelt glaubt und der Vergangenheit zurückgegeben?
-Sie vollbrachte das Mögliche, sie stieß bis zur
-Grenze vor, &mdash; und das, sagt Jason, ist der einzig bekannte
-Weg, zu unsrer Mitte zu gelangen. &mdash; So ist sie
-am Ziel.
-</p>
-
-<p>
-Obgleich sie noch so schwach ist wie ein Blatt, will sie
-gleich fort, und mich drängt es mit ihr. Mir ist seltsam.
-Als ob alles umher sich verwandelte und abfiele. Herr,
-mein Gott, was soll denn noch geschehen mit mir? Auf
-einmal zieht es mich nach Hause, nach dem Hause, wo ich
-Heimat bekam. Heut nacht kam mein Vater, sah mich
-traurig an und sagte eine Menge Dinge, von denen ich
-nicht ein Wort verstehen konnte, ich war verzweifelt und
-rief mehrmals: Ich verstehe dich ja nicht! &mdash; Da nickte
-er schmerzlich, sank langsam in sich zusammen und glich
-nun ganz seinem Bruder; plötzlich dachte ich: Er stirbt ja!
-und erwachte voll Grauen.
-</p>
-
-<p class="date">
-am 26., München
-</p>
-
-<p class="noindent">
-Am Abend vor unsrer Abreise saß ich mit Irene, Magda
-und Jason noch zusammen, und auf einmal war mirs, als
-sähe ich alles zum letzten Mal, ja, so eigen, als wäre es das
-<a id="page-552" class="pagenum" title="552"></a>
-Letzte, was ich zu sehen bekäme. Ich konnte mir nicht vorstellen,
-was sein würde, ich dachte gepeinigt nur immer
-ganz sinnlos: Morgen ist das alles ganz anders! Oder:
-Morgen ist alldas nicht mehr! Ich glaube fast, so muß
-ein Verurteilter empfinden am Abend vor seiner Hinrichtung.
-Ich sah auch alles so übergenau: den schönen
-Raum mit alten Möbeln, das kleine Harmonium, die
-Skizzen im Rahmen von Vaters Hand &mdash; jeden Tag wollte
-ich sie fortnehmen, nun ließ ich sie doch hängen &mdash;, die liebe
-Ecke mit dem Spiegel, vorne den Erker, das runde Fenster
-und dahinter, dicht am See, meinen Garten, meine Olive.
-Später stand ich noch lange im Dunkel vor der Haustür
-zum Garten, erkannte den winzigen Lattenzaun im Finstern
-und die alte Steinpforte zum Traubengarten. Herrlich
-war es immer damals, unter diesen hochgezogenen Lauben
-zu gehn; dunkle, volle Trauben streiften mir das Haar
-in den letzten Jahren, dieselben, nach denen ich die Hände
-vergeblich reckte in den ersten, und es gab auch eine Wiese
-da mit zwei hohen Pappeln und einer Quelle zwischen
-Steinblöcken.
-</p>
-
-<p>
-In meiner Stube sah alles traurig aus und als wäre
-ich schon fort. Die immer unstet und flüchtig aussehenden
-Koffer standen umher, das Glas mit den Blumen lag vom
-Wind umgeworfen, die Blumen waren welk.
-</p>
-
-<p>
-Am Morgen war es wie Traum. Ich saß schon im
-Wagen, gleich ging es rechts die steile Straße hinauf
-zwischen Mauern und Oleanderbüschen, und wieder sprach
-es: Morgen ist dies alles nicht mehr ... Mein Herz
-klopfte mit furchtbarer langsamer Gewalt, ich sah alles
-und nichts, plötzlich erschrak ich, zu bemerken, daß es noch
-<a id="page-553" class="pagenum" title="553"></a>
-dunkel war, mir schien wirklich, ich träumte, woher war
-es eine Mondnacht auf einmal? Wieder kam das Frieren.
-Da war die Kirche hoch über dem Dorf, von Zypressen
-umgeben, der kleine Friedhof, immer wieder Ölbäume und
-Feigen, deren Blätter so würzig duften bei Nacht. Alles
-schien mir ewig vertraut und bekannt, und alles, dacht ich,
-wird nie mehr sein. Vielleicht, fiel mir ein, bekomme ich
-ein neues Leben. Wir fuhren die lange Straße zum Fort
-hinauf, steil und steiler, und ich sah, mich zurückwendend,
-den See schon tief unter mir liegen, er leuchtete im Mondlicht,
-und fern im Himmel standen die wunderbar großen,
-fremden Sterne des Südens friedvoll über der schlafenden
-Landschaft. Die Pferde hörte ich leise schnauben, sie trabten
-langsam im weißen Sand der höher ansteigenden Straße,
-da war der starke Stall- und Ledergeruch auf einmal so
-beruhigend wirklich und alltäglich da, und minutenlang
-war es nur eine Fahrt, auf einer Landstraße, im bekannten
-Gelände, in Sicherheit. Beim Fort trat der Posten heran,
-las im Schein der Wagenlaterne den Passierschein des
-Kutschers, grüßte und trat in den Schatten zurück. Da
-dacht ich, nun müßte ich aus dem Wagen springen und
-zurücklaufen, alles noch einmal nah haben am Herzen,
-aber ich hing doch ganz still mit dem Blick an dem einzig
-geliebten Bild von See und Ferne im Rahmen des Torbogens,
-stehend im Wagen, und so entschwand es, &mdash; die
-Pferde zogen an, der Weg senkte sich, plötzlich fuhren wir
-durch Nago, und der See war verschwunden. Da, da!
-der kleine Weg, wie oft gegangen in der glücklichen Zeit,
-zur Ruine hinauf, man mußte über wilde Rosenhecken
-klettern, &mdash; oh mein Vater, mein Vater! Ich sah und ich
-<a id="page-554" class="pagenum" title="554"></a>
-sah, wie brannten mir die Augen, ich wußte brennend und
-wild, es würde mir etwas begegnen; die Landstraße, weithin
-sichtbar bergabwärts führend in vielen Windungen,
-leuchtete weiß im starken Licht. Wieder ein Soldat mit
-aufgepflanztem Bajonett, dunkle Häuser, ein einsamer
-Mann mit Stock und Felleisen kam uns entgegen, und
-mir raste das Herz, ich wagte nicht, nach seinem Gesicht
-zu sehn, ich dachte: Das ist er! das ist Vater! Nun steht
-er, nun spricht er dich an! Ich sah und ich sah. Loppio,
-die schöne Kirche mit den weißen Säulen, der kleine See
-dahinter lag tief im Bergschatten, es war so kühl! Nun
-lag ich erschöpft und überwach im Wagen, hellhörig für
-jedes kleinste Geräusch und im Fieber. Warum wollte es
-denn gar nicht Tag werden? Der Mond stand immer
-noch hoch am Himmel, ich konnte meine Uhr ablesen,
-ich vergaß die Zeit im Augenblick wieder. Jetzt öffnete
-sich das Tal, und mit einemmal blitzten Lichter auf,
-rote, grüne, von fern schrie ein gellender Pfiff in die Stille
-hinaus, da war auch schon die Eisenbahnbrücke von
-Mori, da waren Menschen, der Wagen hielt vor dem
-Bahnhof.
-</p>
-
-<p>
-Ich aber schrie fast, bebend und schlotternd beim Aussteigen:
-Nach Haus! nach Haus!
-</p>
-
-<p>
-Und was dort? &mdash; Und was dort?
-</p>
-
-<p class="date">
-Zu Haus
-</p>
-
-<p class="noindent">
-Ich lief, nein, ich flog meine Treppe hinauf, auf mein
-Zimmer zu. Nun mußte es ja kommen, nun mußte er da
-sein, der Brief, oh endlich der Brief, in dem alles stehen
-würde; daß es ein wahnsinniger Irrtum war, alles nicht
-<a id="page-555" class="pagenum" title="555"></a>
-wahr, ein grausiger Traum, und ich würde aufwachen,
-und auch meine Liebe war nicht umgebracht, sondern lebte
-und lebte, &mdash; oder &mdash; kein Brief, er selber, er, im Zimmer,
-wartend ...
-</p>
-
-<p>
-Wie bracht ich die Tür nur auf? Seltsam: auf dem
-Schreibtisch, nicht auf seiner Säule, stand der weiße Kopf
-und sah still durch das Fenster. Franziska muß ihn beim
-Zurechtmachen des Zimmers zum Abstauben herabgenommen
-und vergessen haben. Nun stand er da wie ein
-abgehauener, ich sah ihn schon verschwommen durch
-Tränen und hob ihn auf und dachte, er steht auf dem
-Brief. &mdash;
-</p>
-
-<p>
-Nein, kein Brief. Oh, aber weinen, wieder weinen
-können! Fast lächeln läßt es sich wieder danach. Magda
-sagte noch gestern, stirnrunzelnd, mit solch einer kräftigen
-Düsterkeit, wie sie nun manchmal annimmt: Männer
-haben die Verachtung, wir haben immer nur Tränen.
-Jedem seine Waffe.
-</p>
-
-<p>
-Ein wenig Erleichterung doch! Ich muß wieder hoffen
-lernen.
-</p>
-
-<p class="date">
-nachts
-</p>
-
-<p class="noindent">
-Nein, ich kann hier nicht bleiben, ich kann nicht! Ich
-erfriere ja hier! Das Wetter wie im Februar, und das
-Haus ganz leer. Onkel tot, der Erasmus verschwunden.
-Verreist, heißt es. Magda sagt ja, in Helenenruh wäre
-es immer Sommer; wir wollen gleich fahren. Auch Irene
-läßt den Kopf hängen, ach gewiß, wie ich mir den Brief
-einbildete, hat sie sich vorgestellt, Klemens an der Bahn
-zu finden, und nun friert sie, wie ich, bei ihren Eltern; sie
-<a id="page-556" class="pagenum" title="556"></a>
-kam nach dem Essen, wir saßen zusammen und weinten,
-ach, du lieber Gott! Ich nehme sie mit nach H.; dort
-kann ich dann überlegen, ob es gut sein wird, Klemens zu
-sagen, daß sie auf ihn wartet.
-</p>
-
-<p>
-Irene, ach, wer noch warten könnte wie du!
-</p>
-
-<p class="end">
-Hier enden des achten Buches neun Kapitel
-oder ebenso viele Monate.
-</p>
-
-<div class="frontmatter chapter">
-<h2 class="part" id="chapter-0-3">
-<a id="page-557" class="pagenum" title="557"></a>
-<span class="line1">Neuntes Buch.</span><br />
-<span class="line2">Charfreitag</span><br />
-<span class="line3">oder</span><br />
-<span class="line4">Die Eltern</span>
-</h2>
-
- <div class="epi">
- <div class="poem-container">
- <div class="poem">
- <div class="stanza">
- <p class="verse">All dies stürmt reißt und schlägt blitzt und brennt</p>
- <p class="verse">Eh für uns spät am nacht-firmament</p>
- <p class="verse">Sich vereint schimmernd still licht-kleinod:</p>
- <p class="verse">Glanz und ruhm rausch und qual traum und tod.</p>
- </div>
- <div class="stanza attr">
- <p class="verse">Stefan George</p>
- </div>
- </div>
- </div>
- </div>
-</div>
-
-<div class="chapter">
-
-<h3 class="chapter" id="subchap-0-3-1">
-<a id="page-559" class="pagenum" title="559"></a>
-Erstes Kapitel
-</h3>
-
-</div>
-
-<h4 class="section">
-Georg
-</h4>
-
-<p class="first">
-Unermüdlich wanderten die Gedanken.
-</p>
-
-<p>
-Georg, mit den Füßen ebenso unermüdlich, wanderte
-das kalte kleine Helenenruher Zimmer ab. Im Winkel
-neben dem Fenstervorhang strömte die alabasterne Schale
-ihr immer gedämpftes Licht aus, in einer Stetigkeit ohnegleichen,
-die Georgs Auge zu Boden schlug, wenn er ihrer
-gewahr wurde. Im ständigen Hin und Wider die kurze
-Strecke durch den Raum streiften seine Blicke unteilhaft
-Wände und Gegenstände des Kindheitszimmers, die ihm,
-so wenig ers inne ward, mit Alterslosigkeit und Unwandelbarkeit
-doch der letzte Halt waren, nicht aus sich herauszufahren,
-ein unseliger Wirbel, von sich selber zerrissen.
-Die Nacht war laut. Frühling und Winter schlugen die
-letzte Schlacht in der Finsternis, und unter einem Sturmwind,
-der selber von unheimlicher Lautlosigkeit war, tosten
-die Bäume des Parks, die ferne Stimme der See überbrüllend;
-das ganze Haus mitunter bebte und verriet
-knackend seine Fugen. Georg lief, in so rastloser Bewegung
-wie ein Gesteinsbohrer sich hineinschraubend in
-den Gneis seiner Ratlosigkeit.
-</p>
-
-<p>
-Auf dem Schreibtische vor dem Fenster lagen und standen
-in dem stillen nächtlichen Licht die Gegenstände der
-Kindheit, vom gegenwärtigen Augenblick wie von der
-Vergangenheit unberührt. Aber mitten in ihrem unangefochtenen
-Stillesein lag das Brennende, die schwälende
-Fackel, aus der jeder seiner Blicke im Streifen einen neuen
-<a id="page-560" class="pagenum" title="560"></a>
-Schluck verzweifelter Gluten schöpfte: lagen die wiederaufgefundenen
-Briefe an seinen Vater &mdash; eigentümlicherweise
-von ihm selber scheinbar in diesem Schreibtisch nur
-deshalb versteckt, damit er sie fände &mdash;, die aus den höllenhaften
-Septembertagen des Vorjahres. Georg hatte sie
-gelesen, sich ins Bett geschlagen vor Entsetzen und sich
-nach endlos flammenden Stunden der Schlaflosigkeit an
-die Wanderschaft durch den Raum gemacht, entschlossen,
-noch in dieser Nacht fertig zu werden mit diesem und sich.
-</p>
-
-<p>
-Das allerdings, was ihn zuerst aus den Briefen entsetzt
-hatte, der Irrsinn, das Wiedereintauchen in die Folter
-von damals, war nun längst schon verschwunden hinter
-einem mehr würgenden Elendsgefühl. Denn was stand
-da geschrieben, Zeilen, die sich eingebrannt hatten in sein
-Hirn, in sein Herz? &sbquo;So müßte es mir in der Tat gelungen
-sein, die ganze Oberschicht menschlichen Daseins, die uns
-gemeinhin bedeckt, abzukratzen, die ganze moralische Haut
-sozusagen, jene, in der auch das sogenannte Gewissen steckt,
-das Alltagsgewissen, nach dem man so behaglich lebt, dieweil
-es mit Gründen für alles vollsteckt wie ein Brombeerbusch
-im Oktober. Möglich es ist so. Möglich, das qualvolle
-Unbehagen, das mir das jetzige Leben verursacht, kommt
-davon, daß ich die Haut verlor und nun schauderbar friere in
-der Nacktheit. Worauf es ankäme, wäre dann wohl, nicht,
-wie ich es unbewußt bereits vorhaben werde, eine neue
-Haut zu bilden &mdash; die nur die alte werden könnte &mdash;, sondern
-vielmehr den Zustand der Hautlosigkeit als dauernden zu ertragen,
-mit Frieren aufzuhören, ihn lebensfähig zu machen.
-</p>
-
-<p>
-&sbquo;Wie soll mans nennen? Nur &mdash; Mensch zu sein. Alle
-Strahlen des Lebendigseins aufzufangen &mdash; mit keiner
-<a id="page-561" class="pagenum" title="561"></a>
-spiegelnden Netzhaut, die Bilder hervorfluten läßt und verwirrende
-Gestalten &mdash;, sondern sie aufzusaugen in den
-innerst glühenden Kern des Menschseins, wo sich von
-selber zu ätherischer Reine und Klarheit die ewigen Begriffe
-bilden, die zeitlosen, die unwandelbaren Formen, in denen
-die Gottheit sich darstellt.&lsquo;
-</p>
-
-<p>
-Und schlimmer noch diese Sätze:
-</p>
-
-<p>
-&sbquo;Gnädiger Gott, der du bist! Wenn es denn möglich
-sein soll, wenn es aus alldiesem noch einen Weg geben
-soll für mich, so bewahre mich vor dem einen: ja, wahrlich,
-wenn ich auch mit Blut und Knochen, mit all meinen
-Sinnen und Übersinnen wieder hinein muß ins Alte, &mdash; so
-sei mir gnädig und verhilf mir zu dem Einen: nicht der
-Gewohnheit wieder anheimzufallen mit meiner Seele! Daß
-ich meine eignen Gedanken sehe wie Sterne, meine eigenen
-Gefühle wie Blumen; daß ich nicht dem Ungefähren nachtappe,
-wie ich das Pferd Unkas sich selber nachtappen sah
-in den ewigen Stall!&lsquo;
-</p>
-
-<p>
-Ja, gnädiger Gott, war es faßbar, war es nun nicht
-doch geschehn, war er nicht ganz wieder der alte, hatte
-er sein Leben geändert? &mdash; Seine Gedanken jagten wie
-herrenlose Hunde in den letzten Monaten herum, suchend
-nach einer geringsten Veränderung gegen früher. Nichts
-da, nichts! Da war ja auch keine Zeit zum sich Ändern;
-da war ja nur von Arbeit ein Ozean, in dem er so hülflos
-herumpaddelte wie ein Pudel, und &mdash; Ich weiß was!
-knurrte er wild: Wenn du echt wärst, Georg, wärst, der
-du scheinst, so wärest du ruhig, verlebtest nicht Tag und
-Nacht in hundert Ängsten vor unerledigten Aufgaben,
-hättest ein gutes Gewissen, hättest auch Vertrauen zu denen,
-<a id="page-562" class="pagenum" title="562"></a>
-die du verständig weißt, um ihnen das Übermaß des Deinen
-zuzuschütten, anstatt daß du nun keine stinkende Ratte von
-Angelegenheit vorbeilaufen lassen kannst, ohne sie an die
-Nase zu führen. Also bist du verflucht, mein Prinz, mußt
-dir selber die Zeit wegrauben, und alldas, alldas von
-Anfang her, ist deine Schuld!
-</p>
-
-<p>
-Herr des Lebens, und sollte er nun glauben, daß jenes
-Fegfeuer des Irrsinns im vorigen Herbst keinen Sinn gehabt
-hatte, als einmal zu brennen und zu verlöschen? Ungereinigt
-war er herausgestiegen ins vorige Sein. &mdash; Wie
-es da ausgedrückt war: den Zustand der Hautlosigkeit zu
-einem dauernd erträglichen auszubilden, so wars eine poetische
-Redefigur; eine Haut mußte sich wieder bilden, aber:
-ein Zeichen, ein winzigstes, mußte doch zu entdecken sein
-an der neuen Haut, erkennbar zu machen, daß sie neu war.
-</p>
-
-<p>
-War er ein andrer Mensch? Hatte er irgendwas gewonnen?
-</p>
-
-<p>
-Seine Phantasie, auf der Suche, geriet sofort an Renate.
-</p>
-
-<p>
-Da stand, als er nach der Ankunft in Böhne aus dem
-Bahnhof ins Freie trat, im Zwielicht das Viergespann,
-das Magda, ihn festlich zu empfangen, vom Gestüt hatte
-herausfahren lassen, und drin saß sie mit Renate, gut
-aussehend, heiter, noch angebräunt vom italischen Frühling,
-und Hut und Kleidung schienen gefälliger als früher.
-Renate unkenntlich vor Schleiern ... Er aber empfand
-Lust, zu kutschieren, und stieg auf den Bock.
-</p>
-
-<p>
-Es dämmerte schon, als die Stadt hinter ihnen zurückwich.
-Weit vorauf sichtbar die weiße gewundene Straße
-schien seltsam leidend; weit und verlassen die grünen Gefilde
-<a id="page-563" class="pagenum" title="563"></a>
-der Wiese, verloren im Abend; vereinsamt in ihrem
-Dunkel die kleinen Wäldchen fern unter den lastenden
-schweren Wolkenmassen des ruhlosen Himmels. Tropfen
-fielen und eintönig die Schläge der vielen trabenden Hufe,
-ein trappelndes Durcheinander. Und noch im aufatmenden
-Gefühl, daß er sich nicht mehr beeinflussen ließ von
-Landschaft und Witterung, wie früher, daß er sie nur um
-sich her sein ließ zum Beschauen, wandte er sich um, und
-da saß Renate, Schleier und Hut im Schoß, das Antlitz
-zur Seite gewandt aus dem Wagen, still, und Tränen
-liefen naß und glitzernd aus ihren Augen. Ihn streifte sie
-mit einem flüchtigen Blick, einer verlorenen Bitte, und fuhr
-einfach mit Weinen fort.
-</p>
-
-<p>
-Nun sah er wieder die süßen Farben des einzigen Gesichts,
-das glänzend rinnende Blau der Augen, das bräunliche
-Haar, die Blüte der Wangen, &mdash; sah es in seiner Vereinsamung
-mitten im immer dunkleren Kreis des Landes. Der
-Himmel verfinsterte sich mehr, das Land schwand in der
-Dunkelheit der Fernen, lauter scholl das Trotten der Hufe,
-steif in den Händen die Riemen fuhr er dies Weinen durch
-den Abend hin, und ihm war, als führe er Persephone
-weinend über das seufzende Land, er, Hades, seinem trostlosen
-Hause zu.
-</p>
-
-<p>
-Das lag dann plötzlich, erhöht über die schwarze Masse
-des Waldes, aus dem es zu wachsen schien, schwarz mit
-den Türmen vor dem düsteren Westhimmel, in dem noch
-geheimnisvolle Röten glühten in Streifen, wie von Bränden
-und nicht von Sonne.
-</p>
-
-<p>
-Beim Aussteigen nahm sie nicht nur seinen Arm, sondern
-stützte sich sogar, ihres verstauchten Fußes wegen, und
-<a id="page-564" class="pagenum" title="564"></a>
-er empfand körperlich ihre Weichheit. Daß er sie einmal
-führen und stützen müsse, hätte er nie gedacht. Beim
-Essen dann konnte er alles sehn: die Hoheit von einst, den
-magischen Kreis um sie her, den er immer gefürchtet hatte,
-und der jetzt durchwirkt war von Weichheit, einem hülflosen
-Schmelz, für ihn schmerzhaft verlockend und von kaum
-erträglicher Süße.
-</p>
-
-<p>
-Dann erschien Benno, verlegen und strahlend ...
-</p>
-
-<p>
-Wie, Benno? Das hatte er vergessen, mit Benno hatte
-sich etwas zugetragen, aber das war nachher zu bedenken,
-erst weiter &mdash; Renate ...
-</p>
-
-<p>
-Magda sang auf seine Bitte, oben im Klaviersaal am
-Harmonium, zwei der ernsten Gesänge von Brahms.
-</p>
-
-<p>
-Indem fiel Georg ein, daß der Geburtstag seiner Mutter
-bevorstand, und seine Brust zog sich leise zusammen, halb
-in Scham, daß er jetzt erst ihrer gedachte, und mit einem
-jähen und schweren Gefühl des Vermissens sah &mdash; nein,
-empfand er ihr leidvolles Dasein und ganz stark ihre vereinsamte
-Liebe zu ihm. Wieder brannte ihm das Herz, er
-dachte Emmaus, und er stöhnte plötzlich unter einer siedenden
-Woge Leides, eigenen Leides im letzten Jahr, die über
-ihn hinschlug. &mdash; Es geht vorüber, murmelte er dumpf
-und geduldig, es geht vorüber ...
-</p>
-
-<p>
-Wieder erschien ihm Benno, wie er dastand hinter seinem
-Stuhl, die Lehne in Händen, und sich wand und verteidigte.
-</p>
-
-<p>
-Also das wars, er komponierte eine Oper. Nein, erst
-war das mit George, wie kamen sie darauf? Ja nun,
-wie das so geht ... Menschen, die sich lange nicht sahn
-und vieles erlebten, wovon zu reden wäre, greifen vielmehr
-<a id="page-565" class="pagenum" title="565"></a>
-nach dem Unpersönlichen. So sprachen sie von Literatur,
-von Stefan George, und was hatte er gesagt, dieser verfluchte
-Benno? Er hatte den &bdquo;Gehalt&ldquo; vermißt an George.
-&mdash; Da vermißte einer Gehalt am Marmor, dessen Eigenschaft
-es ist, Marmor zu sein durch und durch. &mdash; Georg
-war sprachlos.
-</p>
-
-<p>
-Ja, richtig, Benno bewunderte ihn, George, aber er
-erschütterte sein Herz nicht. Es fehle am Menschlichen
-irgendwie. Gewaltig, ja, oh natürlich, und er gab überhaupt
-alles zu, wie immer, und er sei im Unrecht, das
-wisse er wohl, aber er könne sich nicht helfen, &mdash; und
-lobte darauf Gerhart Hauptmann. Georg staunte baß
-und gab zu: Michael Kramer, Florian Geyer und vielleicht
-das Friedensfest, mehr um keinen Preis, worauf
-Benno eine schmächtige Hymne sang auf das Hannele,
-indes Georg begriff und ihm auf den Kopf zusagte, daß,
-wenn ein Mensch zu ihm träte und sagte, das Menschenherz
-ist voll Tränen und Sehnsucht, er schon jubelte und
-schrie: <span class="antiqua">Ecce poeta!</span> Oh uralte Verwirrung der Begriffe,
-denn wo Welt und Schicksal und Not und Überfeuer zusammengepreßt
-seien in eine eherne Musik der Sprache,
-da stehe er leer und dunstig. &mdash; Kein Zentrum in ihm, das
-ists, murrte Georg. Vor sechs Jahren las ich das erste
-Gedicht von George, verstand ihn vor Jugend noch kaum,
-und seitdem, Jahr um Jahr, wieviel, wie vieles ist abgefallen
-und verwelkt, all die Dehmels und Hauptmanns
-und Wedekinds, bei denen man damals sich freute und
-meinte, es genüge, wenn da etwas sei, &mdash; aber er &mdash; und
-noch Hölderlin &mdash;, diese Beiden gingen immer mächtiger
-und strahlender auf wie die Sterne mit der tieferen Nacht.
-<a id="page-566" class="pagenum" title="566"></a>
-Die sind freilich nicht leicht zu tragen, aber wer sich nie
-mit ganzer Kraft um das Leben mühte, wie will der das
-Wahre gewinnen an der Kunst?
-</p>
-
-<p>
-Denn Benno, der komponierte nunmehr glückselig eine
-Oper. Eine Spieloper? Keineswegs, sondern ein stolzes
-Musikdrama, und gar war er sichtlich enttäuscht, keine
-glückwünschende Zustimmung zu erhalten, und gar endlich
-auf einen Text, den ein Freund oder Vetter seiner Elfe,
-Schriftsteller, hergestellt hatte aus einer Erzählung von
-Riehl. Bei den Göttern, so wars, damit nur alles zusammentreffe:
-Musikdrama und Dramatisierung eines
-epischen Stoffes, &mdash; alle Notwendigkeit beim Teufel!
-Georg stand wütend auf.
-</p>
-
-<p>
-Du, Benno, hielt er plötzlich seine Rede aufgebrachter
-noch einmal, hast du denn alles vergessen von damals? War
-dir alldas etwa nur wert, gefühlt und gesungen zu werden?
-Nichts als Sentimentalität? Nun sind wir Männer und
-hätten zu zeigen, was wir gewannen, und ich, Benno, ich
-hab auch Verse gemacht und mich für einen Dichter gehalten;
-als ich aber einsah, daß es nicht das Ganze war,
-da verzichtete ich. Hast du, frommer, weicher Mensch,
-denn nun in Wahrheit keinen Weiser in dir für das Echte?
-Daß es nicht genügt, dies und jenes zu tun, weil es sich
-tun läßt, und es nur möglichst gut zu machen, sondern
-daß es die Aufgabe ist, auch zu lassen? zu prüfen erst und
-dann zuzugreifen? Da haben eine Menge Leute Musikdramen
-geschrieben, die Form des Musikdramas steht dir
-als praktische Möglichkeit leibhaft vor Augen, und sofort
-hast du vergessen, was du sehr wohl weißt &mdash; sehr wohl,
-Benno, nach früherer Aussage! &mdash;, daß du eine Schande
-<a id="page-567" class="pagenum" title="567"></a>
-begehst, daß du die Musik, den reinen Engel, erniedrigst
-und entstellst, indem du sie zu dem einzigen verwendest,
-wozu sie nicht da ist: auszudrücken! Etwas auszudrücken,
-was sich auch auf andre Weise ausdrücken läßt, Geräusche
-der Natur, oder durch Handlung und Wort auf der
-Bühne! Oder das simpel Menschliche auszudrücken,
-Leidenschaft, Klage, alldas zufällig Tatsächliche, anstatt
-das himmelhaft Zeitlose! Aber freilich, du mußt auf das
-Praktische gerichtet sein, mußt auch Geld verdienen für
-deine Frau, und darum siehst du nichts als die Verlockung
-des prächtigen Librettos, und daß es halt Musikdramen
-giebt, und ergo, daß die möglich sind, und fragst wie der
-Galizier: Gott über die Welt, warum soll ich nicht? &mdash;
-Und daß es an dir ist, alle zehntausend hundsföttischen
-Möglichkeiten durchzusieben bis auf die eine, die Notwendigkeit
-heißt, das &mdash; &mdash; ah, mein Benno, jetzt schwant
-mir etwas ganz Böses! Wenn wir dazumal einer Meinung
-gewesen sind, so waren wir doch nicht eines Herzens, und
-zwar meintest du das gleiche wie ich, aber du meintest es
-auf andre Weise! &mdash; Das wäre des Teufels.
-</p>
-
-<p>
-Und ich, mußte er sich jetzt wieder fragen, bin ich
-eigentlich anders gewesen? Habe ich geprüft? Nein, bei
-Gott nicht! Aber wie, konnte ich das ebenso echt empfinden
-&mdash; und doch unrecht haben? Was gab mir denn
-recht?
-</p>
-
-<p>
-Eine Stimme in ihm sagte: Leiden. &mdash; Erst glaubte er,
-sie überhören zu müssen, gab aber nach: das möchte wahr
-sein.
-</p>
-
-<p>
-Und dann, jählings, als habe ihn jemand geschüttelt,
-so daß alles eben Empfundne und Gesehne von ihm abfiel
-<a id="page-568" class="pagenum" title="568"></a>
-wie Lumpen, stand er wieder in voller Glut seiner
-Scham, sah er am herumliegenden Abfall, wohin er abgeirrt
-war, und daß er der alte war, unabänderlich unverändert
-der alte.
-</p>
-
-<p>
-Eine Nebelwand vor den Augen, das ist das Leben
-für mich, und dahinter ein dünnes Licht. Was für ein
-Licht? Das Licht bin ich selber, ich, den ich suche, um den
-ich mich bemühe, und was mich anleuchtet, ist die Angst,
-nicht zu werden, zu verlöschen im Alltage. Früher &mdash; habe
-ich mich da schon gesucht? Auch, ja, aber dumpf nur
-und kaum bewußt. Ich strebte, wohl, ich strebte nach
-einem menschlich hohen und wertvollen Ziel, und was ich
-auch vornahm, was ich betrieb &mdash;, wenn ich aus der
-Trunkenheit aufwachte, so hatt ich doch Augen für die
-Sterne, &mdash; Hölderlins und Georges Form, in sie konnte
-mein Leben doch eingehn und in der Wahrheit lebendig
-sein, &mdash; oh mein Gott, daß ich dies immer wieder vergaß!
-Das Schlechte erkannt ich doch immer als schlecht, wenn
-auch nachträglich nur, und ich quälte mich dran, wollt es
-verleugnen, wand mich am Ende heraus; und das Gute &mdash;
-war es mir jemals ganz gut, war es mir &mdash; wirklich?
-Hatt ich nicht immer die Qualen der Unwirklichkeit, die
-Reue, daß selber der höchste Augenblick Augenblick war
-und verlöschen mußte, und sucht ich nicht immer nach &mdash;
-nach &mdash; Renate? Und immer wieder vergaß ich Renate und
-nahm jemand anders, &mdash; und zuletzt, da ich zugriff wie ein
-Taps, so entzog sie sich selber, für immer, und da steh ich
-und starr&rsquo; ins Symbol Renate, hoch und nie zu erreichen.
-</p>
-
-<p>
-Dumpf damals und im Dunkel, jetzt etwas heller, in
-Dämmrung: wäre das wahrlich der ganze Unterschied?
-<a id="page-569" class="pagenum" title="569"></a>
-Wäre das Hoffnung, daß langsam, aber doch sicher, die
-Helle zunähme? Daß deshalb Nächte kommen wie diese,
-wo ein guter Dämon mir Öl ins Feuer der Reue gießt?
-</p>
-
-<p>
-Georg wanderte auf und nieder. Augenwinkel und
-Schläfen brannten von Schlafverlangen, auch peinigte
-ihn die Unaufhörlichkeit des Nachtsturms, den er immer
-wieder, nachdem das Tosen der Bäume fernhin versaust
-war, heranrollen, schwellen, toben, sich im Gewipfel
-wälzen hörte. &mdash; Ich lasse dich nicht, murmelte er sinnverloren,
-du segnest mich denn! O Gott, mein Gott, diese
-Einsamkeit! Und wären sie Alle hier, die mich jemals
-liebten, die Lebenden und die Toten, und könnte ihrer Aller
-Liebe sich zu einem allmächtigen Leuchtfeuer vereinen &mdash;,
-ich würde es wie einen Sternfunken klein in der Nacht
-sehn; meine Nacht würde Nacht bleiben. Niemand kann
-helfen, niemand, niemand, nur Gott.
-</p>
-
-<p>
-Und in einer Verzweiflung, stehen bleibend, die Augen
-schließend, stieß er aus seinem Unglauben die Worte: Gott,
-Gott, Gott, wenn du bist, gieb mir ein Zeichen, gieb! Laß
-diesen Sturm sich legen, wenn du bist, und ich weiß, daß
-ich auch einmal Ruhe finde!
-</p>
-
-<p>
-Danach lauschte er lange Sekunden. Der Sturm wurde
-schwächer, entfernte sich, es grollte von weitem gedämpft,
-wurde stiller, still. Und dann machte es sich wieder auf
-und rollte heran, Woge um Woge.
-</p>
-
-<p>
-Georg ließ die Arme fallen. Einen Augenblick später
-saß er plötzlich und schrieb.
-</p>
-
-<p>
-Mein Leiden, schrieb er, war und ist noch immer eine Art
-Cäsarenwahnsinn, nicht der Tat, sondern des Verstandes.
-So wie jene Kaiser, geboren zu einer Zeit, wo das Leben
-<a id="page-570" class="pagenum" title="570"></a>
-des Untertans weniger wert war, und erzogen zu dem
-Herrscherempfinden unumschränkter Gewalt über Leben
-und Tod, sich über Vorstellung und Leidenschaft hinaus
-zügellos hinreißen ließen zu den Ausführungen schrecklicher
-Art, Massenmord, Muttermord, Brandstiftung, was es
-auch war: so wirkte in mir ein an sich zügellos beschaffenes,
-durch unbewußte Betätigung ins Unermeßliche und Schamlose
-gesteigertes Denkvermögen. Mit ziemlich offenen
-Sinnen versehen, war mir Beobachtung, Ergreifung sowohl
-aller sinnlichen Vorgänge um mich her, wie der in
-Büchern erreichbaren geistiger, seelischer, humaner, gesellschaftlicher,
-natürlicher, künstlerischer Art, immer Vergnügen
-und leichte Gewohnheit. Die Fertigkeit, Bezüge
-herzustellen, von einem aufs andre, von zweien aufs dritte
-zu schließen, ein ähnliches Drittes als erhärtet und verbürgt
-anzusehn durch Erstes und Zweites, diese Fertigkeit
-ist nicht nur mir, ist jedem Menschen von Natur eigen,
-und ich übte sie nach Gefallen. Und das Wichtigste: eine
-unbegrenzte Ichsucht, schaurig durch Unbewußtheit vertieft,
-die jeden begegnenden Vorgang, jede Erscheinung
-des Lebens und noch mehr: in der Lektüre jede Meinung,
-jedes Urteil innerhalb des ganzen Bereiches des menschlichen
-Wesens nur in der einen Beziehung auf das eigene
-Ich, die Wahrscheinlichkeit des selber so handeln, denken,
-empfinden Könnens oder Wollens oder Mögens aufnahm.
-Alldies &mdash; und gewiß noch andres in Menge
-mehr &mdash; züchtete diese geistige oder nervische Leidenschaft
-des alles Denkenkönnens; des alles für &mdash; nicht nur
-wahrscheinlich, möglich, plausibel, sondern für wahr Haltens,
-nicht weil es wahr, sondern weil es so denkbar erschien.
-<a id="page-571" class="pagenum" title="571"></a>
-In keinem Stoffgebiet, keiner Kunst oder Wissenschaft
-wirklich zu Hause, keiner menschlichen Weisheit,
-keiner Wesenheit wirklich auf den Grund gekommen, erregte
-mich vielmehr gerade die Leichtheit des &mdash; scheinbar &mdash;
-alles fassen, umfassen, durchschauen und verbinden
-Könnens. Es ist ein gealtertes Wort, daß jeder Mensch
-nur sich herausliest aus dem Buch, das er liest; er ist sich
-selber der Held eines jeden Romans, und sei der ein Herkules
-oder Cäsar Borgia.
-</p>
-
-<p>
-Mildernde Umstände machen die Tat ebensowenig ungeschehn,
-wie sie die Schuld aufheben können; mildernde
-Umstände enthalten recht eigentlich die Erklärung, die
-Anlässe der Verbrechen, machen sie verständlich, erkennbar.
-So habe ich etwa die mildernden Umstände für mich,
-daß ich am Leben bin zu einer Zeit, die ebensolche hervorbringt
-wie mich; Menschen, die zu einer Zeit ihres
-Lebens, beim Übergang von der Jugend zum Mannesalter
-sich im Besitz eines leicht und handlich arbeitenden
-Verstandes, offener Sinne, leidlich geschulter Logik und
-der oder jener Begabung oder Kunstfertigkeit sehen,
-&sbquo;hochbegabt&lsquo;, wie man sie nennt, &sbquo;talentiert&lsquo;, ohne dabei
-von einer seelischen Festigkeit, einem innern Ausgerichtet-
-oder im Gleichgewichtsein, mit einem Wort: von Charakter
-zu sein, in dessen Händen allein jene Begabungen wahrhaft
-leistungsfähig, notwendig und gerecht wären. Tausend
-Dinge ohne innerstes Müssen zu tun, weil sie sich
-tun lassen, das ist der Fehler. Fertigkeiten zu haben, die
-das Maß der innern Bedürftigkeit übersteigen, wie das
-Angebot die Nachfrage auf dem Markt. Mit den Augen
-größer zu sein als mit dem Magen. Kein Ernst, immer
-<a id="page-572" class="pagenum" title="572"></a>
-Spiel. Übung der Geschicklichkeiten zu keinem nützlichen
-Zweck, sondern um der Geschicklichkeit willen. Grammatik
-Treiben am Homer. Immer jenseits der Grenze des
-Notwendigen im Elysium alles Möglichen. Keinerlei
-Beschränkung im Geistigen, Zügellosigkeit, Cäsarenwahnsinn
-des Verstandes.
-</p>
-
-<p>
-Und noch möchte alles das hingehn, blieb es auf sich,
-auf mich selber beschränkt. Gäbe es nicht Menschen, die
-bei solcher Beschaffenheit das beschaulichste Leben führen?
-Und zwar dies, teils weil das Leben sie auf einen Platz
-stellte, wo kein Handeln, also kein Mitgefühl, kein Denken
-und Sorgen für Andre von ihnen verlangt wird; teils
-weil sie niemals darauf verfallen sind, sich selbst zu erkennen.
-Ich aber war unzählige Male zu einer Zeit, wo
-ich nicht daran dachte, daß ich es sei: hineingestellt mitten
-in das menschliche Labyrinth des Wollens, Tunsollens,
-Unterlassens und der Schuld; bin es heute wie je mit dem
-einen Unterschied, daß ich nun weiß. Hinderte mich aber
-am Rechten damals die riesige Wucherung meiner Sinne,
-meines Verstandes, die mir alles zeigte wie ein Glück, es
-wahrnehmen und denken zu können, aber nicht rechtzeitig
-hineinzugreifen und auszuführen: so hemmt mich nun, da
-ich Erfahrung gewonnen habe, eben sie. Nun bin ich so
-belastet mit Wissen, wie wenn eine Schnecke ein Haus
-hätte, das zu schleppen ihre Kraft nicht ausreichte, so daß
-sie zwar drin hausen kann, aber es nicht hinbringen, wo
-Nahrung ist. Wußte ich früher nichts und war geblendet
-durch die Last, Wissen &mdash; oder was ich dafür ansah &mdash; zu
-erwerben &mdash; und was schien mir nicht erwerbenswert? &mdash;,
-so bin ich nun blind ...
-</p>
-
-<p>
-<a id="page-573" class="pagenum" title="573"></a>
-Voll Unmut und Widerwillen schon während der letzten
-Sätze gegen das Hinschreiben, legte Georg die Feder hin
-und das Gesicht in die Hände. In diesem Augenblick
-ging durch die schwere Beklemmung, die ihn erfüllte, ein
-sanftes Licht. Dem gab er nach, erweicht, und dachte so
-in schwerer Nachgiebigkeit:
-</p>
-
-<p>
-Es ist nicht möglich, Georg, daß es nur dies ist. Es
-ist nicht möglich &mdash; denn es wäre nicht menschlich! &mdash;, daß
-irgend jemand so wie du sich im tiefsten belastet fühlen,
-im tiefsten unglücklich sein könnte durch die reine Erkenntnis
-seines Soseins, das Wissen um &mdash; psychologische Vorgänge.
-Alldies ist das Allgemeine; was aber ist das
-Persönliche, in dem es sich bei dir darstellt? Was ist das
-Wesen?
-</p>
-
-<p>
-Gieb es zu, Georg, gieb es zu!
-</p>
-
-<p>
-Es ist die Lüge. Es ist ganz einfach. Wäre es jenes
-allein, so würde ich wie jeder Andre auch drüber hinwegkommen.
-Würde es bestehen lassen, würde suchen, es zu
-verarbeiten, würde aber weitergehn, würde mich nicht,
-o mein Gott, bei jedem Atemzug so gehindert fühlen am
-Leben. Gieb zu, daß es die Lüge ist! Daß du scheinst,
-was du nicht bist. Daß du nicht, so eitel gern du es
-möchtest, beschlossen bist in dir, unabhängig von den
-Andern und ihrem Meinen. Denn du stehst an einer offenbaren
-Stelle, du weißt dich in jedem Augenblick von einer
-Menge gesehn, bedacht, beurteilt, und was in dir Seelenstoff
-ist, das steht mit allem Seelenstoff um dich her in
-Beziehung, und du empfindest auch, was dein Verstand
-leugnen möchte. Du stehst an sichtbarer Stelle und lügst.
-Versetze dich in die Andern, betrachte dich selber von außen!
-<a id="page-574" class="pagenum" title="574"></a>
-Stelle dir eine Bronze vor und dich in dem Augenblick,
-wo du entdeckst, sie ist Gips und bemalt. Rede dich nicht
-heraus mit allfälliger höherer Einsicht, die hinterdrein
-kommen könnte. Den ersten Augenblick nimm: Gips und
-nicht Bronze! So! Weißt du nun, was du empfandest?
-Kannst du die erste Enttäuschung verwinden? Nützt es,
-dir einzureden, daß im besondern Fall Gips zweckdienlicher
-sein kann als das Edelmetall?
-</p>
-
-<p>
-Ich hab keine Kraft mehr! stöhnte Georg und stand
-auf. Ich kanns nicht mehr erwehren. Ich sehe alles ein.
-Aber dem wollt ich mein Herz geben, der mir die Kraft
-gäbe, es zu ändern.
-</p>
-
-<p>
-Da, mitten in seine Aufgelöstheit, in Unkraft hinein
-blühte das Antlitz Jason al Manachs, kaum lächelnd,
-weiß wie eine Narzisse, und Georg flüsterte staunend: Du
-Lieber! Sieh, auch du hast mir nicht helfen können!
-Aber du, o dies ist wohl dein Zauber! du liebst uns, du
-liebst Alle und alles, liebst, was du ansiehst, und liebst,
-mit wem du sprichst, mit unwiderstehlicher Liebe, die durchdringt
-und so süß und milde das Leben macht, solange
-du bei uns bist ...
-</p>
-
-<p>
-In diesem Augenblick kreuzten sich zwei verschiedene
-Wahrnehmungen in Georg: die eine, daß er Jason so
-angeredet hatte, als wäre er Jesus; und die andre, daß
-der Sturm sich gelegt hatte, ja, daß er vor langer Zeit
-schon verstummt war.
-</p>
-
-<p>
-Nicht ein einziger Laut war in der Nacht. Georg stand
-müde, erschlafft, dachte kummervoll seiner Anrufung des
-göttlichen Wesens, &mdash; hatte Gott doch ein Zeichen gegeben?
-Der Sturm schwieg. Hatte er wieder einmal nicht warten
-<a id="page-575" class="pagenum" title="575"></a>
-können und bemerkte das Zeichen erst, als es schon
-welk geworden war, &mdash; nein, er selber welk, es zu
-fühlen?
-</p>
-
-<p>
-Er stützte die Hände vor sich auf die Lehne des Stuhls
-und suchte nach dem Gefühl, das er hatte, als er zu Gott
-schrie.
-</p>
-
-<p>
-Was sich einstellte, war nun die Frage, was für eine
-Nacht dieses sei; und gleich die erschreckende Antwort
-dahinter: die Nacht vom Gründonnerstag zum Charfreitag.
-</p>
-
-<p>
-Sein Herz fing an zu klopfen. In dieser Nacht ...
-In dieser Stunde vielleicht, in dieser Nacht kniete einer am
-Ölberg, schrie zu Gott, und Alle schliefen, für die er schrie.
-</p>
-
-<p>
-Und nun &mdash; er wußte nicht, wovon an die Erde hinunter
-gezwungen, ob von einem überwältigenden Schamgefühl
-über die Ähnlichkeit, ob von einer äußersten Sehnsucht,
-zu liegen, zu knien, widerstrebend voll Verzweiflung
-ließ er sich an dem Stuhl hinunter, kniete, ließ den
-Stuhl fahren, fiel langsam vornüber, und in dem Augenblick,
-wo er von Scham übergossen aufspringen wollte,
-lag er und küßte den Fußboden.
-</p>
-
-<p>
-Eine Sekunde später hatte er mit den Kleidern alles
-von sich geschleudert, lag im Bett und stürzte sich wie
-einen Stein in den Schlaf.
-</p>
-
-<h4 class="section">
-Renate
-</h4>
-
-<p class="first">
-&sbquo;Der Tod Christi&lsquo;, so las Renate in ihrem Zimmer,
-&sbquo;bezeichnet uns das Größte &mdash; nicht in seinem Wesen,
-aber in seinem irdischen Leben. Niemand ist eines so vollkommenen
-<a id="page-576" class="pagenum" title="576"></a>
-Todes gestorben. Darum sollst du die Tage
-seines Sterbens als die heiligsten halten im Jahr, und sie
-sollen ganz allein dem Heiland gewidmet sein.
-</p>
-
-<p>
-&sbquo;Zu dieser Versenkung deiner Seele bedarf es einer
-Überwindung zuvor. Denn es fällt der Seele nichts
-schwerer, als aus der Gewohnheit ihres Treibens von
-selber den Übergang in ein größeres Dasein zu finden, und
-zumal der Geist bedarf des besonderen Antriebs. Darum
-sollst du zwischen Alltag und Feiertag die Mauer einer
-Überwindung aufrichten und am Mittag des Gründonnerstags
-ein vollkommenes Fasten beginnen, das bis
-zum Samstag in der Frühe währt. Erst wenn es dir vermittels
-dieses Fastens gelungen sein wird, dein leibliches
-Dasein zu verleugnen, kann das seelische in dir geboren
-werden, das nur Liebe ist, und du &mdash;&lsquo;
-</p>
-
-<p>
-Renate legte das Buch hin; ihre Augen flimmerten
-und versagten, noch eine Weile zuckten die Lettern der
-väterlichen Handschrift vor ihren Augen und zerflatterten
-im Lampenlicht; dann waren die Wimpern gefallen, sie
-saß im Dunkel.
-</p>
-
-<p>
-Das erstemal in ihrem Leben fühlte sie die alte Charfreitagsübung
-versagen. Der Hunger, der sie aus dem
-Schlaf geweckt hatte, peinigte, ohne daß sie etwas andres
-empfinden konnte als ihn, es sei denn ihr Frieren. Schaudernd
-vor Kälte, öffnete sie die Augen wieder, kniff sie,
-geblendet vom Licht, wieder zu, stand auf, ging und löschte
-die grell brennende Lampe.
-</p>
-
-<p>
-Nun fiel durch die halboffene Tür zum Schlafzimmer
-der Schein der verschleierten Lampe auf dem Nachttisch,
-und die Hälfte des Zimmers, in dem sie wanderte, lag im
-<a id="page-577" class="pagenum" title="577"></a>
-Schatten der Tür. Doch immer wieder, in die Nähe der
-Türöffnung gekommen, mußte sie anhalten und nach
-nebenan spähn, in den schmalen Raum, wo nichts war
-als die kleine gelbe Schleierlampe auf der Platte des
-Nachtkastens neben dem leise glänzenden Armband mit der
-Uhr, und vorne das Fußende des Bettes. Ihr war dann,
-als läge jemand krank in dem Bett, ihr unsichtbar &mdash;
-Jason vielleicht, der vor Jahren dort gelegen, oder ihre
-eigene Seele, und was hier von ihr rastlos umging in der
-Nachtstille, war nur ein kranker Traum der sehr kranken.
-Lange versunken in den Anblick, zog sie dann den Schal
-fester um Schultern und Arme, machte den Blick &mdash; so
-schwierig, fast wie die an Gedörn verhakten Zipfel eines
-Kleides oder Schleiers &mdash; los von dem Licht und ging auf
-die Fenster zu, die kaum sichtbar waren im Finstern.
-</p>
-
-<p>
-Im Gehen fing ihr rechter Fuß mit der noch aus Italien
-heimgebrachten Sehnenentzündung sofort Feuer, obwohl
-sie ihn immer mit ganzer Sohle aufsetzte und nur leicht &mdash;
-weniger ein Schmerz als eine Behinderung mehr zu den
-andern. Ah, wozu ein Glied schonen, wenn das ganze
-Wesen sich hülflos verzehrte!
-</p>
-
-<p>
-Und zum hundertsten Male, seit sie dies Fasten begonnen
-hatte, versuchte sie sich aufzurütteln mit dem Gedanken
-an ihren Vater. Was sie aber denken konnte, war nur,
-daß sie, solange er lebte, solange sie mit ihm Charfreitage
-beging, niemals auch nur einen Hauch von Hunger verspürt
-hatte, so vollkommen gesättigt, wie sie war, von
-dem unversieglichen, an diesem Tage süßer und herrlicher
-als alle Tage strömenden Quell seiner Liebe und Weisheit.
-Und noch die nächsten Charfreitage waren ernst und schön
-<a id="page-578" class="pagenum" title="578"></a>
-im Geleit seiner niemals gestorbenen Augen, seiner niemals
-versiegten Liebe. Heute zum ersten Mal war sie allein wie
-ein Tier und litt Hunger.
-</p>
-
-<p>
-Sie fror unablässig. Zuweilen hauchte sie in die Luft,
-um ihren Atem zu sehn und sich zu beweisen, daß die Nacht
-wirklich so kalt war, doch zeigte sich kaum ein dünnes Gebilde
-von Dunst. Nein, diese immer erneuten Wellen von
-Schauder kamen von innen! Sie ächzte fast weinend. Ich
-kann nicht mehr! Ich kann nicht mehr frieren! Senkte
-den Kopf und ging weiter.
-</p>
-
-<p>
-Die Stille nach dem vertosten Sturm blieb unverbrüchlich.
-Zuweilen knackte eine Diele unter ihrem Tritt; im
-Nebenzimmer, unermüdlicher als sie selber, doch gleichmäßiger,
-wurde bei jedem Näherkommen das feine Ticken
-der Uhr hörbar. Ein Fenster stand jetzt offen, nachdem sie
-es zehnmal geschlossen und wieder geöffnet hatte, schwankend
-zwischen dem Schauder vermeintlicher Kälte von
-draußen und dem Gefühl, ersticken zu müssen. Draußen
-knisterte es dann und wann. Über der See stand ein
-Frühlingsgewitter, und in Pausen regte sich dort ein
-dünnes Lichtzucken, lautlos. Oder vielleicht wars ein
-Blinkfeuer.
-</p>
-
-<p>
-Ach, sie hätte auf einem Schiff sein mögen in dieser
-Nacht, keinem großen, einem kleinen, festen Ding, das mit
-dem unermüdlich schlagenden Herzen sich durch die schwere
-See hinarbeitete, ein geduldiges Tierwesen, folgsam und
-standhaftig. Zu fühlen sein leises eifriges Ächzen, das
-Knacken und Dehnen seiner Glieder, und daß die schwere
-Arbeit ihm doch eine Lust war, und immer wieder ein Behagen,
-den Kopf aus der zusammengestürzten Woge zu
-<a id="page-579" class="pagenum" title="579"></a>
-heben, triefend, augenlos in das Finstre und doch mit einer
-Art Lächeln ...
-</p>
-
-<p>
-Renate erholte sich an solchen Vorstellungen minutenlang.
-Sie waren wie Streichholzflammen, an denen sie
-die gewölbten Handflächen wärmte, heftiger fröstelnd,
-wenn sie erloschen. Wieder und wieder durchsuchte sie ihr
-Leben nach ähnlich wärmlichen Bildern, &mdash; ach deren gab
-es zu Hunderten, allein ihre Wärme war kraftlos, drang
-nicht her bis zu ihr, oder ein Keim Eises war drin, der,
-aufgehend in magischer Schnelle, einen Schauer von
-Schnee über sie wölkte. Die Stunden mit Saint-Georges &mdash;
-jede voll Ausdauer und Frieden und Versöhnlichkeit &mdash;
-und in jeder der Keim des Unheils, des Todes, der Unseligkeit.
-Die Stunden der Friedliebenden Gesellschaft, ach
-alle zerstäubt und verblasen. Aus Magda, aus Sigurd
-und Esther, aus Ulrika, aus Irene &mdash; was war aus ihnen
-geworden? Gräber, &mdash; und wenn sie in geträumter Lebendigkeit
-vor Renate erschienen, so hatten sie eine Geducktheit
-an sich, als schleppten sie unsichtbar ihre eigenen Leichname.
-Hatte der Tod nicht gewütet um sie her? Und waren sie es
-am Ende, all diese Toten, die um sie her die Luft töteten mit
-ihrer Starre, und war darum kein Hauch mehr von Wärme
-zu finden? Aber Magda lebte, die liebste, und von ihr entströmte
-doch immer eine unendliche Glut ebenmäßiger Fülle.
-</p>
-
-<p>
-Die Müdigkeit zitterte schon in ihr, aber sie wußte, daß
-sie sich nur hinzulegen brauchte, um wacher und unseliger
-zu sein als zuvor. Also schleppte sie weiter ihren Fuß, als
-wäre ein Gefäß voll Gluten daran gebunden, das sie mit
-Vorsicht bewegen mußte, nichts zu verschütten. Die Gedanken
-gingen ihr aus.
-</p>
-
-<p>
-<a id="page-580" class="pagenum" title="580"></a>
-Wieder das Fenster schließend, bildete sie sich ein, sofort
-die Zimmerwärme zu spüren, und stand so eine Weile, die
-Hände leis reibend, vor dem dunklen Glas und dem eigenen,
-eben erkennbaren Widerschein darin, bis aus der
-Bewußtlosigkeit eine Stimme sie zu sich rief, die hinter ihr
-melodisch laut ward mit den Worten:
-</p>
-
-<p>
-&bdquo;Es kommt alles nur von der Wärme und der Kälte ...&ldquo;
-</p>
-
-<p>
-Nur wenig erschreckend, wandte sie sich um und merkte,
-daß sie in ihrem Zimmer daheim war; daß die Lampe auf
-dem Schreibtisch brannte &mdash; und jetzt, daß in der Türöffnung
-zum Schlafzimmer eine nicht eben große Gestalt
-in einem rosenfarbenen Kleide stand: Ech-en-Aton, der
-König.
-</p>
-
-<p>
-Er sah ruhig umher. Sein kleines Antlitz war weiß
-wie Apfelblüte mit rosigen Hauchen; fast unsichtbar das
-helle Blond des Haars, die Augen von fast nächtiger
-Bläue. Der Kleidrock von glanzloser Rosenfarbe stand in
-jener rhomboiden Form, die Renate von den alten Bildern
-her kannte, unten, zwei Hände breit über den nackten geschlossenen
-Füßen ab, und ein kurzer Kragen von gleicher
-Farbe bedeckte Schultern, die Brust und die Arme. Plötzlich
-erschrak sie doch, da er sie ansah, sie durchdringend
-mit dem Blick, der nicht von ihrer Welt war. Aber er
-lächelte, und schon machte es sie glücklich, ihn, diesen Göttlichen,
-so menschenhaft zu sehen und das Königliche, zur
-Schau getragen weder in Haltung und Miene, nur in so
-unbeschreiblicher Weise vorhanden an ihm wie die Unschuld
-im Auge eines Kindes. Und wieder doch verging
-sie fast, als jetzt unter dem Mantelkragen ein lebendiger
-Arm zum Vorschein kam, eine zarte, längliche Hand sich
-<a id="page-581" class="pagenum" title="581"></a>
-erhob und in die weißen Falten des Vorhangs über seinem
-Haupte hineingriff. Ach, sie hätte der Samt sein mögen,
-jetzt!
-</p>
-
-<p>
-Er sagte, langsam sprechend, mit tiefer Milde:
-</p>
-
-<p>
-&bdquo;Ängstige dich doch nicht, Schwester! Sorge dich doch
-nicht um dein Leben, Schwester! Liebe Seele, habe Geduld!
-Süße Vollkommenheit, du darfst mir nicht zerblättern!
-Sei ruhig! Sei weise! Da bin ich ja! Ich
-will dich trösten! Wir wollen zusammen sein und etwas
-sprechen ...&ldquo;
-</p>
-
-<p>
-Renate hatte sich so weit gewonnen, daß sie etwas sagen
-konnte von ihrer Beglücktheit und Überraschung, was er
-freundlich anhörte, ohne zu erwidern. &bdquo;Setz dich nur!&ldquo;
-sagte er dann, &bdquo;ich stehe lieber; ich stehe gern.&ldquo;
-</p>
-
-<p>
-Sie nahm einen Stuhl am Tisch. Seine zarte, farbige
-Gestalt war dem lichten Raume umher schon so natürlich
-geworden, als hätte dessen vorher unsichtbares Wesen nur
-diese Gestalt angenommen. Renate bebte fast im Verlangen,
-nur die Mildigkeit seiner Stimme wieder zu hören,
-die sich ihr einflößte wie ein himmlischer Trank, wärmend,
-bezaubernd und doch nicht berauschend. Da sprach er
-auch schon.
-</p>
-
-<p>
-&bdquo;Sprechen wir vielleicht von diesen Dingen, der Wärme
-und der Kälte, die dich so bewegen. An ihnen läßt sich ja
-alles erklären, und um zu erklären, bin ich gekommen.
-Man muß wohl die Geduld verlieren unter den Menschen,
-wenn man nicht wie ich in die Unveränderlichkeit eingegangen
-ist. Da nahm ich unter den stillen Geschwistern
-deiner seit langem wahr, und da du nun meiner so sehr
-bedarfst &mdash; sieh, da bin ich!&ldquo;
-</p>
-
-<p>
-<a id="page-582" class="pagenum" title="582"></a>
-Renate fiel ein in sein Lächeln und löste sich darin &mdash;
-ihr deuchte mit einem Harfenton.
-</p>
-
-<p>
-&bdquo;Erinnern wir uns einmal daran,&ldquo; begann er still,
-&bdquo;was du gelernt hast. Licht und Finsternis hast du gelernt,
-die Urzustände.
-</p>
-
-<p>
-&bdquo;Licht und Finsternis. Aber du wirst gleich begreifen,
-daß dies falsch sein muß, wenn du nur bedenkst, daß
-Nacht eine örtliche Erscheinung ist. Überall ist die Sonne.
-Nur dich verläßt sie zuzeiten.
-</p>
-
-<p>
-&bdquo;Die Schlaflose &mdash; immer irgendwo ist die Sonne, die
-alleine der Anbetung würdig ist.
-</p>
-
-<p>
-&bdquo;Bedenke nun Wärme und Kälte. Es ist Winter, nicht
-wahr? Es stürmt bei dir in dem Norden, es schneit, die
-Sonne blickt vor, aber es ist doch nicht warm. Sommers
-aber, der Himmel ist bewölkt, Regen fällt, die Sonne ist
-nirgend, und dir ist doch warm genug, unter leichter Decke
-zu schlafen.
-</p>
-
-<p>
-&bdquo;Oder das Wasser. Es ist Juli, die Fläche des Weihers
-glüht, &mdash; du aber, Kühlung bedürftig, tauchst die Hände
-hinein, und sieh, du erfährst eitel Kaltes unter der Glanzhaut
-der Glut.
-</p>
-
-<p>
-&bdquo;Also sieh an, du kannst dir Kälte und Wärme bereiten,
-wann du willst, Nacht und Tag aber kannst du dir nicht
-bereiten, ob du tausend Lampen entzündest oder die stärksten
-Mauern errichtest, denn immer wo sie sein will ist die
-Sonne.
-</p>
-
-<p>
-&bdquo;Wärme und Kälte dagegen können überall sein zugleich,
-an tausend Stellen unter der Sonne, und was
-heißt das? Es heißt, daß die ganze Erde ein Gemisch ist
-von Warm und Kalt. Kannst du dir vorstellen, es gäbe
-<a id="page-583" class="pagenum" title="583"></a>
-ein ähnliches Gemisch von Dunkel und Licht? Licht mit
-schwarzen Stellen oder umgekehrt? Gewiß nicht.&ldquo;
-</p>
-
-<p>
-Er schwieg eine Weile und schien zu bedenken, wie er
-fortfahren solle. In Renate war jedes seiner Worte eingegangen
-wie eine Flocke reiner Süßigkeit; sie war schon
-erfüllt davon, wußte sich aber unendlich an Raum und
-Verlangen nach mehr. Wenn der Saum seines Rockes
-bebte, bebte sie mit, &mdash; so war ihr ganzes Wesen an das
-seine geschlossen.
-</p>
-
-<p>
-Der König fuhr fort:
-</p>
-
-<p>
-&bdquo;Vom Leibe sprachen wir bisher und den leiblichen
-Wahrnehmungen, aber uns beschäftigt die Seele. Daß
-auch sie ein solches Gemisch ist, wie wir erkannten, das
-weißt du; ein Gemisch zweier Richtungen, zweier Triebe,
-die du gut und böse zu nennen gewohnt bist nach ihrer
-Wirkung. Da nun auch hier im Gebiet der Seele, einer
-andern Erde, nicht Nacht herrschen kann mit Flecken des
-Lichts, wie wir sahen, so muß es wohl auch das Kalte sein
-und das Warme.
-</p>
-
-<p>
-&bdquo;Und willst du noch einen Beweis? Erinnere dich, wo
-warst du, bevor du geboren wurdest?&ldquo;
-</p>
-
-<p>
-&bdquo;In der Mutter&ldquo;, sagte Renate.
-</p>
-
-<p>
-&bdquo;Und wie war es allda?&ldquo;
-</p>
-
-<p>
-&bdquo;Warm.&ldquo;
-</p>
-
-<p>
-&bdquo;Wie also mußt du das Dasein dahier empfunden
-haben, als du zu ihm eingingst?&ldquo;
-</p>
-
-<p>
-&bdquo;Als kalt.&ldquo;
-</p>
-
-<p>
-&bdquo;Und diese Kälte an den Gliedern wie?&ldquo;
-</p>
-
-<p>
-&bdquo;Schmerzlich.&ldquo;
-</p>
-
-<p>
-&bdquo;Denn du schriest. Und was ward seitdem die Folge?
-<a id="page-584" class="pagenum" title="584"></a>
-Ich will es dir sagen: Die Folge ward ein unbegrenztes
-Verlangen nach Wärme, jener Wärme, aus der du
-kamst.
-</p>
-
-<p>
-&bdquo;Ja, meine Schwester, dieses ist Lust: Wärme. Und
-Kälte ist alle Pein. Und alles was entstand, ist aus diesem
-Gegensatz entstanden, aus dem Mangel an Wärme. Alle
-Wissenschaft, alle Weisheit und Bildung und die erlauchten
-Geheimnisse der Kunst.
-</p>
-
-<p>
-&bdquo;Woher aber die Seele? Wo ihr Keim, wo ihr Beginn?
-Dein Ahne im Norden hat wohl nicht viel von ihr
-gewußt, da er aus Schlachten und Jagden zu den ewigen
-Schlacht- und Jagdgründen einging. Aber südwärts der
-wärmere Grieche, was glaubte der? An den Hades, an
-sinnlose Schatten, die wesend nicht lebten, weshalb?
-Hatten sie nicht Schein von Gliedern und Sinnen, und
-hörtest du nicht, daß sie blickten und sprachen, daß sie
-wieder liebten und haßten, wenn sie &mdash; etwas bekamen?
-Was? &mdash; Blut &mdash; das warme Blut. Kalt war es im
-Hades, eingefroren waren ihre Sinne, taub, abgefroren
-mit dem Augenblick des Sterbens und mit der Seelengeburt.
-Siehe aber, das wußte der Grieche, daß sie leben
-kann, die Seele, wenn nur Wärme vorhanden ist. Er
-wußte von der Seele, denn er wußte von der Wärme, von
-dem Glück seines Blutes, von dem Frühling, von Persephone
-und Demeter, von &mdash; Dionys. Kalt, so nannten sie
-den Hades, und warm war ihnen das heitere Land, aus
-dem ihnen, vom Tyrsos geschlagen, tausend und tausend
-feurige Quellen sprangen im Wein. Die Andern waren
-noch nichts &mdash; Dionysos war der seelische Gott, Schöpfer
-der Seelen, da er im Kalten die Wärme gab, Feuer der
-<a id="page-585" class="pagenum" title="585"></a>
-Seele, gewaltige Lust, Trunkenheit, sich den wärmlichen
-Göttern ähnlich zu fühlen.
-</p>
-
-<p>
-&bdquo;Mein Volk wußte viel, aber dumpf. Sie ahnten die
-Seele, aber das Leben hatten sie noch nicht. Ihnen war
-wohl ein wenig zu heiß in der ewigen Sonne, und also
-suchten sie die Dunkelheit auf und die Kühle und liebten
-den ewigen Stein. Wie aber heißt das Wort vom
-Leben?&ldquo;
-</p>
-
-<p>
-Renate sagte: &bdquo;Wer an mich glaubt, der wird leben,
-ob er gleich stürbe.&ldquo;
-</p>
-
-<p>
-Der König leuchtete seltsam auf, und höher erscheinend,
-auch die andre Hand hebend, sagte er wie einen Gesang:
-</p>
-
-<p>
-&bdquo;Jesus von Nazareth, der Christus. Er kam und sagte:
-Hier ist mein Blut! Hier wohnt deine Seele. Du sollst
-warm sein, sprach er, dann fühlst du, daß eine Seele in
-dir ist, und du hast den Himmel auf Erden. Und: Seid
-wie die Kinder, sagte er, &mdash; und nun &mdash; was giebt es Wärmeres
-als ein Kind?&ldquo;
-</p>
-
-<p>
-Es rieselte in Renate. Der König lächelte tiefer, bis das
-Lächeln im Sinnen verging, er die Lider senkte und leiser
-fortfuhr:
-</p>
-
-<p>
-&bdquo;Wenn ich auf meinen Terrassen stand, im Antlitz die
-brennende Wüste, im Antlitz das große Goldbrodeln der
-Höhe ... Wenn alles erwarmte in mir, in mir erglühte
-der süße, der flutende Baum aus Purpur, tausendästig &mdash;
-dann wußte mein ganzes Wesen vom Scheitel bis zu den
-Füßen: Es ist das Blut!
-</p>
-
-<p>
-&bdquo;Sie verstanden mich kaum, &mdash; sie gehorchten nur &mdash;,
-wann hätten sie jemals verstanden? Sie zerstörten meine
-Stadt, sie zerstörten meine Bilder, aber sieh dort!&ldquo; Seine
-<a id="page-586" class="pagenum" title="586"></a>
-Augen winkten zu seinem Bildnis hinüber. &bdquo;Sie konnten
-mich nicht zerstören, und ich bin ewig.
-</p>
-
-<p>
-&bdquo;Ach, auch Ihn, den ganz Warmen, verstanden sie
-nicht! Nehmet und esset, sagte er, und sie glaubten, sie
-müßten nun Menschenfresser werden und seinen Leib vertilgen
-wie den des Viehs. Wein gab er und setzte ihn
-gleich dem heiligen Blut, und sie verstanden nichts, sondern
-begannen einander totzuschlagen um der Frage willen, ob
-sie trinken dürften oder nicht.
-</p>
-
-<p>
-&bdquo;Sie sagten: Gut und Böse und Vergebung der Sünden.
-Ich sage: Kalt und Warm.
-</p>
-
-<p>
-&bdquo;Und wer ist gut? Der warm ist, der warm hat und
-jedem die Wärme gönnt, und für jeden die Wärme will.
-Für sich Wärme wollen und die eines Andern nehmen, &mdash;
-meinst du nun, das wäre das Böse? Ach, das ist das
-Menschliche nur, der alte Trieb, die Gier nach der Wärme
-und nur Übertreibung. Dies ist nur schädlich. Alles was
-schädlich ist, kommt aus dieser Übertreibung. Nimm
-einem die Wärme, so schadest du ihm &mdash; und wem noch?
-Dir. Denn woher kann Wärme allein kommen? Aus dir.
-Siehe noch einen Beweis, daß nicht Dunkel und Licht, daß
-Kälte und Wärme die alten sind und die einzigen. Denn
-kannst du Dunkel empfinden am hellen Tag? Nein, aber
-hast du noch nie gefroren in der Mittagsglut? Wann ist
-das gewesen? Wenn du dich schuldig fühltest. Was
-kommt aus dem Dunkel? Das Traurige, die Verlassenheit,
-der Gram. Das ist nichts Böses. Das ist nur eine
-Art Leiden, nur eine. Wenn du Schlechtes getan, wenn
-du Schaden angerichtet hast, dann fröstelt es dich, nicht
-wahr? Glaubst du, dich fröstelt aus Bosheit? Nein, in
-<a id="page-587" class="pagenum" title="587"></a>
-dir friert die dem Andern geraubte Wärme, und dich friert,
-weil du dir genommen hast, was du als Pein empfinden
-würdest, wenn man es dir nähme. Du hast nur übertrieben,
-hast nur Wärme genommen oder gedacht, sie zu
-bekommen, anstatt sie zu bilden. Bekamst du sie? Kannst
-du Feuer nehmen und dich daran wärmen? Ja, aber lege
-das Feuer fort, und dir ist wieder kalt.
-</p>
-
-<p>
-&bdquo;Nun aber denke folgendes: Du liegst im Bett und dich
-friert. Wie kannst du dir helfen? Mit Kissen und Decken.
-Sind solche warm an sich? Befühle sie oben, wenn du
-darunter liegst und schon glühst; wie fühlen sie sich an?
-Eisigkalt. Aber so beschaffen sind sie, daß dir warm wird, &mdash;
-solchen Charakters sind sie, daß sie dir helfen, Wärme zu
-bilden!
-</p>
-
-<p>
-&bdquo;Und weiter nun: Ist ein Mensch an sich kalt oder
-warm? Nicht das eine noch das andre, aber was kannst
-du tun? Du kannst ihn benutzen, um in dir Wärme zu
-erzeugen, und du kannst dich benutzen, ihm warm zu
-machen. Und dies ist das Leiden: nicht warm sein! nicht
-warm sein können!&ldquo;
-</p>
-
-<p>
-&bdquo;Ach,&ldquo; sagte Renate, &bdquo;das meine!&ldquo; erfreut, es zu
-wissen. &bdquo;Aber,&ldquo; setzte sie hinzu, &bdquo;dann gäbe es gar keine
-Bosheit?&ldquo;
-</p>
-
-<p>
-&bdquo;Wie? sie gäbe es nicht?&ldquo;
-</p>
-
-<p>
-&bdquo;Sondern nur Leiden. Nicht warm sein können.&ldquo;
-</p>
-
-<p>
-&bdquo;Vielleicht. Aber meinst du nicht, daß es eine noch
-fürchterlichere Art der Übertreibung giebt? Die Übertreibung
-bis zur Bosheit; das: nicht Maß halten können,
-welches ist: nicht warm sein können und auch nicht warm
-sein wollen.&ldquo;
-</p>
-
-<p>
-<a id="page-588" class="pagenum" title="588"></a>
-&bdquo;Das wäre der Teufel!&ldquo;
-</p>
-
-<p>
-&bdquo;Wörtlich, gewiß. Denn er war der Abtrünnige aus
-Gottes Wärme, und der sich Verhärtende in der Kälte,
-welcher trotzte in seiner Teuflischkeit, sich erstarrte, und
-übertrieb. Und was mußte er wollen in seiner Maßlosigkeit
-des nicht warm werden Wollens? Daß nirgends mehr
-Wärme sei, daß niemand mehr Wärme habe, alles erstarre,
-und wo er also eine Wärme betraf, da schleuderte er die
-Eislanze hinein, sie, den Zweifel am Warmen, den eisigen
-Zweifel am warmen Glauben, den fröstelnden, der um sich
-frißt wie der Frost in der Märznacht, und am Morgen
-schaudert dichs vor der ergrauten Natur. Und was ist
-Altern? Nicht mehr jung sein können, erkalten, ergrauen,
-ergreisen, vereisen, sterben.
-</p>
-
-<p>
-&bdquo;Er fiel ab aus der Liebe. Was ist Liebe? Wärme zu
-bringen, glaubst du? Ach nein, sondern sie ist: Wärme
-zu bilden. Liebe! so ist dir warm. Liebe entzündet sich an
-der Liebe wie Licht am Licht, darum sollst du die Kalten
-nicht lieben, nicht sie, die Tausend, die Toren, die nicht
-warm sein wollen. Aber wo der Keim eines Willens zur
-Wärme ist, da lege dich über ihn mit deiner ganzen,
-nähre ihn, ziehe ihn gläubig groß! Frage nicht! Fragt
-auch die Sonne? Wen erwärmt sie? Der sie liebt,
-sonst keinen. Heut aber lieben sie das Kunstlicht aus den
-Nachtschächten der Erde. Was wird er, der sie liebt?
-Fruchtbar. Fruchtbar wird, der sie empfängt, der Wärme
-bildet aus ihr wie die Erde. Weißt du aber, ob nicht
-auch der Felsen der Einöde sie liebt und es dauert nur
-länger? Klagte nicht Memnons Säule bei Abend- und
-Morgenrot? Das ist die Klage der Welt: Oh Morgenrot,
-<a id="page-589" class="pagenum" title="589"></a>
-und ich werde nicht erwarmen können! Oh Abendrot,
-und ich blieb kalt!
-</p>
-
-<p>
-&bdquo;Dies aber ist Bosheit. Die Bosheit des menschlichen
-Herzens. Dies ist der Böse, der niemandem Wärme
-gönnt, die er selbst abgeben müßte; der lieber selber erstarrt
-in dem Frost, nur um nicht abgeben zu müssen.
-Der immer Wärme verlangt und nicht geben will. Ach,
-die uralte Eisestorheit der Erde! Wie denn ists mit dem
-Sünder? Er darf bereuen und wieder in Wärme gelangen.
-In sich gehn, heißt es darum von dem Sünder;
-innen ist die Wärme zu bilden. In sich gehn, dorthin, wo
-es warm ist von Urbeginn, kann der Mörder, der Betrüger,
-der Seelenverkäufer, der nur Wärme für sich wollte
-und Kälte bildete, ihm kann wieder warm werden, aus
-innen, wenn er an Wärme glaubt, wenn er einsieht, daß
-sie sich nicht gewinnen läßt von außen und nicht durch
-Übertreibung. Bereit sein ist alles. Schwester, warst du
-nicht bereit? Denn wo ist der ewige Quell? Im Herzen.
-Und wo wohnt Gott? Im Herzen. In keinem Himmel,
-in keinem Draußen. Draußen ist kalt, und der Himmel
-ist kalt. Von keiner Sonne saugt kein Mond einen Tropfen
-der Wärme, er bleibt kalt, tot, erloschen, unfruchtbar.
-Glaubst du, sie erhalte von der Sonne ihr Warmes, die
-alte Erde? Warum ist denn sie fruchtbar, der Mond aber
-nicht? Nein, sondern weil ihre Beschaffenheit so ist, daß
-sie Wärme bilden kann, darum ist sie fruchtbar und nicht
-der Mond. Sie erschuf sich meinen ewigen Nil, und sie
-erschuf sich den warmen Menschen, sich zu bedecken mit
-seiner Wärme, sich helfen zu lassen zu ihrer Wärme im
-Segen des Ackers.
-</p>
-
-<p>
-<a id="page-590" class="pagenum" title="590"></a>
-&bdquo;Nicht Gut ist, nicht Böse. Fruchtbar ist und das Unfruchtbare.
-Auch Schädliches wuchert in der fruchtbaren
-Erde dazu, und es hat sein Gutes an sich, sein warmes
-Leben, seine Lust an dem Licht, seine Sehnsucht nach
-Morgen, seine Angst vor dem Frost, sein Erwarmen und
-Erkalten, Erglühn und Erlöschen, sein Wachstum und
-seinen Tod. Es ist nicht unfruchtbar deshalb. Unfruchtbar
-allein ist das Böse; böse allein ist das Unfruchtbare, das
-nicht fruchtbar werden will, und du, meine Schwester,
-bist gut.&ldquo;
-</p>
-
-<p>
-&bdquo;Ich?&ldquo; erschrak Renate. &bdquo;Ich bin nicht schuld?&ldquo;
-</p>
-
-<p>
-&bdquo;Ja, woran solltest du schuld sein?&ldquo;
-</p>
-
-<p>
-&bdquo;Ich fror so ...&ldquo;
-</p>
-
-<p>
-&bdquo;Willst du denn frieren?&ldquo;
-</p>
-
-<p>
-&bdquo;Nein.&ldquo;
-</p>
-
-<p>
-&bdquo;Oder unfruchtbar sein?&ldquo;
-</p>
-
-<p>
-&bdquo;O nein!&ldquo;
-</p>
-
-<p>
-&bdquo;Also was, Schwester?&ldquo;
-</p>
-
-<p>
-&bdquo;Wie kann ich denn frieren, wenn nicht ...?&ldquo;
-</p>
-
-<p>
-&bdquo;Weil du menschlich bist, Schwester! Weil du die Geduld
-verloren hast! Geduld ist die Wärme des Einsamen.
-Bist du nicht vereinsamt? Hast du nicht geliebt? viel geliebt?
-Habe Geduld!&ldquo;
-</p>
-
-<p>
-Es schien, er bereitete sich zum Gehen vor; er ließ die
-Hand sinken und zog den Mantelkragen zusammen.
-Renate erschauderte leise vor dem Augenblick, wo sie allein
-sein würde, und bat:
-</p>
-
-<p>
-&bdquo;Wenn du wieder gegangen sein wirst, Bruder, werde
-ich dann nicht alles vergessen haben?&ldquo;
-</p>
-
-<p>
-Er nickte lächelnd: &bdquo;Alles.&ldquo;
-</p>
-
-<p>
-<a id="page-591" class="pagenum" title="591"></a>
-&bdquo;So tröste mich für diesen Augenblick nur! Ich will
-wieder Geduld haben nachher, aber sage mir jetzt nur:
-wird es noch lange dauern?&ldquo;
-</p>
-
-<p>
-Der König schwieg eine Weile und prüfte sie mitleidvoll.
-Endlich sagte er langsam und wie mit einem Seufzer:
-</p>
-
-<p>
-&bdquo;Morgen und ewig.&ldquo;
-</p>
-
-<p>
-&bdquo;Was willst du sagen?&ldquo;
-</p>
-
-<p>
-&bdquo;Morgen schon wirst du nicht mehr warten, o
-Schwester, und ewig mußt du noch warten.&ldquo;
-</p>
-
-<p>
-&bdquo;Wie soll ich verstehn?&ldquo;
-</p>
-
-<p>
-&bdquo;Ich meine die Wandlung. Es zieht eine Wandlung
-durch die Welt von ewig zu ewig, und immer andre
-Wandlungen ziehen in ihr, die sich jeweils vollenden und
-in andere münden. Eine Wandlung ist die Erde. Eine
-Wandlung ist auf Erden der Mensch. Viele Wandlungen
-sind das Leben des Menschen. Aber fürchte nichts,
-Schwester, du wandelst dich nie!&ldquo;
-</p>
-
-<p>
-&bdquo;Niemals?&ldquo;
-</p>
-
-<p>
-&bdquo;Niemals, Schwester, du bist das Weib. Der sich wandelt
-allein, ist der Mann. Gebärende, immer gebierst du.
-Das ist deine Wandellosigkeit. Sein ist das Töten und
-der Wandel. Du die Geduld, er die Ungeduld. Du die
-Ruhe, er die Unrast. Du das Opfer, er das Schwert. Du
-Liebe, er Haß. Du Seele, er Geist. Du Dienerin, er
-Herrscher. Er erobert die Welt, du nützest sie. Unzählbar
-seine Wandlungen, unwandelbar du. Er sündhaft, du
-ohne Sünde. Er der Zwinger, du die Bezwungene. Kain
-gebarst du und Jesus, Mörder und Sühner, Teufel und
-Gott. Entarte, so neigst du noch immer zum Guten. Torheit
-deine Sünde, Eitelkeit, Oberflächlichkeit, Nichtigkeit,
-<a id="page-592" class="pagenum" title="592"></a>
-Vergessenheit der Seele, Tanz in das Tier, das nur tanzen
-mag und sich zur Schau stellen. Was liegt an denen?
-Ewig im Kern mußt du gut sein. Du mußt gebären.&ldquo;
-</p>
-
-<p>
-Renate zitterte in ahnungsvollem Schrecken, und sie
-flehte: &bdquo;So sage mir eines noch, Bruder! Da wir so
-ungleich sind, Mann und Weib, schließen die Reihen sich
-nie?&ldquo;
-</p>
-
-<p>
-Der König lächelte: &bdquo;Sie werden sich schließen.&ldquo;
-</p>
-
-<p>
-&bdquo;Und ich, Bruder, hilf mir, ich, kann ich nichts tun?&ldquo;
-</p>
-
-<p>
-Der König lächelte mehr und heller, während er fragte:
-&bdquo;Was denn möchtest du tun?&ldquo;
-</p>
-
-<p>
-&bdquo;Kann ich mich nicht wandeln wie er?&ldquo;
-</p>
-
-<p>
-Immer stärker lächelte der König und sagte: &bdquo;Nein.&ldquo;
-</p>
-
-<p>
-&bdquo;Bruder, Bruder!&ldquo; flehte Renate, &bdquo;ich sehe es dir an!
-an deinem Lächeln sehe ich, daß ich etwas tun kann, daß
-ich etwas tun muß! Sage es mir, ich lasse dich nicht!&ldquo;
-</p>
-
-<p>
-Sein Lächeln schwoll. &bdquo;Ja, du mußt etwas tun. Was
-du immer getan hast, was all deine Schwestern taten, das
-mußt auch du tun!&ldquo;
-</p>
-
-<p>
-&bdquo;Was denn, Bruder, ach was?&ldquo;
-</p>
-
-<p>
-&bdquo;Du mußt helfen, daß er dem Ende der Wandlung
-näher kommt!&ldquo;
-</p>
-
-<p>
-&bdquo;Wie denn, Bruder, ach wie?&ldquo;
-</p>
-
-<p>
-Sein Lächeln flammte ungeheuer auf und erlosch
-augenblicks mit dem letzten Worte:
-</p>
-
-<p>
-&bdquo;Ihn gebären!&ldquo;
-</p>
-
-<p>
-Es war dunkel. Renate fand sich auf einem Stuhl
-sitzend und vor sich den Tisch. Sie sah Lichtschein hinter
-einer Wand und sah, daß die Wand der Türflügel war,
-der ins Zimmer hineinstand vor ihr, und an dem vorüber
-<a id="page-593" class="pagenum" title="593"></a>
-der Lichtschein von nebenan ins Zimmer fiel und sie sah
-auch die Ritze erleuchtet zwischen Tür und Wand zwischen
-den Angeln. Ihr war sehr warm, aber ihre Müdigkeit
-so groß, daß sie die Augen kaum offen halten konnte, um
-ihren Weg zum Bett zu finden. Die Uhr war drei. Sie
-wußte nichts mehr. Sie entschlief.
-</p>
-
-<div class="chapter">
-
-<h3 class="chapter" id="subchap-0-3-2">
-<a id="page-594" class="pagenum" title="594"></a>
-Zweites Kapitel
-</h3>
-
-</div>
-
-<h4 class="section">
-Georg
-</h4>
-
-<p class="first">
-Charfreitag, sagte Georg stumpf und verständnislos
-vor sich hin, als er des Morgens gebadet und angekleidet
-zum Fenster trat. Der Regen fiel lautlos und nebelhaft,
-er entdeckte mit einer bitteren Wehmut das Alte, unter sich
-den Hof zwischen den Schloßflügeln, die Terrasse mit plätschernden
-Stufen, den Rasen und die altersschwarzen Dächer
-und Ochsenaugen, naß und traurig vom Regen.
-</p>
-
-<p>
-Das sieht traurig aus, murmelte er, weil ich traurig
-bin, und spürte in allen Gliedern die Zerschlagenheit von
-der schlaflosen Marter der Nacht. Sich wendend, gewahrte
-er die nächtlich beschriebenen Blätter noch offen
-daliegend, empfand Ekel und drehte sich weg. Da der
-Regen, dachte er ingrimmig, weder traurig noch heiter
-fällt, warum, o Himmel, warum muß das so sein und
-warum bin ich so eingerichtet, daß ich ihm Traurigkeit
-ansehe, weil mir elend zumute ist? Warum kann ich nicht
-sein wie der Regen?
-</p>
-
-<p>
-Charfreitag ... wiederholte er gleich darauf leise. Das
-erschütternde Wort hatte ihm schon als Kind feierlicher
-und fremder als jedes andre geklungen, und ohne seinen
-Sinn zu begreifen, machte es, wenn man es sagte, gleichsam
-eine Lücke in das ganze Jahr; es lag Schatten auf
-ihm fremder biblischer Erinnerungen, &mdash; und später im
-Leben der niemals ganz zu begreifende Schauder: Die
-Sonne verfinsterte sich, die Erde bebte, die Gräber taten
-sich auf ...
-</p>
-
-<p>
-<a id="page-595" class="pagenum" title="595"></a>
-O Christus, warum bist du gestorben? Für wen, für
-was starbst du denn? &mdash; Georg suchte vergebens, dachte:
-Wegen des Leidens ... Nein! Wegen der Schuld? Ja,
-oder Erbsünde sagen sie, was ist Erbsünde? Nein, ist das
-wahr? Wäre das möglich? Er litt, um die Erbsünde
-aus der Welt zu schaffen, aber wir sündigen nach wie vor,
-und was soll denn geändert sein? Wir sündigen und wir
-leiden. O lieber Gott, wenn wir auch Sünder sind, ist es
-nicht so, daß selber der grausamste, der teuflischste von
-ihnen mit unaussprechlichem Leiden tilgt, und also was
-brauchte es Christus? Ich verstehe es nicht. Ich verstehe
-überhaupt nichts mehr. Es wird immer verworrener.
-Übrigens sind das Lehren, die nur die Andern aus seinem
-Leben und Sterben gezogen haben, und vielleicht haben sie
-alles gefälscht. Ich müßte nachlesen, aber ich glaube, ich
-habe selbst die Verfälschung bereits im Blut und würde ganz
-andres herauslesen, als was dasteht. &mdash; Er grübelte weiter.
-</p>
-
-<p>
-Hat er nicht allen Sündern Verzeihung und Barmherzigkeit
-verheißen? Was verlangte er denn? Liebe und
-wahres Empfinden! Daß man sich reinige, daß man strebe,
-daß man still und einfältig sei wie die Kinder, &mdash; aber die
-alles aufschrieben, schilderten Engel und Engelstimmen und
-Tauben, und er selber sprach vom Himmelreich so, daß
-man doch glauben muß an &mdash; an ein Jenseits und &mdash; &mdash;
-Seine Gedanken irrten ab, die Briefe Paulus&rsquo; durchschweifend
-auf der Suche nach einem haltbaren Wort,
-aber &mdash; ich glaube, dachte er, schon Paulus hat alles in
-Verwirrung gebracht.
-</p>
-
-<p>
-Darüber endlich unwirsch geworden, mußte er heftig
-gähnen, empfand sich so müde, als ob er nicht eine Stunde
-<a id="page-596" class="pagenum" title="596"></a>
-geschlafen hätte, und erinnerte sich mit dem Gedanken an
-Magda, ans Frühstück, Renates.
-</p>
-
-<p>
-Die litt auch. Sie weinte. Es war unvorstellbar. Er
-wußte nur wenig von ihr, nur daß sie Furchtbares erlitten
-hatte, doch sollte sie ja ganz wieder gesundet sein ...
-Dann hatte sie eine Sehnenentzündnng am Fuß. &mdash; Früher,
-dachte Georg, hätte mich das, wenn mans mir mitteilte,
-ungefähr so betroffen, wie wenn man einem Griechen gesagt
-hätte, Artemis habe Sehnenentzündung. Sie war
-keine Göttin, wars nie gewesen, wars weniger heute als
-jemals, sie war hülflos, und er &mdash; liebte er sie immer noch?
-Beinah hatte er sie doch vergessen, nun begann ihr süßes
-Gift wieder zu wirken, und er sehnte sich nach ihr, trostlos,
-aber er sehnte sich.
-</p>
-
-<p>
-Neun Monate ist es nun her, dachte er, daß Vater
-starb. Allein &mdash; liebte sie ihn überhaupt? &mdash; Er verbot
-sich diese Gedanken und empfand um so stärker die keimende
-Hoffnung.
-</p>
-
-<p>
-Alsbald entschloß er sich, sie zu sehn, warf einen Blick
-auf die Uhr, und erkennend, daß es eben die Zeit war, die
-Magda für ihr Frühstück angegeben hatte, machte er sich
-vom Anblick des Regens los und ging.
-</p>
-
-<h4 class="section">
-Magda/Benno
-</h4>
-
-<p class="first">
-Das runde Gobelinzimmer, in dem früher gespeist wurde,
-jetzt der Frühtisch gedeckt war, erinnerte Georg beim Betreten
-an ein Aquarium infolge des Regenlichts in Glastür
-und Fenstern. Rieferling stand dort, in Zivilkleidung
-wie befohlen, und sagte, nachdem Georg ihm die Hand
-<a id="page-597" class="pagenum" title="597"></a>
-gedrückt hatte, es sei ein Telegramm gekommen, an ihn
-adressiert, und zog es aus der Tasche, von Birnbaum. &mdash;
-Georg las: Eintreffe mit Schley und Kurier mittags Birnbaum.
-</p>
-
-<p>
-&bdquo;Verstehn Sie das, Rieferling? Das ist beängstigend.
-Er weiß, daß ich nicht gestört sein will, es muß also etwas
-mehr als Dringendes sein. Kann er denn überhaupt
-reisen?&ldquo;
-</p>
-
-<p>
-Der Hauptmann meinte, er habe ihn bei seinem letzten
-Besuch schon ganz wohlauf gefunden; er habe stehen und
-gehen können, nur Mund und linkes Auge seien ein wenig
-schief gewesen, &mdash; wiederholend, was Georg schon wußte.
-Überdem öffnete sich die Tür, und Anna trat ein, Georg
-fast erschreckend mit Lichtheit, in einem blaß lachsfarbenen
-Kleid, das ihn an ein andres erinnerte, von einem Tage,
-nach dem er noch suchte, während er auf sie zutrat. Heiter
-lächelnd sah sie so frisch und leicht aus, daß er den Arm
-um sie legte und sie auf die Stirn küßte.
-</p>
-
-<p>
-&bdquo;Nun, gut geschlafen, Georg?&ldquo; fragte sie und ließ sich
-zum Tisch führen.
-</p>
-
-<p>
-&bdquo;Danke, vortrefflich. Du bekommst Besuch, Anna, dein
-Onkel Birnbaum kommt mit Schley.&ldquo;
-</p>
-
-<p>
-&bdquo;Wie herrlich! Egloffstein! Egloffstein ist doch da?&ldquo;
-Der Alte, jetzt völlig schief, aber mit noch vollendeter Lautlosigkeit,
-war hinter ihr eingetreten mit einem Regenkragen
-und einem Strauß weißer Rosen, die er auf einen Stuhl
-legte, und bediente jetzt am Tisch. Sie bat ihn, gleich in
-der Küche Bescheid zu sagen.
-</p>
-
-<p>
-&bdquo;Was für ein hübsches Kleid du anhast, Anna!&ldquo; lobte
-Georg, um von Birnbaum abzulenken, &bdquo;so &mdash; so geburtstäglich!&ldquo;
-<a id="page-598" class="pagenum" title="598"></a>
-fand er auf der Suche nach einem Wort, und sie
-freute sich sichtlich. Ihre Kleider mache nun alle Renate,
-erzählte sie, und Georg empfand einen leichten Stich des
-Vermissens und der Erwartung.
-</p>
-
-<p>
-&bdquo;Und du, Georg,&ldquo; fragte sie nach einer Weile, mit
-langsamen Bewegungen, die Georg etwas nervös gespannt
-verfolgen mußte, sich mit Butter und Gelee aus
-den Dosen versorgend, die Egloffstein dicht um ihren
-Teller geschoben hatte, &bdquo;wie fühlst du dich in Helenenruh?&ldquo;
-</p>
-
-<p>
-&bdquo;Ach, geärgert hab ich mich!&ldquo; versetzte er möglich saftig
-und munter.
-</p>
-
-<p>
-&bdquo;Schon wieder?&ldquo;
-</p>
-
-<p>
-&bdquo;Nicht nur &sbquo;schon wieder&lsquo;, mein Kind, sondern sogar
-aus demselben Grunde wie gestern abend!&ldquo;
-</p>
-
-<p>
-&bdquo;Ach, Georg, wie kann man so nachträglich sein!&ldquo;
-</p>
-
-<p>
-&bdquo;Nachträglich? Das verstehe ich nicht! Ach so! Als
-weibliches Wesen nimmst du die Dinge persönlich. Nein,
-im Gegenteil, gestern sah ich die Sache nicht einmal so
-schlimm. Sag, ist es dir nie so gegangen? Zum Beispiel,
-man lernt abends einen Menschen kennen und findet ihn
-erfreulich; am andern Morgen steht man und denkt: was
-war doch das für ein ekelhaftes Schwein? Oder man
-sieht im Theater ganz zufrieden ein Stück, und hat mans
-beschlafen, sieht es völlig dumm und verblasen aus.&ldquo;
-</p>
-
-<p>
-&bdquo;Oh ja, Georg! Es kann aber auch umgekehrt sein,
-wenigstens ists mir schon so gegangen mit Menschen, die
-ich beim Kennenlernen gar nicht besonders fand, und dann,
-am andern Morgen lächelten sie mir zu, und ich war froh,
-sie bekommen zu haben.&ldquo;
-</p>
-
-<p>
-<a id="page-599" class="pagenum" title="599"></a>
-&bdquo;Ja. Aber ihr seid auch komische Menschen, du und
-Renate. Sitzt da und sagt nicht Muck und habt doch ganz
-gut gewußt, wer im Recht war!&ldquo;
-</p>
-
-<p>
-&bdquo;Aber lieber Freund, der gute Benno war doch so glücklich
-mit seiner Oper!&ldquo;
-</p>
-
-<p>
-Georg wollte zischend auffahren, beherrschte sich aber
-angesichts ihrer heiteren Blindheit. &bdquo;N&mdash;nja,&ldquo; bemerkte
-er dann, &bdquo;laß du nur die Menschheit sich mit Mist zudecken
-bis an die Augen und sage: daß bloß keiner sie stört! sie ist
-ja so glücklich!&ldquo;
-</p>
-
-<p>
-Sie lächelte kindlich. &bdquo;Georg, du bist schartig heut
-morgen.&ldquo;
-</p>
-
-<p>
-&bdquo;Nicht nur heut morgen, mein Herz, sondern alle
-Tage bin ich das. Hast du mal drei Wochen lang mit
-lauter Narren und Borstigen regiert? Dann sei mal nicht
-schartig!&ldquo;
-</p>
-
-<p>
-&bdquo;Ja, du hast nun einmal kein Christentum.&ldquo;
-</p>
-
-<p>
-&bdquo;Nein, Anna,&ldquo; bekräftigte er mit scharfer Betonung,
-&bdquo;das habe ich freilich nicht!&ldquo;
-</p>
-
-<p>
-&bdquo;Du wirsts noch lernen.&ldquo;
-</p>
-
-<p>
-&bdquo;Meinst du? Ja, ich will dir was sagen. Als ich heut
-morgen erwachte, mußt ich mich fragen: Wozu dies und
-alles andre, tagein, tagaus? Weißt du eine Antwort?
-Weiß das Christentum eine? Ich fand da meine Hände
-zu voll, um nach Antworten zu greifen, aber &mdash; &mdash; ich muß
-zugeben, daß etwas fehlt. Rieferling, bitte, wenn Sie
-aufstehn wollen, Sie sind den ganzen Tag Ihr eigener
-Herr!&ldquo; Er sah den Hauptmann sich erheben und nickte
-ihm zu, während Magda die Hand nach ihm ausstreckte.
-Nach einem kleinen Zaudern bat er dann noch, Georg einmal
-<a id="page-600" class="pagenum" title="600"></a>
-am Tage eine Minute in eigener Angelegenheit sprechen
-zu dürfen, und ging.
-</p>
-
-<p>
-&bdquo;Versteh mich recht, Anna! Ich glaube an einen göttlichen
-Odem. Aber ich glaube, daß er an uns vorübergeht.
-Er ahnt gar nicht, daß wir sind. Unser ganzes Treiben,
-ja selber das tiefste Elend, und wenn wir unsern ganzen
-Leib wundenbedeckt saugen ließen mit diesen Wunden, so
-könnte ihn das um kein Haarbreit ablenken von seinem
-Weg durch die Welt. Wir müssen allein fertig werden.&ldquo;
-</p>
-
-<p>
-&bdquo;Wenn du es kannst, Georg! Aber die Andern?&ldquo;
-</p>
-
-<p>
-&bdquo;Bitte, wen meinst du? Die zum Rennen fahren und
-an den Kinokassen Spalier stehn? Oho, Anna, bist du
-der Meinung, daß es eine einzige Religion gäbe, wenn kein
-Leiden wäre?&ldquo;
-</p>
-
-<p>
-&bdquo;Ja, warum auch sonst, Georg, warum?&ldquo;
-</p>
-
-<p>
-Georg schwieg im Gefühl, daß sie jeder nach einer andern
-Richtung sprächen. Er sah sie dasitzen, einen Arm
-flach auf dem Tischtuch, während der letzten Minute mit
-kleinen unsicheren Aufschlägen der gesenkten Augen, im
-Ganzen aber in einer Sicherheit, die fast wundervoll schien.
-Ihr Antlitz, gesammelt und getrost, schien auf geheimnisvolle
-Weise die Augen ersetzt zu haben und war voll lebendigen
-Ausdrucks an jeder Stelle. Nichts Ratloses, kaum
-Tastendes war in ihren Bewegungen, und nur genaueres
-Hinsehn konnte gewahren, daß sie etwa, um nach der Tasse
-zu greifen, erst den Unterarm auf den Tisch legte, dann
-die Finger ausstreckte, die Hand weiter vor schob und, den
-Teller daneben mit einem Ahngefühl seitwärts lassend,
-zur Tasse. Schön breit lag nun ihre Stirn unter dem
-mittwärts gescheitelten und zur Seite gestrichenen Haar,
-<a id="page-601" class="pagenum" title="601"></a>
-dessen lockere Bäusche über den Schläfen ein liebliches
-Kapitäl formten. Übrigens war es dunkler geworden
-und ihre ganze Erscheinung, wie Georg sie umfaßte, heute
-schöner, als sie vor Jahren anmutig gewesen war.
-</p>
-
-<p>
-&bdquo;Nun, Georg, was denkst du?&ldquo; hörte er sie fragen,
-erschreckt inne werdend, daß sie dasaß und all die Zeit
-nichts sah.
-</p>
-
-<p>
-&bdquo;Wie schön aber deine Singstimme geworden ist!&ldquo;
-sagte er liebevoll, und ihr Gesicht glänzte auf. &bdquo;Ich bin
-erschrocken gestern, als ich hörte, wie tief sie ist!&ldquo; Er fand
-keine Lobesworte mehr, die ihm einfältig erschienen, schwieg
-und setzte im Innern die Rede fort: Es ist die Stimme eines
-Menschen, der die nicht sieht, für die er singt. Sie will
-niemand bezaubern, sie gebärdet sich nicht, sie geht ihres
-geraden Weges, um Gottes willen.
-</p>
-
-<p>
-&bdquo;Ja, Georg, wovon sprachen wir noch eben?&ldquo; fragte
-sie derweil.
-</p>
-
-<p>
-&bdquo;Religion eine Panazee für das Leiden. Und das ist
-mir zu wenig. Liebe Anna, ist Leiden das ganze Leben?&ldquo;
-</p>
-
-<p>
-&bdquo;Nach der christlichen Auffassung &mdash;&ldquo;
-</p>
-
-<p>
-&bdquo;Die ich nicht teile! Für das ganze Leben sollte sie sein,
-für Tun und Lassen, Gut und Böse und &mdash; Sieh, da ist
-Benno! Guten Morgen, Benno!&ldquo; Georg stand auf und
-ging dem Freund zu möglichst herzlicher Begrüßung entgegen.
-Er schien unglückliche Augen zu machen, wie stets,
-war aber munter, noch ganz rot vom Waschen, und erschöpfte
-sich in Verbeugungen bis zum Tisch.
-</p>
-
-<p>
-&bdquo;Setz dich, Benno, iß, trink und überlege dabei den
-Sinn des Christentums.&ldquo;
-</p>
-
-<p>
-Jedoch Benno entschuldigte sich. So früh am Morgen ...
-</p>
-
-<p>
-<a id="page-602" class="pagenum" title="602"></a>
-&bdquo;Freilich, Benno,&ldquo; mußte Georg sofort zubeißen, &bdquo;über
-Gott und Glauben läßt sich immer noch abends und übermorgen
-nachdenken.&ldquo;
-</p>
-
-<p>
-Benno begann langsam, von Egloffstein bedient, dem
-er für jede Frage und jedes Zureichen besonders danken
-mußte, zu essen, streifte Georg dann, der aufrecht dasaß,
-durch den Raum nach draußen blickend, mit einem unglücklichen
-Blick, legte die Weißbrotscheibe, ohne sie angebissen
-zu haben, auf den Teller zurück und meinte,
-das Christentum sei wohl vorwiegend eine Religion der
-Armen.
-</p>
-
-<p>
-Magda beeilte sich, zu sagen, Georg habe sich die
-ganzen Wochen her mit Geschäften geplagt und wolle
-nun ...
-</p>
-
-<p>
-&bdquo;Vorwiegend!&ldquo; bekräftigte Georg, ohne sie ausreden zu
-lassen, sardonisch. &bdquo;Wie triffst du nur immer den Nagelkopf!
-Wer aber nicht arm, wer hingegen reich ist, wie du
-und ich, was macht der?&ldquo;
-</p>
-
-<p>
-&bdquo;Nun, wenn ich vorwiegend sagte, meinte ich mehr:
-ursprünglich.&ldquo;
-</p>
-
-<p>
-&bdquo;So. Ja, das waren allerdings die Armen, das heißt
-die Elenden, Zermalmten, Leidenden, die diese unmännliche
-Religion erfanden.&ldquo;
-</p>
-
-<p>
-&bdquo;Unmännlich, Georg?&ldquo;
-</p>
-
-<p>
-&bdquo;Zum Beispiel der Gemeindegesang. Singen ist eine
-weibliche Angelegenheit, Benno, hast du&rsquo;s nie bemerkt?
-Wenn ich einen Tenor sehe, wie er den Mund verbiegt und
-eitel süßen Schmelz aus sich zieht wie Syrup mit dem
-Löffel, sehe ich immer ein fettes Weib, wo er steht. Die
-Kirchen am Sonntag sieht man gefüllt mit Frauen, die ihre
-<a id="page-603" class="pagenum" title="603"></a>
-kleinen Seelen ganz süß und dumpf fühlen, wenn sie singen.
-Überhaupt jeder übermäßige Musikbetrieb &mdash; entschuldige
-schon, Benno! &mdash;, aber besonders männlich hab ich ihn nie
-finden können.&ldquo;
-</p>
-
-<p>
-Benno krümmte sich und meinte, das sei vielleicht eine
-große Wahrheit. Aber die Musik sei doch &mdash;
-</p>
-
-<p>
-&bdquo;Ich bitte, mach mich nicht wütend, Benno, ich rede
-vom Singen und Musizieren und nicht von der Musik!
-Dies Hervorziehen der fühlenden Seele, dies Modulieren
-und Drehen und Drechseln, dies Preisgeben des innersten
-Wesens, gar Aufputzen und zur Schau Tragen ist auf abscheuliche
-Weise unmännlich. Musik ist nicht männlich
-und nicht weiblich, sondern göttlich, aber drei Dinge sind
-verschieden: Musik, Musik Hören und Musik Machen.
-Außerdem hab ich das Ganze nur symptomatisch gemeint.&ldquo;
-</p>
-
-<p>
-&bdquo;Ja, wie denkst du dir denn die Entstehung des Christentums?
-Die früheren Gottheiten entstanden doch nur &mdash; gewissermaßen
-&mdash; aus Furcht.&ldquo;
-</p>
-
-<p>
-&bdquo;Naturgötter, richtig, aus Naturängsten. Nun betritt
-einmal Rom etwa im zweiten Jahrhundert oder im ersten.
-Da hättest du es gepflastert gefunden mit Götterstatuen
-aller Völker, die sich allesamt überboten und infolgedessen
-aufhoben. Ängste gabs keine mehr, da die Menschen sicher
-in behaglichen Wohnungen saßen, und doch hatte jeder
-Tag, jede Stunde, jede Eigenschaft und fast jede Handlung
-ihren kleinen Gott, und zum größten Schaden gabs die
-Divi Augusti, die Gottheiten der letzten Angst, vor dem
-Wahnsinn der Kaiser nämlich, an die schon der Einfältigste
-nicht mehr glaubte, wenn sie einen struppigen Adler, wie
-<a id="page-604" class="pagenum" title="604"></a>
-Pater erzählt, aus dem Scheiterhaufen fliegen und dann
-verkündigen ließen, die kaiserliche Seele sei sichtbar zu den
-Göttern heimgekehrt. Übrigens da ich Walter Pater erwähne,
-fällt mir ein, daß damals besonders der Äskulapkult
-blühte, wegen gewisser Seuchen, und mir scheint, diese, die
-Angst vor Leibeskrankheiten war die letzte. So aber war
-damals die Religiosität verkommen in dem langsam verkommenden
-Reich des Überflusses, und damals erwachte,
-unterirdisch, das Christentum, ganz von unten anfangend,
-mit der Lehre des Leidens. Ist es eine Religion des Leidens
-oder nicht?&ldquo;
-</p>
-
-<p>
-&bdquo;Natürlich, Georg, aber &mdash;&ldquo;
-</p>
-
-<p>
-&bdquo;Und da haben wir wieder die Unmännlichkeit. Das
-Weib bekam das Leiden als Auftrag: sie muß gebären.
-Sie hatte sich abzufinden mit ihm, sie lernte, sich als Opfer
-empfinden, sie nahm das Leiden an. Das Leiden annehmen,
-ist nicht männlich, sondern männlich ist, es abwehren, es
-befeinden, es bekämpfen, es austilgen wollen. Und was
-taten jene vorm Kreuz? Sie beteten es an.&ldquo;
-</p>
-
-<p>
-Georg verstummte, überaus erregt. &mdash; Was, dachte
-er, kocht mich denn so auf? &mdash; Aber schon mußte er fortfahren.
-</p>
-
-<p>
-&bdquo;Ich hasse das Leiden, das immerhin hab ich gelernt.
-Sie haben sich innig mit ihm beschäftigt, haben es liebend
-hingenommen, haben gelernt, daß Dulden göttlich sei,
-daß kein süßrer Lohn des Leidens sei als im Dulden, anstatt
-daß sie anpackten und wegschafften, und sie haben
-gesagt, daß es nichts gebe als Leid, die Welt ein Abgrund
-des Jammers, sie in ihren Katakomben, und mit einem
-Schlag ist ihnen das ganze Leben dahier aus der Hand
-<a id="page-605" class="pagenum" title="605"></a>
-gerutscht und zu einem traurigen Anhängsel geworden,
-zu einem Blinddarm jenes Lebens, das sie das Ewige
-nannten.&ldquo;
-</p>
-
-<p>
-Benno erseufzte. &bdquo;Und wenn du recht hättest, Georg,
-so ist doch darin nicht die ganze christliche Lehre enthalten.&ldquo;
-</p>
-
-<p>
-&bdquo;Ja, worin denn noch? Kannst du mir sonst etwas
-Brauchbares zeigen? Brauchst du denn Christus? Sieh
-dich doch um in deinem Leben, und begegnest du ihm irgendwo,
-so ist Sonntag. Oder Kindtaufe, oder Weihnachten.
-Wochentags ist er nirgend.&ldquo;
-</p>
-
-<p>
-&bdquo;Aber nun verrennst du dich, Georg! Das sind doch
-die Menschen und nicht die Lehre.&ldquo;
-</p>
-
-<p>
-Georg sprang auf und stieß den Stuhl unter den Tisch.
-&bdquo;Ja, du, Benno,&ldquo; rief er, geschwollen von Gift und Hitze,
-&bdquo;du wirst mich freilich niemals verstehn! Was soll denn
-eine Religion, die bis zum Wahnwitz überhängt nach der
-einen Seite, und aus der die Menschen auf der andern
-Seite nichts herholen können für ihr tägliches Leben.
-Weil sie nicht aus wahrhaftigem Leben kam, diese Lehre,
-sondern aus krankem, vergiftetem, weil sie eine Panazee
-wurde, ein Allheilmittel, eine Kopfsprunganweisung über
-den Tod, weil sie, mit einem Wort, nichts anzufangen
-wissen mit ihrem Leben. Und ich, wenn ich einen rechten
-Glauben bekommen hätte, mir wärs besser ergangen.&ldquo;
-</p>
-
-<p>
-&bdquo;Meinst du das, Georg?&ldquo; fragte Magda leise.
-</p>
-
-<p>
-Plötzlich fühlte er seine Augen heiß, es übermannte ihn,
-er ergriff ihre Hand und küßte sie lange.
-</p>
-
-<p>
-Dann hörte er sie sagen, ob es noch regne; sie habe
-ihn bitten wollen, sie zum Grabe zu bringen, &mdash; und er
-<a id="page-606" class="pagenum" title="606"></a>
-ging zur Glastür und stand dort eine Weile, in den leiser
-fallenden Regen blickend und sich kühlend. &bdquo;Ich glaube,
-es wird bald aufhören&ldquo;, sagte er, sich wendend.
-</p>
-
-<p>
-&bdquo;Hat Egloffstein&ldquo;, fragte sie, &bdquo;meine Sachen hereingebracht?
-Es muß dein Buch dabei sein, das mit deinen
-Aufzeichnungen von Hallig Hooge, ich wollt es dir wiedergeben.&ldquo;
-</p>
-
-<p>
-&bdquo;Ach, hast du&rsquo;s gelesen?&ldquo; Georg sah das Buch unter
-dem Rosenstrauß, ging hin und nahm es an sich.
-</p>
-
-<p>
-&bdquo;Noch nicht ganz. Li hat mir daraus gelesen, hauptsächlich
-das von Bogner, und ich wollte dich bitten, mir
-selber noch draus zu lesen. Vielleicht heut nachmittag,
-magst du?&ldquo;
-</p>
-
-<p>
-&bdquo;Aber gerne, gewiß! Ich will mich nun eben etwas
-regenmäßiger anziehn und komm dich dann holen.&ldquo; Im
-Vorbeigehn mit der Hand über ihre Achsel streichend, ging
-er hinaus.
-</p>
-
-<div class="chapter">
-
-<h3 class="chapter" id="subchap-0-3-3">
-<a id="page-607" class="pagenum" title="607"></a>
-Drittes Kapitel
-</h3>
-
-</div>
-
-<h4 class="section">
-Magda
-</h4>
-
-<p class="first">
-Als Renate auf der ratlosen Suche nach Magda das
-Haus durchwanderte, befand sie sich in einer Weichheit
-ihres ganzen Wesens, die jeden Augenblick überfließen zu
-wollen schien. Das Hungergefühl war verschwunden,
-obwohl sie sich kraftloser in den Knieen fühlte, als sie von
-früheren Charfreitagen her sich zu erinnern glaubte. Nun
-wollte sie sich eine Weile an der Freundin halten, mit ihr,
-wie sie verabredet hatten, das Grab der Herzogin besuchen,
-und dann würde sie allein sein den Tag über, würde es
-können, würde vielleicht Hoffnung, Glauben, Zuversicht,
-ach, vielleicht alles von neuem schöpfen aus den ewigen
-Augen der einzig heiligen Gestalt.
-</p>
-
-<p>
-So öffnete sie denn die Türe des Gobelinzimmers, ohne
-sich zu erinnern, daß Magda ihr gesagt hatte, sie frühstücke
-dort; aber schon der erste Blick auf den Tisch mit
-Speisen, an dem Magda und Benno saßen, bereitete ihr
-kein Gefühl des Hungers, sondern eher eines des Abscheus,
-was sie denn etwas mutvoller machte.
-</p>
-
-<p>
-&bdquo;Schade, daß du so spät kommst!&ldquo; rief Magda Renate
-zu, sich umwendend nach ihr, die sie hinter sich eintreten
-hörte. &bdquo;Georg ist eben gegangen, nachdem er eine kostbare
-Rede gehalten hatte. Wir sind noch ganz niedergedonnert,
-Benno und ich.&ldquo;
-</p>
-
-<p>
-Renate trat, etwas geblendet vom Licht in den großen
-Glasscheiben ihr gegenüber, hinter Magdas Stuhl, über
-deren Schultern die Hände hinabreichend, die gleich ergriffen
-<a id="page-608" class="pagenum" title="608"></a>
-wurden, und legte eine Wange auf das weiche
-Haar unter ihr, die Augen schließend im Wunsch, so einzuschlafen.
-Aus der Ferne hörte sie so Magdas Stimme
-nach ihrem Nachtschlaf fragen und erwiderte leise: &bdquo;Gar
-nicht! Ich hatte einen schönen Traum; er war unendlich
-lang, aber nun kann ich mich nicht mehr darauf besinnen.&ldquo;
-</p>
-
-<p>
-Das wären die besten Träume, meinte die Freundin
-tröstend, und sie setzte sich nun an den großen runden
-Tisch und starrte mutlos auf ihren Teller und die unterschiedlichen
-guten Essensdinge, die ihr Ekel erregten, und
-die sie verschwommen kaum sah. Magda erklärte Egloffstein,
-daß Renate nichts zu sich nähme. Die hörte währenddes
-Benno sagen:
-</p>
-
-<p>
-&bdquo;Ich glaube, er hat etwas gegen mich.&ldquo; Er neigte sich
-beteuernd zu Magda. &bdquo;Glauben Sie mir, ich fühle es,
-und ich weiß auch, von früher her, daß in meinem Wesen
-etwas sein muß, das ihn reizen kann. Er ist ja auch viel
-männlicher als ich und stärker &mdash;&ldquo; schloß er bedrückt.
-</p>
-
-<p>
-Sie reden von Georg, dachte Renate, Magdas abwehrende
-Antwort nicht mehr verstehend, und sah ihn
-wie am gestrigen Abend, wo er ihr recht lärmend erschienen
-war. Und wenn er sich einmal auf den Schenkel schlug,
-ein andermal sich zurücklehnte und lachte, dann wieder in
-breiter Hoffart gleichsam erstarrte, schien ihr dieser häufige
-Wechsel sich auf eine Umgebung zu beziehn, die gar
-nicht da war, die er vielleicht sonst gewohnt sein mochte,
-und so, als wollte er sagen: Lockerheit! Ungebundenheit,
-ich kann mir das leisten! Und einzelne Bewegungen
-hatten sie fast erschreckend an seinen Vater erinnert, &mdash; ja,
-dessen Art, nur nicht ganz fertig.
-</p>
-
-<p>
-<a id="page-609" class="pagenum" title="609"></a>
-Allein schon brannte ihr jetzt die Stirne vom Nachdenken.
-Sie hörte Magda etwas sagen, mußte jedoch
-fragen und hörte nun erst ihre Stimme von fernher näher
-kommen:
-</p>
-
-<p>
-&bdquo;Manchmal fehlt es mir doch recht, daß ich ihn nicht
-sehen kann. Ist er nicht sehr verändert? Ist er nicht
-breiter geworden? Oder ist das Einbildung? Ich rede
-von Georg&ldquo;, schloß sie leise erinnernd, als ob sie gefühlt
-hätte, daß Renate fern war.
-</p>
-
-<p>
-Die dachte wieder nach, was sie sagen sollte, und seine
-Augen vor sich gewahrend, bemerkte sie in halber Zerstreutheit:
-&bdquo;Ja &mdash;, er hat ja nun solche Pferdeaugen.&ldquo;
-</p>
-
-<p>
-&bdquo;Pferdeaugen? wie meinst du denn das?&ldquo;
-</p>
-
-<p>
-Renate gab sich Mühe, auseinanderzusetzen, wie sie es
-meine. &bdquo;Früher&ldquo;, sagte sie, &bdquo;hielt ich seine Augen für
-grau. Nun sind sie erstaunlich braun geworden, dazu sehr
-stark, &mdash; nicht quellend, nein, gläsern, und gerade bei heftigem
-Feuer können sie so etwas Starres haben wie die
-von Pferden, so daß die Augäpfel manchmal blitzen wie
-neu geschliffen oder stärker gewölbt. Ich weiß nicht, ob
-du ...&ldquo;
-</p>
-
-<p>
-Magda, die still und in sich gebeugt zugehört hatte,
-fuhr jetzt empor und rief halblaut: &bdquo;Wie war das? Bilden
-sich wirklich die Königsaugen?&ldquo; Dann lachte sie
-leise und meinte: &bdquo;Er bekommt sie schon noch einmal,
-aber er muß noch warten. Erinnerst du dich an die Augen
-seines Vaters? Königsaugen, anders lassen sie sich nicht
-nennen. Manche haben sie immer, Andre zuzeiten. Papa
-konnte sie machen, Klemens konnte sie haben, auch Bogner,
-wenn er erregt war. So, weißt du, zugleich kühn und
-<a id="page-610" class="pagenum" title="610"></a>
-verständig, von oben und sehr durchdringend, &mdash; sind
-sie so?&ldquo;
-</p>
-
-<p>
-Renate gab bereitwillig zu, daß sie ungefähr so
-wären.
-</p>
-
-<p>
-&bdquo;Jetzt wirst du denken,&ldquo; fing Magda nach einer Weile
-wieder an, &bdquo;daß ich ihn verkläre, aber das tue ich wirklich
-nicht. Eben zum Beispiel hat er wieder eine halbe
-Stunde von Dingen geredet, von denen er gar nichts
-weiß, das ist ja nun seine Vorliebe. Ich verhalte mich
-dann schweigsam und bin vergnügt. Aber seit uns Li,
-als du krank warst, aus den Erinnerungen der Markgräfin
-vorgelesen hat, erinnert er mich oft so an den Kronprinzen
-Friedrich. Gar nicht im Charakter, oh, bewahre,
-nein, solch ein Hahnenfuß wie der ist Georg doch nicht
-gewesen! Nein, ich meine nur den Tod Kattes. Da gab
-es die plötzliche Wandlung, und nun, &mdash; was bei Friedrich
-der Katte war, das war bei Georg doch sein Vater&ldquo;,
-schloß sie behutsam.
-</p>
-
-<p>
-&bdquo;Ich weiß noch,&ldquo; fing sie wieder an, &bdquo;damals, als er
-dich besucht hatte, im März, da sagtest du, er wäre spottsüchtig.
-Armer Benno, Sie habens auch gefühlt. Und
-was sagte er noch gestern abend, Benno, von den Bestien,
-wie wars?&ldquo;
-</p>
-
-<p>
-Benno zitierte beglückt: &bdquo;Das Richtige ist, alle Menschen
-für Bestien zu halten und bloß jedem, der einem
-ans Herz kommt, so viel Leiden zuzutraun, wie man selber
-zu sich genommen hat.&ldquo;
-</p>
-
-<p>
-&bdquo;Zu sich genommen hat!&ldquo; wiederholte sie, &bdquo;herrlich!
-Ja, so ist er, so sind sie!&ldquo; rief sie ganz heiß. &bdquo;Von Friedrich
-heißt es auch, daß er ein solcher Menschenverächter
-<a id="page-611" class="pagenum" title="611"></a>
-gewesen sei, aber meinst du, den Männern wäre zu
-trauen? Die Menschen können doch niemand zu ihrem
-Verächter, können einen zu überhaupt nichts machen,
-wozu man nicht die Anlage hat. Das ist ja alles nur
-Selbstverachtung, weiter nichts. Es ist nur dumm, daß ich
-ihn nicht sehn kann. Alle Männer haben diese Art, auch
-Saint-Georges zum Beispiel, einmal in tiefem Ernst zu
-reden, &mdash; und dann muß man raten, daß sie es ganz
-scherzhaft meinen; oder das unsinnigste Zeug, &mdash; das ihnen
-dann wieder der tiefste Ernst ist. Und Georg, das verstehe
-ich wohl, ist solch ein Mensch, der wohl weiß, was er gelitten
-hat, nun aber viel zu hochmütig ist, um es für etwas
-Wichtiges zu halten, und so verachtet er in Bausch und
-Bogen das Leiden und sich und die ganze Menschheit.
-Ich versteh ihn so gut!&ldquo; schloß sie triumphierend.
-</p>
-
-<p>
-Ihre Stimme rauschte Renate schmerzlich im Gehör.
-&bdquo;Und was soll nun daraus werden?&ldquo; fragte sie matt.
-</p>
-
-<p>
-Magda hob die Achseln und seufzte.
-</p>
-
-<p>
-&bdquo;Vorläufig hoffentlich gar nichts!&ldquo; meinte sie dann
-&bdquo;Je weiter der Weg, desto besser. Du hättest nur hören
-sollen, wie er vom Christentum sprach! Daß es eine Religion
-der Liebe ist, scheint er noch nie vernommen zu
-haben.&ldquo; Sie seufzte wieder und schüttelte sich.
-</p>
-
-<p>
-Renate glaubte, nun auch etwas sagen zu müssen, und
-brachte vor, was ihr einfiel: &bdquo;Josef sagte einmal, ein
-Messer wäre auch nur da geschliffen, wo es seine Schneide
-hat, und doch sei immer das ganze Messer ein scharfes,
-geschliffenes Messer. Das übertrug er dann auf den
-Menschen, &mdash; ich weiß nun nicht mehr ...&ldquo; Sie
-verstummte unter dem plötzlichen Gedanken, ein paar
-<a id="page-612" class="pagenum" title="612"></a>
-Minuten vorher etwas Böses getan zu haben, während
-Magda aufleuchtend einfiel: &bdquo;Natürlich, so ist es ja mit
-Georg! Er ist immerfort, immerfort geschliffen worden,
-nur weiß ers nicht, weiß nicht, daß er an der Schneide
-geschliffen worden ist, und nach Jahren vielleicht, wenn
-er sie schon lange gebraucht hat, dann merkt ers plötzlich
-und kommt mir mit einer goldnen Erkenntnis. Ach, es ist ja
-das einzig Gute an ihm, daß er immer alles sieht und erkennt;
-nur was am Grunde liegt &mdash;, ach, dafür hat ja
-uns Allen ein guter Geist den Blick entwendet, wie wollten
-wir sonst leben?&ldquo;
-</p>
-
-<p>
-Eine lange Weile war sie nun still, schien auf ihre
-Hände im Schoß hinabzublicken, doch liefen und kreuzten
-sich unablässige Wellen in ihren Zügen und machten den
-Mund ganz wenig zucken. Und schließlich begann sie mit
-tieferer Stimme:
-</p>
-
-<p>
-&bdquo;Man kann doch nicht annehmen, daß es Menschen
-giebt, die das Schicksal sich aussucht wie Lasttiere, nur
-um ihnen immerfort aufzuladen, über Vernunft? Oft
-mußt ich das von mir denken; oft, wenn ich am Verzagen
-war, brannte es sich mir ein, denn &mdash; wie ist das mit mir
-und Georg? Soweit ich mein Leben hinunterblicken kann,
-war immer nur er. Warum denn? Warum diese Gebundenheit
-an einen Menschen, für dessen Dasein sie gar
-keinen Sinn hat? Denke nur, auf Hallig Hooge sagte
-er, es sei ihm während der vergangenen Jahre oft schwer
-gewesen an mich zu denken, in einer solchen Einsamkeit
-sei ich ihm immer erschienen. Das war ja deutlich. Es
-hieß, daß er sich für mich kein Leben vorstellen konnte &mdash;
-ohne ihn, und deshalb war da eben für ihn nichts zu
-<a id="page-613" class="pagenum" title="613"></a>
-sehn. Ich lachte ihn ordentlich aus und erzählte ihm dies
-und das aus meinem Leben, wovon er keine Ahnung hatte,
-von Berlin, wo ich mich kaum retten konnte vor Menschen,
-die alle etwas von mir wollten, &mdash; nun, das weißt
-du ja, aber, siehst du, von alledem ahnte er nicht das
-geringste, er wußte nichts von mir, gar nichts ...&ldquo;
-</p>
-
-<p>
-Ihr Gesicht hatte stärker zu glühen begonnen, während
-sie das letzte sprach. Jetzt stand sie auf, machte einen
-versuchenden Schritt, senkte den Kopf, besann sich und
-setzte sich wieder.
-</p>
-
-<p>
-&bdquo;Antworte mir nicht auf das, was ich jetzt sage&ldquo;, fing
-sie ruhiger wieder an. &bdquo;Vor einer halben Stunde bat
-ihn der Hauptmann um eine persönliche Unterredung,
-und da hatte er natürlich auch keine Ahnung, daß es sich
-um mich handeln könnte, und daß wir uns gut kennen
-und er mich oft besucht hat, um mir von Georg zu berichten.
-Der Hauptmann ist auch dumm, er geht zu
-Georg, um ihn zu fragen, ob er mich fragen darf, aber
-da kann er sich dann mal wundern. Nein, nein, du sollst
-nichts sagen!&ldquo; rief sie lachend, da Renate ihre Hand ergriff,
-&bdquo;ich weiß nichts, und wenn du nicht still bist, heirate
-ich ihn sicher nicht!&ldquo; Verstummend ließ sie Renates Hand
-los, ihr Gesicht wurde blaß und fast spitz vor gesammeltem
-Ernst, während sie langsam und schwer sagte:
-</p>
-
-<p>
-&bdquo;Ja, das scheint einem freilich sehr verkehrt. Alle
-kamen zu mir, aber er kam nicht, &mdash; und muß ich nicht annehmen,
-daß ich ihm viel hätte geben können, da es doch
-für so Viele gereicht zu haben scheint? Und ich war reich
-an Leben und Menschen, aber Reichtum und Leben waren
-nicht sie, sondern die Gedanken an ihn, die mir Leben gaben
-<a id="page-614" class="pagenum" title="614"></a>
-und mich Leben empfinden lehrten. Und wenn ich trotzdem
-Leere empfand, so war auch die Leere von ihm. Und
-obgleich ich ihm nie etwas sein werde in Wahrheit,&ldquo; schloß
-sie aufleuchtend mit den blinden Augen, &bdquo;so will ich doch
-immer glauben, daß es gut ist, daß es hilft, daß es irgend
-etwas heilt, und daß es sein muß, alles, für mich, und
-für ihn, und für die Welt.&ldquo;
-</p>
-
-<p>
-Eine halbe Minute hielt Renate es noch aus, stand
-dann eilig auf, sah einen Stuhl neben der Glastür, setzte
-sich darauf, legte das Gesicht in die Hände und weinte aus
-Leibeskräften.
-</p>
-
-<p>
-&bdquo;Ja, was ist denn, was hast du denn?&ldquo; hörte sie
-Magda fragen, &bdquo;warum weinst du?&ldquo;
-</p>
-
-<p>
-&bdquo;Weil ich,&ldquo; stammelte sie schluchzend, &bdquo;weil ich vorhin
-gesagt habe, Georg hätte Pferdeaugen!&ldquo;
-</p>
-
-<p>
-&bdquo;Das ist entsetzlich!&ldquo; sagte Magda.
-</p>
-
-<h4 class="section">
-Georg
-</h4>
-
-<p class="first">
-Wozu, fragte Georg sich, als er, aus dem Frühstückszimmer
-heraufgekommen, das Buch mit den Aufzeichnungen
-auf seinen alten Schreibtisch legte, &mdash; wozu war
-nun das? Wozu sagte ich das? Wozu reden wir das? Hat
-das alles nun irgendeinen Sinn, irgendeine noch so dürftige
-Fruchtbarkeit? Wird irgendwas klarer durch solche
-Reden, wir selbst uns durchsichtiger, besser, einsichtiger?
-Ach, so kurz ist dies Leben, und wir vertun es, wir verprassen
-&mdash; ach &mdash; oh du mein uralter Vers: Wer wüßte
-je das Leben recht zu fassen! Wer hat die Hälfte nicht
-davon verloren! Im Spiel, im Fieber, im Gespräch mit
-<a id="page-615" class="pagenum" title="615"></a>
-Toren! Ah freilich, und du, mein Platen, was ist denn
-nun dein geschliffenes Sonett mit nichts als seiner trüben
-Feststellung unserer Beschaffenheit, was ist es mehr wert
-als irgendein Frühstücksgerede! Hats dich klarer gemacht?
-Und wenn klarer, vielleicht besser? Hats dir irgendwas
-geholfen?
-</p>
-
-<p>
-Das lange Dach gegenüber glänzte regenschwarz mit
-den Schwellungen der Ochsenaugen; auf derer einem
-ward eine Krähe sichtbar, indem sie lautlos und schwerfällig
-im Bogen nach unten wegflog, und Georg hörte,
-als sie schon über ihm unsichtbar geworden war, ihren
-Schrei. Der leichte Schleierfall des Regens war nur vor
-den Fenstern drüben sichtbar; sichtbarer kaum als die
-Stille und leichte Ödheit des Sonntags, die überallher
-aus halbgeschlossenen Augen blickte.
-</p>
-
-<p>
-Warum war ich so aufgebracht und hitzig? Vielleicht
-war es wirklich zuviel verlangt von dem armen Benno,
-ahnungslos vom Schlaf aufzustehn und über alle Gottheiten
-Roms zu verhandeln.
-</p>
-
-<p>
-Wie schön aber sie aussah und lauschte! Ich habe ja
-nicht einmal Renate mehr vermißt. Du guter Geist,
-könnt ich dich halten! &mdash; Und Renate? So war es immer:
-ich wollte Renate &mdash; und wollte auch Esther. Wollte
-Renate und wollte Cordelia. Nun denk ich an Anna
-wieder, und wieder erscheint diese Ewige, an der ich festhänge,
-seit ich sie sah, und werde ich jemals aufhören zu
-schwanken, jemals die Stimme der Wahrheit hören können?
-Wer hat die Hälfte nicht davon verloren?
-</p>
-
-<p>
-Ja, fuhr er nachgrabend fort, noch etwas ist anders
-geworden. Ich sehe anders. Grade an Anna, wie ich sie
-<a id="page-616" class="pagenum" title="616"></a>
-dasitzen sah, ihre ganze Erscheinung, merkte ich &mdash; wie
-war es nur? Umfassend &mdash; ja, und &mdash; wahrhaftig, es ist,
-als hätte ich früher Vergrößerungsgläser vor den Augen
-gehabt, so daß ich sie an alles ganz nah heran halten
-mußte, und ich sah Einzelnes nur und Kleines, jedoch
-übergroß. Sind die Gläser fort? Bin ich zurückgetreten,
-freistehend und nun das Ganze umfassend?
-</p>
-
-<p>
-Was ihm aber jetzt beim Aufschlagen des Buches entgegenfiel,
-das war der letzte Brief der Cornelia, in dem
-sie ihm mitteilte, daß sie nicht zu ihm zurückkehren könne,
-nur noch einmal kommen müsse, ihren Koffer zu holen.
-Hier also hatte er den lange vermißten hineingelegt. &mdash;
-Georg versank über dem Anblick der Lateinschrift auf dem
-Umschlag, von den eigentümlich geworfen, ja geschleudert
-und achtlos aussehenden Schriftzügen wie stets mit dem
-ganzen Gegensatz ihres bestimmten und geordneten Wesens
-betroffen, &mdash; Georg versank für Minuten in Gefühle wehmütiger
-Sehnsucht.
-</p>
-
-<p>
-Sie war schlank und grade; der Gang schlank und
-kräftig; das Haar glatt; die Augen rund, kindlich die
-Stirn, und sie war die Einfachheit selber. Einmal sagte
-sie, sie könne nicht denken. Vielleicht hatte sie nie, was
-ein Mann denken nennt, gedacht. Aber sie wußte Bescheid
-in allem; was sie äußerte, war klar; ihr Urteil war,
-in Wort und Wendung und Sinne nichts als vernünftig,
-sachlich, ja nüchtern, selbst wenn es die höchsten Dinge
-betraf. Nüchtern, &mdash; ja, das war sie; von jener Nüchternheit,
-welche Hölderlin heilig nannte.
-</p>
-
-<p>
-Also, dachte Georg trübe, muß es wohl doch das Richtige
-sein, was sie jetzt tut? &mdash; Dann wünschte ich nur &mdash; o der
-<a id="page-617" class="pagenum" title="617"></a>
-Satan hole diese Verstricktheit der Welt! &mdash;, dies Tun wäre
-ihr vorgelegt, als sie den Montfort verlor, anstatt daß sie
-sich erst an mich hängte ... Wie lieb, wie sehr lieb wurde
-sie mir! &mdash;
-</p>
-
-<p>
-Montfort ... Es blieb sonderbar und kaum verständlich,
-was diesen schwarzen Kentauren zu der stillen Gesellin
-gezogen hatte. Sie aber war unter dem sengenden
-Gestirn zu dieser erstaunlichen Frucht glücklicher Klugheit
-und fester Süße gereift, die &mdash; die er gekostet und verloren
-hatte; wie jene Andern ... Georg zog sich mit
-einem Seufzer aus seiner Schwermut und legte den
-Brief fort.
-</p>
-
-<p>
-Indem fiel sein Blick auf das vor ihm liegende Buch,
-und er öffnete es in der Erinnerung, grade über seine Art
-zu sehen darin etwas bemerkt zu haben. Sein Blick traf
-alsbald auf die Worte:
-</p>
-
-<p>
-&sbquo;Ich will mein Leben noch einmal von vorn durchdenken.
-Ich will aus dem Brunnen, Eimer um Eimer,
-die Vergangenheit heraufschöpfen, und aus jedem das
-Süße, das Herbe, das Giftige ziehen und einen Becher
-damit füllen, und dann will ich ihn trinken. Wohlan,
-wenn ich das Gift überlebe, so werde ich keines Todes
-mehr bedürfen.&lsquo;
-</p>
-
-<p>
-Merkwürdig! habe ich das geschrieben? Warum so
-pompös? Warum so viel Geste? &mdash; Er blätterte weiter,
-kopfschüttelnd, indem er sich auf den Rand des Schreibtisches
-setzte. Zuerst wurde sein Auge von dieser Stelle
-festgehalten:
-</p>
-
-<p>
-&sbquo;Im Niels Lyhne geblättert, diesem traurigsten aller
-Bücher. Aber was sehe ich da? Ich bin ein Bastard
-<a id="page-618" class="pagenum" title="618"></a>
-wie dieser Niels. Wir haben unedles Blut alle Beide und
-haben deshalb kein Anrecht auf jeden der beiden Throne,
-weder auf den des Lebens noch auf den der Phantasie.
-Usurpatoren des Lebens, fühlen wir in jeder Anstrengung,
-die wir machen, die Hoffnungslosigkeit aus Ursachen der
-Unrechtmäßigkeit. Wir &mdash; aber ich habe es noch etwas
-schlimmer als du, denn ich weiß, was ich bin. Du, Niels,
-hast es nicht gewußt, ich aber habe dich gelesen ...&lsquo;
-</p>
-
-<p>
-Auffahrend aus dem Hinträumen über die letzten
-Zeilen, fiel Georg zu gleicher Zeit ein, daß er etwas Bestimmtes
-in den Aufzeichnungen hatte suchen wollen, und
-daß Anna auf ihn wartete. Unschlüssig noch ein paar
-Blätter umwendend, sah er den Regen wieder dichter strömen,
-und wieder auf das Geschriebene gerichtet, fing sein
-Blick die Überschrift &sbquo;Erinnerung&lsquo; auf. Darin mußte das
-stehn, was er suchte. Er konnte nicht loskommen, dachte:
-Anna kann warten &mdash; und: bei dem Regen!, tastete nach
-seiner Zigarettendose und Streichhölzern, begann, schon
-lesend, zu rauchen, und las nun, fliegender Augen, in
-immer kälterer Erregtheit.
-</p>
-
-<h5 class="subsection">
-Erinnerung
-</h5>
-
-<p class="noindent">
-Ich hatte eine halbe Stunde im Lehnstuhl geschlafen
-und hörte erwachend noch schlaftrunken Mathilde, die
-einsame Winterfliege, in der Dämmerung umhersummen,
-friedfertig mit sich selber beschäftigt. (Tante Henriette
-pflegte die Winterfliege die unsterbliche Mathilde zu
-nennen, oder einfach Mathilde.)
-</p>
-
-<p>
-Da erinnerte dies Summen nebst der winterlichen
-Dämmerung und dem Wärmestrom aus dem Ofen mich
-an etwas ähnlich Behagliches, und als ich suchte, fand
-<a id="page-619" class="pagenum" title="619"></a>
-ich mich nach einer Weile auf dem alten Sofa in meinem
-Zimmer der Pragerschen Wohnung. Die Fliege summte,
-es war warm und geheizt, ich hatte einen Roman im
-Schoß vom verehrten Scott, es war Sonntagnachmittag
-nach dem Essen, die Familie war in den Sonntagskleidern
-erschienen, das Tafeltuch frisch gewesen, Weingläser
-auf dem Tisch und alles freundlicher, heller als
-Wochentags und selten. Nun war alles still geworden;
-nur über den Flur aus der Küche tönten die Geräusche
-des abwaschenden Mädchens, und in Pausen immer wieder,
-schon lange hörbar und doch kaum gehört unterm
-Lesen, fernher die unendlichen schmetternden Roller eines
-Kanarienvogels.
-</p>
-
-<p>
-Ach, diese Behaglichkeit, &mdash; wie alles Behagen nicht
-ohne einen geringen Zusatz von Öde! (Ungefähr so, als
-ob man gleichzeitig ein Durstgefühl hatte, nicht stark genug,
-um deswegen seine behagliche Lage aufzugeben, und
-auch zu unbestimmt nach was?) Und wie abgeschieden
-waren solche Stunden, was war ferner als der nächste
-Morgen, Schulgang und die fünf end- und trostlosen
-Stunden!
-</p>
-
-<p>
-Aber auch diese Wintermorgende hatten ihr mehr grausiges
-Behagen! Das frostklappernde Aufstehn im Dunkel
-verlor seine Peinlichkeit alsbald im freundlichen, sehr hellen
-Licht der Gashängelampe, in dem alles warm wurde,
-eng das verschattete Zimmer, und noch höre ich in jenen
-Minuten, wo ich selber still war nach den heftigen Geräuschen
-des <a id="corr-14"></a>Zähneputzens und Waschens, die tiefe Lautlosigkeit,
-während des Anknöpfens der Hosenträger, wobei die
-Zeit stillzustehn schien, und auch von Benno nebenan
-<a id="page-620" class="pagenum" title="620"></a>
-war &mdash; vielleicht aus dem gleichen Grunde &mdash; nichts zu
-hören, so daß es plötzlich war, als sei in der ganzen Wohnung
-kein Mensch.
-</p>
-
-<p>
-Es müßte einmal einer das Behagen der kleinen Dinge
-beschreiben, der allerkleinsten, jener, die jedem bekannt
-sind, so daß man nur daran zu erinnern braucht, und die
-doch niemand sich sagte. Jenes Empfinden etwa &mdash; reizvollsten
-Behagens ach warum nur? &mdash;, mit dem man
-beim Anziehn der Beinkleider zwischen den Schenkeln durch
-nach hinten faßt und das Hemd straff nach unten zieht,
-so daß man es am ganzen Rücken und auf den Schultern
-fühlt. Oder jene höchste Wonne des Erdendaseins, das
-reine Taghemd mit allen Plättfalten und seiner Frische,
-fertig mit allen Knöpfen ausgebreitet liegen zu sehn und
-nun über den nackten Leib zu streifen! Oder die nicht minder
-hohe, nachts mit einem brennenden Durst zu erwachen,
-ohne Licht zu machen noch die Augen auf, zum Waschtisch
-zu tappen und dann dazustehn und lechzend aus der
-vollen Karaffe ... Ah, wahrlich, nicht unfroh bin ich, das
-bürgerliche Dasein kennen gelernt zu haben! Werde ich auch
-jemals den Geruch von Tabaksrauch aus den Kleidern
-und der getragenen Wäsche meines Berliner Schrankes
-vergessen, jenen abscheulichen Geruch, der mir in der Erinnerung
-heute die ganze Welt versüßt?
-</p>
-
-<p>
-Viele behagliche Dinge fallen mir ein. Einmal begleitete
-ich Benno und seine Eltern in den Sommerferien in
-einen Badeort an der Ostsee, Zempin glaube ich, hieß es,
-und unvergeßlich blieben mir die stillen, sonneglühenden
-Nachmittage dort, wenn von allen Veranden und Balkonen
-das Klirren der beim Decken des Kaffeetisches in die
-<a id="page-621" class="pagenum" title="621"></a>
-Untertassen gelegten Löffel hörbar war, ein so wechselnd
-getöntes Klirren. Dazu unaufhörliches und eintöniges
-Hühnergegacker. An Hotelzimmer muß ich denken, wie
-sie auf einmal bewohnt aussehn, wenn eine geöffnete
-Handtasche darin steht und auf dem Tisch eine metallene
-Seifendose und die Kristallflaschen mit silbernen Deckeln
-liegen, und es riecht nach Juchten ... Ein Abend im
-Schlößchen fällt mir ein: Virgo saß vor einer meiner
-Vitrinen in der Hocke, nahm jeden Gegenstand heraus
-und hielt ihn, selber im Schatten hockend, gegen das Licht
-hoch, Irisgläser, die persischen Federkästen, Porzellangruppen
-und was es nun war, fragte tausenderlei und
-erzählte kleine Schnurren. Eine behielt ich: wie sie als Kind
-zuweilen Kuchen stahl aus dem Korb im Büfett, hinterher
-aber für jedes Stück einen oder zwei Pfennige hinlegte.
-Sie nahm sie aus einem Portemonnaie von Perlmutter,
-so groß wie ein Auge ...
-</p>
-
-<p>
-Ja, vielleicht ist es gerade die Erinnerung und sie
-allein, die dergleichen Dinge wertvoll macht, die an sich
-nichtig sind. Sie sind es, an die man sich erinnern
-kann. Ich versuche, mir Stunden des Glücks oder des
-Schmerzes vorzustellen, Stunden der Leidenschaft, der Erhebung
-zurückzurufen, aber wie kann ich sie leibhaft
-machen, da mir in diesem Augenblick doch jenes Feuer,
-jener Odem fehlt, der sie damals beseelte? Aber die unspürbar
-leisen Rhythmen innerster Bewegung, der Stille,
-des abgeschiednen Beruhens, sie läßt das gelinde Aufpochen
-des Fingers wieder schwingen, und wir nehmen
-sie gerne auf.
-</p>
-
-<p>
-Aber dies Bild, warum blieb es in mir haften? Ein
-<a id="page-622" class="pagenum" title="622"></a>
-sehr stiller Raum, sonnig bei geschlossenen Vorhängen,
-von dem ich übrigens nichts sehe, als daß er eben da ist.
-Ich sitze an einem Tisch, an der anstoßenden Seite kniet
-auf einem Stuhl Anna als kleines Mädchen, halb über
-der Platte liegend, und da steht ein Wasserglas und liegen
-weiße Bogen und jene wunderbaren kleinen Hefte voll
-mattfarbiger, undeutlicher Bildchen, die aneinanderhängen,
-&mdash; Abziehbilder, jawohl, so hießen sie, und Anna und
-ich mühten uns ab, die ins Wasser getauchten auf reinem
-Papier festzudrücken und &mdash; zu warten. Dies Warten war
-unmöglich! Immer wieder, mit unsäglicher Behutsamkeit
-mußte ein Zipfel angelüpft werden, und immer war es
-noch weiß darunter, es mußte mit dem Finger wieder
-Wasser daraufgetropft werden, der halbe Tisch schwamm,
-und dann &mdash; ja, wie kann ich nur meine eigne Haltung,
-meinen eignen Ausdruck gesehen haben, mit dem ich den
-eben abgelüpften Zipfel wieder andrücke und vor Anna
-so tue, als wäre alles in Ordnung, obgleich ich doch
-genau sah, daß ich die zarte, bunte, naßglänzende Haut
-darunter angerissen habe ... Anna natürlich war die
-Geduld selber, und wenn sie einmal lüpfte, so kroch
-sie von oben fast unter das Papier; dabei stöhnte sie entsetzlich.
-</p>
-
-<p>
-Und schon überfällt mich wieder ein andres: In der
-Geschwindigkeit eines Vorbeifahrens, über drei Stufen
-an einer Hausecke durch die offene Hälfte einer Tür aus
-geriffeltem Glase ein Blick in einen Bierschank: ein Stück
-von einem ungestrichenen Tisch, die blanken Messingkrahnen
-der Theke und dahinter das rote Gesicht
-des Wirts unter einem Öldruck der Kaiserin; er streift
-<a id="page-623" class="pagenum" title="623"></a>
-von einigen Biergläsern den Schaum mit einem kleinen
-Brett ...
-</p>
-
-<p>
-Wann in aller Welt sah ich das jemals? Und warum
-in aller Welt grub es sich in mein Gehirn?
-</p>
-
-<p class="tb">
-&nbsp;
-</p>
-
-<p class="noindent">
-Oh seltsame Wege der Nerven! Einen halben Tag
-lang bis zum Einschlafen verbrachte ich gestern mit Grübeln
-über jener Erinnerung, umsonst. Heut morgen fällt
-mir beim Anziehn ein &mdash; in der Stunde, wo man nichts
-denkt, und das Denken sich selbst überlassen wirkt &mdash;, daß
-ich in der Nacht von der armen Helene träumte, und sofort
-sehe ich mich auf der Fahrt nach Helenenruh an
-ihrem Todestag und habe jenen Blick in die Tür des
-Bierausschanks. Wie aber kam ich gestern darauf? Nun,
-ganz gewiß hat auch etwas in mir, während ich das von
-den Abziehbildern schrieb, an Helenenruh gedacht, an Helene
-und an ihren Tod.
-</p>
-
-<p>
-Ich habe nun weiter über das eigenartige Walten des
-Erinnerungsvermögens nachgesonnen, und mir ist folgendes
-klar geworden:
-</p>
-
-<p>
-In dem leider einzigen Gespräch, das ich mit Josef
-Montfort hatte, stellte er unter mehreren anderen die Behauptung
-auf, daß der Mensch nichts je Erlebtes vergäße
-und an alles, wenn er nur wollte, sich erinnern könnte.
-Indem ich hieran dachte, sah ich ihn mir gegenübersitzen,
-wie damals im Kaffeehaus; fiel mir sogleich die Erregung
-auf, in der ich mich damals beim Hören befand, und schon
-hielt ich wie in einer Phiole das Element, in das getaucht ein
-erlebtes Bild Erinnerungskraft behält, ohne eignes Willenszutun
-von uns: leidenschaftliche Erregung. Gleich machte
-<a id="page-624" class="pagenum" title="624"></a>
-ich einige Proben: Damals die angstvolle Erwartung auf
-der Fahrt nach Helenenruh bewahrte mir jenes Bild und
-noch manches andre vom Weg, der vorüberflog. Ich
-denke niemals an meinen Vater, ohne ihn in dem Augenblick
-am Vortage meines achtzehnten Geburtstages zu
-sehn, wo er meine Hand preßte und etwas in mich hineinsprach,
-das ich nie behielt, da ich ein Augenmensch bin. Die
-Straßen meines Schulweges, mein letztes Klassenpult,
-Fenster, Wände und Bilder des Klassenraums, alle tausendmal
-gesehn in der täglichen Angsterwartung, stehen
-vor mir, daß ich die kleinste Beschmutzung, die geringste
-Entstellung daran beschreiben könnte. Fast glaube ich, daß
-Angstgefühle und Zustände des unsicheren, angstvollen
-Wartens die stärkste Macht zum Einprägen von Gesichtsbildern
-besitzen; angstvolles Warten, wo wir im brennenden
-Verlangen nach der einen Gestalt tausend Dinge mit
-glühendem Stempel des Auges in uns pressen, nur weil
-wir sehen müssen um jeden Preis, die Augen festklammern
-müssen, fiebernd uns mit Dingen beschäftigen. So erscheinen
-mir doch immer, wenn ich Renates gedenke, nicht
-einmal ihre Züge, sondern die Akazienwipfel der Güntherstraße,
-im Laternenlicht halbverschattet die graue Stirnseite
-ihres Hauses und erleuchtete Fenster, von damals
-her, als ich dorthin lief, nur gepeinigt vom Verlangen
-ihrer Nähe. Ja, Angst und Erwartung sind es, die ohne
-unser bewußtes Zutun jenes Könnenwollen der Erinnerung
-Josef Montforts bewirken, nicht nachträglich, sondern
-vorwegwirkend, denn in solchen Zuständen <em>wollen</em>
-wir sehen, obschon nicht das, <em>was</em> wir sehen.
-</p>
-
-<p class="tb">
-&nbsp;
-</p>
-
-<p class="noindent">
-<a id="page-625" class="pagenum" title="625"></a>
-Noch immer im Lauf der Tage ab und zu mit Erinnerungsdingen
-beschäftigt, mir selber unvermerkt auf der
-Suche nach Zuständen der Erregtheit und Bildern daraus,
-und indem ich immer die Probe machte auf das erste,
-augenblicklich hervorschnellende Bild, dachte ich an meine
-Corpszeit, und siehe da, was stellt sich mir dar? Das
-Speibecken in der Toilette, freilich immer benutzt zu Zeiten
-übelster Peinigung. Verfluchtes Ding! Daß so das Sinnlose
-zur Einrichtung führen konnte! Saufen in der Gewißheit,
-in der Hoffnung sogar, das Gesoffene wieder von
-sich zu geben. Der deutsche Student, vorstellbar im Bilde
-von Münchhausens halbiertem Pferd.
-</p>
-
-<p>
-Ich rettete mich in einen Ausblick auf Bogner, und
-gleich sah ich ihn in Renates Kapelle stehn, einen Arm
-gegen die Wand gestützt. Damals malte er seine Engel,
-ich war wieder einmal Renates Nähe zugerannt, wir
-hatten dann ein Gespräch in der Nacht, und &mdash; gewiß,
-wir sprachen auch vom Tode, den Tod brachte ich in
-irgendeine Verbindung mit der Liebe, und da sagte er:
-nein, das sei vorläufig nichts für ihn ...
-</p>
-
-<p class="tb">
-&nbsp;
-</p>
-
-<p class="noindent">
-Heut sah ich Esthers Gespenst.
-</p>
-
-<p>
-Ich ging auf breitem Ebbestrand. Das Meer war
-dunkel, bewegt, nicht stürmisch; der Himmel bewölkt und
-grau. Plötzlich läuft eine Fußspur vor mir auf, weibliche
-Füße, klein, etwas breit, und wie ich mich noch wundere
-über die seltene Erscheinung, muß ich erkennen, daß nach
-jedem dritten oder vierten Schritt der rechte Fuß leicht
-nach innen schlägt. Mir stand das Herz. Esther! dachte
-<a id="page-626" class="pagenum" title="626"></a>
-ich nur, folgte der Spur in einer unseligen Versunkenheit
-und &mdash; sehe sie in plötzlicher Biegung dem Wasser zu
-hineingehn und in den Wellen verschwinden.
-</p>
-
-<p>
-Aus der Meerflut gekommen, mir erschienen, und wieder
-hineingegangen. Esther in dem rotvioletten Kleid,
-unschlüssig, traurig ...
-</p>
-
-<p>
-Es ist natürlich die Magd gewesen. Und sie ist nicht
-in die See gegangen, sondern nur dichter an den Wellen
-her, zur Zeit als die Ebbe noch tiefer war, und als ich
-kam, hatte die steigende Flut die Spur fortgenommen.
-</p>
-
-<p>
-Doch was geht das mich an? Ich saß im Zimmer und
-sah wieder den feurigen Roteichenbaum jenseits des Grabens,
-selber neben Esther auf der Bank, in angstvoller
-Erwartung dessen, was ich tun sollte und nicht können
-würde, und Erscheinung löste sich aus Erscheinung ...
-</p>
-
-<p>
-Aber Esther selber entschwand bald. Die Zeit war zu
-lustig und hell für die nun so umflorte Gestalt. Noch
-einmal sah ich sie deutlich: ich selber stand auf dem kleinen
-Balkon vor dem Saal im Schlößchen, unten stand sie mit
-Herrn Vögeleins kleinem Neffen, warf seinen Ball zu mir
-herauf und ich ihn wieder hinunter, &mdash; noch glänzt mir
-ihr lächelnd erhobenes Gesicht. Dann sprang ich hinunter.
-Sie sagte: Nun ists genug, kommen Sie herunter! &mdash;
-und ich hatte die meines Wissens einzige Anwandlung
-von Tollkühnheit in meinem Leben und sprang ohne weiteres
-in die Tiefe, wobei ein Fuß leider zerbrach. Oh
-schöne Zeit, die mirs lohnte! Die Ferien standen nahe bevor,
-ich hätte nach Helenenruh fahren müssen, nun wars
-ein Vorwand zum Bleiben, ich konnte die langen Tage
-liegen und Besuche empfangen und Esther bei mir sitzen
-<a id="page-627" class="pagenum" title="627"></a>
-haben, und einmal sogar kam Renate. Leichteste Zeit!
-Um ins Haus Montfort gelangen zu können und nicht
-unprinzlich hüpfen zu müssen, ließ ich eine Hängematte
-außen mit violettem Samt, innen mit weißer Seide beziehn
-und durch die Ösen an beiden Enden eine vergoldete
-Stange schieben; dazu mietete ich zwei eben stellenlos gewordene
-Inder, Türsteher eines verkrachten Panoptikums,
-die mich zum Wagen und im Montfortschen Haus und
-Garten überall hintragen mußten. Das war einen Tag
-schön, dann standen sie überall im Wege, und ich gab
-das Ganze auf.
-</p>
-
-<p>
-Eine Ansichtskarte fällt mir ein, die Renate oder Anna
-von Bogner und Ulrika bekam, als die Beiden einmal eine
-Reise machten. Darauf hatte er sie und sich abgebildet,
-wie sie auf einem Stuhl sitzt und ein Loch in seinem
-Strumpfhacken stopft, den er ihr, mit dem Rücken nach
-ihr vor ihr stehend, hinhält, mit der Umschrift: Sie wird
-mich in die Ferse stechen!
-</p>
-
-<p>
-Halbe Nächte im Gespräch mit Sigurd und Benno
-über die ewigen Dinge. Leicht genug mögen sie gewesen
-sein, und wenn sie mir schon schwer waren, so war doch
-das Reden darüber zu leicht. Immer im Hintergrund
-aber, ob unsichtbar, war Esther, deren leises Eintreten ich
-immer erwartete, und kam es nicht oft?
-</p>
-
-<p>
-Als wir einmal Alle beisammen waren, fragte jemand
-Jason, wie es eigentlich komme, daß er zu allen Frauen
-seiner Bekanntschaft Du sage. &mdash; Wie kommt es dann,
-fragte er hinwieder, daß sie es auch sagen, sobald ich es
-einmal getan habe? &mdash; Ach, ihr Männer, sagte er, da
-niemand eine Antwort hatte, zu meinem Zimmerofen sage
-<a id="page-628" class="pagenum" title="628"></a>
-ich auch Du, sind aber die Frauen nicht um vieles wärmender?
-Sie sagen gern wieder Du, wenn ich es sage.
-</p>
-
-<p>
-Es ist immer viel mehr der Duft der Worte, den man
-wahrnimmt, wenn Jason spricht, als die Worte selbst,
-und ich glaube, Alle empfanden wie ich in jenem Augenblick,
-daß es kühl um uns war, daß wir uns Alle kühl
-waren, und vielleicht hätten wir eine Wahrheit entdeckt,
-wenn nicht einer von andern Dingen angefangen hätte,
-wie das immer zu sein pflegt, wenn Wahrheiten vor der
-Tür stehen.
-</p>
-
-<p>
-Nun sehe ich Dora Vehm, &mdash; was ward aus ihr? &mdash;
-Ich sehe sie beim Krokett auf der Wiese, es war kein Spiel
-für Kinder, sondern lange, schwere Hämmer und wuchtige
-Kugeln. Sie aber schlug mit einer Kraft, Anmut und
-Sicherheit die großen Bälle weithin durch die Tore, gegen
-andre Kugeln, unaufhaltsam weiter ihres Wegs, daß es
-eine Wonne war, sie dabei zu sehn. Ihre Augen brannten,
-sie strahlte, ich sah Ägidi, der ruhig wie ich dabeistand,
-sie hatten jeder ihre Augen in der Gewalt.
-</p>
-
-<p>
-Seltsam genug: für einen unernsten Menschen kann
-ich mich nicht halten, ich liebe die Schwermut vielleicht
-mehr, als daß ich sie habe, aber wie geht es zu, daß fast
-alle Erinnerungen heiter sind, die sich beschwören lassen?
-Noch heute fiel mir ein Fetzen Papier in die Hände, leserlich
-gekritzelt darauf:
-</p>
-
-<div class="poem-container">
- <div class="poem">
- <div class="stanza">
- <p class="verse">Halbgöttinnen gehn am Gestade, &mdash; das stahlblaue Meer</p>
- <p class="verse">Wirft Ketten von silbernen Fischen um ihre Füße.</p>
- <p class="verse">Salzluft bereift der roten Lippen Süße,</p>
- <p class="verse">Gewänder flattern farbig um sie her.</p>
- </div>
- </div>
-</div>
-
-<p class="noindent">
-<a id="page-629" class="pagenum" title="629"></a>
-Das stammt aus den ersten Tagen meines Hierseins.
-Renate und Magda waren zu Bogner gekommen, es war
-ein warmer, sonniger Tag, ich stand oben auf meinem
-Turm mit dem eben gefundenen Handfernrohr und sah
-sie am Strande alle Vier, Renate, Magda, Ulrika und
-Cornelia. Sie hatten Schuh und Strümpfe ausgezogen,
-Renate und Ulrika Magda untergefaßt, Cornelia ging
-voran in einem lichtgelben Kleid, die drei Andern hatten
-allesamt weiße Kleidröcke und bunte, gestrickte Jacken,
-Renate eine burgunderrote, Magda eine grüne, Ulrika
-eine violette, und ich konnte durch das Fernrohr feststellen,
-daß nur die Renates und Ulrikas aus Seide waren, Magdas,
-stets bescheiden, war Kunstseide. Noch sehe ich die
-Drei im Rund meines Tubus unten stehn und zu mir
-heraufwinken, flatternd, farbig, lachend auf dem weißen
-Strand vor der dunklen Wogenwand von Blau, aus der
-die Welle, um ihre rosenen Füße leckend, kleine, silberblitzende
-Fische spülte ...
-</p>
-
-<p>
-Meine letzte farbige Erinnerung. &mdash; Allein warum behielt
-sich mir das Heitre so oft?
-</p>
-
-<p>
-Ich schrieb es wohl neulich schon auf: An Schmerzliches
-kann allein die Vernunft sich erinnern; das Gefühl kann
-nicht nachschaffen aus Nichts, was damals erglühte, so geht
-der Vorgang selber unter, und es bleibt nur das optische
-Bild, um so leichter, je farbiger, je brennender es war.
-</p>
-
-<p>
-Ja, nur die Bilder erscheinen, mondlich angestrahlt,
-seltsame Monde selber, abgeschieden vom Damals, wirkungslos
-...
-</p>
-
-<p>
-Wenn die versunkene Stadt &mdash; in der Nacht der Erlösung
-&mdash; sich aus den fallenden Wassern erhebt, &mdash; tönen
-<a id="page-630" class="pagenum" title="630"></a>
-die Glocken wie vormals ... Wandeln wie vormals die
-Straßen, &mdash; und die kindlichen Spiele &mdash; tun es wie je
-den Erwachsenen gleich.
-</p>
-
-<p>
-Doch es blieb ein Vermächtnis &mdash; aus der versunkenen
-Jahre Gram &mdash; auf den seltsam alten &mdash; Gesichtern zurück.
-&mdash; Und es beleuchtet ein fremder Mond &mdash; Turm
-und Planet und seltsam verschnörkeltes Dach.
-</p>
-
-<p>
-Während rings aus dem riesigen Meere die alten &mdash;
-Gestirne steigen und wieder schaun, &mdash; was niemals altert.
-&mdash; &mdash; Wo keines Segels ernster Schatten, &mdash; kein Vogelflug
-nach der düsteren Ferne strebt.
-</p>
-
-<p>
-Anders lächeln von Fenster und Tür &mdash; Mädchen auf
-Knaben, &mdash; und anders der Alten Schritt &mdash; über die steinernen
-Treppen und Höfe schallt.
-</p>
-
-<p>
-Mädchen, die Sträuße tragen, &mdash; atmen befremdet den
-Duft, der von gestern erzählt ...
-</p>
-
-<p>
-Im Schweigen der Glocken &mdash; hören sie Alle &mdash; ängstlich
-und deutlich &mdash; das schwellende Dröhnen &mdash; der kommenden
-Flut.
-</p>
-
-<p class="tb">
-&nbsp;
-</p>
-
-<p class="noindent">
-Als ich heute an der offenen Türe des Kuhstalls vorüberging,
-fuhr ein unsichtbarer Arm mitten aus dem
-Mistgeruch auf mich zu, packte, schwang und stellte mich
-mit gewaltigem Schwung über mehr als drei Jahre hinweg
-auf den Helenenruher Wirtschaftshof, in einen Sommertag,
-in den Tag, wo ich meine Kindheit verlor.
-</p>
-
-<p>
-Das weiß ich heut, daß ich sie damals verlor. Der Tag
-wars, wo Bogner gekommen war, wo das mit Jason
-geschah, wo ich nachts in Annas Zimmer war. &mdash; Noch
-<a id="page-631" class="pagenum" title="631"></a>
-sehe ich die gelben Orpingtonhühner auseinander stieben,
-sie erschraken vor Unkas, und da geht Unkas tappend auf
-die Tür seines Stalles zu, und ich selber stehe da und &mdash;
-ich vergaß, was ich dachte, aber &mdash; es scheint mir ein Vorspuk
-gewesen zu sein, ein Aufdämmern vor dem gänzlichen Erwachen.
-Das kam in der selben Nacht, da lag ich auf
-der Wiese am Parkrand, nicht weit von der Stelle, wo
-ich am Morgen gelegen hatte und zu mir gekommen war
-aus dem Sonnensieden wie aus brodelnder Geburt. Da
-lag ich am Boden und fühlte das Tragen der Erde, sonderlich
-heimatlos und kühl war mir zu Sinne, ich wußte &mdash;
-ja, was wußte ich wohl? Daß ich nun alles wußte, das
-wars.
-</p>
-
-<p>
-Heiliges Kindheitsland, wo bist du? &mdash; Zurecht fallen
-die Verse mir jetzt ein, die ich in Helenes Mappe fand.
-Als ich sie dichtend empfand, da dichtete Erinnerung in
-mir, Erinnerung an jene Nachtstunde am Parkrand, wo
-ich mich erkannte, weil ich das Weib &sbquo;erkannt&lsquo; hatte; wo
-meine Kindheit ein Ende nahm. Und doch, als ich diese
-Worte im Gedicht empfand, &mdash; wie dumpf noch, wie unwissend,
-wie nur abgehorcht einer unverständlichen Geisterstimme,
-und freilich echter vielleicht darum, echter gedichtet
-als das meiste sonst. Heute erst weiß ich ganz.
-</p>
-
-<p>
-Unkas aber mit seinem tastenden Gang, die Hühner,
-die tafelnden Arbeiter im Hof: diese waren mein erster
-wacher Blick, meine erste Beobachtung. Während es
-dämmrig in mir selber blieb, begann ich Bilder in mich
-zu füllen unermüdlich, deren schillernde Buntheit mir das
-Innre magisch zu erhellen schien. Immer genügte die
-Anschauung, und sooft ich es selber sein mochte, an dem
-<a id="page-632" class="pagenum" title="632"></a>
-ich Beobachtungen machte, so genügten mir auch sie, und
-zu Erkenntnissen dehnte ich sie nicht aus. Auch das Bild
-Emmaus beobachtete ich wohl und verstand es ästhetisch
-genau, und mir selber in jener Nacht brannte das Herz
-vom Zuspät. Heut weiß ich seinen Sinn, heut, wo es zu
-spät geworden ist.
-</p>
-
-<p class="tb">
-&nbsp;
-</p>
-
-<p class="noindent">
-Doppelt erregt, von hundert Bildern seines vergangenen
-Lebens aus der Aufzählung der Erinnerungen, und
-von dem heftigen Gefühl, daß gleichwohl nicht er dies geschrieben
-habe, sondern ein Fremder, der erstaunlich viel
-von ihm wußte, schloß Georg aufatmend das Buch.
-</p>
-
-<p>
-Nein, sagte er mit Entschlossenheit, ich bin das nicht
-mehr. Das ist ja schrecklich, diese Augenjagd nach Kleinem
-und Kleinstem, in der Aufzählung mit drangeknüpften
-Nutzanwendungen wie hier ja ganz reizvoll, aber war das
-der Zweck des Erlebens? &mdash; Und er sah sich selber herumfahren
-wie einen schillernden Argos mit zehntausend apokalyptischen
-Augen. Seine eigenen Augen gingen ihm
-über dabei, &mdash; aber jetzt, da er die Lider schloß, kam etwas
-aus dem Dunkel; eine dunkelblaue Brust im Anzug,
-Schlips und Kragen, und nun das Gesicht seines Vaters,
-Bart und Haar, Wangen und Brauen und endlich &mdash;
-Georg erbebte &mdash; auch der Blick der gestorbenen Augen.
-Alles dies aus der wirbelnden, einzig beglückenden Stunde
-am Vortage jenes achtzehnten Geburtstages, eingebrannt
-in die Luft, um ihm jahrelang immer wieder zu erscheinen.
-&mdash; &mdash; Im Nu war das wieder verschwunden, aber
-Georg, schmerzlich ihm nachblickend, während vor seinen
-wiedergeöffneten Augen Fenster und Dach erschienen,
-<a id="page-633" class="pagenum" title="633"></a>
-fragte sich schwer und gebunden: Deshalb? Deshalb
-das tausendfache Schaun, damit dies gesehen wurde und
-haftete?
-</p>
-
-<p>
-Er wartete horchend, aber es kam nichts weiter, und
-er erhob sich nun hastig, ging ins Nebenzimmer, wo er
-mit Egons Hülfe, auf Umkleiden verzichtend, festere Stiefel
-und Gummimantel anzog, ergriff Hut und Schirm
-und eilte hinunter.
-</p>
-
-<div class="chapter">
-
-<h3 class="chapter" id="subchap-0-3-4">
-<a id="page-634" class="pagenum" title="634"></a>
-Viertes Kapitel
-</h3>
-
-</div>
-
-<h4 class="section">
-Magda/Renate
-</h4>
-
-<p class="first">
-Georg war, als er das Frühstückszimmer wieder betrat,
-zufrieden mit dem, was er an sich beobachten konnte.
-Denn nicht nur, daß er die jetzt anwesende Renate, weil
-sie mit dem Rücken am Kreuz der Glastür lehnte, &mdash; so
-daß er, selber ins Helle blickend, ihr vom Licht abgewandtes
-Gesicht nur undeutlich wahrnahm &mdash; für Irene
-hielt, zumal sie die Füße im Stehn vorgeschoben und sich
-dadurch verkleinert hatte; nein, auch als er sie erkannte,
-war, was ihm aufs Herz fiel, eher eine abweisende Kühle,
-und er fand sich unangefochten. Auf seine Frage nach
-Irene wurde ihm gesagt, daß sie sich immer noch angegriffen
-fühle und nicht vor zehn Uhr zu erscheinen pflege.
-Renate &mdash; er sahs &mdash; hatte wieder geweint, und Georg
-hatte eine alte Abneigung gegen vieles oder leichtes Weinen
-von Frauen. Im Augenblick trug sie freilich einen
-skurrilen Ausdruck zur Schau, der ihr Gesicht lieblich verkleinerte,
-die Augen blank machte und etwas spitz wie die
-kleiner Tiere. Georg äußerte zu Anna &mdash; im stillen Renates
-Kleid bewundernd, das von blauem Violett, in der
-Form dem der Äbte glich, mit weitem, faltenreich glänzendem
-Rock und engen Ärmeln, die bis zum Ellbogen ein
-schlichter Schulterkragen bedeckte &mdash;, ob sie nicht auch
-fände, die Abatissa habe Augen wie ein Wiesel heut.
-</p>
-
-<p>
-Über Magdas Gesicht ging ein ungemeines Glänzen,
-während sie, ohne die Augen aufzuschlagen, schwieg und
-fortfuhr, die Knöpfe ihres Lodenkragens zu schließen.
-<a id="page-635" class="pagenum" title="635"></a>
-Renate fing an zu lachen, drehte sich um, legte das Gesicht
-in den hochgehobenen Ellbogen und den Arm gegen die
-Scheibe und lachte so einfältig, daß Georg ungehalten
-wurde.
-</p>
-
-<p>
-&bdquo;Was lacht sie denn so? Ist heut nicht Charfreitag?&ldquo;
-</p>
-
-<p>
-&bdquo;Erst Pferd und dann Wiesel, da hast du&rsquo;s&ldquo;, sagte
-Anna unverständlich zu Renate hinüber, und indem erschien
-vor Georg lautlos Egloffstein, ihn blicklos anblinzelnd
-mit den ganz hellen Augen unter weißen Brauen,
-Renates Mantel und Schirm in den Händen, die er Georg
-überreichte. Der aber fand nun, ins Freie blickend, daß
-es nicht mehr regnete; über die Terrasse glitten Sonnenstrahlen.
-Es gab noch einen Kampf mit Renate um den
-Mantel, bis Georg ihn ihr zum Tragen überließ, da er
-sie und Anna zu führen hatte.
-</p>
-
-<p>
-Als Georg dann, Annas Oberarm mit der Linken umspannend,
-mit der Rechten Renates Handgelenk, seinen
-Arm unter dem ihren, was sie unbegreiflicherweise zuließ,
-&mdash; als er so am Ende des Hauses die Beiden die Stufen
-hinabführte und zur Linken den Weg hinab in den Park,
-sich aufrichtend und Luft einziehend, stimmte er sich ernster,
-im Gedanken des Wegs, den sie gingen, und an den Annas
-Rosenstrauß ihn erinnerte.
-</p>
-
-<p>
-Naß, aufgeweicht, braun erstreckte sich vor ihnen der
-stumpfe Sandweg mit glänzenden Lachen an den Rasenrändern.
-Über die Büsche des Waldes, die zierlich begrünten,
-lief ein fröstelndes Beben. Vor ihnen, in der Weite
-der Parkflächen, standen die Bäume noch kahl und ohne
-Bewegung, während die grünen Gesträuche sich schüttelten
-im leichten Wind. Birken glänzten kalkigweiß, und
-<a id="page-636" class="pagenum" title="636"></a>
-stark war der Geruch all des Nassen, Erfrischten umher;
-österlich wie das Ganze selbst der eilig in grauweißen
-Wolken fahrende Himmel.
-</p>
-
-<p>
-Sie schritten schweigsam, langsam dem Weiher zu. Die
-Insel erschien, noch ganz schwarz, nur über dem Ufer
-unten grün mit Buschwerk gefleckt. Georg nahm die
-Blicke aus der Höhe des kahlen Astwerks zurück und
-wandte sie insgeheim gegen Renate.
-</p>
-
-<p>
-Herzbewegend schien ihm, was er nun sah: zwischen
-den kleinen Bögen des hohen Halskragens, die unterm
-Kinn und den Ohren nach außen gerollt waren wie die
-äußersten Kelchblätter einer Blume, kamen von innen
-kleine weiße Zungen heraus, Kelchblätter gleichfalls, und
-daraus stieg, und darin ruhte die geschlossene, feste, reiche
-Blüte des kleinen Haupts mit den ewigen Farben: Hyazinthblau
-und Magnolienweiß und Buchenbraun; mit
-seinem Wunder der Braue; der Sehnsucht von Engeln
-im Winkel des Mundes; dem Stolz von Byzanz in der
-Biegung der Nase, &mdash; ach, Heliodora, wie war alldas
-doch festlich und schön gewesen! &mdash; Und er bekam den
-Blick nicht los aus diesem, gradaus schauenden ihres
-Auges, zwischen winzigen Schlägen der Wimpern aus
-dem feuchten, gewölbten, durchblauten Kristall; diesem
-blickenden Leben, dieser sichtbar vor sich hinschauenden
-Seele aus dem magischen Haus.
-</p>
-
-<p>
-Dunkelgrau lag der Weiher, leicht wellenbewegt, zur
-Linken die schmale Brücke mit dem Rindengeländer; aber
-die Anna blieb, als er zu ihr einbiegen wollte, stehen, indem
-sie genau zu wissen schien, wohin sie gelangt war.
-So hielten auch er und Renate, wortlos, und Georg
-<a id="page-637" class="pagenum" title="637"></a>
-fand sich emporblickend leise geblendet von einem weißgelblichen
-Quellen im grauen Gestrudel des Himmels.
-Nicht weit davon war ein hellblaues Loch von unendlicher
-Tiefe.
-</p>
-
-<p>
-&bdquo;Weißt du noch,&ldquo; hörte er Anna sagen, &bdquo;wen wir hier
-herausgezogen haben?&ldquo;
-</p>
-
-<p>
-&bdquo;Wir, Anna? &mdash; Übrigens hast du im Leben keine edlere
-Tat getan&ldquo;, setzte er mit ungewolltem Spötteln hinzu.
-Sie bewegte daraufhin nur leise verneinend den Kopf hin
-und her, streckte die Hand nach dem Geländer aus, fand
-es und ging allein über die leise sich wiegenden Bohlen.
-Auch Renate bewegte, da er sie ansah, ähnlich wie Magda
-den Kopf, machte sich los von ihm und ging langsam
-davon, den Weg am Ufer hinunter. Also folgte er allein
-über die Brücke, rasch, um Magda in den Baumgang
-zu führen, die nach Renate nicht weiter fragte. Georg
-bedauerte immerhin soviel Zartgefühl, das ihn beraubte.
-</p>
-
-<h4 class="section">
-Magda
-</h4>
-
-<p class="first">
-Das Herz Georgs schlug an, als er aus dem Baumgang
-über die kleine Mulde hinaustrat, behutsam und so
-gleichsam mechanisch wie die Einlaßglocke in einem Hausflur,
-worauf er das Ausbleiben eines Mehr an Empfinden
-damit entschuldigte, daß in dem scharfen Sterben
-dieses Jahres die alten Tode zugrunde gegangen seien.
-Immerhin empfand er die ernsthafte Feierlichkeit des leicht
-geschlossenen Raums, über dem er blaue Segel taumlig
-über weißquellende Meere hinfliegen sah. Die kahle und
-nasse Buche gegenüber dampfte da und dort unter dem
-<a id="page-638" class="pagenum" title="638"></a>
-linden Feuer vereinzelter Strahlen; undeutlich an der Rinde
-erschien das dunkel metallene Schild.
-</p>
-
-<p>
-Es waren aber schon Menschen dagewesen. Da, wie
-Georg sich erinnerte, sein Vater bald nach Helenes Tod
-eine zweite Brücke hatte schlagen lassen, die von der Landstraße
-aus zu erreichen war, so fand Georg den Rasen
-unter dem Baum bedeckt mit frommen Zeichen: Sträuße,
-Kränze und Schleifen, und um den Stamm &mdash; welch holder
-Einfall eines Kindes! &mdash; war eine Girlande von Primeln
-geschlungen, &mdash; ein jungfräulicher Gürtel des Frühlings.
-Georg teilte Anna dies halblaut mit, und sie gab
-ihm ihre Rosen, die er in den Primelkranz hing, um ihnen
-so einen bevorzugten Platz zu geben. Sie standen dann
-stumm einander gegenüber, getrennt von dem blühenden
-Durcheinander am Boden, auf das Magdas Blicke hinabgerichtet
-schienen wie die seinen, und wo der Geruch
-von Nässe wetteiferte mit dem herben der Stechpalmen
-und dem leidenschaftlichen der Hyazinthen. Auf einer
-violetten Schleife, die seltsam an Renates Kleidung erinnerte,
-entzifferte Georg die in Gold gestickten Worte: Der
-Unvergeßlichen.
-</p>
-
-<p>
-Der Unvergeßlichen ... Gewiß vergaß er sie niemals.
-Drei Jahre bald war sie tot, aber worauf beruhte die
-Anhänglichkeit dieser Menschen an die immer unsichtbare
-Gestalt? Dienerschaftsgeflüster, dachte Georg, und dann,
-daß Güte und langes Leiden wie Christus über den Wellen
-wandeln nach überall. Indem ward er des Sarges
-inne, der hier unter seinen Füßen stand. Er fühlte die Luft
-kühler und fröstelte.
-</p>
-
-<p>
-&bdquo;Sind viel Blumen da?&ldquo; hörte er Magda fragen.
-</p>
-
-<p>
-<a id="page-639" class="pagenum" title="639"></a>
-&bdquo;Eine Menge.&ldquo;
-</p>
-
-<p>
-&bdquo;Voriges Jahr&ldquo;, erwiderte sie, &bdquo;waren es zwei Sträuße
-und ein Kranz. Was mag das bedeuten?&ldquo;
-</p>
-
-<p>
-Georg erriet an ihrem Ausdruck, daß sie es auf ihn
-selbst bezog, und sagte leise: &bdquo;Ja, die Menschen sind
-seltsam.&ldquo;
-</p>
-
-<p>
-Stille. Laut schmetternd erhob ein Buchfink seine nahe
-Stimme, und aus weiter Ferne herüber war eine Amselflöte
-zu hören.
-</p>
-
-<p>
-&bdquo;Sage mir, Georg,&ldquo; redete ihn das Mädchen wieder
-an, &bdquo;glaubst du je empfunden zu haben, daß sie nicht
-deine Mutter war?&ldquo;
-</p>
-
-<p>
-Er hob die Achseln. &bdquo;Wie kann ich das sagen? Ich
-empfand etwas. Aber ob ich auch, wenn sie weniger unsichtbar
-gewesen wäre ...&ldquo;
-</p>
-
-<p>
-&bdquo;Aber&ldquo;, sagte sie, &bdquo;dein Papa, das hast du doch immer
-gefühlt!&ldquo;
-</p>
-
-<p>
-&bdquo;Ja, Anna!&ldquo; bekräftigte er überzeugt &mdash; und schreckte
-zusammen. Was sagte er denn da? Aber wie mißverständlich
-hatte sie auch gefragt! &mdash; Noch nach einer berichtigenden
-Antwort suchend, sah er Magda horchend
-den Kopf anheben und hörte gleich darauf selber Stimmen
-und Schritte von Menschen. Wenig später standen
-sie wieder vor der Brücke.
-</p>
-
-<h4 class="section">
-Renate
-</h4>
-
-<p class="first">
-Unweit am Ufer zur Linken, über der Flut, wo Blaues
-und Weißes sich schnell ineinanderschlang, saß eine sehr
-stille, violettblau gekleidete Gestalt, in sich versunken, &mdash;
-<a id="page-640" class="pagenum" title="640"></a>
-Renate auf ihrem Mantel, den sie über die Bank gebreitet
-hatte, und von ihr ging ein Gefühl von Ernst und
-Trauer aus. Nahe über ihr flüchteten weiße gestaltlose
-Nebelwolken unter dem blauen Gewölbe, das durch vielfache
-Lücken schien und glänzte, und Strahlen wanderten
-lautlos golden dazwischen umher, erloschen und brachen
-an anderer Stelle mit lächelnder Sanftmut hervor. Weit
-und offen darunter das Land glänzte in Heiterkeit; Grün
-der Wiesen, überall zart erblinkend von gelben Schlüsseln;
-die kleine weiße Versammlung der Birken, unweit hinter
-Renate, schien dazustehn gleich Jünglingen oder Mädchen,
-die auf den Anfang der Wettspiele warten; ganz fern
-wirbelten Büsche grün und licht, und die Gruppen der
-schwärzlichen Bäume hatten nichts Struppiges mehr,
-sondern Weichheit und die unsichtbare Verschleierung ihrer
-Knospen. In der bewegten Stille der Lüfte regten sich
-lebhafte Vogelstimmen, zwitschernd und zuversichtlich,
-durch die lautlos weiche Geschäftigkeit der wandernden
-Lichtstrahlen.
-</p>
-
-<p>
-Ach, mein Frühling! dachte Georg und fühlte sich wieder
-beglückt; er führte wortlos die Anna über den Brückensteg
-und den Weg zu Renate hinunter, nach einer Weile
-erst kurz bemerkend, daß sie dort sitze.
-</p>
-
-<p>
-Renate blickte auf, als sie näher kamen, durch Georgs
-Augen streifend mit einem unverständlichen Blick voll
-Trauer und Güte. Das verwirrte ihn so, daß er nach einer
-Weile erst inne wurde, daß sie sich mit Magda stritt, die
-sich jetzt an ihn zur Entscheidung wandte. Sie müsse zur
-Generalprobe in die Stadt, und obwohl für Renate ein
-Vertreter bestellt sei, wolle sie jetzt mitkommen, und Georg
-<a id="page-641" class="pagenum" title="641"></a>
-sollte es verbieten, da sie doch ihren Fuß für den Abend
-schonen müsse.
-</p>
-
-<p>
-&bdquo;Braucht sie abends ihren Fuß?&ldquo; hörte Georg sich
-ganz freundlich fragen.
-</p>
-
-<p>
-&bdquo;Aber ja doch! Zum Orgelspielen! Zum Pedaltreten!&ldquo;
-</p>
-
-<p>
-Georg, nicht recht begreifend, warum er einen kleinen
-schneeweißen Eisberg in einem blauen Wasser schwimmen
-sah, raffte sich auf, sie zu überzeugen, aber der Streit
-schien bereits entschieden, und er konnte sich nun wundern,
-die Anna in ihrem hellroten Kleid, den Mantel am Arm,
-zwar irgendwie unsicher, aber ganz allein den Weg hinabgehen
-zu sehn.
-</p>
-
-<p>
-&bdquo;Kann sie denn sehn?&ldquo; fragte er ungläubig.
-</p>
-
-<p>
-&bdquo;O ja, heute ganz gut!&ldquo;
-</p>
-
-<p>
-&bdquo;Darf ich mich zu Ihnen setzen?&ldquo;
-</p>
-
-<p>
-&bdquo;Gern!&ldquo; Und Renate zog ihren Mantel, auf dem sie
-saß, weiter auseinander neben sich, denn die Bank war
-ganz naß.
-</p>
-
-<p>
-Georg schloß die Augen, erquickt vom Gefühl des
-Sitzens.
-</p>
-
-<p>
-Eine Lust schnellte jetzt in ihm auf wie ein Hund hinter
-der Hoftür, eine Begier, zu reden über irgendwas, da er
-sonst denken mußte, und schon hatte er sich an der Banklehne
-hin zu Renate hinübergelehnt und schwoll über.
-</p>
-
-<p>
-In diesem Augenblick glaubte Renate zum ersten Mal,
-seit sie ihn kannte, die Leibhaftigkeit Georgs, seine wirkliche
-Nähe zu spüren. Früher &mdash; wieviel ferner als alle
-Andern war er ihr allzeit gewesen, ein junger Mensch, den
-sie nicht verstand, fremdartigen Wesens, abgeschlossen von
-<a id="page-642" class="pagenum" title="642"></a>
-ihr. Während sie ihn sprechen hörte, stellte sich deutlich
-Erinnrung an seinen Vater ein. Was erinnerte denn so
-sehr an ihn? Es war &mdash; Magda hatte es getroffen &mdash;
-etwas Fürstliches da, eine Unbändigkeit und Überlegenheit.
-Freilich &mdash; seine Mundwinkel hatten ein Verächtlichkeitszucken,
-das ihr zu häufig kam, als daß es ihr ganz
-echt scheinen konnte. Aber sein Auge war klar, zumal in
-Pausen, wenn er schwieg und weithin blickte; dann hatte
-es einen Glanz von Unerschrockenheit, von Stetigkeit und
-&mdash; sie fühlte ein innres Erröten, als sie es dachte &mdash; fast
-von Wärme, wenn er sich nun zu ihr wandte. Warum
-nur lärmte er so? sprach schallend laut und machte heftige
-Gesten? Ja, auch das war wie beim Vater ...
-</p>
-
-<p>
-&bdquo;Ja, nun sehen Sie mal, teuerste Renate, da haben wir
-Charfreitag. Ein schöner Tag offenbar, ich bin ganz erstaunt.
-Denken Sie an, ich habe da drei Wochen bis über
-die Augen in Geschäften gesessen und nicht bemerkt, daß
-es Frühling ist. Aber so geht es mir immer. Passen Sie
-mal auf!&ldquo; Er redete nun immer freier und sorgloser, in
-schnellender Erleichterung von Satz zu Satz. &bdquo;Ich will
-Ihnen mal genau sagen, wie sich das mit mir verhält.
-Vor ungefähr vier Jahren hatte ich folgenden Traum.
-Ich stand in einem Theaterparkett, nicht wahr; auf der
-Bühne war ein glänzender Festzug, ich sollte eigentlich
-mitwirken, nicht wahr, aber die Menschen ließen mich
-nicht hin, und ich schrie, nicht wahr, Sie verstehn, wie das
-so ist im Traum, und ich schrie jedenfalls: Ich komme
-nicht hinein. Komisch, was, aber wir können so weise
-werden wie Salomo, wir träumen doch immer wie die
-Esel. Übrigens war dieser Traum eben nicht so dumm,
-<a id="page-643" class="pagenum" title="643"></a>
-barg vielmehr eine Wahrheit am tiefen Grunde, wie der
-Dichter sagt, und was meinen Sie, wer förderte sie zutage?
-Natürlich Ihr leider verstorbener Vetter Josef.
-Was sagte er nämlich, wie legte er es aus? Ganz einfach,
-nicht wahr, nämlich &mdash; ich käme bei Gott nicht hinein, in
-die Gegenwart gewissermaßen, Sie verstehn, was man
-so &sbquo;das Leben&lsquo; nennt. Ja, Sie lächeln, Renate, aber nun
-ist es wahrhaftig eingetroffen. Im Allgemeinen und im
-Besondern. Soll ichs beweisen? Ich meine &mdash;, ich weiß
-ja nicht, ob es Sie &mdash;&ldquo;
-</p>
-
-<p>
-&bdquo;Sehr, Georg, sehr doch! Ich habe ja viel an Sie
-denken müssen, seit Sie Herzog sind, und &mdash;&ldquo;
-</p>
-
-<p>
-&bdquo;Das wird ein schöner Schlamassel werden, nicht wahr?
-Haben Sie das nicht gedacht?&ldquo; rief Georg, bog sich nach
-hinten und lachte schallend.
-</p>
-
-<p>
-&bdquo;Nicht ganz, Georg, aber daß es sehr schwer &mdash;&ldquo;
-</p>
-
-<p>
-&bdquo;Schwer? Was für&rsquo;n Unsinn, Renate! Wie kann so
-was schwer sein? Das ist genau wie mit dem Dichten,
-meinen Sie, das wäre schwer? Der Eine kanns immer,
-der Andre kanns nie. Ich gehöre zu denen, die es nie können&ldquo;,
-schloß er überzeugt.
-</p>
-
-<p>
-Georg schwieg. Minutenlang schwieg er, aber während
-dieses Schweigens sprach er ganz andre Worte zu ihr als
-im Augenblick zuvor. Er sagte, langsam und nachdrücklich
-Wort für Wort und ohne die Fürstenpose, die er sich
-angeformt hatte, ohne selber zu wissen wie; er sagte:
-</p>
-
-<p>
-Sieh, Renate, wie das mit mir ist! Zwischen den
-Menschen und mir ist etwas wie ein Schleier; nicht einmal
-Schleier, &mdash; nur Glas, durchsichtig, und scheinbar ist
-gar nichts da, und doch ist es etwas, das den geraden
-<a id="page-644" class="pagenum" title="644"></a>
-Blick bricht, so daß er nicht eindringen kann in ihr Sein.
-Das ist die Lüge ...
-</p>
-
-<p>
-Hier brach er ab, dachte trocken und heiß: Warum
-sag ich es nicht? Warum leg ichs nicht einmal in eine
-fremde, in ihre Hand, daß sie&rsquo;s weiß, daß sie &mdash; ja, daß
-sie nur etwas näher zu mir ist, als daß wir nun sitzen als
-Unbekannte und reden, was ebenso gut und was besser
-ungeredet verbliebe?
-</p>
-
-<p>
-Georg bemerkte, daß genug geschwiegen war, besann
-sich und begann von neuem so wie vorher.
-</p>
-
-<p>
-&bdquo;Also ich wills Ihnen beweisen! Zum Beispiel folgendermaßen,
-nicht wahr, ich will beispielsweise reden.
-Sie wissen, Ihr Vetter Erasmus hat, wie auch früher
-mein Vater, und nach dem Vorgang von Abbe in Jena,
-die Einrichtung getroffen, daß die Arbeiter seines Unternehmens
-am Einkommen beteiligt sind. Nun, herrlich,
-nicht wahr, menschenfreundlich und gerecht. Und was
-kommt heraus? Ein jeder Arbeiter, nicht wahr, hat sein
-Stück Geld auf der Bank, ist, mit einem Wort, ein kleiner
-Kapitalist. Ist aber damit ein Übel beseitigt? das Grundübel,
-der Kapitalismus? Tausend Menschen sitzen mit
-Goldplomben in den Zähnen, und da giebt man den Übrigen
-auch welche, das ist die Geschichte. Ja, sehen Sie
-doch, der steifste Reaktionär könnte ja nichts Besseres tun,
-um der sozialdemokratischen Arbeiterschaft den Mund zu
-stopfen, denn wer satt hat, der ist zufrieden, das ist so alt
-wie Jerusalem. Ja, aber meinen Sie, das könnte mir
-passen? Da sehen Sie also, daß bei Menschenfreundlichkeit
-nichts herauskommt. Also, wie greif ichs an, wie komm
-ich hinein, da ich auf einer ganz andern Grundlage stehe?
-</p>
-
-<p>
-<a id="page-645" class="pagenum" title="645"></a>
-&bdquo;Oder ein andres Beispiel. Ein Dichter schickt mir da
-seine Verse mit der ergebenen Bitte, ihm zum Abdruck zu
-verhelfen. Dummes Zeug, nicht wahr, das sich reimt, na,
-aber das ist Zufall, sie könnten ja gut sein. Was tu ich?
-Laß ich diese drucken, so kann jeder kommen, ich muß
-einen Verlag aufmachen, das geht nicht. Aber, da ich
-nun mal die Aufgabe habe, im Einzelfall den Mangel der
-Gemeinschaft zu erkennen, was tu ich? Ich denke nach,
-nicht wahr, über diese besondre Gemeinschaft der Dichter,
-die keinen Verleger finden, oder wenn auch, nicht genug
-zum Leben bekommen, und was fällt mir ein? Folgendes,
-nicht wahr? Alle Dichter höheren Grades, eben
-jene, die es am schwersten haben, tun sich zusammen und
-geben ihre Werke gemeinsam heraus. Was geschieht?
-Diese Werke kauft niemand; da sie gut sind, niemand.
-Was muß der Dichterverlag m. b. H. tun, um sich über
-Wasser zu halten? Muß noch andre Werke herausgeben,
-die gehn, Kunstbücher oder Schmarren oder so, was Sie
-wollen, mit einem Wort: sie müssen einen richtigen Verlag
-gründen, den Konkurrenzkampf aufnehmen, und so
-weiter. Können sie das? Gott bewahre, sie sind Dichter,
-sie müssen also einen Geschäftsmann an ihre Spitze stellen,
-einen Verleger, der es macht wie die Andern, und was
-kommt zutage? Ein Verleger mehr zu den alten. Oder
-aber, ich muß einspringen, muß den Verlag unterstützen &mdash;,
-ja &mdash; na, da kann ich grad so gut dem Einzelnen helfen,
-der zu mir kommt, und wir drehn uns im Kreis wie die
-Schafe mit Littiti.
-</p>
-
-<p>
-&bdquo;Oder drittens, um zum Kern der Sache zu kommen.
-Ein Schuldirektor überreicht mir in Audienz ein dickleibiges
-<a id="page-646" class="pagenum" title="646"></a>
-Manuskript: Umformung des gesamten Schulwesens.
-Schön, nicht wahr, des gesamten, der Kerl, denkt man,
-fängt die Sache am Grunde an. Ich fange an zu lesen,
-nicht wahr? Übrigens ein geistvoller Mann, wie Herder,
-nur praktischer. Also ich lese zwanzig Seiten und habe
-folgende Vision. Ich lege das Buch meinem Kultusministerium
-vor. Das sagt: Ausgezeichnet, und streicht mir
-die Hälfte weg. Die verbliebene Hälfte, nicht wahr, leg
-ich vor den Landtag. Der sagt auch ausgezeichnet und
-streicht wieder die Hälfte. Das verbliebene Viertel geht
-an die Schulbehörde, und da sickert es nun über die Inspektoren
-zu den Direktoren, zum Lehrkörper endlich, und
-allda wirds ein Pensum. Da sitzen in allen Klassen diese
-braven und unbraven Berufsmenschen, die fünfzig Karpfen
-und drei Hechte in die Schleuse der Versetzung zu treiben
-haben, und was meinen Sie nun, ist inzwischen aus der
-glorreichen Umformung meines Herders geworden?
-</p>
-
-<p>
-&bdquo;Und da, Renate, da haben wir die Sache beim Kopf
-und können sie lausen. Hilft es irgend etwas, die Einrichtungen
-ändern zu wollen? Nein, die Menschen müssen
-sich ändern, und nun sagen Sie mir um Gottes willen, wie
-ändert man die?&ldquo;
-</p>
-
-<p>
-Georg, heftig frierend, aber sonst frei, sah zu Renate
-auf, die sich langsam erhoben hatte.
-</p>
-
-<p>
-&bdquo;Ja, möchten Sie denn nicht zugreifen, Georg, um
-sie zu ändern, die Menschen?&ldquo; sagte sie leise. &bdquo;Wie
-schön &mdash;&ldquo;
-</p>
-
-<p>
-&bdquo;Ich, Renate, ich?&ldquo; Hohnlachend warf Georg sich zurück.
-&bdquo;Ich? Ja, wie komm ich denn dazu? Einigermaßen
-sitze ich ja fest in meinem Leben, bin wenigstens
-<a id="page-647" class="pagenum" title="647"></a>
-fertig damit, aber &mdash; hab ich mich denn je geändert? Wie
-hab ich ein Recht? Gott, sehen Sie doch, mein Vater &mdash;&ldquo;
-Er verstummte, für Sekunden sprach- und gedankenlos,
-und sah Artaxerxes, den Schwarzen, über das Wasser
-heranziehn, plötzlich abbiegen und um Renate, die vorn
-am Ufer stand, einen weiten Bogen beschreiben, indem er
-leise fauchte.
-</p>
-
-<p>
-&bdquo;Mein Vater&ldquo;, fuhr Georg mit Anstrengung fort,
-&bdquo;war ein Mann der Tat. Er stand nun mal auf dem
-Boden, auf dem er zu schaffen verstand. Ich steh auf
-einem ganz andern, von dem aus die ganze Gemeinschaft,
-in der wir leben, falsch aussieht, oder so &mdash; warten Sie
-&mdash; nun, wie wenn Menschen, nicht wahr, deren Natur
-für eine bestimmte Höhenlage, ein bestimmtes Klima geschaffen
-ist, in einer andern, höhern oder tieferen Luftschicht
-angesiedelt sind, und was sie auch anfangen, es
-verbiegt sich, es wächst verdreht, was nach unten will,
-nach oben, und umgekehrt, ja, es ist doch wahrhaftig,
-als säßen sie alle mit dem Wipfel im Erdboden und
-ließen die Wurzeln in die Luft starren. Kann ich sie umdrehn?
-</p>
-
-<p>
-&bdquo;Mit einem Wort: daß ich hier sitze und Herzog bin,
-das ist der allergrößte Schwindel. Aber so geht es eben.
-Jahrelang habe ich nach diesem gestrebt und es für Glanz
-und Ruhm gehalten, wie der Dichter sagt, und nu &mdash; was
-is es nu? Wie die Engländer sagten, als sie auf dem
-Brocken gewesen waren: <span class="antiqua">We have seen all the mist and
-missed all the scene.</span> So ist es.&ldquo;
-</p>
-
-<p>
-Renate lächelte, und er lachte nach Kräften.
-</p>
-
-<p>
-Fertig damit und still geworden, sagte er nachdenklich:
-</p>
-
-<p>
-<a id="page-648" class="pagenum" title="648"></a>
-&bdquo;Und das, Renate, das sind denn so die Dinge, von
-denen sich reden läßt.&ldquo;
-</p>
-
-<p>
-Renate, auf ihn heruntersehend, fragte freundlich: &bdquo;Und
-die eigentlichen, die wir verschweigen &mdash;?&ldquo; Aber indem
-fiel Georg, erstarrt vom Erschrecken, ein: &bdquo;Um Gottes
-willen, was war denn das eben? Das habe ich doch schon
-einmal erlebt! Nein, es war &mdash; anders, aber &mdash; die Worte,
-meine Worte eben &mdash;&ldquo;
-</p>
-
-<p>
-Er verstummte, jagend nach der Erinnerung durch hundert
-Bildstücke seines Lebens, und mit einer Erleichterung
-endlich traf er auf Bogners gutes Gesicht und hörte ihn
-die Worte sagen: Und das sind denn wohl so die Dinge,
-von denen man reden kann. Wann? Wann? Hier, in
-Helenenruh, am Ende auf dieser Bank? Nein, in einem
-Zimmer war es, im Gastzimmer. &mdash; Georg sprang auf
-und starrte die Bank an, fühlte indem die Hand Renates
-an seinem Arm, sah aufblickend ihre Augen, lächelnd in
-einer beängstigend süßen Besorgnis, und stammelte eine
-Entschuldigung.
-</p>
-
-<p>
-&bdquo;Haben Sie&ldquo;, fragte er, &bdquo;das einmal erlebt, daß man
-glaubt, sich an ein andres, ein Leben vor diesem zu erinnern?
-Aber nun weiß ich schon, es waren nur Worte
-Bogners, die ich eben brauchte. Vor drei Jahren &mdash; &mdash;&ldquo;
-Er brach ab. &bdquo;Soll ich Sie ins Haus bringen?&ldquo;
-</p>
-
-<p>
-&bdquo;Ja, aber auf einem Umweg bitte. Wirklich, es ist nicht
-so schlimm für meinen Fuß,&ldquo; bat sie, &bdquo;ich möchte so gern
-ein wenig gehn und auch mehr von Ihnen hören. Sagten
-Sie nicht, im Besondern und Allgemeinen? Ja, dann
-müssen Sie mir schon das Allgemeine auch noch beweisen,
-und dann &mdash; dann werde ich Ihnen einen Rat geben!&ldquo;
-</p>
-
-<p>
-<a id="page-649" class="pagenum" title="649"></a>
-&bdquo;Das wäre herrlich! Also gehn wir!&ldquo;
-</p>
-
-<p>
-Er nahm ihren Arm wie zuvor und führte sie an der
-Bank vorüber, weiter am Teich hin, um auf einen der
-Wege zwischen die Wiesen abzubiegen.
-</p>
-
-<h4 class="section">
-Renate (Fortsetzung)
-</h4>
-
-<p class="first">
-Georg brachte seine Sprachmühle laut klappernd wieder
-in Gang.
-</p>
-
-<p>
-&bdquo;Ich sagte, glaub ich, schon mal, daß ich fertig wäre.
-Das heißt, ich habe mich abgefunden mit dem hier, dem
-sogenannten Ich. Man bastelt überhaupt viel zuviel
-dran herum, weniger wäre mehr, wie immer, aber &mdash;
-nun, was ich sagen wollte: heut morgen auf einmal
-wach ich auf, und kaum daß ich merke, ich bin für diesen
-schönen Charfreitag mir selbst überlassen, was fällt mir
-ein? Daß ich keinen Glauben habe. Oder das Christentum.
-Ja, ganz so sehe ich das auf einmal vor mir, als
-hätte ich das versäumt. Nun sagen Sie, Renate, Ihr
-Vater war doch Pastor, und Sie &mdash; verzeihen Sie die
-Frage! &mdash; Sie sind doch fromm? Ich fände wenigstens
-&mdash; es wäre schön, wenn Sie fromm wären ...&ldquo;
-</p>
-
-<p>
-Renate, die ihn nicht ansah, fragte, etwas tonlos, wie
-ihm schien: &bdquo;Warum meinen Sie das?&ldquo;
-</p>
-
-<p>
-&bdquo;Warum? Ja, erklären läßt sich das kaum ... Aber &mdash;
-eine gottlose &mdash; ich meine: wirklich gottlose Frau, nicht
-wahr, das erschiene mir schlimmer als eine Betrunkene.
-Ja, sollten nicht alle Frauen Priesterinnen sein? Bei den
-Germanen galten sie doch wenigstens als heilig, und &mdash;
-auf den Glauben, auf den Gott käme es vielleicht weniger
-<a id="page-650" class="pagenum" title="650"></a>
-an als &mdash; eben auf das Frommsein. Irgendwie Gottheit
-verwalten, einer Gottheit dienen, sei es Astarte, wenn sie
-glauben könnten an Astarte, aber &mdash; das ist ja freilich,
-was immer fehlt: der Glaube. Und Sie &mdash; Sie glauben
-aber an Gott?&ldquo;
-</p>
-
-<p>
-Er war bei diesen Worten mit ihr stehen geblieben, da
-sie an das Gatter neben dem Eichenwäldchen gelangt
-waren. Sich los von ihm machend, trat sie davor, legte
-eine Hand darauf, und während sie über das Land hinzublicken
-schien, sah Georg von Schatten ein ganzes Heer
-über die lichten Gefilde dieser Züge fallen. Wieder und
-wieder wollten sie aufglänzen, fast sich schüttelnd darunter
-hervorkommen, der Mund bewegte sich häufig, die Winkel
-bebten; mit einer Anstrengung machte sie sich endlich frei
-von den inneren Vorgängen und sagte mit rauher
-Stimme:
-</p>
-
-<p>
-&bdquo;Was wollten Sie denn wissen?&ldquo;
-</p>
-
-<p>
-Etwas beschämt, dies gesehen zu haben, und beklommen,
-da sie seine Frage nicht beantwortet hatte, schwieg Georg.
-Indem näßte ein Tropfen seine Stirn, und er bemerkte,
-daß Land und Himmel sich verdunkelt hatten. Der Himmel
-war wieder schwer grau, auf den zum Deich ansteigenden
-Wiesen wehte das Gras heftig, schon fiel ein
-feuchter Schauer von oben. Georg hängte Renate hastig
-ihren Mantel um die Schultern und sagte: &bdquo;Ins Haus
-kommen wir nicht mehr, aber ich weiß hier einen Unterstand!&ldquo;
-</p>
-
-<p>
-Sie folgte stumm, scheinbar ganz willenlos am Wäldchen
-hinunter, bis Georg, in das Unterholz einbiegend,
-voranging, um die tropfenbehängten Zweige auseinander
-<a id="page-651" class="pagenum" title="651"></a>
-zu schlagen. Nach wenigen Schritten stand er vor einem
-riesigen Eichenstamm ohne Krone, in dem eine fast zwei
-Meter hohe Höhle in Dreieckform klaffte. Er ließ Renate
-eintreten, es war Raum in dem warmen mehligen Innern
-genug, daß auch er selber drin stehen konnte, und so standen
-sie eine Weile, wortlos, lauschend, wie der Regenschauer
-von hoch oben in den Wald einfiel und hier und
-da prasselte auf den jungen Blättern.
-</p>
-
-<p>
-Tiefer ins Innre der Höhlung tretend &mdash; während
-Renate am Eingang eine Schulter anlehnte, ins Freie
-blickend &mdash;, sah Georg mit nicht geringer Beklommenheit
-in die enge Wölbung empor, die sich in der Höhe in Nacht
-verlor. Durch einen fensterartigen Spalt über ihm in der
-Rückwand sickerte Licht. Das ist eine Kapelle! dachte er,
-und daß er ihr nun so nah und in solcher Abgeschlossenheit
-mit ihr war wie noch nie. Ich glaube, ich könnte ihr gut
-sagen, daß ich sie liebe; Wirkung, irgendwelche Folgen
-würde es keine nach sich ziehn, und ich werde es auch
-wohl kaum tun.
-</p>
-
-<p>
-Unter solchen Gedanken betrachtete er den reichgeschlungenen
-Knoten ihres Haars, dessen sondres Braun
-an einer Stelle matt glänzte und heller schien in dem aus
-dem oberen Spalt fallenden Licht. Nur die Biegung ihrer
-Nase war ihm sichtbar und an dem kaum merklichen Auf-
-und Niedergehn der violettblauen Schultern, daß sie schwer
-zu atmen schien. Weich lag die Stille umher mit dem
-Regengeräusch und fernem Gezwitscher von Meisen.
-</p>
-
-<p>
-Renate sagte:
-</p>
-
-<p>
-&bdquo;Sie sagen, daß Ihnen ein Glaube fehlt. Was ist denn
-das für ein Glaube, den Sie haben möchten?&ldquo;
-</p>
-
-<p>
-<a id="page-652" class="pagenum" title="652"></a>
-Georg zauderte lange im Empfinden, nun ganz aus
-innen sprechen zu dürfen, und indem wurde sein Auge von
-einer neuen Erscheinung gefesselt. Das war nichts weiter
-als der Zweig eines Holunderstrauchs, der sich gegen den
-Eingang von draußen erstreckte. Die jungen, noch weichen,
-aber schon großen &mdash; vielleicht erst heut, nach dem Morgenregen
-so groß gewordenen Blätter mit kleiner Zackung
-waren sich in einer so liebreichen Weise gleich, so geschwisterlich
-auf ähnliche Weise immer wieder vorhanden,
-und dabei so genau gemacht und so schön, so einfach und
-klar in dem Dasein, in einer verborgenen, aber merkbaren
-und stillen Aufgabe begriffen, nur ruhig schaukelnd und
-ungestört, wenn eines ein Tropfen traf, daß Georg die
-Augen nicht abziehn konnte von dem freundlichen Bild
-und so lange gedankenlos blieb. Endlich fing er dann an:
-</p>
-
-<p>
-&bdquo;So bin ich hineingerannt in die Welt und habe immerfort
-ausschauen müssen nach allen Seiten. Was hab ich
-gewonnen? &mdash; Weltanschauung &mdash; das Wort will zu viel
-und giebt zu wenig, denn: was ist anschaun? &mdash; Nein:
-wahres Wissen um einige wenige Dinge, um das Eins ist
-not, &mdash; und ein tiefes ernstes Eingerichtetsein auf dies
-Wissen &mdash; das möchte ich wohl. Ach wohl, ich habe immer
-gedacht, es ernst zu nehmen mit mir, aber nun scheint mir
-fast, mir &mdash; und jedem heut, dem der Glaube fehlt, dem
-fehlt nicht er, sondern dem fehlt es irgendwie &mdash; am
-Ernst.
-</p>
-
-<p>
-&bdquo;Und dann, Renate,&ldquo; fuhr er traurig fort, &bdquo;dann wäre
-Religion nichts, das einem zuflösse von außen, vom
-Himmel, oder woher es auch sei. Sondern sie wäre wie
-eine Eigenschaft des Wesens und Lebens, wie ein Temperament,
-<a id="page-653" class="pagenum" title="653"></a>
-wie Heiterkeit oder Schwermut, und was man
-mit ihr berührte, das müßte von ihr <a id="corr-16"></a>zu fließen anfangen.&ldquo;
-</p>
-
-<p>
-&bdquo;Und das Christentum,&ldquo; hörte er nach einer Weile
-Renates Stimme durch den Regenstrom, &bdquo;das, glauben
-Sie, könnte Ihnen &mdash;&ldquo;
-</p>
-
-<p>
-&bdquo;Ich weiß ja nicht!&ldquo; rief er, sie unterbrechend. &bdquo;Heut
-morgen sprach ich mit Anna und Benno darüber &mdash;, aber
-seitdem ist mir alles so zerfallen. Das Christentum ist für
-jenseits; ich will etwas für hier. Vom Ahnenkult der
-Japaner, das fiel mir heut morgen schon ein, las ich bei
-Hearn, daß es in ihm weder einen Unterschied zwischen
-Religion und Ethik gebe, noch zwischen Ethik und Moral
-oder Sitte. So etwas dachte ich mir. Die Gesetze der
-Gemeinde und des Hauses, der Familie, die, sagt Hearn,
-seien die Sittenlehre des Shintoismus, und Staat und
-Religion, Sitte und Gesetz, die sind eins. Klingt das nicht
-wundervoll? Und weiter erinnere ich mich, daß er sogar
-sagt, das wahre Leben jedes religiösen Gesetzes liege in
-seiner Bedeutung für die Pflicht des Menschen gegen den
-Menschen; in der Lehre von Recht und Unrecht, sagt er.
-Das, das ist es! Die sittlichen Erfahrungen eines Volkes,
-die zu Religion geworden sind. Verstehen Sie mich doch,
-Renate, ich will keine Religion für mich, sondern für Alle.
-Sie haben ja Alle keine, wie könnte ich sonst ohne sie sein?
-Also hätte unser Volk, hätte Europa keine sittlichen Erfahrungen?
-Warum auch übernahmen wir das Christentum?
-Sie wurde uns eingeimpft, diese unsinnige Lehre
-vom Leiden, diese versprechende Religion, die das Leben
-nimmt, statt es zu geben. Ja, und sehen Sie dabei: sind
-die Japaner vielleicht bessere Menschen?&ldquo;
-</p>
-
-<p>
-<a id="page-654" class="pagenum" title="654"></a>
-Er sprach, ohne noch fest zu wissen, was er sprach,
-immer die mattgrünen stillen Blätter vor Augen, deren
-jedes ihm mehr und mehr eine Offenbarung hinzuhalten
-schien in ihren ruhigen kleinen Götterhänden. Dann als er
-schwieg, hörte er deutlich die große Stimme der Einsamkeit
-über die niederfallende Flut.
-</p>
-
-<p>
-Renate hatte ihm jetzt das Gesicht zugewandt und
-lächelte ein wenig. &bdquo;Ach Georg,&ldquo; sagte sie dann, &bdquo;ein
-bißchen, ein ganz klein bißchen erinnern Sie mich doch
-immer an Jules Verne.&ldquo;
-</p>
-
-<p>
-&bdquo;Ach! Aber warum denn das?&ldquo;
-</p>
-
-<p>
-&bdquo;Weil er&ldquo;, erklärte sie, &bdquo;zuerst eine Möglichkeit annimmt,
-zum Beispiel die, daß eine Kugel voller Menschen
-sich zum Mond schießen lasse. Und auf dieser unbewiesenen
-Möglichkeit baut er nun weiter, ganz wissenschaftlich und
-logisch und richtig, und alles bekommt seine Ordnung und
-wird belegt und bewiesen &mdash; bis auf jene Möglichkeit. Und
-Sie, Georg, Sie betrachten einen Gegenstand und sagen:
-der ist so! Und auf diesem &sbquo;so&lsquo; bauen Sie auch weiter nach
-allen Regeln der Logik, und es hat alles seine Richtigkeit,
-bloß das &sbquo;so&lsquo;, das hat keiner bewiesen&ldquo;, schloß sie lächelnd.
-</p>
-
-<p>
-&bdquo;Meinen Sie wirklich?&ldquo;
-</p>
-
-<p>
-&bdquo;Ja, nannten Sie nicht das Christentum eine Religion
-des Leidens? Nun, und selbst wenn es das wäre, heute
-wäre, wer zwingt Sie, das anzunehmen?&ldquo;
-</p>
-
-<p>
-&bdquo;Sie haben recht, Renate, ich &mdash; ich kenne es vielleicht
-gar nicht. Also habe ich unrecht? Überzeugen Sie mich
-doch bitte!&ldquo;
-</p>
-
-<p>
-Sie schwieg eine Weile und schien zu warten, daß der
-überlaut strömende Regen leiser würde. Dies geschah auch
-<a id="page-655" class="pagenum" title="655"></a>
-bald, und Georg hörte sie sprechen, von ihm abgewandt,
-dem Wald zugewendet.
-</p>
-
-<p>
-Renate begann langsam, die Worte nur selten verändernd,
-eine Charfreitags-Predigt ihres Vaters zu sagen.
-</p>
-
-<p>
-&bdquo;Wir&ldquo;, sagte sie langsam, &bdquo;blicken aus der Gegenwart
-in die Vergangenheit; und sehen wir dort in der Ferne
-Christus, im Jahre Eins oder Dreißig, so scheint uns dort
-alles anzufangen wie die Rechnung unserer Zeit. Es
-scheint, als wäre von allem, was er brachte und war,
-nichts gewesen zuvor; als ob er ein noch nie dagewesenes
-Neues erfunden habe, und wie wäre das möglich? Nur auf
-einem Grund läßt sich bauen, nichts ist neu von allen Seiten,
-und wie alle Andern, die uns heute ein völlig Neues gebracht
-zu haben scheinen, war er ein Erneuerer, und es war alles
-schon vorher, und nur auf seine Weise war es noch nicht.
-</p>
-
-<p>
-&bdquo;Und ferner sieht, wer ihn von hier aus sieht, sein
-Leben nicht vom Anfang, sondern vom Ende. Vor dem
-Ganzen erhebt sich das Kreuz, überschattet das Ganze und
-macht sein Leben zu einem einzigen Stollengange des Leidens,
-einem Gange zum Kreuz, in der Gewißheit dieses
-Endes von Anbeginn. Die gewaltigen Worte von Golgatha,
-von der Vergebung der Sünden, vom ewigen Leben,
-von der Vollendung des Leidens, sie scheinen nunmehr das
-Einzige, scheinen das Gefäß, das Leben und Lehre, alles
-umschließt, und das Leben nur der Weg zu ihm, oder der
-Unterbau, der sie als Krone, als Schlußstein trägt, und
-es dient nur, sie zu erklären, zu stützen, zu vervollkommnen.
-So aber müßte man sie in Wirklichkeit sehn, als Krone
-und Schlußstein des Baus, aber das Eigentliche ist und
-bleibt doch der Bau und nicht seine Bekrönung.
-</p>
-
-<p>
-<a id="page-656" class="pagenum" title="656"></a>
-&bdquo;Und so müßte man ihm nachgehn durch dieses Leben,
-ihm, nicht als einem Halbwesen, halb wirklich, halb immer
-symbolisch, sondern als einem leibhaften, glühenden,
-wollenden, versuchenden Menschen, der kam, um zu helfen,
-nicht um zu sterben. Der Schritt für Schritt, immer
-eifriger, immer wissender, immer liebevoller, sich steigerte
-in Worten und Taten, erst Worte gab, dann Taten &mdash;
-jene, die heute die Wunder heißen &mdash; zur Erhärtung, als
-Bürgschaft der Worte. Er, der Liebe säte und Glauben
-empfing. Der leidenschaftlich lebte, ein Dichter, kräftig
-packend in die Speichen der Sprache, dessen Rede leben
-sollte und brennen, der ihr Augen gab und Lippen und
-schlagende Flügel, und der also leibhaftig redete und stets
-mit den Grenzen des Ausdrucks, in den Tiefen der Darlegung,
-und so kam es dann, daß er so widersprechende
-Worte sagte wie, daß kein Stein auf dem andern bleiben
-werde, bis daß es alles geschehe, und daß auch kein Tüttel
-vom Gesetz verloren gehn solle, und er nicht gekommen
-sei, aufzulösen, sondern zu erfüllen. Das sagte er, denn
-die jüdische Glaubenslehre, so erstarrt sie schon Christus
-empfunden haben mag in der Verpanzerung des Gesetzes,
-sie war unendlich reich an sittlichen Forderungen, an tiefer
-Weisheit des täglichen Lebens, und wie schön an die Erde
-gebunden mit dem Messias, der kommen sollte, nicht nach
-dem Tod, sondern zu lebenden Menschen der Erde. Und
-es ist die wundervolle Unterscheidung der jüdischen Heilslehre,
-daß sie das goldene Zeitalter nicht in der Vergangenheit
-sah wie der Grieche, nicht im Jenseits wie der Christ
-und der Brahmine, sondern in einer leibhaften Zukunft
-der Menschheit.
-</p>
-
-<p>
-<a id="page-657" class="pagenum" title="657"></a>
-&bdquo;Man kann sich wohl denken, daß auch er dies gewollt
-hat, und also sein Leben weiter sehn. Nachdem darin im
-Anfang alles helle gewesen war, überall Freude und Entgegenkommen,
-Dankbarkeit und Vertrauen, fing nun der
-Haß an, der immer an zweiter Stelle kommende; die Befeindung,
-&mdash; und langsam ließ sich gewahren, wie er sich
-verstrickte, und daß es nicht genug war, gut zu sein, daß
-es keinen Schutz gab gegen das Mißtrauen und gegen die
-Eigentümer des Hergebrachten, die sich bedroht schienen
-von jeder Neuigkeit. Und die Ahnung ging ihm jetzt
-auf, daß er einmal zu zeugen haben werde für das Wort
-seines Blutes, mit dem Blut. Jedenfalls &mdash; in den Beschreibungen
-seines Lebens findet sich vom Leiden kein
-Wort &mdash; obschon vom Dulden und Geduldhaben &mdash;, bis
-jene Ahnung begann. Und so kam die Abschiedsnacht.
-</p>
-
-<p>
-&bdquo;Jene Nacht, in der die ewigen Worte fielen, die
-Samenkapseln, aus denen das ungeheure Feld aufgehn
-sollte. Er war aus Jerusalem entwichen und kehrte zurück.
-Er sammelte nun seine ganze Kraft, Bürge zu stehn für die
-Lehre, und ach sehen Sie ihn nun, den zarten, glühenden
-Menschen, der sich unterfangen hatte, Alle zu ändern auf
-seinem Wege, sehen Sie ihn in der furchtbaren Stunde
-gewissen Todes? Nein, denken Sie jetzt an keine schönen
-Gemälde des ruhigen Abendmahls, denken Sie nicht, daß
-er nur, wie es heißt, auf Gethsemane seine Kraft verlor
-und Gott bat, den Kelch vorübergehen zu lassen! Wenn
-er die Kraft auch besaß, war jene im Garten die einzige
-Stunde der Angst? War da Ruhe und Gelassenheit in
-dem fremden dunklen Gastzimmer, in der sinkenden Nacht,
-der letzten, da schon das Urteil verlesen war und nur die
-<a id="page-658" class="pagenum" title="658"></a>
-Vollstreckung noch ausstand? War er nicht unendlich einsam,
-eine dürftige, frierende Frucht in der Hand des
-Todes? Und diese Hand war es, die nun zugriff und
-preßte und herauspreßte das Ewige, die Blutworte aus
-den ersten Wunden: Nehmet hin und esset, dies ist mein
-Leib!
-</p>
-
-<p>
-&bdquo;Ja, was war denn seine Angst, und was ist denn die
-Angst des Sterbens? Vergessen zu werden, vergessen von
-der Welt, vergessen zu werden mit seinem Werk, seinem
-lebendigen Willen, umsonst sich zu opfern, da er die
-Menschen doch kannte, umsonst die Marter zu leiden! Und
-da schmolzen ihm nun die glühenden Worte hervor, mit
-denen er sie bat, zu gedenken, sie, die Wenigen um ihn,
-die er selber gezogen hatte, die er kannte, denen er doch
-vertraute, von denen sich hoffen ließ, daß ein Strahl seiner
-Sonne sich in ihre Stirnen und Herzen eingebrannt habe,
-und: Dies ist mein Blut, das für euch vergossen wird!
-flehte er sie an, solches tuet zu meinem Gedächtnis. Und
-in letzter Glut, sie beisammen sehend, später in Jahren,
-allein, ohne ihn, zu seinem Gedenken versammelt, geheiligt
-und entflammt durch Treue und Sehnsucht und Hoffen,
-sagte er auch, daß sie sich das Letzte trinken würden im
-Wein seines Blutes, wenn sie nur glaubten: Reinheit,
-Unschuld, Vergebung der Sünden.
-</p>
-
-<p>
-&bdquo;Nicht wer ißt und wer trinkt, dem wird vergeben,
-sondern wer glaubt und wer liebt.
-</p>
-
-<p>
-&bdquo;Was kam danach? Dann kamen die Vielen, die aufschrieben,
-was sie von ihm wußten, einfältig die Einen, die
-Andern klug. Sie zeichneten sein Leben auf, das schon
-lange nicht wirklich mehr war, Legende war und Symbol,
-<a id="page-659" class="pagenum" title="659"></a>
-und zu Legende und Symbol geriet ihnen nun alles, außer
-dem frommen Einen vielleicht, dem Maler, der alles noch
-leibhaft sah. Und als dann die noch Spätern kamen, die
-Lehrer, die Ausleger, da war nun alles Symbol geworden;
-bitterster Schmerz nur Symbol für Schmerz, das Leben,
-das Feuer, die Zweifel, die Qualen, die Wonnen, all das
-Sterbliche, was um Unsterblichkeit erst rang, ehe sie es
-segnete: das war heraus, und es blieb ein Gleichnis vom
-Leiden.
-</p>
-
-<p>
-&bdquo;Was dann kam, wissen Sie, Georg.&ldquo;
-</p>
-
-<p>
-&bdquo;Kaiser Julian&ldquo;, sagte Georg schwer versonnen und
-atmete auf. Da war es zu Ende. Er hatte mit Inbrunst
-gelauscht &mdash; im Anfang; mit Eifer und Hoffnung die ganze
-Zeit; als es aber ein Ende nahm, blieb ihm nichts in der
-Hand, und er sagte zu sich: Botschaft &mdash; unendlich schön,
-aber so erging es mir immer, daß ich auf das höchste
-entzückt und beglückt war, Botschaften zu hören, aber was
-sie niemals enthielten, war Glaube.
-</p>
-
-<p>
-&bdquo;Kaiser Julian?&ldquo; fragte Renate, sich umwendend,
-&bdquo;warum der?&ldquo;
-</p>
-
-<p>
-&bdquo;Der letzte Christ&ldquo;, erklärte Georg trübe. &bdquo;Wissen
-Sie, was Strindberg von ihm sagt? &sbquo;Er lebt wie ein
-Christ und lehrt dasselbe wie Christus, ist aber doch ein
-Christushasser.&lsquo; Das ist so beschränkt, wie Strindberg
-merkwürdigerweise immer ist. Er war mir nämlich verwandt,
-glaube ich, und nicht etwa ein Christus-, sondern
-ein Christenhasser. Denn: mit dem echten Christentum,
-nicht wahr, das sah er, war es aus, mußte es aus sein,
-sobald es anerkannt, sobald es Staatsreligion wurde.
-Bis dahin war das Bekenntnis für seine Anhänger Gefahr
-<a id="page-660" class="pagenum" title="660"></a>
-gewesen, Martyrium, nicht wahr, und nur die Guten,
-nur die Echten und Gläubigen nahmen es auf sich. Wurde
-es Staatsreligion, kam es auch an die Schlechten, wurde
-es zur Formel, die es auszusprechen genügte, während es
-vorher Leben, Schicksal, Glauben und Sterben war. Also,
-nicht wahr, ist dieser Julian, der Abtrünnige, vermutlich
-der letzte christliche König gewesen, der gut war, ohne
-öffentliche Formel dafür, der aber annahm, es sei dieser
-Lehre besser, ausgerottet zu werden, als verbreitet. Ach,
-wie kam es, wie kam es denn, Renate? Da wurde es
-Zwang, nicht wahr? da wurden die Menschen mit Feuer
-und Schwert zu Christen gemacht, dann galt es für die
-alleinseligmachende Religion, und wer sich nicht selig
-machen lassen wollte, wurde gerädert, geteert und gesäckt.
-Ach, ist es nicht unerhört, daß diese, grade diese Religion
-der Geduld die erste unduldsame geworden ist?!&ldquo;
-</p>
-
-<p>
-&bdquo;Ja, Georg, aber warum sagen Sie mir das?&ldquo;
-</p>
-
-<p>
-&bdquo;Weil &mdash; also weil sie eben unannehmbar für mich
-geworden ist! Da ist mir alles weggeglaubt, möcht ich
-sagen.&ldquo;
-</p>
-
-<p>
-&bdquo;Müssen Sie denn glauben?&ldquo; fragte sie plötzlich.
-</p>
-
-<p>
-&bdquo;Ja, das ist freilich die Frage! Von der bin ich ja
-eigentlich ausgegangen heut morgen. Denn &mdash; vielleicht
-ists doch nur Einbildung? Alle Millionen Menschen, die
-vor mir waren, haben geglaubt und gemeint, glauben zu
-müssen. Und wenn das nun ein Irrtum war, und ich
-kann mich nur nicht entziehen?&ldquo;
-</p>
-
-<p>
-&bdquo;Das könnten Sie doch noch versuchen, Georg. Wie
-es scheint, kommt es Ihnen vor allem auf das Sittliche
-an, und &mdash; ich will Ihnen sagen, was mein Vater lehrte.
-<a id="page-661" class="pagenum" title="661"></a>
-Er hatte in einer außerordentlichen Stunde Einsicht gewonnen
-in die vollkommene Ordnung der Welt; in eine
-ewige, alles lenkende Weisheit. Und nun &mdash;&ldquo;
-</p>
-
-<p>
-&bdquo;Aber kann man das lehren? Ich meine: lassen sich
-daraus Anweisungen ziehn für das Handeln, für die Gemeinschaft?&ldquo;
-</p>
-
-<p>
-&bdquo;Gewiß. Denn wer mit vollem Glauben überzeugt ist
-vom Walten dieser Weisheit, wird der sich nicht bestreben,
-sein Leben, seinen Teil dieser Weisheit mit ihr in Einklang
-zu bringen? In Einklang jede Tat, jedes Wort und jeden
-Gedanken?&ldquo;
-</p>
-
-<p>
-Georg dachte lange nach und kam zu dem Schluß, daß
-er von solchem Glauben weiter entfernt wäre als von
-allem andern.
-</p>
-
-<p>
-&bdquo;Aber mein Gott, Georg,&ldquo; rief sie nun verzweifelt,
-&bdquo;was ums Himmels willen wollen Sie denn eigentlich?&ldquo;
-</p>
-
-<p>
-Georg erwiderte ihren fast zornigen Blick mit möglichster
-Festigkeit und sagte:
-</p>
-
-<p>
-&bdquo;Es giebt eine Art Menschen, die ohne Glauben leben
-kann. Das ist Bogner. Er fiel mir schon ein, als Sie
-vom Maler Lukas sprachen. Der zeugende Mensch, der
-braucht keinen Glauben, denn aus der Zeugung brennt
-die Unsterblichkeit, und in der Unsterblichkeit thront Gott.
-Wie aber läßt sich zeugen, Renate? Auf zweierlei Weise.
-Im Werk und im Opfer. In diesem war Christus der
-Höchste, der sich so sehr &mdash; sagen Sie, ob ich begriffen
-habe! &mdash; so sehr sich als Opfer fühlte, daß jede Berührung
-mit den Menschen Liebe wurde, und das
-heißt Zeugen. Dazu gehört der grenzenlose Glaube
-an die Menschen, den ich nicht habe. Glaube an die
-<a id="page-662" class="pagenum" title="662"></a>
-Menschen, der ersetzt den Glauben an Gott, oder vielmehr:
-er ist darin.&ldquo;
-</p>
-
-<p>
-Georg hatte nun mit ganzer Flamme gesprochen, und
-mit einer schnellen Regung der Ergriffenheit sah er Renate
-sich zu ihm wenden und beide Hände auf seine Schultern
-legen. &bdquo;Wir wollen uns doch bemühen, Georg, sollte uns
-das nicht fruchten?&ldquo;
-</p>
-
-<p>
-Aber schon, während sie die Worte sprach, sah sie in
-seine nah vor den ihren stehenden Augen einen Ausdruck
-eintreten, den sie um jeden Preis verhindern wollte, &mdash; und
-so gab sie, vergiftet von dem Schmerz, daß sie das Heiligste
-preisgeben wollte, das sie hatte, nur um dies zu verdrängen,
-was in seine Augen gedrungen war, aber beim
-Sprechen doch Wort um Wort kämpfend und hoffend,
-dies, was sie gab, müsse stärker sein und jenes verdrängen,
-bis es alleine leuchte und seine Seele erhelle, mit der sie
-Mitleid hatte, &mdash; gab sie das letzte Wort ihres Vaters vor
-seinem Sterben; sie sprach:
-</p>
-
-<p>
-&bdquo;Das letzte Wort meines lieben Vaters war so:
-</p>
-
-<p>
-<em>&bdquo;Wenn es eine ewige Seligkeit giebt, so kann
-ihre Erscheinung nur die eines unendlichen und
-unablässigen Staunens sein; des Staunens über
-die unerfaßliche Herrlichkeit oder die herrliche
-Unerfaßlichkeit Gottes, das ist: des ewig seligen
-Daseins.</em>
-</p>
-
-<p>
-<em>&bdquo;Denn sie kann, die ewige Seligkeit, in allem
-nur das Gegenteil unserer zeitlichen Unseligkeit
-sein. Deren Erscheinung aber ist Gewohnheit,
-die alltägliche Wiederkehr, die Wiederholung
-und dadurch die Abstumpfung und Abnutzung, ja
-<a id="page-663" class="pagenum" title="663"></a>
-schließlich die Ohnmächtigkeit der Empfindung.
-Wir sind immerfort sterbend.</em>
-</p>
-
-<p>
-<em>Dort aber werden wir immerfort lebend sein.
-Denn wir werden Eingang gefunden haben in
-das vollkommene und unaufhörliche Sein, dessen
-Wesen Liebe ist. In der Liebe ganz sein, das ist
-ganz lebend sein; sie, die Liebe, ist die einzige Erschafferin
-und Erhalterin aller Dinge, die unendlich
-Frische, alles Lebendige immer wieder
-neu, herrlich und erstaunlich Machende; so wie
-jeder Morgen den Tag, jeder Frühling die Erde,
-&mdash; so wie jedes tiefe Gefühl dich und die Welt
-immer wieder neu und erstaunlich macht.</em>
-</p>
-
-<p>
-<em>&bdquo;O aber wie willst du eingehen können in die
-ewige dorten, wenn du in die zeitliche Liebe hier
-nicht schon weit und tief eingedrungen bist! Und
-ach, so wende dich ab von jenem unsichern Sein
-in den schönern Himmeln, das du nur dein nennst
-in der Hoffnung, dein im Verzicht, dein aus
-deiner irdischen Kraftlosigkeit! Laß dieses eine
-sein dein Bemühn: lerne zu staunen! Lerne die
-mächtige Kraft der Neuheit, die schöpferische;
-lerne zu lieben, lerne zu leben! Wenn auch alles
-die Zeit daran setzt, dir immer wieder den Faden
-zu zerreißen, den du liebend von Augenblicke zu
-Augenblick deines Lebens legen willst: lerne ihn
-immer wieder knüpfen, verliere nie aus dem
-Auge seinen einzigen Schein von Gold, und um
-so süßer verlockend das Wort &bdquo;von Ewigkeit zu
-Ewigkeit&ldquo; dir im Herzen ertönt: sprich dagegen:
-<a id="page-664" class="pagenum" title="664"></a>
-&bdquo;von Augenblicke zu Augenblick&ldquo; knüpf ich und
-webe ich das einzige Kleid meines Lebens. Ob es
-Gottes Hand einmal aus der meinen nehmen
-wird, mich für immer hineinzukleiden, oder ob
-sein ganzer Sinn der ist, von mir gewoben zu
-werden: das ist zu wissen nicht not. Not ist, zu
-tun. In dem Tun wird die Liebe, in der Liebe das
-Wesen, in dem Wesen das Leben sein, das weder
-zeitlich noch ewig, sondern das in der Liebe ist.&ldquo;</em>
-</p>
-
-<p>
-Renate verstummte. Hoffnungsvoll mit schwellender
-Zärtlichkeit versuchte sie, durch ihren Blick Georgs über
-ihre Schulter gerichteten Blick zu sich herzuwenden, und
-sie sagte noch, lächelnd, obwohl schaudernd im Ernst des
-Todes: &bdquo;Hast du verstanden?&ldquo;
-</p>
-
-<p>
-&bdquo;Ja,&ldquo; sagte Georg, &bdquo;ich liebe dich!&ldquo;
-</p>
-
-<p>
-Sie schluchzte auf. Das lange schon in ihr quellende
-Schluchzen brach haltlos über ihre Lippen, sie senkte eilig
-den Kopf, und nichts wissend von Enttäuschung, nur verzweifelt
-im Herzen, brach sie blindlings durch Buschwerk
-und Bäume, bis sie den Weg erreichte.
-</p>
-
-<p>
-Georg wagte nicht zu folgen. Das war, dachte er mit
-geringer Beschämung, falsch, &mdash; und war es nicht trotzdem
-recht? Sie sah wie ein Engel aus, als sie sprach, und was
-kann man zu einem Engel, der kommt und Gott verbürgt
-und verkündet, was kann man andres sagen als: Ich liebe
-dich, Engel? &mdash; Und so empfand ich die Worte in diesem
-Augenblicke, nicht anders.
-</p>
-
-<p>
-Er senkte den Kopf. Danach konnte er den Stamm
-nicht verlassen, ohne einen dankbarlich Abschied nehmenden
-Blick an den Holunderzweig zu heften, wobei er jedoch zu
-<a id="page-665" class="pagenum" title="665"></a>
-bemerken glaubte, daß dieser, der während der ganzen Zeit
-die kleinen graugrünen Hände mit so viel Geduld &mdash; damit
-er erkenne, was sie hielten! &mdash; hingestreckt hatte, sich jetzt
-völlig achtlos verhielt. Da wandte auch er sich zögernd
-und fand sich bald im Freien der Mittelallee durch das
-Wäldchen und in der voll einfallenden Mittagssonne. Ganz
-fern in der lichten Öffnung, in der die Wiese vor der
-Terrasse lag, sah er die kleine dunkelbläuliche Gestalt von
-Renate und ging ihr nach.
-</p>
-
-<div class="chapter">
-
-<h3 class="chapter" id="subchap-0-3-5">
-<a id="page-666" class="pagenum" title="666"></a>
-Fünftes Kapitel
-</h3>
-
-</div>
-
-<h4 class="section">
-Erasmus
-</h4>
-
-<p class="first">
-Renate gewann sich erst wieder, als sie schon das Rasenoval
-in der Richtung zum Hause überschritt, und gewahrte
-sogleich von rechts her auf dem unter der Terrasse einherführenden
-Wege drei Gestalten, langsam schlendernd in
-kleinen Abständen wie schaulustige Fremde: zwei in schwarzen
-Lodenumhängen, von denen Einer sehr groß war, der
-Andre schwarzbärtig. Der Dritte in einem glänzend braungelben
-Ölmantel sah sich um, gewahrte sie und blieb stehn,
-indem er mit einer leicht zurückfahrenden Bewegung die
-Hände ausstreckte.
-</p>
-
-<p>
-Nur flüchtig erkannte Renate in diesem Bogner. Denn
-sie stand, angewurzelt in einer betäubenden Dumpfheit,
-die schmerzhaft ihren Kopf und auch ringsum vor ihren
-Augen alles zusammenzog und verdunkelte, gespensterhaft
-anzusehn, da dennoch der Mittag glühte, wie eine Sonnenfinsternis.
-Und während sie inständig an der Frage nagte,
-wer jener große Mensch da vorn sei, zuckten mit blitzhafter
-Schnelle und Leichte Bilder des Tages durch sie hin: Das
-schmerzhaft dumpfe Sitzen und Reden beim Frühstück,
-Bennos betrübtes Gesicht; dann: wie sie auf der Bank
-gesessen hatte am Weiher, nun erleichtert, in einer süßen
-und trauervollen Hingegebenheit an das Licht und den
-Anblick der Grabesinsel, wo mehr als die eine Tote sich
-ausschlief. Die Wanderung mit Georg und ein heiliges
-Leichterwerden, immer leichter, ihrer Brust mit jedem ihrer
-Worte in der seltsamen Kapelle des Eichbaums. Und sie
-<a id="page-667" class="pagenum" title="667"></a>
-sah noch Georg in der Allee vor ihr stehn. Einen Augenblick
-später war all dies erloschen; sie spähte mit heißer
-Angst links und rechts, wohin sie noch entfliehn könnte,
-sah die Gestalten fern wie Gestalten eines Traumes und
-setzte sich jetzt schwer in Bewegung, gehend, ohne es zu
-spüren, und Schritt um Schritt mehr entleert von Bewußtsein.
-Sie sah die zwei Andern und sah sie auch nicht; sie
-ging auf den großen zu, auf Erasmus, der entgegenkam,
-den Hut in die Hand nehmend. Ihn starr anblickend
-fragte sie:
-</p>
-
-<p>
-&bdquo;Heut kommst du, Erasmus?&ldquo;
-</p>
-
-<p>
-Er erwiderte: &bdquo;Es ist Charfreitag.&ldquo;
-</p>
-
-<p>
-Renate wollte noch nicht verstehn, obwohl sie aus dem
-Wort auch das unausgesprochene hörte: Dein ernstester
-Tag.
-</p>
-
-<p>
-Warum war sein Gesicht so verzerrt? Diese furchtbare
-Erschöpftheit in den vorquellenden Augen! Und den Mund
-bewegte er geöffnet wie im Kauen. Dabei ging sie immer
-weiter, und er neben ihr, zur Terrasse, die Stufen hinauf,
-über die Fläche und in die offene Tür des Vogelsaals, wo
-sie dann keine Kraft mehr hatte und stehen blieb. Hier war
-eine kleine Tafel weiß gedeckt und mit Tellern am Rande.
-Sie mußte zu ihm aufsehn.
-</p>
-
-<p>
-Tropfen standen auf seiner übermäßigen Stirn. Er
-bemühte sich offenbar schwer, ruhig zu scheinen. Sie
-fragte:
-</p>
-
-<p>
-&bdquo;Woher kommst du?&ldquo;
-</p>
-
-<p>
-&bdquo;Von zuhaus.&ldquo;
-</p>
-
-<p>
-&bdquo;Zu Fuß?&ldquo; fragte sie wieder, um etwas noch hinauszuschieben.
-</p>
-
-<p>
-<a id="page-668" class="pagenum" title="668"></a>
-&bdquo;Zu Fuß&ldquo;, sagte er stumpf.
-</p>
-
-<p>
-&bdquo;Dann hast du wohl Hunger?&ldquo;
-</p>
-
-<p>
-&bdquo;Ja,&ldquo; sagte er gequält, &bdquo;Hunger.&ldquo;
-</p>
-
-<p>
-Sieh, da stand ein kleiner silberner Korb mit Brötchen,
-und sie hielt ihn schon und hielt ihn Diesem hin,
-der Hunger hatte, wie er sagte, aber er legte eine riesige
-flimmernde Hand darauf und sprach, während alles zu
-Boden fiel aus ihren plötzlich kraftlosen Händen: &bdquo;Nicht
-danach!&ldquo;
-</p>
-
-<p>
-Ihr Kopf sank hintenüber; die Lider fielen zu; sie hob
-die Hände, legte sie auf ihre Brust und fragte so: &bdquo;Willst
-du?&ldquo; und stöhnte.
-</p>
-
-<p>
-Dann fühlte sie, daß sie gehalten wurde, legte willenlos
-den Kopf an der Schulter fest, die sie fühlte, und verlor
-sich für Sekunden in einem Schluchzen der Geborgenheit.
-Im nächsten Augenblick hatte sie sich losgerissen, und sie
-schrie irgend etwas &mdash; &bdquo;Warte!&ldquo; schrie sie, &bdquo;warte noch!
-einen einzigen Augenblick!&ldquo; &mdash; und fand sich nach einer
-Flucht, von der sie nichts wußte, auf den Knieen liegend
-vor einem Stuhl ihres Zimmers, in einer Angst, einer Ratlosigkeit,
-einer Zerflammtheit der Not, in der ihr die Sinne
-vergingen. Sie schrie, ohne Wort, ohne Laut, um Hülfe
-nach irgendwem, sie stammelte Sinnloses: &bdquo;Nicht beten!
-nicht beten! Brennen! opfern! ich kann nicht! muß es denn
-sein?&ldquo; Und sie stand wieder, mitten im Zimmer, den Kopf
-in den Händen, wie blind.
-</p>
-
-<p>
-Trotzdem gewahrte sie dann ihre Schreibmappe auf
-dem Tisch und wußte gleich, daß etwas darin war. Sie
-hielt sie schon in der Hand, klappte sie auseinander und
-zog, ohne sich zu besinnen, aus der innersten Tasche jenen
-<a id="page-669" class="pagenum" title="669"></a>
-großen, vergessenen Brief hervor, auf dem die Hand
-Josefs die Worte geschrieben hatte, die sie erkannte: &sbquo;Zu
-lesen nicht vor meinem Tode; auch dann nur bei Lebensgefahr.&lsquo;
-</p>
-
-<p>
-Aber sie zitterte nun so, daß sie sich setzen mußte. Als
-nach einer Zeit ihre flatternden Hände sichrer geworden
-waren, riß sie den Umschlag auf, nahm einen Pack stark
-und schwarz beschriebener Blätter heraus und las dort,
-wo ihr der Anfang zu sein schien, die Worte: &sbquo;Auszug
-aus meinem Tagebuch vom 28. März bis zum 3. April&lsquo;
-und eine Jahreszahl. 28. März &mdash; das war der Todestag
-ihres Vaters. &mdash; Sie las weiter den Eingang: &sbquo;Seltsame
-und kaum zu erwartende Begebnisse ...&lsquo;, und in einer der
-nächsten Zeilen das Wort &sbquo;Erasmus&lsquo;.
-</p>
-
-<p>
-Es betraf sie, sie und ihn, da war kein Zweifel. Nun
-versuchte sie zu lesen, aber die Buchstaben tanzten vor ihren
-Augen bis zur Zimmerdecke hinauf; sie wartete, aber umsonst,
-und &mdash; Nein, das muß er doch lesen! dachte sie
-und ging zur Tür. Die Tür zum Vogelsaal, die gleich
-dahinter zu liegen schien, öffnend, sah sie den Erasmus mit
-dem Rücken nach ihr stehn. Während er sich wandte, erschien
-neben ihr Egloffstein mit einem Tafelaufsatz, und sie
-winkte Erasmus mit den Augen. Augenblicke später stand
-sie im Klaviersaal, drückte Erasmus die Blätter in die Hand
-und sagte: &bdquo;Dies mußt du lesen!&ldquo;
-</p>
-
-<p>
-Er zuckte mit den Augen, als er die Handschrift sah.
-</p>
-
-<p>
-&bdquo;Jetzt?&ldquo; fragte er.
-</p>
-
-<p>
-&bdquo;Jetzt! Vorlesen, bitte!&ldquo; bat sie hülflos, zurückweichend,
-und sah ihn zaudernd in der Richtung der Fenstervorhänge
-gehn, die in der Sonne dunkelgelb glühten. Dort setzte
-<a id="page-670" class="pagenum" title="670"></a>
-er sich zwischen zweien auf einen Armstuhl. Sie ging
-ihm näher, lehnte sich ihm gegenüber an die Kante des
-Tisches und faßte sie mit den Händen, erschreckend vor
-ihrer Kälte.
-</p>
-
-<p>
-&bdquo;Das kann ich nicht lesen&ldquo;, sagte er, die Hand mit den
-Blättern sinken lassend.
-</p>
-
-<p>
-&bdquo;Ach, Erasmus, du mußt aber! Handelt es nicht von
-dir?&ldquo; Er nickte. &bdquo;Und von mir?&ldquo; Er bejahte wieder.
-&bdquo;Dann lies!&ldquo; sagte sie aufatmend und legte die Hände
-zusammen.
-</p>
-
-<p>
-Erasmus las.
-</p>
-
-<p>
-&sbquo;Seltsame und kaum zu erwartende Begebnisse in einem
-Pastorenhause.
-</p>
-
-<p>
-Wir kamen &mdash; Erasmus, der in Marburg zu mir stieß,
-und ich &mdash; am Nachmittag in B. an, von wo wir das
-Kirchdorf Flor in einer kleinen Gehstunde erreichen sollten.
-Es wurde ein schöner Gang. Die spätmärzliche Luft atmete
-vielfach umher, lau und gefeuchtet; auf der lehmig festen
-Straße standen noch Lachen vom Nachtregen, in denen
-Weißes und Blaues vom Himmel sich spiegelte. Dort oben
-war die jugendliche Sonne des Jahre rüstig am Werk,
-noch vor Abend die grauweißen Eiswälle des Gewölks
-fortzutilgen, die nun schon, weithin sichtbar nach allen
-Seiten, überall durchbrochen, davonjagten in voller Flucht.
-Mächtige Bläuen schwebten segelnd und großherzig dazwischen;
-die Sonne kämpfte rastlos. Strahlen vergoldeten
-das grüne Land in der Tiefe überall, und es dampfte.
-Unsern Weg entlang &mdash; Alleen weißblühender Kirschbäume
-&mdash; schloß sich Obstgarten an Obstgarten. Das waren
-ganze fremdländische Stadtsiedlungen niedriger weißer oder
-<a id="page-671" class="pagenum" title="671"></a>
-rosigbehauchter Kuppeln, Städte von unendlicher Zartheit,
-Leisheit, Empfindlichkeit. Zwischen ihnen, kräftig und
-derbe, lagen Wiesenstücke und einzeln die wirklichen Häuser,
-in deren Blumenvorgärten die großen Silberkugeln den
-Himmel zeigten, andre im Sonnenfeuer lohten und blitzten,
-und darunter blühten Aurikeln und Narzissen, standen die
-Tulpenreihn grade in papierner Buntheit um die Beetränder.
-&mdash; Ach Gott, sagte ich zu Erasmus, man muß zu
-andrer Zeit sterben! Und wir beklagten den toten Mann,
-dessen wir uns vom Begräbnis des Großvaters her wohltuend
-erinnerten. Wie er damals unerwartet erschien:
-weißhaarig und -bärtig, unter der mildesten Stirn, die ich
-sah, Augen von eisklarem Blau, tief leuchtend, mit dem
-durchbohrenden Blicke der Wahrheit, Lippen umspielt vom
-ruhigen Lächeln des Weisen: so hätte er uns hier grüßen
-sollen vom Zaun eines dieser freundlichen Gärten, Freund
-der Fluren, von dem es heißt:
-</p>
-
-<div class="poem-container">
- <div class="poem">
- <div class="stanza">
- <p class="verse">Dann sieht man zwischen Reben ihn mit Basten</p>
- <p class="verse">Die losen binden an die starken Schäfte,</p>
- <p class="verse">Die harten grünen Herlinge betasten</p>
- <p class="verse">Und brechen einer Ranke Überkräfte.</p>
- <p class="verse">Er schüttelt dann, ob er dem Wetter trutze,</p>
- <p class="verse">Den jungen Baum und mißt der Wolken Schieben.</p>
- <p class="verse">Er giebt dem Liebling einen Pfahl zum Schutze</p>
- <p class="verse">Und lächelt ihm, dem erste Früchte trieben.</p>
- </div>
- </div>
-</div>
-
-<p class="noindent">
-Im Dorf, das sich allgemach aus der Straße entwickelte,
-wars um so stiller, als die ganze Bewohnerschaft im Freien,
-in ihren Gärten oder vor den Türen war, schwarz gekleidete
-Männer und Frauen in Gruppen überall, leise
-miteinander sprechend über ihre Heckenzäune hinweg oder
-<a id="page-672" class="pagenum" title="672"></a>
-auf den Türsteinen, und auf Bänken und Treppenstufen
-saßen die reinlichen Kinder verstummt, großäugig nur nach
-uns blickend. Schön, wie hier vom Wesen des Toten letzte
-Flämmchen verflackerten, von bekümmerten Händen beschirmt.
-Die Hauskatzen, die sich in sonnigen Flecken an
-Mauern putzten, schienen sich unbehaglich zu fühlen, obwohl
-sie sich unbesorgt stellten. Der Lehrer vor der Schulhaustür
-in einem Kreise von Männern, barhaupt, kenntlich
-an seiner überhohen Stirn, ein Mann in den dreißiger
-Jahren, den wir nach dem Wege zum Pfarrhause fragten,
-brachte die allgemeine Kümmernis mit wahrer Ergriffenheit
-zum Ausdruck. &bdquo;Ein Mann,&ldquo; sagte er, &bdquo;wie es keinen
-zweiten giebt. Unser aller Vater und lieber Freund.&ldquo; Er
-schloß sich uns an, augenscheinlich gesprächsbedürftig, und
-begann alsbald uns auf eigentümliche Dinge vorzubereiten,
-die wir sehen würden, über die er weiter nicht mit der
-Sprache herauswollte. Plötzlich hatten wir dann, um die
-Ecke in eine Seitengasse geführt, die reizvollste kleine
-Barockkirche vor Augen, durch deren, den Turmhelm
-tragenden Säulenkranz Himmel und Wolken sich bewegten,
-und leise wankten die Säulen.
-</p>
-
-<p>
-Die Kirche lag ein wenig erhöht, vom Friedhof umgeben,
-den eine niedrige, leuchtend gelb getünchte Mauer umschloß;
-darüber blitzte von vielen Stellen her die Vergoldung
-schöner, altertümlicher Grabzeichen aus schmiedeeisernem
-Arabeskenwerk um ihr Kruzifix unter bogenförmigem Dach,
-und manche hatten mit starkem Blau übermalte Schilde.
-Zur Linken um die Kirchhofsmauer im Bogen führte eine
-alte Kastanienallee, blühend übersternt mit weißen und
-roten Kerzen, zum Pfarrhaus, von dem eine Seitenwand
-<a id="page-673" class="pagenum" title="673"></a>
-mit zwei Fenstern übereinander sichtbar war: ein zweistöckiger,
-warm gelb getünchter Bau von schlichtem Barock,
-wie ich hernach sah.
-</p>
-
-<p>
-Auf die Einladung des Lehrers, uns die Grabstelle zu
-zeigen, gingen wir zwischen den gleich Betten säuberlich
-bereiteten Gräbern voller Blumen hindurch; allein das
-für den neuen Kömmling bestimmte Grab zeigte naturgemäß
-keinen andern als den unbehaglich gähnenden Ausdruck
-all dieser Löcher aus gelbem Sand.
-</p>
-
-<p>
-Dafür hatten wir von ihm aus über eine nahe kleine
-Gittertür hinweg einen anmutigen Blick: im Ausschnitt
-einer wohl hundert Schritt langen Allee noch unbegrünter
-kleiner Kugellinden, deren Stämme durch beinah mannshohe
-grüne Hecken verbunden waren, das schmale Portal
-über drei Stufen mit sandsteinernen Bogenstücken überm
-Sims; darüber den leise vergoldeten Korb des Balkons
-vor der oberen Glastür, und endlich das gebrochene, schwarzbraune
-Dach, auf welches eine große und schöne, schneeweiße
-Wolke aus dem ganz reinen Blau sich eben so anmutig
-niedergesenkt hatte, daß der Lehrer davon berührt
-wurde und zu sprechen begann in einem zierlichen Vergleich
-mit einem Schrein oder Schiff, das sich auftun möchte, eine
-kleine Schar singender und musizierender Engel zu zeigen.
-Er fuhr fort mit gedämpfter Stimme:
-</p>
-
-<p>
-&bdquo;Sie&ldquo; &mdash; seine Dorfleute meinend &mdash; &bdquo;glauben, daß er
-mit solcher Liebe an der Erde hing, daß er sich nun nicht
-losmachen kann; und sie würden gewiß nicht erstaunen,
-wenn solch ein Wunder sich zeigte, daß er mit himmlischen
-Instrumenten hinaufgelockt würde. Denn&ldquo; &mdash; er lächelte &mdash;
-&bdquo;wir sind zwar gut lutherisch dahier, aber ganz vergessen
-<a id="page-674" class="pagenum" title="674"></a>
-ist die alte Lehre doch nicht. Davon zu schweigen, daß das
-Wunder das liebste Kind <em>jeden</em> Glaubens ist.&ldquo; Er verstummte,
-auf das schwärzliche Netzwerk der nächsten Lindenkuppel
-deutend. Die schwarze Figur einer Amsel saß darin,
-als sei sie gefangen. &bdquo;Sie singt nicht,&ldquo; sagte der Gute,
-&bdquo;alle Sänger sind seit vorgestern völlig verstummt. Freilich,
-&mdash;&ldquo; setzte er verständig hinzu, &bdquo;viele sind ja noch nicht
-zurückgekommen, doch haben wir mehrere Meisenarten
-allein, die überwintern.&ldquo;
-</p>
-
-<p>
-Der Erasmus nickt ernsthaft. In Naturwissenschaft ist
-er mir mit dem Lehrer weit voraus, und so mag er lange
-bemerkt haben, was mir entging. Auch zeigte alles sich so
-frisch, luftig, österlich! Noch, als wir den Lindengang hinab
-und vor dem Hausportal waren, mußte ich mich künstlich
-vorbereiten auf Tod und Totes. Allein &mdash; was war
-nun das, was wir fanden im Haus?
-</p>
-
-<p>
-Der Papa trat uns im Hausflur entgegen, verweint,
-aber doch mehr bedrückt aussehend als schmerzlich, grüßte
-uns leise und führte uns durch ein großes und mit weißen
-Abgüssen von Büsten und Figuren zwischen den Bücherregalen
-feierlich heiteres Arbeitszimmer in ein um so einfacheres
-Schlafgemach, wo der Schein zweier Kerzen im
-verdunkelten Tageslicht wie mit einem Ruck alles deutlich
-und fest machte, &mdash; sonderbar genug, wie immer das Kerzenlicht
-am Tag nicht erhellt, sondern zu verdunkeln scheint.
-Diese beiden, wächsern und lang in hohen Leuchtern, brannten
-auf einem durch eine schwarze Decke zum Altar verwandelten
-Tisch an der Wand; zwischen ihnen das Bibelbuch,
-blinkend in Goldschnitt, vor einem glatten braunen
-Kreuz, ohne Heiland, jedoch, wie der Tisch, mit einer
-<a id="page-675" class="pagenum" title="675"></a>
-Girlande von Aurikeln und Primeln umwunden. Zur
-Rechten davor der Sarg zeigte offen sein bettweißes Inneres;
-der Deckel lag daneben. Links stand das Bett mit
-dem Toten, von dessen Antlitz mein Vater das Tuch fortnahm.
-</p>
-
-<p>
-Aber so hat von allen Toten, die ich zu sehen bekam,
-noch keiner ausgesehn am dritten Tage des Totseins. Anstatt
-in der wächsernen Gelbe, zeigte diese Stirn und das
-Sichtbare der Wangen sich so weiß wie das Haar und
-der Bart; weiß, durchscheinend gleich Alabaster, und die
-Hände waren ganz so. Erschreckend darin die zwei Augen;
-weitoffen, gefüllt mit stumpfem Blau, starrten sie nach
-oben.
-</p>
-
-<p>
-Ob sie nicht zu schließen seien, fragte ich nach einer Weile.
-Der Papa stand weinend und zuckte die Achseln. &bdquo;Wer sagt
-denn, daß er tot ist?&ldquo; murmelte er dann erschöpft. Ich
-fragte: &bdquo;Der Arzt ...?&ldquo; Er schüttelte den Kopf und bat
-uns, ihm zu folgen.
-</p>
-
-<p>
-Durch das Arbeitszimmer zurück führte er uns über den
-Flur und öffnete eine Tür an der Westseite des Hauses.
-Alle Drei standen wir da geblendet vor einem Raum aus
-Feuer und Gold; einem nicht eben großen, quadratischen
-Zimmer mit, wie ich bald wahrnahm, weißgoldenen Wänden,
-durch dessen gläserne Gartentür und das Fenster die tiefe
-Sonne in prachtvollem Strome hereinschwoll. Der Raum
-schien menschenleer; vor seiner einsam lodernden Feierlichkeit
-befremdete mich der Anblick von uns drei großen und
-schwarz gekleideten Eindringlingen, und ich sah die beiden
-Andern zögern, hineinzugehn. Nun blickt ich mich um,
-und ich glaube, selten etwas so Liebliches gesehen zu haben
-<a id="page-676" class="pagenum" title="676"></a>
-wie dies einfache Gemach mit weißer, leise golden getupfter
-Tapete, wo kleine graue Stahlstiche hingen, und mit goldgelben
-Möbeln aus den zwanziger Jahren, Schreibsekretär,
-Vitrine, Kommode und Spiegel. Ein runder Tisch im
-Kreise der Stühle trug einen Kristallkelch mit einigen Narzissen;
-er stand vor dem Sofa an der Wand, das mit einem
-erdbeerfarbenen Damaststoff bespannt war, und dessen
-eines Ende verdeckt war von dem einzigen Düsteren im
-Raum, einem schwarzen japanischen Wandschirm mit eingestickten
-silbernen Bambusrohren und dergleichen, auch
-er, wie alles umher, von der Verzaubrung des Lichts mit
-glühendem Rot überzogen. Fee oder Göttin, dachte ich,
-was für ein Wesen mag das sein, dem dieser Feuerschrein
-als Behausung dient? &mdash; Und noch, während ich den Papa
-auf Zehen durch den Raum gehen sah, besann ich mich
-vergebens auf Gestalt und Züge einer flüchtig gesehenen
-Fünfzehn- oder Sechzehnjährigen mit Namen Renate.
-</p>
-
-<p>
-Indem rückte mein Vater den Wandschirm überseite
-und enthüllte die sitzende, gleich rosenhaft überflossene Gestalt
-eines schönen, anscheinend blonden Mädchens in
-weißem Kleid, das uns aus groß offenen, hyazinthblauen
-Augen so gläsern anstarrte, als wars eine Puppe. Den
-Erasmus sah ich zurückfahren. Es war freilich gespenstisch,
-sie ebenso hinter dem Wandschirm sitzen zu denken, wie sie
-nun fortfuhr, ohne Bewegung, ohne Blick.
-</p>
-
-<p>
-&bdquo;Aber sie ist nicht tot?&ldquo; hörte ich die Stimme meines
-Bruders sehr tief. Mein Vater verneinte stumm. Wir
-traten näher.
-</p>
-
-<p>
-Sie war schön. Untadelhaft schön. Schöner vielleicht
-als alles. Die Starrheit der Augen beeinträchtigte die
-<a id="page-677" class="pagenum" title="677"></a>
-Umgebung. Das Haar, nicht blond, sondern von einem
-mir unbekannten hellen Braun, war, in der Mitte gescheitelt,
-so um die hohe Stirne gelegt, daß sie ganz frei
-blieb, dann tief nach unten gezogen, wie man es auf Bildern
-der vierziger Jahre sieht, und der Adel und die Reinheit
-dieses Giebels von Alabaster war unendlich ergreifend.
-Das ganze, schmale Gesicht war schneeweiß und durchscheinend
-klar wie des Toten; ebenfalls das Paar der Hände
-und bloßen Unterarme, und ich hatte so sehr den Eindruck
-des aus allen Gliedern zum Herzen hineingesogenen Blutes,
-daß es mir dort innen erschien wie ein Glasgefäß, herzförmig,
-blutrot gefüllt; in einer Figur aus gesponnenem Glase.
-</p>
-
-<p>
-Ich rührte eine von diesen Händen an; eiskalt und steif;
-kaum zu bewegen.
-</p>
-
-<p>
-&bdquo;Was ist mit ihr?&ldquo; fragte ich. Allein statt einer Antwort
-vom Vater hörte ich das leise Klirren der Glastür
-und sah ihn ins Freie treten. Als ich mich nach Erasmus
-umwandte, stand er, die Hände auf die Tischplatte vor sich
-gestützt, übergebeugt, die Sitzende so starr anblickend wie
-sie ihn, ohne meiner zu achten.
-</p>
-
-<p>
-Meinem Vater nachgehend, sah ich ihn jetzt so hübsch
-in dem Garten stehn, auf einem bewegten Grund weißgetünchter,
-weißwolkiger Obstbäume, blühende Zweige zu
-Häupten, zwischen Tulpenrabatten, etwas schief haltend
-wie zumeist den von der Abendglut noch rosiger als gewöhnlich
-gefärbten Kopf, seine goldene Brille putzend mit
-dem Taschentuch, &mdash; so hübsch, wie gesagt, so lebendig,
-daß ich ihm ernsthaft wünschte, als Pfarrer hierherzugehören,
-anstatt den Fabrikherrn spielen zu müssen, was ihm
-doch nie recht gelang.
-</p>
-
-<p>
-<a id="page-678" class="pagenum" title="678"></a>
-Ich begab mich hinaus zu ihm und wiederholte meine
-letzte Frage: &bdquo;Was ist mit dem Mädchen?&ldquo;
-</p>
-
-<p>
-Er sagte: &bdquo;Seit ihr Vater tot ist, ist sie so. Er starb &mdash;
-der Arzt sagte, daß er starb; wir waren Beide zugegen &mdash;
-er starb unerwartet gegen Morgen. Ich wollte sie rufen,
-als er noch atmete; da saß sie schon fast wie jetzt, nur
-furchtbar keuchend, sonst starr. Ich mußte sie verlassen.
-Seitdem haben Beide sich nicht verändert. Nun schon
-den dritten Tag. Und&ldquo;, er stockte, &bdquo;ich fürchte mich, ihn
-zu begraben.&ldquo;
-</p>
-
-<p>
-Ob er glaube, fragte ich, daß da Zusammenhang sei zwischen
-der Lebenden und dem Toten? Und ich wiederholte
-ihm die Worte des Lehrers vom Nichtfortkönnen des Toten.
-</p>
-
-<p>
-&bdquo;Muß mans nicht glauben?&ldquo; murmelte er gedankenlos,
-ich weiß nicht auf welchen meiner Sätze als Antwort.
-</p>
-
-<p>
-&bdquo;Der Arzt?&ldquo;
-</p>
-
-<p>
-Sei ratlos wie er selber.
-</p>
-
-<p>
-Das Verhältnis, meinte ich, von Vater und Tochter sei
-zweifellos sehr innig gewesen.
-</p>
-
-<p>
-&bdquo;Das innigste!&ldquo; Nun wurde er beredt. &bdquo;Sie lebten
-jeder nur dem Andern und durch den Andern. Ihre Mutter
-starb ja, als sie zwei Jahre alt war. Mein Vater hatte
-ihn verstoßen. Alldas mußte sie ihm sein. Wenn du im
-Dorf fragst, wirst du Wunder erzählen hören von dem
-Mädchen, seiner Schönheit und seiner Klugheit, seiner Lieblichkeit,
-Güte und Würde. Er war einer der tiefsten Menschen,
-und sie wuchs ganz aus seinem Erdreich, in seiner
-Luft. Die Leute sagen: sie war sein lebendiger Segen unter
-uns. Ich hörte sie die Orgel spielen, kurz vor seinem Tod.
-Stelle sie dir vor &mdash;, eine andre Cäcilie.&ldquo;
-</p>
-
-<p>
-<a id="page-679" class="pagenum" title="679"></a>
-&bdquo;Vermutlich also&ldquo;, fragte ich in plötzlicher Eingebung,
-&bdquo;spielte auch dein Bruder die Orgel?&ldquo;
-</p>
-
-<p>
-Er nickte.
-</p>
-
-<p>
-&bdquo;So muß man&ldquo;, sagte ich, &bdquo;die Orgel spielen, um sie
-aufzuwecken.&ldquo;
-</p>
-
-<p>
-Er sah mich verwundert an. Das sei ein Gedanke,
-meinte er, wie ich darauf komme?
-</p>
-
-<p>
-&bdquo;Willst du spielen?&ldquo; fragte er nach einer Weile.
-</p>
-
-<p>
-&bdquo;Leider&ldquo;, mußte ich bekennen, &bdquo;ist mir die Orgel ganz
-fremd. Es müßte auch ein Stück sein, das der Tote kennt,
-ein Lieblingsstück vielleicht, und ich lese, wie du weißt,
-keine Noten.&ldquo;
-</p>
-
-<p>
-Damit schlug ich den Lehrer vor, der wahrscheinlich
-Organist an der Kirche sei.
-</p>
-
-<p>
-Ich hatte mich aber noch kaum zur Türe zurückgewandt,
-so ereignete sich das Seltsame, daß die Orgel ertönte.
-Klar auftretende, lang gezogene Töne kamen herüber,
-andre Stimmen mischten sich präludierend herein, noch
-leise; dann mit plötzlich erschreckendem Brausen und voller
-Macht breitete sich die Kantate Bachs: Mein gläubiges
-Herze, frohlocke sing scherze! wundervoll jubelnd in die
-Lüfte. &mdash; Später erfuhr ich dann, daß der Lehrer, dem es
-eingefallen war, das &bdquo;Leibstück des Seligen&ldquo;, wie er sagte,
-zu spielen, es freilich nicht aus unserm Gedanken heraus,
-sondern schlicht aus seiner und Aller Bedrängnis gespielt
-hatte.
-</p>
-
-<p>
-Als mein Vater und ich in die Tür traten, hatten wir
-die befremdliche Erscheinung, in der rechten Ecke des
-Sofas uns gegenüber &mdash; in der linken saß das Mädchen &mdash;
-den Erasmus sitzen zu sehn; den Arm auf der Rücklehne,
-<a id="page-680" class="pagenum" title="680"></a>
-seitwärts und zu ihr gewandt, saß er still und wie sie unbeweglich.
-</p>
-
-<p>
-Aber keine Wirkung des Orgelspiels ergab sich; nicht
-die geringste.
-</p>
-
-<p>
-Ich weiß eigentlich nicht, warum das so war. Wenn
-es wahr war, daß diese Beiden einander so verhaftet
-waren im Leben, daß sie sich nicht losreißen konnten; daß
-nun die Lebendige hier angeschlossen war an die Erstarrtheit
-des Todes, und der Tote angeschlossen ans innere
-Feuer des Lebens, zu einem grausamen Gleichgewicht
-Beide des Nichtsterbenkönnens und Nichtlebens, &mdash; so
-mußte es einen Weg geben, das magische Band zu zerreißen.
-Magische Bande sind stark, aber zart, und allzuzart
-immer gegen das Hiesige. War die Erstarrung so
-tief? War sie ganz taub für die Welt? Sie blieb unverändert.
-</p>
-
-<p>
-Es dunkelte derweil. Der Choral: Nun ruhen alle
-Wälder legte sich wie ein dunklerer Strom über das schon
-versinkende Licht, und als er verstummte, hatte die
-schweigsame Welt sich geteilt in weite, leuchtende Klarheit
-oben, in verschattete Enge unten, wo mit bleicherem
-Weiß nur die blühenden Kuppeln noch das Licht festhielten.
-</p>
-
-<p>
-So ist es nun. Die Nacht kam; ich übernahm für
-den erschöpften Papa die Wache beim Toten und schreibe
-in mein Buch, das ich durch Lis vorahnende Aufmerksamkeit
-im Koffer fand. Wo ist Erasmus? Ein drittes Mal
-war ich eben an der Tür von Renates Zimmer, und nach
-wie vor fand ich ihn in der Ecke des Sofas, ruhig scheinbar,
-sitzend mit untergeschlagenen Armen, ihr zugewandt,
-<a id="page-681" class="pagenum" title="681"></a>
-die dasitzt unverändert, eine lebensgroße Puppe, starräugig
-im Dunkel.
-</p>
-
-<p>
-Geheimnisvolle Vorgänge fördern das Geheimnisvolle
-zutag. Doch war mir stets klar, daß in diesem riesigen
-und etwas ungeschlachten Leib sehr zarte Kräfte daheim
-seien. Und so wie Andre die feine Dryas das Blattwerk
-der Eiche haben zerteilen sehn, so konnte ich wohl im
-Nachtdunkel, über seine Schulter geneigt, das erschimmernde
-Haupt jenes Rätselhaften gewahren, dem es
-einmal sich loszumachen gelang und seine Kraft zu gebrauchen.
-</p>
-
-<p class="tb">
-&nbsp;
-</p>
-
-<p class="noindent">
-Die dritte Nacht unseres Hierseins, die fünfte seit dem
-Tode des alten Mannes. Es ist nichts verändert. Wir
-haben ihn nicht begraben. Selbst wenn ich nicht an einen
-Zusammenhang der zwei Menschen glaubte, dessen gewaltsames
-Zerreißen dem lebendigen Teil überaus schädlich
-sein könnte, würde ich nicht dazu raten, einen Menschen
-unter die Erde zu bringen, bevor er deutliche Zeichen
-des Verstorbenseins, der Verwesung von sich gab. Die
-Luft aber in diesem Haus &mdash;, sie kommt mir fast reiner als
-anderswo vor. Seitdem ich es weiß, empfinde ich lebhaft
-das Verstummtsein der redebegabten Natur, und ich habe
-Stunden damit verbracht, in der Nähe des Hauses
-Spatzen und Meisen zu beobachten, die keinen Laut hören
-lassen. Äußerst selten einmal ein schwaches Zirpen, das
-augenblicks erstirbt; sonst nichts. Ärzte, die wir riefen,
-kamen und gingen kopfschüttelnd: wer den Toten sah,
-sprach vom Mittel des Aderöffnens; hatte er danach auch
-das Mädchen beobachtet, so hüllte er sich in Schweigen.
-<a id="page-682" class="pagenum" title="682"></a>
-Der Papa ist am Rande seiner Kraft, ich selber bin ungewöhnlich
-erregt. Dies dauert bedenklich lange; kein Ende
-ist abzusehn, &mdash; bei meinem Dämon, ist das Liebe, was
-dergestalt Lebendes und Totes zusammenschmolz, oder
-ist es nur Blut? Und wenn ich mich hineindenke: Allmächtige
-Dinge und andrerseits soviel Ohnmacht? Dann:
-Wie schauerlich dieser Kampf der zwei Kräfte, von denen
-keine die Oberhand gewinnt, und man glaubt sie keuchen
-zu hören durch die ewige Stille: Ich lasse dich nicht, du
-segnest mich denn! Und wo ist hier Jakob, wo der Engel?
-Wie lange die Nacht solchen Ringens? Wie lang zum
-Hades, Psyche, dein Weg?
-</p>
-
-<p>
-Und nun dazu: emsig, emsig die dritte Kraft bei ihrer
-Arbeit zu wissen, die sich hineingraben will in den Gneis.
-Erasmus, seltsamer Geist, der sich augenblicks, so bereit,
-als habe er nichts andres im Sinne gehabt, in dieser Aufgabe
-verfing, &mdash; davon zu schweigen, daß kein Andrer
-vielleicht sie gesehen hätte. Solang wir hier sind, während
-mein Vater hülflos seinen Gestorbnen betrachtet, ich mich
-in der Landschaft herumtrieb, mit den Dorfleuten sprach
-&mdash; die übrigens gar nicht so verstört scheinen, sondern vielmehr
-als verstünden sie sehr gut, was hier vorgeht &mdash;,
-oder ruderte auf dem Rhein, der in einer Biegung halbstundenweit
-dem Dorf nahe kommt, &mdash; tagein und tagaus,
-nachtein und nachtaus weicht er nicht von dem Fleck,
-den er besetzte. Wann er schläft, kann ich nicht sagen.
-Speise nahm er erst keine; später, als wir Milch und
-Weißbrot neben ihn stellten, merkten wir nach einiger
-Zeit in Pausen einige Verminderung und konnten es auch
-erneuern. Der Wille, sagt man, tut Wunder. Und der
-<a id="page-683" class="pagenum" title="683"></a>
-seine, geschult seit immer, wie ich glaube daß er ist, muß
-ihm folgsamer zu Dienst sein als jedem Andern. Möchte
-es ihm dann gelingen, diese reine Seele in die seine hinüber &mdash;
-</p>
-
-<p class="tb">
-&nbsp;
-</p>
-
-<p class="noindent">
-Ich wurde unterbrochen. Erasmus kam ins Sterbezimmer,
-wo ich schreibend saß, augenscheinlich auf der
-Suche nach mir, denn er erklärte &mdash; ganz ruhig übrigens,
-beinah sanft &mdash;, er verlasse das Haus für eine Weile und
-würde mich später um etwas zu bitten haben. Seitdem
-sind drei Stunden vorüber; auch dieser schön ersonnene
-Versuch ist gescheitert, aber die Ungewöhnlichkeit des Vorgangs
-macht mir ihn wert, ihn zu beschreiben.
-</p>
-
-<p>
-Erasmus also kehrte zurück, eine Decke in der Hand,
-in die er das Wesen hüllte, worauf er sie auf die Arme
-nahm und mich aufforderte, mit ihm zu kommen.
-</p>
-
-<p>
-Die Nacht war sehr kühl, sternlos, windig und feucht;
-vollkommen dunkel. Erasmus mußte die Wege in der
-Gegend von seinem früheren Besuche her kennen, denn er
-ging mit vollkommener Sicherheit durch das Finster, kaum
-einmal strauchelnd im aufgeweichten Boden. Da meine
-Augen die Gabe haben, besser als andre im Dunkel zu
-sehn, erkannte ich bald den Weg, der durch die Weingärten
-zum Rhein führen würde. Erstaunliche Einfälle, bei Gott,
-hat dieser Mensch! Physik und Metaphysik, welche von
-beiden, dacht ich, hat ihn auf diesen Gedanken gebracht,
-denn ich will nicht mehr Montfort heißen, wenn er nicht
-vorhat, das starre Geschöpf in den Rhein zu tauchen.
-Sie ist aus diesem Boden gewachsen, der Gedanke ist vernünftig,
-die Natur hat unbekannte Kräfte, Verbindungen,
-<a id="page-684" class="pagenum" title="684"></a>
-Zauber, &mdash; wahrhaftig, er hat recht, man muß sie in den
-Strom versenken, und was auch die Folge sein wird, Tod
-oder Leben, das unnatürliche Band wird zerreißen, und
-wenn er Glück hat, so gelingt es ihm, ihre Seele feurig
-aus dem Gewässer zu heben, wo er ein eisiges Bildnis versenkte.
-So dacht ich und fühlte das Kostbare der vom
-Rhein herüber hauchenden Luft von fast feuriger Kälte;
-reinen Odem der Erde und so ungebraucht, daß ich mich
-zurückversetzt fühlte in der Zeit um Jahrhunderte.
-</p>
-
-<p>
-Wir kamen ans hohe Ufer, das uns für Minuten der
-Mond, ein kaltes Halbgesicht im Gewölk, sehen ließ, dazu
-in der Tiefe die ruhig nachthin strömende Fläche, rastlos
-erfüllt von einem andern als dem Geiste der Feste, &mdash; zu
-der eine schmale Treppe zwischen den Rebstöcken hinunterführte.
-Der Schattenriß eines langen Kahns war dort
-unten. Die kahlen Ufer, hügelig im verfahlten Licht, erschienen
-öde. Mein Bruder senkte seine Last auf den Boden
-des Nachens und legte sie, wie sie liegen konnte, seitwärts,
-worauf er zwei lange Stangen aufnahm und mir
-eine gab mit dem Bemerken, hier sei es zu tief für ihn,
-aber weiter unten im Strom eine Furt. &mdash; Weshalb er
-schon jetzt seine Kleider abwarf und am Ufer niederlegte,
-erklärte er mir noch, indem er mich bat, falls das Mädchen
-zu sich kommen sollte, allein mit ihr ans Ufer zu
-fahren und ihn zu erwarten, der zu Fuß zu seinen Kleidern
-zurückgehen würde.
-</p>
-
-<p>
-Im Fahren hatte ich dann meine Freude an seiner
-heroischen nackten Gestalt, die in der Spitze des Kahns
-mit erhobenen Armen gleichmäßig einmal über das andre
-die Stange ins dunkle Gewässer senkte und wieder heraufholte.
-<a id="page-685" class="pagenum" title="685"></a>
-Wir stießen den Kahn in die Strömung und konnten
-ihn treiben lassen. Wir fuhren lautlos und rasch; kaum
-vernehmbar, von den Ufern her, rauschte das Wasser.
-Einige Minuten später hörte ich den Kiel auf Steinen
-knirschen; wir saßen fest. Erasmus sprang in die Flut
-und watete zum Ende des Kahns, wo sie bereits seine
-Hüfte überstieg; ich hob die Scheintote aus ihrer Decke,
-legte sie in seine Arme, sah ihn tiefer ins Dunkle watend
-versinken und sie mit ihm. Als nur noch ihr Haupt, bleich
-und wie steinern, die Fläche überragte, schienen mir anderthalb
-Jahrtausende noch nicht gewesen zu sein. Der Rhein
-floß durch die römische Provinz; wir senkten geheim ein
-Götterbild in den Strom, letzter Schutz vor den Eifernden
-einer neuen Lehre.
-</p>
-
-<p>
-Erasmus dauerte aus. Mir fielen die Augen zu, geschläfert
-vom einförmigen Gurgeln des Flusses, der lauter
-und lauter zu rauschen begann. Dann hörte ich die Arbeit
-des Gewaltigen durch die Jahrtausende, die den
-Schiefer benagte, furchtbar rastlos. Die Einsamkeit
-wuchs überm Strom. Es war kalt. Aber in einem Halbjahr
-würden diese jetzt kahlen Hügel überschüttet sein mit
-den süßen Gefäßen des Feuers, eine einzige Glut alles
-überwogt haben, brennend vom ausgeschütteten Pfeilhagel
-einer unerschöpflichen Sonne. Und hier bei mir im
-Strom &mdash; &mdash; bei halbgeöffneten Augen sah ich im Zenit
-der Nacht quellendes Licht, Wolkenumrisse, und jetzt in
-meiner Tiefe dunkel die Fläche des Stroms, glänzend
-darin eine Mannsschulter, nackt, ein dunkleres Haupt,
-und daneben das Alabastergesicht über dem Wasser.
-Ganz mächtig im Eisigen dieser Flut spürte ich da die
-<a id="page-686" class="pagenum" title="686"></a>
-lebendige Glut seines Leibes, seiner Seele, und so tief, daß
-es mich schauderte meiner Kühle. Rufe die Götter, dacht
-ich, Pygmalion! Ich ward fast neidisch.
-</p>
-
-<p>
-Ich fuhr auf, da etwas vor mir niedergelegt wurde, &mdash;
-der schöne, leblose Leib in triefenden Kleidern, und Erasmus,
-erschöpft, übergeneigt aus dem Wasser, die Fäuste
-im Kahn aufgestützt, keuchte etwas wie, daß er sie in Blut
-baden möchte.
-</p>
-
-<p>
-In Blut. Er meinte das seine und starrte mich böse
-an, als ich sagte, daß man vor einigen tausend Jahren
-ein jugendliches Roß oder jungfräuliches Rind geopfert
-haben würde. Die Unselige dauerte mich wahrhaftig,
-und dieser Blutgedanke ließ mich lange nicht los, während
-wir uns stromauf stakten. Alle Zauber wohnen allein in
-dem Blut. Ein mittelalterlicher Quacksalber würde ihr
-längst eine Ader geschlagen haben und womöglich das
-Rechte getroffen.
-</p>
-
-<p>
-In der Haustür empfing uns die alte Dienerin, die
-von Erasmus verständigt sein mußte, denn sie ging uns
-wortlos voran bis in ein kleines weißes Schlafzimmer,
-wo sie Licht, Decken und Tücher bereit hatte, und wo wir
-sie mit der Leblosen auf ihrem Bett allein ließen. Erasmus
-frottierte sich warm, legte sich und schlief alsbald
-ein; weniger abgemattet als er und heftiger erregt
-machte ich mich ans Schreiben. Eben ist die Sonne am
-Aufgehn.
-</p>
-
-<p class="tb">
-&nbsp;
-</p>
-
-<p class="noindent">
-Fünfter (oder siebenter) Abend. Mein Vater entschloß
-sich, das Begräbnis für morgen anzusetzen. Die ganze
-Umgegend ist in Aufruhr, die Leute strömen in Scharen
-<a id="page-687" class="pagenum" title="687"></a>
-herbei, es kostet Mühe, sie vom Zimmer Renates fernzuhalten,
-wo unveränderlich, wie ich ihn fand am Vormittag
-nach jener Nacht, Erasmus ihr gegenüber sitzt, und sie
-anglüht rastlos mit brennenden Augen der Seele. Dieser
-Mensch macht mir Grauen mit seiner Leidenschaft. Wenn
-er seine Seele aushauchen könnte als eine Glutwolke um
-die Erstarrte, so würde ers tun. Armer Pygmalion, wenn
-sie wirklich erwacht und ist dann nur ein Mensch, der nichts
-weiß und nichts ahnt, was dann?
-</p>
-
-<p>
-Gleichfalls unwandelbar der Tote auf seinem Bett,
-unverwesend. Neben dem sitzt sein Bruder, unselig, verfallen
-und hülflos. Ich greife mir an den Kopf und
-frage, woher das Ende kommen soll?
-</p>
-
-<p class="tb">
-&nbsp;
-</p>
-
-<p class="noindent">
-Und da ist es, das Ende.
-</p>
-
-<p>
-Preis und Ehre dem Siegreichen! Ja, alle Ehrfurcht,
-mein Bruder, vor dir, ich hatte das nicht von dir gedacht,
-und sei überzeugt, ich werde es dir nicht vergessen!
-</p>
-
-<p>
-Schlafen gegangen nach Mitternacht, erwachte ich vom
-dumpfen Laut eines Falles und sah, daß die Sonne noch
-über den Rand der Erde nicht herauf sein konnte. Das
-seltsame Luftgrau des Morgens. Ich lausche, höre Bewegung
-unter mir im Zimmer des Toten, wo mein Vater
-auf einem Diwan schläft, springe aus dem Bett, eile
-treppab und treffe im Flur mit dem Vater zusammen.
-Wir öffnen die Tür; vor uns, fast daß wir über ihn strauchelten,
-liegt ein riesiger Körper, Erasmus. Und das
-Mädchen, Renate? Es ist hell genug, daß wir sehen
-können: sie sitzt dort, aber nicht wie bisher. Ihr Kopf
-ist vornüber geneigt, die Schläfe liegt am Polster der
-<a id="page-688" class="pagenum" title="688"></a>
-Lehne, wir treten hin zu ihr, da hören wir schon, daß sie
-atmet. Sie schläft. Ihre Hände, ihr Gesicht waren heiß,
-ihre Wangen glühten, kleine Perlen standen in der Nähe
-des Haars. Als die Sonne da war, konnten wir sehen,
-wie die Wangen gerötet waren: ein ganz helles, scharlachnes
-Rot, zart wie Morgenhimmel und so unschuldig
-wie eines schlafenden Kindes.
-</p>
-
-<p>
-Auf die Bitte meines Vaters hin hob ich sie auf und
-trug sie zu ihrem Bett, ohne daß sie erwacht wäre. Ihre
-Glieder waren sehr weich; sie war wieder schwer.
-</p>
-
-<p>
-Dann, mit einiger Mühe, gelang es uns, den Erasmus
-zu wecken, der beim Fortgehn dort zusammengefallen sein
-mußte, und ihn mit vereinten Kräften treppauf und zu
-seinem Bette zu schleppen, wo er hinfiel und schlief. Später
-am Tag sah ich ihn dort. Auch sein Gesicht glühte, erschöpft,
-schweißbedeckt, gemagert, aber umlodert von
-solchem Adel, daß ich mich abwandte.
-</p>
-
-<p>
-Der Tote aber verfiel so schnell, daß wir nicht genug
-eilen konnten, ihn einzusargen. Schön war noch dies:
-Wie jeden Morgen war der wackre Lehrer der erste, der
-anzufragen kam. Nachdem er die Schlafende gesehn,
-entfernte er sich eilig, und Minuten später hörten wir die
-Orgel überlaut <span class="antiqua">Te deum laudamus</span> brausen. In die
-Haustür tretend, sahn wir den Heckengang unter den
-Linden von der Kirche bis nahe ans Haus gefüllt von
-knieendem Volk. Mein alter Vater winkte ihnen mit den
-Händen und weinte erschöpft auf; da brachen sie Alle in
-Schluchzen aus, das die Orgel übertönte. Mir fiel ein,
-daß es gut sein möchte, wenn der löwenhafte Zerreißer
-jenes Bandes auch in sich selber die alte Kette zerrissen hätte,
-<a id="page-689" class="pagenum" title="689"></a>
-die ihn solang als gefesselten Sklaven zwischen uns herumgehen
-ließ. Siehe da, der Sklave war stärker als Alle!&lsquo;
-</p>
-
-<p class="tb">
-&nbsp;
-</p>
-
-<p class="noindent">
-Renate befand sich, als die lesende Stimme schwieg,
-nicht mehr an dem Tisch gegenüber, sondern in der entlegensten
-Ecke des Raums, wohin sie ohne ihr Zutun geraten
-war. Dort saß sie im Stuhl vor dem Harmonium,
-die Hände lautlos ringend auf dem Deckel, dann und
-wann aufblickend unter den Schnitten der Qual, wo in
-klar leuchtenden Farben ein Bildwerk hing, eine sitzende
-weibliche Gestalt in der Landschaft, an die sie umsonst ihr
-wortloses Stammeln richtete. In ihrer übermenschlichen
-und namenlosen Aufgabe begriffen, grübelte sie wieder
-und wiederum väterlichen Lehren nach, doch nicht ihm
-selbst, dessen Namen nicht einmal sie zu denken wagte;
-unzähligen seiner Auslegungen um den Kern seiner Lehre,
-die ihr zu einer Erkenntnis helfen sollten, und eine ewige
-Weile lang schien alles vergebens. Plötzlich sah sie Erasmus
-dasitzen, ganz still, den Kopf gesenkt, die Blätter
-noch in der Hand, nichts als ergeben, &mdash; und mit einem
-zuckenden Schrecken spürte sie, daß etwas am Gelingen
-war, wie ein Ding, an dem sie würgte und knetete, oder
-als hätte das Ungeborene eben gelächelt. Und nun weiter,
-weiter in der ganzen wütenden Not und Mühsal und
-Verzweiflung und Zerrissenheit des Gebärens, wälzte sie
-Glied um Glied und Atemzug um Atemzug näher zum
-Leben, was herauf sollte aus dem erstickenden Schlund, &mdash;
-und endlich mit einem reißenden Schmerzensstrom und
-einer sausenden Wonne zugleich, fuhr es, stand es, schwebte
-es in das Leben, und es war Demut.
-</p>
-
-<p>
-<a id="page-690" class="pagenum" title="690"></a>
-Glieder und Odem und Blut aus seliger Demut: ihre
-geborene Seele trug sie nun, lallend, weinend, behutsam,
-noch ungläubig, &mdash; trug sie durch einen Raum weitoffener
-Leichte zu jenem Menschen hin, der da saß wie ein stiller
-Mönch, und sagte: &bdquo;Mach du mich rein!&ldquo; Ihre Knie
-beugten sich tiefer, ihr Nacken bog sich in dieser neuen,
-heiligen Wonne der Dienstbarkeit, ihre ausgestreckten
-Hände brannten von Eifer und Seligkeit, das reinlich erschaffene
-Juwel der Empfängnis hinzulegen. Und so
-lag sie wohl auf dem Boden, lächelte, weinte und sagte:
-</p>
-
-<p>
-&bdquo;Ich will dich lieben!&ldquo;
-</p>
-
-<h4 class="section">
-Erasmus (Fortsetzung)
-</h4>
-
-<p class="first">
-Als Renate die Augen aufschlug, fühlte sie sich zuerst
-sehr müde. Mit einem schwachen Gefühl der Enttäuschung,
-daß sie nicht schlief, erinnerte sie sich, die Besinnung
-nicht verloren zu haben, und deutlich auch, daß Erasmus
-sie aufgehoben und davongetragen, dabei zweimal
-nach dem Weg zu ihrem Zimmer gefragt &mdash;, ja, daß sie
-zuerst gesagt hatte: In mein Zimmer! Sie hatte die
-Wände, das Treppenhaus an sich vorbeiziehen sehn, und
-nur war das in einer Art Starre vor sich gegangen; ihr
-Körper schien Ähnlichkeit zu haben &mdash; und vielleicht auch die
-Seele, &mdash; mit einem von betäubendem Schlage getroffenen
-Glied, das empfindungslos geworden ist, und sie meinte
-noch jetzt, ihre Hände, ihre Füße, ihren Kopf nicht zu fühlen.
-Als sie aber jedes ganz leise bewegte, war es da, nur
-äußerst leicht und entfernter als sonst. Und dies &mdash; sie
-wußte es wohl &mdash; diese Leichte, diese Wärme, das war alles
-wie damals; damals als er, der sie heute trug, sie zum ersten
-<a id="page-691" class="pagenum" title="691"></a>
-Mal aus dem Eise befreit hatte ... Daß sie die Augen
-geschlossen hatte, als sie niedergelegt wurde, wußte sie,
-und bestimmt, daß sie höchstens einige Minuten geschlafen
-hatte. Nun sah sie die Fenster ihres Zimmers, das im
-Schatten lag, etwas kahles Gewipfel und den Regen, der
-leicht niederfiel. Es war hell draußen von entferntem
-Sonnenschein, und sie hörte Gezwitscher. Und im Fenster
-zur Linken &mdash; sie war etwas geblendet &mdash; befand sich ein
-menschlicher Schatten: Erasmus.
-</p>
-
-<p>
-Plötzlich spürte sie die Wärme, in die sie gebettet war,
-ja, die ihr ganzes Wesen erfüllte, und daß sie trotz schwerer
-Müdheit mit einem unendlichen seelischen Behagen gesättigt
-war. Eine von innen quellende Wärme, die duftete
-und an die wundervolle Wärme eines uralten Kachelofens
-erinnerte mit seinem Holzfeuer und vielen kleinen Darstellungen
-aus dem Leben Mosis, im heimatlichen Flor. Sie
-meinte, sich weder bewegen, noch einen Laut hervorbringen
-zu können, aber das Gewebe der Wärme, aus dem sie
-ganz und gar bestand, regte sich so atmend auf und nieder,
-daß sie zu fühlen glaubte, wie sie es mit ihren Atemzügen an
-sich zog und ausdehnte, und sie dachte: ich bin wie ein Licht.
-</p>
-
-<p>
-Die Helligkeit blendete nun nicht mehr, und nachdem
-sie ihr Auge von der Steppdecke, mit der sie bedeckt war,
-über die Wände mit ihren vielen kleinen, zartfarbenen
-Pferdebildern hatte gleiten lassen, ließ sie es an Erasmus
-haften, leicht hängen bleibend wie ein Falter.
-</p>
-
-<p>
-Er saß auf der Fensterbank mit einem Oberschenkel,
-das andre Bein leicht ins Zimmer gestreckt, das ihr der
-Tisch vor dem Sofa etwas verdeckte, und sah, etwas vorgebeugt,
-nach unten, so daß sie sein Gesicht fast ganz im
-<a id="page-692" class="pagenum" title="692"></a>
-Profil vor sich hatte. Dabei hatte seine Haltung mit dem
-einen auf den Schenkel gestemmten Arm einen Ausdruck
-von Ermüdung und großer unbewußter Würde. Und
-nun mit immer der gleichen Leichtheit im Bewegen ihres
-Blickes alle Linien seiner Züge nachziehend, fand sie, daß
-er sonst nicht schöner geworden war. Das Ganze schien
-so überaus unglücklich zusammengestellt; das Kinn viel
-zu klein, obgleich es an sich recht fein, ja fast zierlich gemeißelt
-war; die Oberlippe zu lang wie die Nase, die obendrein
-eingedrückt war; und nun erst diese zwei unmäßigen
-Buckel der Stirn über den überstarken Augäpfeln, Felsen
-gleich, die aneinandergelehnt sind, und die Einbuchtung
-zwischen ihnen war oben tief eingegraben, und dort schlug
-sichtbar ein Puls. Das mißfarbene Haar war dünn und
-auf der Kopfmitte gelichtet; Nacken und Hinterkopf, wie
-mit dem Beil geschlagen, zeigten eine einzige lange Linie.
-Und trotz allem diesem machte das Ganze keinen abschreckenden
-Eindruck; höchstens einen etwas furchterregend anziehenden,
-und es gefiel Renate, daß seine Lider, nicht wie
-bei anderen Menschen, klappten, sondern sich ruhig und
-selten nur legten und wieder hoben. Da war Geduld, Gelassenheit,
-Ruhe, und es erinnerte übrigens an Bogner.
-</p>
-
-<p>
-Eine Hand neben sich aufstützend, richtete Renate sich
-auf, im Bewußtsein berührt von einem sehr zarten Gefühl
-für diesen Menschen, und nun überrascht von der
-Leichtigkeit, mit der ihr jede Bewegung gelang. Ach, die
-schöne Wärme, die mit in Erschütterung gekommen war
-und nun an vielen Stellen zugleich quoll und verrieselte!
-Sie setzte sich, erfreut, daß es unhörbar gelang, in der Sofaecke
-aufrecht, und sagte dann leise nichts als: &bdquo;Nun?&ldquo;
-</p>
-
-<p>
-<a id="page-693" class="pagenum" title="693"></a>
-Er wandte sich, stand auf und kam an den Tisch, lächelnd
-mit einem Schatten von Besorgnis; sehr wohltuend
-war ihr dann das innerliche Dröhnen seiner Stimme, als
-er fragte, wie sie sich befinde, und ob sie etwas wünsche.
-</p>
-
-<p>
-&bdquo;Befinden?&ldquo; sagte sie, &bdquo;gut. Und wünschen möcht ich
-gern, daß du dich wieder hinsetzest wie eben.&ldquo;
-</p>
-
-<p>
-Er gehorchte lächelnd, nur daß er jetzt den Arm nicht
-aufstützte und Rücken und Hinterkopf grade an den Rahmen
-des Fensters legte, erhobenen Haupts, und diese Haltung
-von Stolz und Geduldigkeit gefiel Renate noch besser.
-Ich glaube, dachte sie bei sich, diesen Menschen zu
-lieben, ist das Leichteste von der Welt.
-</p>
-
-<p>
-Es tat ihr nun alles wohl; ihre Gedanken bewegten sich
-sacht, schwebend und doch sicher, nur war sie auf eine angenehme
-Weise geteilt in Nähe und Ferne, so daß es eng
-war um sie selber und alles andere fern, und daß sie niemals
-mehr als einem Gedanken zurzeit nachgeben konnte. Laut
-zu sprechen, war nicht gut möglich, aber auch nicht nötig.
-</p>
-
-<p>
-&bdquo;Und nun, Erasmus,&ldquo; bat sie nach einem Weilchen,
-die Augen schließend, &bdquo;mußt du mir alles sagen. Ja, jetzt
-gleich. Ich will dir sagen, wie ich es meine.
-</p>
-
-<p>
-&bdquo;Es giebt eine alte jüdische Legende vom Tode Mosis.
-Gott schickte alle Engel zu Moses, um ihm zu sagen, daß
-er sterben müsse, aber er weigerte sich. Da kam Gott selber
-und begann, ein Grab zu graben. Und während er
-dies tat, erzählte Moses dem Herrn sein Leben.&ldquo;
-</p>
-
-<p>
-Obgleich sie wußte, daß es auf dem Ofen in Flor von
-diesem Vorgang keine Darstellung gab, sah sie deutlich
-die alten, dunkelgrünen Kacheln mit den undeutlich gepreßten
-Bildchen und darunter das, wo Moses am Berge
-<a id="page-694" class="pagenum" title="694"></a>
-sitzt; etwas unterhalb der langbärtige Herr tritt eben mit
-dem Fuß auf den eingestemmten Spaten.
-</p>
-
-<p>
-&bdquo;Nicht,&ldquo; fuhr sie fort, &bdquo;daß ers wüßte, &mdash; denn er
-wußte alles. Nicht daß ers wüßte, sondern daß ers einmal
-von Angesicht zu Angesicht erführe, so wie&rsquo;s gewesen
-war. Daß ers von ihm, von Mose hörte, der es ja
-gelebt. Daß er es einmal sagen könnte; einmal ihm zeigen
-könnte, sagen: Also war es ...&ldquo;
-</p>
-
-<p>
-Erasmus löste seine Haltung, setzte sich wieder vor und
-sagte nach einer Weile, während seine Augen schwer wurden
-und angestrengt unter der Last der Stirn: &bdquo;Ich muß
-wohl. &mdash; Es wird schwer gehn.&ldquo;
-</p>
-
-<p>
-&bdquo;Ich will dirs abfragen&ldquo;, sagte sie sanft, und er nickte
-langsam vor sich hin.
-</p>
-
-<p>
-&bdquo;Weißt du, Erasmus, nun habe ich eben gesehn, was
-du hast. Ein sehr schönes Ohr. Aber das andre wird
-auch so sein. Hier &mdash;&ldquo; sie zog mit dem Finger den Umriß
-in die Luft &mdash; &bdquo;hier oben ist eine sehr schön gebogene
-Schleife; dann wirds ganz eingezogen, und das Ohrläppchen
-ist sehr lang und gerundet.&ldquo; Ja, wie schön, dachte
-sie innerlich, in einem so unvollkommenen Gesicht eine so
-vollkommene Sache; vielleicht gilt überhaupt nur die und
-das andere gar nicht! &bdquo;Es ist genau,&ldquo; schloß sie, &bdquo;wie
-ein großes Fragezeichen, und das muß so sein.&ldquo;
-</p>
-
-<p>
-Er hatte das Gesicht hergewandt. &bdquo;Weswegen denn
-das?&ldquo;
-</p>
-
-<p>
-&bdquo;Na, Ohren, was tun die denn? Sie horchen, sie fragen
-doch immer! &mdash; Aber nun will ich fragen.&ldquo;
-</p>
-
-<p>
-Nach einem langen Stillschweigen dann, während es
-draußen dunkler wurde und der Regen rauschender fiel,
-<a id="page-695" class="pagenum" title="695"></a>
-die kleinen Bilder an den Wänden fast ihre Farbe verloren,
-begann sie:
-</p>
-
-<p>
-&bdquo;Erasmus, wie warst du als Junge?&ldquo;
-</p>
-
-<p>
-Es dauerte eine Weile, bis sie ihn sagen hörte: &bdquo;Zu!&ldquo;
-und sie dachte, es käme noch eine Ergänzung, aber nichts.
-</p>
-
-<p>
-&bdquo;Und als Jüngling?&ldquo;
-</p>
-
-<p>
-&bdquo;Böse.&ldquo;
-</p>
-
-<p>
-&bdquo;Und als Mann?&ldquo;
-</p>
-
-<p>
-Er beugte sich weiter vor und sagte: &bdquo;Hülflos.&ldquo;
-</p>
-
-<p>
-&bdquo;Zugeschlossen&ldquo;, wiederholte sie leise. &bdquo;Du durftest
-nicht zeigen, was in dir war. Oder du mußtest es heimlich
-tun, nicht wahr? Wenn du deiner Stiefmutter etwas
-schenken wolltest, so trugst du es in ihr Zimmer, wenn
-sie nicht darin war.&ldquo;
-</p>
-
-<p>
-&bdquo;Woher weißt du das?&ldquo; fragte er erstaunt.
-</p>
-
-<p>
-&bdquo;Ach woher! Ich weiß eben! Dann bist du auch so
-langsam gewesen und kamst immer zu spät, und Alle
-lachten. Da ließest du es lieber ganz sein. Und keiner,
-dachtest du, mochte dich leiden.&ldquo;
-</p>
-
-<p>
-&bdquo;Das dacht ich. Mein Vater fürchtete sich vor meinem
-Gesicht.&ldquo;
-</p>
-
-<p>
-&bdquo;Ja. Und mein Vater hat sich vor dem Großpapa
-gefürchtet, es war grad umgekehrt. Und dann war Josef
-immer da und viel leichter, nicht? In der Schule fielen
-dir die Antworten zu spät ein, und das genügte nicht.
-Ach, guter Erasmus, ich sehe deine Kindheit wie einen
-kleinen Stern hinter einer schweren Wolke. Nun wird
-alles besser werden.&ldquo;
-</p>
-
-<p>
-&bdquo;Als aber&ldquo;, fing sie bald darauf wieder an, &bdquo;Mathematik
-und Naturwissenschaften kamen, da hattest du einen
-<a id="page-696" class="pagenum" title="696"></a>
-guten Ofen, der wärmte, nicht wahr? Darin warst du
-Allen überlegen, und sie fingen an, dich zu achten. Bekamst
-du da Freunde?&ldquo;
-</p>
-
-<p>
-&bdquo;Erst nicht. Dann Bogner. Der hatte es ähnlich zu
-Hause wie ich, wenn auch in andrer Weise. Er machte mir
-Zeichnungen, und ich seine Aufgaben. Schließlich lief er
-doch weg.&ldquo;
-</p>
-
-<p>
-&bdquo;Wobei du ihm halfst. Dann kam das Examen bald,
-und du gingst &mdash;&ldquo;
-</p>
-
-<p>
-&bdquo;Nach Berlin. Da wollt ich allein sein.&ldquo;
-</p>
-
-<p>
-&bdquo;Lerntest du da Klemens kennen? Wie war das?&ldquo;
-</p>
-
-<p>
-&bdquo;Nicht besonders. Ich ging zuweilen in Arbeiterversammlungen.
-Da stand er einmal neben mir, und wir
-kamen ins Gespräch.&ldquo;
-</p>
-
-<p>
-&bdquo;So. Du kamst in Gespräche ...&ldquo;
-</p>
-
-<p>
-&bdquo;Diesmal.&ldquo;
-</p>
-
-<p>
-&bdquo;Wie lange bliebst du in Berlin?&ldquo;
-</p>
-
-<p>
-&bdquo;Bis zum Verbandsexamen. Dann war ich in Kiel.
-Dann in Marburg.&ldquo;
-</p>
-
-<p>
-&bdquo;Warum warst du da böse?&ldquo;
-</p>
-
-<p>
-&bdquo;Weil ich nicht wollte. Ich wollte niemand kennen,
-niemand nützen. Mir lag nur an meiner Arbeit.&ldquo;
-</p>
-
-<p>
-&bdquo;Was für eine Arbeit?&ldquo;
-</p>
-
-<p>
-&bdquo;Gewisse akustische Phänomene. Beobachtung der
-Schallwellen ...&ldquo;
-</p>
-
-<p>
-&bdquo;Ach,&ldquo; sagte Renate verstehend, &bdquo;wegen deiner Ohren!
-&mdash; Was ist daraus geworden?&ldquo;
-</p>
-
-<p>
-&bdquo;Nichts. Als ich vor drei Jahren nach Altenrepen
-mußte, blieb alles liegen.&ldquo;
-</p>
-
-<p>
-&bdquo;Du warst ganz allein?&ldquo;
-</p>
-
-<p>
-<a id="page-697" class="pagenum" title="697"></a>
-&bdquo;Ja. Ich lief in den Wäldern herum und fluchte.&ldquo;
-</p>
-
-<p>
-&bdquo;Und dann kamst du in die Fabrik?&ldquo;
-</p>
-
-<p>
-&bdquo;Nein,&ldquo; sagte er, sich abwendend, &bdquo;da kam ich erst
-nach Flor.&ldquo;
-</p>
-
-<p>
-Renate zitterte bis in die Füße. Nun gedachte sie erst
-wieder, daß es dieser Mensch war, dieser, der sein Wesen
-immer in einen furchtbaren Knoten geschlungen trug, und
-der sich einmal an ihr Leben gelegt hatte wie an eine
-Giftwunde und gesogen; im höchsten Augenblick aus allen
-Enden der Glieder zurückgesogen hatte das Gift wie ein
-Allmächtiger. Aber der Knoten blieb ungelöst und mußte
-zerhauen werden.
-</p>
-
-<p>
-Es dauerte lange Sekunden, bis sie fragen konnte:
-&bdquo;Wie war das &mdash; in Flor?&ldquo;
-</p>
-
-<p>
-Da er abgewandt blieb, hörte sie seine Stimme undeutlich.
-Er könne es nicht sagen. Er hätte keine Worte
-dafür. Es sei dumpf gewesen.
-</p>
-
-<p>
-&bdquo;Als ich wieder aufgewacht war,&ldquo; sagte Renate mit
-mehr Sicherheit, &bdquo;da konntest du nicht kommen und sagen:
-Du gehörst mir!?&ldquo;
-</p>
-
-<p>
-Ja, wie denn? Ob sie ihm denn gehört hätte? Wenn ein
-Mensch ins Wasser fiele und ein Andrer hole ihn heraus ...
-</p>
-
-<p>
-&bdquo;Ach, das paßt aber doch gar nicht, Erasmus! Ins
-Wasser springt es sich leicht. Dazu gehört nur Schwimmenkönnen
-und etwas Mut. Ins Wasser wäre Josef
-auch gesprungen.&ldquo;
-</p>
-
-<p>
-&bdquo;Vielleicht&ldquo;, gestand er, &bdquo;glaubte ich, du würdest mirs
-ansehn.&ldquo;
-</p>
-
-<p>
-&bdquo;Ja, da hattest du recht. Damals war ich blind, und
-nun sehe ich.&ldquo;
-</p>
-
-<p>
-<a id="page-698" class="pagenum" title="698"></a>
-&bdquo;Es hat so sein müssen.&ldquo;
-</p>
-
-<p>
-&bdquo;Und so blieben wir aneinander gebunden. Als wir
-uns wiedersahn in Altenrepen, was dachtest du da?&ldquo;
-</p>
-
-<p>
-&bdquo;Daß meinem Bruder kein Mensch widerstanden
-hatte.&ldquo;
-</p>
-
-<p>
-Renate schwieg. &bdquo;Viel fehlte ja nicht. Wenn er nicht
-zwei Schatten gehabt hätte ...&ldquo;
-</p>
-
-<p>
-&bdquo;Zwei, Renate?&ldquo;
-</p>
-
-<p>
-&bdquo;Zwei Schatten, dicht nebeneinander, wie wenn Licht
-brennt am Tag. Glaubst du an Doppelgänger? Ich
-glaube, es war einer.&ldquo;
-</p>
-
-<p>
-&bdquo;Bei Josef war alles möglich.&ldquo;
-</p>
-
-<p>
-&bdquo;Ich sagte es keinem, nicht einmal mir selber richtig.
-&mdash; Und dann ging Josef, und du dachtest &mdash;&ldquo;
-</p>
-
-<p>
-&bdquo;Er wird bald wiederkommen.&ldquo;
-</p>
-
-<p>
-&bdquo;Ja, du glaubtest immer an alles, außer an dich.&ldquo;
-</p>
-
-<p>
-&bdquo;Er kam auch nach anderthalb Jahren.&ldquo;
-</p>
-
-<p>
-&bdquo;O das hast du gewußt?&ldquo;
-</p>
-
-<p>
-&bdquo;Ja. Es war so ein Zufall, wie sie sein müssen.&ldquo;
-</p>
-
-<p>
-&bdquo;Wann denn?&ldquo;
-</p>
-
-<p>
-&bdquo;Einmal &mdash; du warst im Garten, mit Saint-Georges
-erst, dann allein. Du gingst zum Zaun und kamst nicht
-wieder. Ich sah alles vom Fenster. Dann mußte ich dir
-nachgehn. Ich wußte schon, wer da war. Und dann sah
-ich euch, wie ihr auf der Schaukel wart.&ldquo;
-</p>
-
-<p>
-&bdquo;Und als ich zum Abendessen heraufkam, warst du
-wie immer ...&ldquo;
-</p>
-
-<p>
-&bdquo;Du auch. Man beherrscht sich ja.&ldquo;
-</p>
-
-<p>
-&bdquo;Ja, wir Menschen sind wunderlich ... Und was kam
-dann?&ldquo;
-</p>
-
-<p>
-<a id="page-699" class="pagenum" title="699"></a>
-Renate konnte nicht verstehn, was er sagte, oder ob er
-schwieg, denn in dem Augenblick brauste der Regen schallend
-auf, eine, zwei Sekunden lang, worauf er ebenso
-schnell sanft wurde, verhallte, und gleich darauf hörte sie
-nur lautes Tröpfeln. In der Ferne, wo sie den Himmel
-blau sah im Fenster, ging die goldene Gestalt einer Sonnenhelle
-wandernd einher und winkte nach allen Seiten,
-daß der Regen aufhöre. Renate mußte lächeln.
-</p>
-
-<p>
-Wenn ich nur wüßte, dachte sie, wie einer Frau zumute
-ist, die geboren hat! Auch erst so kalt und steif, wie als
-Erasmus mich trug, und dann so gewichtlos und warm?
-</p>
-
-<p>
-&bdquo;Komm zu mir!&ldquo; bat sie mit schwacher Stimme. Er
-kam und mußte sich auf den Stuhl neben ihr setzen, worauf
-sie seine eine Hand nahm und hielt. Sie war trocken,
-warm, beinah glühend, und sie dachte: Ach, aber die muß
-man kühlen! &mdash; Warm, fiel ihr ein, wenn uns friert, und
-kühl, wenn uns glüht, denn er ist beides. &mdash; Wer hatte
-denn das gesagt? Jason wohl, es klang so nach Jason.
-Derweil befühlte sie mit unmerklichen Drucken die große
-Gliederung dieser Hand, betrachtete auch verstohlen ihre
-Bildung. Sie war sehr derbe, die Fingernägel ganz rund,
-unedel &mdash; bis auf den Daumen, der für sich allein aussah
-wie &mdash; Renate fiel ein &mdash; ein Konnetabel von Frankreich.
-Sie schloß nun die Hände um das ganze, große und gestaltete
-Werkzeug und fand endlich die leise Frage nach
-Josefs Tod:
-</p>
-
-<p>
-&bdquo;Gab es nur die eine Lösung?&ldquo;
-</p>
-
-<p>
-Es zuckte sofort in der Hand. Die Stimme des Menschen,
-zu dem sie gehörte, und den Renate neben sich kaum
-noch erblicken konnte, sagte:
-</p>
-
-<p>
-<a id="page-700" class="pagenum" title="700"></a>
-&bdquo;Ja. Wenn es eine war. Immerhin &mdash; ich bin frei
-geworden. Sogar mein Verstand &mdash;&ldquo; Sie hörte ihn unbehülflich
-lachen.
-</p>
-
-<p>
-&bdquo;Wie meinst du das?&ldquo;
-</p>
-
-<p>
-&bdquo;Es war alles locker geworden.&ldquo; In der Hand liefen
-Wellen, die an ihren Händen zuckten und zerrten, immerfort
-hin und her. &bdquo;Vorher war das &mdash; wie Gänge. Aus
-einem konnte man nur in den nächsten. Erst waren die
-Naturwissenschaften. Nein, erst war Josefs Mutter.
-Dann lange Zeit nichts, und das war schlimmer. Dann
-wie gesagt ... Dann das Studium, und meine Arbeit;
-dann Altenrepen, die Fabrik. Und du auch. Immer ein
-Gang und eine Höhle. Es war immer niedrig, ganz eng,
-ich konnte eben drin hingehn. Es war alles vorgeschrieben,
-und &mdash; auch Lesen, Spaziergänge &mdash; das war nur, wie
-wenn ich die Hand hob und an der Decke kratzte.&ldquo;
-</p>
-
-<p>
-Er schwieg &mdash; und fuhr wieder fort mit einem Stoß.
-</p>
-
-<p>
-&bdquo;Nun war die Decke fort. Der Himmel sah nicht herein.
-Der Tote sah herein, und wir sprachen miteinander. Erst
-im Traum nur. Dann auch ... Wir hatten uns ja sonst
-niemals schlecht vertragen die letzten Jahre; und er war
-allzeit großartig gewesen und trug nichts nach. Nun war
-auch immer etwas Hinterlist dabei, so wie er sonst nicht
-war. Und er wollte mir beweisen, daß ich ganz recht getan
-hatte. So war Josef.&ldquo;
-</p>
-
-<p>
-Es kam nichts mehr. Renate sagte: &bdquo;Weiter, Erasmus!&ldquo;
-die Hand festhaltend wie ein warmes Tier, das
-immer davonwill.
-</p>
-
-<p>
-&bdquo;Wir verglichen,&ldquo; stieß er sich wieder vorwärts, &bdquo;wir
-verglichen mein Leben und seinen Tod. Immer fehlte etwas
-<a id="page-701" class="pagenum" title="701"></a>
-bei mir am Gewicht. Ich dachte, ich würde verrückt.
-Wir hockten da beieinander und suchten und fanden es
-nicht.&ldquo; Er stockte.
-</p>
-
-<p>
-&bdquo;Das hat lange gedauert. Alte Begriffe sitzen sehr fest
-an einem. Es giebt so eine Konchylie, die am Bauch der
-Schiffe sich festsetzt und steinhart wird. Man muß sie mit
-der Axt abschlagen. Und man hat so gelernt: Tod muß
-mit Tod bezahlt werden. Aber das war locker geworden,
-und ich dachte: Stimmt das? Ein Mann hat einen andern
-erschlagen, und das Volk sagt: Gerechtigkeit! er muß
-auch sterben. &mdash; Wenn nun die Gerechtigkeit erfüllt wird,
-so empfindet das Volk Genugtuung. Ich arbeitete so mit
-Schlüssen. Es empfindet Genugtuung über die Gerechtigkeit,
-und das stellt sich dar in Genugtuung über einen
-zweiten Mord. Ist das gut? Nein. Aber der getötet hatte,
-empfand auch Genugtuung. Heben die beiden sich auf?
-Die Algebra sagt: Minus mal Minus giebt Plus.
-</p>
-
-<p>
-&bdquo;Ja, so hab ich gerechnet&ldquo;, fuhr die immer mehr dröhnende
-Stimme fort, während die Hand in Renates Händen
-feucht wurde und klebend. &bdquo;Und dann fiel mir ein:
-Gott machte an Kain ein Zeichen, und keiner durfte ihn
-anrühren. Unstet und flüchtig heißt es. Er wollte also
-keinen zweiten Mord. Er wollte, ich soll unstet leben.&ldquo;
-</p>
-
-<p>
-Renate sagte leise: &bdquo;Und dein Vater? Er hatte doch
-ver&mdash;&ldquo;
-</p>
-
-<p>
-Sie endete nicht, da er seine Hand aus den ihren nahm,
-um eine abwehrende Bewegung zu machen.
-</p>
-
-<p>
-&bdquo;Er &mdash; ja, für sich! Aber für mich, und Josef, und
-die Welt? Nein, soweit war das schon richtig mit Gott.&ldquo;
-Er sprang auf und stellte sich irgendwo im Zimmer auf,
-<a id="page-702" class="pagenum" title="702"></a>
-unsichtbar hinter Renate, deren Hände plötzlich aufatmeten.
-</p>
-
-<p>
-&bdquo;Aber nun das mit dem unsteten Leben&ldquo;, hörte sie
-seine Stimme verdeckt und sah, sich ein wenig wendend,
-ihn an der Wand stehn, eine Faust darauf und auf sie die
-Stirne gelegt. Sie sah wieder fort.
-</p>
-
-<p>
-&bdquo;Wie soll man sich das vorstellen? Es war doch ein
-langes Leben wohl? Wovon lebte er denn? und wie?
-Immer auf der Flucht? Da dacht ich: das sind so menschliche
-Vorstellungen. Die Menschen erraten zuweilen etwas,
-es blitzt etwas auf, so das mit dem Zeichen, das Gott
-machte. Weiter wissen sie dann nicht, und das war eben das
-Wichtige. Er sühnte so &mdash; und es ging sie ja auch nichts an.&ldquo;
-</p>
-
-<p>
-Nun sprach er schneller und immer heftiger weiter.
-</p>
-
-<p>
-&bdquo;Ich hab das immerzu gedacht. Gerechtigkeit ist so
-ein irdischer Begriff. Er kommt vom Wert. Jedes Ding
-wird gleich gewogen mit einem zweiten, und Gerechtigkeit
-läßt sich kaufen. Früher kauften sie auch Frauen, und es
-giebt Länder, wo Blut mit Gold bezahlt wird. Hilf mir
-doch weiter!&ldquo; stöhnte er plötzlich, und erschrocken sich umwendend
-sah sie ihn in einer seltsamen und furchtbaren
-Haltung vor dem Schrank, die Stirne ganz tief dagegen
-gesenkt und mit ausgebreiteten Händen auf und nieder
-gleitend an den Kanten, &mdash; so wie ein Tier, das irr geworden
-ist von Gefangenschaft. Renate war gleich darauf
-bei ihm, er ließ sich aufrichten, legte seinen Kopf auf ihre
-Schulter und blieb so eine Weile. Plötzlich machte er sich
-dann los, setzte sich in Bewegung und redete vor sich hin,
-auf und ab gehend, und ohne die gesenkten Augen und den
-Kopf zu erheben; die Hände griffen dabei.
-</p>
-
-<p>
-<a id="page-703" class="pagenum" title="703"></a>
-&bdquo;Die Rechnung stimmt eben nicht. Jedes Ding ist einzig.
-Das Volk denkt: Wenn mein Weib stirbt, nehm ich
-ein andres. Das hab ich immerzu gedacht. Kann Gott
-&mdash; ich meine: wenn es einen giebt und er hat eine Gerechtigkeit,
-kann sie auch so &mdash;?
-</p>
-
-<p>
-&bdquo;Nein. Für ihn ist alles einzig und unersetzlich. Ist
-das menschlich zu wägen? Nein, hin ist hin.
-</p>
-
-<p>
-&bdquo;Aber dann dacht ich: kann der Mensch nicht etwas
-tun? Nehmen und dann wiedergeben, und wenns ihm
-auch sauer wird, ist doch keine Leistung. Was aber noch?
-Ich dachte: der Mensch kann <em>mehr</em> tun.&ldquo;
-</p>
-
-<p>
-Renate hatte sich auf den Stuhl am Tische gesetzt und
-die Hände darauf gefaltet. &bdquo;Das hast du gedacht?&ldquo;
-fragte sie ergriffen.
-</p>
-
-<p>
-&bdquo;Es ergab sich so. Man muß rechnen, und man muß
-immer weiter denken. Früher, wie gesagt, war da Gang
-und Höhle, und so ist es mit dem Denken: links, rechts,
-rechts, links, und dann die Wand. Nein weiter: oben &mdash;
-unten ...&ldquo;
-</p>
-
-<p>
-Stehen bleibend, sah er Renate mit jenem beschränkten
-und unbeholfenen Frageblick an, den sie kannte. &bdquo;Mußtest
-du immer denken?&ldquo; fragte sie behutsam. Er begann
-wieder zu gehn. Erst nach einer Weile rief er:
-</p>
-
-<p>
-&bdquo;Na ja, was denn, was denn? Denken, der Mensch
-muß denken! Langsam kommt man vorwärts, und ich
-trat immer auf dieselbe Stelle und sah mich um. So
-muß mans machen.
-</p>
-
-<p>
-&bdquo;Also nun das Mehr-tun. Wie fängt man das an?
-An den Menschen ist freilich immer zu tun, aber &mdash;&ldquo; er
-brach enttäuscht ab. &bdquo;Ihnen ist ja nicht zu helfen!&ldquo;
-</p>
-
-<p>
-<a id="page-704" class="pagenum" title="704"></a>
-&bdquo;Ich meine, versteh mich recht,&ldquo; fing er gleich wieder an,
-&bdquo;nicht auf meine Weise! mit meinen Mitteln! Was läßt sich
-denn ausrichten? Ich hab doch nur Geld. Was kann man
-machen? Wenn ich alles verteilt hätte, wenn ich jedem so
-viel gegeben hätte, ich meine jetzt: meinen Arbeitern, daß er
-so viel hatte wie ich selbst, das wäre doch ungerecht gewesen!
-Dann hätte ich doch zu wenig bekommen! Und was kann
-man sonst tun? Da sind überall die Gleise: Krankenhäuser,
-Pensionen, und bessere Wohnungen, und dergleichen &mdash;&ldquo;
-Er schöpfte Atem. &bdquo;Was ist denn damit gedient?
-</p>
-
-<p>
-&bdquo;Man kann immer nur flicken. Das ist ja auch alles
-nicht der Rede wert, das war ja für mich alles viel zu
-wenig, da bin ich auch bald abgekommen. Ich habe einfach
-&mdash; gerechnet! Ja!&ldquo; schloß er mit großer Bestimmtheit,
-vor Renate stehend mit schwerem, aber fast zufriedenem
-Blick. Und nun sprach er schnell weiter:
-</p>
-
-<p>
-&bdquo;Einem hab ich genommen, einem muß ich geben. Das
-Dasein hier, das ist ganz aufgebaut auf Zwein. Zwei
-machen die Zeugung, ohne die steht alles still. Zwei sind
-das Letzte. Wer Allen was tun will, der muß sein &mdash; wie
-Christus. Ich meine: so einer kann ihnen doch nur mit
-der Seele helfen. Das ist doch klar! Ja, die Mathematik,
-wer die begreift, das ist eine göttliche Kunst! Es giebt
-eine Zahl darin, laß dir sagen,&ldquo; redete er inständig, doch
-scheinbar ohne sie recht zu sehn, auf Renate ein, &bdquo;das ist
-die Null. Die verzehnfacht jede Zahl, wenn man sie dahinter
-stellt. Ist das nicht ein Geheimnis? Wie macht sie
-das? Durch ein andres Geheimnis, nicht wahr? Null
-ist nämlich in der Mathematik gleich Unendlich!&ldquo; schloß er
-mit ausgestrecktem Zeigefinger vor Renate hin.
-</p>
-
-<p>
-<a id="page-705" class="pagenum" title="705"></a>
-&bdquo;Null ist gleich Unendlich. Und das Unendliche in
-Verbindung mit einem Endlichen wirkt in endlicher
-Weise, und mit einem Irdischen in irdischer Weise. Die
-Kraft des Unendlichen wirkt durch Verzehnfachen, Verhundert-,
-Vertausendfachen. An sich ist sie nichts, ist Null,
-für uns, ja für uns Null. Oder <span class="antiqua">x</span>, die Unbekannte. Null
-ist gleich <span class="antiqua">x</span>. In jeder Aufgabe, die sich löst, muß <span class="antiqua">x</span> gleich
-Null sein.&ldquo;
-</p>
-
-<p>
-Renate bemühte sich, mit dem offenen Blick des Verstehens
-und Einverständnisses an diesen, jetzt quellenden
-und glühenden Augen zu hängen, ohne doch dabei sie, die
-verwirrenden, richtig zu sehn; und sie klammerte sich an
-etwas, das ferne hinter ihnen, und hinter all diesem
-Sinnlosen und wieder Sinnreichen, zu dämmern schien
-wie ein Auge voll großer Vernunft.
-</p>
-
-<p>
-&bdquo;Aber&ldquo;, sprach er weiter, &bdquo;wenn du nun Übertragungen
-vornimmst auf die menschlichen Zustände, so gehts wie
-mit allen Übertragungen des Göttlichen: es geht immer
-nur bis zu einer gewissen Grenze. Ich stand gleich vor
-einer Schranke, vor zwei Schranken, ja, und hinter jeder
-warst du!&ldquo;
-</p>
-
-<p>
-Er rief ihr das zu &mdash; so wie man einem etwas ins Gesicht
-ruft, damit er endlich begreift, und erst hinterher
-schien ihm bewußt zu werden, was das denn hieß, denn
-er brach ab, legte das Gesicht auf die Seite und versuchte
-zu lächeln, ohne Renate anzusehn, auf sehr traurige Weise.
-&mdash; Sie sagte nur: &bdquo;Weiter, Erasmus!&ldquo; und als hätte es
-nichts weiter gebraucht als das, war er wieder in Erregung
-und sprach, jedoch ohne sie anzusehn, gegen den
-Tisch:
-</p>
-
-<p>
-<a id="page-706" class="pagenum" title="706"></a>
-&bdquo;Die eine Schranke war so. Einem Menschen hatt&rsquo;
-ich genommen, einem andern mußte ich geben. Was?
-Das Leben. Ja, mein Gott, was solltest du mit meinem
-Leben? Damals warst du krank. Was sollte ich tun?
-Konnt ich wie damals? Wenn ich kam, liefst du weg und
-schriest &mdash;&ldquo;
-</p>
-
-<p>
-Er verstummte. Sie konnte die Augen nicht offen
-halten, schaudernd vor der Erinnerung an ein Tier, an
-den Tiger, der ihr damals zuweilen Entsetzen eingeflößt
-hatte.
-</p>
-
-<p>
-&bdquo;Weiter, Erasmus, weiter!&ldquo; flehte sie.
-</p>
-
-<p>
-&bdquo;Das war die eine Schranke. Die andre war das Unendliche.
-Wie läßt es sich binden? Kann man hineingehn?
-Ja, kannst du denken, was ich damals beabsichtigt,
-ganz ernst beabsichtigt habe?&ldquo;
-</p>
-
-<p>
-Die Augen öffnend, fand sie die seinen wieder darauf
-eingestellt, fragend.
-</p>
-
-<p>
-&bdquo;Ja, Erasmus,&ldquo; sagte sie, in einem Blitz erratend, &bdquo;du
-wolltest Mönch werden.&ldquo;
-</p>
-
-<p>
-&bdquo;In ein Kloster gehn. Aber es paßte doch gar nicht.
-Ich muß tätig sein. Was sollte ich anfangen in einer
-Zelle?&ldquo;
-</p>
-
-<p>
-&bdquo;Also einen andern Weg? Also zu einem Menschen?
-Da war wieder die Schranke, &mdash; und du!&ldquo; endete er unsicher.
-</p>
-
-<p>
-&bdquo;Ich weiß&ldquo;, sagte sie sanft. Aber wie weiter? Was
-nun?
-</p>
-
-<p>
-Es verging eine Zeit, und sie sah ihn nun wieder wie
-im Anfang auf der Fensterbank sitzen, nur viel erschöpfter,
-den Kopf angelehnt, das hagere Gesicht durchglüht und
-<a id="page-707" class="pagenum" title="707"></a>
-beperlt, ein Taschentuch in den Händen, das er unbewußt
-zusammendrückte und zog.
-</p>
-
-<p>
-&bdquo;Erasmus,&ldquo; fragte sie, &bdquo;glaubst du an Gott?&ldquo;
-</p>
-
-<p>
-&bdquo;Ach,&ldquo; versetzte er ablehnend, &bdquo;wer kann das wissen!
-Man glaubt und auch nicht. Die meiste Zeit des Lebens
-geht ohne ihn hin, und eines Tages, wo man ihn haben
-müßte, ist er verloren. Ganz recht, denn das wäre was,
-sich das halbe Leben nicht um ihn kümmern, und dann
-plötzlich, wenn man ihn braucht. Er wird sich um uns
-auch nicht kümmern.&ldquo;
-</p>
-
-<p>
-&bdquo;Ja, aber wozu dann &mdash;&ldquo; fragte sie in plötzlicher und
-dunkler Ahnung eines ablenkenden Wegs.
-</p>
-
-<p>
-Er setzte sich härter und gerader fest. &bdquo;Wenn es einen
-giebt, muß er schon so groß sein, daß er sich um uns nicht
-bekümmern kann!&ldquo; sagte er verächtlich.
-</p>
-
-<p>
-&bdquo;Wirklich, ach! Was du nicht sagst!&ldquo; rief sie entschlossen,
-jetzt ganz leicht zu reden. &bdquo;Ich glaube, an
-dieser Stelle hättest du getrost auch weiter denken können.&ldquo;
-</p>
-
-<p>
-&bdquo;Wieso?&ldquo;
-</p>
-
-<p>
-&bdquo;So groß&ldquo;, sagte sie, &bdquo;kannst du dir Gott denken, daß
-er deiner nicht achtet. Warum dann, Erasmus, warum
-nicht noch um so viel größer, daß er deiner doch achtet?
-Wie wird denn die Größe bei dir gemessen? Wäre das nicht
-erst wahrhaft Größe: so groß &mdash; und doch deiner achtend?&ldquo;
-</p>
-
-<p>
-&bdquo;Das wäre!&ldquo; sagte er tief und sah sie mit Staunen
-an. &bdquo;Das läßt sich ja begreifen!&ldquo;
-</p>
-
-<p>
-&bdquo;Und das Unendliche,&ldquo; fragte sie voll Hast weiter und
-innerlich schon triumphierend: &bdquo;wenn es das giebt, hat
-es einen Anfang? oder ein Ende?&ldquo;
-</p>
-
-<p>
-&bdquo;Nein.&ldquo;
-</p>
-
-<p>
-<a id="page-708" class="pagenum" title="708"></a>
-&bdquo;Kannst du also am Anfang oder Ende stehn?&ldquo;
-</p>
-
-<p>
-&bdquo;Nein.&ldquo;
-</p>
-
-<p>
-&bdquo;Also wo!&ldquo;
-</p>
-
-<p>
-&bdquo;Mitten.&ldquo;
-</p>
-
-<p>
-&bdquo;Und das Unendliche selbst, wo kann es nur sein?&ldquo;
-</p>
-
-<p>
-&bdquo;In mir.&ldquo;
-</p>
-
-<p>
-&bdquo;In dir, Erasmus, ja in dir! Der Kreis, der ewige
-Kreis, der du bist, und dessen Umlauf nirgend, und dessen
-Mitte allüberall ist. Wie konntest du denn &mdash; ach, nun
-fällt mir etwas ein, es ist zum Lachen, aber höre nur!
-Neben unsrer Kleinbahn bei Flor standen in Abständen
-auf dem Damm immer Pfähle mit einem wagrechten
-Brett oben, wie Wegweiser, die senkrecht weg von der
-Bahn zeigten, und darauf war das mathematische Unendlichkeitszeichen
-gemalt &mdash; so!&ldquo; Sie malte mit dem
-Finger die liegende Acht in die Luft. &bdquo;Und ich weiß noch,
-wie ich zu Papa gelaufen kam, als ich das Zeichen gelernt
-hatte, außer mir, weil da überall Wegweiser standen
-mit dem Zeichen. Hier gehts zur Unendlichkeit! nicht
-wahr? und natürlich hatten sie recht, da alle Wege in
-sie münden. Aber in Wirklichkeit: liegt es denn da draußen
-irgendwo, das Unendliche? Und sahst du nicht immer
-nach oben oder unten, nach draußen, um es zu finden?
-Was also hättest du tun müssen statt dessen?&ldquo;
-</p>
-
-<p>
-Gott erhalte mir jetzt meinen Verstand, betete sie inbrünstig
-und nahm all ihren Scharfsinn zusammen, dieweil
-sie ihn antworten hörte: &bdquo;Nach innen sehn!&ldquo; und hinzusetzen,
-ungläubig: &bdquo;Aber &mdash; da war doch nichts!&ldquo;
-</p>
-
-<p>
-&bdquo;Nichts, Erasmus? Mit dir hat man seine Not! Wo,
-sagtest du eben, sei das Unendliche?&ldquo;
-</p>
-
-<p>
-<a id="page-709" class="pagenum" title="709"></a>
-&bdquo;In mir.&ldquo;
-</p>
-
-<p>
-&bdquo;Und in welcher Gestalt? göttlicher oder menschlicher?&ldquo;
-</p>
-
-<p>
-&bdquo;Menschlicher.&ldquo;
-</p>
-
-<p>
-&bdquo;Die wie aussieht, du sagtest es vorhin?&ldquo;
-</p>
-
-<p>
-&bdquo;Wie eine Null.&ldquo;
-</p>
-
-<p>
-&bdquo;Und die was tut in Verbindung mit der Zahl?&ldquo;
-</p>
-
-<p>
-&bdquo;Verzehnfacht.&ldquo;
-</p>
-
-<p>
-&bdquo;Was ist verzehnfachen? Ich meine: wie nennt man
-&mdash; etwas, das verzehnfachen kann?&ldquo;
-</p>
-
-<p>
-&bdquo;Eine Kraft.&ldquo;
-</p>
-
-<p>
-&bdquo;Also stellt das Unendliche sich menschlich dar in einer
-gewaltigen Kraft, die verzehnfacht. Hast du einen Namen
-für solche Kraft, wenn du sie dir vorstellst?&ldquo;
-</p>
-
-<p>
-Er zauderte. &bdquo;Du meinst &mdash; Liebeskraft.&ldquo;
-</p>
-
-<p>
-&bdquo;Ja, Erasmus, Liebeskraft, ja, das ist die Kraft des
-Unendlichen, durch die sie Wesen hat und waltet! Hast
-du sie nicht gehabt?&ldquo;
-</p>
-
-<p>
-&bdquo;Ich glaube ...&ldquo;
-</p>
-
-<p>
-&bdquo;Ach, du glaubst! Nun, und was tut man mit ihr?&ldquo;
-</p>
-
-<p>
-&bdquo;Man &mdash; man soll sie anwenden.&ldquo;
-</p>
-
-<p>
-&bdquo;An wen?&ldquo;
-</p>
-
-<p>
-&bdquo;An Menschen.&ldquo;
-</p>
-
-<p>
-&bdquo;Was für einen Menschen?&ldquo;
-</p>
-
-<p>
-&bdquo;Der sie braucht.&ldquo;
-</p>
-
-<p>
-&bdquo;Kanntest du solch einen?&ldquo;
-</p>
-
-<p>
-&bdquo;Ja.&ldquo;
-</p>
-
-<p>
-&bdquo;Wer war denn das?&ldquo; rief sie, fast zerrend an seiner
-Langsamkeit.
-</p>
-
-<p>
-Seine Augen verdrehten sich etwas. &bdquo;Du.&ldquo;
-</p>
-
-<p>
-&bdquo;Nun? Und nun?&ldquo;
-</p>
-
-<p>
-<a id="page-710" class="pagenum" title="710"></a>
-Er schüttelte den Kopf. &bdquo;Aber &mdash; Renate! Da ist ja
-wieder die Schranke.&ldquo;
-</p>
-
-<p>
-&bdquo;Nun Gott sei gelobt,&ldquo; sagte sie strahlenden Auges,
-&bdquo;das war alles, was ich wollte!&ldquo;
-</p>
-
-<p>
-Da begriff er. Sie erhob sich langsam, während er
-auf sie zukam, und sagte: &bdquo;Sollt ich nicht auf meine Art
-auch beweisen, Erasmus?&ldquo;
-</p>
-
-<p>
-Er nahm ihre Hände und legte sie sich auf die Schultern.
-&bdquo;Du verdrehst es nur so&ldquo;, meinte er stockend.
-</p>
-
-<p>
-Plötzlich schlug ihr Herz wie im Fieber, und Müdigkeit
-nach der Anspannung des Denkens schwemmte heiß
-über sie hin. Sie legte einen Augenblick die Stirn gegen
-seine Schulter, stand auf einmal in ihrem Schlafzimmer,
-am Fußende des Bettes, und dachte besinnungslos nur:
-War das der Anfang &mdash; &mdash;?
-</p>
-
-<p>
-Sie ging um das Bett, setzte sich auf die Decke, und
-in einem Schwindelgefühl erschien ihr Jason in ebendem
-Bett, auf dem sie saß, wie er krank darin lag vor Jahren.
-Sie und Magda saßen abwechselnd bei ihm und hörten
-ihn endlos aufsagen aus der Abgründigkeit seines Gedächtnisses.
-</p>
-
-<p>
-Ja, dachte sie weiter, ich muß ihn reden lassen, immer
-wieder, und ihn immer wieder auf einen andern Weg
-bringen, bis er sich ausgeschöpft hat.
-</p>
-
-<p>
-Wenn er sich ausschöpfen läßt! entgegnete unhörbar
-eine Stimme.
-</p>
-
-<p>
-Oder bis er es müde wird. Denn, setzte sie auflächelnd
-hinzu, außerdem wird noch das Leben sein, und alles &mdash;
-</p>
-
-<p>
-Sie vermochte nicht zu Ende zu denken, gab, verspürend,
-daß sie umsank, langsam nach, lag und zog auch die
-<a id="page-711" class="pagenum" title="711"></a>
-Füße herauf. Ihre Augen fielen zu, sie glühte und gab
-sich der Müdigkeit hin mit einem Seufzer der Lust. Noch
-hörte sie die Stille und draußen das unablässige Aprilgezwitscher
-der Vögel, und sie dachte in der Erinnerung
-Jasons:
-</p>
-
-<p>
-Er hat es überstanden, &mdash; und du und ich, wir werden
-es auch überstehn. &mdash; &mdash;
-</p>
-
-<p>
-Damit entschlief sie. Sie fuhr aber schon Augenblicke
-danach mit einem zuckenden Schrecken empor und saß aufrecht.
-Sie horchte; nebenan war Stille. Eine halbe Minute
-wohl saß sie so, keinen Laut vernehmend als den
-dumpfen Schlag ihres Herzens und das ferne Klappern
-einer Dachrenne. Etwas &mdash; mußte nebenan sein, und da
-sie doch die Vorstellung hatte, das Zimmer sei leer, dachte
-sie besinnungslos: er hat sich hinausgestürzt! mehrere
-Male; vor Augen das offene Fenster dort. Der Schlag
-ihres Herzens trat in ihre Kehle, sie schluckte und atmete
-behutsam.
-</p>
-
-<p>
-Und behutsam nahm sie die Füße vom Bett, dabei
-entdeckend, daß sie ihr Kleid nicht mehr anhatte und weiß
-war in Unterrock und Leibchen. Ihr fröstelte; aber in
-dem Augenblick, wo sie leise aufstehn und zur Tür gehen
-wollte, wußte sie, daß er dahinter stand, und rief schon:
-&bdquo;Erasmus!&ldquo; angstvoll blickend zur Tür, bis zu der das
-Fußende des Bettes reichte.
-</p>
-
-<p>
-Die ging auf, und er kam herein. Ohne sie anzusehn, kam
-er um das Bett und stürzte vor sie hin, umschlang ihren
-Leib, wühlte die Stirn in ihren Schoß, ächzte und schluchzte,
-auf und nieder geworfen von Stößen, daß sie ihn kaum zu
-halten vermochte. Aber sie preßte ihn an sich mit aller
-<a id="page-712" class="pagenum" title="712"></a>
-Kraft, küßte ihn, weinte und stammelte, was ihr einfiel:
-&bdquo;Ja, ja, Erasmus, ja! O mein Gott, ich hab zu wenig
-getan, das war ja nichts, ich weiß, ich hab es ja gewußt!
-Sag mir, was ich tun soll, ich will alles tun! Sag doch,
-o sag doch!&ldquo;
-</p>
-
-<p>
-Langsam wurde es in ihm stiller. Er hob den Kopf
-hoch, sah sie an mit unseligen Augen und sagte: &bdquo;Gieb
-mir &mdash;&ldquo;
-</p>
-
-<p>
-Er brachte nichts weiter heraus, setzte zwei- und dreimal
-zum Sprechen an, und indem hatte sie erraten, was
-er wollte, und schrie, sein Gesicht an die Brust drückend:
-&bdquo;Die Kinder!&ldquo;
-</p>
-
-<p>
-Und weiter mit immer erneutem Pressen und Küssen
-und an sich Drücken flüsterte sie in ihn hinein, jagend in
-Worten, von denen sie kaum wußte: &bdquo;Die Kinder, ja, ja,
-ich hab es ja gewußt, nur das kann uns retten! Warte
-nur, o wart nur ein wenig, bald, bald, es geht ja schnell,
-und wir wollen gleich &mdash; &mdash; Erasmus! Willst du gleich?
-Jetzt! Heut nacht, heut, o ich will dich lieben!&ldquo; schrie sie
-brennend, &bdquo;ich will dich lieben wie Gott, und dann kommen
-sie, du wirst sie bald hören, das Neue, Erasmus, das
-neue Leben, das nichts weiß! Ach!&ldquo; weinte sie, &bdquo;wenn du
-nur erst sein Herz in mir schlagen hörst! Ach, wenn du
-fühlst, wie es sich bewegt, dann wird es ja gut werden.
-Dann wird es ja gut werden!&ldquo;
-</p>
-
-<p>
-Sie hob sein Gesicht mit beiden Händen, damit er sie
-ansähe, strömend von Tränen, durch die seine Züge dunkel
-und verschwommen erschienen wie in Wasser. Aber er sah
-sie nicht an, er schien über ihre Schulter ins Leere zu starren
-oder in die Ferne, und so sagte er dann:
-</p>
-
-<p>
-<a id="page-713" class="pagenum" title="713"></a>
-&bdquo;Ja. Aber &mdash; &mdash; und dann ...&ldquo;
-</p>
-
-<p>
-&bdquo;Was denn, Erasmus? was denn?&ldquo;
-</p>
-
-<p>
-&bdquo;Dann muß man &mdash; es &mdash; sagen ...&ldquo;
-</p>
-
-<p>
-&bdquo;Sagen? Was sagen, Erasmus, wem denn?&ldquo;
-</p>
-
-<p>
-In seine Augen trat ein entsetzlicher Ausdruck von
-Lüsternheit, mit dem er flüsterte: &bdquo;Mein Sohn ...&ldquo;
-</p>
-
-<p>
-Sie erriet. Sie schrie: &bdquo;Um Gottes willen, Erasmus,
-was willst du &mdash;&ldquo;
-</p>
-
-<p>
-&bdquo;Wenn er soweit &mdash; ist ...&ldquo;
-</p>
-
-<p>
-&bdquo;Nein, Erasmus!&ldquo; jammerte sie, &bdquo;nein, nein!&ldquo;
-</p>
-
-<p>
-&bdquo;Dann will ich ihm sagen &mdash; dein Vater &mdash; ist &mdash;&ldquo;
-</p>
-
-<p>
-&bdquo;Nein, du tötest uns, Erasmus, nein!&ldquo;
-</p>
-
-<p>
-&bdquo;Mörder &mdash;&ldquo;
-</p>
-
-<p>
-&bdquo;Du bist es ja nicht! Lieber, Lieber! du bist es ja nicht!&ldquo;
-klagte sie.
-</p>
-
-<p>
-&bdquo;Und dann &mdash; &mdash; wenn ers &mdash; erträgt ... Wenn &mdash;
-ich &mdash; einen Sohn &mdash; habe &mdash;&ldquo; sagte er langsam, &bdquo;der es &mdash;
-erträgt, dann &mdash; ist es gut.&ldquo;
-</p>
-
-<p>
-Er sank an ihr nieder, erschöpft, sein Gesicht fiel auf
-den Bettrand, und sie saß leise weinend daneben, mit der
-Hand über sein feuchtes Haar streichend, und verstand,
-daß es so sein mußte. Es sei denn, das Leben selber
-brauchte seine Gewalt.
-</p>
-
-<p>
-Er stand von den Knien auf, wandte sich ab und ging
-zum Fenster, wo seine Gestalt den schmalen Raum ganz
-verdunkelte. Aber draußen war Helle, und Renate konnte
-aus ferner Höhe die leise Drosselstimme der Kindheit
-schlagen hören, friedfertig in Pausen, durch die Stille.
-</p>
-
-<p>
-Es war Charfreitag; Ostern stand bevor.
-</p>
-
-<div class="chapter">
-
-<h3 class="chapter" id="subchap-0-3-6">
-<a id="page-714" class="pagenum" title="714"></a>
-Sechstes Kapitel
-</h3>
-
-</div>
-
-<h4 class="section">
-Bogner/Klemens
-</h4>
-
-<p class="first">
-Georg, ergeben und hoffnungslos hinter Renate über
-das Rasenoval wandernd, sah die drei Ankömmlinge und
-daß Renate sich einem von ihnen gesellte und mit ihm die
-Freitreppe hinaufging. Aber mit abirrendem Auge erkannte
-er Bogner. Der streckte die Hände aus, und Georg
-lief eilfertig und fast mit einem Jauchzen der Erleichterung
-in die Arme, die er sich ausbreiten sah.
-</p>
-
-<p>
-Auch in Bogners Augen, als der ihn hielt und betrachtete,
-war eine tiefere Zärtlichkeit; aber Georg fühlte
-sich so aufgeregt und erweicht von dem unvermuteten
-Wiedersehn, daß es ihn mit Tränen bedrängte; daß er,
-für Augenblicke sprachlos, die Umgebung in Kreisen sah
-und innerst erbebend dachte, sein Vater sei wiedergekommen.
-</p>
-
-<p>
-Wieder aus seinen Armen gelöst, erkannte er in dem
-großen Fremden, mit dem Renate eben in der Glastür
-oben verschwand, Erasmus Montfort und gleich darauf
-in dem Andern, überaus Schwarzbärtigen, Klemens.
-Sein Bart war zehnmal so groß, als er ihn im Gedächtnis
-hatte. Er schüttelte ihm nun die Hand, fühlte sich aber
-von Bogner, der Klemens zuplinkte, beiseite gezogen.
-</p>
-
-<p>
-&bdquo;Pst!&ldquo; raunte er, &bdquo;Achtung! Er hat keine Ahnung!&ldquo;
-</p>
-
-<p>
-&bdquo;Wer? Klemens? Wovon?&ldquo;
-</p>
-
-<p>
-&bdquo;Von Irene. Daß sie hier ist.&ldquo;
-</p>
-
-<p>
-&bdquo;Ah! So. Ja, was macht man da? Sie wird mit
-der Anna in Böhne sein.&ldquo;
-</p>
-
-<p>
-<a id="page-715" class="pagenum" title="715"></a>
-&bdquo;Gar nichts. Es wird sich schon zeigen.&ldquo;
-</p>
-
-<p>
-Sie wandten sich Klemens wieder zu, und Georg fragte
-ihn, indem er sich doch wundern mußte, wie die Drei so
-zusammen gekommen waren, nach Erasmus.
-</p>
-
-<p>
-&bdquo;Wir sind zu Fuß gekommen,&ldquo; sagte Klemens, &bdquo;und
-suchten Bogner auf, um uns herführen zu lassen.&ldquo; Er
-wollte noch mehr sagen, aber ein Regenschauer ging so
-jählings über sie herunter, daß sie auseinanderfuhren,
-worauf Georg jeden bei einem Arm nahm und mit ihnen
-die Terrasse empor ins Gobelinzimmer lief. Egloffstein,
-immer bereit, hielt die Tür schon offen. Ob die Damen
-schon aus der Stadt zurück seien, fragte Georg. &mdash; Noch
-nicht. &mdash; &bdquo;Um so besser, dann kriegt ihr ihr Frühstück!
-Sagen Sie auch gleich in der Küche an, Egloffstein, daß
-noch eine Gans geschlachtet wird. Ihr bleibt doch zum
-Essen?&ldquo;
-</p>
-
-<p>
-Klemens zögerte höflich und schwieg, Bogner dagegen
-bedauerte: sein Mittagsmahl erwarte ihn daheim. Er
-hoffe aber, setzte er hinzu, Georg am Nachmittag bei
-sich zu sehn. Er wäre auch ohne die Andern gekommen,
-ihn zu bitten.
-</p>
-
-<p>
-Nun zwischen den Beiden sitzend, der offenen Glastür
-gegenüber, durch die er den leichten Sonnenregen auf die
-Terrasse niederrieseln sah, glaubte Georg, Klemens nach
-der ersten Erfreutheit der Begrüßung nicht in einem
-Zustand des Behagens zu sehn. So braun er war, schien
-er kaum recht gesund, im Innern erschöpft und außer
-Ordnung. Das tiefe Schwarz des großen Bartes und
-der dicken Brauen erhöhte nebst dem glatten Graubraun
-seiner Stirn das Seltsame der wassergrauen Augen. Sie
-<a id="page-716" class="pagenum" title="716"></a>
-hatten sich verhärtet, und Georg dachte, er sieht ja aus
-wie der Dulder Odysseus, der heimkommt und sich nicht
-zurechtfinden kann.
-</p>
-
-<p>
-Bogner an der andern Seite hatte übrigens nichts
-eben Väterliches an sich, sondern sich erstaunlich verjüngt.
-Fast vermißte Georg das lange Haar von Hallig Hooge
-an dem kurzüberschorenen Kopf. Es war dunkler nachgewachsen,
-nur der Scheitel noch leicht übergraut. Die
-hellen kleinen Augen in ihren Höhlen hatten einen fast
-lieblich zu nennenden Glanz, Fleisch und Haut über dem
-Skelett des Gesichts ihre frühere Festigkeit wieder, und
-brüderlich erschien nun, was Georg früher als väterlich
-empfand.
-</p>
-
-<p>
-&bdquo;Giebt es Neues bei dir?&ldquo; fragte er derweil. &bdquo;Bilder?
-Wieviel? Nun, ich komme natürlich!&ldquo;
-</p>
-
-<p>
-&bdquo;Acht Bilder im ganzen,&ldquo; erklärte Bogner, &bdquo;die zusammen
-gehören. Allerdings mehr inner- als äußerlich,
-wenn du auch auf den meisten eine Gestalt wiederkehren
-sehn wirst. Fertig sind allerdings erst drei. Es sind Heldendarstellungen,
-eine heroische Symphonie könnte mans
-nennen. Von den übrigen kannst du Studien sehn.&ldquo;
-</p>
-
-<p>
-&bdquo;Wunderbar! Bekomm ich die alle geschenkt?&ldquo;
-</p>
-
-<p>
-&bdquo;Ich möchte sie&ldquo;, sagte Bogner lächelnd, &bdquo;der Stadt
-schenken, Altenrepen, wenn du sie annehmen willst?&ldquo;
-</p>
-
-<p>
-&bdquo;Mit tausend Freuden! Was willst du dafür?&ldquo;
-</p>
-
-<p>
-&bdquo;Das wird mir noch einfallen. Aber du mußt ihnen
-ein Haus baun. Höre einmal, was ich mir ausgedacht
-habe.&ldquo;
-</p>
-
-<p>
-Und Georg hörte ihn langsam seinen Plan auseinandersetzen
-und sah ihn gleich kostbar entstehen vor seinen
-<a id="page-717" class="pagenum" title="717"></a>
-Augen. Einen Tempel, nicht eben groß, dem Andenken
-von Georgs Vater gewidmet. Er würde auf eine Anhöhe
-zu liegen kommen und die Form einer Sonnenblume
-haben, mit neun länglichten Blättern und einem Kuppelraum
-in der Mitte. Dieser würde leer bleiben, mit Eingängen
-zwischen den Blumenblättern, &mdash; Bogner
-schwankte noch, ob er die musizierenden Engel aus Renates
-Kapelle, um einige vermehrt, darin wiederholen
-solle, was Georg begeisterte, da sie bei Renate von niemand
-gesehen würden. Jedenfalls sollte der Mittelraum
-nur der Sammlung und Andacht dienen. An die äußeren
-Enden der Blätter würden die Bilder kommen; an das
-des neunten eine Statue, oder besser eine Büste des
-Toten.
-</p>
-
-<p>
-Nun, Georg war Feuer und Flamme, aber Klemens murmelte
-einigermaßen grämlich etwas von &bdquo;Archaisiererei&ldquo;,
-die dabei herauskommen würde. Tempel, heute! Wer denn
-heut ein Gefühl für Tempel hätte, so daß es ein Gebilde der
-Zeit würde, zumal hier im Norden.
-</p>
-
-<p>
-&bdquo;Ich weiß nicht,&ldquo; sagte Bogner, &bdquo;ob Tempel zeitliche
-Gebilde oder zeitgemäß sein können. Gott ist nicht zeitgemäß.&ldquo;
-</p>
-
-<p>
-&bdquo;Gott nicht, aber der Glaube.&ldquo;
-</p>
-
-<p>
-&bdquo;Dann müßte es mehr Götter geben als einen.&ldquo;
-</p>
-
-<p>
-&bdquo;Einen, der sich wandelt, wie die Menschheit sich
-wandelt.&ldquo;
-</p>
-
-<p>
-&bdquo;Die Kunst&ldquo;, sagte Bogner nachdenklich, &bdquo;hat meines
-Erachtens die Aufgabe, das Unwandelbare darzustellen.
-Sonst kämen wir zu Problemen, und das Problem Gottes
-zu lösen, kann nicht ihre Aufgabe sein.&ldquo;
-</p>
-
-<p>
-<a id="page-718" class="pagenum" title="718"></a>
-&bdquo;Aha, so, dann halten Sie auch das Tempelproblem
-für gelöst?&ldquo;
-</p>
-
-<p>
-&bdquo;Ich glaube. Wie das des Glaubens. Wenn im
-Tempel das Gläubige sich ausdrückt, so löst es sich mit
-der einfachsten Darstellung der architektonischen Aufgabe.
-Stütze und Last, Säule und Gebälk, und ewig bleibt,
-meines Empfindens, die Gestalt des Baumes. Hellas hat
-die uns empfunden, ihr Inneres läßt sich nicht ändern, aber
-ich bestehe durchaus nicht darauf, daß etwa das Kapitäl
-jonisch sein soll oder korinthisch. Das immerhin war zeitmäßig
-und landschaftlich griechischer Ausdruck, und &mdash;&ldquo;
-</p>
-
-<p>
-&bdquo;Sie machen mittelalterliche Weinlaub- oder Eichenblätterkapitäle
-auf die dorische Säule? Übrigens&ldquo;, schloß
-er in seinem ersten, bisher von Hitzigkeit abgelösten Tone
-der Grämlichkeit, &bdquo;machen Sie, was Sie wollen.&ldquo;
-</p>
-
-<p>
-&bdquo;Du bist zänkisch!&ldquo; sagte Georg nun, der mit Behagen
-dem Hin und Wider gefolgt war. &bdquo;Du wirst der ganzen
-Architektur den Mund verbieten.&ldquo;
-</p>
-
-<p>
-Klemens nahm Rührei von der Schüssel, die Egloffstein
-hinhielt, und gab sich Mühe, zu lächeln. Ja, er hätte schon
-neulich einen Architekten sagen hören, daß sie, die Architekten
-von heut, sich nur hinsetzen könnten und warten, da
-die Baukunst nicht &mdash; wie vormals &mdash; imstande sei, der
-Zeit einen Ausdruck zu geben.
-</p>
-
-<p>
-&bdquo;Davon&ldquo;, sagte Georg, &bdquo;schreibt Victor Hugo sehr
-schön in Notre-Dame. Sonst übrigens ein albernes Buch.
-Völker, sagt er, haben ihre Geschichte in Baukunst geschrieben.
-Heut ist die Mannigfaltigkeit nun zu groß geworden.
-Auch hat immer eine Kunst die Oberstimme gehabt
-in den wechselnden Zeiten.&ldquo;
-</p>
-
-<p>
-<a id="page-719" class="pagenum" title="719"></a>
-&bdquo;Und welche wäre das heute? Die Dichtung? Literatur?
-Da redest du wieder aus der Vergangenheitsperspektive.
-Wenn du darin gesteckt und gelebt hättest, würdest
-du alles anders gesehn haben, und ganz ungenau.
-Du hebst einen Faden aus der Vergangenheit und sagst:
-das ist der Faden. Du, in deiner Abstraktion, kannst
-relativ sein, aber hier handelt es sich um Wirklichkeit, um
-Gegenwart, und das nötige Mittel der Relation, die Vergleichung,
-fehlt.&ldquo;
-</p>
-
-<p>
-&bdquo;Meinetwegen. Aber hat denn nicht die Baukunst einen
-Ausdruck für etwas Neues und Zeitmäßiges gefunden?&ldquo;
-</p>
-
-<p>
-&bdquo;Das Warenhaus wohl?&ldquo;
-</p>
-
-<p>
-&bdquo;Vielleicht.&ldquo;
-</p>
-
-<p>
-&bdquo;Lassen Sie das auch gelten, Bogner?&ldquo; Klemens schien
-sich zu erleichtern im Wortstreit.
-</p>
-
-<p>
-Das Warenhaus, meinte Bogner, sei freilich kaum eine
-geistige Erscheinung.
-</p>
-
-<p>
-&bdquo;Aber wieso?&ldquo; fragte Georg. &bdquo;In einem weiten
-Sinn als Verkehrssinnbild?&ldquo;
-</p>
-
-<p>
-&bdquo;Nun, Kaufhäuser gab es auch im Mittelalter. Das
-Warenhaus aber setzt die Dinge nur in Beziehung, ist &mdash;
-ganz Fläche. Das mittelalterliche Kaufhaus war ein Ausdruck
-des ganzen kaufmännischen Geistes und &mdash;&ldquo;
-</p>
-
-<p>
-&bdquo;Ja, das bringt mich auf einen Hauptunterschied von
-heute und damals&ldquo;, rief Georg. &bdquo;Damals gab es nur
-zweierlei Bauten, Kirchen und Profangebäude. Die heutige
-Hundertfältigkeit &mdash;&ldquo; Georg verstummte einen Augenblick,
-um Klemens sagen zu lassen, das ließe sich höchstens
-von der italienischen und deutschen Renaissance behaupten,
-&mdash; um dann fortzufahren: &bdquo;Immerhin wurden die
-<a id="page-720" class="pagenum" title="720"></a>
-Häuser früher allesamt von außen gebaut; sie bekamen
-eine Fassade, und die Räumlichkeiten wurden irgendwie
-hineingepackt. Heute dagegen ist das Wichtige das Innre,
-die Unterbringung einer bestimmten Anzahl von bestimmt
-gearteten &mdash;&ldquo;
-</p>
-
-<p>
-&bdquo;Na, und wo bleibt da deine Mannigfaltigkeit?&ldquo;
-hohnlachte Klemens. &bdquo;Worin unterscheidet sich denn eine
-Postdirektion von einer Lebensversicherung, einer Bank,
-einer Konsumgenossenschaft, einem Rathaus? Eins wie
-das andre eine große Verwaltungsanlage. Das ist es eben.
-Heut ist alles geistig erklügelt, was damals aus einer
-Freiwilligkeit entstand, wenn auch aus einer dumpferen.&ldquo;
-</p>
-
-<p>
-&bdquo;Und wer ist dran schuld?&ldquo; rief Georg nun hitzig. &bdquo;Du
-bist schuld! Denn der Staat ist es, der heut auf alles die
-Hand gelegt hat, und du willst den noch einfältigeren
-Sozialstaat. Nun, aber das weiß ich schon lange, daß die
-Zerrüttung überall herumprasselt.&ldquo;
-</p>
-
-<p>
-&bdquo;Ich freilich fühle die neue Grundlage.&ldquo;
-</p>
-
-<p>
-&bdquo;Schon? wo denn? Wir müssen ja immer tiefer.
-Jetzt kommt doch erst Amerika, und Taylor und die ganze
-Mechanisierung. Schon muß Bogner sich Kunstmaler
-nennen, damit man ihm glaubt, daß er kein Anstreicher ist,
-und der heutige Geistestyp ist der Schriftsteller.&ldquo;
-</p>
-
-<p>
-&bdquo;Das&ldquo;, widersprach Bogner langsam, &bdquo;kannst du so
-wohl nur für Deutschland festlegen.&ldquo;
-</p>
-
-<p>
-&bdquo;Und in Frankreich vielleicht? Da giebts ja nur
-Schriftsteller.&ldquo;
-</p>
-
-<p>
-&bdquo;Den <span class="antiqua">homme de lettres</span>, den <span class="antiqua">écrivain</span> &mdash; kaum im
-deutschen Sprachsinne. Der Franzose freilich ist immer
-der <span class="antiqua">artiste</span>, der, der diese Dinge macht.&ldquo;
-</p>
-
-<p>
-<a id="page-721" class="pagenum" title="721"></a>
-&bdquo;Ja, da hast du recht, und der Deutsche ist der, der sie
-erfindet, erdichtet. Form und Gehalt.&ldquo;
-</p>
-
-<p>
-&bdquo;Freilich,&ldquo; sagte Klemens sardonisch, &bdquo;er nennt sich
-Schriftsteller, aber selbst Rudolf Herzog hält sich für einen
-&sbquo;Dichter&lsquo; und wird auch gehalten.&ldquo;
-</p>
-
-<p>
-&bdquo;Womit du etwas sehr gutes Deutsches zum Ausdruck
-bringst. Der Deutsche, als Künstler, fühlt Verantwortlichkeit,
-nämlich gegen etwas, das über ihm ist und Allen.
-Er fühlt sich fraglos unterworfen dem namenlosen Zwang,
-ohne zu denken, und einsam. Der Schriftsteller in Frankreich
-ist öffentlich, wie der ganze Mensch dort, ist vergesellschaftet,
-ein Staatsinstrument. Racine, Corneille waren
-Staatsdichter.&ldquo;
-</p>
-
-<p>
-&bdquo;Und Baudelaire? Und Verlaine, Mallarmée?&ldquo;
-</p>
-
-<p>
-&bdquo;Lyriker, mein Lieber. Der Vers macht einsam. Nun,
-ich denke, das dürfte wohl doch klar sein, daß wir in
-Deutschland eine Art, ich will sagen dichterischer Menschen
-haben, die einzig ist. Der Franzose hat immer seine <span class="antiqua">gloire</span>,
-dargestellt in äußerer Ehre, und Balzac hätte alles hingeworfen,
-so groß er war, wenn er auf andre Weise den
-Ruhm hätte erlangen können, der ihm vorstrahlte. Der
-Poet in der Dachkammer, hungernd und frierend, verachtet
-und entzückt, das ist unsre Form.&ldquo;
-</p>
-
-<p>
-Georg stand auf, da fertig gegessen war. Egloffstein
-stand schon mit Zigarren vor Klemens; Georg zog seine
-Dose und bot sie Bogner. Als sie alle Drei rauchten, trat
-er an die Glastür und dachte, es sei doch das Beste im
-Leben, sich um nichts und wieder nichts unter Männern
-mit Worten zu schlagen.
-</p>
-
-<p>
-Er wandte sich um. Bogner stand hinter seinem Stuhl,
-<a id="page-722" class="pagenum" title="722"></a>
-die Arme auf der Lehne. Klemens saß am Tisch, verfinsterten
-Gesichts, und wickelte an seiner Zigarre.
-</p>
-
-<p>
-Ob Irene nicht bald kommt? &mdash; Und Birnbaum,
-dachte er beunruhigt, Birnbaum wollte kommen ...
-Georg blickte verstohlen auf die Uhr und fand, daß es
-drei Viertel eins war. Um halb drei sollte gegessen werden.
-</p>
-
-<p>
-Draußen war es wieder dunkel geworden, und der
-Regen plätscherte nach Kräften auf der Terrassenfläche.
-</p>
-
-<p>
-In diesem Augenblick &mdash; da er sich schon nach drinnen
-wenden wollte mit einer Frage und gleichzeitig den Trieb
-verspürte, in den Regen hinein zu laufen &mdash; gingen Haltung
-und Fassung mit so reißender Schnelligkeit von ihm,
-daß er nur noch mit einem ratlos haschenden Blick über
-die Beiden streifen konnte, bevor er zur Tür schritt, um
-den Nebenraum zu betreten. Dort stellte er sich ans
-nächste Fenster, legte die Stirn an die Scheibe und überließ
-sich dem inneren Toben.
-</p>
-
-<p>
-Warum, mein Gott, warum tu ich alldies? Das ist
-doch alles nur Krampf und nur Einbildung! Es sind ja
-ganz andere Dinge! Warum denn? Wie komm ich denn
-da hinein? Ich war mit Renate. Auf einmal erschienen
-die Andern, ich konnte mich nicht entziehn. Aber warum?
-Warum hab ich mich nicht vor ihre Füße geworfen, oder
-warum gestand ich ihr nicht wenigstens ein, was mich
-quält, oder daß ich in einem ganz andern Netz hänge, und
-bat sie, mich allein zu lassen oder zu helfen? Und warum
-Renate? Warum nicht Allen, dem nächsten, Bogner,
-Klemens? Was sind da für Widerstände? Renate? Daß
-ich sie liebe? Höllengelächter, und das machten wir uns
-zum Hindernis, statt zum Hebel? Wir? Sind Andre
-<a id="page-723" class="pagenum" title="723"></a>
-anders? Und bei Bogner, bei den Andern, was war da
-die Schranke? Daß ich hier Herzog bin? Das wäre
-fürchterlich. Das kann nicht sein; kann der innerste Grund
-nicht sein.
-</p>
-
-<p>
-Und warum denn, fing er von neuem an, warum nicht
-noch jetzt? Ich brauche ja nicht zu schreien, ich kann mich
-ganz ruhig zu ihnen setzen und sagen: Bogner ... Ihm
-brach die Brust von Verlangen nach ihm, aber schon im
-Wenden mußte er denken, daß doch wieder ein Hindernis
-da sein würde, und ihm fiel schon ein, daß Birnbaum sich
-angemeldet hatte. Er zog die Uhr, es war kurz vor eins,
-in einer Viertelstunde konnten sie hier sein. &mdash; Ist, fragte
-er wieder, eine Viertelstunde nicht genug? Kann Birnbaum
-nicht warten? Aber nein &mdash; nun, das sind wenigstens
-Pflichten, die kann man gelten lassen.
-</p>
-
-<p>
-Er fühlte sich wie mit Blut übergossen, zauderte aber
-wieder. &mdash; Nun such ich nach Ausflüchten, dachte er wirr.
-Ja, Klemens hat mit sich selber zu tun, das sieht man ja.
-Und ist es mit ihm nicht dasselbe wie mit mir? Hier rennt
-er allein durch die Welt, wäre vielleicht längst wieder davongerannt,
-wenn man ihm gesagt hätte, daß sie hier ist,
-anstatt sich mit ihr zusammenzutun, um, da sie schon Beide
-um dasselbe leiden, wenigstens zusammen zu leiden. Der
-liebt sie auch und läßt sich auch hindern, wie ich. Und
-was, was ist denn der Grund, daß die Menschen sich lieben
-und heiraten, wenn nicht der, daß sie sich zusammen hinsetzen
-können, um von ihren Leiden zu reden, statt &mdash; von
-Architektur.
-</p>
-
-<p>
-Aber wir wollen unser Leiden immer für uns allein
-haben. Warum sind wir denn so? Und hinterdrein
-<a id="page-724" class="pagenum" title="724"></a>
-klagen wir dann, daß wir einsam sind und keiner uns
-hilft. Oder liegt es am Leiden? Ist Leiden so, daß es
-allein gehabt sein will? Gott im Himmel, bist du es denn
-also, der im Leiden wohnt und sich nicht will teilen lassen
-mit jemand? Warum denn enthüllst du dich nie?
-</p>
-
-<p>
-Es blieb still; auch Georg wurde stiller. Die Fensterreihen
-des Nordflügels blitzten in der vorbrechenden Sonne
-auf, gewaltige Speichen aus Golddunst drehten sich
-magisch über dem Wäldchen, und stark leuchtende Wolkenballen
-quollen empor. Die naßbraune Terrasse dampfte.
-</p>
-
-<p>
-Georg drehte sich um nach einem Geräusch. Egloffstein
-ging durch den Saal mit einem Stoß Servietten, und
-Georg war nahe daran, sich zu schämen, weil er vielleicht
-die ganze Zeit nicht allein gewesen war. Danach zauderte
-er nicht länger, nebenan einzutreten.
-</p>
-
-<h4 class="section">
-Klemens
-</h4>
-
-<p class="first">
-Dort stand jetzt Klemens an der Glastür, schräg, eine
-Schulter gegen den Rahmen gestemmt, die Hände in den
-Rocktaschen, löste aber seine Haltung bei Georgs Eintritt.
-Bogner saß pfeiferauchend seitwärts vom Tisch. Im
-Gefühl, freundlich zu Klemens sein zu müssen, fragte ihn
-Georg, wo er das halbe Jahr gewesen sei. In Italien,
-war die Antwort.
-</p>
-
-<p>
-&bdquo;Aus besonderen Gründen?&ldquo;
-</p>
-
-<p>
-&bdquo;Keinen politischen jedenfalls.&ldquo; Sich mit dem Rücken
-anlehnend, die Arme kreuzend und so ins Freie blickend,
-begann er nach einer Sekundenpause zu erzählen. Er sei
-gewandert, zu Fuß, wie schon einmal als junger Student,
-<a id="page-725" class="pagenum" title="725"></a>
-seine Geige im Wachstuchsack auf dem Rücken und ohne
-einen Heller Geld; allein, oder in der Gesellschaft von
-Bettlern, fechtenden Handwerkern aus Deutschland, entsprungenen
-oder entlassenen Sträflingen und dergleichen.
-</p>
-
-<p>
-&bdquo;Komische Käuze,&ldquo; sagte er, &bdquo;diese deutschen Handwerksburschen.
-Sie arbeiten nur bei deutschen Meistern,
-kehren, wenn es irgend geht, nur bei deutschen Wirten ein,
-lernen kein Wort von der Sprache, laufen an allem vorüber.
-Höchstens daß sie ein bißchen was sehn, und wie es
-scheint, wandern sie also nur wegen der Freiheit und
-wegen des Wanderns. Unter den Bettlern hab ich manchen
-Freund gefunden. Da war ein armer Kerl in einem
-Asyl in Bologna, dem war sein Geld mitsamt den Papieren
-gestohlen, er lag und jammerte die ganze Nacht
-durch. Am andern Morgen nahm ich meine Geige und
-hab in den Höfen gespielt. Was einkam, haben wir redlich
-geteilt, und dieser Mensch wird mir bis ans Ende des
-Lebens ein Herz voll Dankbarkeit bewahren.&ldquo;
-</p>
-
-<p>
-&bdquo;Wurdest du dort für einen Italiener gehalten?&ldquo;
-</p>
-
-<p>
-&bdquo;Nur bis ich zu sprechen anfing, ich kann nicht sehr
-viel. Nun, aber die Menschen dort solltet ihr sehn! Da
-ist soviel natürliche Herzlichkeit, soviel Offenheit und Entgegenkommen,
-soviel Dankbarkeit und Anmut dabei!
-Soviel dort Musik gemacht wird, bleibt doch der Musiker,
-der Künstler immer geehrt, und nun &mdash; wenn ich so am
-Abend in eine kleine Stadt marschiert kam, und auf dem
-Marktplatz, neben der Kirche unter den Kastanien die
-ersten Striche beim Stimmen tat, und dann so mit recht
-süßer Kantilene das Adagio aus dem Mendelssohnschen
-Konzert &mdash; so weit hab ichs grade gebracht! &mdash; durch die
-<a id="page-726" class="pagenum" title="726"></a>
-Stille und in die offenen Fenster zog: was das gleich Leben
-giebt und Hervorkommen, als fingen überall Wasser an
-zu laufen. Die Kinder kommen aus ihren Betten und
-drängen sich ans Fenster, und überall lächelnde Gesichter,
-und jede Frau, der man unterm Spiel einen feurigen Blick
-zuwirft, empfindet sich schön. Nun, und wenn das Konzert
-zu Ende ist, da kommen schon von der Veranda des
-Gasthauses die Honoratioren, der Pfarrer, der Herr Apotheker,
-und der Bürgermeister, und drücken mir die Hände
-und sind die feinsten Kenner und erlauben sich, mich zu
-einer Flasche Spumante einzuladen.&ldquo; Klemens lachte
-nicht ohne Wehmut. &bdquo;Ich war dann immer der Sohn
-des Kammervirtuosen <span class="antiqua">d&rsquo;il rege di Prussia</span>, und schon damals,
-vor zehn Jahren, hielten sie mich meines Bartes
-wegen für einen sehr würdigen Mann und fragten gleich
-nach der Frau und den Kinderchen. Endlose Geschichten hab
-ich von denen erzählt. Die Kinderchen, das war ihre größte
-Freude, und wie oft hab ich Tränen in ihre Augen gelockt
-mit einer unendlich rührenden Erzählung von meiner jüngsten
-Tochter, die an Diphtheritis gestorben war. Wie ich
-sie hin und her getragen hab, und sie war so geduldig ...&ldquo;
-</p>
-
-<p>
-Er lachte jetzt ganz fröhlich und sagte noch: &bdquo;In Pisa,
-da war ein Schutzmann der mir zu spielen verbieten
-mußte, denn es gab einen Auflauf. Ja, das ist ein Land,
-da halten die elektrischen Bahnen, wenn einer Geige spielt.
-Der wartete schön, bis das Stück aus war, und dann
-entschuldigte er sich noch vielmals. Er sah auch vollkommen
-ein, daß ich für dies Stück doch noch sammeln
-mußte, und fast hätte er selber seine &mdash; Kappe hingehalten.
-Es war ein rührender Mensch.&ldquo;
-</p>
-
-<p>
-<a id="page-727" class="pagenum" title="727"></a>
-Bogner und Georg lachten herzlich. Dann sah Georg,
-nicht ohne ein Gefühl, als sei dies alles nur die Vorbereitung
-zu etwas andrem gewesen, ihn seine Haltung verändern.
-Er nahm die frühere wieder ein, die Hände in
-die Rocktaschen bohrend, und seine undeutlichen Augen
-schienen ins Ferne eingestellt, während er sehr langsam
-sagte:
-</p>
-
-<p>
-&bdquo;Ja, und dann kam doch wieder die Unrast, und ich
-bin über die Alpen gelaufen und nach Deutschland, aber
-da war kein Zuhause. Aber wer die Hände einmal in
-fremdes Blut getaucht hat, dem ergeht es immer wie Lady
-Macbeth; die Flecken wäscht kein Wasser herunter.&ldquo;
-</p>
-
-<p>
-Er verstummte, nickte trübe und fuhr fort:
-</p>
-
-<p>
-&bdquo;Dann habe ich meinen Freund Erasmus gefunden,
-der jetzt hier ist. Dem war es böse ergangen. Ich, wenn
-ich nachdenke, ich kann mir vorstellen, daß man eines
-Tages seinen Bruder erschlagen muß. Vater nicht, und
-Mutter nicht, auch keinen Juden und keine alte Wucherin
-wie der Raskolnikoff. Aber seit Kain muß die Möglichkeit
-in der Natur des Mannes liegen. Drei Nächte lang
-schüttete er mir sein Herz aus. Das war grauenerregend.
-Dieser Mensch, den ich kannte, hatte sein Leben lang
-gehungert. Wessen Leib hungert, kann stehlen, wem die
-Seele hungert, kann nicht stehlen. Er lebte noch immer,
-aber nun war er ein Schatten des Lebens geworden. Die
-Natur hatte ihm gegeben, daß er nicht vergessen konnte,
-was ihm je widerfahren war. Eines Tages fand er sich
-so behängt mit Vereinsamung, mit zehntausend Lieblosigkeiten,
-Gehässigkeiten, Verachtungen und Verhöhnungen
-bis hinunter zur ersten und letzten der Kindheit, daß
-<a id="page-728" class="pagenum" title="728"></a>
-er nicht mehr vorwärts gehn konnte. Da ballte er den
-ganzen scheußlichen Klumpen zusammen mit sich selbst
-und stürzte sich in den Schlund. So wars, und daß er
-noch jemand mit sich riß, war nicht seine Sache, sondern
-Anlage des Daseins. Und nun fuhr er seit jener Nacht,
-seit jener Tat, rasend wie der Fliegende Holländer, ohne
-Wind und ohne Ruder, rückwärts über das Meer seiner
-Leiden, weil sich die Wage nicht einstellen wollte. Die
-Wage, deren eine Schale den Jammer seines Lebens trug,
-und deren andre jenen Tod. Er hielt den Kopf des Toten
-in den Händen und fragte in die erloschenen Augen hinein
-abertausendmal: Hab ich gedurft? &mdash; In einer Nacht bin
-ich mit ihm unterhalb des Wehrs auf dem Flusse gefahren,
-und wir haben gesucht bis zum Morgen. Er war vor
-dem Irrsinn und nahe daran, unter die Menschen zu
-laufen und sich auszuschrein. In den drei Nächten, die
-ich mit ihm verbrachte, ist mir das Herz grau geworden.
-Ich hatte auch einen Bruder.&ldquo;
-</p>
-
-<p>
-Er verstummte und begann, mit ungelenken Schritten
-auf und nieder zu gehn. Georg dachte: Herzbruch ... bewegt
-von solcher Freundestreue, und war nahe daran,
-nach ihm zu fragen, als Klemens am Tisch stehn blieb,
-die Finger einer Hand daraufsetzte und sagte, Georg ansehend,
-doch ohne festen Blick: &bdquo;Aber ich glaube, daß einmal
-geheilt werden kann, von Menschen, was Menschen
-zerbrochen haben. Da hab ich ihn denn hergeschleppt,
-zu Renate.&ldquo;
-</p>
-
-<p>
-&bdquo;Zu Renate?&ldquo; entfuhr es halblaut Georg.
-</p>
-
-<p>
-&bdquo;Zu Renate. Und wie es scheint, da sie nicht zum
-Vorschein kommen &mdash;&ldquo; Er verstummte. Georg sah noch
-<a id="page-729" class="pagenum" title="729"></a>
-ein sehr weiches und zartes Lächeln in seinen Augen, im
-Bart aufkeimen, bevor er den Blick niederschlagen mußte.
-</p>
-
-<p>
-Diesen? fragte er dumpf. Das soll ihr Geschick sein?
-</p>
-
-<p>
-Er konnte aber, trotz der heißen Stiche in seiner Brust,
-erkennen, wie sehr wahrhaftig der Verzicht war, in den
-er sich eingegraben hatte, dort im Wald. Eine Weile
-noch kochte die schmerzliche Eifersucht in seiner Brust,
-derweil es ihm schien, als sei jemand &mdash; er selber? &mdash; beschäftigt,
-dies Heiße zu blasen, damit es erkalte. Es erkaltete
-jedenfalls langsam, sank zugleich tiefer und blieb
-liegen als ein dumpfer und dunkler Klumpen angstvoller
-Beklommenheit, wie er sie aus früheren Jahren kannte. &mdash;
-Damit, dachte er, Atem schöpfend, werde ich ein andermal
-fertig. Sein Mund zuckte in einem Hohngefühl über die
-ganze Verderbtheit der Welt.
-</p>
-
-<p>
-Als er die Augen hob, stand ihm gegenüber Egloffstein
-und meldete, Herr Dr. Birnbaum und Herr Schley warteten
-im Jagdzimmer. Auch Hauptmann Rieferling sei
-dort mit der Kuriermappe.
-</p>
-
-<p>
-So verabschiedete Georg sich von Bogner mit dem
-Versprechen, am Nachmittag zu kommen, entschuldigte
-sich bei Klemens und ging.
-</p>
-
-<h4 class="section">
-Birnbaum
-</h4>
-
-<p class="first">
-Mit dem Öffnen der Tür fiel Georgs Blick auf den
-alten Mann, der neben dem, noch von Georgs Vater her
-am Kamin stehenden grünen und hochlehnigen Sessel aufrecht
-stand und so gewartet zu haben schien. Hinter ihm
-Schley hatte eine Hand unter seine Achsel geschoben. Er
-<a id="page-730" class="pagenum" title="730"></a>
-trug seinen langen und würdigen schwarzen Rock. Georg,
-der ihn vor einer Woche zuletzt im Bette gesehn hatte, erschrak
-nun über sein gespensthaftes Aussehn, in dem Elendigkeit
-stritt mit einer Erhabenheit. Sein Nacken war
-gebückt, die Wangen hingen faltig und waren zwischen
-Schnurrbart und Augen rot gesprenkelt von Adern. Die
-Nase dazwischen hing übermäßig heraus, und in den geröteten
-Augen &mdash; das linke hing ab nach außen &mdash; war
-Verwirrung. Ach, dachte Georg, das ist Saul, der bei
-der Hexe war! &mdash; Und so verstört, daß er sich nicht einmal
-verbeugt! Oder kann er das nicht?
-</p>
-
-<p>
-Indessen tastete Birnbaum mit der Hand an der Brust,
-räusperte sich, machte einen Ruck zur Verbeugung und
-sagte heiser: &bdquo;Ich bin gekommen, um Eure Hoheit untertänig
-um meine Entlassung zu bitten.&ldquo;
-</p>
-
-<p>
-Georg zauderte. Er wollte noch sagen, was er zwanzig
-und hundert Mal gesagt hatte: Urlaub, soviel Sie wollen,
-aber seine Entlassung, &mdash; um die der Alte, nur nicht so
-förmlich, schon lange gebeten hatte. Aber dann sah er
-ein, daß hier nichts mehr zu erwarten war. Eine Ruine,
-die nur noch gänzlich zerfallen konnte. Er ging auf ihn
-zu. Noch ehe er ein Wort sagen konnte, hatte der alte
-Mann ihn umschlungen, weinte bitterlich auf über seiner
-Schulter und klagte laut: &bdquo;Ich habe ja keinen als dich,
-Georg, ich habe ja keinen als dich, aber nun kann ich
-nicht mehr!&ldquo;
-</p>
-
-<p>
-Georg stand erschüttert von dem unbegreiflichen &bdquo;keinen
-als dich&ldquo; und hielt diesem Jammer stand, bis er sich von
-selber beruhigte. Danach sprach er dem Alten begütigend
-zu und führte ihn mit Schley zur Tür, ihm zuredend, daß
-<a id="page-731" class="pagenum" title="731"></a>
-er sich eine Weile niederlege und ausruhe. Von der Tür
-aus sah er Schley und den Hauptmann ihn durch den
-Raum führen, der öde und kahl war mit leeren Regalen
-und Schreibtischen, und zu dem alten Sofa, auf dem er
-früher in den Arbeitspausen geruht hatte. Augenblicke später
-fand er sich sitzend am Schreibtisch, ohne Gedanken als den:
-Das ist kein leichter Schlag! Was fang ich an ohne ihn?
-</p>
-
-<p>
-Erst als die Gestalt Rieferlings nahe vor ihm erschien,
-der die daliegende Unterschriftmappe mit ihren großen
-Löschblattbogen auseinanderschlug, die Feder eintunkte
-und ihm hinhielt, sagte er, zu ihm aufblickend, trübe:
-&bdquo;Ein gesegneter Charfreitag, Rieferling, Sie hatten ja
-auch was auf dem Herzen! Wollen Sie auch weg?
-Dann fangen Sie lieber gar nicht &mdash;&ldquo; Das Ende des
-Satzes ließ er in ein Gemurmel fallen, denn eben traf sein
-Blick auf die in zierlichen Schnörkeln stehenden Druckzeilen
-am Kopf des weißen Bogens, der vor ihm lag:
-Wir, durch Gottes Gnade Georg VIII., Großherzog &mdash;
-und so weiter ...
-</p>
-
-<p>
-&bdquo;Ich will heute nicht schreiben&ldquo;, sagte er kleinmütig
-und legte die Feder hin.
-</p>
-
-<p>
-&bdquo;Hoheit haben ja Zeit bis morgen&ldquo;, sagte der Hauptmann.
-</p>
-
-<p>
-&bdquo;Rieferling,&ldquo; versetzte Georg verdrießlich, &bdquo;Sie wissen
-immer was! Wo soll ich denn morgen die Zeit hernehmen?
-Also muß ich doch schreiben!&ldquo; Ich grinse ja, dachte er
-und konnte die Augen nicht abwenden von Rieferlings
-sachtem Lächeln.
-</p>
-
-<p>
-Was heißt denn nun bloß von Gottes Gnaden? grübelte
-er nach, die Feder wieder zwischen den Fingern. Letzten
-<a id="page-732" class="pagenum" title="732"></a>
-Endes war es ja wohl Papa, von dem die Gnade ausging.
-Von Gottes Gnaden ... Es ist eine Floskel, dachte
-er noch und fand als letzte Möglichkeit die, den Kopf zu
-schütteln, worauf er begann, Bogen um Bogen an die
-gewohnte Stelle, über der zum Überfluß Rieferlings Zeigefinger
-leicht in die Luft kippte, und nach einem Überfliegen
-des Bogens, seinen Namen zu schreiben. Er traf dabei
-auf andre geschriebene Namen &mdash; Ellerberg, Alsen, von
-Dreyling, Gewecke, Fuchs, Richter und mehr, immer
-mehr &mdash; zwischen Druckzeilen, in denen von Beförderungen
-die Rede war, Auszeichnungen, Versetzungen in den
-Ruhestand und Erteilungen von Charakter, aber auch
-das jedesmalige &sbquo;Geruhen&lsquo; hatte längst den letzten Hauch
-anfänglicher Skurrilität verloren. Lauter Dinge, die Zeit
-hatten bis morgen. Aber woher morgen die Zeit für sie?
-Merkwürdige Widersprüche, dachte er. Ist das überhaupt
-zu verstehn? Sie haben bis morgen Zeit, und morgen ist
-keine Zeit für sie da?
-</p>
-
-<p>
-Etwas nötigte ihn, die Augen zu erheben, und er sah
-Schley vor dem Fenster stehn. Weiter schreibend, seufzte
-er nun und fragte: &bdquo;Kannst du dir denn vorstellen, wie
-das ohne ihn werden soll? Ist Zimmermann denn wenigstens
-eingearbeitet? Sonst kann ich von morgen an mir
-nur noch die Haare raufen. Sag etwas! Ist keine Möglichkeit
-vorhanden, daß es besser mit ihm wird?&ldquo;
-</p>
-
-<p>
-Am Fenster lehnend begann Schley, während Georg
-die letzten Bogen versorgte, mit seiner langsamen und
-öligen Stimme, die Georg immer als überaus lindernd
-empfunden hatte durch die innere Ruhe, die unterhalb
-ihrer strömte:
-</p>
-
-<p>
-<a id="page-733" class="pagenum" title="733"></a>
-&bdquo;Er will nämlich nach Palästina.&ldquo;
-</p>
-
-<p>
-&bdquo;Was! Birnbaum? Das ist das Neueste!&ldquo;
-</p>
-
-<p>
-&bdquo;Ja, das hat sich nun alles so eigentümlich zusammengedrängt.
-Und du weißt ja, Hoheit, wenn alle Türen
-verrammelt sind, brichts durch die Wand. Da ist dann
-kein Halten mehr. Zusammengebrochen ist er ja eigentlich
-schon, als dein Vater starb. Man sieht sowas ja nicht
-gleich. Und nun grenzte es ja lange schon an Verfolgungswahn.
-Dir wird das ja nicht unbemerkt geblieben
-sein. Die Arbeit verfolgte ihn nun; er hat glaub ich kaum
-noch geschlafen vor Angst, am nächsten Morgen keinen
-Gedanken mehr zu haben oder so.&ldquo;
-</p>
-
-<p>
-Georg nickte. &bdquo;Ich weiß ja. Aber ich hielt es für
-Einbildung, und er sagte selber, es sei Einbildung.&ldquo;
-</p>
-
-<p>
-&bdquo;Und dann hat er auch damals einen Brief bekommen,
-nach dem Attentat, &mdash; ja, eben von dem Sigurd Birnbaum.
-Seine Frau hat ihn unterm Kopfkissen gefunden
-und zeigte ihn mir. Er ist scheinbar am Tage vor dem
-Attentat geschrieben. Das meiste ist ohne Sinn und Verstand.
-Aber er spricht da viel von den internationalen
-Aufgaben des Judentums. Na, und das scheint nun eine
-ganz gegenteilige Wirkung gehabt zu haben. Auf einmal
-hat er sich glaub ich erinnert, wer er ist, und daß er doch
-immer im Grunde hier nur geduldet ist. Das weißt du ja
-auch. Er sprach auch mit mir darüber, &mdash; na, sie wollen
-den Juden ja lange aus deiner Nähe weghaben. Und
-gestern &mdash; gestern schickt er auf einmal zu mir, und da finde
-ich ihn in der größten Aufregung. Es war ganz jammervoll.
-Er wußte fast nicht wohin vor Angst, teils weil,
-wie er sagte, es jeden Augenblick zu spät sein könnte &mdash;
-<a id="page-734" class="pagenum" title="734"></a>
-ja, mit Palästina, er hat da nun die sonderbarsten Vorstellungen
-&mdash;, teils vor dir, daß du ihn nicht weglassen
-würdest. Und auch vor sich selbst, daß er nun fahnenflüchtig
-würde. Ja, es ging so weit, daß er sich vor dir
-niederwerfen wollte, ich konnte ihn nicht anders beruhigen,
-als indem ich ihm versprach, ihn heut herzubringen.
-Eigentlich sollt ich ihn verteidigen. Auch daß Charfreitag
-ist, spielte eine gewisse &mdash; ja &mdash; eine Rolle.&ldquo;
-</p>
-
-<p>
-&bdquo;Aber diese Palästinaidee&ldquo;, versuchte Georg schwermütig
-zu widersprechen, &bdquo;will mir noch nicht in den Kopf.
-Wenn &mdash;&ldquo;
-</p>
-
-<p>
-&bdquo;Ja, Hoheit, da sehn wir das nun mal wieder. Nun
-klammert er sich ja an dich, aber &mdash; ich darf das wohl sagen
-&mdash;, in Wirklichkeit wars doch alleine dein Vater, an
-dem er so gehangen hat. Der ist nun tot, und das ist
-denn so wie&rsquo;n Mensch, der aus&rsquo;m Stück Land weggetrieben
-wird und kriegt &rsquo;n andres dafür, das genau so ist,
-aber es ist doch nicht das alte. Ich hab nicht in seiner
-Haut gesteckt, aber &mdash; heimatlos, Georg, heimatlos ist er
-doch immer gewesen. Wenn er Gefühl gehabt hat, ist er
-heimatlos gewesen!&ldquo; wiederholte er erregter, &bdquo;und ob das
-nun Galizien ist, wo er eigentlich herkam, oder Palästina,
-da ist wenig Unterschied. Man muß sich da mal hineindenken!
-Nun grad diese internationalen Ermahnungen,
-das ist es, die haben ihn eben drauf gebracht, wo die wirkliche
-Kraft des Menschen steckt. Die steckt doch im Boden,
-na, das ist doch allbekannt, oder sagen wir mal: in
-der Sprache. Er ist doch &rsquo;n fühlender Mensch gewesen,
-Georg, und hat er denn jemals seine richtige Sprache
-sprechen können? Wenn er gedurft hätte, er hätt es ja
-<a id="page-735" class="pagenum" title="735"></a>
-nicht mal ordentlich gekonnt! Nu fällt ihm das alles auf
-einmal ein, und er weiß doch genug vom Zionismus und
-all diesen Bestrebungen, und das fällt ihm nun ein, und
-daß er mit all seinem schönen Dienen vielleicht seine Kraft
-an der richtigen Stelle weggezogen hat. Es ist ja merkwürdig,
-es giebt so Menschen, die bringen es zu allem
-Möglichen, und dann &mdash; auf einmal &mdash; drehn sie sich um
-und müssen alles im Stich lassen. Tilly, das war auch
-solch ein Mensch, wie Ricarda Huch das beschreibt; der
-wollt eigentlich immer nur &rsquo;n kleinen Garten haben. &mdash;
-Das hat sich nun eben alles so zusammengezogen.&ldquo;
-</p>
-
-<p>
-Georg schwieg und wußte nichts zu erwidern, zumal
-Schley lauter Dinge gesagt hatte, die nur in ihm selber
-warteten, gesagt zu werden.
-</p>
-
-<p>
-Augenblicke später hörte er aus dem Nebenzimmer
-Husten und ein Geräusch, und Georg winkte Schley, hinüber
-zu gehn. Sich im Stuhl drehend, folgte er ihm mit
-den Augen durch die Tür und blieb lange Zeit an ihr haften.
-Dann näherten sich Schritte, und von Schley geleitet,
-erschien wieder der alte Mann.
-</p>
-
-<p>
-Er ging jetzt wie ein Blinder, und der Blick seiner offenen
-Augen schien keine Nähe mehr wahrzunehmen. An
-dem Stuhl beim Kamin angelangt, wartete er eine Weile,
-ehe er sich langsam darein niederließ, worauf er sich aufrecht
-anlehnte, den Kopf nach den Fenstern gewandt.
-Georg sah voll Ehrfurcht seine Schultern bedeckt mit
-einem Mantel, der gewebt war aus Stille und Frieden.
-Der Ausdruck seiner Stirn, seiner Augen, all seiner Züge
-zeigte ein erstaunliches Gemisch von Stolz und &mdash; Knechttum,
-wie Georg es empfand; den geheimnisvollen Ausdruck
-<a id="page-736" class="pagenum" title="736"></a>
-des Menschen, der durch langes Dienen zum Herrscher
-geworden war. So wenig königlich er erschien, versammelten
-sich doch biblische Könige großäugig hinter
-seinem Stuhl.
-</p>
-
-<p>
-Nachdem er ihn so eine lange Zeit hatte still sitzen sehn,
-fühlte Georg für eine kleine Weile seinen Blick mit großer
-Liebe auf sich gerichtet. Dann wandte er ihn wieder ab,
-und dann hörte Georg seine Stimme, die aber so fern
-herzukommen schien, wie seine Augen hingingen, und obgleich
-leise, ja kaum hörbar mitunter im Folgenden, hatte
-sie einen tieferen und volleren Klang als jemals, so daß es
-war, als wäre seine Brust ganz voll davon und begänne
-nur geheimnisvoll in Worten zu tönen. Seltsam auch war,
-daß er eine andre Sprache redete als die gewohnte, denn
-plötzlich war es die, die er doch höchstens über seiner Wiege
-gehört haben konnte, ohne sie noch zu verstehn, Laute und
-Satzbau, zerdrückt und verkrümmt, wie jener ewig zerdrückten
-und verkrümmten Menschen, die Georg einmal erstaunt
-im Getto von Konstantinopel zu sehn bekommen
-hatte. War er so halben Wegs schon zurückgekehrt, nach
-Galizien, der so spät noch nach Palästina wollte?
-</p>
-
-<p>
-Halb ein Murmeln und fast ein Gesang, so hörte Georg,
-der bald nicht mehr hinzusehn wagte, seine klagende Rede.
-</p>
-
-<p>
-&bdquo;Ich will dirs nun mal sagen, Georg, damit du&rsquo;s weißt
-und dir keine verkehrten Gedanken machst. &rsquo;n Mensch,
-der nicht darf gehn in die Kirch und hat keine Stelle, wo
-er darf allein sein mit seinem Gott, der ist kein rechter
-Mensch. Und ich bin solch &rsquo;n Mensch immer gewesen.
-Ich hab &rsquo;n nich abgeschworen in meinem Herzen und hab
-&rsquo;n doch abgeschworen mit meinem Handeln. Darum bin
-<a id="page-737" class="pagenum" title="737"></a>
-ich &rsquo;n bescholtener Mann gewesen, von &rsquo;nem bescholtenen
-Volk. Du sagst, ich hab &rsquo;n gutes Leben gehabt, auch &rsquo;ne
-Frau und auch Kinder. Und ich will ganz schweigen von
-deinem Vatter. Bin ich deshalb wohl &rsquo;n glücklicher Mensch
-gewesen? &rsquo;n Mensch, der nicht darf gehn vor die Tür,
-daß nicht die Andern &rsquo;n Finger aufheben un sagen: das
-ist keiner so wie wir, un: den könn&rsquo; wir nicht achten?
-Recht haben gehabt die Leute mit mir, und recht haben
-sie überall, wenn sie die Stelle nicht achten, wo der Jud
-steht, denn er steht mit verkehrten Füßen. Er denkt,
-daß er geht nach vorn, und er geht immer nach hinten.
-Weil er geht weg von seiner wahrhaftigen Heimat.
-Darum muß er auch gehn so schnell und muß
-machen Fisematenten und &rsquo;n Gemeres unter die Leute, und
-ans Ziel kommt er doch nicht. Wenn er hat zugeben müssen,
-daß seine Heimat ihm zerstört worden ist, hat er doch
-nicht brauchen zugeben, daß er nicht hingeht und baut sie
-noch mal. Darum wird er auch nich geacht&rsquo; von den
-Leuten. Das Leben ist schwer, und wer geboren is im
-Galuth, der sagt: soll ich auch müssen sterben im Galuth!
-Nee, Georg, aber nee, das will ich nu nich sagen! Da
-darf einer arbeiten sein Lebtag, der verdient sich doch bloß
-die Sohlen unter seine Füße, damit er eines Tages kann
-heimgehn, oder er verdient sich gor nix. Ich weiß doch,
-was ich weiß! Und wenn du kommst, Georg, und sagst
-zehn Mal: Nein! und sagst: ich will kämpfen den Kampf
-um &rsquo;n alten Mann, &mdash; nun, was is &rsquo;n Jahr, und was
-sind selbst zwei Jahr für &rsquo;n Menschen, der jung ist? Und
-du wirst müde, Georg, und ich kann gehn und sitzen vor
-der Türe, &mdash; ich weiß doch, was ich weiß ...
-</p>
-
-<p>
-<a id="page-738" class="pagenum" title="738"></a>
-&bdquo;Wer wohnt in einem Volk, der soll auch werden wie &rsquo;s
-Volk, der soll essen seine Speise und beten in seiner Kirch,
-auf daß er kriegt &rsquo;ne Sprache und vernünftige Sitten.
-Wer glaubt denn, daß einer Gott &rsquo;n Gefallen täte mit dem
-koscheren Essen und Stehn in der Synagoge am Schabbes
-und lesen aus &rsquo;m Buche &rsquo;ne Sprache, für die er hat
-keinen Sinn! Oder glaubst du &rsquo;n, daß Gott will reden &rsquo;ne
-Sprache, die der Mensch bloß kann reden mit ihm allein,
-und die Gott bloß versteht selber, und die er nicht zugleich
-kann reden mit Menschen? Wer nicht kann reden mit
-Gott, wie er will reden mit Menschen, der kann auch nicht
-reden mit Menschen, dem kommt keine Wahrheit aus &rsquo;m
-Herzen, und wenn er vielleicht nicht betrügen wird andre
-Leut, wird er doch betrogen haben sich selber. Denn er
-hat betrogen den Herrn um seine menschliche Sprache.
-Zweierlei Rede, das ist nix. Ich will hingehn und reden
-die Sprache. Ich wills versuchen.&ldquo;
-</p>
-
-<p>
-Georg hörte ihn noch eine Weile murmeln, aber nun
-war nichts mehr zu verstehn. Vor seinen verdunkelten
-Augen verschwamm der entfernte Wald zwischen den
-Flügeln des Hauses, schwärzlich und grünlich im Sonnenschein,
-und in das gereinigte Himmelsblau hob sich eine
-schneeichte Wolke hoch wie ein schöner Berg. So saß er,
-kaum sich zu regen wagend in seiner Ergriffenheit, längere
-Zeit und wandte sich endlich. Da stand Schley, der
-sich vor das Gesicht des Sitzenden beugte, als ob er horchte.
-Gleich darauf hob er langsam den Kopf, auch die Hände
-und strich mit beiden Daumen behutsam über die Augen hin.
-</p>
-
-<p>
-Und dies Letzte enthielt so viel Feierlichkeit, daß Georg
-bei aller Erschrockenheit sich nicht zu rühren vermochte.
-<a id="page-739" class="pagenum" title="739"></a>
-Gestorben? dachte er dumpf. Hier, in diesem Augenblick
-gestorben?
-</p>
-
-<p>
-Schley legte die Hände des Toten im Schoß zusammen
-und wandte sich zu Georg um. &bdquo;Heimgegangen&ldquo;,
-sagte er einfach.
-</p>
-
-<p>
-Georg saß noch lange und blickte den alten Menschen
-an, der dort saß, und an dem noch keine Verschiedenheit
-wahrzunehmen war von Andern oder dem, der er selbst
-vor Minuten noch war. Vielleicht, daß er noch edler
-aussah; und daß seine stille Haltung auf die Länge der
-Zeit nicht natürlich mehr schien; oder daß er so gar nicht
-atmete in diesem Schlaf.
-</p>
-
-<p>
-Endlich spürte er, daß ihm schon lange die Tränen aus
-den Augen liefen, und nun weinte er hellauf, daß es ihn
-schüttelte. &mdash; Danach stand er auf, um nachzusehn, ob
-Magda zurück war, und ihr Nachricht zu bringen.
-</p>
-
-<h4 class="section">
-Irene
-</h4>
-
-<p class="first">
-Noch schwer mit Herz und Gedanken an dem Toten
-hangend, den er in dunkler Vorstellung sah wie einen gestürzten
-Baum, herausgebrochen aus seinem, Georgs, Leben,
-voll mit Früchten, unersetzlich an täglicher Leistung
-das Jahr durch, und überdies mit unsterblichen Blüten
-der Erinnerung &mdash; oh die ersten Spiele der Kindheit! &mdash;,
-ging Georg durch die Räume, irgendwie in der Einbildung,
-die Anna im Gobelinzimmer zu finden. Da gewahrte
-er mit einem Zufallsblick durch ein Fenster &mdash; das letzte
-im Vogelsaal, wie er nun erkannte &mdash; Klemens auf der
-Terrasse allein, vor sich hingehend, gebeugt, die Hände auf
-<a id="page-740" class="pagenum" title="740"></a>
-dem Rücken, und Georg trat ans Fenster, klopfte und
-deutete mit der Hand an, daß er ins Gobelinzimmer ginge.
-Gleich darauf öffnete er die Tür. Der Raum war leer.
-</p>
-
-<p>
-Indem er aber im spiegelnden Glase des Türflügels
-zur Rechten den Widerschein des Herankommenden gewahrte,
-wurde die Flurtür zu seiner Linken geöffnet, und
-rückwärts gehend herein kam ein mädchenhaft weibliches
-blondes Wesen in einem hellgrünen, farbig überblümten
-Kleide mit Achselbändern und weißen Blusenärmeln, an
-einer Hand sehr behutsam hereinführend die Anna, hinter
-der Benno sichtbar wurde: Irene.
-</p>
-
-<p>
-So, dachte Georg, was mag nun kommen? &mdash; Klemens
-stand da und blickte nur. Überdem wandte sich Irene,
-fuhr leise zusammen, ließ Magdas Hand fahren, machte
-zwei Schritte und schien, haften bleibend, zu schweben.
-In ihre Augen, die im kleiner gewordenen Antlitz Georg
-blauer schienen als jemals, trat ein sehr bittender Ausdruck,
-während ihr Kopf langsam nach hinten sank. Ihre eine
-Hand sah Georg zittern in den Falten des Kleides, wo sie
-hing wie vergessen.
-</p>
-
-<p>
-Klemens rührte sich nicht vom Fleck, schlug aber jetzt
-seinen Rock vorne zusammen und schloß langsam die beiden
-Knöpfe.
-</p>
-
-<p>
-&bdquo;Klemens!&ldquo; sagte sie endlich, und Staunen und Bitten
-ihrer Züge schmolz in ein nahezu triumphierendes
-Warten.
-</p>
-
-<p>
-&bdquo;Mensch!&ldquo; grollte nun Georg, &bdquo;worauf wartest du
-noch?&ldquo;
-</p>
-
-<p>
-Klemens sah ihn an. In seinen undeutlichen Augen
-erschien ein grübelndes Fragen, als ob er durch Georgs
-<a id="page-741" class="pagenum" title="741"></a>
-Erscheinung sich erinnern wollte an etwas, was er selber
-vor einer Stunde gesagt hatte. Dann setzte er sich in Bewegung,
-als ob er stürzte, umkreiste den großen Rundtisch,
-und plötzlich bückte er sich, hatte Irene auf den Armen,
-drehte sich wortlos um und trug sie um den Tisch, durch
-den Raum und ins Freie hinaus.
-</p>
-
-<p>
-Georg brachte es nicht fertig, ihm nicht nachzugehn,
-und in die Nähe der Tür folgend, sah er ihn draußen
-stehn, mitten auf der Terrasse. Über sie und Hofraum
-und Dächer fiel ein goldener Regen. Darin stand er kräftig
-und hielt mit erhobenen Armen die leichte grüne Gestalt
-in den tausendfach rieselnden Glanz hinauf.
-</p>
-
-<p>
-Georg drehte sich weg und mußte lächeln. Wieder hinsehend,
-fand er die Terrasse leer, glaubte aber die gedrungene
-und beschwerte Gestalt des Menschen mit seiner Last
-über eine dampfende Wiese voll Primeln gehen zu sehn,
-langsam, ein Pangott mit seiner gesicherten Beute, die er
-in grüne und rauschende Höhlen des alten Waldes zurücktrug.
-</p>
-
-<p>
-&bdquo;Was war denn hier?&ldquo; fragte Magda.
-</p>
-
-<p>
-Georg wußte weiter nichts zu sagen als: &bdquo;Klemens.&ldquo;
-</p>
-
-<p>
-&bdquo;Ach! Wo sind sie denn nun?&ldquo;
-</p>
-
-<p>
-&bdquo;Verschwunden. Er hat sie weggetragen.&ldquo;
-</p>
-
-<p>
-&bdquo;Gott sei gelobt!&ldquo;
-</p>
-
-<p>
-&bdquo;Das sei er! Es giebt also doch noch &mdash;&ldquo; Findungen
-in der Welt, wollte Georg schließen, als ihm in seinem
-Stuhl der Entschlafene erschien.
-</p>
-
-<p>
-&bdquo;Aber,&ldquo; sagte er leiser, &bdquo;unser alter Birnbaum ist hier
-eben gestorben.&ldquo;
-</p>
-
-<p>
-Sie streckte die Hand aus, gab aber keinen Laut von
-<a id="page-742" class="pagenum" title="742"></a>
-sich. Auch als Georg auf sie zutrat, um sie in die Arme
-zu schließen, bewegte sie sich nicht.
-</p>
-
-<p>
-&bdquo;Das war der Letzte!&ldquo; sagte sie nach einer Weile, &mdash;
-wohl im Gedanken an andere Tote. Sie hielt die Augen
-geschlossen.
-</p>
-
-<p>
-&bdquo;Ja, dann bringe mich bitte &mdash;&ldquo; Sie verstummte,
-machte eine abwehrende Bewegung und sagte: &bdquo;Aber ich
-kann ihn ja nicht sehn&ldquo;, und trat weg von Georg.
-</p>
-
-<p>
-In der Tür erschien Egloffstein, zeigte sich Georg und
-verschwand, zur Meldung, daß angerichtet sei.
-</p>
-
-<p>
-Keiner sagte etwas. Georg sah eine einzelne Träne an
-den Wimpern des Mädchens hängen, wartete noch Sekunden
-und sagte dann: &bdquo;Egloffstein meldet, daß angerichtet
-ist.&ldquo;
-</p>
-
-<p>
-Da wandte sie sich zu ihm, kam mit niedergeschlagenen
-Augen und ließ sich an seine Brust ziehn. Sie blieb so
-lange Zeit ohne Bewegung, hob dann den Kopf, und
-Georg sah sie blind und seltsam in eine ewige Ferne lächeln.
-Sie sprach wie im Traum: &bdquo;Irgendwo &mdash; irgendwo &mdash;
-sind sie Alle wieder beisammen.&ldquo;
-</p>
-
-<p>
-Er ergriff ihre Hand und führte sie hinüber. &mdash;
-</p>
-
-<p>
-Sie aßen dann schnell und schweigsam an der für zehn
-Personen gedeckten Tafel, an der außer ihnen nur noch
-Benno, Schley und Rieferling erschienen. Georg empfand
-wie eine Wohltat das Fehlen Renates. Einmal fragte
-ihn Anna, ob er am Nachmittag Zeit für sie habe. Sie
-habe ihn ja eigentlich für sich eingeladen und ihn noch den
-Tag über kaum gesehn. Auf Georgs Erwiderung, daß
-er nur Bogner seinen Besuch versprochen habe, aber erst
-gegen Abend hingehen wolle, bat sie ihn, sie in einer
-<a id="page-743" class="pagenum" title="743"></a>
-kleinen Stunde nach dem Essen in seinem Zimmer zu erwarten
-und mit ihr Tee zu trinken; sie möchte nur vorher
-etwas ruhn. &mdash; Gleich darauf wagte Benno eine bescheidene
-Frage nach einem Beisammensein mit Georg und
-war hocherfreut, daß Georg ihn gleich nach dem Essen mit
-sich nehmen wollte.
-</p>
-
-<p>
-Zwar fühlte Georg sich müde und schlafbedürftig,
-brachte es aber nicht über sich, weder Benno abschlägig
-zu bescheiden, noch ihn mit der Anna zusammen zu bitten,
-denn an eine stille Stunde mit ihr dachte er mit weicher
-Erwartung, &mdash; davon abgesehn, daß sie ein Recht hatte,
-mit ihm allein zu sein. Auch sagte sie selber nichts, um
-Benno aufzufordern.
-</p>
-
-<p>
-Allein hinter den Türen saß noch der ruhige Tote, umringt
-von seinen nicht mehr geträumten Träumen, die ihn
-lächelnd und weinend bekränzten ...
-</p>
-
-<p>
-Georg legte die Hand auf die neben ihm liegende Annas
-und fühlte ihre Finger sich schließen. Bald darauf
-hob sie die Tafel auf, nickte Georg zu und ging sicher zur
-Tür. Er schob seinen Arm in Bennos, schüttelte Schley,
-der sich zu verabschieden kam, die Hand, und sie gingen.
-</p>
-
-<div class="chapter">
-
-<h3 class="chapter" id="subchap-0-3-7">
-<a id="page-744" class="pagenum" title="744"></a>
-Siebentes Kapitel
-</h3>
-
-</div>
-
-<h4 class="section">
-Benno
-</h4>
-
-<p class="first">
-&bdquo;Ach!&ldquo; sagte Benno, nachdem er mit einem einzigen
-Schritt in die Mitte des Zimmers getreten war, wo er
-stehen blieb wie angenagelt, so lang und so dünne er war,
-die Hände zusammenlegend und so höchstüberrascht und
-beglückt umherblickend wie die Unschuld am Geburtstagstisch.
-&bdquo;Ach! Hier ist ja alles wie früher! Georg! Aber
-das ist nicht zu glauben! Das ist unerhört!&ldquo; Und Georg
-sah sein heißes und immer gerötetes Profil mit dem Haken
-der Nase, der über den zitternd hangenden Schnurrbart
-hinweg nach dem entgegengekrümmten Kinn langte, sich
-hin und her drehen in kleinen Rucken, vor Freude rundäugig,
-und die vorstehenden Wangenknochen bebten. Er
-erging sich in Ausrufen. &bdquo;Die Vitrine! Und die japanischen
-Koffer! Und da &mdash;&ldquo; Wieder mit einem Schritt
-stand er unter der Alabasterschale, die überm Sessel der
-Fensterecke hing, streifte sie mit zärtlich erhobener Hand &mdash;
-&bdquo;die Lampe!&ldquo; &mdash; worauf er mit einem Knie in dem Sessel
-lag vor Rembrandts Drei Bäumen, &bdquo;und die alten Bilder!&ldquo;
-Im nächsten Augenblick sich herumwirbelnd mit
-fliegendem Haar, stand er bei Georg, legte ihm eine Hand
-auf die Schulter und sagte, schmelzend vor Glück und
-Scham und kaum hörbar: &bdquo;Und daß ich noch hier bei dir
-stehen darf? Und Du sagen? Und dich anrühren! Einen
-Herzog! Es ist unerhört!&ldquo; Er schüttelte den Kopf, unter
-den Augen tausend Fältchen eines fast mütterlichen Lächelns.
-</p>
-
-<p>
-&bdquo;Großherzog,&ldquo; sagte Georg, &bdquo;aber setz dich!&ldquo;
-</p>
-
-<p>
-<a id="page-745" class="pagenum" title="745"></a>
-Mit einem Schwung saß er schon im Sessel, hatte, bereits
-fertig in Attitüde, die Hände im Schoß, gradsitzend
-mit übergelegtem Bein, und bat mit Kehltönen: &bdquo;Und
-jetzt mußt du mir etwas vorlesen! Magst du nicht? Du
-hast Verse! Ich hätte dich heute morgen schon bitten wollen,
-aber &mdash; da war alles so fremd; ich konnte mich gar nicht
-gewöhnen. Diese Renate dazu! Man sieht sie an &mdash; &mdash;
-und man ist einfach &mdash; &mdash; hin!&ldquo; Er endete verlöschend
-und ließ den Kopf sinken wie ein sterbender Krieger.
-</p>
-
-<p>
-&bdquo;Aber Georg,&ldquo; fing er wiederum an, &bdquo;du bist traurig.
-Ja, dieser herrliche Mensch ist nun auch gestorben ...&ldquo;
-</p>
-
-<p>
-Georg sagte, daß er zwar traurig sei, deshalb aber doch
-Verse lesen könnte, wenn er nur welche hätte.
-</p>
-
-<p>
-&bdquo;Stehn keine in dem Buch?&ldquo; fragte der Enttäuschte mit
-einem Blick auf Georgs noch daliegende Aufzeichnungen.
-</p>
-
-<p>
-&bdquo;Nein, das sind prosaische Aufzeichnungen und Aphorismen.
-Aber warte, ein Gedicht muß darin sein, aber &mdash; es
-ist nicht sehr von Belang.&ldquo;
-</p>
-
-<p>
-Georg setzte sich und begann zu blättern. &bdquo;Hier! Nein,
-das ist es nicht. Nun, dann waren es zwei, &mdash; also höre!
-Dies ist übrigens noch aus Berlin.&ldquo; Er las:
-</p>
-
-<div class="poem-container">
- <div class="poem">
- <div class="stanza">
- <p class="verse">&bdquo;Und alles dieses: Speise, Schlaf und Wein,</p>
- <p class="verse">Endlose Nächte, aufgebauschte Wonnen,</p>
- <p class="verse">Schiffe im Nebel, Irrfahrt, Einsamsein,</p>
- <p class="verse">Stein jeder Tag, gewälzt und dann entronnen &mdash;</p>
- </div>
- <div class="stanza">
- <p class="verse">Jahrlange Mühsal und am Ziele Scherben,</p>
- <p class="verse">Verwelkte Kränze, Zweifel, Gram und Zorn,</p>
- <p class="verse">Versucher jeden Stoffs: Gold, Lehm und Horn:</p>
- <p class="verse">Und alles dies, damit wir endlich sterben.</p>
- </div>
- <div class="stanza">
-<a id="page-746" class="pagenum" title="746"></a>
- <p class="verse">Und alles dies, daß uns wie dünnes Laub</p>
- <p class="verse">Das Leben hinsinkt auf ein kahles Leinen,</p>
- <p class="verse">Noch im Gehör, das schon erstickt und taub,</p>
- </div>
- <div class="stanza">
- <p class="verse">Aus Meilenferne ein verlornes Weinen, &mdash;</p>
- <p class="verse">Dann der Erkenntnis Seufzer: Schwester, glaub,</p>
- <p class="verse">Es war nicht wert, zu sein, und nicht, zu scheinen.</p>
- </div>
- </div>
-</div>
-
-<p class="noindent">
-&bdquo;Seltsam, es paßt ja hierher ... Aber doch eigentlich
-wohl kaum. Nur daß es vom Sterben handelt ... So,
-hier haben wir das andre!
-</p>
-
-<h5 class="subsection">
-&bdquo;<span class="antiqua">Hora melancolica</span>
-</h5>
-
-<div class="poem-container">
- <div class="poem">
- <div class="stanza">
- <p class="verse">Langsam gehen die Dinge uns vorüber,</p>
- <p class="verse">Wolkig hinunter in die Ewigkeit.</p>
- <p class="verse">O Hades fern! es lockt mich selbst hinüber.</p>
- <p class="verse">O später Tag! o müdes Leid!</p>
- <p class="verse">Als führen wir im Wagen eingeschlossen ...</p>
- <p class="verse">Da draußen gleiten Bäume, Feld und Haus,</p>
- <p class="verse">Wohl kommt das Licht, auch Wind herbeigeflossen,</p>
- <p class="verse">Wir aber sehen immer nur hinaus.</p>
- <p class="verse">Was könnten wir denn tun in unserm Fahren?</p>
- <p class="verse">Wir wissen kaum, wer das Gefährt bewegt,</p>
- <p class="verse">Und sehen nur verständnislos seit Jahren</p>
- <p class="verse">Den bleichen Weg, den wir zurückgelegt.</p>
- <p class="verse">Was halten denn die Augen, die im Weiher</p>
- <p class="verse">Des Lichtes schwimmen, blanken Fischen gleich?</p>
- <p class="verse">Ach, stürzte einmal doch herab ein Reiher</p>
- <p class="verse">Und trüg uns flügelbrausend in sein Reich!</p>
- <p class="verse">Ins wirkliche aus unsern Wasserkreisen,</p>
- <p class="verse">Darum die Bäume voller Schwermut stehn.</p>
-<a id="page-747" class="pagenum" title="747"></a>
- <p class="verse">Wir ziehn, wir ziehn, &mdash; so werden wir die Leisen,</p>
- <p class="verse">Die alles mit gekühlten Augen sehn.</p>
- <p class="verse">Dies Niemalstun, dies Nurgeschehenlassen,</p>
- <p class="verse">Dies weiche Wollen, ach, dies Ungefähr,</p>
- <p class="verse">Dies macht das Herz so schauerlich erblassen</p>
- <p class="verse">Wie treibend Schlingkraut in dem wüsten Meer.</p>
- <p class="verse">Mit tausend Siegeln ängstlich eingemauert,</p>
- <p class="verse">Wir zwingen nichts hinein in unser Herz.</p>
- <p class="verse">Nur jeder Flügel, der vorbeigeschauert,</p>
- <p class="verse">Erfüllte uns mit immer tieferm Schmerz.</p>
- <p class="verse">Aus hundert Schmerzen aber ward am Ende</p>
- <p class="verse">Nur Müdigkeit. Die Augen sinken zu;</p>
- <p class="verse">Sie wollen nichts mehr, die getäuschten Hände,</p>
- <p class="verse">Die Seele wiegt der letzte Traum von Ruh.</p>
- <p class="verse">Und endlich kam es so, daß wir nur gleiten.</p>
- <p class="verse">Genügsam wurden wir; die Blicke gehn</p>
- <p class="verse">Zu Wolken auf, um den Vergänglichkeiten</p>
- <p class="verse">Mit bitterem Begreifen nachzusehn.</p>
- <p class="verse">Die weicheren Gebilde in den Bahnen</p>
- <p class="verse">Des Äthers tun den kranken Augen wohl.</p>
- <p class="verse">O wo bliebst du, der Jugend trunknes Ahnen,</p>
- <p class="verse">Du einst unsterblich flammendes Idol:</p>
- <p class="verse">Wo bleibst du, Liebe, die um nichts bekümmert,</p>
- <p class="verse">Sich selbst vertrauend, rings Gesetze giebt,</p>
- <p class="verse">Die jeden Makel an sich rasch zertrümmert,</p>
- <p class="verse">In ihre Reinheit grenzenlos verliebt!</p>
- <p class="verse">Die herrscherlich, mit Augen hart und stählern,</p>
- <p class="verse">Mit Löwenschritten und mit Adlersgriff,</p>
- <p class="verse">Die mantelsausend stürmte über Tälern</p>
- <p class="verse">Und über Berge nach den Brüdern pfiff?</p>
-<a id="page-748" class="pagenum" title="748"></a>
- <p class="verse">Doch wir sind froh bei unsern Mittagsmählern,</p>
- <p class="verse">Und sicher trägt uns das gebauchte Schiff.</p>
- </div>
- <div class="stanza">
- <p class="verse">Geschehen mag und gehen, was die Hände</p>
- <p class="verse">Nicht schufen, nur berührten fremd und blind:</p>
- <p class="verse">Der tatenlosen Liebe arme Spende,</p>
- <p class="verse">Der kleinen Hoffnung süßes Angebind.</p>
- <p class="verse">Vorüber ziehn die bunten Bilderwände,</p>
- <p class="verse">Wir schauen und vergessen, was wir sind.</p>
- <p class="verse">Die Dinge schweben her und gehn hinunter,</p>
- <p class="verse">Wahllos hinunter nach dem einen Tod.</p>
- <p class="verse">Und wir, ach Schwester, schwanken selbst darunter,</p>
- <p class="verse">Unwissend Lächelnde ins Abendrot.&ldquo;</p>
- </div>
- </div>
-</div>
-
-<p class="noindent">
-Benno, steif sitzend, schwieg und sah vor sich nieder.
-&bdquo;Das ist recht schön, Georg&ldquo;, meinte er dann. &bdquo;Aber &mdash;
-besonders finde ich es nun eben nicht.&ldquo;
-</p>
-
-<p>
-&bdquo;Es soll ja auch gar nicht &mdash;&ldquo;
-</p>
-
-<p>
-&bdquo;Weißt du, ich liebe das eigentlich gar nicht. Das sind
-solche &mdash; Feststellungen. Die Welt ist so oder so, trübe, unbegreiflich
-&mdash; &mdash;, das ist alles solcher Hofmannsthal. &sbquo;Was
-frommt es, alles dies gesehen haben?&lsquo; Nicht wahr? Das
-ist ja auch gar nicht deine wirkliche Meinung! Oder doch?&ldquo;
-</p>
-
-<p>
-&bdquo;Vielleicht nicht eben länger, als ich daran schreibe.
-Nun lassen wir das, mir liegt daran nichts, ich bin ja kein
-Dichter und habe also höchstens die Erlaubnis, zu sagen,
-was ich leide.&ldquo;
-</p>
-
-<p>
-&bdquo;Aber &mdash; &mdash;, ja, Georg, ist denn das nicht die einzige
-Aufgabe des Dichters?&ldquo;
-</p>
-
-<p>
-Georg schüttelte trübe den Kopf. &bdquo;Benno, du wirst
-nie im Leben dahinterkommen. Nie im Leben! Aber wir
-<a id="page-749" class="pagenum" title="749"></a>
-wollen nicht wieder davon anfangen. Ich lese dir lieber
-noch einiges von den Aufzeichnungen, sie stammen alle
-aus der Zeit von Hallig Hooge, &mdash; wenn du magst. Hier
-ist etwas über Flauberts <span class="antiqua">Education sentimentale</span>, magst
-du das? Also höre.
-</p>
-
-<h5 class="subsection">
-&bdquo;Zu Flauberts <span class="antiqua">L&rsquo;éducation sentimentale</span>
-</h5>
-
-<p class="noindent">
-Dieses als Kunstwerk gewaltige Buch scheint mir bei
-fortschreitendem Lesen von Tag zu Tag mehr das, was
-der Titel, den es ursprünglich haben sollte, ausdrückt:
-&sbquo;Dürre Früchte&lsquo;. Es ist dürr, langweilig und von erschrecklicher
-Einfalt. Eine Menschendarstellung ohne Seele
-und Seelen. Da ist nur Dasein, nichts als um sich selber
-und um einander kreisende Daseinsgestalten, deren nüchternes
-Gesetz leider jeden Schein von firmamentaler Wirkung
-ausschließt. Der &sbquo;Held&lsquo; (der keiner ist und sein soll
-in unserm Sinne) streicht als nur Erlebender durch diese
-in ihrer Trostlosigkeit den einzigen Ausdruck von Unendlichkeit
-tragende Ebene umgetriebener Figuren wie ein lauer
-Windzug, ohne Bewußtsein seiner selbst, ohne Frage, ohne
-Aufblick, ohne Sterne, ohne Seele und ohne Geist. Was
-hier Seele scheinen könnte, ist nichts als eine Art romantischer
-Glorie um die Sinne. Von allem um ihn her nur
-ästhetisch, das heißt in seiner Anschauung berührt (oder &mdash;
-was fast schlimmer ist &mdash; moralisch, das heißt an seiner
-bürgerlichen Existenz mit ihren Wünschen und Zielen,
-oder &mdash; was das einfältigste ist &mdash; an seinen Trieben),
-ist sein ganzes Sein und Tun: zu erleben, was aber nicht
-heißt, das eigene Leben mit anderen, mit Lebenserscheinungen
-durchtränken; es zu ernähren, zu entfalten, zu
-<a id="page-750" class="pagenum" title="750"></a>
-steigern, zu vertiefen, mit einem Wort: zu wandeln; sondern
-nur heißt: Erlebnisse sammeln; und so ist er selber
-am Ende (ich blätterte im Ende) nur ein Schrank voll
-alter, nicht einmal getragener Erlebnisse, undurchdrungen,
-unverirrt, unverzweifelt und unerhoben derselbe, als der
-er auf der ersten Seite des Buches erschien: <span class="antiqua">un jeune homme
-à longs cheveux et qui tenait sous son bras un album</span>, &mdash;
-nur daß eben das Skizzenbuch mittlerweil voll wurde. Undurchdrungen
-also &mdash; und deshalb ungestaltet, das heißt:
-ohne Geist &mdash;, ungewandelt also &mdash; und deshalb ohne
-Innerstes, ohne Seele &mdash;, unberührt in beiden, die nicht
-vorhanden scheinen &mdash; ist er auch: ohne Leid. Kein Leiden
-ist im ganzen Buche zu finden außer Notleiden, Bürgerjammer
-und Alltagselend. Sie arbeiten Alle sich in sich selber
-ab, wie das Eichhorn in der Radtrommel, und wenn selbst
-dieses das zu tun scheint aus Unruhe, aus mangelnder
-Freiheit, so fehlt ihnen selbst die leiseste Ahnung, daß es
-eine Welt geben könnte, außer der ihren.
-</p>
-
-<p>
-&bdquo;Flaubert war augenscheinlich eine kleine Vernunft mit
-gewaltigen Kräften, ein Zwerg mit riesigen Armen, der
-nicht erschaffen konnte, sondern nur schaffen, aufbauen,
-von außen arbeitend, nicht von innen, hin- und darstellend,
-weil für ihn &mdash; in seinen andern Büchern ist es nicht anders
-&mdash;, wie gezeigt, letztes Inneres &mdash; der Gott, die Seele,
-der Geist &mdash; nicht vorhanden waren. Mit einem Wort: Franzose,
-würde ich sagen, läge nicht auch über ihm der Schatten
-des Giganten, der, wenn auch keinen Gott, so doch einen
-Dämon in der Brust und einen Ätna im Gehirn trug: Balzac.
-</p>
-
-<p>
-&bdquo;Dennoch, wovon auch Balzac nichts wußte, das ist:
-die Wandelbarkeit einer Seele; ist: Verändertwerden durch
-<a id="page-751" class="pagenum" title="751"></a>
-das Leben; ist: Durchsäuertwerden und Süßwerden von
-Leiden; ist Streben, Suchen nach dem &sbquo;wahren&lsquo; Leben
-als dem wahren Stoffe des Daseins, das in ihm enthalten
-sei und aus ihm geläutert werde; ist Wachsen und Werden.
-Er kannte das menschliche Labyrinth in jeder Windung
-und Verschlingung nebst dem Minotaurus, aber er wußte
-so wenig wie Flaubert von der aus tausend Opferfeuern
-darüber aufsteigenden Säule Rauches, deren höchster und
-gereinigter Niederschlag an der gläsernen Nachtkuppel die
-Bilder des Firmamentes bildet.
-</p>
-
-<p>
-&bdquo;Freilich: in keinem Werk aller europäischen Literaturen,
-weder der französischen noch englischen oder russischen,
-findet sich der in der deutschen immer wiederkehrende
-Mensch, jenes Gebilde, als dessen innere Form sich immer
-wieder jener herausheben läßt, welcher der erste war, Parzival.
-Wobei zweierlei zu bemerken ist, nämlich erstlich und
-weniger wichtig: daß Wolfram von Eschenbach den Stoff
-seines Gedichtes aus dem Französischen schöpfte, und zweitens,
-daß zwar immer von der &sbquo;Form&lsquo; des Franzosen,
-seiner Begabung dafür, seinem Bemühen darum, geredet
-wird, daß es sich aber in Wahrheit bei ihm um &sbquo;formales&lsquo;
-Bemühen und formale Begabung handelt, ohne Wissen
-von wirklicher Form. Was Parzivals Schicksal war: Erkennen
-und Wissen um eine Bestimmung, Suchen des
-Weges, das Streben nach Erlösung: Formung des Lebens
-ist das, Erlösung des eigenen Ich und der chaotischen Welt
-im geformten Schicksal, in der reinen Form. (So tappte
-auch dieser Wagner daneben, der nichts bilden konnte als
-einen unwandelbar &sbquo;reinen Toren&lsquo;.) Auch Parzival war
-im Anfang Franzose, in der Gralsburg froh, essen,
-<a id="page-752" class="pagenum" title="752"></a>
-trinken und schöne Dinge sehen zu können, und: er fragte
-nicht.
-</p>
-
-<p>
-&bdquo;Parzival, (auch Simplizissimus sogar,) Faust, Wilhelm
-Meister, der Grüne Heinrich, Spittelers Prometheus, Leonhard
-Hagebucher, Hyperion, Michael Unger und tausend
-Unbekanntere in minder reinlicher Form enthalten als Gesetz,
-als Form allesamt den Einen und Erstgenannten:
-Parzival mit dem Panier über sich: &sbquo;Wer immer strebend
-sich bemüht, Den können wir erlösen.&lsquo;
-</p>
-
-<p>
-&bdquo;Du aber, Georg Trassenberg, an Erkenntnissen Reicher,
-wohlweislich diese Dinge Zerlegender und Aufzeichnender:
-was bist du gewesen, und was bist du jetzt? In Wahrheit,
-bei Gott, wenn ich auch noch bis gestern ein armseliger
-Fréderic Moreau war, <span class="antiqua">qui tenait sous san bras un album</span>,
-so bin ich es heute nicht mehr! Und wenn es wahr ist, daß
-nichts kommt aus nichts, daß ich also nichts sein kann,
-wozu ich nicht zumindest den Stoff zuvor enthielt, das heißt:
-<em>wenn</em> ich heute etwas andres sein kann, daß ich es &mdash; oh
-meine Unschuld! &mdash; niemals ganz war.&ldquo;
-</p>
-
-<p>
-Benno sprang auf wie eine Stichflamme, daß die kleine
-Alabasterschale bebte und pendelte. &bdquo;Ich kenne das Buch
-nicht, Georg,&ldquo; sagte er mit empörter Gewißheit, &bdquo;aber
-ich kenne Bücher, die so sind!&ldquo; Georg sah, sich umdrehend,
-mit glücklicher Rührung all das lange Vertraute wieder &mdash;,
-die alten Bewegungen der Aufgeregtheit, der Entrüstung,
-das Zurückwerfen des Haars, das mit einem Schritt dahin
-und dorthin sich Pflanzen, das im Nachdenken, bei
-fast über den Wirbel hochgedrehtem Handgelenk über das
-Stirnhaar Kämmen mit den Fingern, den Unglücksausdruck
-der Brauen, und es war eine Wohltat zugleich, alles
-<a id="page-753" class="pagenum" title="753"></a>
-Süße der Schuljahre wieder zu fühlen in der gebrochenen
-Stimme, ihren glühenden Betonungen und gezogenen
-Pausen der Überlegung.
-</p>
-
-<p>
-&bdquo;Und es ist entsetzlich!&ldquo; fuhr Benno nach langem,
-erschöpftem Dastehen fort. &bdquo;Es ist die Fläche. Nicht die
-Fläche unserer Er&mdash;de &mdash; &mdash;, die sich wölbt und abhängt
-nach den Seiten. Sondern sie ist nach oben gewölbt,
-und man kann nicht über den Rand sehn, und alles was
-gegen den Rand hinaufgeraten ist im Umherschleudern
-der Scheibe, das muß nach innen zurückfallen. Schau&mdash;er&mdash;lich!&ldquo;
-</p>
-
-<p>
-&bdquo;Fliegen mit ausgerissenen Flügeln in einer Glasschale, &mdash;
-ja, das sind wir.&ldquo;
-</p>
-
-<p>
-Benno schüttelte sich verneinend mit Leidenschaft. &bdquo;Nein,
-sage das nicht, Georg! Ja, es giebt Stunden, wo es so
-scheint. Ich kenne diese Stunden, diese <span class="antiqua">horas melancolicas</span>,
-und sie sind &mdash; &mdash; entsetzlich!&ldquo;
-</p>
-
-<p>
-&bdquo;Nun, Benno, aber was heißt das?&ldquo; fragte Georg
-behutsam. &bdquo;Ich denke, du bist glücklich?&ldquo;
-</p>
-
-<p>
-Benno setzte sich still und sah vor sich hin.
-</p>
-
-<p>
-&bdquo;Du mußt mich jetzt richtig verstehen, Georg. Ich
-wäre ein &mdash; &mdash; Ehrloser, wenn ich mich beklagen würde.
-Ich bin verlobt &mdash; &mdash;, ich werde bald heiraten. Und sie
-&mdash; &mdash; oh, du kennst sie ja leider nicht, und sie ist &mdash; &mdash;
-sie ist &mdash; wie aus Goldstaub! So leicht, so schwebend,
-und so rieselnd. Natürlich hat sie auch ihre Launen,&ldquo;
-gestand er voll Großmut und Menschenkenntnis, &bdquo;warum
-wäre sie ein Weib! A&mdash;ber &mdash; &mdash; &mdash; Nein, an ihr liegt
-es nicht, nur &mdash; &mdash; &mdash; Es ist alles zuviel!&ldquo; schloß er,
-völlig erschöpft.
-</p>
-
-<p>
-<a id="page-754" class="pagenum" title="754"></a>
-&bdquo;Zuviel, Benno?&ldquo;
-</p>
-
-<p>
-&bdquo;Zuviel! Ja, viel, viel, viel zuviel!&ldquo; stöhnte er auf
-wie ein gebrochener Held im Theater, die Hand vor der
-Stirn. &bdquo;Alles ist zuviel! Es ist kaum zu ertragen!&ldquo; Er
-sprang auf. &bdquo;Siehst du, was ist das Wunderbare immer
-wieder im Leben? Das sind die Anfänge! Nie sollte
-man hinauskommen über die Anfänge, und ich &mdash; &mdash; kann
-es nicht!!&ldquo;
-</p>
-
-<p>
-Leider, dachte Georg, auch in deiner Musik! &mdash; während
-er halblaut sagte: &bdquo;Brentano!&ldquo;
-</p>
-
-<p>
-&bdquo;Ja, natürlich, natürlich Brentano, der hat so empfunden
-wie ich! Gehe hinaus &mdash; &mdash; im April! im März!
-an einem unverhofften Tag. Wie dich da alles verlockt!
-Der Himmel scheint wegzuschmelzen, kaum daß er nahte.
-Dich ziehts mit ihm in das Unendliche der Sonne. Eine
-unermeßliche Bangigkeit zugleich treibt dich fort, und du
-kommst dir vor, Georg, &mdash; &mdash; wie ein Schauer Schnee.
-Und alles Glück der Welt scheint sie doch zu enthalten &mdash; &mdash;
-diese Bangigkeit. Oh, du willst dich hinwerfen, du willst
-weinen, du bist aufgebrochen, &mdash; und nun erst &mdash; wenn
-du liebst! Georg, weißt du die Nächte nicht mehr? Die
-endlos stillen Straßen, die einsam leuchtenden Fenster, das
-nasse Pflaster, und der zitternde Stundenschlag. Und das
-dunkle Fenster endlich &mdash; &mdash; der Geliebten! Aber &mdash; &mdash;
-Georg, das erloschene Fenster, hinter dem sie schlief, es
-enthält mehr Wonnen für das Herz, als das Zimmer selbst,
-wenn du es betreten darfst. Es ist alles zuviel! Glaube
-mir, Georg, es war mir eigentlich schon zuviel, daß ich sie
-kennen lernte. Als ich sie noch grüßen durfte &mdash; &mdash; von
-weitem &mdash; &mdash;, da schlug mir das Herz, und ich war ergriffen!!
-<a id="page-755" class="pagenum" title="755"></a>
-Nun &mdash;&ldquo; sang er lieblich &mdash; &bdquo;ist alles ganz einfach
-geworden. Ist aber der magische Kreis einmal durchbrochen,
-was &mdash; ist &mdash; dann &mdash; noch? Ihre Stimme hören
-&mdash; ihr nachgehn von fern durch die bewegten Gassen &mdash;,
-ihren Gang zu sehen &mdash;, oh diesen Pendelschlag der Stunde
-ohne Ziffern! &mdash; ihr im Wald zu begegnen, wo sie Anemonen
-sucht an den Abhängen &mdash; &mdash;, oh Georg, wenn
-ich erzählen wollte, ich habe Abenteuer erlebt &mdash; &mdash; unerhört!&ldquo;
-</p>
-
-<p>
-&bdquo;Was, Benno, jetzt? Ich denke, du willst heiraten?&ldquo;
-</p>
-
-<p>
-Benno lächelte schwermutvoll. &bdquo;Ich genieße halt meine
-Freiheit&ldquo;, sagte er natürlich. Dann lachte er verschämt.
-&bdquo;Nun, Georg, so genau darfst du das nicht nehmen! Das
-Entfernte still zu genießen, wer will mirs verwehren?
-Und ich brauche das, Georg, ich brauche das. Oh sie
-ist lieb, sie ist edel, sie ist rein, aber daß ich nun täglich
-ihre Hand küssen darf, ihr Gesicht &mdash; &mdash;, und sie über
-alles sprechen zu hören, &mdash; &mdash; zu sehn, daß sie ungeduldig
-ist und hart und &mdash; &mdash; das, Georg, &mdash; &mdash; das schlägt mich
-zu Boden!&ldquo;
-</p>
-
-<p>
-&bdquo;Und das ist, was ich dir immer sagte, Benno!&ldquo; fing
-Georg an und stand auf. &bdquo;Es ist schön. Es ist, so wie
-du es betreibst, menschlich schön und ergreifend, aber: es
-ist eine Schwäche des Lebens, verstehst du? Stark zu
-fühlen, ist noch keine Kraft, so schön es auch sein kann.
-Die Kraft ist im Bilden, in der Handlung, im Werk. Die
-&sbquo;Intensität des Erlebens&lsquo;, ja, so heißt es heut. Erleben,
-schon das Wort ist mir unleidlich. Das sind diese Zusammenballungen,
-die nachher nichts können als zerfließen.
-Erleben um des Erlebens willen, und keinerlei Wirkung
-<a id="page-756" class="pagenum" title="756"></a>
-fürs Leben selbst. Euer Handeln, euer Meinen, eure Haltung
-zu den Andern &mdash; alldas bleibt unbeeinflußt. Ich
-will mich nicht besser machen, als ich bin, aber &mdash; auch
-ich habe erleben wollen, jedoch nicht &mdash; &mdash;, um Erlebnisse
-zu fangen, sondern um meine Lebenskraft zu steigern und
-wegen der Erfahrung. Und wenn ichs zehntausendmal
-nicht getan habe, so tat ichs doch unbewußt, und zuletzt
-ist es alles in die eine Schleuse hineingeströmt. Ihr macht
-euch Zaubergärten von vornherein aus der Welt, dann
-brechen die wirklichen ein, und schon sind euch alle Schalmeien
-verstummt bis auf die der Trübsal. Bei dir, wie gesagt,
-ist es schön, weil es fromm ist und zart, und du zu
-weich und zu gütig, das Leben entgelten zu lassen, daß es
-dir deine Träume nicht hielt. Aber sieh in die Literatur von
-heut. Da wird aufgeblasen und aufgebauscht: Einssein
-mit der Geliebten, Ewigkeit der Verschmelzung, und was
-weiß ich, und kaum daß die Geliebte an ihrem Schuhband
-schnürt, wenn dich eben der göttliche Abend berauscht, so
-geht dir ein Meteorschwarm von Illusionen ins Chaos
-hinunter, und vom Augenblick an sind sie die Verächter,
-die tiefen Greise, die das Herz Gottes im brechenden Lächeln
-der Dirne entdecken, wo es &sbquo;verreckt&lsquo;. Sie rasen nach
-Gott durch die Welt, schlagen Fenster und Türen zusammen,
-brüllen: Ist keiner da? und dann endlich &mdash; endlich lächelt
-ihnen die weise Hure. Die ganze Literatur ist nicht zum
-Teufel, aber zum Zuhälter gegangen, und das Großartigste
-ist, herumzustelzen, die ganze Brust bedeckt mit den Kotillonorden
-der verlorenen Illusionen. &mdash; Diese Folgerungen &mdash;
-das heißt nur diese zufällig zeitlichen des Zuhältertums &mdash;
-ziehst du zwar nicht, Benno, aber im Kern ist es bei dir
-<a id="page-757" class="pagenum" title="757"></a>
-nicht anders. Hast du nicht immer verklärt und erhoben?
-Und bist du nicht schon getrübt und gesunken?&ldquo;
-</p>
-
-<p>
-&bdquo;Aber was soll man denn tun, Georg, was soll man
-denn tun?&ldquo;
-</p>
-
-<p>
-Georg schwieg und sah nach dem Fenster. Ja, was?
-dachte er still. Auge im Auge mit einem Menschen das
-Leben ertragen, &mdash; das wäre schon viel. &bdquo;Was man tun
-soll, Benno? Wege giebts so viel wie Menschen. Aber &mdash;
-man sollte vertraun. Nicht immer das Fluten sehen, &sbquo;die
-zehntausend Spinnen in der Kufe&lsquo;, das Getümmel der
-achtlosen Bestien; und die Heiligen darüber aus Regenbogen
-auch nicht. Das Leben ist kein Ballhaus, und ein
-Heiligtum auch nicht, und es wird nicht scharenweise gelebt.
-Gieb acht auf den Einzelnen! Es giebt nur Einzelne.
-Denen aber vertrau! Von dem fall nicht gleich ab, wenn
-er nicht augenblicks einstimmen will in deine Augenblickslaune.
-Seele kann nicht in Seele gelangen, obschon Leib
-in Leib. Leib fügt sich in Leib, und gezeugt wird aus
-Zweien das Eine. Seele in Seele, was zeugen die? Gemeinsamkeit.
-Wenn ich das Leben süß gefunden habe, so
-war es darin.&ldquo; Ach, Cordelia! dachte Georg, und glitt
-von ihr zu der Schwester mit n, indem er sich sagte:
-Cornelia und Cordelia &mdash;: die Eine war, was die Andre,
-und darum verließen mich Beide. Eine Wiederholung nur,
-und ich habe es kaum gemerkt.
-</p>
-
-<p>
-Benno saß still da, eine Hand auf der Tischkante neben
-sich. Er sagte:
-</p>
-
-<p>
-&bdquo;Du hast recht, Georg, natürlich hast du vollkommen recht.
-Immer hast du recht, und überhaupt &mdash; ich bin ja einmal so,
-daß ich immer auch den Gegenteil vollkommen begreife, a&mdash;&ldquo;
-</p>
-
-<p>
-<a id="page-758" class="pagenum" title="758"></a>
-&bdquo;Aber,&ldquo; rief Georg das Wort, das er längst kommen
-sah, &bdquo;aber du handelst ja nicht danach! nach deinen Erkenntnissen!
-Du hängst ab nach zwei Seiten wie ein Gespaltener
-und &mdash;&ldquo;
-</p>
-
-<p>
-Benno ließ sich nicht abschütteln, flüchtete hinter Georg
-ins Zimmer und rief, ihm unsichtbar, von dorther: &bdquo;Nein,
-und du hast doch nicht recht! Ja, das Leben mag so sein,
-wie du sagst, aber &mdash; &mdash; soll es denn immer so bleiben?
-Und wer macht denn, daß es vielleicht einmal anders wird?
-Würde die Welt nicht stehen bleiben, wenn Alle so wären
-wie du? Wer sorgt für Änderung? Wir sind das, wir! Die
-Träumer, die Schwärmer, die Seher der Ferne. Haben nicht
-immer Dichter und Weise, sie, die Spiegel der Menschheit,
-das Bild einer Welt aufgefangen, die hinter der sichtbaren
-liegt? Wir haben die wahrhaftigen, die platonischen Gesichte!
-Wir schreiben unsere Träume mit goldenem Griffel
-in die rosigen Wolken, und wer die Schrift liest, den erfüllt
-sie mit Sehnsucht. Sehnsucht, Georg, Sehnsucht! Was
-helfen denn eure Feststellungen, eure Hofmannsthals und
-Georges, wo alles erstarrt ist! Ich erkenne sie ja an, diese
-Form, ich bewundere sie, aber sie ist die Giftschlange, die
-euch alles erwürgt! Wir, wir, wir, die Träumer, die
-Schwelgenden auf den unerreichbaren Gipfeln, wir &mdash;&ldquo;
-</p>
-
-<p>
-&bdquo;&mdash; pfeifen wie die Rattenfänger, und pfeifen die Narren
-in den Berg!&ldquo; rief Georg aufgebracht und hieb mit
-der Faust auf den Tisch. Danach verstummte er in plötzlicher
-Erschlaffung und dachte: Wozu? Er hat ja keinen
-Kern, wie soll ich ihn angreifen?
-</p>
-
-<p>
-&bdquo;Na, lassen wirs gut sein, Benno, wir sind darin zu
-verschieden. Du &mdash;&ldquo;
-</p>
-
-<p>
-<a id="page-759" class="pagenum" title="759"></a>
-&bdquo;Vielleicht, Georg, &mdash; und doch nicht. Ich verstehe
-dich ja, wir mißverstehen uns nur, ich meine genau das
-selbe wie du, nur &mdash;&ldquo;
-</p>
-
-<p>
-Georg kniff schmerzlich die Lippen zu. &bdquo;Hör auf, Benno,
-es hat keinen Sinn. Weißt du &mdash;, ich bin auch sehr müde.
-Tu mir die Liebe und laß mich jetzt ein bißchen allein.&ldquo;
-</p>
-
-<p>
-&bdquo;Ich gehe, Georg, ich gehe! Hättest du mir doch nur
-gesagt, daß du vielleicht lieber schlafen möchtest. Es tut
-mir &mdash;&ldquo;
-</p>
-
-<p>
-Georg brüllte beinah, verstummte aber im letzten Augenblick
-angesichts dieser schmelzenden Betrübtheit, die
-schon die ganze Stunde schwarz sah, bloß weil er an ihrem
-Ende erklärte, müde zu sein.
-</p>
-
-<p>
-Benno nahm zärtlich Abschied, und Georg versprach,
-ihn in Bälde zu sich zu rufen, worauf er entfloh.
-</p>
-
-<h4 class="section">
-Georg
-</h4>
-
-<p class="first">
-Nun bin ich bald am Ende der Kraft, dachte Georg,
-und fiel in den Sessel. Er wollte sich eilig bemühen, zu
-schlafen und zu vergessen. Aber die Lehne war rauh und
-heiß, er war nicht mehr gewohnt, im Sitzen zu schlafen,
-dachte, sich auf das Bett zu legen, aber &mdash; in Kleidern?
-nein, und ausziehn? Er blickte auf die Uhr, &mdash; nein, in
-einer Viertelstunde vielleicht kam die Anna. So rückte
-und drehte er sich hin und her, ächzte leise und meinte zu
-fiebern. Nicht denken, nicht denken!
-</p>
-
-<p>
-Und was ist es denn, was war es, was gab mir wieder
-das Recht, mich so als stärker zu fühlen und gütiger? Ist
-er mir verpflichtet? oder dem Dasein? Es ist schrecklich,
-<a id="page-760" class="pagenum" title="760"></a>
-aber es ist wohl so, daß jeder Gegensatz an dem, den wir
-lieben, uns mehr Ärgernis bereitet als am Fremden.
-</p>
-
-<p>
-Hat er nicht doch vielleicht recht? Wenn er so sprechen
-konnte, dies herausfühlen konnte aus mir: muß dann
-nicht doch ein quietistischer Hang vorhanden sein? &sbquo;Geh
-an der Welt vorüber, es ist nichts.&lsquo; Ja, was will ich
-denn? Ich verstehe mich selber nicht. Ich will ändern;
-aber alles, was ich sehe, ist, daß ich vorläufig nicht kann ...
-</p>
-
-<p>
-Er saß schon wieder mit offenen Augen, gewahrte nun
-das noch aufgeschlagene Buch auf dem Tische und empfand
-bald den Wunsch, sich noch einmal nachzuprüfen,
-oder vielmehr, sich zu beweisen, daß er recht hatte und
-nicht so war, wie Benno ihm vorwarf. Das Buch &mdash;,
-nun, was drin stand, hatte seine Erledigung gefunden,
-aber es enthielt doch Angaben über den Weg.
-</p>
-
-<p>
-Noch unschlüssig streckte er die Hand nach dem Buch
-aus, zog es langsam heran und begann, es auf dem Tischrande
-neben sich liegen lassend, zu blättern und zu lesen.
-</p>
-
-<p>
-Angehängt an das erste der Gedichte, die er Benno vorlas,
-fand er da:
-</p>
-
-<p>
-&sbquo;Wahr im Stoff, unwahr in der Form ist dieses Gedicht
-wie fast alle derartigen, ich meine gedanklichen, von mir.
-Von der ersten Zeile bis zur achten ist alles echt. Bei der
-neunten beginnt schon leise Verwirrung (da ich, als ich
-dies schrieb, noch nichts ahnte vom Tode!), die letzte ist eitel
-Lüge, das heißt nur Wahrheit des Augenblicks, der aus
-dem Schmerz die Verachtung erzeugte. Wie aber dürfte
-ein Gebilde, das dauern soll, die Prägung des Augenblicks
-an sich tragen? Bogner hat wahrlich recht mit
-seiner Vergiftung. Ich hob diese Verse als die stärksten
-<a id="page-761" class="pagenum" title="761"></a>
-auf aus meiner Berliner Zeit, und die war so faul, ganz
-so faul wie ein morsches Stück Holz, das leuchtet; nur im
-Dunkel leuchtet, und nur aus Miasmen.
-</p>
-
-<p>
-Mit achtzehn Jahren machte ich Gedichte von Heiligen:
-Er war schon der Vollendung fast ganz nah ... So konnte
-keine Gestalt mir großartig genug scheinen, in ihr meinen
-Seelestoff kostbar zur Darstellung zu bringen. Der Vollendung
-fast ganz nah ... ach, durch drei Jahre war selbst
-der Gedanke an einen Weg zur Vollendung unendlich
-fern! Auf Schritt und Tritt nur Griff um Griff nach dem
-Nächstliegenden, Ausfüllen mehr schlecht als recht, statt
-Erfüllung, &mdash; warum zum Unheil muß mir ein anderer
-Vers jenes Alters ins Gedächtnis kommen, wenn er auch,
-schlimmer als schlimm in diesem Fall, nicht von mir ist,
-doch behielt ich ihn wohl, ob wider meinen Willen:
-</p>
-
-<div class="poem-container">
- <div class="poem">
- <div class="stanza">
- <p class="verse">Georg, der Trasse,</p>
- <p class="verse">Stürzt sich ins Leben wie ins Meer der Schwimmer,</p>
- <p class="verse">Drum sieht er nichts als: Masse, Masse, Masse.</p>
- </div>
- </div>
-</div>
-
-<p class="noindent">
-Ach, giebt es keine Erlösung aus diesem Klumpen von
-Wahrheit, der an mir hängt? &mdash; Ah, ein Licht! eine süße
-Strophe: wer sagte sie mir noch?
-</p>
-
-<p>
-Richtig, Magda! An dem Morgen nach der Nacht,
-wo ich nicht starb, stellte sie mich wegen eines Briefes, den
-ich in der Nacht erwähnt habe, eines Briefes von mir an
-sie. Es war jener, den ich für sie bestimmt hatte, ihn nachher
-zu lesen. Ich gab ihn ihr, und sie sagte, nachdem sie
-las: was ich darin vom seefahrenden Sindbad und dem
-bösen Geist, den er schleppen mußte, geschrieben habe,
-erinnere sie an eine Legende, die Jason ihr und noch
-einigen Andern aus der Friedliebenden Gesellschaft einmal
-<a id="page-762" class="pagenum" title="762"></a>
-erzählt habe, und sie gab mir wieder, was sie davon behalten
-hatte. Jason hatte sie später für Renate aufgeschrieben,
-und so hatte A. die beiden Strophen daraus im
-Gedächtnis behalten, die mein eigenes, leichtes Versgedächtnis
-mir bewahrte. Die Legende handelte, wie mir
-schien sehr schön, von Orest, den die Eumeniden verfolgten,
-schlaflos, bis auch sie, die Verfolgerinnen einmal ruhen
-mußten im Schlaf:
-</p>
-
-<div class="poem-container">
- <div class="poem">
- <div class="stanza">
- <p class="verse">Oh Nacht und Tiefe! Draußen auf den Stufen</p>
- <p class="verse">Des Hauses ruht die Eumenide nun.</p>
- <p class="verse">Noch ist die Gottheit dringend anzurufen,</p>
- <p class="verse">So wird dir, was du sehntest: du wirst ruhn.</p>
- </div>
- <div class="stanza">
- <p class="verse">Die ..... die Wölbung schwindet,</p>
- <p class="verse">Gestirne wandern über Wäldern fort.</p>
- <p class="verse">Blick hin: er steht schon längst im Winkel dort,</p>
- <p class="verse">Schlaf deiner Kindheit, der dich wiederfindet.</p>
- </div>
- </div>
-</div>
-
-<p class="noindent">
-Wahr, oh wahr! Wenn wir ihn wirklich finden, den
-Schlaf, so ist es kein fremder, kein erst im Augenblick
-mühsam aus uns erschaffener, sondern Kindheitsschlaf,
-und er ist es, der &sbquo;uns wiederfindet&lsquo;.&lsquo;
-</p>
-
-<p>
-Wunderschön! dachte Georg und gähnte. Alles ganz
-wunderschön! Bloß &mdash; wie soll ich damit regieren?
-</p>
-
-<p>
-Immerhin, muß ich sagen, enthalten diese Dinge eine
-gewisse Kraft der Sprache und der Formung, die eigentlich
-nicht nur an dieser Stelle ... sondern auch sonst im
-Leben ... Seine Augen waren ihm zugefallen.
-</p>
-
-<p>
-Oder, fragte er noch, ist das Ganze nur ungesättigter
-Geschlechtstrieb?
-</p>
-
-<p>
-Darauf entschlief er.
-</p>
-
-<h4 class="section">
-<a id="page-763" class="pagenum" title="763"></a>
-Bogner
-</h4>
-
-<p class="first">
-Renate stand mit Erasmus nach einem stillen und
-schönen Spaziergang durch den klaren Nachmittag der
-Wiesen vor Bogners jetziger Behausung, die im Tiefland
-um Böhne, ein kleines Stück unterhalb der alten Stadtwälle
-lag, bis auf ein nahes Gehöft einsam in weiter und
-flacher Gegend.
-</p>
-
-<p>
-Renate wußte, daß Bogner einen ehemaligen Tattersall
-bewohnte; das, wovor sie stand, war ein kleines weißgetünchtes
-Haus, hinter dem sich das flache und schwarze
-Dach eines mächtigen Rundbaus &mdash; der Reitbahn &mdash;
-erhob. Auf ihr Klingeln erschien nach einiger Zeit der
-Maler selber, sie begrüßten sich hocherfreut, er führte sie
-in den Flur und gleich durch einen dahinter liegenden
-Gang zwischen den ehemaligen Boxen der Pferde, deren
-eine nur von einem großen und äußerst dicken braunen
-Rosse bewohnt war &mdash; Renate kam es bekannt vor, ohne
-daß sie sich gleich erinnern konnte &mdash;, während die übrigen
-mit Leinwanden und dergleichen Malsachen vollgestellt
-waren, in die Reitbahn.
-</p>
-
-<p>
-In dem riesigen kreisrunden Raum war es noch taghell
-vom allseitig voll einflutenden Licht der breiten Fenster,
-die Renate für Augenblicke fast blendeten. Vor ihr,
-in der Mitte der Halle waren drei große Rechtecke, die
-nun zu Bildern wurden, Kehrseiten von aufgestellten Bildern,
-liegende Rechtecke, höher als sie selbst. Aufgespannte
-Leinwande waren im ganzen Umkreis an die Wandung
-gelehnt, häufig übereinander, hundertfach zuckend von
-abenteuerlicher Gestalt und lodernden Farben, und Renate
-<a id="page-764" class="pagenum" title="764"></a>
-ging hastig zwischen zweien der in flachen Winkeln gegeneinander
-gestellten Bilder und drehte sich um.
-</p>
-
-<p>
-Da stand sie vor einem so klirrenden Aufgebot der Phantasie,
-daß sie zurückfuhr. Sie mußte sich zusammenraffen,
-um die Augen auf das nächste der Bilder zu heften, wo
-ein gewaltiger Schwung hinsprengender Pferde sie anzog.
-</p>
-
-<p>
-Dieses Bild war sehr lang im Verhältnis zur Höhe.
-Einher vor einer drei Viertel der Bildhöhe füllenden Wand
-von schwarzem Blau flog ein Gespann fahler Rosse, graugelb,
-lebensgroß scheinend und überlebensgroß durch ihre
-Gestaltung, gewaltig an Gelenken, Hälsen und Häuptern,
-langausgestreckt im Galoppsprung. Dahinter &mdash; kein Wagen,
-nur ein einziges Rad mit erzbeschlagenen Speichen
-in bräunlichem Metallglanz, trug die Gestalt eines fast
-nackten Mannes, um dessen Brustmitte geschlagen ein
-kurzes rotes Manteltuch flatterte, einen Arm und die
-Hand mit einer großen Bewegung des Lenkens ausgestreckt,
-mit kaum sichtbaren Streifen von Zügeln zu den
-Rossen hin. Dieses Rot des Mantels, das bräunliche Weiß
-seiner Glieder und das fahle Gelb des Gespanns war wie
-das Blau der Arenawand nicht irdisch; unbekannte Farben,
-entseelt vom Lichte dahier, innerlich verfinstert und
-wie getränkt mit einer tieferen Essenz farbigen Daseins.
-&mdash; Aber Renate erschrak vor dem oberen Viertel des Bildes,
-aus dem Gesichter sie anblickten, tausend wie es schien,
-in Reihen übereinander und immer tiefer und kleiner in
-eine niemals endende Ferne hinein. Und all diese waren
-schändlich entstellt von Verhöhnung, Gelächter, Spott,
-Roheit, allen Lastern. Und so blickten sie alle in einer
-fleckigen Buntheit, ein wimmelndes Blumenfeld strotzender
-<a id="page-765" class="pagenum" title="765"></a>
-Abscheulichkeit. &mdash; Jedoch unten der Held, schmalen Gesichts,
-das einen eher duldenden als tätlichen Ausdruck
-trug, zog ruhig dahin.
-</p>
-
-<p>
-Dies ganze unerhörte Schauspiel zeigte sich Renate in
-einem außerweltlichen Licht, das nicht darauffiel, sondern
-ihm, seinen Farben, nur entsickerte; in einer trotz der jagenden
-Fahrt gefesselten Stille; tosend und doch tief in Ruhigkeit;
-in Vereinsamung, in Entlegenheit; in einem so
-fernen Fürsichsein, daß Renate glaubte, über eine Mauer
-einen Blick in verbotene Gegend zu werfen.
-</p>
-
-<p>
-Endlich gesättigt fürs erste, trat sie zurück und vor das
-nebenstehende Bild hin.
-</p>
-
-<p>
-Hier war Kampf. Im dunkel gehaltenen Vorgrund
-zur Linken galoppierte auf einem grau geharnischten Pferde
-mit braunen Beinen ein schwarzgrau Geharnischter über
-einen Haufen Erschlagener schräg aus dem Bilde, statt
-des Kopfes nur einen graden Helmtopf mit Augenschlitzen
-auf den Schultern, den braunen Schaft seiner Lanze aus
-dem Bilde heraus gerichtet. Links von ihm tief in der
-Bildecke zusammengekauert war ein nackter Neger, der
-den Bogen spannte &mdash;, dessen Pfeil stak rechts drüben in
-der Weiche eines Sarazenen, der mit seiner reichen Kleidung
-nach hinten schlug, so daß der Pfeilschuß die Breite
-des Bildes überspannte. Den Mittelgrund nahm eine
-leere Aufhöhung ein, und hier war alles hell, weißlich und
-silbrig, und silbrig grüne und eisbläuliche Erscheinungen.
-Ganz hinten, klein, jagte mit lichtblauen Bannern, weißen
-Harnischen und weißen Pferden ein Reiterzug die Anhöhe
-herauf und jenseits wieder hinunter, entschwindend. Er
-war herausgekommen aus einem altertümlichen silbergrünlichen
-<a id="page-766" class="pagenum" title="766"></a>
-Stadttor, das vor dem dunklen Hintergrund
-wie vor einem düsteren Meere stand. Inmitten aber, wo
-der Raum der Anhöhe weit und breit frei war, kam langsam,
-Renate sichtbar erst jetzt, die in der Entferntheit
-kleine Gestalt des Eroberers geritten, gleich erkennbar als
-solcher. Das weiße, massive Roß in lichtblauem Geschirr
-bewegte sich, den dicken Hals angezogen, sich drehend, in
-einem großartigen Pomp, geführt von einem Pagen in
-Blau und Silber. Der Heros im Sattel zeigte, so klein
-er war, die Züge des Fahrers vom ersten Bild. Er schien
-eine Wolke von weißem Licht um sich zu verbreiten.
-</p>
-
-<p>
-Renate staunte, kaum atmend, über die Stille. Die
-schmetternde Gewaltigkeit des Vorganges vorn schmolz
-im Augenblick an der ruhevollen Erhabenheit dessen in
-der Mitte, dessen Feierlichkeit nun in eins klang für sie
-mit jener, in deren Schutze sie hergekommen war durch
-den sonnenstillen Charfreitag.
-</p>
-
-<p>
-So wagte sie sich vor das dritte Bild.
-</p>
-
-<p>
-In einem Sessel saß hier die Madonna auf einem kleinen
-Thron aus verschiedenartigem Marmor, schwarzem, weißem
-und braunem, Stufen, Plattform und Säulengeländer,
-in einem Gewand von ähnlichem schwarzem Blau wie
-das gewitterwandgleiche des ersten Bildes, gradausblickend,
-sehr still &mdash; und plötzlich mit ihren eigenen, Renates, Zügen,
-den unheimlich entfremdeten durch dunkle Brauen und
-schwarzes Haar. Vor ihr der stehende Knabe in einem
-hellrötlichen Hemd, hatte ein sanft ovales Gesicht, von
-schwarzen Haarsträhnen umrahmt, leicht bräunlich, indisch,
-und die mandelförmigen Augen von lichtem Blau
-hielten ein zauberhaftes Lächeln der Stille wie eine Blume
-<a id="page-767" class="pagenum" title="767"></a>
-fast mit Fingern empor. Auf dem braunen Erdboden davor
-kniete ein nackter Mensch, der eine schmale Krone von
-braungoldenen Zacken niederlegte, und in den gemeißelten
-Gliedern, weiß mit bräunlichen Schatten, glaubte Renate
-die des Fahrenden zu erkennen.
-</p>
-
-<p>
-Und nun von beiden Seiten auf diese Gruppe zu war
-in schreitender Haltung je eine Reihe von Figuren geordnet,
-in Mänteln, in Priesterstolen, mit Tiaren, in Harnischen,
-in bürgerlicher Festkleidung des Mittelalters, Frauen
-dazwischen, jede behangen mit Farbigkeit, mit Purpur und
-dunklem Grün, braunem Pelz, Violett und bleichem Gelb,
-mit zaubrischem Rosa, gewässertem Blau, Rostrot, und
-Zimtfarbe. Und jede war in sich beschlossen und allein,
-obwohl oftmals nur ihr Gesicht, ihr Oberteil zwischen den
-Andern erschien, nachdenklich, verschollen, die schwer
-ernsten Züge umwölkt von Zeitlosigkeit, aus der sie blickten.
-</p>
-
-<p>
-Diese beiden Züge immer kleiner werdender Figur entfernten
-sich in ruhiger Biegung in den Hintergrund. Daselbst
-dehnte zu unendlich scheinenden Tiefen Landschaft
-sich aus: ein Strom, grade durchfließend von links nach
-rechts, Brücken darüber, Wälder entfernt, Gebäude. Und
-überall befanden sich und tauchten auf winzige Gestalten,
-Pflüger, Jäger, Pilgerscharen, Wandrer, Reiter, ein Hirt.
-Und jeder war ein in Kristall abgeschlossener Teil Lebens, in
-seinem Schicksal befangen, friedvoll, ein ihm Aufgetragenes
-ausführend, sein volles Dasein darstellend in diesem
-stillen Augenblick der Handlung, in einem kleinen Umkreis
-von Einsamkeit jeder und in einer Luft ohne Verhängnis.
-Ah diese Luft! Woher kam sie? Ganz klein in der Ferne
-eine niedrige Kette grünlich weißer Gebirgszacken war vom
-<a id="page-768" class="pagenum" title="768"></a>
-linken Rahmen zum rechten gespannt in einer atemlosen
-Stille; und über ihr rieselte ein morgenfarbener Himmel,
-vielleicht bläulich, vielleicht grau, mit bebenden Ahnungen
-von Licht, von Röte, von erbleichenden Sternen, und doch
-nichts als Schweigen und Hauch des unendlichen Raumes,
-der in Morgenluft schaudert.
-</p>
-
-<p>
-Renate verirrte sich völlig in diesem Bild. Augenblicke
-lang schien das immer wieder anziehende eigene Antlitz sie
-auf etwas Unerkennbares aufmerksam machen zu wollen,
-allein kaum beim Raten, verlor sie jede Besinnlichkeit über
-der tiefer und schauerlicher gewordenen Entseeltheit ihrer
-Züge von menschlicher Seele; als stünde sie vor blickender
-und atmender Unsterblichkeit, aus der doch in der nächsten
-Sekunde schon das menschlichste Lächeln süßer Ergebenheit
-wie eine Blume tauchte. &mdash; Dann versuchte sie, sich
-durch die Mauer erstarrter Lebendigkeiten in Kleidern
-einen Weg zu bahnen, aber &mdash; hielt hier das bläuliche
-Licht im Pflaumenschwarz einer Samtbrust, dort das knisternde
-Grau von Atlas, das braune Gold eines Harnischs
-sie auf &mdash;, so jetzt die tiefe Leidenschaftslosigkeit all
-dieser Züge, dieser Gegenstände haltenden Hände; dazu
-der Gedanke, daß nur feuerflüssige Leidenschaft eines
-Schöpfers diese gebildet haben könnte; daß sie deshalb so
-unbeirrten Ernstes erscheinen mußten, weil sonst Übermaß
-sich ergeben hätte. Nun aber hatten sie nur Dasein, und
-dieses in Ewigkeit. &mdash; Auf einmal hatte sie dann doch die
-Reihe durchbrochen und fand sich selbst auf der Wanderung
-in der dunklen Weite, atmend die Morgenfrühe, die
-Einsamkeit, vorüber an dem stillen Fischer auf der Brücke,
-zu dem Hirten am Waldrand, zum kleinen Pflüger unter
-<a id="page-769" class="pagenum" title="769"></a>
-dem Eichbaum, &mdash; und schon wieder fern allen diesen und
-bei sich selbst, sah sie jeden in seine entlegene Vereinsamung
-herversetzt aus der Oberwelt; aus mühsalvollem Leben in
-dies elysische Land, ewig fortzufahren im Tagewerk, kummerlos,
-in der zeitlosen Stunde vor Aufgang der Sonne,
-deren verborgene Strahlen niemals diese Berggipfel übersteigen
-würden.
-</p>
-
-<p>
-Sie merkte endlich eine Veränderung an ihren Augen
-und sah, daß es dunkel geworden war. Seltsam waren
-die eben noch deutlichen Bilder im nächsten Augenblick
-unkenntlich geworden, und mit einem Gefühl von Unheimlichkeit
-wandte sie sich um.
-</p>
-
-<p>
-Da standen ja Menschen! Wie? Menschen? oder Gemalte?
-Erscheinungen? Spiegelungen von &mdash; ja, Bogner,
-Jason und Erasmus, die in der Nähe der Wand standen
-und etwas betrachteten. Sie vermochte nicht hinzugehn,
-nicht zu diesem Menschen, der &mdash; jetzt erst traf sie
-der Schlag &mdash;, der dieses gemacht hatte.
-</p>
-
-<p>
-Jason aber kam daher, neigte sich freundlich zu ihr und
-gab ihr die Hand. Erfreut von der menschlichen Wärme
-darin, sagte sie leise zu Jason: &bdquo;Freund, erkläre mir
-dieses!&ldquo;
-</p>
-
-<p>
-&bdquo;Dies&ldquo;, sagte der bereitwillige Jason, &bdquo;ist gemalt. Es
-ist ein Werk des Lebens und deshalb höher als das Leben.
-Hier ist nicht Wirklichkeit, sondern Bild. Hier ist kein
-Handeln, das wir kennen, hier ist kein körperliches, keine
-wahrnehmenden Sinne, und deshalb auch keine Beziehung,
-kein Schicksal, keine Verstrickungen und keinerlei Erregung.
-Könnte man derlei nachmachen mit Farbe und Pinseln?
-Und was käme heraus dabei? Dies ist wahrhaftig gemalt:
-<a id="page-770" class="pagenum" title="770"></a>
-andres Leben, andre Handlung, andrer Sinn, andre
-Gesetze, andere Luft und anderer Boden, der nicht sich
-betreten läßt, und Landschaft und Wesen, die wir nicht
-anrühren können, um ihnen gleich zu sein. Hier ist nichts
-gelöst als ein sehr einfaches Rätsel, nämlich das des Entfremdens.
-Es ist, wie wenn du einmal in den Himmel
-gelangtest, &mdash; wie fremd müßtest du dir erst werden! Und
-dies ist des Lebendigen letzte Kraft: Schauer und Magie
-eines höheren Lebens hervorzurufen, aus dem die uns anwehende
-Luft uns die Witterung des Ewigen zuträgt.&ldquo;
-</p>
-
-<p>
-&bdquo;Es scheint sehr einfach&ldquo;, murmelte Renate kaum bewußt
-und mußte sich wieder zu Bogner umwenden. Sie
-sah durch verschleierte Augen, daß er vor Erasmus stand,
-eine Hand auf der höheren Schulter des Freundes, der in
-der alten ruhigen Haltung, die sie kannte, den Kopf etwas
-gesenkt hielt und zuhörte, was Bogner leise mitteilte. Indem
-wurde Renate bewußt, daß jener der Anfang ihres
-Herzens gewesen war, &mdash; und nun dieser das Ende sein
-sollte, und nichts erstaunte sie so sehr als die Ähnlichkeit
-dieser Beiden. Sie konnte sich bald nicht mehr halten,
-ging zu ihnen, die sich nun wandten, und sagte, jeden leise
-am Arme berührend, dankbar zum Einen, dankbar zum
-Andern: &bdquo;Ich wußte es wohl, ihr seid Brüder! &mdash; Ich
-habe euch lieb.&ldquo;
-</p>
-
-<div class="chapter">
-
-<h3 class="chapter" id="subchap-0-3-8">
-<a id="page-771" class="pagenum" title="771"></a>
-Achtes Kapitel
-</h3>
-
-</div>
-
-<h4 class="section">
-Magda
-</h4>
-
-<p class="first">
-Erwachend aus schnellem und tiefem Schlummer, fand
-Georg sich eingetaucht in ein großes und schweres Gefühl
-der Feierlichkeit. Aller Munterkeit fern, und obwohl hell
-wach und erquickt, auch ferne von Frische, saß er im
-Stuhl, beladen mit dieser starken und sehr ernsten Schwere,
-in der auch ein traumhaftes Ziehen wogte, so als würden
-noch wie magische Tücher Schlaf und Traum aus seinen
-Gliedern hervorgezogen. Draußen mußte es sonnig sein,
-denn im Zimmer, das jetzt Schatten hatte, zeigten die
-Dinge sich in tiefem Glanz: die Vitrine voll farbiger
-Stücke, die goldbemalten schwarzen Koffer ihr zu Seiten
-mit ihren rötlichen Stricken, an der Wand überm Sofa
-die Bilder der Jugendjahre, das Sofa selbst und der Tisch,
-und im Schatten der Türnische, hinter dem grauen Rupfen
-der Bücherregale, zeigte sich für einen Augenblick das
-Zucken eines ewigen Auges.
-</p>
-
-<p>
-Schlaf, du magische Wand! dachte er erstaunt. Hindurchgegangen,
-entschwunden uns für Minuten, erwachen
-wir jenseits als Andre.
-</p>
-
-<p>
-Die Taschenuhr, die er zog, stand auf halb Fünf. Also
-konnte er kaum eine Viertelstunde geschlafen haben. Aber
-wo blieb die Anna?
-</p>
-
-<p>
-Er besann sich auf Geschehenes, auf Bevorstehendes.
-Klemens im Sonnenregen erschien mit der grünen Gestalt
-auf den Armen, &mdash; dann der Tote, aufrecht im Sessel,
-ein Schläfer, der sich gestillt hatte am Leben. Nur ein
-<a id="page-772" class="pagenum" title="772"></a>
-leiser Schmerz ging von ihm aus, so daß es war, als ließe
-die mystische Schwere, die Georg umhüllte, keine tatsächliche
-sonst zu. Auch bewegten die wenigen Gedanken, die
-er erscheinen sah, sich gleichsam mit kleinen Schritten,
-leicht und gebunden wie Kinder am Sonntag. Was stand
-denn bevor? Was? &mdash; Dieser Gedanke war zu schwer
-und ließ sich nicht heben.
-</p>
-
-<p>
-Georg erhob sich, trat an den Schreibtisch und blickte
-hinaus.
-</p>
-
-<p>
-Ja, es war heller Sonnenschein. Der Schatten des
-Südflügels bedeckte, wie an unzähligen Sonntagnachmittagen
-zuvor, den Hofraum zur Hälfte; Mauer und Fenster
-drüben erglänzten im Ausdruck der stillen Verlassenheit,
-die dem Sonntagnachmittag eigen ist überall auf der
-Welt; auf dem Dache, das, weil es höher war, sonniger
-schien, ruckte die Taubenschar, schillernd, deutlich mit ihren
-Schatten, und im vollen Leuchten vor der azurnen Himmelstiefe
-stand der weiße Turm mit dem Uhrblatt goldener
-Zeiger und Ziffern, der schwarzen Glocke im Innern,
-in dem luftigen Meer ein sehr stilles Riff, hinter dem die
-ruhige Überfahrt der bergichten Wolken schön vorüberglitt.
-Eine traumhafte Welle von Heimweh und Abschied ging
-langsam zitternd über dies hin und machte es um einen
-Hauch dunkler, ehe sie wieder verglitt.
-</p>
-
-<p>
-Traumhaft jetzt war auch das leise Pochen an der Tür
-und das Eintreten Annas in einem Kleid von der lavendelblauen
-Farbe, die sie zu lieben schien, nebst Egloffstein,
-der hinter ihr einen kleinen Tisch mit dem Teekessel und
-Geschirr hereinrollte und mit seiner sicheren und lautlosen
-Geschäftigkeit für eine Minute das Zimmer erfüllte. Dann
-<a id="page-773" class="pagenum" title="773"></a>
-saß Magda im Sessel am Fenster, in den Tassen rauchte
-der honigfarbene Tee, sie ließ die Augen umhergleiten,
-ihre Tasse im Schoß, und fragte mit lichter Stimme:
-</p>
-
-<p>
-&bdquo;Ist noch alles wie früher, Georg? Hängt die Schale
-noch über mir?&ldquo;
-</p>
-
-<p>
-&bdquo;Ja, Anna.&ldquo;
-</p>
-
-<p>
-&bdquo;Und die Bilder, und der Schrank &mdash; alles wie immer?&ldquo;
-</p>
-
-<p>
-&bdquo;Ja, Anna, aber wie sonderbar du sprichst! Als wolltest
-du Abschied nehmen.&ldquo;
-</p>
-
-<p>
-Hierauf antwortete sie nicht, und Georg, die Tasse aus
-ihrer Hand nehmend und seine Linke statt ihrer hineinlegend,
-fragte, das Gesicht nahe am ihren: &bdquo;Sprich die
-Wahrheit, Anna, kannst du wirklich irgend etwas sehn?&ldquo;
-</p>
-
-<p>
-&bdquo;Jetzt&ldquo;, sagte sie ruhig, &bdquo;sehe ich dein Gesicht und sogar
-deine Augen. &mdash; Sehen, wie du und Alle &mdash; nein, Georg, das
-kann ich nicht. Aber es ist immer hell, auch an den schlechtesten
-Tagen, wenn ich abgespannt bin oder erregt. Sonst
-kannst du glauben, daß ich so viel sehen kann, wie man
-braucht, um allein seinen Weg zu finden. Nur zu Schatten
-ist alles geworden, aber &mdash;&ldquo; sie hob seine Hand, &bdquo;man
-kann fühlen.&ldquo;
-</p>
-
-<p>
-Georg, dicht vor Augen ihren sacht sich bewegenden Mund,
-die ganzen Züge, offen, ausdruckbedeckt, durchspielt von
-innen, unendlich sinnvoll und beseelt um das tote Braun des
-einen und das lebendigere, aber gefleckte des andern Auges,
-&mdash; er fühlte nach Sekunden, daß ihr Mund näher wollte zu
-ihm, und kam ihm entgegen. Ihre Lippen berührten sich behutsam
-und blieben so lange Zeit, ehe sie sich wieder ließen.
-</p>
-
-<p>
-Eine Weile später erinnerte sie ihn dann, daß er ihr
-noch habe vorlesen wollen. Er widersprach nicht, meinte
-<a id="page-774" class="pagenum" title="774"></a>
-aber, das Buch aufnehmend, es sei doch alles kaum von
-Belang, außer für ihn selber. Zumal da sie alles von
-Bogner Handelnde schon gelesen habe. Er wolle aber
-einmal zusehn, ein paar Worte von Bogner stünden zwischen
-dem Übrigen. Blätternd derweil hatte er bald gefunden.
-</p>
-
-<p>
-&bdquo;Ja, dies sagte er einmal: &sbquo;Die den Menschen erzeugte,
-und die er erzeugt: Natur und Kunst, diese beiden sind.
-Er selbst ist noch nicht.&lsquo;&ldquo;
-</p>
-
-<p>
-&bdquo;Nein, Georg, was ihr euch alles ausdenkt!&ldquo; rief
-Magda unschuldig.
-</p>
-
-<p>
-&bdquo;Was, Anna, nimmst du uns nicht ernst? Bogner
-nicht ernst? Dann höre, was er noch sagte, hier steht es:
-&sbquo;Der Mensch ist nur dazu da, um Natur in Kunst zu
-verwandeln.&lsquo;&ldquo;
-</p>
-
-<p>
-&bdquo;Das glaub ich. Ja, so muß einer sprechen. Nur
-weiter!&ldquo;
-</p>
-
-<p>
-Georg las:
-</p>
-
-<h5 class="subsection">
-&bdquo;Porzellan<br />
-(nach einem Wort Bogners)
-</h5>
-
-<div class="poem-container">
- <div class="poem">
- <div class="stanza">
- <p class="verse">Das ist die edle Alchymie des Leidens,</p>
- <p class="verse">Die, sehnlich nach des Himmels Gold, erfand</p>
- <p class="verse">Der Erde kräftig zartes Porzellan,</p>
- <p class="verse">Drin Kochendes sich kühlt, &mdash; das dauerhaft</p>
- <p class="verse">Gezeigt wird Enkeln an der Ahnen Festtag.&ldquo;</p>
- </div>
- </div>
-</div>
-
-<p class="noindent">
-&bdquo;Davon ist aber zumindest die Hälfte von dir, Georg&ldquo;,
-bemerkte sie heiter.
-</p>
-
-<p>
-&bdquo;Aber keineswegs! Von mir ganz allein dagegen ist
-dies:&ldquo; Er las ernst:
-</p>
-
-<h5 class="subsection">
-<a id="page-775" class="pagenum" title="775"></a>
-&bdquo;Nur tiefer<br />
-(Im Gedächtnis Ulrika Tregiornis)
-</h5>
-
-<div class="poem-container">
- <div class="poem">
- <div class="stanza">
- <p class="verse">Der Tote, den du liebst, an seiner Hand</p>
- <p class="verse">Führt er dich mit hinaus aus deiner Welt.</p>
- <p class="verse">Du siehst dich um. Und wie der Schleier fällt,</p>
- <p class="verse">Nur tiefer stehst du da in deinem Land.&ldquo;</p>
- </div>
- </div>
-</div>
-
-<p class="noindent">
-&bdquo;Ulrika ...&ldquo; sagte sie leise. Dann: &bdquo;Welch ferne,
-ferne Musik!&ldquo;
-</p>
-
-<p>
-Georg ließ das Buch sinken und empfand lastender die
-Schwere, die auf ihm lag. Über der ehernen kalten Meerflut
-erschien wehend der grüne Deich mit dem einsamen
-Grabesblock, und das Auge der Verlassenheit erhob sich
-darüber, ohne Bewegung. Georg glaubte, nicht gleich
-weiterlesen zu dürfen, und glitt langsam in den ersten
-Absatz einer Niederschrift, die allein vor den andern ein
-Datum zeigte, von dem er jedoch nicht mehr wußte, was
-es bedeutete, und erst mit dem Anfang des zweiten Absatzes
-fiel es ihm ein mit dem Heimwehstich, den er bekam.
-</p>
-
-<p>
-&sbquo;Wenn deine Freundin über irgendeine Sache Tränen
-vergießt, und zwar in einem Maß, das dir unbegreiflich
-erscheint, und wenn du dann fragst, und sie sagt: Es ist
-nichts! oder: Ich weiß nicht warum, &mdash; so fliehe gleich
-von ihr, denn über vier Wochen oder in einem halben
-Jahr wird sie dir oder ihr etwas Furchtbares antun, dessen
-Tränen sie damals ahnungsvoll vorausweinte.
-</p>
-
-<p>
-Dies gab sich mir heut zu erkennen, als Cornelia mir
-am Abend nach ihrer Rückkehr mitteilte, daß sie nicht
-bleiben könne. Nicht nur ihr unmäßiger Schmerzausbruch
-vor Wochen, als sie nur auf acht Tage fortzugehn
-<a id="page-776" class="pagenum" title="776"></a>
-mir und sich selber versprach, wurde mir Erinnerung, sondern
-diese zog noch zwei andere mit sich, nämlich Cordelias
-Verzweiflung ohne Maß und Grenzen, damals, als
-sie Theater vor mir gespielt hatte, und Annas Weinen,
-damals, als ich sie küßte.
-</p>
-
-<p>
-Da alles, was mit uns geschieht, aus uns geschieht,
-so gehört freilich nur ein tieferes Eingebettetsein in die
-eigne Natur dazu, um zu ahnen; und wie es scheint, sind
-Frauen so veranlagt.
-</p>
-
-<p>
-Cornelia also geht. Der Mensch hält sie fest. Dies ist
-auch ein Grundsatz über Frauen &mdash; und nicht die schlechtesten:
-Gieb ihnen zu wählen zwischen einem Geschenk
-und einem Opfer, sie strecken mit tödlicher Gewißheit die
-Hand nach dem zweiten aus. Mit bis zum Unverstand
-tödlicher Gewißheit.
-</p>
-
-<p>
-Dieser Mensch war vor einigen Jahren dermaßen von
-Krankheit besessen, daß er einmal wochenlang hungerte,
-aus Unfähigkeit, in einen Laden, in ein Speisehaus zu
-treten, so daß er vom Frühstück der Zimmerwirtin lebte.
-Als er einmal ein polizeiliches Papier verloren hatte, mußte
-er und die Cornelia mit ihm jeden nur erdenklichen Fetzen,
-gleichviel welcher Größe oder welcher Farbe und gleichviel
-wo, im Haus, auf den Straßen, im Theater, aufheben
-und ihm zeigen, daß es nicht das verlorene war. Heut ist
-er kränker als jemals, einem Idioten ähnlicher als irgend
-etwas das sein könnte; was an ihm zu tun ist, könnte jeder
-Wärter gerad so gut und besser besorgen &mdash; denn ein solcher
-wäre standhaft, während Cornelia sich mit verzehrt &mdash;,
-allein: sie muß. Ihr bricht das Herz im Gefühl für mich;
-aber sie muß.
-</p>
-
-<p>
-<a id="page-777" class="pagenum" title="777"></a>
-Ich habe ja wohl kein Recht, einen bittern Geschmack
-im Mund zu bekommen, &mdash; da ich sie nicht liebe. Aber
-mir ist bitter. Und ist es nicht alter menschlicher Unverstand?
-In einem Heim für idiotische Kinder sah ich
-strotzend blühende junge Mädchen und Frauen sich abmühen
-mit diesen für alle Ewigkeit verdorbenen Geschöpfen,
-an die sich all jene schöne Kraft und Willigkeit sinnlos
-vergeudete. Ist es nicht sinnlos, daß, wenn hier ein
-Kranker ist, der ein gewisses &mdash; sagen wir eine gewisse
-&sbquo;Luft&lsquo; braucht, um zu gesunden, diese einem Gesunden
-entzogen werde, der ihrer bedarf, um gesund zu bleiben?
-Ist nicht dies das erstlich Wünschenswerte: Gesundheit zu
-erhalten, danach erst: Krankheit zu heilen? (davon abgesehn,
-daß es in diesem Fall nicht einmal um Heilung geht.)
-Die Ärzte, soviel ich weiß, unterschreiben mir den ersten
-Satz, jene jedenfalls, die für den Kranken dazusein glauben
-und nicht für ihre Rechnung, denn wahrhaftig, wenn
-es Leitsatz der Menschheit wäre, auf die Erhaltung ihrer
-Gesundheit zu sehen, so könnte die Hälfte aller Ärzte Anwalt
-werden oder Pastor, um statt für Körperheil für
-Seelen- und Vermögenheil zu sorgen. &mdash;&lsquo;
-</p>
-
-<p>
-&bdquo;Willst du nicht mehr lesen?&ldquo; hörte er sich, noch bevor
-er die letzten Sätze erreicht hatte, gefragt, und erwiderte,
-sie mit dem Blick überfliegend:
-</p>
-
-<p>
-&bdquo;Etwas hätte ich dir gern vorgelesen, &mdash; aber es ist etwas
-lang. Du hast es nicht schon gelesen? Es ist das Letzte
-im Buch, die Überschrift heißt: Ultimo, &mdash; so habe ich es
-genannt, weil es damit &sbquo;am letzten&lsquo; mit mir ist. Mein
-letztes Wissen steckt darin, und &mdash; ich möchte dich bitten,
-wenn ich nun lese, zu glauben, daß es &mdash; nun, daß es sich
-<a id="page-778" class="pagenum" title="778"></a>
-nicht um Einfälle handelt, sondern daß es &mdash; wirklich
-mein Äußerstes ist, nicht wahr, mein Letztes, die gesammelte
-Erfahrung von allem, was ich er&mdash;lebte. Es sind Wochen
-vergangen, während ich es schrieb, und das weiß ich noch,
-daß fast jeder Satz so langsam kam, als währte er eine
-Stunde, und wenn er dann dastand ... aber gleichviel.&ldquo;
-</p>
-
-<p>
-Georg brach ab und schwieg. Eine Weile später begann
-er zu lesen.
-</p>
-
-<h5 class="subsection">
-&bdquo;Ultimo
-</h5>
-
-<p class="motto">
-Motto: Wahrheit ist es nicht;<br />
-es ist meine Wahrheit.
-</p>
-
-<h6 class="subsection">
-I
-</h6>
-
-<p class="noindent">
-Wenn wir uns klar zu werden versuchen über die Wirkung
-eines Dinges auf uns, das wir schön nennen, welcher
-Art dasselbe auch sei &mdash; der Natur, der Kunst, dem Handwerk
-entsprossen &mdash;, so wird die einfache Antwort lauten:
-Befriedigung.
-</p>
-
-<p>
-Wir fühlen da eine magische Kraft von dem Schönen
-ausgehend uns treffen, die, vom tiefsten Erstaunen zur
-höchsten Freude, eine mehr oder minder mächtige Wallung
-in uns erregt, als würden alle gelockerten Bestandteile
-unseres Seins durcheinander gewirbelt; als fühlten wir in
-diesem ersten Stadium der Ergriffenheit das Chaos Welt,
-dem wir angehören. Danach atmen wir auf; der Schrecken
-besänftigt sich, das Unglaubliche, die Fremdartigkeit des
-Schönen, wird glaublich, da die Erscheinung bleibt, und
-nun fühlen wir uns erlöst, fühlen uns geheilt, fühlen uns
-zufrieden. Das Chaos in uns, oder die Unordnung, ist
-<a id="page-779" class="pagenum" title="779"></a>
-wie zum Kristalle zusammengeschossen, und das Schöne
-ist der Kristall. Die Verworrenheit der tausend Stimmen
-in uns hat ihren Einklang gefunden, und das Schöne ist
-der Einklang. Und die wundervolle Ausschließlichkeit des
-Schönen, die alle andern zurückdrängt hinter seiner glückhaften
-Erscheinung, sie vollendet in uns die Gewißheit,
-daß die Welt zu einer Ordnung kam, zu einem umfassenden
-Sinn, einer Sammlung, einer Stille, einem Frieden.
-</p>
-
-<p>
-Hierin liegt mit ganzer Notwendigkeit die Folge beschlossen,
-daß, was wahrhaft schön ist, auch gut sei.
-</p>
-
-<h6 class="subsection">
-II
-</h6>
-
-<p class="noindent">
-Gefälligkeit, dies ist die Wurzel des Schönen. Was
-dem Menschen gefiel, das taufte er schön. Nun aber hat
-es nichts Schönes oder Gefälliges gegeben, bevor der
-Mensch es nicht selber gemacht hätte. Wir heute sind
-wohl imstande, eine Blume, eine Färbung des Himmels
-&mdash; Dinge, die früher auf dieser Erde vorhanden waren
-als der Mensch &mdash; wohlgefällig zu empfinden; denn das
-Schöne ist heute in uns, wir besitzen es eingeboren, wir
-erkennen es, aus uns heraus, wieder. Daß dies heute so
-ist, kann einzig daran gelegen haben, daß die einstmalig
-unbewußte Erkenntnis des Schönen ganz durch uns durchging:
-daß wir ein Ding machten mit unserer eigenen
-Hand, das unser Gefühl für Gefälligkeit zum Ausdruck
-brachte. Wir mußten dem Gefälligen außer uns, das wir
-erkannten, nachahmen, was nachstreben heißt, nicht nachmachen,
-welches erst die Folge von jenem ist oder die
-Handlung als Verwirklichung jenes Empfindens. Wir
-mußten empfangen haben, gänzlich zu eigen genommen,
-<a id="page-780" class="pagenum" title="780"></a>
-das Empfangene durch unser Wesen verleiblicht haben,
-um es schließlich aus uns heraus zum Quellen, Erstehen,
-zu eigenem Leben zu bringen. Das Schöne &mdash; nunmehr
-zum zweiten Mal außer uns, vor uns stehend, wieder
-fremd und doch unser Eigentum nun, beglückte uns durch
-sein lächelndes Dasein.
-</p>
-
-<h6 class="subsection">
-III
-</h6>
-
-<p class="noindent">
-Es war eine Schale. Es war die einem Tierschädel
-nachgeahmte, aus Binsen geflochtene, mit Lehm verklebte,
-gewölbte, gerundete, geglättete erste Form eines Gefäßes,
-ein freudiges Lachen erregend, weil sie ähnlich geworden,
-weil sie rund und glatt und gefällig war, weil der Mensch
-sie gemacht hatte, nicht die Natur.
-</p>
-
-<p>
-Und welch unbewußtes und hierin unendliches Gefühl
-der Sicherheit! Sicherheit im Können, im nun Wiederholenkönnen,
-in der ganzen Unleugbarkeit des Gefertigten,
-das sich abgesondert hatte aus dem notvollen, angstvollen
-Wirrsal der Welt. Ein Maß war jetzt geschaffen, der
-Mensch hatte Maße, die sich abnehmen und anlegen ließen,
-und er konnte im Weitergang schaffender Erfindung Teile
-bilden an einem Ganzen, die unter sich einen Frieden hatten;
-konnte ein Ganzes zerlegen, ohne daß es zerfiel; er
-war im Besitze des Einklangs, im Besitze einer Kunst, ein
-Hundertfältiges, das ihn verwirrte, zu vereinfachen, und
-als ihm diese Einfachheit bedrohlich wurde durch Strenge,
-sie wieder aufzulösen durch die Verzierung. Er besaß nun
-das Schöne.
-</p>
-
-<p>
-Der Mensch wirkte das Schöne mit vieler Müh. Der
-noch keines Guten sich deutlich bewußt war, schon war er
-<a id="page-781" class="pagenum" title="781"></a>
-gut durch eine Kraft der Güte, die ihm aus den Händen
-quoll in das Werk.
-</p>
-
-<p>
-Gute Geister walteten schon: Vorsicht, Behutsamkeit,
-Besinnlichkeit und die Nimmermüdheit. Liebe kannte er
-nicht, aber liebevoll war er nun schon durch Geduld.
-</p>
-
-<p>
-Geduld, die Erhalterin seiner Mühseligkeit; Geduld,
-welche dann ihn belohnte durch das erschaffene Schönding
-aus seiner eigenen Hand.
-</p>
-
-<h6 class="subsection">
-IV
-</h6>
-
-<p class="noindent">
-Heute sind wir nun fern von der Quelle, verirrt im
-hundertarmigen Delta des Stroms, am Rande des Meers.
-Was einmal einfach gewesen, haben wir bis ins Unzählbare
-gespalten; alles ist uns getrennt, auch das Schöne
-vom Guten, die uns nicht mehr beschlossen sind ineinander
-wie Vogel und Ei, unkenntlich, was früher gewesen;
-sondern die nun gegeneinander gerichtet stehn, die wir
-abwägen, die wir gar zu Feinden gemacht haben, daß
-wir sagen: das Schöne ist unnütz, aber Gutsein ist not!
-Und daß wir den einen Schönling nennen, der bei vieler
-Liebe zum Schönen kein Herz in sich habe für das, was
-gut ist.
-</p>
-
-<p>
-Doch nicht hiervon sei die Rede, sondern die Frage ist
-die: Wenn Beide einmal Eines gewesen sind, Schönes
-und Gutes, gleichviel denn, welches das Erste gewesen:
-müssen nicht auch die Eigenschaften des Guten die gleichen
-sein wie des Schönen, und die Wirkung die gleiche: ein
-Wohlgefallen, eine Erlösung, eine Befriedigung?
-</p>
-
-<p>
-Ja. &mdash; Das Schöne, das wir erzeugten, hat die Gestalt
-des Werkes; das Gute, das wir erzeugen, hat die Gestalt
-<a id="page-782" class="pagenum" title="782"></a>
-der Handlung. Wohlgefällig ist uns das Schöne wegen
-des Einklangs, wegen der Ordnung, wegen der Beruhigung,
-in die uns die Welt da versetzt scheint. Wohlgefällig
-ist uns die gute Tat wegen des Einklangs, in die sie
-uns selber versetzte, wegen des Friedens, den sie über unsre
-Verworrenheit brachte.
-</p>
-
-<p>
-Verworrenheit &mdash; die ist immer, und die ist das Böse;
-Einfachheit und Einigkeit, Klarheit, Ruhe, Frieden, die
-sind das Gute.
-</p>
-
-<p>
-Verworrenheit aber ist Leiden; Einigkeit ist das Heil,
-ist die Tröstung.
-</p>
-
-<p>
-Böses und Gutes beide, sie sind nicht in der Welt, sie
-sind allein in dem Menschen, der sie erkannte, so daß sie in
-ihm waren. Der an dem Einen litt, so daß er das Andre
-empfand.
-</p>
-
-<p>
-Uralte Verworrenheit, ewige Unruhe, das war die
-Welt, aus der er kam. Überfülle, Verschwendung, Versuche
-tausendfacher Gestaltung &mdash; und das Streben nach
-Einheit: das war der Schacht, dem er endlich entstieg. Er,
-daß er es nicht leide! Daß er es in sich erleide und zu
-ändern willig werde. Er, der leiden lernte durch das Böse
-und sich heilen durch das Gute.
-</p>
-
-<p>
-&sbquo;Denn das Gute, das ich will, das tue ich nicht, sondern
-das Böse, das ich nicht will, das tue ich.&lsquo;
-</p>
-
-<p>
-Denn seiend ist meine Verwirrtheit, das Böse, und ich
-tue sie allezeit, da ich bin; strebend aber, werdend ist das
-Gute. &sbquo;Wollen habe ich wohl, aber vollbringen das Gute
-finde ich nicht.&lsquo; (Römer 7, Vers 19 und 18.)
-</p>
-
-<h6 class="subsection">
-<a id="page-783" class="pagenum" title="783"></a>
-V
-</h6>
-
-<p class="noindent">
-Gut zu handeln, haben wir gesehen, ist not. Wir finden
-die Richtschnur dieses Handelns unter den Worten
-Dessen, zu dem wir immer zurückkehren, seit er erschien,
-und es ist das Wort, von dem er selbst sagte, daß in ihm
-das Gesetz hange. Es lautet bei Matthäus:
-</p>
-
-<p>
-&sbquo;Ihr habt gehört, daß da gesagt ist: Auge um Auge,
-Zahn um Zahn. Ich aber sage euch, daß ihr nicht widerstreben
-sollt dem Übel, sondern, so dir jemand einen
-Streich giebt auf deinen rechten Backen, dem biete den
-andern auch dar.&lsquo;
-</p>
-
-<p>
-Nicht begrifflich, sondern um deutlich verstanden zu
-werden, drückte er seine Lehre so gegenständlich aus; stellte
-zwei Menschen einander gegenüber und wies auf den
-Vorgang.
-</p>
-
-<p>
-So wollen wir auch, um auf den Grund der Lehre zu
-kommen, den Vorgang auseinanderfalten, damit wir zur
-Erkenntnis derjenigen Eigenschaft des Menschen kommen,
-aus der die Guttat entspringe.
-</p>
-
-<p>
-Der Vorgang hat seine Vorgeschichte. Ein Mensch
-schlägt einen andern; ein Mensch also hatte Streit, war
-verfeindet mit einem andern, glaubte sich also von dem
-andern ein Unrecht zugefügt, rechtete mit ihm, traf ihn.
-Aber die zum Widerschlagen erhobene Hand soll sinken.
-Ja, nicht nur dies; auch die andre Wange soll dargehalten
-werden zum neuen Schlage, &mdash; was heißt das?
-</p>
-
-<p>
-Es heißt: der Geschlagene soll sich besinnen. Sich besinnen
-aber, das heißt fragen: Warum ward ich geschlagen?
-&mdash; Wie lautet die Antwort? Weil jener glaubte, ich
-hätte ihm unrecht getan. Habe ich das? Nein. &mdash; Nein
-<a id="page-784" class="pagenum" title="784"></a>
-&mdash; oder vielleicht doch. Ja, vielleicht ist da ein Unrecht
-doch irgendwo. Vielleicht nicht dieses; vielleicht ein andres.
-Wir sind allzumal Sünder. Wir sind uns Alle
-verschuldet. &mdash; Da wird er auch die andre Wange darhalten.
-</p>
-
-<p>
-Wie aber nennen wir die Eigenschaft, wie nennen wir
-die Gemütsverfassung eines Menschen, der imstande ist,
-bei geschlagener Wange solche Erwägungen anzustellen,
-zu einer solchen Einsicht zu kommen?
-</p>
-
-<p>
-Geduld.
-</p>
-
-<p>
-Geduld, o du zeugender Vater des Schönen! Geduld,
-o du leidende Mutter des Guten!
-</p>
-
-<h6 class="subsection">
-VI
-</h6>
-
-<p class="noindent">
-Wie nun aber? Der Mensch, wie wir ihn sehn, ist nicht
-geduldig geraten; in zwei Jahrtausenden seit jener Lehre
-ist er nicht geduldig, ist er vielmehr ungeduldig geworden,
-so daß ihm immer das Licht unter den Nägeln brennt, so
-daß er nur schreien kann: Auge um Auge!
-</p>
-
-<p>
-Und gesetzt also, es träte einer auf, der hätte die heilsame
-Panazee, und die ganze Menschheit strömte zu ihm
-und ließe sich impfen mit Geduld: würde sie &mdash; wie sie
-einmal beschaffen ist! &mdash;, würde sie heil werden und gut?
-</p>
-
-<p>
-Nein, sondern die Lymphe würde sich, &sbquo;wie sie einmal
-beschaffen ist!&lsquo; in ihr in Gift verwandeln, und die unaufhörlich
-zerdrückte, verschluckte, verbissene Ungeduld
-würde sie so zersetzen, daß sie am Ende zerreißen müßte.
-</p>
-
-<p>
-Sie kann &mdash; entfernen wir jenen <span class="antiqua">deus ex machina</span>
-wieder &mdash;, sie kann, wie sie einmal beschaffen ist, nicht
-zur Geduld kommen. In allem ist sie auf einer immer geschwinderen
-<a id="page-785" class="pagenum" title="785"></a>
-Jagd; weniger heute als jemals kann sie einhalten.
-Geduldig sein heißt zurücktreten; geduldig denken
-heißt zurückdenken: sie kann immer nur vorwärts.
-</p>
-
-<p>
-Dies alles aber, warum ist es denn so, und was ist
-der Fehler am Grunde?
-</p>
-
-<h6 class="subsection">
-VII
-</h6>
-
-<p class="noindent">
-(Vielleicht ist der Fehler dies: Von der ganzen Menschheit
-ist weitaus die größte Mehrzahl mit sich, mit dem
-Leben, mit der Welt, selbst mit dem Leiden darin zufrieden.
-Vergeßlich beschaffen, würden sie ein andres, besser
-genanntes Leben, so mans ihnen verschaffte, annehmen,
-aber aus sich heraus wollen sie kein andres.
-</p>
-
-<p>
-Eine kleine Zahl von dem Rest hat zwar eingesehn, daß
-sie nicht zufrieden sein darf mit dem, was sie hat, und
-daß alles anders sein sollte. Wie sie aber beschaffen sind,
-vermögen sie sich von der zeitlichen Grundlage, auf der
-sie stehn, nicht zu entfernen; sie sehen nicht ein &sbquo;Alles&lsquo;,
-sehen kein Ausdemgrunde, das zu ändern wäre, sondern
-nur ein Vieles, und jeder ein Andres, und der Eine meint
-dieses, der Andre das, welches geändert werden und welches
-geändert auch alles Übrige umwandeln müßte, &mdash;
-und der Erfolg ist nur Hader. Ganz wenige sind, die
-das &sbquo;Alles&lsquo; erkannten und die volle Unmöglichkeit dieses
-Lebens, in das wir Alle verstrickt sind.
-</p>
-
-<p>
-Diese stehen einsam in der Verstrickung, wissen weder
-sich selbst noch den Andern zu helfen, und wenn der Eine
-sich begnügt, ein System zu entwerfen: wie es eigentlich
-sein sollte, so hat der Andre nichts als den heiseren Nachtschrei
-zu Gott.)
-</p>
-
-<h6 class="subsection">
-<a id="page-786" class="pagenum" title="786"></a>
-VIII
-</h6>
-
-<p class="noindent">
-Geduld dächte rückwärts und würde erfahren: die
-Schuld liegt bei mir; Ungeduld denkt nicht.
-</p>
-
-<p>
-Geduld ist stark; Ungeduld ist schwach.
-</p>
-
-<p>
-Geduld hat Vertrauen und glaubt der eigenen Rechtlichkeit.
-Schwäche ist Mißtrauen; sie ist Befangenheit
-in der uralten Verwirrung, erkennt nicht das Gute, dessen
-Sehnsucht, dessen Gebot und Kraft; sie mißtraut sich
-selbst und den Andern. Sie hat in sich keinen Halt und
-vermutet ihn bei keinem. Der Halt ist Glauben; der Anhalt
-ist Gott.
-</p>
-
-<h6 class="subsection">
-IX
-</h6>
-
-<p class="noindent">
-Unzählbar in den Evangelien und Episteln sind die
-Worte vom Glauben. Lösen wir aus diesen und aus jenen,
-aus der Darstellung und der Auslegung nur die beiden
-heraus, die uns am tiefsten zu leuchten scheinen, so lautet
-das eine (bei Johannes im 11. Kapitel, V. 25):
-</p>
-
-<p>
-&sbquo;Ich bin die Auferstehung und das Leben; wer an
-mich glaubt, der wird leben, ob er gleich stürbe.&lsquo;
-</p>
-
-<p>
-Und das andre (im Paulusbrief an die Römer, Kap. 3,
-V. 28):
-</p>
-
-<p>
-&sbquo;So halten wir nun dafür, daß der Mensch gerecht
-werde ohne des Gesetzes Werke, allein durch den Glauben.&lsquo;
-</p>
-
-<p>
-Wie muß einmal aufgehorcht sein bei diesem Wort!
-Vom Glauben und Glaubensollen war in den Gesetzen
-Jehovas nichts zu lesen &mdash; dessen Dasein verbürgt war, so
-daß es keiner Mahnung zum Daranglauben bedurfte &mdash;,
-und die Götter der Griechen freuten sich ihres Daseins,
-aber sie hatten keine Satzung daraus gemacht.
-</p>
-
-<p>
-<a id="page-787" class="pagenum" title="787"></a>
-Ich möchte fragen: Muß nicht dieses das Neue gewesen
-sein, das bewog und anzog? War es nicht eben so,
-daß die alten Götter kraftlos geworden waren, daß sie sich
-erdrückt hatten durch ihre Vielzahl, daß ihre unhaltbar gewordene
-Vielfältigkeit hinlosch auf jenem Altar, wo die
-neue Flamme der Einzigkeit und der Einheit entbrannte,
-und an welchem geschrieben stand: &sbquo;Dem unbekannten
-Gott&lsquo;?
-</p>
-
-<p>
-Mißtrauen gegen die alten Götter bereitete dem neuen
-den Weg, denn die Menschen wollten noch glauben. So
-kam der Neue mit seiner Heilsverlockung: Wer an mich
-glaubt, der wird leben!
-</p>
-
-<p>
-Das Wort leuchtet wie keins. Seine Überzeugungskraft
-flammt so heraus, daß auch der Ungläubige sich ergriffen
-fühlen muß; daß er, solange er fühlen kann, wie
-all jene in ihrer Verworrenheit, ihrer Verlassenheit, in
-ihrer Ausgesetztheit in den Tod, aufbrennt in dem Verlangen,
-blindlings zu sein und zu glauben.
-</p>
-
-<h6 class="subsection">
-X
-</h6>
-
-<p class="noindent">
-Was heißt glauben? Das griechische Wort heißt &sbquo;<span class="antiqua">pisteuein</span>&lsquo;
-und &sbquo;<span class="antiqua">pistis</span>&lsquo; der Glaube. Es heißt, überzeugt sein,
-daß etwas so ist, wie es sich darstellt, und darauf vertrauen.
-</p>
-
-<p>
-Da aber Christus nur die Verleiblichung Gottes auf
-Erden war, was heißt glauben?
-</p>
-
-<p>
-Überzeugt sein und für wahr halten, daß Gott der Herr
-ist, der die Welt erschaffen hat samt allen Kreaturen und
-diese erhält; daß er allmächtig ist, allwissend, und allweise;
-daß von ihm alles abhängt, daß er die Vollkommenheit
-<a id="page-788" class="pagenum" title="788"></a>
-ist, die unsre Sinne nur zu fassen zu stumpf sind, in die
-wir aber dereinst eingehn werden, dieweil es versprochen
-wurde: &sbquo;Wer an mich glaubt, der wird leben!&lsquo;
-</p>
-
-<p>
-Die Worte stehn da, unmißverständlich wie etwas.
-<span class="antiqua">Pistis</span> &mdash; der Glaube, so heißt es, nicht anders. Die Menschen
-vertrauten, und wie ging es weiter?
-</p>
-
-<p>
-Sie waren Menschen, zwar glauben wollend, allein
-mißtrauisch beschaffen; waren Menschen, die aneinanderhingen,
-nicht jeder für sich allein glaubten, sondern in
-ihrer Gemeinschaft, und so &mdash; wer beschriebe den ganzen
-Verlauf? &mdash; ward aus dem Glauben Gesetz, das lebendige
-Neue wieder zum toten Alten, und weiterhin durch die
-Flucht der Gezeiten die Verkalkung im Ritus, im Zeremonial,
-in der Formalität, im großen Mummenschanz einer
-&sbquo;allein seligmachenden&lsquo; Kirche. Das Mißtrauen nahm
-überhand wie die Sintflut, die Schwachsinnigen konnten
-noch glauben, im Aberglauben und im Stein ihres Zeremonials;
-die Starken, die noch in der Lebendigkeit, in der
-Wahrheit glauben wollten, als auch in ihren Augen der
-alte Außengott, der die Erde erschaffen hatte, seine Glaubwürdigkeit
-verlor: sie wandten sich ab von dem klaren
-Tage ins Dunkel. Aus ihnen, die wir deshalb die Mystischen
-nennen, schlug noch einmal die Glaubensnot mit rasender
-Flamme hervor, riß Gott aus den Himmeln herunter
-und verzehrte ihn, so daß es nun hieß:
-</p>
-
-<div class="poem-container">
- <div class="poem">
- <div class="stanza">
- <p class="verse">Ich weiß, daß ohne mich Gott nicht ein Nu kann leben,</p>
- <p class="verse">Werd ich zunicht, er muß vor Not den Geist aufgeben.</p>
- </div>
- </div>
-</div>
-
-<p class="noindent">
-Gott wurde hineingezogen in die Welt, in den Menschen;
-er war nun in allem, im Stein, in der Pflanze, in
-jeder Pore am Leib. Die das glaubten, waren die Starken,
-<a id="page-789" class="pagenum" title="789"></a>
-die Inbrünstigen, die Feurigen, Seelischen, Leidenden,
-Strebenden, Guten. Und noch trat Luther hervor, streitbar,
-ein Held, der den Christen kriegerisch wollte, der
-brannte und sich dämpfte, und der noch einmal einen
-stämmigen Herrgott schuf nach dem Bild seiner Stämmigkeit;
-ein Gott, der, wie mir scheint, bald innen war,
-bald außen, widerspruchsvoll wie der Mensch selber,
-Luther. Da aber die Menschen keinerlei Widersprüche ertragen
-können, so bildete sich auch kein Luthertum, sondern
-ein kühler mittlerer Protestantismus, der vielerlei
-Möglichkeit offen ließ bis zum völlig Absurden einer heutigen
-Liberalität.
-</p>
-
-<p>
-Die Schwachen aber, die Haltbedürftigen, all die Notleidenden,
-Kranken an der Armseligkeit ihres Daseins, die
-Gebrochenen von Geburt an, die Unterdrückten, Taglöhner
-ihrer Hände, Sklaven der Maschine, Zusammengepferchte
-mit ihresgleichen, ohne Luft, ohne Licht, ohne Geduld
-über sich, ohne Schönheit, Enterbte, Verschnittene
-des ewigen Lebens: die sollten an einen Gott glauben
-können, der in ihnen ist, der sie selbst sind? Sie in ihrem
-Morast, in ihrem Ekel, ihrer Entrechtung, ihrer Entnervung,
-sie sollen Kraft haben zu sowas?
-</p>
-
-<p>
-Vielmehr hat der Teufel Mißtrauen sie All an der
-Kehle und beißt ohne Unterlaß hinein.
-</p>
-
-<h6 class="subsection">
-XI
-</h6>
-
-<p class="noindent">
-Ich, der nicht glauben kann, der ich aber eine unaussprechliche
-Sehnsucht habe, mich zurechtzufinden, zum
-Frieden zu kommen; der ich diesen und jenen Weg versuchte,
-mein Hirn zernagte, mein Herz zerklopfte und
-<a id="page-790" class="pagenum" title="790"></a>
-überall so gierig wie ein verhungerter Wolf suchte nach
-der Speise des Lebens: ich habe allezeit eine bestimmte,
-wiewohl anfänglich unklare oder gar bewußtlose Abneigung
-empfunden gegen die Aufrichtung eines nichtpersönlichen,
-sondern eines in der Welt beschlossenen, aus ihr
-und durch sie, &sbquo;in allem&lsquo; seienden und wirkenden Gottes.
-Meines Wesens in allen Sachen der Seele oder des Herzens
-nach Einfachheit strebend, ja, zur Einfalt geneigt, war
-und ist mir immer die Vorstellung von Gott mit dem Persönlichen
-unauflöslich verbunden. Warum denn Glauben,
-warum Vertraun? Ist Gott nicht dieses menschenähnliche,
-aber ungeheure und unfaßliche Wesen, ist er nichts
-weiter als eine lebendige Kraft diesen und jenen Namens,
-so zeigt mir das Auge meiner schlichten Vernunft im Wechsel
-der Jahreszeit, im Kreislauf der Natur, in meinem
-eigenen Wesen das Walten einer solchen Kraft untrüglich
-an, und was brauchts da ein Herz, um zu glauben, was
-ich weiß?
-</p>
-
-<div class="poem-container">
- <div class="poem">
- <div class="stanza">
- <p class="verse">Erfüll davon dein Herz, so groß es ist,</p>
- <p class="verse">Und wenn du ganz in dem Gefühle selig bist,</p>
- <p class="verse">Nenn es dann, wie du willst,</p>
- <p class="verse">Nenns Glück, Herz, Liebe, Gott!</p>
- <p class="verse">Ich habe keinen Namen</p>
- <p class="verse">Dafür! &mdash;</p>
- </div>
- </div>
-</div>
-
-<p class="noindent">
-Ja, wie denn? Hier habe ich eine Frucht, die wie eine
-Birne aussieht, wie eine Birne schmeckt, in allen Dingen
-wie eine Birne geartet ist, die aber nicht am Birnbaum
-gewachsen ist, sondern am Apfelbaum. Giebt es da die geringste
-Notwendigkeit, diese Frucht einen Apfel zu nennen
-und Apfelbaum ihren Baum? Hinge Notwendigkeit nicht
-<a id="page-791" class="pagenum" title="791"></a>
-ab von Einzigkeit, vom Nichtandersseinkönnen? &sbquo;Nenn es
-dann, wie du willst!&lsquo; Ja, wenn ich die Wahl haben soll, so
-ist Gott freilich nur ein Name und also Schall und Rauch.
-&sbquo;Wer darf ihn nennen?&lsquo; Was heißt ein &sbquo;darf&lsquo;, wo alles
-&sbquo;muß&lsquo; sein sollte! Nun, Faust freilich wollte nur bestricken
-und eine Gleichheit vortäuschen: er, der übrigens doch wohl
-an einen persönlichen Gott wohl oder übel glauben mußte,
-da er dessen Widerspruch Mephistopheles mit Händen
-greifen konnte. Wer aber, nicht um zu täuschen, sondern
-zum Anschein der Wahrheit, gewisse nicht ganz begreifliche,
-mit Sinnen nicht durchaus faßliche, vorhanden scheinende,
-aber nicht beweisliche Kräfte innerhalb dieser natürlichen
-Grenzen göttlich nennt, &mdash; nicht nur zur Unterscheidung
-von anderen ähnlichen Kräften und nur um einen Namen
-zu haben, sondern um einen ursächlich unterschiedenen
-Gott daraus herzustellen: der mag es tun, aber ich glaube
-ihm nicht, und er kann mich nicht verführen. Wenn gesagt
-worden ist, daß die Toten auferstehn werden, um ein
-ewiges Leben zu haben, so soll man mir keinen Possen
-spielen mit verweslich und unverweslich, mit geistigen Kleidern
-und mit Verwandeltwerden. Wenn im selben Evangelium,
-das uns das Leben des Gottsohnes wahrhaftig
-beschreiben will, Engel vom Himmel mit Botschaften
-kommen, ungläubige Priester, hoffende Mütter und einfältige
-Hirten zu belehren, so kann ich hinter diesen nicht
-&sbquo;Glück, Herz, Liebe &mdash; Gefühl&lsquo;, sondern nur einen himmlischen
-Vater gewahren, der weiß, was ich nicht weiß, und
-Kraft hat, die ich nicht habe. Jedes läßt sich mit jedem
-mischen und zusammenkneten, wozu nur ein wenig Verstand
-gehört; aber all dieses sind unfruchtbare Bemühungen
-<a id="page-792" class="pagenum" title="792"></a>
-und Versuche, einen Gott im Leben zu erhalten, der
-in Wahrheit lange verschieden ist.
-</p>
-
-<h6 class="subsection">
-XII
-</h6>
-
-<p class="noindent">
-So blieben denn zwei Möglichkeiten über.
-</p>
-
-<p>
-Die erste wäre: Ich glaube. Das heißt: Ich bin überzeugt
-und ich halte für wahr, nicht mit meiner Vernunft,
-sondern mit meinem Ganzen, meinem vollen und ungeteilten
-Wesen, das immer einig waltet, welche Eigenschaft
-daran auch in diesem und jenem Augenblick die führende
-oder erschließende sein möge: halte für wahr mit aller
-Kraft meines Herzens und meines Geistes &mdash; Gott, den
-Vater, den allmächtigen Schöpfer aller Kreaturen. <span class="antiqua">Credo
-quia</span> &mdash; oder wie Strindberg sagt: <span class="antiqua">etsi &mdash; absurdum</span>.
-</p>
-
-<p>
-Auf solch einen Gott vertrauen, das heißt einer Vollkommenheit
-gewiß sein, ob sie auch über alle Fähigkeit
-menschlicher Wahrnehmung und Erkenntnisse hinausgeht;
-trotzdem ihrer gewiß sein und also für die Unvollkommenheit,
-die wahrnehmbar ist, für das Böse oder das Leiden
-die Hoffnung hegen voller Vertrauen, daß auch sie ihren
-Sinn habe nach dem Willen des höheren Wesens, und
-daß sie diesen Sinn irgendeinmal offenbaren, sich auflösen
-wird und nur noch Vollkommenheit sein. Und die zweite
-Möglichkeit wäre, dies nicht zu glauben. Es ist kein Gott,
-keine Vollkommenheit; es ist nur Unvollkommenheit, nur
-Leiden; dazu die Kraft, dieses immerhin einzusehn, die
-Kraft, sich hineinzufinden.
-</p>
-
-<p>
-Danach bliebe mein Wesen auf diese Erde beschränkt,
-das will sagen auf die Menschheit. Die Fähigkeit, mich
-selber und meinesgleichen zu ertragen, die mir dort aus
-<a id="page-793" class="pagenum" title="793"></a>
-meiner Gottgläubigkeit wuchs, muß nun aus mir selbst
-und aus der menschlichen Gemeinschaft erwachsen. An
-die Stelle des Glaubens träte das Sittengesetz.
-</p>
-
-<p>
-Und wiederum zwei Möglichkeiten dahier.
-</p>
-
-<p>
-Die eine, die für den Einzelnen, die Einsicht Habenden,
-sich nicht verloren geben Wollenden, der sich kräftig genug
-fühlt, gottlos, will sagen heillos zu leben. Für ihn die
-Worte: Geduld! und: Vertrauen! &mdash; Vertrauen auf den
-dunklen Drang, einen rechten Weg zu gehn, auf eine untrügliche
-Liebe zum Wahren und Guten, eine Kraft, von
-Augenblick zu Augenblick hintastend zu gehn; auf das
-Nächste allein immer gerichtet, das Ferne nicht zu verfehlen;
-eine innere Sicherheit, eine Kraft, die denn Langmut
-verleiht, Geduld zu haben mit den Menschen, wie
-man sie mit sich selber hat. Tröstlich auf solch einen Weg
-möge dann das schönste Wort leuchten, das ich fand:
-</p>
-
-<p>
-&sbquo;Wir rühmen uns auch der Trübsale, dieweil wir wissen,
-daß Trübsal Geduld bringt. Geduld aber bringt Erfahrung,
-Erfahrung aber bringt Hoffnung; Hoffnung
-aber läßt nicht zuschanden werden.&lsquo;
-</p>
-
-<p>
-Da keine Vollkommenheit ist, so ist auch keine gänzliche
-Errettung zu denken. Aber von Augenblicke zu Augenblick
-führt der Weg der Geduldigkeit, und es glänzt uns
-der Stern der Hoffnung, daß wir nicht gänzlich zuschanden
-werden. (Römer 5, V. 3-5.)
-</p>
-
-<p>
-Dieses mein Weg, und dies mein Stern. Ich will es
-versuchen.
-</p>
-
-<h6 class="subsection">
-<a id="page-794" class="pagenum" title="794"></a>
-XIII
-</h6>
-
-<p class="noindent">
-Welche Möglichkeit aber bliebe für Alle die, denen aus
-irgend Gründen die Einsicht verwehrt bleibt? Welche
-Möglichkeit für die Befangenen in Mißtrauen und Ungeduld?
-Für all die Erniedrigten, Dumpfen, Gebrochenen,
-für die Halben, Kraftlosen, Lauen, Oberflächlichen, Tanzenden;
-für die Masse, die &sbquo;Welt&lsquo;?
-</p>
-
-<p>
-Denn so mir Gott helfe: dies alles habe ich zuerst um
-meinetwillen erdacht und geschrieben; es hätte aber mir
-nicht eine solche Not sein können, es hätte nicht so sehr
-meine Sache sein können, wenn nur ich allein, wenn
-nicht die ganze irdische Legion in diesem Irrsal befangen
-wäre, also daß ich nur mit Bewußtsein leiden kann an
-etwas, das Alle, ob auch unbewußt, unaufhörlich erleiden.
-Somit, daß, wenn ich einen Weg suchte, ich ihn nicht
-suchte für mich, sondern im Auftrage gleichsam All derer,
-die nicht einmal suchen dürfen. Ach, wäre sie denn so groß
-und so unbarmherzig meine Not, wenn sie nicht Weltnot
-wäre und ich nur ein Gegenstand in dem Sturm, der ihn
-schüttelt!
-</p>
-
-<p>
-Aber mir bleibt aus dem Gefühle der Hoffnung, die
-ich selbst für den nächsten Augenblick habe, in Hinsicht der
-Welt nur ein ärmlicher Ausblick ins Fernste. Und Mißtraun
-und Ungeduld, denk ich, sie werden fressen und
-fressen und einmal sich selber gefressen haben ...
-</p>
-
-<p>
-&sbquo;Denn wir wissen, daß alle Kreatur sehnet sich mit uns
-und ängstigt sich immerdar.&lsquo; (Römer 8, V. 22.)
-</p>
-
-<p>
-&sbquo;Da ist nicht, der gerecht sei, auch nicht einer; da ist
-nicht, der verständig sei, da ist nicht, der nach Gott frage.
-Sie sind alle abgewichen und allesamt untüchtig geworden;
-<a id="page-795" class="pagenum" title="795"></a>
-da ist nicht, der Gutes tue, auch nicht Einer. Ihr
-Schlund ist ein offenes Grab, mit ihren Zungen handeln
-sie trüglich. Otterngift ist unter ihren Lippen. Ihr Mund
-ist voll Fluchens und Bitterkeit; ihre Füße sind eilend,
-Blut zu vergießen; auf ihren Wegen ist eitel Schaden und
-Herzeleid, und den Weg des Friedens wissen sie nicht.&lsquo;
-(Römer 3, V. 10-17.)
-</p>
-
-<p>
-Was aber ist das Gute? Es ist das heimliche Wissen
-der Verworrenheit, daß Klarheit sein sollte, und das offene
-Ahnen, daß Klarheit möglich ist. Das Gute ist das Böse,
-das an sich leidet, und wohlan, so wird es leiden, bis es
-sich durchgelitten hat, bis Geduld aufkeimt und Vertrauen
-wiederkehrt und endlich eine Kraft offenbar werden wird,
-die so göttlich ist unter den Menschen, daß sie ganz aussieht
-wie ein Gott.
-</p>
-
-<p>
-Ja, daß sie Gestalt und Wesen und Kraft und Namen,
-alles haben wird von Gott.
-</p>
-
-<p>
-Und seinen lange vergessenen Namen, vielleicht findet
-ihn jemand wieder, damit in Wahrheit auch Gott heiße,
-was allein göttlich ist: die Vollkommenheit.&ldquo;
-</p>
-
-<p class="tb">
-&nbsp;
-</p>
-
-<p class="noindent">
-Georg schwieg. Magda saß, wie sie zugehört hatte,
-grade angelehnt mit geschlossenen Augen und bewegte
-sich nicht. Durch den tiefen Kummer, mit dem er ausgelesen
-hatte, fühlte er langsam das feierliche Empfinden
-von zuvor wieder durchdringen, und ein Blick durch das
-Fenster auf die besonnten Dächer und in die Klarheit des
-Äthers ließ es augenblicks schwellen wie zu einem Akkord.
-Gleich darauf hörte er Magda sprechen und schauderte
-leise, da er die gleichen Worte erkannte, die er von Renate
-<a id="page-796" class="pagenum" title="796"></a>
-gehört hatte, vor Mittag, dort in der Kapelle des Baums.
-Sie sagte:
-</p>
-
-<p>
-&bdquo;Und um so süßer verlockend das Wort &sbquo;von Ewigkeit
-zu Ewigkeit&lsquo; dir im Herzen ertönt: sprich dagegen: &sbquo;von
-Augenblicke zu Augenblick&lsquo; knüpf ich und webe ich das
-einzige Kleid meines Lebens. Zu wissen ist nicht not. Not
-ist, zu tun. In dem Tun wird die Liebe, in der Liebe das
-Wesen, in dem Wesen das Leben sein, das weder zeitlich
-noch ewig, sondern das in der Liebe ist.&ldquo;
-</p>
-
-<p>
-Sie verstummte, und um so weniger das Wort Liebe
-erschienen war in dem, was er gelesen hatte, um so tiefer
-fand er sich nun durch die Einsicht erschüttert, wie sehr
-die letzten gesprochenen Worte eine Ergänzung bildeten zu
-den gelesenen, fast so, als wären jene um dieser willen
-allein von ihm erdacht und geschrieben worden. Dann
-empfand er ein Glück, sie, die er am Morgen so anders,
-ja fast überhört hatte, noch einmal gesagt zu bekommen
-und nun besser zu verstehn. &mdash; &mdash;
-</p>
-
-<p>
-Georg legte sein Buch fort. Er erhob sich dann, um,
-über den Schreibtisch gebeugt, nach draußen zu spähn, und
-entdeckte, als ob er ihr Vorhandensein geahnt hätte, auf
-der Terrasse Irene, Klemens und die Friedlichkeit, wie sie
-dabei waren, auf der leeren Fläche zu dritt spazieren zu gehn,
-Klemens links, die Hände auf dem Rücken, Irene rechts,
-beim Sprechen ihn anblickend, die Friedlichkeit, etwas
-schmal, in der Mitte. &mdash; Georg setzte sich wieder und sagte:
-</p>
-
-<p>
-&bdquo;Ein Rätsel. Unten gehn Klemens und Irene allein
-und sind eigentlich Drei, was ist das?&ldquo;
-</p>
-
-<p>
-Sie erwiderte getrost: &bdquo;Oh ja, sie werden wohl bald
-Kinder haben ...&ldquo;
-</p>
-
-<p>
-<a id="page-797" class="pagenum" title="797"></a>
-Georg lachte herzlich, indem er so tat, als habe er diese
-Antwort gewünscht.
-</p>
-
-<p>
-&bdquo;Und nun,&ldquo; sagte sie, sich zurechtsetzend, &bdquo;nun möchte
-ich noch über Benno mit dir sprechen&ldquo;; wieder als ob sie
-vor einer Reise stünde und letzte Anordnungen treffen
-wolle. &bdquo;Ihr werdet euch ja nun selten mehr sehn, und
-vielleicht erst in späteren Jahren wieder, denn du hast nun
-Schweres vor dir, und er geht ja nach Aachen als Kapellmeister
-und wird dort heiraten. &mdash; Sei nachsichtig mit
-ihm, Georg, denke nicht bitter und falsch von ihm, denn
-er ist doch dein Freund! Er ist vielleicht keiner der Stärksten
-im Wollen und Leisten; er ist von den Wünschenden, von
-den Schwebenden einer, die von allem möchten, daß es
-weicht und nicht nahe kommt. Er wird vielleicht niemals
-ganz sein können in Diesem oder Jenem, in der Kunst
-nicht und nicht im Leben, auch nicht im Glück oder Unglück.
-War er nicht immer unglücklich im Hause seiner Eltern,
-herumgestoßen und herumgescholten, und saß er an seinem
-Klavier, so war alles vergessen und er selig. Oft habe ich
-mit ihm über seine Anlage gesprochen. Er sagte, am
-liebsten sei ihm wie in Hölderlins Wort: &sbquo;Wie so selig doch
-auch mitten im Leide mir ist!&lsquo; Er hat keine Anlage zum
-Glücklichsein. Alldas wollt ich dir einmal sagen. Immer
-schwärmt er, nicht wahr? er liebt alles von weitem, in
-farbiger Verschwommenheit, und das Wirkliche ist ihm
-zu hart. Und die Kunst auch, ich glaube, sie ist ihm viel
-mehr ein warmer Strom, in dem er glückselig treibt, als
-ein Stoff, den er verarbeiten kann.&ldquo;
-</p>
-
-<p>
-Georg, der alles sehr gut verstand, ließ sie schweigen
-und weiterreden, da es ihr augenscheinlich wohltat.
-</p>
-
-<p>
-<a id="page-798" class="pagenum" title="798"></a>
-&bdquo;Vor kurzem klagte er wieder, daß er heiraten will und
-auch nicht. Ja, er schwankt noch immer, aber natürlich
-wird er es tun&ldquo; Sie lächelte. &bdquo;Es ist ja zum Lachen,
-denn siehst du, es schadet ihm dabei gar nicht, daß seine
-Elfriede, wie ich höre, ein beinah lasterhaftes Geschöpf
-ist, jedenfalls leichtfertig bis zur Lasterhaftigkeit, obschon
-nicht voll Bosheit, &mdash; die an ihm weiter nichts
-haben will, als einen berühmten Mann, und wird er
-das nicht &mdash;, nun, aber auch das wird ihm nicht groß
-Schaden tun. Er wird doch bald einsehn, daß sie recht
-hat, und er leidet ja eben an ganz andern Dingen. Er
-wird dir wohl auch vorgeträumt haben vom Frühling
-und den Anfängen und alldem, und wie es viel schöner
-gewesen ist, seiner Elfe von fern nachzugehn durch die &mdash;
-hat er, Georg?&ldquo; Sie stimmte lebhaft ein in Georgs
-Lachen und fuhr fort: &bdquo;Aber so braucht er das Leben. Er
-muß sein Glück immer in einem Unglück haben, und deshalb,
-siehst du, darfst du ihm die Gewißheit deiner Freundschaft
-und Liebe nicht nehmen, denn &mdash; ich weiß, Georg &mdash;
-die gehören zu seinen Schätzen. Deren Verlust würde ihn
-wirklich schmerzen.&ldquo;
-</p>
-
-<p>
-&bdquo;Ich weiß, Anna, ich wußte alles, was du gesagt hast!
-Es ist wahr, er macht mich leicht unwirsch und &mdash;&ldquo;
-</p>
-
-<p>
-&bdquo;Ja, du weißt es, Georg, und nicht deshalb habe ich
-es gesagt, aber du willst dich nicht immer danach richten!
-&mdash; Es wird ja auch gut sein, wenn ihr euch nicht so häufig
-seht. Kleine Verfremdungen schaden an sich nicht,
-aber sie sind wie so ein Loch in der Strumpfnaht, &mdash; man
-muß sie gleich in Frieden lassen, sonst reißts weiter und
-weiter. Es ist nun mal so mit uns Menschen. Ein
-<a id="page-799" class="pagenum" title="799"></a>
-Augenblick Nähe zuviel bringt uns weiter auseinander als
-Jahre der Trennung, aber &mdash;&ldquo;
-</p>
-
-<p>
-&bdquo;Nein, Anna, was bist du doch klug geworden! Du
-bist ja klüger als ich!&ldquo;
-</p>
-
-<p>
-&bdquo;Siehst du wohl! Es läuft keiner so schnell, daß man
-ihn nicht einholen könnte.&ldquo;
-</p>
-
-<p>
-&bdquo;Na, das war aber Unsinn, Anna!&ldquo;
-</p>
-
-<p>
-Sie lachte, fügte sich aber schnell wieder zum Ernst
-und erhob sich, die Hände ausstreckend. Aber in diesem
-Augenblick schwoll das Feierliche um ihn fast gewaltsam
-auf, erschreckend, da es jetzt von der schmalen blauen Gestalt
-ausging, die ihn ansah, ergriffen und sonderbar ruhevoll
-zugleich.
-</p>
-
-<p>
-&bdquo;Und nun leb wohl, mein Georg!&ldquo; sagte sie mit wunderlicher
-Festigkeit, &bdquo;mein Amt hat nun sein Ende. Ich
-hab dich noch einmal gesehn und weiß, daß ich nun nicht
-mehr vonnöten bin. Ja, Georg,&ldquo; sprach sie, seine Hände
-festhaltend, mit immer leidenschaftlicherer Innigkeit weiter:
-&bdquo;du hast wieder einmal nichts gewußt, und für Rieferling
-war keine Zeit, und so ist er doch lieber gleich zu mir gekommen
-statt zu dir. Es war ja auch nur dumm, erst
-dich um Rat fragen zu wollen, ob ich mich auch ohne
-Augen getraute, einen Mann zu haben und Kinder zu
-kriegen &mdash; denn das will ich, Georg! &mdash;, und du hättest
-es ja nicht gewußt! Mein lieber großer Junge, es werden
-nun bald vier Jahr, daß ich den schweren Weg mit
-dir gegangen bin. Du hast es nicht gemerkt, aber ich habe
-es gewußt, daß ein Mensch nötig war, zu hoffen und zu
-glauben und bei dir zu sein mit tausend Gedanken der
-Liebe, mit aller Kraft, Tag und Nacht, mit dem ganzen
-<a id="page-800" class="pagenum" title="800"></a>
-glühenden Leben. So war es, und nun ist es gut. Georg,
-ich weiß, was du nicht weißt, und ich muß nun gehn und
-an mich selber denken. Ich nehme dir nicht mein Herz.
-Ein Herz kann nicht verrückt werden, es bleibt immer,
-wo es von Anfang war. Aber ich kann einen guten Menschen
-wohl lieb haben und mit Geben und Nehmen das
-schöne Gewebe des Lebens zusammen mit ihm flechten.
-Ich will auch meine Kinder haben und mein Haus, Alltage
-und Sonntage, und all die Freuden und Schmerzen
-der Gemeinsamkeit. Lebe wohl! Unsern Abschiedskuß
-haben wir uns vorhin schon gegeben, und ich will keinen
-andern mehr. Wir sehn uns auch bald wieder! Und heut
-abend hörst du mich singen.&ldquo;
-</p>
-
-<p>
-Sie brach ab, nahm ihre Hände, bevor er sie noch ganz
-an die Lippen hätte heben können, aus den seinen und
-ging zur Tür.
-</p>
-
-<p>
-Georg stand am Fenster. Noch sah er sie vor sich
-stehn und hörte ihre Stimme, die, innig und warm, doch
-wie eines Engels Rede gesungen hatte, so leidenschaftlich
-und so seltsam unteilhaft. Ein heißer Krampf schüttelte
-seine Brust; er glaubte, in Tränen ausbrechen zu müssen,
-aber es blieb alles still, und aus einer unermeßlichen und
-feiertäglichen Leere sagte er langsam und schwer:
-</p>
-
-<p>
-&bdquo;Das &mdash; war &mdash; es.&ldquo;
-</p>
-
-<p>
-Überdem aber hörte er ihre Stimme von der Tür her,
-erinnerte sich, daß sie noch gegenwärtig war, und fragte,
-da er nicht verstanden hatte: &bdquo;Was sagst du, Anna?&ldquo;
-</p>
-
-<p>
-&bdquo;Ich sagte etwas, das ich dich schon lang hatte fragen
-wollen, Georg. Denn &mdash;&ldquo; sie machte einen Schritt auf
-ihn zu &mdash; &bdquo;ich weiß wohl, in was du dich verstrickt hast,
-<a id="page-801" class="pagenum" title="801"></a>
-aber &mdash; in alldem &mdash; &mdash; Georg, hat es dich nicht unsagbar
-glücklich gemacht, zu wissen, daß er wirklich dein Vater
-war?&ldquo;
-</p>
-
-<p>
-&bdquo;Wie &mdash; meinst du?&ldquo;
-</p>
-
-<p>
-Georg war zumut, als ob er sich auflöste. Oder als ob
-zwei Riesen, zwei Ungeheuer in ihm ihre verknoteten Leiber
-auseinanderrissen, und seine Glieder verschwanden
-ihm, sein Kopf wurde schwer wie ein Stein, er glaubte zu
-fallen, bemühte sich dabei mit brennender Heftigkeit, zu
-verstehn, was alldas heißen sollte, konnte aber nur würgen
-und nicht sprechen.
-</p>
-
-<p>
-Auf einmal streckte sie beide Arme nach ihm aus. &bdquo;Georg!&ldquo;
-schrie sie, &bdquo;weißt du&rsquo;s denn nicht? weißt du&rsquo;s denn
-gar nicht?&ldquo;
-</p>
-
-<p>
-Irgend etwas zerfiel lautlos in ungeheure Stücke. Er
-zerrieselte hülflos. Bäume, Büsche, Rasen, eine Gestalt
-wirbelten um ihn her und verschlangen sich; dann wurde
-seine Umgebung eigentümlich schief, er dachte: Was ist
-denn jetzt? spürte einen leisen Schmerz an Schulter und
-Hüfte und mit einem abscheulichen Gefühl von Übelkeit,
-daß er lag. Über ihm flog eine klägliche Stimme: Georg,
-wo bist du denn? Er schloß die Augen.
-</p>
-
-<p>
-Langsam quoll über die schwindende Übelkeit eine Erleichterung
-aus dem Dunkel; auch leises Wohlbehagen im
-Bewußtsein des tiefen Liegens. Er fühlte seine Hände
-naß, wollte sich aber die Wonne des Daliegens nicht stören
-lassen und stöhnte nur leise. Hände tasteten an seinem
-Gesicht, er faßte ermüdet danach und öffnete die Augen.
-</p>
-
-<p>
-In einem gewaltigen Kessel, der in ihm war, wälzten
-sich zwei Ströme herum; einer, der über alle Begriffe
-<a id="page-802" class="pagenum" title="802"></a>
-glücklich war, hieß: Vater; der andre, der schwarz und
-gallebitter war, hieß: Tod, und auch: Schuld. Plötzlich
-war alldas verschwunden, Georg stand auf, strauchelte
-aber und mußte sich, da er nichts andres fand, mit Hand
-und Schulter gegen die Anna stützen. Bald versuchte er,
-zu denken, aber die Zange griff trotz mehrmaligen Ansetzens
-nicht zu.
-</p>
-
-<p>
-Danach fand er sich auf einem Stuhl sitzend und vor
-sich das Mädchen, und er hielt ihre eine Hand. Leer von
-Gefühl zu ihr aufblickend, begann er zu fragen:
-</p>
-
-<p>
-&bdquo;Sage mir ... Wer wußte dies außer mir?&ldquo;
-</p>
-
-<p>
-Sie schwieg, bedachte sich und zählte leise sprechend auf:
-&bdquo;Renate und ich; dann Bogner. Jason wohl. Virgo
-und ihr Mann. Das sind Alle.&ldquo;
-</p>
-
-<p>
-&bdquo;Woher?&ldquo;
-</p>
-
-<p>
-&bdquo;Von deinem Vater. Er sagte es Renate, damals,
-kurz bevor er starb. Wir glaubten Alle, daß du es wüßtest.&ldquo;
-</p>
-
-<p>
-&bdquo;So mußte es euch scheinen. Es ist sehr einfach. Und
-&mdash; wer war dann meine Mutter?&ldquo;
-</p>
-
-<p>
-&bdquo;Jene Frau &mdash; in dem Haus. Virgo hat ihr Bild,
-du mußt es ja kennen, und dort sah es dein Vater. Sie
-war seine Freundin ...&ldquo;
-</p>
-
-<p>
-Georg fragte nicht weiter. Die Augen fielen ihm zu.
-Er glaubte nach langer Zeit eine leise Berührung auf
-seinem Kopf zu spüren. Als er die Augen wieder öffnete,
-war er allein.
-</p>
-
-<p>
-Er konnte die Augen nicht offen halten, und was er
-sah, bedrohte ihn mit einer nicht zu fassenden Angst. Was
-jetzt, Gott, was jetzt? &mdash; Er merkte, daß er etwas Riesiges
-<a id="page-803" class="pagenum" title="803"></a>
-in sich hinabgedrückt hatte; wenn er daran rührte, würde
-es ihn zersprengen. Die Angst schwoll, er wollte Anna
-zurückrufen, er versuchte, sich zu ermannen, sagte: Du
-mußt allein fertig werden! &mdash; Aber im Augenblick fand
-er sich schon überwältigt. Sein letzter Gedanke war:
-Bogner, und daß der ihn erwartete. Das war wie Bestimmung.
-Bogner, Bogner mußte helfen, und schon
-rasend vor Angst und Verlangen, war er an der Tür, wo
-er sich denn einen letzten Ruck gab, so ruhig er konnte,
-ins Nebenzimmer ging, um Mantel und Hut zu holen,
-wovon er indes nichts Bestimmtes wußte, als er es tat.
-Dann war er im Freien.
-</p>
-
-<div class="chapter">
-
-<h3 class="chapter" id="subchap-0-3-9">
-<a id="page-804" class="pagenum" title="804"></a>
-Neuntes Kapitel
-</h3>
-
-</div>
-
-<h4 class="section">
-Georg
-</h4>
-
-<p class="first">
-Georg stand vor einem jungen und niedrigen Feld Wintersaat
-und starrte besinnungslos in diese sehr lichte, zartgrüne
-Waldung hinein. Etwas Bläuliches stieg daraus
-auf, gewann Umriß und Dichte und ward der blinde Engel
-in sanftem Blau, der ihn blicklos ansah, und zu dem
-er sagte:
-</p>
-
-<p>
-Das wußtest du wohl: Wenn etwas mir Halt geben
-konnte für später, mußte er darin liegen, daß du jetzt
-gehst ...
-</p>
-
-<p>
-Ja, sagte sie unhörbar und lächelte, indem sie fortfuhr:
-</p>
-
-<p>
-Und daß ich dir Benno so dringlich ans Herz gelegt
-habe, das tat ich aus Klugheit und um dir doch etwas zu
-halten zu geben für das, was ich wegnahm ...
-</p>
-
-<p>
-Georg lächelte auch und sah die Gestalt sich langsam
-in einen blauen Nebel auflösen, der auf einmal der Himmel
-war. Der Osthimmel, fern, graublau, wolkenlos, &mdash;
-und jenseits der Saatfelder unfern lagen die Häuser eines
-bekannten Dorfes mit ihrem kahlen Gewipfel im starken,
-glühenden Licht der tieferen Sonne. Ringsum lohte das
-Land, grün, übergoldet, schattenreich, singend von Stille.
-</p>
-
-<p>
-Sich umdrehend, bemerkte er jetzt, daß hinter ihm die
-Landstraße war und jenseits die Rampe von Helenenruh,
-und daß der Schatten des Hauses ihn und alles umher
-bedeckte. Indem ward ihm bewußt, daß er es eilig hatte,
-daß er zu Bogner wollte, zu Fuß, ja, gehen, gehen! und
-<a id="page-805" class="pagenum" title="805"></a>
-das Letzte, was er deutlich wußte, war das Hinwegwischen
-über etwas, das wie ein Dampf in ihm aufsteigen wollte.
-Noch nicht! murmelte er.
-</p>
-
-<p>
-Ihm war auf dieser Wandrung &mdash; Wiesenpfade in unendlichen
-Windungen, über Knicktore, durch Gatter &mdash;
-nichts bewußt als das kalte Lustgefühl des Dahingehns,
-unbeschwert, eifrig, blindlings, alles, das Kleinste, wahrnehmend
-in einer brennenden Gegenständlichkeit, und doch
-nichts; nichts als vielleicht noch das scharfe, geschmacklose
-Aus- und Einschlürfen der Luft beim heftigen Atmen, in
-der kühle und warme Wellen miteinander wechselten. Er
-stolperte oft, er wußte kaum, wohin er ging, er sah vor
-sich immer nur die bläuliche Lichtwand des ruhigen Himmels,
-atmete schnaufend vor Hast und Erregtheit und
-hatte all die Zeit das starke Empfinden des Feierlichen
-und eines Ziels, dem er unweigerlich zustreben mußte.
-</p>
-
-<p>
-In Wassergräben, dunklen, erschien ein beglückendes
-Blau; kleine Kreise regten sich blank, seltsam hoch über
-dem Blauen, auf der gläsernen Fläche; dick und gelb, wie
-aus Bernstein gedreht, standen die Knospen der Dotterblumen
-am Ranft. Er sahs und vergaß es. Der Ausdruck
-der Umzäunungen, über die er kletterte, erinnerte
-ihn an alles dumpf Vollkommene der im Freien hausenden
-Wesen, Dinge wie Tiere. Eine Unzahl von Eindrücken
-glaubte er beständig zu empfangen, eine Unzahl von Gegenständen
-zu sehn, die ihm etwas zu sagen hatten, aber
-er mußte vorüber, er sagte: ich weiß es längst! eh sie zu
-Worte gekommen waren und hinter ihm zurückblieben.
-Ihm war, als liefe er in dieser Eile durch sein ganzes Leben;
-und alles war ihm daher bekannt. So ging er,
-<a id="page-806" class="pagenum" title="806"></a>
-brennend, besinnungslos, keuchend, hielt auf einer eifrig
-erklommenen Anhöhe bei kleinen, dunkelgrünen Wacholdern,
-die Schatten warfen, und sah in der machtvollen
-Sonne der Abendstunde die Stadt unfern, ihrerseits etwas
-erhöht, Dächer und Türme, scharf, klar, leuchtend,
-die Alleen der alten Wälle ringsum, deren schräge, schattenlose
-Böschungen, den toten Flußarm, teils dunkel, teils
-rasengrün, die Ketten von Hecken und Zäunen, die sich
-schnitten, helle gewundene Wege, und alles leicht übertupft
-mit schwarzen oder lichtgekleideten Menschen, die
-gingen, mit spielenden Kindern, weidenden Pferden; und
-alles ohne Laut, tief überleuchtet und in seiner ganzen
-glanzvollen Offenheit eingebettet in Abendfriedlichkeit und
-in Ostern.
-</p>
-
-<p>
-Lange staunte er dies an. Mein! sagte er plötzlich und
-atmete tief. Da schwoll, tief in den dunkleren Süden hinein,
-das unendliche Wiesenland, wo das Auge fortgeführt
-wurde von immer enger zusammenrückenden Wäldchen,
-ganz kleinen Dörfern, und hinuntergezogen über den
-Rand in das verheimlichte Düster immer weiterer Länder.
-War es möglich, daß die nach allen Seiten hinuntergebogene
-Erde so bedeckt war mit tausendfachem Gelände?
-</p>
-
-<p>
-Hoch oben in Lüften richtete eine Woge von Glockengeläut
-sich auf, stand mächtig im Luftraum und sank
-langsam gleitend ins Nichts. Eine Stimme sagte: Charfreitag
-... Und nun &mdash; oh, welche Wehmut! &mdash; &mdash;
-</p>
-
-<p>
-Nein, sagte eine andre Stimme nahe über ihm, sehr
-fest und unmißverständlich: Wenn er wirklich dein Vater
-war, so kannst du unmöglich eine Schuld haben an seinem
-Tode.
-</p>
-
-<p>
-<a id="page-807" class="pagenum" title="807"></a>
-Ist das wahr? fragte er, dumpf erschrocken über die
-Unumstößlichkeit des Satzes.
-</p>
-
-<p>
-Das ist völlig wahr.
-</p>
-
-<p>
-Ich kann es nicht glauben.
-</p>
-
-<p>
-Hierauf kam keine Antwort.
-</p>
-
-<p>
-Georg wandte sich langsam um, mußte aber schnell die
-Lider zusammendrücken und die Stirn senken, geblendet
-von dem riesigen Feuerloch der Sonne im tiefen Himmel,
-aus dem die goldflammenden Garben mit einem göttlichen
-Ungestüm in alle Weiten schossen, und das Land brannte
-unter ihnen in Lohe. &mdash; Sie sinkt ja! schrie es in ihm, sie
-sinkt, und ich bin nicht fertig!
-</p>
-
-<p>
-Er suchte mit noch geblendeten Augen umher. Haidboden,
-schwärzlich, und Wacholder, klein, dunkel und ernst.
-&mdash; Soll es hier sein? jetzt? Soll ich versuchen?
-</p>
-
-<p>
-Plötzlich erschrak er. Und so war es, begann etwas zu
-reden, so war dennoch dies immer die Aufgabe und die
-Bestimmung: zu werden, der ich nun bin, Fürst in diesem
-Land. Aufgabe, die ich zwar vor mir nur sah wie ein
-prunkvolles Gefäß, mich zu stillen. Und was ich auch
-tat, ich mußte in sie hineinwachsen? Und damit ich wahrhaft
-wüchse, all dies? all diese Hiebe des Schicksals, dies
-fast nun sinnlos Scheinende, da es nun wieder aufgehoben
-wird und umsonst war im Sinne menschlicher Zwecke?
-Dennoch voll tiefsten Sinns? Und nun heut, da ich mich
-hingefochten hab durch mich selbst &mdash; nun auch das Siegel
-des Rechts, und ich darf der Sohn meines Vaters
-sein? Und dies heißt: von Gottes Gnaden?
-</p>
-
-<p>
-Oh, nein, nein, fort, es ist ja zu früh, viel zu früh! es
-muß ja noch &mdash; erledigt werden! Was? Bilder, ja, Bogners
-<a id="page-808" class="pagenum" title="808"></a>
-Bilder! Wie? Ja, wo bin ich denn? &mdash; Nein, sieh,
-das muß Bogners Haus sein!
-</p>
-
-<p>
-Wenige hundert Schritte weit südlich stand ein weißer
-mächtiger Rundbau mit schwärzlichem, flach geschrägtem
-Dach und flacher Laterne; breite Fenster unter dem Dachrand
-flammten glühend golden. Ein kleines weißes Haus
-davor schien mit dem Rundbau zusammenzuhängen.
-</p>
-
-<p>
-Plötzlich hatte er sich losgerissen und lief durch wagenradbreite
-Pfade zwischen dem Haidekraut die Anhöhe hinunter,
-sprang über einen Graben und gelangte über eine
-triefend nasse Wiese auf den Sandweg, der wenige Schritte
-zur Rechten vor der Tür jenes kleinen Hauses endete. Es
-war durch einen kurzen verdeckten Gang mit dem Rundbau
-verbunden.
-</p>
-
-<p>
-Eine Glocke schlug hellstimmig an, als Georg die Tür
-aufklinkte. Drin war ein dämmriger Gang mit geweißten
-Wänden und Türen, von dem rechts hinten eine Treppe
-abzweigte, und in einer der Türen erschien eine weibliche
-Gestalt, die ihn ansah: Cornelia Ring.
-</p>
-
-<h4 class="section">
-Cornelia
-</h4>
-
-<p class="first">
-Die dunklen, runden, klugen, gefaßten Augen. Das
-straff aus der Stirne gestrichene Haar. Die Stirn unter
-leisen Wellen von Kindlichkeit. Die Oberlippe. Die schmale
-und gefestigte Gestalt, die ihn wieder an die eines jungen
-Baumes mahnte. Georg war sehr erstaunt, beherrschte
-sich aber sonst.
-</p>
-
-<p>
-Sie kam zögernd näher, im Blick etwas Furchtsames,
-bis sie vor ihm stand; legte eine Hand auf seine linke
-<a id="page-809" class="pagenum" title="809"></a>
-Schulter und gegen die andre die Stirn. Unter ihr Gesicht
-blickend sah er, daß sie sich auf die Lippen biß, sich abmühend,
-zu sprechen, oder nicht zu weinen. &mdash; Da sie dies
-leicht tat, schien es ihm das Beste, sie täte es gleich.
-</p>
-
-<p>
-Er legte deshalb den Arm um sie und mußte lächeln,
-als er gleich darauf spürte, was ihr eigen war: daß von
-dem überströmten Gesicht ein warmer Dunst aufstieg, wie
-von einem Kinde, und sehr rein.
-</p>
-
-<p>
-Sie machte sich los, zog &mdash; oh die alte Bewegung! &mdash;
-ihr Taschentuch aus dem Gürtel, indem sie sich dehnte
-und die Schultern anhob, trocknete ihr Gesicht, nahm seine
-Hand und führte ihn still in ein sehr kleines Gemach mit
-Bett, Tisch und Schrank.
-</p>
-
-<p>
-&bdquo;Wohnst du hier?&ldquo; fragte er. Sie nickte. &bdquo;Lange
-schon?&ldquo;
-</p>
-
-<p>
-&bdquo;Eine Woche bald. Ich war in Altenrepen erst, aber
-da wagt ich nicht, zu dir zu kommen. Dann schrieb Bogner
-&mdash; ich hatte ihm geschrieben &mdash;, ob ich nicht herüberkommen
-wollte, ihn besuchen, und es läge bei ihm alles
-drunter und drüber, &mdash; Gott, ihn hab ich ja auch im Stich
-gelassen, er hatte nun eine Haushälterin, aber die ging
-plötzlich, und so viel Ärger. So kam ich her. Von Magda
-hörte ich dann, du kamst heute, und bat sie, dir nichts zu
-sagen. Da hab ich gewartet.&ldquo;
-</p>
-
-<p>
-&bdquo;Ich kam spät&ldquo;, sagte Georg. &bdquo;Ja &mdash; und weshalb
-bist du nun hier?&ldquo;
-</p>
-
-<p>
-Sie zuckte die Achseln. &bdquo;Ich konnte nicht. Er ist zu
-krank. Ich hielt es nicht aus. Aber auch ohne das, Georg!
-Ich komme doch nicht los von dir.&ldquo;
-</p>
-
-<p>
-Georg lächelte innerlich, &mdash; sie war immer sehr einfach
-<a id="page-810" class="pagenum" title="810"></a>
-in Haltung und Erklärungen. Dabei sah er sie mit einem
-Ausdruck an, der ihr langsam sagte, daß er sie nicht liebe wie
-sie ihn und daß sie das wisse. Sie senkte den Kopf und
-legte wieder die Hand auf seine Schulter. Nach Sekunden
-sagte sie:
-</p>
-
-<p>
-&bdquo;Laß mich dir wieder dienen wie vorher, und ich werde
-dir dankbar sein.&ldquo;
-</p>
-
-<p>
-Georg begriff dieses stark. Lieben können genügt, dachte
-er, indem er sie an sich zog und sagte:
-</p>
-
-<p>
-&bdquo;Du kannst im Schlößchen wohnen. Es wird gut werden.
-Ich habe leider sehr wenig Zeit. Das Beste wäre
-vielleicht, daß wir heiraten. Ich habe keine Vorliebe für
-Unoffenes. Du sollst kommen und gehen dürfen.&ldquo;
-</p>
-
-<p>
-Sie hatte bereite das Gesicht erhoben und Widerstand
-gezeigt.
-</p>
-
-<p>
-&bdquo;Nein, bitte, Georg, das nicht! Dazu wäre ich gar
-nicht geeignet. Dazu hätte ich &mdash;&ldquo;
-</p>
-
-<p>
-&bdquo;Der Mensch ist zu allem geeignet.&ldquo;
-</p>
-
-<p>
-&bdquo;Aber ich kann doch nicht, Georg! Ich würde ganz
-unglücklich sein!&ldquo;
-</p>
-
-<p>
-&bdquo;Ja, so wie Benno. Sei überzeugt: du wirst es auf
-irgendeine Weise. Möchtest du nicht Kinder haben?&ldquo;
-</p>
-
-<p>
-&bdquo;Gar nicht! Vor fünf Jahren &mdash;, ja, da wär ich gestorben
-für ein Kind. Aber nun ist das &mdash;&ldquo;
-</p>
-
-<p>
-&bdquo;Hab erst mal eins! Auch das Naturgesetz duldet keine
-Unterschlagungen. Aber das hat alles Zeit, überlegt zu
-werden. Wir können jede Methode versuchen. Wenn ich
-nicht so wenig Zeit hätte ...&ldquo;
-</p>
-
-<p>
-Überdem merkte er, daß er in Dinge hineingeriet, die
-ihn nach unten zogen; daß er bei all diesem übrigens nur
-<a id="page-811" class="pagenum" title="811"></a>
-halb mit Bewußtsein teilnahm, und er machte sich los
-von ihr und trat an das Fenster, während ihm der Tote
-erschien, jetzt etwas in Händen, das er ihm aufdrängen
-wollte, und plötzlich Renate in ihrem violetten Kleid.
-</p>
-
-<p>
-Warum tu ich jetzt dieses? diese Pläne warum? Abzuschließen
-mit meinem Herzen. &mdash; Und vielleicht: um irgend
-etwas zu geben. &mdash; Plötzlich, auf einer Wagschale
-stehend, fuhr die Gestalt Renates sichtbar und mit so triumphierendem
-Schwunge nach unten, daß er die Augen erstaunt
-senkte.
-</p>
-
-<p>
-Wie? mußte er fragen, ist Cornelia so viel leichter?
-Freilich war die Andre beschwert mit einer Last von Kleinoden,
-die ihm ins Auge brannten, da er sie bedachte,
-und diese hier war ganz schlicht.
-</p>
-
-<p>
-Er trat wieder zu ihr, legte eine Hand auf ihre Stirn,
-sanft sie nach hinten drückend, küßte sie behutsam und
-sagte voll Liebe:
-</p>
-
-<p>
-&bdquo;Cornelia Ring! Das bist du. Ein schöner echter Ring;
-mit einem schönen, echten Stein. Und nun sollst du dich
-um mein Dasein schließen, willst du?&ldquo;
-</p>
-
-<p>
-Er duldete es eine Weile, daß sie ihn mit Leidenschaft
-in die Arme schloß, befreite sich dann, nickte ihr zu und
-bat sie, ihn zu Bogner zu bringen. &bdquo;Ist er allein?&ldquo;
-</p>
-
-<p>
-&bdquo;Renate ist da, und ein Herr, ich glaube, ihr Vetter,
-und Jason. Aber der kam schon mit mir.&ldquo;
-</p>
-
-<p>
-&bdquo;So. Renate. Ja &mdash; willst du mich nun &mdash;&ldquo;
-</p>
-
-<p>
-&bdquo;Ich glaube, sie sind jetzt oben. Ich bring dich ins
-Atelier!&ldquo; sagte sie und ging voran. Am Ende des Flurs
-öffnete sie die Tür zu einem Gang, zu dessen Seiten die
-Wände der Boxen Georg erinnerten, daß dies ursprünglich
-<a id="page-812" class="pagenum" title="812"></a>
-ein Reitstall war. Die Boxen standen vollgepfropft
-mit aufgespannten Leinwanden und Zeichenbogen, aber
-über den oberen Rand der letzten rechts erhob sich, sich
-herwendend, der große braune und schwarze Kopf eines
-Rosses mit einem klugen, anscheinend fragenden Auge.
-</p>
-
-<p>
-&bdquo;Lieber Gott,&ldquo; sagte Georg, &bdquo;das ist Unkas!&ldquo;
-</p>
-
-<p>
-&bdquo;Wußtest du denn nicht, daß er hier ist?&ldquo;
-</p>
-
-<p>
-&bdquo;Doch, doch, natürlich, da ich ihn Bogner schenkte, der
-reiten wollte. Er wurde zu alt für mich und schwerfällig;
-Bogner wünscht nur mäßige Bewegung.&ldquo;
-</p>
-
-<p>
-Georg war schon zu dem alten Genoß in den Stand
-getreten, klopfte ihm liebevoll Hals, Bauch und die
-Nüstern, das Pferd schnoberte zärtlich, scheuerte sich an
-seiner Schulter und bohrte das Maul nach seiner Manteltasche,
-aber er mußte sich losmachen, fühlend, wie er übermannt
-werden würde. Das alte Pferd hatte ihn nicht
-vergessen, es tat seinen Dienst, wie es gewohnt war, hier
-wie bei ihm; keiner wußte, ob es litt in der Fremde,
-aber anscheinend wars nicht der Fall. Es atmete laut,
-plötzlich trat es zurück, daß der Halfter sich spannte, warf
-den Kopf hoch, zerrte und schien sehr ratlos. Schließlich
-feuerte es nach hinten aus, daß die getroffene Holzwand
-dröhnte.
-</p>
-
-<p>
-Georg wandte sich ab, und überdem wurde eine Tür
-geöffnet, Bogner streckte den Kopf hervor, griff nach Georgs
-Hand und zog ihn in den Raum.
-</p>
-
-<p>
-Was aber hier mit ihm vorging, war ihm nicht mehr
-bewußt; ein Andrer tat es für ihn, sein Inneres füllte ein
-gestaltlos sausender Regen, sonst nichts. Er stand lange
-vor Bildern, sprach, sah Bogner, sah Renate und den
-<a id="page-813" class="pagenum" title="813"></a>
-Erasmus, auch Jason, sprach auch mit ihm. Endlich hielt
-er einen Türgriff in der Hand, den er deutlich erkannte.
-</p>
-
-<p>
-Und nun wurde der ganze große und lichte Raum deutlich
-vor ihm, und jetzt, in einer blendenden Helle, sah er
-in einiger Entfernung sich gegenüber die drei Gestalten
-Bogners, Jasons und Renates in der Mitte, die ihm alle
-Drei nachblickten. Wunderbare Erscheinungen! zog es
-durch ihn; dann hielten Renates Augen ihn fest. Was
-für ein Ausdruck? Wollte sie etwas von ihm? Bewegte
-sie sich? &mdash; Und während sein Wesen sich krampfhaft zusammenzog,
-drehte er sich langsam um und ging im Taumel
-hinaus.
-</p>
-
-<p>
-&bdquo;Was ist dir?&ldquo; hörte er eine Stimme und sah sich im
-Freien. Hier war es dämmrig. Er mußte sich abwenden
-von Cornelia, und in einem Feuerstrom von gewaltsamen
-Ahnungen sah er Renate stehn, verlockend wie eh und je,
-und in einem Hauch von Bewegung nach ihm hin, ihn
-anzurühren, ihn mitzuziehn in eine Ewigkeit neuer Anfänge,
-neuer Schmerzen, neuer Versuche, neuen Schicksals,
-eine Unendlichkeit des Lebens von vorn zu beginnen.
-</p>
-
-<p>
-Dies erlosch. Ihm war kalt. &mdash; Sie wird jetzt kommen,
-wußte er plötzlich. Dorthin, wo ich warte. Es war
-alles ein Irrtum. Alles gilt nicht. Ich werde warten.
-So wird es geschehn.
-</p>
-
-<h4 class="section">
-Die Blume
-</h4>
-
-<p class="first">
-Im Vorwärtsschreiten fühlte Georg sich zu Eis geronnen
-vom Kopf zu den Füßen. Übergroß schwebte sein
-Haupt in einer maßlosen Betäubtheit. Dann brauste
-<a id="page-814" class="pagenum" title="814"></a>
-alles, und er bewegte sich in Strömen von Leidenschaft.
-&mdash; Mich hat sie geliebt! mich, mich, immer mich! sang er.
-Sie hat es nicht gewußt, sie ist die selige Unschuld, aber
-nun hat sie es erkannt, an einer Bewegung, einem Nichts,
-an meinem Ohr ... Sie kommt, ich werde warten!
-</p>
-
-<p>
-Dann stürzte es ihn haushoch hinunter. Und wenn es
-doch Einbildung war, was er gesehn hatte? Bloße Einbildung?
-Diese Bewegung zu ihm? Weshalb denn dies
-Unmaß von Angst und Schwindel und Ahnung? Nein,
-er hatte recht gesehn! Alles war ein Irrtum gewesen, ein
-Irrtum, ein Irrtum! das ganze Leben, alle Leiden, alles
-was je war, &mdash; aber dies war Wahrheit, dies, seine Liebe,
-ihre Liebe, die allmächtigen Toren, die sich im letzten aller
-Augenblicke erkannten und weise wurden. Und er stand
-überm Land wie ein Turm; die Glocke seines Herzens
-schwang wie ein großer Adler und schrie: Ewig! Ewig!
-</p>
-
-<p>
-Und das war es, das, was ihn hergeführt hatte: sie
-sollte er hier finden, deshalb hatte Bogner ihn mittags
-gebeten, deshalb hat es ihn hergetrieben, zu ihr, zu ihr,
-die alles lösen würde, alles, all seine Not, alle Schuld,
-alles!
-</p>
-
-<p>
-Und nun erst begann das Leben! alles begann von
-vorn. &mdash;
-</p>
-
-<p>
-Überdem ward ihm bewußt, daß er eine Anhöhe erstiegen
-hatte, und er erkannte sie als jene, die er vor kaum
-einer Stunde verließ. Nur war die Erde jetzt mit ihrem
-Schatten bedeckt, und die Dämmerung sank eilig. Über
-die dunklere Ebene hinweg sah er Farben des Himmels
-im West, goldene Streifen zwischen violetten Wolkenbänken,
-das regnende Fallen rötlicher Dünste, dazwischen
-<a id="page-815" class="pagenum" title="815"></a>
-Ausblicke auf unendlich ferne grüne Halden, die verhauchten.
-Darüber bebte das weißliche Gold wie Inneres von
-Äpfeln im Kühlen, &mdash; und noch höher ein tiefes Blau, gespannt
-wie ein Tuch, dehnte sich mählich verblassend über
-den ganzen Himmel aus, der so rein war wie eine Seele.
-&mdash; Ach, die Hand zu tauchen in die Farben Gottes und
-ein unsterbliches Bildnis des Lebens zu malen! War es
-unmöglich?
-</p>
-
-<p>
-Die Wacholder warfen keine Schatten mehr, &mdash; Schatten
-selber gleichend, die aufrecht gestellt waren. Ihn fröstelte.
-Wird sie mich finden? Ich muß stehn bleiben, wie
-soll sie mich sehen? &mdash; Er wagte nicht, sich zum Hause
-zurückzudrehn. Nun Geduld! mahnte er sich, Geduld!
-Sie ist unterwegs, aber sie hat Zeit. Sie läßt sich Zeit,
-Renate läßt sich Zeit ...
-</p>
-
-<p>
-Da ihm wieder die Brust schwellen wollte von Ängsten
-und Ungeduld, beschloß er, an andres zu denken, sich zu
-sammeln, sich abzulenken, &mdash; aber mit was? Was galt
-denn in dieser Stunde? &mdash; Bogners Bilder, ja, Bogner!
-Bogner galt. &sbquo;Nichts ist der Mensch, doch das Werk,
-Götter vollbrachtens durch ihn.&lsquo; Was für ein Spruch?
-&mdash; Er irrte mit Augen am Himmelsbogen, irgend etwas
-zu fassen. Da hing im Klaviersaal Bogners Bild ...
-Judith hieß sie ... das war lange her ... Damals lernte
-ich ihn kennen ... Georg dachte krampfhaft weiter. Welch
-ein Leben! Damals zur Ruhe gekommen nach schweren
-Stürmen. Nun wieder. Das letzte Mal? Damals schon
-mir so groß, wie war er nun erst gewachsen, ausgebreitet,
-beladen mit diesen heroischen Früchten! Heroische Früchte,
-ja, heroische Früchte ...
-</p>
-
-<p>
-<a id="page-816" class="pagenum" title="816"></a>
-Aber weiter, weiter! was jetzt? Etwas denken! Etwas
-Wirkliches! Wirklichkeit ... Was ist wirklich? Wirklich
-ist nicht, was geschieht, sondern &mdash; &mdash; was? was? &mdash; &mdash;
-nicht, was geschieht, sondern &mdash; was der Geist aus dem
-Geschehenden macht. Wie Bogners Bilder. &mdash; Er fügte
-die Stücke des Satzes zusammen, &mdash; ja, sie paßten.
-</p>
-
-<p>
-Erzitterte vor Aufregung. Da! rauschten da Schritte?
-Jetzt? Jetzt?
-</p>
-
-<p>
-Da regte sich in ihm das gewaltsam Hinabgedrückte,
-Verbotne; aber er konnte ein wenig nachgeben und sich
-fragen: Warum, ja warum nur erfuhr ich dies heut erst
-von Magda? Warum diese Frist von neun Monaten? In
-neun Monaten wächst ein Keim sich zum Kind aus, &mdash;
-darum? &mdash; Ach nein, antwortete er sich selbst und lächelte
-dabei: Hätte ich es schon damals erfahren, so hätte ich es
-ja nicht überlebt. &mdash; &mdash;
-</p>
-
-<p>
-Ja, und nun &mdash; was nun? &mdash; Hier ging es nicht weiter,
-und um ihn blieb alles still.
-</p>
-
-<p>
-Orpheus! dachte er gequält, Orpheus! Warum Orpheus?
-Ach, sich nicht umzusehn, das war jetzt die Aufgabe!
-Geduld! Oh nur Geduld!
-</p>
-
-<p>
-Nichts ... Stille ...
-</p>
-
-<p>
-In diesem Augenblick, wo er nahe daran war, alles
-hinzuschütten und sich umzudrehn, fand er seine Augen
-angezogen von etwas zu seinen Füßen.
-</p>
-
-<p>
-Dort war &mdash; seine Füße standen im Haidekraut &mdash; eine
-kleine kahle Stelle darin, weißlich von Sand, rund, wie
-eine Tonsur, nicht größer als ein Wagenrad. Mitten
-darein hatte sich eine gelbe Sternblume gestellt, wie sie
-sonst im Frühherbst in dieser Gegend zu erscheinen pflegten;
-<a id="page-817" class="pagenum" title="817"></a>
-eine sehr kleine Sonnenblume schien sie, nur statt mit
-schwarzer mit gelber Mitte, ein vollkommenes Abbild der
-Sonne; stand da, ein kleiner Irrtum der Natur, aber nun
-entschlossen, ihn aufrechtzuerhalten. &mdash; Georg atmete auf
-und lächelte.
-</p>
-
-<p>
-Überdem, da er fortfuhr, die kleine Freundin zu betrachten,
-die sich da stillschweigend zu ihm gesellt hatte,
-wurde alles um ihn fortgenommen, so daß er nur noch die
-Blume sah. Dastehn sah er sie, auf ihrem dünnen, mattgrünen
-Stengel; sah ihn, wie er in Abständen kleine
-Zweige abteilte, die gefiedert waren; und sah oben auf
-leiser Biegung des Stiels das kleine gelbe Antlitz sich wiegen,
-in der Dämmrung sternhell, in einer unschuldigen
-und demütigen Haltung, &mdash; und Georg konnte im kleinen
-Umkreis um sie her den feinen Odem ihres Wesens und
-Daseins spüren, den sie ausatmete.
-</p>
-
-<p>
-Wie aber ward alles anders mit einem Mal? War es
-keine Blume mehr? War es nur eine kleine grüne Seelengestalt,
-die hier mit sich allein war in der Windstille?
-Warum hier? Und sehr allein, da sie nirgend hingehn
-konnte, zu keinem Wesen der Freundschaft, nachbarlos,
-wie sie beschaffen war. Aber wieder, je länger er hinsah,
-um so mehr ward sie Blume vor seinen Augen, und er
-konnte wiederum Neues erkennen: daß sie von allen Seiten
-gemacht war, ein lebendiges Wesen, das doch kein
-Hinten hatte noch Vorn, sondern nach überallhin war wie
-das Licht.
-</p>
-
-<p>
-Und wie er jetzt &mdash; erzitternd &mdash; sie erfüllt fand von
-einem inneren Frohsein, so sanftgeneigt, so in sich
-blickend; und daß sie ihm alles zeigte, was sie zu eigen
-<a id="page-818" class="pagenum" title="818"></a>
-hatte, ihr Nichtbemühn, ihre Unbedürftigkeit, ihr Wissen
-um jedes, was not war, &mdash; da dachte er in einer rieselnden
-Bestürztheit noch: Sie ist gekommen &mdash; und nicht
-Renate &mdash; &mdash;
-</p>
-
-<p>
-Und kniete hin. Über die zarte Erscheinung geneigt,
-zerschmolz ihm an Wesen und Dasein die letzte Schranke;
-ging er, wie eine Flamme so leicht, ein in die letzte Stille
-und war selber nur noch ein kleines Gewölk von Seele
-vor dem kleinen Sonnenantlitz der Blüte.
-</p>
-
-<p>
-Georg legte das Gesicht in die Hände und weinte.
-</p>
-
-<p>
-Er erwachte, liegend am Boden, aus seinen Tränen,
-gelöst, heilig froh und gestillt in allen Tiefen.
-</p>
-
-<p>
-Heilig, heilig, ihr Tränen! sang eine neue Stimme.
-Die ihr euch im Kelch einer Pflanze gesammelt habt als
-reinlicher Tau, ihr seid heilig. Heilig, du ewige Pflanze!
-Unschuldige, aus dir leuchtete mir die letzte Unschuld der
-Natur; meine eigene Unschuld leuchtete mir entgegen.
-Ich habe gesündigt in meiner Verstricktheit, ich, der ich
-Füße empfing, zu gehn, Hände, um zu fassen, und ein
-Herz, um Gutes und Böses zu sinnen. Aber ich, der wie
-du aus dem unergründlichen Schoße stieg, ich habe dennoch
-teil an dir und an deiner Unschuldigkeit. Sieh, ich
-halte dich in der Hand, o du magischer Schlüssel, und die
-Riegel aller noch verschlossenen Erkenntnisse springen
-freudig auf und lassen die gefangenen Genien heraus in
-das nährende Licht. Vater, o Väterlichkeit! Oh sei mir
-väterlich, Welt, und ich will dir dienen!
-</p>
-
-<p>
-An den Ostrand des Himmels schien dem Liegenden
-sein Haupt, an den Westrand schienen ihm seine Füße zu
-stoßen, &mdash; so lag er auf dem dunklen Rücken der Erde.
-<a id="page-819" class="pagenum" title="819"></a>
-Im Lüfteraum glitten Fanfaren. Aus Tiefen der See
-brach ein ferner, dunkler Chorgesang auf:
-</p>
-
-<div class="gesperrt">
- <div class="poem-container">
- <div class="poem">
- <div class="stanza">
- <p class="verse">Aufgenommen, eingekehrt,</p>
- <p class="verse">Durchgeprüft und tief belehrt.</p>
- <p class="verse">Sohn und Sünder, Knecht und Held,</p>
- <p class="verse">Aufgenommen in die Welt.</p>
- <p class="verse">Nun behoben ist der Fluch,</p>
- <p class="verse">Kräftig zeigt sich jetzt der Spruch:</p>
- </div>
- <div class="stanza">
- <p class="verse2">In Nachtgewalten &mdash;</p>
- <p class="verse2">In Taggewittern &mdash;</p>
- <p class="verse2">Sich süß erhalten &mdash;</p>
- <p class="verse2">Sich nicht verbittern!</p>
- </div>
- </div>
- </div>
-</div>
-
-<p>
-Georg erhob sich. Es war nun fast dunkel geworden,
-aber der westliche Himmel leuchtete noch mit ganzer Reinheit.
-Als er sich umwandte, erschreckte ihn eine nahe, helle
-Gestalt, die noch Licht seltsam abzugeben schien und ohne
-Bewegung dort stand wie schon seit langem. Mit Überraschung
-und linder Freude erkannte er Cornelia und rief
-leise ihren Namen. Sie kam mit leicht rauschenden Schritten,
-als ob sie über Wasser ginge, durch die Stille; er
-konnte den besorgten Blick ihrer Augen erkennen und sagte,
-ihre Hand ergreifend:
-</p>
-
-<p>
-&bdquo;Du hast gewartet?&ldquo; &mdash; Sie nickte.
-</p>
-
-<p>
-&bdquo;So will ich dir sagen, was mir widerfahren ist&ldquo;,
-sprach er sanft und geruhigte sein Wesen tiefer, seinen Arm
-in den ihren schiebend, an ihrer Nähe und am Anschaun
-des Himmels.
-</p>
-
-<p>
-&bdquo;Einer wuchs auf, wie Alle, und fühlte sich richtig in
-<a id="page-820" class="pagenum" title="820"></a>
-seiner Welt. Einer erfuhr, daß er falsch war. Einer verzweifelte
-an sich, wollte nicht zweifeln und tat alles verkehrt.
-Einer erfuhr danach, daß er recht war. Da sah
-er, daß tausend Falsches zusammen gemacht hatten ein
-einziges Echtes. Ihm geschah wie Allen. Meinst du aber,
-ich rede von Bogner?&ldquo; Georg lächelte. &bdquo;Nein, ich rede
-&mdash; wie Alle &mdash; von mir.&ldquo;
-</p>
-
-<p>
-Er schwieg. &mdash; Sich umsehend nun, gewahrte er, an
-welch verlorener Stelle er hier in der Ebene stand, nicht
-weiter erhöht, als um einen Überblick zu haben. Unsichtbar,
-unhörbar im Nord lagerte die See; im Osten rauchte
-die Nacht. &mdash; Er sah heimlich von der Seite Cornelias
-Profil und erkannte mit Rührung in seiner zarten Linie
-die Linie der Sternblume wieder; ja im Blick dieses dunklen
-Auges den süßen Blick der Natur: nach überallhin
-wie das Licht. &mdash;
-</p>
-
-<p>
-&bdquo;Sieh,&ldquo; sagte sie, die Hand erhebend, &bdquo;ein schöner
-Stern!&ldquo;
-</p>
-
-<p>
-Er sah ihn, nicht hoch am Himmel im Nord, der noch
-hell war dahinter. Sah dann einen zweiten, höher, entfernt
-zur Rechten; und einen dritten, wieder tiefer, weit
-rechts; alle Drei zusammen einsam, funkelnd im lichten
-Blau. Ihm fiel etwas ein dabei, und er sagte, auf die
-Sterne weisend:
-</p>
-
-<p>
-&bdquo;Weißt du, woran die Drei dort mich erinnern? An
-Bogner und Jason und Renate, wie sie vorhin zusammen
-standen. Hast du&rsquo;s gesehn?&ldquo;
-</p>
-
-<p>
-Sie nickte. Eine Weile noch blieben sie schweigsam stehn.
-Dann, als Georg schon zum Gehen bereit war, hörte er
-sie halblaut sagen:
-</p>
-
-<p>
-<a id="page-821" class="pagenum" title="821"></a>
-&bdquo;Ja &mdash; die Drei. &mdash; Und sieh, was ich eben dachte:
-Bogners Kraft, und die Schönheit Renates, &mdash; und Jasons
-Vernunft &mdash;, diese Drei sind ...&ldquo;
-</p>
-
-<p>
-&bdquo;Sind?&ldquo; fragte Georg ruhig.
-</p>
-
-<p>
-Sie beschloß:
-</p>
-
-<p class="center">
-<em>Unwandelbar.</em>
-</p>
-
-<p class="end">
-Hier enden des letzten Buches neun Kapitel oder doppelt
-so viele Stunden.
-</p>
-
-<div class="chapter">
-
-<h2 class="toc" id="chapter-0-4">
-<a id="page-823" class="pagenum" title="823"></a>
-Inhalt
-</h2>
-
-</div>
-
-<div class="table">
-<table class="toc" summary="TOC">
-<tbody>
- <tr class="p">
- <td class="col1" colspan="2">Siebentes Buch</td>
- </tr>
- <tr class="c">
- <td class="col1" colspan="2">Erstes Kapitel</td>
- </tr>
- <tr>
- <td class="col1">Firmament</td>
- <td class="col_page"><a href="#page-7">7</a></td>
- </tr>
- <tr>
- <td class="col1">Sternwarte</td>
- <td class="col_page"><a href="#page-12">12</a></td>
- </tr>
- <tr>
- <td class="col1">Traum</td>
- <td class="col_page"><a href="#page-30">30</a></td>
- </tr>
- <tr class="c">
- <td class="col1" colspan="2">Zweites Kapitel</td>
- </tr>
- <tr>
- <td class="col1">Frühstück</td>
- <td class="col_page"><a href="#page-34">34</a></td>
- </tr>
- <tr>
- <td class="col1">Verkleidung I</td>
- <td class="col_page"><a href="#page-39">39</a></td>
- </tr>
- <tr>
- <td class="col1">Verkleidung II</td>
- <td class="col_page"><a href="#page-45">45</a></td>
- </tr>
- <tr>
- <td class="col1">Fahrt</td>
- <td class="col_page"><a href="#page-49">49</a></td>
- </tr>
- <tr>
- <td class="col1">Mummenschanz</td>
- <td class="col_page"><a href="#page-53">53</a></td>
- </tr>
- <tr>
- <td class="col1">Ritt</td>
- <td class="col_page"><a href="#page-58">58</a></td>
- </tr>
- <tr>
- <td class="col1">Ausschau</td>
- <td class="col_page"><a href="#page-65">65</a></td>
- </tr>
- <tr>
- <td class="col1">Traumspiel</td>
- <td class="col_page"><a href="#page-70">70</a></td>
- </tr>
- <tr class="c">
- <td class="col1" colspan="2">Drittes Kapitel</td>
- </tr>
- <tr>
- <td class="col1">Theater</td>
- <td class="col_page"><a href="#page-77">77</a></td>
- </tr>
- <tr>
- <td class="col1">Zelt</td>
- <td class="col_page"><a href="#page-85">85</a></td>
- </tr>
- <tr>
- <td class="col1">Im Wagen</td>
- <td class="col_page"><a href="#page-89">89</a></td>
- </tr>
- <tr>
- <td class="col1">Festzug</td>
- <td class="col_page"><a href="#page-95">95</a></td>
- </tr>
- <tr class="c">
- <td class="col1" colspan="2">Viertes Kapitel</td>
- </tr>
- <tr>
- <td class="col1">Getümmel</td>
- <td class="col_page"><a href="#page-109">109</a></td>
- </tr>
- <tr>
- <td class="col1">Verspätung</td>
- <td class="col_page"><a href="#page-117">117</a></td>
- </tr>
- <tr>
- <td class="col1">Heimkehr</td>
- <td class="col_page"><a href="#page-121">121</a></td>
- </tr>
- <tr class="c">
- <td class="col1" colspan="2">Fünftes Kapitel</td>
- </tr>
- <tr>
- <td class="col1">Heimkehr (die andre)</td>
- <td class="col_page"><a href="#page-128">128</a></td>
- </tr>
- <tr>
- <td class="col1">Veranda</td>
- <td class="col_page"><a href="#page-132">132</a></td>
- </tr>
- <tr class="c">
- <td class="col1" colspan="2">Sechstes Kapitel</td>
- </tr>
- <tr>
- <td class="col1">Garten</td>
- <td class="col_page"><a href="#page-142">142</a></td>
- </tr>
- <tr>
- <td class="col1">Kapelle</td>
- <td class="col_page"><a href="#page-154">154</a></td>
- </tr>
- <tr>
- <td class="col1">Lindenallee</td>
- <td class="col_page"><a href="#page-159">159</a></td>
- </tr>
- <tr class="c">
- <td class="col1" colspan="2"><a id="page-824" class="pagenum" title="824"></a>Siebentes Kapitel</td>
- </tr>
- <tr>
- <td class="col1">Garten</td>
- <td class="col_page"><a href="#page-171">171</a></td>
- </tr>
- <tr>
- <td class="col1">Haus</td>
- <td class="col_page"><a href="#page-180">180</a></td>
- </tr>
- <tr class="c">
- <td class="col1" colspan="2">Achtes Kapitel</td>
- </tr>
- <tr>
- <td class="col1">Masken</td>
- <td class="col_page"><a href="#page-192">192</a></td>
- </tr>
- <tr>
- <td class="col1">Tempel</td>
- <td class="col_page"><a href="#page-200">200</a></td>
- </tr>
- <tr class="c">
- <td class="col1" colspan="2">Neuntes Kapitel</td>
- </tr>
- <tr>
- <td class="col1">Zimmer</td>
- <td class="col_page"><a href="#page-208">208</a></td>
- </tr>
- <tr>
- <td class="col1">Wehr</td>
- <td class="col_page"><a href="#page-212">212</a></td>
- </tr>
- <tr>
- <td class="col1">Treppenhaus</td>
- <td class="col_page"><a href="#page-221">221</a></td>
- </tr>
- <tr>
- <td class="col1">Hörsaal</td>
- <td class="col_page"><a href="#page-224">224</a></td>
- </tr>
- <tr>
- <td class="col1">Schlafzimmer</td>
- <td class="col_page"><a href="#page-231">231</a></td>
- </tr>
- <tr>
- <td class="col1">Schlafzimmer (das andre)</td>
- <td class="col_page"><a href="#page-234">234</a></td>
- </tr>
- <tr>
- <td class="col1">Sterne</td>
- <td class="col_page"><a href="#page-242">242</a></td>
- </tr>
- <tr class="p">
- <td class="col1" colspan="2">Achtes Buch</td>
- </tr>
- <tr class="c">
- <td class="col1" colspan="2">Erstes Kapitel: <em>August</em></td>
- </tr>
- <tr>
- <td class="col1">Renate an Magda</td>
- <td class="col_page"><a href="#page-249">249</a></td>
- </tr>
- <tr>
- <td class="col1">Renate an Magda</td>
- <td class="col_page"><a href="#page-250">250</a></td>
- </tr>
- <tr>
- <td class="col1">Aus Renates Gedächtnisbuch</td>
- <td class="col_page"><a href="#page-252">252</a></td>
- </tr>
- <tr>
- <td class="col1">Cornelia Ring an Renate</td>
- <td class="col_page"><a href="#page-266">266</a></td>
- </tr>
- <tr>
- <td class="col1">Renate an Cornelia Ring</td>
- <td class="col_page"><a href="#page-267">267</a></td>
- </tr>
- <tr>
- <td class="col1">Irene an Renate</td>
- <td class="col_page"><a href="#page-268">268</a></td>
- </tr>
- <tr>
- <td class="col1">Renate an Irene</td>
- <td class="col_page"><a href="#page-271">271</a></td>
- </tr>
- <tr>
- <td class="col1">Aus Renates Buch</td>
- <td class="col_page"><a href="#page-273">273</a></td>
- </tr>
- <tr>
- <td class="col1">Cornelia Ring an Renate</td>
- <td class="col_page"><a href="#page-287">287</a></td>
- </tr>
- <tr class="c">
- <td class="col1" colspan="2">Zweites Kapitel: <em>September</em></td>
- </tr>
- <tr>
- <td class="col1">Georg an seinen Vater</td>
- <td class="col_page"><a href="#page-290">290</a></td>
- </tr>
- <tr>
- <td class="col1">Magda an Dr. Birnbaum</td>
- <td class="col_page"><a href="#page-319">319</a></td>
- </tr>
- <tr>
- <td class="col1">Dr. Birnbaum an Magda</td>
- <td class="col_page"><a href="#page-321">321</a></td>
- </tr>
- <tr>
- <td class="col1">Renate an Dr. Birnbaum</td>
- <td class="col_page"><a href="#page-324">324</a></td>
- </tr>
- <tr>
- <td class="col1">Georg an Magda</td>
- <td class="col_page"><a href="#page-325">325</a></td>
- </tr>
- <tr>
- <td class="col1">Von Georgs Hand geschrieben</td>
- <td class="col_page"><a href="#page-326">326</a></td>
- </tr>
- <tr class="c">
- <td class="col1" colspan="2"><a id="page-825" class="pagenum" title="825"></a>Drittes Kapitel: <em>Oktober</em></td>
- </tr>
- <tr>
- <td class="col1">Insel</td>
- <td class="col_page"><a href="#page-354">354</a></td>
- </tr>
- <tr>
- <td class="col1">Aus den Papieren Georgs</td>
- <td class="col_page"><a href="#page-364">364</a></td>
- </tr>
- <tr>
- <td class="col1">Renate an Saint-Georges</td>
- <td class="col_page"><a href="#page-371">371</a></td>
- </tr>
- <tr>
- <td class="col1">Renate an Irene</td>
- <td class="col_page"><a href="#page-376">376</a></td>
- </tr>
- <tr>
- <td class="col1">Renate an Saint-Georges</td>
- <td class="col_page"><a href="#page-377">377</a></td>
- </tr>
- <tr>
- <td class="col1">Saint-Georges an Renate</td>
- <td class="col_page"><a href="#page-381">381</a></td>
- </tr>
- <tr class="c">
- <td class="col1" colspan="2">Viertes Kapitel: <em>November</em></td>
- </tr>
- <tr>
- <td class="col1">Cornelia Ring an Magda</td>
- <td class="col_page"><a href="#page-383">383</a></td>
- </tr>
- <tr>
- <td class="col1">Georg an Benno</td>
- <td class="col_page"><a href="#page-386">386</a></td>
- </tr>
- <tr>
- <td class="col1">Aus den Papieren Georgs</td>
- <td class="col_page"><a href="#page-393">393</a></td>
- </tr>
- <tr class="c">
- <td class="col1" colspan="2">Fünftes Kapitel: <em>Dezember</em></td>
- </tr>
- <tr>
- <td class="col1">Aus Georgs Papieren</td>
- <td class="col_page"><a href="#page-420">420</a></td>
- </tr>
- <tr>
- <td class="col1">Georg an Benno</td>
- <td class="col_page"><a href="#page-438">438</a></td>
- </tr>
- <tr>
- <td class="col1">Georg an Magda</td>
- <td class="col_page"><a href="#page-451">451</a></td>
- </tr>
- <tr>
- <td class="col1">Georg an Bogner</td>
- <td class="col_page"><a href="#page-455">455</a></td>
- </tr>
- <tr class="c">
- <td class="col1" colspan="2">Sechstes Kapitel: <em>Januar</em></td>
- </tr>
- <tr>
- <td class="col1">Cornelia an Georg</td>
- <td class="col_page"><a href="#page-456">456</a></td>
- </tr>
- <tr>
- <td class="col1">Georg an Magda</td>
- <td class="col_page"><a href="#page-456">456</a></td>
- </tr>
- <tr>
- <td class="col1">Georg an Benno</td>
- <td class="col_page"><a href="#page-458">458</a></td>
- </tr>
- <tr>
- <td class="col1">Hallig Hooge</td>
- <td class="col_page"><a href="#page-462">462</a></td>
- </tr>
- <tr class="c">
- <td class="col1" colspan="2">Siebentes Kapitel: <em>Februar</em></td>
- </tr>
- <tr>
- <td class="col1">Bogner an Georg</td>
- <td class="col_page"><a href="#page-494">494</a></td>
- </tr>
- <tr>
- <td class="col1">Magda an Georg</td>
- <td class="col_page"><a href="#page-495">495</a></td>
- </tr>
- <tr>
- <td class="col1">Georg an Magda</td>
- <td class="col_page"><a href="#page-499">499</a></td>
- </tr>
- <tr class="c">
- <td class="col1" colspan="2">Achtes Kapitel: <em>März</em></td>
- </tr>
- <tr>
- <td class="col1">Aus Renates Gedächtnisbuch</td>
- <td class="col_page"><a href="#page-505">505</a></td>
- </tr>
- <tr>
- <td class="col1">Georg an Magda</td>
- <td class="col_page"><a href="#page-512">512</a></td>
- </tr>
- <tr>
- <td class="col1">Aus den Papieren Georgs</td>
- <td class="col_page"><a href="#page-517">517</a></td>
- </tr>
- <tr>
- <td class="col1">Georg an Magda</td>
- <td class="col_page"><a href="#page-528">528</a></td>
- </tr>
- <tr>
- <td class="col1">Jason an Renate</td>
- <td class="col_page"><a href="#page-532">532</a></td>
- </tr>
- <tr>
- <td class="col1">Renate an Irene</td>
- <td class="col_page"><a href="#page-536">536</a></td>
- </tr>
- <tr class="c">
- <td class="col1" colspan="2"><a id="page-826" class="pagenum" title="826"></a>Neuntes Kapitel: <em>April</em></td>
- </tr>
- <tr>
- <td class="col1">Aus den Papieren Georgs</td>
- <td class="col_page"><a href="#page-537">537</a></td>
- </tr>
- <tr>
- <td class="col1">Magda an Georg</td>
- <td class="col_page"><a href="#page-542">542</a></td>
- </tr>
- <tr>
- <td class="col1">Aus Renates Buch</td>
- <td class="col_page"><a href="#page-543">543</a></td>
- </tr>
- <tr>
- <td class="col1">Georg an Magda</td>
- <td class="col_page"><a href="#page-544">544</a></td>
- </tr>
- <tr>
- <td class="col1">Aus Renates Buch</td>
- <td class="col_page"><a href="#page-545">545</a></td>
- </tr>
- <tr class="p">
- <td class="col1" colspan="2">Neuntes Buch</td>
- </tr>
- <tr class="c">
- <td class="col1" colspan="2">Erstes Kapitel</td>
- </tr>
- <tr>
- <td class="col1">Georg</td>
- <td class="col_page"><a href="#page-559">559</a></td>
- </tr>
- <tr>
- <td class="col1">Renate</td>
- <td class="col_page"><a href="#page-575">575</a></td>
- </tr>
- <tr class="c">
- <td class="col1" colspan="2">Zweites Kapitel</td>
- </tr>
- <tr>
- <td class="col1">Georg</td>
- <td class="col_page"><a href="#page-594">594</a></td>
- </tr>
- <tr>
- <td class="col1">Magda/Benno</td>
- <td class="col_page"><a href="#page-596">596</a></td>
- </tr>
- <tr class="c">
- <td class="col1" colspan="2">Drittes Kapitel</td>
- </tr>
- <tr>
- <td class="col1">Magda</td>
- <td class="col_page"><a href="#page-607">607</a></td>
- </tr>
- <tr>
- <td class="col1">Georg</td>
- <td class="col_page"><a href="#page-614">614</a></td>
- </tr>
- <tr class="c">
- <td class="col1" colspan="2">Viertes Kapitel</td>
- </tr>
- <tr>
- <td class="col1">Magda/Renate</td>
- <td class="col_page"><a href="#page-634">634</a></td>
- </tr>
- <tr>
- <td class="col1">Magda</td>
- <td class="col_page"><a href="#page-637">637</a></td>
- </tr>
- <tr>
- <td class="col1">Renate</td>
- <td class="col_page"><a href="#page-639">639</a></td>
- </tr>
- <tr>
- <td class="col1">Renate (Fortsetzung)</td>
- <td class="col_page"><a href="#page-649">649</a></td>
- </tr>
- <tr class="c">
- <td class="col1" colspan="2">Fünftes Kapitel</td>
- </tr>
- <tr>
- <td class="col1">Erasmus</td>
- <td class="col_page"><a href="#page-666">666</a></td>
- </tr>
- <tr>
- <td class="col1">Erasmus (Fortsetzung)</td>
- <td class="col_page"><a href="#page-690">690</a></td>
- </tr>
- <tr class="c">
- <td class="col1" colspan="2">Sechstes Kapitel</td>
- </tr>
- <tr>
- <td class="col1">Bogner/Klemens</td>
- <td class="col_page"><a href="#page-714">714</a></td>
- </tr>
- <tr>
- <td class="col1">Klemens</td>
- <td class="col_page"><a href="#page-724">724</a></td>
- </tr>
- <tr>
- <td class="col1">Birnbaum</td>
- <td class="col_page"><a href="#page-729">729</a></td>
- </tr>
- <tr>
- <td class="col1">Irene</td>
- <td class="col_page"><a href="#page-739">739</a></td>
- </tr>
- <tr class="c">
- <td class="col1" colspan="2">Siebentes Kapitel</td>
- </tr>
- <tr>
- <td class="col1">Benno</td>
- <td class="col_page"><a href="#page-744">744</a></td>
- </tr>
- <tr>
- <td class="col1">Georg</td>
- <td class="col_page"><a href="#page-759">759</a></td>
- </tr>
- <tr>
- <td class="col1">Bogner</td>
- <td class="col_page"><a href="#page-763">763</a></td>
- </tr>
- <tr class="c">
- <td class="col1" colspan="2"><a id="page-827" class="pagenum" title="827"></a>Achtes Kapitel</td>
- </tr>
- <tr>
- <td class="col1">Magda</td>
- <td class="col_page"><a href="#page-771">771</a></td>
- </tr>
- <tr class="c">
- <td class="col1" colspan="2">Neuntes Kapitel</td>
- </tr>
- <tr>
- <td class="col1">Georg</td>
- <td class="col_page"><a href="#page-804">804</a></td>
- </tr>
- <tr>
- <td class="col1">Cornelia</td>
- <td class="col_page"><a href="#page-808">808</a></td>
- </tr>
- <tr>
- <td class="col1">Die Blume</td>
- <td class="col_page"><a href="#page-813">813</a></td>
- </tr>
-</tbody>
-</table>
-</div>
-
-<p class="printer">
-<a id="page-829" class="pagenum" title="829"></a>
-Der &bdquo;Helianth&ldquo; wurde geschrieben in
-den Jahren 1912-20. &mdash; Der Druck erfolgte
-in den Jahren 1917-20 in der
-Spamerschen Buchdruckerei in Leipzig
-</p>
-
-<div class="trnote chapter">
-<p class="transnote">
-Anmerkungen zur Transkription
-</p>
-
-<p>
-Offensichtliche Fehler wurden stillschweigend korrigiert. Weitere
-Korrekturen (vorher/nachher):
-</p>
-
-
-<ul>
-
-<li>
-... <span class="underline">steckend</span> bleibend. ...<br />
-... <a href="#corr-5"><span class="underline">stecken</span></a> bleibend. ...<br />
-</li>
-
-<li>
-... Frühling liegt ihr Lächeln unter <span class="underline">den</span> ersten Krokus, den ...<br />
-... Frühling liegt ihr Lächeln unter <a href="#corr-9"><span class="underline">dem</span></a> ersten Krokus, den ...<br />
-</li>
-
-<li>
-... des <span class="underline">Zähneputzen</span> und Waschens, die tiefe Lautlosigkeit, ...<br />
-... des <a href="#corr-14"><span class="underline">Zähneputzens</span></a> und Waschens, die tiefe Lautlosigkeit, ...<br />
-</li>
-
-<li>
-... mit ihr berührte, das müßte von ihr <span class="underline">an zu fließen fangen</span>.&ldquo; ...<br />
-... mit ihr berührte, das müßte von ihr <a href="#corr-16"><span class="underline">zu fließen anfangen</span></a>.&ldquo; ...<br />
-</li>
-</ul>
-</div>
-
-
-
-
-
-
-
-
-
-<pre>
-
-
-
-
-
-End of the Project Gutenberg EBook of Helianth. Band 3, by Albrecht Schaeffer
-
-*** END OF THIS PROJECT GUTENBERG EBOOK HELIANTH, BAND 3 ***
-
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-1.F.6. INDEMNITY - You agree to indemnify and hold the Foundation, the
-trademark owner, any agent or employee of the Foundation, anyone
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-Section 2. Information about the Mission of Project Gutenberg-tm
-
-Project Gutenberg-tm is synonymous with the free distribution of
-electronic works in formats readable by the widest variety of
-computers including obsolete, old, middle-aged and new computers. It
-exists because of the efforts of hundreds of volunteers and donations
-from people in all walks of life.
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-Volunteers and financial support to provide volunteers with the
-assistance they need are critical to reaching Project Gutenberg-tm's
-goals and ensuring that the Project Gutenberg-tm collection will
-remain freely available for generations to come. In 2001, the Project
-Gutenberg Literary Archive Foundation was created to provide a secure
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-generations. To learn more about the Project Gutenberg Literary
-Archive Foundation and how your efforts and donations can help, see
-Sections 3 and 4 and the Foundation information page at
-www.gutenberg.org Section 3. Information about the Project Gutenberg
-Literary Archive Foundation
-
-The Project Gutenberg Literary Archive Foundation is a non profit
-501(c)(3) educational corporation organized under the laws of the
-state of Mississippi and granted tax exempt status by the Internal
-Revenue Service. The Foundation's EIN or federal tax identification
-number is 64-6221541. Contributions to the Project Gutenberg Literary
-Archive Foundation are tax deductible to the full extent permitted by
-U.S. federal laws and your state's laws.
-
-The Foundation's principal office is in Fairbanks, Alaska, with the
-mailing address: PO Box 750175, Fairbanks, AK 99775, but its
-volunteers and employees are scattered throughout numerous
-locations. Its business office is located at 809 North 1500 West, Salt
-Lake City, UT 84116, (801) 596-1887. Email contact links and up to
-date contact information can be found at the Foundation's web site and
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-
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-
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-
-Section 4. Information about Donations to the Project Gutenberg
-Literary Archive Foundation
-
-Project Gutenberg-tm depends upon and cannot survive without wide
-spread public support and donations to carry out its mission of
-increasing the number of public domain and licensed works that can be
-freely distributed in machine readable form accessible by the widest
-array of equipment including outdated equipment. Many small donations
-($1 to $5,000) are particularly important to maintaining tax exempt
-status with the IRS.
-
-The Foundation is committed to complying with the laws regulating
-charities and charitable donations in all 50 states of the United
-States. Compliance requirements are not uniform and it takes a
-considerable effort, much paperwork and many fees to meet and keep up
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-DONATIONS or determine the status of compliance for any particular
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-
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-
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-any statements concerning tax treatment of donations received from
-outside the United States. U.S. laws alone swamp our small staff.
-
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-methods and addresses. Donations are accepted in a number of other
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-
-Section 5. General Information About Project Gutenberg-tm electronic works.
-
-Professor Michael S. Hart was the originator of the Project
-Gutenberg-tm concept of a library of electronic works that could be
-freely shared with anyone. For forty years, he produced and
-distributed Project Gutenberg-tm eBooks with only a loose network of
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-Project Gutenberg-tm eBooks are often created from several printed
-editions, all of which are confirmed as not protected by copyright in
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-facility: www.gutenberg.org
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-Archive Foundation, how to help produce our new eBooks, and how to
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