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If you are not located in the United States, you'll -have to check the laws of the country where you are located before using -this ebook. - - - -Title: Helianth. Band 3 - Bilder aus dem Leben zweier Menschen von heute und aus der - norddeutschen Tiefebene - -Author: Albrecht Schaeffer - -Release Date: December 4, 2019 [EBook #60845] - -Language: German - -Character set encoding: ISO-8859-1 - -*** START OF THIS PROJECT GUTENBERG EBOOK HELIANTH. BAND 3 *** - - - - -Produced by Jens Sadowski and the Online Distributed -Proofreading Team at http://www.pgdp.net. This book was -produced from images made available by the HathiTrust -Digital Library. - - - - - - - - - - HELIANTH - - - Bilder - aus dem Leben - zweier Menschen von heute - und aus der norddeutschen Tiefebene - in neun Büchern dargestellt - - von - Albrecht Schaeffer - - - Der drei Bände dritter - - - Im Insel-Verlag zu Leipzig - 1920 - - - - - Siebentes Buch. - Hochsommertag - oder - Der große Mummenschanz - - - Dann der traum höchster stolz steigt empor - Er bezwingt kühn den gott der ihn kor - Bis ein ruf weit hinab uns verstößt - Uns so klein vor dem tod so entblößt. - - - Erstes Kapitel - - - Firmament - -Unablässig funkelten die Gestirne. - -Georg, auf dem Dache der Sternwarte, schräg auf der niedern, steinernen -Brüstung sitzend, hatte die goldübersäte Wand des südöstlichen Himmels -vor Augen; wieder und wieder jedoch zog das lebendige Gefunkel zur -Rechten seinen Blick herum, und folgte er dorthin, so brach weiter -rechts neue Funkelbewegung auf und zwang sein Auge weiter und abermal -weiter und so fort, -- er mußte sich drehen, den rechten Arm hinter sich -aufgestützt, so daß die rauhe Fläche von Stein in seinen Handballen -brannte, und bis sein Nacken sich weigerte, weiter herumzugehen. Dann -loderte über seinem Haupt andere Heerschar; ein geheimnisvoller Strom, -weißlich und nebelnd, ergoß sich die Milchstraße vom Zenit bergunter, -alle Ufer umblitzt und umglitzert vom Sterngetümmel in tausend Formen, -in schweren Klumpen gleich Waben, gefüllt mit Nacht, in reichen Trauben -und Gewinden, in seltsamen Kränzen und durchbrochenen Reigen, alle -lebendig, beweglich von Licht, zitternd, strahlend, keiner dem andern -gleich, winzige und einzelne gewaltige, nahe scheinende und unsäglich -ferne, vergehende Lichter im Hauche der Finsternis. -- Aber da war der -Schattenumriß des Schloßdaches hinter Georgs rechter Schulter in der -Nacht, der Schatten des hangenden Fahnentuches in selten fallender -Bewegung, eine bleiche Geste, welche die Sterne hin und wieder -verdeckte, unkenntlich, doch schimmerte einmal -- wie ein Antlitz -- das -bleiche Weiß ... - -Kein Laut war in der Nacht. Schweigsam im Nachtblau standen die -abertausend stillen, in sich beweglichen Goldpunkte, die wachsamen -Posten, durch alle Räume der Himmel hin verteilt auf den ewigen Bergen. -Nun schienen es Gefäße, glasklare, voll von einer feurig leuchtenden -Flüssigkeit, in der geheimnisvolles Dasein sich regte, Kristalle -vielleicht, riesige, in denen gefangene Götter die Glieder bewegten, -Göttinnen oder heilige Tiere, ruhend das Einhorn, still blickend der -Widder, großhäuptig, wachsam schläfrig der Leu, scharfäugig der Greif. -Schöne Kugeln waren auch da, gefüllt mit Lebensessenz, in der liebliche -Kinderseelen atmeten mit ganzem Leib, -- denn immer atmete es dort oben -und lächelte, immer ging eine Woge von Odem, eine stürmisch sanfte Welle -von Lächeln über ganze Scharen der Goldenen hin, und sie flackerten -wehend auf wie Felder von Fackeln. - -Daß auch nicht Einer dem Andern glich! So wie unten das menschliche -Gewimmel erst gleichförmig erscheinen mag und doch zehntausendfach und -mehr wandelbar und wechselvoll ist an Charakter und Art, an Seele und -Leidenschaft, an Schicksal und allen Farben der Stunden und der Jahre, -der Freude und des Schmerzes, so waren auch dort oben die Völker an -Seele mannigfalt, Alle nur einander ähnlich durch Liebe, durch Ruhe, -durch Glanz. Oh, und das waren keine kleineren und größeren Lampen, -entzündet am harten Gewölbe, an dem sie hafteten! Sondern der Himmel war -nachtblaue Tiefe, farblos fast, bräunliches Dunkel, ewig beschattete -Weltenräume, in denen die Erden schwebten. Ach, wogten sie nicht nieder -und auf in einem gewaltigen Takt? -- Nein, sie ruhten! Sie zogen wie -lautlose Schwäne jeder seine Bahn, zeitlos, spurlos in der riesigen -Flut, und sie lächelten im Entschwinden. Tauschten sie Fahrtzeichen und -Wink im Vorübergleiten? -- Da schienen scharenweise die flammenden Feuer -zu wanken und zu erlöschen, scharenweise aber loderten sie höher empor --- Georgs Herz zog sich schaudernd zusammen --, das Firmament bewegte -sich! Heere zogen klirrend auf über ungeheure Brücken, Heere schwärmten, -Geschwader kamen triumphierend entgegen, sie teilten, sie schlossen sich -wieder, sie wanderten im Takt, unerschöpflich überstiegen neue mit -Bannern und Panzern den finstern Rand der Tiefe, ein lautlos -unbeschreiblicher Jubel wogte mit ihnen herauf, -- wie Heere der Erde in -Wolken des Staubes, in Wolken von Jubel wanderten diese, -- o es war -Seligkeit in den Sternen, rieselnde, feurige, bebende Seligkeit des -nächtlichen Daseins, Seligkeit im Übersteigen der Nachtgebirge, -Seligkeit, zu strömen in goldener Woge, Millionen Tropfen zur Woge -geschlossen, Seligkeit, einsam dahinzuziehen, Seligkeit, in luftigen -Ketten zu hangen, in Kränzen sich zu wiegen, in Bildern sich zu ordnen, -Seligkeit, sich anzutönen mit Licht, in Strahlen sich zu umfassen, in -dunkler Kraft einander schwebend zu erhalten, Seligkeit, grenzenlose -Seligkeit des unendlichen Nichtwissens von Anfang und Ende, und -millionenstimmig brach aus goldenen Lippen der Schrei ihres leuchtenden -Schweigens: Ewigkeit! Ewigkeit! Gott will es! Gott will es! -- -- - -Namenlos geworden, der unten lauschte, beugte die betäubte Stirn, -glühend und frierend voll Schauder. Verschleierte Augen schauten, kaum -noch die Höhe der goldgestirnten Gebirge ertragend, wie der Himmel -wankte, Massen von Sternen herunterstürzten; Goldrutsche, entfesselt, -schlugen mit lautlosem Dröhnen gegen die Wandung seines Daseins und -zerstäubten in Musik; es kreiste, in schmetternder Eile, sausend aus -Unermeßlichkeit daher, in Unendlichkeit dahin, jagten Welten über Welten -einander nach, tönend ohne Schwingen, klirrend von Licht, aufblitzend -und erlöschend im Eise der Finsternis, Sturmatem schnob ihnen nach, die -gewaltigen Tiere, auf riesigen Flößen aufrecht stehend, flogen durch die -Nacht, aufrecht in den Zenit starrte des Einhorns goldene Stirnlanze, -der Löwe hob die Pranke und brüllte goldenen Donner über die Eisfelder -der Einsamkeit, riesig ausgebreiteter Schwingen schwebte der Greif, -schlug die Fittiche knatternd und warf sich in schwingenden Bögen -gewitternden Tiefen zu, und riesigen Wuchses, auf seinem Schilde -stehend, den gewaltigen Bogen spannend, daß die bis zum Ohr gezogene -Sehne klang, stürmte der titanische Orion aus der Nacht herauf, die -Sehne klirrte, der Pfeil stürzte sich und fuhr unten in ein Herz, -aufschreiend riß es die Augen auf und sah -- den stilleren Himmel, sah -still stehn, zur großen Kuppel gewölbt, das ganze Firmament, leise -flackernd in zehntausend Leuchten, ruhig blickend mit zehntausend Augen, -eine zitternde Welle von Innigkeit überlief sie, -- sie schlossen sich -lächelnd, sie öffneten sich wieder, und -- ach, nun, nun quoll wieder -aus der Tiefe der Welt der ruhige Atemzug, der Hauch des Unsterblichen -aus seiner dunklen Ferne, von dem alles lebte, was war. -- - -Georg nahm das nasse Gesicht aus den Händen. Er glaubte, sie ganz -eingetaucht zu haben in den Himmel, in die unsterbliche Flut, -- ja, -entströmte ihnen nicht noch Duft, der letzte Hauch andern Lebens, wie -Leben und Frische aus schlafenden Blumen bei Nacht? Unablässig aber -funkelten die Gestirne, wogten, schwiegen. Sie schwiegen, doch kein -Gedicht und keine Musik tönte so beredt wie die Sprache ihres Schweigens -in das Herz, denn Wissen senkte sich von ihnen zur Unwissenheit -unmittelbar, mit Glanz, mit Lächeln, mit Stille, mit blickender -Gewißheit. Die Sterne wußten und schwiegen ihr Wissen in die Welt aus, -die Sterne wußten und hielten nicht an sich mit Wissen, zeigten es -unverhüllt in ihrer ruhigen Gestalt von oben, neigten sich sprachlos und -teilnahmsvoll in der Höhe, und Zuversicht strömte aus ihnen, ein milder -Regen in die keuchende, seufzende, ratlose, beklemmte Brust, -- da war -sie schon aufgetan, sicherer, leichter, atmend und wunderbar beruhigt. -Der Augenblick, wo unten das Auge und ein Auge dort oben sich begegnen -im sprachlosen Austausch des Sinnens, der Augenblick ist ohne Zeit, -nichts geschieht, nichts löst sich, bewegt sich und fällt, und nichts -steht auf. -- Nein, Herz, sagte es leise in Georgs Tiefe, von deinem -Schicksal wissen die dort oben nichts, was könnte es sie kümmern? Was -geht es sie an, ob du das Auge hier aufschlägst zu einem Blick oder ein -Andrer? Deine Handlungen und deine Träume, dein ganzer Wandel ficht sie -nicht an, sie gehören sich selber an, sie wissen nur, sie wissen! Schau -du in diesen Spiegel heut und nach einem Jahr, einmal und noch einmal -zwischen Tod und Geburt; sehen wirst du nichts, doch zitterst du wohl, -und das Schauen genügt. - - - Sternwarte - -Georg, unfähig, den Anblick länger zu erdulden, senkte die Augen, wandte -sich um und gewahrte auf dem Steintisch das matte Leuchten des goldenen -Bechers und der Kanne. Gleich durstig, erhob er sich, trat hinzu, goß -langsam den farblos klaren Wein, in dessen rinnender Falte es glitzerte, -in den Becher und umfaßte ihn mit beiden Händen. O wie kühl, wie eisig -kühl! -- Er setzte ihn an die Lippen. Seit anderthalb Jahren der erste -Tropfen Wein, dachte er und trank langsam Schluck um Schluck das süße -und herbe, kühle Getränk, in dem deutlich ein Hauch von Adel, ein Duft -von Alter, von Würde, Fürstlichkeit und großer, männlicher Seele mit -einströmte in sein Inneres. Den noch halbvollen Becher in der Hand, trat -er an die Brüstung zurück und blickte unter dem Sternenhimmel hinweg wie -unter einem fast zur Erde gesenkten Vorhang über das schlummernde -Nachtland. In der Tiefe zu Füßen waren dunkel lebendig die Laubmassen -der Wipfel, in denen es da und dort bleich erschimmerte; der -Wassergraben blinkte verkleinert, dahinter standen finster die Schatten -anderer Bäume, Geruch des Laubes und von Blumen stieg auf, ein Stück der -Mauer glänzte kalkweiß, dahinter war undeutlich das flache Land, die -Wiesen, ganz fern darüber ein, zwei rötliche Lichter. Die laue Nacht -atmete kaum. - -Alsbald erhob sich das gedämpfte Getöse eines Orchesters in Georg. Ah, -Bennos Sinfonie von der Ebene, am Abend gehört, klang wieder aus der -Ferne, in die sie entströmt war. -- Ja, -- bei aller Weichheit seiner -Musik, die im Schmelz größer war als in der Bändigung, im Sehnsüchtigen -größer als in der Vollendung -- es war doch ein Gewebe von strahlender -Großartigkeit geworden, in dem -- so fern jedes rationale Vortäuschen -von Wirklichem blieb -- doch der Geist der Ebene so mächtig hauchte wie -der Geist des Heros in der heroischen Sinfonie, wo dann auch der -Gedanke: Ebene -- sie wohl sichtbar werden ließ, sie, breiten Abfluß des -sinnenden Gebirgs, flutend von Handlung, glänzend in Strömen, duftend in -Wäldern und Äckern, das Antlitz von Sternen behaucht, gebettet in den -väterlichen Odem der See. Und war seine Kunst auch romantisch, von der -sehnsuchterregenden Art, die eher bezwingen möchte und eindringen, als -Maße aufrichten, die aus sich selber wirken, der deshalb das Süße lieber -ist als die Feste, der Ansturm lieber als der Schritt, -- zu welch -erstaunlicher Form war er selber gewachsen! Ungeschickt, hülflos, wie -zwängte er sich noch als schutzloser Eindringling durch die Reihen -seiner sicheren Mannschaft! Aber der Augenblick, wo er, die Hörerschaft -im Rücken, das unmerklich klappende Zeichen gab, zauberte ihn um, -unglaublich zu sehen! In seinem Profil wechselten Strenge und kindliche -Weichheit, drohende Befeuerung und lächelnde Beruhigung in kaum -erkennbaren Wellen, doch in deutlichen, in spielend gemeisterten -Übergängen; sichtbar magisch geworden, seine Hände entströmten Zwang -oder Verlockung, Ergreifen oder Verschenken, und seine lange, kaum sich -regende schwarze Gestalt lebte allein im geschmeidigen Zucken der Arme, -der gebieterisch gewordenen Hände, sich zusammen -- und alles an sich -reißend nur an den gewitternden Stellen, -- solch ein Befehlshaber war -aus dem Scheuesten aller Scheuen geworden, nun der eigene Geist ihn -weit, wie ein Gestirnsnebel, tönend umwölkte. -- Ja, Benno, du hast das -Ziel erreicht, dachte Georg glücklich und schwer, -- weißt du, ich -könnte dich beneiden aus einem Grunde! Denn dir ist der Augenblick -gegeben, der Glanz der Krise, der Blitz, der Zeit spaltet in Links und -Rechts und das ewige Juwel zeigt im Schacht. Ich soll nun lenken in der -breiten Zeit, im Unsichtbaren, im alltäglichen Tage, im ... - -Georg verlor die deutlichen Begriffe im Bangen vor leibhafter -Vorstellung, lächelte noch einmal dem Freunde zu und wandte sich um. - -Im Osten war der Nachthimmel gerötet, unten glühend weißlich und rot -über der Stadt. Die Schattenrisse der Türme von der Universität standen -drüben; nahe dahinter eine bleiche goldige Kuppel; ziemlich vorn die -weißrötlich wie ein Feuerloch glühende Tiefe war der Platz an den -Kasernen, deren beleuchtete Fronten schimmerten, dunkel befenstert. -- -Stumm erstreckten sich die finstern Wipfeldämme der Lindenalleen; ganz -vorn, im Dämmer des Sternlichts, ruhte das Rasenrund in den Wegen. Es -rauschte auf, -- und jetzt, seltsam lieblich zu hören, scholl aus der -Tiefe, aus dem Stall das Klirren einer Kette, ein stampfend aufgesetzter -Huf und ganz leise das Husten eines Pferdes. Ach, da unten stand der -gute alte Unkas in seiner warmen Stalldämmerung, das Haupt schlaftrunken -gesenkt, nur atmend, blind, mit sich seelenallein, dürftig, ein -gefangenes Tier, das nichts wußte, nie fragte, nichts wußte ... Georg, -lächelnd erst, wurde ernst. Ein Tier, das fromm war, frommer vielleicht -als er hier oben in der Freiheit, dieser Aufgerichtete, immer Denkende, -Sehende, Sternumstellte, in Gottes Odem schweigend, viel wissend, alles -nennend, immer irrend, immer nur für Augenblicke sich erhebend und schon -wieder gesenkten Hauptes nichts haltend mit den Augen als das wechselnde -Vorwärtskommen und Zurückschwinden der eigenen, wandernden Füße. Sondern -dies Pferd war fromm in unerschütterlicher Folgsamkeit, fragte nicht, -klagte nie, sprach nie sich aus, war immer zufrieden, nur laufen zu -können, es kannte keinen eigenen Weg. Nicht einen einzigen Schritt hatte -es allein gemacht, mit eignem Willen, -- Georg stockte und erinnerte -sich dunkel: ja, auch damals, wann war es noch? In Helenenruh, ich stand -im Hof, Unkas schritt zum Stall, blickte her, schien klug, schien zu -verstehen, und tastend stieg er davon, -- ja, damals auch ging er -blindlings dahin das kurze Stück von meinem haltenden, winkenden Auge -zum Stall, angelockt und gelenkt vom duftenden Heu und dem eigenen Mist. -Immer war er geführt wie ein Blinder, immer war ein Wille über ihm, und -er folgte gern, -- er -- der nicht einmal ein Er war, nicht männlich, -nichts Eigenes mehr, sondern ein menschliches Gemächt, ein Enterbter, -ein verschnittener Wallach, ausgeschlossen aus dem feurigen Ring der -Hengste und Stuten, gebrochen in der Jugend, in Zeugungslosigkeit -gebannt, unfruchtbar wie ein Pfahl in der Schöpfung, -- o der war fromm -... Ja, so Gott will, Unkas, sagte Georg sonderbar wehmütig, reite ich -einmal auf dir in Elysium ein, dort, wo alle Trennungen sich ergänzen, -wo alles heil wird, wo du auch nicht froh wärst ohne meine Nähe, -- dort -wirst auch du dein Männliches wieder haben, ein stampfender Hengst, -selig wiehernd und trabend über den saftigen Wiesen ... - -Georg sah wieder in das Land hinein, bewegte den Becher und leerte ihn -langsam in die Tiefe aus; Blätter klatschten getroffen und rauschten -leise, sonderbar war das Geräusch des Tröpfelns in der schweigsamen -Tiefe. -- Mein Land, murmelte er, sich schämend, mein Land ... Weiterhin -versagte sein Denken, und dies genügte ja wohl auch. Er stellte den -Becher wieder auf den Tisch, rückte den Sessel der Weite des Himmels -gegenüber und setzte sich. Ein wenig müde, vom Weinrausch umnebelt, sah -er die Sterne sich zusammenziehn, sich dehnen, heller glitzern und -schwanken. Er war glücklich. Morgen, dachte er, morgen ... und prallte -von unvorstellbaren Bildern und am Wunsch, dieses Schönste und Farbigste -seines Krönungstages sich nicht durch Vorahnung zu entstellen, ins -Gestern zurück, glitt unmerklich in den fahnen- und blumengeschmückten -Saal des Landtages, hörte die Eidesformel verlesen und sah den Vorbeizug -der bärtigen Gesichter, selber feierlich und ergriffen die vielen, -unterschiedlichen Drücke der glatten und rauhen, schlaffen und kräftigen -Hände verspürend. - -Vor den halbgeschlossenen Lidern die Felder der Sterne, kam ihm jetzt -die Frage, woran nur dies unablässige Auffunkeln, heller und schwächer -Brennen, Wogen und Wanken und Zittern der unzählbaren Leuchten erinnre, -und bald darauf senkte er sich in die Helenenruher Wiesen nieder. Wie -dort das Gewoge der Halme --, nein, nicht das! Das Glitzern und Brennen -der Sonnenstrahlen --, auch nicht! -- Ah, das Gezirp der Grillen war es, -das wogte so lodernd auf, brodelte und senkte sich schwächer, entfernte -sich und schwoll laut und nahe heran. Helenenruh, ja, Helenenruh, sang -es beseligt in Georg, das war Vater und Mutter und Kindheit, das war ja -wie Ewigkeit so lang! Immer Sommer und Sonne, immer Ferien und Faulheit, -Reiten und Schwimmen, die blaue See und die Wiesen, die ewigen Wiesen. -Er wünschte, mehr aus seinen jüngsten Jahren wiederzusehn, aber es war -sonderbar, er gelangte nicht tiefer in die Zeit zurück als bis zu -irgendeinem Tag vor ein paar Jahren, wo er schon erwachsen war. Ja, in -dem Sommer nach dem Examen, da war es wohl am schönsten; niemals wieder -waren die Tage so lang, jedoch -- das Ende war seltsam. -- Mit meinem -Geburtstag muß es aufgehört haben, eigentlich wars ein langweiliger Tag, -so viele Gäste, Fremde, nur Bogners Gesicht wohltätig dazwischen. Auf -einmal sah er das Gesicht des Malers an einem Fenster, ein Gewitter war, -ja, Artaxerxes ... er flog ja wohl plötzlich ... Und Magda, -- Georg -seufzte, -- Anna nannte ich sie damals und liebte sie sehr ... Richtig, -das war der sonderbare Tag vor meinem Geburtstag, mit Jason al Manach, -und -- ja, da begann ja auch alles eigentlich! -- Das Gesicht seines -Vaters erschien ihm dicht über dem seinen, wie eingebrannt in die Luft, --- jede Falte, der Mund und die Augen vor allem. Georg konnte sich nicht -auf ein einziges Wort mehr besinnen, das er gesagt hatte, nur daß sie -alle wunderbar klangen, und sein Gesicht, dachte er, werde ich noch in -meiner Todesstunde unverblichen und unverändert sehn, wie es damals war. -Ja, damals muß er auch zuerst von dem Vertrag gesprochen haben ... Da -erschien, blaß und verwischt wie ein halber Mond am Nachmittag, Sigunes -Gesicht, ein Seufzer, der durch Georgs Brust hinzog und sie hob und -verhauchte. O das arme, kranke Kind! Wärest du doch niemals geboren! -Badenbach, dieser Jesuit! Aber, wie er dastand -- oder habe ich das nur -geträumt? -- Georg besann sich, aber er schien ihn doch wirklich gesehn -zu haben, als er kam, um Sigunes Hinscheiden zu melden, -- richtig, fiel -es Georg ein, ich war ja krank, Virgo war dabei, nein, sie war schon -fort, -- seltsam, Papa küßte sie auf die Stirn, und später sagte er, ob -ich nicht auch gefunden habe, wie sie Mama ähnlich gesehen habe ... Ich -konnte es eigentlich nicht finden, ihn täuschte wohl das -kurzgeschnittene Haar, und Mamas Nase habe ich immer so viel hagrer -gesehn, -- allerdings -- in ihrer Jugend ... aber auf der Miniatüre ist -die Biegung unsichtbar ... - -Wie groß der Orion dort stand, ungeheuer deutlich und fast erschreckend -menschlich, Füße, Schultern, Haupt, Gürtel und sogar das Schwert, -inmitten des Schwarmes ungeordneter Sterne. Tiefer in das goldne Bildnis -sich hineinschauend, ließ Georg die Lider sinken und fühlte sich empor -und angesaugt von dem leuchtenden Riesen; schwebte er wirklich? -Plötzlich stand er selber als Orion am Himmel, unter sich Nacht und -Tiefe; eine fahle, zackig abgeteilte Mondscheibe, die dampfte, schwebte -die Erde, ihn schwindelte, er stürzte, erschrak flackernd und fuhr mit -einem Ruck in seinen Körper und den Sessel. - -Gottseidank lächelte er matt, es war wieder ein Traum! -- Wie still es -doch ist! -- In diesem Augenblick aber rasselte es in der Luft, ein -heller Schlag durchdröhnte das Schweigen, es rasselte, ein zweiter riß -sich los, es rasselte wieder, ein dritter ... dann war Stille. Erst -dreiviertel eins? dachte Georg verwundert, ich bin doch eine Ewigkeit -hier oben! -- Aber das Zifferblatt seiner Uhr zeigte keine andre Stunde -im Zwielicht der Sterne. Wie absonderlich das Uhrglas glänzte und die -Zahlen so verändert in der Dämmerung! -- Und warum habe ich es denn -nicht viertel und halb schlagen hören? Jetzt fängt der Wein an zu -wirken, dachte er schläfrig, fühlte aber gleichzeitig ein leises -Angstgefühl in sich aufsteigen oder heranschleichen. Wie still es nur -ist! -- Und doch -- es ist ja, -- als wäre ich nicht mehr allein! -Unsinn! -- Er setzte sich tiefer zurück, seine Gedanken lockten ihn -spielend wieder ins Morgen hinüber, Renate erschien, -- wie würde sie -nur aussehn in der mittelalterlichen Tracht? Er hatte sie ja Wochen -nicht gesehn und empfand Sehnsucht. Ich habe doch immer nur sie geliebt, -dachte er schwermütig, warum nur ließ ich mich so oft irren? Cora, -- -nun das kann freilich kaum gelten, aber Esther, -- ach Cordelia, du -warst doch unsagbar lieblich und süß! -- Einmal dachte ich sogar, Virgo -zu lieben, aber das war denn doch ein Irrtum, weil ich krank war und ich -sie Esther ähnlich fand, aber -- ja, von Renate hielt sie mich doch ein -Weilchen fern ... - -Mein Gott, es ist doch wer in der Nähe! dachte er plötzlich. Seine -Kopfhaut krauste sich. Ja, was soll denn sein, dachte er ärgerlich, wenn -was da ist, solls kommen! Aber sein Herz klopfte. Er streckte die Hand -nach der Kanne aus, schenkte den Becher voll, setzte die Kanne hin und -lauschte. Die Stille rieselte über ihn hinweg, es wurde kühler. Wieder -zwang er seine Gedanken, aber sie gehorchten schlecht und nur -begrifflich, so daß er dachte, er lebe und bewege sich eigentlich erst -seit drei Jahren, seit er den Plan des Vertrages mit sich herumtrage. Da -erinnerte er sich an Berlin und seines Sofas in der Kantstraße. Ja, -dieses Sofa! Darauf verbrachte ich die halbe Zeit des Winters, o es war -ja grauenhaft! Diese Nachmittage, wenn ich lag und lag und die weiße -Lampe auf dem Schrank ansah, bis sie verschwamm und schließlich -verschwand in der immer tieferen Dämmerung, auch die Tür und alles, und -von draußen kam das Laternenlicht über den Hof herein und malte die -Schatten der Gardinen und des Fensterkreuzes an die Decke und auf den -Schrank, und ich konnte nicht aufstehn, ich konnte nicht, mein Kopf -glühte, ich konnte kaum noch liegen. Dieser Winter war das Verruchteste -in meinem Leben. Und der in München war nicht besser! Ach, und vor -allem, all die Jahre lang dieser grauenhafte Druck, diese niemals -weichende Angst, diese sinnlose, die eigentlich noch immer nicht -gänzlich --, jedenfalls -- wäre nicht Vater ... - -Georg fuhr mit einem Ruck im Stuhl herum und sah mit flimmernden Augen -im grauen Dämmerlicht der Sterne eine dunkle Gestalt hinter sich stehn, -am Treppenschacht ... Er sprang heftig klopfenden Herzens auf; nun, es -war ein richtiger Mensch, groß, dunkel gekleidet, und griff jetzt -höflich nach dem Hut, nahm ihn ab und sagte: - -»Ich bitte tausendmal um Verzeihung, königliche Hoheit, wegen meines -Eindringens, -- übrigens, erkennen Sie mich nicht?« - -Georg nahm sich zusammen, faßte mit Anstrengung das bleiche, sonderbar -starre Gesicht ins Auge, dachte: Ja, das ist doch ... »Herr von -Montfort?« sagte er zögernd; und mit deutlichem Erkennen hastig: »Aber -natürlich, natürlich! seien Sie mir willkommen! Wo kommen Sie her?« - -Georg ging um den Tisch, nicht allzu leicht, er merkte den Wein, gab -Montfort die Hand, der seltsam lächelte mit seiner einen Gesichtshälfte. - -»Ich klopfte unten,« sagte er mit Heiterkeit, »bekam keine Antwort und -trat ein, denn ich hatte Ihren Schatten hier oben gesehn, und ich dachte -es mir wunderbar, hier oben unter den Sternen zu sitzen und von -erhabenen Dingen zu reden. Ja, -- ich kam so vorbei ... Die -Heimgekehrten ergötzt es, wissen Sie, Stadt und Gegend zu durchwandeln -und an den leisen Veränderungen den süßen Kitzel des Unwandelbaren der -Heimat zu verspüren, und so geriet ich in diesen Park. Nun kommen Sie, -wir wollen die Sterne betrachten!« Georg fühlte sich leicht am Arm -ergriffen und folgte an die Brüstung. - -»Ach, da steht ja auch Wein!« bemerkte Josef, »oh, erlauben Sie mir -einen kleinen Schluck?« - -Er trat an den Tisch. Georg murmelte etwas und benutzte die Gelegenheit, -um sich völlig zu sammeln, beruhigte sein klopfendes Herz, die Hände auf -die Brüstung stützend und in die Sterne blickend; der Himmel war ihm -jetzt nur eine verschwommene, über und über glitzernde und funkelnde -Wand von Gold, in der seltsam blaue, rote und grünlichweiße Lichter -zuckten. Sich wendend, sah er Montfort mit dem Becher am Munde und -streckte die Hand aus. - -»Geben Sie mir auch«, sagte er, sich räuspernd. Montfort gab ihm den -Becher, er trank begierig, der Wein schien noch einmal so kühl und -duftend. Er stellte den Becher hin und ließ sich, da Montfort auf der -Brüstung Platz genommen hatte, in den Sessel fallen. Josef, mit einer -umfassenden Geste des rechten Armes, sagte: - -»Der Mensch und die Sterne -- das heiße ich den Gipfelpunkt des -Irdischen. Obendrein sind Sie seit gestern zur Hälfte Großherzog, -- ah, -nicht wahr, Sie bejahen das Leben?« Er lachte leise. - -»Sie sagen das so sardonisch«, lächelte Georg. - -»Mich,« versetzte Josef, »mich lächert es immer, wenn ich so in den -Zeitungen lese von großen Autoren als den Bejahern oder Verneinern des -Lebens. Auf tief pessimistischer Basis, so las ich neulich von -irgendwem, bejahte er dennoch das Leben. Hanswürste, die sie sind! Da -sehe ich jemand vor vollbesetzter Tafel sitzen, hungrig wie ein Löwe, -und essen, was sich essen läßt, aber -- er verneint das Essen, er -schreit: Nein! nein! zwischen jedem Bissen und jedem Schluck. Begreifen -Sie, Prinz? Ich kann das Leben verneinen durch Handlung, indem ich mich -hinausbegebe, aus dem Leben oder zumindest aus der Gemeinschaft, also -aus dem menschlichen Leben. Aber das Leben zu verneinen durch Meinung, -zu leben unter Neinneingeschrei ... welch ein abscheulicher Unsinn! Und -nun erst gar die Bejahung. Ich bin am Ertrinken und sage zu dem, der -mich über Wasser hält, unablässig: Ja! ja! ja! du hältst mich über -Wasser. Was soll das? Kann der bejahen oder verneinen, der gar nicht -gefragt wurde? Aber natürlich: Charakter muß der Mensch haben, so -heißts, und zudem eine deutlich erkennbare Weltanschauung. Ach, und über -uns sind die Sterne! Wer darf noch an den Nachtraum -- die Stirne lehnen -wie ans eigne Fenster? Kennen Sie diese Verse von Rilke?« - -Georg, tiefer in sich versinkend, hörte mit mächtiger Ergriffenheit über -sich die kostbare, tönende Stimme in der Nachtluft: - -»Siehe, dies -- Bedürfte nicht und könnte, der Entfernung -- Fremd -hingegeben, in dem Übermaß -- Von Fernen sich ergeben, fort von uns. -- -Und nun geruhts und reicht uns ans Gesicht -- Wie der Geliebten -Aufblick, schlägt sich auf -- Uns gegenüber und zerstreut vielleicht -- -An uns sein Dasein, und wir sinds nicht wert. - -»Vielleicht entziehts den Engeln etwas Kraft, -- Daß nach uns her der -Sternenhimmel nachgiebt -- Und uns hereinhängt ins getrübte Schicksal. --- Umsonst. Denn wer gewahrts? - -»Und wo es einer -- Gewärtig wird: wer darf noch an den Nachtraum -- Die -Stirne lehnen wie ans eigne Fenster? -- Wer hat dies nicht verleugnet? -Wer hat nicht -- In dieses eingeborne Element -- Gefälschte, schlechte, -nachgemachte Nächte -- Hereingeschleppt und sich daran begnügt?« - -Die letzten Worte mit Härte niederschmetternd, schwieg der dunkle -Sprecher vor den Gestirnen, und Georg, hingerissen und bis zum Weinen -erschüttert, stammelte: »Ja, ja, ja! so ist es, es ist wahr, oh, hören -Sie nicht auf, sprechen Sie weiter, es muß weiter gehn!« - -Montfort schwieg, begann nach einem Schweigen, während Georg mit -verschwimmenden Augen, vorgebeugt im Stuhl, zu ihm aufsah: - -»Wir lassen Götter stehn um gohren Abfall, -- Denn Götter locken nicht. -Sie haben Dasein -- Und nichts als Dasein, Überfluß von Dasein, -- Doch -nicht Geruch, nicht Wink. -- Nichts ist so stumm wie eines Gottes Mund. --- Schön wie ein Schwan -- -- Auf seiner Ewigkeit grundloser Fläche -- -So zieht der Gott und taucht und schont sein Weiß ...« - -Georg fühlte Tränen über sein Gesicht laufen und wehrte ihnen nicht. -Nie, dachte er, in keinem Traum erfuhr ich solche Wonne der Tränen. -Siehe, da stand Montfort groß und schwarz vor den beweglichen, -schlagenden, strömenden Sturzfalten von Nacht und Gold, und es war, als -ob er sänge: - -»Nur der Gott! -- -- Wie eine Säule läßt der Gott vorbei, verteilend, -- -Hoch oben, wo er trägt, nach beiden Seiten -- -- Die leichte Wölbung -seines Gleichmuts ...« - -Georg, von kalten und wilden Schaudern überronnen, schloß die Augen. Wie -war es? wie hieß es nur? Auf seiner Ewigkeit grundloser Fläche, so zieht -der Gott und taucht und schont sein Weiß ... Oh ... oh! schont sein -Weiß! Es war kaum zu ertragen. An allen Gliedern gelöst, fühlte er sich -in ein grundlos Weiches mit unsäglicher Wollust einsinken, hörte aber -jetzt laut durch das Sausen und Singen in seinen Ohren drei starke -Schläge gegen eine Tür. Wild zusammenfahrend, setzte er sich auf. -Niemand war bei ihm. - -Was war das? Habe ich geträumt? -- Das Herz klopfte ihm dicht unterm -Halse, er fühlte sich seltsam schlaff, elend und an alles ausgeliefert. -Wüste Furcht krauste ihm die Haut des Rückens, des Kopfes und der Stirn. -Er schüttelte sich und fühlte sich sehr müde im Körper; aber der Geist -war frei. Er sah nach dem Orion, aber nachdem der einen Augenblick über -ihm aufgeblitzt war, war er völlig verschwunden, die Nacht ganz leer an -seiner Stelle. - -Georg fuhr sich mit der Hand über die Augen. Das ist ja unheimlich, -murmelte er. Die Augen wieder öffnend, sah er zu seinem heftigen -Entsetzen die Umrisse eines Riesen von flammend blauer Farbe am Himmel -schweben; sie entfernten sich langsam, wurden kleiner und kleiner und -verschwanden. - -Da! Wieder die drei starken Schläge an der Tür -- -- es mußte unten die -Tür der Sternwarte sein. Georg stand wankend auf, packte mit letzter -Kraft seine Furcht und stieß sie fort. Einen Augenblick stand er wütend, -konnte nichts sehn, dann lief eine große, schneeweiße Kugel auf der -Mauerbrüstung vor ihm bis zum Rand, schwebte dann und entfernte sich -nach rechts. Da peitschte das Entsetzen auf ihn ein, er stürzte zum -Treppenschacht, die eisernen Stufen dröhnten unter seinen Füßen, er -stolperte, rutschte am Geländer hinab, gewahrte dann den Lichtschein in -der getäfelten Halle. Kaum aber, daß er die sieben Flammen des -Kronleuchters und die beleuchtete Tischplatte ins Auge gefaßt hatte, -einen Pulsschlag lang beruhigt, waren sie verschwunden. Er warf den Kopf -herum, sah die Tür, die zum Gang ins Schloß führte, wollte drauf zu, -aber sie war nicht mehr da. - -Vor Angst kaum noch wissend, was er tat, ging Georg mit vorgestreckten -Händen tastend auf die Pforte zu, erlangte einen Pfosten, ertastete die -Klinke, riß auf und taumelte zurück vor einer finster schwarzen Gestalt, -die darin stand, augenlos, eine spitze Gugelkappe anstatt des Kopfes auf -den Schultern. Georgs Schrei vergurgelte, da die Gestalt im selben -Augenblick spurlos verschwunden war. Statt ihrer sah er jetzt seinen -eignen Schatten riesenhaft über die wieder sichtbare Tür ins Getäfel -heraufsteigen, ein furchtbar beängstigender Anblick, so daß er beide -Fäuste in die Augen stieß. So, einen Augenblick in sich selbst -zurückgepreßt, gelang es ihm, sich zuzustammeln: du fürchtest dich -nicht, nein, das ist seine Furcht, das ist -- er fand nicht, was es war, -fühlte sich wehrlos, ergrimmte, würgte sich minutenlang herum mit der -Furcht, riß die Augen auf und sah zu seinem unermeßlichen Staunen einen -feurig roten Engel dicht vor sich stehn, leider ohne Haupt, die Fittiche -weit entfaltet, doch schrumpfte er alsbald zusammen und schwand, während -Georg, zerrissen von Wut und Entsetzen, mit geballten Fäusten auf ihn -zutaumelte. - -Da stand er vor der Tür, die ins Freie führte und stieß sie auf. Gott im -Himmel, es stand wieder der Schwarze darin, ohne Haupt und Augen, nur -die Gugelkappe zwischen den Schultern. - -Nein, was denn, was denn? Nichts war da, sondern ein wunderbarer Gang -von milchfarbenen Säulen, die von innen bläulich erleuchtet waren, -hunderte in einer Reihe, die ins Endlose führte. Georg starrte so lange -hin, bis sie in sich zerflossen. Da war die Nacht draußen, am Pfosten, -zur Seite getreten, stand der Schwarze, und dort, mitten auf dem weißen -Wege, in der Dämmrung, ein zweiter, still, ohne Bewegung. Georg warf -sich herum ... Es waren drei! Der dritte stand -- es war der erste -- in -der andern Tür, und Georg wich, gefühllos geworden, rückwärts bis zur -Wand, fühlte sie mit den Händen hinter sich und lehnte sich daran. Der -Schwarze in der Gangtür war schon wieder fort, aber der andre war ins -Zimmer gekommen, wo er sofort verschwand, jedoch in die Tür trat der -dritte und verschwand, aber nun war der erste wieder sichtbar, war näher -gekommen und stand dicht neben dem siebenarmigen Leuchter, der im selben -Augenblick ausgelöscht und nicht mehr da war. - -Georg schloß die Augen, versuchte zu lauschen, hörte aber keinen Laut. - -Als er die Augen zu öffnen versuchte, standen da drei Schwarze mit -Gugelkappen in einer Reihe, einen Augenblick, dann waren sie fort. -Alsbald jedoch erschien der linksstehende wieder, der in der Mitte -alsdann, zuletzt der rechte. Kalte Tropfen liefen über Georgs Stirn, -sein Haar knisterte, er krallte die Finger hinter sich in die Wand und -hörte jetzt eine sanfte und schöne Stimme sagen: - -»Nicht fürchten ...« - -Er richtete sich schlotternd auf. »Ich fürchte mich nicht,« stammelte -er, »was willst du?« - -Da standen die drei Schwarzen wieder, in Abständen voneinander, es war -aber schon tröstlich genug, daß sie nicht entschwanden, sondern blieben. -Lange Zeit war kein Laut zu hören. Endlich machte die tiefe und ruhige -Stimme sich wieder auf: - -»Wir sind gekommen, aber wir kommen nicht aus der Zeit. Aus Zeit ist -unser Kleid, das schwarze, fremde. In Zeiten wüst und abenteuerlich, -ging auch das Rechte und das Wahre, das im Licht verstummte, in Nacht -gekleidet und vermummte sich in schwarzes Kappenzeug und schwarzes -Hemde; zu richten über Ritterhelm und Diademe, Wirrnis zu schlichten, -Böses zu vernichten, kam bei Nacht die Feme, Tore öffnend mit dem -Zauberring, und nichts, das ihr entging. - -»Fürchte dich nicht! Sei wie die sieben Lichter in unsrer Nähe nicht -voll Angst und Graun, obwohl zu schaun nicht unsre Angesichter und unsre -Namen dir verborgen sind. Dein Herz, das von Entsetzen noch gerinnt, -samml' es getrost, denn wir sind keine Schlimmen, sind Kläger nicht, -noch Henker oder Richter, sind nur Stimmen, und was mit unsrer Zunge -spricht, ist das Verborgene in deinem Herzen, sonst ists nichts. - -»Denn wir sind eingedenk des Lichts wie du; obwohl wir gleichen -ausgelöschten Kerzen, leuchten wir dir zu, auf daß es helle wird in -deinem Herzen.« - -Die Stimme schwieg. Georg, aus Schaudern in Schauder stürzend, fragte -angstvoll, da das Schweigen dauerte: - -»Was wollt ihr?« - -Eine härtere, hellere Stimme, die von rechts zu kommen schien, sagte: - -»Prinz Georg Trassenberg.« Und nach einem Schweigen: »Vorgeblich.« Und -nach aber einem Schweigen: »In Wahrheit Sohn der Kaja Moscherowska.« - -Georg fuhr mit dem Oberkörper nach vorn, öffnete den Mund, stammelte: -»Ka--« Aber der Sprecher zur Rechten erhob die Hand und sagte: - -»Still! Wir klagen nicht an, wir urteilen nicht, wir richten nicht, wir -nennen. Wir sind nur Stimme. Anklage, Urteil und Vollstreckung übt -allein dein eigenes Herz.« - -Um Georg zuckte und schwirrte der Raum. Die Drei standen unbeweglich, -hinter sich ihre die Wand emporsteigenden Schatten. Die sanfte, erste -Stimme tat sich auf: - -»Das Kind Esther schläft an dem Grunde des Meeres. Ist in deinem Herzen -nichts, das sich verflochten fühlte mit dem Untergang einer ratlosen -Seele?« - -Georg zitterte heftig, senkte schwer die Stirn, bewegte die Lippen ohne -Laut, zitterte nur. In weiter Ferne sagte jemand: »Sigune ...« - -Sie lebte ohne mich noch, bewegte es sich in Georg, sie lebte, sie lebte -... Eine ungeheure Angst drang auf seine Seele ein, er fühlte seine -Glieder an sich hängen wie erschlagen, totmatt, schwer wie gefüllt mit -Steinen. - -»Wir reden nicht von Schuld und nicht von Sünden«, scholl es sanft und -fast liebevoll nahebei. »Wir sind allein gekommen, zu verkünden, was in -der Brust dir schlummert eingelullt. Bedenke: nichts auf Erden wird -durch fremden Griff und äußres Handeln. Aus dir selber mußt du werden, -kannst dich aus dir selbst nur wandeln! Aus der Ferne kann nichts an -dich heran, nur du selbst allein kannst dich gefährden. Daß vom Dache -fällt auf dich der Stein, lenkst du selbst in jene Straße ein. Niemand -kannst auch du verletzen, aus ihm selber kommt ihm Pein, Lust erkaufst -du nicht mit Schätzen, du bist selber Rausch und Wein. Niemand stürzt -durch deine Hand, Schuld verstrickt sich nur mit Schulden, nie bedacht -und nie erkannt, -- aber du mußt es erdulden. Hiermit schweige unser -Chor. Nicht von außen, nein, von innen tönten wir zu deinen Sinnen, -stiegen aus dir selbst hervor; wandeln wir auch jetzt von hinnen, keiner -sich von uns verlor. Sieh uns schwinden ... tausendmal, über Bergen, im -Tal, du hast keine Wahl, -- immer wirst du uns wieder finden.« - - - Traum - --- -- -- -- -- -- -- -- -- -- Kaja! -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -Hell sprang ein Klingen in Georgs Gehör auf, es summte lange nach, er -merkte, daß er in allen Gliedern zusammengefahren war, glitt ganz -langsam in alle Enden seines körperlichen Daseins zurück und fühlte, daß -er aufrecht saß. Da brannten die Kerzen, nur noch Stümpfe, über und über -tropfend von Wachs. Gott sei gelobt, dachte Georg schwach lächelnd, das -war ja ein fürchterlicher Traum! Aber wie elend mir ist! Ich glaube, es -geht auf Morgen. Ich möchte zu Bett, -- aber -- ich -- kann -- -- nicht -... - -Ohne Bewegung hockte er im Sessel, sank endlich zusammen, legte das -Haupt auf die Lehne und fühlte sich im selben Augenblick mit -atemraubender Schnelligkeit fortgerissen, daß der Raum um ihn sauste und -toste. Es war dämmrig umher, er flog, wie es schien, in großer Höhe, und -alsbald erkannte er, ohne Schwindel und mit Entzücken, unter sich das -Meer, schimmernd blau in gewaltiger Tiefe. Wogenzüge, gebogen und in -Schlangenlinien, schoben sich schimmernd weiß in der metallenen Fläche -hin und her, er flog, da stieg in der Ferne eine schneeweiße Klippe auf, -er stürmte darauf zu, hoch über ihr, und allmählich wurde sie zu einer -riesenhaften Säule, die wiederum sein Herz hüpfen ließ vor Wonne mit der -Schönheit ihres schlanken Wuchses und der geschwungenen Räder ihres -jonischen Kapitäls. Auf dessen Platte war eine farbige Bewegung, -Gestalten in bunten Gewändern, und im Näherfliegen erkannte er, daß eine -in der Mitte stand, die war glänzend golden, und rings im Kreise waren -eine Menge, zehn -- oder zwölf? -- ja, zwölf aufgestellt. Deren jede -hielt eine goldene Stange neben sich stehend, und oben daran, über den -Häuptern der Gestalten -- ihre Gewänder leuchteten rot und gelb, violett -und grün und weiß und in noch mehr Farben -- blitzten große goldene -Ziffern, -- Georg erkannte und las eine Neun, Zehn und Zwölf, Sieben und -Acht, und jetzt sah er auch die Gesichter, die ihm bekannt erschienen, -ohne daß er Namen für sie finden konnte. Aber da bewegte sich etwas, -nämlich ein uralter Mann, weißhäuptig mit langem weißem Bart, in einem -schwarzen Talar. Dieser schritt gebückt und die Hände auf dem Rücken -außen im Kreise um die Ziffernträger, und nun wußte Georg, daß es eine -Sonnenuhr war und der Greis ihr Schatten. Die goldene Figur in der Mitte -drehte sich mit den Schritten des Greises, und da jetzt eben ihr Gesicht -aufleuchtend herumkam, so erkannte Georg deutlich Renate, erkannte ihren -Seligkeitsmund, die blaue Farbe ihrer Augen, in denen das Meer -aufgebrochen zu sein schien, und ihr bräunliches Haar. Erhob sie nicht -die Hand, lächelte und winkte ihm zu? Ja, waren denn alle Ziffern schon -da? Er suchte verkrampften Herzens im Kreis, auf einmal selber auf der -marmorweißen Platte stehend, dicht neben einem der Zifferträger, dem er -ins Antlitz sah, -- es war Bogner; sehr groß, fremd und verhärtet stand -sein Antlitz in die Mitte des Kreises gerichtet, er zuckte nicht mit der -Wimper, und Georg eilte angstvoll weiter, gewahrte fern drüben eine -Stelle leer, ging hinter Josef Montfort herum, der ganz wie Bogner -unbeweglich gradeaus sah, ebenso hinter Ulrika Tregiorni, hinter -Saint-Georges, hinter Magda, da begegnete ihm der wandernde Greis, der -alte Montfort wars, -- mein Gott, es wird gleich schlagen, dachte er in -unsäglicher Furcht, wo war denn der leere Platz, sein Platz? Seine Füße -wollten nicht mehr fort, er schleppte sie wie bleigefüllte Säcke, da war -Erasmus Montfort, düster und schweigsam, Esther stand da, ihr Bruder, -Irene war da, nun Klemens, -- Cordelia, ach hilf mir doch, liebe -Cordelia, stöhnte Georg, aber ihr Gesicht war eine weiße, lächelnde -Maske, seine Kniee versagten, er sah undeutlich Dora Vehm, auch Benno, -ach Gott, ach Gott, da stand schon wieder der Maler ... Auf einmal -rührte jemand seine Schulter an, er fuhr entsetzt herum, atmete aber -beseligt auf, als er Jason al Manachs freundliches kleines Antlitz sah, -ganz klein, ja, wie eine Hand, und die Hälfte davon war Stirn. »Ist denn -für mich kein Platz, Jason?« stammelte er flehend. »Es muß jeden -Augenblick zwölf schlagen, und dann ists ja aus.« Er riß sich wieder -los, schleppte sich zu Esther hin und sagte mit unterdrückter Stimme: -»Du bist ja tot, was willst du denn hier?« und versuchte, sie -wegzudrängen. Da seufzte Esther, alle Gesichter im Kreis blickten -vorwurfsvoll auf Georg, er raufte sich das Haar, keuchte, stammelte: Ja, -ja, ja, ich bin der Mörder, ich bin der Mörder! -- Unter ihm glitzerte -die blaue Meeresfläche, er stürzte kopfüber hinab, stürzte, stürzte, -- -schlug die Augen auf und lag still, nichts empfindend durch Minuten als -das göttliche Gefühl der Rettung. - -Einige Zeit danach schien es ihm, als stünde er vor seinem Bett; danach -kam es ihm vor, als läge er in Kissen, dann versank er in Müdigkeit. - - - Zweites Kapitel - - - Frühstück - -Renate, schon in ihrem lavendelblauen Festkleid, wollte sich eben vor -ihren Frühstücksteller setzen, als ihr der Herzog gemeldet wurde. Leicht -innerlich zuckend, fragte sie sich: Morgens um acht Uhr, was soll denn -das bedeuten? -- Sie wußte, was das bedeutete, aber sie verschwieg es -sich, ging in die Halle und sah ihn eben zur Tür hereinkommen, ein wenig -ungeschickt, aber ganz leicht, den Stock kaum benützend, ein großes -Bündel Lilien in der Hand. Sie lachte ihn an, er blieb stehn, lachte -auch, und -- »Lieber Freund,« sagte sie, »das ist ja wundervoll, so früh -am Morgen und auf so tapferen Füßen!« - -Nun ging sie zu ihm hin und gab ihm die Hand, zugleich die Lilien aus -seiner Linken nehmend und an die Brust drückend. Sie neigte das Gesicht -in die Kelche und hörte ihn sagen, während er ihre Hand festhielt: - -»Ja, Renate, das ist wahr, was Sie sagen: tapfere Füße, und es sind auch --- besondre Füße, auf denen ich hereinkomme.« - -»Ja?« sagte sie zögernd. Er legte auch die andre Hand um die ihre, zog -sie zur Brust empor, wollte lachen, atmete mit ganzer Brust auf und -sagte ernsthaft: »Freiersfüße, Renate.« - -Hart stand ihr Herz auf und lief. Ich wußte es ja, sagte eine Stimme in -ihr, wußte es längst, aber ich wollte es nicht wahrhaben. -- Es gelang -ihr, ihn anzusehn, da mußte sie lächeln. Wie er keuchte! Sie drehte ihre -Hand in den seinen hin und her, bis sie losgenestelt war, ging zum -nächsten Fenster, legte die Lilien auf die Fensterbank und stützte das -Kinn in die linke Hand, den Ellenbogen in die rechte setzend. Sie -blickte auf, ließ die Hände fallen und wandte sich langsam zum Herzog -herum. Der schloß eben die hängenden Hände und spreizte sie wieder. Sie -sah ihn voll an, fühlte, wie sie errötete, und sagte leise: »Ja -- ich -möchte -- -- ich möchte sehr gern -- --.« - -Hastig lief sie wieder auf ihn zu, legte die Hände auf seine Brust, sah, -die Brauen ganz zusammenziehend, angstvoll in sein großes, starkes -Gesicht und hörte ihn sagen: - -»Ich liebe Sie, Renate, das ist der ganze Grund, ich liebe Sie sehr. Ich -bin fünfundzwanzig Jahre älter als Sie, aber ich -- ich gebe Ihnen mein -Wort, daß ich in fünfundzwanzig Jahren noch so jung bin wie heut, wenn -Sie ...« - -Er verstummte und tastete nach ihren Händen. Sie merkte, daß er -zitterte, und alle Macht strömte aus seinem Zittern frohlockend in sie -zurück. Lange stand sie und sah nichts als seine fast schwarzen, -flehenden, besorgten, zuckenden, befehlenden Augen. Langsam glitt sie -mit den geschlossenen Händen an seinem Gesicht empor und deckte seine -Augen zu, drückte sie dann gegen seine Lippen, seine Wangen, trat -plötzlich zurück und sagte, aufhorchend bei dem tiefen Klang ihrer -Stimme: »Nun Geduld! -- Geduld ...« - -»Geduld«, sagte er mit zuckenden Brauen, »ist das Schwerste auf der -Welt.« - -Nun konnte sie strahlend lächeln und rief: »Das Schwerste von der Welt -ist grade noch leicht genug für Renate Montfort!« Sie stampfte leicht -mit dem Fuß auf: »Weißt du das nicht?« - -»Doch!« sagte er ehrlich. Alle weiteren Worte schnitt sie mit einer -Handbewegung ab, ging zur Tür, drückte auf die Klingel und blieb dort -wartend, die Hand am Klingelknopf, indem sie lächelnd auf den Herzog -blickte, der sich umgewandt hatte. Als das Mädchen kam, bat sie um eine -Vase für die Blumen und um noch ein Gedeck für den Herzog. - -»Ich habe Hunger,« sagte sie freundschaftlich, »wollen Sie mit mir -frühstücken? Wir müssen uns beeilen, um neun Uhr kommt Georg und holt -mich zum Festspiel.« Als sie an ihm vorübergehen wollte, merkte sie, daß -er nach ihr greifen wollte, schlug geschwind einen Bogen, raffte ihr -Kleid vorn mit beiden Händen und lief schwebenden Schrittes und vor sich -hinlächelnd zur Tür des Frühstückszimmers; dort blieb sie stehn, ließ -ihr Kleid fallen, lehnte sich mit dem Rücken gegen die Türfüllung, faßte -den Rahmen mit den Händen und sah ihn so von dort aus an, lächelnden -Mundes, mit weit offnen, liebevollen Augen. »Komm!« verlockte sie, kaum -die Lippen bewegend, und dachte: Ich habe ja Künste in mir aufbewahrt, --- oh, dann will ich sie brauchen! -- Damit ging sie leicht und die -Stirn gesenkt wieder bis zu ihm und reichte ihm die Hand. Während er sie -an die Lippen hob, neigte sie den Kopf tiefer und tiefer, unvermögend, -einen Gedanken zu fassen. - -Renate kam erst eigentlich zu sich, als sie am Tische saß, dem Herzog -gegenüber, Kaffee in seine Tasse füllend. Da merkte sie plötzlich, daß -ihre Augen heiß und feucht wurden, sie setzte hastig die Kanne hin, -schüttelte, den ängstlichen Ausdruck in seinen Zügen gewahrend, den -Kopf, daß zwei Tränen abfielen, und sagte ernst: »Lieber, ich habe dies -Haus hier zu hüten, was soll ich tun? Ich habe mir geschworen, nicht -hinauszugehn, als bis alles wieder so ist, wie ich kam, -- ja, das tat -ich nun,« sagte sie fest, »das müssen wir behalten. Du weißt ja alles -vom Onkel, ich kann ihn nicht im Stich lassen. Was ich mir gedacht habe, -kann ich dir auch nicht sagen, aber das ist auch gleich; du bist nun -gekommen, und es muß wohl irgend etwas geschehn. Du mußt dich gedulden, -bis ich das erledigt habe. Rede ich zuviel?« fragte sie wehmütig, -lächelte ihn an und streckte ihre Hand über den Tisch nach ihm hin, zog -sie aber schnell fort, als er danach faßte, ergriff ihre -Weißbrotscheibe, zog den Honigtopf heran und begann zu essen. - -»Mein Sohn Georg«, hörte sie den Herzog sagen, »hatte einmal eine -Redensart, die hieß: quid quod? auf deutsch: Was soll man dazu sagen? -Also ich sage: quid quod? Nämlich,« fuhr er eiliger fort, während sie -leise lachte, »ich wollte ja erst morgen kommen, wenn all das mit Georg -erledigt sein würde, aber heut morgen hat es mich doch übermannt.« - -»Oh,« meinte Renate nachsichtig, »zu früh aufstehn kann man nie.« - -»Und den Tag über heut«, fuhr der Herzog fort, »habe ich keine Zeit; da -mein Sohn Festspiele aufführt, muß ich die Gäste empfangen, und heut -nachmittag sind ja die großen Vereidigungen.« - -Die großen Verneigungen ... klang es sonderbar in Renate, sie suchte, -wann und wo sie das einmal gehört hatte, hörte zerstreut zu, was der -Herzog sagte, ohne etwas zu verstehn, und wurde langsam mit Essen und -Trinken fertig. Plötzlich übergoß es sie dann, da sie den Herzog groß -dasitzen sah, mit durchdringenden Augen, während er sagte: »Sie sind ja -so über alle Begriffe schön, daß -- -- daß --« - -Die drei großen Verneigungen, klang es wieder, die drei großen -Verneigungen. Dann merkte sie, daß er Sie gesagt hatte, und gerührt von -dieser Zartheit, erhob sie sich, ging um den Tisch zu ihm hin und legte -einen Arm um seinen Nacken. Langsam hob er das Gesicht, sie beugte sich -und küßte seine Stirn. - -»Genug für heut,« sagte sie mit plötzlicher Entschlossenheit, »und nun -muß ich mir das Haar machen lassen, in einer Stunde kommt Georg.« - -»Georg,« sagte der Herzog aufstehend, »ja, ist er eigentlich blind?« - -Renate verstand nicht, obwohl sie gut verstand. »Leb wohl«, sagte sie -und streckte die Hand aus. - -Wieder stand er vor ihr, sehr groß, fast überwältigend, und sie bebte -leicht, bog sich zurück, ließ aus aller Glut, die sie in Schnelle zu -sammeln vermochte, einen strahlenden Schein aus ihrem Antlitz über das -seine gehn, verschattete sich wieder, neigte kurz das Haupt und ging, -von ihrer Seide umrauscht, mit kleinen und festen Schritten hinaus. - -In ihrem Zimmer oben stand sie, an unfaßliche Vorstellungen verloren, so -lange, bis die Zofe mahnte; die nächste halbe Stunde verging ihr -gedankenlos unter dem mühseligen Aufbau ihres Haars und der Zieraten. - - - Verkleidung I - -Georg erwachte, hob langsam die Lider und sah, daß es Morgen war. -Ungeblendet sahen seine Augen ins Zimmer, -- ja, wie ist mir denn? -dachte er, -- oh, mir ist wunderbar! -- Unvermutet mußte er die Arme mit -geballten Fäusten von sich stoßen und aus dem Bett springen; im -Aufsprung taumelte er, stolperte auf einen Stuhl zu und hielt sich -daran, lachte und hielt erstaunt einen kostbaren Gegenstand in der Hand, -eine seidene Strumpfhose, deren eines Bein weiß, das andre schilfgrün -war. Das ist ja meine Hose, dachte Georg, ah, nun merke ich, daß der -wunderbare Tag anfängt. Er bauschte in den Händen die weiche Seide -zusammen und betrachtete entzückt die hineingestickten Wappen, Blumen -und Ornamente von Silber auf beiden Beinen. Da hing auch der Rock überm -Stuhl, gleichfalls zur Hälfte weiß, zur Hälfte grün, und am Bügel -darüber der kurze Mantel, tiefblau, glänzend von Seide, mit Hermelin -leicht verbrämt, und am Stuhl lehnte die Laute, still, umschlungen von -weißen und schilfgrünen Bändern, -- alles genau so, wie er selber es am -Abend zuvor aufgebaut hatte. Nun sprang er ans Fenster, riß den Vorhang -auf und bemerkte enttäuscht, daß es grau draußen war; aber siehe, der -Himmel blendete leicht, naß und schwer hingen die Büsche und die -Hopfenranken jenseit des Weges, und schon glaubte er zu sehn, daß dieses -Morgengrau mit goldenen Hefteln, zum Abstreifen lose, befestigt war. Die -Sonne kommt, frohlockte er, Renate kommt, und nun bin ich Großherzog. -Seine Brust dehnte sich schwer, er mußte einen Augenblick die Hände -darauf drücken, er suchte die alte Angst im Herzen, aber nichts da, -nichts gab es als eine seltsam üppige Kraft, ein stilles Feuer, von dem -sein Innres glühte bei seltsam klarem Kopf. Nie war mir so wohl, -flüsterte er sich zu, nie im Leben, ach das ist ja herrlich, ich möchte --- was möchte ich nur? Einen Kiefernbaum ausreißen und den Staub von -Renates Türe kehren, ja, das möchte ich! -- Aber erst will ich baden. - -Er streifte den Schlafanzug ab, ging nackt ins Badezimmer und stellte -sich unter die kalte Brause. Da ward ihm so unbändig zumut, daß er -glaubte, er sei berauscht. Ich habe doch Wein getrunken in der Nacht, -aber eine solche Wirkung habe ich noch all mein Lebtage nicht bemerkt. -Er trocknete sich flüchtig ab, trat dann mit einem plötzlichen Entschluß -an das Fenster, und -- jetzt in einer süßen Beklommenheit zum Beten -entschlossen -- öffnete er die Flügel. Er blieb so, die erhobenen Hände -an den Fensterflügeln, sehr aufrecht; und nun, aus blinder Beschämung, -alles vergessend, hineinwachsend, als ob er sauste, in eine Inbrunst -ohnegleichen, in der er, wie in gewaltigen Schwingen stehend, zum -sicheren Absturz in unendliche Tiefen bereit war, sammelte er die Worte -der Andacht. - -»Licht, du selber verhülltes!« sagte er, »sieh mich nun! Verhüllt, -siehst du mich doch. Sieh mich nackt, sieh mich auf meinem Gipfel! Groß -ist der Tag, zu dem ich entschlossen bin. O Licht, du siehst, ich bin -heiter, -- aber nicht würdelos, nein. Nein, sieh doch die letzte Stunde -der Freiheit, gönne mir, noch einmal heiter zu sein, gönne mir noch -einen Flug, noch diesen Trunk aus dem Leichten, diesen Kuß der schönen -Vergänglichkeit! Dann will ich die Arme gern ausstrecken, die eisernen -Handschellen darumlegen zu lassen, die ich mir selber geschmiedet habe. -Verachte mich heute nicht, Licht, entzieh mir nicht deine ewige Gnade, -erleuchte mich morgen und allezeit, laß mich, wie in diesem feurigen -Augenblick, nur allezeit wahr sein, ganz sein, der ich bin, wahr, wahr, -ein Gemächt des Schicksals, aber ein stolzes!« - -Er öffnete die schamvoll geschlossenen Augen, da ihn die Worte -verließen, wandte sich und atmete, als wäre er in sich zurückgekehrt, -tief auf, gleichsam beruhigt, sich so einfach zu finden. So einfach, ja, -aber auch so hundertfältig wohl. - -Aus den Poren seiner Haut strömte nicht Wärme, sondern Kühle; von sich -selber umfächelt trat er vor den Spiegel und war durchaus mit sich -einverstanden, außer mit seinem Gesicht, das stark gemagert war, -- ja, -das war gerechte Folge der Arbeitsmonate, -- und dafür hatte er seine -Augen noch nie so groß und leuchtend gesehn; sie blitzten wie durch -Glas, und die Pupillen schienen ihm vergrößert, als hätte ihm jemand -Belladonna eingegeben. -- - -Georg begann sich anzuziehn, die seidenen Hosen auf die nackte Haut, -eine kühle Wonne, in die er sich kleidete. Dabei fiel ihm ein, daß er -schwer und seltsam geträumt hatte bei Nacht. Er besann sich, auf dem -Bettrand sitzend, die Hosen erst halb übergestreift, und für einen -Augenblick wälzte sich schwer und wolkig ein Stück Nacht in sein Innres, -gefüllt mit schaurigen Beängstigungen. Ich stürzte ja immer, erinnerte -er sich, zuletzt von einer Klippe ins Meer, -- wie war es doch nur? -Sonnenuhr ... aber die Ziffern waren Menschen, und ich -- ich konnte -meinen Platz nicht finden. Nein, viel schlimmer waren ja diese -Gugelmänner! Und wie sie fortwährend schwanden! Dann redeten sie -kostbare Dinge, Verse glaub ich, die mich durchschauderten, aber das -habe ich schon oft erlebt, daß mir im Traum etwas wunderbar erschien, -was sich im Wachen als sinnlos und albern herausstellte. Als Esther noch -lebte, träumte ich einmal eine ganze Novelle von ihr, noch im Wachen war -ich entzückt davon, und dann zerstob es wie Nebel in sinnlose Stücke; -daß eine Droschke darin vorkam, weiß ich noch. -- Sieh da -- habe ich -nicht auch den Orion gesehn diese Nacht? Den Orion, den Winterstern! ist -es zu sagen ... - -Kaja ... - -Plötzlich sanken ihm die Hände, er erschrak, aber -- was war denn zu -erschrecken? Er suchte und fand nichts, als wieder dies Wort Kaja, und -dann -- er lächelte -- ach, meine Mutter, sagten die Schwarzen, habe -Kaja geheißen. Ich Kajus, nehme dich, Kaja, so hieß doch die alte -römische Trauformel, und: Wo du bist, Kajus, da bin auch ich, Kaja. -- -Es ist aber doch eigentlich schauerlich mit dem Träumen, dachte er, -aufstehend und den Hosenbund zusammenschnürend, sie machen, was sie nur -wollen, mit uns, wir müssen lieben oder hassen, bekämpfen oder fürchten, -ganz ohne unser Zutun, und was uns längst abgetan schien, das kommt -wieder, immer wieder, auch die Toten ... - -Überdem war er wieder vor den Spiegel geraten und vergaß alles über dem -unverhofften Glanz seiner Beine. Dann fuhr er in den Rock und hakte ihn -zu, von der Achselhöhle zur Hüfte; er fiel über die halben Oberschenkel -herab, in der Mitte leicht eingerafft; die Ärmel, der weiße und der -grüne, umgekehrt wie die Farbteilung der Beine, lagen eng wie die Haut -selber an, aus dem Halsausschnitt kräuselte sich der gewellte Ring des -Hemdes am Halse empor. Während er das verwirrte Haar mit dem Kamm -glättete, sah er im Spiegel, daß draußen das Grün schon leuchtete und -sich vergoldete, und plötzlich glänzte es zu seinen Füßen, und ein -breiter Streif Sonne stand, in Milliarden Stäubchen schimmernd, mitten -im Zimmer. Ach, und kühl war es, kühl! Er griff nach dem kurzen Schwert, -dessen Gürtel über der Stuhllehne hing, und der aus verhakten Quadraten -von Silberfiligran und dunkelblauem Email bestand; die Klinge stak in -schwarzlederner Scheide mit silberner Spitze. Er nahm den Gürtel -auseinander und legte ihn um die Lenden, unterhalb des Leibgurtes, wo er -an kleinen Haken festhing. Auf die Uhr blickend, fand er, daß es gleich -dreiviertel Neun war, er eilte ins Eßzimmer und aß mit starkem Hunger -Eier, Brot, kalten Braten und warmen Haferbrei mit Milch. Im Hause war -es still, Egon mußte längst draußen sein, auch die Hausmeistersleute -waren gewiß schon auf der Wandrung zu ihrem Tribünenplatz. - -Georg legte die Zigarette unangebrannt noch einmal fort, trat in die -offne Gartentür, atmete tief und lang die Kühle des Morgens und begrüßte -mit immer leichterem Herzen die hervorsegelnden Bläuen überm Nebelmeer -der Lüfte. Sein Gesicht zuckte von innen heraus mit Lächeln und -Freudigkeit, kein Gedanke tat sich hervor, er konnte nur atmen und sich -wohlfühlen und dem Himmel danken, daß er Augen hatte zu schaun, Lungen -zu atmen und eine brennende Seele, die alle Welt umher an sich zog wie -Luft, um sie zu verzehren und höher davon zu leuchten. Alles funkelte -ihn an, jede Farbe, das Grün, das lichte Gelb und Zinnober der -Stockrosen; das Blau der Glockenblumen im Garten schien ihm noch einmal -so tief, er begriff es nicht, er wollte es nicht begreifen. Keine Kontur -war je so deutlich, kein Blatt ihm je so stark und lebendig gekrümmt, -gezahnt und beschattet erschienen, ach, wie mußte erst blühen Renate! -- -und er kehrte um, lief zur Tür, besann sich auf seine Laute, suchte sie -in allen Zimmern, dachte: sie wird brausen und klingen unter meinen -Fingern, obwohl ich keinen Griff verstehe, fand sie endlich auf dem -Bett, halb unter der Decke, sprang auf den Gang und zur Tür hinaus, wo -bei Gott ein Automobil stand, als wäre es hergezaubert. Nach einem -kleinen Versuch, mit dem Kopf voran durchs Fenster ins Innre zu -springen, öffnete er ernsthaft den Schlag, schrie dem Kutscher zu: -Güntherstraße fünf! warf sich in den Rücksitz und schloß die Augen. - -Wenn wir nur erst zu Pferd wären! wünschte er begierdevoll und öffnete -die Augen wieder; sogleich wogten zu beiden Fenstern bunte Stürze von -Stoffen, Fahnen, Blumen und Bewegung herein, er packte die Ringe der -Vorhänge und zog sie straff herunter, er wollte nichts sehn, wollte die -ganze Vollkommenheit des Schauspiels sich bewahren, drückte sich wieder -in die Ecke, stöhnte vor unbezwinglicher Ungeduld und kniff die Augen -zu. Alsbald brandete die Woge der Erregung wilder und kälter um sein -Herz, so daß er sich leiblich umklatscht fühlte von einer großartigen -Kühle, die ihn trug und aufrecht machte, ja, deutlich unterschied er im -lauten Toben seines Blutes die geistige, fast eisige Stille seiner -Kaltblütigkeit. Sein ganzer Leib dehnte sich in allen Fugen und Nähten -vor fiebrischer Erwartung Renates, es knatterte in ihm, wie eine -Stichflamme aufschießend mitunter, schien er sich als ein riesenhaft -gebauchtes Segel, eine tönende Gefäßwand voll praller Windvölle über -einem tosenden Geroll strömender Wasser zu stehn, zu prasseln, zu -fliegen, unsagbar leicht und straff, strotzend von Kräften. Draußen -unsichtbar, dumpf murmelnd und brausend, rollte das farbenreiche -Getümmel der sich zur Freude sammelnden Mengen, und mit ihnen -- so war -es! -- rollte aus allen Fesseln die Gewalt seines durchkühlten Bluts, -schlug wogenhoch an Häuserfronten, spritzte klatschend zu Fenstern -hinein, wirbelte um auf Plätzen und ergoß sich vollen, stürmischen -Schwalles durch die Gassen, während er selber dasaß, wie ein Gott in -sich zuhaus, in einer flammenden Wolke von Inbrunst, berauschten, -tönenden Herzens, in den Ohren Musik und Gelächter, die Lippen -überquellend von Jubel; und um so lautloser all dies in langen, lang -schwankenden Minuten sich ergoß, um so magischer war es auch, -- wie -Legende, so wars. Und schon hielt der Wagen an. - - - Verkleidung II - -Und schon sprang Georg, federnd wie ein Ball, von sich selber um- und -angeschillert mit seidener Buntheit, durch einen fremden, sonnigen -Vorgarten, auf ein fremdartiges, grau und sonniges Haus zu, über Stufen -hinweg durch ein gläsernes Tor, warf sich durch einen kühl dämmrigen -Flur wohlbekannten Geruches, vorbei an wohlbekannten Bildern, Spiegeln, -weißen Türen auf eine dämmerweiße Doppeltür zu, die von selber vor ihm -sprang, und schon stand er vor dem Wunder. - -Lavendelblaues Wunder! Er stand nicht, er stürzte an den Boden, leicht, -in sich gefaßt, geworfen und gehalten, auf das rechte, gebogne Knie, die -Arme aufwerfend und breitend und senkend, die flachen Hände angeströmt -von Lust und Glanz, das Haupt im Nacken, brausend unter allen Gliedern -wie ein niederströmender Aar aus Lüften und Gewölk, und rief mit heller -Stimme: »Herrlichkeit! Herrlichkeit über Herrlichkeit! ich bin da, ich -bin gekommen!« - -Renate, unter sich Georgs lachendes, magres, knabenhaftes, leuchtendes -Gesicht, bewegte sich nicht, da Magda hinter ihr den Schleier auf ihrem -Kopf befestigte, sah steifen Gesichts, die Augen gesenkt, auf ihn -nieder, faßte, um ihn zu begrüßen, in die Falten ihres Kleidrocks über -dem Knie und hob ihn an, so daß der starre Saum von Silberbrokat an sein -Gesicht rührte. Er faßte mit beiden Händen zu, Inbrünstigkeit spielend, -so tief er sie empfand, und küßte sie lachenden Mundes. Dann bat er um -Erlaubnis, aufstehn, und nachdem sie ihm gewährt worden, die -Wundererscheinung betrachten zu dürfen. -- Renates Gelächter schwang -über ihm wie eine Glocke, da sie erklärte, das Wunder sei erst halb, -noch fehlten die Überärmel und der Mantel, ja, es sei alles schon -verpackt, jedes zu seiner Zeit ... Georg stammelte, daß er dann nicht -wüßte, wie er das Ganze ertragen solle, und fing an, um sie herumzugehn. --- Ihr Haar sah er, das bräunliche; es schimmerte durch ein fabelhaftes -Netz von großen Perlen, vorne aber fielen die Zöpfe, wie Taue so dick, -Haarsträhnen, durchflochten mit Perlenschnüren und schilfgrünen Bändern, -über die Brust bis zu den Knieen herab, und die Enden der Bänder bebten -bei jeder Bewegung leise dicht über den Füßen in silbernen Schuhen. Die -lavendelblaue Seide, grauschiefrig schillernd in der Nähe der Nähte, -umschloß Brust, Leibesmitte und Hüften eng, ergoß sich dann in großem, -starrem Faltenwurf; vom runden Ausschnitt des Halses senkte sich zwei -Hände breit eine glitzernde Borte von Silberbrokat vorn herab bis zum -Saum, der starr stand, drei Hände breit, silberner Brokat. Und in all -dem Silbernen, dem lichten Blau, Perlweiß und lichtem Grün glühte das -meilentiefe Blau ihrer Augen, hauchte die rosene Zartheit ihrer Wangen, -glühte das Rot ihrer Lippen, der göttlich geschwungenen, alles in allem -ein Pokal voll Unersättlichkeit, in den Georgs Herz hineinsprang mit -einem Satz wie ein Panther. -- In der Nacht, wo ich dies umarme, dachte -er, werde ich sterben und das ewige Leben davontragen wie eine Harfe, -auf der ich -- ach, ich weiß es nicht, aber warum sage ich es ihr nicht? -Ich werde es ihr sagen, doch nicht jetzt, am Mittag vielleicht, am -Abend, ich will -- noch -- noch! -- kein Band und keine Fessel zu ihr -hinüber als mein trunkenes Empfinden, und er sagte: »Jetzt wollen wir -fahren. Aber Magda, -- was ist denn mit dir? kommst du nicht mit?« - -Sie schüttelte lächelnd den Kopf und sagte: erstens müßte sie das Haus -hüten und den Onkel ... - -»Und zweitens?« - -Zweitens hätte sie kein Kleid. Er erinnere sich ja wohl noch, daß er -selber das Gebot erlassen habe, daß niemand in andrer als in alter -Tracht sich heut öffentlich zeigen dürfe ... - -Georg mußte es zugeben. Allein in plötzlicher Liebe zu ihrer dürftigen -Gestalt, bestand er darauf, ihr am Abend das Feuerwerk und den Tanz in -den Gärten zu zeigen. Ob sie nicht eines von Renates Trachtkleidern -anziehen könne, -- und nun gab sie gerührt nach. - -Und schon saß Georg, nachdem Renate lächelnd zugegeben hatte, daß er die -Vorhänge herunterzog, auf dem schmalen Rücksitz des Wagens ihr -gegenüber, genau genommen, dachte er, in ihr, denn sie füllte den halben -Wagen mit ihrem Kleid und den Luftraum ganz mit Duft und Blühen. Sie -schauerte ihn an wie atlantischer Wind, er schloß die Augen und sah sie -in brennenden Umrissen dasitzen, in ihrer sinnenden Haltung, die sie -liebte, die er liebte, das Kinn in die rechte Hand gestützt, den -Ellenbogen auf dem übergeschlagnen rechten Knie, in der Linken im Schoß -den kostbaren Haufen ihrer Zopfenden und der Seidenbänder. Ihr -leibliches Leben strahlte über und über aus ihr; in allen Falten -raschelte, in allen Nähten lief, im äußersten Saume brannte und zitterte -noch die Süßigkeit ihres rosigen Lebens. Georg sah und sah, -- sah alles -Unsichtbare: unter dem lavendelblauen Kleidhimmel wie eine lockre Schar -schneeweißer Fittiche das Gewoge ihrer Leibwäsche in weißer Dämmrung; -darein stiegen von unten, aus Silberschuhn, die schlanken Schäfte ihrer -Beine, glatt bespannt mit blauem Flor; da wölbten sich unbeschreiblich -die Rundungen der Knie, blau bespannt bis zu einer Handbreit höher -hinauf, wo es kaum sichtbar schimmerte -- nicht wie Marmor und nicht wie -Rosen, wie Schnee nicht, noch Elfenbein, noch Mandelblüte, -- Magnolie -vielleicht, -- nein, davon nichts, sondern lebendige Haut, unfaßliche -Glätte, Süße, Hauch, Schimmer, Duft, Verwirrung aller Sinne unter dem -weißen Spitzenschaum und -- Georg dehnte ein wenig die Brust, breitete -die Arme zu beiden Seiten aus, sich anlehnend, und suchte umsonst zu -begreifen, wie er so gelassen dasitzen konnte, die sanften Schwellungen -ihrer Brust offnen Auges betrachtend, dazu die zarte Linie ihres -Profils, der gebogenen Nase, lieblichste Wölbung der Oberlippe und -flügelnde Entzückungen der tiefgezogenen Mundwinkel, von kaum -sichtbarem, weißem Fruchtflaum umhaucht, -- anstatt in all dies -hineinzuwühlen Haupt und Mund und erblindende Augen, an allen Sinnen -gesträubt und betäubt, geglättet, unersättlich, rauchend und begraben im -klirrenden Schutt seines Daseins. - - - Fahrt - -Renate, still vor sich niederblickend, sehr glücklich, atmete tief und -leicht, gewahrte von Georg gegenüber in der sonnigen Dämmrung des -kleinen Raums den Schatten seines blassen Gesichts, dachte an seinen -Vater, lächelte sanft auf, indem sie bemerkte, daß sie ja seine Mutter -sein würde, blickte ihn voll an und fand ihn so hübsch, so liebenswert, -so jung und schmal wie je; freilich nur ein schmaler Baum war er neben -dem Turmbau seines Vaters. - -»Wie mager Sie geworden sind, Georg,« sagte sie leise bedauernd. - -Die letzten Wochen, erklärte Georg, seien schon schlimm gewesen, er habe -sich hineingefressen in den ganzen Trassenberg und kaum Atem geschöpft. - -Sie fand ihn leidender aussehend, während er so sprach. »Und obendrein -waren Sie krank«, sagte sie. - -»Ach,« äußerte er munter, »das war ganz schön, -- die paar Tage! -- und -da ist mir auch alles eingefallen. Ja, was Sie heute sehn, und ich -hoffe, einiges davon wird Sie erstaunen, das habe ich mir ausgedacht, -als ich krank lag. Ja, geben Sie schön acht, damals lag ich wie ein -brennender Saturnring um Ihre --« - -Sie hob warnend den Finger, lächelte und sagte: »Georg! Ich mag sehr -gern, wenn man mir schöne Dinge sagt, aber man muß niemals übertreiben, -dann verraucht die Wirkung spurlos.« Übertreiben? dachte Georg, ach, du -lieber Herr Jesus! »Erzählen Sie mir, wer war Heliodora!« befahl sie. - -»Heliodora«, erklärte Georg, »war eigentlich Libussa. Kennen Sie -Libussa?« - -Renate nickte und sagte, Libussa sei ihre Lieblingsgeschichte gewesen -als Kind. - -»Meine auch«, log Georg und fuhr fort. »Ich wollte Libussas Geschichte -aufführen lassen, Sie sollten Libussa sein, aber als ich mit Onkel Salm -darüber sprach -- Papa hat ihn mir überlassen, er mußte alle meine Pläne -ausführen -- sagte er, wieso ich nach Böhmen wolle -- er weiß ja alles ---« - -Wie Georges, dachte Renate gerührt; wie er sich freuen wird, der Gute, -und sie unterbrach Georg mit der Frage, was Saint-Georges darstellen -würde, aber er wußte es nicht. Ihr hatte er nichts verraten wollen. - -»Also, da sagte er,« fuhr Georg fort, »warum ich nach Böhmen wollte, da -wir doch die Heliodora hätten. Aus dem Festspiel kennen Sie ja dieselbe, -sie war, richtig wie im Festspiel, eine byzantinische Prinzessin, -verstand allerdings leider nicht, ihre Legendenschönheit zu vererben, -- -oder -- was meinen Sie?« - -Renate meinte, er könne ganz zufrieden sein, aber woher denn die schiefe -Nase seines Vaters komme. - -»Nicht von Heliodora freilich, sondern eben von dem Bauern, dem Gregor, -oder Georg, den sie zum Mann nahm, -- es steht ja alles im Festspiel. -Auch das weiße Pferd und der Tisch von Eisen ist Legende, nur waren es -in der Überlieferung die Sachsen, nicht die Beuglenburger Markgrafen, -mit denen Heliodoras erster Mann und sie selber kämpfte, und Trassenberg -war damals natürlich noch nicht Herzogtum, wie im Festspiel, sondern -Freigrafschaft. Heliodora,« sagte Georg langsam und leise, »Sonnegabe, -ein schöner Name ...« - -Sonnegabe, wiederholte Renate, sich erinnernd, daß der Herzog seinen -Antwortbrief auf den ihren, in dem sie ihre Mitwirkung im Festspiel -erwähnte, mit diesem Wort begonnen hatte, -- und da, dachte sie, -wußte ich schon alles, aber ich wollte es nicht wissen ... -»Zwölfhundertsiebenunddreißig« hörte sie Georg murmeln, und der Wagen -stand still. Georg öffnete den Schlag, sprang hinaus und reichte ihr die -Hand hinein. So stieg sie gebückt vorsichtig ins Freie hinab. Da standen -sie auf der Landstraße neben dem Reitweg und sahen sich um. - -Allein Georg, von plötzlichem Argwohn herumgeworfen, mußte vor Renate -hintreten und fragen, indem er ihre Hände ergriff: - -»Renate! begreifen Sie es, oder nicht, daß ich mich hier unter Trachten -und bei Festen herumtreiben kann und heute nachmittag die Verantwortung -für ein ganzes Volk auf mich nehmen soll?« -- - -Renate, sein blasses Gesicht mit angstvollen Augen dicht über dem ihren, -sah ihn nur gut an und antwortete nach einer Weile, ihm zu helfen: »Ist -es nicht auch Ihre letzte Freiheit, heut? Ich habe ja wohl manchmal -gestaunt,« fuhr sie leise fort, »wenn ich im stillen bedachte --« sie -lächelte, da seine Züge sich schon glätteten, »-- was Sie auf sich -nahmen, aber -- nun, Sie haben das Herrschen wohl im Blut ...« - -Was hatte sie gesagt? -- Er zuckte zusammen. »Im Blut ...« wiederholte -er tonlos, »nicht im Blut, Renate ...« - -Er senkte den Kopf, und sie sagte leise und begütigend über ihn: »Ich -weiß ...« - -Gleich warf er den Kopf auf. »Sie wissen? Ach, dann ist es gut, dann ist -es gut! Und Sie verstehn mich doch?« Sie nickte. »Papa hat es Ihnen -verraten?« Sie nickte. »Aber ich habe gelogen vorhin,« murmelte er -beschämt, »als ich von der Heliodora sprach. Ach, gute Renate,« fuhr er -glühend und eifrig fort, »mir ist so unbeschreiblich heute ums Herz, so -wild und zugleich sanft und kühl, kräftig und wunschlos und glücklich, -nur eins fehlt, nur eins müßte man können!« Er hob die linke Hand und -ballte sie: »Sein können, was man ist!« Er trat zurück, wies mit leicht -gebreiteten Armen auf seine Tracht und sagte: »Wie locker und gewandelt -fühle ich mich nicht schon durch diese Kleider, und doch -- von der -göttlichen Laune, die mich erfüllt, kann ich nichts nach außen schlagen -lassen, da ist alles beladen mit Ketten dieser hundert Hemmungen, ich -kann mich nur fühlen, geben kann ich mich mit keinem Blick, keiner Geste -und keinem Wort, wie ich bin; ich bin vielleicht nicht einmal geschickt -genug dazu, aber selbst wenn ichs wäre, wäre immer mein Anzug von -Neunzehnhundert um mich herum, Kragen und Manschetten, Weste und Stiefel -und alle Allüren meiner großstädtischen Erziehung, die nur zum Verbergen -da sind, nicht zum Ausdrücken, zum Zurückhalten, nicht zum Ausströmen. -Anno zwölfhundertsiebenunddreißig wäre ich ein Schwärmer gewesen, ein -Dichter, jedem ins Gesicht hinein und -- aber genug!« er brach ab. -»Jetzt _will_ ich siebenhundert Jahre zurück, geben Sie acht, sehen Sie -mich fest an, wo sind wir? Freigrafschaft Trassenberg, Heliodora, -Sonnegabe, Zwölfhundertund --« »Siebenunddreißig,« ergänzte Renate -lächelnd. »Nun wollen wir uns umsehn!« - - - Mummenschanz - -Georg behielt freilich ihr sonneglänzendes Profil vor Augen, dahinter -die Äcker, Roggenfelder, wogend in reifem Gelb, dahinter den grünen -Traum der Hügel und ein Stück der dunstigen Stadt, Türme grau und -Neubauten, flimmernd im Sonnenglast. Nach links gewandt sah er mit -Freude die weiße Straße unter schwer tragenden Kuppeln der Fruchtbäume -weithin betupft mit leuchtenden Farben; ein Zitronengelber wandelte ganz -vorn heran, weiter hinten zog ein ganzer Haufen, aus dem zwei -Zinnoberrote glühten, und er berührte Renates Arm, damit sie es auch -sähe. - -Dann mußte er aufhorchen. War das wirklich oder nur in seinem Gehirn? -Ein weiter Ring von sanft hallendem, ruhigem Glockengeläut schien ihm -alle Fernen zu umschließen, -- darinnen war tiefe Sommerfülle, -- nein, -es klang wohl doch nur in seinen Ohren, -- aber waren nicht alle Weiten -erfüllt mit heiter schwirrender Musik? -- Ah, Mandolinen und Gitarren, -sie kamen auf der Landstraße heran, leise rauschend im Takt. Wo nun die -Pferde seien, hörte er Renate fragen, wandte sich und sah mit ihr zur -Rechten hinauf; dort enteilte die Straße leer, von den Schatten der -Obstbäume leicht gegittert, zur Ferne der Landschaft, und dort flackerte -es bunt, rot und gelb. Nahebei drehte ein einzelner Geharnischter sein -braunes Pferd um sich selbst und lenkte herbei, die lange Lanze im -Bügelschuh, den Kopf im spitzgewölbten blanken Helmtopf, das Kinn vom -stahlmaschigen Halskragen umschlossen, im grauen Kettenhemde mit -anliegenden Ärmeln, die Beine in ebenso anschließenden, stahlmaschigen -Strümpfen, -- die Vermummung eines Feldgendarmen, der für Ordnung zu -sorgen hatte. Wieder nach links schauend, glaubte Georg in der Ferne, -von der Stadt her, hinter den Zinnoberroten etwas schwarzrot Vermummtes -mit einem braunen Pferdekopf zu sehn, daneben ein silbernes, dann auch -einen Reiter in Weiß und Grün; das waren die Pferde. Er zeigte sie -Renate. - -Indem war drüben auf dem Fußsteig unter den Bäumen der Wandrer im -faltigen Zitronenhemd nahe gekommen, ein rüstiger Greis von fünfzig -Jahren in schönen, grünen Strümpfen, am Wanderstabe, einen spitzen -Strohhut auf dem Kopf, hager und braunbärtig. Jetzt blieb er stehn und -starrte, Augen und Mund weit offen, auf Renate. Georg lachte. - -»Mit Permission,« sagte der Gelbe, »ob dies wohl die Heliodora ist?« - -Georg zog zwei arg verbogene Zigaretten aus dem Wams, schlenderte -frohgelaunt zu dem Staunenden hinüber und reichte ihm eine, seine Frage -bejahend und um Feuer bittend. Der Gelbe bedankte sich höflich, krempte -sein Hemd auf, eine mächtige, manchesterne Hose kam zum Vorschein und -aus ihrer Tasche alsbald eine alte Streichholzschachtel, die der Mann -halb auseinanderzog, um Georg in der Höhlung das brennende Streichholz -zu reichen. Georg bemerkte, als die Zigaretten beide qualmten, es sei -ein schöner Tag. - -Jeder Tag, sagte der Gelbe, sonderbar im Stehn beständig die Füße -wechselnd wie ein Tanzmeister, jeder Tag sei schön, an dem der -Christenmensch sich nicht zu schinden brauche. Er blinkte Georg -verschmitzt zu und sagte: »Heliodora, eiweih! die heilige Dora! ha, ha, -ha, ha!« und wechselte die Füße, seinen Stock hinter sich aufstützend. - -»Frei Essen und Trinken obendrein«, bemerkte Georg leutselig, aber der -Mann kratzte sich den Kopf unterm Hut, daß er ihm über das halbe Gesicht -rutschte, nahm ihn ab, schwenkte ihn und meinte, was zum Teufel er -morgen mit dem gelben Hemde machen solle. - -»Menschenskind,« rief Georg entrüstet, »müßt Ihr denn immer was zu -sorgen haben?« - -Der Gelbe grinste. Indem war die schwirrende Saitenmusik nahe gekommen, -Georg sah das bunte Menschenhäuflein, die Zinnoberroten voran, -hermarschieren mit Mandolinen und Lauten im festen Takt eines muntern -Marsches. Wandervögel, dachte er und hörte den Gelben sagen, er wäre -Professor am Orientalischen Seminar, wozu er da ein gelbes Hemd -brauchte? -- Georg fuhr lachend und erschreckt herum, aber der witzige -Professor winkte großartig ab und wanderte fürbaß. - -Hinter den Jungens, die ihre Instrumente spielten -- sie waren ähnlich -wie Georg gekleidet, einer in Schwarz und Gelb, einer in Grün, -- kamen -die Mädchen, schön flatternd in Gewändern, Kränze im Haar, eine -schieferblau, eine rostrot, eine grün und weiß gestreift, Arm in Arm -kamen sie daher. Jetzt hoben die Jungens die Instrumente vor der Brust -hoch, vollführten ein betäubendes Saitengerassel und fielen mit Klängen -und Stimmen in das rasche Lied: Horch, was kommt von draußen 'rein? -- -Sie sangen aber, kräftig ausschreitend, die Augen stramm auf Renate -geheftet: - - »Seht, was steht denn dort am Rain? - Hollahe! hollaho! - Das muß Heliodora sein! - Hollahehaho! - -Hel--io--do--ra, lächle mal!« damit kamen sie taktfest vorüber. Georg -wollte sich umdrehn, um Heliodora lächeln zu sehn, wäre aber ums Haar -überritten worden, sprang zurück vor einem feueräugigen roten Roßkopf -und sah darüber das volle, brennend braun und rote Gesicht eines -Geharnischten, barhaupt, mit gestutztem Armeeschnurrbart und funkelnden -schwarzen Augen, der lachend sein Streitroß zur Seite nahm, Georg im -Bogen umtrabte und sich verneigte. Georg rief ihm nachblickend zu -- -erfreut vom Anblick den blauverstählten Panzerhemdes mit aufgesetzten -Messingplatten an den Kniescheiben, Achseln und Ellbogengelenken --: -»Wer sind Sie?« - -Mit schallender Stimme: »Rittmeister Freundlich, königliche Hoheit, -vierte Eskadron Beuglenburgische Jäger zu Pferde!« rief der Trabende -winkend zurück, und da schaukelte sein weiß und roter Knappe an Georg -vorüber, Schild und Lanze seines Herrn in Händen, den Helm am Sattelbug, -aber das rosige Gesicht war umflogen von langem, braunem Haar, eine Frau -wars, und »Ich bin seine Frau!« rief sie strahlend, aber da war die -Eskadron heran und polterte klirrend vorbei, rote schwitzende -Bauerngesichter unter den Helmen, auf und nieder, auf und nieder im -englischen Trabe, nickende Pferdehäupter, Mähnen, Hufschlag, wirbelnde -schwarze Schweife, weißrote Dreieckfähnlein und wogendes Wippen in den -fesselartigen Eisensätteln, Geklirr und Geklapper, zwei hüpfende Reihen -dunkelgrauer Kettenhemden. Einer der Unteroffiziere oder Wachtmeister -hob die Lanze aus dem Schuh, tippte mit der Spitze nach einem der offnen -Mundes anstaunenden Mädchen, die bog Brust und Hals zurück und erwischte -den Wimpel, hielt ihn schreiend fest und wollte nicht loslassen, -scheltend wie ein Sperling und hinterdrein springend; die reitenden -Kerle in Eisen lachten dröhnend, da wars vorüber, reitende Schatten -verschwanden in weißem, wolkig steigendem Staub, und von den am -Straßenrand aufgestellten Musikanten waren schwirrend und rauschend die -heitern Takte des Radetzkymarsches zu hören. Sie fielen Georg ins -rauschende Blut, oh er hätte tanzen mögen, und eins der Mädchen, das in -Schieferblau mit violettrotem Rocke, sah aufs Haar wie jene -Riemenschneidersche Madonna aus, Kranz im Gelock, Schultern und Brust -glatt bedeckt vom Stoff, der über den Hüften locker auseinanderfiel auf -den weitfaltigen Kleidrock, und wie entzückte sie Georg mit Erröten und -Knicks und Lächeln, denn nun wußten sie ja Alle, wer er war. - - - Ritt - -Da kamen die Pferde. Ja, da staunten sie. Die Wandervögel staunten, -Georg staunte, Renate staunte höchlich. Unkas ging, bis zu den Hufen -vermummt im steifen Umhang dunkelroter Decken mit schwarzen Wappen und -Ornamenten, was aber neben ihm schwebte, das war die silberne -Unwirklichkeit in Gestalt eines Pferdes: milchweißer Kopf und Nacken -unter breitfallender, gewellter Mähne und starrer Deckenumhang von -silbernem Brokat mit blauen Wappen und Arabesken; ein weißer Gießbach, -ergoß sich der gewellte Schweif, und unter den handbreiten, blauen, -silbergestickten Säumen hoben sich und traten die versilberten Hufe. Die -großen, braunen Augen aber blickten aus vergilbten, faltigen Lidern -fremd und fromm wie die eines Fabeltiers. -- Renate, ganz gerührt, -bedankte sich feierlich bei Georg für diese schöne Erfindung, er aber -lachte und sagte, dies wäre nun noch gar nichts, aber jetzt wüßte sie -wohl, was ihrer noch wartete ... Ferdinands, des Reitknechts, blankes -und schurkisches Gesicht -- wie das aller Reitknechte -- fuhr -dazwischen, er schwang sich vom Pferde, weiß und grün halbiert wie -Georg, doch nicht so schön, und auf der Brust das silberne Wappen in -Metall. Er führte den Schimmel vor, aber nun stürzten sich sämtliche -Wandervögel auf den Steigbügel, einer stand ab nach Kampf, nahte sich -ritterlich Renate, verbeugte sich tief und bot ihr die Hand. Wie ein -kostbares Gefäß aus Kristall wurde sie aufs Pferd gehoben, Georg fragte, -ob sichs gut sitze, Renate fand, sie sitze weich wie in einem Heuberg, -und Georg saß selber auf. Stracks fuhr sein ganzer, heftiger Geist -dermaßen in Unkas, als sei Georgs Leib eine elektrisch geladene Zange; -er brachte unleidliche Verwirrung in das alte, kalte Wallachenblut, es -drängte ungestüm gegen die Schimmelstute, sie stob schnaufend auf und -davon, Georg folgte, Unkas mit voller Armkraft in die Trense nehmend, -aber das half alles nichts, er raste wie ein Untier davon, holte den -locker laufenden Schimmel ein und bohrte, gegen ihn anstürmend, die -linke Schulter gegen seine Hinterhand. Renate erschrak leicht und -galoppierte weiter, aber Georg, Unkas zurückreißend, merkte, daß der die -Trense aus dem Maul genommen hatte und damit herumfletschte; er stieg -ab, schaffte unter milden Verwarnungen Ordnung, stieg wieder auf und -folgte einem Hauch von Blau und Silber oben auf dem Hügelrücken, den die -Landstraße überstieg. - -Oben winkte ihm herrliche Aussicht. Von rechts strömte eine breitere -Chaussee heran, über und über bedeckt mit farbiger Bewegung, Kavalkaden -von Edelleuten und Frauen, wandernden Mönchen in schwarzen und weißen -Kutten, reisigen Pilgern aus dem Morgenland im Schatten ihrer -breitkrempigen Muschelhüte. Leiterwagen rollten heran, geschmückt mit -Kränzen, unter wallenden Bannern, gefüllt mit schmetternder Musik und -Scharen buntfarbener Männer und Frauen in weiten Mänteln, die sich -blähten; überall wandelten gelbe, weiße, grüne Hemden, grüne, weiße, -rote Strümpfe, bekränzte Mädchen. Stimmen, Zurufe, Scheltworte und -Gelächter schollen, der Himmel flammte mit goldenen, weißen und blauen -Strahlen hinein, Wolken Staubes ballten sich so leicht wie himmlische -dazwischen, ringsum schweiften die Ebenen, Felder in breiten gelben -Wogen, Wiesen, kleine, dunkle Haine über Gehöften, -- eine Augenlust -unbeschreiblich. Schon war Georg das silberne Pferd im Getümmel verloren -gegangen, er ließ Unkas die Zügel und stob bergunter, vorbei am -rollenden Strom der Wagen, Rosse und Wandrer, an Geharnischten zur -Seite, die aufrecht Wache hielten; um ihn sauste die Kälte der -durchschnittenen Luft, hinter ihm weg schnellte fortgerissen das -schreiende Bunt gelber, violetter, schwarzblauer, brauner und -birnengrüner Mäntel und Mantelfutter, ein Knabe vor ihm, dahinwandernd, -schwenkte großartig von rechts nach links an kurzem Fahnenstiel ein -ungeheures, blau-weiß-schräg kariertes Banner mit grüner Bewimpelung an -der unteren Kante, -- dann war die Straße vor ihm leer und weiß, in der -Ferne schimmerte das silberne Pferd und in dessen Nähe etwas Blutrotes, -das Georg im Näherfliegen als zwei Beine in blutroten Strumpfhosen -erkannte; auch die linke Schulter des Mannes war blutrot, und was so -blendende Blitze von Silber schleuderte, das war -- es war ein riesiges -Beil mit geschweiften Seiten und konkav gewölbter Schneide. Ein Henker. --- Neben ihm trabte der Schimmel, da war Georg heran, der Mensch mit dem -Beil auf rotem Mantel über der linken Achsel, im kurzen schwarzen -Büffelwams drehte sich um und zeigte Bogners langes, graues Gesicht. -»Halloh, Bogner!« rief Georg, »machen Sie den Henker?!« - -Der Maler nickte lachend, sprang aber im selben Augenblick mit hurtigem -Satz seiner langen roten Beine neben Renate auf den Reitweg, und Georg -verstand nicht, was er sagte, denn da kam unter prasselnden Becken und -schallenden Posaunen vierspännig ein ganzer Leiterwagen voll Musikanten -und schwerer Ratsherren, pelzverbrämt und mit blitzenden Amtsketten, -vorbeigerollt, ein zweiter dahinter voll von lustigen Matronen, ein -dritter gefüllt mit Töchtern und Schwiegersöhnen und Bräutigamen bis zum -Rand; sie schwangen Keulen und ganze Leiber gebratener Hühner, Enten und -Tauben, Becher und Gläser und sangen »Weg mit den Grillen und Sorgen!« -daß es in Georgs Ohren brauste. Vor ihm saß Renate, weich wie auf einem -Stuhl in einem Kahn; auf der silberweißen Kruppe ihres Pferdes saß -Rücken an Rücken mit ihr ein kleiner, schmaler Windgott wie ein Faun, -der hielt das Ende ihres durchsichtigen Kopfschleiers in braunen Fingern -und blies mit vollen Backen hinein, daß der luftige Bogen hinter ihr -stand. - -»Ist es schön, Renate, ist es schön?« schrie Georg überlaut. - -Renate, wohlig dahingleitend, die Finger der rechten Hand mit dem -Trensenzügel im Nackenwirbelhaar des Pferdes, in der Linken im Schoß die -Enden ihrer Zöpfe und der Bänder, drehte sich um, lächelte und nickte. -Bogner getroffen zu haben, war schön, er erinnerte angenehm an den -Herzog, er war trotz Beil und Blutfarben ein gewisser Halt in all dem -Lärm und Getriebe, der bunten Lautheit, die sie nie gewohnt gewesen, -zumal in den letzten, stillen Jahren. - -»Seht ihr die Burg?« schrie Georg. »Bogner hat sie ganz neu aus Pappe -gemacht!« - -Renate sah zur Linken auf dem niedern Berge die längsterblickten -klobigen grauen Rundtürme, drei, über deren Plattform, weit -ausgebreitet, schwer Falten schlagend, die blauweißgrünen Banner -standen; dazwischen graue Mauern mit mächtigen Streben und breiten -Zinnen, fast so hoch wie die Türme selbst. - -Jetzt war eine blauweißgrüne Schranke neben der Landstraße, von zwei -Geharnischten bewacht; dahinter führte ein Feldweg zur Burg, der im -Bergwalde verschwand. Einer der Reiter erkannte Georg, stieg ab und -öffnete die Schranke, sie ritten hindurch, auf schmalem Pfad zwischen -dem hohen Roggen, Georg mußte zurückbleiben. - -»Sie sehen so schön aus, Maler,« sagte Renate leise, »es ist schade, daß -Sie sich nicht immer so kleiden können. Haben Sie die Gesichter der -Menschen gesehn, wieviel freier, leichter und schöner sie alle geworden -sind durch die Tracht? Und wer ein Gesicht von Bedeutung mitgebracht -hat, der sieht gleich wie ein König aus oder mindestens wie ein -Minister.« - -Georg erinnerte sich des gelben Professors, des Rittmeisters Freundlich -und gab Renate eifrig recht. -- Es ging bergan, die Sonne glühte schon, -doch nahm jetzt der Wald sie in Kühle und grünes Dunkel seiner schönen -Wölbungen auf; es roch strömend nach Buchenblättern, Brombeeren und den -herben Farnen. Die Hufe der bergansteigenden Pferde rauschten im braunen -Laub, Georg saß, träumerisch bewegt vom Schreiten des Pferdes, im -Schweigen lauter tönenden Herzens, verklärt aufblickend in die laubigen -Baldachine von durchbrochenem Grün und Himmelsblau, hörte im Traum einen -schneeweißen Wasserfall rauschen und murmelte sich trunken zu, das sei -der Schweif von Renates Stute. Ich träume wieder, dachte er, ich träume, -wann werde ich wieder stürzen? Ich werde nicht stürzen, lächelte er, all -dies geht vorüber, der Nachmittag naht Schritt vor Schritt mit dem -Ernst, mit der Last, mit der Sorge, dann werde ich glücklich sein, all -dies gesehn zu haben, und Renate -- Renate --, die Gedanken verließen -ihn, er sah über sich im Wald den Fuß der grauen Mauern und ringsum die -Räume des Waldes bevölkert mit Gestalten, Trupps lediger Pferde, -langhalsig angelnd mit dem Maul nach Gras und Gestrüpp, farbige Menschen -wandelten umher, lagerten in Gruppen beim Frühstück und waren allesamt -unsterblich guter Dinge. - -Da ritten sie in den Burghof ein, Renate glitt vom Pferde, sie konnten -keinen Schritt weiter, denn der Hof war vollgepfropft mit essenden -Menschen. Georg sprang ab und versuchte, sich zur Schenke -durchzudrängen, wurde alsbald erkannt, und schon bestürmte ihn vorn und -hinten ein Getümmel der reizendsten Frauen und Mädchen, die ihm -Schinkenbrote, Gläser voll Wein und Backwerk hinhielten und bettelten: -»Von mir, königliche Hoheit, bitte von mir!« oh es war herrlich! So viel -er fassen konnte, teilte er weiter an Renate und Bogner, schlang selber, -was der Mund halten konnte, mußte aber mit randvollen Backen bald -versichern, von jetzt ab nähme er nur schon Vorgekautes. Eine Weile -später, umringt, lachend, scherzend, immer ausgelassener, hatte er -dunkel das Gefühl, in einen strudelnden Gesundbrunnen verwandelt zu -sein, plätschernd in allen Becken, und deren Ränder waren dicht besetzt -mit Schwärmen äußerst bunter, wild durcheinander schwatzender, -flatternder und zwitschernder Papageien, Kolibris und Eisvögel, oder was -es sonst ganz Buntes gab. Diese Vision wurde jählings weggefegt von drei -schmetternden, an allen Mauern widergellenden Fanfarenstößen, und schon -toste herum die gewaltigste Aufregung; Alles rannte gegeneinander, -bekämpfte sich, rang, umschlang und entwand sich einander. Geschrei, -Gekreisch und Gelächter. Herrgott, wo ist denn bloß mein Mann? -- Mein -Hut, um Himmelswillen, mein Hut! Sie haken ja an meinem Hut fest! Und -eine ungeheure Baßstimme sagte: Ja, will sich denn keiner meinen Kaffee -bezahlen lassen? -- -- Georg, ob er wollte oder nicht, wurde ins Freie -geschoben, dachte, der Traum geht weiter, wo finde ich Renate? wo ist -Unkas? Unkas stand da, Ferdinand dabei, das gnädige Fräulein, hörte -Georg, wäre schon fortgeritten. Hastig saß er auf, befahl dem -Reitknecht, sich hinter ihm zu halten, versuchte, das Getümmel von -Bäumen und lauter plötzlich Berittenen zu durchspalten, gab es auf und -lenkte den Abhang hinunter und im Bogen auf den Waldrand zu. Die -Buchenzweige zur Seite stemmend, gelangte er ins Freie. - -Mein Gott, das war ein Ausblick! Er schoß, ein riesenhafter Fächer, aus -Georgs Augen so gewaltig nach allen Seiten dahin, daß er taumelnd nach -Himmel und Gewölkedunst griff, um sich zu halten, und er schaute ... - - - Ausschau - -In der Tiefe, ausstrahlende Meilen weit nach Süden, Westen und Norden -hin, nicht zu ermessen mit Augen, lagerte sein Land, Ebenen an Ebenen -geschoben, hineingefügt azurblaue Seen und das silberne Geschlängel des -Stroms, hauchend von heiterer Glut, rauchend von dunstigem Golde, grüne -Flächen, gelbe, und bräunliches Gehügel der sich rötenden Haide, -lagernde Bergrücken in den Fernen unter grauen Dünsten. Unten aber, zu -Füßen seines Hügels, erst klein im Vergleich zur Unendlichkeit ringsum, -sah er die grüne Ellipse der Arena ruhen, völlig leer, im farbenreichen -Kranze der Tribünen und Zuschauerringe, und bemerkte nun auch ihre -Riesigkeit, denn von hier oben war nichts zu erkennen als ein Gewirr und -Gemenge von Farben, Gesichter wie Punkte klein; selbst die vielen großen -Banner, an Stellen zu schattigen Wäldern gesammelt, knatternd und -schlagend über den glänzenden Tribünendächern, schienen wie -Taschentücher klein. Ringsum in dem bunten Kranze lief ein -ununterbrochenes Glitzern, Funkeln und Blitzen von sonnegetroffenen -Metallspitzen und Schmuck, Wellen von Bewegung rannen zugleich rundum, -viele rote Tupfen flammten auf einmal an jener Stelle hervor, plötzlich -war alles weiß gesprenkelt, und immer wieder strahlten das Blau, das -Weiß und das Grün der Landesfarben hervor, -- keine schöneren kann es -geben, dachte Georg: des Himmels Blau, Grün der Natur und das schöne -menschliche Weiß. -- Er entdeckte nun auch den zum Walde den Hügel -hinansteigenden Damm, der aus der Arena dort kam, wo sie den größten -Durchmesser hatte, und hier unten konnte er allerlei unterscheiden: -Strohhüte, rote Hemden, weiße, gelbe, das Rosige von Händen und -Gesichtern, und er sah Männer und Frauen, Mädchen und Kinder, hörte ihr -leises Brausen und die seltsame Stille, in der sie sich unablässig -bewegten, drehten, gingen und setzten und über die Schranken vorbeugten. --- Unsichtbar blieb ihm das obere Ende des Damms hinter dem Vorsprung -des Waldrandes, er trieb sein Pferd an und erkannte, seltsam deutlich -wie manchmal im Traum, daß die Hufe in einer tiefen Furche am Rand eines -stillen, wehenden Haferfeldes entlang schritten. -- Noch einmal ließ er -die Augen ins Weite schweifen, sie flogen wie Greife dahin, schwebten -groß unter der bläulichen Kuppel in der Sonne, stürzten herab aus Lüften -mit Getön und rissen nun jählings mit Zauberkraft zu sich herauf das -Unerkennbare: die Schwärme von Gesichtern, Agraffen, Pelzkragen, -Halsausschnitte in violettem Samt, in weißer Seide der Frauentrachten, -die schönen, geschatteten Falten ihrer Mäntel, die sie im Arme trugen, -und ihre Bewegungen, wie sie lachten und sich bogen, im Stuhl sich -drehend, nach oben sprachen zu Männergesichtern, die sich neigten, -- -und er schnellte ab und warf sich über den breiten Bannerschwarm hin wie -über einen faltig rauschenden See, -- und siehe, etwas noch Ungesehenes -war da, nämlich ein dunkel herwandernder Strom von Geharnischten, der -aus der Ebene kam und jenseits in die Arena mündete, tausendfach -überhüpft vom Gefunkel der Lanzenspitzen und Helmbügel und den winzigen -Segeln der weißroten Dreieckfähnlein. Tausend Pferdeköpfe bewegten sich -nickend, die Gesichter der Männer glühten in Staub und Schweiß, -- alles -sah Georg, die linken Fäuste über der Vorderlehne des Eisensattels, aus -denen die vier Zügelriemen flossen, sah die Beine in Stahlmaschen, die -ledernen Bügelschuh der Lanzen und unten im Schatten das wirre -Durcheinander der braunen und weißfüßigen Pferdebeine. Die ganze -Beuglenburgische Kavallerie und Rittmeister Freundlich, murmelte Georg -im Traum, Dragoner und Jäger zu Pferd, oder der einziehende -Beuglenburgische Heerbann. - -Indem schmetterte nahebei aus dem Walde hervor die Fanfare, Georg sah -und erblickte undeutlich, hinter einer langen Reihe dunkelgrauer -Geharnischter auf lauter Apfelschimmeln: Waldinneres, wie ein Bild, -angefüllt mit Fahnen, Standarten, Helmen, Gesichtern und bunten Farben, -ganz vorn das brennende Scharlachrot zweier Kardinäle oder Äbte auf -Maultieren. Die Reihe der Berittenen setzte sich eben langsam talwärts -in Bewegung, alsbald begannen sie zu traben, zwanzig grünweiße Fähnlein -senkten sich miteins nach vorn, sie galoppierten leicht rasselnd den -Damm hinunter, verteilten sich unten, schwärmten, entfalteten sich durch -den ganzen Durchmesser der Arena und hielten auf einen Ruck in langer, -loser Reihe. -- - -Georg holte den Blick von unten herauf. Jetzt -- wo war Renate? -- Im -Grün des Waldes und der Menge sah er ein braunes, südliches Gesicht auf -dem Grund eines weißen Banners von Seidendamast; vorne schritten zwei -Reihen von Herolden in Weiß und Grün, an den hochaufgesetzten Trompeten -viereckige Standarten von dunkelblauer Seide mit silbernen Fransen. Die -Klänge prasselten lustig und leicht umher, sie schritten zu Tal. Unter -den Buchenkronen war jetzt ein berittener Halbkreis sichtbar, -- ah, die -Geistlichkeit, Mönche, Äbte, Kardinäle, -- und schon löste es sich vorn -heraus, in grandiosem Pomp, Kopf und schmaler Hals eines Maultiers, -vorsichtig schreitend unterm großen grünen Behang mit goldenen Wappen -und Verzierungen, auf dem Rücken einen schwankenden Turm von Weiß und -Gold: der Erzbischof, ein faltig rosiges, mächtiges Gesicht, Kinn und -starke braune Augen unter der goldenen und weißen, mittwärts gespaltenen -Mitra, den Krummstab in der Hand. Ihm folgte der Klerus, eine erlauchte -Schar von hundert Berittenen, Mönche in weißen Chorhemden mit -handbreiten goldenen Säumen, alles glitzerte von Gold und weißer -Leinwand, da waren scharlachne Pelerinen und Hüte, Kasulen und Stolen -funkelten von bunten Steinen, prachtvolles Violett loderte dazwischen, -Decken von weißem Samt, von Wiesengrün, ein riesiges gelbes Banner mit -schwarzen Greifen entfaltete sich, zeigte sich groß und schloß sich -zufrieden, und alles umrahmten, umwallten und trugen die langen -Schlangenbänder der blauweißgrünen Fahnen. Es schwankte zu Tal. - -Aber jetzt ... Wo blieb denn Renate? Georg fieberte, sein Herz tobte -nach ihr, wieder war da eine schwarze Mauer Geharnischter, zwanzig -Rappen bewegten sich und stiegen Schritt vor Schritt bergab, -- da -- -ach, da war sie, da hielt sie ja, ein wenig blaß, er sah es deutlich, -mitten im Halbkreis ihres waldumdämmerten Hofstaats, der Ritter, -Knappen, Frauen, hielt sie auf ihrem silbernen Pferd, jetzt weit umwallt -von dunkelroten Mantelfalten. Der Schimmel hob den Kopf; in der Tiefe -entwogte der glitzernde Haufe der Klerisei, Georg mußte den Kopf senken -und seine zitternden Hände sehn, eiskalt vom Kopf zu den Füßen. Er sah -auf, -- das silberne Pferd bewegte sich und schritt vor, langsam, -beseelt von seiner Einsamkeit und sehr stolz; es tänzelte leicht -seitwärts, Georg sah Renates Körper sacht nach vorn rucken bei jedem -Schritt des Pferdes, einsam lenkte sie den Berg hinunter, -- aber jetzt, -unten in der Ebene, war wilde Bewegung in den Kranz der Menschen -gefahren, ein Brausen, erst dumpf, dann heller brandete herauf, alle -Fahnen wankten, senkten sich und stiegen und stürzten wieder, Wellen um -Wellen von Geglitzer, Wellen um Wellen von geschwungenen Tüchern, Hüten, -Schleiern, Händen jagten sich im Ring, Musikchöre schmetterten hoch auf, -unerschöpflich toste der Jubelsturm, -- unendlich einsam und königlich -trug das kleine, silberne Pferd seine Last, purpurumwogt, langsam, -langsam -- in die Ebene hinunter. - -Georg fuhr mit der Hand über die Augen; sie brannten. Er glaubte nicht, -was er sah, fühlte sich nun vom Getümmel des Gefolges aufgenommen und -ritt, sich selber unsichtbar, umhüllt von kostbarer Dunkelheit, tief im -Traum, Renate nach. - - - Traumspiel - -Ja, nun war der Traum vollkommen. - -Georg hielt zu Pferde -- weshalb zu Pferde? -- und wie war dies Pferd -vermummt! aber es war Unkas! -- in fremder, grün und weißer Tracht -- -warum in fremder Tracht? -- inmitten einer dichten Menge von Frauen und -Männern zu Pferde und in fremden Trachten, deren Gesichter, neben ihm, -vor ihm und hinter ihm, fremd ihm eines wie das andre, allesamt -unbeweglich gradeaus eingestellt waren. Es erinnerte seltsam an das -teilnahmslose Beieinandersein der Menschen auf der vorderen Plattform -eines Straßenbahnwagens. Und wie still war es? Was ging hier vor? Wozu -war er, waren all diese versammelt? - -Er hielt wie in einem Dickicht; es bestand, statt aus Bäumen und -Gebüsch, aus verzauberten Menschen; traumhell brannte Sonnenglut herein, -und alles beschattete sich gegenseitig. Er gewahrte vor sich einen -kurzen, mit schwarzem Pelz verbrämten dunkelgrünen Mantel und die runde -Kruppe eines glänzend schwarzen Pferdes, die Wurzel des Schweifs und die -rote Schlinge, aus der er wuchs, den Schweif, -- wie still er hing auf -die starken Pferdehacken; darunter waren die Füße weiß, von den Hufen -stand einer fest auf, etwas einwärts, der andre auf seinem vorderen -Rand, und dies Bein war gewinkelt; am andern Huf glänzte noch ein Streif -der schwarzen Wichse durch den Bezug von Staub. -- Und nun, unten -wandernd mit den Augen, sah er überall dies andre, dies untere Leben, -das für sich war, ganz für sich allein und im Schatten, Pferdebeine und -Hufe überall, große Decken, verändert durch das Dunkel, grün und braun -und gelb leuchtete nicht mehr und Wappen und Zierate waren stumpf -umdunkelt; er sah die still hängenden Falten der Schleppröcke, einen -roten, einen grauen, einen violetten, sah die Linien der Pferdebäuche, -Gurten, an deren Rand das eingeschnürte Fell manchmal zuckte, und die -prallen, runden Leiber dehnten sich atmend, er roch das Pferd. Ein Huf -bewegte sich wie ein lebendes Wesen, schlug vor, setzte sich stampfend -auf im Gras, -- und dort im winklig verhängten Schattendunkel von -Kleidern und Decken kam eine weiße Frauenhand nach unten, tastete in -grünen Falten, raffte sie, ein farblos dunkler Fuß wurde sichtbar, ein -leer hängender Steigbügel, und der Fuß suchte nach dem Bügel, stieß -daran, angelte, erlangte ihn, die Falten fielen, Fuß und Bügel waren -völlig fort. -- - -Diese Stille! -- Aber sprach nicht jemand, ganz allein? - -Georg richtete sich in den Bügeln auf und war plötzlich ganz hoch und im -Freien. Ein paar Gesichter links und rechts drehten sich, blickten nach -ihm. Fern drüben, wie eine Blumenterrasse, war die Tribüne, -menschenvoll, noch eine links von ihr, eine dritte rechts; tausend -Farben und Gesichter glänzten in der Sonne, schräg gestreift vom -Schatten der Dächer, in dem alles farbloser und dunkel war; darüber -glänzten wie Silber die Dächer; schlaff hingen die Fahnentücher, -unkenntlich. - -Unterhalb war der grüne Rasen, ein Trupp lediger Pferde stand dort, alle -Zügelriemen liefen zusammen in die Hände zweier Menschen, die rot und -weiß gestreift waren von oben bis unten, sich anstießen und -unterhielten. Über die fast leere, grüne Fläche schritten Geharnischte -von verschiedenen Seiten heran, einer hatte den Topfhelm im Arm, etliche -knieten; mit jedem zog im Grase sein kurzer Schatten und machte jede -Bewegung mit, manchmal kaum zu erkennen flüchtig. Diese waren in einer -unverständlichen Handlung begriffen. Einer trat vor und verbeugte sich; -ganz schnell, als müßte er eher fertig sein, tat sein Schatten dasselbe. - -Georg spähte verwirrt und ängstlich nach Renate, -- und sieh -- -- ganz -nahe zur Rechten, erschreckend nahe, über ein paar Reiter hinweg, sah er -einen großen Thronhimmel mit plattem, viereckigem Dach und darunter, in -seinem Schatten, ein sehr stilles Bild von Renate, ganz entfremdet, nur -ein Bild, ihr beschattetes Profil; sie saß in einem Stuhl mit hoher -Rückwand, die Unterarme flach auf den Seitenlehnen; neben ihr, etwas -zurück, stand ein Riese in schwarzem Kettenhemd und dem abenteuerlichen -Topfhelm mit spitzer Wölbung. Grade vor ihr, zehn Schritt in die Wiese -hinein, stand ein andrer Geharnischter und schien zu reden. Jenseit -gewahrte Georg den Erzbischof zu Fuß auf der Erde, eine große, weiß und -goldne Puppe mit dem Krummstab vor der bunten und glitzernden Mondsichel -seiner Kirchendiener. - -Georg hörte auf einmal sprechen, horchte, verstand aber keine Silbe. -Jählings zusammenfahrend, mit den Augen schon wieder im unteren -Schatten, vernahm er Renates Stimme, so hell und klingend, daß er vor -Bestürzung die Worte nicht erraffen konnte, er hastete nach und hörte -ein paar zerstückte Wendungen, die wohlbekannten vom eisernen Tisch und -vom Leibroß. Plötzlich brach Geschrei aus auf allen Seiten, Bewegung, -alle Arme fuhren empor und winkten, Georg selber schrie und winkte mit -und sagte zu sich: Ah, jetzt ist das Bündnis geschlossen. -- Aber da, -ganz entsetzt, mußte er denken: Nein, es ist ja genau, genau wie im -Traum! wie oft habe ich mir da einen Vorgang mit solchen Worten -bekräftigt, die, wenn ich mich im Wachen erinnerte, ohne Sinn und albern -waren. Einmal -- wie war es doch? -- das große Hurra, etwas vom großen -Hurra sagte jemand, und im Traum begriff ich es ... - -Ich träume aber doch nicht! ermannte er sich aufgeregt. Also paß auf! -Beuglenburg und Trassenberg konnten sich nicht besiegen und schlossen -auf einer großen Wiese vor Altenrepen ein Bündnis. Aber die -Beuglenburger verlangten, daß Heliodora einen von ihnen zum Mann wählte, -denn sie fürchteten sich sonst vor ihr. Da erzählte sie von der -Weissagung, ihrem Pferde, das den vom Schicksal Erlesenen finden würde, -und von dem eisernen Tisch, an dem er tafele, und das bezogen sie auf -ihre eisernen Schilde, gemeint war aber die Pflugschar des Bauern Gregor -... Georg setzte sein Pferd in Bewegung, da Alles umher sich bewegte; er -träumte nicht, das war klar, aber diese Wirklichkeit war allzu -traumhaft. Dazu ward ihm jetzt sehr müde im Kopf, er schloß die Augen, -öffnete sie nach einer Weile wieder, da es bergan ging; rings war -blendendes Getümmel, die blauweißgrünen Wände der Fahnen standen ihm -riesig und flammend vor Augen, und plötzlich erkannte er nicht weit von -sich entfernt, mitten im Gedränge, das Gesicht Ulrika Tregiornis; sie -blickte vor sich hin, ganz ernst, sie sah Georg nicht, und er schrie -innerlich verzweifelt: Ist es denn doch ein Traum? Auf einmal dies -bekannte Gesicht unter all den fremden, und sie ist da und sieht mich -doch nicht, ganz wie -- wie -- wer war es denn? -- Renate? -- Nein ... -Dora! Dora Vehm ... - -Plötzlich, wie ein Gewölk, riß das Gewimmel in bunte Fetzen auseinander -und zerstreute sich. Georg hielt auf der Plattform der Dammhöhe nahe dem -Walde, ein Geharnischter näherte sich zu Pferd und schien etwas sagen zu -wollen, aber, Georg erkennend, wurde sein Gesicht ehrerbietig, er kehrte -um. -- Der Raum ward leer, mitten darin, einsam, hielt Renate. - -Sie war ja todbleich! sah starr gradeaus. Georg sprang ab, eilte auf sie -zu, dabei immer müder von Sekunde zu Sekunde, stand unter ihr, streckte -die Hand empor. Da schien sie ihn zu sehn, sie wandte das Gesicht herab, -unendlich fremd und hoffärtig, -- aber langsam kehrte Blick und Erkennen -zurück, die Starre schmolz, doch waren die Züge noch ohne Bewegung, als -sie das rechte Knie über das Horn weg hob und zur Erde glitt, ohne Georg -anzurühren. - -Einen Augenblick stand sie geschlossenen Auges, gegen das Pferd gelehnt, -wankte dann und fiel gegen Georg. Er glaubte, vor Müde und Seligkeit -umzusinken, hielt ihren weichen, seltsam sich lösenden Körper, sah die -rotbekleideten Schultern, dicht unter sich die großen Perlen des -Haarnetzes, das seltene Braun des Haars, atmete seinen Duft und merkte, -daß sie weinte. Ihre Schultern zuckten, sie schluchzte mehrere Male -heftig auf, den Kopf auf seiner Schulter, hob ihn dann, öffnete die -verschleierten Augen, aber da standen sie mit einem Schrecken starr, -über Georgs Schulter hinweg gerichtet. - -»Was ist denn?« flüsterte er, sah sich um und starrte schaudernd: da, -neben einem weißgolden flimmernden Mönchshaufen, stand einer der -schwarzen Gugelmänner aus seinem Traum. -- Ach, Unfug! schnob er -innerlich, das ist ja Zuf-- und sah im selben Augenblick, daß Renates -Schrecken in ein süßes Lächeln schmolz. - -»Es ist ja ...« murmelte sie, denn der Schwarze erhob eben die flache -Hand und winkte. - -»Wer?« fragte Georg; er hatte nicht verstanden. - -»Saint-Georges«, wiederholte Renate, völlig wach. »Ach, bitte, Georg -- --- ja, wie stehn wir denn da?« fragte sie erstaunt und trat ohne -weiteres Befremden zurück. »Bitte,« fuhr sie fort, »gehen Sie hin und -sagen Sie ihm, er möchte -- ja, er möchte nachher vor dem Ankleidezelt -im Burghof auf mich warten.« - -Ja, was ist denn nun? dachte Georg. Er schwankte vor Müdigkeit, suchte -unwillkürlich nach einem Halt und sah den guten, ruhigen Unkas dastehn, -gesenkten Halses, mit geraffter Oberlippe im kurzen Gras rupfend. Er -ging zu ihm hin, nahm ihn bei der Trense und schritt, doch wieder -schaudernd, auf den unbeweglich dastehenden Gugelmann zu. - -»Fräulein von Montfort läßt Sie bitten,« sagte er, »nachher am -Ankleidezelt zu sein, im Burghof.« - -Der Schwarze neigte nur den vermummten Kopf und fuhr fort, durch die -Augenschlitze gradaus zu spähn, -- denn so schien es. Todmüde wandte -Georg sich um und sah Ulrika und Renate zusammenstehn, Renate auf den -Gugelmann blickend, wie er auf sie. Er zog Unkas hinter sich her, -waldeinwärts, stolpernd mit halbgeschlossenen Augen, und dachte noch -schlaftrunken: So führt ein Blinder den andern. -- Dann zog sich alles -in flimmernde, farbige Kreise auseinander, und mehr wußte er nicht. - - - Drittes Kapitel - - - Theater - -Renate, ohne den Blick von Saint-Georges zu wenden, tastete nach Ulrikas -Hand und faßte sie. »Was war dir denn?« hörte sie Ulrika fragen, »du -weintest.« Jetzt entfernte der Gugelmann sich mit einem Winken, sie -wandte sich zu Ulrika, sah erfreut das zarte und ernste Gesicht, ein -wenig entfremdet von der großen, dunkelroten Krone von Haar, die mit -grünen Bändern durchflochten einem maurischen Turban ähnlich war, und -sammelte ihre Gedanken. »Laß dich anschaun,« sagte sie, »wie köstlich du -aussiehst!« - -Ulrika ließ sich mit ein wenig ironischer Miene betrachten und befühlen -in ihrem großen, grünen Mantel, dessen weißseiden gefütterte Falten sie -im linken Arm trug, die goldene engärmlige Tunika darunter, und den -weiten, mattlila Kleidrock. »War es denn nicht schön?« fragte sie, -wieder besorgten Gesichts, »ich meine, -- weil du weintest ...« - -»Habe ich geweint?« fragte Renate erstaunt. »Richtig, Georg war ja da, --- wo ist er denn geblieben? -- Ja, es war schön, aber -- es war -schauerlich -- oh!« sie zog die Schultern zusammen. »Ich bin völlig zu -Eis geworden, weißt du.« Sie lachte. »Nun, und das hat halt schmelzen -müssen. Du weißt doch, Herz, man weint nie, wenn etwas grausig ist oder -so, sondern wenn man sich nicht anders zu helfen weiß.« - -Wieder schaudernd blickte sie in die letzte Stunde zurück, fand jedoch -wenig und sah nun nahe vor sich den Schimmel, dem eben Decken und Sattel -abgenommen wurden, auch das Kopfzeug. - -»Mein Gott, sieh doch nur, wie schön sie ist!« rief Ulrika entzückt, als -die Stute nackend dastand in der Herrlichkeit ihrer edlen Glieder, -gedrungen, doch nicht plump, zierlich die Hufe voreinander wie eine -Tänzerin, breit von Brust, dicken, kurzen, zum kleinen Kopf stark -verjüngten Halses, mit dem starken Wirbelhaar über der Stirn, schnobernd -mit den Nüstern, daß leises Wiehern quoll. - -»Ja, du bist sicherlich grad so erleichtert wie ich, aus deinen warmen -Decken«, sagte Renate, zu ihr gehend, um ihr den Hals zu liebkosen. -»Ohne Furcht und Tadel bist du wie ich,« murmelte sie dabei, »was wird -aus uns werden?« - -Die Stallknechte und ein Geharnischter, der Spielleiter, kamen, legten -der Stute eine Trense in weißem Halfter an, in deren Ringen dünne und -viele Ellen lange, rote Lederriemen befestigt waren; zwei Edelleute auf -schönen, goldroten Pferden lenkten heran und ergriffen die Riemenenden. - -»Bitte, wollen Sie nun --« hörte Renate den Schauspieler sagen. Sie -griff in den Halfter und führte die Stute einige Schritte gegen den -leeren Damm vor, besann sich vergeblich auf ihre Verse und bat endlich -unsicher: »Ja, nun mußt du laufen!« - -Sie trat seitwärts. Einer der Reiter schnalzte mit der Zunge, hinten -knallte eine Peitsche. Die Stute fuhr zusammen, trat drei Schritte vor, -blickte sich erschreckt und verwundert mit klugen Augen um, wieder -knallte die Peitsche, da sprang sie heftig an, trabte ein Stück, setzte -sich in Galopp, die Reiter folgten, und plötzlich schnellte sie ab, -flog, ein weißer Pfeil, der Tiefe zu, die Reiter jagten bergunter nach, -aber schon schienen die Riemen sich erstaunlich zu verlängern, und -schon, gedankenschnell, war der weiße Ball durch die leere Hälfte der -Arena geschnellt, auf die vielen weißen Zelthüte der Beuglenburgischen -Ritterschaft zu, und, wie ein Blitz wegzuckend, war sie die breite Gasse -hinab und draußen im Dunste der Ebenen verschwunden. Nachhetzend, weit -zurück, leuchteten noch eine Weile die roten Pferde und schwanden. -- - -Im Kreis der Zuschauer hinter Renate gab es Gelächter. Sie wandte sich -zu Ulrika, die lachend meinte, sie sei neugierig, ob der gute Schimmel -richtig von selber zum Bauern Gregor hinlaufe, der draußen im Felde -warte. Renate legte den Arm um ihre Schulter und sah wieder weiße -Wolkenballen, wie Stiere scheinend, über den fernen Erdrand -heraufklimmen. - -»Es fing an, weißt du, als ich hier den Damm hinunter reiten mußte,« -sagte sie tief in Gedanken, »oder vielmehr --, da hörte etwas auf. -Kannst du dir diese Vereinsamung vorstellen, mit der ich da plötzlich -der riesigen Tiefe und den zehntausend Augen ausgesetzt war? Ich weiß -nur noch, daß ich furchtbar fror, meine Augen wurden unermeßlich weit, -aber ich sah trotzdem nichts als den Himmel und diese gewaltigen, weißen -Wolken, und wie stürmten sie gegen mich herauf! Wie Stiere sahen sie -aus. Wie aber dann der Jubel ausbrach -- --, sehen konnten sie, -wenigstens mein Gesicht, ja noch kaum, aber es galt doch mir, und das -gab einen Sturm, der mich leer ausfegte und mit Eis, -- ja mit Eis -anfüllte. Ich mußte mich zusammenraffen -- furchtbar!« Sie lächelte und -fuhr eifrig fort. »Da konnt ich denn freilich merken, -- das heißt, -weißt du, ich merke es erst jetzt, -- wie wenig ich in Wirklichkeit -allein gewesen bin, denn es sind doch immer Gedanken dagewesen, -Erinnerungen und immer doch auch die Nähe vertrauter Menschen. Psyche -auf dem Wege zum Hades, weißt du, der muß so ums Herz gewesen sein. Und -erst unten, weißt du, -- ja, was lachst du denn?« - -»Ich lache, weißt du,« sagte Ulrika, »weil du, weißt du, immer weißt du -sagst!« - -»Sage ich das? Ja, weißt -- nein wirklich! -- aber da kannst du sehn, -wie ich durcheinander geraten bin. Nein, der Jubel unten, sie rasten, -und nun wußte ich doch auch, daß sie mich wirklich sahen --« - -»Ha,« unterbrach Ulrika ihren Wortschwall, »das hast du doch gemerkt!« - -»Ich habe es gefühlt, du Närrchen,« sagte Renate lachend, »aber ich weiß -es erst jetzt!« - -»Ist das ein Unterschied bei dir?« fragte Ulrika verwundert. Renate sah -sie an. »Ja, bei dir etwa nicht?« - -Ulrika schien innerlich zu kämpfen. »Du magst recht haben,« gestand sie -endlich, »aber -- wenn es so ist -- dann --« - -»Ist es unsre ganze Macht«, funkelte Renate. »Nein, weißt du, sie rissen -mich in Stücke mit ihrem Lärm.« - -»Und das war das Grausige?« - -Renate blickte versonnen vor sich hin, lächelte, hob die Achseln. »Das -Schöne«, sagte sie leise. »Es war nur noch Brausen, ich war wie -- weit -fort, und doch war ich es, die groß umherging und galt. Es war gut, das -einmal erlebt zu haben, -- ein zweites Mal ...« Sie schauerte. - -»Und den Festzug hast du noch vor dir«, neckte Ulrika. - -Renaten zog ein schönes Wort durch den Sinn: - - Verschmolzen mit der tausendköpfigen Menge, - Die schön wird, wenn das Wunder sie ergreift ... - -Tiefer schauernd, schloß sie die Augen. War sie verschmolzen gewesen? -- -Nein, und -- nein, das verschmolzen bezog der Dichter ja nicht auf den -Dargestellten, sondern auf einen der Gläubigen in der Menge, wenn sie -sich recht erinnerte. Die Menge aber, war sie wirklich schön geworden? -Im Herzen vielleicht, die Hände lärmten sehr. Aber das war nun so ihre -Art ... Die Augen öffnend, rief sie: »Sieh nur, was kommt da?« - -Durch die Gasse der weißen Zeltestadt und die Gruppen der dunklen und -blitzenden Harnischleute kam von jenseit ein großes, braunrotes Pferd -dahergebraust; sein Reiter schien sehr klein, -- ah, es war der -Botschafterjunge! In der einen Hand schwang er etwas Gelbrotes wie eine -Fahne. Nun stürmte er über die Wiese heran, der Gaul bockte am Damm, kam -aber dann in großen, heftigen Galoppsprüngen herauf, der Knabe, -nacktbeinig in kurzer schwarzer Hose und weißem Hemd, schwenkte ein -mächtiges Bündel bäurischer, gelber und roter Stockrosen, -- jedoch in -der Tiefe ward jetzt wieder das weiße Pferd sichtbar, das unter einem -Reiter leicht zwischen den Zelten zurückgaloppierte; dahinter die Füchse -der Edelleute. -- Jetzt war der Knabe heran, warf sich noch im vollen -Ansprung von seinem braunen Elefanten, stolperte, fiel aber geschickt -und anmutig auf seine Knie vor Renate, die Arme ausbreitend, den Kopf im -Nacken, offnen Mundes minutenlang nur keuchend, flammenrot im Gesicht, -das mager war mit großen, braunen Augen voll Entzücken. Endlich konnte -er mit heller Stimme rufen: »Sie kommen! Der König kommt! Es lebe -Heliodora!« - -»Herzog muß es heißen,« flüsterte Renate lachend, über sein beflammtes -Gesicht huschte leichter Schreck, dann lächelte er und fuhr richtig -fort: - - »Am eisernen Tische fand dein weißes Roß - Den Auserwählten, doch es war kein Schild; - Des Bauern Pflugschar wars, von der er schmauste - Sein karges Brot!« - -Renate, hinter sich das erstaunte Bühnengemurmel ihres Hofes, sagte: -»Da, komm, mein braver Junge!« und, den süßen Botenlohn ihrer Jamben -verschluckend, hob sie den Jungen kräftig von der Erde auf, drückte ihn --- er war klein wie ein zehnjähriger -- an die Brust und küßte ihn fest -auf den Mund. Der Junge schloß die Augen, hing einen Augenblick still, -riß sich erschrocken los, machte eine Bewegung mit dem freien Arm, als -ob er sich den Mund wischen wollte, schüttelte sich plötzlich und -sprang, sich umwirbelnd, davon. Renate lachte ihm mit der Umgebung -fröhlich nach. - -Nun waren auch Schimmel und Reiter nahe heraufgesprengt, der -Schauspieler im weißen Bauernhemd und blauen, riemenumwundenen -Strümpfen, nicht ungeschickt auf dem ungesattelten Pferd, hielt, sah -sich staunend um. -- Theater, dachte Renate, ist doch was Sonderbares! --- Das bartlose, ungeschminkte Gesicht erinnerte weitläufig an Georg, -aber die tönende Stimme, mit der er nun sein: »Wo bin ich? Welch ein -Traum umfängt mich denn?« hervorsang, enttäuschte Renate. Sie erklärte -mit natürlichem Hochmut: - -»Heliodora siehst du, Herzogin von Trassenberg. Und wie es scheint, -sollst du mein Gatte sein!« - -Über ihre eigne Nichtachtung lächelnd, froh, daß eine Schauspielerin im -nächsten Akt Heliodoras Zähmung darzustellen habe, fuhr sie fort: woher -er komme, wer er sei. -- Gregor, der erstaunte Bauer, sprang nun vom -Pferde, es wurde fortgeführt, er sank aufs Knie, flüsterte: »Sakrament, -Sakrament, Fräulein, wie schön sind Sie!« und ließ die Jamben des -Stadtpoeten rollen: - - »Wie leicht ist Fragen, -- Antwort, ach, wie schwer! - Du fragst: Wer bist du? Frage, wer ich war! - Kaum weiß ich dies; verzaubert bin ich wohl, - Ein Roß, ein holdes Weib ...« - -Renate überhörte den folgenden Schwall, nahm beim Nahen ihres -Stichwortes den Mantel von der Achsel, schleuderte ihn über eine -Schulter des Knieenden, indem sie dachte: Handeln ist besser als Reden! -und herrschte ihn kühl an: - -»Ich erkenne -- Den Spruch des Schicksals an. Da ist mein Mantel. -- -Zeichen der Würde, weiter nichts. Ich selbst -- Bleibe mein eigen, hörst -du wohl --« Sie endete, plötzlich selbst erregt: »Mein eigen!« - -Das Übrige ging sie nichts mehr an, sie drehte sich um, sah Ulrika -dastehn, trat zu ihr und sagte, den Arm um ihre Schulter legend, -lächelnd: »Das Stück ist aus, -- nun wollen wir zu Georges, der Bauer -machte Augen wie ein Dorsch!« worauf sie, zierlich und hochmütig -angelehnt, wie es die Rolle wollte, mit ihr durch die Gasse ihres -Hofstaats in den Wald hineinging. - -»Verstehst du denn die Menschen?« fragte sie, stehen bleibend, und -drückte die Handflächen lachend gegen die Wangen. »Du weißt doch, was -für einen Kampf es gegeben hat, bis die Schauspielerin zugab, daß ich -ihr diese paar Worte raubte, weil Georg darauf brannte, mich den Ritt -aufführen zu sehn, -- ja, wo ist er denn nur geblieben?« - -Ulrika bückte sich zu einem Grashalm am bemoosten Wegrand, riß ihn aus -und sagte nachdenklich im Weitergehn: - -»Ich verstehe sie, ja. Wenn ich gespielt _habe_, wenn ich fertig bin und -die Leute klatschen, und ich gehe hinaus und komme wieder, sooft man -mich hineinschiebt, -- das ist -- Lärm, davon verstehe ich nichts. Aber -vorher -- -- die Erwartung, und das Gefühl: zu können, Macht zu haben, -und -- das Zurechtrücken im Stuhl, und das Präludieren ... ja, es ist -sonderbar und ist doch so: besser spiele ich wohl nicht, als wenn ich -mit dir oder sonst jemand im Zimmer allein bin, -- aber anders spiele -ich, ganz anders, und sie Alle spielen mit ...« - -Renate vergaß, etwas zu antworten, denn sie waren im Burghof; die beiden -Ankleidezelte waren da, aus dem einen spähte eine Frau mit nackten -Armen, eine andre ging hinein, Saint-Georges war nicht zu sehn. - -»Eins,« hörte sie Ulrika sagen, »du hast es leider nicht gesehn, das war -köstlich. Der Junge, den du geküßt hast, -- ich sah ihn nachher unter -dem Gedränge stehn, versteckt, nur den Kopf streckte er nach dir hin, -und auf einmal zog er ihn zurück, sah seine Hand an, und dann legte er -sie auf den Mund, -- so --« Ulrika machte es vor, den Kopf in den Nacken -legend, als schütte sie Beeren in den Mund. -- »Danach nahm er die Hand -wieder fort, schaute hinein, als ob es nun darin wäre, deckte die Hand -drüber, ganz vorsichtig, und schlich sacht damit fort.« - -Renate begriff noch nicht recht. »Ach, er konnte meinen Kuß nicht im -Mund behalten?« sagte sie lachend. »Ja, wie alt war der Junge denn?« - -»Dreizehn,« versetzte Ulrika, »er sieht viel jünger aus, weil er so -klein ist. Bogner hat ihm die Rolle gegeben, er ist sein kleiner -Schüler, und Bogner sagt, er könnte jetzt schon mehr als er.« - -»Ja, so ist Bogner«, lachte Renate, den Vorhang hebend. - - - Zelt - -Stühle und Tische im Zelt waren mit den Teilen des zweiten Kleides -bedeckt, die Zofe drängte, Renate ließ sich entkleiden, setzte sich in -Unterrock und Leibchen vor den Spiegeltisch und sah über sich Ulrikas -Gesicht im Glas, etwas schief, aber auch, wie es schien, sehr ernst, -während ihre Hände das Perlennetz behutsam aus dem Haar lösten. - -»Du siehst so dunkel aus«, sagte Renate in den Spiegel. Ulrika -antwortete nicht. Erst nach einer Weile, als die Zofe sich entfernt von -ihnen beschäftigte, sagte sie halblaut: »_Mio marito e ritornato._« - -»So ...« Ihr Mann war wiedergekommen ... Renate mochte nicht gern vor -einer Dienerin in fremder Sprache reden und fragte erst nach einer -Weile: »Anderthalb Jahr war er fort?« - -Ulrika antwortete, er sei vor ein paar Tagen gekommen, sei nun in -Wilhelmshaven stationiert, komme aber alsbald zum Admiralstab nach -Berlin ... Weiter ließ sich zur Zeit wohl nichts sagen. - -Nun war auch das Haar zu kämmen und zu bürsten, die Zöpfe mit Perlen und -Goldbändern neu zu flechten, dann der grade Kronenring auf dem Kopf mit -weißem Flor unter dem Kinn zu befestigen. -- Renate stand auf. - -Die Zofe kam, auf den Armen den mächtigen Bausch des dunkelvioletten -Kleidrocks. Renate, vor Ulrika stehend, fragte leise: »Was soll denn nun -werden?« - -Sie schüttelte traurig lächelnd den Kopf, faßte in die Falten des -Kleides und zog sie nach unten, während die Zofe sie oben über Renates -Kopf und Schultern auf die Hüften senkte. Dann fuhr sie in die -schilfgrüne, engärmelige Tunika mit goldenen Säumen und Stickerei; -Ulrika brachte einen Gürtel aus schwarzen und goldenen Quadraten. - -»Den kenne ich ja gar nicht«, sagte Renate verwundert und betrachtete -voll Freude die Bildnerei in den Goldvierecken, die Tiere der -Wendekreise und Figuren aus den Sternen. »Seine Durchlaucht«, gestand -die Zofe lächelnd, »haben ihn mir heute morgen gegeben.« Ulrika sagte -nur: »Ha!« während Renate errötete und sich freute. Das war schön, das -war ein schöner Gedanke, sie heute zu gürten. Sie hakte den Gürtel -wortlos über den Lenden zusammen, sah das freibleibende Ende mit einer -großen goldenen Scheibe daran zwischen den Knien niederfallen, dann -stand die Zofe da mit den schneeweißgefütterten, goldenen Überärmeln, -riesengroßen Tüten, deren Zipfel, als sie übergezogen waren, bis auf die -Füße hinunterhingen. - -»Bin ich schön?« fragte sie, sich vorm Spiegel drehend und -zurücktretend, die händefaltende Ulrika, »ach, es ist eine Lust heute, -schön zu sein! Den Mantel nachher,« sagte sie und mußte plötzlich zum -Türvorhang eilen, im Gefühl, jemand stehe draußen. Die Falte hebend, sah -sie wirklich den Gugelmann, streckte freudig die Hand nach ihm, erfaßte -die seine und sagte leise: »Komm herein, Georges, ich bin so froh, daß -du --« - -Die Gugelkappe bewegte sich langsam, verneinend, hin und her. »Wir -befinden uns in einem Irrtum«, sagte eine nicht völlig unbekannte -Stimme; er lüpfte die Kappe über der Achsel; im Dunkel, dort wo das -Gesicht war, wurde etwas häßliches Rotes sichtbar. - -»Josef!« stieß sie halblaut hervor, erschreckt. Er ließ die Kappe wieder -fallen und nickte. Sie sah jetzt durch die Schlitze dunkel den Schein -seiner Augen, dazu auch seine Größe, da er Georges doch um einen Kopf -überragte. Sie ließ seine Hand fallen. - -»Komm herein«, sagte sie und trat zurück. Er folgte. - -Für Minuten verwirrt, nach zwei Seiten gerissen von wünschenden, -hoffenden, begierigen Gedanken, rauschte Renate in den großen Raum -hinein, bemerkte einen Karton, an dem die Jungfer packte, und bat sie, -einen Augenblick ins Freie zu gehn. Rauschte wieder zurück, sah den -schwarzen Josef still an der Tür stehn, drehte sich um, stand und sagte -kurz zu Ulrika hinüber: »Es ist mein Vetter Josef.« - -Ulrika grüßte freundlich und murmelte etwas. -- Renate vergrub die -Unterarme in die Ärmelfalten, dachte schwirrend deutlicher an den -Herzog, an ihren Onkel, warf den Kopf in den Nacken und sagte: »Ich habe -damals nicht gewollt, daß du meinetwegen zum Vater gingest. Sagtest du -nicht, daß du gehen würdest?« Die schwarze Kappenspitze bewegte sich -bejahend. »Heute muß ich wünschen, daß du um meinetwillen gehst, meine -Gedanken verkehren sich, ich weiß nicht mehr, was Recht und was Unrecht -ist.« - -»Wie unverständlich«, hörte sie Josef sagen. »Wenn du dir von meinem -Kommen etwas versprichst für deinen Onkel, so dürfte es wohl gleich -sein, aus welchem Grunde ich komme.« - -»Ich wußte es längst,« murmelte Renate unwillig, »ich fühlte es.« - -»Wir sind es immer,« hörte sie Josefs kühle Stimme sagen, »die alle -fremde Angelegenheit durch unsre eigenen entstellen. Immer müßt ihr -selber zwischen euch stehn und den Dingen.« - -»Du sprichst gegen dich selbst, Josef?« - -»Ich sehe, was kommt,« versetzte er ruhig, »und außerdem äußere ich eine -Meinung, weiter nichts. Wenn jemand imstande ist, von sich selber -abzusehn, so bin ich derjenige, -- du weißt.« - -Renate mußte da lächeln, heftete die Augen fest auf ihn und sagte: »Seit -heute morgen bin ich die Verlobte des Herzogs.« Ihre Augen glitten zu -Ulrika, die überrascht und heiter den Kopf zurückbewegte. Josef regte -sich nicht; aber es verging eine halbe Minute, bis Renate etwas vernahm, -das halb ein Pfeifen war, halb ein Seufzer, schwer, und doch wieder -- -erleichtert. Dann hörte sie ihn sagen: - -»Ich gratuliere. Ziemlicheres ließ sich kaum erdenken. -- Er ist ein -Mann,« setzte er großmütig hinzu, kam zu Renate, sie ließ ihm die rechte -Hand, er ergriff und küßte sie. Auch Ulrika kam und umarmte sie -schweigend und mit Innigkeit. - -»Du kommst also mit mir, Josef? Ich verlasse das Haus nicht, eh dein -Vater dich gesehn hat.« Er neigte den Kopf. - -»Dann fort!« rief Renate, »auf dem Festwagen wird Platz für dich sein.« -Sie lief zur Tür, winkte der Zofe, die herlaufend rief, Herr Bogner -ließe sagen, das Automobil stünde am andern Ende der Burg. -- Sie -verließen das Zelt. - - - Im Wagen - -Durch den Burghof, am Fuße der Mauern hin, gelangten sie zur Fahrstraße; -dort, in der Nähe des schwarzen Wagens, saß auf einem Baumstumpf der -rotbeinige Maler; sein kleiner Schüler lehnte ihm am Knie und zeichnete -auf einem Block. Nun blickten Beide auf, der Junge sprang zur Seite und -errötete tief, vielleicht weil er seine linke Hand mit dem Taschentuch -verbunden hatte, und da Renate ihn sacht herbeiwinkte, kam er trotzig -hergeschlendert, die Hände mit seinem Zeichenblock auf dem Rücken und -mit der Miene eines jungen Hundes: es paßt mir gerade diesen Weg zu gehn -... Renate fragte leise, sich zu ihm bückend: »Was hast du mit deiner -Hand gemacht?« - -»Mich gerissen,« log er finster und flammenrot im Gesicht. - -»Laß mal sehn«, lockte sie, aber er schüttelte nur abweisend den Kopf. -Da ehrte sie seinen männlichen Ernst und stieg in den Wagen, Ulrika zu -sich nehmend. Die Zofe nahm mit ihrem Pappkarton den Platz neben dem -Fahrer, auch der Junge kletterte zu ihr. Bogner und Josef standen noch, -miteinander sprechend, zusammen, es schien, sie hatten sich schon -begrüßt, -- kletterten dann auf die hochgeklappten Vordersitze -nebeneinander, so daß Renate Bogners Rücken und Hinterkopf vor sich -hatte, Ulrika Josefs Gugelkappe. Sie rollten ab. - -»Welch ein schöner, keuscher Junge, Bogner,« sagte Renate nach einer -Weile, »keusche Männer sind so selten.« - -Bogner, sein Profil herwendend, fragte spät: »Warum keusch?« - -Renate fand nicht gleich eine Antwort, und Josef, sich herumsetzend, -sagte hurtig: »Keusche Männer sind etwas Unleidliches. Ich sage nichts -gegen deinen Knaben Tobias, der ja kein Mann ist.« - -»Heißt er Tobias?« - -»Er heißt nicht so, wird aber so genannt, weil er ein Hündlein hat und -einen Engel in Bogner.« - -»Und keusch ist wie Tobias,« lachte Renate, von dem Gleichnis erfreut, -»oder betete Tobias nicht drei Nächte mit seinem Weibe Sarah, ehe er sie -nahm?« - -»Sarah, siehst du,« erwiderte Josef, »war keusch; sieben Männer mußten -Todes sterben und durften nicht an sie heran, dann kam der rechte, und ->Azaria, mein Bruder< trieb den Teufel der Unkeuschheit aus.« - -»Was ist denn unkeusch, Josef, bitte, ich habe dich so lange nicht -plätschern gehört!« - -»Vielleicht stehts im Tobias, Renate, du wirsts wissen.« - -Renate, alle väterliche Bibelkenntnis zusammenraffend, suchte und fand: -»Höre zu, ich will dir sagen, über welche der Teufel Gewalt hat. Nämlich -über diejenigen, welche Gott verachten und allein um der Unzucht willen -Weiber nehmen, wie das dumme Vieh.« - -»Oh, verblüffend!« staunte Josef, »wie das dumme Vieh!« und Renate -erkannte mit heller Freude trotz der Maske seine Lieblingsbewegung, da -er über dem schwarzen Zeug mit der flachen Hand nach unten strich, und -sie sah sein Gesicht darunter, ganz und heil wie je, hochgezogne Brauen, -hängende Mundwinkel und trüb lächelnde Augen, während sie, Hoffnung und -Zuversicht im Herzen, eifrig und skandierend fortfuhr: - -»Wenn aber die dritte Nacht vorüber ist, Josef, so sollst du dich zur -Jungfrau zutun mit Gottesfurcht, Bogner, mehr aus Begierde der Frucht, -denn aus böser Lust, Josef, daß du und deine Kinder den Segen erlangen, -der dem Samen Abrahams zugesagt ist, Bogner, -- ach Gott, jeden und -jeden Sonntag nachmittag habe ich Papa das predigen hören in seinem -Zimmer, und dann kamen sie mit gesenkten Ohren heraus wie die Pudel, -aber Papas Traugelder erhöhten sich in keinem Jahr, in keinem, und als -ich geboren wurde, da sollen die Ammen das Haus gestürmt haben, Ulrika!« - -Ulrika sah geistesabwesend auf und lachte gezwungen. -- _Mio marito_ ... -klang es Renate im Ohr, sie konnte aber ihr Lachen nicht gleich -zerdrücken, sah sich vielmehr genötigt, es zu erneuern, da sie Josef -sagen hörte: »Caramba, Kusine, was bist du doch unkeusch!« - -»Rede weiter, Josef«, befahl sie, ihn anblitzend. - -»Jedermann,« sagte Josef, »der handelt, ist gut, also Mönche, Asketen, -Einsiedler. Eine Frau kann keusch sein, nicht bloß so in der eben -beliebten Art: die keusche Dirne, -- denn wer, Bogner, hätte sich nicht -eine letzte Zelle im Gemüt reinlich erhalten? -- sondern durchaus bis zu -einem schönen Grade von Prüderie, nämlich: in ihrer Haltung, in ihrer -Geste, in dem, was sie angreift, tut und läßt, nicht in den Büchern, die -sie liest, sondern in der Art, wie sie darin liest. Was aber Keuschheit -beim Weibe ist, das ist Selbstzucht beim Mann. Unterhält es Sie, Frau -Tregiorni? Vielleicht wundert es Sie, daß ich mein Gesicht verhülle? -Glauben Sie mir, es würde Ihnen keine Freude machen, es zu sehn. In -einem Lande --« - -Ja, wie er nun plätschert, dachte Renate und glaubte fast schon zu sehn, -wie das weiche, leichte Geriesel die Starre seines Vaters auflöste. - -»In einem Lande, wo die Gesichter weniger kostbar sind als Spiegelglas, -hielt jemand es für eine Fensterscheibe, so ging es in Scherben. -Erinnerst du dich übrigens an Dorian Grays Bildnis, Renate? Sein Gesicht -blieb das gleiche an die dreißig Jahr, derweil seine Seele sich -schandbar verwandelte. Nun sehen Sie, Frau Tregiorni, mit mir verhält es -sich genau umgekehrt, obgleich ich dir damals weissagte, ich würde an -Antlitz und Seele gleicherweis --« - -»Du schweifst ab, Vetter!« unterbrach ihn Renate. Sie fühlte wieder die -alte, stolze Dankbarkeit für die Leichte, mit der er all und jedes, -nicht zum wenigsten sich selber, aufnahm und zur Schau trug, Haltung und -Gebärden wie eines Tierbändigers, der einen funkelnden Jaguar auf der -Achsel um die Arena trägt. - -»Keuschheit«, erklärte Josef, »hat mit der Selbstzucht wie mit allen -übrigen Tugenden das gemein, daß sie allesamt aufhören, Tugenden zu -sein, sobald sie von sich wissen. Ach, zum Schriftsteller bald wird der -einst so poetische Jüngling! Wird der Knabe zum Mann, wird er wissend, -wird er klug. Eine Frau braucht nicht zu wissen --« Ulrikas Züge -spannten sich aufhorchend --, »sie verfügt über die verblüffende Gabe -der Willkür, diese Gabe -- -- es giebt ein Augenleiden, das besteht in -sogenannten Ausfällen im Gesichtsfeld, das heißt in einer -Lückenblindheit für eben die Stelle, die das Auge fassen will -- und -solche Ausfälle hat sie dann in ihrem seelischen Gesichtsfeld. Der -Schmutz ist da, hell in der Sonne, aber sie sieht ihn nicht, sie sieht -ihn wahrhaftig nicht, sie übersieht, was ihr mißfällt, überdenkt oder -überfühlt, was ihr Empfinden verletzen müßte. Es ist nicht keusch, von -Mutterschaft, Zeugung oder Liebeskrankheit nichts zu wissen, sondern es -ist keusch, dergleichen auf keusche Weise zu wissen, ebenso wie es -nämlich nicht genial ist, anders zu sein, zu handeln als die Andern, -sondern: was jeder sein könnte, auf geniale Weise zu sein, das ist -genial, -- glauben Sie mir, Bogner, wenn Sie ein Genie genannt zu werden -verdienen, so geschieht das aus keinem andern Grunde, als weil Sie eins -sind,« Nun spricht er genau wie Georges, dachte Renate wehmütig, wo -bleibt er nur den ganzen Tag? -- - -Josef hatte Atem geschöpft und spielte leicht und rauschend weiter: - -»Nicht anders verhält es sich mit der Selbstzucht. Die Frau kann -Gefahren vermeiden. Da sie nicht zu lernen braucht, sondern alles -eingeboren auf die Welt bringt wie ein Tier, so weiß sie, gesetzt sie -ist grade beschaffen, in jedem Notfall das Richtige und Heilsame zu -treffen; sie tut es blindlings, sie verjagt als Henne blind den Sperber, -sie gebiert blindlings ein Kind ums andre und kennt keine Furcht und -keinen Schmerz, weil eins not ist! Der Mann muß all und jedes ganz von -vorne lernen, und er kennt keinen Lehrmeister als die eigne Erfahrung. -Darum sucht er die Gefahr, bildet sich an der Gefahr, nährt sich mit -ihr. Er will wissen, er soll wissen, er hat sich nirgend zu -verschließen, denn er soll zeugen. Wer zeugen soll, muß wählen, wer -wählen soll, muß forschen, erkennen, wissen. Die Frau kann sich rein -halten, der Mann kann das nicht, aber er kann sich reinigen. Die -stärksten Seelen gehn am längsten fehl, las ich bei einem Dichter. Es -kommt nicht darauf an, sich nicht zu verlieren; sich immer wieder zu -gewinnen, darauf kommt es an. Und darauf freilich, gute Renate, daß es -ein Gewinn wirklich sei, nämlich ein Mehr, nicht bloß ein Ebensoviel. -Ich zum Beispiel verlor ein halbes Gesicht und verdoppelte die -Spannkraft meiner Seele. Aber auch die verbliebene Hälfte meines -Hauptes, sei überzeugt, werde ich nicht verloren geben, und hier endet -unser Gespräch.« Der Wagen hielt. - - - Festzug - -Renate, an Bogners Hand nach rechts aus dem Wagen auf die leere und -sonnige Landstraße kletternd -- sie seien dicht vor der Stadt, erklärte -Bogner --, fand sich nahe gegenüber einer haushoch scheinenden goldenen -Wand, die fast die Breite der Straße ausfüllte und über und über mit -einer leuchtenden Malerei von altertümlichen Figuren bedeckt war. Indem -kam um die Ecke, staunend nach oben verdrehten Kopfes, der eine -himbeerfarbene Kugel war, der Erzbischof, unterm Arm die gespaltene -Mitra, ein golden und weißes Faß auf Füßen, warf gegen Renate einen -verwirrten Blick, fuhr sich mit dem Taschentuch über den blanken Schädel -und fuhr fort, zu schauen und zu staunen. Die Wand war in hohe und -schmale gotische Flachnischen geteilt, drei oben und sechs darunter; die -Umrahmungen waren von Gold, golden auch der Grund des Inneren, das die -gemalten Figuren füllten. Bogner hinter ihr sagte, es sei die Rückwand -des Festwagens. Die Gestalten -- Heilige schienen es in reichen Trachten --- waren so schön gemalt, daß sie nach dem Künstler fragte. Statt -Bogners antwortete nun Josefs Stimme hinter ihr, Bogner habe sie -entworfen, und Tobias und sein Hündlein hätten sie gemalt. Ja, da stand -Tobias, blaß und mit ängstlich gerunzelten Brauen. Renate nahm ihn beim -Kopf, lobte ihn sehr und sagte, nun müßte er ihr die Bilder auch -erklären. - -Es wären die neun Monate, fing der Junge an. - -»Neun, Tobias, seit wann haben wir neun?« - -Tobias sah verlegen zu Josef auf. »Weil es«, hörte Renate seine Stimme -hinter der Maske, »nur neun giebt, mein Knabe. Ihr könnt das erstens -daran erkennen, daß der Mensch sich neun Monate im Mutterleib aufhält -und nicht zwölf, seine Natur müßte sich also an eine ganz neue Rechnung -gewöhnen. Ihr wißt aber, daß es die Eigenschaft der Natur ist, sich an -nichts und niemals zu gewöhnen. Du kannst aber auch anders rechnen, mein -Junge, indem du dir sagst, daß von unsern zwölf Monaten drei keine -Gezeiten sind, sondern nur Zeit, nämlich Dezember, Januar und Februar, -wo die Erde schläft oder sich erholt. Im ersten Falle müßtest du jedem -unsrer Monate vier Drittel seiner jetzigen Tageszahl zuteilen, und wenn -du dann das Ganze durch Drei teilest, so bekämest du drei schöne -Jahresstücke, die ungefähr unserm März bis Juni, Juli bis Oktober und -November bis Februar entsprechen würden, mit Werdezeit, Reifezeit und -Sterbezeit. Deinen Lehrer Bogner aber siehst du hier das Jahr mit dem -Frühling, mit dem März beginnen, einem schönen Sankt Sebastian, dessen -Stricke gesprengt zu seinen Füßen liegen, der ins Goldgewölk lächelt, -und dessen Leib und Marterstamm über und über gespickt sind mit farbigen -Krokus, Schlüsselblumen, Hyazinthen und Narzissen, in die sich die -Pfeile oder Hagelgeschosse des Winters verwandelt haben, -- aber, -Renate, es wird Zeit, wenn du den ganzen Wagen noch beschauen willst -...« - -»Nein, diesen noch,« bat Renate entzückt, »das scheint Sankt Christofer ---« sie zählte ab, »-- Oktober, warum Oktober?« - -»Siehst du nicht,« sagte Josef, »daß es nicht Sankt Christofer ist, -sondern der griechische Gott Herakles mit seiner Keule, der den kleinen -Dionysos-Christus auf der Schulter trägt, Weinlaub im Haar, und daß es -die große, blaue Traube in seiner Kinderhand ist, die dem Alten so viel -Beschwerde macht? Du kannst es dann bei Hölderlin nachlesen.« - -»Was doch dieser Maler alles weiß!« lächelte Renate verwundert und -bemerkte, sich umdrehend, ihre Zofe, welche die goldene Wand ihres -Mantelfutters entfaltete. Sie ließ sich den dunkelblauen Mantel auf die -Achseln legen und wollte den hohen, nach außen gebogenen Kragen der -Wärme wegen offen lassen, aber nun bat Josef: »Einen Augenblick!« hakte -den Kragen zu, raffte die dunkelblauen Falten unten, belud ihr den -linken Arm damit, spreizte auch leicht die Finger der Hand unter dem -Bausch, trat zurück und sagte: »Erstaunlich! Wem gleichst du nun auf ein -Haar?« - -Renate, an sich herunterblickend, meinte: »Der Naumburger Uta? Seh ich -so hold und kindlich aus?« - -»Oh, sie hat ja auch keine Zöpfe,« sagte er, »aber die Hand mit dem -Bausch und dem Faltensturz und die blaue Farbe, das ist kostbarer als -der alte graue Stein. Komm weiter!« - -Er zog Renate um die Wagenecke, aber sie prallte heftig zurück, denn -dort hinten, vor den riesigen Wagen geschirrt, standen zwei Elefanten, -nein vier, nein sechs! zu zweien hintereinander, Ungetüme von hellgrauer -Farbe, seltsam von einem rötlichen Hauch bedeckt, und von Josef -hingezogen, sah Renate, daß es die künstlichsten Ornamente, Ranken, -Blumen und Tiere waren, mit feinem, rotem Pinsel aufgetragen. - -»Dein Ritter Georg hat es so gewollt,« äußerte Josef, »man macht es so -in Indien, aber ohne meinen Chinesen hätte er es nicht bekommen.« - -»Chinesen? Ach, der auch deine Maske --« - -»So hast du sie gesehn? Sie taugt nicht viel, außer bei Dämmrung,« -meinte Josef, »aber der Brave liebt mich sehr und brachte sie eines -Tages an.« - -Renate fuhr in diesem Augenblick, langsam weiter schreitend, von einem -Anblick zusammen, dessen Art und Gewalt sie fürs erste gar nicht -begriff. Wo war sie denn? Ein schneeweißes Tier hielt ein langes weißes -Horn auf sie gerichtet ... Auf der leeren Straße, einsam in einem weiten -Kreise von seltsam bunten Menschen, stand, die Vorderhufe zierlich -eingestemmt, milchweiß -- das Einhorn. Das Legendentier, das heilige, -- -am Nacken breit fiel das gewellte Tuch der weißen Mähne nieder, vor der -Stirne, gerade auf Renate gerichtet, stand -- wunderbar -- die lange -Düte des großgewundenen weißen Horns. - -Schauder von Furcht, Schauder von Süße durchwirbelten Renate; sie -faltete die Hände, ihr ward glühend heiß und jetzt auf eine -unerklärliche Weise furchtsam, immer furchtsamer zumut, bis es sie kalt -durchlief und sie sich ermannte. Da stand Josefs schwarze Gestalt mit -unsichtbarem Kopf neben ihr, unheimlich genug, aber, kaum wissend, was -sie tat, trat sie dicht vor ihn hin, drängte sich an seine Brust und -sagte angstvoll zu den Augenschlitzen hinauf: - -»Was will das Tier, Josef? Oh, Josef, das schreckliche, heilige Tier!« -Seltsam fern hörte sie Josefs Stimme: - -»Erkennst du denn deinen Schimmel nicht wieder, Renate? Das Horn ist -Papiermasse und mit einer kleinen, silbernen Platte befestigt, siehst -du?« - -Sie lächelte nun, denn er sprach ihr zu wie einem Kinde. Nachdenklich -stützte sie das Kinn in die linke Hand, den Ellbogen in die Rechte -setzend, und betrachtete das Wunder, wie es den Kopf senkte und aufwarf -und das weiße Horn stieg und fiel. Die Stute war so viel kleiner -geworden und sah zugleich mutwillig, fromm, klug und ganz und gar -fabelhaft aus. - -»Welch gutes Herz du doch hast, Renate,« hörte sie Josef sagen, »aber -das kommt davon, wenn man nie ins Theater gehn will, dann nimmt man -alles für Natur.« - -Sie lächelte zerstreut. Dazu die Trachten ringsum, tiefes Mittelalter -... Ein wenig entfremdet wurden für Renate all diese Edelleute, Frauen -in Mänteln und engärmeligen Tuniken, diese Mohren in reichen Gewändern, -Sarazenen, durch ihre Buntheit, da sie eben noch das graue Mittelalter -der steinernen Uta vor sich gesehn, aber nun wurden es schon die alten -Evangelienbilder Stefan Lochners und der namenlosen Meister von Cöln und -Niederland, und schließlich erschien langsam die neue Zeit in den von -der Tracht veränderten Zügen der Gegenwart, zudem in einem Schwarm von -Negerknaben in dunkelblauen Hemden mit kleinen goldenen -Kardinalskäppchen auf dem Kopf, die, sich balgend, über das Feld zur -Seite dahinstoben. Ah, die gehörten wohl auf den Rücken der Elefanten, -wo auf kleinen grünen Schabracken dunkelblaue Enziankelche, wie Kessel -groß, befestigt waren. Nun sah sie auch die Straße hinab das wogende -Getümmel, hochgetürmte Wagen hintereinander, seltsame, riesige Puppen, -Tiere, Berittene in Kettenhemden und ringsum den Hain der Masten, -Fahnen, Wimpel und Banner in allen Farben, vor allem den heiteren Blau, -Weiß und Grün, und dieser Strom war am Straßeneingang links und rechts -flankiert von den fensterlosen Ziegelwänden zweier Neubauten wie von den -Wänden eines Steinbruchs. Die Häuserfronten an der Straße waren kaum -sichtbar vor hangenden Fahnentüchern, Teppichen und den Gesichtern und -Oberkörpern in allen Fenstern. Gläsern wie über Korn oder Haide -flackerte darüber die Sonnenluft in den heißen, blauen Himmel. - -Josef mahnte, den Wagen zu besteigen. Sie wandte sich, -- sieh, da stand -auf der untersten breiten Plattform, -- mit buntem Steinmosaik belegt, -zwei Schuh hoch über dem Pflaster, -- der riesige Erzbischof mit dem -Krummstab auf einem flachen Podium, eine weiß und goldene Glocke, die -gespaltene Mitra noch in der Hand. Ritterlich bot der dicke Mann -- in -Wahrheit der Postdirektor, sie kannte ihn vom Sehen -- ihr die Hand, sie -stieg die Stufen zur Plattform empor und stand vor einer Terrasse in -fünf Streifen, breit von der obern Plattform droben herunterströmende -Gefälle von mannshohen Lilien, drei, an den Seiten und in der Mitte; -dazwischen die schmaleren, goldenen Streifen waren sechs oder sieben -fußhohe Stufen mit goldenen Geländern. Darauf kämen viele holde -Jungfrauen zu stehn, erklärte Bogner, der plötzlich wieder da war und -ihr nach oben verhalf. Im Hinaufsteigen sah sie die obere Plattform; -zwei schwarze, überlebensgroße Reiher standen da links und rechts, die -scharfen langen Schnäbel senkrecht eingestellt, und in der Mitte ein -goldner Sessel ohne Rückenlehne vor einer ganz goldnen Wand von drei -grünspangrünen gotischen Bögen, die blendend glitzerte, mit gehämmertem -Goldblech belegt. Ja, dieser Georg! Wo war er nur geblieben? -- Er hatte -scheinbar Wert darauf gelegt, daß alles an diesem Wagen echt sein -sollte. Ganz verwirrt ließ sie sich zwischen den Reihern nieder, aber -nur um jählings zusammenzuschrecken von dem unverhofft schwindelnden -Niedersturz ihres Blickes aus dieser Höhe. Sie mußte sich halten und -sammeln, die Lilienkatarakte wimmelten schon von bunten Mädchen, Kränze -im Haar und lange Lilienstengel in den Händen, unten der Erzbischof war -klein geworden, klein sogar die Elefanten, und klein wie ein Zwergtier -stand vor ihnen die Stute in der Tiefe, jetzt von Renate abgekehrt, an -langen, dünnen Goldketten den Rüsselungetümen vorgespannt. Aber kühn -geworden jetzt, wie eine Seeschwalbe schweifte ihr Blick über den -wogenden Strom der Straße, wegschnellend über Bannerwälder in die Täler -der brodelnden Menge des Zuges und der Zuschauer tief hinunter, zu -kleinen Gesichtern, Händen, Schwertern und Blumen, hundert -durchschatteten, flimmernden, beweglichen, hundertfach wechselnden und -sich verändernden Farben, und jählings durch ein riesenhaft -erschreckendes, in die Flucht schlagendes Wanken, Schwanken, Wogen und -Gebausche von Fahnen über Fahnen hoch hinauf in den Himmel rechts, -anprallend, zurück und um taumelnd vor einer gigantischen, still im Azur -hangenden, smaragdgrünen Raupe, von deren Bauchseite lange blauweiße -Fahnentücher in sachter Faltenbewegung nach unten hingen, zum Lachen -schön und gelassen und deutlich mit jeder Schattenregung auf einem der -Farbenstreifen, -- und schon -- weit in die Ferne davongeschossen, -kreiste ihr Blick um eine andre, in der Entfernung kleinere Raupe, -schneeweiß blitzend, unterwärts behangen mit langen Purpurtüchern, und -schließlich verging ihr das Schauen an einer flimmernden goldenen -Riesenkugel hoch über dem Dächermeer der Stadt. - -Gottseidank, da lächelte und nickte Ulrikas Gesicht aus dem Schwarm der -Frauen herauf. Und sieh da, zu ihren Füßen kniete ja Bogner, mit den -violetten Falten ihres Kleiderrocks beschäftigt, die er -- ganz mit den -Bewegungen eines gefälligen Ladeninhabers -- um ihre Füße die Stufen -hinunter in gebrochene Wellen fallen ließ. Blutrotbeinig und -schwarzbewamst -- Bogner war doch sehr vertraueneinflößend, und -obendrein wand sich auch jetzt mit vieler Mühe ein schwarz Geharnischter -durch die kreischenden und sich windenden Mädchen, unter dessen Topfhelm -das graue und heiße Gesicht des Erasmus sichtbar wurde, ungemein passend -zu diesem Rahmen von Helm und stahlmaschigem Halskragen, der fest das -Kinn umschloß. Nun war er oben, lachte vergnügt, indem er Renate die -Hand hinstreckte, und setzte sich alsbald zu ihren Füßen links auf die -oberste, frei gebliebene Stufe. -- Bogner ordnete noch ihre blauen -Mantelfalten, daß der Goldstoff seines Futters und ihrer Überärmel -sichtbar wurde, turnte dann durch die Frauen nach unten und setzte sich -auf den Wagenrand unterhalb des Erzbischofs neben sein Henkerbeil, das -auf dem roten Mantel lag, so daß seine Beine herunter hingen. Im selben -Augenblick fühlte auch Renate schon, daß sie sich bewegte. Die -Elefantenbeine in der Tiefe schritten; eifrig, vornübergebogen mit -stählernen Schenkeln zog das weiße Pferd an, und unaufhörlich im Auf und -Nieder zeigte sich und verschwand das lange Horn. - -Sanft, kaum schaukelnd auf weichen Rädern fühlte Renate sich hinbewegt -in der Höhe des ersten Stockwerks an den Häusern vorüber. Sie freute -sich, alle Furcht war verflogen, sie lächelte heiter und gelassen, als -nun wieder der Jubel, unten überm Pflaster und die langen Reihen der -Fenster und Balkone hinunter, aufbrach bei ihrem Nahen, immer neue, -weiter wallende, voraufeilende Bewegung, geschwungene Hüte und Tücher, -winkende Hände, hundert und tausend eifrige Arme, hundert und tausend -staunende, bei ihrem Anblick sich einander zudrehende und zurufende -Gesichter, Augen und schallende Münder, so viele immerhin, daß die -Häßlichkeit nicht eines einzigen sich gewahren ließ, wenn es sie gab. Zu -ihren Füßen Ritter, Bischof und Henker, die Träger ihrer Macht, gezogen -von Fabel- und Legendengetier, -- es war eine sonderbare Wanderschaft -durch die Stadt. Sie hatte nie dergleichen geträumt, aber wie töricht -war es auch, zu erschrecken! sie mit Heiterkeit und Gelassenheit zu -ertragen, war das einzig Mögliche, das Nötige mit Anmut zu leisten. Wie -war sie nur dahineingeraten? -- Sie konnte sich im Augenblick nicht -besinnen, jedoch wurde nach einer Zeit das Gesicht des Herzogs hinter -diesen transparenten bunten Wänden sichtbar, sie nickte ihm zu und -sagte: Guter Woldemar, so komme ich nun zu dir, was sagst du denn dazu? --- Ein großer Mummenschanz, Renate, hörte sie ihn gutmütig murren. - -Jesus, wie schwefelgelb war diese Riesenfahne, zehn Meter lang gewiß, -die der Kerl da auf dem Schornstein schwenkte. Da bog der Wagen um die -Ecke, langsam, langsam in eine breitere Straße hinein, die nun -unabsehbar vor ihr dahinrollte, ein tosender Strom, kochend von -Sommerhitze und Geschrei, brodelnd, überschäumend in Blumengirlanden, -Teppichen, Teppichen, Fahnen, Fahnen, Fahnen, schlagenden, Schatten groß -niederwerfenden, brandend aufwärts, klatschend und spritzend die steilen -Ufer empor, über Gesichter und Gelächter in die Fenster, in die Zimmer -hinein und wieder hinausgeschüttet mit vollen Händen: es regnete Blumen. -Renate fühlte ihren Aufschlag auf Kopf und Schultern und Schoß, um sie -her bedeckte der Boden der Plattform sich mit kleinen Sträußen, -einzelnen Rosen, Reseden und Kornblumen, ununterbrochen kreuzten sich in -der Luft vor ihr von beiden Seiten die Sturzbögen des bunten Regens, die -Mädchen schleuderten sie wieder nach den Seiten empor und nach unten, -Erasmus -- da hatte er den ganzen Helm voll gesammelt im Arm und schien -begeistert und schleuderte Blumensträuße, wohin sichs schleudern ließ, -mit ungeheurem Eifer. Unübersehbar vor ihr wankte die Wagenreihe, -ohrbetäubend scholl das Gebrause, Toben und Gelächter, in Lüften -tauchten auf und schwebten vorüber andre Ungetüme, Lindwurme mit -beweglichem, feuerzüngigem Rachen und schlagenden, gezahnten Schweifen, -aus der Gondel eines drohend und gewaltig daherlenkenden schneeweißen -Luftschiffes regneten blitzende Schauer grünweißer Fähnlein, ein -feuerfarbener Flieger, ein zitronengelber mit blauen Ringen, ein -flammendblauer, schlugen herzbeklemmende Kreise, schleuderten sich in -schwingenden Bögen durcheinander und hoch davon, wieder rollte zu -Renates Füßen der Strom, der tausendstimmige, und wieder, in seiner -Einsamkeit immer wieder fremd und ganz Legende, erschien das weiße, -gehörnte Tier, ein kleiner Knabe in himmelblauem Kaftan ging daneben mit -einem Mandelzweig, jetzt sah sie es erst, aber sonst schien alles sich -fern zu halten, immer schritt es in freiem Raum, immer voll Eifer in -seiner Arbeit, als schleppe es die sechs rüsselschwingenden Riesentiere -auch, die ihm großmütig nachschritten. Da warf jemand von einem -Eckbalkon einen ganzen Schwarm weißer Tauben in die Luft, daß es überall -von geschwungenen Flügeln blitzte; eine, zwei, dreie strichen, laut -flatternd, dicht über und vor Renate dahin; sie hielten Blumen in den -roten Krallen. Ach, da unten saß ja dieser geduldige Bogner auf dem -Wagenrand! Was tat Bogner? Er hielt eine Banane in der linken Hand, zog -mit der rechten das Fell sorgsam in Streifen nach unten und biß hinein -mit Behagen, während er schon mit der freigewordnen Hand nach -einer neuen griff, denn ein ganzer Haufen davon lag in den -auseinandergeschlagenen Falten seines roten Mantels. - -Welch süßer Wohlgeruch aber, welcher feuchte Regen von Frische umstäubte -mit einem Mal ihr erhitztes Gesicht? Ah, diese Reiher! Da stießen sie in -Pausen haardünne Silberstrahlen aus den Pfeilschnäbeln in die Lüfte, wo -sie zerstäubend Kühle und Erquickung nach unten regneten. Dieser Georg -hatte an alles gedacht. Aber wo war er denn? Diese Fahrt mit ihr zu -machen, war doch sein ganzes Trachten gewesen ... Herr des Lebens, und -nun tat sich der Boden vor ihren Füßen auf, eine Klappe schlug hoch, und -herauf stiegen schwarze Gugelkappe, schwarze Schultern und Arme, die -Josef, Renate den Rücken wendend, zu beschwörender Gebärde über die -Tiefe ausbreitete. Wie der Teufel aus dem Kasten, dachte Renate, lachend -und entrüstet mehr als erschreckt, raffte ihr Kleid und stieß ihm die -Fußspitze zwischen die Schultern. Seinen Namen zu rufen, verhinderte sie -sich rechtzeitig, gewahrte freilich mit einem Seitenblick, daß Erasmus -weiter unterhalb so in seinen Blumenschleuderkampf verwickelt und -vertieft war, daß er von dem Auftauchen seines Bruders nichts merkte. - -Ob das auch zum Programm gehöre, fragte Renate leise, sich vorbeugend, -da Josef sich langsam zu ihr umdrehte. - -»Nicht eigentlich,« hörte sie ihn raunen durch das Getose, »ich sitze -unten bei dem Mechaniker und der Musik und wollte mich nur überzeugen, -ob die Reiher ordentlich arbeiteten.« - -»Musik?« fragte Renate erstaunt. - -»Ja, hast du sie nicht gehört? Gieb acht, sie fangen gleich wieder an!« - -Die ganze Luft war zum Bersten und Reißen gefüllt mit Musik, Fanfaren, -Märschen, Glocken und dem menschlichen Gelärme dazu, aber jetzt -plötzlich prasselte, rasselte und stampfte aus der geöffneten Klappe ein -seltsam barbarisches Getöse von gestopften Hörnern, Fagotten, Becken und -Schellen. Vor Josefs Gesicht bewegte sich das schwarze Zeug, aber Renate -konnte nichts mehr verstehn. Die Gugelkappe nickte und tauchte langsam -in die Tiefe, die Klappe fiel, gedämpfter scholl die Janitscharenmusik -und verging im übrigen Brausen. - -Jetzt, da sie erst des Getöses bewußt geworden war, ermüdete Renate -schnell. Ihre Ohren weigerten sich, ihre Augen ebenso. Neue -Taubenschwärme, neue Luftungeheuer, rosige und schwarze Fische mit -ungeheuren, schleierartigen Schwänzen und Flossen, neue Riesenraupen, -Paradiesvögel, Böllerschüsse, Kanonenschläge, Glocken, Schreie -vernichteten allmählich alle Empfindungen, sie saß kalt und matt, -aufatmend, da am Ende der verengten Gasse der Marktplatz sichtbar wurde -und die blumenbunte gotische Front des Rathauses; bald hielt ihr Wagen -vor der Treppe, allein; der übrige Zug war abgeschwenkt, um von andrer -Seite her vorbeizuziehn. - -Irgendwie nach unten gelangt, fühlte Renate mit schwachen Beinen das -Pflaster unter den Füßen, als sei sie von einer Seefahrt gelandet, jetzt -schwankend auf festem Boden. Irgend jemand half ihr die Seitentreppe zur -Empore hinauf, sie fand sich in einem Saal, sie saß in einem Sofa, vor -ihren Augen kreiste es und zuckte, ein Glas berührte ihre Lippen, sie -sah aufblickend Ulrikas gute, besorgte Züge, trank und schmeckte kühle -Limonade von Zitrone. Vor ihr stand der gute Erzbischof, ein Weinglas in -der Hand und zu Tode erschöpft, auch den Spielleiter sah sie und sagte -ihm ein paar Worte, da er nach ihrem Befinden zu fragen schien. Sie -hatte sich nun wieder und war bereit, den Vorbeizug abzunehmen, aber nun -fehlte die königliche Hoheit. Der Darsteller des bäurischen Herzogs -erschien in großem Krönungsornat, bereit für Georg einzutreten, wenn er -ausblieb. Sie warteten. - - - Viertes Kapitel - - - Getümmel - -Georg, in einer sonderbaren Dunkelheit, bestieg Unkas, der ungewöhnlich -hoch und breit war, nämlich ein Elefant, ein brauner Elefant ohne -sichtbaren Kopf für Georg von oben, und er wunderte sich flüchtig, daß -er diesen gewaltigen Rücken mit den Schenkeln umspannen konnte, jedoch -ging es bequem. Dann war es ein angenehmer Kitzel für ihn, zu spüren, -wie folgsam und sicher das Ungetüm unter seinem leichten Schenkeldruck -ging und Wendungen machte -- denn er hatte keine Zügel -- immer schön in -ruhigem Trabe auf dem braunen Hufschlag an der Wand der dunklen Reitbahn -herum, in der übrigens noch Andre, Undeutliche sich bewegten, Tiere und -Menschen, und in der Mitte stand sein Vater im Frack mit vielen Orden -auf der Brust und um den Hals, und es lächerte Georg, daß sein Vater -auch die rote, weiß gewässerte Schärpe des Beuglenburgschen Hausordens -umgelegt hatte, bloß weil sein Sohn ihn bekam. Nachgerade aber fing -Georg an sich zu ärgern, daß sein Vater in einem fort mit Magda -schäkerte, die ein langes, hellblaues Schleppkleid und Blumen im Haar -trug, auch entzückend anzusehn war, -- anstatt seine Reitkünste zu -beachten, zumal der Elefant jetzt im Traben sich immer schräger nach der -Mitte der Bahn neigte und wieder aufrichtete, ganz wie ein Segelboot, -und nun merkte Georg auch, daß der Koloß nicht lief, sondern schwamm, -seine Beine waren nicht mehr zu sehn in einem braunen Wasser, das an den -Wänden der Bahn plätscherte und angenehmerweise Georgs hineinhängende -Füße nicht naß machte, und nun schwammen sie durch die Tür in ein -Zimmer, wo die Möbel vergnüglich umhertaumelten, Sessel, ein Sofa und -ein Klavier, auf dem Benno saß, die Beine an sich gezogen, und -nachdenklich sagte: Du hast es gut, Georg, aber was machst du, wenn die -Überschwemmung bis an die Decke steigt? Benno sah eigentlich genau aus -wie Ulrika Tregiorni, war es auch wohl in Wirklichkeit, Georg rief ihr -zu, sie solle schnell hinter ihm aufsitzen, aber da war er schon wieder -zu einer Tür hinaus und schwamm sachte ins Tal hinunter, auf ein -schönes, rotes Dorf zu, wo in einer sonderbaren farbigen und düstern -Luft dreifarbige Fahnen hingen, für deren sonderliche Tönung er lange -keine Namen fand, bis sie ihm violett, grau und braun zu sein schienen. -Da war er schon mitten im Dorf und stand auf einem der Dächer, aber nun -war die Überschwemmung auch schon bis an die Dachkanten gestiegen, und -wie er höher klettern wollte, so neigte sich das ganze Dach wie ein Tuch -nach innen, er glitt weich und sehr angenehm zu Boden, dann gab es einen -Ruck ... - -Georg riß heftig die Augen auf, starrte in blendende Luft, kniff die -Lider wieder zusammen, öffnete sie langsam und hatte ein wehendes -Haferfeld mit riesengroßen Halmen dicht vor sich, doch entfernte es sich -langsam, die Halme nahmen natürliche Größe an, eine tiefe, grabenartige, -braune Furche war davor, in der seine Füße standen, und er saß mit -vornüberhängendem Leibe in etwas Grünem, Moos und Grashalmen; über ihm -waren Zweige, die Sonne schien grell und glühend, dunstig golden in -allen Tiefen lagerte die Ebene. - -Müde, schläfrig, mit langsamen Gedanken kehrte Georg zu sich zurück. -Wie? Er hatte sich ein wenig ausruhen wollen, weil Renate sich doch erst -umkleiden mußte ... Aber was? Vorher kam doch erst der Lauf des -Schimmels ... Nach der Uhr tastend, bemerkte er mit ängstlichem -Mißtrauen die Stille umher und dann, die Uhr in der Hand, daß Arena und -Tribünen in der Tiefe völlig leer waren. Die Uhrzeiger standen vor drei -Viertel und eins. Noch gelähmt entdeckte er ein paar Schritte weit -rechts, vorn im Haferfeld, den vermummten Unkas, das Maul still in der -Luft, aus dem lange Halme mit ihren Wurzeln nach allen Seiten hingen. -Georg fuhr zusammen, in jäher Angst ward ihm klar, daß um ein Uhr der -Festzug begann, er hatte geschlafen, geschla-- -- Er sprang in rasender -Wut und Angst auf, zu Unkas hin, suchte mit flatternden Händen die -Verschlüsse der Decke, brachte mit unsäglicher Mühe eine nach der andern -der neuen, harten Schnallen auf, riß die Decken zu Boden, war im Sattel. -Unkas drehte sich unter Zügelriß und Absatz, Georg zerrte ihm -wutschnaubend den Hafer aus den Zähnen, dann brach er durch Gestrüpp und -Unterholz in den Wald ein, ins Freie der steilen Böschung und -Buchenstämme. Den stürzenden Gaul konnte er noch eben hochreißen, dann -zwang er ihn in schräger Linie den Abhang hinunter, der linke Vorderfuß -trat zweimal, dreimal ins Leere, ehe er Boden fand, dann brach Unkas -vorne nieder und stürzte um. Georg gelang es, den Fuß aus dem Bügel zu -nehmen, ehe er gegen einen Baumstamm flog, mit der Stirn so kräftig -anknallend, daß er schrie, Funken und Sterne spritzen sah und einen -Augenblick, halb gelähmt, schmerzzerrissen, an dem Baum hing, auf den er -in tobendem Grimm mit Fäusten hätte einhämmern mögen. Betäubt nach Unkas -blickend, sah er ihn geduldig auf dem Rücken liegen, kletterte etwas -tiefer, redete ihm gut zu, haschte nach dem Zügel, Unkas wälzte sich, -schlug mit allen vieren um sich, kam auf die Vorderfüße, sprang auf und -schüttelte sich. Georg reinigte ihn und sich obenhin von Moos, Zweigen -und welken Blättern und zog ihn hinter sich den Abhang hinunter, durch -Haselgesträuch ins Freie und saß auf. - -Danach hielt er lange Sekunden in völliger Lähmung. War dies wirklich? -fragte er sich entsetzt. Was war mit ihm vorgegangen? Wie hatte er -schlafen können? Und wie war ihm jetzt elend zumut! Gott im Himmel, war -die strahlende Ausgelassenheit am Morgen nicht ein Wahnsinn gewesen, -Unnatur, Wahnsinn? - -Gleich rechts lief der Feldweg gegen die offene Schranke und die -Landstraße; Georg, jetzt fast besinnungslos vor würgender Angst, zu spät -zu kommen, klemmte die Schenkel an, da streckte sich Unkas, und weinend -vor Rührung empfand Georg im Davonjagen: Zwölf Jahre, alter Unkas, zwölf -Jahre hast du mich getragen, du fühlst, was ich fühle ... da waren sie -in spritzendem Bogen unter der Schranke weg um den Baum auf dem Reitweg -der Landstraße. Georg lachte vor Angst, als er unter sich die wirbelnden -Vorderbeine und Hufe des Pferdes sah, die Bäume flogen vorüber, ach, es -ging längst noch nicht schnell genug, er legte sich, so lang er war, -über den Pferderücken, am weitausgestreckten Arm die Hand unter der -grunzenden Kehle, die er liebkoste unter weinendem Stammeln: Gott segne -Napoleon, Gott segne den verfluchten Kaiser der Franzosen, der die -Straße so breit gemacht hat, daß es Reitwege giebt! lauf Unkas, bitte, -schneller, lieber Unkas, schneller, viel schneller! Lauf! lauf! du -sollst bis ans Lebensende goldenen Hafer aus marmorner ... großer Gott, -das steht ja in alten Kindergeschichten! Und nun sah er den Festzug, den -Elefantenwagen und Renate, Alle warteten, der Festzug bewegte sich -schon, da kam er angestürzt, -- um Himmels willen, die ganze Straße war -versperrt von bunten Menschen, Planwagen, Kindern, und heraus ragten die -dunklen Oberkörper einer ganzen Beuglenburgischen Schwadron. Er schäumte -vor Wut, riß das Pferd zurück, jagte es zwischen den Bäumen durch in den -trocknen Graben und stob weiter, unter den Zweigen her, die an ihm -rissen, Unkas lag unter fortwährendem Stolpern fast mehr auf der Erde, -als er lief, endlich war die Straße wieder frei, der Wallach erlangte -sie von selber mit einem Satz und arbeitete sich wieder auf dem Reitweg -dahin, während Georgs rechte Kniescheibe wie Feuer brannte vom Anprall -an den Apfelbaum. Ein gelber Kerl, der vor ihm hintrottete, warf auf -Georgs Wutschrei die Arme hoch und taumelte zur Seite, aber gleich -darauf war er verfitzt in ein Getümmel von Reitern, die entsetzlich -langsam dahintrabten, auf seinen Anruf sich unwillig und langsam -umdrehten, dann aber, als sie sein Gesicht sahen, schleunig -auseinanderwichen, ebenso die nächsten, denn sie schrien hinter Georg -her: Achtung! der Großherzog! -- Großherzog, es war zum Totlachen und -die ganze Straße querüber vermauert mit grellbunten Fußgängern. Georg -wollte und mußte hindurch, schrie, so laut er konnte: »Platz! Platz für -den Großherzog!« Zweie vor ihm sprangen zur Seite auseinander, die -Andern drehten sich um, sahn ihn, sprangen seitwärts, schrien, es gab -eine Gasse, und links war Bennos erschrecktes Gesicht. Georg nickte ihm -im Vorübertraben zu und fragte angstvoll: »Wie spät ist es?« Eine Stimme -schrie hinter ihm: »Gleich zwei!« dann noch mehrere durcheinander: -»Dreiviertel! Zwei! Gleich zwei!« Georg hielt, riß die Uhr heraus, sie -zeigte unwandelbar drei Viertel eins. - -Ich habe sie nicht aufgezogen in der verwünschten Nacht, murmelte Georg -fassungslos im Weitertraben. Die Leute standen überall und sahn ihn an, -er bemerkte, daß er dicht vor der Stadt war, ritt langsam weiter, -begriff, daß der Zug um zwei Uhr am Rathaus sein sollte, -- also -dorthin! aber wie kam er durch die Stadt? -- Nun waren da Häuser, er kam -nur noch im Schritt vorwärts, Gott sei gelobt, da glänzte der weiße -Zylinder eines Taxameterkutschers, der auf Georgs Anruf sofort nach -Zügeln und Peitsche griff. Georg stieg ab, ein Mann hielt dienstfertig -das Pferd, Georg griff in die Tasche, gab ihm, was er faßte, und fragte -ihn, ob er das Pferd zum Schlosse bringen wollte, worauf sich von allen -Seiten Hände streckten. Er lachte, nickte ihnen verloren zu und sprang -in den Wagen, keuchend: »Zum Rathaus, so schnell wie möglich, durch -leere Straßen!« Völlig verschlagenen Atems, legte er sich in eine Ecke -und schloß die Augen. Sein linker Augenbuckel schmerzte, hinfassend -fühlte er die Geschwulst, das war ja reizend! Zuckend an allen lahmen -Gliedern, hätte er auf der Erde liegen mögen, so lang er war, aber er -fuhr wieder hoch, erkannte, daß er durch leere, verlassene, düsterrote -Straßen fuhr, saß nun vornübergebeugt, die Uhr in der Hand, zog sie auf -und stellte die Zeiger auf fünf Minuten vor zwei. Ich komme ja doch zu -spät, murmelte er matt. Und nun ging es endlos durch Straßen und -Straßen, breite und schmale, über einen kleinen stillen Schmuckplatz, -über eine Brücke, und wieder Straßen und Straßen. Er las alle Schilder -über den Läden, die Reklamen, Straßenweiser ... Rackows Handelsakademie -stand da. Kramläden zögerten vorüber, zeigten alles, Bilder von roten -Kindern und Katzen mit Kakes, Pakete, aufrecht stehend, mit Kakao, -Schüsseln voll Erbsen und Linsen, Lindener Warenhaus stand über einem -kleinen Weißzeugladen voll Frauenwäsche, Packen länglich aufgerollter -Langettenkanten und Anordnungen von Weißknöpfen auf blauen -Papptäfelchen, aufgehäuft. Er sah in den Spiegelscheiben, in den dunklen -Parterrefenstern zwischen Blumen und schwärzlichen Gardinen dunkel sein -Gesicht im Vorbeiziehn, das Weiß und Grün seines Anzugs, versuchte, auch -die Beule zu sehn, und bemerkte, daß er sich in der schwarzen Hälfte des -Fahrtmessers spiegeln konnte. Gottlob, es war nur ein roter Fleck zu -sehn, die Beule fühlte sich wohl nur so stark an, weil der Augenbuckel -unter der Schwellung war. Auf einer breiten Straße mit Baumreihen in der -Mitte hinrasselnd, durch Menschen, elektrische Bahnen, setzte er sich -wieder in die Ecke und stützte den Kopf in die Hand, um nicht gesehen zu -werden, in seinem Schädel war eine Feuersbrunst, aus der es zuckte. -Niemals endete diese Fahrt, nun warf ihn der Wagen schüttelnd, aus einem -Bahngleis gerissen, hin und her, dann gings um die Ecke, in eine -schmale, einsame Straße, ein Überdach war rechts, das Deutsche Theater, -Gottlob, nun kam die Altstadt, es ging wieder um eine Ecke, ein blauer -Zettel klebte daran, halb zerrissen, mit großen schwarzen Lettern: Wählt -Plate! -- Wieder um eine Ecke, vorbei an rundgebogenen Eckläden voll von -Anzügen, alten Büchern, Harmonikas und nebeneinander aufgereihten -Revolvern an einer Schnur; der Wagen rollte schneller auf Asphalt, aber -die Zeiger der wahllos gestellten Uhr waren schon über zwei und zwölf, -ich komme nie hinein! stöhnte Georg, und sofort darauf sagte eine -Stimme: Sie kommen nicht hinein ... - -Georg starrte. Da saß Josef Montfort an einem Kaffeehaustisch und sagte: -Sie kommen ... Josef von Montfort, dieser Scharlatan, heute nacht war er -bei mir, er legte mir damals meinen Traum aus, vor drei Jahren, ach, es -ist zum Tollwerden, zum Tollwerden ... Georg sah sich und die Droschke, -Pferd und Kutscher wellig in den großen Spiegelscheiben des Warenhauses -dahinziehn, dämmrig, vermischt mit Herrenhemden und Spazierstöcken, nun -mit Kleiderstoffen, die in Stürzen von Stöcken fielen, nun mit Pyramiden -und Säulen von Konservendosen, dann wurde er rechts um die Ecke -geschüttelt und sah vor sich die Straße vollgepfropft mit Menschen. Ein -Stück noch ging es weiter, er stand schon im Wagen, drückte dem Kutscher -etwas in die Hand, sprang hinaus und versuchte, sich durchzudrängen. -Dies war eine Lage zum Rasendwerden. Da war er mitten unterm Volk, im -Theaterkostüm, so mußte es kommen: -- Na, na! junger Mann! sagte jemand, -aber da war ein Schutzmann, er erkannte ihn, nun gab es entsetzliches -Aufsehn, aber er kam durch, plötzlich war da der leere Platz, Georg -zitterte und jauchzte, lief die Straße hinunter, am Fuß des Domes -vorüber, da war das Lutherdenkmal, da die Seitentreppen zur kleinen -Empore, sie war leer, Männer in Fräcken wollten auf ihn eindringen und -prallten in der Luft zurück, er sprang die Stufen hinauf, und Renate -wandte sich nach ihm um aus einer Gruppe ... - - - Verspätung - -Jetzt, dachte Georg, auf Renate zuschreitend, die lächelte, jetzt ist -der Augenblick da, wo es nur mich giebt, mich allein und sie, keinen -Großherzog, kein Drum und Draußen, nur meinen Willen und mein Handeln. --- Renate raffte ihr Gesicht aus der Müdigkeit mit einem erfreuten -Lächeln auf, streckte ihm die Hand entgegen und fragte: »Nun?« Er faßte -sie, da standen überall Menschen, aber dort war das Innere eines kleinen -Zimmers durch die offene Tür sichtbar, und er sagte heiser, sich -räuspernd: »Bitte, kommen Sie dort hinein«, und zog sie mit sich. - -Renate fragte sich, ob etwas geschehen sei, das er ihr allein mitteilen -wollte; Georg sah gradeaus, während ihm Anfänge über Anfänge durch den -Kopf schossen: Ich bin zwar erst zur Hälfte Großher-- -- wie dumm! -- -Renate, heute morgen habe ich vor Ihnen gekniet, aber ... Er fühlte sich -kalt vor Angst, da waren sie in dem Zimmer, er stand vor ihr, wollte -sagen: Renate, seit drei Jahren ... brachte auch dies nicht heraus, -keuchte ... Renate wurde ängstlich vor seinen Augen; das eine war -kleiner als das andre, ein roter Fleck darüber; da wußte sie schon -alles, brachte es nicht fertig, es wirklich zu wissen, aber als Georg -nun sagte: »Renate ...« flog sie furchtbar erschrocken auf ihn zu und -drückte die linke Hand auf seinen Mund. - -Er ergriff taumlig ihr Handgelenk, die Augen fielen ihm zu, da merkte -sie, daß er ihre Handfläche küßte, daß er ihre Gebärde falsch verstanden -hatte, aber als sie jetzt an seinen Vater dachte, konnte sie sich nicht -bergen vor einem unwiderstehlichen Lachgefühl, das sie lächeln machte, -und sie senkte den Kopf und stotterte ganz ratlos und beschämt: »Lieber -Junge, du kommst ja zu spät ...« - -Durch Georg zischte ein blendender Schwerthieb. Er riß die Augen auf, -starrte sie verständnislos an und hörte sie sagen, während ihre -Mundwinkel zuckten, immer heftiger zuckten und die Augen glänzten und -funkelten: »Dein Vater war heut morgen schon ...« - -Renate konnte nicht mehr an sich halten, drehte sich um und stopfte sich -die ganze Mundhöhle mit den Mantelfalten aus, um nicht zu lachen, aber -auch das half nichts, mein Gott, was sollte das nur? ihre Nerven, die -Aufregung ... sie erstickte beinah, riß die Seide wieder aus den Zähnen -und brach in ein so erschütterndes, endloses Lachen aus, daß sie sich -auf einen Sessel werfen mußte, die Stirn auf der Lehne, gestoßen und -geschüttelt vom Lachkrampf. - -Leer stand Georg da. Fenster, so, Fenster ... Eins, zwei, drei ... -Andersherum: Eins -- zwei -- drei --. Gotische Bögen. Renate lachte und -lachte. Wie? Dein Vater war ... Im Munde hatte er noch das Beseligende -und den ganz leisen Salzgeschmack ihres Handballens, und noch zuckte und -zitterte sein Herz von der schwellenden Trunkenheit ihrer Berührung. -Vater! dachte er endlich. Ja, ja, -- ja, freilich, so etwas denkt man -wohl nie von seinen Vätern. Wie gut, daß er doch nicht mein Vater ist -... Warum gut? -- Nun Haltung! sagte er sich fast bewußtlos, merkend, -daß er schwankte. Renate lachte noch immer. Einen Augenblick lang -empfand er Hohn und sagte vor sich hin: Nur die Ruhe kann es machen! -dann durchflammte ihn der Ingrimm auf diese alberne Redensart. - -Renate hatte sich endlich erholt, fand ihr Taschentuch, trocknete sich -die Augen, schneuzte sich, lachte noch einmal schluchzend auf, nahm sich -zusammen und stand auf. Da sie Georg mit gesenktem Kopf vor sich -hinstarren sah, ging sie leise auf ihn zu, legte eine Hand auf seine -Schulter und wollte sagen: Lieber Georg ... Aber er zuckte vor ihrer -Berührung zurück, trat seitwärts, biß die Zähne zusammen, sagte sich: -Jetzt nur Haltung! senkte den Kopf und brachte leise hervor: »Verzeihen -Sie, Renate, ich konnte nicht wissen ...« - -Nun streckte sie die Hand aus, er legte die seine zögernd hinein, Renate -durchzuckte es, daß dies doch böse war, für später, was sollte daraus -werden? Georg zog still ihre Hand nach vorn, indem er sich etwas drehte, -so daß ihr rechter Arm in seinen linken zu liegen kam, und führte sie -hinaus. - -Dann standen sie auf der Freitreppe, die Musik spielte Tusch, es regnete -Blumen, die Menge war außer sich. Georg lächelte und winkte, Renate -hielt sich zurück, neigte ein, zweimal den Kopf und ging schnell wieder -in den Saal, indem sie bedachte, daß mindestens die Hälfte dieser -Menschen sich jetzt etwas Verkehrtes einbildete. Dann ging auch Georg in -den Saal zurück. Er fragte irgend jemand, ob ein Wagen da sei, ging mit -außerordentlich leichten und freien Gliedern die Treppen hinunter, fand -ein Automobil in einem Kreise von Menschen, welche die Hüte schwangen -und Hurra schrieen, stieg ein, setzte sich zurück, winkte, lächelte und -fuhr davon. - -Unterwegs sah er nach der Uhr. Es war noch nicht halb drei. Um halb war -er zuhause, um halb vier mußte er auf dem Bahnhof sein und Prinz -Adelbert empfangen, um vier Eidesleistung der Stände, Umkleiden, Uniform -und Vereidigung des Füsilierregiments Großherzog in Stellvertretung der -Armee, dann Paroleausgabe, es konnte halb sechs werden. Um sieben -Galatafel im Schloß, große Cour, Défilée, um neun Anfang des Balles in -der Universität, Terrasse, Gärten, Masken ... Illumination und -offizielle Huldigung ... Wozu das alles? Renates Gesicht erschien, er -schluchzte trocken ... Niemals -- niemals -- niemals ... Und sie würde -die Frau seines Vaters ... Herrgott, was soll das werden? Das war -niemals zu ertragen. Er legte das Gesicht in die Hände, ihm war, als ob -er weinte, aber er weinte nicht. Gelacht hatte sie, krampfartig gelacht. -Ja, es war wohl sehr komisch. Um halb neun war ich bei ihr, dachte er -nüchtern, und Vater -- oh Vater war der Mann der Tat und stand früh auf. -Warum hatte er übrigens bis heute gewartet, und warum nicht bis morgen? --- Niemals -- niemals --. Ihm brannte die Brust, er fühlte sich matt und -elend. Dieser wahnsinnige Ritt. Ich komme nicht hinein, dachte er, -Montfort hat recht in jeder Beziehung. - - - Heimkehr - -Vor der Tür des Schlößchens erwarteten ihn zwei unbekannte Lakaien, die -er wegschickte. Seine Zimmer sahen ihn fremd an und fürchterlich unnütz. -Er ging durch das Schlafzimmer ins Badezimmer, holte das Schlüsselbund -hervor und öffnete das heimliche Gemach. Schön dämmrig lag es in der -Nachmittagssonne, die breite goldene Dämme durch die Fenstervorhänge -hineinstellte. Still, sehr schön, edel -- trotz Cora -- stand das -wolkige Himmelbett. Er dachte: Ja, Cora war darin, so konnte es wohl -nichts werden ... und fiel vor dem Kopfkissen auf die Knie, legte die -Stirn auf den Bettrand und verlor sich. Er sprang wieder auf und ließ -sich rücklings auf das Weiche hinfallen, lag ausgestreckt, dankbar für -die Wohltat des Ruhens. Da schrillte fern im Zimmer das Telephon, aber -erst, da es gar nicht wieder aufhören zu wollen schien, entschloß er -sich aufzustehn, ging hin und nahm den Hörer ans Ohr. Er wollte sagen: -Prinz Trassenberg, -- aber -- nein, Großherzog war er ja noch immer -nicht ganz, so sagte er nur wie Birnbaum »Ja?« - -Eine Männerstimme fragte: »Hoheit?« - -»Ja.« - -»Zwillinge!« schrie die Stimme Schleys so fürchterlich laut, daß ihm das -Ohr schmerzte, »Zwillinge! Zwei Sozialisten!« - -Georg begriff Augenblicke lang gar nichts, dann entfuhr es ihm: »Was? -Virgo? deine Frau? Donnerwetter!« - -Schley drüben schien zu lachen, rief dann: »Ich glaube, Hoheit, du bist -der elfte, der Donnerwetter sagt, das scheint bei Zwillingen das einzig -Mögliche.« - -Georg wußte nicht, was er denken sollte. Der Begriff Zwillinge verdeckte -für den Augenblick alles, er konnte nur fragen: »Und Virgo?« wobei er -nun denken mußte: Dieser Name -- und Zwillinge ... - -»Danke, vortrefflich,« hörte er Schley sagen, »ein wenig sehr matt, aber -sie ist immerhin im besten Alter, -- freilich, als der zweite heraus -war, bin ich dem Tode fast so nah gewesen wie sie, ohne mich brüsten zu -wollen, -- stell dir vor! Ich war am Ohnmächtigwerden vor Wut. So ein -kleiner Mensch wie sie und in Stücke gerissen ...« - -Georg schauderte plötzlich; er sah zwei unflätige Riesen, und Virgo im -Bett, schreiend, sich wälzend, und die Riesen zerrten an ihren Beinen -... Er schüttelte sich. - -»Ich habe geflucht und gebetet,« sagte Schley, »und der Arzt, es war zum -Tollwerden, er tat wie ein Athlet, der seine Tochter Kunststücke machen -läßt und lacht, wie gut sie's kann. Aber nun stehn die Namen wenigstens -fest.« - -Georg erinnerte sich der unzähligen Verhandlungen über die Namensfrage, -und wie Virgos Mann sich erbost hatte, daß ein Junge Georg, ein Mädchen -Georgine heißen sollte. - -»Nun?« fragte er. »Ja, weißt du,« hörte er Schley kleinlaut sagen, »beim -ersten schrie sie immerfort: Georg! ...« Georg zuckte das Herz. Da hatte -sie gelegen und seinen Namen geschrien ... Und er, wo war er? -- »Beim -zweiten«, fuhr ihr Mann muntrer fort, »sagte sie gar nichts, da -knirschte sie nur, aber als ich dann ins Zimmer durfte, sagte sie nur: -Wolf... -- mit ihrer tiefen Stimme, und wie sie dalag --« Georg sah sie -daliegen, sah die übermenschlich groß gewordenen braunen Augen unter dem -knabenhaften Haarbusch im kleinen, weißen Gesicht -- »und mich ansah,« -sagte Schley, »ja, -- da bin ich umgefallen ...« Seine Stimme zitterte -heiser. »In meinem Leben habe ich nicht so geweint«, sagte er. - -Sie schwiegen Beide. In Georgs Gehör brach Gesang auf, die Glucksche -Melodie: Ach ich ha--be sie -- verlo--o--ren ... - -»Also heißen sie Georg und Wolfgang«, sagte Schley. - -»Hoffentlich«, meinte Georg matt, »kann man sie unterscheiden.« - -»Na, vorläufig ist nicht dran zu denken, einer wie der andre ist eine -rote Zuckerrübe mit einem schwarzen Busch auf dem Kopf, ich weiß längst -nicht mehr, wer Georg und wer Wolfgang ist, die Hebamme ist der einzige -Zeuge, und Virgo will ja nun durchaus, daß dem Georg ihr einer Ohrring, -der kleine goldene, eingeklemmt wird, und ob du einverstanden wärst?« - -Ja, Georg war einverstanden. »Und bitte: tausend Grüße, und wenn ich nur -einen Augenblick heute frei hätte, so käme ich.« - -»Ja, höre, Georg, noch etwas --« sagte Schley, »hast du meinen Schwager -getroffen?« Georg verneinte. »Er wollte dich treffen und ging schon früh -fort; er hatte kein Kostüm und wollte sehn, daß er noch eins bekäme, er -müßte dich heute noch sprechen. Zurückgekommen ist er nicht, auch nicht -zum Essen, aber er hat angeläutet -- ich war grade in die Apotheke -hinüber -- und hat sagen lassen, falls ich erführe, wann du Zeit für ihn -hättest -- er würde wieder anrufen ...« - -Georg dachte nach. Halb vier, fünf, -- »Ja, zwischen sechs und sieben -wäre es möglich«, sagte er. - -»Schön, zwischen sechs und sieben! ich habe leider keine Ahnung, um was -es sich handeln mag. Adieu, Hoheit! Wie fühlst du dich denn? Der Festzug -soll ja großartig ...« - -»Ja, es war schade, daß ihr gar nichts zu sehn bekamt. Also leb wohl, -leb wohl!« - -»Adieu, Georg!« - -Georg legte langsam den Hörer nieder und glitt in den Armstuhl zurück. -Die Sonne, die den ganzen Schreibtisch vor ihm bedeckte, blendete seine -Augen, er setzte sich zurück, beschattete die Augen, den Ellbogen -aufstützend, und sah, undeutlich hinterm blitzenden Glase, Virgos -Photographie, während es durch ihn hinsang: All mein Glück -- ist nun -- -dahi--in ... Esthers Bild nahm ich fort, dachte er, ich gab Esther für -Renate, ich gab Virgo für Renate. Esther starb, und Virgo bekam -Zwillinge. Sonderbar, man sagt doch immer: bekam, obgleich eigentlich -... Freilich, ich gab sie nie ganz, und infolgedessen legte Renate sich -über den Stuhl und bekam einen Lachkrampf. Kann man das so aufreihn: -Bekam Lachkrampf, bekam Zwillinge, bekam Tod ... Schwer und verdumpft -fühlte er seine Brust, er sah Renate, auf dem silbernen Pferde ganz -klein am Fuß des Dammes, wie sie in die Arena ritt, dann ihr Profil -unterm Thronhimmel ... Immer wieder kehrst du, Melancholie ... hörte er -sagen. Von wem war das noch? Von Trakl, zuerst hörte ich es von Josef, -oh ich weiß noch, in der Droschke, als wir zu Lenusch fuhren, und -Cornelia Ring, -- Cordelia ... An seinen Lippen brannte plötzlich -Renates Hand, er schmeckte ihre Haut, Tränen schossen ihm in die Augen, --- oh nicht weinen! sagte er sanftmütig. Ich war ja glücklich heut, oh -wie war ich glücklich! Es war ein Rausch, ich glaube, es war im Grunde -ganz unnatürlich. Ja, sehr -- denn wie konnte ich so tief und lange -schlafen am Waldrand? Was ist hier nicht in Ordnung? fragte er scharf, -sich vorsetzend. - -Ach, ich ha--be sie ... Die kleine Uhr vor ihm schlug dreimal hell, er -sah die Zeiger auf drei Uhr stehn. Schwerfällig stand er auf. Nun also -Haltung! mahnte er sich und kam nicht weiter. Alles schien grau. Nur die -Sonne brannte und brannte. Die Farbe Renate erlosch, und -- richtig, -sagte Georg, alles kam, wie es kommen mußte, sagt Georg Hermann; wer -Renate will, hat allein sie zu wollen. Wer Renate will, hat allein sie -zu wollen. Wer Renate will ... Wer Renate will ... Jählings faltete er -die Hände, seine Lippen zitterten, das Weinen stieg ihm in die Kehle, er -wand sich, die Knie sanken ihm ein, er flüsterte: Renate, Gott im -Himmel, Renate, ich kann ja nicht, oh mein Gott, ich kann ja nicht! Dann -schüttelte er sich barsch, ging zur Wand und drückte auf den -Klingelknopf. Er schwankte, sein Kopf fiel vornüber, er stand, den Arm -gegen die Klingel gestemmt, als der Lakai eintrat. Drei Sekunden hatte -er verständnislos ein uralt scheinendes, faltiges, gütig aussehendes -Gesicht über einer grünen Livree vor sich, dann dachte er langsam: Ach -so! es geht ja weiter, immer weiter ... - -»Wie heißen Sie?« fragte er leise. - -»Albert Neffe, königliche Hoheit«, sagte eine farblose Stimme. Das Wort -königliche Hoheit machte Georg sonderbar hochgehn. Er gab dem alten -Manne die Hand und sagte, unfähig, laut zu sprechen: - -»Gut, Albert. Sie sind ein alter Mann. Ich verlange nicht viel. Sie -erfahren meine Gewohnheiten von Egon. Ich pflege alles allein zu tun. -Heut können Sie mir helfen. Also hurtig!« - -Er lächelte. Als der Kammerdiener ihm den Rücken drehte, fragte er ihm -nach: »Wie alt sind Sie?« - -Der Alte drehte sich und stand still, Georg sah seine weißen Strümpfe -und hörte ihn sagen: »Königliche Hoheit, zweiundfünfzig.« - -»Na, da sind Sie ja noch ein ganz junger Mann!« Der Diener lächelte -gütig, aber dabei ward eine Zahnlücke im linken Mundwinkel sichtbar, und -im Augenblick erschien hinter dem ersten, faltig vornehmen ein ganz -anderes Gesicht, das heimlich kümmerliche eines gewöhnlichen alten -Mannes. -- Er verschwand im Schlafzimmer. - -Merkwürdig, dachte Georg, was es für Menschen giebt! Der sah erst aus, -als ob er die Livree auch nachts nicht auszöge, auch nicht im Traum. Er -war ja nur Gesicht, alles Übrige waren Leib und Beine, ausgestopft und -nur -- Stütze. Sowas lebt auch. Tante Henriettes Mann sieht aufs Haar so -aus wie er, -- und eigentlich ists auch kein Gesicht mehr, es sind nur --- -- Er fand nicht, was es war, verlor Zusammenhang und Gedanken. Das -macht die Gewohnheit, sagte er mit jäher Erkenntnis, ja die Gewohnheit -... Er fuhr heftig zusammen. Dann richtete er sich auf und ging schnell, -aufrecht und ganz blind ins Schlafzimmer. - - - Fünftes Kapitel - - - Heimkehr (die andre) - -Renate ging zu Ulrika, blieb vor ihr stehn und merkte, daß ihr Gesicht -sich wieder in Lächelfalten verzog. »Komm bloß fort,« raunte sie ihr zu, -»es ist furchtbar mit mir, ich -- ich sage dir gleich alles!« - -Im Treppenhaus, nach dem Geländer fassend, blieb sie stehn, aber kaum -daß sie, zu Ulrika gewandt, herausbrachte: »Georg --« prustete sie nur, -ergriff Ulrika am Arm, zog sie die Treppe hinunter und zwang sich -unterwegs, heftig den Kopf aufrecht stellend, zum Ernst. »Wie ist es -denn,« fragte sie unten, »kommst du mit mir?« - -Während sie Ulrika leise sagen hörte: »Ja, ich möchte gern«, fiel ihr -Josef ein -- wo war er geblieben? -- und alles andre, ihr Herz wollte -sich zusammenziehn, aber der helle Sonnenglanz über dem bunten, -lebhaften Gedränge im halben Schatten der Gasse und, da ihr Blick von -selber aufwärts ging, große, schimmernde Wolkengebäude im starken Blau, -die zwischen die scharfen, altertümlichen Dächer und Kanten -herabzusinken schienen, machten sie leicht und sicher. Josef wird schon -dort sein, dachte sie, jedenfalls kann ich mich auf ihn verlassen; es -wird alles gut. »Komm nur mit, Ulrika, ich sage dir alles unterwegs.« -Der große Türsteher murmelte etwas ... »Ja, meinen Wagen,« antwortete -sie, sich umsehend, »da steht er ja!« Sie gingen hin, stiegen ein, -rollten ab. - -Ernsthaft jetzt und wehmütig dachte sie Georgs. »Ich habe den guten -Georg eben sehr gekränkt,« begann sie, »weißt du -- ich bekam einen -Lachkrampf, ach, gar nicht seinetwegen, er war nur der Anlaß, weißt du, -es hatte sich wohl alles mögliche angesammelt, das brach nun auf diese -Weise los. Ja, weißt du -- Nein,« unterbrach sie sich verstimmt, »dies -beständige Weißtu --, ich bin ja ganz kindisch geworden. -- Ich sagte -dir ja,« fuhr sie gefaßter fort, »daß der Herzog und ich uns -zusammengefunden haben, und eben nun -- kommt Georg und will mir einen -Antrag machen. Siehst du, nun lächelst du sogar!« Sie fiel der -lächelnden Ulrika um den Hals, küßte sie und stammelte: »Ach, Kind, ich -bin ja so glücklich! Nicht wegen Woldemars, -- das heißt, natürlich auch -seinetwegen, zumeist seinetwegen, aber -- du weißt ja nicht: Josef ist -schon lange wieder hier, seit wir aus Helenenruh zurückkamen im vorigen -Herbst, erinnerst du dich des Tages? Bogner und du, ihr wart da, ihr -lachtet soviel -- Kind, was ist denn mit dir?« unterbrach sie sich, da -Ulrikas Gesicht sich schmerzlich verdüsterte. - -»Nur weiter,« bat sie freundlich, »ich komme nachher schon mit meinen -Geschichten.« - -Besorgt und zaudernd, Ulrikas kalte Hand in ihrer warmen, fuhr Renate -fort: »Er wollte sich aber seinem Vater nicht zeigen, und ich, weißt du, -ich war so töricht --, ach, wie war ich doch töricht!« Sie schwieg, sich -verlierend, sprach dann hastig weiter: - -»Einen Grund, weshalb er nicht zu seinem Vater gehen wollte, sagte er -nicht, aber da er mich merken ließ, daß er überhaupt nur um meinetwillen -wiedergekommen war, und weil er auch gleich sagte: Wenn _ich_ es von ihm -verlangte, so -- ja, da war ich so töricht -- -- ach, aber das war es ja -nicht, -- was man tut und denkt und sagt, das ist es ja alles nicht ...« -Sie legte das Gesicht in die Hände, sah sich in Josefs Armen, grübelte, -murmelte endlich: »Es läßt sich nicht ausdrücken. Ich habe ihn lieb, -Josef, er zieht mich unweigerlich an, und so fürchte ich ihn wohl --, -nein, du kannst es nicht verstehn. Ich weiß bestimmt, daß ich ihn -niemals lieben könnte, aber wenn er da ist, so bin ich -- schwach, -- -wehrlos, weißt du, irgendwie, -- ja -- es _läßt_ sich eben nicht sagen. -Ich bin nicht schwach, wenn er da ist, im Gegenteil, ich bin durch und -durch hochmütig und bin kälter und abweisender als je, aber hinterher -könnte ich manchmal zu Boden sinken vor Schlaffheit, und dann merke ich -wohl, was die aufrechte Haltung vorher mich gekostet hat. Und so, weißt -du --, ja, so stand er eben, so stand ich eben zwischen ihm und dem -Onkel, du hörtest vielleicht, er sagte es selber heut, und -- er war -fort, die Zeit ging hin, ich kämpfte, ich -- -- - -»Es war -- unmöglich«, schloß sie. Danach schüttelte sie alles ab, -setzte sich zurück, nestelte den Schleier unter dem Kinn los, nahm den -Kronenring ab und behielt ihn im Schoß. Ihr war sehr warm; auch die -Luft, die voll durch die offenen Wagenfenster hereinströmte, war allzu -lau, um zu erfrischen. Sie sah, daß sie schon die Steigung der Döhrener -Heerstraße hinanrollten, rechts lagen die roten, festungsähnlichen Werke -der Zuckerfabrik, in der Tiefe die Bahngleise. - -»Und du?« fragte sie leise und liebevoll, sich wieder zu Ulrika wendend -und ihre Hand fassend. - -»Du,« antwortete Ulrika nach einer Weile, »sage, was du willst, du bist -doch immer frei und rein und triffst das Rechte. Ich bin am Klavier -aufgewachsen, damit ist wohl alles gesagt. Wie so ein Klettergewächs -habe ich mich von allen Seiten immer nur um meinen schwarzen Freund -gerankt, der Flügel war alles, und dann --« - -Da sie verstummte, hörte Renate Worte Jasons undeutlich vorübereilen: -Ulrika Tregiorni hatte bis zum Heimkehrtage Benvenuto Bogners niemals -nachgedacht -- hieß es nicht so? Wie seltsam er gleich alles in einen -Anfang zusammengefaßt hatte ... - -»Und dann«, hörte sie die Freundin weitersprechen, »merkte ich eines -Tages, daß einer mich dicht über der Wurzel abgeschnitten hatte. Ich -verdorrte nicht, oh nein!« sie lächelte glücklich und verloren, »im -Gegenteil, es war ja herrlich, ich blühte mir noch einmal so schön und -reich, nur -- -- ich hatte keine Wurzel mehr.« Sie brach ab. - -Renate sah, aus dem Fenster blickend, Tore, Kapellen, rote Mauerzüge und -die Gruftgiebel und Lebensbäume des Friedhofs hinter den staubigen, -sonnigen Äckern und Gärtnereien neben der Straße. Da irrten ihre -Gedanken schon ab und vorauf in das nahe Haus, sie mußte Atem schöpfen -und fühlte die Beklemmung. War er wirklich schon da? -- Oh, Josef war -ritterlich, vielleicht hatte er sie das Geschehnis schon fertig -vorfinden lassen wollen, oder auch -- es konnte ja fehlschlagen -- ihr -den Anblick der Enttäuschung ersparen. -- - -»Ja, wie ist es denn nun?« hörte sie Ulrika fragen, »Josef kommt also -heute?« - -»Ich hoffe, er ist schon da.« - -»Ja, störe ich dann aber nicht ...« - -Da merkte Renate, daß sie bei aller Zuversicht doch heimlich einen Halt -in Ulrika mit sich genommen hatte, umschlang sie zärtlich und beschämt -und dachte -- ihr versichernd, daß sie gewiß nicht stören könne --, wie -grausam besinnungslos der Mensch doch immer um sich fasse, sobald er nur -eben ins Schwanken geriet, unbekümmert, ob der, nach dem er griff, nicht -heftiger selber im Schwanken war. - -»Ach, vielleicht«, sagte sie verstört und furchtsam, »ist die Krankheit -meines Onkels ja doch unheilbar, und dann -- dann wird es gut sein, wenn -ich dich in der Nähe ... ach, vergieb nur, Liebste, nun belade ich dich -auch noch mit mir!« - -Ulrika zeigte eine zuversichtliche Miene und versicherte, der Arzt habe -es doch wiederholt gesagt, daß es sich gewiß nicht um eine -Gehirnkrankheit handle, sondern um ein Gemütsleiden, und -- »ja, ja,« -fiel Renate erleichtert ein, »er war immer ein so weichmütiger Mensch ---, und sicherlich giebt es das, daß ein Mensch sich etwas so zu Herzen -nimmt, daß er -- daß er eben aus dem Gleis kommt, sich selbst vergißt -und nur den einen Gedanken verfolgt ...« - -»Wir kennen es«, sagte Ulrika langsam, »ja Alle selber so gut, die -Anfänge davon, dies --« sie schauderte -- »oh dies besinnungslose -Dastehn, mitten in irgendeinem Tun, nicht weiter Wissen, minutenlang, -und -- wir sind da!« schloß sie hastig. Der Wagen hielt. - - - Veranda - -Das Herz schlug Renate in den Hals hinauf, als sie durch den Vorgarten -zum Hause ging, aber dem entgegenkommenden Hausmädchen war nichts -anzusehn, Renate wagte nicht, zu fragen, warf im Flur den Mantel ab und -trat in die Halle. Durch das offne Fenster sah sie den Tisch in der -Veranda gedeckt, dann, durch die Tür, draußen Erasmus, noch gepanzert, -mit Magda, die einen seiner Arme hochhob und ihn betrachtete, und Renate -hörte ihr Lachen. Dann wurde Erasmus ihrer gewahr, Beide kamen auf sie -zu, Erasmus in bester Haltung, aber -- was war mit seinen Augen? Sie -glühten und glichen Georgs Augen, als der ... Ihr Herz zog sich -ängstlicher zusammen. Wäre nur Josef erst da! dachte sie, alles von ihm -erhoffend. - -Erasmus nahm ihre Hand, küßte sie sogar und sagte mit seiner dunklen -Stimme: »Na, endlich, wir haben einen bärenmäßigen Hunger.« - -Renate umarmte Magda. -- »Du siehst wirklich vortrefflich aus,« sagte -sie mühsam zu ihm, sich von Magda losmachend, »du solltest immer so -gehn, weißt du!« - -Er lachte verlegen: es sei etwas warm, -- und sie hatte ihn im Verdacht, -daß dies gute Aussehn der Grund war, weshalb er sich noch nicht -umgezogen hatte. Doch zog es sie nun zum Onkel, sie bat die Andern, auch -Ulrika, die hereinkam, um Entschuldigung und ging hinaus, die Treppe -hinauf und stand vor der Tür, hinter der sie Schritte hörte. Er ging -wieder auf und ab! Nun machte er halt; nun ging er wieder zurück ... Sie -öffnete leise und trat ein. Er stand mitten im Zimmer und sah ihr -entgegen. - -Seine Augen hatten Blick, er sah. Sekunden stand sie fassungslos, ihre -Hände falteten sich, sie flüsterte: »Onkel ...« - -»Ja,« sagte er, »ja, was ...« - -Er sprach ja! Er sprach ja wieder! - -Aber was nun? Josef, oh wärst du da! Sinnverwirrt, angstvoll, die -einzige Minute, diese, verstreiche ungenutzt, senkte sie die Stirn, -wußte nichts. Als sie wieder aufsah, hatte er sich abgewendet, blickte -nach dem Fenster, nach der Straße. -- Stand Josef unten? -- Sie machte -zwei Schritte vor, unten die Straße war leer. -- Aber -- war er nicht -größer geworden? Der seltsame, ganz kahlglatte, hohe und gerundete -Schädel, die steile, von den Brauen fast vornübersteigende Stirn und -dicht unter den Augen das weiß und glatt nach unten fließende lose -Barthaar machten ihn trotz der schwarzen Joppe zu einer Figur der Zeit, -aus der sie kam; er glich einem heiligen Antonius oder Hieronymus. - -Sie ging nun zu ihm und berührte seinen Arm. Er wandte das Gesicht, ein -wenig tiefer als das ihre, mit einem Zucken, sah sie fremd an. Nein, -nicht völlig fremd, nicht wie sonst, und -- Unruhe ist es, frohlockte -Renate, und allen Willen und Einfluß aufbietend, bat sie: »Komm, Onkel, -es ist Essenszeit!« Schob die Hand in seinen Arm, zog und drängte sanft. -Er folgte. - -Zitternd, sich gewaltsam haltend, weinend, lachend, angstvoll, -triumphierend im Innern, führte sie ihn die Treppe hinunter in die -Halle. Erasmus stand draußen an der Verandatreppe, an den Eisenpfeiler -und die Weinranken gelehnt, herunterblickend auf Ulrika und Magda mit -einer fast leutseligen Haltung. Jetzt sah er seinen Vater, die Frauen -wandten sich, Renate legte den Finger vor den Mund und sah, wie Erasmus -seine erschreckten Züge beherrschte. In der Verandatür, an Magda -vorübergehend, flüsterte Renate: »Noch ein Gedeck!« und führte den Onkel -um den Tisch, wo er sich ohne Widerstand auf den Stuhl am weitesten -rechts, vor der Seitenwand der Veranda niedersetzte. Sie setzte sich in -seiner Nähe mit dem Rücken zum Garten, winkte Erasmus seinem Vater -gegenüber und sagte, so leicht sie konnte: »Nun erzähle, Erasmus, wie -war es! Hoffentlich hast du nirgend Schaden angerichtet mit deinen -Blumen!« - -Ulrika setzte sich ihr gegenüber, auch Magda kam herein, dann der -Diener, der vor dem alten Mann deckte. Erasmus bewährte sich -außerordentlich und sagte, es sei ungemein lustig gewesen. Dann redete -er kräftig darauflos, er sei überhaupt der einzige, der richtig -begreifen könnte, wie schön so ein Tag sein könne, er plagte sich -jahrein, jahraus, daß genug Essen auf den Tisch komme, -- oh, er gab -sich glänzend preis! -- und ob Renate wohl ein einzig Mal bedacht hätte, -daß es sein saurer Schweiß wäre, in den sie sich kleidete, niemals -dächte sie daran. »Kinder, Kinder,« sagte er, »was Mädchen, was Mädchen! -Eine Zeitlang dachte ich, es wären immer dieselben wie im Theater, wo -immer dieselbe Korporalschaft über die Bühne marschiert im Triumphzug -des Germanikus, oder war es in Aida?« Und er fing an zu erzählen, wie -sie als Schüler Statisten gemacht hatten, -- Renate lachte das Herz im -Leibe, wie sie ihn heiter und gelassen die Augen von Einem zum Andern -bewegen sah, nur seinen Vater vermeidend, der indessen in sich versunken -war, die Hände neben seinem Teller auf dem Tischtuch, ohne etwas zu -essen. - -Erasmus schenkte Wein ein. Plötzlich sah Renate das Gesicht Magdas, die -eben ihr Glas aus Ulrikas Hand nahm, stillstehn, indem sie nach draußen -blickte. In die Augen kam Schrecken, Renate drehte sich langsam, von -ihrem Onkel abgekehrt, um und sah im Garten Josefs Gesicht, frei, die -heile und die schreckliche, rote Hälfte; er trug noch die schwarze -Kutte, deren Kapuze hinter seinem Kopf abstand, seine Hände unten waren -etwas gespreizt, er sah nicht seinen Vater, sondern seinen Bruder an, -vorbei an Renate, die sich langsam wandte. Erasmus setzte eben den -Pfropfen auf die Flasche und stellte sie vor sich auf den Untersatz, -ergriff sein Glas und wollte sich wohl zu Renate wenden, aber sie drehte -sich weiter, -- und da saß Josefs Vater und hielt das Gesicht in den -Händen. Renate preßte ihr Herz gewaltig zusammen, stand ruhig auf, trat -zu ihrem Onkel, faßte nach seinen Händen und sagte: »Josef ist im -Garten, Onkel, soll er nicht hereinkommen?« Und sich zurückwendend, -winkte sie Josef mit den Augen. - -Jetzt hatte ihr Onkel die Hände fallen lassen, sie sah seine Augen, die -erst angstvoll und suchend nach den ihren griffen, aber gleich glitt der -Blick weiter, und dort stand Josef, den Kopf etwas gesenkt und sah -seinen Vater an. Neben ihm Erasmus war an die Wand zurückgetreten, seine -Augen standen auf seinen Bruder gerichtet, als sollten sie ihn -durchbohren, Renate sah etwas in seinen geschlossenen Händen, das -- -nein, das nicht ein Obstmesser zu sein schien! Und da war auch schon -wieder das Gesicht seines Vaters, der sich langsam vom Stuhl erhob, -während Josef mit seltsam heller und klingender Stimme sagte: »Da bin -ich wieder, Vater, aber ich habe mich abscheulich verändert. Laßt euch -nicht stören«, sagte er zu Ulrika und Magda, die aufgestanden waren. - -Sein Vater fuhr mit der rechten Hand über die Stirn, lächelte und sagte: -»Wahrhaftig, Josef! Ich dachte fast, du hättest uns vergessen! Da kommst -du ja grade recht zum Essen.« - -Josef trat zu ihm, sie drückten sich die Hände, Josef legte seinem Vater -einen Augenblick die Linke auf die Schulter, Renate sah, wie der alte -Mann sich duckte, seine Lider zitterten, aber er bezwang sich, mit einer -ungeheuren Kraft, wie es schien, blickte leicht in Josefs entstelltes -Gesicht empor, schüttelte langsam den Kopf und meinte: »Ein Adonis bist -du gewesen, mein Junge.« - -Josef lachte herzlich. »Du weißt ja, Papa, es ist Adonislos, daß ihn die -Evierinnen zerfleischen!« - -Sein Vater fiel munter ein und sagte: »Setz dich, setz dich doch, iß und -trink und erzähle!« - -Da nahm er Renates Stuhl. Sie drehte sich um. Erasmus war nicht mehr da, -und sie setzte sich schnell an seinen Platz. Der Diener, der schon -gewartet hatte, kam leise und sammelte die Teller ein. Renate faltete -unter dem Tisch die Hände, mußte aber unter ihren Gebetsworten bemerken, -daß es doch das Obstmesser gewesen war, denn es fehlte. Sie zuckte einen -Augenblick, Erasmus nachzugehn, hörte jedoch ihren Namen, blickte -rundum, lachte und sagte, atmend aus voller Brust: - -»Also wären wir Alle wieder beisammen. Wie lange warst du fort, Josef? -Keine drei Jahre, weißt du, schreiben hättest du wohl einmal können, wo -du überall gesteckt hast.« - -Josef wandte sich halb zu seinem Vater und bemerkte halblaut: -»Iphigenie! sie hat sich nicht verändert, oje-oje!« und Renate merkte, -daß sie den rechten Unterarm auf der Tischplatte vor sich liegen hatte, -den linken aufgestützt und das Kinn in der Hand. - -Ein wenig später war Renate unter fernem Stimmengeschwirr und Lachen -sich nicht mehr klar, was sie tat, sprach oder empfand, fühlte sich -selber undeutlich in lebhaftester Erregung und Bewegung und hörte nur -einmal Josefs Stimme, wie er zu seinem Vater sagte: »Sieht sie nicht -aus, als ob sie einen ganzen Nachtigallenschwarm in der Brust hätte, -Papa?« und er sagte noch weiter etwas von Rosen und Lilien ihres -Gesichts, die von diesem, unten hineingesetzten Nachtigallenschwarm ins -Wanken und völlig durcheinandergekommen seien. Sie hörte ihr eigenes -Lachen fern, dann schien es ihr, als sei von ihrer oder Ulrikas Kleidung -die Rede, -- nein, er beschrieb das mittelalterliche Bild, das er vom -Garten aus gesehen habe: Ulrika und Renate in ihren farbigen Kleidern -und Kopfzierden, Erasmus im Panzer, der Eremitenkopf seines Vaters, -- -ein bißchen Veronese, aber sonst ganz ... - -Plötzlich stand alles für einen Augenblick still, sie sagte: »Ja, nun -müßt ihr aber etwas hören! -- Ich habe mich verlobt.« - -Es war still geworden. - -»Verlobt?« fragte ihr Onkel leise; seine dunklen Augen standen fest, -dann senkten sich langsam die Lider darüber. »So. -- Ja, mit wem denn?« -hörte Renate ihn noch leiser fragen. - -Erschreckt blickte sie auf Josef, sah den roten Fleck seines rechten -Gesichts und die linke Braue leicht angehoben. - -»Mit dem Herzog, -- Herzog Trassenberg, Onkel,« sagte sie unsicher, für -Sekunden ratlos, was dies bedeute, und fügte mit wankender Stimme hinzu, -er habe zwar ihr Wort noch nicht, aber ... Da wußte sie, daß ihr Onkel -an seinen Sohn dachte. Sie sah ihn ängstlich zur Seite nach Josef spähn; -Josef beugte sich ein wenig zu ihm und sagte ironisch: »Ja, willst du -eigentlich nicht gratulieren, Papa?« - -Nun stand er langsam auf, aber diesmal, merkte Renate, gelang ihm die -Beherrschung nicht, er legte die Hände zusammen und fragte furchtsam: -»Josef -- verzeih, aber -- ich habe immer gedacht ...« - -Jetzt rückte Josef, vor Staunen fassungslosen Gesichts, seinen Stuhl -nach hinten, sah zu seinem Vater auf, erst wie völlig verwirrt, dann -fragend, endlich strafend, und sagte: »Ja, nun brennen alle Kandelaber, -Papa! Renate, ists nun hell genug? Ich und du, stell dir vor! Eiweih -geschrien!« - -Renate lachte, so hell sie konnte, es fiel ihr schwer, da Josef das -heile Auge zusammenkniff, wodurch sein Gesicht zu einer scheußlichen -Grimasse wurde, aber sein Vater konnte es nicht sehn, und sie atmete -erleichtert auf. - -»Ja, dann,« sagte er zögernd, »dann wird der Herzog wohl zu mir kommen -wollen?« - -Renate nickte und hörte Josef sardonisch fragen, ob er Angst vor -Herzögen habe. Nun lachte er gütig, ergriff sein Glas und richtete sich -mit Würde auf. »Dein Wohl, mein Kind,« sagte er, »von Herzen dein Wohl -und das seine! Ich werde den Herzog mit viel Freude empfangen, denn von -ihm hat man ja nur Schönes und Gutes und --« Er stockte, und Renate -vermeinte, er erinnere sich, daß der Herzog verheiratet war, dann fuhr -er mit plötzlich bebender Stimme fort: »-- und Edles gehört.« Das Glas -entfiel seiner Hand, Tränen brachen stromweise aus seinen Augen, er -drehte sich zu Josef um und stammelte: »Josef! Josef! Mein Sohn ist -wiedergekommen! mein Sohn hat mich nicht verlassen, er war tot und ist -wieder lebendig -- geworden --« - -Er brach ab, schluchzend an Josefs Brust, der, selber ganz grade -stehend, ihn mit den Armen umschloß, einmal schnell und fest die Lippen -auf seinen Kopf drückte und wieder grade stand. - -Renate wandte sich glücklich ab und sah den Garten in der Sonne, den -hellgrauen Sockel der Uhr und seltsam deutlich den Schatten des Zeigers -auf der braunen Metallscheibe; die Stunde freilich war nicht zu -erkennen; dann verschleierten sich ihre Augen. Bald darauf hörte sie das -Weinen ihres Onkels leiser werden und Josefs liebevolle Frage, er sei -gewiß müde, ob er sich nicht niederlegen wolle? -- Ja, er sei müde, sehr -müde ... kam die Antwort. Sie sah, sich wendend, wie er gebückt, -glücklich lächelnd durch nasse Augen, sich von Josef fortführen ließ, -und spürte, als habe das Wort >müde< sie verzaubert, nun eine rieselnde -und süße Mattigkeit in allen Gliedern, die zugleich alles umher in -Goldstaub und grünes Geflimmer auflöste. Sie überwand sich aber, -plötzlich von einer Woge der Dankbarkeit und Liebe zu Josef überspült, -rührte seinen Arm an, und da er sich umwandte, so legte sie die Arme auf -seine Schultern, hob ihren Mund zu seinem, hatte aber nun so nah und -deutlich die stramm gezogne, glatte und rote Haut seiner rechten Wange -und darin das Augenloch mit den von allen Seiten zusammen- und -hineingezerrten Falten dünner Haut vor sich, daß sie zurückgeschaudert -wäre, wenn sie nicht wieder sein heiles Auge gesehn hätte und den Blick -von sonderbar weichem Staunen, so daß ihr Mund nun stehn blieb, nicht -weit von dem seinen, sekundenlange, während sie lächelte und ihn mit -großer Zärtlichkeit anblickte. Zurückweichend, fühlte sie noch, daß er -ihre rechte Hand ergriff und, das Gesicht sehr tief beugend, an den Mund -drückte, und hörte ihn sehr leise sagen: »Es genügt. Ich habe nun nichts -mehr zu wünschen und kann --« - -Danach entschwand er ihr; sie verging sich selber in Schlafverlangen, -empfand noch, daß sie im Gehen, daß da Ulrikas und Magdas Gesichter -waren, daß sie sprach und ferne Stimmen hörte, dann, daß sie durch den -Garten schwebte, und endlich, daß sie sehr tief lag. Sie öffnete mit -Anstrengung die Augen, hoch über ihr war wunderbares Grün, von Bläue -durchbrochen, ganz nahe über ihr Ulrikas Gesicht und das Ende einer -Hängematte. Sie wollte die Hand zu Ulrika hinaufheben, brachte es aber -nicht fertig, und dann war nichts mehr. - - - Sechstes Kapitel - - - Garten - -Renate, die Augen aufschlagend, staunte über die Schönheit der Welt. - -Vom Schlummer tief erquickt, lag sie im Grase, leicht, ungeblendeten -Auges, im Innern zart im Entflüchten abwärts lächelnde, farbige Träume, -vor Augen die nahe von allen Seiten herangedrängten grünen Nischen und -Bögen von Flieder, Goldregen und Holunder -- voll großer, noch grüner -Beerenscheiben --, durchspannt von einer leeren Hängematte, durchstochen -von langen, haarfeinen Goldstrahlen der Sonne, und nahe gegenüber -seltsam schön und nachdenklich die durchsichtigen Züge Ulrikas; sie saß, -seitwärts die Knie unterm blaßvioletten Rock, am Stamm der Kastanie; auf -der goldenen Tunika mitten vor ihrer Brust brannte in feuriger Stille -ein Sonnenfleck; das dunkelrote Haar war wieder in Flechten schwer -aufgenommen; sie hatte die rechte Hand neben sich ins hohe Gras -gestützt; die linke lag im Schoß zwischen einer großen, grünbeerigen -Holunderscheibe und einigen aufgebrochenen Kastanien, grün mit noch -weißem, feuchtem Kern. -- Glücklich in sich, glaubte Renate sich atmend -zu fühlen mit ganzem Leib, wie in der Mutter ein Kind, auswärts strebend -nach keiner Richtung, sondern alles in sich habend, Natur und Menschen, -Gegangenes und Kommendes. Ich bin glücklich, dachte sie dankbar, nun -darf ich es sein! Oh, wie gut ist der Schlaf! Josef ist im Haus, Onkel -gesund und froh, und Woldemar fern und nah ... Holunderbeeren ... Wann -sah ich die einmal schwarz an Ulrika? Zu Irenes Hochzeit trug Ulrika sie -im Haar, ein schwerer, böser Tag, und nun ist doch alles wieder heil. - -»Sage, was denkst du, Ulrika?« fragte sie leise. Ulrika wandte langsam -das Gesicht herüber, ihre Augen glitten über Renate hin und blieben -stehn; mit einem eigentümlichen Blick von Glücklichkeit und Ferne, den -Renate nicht recht verstand, sagte sie: »Ich horche ...« - -Bemüht zu lauschen, glaubte Renate in der Kapelle hinter sich Magdas -Singstimme zu hören. Allein es war still. Ein kleiner Vogel zirpte -entfernt im grünen Dickicht. Meinte sie den? Eine Scheu hinderte Renate, -zu fragen. - -»Du«, sagte Ulrika nach einer stillen Weile, »hast eine Stunde -geschlafen, und ich war glücklich unterweil.« Sie hob den Stoff im -Schoße ein wenig an, so daß Holunder und Kastanien ins hohe Gras -rollten, glättete ihr Kleid, ein paar winzige Blätter und Stacheln -fortstreifend, und fuhr fort: »Glücklich. Eine volle Stunde. Freilich -auch der Vormittag war schön, er war so heiter --, aber all das Bunte -war nicht in mir, sondern lose herum, und auch das Glück meine ich -nicht, das heiter ist, sondern das ernste. Eine Stunde davon, -- -vielleicht ist das so viel, wie ein Mensch wünschen darf, wenn ein -Wunsch ihm freigestellt würde vom Schicksal. -- Und nun geht es wieder -weiter.« - -Sie sprach sehr gefaßt. Ungewohnt tief klang Renate ihre langsame -Stimme. »Sage nun alles«, bat sie schlicht. - -Ulrika faltete die Hände um das Knie, lächelte, sah aufwärts, und mit -einem Schlage war ihr ganzes Gesicht so heilig, daß Renate auf das -tiefste erschrak und sich und alles vergaß, kaum hinzuschauen wagend und -bald nur noch hörend. - -»All meine Gedanken?« sagte Ulrika leise. »Ich will es versuchen. Eben -stand alles still. Ein Vogel zirpte irgendwo, und mehr war nicht. Die -Sonne wanderte, ihre Strahlen kamen schräger, und so füllte sich langsam -die Schleuse. Nun steht die Flut bis zum Rand, die Fahrt geht weiter. Es -geht langsam im Anfang, da kann ich noch allerlei am Ufer sehn, das -geräuschlos zurücktritt, und es dir nennen. - -»Von ihm und mir, was früher war, weißt du alles. Zwischen Seele und -Seele blieb alles so unverändert, wie ich es dir damals beschrieb, du -wirst es noch wissen. Einmal machtest du einen Vers auf ihn, das ist -lange her. Ein Selbsterzeugter und ein Selbsterzogner, so hieß es, und -daran dacht' ich heut, als dein Vetter Josef von der Selbstsucht sprach. -Auch er hat mir einmal davon gesprochen. Die Bienen, so sagte er, lassen -die Giftblumen aus, aber nicht so das männliche Herz im Flug durch die -Welt. Auch aus Unrat und Gift den lebendigen Honig zu schmelzen, das ist -die Aufgabe des Werdenden bis zum siebenzigsten und achtzigsten Jahr. -- -Alle seine Worte stehn unverlierbar in meinem Herzen. - -»Doch liebe ich ihn nicht. -- Ich fürchte ihn vielleicht. - -»Zwanzig Jahre und mehr wuchs ich auf an mir selber, glaubte den -Anforderungen des Lebens zu genügen, liebte meine Mutter und die -Freunde, schrieb Briefe und las, nannte mich stolz eine Dienerin und -fühlte daneben immerhin das Fehlende. Ich liebte niemand. Ich wußte es -nicht, denn ich liebte die Kunst. - -»Er aber liebt nicht die Kunst, und: man darf sie nicht lieben, sagt er, -man darf sie nur haben. Zu lieben ist die Welt, Kunst ist nichts. -- Der -Schatten auf einem Blatt, die Runzel in einer Stirn, an einem Stuhlbein -das zögernde Licht, des Baumes Wuchs und große Haltung, die Ebene, -menschliches Lächeln, alle menschlichen Verwandlungen durch Trauer und -Hoffnung, Trübsal, Geduld, Gram, Leichtheit und Tiefen, die sind seiner -ernsten Seele lieb, und über diese gebeugt, macht er sie nach mit einer -ungeheuren Kunst, die er hat, daß sie sich wieder erkennen und ihn -ansehn und sich verwundern und sagen: Wir sind es. -- Und dann sind sie -schön. - -»Oh, er sah sie so großäugig an, wie liebten sie ihn, sie sahen ihm -lange nach, wenn er vorüberging, er wanderte ja tastend im Irrsal, aber -er erzog sein Herz. Er diente. Er wurde weit, alles Land zog in ihn ein, -Schicksale kamen und schlugen ihre Zelte in ihm auf, der Strom rollte um -sein Herz, Vögel brachten Samen, und Bäume schlugen Wurzel auf ihm, und -die Vögel spielten auf im Gezweig. Wir sind es! sangen sie, wir sind es! --- In seinem Schatten schlief ich ein und war froh. - -»Er sagte, er liebe mich, und ich wunderte mich nicht. Er liebte so -vieles zu seiner Zeit. Er wollte mein Herz, er sagte, es sei weich, und -ich gab es und gern. Er trägt ja das Abbild fremder Gesichter in Büchern -nach Hause, und uns sind es Lichter und holdes Gebrause. Er malt sie mit -flüchtigem Strich auf den reinen Grund seiner Liebe zum Lachen und -Weinen, -- wie schön ist die Welt! - -»Und alles war gut. - -»Alles schien gut, ich wußte es, ich fühlte es nicht. Denn ich war immer -nur ein armer Mensch; das, was ich konnte, tat ich wohl, jedoch am -Grunde meines Lebens wucherte es fort, die trüben Gedanken, wer kann sie -verscheuchen? Denn ich liebe ihn nicht. - -»Oh, nicht dies ist es, mein Gott, nicht die Kluft zwischen ihm und mir, -nicht daß, wenn er liebend und eifrig sein ganzes Innres vor mich -hinschüttete, daß hinter den goldenen Bergen immer die graue Wand -sichtbar blieb, daß ich seufzen mußte und sein fernes Herz hören hinter -dieser Wand, wo es im Ewigen wandert mit Stürmen und Flüssen, dort, wo -ich nicht bin. - -»Dies ist es nicht. - -»Wenn es still ist und ich lausche, höre ich es von fern. Oh -- jenseit -ist sein Land, das Allerseelenland; in dem er wandert fern und wohl zu -Hause ist. Du kannst es heute sehn und morgen, wann du willst -- -betreten kannst du's nicht. Dort ist ein jeder Baum sein Haus, -Nachtlager, Traum, und jede Frucht ihm Speise. Oh nein, er hat es selbst -gemacht, es ist nur, weil er ist. - -»Ich liebe ihn nicht, weil ich ihn niemals genug lieben könnte, weil ich -nicht hineingelangen kann dort. In meinen grauen Stunden liege ich -davor, die Stirn gebeugt auf die Knie und klage. In den heiligen Stunden -lege ich die Stirn gegen seine Mauer und die flachen Hände und fühle im -kalten Stein den zuckenden Schlag seines Herzens, denn voll von ihm, so -voll ist jenseit die göttliche Luft, daß es den Stein schwellen und -tönen macht, -- ich aber bin dort nicht. - -»Oh, wer kann sich denn genug tun in der Liebe, wenn er liebt? Wer kann -jemals aufhören, zu begehren, wo alles unendlich ist! Wer kann sich an -die Brust schlagen und sagen: Genug! Wer wollte die Arme breiten um die -Welt und sagen: Ich habe! Ich fliege und bin doch kein Vogel, ich flute -und bin doch kein Strom, ich singe und bin nicht Gesang, ich brenne und -bin nicht die Glut, ich schöpfe und schöpfe mich aus bis zum Boden, und -es ist nicht Liebe genug, nicht Liebe genug.« - -Ulrika legte die linke Hand unter die linke Brust und sagte nach langer -Zeit kaum vernehmbar leise: - -»Aber doch ist er zu mir gekommen, und ich -- wenn ich nun lausche auf -das ferne Pochen seines Herzens, so höre ich es näher und näher, nahe, -ganz nahe, und endlich ist es hier; nicht im Herzen, sondern darunter -trage ich das seine. Drei Monate sind es bald ...« - -Blaß, leuchtenden, schwimmenden Auges blickte sie aufwärts, ihre Lippen -zitterten, sie schluckte, dann fiel die Hand unter ihrem Herzen fort, -sie setzte einmal, zweimal zum Sprechen an, bis die Worte kamen, ein -Hauch: - -»Gott! -- Gott! -- Gott! -- Nun habe ich dir alles gesagt, was göttlich -und schön war. Rein, rein, rein habe ich es dir hingehalten, habe keine -gemeine Schlacke daran gelassen und es gehalten, wie einen schweren -Spiegel, vor dein Gesicht. Nun -- laß ichs -- -- fallen.« - -Lange war es still. Mit brennenden und vergehenden Augen richtete Renate -sich langsam auf, kniete, bückte sich auf Ulrikas Hand und küßte sie. In -demselben Augenblick stürzte sie seitwärts mit Gesicht und Brust so -schwer auf den Boden, daß Renate ein leises Dröhnen durch die Knie bis -zum Herzen zittern fühlte. Die Luft war noch ganz voll von dem leisen -Gesang der Liebe; Renate, hülflos auf die Daliegende blickend, weinte -vor sich hin und sah mit grenzenlosem Mitleid diese goldenen Arme und -die Hände über ihren Kopf lang hin geworfen, so daß sie dalag wie eine -Angespülte. Schicksal und alles hatte sie ausgegossen und verströmt und -war nun wohl so leer in dünner Hülle, daß der Schritt der Stunde, der -sie träfe, einbrechen müßte; aber vielleicht stand die Stunde still, -getraute sich nicht und ging leise einen andern Weg. - -Renate wagte es endlich, legte sich zu Ulrika, faßte nach einer ihrer -Hände; aber wenn sie auch neben einer Gestürzten lag, so empfand sie -doch nur, daß sie ihre eigne, geringe Demut zu einer unendlich größeren -gebettet hatte, und daß die Hülflose immer noch wie ein Engel war gegen -sie. »Weine nicht, oh weine nicht!« bat sie. Ist nicht Josefs Vater heil -und gesund, fragte sie sich, Rettung suchend, ist nicht dieser Tag -sonnig, begünstigt, was kann denn nur fehlen? - -Ulrika setzte sich auf, auch Renate mußte es tun und sah, daß Ulrika -nicht Tränen geweint hatte. Ihre Augen waren heiß, aber trocken, sie -griff nach ihrem Haar, steckte eine gelockerte Flechte fest und sagte -ruhiger: - -»Was wußten wir von Kindern, Renate! Sage die Wahrheit! Sie kommen und -sind da wie so vieles in der Welt, Häuser, Blumen, sind Freude oder -Plage, und wir wußten wohl, daß wir eine bestimmte Beziehung zu ihnen -haben sollten, aber wir bedachten es nicht. Im Gegenteil, man hat uns so -erzogen, daß wir alles eher bedenken als sie. Du freilich bist klüger -als ich, aber ich gehörte doch zu denen, die nichts wissen, denen am -Hochzeitstage ihre Mutter weinend um den Hals fällt und unverständlich -von grausigen Dingen spricht. Eine von denen, die beim Einrichten der -neuen Wohnung hin und wieder so etwas hören wie: Vorläufig genügen ja -vier Zimmer, aber wenn erst Kinder kommen ... Und man hört das nicht, -denn hier ist -- wie sagte dein kluger Vetter? -- eine Lücke im -Gesichtsfeld, die weiß der Himmel mit Keuschheit so viel zu tun hat wie -der Teufel mit Gott.« - -Renate, die unter unklarem Empfinden zustimmen mußte, hörte sie immer -härter und zorniger weitersprechen: - -»Und wenn wir auch dies und das in Büchern gelesen haben, um zu wissen, -du wirst es ja zur rechten Zeit immerhin getan haben, wie ich es nicht -tat, so lasen wir doch nur, -- wie man auch von einer Löwenjagd liest, -ohne zu denken, daß man je dazu kommen könnte. --« - -Sie schwieg grüblerisch, Renates Gedanken waren weit fortgeeilt, sie -faßte wieder Ulrikas Hand und sagte eilig: »Du, sage doch gleich: soll -ich Magda bitten, daß wir nach Helenenruh fahren, wenn es soweit ist? Du -weißt, ihr gehört Helenenruh, und --« - -»Du weißt ja noch nicht alles,« unterbrach Ulrika, aber sie lächelte -danach und sagte: »Du bist doch ein praktisches Mädchen, Renate, ich -hatte das gar nicht gewußt.« Wieder dunkler blickend, fuhr sie fort: - -»Ich fürchte mich vor dem Kind, ich erschrak zuerst namenlos, und noch -heut kann ichs nicht glauben.« Ihre Augen glänzten stumpf, als sie -sagte: »Wir werden von bösen Geistern erzogen, Renate, zum Grimm -erzogen, und --« sie jammerte jetzt fast -- »was soll ich mit einem -Kind? was weiß ich von einem Kind?« Sie lachte plötzlich verzerrt, ja -grausam, indem sie schloß: »Ich hab nun schon seit Wochen die -Vorstellung, daß ich sehe, wie mein schwarzer Flügel Kinder bekommt, -immer eins nach dem andern.« Sie brach schluchzend ab und verbarg ihr -Gesicht. - -Da merkte Renate mit leisem Schauder, daß etwas in ihr war, das dies -nicht an sich herankommen lassen wollte. Sie wehrte sich Augenblicke -lang besinnungslos nach zwei Seiten hin, und plötzlich stand der Herzog -vor ihr. Entsetzt sprang sie auf, glühte und stieß rauh hervor: »Nein!« -Sie streckte die Hände von sich, krallte wild die Finger, biß sich auf -die Lippen und sagte wieder: »Nein!« und ein drittes Mal: »Nein!« Sie -sah Ulrika vor sich stehn, unbegreiflich dunkel glühte ihr das rote -Haar. »Was sagst du?« hörte sie von einer fremden, nahen Stimme und -stammelte: »Was hast du gemacht, Ulrika, um Gottes willen, was hast du -...« - -Dann wurde sie ihrer bewußt, rüttelte sich hart zusammen, strich mit der -rechten Hand den linken Arm hinunter, mit der linken den rechten, schloß -einen Haken am Halsausschnitt, zog am Saum der Tunika über den Knien und -arbeitete unterdes mit gewaltiger Anstrengung innerlich an einem Koloß, -der aus dem Wege sollte und mußte, und dann hatte sie ihn aus dem Weg. -Eine schneidende Stimme zwischen ihren Schläfen sprach: Das war Unsinn. --- Mit flackernden Augen und zitterndem Mund sagte sie zu Ulrika: »Man -denkt diese Dinge nicht, man tut oder läßt sie.« Noch brauste es um sie, -sie stand frierend im warmen Schatten und sah einen feinen Sonnenstrahl -durch das Laub, vorüber an einem zitternden Blatt, dessen Spitze er -vergoldete, nach dem Stamm der Kastanie stechen, wo ein talergroßer -Sonnenfleck erschien und drinnen, sehr deutlich und ganz hell, die -Flecke und Falten der Borke. Rundherum war Grün und Schatten. - -»Ja, und nun ist es genug,« sagte sie kalt, »komm, sprich nun weiter, du -Gute!« und zog sie, an den Boden gleitend, mit sich nieder. Ulrika -zauderte noch mit besorgten Augen, besann sich eine Weile und fing ruhig -an zu sprechen: - -»Damals, vor drei Monaten, schrieb ich an meinen Mann. Er lag damals vor -Valparaiso, der Brief reiste ihm nach und erreichte ihn erst in -Deutschland. Ich schrieb ihm, daß -- daß wir ja nie verheiratet waren, -daß ich bei ihm geblieben sei, weil er sagte, daß er mich liebe, und es -wollte; daß ich nie gewußt hätte, was das heiße für ihn; daß ich seine -Güte kaum begriffe, die nie gefordert habe, obgleich er doch im besten -Vertrauen auf mein Wissen und meinen Willen vor Jahren den Bund mit mir -schloß, dessen Erfüllung ich dann verweigerte; und dann schrieb ich, daß -ich nun alles verstünde, weil ich selber liebte; daß ich ihn um Freiheit -bitten müßte ... Mehr wagte ich damals nicht zu schreiben; es war ja -auch wohl alles, für mich war es das, -- freilich, was wissen wir von -den Gedankengängen eines Andern? - -»Dann kam er. Ein wortkarger Mensch war er stets, jetzt brachte er kaum -ein Wort heraus. Seine Haut war braun von Meer und Sonne, aber es schien -kein Blut darunter zu sein, sie war grau. Wenn es sein müßte, sagte er, -so solle ich einen Andern lieben; meine Pflicht sei freilich, diese -Liebe zu bekämpfen, doch sei das meine Sache, er habe ja mein Herz nicht -in der Hand. Aber daß ich einem Andern gehören solle, das wäre nicht zu -ertragen. Er ließe mich nicht frei. - -»Vielleicht glaubst du, daß es in diesem Augenblick viel schwerer -gewesen sein müßte, den Mut zu haben, den ich vor Monaten nicht hatte. -Es war wohl auch kein Mut, es war -- die Henne verjagt den Habicht -blindlings, -- hieß es nicht so? -- Ich war eiskalt vor Angst, aber ich -sagte ihm die Wahrheit. - -»Er kam auf mich zu und sah mich nur an. Oh sein Gesicht, sein Gesicht! -Laß! laß!« rief Ulrika, die Hände vor den Augen. Sie ließ die Hände -fallen, sah vor sich hin und sagte: »Wie Asche von Papier, so war es. -Dann ging er hinaus. Er ist bei meiner Mutter gewesen und hat wohl den -Namen erfahren. Aber das war vorgestern, bei Benvenuto ist er nicht -gewesen, auch weiß niemand sein Haus, selbst seine Eltern wissen nur -ungefähr, wo es liegt, und -- du lieber Gott,« schloß sie -kopfschüttelnd, »was könnte Benvenuto geschehn!« - -Seltsam klang Renate auf einmal der Name Benvenuto im Ohr, -- als sei -der Maler plötzlich ein andrer Mensch dadurch geworden, zarter gleichsam -und nicht mehr so abgewandt. Indem sah sie Ulrikas stille, traurige Züge -sich heben und von einem Lächeln kräuseln, als ob sie jemand ansehe, und -hörte sie gleich darauf sagen: »Sieh da, Jason!« - -Richtig -- Renate wandte sich -- stand dort Jason, halb verdeckt vom -Buschwerk wie ein guter Geist der Gewächse, schwarz gekleidet, sehr weiß -von Gesicht durch das Grüne ringsum; so nickte er von oben auf die im -Grase Sitzenden mit freundlich glänzenden, schwarzen Augen und sagte: -»Ein schöner Anblick, ihr Beiden, das muß ich sagen.« - -Renate, ein wenig hochmütig über diese äußerliche Art, zu sehn, sagte, -wie ihr selber schien, einfältig: »Es ist nicht alles Gold, was glänzt, -Jason.« - -»Es sieht doch aber gut aus,« versetzte er beharrlich, »ihr kennt nur -viel zu wenig meine Vorliebe für schöne Gegenstände. Jetzt zum Beispiel -habe ich Lust, Brahms' deutsche Tänze zu hören. Ich glaube fast, ich bin -deswegen hergekommen.« - -Renate blickte kopfschüttelnd und forschend Ulrika an, aber die erhob -sich gleich, stand frei da und sagte: »Gern, Jason, wenn Renate will -...« - -Da dachte sie, daß Jason doch wohl insgeheim das Rechte meine; daß es -gut sei, eine Zeitlang die Ohren mit schönem Geräusch zu füllen und das -Herz zu erleichtern, sie nahm Ulrikas Arm und wollte sie durch das -Gebüsch auf den Weg ziehn, doch mußte sie sich noch einmal umdrehn, da -sie Jason sagen hörte: »Was liegt denn da?« - -Im hohen Grase lagen zusammen eine Schildpattspange Renates, eine -Holunderdolde und zwei grüne Kastanien, ein seltsam armes Häuflein, wie -Spielzeug von einem Kinde, das plötzlich fortgerufen wurde. - -»Blumen, Früchte und eine Spange,« sagte Jason, sich bückend, nahm die -Spange auf und gab sie Renate, indem er leicht bemerkte: »Das übrige -Spielzeug kann da liegen bis nächstes Jahr; vielleicht findens dann -andre Kinder und spielen damit.« - -Jason wußte, schiens, wieder alles. - - - Kapelle - -Sie saßen in der Kapelle an den beiden Flügeln, im rechten Winkel zu -einander, so daß sie sich sehen konnten, und spielten ohne Noten einen -der heiter und festlich stampfenden Tänze nach dem andern, zuweilen sich -zulächelnd, so daß Renate heitrer gestimmt, wenn Ulrikas Gesicht leicht -emporgedreht von ihr abgewandt war, durch die laute Musik wieder ihre -leise, fast nur atmende Stimme hörte, mit der sie den reinen Gesang -ihrer Liebe aus sich schöpfte. - -»Bravo,« sagte Jason, als sie geendet hatten, »das hat mir sehr -gefallen. Es ist doch sehr sonderbar und kaum zu begreifen, wenn man so -vier Hände sieht, immer zwei ganz für sich, springend hin und her, -greifend und tanzend, und dann diese ordentliche, sinnreiche Musik hört. -Aber dieser Brahms ist nun weiß Gott und wahrhaftig wie schöne Kleider. -Darin ist er Feuerbach wieder ähnlich, Feuerbach ist auch lauter schöne -Kleider und kein Herz.« - -Renate blickte sich um; Jason saß über ihr auf dem Drehstuhl vor der -Orgel, hatte das rechte Schienbein quer vor sich auf den linken -Oberschenkel gelegt, ganz hoch, und hielt es mit beiden Händen wie ein -delikates Instrument. - -»Kein Herz,« sagte sie, »Jason, das geht zu weit, -- aber --« - -»Ach, ich habe mich wohl auch versprochen,« unterbrach er sie, »ich -meinte irgendeinen andern Gegenstand mit H --, warte, wir werden das -gleich haben, Halsband, Handwerk --« er zählte, innerlich suchend, -weiter --, »Herrlichkeit, Hintertür, Hoheit, Humor! das wollen wir -nehmen,« schloß er blinzelnd und zufrieden, »und nun, was wolltest du -sagen?« - -»Ja, nun weiß ichs nicht mehr,« lachte Renate. »Ulrika, vielleicht weißt -du es.« - -Ulrika, die Hände vor sich auf dem Tapet, sah aus, als ob sie eifrig -nachsänne. Jason aber war aufgestanden. »Ja. -- Ja, gewiß,« meinte er -zerstreut, vor sich hinsehend, »allein ...« Er ging die Stufen hinunter, -hielt an, sah angestrengt mit gerunzelter Stirn gegen den Fußboden und -ging plötzlich durch den Raum und hinaus. - -»Was hatte er denn?« fragte Ulrika. Renate machte, ohne denken zu -können, ein paar Griffe im Baß, formte einen Übergang, hörte gleich -darauf Ulrika in der Mittellage einfallen, und dann waren sie, ab und zu -einander mit Frage und Bejahung anblickend, im leichten, verfließenden -Durcheinander der kunstlosen Verknüpfungen und Lösungen, die sie sich -aufgaben und ausführten, bis wieder Jason zwischen ihnen stand und -gewillt zu sprechen schien. Sie hörten auf, und er sagte zu Ulrika: - -»Es wird doch besser sein, wenn du jetzt gehst. -- Ich habe Reinhold -gebeten, vorzufahren,« sagte er leicht zu Renate hinüber, -»möglicherweise ist es eilig. Aber du mußt dich nicht sorgen, Kind, ich -kann mich auch irren«, endete er ermunternd, indem er die linke Hand auf -Ulrikas Schulter legte, die still saß und gradeaus blickte. Sie stand -nun wortlos auf, war aber sehr weiß im Gesicht, nickte Renate fremd -lächelnd zu und ging mit Jason hinaus. - -Renate sah sich an der niedern Brüstung des mittleren Fensters stehn, -die alle drei weit offen waren. Nur Grün, nur Grün ... murmelte sie, -hinausblickend. Oben hing ein Stückchen Himmelsblau herein wie eine -Fahne, und Renate murmelte wieder, tief beklommen: Die letzte Fahne vom -Fest ... Sie fröstelte mitten in der Wärme. Nun erinnerte sie sich des -Onkels, -- ob er noch schlief --? Und sie sah ihn sich weinend zu Josefs -Schulter bücken und sah Josefs schnelle und feste Bewegung und die -gepreßten Lippen, als er den Kopf neigte und ihn küßte und wieder grade -stand. -- Überflutend plötzlich wünschte sie inständig nach oben: Wäre -doch der Tag schon zu Ende! -- Warum bin ich nicht mit Ulrika gefahren? -fragte sie sich unwillig, wandte sich nach einem Geräusch hinter ihrem -Rücken um und sah Jason wieder eintreten. »Du bist nicht mit ihr?« -fragte sie enttäuscht. - -Er antwortete nicht, und sie spürte etwas Erleichterung, weil er -geblieben war. Jason ging zu Ulrikas Flügel, setzte sich davor, legte -leise den Deckel nieder und drückte einmal fest und weich die -Handflächen darauf. -- Muß ich denn jetzt überall etwas wittern? fragte -Renate sich ängstlich und verdrossen, -- aber was dachte ich denn bei -diesem Schließen von Ulrikas Klavier? -- Sie wollte sich Worte Ulrikas -ins Gedächtnis zurückrufen, aus jenem schönen Augenblick, wo sie lag und -sang, fand aber kein Wort mehr und sagte nur zu Jason: »Ulrika hat -vorhin von der Liebe gesprochen, so wundersam ...« - -Jason nickte ein-, zweimal langsam mit dem Kopf, indem bemerkte Renate, -daß er nicht mehr den Kopf schüttelte, und rief hocherfreut: »Was ist -mit deinem Kopf, Jason?« - -Er faßte nach der Stirn. »Ist etwas?« fragte er unsicher. - -»Das Schütteln, Jason, wo ist es?« - -»Das Schütteln?« fragte er. »Ach, es ist fort? Siehst du, ich habe es -gewußt und habe es gesagt,« fuhr er fröhlich fort, »die Zeit, -prophezeite ich, wird es an sich nehmen, man muß nur zu warten verstehn -und nicht immer denken, das, was gerade geschieht, ist das All- und -Einzige, was überhaupt geschehen kann; es kommt vielmehr immer noch -andres, immer noch andres, das ganze lange Leben hinunter, und mit dem -Tode ist das wirklich auch nicht alles so sicher, wie die Lehrer sagen. --- So, hat sie von der Liebe gesprochen? Das ist schön. Es wird so viel -Mißbrauch getrieben mit der Liebe.« - -Renate, dankbar und beruhigt, ihn nur sprechen zu hören, glitt auf die -Fensterbrüstung und fragte, da er schwieg: »Inwiefern, Jason?« - -»Zum Beispiel sagen manche, Liebe müsse auch treu sein. Ja, wie kann sie -denn? Muß sie denn nicht sein, wie sie will, hat sie nicht einen Anfang, -mitten im Leben des Menschen, und muß also ihr Ende haben? Ist sie nicht -eine sonderbare Gabe, die keiner kommen sieht, keiner sich verschaffen -kann, mit keiner Münze und mit keiner Kunst, und da wollt ihr sie nun -verhaften und binden? Wenn sie kommen darf, muß sie nicht auch gehen -dürfen? Ist sie nicht mehr ein Gefühl? Da sprechen Andre zum Geliebten: -Wir lieben uns Beide, aber ich liebe dich mehr, und du liebst mich zu -wenig, und heute liebst du mich nicht wie gestern und die andern Tage -vorher, aber du hast mir Versprechungen gemacht, und wenn ich dir nicht -glauben kann, kann ich dich auch nicht mehr lieben. Dann sagen sie auch: -Du hast mir Liebe geschworen, und nun liebst du an andrer Stelle, was -soll das bedeuten? und mit alledem verändern sie ihre eigne Liebe, -machen sie groß und klein, je nachdem, und indem sie drüben dies und -jenes fordern, tun sie doch selber jenes und dies. Oder auch da heiraten -sie und zeugen Kinder und meinen, damit drückten sie nun ihre Liebe aus. -Sie schmieden Pläne und haben schöne Gedanken, sie streiten herum, -weinen und versöhnen sich, sie verdienen Geld, kochen und backen, mieten -Wohnungen und sitzen viele Tage über Tapeten und Kücheneinrichtungen, -und all das halten sie für Gestalten ihrer Liebe, und nun, es ist da -wohl etwas Richtiges, denn es ist göttliche Eigenschaft, alle Gestalt -annehmen zu können, sie aber wollen den Gott verhaften und binden mit -dieser Gestalt, verhaften und binden, und martern sich selber allein und -wissen nicht, daß der Gott alsbald auch wieder die Gestalt verläßt und -kehrt nach Hause und wohnt bei sich selber. So ist die Liebe ein Gefühl, -wohnt allein im Gefühl und läßt ihrer nicht spotten. Ulrika hat wahrlich -die wunderbare Demut erlernt, denn sie liebt nur, sie liebt. Lieben, -solange der Odem reicht, nicht fragen nach Gegenstand und Erwiderung, -nach Plage und Wonne, nur ganz und gar sich darbringen, unverlangt und -ungelohnt, wer hat euch das gelehrt? Und dann, Renate, danach, so Gott -will, wirst du nach deinem Ende in eine schöne Blume verwandelt werden, -deren Anfang dein Ende ist, eine Sonnenblume vielleicht, aber auch die -einfache Primel trägt ein deutliches Zeichen an ihrem gelben Kleid, daß -sie die Sonne sieht und nichts sieht als die Sonne, jene uralte, der -dein weißer, zarter Freund Ech-en-Aton Stadt und Tempel baute, die an -demselben Tage, wo er starb, verlassen und gestürzt wurden, dieweil die -Menschen gehorchen und vergessen, er aber von ihrem Wege wich und in die -ewige Verwandlung einging. Komm, Renate, wir wollen in den Garten gehn.« - - - Lindenallee - -Wie schön war es nun, im Garten umherzugehn! Zu ihrer völligen -Beruhigung legte Renate die linke Hand auf des kleineren Jason linke -Schulter, und so gingen sie schweigsam und friedfertig auf den kleinen, -engen Wegen, an der Veranda vorüber und um den Rasenplatz. Dem Haus -gegenüber, an dem ihre Augen hinaufglitten, blieb Renate vor einem -überraschenden Bilde stehn. Im Schlafzimmerfenster des Onkels war, nicht -hoch über der Fensterbank, sein hoher Kopf und weißer Bart zu sehn, wie -sie ihn des öftern während dieses Sommers sitzen gesehn hatte, da er den -Blick von oben auf den Garten zu lieben schien; jetzt blickte er zu -Josef auf, der in der linken Fensterhälfte ein wenig zurückstand und -rauchte und sprach, die rechte Hand gegen den Rahmen gestützt, und in -dieser Haltung beugte er sich eben vor und ließ mit klopfendem -Zeigefinger ein Stück Asche von seiner Zigarre tropfen, wobei er Renates -gewahr wurde, nickte und winkte, und jetzt wandte auch der Onkel die -stillen, dunklen Augen her, lächelte und nickte. -- Welch ein Frieden, -ach, welche Erleichterung! - -Schon im Weiterschreiten glaubte Renate im Fenster über den Beiden, dem -des Erasmus, etwas zu gewahren, ging aber weiter, hörte Jason etwas -sagen und sah währenddem aus dem unkenntlichen braun und grauen Haufen -auf der Fensterbank, den sie bemerkt hatte, den Kopf und die -eisenbekleideten Schultern des Erasmus werden, als ob er hinter der -Fensterbrüstung kniete, eine sinnlose Vorstellung, da Erasmus in der -Fabrik sein mußte. Es mochte ein Stück seiner Rüstung gewesen sein. -- -Sie fragte Jason, was er gesagt habe, und hörte ihn wiederholen, indem -er stehen bleibend sie zum Halten zwang: - -»Ich fragte, ob du dich eigentlich über nichts wundertest, wenn du mich -solche Sätze sagen hörst wie soeben.« - -Seine gedämpften, leise fragenden, ganz wenig ironisch zusammengezogenen -Augen unter sich, versetzte sie: »Nein, Jason, ich finde es immer so -schön, daß ich zu keinem andern Gedanken komme.« - -»Das,« sagte Jason, die Stirn senkend, »das ist es. Du triffst den Nagel -auf den Kopf wie immer. So schön, daß ihr euch nicht das geringste dabei -denkt, das tut ihr, ja, das tut ihr, oh welch unsagbar kümmerliche -Einrichtung!« Mit unendlichem Bedauern den Kopf wiegend, wanderte er -weiter, indem er sagte: »Ich weiß es alles und trage es in schönen -Perioden vor, ich, der ich kein andres Leben mehr habe als eben dies, zu -wissen und zu sagen, und die Andern leben es, und das heißt: sie leben -es nicht. Sie wissen nichts, auch du, wenn du in irgendeiner solchen -Lage bist, auf die meine Sprüchlein passen, erinnerst du dich dann -vielleicht des langmütigen Jason und seiner blühenden Erkenntnisse? -Nein, denn dann seid ihr alle höchlich kurzmütig, dann ist da nur die -fassungslose Geschwindigkeit, nur die Lage ist eben da, blindlings muß -gehandelt werden, keiner besinnt sich, keiner befolgt andern Ratschluß -als das brennende Verlangen seines gepeinigten Herzens, -- ja, könntet -ihr wohl an einem meiner Sätze gehn wie an einem sichern Geländer, -könntet ihr darauf reiten oder fahren, wenn eure Füße müde geworden -sind? Hundert und tausend Menschen kenne ich wohl, denen ich und meine -Reden immer willkommen sind, aber würde vielleicht ein einziger dadurch -klug? -- Man hört, sagt ja, spricht von andern Dingen und vergißt, und -dieses nennt man das tägliche Leben.« - -»Es ist deine Schuld, Jason,« sagte Renate mit leichter Wehmut, stehen -bleibend vor den ersten Sonnenblumen an der Rückwand der Kapelle und -undeutlich dies und jenes bedenkend, woran die zu stolzer Neigung -erhobenen kleinen und strengen Antlitze sie erinnerten. -- »Es ist deine -Schuld, denn du sagst es zu schön. Du sagst es, wie soll ichs nennen, -sanft einschläfernd. Du bist zu gut, Jason.« - -»Und wäre ich böse, Schwester Sonnenblume, wer denn, glaubst du, wollte -mich hören?« - -Schwester Sonnenblume -- tönte es seltsam in Renate nach, wer hatte das -einmal zu ihr gesagt? Ach, sie selber hatte einmal eine Sonnenblume so -angeredet an jenem Tage, wo Sigurd --, wo die Todesnachricht von Esther -kam. -- »Nun, was giebt es denn da?« hörte sie Jason indem halblaut -sagen und wandte sich. - -Innerhalb der kleinen Lindenallee in der Nähe der Kapelle stehend, über -die Kohlköpfe und Erdbeerpflanzungen des kleinen Gemüsegartens hinweg -sah sie die rote, häßliche Rückwand des Herzbruchschen Hauses im -Schatten, dann hinter dem Zaun eine Bewegung in dem dichten -Holundergestrüpp, dessen Zweige schwerbelaubt und doldenvoll -herüberhingen. Irenes blonder Kopf und schwarze Schultern wurden -jenseits sichtbar, sie schien einen schweren Gegenstand durch das -Buschwerk zu heben und zu drängen, einen Stuhl, und Renate fragte sich -verwundert: Will sie herübersteigen? es ist doch eine Tür da! -- Indem -erschien am Ende der Lindenallee eine abenteuerliche Figur in schwarzem, -faltig zerknittertem Hemde von Kaliko und brennendroten Strümpfen mit -gerollten Wülsten unterhalb der Knie, und das wild aussehende, rote und -schwarzbärtige Gesicht war das von Klemens, der, ohne sie und Jason zu -sehn, stehen bleibend nach Irene hinüber starrte, deren Gesicht eben -deutlich im Blätterwerk auftauchte und still blieb, gegen Klemens -gewandt. Klemens schwang jetzt ruckweise einen und den andern Arm, stieg -mit weiten Tritten über die Beete, hielt mitten und schrie außer sich -Irene an: - -»Was wollen Sie denn schon wieder? Wollen Sie mich bis ans Ende der Welt -verfolgen? Sie -- oh Sie, ich leugne diesen Vorfall, ich leugne ihn, ist -Ihnen das noch immer nicht klar geworden? Soll ichs Ihnen beibringen?« - -Mit zwei Sprüngen war er am Zaun, Irene streckte die Arme aus, über den -Zaun zwischen ihnen faßten sie sich und fingen an sich zu küssen, so daß -Renate vor besinnungslosem Staunen die Augen nicht abwenden konnte, und -erst als sie gar nicht aufhören wollten, drehte sie sich, die Unterlippe -zwischen den Zähnen, weg, sah den unverwandt und sehr teilnehmend das -Schauspiel betrachtenden Jason neben sich, wollte etwas äußern, fühlte -aber seine Hand am Arm, und er sagte, ohne den Kopf zu heben, leise: -»Scht! man spricht nicht in der Tragödie.« - -War das Ernst oder -- --? -- Sie wagte es, wieder zum Zaun zu blicken, -da stand Klemens allein und keuchte, in den Büschen rauschte es noch. Er -wurde jetzt der Beiden ansichtig, schüttelte den roten und schwarzen -Kopf mit blinden Augen wie ein Stier, versuchte zu lachen, starrte an -die Erde und kam langsam zwischen den Beeten heran. Vor ihnen blieb er -stehn, stützte sich wie vorm Umfallen an einen Stamm und sagte: »O -Gott!« und noch einmal: »O Gott!« so zerbrochen, daß Renates Herz -klopfte. Dann sah er verloren auf, betrachtete seinen Ärmel, faßte den -Saum mit den Fingern und wischte sich mit dem schwarzen Zeug überm -Handrücken die Schweißtropfen von der Stirn. - -»Nein,« sagte er endlich, »geleugnet kann es wohl doch nicht werden, und -nun kann ich ja hingehn und meinen Freund umbringen.« - -Er schluchzte haltlos auf, die Tränen liefen ihm hell übers Gesicht. Mit -beiden Händen am Leibe nach Taschen tastend, schien er seinen Anzug zu -bemerken und schnob: »Der verfluchte Mummenschanz! Der verfluchte -Mummenschanz ist an allem schuld!« trocknete sich die Augen mit den -Händen und blickte Renate trostlos an. - -»Es war ja schon das zweite Mal,« sagte er leise; »wenn wir uns sehn, -geraten wir aneinander, so oder so. Ja, wie bin ich denn hier -hereingekommen?« fragte er, stecken bleibend. - -»Ich vermute,« sagte Jason ruhig, »Sie wollten eigentlich ins -Herzbruchsche Haus, und da Sie an diesem vorüberkamen, sind Sie in Ihrer -Verwirrung hineingegangen, weil Sie's kannten.« - -»Das wird es gewesen sein«, versetzte er stumpf. - -Am Ende der Lindenallee tauchte Irene auf; im schwarzen, wehenden Kleid, -kam sie leicht und schwebend daher. - -»Hören Sie nur,« sagte Klemens, der sie nicht sah, »ich habe sie immer -geliebt. Aber das ging mich allein an, und sie haßte mich ja, ich sie -auch wegen ihrer lächerlichen Lebensführung.« - -Irene, nicht mehr weit von ihnen, blieb stehn, faltete die Hände unter -der linken Brust, sah zugleich schmerzlich und beseelt und fast -glücklich aus. - -»Da hatten wir heut morgen wieder einen Zweikampf, oder mittags -meinetwegen. Ich war den ganzen Vormittag draußen gewesen, um zum -Großherzog zu gelangen, konnte nicht zu ihm und kam todmüde zu -Herzbruchs. Da fingen wir wieder an, uns wegen dieses verfluchten Zeuges -zu zanken, -- es durfte ja keiner ohne Kostüm draußen herumlaufen, da -bekam ich dies geliehn, und sie verhöhnte mich wegen meiner Teilnahme an -dynastischen Festen, und da --« Indem drehte er sich seitwärts und sah -Irene dastehn. - -»Ich war bei meinen Eltern,« sagte Irene leise, »aber es ist niemand im -Haus. Da kommst du wieder, und es ist wohl recht, und -- da bin ich.« - -»Zu mir?« fragte Klemens entsetzt. »Da sei Gott vor! Und dein Mann?« - -»Ich -- du -- zu meinem Mann schickst du mich?« fragte sie leiser. »Und -ich war doch schon da ...« - -»Schon ...? Bist du ...? Was hast du denn da gemacht?« stöhnte er. - -»Ich habe ihm gesagt, daß ich nun nicht mehr bei ihm bleiben könnte. Es -war schrecklich ...« - -Renate suchte ängstlich nach einem Ausweg für sich, aber Irene kam nun -zu ihr, faßte ihre Hand, und Renate fühlte, daß sie innerlich zitterte. - -»Was sagte er?« fragte Klemens. - -Irene, heftig Atem schöpfend, brachte heraus: »Nichts. Gar nichts. Er -saß da und -- sah mich an. Da bin ich wieder gegangen.« - -Klemens hob die geballten Hände und schüttelte sie und schluchzte: »Du! -schämst du dich denn nicht?« - -»Eins, zwei, drei, marsch,« sagte Renate kräftig, »entweder Sie -beherrschen sich jetzt, Herr Doktor, oder Sie gehn Ihres Weges, Punkt.« - -»Klemens! Klemens!« flüsterte Irene angstvoll, aber er bearbeitete seine -Stirn mit den Fäusten und weinte in sich hinein. - -»Es fällt ihm ja so schwer, sich zu beherrschen,« flüsterte Irene an -Renates Ohr, »wir müssen Geduld haben.« - -Überdem wurde er still, ließ die Hände fallen, blickte Irene verstört an -und sagte: »Meinst du denn, ich wollte meinem Freunde seine Frau -wegnehmen? Meinem Freunde, von dem ich alles habe, was ich bin? Das -einzige, was er hat?« Er kam auf Irene zu, sie streckte die Hände aus, -er packte ihre Handgelenke, schüttelte sie rasend, drehte um und stürzte -den Weg hinunter wie ein Trunkener. Irene hob, ihm nachsehend, ihre -Handgelenke, wischte um die roten Eindrücke und sagte leise: »Du tust -mir unrecht, Ot--, Kle--« Sie schrak zusammen und flüchtete sich zu -Renate. - -»Ich habe noch niemals«, sagte Jason ganz ergriffen, »an einem sonst -vernünftigen Menschen ein so schreckliches Verhalten bemerkt. Und nun -kehrt er wieder um.« - -Klemens kam wieder zurück, ruhiger, wie es schien, blieb ein paar -Schritte entfernt stehn und sagte: - -»Noch ein Wort, Irene. Du befindest dich in einem Irrtum, denn: ich -glaube dir nicht. Ich weiß von Otto, daß du seine Frau gar nicht gewesen -bist, daß du ihn betrogen hast; endlich bist du zu ihm gegangen, und das -war aus Angst vor mir, zu dem du nun von ihm wegläufst. Das genügt mir. -Wenn du doch Kinder hättest! Dann könnt' ich denken, du hast wenigstens -deine Pflicht getan. Aber so -- bloß mit einem Manne gelebt und gelacht -und geschlafen, und jetzt das selbe mit mir --, und dann wirst du eines -Tages kommen und sagen, du hättest dich wieder geirrt -- so wie damals -mit deiner Gottesmutter.« - -»Warum so hart?« sagte Renate, da sie Irene heftiger zittern fühlte, -doch ließ die jetzt ihre Hand los und fragte: »Geirrt? wie meinst du -das?« - -»Ich meine,« versetzte er und jetzt nicht ohne Haltung und Würde, »daß -du damals ebensogut wie zu Otto zu mir hättest kommen können. Mich -kanntest du freilich nicht und hättest mich schwerlich da gesucht, wo -ich lag. Aber krank war ich auch, Pflege braucht ich auch, um genau -dieselbe Zeit.« - -Irene flog auf ihn zu, lachte, faßte seine Schultern, rief ganz erlöst: -»Klemens! Aber dann wissen wir's ja! Dann bin ich falsch gegangen! Dann -war's meine Schuld! Dann ist ja alles gut!« - -Ohne sich zu bewegen, sah er sie an und versetzte: »Das meinst _du_! -_Ich_ finde aber, diese Erkenntnis kommt dir etwas spät. Wievielmal, -sage, willst du denn noch fehlgehn? Sicherheit will ich. Deine Ehe und -meine Freundschaft -- all das soll hin sein? Sicherheit! Glaubst du, daß -ich so eines Aberglaubens wegen der Dritte sein will?« - -»Der Dritte?« fragte sie zurückweichend. - -Klemens warf einen Blick auf Renate und sagte: »Hattest du nicht einen -himmlischen Bräutigam zuerst? Da gab dir der Himmel ein Zeichen, und du -nahmst einen Andern. Nun erzählst du mir, das Zeichen war falsch, und -kommst zum Dritten. Das soll ich glauben? Waren denn Otto und ich die -einzigen Kranken in der Stadt? Wirst du nicht morgen kommen und sagen: -Das Zeichen war falsch, es hieß überhaupt, daß ich Krankenschwester -werden sollte? Darum sage ich --« Er brach ab, sein Gesicht wurde weich, -er sagte erschüttert: »Gott verzeih mir, Irene, ich bin zu hart zu dir -gewesen. Das war wohl Unsinn, was ich geredet habe, aber auf all das -kommt es ja gar nicht an, und auf unsre Liebe kommt es nicht an, sondern -nur auf die Treue. Ich halte sie, ich halte sie, und wenn ich in Stücke -gehe. Vergieb mir, vergiß mich! Aus uns wird nie was. Leb wohl!« Er -drehte sich schnell um und ging den Weg hinunter und verschwand. Irene -stand hülflos. - -»Vielleicht«, hörte Renate Jason neben sich sagen, »wunderst du dich -nun, indem du meiner Reden gedenkst. Welch wunderbare Erläuterung! Wie -hinfällig sieht doch die ganze schöne Liebe aus, vom Gesichtspunkt der -Treue aus betrachtet.« - -Sie machte vergebliche Anstrengungen, das Ganze zu begreifen, entschied -sich vorläufig zum Mitleid mit Irene, zog sie an sich und fragte: »Was -soll nun werden?« - -»Ich kann nicht weiter«, erwiderte sie erschöpft, widerstand aber -Renates Bemühung, ihren Kopf an die Brust zu ziehn, stumpf zu Boden -blickend. - -»Ja, nun -- immer gleich helfen lassen«, sagte Jason. Irene blickte ihn -fragend an. »O nein, nein, Kind,« fuhr er gelassen fort, »möchtest du -vielleicht Redensarten von mir hören? Nun sag uns nur einmal: warum -willst du nun durchaus von deinem Mann fort?« - -»Ach, Jason, du bist furchtbar,« seufzte Irene, »glaubst du denn auch -nicht, daß ich Klemens liebe?« - -»Aber wie denn? Hab ich das gesagt? Er hat es doch selber anerkannt, daß -du ihn liebst. -- Ach so, nun willst du ihn auch heiraten. Ja, weißt du, -das ist doch aber eigentlich etwas viel verlangt.« - -Irene richtete sich auf. »Ich will ihn nicht heiraten. Ich weiß nur, daß -ich bei Otto nicht bleiben darf. Herrgott, wie mir das jetzt -unaufhörlich in Augen und Ohren brennt! Da kam Klemens zur Tür herein, -damals, und dann hat er schon gebrüllt, und ich lauter, und dann wurde -ich wie Holz, und dann war alles Haß. Jason, kann denn ein Mensch so -schauerlich verblendet sein? Wie soll ich das jemals wieder gutmachen? -Er spricht von seiner Freundschaft, ich hab sie nicht verstanden. Von -meiner Ehe, -- ich hab sie nicht verstanden, ich verstehe mich selber -nicht, wie soll ich da wissen, was zu tun ist? Und nun --« schloß sie, -sich zusammenraffend, »nun will ich zu meinen Eltern.« - -Sie nickte Renate und Jason zu und schritt ganz leicht und schwebend in -ihrem schwarzen Kleid zwischen den Beeten hindurch zum Zaun, öffnete die -Tür und verschwand. - -»Ist es zu begreifen, Jason?« fragte Renate vor sich hin. »Sie lieben -sich und bekämpfen sich doch.« - -»Sie bekämpfen einander nicht,« sagte Jason verloren nach oben blickend, -»sie bekämpfen nur immer sich selbst -- durch den Andern. Sie stehen in -Rauch und Flammen und suchen einen Brandstifter. Sie wollen jeder das -Seine und lassen sich immer hindern. Wäre ich nicht so leicht,« schloß -er leise, den Kopf senkend, »wie, meint ihr, müßte alle Last meines -Wissens mich zu Boden drücken. Oder nein,« verbesserte er sich trübe, -»ich bin der Schwere, denn die Wahrheit ist immer leicht -- für den, der -sie nicht braucht.« - -Renate hörte ihn wehmütig an, sah auf einmal ihre Hände, in die sie -verloren hineinblickte, fand sie unsauber und erinnerte sich, daß sie -sich im Ankleidezelt der Burg zuletzt gewaschen hatte. Gleich ergriff -sie der Wunsch, zu baden, mit unerklärlicher Heftigkeit, sie setzte sich -in Bewegung, Jason ging schweigend mit, so kamen sie ins Haus, wo ihnen -Magda begegnete, Renates lavendelblaues Kleid über dem Arm. - -»Könntest du mir wohl helfen?« bat sie verlegen lächelnd. »Ich habe mir -doch dein Kleid für heut abend zurechtgemacht, aber hier am Ausschnitt -will es nicht sitzen ...« - -Renate, bereitwillig lächelnd, setzte sich in einen Sessel der Halle, -nahm das Kleid auseinander, hob aber den Kopf und sagte: »Bitte, Kind, -erlaube, daß ich mich eben etwas wasche, ich komme dann gleich und -helfe. Wie spät ist es eigentlich?« - -»Es wird sechs Uhr sein,« meinte Magda; »willst du nicht bleiben, -Jason?« fragte sie ihn, der an der Tür stand. - -»Richtig, wohl,« versetzte er mit nachdenklich auf Renate gerichteten -Augen, »ich kann auch bleiben.« - -Renate wollte sich erheben, indem kam er zu ihr, sah immer -nachdenklicher auf sie herunter, beugte sich dann und küßte sie auf die -Stirn. Sie litt es lächelnd und erfreut, sah ihm nach, wie er zur -Verandatür ging und dort stehen blieb, stand auf, nickte Magda zu und -ging hinaus. - - - Siebentes Kapitel - - - Garten - -Georg, in einer dumpfen, ihn selber dunkel befremdenden Verfassung, -betrat sein Zimmer und stand minutenlang zwischen dem Schreibtisch und -den Fenstern im leeren Raum, der Tür zum Speisezimmer zugewendet, leise -erstaunend über die große Pracht der Nachmittagsonne, die nebenan hinter -den geschlossenen Vorhängen den Flügel, die Wände, Vitrine und die -gläserne Apsis sehr geheimnisvoll und edel erscheinen ließ. Die Sonne, -dachte Georg, ist dieselbe wie am Vormittag, nur aus einer andern -Richtung, aber mein Herz drehte sich ganz herum nach unten. »Nun, Egon, -bist du wieder da? Wie war es denn?« - -Warum spreche ich so leise? Wunderte sich Georg. -- Egon versicherte, es -sei fabelhaft gewesen. Im Garten, sagte er, warte ein Herr, Herr Dr. -Klemens ... Georg nickte, bat Egon, sich in einer halben Stunde -bereitzuhalten, und konnte wieder nicht laut sprechen. Ich konnte es -doch eben, dachte er, setzte sich vor den Schreibtisch und stützte den -Kopf in die Hand; -- aber ich glaube, es kostete mich eine furchtbare -Anstrengung ... Er hörte sich wieder die Rede halten im Ständehaus: »... -keine Versprechungen, meine Herren, es schiene mir lächerlich, das -Vertrauen, mit dem Sie nach mir blicken mögen ... Nur die sichtbare -Gestalt des Mannes, den ich mit tiefster Scheu und Ehrfurcht Vater -nenne, dessen jahrelanges Wirken, unermüdlich zum Wohle ... Nur er, -dessen kräftiger Unterstützung ich tief bedarf und in dieser ernstesten -aller Stunden erbitte ...« Ach, dachte Georg, das war schön, das war -schön! Wie es mir die ganze gelernte Rede mitten zerriß, weil er groß -und mächtig dastand in dem roten Waffenrock und mir das Herz zum -Springen füllte mit heiliger Sehnsucht und Liebe ... Nein, mein Gott, -wenn ich der wirklich wäre, der ich sein soll, ich glaube nicht, daß ich -nur halb das empfinden könnte, was ich nun empfand. - -Vor ihm erschienen die bärtigen Altmännergesichter, Kneifer, Kahlköpfe, -vielen Fräcke im großen Ständehaussaal, alle Arme gingen hoch, er hörte -seinen Namen gerufen ... Er schauderte nach. Seine Blicke, an ihm -heruntergleitend, ließen ihn die hellblaue Uniform gewahren, in der er -steckte, er lächelte und dachte: Nein, diese im Viereck aufmarschierten -Dragoner und Füsiliere, die waren doch nur sonderbar, ebenso wie die -krähende und überlaute Stimme, welche die Eidesformel verlas. Tüchtig -war's wohl, die Hurras knallten wie mit dem Hammer festgenagelt, man -müßte sie noch sehen können an der Wand. -- Ja, nun werde ich wohl erst -eine Weile Soldat werden müssen, vielleicht ist es das beste. Vater kann -ich nicht verlieren, kann's nicht, kann's nicht. Aber gut, daß es schwer -ist. Wenn es leicht wäre, was wäre es dann? Er sprang auf, riß Haken und -Knöpfe der warmen, engen Uniform auf, ging zum Bücherbord, hob einen -kleinen Band aus der Tiefe, las mit verschleierten Augen die goldenen -Buchstaben B. Cellini, küßte sie hastig, stellte den Band fort, richtete -sich grade auf und ging in den Garten. - -Auf der Bank am Wasser saß ein Mensch, den Kopf in Händen, rote Strümpfe -an den Beinen. Als Georg ihm näher kam, sah er empor, erhob sich, hatte -ein schwarzes Kalikohemde an und war Klemens; sein Gesicht war so bleich -mit roten Flecken, und die Augen flackerten, daß Georg, ihm die Hand -reichend, fragte, bemüht, laut zu sprechen: »Ist Ihnen etwas, Klemens?« - -Klemens wehrte hastig ab und sagte heiser und sich räuspernd: »Danke, -nein, danke! -- ja! mir ist nicht grade wohl, aber -- es kommt jetzt -nicht darauf an.« - -»Setzen Sie sich doch,« bat Georg, »oder wollen Sie einen Schluck Wein?« -Allein Klemens schüttelte den Kopf, er tränke keinen Alkohol. - -Wer ihm denn dies Zeug gegeben habe, erkundigte sich Georg, um die -Stimmung ein wenig zu heben. Es sei das Letzte gewesen, was er habe -kriegen können, meinte Klemens, er habe Georg ja am Vormittag draußen -gesucht, sei aber nicht zu ihm gelassen worden, und als ein Bekannter -ihm Zutritt zur Burg verschafft habe, sei Georg nirgend zu finden -gewesen. - -»Da saß ich am Waldrand und schlief,« meinte Georg gelassen, »und nun, -was habe ich verschlafen?« - -»Das«, bemerkte Klemens mit einem hastig prüfenden Blick, »kommt auf Sie -an. Das heißt,« setzte er hinzu, »das soll heißen, daß es dabei -keinesfalls auf mich ankommt.« - -Georg, da er nicht begriff, schwieg. Klemens blickte eine Weile -geradeaus, wandte sich mit einem Ruck zu Georg und sagte: »Da wir -bisher, ich darf wohl sagen, gute Freunde waren, eine grade Frage, -- um -das Ganze zu vereinfachen: Glauben Sie, der zu sein, für den Sie -gelten?« - -»Nein«, sagte Georg ruhig. - -»Schön, eine grade Antwort,« fuhr Klemens fort; »also, wenn ich Ihnen -dies heut morgen als Neuigkeit mitgeteilt hätte, so würde es Sie in -Ihrem Wege nicht abgelenkt haben?« - -»Heute vormittag? Nein.« Wie ruhig ich bin, dachte Georg; ja, all dies -hat nun längst seine Erledigung gefunden. - -Klemens, der wieder nachgedacht zu haben schien, sagte: »Wenn ich -versuche, mich an Ihre Stelle zu setzen, so kann ich allerdings nicht -sagen, daß ich wie Sie gehandelt hätte. Sie aber sind anders -aufgewachsen, das heißt --« - -Georg erriet seine Frage und antwortete: »Mein Vater und ich wissen es -selbst erst seit zwei Jahren und einem halben. Meine Mutter erfuhr es -nie. Sie sind in schönen gemeinsamen Stunden mein Freund geworden, wenn -ich das sagen darf --« Klemens nickte freundlich, »ich brauche vor Ihnen -nichts zu verbergen. Daß ich gekämpft haben muß, wird Ihnen klar sein. -Aber Sie haben recht, wenn Sie sagen, ich sei anders aufgewachsen. Daran -lag es. Über alldas sprechen wir vielleicht später einmal, wenn Sie -- -weiter mein Freund bleiben werden ...« - -Er hielt ihm die Hand hin, Klemens ergriff sie fest und, wie es schien, -mit großer Rührung; er behielt sie noch, drehte sie hin und her, lachte -kurz und sagte: »Sie bemerken eigentlich nichts an dieser meiner Hand?« - -Georg sah sie an, Klemens machte die Finger grade, es war eine schöne, -kräftige, nicht eben kleine Arbeitshand von ungemeiner Lebendigkeit. - -»Was soll ich bemerken?« fragte Georg. - -»Daß es nicht die Hand eines Freundes, sondern eines Bruders ist. Wir -hatten dieselbe Mutter.« - -Georg zuckte leise zusammen, sah in das dunkle, bärtige Gesicht mit der -fleischigen, groben Nase, dem schönen Kinn und Mund im Bart und mußte -langsam lächeln, dann erröten. -- Ich erröte ja wieder, durchzuckte es -ihn, -- wie lange nicht! Seit meiner Kindheit. - -»Ja, dann sollten wir wohl du zueinander sagen, wenn du mir nichts -vormachst«, sagte er leise. - -»Die geistige Brüderschaft«, meinte Klemens lachend, »wird wohl doch die -größere sein.« - -Sie ließen sich los, saßen sekundenlang Beide in der selben -Verlegenheit, bis Georg glaubte, seiner Würde die leichtere Haltung -schuldig zu sein, und sagte: »Also sprich, was du zu sagen hast, ich -habe kaum eine Viertelstunde mehr bis zum Umziehn, aber du kannst ja -dabei zusehn und weiterreden.« - -»Es wird am besten sein,« meinte Klemens, »du selber sagst mir, was du -weißt.« - -»Ja, ich weiß fast nichts«, sagte Georg. »Und all das zu erklären, _was_ -ich weiß, würde lange dauern. Du kannst es später alles geschrieben -lesen. Jedenfalls: wer meine Eltern waren, weiß ich nicht, ich wurde -hier in der Nähe von Altenrepen geboren, nur der ehemalige Verwalter -meines Vaters, Chalybäus, wußte davon. Meine Mutter soll gestorben sein; -im selben Hause lag die Frau meines Vaters, sie brachte ein -schwächliches Kind zur Welt, und ich wurde --« - -»Das Kind war meine Schwester Virgo«, sagte Klemens. - -»Mein Gott, ist das wahr? Das ist ja wunderbar! Das war --?« - -»Virgo,« wiederholte Klemens trübe; »dafür, daß ich einen Bruder bekam, -habe ich nun eine Schwester verloren.« - -»Unsinn!« tröstete ihn Georg, »was könnten Sie denn da verloren haben?« -Klemens lächelte wieder. »Höre, --« sagte Georg, »dann ist dir -vielleicht auch eine sonderbare Frauensperson bekannt, die bei meiner -Geburt eine Rolle gespielt hat; Nassja hieß sie und hatte ein T-förmiges -Kreuz --« - -Klemens nickte, während er sein Kleid unter der linken Achsel aufknöpfte -und aus einer Westentasche ein zusammengeknifftes, altes und schmutziges -Papier und ein Notizbuch hervorzog. - -»Anastasia Petrowna Schischin, schreib Zizin,« sagte er, »sie brachte -seinerzeit Virgo ins Waisenhaus, besuchte sie auch; ich kannte sie und -wurde nicht selten von ihr besucht und unterstützt, als ich aus dem -Waisenhaus gelaufen war. Sie wurde über vierundachtzig Jahre alt, vor -anderthalb Jahren etwa ist sie gestorben. Letzthin besuchte ich sie -seltener, sie wohnte an der russisch-polnischen Grenze und schmuggelte -Leute drüberweg. Sie war der wortkargste Mensch, den ich je gesehn habe, -aber sie machte sonderbare Andeutungen, die ich nicht verstand und daher -vergessen habe. Es muß aber etwas von einem vornehmen Verwandten gewesen -sein, das warst du also. Wie es scheint, hat also sie diesen Brief hier -geschrieben.« Er zog einen alten, abgerissenen Briefbogen aus dem -Umschlag. »Dieser Brief ist von meiner Mutter. Er befand sich in einem -Bündel Kinderkleidchen Virgos, hier diese russischen Buchstaben auf dem -Umschlag bedeuten: für meine Tochter, wenn sie erwachsen ist. Scheinbar -hat die alte Rüdiger, Virgos Ziehmutter, diese Anweisung geachtet, denn -der Brief kam geschlossen in Virgos Hände, als sie vor ein paar Wochen, -in Muttergefühlen, das alte Bündel hervorholte. Ja, nun hat sie ja -Zwillinge --« Klemens strahlte. »Ich«, fuhr er, Georgs Ungeduld -bemerkend, fort, »nahm den Brief an mich, weil ich Russen kenne, traf -aber keinen von ihnen, vergaß den Brief auch, bis ich zufällig gestern -den Almanach sah und ihn fragte, ob er russisch verstünde. Er hat mir -dann den Brief übersetzt; gegen seine Mitwisserschaft wirst du wohl -nichts einzuwenden haben.« - -Georg, den Brief in der Hand, verfolgte die verwischten Bleistiftzeilen, -die russischen Buchstaben, die er nicht verstand, sah am Ende die -Unterschrift, zittrige Linien, wie die ersten Schreibversuche eines -Kindes, und dachte wehmütig, daß dies die Schrift seiner rechten Mutter -sei, solch ein welkes Blatt ... spät ihm zugetrieben. - -»Ist das der Name?« fragte er leise. - -»Ja,« sagte Klemens, »Krotkaja oder Kaja Moscherowska --« Georgs Blick -fiel ab. - -Ganz deutlich standen im dämmrigen Raum der Kerzenflammen die drei -schwarzen Femrichter der letzten Nacht, und eine helle, fremde Stimme -sagte: Kaja Moscherowska ... Georg fiel innerlich zusammen, er hatte -einen widrigen Geschmack im Mund. »Ist dir nicht gut?« hörte er fragen. -Da saß Klemens. Indem kamen Schritte auf dem Kies, Georg wandte sich und -sah Egon dastehn. »Ich komme«, sagte er und stand auf. Er bemerkte den -Brief am Boden, nahm ihn auf, fragte dann schwach: »Also was steht in -diesem Brief?« Klemens sagte: »Es steht drin, daß meine Mutter nicht -eine Tochter zur Welt brachte, sondern einen Knaben, -- der du bist ...« - -Georg versuchte, zu überlegen. Etwas schien ihm an diesen Zusammenhängen -noch zu fehlen, aber sein Denken war jetzt gelähmt, er verschob es auf -später. Allein -- da stand wieder Klemens und beanspruchte noch -Aufklärungen. In einem unerträglichen Ekelgefühl riß er den Brief in -kleine Stücke und ließ sie wegfliegen. - -»Es ist genug«, sagte er leise. »Komm morgen zu mir. Ich sage dir dann -alles, was ich weiß.« - -Da war diese elende Müdigkeit wieder. Eine Mutter hatte er nun, ach, er -kannte sie ja sogar, auf Virgos Schreibtisch stand ihre Photographie, -ja, sie war schön, sah etwas slawisch aus, es war irgendein Rollenbild, -ja, die Gräfin im Figaro, glaubte Virgo, und Georg sah die schönen -schwarzen Zöpfe um jene Züge vom >reinsten Ebenmaß<, wie Chalybäus es -ausgedrückt hatte, schmal, die Mandelform der Augen und Virgos -hochmütige Nase, nein, es war ja nicht Virgos, es war die seiner -- -seiner andern Mutter. Plötzlich glaubte er zu empfinden, wie das Bild -seiner Mutter ihn ansah und zu sich zog ... - -Dann, langsam neben Klemens den Weg hinaufgehend, fühlte er immer -deutlicher und peinlicher neben der Erscheinung seiner Mutter einen -dunklen Hohlraum. Ja, dort fehlte ein Vater, und Georg kam sich -namenloser vor als vorher. - -Im Arbeitszimmer gab er Klemens die Hand. »Du warst die Nacht nicht hier -im Hause?« mußte er plötzlich fragen. - -»Ich? hier im Hause? Was sollte ich --« - -»Entschuldige nur,« lächelte Georg, »mir fiel etwas Dummes ein. Alles -andre später, wenn's dir recht ist, nicht?« Klemens nickte ernst. »Ich -werde meinem Vater sagen, daß er eine Tochter bekommen hat, das wird ihn -freuen.« - -»Obendrein wo sie schon Zwillinge hat,« bemerkte Klemens mit -ermunterndem Lächeln; »also auf Wiedersehn, vielleicht seh ich dich -morgen bei Virgo?« - -Georg nickte, drückte ihm die Hand, sah ihn die Stufen hinaufgehen zur -Tür, öffnen, nickte noch einmal lächelnd und stand stumpf, nachdem die -Tür geschlossen war. Egon war wieder da; er faßte vorn nach seinem -Uniformrock, schlug ihn auseinander, Egon hob schon die Arme, um zu -helfen, aber er riß den Rock plötzlich mit Gewalt wieder auf die Achseln -und ging heftig durch das Zimmer nach nebenan. Er öffnete die Tapetentür -neben der Schenke, drehte die Lichtkurbel, ging den schmalen Gang hinab -und betrat die Sternwarte durch die kleine Tür. Drinnen war der -Sonnenschein, breite, tausendfach flimmernde, goldleuchtende Balken, -schräge von den bleiverglasten Rundbogenfenstern hernieder. Mitten in -einem von ihnen stand funkelnd der Leuchter mit herabgebrannten Stümpfen -von Lichten. Sonst war nichts. Georg lief dumpf und zornig die eiserne -Wendeltreppe hinauf, Becher und Kanne standen auf dem Steintisch, sonst -war nichts. Langsam stieg er wieder hinunter. - -Den Gang schwerfüßig zurückgehend, sah er an der zugefallenen Tür zu -seinem Eßzimmer etwas glänzend Blaues, Schillerndes. Beim Näherkommen -ward es ein schöner, sehr großer Schmetterling von stark leuchtendem -metallischen Blau, der dort steckte, und die Nadel hielt zugleich eine -weiße Seidenschleife mit drei langen Bändern. Georg sah Schriftzüge auf -dem einen, hob es an und las: Saint-Georges, in großzügigen, steifen, -ein wenig ausgeflossenen Lettern. Er hob das zweite Schleifenende, und -es stand in ganz steilen Buchstaben, deren große wie Maste und Fahnen -waren, darauf: Josef Montfort. Auf dem dritten Bandende las er Jason al -Manach, in kleiner, sehr zierlicher und ganz runder Schrift, die aus -lauter Kreisen zu bestehen schien. -- - -Georg nahm das schöne, tote Tier vorsichtig ab und trug es hinaus. Sich -im Schlafzimmer findend, wußte er nicht wohin damit; er ging durchs -Badezimmer, die Tür zu dem besonderen Gemach war angelehnt, Georg trat -vor das Himmelbett, schlug das leichte gelbliche Gewölk auseinander und -heftete den blauen Falter auf das reine, weiße Kopfkissen. - -Soll ich nun lachen, oder soll ich weinen? fragte er sich, das -sonderbare Andenken der Nacht betrachtend. - - - Haus - -Renate hatte alle Fenster im Erdgeschoß geöffnet, aber es blieb schwül -in den langsam dunkelnden Zimmern. Sie ging durch die Räume hin und her, -im Garten stand noch die Helle, kein Blatt bewegte sich, die Luft war -lau und feucht. Sie stand lange an der Verandatür, auf die Sonnenuhr -hinabschauend, und dachte: man müßte sie eigentlich verhängen bei Nacht -wie einen Vogel, der nur am Tage singt. -- Sonderbar verlassen und -entseelt schien ihr der Zeiger in seiner Einsamkeit ohne Schatten, steif -und schräge dastehend, wie er mußte. Sie fragte sich verworren: sind -auch nicht vielleicht wir ganz Andre in den Stunden, wo das Licht uns -nicht trifft und der Schatten uns verließ? -- Alles gute Getier aber -hüllt sich in Schlaf bei der Nacht; die es nicht tun, sind böse oder -betört wie Nachtigall und -- Katze und -- -- Dunkelfalter, fand sie -noch, sich umwendend. Und das, dachte sie matt, ist auch wieder so eine -Jasonische Erkenntnis, die man in der Hand hält und nichts damit -anzufangen weiß ... - -Sie ging durch die nie gebrauchten, fremden Zimmer der toten -Hausherrinnen zur Straßenseite hinüber. Die Laterne brannte schon -drüben, bleichgelb im Hochsommerzwielicht. -- Da bin ich auf einmal ganz -allein im Hause, dachte sie verwundert, das war ja noch nie seit bald -zwei Jahren! -- Aber Erasmus ... Sie schüttelte ärgerlich den Kopf. Wenn -ich nur bestimmt wüßte, daß er nicht im Hause ist! Und wie komm ich doch -nur auf den Gedanken? -- Da merkte sie, daß sie nur nach oben lauschte, -daß sie schon oft gelauscht hatte. Sie wollte entschlossen zum Flur und -fragen --, nein, die Dienstboten waren ja alle zur Illumination -fortgeschickt. Hinaufgehn? -- Aber das wagte sie nicht, aus Angst, ihn -wirklich oben zu finden. Erasmus läßt sich entschuldigen, sagte der -Onkel beim Abendessen, sie hörte es deutlich wieder, und sie wußte -nicht, war er im Hause oder in der Fabrik, fragte nicht und hörte Josefs -Vater begütigend zu ihm sagen: Wir wissen ja, daß er zu allem längere -Zeit braucht als wir Andern ... Ja, guter Gott, wie schnell hatte der -Onkel sich in alles gefunden! wie leicht war es, seine Gedächtnislücken -durch ihn selber füllen zu lassen, und Josefs zerstörtes Gesicht schien -er so wenig zu sehn, daß auch Renate sich bald daran gewöhnte. -- Wie -munter sie gewesen waren! -- Renate hörte sich von >Heliodora, lächle -mal<, von ihrer Elefantenfahrt erzählen, und Magda wurde geneckt, daß -sie mit Großherzögen zu Balle wollte ... Und auf einmal waren sie samt -und sonders auf und davon. Der gute Onkel! Die Freude ließ ihn nicht im -Haus, vielleicht wollte er den Heimgekehrten zeigen, -- und wie mühelos -gelang es ihr und Josef, ihn zum Anschaun der Illumination und des -Maskenfestes im französischen Park zu verlocken ... Und ich war so -tödlich müde, -- das Bad muß schuld daran gewesen sein, denn nun bin ich -wacher als je ... - -Sie wanderte wieder durch die Zimmer zur Halle zurück, erschrak ein -wenig vor ihrer eigenen, weißen Erscheinung im schon dunklen Hohl des -Spiegels, trat nahe daran, um Mut zu zeigen, und sah ihre Augen fast -schwarz und entfernt hinter den dämmrigen, entfremdeten Zügen. -- Wäre -Jason geblieben, oh, stundenlang sollte er reden! aber nun hatte er sich -mit den Andern irgendwie verloren. -- Renate fiel ein, daß er sie geküßt -hatte, und ihr wurde sonderbar ums Herz. Es freute dich doch, sagte sie -zu sich selbst, nun suchst du wieder Bedeutungen! -- Da sah sie Jason in -der Kapelle Ulrikas Klavier schließen. -- Ulrika, wo bist du, was ist -mit dir? -- Überall gehen Dinge vor, die ich nicht weiß! Es ist ja fast -wie damals, als Doras Mann am Zaun stand und ich nichts wußte, und dann -kam das Entsetzliche. -- Nun erwartete sie wieder ein Kind, -- Renate -grübelte, aber was Dora empfinden mochte, fand sie nicht, nur verworrene -Trauer. -- Was war nur mit Ulrika? -- Ach, nun hat sie wieder kein -Telephon! War etwas mit ihrem Mann? -- Sie sah Ulrikas heilig bleiches, -innen glühendes Gesicht und hörte ihre seltsam sausende, beseligte -Stimme Worte der Liebe singen. Und sie fand ein Stück davon wieder und -summte, Augenblicke lang sich vergessend und heiter: Und uns sind es -Lichter und süßes Gebrause, -- wie schön ist die Welt! - -Der Morgen war doch so schön! -- Das Einhorn! -- Wie sonderbar -erschreckte es mich! -- Armer Georg, wie war er erst glücklich! -- Aber -statt Georgs erschien ihr sein Vater an ihrem Frühstückstisch des -Morgens. Er war so ungeschickt, er hatte fast keine Haltung, und sie -freute sich leise, -- wieviel leichter wäre es gewesen, sie zu haben, -als sie zu verlieren, -- Georg verlor die seine keinen Augenblick. -- -Und Irene und Klemens stürzten aufeinander los wie -- ja wie Achill und -die Amazone, um sich mit Küssen zu töten. Und dies war nun der Sinn vom -Haß ...? Georges -- Renate blieb stehn. - -Georges, wo bist du denn den ganzen Tag? fragte sie fast laut. Böse auf -sich selber, sagte sie sich, daß sie ihn kaum entbehrt hatte, aber so -sonderbar war er doch nie! Jetzt weiß ichs, jubelte sie auf, ich fahre -zu ihm! Ich werde ihn fürchterlich bestrafen. -- Aber sie bewegte sich -nicht. Bin ich angewachsen? fragte sie, sekundenlang gelähmt. Sie hob -den Fuß, ihr Herz pochte, sie ging vorwärts. Es ist besser, ich -telephoniere mit Irene, oder Anna kann hinüber ... ach, es ist ja -niemand da! Ein jählings überquellendes Verlangen, eine Stimme zu hören, -trieb sie zum Telephon, schon die Hand am Hörer besann sie sich -vergeblich, welche Nummer sie jetzt rufen sollte, Georges' oder Irenes, -dann schämte sie sich und bezwang sich. -- Sie stand wieder in der -Veranda, es dämmerte nun, sie lief plötzlich die Stufen hinunter zur -Uhr, erfaßte den Zeiger, bückte sich und legte die Wange auf die -Metallplatte, einen Augenblick erquickt von der Kühle. - -Renate ging wieder ins Haus hinauf, durch die Halle, die Zimmer, und sah -auf die leere Straße. Beleuchtet, durchscheinend hellgrün hingen die -schweren Laubmassen der Ulmen über der Laterne. Jetzt gab es ein -Geräusch in der Ferne, es wurde schnell lauter, ein Automobil, es -rauschte, -- kamen sie schon zurück? unmöglich! -- Begierig neigte sie -sich vor, es war doch wenigstens ein Ereignis, und sie zitterte, es -könnte nicht in die Straße einbiegen. Da toste es nahe, schoß, ein -flacher, offner Wagen, fern links hinter den Vorgärten hervor und bog -ein. Es rauschte näher, breit fächerten die mächtigen Strahlenkegel über -die Straßen in die Gärten zu Fenstern und Hauswänden, im Brennpunkt -glotzten grell die riesigen Augen, geblendet sah sie undeutlich eine -einzelne Gestalt im Rücksitz, da stand es stampfend und klirrend still -neben der Gartentür zu ihrem Hause. Die dunkle Gestalt erhob sich, -Renate sah einen großen Radmantel, auf der Schulter ein weißes, -ausgezacktes Kreuz und erkannte den Kopf des Herzogs. Und augenblicks im -Gefühl, daß sie ihm irgendwann am Tage einmal unrecht getan habe, lehnte -sie sich weit hinaus und rief: »Woldemar!« stieß sich vom Fenster -zurück, lief zur Tür, durch den Flur, riß die Haustür auf und lief die -Stufen hinunter ihm entgegen. - -Bei ihrem Anblick blieb der Herzog stehn; einen Schritt vor ihm hielt -sie inne, die Hand ausstreckend. - -»Da bist du!« sagte sie, leise vor Ergriffenheit, »es ist wunderbar, daß -du kommst! Mir war so seltsam angst.« - -»Angst, Renate, dir?« hörte sie ihn fragen, selig über seine gute, -ruhige Stimme, die ihr über alles wohltuend schien. Sie zog ihn an der -Hand mit sich ins Haus, machte Licht im Flur und staunte, als unter dem -fallenden schwarzen Seidenmantel die rote Johanniteruniform zum -Vorschein kam, die linke Brust obendrein strotzend beladen mit Orden, -und das Ganze überspannt mit farbigen Schärpen. - -»M--m!« machte Renate, »weißt du, -- wir sind ja zwei Schöne! Aber -Herzog, wie groß ist dein Kopf! Das kommt von dem engen Kragen!« - -Der Herzog hob beide Hände hoch, in der einen seinen Stock, in der -andern den losgehakten dünnen Degen. »Laß mich um Gottes willen zu Worte -kommen,« flehte er, »sonst geschieht ein Unglück. Du hast ja keine -Ahnung, keine Ahnung, weshalb ich komme!« - -Renate schluckte gewaltsam die Enttäuschung hinunter. Nicht meinetwegen? -dachte sie, lachte indes fröhlich und fühlte sich ganz kalt. »Aber komm -nur erst ins Zimmer«, sagte sie noch lachend, ging in die Halle voran -und machte Licht. - -»Nun los,« sagte sie, sich zurückwendend, »die Trommel gerührt, das -Pfeifchen gespielt, was giebt es Gutes?« - -Seine Augen funkelten; wie seine Brust von Kreuzen und Sternen, strotzte -sein ganzes, gerötetes Gesicht von Gelächter und Glückseligkeit, und -Renate rief sich innerlich scheltend an: Er ist da, er ist glücklich -über und über, und du bist bloß gekränkt, daß er nicht deinetwegen -kommt, schäme dich! Sie sah ihn zum Sprechen ansetzen, aber seine Augen -schienen ihm die Rede abzuschneiden, er brachte endlich heraus: »Du! Es -ist schwer, dich anzusehn und nicht zu küssen.« - -Sie lächelte ihn kalt an und sagte: »Das weiß ich. Es wäre mir aber -lieb, wenn du dich auch in dieser Beziehung anders bezeigtest als die -Andern. Komm, laß uns sitzen.« - -In einen Sessel gleitend, hörte sie ihn laut lachen, dann saß er ihr -gegenüber, den Stock quer über den Knien, beugte sich vor, bat: »Rate -doch! Tu mir den Gefallen und rat, was ich gekriegt habe!« - -Renate tat ihm den Gefallen und riet: »Einen Orden.« - -Er freute sich wie ein Knabe, lachte schallend, klimperte an seiner -Brust und sagte: »Ein großer Mummenschanz, Renate.« - -Da mußte sie hellauflachen, sie schlug die Hände zusammen und rief: -»Sagte ich es nicht? Wörtlich, genau wörtlich hast du's eben gesagt, wie -ichs heut mittag hörte, als ich mit den Elefanten fuhr! Also keinen -Orden? Ja, dann vielleicht -- einen Großherzog?« - -»Bei Gottes Thron!« rief er, »beinah richtig, einen Sohn habe ich -bekommen, Renate, einen richtigen Sohn, und was mehr? Eine Tochter! -- -Und was mehr? -- Zwei Enkel, männliche Söhne, eben geboren, Zwillinge! -Gott sei Dank, nun weißt du's!« Er setzte sich zurück und rollte -triumphierend den Stock über die Oberschenkel hinunter und hinauf. - -»Nun, das glaube, wer Mut hat«, versetzte Renate, gänzlich -begriffsverwirrt. »Das mußt du mir er--« - -»Erklären?« Er hob Arm und Handfläche und schüttelte sie heftig. -»Nimmermehr! Kein Mensch findet da mehr hindurch. Aber fest steht: Georg -ist mein richtiger, echter, natürlicher Sohn, -- das heißt, verzeih! -wirklich: natürlich, wie man sagt ...« Er schloß ernst und mit leiser -Stimme: »Von einer Frau, die ich sehr liebte, so gut ich das damals -verstand.« - -Renate machte verwunderte Augen, da sie dachte, daß jene Kinder zur -gleichen Zeit geboren wurden, und er hatte ihr doch gesagt, daß er -damals die Herzogin liebte. Er schien dies empfunden zu haben, denn er -sagte hastig: - -»Du mußt es recht verstehn. Ich erzählte dir von der Frau, der Sängerin, -mit der ich meine erste Reise machte. Ich trennte mich von ihr, aber sie -wollte es nicht verschmerzen, sie -- kurz, ich war einen Monat vor -meiner Hochzeit noch einmal bei ihr, Abschied zu nehmen, wie sie sagte; -sie bot alles auf, um mich zu -- halten, zu binden, und -- aus dieser -Stunde wurde mein Sohn.« - -Aus solcher Stunde kommen Kinder, dachte leise schaudernd Renate. Breit, -rot und mächtig sah sie ihn dasitzen, sein Gesicht glänzte metallisch, -er sagte: - -»Eine brennende Stunde. Es ging aufs Blut, es war ein harter Kampf, aber --- wenn Mann und Weib miteinander kämpfen, so giebts nur diesen -Ausgang«, und Renate durchfuhr es: Irene! -- - -»Merkwürdig,« sagte sie leise, »das gleiche, was du mir eben sagst, -erfuhr ich heute an jemand anders ...« - -»Die berühmte Verdoppelung der Fälle, Renate,« hörte sie ihn leise -lachen, dann fuhr er fort: »Georg wurde fast um einen Monat zu früh -geboren; infolge des Erschreckens über meinen Unfall.« Er stand auf und -ging in den Raum hinein. »Ich kann nicht sitzen,« hörte Renate ihn -hinter ihr sagen, »es tut zwar scheußlich weh, aber --« - -Er fing an auf und nieder zu gehn, den Stock vor sich aufstoßend. Wenn -er ihr gegenüber war, sah Renate im Schatten der kleinen Schirmlampe -seinen glühend roten Waffenrock und das Geglitzer von Metall und Steinen -an seiner Brust. Nun redete er unaufhörlich, sie horchte aufmerksam, -ohne doch recht zu hören, als gerate sie langsam weiter von ihm fort. - -»Vor dem Abendessen kommt Georg, -- ich weiß nicht, was der Junge hat, -er sah so -- innerlich geduckt aus, freilich, das Beste weiß er ja noch -gar nicht, -- Herrgott, ich muß aber zu ihm! aber höre noch erst ... ja, -wo blieb ich? So, Georg, er sagt mir also in zwei Augenblicken ganz -eilig, er hätte erfahren, wer mein echtes Kind sei, ich kennte sie -selber, es sei die kleine Virgo Schley, -- erinnerst du dich? ach, du -kennst sie ja selbst, -- ich sagte dir, daß ich sie bei Georg sah und -wie ich sie Helene ähnlich fand, Gottes Thron, ich habe sie sogar -geküßt, ich wußte nicht weshalb, es war mein Blut, ah das Blut, Renate, -es erkennt sich durch Wände, ja, habe ich denn je und je gezweifelt, daß -Georg mein Sohn sei? Nein, nein, nein, das soll mir keiner verreden! Ich -hab es hingenommen, aber geglaubt habe ich es nie! -- Nun das ewig lange -Essen, ich verkohle vor Ungeduld nach meinem Kind, ich halte es nicht -aus, ich breche auf. Kenne ja Schley, -- du weißt: der neue -Amtshauptmann, er wohnt noch hier, weil seine Frau guter Hoffnung --, -ja, also denke dir, ich stürme ahnungslos ins Haus, sie wohnen hier -draußen bei ihrer Fabrik in Wülfel, -- da höre ich gleich: Zwillinge! -Zwillinge männlichen Geschlechts, zwei Männer hat dies kleine blasse -Wesen hervorgebracht, ja, ist es denn zu sagen? Liegt im Bett und ist -ganz vergnügt, die Jungens schreien, ich kläre Schley auf, er weiß schon -alles, nein, die Hälfte, das Ganze kam zutage durch einen alten Brief, -der -- ja, verzeih bloß, ich kann das nicht alles aufsagen -- jedenfalls --- Virgo ist Helenes Kind, sie lag da, ein Jugendbild von Helene, und -wir saßen alle zusammen und weinten. Ich hatte ja Wein getrunken und --« - -»Woldemar,« sagte Renate erregt und stand auf, »muß denn nun immer Wein -oder so was untergeschoben werden? Könnt ihr denn niemals aus euch -selber weinen und euch vergessen, wenn das Herz überläuft?« - -»Ihr, Renate,« sagte er langsam, »wer ist: ihr?« - -Sie blieb stehn, nahm ihre Jadekette gespannt zwischen die Zähne und sah -ihn lauernd an. - -»Verzeih, ist dir nicht gut?« fragte er, auf sie zukommend. - -Sie wich hinter ihren Sessel zurück, die Kette fallen lassend, daß sie -klirrte, schüttelte den Kopf und rief: - -»Nein, nein, verzeih nur! Weißt du, es ist so viel heut, mir ist ganz -wirr im Kopf, -- du weißt ja all das nicht! Das Festspiel am Morgen und -der Zug, das konnte allein genügen für den Tag, und was gab es noch -alles! Josef, weißt du, er ist wieder im Haus, mein Onkel ist wieder wie -zuvor und glückselig, nun sind sie Alle zur Illumination.« Sie lachte. -»Ach, und das ist längst nicht alles,« sagte sie, wieder trübe, »komm, -sei nicht böse --« - -Zu ihm gehend, legte sie die Hand auf seine Brust, glitt, den Daumen -nach oben, unter den orangefarbenen und blauen Schärpen mit der -Handfläche glättend nach unten, küßte ihn leicht mit den Augen, lachte -wieder und meinte: »Ich bin freilich kein Klärchen, schöner, guter -Egmont, obgleich du so wahrhaft spanisch funkelst über und über«, worauf -sie zurückwich, in den Sessel glitt und ihn mit den Augen zu sitzen bat. -Er gehorchte lächelnd und eifrig, indem er sagte: »Noch zwei Sekunden.« - -»Und nun, wie ging es weiter?« fragte Renate. Er besann sich. - -»Du weintest«, sagte Renate ernst und weich. »Einmal weintest du, als -ich deine Hand hielt, und du warst mir nicht fremd. Weißt du das noch?« - -Gehalten und weich wie sie, stimmte er zu: »Ich weinte, weil jemand -starb, nun weinte ich, weil geboren wurde. Damals aber«, fuhr er -heiterer fort, »dachte ich nicht an dich, obgleich du vor mir standest, -aber heute dachte ich an dich. -- Aber weiter! Es war sehr einfach. Es -fand sich ein Bild von Virgos vermeintlicher Mutter, und ich erkannte es -wieder. Lieber Gott, Renate, sage, ist es nicht wundervoll? Blut -- geht --- zu Blut, kein Magnet hat solche Kraft, die Berge, die eisernen, -brechen nicht auf und wandern, aber das Blut hebt die Füße, bricht auf -und macht seinen Weg. Von Helene bekam ich keinen Sohn, aber dies Land -wollte seinen Fürsten und bekam ihn, -- ja, so lacht man über -Weissagungen und alte Sprüche, aber innerst im Herzen lebt man schlecht -und recht nur nach ihnen. Wie ich eben im Automobil zu Schley fuhr, -hatte ich unablässig mit wundervollem Gefühl -- wie eine große, -metallene Spannung -- die Vorstellung von zwei Wagen, die vor zwanzig -Jahren wie von einem großen Magneten an ein und denselben Ort und -zusammengezogen wurden, und in denen die Mütter meiner Kinder saßen. -Alle hundert Jahre einmal vielleicht geschehen solche Dinge, und wir -sind es, die sie -- nein, aber nun muß ich fort, verzeih, verzeih, hätte -ich nur eine Ahnung, wo ich Georg finde, in dem Maskentrubel -- wo ist -mein Degen? ach, draußen ...« - -Sie waren Beide aufgestanden, Renate gab ihm die Hand und litt es, daß -er ihre Stirn küßte, dann tappte er eilfertig hinaus. Sie folgte ihm auf -den Flur, sah ihn Degen und Mantel über den Arm nehmen, nickte ihm -lächelnd nach und schloß hinter ihm die Tür. -- Danach fielen ihr die -Arme schlaff nach unten, ihr Kopf glühte wie Feuer, sie ging dumpfen -Sinnes und mit schweren Füßen in ihr Zimmer hinauf. - - - Achtes Kapitel - - - Masken - -Georg nahm die schwarzseidene kleine Halbmaske vor, stieg aus dem Wagen -und stand am Fuß der Freitreppe vor der Universität, über sich die -beiden fleischroten, milchigen Sphären der Bogenlampen, von innen -eigentümlich Licht ausquellend, umtaumelt von dicken Schwärmen weißer -Nachtfalter. Georg drehte sich um und sah im weiten, hellen Schein -dieses Lichts den dichtgemauerten Halbkreis der fast stillen Menge, -hundert und tausend beleuchtete Gesichter rings um das springende -Bronzepferd, dessen Rücken im Lichtschein glühte, quer über die -Fahrstraße und unter dem lichtberonnenen, dunklen Wipfelwall der Allee. -Jason, Josef, Saint-Georges -- zählte Georg vertieft und ging die Stufen -hinauf; es war verflucht, er kam nicht darüber hinaus, und es ließ ihn -auch nicht los. Josef, Saint-Georges, Jason, was haben sie gewollt? -Saint-Georges, Jason, Josef, -- Josef war vorher da und hielt eine -wunderbare Rede. Jason, Saint-Georges, Josef, -- ich kann es drehen wie -ich will, ich weiß, daß sie etwas wollten, wenn sie den Namen meiner -Mutter sagten, und -- Josef, Saint-Georges, Jason, es ist zum -Verrücktwerden -- ich weiß, daß ihre Rede eine schauerliche Wirkung auf -mich hatte, -- da steht ja Renate am Türpfeiler? Nun bloß nicht -fürchten! Nein, es ist ja nur ihr Kleid, wer ist denn das? -- Die -weißmaskierte Gestalt in Renates lavendelblauem Kleid bewegte sich gegen -ihn vor, -- Saint-Georges, Josef -- dachte er und hörte sie sagen: -»Georg?« - -»Ach, Anna, da bist du ja, oh verzeih tausendmal, daß ich so spät komme! -Hast du lange gewartet?« - -»Wie still sind die Menschen unten,« sagte sie, »es war ganz schön hier -oben.« - -Georg drehte sich um und sah das schweigsame Gedränge unten in dem -fremden Licht. - -»Angenehm, daß sie mich nicht erkannt haben,« sagte er leise, »ich nahm -einen Wagen ohne Abzeichen. Es ist gräßlich warm, findest du nicht?« Er -trocknete sich die nasse Stirn mit dem Taschentuch. Josef, Jason, -Saint-... »Komm, Magda, wir sehen alles an,« sagte er heiser, »oder -möchtest du tanzen? Im kleinen Schloßhof in Herrenhausen wird getanzt.« -Er drängte sie am Arm neben sich her, durch die Halle, die breite Treppe -hinauf, bunte Trachten, Masken liefen vorüber, andre stiegen mit ihnen, -stießen zusammen, drängten sich, -- sie stiegen langsam Stufe um Stufe. - -»Ich glaube, Magda,« seufzte Georg, »uns ist Beiden nicht nach Masken -und Tanzen zumute, aber du weißt ja,« schloß er bitter, »ich trage eine -Maske mein ganzes Leben.« - -»Oh, Georg,« sagte sie schmerzlich, stehen bleibend, »glaubst du denn -unrecht zu tun?« - -»Ach, unrecht,« meinte er wegwerfend, »das sind alles so Ausdrücke.« Die -Hand am Treppengeländer, beugte er den Nacken und starrte auf die Stufen -hinunter. »Wenn du in einem Buch liest: Ehebruch, dann weißt du gleich, -um was es sich handelt, und hast Urteil und alles bei der Hand. In -Wirklichkeit hat man vielleicht einen Mann, den man haßt, und ein -verkehrtes Leben und liebt einen Andern, und all das verschmilzt sich zu -einem schrecklich leidigen und treibenden Gefühl, aber mit Ehebruch hat -es gar nichts zu tun.« - -»Nun, Georg, wenn das wahr ist, so ist es mit deiner Maske wohl -dasselbe.« - -»Komm weiter«, bat er leise, in dem Gefühl, daß sie recht habe, ohne es -sich selber zugeben zu wollen. - -»Ich muß dir verschiedenes erzählen«, sagte er, als sie oben in der -Halle waren und gegen die Tore vorgingen, durch die es von Masken -wimmelte, die er kaum ansehn mochte, ein so widriges Empfinden erregten -sie ihm. Von unten ertönte gedämpfte Musik, sie standen über einem -Gewimmel von unzählbaren winzigen Lichtern, roten, weißen, grünen und -blauen, darin lag der weite Rasen unten, umringt von alten Bäumen; von -oben und bei der Dunkelheit sah es wie ein Wald aus, Georg fand es ganz -schön. »Renates Vetter Josef«, hörte er Magda sagen, »ist wieder im -Hause, jetzt ist er hier mit seinem Vater.« - -»Hier?« - -»Ja, ich weiß freilich nicht, wo sie sind, sie wollten in den -Französischen Garten.« - -»Dann laß uns versuchen, ob wir sie finden,« bat Georg; »ach, Magda, -verzeih mir nur, daß ich so kümmerlich zu dir bin, es ist ein bittrer -Tag, und ich weiß bald nicht mehr, ob ich wache oder träume.« Sie -ergriff seine rechte Hand, drückte sie schweigend. »Diese Hitze könnte -mich rasend machen,« stöhnte Georg, »bei der Galatafel wars zum Platzen, -und dann in dem grellen Licht der Vorbeizug, und der Geruch nach Puder -und Parfüm und Schweiß, -- ich muß noch ein paar Tage nach Helenenruh -und mich in die Nordsee stürzen ...« - -Stirn und das klebende Haar an den Schläfen reibend, stieg Georg die -großen Terrassen hinunter. Unten gerieten sie bald auf einen dunklen -Seitenweg im Gebüsch; ein einzelnes, rotes Licht hing an einem -Baumstamm, es roch nach welkenden Rosen, Georg erinnerte es an eine -Kirche in Athen. Josef, Jason -- da fängt es wieder an, dachte er -verzweifelt. Magda, vor ihm stehend, ergriff seine Hände und sagte leise -und eindringlich: - -»So froh kamst du heut morgen herein, Georg, und nun bist du am Ziel und -doch nicht glücklich?« - -Da fühlte er wieder den Hohlraum, in dem das wesenlose Wesen seines -Vaters umtrieb, der Schweiß brach ihm heftiger aus, »was ist denn -Glück?« sagte er stumpf. »Jetzt bin ich Großherzog, und warum bin ich -nicht Steineklopfer?« -- Und ohne etwas zu denken, fuhr er fort: »Glück? -Etwas, das man hat und nicht weiß, etwas, das man weiß und nicht mehr -hat. Und wenn es ein Glück gäbe, wie du es meinst,« sprach er -verzweifelt weiter, Gedanken schwerfällig aus Gedanken ziehend, »glaubst -du, daß es so leicht wäre, daß man es im ersten Augenblick begreift?« - -»Georg,« hörte er ihre ruhige, weiche Stimme erwidern, »du weißt immer -einen Satz und eine Erklärung, aber ich glaube nicht, daß sie mit deinem -innern Zustand etwas zu tun haben, oder daß sie dir überhaupt etwas -bedeuten.« - -Er öffnete den Mund, um zu sagen: Das sei eben das Wesen der Tragik, -zerspellt zu sein in Erkenntnis und Empfinden, aber sie kam ihm zuvor, -indem sie sagte: »Jetzt willst du wieder einen Satz sagen, vielleicht -weiß ich ihn sogar, oder ... Ich habe das jedenfalls an mir selber -erfahren, daß Klugheit und Wissen etwas für sich sein kann, außer uns, -neben uns her, und es ist wohl manchmal sehr schwer, es mit unserm -wirklichen Wesen zu vereinen.« - -»Nein, das meinte ich glaub ich nicht,« sagte er, den Kopf hin und her -bewegend, trübe, »aber du wirst wohl recht haben. Ja, nun meinst du, ich -soll diese meine Klugheit an einem tüchtigen Strick wie -- wie so einen -Fesselballon in mich hineinziehn? Ach, Worte, Worte, Worte, ich werde -noch verrückt davon werden, komm bloß weiter!« - -Er ließ ihre Hände los, dann zwang es ihn plötzlich, die Stirn auf ihre -Achsel zu legen, er stand sekundenlang so, fühlte die sanfte Erlösung -dieses Ruhns, aber in ihm lehnte etwas sich auf, er sagte zu sich -selber: Du liebst diese ja nicht, sie ist dir fremd, sie meint es gut, -aber -- »O Gott!« seufzte er leise. - -»Es kommen Menschen«, sagte Magda, er richtete sich auf, nahm ihre Hand -und zog sie weiter. - -Sie wanderten wortlos auf den schmalen Wegen, immer belästigt durch -Geschrei, Vorbeigelaufe der Maskierten, die ihnen zuriefen oder nach -ihnen schlugen, sie mußten selber tun, als ob sie daran Gefallen hätten, -lachen und erwidern, endlich gelangten sie ans Tor. Von ihm zur -Lindenallee war schräg über den Fahrdamm eine Gasse von Girlanden und -bunten Laternen gezogen, hinter denen die zuschauende Menge sich staute. -Sie eilten freier hindurch in das Dunkel der Alleen, gingen wieder -langsamer unter den Bäumen hin, querhinüber und zwischen den Stämmen -hindurch am Ende der Alleen schräg auf das Tor des Französischen Gartens -zu. Der vorderste Block der haushohen Mauern dunkler Baumhecken stand -über ihnen in der Nacht, aus der Tiefe quellend beleuchtet; hier waren -weniger Menschen, in der Ferne rauschte Musik. Zwischen kleineren Hecken -hindurch gelangten sie zu der ersten großen und gingen unter ihr -hinunter. Am Fuße eines Baumes stand eine der Lichtquellen, sie traten -hinzu und sahen auf einer kurzen und dicken Steinsäule ein metallenes -Becken -- »eigentlich ein Papierkorb« sagte Georg -- mit Wasser gefüllt, -an dessen Grunde drei in rotes Zeug gewickelte Glühbirnen leuchteten; in -der roten Flüssigkeit schwammen zwei tote Fische. Georg tauchte einen -Finger hinein, das Wasser war beinahe kochend. - -»Ein Genie, wer das erdacht hat,« meinte er, »die Fische sollten das -Wasser in Bewegung erhalten; der Erfinder sollte sie alle zu Mittag -bekommen.« - -»Arme kleine, tote Fische«, sagte Magda, und beim Klange ihrer Stimme -befiel Georg ein sonderbar süßlicher Schmerz. Das war Anna Chalybäus' -Stimme, dachte er, als sie weitergingen, und eine meilenferne selige -Vision von Helenenruh zog, seinen Augen unsichtbar, seiner Vernunft -unnennbar, mit schmerzlichem Schauder durch seine Brust. Er mußte -plötzlich an seine tote Mutter denken, sie, für die er keinen Namen mehr -fand, nur einen Baumstamm auf einer Insel mit der Tafel: Helene -- - -Georg merkte, daß er stillstand; der Heckengang war zu Ende, rechts -neben einem freien Platz mit Bäumen rauschte laute Tanzmusik aus dem -großen Pflasterhof des niedrigen weißen Schlößchens; die Umrisse -leuchteten, starke, weiße Linien in der Nacht; im dämmrigen Licht -buntfarbener Laternen bewegte sich hinter den hohen Gittern das wogende -Getümmel der Tanzenden. »Oh sieh wie schön!« hörte er Magda sagen und -sah nach links. Dort standen in den vier Ecken des weiten Quadrates -haushoher, düstrer Hecken vierfarbig leuchtende Fontänen, eine -schneeweiße, eine lichtgelbe, eine tiefrote und eine lichtblaue. -Zwischen den Wegen, Rasenplätzen, Beeten und Bosketts wandelten die -undeutlich buntgekleideten Gestalten in diesem Halbdunkel und standen -auf ihren Postamenten, leise von unten beleuchtet, die Steingötter, --göttinnen und Urnen mit schweren Schatten und in starker und düstrer -Bewegtheit ihrer Falten und Glieder, und Georg sah den Schattenriß eines -Füllhorns in der Nähe, eine Keule zwischen stämmigen Beinen anderswo, -und nun wieder, hoch über dem niederhangenden Füllhorn, ein zartes, -leuchtendes Profil, dahinter einen großen, leicht zum Nacken gesunkenen -schwarzen Kopf, dessen Umrisse die Umrisse von Früchten und Blumen -schienen, und wieder dachte Georg Annas und des Bildes, das Bogner von -ihr gemacht hatte; und nun ging er hier mit ihr wie mit einer Schwester. - -Indem fühlte er sich am Arm berührt und sah ein häßliches Wesen neben -sich: eine rote, lottrige Tunika über schwarzen Trikots, eine schwarze, -törichte Bartmaske unter starrendem Haar nach allen Seiten, aus dem ein -Schlangenkopf zitterte; eine Hand schwang einen langen Dolch oder ein -Schwert. Sie warf den Kopf zurück und bewegte Arme und Oberkörper mit -solchen schiefen, zuckenden Gebärden, daß Georg gleich Cora erkannte, -auch ihre Stimme hinter den hohen verstellten Tönen, mit denen sie -sagte: »Nun, mein Schöner?« - -Es ekelte ihn unbeschreiblich; ihre sich hebenden und fallenden -Schultern, das Vordehnen des Leibes erinnerten ihn an gräßliche Dinge, -er schnob kurz: »Was willst du?« im halben Gefühl, Magda nichts gewahr -werden zu lassen. - -»Du siehst, was ich bin?« fragte ihre Stimme, schon weniger verstellt. -Georg wandte sich zu Magda und sagte: »Sie fragt, was sie vorstellt. Ich -glaube, eine Furie. Eine Furie, Erinnye oder so!« sagte er zu Cora, -ergriff Magdas Arm und wollte sie weiter drängen, aber Cora war mit -einer ihrer weichen Seitwärtsbewegungen um ihn herum, ergriff Magdas Arm -und zischte theatralisch: »Nun? Nun, schöne Heliodora, sind Sie nun am -Ziel Ihrer Wünsche?« - -»Ich bin nicht Heliodora,« sagte Magda ruhig, machte ihren Arm los, und -Georg, hinter sie tretend, fuhr Cora wütend an: »Geh zum Teufel, mit -deinem Mummenschanz!« - -»Der Großherzog hat befohlen,« sagte sie höhnisch, »seinetwegen hat sich -das Volk in Masken gehüllt!« und wich zurück, schwenkte sich herum und -ging schlenkernd, in den Hüften sich wiegend davon. - -Georg, Magda fortziehend, hörte sie fragen: »Wer war denn das?« Sie -schien zu lachen, er vermied deshalb eine Antwort und fragte: »Lachst -du, Anna?« - -»Ja, es war so komisch! Erinnerst du dich, ich sagte dir einmal von -einer Legende, die Jason uns erzählte, von Orest und der Eumenide, und -ich mußte denken, wenn die Eumeniden so ausgesehn haben, waren sie nicht -sehr zum Gruseln.« - -»Nein, weiß Gott nicht«, murmelte Georg verdrossen. Ach, wie ist das -wieder ganz Cora, seufzte er innerlich, im Kostüm und mit Schlangen und -Dolchen als Rachegöttin vor mich hinzutreten. Aber ich muß sehn, daß sie -uns nicht wieder über den Weg läuft. - - - Tempel - -Sie traten aus dem Heckengang auf den äußeren Fuhrweg hinaus. Drüben -standen die schwarzen Wipfelgruppen der englischen Anlagen unter matten -Sternen, Georg roch das brackige Wasser der unsichtbaren Gracht, -jenseits des Weges in der Tiefe. Sie gingen zur Rechten am Fuß der hohen -Heckenwand hinunter, die in der Ferne hier und da von den unteren -Lichtquellen rötlich gefleckt war, auf den kleinen Rundtempel an der -Ecke des Gartens zu; eine seiner Säulen stand ganz schwarz vor ihnen, -dahinter mußte der Leuchtkörper sein, von dem die Wölbung innen und die -Säulen links und rechts weißrötlich glühten. Auf dem breiten Wege ging -nur hier und da ein stilles Paar. -- - -Hand in Hand wanderten sie auf die freundliche Erscheinung des Lichts -und des kleinen Tempels zu. »Dort steht eine Bank am Wasser,« sagte -Georg, »wir können dort sitzen, und ich sage dir einiges. Bald muß auch -das Feuerwerk kommen. Es soll rund um das ganze Gartenviereck brennen, -dann können wir's schön sehn, auch im Wasser.« - -So gingen wir vor drei Jahren, dachte er währenddem leise bekümmert, -hätte gern etwas Liebreiches, Dankbares, Verzeihungbittendes gesagt, -fand aber kein Wort, und sie gingen schweigsam dahin. -- Was dachte sie -nur? -- - -Vor den drei Stufen ins Innre des Tempels blieb Georg stehn und nahm die -Maske ab. Magda tat dasselbe, er sah dämmrig den Schein ihres Gesichts -und der Augen im Dunkel, dahinter die graue Säule und sagte, vor sich -niederblickend: - -»Vielleicht -- --, vielleicht ist diese Stunde die beste am Tag. Es ist -wieder stiller in mir, ich -- ich bin so froh, mit dir zusammen zu -sein.« Er suchte, beschämt, sich zerknirschend und traurig nach Worten. -»Und --« fuhr er stockend fort, »und --« Er wußte nicht weiter, sah -verschwimmenden Auges den breiten Weg hinunter, in dessen Mitte einsam -eine dunkle Gestalt stand, an der seine Augen nun festhingen, so daß er -alle Gedanken verlor. - -Als er sich umwandte, war Magda nicht mehr neben ihm, er ging über die -Stufen in den Raum und sah sie neben einem unterwärts dunklen, innen -stark leuchtenden, großen Becken stehn, das Antlitz, stark beleuchtet, -leise auf das Licht gesenkt, anmutiger als es ihm je geschienen in den -letzten Jahren, -- wie lang doch ihre Wimpern waren, nun sie gesenkt -ruhten! die Augen glitzerten feucht dahinter, die Stirn war freilich -- -irgendwie arm, so hoch, nicht streng, -- vielleicht karg, -- ach arm nur -für meine Augen, dachte er trübe, weil sie keinen Reiz für meine Sinne -hat. Näher tretend gewahrte er, daß vom Rande des metallenen Beckens -unaufhörlich dünne Wasserfäden zu seinem Grunde niederrannen und -glitzerten; in der Tiefe war eine Glasplatte, durch die das starke Licht -fast blendend emporquoll. - -Die Armut steht am Lebensquell ... dachte Georg, es schien ihm der -Anfang eines Gedichts, und -- wie töricht! schalt er sich, denn wer ist -hier arm und wer nicht? - -Magda sagte aufblickend: »Ich fürchtete schon wieder tote Fische, aber -hier sind sie geschickter gewesen.« - -»Ja, aber der Brunnen war hier immer,« meinte Georg, »nur das Licht ist -neu.« - -Angenehm gekühlt und gedankenverloren schaute er in das glitzernde, -unablässig rinnende Rund, legte eine Hand hinein und schauderte -wollüstig von der kalten Flut. Magda hatte die beiden Hände auf den Rand -gestützt und stand leicht übergebeugt, er legte, ihr gegenüberstehend, -sich neigend wie sie, die Hände auf die ihren, ihre Gesichter waren -dicht voreinander, Magdas Augen hafteten -- ihre fast brauenlosen -Augenbögen zogen sich dabei zusammen -- in den seinen mit leise -schmerzlichem, bekümmertem, sorgendem Ausdruck, dann bewegte sie langsam -das Antlitz vor, und ihre Lippen berührten die seinen, leicht wie eine -Blume, die weht. - -»Gott segne dich, Georg«, sagte sie leise. -- Er senkte den Kopf, ihm -quoll das Herz. - -Ein Geräusch hörend sah er auf. Magda lehnte drüben an der Säule, in -ihren Augen war ängstliche Verwunderung, und Georg sah dort, wohin sie -blickte, nicht weit rechts neben sich Cora, geduckt wie ein Indianer, -den Griff des Dolches gegen die Brust gestemmt, so daß die Spitze nach -vorn stand, und Georg sagte, als er das sah, hohnerfüllt: »Man stößt von -unten, Cora, von oben macht man's bloß im Theater.« - -Cora zeigte beide Zahnreihen; die Maske, dumm und grotesk aussehend, -hielt sie in der linken Hand. - -»Ja, was willst du denn nun eigentlich?« fragte Georg ungeduldig und -bewegte sich zu Magda hinüber. Indem flog Cora empor und auf Magda zu, -den Dolch in der Hand, blindlings von oben stechend; Georg, wütend in -Bewegung, stürzte mit halbem Leibe über das Becken, raffte sich mit -schmerzender Hüfte auf, sah Magda mit vorgestreckten Armen nach Coras -Handgelenken fassen, plötzlich schrie sie auf, taumelte zurück und mit -der Stirn so heftig gegen Georgs Schulter, daß es in ihm dröhnte. Sie -hing an ihm, preßte den Kopf an seine Brust, die Hand vor den Augen. War -sie verletzt? Und wo? -- Er verspürte eine schäumende Wut, auf Cora zu -stürzen, die er die Stufen hinunter ins Dunkel rennen sah, da verließ -ihn alle Kraft, er mußte Magdas Gestalt zu Boden lassen, sie drehte das -Gesicht weg, ihre Hand war so dunkel und fleckig im Schatten am Boden, -er stand über ihr, da wurde der dunkle Boden, auf dem sie lag, zu -dunkler Wiese, ihr Kleid färbte sich langsam rot, Georg roch mit -fürchterlichem Grauen Kühe und Gras aus einer Entfernung von drei -Jahren, er wich zurück, schlotterte, er stieß mit dem Hinterkopf an -Stein, drehte sich um, stürzte Stufen hinunter, trat, niederbrechend, in -weiches Gras, raffte sich hoch und stand. - -Ganz langsam drehte es ihn herum. Dort am Boden lag unverändert die -Gestalt. Es wandte ihn wieder fort, durch Sekunden spürte er merklich, -wie sein Inneres sich leerte. Er dachte noch: So ... also hier ist nun -das Ende. -- Leere und eine unendliche Schwäche machten ihn so leicht, -daß er umzuwehen meinte, sein Kopf sank vornüber, zu seinen Füßen war -Mauer, etwas tiefer ein dunkelwässriges Glitzern, in das es ihn -wonnevoll hinabzog. Ah stürzen! dachte er, stürzen! -- Dann fühlte er -die Erlösung des Fallens. - -Aber dann klatschte sein Gesicht, seine Brust auf harte Wasserfläche, er -versank, schlug mit den Armen um sich, entsetzliche weiche Bänder -umschlangen ihm Hals und Gesicht, er war am Ersticken, gurgelte, -schluckte, Wasser drang in gräßlichem Strom in seinen Mund, er bohrte in -Todesangst den Kopf nach oben, da war Luft, er gurgelte, atmete, spie -und rülpste Wasser aus, versank wieder, stieß mit den Füßen, riß sie aus -Umstrickendem los, warf die Arme auseinander und merkte plötzlich, daß -er schwamm. - -Nasses Haar hing ihm in die Augen und verwirrte sie; indem er es -wegstreifte, machte ein riesiger Kanonenschlag sein Herz zusammenzucken, -dann -- zischend und johlend schoß eine blendend weiße Kurve in die -Nacht hinauf, heulte ganz rasend, eine Bestie, die sich vor Wut -schüttelte, zerfiel aber plötzlich in eitel staunenswerte Sanftmut -vieler blauer Kugeln und silberner, blendend hell strahlender Sterne, -ein wundersamer Regen --, jedoch da stürzte sich wieder ein -fürchterliches Winseln und Jaulen, ein lang hintanzendes satanisches -Hu--ih--ih--ih! in die Lüfte empor, es prasselte plötzlich überall, rote -Streifen kreuzten sich emporschießend, es knatterte, rauschte, fegte, -drei -- unzählbare Feuerbögen jagten gegeneinander, rote Kugeln, -goldflimmernde Sterne regneten von oben, es war blendend hell, da setzte -eine riesige, von Golde brennende Sonne vor seinen Augen sich in -Bewegung, Goldgarben aus ihren Rändern schleudernd, eine Feuergarbe nach -oben, nach unten, nach rechts, nach links ausstoßend, Georg schwamm, -richtete sich auf im Schwimmen, grunzte und schrie: »Mit Feuerwerk -- -woll'n wir zugrunde gehn!« und schwamm, während das ganze Ufer hinunter -die Raketen sich höllisch bekämpften, Sonnen über Sonnen sprühend, -sausend und brausend entfesselt wurden, über finstere Baumkugeln -gewaltige rote Wolken von unten nach oben wogten, in denen die -Laubkugeln rötlich leuchteten; dazwischen huschten schwarze Gestalten, -die Nacht war tageshell, das grüne Wasser lag deutlich vor Georg mit -großen Flecken wie Morast in dem starken Licht, aber als das grenzenlose -Toben, Zerstieben von Silberbüscheln, Heulen der Flammenbögen und das -besessene sich Herumwirbeln der Garbensonnen nicht enden wollte, -ermattete er jählings, gewann mit zerfallenden Armen ein Ufer, kroch die -Böschung triefend, schaudernd und frierend hinauf, lag eine Weile -keuchend, zuckte, schluchzte und wünschte, tot zu sein. Er schleppte -sich höher empor, stand; eine Feuersonne vor ihm -- ihr weißer Mast, an -dem sie schwebte, war hell zu sehn -- drehte sich langsamer, spie -schnaufend ihre letzten zwei Garben nach unten, stand still und regnete -aus. Georg ging besinnungslos auf die dunkle Stelle zu, jemand rannte -gegen seine Schulter und fluchte, eine dunkle Gestalt huschte vor ihm -ins Dunkel mit einem Stabe, dessen Spitze brannte, gleich darauf riß ein -zischendes silberweißes Band sich aus dem Grase und wand sich mit -ungeheurer Schnelle in den Himmel hinein. Georg taumelte weiter, kam an -eine Hecke, wankte an ihr hinunter, brach durch eine Lücke, hörte das -Feuergetöse gedämpfter hinter sich und ging, bei jedem Schritt vornüber -fallend, hustend und von Frost geschüttelt weiter und weiter, stand -endlich still und sah in der Dunkelheit rechts vor sich schweigend und -gewaltig einen schwarzen Fabrikschlot himmelhoch vor sich stehn und auf -ihn hinunterblicken. Irgendeine Bekanntschaft dieses Ungetüms veranlaßte -Georg, die dämmrig sichtbare Straße zur Linken hinunterzugehn, er ging -und ging, fiel vor Müdigkeit gegen Bäume oder Pfosten im Weg, machte nur -von Zeit zu Zeit die Augen auf, um zu sehn, wo er war, und flüsterte -sich unaufhörlich zu: Fort, nur fort, ach nur fort! nur fort! -- -Sinnlose Angst trieb ihn weiter und weiter, auf einmal sah er, die -Augenlider schwer aufreißend, seltsam die Hinterfront des Schlößchens, -die er erkannte, ganz nah zu seiner Linken, er ging draufzu, der Boden -wich, er stolperte bergauf und bergunter, fiel, stand wieder auf und -fiel wieder und stand wieder auf, und war plötzlich vor einer Mauer. Er -ging daran hinunter, sie wurde von einem Gitter fortgesetzt, er begriff, -daß er hinüber mußte, und plötzlich lag er drüben an der Erde mit -schmerzenden Gliedern. Nun an Gebüschen hinunter streifend, fand er die -kleine Brücke, ging hinüber und befand sich gleich darauf in einem -Zimmer, das er gut kannte. Die Angst hetzte ihn weiter, ich will nur -noch -- dachte er, -- er wußte nicht was, schlich mühselig ins nächste -Zimmer, hindurch und durch noch eines und fiel gegen etwas weiches -Dehnbares. Das Bett ... flüsterte er, er sank zu Boden, rollte um, sein -Kopf füllte sich mit Feuer, er lag und zuckte. - -Jählings fuhr er auf, da er Stimmgewirr und Schritte vernahm. Er kniete -und richtete sich auf, erkannte im Halbdunkel den Raum, die Fenster, -ging auf eines zu, streifte den Vorhang seitwärts, hakte den Riegel auf -und stieg über die Brüstung ins Freie. Draußen stand er zitternd und -todmüde, schlich ins Gebüsch, entsetzte sich vor einer Helle, die von -der linken Seite über ihn fiel, sah all seine Fenster hell werden, -sprang ins Dickicht und schlug sich durchs Gezweige weiter, bis er ins -Freie und Dunkle kam. Der Stall ... flüsterte er, schlich über den Hof, -hakte die Tür auf und atmete unsäglich dankbar den Geruch des Pferdes. -Dann wurde es Nacht um ihn. - - - Neuntes Kapitel - - - Zimmer - -Renate lag nackend auf dem Rücken schräg über ihr Bett hin, schlaff -neben sich Arme und Hände, die Füße hingen nach unten. Wie sie -hingesunken war im Dunkeln, so lag sie, glaubte, schon Stunden zu -liegen, schwer atmend, das Hirn im Feuer aller durchhinzuckenden Bilder -des Tages. Losgefesselt von ihr jagte es haltlos durch ihre -geschlossenen Augen, flatterte in Fetzen, wirbelte eins ins andre, und -ineinander und auseinander zog und ergoß sich schon, was sie als Bild -vor Augen sah und was sie im Halbschlaf träumend selber mit lebte. Sie -glaubte, ein Bild aus einem Kinderbuche zu betrachten, eine -Wiederfindung, harte Holzschnittfarben, aber es waren Klemens in seinem -bäuerlichen Kleid und Irene, die über dem Zaun zusammenhingen, zum Bilde -erstarrt. Sie ritt auf dem silbernen Pferd, fühlte sich gewiegt von den -weichen Gängen, Ulrika stand am Weg, hielt das Pferd fest, weinte und -sagte: So laß dir doch endlich erzählen, was geschehn ist! -- Eine rote, -brennend rote Uniform ohne Kopf wirbelte in ein Zimmer herein und fuhr -wieder hinaus, -- der Satan! sprach Jason mit warnend erhobenem -Zeigefinger. Unter sich sah sie Rücken und Hinterbeine der Elefanten -sich vorwärts bewegen, sie wurden kleiner und kleiner, es waren Hunde, -weiße, kleine, sie erschrak und dachte: Sollen die den riesigen Wagen -ziehn? aber das geht doch nicht, man muß es den Leuten sagen, daß es -nicht geht! -- Plötzlich hörte sie sich seufzen und schlug die Augen -auf. - -Neben ihr, beinah über ihr, sah sie die seitwärts gerafften Vorhänge des -Fensters und den matten Glanz einer offenen Scheibe, aber es kam keine -Kühle herein. Dann blendete sie von drüben der schmale senkrechte -Lichtspalt der angelehnten Tür; sie konnte sich nicht entschließen, -hinzugehn und das Licht zu löschen. Gott sei Dank, dachte sie ergeben, -wenigstens ist es Nacht! Weit zurück in der Zeit glaubte sie die -Heimkehrgeräusche der Andern zu hören, Schritte treppauf, Türen, -- sie -legte den aufgerichteten Kopf wieder hin und war wieder hineingerissen -in den feurigen Strudel, Bilder aus der biblischen Geschichte, sie -selber war darunter, der verlorene Sohn kniete vor seinem Vater, -- -abseits, verfinstert, stand Erasmus, sie seufzte und fand sich gleich -darauf liegend auf dem kleinen Rasenplatz im Gartendickicht, Ulrika -beugte sich weinend über sie und bat: Wach doch auf, um Gottes willen -wach doch auf, sonst ist es zu spät! aber sie konnte die Lähmung nicht -abschütteln, rang mit dem Nacken, spürte endlich ihr wirkliches Genick, -das sich löste, und brachte den Kopf in die Höhe. - -Da! -- sie fuhr entsetzt zusammen, -- es schlürften Schritte nebenan! -Eine Stimme fragte: »Schläfst du schon, Renate?« Es war Josef. - -»Nein, Josef, was ist denn?« fragte sie zitternd. - -»Verzeih nur,« sagte er, »ich sah im Garten unten dein Licht und kam -herauf. Ich glaubte, du habest >Herein< gesagt, und eben hörte ich dich -rufen ...« - -»Habe ich gerufen? Ja, wie spät ist es denn?« - -»Es wird bald elf Uhr sein, ich dachte, du gingest vielleicht noch etwas -ins Freie mit mir ...« - -Erst elf Uhr? fragte sie sich bitter enttäuscht, legte die heiße Stirn -gegen den Handballen und bemühte sich, zu denken. Ja, am Wasser war es -vielleicht kühl, zu schlafen war unmöglich. »Ich komme gleich, Josef!« -rief sie leise. Sie wartete dann, hörte ihn durchs Zimmer zurückgehn, -einen Stuhl rücken, erhob sich lautlos, schlich zur Tür und machte sie -leise zu. Dann stand sie tief aufatmend, suchte ihre Kleider, die weiß -am Boden vor dem Bett lagen, ihr Kopf schmerzte heftig, sie kleidete -sich hastig an, machte Licht überm Spiegel, aber nachdem sie, mit -geblendeten Augen kaum ihr Spiegelbild wahrnehmend, eine Flechte -aufgelöst und neugeflochten hatte, brachte sie mehr nicht fertig, ließ -die Zöpfe hängen, ging zur Tür und trat leise ins Nebenzimmer. - -Josef saß vor dem Schreibtisch, ihr den Rücken wendend, die Hände um das -übergelegte rechte Knie geschlossen, und sah zu der kleinen, schneeweiß -leuchtenden Gipsbüste des Ech-en-Aton empor. Wieder wie immer, da sie -den kleinen Königskopf im zarten Licht der gelben Schirmlampe unten -schimmern sah, erfüllte seine gesteigerte Süße und Schönheit sie mit -leisem Schreck. Die Zartheit des schrägen Profils, der unbeschreibliche -Ausdruck der flachen, ganz wenig nach außen abhängenden Augen, das -wunderbare Kinn, die himmlische Blüte der küssend immer gewölbten Lippen -und -- vielleicht das Wunderbarste -- am Halse die senkrechten beiden -Muskelfalten, leise schattend und unsäglich lebendig -- all dies auf dem -Grunde grüner, schimmernder Blätter und Ranken, im Zwielicht so weiß, -zart und locker wie von frischem Schnee -- hielt lange ihre Augen fest, -während sie hinter Josef trat, die Hände auf seine Schultern legte und -leise sagte: - -»Ich danke dir -- heute erst -- für ihn. Er war mir fremd im Anfang. -Aber nun ist er mir von Tag zu Tag und von Jahr zu Jahr -unbeschreiblicher und lieber geworden.« - -»Er wächst«, hörte sie Josef sagen, »wie eine Blume, die Jahr um Jahr -köstlicher blüht. Er blüht und wächst für sich selbst, aber wer ihn -ansieht, über den wächst er selig hinaus und nimmt nur die schauenden -Augen mit sich hinauf. Als ich hier saß, war er mir fast schon ein Stern -geworden, bis du kamst und er wieder nahe, klein und lieblich wurde, -- -denn wir sind unten.« - -Er sprach sehr leise. Sie schwieg und hörte bald darauf seine Stimme -wieder: - -»Wasser sind wir; ja, wir sind das Wasser. Wir sind das Fließende, immer -sich Gleichende, nur Wellen, nur Wellen, eine der andern ganz gleich, -eine verfließend zur andern, immer das nämliche Weinen und Traurigsein, -nämliche Lachen und Stehn und Nichtwissen, Schluchzen auf Steinen und -Schluchzen in Kissen, und Vergehn. - -»Du aber bist aus dem dämmernden Strom von uns Andern getaucht ... - -»Du trägst den reinen Spiegel an der Stirn, -- o du Delfin des Lichts! - -»Du bist der Fisch, der selige Tummler im Klaren, du weidest einsam -durch die Wogenscharen, schon lange halb durchgotteten Gesichts! - -»Du bist des Wachstums zarteste Lieblichkeit, wie eine Blume in -Bescheidenheit -- erglüht dein weißes Antlitz ... - -»Die Sonne spreitet hundert goldne Hindernisse, Delfin, Delfin, du -überschaukelst sie getrost dahin ... - -»Du wiegst dich schnelle durch das Ungewisse, denn deine Reinheit war -von Anbeginn. -- Du kamst voll großer Freude aufgetaucht, Lüfte küssend, -trunkener Delfin, Göttern ähnlich, so erlaucht, weil die Strahlende -erschien. - -»Nun stehst du in Sternen vielleicht als uns funkelndes Bild, -- näher -der Ewigen als wir, bald in die Flamme getaucht, die uns den düsteren -Scheitel umraucht. Wir sind das Wasser, sind hier ...« - -Er hatte bei den letzten Worten die Fingerspitzen leicht auf ihre Hände -gelegt, die noch auf seinen Schultern waren. Sie schwieg noch eine -Weile, seinen Worten nachlauschend, durchschaudert und gekühlt von -Schauen und Lauschen, aber indem sie zu sagen im Begriff war, wie -glücklich sie sei, daß er wieder hier war, bewegte er sich unter ihr, -streifte ihre Hände sanft fort und stand auf. Undeutlich erblickte sie -nahe über sich sein Gesicht im Schatten, die entstellte Hälfte -erschreckte sie nicht. »Laß uns nun gehn«, sagte er; sie nickte dankbar -lächelnd und ging vor ihm hinaus. - - - Wehr - -Bald waren sie im Finstern außerhalb des Gartens unter den Bäumen. »Gieb -acht!« warnte Josefs Stimme hinter ihr, sie fühlte seine Hand an ihrer -linken. »Kannst du mich denn sehn?« lachte sie leise. »Dein weißes -Kleid«, hörte sie sagen, glitt ihm davon, wäre aber fast an einen -Pfosten der Schaukel gestoßen, sah nach oben blickend das Schwarze des -Gerüstes gegen die mattere Dunkelheit und zwei Sterne, wandte sich und -sagte: »Hier ist die Schaukel.« Er antwortete nicht. Sie fragte: -»Josef?« »Hier!« hörte sie weit rechts hinter sich seine Stimme, drehte -sich, ging weiter, vorsichtig um den Schatten eines breiten Baumstamms, -fühlte die harten Falten der Borke und sah Josefs Schattengestalt unter -sich im Freien gegen den grauen Grund der Wiese. Wie kühl war es hier -schon! -- Sie holte ihn ein, seine feierliche Stimme klang wieder in -ihrem Ohr: O du Delfin des Lichts! -- -- So hatte die Heimkehr zum Vater -ihn doch tiefer ergriffen ... Aber, als sei noch ein andrer Ton in -seiner Stimme gewesen, mußte sie nun, die rechte Hand in seinen Arm -schiebend, sagen: »Du hast so abschiednehmend gesprochen, Josef, als -wolltest du morgen schon wieder davon.« - -»Nun, wie lange meinst du denn, daß ich bleibe?« fragte er freundlich. -Sie konnte nicht antworten, da sie sich nun fragen mußte, ob hier -wirklich eine Stätte für ihn sei, und so wanderten sie wortlos weiter -auf dem Sandweg. Der Himmel war besät mit den Sternen, die klein waren -im warmen Dunst der Nacht; dunkel lagen die Wiesen. Josef blieb stehn, -gleich darauf auch sie, sich zu ihm wendend. - -»Höre einmal,« sagte er leicht, »was ich noch fragen wollte ... Wußte ---, oder sagen wir: weiß Erasmus eigentlich, daß du mit dem Herzog -verlobt bist?« - -Renate versuchte sich zu besinnen. »Ja, warum fragst du? Ich glaube -wohl. Nein -- das heißt, -- ich sagte es ja bei Tisch, als er nicht da -war.« - -»So«, bemerkte Josef, vor seine Füße blickend. »Ich dachte, als du im -Zelt --« - -»Ach ja, Josef,« rief sie rasch, im Gefühl, von etwas andrem reden zu -müssen, »ich wollte dich ja auch immer etwas fragen. Nun fällt mirs -wieder ein, da du vom Zelt redest!« - -»Nun?« - -»Warum hast du dich mir eigentlich heut gezeigt?« Sie trat auf ihn zu, -liebevoll. »Hast du doch geahnt, daß ich dich brauchte? Oder was trieb -dich?« - -Er antwortete nicht, sondern sah sie nur fest an durch die Dunkelheit. -Alsdann wandte er das Auge fort und trat zur Seite. - -»Die Antwort«, sagte er, in das Dunkel der Wiesen blickend, »ist nicht -leicht. Du fragst nämlich nach meinem Geheimnis. Ich werde es dir gleich -erklären. Ja,« hörte sie ihn mit einer schönen Ruhigkeit fortfahren, -»das Geheimnis meines Lebens. Es hat endlich -- vor einigen Tagen -- -seine Lösung gefunden; und also wurde es Zeit, zur Versöhnung zu -schreiten.« - -»Mit deinem Vater?« fragte sie hastig, und er erwiderte mit gesenkter -Stimme: »Jawohl«, -- aber das klang wie eine Verneinung, und er setzte -eilig hinzu: »Versöhnung, ja, wenn du das Wort in einem sehr weiten -Sinne --« Er brach ab. - -Da waren sie am Zaun, gingen durch das schief wie immer zur Erde -hangende Pförtchen, über die Brückenplanke und weiter den weichen -Wiesenpfad, wo Renate seine Hand wieder losließ. Bald war das Rauschen -des Wehrs zur Linken hörbar, über ihnen war der rote Himmel der Stadt. -Renate bat: »Komm ans Wasser!« Sie bogen vom Wege ab und gingen unsicher -und stolpernd über die sommerdürren Buckel der Wiese im tiefen Grund. -Baumsilhouetten wuchsen über ihnen aus dem Dunkel, dann wurde die -schwarze Linie des hohen Ufers sichtbar, da war der Hang, Renate stieg -von Josef gestützt hinan, oben empfing sie das laute Brausen der -stürzenden Wasser. Die Geländer der schmalen Holzbrücke waren zu sehn, -die über den Fluß führte gerade dort, wo die Wasser abstürzten. Renate -ging daraufzu und sah einen Augenblick mit leichtem Schwindel, umrauscht -vom jähen Getöse, unter sich die dämmerweiße, schräge Ebene von Schaum, -die ihren Blick in das tosende Wirrsal gelblich weißen Gischts -hinunterriß und weiter hindurch, wo dies entströmte in die dunkle, -langsam sich glättende Fläche des Stroms, wo gemauerte Wände dunkel -standen, Bäume, und Sterne zu sehen waren. Sie faßte den dünnen -Geländerbalken vor sich mit den Händen und gab sich dem Donner der -Fluten und dem geheimnisvollen Niederschießen des Weißen hin, in aller -Weite doch eingeengt durch die Betäubung des Ohrs; dann sah sie zu ihrer -Linken dicht neben sich Josef auf dem Geländer sitzen, ganz dunkel. -Unsicher hob sie die linke Hand und streckte sie nach ihm aus; er nahm -sie, hielt sie mit seiner linken auf dem Oberschenkel und deckte die -rechte darüber. Sie glaubte, ihn etwas sagen zu hören, verstand nichts -und sah fragend in den dämmrigen Schein seines Gesichts. Nun beugte er -sich näher und sagte, ihre Hand fahren lassend: »Sei so gut und tritt -etwas zurück.« - -Sie tats unwillkürlich, doch war gleich hinter ihr das Geländer, an das -sie sich lehnte. - -»Kannst du meine Stimme verstehn?« fragte er durch das Rauschen. - -Sie bejahte. - -»Dann, mein Kind,« fing er nach einer Weile wieder an, »dürfte es an der -Zeit sein, dir mein Geheimnis zu sagen. Wie dir bekannt sein wird, hat -jeder Mensch sein Geheimnis, das nur der Tod oder höchstens die Geliebte -erfährt. So erlaube mir, dich dafür anzusehn. Höre zu. Was in meinem -Brief gestanden hat, dem Abschiedsbrief, das sind lauter Lügen gewesen. -Nicht so gemeine, senkrechte Lügen, wie man sie alltäglich gebraucht, -sondern feine, schräge natürlich, und zwar deshalb, weil da hundert -Gründe für mein Fortgehn angegeben wurden, statt des einen wirklichen. -Nun höre wohl zu ...« - -Er schwieg Augenblicke lang, dasitzend schräg auf dem Geländer, eine -Hand auf dem Knie, die er zu betrachten schien, während er mit -gelassener Stimme fortfuhr: - -»Der einzig und alleinige Grund, den ich dir nun zu verraten habe, war -der: daß ich auszog, das Fürchten zu lernen. Lächle meinetwegen, -Mädchen,« sagte er, flüchtig aufblickend, »du weißt nicht, was du tust. -Sich nicht fürchten, denkst du, das ist weiter nichts, oder man nennts -auch Tapferkeit, wovon ich freilich nicht rede. Wovon ich rede, das ist: -sich nicht fürchten können und doch immer: sich fürchten wollen, -fürchten müssen, ja einfach eine unwiderstehliche, eine maßlose, eine -wütende Lust nach dem haben, vor dem sich grausen ließe. Verstehst du's -vielleicht? Oder soll ich dirs erklären? Was mag es denn wohl heißen für -einen Knaben, daß er Tiere langsam zu Tode martern muß und dabei warten, -bis aus ihren nicht verstehenden Augen das Grauen überschlägt in die -eignen? Nicht gefürchtet. Siehe auch einen Jugendlichen, der die kleinen -Tiere satt hat, zum Schlachthof gehn und dem Totschläger der Bullen die -Axt fortnehmen und Stiere und Rinder in Reihen erschlagen, um zu sehen, -wie der Tod in ihre Augen und das Feuer darin zu blauer Asche tritt. -Nicht gefürchtet. Ich habe gesehn, kann ich dir sagen -- denn zum andern -bekam ich naturgemäß die Gabe, immer dort zu sein, wo es etwas zu -fürchten gab --, wie Menschen sich von Rädern zermalmen ließen. Nicht -gefürchtet. Ich sah Menschen bei Feuersbrünsten aus Wolkenkratzern -hüpfen wie die Flöhe und auf dem Pflaster unten zerspritzen wie -Gefülltes. Nicht gefürchtet. Ich sah den Lift aus der Höhe herunter -sausen und seinen zerquetschten, noch lebenden Inhalt im Kellerschacht. -Nicht gefürchtet. Ich habe Männer bei langsamem Feuer rösten sehn -- -nicht gefürchtet; Kinder bei satanischen Messen lebendig zerlegen -- -nicht gefürchtet. Ich habe mir alle Arten der Hinrichtung besehn, -Strick, Stuhl, Axt und Maschine. Ich sah in China Menschen, denen die -Köpfe von zurückschnellenden Bambusbäumen ausgerissen wurden, die durch -Tropfen von Wasser auf die bloßen Schädel zum Rasen gebracht wurden, -- -nicht gefürchtet, -- Frauen, die bis an den Schoß in die Erde gegraben -wurden, und denen ein schnellwachsendes Gewächs ... nicht gefürchtet. -Ich habe alle diese Menschen zur Richtstätte führen, in Todesangst -schlottern und wahnsinnig werden sehn -- nicht gefürchtet. Ich --« - -Plötzlich fühlte Renate, die ganz erloschenen Leibes mit zugefallenen -Lidern gehört und gehört hatte, ihre Handgelenke von Händen ergriffen, -sich vorwärts gezogen und ihre eine Hand mitten auf seine Brust gelegt. -Sie konnte die Augen nicht aufbringen, als sie ihn jetzt sagen hörte: - -»Da! Fühlst du mein Herz? Hier mitten in der Brust, nicht wie beim -gemeinen Volk links oder gar rechts, da -- kannst du den Schlag fühlen?« - -Er zählte, und wie er langsam, langsam die Zahlen sagte, und sie -mitzählte: »Eins -- -- -- zwei -- -- -- drei -- -- -- vier -- --«, -hörte, fühlte sie die entsetzliche Langsamkeit des Schlagens darunter, -kein Herz, ein eisernes Gangwerk, und Josef sagte: - -»Spürst du's nun? Kennst du den Schlag? Er ist gar nicht so langsam, wie -dirs vielleicht vorkommen mag, er ist der Schlag der Sekunde. Aber! Dies -Herz, dieser Schlag ist nur in einem einzigen Augenblick meines Lebens -schneller gegangen. Begreifst du, was das heißt? Ah, Kind, das heißt, -sagen sie, daß meine Mutter mit diesem Uhrenschritt um die Sonnenuhr -gegangen ist, als sie mich trug, um mich hart zu machen für das Leben. -Ich kann mich nicht fürchten, Renate, nein, du brauchst mich nicht -anzusehn, ich kann mich nicht fürchten, ich habe nur einmal -- ja, hin -und wieder einmal habe ich etwas gespürt, das von weitem -- sehr von -weitem, denn es war nur eine Möglichkeit, ein Reiz -- aussah wie Furcht, -ein süßer Hauch der letzten Zerstörung, des Grauens, und das war die -Möglichkeit: dir Gewalt anzutun. Nun genug. Du weißt alles bis auf das -Letzte. Nämlich: heut vor drei Tagen --, ja, heut vor drei Tagen habe -ich das Fürchten -- gelernt. Und das war freilich so, daß es mich jetzt -wundert, daß ich es überlebte. Ich will dirs sagen. Ich habe --« - -Plötzlich war sein zerspaltenes Gesicht so nah vor dem ihren, daß sein -Mund fast den ihren berührte, daß sie nichts sah als die Gräßlichkeit -des blinden zerflossenen Auges, während seine Stimme von unten her -flüsterte oder zischte: »Ich habe -- mich selbst erschossen.« - -Renate schloß die Augen, öffnete sie wieder. Josef saß wie vorher. Ihre -Haut war kraus und eiskalt geworden am ganzen Leibe, sie glaubte kein -Herz mehr zu haben, als sie von ihm fort sich am Geländer dahinschob. - -»Ja, geh nur,« hörte sie ihn noch sagen, »für dich ist es Zeit. Geh nur -zu, Kind!« Er hob winkend die Hand. Sie entlief. - -Gleich darauf strauchelte sie über eine Unebenheit und gewahrte in der -Wiesentiefe zur Linken eine Gestalt. Sie blieb stehn, die Gestalt kam -näher; erst dunkel, ward sie grau; ihre Augen umklammerten sie -angstvoll, sie wußte schon, wer es war, sie wollte nicht --, da kam er -den Hang herauf, Erasmus, noch immer im Harnisch, barhaupt, und sie -gefror. Aber ein jähes und wütendes Grauen trieb sie zwischen ihn und -Josef, sie lief zurück. - -Josef stand aufrecht oben und rief jetzt mit heller Stimme: - -»Hier bin ich, Erasmus, hier! Ich fürchte dich nicht!« - -Da stand Erasmus oben wie ein Gespenst, schrecklich groß, sie konnte -seine Augen sehn, die aus den Höhlen quellen wollten, er hielt beide -Hände geballt vor der Brust, die wogte, -- nie, schrie es in Renate, ist -er in der Fabrik gewesen, er trägt ja immer die Rüstung noch! -- Und sie -riß aus dem zugewürgten Hals klingend ihre Stimme heraus und sagte: -»Erasmus? Ja, willst du denn --« wirklich jetzt immer geharnischt gehn? -wollte sie fragen, aber er schlug ihr die dünne Klinge, die sie -vorstreckte, mit einer Keule nieder und mitten durch, indem er sagte: -»Du!« sonst nichts, doch eben dies hob sie wieder ganzen Leibes so -leicht, als ob sie flöge, und sie lächelte angstlos und sagte: »Was hier -geschehen soll, das wird nie geschehn.« - -Im Augenblick darauf taumelte sie zur Seite, von einem Stoß oder -- sie -wußte es nicht, sie sah nur, in die Knie brechend und nun von Sinnen vor -Angst, Erasmus dastehn, als stürze er vornüber und hörte ihn, keuchend, -schäumend, gurgelnd: - -»Endlich -- ists -- soweit. -- Du! Mörder! Dieb! Mutter--mörder. -- -- -Gestohlen -- -- Mutter hast -- -- mir gestohlen ... Vater -- Liebe -- -- -gestohlen. Liebe -- immer, immer -- gestohlen, immer -- stohl ... nun -- -nun -- stehlen -- diese -- die -- willst -- diese -- du -- du -- -verlorner Sohn! Abrechnen -- rech -- ich -- Jahre geduld -- -- geduldet. --- -- Alles -- alles -- alles -- getan -- -- rechnet, ge -- -- schunden, -Blut unter -- Blut -- -- und -- nun, nun, nun -- auch diese -- Re -- -- -Renate. Weg! du! weg du! weg, weg! Oh -- uh -- weg!« - -Renate legte die Hände auf die Augen und drehte sich um. Sie machte -einen Schritt, strauchelte und glitt den Abhang hinunter, brach unten -auf die Knie, richtete sich schwer und mühsam auf und sah nun ruhig -staunenden Blutes hoch über sich alles rot und in dem Rot eine ungeheure -Gestalt, die eine andre wagerecht über sich hochgehoben hatte. - -Da floh sie besinnungslos in das Dunkel, lief, im Fallen unzählige Male -sich aufraffend, lief, ihr Kleid riß, sie packte es mit den Händen und -hob es vorn und lief, hakte mit dem Fuß an Latten, riß ihn los, ihr Atem -versagte, sie lief, blindlings einem bleichen Streifen am Boden folgend, -keuchte und lief eine Schräge hinauf, wich einem Baum aus, der ihr -jählings schwarz entgegentrat, und indem schmolz aus ihren Knien alle -Kraft. Sie glitt vornüber und nieder, raffte sich wieder hoch, fiel -gegen den Baum und schrie, ihn mit den Armen umklammernd: »Das war die -erste!« Sie hing und sah sich selber im Dunkel, in ihrem weißen Kleid, -in einem jahrfernen Traum, in die Knie gleiten und wieder aufrichten, -und stammelte: Die Verneigungen, die Verneigungen, die Verneigungen ... -nun kommen die Verneigungen, oh Gott! -- und sie lief weiter, sie war im -Garten, in der Veranda, im Flur, -- da mußte sie halten. - - - Treppenhaus - -Einen Augenblick lang in großer Leere des Herzens mußte sie plötzlich -erkennen, daß die Angst, die eben noch hinter ihr gewesen, vor ihr war; -vielmehr war es nicht Angst, sondern nur ein leises Grauen, mit dem sie -etwas Unheimliches über sich, im Treppenhaus witterte, und da wagte sie -es, dem zu entfliehen, und bewegte sich bis zur Haustür hinüber, wo sie, -jetzt gelähmt, stehen blieb und sich umwandte. - -War denn Licht im Treppenhaus oder nicht? Wie seltsam helle es dämmerte! -Weiß stieg die Treppe mit dem blauen Läufer bis zur ersten Biegung, von -da aus das weiße Geländer. Und jetzt wußte sie: oben war etwas; das kam -herunter. Kein Mensch, ein Tier, ein riesiges Tier, wild, sie hörte -schon das langsame Treten der Tatzen von Stufe zu Stufe, das rauhe Fell, -das am Geländer schräge nach unten sich hinabschob und scheuerte, sie -roch den wilden heißen Dunst, und ihr Herz stand still. Gleich darauf -tauchte der riesige weiße Kopf des Tigers oben hinter dem Geländer auf, -die Lichter glommen auf in den gedehnten Augen, er wandte das Gesicht -herum. Plötzlich saß er auf der Plattform, ganz still, die weißen Tatzen -vor sich, und Renate sah das furchtbare, streifig bemalte Tiergesicht in -einem Kranz weißer Mähnenhaare, sah, vom wilden Atem auf und nieder -bewegt, die gelben, roten und schwarzen Streifen der Flanken. Der lange -Schweif legte sich nach vorn, er duckte den Kopf, schloß die Augen und -war verschwunden. - -Sie stieg langsam die Treppe hinauf ohne andres Empfinden als die -furchtbare Mühsal des Steigens. In ihrem Zimmer drückte sie die -Handballen gegen die Stirn, stand und hörte sich stöhnen. Sie sah einen -schwarzen Menschenkörper in einer ungeheuren Höhe schweben, und dann -klatschte Wasser. Wieder stieg in ihr das Grauen, sie wankte vorwärts, -ertastete den Türvorhang, fiel dagegen und an dem weichenden hin auf den -Fußboden. - -Renate lag totenstill. Alles war still geworden. Sie bewegte die -klebrigen Lippen und lallte: Nichts ... Es war ja nichts. Nichts ist -geschehn. -- Sie hob den Kopf hoch, tastete nach ihrem Haar, entsetzte -sich vor dem Rauhen ihrer eignen Flechte und gelangte mühselig auf die -Knie. So lag sie eine Weile zitternd, stellte sich dann auf die Füße, -tastete nach der Bettstelle, fühlte das Holz, machte zwei Schritte und -setzte sich auf den Bettrand. Wankend vor und zurück fühlte sie, daß sie -ohnmächtig wurde, aber im selben Augenblick mußte sie aufhorchen. Es -waren Schritte auf der Treppe. Langsam kam es herauf, Fuß um Fuß, Stufe -um Stufe, sie erhob sich und ging vor, trat in die Tür, lehnte sich mit -Rücken und Kopf gegen den Pfosten und flüsterte: Sein Vater -- kommt, -nun -- nun wollen wir Rede stehn. -- Sie lächelte. - -Langsam kamen die Schritte über den Flur näher, immer ein wenig lauter, -und nun war alles still vor ihrer Tür. Sie wartete gefühllos. Ihre -Augen, im Dunkel irrend, sahen die Fenster, und weiß den kleinen Schein -der Gipsbüste in der Luft. Nun ging die Tür auf; da stand Erasmus. Sie -sah seine Augen, die nicht Augen mehr waren, sondern nur Entsetzen. Dann -hörte sie eine Stimme leise sagen: - -»Ich hab's -- getan.« Er schluckte. Sie sah seine Hände, die sich -einander näherten, dann rieb die eine die Knöchel der andern. »Nun,« -sagte er unendlich leise, »nun steht, auf der Treppe, steht -- -- Gott --- Vater, mit dem Licht und sagt -- -- wo -- wo ist ...« - -Renate sah den alten Mann oben stehn und die Treppe hinunterleuchten. -Aber als die Erscheinung verschwunden war, wurde ihr leichter um die -Brust, sie sah die Gestalt des Erasmus in der Tür sich wenden, sie löste -sich vom Türrahmen und ging zu ihm; da fühlte sie wieder das Grauen, biß -die Zähne auf die Lippe und sagte: »Erasmus ...« Sie mußte die Augen -schließen, hörte einen Fall und fühlte seine Hände in den ihren und sein -Gesicht. Dann sah sie ihn vor ihr knien, machte eine Hand los, legte sie -auf seinen Kopf und fing an, ihn zu streicheln. Er weinte und sagte -kindisch mehrere Male: »Er sollte ja nur weg ...« Dies dauerte eine -Weile, dann war Erasmus plötzlich verschwunden, sie saß vor dem gelben -Schirm ihrer Lampe am Tisch, sah über sich das weiße Antlitz -Ech-en-Atons unverändert, oder lächelte es nun? Dann war nichts mehr. - - - Hörsaal - -Renate hing verzweiflungsvoll am Drücker einer Tür, rüttelte mit aller -Kraft und brachte sie nicht auf. -- Ja, was ist denn? fragte sie sich, -ablassend. Es war dunkel; was sie in der Hand hielt, war der Türdrücker -an Reinholds Wohnung, sie sah die dunklen Fenster neben sich, -Blumenstöcke und Gardinen. Da fühlte sie wieder ihre Angst, sie weinte: -Ich muß ja fort, ich muß ja fort! -- Indem hörte sie links hinter sich -ein Knarren, die große Einfahrt bewegte sich, Reinhold kam herein mit -seiner Frau. Im selben Augenblick auch schon saß Renate in ihrem -Automobil und sah durchs Fenster die Straßenlaternen vorbeiziehn. Kaum -hatte sie dies gesehn, so flammte es vor ihr und ward wieder Nacht, sie -erschrak und sah, daß sie durch die Stadt fuhr, daß unaufhörlich -Schwerter von einfallender Helle und Dunkel vor ihr in den Wagen -schnitten, und nun sah sie im schmalen Spiegel gegenüber ihr Gesicht. -Jetzt kommen Leute, dachte sie, sammelte sich, so gut sie konnte, und -sah, daß sie in einem goldenen Mantel saß; ich hab ihn verkehrt -umgenommen, dachte sie, es schadet nichts. -- Sie schloß einen Haken am -Halsausschnitt der Tunika, beugte sich vor und sah im Spiegel ihre -Augen, sehr dunkel und tief in den Höhlen. Man sieht mir nichts an, -dachte sie verwirrt, saß in einer großen Leere und merkte, daß der Wagen -stillstand. Doch fuhr er gleich wieder, ein Gesicht kam ganz nah an die -linke Scheibe, sie drückte Haupt und Rücken an und saß aufrecht, die -Arme nach beiden Seiten gestreckt, und zitterte. Sie hörte dumpfes -Brausen, die Lider sanken ihr zu, unter ihr sah sie die gelbliche -Schaumfläche des Wehrs, es zog sie hinunter, sie warf den -vorübersinkenden Kopf zurück und stöhnte: Oh Gott, wie lange dauert -diese Qual! -- Heftig erschreckend fiel ihr ein, ob Reinhold denn -überhaupt wußte, wohin sie wollte, sie rückte ans Fenster, sah die -Alleebäume dunkel, umwogt von menschlichem Getümmel, dachte inbrünstig -an den Herzog, an alle Beruhigung, an Schlaf. Jetzt wurde die Wagentür -aufgerissen, Reinholds Gesicht war draußen, sie raffte Mantel und Kleid -und dachte: Zusammennehmen ... - -Langsam stieg sie aus, ging zu der breiten Freitreppe der Universität -vor und hinauf. Es schwirrte vor ihren Augen, groß und größer wurde der -dunkel glänzende Fleck ihres violetten Kleidrocks, auf den sie -hinuntersah, sie glaubte vornüber zu fallen, und erreichte mit Mühe die -oberste Stufe. Ein Mensch, ein bunter, ein Türsteher, fragte sie etwas, -sie antwortete: »Zum Herzog.« »Seine Königliche Hoheit --« hörte sie -sagen und unterbrach: »Herzog Trassenberg.« Der Mann verbeugte sich und -ging fort. - -Renate stand in einer Halle, sah einen breiten Korridor mit Türen zur -Rechten und ging im ohnmächtigen Verlangen, nur sitzen zu können, -hinein. Musik ... sagte sie, aufhorchend, ein Klavier ... Eine helle, -singende Stimme schmetterte unverständliche Worte, sie ging daraufzu, -eine Tür neben ihr stand halboffen, sie sah drinnen eine Wand mit einer -schwarzen Tafel, darunter ein Podium und ein Katheder. Ach, dachte sie, -ein Hörsaal ... Weiter vortretend, gewahrte sie unterhalb des Podiums -Kopf und Rücken eines Menschen, der vor einem Flügel saß, spielte und zu -einem Mädchen mit Haarschnecken an den Ohren aufsah, das in der -Einbuchtung des Flügels stand, ihn lächelnd ansah und sang. Nun wurde -auch das Profil des Spielenden sichtbar, ein hängender Schnurrbart, -große hängende Nase und fliehende Stirn mit schwermütigen Brauenbögen; -sie sah das nach hinten gestrichene, lang fallende Haar und glaubte den -Menschen zu kennen. Die Schultern waren braun, Frackschöße hingen -zwischen den Stuhlbeinen, oben darüber brannte eine harte Flamme, die -ihre Augen blendete. Ach, Benno ists! dachte sie dankbar, da sitzt er -nun und spielt ... Renate fühlte es rieseln im Herzen, sie lehnte sich -an den Türrahmen, die Augen der Sängerin bewegten sich zu ihr, aber sie -sang weiter, obschon sie betroffen schien und die Augen nicht wieder -abwenden konnte. Ihr Gesicht war weiß wie eine Blüte, die Augen -glitzerten blank und dunkel, die Backenknochen schienen etwas -vorzustehn, sie sah munter und herzlich aus, und als sie nun wieder -lächelte, mußte Renate es auch tun, während eine zarte, auf und nieder -schwebende Melodie ein weiches Band um ihr Herz wand und wieder davon -abzog und sie die Worte hörte: »Der mich ins Zimmer trägt, mir in die -Hand -- Wärmend ein Herz giebt mit Glutenbestand.« Dann wechselte die -Tonart in Moll: »Kommt jetzt der Winter mit Schloßen und Schnein ...« -sang das Mädchen wehmütig, fragend, wartete ein Weilchen auf einer -Fermate in der Höhe und endete mit kurz und trübselig hervorgestoßenen -Lauten in der Mittellage, eintönig: »Frier' ich am Feuer und blase -hinein ...« während aber dahinter die Klaviermusik in einem lustigen -Spottgelächter einen rauschenden Dur-Aufschwung nahm und abspringend, -wie ein landender Vogel, mit zwei, drei Sprüngen prasselnd endete. - -»Bravo!« sagte Benno hochentzückt, »Du hast herrlich gesungen, ganz -herrlich!« - -»Guck mal da!« antwortete die Sängerin, »da steht Fräulein von -Montfort!« - -Benno drehte sich um und sprang auf; sein heißes und gerötetes Gesicht -wurde ganz dunkelrot, als er mit vielem Dienern auf Renate zukam, die -Arme schlenkernd nach außen bewegte und lächelte und etwas stammelte mit -seiner gebrochenen Stimme. - -»Guten Abend, Benno,« sagte Renate ihm die Hand reichend, »war das von -Ihnen? Ach, machen Sie's noch mal, es war so lieblich, bitte, wollen Sie -so gut sein?« fragte sie das Mädchen, in dem sie nun Bennos Braut -erkannte, und das gleich bereit war. »Heliodora gebietet,« sagte sie zu -Benno, der sich maßlos wand und zierte, »also los!« - -»Es ist aber ganz unbyzantinisch«, suchte Benno sich herauszuwinden. -- -Renate schwindelte es plötzlich, sie beherrschte sich mühsam, ging auf -eine graue Bank zu und setzte sich. Bald darauf hörte sie das Klavier -wieder, ihr schien, wehende Gartenzweige gingen vor ihr auf und nieder -und die Sonne brannte. Aus Vogelgezwitscher schmetterte eine singende -Stimme: - - Lieblich ist Sommer mit Ähren und Mohn, - Ach und die Bäume entlaubten sich schon ... - -Die Stimme, während das Klavier rumorte und aus der Fassung zu kommen -schien, wurde wehmütig und murmelte: - - Warfen die Kleider hin, steigen ins Grab; - Werf ich die Schuhe, die Kleider jetzt ab, - Find't mich doch keiner, der eilig und gut - Um mich den Mantel der Zärtlichkeit tut ... - -Die Stimme schwieg, das Klavier suchte murmelnd und ein wenig -schnüffelnd wie ein unruhiges Tier im Baß, Renate öffnete die Augen, -glaubte Schritte zu hören, da erschien die rote Uniform und das Gesicht -des Herzogs mit fragenden Augen. Es waren noch Menschen da, aber er -schloß die Tür hinter sich. Renate bewegte sich nicht, sah ihn nur -unendlich erquickt und beruhigt an, nur mit ihrer Haltung andeutend, daß -gesungen wurde und nicht zu stören sei. - -»Der mich ins Zimmer trägt, mir in die Hand --« hörte sie wie vorhin, -die Worte entgingen ihr, gegen Ende stand sie langsam auf, der Herzog -bewegte sich vor, und sie faßte seine Hände. Es war still. - -»Danke schön, Benno,« sagte Renate den Kopf neigend, »dank Ihnen -tausendmal, kleines Fräulein! Und -- Benno, -- mir ist etwas -eingefallen, -- ich möchte Sie gern um etwas bitten ...« - -Sie sah das Mädchen bittend an, die verstand, nickte Benno zu, rief: -»Ich warte auf der Terrasse!« und lief mit halbem Knicks vor dem Herzog -hinaus. - -»Dies ist Benno Prager,« erklärte Renate, »du kennst ihn wohl ...« - -Benno mußte in seiner tödlichen Verlegenheit herkommen und dem Herzog -die Hand geben. Da wurde wieder der Boden und alles umher weich und -löste sich um sie, auf einmal saß sie, sah das besorgte Gesicht des -Herzogs nahe über sich, drückte ihm die Hände und sagte leise: »Nichts --- fragen, Liebster, ich -- ich darf noch nicht denken. Nur ein wenig -ausruhn!« bat sie müde. Mit geschlossenen Augen raffte sie nun ihre -Gedanken zusammen, merkte, daß hinter ihr etwas Hinderndes war, an das -sie nicht rühren durfte, öffnete die Augen und sagte: - -»Es ist nur, -- ich kann nicht zu Hause schlafen heut nacht. Ich dachte -erst an dich, aber --« es gelang ihr zu lächeln -- »was sollst du mit -mir? Benno, nicht wahr?« - -»Aber,« fiel der Herzog ein, »Georg kann ja im Stadtschloß -- -- ja,« -unterbrach er sich, »was das nur mit Georg sein mag?« Und nun glaubte -Renate zu erkennen, daß er selber in Aufregung war. »Ist etwas mit -Georg?« fragte sie. - -»Ach ...« Er zauderte. »Ich weiß ja nicht. Er ist verschwunden. -Um Mitternacht sollte doch große Huldigung sein vor der -Universitätsterrasse, im Garten, und jetzt gehts auf Viertel --« Er warf -den Arm aus dem Ärmel vor, um nach der Uhr auf seinem Handgelenk zu -sehn, und murmelte erschreckt: »Gleich halb eins.« - -Renate schwieg und mußte die Augen schließen vor Schwäche. Sie hörte -sprechen, es rauschte in ihrem Gehör. Die Lider mühsam aufbringend, sah -sie aus weiter Ferne den Herzog und Benno miteinander sprechen, doch -kamen sie näher, als sie selber den Mund öffnete. - -»Wir können vielleicht«, sagte sie, »so lange in Georgs Zimmer sein, bis -bei Benno zurechtgemacht ist, -- Benno, nicht wahr? Sie haben ja einen -so schönen Diwan ...« - -Benno schien erlöst, daß es nicht sein Bett sein sollte, rang die Hände -und konnte vor Dienstbereitschaft, Peinlichkeit und Wonne kein Wort -hervorbringen. - -Alessandro Stradella ... las Renate fortwährend in kleiner, mickriger -Kreideschrift an der Wandtafel, dahinter eine ausgewischte Jahreszahl -und, etwas darunter: Pugiani. -- Alessandro Stradella, sagte der Herzog -nun, -- was wollte er denn damit? -- Sein Gesicht und das Bennos -entfernten sich unaufhörlich und schwebten wieder näher, -- nein, um -Gottes willen, flüsterte Renate sich zu, du mußt dich doch -zusammennehmen! - -»Wollen wir gehn?« fragte sie und sah lächelnd vom Einen zum Andern. -»Ihr dürft mich nicht auslachen, daß ich so mitten in der Nacht ankomme! --- Benno, und wie reizend war das kleine Lied!« Sie lachte leise, erhob -sich, wäre aber zurückgesunken, wenn sie nicht allen Willen aufgeboten -und sich zornig angeherrscht hätte. Sie ging mit halbgeschlossenen -Augen, an der Treppe nahm sie Bennos Arm, bald darauf saß sie in einem -Wagen und fühlte, daß er rollte. Es dauerte nicht lange, sie sah Benno -vor sich aussteigen, nahm seine Hand und trat auf die Erde. Dann war sie -in Georgs Zimmer, das sie erkannte. - - - Schlafzimmer - -Sie saß in einem Sessel und sah undeutlich den roten Rücken des Herzogs -sich entfernen, ein Türrahmen war herum, er wurde kleiner in einer -andern Tür, die Augen fielen ihr zu, sie öffnete sie wieder, da sie die -Stimme des Herzogs nahe über sich hörte. Sie sah ihn lächeln, während er -sagte: - -»Dieser Georg! Hier hat er noch ein Zimmer, komm nur, das ist wie für -dich erfunden.« - -Sie stand müde lächelnd auf, nahm seinen Arm und ließ sich davonführen. -Es ist wie als Kind, dachte sie ergeben, die Augen geschlossen, wenn ich -mit Vater blind spielte ... »Kann ich nun aufmachen?« fragte sie leise, -öffnete die Augen und sah den Herzog lächeln ohne zu verstehn. - -Nahe vor ihr stand ein Diwan, dunkelviolett wie ihr Kleidrock mit -lichtfarbigen Kissen. Große schwarze Reiher flogen schön über Vorhänge, -und hinter dem Herzog war das gelblichweiße Gewoge und Gewölk eines -großen Himmelbetts. Sie sah es zweifelnd an, witterte leicht mit der -Nase und sagte: »Ich weiß nicht ...« - -Langsam gegen das Himmelbett vorgehend, blickte sie zwischen den -gerafften Falten hinein und sah einen schönen und großen, blauen -Schmetterling auf dem Kopfkissen stecken. »Nein, sieh, Woldemar,« sagte -sie, »das scheint doch für jemand anders ...« - -Plötzlich kreiste das Bett vor ihr, der Schmetterling wurde zu vielen, -die sich auseinander schoben und umher zuckten, sie fiel vornüber und -sammelte den Rest ihrer Kraft, um den Schmetterling nicht zu zerdrücken, -faßte darunter, fühlte sich im selben Augenblick aufgehoben und sanft -niedergelegt. Eine Weile war es schwarz um sie her, aber sie konnte die -Lider wieder heben. Der Herzog stand deutlich vor ihr, besorgten Auges, -sie fing an, die Ordensreihe auf seiner Brust zu zählen, deren Kreuze -übereinander gelegt waren. »Wie die Schmetterlinge«, sagte sie ganz -leise und sah, daß sie den blauen noch in der Hand hielt. Sie steckte -ihn mit schweren und lahmen Händen auf den Brokatstreifen vor ihrer -Brust, die Augen fielen ihr darüber zu, sie dachte erschreckend: ich muß -es ihm doch sagen, er muß es doch wissen! Schon saß sie wieder aufrecht, -blickte hart und fest in seine Augen empor und sagte, kaum ihre Stimme -vernehmend: - -»Du mußt noch wissen ... Es ist etwas -- geschehn. Nein, laß nur,« -wehrte sie todmüde ab, da er eine beschwichtigende Bewegung machte, -»einmal muß es doch sein. Nun -- mußt du -- ganz verstehn,« brachte sie -in Absätzen hervor, »willst du?« Er nickte. - -Eine Weile war alles fort, sie konnte sich an nichts mehr erinnern. -Endlich dämmerte es langsam wieder, sie hielt sich mit beiden Augen an -den verschwimmenden Linien der weißlichen Wässerung in einer -orangefarbenen Schärpe und sagte, seine Hand fassend: - -»Josef ist -- tot. -- Erasmus ...« - -Da merkte sie, daß ihr Kopf sich ganz tief neigte, und dann lag sie -wieder. Sie brachte mit unsäglicher Mühe die Lider hoch, sah das Gesicht -des Herzogs und hörte ihn, gütig zuredend, sagen: »Nun mußt du aber -schlafen ...« - -»Erasmus«, flüsterte sie sehr leise, »ist böse, nicht?« Der Herzog -nickte und nahm ihre Hand. »Aber Josef,« sagte sie heller und froh, -»Josef ist gut! Ist er nicht gut?« fragte sie, sich schnell aufrichtend. - -»Liebes Kind,« hörte sie den Herzog sagen, »du drückst mir das Herz ab, -es ist ja nun genug! -- Mein Gott,« stöhnte er ganz erschüttert, saß da -neben ihren Füßen und hielt die Stirn in der Hand, »mein Gott, es ist ja -fürchterlich, wie du dich aufrecht gehalten hast!« - -Ach, dachte Renate, da ist schon wieder einer, dem ich den Kopf -streicheln soll! -- Sie legte die Hand auf sein Haar und hörte sich -ferne sagen: »Haltung, lieber Freund, giebt es ganz umsonst, wenn das -Schicksal seinen Tribut -- --« - -Sie verlor das Ende des Satzes und sank zurück. Aber sie konnte nicht -stilliegen, schlug plötzlich die Augen wieder auf und sagte mit kleiner -Stimme: »Du meinst vielleicht, -- weil sein Gesicht -- weil er -- -- nur -noch halb ist ... Aber weißt du, -- er hat ja eine -- -- Ergänzung, -- -oh, eine schöne! Das glaub nur ja nicht, daß sie nicht gut paßt, sie ist -ja von einem Chinesen! Sieh, nun weißt du's!« sagte sie triumphierend -und dachte: wie vernünftig ich doch sprechen kann, er merkt sicher -nichts. »Und siehst du,« fing sie wieder an, unterbrach sich aber und -sagte: »Hast du's gehört? Siehst du, habe ich gesagt, und Ulrika -behauptet, daß ich immer >weißt du< sage, aber das tue ich gar nicht. -Nein, siehst du, Josef, -- du mußt nicht denken, daß er es nicht gewußt -hat. Oh, Josef ist so gut, so gut, er ist ein solcher Held, er sagte: -ich fürchte mich nicht! -- Das sagte er, und es lauerte doch, weißt du, -immer lauerte es schon, unter den Bäumen, wo die Schaukel ist, weißt du, -und dann in den Wiesen, am Wehr, oh wie das rauschte, hörst du? ganz -laut -- höre ich es ...« Sie schöpfte Atem, bewegte den Kopf hin und her -und sprach heiß und eilig weiter: »Kein Wort, hörst du wohl, kein Wort -hat er gesagt, so saß er da, du mußt es seinem Vater sagen, daß er kein -Wort gesprochen hat, er war ein Held, war er nicht? -- _Was not he?_« -flüsterte sie, »das ist englisch ... Ach, meine Stimme -- will gar nicht -mehr«, sagte sie heiser und gequält und merkte, wie ihr die Worte -erloschen. - -»Schlaf nun, du mußt wirklich schlafen«, sagte jemand. - -»Muß ich?« fragte sie lächelnd mit geschlossenen Augen. - -»Ja, ja, du mußt«, sagte die gute Stimme wieder. - -»Dann will ich gern, wenn du's sagst«, flüsterte sie gehorsam, drehte -den Kopf auf die Seite und machte die Augen fest zu. Gleich aber öffnete -sie die Lider wieder, lachte leise und fragte: »Ists so recht?« - -Sie hörte noch ein Gemurmel, seufzte tief, streckte sich und empfand -dankbar die Dunkelheit. - - - Schlafzimmer (das andre) - -Doch stürzte sich jetzt ein peitschender Knall mitten durch ihr Herz. -Sie schnellte hoch, schrie auf: »Erasmus! Du darfst nicht, du darfst -nicht mehr!« Ein wütender Ingrimm jagte sie auf, da knallte es wieder, -sie fiel innerlich zusammen, wankte gegen Hartes, fühlte einen -Türdrücker, riß und zerrte ohnmächtig daran, endlich schlug die Tür nach -außen auf, es war blendend hell, der rote Waffenrock ... bläulicher -Dampf -- -- und wieder ein Knall und scharfes Pfeifen dicht neben ihr -... Dahinten stand in der Tür ein Mensch, schwarzbärtig; aber sie kannte -ihn, sie rang nach dem Namen, sie mußte ihn rufen, der Herzog hob den -Stock und rief wütend: »Du bist verrückt, Schurke, wirst du endlich -aufhören!« Menschen warfen sich herein, packten ihn, er schüttelte sich -mit ihnen herum, es knallte wieder, Renate, am Türpfosten hängend mit -Kopf und Rücken, wand sich und schrie plötzlich: »Sigurd!« - -Da fielen ihm die Arme herunter, sie sah Sigurds Nase und bestürzte -Augen, dann den Herzog, der an einer Badewanne lehnte und schwankte. Sie -lief zu ihm, kniete vor ihn hin, stützte seine Stirn, er machte die -Augen weit auf, lächelte und sagte leise: »Es ist ja nichts. Ein -Streifschuß, -- oder ...« - -Nun giebt es zu tun, dachte Renate, aber sie bewegte sich nicht, lehnte -matt in der Tür zum Badezimmer, bis ihr einfiel, was sie suchte, eine -Waschschüssel, doch war keine zu sehn. Es rauschte, laut und lauter -rauschte es in ihren Ohren. Sie drehte sich wieder um, da lag der Herzog -furchtbar groß auf dem Bett mit riesigen, spiegelblanken Reiterstiefeln -an den Füßen; seine linke Hand, die herunterhing, war ganz rot, und das -Blut tropfte eilig an den Boden und bildete eine Lache. Menschen standen -herum, die Tür ging auf, eine Waschschüssel, in der ein Handtuch lag, -wurde hereingetragen, Renate ging draufzu und nahm sie aus den Händen -eines zitternden alten Mannes, kniete neben dem Herzog nieder, setzte -die Schüssel hin und wusch die Hand, es war keine Wunde daran. - -»Ein Messer,« sagte Renate, hatte gleich darauf ein Taschenmesser in der -Hand und trennte die Ärmelnaht auf, schnitt und riß den Ärmel ab, -knöpfte die Manschette auf, streifte den Hemdärmel hoch und sah am -Oberarm einen klaffenden Riß, den sie wusch. Impfnarben kamen groß und -zerflossen zum Vorschein, sie drückte das Handtuch auf den Riß und sah, -einen Augenblick dahockend, das Gesicht des Herzogs, sonderbar still und -bleich mit geschlossenen Augen. Er atmete. Und sie dachte, da er so in -sich gekehrt dalag: Das kann doch von dem Riß nicht kommen ...? - -Schritte kamen, ein Gesicht mit einem spitzen Bart neigte sich von oben, -eine Hand nahm stillschweigend das Messer aus ihrer Hand und fing an, -die Schärpen durchzuschneiden. Sie begriff und hakte den Waffenrock von -unten auf, ließ es aber, da das Blut wieder vom Arm lief, nahm das -zusammengepreßte, nasse Handtuch auseinander und wickelte es, so fest -sie konnte, um die Wunde. Mit dem Taschenmesser, das sie wieder auf dem -Boden liegen sah, schnitt sie das Ende des Tuches auf und knotete es -fest. -- Nun konnte sie die Brust des Herzogs sehn, ganz schwarz von -krausem Haar, darunter sehr weiß, und in der Nähe der bräunlichen -Brustwarze war ein kleiner Fleck. Plötzlich fühlte sie, daß sie sich in -ihrer hockenden Stellung nicht mehr halten konnte, und stand auf. - -Etwas Blaues und Weißes schaukelte zur Erde. Jemand hob es auf und gab -es ihr: es war der Schmetterling mit den Schleifen. Sie behielt ihn in -der Hand, ging vorwärts und atmete kühle Luft. Der Garten, sagte sie, -trat durch eine Tür, lehnte die Flügel hinter sich aneinander und sank -mit dem Rücken dagegen. Sie sah das Schwarze von Bäumen, eine dunkle -Lücke darin und zwei weiße Sterne, der rechte ein wenig tiefer als der -linke. Sie konnte die Augen nicht abwenden von ihnen, ihr Blick war -unendlich fest und ruhig, bändigte den ihren, bändigte ihr ganzes Herz -und Dasein. - -Zu Gottes Ehr' bin ich durch Feuer geflossen, hörte sie sagen, Matthias -Zach hat mich gegossen, Hötting siebenzehnhundertundachtzig. -- Sie -lächelte und wiederholte willenlos: Zu Gottes Ehr' bin ich durch Feuer -geflossen ... Wie still und kühl es war! Nur das Rauschen hielt an. -- -Hötting siebenzehnhundertundachtzig, Matthias Zach hat mich gegossen ... -Eine alte Glocke hing still im Gestühl, Schwalben schrien, kleine -Engelsköpfe von Bronze glänzten dunkel auf der Glockenspitze, und sie -las die Inschrift: Matthias Zach hat mich gegossen ... Die Sterne -flackerten ganz wenig, als ob der Wind sie bewegte, der durch den Garten -kam. Ein Tropfen näßte kühl ihre Stirn. Es fängt an zu regnen, dachte -Renate und wandte sich um. - -Hinter den Glasscheiben sah sie, daß die Tür zum Flur geöffnet wurde, -jemand kam groß, bleich und schwarzbärtig die Stufen herab, die Hände -auf dem Rücken, -- Sigurd. Renate öffnete die Tür, trat ein, ging zum -Fußende des Bettes, sah das bleiche und verschlossene Gesicht des -Herzogs, unter einer wollenen Decke die Umrisse seines Körpers, und -neben sich in der Tür den Arzt. - -Der Herzog öffnete die Augen, lächelte bei ihrem Anblick, fragte dann: -»Ist er da?« Renate nickte. - -Ein Offizier in blauer Polizeiuniform bedeutete Sigurd vorzutreten, -- -da stand auch ein Schutzmann. -- Der Herzog wandte das Gesicht herum, -betrachtete lange den Dastehenden, der bei Renates Anblick den Kopf -senkte, fragte dann mit leiser Stimme: »Was hat das -- zu bedeuten?« - -Sigurd schwieg. »Ich verrate nichts«, sagte er endlich, den Kopf hebend, -und senkte ihn gleich wieder. - -»Sie sollen nichts«, sagte der Herzog, »verraten. Ich will -- wissen, -wie ich -- zu der Ehre komme ...« Er hob mühsam den Kopf, blickte zornig -und brachte knirschend hervor: »Haben Sie mich denn weiß Gott mit meinem -Sohn verwechselt?« - -Sigurd schien erstaunt. Ob er denn nichts wisse, fragte er nach -Sekunden, zögernd. Der Herzog bewegte den Kopf, und Sigurd sagte mit -einem eigentümlichen, irren Aufleuchten der Augen: »Er liegt in -- der -Gracht. -- Nicht ich!« setzte er hastig und laut hinzu, -- »er stürzte -hinein, ich -- ich sah es von weitem.« - -Renate sah die Brust des Herzogs auf und nieder gehn, sein Atem -rasselte, er stöhnte: »Unsinn! er kann schwimmen!« - -»Er kam nicht wieder hoch«, sagte Sigurd. - -»Ach, in Teufels -- Namen,« keuchte der Herzog, »was wollen Sie -- dann -von mir?« Sigurd hob den Kopf, blickte glänzend geradaus und sagte kurz: -»Den Nachfolger.« - -Der Herzog sah ihn nur an. »Wir wissen alles«, erklärte Sigurd nicht -ohne Stolz. - -»Und -- und der Sinn des Ganzen?« fragte der Herzog leise. Sigurd -blickte Renate mit flackernden Augen an und sagte: »Ich will es der Dame -erklären, wenn sie verspricht, es nicht vor morgen abend weiterzusagen -...« - -Der Herzog blickte Renate fragend an, sie winkte Sigurd mit den Augen -und ging ihm voran in das Zimmer mit dem Himmelbett; sie ließ ihn -eintreten, lehnte die Tür hinter ihm an, Sigurd stellte sich dagegen und -fing sofort an, die Augen niederschlagend, zu sprechen, heiser und -halblaut: - -»Er ist nicht der einzige. Es handelt sich um zweierlei gleichzeitig. -Wir stehen vor einem Kriege. Die einzige, wirkliche Gefahr ist der -Patriotismus in Deutschland oder das dynastische Gefühl. Nur in -Deutschland giebt es Fürsten. Ich bin nur ein Glied in einem großen -Plan, nach dem sie Alle fallen heute und morgen. Der Schrecken wird die -Gemüter bändigen. Es folgt die soziale Erhebung. Renate,« sagte er noch -leiser, plötzlich das Gesicht und die schönen Augen hebend, die -- o, -sie sah es! -- irre waren, ganz irre! -- »vor Ihnen muß ich mich nun -verteidigen ... Was ich tat, war gut und -- schwer.« - -»Ich weiß«, sagte sie stumpf, während eine entsetzte Stimme in ihrem -Herzen schrie: Er ist ja wahnsinnig, o Gott, er ist wahnsinnig! -- -Sigurd atmete tiefer. »Ich wollte,« sagte er, jählings flammend, »den -- -den Andern, den Sohn, diesen --« - -Gleich darauf lag er vor ihren Füßen auf der Erde, sie sah seine Hände -von stählernen Ringen zusammengehalten und schauderte vor diesem Zeichen -des Verbrechens. Sie fühlte sein Gesicht an ihren Knien, wollte es -wegheben, aber eine schaurige Erinnerung zwang sie, die Hände auf seinem -Kopf zu lassen: damals, als Esther tot war, damals kniete er so. -- Und -dann fuhr sie ein-, zweimal mit den Fingern durch das lockre und weiche -Haar. -- Hötting siebenzehnhundertundachtzig ... hörte sie, ihr Mund -zuckte, sie streichelte wieder seinen Kopf, hörte ihn leise wimmern, -fuhr, verzweifelten Herzens, fort, dem zerrütteten Haupt an ihren Knien -mit den Händen wohlzutun und es zu beruhigen, und murmelte Worte, die -sie nicht mehr verstand. -- - -Er gehorchte und stand vor ihr, die geröteten Augen verstört, voll -Schmerz und Feuer. Um seinen Mund zuckte ein Lächeln, da er sagte: -»Esther hat es ja nicht zu erleben brauchen ...« - -Seine Blicke glitten an den Boden; als sie mit den ihren folgte, sah sie -wieder den blauen Falter dort liegen, bückte sich und hob ihn auf. - -»Immer«, sagte sie leise zu Sigurd, »liegt mir der Falter im Weg; sieh, -wie ist er schön, und immer unverletzt.« - -Sigurd schluchzte plötzlich auf und sagte: »So wie du ...« - -Sie schauderte, da wurde die Tür geöffnet, der Offizier erschien, auch -der Arzt, der sie zum Herzog bat. - -Nun stand sie zu Füßen des Bettes. Das Gesicht des Herzogs war gelb. Er -schlug die Augen auf, sah sie schmerzlich und mitleidig an und sagte -sehr leise: »Tut es noch immer weh?« - -Renate senkte die Stirn, ohne zu verstehn, und er sagte wieder: »Ich -dachte, dir wäre längst besser -- nun.« Und nach einer langen Pause: -»Arme Helene ...« - -Renate ging um das Bett zu ihm, schlug die Decke zurück, legte die -Finger in seine Hand und drückte sie leise. Er hatte die Augen -geschlossen. - -Eine Weile später sah sie die dunklen Pupillen wieder glänzen. »Ach, -Renate!« sagte er, leise lächelnd und kaum vernehmbar; dann -- mit einer -langen Pause zwischen jedem Wort: »Du -- -- warst -- -- sehr -- -- -schön. -- -- Aber -- --« - -Lange Zeit kam nichts mehr. Sein Atem ging sehr rasselnd. Die Tür wurde -plötzlich aufgerissen, ein halbes Gesicht fuhr herein und verschwand -sofort: die Tür wurde sehr langsam zugezogen. - -»Helene?« hörte sie eine kraftlose Stimme sagen und nach langen -Sekunden: »bist -- -- du -- -- noch -- -- da? -- -- Ach so!« sagte er -dann. - -Renate stand auf und stellte sich in die Gartentür. Leise fiel im Dunkel -der Regen. Auf dem vom Licht im Zimmer beleuchteten Wege sah sie ihren -Schatten liegen, dessen Haupt im Schatten von Zweigen verschwand. Sie -fröstelte, wandte sich um und trat wieder ans Bett. Vor ihr beugte der -Arzt sich auf den Daliegenden, beugte sich tiefer, richtete sich nach -Sekunden wieder auf, sah sie ernst an und nickte. Gleich darauf fing -irgendwo ein Mensch laut zu weinen an. - -Renate warf noch einen Blick ohne Gefühl auf das gelbe, entfremdete, -hager gewordene Gesicht, wandte sich ab und ging zur Tür, die vor ihr -geöffnet wurde, ging zwischen Menschen hindurch über den Flur und trat -in die Nacht und den Regen, wo Menschen im Halbkreis geschart im -Laternenlicht standen. Sie ging geradesweges zwischen ihnen hindurch und -weiter, steif in sich, kalt, unbeweglich, nur langsam ermüdend, aber sie -ging weiter und weiter, bog um Hausecken, ging viele Straßen kreuz und -quer, jemand redete sie an, sie blieb stehn und fragte: »Ja, was -wünschen Sie?« und die Gestalt vor ihr drehte eilig um und entfernte -sich. Sie ging weiter, schritt plötzlich auf ein riesengroßes, leuchtend -weißes und vergittertes Fenster zu, das über ihr schwebte, erkannte eine -hohe Mauer und bog um die nächste Ecke. Neben einem Hauseingang blieb -sie stehn und sah zu den Fenstern auf. Drei erleuchtete gewahrte sie, -sie hörte einen Fensterriegel, ein Schatten beugte sich heraus und -verschwand gleich wieder. Sie konnte nicht mehr stehn, ging zur Haustür, -faßte nach dem Türdrücker und lehnte sich in die Nische. Die Augen -fielen ihr zu. Dann hörte sie einen Schlüssel im Schloß, die Tür bewegte -sich, sie öffnete die Augen, erkannte im Dunkel Saint-Georges' Gesicht -und sagte leise und vorwurfsvoll: »Aber Georges! -- wo warst du denn den -ganzen Tag?« Seine Antwort vernahm sie nicht mehr. - - - Sterne - -Georg konnte sich nicht bewegen. Das weiße und blaue Pferd rannte in -wütender Eile mit Renate bergunter, aber, obgleich sie laut um Hülfe -schrie, lag er auf der Seite fest und konnte die überkreuz gefesselten -Hände nicht bis zu der Pistole bringen, die dicht vor seinen Augen lag. -Das Pferd galoppierte unaufhörlich, endlich hatte er nach fürchterlicher -Mühe die Hände an der Pistole, aber sie war so groß wie ein -Maschinengewehr, hatte keinen Lauf und einen unverständlichen -Mechanismus von lauter Hebeln und Rädern, der Kolben war nicht zu -finden, er ächzte und fluchte: »Wer hat denn dies verrückte Ding -hierhergestellt, damit kann man doch nicht schießen!« -- Aber plötzlich -knallte es, jedoch ganz leise, und Georg sah einen kleinen Hahn sich -bewegen und auf ein Zündhütchen fallen, und dachte: Sonderbar! Erst -schießt es, und dann fällt erst der Hahn. -- Der Hahn bewegte sich von -selbst wieder in die Höhe, und nun fiel das Zündhütchen herunter, fiel -ins Innere der Maschine zwischen die Hebel und Stangen, und Georg sah es -unten unter der Tabulatur liegen, denn nun war es eine Schreibmaschine. -Ach, nun weiß ich! dachte er und drückte eine Taste; sogleich knallte -es, und noch einmal, und wieder, sooft er die Taste niederdrückte ... - -Georg schlug die Augen auf und fand sich in einem Halbdunkel. Irgendwo -mußte ein Licht sein, da berührte etwas Warmes und Weiches seine Stirn, -und er sah dicht über sich einen großen Pferdekopf. Unkas, dachte er, -merkte, daß er am Boden lag, und fror. Sein Kopf glühte, ihm war sehr -elend, aber nun fiel ihm ein, daß er ja gesucht wurde, daß er fort -wollte, fort mußte. Er stand auf, seine Glieder schmerzten heftig, er -schwankte, ihm wurde tödlich übel, und an den Pfosten der Box gelehnt, -erbrach er sich mit furchtbarem Krampf. Danach war ihm etwas leichter, -er sah das Kopfzeug des Pferdes dahängen, nahm es herab, trat neben -Unkas und machte es mit unsäglicher Anstrengung, mit immer wieder lahm -herabfallenden Armen, notdürftig fest. Er ergriff einen Zügelriemen und -zog das Pferd hinter sich her. Die Stalltür war angelehnt, er kam auf -den Hof, sah im Vorwärtsgehn alle Fenster seiner Wohnung erleuchtet, -auch einige darüber. Die arbeiten die ganze Nacht durch, dachte er -spöttisch, aber wieder fiel ihm ein, daß er gefangen werden sollte, und -er zog Unkas nach links hinüber in den Garten. Nun konnte er nicht mehr -gehn, streifte Unkas den Zügel über den Hals und kletterte ächzend und -verzweifelt auf seinen Rücken. »Ja, nun geh, geh doch!« flüsterte er. -Das Pferd fing an zu gehn, er hielt sich an der Mähne fest, wankte mit -geschlossenen Augen vor- und rückwärts, da stand das furchtbare Tier -wieder still. Die Augen öffnend, sah Georg Wasser unter sich, daneben -einen kreisförmigen Schattenriß strahlenartiger Latten, die den Weg am -Wasser versperrten, begriff, daß er durch den Graben mußte, trieb Unkas -mit Faustschlägen und den Absätzen hinein, und nun hörte er lange Zeit -das schwere Planschen der Hufe im Wasser. Plötzlich ging es mit einem -Ruck bergauf, er hielt sich fest, sah im Dunkel vor sich ansteigend den -Pferdenacken, warf sich vornüber, und nun ging es wieder auf ebenem -Boden weiter, entsetzlich langsam, und schließlich stand die Bewegung -wieder still. - -Da funkelten Sterne ... Drei, fünf, viele, unzählbare standen in der -Nacht und funkelten unablässig. Weiter oben am Himmel jedoch waren -keine, und Georg wunderte sich, daß die Sterne nur noch unten waren. -Ihre kleinen Feuer loderten, andre blinzelten nur leise, aber sie waren -alle seltsam in Bewegung und funkelten ohne Unterlaß. Er sah wieder nach -oben, ob dort noch immer keine seien, legte den Kopf in den Nacken, -verspürte augenblicks einen knallenden Schlag und starken Schmerz am -Hinterkopf und lag am Boden. Vor seinen Augen zuckte und sprang das -Sterngewimmel aufgelöst durcheinander, nach einer Weile wurde es wieder -ruhiger, jedoch eine wahnsinnige, tödliche Angst wälzte sich zermalmend -über seine Brust; er glaubte zu sterben, alles wurde weich und schwarz -um ihn her, die Augen fielen ihm zu, aber unverändert noch lange Zeit -blieben im Dunkel ihm Sterne sichtbar, sich verlierend in eiskalte -Finsternis, funkelnd und glitzernd unablässig. - - - Hier enden des siebenten Buches neun Kapitel oder dreimal soviel - Stunden. - - - - - Achtes Buch. - Hallig Hooge - oder - Die Kammern der Seele - - - Erstes Kapitel: August - - - Renate an Magda - - am 1. nachmittags - -Magda! - -Schon Nachmittag, und ich bin noch hier. Georges, der Dir diesen Zettel -bringt, wird Dir sagen, daß ich bei ihm bin, und alles andre! Mitleid, -Liebste, meine Sorge um Dich ist grenzenlos, wer wüßte wie ich, was der -Herzog Dir war, aber ich kann nicht, kann nicht in das Haus kommen, wo -Du bist! Ja, Grauen überstehn, aber hingehn, wo es ist? oh nein! Ach, zu -Asche gebrannt, Kind! Genug, vergieb, komme zu mir, nein, komme nicht, -hüte mir -- umsonst, ich kann den Namen nicht schreiben, alles versagt. - -Georges gieb bitte ein Kleid für mich, Wäsche für Tag und Nacht, und was -sonst nötig. In meinem Festkleid -- ich sitze da wie eine Irre. Georges' -Bruder trat mir Kammer und Bett ab. Morgens als ich aufstand, da war -alles leer, nur ein Zettel von Georges' Hand, daß er seinen Bruder ins -Gymnasium fuhr, da fiel mir sein erster Schultag ein, er geht ja noch -ein Halbjahr hin wegen des Examens. Den ganzen Vormittag blieb er, -Georges, weg, um Zitate nachzuschlagen in der Bibliothek. Es war so zart -von ihm, mich allein zu lassen, aber solche Zartheit macht in die -Verzweiflung einen Knoten, wenn man schon drin sitzt. Ich muß wohl -aufhören zu schreiben. Innig Dein! - - R. - - - Renate an Magda - - noch am 1. nachts - -Noch ein Wort in der Nacht für Dich, armes, gequältes Herz, und die -Bitte, Dich meinetwegen nicht zuviel zu sorgen. Kraft ist noch da, weiß -nur eben nicht wo, aber glaub schon, daß ich sie finde! Habe Dank für -Dein liebes Wort durch Georges, die Franziska hat alles schön besorgt, -sogar an meine Badessenz gedacht. Daß Du Dich niedergelegt haben -würdest, konnte ich freilich denken, es ist schmerzlich, daß Georges -Dich nicht sah, nun, morgen seh ich Dich selbst. Jetzt ist alles leer, -ich fühle nur den Schmerz des Risses, er trennte mich in leblose Teile, -nur wo der Riß läuft, brennt Leben, Vergangenheit und Zukunft sind wie -abgehauen, der Himmel weiß, wann sie mir wieder anheilen werden. - -Hörtest Du von Georg? In der Zeitung soll gestanden haben, er sei -erkrankt. - -Heute morgen erwachte ich aus diesem Traum, in dem Du vorkamst. Es fängt -an mit etwas Kleinem, das an der Erde lag; als ichs heben wollte, wars -eine haarige Spinne, ich bebte zurück, trat mit geschlossenen Augen auf -ihren Leib, der war weich und regte sich, da sah ich, daß es ein -widerlicher brauner Frosch war, so groß wie eine Hand; sah mich -verschmitzt an und sagte: Ich bin so weich und gehe nicht entzwei! -- Da -lag auf einmal der Herzog auf einer Bahre, hatte die Augen zu, und ich -wußte, wenn er nur die Augen aufmachen könnte, war der Zauber gebrochen, -ich lag auf den Knieen, rang und weinte, da stand Erasmus hinter mir und -sagte, die Hände faltend: Laß uns beten! -- Wie ich aber unter sein -Gesicht blickte, sah ich, daß er heimlich lachte. Ich stand vom Bett auf -und sah, daß ich nichts anhatte als weißen Unterrock und Leibchen, ich -schämte mich, da hing ein violettes Kleid über der Wäscheleine, es war -nun im Gemüsegarten, das nahm ich herab und zog es an, und nun kam Josef -über die Beete im Frack, einen seltsamen großen Zylinder in der Hand, -und sagte ernst: Dein Onkel liegt im Sterben, und du hast ein rotes -Kleid an. -- Ich sagte: Es ist doch blau! aber es war wirklich blutrot, -und da wußte ich, es war das, das Bogner angehabt hatte. Josef lachte da -fürchterlich, und ich war so erstaunt und sagte: Josef, ich dachte, du -wärst tot! Ach, dann hab ich das nur geträumt, oder schriebst du es -nicht? Daneben war nun das große Blaue, das warst Du, die fortwährend -mit einem großen Kleidrock rauschte, den Du nicht festbinden konntest, -Du warfst ihn hin und her, es waren hundert Falten, es dauerte endlos, -dann fingst Du an zu fliegen, flogst auf die Fensterbank, drehtest Dich -wie ein Vogel und sagtest triumphierend: Siehst du, nun kann ich doch -fliegen, und du wolltest es nicht glauben. -- So schwebtest Du davon, -machtest einen Bogen, und nun war es ein ungeheurer blauer -Schmetterling, der die Flügel langsam auf und zu faltete. Das sah -wunderbar aus, aber nun kam er auf mein Bett gekrochen, und als ich die -langen haarigen Beine sah, die so vielgliedrig griffen, Hörner und -Glasaugen und das braune, mundlose Gesicht, packte mich das Entsetzen, -ich brachte aber keinen Ton aus der Kehle, und es kam immer näher -gekrochen, ich dachte, ich stürbe vor Ekel, da merkte ich, daß ich alles -abschütteln könnte, wenn ich es nur fertigbrachte, aufzuwachen. Es gab -einen Ruck, ich lag in Finsternis und atmete auf ... - -Ach, und jetzt: wenn ich es nur fertigbrächte, aufzuwachen, und auch -dies wäre ein Traum gewesen, -- oh mein Gott! - -Und um das Haus, das mir Heimat wurde, liegt nun der magische Gürtel. -Drin sitzt das Grauen mit den Augen eines alten Mannes, und statt eines -Mundes steht da Kain geschrieben. - -Ja, aber weißt Du es denn überhaupt? Nein! und nun sehe ich erst, daß -ich vergaß, Georges danach zu fragen, und gewiß hat er Dir nichts -gesagt, da er Dich nicht sah. Ich muß ihn morgen fragen. Ach, nun ist -alles wieder glühend geworden. - - - Aus Renates Gedächtnisbuch - - am 2. August - -Ein stiller Vormittag. Ich schnitt mir von Georges' Aktenbogen Blätter -in der Größe meines Buches; nun soll einmal die Feder laufen statt -meiner Füße, die eine Stunde lang den grauen Läufer herauf und herunter -irrten, und diese hohen roten Mauern da drüben, regennaß, die schwarzen -Gitterfenster und die grasbewachsenen Dächer, naß und umspült vom Regen, -die grauen Wolkenfetzen am jagenden Himmel, ich kann sie nicht mehr -ansehn. Als ich heut nacht erwachte, hörte ich schon den Regen in einer -Dachrenne klappern so fremd! fremd wie nun die Stille. Und doch -wohlbekannt seit Jahren! Ach, das Alleinsein ist fremd im Zimmer der -langen, gemeinsamen Arbeit, der Gespräche, der Behaglichkeit! und was -auch sonst im Leben geschah: die Arbeit war jahraus jahrein; wie wird -das werden, wenn sie vollendet ist? und auch das soll nun bald sein. - -Kraftlos, oh ganz kraftlos zu sein! Ich bin so müde und matt. Und wie -das nun aussieht, geschrieben! Wie machen es nur die Dichter? Wenn sie -dergleichen schreiben, so spürt mans in allen Gliedern, und konnten sie -es mehr fühlen als ich? Georges würde sagen -- o Himmel, was gehn mich -alle Dichter an und Georges, jetzt wo Eins not ist? Aber die Gedanken! -Sie stellen sich ein, unbekümmert darum, wer das ist, der sie denkt. -- -Wer hat mir das einmal gesagt? Das schrieb Magda in einem Brief, im -Herbst vor drei Jahren muß es gewesen sein, ja fast um diese Zeit. Was -war ich damals, was bin ich heut? Ihre elenden Briefe damals und meine -stolzen! Ich saß im Überfluß wie die Königin aller Bienen und dünkte -mich groß, mitfühlen zu können mit einer verfolgten Seele. - -Wie wölbten mir damals die noch unverblühten Linden hinter der Kapelle -den Eingang in ein reiches Leben! Düfte der tausendfältigen Erwartung -regneten in mein offenes Herz. Die Orgel tönte Zuversicht, ich war -fleißig, meine Kenntnisse in Kontrapunktik und Generalbaß zu vollenden, -ich dachte kaum nach, Erasmus gab es noch nicht. - -Du tust mir weh, Erasmus, mit deinem immer gesenkten Kopf! Armer Kain! -Du hast es nicht tun wollen? -- Nein, sagst du, ich wollte, weil ich -mußte, man muß nicht schönreden. -- Sieh, was hier liegt, ein schönes -Ding, ein großer blauer Schmetterling, eine seidne Schleife hängt dran, -und Abels Namen steht darauf. Als ich ihn gestern zuerst las beim -Erwachen, küßte ich ihn und weinte darüber. Diese Tränen gönnen wir ihm, -ein zarter Abel war er nicht und Kain seit ewig beklagenswerter als er. -Gebe Gott, daß die große kalte Seele sich erwärme im warmen All, wo sie -nun ist! Deine Seele war immer warm, lieber Kain, oh wer hat sie so -furchtbar zum Glühen gebracht! - -Mir wird wieder wirr. - - nachmittags - -Wie gut, daß ich den Nachtbrief an Magda Georges doch nicht mitgab! Denn -was heißt nun diese Nachricht, die er mir heut von ihr bringt: »durch -Zufall eine Verletzung der Augen zugezogen«? Kein Wort zur Erklärung. -Bin ich übervoll? Ich kann nichts aufnehmen, verstehe nichts, und wenn -ich ahnen will, geht es schon auf im allgemeinen Grauen, und ich wende -mich ab ... - -Kleinigkeiten erhalten Zutritt. Der graue Läufer. An drei Jahre sah ich -ihn abgenützt werden, ohne ihn je genützt zu sehn, da Georges nur darauf -geht, wenn er allein arbeitet. Und nun gehe ich selber darauf und denke, -er muß in einer Stunde zerschlissen werden, und weiß nicht, warum mir -das wunderbar scheint! - -Da sitz ich am Sofatisch und schreibe. Am Fenster ganz links sitzt der -Gelähmte still für sich an seinem Pult; am Fenster ganz rechts sein -Bruder, die vier Kartothekenkästen je zwei zur Linken und Rechten, und -ich kann ihm minutenlang zusehn, wie er die saubern Karten, die wir -Beide beschrieben, im Kranz um seine Schreibunterlage ausfächert, jede, -von der er abschrieb, zur Seite legt, eine auf die andre, dann den -ganzen Pack in seinen Umschlag und in den Kasten zurück, und dabei nimmt -er den Federhalter quer in den Mund, und wenn er schreibt, geht das wie -ohne Besinnen, es ist alles schon fertig. Lauter kleine Vorgänge -peinlichster Ordnung. Und so entstehn Werke; so eine Dichtung, denn die -Art, wie er Geschichte schreibt, ist ganz Dichtung. Oh heroisch, oh -göttlich der Mensch, der etwas entstehen sieht unter seinen Händen! Die -Berührung des Werdens verleiht Unsterblichkeit ganz gewiß, Leben springt -über in Funken zum toten Stoff und der lebt, Augen schlagen sich auf, -Lippe färbt sich und lächelt, Stirne blinkt weiß und rein, und aus -ganzem, vollem Antlitz haucht es: Siehe, ich bin! und durch mich bist -erst du! - -Wie nun der Regen strömt um die Zinnen der Mauer! - - am 3. - -Als ich heut morgen ins Zimmer kam, stand Georges entfernt am letzten -der drei Fenster, die Hände auf dem Rücken. Hell war der Raum im kühlen -Regenlicht. Ernst, blasser als sonst schien er mir im Entgegenkommen. -Ich glaube, ich stand wohl eine Weile vor ihm, die Hände auf seinen -Schultern, und sah an ihm vorüber die nasse blanke Bekrönung der roten -Mauer, die Drahtnetze und Gitterstäbe der Fenster und all das andre von -Gefangenschaft, und dann fragte ich: »Grünt die Hoffnungsbirke noch?« -»Sie grünt wie alljährlich«, versetzte er still, führte mich ans Fenster -und ließ mich nach links sehn, und da stand die kleine, seltsame Birke -oben auf der Ecke der Mauer, grün und zitternd im Regenfall. Plötzlich -fiel mir ein, daß Georges noch immer nicht alles von mir wußte, ich -setzte mich auf den Stuhl am Schreibtisch, wußte nicht, wie ich anfangen -sollte, es war so grenzenlos traurig auf einmal. -- Wir waren verlobt, -der Herzog und ich, stieß ich dann hervor. Er antwortete nicht, ich -hätte weinen mögen vor Hülflosigkeit, aber auf einmal stand ich mitten -im Zimmer und sprach und sprach, es war schrecklich, jeder Satz wurde -mir in der Mitte oder im Anfang abgerissen, ich strauchelte über meine -eigenen Worte, sprach nur weiter wie im Fieber, von Josef und dem -Ech-en-Aton, von Benno, von Sigurd, von Erasmus, vom Wehr und der Nacht, -von Ulrika und meiner Angst um sie, das strudelte alles durcheinander, -und immer sah ich Josef in seiner schwarzen Vermummung aus der Luke im -Festwagen tauchen und Erasmus hinter ihm, den Helm voll kleiner Sträuße. -Schließlich wars aus, ich saß wieder im Stuhl hinter Georges und hörte -ihn nach einer Weile langsam sprechen. - -»Ja, dort drüben wird der arme Sigurd nun sein. Über ihn wird man lesen: -der feige Meuchelmörder, -- da es aber unser Sigurd ist, so werden wir -wissen, daß er nicht feige war, sondern vielleicht mehr ein Held als ein -überzeugter Monarchist aus der Schlacht bei St. Privat, denn es ist ja, -nach allem was man weiß, eine schwerere Aufgabe für den Edlen, auf einen -Wehrlosen zu schießen als auf einen, der wiederschießt. -- Ach, sagte -ich, ich glaubte, er sei irr, -- aber er meinte, deshalb dürfte es doch -kaum leichter gewesen sein, und dann mußte ich ihm Sigurds Plan erklären -vom bevorstehenden Krieg und den Fürsten, die allesamt fallen sollten. --- »Ach,« sagte Georges, »daran erkenne ich meinen Sigurd! Der Herzog -wäre vielleicht ganz gern gestorben, wenn alldas richtig gewesen wäre. -Regimenter der Unterdrückten, die riesige Internationale der -Ungerechtigkeit in allen Ländern, die hörte Sigurd ja immer -aufmarschieren, Juden und Polen, Iren und Finnen, Armenier und Serben, -Arbeiter in England und in Frankreich und Deutschland, hungernde Rumänen -und verwahrloste Portugiesen, Heere unübersehbar, alle vereint in einen -Schrei nach dem Recht, -- ja, wer wollte da nicht Tambour sein! Und -kommt vielleicht in hundert Jahren«, fuhr er fort, die Augen heiß und -schmerzlich zu den Gitterfenstern gewandt, »ein Luftschiff hoch mit -Griechenwein --« er lächelte fast schluchzend -- »durchs Morgenrot -dahergefahren, wer möchte da nicht Fährmann sein! -- Ihr habt ihn ja -nicht gekannt! Die Menschen sind uns nicht, was sie sind, sondern was -wir von ihnen sehn, und wen von euch hat er beraten, betreut, ihm -geholfen, wen hat er besucht in Gefangenschaft und getröstet in -Krankheit und gespeist, wenn ihm die Seele hungerte, mit edler Speise -des Vertrauens und der Begeisterung, und mit wessen Traurigkeit war er -traurig, in wessen Heiterkeit froh? Ihr saht ihn feiertags, da spielte -er Cello und war eine schöne Figur ...« - -Und nun nach einer Weile fing er an, mir von Magda zu erzählen, was er -mir auf ihre Bitte bisher geheimgehalten hatte; da konnte ich nicht -anders als nur seufzen: Oh Gott, will es denn niemals ein Ende nehmen? --- worauf ich ihn alsbald etwas sagen hörte von: Renate Montfort, die er -gestern auf einem goldenen Wagen gesehen habe mit Elefanten und -Einhornen, und was ich nun den Kopf hängen ließe! -- »Ach, du häßlicher -Spötter!« sagte ich und sprang wieder auf, »warst du nicht auch bei -denen, die mich immer auf goldenen Wagen sehn wollten und schöne -Vergleichungen wußten von Bienen und Sonnenblumen!« Ich war ganz von -Sinnen und sagte, wenn ich auf goldenen Wagen gefahren wäre, so wäre ich -auch tiefer herabgestürzt, als er vielleicht sehen könnte, und dann -herrschte ich ihn an, mir meinen Mantel zu geben. Ich zitterte am ganzen -Leib und erinnerte ihn daran, wie ich ihn einmal hinausgeschickt hatte, -obgleich ich damals doch im Unrecht war. Seine Gestalt, das Zimmer, die -Fenster zuckten groß auf und nieder, ich mußte noch etwas sagen, und so -fragt ich: »Wo warst du am Festtag?« - -Er drehte sich langsam zum Fenster um, sagte kein Wort. Ich wiederholte -meine Frage, gepeinigt, um ihn zu peinigen. -- »Du hast«, hörte ich ihn -endlich sagen, »beinah zwölf Stunden geschlafen, denn es ist Mittag, und -dich ausgeweint. Andre hatten nicht soviel,« schloß er, »und ich war -dort, wo du mich fandest, als du mich brauchtest.« Da war meine Kraft zu -Ende, auf einmal hatte ich einen Regenmantel an, legte den Kopf auf -seine Brust und sagte, er möchte mir vergeben, er wisse ja immer alles. -Dann bin ich hinaus, auch die Treppe ganz hinuntergegangen, aber vor dem -Haustor drehte ich um und stieg wieder hinauf. - -Nun sitze ich und schreibe, um nicht zu denken. - - Nachmittags - -Ich ließ Georges nach Hause telephonieren und um den Wagen bitten. Der -Wagen, dacht ich, soll dich denn zwingen, wenn du nicht willst. Nun sitz -ich und warte, weiß nicht, wie ich es fertigbringe, mir fliegen die -Hände, ich muß schreiben, daß ich nicht rasend werd vor Angst. Schwach -sein, oh schwach sein in der Stunde der Not, ich, ich! Gestern -- was, -gestern? drei Tage ists ja schon her, aber da hab ichs doch ertragen. -Nein, das Grauen -- Josefs Vater ... ich kanns nicht! Und wieder Magda, -die mich braucht! Ließ ich sie vor drei Jahren nicht allein und begnügte -mich mit redseligen Briefen? - -Schuld ist es, Schuld, sag es, sag es doch, daß du dich lange schuldig -fühlst! hier, sitz, schreib, schreib auf, willst du wohl! schreib: -Damals, als Josef aus dem Haus wollte, konntest du ihn nicht halten? -Nein, da war die Kunst vergebens, du bewegst keinen Marmor, es war zu -spät! Aber Erasmus? Sah ich ihn nicht mit Fäusten losgehn, damals, auf -seinen Bruder? Und dann, was sagte er? »Ich bin doch schon als Junge -einmal mit dem Messer auf ihn ...« Oh das hör ich nun, als wärs heute! -Warum vergaß ichs denn inzwischen? Warum war ichs nicht eingedenk Tag -und Nacht, wachend und schlafend: er ist als Junge schon mit dem Messer -auf ihn losgegangen! Warum war ich nicht eingedenk Jahr um Jahr: »Lieber -Bruder Erasmus, noch ists nicht Zeit! -- Und warte,« sagte Josef, »ich -entgehe dir nicht!« Wars nicht so? Oh Gott, habe Barmherzigkeit, was -konnt ich tun? Liebte mich nicht Erasmus, kannt ich nicht seine Natur, -die mich in keine Nähe zu ihm ließ, es sei denn die eine? - -Fort jetzt, nur fort! Warum kommt nur der Wagen nicht. Ich muß hin, ich -muß ihm in die Augen sehn! Sehn, sehn, ob ich schuld bin wie er, und ihn -bei der Hand fassen und verbrennen mit ihm, wenn ichs bin. - - in der Nacht - -Wieder in meinem Zimmer. - -Sonderbar und unbeschreiblich ist mir zumut. Ist das möglich, daß alles -hier unverändert ist? Lampe und Sofa, Ofen und Bücher, -- und mein -weißer König sieht über mich hinweg wie immer. - -Ja, du mein Heiland, du heilender, so laß mich dir bekennen alles, was -inzwischen geschah. - -Die Fahrt war so grauenhaft schnell zu Ende, daß ich kaum nach dem -Hinsetzen im Wagen die Augen geschlossen hatte, als er schon wieder -hielt, und da war wirklich die alte Hausfront, das Tor und die goldene -Fünf in den eisernen Ranken, alles fest und still und genau. Als ich -durch den Vorgarten ging, öffnete Konrad die Glastür, lächelte und sagte -bekümmert: »Das kleine Fräulein, ach Gott!« Aber kaum im Hausflur, fuhr -ich entsetzt zusammen, weil das Telephon aus der Kleiderablage gellte. -Ich dachte, ich sei nur wie immer erschrocken, seit Irene durch das -Telephon von Doras Kindern sprach, und so nahm ich mich zusammen, ging -selber in den kleinen Raum voller Mäntel. - -Und dann wars Ulrikas Stimme, matt und erschöpft, die fragte, ob ich es -schon wisse, und unendlich weit fort hört ich sie sagen, ach, ich weiß -die Worte nicht mehr ... - -Sie haben sich geschossen. Bogner ist verwundet. In der Brust. Der Arzt -sagt, er wird leben bleiben. Ulrikas Mann -- ja, nun weiß ich das auch -nicht mehr, -- ist er tot? Ich verstehe es nicht, verstand es kaum, als -ich sie sprechen hörte, es schien mir so gleichgültig, -- und auch -- -als hätte ich alles schon gewußt ... - -Und im nächsten Augenblick, glaube ich, hatte ich alles vergessen; statt -dessen merkt ich, daß ich furchtbaren Hunger hatte; zu Mittag hatt ich -keinen Bissen hinuntergebracht. So stand ich minutenlang, konnte mich -auf nichts besinnen, zwischen den Mänteln und Jacken, und da lag der -große graue Hut des Erasmus auf den Messingstäben und Magdas grober -Gartenpanamahut mit dem dünnen schwarzen Band. Der sagte mir denn, was -zunächst kam, und ich ging die Treppen hinauf bis vor mein Zimmer. Die -Klinke in der Hand merkte ich, daß ich falsch gegangen war, wollte -zurück, bildete mir aber nun ein, eine Minute Schonung, nein, Aufschub -sei wohl gegönnt, und als ich öffnete, saß im Sofa, eine breite, weiße -Binde vor den Augen, Magda. - -Wie starrt ich nur hin! Eine leise Stimme sagte: Da sitzt es! -- Ihre -grade Haltung und die Binde, das halb verdeckte Gesicht machten sie so -zu einer Figur, einem Bilde der Gerechtigkeit oder etwas ähnlichem, so -daß sie mir vorkam wie eine Gestalt all des Tödlichen und Schaurigen, -das mich durchfahren hatte, so reißend schnell, daß jedes sich erst -verstehen ließ, wenn es schon geschehn war. Nun saß das Unheil hier, -ganz still, eine Binde vor den Augen ... Magda! schrie ich und fiel mit -den Gesicht in ihren Schoß. Mit mir fiel die Erde. Sie hielt nun nicht -mehr, ich wollte schreien vor Angst, als ich spürte, wie die Erdfesseln -ganz lose wurden, und da rissen sie, der Boden tat einen ungeheuren -Ruck, es toste, riesige Bäume wankten und schlugen um, ich konnte noch -denken: Ein Augenblick, dann ist alles vorüber! Da kreiste die rote -Finsternis langsamer, von unten kam die Sicherheit wieder, der Boden -hielt, ich kniete, in meinem Haar glitt eine lindernde Hand ... - -Dann sprach ich mit Magda. »Wir wollen nicht verzweifeln,« sagte sie, -»der Arzt meint, das eine Auge würde sicher heil bleiben --« sie brach -unruhig ab, lehnte den Kopf gegen die Wand zurück und drehte das Gesicht -nach dem Fenster. Ihre Stimme war so tief gewesen wie sonst nur, wenn -sie singt. - -Meine Fragen wehrte sie ab und fragte selber nach Georg. Als sie hörte, -daß er krank sei, stand sie gleich auf, sagte, sie müsse zu ihm, ich -sollte sie führen, aber plötzlich schlug sie die Hände vor das Gesicht -und rief verzweifelt: »Daß ich nun hülflos bin, mein Gott, das durfte -doch nicht kommen!« Ich hielt ihren Kopf an meine Brust gedrückt, das -kleine weiße Königsantlitz flimmerte mir vor den Augen, und ich sagte zu -ihm: Wir, Josef, ja, wir gehn unsre luftigen Wege und finden die -schönsten Worte, o du Delfin des Lichts, aber unsre Handlungen gehn -allein vor sich, bis es zum Sterben kommt, dann besinnen wir uns und -nehmen grade Haltung vorm Tode. Herrgott, schrie ich innerst, und die -Kinder müssen leiden, was Riesen nicht schleppen, über die Armen wird -Armut gehäuft, die Hungrigen bekommen zu fasten, und wer Sonne austeilen -möchte mit beiden Augen, dem werden sie ausgestochen, und ich, sagte ich -außer mir, ich habe die Verneigungen nun satt, große wie kleine, und ich -habe genug gelitten! -- Sage doch, was du willst, antwortete es kühl aus -den weißen Statuenaugen, aber du irrst, wenn du meinst, daß ich hinsehe. --- - -Magda machte ihren Kopf frei und sagte: »Jahre sind gekommen und -gegangen, und ich habe mich in die unbekannte Einsicht Gottes gefügt und -gewartet.« Und, sie habe gelitten, sagte sie, so sei es nicht schwer -gewesen, an den Tod zu denken und seine Bitterkeit mit einer rettenden -Tat zu vergolden, -- so daß ich nun merkte, sie hatte die alte -Prophezeiung der Zigeunerin niemals vergessen. -- Ihre Hände fielen -schlaff herunter, sie fing wieder an: »Die Nacht ist hingegangen, die -ich mit Grübeln versessen hab, die Uhren schlugen Tag, und es kamen -Menschen, und ich -- was soll ich glauben? Ich bin ja hülflos. Ich kann -nun bloß dastehn und warten, daß der Tod jemand treffen will, und ich -stehe vielleicht dazwischen, und er trifft aus Versehen mich, -- was -kann ich tun?« - -Mir quoll das Herz. Aber jetzt auf einmal kam das Seltsamste zu Tage. -Sie wußte ja noch nicht die genauen Vorgänge vom Tode des Herzogs, wie -sie aber nun alles von mir hörte, fuhr sie zusammen, berichtete mir in -der Hast etwas von einer Fremden, im französischen Park, einem Anfall -gegen sie oder Georg, ich verstand es nicht deutlich, und daß sie Georg -habe ins Wasser fallen hören, was ich ihr ja aus Sigurds Worten -bestätigen konnte. »Und siehst du,« sagte sie dann erglühend, »wenn -nicht das mit mir geschehen wäre, so würde Sigurd Georg getroffen haben, -und also -- also wars nun das dritte Leben, das ich -- gerettet habe. -Und meins ist nun aus ...« - -Danach wurde sie ruhig. Franziska kam und meldete, es sei zu Abend -angerichtet, und sie stand auf, ich führte sie zur Tür. Draußen ließ sie -meine Hand los und ging allein an der Wand hinunter, fand auch zum -Treppengeländer hinüber, wo sie aber fast umgesunken wäre. Sie brachte -keinen Laut hervor, richtete sich nach Sekunden wieder auf und ging die -Treppe hinunter. In der Halle -- nein, da riß alles ab. - -Plötzlich stand ich vor Erasmus' Stubentür. Ich wollte klopfen, aber -meine Hand versagte, auch den Türdrücker bekam ich kaum herunter, und -als die Tür aufging, wars, als fiele ich an ihr herunter in das Zimmer. -Da saß Erasmus vor dem Schreibtisch in Hemd und Hose, über ein großes -Buch auf seinen Knieen gebückt, schon umgewandt nach mir, aber ganz -geduckt, und als ich seine Augen sah, schrie ich: »Mach die Augen zu, -Erasmus!« Dabei muß ich selber die meinen geschlossen haben, aber nach -einer Weile sah ich ihn wieder mit gesenktem Kopf wie einen Sünder in -seinem gelben Unterhemd über seinem Bibelbuch hocken. Da ging ich zu -ihm, als ging ich über Wasser, legte eine Hand auf seine Schulter, und -sein Nacken war so lang und ganz rostrot, und sagte leise: »Was liest du -denn da, Erasmus?« Er hatte die Unterarme über die Seiten gelegt und die -Hände über die oberen Buchränder gekrallt; so blätterte er mit den -Fingern die Seiten auf, zog aber endlich die Arme fort und ließ mich auf -das Blatt sehn. Die schwarzen Zeilen schwammen ineinander, es war, als -begingen wir eine Sünde zusammen, und ich flüsterte: »Du mußt mirs -zeigen!« Nun brachte er eine Hand über die Seite hin, der Zeigefinger -krümmte sich und wies eine Stelle, und ich las hinter dem rückenden -Finger her langsam die Worte: So wird mirs gehen, daß mich totschlage, -wer mich finde ... - -Und dann? Ich hielt sein Gesicht in den Händen, sah durch das Fenster -mit blinden Augen, sah das Gartengitter unten und die Alleebäume, und -seine großen Hände lagen glühend um meine Unterarme geschlossen; dann -fand ich mich über ihm stehend, und er hielt meine Hände. Auf einmal -hatte ich wieder Kraft, nahm das Buch von seinen Knieen, legte es fort -und sagte zu ihm: Steh auf! -- Mir zitterte das Herz, wie blindlings er -gehorchte, und er stand da wie ein Knecht, groß, so breit und mit -geducktem Nacken. Darauf ging ich zur Tür, hörte, wie er sich auch in -Bewegung setzte und mir nachkam und die Tür wieder schloß und hinter mir -die Treppe hinunter stieg; es brauste in meinen Ohren, alle Geräusche -waren so deutlich und doch wie in weiter Ferne. Vor dem Schlafzimmer -seines Vaters hab ich auf ihn gewartet. Als ich die Tür öffnete, gab es -einen Luftzug, ich fühlte das Haar wehn auf meiner Stirn, und an beiden -offenen Fenstern den Raumes wehten die leichten weißen Vorhänge herein. -In seinem Bett, das frei dastand, saß der alte Mann; ich sah seine hohe, -kahle Stirn und den Bart und die flackernden dunklen Augen, er aber sah -mich nicht, sondern den, der draußen stand und die Hände rang, und dann -fühlte ich mein eignes Lächeln so brennend, als hätte ich eine Sonne im -Antlitz. Ja, ja, ja, die hielt ich ihm hin, die Luft brauste auf, -Fittiche schlugen weiß aus der Tiefe, der Engel stieg wieder herauf, und -die uralte Stimme rief laut: »Komm herein, mein Sohn, komm herein!« Da -stürzte ein schwerer Körper an mir vorüber in den wolkigen Raum, ich -hörte einen dumpfen Fall und die Worte: »Vergieb mir, mein Sohn, und laß -mich wieder dein Vater sein!« -- Dann war ich draußen. - -Am Ende eines langen weißen Flurs sah ich das stille Einhorn auf und -nieder gehn; doch entfernte es sich bald, bog um eine Ecke unter eine -altertümliche Arkade ein -- später fand ich sie wieder auf der römischen -Abbildung, die dort hängt -- und verschwand, den langen, weißwallenden -Schweif sanft um die zierlichen Fesseln legend, in einer grünen -Dämmerung, die sich langsam schloß und zu grünen Korridorwänden mit -weißen Türen wurde. - -Später fand ich mich in meinem Schlafzimmer auf dem Bett und schlief -gleich. - - - Cornelia Ring an Renate - - Altenrepen, am 4. 8. - -Liebes Fräulein von Montfort, - -bitte wollen Sie mir verzeihen, daß ich mich an Sie wende, aber ich habe -sonst niemand, den ich fragen könnte, wo Herr von Montfort ist, und ich -bin ja so verzweifelt! Nun ist schon der fünfte Tag, daß er das Haus -verließ -- Sie werden wohl wissen, daß er seit seiner Rückkehr nach -Deutschland hier im Hause von Herrn Bogner wohnt --, und es wäre gar -nicht seine Art, uns ohne Nachricht zu lassen. Mit >uns< meine ich -seinen Diener, der Ihnen diesen Brief bringt, einen Halbchinesen; er -heißt Li und hängt mit so außerordentlicher Liebe an seinem Herrn, daß -ich Sie bitten möchte, falls Herrn von M. etwas zugestoßen sein sollte, -es ihm zu sagen, und Sie brauchten dann mir nicht erst zu schreiben. - -Von Herrn Bogner hörten Sie wohl? Er ist heute zum ersten Mal zur -Besinnung gekommen, der Arzt meint, er soll ins Krankenhaus, was auch -recht schmerzlich für mich ist zu aller Aufregung, ich meine, weil ich -ihn dann nicht pflegen kann und nur unruhiger werde. Ich will nun aber -schließen und grüße Sie mit nochmaliger Bitte um Vergebung als Ihre -gehorsame - - Cornelia Ring - - - Renate an Cornelia Ring - - Waldheim, am 4. August - -Liebes Fräulein Ring, - -durch Li wissen Sie nun schon, ehe Sie diese Zeilen lesen, was geschehen -ist. Glauben Sie mir, daß ich wie eine Schwester mit Ihnen empfinde, und -so gerne wäre ich selber zu Ihnen gekommen, aber leider habe ich eine -erkrankte Freundin im Haus, die ich noch nicht allein lassen kann. -Möchten Sie nicht statt dessen mich besuchen? Ich könnte Ihnen dann -vielleicht noch mehr sagen, was Sie wissen möchten. Li, der kleine, war -so sehr gebrochen, ich werde nie vergessen, wie sein eben noch -lächelndes gelbes Gesicht ganz grau wurde! Er bewegte sich nicht, aber -er sank ganz zusammen in seinem langen braunen Mantel. Ich bin sehr in -Angst um Sie, liebes Fräulein, und bitte, wenn Sie sich fähig dazu -fühlen, besuchen Sie ja recht bald Ihre - - Renate Montfort - -Noch etwas fällt mir ein, das Li betrifft. Meine kranke Freundin, deren -ich erwähnte, hat eine Augenverletzung, es ist zu fürchten, daß sie -erblindet. Nun war sie dabei, als ich mit Li sprach, und da er mehrere -Male ganz verzweifelt sagte: Was soll nun aus mir werden? so ging es uns -durch den Kopf, daß ihn meine Freundin zu sich nehmen könnte, gesetzt, -Sie selber wollen ihn nicht behalten. Meine Freundin würde einen Führer -brauchen, und mir gefiel er sehr! Seine Treue, sein Schmerz, seine -Höflichkeit, und was hat er für merkwürdig runde Augen in dem -Chinesengesicht! - - - Irene an Renate - - Nonnenkloster Mariabrunn, am 7. August - -Ja, Renate, da bin ich wieder hier, Hals über Kopf, und da ich leider -keine Ahnung habe, weshalb Du nicht im Hause warst, so bin ich ziemlich -ratlos und wäre Dir dankbar für ein Wort über Dich und vor allem über -Magda. Renate, was ist mit ihr? Ich sah sie, sie sprach von einem -Unfall, sie war so beängstigend still! - -Zu Hause wars nämlich nicht auszuhalten. Meine Eltern redeten bis in die -Nacht, und am nächsten Morgen fingen sie wieder an. Und alles die -reinste Neugier! Herrgott, was wollten die alles wissen! und o Himmel, -diese Vorstellungen! Immer wieder die Fragen: Ob denn mein Mann nicht -gut zu mir gewesen wäre? Ob ich ihn denn nicht liebte? Als ob das etwas -damit zu tun hätte! Als sie sich aber bis zu dem Ausdruck Ehe -verstiegen, da hatte ich denn doch die Nase voll. Ach, du lieber Gott, -wenn Worte einen Menschen zu etwas machen könnten, ich wäre es geworden -in diesem Augenblick. Ich hätte an mir selber irre werden können, packte -meine Sachen und entfloh. - -Hier ist alles, wie es war. Die guten Alten sind bis auf eine einzige -noch dieselben, die Jungen sind Andre als dazumal, aber das Genre ist -geblieben. Ein Aufheben gab es meinetwegen natürlich nicht, nur die -Abatissa konnte sich eine triumphierende Bemerkung und einen spitzen -Mund nicht verkneifen. Sie ist eine Gräfin und hat sich auch so! Vor -lauter Genugtuung über meine Wiederkunft sagte sie etwas ganz -Verwickeltes vom Heiland, der nicht in Häusern wohnte, sondern in -Herzen. Ja, dacht ich, der wird sich grade bedanken und in deinem -verprömmelten Herzen wohnen! und sagte: ich wäre dankbar, hier nur etwas -Ruhe und Sammlung zu finden, bis sich herausstellte, ob mein Aufenthalt -von Dauer sein würde (was der Himmel verhüten möge!) oder nicht. Da -wurde sie noch spitzer und sagte, ein Herz voll Unruh wäre was -Köstliches, und nur am Abgrund hin führte der Weg in den Frieden. -- So -eine geht nun alle Tage mit dem Heiland um, und ist sie deshalb anders -als die Andern? Na, die wird sich wundern, wenn es am Jüngsten Tage -heißt: Reichsgräfin Jutta von Lindenau, weiland Abatissa, verblichen im -Geruche großer Heiligkeit, und sie sieht sich denn dastehn in ihrem -Sündenstank, der zum Himmel schreit. Mir ging ein großes Licht auf, und -ich sehe, daß es mit der Mehrzahl der Menschen so bestellt ist: der eine -ist leidenschaftlich Bergsteiger, der andre sammelt leidenschaftlich -Briefmarken, einer geht ins Kloster, und eine ist meinetwegen -Frauenrechtlerin. Und all diese leidenschaftlichen Dinge tragen sie -sauber verschlossen in einem großen Koffer mit sich herum, den sie -überall vorzeigen und sagen: da ists drin! und im übrigen sind sie ganz -gewöhnliche Menschen. Die Briefmarken machen sie nicht weiser, und die -Berge nicht klar; die Jesusliebe nicht demütig, und das Frauenrecht -nicht duldsam. Ach, ist es denn mit mir vielleicht anders gewesen? Ja, -denn ich war die ganzen Jahre lang überhaupt nichts!!! - -Was mit mir zu geschehen hat, ist klar. Ich muß wieder werden, die ich -gewesen bin, vor der Ehe, mit Leib und Seele. Ich weiß noch nicht, wie -das geschehen soll, aber es muß. Nun -- damit muß ich allein fertig -werden. Leb herzlich wohl, wenn ich kann, werde ich schreiben. Gedenke -nicht unfreundlich Deiner - - Irene - -In meiner üblichen Selbstsucht vergaß ich natürlich, daß ich Dir von -meiner Schwägerin Dora schreiben wollte. Daß sie mich vermissen wird, -glaube ich zwar nicht, bei dem versteinerten Zustand, in dem ich sie -verließ; da ich aber weiß, daß ich trotz ihrer vielen Freunde und -Bekannten allein ihr ganz nahe war, so ist mein Gewissen gar nicht rein! -Deshalb möchte ich Dich bitten, recht bald einmal nach ihr zu sehn und -mir möglichst ausführlich zu schreiben, wie Du sie fandest! Nicht wahr, -Du bist so lieb?! - - - Renate an Irene - - Waldheim, am 14. August - -Meine liebe Irene! - -Daß ich Deinen Brief erst heute beantworte, geschieht deshalb, weil ich -erst Bestimmtes über Magda wissen wollte. Das habe ich nun heute -erfahren, und es ist sehr schmerzlich. Die Sehkraft des einen Auges ist -ganz, die des andern fast erloschen. Sie sieht nichts, wir dürfen uns -das nicht verhehlen, obgleich sie selber behauptet, Farben, sogar -Gestalten erkennen zu können, und hell, sagt sie, sei es stets. Du -siehst: sie ist, wie sie immer war! Übrigens giebt es etwas, das ihr -dies Schicksal tragen hilft, aber ich finde die Worte nicht, es zu -erzählen. Es ist aber das, daß sie die alte Prophezeiung, von der Du -weißt, nun erfüllt sieht; und daß es Georg war, an dem sie sich -erfüllte, ist ihr Trost. - -Zu Dora ging ich schon zwei oder drei Tage nach Empfang Deines Briefes, -fand sie über einem Berg von Schriften und Rechnungen ihrer Vereins- und -Küchenangelegenheiten, und sie gestand mir ihre letzte Verzweiflung: ihr -Gedächtnis habe gelitten, sie könne nicht mehr rechnen oder mit -Angestellten verhandeln und dergleichen. Es gelang mir, ihr meine Hülfe -aufzudrängen, ich bin seitdem fast täglich bei ihr gewesen, sie hat mich -bei ihren Mitarbeiterinnen eingeführt und so nach und nach alles in -meine Hände gleiten lassen. Ich werde es freilich wieder abgeben müssen, -ausgenommen die Beschäftigung mit der Volksküche, Doras persönliche -Domäne, denn für die Damen bin ich ein Eindringling. Bin auch wohl fähig -einzusehn, daß Kampf gegen die vielen sozialen Schäden und -Unvollkommenheiten notwendig ist, aber in der Welt, wo er vor sich geht, -bleibe ich fremd und mag auch nicht kämpfen. Die Welt ist bisher eine -männliche Angelegenheit gewesen; haben sie sie verunglimpft, sollen sie -sie auch wieder rein machen, und sind die Frauen unzufrieden, so können -sie ja streiken, aber als Frauen, und kein Geschrei machen wie die -Männer. Daß arme Leute für wenig Geld viel und gut zu essen haben -müssen, leuchtet mir ohne weitres ein, und deshalb gehe ich in die -Küche. - -Kaum dann, daß ich alles so weit hielt, um es weitergeben zu können, ist -Dora mir fast unter den Händen erloschen. Sie lebt, sie besorgt weiter -für sich und ihren Bruder das Haus, aber sie ist stumm und ganz stumpf. -Jason, den ich häufig bei ihr fand, sagte mir, was sie ihm bekannte: sie -erwartet ein Kind, das sie in der Nacht empfing, als die andern starben. -Warum gerade dies ihr so qualvoll ist, würde ich mich vergebens fragen, -wenn ich nicht wüßte, daß jede Qual den Menschen weniger bricht, als -vielmehr ihn furchtbar verkehrt, und was dann Andern Trost scheinen mag -oder Hoffnung: es paßt alles nicht für ihn; es wird alles nur wieder -Qual. - -Soviel habe ich an mir gelernt. Dir mehr davon zu sagen, bin ich noch -nicht fähig, gute Irene, und muß es Deinem liebevollen Herzen -überlassen, zu ahnen, was sich nicht erklären läßt. -- Daß Du den Weg -finden wirst, den Du suchst, will ich von Herzen mit Dir glauben. Da -sehe ich Dich wieder in meiner Kapelle stehn: >Die Wege des Himmels sind -außerordentlich ...< hieß es nicht so? Ach, Kind, Kind! ehe wir nicht -durch die menschlichen Ordnungen gebrochen sind und rasend geworden vor -Not, eher werden wir in die göttlichen kaum passen. Da sind die -alltäglichen Verrichtungen für uns gut genug, und nach uns wendet kein -Gott sich um, wenn wir vorübergehn. - -Magda schließt ihre innig liebenden Grüße den meinen an! Stets Deine -alte - - Renate - - - Aus Renates Buch - - am 21. August - -Heut habe ich nun zum ersten Mal Bogner wieder gesehn, ein Anblick zum -Weinen. - -Er hat Schlimmes überstanden. Zu den Wunden trat Rippenfellentzündung; -bei der Punktion, um das Wasser zu entfernen, muß schon Eiter dagewesen -sein, es gab eine Infektion an der Stelle, und nun waren weitere -Punktionen unmöglich. Später stellte sich eine schwere innere -Vereiterung heraus, es mußte geschnitten werden, ein Stück Rippe heraus, -und es gab einen Eimer voll Eiter. Nun liegt er mit einer Kanüle an -einen Saugapparat angeschlossen. Ulrika erzählte mir das auf der Fahrt -zur Klinik und bereitete mich auf seinen Anblick vor. Ihre eigenen Züge -waren verfallen, oder war es schon diese unheimliche Erweiterung von -innen durch die Mutterschaft? - -In dem schmalen Krankenzimmer war zuerst nichts zu sehn als die hohe -Rückenwand eines Metallbettes, ausgefüllt von hochgestellten Kissen, -dazu ein Gestell mit dem Saugapparat, von dem aus ein langer roter -Gummischlauch in den Kopfkissen verschwand. Weiter vorgehend sah ich -einen alten, furchtbar vergrämten Mann dasitzen, und aus schlottrigen -grauen Stoppelfalten seiner Gesichtshaut, aus den Knochenrändern seiner -großen Augenhöhlen blinzelten ganz dunkle Augen in die Höhe, wo von -einer der Länge nach über dem Bett angebrachten Eisenstange eine Kette -mit einem Ringe hing, den er mit schneeweißer, langfingriger Hand gefaßt -hielt. Ich glaubte, in einem falschen Zimmer zu sein, und wollte mich zu -einer Tür umdrehn, als er mir das Gesicht zudrehte und ich ihn erkannte. -Oh, hinter der Maske von Gram und Krankheit das alte, wohlbekannte -Gesicht nun so erschreckend deutlich wie ein Gesicht in einem Gebüsch -oder hinter einem Zaun! - -Die Rosen, die ich ihm hinlegte, sah er gar nicht an, sondern griff -gleich mit beiden Händen nach meiner. Dann saß ich auf einem Stuhl bei -ihm, meine Hand hielt er fest, und von irgendwo kam eine kaum -vernehmbare Stimme: »Renate Montfort ...« Da seine Lippen sich bewegten, -so mußte es seine Stimme gewesen sein, nun mußte er husten, es dauerte -lange, bis er fortfahren konnte: »Ich wollte sagen: Renate Montfort -weint. Traurig für mich,« setzte er hinzu, »aber -- hübsch! hübsch!« -Dabei lächelte er, daß mich die Erinnerung an meinen Vater durchrann; -der hatte auch in den letzten Tagen dies mühselige Lächeln der dem Tode -Nahgekommenen: nur ein Gesichtverziehen, als ob sie erstaunten. - - 24. August - -Mein dritter Besuch bei Bogner. Beim zweiten bat er mich, doch täglich -zu kommen. Er spricht nun viel, wird aber schnell müde; seine Stimme ist -mitunter kaum zu vernehmen; seine Gedanken scheinen rastlos in Bewegung. - -»Sagen Sie doch,« fragte er heute, »ist Fuge wirklich das lateinische -_fuga_?« Da ich bejahte, wunderte er sich und meinte: »Also wirklich -Flucht? Das ist ja abscheulich!« worauf er mich und Ulrika nachdenklich -betrachtete und fragte: »Ich möchte wirklich wissen, wie ihr es -anstellt, diese unseligste aller Künste zu betreiben!« - -Wir stellten uns sehr böse. Warum unselig? - -»Eben,« sagte er fein, »weil sie gradezu die Seligkeit will. Aber sie -kriegt sie nie. Sie ist ja nur immer da hinterher. Sie ist so ganz -- -bergig! _Fuga_, die Flucht. Sie ist wie der Lauf eines flüchtigen Tiers -über ein Gebirge.« So sprach er unaufhaltsam weiter. Immer hätte die -Musik etwas Gejagtes, könne nie stillhalten, sei zwischen ihrem Anfang -und dem Ende unaufhörlich, und wenn man ja absetze an einer Stelle, so -geschehe das nicht glatt wie bei einem Gedicht, sondern mit einer -zackigen Bruchstelle. Immer wolle sie die Ruhe, liege immer im Sterben, -»und hat sie die Ruhe doch einmal,« sagte er, »so tritt sie schon wie -ein Gewässer über ihren Rand.« - -Ulrika wandte ein, wenn er ihr einmal bei einem guten Legatosatz schön -zugehört haben würde, ob er dann nicht hinter der Bewegung den -Stillstand gehört haben würde. - -»_Quies in fuga?_« meinte er zweifelnd, »die Ruhe auf der Flucht?« - -Schöner, erwiderte ich, ließe es sich kaum ausdrücken. - -»Aber erklärt mir eins,« fing er nach einer Weile wieder an, »warum habe -ich denn immer, wenn ich genau zuhöre, das Gefühl: weshalb ist das nun -so? Könnte es nicht gradsogut alles ganz anders sein?« - -Weil er, erklärte Ulrika ihm lachend, jetzt genug geredet hätte und -schlafen sollte. - -»Das will ich,« sagte er folgsam entschlossen, »aber noch eins!« Er fing -umständlich wieder an, wir hätten seine erste Frage nicht beantwortet, -wie wir es nämlich machten, die unselige Kunst zu betreiben. Er rieb -sich die Hände. »Ich wills euch sagen. Die Musik ist für gewöhnliche -Menschen Gift, ihr aber habt in euch ein Gegengift, denn -- ihr seid -_Angeli sancti_, nicht wahr?« schloß er mit einem sonderbar ängstlichen -Blick zu Ulrika empor. - -Diesen scheuen Blick seh ich noch immer. Denn er war nicht nur dasmal, -und wenn er nicht in seinen Augen war, so doch in einer Bewegung; und -stets ist er gegen Ulrika von einer so ängstlichen Zartheit, die mir, -ich weiß nicht warum, so schuldvoll erscheint, und ich muß die Augen -niederschlagen, wenn er nur sagt: »Möchtest du wohl so gut sein ...«, -als wäre da etwas zum Schämen. - - am 25. August - -Auf Ulrikas Bitte teilte ich Bogner heute mit, was er von Magda noch -nicht wußte. Er hörte wortlos zu, schloß dann die Augen und hielt sie -lange so, wie um zu versuchen, was Blindheit sei. Als er sie wieder -öffnete, sagte er, sie zukneifend, geblendet: »Unmöglich! Sterben ist -möglich, aber blind werden nicht!« Da erinnerte ich ihn, um ihn sich -selber vergessen zu machen, daran, daß Magda nicht male. - -»Richtig,« sagte er, »sie hat ja auch eure Musik. Oh freilich Musik! Die -Sehenden macht sie halb blind, diese blendende Sonne, aber für Blinde -kann sie ja dann wohl eine schöne Quelle der Wärme sein.« - -»Ich wills Magda sagen«, meinte ich leise. - -»Nein,« sagte er da, »sagen Sie ihr nicht das! Es klingt nicht gut so -von Blinden ... Sagen Sie ihr --« Er besann sich, die Lippen bewegend, -sagte dann: »Der Körper ist blind, aber die Seele ein Argus mit tausend -Augen; soviel Götter, soviel Augen.« - -Wir hatten dann eine Weile von andern Dingen gesprochen. Auf einmal -fragte er mich, lächelnd mit einem Mundwinkel, ob mein Vater nicht -Pfarrer gewesen sei, und als ich nickte, ob er gewesen sei, was man so -liberal nennte. -- »Ach, nein!« »Ein ganz frommer Mann?« Ich bejahte. - -»Dann«, sagte er, »will ich Ihnen noch was schenken. Jason hörte ich -einmal sagen: Ein liberaler Pastor -- da könnte man auch sagen: eine -liberale Musik, -- und nun fällt mir bei dem Seelenargus ein: das -sogenannte liberale Christentum ist wie der einäugige Polyphem, -geblendet vom listenreichen Ulyß,« schloß er verschmitzt, »der -Vernunft.« - -Er ist nun so klügelnd geworden ... - - am 26. - -Ich kam von Bogner zurück, es war schon spät und dämmrig geworden, da -hörte ich die Orgel. Konnte das wieder Magda sein? Gleich lief ich in -den Garten, wo ich dem Getön anhörte, daß Tür und Fenster der Kapelle -geschlossen sein mußten und daß es äußerst heftig war. Näher kommend -hörte ich Gesang und erkannte die Musik der alten Kirchenarie von -Stradella >_Si miei sospiri_<, zu der Georg Magda einmal einen deutschen -Text geschrieben hat. >Wer weint in Finsternis? Wer schluchzt im -Dunkel?< fing es an. Vor der Tür der Kapelle hörte ich die Orgel allein -die Schlußwendungen mit solcher Kraft brausen, daß die hölzerne Tür -erbebte; ich öffnete und trat ein, es war dunkel drin, die riesigen -Orgelstimmen warfen sich über mich wie Geister, schon wieder mit der -Wucht der Oktavengänge im Baß des Anfangs einherstampfend. Ach, ich -glaube, alle Engel meiner Brust sind aufgestanden vor einer -übermenschlichen, viel zu lauten, einer rauchenden Stimme aus dem -Dunkel, die hinfegte über mich durch den Raum, so tief und gewaltsam, so -brechend aus allen Fugen, nach oben stürzend und sich niederschmetternd, -daß ich mich nicht halten konnte und hingekniet bin und das Gesicht in -die Hände gelegt habe. Und jetzt: schwarzblau durch das Schwarze der -Nacht, unter Gewölben her, kam der Engel gebraust, der furchtbare, -blinde. Die Stirn im Armbug trat er die Lüfte hinter sich mit zuckenden -Füßen; die riesenhaften Schwingen bogen und wanden sich wie schwarze -Flammen, er peitschte mit ihnen, und so jagte er unterm Gewölbe hin und -über mir fort, und die Lüfte schlugen schallend hinter ihm auf wie -Gewässer, heraufklatschend an den Nachtwänden. Es war ein endloser Gang, -nicht breiter, als daß der Engel darin fliegen konnte, und so kam er -zurück; ich, oh ich sah die Sohlen seiner Füße bleich schimmern, wie er -über mir fortstürmte, und plötzlich sah ich ihn an den Stäben eines -Gitterfensters hängen und daran rütteln; sein Leib fiel nach unten, er -hing, so lang er war, aber er schwang die Füße hoch, stemmte sie gegen -die Wand, und während hinter ihm die ohnmächtigen Flügel in rasenden -Wirbeln die Lüfte peitschten, rüttelte er mit seinen langen Armen, -rüttelte und schrie auf, ließ los, ermattete, tastete und stürzte ins -Bodenlose ab. Ehe aber der Donner seiner Schwingen in den Tiefen -verhallt war, kam er wieder herauf gerauscht wie ein Brunnen, und jetzte -rannte er mit wütender Schnelle schräg nach oben und mit ungeheurem -Prall gegen die Wölbung, daß sie barst. - -Sechs schöne, farbige Engel, Gitarre, Harfe und Posaune in Händen, -standen in einem tiefen, morgenstillen Zwielicht auf der Kuppe eines -Berges; tiefer braute Gewölk. Es orgelte ruhig in den Tiefen, große -Takte schlugen majestätisch herauf, der Umkreis der Himmel erschien, -duftende Büschel und Hecken feuerfarbener Lilien raschelten, bewegten, -ordneten sich und standen still, mit fahrender Schnelle kam das Licht, -körperlos zog es herauf, goldene Dünste stiegen in triumphierenden -Wolken überall, die Engel hoben ihre Instrumente, die lange Lure wies -steil in das kühle Morgenblau oben. Dort stand einsam ein weißer Stern, -aus dem langsam eine Träne rollte und fiel; der Stern war ein weinendes -Auge, die Träne fiel naß und brennend auf meine Hand, es war dunkel. - -Nun hörte ich meine Orgel leiser sausen, es war wieder das Vorspiel, -aber als nun Magdas singende Stimme wieder einsetzte, war es reine -Sanftmut, nur schmelzender Wohlklang, und sie leitete nun ihren Gesang, -wie es schön und recht war, ohne Übermaß, beugte ihn und richtete ihn -auf, ließ ihn schwellen und verhallen, ließ die Stimme schweigen lernen -und sich bändigen durch unerbittliche Pausen des bemessenen Orgeltons. -Und als sie zum vierten Male zum _da capo al fine_ einsetzte, hatte sie -das Maß; die Stimme gehorchte freiwillig, der lärmende Gott der -Blindheit war nirgend. - -Und wiederum in diesem fremden Augustmond sah ich meine Erscheinung. - -Im grünenden bewegten Garten stand die Sonnenuhr. Es war heller Tag, in -allen Büschen glitzerten Taulichter, aber als ich wieder nach der -Sonnenuhr blickte, war der Zeiger sonderbar lang und war das gewundene -Horn des Tiers. Das weiße Tier stand im Garten, es hob die leichten -seligen Füße und ging vorwärts wie im Tanz, indem es sich unaufhörlich -verneigte, die Stirn mit dem Horne senkte und hob, ein Tanz von der -unbeschreiblichsten Sanftmut, der plötzlich endete, da das Tier den Kopf -stillhielt und zu lauschen schien, und nur die Spitzen des Mähnenhaars -und des Schweifs flatterten ganz wenig an dem Marmor gewordenen Leibe. -Jetzt wendete es den Kopf zu mir her, und ich sah, daß es freundlich -lächelte, während es auf einen großen, blauschwarz gewandeten Engel -zuschritt, der plötzlich unter den hohen Bäumen stand. Er legte eine -Hand auf den Rücken des Tiers und wandte sich zum Gehn, so daß ich die -hohen Büge seiner gewaltigen Schwingen über seinen Schultern sah, -während die gebogenen, sehr schmalen Flügel selber an seinem Leib -vorüber weit nach vorne die Spitzen streckten. Der Engel und das Einhorn -gingen so zusammen fort in den Wald hinein, und sonderbar nahm er im -Gehn seine Fittiche unter die Arme; dann legte er die Hände auf dem -Rücken zusammen; er war klein geworden in der Ferne und sah nun schon -ganz wie Jason aus; er war es auch wirklich, da er sich nun umdrehte und -sein Gesicht zeigte, weiß mit schwarzen Augen, aus denen es lächelte ... - -Sie waren verschwunden. Es rauschte durch den Wald, dann erlosch er -eilig. Ich lief, Magdas Namen leise rufend, zum Podium, sie wandte sich -zu mir und sagte, wie sie im Traum gesagt hatte: »Siehst du wohl, daß -ich doch fliegen kann?« »Ich muß es glauben«, antwortete ich leise und -schauderte. - - am 27. nachts - -Bei Bogner traf ich Ulrika heut nicht mehr an und statt dessen Jason. In -der Volksküche hatte es eine böse Geschichte gegeben mit zwei ineinander -verhakten Aufsichtsdamen, die auf keine Weise auseinander zu bringen -waren. Um so stiller war Bogner. Es geht immer auf und ab mit ihm. Immer -wieder kommt Eiter und mit ihm Fieber. So abgemagert er ist, war er doch -ein schwerer Mann; er hat sich ganz wundgelegen, die Füße sind -geschwollen und sollen ganz violett aussehn. Er fieberte, lag unruhig da -und sprach kaum. - -So verließ ich ihn in recht gedrückter Stimmung. Auf der Heimfahrt -erzählte mir Jason, den ich mit zu Magda nahm, daß er vor ein paar Tagen -bei Georg gewesen ist; daß er nun anfängt zu gesunden. Er liegt in dem -kleinen Schloß, in dessen Nähe er auch gefunden wurde. Was mit ihm -vorgegangen ist, weiß niemand, und vielleicht wäre er gar nicht entdeckt -worden, wenn nicht sein Reitpferd sich beim Hause gezeigt hätte. Auch -das ist nicht zu verstehn, denn der Park ist klein und von einer Mauer -abgeschlossen; wie konnte er da reiten wollen? - -Dies hörte Jason von Doktor Birnbaum. Als dieser dann von seiner -Bekümmertheit sprach, daß er sich nicht getraue, Georg den Tod seines -Vaters mitzuteilen, so hat Jason sich angeboten. - -»Aber da«, sagte Jason, »hatte ich einen Versager. Vielleicht hätte ich -es doch lieber mit Einschläfern versuchen sollen. Er schien ruhig -zuzuhören, aber als ich besser hinsah, war er einfach ohnmächtig -geworden.« - -Als wir nun schwiegen, erschreckte mich das Geräusch des Fahrens, -überlaut in meinem Gehör, und da merkte ich, wie alles wieder bröcklig -in mir wurde. Da erschien der Festzug, ich saß auf der Höhe des Wagens, -die Elefanten schritten dort, ich sah das bunte Getümmel unten und oben, -und jetzt, wie es erlosch, jetzt erst sah ich alles, was geschehen war -an diesem Tage, der so triumphierend begann. Alles zählte ich da Jason -auf: Erasmus' Tat, und Josefs Tod, den Jammer seines Vaters und meinen -eignen, den Tod des Herzogs, und Sigurd, Georgs Erkrankung, Magda, und -weiter noch Bogner und Ulrika und gar Irene. »Jason!« mußte ich endlich -entsetzt fragen, »wie war es nur möglich! all dies an einem Tag!« - -Jason sagte: »Du lieber Egoismus! Warum lässest du alles Übrige fort? An -jenem heißen Sommertag haben achtzehn Menschen einen Hitzschlag -erlitten, woran sieben starben; drei stürzten mit einem -zusammenbrechenden Balkon beinah hinter dir in den Festzug; zwei fielen -vom Dach, zwei von der Straßenbahn, sechs wurden überfahren, einer brach -den Arm im Gedränge, und übrigens müssen der Wohnungen, die von ihren -Besitzern verlassen waren und in die eingebrochen wurde, mindestens -zwanzig gewesen sein.« Er hätte nicht gezählt, schloß er, aber was mir -einfiele, alldas nicht zu rechnen? - -»Nein, Jason,« konnte ich trotz der erschreckenden Aufrechnung -entgegnen, »du wirst mich wohl recht verstehn: die ich aufgezählt habe, -gehörten doch Alle zusammen. Wir waren doch Alle verwandt miteinander!« - -»Freilich,« erwiderte er, »kommt ein Sturm, stürzt das Dach ein, so -trifft es Alle, die darunter versammelt sind. Oh gewiß, ich erinnere -mich wohl: die Friedliebende Gesellschaft hieß es, und damals fing alles -an. Denn«, endigte er liebenswürdig, »ich gebe dir gern zu, daß du die -Dinge so ansehn mußt, wie sie sich um dich ordneten.« - -»Ordnung, Jason!« rief ich empört. - -»Ja, wer kennt denn all die Gesetze? Hat der Mensch einen Gott, muß er -auch Dämonen haben.« - -Mir graute es vor Jason in diesem Augenblick, und es dauerte eine Weile, -bis ich fragen konnte, wie er es mache, stets gelassen zu bleiben, denn -ich wisse ja, er meine es gut mit uns Allen. - -»Ein bißchen schwarze Kunst vielleicht?« riet er. - -»Ach freilich, die Schwärze sieht man an den Augen! Aber worin besteht -sie?« - -Das sei schwierig, meinte er, jeder Zauber sei nur in einer Hand -wirksam; worauf er mir ernsthaft riet, wenn ein Leid an mir zerrte, nur -die Augen kräftig zuzumachen und zu denken, daß es mich gar nichts -anginge. - -»Du hast uns so oft wohlgetan, Jason,« sagte ich leise, »wie willst du -das denn gemacht haben, wenn wir dich nichts angingen?« - -Das, sagte er, sei eine Verwechselung der Ausdrücke. »Ihr Alle geht mich -viel an und auch euer Leid. Wenn aber eines davon an mir zerren wollte, -an mir, nämlich an jemand, den es in Wahrheit nicht betrifft, und ich -lasse das zu, und es wird nun meine Sache, was geschieht? Dann werde ich -verwirrt und unnütz, und das Leid ist weiter nichts als größer geworden. -Muß man ihm nicht Grenzen setzen? Kommt die Springflut über den Deich, -so zieht man einen neuen. Wie soll man denn ein Leiden verringern, als -indem man ihm Einhalt gebietet und versucht, es in ein ordentliches Bett -zu leiten? Oh, man muß es gut schieben und zwängen, bis es an Ort und -Stelle und eingepaßt ist. Dazu ist aber doch Besinnung nötig. Nun, und -wenn schon der sie verliert, der darin steckt, soll ich sie auch noch -verlieren?« - -Ich konnte nur den Kopf schütteln und sagen: ich verstehe es nicht. - -»Es läßt sich ja nicht verstehn,« erwiderte er freundlich, »ich sagte es -schon. Oder kann dirs klar werden, wenn ich sage: Man muß mit fühlen, -aber nicht mit leiden?« - -»Ja, wie denn nur, Jason, wie denn?« - -»Nehmen wir«, erklärte er nun, »einen eisernen Topf. Der ist voll -Wasser, steht am Feuer, das Wasser fängt an zu kochen. Das Feuer glüht, -der Eisentopf glüht, aber die leiden nicht. Das Wasser leidet, und die -Luft im Wasser, die vor Angst, hinauszukommen, alles über den Rand -wirft. Sie leidet die Glut, aber der Topf? Er fühlt sie. Fühlt sie ganz -ruhig so lange, bis die Luft in der Freiheit der Lüfte ist, alle -schädlichen Keime tot sind, und das Wasser gekocht. Das Feuer geht aus, -der Topf wird kalt, alles hat seine Richtigkeit. Du aber, sage mir, mein -Kind: war ein Gott im Feuer oder ein Dämon?« - -»Beide, Jason, doch beide!« rief ich ganz aufgelöst, »aber warum, und -wie macht es denn dein Topf, dein --« - -Ich glaube aber, ich habe das gar nicht gesagt oder jedenfalls nicht -weitergesprochen. Mir fiel nämlich etwas ein, das mit Jason -zusammenhing, doch konnte ich es nicht finden; dann hielt auch der -Wagen, und jetzt erst in der Nacht, wo ich mein Buch hervorholte, um zu -schreiben, wußte ich, daß es darin stand, was ich gesucht hatte, und ich -brauchte nicht lange, um diese Zeilen zu finden, Jasons Worte, -geschrieben am 5. November im vorigen Jahr: - -»Gewiß erinnerst du dich der Geschichte von den drei Männern im -Feuerofen, die sangen. Ganz kühl standen sie in aller Glut und sangen -schöne Lobgesänge. Das sollten eigentlich wir Alle können, ja, das ists, -was wir lernen sollten. Die Glut verschonte sie ja nicht, jene Drei, was -wäre das weiter gewesen? Ist Gott ein Taschenspieler, der Kunststücke -macht mit seinen Heiligen? Nein, er ließ sie ganz und gar verzehrt -werden von der Feuersglut, bis sie zu Asche gebrannt waren, aber siehst -du, Kind,« sagte er zu mir, »in ihnen war Gott, mit seiner himmlischen -Essenz waren ihre Leiber durchtränkt, so daß ihre Asche fest wurde, fest -wie gebrannter Ton, und da empfanden ihre Seelen erst, wie kühl und wie -angenehm gekleidet sie mitten in den Flammen standen, und nun begannen -sie unverbrennlich den Lobgesang.« - -Unverbrennlich, das war das Wort. Das sollten eigentlich wir Alle -können, -- o Gott! - -Jason, ja, und die Andern! Magda ist es geworden, Bogner wird es -vielleicht, aber ich, wie weit bin ich davon! In Flammen stand ich -lichterloh, aber alles, was ich davontrug, sind Wunden. Und war es nicht -so, wie Jason erklärte? Was gingen jene Flammen mich an, mich, die sie -nicht betrafen? Erasmus, den trafen sie und gingen sie an, und seinen -Vater, Sigurd und den Herzog, aber doch nicht mich! Sie konnten brennen -und verbrannt werden, ich aber lief nur zum Feuer hin und versengte mir -die Hände. Nein, mein Gott, oh nein, was konnt ich denn tun? Erasmus, -was konnte ich tun? Ich legte die Hände auf seinen Kopf, oh Heiland, wie -das Feuer drin raste! Ich habe Woldemar einen Verband gemacht, so gut -ich konnte, und ich habe Sigurds Stirn angefaßt und gefühlt, wie sie -glühte, und da war meine Hand noch kühl. Ach, sie ist doch verbrannt, -denn was half ich? - -Was ist denn nur mit mir, was ist denn nur? Diese Schwäche, diese innere -Lähme schon durch die Wochen. Es ist, als hätte ich Angst, dies könnte -noch nicht alles sein, wenn aber das Letzte kommt, das Wirkliche, werde -ich schwach sein und nur brennen und nicht überstehn. Sollte das möglich -sein? Ein schlimmeres Unheil und eins, das nur nach mir zielt, nach mir? -Ach, und die Jahre all, wie hungerte michs nach dem Glück! - -Ruhig war ich früher immerhin und sagte: ich warte! Da aber, in jener -Nacht, am Wehr erst, dann im Zimmer, auf der Fahrt, in der Universität, -im Schloß dann, die lange Ewigkeit bis zum Schlaf bei Saint-Georges, da -war ich -- besinnungslos, war ich leer, von mir selber verlassen und -betäubt, und da hat mich einer, der mich schon lange belauerte, der hat -mich da überfallen, der schlüpfte in mich hinein und hockt nun in mir, -zusammengekrümmt, und wartet, und dies alles bisher waren nur erst die -großen Verneigungen. - -Bist du ein Gott, du fürchterlicher in mir, sage, bist du Gott oder der -Teufel? Du hast mich öfters auch trunken gemacht in diesen Wochen, -hingegeben der Ferne, einem himmlisch Kommenden zugeschmolzen, und dann -dachte ich gewiß: Ein Gott muß es sein! Aber ich weiß es nicht, ich weiß -es ja nicht! Angst ist immer Angst, ob sie nun süß ist oder bitter, wie -soll ich da erkennen? - -War ein Gott im Feuer oder ein Dämon? fragte Jason, und ich schrie: -Beides! - - - Cornelia Ring an Renate - - Altenrepen, am 29. August - -Liebes Fräulein von Montfort, wie sehr danke ich Ihnen für Ihre lieben -Zeilen, und denken Sie bitte nicht schlecht von mir, daß ich Sie bis -heut ohne Antwort ließ! Ich, wissen Sie, habe gar keine -Widerstandskraft, und wenn mich etwas trifft, so kann ich nur -stillhalten und mich zerreißen lassen. Es ist nun so weit vorüber, daß -ich wenigstens der Außenwelt Fassung zeigen kann, aber sehen lassen kann -ich mich noch nicht, ich bin am ganzen Körper geschwollen. Wenn Sie es -denn erlauben, komme ich in der nächsten Woche zu Ihnen. Heute will ich -Ihnen nur schreiben, weil Sie nach Li fragen. Er hat mir erst einen -guten Schrecken eingejagt, denn nachdem er Ihren Auftrag an mich -ausgerichtet hatte, ging er hin und wollte sich umbringen. Ja, Sie haben -sein >Was soll nun aus mir werden!< wohl nicht ganz recht verstanden, -denn das hieß nicht, daß er nun keinen Herrn mehr hätte, sondern daß mit -seinem Herrn auch sein Leben zerrissen war; es bestand nur in ihm. Ach -Gott, es war wohl sehr komisch! Er war hinaus, ich glaubte, ohnmächtig -zu werden, mein Herz ist nicht gut, ich schrie nach ihm, da kommt er -wieder hereingelaufen ohne Jacke, um den Hals einen Strick, an dem er -zerrt, und der nicht los will. Ich habe nun gesucht, ob sich in Josefs -Papieren irgendwelche Bestimmungen für Li fänden, fand aber nichts. Li -selber hat sich nun eines Auftrages seines Herrn entsonnen und -behauptet, seine -- Josefs -- Erinnerungen aufschreiben, das heißt aus -seinen Tagebüchern wiederherstellen zu müssen und herausgeben. Er, -Josef, erlebte ja viele und unglaubliche Dinge, es giebt mehrere -Tagebücher, die meistens von Li geschrieben wurden nach seinem Diktat -oder auch ganz selbständig. Schon hieraus können Sie sehn, wie sehr der -Kleine sein Vertrauen hatte. Wenn er lebte, würde er Ihnen Li aufs -höchste rühmen. Er spricht, glaube ich, alle lebenden Sprachen und -besitzt tausend Fertigkeiten. Er hat ihn, Josef, auf allen Reisen -begleitet, und seit ich Josef kenne, war er, Li, immer bei mir, wenn er, -Josef, in Ihrem Haus wohnte. Er hielt es irgendwie (ich glaube fast, -seinem Bruder gegenüber) für unpassend, einen Diener für sich allein zu -haben. Ich habe ihm nun Ihren Wunsch mitgeteilt und auch, daß er bei mir -nicht bleiben könne. Er hat sich Bedenkzeit erbeten, obgleich es ihm -gewiß lieb sein wird, in Josefs Haus zu kommen. Bitte, wenn Sie oder -vielleicht Herr Montfort etwas aus Josefs Leben wissen möchten: Li weiß -alles, und es sind ja auch die Tagebücher da. Heute erklärte er mir, -wenn er schon bei mir nicht bleiben könnte, so gefalle es ihm, daß seine -neue Herrin nicht sehen könne, denn da es die alten Augen seines wahren -Herrn nicht sein könnten, wären gar keine schon das beste. Das klingt -ein wenig lieblos, aber Sie sehen, wie er es meint, und das ist auch -ganz so, wie ich Josef einmal sagen hörte: Wenn ein Mensch ein Unglück -hat und gar nicht weiß, wie er damit fertig werden kann, so macht er -einen Haken und hängts am Unglück von einem Andern auf. Und ein andermal -sagte er: Unglück kommt selten allein; das ist wahr, denn immer hat es -irgendein Glück zur Folge für jemand anders, und aus der Birne, die ich -für faul halte, klaubt mein Bruder die Kerne und pflanzt sich eine -Allee. - -Ich schicke Ihnen also Li mit diesem Brief. Entschuldigen Sie bitte -meinen Freimut, aber wenn er nicht ginge, so würde ich mich am liebsten -selbst anbieten. Einem Blinden zum Führer dient wohl der am besten, der -selber kaum noch aus den Augen sieht, und mir fällt wieder ein Wort -Josefs ein: Schlage mich auf den Leib, so trägt er ein blaues Auge -davon; wo es aber die Seele traf, was für ein Auge wird sie da -aufschlagen? -- Herr Bogner wird mich ja kaum mehr brauchen; da Frau -Tregiornis Mann tot ist, nehme ich jedenfalls an, daß sie zusammen -bleiben. - -Und nun gottbefohlen! Herzlich grüßend Ihre - - Cornelia Ring - - - Zweites Kapitel: September - - - Georg an seinen Vater - - - I - -Jason sagte (und nämlich im Auftrage der Andern, denn sie hielten ihn -für den Geeigneten, und er wars auch!), Jason also sagte mir, daß Du -gestorben seist. Aber das ist auch wieder so ein Ausdruck! (Übrigens, -ich erinnere mich, es war ein so besondrer Augenblick, wie ich ihn noch -nicht erlebt zu haben glaube, auch kaum mehr vorstellbar, doch war es -so, daß Jason ganz weiß von oben bis unten in einer pechschwarzen Wolke -saß, in der es donnerte. Dann liefen sie haufenweise zusammen, und -diese, ich muß gestehen, ziemlich unglaubliche Erscheinung verschwand.) - -Aber wie gesagt: das ist auch wieder so ein Ausdruck. Dir ist bekannt, -denn wir sprachen mehr als einmal darüber, daß wir im Zeitalter des -Ausdrückens leben, auch Expressionismus genannt. Dichter und Maler: was -das Wesen ihres Wirkens in Wahrheit ist, nämlich: die Form, das weiß -ihrer keiner mehr (ausgenommen wie immer George), und eines jeden ganzer -Stolz ist es, wenn er für irgendeine Nervensache einen Ausdruck gefunden -hat. So auch die übrigen Menschen, und so auch in diesem Fall und so -weiter. - -Nämlich, ich will sagen: die Umstände reden ja gewissermaßen zugunsten -der Andern. Mordanschlag eines Irren ... ich beklage Sigurd nicht -weiter, als ich ihn eben verstehe, das heißt, ich habe alles, was -Vernunft und Sinnenordnung heißt unter den Menschen, so oft -hirnverbrannt finden müssen, an Andern und an mir, daß ich durchaus -nicht weiß, ob wir nicht in die wahren Ordnungen gerade dann eintreten, -wenn die uns bekannten gesprengt scheinen, und übrigens, wer sagt denn: -gesprengt? Ebensogut können sie ja nur erweitert sein. Attentate auf -Fürsten sind auch von sogenannt vernünftigen Leuten nicht selten verübt -worden, und so ließe sich in Sigurds Falle besonders gut annehmen, daß -es für ihn, um zu dieser Tat zu gelangen, eben jener Erweiterung -bedurfte, die uns unter dem Ausdruck Irrsinn bekannt ist. Auch wieder so -ein Ausdruck! - -Ferner Trauer im Lande, an den Kleidern, betrübte Mienen und so weiter, -vor allem unbedingt Deine sonst ganz unverständliche Abwesenheit, -- wie -gesagt, all das spricht für Totsein, aber, wie ich auch schon sagte: das -ist eben der gängige Ausdruck. Und eine Nervensache ist es ebenfalls, -denn wie? Wenn ich wirklich glaubte, Du seist tot, in dem üblichen Sinn -des nicht mehr Vorhanden-, des Abgeschiedenseins: müßten nicht meine -Nerven reißen im Augenblick? Mit einem Wort: ich stürbe vor Angst? - -Nein, mein Glaube bleibt die Form. (Übrigens ist es, wie mir einfällt, -gerade Sigurd, dem ich die frühste Belehrung hierüber verdanke.) In der -Form offenbart sich die Seele; Deine Seele aber, wie könnte sie -gestorben sein? Ich habe es nicht gesehn. Ihre stoffliche -Erscheinungsart, ja, die hat sie allerdings in außerordentlicher und -besondrer Weise gewechselt, so wie die Vernunft es eben tut, indem sie -rasend wird. Einzig wunderbar aber bleibt, daß die Form, in der Du nach -wie vor Wesen hast und lebst, daß sie ganz und gar zusammenfällt mit der -Form, in der ich Dich empfinde. Und ist nicht dieser Gedanke fast -göttlich: Du, gemacht aus väterlichem Stoff, eingesetzt in die Form des -Vaters für unsre Lebenszeit, nicht leiblich mein Vater, aber ganz und -ewig im Geist? Nein, besondrer konnte es unmöglich erdacht werden. Mir -verbleibt. - -Sieh, da war er wieder eingeschlafen! Er schläft immer ein, dieser Knabe -Georg! Ich dachte erst, das Schreiben würde ihn munter erhalten, aber es -scheint mir doch nun wieder eine besondre Nervensache. Mein Geist, das -merkst Du wohl, ist schon wieder scharf wie ein Eisbrecher (übrigens, in -Chöttingen sagt man Cheist, -- ich weiß nicht, es reizt mich so -besonders, wenn ich nicht alles aufgeschrieben habe, was mir eben -einfällt. Nicht wahr, es könnte ja grade das von ausschlaggebender, mit -einem Wort von besondrer Wichtigkeit sein!), also wie ein Eisbrecher, -wie gesagt, aber du lieber Gott, meine Hand ist so schlaff wie meine -Beine und so weiter. - -Nämlich -- - -Oder vielmehr -- - -Nein, es tut mir besonders leid, aber ich kann nun das Ende des Satzes -oben nicht mehr finden. Nun, Geduld, Geduld, wenns Herz auch bricht, Mit -Gott im Himmel hadre nicht und so weiter, wie der Doktor Bürger so schön -singt, aber -- das ist auch nicht so einfach! - - - II - -Denn (um an meinen ersten Brief anzuknüpfen): warum bist Du fort und ich -hier allein? Ist das nicht zum Hadern? Du bist freilich nun der große -Strahlende geworden, ja der so blendend Strahlende, daß ich gar nicht -die Augen zu Dir aufheben darf, und schon deshalb ist das Schreiben sehr -dienlich, -- ich aber blieb hier in der kranken Dämmerung, und wenn ich -nicht die Hoffnung hätte wie einen Felsen, wie einen _rocher de bronce_, -in nicht gar zu langer Frist dorthin zu gelangen, wo Du bist -- wie wäre -dies Dasein sonst zu ertragen? Lieber Papa, verzeih schon, ich weiß, daß -die Äußerung von Gefühlen früher nicht üblich war zwischen uns, aber -damals ging es uns Beiden ja verhältnismäßig wohl. Nun verstehst Du -wohl: meine Einsamkeit macht mich mitunter recht weich. - - - III - -Standhaftigkeit sagst Du. O gewiß, natürlich! Ich weiß ja auch: es lebt -niemand in der Dämmerung, der nicht _recte_ hineingehört, und schon daß -ich darin bin, wäre mir ein Beweis. Und nun der lange schwere Weg, den -ich vor mir habe, dieser furchtbare und erhabene Weg zu Dir, der mich -besonders entmutigen würde, wenn ich es wagte, ihn ganz ins Auge zu -fassen: ich muß schon sagen, ich bin mitunter recht verzagt. Du würdest -mir ja gern helfen, ich weiß, aber da es verboten ist, so sehe ich es ja -vollkommen ein. In Deine Klarheit, in Deine Hoheit, wie fang ichs an? Wo -ich doch ganz unten erst auf dem Punkte stehe, wo man tausend Fehle um -sich her sieht wie ein grausames Dickicht, und ganz fern -- o -himmlisches Grün hinter Bäumen! -- dämmert die heilige Wahrheit ... - - - IV - -Ich weiß nicht, als ich neulich meinen ersten Brief an Dich begann, war -ich so besonders glücklich und munter, aber bei mir hält auch rein gar -nichts vor. (So war es immer in meinem Leben. Zum Beispiel Cordelia. -Kaum war sie da, war sie auch wieder fort.) Dann ist auch diese elende, -besondre Müdigkeit ... Ich glaube, ich fahre bald nach Helenenruh. Da Du -in Trassenberg bist, darf ich ja leider nicht dorthin, und Helenenruh -- -ja, Helenenruh, das steht immer vor einem wie eine Fontäne! Helenenruh -war immer Sommer. Und die Kindheit, was ist die? Ein einziger Sommer. -Folglich ist Helenenruh eine einzige besondre Kindheit, und daraus -wieder die einfache Folge ist, daß ich nach Helenenruh fahren muß, um -- -wenn ich schon in die Väterlichkeit nicht gelangen kann -- wenigstens in -die Kindheit zu gelangen. Und führt wirklich ein Weg zu Dir hinauf: nur -dort kann er beginnen. - - - V - -Da hier nun Geist zu Geist redet, mein lieber Papa, so unterließ ich -bisher eine meinen Körper betreffende Mitteilung von nicht besonderer -Wichtigkeit. (Immerhin giebt es auch an ihr etwas Bedeutsames.) Ich bin -nämlich krank gewesen, ja, und denke Dir, es war aufs Haar genau -dieselbe Krankheit, an der Sigune starb! Ist das nicht besonders -merkwürdig? Genau die selbe! Und sie starb daran, und ich lebe. Welch -ein unmenschliches Glück, nicht wahr, für diesen Knaben Georg? Denn -wohin wäre er gelangt, wenn er jetzt schon gestorben wäre? O die Tiefe -ist ja nicht auszudenken! Nun blieb ich am Leben und bin Dir um so viel -näher immerhin, das heißt: Du mußt verzeihn, wenn meine Berechnungen -vielleicht ganz unsinnig sind, denn was sind Entfernungen in unserm -Land? Dein letzter äußerster Strahl gelangt bis zu mir mit solcher Kraft -noch, daß er mich zu blenden vermag, und das ist alles, was ich weiß. - -Darüber müssen wir noch viel reden zusammen. Denn ich weiß nicht: mir -wird eigentlich tagtäglich schwerer und unseliger zumut. Du bist so -schwer zu fassen! Früher, ach weißt Du noch? >Wie wir einst in -grenzenlosem Lieben -- Späße der Unendlichkeit getrieben ...< Ja, damals -war alles leicht. - -Und wenn schon die gewöhnlichen Menschen sagen, der Tod trennt, und es -manchmal kaum zu ertragen wissen, was soll da erst ich sagen? Sie haben -es doch leicht. Um die Trennung des Todes aufzuheben, was brauchen sie -nur zu tun? Sie legen sich hin und sterben gleichfalls. Haha, es ist -fabelhaft! Legen sich hin und sterben. Ich aber, ich? ich muß noch -lange, lange leben, muß schaffen und streben und mein goldenes Kleid aus -lauter verknöselten Fäden weben. - -Ach, und es geht mir so schauderbar viel durch den Kopf, was ich nie im -Leben zu Papier bringen werde. Ich glaube übrigens, es wird besser mit -mir werden, wenn ich erst wieder gehen kann. Dann läuft sich vieles so -an den Sohlen ab. Aber die Beine, o je! Ja, das kommt von der Krankheit. -Glaube mir, Papa, es war die reine Hölle! Ich will mal sehn, ob ich es -Dir beschreiben kann. - -Das Schlimmste war -- abgesehen von dem ganz, dem besonders Schlimmen -- -das lange Fahren. Immer dieser merkwürdige Wagen ohne Pferde, in dem ich -vorne so angeschmiedet saß, als wäre ich ein Stück mit ihm, und neben -mir auf dem Bock -- meist war es wohl Helene, die fuhr, aber auch Andre -müssens gewesen sein, die allesamt, wenn ich mich recht erinnere, munter -und gesprächig waren -- untereinander --, während ich selber keinen Laut -äußern konnte und nichts begriff und nichts fühlte als den entsetzlichen -Druck, in den mein ganzes Sein eingepreßt war. Und dann die schaurige -Langsamkeit! (Seltsam, wenn wir uns sagen, daß es in Wirklichkeit doch -kaum Minuten waren, während ich umgebettet wurde, und doch diese -Unendlichkeit, zu der das Delirium die Minuten dehnte! Es ist also -gewiß, daß es nur außerhalb unsrer, und für uns nur insofern wir mit dem -Äußern in bewußter und vernünftiger Beziehung stehn, Zeit giebt, nicht -aber in uns selbst.) Fahren, fahren und nicht vorwärts kommen, manchmal -zwischen den unsäglich grauen Feldern, ohne Himmel, jedoch immer -bedrückt von der schweren Niedrigkeit, unter der sich alles bewegte, -dann wieder die endlose Mauer entlang, endlich durch die Höfe, die -zahllosen Höfe, dann die Räume dieses öden Hauses, das nichts hatte als -seine Wände, langsam, grauenvoll langsam, immer wieder Stillstand, bis -ich endlich lag, angeschmiedet wieder ins Liegen wie zuvor in den Sitz -(und es kam wohl, weil sie mich unter den Armen und Knieen faßten beim -Umbetten, daß ich mich so in halb sitzender Stellung befand -- das -Fahren! -- jedoch schwer hing und nicht saß), bis ich dann merkte, daß -sie mich ja wieder aufgehängt hatten, an den Füßen aufgehängt an der -Wand, ohne daß ich mich bewegen konnte, wobei ich doch nicht eigentlich -hing, sondern lag -- ein im Wachen nicht vorstellbarer Zustand, das -heißt ich hing, aber um mich herum war alles, wie wenn ich wagerecht -läge. Und daß dies immer wieder kam! Und immer waren sie Alle herum, -Onkel Salomon, Magda, Renate, Du Papa, Virgo, Schley, Klemens, sprachen -miteinander, nichts war für mich zu verstehn, ich flehte, ich war für -sie gar nicht vorhanden. Es war die Hölle! Ich glühte festgegossen, -hing, -- ach, Sigune, hast du nicht auch so gelegen, den Kopf -hintenüber, das Genick schon versteift? Hast du nicht ganz das selbe -ertragen? Sieh, so habe ich es dir nachgelitten! - -Doch war dies alles ja nichts gegen -- das Große. - -Mich friert, wenn ich nur das Wort denke. Beschreiben kann ichs Dir -nicht mehr, es läßt sich ja nur träumen. Es war nur Empfindung. Es war -Nacht, -- und ich war selber die Finsternis. Ich war ausgedehnt und -überall. Es war das Große, das ungeheure schwarze Wälzen vor mir, über -mir --, und ich selber war das Wälzen. Ich war zum Giganten geschwollen -und hatte eine entsetzliche Angst, nicht wieder klein sein zu können. -Ich sollte das Große umwälzen, es war ein grauenvoller Drang, -umzuwälzen, und es wälzte mich um. Es war eine so wahnsinnige Angst ... -Nein, kein Großes, kein Wälzen, kein Ich. Nur Angst. Es war das Sterben. - -Und doch -- ich erinnere mich -- es war schon einmal da, das Große. Wie -ich die Masern hatte als Junge, war es da, und als ich, ganz klein, -Lungenentzündung hatte, muß es dagewesen sein. Ja, und damals selbst -kann ich es nicht zum ersten Mal erlebt haben; damals schon -- ich -erinnere mich -- muß ich mich erinnert haben, wie ich mich heute -erinnere. Und ja -- mein Gott! ich glaube, das Fürchterlichste war die -Erinnerung, daß es schon einmal da und damals schon nicht zum Ertragen -gewesen war. Und Erinnerung eigentlich war die ganze Angst, -- aber -wann? wann? - - - VI - -Dieser besonders gute Jason war eben da und erzählte mir etwas -Niedliches, das ich meinem lieben Papa nicht vorenthalten will, doch muß -ich einige Erklärungen vorausschicken. - -An jenem 31. Juli nämlich, der uns am Abend die Trennung brachte, wo der -große Mummenschanz war, mit einem Wort: an jenem besondern Tag, das -heißt während seiner ganzen ersten Hälfte war ich -- kurz und gut: -gewissermaßen berauscht. Damals wußte ich es natürlich nicht, das heißt -als ich es nicht mehr war, da fiel es mir auf. Es war jedoch ein -besondrer Rausch, nämlich nicht im Kopf allein, sondern in allen -Gliedern, es war ein ganz rasendes Behagen, es war _quasi_ nichts als -ein ganz gewaltiges, besondres Strotzen von Lebenskraft. - -Ja, und noch etwas! In der Nacht vorher hatte ich -- sagen wir: -Erscheinungen. Nun, wo Jason mir alles erklärt hat, erinnere ich mich -erst deutlich wieder. Ich saß nämlich um die besondre Mitternachtstunde -oben auf der Sternwarte, weintrinkenderweise, eine etwas romantische -Idee, obwohl ich im allgemeinen kein Romantiker bin. Dann erschien auf -einmal jener Montfort bei mir, Josef, dann kamen diese optischen -Erscheinungen, Kugeln aus Feuer und so weiter, auch so besondre Ausfälle -im Gesichtsfeld, wie man das nennt, und schließlich stellten sich drei -Gugelmänner vor, so besondre Femrichter, die allerlei unvergeßliche -Dinge sagten, das heißt -- nun habe ich sie ja doch vergessen. Bis auf -eins: den Vornamen meiner richtigen Mutter, nämlich Kaja. - -Und nun höre diese entzückenden Zusammenhänge! Ja, also am 31. -nachmittags kam doch jener Klemens mit einem in russischer Sprache -abgefaßten Brief meiner Mutter, den Virgo ein paar Tage vorher irgendwo -gefunden hatte, und in eben dem drin stehen sollte, daß die Schreiberin -meine Mutter sei, ich hielts nicht für wichtig, ihn zu lesen. Mit diesem -Brief in der Hand war besagter Klemens nun die Tage vorher umhergelaufen -(entschuldige gütigst: vorher umher klingt abscheulich, aber es -langweilt mich nun schon ein wenig!) auf der Suche nämlich nach einem -besondern Russen, der ihn übersetzen könnte. Wen findet er am Ende? -Natürlich jenen Jason, der bekanntlich alle Sprachen spricht, aber siehe -da: dor hatt en Uhl seten, und er konnte wohl und konnte auch nicht, das -heißt, der Brief war so unleserlich, Jason fehlten ein paar besondre -Worte, und kurz und gut, ihm fällt ein, daß ja dieser Josef Montfort -vorhanden ist und grade aus Rußland gekommen, und nun wandern sie -selbander zu ihm, das heißt in das Haus von Maler Bogner, wo Montfort -wohnt. - -Und wie sie dahin kommen, was herrscht daselbst? Allgemeine Heiterkeit! -Es hatte nämlich besagter Montfort aus Südamerika, wo er auch gewesen -ist (in dem Lande der Chinesien bin ich auch einmal gewesien!) ein -besondres Gift mitgebracht namens Macu, das daselbst von den Indianern -zu Kultzwecken gebraucht wird, und dessen besondre Wirkung eben darin -besteht, wunderbare optische Erscheinungen hervorzurufen. »Und da,« sagt -Jason, »da sitzen sie nun auf einem Berge, diese guten Indianer, und -machen sich gegenseitig ihren schönen blauen Dunst vor.« Das selbe nun -taten allda jener Maler, Montfort benebst seinem Chinesen -- er hat -einen Chinesen! --, seine Freundin Cornelia und sein Freund -Saint-Georges, der zu diesem Zwecke geladen war. Auch Jason sagte -natürlich: gieb mir die rote Speise, -- und so war es eben. Wie nun aber -Jason, oder vielmehr Klemens seinen Brief herauszieht, was kommt zutage? -Josefs Kenntnisse in Russisch sind überaus mangelhaft, aber sein -Chinese, der kann es glänzend, bloß -- er kann nun wieder keine -russischen Buchstaben lesen, und kurz und gut: da sitzen sie schließlich -allesamt und raten auf den Brief und bekommen ihn auch schließlich -heraus. - -Siehe, da sagte jener Montfort: bedeutsame Vorfälle und so weiter, mit -einem Wort: ob ich nun schon wisse, was in dem Brief geoffenbart wurde, -oder nicht, und ob Klemens es mir sagen würde oder nicht (derselbe -nämlich ging wieder fort und sagte, er wollte es sich überlegen, und das -tat er auch den ganzen folgenden Tag lang), ihre Pflicht sei, mir eine -besondre geheimnisvolle Warnung zukommen zu lassen; ein schöner Gedanke, -nämlich in Hinsicht auf die königliche Würde, die ich in jenen Tagen auf -mich zu nehmen gedachte, und Montfort in seiner ungeheuren Beredsamkeit -dringt so lange auf die Andern ein und entwirft so köstliche Bilder und -so weiter, daß sie allesamt einsehn: es ist notwendig, es muß geschehn. -So kauften sie denn am folgenden Tage -- nämlich das heißt: Montfort und -Saint-Georges, und Jason sollte dabei sein, weil er eine so musikalische -Stimme hat und am besten Verse aus dem Stegreif aufsagen kann -- kauften -sie diese besondren Femrichtertrachten, und das Gift nahmen sie auch -mit, um es mir zu verabreichen, dieweil, wenn ich schon vorher -Erscheinungen hätte, ich auch die Gugelmänner für ebensolche halten -würde. Jason, das muß ich noch sagen, war eigentlich abgeneigt, allein -was geschieht? Zu ihm kommt jener Sigurd, und wie Jason das einmal an -sich hat: Sigurd beichtet ihm alle Tyrannendolche, die er in seinem -Gewande trägt, und Jason? Ja, da meinst Du nun wohl, er habe die -Obligation gehabt, zum Kadi zu rennen, allein da kennst Du den Jason zu -schlecht. Der weiß nämlich haargenau, daß er an etwas, das geschehen -soll, nicht das geringste ändern kann. Er kann nicht eingreifen, er ist -gleichsam handlos oder bloß Kopf, oder wie er es ausdrückt: er wäre nur -eine Begleiterscheinung. -- Immerhin findet er sich bewegt, Kopf zu sein -und ergo mit Femrichter zu spielen, -- bin ich klar? - -Und siehe da, wie sie um Mitternacht zum Schlosse wandeln, was -geschieht? Sie sehen meinen Schatten oben auf der Sternwarte. Nun kommt -Montfort herauf, um Hausgelegenheit auszubaldowern, wie die Gauner -sagen, »und da saßen Sie ja«, sagt Jason, »und tranken Ihren herrlichen -Christitränenwein, oder wie solche besondren Weine heißen«. Nun, und -kurz und gut, das Gift ist im Wein, ich trinke, Montfort schwand >und -Goethe schwindet, und wer unbelohnt gelitten, strahlt in neuer -Herrlichkeit< und so weiter. Und dann kamen sie, und es war alles -schauerlich und sehr schön, bloß ich natürlich, ich schlug alles in den -Wind, naturgemäß -- meiner Natur gemäß --, das heißt: in diesem Fall war -ich gewissermaßen unschuldig, denn eben jenes besagte Macugift hatte -neben jener optischen auch die Wirkung, während der optischen äußerst -schlaff und elend zu machen, hinterher jedoch eben jenes Strotzen von -besondrer Lebenskraft hervorzurufen, das mich am folgenden Morgen prompt -überfiel. Aber es war doch sehr schön, und ich bilde mir schon was -darauf ein, so besondre Heroen wie diesen Josef und gar Jason zu meinem -Seelenheil in Bewegung gesetzt zu haben, und dieser Josef hatte ja auch -noch eine sehr feine Idee, nämlich einen Schmetterling, auch aus -Südamerika. Er war so groß wie meine Hand, ganz blau wie lauter Türkise, -und dran hing eine seidene Schleife, auf deren Bänder die Drei ihre -erlauchten Namen eingetragen hatten, worauf sie das Ganze irgendwo in -meinem Palast anbrachten, damit ich am andern Tage wenigstens wüßte, -wers gewesen war, aber siehe da, was geschieht? Ich wußte es ganz und -gar nicht. - -So geht es, Papa, so geht es! Aber nun muß ich leider aufhören, ich -hätte allerdings noch viel zu sagen, aber Du mußt verzeihen, ich bin so -fürchterlich müde! - - - VII - -Ach Gott, nein, sind die Menschen dumm! das ist ja nicht auszuhalten! Im -allgemeinen weiß mans ja, aber diejenigen, die einem besonders -nahestehen, die hält man doch gemeinhin für Ausnahmen. - -Heute war mein Freund Benno da, zusammen mit der kleinen Virgo Schley. -(Da ich mir bisher alle Besuche verbeten hatte, meinten sie wohl, es -wäre ein Aufwaschen.) Virgo -- ich irre mich doch nicht, daß Du sie -einmal bei mir kennen gelernt hast? -- brachte inzwischen Zwillinge zur -Welt, was merkwürdigerweise auf ihr Äußeres nicht den geringsten -Eindruck gemacht zu haben scheint, und sie sieht nach wie vor süß und -wie ein halber Knabe aus. Nur weniger unschuldig; den besondren Ausdruck -aller jungen Frauen von Wissen ohne rechtes Begreifen, weich und ein -bißchen erstaunt, den hat sie schon. Von ihren Kindern erzählte sie -naturgemäß tausend Geschichten. Benno schwieg sich aus in Kindheit, -Rührung und vermischten Gedichten. Von Dir schwiegen sie natürlich, die -überaus Zarten. Als sie im Begriff zu gehen sind, frage ich, ob ich -vielleicht Grüße an Dich ausrichten soll. Was ereignet sich? Allgemeines -Staunen. Nun und so weiter, ich habe keine Lust, ihre Dummheiten -obendrein zu Papier zu bringen. Dennoch, dieser Mensch! Da waren wir nun -so und so viel Jahre lang ein Herz und eine Seele, und nun stellt sich -heraus: alldas war bloß Oberfläche. Er ist so flach wie eine Furt für -Kühe. Nun, er heiratet ja demnächst auch diese japanische Ente, die er -sich da angebändelt hat. Obendrein rückt er mit der Absicht heraus, -durch meine Vermittlung eine demnächst freiwerdende Korrepetitorstelle -am Hoftheater zu erhalten. Wer dahintersteckt, war zu erraten: die dicke -Person von Schwiegermutter, der die Unterstützung eines ums Haar zu den -Toten versammelt gewesenen gekrönten Freundes nicht geheuer scheint. Mag -er denn hingehn zum Theater und sich die Seele vollends verschandeln -lassen. Die nächste Forderung der Dicken wird wohl sein, daß er eine -Operette komponiert von wegen der Tantièmen und so weiter. - -Gute Nacht, Papa, ich bin heute zu abgespannt zum Schreiben. Dies mit -Benno hat mich auch wieder recht aufgeregt. Armer Benno! Da hängt er nun -wie der selige Absalon mit seinem langen Haar an den Ästen meines -Nervenbaums, und noch habe ich die Kraft nicht, ihm den Gnadenstoß zu -versetzen. Ach, könnte ich nur gleich den ganzen Baum bei den Wurzeln -abhacken und ins Feuer werfen! Etwas derart muß ja geschehn, ich weiß, -damit die Seele ganz frei und rein werde -- für Dich! Du willst keine -Götter neben Dir haben -- o nimm doch nur, nimm alles, was Du willst, -wäre es nur mehr, was ich geben könnte, jeden Freund, jede Geliebte, -alles, alles will ich Dir ja zum Opfer bringen, leichter zu werden, -eisiger, ruhiger im Beschreiten des Weges zu Dir! - - - VIII - -So nüchtern und kalt und altersschwach wie jeder bisher sah mich heute -der Morgen an, der mich aus einem Traum von Dir weckte. Ich hatte schon -alles zur Abreise nach Helenenruh vorbereiten lassen -- Doktor Birnbaum -übersiedelt mit mir, um die Verbindung zwischen mir und den -Regierungspersonen aufrechtzuhalten, obschon ich gestehen muß, daß ich -noch nicht mehr tun kann als unterzeichnen, was er mir vorlegt --, und -nun zögere ich wieder. - -Mir träumte, daß ich in Trassenberg ankam und in die Gruft -hinunterstieg, zu der aber die Treppe in den Grabenrest am alten Pallas -hinabführte. Das Gewölbe unten, in das ich gelangte, war aber leer, -zuerst. Dann erkannte ich ganz in der Ferne vor einem bunten Fenster -Birnbaum, der an einem Tisch saß und in einen sonderbaren Trichter -hineinsprach. Es war sehr still, mir war ängstlich, weil Du nicht da -warst, dann bemerkte ich eine Tür, und wie ich behutsam näher trat, sah -ich Dich in einem kleinen, ganz kahlen und niedrigen Raum sitzen auf -einem Stuhl. Du hattest Dein gewöhnliches Aussehn, saßest ganz still da, -die Hände geschlossen auf den Knien, und sahst nach dem Fenster hin. -Meiner hattest Du nicht acht, und wie ich dann näher zusah, waren auch -Deine Augen geschlossen, und Dein Gesicht war ganz gelb. Plötzlich -wendetest Du Dich, öffnetest schwer die Augen und sahst mich fremd an -... - -Früher einmal gab mir Josef einige Anweisungen zur Traumdeutung, aber -hier versagen sie mir ganz, und es scheint mir auch verboten. - -Aber es soll wohl so sein, daß es täglich schwerer wird. Helenenruh wäre -ja eine Erleichterung. - -Wieder eingeschlafen über dem letzten Satz. Mich friert immer noch so -trotz hundert Decken, ich sitze vor der Gartentür -- das heißt also: im -Zimmer -- und versuche an den nassen Blättern der Büsche zu erraten, ob -es regnet oder nicht. In Helenenruh, denk ich mir, scheint die -Nachmittagssonne auf die Dächer, die Schwalben kreisen um die Türme, ich -sehe sie, wie ich sie immer sah: die Luft über dem Schloß ist wie ein -riesiger Trichter, gefüllt mit dem Durcheinanderjagen der hundert -schwarzen Flügelleiber; manchmal, wenn eine sich herumwirft, sehe ich -die weiße Brust; sie kreuzen sich wie lange gebogene Klingen, und außen -um den fernsten Rand des Trichters streichen ein paar ganz eilige in -großer, sausender Fahrt. Mariä Geburt -- Ziehen die Schwalben furt. -- -Ich habe so eine Ahnung, als ob Mariä Geburt um diese Zeit sein müßte. - - - IX - -So schreibe ich Dir denn doch heute aus Helenenruh, aber wenn ich -zuletzt etwas von Erleichterung sagte, so muß ich das zurücknehmen. Eher -dürfte es schwerer geworden sein. Ich möchte nur wissen, was es -eigentlich ist! Aber es läßt sich nicht feststellen. Ich bin einfach -ganz schwer geworden. Von Sonne keine Spur. Wind und Strichregen, dazu -viel welkes Laub. Rosen blühn noch unter der Terrasse. Ich versuchte es -mit dem Gehn, hielt auch schon eine kleine Viertelstunde aus, aber dann -dachte ich, daß Du es ja auch nicht bis zum richtigen Gehen gebracht -hast, solange Du hier warst, und nun sitze ich wieder unter meiner -Decke, immerhin im Freien. - -Es ist ja auch alles leer hier. Von uns Allen blieb nur Birnbaum mit -seiner Arbeit. Übrigens bin ich mit Deiner gütigen Erlaubnis in Dein -Schlafzimmer eingezogen und in das große Bett mit den geschnitzten -Evangelistentieren auf den vier Pfosten -- Bewunderung und Ehrfurcht der -Kindheit! - -Aber sage mir, warum nur dies mich so besonders erschreckte? Bei meinem -heutigen Gehversuch gelangte ich bis zu Helenes Grab und betrat, um mich -etwas auszuruhn, den Pavillon, in dem noch der Sessel von Dir stand. Auf -einmal, wie ich da saß, entdeckte ich auf dem Bretterboden das -zertretene Ende einer Zigarre von Dir. Oh Gott, ich kann nicht sagen, -wie das mich entsetzte! Es war ein so leibhaft lebendiges Stück von Dir, -und nun ist mir, als hättest Du mich drohend angesehn aus dem Fußboden. -Die Rechenschaft, ja, ich weiß, ich weiß ja, ich schob sie immer noch -hinaus, es ist die alte Schwäche, allein -- gedulde Dich nur noch zwei -Tage, nur noch einen! Es ist so schwer, ich habe noch immer nicht alles -beisammen, es sind immer noch ein paar Lücken da, aber wer kann denn -inständiger als ich hoffen, zum Ende zu kommen! Morgen ganz bestimmt, -oder wenn nicht dann, übermorgen sollst Du mich bereitfinden! Rechne -darauf! Ganz bestimmt! - - - X - -Es dröhnt die riesige Posaune des Letzten Tags; an Felsen, an Grüfte, an -Totes schlägt das Engelswort: Auf! und da kommen sie hervor, staunend, -schwankend, erlöst, aber siehe da -- welche Verwandlung ging mit uns vor -nach diesem Tod? Keine, keine, denn wehe uns, wir haben nichts -vergessen, es ist alles da, was wir verließen, in unsrer Erinnerung -grauenvoll da, jedes Jahr, jede Stunde und Minute, jedes Wort, jeder -Blick, jeder Schritt und Gedanke ist mit uns lebendig geworden, warum? -Rechenschaft abzulegen darüber. - - O Gabe des Vergessens, die allein - Uns möglich macht das ungeheure Leben! - Du wundervoller Allernächtewein, - Von dem wir trunken über Schlünden schweben! - Der gute Heiland wußte, was er tat, - O Lazarus, als du im Tod erschlafft; - Er kannte wohl die nicht geheime Kraft, - Er sah die süße Schwester, die ihn bat, - Und lächelte dich los aus deiner Haft. - Der Honig von der Götterlippe schmolz - Und tropfte Süße in dein krankes Herz, - Und Grünes sproß aus dem verdorrten Holz, - Da sahst du auf, und dieser Blick war Schmerz. - Der erste wars, an dem Erinnerung - Von innen saugte in die Nacht zurück. - Der zweite Kosten schon, der dritte Trunk, - Und alle andern waren wieder Glück ... - - - XI - -Nun sieht auf einmal der Himmel mich an. Es ist Abend. Hinter dem -Eichendickicht im Westen lodert ein scharfes Gold. Der südliche Himmel -von graublauen zarten Zügen, leise vergoldeten, wölbt seine reine -Muschel über mir. Selige Schale! Geliebtes Gold, o geliebter Hauch, -geliebte Bläue, dein Anblick ist schmerzlich, wie er es dem Verbannten -sein muß, der das goldene Abendwunder der Heimat sich über fremdem Ufer -entfalten sieht, -- erinnernd an alles, was einmal war. - -Übrigens bemerke ich, daß ich nichts datiert habe in diesen Briefen. Da -es mich auch nichts angeht, ob es Stunden sind, Tage oder vielleicht -schon Wochen, die vergingen, während ich schrieb, und sie also einer wie -der andre das Siegel einer und der selben Stunde an sich tragen, so muß -es wohl heißen, wie C. F. Meyer an seine Schwester schrieb: >Aus allen -Augenblicken meines Lebens.< - - - XII - -Kennst Du diese Verse von Greiner, Papa? - -Und immer fremder sind mir Tag und Räume ... - - Was weht um mich? Man sagt: ein Menschenwort. - Was rauscht um mich? Man sagt: die alten Bäume, - Die rauschen noch aus deiner Kindheit fort. - Und Gärten stehn im abendlichen Land, - Ihr Schatten grüßt mich kühl und altbekannt. - Ich aber wandre dunkel fort, im Innern - Ein uralt Schattenbild, das leise weint. - Die nenn ich Mutter, diesen nenn ich Freund - Und lächle tief und kann mich nicht erinnern. - -Sie passen -- und sie passen auch nicht. Ich kann mich nicht erinnern, -wie ich einmal als ein Andrer gelebt habe, damals als all dieses um mich -her war, wie es heute ist, und doch anders, oh so anders! Oder ist dies -kein Leben mehr? Es wird sich mit der Zeit herausstellen, ob es Leben -ist, und ob es möglich sein wird, es zu leben oder nicht. Sollte jenes -der Fall sein, so müßte es mir in der Tat gelungen sein, die ganze -Oberschicht menschlichen Wesens, die uns gemeinhin bedeckt, abzukratzen -(_grattez le Russe_!), die ganze moralische Haut sozusagen, jene, in der -auch das sogenannte Gewissen steckt, das Alltagsgewissen, nach dem man -so behaglich lebt, dieweil es mit Gründen für alles voll steckt wie ein -Brombeerbusch im Oktober. Möglich, es ist so. Möglich, das qualvolle -Unbehagen, das mir das jetzige Leben verursacht, kommt davon, daß ich -die Haut verlor und nun schauderbar friere in der Nacktheit. Worauf es -ankäme, wäre dann wohl, nicht, wie ich es unbewußt bereits vorhaben -werde, eine neue Haut zu bilden -- die nur die alte werden könnte --, -sondern vielmehr den Zustand der Hautlosigkeit als dauernden zu -ertragen, mit Frieren aufzuhören, ihn lebensfähig zu machen. - -Wie soll mans nennen? Nur -- Mensch zu sein. Alle Strahlen des -Lebendigseins aufzufangen -- mit keiner spiegelnden Netzhaut, die Bilder -hervorfluten läßt und verwirrende Gestalten --, sondern sie aufzusaugen -in den innerst glühenden Kern des Menschseins, wo sich von selber zu -ätherischer Reine und Klarheit die ewigen Begriffe bilden, die -zeitlosen, die unwandelbaren Formen, in denen die Gottheit sich -darstellt. - -Aber das sind alles wohl nur so Ausdrücke ... - -Fest steht, daß ich bis zum 31. Juli dieses Jahres nichts weiter war als -ein blasser und nichtemal besondrer Nervenbaum. Nun sehe ich, daß ich in -den Zweigen oben eine nahezu völlig unbenützte Seele sitzen habe, -- -leider keinen goldenen Fasan, sondern so ein besondres Zwitterding von -Sperber und Nachtigall. Warum es so stille sitzt, darf uns nicht -wundern. (Total verlaust!) - - - XIII - Rechenschaftsablage an meinen Vater - -Zuvor habe ich zu gestehen, daß der einzelnen Schuldposten einerseits so -viel sind, und andererseits in einem so besondren Durcheinander über die -Blätter des Schuldbuches verstreut, daß ich den Vorschlag eines -besondren Verfahrens machen möchte, nämlich daß ich die einzelnen -Hauptposten zusammenstellen darf in der Art jener kindlichen -Spielzeugkästen, bestehend aus einem Dutzend würfelförmiger Holzklötze, -als welche zusammen mit jeder ihrer Seiten ein Gemälde herstellen, mit -dessen Einzelquadraten besagte Seiten beklebt sind, und es bleibt nur -noch zu erwähnen, daß in meinem Falle jeder Teil jedes vorgestellten -Bildes so wenig im eigentlichen Sinne als Bruchstück erscheint, als jede -geistige, sinnliche Vorstellung in ihrer Art immer eine Ganzheit zu -haben scheint, -- das heißt also gleichfalls die Form eines Bildes. - - * * * * * - -Ich fange an! Erstes Bild: - -Ein Mädchen, das ich vielleicht liebte, hieß Esther. Hier steht sie, in -der Hand eine sogenannte Gänseblume, an der sie zupft: Liebe ich ihn? -Liebe ich ihn nicht? Andrerseits sehen wir hier mich selbst, eine -ähnliche Blume zupfend: Ich liebe sie --, ich liebe sie nicht. -- -Weiter: Eine Abschiedsszene. Sie -- will nach Amerika, um dort -gewissermaßen zu heiraten. Will -- will auch nicht. Ich -- möchte sie -wohl halten; will -- will auch nicht. Letztes Stück: Ein -Schiffsuntergang mit Pauken und Trompeten; sie ertrinkt. - -Summa: Ich bin der Schuldige am Untergang dieser hülflosen Seele. - - * * * * * - -Zweites Bild: In einer Sylvesternacht las mein Vater Briefe einer -gewissen liebenden Cordelia, genannt die arme Seele. Hier ist sie zu -sehn, wie sie sich in inbrünstigem Verlangen verzehrt, mir das Geheimnis -ihres Lebens zu öffnen. Hier zu sehen bin ich, wie ich gepeinigt bin von -einem ähnlichen Verlangen. Hier zu sehen ist Cordelia: tot. - - * * * * * - -Summa: Gesetzt, ich hätte die Kraft aufgebracht, zu bekennen: wäre nicht -die zwingende Folge davon ihre Erleichterung zum eigenen Geständnis -gewesen? Summa: Ich bin der Schuldige am Tode dieser armen Seele. - - * * * * * - -Drittes Bild: Hier ist Sigune, eine blasse verwaiste Pflanze. (>Ich -wünschte, daß vom Fenster sie verschwände!<) Hier der vielerseits -bekannte Georg, eine Art besondren Wirbelwinds. Hier liegt sie, -ausgerissen. - -Summa, und so weiter. - - * * * * * - -Viertes Bild: Da wäre noch ein besondres Vorgeständnis zu machen. Ich -verschwieg, daß unlängst die vielerseits bekannte Magda Chalybäus bei -mir war, das heißt, ich war eben wieder einmal eingeschlafen, und sie -saß neben mir wie der beste Engel, als ich erwachte. Obwohl sie mich -anzusehen schien wie immer, merkte ich wohl, daß etwas keine Richtigkeit -hatte mit ihrem Blick, und gleich sehe ich folgende Bilder: - -Eine Frau, die einmal kürzere Zeit so eine besondre Art Geliebte von -immer Demselben war. Diese und jene Szene der Eifersucht oder der -ehrgeizigen Andeutungen. Trennung. Jahrelanges Nichtvorhandensein in der -Erinnerung Desselben. Nun der wohlbekannte Festabend. Jene Frau, genannt -Cora, in der Maske einer Eumenide. Scheint Magda wegen ihres von Renate -geborgten Kleides für dieselbe zu halten. Alberne (?) Drohungen. Später -Magda mit Demselben im Monopteros. Theatralischer Überfall Coras mit -einem Dolch. Ich weiß nicht: galt es mir oder galt es ihr? Ehe Derselbe -dazwischen fährt, sinkt Magda zu Boden. - -Nun, meinem Vater ist obgenannte Magda besonders bekannt, und er kann -sich demgemäß ihre Rede vorstellen auf meine Frage nach ihren Augen. Oh, -sie könne recht gut sehn! Grade heute zum Beispiel sei es besonders gut, -sie sehe mich ganz deutlich, sie sei auch zum Beispiel ganz allein zu -mir durch das Zimmer gekommen, ja, es wäre geradezu schade gewesen, daß -ich eben schlief -- und so weiter. Mit einem Wort: blind. - -(Aber deswegen keine Ergriffenheit! Sondern standfest jetzt, Auge in -Auge, Zahn um Zahn, -- auch abgesehen von noch weiteren diesbezüglichen -Ausführungen ihrerseits, nämlich betreff einer gewissen besondren -Prophezeiung, die endlich in Erfüllung gegangen zu sehn Derselben eine -besondre, sozusagen seelische Genugtuung bereitete.) - -Summa: -- -- erübrigt sich wohl nach Analogie der vorigen. - - * * * * * - -Ein Würfelklotz verfügt über sechs Seiten. Zwei blieben noch leer. Auf -eine derselben würde ich ja sehr gerne mich bringen, wie ich am Tode -Helenes schuldig bin, aber -- ich kanns drehen, wie ich mag: es will mir -durchaus nicht gelingen. Es scheint kaum erklärlich, aber vorläufig muß -es dabei bleiben, daß ich tatsächlich am Tode Helenes _nicht schuldig zu -sein scheine_. - - * * * * * - -Nun wären freilich die bisher aufgedeckten nur Zusammenhänge äußerer -Art, und ich käme nunmehr zum Nachweis der besonderen, inneren -Notwendigkeiten, nämlich folgendermaßen in der Ordnung: - - - _Ad I._ - -_A._ Allgemein. An dem Tage, wo es sich darum handelte, Esther endgültig -zu halten, war ich deshalb nicht genügend bei der Sache, weil ich am -nächsten Morgen auf Mensur zu stehen hatte, einer, wie ich wußte, nicht -eben leichten Mensur, und so kam es auch. Ferner ist zu sagen, daß ich -in München bereits nach wenigen Wochen Corpslebens wußte: es war eine -- -nun, seien wir gnädig und sagen ein Irrtum. Gleichwohl wurde ich nicht -nur in A. wiederum aktiv aus unbesondrer Berauschtheit, sondern beharrte -auch dabei _wider besseres Wissen_, nämlich aus purer Schwäche, will -sagen _Unverstand des für mein Leben notwendigen Tuns_. - -Gedankenlosigkeit, Schwäche, völlige Unkenntnis des Notwendigen, des -Einen, bei fortwährendem im Mund- und im Hirne-Führen großartiger Plane, -Gedanken, Phantasiestücke in Napoleons Manier und so weiter -- das sind -die Anklagungen. - -_B._ Besonders: Obendrein fortwährende Verwirrung. In einem Kaffeehaus -oder Chantant, einer Bar meinetwegen war ich einmal Augen- und -Ohrenzeuge eines besondren Gesprächs zwischen den allerseits bekannten -Josef Montfort und Saint-Georges. Es wurde darin auf das glaubwürdigste -nachgewiesen, daß die seelische Versetzung eines beliebigen Menschen in -die Leiblichkeit eines Andern, -- kurz und gut: die Vornahme einer -_Maske_ unbedingt führen müsse zum Unheil, _wo nicht zum Verbrechen_. - -Wer schlug dieses in den Wind seiner Berauschtheit? (Immer Derselbe!) -Nicht nur seiner Berauschtheit! Denn bei völliger Nüchternheit des -folgenden Nachmittags, in _einer Stunde höchster Notwendigkeit_ war ihm -jenes Gespräch _klarstens_ erinnerlich, er aber schlugs in alle -Windsbräute, nahm die Maske vor, und es begann: uralte Verwirrung. - -Denn: >so begannst du, mein Tag -- Von Verheißungen voll<: aus -jahrelanger kindlicher Dumpfheit rauchte mit unbekannter Geschwindigkeit -hervor die Flamme des Verstandes, die alle Dinge so überdeutlich -- in -einem Betracht -- zeigte, daß die Beschäftigung ihres Erkennens ihm -allein schon ruhmwürdig schien und ihn somit verschluckte, alldieweil -das genügsame Herz, gespeist mit einigem Abfall, sich allein großzuziehn -hatte. - -So geschah es denn _recte_, daß ich -- Beispiel Magdas zweite Errettung -Jasons -- allüberall mit Gedanken handvoll bei der Hand, zu spät kam in -den Augenblicken des Fühlens oder Handelns. Die Ewigkeit habe ich -allzeit großartig begriffen; den Augenblick niemals. - -Immerfort mit mir selber im Schwunge wie mit einer irrsinnig gewordenen -Gebetskaffeemühle sah ich von jedem, was vor mich hingeriet, stets so -viel, wie der Blick aus der Dreharbeit nach oben eben hergab. So kam der -Tag Esthers, und ich dachte an mich, scherte mich den Henker um sie und --- lieferte sie demgemäß dem Henker aus. Seelisch immerfort großen -Umgang pflegend mit Heroen und Dämonen, war ich _immer unvorbereitet für -Bruder und Schwester_. So kam der Tag, wo Cordelia zusammenbrach vor -mir, wo schon das Geständnis sich auf ihren Lippen wand wie eine -flammende Schlange, aber ich ließ mich gerne _beschwichtigen_, auf -später vertrösten, wo es zu spät war (denn immer ist später zu spät!), -denn: der Mensch zwar hat eine besondre Membran erfunden, so fein, daß -er über Länder und Ströme hinweg seiner Geliebten den Zustand seiner -zärtlichen Gefühle mitzuteilen vermag: eine Membran aber, innerstes -Empfinden der selben Geliebten ahnend aufzufangen im Augenblick, wo Leib -sich preßte an Leib, die zu erfinden bemühte er sich nicht. Und ich, der -ich ein Mensch bin: _hatte ich nicht die Aufgabe, sie zu erfinden_? - -Ich? Freilich, es ist wahr, daß ich unter allen gewöhnlichen Menschen -nichts bin als ein ebenso gewöhnlicher Mensch, und dennoch war ich nicht -ganz ausgeschlossen vom Besondren, will sagen: der Gnade. Augenblicke -erstrahlten schon ganz im überirdischen Feuer. Aus Nacht und Buschwerk -hervortretend die Erlauchte -- oh wie? durchflammte sie mich nicht mit -einem Strahl ihres Auges? war nicht eine einzige Wimper ihres Lides -stark und scharf genug zur _magischen_ Durchbohrung, und ich brannte auf -lichterloh? Was denn erlosch ich im Nu? Ich hatte doch die Kraft, das -Schicksal über mir zu empfinden, das mich in jenem Augenblick an ihre -Fußspur fesselte, und die Kraft, mich in meinen Grundfesten erschüttern -zu lassen! Warum war ich denn so lau und so erbärmlich und gewöhnlich, -daß ich nicht festhielt mit Klauen und Zähnen, und warum ließ ich mich -fortlocken von jeder Stimme, die vorüberflog, jedem Bleiglanz, jeder -trüben eigenen Not, all dem Zuvielen? Warum tat ich denn nicht, was not -war, heftete mich an das Eine, unlösbar, mit allen Gewalten Leibes und -der Seele, verfolgte es, setzte ihm zu, warf ihm immer neue Schlingen -um, wenn es die ersten zerriß, ließ nicht ab von ihm, wich nicht von -seiner Seite, wurde taub und blind gegen alles andre, gegen Blitz und -Donner, Frühling und Winter, Leben und Sterben, nur aufdürstend, nur -auflodernd in der Flamme! Statt dessen taumelte ich so umher, war immer -gut und niemals mehr, verirrte mich in der Vielheit, sah immer -- o -holdes Wort der Gepriesnen! -- nur Masse, nur Masse, richtete nichts als -Unheil an und stand und stehe nun da endlich, die Hände von Schätzen -leer, aber übervoll von der Schuld. Wenn ich das Eine getan hätte, wären -mir nicht vielleicht Kronen und was ich nur wünschte freiwillig in den -Schoß geregnet? Ich hätte gelebt, ich lebte noch, und Alle mit mir, die -nun dahin sind durch mich. Warum, ja warum _bin_ ich denn gewöhnlich, -wenn ich Wort um Wort und Schale um Schale _weiß_, wie man es macht, es -nicht zu sein! - -In einer übertriebenen, wegen der Maske übertriebenen eingebildeten -Sicherheit raste ich mördrisch mit Keulen umher, da im Gegenteil alles -unsicher war, und unsicher in Wahrheit bis ins Mark unaufhörlich tanzte -ich herum mit Lemuren und Chimären der tausend fernen Möglichkeiten, -immer ins Weiteste gerichtet, augenlos immer fürs Nächste, die nächste -Sigune! Ratlos bis ins Mark vor lauter gedachtem Tunwollen war ich am -Ende nur immer froh, ja lieber nichts zu tun, als etwas _Bestimmtes_, -und Esther ging in den Tod, Sigune ging, und Cordelia fragte ich nicht -nach. - -Dreimal kam der Tod selber, um mich zu warnen -- ich überhört' es! Oh -die ewige Schande, nicht eher zu wissen von einer Not, ehe man sie -selber erfuhr! nicht eher zu wissen vom Tod, ehe selber man starb. - -Hemmungen, aha! Hemmungen der Tat, die hatte ich gut und gern, aber -hatte ich je eine einzige Hemmung meiner Gedanken? In Erwartung der -Geliebten -- ich konnte ja nicht einmal den Urin verhalten und dünkte -mich wahrhaftig zu lieben, als ob es möglich wäre, seine Notdurft zu -verrichten in der Stunde der Unsterblichkeit. Magda, sie wars, die Jason -aus dem Teich holte, Magda, die ihn vor der Windmühle bewahrte, und ach, -da blüht nun meine Verworfenheit auf dem Mist, denn: Jason retten, heißt -das nicht, Gott selber aus dem Wasser ziehn? Ich aber, ich wars nicht -wert (obgleich dieser Bogner sich damals hinstellte und die Hände -aufhob: Danken Sie Gott, Sire, daß nicht Sie diese Verantwortung und so -weiter!) und kann nun heulen und mich zerknirschen und zerreißen am zu -späten Tag, daß ich beim Ewigen ewig dabeistehn muß _und darf es nicht -tun_! Ist das die Hölle? Ist das Höllenpein? Ist das auszudenken? Ja, -denke, denke du nur, laß die Schwäche groß handeln und setze du den -Grübelbohrer an Maler Bogner. Oh meine Herren Richter, bilden Sie sich -vielleicht ein, ich hätte irgend was vergessen? Freiwillig geblendet hab -ich mich, an den Augen kastriert, als mein Herr Vater mir eine gewisse -besondre Mitteilung über meine Geburt machte, und da tappte ich denn ins -Leben hinein wie der blinde gewesene Hengst Unkas, nur Eines, nur Eines -in Nase und Nieren, daß es mir ja nicht entwiche, o du heiliger -Mistgeruch aus der eigenen Stalltür: die _Gewohnheit_. - -Gewohnheit, das leirige Gleis, zog mich widerstandslos dahin, und wo mir -das Große, Heilige, Ewige entgegentrat, den Blitz in den Händen, da zog -ich hurtig die Weiche auf, da hielt ich hurtig den Ableiter vor, glitt -glatt weiter mein Gleis, geführt statt zu führen, und was -- statt des -Erlauchten, Unsterblichen -- was bekam ich? Cora bekam ich, das Halbe, -das Armselige, das Ding, >das wie Gold ist aus Lehm<, den Antichrist! - -Gnädiger Gott, der du bist! Wenn es denn möglich sein soll, wenn es aus -all diesem noch einen Weg geben soll für mich, so bewahre mich vor dem -einen: ja, wahrlich, wenn ich auch mit Blut und Knochen, mit all meinen -Sinnen und Übersinnen wieder hinein muß ins Alte, -- so sei mir gnädig -und verhilf mir zu dem Einen: nicht der Gewohnheit wieder anheimzufallen -mit meiner _Seele_! Daß ich meine eigenen Gedanken sehe wie Sterne, -meine _eigenen_ Gefühle fühle wie Blumen; daß ich nicht dem Ungefähren -nachtappe, wie ich das Pferd Unkas sich selber nachtappen sah in den -ewigen Stall! - -Ich bin zu Ende. - - - Magda an Dr. Birnbaum - - Waldheim, am 16. September - -Lieber Onkel Salomon! - -Nun siehst Du, jetzt kann ich wieder schreiben! Es geht sogar schon fast -so schnell wie mit der Feder, und dabei ist die Maschine, die -mein Freund Jason mir besorgte, nicht einmal eine richtige -Blindenschreibmaschine; er hat nur die Tasten, die eigentlich weiße -Lettern auf schwarzem Grund haben, mit weißen Plättchen belegt, weil ich -die zumeist doch sehen kann, und dann hat er auf jeden mittelsten -Buchstaben der drei Tastenreihen einen Tropfen Siegellack fallen lassen, -so daß links und rechts sich auseinander halten läßt, und ich kam -wirklich überraschend schnell vorwärts. -- Heute wollte ich Dich bitten, -doch so gut zu sein und Mahlmann zu veranlassen, daß er drei, oder am -besten vier Zimmer im Gastflügel zurechtmachen läßt. Mein lieber Freund -Bogner ist nun nach fast sechs Wochen so weit wiederhergestellt, daß er -das Krankenhaus verlassen darf. Er hat allerdings noch eine offene Wunde -im Rücken mit einer Kanüle darin, aber er darf sich doch schon bewegen. -Ich sprach zufällig von Helenenruh mit ihm, und er erinnerte sich mit -solcher Freude der hier verbrachten Wochen, daß ich ihn eingeladen habe, -dorthin zu gehn. Eine sehr nahe Freundin von ihm, Frau Tregiorni, wird -ihn begleiten, und wahrscheinlich auch noch das Fräulein Ring, durch die -ich den Li habe, wie Du Dich erinnern wirst. Ich selbst denke, in den -ersten Oktobertagen zu kommen und außer Renate den jungen Saint-Georges -mitzubringen; er ist gelähmt und wird dann Schulferien haben. Ich würde -eher kommen, wenn nicht Renate zögerte; ihr Onkel ist leider von sehr -zarter Gesundheit und beansprucht ständig Aufmerksamkeit und Pflege; sie -wird deshalb auch wohl nur einige Tage in Helenenruh bleiben. Mahlmann -lasse ich dann bitten, für die zwei oder drei Wochen meines Dortseins -ins Gestüt zu übersiedeln, da ich doch gern im alten Hause wohnen möchte -und der Gastflügel auch besetzt sein wird. Alldas schreibe ich Dir, -damit Mahlmann den Eindruck behält, daß ich bei Georg zu Gast bin, und -nicht umgekehrt. Also vergieb, daß ich Dich zu Deiner vielen Arbeit auch -noch behellige! Da Du von Georg nichts schreibst, so nehme ich wie -verabredet an, daß in seinem Befinden keine Änderung eingetreten ist. - -Auf baldiges Wiedersehen also! Ich sehne mich sehr nach Helenenruh! Ich -werde ja nun eine zweite Kindheit dort haben, denn damals, nicht wahr, -damals war es doch so, daß man die Dinge der Welt, die man sah, erst mit -Händen fühlen mußte, um sie zu kennen, und das muß ich nun auch wieder -tun. Ob meine Füße wohl die alten Wege gleich erkennen werden? Ich freue -mich schrecklich darauf! - -Mit vielen Grüßen an Tante Flora in Liebe Deine - - Magda - - - Dr. Birnbaum an Magda - - Helenenruh, am 17. Sept. - -Meine liebe Magda, Dein Brief wird mir im selben Augenblick gebracht, wo -ich mich hinsetze, um Dir zu schreiben. Du mußt nicht erschrecken, von -einer großen Aufregung zu hören, in die ich durch Georg versetzt wurde, -denn es scheint nun vorüber zu sein, und ihretwegen wollte ich Dir -schreiben, indem ich mir vermute, von Dir, das heißt eigentlich von -Deiner Freundin, Fräulein von Montfort, einige Aufklärungen erlangen zu -können. - -Erlaube, daß ich gleich _in medias res_ gehe. Gestern äußerte Georg -plötzlich die Absicht, den geisteskranken Sigurd in seiner Anstalt zu -besuchen, wofür er, als ich ihn zu hindern suchte, als Grund anführte, -es sei »gewissermaßen seine christliche Pflicht«, Sigurd zu sagen, daß -er ihm den zugefügten Schmerz nicht anrechne. Er sprach die Hoffnung -aus, ihn in einer klaren Stunde anzutreffen, machte übrigens auch einige -Andeutungen, dahingehend, daß »Verschiedenes noch unaufgeklärt« sei. -Alles was ich erreichen konnte, war die Erlaubnis zu einer -telephonischen Anfrage in Lauensee, auf die ich den Bescheid erhielt, -daß der Kranke nach einem letzten Anfall vor einigen Wochen der -Stumpfheit anheimgefallen, daß eine Verständigung mit ihm also wohl -ausgeschlossen sei. Leider ließ ich mich dadurch beruhigen und setzte es -nur durch, daß ich Georg begleitete. - -Es nahm aber einen ganz bösen Verlauf. Sigurd erkannte Georg sofort, es -schien, als wollte er sich auf ihn stürzen, doch begnügte er sich mit -einem Strom von Flüchen und Schimpfreden, nannte ihn Mörder, mit allen -möglichen Zusätzen des Wahnsinns, Vater-, Mutter-, auch Schwestermörder, -bis es uns gelang, Georg aus dem Zimmer zu ziehn. Er war -zusammengefallen, sein Aussehn während der Fahrt war so, daß ich -mitunter glaubte, mit einer Leiche im Wagen zu sitzen. Einmal nur sagte -er etwas mir Unverständliches. Ich hatte ihn angerührt, er schien mich -zu erkennen, nannte meinen Namen und sagte dann: Die sechste Seite! -siehst du, nun haben wir die sechste! worauf er an den Fingern rechnete -und sich verbesserte: nein, es stimmte ja doch nicht, die fünfte wäre ja -Helene, und das stimmte ja nicht, -- oder ähnlich. - -Liebes Kind, Du kannst Dir mein Erschrecken vorstellen, aber höre erst -weiter! Übrigens ist er, wie gesagt, nun ganz ruhig, spricht überhaupt -nicht mehr, geht aber fortwährend, auch draußen bei dem nassen Wetter -umher, während er früher nur immer dasaß und sehr viel schlief und -dazwischen hastig schrieb, Briefe wohl, doch bekam ich nichts davon zu -sehn. Der Himmel weiß, was daraus werden soll, ich bin nun auch bald am -Ende meiner Kräfte, das mit dem Herzog hat mich gebrochen, die Arbeit -häuft sich von Tag zu Tag, meine alte Frische habe ich längst nicht -mehr. Dazu wieder die bösen politischen Aussichten! Aber da komme ich -ins Schreiben und verschwende meine Zeit. - -In der Nacht nach unsrer Rückkehr arbeitete ich noch in meinem Zimmer, -die Türen zu Georgs Schlafzimmer -- dem früheren seines Vaters -- -standen offen. Plötzlich hörte ich ihn drinnen stöhnen, dann in ein so -verzweifeltes Geschrei, Klagen und Anklagen ausbrechen, wie ich es im -Leben nicht gehört habe. Er hatte aber alle Türen seines Zimmers -abgeschlossen. Ich kann das nun nicht beschreiben, er schrie einmal -minutenlang nur immerfort: die Hölle, die Hölle, die Hölle! Dann rief er -wieder nach seinem Vater, er schrie wie Sigurd: Mörder! und das schien -er auf sich selber zu beziehn, und auch Sigurds Namen hörte ich und den -seiner Schwester. Aber genug! - -Alldies ging mir nun durch den Kopf, es muß ja irgend etwas Reelles -dahinterstecken, eine Einbildung, eine Täuschung vielleicht, die sich -beheben läßt, und da fiel mir ein, daß Deine Freundin vielleicht helfen -könnte. Möchtest Du so gut sein und sie noch einmal genauestens nach -ihrem Gespräch mit Sigurd in jener Nacht befragen? Da kann ja der -kleinste Umstand von Wichtigkeit sein, und mir selber war in dem, was -ich durch Dich erfuhr, einiges unklar geblieben, zum Beispiel wollte mir -in Sigurds Plan von der Beseitigung aller gekrönten Häupter die -Ermordung meines Herzogs niemals recht passen. Also sei so gut, und wenn -etwas Neues sich ergeben sollte, teile es mir doch bitte gleich mit! - -Ich werde mich vor allem freuen, Dich recht bald hier begrüßen zu -können! Deine Anweisungen an den Verwalter Mahlmann habe ich wunschgemäß -befolgt. Ich schließe mit meinen und meiner Frau herzlichsten Grüßen, -bitte auch, mich Deiner Freundin ganz gehorsamst empfehlen zu wollen! In -alter Treue Dein - - Birnbaum - - - Renate an Dr. Birnbaum - - Waldheim, am 19. September - -Verehrter Herr Doktor! - -Auf Magdas Bitte bin ich selber es, die Ihren Brief gleich beantwortet. -Allerdings glaube ich zu den erschreckenden Dingen, die wir von Ihnen -hören, einige Erklärungen geben zu können, obgleich das meiste daran -auch weiterhin wohl nur zu ahnen bleibt. Wenn Sie Sigurd Georg Mörder -nennen hörten, so glaube ich, daß sich das auf Sigurds Schwester -beziehen soll. Etwas Ähnliches hörte ich schon damals, nach Esthers -Tode, von ihm, doch blieben mir die Gründe dafür unbekannt. Daß Sigurds -Plan ursprünglich nicht gegen den Herzog, sondern Georg gerichtet war, -sagte er selber deutlich in unserm Gespräch. Und dann weiß ich, daß er, -Sigurd, der Meinung war, Georg sei in die Gracht gestürzt und ertrunken, -worauf dann sein Attentat auf den Herzog nur ein schreckliches Glied in -der Methode seines Irrsinns wurde. Und rechnen Sie zu diesem, daß Georg -mit durchnäßten Kleidern gefunden wurde, daß auch Magda stets -dabeiblieb, er sei es gewesen, dessen Fall ins Wasser sie hörte, so -brauchen wir uns nur vorzustellen, in welch zerstörtem Licht Georg die -Geschehnisse und Zusammenhänge sehn mag, um mit dem Scharfsinn seiner -Krankheit alles zu erraten und -- auf sich zu beziehn; sich also für -schuldig zu halten am Tode seines Vaters. Was dem Außenstehenden nur -eine wenn auch furchtbare Verstrickung von Umständen zu sein scheint, -dahinein fühlt sich ja der selber Betroffene mit Leib und Seele -gerissen, der Kranke sieht Krankheit überall, und wer schuldig sein -will, Schuld. - -Magda läßt Ihnen tausend Grüße sagen, sie leidet schwer unter ihrer -Ohnmacht, die Neuheit ihres Zustandes läßt sie sich auch für hülfloser -halten, als sie ist. Sie läßt Sie bitten, doch ja Georg unser Kommen -rechtzeitig anzumelden. Möglicherweise ist er ja ganz unzugänglich. Wir -werden, denk ich, am 1. fahren. - -Ich nehme so von Herzen teil, lieber, verehrter Herr Doktor, an Ihnen -und Ihren Sorgen und grüße Sie mit: Auf Wiedersehn! Ihnen von Herzen -traurig zugewandt! - - Renate Montfort - - - Georg an Magda - -Aber so viel Zartgefühl scheint mir fast übertrieben, o edle Seele! Ich -eile, mich durch diese Zeilen nachträglich als meinen Gast in Deinem -Eigentum zu bekennen, nicht mehr als Bogner, den ich plötzlich von -weitem hier aufgetaucht entdeckte, -- ich mocht ihn nicht sehn. Daß -Helenenruh Dein einziges Haben ist, dürfte mir bekannt sein, während mir -die ganze bewohnte und unbewohnte Welt zur Verfügung steht. Dein -Ergebener muß Dich jedoch bitten, ihn der Einsamkeit zu überlassen, die -er für seiner nötig erachtet. Dieser Wink dürfte genügen, da mir -bekanntermaßen freisteht, eine Annäherung, die als feindlich betrachtet -würde, dadurch zu vereiteln, daß er sich in andre Gegenden dieses mit -Recht so beliebten _orbis picti_ begiebt. - -Es verbleibt mit besonders herzlichen Grüßen in seiner Schuldigkeit: - - Georg - - - Von Georgs Hand geschrieben - -Jener, vom bekannten Baron Münchhausen mit dem Schwanz an eine besondre -Eiche genagelte besondre Fuchs, als welcher durch Peitschenstreiche -veranlaßt wurde, sich zu entfernen, den durch Gewohnheit lieb gewordenen -Balg jedoch an Ort und Stelle zu lassen, ist eine immerhin wollüstige -Vorstellung für die ins Fell der Gewohnheit eingewachsene Seele. Denn -siehe da: nachdem es verwehrt ist, an _Ihn_ zu schreiben, dessen dreimal -geheiligten Namen der feurige Makkabäer zerriß und in die Winde streute, --- was bleibt mir übrig, um den Tag zu ertragen, der sich inzwischen -anstatt bisher üblicher sechzehn bis siebenzehn Stunden deren -vierundzwanzig zugelegt hat? >Ein Rätsel ist Reinentsprungenes<, sagt -Hölderlin, zum Beispiel der Schlaf. Die meisten Menschen üben ihn bei -Nacht aus; ich nahm ihn in kürzlich erst sich verabschiedet habender -Zeit wie so eine besondre Arznei, alle Stunde einen Eßlöffel voll; aber -nun hat mir so ein besondrer Beelzebub von hinterlistigem Satan die -Flasche verstochen, und wo finde ich dieselbe? -- Meist schleicht er -sich abends herein, verabreicht mir einen Löffel voll -- damit die süße -Gewohnheit nicht schwinde! -- und bleibt für den Rest aller Stunden -unsichtbar. Was also bleibt mir? Ach: zwischen Leib- und Seelenonanieren -blieb dem Menschen nur die bange Wahl! Aber so sei sie gewählt, die süße -andre Gewohnheit des schriftlichen sich Niederlegens aufs platte -Plättbrettbett des Papiers: das Schreiben, nicht wegen der besondren -Unsterblichkeit, nicht wegen des süßen Pöbels, sondern ganz allein _sui -ipsius causa_, um des Schreibens willen! Es ist Wollust, der eigenen -Seele liebzukosen, zumal wenn sie leidet, und zugleich ist das Schreiben -so ein förderliches Purgativ, ein besondres Sieb sage ich besser, den -weichen Brei von Allerhand durchzurühren zur Beförderung der Erkenntnis. -Man denkt zwar in Sätzen, aber merkwürdig: gedachte Sätze haben nie -einen Punkt, und ein Punkt zwischen zwei Sätzen auf reinem Papier -scheint mir so was unendlich Haltbares, um so mehr, je länger man drauf -hat warten müssen. - -Ich will einen Nachtspaziergang beschreiben. Die Menschen lassen einem -ja koa Ruh net, wie Cordelia selig zu sagen pflegte, also daß man nachts -auswandern muß wie die Rattenkönige, alle Seelenschwänze zu einem -gordischen verknotet. Übrigens denkt es sich besser bei Nacht, und kurz -und gut, beschreiben wir uns diesen wackern Knaben Telemach unter dem -paßlichen Motto: - - Das Steuer führt' ein Jüngling unruhvoll, - Dem früh des +++ Rat und Hülfe schwand -- - -folgendermaßen: - -Telemach erwacht wie üblich aus befristetem Halbschlaf. Er erseufzt, -legt sich auf den Rücken und öffnet, wach und keines Schlafes bedürftig, -die Augen in die Nacht. Bald darauf wird über ihm das graue Vieleck der -am Tage weißen Zimmerdecke sichtbar; er schiebt sich höher im breiten -Bett, erkennt die Schattenrisse der beiden hockenden Tiere, Adler und -Löwe, auf den Bettpfosten, dahinter die bleichen Streifen der -Fenstervorhänge und dazwischen das dunkle Rechteck der offenen Tür zur -Terrasse; dann auch die dunklen und großen Flecken der Schränke und die -weißen der Türen. Im Glase des Türflügels draußen glitzert es bläulich. -Telemach -- oder sagen wir kurz T.; kann auch wieder Topf heißen -- -schiebt sich bis fast zur Rückwand des Bettes hinauf, sitzt in dem -großen Achteck des Raums und fröstelt. Draußen rasselt es eisern, der -Uhrhammer in der Höhe fällt hell schmetternd, ein Mal, dann ist alles -still. Halb zwölf. -- T. seufzt vermutlich wieder. Nun wieder die Nacht, -die ganze lange Nacht bis zum Morgen -- und was dann? -- Es wird heller -und heller um ihn, die dunklen Schränke sind nun körperlich sichtbar, -die Maserung, Kanten und Beschläge, und vor der Tür draußen ist die -graue Fläche der Terrasse erschienen und, dunkel im Zwielicht, der -Schattenriß einer großen Steinurne mit Früchten und Blättern auf der -Brüstung. Das ist besonders still. - -Im Dorf schlafen die Bauern eng und heiß in ihren karierten Betten. Die -harte Weckuhr tickt durch die Schwüle, sie stöhnen im schweren Schlaf -und schnarchen. Eine Kuh brummt im Schlaf, ein Huhn gackert im Traum, -niemand hört den Spitz, der mit rasendem Geheul auf die Decke seiner -Hütte sprang, weil draußen Schritte hallten, und der Hund kriecht wieder -in seine warme Höhle, knurrt, muß noch einmal blaffen, dreht sich um -sich selbst und fällt hin. - -T. sitzt und wacht, lauscht. Die Nachtstille singt in seinen Ohren, es -rauscht leise im Park, die See ist nicht zu hören. - -Hier, denkt er, lag einer des Nachts, und wie oft wohl wachte er auf und -glaubte über sich Schritte zu hören, ruhelos, ruhelos, so leise, ein -Huschen, hin und her streifend, hin und her ... T. lauscht, alles bleibt -still, er sieht den Schatten einer Hyäne, den hochgebogenen Rücken, -schieftrabend in der Finsternis, nun funkeln grünlich, bläulich die -Lichter, er hört die Pfoten trotten, er riecht ... Das war Mama, denkt -er matt und gespenstisch, das war Mama ... Zwanzig Jahr Pein und -Sehnsucht und Gänge, Gänge im Finstern, und dann -- nichts mehr; der -Tod. -- Wie ich damals, denkt er, meine Gedichte fand ... Mein Sohn war -klein, und nichts verstand ... Und sie lag und lächelte grade genug. -Wenn man nachgrübe und den Sarg öffnete, würde man ihr Lächeln -unversehrt darin finden, -- und das war ihre Genugtuung, so viel zu -lächeln. -- Die Umrisse der Insel erscheinen ihm finster, die Bäume, er -sieht ein bleiches Gesicht unter der Buche liegen wie eine Maske, es -lächelt, oben saust der Herbst und reißt Blätter aus den Kronen, sie -fährt fort zu lächeln; der Winter deckt alles zu, sie lächelt fort; im -Frühling liegt ihr Lächeln unter dem ersten Krokus, den langen Sommer -lang lächelt sie fort, ganz für sich allein ... - -T. fröstelt, rutscht wieder tiefer im Bett und steckt die Arme unter die -Decke. Es waren viele Tote. Esther -- Sigune -- Cordelia -- Mama ... -Alle schon wieder weit fort, und gelernt hatte er nichts. Nur der Eine -... T.s Brust schmerzt. - -Warum lebe ich noch? Telemach stellt sich wieder einmal vor, er läge -begraben. Alsbald erscheint auch der Platz in A., die Bahnen fahren, -Menschen eilen kreuz und quer, die Spiegelscheiben der Auslagen -glitzern, aber es quält nicht mehr wie vor einem halben Jahr. Es war -niemand mehr da, von dem es schmerzlich wäre Abschied zu nehmen, oder -ihn lebend zu denken, beschäftigt wie immer, während man tot ist ... -Renate? -- Er fühlt sie nicht mehr. - -Ich sollte wohl, denkt Telemach, ein Ende machen. Aber da ist zum -Beispiel das Land. Brauchte es ihn? Jener Birnbaum würde ihm schon einen -besondren Telemachschwung versetzen. T. sieht den stämmigen Mann -aufgeregt im Zimmer hin und her laufen, eine Hand im Ärmelloch der -Weste, fuchtelnd mit der Zigarre in der andern, niesend und prustend, -und er schreit: Und wenn wirs so einrichteten, daß es an Preußen fiele, --- no -- was denn? no? was denn? T. wußte es nicht. -- Hatn dazu dein -Vatter sich sein Lebtag abgerackert, un dein Großvatter, un dein -Urgroßvatter vielleicht? Du bistn Literat, Hoheit, du hast gar keine -dynastischen Gefühle, nee, aber gar keine! -- T. lächelt und bestreitet -es schweigend. Ich wills ja versuchen, beschwichtigt er sich selbst, ich -bin nur so müde und innerlich kraftlos. Die Länder sind so gut im Stande -... Das heißt Beuglenburg? Und sie würden Schley dort nicht sitzen -lassen, diese Preußen. Ach, nun kamen die Wahlen! Früher war die -Sozialdemokratie unter der Hand unterstützt, und -- und ... T.s Kopf tut -ihm weh. -- Ich kann noch nicht, ich kann noch nicht! -- Er wälzt sich -fieberisch und atmet beklommen. Es ist, denkt er, wieder die alte Angst, -wie in Berlin. Berlin war nicht schuld, sondern mein eigenes Krüppeltum. -Punkt. Toter T. punkt. - -Er schleudert die Decke von sich, zieht die Schlafschuh an die Füße und -hockt schlottrig auf dem Bettrand. Es ist nun ganz hell umher, dämmrig, -doch alles deutlich erkennbar. Den Kopf drehend, sieht er über sich, -überm Kopfende des Bettes die Figuren des Bildes Emmaus, den -einfallenden Lichtstrom, am Tische Christus und die erschrockenen -Beiden, dahinter die Nacht. - -Ja, denkt er verwirrt, ich kam zu allem zu spät. - -Er schlürft eilig zur Glastür, friert im Kalten, lehnt sich an den -Rahmen und raunt: Was soll man denn tun? Man fährt ins Dasein hinein mit -feuriger Schnelle, findet alles vorbereitet und ist es von Ahnen und -Urahnen her gewohnt, eh man es besitzt. Da erkennst du dich selber, aber -schon steckst du so tief im Gewohnten, daß kein Riese dich ausreißt. -Wenn ich Verse machen will, und wäre ich Hölderlin, ich müßte anfangen -wie Schiller, und zehn Jahre danach merke ich vielleicht, daß Sprache -des Verses und Sprache des Umgangs voneinander so verschieden sind wie -der Vogel vom Fisch. Ich kleide mich, rede, lache, fahre, spiele, lerne -wie die Andern, und längst bin ich in zehntausend unlösliche -Zusammenhänge verstrickt, und dies -- ach dies wird die letzte Not sein, -daß man an Tausenden hängt und nicht steht, und Tausende hängen an mir, -und ich komme nicht los zu mir, nicht los zu mir ... - -Ganz hell aus der Tiefe klagt jetzt ein Kinderweinen, schauerlich -anzuhören, und T. zuckt merklich. Ein Gespenstergelächter folgt, ganz -schnell: Hahahahaaa! und wieder das plärrende Weinen. -- Kauz in der -Nacht, End ehs gedacht! -- Stille liegt die Terrasse, stille stehen die -mächtigen grauen Urnen, besonders, verhaltenen Lebens, atmen, auch die -Steinplatten atmen, Schlaf oder das Schweigen ... Über dem schwärzlichen -Gewipfel des Eichwaldes quillt ein bleiches, silbriges Scheinen im -Himmel, ein wenig tiefer muß die Mondsichel sein. Emporblickend sieht -Telemach wenige, schwach flimmernde Sternlichter im Dunste der feuchten -Nacht. -- >Schaudernd unter herbstlichen Sternen -- Neigt sich jährlich -tiefer das Haupt ...< - -T. macht Licht, geht mit geblendeten Augen ins Ankleidezimmer, erhellt -es und legt eilig das für morgen zurechtgelegte Unterzeug, -Schnürstiefel, Reithosen und Ledergamaschen, eine braune Lederweste mit -Ärmeln an, windet einen grau und grünen Schal um den Hals, fährt in den -Rock und fühlt sich einen Augenblick warm und behaglich. Nachdem er das -Licht gelöscht hat, geht er leise über die Terrasse in den Garten hinab. - -Unschlüssig unten stehen bleibend, zum Hause zurückgewandt, findet er -sich plötzlich sehr klein und einsam im Hof der drei mächtigen Fronten -mit langen Fensterreihn und kalkweißen Mauern. Unendlich schweigsam und -hoch steigen die zwei weißen, schwarz behelmten Türme auf den Ecken in -die Dunkelheit; das Ganze, hell und doch seltsam verdüstert im -nächtlichen Licht, atmet eine tiefe Gewalt aus, liegt da, ruhig in sich -selber, bedrohlich für ihn, der sehr klein ist. Unbekümmert scheint es -seine dämmernde Seele bei Nacht zu enthüllen; es dehnt sich, atmet -vielfach, sammelt Essen und Fenster, Türme und Dächer, Simse und Mauern -in eine strotzende und alte Gesundheit und ist immer bereit zu dauern. -Heiliges Kindheitsland, wo bist du? zieht es da schmerzlich durch seine -Brust. Jählings ist das Haus umnachtet und fremd, und er geht davon, den -Kopf gesenkt, verloren in alte Erinnerungen. - -Denn zum Beispiel was tun wir inbezug auf unsre Kindheit? Heraus reißen -wir uns an den Haaren, ganz genau wie eben jener Baron Münchhausen sich -an den Haaren zerrte aus dem Sumpf mitsamt seinem Unkas, bloß daß sie -kein Sumpf ist, diese Kindheit, sondern -- das Paradies. Geschah es -nicht hier? T. wendet sich vermutlich und murmelt, den dämmrig -erkennbaren Weg durch das Eichenwäldchen hinunter blickend: Weiß ichs -nicht, als wärs heute gewesen? Hier auf der Terrasse brannte der bunte -Lampenschirm und saß Bogner; und dort unten am Gatter stand ich, wußte -nicht, was fort war aus mir, und war selber stillschweigend fortgegangen -aus meiner Kindheit zu Annas Bett. - -Da zwingt er sich mit Gewalt durch den Spalt zu einem kindlichen -Aufenthalt. - -Der Kaufmann in Böhne hieß Sengstaak, ein Name, den ich als Junge -niemals aus dem Gedächtnis in die Luft schreiben konnte. In allen Ferien -einmal war eine Monatsrechnung zu bezahlen, das tat Onkel Salomon selber -und nahm uns mit. Im Laden war die Diele mit weißem Sand bestreut, durch -eine geriffelte Glasscheibe sah man Herrn Sengstaak an einem Stehpult -schreiben, und wir zitterten, er möchte nicht merken, daß wir da waren, -denn dann bekamen wir ja keine Cakes, und einmal gab sie uns der -Ladendiener, aber das war längst nicht so schön. Kisten standen da mit -eingewickelten Apfelsinen, Fässer mit Mehl, mit Margarine, mit Butter, -Kisten voll Eier, und wie war alles dauerhaft und dick, die Holzgriffe -an den Schiebladen und die hölzernen Schaufeln in den Erbsen und Linsen. -Über dem Tresen -- ja, da wurde womöglich auf dickem blauen Papier ein -Zuckerhut zerkleinert, ach, wie war das alles besonders und reichlich -und solide! Und oben war es dunkel von ganzen Bündeln in Lagen -zusammengeschichteter Tüten, rechteckiger und spitzer, brauner, blauer -und roter, und sie hatten alle ein schwarzes Wappen als Aufdruck -zwischen zwei wilden Männern. Ja, vor der Tür, da war ja der mächtige -goldene Mohr mit bunter Federnkrone und einer Zigarre zwischen den -Wulstlippen. Aber über den Düten, noch höher, war es finster wie ein -Gewitter, von tausend Würsten und Schinken, und wie das roch nach -Rosinen und Gurken und Vanille und Gewürznäglein, und geheimnisvolle -Leitern lehnten im Winkel oder wurden von kleinen neugierigen Jungen mit -wasserblanken Haaren schwierig hin und her getragen. Dann kam Herr -Sengstaak aus dem Kontor, das ich nachher in Soll und Haben wiederzusehn -glaubte; er hatte ein rotes längliches Gesicht, kleine Augen und Falten -unter dem Kinn, rieb sich die Hände und sprach unverständlich mit -eigentümlichen Bewegungen des Kinns. Er beugte sich über den Tresen, -griff Anna und mir mit großer Hand unters Kinn und holte, während er -immerfort mit Onkel Salomon sprach, einen der großen blechernen Kasten -mit Cakes herunter und hielt ihn uns offen schräg entgegen, und jeder -nahm einen kleinen Cake heraus, aber das war nicht alles. Nun wurde ein -großer, brauner Papiersack abgerupft, und wie wundervoll war das, wenn -Herr Sengstaak mit dem einen Arm hineinfuhr, mit der andern Hand die -eine Ecke weich eindrückte, dann ganz leicht die Tüte herumwarf und die -andre Ecke einknickte, und dann kam ein Blechkasten nach dem andern -herunter, und die Tüte wurde voll -- nicht ganz bis oben, es blieb noch -genug Papier, das dann auf wundervolle Art zu parallelen Streifen -zusammengelegt wurde, und dann wurden sie nach innen umgeknickt und -festgedrückt, das Paket auf die Seite hingelegt, und dann kam Bindfaden -aus einem verblüffenden Ding heraus, und das Paket flog links herum und -rechts herum, und der Bindfaden schlang sich darum, es war herrliche -Zauberei, ein Holzknebel war mit einmal da, wurde in die Schlinge -geschoben, und dann wurde es mir überreicht. Dies war unser heiliges -Recht, Kekse -- wir sagten Kekse -- von Herrn Sengstaak, aber eine Sorte -war dabei, die mochten wir nicht, die hießen Dextrinkeks, denn so -schmeckten sie, und die kriegte Mama. - -T. denkt hierauf gebeugt, er müsse damals unmenschlich glücklich gewesen -sein, daß all dies sich ihm eingebrannt habe, wovon er damals doch -nichts wahrnahm, denn immer war er ein blinder Junge und hatte niemals -etwas gesehn, wenn er gefragt wurde. -- Oder ist das ganze Glück -wirklich dieser Augenblick, wo ich es so brennend wieder fühle? - -Er fährt leise zusammen, da er am Weiher steht, gegenüber der Insel, -keine fünf Schritt von der Brücke. Die Bäume rauschen und bewegen sich -ernst, beklommener atmend geht er zur Brücke, bleibt stehen und -flüstert: Hier schläft Mama ... Er geht hinüber, achtet darauf, daß -seine Füße leise sind, taucht ängstlicher in den finstern Gang zwischen -Buschwerk, tastet sich langsam hindurch und tritt ins Freie der leicht -übernebelten Lichtung. Drüben, über dem weißlichen Gewoge wölbt sich die -schwarze Kuppe der Trauerbuche; auf einmal ergreift ihn schaurige -Furcht, sie könnte dort liegen, unter dem Baum; nicht sie, ihr Gesicht, -das Lächeln; nicht ihr Lächeln, Cordelias ... Und er geht mit -knisternden Haaren und schlagendem Herzen hin und bleibt, drei Schritte -vom Stamm entfernt, stehn. Auf dem grauen Oval glänzen leise doch -sichtbar die beiden Worte: Helene -- Herzogin. - -Hier unter ihm steht ein Sarg, liegt eine Tote, ein Mensch, -- wie war -es doch möglich? Er wendet sich schaudernd. -- Etwas läuft in die -Lichtung hinein, bleibt still, läuft hierhin, dorthin, schnüffelt -vernehmlich, ein Igel. Heftiger zitternd faßt er in das Gezweige über -seinem Kopf, ein Blatt bleibt in seinen Fingern, sein Arm fällt herab, -er zerknittert es und fühlt es feucht; in weiter Ferne kräht ein Hahn. --- Sie schläft, flüstert er besinnungslos, dann sinkt er langsam in die -Kniee, bückt sich, harkt mit der Hand im Gras und flüstert: Mutter! -Mutter! hilf mir doch! Mutter, dein Sohn ist doch da! Ach, sag doch -nicht, daß es zu spät ist, sei nicht hart, ich kann ja nicht mehr, ich -kann, kann, kann ja nicht mehr! -- So wimmert er eine Zeitlang, dann -liegt er plötzlich still und steht auf. Seine Hände, sein Gesicht sind -naß, er trocknet sich mit dem Schal und geht davon, schamvoll und doch -erleichtert. Er horcht stehen bleibend zurück. Sie war entsetzlich -einsam dort ... Er schüttelt den Kopf und geht weiter, durch den Gang, -über die Brücke, am Weiher hin und den dunklen, beschatteten Weg hinab -unter dem schwarz und zerrissen herabhängenden Laubwerk der Eichen. - -Dort steht er und denkt wieder. Ja, was dachte er wohl? Er dachte nicht --- denn das denke vielmehr jetzt ich: welch eine wonnevolle -Erleichterung es für mich ist, einmal die ganze Last des Daseins auf -diesen vorgespiegelten Telemach abzuwälzen und daneben zu stehn und es -immerhin begreiflich zu finden, daß sie ihn quält. -- Sondern er dachte -vielleicht oder empfand die Höllenqual der zu späten Einsicht. Die -furchtbar ironische Bitterkeit der Erkenntnis, daß alles, was heute ist, -seit Jahren sich vorbereitete, daß es in all und jedem Denken, Planen -und Handeln schon war, -- oh ja: - - Was vom Menschen nicht gewußt, - Oder nicht bedacht, (!!!) - Durch das Labyrinth der Brust - Wandelt in der Nacht. - -Und weiter, daß nun mit der Erkenntnis alles ein Ende nahm und nur sie -noch ist, und kurz und gut: die Schuld selber nur noch. Schuld, nichts -als Schuld, an jedem Fleck, auf jedem Schritt; Schuld jeder Weg, jede -Bewegung, jede Aussicht und jeder Stern; Schuld jeder Bissen und jeder -Atemzug, und kein Gedanke mehr, kein Ausblick und keine Möglichkeit mehr -zu etwas Neuem, -- nirgend ein Anfang, nur das Dickicht. - -Und dann versucht er es wohl, dieser T., und stellt die bekannten -Figuren zum tausendsten Male auf, und eiskalt vor rasendem Wissen der -Unabänderlichkeit will er sie doch zwingen mit Zauberei, daß sie sich -anders bewegen, als sie taten, aber immer steht hier Magda und drüben -Cora, hier er selber und da Sigurd und da -- ER, und wenn er sie auch -zwingen kann, steif dazustehn wie die Puppen, so erreicht er doch -niemals, daß er selber es ist, der die erste Bewegung macht, oder -Sigurd, sondern immer, immer ist es die Furie. - -Und seine Stirn bedeckt sich mit Schweiß, die Figuren schwinden -erlöschend, als würde ein Bühnenlicht abgedreht, im Finstern, und er -denkt nun: - -Daß er seine Schuld am Ende vielleicht übertrieb. Etwas scheint nicht zu -stimmen. So viel kann ja ein Mensch nicht schuldig sein. Oder er könnte -es allenfalls sein aus bösem Willen, aus angeborener Ruchlosigkeit, wie -man gebürtiger Raubmörder sein mag, oder Muttermörder. Er selber aber, -er soll dies Gebirge von Schuld über sich gewälzt haben aus keinem -andern Grunde als: _weil er so war_!? - -Worauf er dies Rätsel bis zum nächsten Mal sich selbst überläßt und sich -weiterbegiebt. -- Oh die Nacht ist noch lang! - -Krähte nicht, denkt er, soeben ein Hahn? Hähne krähen im Schlaf. Aber -ach, wie konnte er es nun wieder aufsteigen lassen fontänenhaft! -Frühmorgens in der Kindheit, das Krähen der Hähne, heiser, krächzend, -und hell schmetternd, ferne und nah. Sonntag war anders als die andern -Tage, obgleich doch an keinem Schule war in den Ferien. Die Straße unter -den Fenstern, die Felder daran, das Dorf in der Frühsonne, alles sah -gleich anders aus, feierlicher wohl und viel stiller. Man hatte einen -schneeweißen Anzug an und ein weißes Kleid mit zwei Hände breiter -blauseidener Schärpe. Du lieber Gott, wie hoch war damals eine -Roggenwand! Wir verschwanden uns, wenn wir vorsichtig kaum -hineintauchten, um eine Kornblume herauszuholen oder eine violettrote -Rade, die ich liebte, weil sie so geometrisch waren: vier lange grüne -Blattspitzen genau in den Einbuchtungen der kleinen Kelchblätter. Der -Sandweg in der Sonne wie hell! Unsre Schatten, ganz dick und kurz und -mit ungeheuren Kreisen von Hüten, schoben sich voraus, ach jedes -Staubkorn wie hell, die Steine im Staub, jeden einzelnen könnt ich -beschreiben, denn ich liebe ihn, Brocken von rotem Klinker, halb vom -Sand verschüttet, und die Krusten der Wagenspuren, und scharfe -Chausseesteine, mit denen man gut schmeißen konnte, und runde, -geschliffene von der See, und dann die großen, weiß übertünchten -Steinbrocken am Wegrand, -- ach, nur Steine, und was hatten sie Leben -damals und Bedeutung! An diesen weißen kletterte aus der Grasnarbe die -vielköpfige kleine Schlange der Winde mit schönen, sehr weißen -Kelchhäuptern; rote Kleepflanzen wuchsen da, es waren kleine grüne Oasen -von niedrigem Dreiblätterklee, und wir suchten bei jeder ein Weilchen -nach einem Vierblatt. Immer schien die Sonne, nur damals schien die -Sonne, ein einziger Vormittag war so lang wie ein Sommer von heut, und -dann hörten wir die Lerchen. Oh die Stille nun, diese Stille überm -singenden Korn, und in der Stille überall, unaufhörlich, immer wieder -anschrillend, ganz hoch oben das Lerchengetriller, immer mit neuem -Anlauf: ziziziziziziiih! ziziziziziziiih! -- Und insgeheim glaubten wir -doch immer, daß die Lerchen im Korn säßen, wir sahn uns die Augen blind -im flimmernden Blau, aber niemals haben wir eine Lerche gesehn. -- Dann -kam -- - -T., denke ich mir, findet sich jetzt am Gatter, das, hell im nächtlichen -Licht, als habe es ihn lange erwartet, ihn unsichtbar ansieht aus dem -grauen Holz seiner Stangen. Er lehnt sich darauf, sieht oben am Himmel -die dünne Mondsichel im Fahren leicht durch das fließende weiße Gewölk -schneiden, sieht die dunklen und doch erhellten Wiesen und die schwarzen -Linien der sich kreuzenden Hecken, aber -- -- aus dem schwindenden -Dunkel dieses Grundes flattert ein Kohlweißling taumlig den glühend -heißen Sandweg hinunter, hin und her über die Wagenfurchen, den Hügel -hinauf, -- er hört Annas schreiendes Lachen und sein eignes, atemlos -hinlallend, wie er später Jungens hat lachend rennen sehn, im Laufen -zusammentaumelnd, lachend nur Lachens wegen, laufend nur um zu laufen, --- und dann liegt man da, der weiße Anzug sieht bejammernswürdig aus in -einer braunen Staubschicht, aber -- T. schreckt auf, da wiederum, jetzt -gerade über ihm gellend und überlaut das Gelächter schallt, mauzt und -weint. Er öffnet das Gatter und geht hastig den getretenen Pfad über die -Wiese zum Knicktor; das senkrechte Brett über den Stufen sieht ihn wie -das Gatter aus dem Dunkel mit seltsamem Glanz verhaltenen Lebens an, in -sich geduckt wie ein ertapptes kleines Tier, das aber keinen Angriff -befürchtet, denn es ist umgänglichen Charakters. Telemach aber bleibt -stehn und heftet ihm eine Erinnerung an. Hier leuchtete Annas Haar über -der Dämmerung, und sie sagte: Ach, es ist himmlisch! -- Das Kind, das so -sprach, habe ich niemals wieder gesehn ... - -Beim Ersteigen des Deiches fällt er hintenüber, muß sich nach vorn -werfen und erreicht auf Händen und Füßen im nassen Grase die Höhe, wo er -sich zu tiefem Erstaunen über einem totenstillen weißen Felde befindet, --- Nebel, weißem, lautlosem, regungslosem Nebel, der die ganze See -bedeckt. Nur tief unten, am Fuß der Deichmauer, sind die schwarzen -Pfahlköpfe der Buhne zehn Schritte weit sichtbar, dann ist nichts mehr -als Nebel. - -Oben am Himmel segelt die bläuliche Mondsichel durch weißes Gewölk. Die -Tiefe aber zieht T. besonders an, er setzt sich und klettert mit -Absätzen, Händen und Gesäß die schräge Mauer hinunter, springt auf -festen Ebbeschlamm, zaudert und schreitet in den Nebel hinein. - -Es ist tiefe Ebbe. Der Mond wurde zu einem bleichen Fleck im Nebel, der -alsbald über ihn hinzog; er geht selber in einem dunklen Kreis, der -Nebel bleibt stets ein wenig vor ihm, zurückgehaltenen Scharen sehr -zusammengedrängter Gestalten ähnlich, die sich manchmal bewegen, nicht -einzeln, sondern stets im ganzen. Jetzt wird der Boden weicher, und -jetzt -- da ist Wasser, er riecht, er fühlt es. Was sitzt denn dort? -Kleine, dunkle Gestalten hocken ... Ach, hier sitzt der Tütvogel im -Nebel am Wasser und schläft, -- zwei, drei kleine Gesellen. Nun bewegt -sich einer, ein grauer Schatten schwebt, -- auch der andre, der dritte; -Flügel rauschen leise, sie sind verschwunden, und gleich darauf fällt -ein leiser, klagender Schrei von oben. -- Wie die Seelen am Acheron im -Nebel ... denkt Telemach. -- Es plätschert. Hier ist Gewässer, hier, -ungeheure Meilen weit die tiefe See, satt von einer Menge Land, das sie -eingeschlungen hat, Marschland und die Inseln und Halligen, Frauen und -Kinder, Kirchen und Gehöfte, Rinder und Schafe, Eichenwälder und die -langen Deiche. Es gurgelt im Schlick, die Flut regt sich. T. fühlt seine -Sohlen langsam einsinken, dreht sich genau um und geht zurück. Er geht -rascher als beim Kommen, etwas kommt hinter ihm her und macht ihn eilig, -sein Herz klopft, wie lange dauert es bis zum Deich! Er läuft fast und -läuft so, erleichtert sich auslachend, gegen die mannshohen Buhnenpfähle -von der Seite, ein Zeichen, daß er doch schief gegangen ist, worauf er -die Deichmauer wieder hinanklettert und oben weitergeht. -- -- - -So, ja so war es in jeder Nacht. In der letzten aber war auf einmal ein -rotes Licht über dem Nebelfeld. Ein Schiff? im Nebel so nah? Unmöglich. -Ja, wohnte denn jemand auf Hallig Hooge? -- Das Licht blieb, -unverrückbar, stille scheinend über das Nebelmeer. Hallig Hooge lag -dort. - -Hallig Hooge, dachte Telemach, wir durften niemals dorthin. Wenn wir mit -Onkel Salomon segelten bei Landwind, sahen wir die grüne Insel vom -weiten, und er tat uns wohl den Gefallen, herumzufahren und uns das -gewaltige grüne Gebirge der aufgetürmten Deichmauern sehn zu lassen, -einen Baumwipfel niedrig darüber und den roten, plumpen Rundturm der -alten Sternwarte auf dem Norddeich. Olesland ... Wie mochte doch der -Name Hallig Hooge aufgekommen sein, nachdem vor Zeiten nur die winzige -Grasoase so hieß, die landeinwärts davor lag? Einmal beim Kreuzen auf -der Rückfahrt sahen wir das langgestreckte Haus mit schwarzem Strohdach -auf der Wattseite, wo es flach und offen war, und kaum noch sichtbar in -der steigenden Flut das wallende Gras von Hallig Hooge. Olesland, -erklärte Onkel Salomon geheimnisvoll, darf keiner mehr sagen. Er verriet -uns nicht weshalb, er war nicht für Schauergeschichten, wir bettelten -umsonst, denn Olesland und Hallig Hooge -- beides klang so schaurig! -Aber Domina verriet allerhand. Auf Hallig Hooge war Großvater gestorben, -und der Urgroßvater war da umgekommen; es schien beinah ein Schicksal, -und ich habe als Junge manchmal nachgedacht, ob -- jemand -- auch dort -sterben müßte. An mich dachte ich damals noch nicht. Und Domina erzählte -vom >Dränger< ... - -Im Herbst, wenn die Nebel kamen, durfte man nicht an der Außenseite des -Deiches gehn, wenn Ebbe war. Denn dann kam der Dränger. Auf einmal -erschien eine Gestalt im Nebel, seitwärts, oder auch zurück, am Deich, -und man entsetzte sich. Ja, da konnte man wohl rufen, wer hörte das? -Damals, als der Dränger noch umging, war Oles--, war Hallig Hooge noch -ganz vom Deich umschlossen, ein Inselbollwerk, das sich gegen die See -hielt, eine kleine halbe Segelstunde vom Land, -- aber merkwürdig, zu -sehen war es nie, bei keinem Wetter. Domina sagte, das läge an der -Spiegelung. -- Anno Sechzehnhundertvierundneunzig, die große Flut ... Da -verschwanden drei große Inseln und siebenzehn große und kleine Halligen -spurlos in der See, Hallig Hooge aber hielt stand. -- De ole Graf --? -Nach ihm mußte die Insel Olesland genannt sein, aber gerade über ihn -fand sich in der Chronik nicht eine Spur. Er muß ausgerissen sein aus -dem Gedächtnis wie Olesland, -- ja, von wem hörte denn überhaupt ich den -Namen? Es muß doch wohl Domina gewesen sein. -- Ja, damals also hatte -Hallig Hooge noch sieben Hügel, die nach den Hügeln Roms genannt waren -von einem gelehrten Mann, -- wie hieß er noch? Archivarius Pontifex, -Brückenbauer, Silas Pontifex hieß er. Auf dem Palatindeich stand der -Deichhauptmann und rief alle seine Teufel zu Hülfe gegen die Flut, aber -das half ihm nichts, Aventin und Esquilin und Palatin wurden -nacheinander weggerissen, und als der Palatin stürzte, warf -Deichhauptmann Waldemar Montanus sich kopfüber hinterdrein. Danach war -die See gesättigt und zog sich zurück, aber im Abrollen brüllte sie noch -einmal auf und nahm die ganze Wattseite mit fort samt dem Cälius. Ja, -damals hörte das Watt auf, Watt zu sein, die See mit ihren Heeren ging -geradewegs das Festland an und hämmerte auf die Deiche, -- bloß nach -einigen Tagen kam Hallig Hooge zum Vorschein wie eine Nachgeburt des -Unheils, der Name Olesland verschwand, und Waldemar Montanus ging dort -um und drängte die Menschen in die See. Auf den noch übrigen Hügeln -starben die Bewohner aus, Viminal ... ja, Viminal und Quirinal und -Capitol müssen sie ja wohl heißen. -- Die See fraß einen nach dem -andern, beim Fischfang kamen sie um, manche auf ganz fremden Meeren mit -großen Schiffen, Waldemar Montanus paßte auf, -- er lockte ja auch den -fremden Reisenden zu sich, anno Siebzehnhundertneunzehn soll es gewesen -sein, der nicht an den Dränger glauben wollte, -- in der Chronik stand, -daß es viel Aufsehens erregt habe, denn damals war doch die Wattseite -schon offen; aber die Leute sagten, in den Nächten, wo Waldemar Montanus -sich zeigte, wäre die ganze Insel wieder wie einst, der Deich ringsum -geschlossen, und der Dränger, gegürtet mit Grauen, ließ den Furchtsamen -nicht an den Deich, er mußte tiefer und tiefer in den Nebel hinein, am -Ende kam das Entsetzen, und er rannte in die steigende Flut ... - -T., besonders durchschaudert, erschrak vor einem riesigen, schwarzen -Schattenkoloß, der plötzlich vor ihm stand. Aber es war nur Lornsens -Mühle, und sie war gar nicht so nah, mindestens hundert Meter -landeinwärts stand sie auf ihrem Hügel, auf ihrem weißen Unterbau, zwei -schwarze Flügelarme mächtig drohend in Lüften. -- Da unten in den Wiesen -lief Jason al Manach heran, Magda lag dort in ihrem hellroten Kleid ... - -T. gewann sich wieder in dem Gedanken, daß unmöglich dieser immer -gleiche, liebliche, freundliche Jason wie ein Don Quixote die Mühle -attackiert haben könne, -- doch konnte er lange die Augen nicht abwenden -von der unsichtbaren Stelle in der Dunkelheit, wo sie gestanden hatte -und geschossen, dann umfiel und vor ihm lag, als wäre sie selber -getroffen ... - -Langsam erlosch alles in T.s Hirn, während er sich umdrehte und wieder -das rötliche Licht über der Schneefläche des Nebels gewahrte. Wer hauste -denn dort und hatte ein Licht brennen mitten in der Nacht? -- -- Georg, -der Astrolog, hatte ein furchtbares Bollwerk von Deichen und Buhnen aus -Hallig Hooge gemacht, hatte die Sternwarte bauen lassen, das Jupiterhaus -für sich selbst auf dem Capitol und das Gesindehaus auf dem Viminal oder -wie er nun hieß (ich entsinne mich eines Plans der Insel, sie hatte -Bollwerke wie eine Festung, Bastionen und Vorsprünge und über vierzig -Buhnen bei einem Umfang von einer guten halben Gehstunde). Niemand -wollte wissen, wie er gestorben war. Er hauste einsam mit seinen -Sternen; mit dem Tage, wo Trassenberg seine Selbständigkeit verlor, -verschwand er dorthin, sein Sohn kam jung um, der Enkel starb wieder auf -Hallig Hooge, -- seit -- -- achtzehnhundertfünf --, ja, fünfundsechzig -war es wohl, war Hallig Hooge unbewohnt geblieben. Dann bin ich wohl an -der Reihe, dachte Telemach erbebend, und das Licht ist nur da, um mich -zu erinnern und zu rufen ... - -Er schüttelte alles ab. Ich frage morgen Birnbaum, was es mit Olesland -ist, und dann fahre ich selber hin, sagte er sich im Weitergehn, die -weiße, chaussierte Straße hinunter neben der Pappelreihe. Doch hatte er -es nun eilig, wieder ins Haus zu kommen, stockte nur einmal im Hofplatz -vor dem Verwalterhaus, da der Wolfshund lautlos auf ihn zusprang, aber -er ließ sich leise knurrend streicheln und ging wieder davon, T. -nachsehend, der durch den Heckengang das Rasenoval erreichte und bald am -Fuß der Terrasse stand, wo nichts sich verändert hatte, -- doch, die -Urnen warfen nun Schatten, sah er im Aufwärtssteigen, und da war ja ein -Lichtfaden im Laden! -- Onkel Salomon war noch an der Arbeit. T. war -besonders gerührt. Indem er die Uhr zog, schlug über ihm der Uhrhammer -einmal an; es war halb zwei. - -Er schloß leise die Tür zum Vogelsaal auf, wandte sich im Dunkel nach -links, stieß, vermut ich, schmerzlich mit den Schienbein an einen Stuhl -und erreichte die Tür. Leise öffnend trat er ein. - -An der langen Wand der Aktenregale brennt die elektrische Lampe unter -ihrem grünen Blechtrichter und überstrahlt den Wust von Papieren, -Aktenstößen und Mappen und Glanzpapierdeckeln, rot und gelb und blau. -Davor, den grauen Kopf auf dem rechten Arm, der auf der -Schreibtischplatte liegt, schläft der alte Salomon; der linke Arm hängt -herunter, zwischen zweitem und drittem Finger steckt die erloschene -Zigarrenhälfte. Der papierne Berg über ihm scheint sehr sorgsam auf -seinen Schlaf zu passen, -- das Hörrohr über dem Telephonapparat ruht -still wie ein Kahn auf hoher See, in der Nähe schwimmt als Boje, -braunglänzend, die runde Platte der Briefwage. -- Ja, nun braucht es -Posaunentriller und Böllergeheul, wenn er nicht von selber aufwachte. -Der alte Mann atmet laut und tief. T. geht, aus Ehrfurcht mehr als aus -Vorsicht, leise über den Teppich zu ihm hin, gerührt und beschämt seine -Krankheit verwünschend, und hat, als er sich über den Schläfer beugt, -das Gefühl, dies dünn emporstehende, lichte Haar, durch das die Kopfhaut -glänzt, so daß er die Haarschatten hätte zählen können, küssen zu -müssen. Es geht so nicht weiter, denkt Telemach, aber Mentor läßt sich -ja nichts aus der Hand reißen, und wie soll ich wissen, wer die Arbeit -machen könnte, wenn er mirs nicht sagt? -- Unter dem Arm des Schlafenden -sehen gelbe Foliobogen hervor, ein weißer zuoberst, Telemach kann lesen: -M. H.! Im Auftrage und in Stellvertretung Seiner Königlichen Hoheit und -so weiter erkläre ich hierdurch den Landtag für wieder eröffnet ... Ach -so, denkt er, Xylanders Vorlage zur Begutachtung ... Er klappt das Blatt -in die Höhe und entziffert die kaum leserliche Bleistiftnotiz: Entw. z. -Umw. v. T. i. prov. Landesdir. n. br. M. -- Was? Das hieß -- --, ja, das -hieß? Er wollte Trassenberg in ein Landesdirektorium nach -brandenburgischem Muster verwandeln ... Keine üble Idee, das würde -allerhand Entlastung geben. Die ganze Verwaltungsschikane käme in eine -Hand, und es bliebe für mich, -- ja für mich bliebe eigentlich überhaupt -nichts mehr übrig als die persönlichen Geschäfte, und die macht -Birnbaum. Telemach denkt angestrengt nach, aber um so heftiger weicht -alles vor ihm zurück, und er befindet sich bald völlig im Leeren. -Minutenlang geistlos starrt er so auf Mentors Kopf ... Willenlos hebt er -diese und jene Mappe auf und findet zum Beispiel eine zum Einklemmen mit -breitem festen Rücken und der Aufschrift: Täglicher Einlauf. Die behält -er in der Hand, sieht sich nach einem Stuhl um, holt einen vor einer der -Schreibmaschinen am Fenster fort, stellt ihn dicht an die -Schreibtischecke und setzt sich und schlägt den Deckel auf. Briefbogen -und Umschläge sind fest hineingeklemmt, es ist schwierig, mit Hin- und -Herdrehn und Aufklappen, zu lesen. Da liest er nun zum Beispiel: - -Taubstummenanstalt Göhrde ... Einladung zur Feier des Zwanzigjährigen -Bestehens und Besichtigung des Neubaus ... (Sonderbar! Da war >jemand< -vom Gerüst gestürzt, -- da wurde ich geboren, ein Jahr später wurde sie -... T. gewissermaßen schmerzlich versonnen, liest auf der nächsten, -zugehörigen Seite verschwimmende Zeilen:) ... ehrfurchtsvolle Bitte, den -Titel und die Würden eines Ehrenvorsitzenden des Vereins ... bisher in -den Händen Seiner hochseligen Durchlaucht ... (T. schlägt das Blatt um, -den Umschlag, der folgt, und liest:) Annenmagdalenenheim, Stiftung für -lungenkranke Fabrikarbeiterinnen ... (Ach, Helene gründete sie, als -Magda geboren wurde ...) Erhöhung des Anlagekapitals, da die jährlichen -Kosten ... (Das kam doch aus Helenes Schatulle ...? Richtig ...) -Vermächtnis Ihrer hochseligen Durchlaucht als noch nicht zureichend -erwiesen ... (Ich bin ja Erbe, murmelt T., die Toten, immer die Toten -... Er fühlt, wie ihm der Schweiß ausbricht, die Buchstaben flimmern ... -Krank ... krank ... krank ... tanzt es ihm vor den Augen, er bezwingt -sich besonders, -- warum: nicht zureichend erwiesen? Ach, es war ja halb -abgebrannt, ein paar Tage vor -- vor -- -- vor was? -- T. starrt in die -grelle Glühbirne, sieht die roten Fäden; vor dem großen Tralla, flüstert -jemand ihm zu, und er begreift. Er nimmt bewußtlos die Hand von dem -Blatt, schlägt den nächsten Briefumschlag um, senkt die Augen auf die -Seite und liest:) Oberförster -- -- unleserlich. In Blankenheide ... -einen neuen Plankenzaun notwendigerweise, weil mir sonst die Bauern das -Wild totschlagen, was übrigens nichts schaden könnte -- ungerechnet, daß -sie es meist nicht richtig tot kriegen und ich dann die Schweinerei im -Jagen fünfzehn herumliegen finde -- (Der schreibt ja einen haarigen -Stil, meint wohl noch, jemand vor sich zu haben ... Also warum: nichts -schaden könnte?) -- -- herumliegen finde, Klammer, weil es doch kein -Mensch abschießt. (Blankenheide? Blankenheide gehörte zu -Dannel-Biebereck, Tante Henriette war kein Nimrod, Onkel Anton auch -nicht, der Namenlos hatte die Verwaltung und haßte die Schießerei im -Treiben. Aber es liegt ja an der Grenze, Schley kann hinübergehn, -- -richtig! -- T. findet im Weiterlesen den Satz:) ... da mir die _p. p._ -Beuglenburgschen Bauern wieder ein Stück von Jagen fünfzehn abschneiden -wollen, und die _p. p._ Prozesse ... (soll wohl heißen: die verfluchten -Bauern beziehungsweise Prozesse?) ... ja doch immer zehn Jahre dauern, -so möchte ich ehrerbietigst _p. p._ -- (schon wieder! so'n Pepe scheint -ihm für alles gut zu sein!) -- anraten, die Grenze doch gleich ein für -allemal vier Meilen westlich zu legen, indem ich dann Beuglenburgisch -werde und ein für allemal die Ruhe habe. (Georg dreht -- matt lächelnd -das Blatt um. Was kommt nun für ein Fetzen? Er sieht nach der -Unterschrift, wie von einer Kindeshand gemalt:) Bombe, Kätner und -Kesselflicker, -- (ja, sie müssen jetzt doch jeder eine Firma haben ... -Was will er denn? Kann die Pacht nicht zahlen, -- ach, der scheint zu -Helenenruh zu gehören. Bombe? Natürlich, der klebte doch -Invalidenmarken, und der Sohn war -- war Vorarbeiter bei Haupt und -Ungefesselt, Dampframmen und ... verdiente fünfzig Mark die Woche und -war nicht verheiratet.) Kuh gefalen ... ale Katoffeln Faul, -- liest T. -weiter, -- Frau Hochgratig Magen Leident ... anliegent At -- -Apothekerrechnung soll das heißen. Georg findet das Blatt. -- -Opiumtropfen -- Opiumtropfen -- Opiumtropfen ... Lezithin, drei -Flaschen, Summa acht Mark neunzig, abzüglich Kassenprozente fünf Mark -und fünfzehn Pfennige, -- ob ich das zahlen kann? -- T. trocknet sich -die mittlerweil triefende Stirn, langt einen Bleistift aus der Schale -vom Schreibtisch und schreibt: Bezahlen! auf das Blatt; seine Hand klebt -beim Schreiben, er muß husten und liest umblätternd weiter: Verein -ehemaliger Königinhusaren ... 23. Stiftungsfest ... Weiter: Elisenhütte, -Einladung zur Aufsichtsratssitzung ... Verteilung der Dividende ... T. -klappt die Mappe zu, legt sie leise auf den Tisch und sitzt, das -Taschentuch in den Händen; lockert den Schal vorn am Hals und starrt -trübe vor sich hin und denkt bloß: Ein Fünftel vom ganzen Einlauf, und -schon kaputt ... - -Wozu all das, wozu? Geld ging hinaus, Geld kam herein! Warum kann ich -nicht auf all das verzichten? Birnbaum machts ja doch Vergnügen, er -kennt nichts andres, er weiß überhaupt nichts andres, es ist seltsam und -unbegreiflich, aber sein Leben besteht darin, und er fühlt sich wohl, -abgesehn von seinen Sorgen, die aber nicht durch dieses bedingt sind. -Eine Abendstunde mit Dickens, ein Gespräch mit seiner Frau, ein -Spaziergang am Schabbesabend, tausend Schritt genau bis Lornsens Mühle, -Schachspiel, -- das sind seine Freuden, und dann -- ja, dann ist ihm -wohl das Ganze durchwärmt und vertieft durch Liebe, zu ... zu mir ... -und er würde es nicht fassen können, wenn ich die Hand davon abzöge. Er -dient, und es ist ihm Wonne zu dienen, und ich -- - -Womit es denn nun wohl genug sein dürfte. Das ist ja alles bloße -Quälerei. - -Es hat aufgehört zu regnen, wie ich sehe, ich hätte Lust, nach Hallig -Hooge zu fahren. Also dieser Maler Bogner haust, wie ich nun erfahren -habe, dort mitsamt Ulrika, -- man trifft doch überall die selben Leute. -Vielleicht störe ich ihn. Wer nach Hallig Hooge zieht, den zog -vermutlich Einsamkeit. Ich glaube, jetzt schreibe ich ein Gedicht. - - Noch ist es hell und rein - Hoch in den Räumen, -- - Schon bricht die Nacht herein - Unter den Bäumen, -- - Schlafen und stille sein, - Nicht einmal träumen .... - - Dunkel, o Dunkel, ohn - Arg dir ergeben, - Fühl ich die Gottheit schon - Über mir schweben: - Schlaf, gieb die Mohnenkron', - Sanfter zu leben. - - Wacht nun der Himmel, der - Goldengeäugte? - Auge, du fragst nicht, wer - Jetzt dir noch leuchte. - Nacht ist, nur Nacht umher, - Göttergezeugte. - - Tief in die Dunkelheit - Antlitz vergraben, - Träume, wie fern ihr seid, - Flötende Knaben! - Abgrund der Schweigsamkeit, - Dich will ich haben. - -Und endlich denn am Ende von allem das Unumgängliche: der ewige Sturz. - -Auf die Knie an dem Bett unterm Emmausbild, und endlich schrei dich aus, -verzweifelnde Seele! Schrei aus die Schuld und den Gram und die Not, -immer schrei aus den verbotenen Namen, schrei: Ich kann nicht mehr! -schlag an die Brust, jammre nur los, und lasse dich endlich durchstoßen -von der verruchten Wollust immer des einen Gedankens: Oh Glück, oh -Glück, daß der Träger des heiligen, verbotenen Namens doch nicht war, -was er hieß! Daß ich nicht bin aus dem Blute dessen, des Blut durch mein -Verschulden vergossen ward! Oh, daß heute mein Glück sein muß, was -jahrelang Jammer und Elend war: nicht der Sohn zu sein ... - -Und endlich das letzte Flehn: Wenn es einen Weg giebt, doch immer noch -einen Weg zu dir: gieb ein Zeichen, komme im Traum, erscheine, wie du -willst, aber gieb ein Zeichen, daß du noch bist, denn ich glaube es -nicht mehr! - - - Drittes Kapitel: Oktober - - - Insel - -Renate erwachte in Helenenruh vom lauten Zusammenschrein der Stare in -den Bäumen mit einem fast schweren Gefühl des Wohlseins. In -augenblicklicher Wonne des Erkennens: Nun ist alles, alles wieder -abgefallen ... spürte sie sich noch aus dem Schlummer liegend -heraufgehoben, spürte, wie er dünner und leichter um sie wurde, endlich -aus ihr selber fortrieselte. Und nun empfand sie ihr ganzes Wesen wie -durchduftet, gesättigt mit einem wundervoll kühlen Dampf, der -ausquellend um ihre Glieder lag. Sie warf die leichte Steppdecke ab, -setzte sich auf und sah nach dem Fenster, wo die klaren Mullvorhänge -unbeweglich hingen, obgleich es offen stand, -- nicht ohne leichtes -Enttäuschtsein, denn da schien keine Sonne, es war grau. Die Stare -schrien immerfort an derselben Stelle. Auf einmal zog ihr Herz sich -empfindlich zusammen unter einem Bangigkeitsanhauch, der sehr langsam -wieder entwich, und danach blieb ein Gefühl, als müßte einer ihrer Sinne -beeinträchtigt sein oder gar verschwunden -- und doch war da jeder: -Gesicht wie Gehör, Geruch und Geschmack, und sie fühlte sich auch! -- -Die andern aber hatten sich zu einem süß brausenden Chaos von Musik -vereint, das in ihr brodelte wie eine innere Sonnenwärme, und dies wars, -wovon sie für Augenblicke blind, für Augenblicke taub zu sein glaubte, -und die Stare waren jetzt kaum hörbar oder ganz fern. - -Sie streifte das Nachthemd von der linken Schulter und versuchte, den -nackten Oberarm an das Ohr zu halten, im Gefühl, sie müsse es darin -dröhnen hören wie in einer Stimmgabel. Dabei neigte sie den Kopf und -rührte unversehens mit dem Kinn an die Schulter, zuckte aber, kaum daß -sie die weiche und kühle Glätte spürte, zusammen wie unter einem -magischen Schlage, streifte den Ärmel wieder hoch, sprang vom Bett, ging -zum Fenster und teilte vor dem offnen den leichten Vorhang. - -Draußen war nichts als ein undurchdringlich dichter weißer Nebel von -unbeweglicher Stille. Erst nach einer Weile erschienen schattige Massen -darin, zwei große Bäume, und von dorther lärmten die Stare. - -Diese Welt schien so geheimnisreich, daß Renate sich überneigte, um zu -sehn, ob die Hecke noch da war, und richtig, da war die sehr stille Wand -von rauhen Haselblättern, matt glänzend von schwerer Nässe, dunkelgrün -und vielfach bräunlich gesprenkelt. - -Als sie aber nach oben sah, verriet ihr ein ganz geringes Blenden die -Reinheit des Himmels über der Nebeldecke, in der so viel Blau war wie in -frischer, gewaschener Leinwand. - -Baden jetzt, ah in diesem Nebel baden! wie still würde die See sein! -- -Renate hatte augenblicks das Nachthemd abgestreift, den daliegenden, -dunkelgrünen Trikot angezogen, dann die Sandalen mit goldenen -Wadenbändern angelegt, worauf sie in den seegrünen Bademantel schlüpfte -und die grüne Gummikappe in die Hand nahm. Die Uhr im Armband, das sie -überstreifte, zeigte ein Viertel nach sieben. - -Im Nebenzimmer stand ihr Frühstück bereit, doch nahm sie nur, um nicht -ganz nüchtern zu sein, einen Schluck warmer Milch und ein Stück Weißbrot -mit Honig zu sich, das sie noch im Fortgehn fertig kaute. - -Wie klein war dann der Hof vor dem Verwalterhause! Kein Mensch ... -Schweigen, und nur vor der roten Hauswand bewegte sich ein Schatten, der -Hund, der vorkam, soweit es seine Kette erlaubte, wedelte und ihr -nachsah, die leichtfüßig am Gartenzaun hinlief und, an seinem Ende nach -links biegend, durch das lange, nasse Gras der Wiesen in den Nebel -hinein. Es war so lautlos um sie her, daß sie stehen blieb und sich -umsah. Deutlich in den Nebel hinein zog sich eine dunkle Furche dort, -woher sie gekommen war, aber zu hören war nichts als das Schlagen ihres -eigenen Herzens; dann das leise und spitze Ticken der Uhr. - -Sie ging weiter, angenehm frierend in der Morgenkühle; unter dem Nebel -erschien die sanfte Schrägung des Deichs, die sie alsbald erstieg mit -einer leisen Besorgnis: wenn jetzt nur nicht Ebbe ist! -- Sie stand oben -und sah die schräge Mauer der Quadersteine mit grünen Fugen von Tang -hinab. Nein, da war das Wasser, dunkel, unbeweglich! Ohne Laut war es -bis hier herangekommen. Zu sehen war nur wenig von ihm, alles verbarg -der Nebel, in dem allhier ein geisterhaftes Fliegen und Bewegen war, -ohne daß die Dichte und Undurchsichtigkeit sich dadurch änderte. -Zerfließend weiche Füße tanzten auf der dunklen Glätte der Flut. Die -ganze große See war nicht vorhanden. - -Renate konnte die Höhe des Wasserstandes an der Entfernung von ihm bis -zur Deichkrone messen. Sie warf den Mantel ab und legte die Uhr darauf. -Als sie wieder gerade stand und die Luft an den Umrissen ihrer Glieder -fühlte, mußte sie lächeln mit zusammengezogenen Augen. Sie zog die Kappe -fest über das Haar, stieß dann die Arme wagerecht von sich, dehnte die -Brust, legte den Kopf ins Genick und blieb so Sekunden, mit schon -schärfer geblendeten Augen spürend, daß hoch über ihr ein Hauch von -Bläue sich regte. Plötzlich gluckste das Wasser in der Tiefe. Sie senkte -den Kopf, verscheuchte den Schauder vor dem Kalten, lief behutsam drei -Viertel der Schräge hinunter und warf sich über den Rest hinweg laut -klatschend in die Flut. - -Aber -- oh tausend Teufel! -- sie schrie und schnaubte vor Schreck, wie -eisigkalt das doch war! Sie schwamm heftig, merkte, als sie nach einer -Weile die Füße sinken ließ, keinen Grund mehr unter sich, drehte sich -halb zurück und schwamm nun, die Linie des Deiches achtsam mit den Augen -haltend, in langen Stößen die Füße schließend, übergreifend mit dem -rechten Arm, am Ufer hin, den Kopf schüttelnd und leise prustend nach -jedem Stoß, wie alle rechten Schwimmer es machen. Als sie das Wasser lau -um sich her fühlte, drehte sie um und schwamm so weit zurück, wie sie -gekommen zu sein glaubte, legte sich auf den Rücken und erreichte so -bald den Deich. - -Kaum mehr als zehn Minuten konnte sie im Wasser gewesen sein, und doch -war, als sie wieder oben stand und sich frierend und triefend nach ihrem -Mantel umsah, alles schon verändert. Wind wehte jetzt. Die Sicht über -die Wiesen hin war freier geworden, die Zäune sichtbar, und in der Höhe -bewegten sich flüchtende blaue Löcher im Weißen. Und als Renate ihren -Mantel entdeckt, ihn an- und den Trikot darunter ausgezogen hatte, war -die Uhr fast acht, war die Sonne als matte Goldscheibe hinter der weißen -Wand zu erkennen, und war sie selber vom Frottieren so brodelnd heiß wie -ein eben neugeborenes Brot aus dem Ofen. - -Voll Behagen schlenderte sie noch eine kleine halbe Stunde -- -gedankenlos wie ein Pferd, wie sie meinte -- am Deichrand hin und her, -See und Himmel beobachtend, die immer blauer wurden und immer freier, -und dann lief sie plötzlich in größter Eile ins Haus zurück, um sich -anzukleiden und zu frühstücken, jählings ersterbend vor Hunger. - -Später dann, als vom Nebel auch nicht eine Spur mehr weit und breit zu -entdecken war, fand sie sich auf einer guten Kamelhaardecke ausgestreckt -im nebelnassen Gras unter den äußersten Zweigen der Parkeichen, vor sich -die Wiesen, grau taugestreift in der Morgensonne, wehend von Halmen und -den letzten Margueriten bis in die offen feurige Bläue des Himmels -hinein. Sie holte den kleinen Kamm hervor, den sie im Strumpfband zu -tragen pflegte, und eine gute Stunde verging ihr mit dem Auflösen ihrer -um den Kopf gelegten Flechten und sorgsamem Kämmen, stückweis erst von -oben bis unten hin, dann der langen Schweife, die sie in der Hand -hochhalten mußte, in großen Strichen, wonnevoll spürend, wie die Masse -weicher und lockrer sich dehnte und es darin knisterte von elektrischer -Kraft. - -Später saß sie auf ihrer Decke mit hochgezogenen Knien, die Hände um die -Fußknöchel geschlossen, während der leichte Mantel ihres Haares um sie -wehte und sich zerteilte im behutsamen Wind, und vergnügte sich damit, -in den Ausschnitt ihres Kleides über ihre Brust hinunter zu blasen. - -Später lag sie, schmal und lang hingestreckt, die Arme über der Brust -gekreuzt, das Gesicht von der Sonne abgewandt, aufgelöst in Erd- und -Himmelswärme, und dachte, halb schon im Schlaf: Nun bin ich so rein wie -die Welt! -- - -Dann entschlief sie beruhigt. - - * * * * * - -Irgendwie war es Nachmittag und Abend geworden. Renate ging in einem -weißen Kleid auf den gewundenen Wegen des Parks umher zwischen -tiefgrünen Flächen der von Bäumen und Gebüschen langhin überschatteten -Wiesen, -- jetzt innerlich nur tief hinabgeneigt über die immer noch -unvollkommene Musik, die dort unerlöst wogte, nicht näher kommen, nicht -deutlich werden wollte. Kaum daß sie hier und da einmal aufsah und es -bemerkte, wenn eine große Gruppe von Buchen ein plötzliches und -gewaltiges Rauschen begann, laut zusammenredend, vorwurfsvoll, wie ein -Chor, während sie die laubigen Arme und Glieder schüttelten, von denen -flüchtende Blätter seitwärts hinunterwehten über die Wiese. Oder wenn -eine Schar weißer Birken die ganze leichte Masse goldgelben Laubes -hochausgestreckt ins blaue Leuchten der Höhe hineinwarf, in einer -feurigen und weiblichen Gebärde des Fortverlangens. Für Augenblicke dann -betroffen, zuckte sie mit, gleich nach innen wieder gebeugt, fast -verstimmt, weil die Musik in dem Innern geringer vernehmbar geworden -schien. - -Als sie dann vor der kleinen Brücke zur Insel stand, fühlte sie sich -angesichts der mächtigen, schattenvollen Masse der Baumkuppeln von einem -unerklärlichen Zaudern ergriffen, ja, von einer Angst, so daß sie sich -selbst hinüberlocken mußte mit dem Gedanken an das Grab der Herzogin, -und fast hinüberziehn mit der einen Hand am Geländer. Drüben stehend, -gewahrte sie zum erstenmal das kleine Rad der Winde, trat hinzu, begann -zu drehen und sah mit Verwunderung die Brücke sich bewegen und -hochsteigen, bis sie im Winkel von dreißig Graden stillhielt. - -Nun bin ich allein! dachte sie, jedoch nicht eigentlich erleichtert, und -ging leise in den schmalen Gang zwischen dem Buschwerk hinein. - -Da lag die Wiesenmulde, ganz im Schatten, so einsam, so abgeschlossen im -Ring der Bäume wie in der Tiefe eines Waldes. Nichts bewegte sich, kein -Blatt an den dichten Zweigen der braunen Trauerbuche, an deren Stamm das -eherne Schild kaum noch zu sehn war im Düster des Laubes. Darunter -nichts als ein besonders grüner, geschorener Fleck im Gras: das war das -Grab. - -Hier dämmerte es schon. Renate sah die ganze Mulde kaum wahrnehmbar -übersprenkelt von den lila Flecken der Herbstzeitlosen. Sie sah, die -Augen hebend, den Himmel oben im Kranze der Wipfel wie einen ganz -seligen See von Bläue, überrieselt von güldenen Funken, und ein -einsamer, weißer Fittich, vergoldet, streckte sich hinein, als stünde im -Jenseits ein Engel. Dann empfand sie die Wärme hier, dunstiger, -feuchter, und auf einmal glühte ihr ganzes Gesicht. - -Da stand zur Linken auf der niedrigen Anhöhe unter Kastanien der kleine -Tempel von Rokokochinesisch, aus Baumrinde und längst ohne Glöckchen; -langsam ging Renate hinüber und trat in das Innre, in dem nichts war als -ein Sessel mit verblichener, grünlich goldiger Damastbespannung. Renate -glitt hinein und fand, daß sie gerade gegenüber die Blutbuche mit dem -Namensschild hatte. Plötzlich entdeckte sie auf dem Fußboden den -plattgetretenen Rest einer Zigarre, erinnerte sich, daß der Herzog hier -oft gesessen hatte, und daß er nun auch tot war. - -Für eines Augenblicks Dauer, angehaucht von den Toten, ward ihr das Herz -schwer, und sie fröstelte. Schwerer aber dann empfand sie ihr Haar, -zögerte noch eine Sekunde, löste Spangen und Nadeln, schüttelte den Kopf -und fühlte erfreut die Erleichterung der zum Rücken fallenden Last von -Zöpfen. - -Aber nein, das war es ja nicht gewesen! Oder es war doch nicht genug! -Ihr Kleid war das Drückende, und sie glühte, und im nächsten Augenblick -hatte sie die ganze geringe Bürde der zwei Röcke und Wäsche von sich -gestreift und auf den Sessel gelegt, leise, als dürfe niemand es merken. -Sie legte Schuh und Strümpfe hinzu und ging dann halbgeschlossenen -Auges, die Hand um die linke Brust und mit dem unsicher weichen Gang der -ungewohnten Nacktheit im Freien, erst nur bis zum Türpfeiler, den sie -umfaßte, und an dem hin sie sich selber hinunterdrängte, sich hingleiten -zu lassen ins Gras. - -Augenblicks durchrann ihren ganzen Leib ein magischer Schlag von solcher -Gewalt, daß ihr Herz stand. Dann lag sie angeschmiedet, hineingefügt in -die glühende Erde. Schon fühlte sie weit am Ende ihrer ausgebreiteten -Arme, so weit wie am Himmelsrand, ihre Hände schreckenvoll vergrößert, -und nicht Gräser, nein Gesträuche, nein Bäume wuchsen zwischen den -Fingern hervor, ihre Finger waren Wurzeln, sie dehnte sich, aus riesigem -Gewipfel über ihr stürzte Finsternis und Gold, da war ein gewaltiges -Gesicht, da brauste es aus ihren Fingern nach oben, reißenden Himmeln zu -und hinein, es brauste herauf durch die Arme zu den Schultern, daß sie -schmerzten. An ihrem Rücken war die ganze Erde, ein andrer, ein riesiger -Rücken, ein ungeheures Tier, das sie trug, hinwandelnd langsam durch -ungemessenen Raum, und dann war auch dies nicht mehr, wieder Ruhe, und -nur das langsame ächzende Drehen der Kugel, mit der sie eines wurde. - -Unaufhörlich aus dem Himmel über ihr fielen blaue Stücke mit goldenen -Rändern und zergingen lautlos an ihr, aufbrennend in Flammen sonder -Asche und Rauch. - -Ein Angstgefühl, das nicht menschlich war, ergriff sie jetzt. Sie lag -bewegungslos, sie wollte sich aufrichten, sich losmachen, allein -umsonst. Jetzt, dachte sie plötzlich, jetzt geht der Gott durch den -Wald, jetzt steht er im Tal, jetzt sieht er herauf! Sah er mich? Ach! - -Unter dem qualvollen Zwange, sich aufzurichten, gab es in ihr einen Riß, -und langsam, erstaunend, erhob sich die sanfte, feierliche Seele aus -ihr, sah sich um ohne Bangigkeit, sah hinunter vom Gipfel des Gebirges -über das gewaltige Land, zu andern, schweigsamen Bergen voll Dunkel hin, -über den abendlichen Strom, über die ewigen Hügel von Grün; atmete das -Gold ein der regungslosen Lüfte, der unendlichen Abgeschiedenheit, und -sie erkannte mit einem Schluchzen, süß betroffen, ihre Heimat. - -Dann saß Renate aufrecht und gewahrte deutlich drüben zwischen der -braunen Buche und der Fichte in der schwarzen Dämmrung ein weißes, -menschliches Gesicht, klein, sanft, ewig, -- und sie schrie auf aus -tödlich entsetztem Herzen: Ech-en-Aton! - -Da begriff sie: der da kam, war Saint-Georges, aber das war ein und -derselbe! -- Und noch zitternd, übermenschlich sich wehrend gegen den -Kommenden, schmolz sie schon hin, schmolz hin zu seinen Füßen, lag hin -vor seinem Nahesein, und das Niegekannte, das Niegewußte, das -Niegeglaubte, das Gefühl über allen Gefühlen, seufzte sich los aus dem -Stein, nicht mehr Lust, nicht mehr Grauen, ein beides in ungeheurer -Majestät nur Dasein grenzenlos, Süße grenzenlos, und mit dem Herzschlag -des Wissens: es kam! und: es ist da! vergingen Leib und Seele ihr in das -strömende Schluchzen, mit dem sie ihn empfing. - -Da rauschte nieder zu ihr alles Leben der Höhen und vereinte sich mit -den aufwärts stürzenden Tiefen. Über sie hin ging ein Regen von Küssen, -in dem sie sich löste, und sie war eine Wolke von Küssen um den Gott. -Bäume, brausend, warfen sich mit herunter zur Umarmung mit tausend -Zweigen; herunter zu ihr schmolz der Himmel, herunter taumelten Schwärme -von Gefieder, in unterirdischen Strömen ihres Blutes zogen Geschwader -silberner Fische noch stumm, Vögel mit Fittichen von Sternen bewegten -sich versuchend in ihrem Haar, auf und nieder wogten die Berge, wartend -auf das Zeichen zum Aufbruch, da stand das riesenhafte Einhorn -schneeweiß auf einer Silberzacke und senkte das Horn auf ihr Herz. - -Eine Fanfare von Schmerz, ein ungeheurer Leib auf dem ihren, der sich -regte, und so zog durch ihren Schoß ein die Orgelbrandung des -himmlischen Sterbens. Noch verbrannte an der Berührung eines Mundes ihr -Mund zur zitternden Narzisse, und eines Schlages war die Stummheit aller -Kreatur aufgelöst in ihrer Umarmung zu schallender Harmonie. Es -lobsangen in den Höfen die Engel, in den Lüften die Vögel, hinschweifend -ohne Pfade, in den Bergen tönten die Erze, auf den Bergen die Wälder, -Gebrüll der reißenden Tiere in Tälern ward Gesang, Heerscharen der -Fische zogen musizierend nach Sonnenaufgang, und in Strömen und Quellen, -in Teichen und Wasserstürzen standen Orgeln und wandelten Harfen, -erklingend, erklingend, ewige Tage lang, bis aus dem unsterblichen -Abend, einsam, die Flöte des Hirten Frieden blies, über Dämmerung, durch -das Finster, und ein Stern ging auf. - -Es war Nacht. Fremde Bäume rauschten gedankenvoll. Eine Kühle ging -nachdenklich aus dem schwarzen Dickicht hervor, breitete die Arme und -verhauchte schaudernd den Geist. Schonungsvoll zerfiel eine gealterte -Vollkommenheit. Das dunkle Tier irrte zackig umher. Langsam fielen -eisigklare, ruhige Tränen. - - - Aus den Papieren Georgs - - Auf Hallig Hooge - -Mir scheint, ich bin ruhiger geworden. Sollte das die Wirkung dieser -ganz grünen Insel sein, auf der ich nun hause? Wir sind heute nicht -abergläubisch mehr, und im Gegenteil, was diesen Telemach anbetrifft, so -machen ihm die Geister und die Toten beziehungsweise ein gewisses -Behagen. Übrigens sind ja auch Lebendige vorhanden, obschon auch diese -besondre Untertanen des Todes, sein Zeichen tragend an der Stirn: -Bogner, den er eben aus seinen Reichen entließ, und Ulrika, die -- ich -hoffe -- nur hindurchgehen wird. Nur das Mädchen Cornelia scheint -munter. - -Der notwendige Hauptmann, den sie mir mitgegeben haben, scheint sich gut -ertragen zu lassen; er schweigt. Birnbaum wird ihn ausgesucht haben. Da -er bürgerliche Kleidung angezogen hat, könnte er der Pächter dieser -Insel sein, seit langem: Einsamkeit steht um sein bartloses Gesicht wie -ein fester Bart, gut und ruhig sind die Augen, immer scheint er zur -Teilnahme bereit. Doch er schweigt. Ein wenig hat er etwas Russisches, -vielleicht ist er Balte; die Sprache verriet nichts. - -Ja, hier kann man leben und sterben! dachte ich schon im Segelboot auf -der Fahrt. - -Ja, so gieb nach, Georg, gieb einmal nach und sag es! Sage, wie -unbeschreiblich es dich schon ergriff auf der Fahrt. Vom Festland der -weiche, emsige Wind trieb das Boot in gerader Fahrt, weich reitend über -die dunkle bläuliche See. Und da, wie vor dir nur Himmel noch war, zu -sehen, ja fast schon zu fühlen die grenzenlose und berauschte Seligkeit, -die seiner Umarmung mit dem Ozean ausstrahlt, -- großes, locker -bewegliches Getümmel grauer und weißer Wolken überm blauen Grund, und -die Wasserwüstenei, kalt, nicht weit zu überschaun: unwiderstehlich -preßte da der kühle, brausende Odem der Göttin sich in deine Brust, -verdrängend den kranken Menschenatem drin, bis es nur der ihre noch war. -Oh ruhiges, mildäugiges Leuchten der Nachmittagsstunde, schräge von oben -durch die Breschen der himmlischen Wanderung! Oh wieder empfindliches -Zittern beim Eintauchen in ihre leiblosen Schatten! Oh wieder -Entschweifen weithin und voraus des entfesselten Blicks! Bis wieder ein -Festes dem Auge sich bot, und plötzlich entzaubert das Inselgebirge sich -schwimmend erzeigte ganz grün. - -Wenn ich nun die Augen schließe und mir die Insel vorstellen will, -erscheint sie mir besondrerweise immer aus der Vogelschau, -- erhob mich -so mein Gefühl? -- Ich sehe den kreisrunden grünen Kranz des Deiches aus -einer wolkigen Höhe, fest hineingefügt in die ungestüm daraufzu und an -zwei Seiten vorübergewälzte dunkle See; sehe die leere Wiesenmulde im -Kranz, und sehe, daß sie ein Amphitheater ist, diese Insel, denn an der -Wattseite fehlt ein Stück des Deiches, dort ist flacher Strand, und dort -zur Linken, schräge hinter dem Deich, liegt das Gesindehaus, -langgestreckt, mit seinem schwarzmoosigen Schilfrohrdach, etwas erhöht, -überwölbt vom einzigen Baum, dem Birnbaum voll kleiner, glänzend grüner -Früchte, dahinter Gemüsefelder. Vom offenen Strandstück quer durch das -grüne Tal führt ein getretener Pfad ganz grade zum >Kavalierhaus<, das -übrigens dem Gesindehaus gleicht, außer daß es Fachwerk ist, weiße, -jetzt schwärzliche Balken mit blauer, jetzt weißlicher Füllung, während -das andre ganz rot ist, in dem seinerzeit die Begleitung des ->Astrologen< wohnte. Und keine dreihundert Meter östlich von ihm steht -der achteckige Turm der Sternwarte oben auf dem Deich. - -Ich glaube, ich zitterte seltsam, als ich wieder den festen Boden -betrat. Ja, hier läßt es sich leben und sterben ... Die schrägen, an der -Außenseite vom Seetang ganz begrünten Wände des Deiches stiegen haushoch --- und das scheint berghoch dahier vor der riesigen Fläche. Vom Winde -war plötzlich kaum ein Hauch mehr zu spüren, es war rätselhaft still. -Rechts, am innern Abhang des Deiches, wo er endete, waren zwei weiße -Ziegen angepflockt, die bei meinem Anblick sofort entgeistert die Bärte -hoben, sich ungemein wunderten und sich verabredeten, so weit näher zu -stelzen um ihren Pflock, als es die Kette erlauben würde. Menschen waren -nicht sichtbar, und so ging ich in die tiefe, grüne Stille des Tals -hinein, abgeschlossen von aller Welt durch die berghohe Umwallung, deren -westliches Stück eine breite Schattendecke in das Innere legte. - -Das Haus, auf das ich von ferne zuging, ist gebaut wie alle Bauernhäuser -der Landschaft, langgestreckt; ein Mittelstück ist überhöht, links sind -die Stallungen (hier freilich keine), rechts die Wohnräume; Vorder- wie -Hintertür in der Hausmitte sind zerteilt, so daß die obere Hälfte sich -allein aufschlagen läßt und man darin lehnen kann. - -Wie freundlich leuchteten mir im Näherkommen dann das Blau und Weiß des -Hauses im tieferen Licht und im Blumengarten davor Gebüsche von rosigem, -weißem und ziegelrotem Flor! Ich glaubte, wieder wie einst, das große -Wandern der Sonne spüren zu können und wieder Raum in meiner Brust. - -Als ich dann zum Hause gelangt und zur Linken um seine Ecke gebogen war, -hatte ich dies unvergeßlich scheinende Bild: - -Zwanzig Schritte hinter dem Hause wieder die hier gelindere Steigung des -Deichs, -- rundum schließend wie ein Ende der Welt. Hoch oben stand, -noch ganz am Rande, die Gestalt der Cornelia, die ich gleich erkannte, -obwohl sie schräg von mir abgewandt stand nach der See, ganz leuchtend -vom feurigen Sonnenschein, im blauen Kleidrock und weißer Bluse und in -einer Haltung, als ob sie im Gehen festgewurzelt wäre. Ein paar Schritte -weiter rechts saß, zur See gewandt wie sie, auf einem Feldstuhl ein -grauhaariger, unbekannter alter Mann, in dem mich erst Erfahrung zu -meinem tiefen Erschrecken den Maler Bogner erkennen lehrte, -- und Beide -über der grünen Wand waren wie vor einer sattblauen, vor dem leeren -Himmel, ganz nahe davorgesetzt. -- Und dann, wie ich wieder nach unten -und zur Rechten sah, gewahrte ich auf einer Bank vor der Hauswand Ulrika -Tregiorni in einem grünen Kleid, die Hände im Schoß, sitzend in einer -solchen Ergebenheit, so sich hineinfügend in die Tiefe, über der droben -die beiden Andern feierlich eifrige Ausschau hielten über ein -unsichtbares Land, -- daß es schmerzlich zu sehn war. - -Unbeschreiblich war dann die Freude des Malers, als ich seinen Namen -rief. Wie er sich umdrehte im Sitzen; wie sein gealtertes Gesicht sich -veränderte in der Freude; wie er aufstand und die Arme nach mir -ausstreckte wie ein Vater -- leider im Stehen noch verkrümmt infolge der -fehlenden Rippe --; wie ich zu ihm hinauflaufen mußte und er fast -weinte, -- ach, ich fürchte doch, dies ist mehr erschreckend als -erfreulich, denn früher war er alles andre als weich. Mir aber blieb -alles nach in der Brust und so, als ob unmerklich eine Seele wieder sich -bilde, von weicher Wasserfaltung erwacht, zartes Korallengeäst in dem -Dämmer der Tiefsee. - -Ich bin also in den besondren Turm eingezogen und so weiter, -- ich weiß -nicht, mir wird auf einmal wieder so unruhig ... - - * * * * * - -Ah, haha! _Rideamus, amici!_ Nun lustig, lustig, _rideamus_, und die See -brüllt dazu wie besessen, denn warum? Ein neuer Aspekt des Todes, -jawohl, jawohl, jetzt hätten wir alles besonders beisammen, _rideamus -nunc_, was stellt sich heraus? was fördert sich, was muß ich selbst -zutage fördern, wie ich nämlich mit Ulrika und Bogner abendlich dämmernd -zusammensitze und keiner was zu sagen weiß und ich deswegen nach Irene -frage? Dieselbe ist wieder im Kloster und warum? Nach einem endgültigen -Endkampf mit diesem besondren Klemens haben sie sich zur süßen Liebe -entschlossen, aber deswegen keine lieblichen Gefühle -- nein, bloß nicht -weich werden! -- sondern er stößt sie von sich, jedoch -- das ist nicht -meine Sache, aber wie es entstand, das ist die besondre Frage, und zwar -war es der große Mummenschanz naturgemäß, der jenen Klemens zu grausamen -Schmähungen veranlaßte, weil Dieselbe trotz Verehelichung mit einem -roten Sozialdemokraten es leckerte nach dem dynastischen Gepränge, und -demgemäß, wer trägt die Schuld auch an dieser besondren Verwirrung? -Immer derselbe. Nein, bloß nicht weich werden, und die See brüllt wie -besessen, denn weiter: Spazierend am schmalen Gestade der Ebbe mit der -sogenannten muntren Cornelia, will ich was Munteres sagen und öffne die -Lippen zur Frage: Wie gehts eigentlich jenem Josef von Montfort? Oh -erbarmungswürdige Entgeisterung! Einerseits und dann beiderseits, denn -siehe da, derselbe ist maustot, umgebracht von dem eigenen Bruder! -_Rideaumus_, es ist zum Haarausraufen, denn gleich holt mich der Teufel, -wenn das sich nicht auf immer denselben Mummenschanz zurückführen läßt, -bloß nicht weich werden, denn das ist freilich noch nicht alles, denn -sie weint ja nun und zeigt sich besonders bekümmert, daß dies an ein und -demselben Tage vor sich ging, an dem auch der bekannte Maler beinah sein -liebes Leben verlor, und auf Befragen erzählt sie gern eine höllische -Szene, nämlich wie sie ein grausames Schießen hört, mitten am -friedlichen Nachmittag, immerzu Knallen und Knallen, und hinunterläuft -und in ein Zimmer, und da steht ganz rauchend dieser Bogner, oder -vielmehr er fällt schon hin, vornüber auf eine besondre Fensterbank, -fluchend und röchelnd und mit einer besondren Pistole fuchtelnd, und -immer in seinen roten Teufelshosen vom Mummenschanz dazu, und draußen im -Freien, wer liegt an der Erde und sagt auch nicht ein Wort mehr? -Natürlich der andre Duellant, tot wie eine Ratte, und sie haben sich -Beide mindestens mit zwanzig bis dreißig Kugeln durchlöchert, bloß nicht -weich werden, denn siehe da, worüber zerbrachen sie sich lange den Kopf, -Cornelia und auch die Ulrika? Wie ihr sogenannter Ehemann ihn hat -ausfindig machen können, aber Bogner offenbarte dasselbe, denn der -Ehemann muß ihn beim Mummenschanz gesehen haben zusammen mit Ulrika, -seinen Namen erforscht, da er ihm natürlich gleich besonders erschien, -und ihm nachgegangen sein, nachgegangen wem? dem mit den roten Beinen, -sie ließen sich auf keine Weise aus den Augen verlieren, im dichtesten -Dickicht der Beine nicht, und so geschah's! - -Rein in die Hölle, raus aus der Hölle, und nicht weich werden und die -Rechnung aufgestellt, denn nun hätten wir ja den Unheilsberg strahlend -beisammen, als da sind: Esther und Sigurd, Cora und Magda, Josef, -Erasmus, sein Vater und Renate, Cornelia und Cordelia, Bogner benebst -Eltern und Ulrika mit Mutter, Irene nebst Ehemann und Klemens, bloß -Helene ist leider noch immer nicht dabei, und über Allen schwebt -- -- --- - -Ich, ich, ich! Ich hinter der Maske, da saß ich jahraus und jahrein über -Töpfen und Retorten und destillierte das zarteste Gift, verabreicht' es -an einem Tag, und da sitze ich nun mit meinem grinsenden Schädel auf dem -Berge der Leichen und kann meinen Nabel betrachten! - -Auf, laßt uns nun wahnsinnig werden! - -Den Verstand verlieren, o mein Gott, den Verstand verlieren! All ihr -Götter, wie kann ich denn einen haben, wenn ich ihn jetzt nicht -verliere! - - - Renate an Saint-Georges - - am 7. Oktober - -Mein Geliebter! - -Siehe da, ich schreibe und weiß nicht wohin. Der Gedanke, daß Du -augenblicks in die Welt aufbrechen solltest, um das Tal und das Haus zu -finden, in dem wir bis in alle Ewigkeit wohnen würden, war preiswürdig, -als wir ihn dachten, nun aber jammert mich seiner, er hat gar so viel -Ähnlichkeit mit einem halb ersoffenen Kätzlein. Legen wir es auf den -guten warmen Ofen bis übermorgen, und trösten wir uns derweil mit der -süßen Speise Wiedersehn und dem klaren Weine, der Dann-niemals-mehr -heißt. - -Ach, mein ewiger Geliebter, wenn es in der Welt etwas giebt, das anders -ist als alles Leben und alle Dinge dieser Welt, und das Liebe heißt, was -kann denn dieses anders sein als die Vollkommenheit? Und wenn sie die -Vollkommenheit wirklich ist, so ist doch alles, was geschieht, in der -Liebe geschehn, was der oder die Liebende tut, was sie nur denken und -anfangen, es muß alles in der Liebe sein und vollkommen. Demnach ist ein -jedes verständlich und ganz klar, und daß Du dort bist und ich hier, -auch dieses muß Vollkommenheit genannt werden, ich sehe es vollkommen -ein und begreife es, bloß: sie ist nicht so leicht zu ertragen, diese -Art von Vollkommenheit, und sicher ist Übermorgen gar nicht, aber Du -kommst ja erst Freitag. - -Freitag, das soll auch so was heißen! Morgen ist Dienstag, übermorgen -ist Mittwoch, überübermorgen Donnerstag, und was über überübermorgen -geht, das kann schon kein Mensch mehr aussprechen, also was fang ich an? -Soviel im Hinblick auf die Vollkommenheit ... - -Übrigens: - - Renate - - Nachts - -Aber eben als ich aufwachte aus dem Schlaf, und Du warst nicht da, als -ich das Alleinsein spürte und den immerwährenden Schmerz und den -Verlust, da fühlt' ichs doch auch: daß es vielmehr ein Verlust meines -Wesens ist als meines Habens, ach, und daß es vielleicht nur einer -kleinen Anstrengung bedürfte, um mein ganzes Wesen, dies hier und das -Stück dort, wo Du bist, wieder ganz zu fühlen, und schon wie ich es -versuchte, da -- nicht in mir, ach, das nicht! Aber _in der Welt_ fühlte -ich die Vollkommenheit ganz heil und unerschütterlich, und ich seufzte. - -Denn Du und ich sind eins und vollkommen, und eins und vollkommen in uns -ward die zerrissene Welt; darum sollten wir nicht trennen, auf keine -Weise, was eben erst heilte. - - am 8. Oktober - -Dein Bruder hat Schülerwitze gesammelt in den letzten acht Wochen und -läßt sie nun vorsichtig los. Meist kann ich sie nicht behalten, aber -höre diesen: Kannst Du mir einen Satz sagen, in dem die Worte an und bis -hintereinander vorkommen? Nein, Du rätst es ja nicht, Du rätst es ja -ganz verkehrt! -- Es heißt: Ich angelte, wo der Fisch anbiß. Ach, wie -kann es so etwas Dummes geben! - -Aber Du Fischiger weißt Du auch, warum diese Dummheit mein Gedächtnis -anbiß? Weil Du schon ganz kalt und naß anzufühlen bist vor lauter -Fischigkeit, will sagen lauter Stummheit! Ich rede den ganzen Tag mit -Dir, Du hörst weise zu, aber Du schweigst wie Dein weißes Abbild vor mir -auf dem Tisch. Ich sehe es an, bis mir die Augen übergehn, und dann wird -mir unbegreiflich zumut. - -Ech-en-Aton und Du! Ist es möglich, daß ich ihn hatte und Dich, drei -lange Jahre lang, und doch glauben konnte, Ihr seid zwei? Ist es, war es -wirklich möglich: drei Jahre zusammen mit Dir, am selben Tisch, im -selben Raum, in derselben Luft tagaus und tagein und blind, so ganz -blind >für was in dünnem Schleier schlief<? Nein, wäre es möglich, daß -plötzlich glühen kann, was durch Jahre hin nicht kalt war, nicht warm? -Daß Augen eines Abends in lichtem Feuer stehn, in Feuer der Mund, in -Feuer das Haar und der ganze Mensch, ein Feuerofen, aus dem ein selig -Verbrennender singt? Ach, Geliebter, es ist wahr, und es mußte so sein, -denn es ist ja kein Du und kein Außen, für das ich plötzlich Augen und -alle Sinne bekam, sondern das ist meine brausende Seele, die endlich, -endlich über die Ufer ging und mich himmlisch zerriß. Und ich kann es -doch nicht fassen, nein, nie, nie, niemals werde ich es fassen können, -daß diese Hand hier, die schreibt, an _einem_ Tage süß geworden ist, -ach, so süß durch die eine Berührung, daß ich denke, alle Bienen müssen -kommen und sammeln und die ambrosische Wabe bauen in Gottes Herz! Und so -süß, daß ich sie manchmal hinnehmen muß in die andre, sie halten und -fühlen schwer wie von Gold. Ach, so verwandelte schon ein holder Geist -den Stab des Armen auf der Straße, daß er schwerer ward und schwerer in -seiner Hand und längst zu Golde geworden war, ehe der es begriff mit den -Augen. Ja, ist es nicht so? Es vollzieht sich die göttliche Wandlung, -wir wissen es längst, alle Sinne wissens und sagens, aber da ist noch -ein letzter Sinn, der weiß nichts, und grade der ists, den wir zum -Erkenner gemacht haben, und endlich, endlich erfährt es auch der, wie -der einsamste Siedler in den Bergen vielleicht von einem Kriege hört, -der die halbe Welt zerriß, und er ist fast schon vorüber. Ein Schiffer -vor tausend Jahren fuhr durch die Nacht an einer Insel vorüber und rief -hinein: Der große Pan ist tot! -- Und da, als dieser Schiffer es rief, -da wußte es erst die Welt. Ach, aber wenn etwas sein sollte, und es ist -nur ein Ding der Erde, das nichts davon weiß, so ist es noch nicht, so -kann es nicht sein. - -Mein Geliebter seit Ewigkeit, das warst Du! Und Alle, Alle, alle Geister -der Erde haben es gewußt, nur ich nicht, nur ich! Und ob ich es nun auch -zehntausendmal weiß: ich sehe mich nur immer an und frage mich und kann -nicht begreifen: Warum ist sie denn jetzt süß, diese Brust, die linke -und rechte, und süß dieser Mund, süß das Haar und die Knie und der ganze -Leib unaufhörlich ein schluchzendes Wunder von Süßigkeit, warum, wenn er -es vorher nicht war? - - am Abend - -Ich habe Dich im Süden und Norden gesucht, mein Geliebter, ohne Dich zu -finden, kam müde heim, und da lächelst Du mich an aus meinem Herzen. Der -Mond stieg, die liebliche Sichel, aus dem Meer. Nein, nicht aus dem Meer -kommt der Mond, sondern aus der Tiefe der Welt; nicht aus mir kommt die -Liebe, sondern aus der Tiefe der Welt; und Mond und die Liebe, sie -fahren einer im andern durch mich und das Meer in die ruhige Tiefe der -Welt. Schlafe wohl, mein Geliebter! - - - Renate an Irene - - Helenenruh, am 8. X. - -Irene! Irene, muß ich wirklich, oder besser noch, darf ich es wagen, den -Drachen des Schweigens, von dem Du Dich verzehren lässest, mit dem -Schwert meiner Rede zu bestehn? Ich könnte Dir, arme kleine Aja, -freilich auch einen richtigen Saint-Georges zu Pferde schicken, der Dir -und mir den Lindwurm erlege, aber leider kann ich ihn heute noch nicht -entbehren ... - -Oh Worte, oh Worte! Komme zu mir, und Du wirst alles wissen. Ich bin -glücklich, Du kannst es auch sein! Ich liebe, Du kannst es wie ich, ich -werde geliebt, und Du kannst es werden. Kannst Du nicht lieben? Liebst -Du nicht lange? Ich sage Dir, Irene, daß Du rasend bist, wenn Du andre -Wege irgendwo suchst und vermutest, daß Du rasend bist, wenn Du nicht -aufbrichst auf dem einen Weg, Dich hinzuwerfen und zu lieben! - -Liebe, liebste Irene, muß ich Dir vielleicht noch erklären, wie Du das -machst? Laß Dir sagen, Du brauchst nichts zu tun, als hinzugehn, wo Dein -Georges, also Dein Klemens ist, und zu bleiben und zu lieben. Wenn er -sich wehren sollte, so mußt Du ihn mehr lieben. Dann könnt Ihr Euch -heiraten oder nicht heiraten, aber von nun an sollt Ihr alles gemeinsam -tun, schlafen und essen, Werktage haben und Feiertage, eine Wohnung -nehmen und drin wohnen, Einkäufe machen und Bücher lesen und -Spaziergänge machen und keinen Armen von Eurer Türe weisen, und was es -auch sei: hierin, hierin wird Eure Liebe, die Liebe sich zeigen und -bestehn, und wenn dies so ist, werdet Ihr heilig geworden sein und dürft -mit Eurer Berührung schon an Kranken und Beladenen, an Traurigen und -Schwachen -- Wunder der Liebe entfalten. - -Dies verheißt Dir - - Renate - - - Renate an Saint-Georges - - Nachts am 9. - -Heute nachmittag fuhren wir vom Böhner Hafen im Segelboot nach Hallig -Hooge, Magda und ich mit Deinem Bruder und Li. Ulrika ist nun im -siebenten Monat, und man sieht es; sie ist sehr still geworden, ihr -Gesicht erschreckend verändert und auseinandergetrieben. Dem Maler -- -doch davon nachher. Wie die Insel aussieht, weißt Du, der Tag war -köstlich, kühl, aber licht, der große, von allen Seiten her aufgebaute -Himmel bewegt von reichen Scharen riesiger Wolken, schneeweiß, das Meer -darunter, von ihren Schatten durchdunkelt, in Streifen schwarzblau und -lebhaft bewegt, aber ganz ohne Schaum. Als Ebbe war, zogen Ulrika, -Magda, die Cornelia und ich Schuh und Strümpfe aus und wandelten als -Kette Arm in Arm den Strand hin, schrien und sprangen, wenn eine Welle -über unsere Füße ging, und auf seinem Turm stand der arme Sternedeuter -Georg mit einem langen Handfernrohr und betrachtete uns durchbohrend. -Aber er zeigte sich nicht, obwohl wir Li als Boten zu ihm schickten. -Armer Georg! Ach, und arme Liebe, die Magie ist nur an Zweien, an mir -und an Dir! Müßte ich nicht die Hand auf seine Stirn legen können und -sagen: Stehe auf und wandle? -- -- - -Ich habe keine Grenzen an mir, wenn ich allein bin und eingehe in unsern -ewigen Gedanken. Immer wieder ist sie dann, die einzige Stunde, und -alles hebt wie damals an: aus unsern Herzen der einige Strom, großen -Ganges durch die schlafende Welt, wir selber der Strom, nicht mehr -Gestalt, nur unermeßlich Fluten, Wogenberge gleitend hingetürmt, -durchqueren wir das alte Erdenland. Nicht einsam, Geliebter, nicht -einsam! Sieh, es bevölkern sich unsre glücklichen Gestade, und wir, -heilig leben wir, verhundertfacht wieder haben wir Herz und Odem und -Gestalt in allen Wesen, die wir laben: Wenn sie, die großen Fabeltiere, -sie, die erlauchte Tiere noch sind, Behausungen nur der Götter, noch -Götter nicht, noch nicht Strom, die _einsamen_ Liebenden all: wenn sie -von ihren Weideplätzen hergewandert kommen scharenweis, oder auch -einzeln in der dumpfen Leidenschaft der Einsamkeit; wenn dann ihr tief -und frommes Schlürfen hörbar ist allein im weiten Mondesschweigen: oh -wie leb ich, wie leben wir dann, tränkend, nährend, Liebe zeugend, da -wir Liebe sind! - -Und ich weiß, daß es einmal sein wird, weiß, daß Liebe Liebe zeugen -wird, einmal, ich weiß -- -- - -Und dennoch: es braucht nur irgendein Mensch vor mir zu stehn, leibhaft, -so habe ich schrecklich nahe Grenzen überall, und kaum ein Strahl dringt -aus meiner Hülle zu ihm. Wer sieht denn die Liebe, ach wer? in ihren -Augen sind wir gewöhnlich wie sie selber, gekleidete Menschen mit -Aussehn und Handeln: aber doch Liebende nicht! -- Bogner freilich, er -hat ja selbst einen Gott in der Brust, der erkannte sich gleich mit dem -unsern, und sie lächelten einander zu. Noch seh ich ihn vor mir sitzen -auf seinem Feldstuhl oben auf dem Deich -- Stehen und Gehen gelingt ihm -noch kaum, obgleich er schon ganz gut Fleisch angesetzt hat, auch braun -geworden ist und sein Auge wieder das alte, helle -- dasitzen und zu mir -aufschaun mit seinen einzig sehenden Augen. Er sagte kein Wort, hielt -nur meine Hand, und so erfuhr er alles und lächelte und war meiner froh. - -Es wurde Nacht, ehe die Flut kam und wir zurückfahren konnten. Das -Wattenmeer regte sich kaum, wir schaukelten auf seinen Atemzügen, schön -wie ein Geist stand das bleiche Segel unter den herbstlichen Sternen. Da -sah ich zum ersten Mal in diesem Jahr den Orion, Zeichen des Winters, -und ich bat ihn, den großen Jäger, daß er mir Dich erjage und bald, bald -die heilige Beute lege an mein zitterndes Herz! - - am 10. - -Du hast mir so schöne Namen geschenkt, mein Geliebter, und ich hole sie -so behutsam hervor wie irgend wirkliche Kleinode, halte sie lang in den -Händen und freu mich an ihnen, ehbevor ich sie anlege und vor den -Spiegel trete, noch schöner als schön! Ach, und wenn jemals eine Armut -war in meiner Schönheit, wie ist sie nun Reichtum geworden durch deine -allsehenden Augen! - -Ach ja, mein Gebieter, wenn Du sagst, daß ich die Magnetnadel sei, die -niemals jemand einstellen könne als sie selber, so will ichs gern -glauben, und die drei Jahre tun nicht mehr so weh. Mit Libussa aber, -dieser Huldin, das stimmt doch schon gar nicht, denn wo blieb das weiße -Pferd? Oder sandt ich es wirklich -- im Traum? Am Morgen mags gewesen -sein, als ich am Parkrand schlief nach dem Bad; der Nebel war so weiß, -da machte mein Traum draus einen Schimmel und schickt' ihn zu Dir, und -da kamst Du auf ihm geritten durch das Wasser des Teichs, denn war die -Brücke nicht hoch? Woher aber dann die nassen Beine, mein Fürst, wo das -Wasser doch ganz flach ist für ein Pferd? Nein, nein, ich seh Dich schon -durchwaten, ich seh Dich, und Du bist der umgekehrte Christoferus -gewesen, -- oder wars nicht so, daß die Last der Liebe auf Deiner -Schulter leichter und leichter wurde mit jedem Schritt zu mir her? - -Was aber mich betrifft, so werfe ich alle Bürden kurzerhand von mir und -breche morgigen Tages auf heimwärts. Morgen, sagst Du, kommst Du zurück, -den Zug weiß ich auch, da bin ich an der Bahn, und es ist herzzerreißend -schön, wenn wir uns unter all den Menschen wieder sehn und nichts sagen -können und nach Hause fahren und -- und -- -- und -- -- - -Weißt du nicht, daß ich ein Weib bin, sagt die gute Rosalinde im -Shakespeare, und nur denken kann, wenn ich rede? -- Na, glaubs schon -nicht, Teuerster, ein bißchen kann ich schon, auch wenn ich nicht rede, -aber nun nimmt es ein plötzliches Ende und -- und -- - -Und ganz schön still bin ich wieder und rede nur noch unsre heilige -Sprache, der Liebe einzige Sprache des Schweigens, dort, in meinem -Zimmer, in meinem alten Leben, im alten Muschelbett der einst lieblosen -Träume, -- des Schweigens Sprache, einsilbig in immer dem selben Kuß! - - - Saint-Georges an Renate - -Den Du erwartest, kommt nie zurück. - -Es muß eine Wahrheit gesagt werden viel zu spät. Und darum ist die -Schmach, sie nicht in Deine Augen sagen zu können, leicht genug zu -tragen mit dem Ungeheuren. - -Kommt nie zurück. -- Denn -- - -Es sind am heutigen Tage drei Jahre und drei Tage her, als er Dich zum -erstenmal sah; im ersten Augenblick das Schicksal wissend, das ihn mit -Dir zusammenfügte; im nächsten auch schon das Zweite: daß Du die -Magnetnadel seist, die niemand einstellt als die Kraft. Das Dritte ahnte -er damals nicht. - -Daß es drei Jahre dauern würde, drei niemals endende Jahre der -unaufhörlichen Qual. Und daß, wenn diese drei Jahre dann ein Ende -genommen haben würden, das Feuer sich selbst verzehrt haben sollte und -nichts mehr sein. - -Daß Du aber an ihrem Ende kommen würdest, ausgestoßen, aus einer ganz -verschütteten Welt, in sein Haus, schon wissend -- und doch es nicht -begreifend --, daß niemand mehr war als Du und Er. - -Und daß zwei Nächte der vollkommenen Hölle sein würden, Tür an Tür mit -Dir und -- genug! - -Und danach die Erkenntnis. - -Und danach die Angst, daß nun das Unselige kommen würde, nun, nun! daß -die Nadel sich einstellen werde in diesem Augenblick, in jedem nächsten, -der bevorstand. Und die Angst, daß die Erkenntnis ein Irrtum sei. Und so -lag er über der Asche Tage und Nächte, blies und blies, bis dann beide -Ängste ihn hinüberrissen zu Dir, um -- was? Vielleicht -- nur zu -gestehn. Vielleicht wegen der Erlösung. - -Da aber war die Insel. Da war die Erkenntnis ein Irrtum gewesen. Da kam -der Flug in die Flamme. Und durch die Flamme. In das zeitlose Eis. - -Da war sie doch wahr gewesen, die Erkenntnis. - -Noch ist zu sagen von einer Flucht und einigen Tagen sinnlosen Kampfes -um das, was längst nicht mehr war. - -Und zu sagen vielleicht von der ruhigen Kälte Eines, der drei Jahre im -Feuer stehn sollte -- ganz kalt. - -Und vom Ende und diesem Briefe, der keine Namen hat. -- - - - Viertes Kapitel: November - - - Cornelia Ring an Magda - - auf Hallig Hooge, am 1. November - -Liebe Magda, heute will ich nun daran gehn, Ihren Wunsch zu erfüllen und -von uns Allen hier, besonders von Ihrem Freund Georg einen möglichst ->naturgetreuen< Bericht zu geben. Es ist später damit geworden, als ich -dachte, aber Sie werden einerseits daran sehn, daß nichts Beunruhigendes -zu melden war und ist, und andrerseits sind es ja immerhin sechs -Menschen und drei Häuser, für die ich nun haushälterisch aufzukommen -habe, das reicht schon für den Tag. - -Ich beginne mit Bogner, und über ihn glaube ich Sie recht beruhigen zu -können, jedenfalls was seine Gesundheit angeht. Ich mache ihm täglich -nach wie vor selber seinen Verband neu, da Frau Tregiorni den Anblick -nicht ertragen kann, begreiflich bei ihrem Zustand, und sehe, wie es -eigentlich täglich besser wird. Er selber klagt auf Befragen noch immer -über Schmerzen beim Gehen, aber an Stellen, wo wirklich nichts sein kann -außer schmerzlicher Gewohnheit von früher her, vom Liegen oder so, das -Loch im Rücken braucht natürlich Fleisch zum Ausfüllen, und da er so -wenig ißt ... Doch denk ich, es wird schon werden, ich habe da -allerdings mehr Vertrauen als er -- obgleich er nicht davon spricht, -weiß ich, daß er noch immer der Meinung ist, es gehe mit ihm zu Ende --, -aber ich kenne einen ganz ähnlichen Fall aus Erfahrung. - -Frau Tregiorni ist recht still geworden. An ihr zeigen sich alle Leiden -dieses Zustands, Fröste, Fieberschauer, plötzliche Ängste, immer wieder -Übelkeit, Abscheu vor diesem und jenem, heut einer Speise, heut einem -Kleid, oder vor Menschen, nun -- Sie werden wissen, wie das zu sein -pflegt, und daß es an sich nicht besorgniserregend ist, obgleich ich -schon sagen muß, daß es mehr ist als gewöhnlich. - -Ja, und nun Georg. Sie möchten, daß ich ihn recht genau beschreibe, und -in so etwas habe ich freilich gar keine Übung, wie denn meine ganze -Berichterstattung wohl daran leiden wird, daß ich das Schreiben gewöhnt -bin in allen möglichen Sprachen, nur nicht in der deutschen; es ist -merkwürdig, wie wenig man doch weiß von einer Sprache, die man beständig -spricht, und wie farblos mir selber alles klingt! -- Körperlich scheint -es ihm, Georg, ganz gut zu gehn; er klagt nur über Schlaflosigkeit. Das -würde ich auf die See schieben -- sie ist seit Ihrer Abreise fast -ununterbrochen stürmisch gewesen --, aber er behauptet, »ohne die See -könnte er nicht leben«. Ich kenne ihn ja auch wenig. - -Aber ich kann wohl sagen, daß ich erschrak, als ich ihn zuerst hier -wiedersah und kaum erkannte. Daran war allerdings hauptsächlich der -dünne, rötliche Bart schuld, der ihm ums Kinn gewachsen ist, und der -sein Gesicht älter macht, auch weicher und leidender. Am linken -Mundwinkel hat er ein nervöses Zucken bekommen, indem es die Unterlippe -ruckweise nach links zerrt, oft drei, viermal nacheinander, dann wieder -versucht er es zu unterdrücken, und so kann man daran immer erkennen, -wie sein innerer Zustand ist. Die Augen, die erst erschreckend -eingesunken waren, kommen nun langsam wieder hervor, weil die Wangen -etwas fleischiger werden. Wenn ich Ihnen nun noch sage, daß sein Haar -über den Schläfen dünner geworden ist und um die ganze Stirn -zurückgewichen, so werden Sie ungefähr wissen, wie er aussieht. Fast -scheint es mir, er ist noch gewachsen während seiner Krankheit, das wäre -ja nicht unmöglich, er ist nun fast einen Kopf größer als Sie und ich -und dabei so schmal! - -Es ist ja furchtbar schwer, im Innern eines Menschen zu lesen, dessen -ganze Natur so wie die seine durch Erziehung und Vererbung darauf -eingestellt ist, sich zu beherrschen, aber ich kann doch erkennen, daß -er Unbeschreibliches erlitten haben muß und noch immer leidet. Er ist -nun, wenn man mit ihm spricht, von einer solchen -- ja wie sage ich nur? --- Demut, möchte ich fast sagen und weiß doch nicht, indem ich das Wort -schreibe, wie und wo ich sie gesehen haben will. Er hat eine so -unbeschreibliche Gebärde, wenn jemand ihm erzählt, so von Menschen, die -man kennt -- er will immer von Menschen hören und lauscht dann mit einer -fast glühenden Angespanntheit, als ob er das Wichtigste lernen und -nichts vergessen müßte --, so eine Gebärde, wollt ich sagen, mit der er -dann die Hand hochhebt und einen ganz vertieft ansieht und sagt: Ja sehn -Sie! -- mit dem Ton auf sehn --, aber es läßt sich wohl nicht -beschreiben, und ich will nun aufhören, Sie werden sich schon gewundert -haben über all das wirre Zeug. Ein wenig betrübt es mich schon und -beunruhigt mich auch, von Ihnen und Fräulein Renate so gar nichts zu -hören seit Ihrer Abreise, und ich hoffe nur, daß dem nicht etwas -Schlimmes zugrunde liegt! - -Ich hoffe nur, daß Sie nicht ganz unzufrieden sind mit meiner -Berichterstattung, die wie gesagt besser sein würde, wenn ich -unglückliches Menschenkind eine eigene Sprache hätte, aber das ist nun -zu spät. Ich grüße Sie und Fräulein Renate recht herzlich! Ihre - - Cornelia Ring - - - Georg an Benno - -Mein lieber Benno, wie geht es denn Dir? Teuerster Benno, die See ist -des Teufels! Heute nacht -- ich hatte der Abwechselung halber einmal ein -paar Stunden geschlafen -- fing ein großes Rumoren an, und als der -sogenannte Morgen kam -- >ein Ding, das wie Nacht ist aus Lehm< --, war -der Teufel los. Ich hause nämlich gewissermaßen auf einer Insel jetzt, -ja, das wäre schon etwas andres als Serk, wo wir triumphierend wie die -Vögel in der Höhe schwebten, sondern dies hier ist nichts weiter als ein -kleiner Teller voll Erde, mitten und unten in der Unermeßlichkeit -rollender Wasser, rundherum ist ein besondrer Wall, auf dem Wall ein -Turm, in dem Turm ich, nicht völlig mir selbst überlassen, sondern ich -habe allerlei Gesellschaft, als da sind: zwei Ziegen, eine Kuh, -verschiedene Hühner, ferner Bogner, Ulrika, ein besonders notwendiger -Hauptmann namens Ferdinand Rieferling, eine junge Dame mit Namen -Cornelia Ring und mehrere Tote. Mein Turm steht auf dem Deich, und stehe -ich auf dem Turm, so habe ich naturgemäß das ganze Panorama unter mir: -Himmel, grau und schwarz in fürchterlicher Aufregung, ein unsagbares -Fluchtgetümmel von Lapithen und Giganten, die vor Raserei sämtlich in -Fetzen gehn, und darunter die ruhmwürdige Winterschlacht der bodenlosen -Gewässer. Wie wäre es, wenn Du kämst? Hier säßest Du, wie gesagt, mitten -darin und schlottertest vor Angst, die Wüstenei überrennte Dich -kaltherzig im nächsten Augenblick; die Seele wird sich Dir umkrempen -wollen (Notabene bist Du sicher, eine zu haben?), und wenn Du Dich nicht -an der Brüstung hältst, so reißt Dich das riesige Saugen der Aussicht -ins schwarze Brodeln hinunter. Tausend Satanasse von Gischt siehst Du da -herumtanzen und denkst: Wie einfältig ist doch das Land gegen die See, -eine fromme milchende Kuh gegen einen tollwütigen Stier. Hundert -Millionen in Raserei aufgelöster Büffel sind hier zu sehn, wie sie -herantaumeln, nichts in den Hirnen als die aberwitzige Vorstellung, sich -allhier die Schädel einrennen zu müssen, und schon ists ein Erdbebenfeld -von Legionen zertrümmerter Mauern, die dahergeschoben werden von einer -entsetzlichen Leidenschaft, alldas zerspritzt und zerknattert sich zu -Deinen Füßen, und das Gebrüll steigt zum Himmel, daß er davonjagt. Alles -siehst Du wanken, die bewohnte Erde ist allerseits spurlos verloren -gegangen, nun berennt hier die See ihren letzten Widerstand, auf dem -Wir, die Letzten, herumkriechen wie die Raupen. Allein getrost! Begeben -wir uns vom Turm hinunter ins Wiesental, so ist alles schon wieder ganz -sanft geworden, ein wenig öde, ein wenig trostlos, aber der Teufelslärm -hat sich gelegt und ist zum Orgelrumoren geworden. - -Du solltest wirklich kommen! Wie war das noch? Vor einem Jahr ungefähr -schriebst Du mir einen Brief in einer besondren Zeit, wo ich keine -Briefe zu empfangen gedachte, und siehe da, ich war gekränkt. Nun haben -wir wieder eine ähnliche Zeit, wo ich um Dein freundschaftliches -Schweigen ersuchte, und Du schweigst wirklich, und ich bin auch -gekränkt. So ist das Leben! Was tust Du? Korrepetierst Du fleißig mit -Deiner Elfe das ewige Paternoster: Ich liebe Dich, du liebst mich und so -weiter? Nein, laß das, es führt ja zu nichts, komm hierher, hier läßt es -sich trefflich rasend werden, und paß auf, ich will Dir mein Haus -beschreiben! - -Stelle Dir vor: einen Turm, achteckig, nicht eben hoch. Kleine Tür, Du -trittst ein und befindest Dich in einem großen und hohen Achteck, das -dunkel scheint, nur von rechts und links und Dir gegenüber zerschnitten -von bleichen Lichtbalken aus drei, nicht eben großen Fensterscharten, -die gut ihre anderthalb Meter tief sind, denn so dick sind die Mauern, -und außerhalb enger als innen. Sie liegen genau nach Norden, Westen und -Osten, die Tür im Süden. Die Wände sind dunkelbraun getäfelt, in der -Höhe befinden sich rundherum die vor Altersschwärze kaum noch -erkennbaren Bildnisse der sieben Planeten. Die vorhandenen Möbel, -bestehend aus einem Schreibbüro, rechts vom nördlichen Fenster, einem -Ohrensessel irgendwoanders, einem runden Tisch in der Mitte des Raums -nebst drei Stühlen, genügten dem letzten Wohner, genügen demnach auch -mir. Eine eiserne Geländertreppe führt durch eine Luke in einen gleichen -Raum, der als Schlafzimmer eingerichtet ist, und weiter hinauf zur -Plattform des Daches. Der runde Tisch aber im unteren Zimmer ist -besonders geeignet, immerzu rundherum zu laufen, es ist auch Platz genug -für einen zweiten Läufer, also komm, Benno, wir laufen zusammen, einer -so herum, einer so, wie die Daumen. - -Was jedoch tue ich, wenn ich nicht laufe? Entweder ich laufe doch, bloß -anderwärts, nämlich allein oder mit der gewissen Cornelia außen um den -Deich, was bei Ebbe manchmal geht, aber wir müssen uns bei jeder siebten -Welle an die Deichwand klemmen, -- oder ich schreibe meine Memoiren. -Memoirenschreiben ist wichtig, oder wie? Ein Mensch stirbt, keine -Memoiren, was kommt zu Tage? Er hat gar nicht gelebt. Augenblicklich bin -ich leer, darum schreibe ich erstens an Dich, und werde ich zweitens -anfangen, Aussprüche von Bogner zu sammeln. Er tut immerfort ganz -bedeutende Aussprüche. (Früher war er nicht so, nun ist er redselig -geworden.) Willst Du einen? Da hast Du: Bei Gelegenheit unermeßlicher -Ruhmreden auf allerlei Maler, darunter Kokoschka (ach, wohin verschwand -mein früher so ebner und stetiger Bogner, nun ausschweifend in -Empfindsamkeit und Erschütterungen?), verglich er dessen Bildnis des -Schriftstellers P. Altenberg besonders trefflich mit dem >Hinterteil -eines Engels in einem Gestrüpp<. Die Gesichter auf Kokoschkas -Bildnissen, sagte er fernerhin, seien allesamt ohne Haut, das wolle -sagen, er ziehe die Haut davon ab und sehe darunter nichts als wimmelnd -zuckendes Schicksal und Leben der Seele, -- so ungefähr, ich werde von -nun an mehr acht auf die Worte geben. Bogner ist ein seltner Mann! - -Und kurz und gut, ich will Dir sagen, wie es mit Bogner steht. Er ist -verrückt. Platterdings, es läßt sich nicht anders ausdrücken. Mit einem -Wort: fixe Idee. Plötzlich nimmt er mich beiseite, das heißt, er führt -mich von Ulrika fort in ein Nebenzimmer, legt mir die Hände auf die -Schultern, sieht mich trübe prüfend an und fragt: Was meinst du, Georg, -sie wird es doch gut überstehn? -- womit er das Kind meint, das sie -kriegt. (Beiläufig hat er mir nämlich Brüderschaft angeboten, und siehe -da, so wandeln sich die Zeiten! Einst, als ich ein pickliger Hering war, -wie verging ich in Ehrfurcht vor diesem besondersten Mann, und nun, wo -ich inzwischen so heruntergekommen bin, daß ich keinen Bissen mehr von -mir annehmen mag, da stellt er mich zur Rechten seines Throns und -bezeugt mir sein Wohlgefallen. Wie besonders ergötzlich, zumal wenn man -bedenkt, daß es mein telemachisches Zwerchfell natürlich doch kitzelt!) -Also, ich antworte: Glänzend! sie übersteht es glänzend! -- Er nickt vor -sich hin, sagt: Und ich, Georg, was hältst du von mir? -- Ich -- wie -oben und so weiter ... Lieber Georg, sagt er da trübsinnig, du irrst -dich. Dies ist bloß Schein. Und, sei nicht traurig, sagt er so in seiner -besondren Weichmütigkeit, aber -- kurz und gut: mit mir ist es aus. -- -Ich bin sprachlos, murmele einiges, und da fängt er tatsächlich an, mir -seine Idee zu entwickeln. Nämlich erstens: Geistig zeugerische Menschen -dürfen keine Kinder haben. -- Das nannte er ein Naturgesetz. Man, sagt -er, darf nur auf eine Art zeugen. Gesetzt also, ich zeuge trotzdem auf -eine andre, so ist damit bewiesen, daß die meine nicht gilt. Ich bin -verworfen, sagt er unfehlbar, und geht und sitzt am Fenster bei den -Fuchsien in Gestalt eines alten, gebrochenen Mannes. Mir brach das Herz, -und er fährt mit einer feierlichen Wehmut fort: Sie -- wird leben, und -was aus ihr kommen wird; ich sterbe. -- Ja, so stellte es sich ihm dar: -sein Leben hört auf, das des Kindes fängt an. Worauf er anfängt, es mir -andersherum zu beweisen. - -Einsamkeit, sagt er, ist das Gesetz des Arbeiters im Geist. Dies, sagt -er, habe ich an mir erprobt gefunden, denn immer, wenn ich versuchte, -mit andern Menschen eine Verbindung einzugehn, gab es Unheil für sie und -für mich. So auch jetzt, und jetzt das besonders Böse: Als ich mich mit -Ulrika verband, tat ich unwissend etwas, an dessen äußerstem Ende mein -Tod erschien. Ich legte Hand an meine eigne Form, ich zerstörte sie. -Ich, schloß er, habe selber auf mich geschossen, nicht der Andre. - -Und dann wieder von vorn und hundert Mal immer das gleiche in andern -Gestaltungen. - -Die Verwandlung dieses von mir geliebten Menschen ist zum Grausen. -Früher die Stetigkeit selber und Feste, eine gotische Burg, ist er nun -wie ein Erdhaufen, unter dem der Maulwurf arbeitet. Ich kann nicht -umhin, unsrer ersten Gespräche vor Jahren zu gedenken. Damals -- den -Inhalt vergaß ich --, damals aber jedenfalls war ich der besondre -Dialektiker, nicht ganz ungewandt, wenn ich auch heute weiß, daß meine -Einfälle sich assoziativ einstellten, vermittels Luftwurzeln sich -fortpflanzend, anstatt aus unterster Wurzel zu treiben. Heute kann ich -mir immerhin einen gewissen Zwang nachrühmen, jeden Gedanken auf seinen -Ursprung zu prüfen, er dagegen ist von einer Spitzfindigkeit -ohnegleichen und fängt die Behauptungen aus der Luft, weil sie da -funkeln. Zum Beispiel folgendes: - -Nämlich die Rede war von dramatischer Kunst. Ich weiß was, sagt Bogner, -das Drama ist die leibhaftigste, menschenhafteste Kunstform, und darum -hat es fünf Akte wie die Hand fünf Finger. -- Blendend, nicht wahr? -Übrigens, fährt er fort, ist es dir auch schon einmal aufgegangen, daß -sich das Drama zum Epos verhält wie das Gebirge zur Ebene? -- -Aufgegangen nicht, sage ich, aber wo du es sagst, kommt es mir ganz -bekannt vor. -- Denn siehst du, fährt er eifrig fort, so ein Trauerspiel -ist wie eine Gebirgswanderung. Da giebt es überall Plötzlichkeiten, -Täler, Abgründe, Schroffen, halsbrecherische Stege, einsam -emporstrauchelnde Seelen, Anseilungen, und die großen unverhofften -Ausblicke in dampfende Tale, Ängste und Entzückungen, mit einem Wort: -Tragödie. - -Als Einfall wieder blendend, wie schon bemerkt. Ich aber sagte, ohne -mich zerblitzen zu lassen: Und aus diesen Gründen schrieb ja auch der -Bergschotte Scott seine langen Romane, der Tiefländer Shakespeare -dagegen Tragödien, Epen die Bergschweizer Keller, Meyer und Spitteler, -der Tieflandfriese Hebbel dagegen nebst dem Märker Kleist Dramen, ebenso -wie Grillparzer vom sanften Kahlenberge. -- Bogner war ganz elend von -meiner Beweisführung und wollte sich kläglich herauslügen: Keller hätte -vor der Ebene gesessen (ich schrie: aber Blut und Geburt!), Shakespeare -wäre als Genie überhaupt unkontrollierbar, Kleist hätte Novellen -geschrieben und einen verloren gegangenen Roman (was der alles weiß!). -Spittelers Werke wären erfüllt mit alpiner Landschaft und Scott -überhaupt bloß ein Schriftsteller gewesen, und vor allem hätte ich -vergessen: Balzac, Dickens und Dostojewski aus dem breitesten Flachland. --- Ja, so spitzfindelten wir herum, und er schloß mit der tiefsinnigen -Frage, ob das vielleicht deshalb so sei -- wenn ich nämlich doch recht -hätte --, weil, wie der Bauer seine Natur so gewohnt wäre, daß er ihrer -nicht mehr gewahr würde, so auch der Dichter -- und so weiter ... - -So viel vom Bogner. Ja, aber Benno, was muß ich da sehn? Du sitzt und -liest und liest an einem Brief, und am Ende stellt sich heraus, daß Du -ihn gar nicht gekriegt hast! Nein, ich werde mich hüten, ihn -abzuschicken! Eine andre Form der schriftlichen Niederlegung meiner vor -Gewohnheit ächzenden Seele wars, Benno, sonst nichts! - - - Aus den Papieren Georgs - - - (von Bogner) - -»Georg,« sagte Bogner fast traurig zu mir, »ich glaube, du hast einen -großen Fehler. Du willst zuviel wissen.« - -Wir hatten nämlich halbe und ganze Nächte alles Denkbare bis ins -Undenkbare erörtert, und ich dachte, als er mir diesen besondren Fehler -vorwarf, ich hätte das auch tun können. Ich sagte deshalb, bloß um etwas -zu sagen: »Wie kommst du darauf?« Aber diese Frage war ihm grade recht. - -Nämlich in seinem Zimmer steht eine alte, hölzerne und geschnitzte -Wiege, die Ulrika langsam mit den fertig werdenden Kleidungsstücken für -ihr Kind anfüllt. Vor dieser Wiege saß ich eben, bewegte sie mit der -Hand hin und her und fragte mich, warum das eigentlich angenehm für -Kinder sei, gewiegt zu werden, da die selbe Bewegung doch für den -größten Teil der erwachsenen Menschheit unerträglich sei, nämlich an -Bord der Schiffe auf See. - -»Nun möchtest du nämlich wissen,« sagte Bogner freundlich, »warum die -Wiege hin und her geht. -- Und ich weiß es«, setzte er leise hinzu. - -Als ich aber nun um die Erklärung bat, wehrte er ab. »Du willst zu viel -wissen, Georg, und weißt du, was du tun wirst? Du zerstörst dir deinen -Gott.« - -»Weißt du denn, wer mein Gott ist?« - -»Alles, was dir unbegreiflich ist. Alles Rätselhafte in dir ist Gott.« - -»Ach,« sagte ich, »dann werde ich ihn nicht zerstören, sondern im -Gegenteil, ich werde ihn nur wachsen machen, denn je mehr ich davon in -Erfahrung bringe, um so ungeheurer werden die Umrisse im Dunkel. Sag -mir, was ist mit der Wiege?« - -»Du mußt,« erklärte er nun, »wenn du es wissen willst, nicht die große -Frage nehmen, sondern die kleine. Unbekannt? Also werde ich dich sie -fragen: Warum geht die Wiege hin und her, von links nach rechts, nicht -auf und abwärts von vorne nach hinten?« - -Diese Frage kam mir schon so besonders vor ... Aber ich wußte keine -Erklärung. - -»Weil«, sagte er da, »die Mutter, die in ihrem Leibe das Ungeborene -trägt, es wiegt, indem sie es von einem Fuß auf den andern bewegt im -Gehn, von links nach rechts. Aus diesem Grunde lieben wir diese -Bewegung, wenn wir geboren sind, dann erinnern wir uns an vorher.« - -Ich dachte noch: Das Kind fühlt sich in der Wiege, wie in der Mutter; -und es glaubt, was es fühlt; aber der Mensch hat freilich Erfahrung und -ist so groß geworden, daß er selbst im Meere sich nicht mehr fühlen -kann, obwohl er ganz darin ist, denn er ist nun nur noch in sich selbst, -und er glaubt an nichts mehr. - -Ich kann aber nicht sagen, wie sehr mich diese Erklärung Bogners -ergriff, ja erschütterte. Sie traf mich wie ein Blitz, und eine Sekunde -lang wußte ich alles. Das war, als hätte die vorher immer grenzenlose -Welt plötzlich ein ganz nahes Ende genommen. Dort, in der Mutter, war -alles zu Ende. - - * * * * * - -Ich fragte Bogner heut in Erinnerung an das Gestrige, ob er an Gott -glaube. Er sagte, wenn ich >glauben< gleichsetzte mit Fürwahrhalten, so -könne er nicht sagen, daß er glaube. - -Ich fragte: Warum? - -Er sagte erst nach einer Weile: »Ein religiöser Mensch, mit dem ich -einmal über das Jenseits sprach, meinte, ich glaubte daran nicht, weil -meine hiesigen Sinneswerkzeuge nicht imstande seien, mich über das -Dortige aufzuklären und mir Beweise zu schaffen.« - -»Das war nun nicht der Fall«, fuhr Bogner fort. »Zwar bin ich der -Meinung, daß es sinnlos ist, mich in meinen Sinnen mit Dingen zu -befassen, die für eben diese Sinne unzugänglich sind. Ich habe aber eine -Seele. Und warum ich diese Seele mit einem Dort beschäftigen soll, da -sie im Hier vollauf Arbeit und Nahrung und Wachstum findet, das -allerdings ist mir unerfindlich. Warum aber tun dies fromme Leute wie -jener Frager? - -»Sie tun es deshalb, weil eben ihr hiesiges Dasein ihnen keine -Gelegenheit bietet, oder im Verhältnis ihres übervollen, sorgengefüllten -Daseins zu geringe Gelegenheit, um sie zu betätigen, ja nur zu -empfinden. Zu Essen und Schlafen, Sichbegatten und Plagen, zu -Büroarbeit, zu Kinderschelten und -kleiden, zum Spaziergang und -Musikkapelle haben sie eine Seele nicht nötig. Vielleicht daß sie es -meinen, aber alledies und noch viel feinere Dinge würden sie mit der -Vernunft allein und ohne Seele genau so gut besorgen, und die Tiere tun -das in ihrem Maße, zum Beispiel die Ameise oder der Biber. Aber doch -wissen sie von der Seele durch den Tod. Sie sind arm und wollen reich -werden. Sie sind so arm, daß sie sogar einsehn: für einen Reichtum der -Seele ist in diesem Dasein kein Platz. Sie müssen selber wider Willen -einsehn, daß sie ihre Seele hier nicht brauchen können. Wäre Mitleid von -allen Lebensvehikeln nicht das gefährlichste, so könnte man Mitleid mit -ihnen empfinden. - -»Ich,« sagte er langsam, »ich war ein glücklicher Mensch. Ein reicher -Mensch. Ich brauchte auf keinen dortigen Reichtum zu sinnen. Ich habe -durch über zwanzig Jahre meines Lebens jede Stunde und Minute jedes -Tages meine Seele gebraucht. Ich war reich«, schloß er traurig. - -(Dieweil er ja denkt zu sterben und also zu verarmen; er kommt immer zur -selben Stelle zurück.) - -Ob das alles sei, woran er glaube, fragte ich bald, um ihn abzulenken. -Er schwieg lange. Endlich sagte er: - -»Ich glaube ja nicht. Ich -- bedarf. Du und ich, wir bedürfen des -Göttlichen.« - -»Und das ist?« - -»Ich sage es ja: das Geheimnis. Es giebt die unbekannten Dinge, vor -denen dich schaudert. Es giebt dich und mich selber, die wir uns so -unbekannt sind, daß uns schaudert, wenn wir diese Stelle berühren. Warum -mußte ich malen? Wenn ich diese Stelle an mir berührte, so sagte Gott: -Ja. -- Und ich sah ihn golden eingehüllt in sein Rätsel. Warum kann ich -nicht mehr malen? Ich habe die Gnade verloren.« - -Immer die gleiche Stelle. Er weinte. Wir wurden unterbrochen und kamen -an diesem Abend nicht weiter. - - * * * * * - -Da wir heute von großen Menschen vergangener Zeiten sprachen, so malte -Bogner in einer unbeschreiblich wunderbaren Weise von manchem das Wesen, -mit Bildern aus drei Worten oft, wie ich es nie von ihm hörte (und immer -mit diesem leichten Zittern von Tränen in der Stimme, das er jetzt bei -solchen Gelegenheiten hat), und ich erinnere mich nur noch, wie er -Hölderlins äußerlich rührend dürftige Gestalt hinstellte als einen -abnehmenden Mond am Abendhimmel, dessen ganzes volles Rund doch im -Unendlichen schwebe; wie er Jean Paul nannte: einen Pfauenschweif aus -Regenbögen, und Novalis die Narzisse mit den Zeichen der Passion in -Blüte verwandelt, -- worauf er dann mir ganz unvermutet in Klagen -ausbrach, daß es nur früher Menschen von solchem Seelenadel, solcher -Reinheit, Größe, Süße und Einfalt gegeben habe. Ich mocht es nicht -glauben, widerstritt aber nur unvollkommen: eben heute hätten wir andres -... - -Er seufzte. Was das für ein sinnloser Einwand sei. »Du vermissest eine -Blume und sagst: aber jetzt habe ich einen Edelstein. Ist nicht das -Dasein jedes Dinges gegründet auf seine Notwendigkeit? Gäbe es überhaupt -etwas, das wert wäre zu sein, wenn es einen Ersatz dafür gäbe? Gut aber, -du sagst, du habest jetzt den Edelstein, und eins machst du damit -natürlich klar: daß der Edelstein, den du kennst, im Augenblick für dich -einen solchen Wert hat, daß du den der Blume, die du nicht kennst, gar -nicht begreifen kannst. Und so hättest du recht. Und noch aus einem -andern Grunde sogar wirst du recht haben, denn du hast den Verstand für -dich, der dir sagt: ich lebe heute; also muß das Heutige mir wert sein. -Ja, Georg, der Nüchterne, der Unbewegte, oder der sich so stellt, der -hat immer recht, wenn er linker und rechter Hand aufs Fluten hinabsieht -und sagt: da und dort ist gleiche Stromgeschwindigkeit. Wen aber eigne -tiefe Wallung der Stunde selber hineinriß in die Strömung, der hat nur -das Jauchzen -- nach vor- -- und das Klagen -- nach rückwärts, und -morgen, Georg, morgen, wenn du im Strome liegst und ich am Ufer stehe, -wirst du mit meinen Worten zu mir aufjammern, und ich werde dich und -mich Lügen strafen.« - - * * * * * - -Ich fand Bogner über einer Bibel am Tisch; er schien auf mich -gewartet zu haben, denn er sagte gleich: »Da habe ich die ganze -Schöpfungsgeschichte gelesen, und weißt du, was ich gefunden habe? Es -werden alle erschaffenen Dinge aufgezählt, aber ein ganz wichtiges ist -vergessen. Es könnte vergessen scheinen«, verbesserte er sich. »Wenn ich -es dir nenne, wirst du seine tiefe Bedeutsamkeit erkennen. Ja,« fuhr er -eifrig fort, »angenommen, dies ist der Fall: ein Ding, das wir von Gott -erschaffen glauben, wurde bei der Aufzählung des von ihm Erschaffenen -nicht genannt, was muß die Folge sein?« - -»Daß er selber dies Ding ist.« - -»Gut, Georg!« Er lobte mich. »Und nun weiter: Was tat Gott, nachdem er -den Menschen aus Lehm geknetet hatte? Er machte ihn lebendig. Wodurch? -Dadurch daß er ihm seinen Odem einblies. Was aber war dieser Odem?« - -Ich sagte: »Die Luft.« - -»Und die Luft,« rief er, »die ist das Ding, das nicht aufgezählt ist -unter den erschaffenen Dingen, wo doch Sonne und Sterne, der Himmel, das -Meer und das Feste und was auf dem Festen wuchs, alles aufgezählt wurde. -Konnte etwas wachsen, konnten Tiere sein ohne Luft? Dennoch wurde die -Luft für den Menschen, für Gott vorbehalten, denn der Mensch war für den -Schreiber dieser Geschichte das einzig wahrhaft Lebendige, und das Leben -kam ihm und nur ihm mit der Luft. Und siehst du wohl,« fuhr er fort, -»auf schlechten Bildern, Bildern, auf denen doch alles recht und -deutlich gemalt ist, was scheint dir daran zu fehlen? Die Luft. Und sie -fehlt sogar auf den Bildern der einfältigen Meister aus Niederland und -Köln, aber warum vermissen wir sie doch nicht? Weil sie nicht nur die -_Gabe_ hatten wie die nichtswürdigen lustlosen Maler von heut, sondern -etwas ganz Einziges: den Fleiß. Einen so großen Fleiß und eine so große -Sorgfalt, daß er sogar die Luft und die Gnade ersetzte, denn im Fleiß -war die Liebe, und in der Liebe«, schloß er triumphierend, »muß immer -auch Gnade sein.« - - * * * * * - -Ich hatte Bogner aus dem Gedächtnis einige Gedichte von Stefan George -gesagt, darunter zuletzt den >Tag des Hirten<: Die Herden trabten aus -den Winterlagern ... Schon bei der ersten Zeile sah ich seine Augen weit -werden; bei der himmlischen zweiten: Ihr junger Hüter zog nach kurzer -Frist ... legte er das Gesicht in die Hände, und als ich dann schloß: - - Er krönte betend sich mit heilgem Laub, - Und in die lindbewegten, lauen Schatten - Schon dunkler Wolken drang sein lautes Lied ... - -seufzte er dermaßen schmerzlich, als wäre ihm eine Welt untergegangen. -Er sprach kein Wort mehr den Abend, und erst als ich schon gehen wollte, -zog er mich auf einmal in die Arme, küßte mich und murmelte etwas, das -ich nicht verstand. - -»Du kannst doch auch dichten, Georg,« sagte er dann, »du bist auch ein -Dichter!« Und hierbei beharrte er eigensinnig, obwohl ich es ihm lang -und breit abstritt, daß ich wohl Verse schriebe, aber kein Dichter sei. -Fast wäre er ärgerlich geworden. »Wenn du es weißt, Georg,« sagte er, -»wenn du weißt, wie es ist, wenn du Sprache hast, so mußt du es doch -auch sein!« beharrte er und wurde erst unschlüssig, als ich es ihm an -Malern nachwies, die zwar das Handwerk hätten, aber doch nicht die -Kunst. - -»Das mag für Maler stimmen,« meinte er dann, »aber doch nicht für die -Sprache! Da sind Farben, Finger und Hände und Pinsel; was geht nicht -alles verloren auf so weitem Wege, wenn einer nicht die ganze Kraft hat -und Gottes Beistand. Aber in der Sprache ist alles! Sie allein ist -unmittelbar und enthält doch eins im andern das Beide, sonst so -Getrennte: Vernunft und Gefühl, verschmolzen im Tönen der Seele!« - -»Die göttliche Sprache!« fing er nun an. »Ja, das ist das Wunderbare an -ihr, das unterscheidet sie von allen andern Künsten und erhebt sie zur -höchsten: daß sie so unmittelbar ist. Nichts als der zaubrische Mund! Da -ist der Mensch, allein, und er selber ganz und gar und allein ist: -Instrument. Die Öffnungen einer Flöte mit den Fingern betupfen, auf den -Saiten einer Geige die Finger so und so stellen, mit dem Bogen so und -anders anstreichen, -- was andres tut denn der Mensch, der redende, wenn -er die Zunge so und so an den Gaumen, an die Zähne drückt, die Lippen -weit oder wenig, rund oder schmal öffnet? Und er tut ja mehr! Im -Instrument ist der Ton, er bringt ihn nur hervor, tut Wissen und -Handhabung hinzu, aber die Sprache, die bildet er ja selbst, er bildet -das Wort, ganz und gar, außen und innen, Zeichen und Sinn, und wie aus -einer Blume, so duftet die himmlische Seele daraus hervor! Und ist der -Mensch selber das Instrument, so muß einer sein, der spielt, wer ist -das? Der Gott. -- Allem Alltäglichen, allem Irdischen und Menschlichen -abgewandt, ganz hingegeben dem göttlichen Spieler allein, an seine Brust -gelegt wie die Geige, -- wie durchrauscht ihn sein Tönen! >Die Herden -trabten aus den Winterlagern<. Sieh, das ist meine Sprache, alles ist da -wie in meiner Sprache, aber vom ersten Hauche an fühlst, ja, noch ehe du -die Lippen öffnest, fühlst du schon: es ist ein Andrer, der dir den Mund -öffnet, und nun wird eine andre Sprache ertönen, erkennbar an keinem -besondren Klang, oder Bild, oder Gedanken, sondern nur an diesem allein, -diesem göttlichen _Anderssein_, das du so spürst wie -- wie wenn du -schlafend auf einen Stern versetzt wärest und erwachtest auf ihm und -wüßtest gleich beim ersten Atemzug aus seiner Luft, aus der _anderen_ -Luft: du bist auf einem Stern. >Die Herden trabten aus den Winterlagern -...< Oh wie es da hervorduftet aus dem Unsichtbaren, wie am dunklen -Morgen der Geist der Erdenkräfte schlafkühl duftet aus dem Schlummer der -Geschöpfe. Jedes Gedicht aber, das so nicht ist, an dem man nur zu -Stellen, wie den Kristall im Stein, das göttliche Dasein spürt, -verkalkt, getrübt und unrein, ist Lästerung des Gottes, Georg, -Vergiftung des Gottes, und sie wird sich rächen und die Seele dessen -vergiften, der sie beging!« - -»Du meinst mich«, sagte ich hierauf. - -Aber nun wollte er es nicht gelten lassen. - - * * * * * - -Ich saß hinter dem Tisch auf dem Sofa, hatte die Ellenbogen auf der -Platte, die Hände übereinander gelegt und das Kinn darauf, und so -rauchte ich, und wir schwiegen. Auf einmal lächelte Bogner. -- - -»Warum lächelst du?« fragte ich. - -»Ich lächelte über dich«, gab er zur Antwort. - -»Du hast nämlich«, fuhr er auf mein Ersuchen fort, »mitunter eine so -erinnerungsvolle Bewegung beim Rauchen. Mitunter, wenn du die Zigarette -aus dem Munde nehmen willst, dann nimmst du sie zwischen zwei steife -Finger, und dann schiebst du die Lippen ganz weit vor, wie zum Saugen, -und dann lösest du das an der Lippenhaut klebende zarte Papier langsam -ab. Dabei saugst du dich innerlich ganz voll mit Rauch, und nach einer -Weile strudelst du ihn von dir mit einem traurigen Seufzer.« - -»Gott segne deine Augen, Bogner,« erwiderte ich, »und was soll das -alles?« - -»Darin soll«, sagte er, »eine Antwort auf die Frage liegen: warum raucht -der erwachsene Mensch? Es giebt ja Unverständige darunter, die nehmen -bloß den Mund voll, aber der Wissende tränkt seinen ganzen Leib durch -die Lunge mit dem schönen Gift. Warum, Georg? Aus Erinnerung. Er denkt -an seine Kindheit und saugt wieder. Damals weiße Milch, heute braunes -Gift. Und er muß den entseelten Rest des nur halb Verzehrten wieder von -sich geben und tut es mit einem traurigen Seufzer.« - -Bogner lachte bis zu Tränen, zog dann seine alte Pfeife aus der Tasche, -die er nicht brauchen darf, betrachtete sie wehmutvoll und roch daran. -Auch ich hatte erst lachen müssen, aber nun wurde ich von Schrecken -ergriffen im Gedanken an das von der Wiege und der Mutter, und ich -sagte: »Ja, ist es denn wirklich so, Bogner, daß mit unsrer Kindheit -alles ein Ende nimmt, und wenn wir uns an Äonenfernes zu erinnern -glauben, so war es nur zwanzig Jahr her?« - -»Glaubst du das?« fragte er. »Ich weiß es seit langem.« Und er erklärte -mir, daß er besonders deutliche Erinnerungen an früheste Kindheit hätte, -und zwar nicht eingebildete nach Erzählungen Erwachsener. - -Und da fängt er an, von den Erscheinungen seiner kindlichen Fieberträume -zu sprechen, und sagt: »Da war nämlich das Große!« - -Ich wäre gern in ihn hineingestürzt. Ich schrie: »Das Große! das kennst -du auch? Dies entsetzliche schwarze Anwachsen und Riesigsein und --« - -»Und dann der Gang, durch den man hindurchsoll, und der zu eng ist ...« - -»Ein Gang war bei mir nicht,« sagte ich, »bei mir war das Wälzen!« - -»Nun, das ist gleich,« meinte er, »es hat ja den gleichen Sinn.« - -Ich schrie wieder: »Es hat einen Sinn? Welchen Sinn hat es denn?« - -»Du siehst, daß es einen Sinn haben muß, denn wie könnten sonst wir -Beide es erlebt haben? Und nicht nur wir Beide. Ich glaube, daß jeder -Mensch es kennt, und zum Beispiel in dem Buch von Rilke, da steht es -auch darin.« - -»Ja, aber was ist es denn, mein Gott?« - -Er sagt: »Die Geburt.« - - * * * * * - -Heute will ich nur aufschreiben, was mir eben wieder ins Gedächtnis -kommt aus den ersten stillen Tagen dahier. - -Wir befanden uns in der noch lauen Nacht ohne Sterne oben auf dem Deich -über der Ebbe des Meers. Zwei Tütvögel, die unsre Anwesenheit erregte, -kreuzten unaufhörlich über uns hinweg, jeder eine Zeitlang, wenn er über -uns war, anhaltend und mehrmals seinen mißtönigen Klageschrei -ausstoßend, -- der einzige Laut in der Stille. Ich lag auf meinem -Mantel, die Füße in der Richtung der unsichtbaren See, die Hände unterm -Kopf, im linken Augenwinkel, mehr gewußt als gesehn, den Schatten des -sitzenden Malers auf seinem Feldstuhl. Wir hatten -- nicht das erste Mal --- von Ulrika gesprochen, und er deutete mir wieder Züge ihres Wesens -und das Ganze auf eine unendlich innige Weise des Wissens. Dabei war es -aber immer, als ob hinter seinen Worten sich das bewegte, was er mir -später >gestand<, wie er sagte, das Geheimnis seines und ihres Lebens -und Sterbens. An jenem Abend sagte er, er habe einmal in seinem Leben, -vor Jahren, eine Frau so geliebt, daß er fast daran zu Grunde gegangen -wäre; »und das«, sagte er, »schien mir später zuviel für einen Menschen, -dessen Auftrag es nicht ist, Menschen zu lieben, sondern --« - -Er schwieg, und ich glaubte das Ungesprochene richtig zu ergänzen, indem -ich sagte: »die Kunst.« - -Ich wandte mich zu ihm bei diesem Wort und sah nun sein eines Auge im -Dunkel, der See zugewendet in einer Haltung des Kopfes, die mir -besonders verzweifelt erschien. - -»Nein, Mensch, wie kommen Sie darauf?« sagte er dann. »Glauben Sie, -einer wie ich -- liebte die Kunst? Denken Sie bitte einmal an das, was -Sokrates im Gastmahl Platos feststellt: daß man liebt, was man nicht -hat. Was ich nicht habe, ja, das liebe ich freilich, und das ist: die -Form. Die Vollkommenheit. Das ist jedes Bild, das ich noch nicht gemacht -habe.« - -Ich sagte nun einiges Unvollkommene und Verlegene, wie daß Kunst selber -eben die Liebe sei, die alles, was sie nicht habe -- ewig und ewig die -Form -- mit solchem Wahnsinn begehre, daß sie es darstellen müsse. - -»Ja, den Dämon,« sagte er leise, »wenn Sie den meinen, -- den Dämon, der -treibt und widersteht, den liebt man ja wohl.« - -»Und übrigens«, fuhr er nach einer Pause gequält fort, »habe ich Sie -eben belogen. Früher war das so. Nun, ja nun haben Sie recht, nun liebe -ich die Kunst, die ich nicht mehr habe, und den Dämon erst, der mich -verlassen hat, weil ich ihn verließ und zu Menschen ging.« - -»Bogner,« sagte ich und legte die Hand auf sein Knie, »Bogner, das ist -doch nicht wahr!« - -Ich setzte mich auf. Der Schatten schlagender Flügel, Weißes vom -Vogelleib fielen aus der Nacht herunter, deutlich scholl der Notschrei. -Bogner ergriff meine Hand und hielt sie fest. Er nickte dann langsam mit -dem Kopf und sagte leise und geheimnisvoll: - -»Wenn es einer begreifen könnte außer mir, -- was wäre es dann?« - -Meine Hand ließ er nicht los. Ich fand kein Wort, und er blieb -verschwiegen. Aber meine Hand hielt er fest, daß es mich jammerte im -Herzen, bis wir dann aufstanden und ins Haus hinabstiegen. - - - (Cornelia) - -Bei einer Wanderung, auf langer Straße im flachen Land, kann es uns wohl -begegnen, daß wir in weiter Ferne zu unsrer Linken oder Rechten etwas -Menschenhaftes gewahren, nichts weiter als einen Punkt, der menschenhaft -erscheint, ohne Bewegung, und der die Weile, während der wir ihn im Auge -behalten, sich nicht verändert noch deutlicher werden will. Vergaßen wir -ihn dann lange Zeit über andern sehenswerten Dingen umher, so gewahren -wir ihn plötzlich gar nicht weit von uns auf einer zur unsern -heranführenden Straße, deutlich genug, um ihn an Gang und Kleidern als -einen Menschen, wie wir selber es sind, zu erkennen, und dann betritt er -vielleicht keine drei Schritte vor uns unsre Straße, hält an und -erwartet uns, wir reden uns an, wir finden Gefallen genug an einander, -zusammen zu bleiben für ein paar Stunden, wir verstehen uns gut mit ihm, -oder auch er erscheint uns sehr merkwürdig während der nun gemeinsamen -Wanderung, und schließlich fällt es uns wohl zu unserer Verwunderung -ein, daß wir hier zusammen gehn und gut Freund sind mit jenem Punkt, den -wir vor zwei Stunden keiner Beachtung, keines Gedankens von Möglichkeit -einer Beziehung für uns wert hielten. - -Es sind heut Jahre her -- nach der gewöhnlichen Berechnung nur Jahre --, -da sah ich Cornelia ganz von fern, nicht deutlicher, als daß sie zu -erkennen war als ein weiblicher Mensch. Auf einmal sah ich sie zu meiner -Straße heraufkommen; hier war es, hier sollte sie wenig Schritte vor mir -meine eigene Straße betreten, ich gewahrte sie schon deutlicher, so daß, -wenn wir etwa am Vormittag zusammen um den Deich gingen, heut, oder -morgen am Nachmittag Tee tranken mit den Andern, oder einer las vor und -wir lauschten: daß ich dies und jenes schon sicher an ihr wahrnahm: den -Schnitt ihres Mantels, die Form ihrer Stiefel, Besatz an der Bluse, ihr -Haar, ihren in den Fußgelenken schwingenden Gang, ihre länglichen Hände, -die Lockerheit des Daumens, das Rund ihrer Augen und ihren Blick. -Langsam bildete sich so ein Ganzes aus vielen Teilen, dieweil wir uns -nun entschlossen hatten, nebeneinander zu gehn, -- erkennbar schon als -ein Ganzes, obwohl noch manches Stück fehlte und zwischen den -vorhandenen die Risse und Fugen noch ungeheilt schimmerten. Aber sie -heilten, denn nun kam auch Teilnahme, das formenschaffende Gefühl, ein -Wesen bildend langsam, das mir wohlgefiel, das meinen Sinnen wohltat, -den fünfen und jenem unbekannten, nicht mit Namen zu nennenden, jenem -Tastempfinden von Mensch zu Mensch, auf dem alle Möglichkeiten und -Beziehungen der Menschen zueinander beruhen, der uns den andern Menschen -_atmen_ läßt wie ein besondres Arom in unserer Luft, und in dem dann -bald die süße Flamme Ähnlichkeit sich gläsern erhebt, wie die Flamme der -heißen Mittagsluft überm Wachholder der Haide, -- sie zeigte sich über -Cornelia. - -Nun erschien sie mir schon besonders; nun erschien sie mir, meiner -Veranlagung gemäß, vor allem: hübsch, und es deuchte mich angenehmer, -beim Gehen die Hand in ihren Arm zu schieben, und so weiter. Es war -bereits immer ein leises Freuen, wenn sie kam und zugegen war; was man -sagte, dem hörte sie gut zu und gab die rechten Ergänzungen oder -Erweiterungen, und so man nicht sprach, war sie's auch zufrieden und -schwieg. Sie war nämlich bereitwillig. - -Morgens kam sie selbst mit dem Frühstück, ich lud sie zu bleiben, und -sie blieb, dann stellte sich heraus (nämlich ich mußte fragen, von -selbst gab sie nichts preis), daß sie selber noch nüchtern war, und nun -mußte sie ihr Frühstück mitbringen. Erlaubte es irgend das Wetter, so -erwarteten wir gemeinsam am Strande das tägliche Boot mit meinem Kurier, -dort trafen wir den notwendigen Hauptmann, standen in unsern Mänteln und -hochgeschlagenen Kragen gegen den Wind gedreht, froren erbärmlich und -sahen uns gegenseitig immer röter anlaufen. - -Nun und so weiter ... - -Was aber war dann eines Tages anders geworden? -- Nun hielten wir uns -nämlich bei den Händen im Gehn, meine Stimme hatte den weicheren Ton der -Vertraulichkeit, meine Hand das Recht, den vom Wind umgekrempten -Mantelkragen zurechtzuschieben oder die schiefgewehte gestrickte Mütze -gradezuziehn über ihrer Stirn, ohne daß sie oder ich dabei den grade -begonnenen Satz unterbrach. Ich fand alte Gedichte und las sie ihr vor, -ich kannte nun den besondren Ton ihrer Haut am Nacken, dort wo die Bluse -sich ablüpfte, wenn ich ihr in den Mantel half. Ich kannte genau die -Form ihrer Stirn und jede Bewegung ihres Mundes, und viele ahnte ich -voraus und erwartete sie, und all dies ward mir sehr lieb. Ich erinnerte -mich: dies hatte ich schon früher erlebt, und doch war es dadurch nicht -abgenützt worden. Ich dachte aber nicht, daß ich sie küssen möchte, denn -so besonders war mir noch von der Krankheit her. - -Aber siehe da, plötzlich eines Nachts, schrieb ich diese Verse auf: - - Diese Nacht aus dumpfem Schlummern - Fuhr ich auf: das Schweigen dröhnte - Mir ans Ohr, doch spürt ich: andres - Dröhnen, Fausthieb, Fausthieb draußen, - Zornig auf des Tores Bohlen - Jagte mich empor. - - Gleich da wußt ich draußen stehen - Ihn vorm Tore, Eros, jenen: - Eros mit den Löwenfüßen, - Eros mit den Geierschwingen, - Eros mit dem Fackelantlitz - Donnerte ans Tor. - -Am folgenden Morgen dann, siehe da gingen mir die Augen auf, und ich -erkannte, daß sie weiblich war. - -Bald darauf stellten sich von Augenblick zu Augenblick Worte oder -Handlungen ein, die sich auf keine Weise besser begleiten ließen oder -gar ausdrücken als durch einen Kuß, und ich küßte sie zum Dank, daß sie -das Frühstück brachte, beim Gutenachtsagen, beim Morgengruß, beim -Klettern über eine Buhne, beim stillen Hinaussehn über die See, kurzum -bei jeder Gelegenheit. Küssen ist, wie wenns regnet; erst wenig, dann -immer mehr. - -Sie aber, sie hatte auf meine Veranlassung angefangen, mit mir zu -frühstücken, mit mir spazieren zu gehn, sich vorlesen zu lassen, lange -mit mir zusammen zu sein, schließlich auch sich küssen zu lassen und -wieder zu küssen. Ich bedachte mich zuweilen, was in ihr vorgehen -mochte. Sie äußerte nichts, außer auf Befragen. Und dies mocht ich nicht -fragen, denn dann hätte der immer noch in der Entwicklung sich windende -Satz plötzlich ein Ende genommen, ob mit Fragezeichen, Rufzeichen oder -Punkt, -- jedenfalls ein Ende, und ein ganz neuer hätte begonnen. Ich -dachte: sie ist doch klug, sie sieht kein Ding halb, sondern rund, wie -zum Beispiel auch den Mond, von dem man weiß, daß er rund ist, obwohl -scheinbar eine Sichel. Nur: sie tat zu alledem nichts dazu. Sie schien -immer mit allem zufrieden. - - * * * * * - -Ein Winterabend. Im Dunkel trat ich aus meiner Tür, ausgewiesen nämlich -vom dortigen Eros. Unwandelbar dröhnte der Ozean. Das Tal unter mir -schimmerte mattweiß, eine dünne Schneedecke war drübergefallen, es -rieselte noch in der Luft, es war kalt. In der Tiefe zur Rechten zwei -rötliche Rechtecke -- die erleuchteten Fenster in Bogners Haus; in der -Tiefe mir gegenüber ein gleiches. Dorthin ging ich; nicht daß ich -erwartete oder verlangte, aber -- was konnte nicht möglich sein? - -Mir begegnete nichts unterwegs. Tote begegnen nicht, sie sind Wink. Ein -roter Becher bei einem brennenden Leuchter ... nahe darunter ein niemals -vergehendes Lächeln. Jedes Lächeln nimmt ein Ende zu seiner Zeit. Dies -endete niemals. Siehe da, welch eine Schattengestalt über den Lichtern? -Josef Montfort. Zwei Tote. Damals zusammen, heut wieder zusammen; so -stellten sie sich mir dar. - -Ich kam aber durch die hartgefrorenen, dünn schneeüberzogenen -Gemüsefelder an das Fenster, das zu ebener Erde liegt, und schaute -hinein. Irgendwo stand ein brennendes Licht. Der Raum war klein und -niedrig. Sie stand vor einem geöffneten Kleiderschrank, hängte eine -blaßrosa Seidenbluse über einen Bügel, diese in den Schrank hinein und -schloß die Türen; lautlos, denn in der Nacht brüllte der Eros über die -See. Da klopft ich ans Fenster. Sie kam und machte auf. Ich sagte wohl: -Guten Abend! und: Noch nicht schlafen gegangen? Sie antwortete dies und -das; wir küßten uns dann wohl. - -Und es hatte nunmehr jene Frage zu kommen, die aussieht wie alle andren -Fragen, die aber am unsichtbaren Faden weit hinter sich her etwas zieht, -das nicht den geringsten Zusammenhang mit ihr hat. Ich fragte nämlich, -ob ihr auch nicht kalt sei. -- Sie konnte nun dies oder jenes antworten, -es gab auf jeden Fall ein Gelenk, und sie sagte: Es geht -- und Ihnen? --- Nun tat ich scherzhaft, als ob ich gewaltig fröre, um Grund zu haben, -sie fest an mich zu drücken, worauf sie wiederum -- übrigens aus keinem -besondren Grunde -- tat, als ob ich ihr wehtäte, und sagte: Ich sollte -lieber hereinkommen. Da schloß sich denn der Ring zur ersten Frage mit -meiner letzten, (die ich jedoch erst nach einer Weile tat, damit sie -auch recht bedeutungsvoll erschiene, und während der ich sie mit -Behutsamkeit an dieser und jener Stelle des Gesichts küßte:) Ins -Wohnzimmer oder in dieses? - -Eine Antwort erhielt ich naturgemäß nicht. Aber nach wenigen Sekunden -hatte die Erwiderung meiner Küsse einen andren Schmelz, und ich hielt -einen andren Menschen im Arm. -- -- - - Und als sie wieder lagen auf bekränzter, - Ermüdete, auf schmaler Lagerstatt, - Stand auch der Geierfittich sanft am Fenster - Und lächelte auf das erglänzte Watt. - -Es schien nämlich (ganz nutzlos, aber doch überaus frohgemut und -strahlend über seine Anwesenheit) schien der Mond vom Himmel herab, als -ich wieder aus dem Hause trat, und geleitete mich mit meinem Schatten -wie mit einer Hand fürsorglich durch das Tal bis nach oben vor meine -Tür, wo er zurückblieb. - -Wieder einmal aber, schlafesunbedürftig sitze ich nun in der langsam -verhauchenden Wärme des Ofens, verzeichne eine Stunde dieses nie zu -begreifenden Daseins, blicke von unten in die Lampe, bin besonders -ruhig, allem Ewigen so fern, ein kleiner Mensch im Gehäus, und ich -beginne fruchtlos zu staunen über die Ahnungslosigkeit unseres Seins. - -Da doch immer wir selber es sind, die alles tun, was unser Leben -ausmacht, wie unbegreiflich, wenn man sich hineinversenkt, scheint es, -daß wir vom tausendsten Teil des allen, solange es gegenwärtig ist, -nicht die wirkliche Bedeutung erfassen. Was würden wir sagen, wenn bei -der Begegnung mit einer fremden Frau ein Dritter uns darauf aufmerksam -machen würde, daß uns über Jahr und Tag ihre besondre Art, das -Strumpfband zu verhaken, nicht unbekannt sein würde und keine besondre -Sache, und daß wir zusammenschliefen in einem noch nicht einmal gebauten -Bett? - -Es geschieht auch wohl einmal, daß die gewohnten Zusammenhänge mit -unsrer Umgebung und uns selber unvermerkt sich in nichts auflösen; wir -sehen mit einem Schlage auf uns selber herunter wie von einem Stern, -sehen uns und unser Erdendasein in einem fremden Licht, im Licht der -Lebensart auf jenem Stern, und da kommt es uns so fremd und ohne Sinn -vor, daß wir uns fragen: Dies sind die Dinge, die dorten vor sich gehn? -Dazu wird dorten gelebt? Warum sind sie so? Welche Gründe haben sie zu -all diesem? Was frommt ihnen dies? Was haben sie davon? - -Antworten aber giebt es keine. Aber so erkannte ich auf einmal sie und -mich ganz von oben in jener Stunde, wo ich mich neben ihr in dem -bäuerlichen Schrankbett fand, ausgestreckt auf dem Rücken, die Hände -unter dem Kopf. Ich hörte dumpf das Brausen der See. Ein Licht in einem -Holzleuchter, bestehend aus einer größeren rot- und drei kleineren -grünlackierten Kugeln als Füßen, bewegte leise die goldene Flamme mit -gasblauem Kern im Luftzug der nahen Fensterfuge; dahinter hingen die -stillen, weißen Gardinen hellbeleuchtet; es stand auf einem einfachen -Tisch, hellblau gestrichen wie die übrigen Möbel, Stühle, Waschtisch, -Kommode, Schrank -- mit bunter Blumenmalerei -- und hinter allen, die -Wände empor, waren die stillen Schatten. Zwischen mir und der Wand im -Bett aber saß, die Arme um ihre Knie geschlungen, das Kinn fast darauf, -Cornelia, und ihre Augen, groß, rund und dunkel, waren ohne Bewegung auf -das Licht gerichtet, von dem sie erglänzten. Sie sah aus, als wüßte sie -genug. Weich und gerötet war die Haut ihres Gesichts. Sie sprach kein -Wort wie auch ich. Und sie und ich, so enge beisammen, sie saß und ich -lag, und wir dachten Beide weit weg unsrer Toten. - - - (Von Bogner) - -»Rembrandt,« sagte Bogner, »er mußte nur immer malen.« - -(Ich hatte Bogner mit einem großen und roten Buch voller Wiedergaben -Rembrandtscher Gemälde angetroffen, und wir sprachen darüber.) - -»Er mußte nur immer malen, und um ja nicht nachdenken zu müssen über -einen Gegenstand -- denn was ihn anging, war immer nur das Eine: das -Leuchtende, wie es aufblüht aus der Nacht! -- so malte er unaufhörlich -sich selber. Sieh doch nur,« sagte er blätternd, »diese ungeheure Anzahl -von Selbstbildnissen! Und nun sieh nur einmal, wie er es anstellt, -Abwechselung zu gestalten! Hier, hier hast du drei, sieben, vierzehn -Bilder aus benachbarten Jahren, aus demselben Jahr! Immer derselbe -Mensch, und immer ein Andrer. Das ist die Kunst des Entfremdens. Ja, -glaubst du, er hatte sich so verändert in so kurzer Zeit? Sieh doch an, -was macht er hier? Er runzelt die Stirn, und schon wards ein andres -Gesicht. Er setzt einen Hut auf, eine Mütze, einen Helm, eine -Sturmhaube, und die geringe Veränderung, die der Kopfschmuck bewirkte, -breitete er aus über das ganze Antlitz, und es gab neue Schatten, neue -Lichtflächen, und schließlich bildete er sich alles nur ein und konnte -Runzeln oder Falten oder Furchen, Glätten oder Rauhen oder Rundungen -sehen, wo gar keine waren, gar keine. Sieh doch das hier! das --« er -lächelte, »ja, da haben sie darunter geschrieben >Bildnis eines jungen -Mannes<. Meinst du vielleicht, das wäre er nicht? Und hier --« er zeigte -auf ein Bild, unter dem ein Name stand, den ich nicht im Gedächtnis -behielt -- »das ist er natürlich selber! Seine ganze Phantasie -- glaube -mirs, Georg -- bestand im Verändern. Sieh doch hier diese Landschaft mit -den geisterhaften Bäumen! Das ist nicht wirklich und ist nicht -empfunden, nur sein Dämon griff hinein, riß und bogs auseinander und -stellte sich mitten hinein.« - -Er schwieg, schlug langsam die Seiten um, und ich sah, daß er zu den -Altersbildern gelangt war. Gleich darauf begann er wieder, furchtbar -ernst: - -»Und nun sieh hier das. Siehst du, da kam es! Jahrzehntelang hatte er -Mummenschanz getrieben mit seinem Gesicht, und nun -- nun sitzt -plötzlich einer innen und verändert willkürlich, von innen! -- Da! -siehst du das? Wer ist das? Ihre Majestät die Ruine. Nun kann er sich -jeden Monat malen und jede Woche, jeden Tag, ja, jede Stunde -- es ist -immer Verfall. Er zerfällt, er zerblättert fürchterlich, es bläht ihn -auf, es sackt wieder zusammen, es glotzt aus ihm, es grinst, es -schluchzt, es sickert, es bröckelt, es -- zerfällt, zerfällt, und er -- -er malt es, malt es, er ist ganz blöd, er denkt bloß, daß ihm auch das -Verändern jetzt abgenommen ist, und daß diese Art des Veränderns noch -genialischer ist als die eigene Methode, und er malt, halb blind, -besinnungslos, ein Schwamm, ein morscher Stumpf, der phosphoresziert! -Sieh die Gesichter, diese Larven einer Armenhäuslergalerie, diesen -Katalog aller Krankheiten, ohne Geist und ohne Seele, ohne Zukunft, ohne -Gott, nur noch Schicksal, wütendes Schicksal des Malenmüssens, das in -seiner leiblichen Hülle sitzt. Und malt er denn noch, er? Seine Hände -malen, in seinen Händen sitzt das Malen und rast mit den Pinseln, ohne -Farbe, ohne Leinwand, ein Stück Brett und nasser Lehm, mehr ist nicht -nötig für den glorreichen Triumph seiner Hände, drin die Natter Gicht -sich verbiß. Und so bis zum letzten die ewige Glorie: Licht! Licht! -Licht! das die vergrämte Ruine mit Seelenblut überlodert, die goldene -Quelle, das ewige Rieseln aus der Nacht -- Gott im Himmel, Georg, wenn -aus Baumstämmen vom Druck der Jahrtausende Kohle wird, und aus Kohle -Diamant: so müssen seine Augen, als er endlich tot lag, zwei Demanten -geworden sein, zu lauter kristallenem Licht gepreßt in der ewigen -Faust.« - -Er schwieg. Ich dachte: er spricht von sich. Scheinbar aber hatte er -doch an sich selbst nicht gedacht; er machte jetzt das Buch, das er im -Schoß hatte, zu, legte es vor sich auf den Tisch, trocknete die -übergelaufenen Augen und sagte nun mit sanfterer Stimme: - -»Immer muß ich bald auch an van Gogh denken, wenn ich mich auf Rembrandt -besinne.« - -Ich meinte, da er wieder verstummte, das sei wohl der Fall, weil für ihn -das Malen so sehr das Einzige, so sehr eine Raserei gewesen sei wie für -Rembrandt. - -Das nicht, erwiderte er. Dazu seien sie doch von zu verschiedenen -Größenmaßen gewesen. »Raserei, sagst du. Ja, aber bei van Gogh doch nur -die eines Menschen, während die Rembrandts an den Niagara denken läßt -oder auch an eine dieser gewaltigen Maschinen, die still zu stehn -scheint mit allen Rädern und Riemen, obwohl sie in ungeheurem Schwunge -ist, und die dabei so sorgsam, zart und genau arbeitet wie eine -Spitzenklöpplerin. Van Gogh flackerte ja. Nein, ich meinte den -Gegensatz, nicht ein Gemeinsames. - -»Ihrer beider Wollust war -- bis zum Äußersten, wie bis zu einem -gewissen Grade in jedem Maler -- das Licht. Da war nun van Gogh leider -von einem blinden Teufel besessen, der ihn zwang, geradeswegs mitten -hineinzusehn in das Licht -- und das malen zu wollen. Und -- siehst du --- da flackerte alles und zerstob zu Myriaden bunter Funken. Ich weiß -nicht, wie sein leiblicher Wahnsinn an ihm sich geäußert hat, aber ich -könnte mir denken -- weil er so besessen war von der flammenden -Erscheinung der Sonne --, daß er im Irrsinn nichts andres gewollt hat, -als geradezu die Sonne malen -- wie er es zuvor versuchte mit Hülfe der -Landschaft --, nämlich ihre flammend brodelnde Goldscheibe selbst und -sonst nichts. Und so, verstehst du? hat er die Wahrheit doch nie gesehn. - -Die Sonne, Georg, was liegt denn an der Sonne? Wenn ich blind bin, ist -deshalb kein Licht? Die Sonne, hat sie nicht dunkle Strahlen der Wärme? -Und der blinde Leib, hat er nicht seelische Strahlen eines Lichts? Was -van Gogh sah, war die Erscheinung, das Sein, das seiende Licht, das von -außen in ihn eindrang. Was liegt an ihm? Was ist selbst Dasein? Dasein -ist nichts, Zeugung ist alles. Und -- es zeugt, das Licht, das ist die -Wahrheit! Es hat gezeugt -- diese Erde, diese Wälder und Äcker und das -Meer, jeden Baum, die Tiere und den Menschen und seine Seele. Es zeugte -aus uns den Flammengeist, und es zeugte die Weiße der Narzisse; es -zeugte die Wärme des Blutes und die Glut des Herzens. Die Wärme, Georg, -die Wärme! Die aber hat er gefühlt, Rembrandt, und die hat er gemalt, -Rembrandt! Er sah -- die Nacht. Und in der Nacht sah er sich zeugen: das -Licht, das ewige Juwel, die Wonne des erleuchteten Daseins mitten im -Finstern, und Entzücken strahlte ihn an aus der Nacht, und so malte er -das Licht in seiner unendlichen Fruchtbarkeit. Er malte es als Maler an -malerischen Dingen. Er ließ es saugen am riesigen Leibe der Nacht, und -überall taten sich Adern auf, und es schmolz hervor: Juwelen und Perlen, -die Brokate und die Spitzen, Fahnen und Harnische und Fackeln, -Stickereien und Sammet, das Lachen der Saskia und der Körper Hendrikjes, -und hundert Male immer wieder -- nur noch Leuchter fürs Licht -- das -eigene Antlitz, und hinter dem Antlitz die eigene, brennende, brodelnde, -wollüstige, trinkende, schaffende, zeugende Sonne der Seele. Das ganze -Dasein war ihm eine unendliche Nacht voller tausend Geschichten, die -sich fortzeugten auseinander, und die ganze Nacht nur ein riesenhafter, -schwarzer Spiegel, in dem meilenfern, ein verlorener Funken Goldes, -widerglänzte die eigene Seele, ein Tropfen an Gottes Wimper.« - -Dies, dachte ich, als ich durch die brausende Nacht zu mir hinüberging, -blindlings im völlig Schwarzen, dies ist nun Bogner? Dieser einst -gelinderte, wortkarge, sparsame Mensch? Freilich: damals malte er, die -Seele glühte sich schweigend aus; nun muß sie reden und verbrennt dabei. -Und ich erschrak, da ich bemerkte, daß ich nicht der einzige Unselige -bin auf einer so kleinen Insel. - - - Fünftes Kapitel: Dezember - - - Aus Georgs Papieren - -Von Zeit zu Zeit ereignet es sich wohl einmal -- zumeist wenn ich sitze -und schreibe --, daß hinter meinem Rücken in der Nachtferne etwas mir -vorhanden scheint, das ich mehr empfinde denn sehe als: Land. So eine -dunkel verdämmernde Fläche nämlich ohne Umrisse, von unsichtbarem Leben -überwebt -- das Land, das meinen Namen trägt (obwohl wiederum selber ich -ihn nicht trage, aber wer weiß das?). Dazu ein Staat, der in -hunderttausend Gehirne geprägt ist als das Bild eines Berges, auf dessen -Spitze ich stehe. - -Und ich denke weiter: Hunderttausend Menschen -- was liegt an der Zahl? --- sind dort, die an jedem Tage zumindest einmal ein Wort sagen oder von -bedrucktem Papier lesen, einen Titel, unter dem sie mich zu fassen -glauben. Mitunter, wenn sich ihrer Mehrere zusammentreffen, machen sie -ein Bündel aus ihren Köpfen und -- nun, aus den mehr oder minder -abenteuerlichen oder mitleidigen oder argwöhnischen Vorstellungen, die -sie sich machen mögen, ein paar willkürliche herauszugreifen und -aufzuschreiben, das hat wenig Sinn. Es kommt auf die Tatsache an, die ja -nun fast von einer metaphysischen Bedeutsamkeit ist, denn was ist in -Wirklichkeit an mir und ebenso an jenen Erdbewohnern, das diese Art von -immerhin besondrem Schauer in ihr Empfinden von meinem Dasein mischt, -denn sie mögen mich nun achten oder verachten, mich für mehr oder nur -soviel wie ihresgleichen halten, gut von mir denken oder böse: dieser -bestimmte Schauer ist immer da, war da von dem Augenblick an, wo ich -jenen Titel bekam wie ein Kleid, also daß ich seitdem tun oder denken, -sein und treiben kann, was ich will: den Schauer verliere ich so wenig, -wie ein Mensch seinen Schatten verlieren kann. Es ist beinah wie mit -Gott. Die Welt mag sein, wie sie will, den Menschen darin mag es -ergehen, wie es wolle: Gott bleibt ihnen immer Gott, und ob der eine nun -sein Wirken darin sieht, daß sein kranker Bruder gesund wird, der andre -darin, daß ein Erdbeben kommt, der dritte darin, daß er anstatt den Hals -nur das Bein brach, und der vierte darin, daß sein Nachbar an derselben -Krankheit starb, die er überstand: Gott bleibt immer derselbe Gott, sie -glauben an ihn, und er kann sich auf keine Weise verändern. - -Und weiter, was jenes Land angeht, so bin ich es, der darin diesen und -jenen, mir ganz unbekannten Menschen veranlaßt, eines Tages mit seiner -Familie und aller beweglichen Habe von Süden nach Norden zu reisen, und -einen ähnlichen von Osten nach Westen; ja, es geschieht Tag für Tag, daß -nach meinen Angaben Leute von einer Stelle weggenommen und an eine andre -gesetzt werden, wo wieder Andre erst fortgenommen wurden, die zu einer -dritten geschickt werden, und so fort. Sterne und Kreuze aus Metall -werden in meinem Namen verteilt und als besondre Geschenke von mir -angesehn, Urteile ganz fremder Leute über Andre werden gültig durch -meine Unterschrift, und in Kirchen wird für mich gebetet. - -Telemach, begreifst du? Sollte es sich jemals verstehen lassen? -Verstehen, daß wirklich du es bist, der gemeint ist? Und solltest du -jemals nicht jenseit sein können von alledem, sondern darin? - -Nein, dies wird niemals möglich sein, weil es niemals hat möglich sein -sollen. Die Schnecke wird erst nackend geboren und bildet sich hernach -ihr Gehäuse, und ich bin nackend herumgelaufen Jahr um Jahr, aber das -Gehäuse, das auf einmal gebildet war, es war nicht von mir geplant, und -wer hätte auch von einer Schnecke gehört, für die ihr Gehäuse eine Last -ist, die sie langsam zu Tode würgt? - -Nur so viel sieht Telemach ein, daß es doch möglich ist, darin zu wohnen -für eine Weile. - -Da ist ein Tisch, und ich gehe um den Tisch. Was liegt an Tagen? Ich -gehe linksherum und rechtsherum, tagein und tagaus, und fange an zu -bemerken, daß sich eine Spur bildet in der Farbe der Dielen. Was Schlaf -ist, habe ich auch einmal gewußt; nun ist es ein fliegender Rauch, durch -den die allstündlichen Bilder wirbeln aus Wachsein in Wachsein hinüber. -Es ist nicht genügend Einsamkeit vorhanden. Die Wintersee ist so laut -geworden, daß die Andern und ich es aufgegeben haben, miteinander zu -reden, -- dann züngelt die rasende Ungeduld aus mir, wenn ich sitze und -sie sitzen sehe, der letzte bange Rest Menschenliebe windet und verzehrt -sich in meinem Herzen, und ich denke, daß ich bald nicht mehr kann. - -In eine hohe Flamme zu steigen wie in ein Bad und drin prasselnd zu -stehn, müßte das nicht wollustvoll sein? Ich brenne allzeit, und mir -wird nicht einmal warm davon. Ich rüttle an den Steinen des ewigen -Geduldspiels, aber wie ich die Steine einmal zusammengefügt habe, so -stecken sie nun, und keiner weicht von der Stelle. Ich hoffe, rasend zu -werden, und bemerke, daß ich mit der Zeit vielmehr in Ordnung gekommen -sein muß, denn nicht immer, wenn ich schreibe, muß ich wie ehedem jede -Laus von Wort, die durch mein Gehirn läuft, aufs Papier streichen, -sondern ich lasse sie sitzen. - -Oh Himmel meiner endlosen Tage wie so grau! Wiesen des Sommers und ihre -Aurikeln, blaues Wogen des Jugendtags, wart ihr wirklich einmal? Ein -Knabe klettert hoch am Sockel der Sonnenuhr, deckt Zeiger und -Zifferblatt zu mit dem eigenen Schatten, sucht und wundert sich, nichts -drauf zu finden, was ihm die Stunde anzeigt -- -- es ist keine Stunde, -und dies war die Jugend. In der tiefen Scharte meines Fensters sehe ich -ein Stück wankender Wasser, grau und voll gelblichen Schaums, ein -Hundert Wellenköpfe in jagendem Durcheinander, immer dieselben, die auf -mich zutaumeln und unter mir im Unsichtbaren verschwinden, und ich sehe -und sehe. - -Oh ein Zeichen, das Zeichen gieb, heilige Allmacht! Halte mich doch -nicht mehr auf, laß mich doch los! All ihr unendlichen Mächte, was -verschlägt es denn, ob einer getröstet wird? Wenn ich auch schuldig -wurde an Menschen, so warens doch immer solche, die ich liebte, und -ge--, oder hätte ich besser hassen sollen? Ja, war es dies, daß ich lau -war, nicht böse, nicht gut, nicht kalt und nicht heiß, und soll ich -darum, darum in alle Ewigkeit sitzen zwischen Leben und Sterben? - - - (Von Bogner) - -Das fehlte noch! Heute sagte Bogner: er fände die Welt in Ordnung. Ja, -wie soll man da widersprechen? Er hat es entschieden, und nun war es so. -Mitten in der Nacht war er aufgewacht und hatte diese Entdeckung -gemacht. Erstens: die Welt; zweitens: in Ordnung. - -Danach bewies er es mir auch. - - * * * * * - -Es wurde sehr spät gestern nacht über Erzählungen Bogners von Frankreich -und Spanien. Später kam er auf einige besondre persönliche Erlebnisse, -und dann fand ich mich dabei, wie ich ihm von Cordelia erzählte. Am -Schlusse unterließ ich dann nicht eine besondre Darstellung meiner -Verschuldung, zu der mir im Laufe der Zeit ein neues Ingredienz bekannt -geworden war, nämlich daß ich sie nur aus Lüsternheit suchte, nicht aus -Liebe; daß sie mich deshalb nicht für ihr so nahe halten konnte, um ihr -Geheimnis zu beichten; daß also, wenn meine Sinnlichkeit schon in -früheren Jahren ihre notwendige, regelmäßige Stillung gefunden hätte -- -und so weiter. - -»Der Fluch der Lüsternheit über der Menschheit«, sagte er, »ist der -Schatten eines Segens und darum unheilbar. Im Grunde davon wohnt einer -der beiden tiefen, alles beherrschenden Triebe, deren einer zielt nach -dem Lichte, deren andrer nach dem Dunkel. Niemand liebt wahrhaft das -Licht, der nicht auch die Nacht liebte; niemand wahrhaft die Nacht, der -nicht auch das Licht liebte. (Darum beginnt Novalis den Hymnus auf die -Nacht: >Welcher Lebendige, Sinnbegabte liebt nicht vor allen -Wundererscheinungen des verbreiteten Raums um ihn das allerfreuliche -Licht ...<) Im Licht ist das Wissen, im Dunkel das Geheimnis. Wir sehnen -uns nach dem Wissen und sehnen uns nach dem Geheimnis. Wir sehnen uns -nach dem Verhüllten, das für den Dumpfen das verhüllte Nackte ist. Er -will nicht das Nackte, er will das geheime Nackte. Wäre es nicht geheim, -so wäre es kaum noch. - -»Der aber«, sagte Bogner, »ist der Heilige, der das Geheimnis weiß im -Licht.« - -Und der, setze ich nun hinzu, ist der Glückliche, der ewig ein Geheimnis -pflegen kann -- es besitzend, ohne es je zu durchschauen --, dem es -selber zur Magie geworden ist: der Dichter. - -Hielt ich mich selbst nicht für einen? Heute weiß ich nicht einmal, wie -ich davon abgekommen bin. Es vollzog sich die Einsicht wohl mir selber -unvermerkt im Wirbel des Übrigen, und nun erst, ganz plötzlich, fühle -ich einen Schmerz. - -Ich sehe Bogner, wie er war, wie ich noch immer glaube daß er ist, und -sehe, daß es ein unmenschliches Glück sein muß, ein Glück über allen -Glücken, Dichter zu sein. An jedem Tag die Quellen seines Lebens strömen -zu lassen, sich selber hundertfach sichtbar zu sehn und zu haben im -erschaffnen Gebilde! Sich im Stande der Gnade zu fühlen, einsam, einzig -mit den Wenigen, oh Flügel an die Füße selbst in den erzschweren Stunden -des Seins! Was könnte einem Solchen geschehn? Muß ihm nicht alles zum -Besten dienen? Muß ihm nicht Honig fließen aus jedem Ding, das er selber -erst zur Blüte wandelt, sei es giftig oder rein, gemein oder edel -- aus -jedem strömt ihm eine, die seine Kraft. Die gehäufte Welt ist sein -Thron, seine Schatzkammer das Firmament, er allein besitzt die Erde, da -er sie machen kann. Ungeheuer sein Stolz wie seine Demut. Mich faßt ein -unendlicher Jammer an, wenn ich der Ärmsten unter den Armseligen -gedenke, der Dichter, die es sind und dennoch nicht glücklich. Die eine -Begierde haben können, außer der einen, tausend Jahre so leben zu -wollen; die nach Ruhm begehren, nach Achtung und Liebe der Menschen, -nach Brot. Die das Heilige erniedrigen können, indem sie es zu einem -Mittel ihrer Notdurft machen. Denen es nicht Wonne ist, zu dulden dafür, -daß sie so sind. - -Da an Gott das einzig Wesentliche ist, daß er ein den irdischen Trieben -und den menschlichen Zwecken nicht unterworfenes Wesen sei, so giebt es -nur einen Menschen, der seiner entraten kann: den Dichter. Er allein muß -ja erkennen, daß sein innerster und einziger Lebenstrieb ihn zu einem -mit keinem irdischen Nutzzwange verbundenen Tun zwingt, unweigerlich, -wider seinen eignen, kleinen Willen, unbeeinflußbar von ihm selber. Wenn -er zeugt, so zeugt er wie der Gott: allein um des Zeugens willen. Alle -können anders; er muß das Eine. - - Ich aber bog den Arm an seinen Knieen, - Und aller wachen Sehnsucht Stimmen schrieen: - Ich lasse nicht -- du segnetest mich denn! - - * * * * * - -Damals, als Bogner das Wort >Geburt< vor mich hinstieß wie die Faust mit -dem Schlüssel, der den Zugang zu den Müttern eröffnen sollte, mich in -meinen Festen schon als Ahnung erschütternd -- damals genügte mir der -Schlüssel, ich war froh, das Kleinod im Geheimnis zu haben, froh, es nur -zu wissen, vom Gedanken an es mich immer wieder süß durchzucken zu -lassen. Nun ist mit der Verflüchtigung der Zeit auch die Wißbegierde -gekommen, der Zweifel mit seiner Stimme: ganz hinunter gelangst du ja -doch nicht, so geh wenigstens tiefer. -- Heute fragte ich Bogner: - -»Du mußt mir nun sagen, wo der Anfang war. Ich sehe die Kindheit wie -eine Wand, mit der alles ein Ende nimmt. Du sagtest das selber. Und was -ist das mit dem Geheimnis? Du sagst: der Schauder vor dem Geheimnis sei -unsre ganze Lust. Aber _warum_ ist sie das?« - -»Ja,« sagte er, »auch ich glaube, daß mit der Kindheit alles ein Ende -nimmt, und auch ich habe in diesen Tagen wieder und tiefer darüber -gedacht. So laß uns doch einmal erinnern. - -»Ich will dir sagen, was meine fernste Erinnerung ist. Zuerst ein -schwarzes Unbegreifliches voll Kampf und entsetzliches Grausen. Ein -Erwachen dann, ein sanfter, ferner Goldschein; ein Schatten im Golde, -und in dem Schatten das nicht zu beschreibend Tröstliche, alles -Stillende, Sichere, ein Gesicht, ein Paar Augen. -- Solltest du das nie -erlebt haben?« - -Seine Worte hatten mich in eine seltsame Magie versetzt. Ich glaubte zu -sehen, was ich nie gesehn hatte. Ich wollte mich schon wieder -herauszerren aus diesem, weil ich glaubte, es sei Einbildung, ich sähe -nur, was er zeigte. Allein plötzlich, bei der Vorstellung jenes -Schattens und seiner Augen geschah das Seltsame, daß ich ihn sah -- -nicht aber mit zwei Augen, sondern mit nur einem. Das saß in der Mitte, -unter der Stirn. - -Der Maler schwieg, ich nahm alle Willenskraft um mich zusammen und -dachte. Da geriet ich besondrer Weise in einen Schwarm von tausend -wütend wirbelnden Vorstellungen, Bildfetzen ohne Beziehung zur Stunde. -Bis dann plötzlich mit einem Ruck dieses riß, und ich sah -- Ihn. - -Ich war ein Knabe, er hob mich auf, er setzte mich auf sein Knie, und -ich -- fürchtete mich vor ihm. -- Warum das? Ich soll ein wenig -geschielt haben als kleines Kind, und ich fürchtete mich vor ihm: weil -er nur ein Auge habe. Seine eng beisammen sitzenden Augen hielt ich für -nur eines und fürchtete mich. - -Es durchsauste mich, als ich es bedachte. Er, immer Er! Er war die -Erscheinung, der eingeäugte Schatten, und damals hatte ich keine Furcht. -Warum kam sie später? - -Ich wollte es Bogner sagen, aber siehe da, ich konnte ja nicht! Wie soll -ich seinen Namen sprechen? Kurz und gut, ich sagte ihm so viel, daß ich -mich an Ähnliches zu erinnern glaubte. - -»Und dies,« sagte er nun, »dies war der Anfang. Wie hieß der Anfang, -Georg? Angst. Nun wollen wir an unsre früheste Kindheit denken, an -damals, als wir Menschen waren und noch ganz Kinder. Damals war Wald, -und Verirrtsein im Wald, und die Dämonen, die hunderttausend Mächte der -Angst, die böse Natur. Damals brach in den riesenhaft umgewälzten -schwarzen Klumpen, der wir selber waren, ausgedehnt in die Urwaldsnacht -und verschmolzen mit ihr, in ihn brach der Morgen hinein. Eine Sanftmut -ging hervor, öffnete alles und machte es lind. Licht kam und war -tröstlich. Uns segnete die Blaue. Und das war Gott. - -»Die Sanftmut, das Heilende, die Sicherheit der Wiederkehr (>Noch -niemals blieb der Morgen aus, der lichtend -- Das Tal ihr wieder wies, -das duftig bläut<) und die Hoffnung: all das und mehr wurde Gott. - -»Und weiter, Georg: Wenn die Pferde einen Gott hatten, wie würde er -aussehn? Wie ein Pferd. Wir Menschen gaben ihm menschliches Gesicht, und -da in Urzeiten und bis spät hinauf nur der Mann etwas galt, so wurde der -erste Gott männlicher Gestalt. Später kamen die Mutter, das Weib, die -Jungfrau am Ende im Kleide vom himmlischen Blau. - -»Aber ein Tiefers ist in diesem. Denn wer war das, Georg, der am Morgen -in unsre Wälderangst trat? Wer war der Tröstliche, der im Lichtschein -erschien, als wir Kind waren und vergingen in der Angst unsrer Träume? -Der uns anblickte und uns zusprach und --« - -Ich bat ihn, zu schweigen. - -Er dachte wohl, es seien Trauer und Schmerz um einen Gestorbnen, der -mich weich machte, und begann deshalb nach einer Weile an einer andern -Stelle. - -»Du fragtest nach dem Geheimnis, Georg. Im Anfang war das Geheimnis -schwarz, war Angst, und der Schauder war böse. War die Erscheinung -minder rätselvoll, minder voll Schauder? -- Damals aber mischte sich -Angstgrauen und Lichtgrauen, wie Nacht und Tag sich am Morgen vermengen. -Geheimnis hob nicht Geheimnis auf, sondern jedes vertiefte das andre, -und die ganze Lust der Süße wurde fühlbar erst durch das Grauen zuvor, -und das furchtbare Grauen wurde versüßt durch die Aussicht auf Heilung. -Schon das Kind, das sich fürchtet, im Dunkel einen Gang hinunterzugehn, -lernte es, dieselbe Furcht süß zu finden in Geschichten. Wir waren ein -unendliches Gemisch von Anfang her, aber wir lernten viele Teile davon -erkennen und sie auszuspielen gegeneinander, immer auf der Suche nach: -mehr Süße. - -»Am Ende erlernten wir dann das Wunderbare: das Gesetz. Aller -Geheimnisse süßestes, erkennbar schon am Antlitz Gottes, vor dem -Schwarzes und Wüstenei sich auflösten, sich darstellten gesondert, nicht -mehr erschreckend, sondern bekannt -- aller Geheimnisse süßestes: die -Ordnung. - -»Die Ordnung aber ist das Bekannte. Das Geheimnis der Heilsamkeit ist -das Wiedererkennen, ist die Sicherheit des Einen, das in jedem waltet -und sich gerne verrät. Alle Dinge gingen hervor aus Gottes Hand; in -allen Dingen wohnt seine Form. Wie ward da magisch unser Finger, unser -Ohr, unser Mund! Morgens tropfte auf uns der Gesang der schwarzen Amsel, -und wir horchten, und da war das Gesetz. Im Wasserfall schlief, und wir -weckten es auf, das Gesetz. In unserm Gang das Gesetz, in unserm Antlitz -Gesetz, im Tier das Gesetz; Gesetz, Bekanntes, Ordnung, Heilung, Süße, -Form allüberall. Oh der süßeste Schauder, Georg, den Freund -wiederzuhaben nach langen, schmerzlichen Jahren! Oh der süßeste -Schauder, das Bekannte wiederzusehn im Wilden, Erschreckenden, Fremden! - -»Und dieses wurde das Gute genannt, und alles andre das Böse.« - -»Bogner,« mußte ich plötzlich sagen, »noch eins! Du hast einmal ein -schrecklichen Wort zu mir gesagt; eben fällt es mir ein, du sagtest: Die -Menschen sind alle gut; es will sich nur niemand hindern lassen. Ich -habe es wohl nie verstanden, aber jetzt sehe ich, daß ich immer daran -geglaubt habe. Was heißt es denn aber? Sie wollen also das Gute -- aber -sie wollen sich nicht hindern lassen. Ja, was heißt das?« - -»Habe ich das gesagt?« fragte Bogner nach einer Weile. »Dann wird es -dieses heißen: - -»Du sagst: das Gute. Giebt es ein >das Gute<? Es hat ein jeder sein -Gutes, nämlich was er für gut hält, ohne daß irgendeine Beeinträchtigung -seines Wesens damit verbunden wäre. So ist auch das, was uns ein -Immergutes ist -- Eltern, Geliebte, und was du noch willst --, nicht gut -mehr, wenn es uns hindert. Wir können nur um unsrer selbst willen sein. -Ob wir lieben oder hassen, töten oder uns opfern, verzichten oder -erobern, bitten oder befehlen: all dies geschieht um unsertwillen von -uns, weil wir so sind und so müssen. Was wir Altruismus nennen, kann nur -eine Komponente des Egoismus sein, ob er bis zum Opfer, zur -Selbstvernichtung geht oder nicht. Wir können ewig nur auf egoistische -Weise altruistisch handeln. Und es wäre die vollkommene Art, den -Egoismus zu befriedigen, indem wir ihn in altruistischem Wesen -darstellen. Der Mensch kann nur sich selber gut sein; aber er kann sich -in der Vollkommenheit gut sein, indem er es gegen Andre ist. - -»So gut sein, daß nichts mehr mich behindern kann -- das wäre zu -wünschen. Es wird nicht gehn. Der Tätige kann nicht nützen, ohne zu -schaden. Malen ist gut; aber wenn dein Vater nicht will, daß du malst? -Wenn er aus reinem Altruismus überzeugt ist, es sei besser für mich, -wenn ich nicht male? - -»Darum sagte ich, sie sind Alle gut, denn das heißt: sie wollen Alle -nicht das Schlechte; sie wollen sich nur nicht hindern lassen an ihrem -Guten.« Er lächelte plötzlich. - -»Etwas fällt mir ein«, sagte er dann ernst. »Vielleicht wirst auch du -erst lächeln, wenn ich es dir sage, und doch scheint mir, sind wir damit -am Ersten und Letzten angelangt. Nämlich: das Neugeborene schreit; -ununterbrochen, aus vielleicht gar keinem Grunde, als weil es weiß, daß -es schreien kann, schreit es die ganze Nacht. Das vernünftige Elternpaar -möchte freilich schlafen, allein was hilfts? Es will sich nicht hindern -lassen an seinem Guten, dem Schlaf, aber da es vernünftig ist, -einerseits, und eine Liebe hat für das Neugeborene, andrerseits, und -vielleicht weiß, daß auch das Schreiende nichts will als sich nicht -hindern lassen am Schreien, was tut es? Es läßt sich doch hindern an -seinem Guten und steht auf und beruhigt das Kind. -- Und dies ist der -Anfang.« - -Zu alledem -- nachdem ich es gehört und geschrieben habe -- kann ich nur -Eines sagen: so wenig mir irgend etwas wirklich bewiesen scheint von -alldem, so sehr muß ich daran glauben. Es hat mich beruhigt auf die -absonderlichste Weise. Es ist, als fände ich die Welt jetzt in Ordnung -wie Bogner. Ich weiß nicht; es ist mir so, es ist so. Es ist kühl und -natürlich, es ist gut. Ich weiß, was zu wissen ist; innerhalb ist alles -Geheimnis geblieben, und auch die Grenze rundum blieb Geheimnis wie die -Linie des Himmels auf der Erde. Doch die Linie beruhigt. Es macht -sicher. - - * * * * * - -Wir waren allein, es war spät in der Nacht, die Stehlampe brannte auf -dem Tisch. Er rückte daran, stand dann auf, stand nun mitten im Zimmer, -etwas schief, die Hände auf dem Rücken, ging dann ans Fenster und -stellte sich davor. Von dorther begann er von seiner Mutter zu erzählen. - -Er berichtete erst einiges von seinem Vater, den er als einen Mann -schilderte, schlecht und recht, ohne Eigenart, ohne besondere Gaben, ein -wenig kleinlich, geneigt, zu >nörgeln< oder >mäkeln<, aber mit Maßen und -jedenfalls ohne Heftigkeit. Von seiner Mutter sprach er nicht; nicht von -ihrem Wesen. Dann sagte er: - -»Als meine Mutter fünf oder sechs Jahre verheiratet war, lernte sie -einen andern Mann kennen und lieben. Sie sagte es mir selber, es war -damals, als ich heimging, vor drei Jahren. Ja, da kam sie in der ersten -Nacht, um es zu sagen. Seinen Namen hat sie mir nicht genannt, ich weiß -nichts von ihm, als daß er Schriftsteller war oder Dichter, und das -ergab für mich freilich ein seltsames Gefühl von Verwandtschaft. Es -giebt wohl mehr Kinder, deren Vater nicht der Mann, sondern ein Wunsch -ihrer Mutter war. Mein älterer Bruder und ich selbst waren damals schon -am Leben. Meine Mutter hatte meinen Vater geheiratet, weil ihre Eltern -ohne Vermögen waren, weil sie viel Geschwister hatte, und weil mein -Vater durch mehrere Jahre nicht abließ, sie zu nötigen. - -»Nun wollte sie sich scheiden lassen. Aber er gab die Kinder nicht her -und wollte es überhaupt zu keiner Einigung über sie kommen lassen. Über -ein Jahr lang gab es einen furchtbar häßlichen Kampf. Dann erlahmte -meine Mutter und wurde, was sie während dieses Jahres nicht gewesen war, -wieder die Frau meines Vaters. - -»Aber dies ist es ja nicht. Nun stelle dir vor, Georg: eine alte Frau -von beinah sechzig Jahren kommt zu ihrem lange verschollenen Sohn, der -heimkam. Sie war auch einmal gegen ihn gewesen. Aber nun, wo er kam und -sie ihn so gealtert sah, da weiß sie auf einmal, daß er vieles gelitten -hat, und da steht ihr eigenes Leiden auf, das sie immer verschwieg, und -da muß sie kommen und es sagen und weiß, daß ihr Sohn sie versteht. -- -Und nun sitzt er vielleicht da und denkt an fünfzehn riesige Jahre, und -daß es nun ist, als wären sie nur gewesen, damit sie nach ihnen zu ihm -kommen könnte, und daß sie und er sich verstehen. -- -- - -»Und also fängt sie an, eine alte Frau, die das Ihre berichtet in ihrer -Sprache; die nicht erzählt, sondern der in wirrem Durcheinander hundert -Züge der Erinnerung einfallen; die es nicht darstellt, wie in einer -künstlichen Novelle etwas dargestellt wird, sondern die darüber spricht, -sich beschuldigend, den Mann entschuldigend, den Dritten entschuldigend, -sich wieder ent- und die Andern beschuldigend, und das wieder -zurücknehmend oder aufhebend; immer nach Gründen suchend und doch ganz -ratlos. Sie hatte es gut ertragen, und doch ballte es sich einmal -zusammen und verlangte, gesagt zu werden, und da sagte sie es mir, ihrem -Sohn. Es war doch das Heilige gewesen. Es war das Jahr gewesen, wo sie -über sich stand, wo sie mehr wollte als sich, wo sie sogar ihre Kinder -nur als einen Teil ihrer selbst empfand und sich davon trennen zu können -glaubte. Und sie hatte Moral, sie sagte: die Strafe blieb ja auch nicht -aus ... indem sie meinte, daß ihre Tochter klein starb, und daß ich zehn -Jahre später verloren ging. - -»Siehst du, Georg: man wird doch unruhig, wenn man dergleichen hört, wie -ich damals. Man versuchts doch wieder mit dem Rütteln und sagt: Wenn ... -und: Vielleicht ... Wenn nun ich, als meine Mutter dies erlebte, etwas -älter gewesen wäre und es erfahren hätte? Ich würde mit ihr im Vater den -Feind gesehen haben und sie vielleicht bewogen, von ihm zu gehen. Der -Unbekannte und sie und ich, wir wären dann vielleicht glücklicher -geworden, ich hätte einen Vater gehabt, sie einen Sohn und -- so etwas -denkt man denn. - -»Ich hätte es auch zu einer Zeit hören können, wo ich meinen Vater für -einen Verbrecher und ein Tier gehalten hätte. Ihn, der doch Gewalt -brauchte, wo kein wahres Recht mehr für ihn war; ihn, der eine Frau in -sein Bett zurückzwingen konnte, die ihn nicht liebte, die ihn haßte; und -dies aus nichts als aus Lust, aus Bedürfen. Ihn, der endlich so klein -war, daß er auch in diesem nicht etwas Großes sehen konnte, um sich -dadurch ändern, sich nur auf sich besinnen zu lassen. Hätte er sie noch -gehaßt, sie gepeinigt, sie erniedrigt, so wäre es doch Leben gewesen. -Aber er blieb, was er war, kleinlich, mäkelig, alltäglich. Er war nicht -schlecht; er hatte nur sein Wissen und seinen Besitz, seinen Trauschein -und seine Triebe, und wollte sich nicht hindern lassen an alldem.« - -Bogner sprach längst nicht mehr so gelassen wie im Anfang. Er hatte sich -mir wieder zugewandt, sein zerfallnes Gesicht war gerötet, er versuchte -immer wieder sich aufzurichten, und nun stieß er die gespreizten Hände -hinter sich und sagte mit unterdrückter Stimme der Heftigkeit: - -»Da quälen sie sich und quälen sich und verspritzen ihr Blut in den -Unsinn, tun immer das Falsche, klagen immer den Andern an und weinen und -sterben und haben selber die Schuld. Ich habe jahrelang gehungert, und -das war es nicht! Ich habe jahrelang im Elend und im Finstern gelegen -und geschrieen nach einem Einzigen, der bei mir wäre, und das war es -nicht! Ich bin verzweifelt und hab sterben wollen, ich hab mich -geschändet und gedemütigt und zerknirscht, und all das war es nicht! -Alles das ist vergangen, ist vergessen, und geblieben ist immer nur -Eins, das Eine, das ich nicht kenne, das hier in mir sitzt und sich -abarbeitet, das Unbekannte, das Unmenschliche, nicht Ehrgeiz, nicht -Ruhm, kein Wollen, keine Lust, keine Freude, keine Qual, nur dies -- -Rütteln, dies Rütteln in mir, das will, daß ich male.« - -Er hatte gesprochen wie in einem magischen Zustand. Der fiel nun -plötzlich ab, ich sah ein furchtbares Schaudern über sein Gesicht und -seinen Körper gehen, er ging auf den nächsten Stuhl zu und setzte sich -darauf wie ein Knecht. - -Nach einer Weile sagte er erschöpft: - -»Ich rede von mir selber. Es war nicht meine Absicht.« - -Plötzlich packte er die Kante des Tisches mit beiden Händen, als wollte -er ihn wegstoßen; sein Gesicht veränderte sich in einer schrecklichen -und unmenschlichen Weise, ich glaubte, er würde schreien, aber er sagte -all das, was nun kam, nicht laut, nur mit einer ungeheuren Gedrungenheit -in der Stimme: - -»Und wenn ich jetzt sterbe, und wenn ich jetzt glauben muß, daß es alles -nicht wahr gewesen ist, der Schmerz nicht wahr und die Not und das -Heilige, alles nicht wahr, weil ich zugrunde gehe und mich Lügen strafe, --- ja, wenn es nicht wahr gewesen sein soll an mir, so will ich doch bis -zum letzten Atemzug glauben, daß es Wahrheit ist in der Welt, und daß -diese Not und dies Glück, dieser Druck und dies Heil das einzige ist, -was Leben hat in der Welt! Es braucht keine Götter zu geben, es soll -keine Götter geben, aber -- - -»Aber der Mensch auf seiner Erde, mit strotzenden Armen umspannt er den -Baum und preßt einen Gott heraus, der seufzend sich aus den Blättern -neigt, und Vaterlächeln aus rauschenden Zweigen. Er sät die funkelnde -Drachensaat der Sterne in seiner Winternacht, und es steigen und beugen -sich Gestalten heraus, blühende, Tiere und Menschen, der selige Delphin, -die Jungfrau und der Jäger. Er zeugt dennoch, der Mensch, was größer ist -als er: den Sohn. Er stellt den Sohn vor sich hin und spricht: du sollst -mein Feind sein und über meine Leiche höher steigen, ich soll dein -Knecht sein, dein Widersacher, dein Stachel, deine grenzenlosen Mächte -zu entfesseln, und auf meinen Schultern stehend, sollst du in den Himmel -reichen. Ich soll dich in Bande schlagen, und du sollst an ihnen deine -Zähne wetzen. Ich soll dich verfluchen, ich soll dich durchsäuern mit -meinem Fluch, daß dein Dasein genießbar werde für Geschlecht und -Geschlechter. Ich bin dein Engel, Jakob, ich schlage dich auf die Hüfte, -aber du wirst mir die Krone des Lebens aus den Händen reißen. Und wenn -im Morgengraun nach der langen Kampfnacht über dir die Drossel singt, so -soll dein ganzes Haupt wie eine kalte reife Traube am Berg liegen, -berstend von Süße, ein Wunder der Erde an Erfüllung.« - - - Georg an Benno - - auf Hallig Hooge, im Dezember. - -Ich empfinde die besondre Pflicht und den Auftrag, Dir mitzuteilen, daß -Deine Freundin Ulrika Tregiorni im Begriff ist zu sterben. Im Bewußtsein -Deiner besondren Verehrung für ihr reines und zartes Wesen, will ich -nicht unterlassen, die einzelnen, ihr plötzliches Ende herbeiführenden -Umstände vor Deiner Teilnahme auszubreiten. Sollte das Ende, das wir zur -Stunde nahe befürchten müssen, wider Erwarten nicht eintreten, so werde -ich es Dir am Ausgange dieses Briefes mitteilen. - -Nachdem bis vor wenigen Tagen ein unveränderlicher Nordwestorkan über -unsre Insel getobt hatte, sprang der Wind in einer Nacht plötzlich um, -wehte einen Tag lang warm und nässend vom Lande herüber, legte sich dann -oder verschwand, und über die beruhigte See zog sich ein dichter Nebel, -der die Aussicht verbarg. Ich erinnere mich, daß infolgedessen -ehegestern oder schon vorehegestern (wer hält all die Tage auseinander?) -zwischen Bogner, Ulrika und Cornelia beratschlagt wurde, ob sie, Ulrika, -nicht die Tage der Meeresstille benutzen solle, um jetzt schon zum Lande -hinüberzufahren, wenn auch ihre Entbindung erst in ungefähr einem Monat -bevorstehe; weshalb es dann unterblieb, entzieht sich meiner Kenntnis. - -Wer sich einmal an eine Abgeschiedenheit wie die unsre gewöhnt hat, der -mag eben gar nicht wieder weg. Zwar ich, der ich, wie bekannt, oben auf -dem Deich wohne, im Fenster also das Wasser habe und von der Plattform -meines Turmes aus die ganze See, ich behielt noch ein gewisses besondres -Gefühl von Welt, obschon von Wasserwelt nur. Die Andern jedoch in der -haushohen Umwallung des Deiches, die sie selten ersteigen, leben in -einer warmen Enge, zu der kein Zugang ist, die keinen Bezug mehr zu -irgend etwas hat, die völlig für sich allein da ist, durch Tage und -Nächte überwölbt von dem Donner der See. Der aber war nun verstummt; -plötzlich war in den Häusern der klagende Schrei des Tütvogels hörbar, -langsam dehnte und entfaltete sich die Stille mit dem Nebel und ward -ungeheuer. - -Damit Dir das Folgende verständlich sei, bin ich genötigt, einiges von -einer Unterhaltung zu schreiben, die vor etlichen Tagen zwischen Bogner -und mir stattfand, und der auch die Frauen -- nebst dem notwendigen -Hauptmann -- beiwohnten, diese drei schweigend nach ihrer Gewohnheit. -Die Rede war nämlich angelangt bei den Bewohnern dieser Küstengegend, -ihren Sitten und Eigentümlichkeiten, und hielt alsbald bei der besondren -Erscheinung des zweiten Gesichts, die ich Dir erklären oder, falls Du -Dich an frühere Auslassungen meinerseits erinnern solltest, ins -Gedächtnis zurückrufen werde. Die Erscheinung ist, wie Du weißt, nicht -nur hier auf den Inseln und Halligen nordwärts, sondern auch auf dem -Festlande verbreitet, in ähnlichen Formen zudem in Westfalen und -Schottland. Ihr Ursprung ist vermutlich die ungeheure Einsamkeit -einerseits, welche die in ihr Hausenden zwang, übersinnliche Fäden der -Wahrnehmung zu weit fernen Personen hinüberzuspinnen, andrerseits der -vielfältige Zusammenhang mit abwesend verstorbenen Menschen, das heißt -den auf See umgekommenen Söhnen, Vätern und Gatten. Stelle Dir die -Inseln vor, die winzigen Halligen, überhängt von der stürzenden See, das -Leben dort, im Winter zumal, in den Nächten ohne Ende, die Einsamkeit -dieser Gehöfte und Werften, abgeschnitten durch Wochen und Wochen von -jeder Verbindung, dazu die jahrtausendlangen Kämpfe mit den drei ewigen -Gewalten, See, Wind und Sand, die ohne Unterlaß fraßen, Land fraßen und -Menschen. Da begannen die monatelang Nachricht voneinander Entbehrenden -den furchtbaren Raum der Einsamkeit zwischen sich zu durchstoßen mit -ihrer Seele, die jenseits hervortrat und sich zeigte. Wann gelang ihnen -das? In den besonderen Augenblicken des Lebens, im einzig besondern, in -dem des Todes. Begräbnisse wurden sichtbar, Sarg und die Lichter, Gesang -erscholl, das Trauergefolge zeigte sich deutlich. Und es kamen die Toten -aus der Nacht- und Wasserferne und zeigten sich, so daß man wußte: sie -waren tot. Diese wurden >Gänger< genannt, die Gehenden, Wiedergehenden, -Wiederkommenden unter den Toten. Ich erzählte Bogner den folgenden -Vorgang, den mir ein Pfarrer als eigenes Erlebnis berichtet hat, ein -Mensch übrigens, trocken und klar, ohne unsre Nervenphantasie, wie all -diese Menschen hierzuland. - -Zu Besuch bei einem erkrankten Freunde und Amtsbruder auf einer der -nördlichen Inseln -- große Schafherden weiden dort fast wild; ich vergaß -nun den Namen --, folgte er an seiner Statt der Bitte eines Mädchens zu -ihrer im Sterben liegenden Mutter. Die Strecke zu ihr, stundenweite Wege -im Dünensand, wurde im Wagen zurückgelegt, sie kamen mit Einbruch der -Dunkelheit an, das Haus lag hinter den Haidhügeln der Wattseite, Wiesen, -bevölkert mit Schafen, erstreckten sich von ihm aus zu den Hügeln und -Gletschern der Sanddünen. Du kennst die langgestreckte Form der -niedrigen Häuser. -- In ihrem Bettschrein lag die sterbende Frau ohne -Besinnung. Der Pfarrer setzte sich zu ihr, ein mögliches Wachwerden -erwartend; die Tochter kniete am Bett, in dessen Nähe ein Licht brannte. -Da sieht der Pfarrer eine dunkle, menschliche Gestalt draußen an den -Fenstern vorübergehn, in der Richtung der Haustür. Aus diesem oder jenem -Grunde erhebt er sich und geht aus dem Zimmer auf den schmalen Hausflur -zwischen Vorder- und Hintertür. Die obere Hälfte der vordern steht -offen, von draußen herein lehnt ein Mensch, still, bleich, die Haare -hängen ihm unordentlich in die Stirn. -- Wünschen Sie etwas? fragt der -Pfarrer. Kommen Sie doch herein! -- Er öffnet die Tür, tritt zurück und -wiederholt seine Aufforderung; wiederholt sie ein zweites Mal, schon in -der Zimmertür. Jetzt kommt der Mensch ihm nach, betritt das Zimmer, -sieht die Frau im Bett und setzt sich auf einen Stuhl, immer die Augen -auf das Bett gerichtet. Da schlägt die Frau die Augen auf und sieht ihn. -Die Tochter folgt ihrem Blick, sieht den Fremden, springt auf, stößt -einen Schrei aus und sagt: Jan! -- Der Mensch erhebt sich nach einer -Weile wieder und geht hinaus, wie er kam. -- Die Frau starb bald; die -Erscheinung war die ihres Sohnes, der in jener Nacht ertrank. - -Diese Erzählung erregte den Maler auf so besondre Weise, daß ich -ihm gleich noch eine vortragen mußte, und zwar die von den -Doggerbankfischern. - -Die Doggerbänke sind Dir bekannt. Die dort mit Netzen Fischenden kehren -wochenlang oft nicht zurück, leben wochenlang schweigsam, nur mit ihrer -schweren Arbeit beschäftigt mitten in der riesigen See, im Regen, im -Nebel; auch ihre Boote trennen sich weit voneinander; jede Mannschaft -arbeitet in völliger Abgeschiedenheit, im Unsichtbaren. - -An einem Nebelabend gewahrte die Besatzung eines fischenden Kutters -plötzlich in fast schon gefährlicher Nähe ein andres Boot, das auf das -ihre zukam ohne Laut. Sie schrieen Warnungen hinüber, sie lärmten und -fluchten, allein das stumme Boot kam näher und näher, fuhr endlich so, -daß Bordwand an Bordwand streifte, an dem Kutter vorüber. Drin saß die -Mannschaft an ihren Plätzen, ohne Bewegung, ohne Laut. Nur der am Steuer -sagte, als sie fast schon vorüber waren: »Wir dürfen keinen Lärm -machen.« Der Ton lag unmerklich auf dem Wir. -- Der Kutter schwand im -Nebel. Später ward offenbar, daß jenes Boot an jenem Abend an einer -meilenweit entfernten Stelle untergegangen sei. - -Als ich aber dies Geschehnis berichtet hatte, erhob sich Ulrika ohne ein -Wort und ging hinaus. - -Wir Andern, Bogner, Cornelia und der Notwendige, schwiegen ziemlich -lange. Bogner zeigte sich dann besonders verwundert und ergriffen von -dieser Art und Weise und der Haltung der Toten. Daß sie kamen, nicht -anders als im Leben erscheinend, jedoch auf eine unbeschreibliche Weise -feierlich und verschönt. Der Sohn der Sterbenden schwieg und sah nur die -Mutter an; die Schwester schrie; er schwieg und ging wieder. Er hatte -sich nur zeigen wollen. -- In dem Boot die Lebenden lärmten, die Toten -verhielten sich still, nur einer mahnte ruhig: Wir -- dürfen keinen Lärm -machen. -- Noch so viel Güte, daß er wegen der bewußtlosen Lebenden das -Schweigen brach! - -Und noch dies Seltsame: die Doppelheit der Menschen! Ihr eines Halb sah -die Erscheinung, hatte Verbindung mit dem Jenseits, und zwar vermittels -derselben Sinne, mit denen ihr andres Halb die Erscheinung nicht begriff -und sie für natürlich und ihresgleichen hielt. - -Nun, so kamen wir wieder ins Gespräch, und es war begreiflich, daß ich -nun auf das in unsrer besondren Nähe befindliche Gespenst zu sprechen -kam, das diese Insel für Jahrzehnte unbewohnt gemacht haben soll, -nämlich den sogenannten Dränger, eine Erscheinung, die übrigens auch in -andern Gegenden bekannt ist. Hier ists der weiland Deichhauptmann -Waldemar Montanus, der bei Ebbezeit einsamen Gehern außerhalb des -Deiches im dichten Nebel erschienen sein soll mit der ausgesprochenen -Absicht, dieselben in die See zu drängen. Sie verloren nämlich die -Besinnung vor Angst, den Deich aus den Augen, er drängte und drängte von -hinten, von der Seite, von überallher, kurzum: er drängte sie in die -See. Wenn dazu berichtet wird, daß der Deichring um Hallig Hooge, der an -der Wattseite ein breites Loch hat, in solchen Nächten geschlossen sein -soll, so liegen dem wohl die Erfahrungen zugrunde, daß Angst erstlich -die Sinne blendet, so daß der Verfolgte das Deichloch übersah, und -zweitens die Zeit und den Weg unmäßig in die Länge zu dehnen pflegt, -also daß der Verfolgte meinte, die Lücke im Deich, die er nach wenig -Schritten vielleicht erreicht hätte, sei schon vorüber, worauf er -womöglich umdrehte und nun niemals mehr hingelangte, -- allein wer weiß -das eigentlich? Der Betreffende konnte es kaum weiter sagen. - -Heut abend nun -- oder gestern, wie Du willst, es geht nun auf morgen -- -wollte Bogner, indem wir wieder beisammen saßen, auch wieder von diesen -Gespenstergeschichten anfangen, aber Ulrika stand gleich mit einer -besondern Schroffheit auf und bat zu schweigen. Sie setzte sich nicht -wieder, blieb eine Weile stehen und ging dann hinaus. - -Wir sprachen trotzdem nun nicht weiter. Ich dachte, was wohl auch die -Übrigen dachten, daß jemand ihr folgen solle, aber sie liebte es, allein -zu gehn, und ich hatte beim Herkommen aus meinem Turm den halben Mond -über dem dünnen Nebel stehen sehn. So saßen wir längere Zeit schweigsam -im größeren Schweigen der Stunde. Das Zimmer war voller Schatten rundum, -die Petroleumlampe brannte auf dem Tisch, seitwärts dazu saß der Maler, -ich im Sofa dahinter und rauchte, irgendwo waren die Augen Cornelias, -dunkel und glänzend, und irgendwo das rechteckige Gesicht des -Notwendigen. Dann stand Cornelia auf und sagte mir, durchs Zimmer und -hinausgehend, mit den Augen, daß sie Ulrika folge. - -Nein, kein Unheil hing in der Luft; es war durchaus besonders friedlich. -Auch der Hauptmann, der sich einige Minuten nach Cornelias Fortgang -erhob und ihr nachging, sagte später, daß er zwar einen gewissen, -besondern Zwang empfunden habe, jedoch ohne jede Besorgnis. - -Aber Minuten später erschreckten uns eilige Schritte im Flur, Cornelia -riß die Tür auf und schrie mir zu, ich solle sofort kommen, der -Hauptmann könne sie nicht allein tragen ... Bogner nämlich galt ihr noch -für zu schwach, obwohl er inzwischen schon beinah grade geworden ist. Er -war denn auch zugleich mit mir in der Tür, Cornelia berichtete fliegend, -sie habe Ulrika nirgends gefunden, dann einen dünnen Schrei gehört, sei -zur Deichlücke gelaufen, habe wieder den Schrei gehört und nach einigem -Suchen, wenige Schritt weit am Fuß des Deiches Ulrika gefunden, -zusammengekrümmt, sich windend und stöhnend in Krämpfen. Die Zuckungen -der Wehen verhinderten den notwendigen Hauptmann, den die um Hülfe -zurückrennende Cornelia traf, sie zu tragen. - -Der Mond, wie gesagt, schien. Die dunkle Mulde war, fast frei von Nebel, -in schönes Silber getaucht, in dem wir schon von weitem die schwarze -Gestalt des Notwendigen gewahrten, der uns entgegenkam, die ruhiger -Gewordene auf dem Arm. Ihr erstes Wort an Bogner war: Benvenuto, das -Kind, das entsetzliche Kind! -- Später hat er noch erfahren, daß sie im -Nebeldunst draußen am Deich einen Schein und in dem Schein -- ich weiß -nicht, ob ein Kind mit einem übergroßen oder ohne einen Kopf gesehen -haben will, worauf sie vor Furcht und Grauen auf den Deich zugelaufen -und beim Versuch, hinaufzuklettern, abgestürzt ist. - -Wolle aber bedenken, Benno, was ich schrieb: Sie war nicht mehr im -Zimmer, als ich vom Dränger erzählte. Wie sollen wir das nun verstehn? - -Im Haus überließen wir sie Cornelia. Der Notwendige und ich saßen drei -Minuten später im Segelboot, aber -- ach Benno, die Unseligkeit dieser -Fahrt hätte ich selbst mir kaum gegönnt! Über dem Wasser schwebte ein -Hauch von Wind, in dem zuerst gar keine Richtung war. Als wir dann -weiter hinaustrieben, schien er sich für Nordwesten entscheiden zu -wollen, schließlich aber wehte er, o sanfter Satan! aus Nordosten, so -gut wie uns entgegen. Und was hilft es nämlich bei Fahrten wie dieser, -daß man die Logik in die Hand nimmt wie eine Pistole und sich sagt: es -hat keine übermenschliche Eile, denn wenn vor Minuten erst die ersten -Wehen eintraten, so dauerts noch Stunden bis zur Geburt. Die Pistole -geht nicht los, sie braucht auch gar nicht losgehn, aber da sitzest du -bei einer brennenden Laterne, bloß mit einem zufälligen Uhrkompaß, den -der Notwendige bei sich hat, mitten in der nebelglänzenden See, im -Halbdunkel, wo keine Bewegung an nichts zu erkennen ist, durch Minuten, -die Stunden werden, stille liegend, und du reißest Herz und Lungen und -alle Organe auf, als ob du geboren wärst, im Augenblick, wo du das -Leuchtfeuer vom Außenhafen siehst, Auge der Seligkeit durch die -silbernen Dünste der See. Und nun Kreuzen, Kreuzen ohne Ende. Es ist -schwer wie die Verdammung, ein Ziel durch Vorbeifahren zu erreichen, -obgleich es im Leben nicht anders ist. Man fängt an zu beten, Benno, -ohne zu wissen, was es ist! Nach einer Fahrt von beinah zwei Stunden -- -statt einer halben -- lagen wir im Binnenhafen, und hätten nicht -gelegen, wenn uns nicht der Polizeikutter geschleppt hätte, so schnell -wie ein Pferd, aber all diese Dampfer und Schlepper und Kähne, die an -den Molen und an den Hafenwänden lagen, die unendlichen Lagerschuppen, -die Kräne, die Kohlenberge, die unerhört langen Reihen von Fässern, und -wieder Dampfer, Schlepper, Ewer, Schaluppen, Pinassen, Segelboote, wo -einer einsam steht und schöpft, Südamerikafahrer, wo ein paar Kerle im -Dunkel über der Reling liegen und spucken, Ziegelkähne von endloser -Länge, wo am Rande ein wilder Spitz rennt und bellt und am Ende eine -Kajüte ist und Licht und ein rauchender Schlot, und ein Ehepaar mit den -Ellbogen auf den Knieen -- weißt Du, wie das sich einbrennt in die Augen -auf solchen Fahrten? - -Also, ich rannte denn zum Arzt (weißt Du, wieviel Vorstellungen der -Orte, wo er sein könnte in solchen Minuten, da er ja auf keinen Fall zu -Hause sein kann?) und fand ihn -- es war gegen zehn Uhr -- in seinem -Zimmer bei der Zeitung. Endlich hatte ich ihn denn mitsamt seiner Tasche -in einem, vom Notwendigen inzwischen geheuerten Motorboot, und wir -langten eine halbe Stunde später wieder an. - -Langten an, empfangen von einem Geschrei, das ich -- wie bereits oben, -Benno, es geht jetzt auf Morgen, noch ist immer nicht geschehen, was -geschehen soll, ich sitze und schreibe nach der anfänglichen besondren -Kälte mit rauchenden Händen. Ich habe ein Geschrei gehört, Benno, das -Gott nicht erfunden hat. Ich habe ein Weib, das er aber erfunden hat, -brüllen und heulen und pfeifen hören. Ich habe hinter der Türe gestanden -und geschlottert mitsamt dem Notwendigen. Ich habe das Licht in den -Türritzen gesehn wie bei Weihnachten, wenns drinnen raschelt. Ich habe -an der Füllung gekratzt wie ein Hund und dazu mit den Augen gewinselt. -Ich habe den Doktor herauskommen und schwitzen und klappern sehn und ihn -Worte sagen hören, bei denen es mich in den Ästen meines besondren -Nervenbaums aufhenkte wie Absalom, -- Gebärmuttersenkung -- es drehte -sich schon ehemals alles in mir um, wenn ichs hörte. Weißt Du was, -Benno? Wenn die Menschen anfangen, von Sinnen zu geraten, so tun sie das -Allergewöhnlichste, und zwar mit einer besondern Genugtuung, und der -Doktor in diesem Fall putzte seine Brille wie den Abendstern. Ich habe -Cornelia völlig rasend gesehn, dieweil sie kein Wort äußerte, ab und zu -ging, das Nötige besorgte und zwischenhinein bei der halb schon -Zerfetzten saß und ihre Hand hielt. Ich hörte mich selber klappern und -den Arzt fragen, ob der Sturz geschadet habe, und hörte ihn schnauben -und sagen, ob gestürzt oder nicht, und ob heute geboren oder morgen, das -wäre alles Unsinn, und sie hätte niemals dazu kommen dürfen, und das -Kind würde sich höchstwahrscheinlich erdrosseln. Ein Kind, o ihr Helden, -noch im Leib seiner Mutter, und hat schon einen Strick zum Erdrosseln! -Ich habe, Benno, auf der Erde gelegen, im Freien und an den Nägeln -gekaut. In meinem Zimmer habe ich den Finger in mein brennendes Licht -gehalten, um mir eine Abkühlung zu verschaffen, und die Wunde als -höchste Wollust meines Lebens empfunden. Ich habe Tränen vergossen und -diese rasende Halbtote geliebt wie keinen Menschen jemals, und ich habe -sie um Vergebung meiner Sünden gebeten. Gott im Himmel, Benno, ich habe -angeboten, alles noch einmal erdulden zu wollen, wenn bloß dies -aufhörte. - -Ich habe nämlich auch Bogner gesehn, ganz besonders! Der saß all die -Stunden im Nebenzimmer und hörte es mit an. Ich kam herein, ich denke, -da sitzt eine Leiche. Aber er sieht ganz aufmerksam auf das Tischtuch. -Als ich näher zusah, merkte ich dann, daß ich, wenn ich ihn anrühren -sollte, einen elektrischen Schlag empfangen würde, denn er saß auf einem -Elektrisierstuhl, gerade so geladen, daß es eben noch zu ertragen war. -Nein, er saß auf durchaus keinem Stuhl, sondern auf einem pfeilschnell -rennenden Tier; saß in einem rasselnden Panzer von Schnelligkeit, saß -gewissermaßen auf dem hurtigsten Tier, das da trägt zur Vollkommenheit, -genannt Leiden. - -Es war eben wieder still; ich setzte mich und fing an zu rauchen, die -Lampe begann zu stinken und gab vor unsern Augen den Geist auf, Bogner -erbarmte sich ihrer und blies sie aus. Bogner gönnte sich dieses alles. - -Und all diese Stunden lang in Pausen dies rauchende Geschrei wie aus -einer eisernen Röhre, diese minutenlangen Strudel von Wimmern und Flehen -an alle Mütter und Maler und Götter um Erbarmen. - -Aber sie ertragens. Vielleicht ist dies auch nicht besonders, vielleicht -nur um kleine Grade schlimmer als üblich. Cornelia scheint es ja zu -verstehn. Sie erheben sich sogar hinterher und fangen wieder an zu -leben. Ich will mal nachsehen. - - * * * * * - -Fünf Uhr. Nun muß es bald kommen, sagt der Notwendige, der es vom Arzt -erfuhr. Bald, das ist ein Ausdruck! - -Bogner war nicht mehr im Zimmer. Ich suchte ihn, da sah ich im Dunkel -seinen Schatten auf dem Deich und stieg zu ihm hinauf. Er hatte seinen -Stuhl hinausgetragen und saß dort, die Hände auf den Knien, unter sich -den Nebeldunst, der Nacht zugewandt, wo sie nur dunkel war, denn hinter -seinem Rücken stand der Mond. Da habe ich ihn gefragt: »Nun, Bogner, -proklamierst du heut auch noch deine Vollkommenheit der Welt?« - -Er wendet den Kopf zu mir, sieht mich an. Plötzlich überläufts ihn. Er -wartet, bis er wieder ruhig ist, und er sagt: »Ja.« - -»Bist du wahnsinnig?« schrei ich ihn an. »Nachdem du dies gelitten hast? -und sie?« - -»Ja,« sagt er nach einer Weile. »Auch daß ich leide, ist -- gut.« - -Da waren wir still. Später sagte er: - -»Wenn ein Opfer gebracht wird -- hier; und dort ist einer -- der nimmt -es an; dann ist alles erfüllt.« - -Oh mir brannte das Herz! Bogner -- ich weiß, welche Furcht vor dem Tod -er erlitt. Nun hat er eingesehn, daß nicht er gefordert wurde, sondern -sie. Und nun stirbt er mit ihr. Denn so stirbt der Mensch im Opfer, das -er bringt. Vielleicht wäre er lieber gestorben, als so überleben zu -müssen. Aber es ist Sinn in dem allen. Freilich muß man ein Kentaur -sein, um ihn erleben zu können und doch zu verstehn. - -Ich weiß nun nichts mehr und schließe den Brief. - - Georg - -Tot. - - - Georg an Magda - - auf Hallig Hooge, am 29. Dezember. - -Meine liebe Magda! - -Eine schmerzliche Nachricht: Bogner bittet mich, Dir mitzuteilen, daß -Ulrika Tregiorni vorgestern morgen vor Tagesanbruch verschieden ist, -nachdem sie vergeblich versuchte, einer Tochter das Leben zu geben. - -Ein unglücklicher Fall am Abend zuvor beschleunigte die Geburt, die sie -nach der Meinung des Arztes allerdings auch unter günstigeren Umständen -nicht überstanden haben würde. - -Bogner ist jetzt ruhig. Sollten wir jemals über diese Dinge miteinander -sprechen, so würdest Du erfahren, daß meine alte Ehrfurcht vor ihm nun -fast das Maß des Menschlichen überschritt. - -Wir werden Ulrika am Abend hier begraben. Bogner fuhr heute früh mit -meinem Adjutanten, Hauptmann d. J. Rieferling zur Stadt und kehrte gegen -Mittag mit einem ungestrichenen weißen Sarge und einem kleinen weißen -Marmorblock zurück, auf dem nichts eingegraben ist als ihr Name und -- -darunter -- das Bild eines in seinen Fittichen aufrecht stehenden -Schwanes. Wir Alle, die wir hier sind, haben ihr das Grab oben auf der -Nordseite des Deiches geschaufelt, wo sie liegen wird mit den Füßen in -der Richtung der See. -- - -Ich habe zu diesem einige Worte über mich beizufügen. - -Aus einem Grunde, den Du verstehen wirst, wenn Du gelesen hast, war ich -nicht fähig, die Tote zu sehn. Überdies hielt noch etwas mich ab, ihr -Zimmer zu betreten. Bogner saß neben ihr und zeichnete sie. Da er -keinerlei Mal- oder Zeichenwerkzeuge dahier hat, so riß er vom Deckel -eines bräunlichen Pappkartons die Randstücke ab und fand ein kleines -Stück Rötel. Durch die offene Tür zum Sterbezimmer sah ich ihn dann -schräg auf Ulrikas Bett sitzen, auf den Knien den Pappdeckel, nach -ihrem, mir unsichtbaren Gesicht blickend, und so sah ich ihn jedesmal, -wenn ich das Haus betrat, vorgestern, gestern und noch in der letzten -Nacht, doch hatte ich nie den Eindruck, als ob seine Hände beschäftigt -seien. - -(Sage, kommt Dir vielleicht auch, indem Du dies liesest, ein japanischer -Wandschirm in Erinnerung? Der erschien jedenfalls mir und stellte -alsbald die Verbindung mit jener Frau wieder her, Judith Österreicher -jener, von der uns Bogner erzählte -- vor Jahren --, die er zum Leben -erweckte, im Bilde, während sie daraus fortglitt. Was schien Bogner uns -damals? Was scheint er mir wieder heut? Aber -- - - es kehret umsonst nicht - Unser Bogner, von wo er kam.) - -Heute vormittag endlich, als ich eben an meinem Schreibbüro mit den -täglichen Unterzeichnungen beschäftigt war, der Hauptmann und der -Ordonnanzoffizier mir dabei mit Zureichen und Abnehmen der Blätter zur -Hand gingen, überhörte ich das Eintreten jemandes, bis ein leiser -weiblicher Aufschrei mich veranlaßte, mich umzuwenden. Von den drei, -durch die kleinen Fensterscharten einfallenden und sich kreuzenden -Lichtkeilen geblendet, sah ich zuerst am Tisch in der Zimmermitte -Cornelia lautlos hereingekommen und mit dem Zusammenstellen des -Frühstücksgeschirrs beschäftigt, dann die Gesichter der Herren und das -ihre absonderlich verzerrt im Blick nach der Tür, und dort sah ich nun -Bogner, der seinen Pappdeckel in der Höhe seines Kopfes hielt und uns -zeigte. Anfänglich schien mir nichts darauf wahrzunehmen, als wenige und -verwirrte, rötliche Linien ohne Sinn und Zusammenhang. Aber jählings -schossen sie zusammen, schlossen sich, wurden Züge, umrahmendes Haar, -halb geschlossene Augen, und ich sah die Meduse. - -Tot, tot, tot, nichts als tot. Alles gebrochen und entstellt. Die Lippen -halb geöffnet wie die Augen mitten in der Not des Lebens und Sterbens -stehen geblieben, oder gleichgültig stehen gelassen von ihm, der die -Seele noch lebend heraus und in Fetzen riß. Es war zu sehn, daß er das -tat. Hier war alles zerstört. Hier war nichts mehr; nur Tod. - -Bogner selber, scheinbar erst aufmerksam durch unser Schaudern, blickte -hin und entsetzte sich. Er legte es auf den Tisch und sah uns ratlos an. -Und wir starrten darauf und sahen, daß da nichts war. Ein paar verwirrte -rote Linien auf ödem Braun. - -Ich sah Gestorbne schon früher. Damals war es anders als hier, weniger -deutlich und minder wild, und es war doch das gleiche. Nichts. Ich habe -mich überzeugen wollen und Ulrika selber gesehn. Es war nur grauenvoller -das gleiche. Ihr Gesicht war gelb in dem roten Haar, die Lippen -bläulich, halb nur zu wie die Augen, hinter deren Lidern etwas bläulich -Weißes schimmerte. Es war entseelt. - -Er hat mich nicht versteinert, der Anblick der Meduse, nein. Er löschte -in mir nur das Licht. Es läßt sich sehr einfach ausdrücken. Ich hatte -bisher nicht geglaubt, daß mein Vater gestorben sei. Ich nahm an, er -lebte in einer andern, höheren Form, und nahm an, daß sie die selbe sei, -in der er mir erschien. Nun weiß ich, daß die Toten keine andre Gestalt -haben als die, in der sie uns erscheinen. Das ist die Form der toten -Ulrika. Mein Vater ist tot. Was von ihm noch lebendig ist, ist in mir. -Es sollte golden sein; aber es ist Gift. Denn es ist nichts als Schuld. - -Dies versuche mir zu glauben, ohne daß ich es erkläre. - -Ich bin ruhig, seit ich dies weiß. Ich habe die Hoffnung, daß in Bälde -alles zu der nötigen Ordnung kommen wird, und Du wirst dann von mir -hören. - -Ich schließe. Bogner wird mich morgen verlassen, und Du wirst ihn wohl -über kurz oder lang selber sehn, wie er den gefesselten Riesen losmacht -und zur Arbeit geißelt. Ihm ist das Tor, durch das die Tote hinausging, -was es dem wahrhaft Lebenden sein soll: ein Eingang. - -Ich bleibe allein zurück mit dem Hauptmann, da ein Zufall will, daß auch -Cornelia geht, wenn auch unbestimmt ist, wie lange sie ausbleiben wird. -Sie empfing einen Brief von der Schwester eines Mannes, mit dem sie vor -Jahren einmal verlobt gewesen ist, eines kränklichen, schwer -hysterischen Menschen, von dem sie sich trennen mußte. Nun soll ihm eine -schwierige Operation bevorstehn, vor der er sich fürchtet ohne sie. Sie -reist nach Zürich, wird aber auf der Durchfahrt durch A. bei Dir -vorsprechen. - -Lebe wohl! In Liebe brüderlich Dein - - Georg - - - Georg an Bogner - - Hier, am letzten Tage des Jahres. - -Du bist fort. Ich kann hier nichts mehr halten, und mit Dir verließ mich -auch Dein Geist. Doch ich weiß nun, wer Du bist. Als Du diese Erde -betratest, gaben die Götter Dir den Namen und sagten: Benvenuto! das -ist: Sei uns willkommen! - -Du bist aber Herakles. - -Derselbe Halbgott kämpfte mit den gewaltigen Tieren der Fabel und -bezwang sich in der Knechtschaft. Zuletzt legte er das brennende Kleid -an, und es >ging in Lüfte der Geist ihm auf<; er betrat den Raum seiner -Unsterblichkeit. - -Der alle Schrecken des Lebens in sich selbst überwindende Mensch: das -ist der Heros, der die Unsterblichkeit davonträgt. - -Vielleicht nicht: Heroen zu werden, aber -- heroisch zu sein in allen -wahrhaften Augenblicken des Lebens, das ist unsre Aufgabe. Es ist die -Aufgabe, die ich sieben Mal verriet. - -Mein Heros, lebe wohl! - - Georg - - - Sechstes Kapitel: Januar - - - Cornelia an Georg - - Zürich, am 11. Jan. - -Mein Lieber, Du hast mir verboten, zu schreiben, aber ich muß Dir doch -sagen, daß meine Rückkehr sich noch verzögert. Die Operation ist -überstanden, aber es sind im Zustand des Kranken Verwickelungen -eingetreten, die mich noch bei ihm festhalten. Ich bin furchtbar -unglücklich darüber, nicht nur meine Liebe, auch Angst und Sorge ziehn -mich ja unaufhörlich zu Dir, aber -- was bin ich Dir, und ihm hier bin -ich das Einzige! Nimm dies und die innigsten, liebendsten Grüße Deiner - - Cornelia - - - Georg an Magda - - Auf meiner Insel, am 20. I. - -Dieser Brief wird in meinem Schreibbüro gefunden werden, wenn das Wenige -vorüber ist, das hier »alles« genannt wird. - -Nun kann ich nicht mehr. Ich bin leer, es drückt meine Wände ein. Ich -bin so furchtbar müde, daß es keinen Schlaf mehr für mich giebt als -einen, nach dem ich mich sehne wie ein Kind. Mitunter fühle ich meinen -Körper schlummern, aber die Seele löst es nur in einen rauchenden Wirbel -auf. Dann ist immer der gleiche Traum, daß ich Sindbad bin. Die Beine -jenes bösen Geistes, den er auf seiner Insel schleppen mußte, liegen um -meinen Hals geschlungen, sie würgen mich, und ich lauere darauf, daß der -Alte einschläft und ich mich losmachen kann, und er belauert mich. Wenn -ich dann erwache, so weiß ich, daß er nicht schläft, ehe ich selber -schlafe. - -Laß mich schlafen, Magda, tue das Eine mir nicht an und halte mich nicht -für feige! Vielleicht könnte ich leben in einer Einsamkeit, unbeachtet, -mit diesem und jenem Menschen, verantwortlich allein mir selber. Es ist -aber all die Zeit während der letzten Jahre mein mehr oder minder -bewußtes Streben gewesen, den Punkt zu erreichen -- wo dann alles unter -mir brach --, den Augenblick, wo ich an die Spitze eines Reiches trat. -Dies habe ich gewollt und habe es erreicht, auf Kosten all dessen, was -ich jetzt schleppe, und auf Kosten all Derer, die mit mir mein Leben -ausmachten. Mein Recht auf sie verlor ich durch Schuld, aber es hieße -sie selber ausblasen wie ein Licht, wollte ich heute verzichten und mich -in mich selber zurückziehn. Entweder der Staat oder nichts. Zum Entweder -jedoch gehört eine Verantwortung, die ich nicht auf mich nehmen kann. -Tag für Tag wächst allein die alte Einsicht neu: Du kommst nicht hinein. -Zu den handelnden Menschen, in ihre Gewohnheiten treten und selber doch -frei sein vom Zwang des Gewohnten: dazu finde ich keine Möglichkeit, und -ohne sie die Verantwortung einer solchen Stellung auf mich zu nehmen, -das bringe ich nicht mehr fertig. - -Um die Erde ist Nacht. Ich stand auf der Plattform im Frost und im -Schwarzen, im uralten Donner der Freundin, der See, und ich sah im -Nächtigen rote Punkte, die Lichter fahrender Schiffe, sah sie aufglühn -und wieder erlöschen. Eine Flamme, die mir frei und golden schien, hat -sich zum letzten glimmenden Punkt zusammengezogen. Möchte der -Flügelschlag, der sie verlöscht, der des Gedankens sein, daß Du die -geschwundene nur aus den Augen verlierst und nicht aus dem Herzen! - -Noch ist eine Spur von Kraft in mir. Sie mag Tage reichen oder Wochen, -ich verspreche Dir, daß kein Ende sein wird, ehe ich nicht den letzten -Rest von mir verbraucht habe. - -Dann glaube mir, daß ich erleichtert wurde, und traure mir nicht nach! - -Lebe wohl! - - Georg - - - Georg an Benno - - Auf meiner Insel, am 24. I. - -Mein Freund: - -Du wirst wissen, daß ich hier aus Staatsraison einen Begleiter habe, -einen Infanteriehauptmann namens Rieferling, Johannes. Nachdem ich -mehrere Wochen in wenn auch nicht eben nahem Umgang mit ihm gestanden -hatte, ohne mich um sein Inneres zu bekümmern, machte ich mir -Gewissensbisse und begann, ihn Einiges nach seinem Leben zu fragen, -infolge seines ernsten Wesens in der fast sicheren Vermutung, auf etwas -zu stoßen, das ihm die Einsamkeit hier aus ähnlichen Gründen wie mir -nicht beklagenswert erscheinen läßt. Aber nichts dergleichen. Er hatte -kaum etwas zu berichten. Seine Eltern haben ein kleines Gut in den -Ostseeprovinzen, haben viele Kinder, in deren Reihe er irgendwo in der -Mitte steht, alles ist gesund, er hat stets nur zum Soldatenstand Lust -gehabt, mußte freilich ein bescheidenes Leben führen, hat aber außer -seinem Beruf nie Bedürfnisse gehabt, verließ die Kriegsakademie mit den -höchsten Auszeichnungen, hat nach wie vor keine Wünsche, als einmal nach -Italien zu reisen, und bedauert nur, daß der nächste Krieg eher da sein -wird als für ihn das Bataillon, aber ich hoffe, für diesen absurden -Fall, wenn er eintreten sollte, noch Vorsorge treffen zu können. Hier -arbeitet er den ganzen Tag, kümmert sich den Teufel um die See und liest -jeden Abend ein Kapitel im Neuen Testament. - -Möchte man auch so sein, Benno? Wie geht so ein Leben weiter? Entweder -in den vorgeschriebenen Bahnen, und er endet einmal als -Generalinspekteur eines Armeekorps, die Brust voller Orden, oder der -nächste Krieg kommt wirklich, und ist er noch nicht im Generalstab -gelandet, so führt er seine Kompagnie zu einem glänzenden Sturmangriff, -erhält das Eiserne Kreuz, und ein paar Tage oder ein paar Wochen später -legt ihn eine sanfte Kugel von Gottweißwo her schmerzlos und ruhig auf -den Rasen. Der Leutnant sagt: Die Kompagnie hört auf mein Kommando! und -an der Stelle, die er ausfüllte, steht ein Andrer, der sie gerad so -ausfüllt. - -Indem ich noch dies bedachte, erinnerte ich mich Deiner und merkte -dabei, daß meine Gewissensbisse in Wahrheit mit der Erscheinung des -Hauptmanns nur eine Verbindung zweiten Grades gehabt hatten, und -eigentlich meinte ich Dich. - -Solange wir zusammen unseres Weges gingen, warst Du der Sorgenvollere, -aber wie war damals zwischen uns alles einfach! Wir waren Freunde, und -was das Herz beschweren mochte, sagte sich leicht. Nicht verfiel der -Eine in Schweigen, so daß der Andre erst viel sich bekümmern mußte und -endlich fragen. Wie es mit Dir jetzt steht, ahne ich nicht, aber ich -glaube, daß nicht nur meine Bürde mit der Zeit zugenommen hat, und nun -sind wir jeder allein. Freilich, die meine ist von der Art, die -schweigsam und einsam macht. Aber die Deine, Benno, wie ists mit der -Deinen? - -Lieber Freund, dies ist eine Frage, die leider nicht mehr auf Antwort -warten kann, wie Du sehn wirst, wenn Du sie vor Augen hast, so eine -besondre Art von rhetorischer Frage, siehst Du. Nun ists zu spät; zu -spät auch, festzustellen, was mich eben bewegt, nämlich, ob wir schon -damals, vor die Entscheidung gestellt, unsre Neigung für ein ungemeines -Leben durch den Entschluß bekräftigt hätten, den Weg, den es uns führen -würde, bis zum bittersten Ende zu gehn. Ich kann nur hoffen, daß ich -mich entschlossen hätte. Es ist, wie gesagt, zu spät, und für mich ists -schon viel, daß ich aus dem Brande, in dem ich nun seit ungezählten -Tagen herumjage, auf der Suche nach einem Ausgang außer dem, der mir -sichtbar ist, daß ich noch einmal mit der Hand herauswinken kann. In der -Ahnung, es müsse auch ein Wimpel noch irgendwo liegen, mit dem zu winken -wäre, fand ich ein Gedicht unter meinen alten, das ich einmal im -Gedanken an Dich schrieb und Dir damals nicht in alltäglicher Stunde -geben wollte. Die heutige dürfte ungemein genug dazu sein. - -Abschied nehmen bei einem Fortgang wie dem mir nahe bevorstehenden, -scheint mir wenig passend; ein Wort aber dürfte schicklich sein, und ich -bin in Höflichkeit geboren und erzogen, so daß es mir kaum weniger -passend erschiene, wortlos zu gehn. - -Darum wünsche ich Dir eins: Wenn Du einmal in Not sein solltest, in -einer äußersten Not, ein gefangenes Tier, das in Herzensqual nichts mehr -weiß als zu laufen, zu rennen, auf und ab, oder im Kreis, winselnden -Herzens mit rasenden Füßen um den verglimmenden Rest Deiner Welt, Tage -und Nächte: dann wünsche ich Dir die eine Stunde Schlaf, nach der ich -durste, und die, wie es scheint, nicht für mich bestimmt ist. Dann -trinke Dich satt an ihr und gedenke Deines Freundes - - Georg - - - Das Schweigen - - Gingst du je beladen, ein Mensch, und suchtest - Eines Bruders, einer Schwester Schoß, - Auszuruhen, das stet und steil - Aufwärtsragte, das überbürdete Haupt? - - Und vom Schweigen, im Lärm deine einzige Wehr, - Ach, vom Schweigen, der Lippen brennendem Siegel, - Einmal zu erlösen sehnsüchtiger Lippen Dürre - An kühlen Quellen, an geliebtem Mund? - - Suchtest du lang, und sank nicht der Tag, ach sanken - Viele nicht? Doch als eines Abends dein Blut - Müde verging in die ruhige Röte und Nacht, - Fandest auch du; und immer gefaltete Hände - Lösten sich still, geliebter Geschwister gewiß. - - Zuckte die Lippe auch schon? und ging euer Atem - Schwer von Verlangen inbrünstigen Worten vorauf? - Aber ihr schwiegt. Durch Stummheit, die sternhelle, gingen - Aller Fülle beglänzte Ströme - Lautlos, selig, zwischen euch hin und her. - - - Hallig Hooge - -Es war ganz dunkel. - -Georg saß, die Hände auf den Knäufen der Stuhllehnen, ein wenig -vorgebeugt, als ob er lausche. Der Armsessel stand an der Wand. Nichts -bewegte sich. Es war still. - -Als Georg merkte, daß er horchte, wußte er, daß unendliche Zeit -vergangen war, während er so gesessen hatte. Während dieser Zeit mußte -der Rest abgelaufen sein. Nun war nichts mehr. - -Vor seinen Augen war das Zimmer dämmrig, obgleich die tiefe -Nachtschwärze in den Rechtecken der Fenster stand. Das Schreibbüro war -deutlich erkennbar, die weiße Kuppel der Lampe, die Umrisse des runden -Tisches in der Mitte des Raums, die Lehnen der Stühle, schattenhaft -alles. - -Und was war dies mit der See? Still, kein Laut. Georg erinnerte sich, -daß es mitten im Winter war. Vielleicht war die See zugefroren. - -Er fuhr sich unbewußt mit der Hand über die Stirn. - -Ja, sagte er halblaut. Ja, dann ist es wohl so weit ... - -Er lehnte die linke Schläfe gegen die rauhe Wange des Stuhls, plötzlich -zitternd vor Müdigkeit, und so saß er eine lange Weile, ohne Widerstand -gegen das immer wieder losrieselnde Zittern. Langsam verging es. Auf -einmal flatterte seine linke Hand heftig. Dann war alles still. - -So wirds gut sein, dachte er dankbar. So -- immer tiefer ... immer -tiefer ... dann ein kleiner Ruck, -- alles steht. - -Aber ich schlafe ja vorher ein! schrak er auf und lächelte. - -Also ... ist noch etwas? dachte er mühsam. Abschied? Von wem? - -Ein Schatten kam um den Tisch, die Seele Cornelias blickte traurig zu -ihm hin. Sie dauerte ihn. Hoffentlich, dachte er, findet sie sich mit -dem Andern besser zurecht. Bei mir hatte sie, glaub ich, zu wenig zu -tun. - -Ach, ich werde schlafen! fiel ihm da ein, und das Dunkel verklärte sich. -Ach, oh, ich werde schlafen! - -Er rückte mit dem Oberleib vor im Stuhl und stand auf, ging zum -Sekretär, zog die bestimmte Lade hintastend auf, nahm den Kasten heraus, -öffnete die Verschlüsse, und weil ihm die Finger bebten, mußte er an -einen Morphinisten denken, der seine Spritze auspackt. In dem heller -grauen Rechteck von Samt lag das dunkle Instrument, erkennbar und -wohlbekannt, anders als alle Gebrauchsdinge, eigentlich aber ohne -Zusammenhang mit seinem Sinn. Wenn man es in gewisser Weise handhabte, -war die Folge der Tod, und doch stellt man sich Töten gemeinhin anders -vor. - -Er bemühte sich nun eine ganze Weile krampfhaft, etwas zu denken, aber -nichts kam zum Vorschein. Keine Menschen, keine Erinnerung, auch keine -Schuld, so fest er sich an das Wort klammerte. Nur ein Gähnen überfiel -ihn bald, das kein Ende nehmen wollte. Als es schließlich vorüber war, -bemerkte er, daß er die Uhr gezogen hatte. Ja, ich will doch sehn, wie -spät es ist, fiel ihm ein; er klappte den Deckel auf und starrte auf die -kleine, bleiche Kreisfläche, bis die Zeiger hervor kamen. Sie standen -auf ein Viertel nach Sieben. Er hielt die Uhr ans Ohr, allein sie tickte -vernehmlich, und nun zerbrach er sich lange den Kopf, um -herauszubekommen, ob Morgen oder Abend sei, aber umsonst. Er trat ans -nächste Fenster und blickte hinaus. Draußen war ein grauer Schein. Von -den Sternen, deren abendliche Stellungen ihm bekannt waren, fand er -nicht einen. - -Übrigens -- dachte er -- eine sonderbare Stunde, aus dem Leben zu gehn: -ein Viertel nach Sieben. Ich glaube, gemeinhin tun es die Leute zwischen -drei und fünf Uhr morgens. - -Aber immer war da noch ein Hindernis, unerkennbar, aber es war. Da er -seinen Kopf heiß und dumpf empfand, beschloß er, vor die Tür zu treten -und noch einmal nach dem Meer auszusehn. - -Draußen stehend mit einer übergangslosen Schnelligkeit -- er dachte, das -ist wie im Traum! -- staunte er, wie milde die Luft war. Feuchter Dunst -berührte seine Stirn. Ach, dachte er, heute ist wohl dieser Tag im -Januar, wo der Frühling sich im Schlaf umdrehn soll und seufzen. -- Dann -ging er in schräger Linie über den Deich bis an den Rand. - -Das Wasser in hoher Flut stand bis an den Fuß der Mauersteile unten, -stand, dunkel, ohne jede Bewegung. Unsichtbar regte sich dann ein Laut, -etwas klatschte leise an. Jetzt ein andrer Ton, näher ... Etwas glänzte -zu Georgs Füßen, so sehr einem Aufblick ähnlich, daß es ihn rührte. Nun -war alles wieder still. - -Wie geräuschlos sie kommen kann! dachte er, die Riesige, leiser als ein -Mensch! Erstes Staunen der Kindheit, -- da liegt sie nun, unsichtbar. Er -starrte in die Finsternis vor ihm, die er meilenweit ohne Grenzen wußte, -und die schweigsamen Gewässer hauchten ihn mit dem Odem ihres übergroßen -Wesens an. Ein wenig höher, wo der Nachthimmel war, bewegte sich etwas -quellendes Licht, gelblich, weißlich, und seltsam erschien der Umriß -eines Berges. - -Plötzlich rührte das Geheimnis der Erde an seine Brust; er mußte den -Kopf senken vor dieser Stille und Feierlichkeit, Scham erfüllte ihn, auf -einmal bog sich sein Knie, er legte die Hände zusammen, kniete und -sagte, die Worte im Munde zerdrückend, zur Erde: - -»Vergieb mir! Ich bin sehr arm. Meine Augen wollen nicht mehr. Ich will -fort ...« - -Gras um ihn her wehte im Dunkel. Es überlief ihn glühend. - -»Und ich danke auch«, sagte er. »Dank für alles! Du bist gut und schön. -Deine Abende und dein Frühling, die Amsel und alldas.« - -»Viel gelitten,« sagte er plötzlich, »viel gelitten ...« - -Er stand hastig auf und wollte fortgehn. Da spaltete es ihn wie ein -Schwert, ein grenzenloser Jammer, und er schrie in seiner Verlassenheit -ganz laut: »Mein Vater ist tot! oh Gott, mein Vater ist tot!« - -Schwer und gelassen bejahend klatschte eine Welle am Deichfuße hin; -Georg ging mit leisen Schritten zum Turm zurück, schloß die Tür, ging -zum Schreibbüro und mit der Waffe in der Hand zum Stuhl, wo er sich in -die linke Ecke lehnte. - -Die Augen schließend, gewahrte er plötzlich einen Lichtschein hinter den -Lidern, hob sie wiederum und sah erstaunt, daß die Lampe brannte. -- Was -ist denn das? dachte er, wer hat denn die Lampe angesteckt? Einen -Augenblick durchrann ihn sonderbar das Gefühl, die Lampe habe sich -selbst entzündet, um ihn zu verhindern. -- Mag sie brennen! dachte er -dann, aber nun quälte es ihn, daß dies Licht im Zimmer sein sollte, wenn -er nicht mehr darin war, und auch, daß er nicht wußte, wann er sie -angezündet hatte. So erhob er sich wieder, ging hin zu ihr und bemerkte, -daß auf der Schreibunterlage ein Papier lag, auf dem das Wort: Mutlos -stand, quer durchstrichen, worauf ihm denn einfiel, daß er das vorhin -geschrieben hatte und dazu wohl die Lampe entzündet haben mußte. Es -sollte ein Gedicht werden, ja, das letzte, er erinnerte sich einmal -gelesen zu haben, daß man sein ganzes Leben nur ein einziges Gedicht -machen sollte, vorm Tode, das würde dann außerordentlich werden. Es war -aber nichts geworden, und ich, fiel ihm ein, ich habe ja auch schon -früher eine Menge Gedichte gemacht. -- Er knüllte das Blatt zusammen, -aber, da er bedenken mußte, daß es später gefunden werden könne, zog er -es wieder auseinander, hielt eine Ecke über den Zylinder der Lampe und -wartete, bis es Feuer fing. Eine blaue Flamme leckte daran hoch, -plötzlich lohte es zu einem mächtigen, roten Scheinen auf, in dem er -geblendet das ganze Achteck des Raums taghell bis zu den Gesichtern der -Planetengötter unter der Decke erkannte. Dann warf ers an die Erde, mit -der sinkenden Flamme sackten schwere Schatten rundum, der einer -Stuhllehne reckte sich noch einmal hochauf an der Wand, langsam -verflackerte die Lohe, ward es dunkler; endlich Nacht und am Boden ein -paar rote Funken. - -Nun noch die Lampe. Er löschte sie hastig, lief fast auf seinen Stuhl -zu, setzte sich wie zuvor, drückte die linke Schläfe an, und die -Müdigkeit überströmte ihn, daß es ihn schauderte vor Wollust des nahen -Schlafs. Prickeln bedeckte seinen ganzen Leib, er sank schlaff zusammen, -bewegte die rechte Hand, um die Waffe zu fühlen, und lächelte. Von fern -zog Musik in ihn ein, es brauste melodisch. Er hob langsam die Hand, er -gähnte ein wenig, drückte sich fester an, -- nun kam die letzte, große -Woge, das Dunkel ... - -Seine Hand glitt neben den Schenkel zurück. Cornelia erschien plötzlich -im Zimmer, dann andre Gestalten; sie beschäftigten sich im Halbdunkel, -er wollte zu ihnen, vermochte es nicht, und unter einem rieselnden -Klingen wurden sie ferner und ferner ... - -Georg schlief. - - * * * * * - -Georg schlug die Augen auf. Eine tiefe, aber erleuchtete Dämmerung -füllte den Raum mit Wärme und Sanftmut. Auf der Platte des Schreibbüros -brannte die Lampe, so daß in ihrem Licht die kleinen Schubladen mit -ihren Messingknöpfen, die geschnitzten Säulen und die Treppe aus -farbigen Hölzern in der Mittelnische hell und freundlich sich zeigten; -aber unter die weiße, mild leuchtende Kuppel war ein Stück Papier in den -Ring geklemmt, das, ein rechteckiger Schatten vor dem Licht, -herunterhing und den Raum mit Dunkelheit füllte. Dies war so erstaunlich -schön anzusehn und von solchem Frieden, daß Georg lange Zeit die Augen -nicht davon abwenden konnte. - -Er erschrak dann leise, als er entdeckte, daß er nicht allein war: im -Schatten, rechts neben der Platte des Büros war ein sitzender Mensch; er -schien die Beine übereinander gelegt zu haben und hielt den Kopf in die -Hand gestützt. - -Und sieh! -- das Grauen, ohne doch schrecklich zu sein, vertiefte sich -in Georg -- der ganze Raum war ja voller Menschen! Ganz still waren sie -da, ohne Laut noch Bewegung. Wer waren die? - -Grade ihm gegenüber hinter dem dunklen, runden Tisch saß eine weibliche -Gestalt; ihre bloßen Unterarme lagen flach auf der Tischdecke mit -gefalteten Händen; den Kopf hielt sie so tief gesenkt, als ob sie -schlafe oder bete, und Georg gewahrte deutlich die stille und lichte -Furche ihres Scheitels in den leise glänzenden Wellen des Haars. Sie -schien ihm nicht unbekannt. - -Hinter ihr, weiter zurück an der Wand, ganz im Schatten stand ein Mann, -den Kopf geneigt, die Stirn in der linken Hand, als ob er sehr tief -nachdenke. - -Als aber Georg die Augen weiter nach rechts hin bewegte, leuchtete es -ihm von der Türe her strahlend blau entgegen, und äußerst betroffen von -Verwunderung erkannte er in diesem Blauen die seidene Jacke eines -Chinesen, der dort stand wie in einer tiefen Verneigung; ja, es war -Georg, als habe er diese Bewegung schnell noch ausgeführt, bevor seine -Augen dorthin gelangt waren. Ein großer, grün und golden feuriger Drache -glänzte aus dem Himmelblau der Brust. - -Dies alles begriff Georg so wenig wie seinen eigenen Zustand, der ihm -zauberhaft deuchte. Sein Körper war ihm so leicht, daß er ihn kaum -fühlte, die Seele so frisch und kühl, daß er kaum Atem zu holen wagte, -aus Furcht, diese Frische und Kühle könne abfallen wie lockerer Schnee. -Hoch über ihm sang die zarte Stimme des Schweigens, lieblich und wie ein -ferner Choral. Über alles Begreifen feierlich schien dies. -Augenscheinlich ein Traum. - -Warum saßen und standen diese hier? Hatten sie auf sein Erwachen -gewartet? Oder -- plötzlich graut' es ihn dennoch -- war er vielleicht -doch tot, und hier war nur seine Seele, die ohne es zu wissen gewandert -und in dies Zimmer zu Fremden gelangt war, die gar nicht ahnten, daß er -zugegen war? Die vielleicht um einen andern Toten trauerten? Oder um -ihn? -- Allein -- dies war sein Zimmer; im Turm, -- Hallig Hooge fiel -ihm ein und alles andre. - -Und jetzt auf einmal bemerkte er mitten auf der dunklen Decke des -Tisches einen schwärzlichen Gegenstand, in dem er sogleich seine Pistole -erkannte. Und gleich auch, mit einer traumhaften Klarheit, wußte er, um -was es hier ging. - -Er hier, er hatte über sich selbst ein Urteil gefällt, eigener Kläger -und Richter. Da es sich aber um eine Versündigung gegen Menschen -handelte, gegen Andre, so konnten auch nur Menschen, nur Andre über ihn -urteilen und richten. Und zu diesem Zweck waren diese stillen Fremden -nun da. - -In diesem Augenblick hob die weibliche Gestalt hinter dem Tisch das -Gesicht, und er erkannte mit heller Freude Magda, die ihn anzusehn -schien. Ach ja, daß sie blind war, hatte er nur geträumt. - -Indem richtete auch der neben dem Schreibbüro sich auf, und es zeigten -sich Jasons Züge und schwarze Augen. - -Der hinter Magda stand, ließ die Hand sinken; es war der Hauptmann. - -Bewegung, so leise sie war, rieselte umher, und gleich darauf wurde -Magdas Stimme hörbar, klar, aber gedämpft: »Ist er erwacht?« - -»Erwacht«, sagte Jason. »Er wird gleich sprechen. Wir wollen guten Abend -sagen, -- oder gute Nacht.« - -Georg sagte leise: »Schön, daß ihr da seid! Wie kamt ihr hierher?« - -»Wie alle Reisenden,« versetzte Jason, »über das Meer. Über seine -beruhigten Flächen sind wir geritten auf schönen Delphinen mit Augen -gleich Sternen, die blickten und schienen, dieweil sie glitten. Ihre -Schwanzflossen, gebildet wie Leiern, klangen lieblich zu unserer Fahrt. -Aber dies ist zu zart, um es ganz zu entschleiern.« - -»Ich glaubte, daß ihr Träume wart«, sagte Georg. - -»Glaube, wir sind es! -- Wir kamen kraft eines geistigen Windes, jeder -ein Traum, und aus Traum ist der Raum, wo wir weilen.« - -»Und warum kamt ihr?« - -»Um zu heilen.« - -»Und wie könnt ihr?« - -»Du mußt dich mitteilen. Aber erst höre, wie dies sich begab. Wir -stiegen an deinem Ufer ab, hier ich, die Freundin, die du lange kennst, -und dieser Diener aus dem Reich der Mitte. Hier der Notwendige, wie du -ihn nanntest, führt' uns zu dir, wir pochten, aber du gabst keine -Antwort. Schliefst du schon? es war erst Abend, aber deine Fenster -dunkel. Wir traten ein, und einer machte Licht. Da sahn wir gleich dein -schlummerndes Gesicht in einem Schlaf, wie wir noch nicht gesehen. Wir -konnten sprechen, sitzen oder gehen, du aber schliefst und wußtest von -uns nicht. Am Abend hatten wir uns eingefunden. Nun ist es tiefe Nacht, -du schläfst seit Stunden, du schliefst dich glühend an und wieder kühl; -es wurde sanft in dir, und dein Gefühl, das schmerzliche, stieg auf wie -Wasserblasen zu deinem Antlitz, wo sie sprangen zart in lauter Lächeln. -Was einst Qual und Rasen gewesen, schreckenvoll mit Nacht geschart, -verwandelte sich in der Schlafmagie. Nun deine letzten Träume, siehe sie -um dich versammelt, da du nun genesen! Die Freundin still und ernst, -stumm den Vasall, und mich, in Händen klar den Sprachkristall, und bunt -und immer lächelnd den Chinesen ...« - -»Aber Jason, mir scheint, dies war schon einmal, nur nicht so wunderbar -und --« - -»Das sind die Femrichter gewesen. Jenes war Mummenschanz, dieses ist -wahr.« - -»Soll ich nun sprechen?« - -»Wenn du es willst. Wenn es zerbrechbar ist, sollst du es brechen, wenn -es dir stillbar ist, daß du es stillst. Zwar ist der Teufel gemeinhin im -Zweiten ...« - -»Wie soll ichs verstehn?« - -»Beizeiten! Laß sehn: Was du allein weißt -- nicht wahr? -- das ist gut. --- Gut ist es und echt. Weiß es ein Zweiter mit dir, ist es schlecht, -- -dieweilen es heißt: sein Haben mitteilen. Teilst du aber dein Wissen mit -Reden, so wird es zerrissen, was bleibt für jeden? Die Hälfte, nicht -wahr? Und teilst du's mit Dreien, teilst es mit Vieren, mit Hunderten -gar, so wirst du's verlieren, und keiner hat was. Darum sagt der Chinese -vom Tao: Tao zu lehren, ist verwehrt. Tao gelehrt, hieße Tao geteilt, -aber Tao ist das Eine. Darum ist Lao-Tse, der Reine, in die -Verborgenheit gegangen. Nur im Verborgenen konnt er empfangen -- den -Zweiten, der mit ihm die Einheit sei.« - -»Was heißt das? verzeih!« - -»Gott ist immer der Zweite in Wahrheit. Was du allein besitzest in -Klarheit, das hast du mit ihm. Jedes Ding ist ein Seraphim zwischen -Gotte und dir. Seine Schwingen nach dort und hier aufgespannt, bilden -die Brücke von dir zu dem Zweiten. Da doch alles nach allen Seiten -unendlich ist, was könntest du halten, hielte das andere Ende nicht Er? -Aber gestützt auf diese Gewalten, auf Gott und auf dich, wird es keiner -zerschlagen und hat es die Kraft, die Erde zu tragen. Ein solches Ding, -so zauberhaft, ist das Gebet, ein solches ist die Tat, die gut geschah, -und jedes gute Wissen auch. Wenn du es aber teilst mit einem Dritten, so -wird auch Gott -- vergänglich ist sein Hauch, im Maß wie du vergänglich -bist -- zerschnitten. Er wird gevierteilt und getausendteilt. Christus -war gut, war Gott ganz zugeheilt. Er war mit Gott, doch Paulus war schon -schlecht, da er mit Christus war und Christi Knecht. Wissen, Habe, Kraft -und Lehre, sei es rein und ganz vollkommen, giebs an Menschen, so wards -Schwere und die Reinheit schon genommen. -- Bleibe mit Gotte allein!« - -»Und gäb es kein Mittel, ihn zu halten?« - -»Dreieinigkeit giebt es. Es giebt das Falten der beiden Hände zum Gebet, -auf deren Brückenjoch die Gottheit steht. So falte dich mit einem Andern -fest. Daß nur keiner sich wanken läßt und niemals erschlafft! Euch zu -halten, die Kraft ohne Gott: Gottheit erschafft. Sie wird Liebe genannt. -Sie ist so bewandt, daß sie Gott teilen kann ohne Grenzen und ihn aus -sich selbst ergänzen. Liebe kann ihn vielmals teilen und wieder -erhalten. Nur hütet euch vor dem Erkalten, und daß kein Teil verloren -geht, und daß nicht Einer den Andern von euch einen Augenblick nur und -nur um ein Gran -- weniger liebe, -- so bleibt Gott vollkommen, und die -Liebe vollkommen, und ihr selber vollkommen.« - -»Ach, was ist vollkommen?« - -»In Nachtgewalten -- In Taggewittern -- Sich süß erhalten -- sich nicht -verbittern!« -- -- - -Eine Weile herrschte das tiefe Schweigen. Leiser dann fuhr Jasons Stimme -fort: - -»Vollkommen war Renate, denn sie liebte. Nun ist sie die Verstörte und -Betrübte; sie geht umher und kennt sich selbst nicht mehr. Sie ist -geteilt in Leib und Seele, beide sind da und dort, dazwischen blitzt die -Schneide; es ward die Gnade Sprache ihr genommen, sie ist verwaist und -arm und unvollkommen, und ihre Augen sind wie Fenster leer. Sie fürchtet -sich, sie weicht den Menschen aus. Sie sitzt im Zimmer, das Gesicht in -Händen, sie schleicht sich manchmal in das Treppenhaus und tastet sich -durch Zimmer an den Wänden. Gesichter kann sie nicht ertragen, sie stößt -Geschrei aus wie ein Tier und läuft von hinnen. Sie war vollkommen; nun -ist sie von Sinnen, und keiner weiß, wie man sie wohl erlöst.« - - * * * * * - -Georg hatte plötzlich die Empfindung, als sei das Licht dunkler geworden -oder matter. Wollte die Lampe erlöschen? Waren seine Augen trüber -geworden? Ach nein, in ihm war etwas Schmerzendes, und das gab einen -Druck auf seine Sehkraft. Renate? Was war mit Renate? - -»Ich verstehe nicht!« stieß er hervor. »Was ist mit Renate?« - -Jason schwieg. Georg sah, daß Magda das Gesicht in die Hände gelegt -hatte. Danach sah er den Hauptmann, sah Jason und den Chinesen, der -übrigens, wie er jetzt erkannte, zwar anhielt, chinesenhaft zu lächeln, -aber zwei völlig europäische, ja erstaunlich runde und braune Augen -hatte, glänzend wie Kastanien. Obgleich aber so alles umher natürlich -geworden schien, eines Glanzes entkleidet, so fühlte er es doch nicht -minder ernst, nicht minder tief. Es war nur verdunkelt; es ward traurig. - -Die Hände fallen lassend, das Gesicht schmerzlich aufhebend, sagte -Magda: - -»Es ist, wie Jason erklärte. Sie ist -- irr. Ja, sie liebte. -Saint-Georges. Ich fand auf ihrem Schreibtisch einen Brief von ihm, in -dem stand, daß er sie seit Jahren geliebt hat, und daß es über seine -Kraft ging. Nun, da sie ihre Liebe erkannte, war es aus mit der seinen. -Ich kam einen Tag später als sie nach Altenrepen zurück, da war sie -schon, wie sie jetzt ist. Ihre Zofe hatte sie im Schlafzimmer an der -Erde gefunden. Sie scheint sich vor uns Allen zu fürchten. Sie kleidet -sich, ißt und schläft, aber sie spricht nicht, und wie es scheint, kann -sie es wirklich nicht, denn sie stößt Laute hervor, die --« - -Magda schwieg. - -»Ich kenne sie ja,« begann sie von neuem, »sie hat eine andre Natur als -wir, und alles trifft sie ganz anders als uns. Immer schien sie kühl und -beherrscht, und so leicht sie erglühte, war immer die Grenze da. Sie -sparte alles auf. Oft hatte sie seltsame Gesichte. Dies Gesicht nun -scheint anzuhalten, und -- ach, ich habe ja immer gehofft, deshalb -schrieb ich auch nie davon. Jetzt, wo so lange Zeit vergangen ist -- es -kam schon im Oktober --, mag dir das vielleicht sonderbar scheinen, aber -die Tage jagten dahin, und an jedem hoffte ich, ich würde morgen -erwachen, und alles sei ein Traum. Und ich wollte dich nicht -erschrecken, denn --« Magda errötete so tief, daß Georg es erkennen -konnte durch die Dämmerung -- »du liebst sie doch.« - -»Aber nun wollen wir das lassen«, fuhr sie fort. »Ich bin ja gekommen -... Lange war ich ganz ruhig um dich, obwohl unsicher, aber was soll ich -tun? Ich muß ja nun immer angestoßen werden. Als aber dein Brief kam -nach Ulrikas Tod, und der an Benno, den er mir zeigte, -- ja seitdem ist -meine Angst um dich gestiegen, bis sie mich heute gepackt hat, und hier -bin ich nun. Verzeih, daß ich nicht allein blieb mit dir, aber -- wir -sahn ja, was dir aus der Hand geglitten war, die Andern sahn es, und ich -fürchtete mich vor deinem Erwachen ...« - -Georg hörte die Worte nur von fern, wie zu einem Andern geredet. Er -dachte mit einem bittern Schmerzgefühl an Renate, und dann, wie er sich -sagte, daß sie stumm sei, nicht reden könne, stieg auf einmal wie ein -Springquell in ihm die Sehnsucht nach Worten. Jetzt erst spürte er die -ganze Pein des viele Wochen langen Schweigens, und Angst ergriff ihn, -daß er hätte sterben können, ohne alles gesagt zu haben. Keiner hätte -ihn verstanden, er sah sich selbst, sein Andenken, seine Seele, wie -einen ausgegrabenen Torso zwischen ihnen liegen, ein Rätsel, an dem sie -deuteten und alles falsch. - -Diese Erregung aber senkte sich wieder, und hernach war ihm wunderbar -ruhig ums Herz. Er begriff nun diese Magie. Daß diese Menschen in dieser -Stunde um ihn waren, das war ihr Zauber, das hatte sie selber so still -gemacht, das stieg wie ein friedfertiger Rauch aus ihnen und legte sich -um seine Sinne. - -Er beugte sich vornüber und verbarg das Gesicht in den Händen. Da -erschien ihm schon alles zu Sagende in reinlicher Klarheit und als ob er -es besser verstünde als jemals, dazu weder bitter noch schwer, sondern -alles mitsamt der Schuld hatte nur sein einfaches Dasein, als ob es nur -sich selbst angehörte. Worte zeigten sich schon, so leuchtend in -Natürlichkeit, daß er zitterte vor Sehnsucht, sie sprechen zu können. - -»Ja, ich will sprechen,« sagte er, »ich will alles sagen, ihr Alle sollt -es hören! Ihr werdet Alle sehn, daß ich recht hatte!« - -Während dieser Worte gewahrte er, daß es doch wirklich dunkler im Raum -geworden war. Jetzt blickte auch Jason in die Lampe und sagte: - -»Die Lampe stirbt. Darf ich sie ausmachen?« Und er neigte sich über die -Platte zu ihr und drehte sie aus. Es war Nacht. - -Georg sprach schon. Er hatte aber kaum die ersten Worte gesagt, als er -sie nur noch mit Ohren hörte und wahrnahm, und indem er länger und -länger redete, schien es ihm mitunter, als wäre in den Worten gar kein -Sinn, als wären sie völlig verwirrt oder eine fremde Sprache, die er im -Wahnsinn redete, ohne sie zu verstehn. Wo er begonnen hatte, wußte er -nicht mehr, denn alsbald waren ihm ganz ferne Dinge, Bilder, Vorgänge -aus seiner Kindheit in solcher Leibhaftigkeit erschienen und in solch -einem Leuchten, und wie mit einem Zunicken bekundend, daß sie unendlich -wichtig waren und keinesfalls verschwiegen werden durften, -- daß er -nicht rasch genug seine Schlinge darum werfen konnte, sie zu halten und -zu beschreiben. So lange hielten sie geduldig still, dann aber waren sie -augenblicks verschwunden ein jedes, und schon stand ein andres da, -bereit, sich fangen zu lassen. So sprach er und sprach, es kam vor, daß -er sich auf einer riesigen, abschüssigen Bahn zu befinden glaubte, die -er mit Sturmeseile hinunterfuhr, spürend, wie die Luft ihn umsauste, -oder war es die Zeit? Dann wieder stand alles still, und er glaubte, zu -empfinden, daß alles dies in einem Ewigen vor sich ging, und dann sah er -die Nacht um sein Haupt und da und dort den Schein eines Gesichts, und -er saß hoch über der Welt in einer Versammlung verdunkelter Monde, und -sein Leben rauschte in der Tiefe wie ein Strom. Jede Welle aber dieses -Stroms hatte ihren Sinn und Bezug und ließ ihn zurück wie einen -Bodensatz, -- und das war alles Schuld. Nur von einer so ungeheuren -Unabänderlichkeit war es jetzt, daß es die Beziehung auf ihn verloren -hatte. Einen Augenblick fühlte er dies; da wars leicht. Plötzlich schlug -ihn Bangnis an, wenn er zu Ende sein würde, dann wäre alles wie zuvor. -In diesem Augenblick merkte er, daß er nichts mehr zu sagen hatte. Er -suchte, lange wie ihm schien, aber nichts war da. Er hatte alles -ausgeschöpft, und erschöpft saß er selber in dem Dunkel, das die -Gewöhnung seiner Augen in graue Dämmerung verwandelt hatte, und sah -wieder den bleichen Schein der Lampenkuppel, und den von Jasons Gesicht, -von Magda und vom Hauptmann. - -Sterbensangst ergriff ihn da. Was war eben gewesen? Was hatte er getan? -Was sollte das alles? Ach, es sollte wohl noch das Urteil kommen? Das -war ja alles nur Zeitversäumnis. Und nun stand alles noch einmal bevor -... - -Das reißende Krachen eines Streichholzes ward hörbar, die Flamme zuckte -auf und leuchtete, schwer stürzten Schatten in Masse von oben, und neben -Magdas von der Seite hell beschienener Gestalt und hinter der des -unwandelbar aufrecht stehenden Hauptmanns an der Wand reckten die -Schatten sich den obern entgegen. Da war der ganze, düstre Raum, und -Jason saß dort und näherte die Zündholzflamme der Siegelkerze im -Leuchter, die langsam erglomm. Er blies das Streichholz aus und legte es -in die Leuchterschale. - -Magda sagte, tief Atem schöpfend: - -»Das war dein Leben, Georg ... Ich danke dir, daß du so gesprochen hast! -Dazu darf ich nichts sagen. Aber -- was du in alledem immer wieder -erkannt haben willst, das -- das ist Wahnsinn, Georg, in dem Maß ist es -Wahnsinn!« Sie wandte sich hülflos um. »Sagt es ihm doch, daß es -Wahnsinn ist!« - -»Warum?« sagte Jason. »Er hat doch recht. Wenn etwas Wahnsinn ist, ist -es weniger wirklich darum? Ist der Irrsinn für den Irren das Leben oder -nicht? Wahnsinn löscht doch sich selber nicht aus, nur wir sagen immer, -wenn wir an Wahnsinn denken: das ist nichts. Auf diese Weise wird ihn -wohl keiner überzeugen.« - -»Ja, aber Jason ...« Magda gab ihn auf, wandte sich wieder zu Georg -hinüber und fragte bekümmert. »Was glaubtest du denn, Georg? Wenn all -dies wirklich wahr sein sollte, glaubst du denn, daß du es mit dem Tode -wieder gutmachen könntest? mit dem Tode?« - -»Wenn ich so wahnsinnig wäre, wie du meinst ... Im Gegenteil, Magda, im -Gegenteil!« rief er gequält, »ich hätte Leben dazu gebraucht, zehn -Leben, hundert! Muß ich dir denn erst sagen, daß ich eine Pflicht hier -habe? Hast du denn meinen Brief nicht gelesen?« - -»Welchen Brief?« fragte sie erschreckt, und nun fiel ihm ein, daß der -Brief, den er meinte, noch in seiner Lade lag. - -»Keinen Brief!« sagte er ärgerlich, »ich hab mich versprochen. Ja, nun -ist alles wieder da, Mißverständnisse und Versprechungen und alles! Wie -war denn das damals, Jason, als wir dich aus dem Teich holten? Da warst -du höchst ungehalten, dich wiederfinden zu müssen. Kannst du beschwören, -Jason, daß dir nicht wohler gewesen wäre, wenn --« - -Jason lächelte vor sich hin. -- Georg fuhr fort: - -»Das ist ja alles gar nicht wahr! Um alldas handelt es sich gar nicht! -Alldas war es nicht, sondern es war nur das -- das rasende Verlangen, -einmal heraus zu sein! Draußen! draußen! versteht denn das auf einmal -keiner? Versteht denn keiner, wie bis zum Irrsinn das brennen kann, -nicht los von etwas zu kommen, und daß alles zugepicht ist, alles -verklebt und vernietet ist mit diesem Leben? Und Tag und Nacht und Woche -um Woche kein Aufhören, nicht die kleinste Lücke mehr, und nur noch -diese prasselnde Sehnsucht, einmal herauszustürzen aus diesem Leibe, aus -diesem Ganzen, und lustig zu sein, darüber und -- ein Geist -- -- und -zur Stunde zu sagen: da bist du, und ich bin nicht darin! Es ist ja -alles wie Musik so unaufhaltsam und atemlos und -- zum Tollwerden, und -Bogner hat wieder mal recht! Einmal alles anders sehn können als von -innen. Umkrempen sich und in den Winden sein ganz nackt und das Eis am -Leibe zu spüren von allen sieben Seiten! Eine Pause, Herrgott, eine -Pause! Warum läuft denn der Tertianer, der ein schlechtes Zeugnis hat, -in die Speisekammer und hängt sich auf? Weil er eine Pause will zwischen -jetzt und dem Geständnis, und weil er nicht weiß, was der Tod ist.« Er -sprang auf. »Gnädiger Gott, Magda, ich weiß, was er ist!« - -»Oh ich verstehe die Welt!« fing er gleich darauf brennend wieder an. -»Ihr einziges Verlangen ist meins. Der Schuster, wenn er einen Schuh -gemacht hat, der Dichter, wenn er einen Vers, der Gott selber, der eine -Welt fertig hat: sie Alle machen, so schäbig es werden mag, etwas, in -dem sie sind, und in dem sie doch nicht mehr sind. In dem sie sich von -außerhalb ansehn können und sich herrlich finden. Man denkt, man will -sich befreien, jawohl, aber das will man ja nicht, man will nur ein -Stück von sich in der Hand haben, um hineinzubeißen oder es -wegzuschmeißen wie einen Stein. Man will sich gefangen haben außerhalb, -und sich erlöst fühlen von sich. Und das ist die Erlösung der Welt! Das -ist die Form. Die Welt ist Chaos, wir können sie nicht begreifen und -nicht durchdringen. Aber drinnen sind wir, der Mensch, und wir sollen es -lichten, und ordnen, und sinnvoll machen. Bewußt oder unbewußt, und ob -Tat oder Werk: da stehn sie als Form, und da ist das Chaos klar. Es ist -drin in der Form als der Stoff, und doch ist die Form es nicht mehr, -sondern sie schließt es aus, und verneint es, und vernichtet es. Und -also, Magda,« schloß er heiser, »damit du mich verstehst: dies ist die -Aufgabe, für jeden und für mich: die Verwandlung. Verwandlung des Chaos -unaufhörlich und unermüdlich in die Form.« Er fing, da er sie den Mund -öffnen sah, gleich wieder an: »Und ich kann es nicht, ich kann es nicht -mehr, ich sage dir, daß ich es nicht kann, denn ich kann die -Verantwortung nicht auf mich nehmen! Und es ist also keine Form mehr -da!« schrie er wütend, »und wenn keine Form mehr reicht, ja was dann? -Und wenn kein andrer Stoff zu haben ist, alles ausgeformt ist, alles in -dir, in deine Seele geformt, was dann? In Stücke muß dann die Form -wenigstens, in Stücke um jeden und jeden Preis, damit wenigstens Ruhe in -der Welt ist, Ruhe!« - -»Und der Selbstmord --« Er war ganz heiser, aber im Augenblick, wo er -Magda die Lippen bewegen sah, mußte er etwas sagen, und es fiel ihm -immer etwas Neues ein, »der Selbstmord, Jason, der sogenannte, was ist -das überhaupt? Du und ich, wir werdens ja wissen. Das ist keine Buße und -kein Loskauf, und das sind alles bloß Ausdrücke! Und es hat mit dem -Leben überhaupt nichts zu tun! Es hat der Tod einzutreten, und das weiß -man, und das ist die Sachlage. Es ist nichts andres mehr _da_! das ist -es, und es sind keine Gründe und all dergleichen, sondern man geht auf -Pflaster, und da fängt der Asphalt an, weil er da anfängt, weil die -Obrigkeit das so eingerichtet hat, und man ist des Pflasters nicht -lebensüberdrüssig, sondern man _geht_ auf den Asphalt, weil er da ist! -Und man legt sich doch schlafen, wenn der Tag aus ist, und man ist -müde!« - -Georg hustete sich aus und verstummte. Dann setzte er sich wieder. - -Nun begann Jason mit aller Freundlichkeit: - -»Du sagtest eben Schlafen. Das hatte ich eigentlich schon früher -erwartet. Du wolltest schlafen. Nun -- hast du nicht? War es nicht eine -Pause?« - -Georg fühlte sich irgendwie umstrickt, wollte jedoch nicht nachgeben und -beharrte: es sei nun aber alles wie vorher. - -Das, meinte Jason, dürfte kein zwingender Einwand sein. Im Gegenteil, es -sei das Wesen der Pause, daß danach alles wie zuvor sei; sonst könnte -sie kaum Pause genannt werden, sondern Ende. - -Georg beharrte weiter: »Sie genügt mir nicht!« - -»Freilich,« versetzte Jason, »das ganze Leben genügt kaum. Wenn die -ewige Fermate kommt, war es immer zu wenig, und man versucht die -Ritardandos. Aber wir wollen nicht mit Worten streiten.« - -»Die Ritardandos wären auch wohl das Letzte, was du mir nachweisen -könntest, nicht wahr? Aber du hattest ja ganz recht: es kommt vom -Mitteilen. Nun hab ich mich unter euch aufgeteilt, nun habt ihr jeder -ein elend kleines Stück, einer hat den Arm, einer ein Bein, und ich -fühle mich längst nicht mehr ganz.« - -»Und das liegt daran, wie ich sagte,« erwiderte ruhig Jason, »daß du zu -wenig Liebe hast.« - -Georg fühlte sich in die Brust getroffen. Jason hatte recht: die Andern -hier waren gut, Jason selber, Magda, der Hauptmann in seiner Stummheit, -und dieser rundäugige Kleine hier. Er selber aber, er war unheilbar ... - -Da warf er das Gesicht in die Hände, fühlte sich jämmerlicher -zerschnitten als jemals und wünschte sich den Tod. - -Dieweil hörte er Magdas Stimme, entfernt, die von ihm sprach. Er wollte -nichts hören, verstand nur hier und da ein Wort, und es schien ihm, sie -sagte, er habe vielleicht bislang zu sehr sich selber und für sich -allein gelebt, zuviel an sich selbst gedacht statt an Andre, -- und von -seiner Jugend sprach sie, und daß er viel zu lernen gehabt habe. »Viel -mehr Möglichkeiten«, hörte er sie sagen, »als Andre, und deshalb mehr -Schwierigkeiten ...« Und zuletzt: »Sollte nun nicht alldas den Sinn -haben, daß du nun an die Grenze gelangt bist und -- ausgelernt hast, und -nun, was du für dich gewonnen hast, für Andre verwenden kannst?« - -Georg fuhr verzweifelt wieder empor. »Aber Magda! Das ist es ja doch! -Warum verstehst du es denn nicht? Ich möchte mich ja verwenden, ich will -es ja so brennend, aber ich habe doch nur diesen Weg, das Land, das -Volk, das Reich! Wie soll ich denn die Verantwortung für eine Million -übernehmen, wenn ich für mich selber ratlos bin? Und wer sagt dir denn, -daß ich ausgelernt habe, daß ich gelernt habe überhaupt? Ich hab doch -nur Schulden machen gelernt! Ich kann ja nicht mal praktisch etwas! -Regieren ...« Er stockte. Etwas, das er während der letzten Jahre -hundertmal empfunden und als eitle Eingebildetheit unterdrückt hatte; -was noch in den letzten Wochen mitunter aufgezuckt und von ihm zerpreßt -war; jene dunkle Vorstellung im Gedanken an sein Regieren, die sich -schattenhaft hinter den Worten: Ich kann es ... erhoben und im Schwinden -vor seinem Druck ein dünnes Lächeln der Selbstverachtung um seinen Mund -gelegt hatte: sie stand auf einmal in einer Weise ruhig und unverhohlen -da, daß er sekundenlange nichts tun konnte, als sie ansehn. - -Du kannst es, wenn du willst, sagte sie ruhig. Du fühlst dich dazu -begabt und bestimmt, und wenn du das im Tiefsten deines Wesens, wo du -echt bist, nicht immer gewußt hättest, nur als Geheimnis vor dir selber -es wahrend, so wärst du ja eine Kanaille gewesen. - -Die Erscheinung schwand langsam und ließ Georg in Verwirrung Magda -gegenüber, die sehr deutlich dasaß, zur Hälfte im Kerzenlicht, zur -andern im Schatten, und ihn ansah, so daß es schien, als ob eben sie die -Worte der Erscheinung gesprochen hätte. Da bemerkte er seine Verwirrung -und dachte: Sie macht mich ja nur wieder wirr, und morgen bin ich allein -... - -»Rieferling!« rief er plötzlich. »Nun sagen Sie etwas. Sie sind ein -schlichter Mensch. Ich verspreche Ihnen --« sich vorsetzend im Stuhl, -die Hände an den Knäufen der Lehnen, erleuchtet von der List, mit der er -sie jetzt Alle fangen würde; »ich verspreche Ihnen,« wiederholte er fast -schmeichelnd, »wenn Sie das rechte Wort -- nein, wenn Sie nur ein Wort -treffen, in dem ich die geringste Möglichkeit für mich finden kann, so -will ich ihr folgen.« - -Vorgebeugt bleibend in seiner lauernden Haltung, schon im Vortriumph, -daß nun das gewünschte Ende für ihn nahe war, glühte er mit beiden Augen -den Menschen an, der, die Hände fest um die Lehne des vor ihm stehenden -Stuhls pressend, die blickenden Augen in dem geprägten, geordneten und -stämmigen Gesicht auf ihn geheftet hielt. Nach einer Weile sprach er -einfach: »Hoheit sollten es versuchen ...« - -Ho -- -- heit ... tönte es echohaft in Georg nach. Er setzte sich im -Stuhl zurück. Ho -- -- heit ... Ein sonderbares Wort. Ho -- -- heit ... -sollten es versuchen ... Das war wieder so ein Ausweg, so eine -schwächliche Halbheit! schlicht gedacht, üblich; praktisch nannte man so -etwas, praktisches Leben -- das war der Ausdruck. Möglichst wenig -heroisch. - -»Es hat ja doch keinen Sinn mehr ...« würgte er endlich widerwillig -hervor. »Ich kann ja auch nicht mehr! Ich habe gelitten, gut, darüber -ist weiter nichts zu sagen. Aber alldas -- es muß doch ein Ergebnis -tragen, eine Erkenntnis, ein -- kurz ein Ergebnis!« - -»Das Ergebnis des Leidens«, sagte der Hauptmann, seltsamerweise -errötend, »ist wohl, durchlitten zu sein.« - -Worauf er sich entschuldigte: das sei so ein Gedanke, er wisse selbst -nicht, wie ... er könnte nicht sagen, daß er aus eigner Erfahrung ... - -Georg stand auf. »Du mußt todmüde sein, Magda, komm, geh schlafen.« Er -sah in diesem Augenblick, wie grau und zerfallen ihr Gesicht war. -»Rieferling wird Li alles zeigen. Wir können ja morgen weiterreden.« Er -sah auf die Uhr und erschrak. Sie stand auf ein Viertel nach sieben. -»Was ist das?« fragte er, »ist es jetzt wirklich Viertel acht?« Die Uhr -ans Ohr haltend, merkte er, daß sie ging, und der große Zeiger stand -auch genau genommen erst zwölf Minuten über Voll. Einen Augenblick -glaubte er, alles geträumt zu haben und vor derselben Minute zu stehn -wie am Abend zuvor. Dann hörte er Jason sagen, es sei an vier Uhr in der -Nacht gewesen, als Georg aufgewacht sei. Magda erhob sich und bewegte -sich auf ihn zu mit vorgestreckten Händen. Er ließ sie die seinen fassen -und litt es, daß sie sie liebkoste und an die Wange drückte, indem es -ihm beschämend und verkleinernd vorkam, sich streicheln zu lassen, weil -er sich nicht totgeschossen hatte, und er konnte es nicht lassen, -dieweil er sie in die Arme schloß, zu sagen: »Nun gehts glücklich aus -wie eine Sitzung im Bürgerverein. Ihr Frauen seid nur froh, wenn ihr -alles eingereiht habt!« - -»Ist es denn, Georg?« fragte sie, ängstlich zu lächeln bemüht, »ist es -denn wirklich?« - -Er dachte hart: Wenn sie mich nicht sehen kann durch meine Schuld, so -habe ich ja wohl ein Recht, jetzt zu lügen! und sagte mit müdem Ton: »Es -scheint ja so. Du --« fuhr er zärtlicher fort, »warst ja immer bereit -zur Verantwortung.« - -»Ja,« sagte Jason, »sie hat mich vor Teichen und Windmühlen bewahrt, und -deshalb saßen wir hier Alle zusammen. Gute Nacht, Georg!« - -Er reichte ihm flüchtig die Hand und ging an ihm vorüber zur Tür. Li -hatte inzwischen einen besonders langen, braungelben Mantel mit sehr -breiten Ärmeln übergezogen und einen steifen Hut aufgesetzt. Georg nahm -ihm Magdas Pelzmantel ab und hängte ihn um ihre Schultern, worauf er sie -zur Tür führte. Jason wartete dort und nahm ihren Arm. Alle schienen es -eilig zu haben, als könnte er etwas zurücknehmen. Georg drückte dem -Hauptmann die Hand und sah sie alle Vier die Senkung hinabsteigen in der -Richtung zu Cornelias Haus. Dabei bemerkte er, daß es neblig geworden -war; die Nacht über dem grauen Dunst war pechschwarz, die Luft nicht -eben winterlich, feucht, aber kalt genug, um Georg schaudern zu lassen, -während er die Gestalten in der Tiefe mählig verschwinden sah. Plötzlich -dann war alles leer. - -Hin und wieder zusammenschaudernd in der Kälte lehnte Georg am -Türpfosten. Was nun? -- Er kam sich zusammengeschrumpft vor und -erbärmlich klein. In seinen Schläfen pochte das Blut, nun stach es in -seinen Augen, die Müdheit war wieder da. Halb unbewußt wandte er sich -zur offenen Tür zurück, sah eine Weile dem Brennen der fernen Kerze zu, -sah die Schatten der Stühle sich leise anheben, und plötzlich wurden sie -alle beweglich, ein Luftzug strich an ihm vorüber, ein warmer Hauch von -drinnen. Im Aufflackern der Kerzenflamme sah er einen Gegenstand auf dem -runden Tisch Schatten werfen, seine Pistole. - -Da lag sie! Es zuckte schon in seiner Hand, als ihm einfiel, wie -sonderbar das sei, daß weder Jason noch der Hauptmann sie an sich -genommen hatte. Das tat man doch! Als ob sie sich verabredet hätten! -- -Ach, das ist elend, dachte Georg, mit diesem Vertrauensbeweis wollten -sie mir nun die Hände binden! - -Und wenn sie sie mitgenommen hätten, fiel ihm hinwider ein, was dann? - -Ihm schauderte heftiger in der Kälte, ohne doch drinnen eintreten zu -können, denn dann, dachte er, nimmt mich das Alte wieder auf, und ich -bin im Geleise. -- Er war allein; Nacht und Nebel --, das war geblieben. --- Aber die See! zuckte es durch ihn hin. Wenn ich sie nehme statt der -Pistole, so verstehen sie alles und erkennen den Ernst. - -Georg schloß gedankenlos die Zimmertür, drehte sich langsam und ging, -stolpernd im höckrigen Grasboden, Schläfen und Augenwinkel zerstochen -von Erschöpftheit, nach der Stelle am Deichrand, wo die Treppe nach -unten begann. - -Der Nebel war hier außen etwas dichter; die Sichtbarkeit des Sandbodens -unten zeigte, daß Ebbe war. Richtig, als er am Abend hier gestanden -hatte, war die Flut noch im Steigen gewesen. - -Stufe um Stufe trat Georg nach unten. -- Ein Freund kalten Seewassers -bin ich nie gewesen, dachte er verächtlich, aber -- das wird sich ja -wohl noch überwinden lassen. Wenn es nur nicht so weit wäre bis in die -Tiefe ... - -Er ging in den Nebel hinein. Das Ebbewasser pflegte hier weit -zurückzuweichen, da noch die versunkenen Inseln vor Hallig Hooge lagen. - -Georg hatte die Lider über die Augen fallen lassen, gehend, weil er im -Gehen war, in einer leeren Unschlüssigkeit, die ihn peinigte. Als er die -Lider wieder hob, sagte es in ihm: Da! -- -- Da war es ... - -Im Nebel, gerade vor ihm, stand eine ferne Gestalt, nicht mehr als ein -Schatten. Georg selber stand wie sein Herz. Das jagte im nächsten -Augenblick Wellen und Sprünge unzähliger wütender Schläge bis gegen -seinen Hals hinauf. Ihn grauste. - -Dann ermannte er sich. Schwerfällig und langsam formten sich -Vorstellungen in ihm. Jason ... Rieferling ... - -Wenn es aber einer von ihnen wäre, so würde er doch kommen ... Er -wartete ... Plötzlich hatte er mit großer Erleichterung das gewisse -Gefühl, daß der dort ihm den Rücken zuwandte und von ihm nichts wußte; -es war der Hauptmann. Er wollte ihn rufen, aber das gelang ihm nicht. -Nur räuspern konnte er sich und tat es, so laut er vermochte. - -Der Schatten bewegte sich nicht, und nun war Georg doch nicht mehr -sicher, daß er von ihm abgewandt stand. So versuchte er jetzt, sich auf -den Namen zu besinnen, jenen Namen, -- allein während das Grauen wieder -in ihm stieg, merkte er, daß jenes Wort nicht zu finden war. Es lag auf -seiner Zunge, Georg stieß ... Al-- Albert ... Aldebaran ... Baldamus ... -Nein M! ein M wars. Ma-- -- Magus ... - -In diesem Augenblick schien der Schatten zu schwinden, und Georg -flüsterte Atem schöpfend: Eine Sinnestäuschung! -- worauf er sich einen -Stoß gab und vorwärts ging. Mut zeiget auch ... flüsterte es in ihm, Mut -zeiget auch ... - -Aber mit einem maßlosen Entsetzen mußte er plötzlich merken, daß er -nicht gradeaus ging, nicht konnte, daß seine Füße -- er drückte mit -aller Gewalt --, nein, die Füße wollten nicht dorthin, wo der Schatten -gewesen war, sie sträubten sich wie Tiere, es war fast, als ob sie -knurrten und sich gegenstemmten, und Georg überließ sich ihnen in -hängender Schlaffheit, so daß sie ihn in einer gebogenen Linie nach -rechts davonführten, und -- -- da war der Schatten wieder, bewegte sich, -glitt, auf derselben Höhe mit ihm. - -Georg wußte, wenn er jetzt nur den Namen hatte, wenn er ihn rief, -brüllte, so war alles verschwunden. Aber er konnte nicht, er ging, und -plötzlich war der Schatten weg. - -Unter dem Nebel, fünf Schritte vor Georg, glänzte es. Etwas Blinkendes -lag dort, ein Krokodil, -- das Wasser. Dennoch spürte Georg für eine -Sekunde eine Erleichterung. Er wußte nun, worauf es ankam, und wo er -war. Er mußte wieder nach rechts hinüber. Ich will laufen, dachte er, -setzte auch dazu an, aber seine Beine waren schwer wie Säcke voll Sand. -Nun redete er sich Mut zu. Das ist ja alles Unsinn! Es ist ja nichts da! -Du bist übermüdet, du hast Einbildungen! und er ging derweil mit -zusammengebissenen Zähnen, den Kopf gesenkt, die Augen halb geschlossen, -hin und wieder strauchelnd, nur mehr sich nach rechts haltend, längst in -der Gewißheit, daß die Gestalt jetzt hinter ihm herkam. Nun würde sie -sich weiter und weiter vorschieben, bis sie auf seiner Höhe, zwischen -ihm und dem Deich war. Oh dieser verruchte Nebel! Er sah nach oben. -Einen Stern! nur einen einzigen Stern! - -Georg blieb stehn. Fast war er bereit, sich auszuliefern. Er fühlte, daß -unter seinem Stirnhaar sich Tropfen lösten und kalt über sein Gesicht -rannen. Er hatte zu nichts mehr Kraft. Wie lange Zeit so verging, wußte -er nicht. Endlich drehte er langsam den Kopf, langsam schließlich den -Rumpf. Da war die Gestalt, stehend wie er selber. - -Georg ging wieder; er ging und summte dazu im Takt seiner Füße. Dann -zählte er: Eins -- zwei -- drei -- vier -- fünf -- sechs ... Irgendwo in -einer unsichtbaren Ferne war ein erleuchtetes Fenster, und er sah das -Haus, die Umrisse in der Nacht, und rechts davon, drei Schritte weit von -ihm selber den Abhang des Deiches, wo er ein Ende nahm. Er glaubte, -alldas wirklich zu sehn, aber als er es ins Auge faßte, war da nur -Nebel. - -Auf einmal -- er tat, als geschehe es unabsichtlich -- blickte er nach -rechts und bemerkte den Schatten dort etwas hinter sich, der ihm -nachging. - -Georg schritt aus, so gut er konnte. Er ging ja nach rechts, gleich -mußte der Deich kommen, bald auch die Lücke, und er rechnete: sieben -Minuten konnten es im ganzen sein, ein gutes Stück hatte er schon hinter -sich und -- - -Was war das? Es glänzte grade vor ihm. Das Wasser! Wo kam das Wasser -her? War er doch daraufzu gegangen? Oder -- nein, hier war eine -Buchtung, das Wasser schnitt tiefer in den Strand ein, -- merkwürdig! -fiel ihm ein, wo sind denn die Buhnen geblieben? Ah, versandet! besann -er sich und machte sich klar, daß er nun rechtshin am Wasser einhergehn -müsse, -- worauf er sich drehte, schon spürend, daß seine Füße -einsanken, im aufgeweichten Sandboden strauchelte und nun die Gestalt -grade vor sich entdeckte, allerdings entfernt. - -Der Kopf fiel ihm vornüber. Aber jetzt, wie er in dem weicheren Sand -dahinging, sich am Wasser haltend, so dicht er konnte, fing er an, sich -zu sammeln. Haha! dachte er, die Gewohnheit, da ist sie ja wieder! Ich -habe mich daran gewöhnt! -- Und er konnte sich nun wieder besinnen, ihm -fiel allerlei ein, eine blaue Jacke erschien sehr schön, der Chinese, -die Kerze vor den Schubläden mit glänzenden Messingknöpfen, daneben, mit -Schatten gefüllt, die Nische, dann der Park von Helenenruh, sommerlich, -grün ... und nun bemerkte er, daß die Nässe und das Wasser zu seiner -Linken waren. Er ging weiter nach rechts, seine Eile verhaltend in der -Vorstellung, wenn er liefe, würde die Gestalt auf ihn stürzen. Da! da -war sie ja, fast auf gleicher Höhe mit ihm, sie war näher, sie wollte -ihn gegen die See drängen, er mußte sie mit aller Gewalt wegdenken, denn -das Grausen rieselte von ihr aus, und er ging, die linke Hand auf der -Stelle seines Anzugs, wo er die Uhr fühlen konnte, die sich nicht lesen -ließ in dem Dunkel. Wo blieb denn die Lücke im Deich? Sieben Minuten -mußten lange vorüber sein ... - -Da blieb er stehn. Seine Kraft war dahin. Das heißt, dachte er, die -Kraft mich verfolgen zu lassen. Nun wollen wir aber sehn! - -Er saugte sich künstlich voll Wut. Es dauerte noch eine Weile, bis er -die Lähmung in seinen Fingern überwunden und die kraftlosen nach innen -gekrümmt hatte. Die Fäuste schienen ihm aber so locker, daß er die -Finger immer tiefer nach innen preßte, bis er plötzlich mit einem über -Erwarten heftigen Schmerz die Nägel im Fleisch fühlte. Dann riß er die -Augen weit auf. Es flimmerte, aber da stand die Gestalt. Er setzte zum -Gehen an, senkte den Kopf tief gegen die Brust, setzte abermal an, hörte -ein Röcheln und ging auf sie zu. - -Alles an ihm raste vor ungeheurer Angst, und doch blieb ein Rest, der -Rest, der ihm sagte, daß noch Kraft in ihm war, zu gehn, darauflos zu -gehn, der ihn vor dem Zusammenbruch bewahrte. Dies dauerte endlos. Als -er den Kopf hob, war die Gestalt so nah, daß er fast aufgeschrieen -hätte, aber da sah er hinter ihr eine dunkle Wand, den Deich, und dann: -daß die Gestalt sein Vater war. - -Er machte noch ein paar Schritte, schluchzte, fühlte, wie er am ganzen -Leibe erlosch, und während über ihm die Stimme seines Vaters begütigend -sagte: Es ist genug, Georg! legte er sich, in staunender Erleichterung -hinsterbend, nieder vor seine Füße. - - - Siebentes Kapitel: Februar - - - Bogner an Georg - - Böhne, am 6. II. - -Mein Lieber! - -Da ich höre, daß Du noch auf Deiner Insel bist, möchte ich Dich für den -Fall Deiner -- hoffentlich mit dem Frühjahr erfolgenden -- Abreise -bitten, nicht an mir vorüberzugehn. Ich bin nämlich dahier geblieben. Es -kam so, daß ich während der zwei Stunden, die ich auf den Anschlußzug zu -warten hatte, einen Spaziergang über die schönen alten Stadtwälle machte -und im Nordwesten -- in der Richtung auf Helenenruh -- unweit im -Wiesengelände ein Gebäude liegen sah, dessen runde, flachgedeckte -Gestalt -- wie ein Panorama -- mich anzog. Es war die Reitbahn eines -Tattersalls, dessen Unternehmer, ein ehemaliger Offizier, kürzlich mit -Spielschulden flüchtig wurde; die Pferde sind verkauft, der Tattersall --- mit der Reitbahn hängt ein hübsches kleines Haus zusammen -- war -verkäuflich. Mein guter Stern wollte, daß ich die Tante des -Unternehmers, eine angenehme alte Dame, verwaist und betrübt -zurückgeblieben fand, -- und so habe ich denn das Ganze, Haus, Atelier -und Wirtschafterin erworben. Die Reitbahn hat gutes Oberlicht, und in -mir war das Fieber der Arbeit, so daß ich glücklich war, nicht erst -weiter zu müssen. Leinwand und alles sonst Nötige gab es im Ort zu -kaufen, ich ließ mir dann meine Habe aus Altenrepen kommen, und kurz: -seit ich anfing zu arbeiten, habe ich noch keinen Augenblick aufgehört; -hatte, wie es scheint, den Vesuv in der Brust und stehe nun verschüttet -vom Ausbruch. Du kannst dann einiges sehn, wenn Du kommst. Mir ist wohl. -Ich wünsche Dir das gleiche, mein Lieber, und bin Dein guter Freund - - Bogner - - - Magda an Georg - - am 15. Februar - -Georg, oh mein Georg! Ich habe sie wieder! Lieber Georg, denke doch nur, -wir haben sie! Renate, sie lebt, ach sie ist freilich krank nun, sehr -krank, der Arzt will mir nicht sagen, was es ist, aber das Leben, sagt -er, sei nicht gefährdet. Sie liegt in Fieber, schon Tage, schreit und -- -ach nein, wozu davon reden, es ist ja Hoffnung! Georg, es werden viele -Fehler in diesem Brief sein, ich treffe ja kaum die Tasten überhaupt, -wie sollt ich die richtigen treffen? - -Ja, und weißt Du denn, wem wir dies zu verdanken haben? Denke bloß! -Jason! Er ist selber ganz ratlos vor Verwunderung und schüttelt den Kopf -beinah wie damals, als er das Schütteln hatte. Daß er, Jason, etwas tun -konnte, etwas Richtiges tun, -- das wäre ein völliger Umsturz, sagte er, -und er könnte nur Gott danken, daß er keine Weltanschauung gehabt hätte, -denn was wäre aus der sonst geworden? Aber nun höre, wie es gekommen -ist! Es war ja so einfach, es war, sagt Jason, sogar noch einfacher als -das Kolumbusei. - -Jason kam, um Adieu zu sagen. Irene hat ihn nämlich gebeten, sie in -Dresden zu treffen, es scheint ihr nicht gut zu gehn, Jason machte ein -paar Andeutungen, sie schrieb ja auch kein Wort die ganze Zeit, und das -Kloster scheint sie also wieder verlassen zu wollen. -- Nun wollte er -versuchen, Renate noch einmal zu sehn, und da ich dachte, daß sie -_seinen_ Anblick vielleicht ertragen könnte, so ging ich mit ihm hinauf, -sie war eben in ihrem Zimmer. Er trat allein ein und ließ die Tür offen, -aber gleich gab es drinnen einen Aufschrei, und sie floh so schnell an -mir vorüber, daß ich mich wunderte, wo sie gleich hergekommen war, aber -Jason sagte, sie hätte dicht an der Tür gesessen, und das ist ja nun ein -glücklicher Zufall gewesen, nämlich daß sie nach draußen und nicht ins -Schlafzimmer gelaufen war, wie Du gleich sehn wirst. Jason sah sich -nämlich im Zimmer um und fragte sofort: Wo ist denn der Ech-en-Aton? Ist -er nicht da? frage ich; dann hat sie ihn wohl weggestellt. Aber warum -denn? fragt er wieder und hat sich gleich etwas gedacht, während ich gar -nichts ahnte, aber so ist Jason. Er fing nun an im Zimmer zu suchen, ich -mußte ihm auch den Schlüssel zum Schreibtisch geben, den ich selber -abgezogen hatte seinerzeit, aber der Kopf war nicht zu finden. Wir -klingelten nach Franziska, aber sie wußte nichts zu sagen. Jason ließ -sich nicht irremachen, behauptete steif und fest, sie müßte ihn -versteckt haben, und suchte im Schlafzimmer, und nun -- dort hat er ihn -denn wirklich gefunden, ganz unten im Wäscheschrank, unter einem Stoß -Kissenbezüge, die »so eigentümlich dagelegen hätten«, wie er sagte. - -Ja, und als er ihn dann hatte, wußte er sich im Grunde auch keines Rats -mehr; nur daß es irgendeine Bewandtnis mit dem Kopf haben müsse, das -könne er ihm überall abfühlen, erklärte er und meinte schließlich, das -Richtige würde zweifellos sein, ihn wieder auf sein Postament zu -stellen, und das tat er. - -Wir haben dann hinter dem Vorhang der Schlafzimmertür auf Renates -Wiederkehr gewartet, und kaum war sie eingetreten, so höre ich einen -lauten Aufschrei und dann einen Fall. Als wir hinzukamen, war sie -bewußtlos, sie ist aber bald wieder zu sich gekommen und hat mich -erkannt, auch ein paar Worte mit mir gesprochen, ganz klar, obschon sie -nicht wußte, was mit ihr geschehen war. Dann schlief sie ein, und dann -kam leider das Fieber. - -Jason sagt: Weißt du was? Sie hat sich vor ihm gefürchtet und hat ihn -versteckt, und dann hat sie sich gefürchtet, er könnte doch irgendwo -sein, und die Gesichter von uns für seines gehalten. -- Jason ist immer -genügsam, also war ers auch mit dieser Erklärung, und wir Alle müssen -uns zufriedengeben, bis wir vielleicht einmal mehr erfahren. Ach, mir -genügts ja auch, ich hab ja genug an meiner Glückseligkeit, und je -weniger ich weiß, um so mehr kann ich an ein Wunder glauben, und ist es -nicht jedenfalls über alle Vernunft wunderbar? Wüßtest Du nur recht, wie -sehr es mich auch wieder für Dich tröstet! Mein Glaube an Dein Heil ist -noch einmal so stark geworden! - -Sieh, mein Georg, es war ja so ganz ein Wunder, wie wir in der Nacht zu -Dir kamen, und wie Du da saßest und schliefest! Schliefest, Georg, so -tief, so schwer, -- glaubst Du, daß ich es nicht gesehen habe an Deinen -Atemzügen? mit der Waffe in der Hand, anstatt tot zu sein! Wenn Du das -an einem Andern erlebt hättest wie ich an Dir -- all die vielen Worte -nachher hättest Du nicht mehr gesprochen, sondern wie ich gewußt, daß -hier ein Ende war und keine Pause! Und war das kein Wunder, daß Dir der -Schlaf geschenkt wurde in dem Augenblick, wo Du Dir das Leben nehmen -wolltest? Den Tod nehmen, wollte ich sagen, der Ausdruck führte mich -irre. Das sah ich so deutlich wie mit beiden Augen: wie Du in Deiner -Müdigkeit die Hand des Todes zu fassen meintest, und wie statt seiner -der Bruder sich dazwischenschob und Dir lächelnd seine Hand hinhielt. -Und ich habe lange Zeit ganz allein im Zimmer gesessen und mich nicht -gesorgt um Dein Erwachen, und erst nach Stunden, wie immer wieder die -Andern kamen, um zu sehn, ob Du wach seist, und was Du dann tun würdest, -da wurde ich freilich ängstlich durch sie und bat sie zu bleiben. - -Ich hatte, als ich da in Deiner Nähe saß und Dich atmen hörte, immer ein -sehr trauriges Bild vor Augen, und ich will Dir davon sagen. Nämlich -damals, an Deinem letzten Geburtstag, als mir das in dem Tempel -geschehen war, versuchte ich zu gehn, weil ich gehört hatte, daß Du in -das Wasser stürztest, aber ich glitt auf den Stufen aus und habe dann -dort gesessen und nicht gewußt, was nun kommen würde. Nach langer Zeit -hörte ich dann Schritte und daß jemand bei mir stand und leise jammerte -und fragte, was mir wäre. Das war jene Frau, Georg, ich weiß nicht, wie -sie heißt, sie kauerte sich dann zu mir, zitterte und schluchzte, -- ihr -Gesicht war überschwemmt von Tränen, ach, und sie roch so nach Wein, ich -dachte fast, es wäre Wein, wovon ihr Gesicht so naß war. - -Das war meine dunkelste Stunde, Georg, ich dachte immer, ich müßte es -Dir einmal sagen. Ich war nicht gut darin, ich habe die Andre mehr als -einmal von mir gestoßen, bevor ich sie ertrug. Ich weiß nicht, warum -gerade dieser Augenblick in meinen Gedanken war, als Du saßest und -schliefst; es ist ja auch gleich, und nun habe ich es gesagt. - -Ein Wunder, heißt es, würde mit den Gesetzen der Natur in Widerspruch -stehn, das wäre sein Wesen und eben deshalb könne es nicht geschehn. Und -das Wunderbare, Georg, steht es nicht mit den Gesetzen der Vernunft im -tiefsten Widerspruch, wenn auch nicht mit der Natur, und wäre es -wunderbar, wenn es sich gleich einfügen wollte? wenn es nicht selber -sein Gesetz gäbe und uns nötigte, uns ihm zu fügen? - -Nun lebe wohl, lieber Georg, ich hoffe, recht bald, eine gute Nachricht -von Dir in Händen zu haben, und küsse Dich als Deine alte - - Anna - - - Georg an Magda - - Hallig Hooge, am 20. II. - -Anna! - -Du hast sie wieder! Ja, welch ein Glück für Dich und für sie, das -mitzuempfinden ich mich nach Kräften bemühe. Zwar habe ich keine Ahnung, -was für ein »Elch-in-Atomen« das sein mag, der in Deinem Brief umgeht -und auch die arme Renate so entsetzte, aber was liegt daran? Ich hoffe -vor allem, daß auch die Krankheit, von der Du schreibst, sich als so -ungefährlich erweise, wie der Arzt versprach, und dazu, daß der -erweckerische Jason so gut das Richtige getroffen habe, wie jener -Christus mit dem Lazarus. - -Was Du mir von Dir geschrieben hast, nahm ich in mein Herz auf. Danken -kann ich Dir nicht dafür, aber ich kann Dir nun etwas von mir schreiben --- nichts aus neuer Zeit! --, das mir lange Zeit für zu heilig galt, um -es selber mit Dir teilen zu können, -- allein wer weiß? es giebt mehr -solche Dinge, die man in Heiligkeit hüllt -- als Vorwand, um sie für -sich allein zu behalten. - -In jener Nacht, als Du schlafen gegangen warst, beruhigt, wie ich nun -wohl glauben darf, durch andres als durch meine Versicherung, daß »alles -eingereiht« sei, denn sie war mir leider nicht Ernst, -- in jener Nacht -war ich noch jenseit des Deiches, an der See. Was ich dort wollte, -kannst Du Dir denken. Auch dieses Mal wurde ich verhindert. Von wem? Von -meinem Vater. - -Es hat überlange gedauert, bis ich ihn erkannte, und was er gewollt hat, -wurde mir erst manchen Tag später klar. Ich hielt ihn für den Dränger, -für jenes Gespenst, das hier umgehn soll und die Menschen in die See -drängen, und grausige Minuten lang glaubte ich mich von ihm verfolgt. Am -Ende ging ich doch auf ihn zu, mit meiner äußersten Kraft, und als ich -dann sah, _wer_ es war, der vor mir stand, und seine Stimme vernahm: Es -ist genug! -- da, Magda, da erst bin ich gestorben. - -Ich erinnerte mich später deutlich, vor langer Zeit einmal geträumt zu -haben, ich stürbe. Es war ein weiches Stürzen ins Bodenlose, aber -während alles an mir sich auflöste und ich, noch in tausend Ängsten, -wußte, daß ich starb, überwehte mich schon eine linde Verwunderung, mit -der ich dachte: so leicht ist es? -- Und nicht anders war es jetzt, als -ich zu seinen Füßen erlosch. - -Als ich wieder zu mir kam -- das kann ich Dir noch sagen --, sah ich, -daß ich im ganzen keine zweihundert Meter weit bei meiner Flucht -gekommen war, denn ich hatte von der Treppe aus noch nicht die nächste -Buhne erreicht. Es gab noch viel Seltsames, von dem ich schreiben könnte --- wie ich mich auf den Namen Waldemar Montanus besinnen wollte und es -um keinen Preis konnte, (mir fiel später die Geschichte vom Bruder Ali -Babas ein, in der ich als Junge nie begriff, wie er das einfache Wort -Sesam vergessen konnte) -- aber wir wollen dies gut sein lassen; nur -eins wollte ich Dir noch sagen, was mir erst Tage später deutlich ward. - -Wo nämlich hätte der Dränger erscheinen müssen, Anna, wenn er einen -Menschen in die See drängen wollte? Doch wohl in der Nähe des Deiches, -nicht wahr? Dieser aber, der mir erschien, stand am Wasser, auf das ich -zuging, und er erwartete mich; um mich nicht hineinzulassen! Es ergreift -mich heute nichts mehr so, wie das, daß ich, als ich zum Wasser ging, -nicht einmal wußte, ob ich wirklich hineingehn würde, -- er aber besorgt -war auf alle Fälle und mir den Weg verlegte. Dann folgte er mir, und ich -floh, und da merkte er wohl, daß ich durchaus nicht ins Wasser ging, -sondern daran her, und nun wollte er sich zu erkennen geben und -verstellte mir die Richtung zum Deich. Ach, nun ist alles begreiflich -und klar, und nur dies, daß ich, der noch Stunden zuvor entschlossen zum -Tode war, nicht mehr daran dachte, nein, mit keinem fernsten Gedanken -mehr daran dachte, als ich in die See getrieben zu werden glaubte, -- -das erscheint mir noch einigermaßen sonderbar, obwohl die Sache -vermutlich so liegen wird, daß ich mich freilich nicht vor der See -fürchtete, sondern -- vor dem Grauen, und daß dieses alles mir -verkehrte, -- als worin wiederum eine kleine Erkenntnis enthalten ist, -indem ich mich früher stets gewundert habe, wenn ich las oder hörte, daß -bei einer Feuersbrunst jemand aus Angst durch das Fenster gesprungen -sei, aus Furcht vor dem Tod in den Tod, denn auch solch einer springt -nicht aus Todesfurcht, sondern bloß aus Grauen, das ihn verkehrte und -Wege sehn ließ, wo keine waren. - -Siehst Du wohl die feine Klugheit, die rechteckigen Gedanken in dem -Vorstehenden, kleine Anna, siehst Du sie gut und bist höchlich zufrieden -und denkst: er ist gänzlich der Alte? - -Im Übrigen ist zu sagen, daß ich bereits an mancherlei wieder Gewöhnung -gefunden habe, zum Beispiel an gebackener Flunder. Ferner begann ich zu -arbeiten, habe mir staatswissenschaftliche Bücher kommen lassen, auch -Geschichte (Notabene, wie steht es mit der amerikanischen von -Saint-Georges? erscheint sie oder nicht?), ich lese mit dem Hauptmann -französisch den kunstvollsten und dürrsten Roman der Welt, Flauberts -Education sentimentale; und arbeite am Abend mit ihm den -Zweifrontenkrieg aus, denn er ist eine strategische Leuchte und giebt -an, es daure nicht _so_ lange, bis Rußland und Frankreich und vielleicht -noch sieben Völker über uns herfallen (im Ernst, Anna, es giebt sonst -vernünftige Menschen, die sowas glauben!). Schließlich versuche ich, die -Schriften, die mir täglich von Birnbaum vorgelegt werden, nicht nur zu -unterzeichnen, sondern auch zu lesen und, was mehr, zu verstehn. Kurzum: -ich bin am Leben. - -Siehst Du, Anna, Du bist zufrieden mit so etwas! Ein Kind wird geboren, -und wenn es nur lebt, ist die Mutter schon froh, gleichviel zu welcher -Alraune an Häßlichkeit und Bosheit es sich auswachsen mag. Ach, ihr -Mütter, ihr Mütter! Wege finden sich immer, meint ihr, und: kommt Zeit -kommt Rat, wie all die Sprüche heißen, aber: wenn nun bloß _ein_ Weg -ist? - -Du weißt den Weg, Anna, und -- ich kann ihn nicht gehn. Und dies ist das -Elend, daß, wenn ich denke, ich kann es vielleicht doch, ich es schon -aus Gewohnheit denke und nicht aus Willen, und es einmal aus Gewohnheit -tun werde und nicht aus Kraft. - -Siehe den Fluch der Gewohnheit: Du schreibst von Wundern, vom -Wunderbaren immerhin, und selbst dieses, wie sehr bildete es sich in -Dir, wie sehr warst Du selber der Wundertäter! Ich, Anna, ich sah das -Wunder leibhaft, mit meinen Augen, sah meinen toten Vater wiederkehren -um meinethalb, und schon als ich hinterdrein erwachte, riet mir eine -sogenannte Stimme, es nicht anzuerkennen. Ich erkenne es an, ich halte -daran fest, aber -- es ist so: es muß uns immer alles wahrscheinlich -sein und berechenbar. Wir versagen, so wie wir nicht mehr messen können. -Wir sind die vollkommenen Narren, als welche das Wunder immer ersehnen, -und in der Not ihrer Sehnsucht das Wunder selbst zum Maß aller Dinge -machen und sie gewöhnlich, alltäglich und minder heißen. Und kommt das -Wunder mit seinem eigenen Maß, wie Du sagst, so sehen wir uns zu nichts -genötigt, als in möglichster Hurtigkeit ein andres Maß zu ergreifen, und -so ertappen wir jetzt das Gewöhnliche, das Natürliche. Nun ging längst -alles wieder in mich ein, und ich glaube zu fühlen, wie die Erscheinung -des Toten, aus meiner Todesnot entsprungen, meiner eigenen Brust -entstiegen vor mich hintrat. Wie sollte da mein Einschlafen mit der -Pistole mir genügen, das mir freilich ein Zeichen hätte sein sollen, daß -mir der Tod nicht bestimmt war? Noch glaube ich, Anna, an das erste -Wunder, aber schon arbeitet dieses zweite an seiner Wurzel, es -umzuhacken, und mit Stricken von oben am himmlischen Wipfel zerrt die -uralte Riesin: Gewohnheit ... - -Ach, und warum dies alles? Es liegt am Blut. Es war immer kalt, oder es -ist nun so kalt geworden, daß es nicht wieder erwarmen kann. Mir -scheint, es ist Februar. Das ist der schlimmste Monat, der, wo alles -schon möchte, und wo alles noch eingefroren ist. Umsonst, kleine -Sonnenseele, umsonst! - -Genug! Du hast Deinen Willen: ich lebe. Gebe Dir Gott dazu, daß ich Dir -einmal so dankbar dafür sein kann, wie Du es -- nach üblicher Rechnung --- verdienst. Wie immer Dein - - Georg - - - Achtes Kapitel: März - - - Aus Renates Gedächtnisbuch - - Anfang März - - Geliebter Himmel, blasser, - Von Abendglut gebräunt, - Liebling der blanken Wasser - Und Seelenfreund -- - - Ich sitze dir zu Füßen, - Aus Krankheit wieder erwacht. - Genesung zu versüßen, - Dein ist sie, ach brauch deine Macht! - -Nun, gleich Verse? Nein, dieser Anlauf schoß wohl doch übers Ziel -hinaus, und da sitz ich freilich schon fest. Ach, und nun seh ich erst, -was ich da richtig in der Hand halte! Einen Bleistift, einen ganz -schönen, ganz langen und ganz gelben Bleistift, gelb wie eine Primel, -nein, was bist du schön! du siehst ja wie ein Prinz aus! Laß mal zählen: -Eins, zwei, drei, vier -- sechs Ecken und sechs Kanten, ich kann sie von -den Fingerspitzen bis ins Handgelenk fühlen, wenn ich schreibe, und es -laufen nur ganz lange schlanke Buchstaben aus einem so schlanken -Gegenstand. Lieber Himmel, ein Bleistift -- und macht glücklich. Ich -halte einen Bleistift! Den Satz könnt ich hundertmal abschreiben wie -eine Strafarbeit, aber das sollte keine Strafe sein, und beim -hundertsten Mal würd ich noch nicht wissen, was er richtig bedeutet. - -Still! Ganz langsam! Schreib was andres! Schreib: Das -- Leben -- ist -- -süß. Punkt. So. Ach, warum muß ich nun weinen? - - an einem andern Tage - -Nachmittags aufwachen im Sofa, so leicht nun, gleich so klar, und im -Fenster ein Holdes sehn, unbekannt was, alles so hell, kühl, und es -summt nur noch immer im Kopf, und Geräusche sind so fern! Ach, das ist -ja das süße Leben, immer wieder, immer wieder! -- Dann aufstehn, geheim, -als wärs noch verboten, die Beine sind freilich schwer, aber -- sich -langsam aufrichten, und nun dastehn, es zittert in den Knieen, aber man -steht, und nun -- sich langsam um den Tisch herumschieben, ach, und -schon ist die ganze Welt verwandelt, es schwindelt, weil man nur steht. -Horch, wie still es ist! In einem fremden Haus tief unten geht eine Tür. -Das ist schön, wie die Tür geht. Und immer steht man, zum Fenster -gewandt, die Hände auf den Tisch gestützt, im Fenster ists leer und -klar, wie ist alles unbekannt! Die Bücher auf dem Tisch, die kleine rote -Schale auf der Decke, die Decke selber, der Tisch, lauter harte, -deutliche, glänzende Dinge, sind alle ganz neu wie Geschenke, und auf -einmal mußt du an dir heruntersehn, du bist ja ganz weiß, du trägst ja -ein ganz weißes Kleid, es ist so leicht wie eine Wolke, die Falten -bewegen sich geheimnisvoll ganz von selbst, es duftet aus ihm, es -knistert und bebt, und all das heißt: die Gesundheit. Es liest sich wie -eine Überschrift im Lesebuch. Endlich mußt du ans Fenster, du bist wie -ein kleines Kind, zum Fenster ists elend weit, aber du bist schon kühn, -wenn man nur will, gehts, und auf einmal, mit drei kleinen Schritten -bist du hurtig hinüber, und da knickst du auf den Stuhl, sagst: Ach -Gott! -- Nun ists aus, du bist ganz matt, du hast genug vom Leben für -heut. - - Freitag - -Freitag, heut ist Freitag. Freitag -- Dreitag -- drei Tage sitzt du nun -schon am Fenster und kannst schreiben. Oh mein Gott, daß nur das Leben, -das nackte Leben so süß sein kann! Da steht eine Hyazinthe im Fenster, -eine große, hellblaue Hyazinthe, in einem Topf mit moosgrüner -Manschette, die ist schön anzufassen, so rauh. Die Hyazinthe dagegen ist -glatt, sie ist ganz wie aus einem dicken, hellblauen Duft gemacht, so -einen Stoff giebt es sonst nicht, vielleicht Reif, so dicker blauer Reif -an Trauben und Pflaumen, mit Frühjahrhimmel gemischt und etwas weißer -Wolke, und ganz wenig Schnee, und etwas Narzisse, und all das steht ganz -zart und steif und nackend da, macht die Luft süß um sich her und ist -ein großer Trost. - -Draußen, da ist noch gar nichts, ein Garten, ganz kahl, schwarze Bäume, -ein einziger grüner Busch ganz unten, der Rasen ist gelbgrau wie ein -Fell, da steht eine Kapelle sehr sichtbar mit hohen Fenstern. Aber oben, -da ist schon der Frühling, da sind ganz stillhaltende Wolken zum -Anschaun wie auf Bildern, weiße, überall beschattet, dahinter ist eine -blaue Leere, weich, kühl -- und doch warm, in der es rieselt und sich -wandelt unmerklich und vergeht. Plötzlich wird dir warm in einem ganz -hellen Schein, es blendet, es überläuft dich was, dir zieht das Herz -sich zusammen -- -- - - am 7. März - -Was ist mir denn? - -Schrieb ich denn wirklich selber das, was ich heute lesen muß vom süßen -Leben? Kann denn eine einzige Nacht einen Menschen so verwandeln? Als -seien meine Augen hart geworden, und alle Dinge stehn wie in einem -Spiegel ohne Luft. Ach nein, verwandelt hat mich die Nacht nicht, es -stieg nur nach oben, was erst in dieser Nacht fertig wurde, der Baum von -Eis in meiner Brust, und da steht er nun, und seine Zweige klirren mir -am Herzen, und es ist ganz lautlos dabei. - -Kalt, oh wie kalt ist der Tag und ist mir! Wohin geriet ich denn nur? In -welches Leben? Ich weiß, ich träumte von Einem diese Nacht, für den ich -keinen rechten Namen mehr habe. Weiß nicht mehr, was es war, es war -kalt. Mir stachs eine eisige Nadel durch die Brust, und alles rollte -sich zusammen und erstarrte. Da sitz ich nun, die Feder bewegt sich -leicht übers kühle und weiße Papier, Schneefeld, Schneefeld! Wenn ich -durchs Fenster schaue, seh ich es rieseln in der kalten grauen Luft, die -schwarzen Zweige starren, Tropfen blinken am Glase, hier innen leb ich. -Warum? Wozu? Was soll hieraus werden? - - am 12. - -Ich schrieb nichts auf in diesen Tagen, obgleich sie so lang waren wie -die meilenlangen Winterseen, bläulich in der unendlichen Weiße, -aufgehend in weißlichem Dampf unter dem dunkelgrauen Himmel, und in der -maßlosen Stille klingt nur einmal ein heiserer Schrei, etwas Schwarzes -steigt aus weißem Uferbaum, schwer im Flug wie ein langsamer Dämon -streicht es seeüber, und von den Ästen, wo es abflog, fallen locker die -weißen, leichten, eiskalten Kissen. - -Immer liegt mir der See vor der Seele, ich schau drüberhin, ich muß -immer sehen und sehn, nichts verändert sich, und ich merke endlich, daß -ich immer auf den einen schwarzen Flecken im weißen Baum starre, wo der -Vogel abflog. Der kleine Kalender sagt, es ist März, im Garten ist ein -grüner Busch mehr, aber der Rasen blieb wie zuerst, ich ging einmal -schnell drüberhin, dann dacht ich: Ach, keine Krokus werden da mehr -stehn, -- wo du gegangen bist. Das ist mir im Sinn geblieben, es klingt -wie ein Stück Lied, so ein aufgetautes Stück. - -Da stand ich vor der Orgel. Kühl war sie und fremd. Ich wagte keine -Taste zu berühren. Sie war so kalt, als hätte sie in einem Haus aus -Schnee gestanden. Einmal vor Jahren träumte mir, daß ich spielte; -lebendiges Wasser rauschte unter meinen Füßen hervor, da tönte die -Orgel, vox humana sang mit der Stimme der Amsel. Eingefroren, -eingefroren, oh ihr Wasser des Lebens, ich töne nicht mehr! - - am 13. - -War denn dir so weiß alles vor Augen, Lazarus, armer, als dich das ewige -Lächeln aufgetaut hatte aus dem Frost? Aber vor dir stand Einer, der -wußte, was gut ist, auf seiner Schulter saß die schwarze Amsel und sang, -Primeln fielen aus seiner erwärmten Hand; als er gegangen war, sah man -da Kissen von Veilchen, wo seine Füße standen. - -Die Tage kommen, die Tage gehn. Ich glaube manchmal, ich muß sterben, -ehe der Tag herum ist, ehe das Dunkel kommt und endlich die Stunde des -Schlafs. Wie lange muß ich dann noch liegen, immer fröstelnd in den -Decken; die blauweißen Falten des Betthimmels über mir fließen herunter, -bleich in der Dämmerung, wie aus Eis, in der lautlosen Luft rieselt das -Eisige, langsam gefriert alles, ich suche, ich suche, und alles ist leer -... - - am 14. - -Und du, Freund der Sonne, Gesegneter von Strahlenhand, ach, einmal auch -mein Freund, du siehst über mich hinweg, auch du bist mir zu Schnee -geworden. Sie haben dich mir wieder gegeben, hätten sie's lieber nicht -getan! - -Der Garten, das weiß ich nun wieder, war nicht der Garten, sondern die -Lichtung der Insel. Immer wieder zog es mich dorthin, Grauen zog mich -hin, ich erschrak, wie sie sich veränderte, wie sie zerfiel, wie die -Blätter herunterwirbelten, ich glaube, ich muß sie immer aufgerafft -haben und mit den Händen hochgehalten, oder träumt ich das nur, daß ich -immerfort herumjagte und die Blätter schalt und aufraffte und in die -Luft warf? Aber es nützte ja nichts, und dann waren eines Tages die -Bäume leer. Oh, und diese Angst, unaufhörlich in der Brust! Meist vergaß -ich ja alles, nur die Angst war da; plötzlich dann fiel mir das Gesicht -ein, alle meine Angst galt dem Gesicht, das erscheinen könnte, im -Gezweige, im Zwielicht, ich glaube, besonders in der Dämmerung abends -muß es am schlimmsten gewesen sein. Ach, die grenzenlose Süßigkeit des -ersten Erschreckens damals auf der wirklichen Insel hatte sich mir in -unseliges Grausen verkehrt, und nun drohte das weiße Gesicht von -überall, und immer atmete ich auf, es nicht zu sehn, und immer -befürchtete ich es wieder. Es waren wohl die Gesichter der Andern, die -immer wieder entsetzensvoll gegen mich vorbrachen, und ich schrie und -wußte nicht wohin laufen vor Angst. - -Ich vermißte einen Brief in diesen Tagen, Magda gab ihn mir ängstlich, -ich las ihn, er sagte mir nichts. Er galt nicht mehr mir. Seltsam nur: -als ich am Ende war, sah ich mich selber aufstehn, den Ech-en-Aton vom -Sockel nehmen, eine Weile dann nicht wissen wohin mit ihm, sondern nur, -daß er fort mußte, um jeden Preis fort, daß er sonst aus meiner Hand -fallen und grauenvoll zerscherben würde. Dann war ich auf einmal im -Schlafzimmer, vor einem Schrank, und stellte ihn blindlings hinein. Ein -Schmerz zerriß mich blendend von oben bis unten, noch einmal in der -Erinnerung. - -Das also, das muß ich damals getan haben, als ich jenen Brief zum ersten -Mal las. - -Dann fragte ich Magda, und sie sagte mir, daß Jason den Kopf im -Wäscheschrank gefunden hat. - -Es ist noch winterlich draußen, alle Zimmer sind geheizt und trocken von -der warmen Heizungsluft, und ich höre nicht auf, am ganzen Leibe zu -zittern vor innerer Kälte. Ich wollte ein lebendiges Feuer haben und -ließ meinen Ofen heizen. Erst war es schön, die Hände anhaften zu lassen -an der glatten, glühenden Säule, gleich wurden sie ganz warm, aber die -Wärme drang nicht weiter vor, und da fing ich an zu schaudern, eiskalt -wie ich mich fühlte mit meinen feurigen Händen. - -Der Arzt tröstete mich mit Frühling, Sommer und Sonnenwärme und riet -eine Reise. Sonne, ach Sonne, du willst keine Seele erwärmen, die von -innen gefror, und ich weiß, ich weiß wohl, was mir erlosch. Das ist die -Wärme der Menschen, Wärme aus ihnen und Wärme zu ihnen. Der Eine nahm -sie aus allen fort. Er nahm alles an sich: den Schmerz und das Glück, -den Gram und die Wärme. Ich bin bitter geworden. - - Eine Stunde - Lebt ich wie Götter, und mehr bedarfs nicht. - -Oh wer es glauben könnte! Dem war die Brust quellend und reich, gesegnet -von Nachwonne, der das schrieb. Wozu leb ich? Es ist ja leer alles, ganz -leer. Darum soll ich jetzt leben? Mich ankleiden und essen, Orgel -spielen, mit Menschen sprechen und lesen und diese und jene Erfahrung -sammeln, den einen Tag wie den andern, dafür? Oh meine erloschene Liebe, -dafür? Barmherziger Gott, mir bricht die ganze Brust in Schluchzen aus, -wenn ich denke, daß ich alles, alles sparte auf den einen Tag, und -- -nichts mehr. Warum weinen? Nichts mehr bewegt sich, auch die Tränen -stehn still. - - - Georg an Magda - - Hallig Hooge, am 18. März - -Mit einem Wort: Laokoon! Laokoon, oder die aussichtslose Verstricktheit: -ein Alter, zwei Junge, drei Schlangen -- sämtlich in meiner Figur -dargestellt. Nur daß mein Mund nicht zum -- unkünstlerischen -- Schrei -geöffnet ist, möchte ich festgestellt haben. - -Herz, mein teuerstes, glaubst du wirklich, daß hier alles, worauf es -ankommt, mir nicht so klar ist wie Glas? Es bedurfte nur Deines Briefes -und in ihm der bezaubernden Schilderung meiner eignen, entschlafnen -Person, infolge deren ich mich selber sitzen sah in Eurer andächtigen -Runde, um mir die Augen völlig zu öffnen. Und nun sehe ich mich dasitzen -allerdings wie so etwas Halbgöttliches und zwar -- woher mir diese -Erscheinung kam, blieb unbekannt -- durchaus als jenen unflätigen, aber -achtbaren schlafenden Faun in München, aus dessen reisiger -Ungeschlachtheit dennoch etwas Göttliches raucht, ein Göttliches, das -nichts andres ist als der Schlaf. - -Nicht umsonst von den Alten als Gottheit verehrt: es ist wahrlich etwas -Göttliches um den Schlaf des Menschen, um den Schlaf einer Seele, -- das -weiß ich und darf es sagen, der ich auf der Jagd nach diesem -flüchtigsten aller Götter ihn verfolgt habe bis hinunter an das schwarze -Tor, hinter dem es braust von den Schatten. Wahrhaftig, es war nicht -unheroisch, zu schlafen in jener Stunde, da ich die Jagd aufgab und er -nun stillschweigend aus den Stämmen hervortrat und die ermüdete Hand -ergriff. Wie wenn es geheißen hätte in einem arkadischen Dorf: ein Gott -sitzt an der Straße vor dem Tor, er wollte vorüber, da ergriff ihn die -Müdigkeit, nun sitzt er im Schlummer dort ganz wie ein schlafender -Mensch, und man kann ihn sehn. Und nun eilen sie in den glühenden Mittag -hinaus und versammeln sich um jenen und staunen an seinem Schlaf. -- So -war auch Euch jene Stunde heilig, meine Anna, und gewiß: wenn es einer -Sache nicht bedurfte hinterdrein, so waren es all unsre Worte. - -Es bedurfte der Worte nicht! Denn nie hat es der Worte bedurft zu -nachträglicher Deutung; Wissen ist schweigend, aber es ist mein Fluch, -daß ich ihrer niemals entraten konnte. Was ich auch erlebte: nicht eher -wurde es mir haltbar, ehe es mir denkbar erschien. Dies aber ist Gnade -der Dichter: ein Stummes zu geben wie die Blume, deren Sprache der Duft -ist, zu reden und dennoch zu schweigen, aus dem menschlichsten Stoff, -aus der Sprache, die göttliche Form zu bilden, und doch nicht einen -Hauch ihr zu mindern von ihrem Duft. Ich bin kein Dichter, aber immer -möchte ich dies auch, und meine Worte sind nur Fallen und Schlingen, in -denen vielleicht Unsterbliches hängt, -- halb erwürgt. Gut und heilig -jene Stunde des Schlafs, aber ungut und unheilig darüber jedes Wort; -ungut und unheilig, da nur das Schweigen gilt und Ehrfurcht vor der -großen Erscheinung, ungut und unheilig die Deinen, Anna, in denen Du -mirs erklärtest, und hier die meinen, in denen ich mich zu Ende -erklärte. - -Mir wäre weit besser, ich läge da tot. Wenn ich auch als ein dreifach -Umstrickter gestorben wäre, so war es doch eine königliche Verstrickung -geworden, und es wäre nicht kleinlich gewesen, den beiden großen -Pythons, Schuld und Tod, zu erliegen. Die sind nun auch klein geworden, -sehn der gemeinen Ringelnatter ganz ähnlich, und andre von gleicher -Statur gesellten sich zu: Schwäche, Arglist, die sagt: Hoheit sollten es -versuchen ... und Feigheit, die überreden will, es käme am Ende doch nur -aufs Leben an, und auf einen Thron brauchte sich keiner zu setzen, der -nicht wolle. - -Klarheit, o himmlische Klarheit, warum niemals zu mir? Erkenntnisse hat -mich auch Bogner viele gelehrt, so viel, daß, wenn es Pfähle wären, ein -ganzes Venedig sich drauf bauen ließe. Damals, als der kranke Heros -neben mir saß, da glühte sein Herz in meinem Blut, und was ich erkannte, -das war mir auch Leben. Längst wieder leblos und eisig geworden, klirre -ich mit den schönen Erkenntnissen herum wie mit nutzlosen Prunkstücken, -als sei damals Festtag gewesen und Alltag heut, und wann unterschiede -sich Alltag und Festtag im Leben der Seele? - -Ich hebe meine Augen auf zu den Bergen, von denen mir Hülfe kommt, -- -ach Anna, bist Du denn dort drüben? Ich denke viel an Dich, ich sehe -Dich dann immer vor mir sitzen wie damals, als ich erwachte, und jenes -Glück und die Zauber des schönen Erwachens atmen mich sanft wieder an. - -Aber ich will nicht sein, hörst Du, ich will, ich will, ich will nicht -wieder sein -- nach diesem! --, der ich zuvor war, nur reicher um diese -Erfahrung, daß am Ende alles tragbar ist. Als hätt ich ein Tier erlegt -und seine Haut angetan, und täglich wird sie dünner vom Tragen. Ach, daß -kein Hirsch je zu königlich war, man macht einen Jagdrock aus seinem -Fell und drechselt Knöpfe aus dem heroischen Gehörn. Ich will das nicht, -Anna, und diese Verstricktheit muß einmal zerreißen, oder ich zerreiße -denn mich. - - Georg - -Der Brief blieb liegen, von Rechts wegen; die drohend herausgeballte -Faust am Ende wäre Dir unleidlich zu sehn gewesen. Tage sind wieder -vergangen, die kalte Verdrossenheit, die mich schon hatte, als ich noch -schrieb, hielt seitdem an. Nimm ihn, er ist Dein Eigentum, leg ihn zum -Übrigen, Du gute Geduld! Ich bin seit gestern entschlossen abzureisen -und wäre schon davon, wenn ich nicht halb betäubt wäre von einer wilden -Erkältung, die in meinem Kopf alle Ein- und Ausgänge verstopfte. So -bleibt mir unklar, ob ich gleich nach Altenrepen fahre, oder erst -- mit -Deiner Erlaubnis -- nach Helenenruh. Mein Fernbleiben von den -Regierungsgeschäften ist nunmehr nicht zu entschuldigen, da ich leidlich -leistungsfähig bin. Ich habe mir den Vollbart abgeschnitten, nur die -Armeebürste auf der Oberlippe sitzen lassen, die beiläufig dunkelrot -ist, und kann nun ganz gut für einen Prinzen oder angehenden Herzog -gelten. Vor Altenrepen hält mich eine letzte Feigheit zurück; ich -überlege ... - - am Abend - -Der Brief sollte mit dem Kurier zurückgehn, da bringt er mir ein -Telegramm von Tante Henriette mit der Nachricht vom Tode ihres Mannes. -»Recht bekümmert« nennt sie sich darin, und so stelle ich sie mir vor. -Ich fahre also morgen mit der Frühflut und denke am Nachmittag in Berlin -zu sein. Das paßt mir als Übergang und Pause vor dem endgültigen -Schritt. - -Dank übrigens für Deinen Gruß durch die Cornelia! Sie besuchte mich -hier, Du wirst von ihr gehört haben, daß sie sich wieder mit ihrem -ehemaligen Verlobten zusammenzutun gedenkt, wenn der vier Wochen -Nervenheilanstalt hinter sich hat. Ein entzückender Gedanke! Und so echt -weiblich! Denn: wie herrlich sinnlos kann man sich da zum Opfer bringen! --- - -Wenn ich noch einmal über die letzten Wochen hinblicke, so sehe ich, daß -ich in einer völligen Hoffnungslosigkeit lebe. Hoffnungslos mir selbst, -da, wie ich schon sagte, nur um eine Erfahrung reicher; hoffnungslos für -alles Tun und Lassen, was in diesen Erdreichen geschieht. Was aus diesem -Stumpf etwa zu entwickeln sein mag, wissen die Götter. - -Immerhin auf baldiges Wiedersehn! - - - Aus den Papieren Georgs - - In Berlin, 20. März - -Um Mitternacht schlug ich das Fenster auf, vielleicht daß der Schlaf -draußen stünde, der mich wiederum mied. (Aber möglich, daß es hier ein -andrer Schlaf ist, der Schlaf der großen Städte, für den ich noch die -magische Formel nicht fand.) Rechts oben in der Höhe, hinter einem -marmornen Gewirk von Wolkenweiß und mattem Blau, war der abnehmende Mond -zu sehn, gerade über der Spitze des kleinen Matthäikirchturms, dessen -Schattenriß schwarz und altertümlich inmitten des Platzes stand. Ein -dumpfes Brausen, nicht das nahe der See, entfernt: die schlaflose -Geschäftigkeit des Labyrinths. Da erschien mir am Himmel oben mein -letzter Augenblick auf Hallig Hooge. - -Schon wartete das Boot, ich hatte über den eilfertigen Vorbereitungen -der Abreise den Abschied vergessen und ging jetzt noch einmal zu Ulrikas -Grab. Der einsame weiße Stein mit ihrem Namen im graugelben Vorjahrgras -glänzte spärlich in einem eben hervorbrechenden, sehr kühlen -Morgenlicht, das meine Augen nach oben lenkte, obwohl es meinen Schatten -vor mich über den Stein legte, denn ich stand mit den Augen zur See. -Seltsam war der Himmel. Das ganze gewaltige Halbrund der Kuppel, in der -ich stand, war in der Höhe reinblau, gedämpftes Morgenblau, aber rundum -auf den Rand, bis zu Haushöhe schiens, war eine Lagerung von sechs, -sieben Stufen weißer Quadern mit Fugen geädert von Blau. Die See -darunter war dunkel, in kleinen Wellen kräftig bewegt; breitere Wogen zu -meinen Füßen zerschellten zu reinweißem Schaum, laut brausend mit -einzeln vernehmlichen Stimmen, und der Wind strich sausend herauf. -Wunderbar aber waren diese, ringsum zum Kreise geschlossenen Terrassen -von Wolken zu sehn; jeden Augenblick war mirs, als müßte ich Gestalten -des Äthers auf sie hinaustreten sehn, leise farbig und glänzend aus der -kühlblauen Wand, allein sie blieben immer leer, und nur, als ich mich -suchend endlich umwandte, blendete mich die Morgensonne, die, den -obersten Rand des Wolkengemäuers im Osten zerbrechend und schmelzend, -goldene Hörner und Stäbe durch die Fugen nach unten zwängte, und dort -glitzerte silbrig die See. - -Ganz plötzlich, mit einem Zucken, fühlte ich den Frühling. Die Mulde -unter meinen Füßen schien mir grüner, als sie nach der Jahreszeit sein -konnte; rechts unten glänzte das Fachwerk weiß und blau, fern drüben das -tiefe Rot an Cornelias Haus, grad gegenüber mir, in der Lücke des -Deiches, lag das Boot schneeweiß unter Segel, wo Cornelias grüne Jacke -leuchtete; links auf meiner Höhe stand mein alter Turm in dem Licht. -Mich fröstelte im Wind, aber meine Sinne sogen Frühling aus den Farben -des Toten, hier, wo das Jahr durch kaum eine blumige Farbe erscheint. -Die zarte Neuigkeit spürt ich, unsichtbar aufgesprossen im Gras überall, -eine Regung, einen Atemzug aus dem Innern. So sehr vergaß ich mich -selber über diesem, daß ich den Deich hinabstieg und fortging, ohne der -Toten zu gedenken. - -Als ich dann im Boot saß, das grüne Eiland vor mir im Entgleiten sich -langsam erhob und erhöht im dunklen Rollen der Wasser ruhte, erschien -mirs auf einmal wie eine riesige Schildkröte. Auf ihren gewölbten Rücken -hatten ich und die Andern uns gerettet, nackt in unserm Leben, -Schiffbrüchige aus einem Sturm, wie ichs als Knabe in jenen Büchern des -Behagens las. Monatelang hatten wir dort gehaust, so gut sichs eben -hausen ließ, Gestrandete: einer starb, einer baute ein Floß und warf -sich mit ihm in die See, nun schieden die Letzten. In diesem Augenblick -glaubte ich zu sehn, wie das bislang geduldig still gelegene Tier sich -erleichtert bewegte und -- ich sahs von mir abgewandt liegen nach der -offenen See hinaus -- den Kopf hob und drehte, um nach mir zu sehn. - -Da erinnerte mich der noch ragende Turm des Grabes in seiner Nähe, und -erschreckend befiel mich die Verlassenheit der Toten, die dorten -verblieben war, allein mit zwei Geräuschen, jenem des ewig sausenden -Windes und jenem der wogenden See. Ein unendlicher Schmerz ergriff mich -auf einmal, ich hätte dort liegen können wie sie, aber mir hätte es -keinen Schaden getan. Sie war hülflos und zart, nun versank vor meinen -Augen die Insel, ich konnte mir leicht einbilden, das riesige Tier -fortrudern zu sehn und hinuntertauchen in die Dämmerungen der -schweigsamen Tiefe. Die verarmte Tote! sie blieb allein, unbekannt den -brüllenden Völkern des Meers, aus denen bald einer heraufsteigen würde -zum verlassenen Eiland, dort zu sitzen in seiner schwermütigen Natur und -ins dumpfe Muschelhorn zu stoßen. Die Sonne stieg höher herauf, den -Schatten meines Segels legte sie auf die glänzenden Hügel des Wassers, -aber mir ging aus dem Odem der windigen Kälte die schwere, die sternlose -Herbstnacht auf über dem Eiland, und die abgeschiedene Seele erstand -schattig und dürftig auf dem Kranze des Deichs, leise klagend um ein -Ungebornes und um den Undank des Daseins für vieles reine Bemühn. -- -- - -Webe mir denn ein starkes Kleid, blindäugige Mutter, Hoffnungslosigkeit, -armlos den Webstuhl tretend mit ehernen Füßen, an dem die Fäden von -selber fließen aus dem Unsichtbaren der ewigen Nacht. So läuft einmal -alles hinaus auf ein Dürftiges: Haltbarkeit. - -Ich erinnere mich: auf einem Ritt durch die Ebene um Helenenruh sah ich -auf einer Wiese eine uralte, magre braune Stute, die beim Nahen des -Wallachs sofort die Ohren hochstellte und herangejagt kam bis an das -Gatter, das sie von uns trennte, und an dessen andrer Seite sie mit uns -trabte bis an sein Ende, wo sie noch lange stand und uns nachsah, das -heißt meinem Pferde, das kein Ohr und nicht den Kopf ihretwegen bewegte. -In ihrem langen Halse war ein Loch, in dem bei jedem ihrer Atemzüge die -Spitze eines Rohres zum Vorschein kam, und sie atmete laut rasselnd und -schnaufend. Vielleicht daß diese haltbare Alte mich damals an Tante -Henriette erinnerte, und deshalb erschien sie mir nun. - -So wird auch der Seele, wenn der natürliche Eingang des Lebens versagt, -ein neuer gebohrt, und der ganze Unterschied besteht in den lauteren -Atemzügen. Besonders leise wird mein Leben ja fortan nicht mehr sein, -und keiner wird, und ich selber kaum, die rasselnde Seele hören, die -sich haltbar erweist. - - am 22. - -Soll ich aufschreiben, was heut sich begab? Wird dieses nun, dieses die -Kraft beweisen, die ich in ihm zu erkennen glaubte, und die bei ihm -Unsterblichkeit heißt, oder wird es mir schon unter den Fingern zur -Haltbarkeit von blauer Tinte zerrinnen? Gott helfe mir, ich will es -versuchen. - -Gleichviel, wie ich, noch einmal mit mir allein, in den Tiergarten -geriet und, wieder in plötzlicher Erinnerung an Hallig Hooge, zwischen -den kaum ergrünten Büschen hindurch, wo erste Amseln über den Rasen -schlüpften und erste warme Erleichterungen durch die alte Kühle der -Lüfte zogen, in die Stadt gelangte, durch das Tor, die Linden hinunter -und weiter gedankenlos auf der linken Straßenseite bis zur -Charlottenstraße, wo eine eben anfahrende und haltende Elektrische Bahn -mich zum Stehenbleiben nötigte. Ich sah zu, wie eine Dame sehr mühselig -ausstieg, oben vom Schaffner, unten von einem Herrn gestützt, und in ihm -erkannte ich langsam Hardenberg. Die Dame war seine Frau; ich sprach sie -an, sie kamen aus dem Norden, wo sie sich um das Fortkommen -irgendwelcher Kinder ohne oder mit verderbten Eltern bemühten, von denen -die Frau gleich mit ihrer strudelnden Lebendigkeit und so erregt zu -erzählen begann, daß ihr Mann und ich beim Gehen alle Mühe hatten, sie -zwischen uns zu halten, dermaßen riß sie an uns mit ihren unbeherrschten -Bewegungen. Da sie mir sagten, sie seien im Begriff, einen Freund zu -besuchen, den ich sofort kennen lernen müßte, wenn er mir noch fremd -sei, so schloß ich mich ihnen an; sie machten nur eine Anspielung auf -die ägyptische Abteilung des neuen Museums. - -Schwer zu glauben: vor einem Jahr war ich dort und sah nichts. Woher -plötzlich die Augen? Gute Anna, kein Wunder könnte mir je wunderbarer -erscheinen, als was ich nun sah. Ein Ding von dieser Wunderart hätte -genügt, und ich sah hundert, sah Flure und Säle gefüllt mit -Unglaublichkeit. Das ist Ägypten: ein würfelförmiger Block aus Granit, -bedeckt mit Hieroglyphen; mitten in der Oberseite des Blockes der Kopf -eines Kindes. Dahinter der größere Kopf des in dem Würfel hockenden -Mannes, ein schlichtes Antlitz mit leider zertrümmerter Nase, das Haar, -in strenge Linien gepreßt, links und rechts von dem Haupte in festen -Massen niedergestrichen und, unterhalb wagerecht abgeschnitten, -solchermaßen auf die Oberfläche des Würfels gestellt. In der ungeheuren -Starre des Granit aber bewegen sich die hochgestellten Knie und die -darum geschlungenen Arme des Mannes, zwischen denen das Kind steht, -lebendig in sichtbaren Wellen des Lebens; ganz deutlich und klar ist da -alles im Stein, Füße und Knöchel, Schienbeine und Knie, Ellenbogen und -Arme und Hände und darinnen das leibliche Kind. - -Alles, was ich sah, war unfaßlich. Das Antlitz des ewig geheimnisvollen -Wesens Form sah mich hier so schleierlos und so mit großem Auge an, daß -es schien, als sei kein Geheimnis mehr da. Hier ist alles unbekannt, und -nur am sonst unverständlichen Schmerz ließ sich spüren, daß Bekanntheit -sein sollte und einmal war, was für immer versunken schien. Tiefen sind -hier, Räume, ein Wesen mit einem Wort, dessen äußerste Grenze uns immer -unauffindbar sein wird. Denn was wir sehen, ist das für uns Sichtbare, -was uns Ordnung scheint, unser Gesetz, aber nicht das seine, das aus -einer anderen Wirklichkeit kam. Auf keinem Stern könntest du dich umsehn -und dich so tief im Unbekannten finden und doch in der Wahrheit. Und -wenn hier ein Wunder sein sollte, so wäre es dies, daß du doch atmen -kannst in dieser Luft, dieser Welt. - -Ich mußte mich umsehn, woher ich kam, und fand, daß ich ja aus Hellas -hierher geriet. Plötzlich war mirs da, als ob eine seltsame Sonne -schiene mitten in der gestirnten Nacht. Oh in Hellas war alles Blut und -Odem, Sonne und Wind, Ströme und Wald und das Meer, Gottheit und Getier, -ein Himmel voller Gestalt von Fischen und Männern, tausendfach -gestaltige Natur, überall Blick und Wink und Gebärde. Das Lächelnde war -dort und das Schöne, die Leier, die singende Lippe, der schwebende Fuß -und das fliegende Haar. Da erschien mir das hellenische Bildwerk, -aufgestellt mit tausend seinesgleichen um eine Mitte, von der ein Strahl -ging zu jedem, aber ihrer aller Mitte lag außerhalb ihrer selbst, und -sie alle, geordnet zusammen ergaben die Welt. Und ich sah das -Menschliche in ihnen, aufleuchtend in seiner ganzen, höchsten -Erfülltheit. Solange aber Menschliches waltet, solange ist Willen und -Verlangen, Streben, Bewegung, Wandlung; Wandlung zum Gotte hinauf und -Wandlung des Gottes herab, lauter schweifende Seligkeit, Schweben, -Heiterkeit, Anmut, Würde, tausend Eigenschaften des Göttlichen in einer -blühenden Zerstreutheit, und alles überglänzend und bindend der Segen, -das ewige Auge. Jetzt aber, wie erschien mir in der Erinnerung auf -einmal ein niegesehener, immer gefühlter Zug von Schwermut in der -griechischen Form? Diese schönen Dinge scheinen zu wissen: irgend etwas -fehlt, irgend etwas in ihrer Ordnung blieb ungelöst, sie ermangeln des -Letzten. - -Da sah ich vor mir die Vollendung aus Stein. Alles sah ich abgetan, alle -Gebundenheit an Götter und Erde, an das Sonnige und Bewegte, an das -Werden und die Erregung. Kein Wollen mehr, nur Gewißheit. Der Grieche, -wenn er etwas machte, so wollte er doch, daß es schön sei, wollte die -Erfüllung in der adligen Form. Der Ägypter wollte nur die Form; wollte -nur: daß sie sei. - -Menschenhände machten dies nicht. Vielleicht daß sie letzte Bindungen -lösten fürs menschliche Auge, eine Oberfläche abschälten. Diese Dinge -waren im Stein, verhüllt, seit ewig; sie machten sich frei. Und darum: -in welcher Mitte auch das hellenische Werk zu stehen scheint, Mitte für -tausend sehende Augen, denen es sich lächelnd erzeigt, Augen von Göttern -und Dämonen, tausend blickenden Augen der Natur: hier ist die ungeheure -Zentripetalität; hier ist das Ding, das um seine Mitte gebaut ist wie -der Kristall, und diese seine Mitte ist auch die Mitte der Welt. Es ist -gleichgültig gegen sehende Augen. Dies wird nicht gesehen. Es stellt -sich nicht dar. Es ist. Aber herum von allen Seiten, von oben und unten -gewölbt ist das ganze All der Gestirne. - -Hardenberg sagte mir ein Gleichnis mit Worten für das, was ich selber -empfand: jedes ägyptische Werk sei in jedem seiner Maße ausgerichtet -nach den Sternen. Es war Religion. Sie wußten die Unsterblichkeit in der -Form. Sie machten ein Bild, daß es sei und lebe, und die Seele trat ein -und blieb in ihm wohnen. Sie stellten es nicht hin an diese oder jene -Stelle der Welt, sondern dort, wo es erschien in seiner grenzenlosen -Notwendigkeit, war der Raum ausgespart zuvor, und es paßte sich ein in -die Welt. - -Als mir aber solchermaßen die Augen aufgetan waren, wandte ich mich um. - -Ich befand mich in einem halbdunklen Umgang ägyptischer Säulen voller -Statuen und Bilder; zwei Stufen vor mir führten in einen von Oberlicht -erhellten Raum hinab. Hatten meine Augen schon das Wunder gesehn, und -verwandelte sein Blick in meinem Blick mir zum Heiligtum den Raum? -Duftete nicht alles? -- Da sah ich das Reine. - -Mitten im Raume ein einfaches, kleines Gesicht, gelblich, mir zugewandt, -sah mich an. Auf einem brusthohen Postament stand es in einem gläsernen -Würfel, ein Kopf, kaum so groß wie meine Hand, Gesicht, Hals und der -Ansatz von Schultern und Brust. Sah er mich an? Sein Blick ging -plötzlich durch mich hin, als wäre ich aus Glas, und doch fühlt ich mich -durchschnitten, daß ich fror. Es war kein Ansehn, es war ein ganz -blinder Blick, jener, der durch alle Dinge der Welt hindurch gerichtet -ist in das Ewige. - -Nun wagte ich näher zu treten und deutlich zu sehn. Es war zarter als -alles; viel zarter als eine Blume. Alles an ihm war Duft. Ich sah -Wangen, sanfte, unter den Augen leise gewölbt, nach unten wie mit -liebkosenden Fingern zusammengeschlossen zur weichen Spitze des Kinns; -sah darüber den Mund, Lippen, voll und mit zärtlicher Genauigkeit -umzogen, überhaucht von leisem Rot, und sie standen ganz wenig vor wie -in einem unaufhörlichen Kuß. Zart, frisch, fast süß, glich die Nase der -eines kleinen Tiers; die Augen endlich, flach, leise zur Mandel nach -außen geschlitzt, blickten über mich hinweg, und das Ganze von -unendlichem Ernst war wie ein Lächeln so leicht. - -Ach, blind war dieser Blick wie die Seligkeit, blind wie das ernste -Lächeln der Blume, das nichts ist als Gefühl und Echo des Lichts. - -Ich sah Hardenberg und die kranke Frau neben mir; sie lächelten -verstehend, und ich brachte hervor: Wohin steht er denn? - -In die Sonne, sagte Hardenberg ernst. Er sieht immer nur in die Sonne. --- Und er nannte mir den Namen: Amenophis und erzählte mir einiges. Daß -er einen Kult der Sonne begründete und für diesen Kult eine ganze Stadt. -Daß es noch Reliefbilder von ihm giebt, wo er dargestellt ist mit Gattin -und Töchtern, und die Sonne darüber senkt Strahlen auf alle, an deren -Enden winzige Hände sind, die sie ihnen auflegt. Daß, als er starb, die -Stadt -- Heliopolis -- verlassen wurde und bald zerfiel, daß sein -Nachfolger, im ägyptischen Glauben, die Form bewahre die Seele, alle -Bilder von ihm zerstörte, sein Dasein zu vernichten, und daß nur dieses -blieb, ein kleines Bildhauermodell, sowie ein halb zertrümmertes andres. -(Er war unvernichtbar; er blieb.) Daß alldies mehr als zweitausend Jahre -her sei. Und er sieht in die Sonne unwandelbar. - -Kein Wunder. Ein Weizenkorn, vor zehntausend Jahren in tönerner Schale, -in einem Grabe bewahrt, behielt seine eingeborene Kraft und trägt Frucht -in der heutigen Erde; also konnte auch die steinerne Blume unwelkbar -bleiben bis heute. - -Die Sonnenblume von ihrem festen Stengel aus folgt der Sonne nach -überall: ihn kannst du aufstellen, wo du willst, im Licht oder in der -Nacht: wann und wo du ihn anschaust, blickt er geradeswegs in die Sonne -hinein. - -Und ist dies nicht hoffnungslos? Die Sonne anbeten und sehn und niemals -die Sonne sein können? - -Sonne sein können, welch Wort! Es muß -- - -Oh du mein Gott, so wie er -- Stoff sein der ewigen Hand! Sein im Wandel -unwandelbar leicht wie ein Spiel! Fern der Erfüllung doch stets, stets -auf dem Wege zu ihr -- ach, wie aus endloser Mühsal doch blühte Geduld! - -Reinlich getan jede Tat, reinlich gewirkt jedes Werk, griff aus dem -Chaos ein Stück, und du ballst es zur Form. Dasein und Stein und -Gedicht, Tagwerk und Sternengesang; alle sie schmelzen in diesen, den -einzigen Chor. - -Leben, ein jedes, es glüht, wandelnd in jedweder Form, die es -vollbrachte, sich reinlich und reinlicher aus. Form ward es, schön und -gewiß, Ordnung, ertönend Gesetz -- ach, aus dem Leiden, so heilen wir -lächelnd uns aus. Weltleid, es heilte in uns, Gottleid erlöst sich uns, -wir, die Erlösenden, werden unendlich getrost. - - - Georg an Magda - - Berlin, am 23. März - -Tante Henriette, darf ich Dir sagen, hat sich -- um ein ehemaliges -Lieblingswort von mir zu gebrauchen -- mit ganz besondrer Teilnahme nach -Dir erkundigt und sich erzählen lassen; ebenfalls nach der »süperben -Person« mit den »Flammenaugen«, und mich beauftragt, sowohl Dir wie ihr -mit ihren huldreichsten Grüßen eine Einladung in ihr Haus zu -übermitteln, falls ihr den Mut hättet zu einer magern alten Person, die -»keinen Braten mehr abgiebt«, aber die es selber nötig hätte, sich -»warme Krammetsvögel vor den Leib zu binden« (wie mir scheint eine kühne -biblische Anspielung), um nicht zu erfrieren. Die Krammetsvögel solltet -dann Ihr sein, und alles dieses mußt Du Dir vorgebracht denken in einem -wahren Ton »rechter Kümmernis«. Sie ist in der Tat mehr mitgenommen, als -man hätte ahnen mögen, vom Hingang des kleinen Alten; die Kümmernis -reicht ihr bis zum Grunde, und der alte Mann, der mit einem ganz wenig -törichten oder verwunderten, aber sonst vollkommenen Ausdruck von -Friedfertigkeit seines etwas schiefgedrehten Kopfes daliegt und emsig zu -schlafen scheint, muß beim Abscheiden nach so viel gemeinsamen Jahren -doch ein beträchtliches Stück von ihr mit abgerissen haben. Dem Papagei -hat es auch einen Ruck gegeben: bis gestern abend saß er still und -steif, den Schnabel nach hinten gedreht, den Kopf auf der Schulter, auf -seinem Querholz und blinzelte nicht einmal: heute morgen war er -heruntergefallen und tot. Siebenundvierzig Jahre war er seines Lebens -alt und hätte noch T. Henriette getrost überdauern können. Der -Kanarienvogel ist zu dumm, trällert tagein tagaus und muß durch ein -dunkles Tuch zum Schweigen gebracht werden. - -Es sind doch nicht viele Dinge so erfreulich und selten wie der Anblick -tüchtiger alter Menschen, und mir scheint, auch diese gehen eines Weges -mit der Petroleumlampe, dem Indianer und Knoops beklagtem Elefanten. -Hier ist die Busenfreundin von T. Henriette zu sehn, eine Gräfin Török -aus Ungarn, gebürtige Wienerin; die ist so alt wie der Böhmerwald, ganz -unförmig, im Gesicht so faltig wie ein Truthahn, bloß rosig, das Haar -ist weiß, Augen und Augenbrauen sind kohlschwarz, und schwarze und weiße -Haare hängen ihr überall aus den Gesichtsfalten. Die redet nun von früh -bis spät ununterbrochen mit einer haarsträubenden Munterkeit, erzählt -eine Geschichte oder Anekdote nach der andern, ihr Gedächtnis ist schon -ein bißchen wirr, aber ihre Herzlichkeit und ihr erschütterndes -Vergnügen an den Erscheinungen des Lebens sind erstaunlich. Dies war ihr -Schicksal: Als Angehörige des Wiener Hochadels kaisertreu bis in die -Fingerspitzen, verwandelte sie sich mit dem Augenblick ihrer Heirat vom -Kopf zu den Füßen in eine ungarische Patriotin, und das will etwas -heißen, denn es war vor 48! Ihrem Mann wich sie in allen politischen -Lagen nicht von der Seite, folgte ihm, was damals noch anging, auf die -Schlachtfelder, jung und schön, wie sie war, ein Trost und eine -Befeuerung für alle ritterlichen ungarischen Herzen, pflegte die -Verwundeten, und so weiter. Ganz plötzlich, Anfang der fünfziger Jahre -starb ihr Mann, was für sie eine eigentümliche Folge hatte. Nach einigen -Wochen der Verzweiflung erschien sie wieder wie zuvor, ihre Lebenskraft -hat, wie Du siehst, seitdem nicht abgenommen, sie ist in allen Ländern -der Welt zu Hause, war in Amerika und in Japan, in >Zeylon, Zingiber, -den fernsten Inden<, läuft noch heute in jede Uraufführung, vergleicht -die Elena Gerhardt mit der Patti oder Lucca, oder wie jene Verschollenen -heißen mochten, Grete Wiesenthal mit der Camargo, schwärmt für Nijinski, -liest Strindberg und Rilke, humpelt Dir sicher am Eröffnungstage der -Freien Sezession an ihrem Stock entgegen und kann Dir von jedem Breughel -oder Rembrandt sagen, ob er im Haag, in Kassel oder Wien hängt. Aber: -bei alledem ist sie in steter Begleitung ihres Mannes. Es kommt vor, daß -sie im Gespräch, zum Beispiel wenn ihr Gedächtnis versagt, zur Seite -fragt: Wie? und dann sagt er ihr Bescheid, gleichviel ob die fragliche -Sache sich zu seinen Lebzeiten ereignete oder nicht. T. Henriette sagt, -manchen, der, unbekannt mit dieser Erscheinung, sich erkundigt habe, an -wen sie eben diese Frage richtete, und den Bescheid erhielt: O ich -fragte bloß meinen Józsy! -- manchen, wie gesagt, habe dies schon -betreten gemacht. Sie plant auch keine Reise oder entschließt sich zu -sonst etwas, ohne ihren Józsy zu Rate zu ziehn, sie geht mit ihm in -ihrem kostbaren alten Garten in Budapest spazieren, und man kann sie -abends und auch nachts in ihrem Zimmer beträchtliche Zwiesprache mit ihm -halten hören. - -Gott segne diese seltene alte Frau, sie hat vielleicht niemals über die -ewigen Dinge gegrübelt oder eine Frage über die Ordnung oder die -Fehlerhaftigkeit des irdischen Daseins gestellt, sondern es ist -wahrscheinlich, daß sie all dergleichen, ohne das sich sonst ein -wahrhaft kluger und geistiger Mensch schwerlich denken ließe, ersetzte -durch Lebenskraft, durch vigor, durch Feuer und Schwung. Siebenzig -Lebensjahre lang blieb ihr jeder Morgen und jedes Ding neu und -erstaunlich und bezaubernd an sich, wert des seelischen Feuers, wert -deswegen und dadurch zu leben, mit einem Wort: sie verfügte über die -magische Essenz, die alle Dinge um sie her in ihren persönlichen -Reichtum verwandelt. - -Ich möchte das auch können ... - -Denn es giebt solche Menschen, zu denen sie gehört, die tragen ihr Leben -wie eine glänzend passende Form, wie einen seidenen, bunten Trikot, der -allüberall glatt anliegt. Bei Andern, zu denen ich gehöre, scheint es -vielmehr so zu sein, als wäre der Trikot für eine andere Figur -geschnitten, und überall giebt es Falten und Beulen, hier kneift es, da -schlottert es, man braucht das halbe Leben, um hineinzuwachsen, und -schrumpft schon wieder drin zusammen, wenn er kaum eine halbe Stunde -lang paßte. - -Gute Nacht, Anna! Ich bleibe noch ein paar Tage, indem ich die -Gelegenheit benutze, mich überall vorzustellen, wo ich in meiner -jetzigen Form noch unbekannt bin. Peinlich einerseits, ein schmerzliches -Glück andrerseits ist das namentlich bei älteren Leuten ganz rührende -Entgegenkommen gegen den Sohn meines Vaters -- hier und da mit ein wenig -Skepsis verbunden wegen Vererbung der politischen Gesinnung. Gestern war -ich im Reichstag (in den leeren Fensterhöhlen -- und so weiter!), -Parlamentarier habe ich ein ganzes Schock kennen gelernt, nun kommen -Großindustrie und Banken an die Reihe, deren Häupter ich morgen bei -einem Geschäftsfreunde von Papa versammelt finden werde. Im ganzen, ich -würde nach der langen Stille und Einsamkeit der Halligwochen nicht -wissen, wo mir der Kopf steht, bräche nicht immer wieder >ein Streif wie -schieres Silber durch den Spalt<. Woher aber dieser und welcher Art, das -Dir nachzuweisen, fehlt nun die Ruhe, und ich bin auch begierig, es -mündlich zu tun. Sei gewiß, daß ich die erste Bresche in der ersten -Altenrepener Woche benutzen werde, um zu Dir zu gelangen, und sei es -auch nur für Minuten. Auf Wiedersehn, Herz, auf Wiedersehn! Dein - - Georg - - - Jason an Renate - - am 25. März, in Sizilien - -Liebe Renate! - -Ob Du Dich Irenens noch erinnerst? - -Ihre Augen hatten die gleiche Eigenschaft wie die Deinen: sie wechselten -mit jedem Licht, das in sie fiel; so schienen sie meistens blau, aber im -Hellen wurden sie grün, in der Dämmerung schwarz, und stieg das Blut in -sie hinein, wurden sie schwer blau und düster. Ihre Hüften hatten die -längliche Rundung der schönen Empirefigur, ihr Gesicht war immer rosig, -wir bewunderten ihre Bewegungen, die auch in der Leidenschaft anmutig -blieben, und obgleich sie das Derbe liebte, erschien sie uns doch gerne -amselhaft; in ihr stand ein geigender Engel knabenhaften Geschlechts wie -hinter einem Morgenrot, ein goldener Schatten. Dann überfiel sie die -seltsame Zwietracht, das Morgenrot zeigte phantastische Risse, -Märzgewitter rauschten mit lockeren Blitzen hinein, dann entzog sie uns -gänzlich die schwarzblaue Wolke. - -Ich muß Dir schreiben, daß Du sie nicht wiedererkennen wirst, wenn Du -sie siehst, was, wie ich hoffe, bald geschehen wird. Laß Dir sagen, daß -ihr Gesicht nunmehr kleiner ist als meine Hand und so völlig von -Elfenbein scheint, wie etwas noch Lebendes elfenbeinern scheinen kann; -so leblos, so glatt und so hart. Ihre Augen darin sind von schwarzer -Bronze, tot. - -Es hat demnach den Anschein, als läge hier wieder eine jener -beklagenswerten Verwechselungen vor, an denen die menschliche -Gesellschaft so reich ist, und hier scheint irrtümlich in den Leib einer -Baumnymphe oder Dryade die Kraft und der Wille eines Kentauren geraten -und entsetzlich darin gehaust zu haben. - -Irene, fragte ich, nahezu sprachlos, als ich sie sah, was hast du -gemacht? - -Sie zuckt die Achseln, sagt: Gebetet. - -Was? sage ich, die ganze Zeit, nichts als gebetet? -- Sie sagt: Ja. -Andres gab es nicht mehr. Im Anfang, sagte sie, sei es schwer gewesen -und reichlich unvollkommen. Bis dann eines Tages die Welt verdämmert war -und sie allein lag auf ihren Knien, irgendwo im Raum, auf einem Stern, -oder selber ein Stern, der an Gottes Himmel aufging. Sie begann zu -glühen vom Gebet, dann glühte nur noch das Gebet, dann begann sie zu -leuchten, dann ging sie auf. Aber nicht der Mensch und sein Wille ist -schuld, sondern das Düster der Erde, wenn uns leiblich zu erlöschen -scheint, was seelisch entbrannte. - -Auch im Kloster scheinen sie nicht eben richtig geschliffene Augen -gehabt zu haben, denn sie wurde nach etwas über halbjährigem Aufenthalt -vor die Wahl gestellt: entweder zu bleiben für immer, oder zu gehn. -Schließlich muß man zugeben, daß ein Kloster kein Asyl für Obdachlose -sei. Irene freilich war nun ratlos, wäre es vielmehr gewesen, wenn sie -nicht in der Nacht einen schönen Traum gehabt hätte. Ich an ihrer Stelle -würde ja der Weisung von Träumen nicht ganz so unbedingt Glauben -schenken, allein sie ist, wie sie ist. Was sie träumte, war ein ganz -blaues Meer, ein hellblaues, südliches Meer, auf dem rosafarbene Glocken -schwangen, und sie selber schwamm ihnen entgegen, und sie lösten sich an -ihren Gliedern in einen so unbeschreiblichen Duft auf, daß sie noch -darin gebettet war, als sie erwachte. - -Die Auslegung des Traumes nahm die Gestalt an, daß wir uns jetzt seit -einigen Wochen an der Küste des Mittelländischen Meeres befinden, nicht -weit von Taormina, und daß Irene jeden Morgen bei Sonnenaufgang, nackt -wie sie geschaffen wurde, in die See hinausschwimmt, so weit sie kann. -Dies, sagt sie, wäre ihre Reinigung. Ihr Gebet dabei ist wieder dasselbe -wie zuvor; es lautet: - - Du bist klar, - Ich war klar, - Mach mich wieder, was ich war! - -Daß ihre schon im Schwinden begriffenen Kräfte dabei absterben wie -dünner Schnee, das ist vorläufig die erste Folge. Aber ihr Gesicht -bräunte sich wieder langsam, in die Augen kam wieder ein leises Blau. - -Da ich sie nicht hindern könnte, selbst wenn ich das wollte, so ist -dieser Brief nichts als eine matte Spottgeburt meiner Unbeholfenheit. -Eine Änderung scheint mir notwendig. Das beste wäre, Klemens käme im -Augenblick, aber ich habe eine Abneigung gegen gewaltsame Eingriffe. -Irene hört, wenn ich von Dir und Andern spreche, zwar zu, erwidert aber -nichts. Es wäre trotzdem möglich, wenn Du ihr den Vorschlag machtest, -sie irgendwo zu treffen, wo Wasser ist, an einem italienischen See zum -Beispiel -- denn der Frühling, der hier fast die Augen blendet, gelangte -ja noch nicht zu Euch --, oder aber bis hier herunter zu kommen, doch -habe ich so eine Ahnung, als wäre Dir das zu weit. Ich fürchte aber -jeden Tag, sie zerschmilzt mir zwischen den Händen, und wenn wir im -Garten sind und der Himmel sich bewegt zwischen den Mandelbäumen, so muß -ich sie ansehn, ob sie noch ganz da ist, oder ob es nicht das blaue -Flackern ihrer Seele war, die über die rosigen Wipfel enteilte. - -Ich kann nicht gut briefschreiben, da ich keine Übung habe, und im -ganzen wird dieser Brief Dir vermutlich erscheinen wie eins der alten -Bilder vom Martyrium einer Heiligen: was man sieht, sind Farben, -Gewänder und teilnahmslos reine Gesichter; was man nicht sieht, ist das -Blut, die Not, und das Sterben. Wer aber Zeuge war dieser drei Dinge, -dem werden sie ein seltsames Gift einflößen, dessen Wirkung es ist, daß -er von allen Dingen der Welt reden kann, nur von diesen muß er -schweigen. - -Ich hoffe also, Du willigst ein, wenn ich sage: Auf Wiedersehn! - - Jason - - - Renate an Irene - - am 29. März - -Liebe Irene! - -Jason schreibt mir, daß Ihr in Sizilien seid, und daß er sehr besorgt um -Dich ist. Ich selber war lange krank, das hörtest Du wohl von ihm, nun -möchte ich gern mit Magda nach dem Süden, Sizilien ist uns freilich zu -weit, Magda könnte auch nicht sehr lange bleiben, da sie im April zum -ersten Mal öffentlich singen wird, -- am Charfreitag. Möchtet Ihr uns -nicht in Torbole oben am Gardasee treffen? Mehr als sechs Jahre, glaub -ich, war ich dort mit meinem Vater in den Sommern und habe plötzlich die -heftigste Sehnsucht. Es wird freilich noch eine Woche dauern, bis wir -fortkommen können, teils weil ich Onkel noch überreden muß, mitzukommen, -teils weil Magda sich vor ein paar Tagen eine leichte Erkältung -zugezogen hat, so daß sie sich noch schonen muß. Es schadet ja aber -nichts, um so weiter wird der Frühling dort schon sein. Ich hoffe sehr -auf ein Wiedersehn, Irene! Sage Jason alles Liebe und Dank für seinen -Brief! Von Herzen Deine - - Renate - - - Neuntes Kapitel: April - - - Aus den Papieren Georgs - - am 1. April - - Sein Antlitz, das wie eine Blume war, - Enthauchte aus den Augen Duft! Ich schwelgte - In diesem Glanz, der nicht wie andre welkte, - Ich schmolz wie Wolke auf und wurde klar. - - So ganz verleiblicht ward die Gottheit hier, - So ward noch nie der Sonne Bild zur Blume! - O daß ich Land sei, Ackers ärmste Krume, - Und diese reine Seele blüht' in mir! - - Jedoch ich bin soviel nur wie der Wind, - Der streifend nur den Duft vermag zu fangen, - Und trägt ihn fort auf Stirn und Mund und Wangen, - Vor Schmerz vergehend, und vor Wonne blind. - - am 2. April - -Telemach, o Telemach, da hast du es wieder! Eine trübe Erkenntnis und -obendrein in Versen! Die alte Empfindsamkeit und der alte Betrug! Weil -die Erkenntnis reizlos ist, so werden reizvolle Bilder erfunden; weil -sie bedrückend ist, so wird sie in leichte Gegenstände aufgelöst; weil -sie trübe ist, so wird sie wenigstens mit einem schwermütigen Lächeln -beflügelt, und weil sie wärmelos und nüchtern ist und wahr, so wird sie -in schöne, warme Scheinkleider eingemummt. Lyrische Erschütterungen, -lyrisches Dasein -- wenn anders lyrisch heißt: einsame Hingabe an -gegenwärtige Gluten --, lyrische Schwermut, -- und sowas will -- Monarch -sein. Wie ich sie nun hasse, diese dastehenden Verse, diese sprachlosen -Gemächte, die ein Unsagbares tönend machen sollten und es nur bereden. -Das alte Lied, das alte Leid: Unruh, Ungenügsamkeit, Überdruß und -Verdrießlichkeit, alles, was peinigt und reizt, kommt aus dem Ungelösten -in uns, das zur Klarheit will. Was ist Sehnsucht? In dem hundert- und -tausendfachen Hingerissensein und Zerstreutsein, alltäglich, -allstündlich an die Dinge der Erde, ist sie Verlangen nach dem Einen, -das not ist. Aus den tausend Möglichkeiten ist sie das Streben nach dem -Einen, das notwendig sei; aus den tausend Empfindsamkeiten nach der -einen Liebe. Aus der tausendfachen Verschwendung nach -- nach? -- - -Dem Opfer. - -Hoffnungslos. Wozu dies dem Telemach? Was er tun kann, ist seine -Schuldigkeit, ist das Weitergehn auf dem Wege, auf den uns die Toten -verhalfen. Ich kann in die Sonne starren, bis ich blind werde, und das -dürfte der ganze Erfolg sein. Näher, o Sonne, zu dir! Hoffnungslos, ich -habe meine Liebe in einer Insel eingesargt, als sie totgeboren hatte, -das ists. - -Erkenntnisse, Erkenntnisse! feil wie Brombeeren. Steine im Strom, über -die sich von Ufer zu Ufer springen läßt, ein Haus baut sich nicht -daraus. O weh mir, daß ich meinen Tod verschlief! - - am 6. April - -Erloschen. - -So mußte es freilich kommen; unabänderlich; genau so. - -Ich erhaschte eine freie Minute und fuhr zu Anna. Warum fuhr ich? Weil -seit dem Zusammensein mit ihr auf Hallig Hooge ein Duft von ihr in mir -verblieben war, beunruhigend, der immer drängte, mit ihr zu reden, ihr -zu schreiben, ihr -- kurz, ihr nahe zu sein. Kann, dacht ich, -wiederkommen, was lange verging? Immer sah ich auch ihr Gesicht in -dieser sonderlichen Verändrung, die ich seinerzeit erst nicht zu deuten -wußte, bis ich entdeckte, daß ihr Augenbrauen wuchsen, noch dünn, -schwarze, nicht blonde Brauen -- als sollten sie ein Ersatz sein für -das, was den Augen genommen war. Fast farbig wurde von ihnen das sonst -farblose Gesicht, sie gaben ihm Gestalt, Zeichnung, trennten die -überstarke Stirn von dem Untergesicht und ersetzten wirklich etwas von -dem fehlenden Blick der sonst klaren Augen. Und ich deutete daran herum, -schon tauchten zärtliche Schatten auf, ich empfand Sehnsucht. - -So fuhr ich zu ihr, und sie war nicht da. Ich wollt es kaum glauben. -Bekanntlich ist so der Mensch: kommt, fragt -- was, sagt er, ich komme, -und sie ist nicht da? (Später hörte ich dann: sie wollte verreisen und -war noch einmal zu ihrem Lehrer.) Nun mußte ich mich bei Renate melden -lassen -- ah, Telemach, schlug dir das Herz? - -Der Tag war von besondrer Wärme, so fand ich sie halb im Freien, in der -Veranda, sie schien unverändert. Und was mich betrifft, so konnte ich -sie ruhig betrachten -- nämlich zu Anfang. - -Unverändert schien sie, von Zügen, obgleich von solch einer -- wie nenn -ichs nur? -- aber es giebt kein Wort für diesen Bund von Lieblichkeit -und von Majestät, der ihr immer eigentümlich war. Sie saß in einem -Korbsessel, im dünnen Sonnenlicht, weißgekleidet, die Arme bis zum -Ellenbogen unter einer Decke von weißem Plüsch. Weiß wie alldies war -auch ihr Gesicht, darin die Augen von so hellem Blau wie das der -Hyazinthe. Langsam dann, immer merklicher, wie ich vor ihr saß, begann -sie sich zu verwandeln. Ich glaube, mit ihrer Hand fing es an, ihrem -Arm, der nun auf der Decke lag, und diese Hand, die nur ein Gebilde -schien aus Schnee und Schmerz, war gleichwohl von einer -herzdurchschaudernden Menschlichkeit; eine Menschenhand, eine weibliche -Hand, und Daumen und Zeigefinger sahen aus, als hätten sie erlebt, wie -sie gemacht wurden aus lebendigem Fleisch, Schmerz, den sie -nie vergessen würden. Das, womit ihre Finger spielten, war -erstaunlicherweise das Ende von einer ihrer beiden hellbraunen Flechten, --- das hatte ich auch freilich noch nie gesehn. Und jetzt der Mund, ach -der Mund! Als ob sie sich ins eigene Herz gebissen hätte mit ihm, -- so -zuckte es unmerklich an seinen Winkeln, die tief in das weiße Fleisch -hinabgezogen und eingebettet waren. Und jede Linie ihrer Züge war mit -einer geheimnisvollen andern nachgezogen, wovon sie aber nicht scharf -geworden waren, sondern ganz weich. Der ganze Mensch war nichts als -blühendes Schicksal. - -Nun erscheint sie mir wieder im Raum, und was ich nun um sie atmen -fühle, ist Verlassenheit, Hülflosigkeit, Unwissen. Wohin jener Zauber -von damals, jener Gürtel von Unnahbarkeit? Die Unnahbarkeit war -geblieben, aber sie war nicht mehr Wille und Stolz und Bewußtheit. Ganz -magisch war sie geworden, und in ihr rieselte ein Brennen, ein -Aufgelöstes, ein Schmelz -- furchtbarer Nachglanz einer unendlichen -Umarmung, aus der sie gerissen wurde, und ich -- ja, ich fürchtete sie -mehr, als daß ich hätte begehren können. - -Von dem, was wir gesprochen haben mögen, ist nur das Letzte wichtig. Da -ich vom Amenophis begann, so hörte sie mir eine Weile zu, lächelte -langsam und meinte, es sei schön, daß ich ihn auch kennen und so sehr -lieben gelernt hätte; ihr sei er Freund seit Jahren, nur unter seinem -ägyptischen Namen Ech-en-Aton; sie habe einen Abguß in ihrem Zimmer -stehn, ob ich ihn sehn wolle -- ja, Weihnachten sei es drei Jahre her -gewesen, daß sie ihn bekam, von Josef, und ob ich nicht auch fände, daß -er Saint-Georges ähnlich sehe. - -Nun, mein Telemach, was hilft es jetzt, zu sagen: Und wenn wir ihn -damals gesehn hätten, ja, wenn es möglich gewesen wäre, ihn zu sehn, was -aber nicht möglich war, da ihr Zimmer damals unbetretbar war für -unsersgleichen: so würden wir ihn doch nicht erkannt haben, weil uns die -Augen abgingen. Dies aber hilft uns nichts, sondern dies bleibt: das -Geheimnis. Daß er drei Jahre in unsrer Nähe stand, erreichbar und nie zu -erreichen, in diesem, in ihrem, in Renates Haus, Renates Eigentum, -Renates Freund -- darin verhüllt sich das Geheimnis unsres Lebens. Und -der Schluß wird uns überdauern: wir blieben blind für die Wahrheit -Renates, weil er uns verborgen blieb; oder Renates Wahrheit blieb uns -verborgen, weil wir blind für ihn waren. Das geht so herum oder so herum -wie die Daumen -- der Schluß bleibt derselbe. - -Wir aber wollen es aufgeben, dasitzend nachzusinnen wie der -nachdenkliche Medici: wie alles so gekommen ist. Kopf hoch und geradeaus -in das Hoffnungslose. Renate nämlich -- ist zu vergessen. Denn -Sehnsucht, sang Chastelard, Sehnsucht ist Qual. Sehnsucht dieser Art -verbittert, Sehnsucht trübt, Sehnsucht macht schwindlig, macht unfroh -und kränklich und feige. Schließlich: ich bin mir zu edel für Sehnsucht. - -Und mein Leben -- wie ein schwarz verkohltes Stück Papier so zerflattert -mirs unter den Händen. - - - Magda an Georg - - 7. April - -Mein Lieber, - -gestern abend und heute den ganzen Tag versuchte ich vergebens, Dich am -Telephon zu erreichen, Du warst immer wo anders, um Dir Lebewohl zu -sagen und vor allem, mich nach Onkel Birnbaum zu erkundigen. In der -gestrigen Abendzeitung stand »ein leichter Schlaganfall«, ich fuhr -gleich hinaus, konnte aber nur das Mädchen sprechen, seine Frau hatte -sich schon hingelegt -- und die Morgenzeitung heute weiß auch nur von -»bestem Befinden« und »keinen Besorgnissen« zu fabeln, aber die -Zeitungen beschönigen immer alles, und ich hätte so gerne von Dir -Gewisses erfahren. Nun muß ich ohne das reisen. Auch ohne einen -Händedruck von Dir, -- aber es werden ja nur wenige Wochen sein. -Außerdem hoffe ich, Dich gleich nach unsrer Rückkehr ein paar Tage in -Helenenruh ganz für mich zu haben, was Du mir nicht abschlagen darfst. -Du weißt ja, daß der Geburtstag Deiner Mutter diesmal auf Charfreitag -fällt, und hast vielleicht nicht vergessen, was ich Dir erzählte: daß -der Gesangverein in Böhne beschlossen hat, den Tag durch eine Aufführung -des Deutschen Requiems zu feiern, daß ich aufgefordert bin, zu singen, -und daß Benno das Orchester des Stadttheaters in Altenrepen dirigieren -wird. Damals versprachst Du mir -- etwas zu leichthin -- zu kommen; -vielleicht findest Du Dich eher bewogen, wenn ich Dir verrate, daß -Renate bereit ist, wenn ihre Gesundheit es erlaubt, den Orgelpart zu -übernehmen. Da hättest Du denn alles zusammen, was Du liebst. Nun bitte, -lieber Freund, schenk mir die Charwoche! Eine Erholung wird Dir sicher -gut tun, ich weiß ja, was die Krankheit Birnbaums für Dich bedeutet, -also versprich mir, Georg! die Charwoche! Danach gehn wir für längere -Zeit auseinander, ich auf meine erste kleine Konzertreise, Benno nach -Aachen, wie Du wissen wirst, und wer weiß, wann wir wieder -zusammenkommen. - -Schreibe mir nach Torbole am Gardasee postlagernd. Alles Gute, Georg, -und tausend liebevolle Gedanken Deiner alten - - Anna - - - Aus Renates Buch - - am 9. April - -In der Nacht träumte mir, daß ich in mein Zimmer kam, das schon voll von -Koffern und Taschen war, und ein Mensch, den ich dann als Josef -erkannte, war dabei, einen großen Koffer zu schließen. Auf meine Frage, -ob alles fertig sei, richtete er sich auf und sagte: Ja, soll dein Onkel -denn hierbleiben? Was ich geantwortet habe, ist mir entfallen, aber da -er hinausging, muß ich angenommen haben, daß er Onkel holen wollte, und -ich wartete, aber er kam nicht wieder. Endlich wurde mir ängstlich zu -Sinne, ich ging hinaus, da war draußen alles finster, ich tastete mich -an der Wand hin, furchtsam, ich könnte die Treppe verfehlen und -abstürzen. Da kam aus einer Türe Erasmus mit einem Licht und sagte, -indem er mich geheimnisvoll ansah: Einer von uns muß hierbleiben ... - -Davon erwachte ich mit einem Schrecken, machte gleich Licht, die Uhr -stand auf ein Viertel nach vier. Plötzlich wußte ich, daß ich nach Onkel -zu sehn hatte; ich glaube wohl, daß ich schon alles wußte, und als ich -in seinem Zimmer war und Licht machte, lag er in dem Schlaf, aus dem er -nicht mehr erwachen wird. - -Sanft war es gekommen, das Ende. Kein Ende, nein, nur ein schmerzloser -Übergang von Schlaf zu Schlaf. Auf seinem Gesicht, so rein, daß ich -nicht weinen konnte, stand zu lesen, daß es nichts als eine wunderbare -Vertauschung gewesen ist. - - - Georg an Magda - - am 11. April - -Meine liebe Anna! - -Dank für Deine Zeilen! Um Birnbaum sei unbesorgt! Ich sage die Wahrheit, -indem ich die Aussage des Arztes an Dich weitergebe, daß es »einer der -leichtesten Schlaganfälle ist, die ihm je vorkamen«, und daß er -voraussichtlich nahezu spurlos bleiben wird. Übrigens fand ich ihn in -der letzten Zeit so innerlich freudlos geworden, daß es ihm kaum leid -tun würde, diese Welt zu verlassen, die ihm seit Papas Tode nur ein -zerbrochenes Ding ist, an dem er müde herumflickt. Wie ich den Ausfall -seiner Arbeitskraft ertragen sollte, ist mir unbekannt, aber wenn es -erst so weit ist, wird sich, wie alles andre, auch das tragen lassen. - -Verzeih die allzu geschwind hingewischten Zeilen! Ich glaubte schon, Dir -auf dem Klosett schreiben zu müssen, weil ich nicht wußte, woher die -Zeit nehmen. Nichts für ungut, Anna, und ich komme nach Helenenruh, um -das alte Trio zu hören, >nicht die ganze, doch die halbe< Charwoche, -mehr wird nicht möglich sein, sagen wir Mittwoch, vielleicht erst -Donnerstag, vielleicht würg ich den Dienstag heraus, aber versprechen -kann ich nichts. Sei versichert, daß ich überaus gern komme, Deinetwegen -und natürlich auch meiner selbst wegen. Der verruchte Zustand, in dem -ich herumschnaube, muß ein Ende nehmen, ich will mich noch einmal vor -den Göttern von Helenenruh niederwerfen und -- aber wozu, wozu das? Lebe -wohl! Hab gute Tage am blauen See, grüße Renate, auf Wiedersehn, lebe -wohl! - - Georg - - - Aus Renates Buch - - Torbole, am 12. April - -Es ist alles geblieben, wie es war: meine beiden Zimmer von damals, die -strahlenden Morgende, Papas Olivengarten, die uralte Straße nach Mago -zwischen vergessenen Gärten, in denen jahrhundertealte Ölbäume wachsen, --- alles geblieben, nur daß ich jetzt die Augen schließen muß, um einen -geliebten Schatten durch meine Landschaft gehen zu sehn, und daß ich -ganz eine Andre bin. Etwas wohler ist mir doch! In der vollen Sonne zu -liegen, vor halbgeschlossenen Lidern die gläsern blauen Gluten des Sees, -grünes, raschelndes Feuer aus Wipfeln in Lüften -- da läßt es sich nicht -widerstehn, und solange der Tag währt, ist es ganz gut. Nur an die -Nächte darf ich nicht denken. - -Irene fand ich schon vor. Oh wie mich schauderte bei ihrem Anblick! Im -Ölbaumgarten saß sie halb ausgestreckt in einem Liegestuhl und bewegte -kaum den Kopf nach mir, kaum das weiße Gesicht in dem grünen Schatten -mit den, wie Jason schrieb, bronzenen Augen. Ihr Lächeln war -herzzerreißend. Ich konnte lange nicht sprechen und war froh, daß Magda -nichts sah und zu plaudern begann. Wie ich sie so daliegen sah in ihrem -leichten goldenen Haar, allzudünn in einer an Leib und Armen eng -anliegenden grünen Tunika, an deren Ärmelenden sie beständig und rastlos -zupfte, und schwarzem Seidenrock mit rostigen Falten, wußte ich lange -nicht, an was sie mich erinnerte; aber dann fiel mir ein, daß ihr Körper -wie der weiche und haltlose Stengel der Wasserrose war, der das weiße -Haupt nicht hält, sondern es ruht auf dem Wasser; und so schien auch ihr -kleiner Kopf nicht mehr vom Leibe getragen, sondern von einem dunklen, -geheimnisvollen Element, in dem sie schwebte. Noch immer, sagt Jason, -badet sie in der Morgenfrühe im See, woher sie die Kraft dazu nimmt, -begreift keiner von uns. Übrigens ist sie das Gegenteil von mir, sie -glüht am ganzen Leib, ihre Hände sind wie Flammen, aber sie kann mich -nicht wärmen, und ich ihr nicht kühlmachen, und es muß alles Elend -bleiben, was Elend ist. - -Die Tage vergehen in Ruhe und Sonnenklarheit, das kleine Klavier ist -gestern gebracht worden, Magda übt fleißig, ich begleite sie auch. -Abends sitze ich in der Bucht am Sasso. Wie weit man nach Süden sieht, -oh wie weit! - - am 13. - -Ich hatte heut ein schönes Gespräch mit Magda über Georg -- das heißt, -das Schöne war, was sie von ihm sagte. In der häßlichen Vergeßlichkeit, -an der ich nun mitunter kranke, hatte ich an dem Tag, wo er bei mir -gewesen war, vergessen, es ihr zu sagen, dann kam die Reise, heut erst -fiel es mir wieder ein. Sehr lange saß ich dann noch in Gedanken, als -sie gegangen war. - -Ach, was ist es nur mit uns Menschen? Schicksal, sagte Magda, was ist -denn das? ein Wort, ein Begriff, eine Macht? Wir sind doch Menschen! -Irene, Ulrika ... Ach, Ulrika ... ein einziges Mal, fällt mir ein, -sprach sie von sich selber, wie Magda heut, es war an einem Weihnachten, -oder Neujahr, aus irgendeinem Grund brach das Gespräch plötzlich ab, und -Bruchstück blieb es, wie sie selber es mir immer war, bis ich ihr -Totenantlitz sah von Bogners Hand, und nie werde ich dies verstehn: -warum sie, das geistige Wesen, sie, die immer nur Geist zu sein schien, -warum sie so leiblich zerrissen wurde und wie das nur möglich war! Muß -man nicht denken, daß die Natur sich hat rächen wollen? - -Ja, Bogner auch und Georg, Irene und Magda, und ich selber, was geht -denn nur vor in uns Allen? Ist denn das, wohin wir geraten, wirklich -das, was wir wollten? Zwang es uns? wer denn? Schicksal? Ja, es ist -doch, als ob jeder für ein Gewisses bestimmt wäre, er kann jahrelang -irregehn, kann dies und jenes tun, aber immer geht er den einen Weg, -immer wirkt er am einen, seinem Schicksal, bis eines Tages das Gewisse -fertig wurde, und nun sieht er ein. Sie glaubt ja, Magda glaubt ja an -Georg, daß er seine Bestimmung erreichen wird, weil er sie in sich hat, -rein gesondert von allem Irren ... - -Und das wäre Schicksal? Ach, wenn es sich wirklich nennen läßt, so kann -es nichts andres als dies sein: daß wir so sind, wie wir sind, und daß -uns Unheil daraus kommt, und daß wir selber es leiden müssen. - -Oh nähme es endlich ein Ende! - - am 18. - -Warum sitze ich denn wach in der Nacht und will schreiben? Unten am -Hafen stehen die dunklen Gestalten der Männer in Gruppen, sie sprechen -aufgeregt, es wird geflucht, -- nun, es sind Italiener, es ist ihre Art, -ich freue mich, daß ich noch jedes Wort verstehe, das zu mir herauf -kommt. Der Vater Alberti hat noch Licht im Zimmer, ich höre ihn gehn, er -ordnet wohl etwas; als ich vorhin aus dem Fenster sah, konnte ich -draußen im hellen Viereck, das aus seinem Fenster am Boden geworden war, -hinter den Schatten der Gardinen den seinen sich bewegen sehn. Wie gut -und wie sicher scheint dies kleine Leben! Es ist eine kühle, unruhige -Nacht, der Wind kommt vom Norden und treibt die Wolken gegen Süden, weit -draußen bei Limone blitzt der Scheinwerfer vom Zollschiff, der lange -Lichtstreifen sucht Buchten und Berge ab, die kleinen, halbversteckten -Schmugglerpfade oben bei Pregasina, wie immer, aber ich erschrak -plötzlich, als der riesige Finger herum kam; ich bildete mir ein, nun -würde er auf mich deuten, ich würde furchtbar deutlich dastehn in einer -riesigen Helle, -- Gott leuchtete nach mir aus und würde mich armselig -finden. - - am 23. - -Wieder wie damals koche ich mit Barbara für uns Alle und drei kleine -Fischerkinder das Mittagessen, und es macht mir Spaß, daß ichs noch -kann. Könnte nicht Li so viel mehr! Wo in aller Welt hat er gelernt, -eine Polenta zu machen, wie sie kein Italiener köstlicher machen kann? -Jason hilft auch mit, steht in einer weißen Kochschürze und schuppt den -Fisch, oder putzt Gemüse, denn Li, sagt er, ist nur für das Feine, ein -so kunstreicher Koch! Jason, nun sehe ich ihn zum ersten Mal unter -andern Menschen; sie sprechen von ihm wie von einem guten Geist, wüste -Kerle kommen auf der Straße auf ihn zugerannt, um ihm die Hand zu -schütteln und tausend Dinge zu erzählen mit zehntausend Gesten. Auch -Magda lieben sie sehr und lehren die Kinder, zu ihr hingehn und nach -ihrer Hand fassen; plötzlich hält sie dann so eine fettige, kleine -Dreckpfote und strahlt mit ganzem Gesicht. Durch die Küchentür hörte ich -Li zu Barbara sagen: Der Herr al Manach, wenn der über die Straße geht, -das ist, wie wenn Bruder Franziskus kommt; mein gnädiges Fräulein, das -ist die gute Madonna, aber das Fräulein Renate, das ist die Monstranz, -da bekreuzigen sie sich und murmeln: _il miracolo_ ... - -Sie bekreuzigen sich, und ich glaube fast, sie wissen, was sie tun. - -Um ein Uhr essen wir Alle zusammen vor dem Haus unter der Olive, die -drei Kinder sitzen furchtbar gewaschen mit ihren Schüsselchen im Gras, -und ich teile Polenta aus, -- oh die Tage, die Tage! - -Unbeschreiblich die Klarheit! Ich gehe ganz früh allein durch die -Straßen, an den Hafen, kein Mensch ist zu sehn, es duftet nach Oleander, -der Morgen entfaltet sich wie eine Blüte, ich friere leise und nicht -einmal unangenehm. Ein paar alte Männer hantieren auf dem Kai, ein -Segler fährt aus, lautlos gleitend in den flammenden Azur, es ist alles -wie verzaubert. Und die Abende! Der Mond kommt spät und leuchtend, -silberne Streifen glänzen im ruhigen Wasser, ich sitze auf einem der -Liegestühle auf der einsamen Bootsbrücke, keiner von uns spricht ein -Wort, dann tastet eine Hand nach der meinen, Magdas klare Stimme fragt -durch das Schweigen: Schwester? -- Ich kann nicht sprechen. - - am 24. - -So ist denn Irene am Ziel. War es eine Ahnung, die mich am frühen Morgen -in den Garten führte? Da lag sie auf dem Rasen im beweglichen Schatten -der Blätter, in sich gebogen, ganz schlaff, aber wie ich sie aufrichten -will, bewegt sie sich schon, ist ganz wach, todmatt, aber ihr Gesicht -ist in Glückseligkeit wie gebadet. Erst sagte sie nur, als sie mich -erkannte: Ach! -- Nach einer langen Weile dann: Nun kann er kommen. -- - -Sie war wieder in den See hinausgeschwommen, und beim Zurückschwimmen -verließ sie die Kraft. Sie fühlte sich zum Stein werden, der sich selber -hinab zog, alles ward blau um sie her, und in diesem Augenblick, sagte -sie, sah ich unter mir in der Tiefe den Tod stehen wie einen ungeheuren -Geist in weißen Falten, und er stieß mit einer gläsernen Lanze gegen -mein Herz. -- Dann sei in einem einzigen Feuerstrahl ihr ganzes Wesen -aufgeflammt und erloschen. Als sie erwachte, habe sie auf dem Strand -gelegen. -- - -Sie ging bis zur Grenze. Was verschlägt es, ob sie sich nun verwandelt -glaubt und der Vergangenheit zurückgegeben? Sie vollbrachte das -Mögliche, sie stieß bis zur Grenze vor, -- und das, sagt Jason, ist der -einzig bekannte Weg, zu unsrer Mitte zu gelangen. -- So ist sie am Ziel. - -Obgleich sie noch so schwach ist wie ein Blatt, will sie gleich fort, -und mich drängt es mit ihr. Mir ist seltsam. Als ob alles umher sich -verwandelte und abfiele. Herr, mein Gott, was soll denn noch geschehen -mit mir? Auf einmal zieht es mich nach Hause, nach dem Hause, wo ich -Heimat bekam. Heut nacht kam mein Vater, sah mich traurig an und sagte -eine Menge Dinge, von denen ich nicht ein Wort verstehen konnte, ich war -verzweifelt und rief mehrmals: Ich verstehe dich ja nicht! -- Da nickte -er schmerzlich, sank langsam in sich zusammen und glich nun ganz seinem -Bruder; plötzlich dachte ich: Er stirbt ja! und erwachte voll Grauen. - - am 26., München - -Am Abend vor unsrer Abreise saß ich mit Irene, Magda und Jason noch -zusammen, und auf einmal war mirs, als sähe ich alles zum letzten Mal, -ja, so eigen, als wäre es das Letzte, was ich zu sehen bekäme. Ich -konnte mir nicht vorstellen, was sein würde, ich dachte gepeinigt nur -immer ganz sinnlos: Morgen ist das alles ganz anders! Oder: Morgen ist -alldas nicht mehr! Ich glaube fast, so muß ein Verurteilter empfinden am -Abend vor seiner Hinrichtung. Ich sah auch alles so übergenau: den -schönen Raum mit alten Möbeln, das kleine Harmonium, die Skizzen im -Rahmen von Vaters Hand -- jeden Tag wollte ich sie fortnehmen, nun ließ -ich sie doch hängen --, die liebe Ecke mit dem Spiegel, vorne den Erker, -das runde Fenster und dahinter, dicht am See, meinen Garten, meine -Olive. Später stand ich noch lange im Dunkel vor der Haustür zum Garten, -erkannte den winzigen Lattenzaun im Finstern und die alte Steinpforte -zum Traubengarten. Herrlich war es immer damals, unter diesen -hochgezogenen Lauben zu gehn; dunkle, volle Trauben streiften mir das -Haar in den letzten Jahren, dieselben, nach denen ich die Hände -vergeblich reckte in den ersten, und es gab auch eine Wiese da mit zwei -hohen Pappeln und einer Quelle zwischen Steinblöcken. - -In meiner Stube sah alles traurig aus und als wäre ich schon fort. Die -immer unstet und flüchtig aussehenden Koffer standen umher, das Glas mit -den Blumen lag vom Wind umgeworfen, die Blumen waren welk. - -Am Morgen war es wie Traum. Ich saß schon im Wagen, gleich ging es -rechts die steile Straße hinauf zwischen Mauern und Oleanderbüschen, und -wieder sprach es: Morgen ist dies alles nicht mehr ... Mein Herz klopfte -mit furchtbarer langsamer Gewalt, ich sah alles und nichts, plötzlich -erschrak ich, zu bemerken, daß es noch dunkel war, mir schien wirklich, -ich träumte, woher war es eine Mondnacht auf einmal? Wieder kam das -Frieren. Da war die Kirche hoch über dem Dorf, von Zypressen umgeben, -der kleine Friedhof, immer wieder Ölbäume und Feigen, deren Blätter so -würzig duften bei Nacht. Alles schien mir ewig vertraut und bekannt, und -alles, dacht ich, wird nie mehr sein. Vielleicht, fiel mir ein, bekomme -ich ein neues Leben. Wir fuhren die lange Straße zum Fort hinauf, steil -und steiler, und ich sah, mich zurückwendend, den See schon tief unter -mir liegen, er leuchtete im Mondlicht, und fern im Himmel standen die -wunderbar großen, fremden Sterne des Südens friedvoll über der -schlafenden Landschaft. Die Pferde hörte ich leise schnauben, sie -trabten langsam im weißen Sand der höher ansteigenden Straße, da war der -starke Stall- und Ledergeruch auf einmal so beruhigend wirklich und -alltäglich da, und minutenlang war es nur eine Fahrt, auf einer -Landstraße, im bekannten Gelände, in Sicherheit. Beim Fort trat der -Posten heran, las im Schein der Wagenlaterne den Passierschein des -Kutschers, grüßte und trat in den Schatten zurück. Da dacht ich, nun -müßte ich aus dem Wagen springen und zurücklaufen, alles noch einmal nah -haben am Herzen, aber ich hing doch ganz still mit dem Blick an dem -einzig geliebten Bild von See und Ferne im Rahmen des Torbogens, stehend -im Wagen, und so entschwand es, -- die Pferde zogen an, der Weg senkte -sich, plötzlich fuhren wir durch Nago, und der See war verschwunden. Da, -da! der kleine Weg, wie oft gegangen in der glücklichen Zeit, zur Ruine -hinauf, man mußte über wilde Rosenhecken klettern, -- oh mein Vater, -mein Vater! Ich sah und ich sah, wie brannten mir die Augen, ich wußte -brennend und wild, es würde mir etwas begegnen; die Landstraße, weithin -sichtbar bergabwärts führend in vielen Windungen, leuchtete weiß im -starken Licht. Wieder ein Soldat mit aufgepflanztem Bajonett, dunkle -Häuser, ein einsamer Mann mit Stock und Felleisen kam uns entgegen, und -mir raste das Herz, ich wagte nicht, nach seinem Gesicht zu sehn, ich -dachte: Das ist er! das ist Vater! Nun steht er, nun spricht er dich an! -Ich sah und ich sah. Loppio, die schöne Kirche mit den weißen Säulen, -der kleine See dahinter lag tief im Bergschatten, es war so kühl! Nun -lag ich erschöpft und überwach im Wagen, hellhörig für jedes kleinste -Geräusch und im Fieber. Warum wollte es denn gar nicht Tag werden? Der -Mond stand immer noch hoch am Himmel, ich konnte meine Uhr ablesen, ich -vergaß die Zeit im Augenblick wieder. Jetzt öffnete sich das Tal, und -mit einemmal blitzten Lichter auf, rote, grüne, von fern schrie ein -gellender Pfiff in die Stille hinaus, da war auch schon die -Eisenbahnbrücke von Mori, da waren Menschen, der Wagen hielt vor dem -Bahnhof. - -Ich aber schrie fast, bebend und schlotternd beim Aussteigen: Nach Haus! -nach Haus! - -Und was dort? -- Und was dort? - - Zu Haus - -Ich lief, nein, ich flog meine Treppe hinauf, auf mein Zimmer zu. Nun -mußte es ja kommen, nun mußte er da sein, der Brief, oh endlich der -Brief, in dem alles stehen würde; daß es ein wahnsinniger Irrtum war, -alles nicht wahr, ein grausiger Traum, und ich würde aufwachen, und auch -meine Liebe war nicht umgebracht, sondern lebte und lebte, -- oder -- -kein Brief, er selber, er, im Zimmer, wartend ... - -Wie bracht ich die Tür nur auf? Seltsam: auf dem Schreibtisch, nicht auf -seiner Säule, stand der weiße Kopf und sah still durch das Fenster. -Franziska muß ihn beim Zurechtmachen des Zimmers zum Abstauben -herabgenommen und vergessen haben. Nun stand er da wie ein abgehauener, -ich sah ihn schon verschwommen durch Tränen und hob ihn auf und dachte, -er steht auf dem Brief. -- - -Nein, kein Brief. Oh, aber weinen, wieder weinen können! Fast lächeln -läßt es sich wieder danach. Magda sagte noch gestern, stirnrunzelnd, mit -solch einer kräftigen Düsterkeit, wie sie nun manchmal annimmt: Männer -haben die Verachtung, wir haben immer nur Tränen. Jedem seine Waffe. - -Ein wenig Erleichterung doch! Ich muß wieder hoffen lernen. - - nachts - -Nein, ich kann hier nicht bleiben, ich kann nicht! Ich erfriere ja hier! -Das Wetter wie im Februar, und das Haus ganz leer. Onkel tot, der -Erasmus verschwunden. Verreist, heißt es. Magda sagt ja, in Helenenruh -wäre es immer Sommer; wir wollen gleich fahren. Auch Irene läßt den Kopf -hängen, ach gewiß, wie ich mir den Brief einbildete, hat sie sich -vorgestellt, Klemens an der Bahn zu finden, und nun friert sie, wie ich, -bei ihren Eltern; sie kam nach dem Essen, wir saßen zusammen und -weinten, ach, du lieber Gott! Ich nehme sie mit nach H.; dort kann ich -dann überlegen, ob es gut sein wird, Klemens zu sagen, daß sie auf ihn -wartet. - -Irene, ach, wer noch warten könnte wie du! - - - Hier enden des achten Buches neun Kapitel oder ebenso viele - Monate. - - - - - Neuntes Buch. - Charfreitag - oder - Die Eltern - - - All dies stürmt reißt und schlägt blitzt - und brennt - Eh für uns spät am nacht-firmament - Sich vereint schimmernd still licht-kleinod: - Glanz und ruhm rausch und qual traum und tod. - - Stefan George - - - Erstes Kapitel - - - Georg - -Unermüdlich wanderten die Gedanken. - -Georg, mit den Füßen ebenso unermüdlich, wanderte das kalte kleine -Helenenruher Zimmer ab. Im Winkel neben dem Fenstervorhang strömte die -alabasterne Schale ihr immer gedämpftes Licht aus, in einer Stetigkeit -ohnegleichen, die Georgs Auge zu Boden schlug, wenn er ihrer gewahr -wurde. Im ständigen Hin und Wider die kurze Strecke durch den Raum -streiften seine Blicke unteilhaft Wände und Gegenstände des -Kindheitszimmers, die ihm, so wenig ers inne ward, mit Alterslosigkeit -und Unwandelbarkeit doch der letzte Halt waren, nicht aus sich -herauszufahren, ein unseliger Wirbel, von sich selber zerrissen. Die -Nacht war laut. Frühling und Winter schlugen die letzte Schlacht in der -Finsternis, und unter einem Sturmwind, der selber von unheimlicher -Lautlosigkeit war, tosten die Bäume des Parks, die ferne Stimme der See -überbrüllend; das ganze Haus mitunter bebte und verriet knackend seine -Fugen. Georg lief, in so rastloser Bewegung wie ein Gesteinsbohrer sich -hineinschraubend in den Gneis seiner Ratlosigkeit. - -Auf dem Schreibtische vor dem Fenster lagen und standen in dem stillen -nächtlichen Licht die Gegenstände der Kindheit, vom gegenwärtigen -Augenblick wie von der Vergangenheit unberührt. Aber mitten in ihrem -unangefochtenen Stillesein lag das Brennende, die schwälende Fackel, aus -der jeder seiner Blicke im Streifen einen neuen Schluck verzweifelter -Gluten schöpfte: lagen die wiederaufgefundenen Briefe an seinen Vater -- -eigentümlicherweise von ihm selber scheinbar in diesem Schreibtisch nur -deshalb versteckt, damit er sie fände --, die aus den höllenhaften -Septembertagen des Vorjahres. Georg hatte sie gelesen, sich ins Bett -geschlagen vor Entsetzen und sich nach endlos flammenden Stunden der -Schlaflosigkeit an die Wanderschaft durch den Raum gemacht, -entschlossen, noch in dieser Nacht fertig zu werden mit diesem und sich. - -Das allerdings, was ihn zuerst aus den Briefen entsetzt hatte, der -Irrsinn, das Wiedereintauchen in die Folter von damals, war nun längst -schon verschwunden hinter einem mehr würgenden Elendsgefühl. Denn was -stand da geschrieben, Zeilen, die sich eingebrannt hatten in sein Hirn, -in sein Herz? >So müßte es mir in der Tat gelungen sein, die ganze -Oberschicht menschlichen Daseins, die uns gemeinhin bedeckt, -abzukratzen, die ganze moralische Haut sozusagen, jene, in der auch das -sogenannte Gewissen steckt, das Alltagsgewissen, nach dem man so -behaglich lebt, dieweil es mit Gründen für alles vollsteckt wie ein -Brombeerbusch im Oktober. Möglich es ist so. Möglich, das qualvolle -Unbehagen, das mir das jetzige Leben verursacht, kommt davon, daß ich -die Haut verlor und nun schauderbar friere in der Nacktheit. Worauf es -ankäme, wäre dann wohl, nicht, wie ich es unbewußt bereits vorhaben -werde, eine neue Haut zu bilden -- die nur die alte werden könnte --, -sondern vielmehr den Zustand der Hautlosigkeit als dauernden zu -ertragen, mit Frieren aufzuhören, ihn lebensfähig zu machen. - ->Wie soll mans nennen? Nur -- Mensch zu sein. Alle Strahlen des -Lebendigseins aufzufangen -- mit keiner spiegelnden Netzhaut, die Bilder -hervorfluten läßt und verwirrende Gestalten --, sondern sie aufzusaugen -in den innerst glühenden Kern des Menschseins, wo sich von selber zu -ätherischer Reine und Klarheit die ewigen Begriffe bilden, die -zeitlosen, die unwandelbaren Formen, in denen die Gottheit sich -darstellt.< - -Und schlimmer noch diese Sätze: - ->Gnädiger Gott, der du bist! Wenn es denn möglich sein soll, wenn es aus -alldiesem noch einen Weg geben soll für mich, so bewahre mich vor dem -einen: ja, wahrlich, wenn ich auch mit Blut und Knochen, mit all meinen -Sinnen und Übersinnen wieder hinein muß ins Alte, -- so sei mir gnädig -und verhilf mir zu dem Einen: nicht der Gewohnheit wieder anheimzufallen -mit meiner Seele! Daß ich meine eignen Gedanken sehe wie Sterne, meine -eigenen Gefühle wie Blumen; daß ich nicht dem Ungefähren nachtappe, wie -ich das Pferd Unkas sich selber nachtappen sah in den ewigen Stall!< - -Ja, gnädiger Gott, war es faßbar, war es nun nicht doch geschehn, war er -nicht ganz wieder der alte, hatte er sein Leben geändert? -- Seine -Gedanken jagten wie herrenlose Hunde in den letzten Monaten herum, -suchend nach einer geringsten Veränderung gegen früher. Nichts da, -nichts! Da war ja auch keine Zeit zum sich Ändern; da war ja nur von -Arbeit ein Ozean, in dem er so hülflos herumpaddelte wie ein Pudel, und --- Ich weiß was! knurrte er wild: Wenn du echt wärst, Georg, wärst, der -du scheinst, so wärest du ruhig, verlebtest nicht Tag und Nacht in -hundert Ängsten vor unerledigten Aufgaben, hättest ein gutes Gewissen, -hättest auch Vertrauen zu denen, die du verständig weißt, um ihnen das -Übermaß des Deinen zuzuschütten, anstatt daß du nun keine stinkende -Ratte von Angelegenheit vorbeilaufen lassen kannst, ohne sie an die Nase -zu führen. Also bist du verflucht, mein Prinz, mußt dir selber die Zeit -wegrauben, und alldas, alldas von Anfang her, ist deine Schuld! - -Herr des Lebens, und sollte er nun glauben, daß jenes Fegfeuer des -Irrsinns im vorigen Herbst keinen Sinn gehabt hatte, als einmal zu -brennen und zu verlöschen? Ungereinigt war er herausgestiegen ins vorige -Sein. -- Wie es da ausgedrückt war: den Zustand der Hautlosigkeit zu -einem dauernd erträglichen auszubilden, so wars eine poetische -Redefigur; eine Haut mußte sich wieder bilden, aber: ein Zeichen, ein -winzigstes, mußte doch zu entdecken sein an der neuen Haut, erkennbar zu -machen, daß sie neu war. - -War er ein andrer Mensch? Hatte er irgendwas gewonnen? - -Seine Phantasie, auf der Suche, geriet sofort an Renate. - -Da stand, als er nach der Ankunft in Böhne aus dem Bahnhof ins Freie -trat, im Zwielicht das Viergespann, das Magda, ihn festlich zu -empfangen, vom Gestüt hatte herausfahren lassen, und drin saß sie mit -Renate, gut aussehend, heiter, noch angebräunt vom italischen Frühling, -und Hut und Kleidung schienen gefälliger als früher. Renate unkenntlich -vor Schleiern ... Er aber empfand Lust, zu kutschieren, und stieg auf -den Bock. - -Es dämmerte schon, als die Stadt hinter ihnen zurückwich. Weit vorauf -sichtbar die weiße gewundene Straße schien seltsam leidend; weit und -verlassen die grünen Gefilde der Wiese, verloren im Abend; vereinsamt in -ihrem Dunkel die kleinen Wäldchen fern unter den lastenden schweren -Wolkenmassen des ruhlosen Himmels. Tropfen fielen und eintönig die -Schläge der vielen trabenden Hufe, ein trappelndes Durcheinander. Und -noch im aufatmenden Gefühl, daß er sich nicht mehr beeinflussen ließ von -Landschaft und Witterung, wie früher, daß er sie nur um sich her sein -ließ zum Beschauen, wandte er sich um, und da saß Renate, Schleier und -Hut im Schoß, das Antlitz zur Seite gewandt aus dem Wagen, still, und -Tränen liefen naß und glitzernd aus ihren Augen. Ihn streifte sie mit -einem flüchtigen Blick, einer verlorenen Bitte, und fuhr einfach mit -Weinen fort. - -Nun sah er wieder die süßen Farben des einzigen Gesichts, das glänzend -rinnende Blau der Augen, das bräunliche Haar, die Blüte der Wangen, -- -sah es in seiner Vereinsamung mitten im immer dunkleren Kreis des -Landes. Der Himmel verfinsterte sich mehr, das Land schwand in der -Dunkelheit der Fernen, lauter scholl das Trotten der Hufe, steif in den -Händen die Riemen fuhr er dies Weinen durch den Abend hin, und ihm war, -als führe er Persephone weinend über das seufzende Land, er, Hades, -seinem trostlosen Hause zu. - -Das lag dann plötzlich, erhöht über die schwarze Masse des Waldes, aus -dem es zu wachsen schien, schwarz mit den Türmen vor dem düsteren -Westhimmel, in dem noch geheimnisvolle Röten glühten in Streifen, wie -von Bränden und nicht von Sonne. - -Beim Aussteigen nahm sie nicht nur seinen Arm, sondern stützte sich -sogar, ihres verstauchten Fußes wegen, und er empfand körperlich ihre -Weichheit. Daß er sie einmal führen und stützen müsse, hätte er nie -gedacht. Beim Essen dann konnte er alles sehn: die Hoheit von einst, den -magischen Kreis um sie her, den er immer gefürchtet hatte, und der jetzt -durchwirkt war von Weichheit, einem hülflosen Schmelz, für ihn -schmerzhaft verlockend und von kaum erträglicher Süße. - -Dann erschien Benno, verlegen und strahlend ... - -Wie, Benno? Das hatte er vergessen, mit Benno hatte sich etwas -zugetragen, aber das war nachher zu bedenken, erst weiter -- Renate ... - -Magda sang auf seine Bitte, oben im Klaviersaal am Harmonium, zwei der -ernsten Gesänge von Brahms. - -Indem fiel Georg ein, daß der Geburtstag seiner Mutter bevorstand, und -seine Brust zog sich leise zusammen, halb in Scham, daß er jetzt erst -ihrer gedachte, und mit einem jähen und schweren Gefühl des Vermissens -sah -- nein, empfand er ihr leidvolles Dasein und ganz stark ihre -vereinsamte Liebe zu ihm. Wieder brannte ihm das Herz, er dachte Emmaus, -und er stöhnte plötzlich unter einer siedenden Woge Leides, eigenen -Leides im letzten Jahr, die über ihn hinschlug. -- Es geht vorüber, -murmelte er dumpf und geduldig, es geht vorüber ... - -Wieder erschien ihm Benno, wie er dastand hinter seinem Stuhl, die Lehne -in Händen, und sich wand und verteidigte. - -Also das wars, er komponierte eine Oper. Nein, erst war das mit George, -wie kamen sie darauf? Ja nun, wie das so geht ... Menschen, die sich -lange nicht sahn und vieles erlebten, wovon zu reden wäre, greifen -vielmehr nach dem Unpersönlichen. So sprachen sie von Literatur, von -Stefan George, und was hatte er gesagt, dieser verfluchte Benno? Er -hatte den »Gehalt« vermißt an George. -- Da vermißte einer Gehalt am -Marmor, dessen Eigenschaft es ist, Marmor zu sein durch und durch. -- -Georg war sprachlos. - -Ja, richtig, Benno bewunderte ihn, George, aber er erschütterte sein -Herz nicht. Es fehle am Menschlichen irgendwie. Gewaltig, ja, oh -natürlich, und er gab überhaupt alles zu, wie immer, und er sei im -Unrecht, das wisse er wohl, aber er könne sich nicht helfen, -- und -lobte darauf Gerhart Hauptmann. Georg staunte baß und gab zu: Michael -Kramer, Florian Geyer und vielleicht das Friedensfest, mehr um keinen -Preis, worauf Benno eine schmächtige Hymne sang auf das Hannele, indes -Georg begriff und ihm auf den Kopf zusagte, daß, wenn ein Mensch zu ihm -träte und sagte, das Menschenherz ist voll Tränen und Sehnsucht, er -schon jubelte und schrie: _Ecce poeta!_ Oh uralte Verwirrung der -Begriffe, denn wo Welt und Schicksal und Not und Überfeuer -zusammengepreßt seien in eine eherne Musik der Sprache, da stehe er leer -und dunstig. -- Kein Zentrum in ihm, das ists, murrte Georg. Vor sechs -Jahren las ich das erste Gedicht von George, verstand ihn vor Jugend -noch kaum, und seitdem, Jahr um Jahr, wieviel, wie vieles ist abgefallen -und verwelkt, all die Dehmels und Hauptmanns und Wedekinds, bei denen -man damals sich freute und meinte, es genüge, wenn da etwas sei, -- aber -er -- und noch Hölderlin --, diese Beiden gingen immer mächtiger und -strahlender auf wie die Sterne mit der tieferen Nacht. Die sind freilich -nicht leicht zu tragen, aber wer sich nie mit ganzer Kraft um das Leben -mühte, wie will der das Wahre gewinnen an der Kunst? - -Denn Benno, der komponierte nunmehr glückselig eine Oper. Eine -Spieloper? Keineswegs, sondern ein stolzes Musikdrama, und gar war er -sichtlich enttäuscht, keine glückwünschende Zustimmung zu erhalten, und -gar endlich auf einen Text, den ein Freund oder Vetter seiner Elfe, -Schriftsteller, hergestellt hatte aus einer Erzählung von Riehl. Bei den -Göttern, so wars, damit nur alles zusammentreffe: Musikdrama und -Dramatisierung eines epischen Stoffes, -- alle Notwendigkeit beim -Teufel! Georg stand wütend auf. - -Du, Benno, hielt er plötzlich seine Rede aufgebrachter noch einmal, hast -du denn alles vergessen von damals? War dir alldas etwa nur wert, -gefühlt und gesungen zu werden? Nichts als Sentimentalität? Nun sind wir -Männer und hätten zu zeigen, was wir gewannen, und ich, Benno, ich hab -auch Verse gemacht und mich für einen Dichter gehalten; als ich aber -einsah, daß es nicht das Ganze war, da verzichtete ich. Hast du, -frommer, weicher Mensch, denn nun in Wahrheit keinen Weiser in dir für -das Echte? Daß es nicht genügt, dies und jenes zu tun, weil es sich tun -läßt, und es nur möglichst gut zu machen, sondern daß es die Aufgabe -ist, auch zu lassen? zu prüfen erst und dann zuzugreifen? Da haben eine -Menge Leute Musikdramen geschrieben, die Form des Musikdramas steht dir -als praktische Möglichkeit leibhaft vor Augen, und sofort hast du -vergessen, was du sehr wohl weißt -- sehr wohl, Benno, nach früherer -Aussage! --, daß du eine Schande begehst, daß du die Musik, den reinen -Engel, erniedrigst und entstellst, indem du sie zu dem einzigen -verwendest, wozu sie nicht da ist: auszudrücken! Etwas auszudrücken, was -sich auch auf andre Weise ausdrücken läßt, Geräusche der Natur, oder -durch Handlung und Wort auf der Bühne! Oder das simpel Menschliche -auszudrücken, Leidenschaft, Klage, alldas zufällig Tatsächliche, anstatt -das himmelhaft Zeitlose! Aber freilich, du mußt auf das Praktische -gerichtet sein, mußt auch Geld verdienen für deine Frau, und darum -siehst du nichts als die Verlockung des prächtigen Librettos, und daß es -halt Musikdramen giebt, und ergo, daß die möglich sind, und fragst wie -der Galizier: Gott über die Welt, warum soll ich nicht? -- Und daß es an -dir ist, alle zehntausend hundsföttischen Möglichkeiten durchzusieben -bis auf die eine, die Notwendigkeit heißt, das -- -- ah, mein Benno, -jetzt schwant mir etwas ganz Böses! Wenn wir dazumal einer Meinung -gewesen sind, so waren wir doch nicht eines Herzens, und zwar meintest -du das gleiche wie ich, aber du meintest es auf andre Weise! -- Das wäre -des Teufels. - -Und ich, mußte er sich jetzt wieder fragen, bin ich eigentlich anders -gewesen? Habe ich geprüft? Nein, bei Gott nicht! Aber wie, konnte ich -das ebenso echt empfinden -- und doch unrecht haben? Was gab mir denn -recht? - -Eine Stimme in ihm sagte: Leiden. -- Erst glaubte er, sie überhören zu -müssen, gab aber nach: das möchte wahr sein. - -Und dann, jählings, als habe ihn jemand geschüttelt, so daß alles eben -Empfundne und Gesehne von ihm abfiel wie Lumpen, stand er wieder in -voller Glut seiner Scham, sah er am herumliegenden Abfall, wohin er -abgeirrt war, und daß er der alte war, unabänderlich unverändert der -alte. - -Eine Nebelwand vor den Augen, das ist das Leben für mich, und dahinter -ein dünnes Licht. Was für ein Licht? Das Licht bin ich selber, ich, den -ich suche, um den ich mich bemühe, und was mich anleuchtet, ist die -Angst, nicht zu werden, zu verlöschen im Alltage. Früher -- habe ich -mich da schon gesucht? Auch, ja, aber dumpf nur und kaum bewußt. Ich -strebte, wohl, ich strebte nach einem menschlich hohen und wertvollen -Ziel, und was ich auch vornahm, was ich betrieb --, wenn ich aus der -Trunkenheit aufwachte, so hatt ich doch Augen für die Sterne, -- -Hölderlins und Georges Form, in sie konnte mein Leben doch eingehn und -in der Wahrheit lebendig sein, -- oh mein Gott, daß ich dies immer -wieder vergaß! Das Schlechte erkannt ich doch immer als schlecht, wenn -auch nachträglich nur, und ich quälte mich dran, wollt es verleugnen, -wand mich am Ende heraus; und das Gute -- war es mir jemals ganz gut, -war es mir -- wirklich? Hatt ich nicht immer die Qualen der -Unwirklichkeit, die Reue, daß selber der höchste Augenblick Augenblick -war und verlöschen mußte, und sucht ich nicht immer nach -- nach -- -Renate? Und immer wieder vergaß ich Renate und nahm jemand anders, -- -und zuletzt, da ich zugriff wie ein Taps, so entzog sie sich selber, für -immer, und da steh ich und starr' ins Symbol Renate, hoch und nie zu -erreichen. - -Dumpf damals und im Dunkel, jetzt etwas heller, in Dämmrung: wäre das -wahrlich der ganze Unterschied? Wäre das Hoffnung, daß langsam, aber -doch sicher, die Helle zunähme? Daß deshalb Nächte kommen wie diese, wo -ein guter Dämon mir Öl ins Feuer der Reue gießt? - -Georg wanderte auf und nieder. Augenwinkel und Schläfen brannten von -Schlafverlangen, auch peinigte ihn die Unaufhörlichkeit des Nachtsturms, -den er immer wieder, nachdem das Tosen der Bäume fernhin versaust war, -heranrollen, schwellen, toben, sich im Gewipfel wälzen hörte. -- Ich -lasse dich nicht, murmelte er sinnverloren, du segnest mich denn! O -Gott, mein Gott, diese Einsamkeit! Und wären sie Alle hier, die mich -jemals liebten, die Lebenden und die Toten, und könnte ihrer Aller Liebe -sich zu einem allmächtigen Leuchtfeuer vereinen --, ich würde es wie -einen Sternfunken klein in der Nacht sehn; meine Nacht würde Nacht -bleiben. Niemand kann helfen, niemand, niemand, nur Gott. - -Und in einer Verzweiflung, stehen bleibend, die Augen schließend, stieß -er aus seinem Unglauben die Worte: Gott, Gott, Gott, wenn du bist, gieb -mir ein Zeichen, gieb! Laß diesen Sturm sich legen, wenn du bist, und -ich weiß, daß ich auch einmal Ruhe finde! - -Danach lauschte er lange Sekunden. Der Sturm wurde schwächer, entfernte -sich, es grollte von weitem gedämpft, wurde stiller, still. Und dann -machte es sich wieder auf und rollte heran, Woge um Woge. - -Georg ließ die Arme fallen. Einen Augenblick später saß er plötzlich und -schrieb. - -Mein Leiden, schrieb er, war und ist noch immer eine Art -Cäsarenwahnsinn, nicht der Tat, sondern des Verstandes. So wie jene -Kaiser, geboren zu einer Zeit, wo das Leben des Untertans weniger wert -war, und erzogen zu dem Herrscherempfinden unumschränkter Gewalt über -Leben und Tod, sich über Vorstellung und Leidenschaft hinaus zügellos -hinreißen ließen zu den Ausführungen schrecklicher Art, Massenmord, -Muttermord, Brandstiftung, was es auch war: so wirkte in mir ein an sich -zügellos beschaffenes, durch unbewußte Betätigung ins Unermeßliche und -Schamlose gesteigertes Denkvermögen. Mit ziemlich offenen Sinnen -versehen, war mir Beobachtung, Ergreifung sowohl aller sinnlichen -Vorgänge um mich her, wie der in Büchern erreichbaren geistiger, -seelischer, humaner, gesellschaftlicher, natürlicher, künstlerischer -Art, immer Vergnügen und leichte Gewohnheit. Die Fertigkeit, Bezüge -herzustellen, von einem aufs andre, von zweien aufs dritte zu schließen, -ein ähnliches Drittes als erhärtet und verbürgt anzusehn durch Erstes -und Zweites, diese Fertigkeit ist nicht nur mir, ist jedem Menschen von -Natur eigen, und ich übte sie nach Gefallen. Und das Wichtigste: eine -unbegrenzte Ichsucht, schaurig durch Unbewußtheit vertieft, die jeden -begegnenden Vorgang, jede Erscheinung des Lebens und noch mehr: in der -Lektüre jede Meinung, jedes Urteil innerhalb des ganzen Bereiches des -menschlichen Wesens nur in der einen Beziehung auf das eigene Ich, die -Wahrscheinlichkeit des selber so handeln, denken, empfinden Könnens oder -Wollens oder Mögens aufnahm. Alldies -- und gewiß noch andres in Menge -mehr -- züchtete diese geistige oder nervische Leidenschaft des alles -Denkenkönnens; des alles für -- nicht nur wahrscheinlich, möglich, -plausibel, sondern für wahr Haltens, nicht weil es wahr, sondern weil es -so denkbar erschien. In keinem Stoffgebiet, keiner Kunst oder -Wissenschaft wirklich zu Hause, keiner menschlichen Weisheit, keiner -Wesenheit wirklich auf den Grund gekommen, erregte mich vielmehr gerade -die Leichtheit des -- scheinbar -- alles fassen, umfassen, durchschauen -und verbinden Könnens. Es ist ein gealtertes Wort, daß jeder Mensch nur -sich herausliest aus dem Buch, das er liest; er ist sich selber der Held -eines jeden Romans, und sei der ein Herkules oder Cäsar Borgia. - -Mildernde Umstände machen die Tat ebensowenig ungeschehn, wie sie die -Schuld aufheben können; mildernde Umstände enthalten recht eigentlich -die Erklärung, die Anlässe der Verbrechen, machen sie verständlich, -erkennbar. So habe ich etwa die mildernden Umstände für mich, daß ich am -Leben bin zu einer Zeit, die ebensolche hervorbringt wie mich; Menschen, -die zu einer Zeit ihres Lebens, beim Übergang von der Jugend zum -Mannesalter sich im Besitz eines leicht und handlich arbeitenden -Verstandes, offener Sinne, leidlich geschulter Logik und der oder jener -Begabung oder Kunstfertigkeit sehen, >hochbegabt<, wie man sie nennt, ->talentiert<, ohne dabei von einer seelischen Festigkeit, einem innern -Ausgerichtet- oder im Gleichgewichtsein, mit einem Wort: von Charakter -zu sein, in dessen Händen allein jene Begabungen wahrhaft -leistungsfähig, notwendig und gerecht wären. Tausend Dinge ohne -innerstes Müssen zu tun, weil sie sich tun lassen, das ist der Fehler. -Fertigkeiten zu haben, die das Maß der innern Bedürftigkeit übersteigen, -wie das Angebot die Nachfrage auf dem Markt. Mit den Augen größer zu -sein als mit dem Magen. Kein Ernst, immer Spiel. Übung der -Geschicklichkeiten zu keinem nützlichen Zweck, sondern um der -Geschicklichkeit willen. Grammatik Treiben am Homer. Immer jenseits der -Grenze des Notwendigen im Elysium alles Möglichen. Keinerlei -Beschränkung im Geistigen, Zügellosigkeit, Cäsarenwahnsinn des -Verstandes. - -Und noch möchte alles das hingehn, blieb es auf sich, auf mich selber -beschränkt. Gäbe es nicht Menschen, die bei solcher Beschaffenheit das -beschaulichste Leben führen? Und zwar dies, teils weil das Leben sie auf -einen Platz stellte, wo kein Handeln, also kein Mitgefühl, kein Denken -und Sorgen für Andre von ihnen verlangt wird; teils weil sie niemals -darauf verfallen sind, sich selbst zu erkennen. Ich aber war unzählige -Male zu einer Zeit, wo ich nicht daran dachte, daß ich es sei: -hineingestellt mitten in das menschliche Labyrinth des Wollens, -Tunsollens, Unterlassens und der Schuld; bin es heute wie je mit dem -einen Unterschied, daß ich nun weiß. Hinderte mich aber am Rechten -damals die riesige Wucherung meiner Sinne, meines Verstandes, die mir -alles zeigte wie ein Glück, es wahrnehmen und denken zu können, aber -nicht rechtzeitig hineinzugreifen und auszuführen: so hemmt mich nun, da -ich Erfahrung gewonnen habe, eben sie. Nun bin ich so belastet mit -Wissen, wie wenn eine Schnecke ein Haus hätte, das zu schleppen ihre -Kraft nicht ausreichte, so daß sie zwar drin hausen kann, aber es nicht -hinbringen, wo Nahrung ist. Wußte ich früher nichts und war geblendet -durch die Last, Wissen -- oder was ich dafür ansah -- zu erwerben -- und -was schien mir nicht erwerbenswert? --, so bin ich nun blind ... - -Voll Unmut und Widerwillen schon während der letzten Sätze gegen das -Hinschreiben, legte Georg die Feder hin und das Gesicht in die Hände. In -diesem Augenblick ging durch die schwere Beklemmung, die ihn erfüllte, -ein sanftes Licht. Dem gab er nach, erweicht, und dachte so in schwerer -Nachgiebigkeit: - -Es ist nicht möglich, Georg, daß es nur dies ist. Es ist nicht möglich --- denn es wäre nicht menschlich! --, daß irgend jemand so wie du sich -im tiefsten belastet fühlen, im tiefsten unglücklich sein könnte durch -die reine Erkenntnis seines Soseins, das Wissen um -- psychologische -Vorgänge. Alldies ist das Allgemeine; was aber ist das Persönliche, in -dem es sich bei dir darstellt? Was ist das Wesen? - -Gieb es zu, Georg, gieb es zu! - -Es ist die Lüge. Es ist ganz einfach. Wäre es jenes allein, so würde ich -wie jeder Andre auch drüber hinwegkommen. Würde es bestehen lassen, -würde suchen, es zu verarbeiten, würde aber weitergehn, würde mich -nicht, o mein Gott, bei jedem Atemzug so gehindert fühlen am Leben. Gieb -zu, daß es die Lüge ist! Daß du scheinst, was du nicht bist. Daß du -nicht, so eitel gern du es möchtest, beschlossen bist in dir, unabhängig -von den Andern und ihrem Meinen. Denn du stehst an einer offenbaren -Stelle, du weißt dich in jedem Augenblick von einer Menge gesehn, -bedacht, beurteilt, und was in dir Seelenstoff ist, das steht mit allem -Seelenstoff um dich her in Beziehung, und du empfindest auch, was dein -Verstand leugnen möchte. Du stehst an sichtbarer Stelle und lügst. -Versetze dich in die Andern, betrachte dich selber von außen! Stelle dir -eine Bronze vor und dich in dem Augenblick, wo du entdeckst, sie ist -Gips und bemalt. Rede dich nicht heraus mit allfälliger höherer -Einsicht, die hinterdrein kommen könnte. Den ersten Augenblick nimm: -Gips und nicht Bronze! So! Weißt du nun, was du empfandest? Kannst du -die erste Enttäuschung verwinden? Nützt es, dir einzureden, daß im -besondern Fall Gips zweckdienlicher sein kann als das Edelmetall? - -Ich hab keine Kraft mehr! stöhnte Georg und stand auf. Ich kanns nicht -mehr erwehren. Ich sehe alles ein. Aber dem wollt ich mein Herz geben, -der mir die Kraft gäbe, es zu ändern. - -Da, mitten in seine Aufgelöstheit, in Unkraft hinein blühte das Antlitz -Jason al Manachs, kaum lächelnd, weiß wie eine Narzisse, und Georg -flüsterte staunend: Du Lieber! Sieh, auch du hast mir nicht helfen -können! Aber du, o dies ist wohl dein Zauber! du liebst uns, du liebst -Alle und alles, liebst, was du ansiehst, und liebst, mit wem du -sprichst, mit unwiderstehlicher Liebe, die durchdringt und so süß und -milde das Leben macht, solange du bei uns bist ... - -In diesem Augenblick kreuzten sich zwei verschiedene Wahrnehmungen in -Georg: die eine, daß er Jason so angeredet hatte, als wäre er Jesus; und -die andre, daß der Sturm sich gelegt hatte, ja, daß er vor langer Zeit -schon verstummt war. - -Nicht ein einziger Laut war in der Nacht. Georg stand müde, erschlafft, -dachte kummervoll seiner Anrufung des göttlichen Wesens, -- hatte Gott -doch ein Zeichen gegeben? Der Sturm schwieg. Hatte er wieder einmal -nicht warten können und bemerkte das Zeichen erst, als es schon welk -geworden war, -- nein, er selber welk, es zu fühlen? - -Er stützte die Hände vor sich auf die Lehne des Stuhls und suchte nach -dem Gefühl, das er hatte, als er zu Gott schrie. - -Was sich einstellte, war nun die Frage, was für eine Nacht dieses sei; -und gleich die erschreckende Antwort dahinter: die Nacht vom -Gründonnerstag zum Charfreitag. - -Sein Herz fing an zu klopfen. In dieser Nacht ... In dieser Stunde -vielleicht, in dieser Nacht kniete einer am Ölberg, schrie zu Gott, und -Alle schliefen, für die er schrie. - -Und nun -- er wußte nicht, wovon an die Erde hinunter gezwungen, ob von -einem überwältigenden Schamgefühl über die Ähnlichkeit, ob von einer -äußersten Sehnsucht, zu liegen, zu knien, widerstrebend voll -Verzweiflung ließ er sich an dem Stuhl hinunter, kniete, ließ den Stuhl -fahren, fiel langsam vornüber, und in dem Augenblick, wo er von Scham -übergossen aufspringen wollte, lag er und küßte den Fußboden. - -Eine Sekunde später hatte er mit den Kleidern alles von sich -geschleudert, lag im Bett und stürzte sich wie einen Stein in den -Schlaf. - - - Renate - ->Der Tod Christi<, so las Renate in ihrem Zimmer, >bezeichnet uns das -Größte -- nicht in seinem Wesen, aber in seinem irdischen Leben. Niemand -ist eines so vollkommenen Todes gestorben. Darum sollst du die Tage -seines Sterbens als die heiligsten halten im Jahr, und sie sollen ganz -allein dem Heiland gewidmet sein. - ->Zu dieser Versenkung deiner Seele bedarf es einer Überwindung zuvor. -Denn es fällt der Seele nichts schwerer, als aus der Gewohnheit ihres -Treibens von selber den Übergang in ein größeres Dasein zu finden, und -zumal der Geist bedarf des besonderen Antriebs. Darum sollst du zwischen -Alltag und Feiertag die Mauer einer Überwindung aufrichten und am Mittag -des Gründonnerstags ein vollkommenes Fasten beginnen, das bis zum -Samstag in der Frühe währt. Erst wenn es dir vermittels dieses Fastens -gelungen sein wird, dein leibliches Dasein zu verleugnen, kann das -seelische in dir geboren werden, das nur Liebe ist, und du --< - -Renate legte das Buch hin; ihre Augen flimmerten und versagten, noch -eine Weile zuckten die Lettern der väterlichen Handschrift vor ihren -Augen und zerflatterten im Lampenlicht; dann waren die Wimpern gefallen, -sie saß im Dunkel. - -Das erstemal in ihrem Leben fühlte sie die alte Charfreitagsübung -versagen. Der Hunger, der sie aus dem Schlaf geweckt hatte, peinigte, -ohne daß sie etwas andres empfinden konnte als ihn, es sei denn ihr -Frieren. Schaudernd vor Kälte, öffnete sie die Augen wieder, kniff sie, -geblendet vom Licht, wieder zu, stand auf, ging und löschte die grell -brennende Lampe. - -Nun fiel durch die halboffene Tür zum Schlafzimmer der Schein der -verschleierten Lampe auf dem Nachttisch, und die Hälfte des Zimmers, in -dem sie wanderte, lag im Schatten der Tür. Doch immer wieder, in die -Nähe der Türöffnung gekommen, mußte sie anhalten und nach nebenan spähn, -in den schmalen Raum, wo nichts war als die kleine gelbe Schleierlampe -auf der Platte des Nachtkastens neben dem leise glänzenden Armband mit -der Uhr, und vorne das Fußende des Bettes. Ihr war dann, als läge jemand -krank in dem Bett, ihr unsichtbar -- Jason vielleicht, der vor Jahren -dort gelegen, oder ihre eigene Seele, und was hier von ihr rastlos -umging in der Nachtstille, war nur ein kranker Traum der sehr kranken. -Lange versunken in den Anblick, zog sie dann den Schal fester um -Schultern und Arme, machte den Blick -- so schwierig, fast wie die an -Gedörn verhakten Zipfel eines Kleides oder Schleiers -- los von dem -Licht und ging auf die Fenster zu, die kaum sichtbar waren im Finstern. - -Im Gehen fing ihr rechter Fuß mit der noch aus Italien heimgebrachten -Sehnenentzündung sofort Feuer, obwohl sie ihn immer mit ganzer Sohle -aufsetzte und nur leicht -- weniger ein Schmerz als eine Behinderung -mehr zu den andern. Ah, wozu ein Glied schonen, wenn das ganze Wesen -sich hülflos verzehrte! - -Und zum hundertsten Male, seit sie dies Fasten begonnen hatte, versuchte -sie sich aufzurütteln mit dem Gedanken an ihren Vater. Was sie aber -denken konnte, war nur, daß sie, solange er lebte, solange sie mit ihm -Charfreitage beging, niemals auch nur einen Hauch von Hunger verspürt -hatte, so vollkommen gesättigt, wie sie war, von dem unversieglichen, an -diesem Tage süßer und herrlicher als alle Tage strömenden Quell seiner -Liebe und Weisheit. Und noch die nächsten Charfreitage waren ernst und -schön im Geleit seiner niemals gestorbenen Augen, seiner niemals -versiegten Liebe. Heute zum ersten Mal war sie allein wie ein Tier und -litt Hunger. - -Sie fror unablässig. Zuweilen hauchte sie in die Luft, um ihren Atem zu -sehn und sich zu beweisen, daß die Nacht wirklich so kalt war, doch -zeigte sich kaum ein dünnes Gebilde von Dunst. Nein, diese immer -erneuten Wellen von Schauder kamen von innen! Sie ächzte fast weinend. -Ich kann nicht mehr! Ich kann nicht mehr frieren! Senkte den Kopf und -ging weiter. - -Die Stille nach dem vertosten Sturm blieb unverbrüchlich. Zuweilen -knackte eine Diele unter ihrem Tritt; im Nebenzimmer, unermüdlicher als -sie selber, doch gleichmäßiger, wurde bei jedem Näherkommen das feine -Ticken der Uhr hörbar. Ein Fenster stand jetzt offen, nachdem sie es -zehnmal geschlossen und wieder geöffnet hatte, schwankend zwischen dem -Schauder vermeintlicher Kälte von draußen und dem Gefühl, ersticken zu -müssen. Draußen knisterte es dann und wann. Über der See stand ein -Frühlingsgewitter, und in Pausen regte sich dort ein dünnes Lichtzucken, -lautlos. Oder vielleicht wars ein Blinkfeuer. - -Ach, sie hätte auf einem Schiff sein mögen in dieser Nacht, keinem -großen, einem kleinen, festen Ding, das mit dem unermüdlich schlagenden -Herzen sich durch die schwere See hinarbeitete, ein geduldiges -Tierwesen, folgsam und standhaftig. Zu fühlen sein leises eifriges -Ächzen, das Knacken und Dehnen seiner Glieder, und daß die schwere -Arbeit ihm doch eine Lust war, und immer wieder ein Behagen, den Kopf -aus der zusammengestürzten Woge zu heben, triefend, augenlos in das -Finstre und doch mit einer Art Lächeln ... - -Renate erholte sich an solchen Vorstellungen minutenlang. Sie waren wie -Streichholzflammen, an denen sie die gewölbten Handflächen wärmte, -heftiger fröstelnd, wenn sie erloschen. Wieder und wieder durchsuchte -sie ihr Leben nach ähnlich wärmlichen Bildern, -- ach deren gab es zu -Hunderten, allein ihre Wärme war kraftlos, drang nicht her bis zu ihr, -oder ein Keim Eises war drin, der, aufgehend in magischer Schnelle, -einen Schauer von Schnee über sie wölkte. Die Stunden mit Saint-Georges --- jede voll Ausdauer und Frieden und Versöhnlichkeit -- und in jeder -der Keim des Unheils, des Todes, der Unseligkeit. Die Stunden der -Friedliebenden Gesellschaft, ach alle zerstäubt und verblasen. Aus -Magda, aus Sigurd und Esther, aus Ulrika, aus Irene -- was war aus ihnen -geworden? Gräber, -- und wenn sie in geträumter Lebendigkeit vor Renate -erschienen, so hatten sie eine Geducktheit an sich, als schleppten sie -unsichtbar ihre eigenen Leichname. Hatte der Tod nicht gewütet um sie -her? Und waren sie es am Ende, all diese Toten, die um sie her die Luft -töteten mit ihrer Starre, und war darum kein Hauch mehr von Wärme zu -finden? Aber Magda lebte, die liebste, und von ihr entströmte doch immer -eine unendliche Glut ebenmäßiger Fülle. - -Die Müdigkeit zitterte schon in ihr, aber sie wußte, daß sie sich nur -hinzulegen brauchte, um wacher und unseliger zu sein als zuvor. Also -schleppte sie weiter ihren Fuß, als wäre ein Gefäß voll Gluten daran -gebunden, das sie mit Vorsicht bewegen mußte, nichts zu verschütten. Die -Gedanken gingen ihr aus. - -Wieder das Fenster schließend, bildete sie sich ein, sofort die -Zimmerwärme zu spüren, und stand so eine Weile, die Hände leis reibend, -vor dem dunklen Glas und dem eigenen, eben erkennbaren Widerschein -darin, bis aus der Bewußtlosigkeit eine Stimme sie zu sich rief, die -hinter ihr melodisch laut ward mit den Worten: - -»Es kommt alles nur von der Wärme und der Kälte ...« - -Nur wenig erschreckend, wandte sie sich um und merkte, daß sie in ihrem -Zimmer daheim war; daß die Lampe auf dem Schreibtisch brannte -- und -jetzt, daß in der Türöffnung zum Schlafzimmer eine nicht eben große -Gestalt in einem rosenfarbenen Kleide stand: Ech-en-Aton, der König. - -Er sah ruhig umher. Sein kleines Antlitz war weiß wie Apfelblüte mit -rosigen Hauchen; fast unsichtbar das helle Blond des Haars, die Augen -von fast nächtiger Bläue. Der Kleidrock von glanzloser Rosenfarbe stand -in jener rhomboiden Form, die Renate von den alten Bildern her kannte, -unten, zwei Hände breit über den nackten geschlossenen Füßen ab, und ein -kurzer Kragen von gleicher Farbe bedeckte Schultern, die Brust und die -Arme. Plötzlich erschrak sie doch, da er sie ansah, sie durchdringend -mit dem Blick, der nicht von ihrer Welt war. Aber er lächelte, und schon -machte es sie glücklich, ihn, diesen Göttlichen, so menschenhaft zu -sehen und das Königliche, zur Schau getragen weder in Haltung und Miene, -nur in so unbeschreiblicher Weise vorhanden an ihm wie die Unschuld im -Auge eines Kindes. Und wieder doch verging sie fast, als jetzt unter dem -Mantelkragen ein lebendiger Arm zum Vorschein kam, eine zarte, längliche -Hand sich erhob und in die weißen Falten des Vorhangs über seinem Haupte -hineingriff. Ach, sie hätte der Samt sein mögen, jetzt! - -Er sagte, langsam sprechend, mit tiefer Milde: - -»Ängstige dich doch nicht, Schwester! Sorge dich doch nicht um dein -Leben, Schwester! Liebe Seele, habe Geduld! Süße Vollkommenheit, du -darfst mir nicht zerblättern! Sei ruhig! Sei weise! Da bin ich ja! Ich -will dich trösten! Wir wollen zusammen sein und etwas sprechen ...« - -Renate hatte sich so weit gewonnen, daß sie etwas sagen konnte von ihrer -Beglücktheit und Überraschung, was er freundlich anhörte, ohne zu -erwidern. »Setz dich nur!« sagte er dann, »ich stehe lieber; ich stehe -gern.« - -Sie nahm einen Stuhl am Tisch. Seine zarte, farbige Gestalt war dem -lichten Raume umher schon so natürlich geworden, als hätte dessen vorher -unsichtbares Wesen nur diese Gestalt angenommen. Renate bebte fast im -Verlangen, nur die Mildigkeit seiner Stimme wieder zu hören, die sich -ihr einflößte wie ein himmlischer Trank, wärmend, bezaubernd und doch -nicht berauschend. Da sprach er auch schon. - -»Sprechen wir vielleicht von diesen Dingen, der Wärme und der Kälte, die -dich so bewegen. An ihnen läßt sich ja alles erklären, und um zu -erklären, bin ich gekommen. Man muß wohl die Geduld verlieren unter den -Menschen, wenn man nicht wie ich in die Unveränderlichkeit eingegangen -ist. Da nahm ich unter den stillen Geschwistern deiner seit langem wahr, -und da du nun meiner so sehr bedarfst -- sieh, da bin ich!« - -Renate fiel ein in sein Lächeln und löste sich darin -- ihr deuchte mit -einem Harfenton. - -»Erinnern wir uns einmal daran,« begann er still, »was du gelernt hast. -Licht und Finsternis hast du gelernt, die Urzustände. - -»Licht und Finsternis. Aber du wirst gleich begreifen, daß dies falsch -sein muß, wenn du nur bedenkst, daß Nacht eine örtliche Erscheinung ist. -Überall ist die Sonne. Nur dich verläßt sie zuzeiten. - -»Die Schlaflose -- immer irgendwo ist die Sonne, die alleine der -Anbetung würdig ist. - -»Bedenke nun Wärme und Kälte. Es ist Winter, nicht wahr? Es stürmt bei -dir in dem Norden, es schneit, die Sonne blickt vor, aber es ist doch -nicht warm. Sommers aber, der Himmel ist bewölkt, Regen fällt, die Sonne -ist nirgend, und dir ist doch warm genug, unter leichter Decke zu -schlafen. - -»Oder das Wasser. Es ist Juli, die Fläche des Weihers glüht, -- du aber, -Kühlung bedürftig, tauchst die Hände hinein, und sieh, du erfährst eitel -Kaltes unter der Glanzhaut der Glut. - -»Also sieh an, du kannst dir Kälte und Wärme bereiten, wann du willst, -Nacht und Tag aber kannst du dir nicht bereiten, ob du tausend Lampen -entzündest oder die stärksten Mauern errichtest, denn immer wo sie sein -will ist die Sonne. - -»Wärme und Kälte dagegen können überall sein zugleich, an tausend -Stellen unter der Sonne, und was heißt das? Es heißt, daß die ganze Erde -ein Gemisch ist von Warm und Kalt. Kannst du dir vorstellen, es gäbe ein -ähnliches Gemisch von Dunkel und Licht? Licht mit schwarzen Stellen oder -umgekehrt? Gewiß nicht.« - -Er schwieg eine Weile und schien zu bedenken, wie er fortfahren solle. -In Renate war jedes seiner Worte eingegangen wie eine Flocke reiner -Süßigkeit; sie war schon erfüllt davon, wußte sich aber unendlich an -Raum und Verlangen nach mehr. Wenn der Saum seines Rockes bebte, bebte -sie mit, -- so war ihr ganzes Wesen an das seine geschlossen. - -Der König fuhr fort: - -»Vom Leibe sprachen wir bisher und den leiblichen Wahrnehmungen, aber -uns beschäftigt die Seele. Daß auch sie ein solches Gemisch ist, wie wir -erkannten, das weißt du; ein Gemisch zweier Richtungen, zweier Triebe, -die du gut und böse zu nennen gewohnt bist nach ihrer Wirkung. Da nun -auch hier im Gebiet der Seele, einer andern Erde, nicht Nacht herrschen -kann mit Flecken des Lichts, wie wir sahen, so muß es wohl auch das -Kalte sein und das Warme. - -»Und willst du noch einen Beweis? Erinnere dich, wo warst du, bevor du -geboren wurdest?« - -»In der Mutter«, sagte Renate. - -»Und wie war es allda?« - -»Warm.« - -»Wie also mußt du das Dasein dahier empfunden haben, als du zu ihm -eingingst?« - -»Als kalt.« - -»Und diese Kälte an den Gliedern wie?« - -»Schmerzlich.« - -»Denn du schriest. Und was ward seitdem die Folge? Ich will es dir -sagen: Die Folge ward ein unbegrenztes Verlangen nach Wärme, jener -Wärme, aus der du kamst. - -»Ja, meine Schwester, dieses ist Lust: Wärme. Und Kälte ist alle Pein. -Und alles was entstand, ist aus diesem Gegensatz entstanden, aus dem -Mangel an Wärme. Alle Wissenschaft, alle Weisheit und Bildung und die -erlauchten Geheimnisse der Kunst. - -»Woher aber die Seele? Wo ihr Keim, wo ihr Beginn? Dein Ahne im Norden -hat wohl nicht viel von ihr gewußt, da er aus Schlachten und Jagden zu -den ewigen Schlacht- und Jagdgründen einging. Aber südwärts der wärmere -Grieche, was glaubte der? An den Hades, an sinnlose Schatten, die wesend -nicht lebten, weshalb? Hatten sie nicht Schein von Gliedern und Sinnen, -und hörtest du nicht, daß sie blickten und sprachen, daß sie wieder -liebten und haßten, wenn sie -- etwas bekamen? Was? -- Blut -- das warme -Blut. Kalt war es im Hades, eingefroren waren ihre Sinne, taub, -abgefroren mit dem Augenblick des Sterbens und mit der Seelengeburt. -Siehe aber, das wußte der Grieche, daß sie leben kann, die Seele, wenn -nur Wärme vorhanden ist. Er wußte von der Seele, denn er wußte von der -Wärme, von dem Glück seines Blutes, von dem Frühling, von Persephone und -Demeter, von -- Dionys. Kalt, so nannten sie den Hades, und warm war -ihnen das heitere Land, aus dem ihnen, vom Tyrsos geschlagen, tausend -und tausend feurige Quellen sprangen im Wein. Die Andern waren noch -nichts -- Dionysos war der seelische Gott, Schöpfer der Seelen, da er im -Kalten die Wärme gab, Feuer der Seele, gewaltige Lust, Trunkenheit, sich -den wärmlichen Göttern ähnlich zu fühlen. - -»Mein Volk wußte viel, aber dumpf. Sie ahnten die Seele, aber das Leben -hatten sie noch nicht. Ihnen war wohl ein wenig zu heiß in der ewigen -Sonne, und also suchten sie die Dunkelheit auf und die Kühle und liebten -den ewigen Stein. Wie aber heißt das Wort vom Leben?« - -Renate sagte: »Wer an mich glaubt, der wird leben, ob er gleich stürbe.« - -Der König leuchtete seltsam auf, und höher erscheinend, auch die andre -Hand hebend, sagte er wie einen Gesang: - -»Jesus von Nazareth, der Christus. Er kam und sagte: Hier ist mein Blut! -Hier wohnt deine Seele. Du sollst warm sein, sprach er, dann fühlst du, -daß eine Seele in dir ist, und du hast den Himmel auf Erden. Und: Seid -wie die Kinder, sagte er, -- und nun -- was giebt es Wärmeres als ein -Kind?« - -Es rieselte in Renate. Der König lächelte tiefer, bis das Lächeln im -Sinnen verging, er die Lider senkte und leiser fortfuhr: - -»Wenn ich auf meinen Terrassen stand, im Antlitz die brennende Wüste, im -Antlitz das große Goldbrodeln der Höhe ... Wenn alles erwarmte in mir, -in mir erglühte der süße, der flutende Baum aus Purpur, tausendästig -- -dann wußte mein ganzes Wesen vom Scheitel bis zu den Füßen: Es ist das -Blut! - -»Sie verstanden mich kaum, -- sie gehorchten nur --, wann hätten sie -jemals verstanden? Sie zerstörten meine Stadt, sie zerstörten meine -Bilder, aber sieh dort!« Seine Augen winkten zu seinem Bildnis hinüber. -»Sie konnten mich nicht zerstören, und ich bin ewig. - -»Ach, auch Ihn, den ganz Warmen, verstanden sie nicht! Nehmet und esset, -sagte er, und sie glaubten, sie müßten nun Menschenfresser werden und -seinen Leib vertilgen wie den des Viehs. Wein gab er und setzte ihn -gleich dem heiligen Blut, und sie verstanden nichts, sondern begannen -einander totzuschlagen um der Frage willen, ob sie trinken dürften oder -nicht. - -»Sie sagten: Gut und Böse und Vergebung der Sünden. Ich sage: Kalt und -Warm. - -»Und wer ist gut? Der warm ist, der warm hat und jedem die Wärme gönnt, -und für jeden die Wärme will. Für sich Wärme wollen und die eines Andern -nehmen, -- meinst du nun, das wäre das Böse? Ach, das ist das -Menschliche nur, der alte Trieb, die Gier nach der Wärme und nur -Übertreibung. Dies ist nur schädlich. Alles was schädlich ist, kommt aus -dieser Übertreibung. Nimm einem die Wärme, so schadest du ihm -- und wem -noch? Dir. Denn woher kann Wärme allein kommen? Aus dir. Siehe noch -einen Beweis, daß nicht Dunkel und Licht, daß Kälte und Wärme die alten -sind und die einzigen. Denn kannst du Dunkel empfinden am hellen Tag? -Nein, aber hast du noch nie gefroren in der Mittagsglut? Wann ist das -gewesen? Wenn du dich schuldig fühltest. Was kommt aus dem Dunkel? Das -Traurige, die Verlassenheit, der Gram. Das ist nichts Böses. Das ist nur -eine Art Leiden, nur eine. Wenn du Schlechtes getan, wenn du Schaden -angerichtet hast, dann fröstelt es dich, nicht wahr? Glaubst du, dich -fröstelt aus Bosheit? Nein, in dir friert die dem Andern geraubte Wärme, -und dich friert, weil du dir genommen hast, was du als Pein empfinden -würdest, wenn man es dir nähme. Du hast nur übertrieben, hast nur Wärme -genommen oder gedacht, sie zu bekommen, anstatt sie zu bilden. Bekamst -du sie? Kannst du Feuer nehmen und dich daran wärmen? Ja, aber lege das -Feuer fort, und dir ist wieder kalt. - -»Nun aber denke folgendes: Du liegst im Bett und dich friert. Wie kannst -du dir helfen? Mit Kissen und Decken. Sind solche warm an sich? Befühle -sie oben, wenn du darunter liegst und schon glühst; wie fühlen sie sich -an? Eisigkalt. Aber so beschaffen sind sie, daß dir warm wird, -- -solchen Charakters sind sie, daß sie dir helfen, Wärme zu bilden! - -»Und weiter nun: Ist ein Mensch an sich kalt oder warm? Nicht das eine -noch das andre, aber was kannst du tun? Du kannst ihn benutzen, um in -dir Wärme zu erzeugen, und du kannst dich benutzen, ihm warm zu machen. -Und dies ist das Leiden: nicht warm sein! nicht warm sein können!« - -»Ach,« sagte Renate, »das meine!« erfreut, es zu wissen. »Aber,« setzte -sie hinzu, »dann gäbe es gar keine Bosheit?« - -»Wie? sie gäbe es nicht?« - -»Sondern nur Leiden. Nicht warm sein können.« - -»Vielleicht. Aber meinst du nicht, daß es eine noch fürchterlichere Art -der Übertreibung giebt? Die Übertreibung bis zur Bosheit; das: nicht Maß -halten können, welches ist: nicht warm sein können und auch nicht warm -sein wollen.« - -»Das wäre der Teufel!« - -»Wörtlich, gewiß. Denn er war der Abtrünnige aus Gottes Wärme, und der -sich Verhärtende in der Kälte, welcher trotzte in seiner Teuflischkeit, -sich erstarrte, und übertrieb. Und was mußte er wollen in seiner -Maßlosigkeit des nicht warm werden Wollens? Daß nirgends mehr Wärme sei, -daß niemand mehr Wärme habe, alles erstarre, und wo er also eine Wärme -betraf, da schleuderte er die Eislanze hinein, sie, den Zweifel am -Warmen, den eisigen Zweifel am warmen Glauben, den fröstelnden, der um -sich frißt wie der Frost in der Märznacht, und am Morgen schaudert dichs -vor der ergrauten Natur. Und was ist Altern? Nicht mehr jung sein -können, erkalten, ergrauen, ergreisen, vereisen, sterben. - -»Er fiel ab aus der Liebe. Was ist Liebe? Wärme zu bringen, glaubst du? -Ach nein, sondern sie ist: Wärme zu bilden. Liebe! so ist dir warm. -Liebe entzündet sich an der Liebe wie Licht am Licht, darum sollst du -die Kalten nicht lieben, nicht sie, die Tausend, die Toren, die nicht -warm sein wollen. Aber wo der Keim eines Willens zur Wärme ist, da lege -dich über ihn mit deiner ganzen, nähre ihn, ziehe ihn gläubig groß! -Frage nicht! Fragt auch die Sonne? Wen erwärmt sie? Der sie liebt, sonst -keinen. Heut aber lieben sie das Kunstlicht aus den Nachtschächten der -Erde. Was wird er, der sie liebt? Fruchtbar. Fruchtbar wird, der sie -empfängt, der Wärme bildet aus ihr wie die Erde. Weißt du aber, ob nicht -auch der Felsen der Einöde sie liebt und es dauert nur länger? Klagte -nicht Memnons Säule bei Abend- und Morgenrot? Das ist die Klage der -Welt: Oh Morgenrot, und ich werde nicht erwarmen können! Oh Abendrot, -und ich blieb kalt! - -»Dies aber ist Bosheit. Die Bosheit des menschlichen Herzens. Dies ist -der Böse, der niemandem Wärme gönnt, die er selbst abgeben müßte; der -lieber selber erstarrt in dem Frost, nur um nicht abgeben zu müssen. Der -immer Wärme verlangt und nicht geben will. Ach, die uralte Eisestorheit -der Erde! Wie denn ists mit dem Sünder? Er darf bereuen und wieder in -Wärme gelangen. In sich gehn, heißt es darum von dem Sünder; innen ist -die Wärme zu bilden. In sich gehn, dorthin, wo es warm ist von Urbeginn, -kann der Mörder, der Betrüger, der Seelenverkäufer, der nur Wärme für -sich wollte und Kälte bildete, ihm kann wieder warm werden, aus innen, -wenn er an Wärme glaubt, wenn er einsieht, daß sie sich nicht gewinnen -läßt von außen und nicht durch Übertreibung. Bereit sein ist alles. -Schwester, warst du nicht bereit? Denn wo ist der ewige Quell? Im -Herzen. Und wo wohnt Gott? Im Herzen. In keinem Himmel, in keinem -Draußen. Draußen ist kalt, und der Himmel ist kalt. Von keiner Sonne -saugt kein Mond einen Tropfen der Wärme, er bleibt kalt, tot, erloschen, -unfruchtbar. Glaubst du, sie erhalte von der Sonne ihr Warmes, die alte -Erde? Warum ist denn sie fruchtbar, der Mond aber nicht? Nein, sondern -weil ihre Beschaffenheit so ist, daß sie Wärme bilden kann, darum ist -sie fruchtbar und nicht der Mond. Sie erschuf sich meinen ewigen Nil, -und sie erschuf sich den warmen Menschen, sich zu bedecken mit seiner -Wärme, sich helfen zu lassen zu ihrer Wärme im Segen des Ackers. - -»Nicht Gut ist, nicht Böse. Fruchtbar ist und das Unfruchtbare. Auch -Schädliches wuchert in der fruchtbaren Erde dazu, und es hat sein Gutes -an sich, sein warmes Leben, seine Lust an dem Licht, seine Sehnsucht -nach Morgen, seine Angst vor dem Frost, sein Erwarmen und Erkalten, -Erglühn und Erlöschen, sein Wachstum und seinen Tod. Es ist nicht -unfruchtbar deshalb. Unfruchtbar allein ist das Böse; böse allein ist -das Unfruchtbare, das nicht fruchtbar werden will, und du, meine -Schwester, bist gut.« - -»Ich?« erschrak Renate. »Ich bin nicht schuld?« - -»Ja, woran solltest du schuld sein?« - -»Ich fror so ...« - -»Willst du denn frieren?« - -»Nein.« - -»Oder unfruchtbar sein?« - -»O nein!« - -»Also was, Schwester?« - -»Wie kann ich denn frieren, wenn nicht ...?« - -»Weil du menschlich bist, Schwester! Weil du die Geduld verloren hast! -Geduld ist die Wärme des Einsamen. Bist du nicht vereinsamt? Hast du -nicht geliebt? viel geliebt? Habe Geduld!« - -Es schien, er bereitete sich zum Gehen vor; er ließ die Hand sinken und -zog den Mantelkragen zusammen. Renate erschauderte leise vor dem -Augenblick, wo sie allein sein würde, und bat: - -»Wenn du wieder gegangen sein wirst, Bruder, werde ich dann nicht alles -vergessen haben?« - -Er nickte lächelnd: »Alles.« - -»So tröste mich für diesen Augenblick nur! Ich will wieder Geduld haben -nachher, aber sage mir jetzt nur: wird es noch lange dauern?« - -Der König schwieg eine Weile und prüfte sie mitleidvoll. Endlich sagte -er langsam und wie mit einem Seufzer: - -»Morgen und ewig.« - -»Was willst du sagen?« - -»Morgen schon wirst du nicht mehr warten, o Schwester, und ewig mußt du -noch warten.« - -»Wie soll ich verstehn?« - -»Ich meine die Wandlung. Es zieht eine Wandlung durch die Welt von ewig -zu ewig, und immer andre Wandlungen ziehen in ihr, die sich jeweils -vollenden und in andere münden. Eine Wandlung ist die Erde. Eine -Wandlung ist auf Erden der Mensch. Viele Wandlungen sind das Leben des -Menschen. Aber fürchte nichts, Schwester, du wandelst dich nie!« - -»Niemals?« - -»Niemals, Schwester, du bist das Weib. Der sich wandelt allein, ist der -Mann. Gebärende, immer gebierst du. Das ist deine Wandellosigkeit. Sein -ist das Töten und der Wandel. Du die Geduld, er die Ungeduld. Du die -Ruhe, er die Unrast. Du das Opfer, er das Schwert. Du Liebe, er Haß. Du -Seele, er Geist. Du Dienerin, er Herrscher. Er erobert die Welt, du -nützest sie. Unzählbar seine Wandlungen, unwandelbar du. Er sündhaft, du -ohne Sünde. Er der Zwinger, du die Bezwungene. Kain gebarst du und -Jesus, Mörder und Sühner, Teufel und Gott. Entarte, so neigst du noch -immer zum Guten. Torheit deine Sünde, Eitelkeit, Oberflächlichkeit, -Nichtigkeit, Vergessenheit der Seele, Tanz in das Tier, das nur tanzen -mag und sich zur Schau stellen. Was liegt an denen? Ewig im Kern mußt du -gut sein. Du mußt gebären.« - -Renate zitterte in ahnungsvollem Schrecken, und sie flehte: »So sage mir -eines noch, Bruder! Da wir so ungleich sind, Mann und Weib, schließen -die Reihen sich nie?« - -Der König lächelte: »Sie werden sich schließen.« - -»Und ich, Bruder, hilf mir, ich, kann ich nichts tun?« - -Der König lächelte mehr und heller, während er fragte: »Was denn -möchtest du tun?« - -»Kann ich mich nicht wandeln wie er?« - -Immer stärker lächelte der König und sagte: »Nein.« - -»Bruder, Bruder!« flehte Renate, »ich sehe es dir an! an deinem Lächeln -sehe ich, daß ich etwas tun kann, daß ich etwas tun muß! Sage es mir, -ich lasse dich nicht!« - -Sein Lächeln schwoll. »Ja, du mußt etwas tun. Was du immer getan hast, -was all deine Schwestern taten, das mußt auch du tun!« - -»Was denn, Bruder, ach was?« - -»Du mußt helfen, daß er dem Ende der Wandlung näher kommt!« - -»Wie denn, Bruder, ach wie?« - -Sein Lächeln flammte ungeheuer auf und erlosch augenblicks mit dem -letzten Worte: - -»Ihn gebären!« - -Es war dunkel. Renate fand sich auf einem Stuhl sitzend und vor sich den -Tisch. Sie sah Lichtschein hinter einer Wand und sah, daß die Wand der -Türflügel war, der ins Zimmer hineinstand vor ihr, und an dem vorüber -der Lichtschein von nebenan ins Zimmer fiel und sie sah auch die Ritze -erleuchtet zwischen Tür und Wand zwischen den Angeln. Ihr war sehr warm, -aber ihre Müdigkeit so groß, daß sie die Augen kaum offen halten konnte, -um ihren Weg zum Bett zu finden. Die Uhr war drei. Sie wußte nichts -mehr. Sie entschlief. - - - Zweites Kapitel - - - Georg - -Charfreitag, sagte Georg stumpf und verständnislos vor sich hin, als er -des Morgens gebadet und angekleidet zum Fenster trat. Der Regen fiel -lautlos und nebelhaft, er entdeckte mit einer bitteren Wehmut das Alte, -unter sich den Hof zwischen den Schloßflügeln, die Terrasse mit -plätschernden Stufen, den Rasen und die altersschwarzen Dächer und -Ochsenaugen, naß und traurig vom Regen. - -Das sieht traurig aus, murmelte er, weil ich traurig bin, und spürte in -allen Gliedern die Zerschlagenheit von der schlaflosen Marter der Nacht. -Sich wendend, gewahrte er die nächtlich beschriebenen Blätter noch offen -daliegend, empfand Ekel und drehte sich weg. Da der Regen, dachte er -ingrimmig, weder traurig noch heiter fällt, warum, o Himmel, warum muß -das so sein und warum bin ich so eingerichtet, daß ich ihm Traurigkeit -ansehe, weil mir elend zumute ist? Warum kann ich nicht sein wie der -Regen? - -Charfreitag ... wiederholte er gleich darauf leise. Das erschütternde -Wort hatte ihm schon als Kind feierlicher und fremder als jedes andre -geklungen, und ohne seinen Sinn zu begreifen, machte es, wenn man es -sagte, gleichsam eine Lücke in das ganze Jahr; es lag Schatten auf ihm -fremder biblischer Erinnerungen, -- und später im Leben der niemals ganz -zu begreifende Schauder: Die Sonne verfinsterte sich, die Erde bebte, -die Gräber taten sich auf ... - -O Christus, warum bist du gestorben? Für wen, für was starbst du denn? --- Georg suchte vergebens, dachte: Wegen des Leidens ... Nein! Wegen der -Schuld? Ja, oder Erbsünde sagen sie, was ist Erbsünde? Nein, ist das -wahr? Wäre das möglich? Er litt, um die Erbsünde aus der Welt zu -schaffen, aber wir sündigen nach wie vor, und was soll denn geändert -sein? Wir sündigen und wir leiden. O lieber Gott, wenn wir auch Sünder -sind, ist es nicht so, daß selber der grausamste, der teuflischste von -ihnen mit unaussprechlichem Leiden tilgt, und also was brauchte es -Christus? Ich verstehe es nicht. Ich verstehe überhaupt nichts mehr. Es -wird immer verworrener. Übrigens sind das Lehren, die nur die Andern aus -seinem Leben und Sterben gezogen haben, und vielleicht haben sie alles -gefälscht. Ich müßte nachlesen, aber ich glaube, ich habe selbst die -Verfälschung bereits im Blut und würde ganz andres herauslesen, als was -dasteht. -- Er grübelte weiter. - -Hat er nicht allen Sündern Verzeihung und Barmherzigkeit verheißen? Was -verlangte er denn? Liebe und wahres Empfinden! Daß man sich reinige, daß -man strebe, daß man still und einfältig sei wie die Kinder, -- aber die -alles aufschrieben, schilderten Engel und Engelstimmen und Tauben, und -er selber sprach vom Himmelreich so, daß man doch glauben muß an -- an -ein Jenseits und -- -- Seine Gedanken irrten ab, die Briefe Paulus' -durchschweifend auf der Suche nach einem haltbaren Wort, aber -- ich -glaube, dachte er, schon Paulus hat alles in Verwirrung gebracht. - -Darüber endlich unwirsch geworden, mußte er heftig gähnen, empfand sich -so müde, als ob er nicht eine Stunde geschlafen hätte, und erinnerte -sich mit dem Gedanken an Magda, ans Frühstück, Renates. - -Die litt auch. Sie weinte. Es war unvorstellbar. Er wußte nur wenig von -ihr, nur daß sie Furchtbares erlitten hatte, doch sollte sie ja ganz -wieder gesundet sein ... Dann hatte sie eine Sehnenentzündnng am Fuß. -- -Früher, dachte Georg, hätte mich das, wenn mans mir mitteilte, ungefähr -so betroffen, wie wenn man einem Griechen gesagt hätte, Artemis habe -Sehnenentzündung. Sie war keine Göttin, wars nie gewesen, wars weniger -heute als jemals, sie war hülflos, und er -- liebte er sie immer noch? -Beinah hatte er sie doch vergessen, nun begann ihr süßes Gift wieder zu -wirken, und er sehnte sich nach ihr, trostlos, aber er sehnte sich. - -Neun Monate ist es nun her, dachte er, daß Vater starb. Allein -- liebte -sie ihn überhaupt? -- Er verbot sich diese Gedanken und empfand um so -stärker die keimende Hoffnung. - -Alsbald entschloß er sich, sie zu sehn, warf einen Blick auf die Uhr, -und erkennend, daß es eben die Zeit war, die Magda für ihr Frühstück -angegeben hatte, machte er sich vom Anblick des Regens los und ging. - - - Magda/Benno - -Das runde Gobelinzimmer, in dem früher gespeist wurde, jetzt der -Frühtisch gedeckt war, erinnerte Georg beim Betreten an ein Aquarium -infolge des Regenlichts in Glastür und Fenstern. Rieferling stand dort, -in Zivilkleidung wie befohlen, und sagte, nachdem Georg ihm die Hand -gedrückt hatte, es sei ein Telegramm gekommen, an ihn adressiert, und -zog es aus der Tasche, von Birnbaum. -- Georg las: Eintreffe mit Schley -und Kurier mittags Birnbaum. - -»Verstehn Sie das, Rieferling? Das ist beängstigend. Er weiß, daß ich -nicht gestört sein will, es muß also etwas mehr als Dringendes sein. -Kann er denn überhaupt reisen?« - -Der Hauptmann meinte, er habe ihn bei seinem letzten Besuch schon ganz -wohlauf gefunden; er habe stehen und gehen können, nur Mund und linkes -Auge seien ein wenig schief gewesen, -- wiederholend, was Georg schon -wußte. Überdem öffnete sich die Tür, und Anna trat ein, Georg fast -erschreckend mit Lichtheit, in einem blaß lachsfarbenen Kleid, das ihn -an ein andres erinnerte, von einem Tage, nach dem er noch suchte, -während er auf sie zutrat. Heiter lächelnd sah sie so frisch und leicht -aus, daß er den Arm um sie legte und sie auf die Stirn küßte. - -»Nun, gut geschlafen, Georg?« fragte sie und ließ sich zum Tisch führen. - -»Danke, vortrefflich. Du bekommst Besuch, Anna, dein Onkel Birnbaum -kommt mit Schley.« - -»Wie herrlich! Egloffstein! Egloffstein ist doch da?« Der Alte, jetzt -völlig schief, aber mit noch vollendeter Lautlosigkeit, war hinter ihr -eingetreten mit einem Regenkragen und einem Strauß weißer Rosen, die er -auf einen Stuhl legte, und bediente jetzt am Tisch. Sie bat ihn, gleich -in der Küche Bescheid zu sagen. - -»Was für ein hübsches Kleid du anhast, Anna!« lobte Georg, um von -Birnbaum abzulenken, »so -- so geburtstäglich!« fand er auf der Suche -nach einem Wort, und sie freute sich sichtlich. Ihre Kleider mache nun -alle Renate, erzählte sie, und Georg empfand einen leichten Stich des -Vermissens und der Erwartung. - -»Und du, Georg,« fragte sie nach einer Weile, mit langsamen Bewegungen, -die Georg etwas nervös gespannt verfolgen mußte, sich mit Butter und -Gelee aus den Dosen versorgend, die Egloffstein dicht um ihren Teller -geschoben hatte, »wie fühlst du dich in Helenenruh?« - -»Ach, geärgert hab ich mich!« versetzte er möglich saftig und munter. - -»Schon wieder?« - -»Nicht nur >schon wieder<, mein Kind, sondern sogar aus demselben Grunde -wie gestern abend!« - -»Ach, Georg, wie kann man so nachträglich sein!« - -»Nachträglich? Das verstehe ich nicht! Ach so! Als weibliches Wesen -nimmst du die Dinge persönlich. Nein, im Gegenteil, gestern sah ich die -Sache nicht einmal so schlimm. Sag, ist es dir nie so gegangen? Zum -Beispiel, man lernt abends einen Menschen kennen und findet ihn -erfreulich; am andern Morgen steht man und denkt: was war doch das für -ein ekelhaftes Schwein? Oder man sieht im Theater ganz zufrieden ein -Stück, und hat mans beschlafen, sieht es völlig dumm und verblasen aus.« - -»Oh ja, Georg! Es kann aber auch umgekehrt sein, wenigstens ists mir -schon so gegangen mit Menschen, die ich beim Kennenlernen gar nicht -besonders fand, und dann, am andern Morgen lächelten sie mir zu, und ich -war froh, sie bekommen zu haben.« - -»Ja. Aber ihr seid auch komische Menschen, du und Renate. Sitzt da und -sagt nicht Muck und habt doch ganz gut gewußt, wer im Recht war!« - -»Aber lieber Freund, der gute Benno war doch so glücklich mit seiner -Oper!« - -Georg wollte zischend auffahren, beherrschte sich aber angesichts ihrer -heiteren Blindheit. »N--nja,« bemerkte er dann, »laß du nur die -Menschheit sich mit Mist zudecken bis an die Augen und sage: daß bloß -keiner sie stört! sie ist ja so glücklich!« - -Sie lächelte kindlich. »Georg, du bist schartig heut morgen.« - -»Nicht nur heut morgen, mein Herz, sondern alle Tage bin ich das. Hast -du mal drei Wochen lang mit lauter Narren und Borstigen regiert? Dann -sei mal nicht schartig!« - -»Ja, du hast nun einmal kein Christentum.« - -»Nein, Anna,« bekräftigte er mit scharfer Betonung, »das habe ich -freilich nicht!« - -»Du wirsts noch lernen.« - -»Meinst du? Ja, ich will dir was sagen. Als ich heut morgen erwachte, -mußt ich mich fragen: Wozu dies und alles andre, tagein, tagaus? Weißt -du eine Antwort? Weiß das Christentum eine? Ich fand da meine Hände zu -voll, um nach Antworten zu greifen, aber -- -- ich muß zugeben, daß -etwas fehlt. Rieferling, bitte, wenn Sie aufstehn wollen, Sie sind den -ganzen Tag Ihr eigener Herr!« Er sah den Hauptmann sich erheben und -nickte ihm zu, während Magda die Hand nach ihm ausstreckte. Nach einem -kleinen Zaudern bat er dann noch, Georg einmal am Tage eine Minute in -eigener Angelegenheit sprechen zu dürfen, und ging. - -»Versteh mich recht, Anna! Ich glaube an einen göttlichen Odem. Aber ich -glaube, daß er an uns vorübergeht. Er ahnt gar nicht, daß wir sind. -Unser ganzes Treiben, ja selber das tiefste Elend, und wenn wir unsern -ganzen Leib wundenbedeckt saugen ließen mit diesen Wunden, so könnte ihn -das um kein Haarbreit ablenken von seinem Weg durch die Welt. Wir müssen -allein fertig werden.« - -»Wenn du es kannst, Georg! Aber die Andern?« - -»Bitte, wen meinst du? Die zum Rennen fahren und an den Kinokassen -Spalier stehn? Oho, Anna, bist du der Meinung, daß es eine einzige -Religion gäbe, wenn kein Leiden wäre?« - -»Ja, warum auch sonst, Georg, warum?« - -Georg schwieg im Gefühl, daß sie jeder nach einer andern Richtung -sprächen. Er sah sie dasitzen, einen Arm flach auf dem Tischtuch, -während der letzten Minute mit kleinen unsicheren Aufschlägen der -gesenkten Augen, im Ganzen aber in einer Sicherheit, die fast wundervoll -schien. Ihr Antlitz, gesammelt und getrost, schien auf geheimnisvolle -Weise die Augen ersetzt zu haben und war voll lebendigen Ausdrucks an -jeder Stelle. Nichts Ratloses, kaum Tastendes war in ihren Bewegungen, -und nur genaueres Hinsehn konnte gewahren, daß sie etwa, um nach der -Tasse zu greifen, erst den Unterarm auf den Tisch legte, dann die Finger -ausstreckte, die Hand weiter vor schob und, den Teller daneben mit einem -Ahngefühl seitwärts lassend, zur Tasse. Schön breit lag nun ihre Stirn -unter dem mittwärts gescheitelten und zur Seite gestrichenen Haar, -dessen lockere Bäusche über den Schläfen ein liebliches Kapitäl formten. -Übrigens war es dunkler geworden und ihre ganze Erscheinung, wie Georg -sie umfaßte, heute schöner, als sie vor Jahren anmutig gewesen war. - -»Nun, Georg, was denkst du?« hörte er sie fragen, erschreckt inne -werdend, daß sie dasaß und all die Zeit nichts sah. - -»Wie schön aber deine Singstimme geworden ist!« sagte er liebevoll, und -ihr Gesicht glänzte auf. »Ich bin erschrocken gestern, als ich hörte, -wie tief sie ist!« Er fand keine Lobesworte mehr, die ihm einfältig -erschienen, schwieg und setzte im Innern die Rede fort: Es ist die -Stimme eines Menschen, der die nicht sieht, für die er singt. Sie will -niemand bezaubern, sie gebärdet sich nicht, sie geht ihres geraden -Weges, um Gottes willen. - -»Ja, Georg, wovon sprachen wir noch eben?« fragte sie derweil. - -»Religion eine Panazee für das Leiden. Und das ist mir zu wenig. Liebe -Anna, ist Leiden das ganze Leben?« - -»Nach der christlichen Auffassung --« - -»Die ich nicht teile! Für das ganze Leben sollte sie sein, für Tun und -Lassen, Gut und Böse und -- Sieh, da ist Benno! Guten Morgen, Benno!« -Georg stand auf und ging dem Freund zu möglichst herzlicher Begrüßung -entgegen. Er schien unglückliche Augen zu machen, wie stets, war aber -munter, noch ganz rot vom Waschen, und erschöpfte sich in Verbeugungen -bis zum Tisch. - -»Setz dich, Benno, iß, trink und überlege dabei den Sinn des -Christentums.« - -Jedoch Benno entschuldigte sich. So früh am Morgen ... - -»Freilich, Benno,« mußte Georg sofort zubeißen, »über Gott und Glauben -läßt sich immer noch abends und übermorgen nachdenken.« - -Benno begann langsam, von Egloffstein bedient, dem er für jede Frage und -jedes Zureichen besonders danken mußte, zu essen, streifte Georg dann, -der aufrecht dasaß, durch den Raum nach draußen blickend, mit einem -unglücklichen Blick, legte die Weißbrotscheibe, ohne sie angebissen zu -haben, auf den Teller zurück und meinte, das Christentum sei wohl -vorwiegend eine Religion der Armen. - -Magda beeilte sich, zu sagen, Georg habe sich die ganzen Wochen her mit -Geschäften geplagt und wolle nun ... - -»Vorwiegend!« bekräftigte Georg, ohne sie ausreden zu lassen, -sardonisch. »Wie triffst du nur immer den Nagelkopf! Wer aber nicht arm, -wer hingegen reich ist, wie du und ich, was macht der?« - -»Nun, wenn ich vorwiegend sagte, meinte ich mehr: ursprünglich.« - -»So. Ja, das waren allerdings die Armen, das heißt die Elenden, -Zermalmten, Leidenden, die diese unmännliche Religion erfanden.« - -»Unmännlich, Georg?« - -»Zum Beispiel der Gemeindegesang. Singen ist eine weibliche -Angelegenheit, Benno, hast du's nie bemerkt? Wenn ich einen Tenor sehe, -wie er den Mund verbiegt und eitel süßen Schmelz aus sich zieht wie -Syrup mit dem Löffel, sehe ich immer ein fettes Weib, wo er steht. Die -Kirchen am Sonntag sieht man gefüllt mit Frauen, die ihre kleinen Seelen -ganz süß und dumpf fühlen, wenn sie singen. Überhaupt jeder übermäßige -Musikbetrieb -- entschuldige schon, Benno! --, aber besonders männlich -hab ich ihn nie finden können.« - -Benno krümmte sich und meinte, das sei vielleicht eine große Wahrheit. -Aber die Musik sei doch -- - -»Ich bitte, mach mich nicht wütend, Benno, ich rede vom Singen und -Musizieren und nicht von der Musik! Dies Hervorziehen der fühlenden -Seele, dies Modulieren und Drehen und Drechseln, dies Preisgeben des -innersten Wesens, gar Aufputzen und zur Schau Tragen ist auf -abscheuliche Weise unmännlich. Musik ist nicht männlich und nicht -weiblich, sondern göttlich, aber drei Dinge sind verschieden: Musik, -Musik Hören und Musik Machen. Außerdem hab ich das Ganze nur -symptomatisch gemeint.« - -»Ja, wie denkst du dir denn die Entstehung des Christentums? Die -früheren Gottheiten entstanden doch nur -- gewissermaßen -- aus Furcht.« - -»Naturgötter, richtig, aus Naturängsten. Nun betritt einmal Rom etwa im -zweiten Jahrhundert oder im ersten. Da hättest du es gepflastert -gefunden mit Götterstatuen aller Völker, die sich allesamt überboten und -infolgedessen aufhoben. Ängste gabs keine mehr, da die Menschen sicher -in behaglichen Wohnungen saßen, und doch hatte jeder Tag, jede Stunde, -jede Eigenschaft und fast jede Handlung ihren kleinen Gott, und zum -größten Schaden gabs die Divi Augusti, die Gottheiten der letzten Angst, -vor dem Wahnsinn der Kaiser nämlich, an die schon der Einfältigste nicht -mehr glaubte, wenn sie einen struppigen Adler, wie Pater erzählt, aus -dem Scheiterhaufen fliegen und dann verkündigen ließen, die kaiserliche -Seele sei sichtbar zu den Göttern heimgekehrt. Übrigens da ich Walter -Pater erwähne, fällt mir ein, daß damals besonders der Äskulapkult -blühte, wegen gewisser Seuchen, und mir scheint, diese, die Angst vor -Leibeskrankheiten war die letzte. So aber war damals die Religiosität -verkommen in dem langsam verkommenden Reich des Überflusses, und damals -erwachte, unterirdisch, das Christentum, ganz von unten anfangend, mit -der Lehre des Leidens. Ist es eine Religion des Leidens oder nicht?« - -»Natürlich, Georg, aber --« - -»Und da haben wir wieder die Unmännlichkeit. Das Weib bekam das Leiden -als Auftrag: sie muß gebären. Sie hatte sich abzufinden mit ihm, sie -lernte, sich als Opfer empfinden, sie nahm das Leiden an. Das Leiden -annehmen, ist nicht männlich, sondern männlich ist, es abwehren, es -befeinden, es bekämpfen, es austilgen wollen. Und was taten jene vorm -Kreuz? Sie beteten es an.« - -Georg verstummte, überaus erregt. -- Was, dachte er, kocht mich denn so -auf? -- Aber schon mußte er fortfahren. - -»Ich hasse das Leiden, das immerhin hab ich gelernt. Sie haben sich -innig mit ihm beschäftigt, haben es liebend hingenommen, haben gelernt, -daß Dulden göttlich sei, daß kein süßrer Lohn des Leidens sei als im -Dulden, anstatt daß sie anpackten und wegschafften, und sie haben -gesagt, daß es nichts gebe als Leid, die Welt ein Abgrund des Jammers, -sie in ihren Katakomben, und mit einem Schlag ist ihnen das ganze Leben -dahier aus der Hand gerutscht und zu einem traurigen Anhängsel geworden, -zu einem Blinddarm jenes Lebens, das sie das Ewige nannten.« - -Benno erseufzte. »Und wenn du recht hättest, Georg, so ist doch darin -nicht die ganze christliche Lehre enthalten.« - -»Ja, worin denn noch? Kannst du mir sonst etwas Brauchbares zeigen? -Brauchst du denn Christus? Sieh dich doch um in deinem Leben, und -begegnest du ihm irgendwo, so ist Sonntag. Oder Kindtaufe, oder -Weihnachten. Wochentags ist er nirgend.« - -»Aber nun verrennst du dich, Georg! Das sind doch die Menschen und nicht -die Lehre.« - -Georg sprang auf und stieß den Stuhl unter den Tisch. »Ja, du, Benno,« -rief er, geschwollen von Gift und Hitze, »du wirst mich freilich niemals -verstehn! Was soll denn eine Religion, die bis zum Wahnwitz überhängt -nach der einen Seite, und aus der die Menschen auf der andern Seite -nichts herholen können für ihr tägliches Leben. Weil sie nicht aus -wahrhaftigem Leben kam, diese Lehre, sondern aus krankem, vergiftetem, -weil sie eine Panazee wurde, ein Allheilmittel, eine Kopfsprunganweisung -über den Tod, weil sie, mit einem Wort, nichts anzufangen wissen mit -ihrem Leben. Und ich, wenn ich einen rechten Glauben bekommen hätte, mir -wärs besser ergangen.« - -»Meinst du das, Georg?« fragte Magda leise. - -Plötzlich fühlte er seine Augen heiß, es übermannte ihn, er ergriff ihre -Hand und küßte sie lange. - -Dann hörte er sie sagen, ob es noch regne; sie habe ihn bitten wollen, -sie zum Grabe zu bringen, -- und er ging zur Glastür und stand dort eine -Weile, in den leiser fallenden Regen blickend und sich kühlend. »Ich -glaube, es wird bald aufhören«, sagte er, sich wendend. - -»Hat Egloffstein«, fragte sie, »meine Sachen hereingebracht? Es muß dein -Buch dabei sein, das mit deinen Aufzeichnungen von Hallig Hooge, ich -wollt es dir wiedergeben.« - -»Ach, hast du's gelesen?« Georg sah das Buch unter dem Rosenstrauß, ging -hin und nahm es an sich. - -»Noch nicht ganz. Li hat mir daraus gelesen, hauptsächlich das von -Bogner, und ich wollte dich bitten, mir selber noch draus zu lesen. -Vielleicht heut nachmittag, magst du?« - -»Aber gerne, gewiß! Ich will mich nun eben etwas regenmäßiger anziehn -und komm dich dann holen.« Im Vorbeigehn mit der Hand über ihre Achsel -streichend, ging er hinaus. - - - Drittes Kapitel - - - Magda - -Als Renate auf der ratlosen Suche nach Magda das Haus durchwanderte, -befand sie sich in einer Weichheit ihres ganzen Wesens, die jeden -Augenblick überfließen zu wollen schien. Das Hungergefühl war -verschwunden, obwohl sie sich kraftloser in den Knieen fühlte, als sie -von früheren Charfreitagen her sich zu erinnern glaubte. Nun wollte sie -sich eine Weile an der Freundin halten, mit ihr, wie sie verabredet -hatten, das Grab der Herzogin besuchen, und dann würde sie allein sein -den Tag über, würde es können, würde vielleicht Hoffnung, Glauben, -Zuversicht, ach, vielleicht alles von neuem schöpfen aus den ewigen -Augen der einzig heiligen Gestalt. - -So öffnete sie denn die Türe des Gobelinzimmers, ohne sich zu erinnern, -daß Magda ihr gesagt hatte, sie frühstücke dort; aber schon der erste -Blick auf den Tisch mit Speisen, an dem Magda und Benno saßen, bereitete -ihr kein Gefühl des Hungers, sondern eher eines des Abscheus, was sie -denn etwas mutvoller machte. - -»Schade, daß du so spät kommst!« rief Magda Renate zu, sich umwendend -nach ihr, die sie hinter sich eintreten hörte. »Georg ist eben gegangen, -nachdem er eine kostbare Rede gehalten hatte. Wir sind noch ganz -niedergedonnert, Benno und ich.« - -Renate trat, etwas geblendet vom Licht in den großen Glasscheiben ihr -gegenüber, hinter Magdas Stuhl, über deren Schultern die Hände -hinabreichend, die gleich ergriffen wurden, und legte eine Wange auf das -weiche Haar unter ihr, die Augen schließend im Wunsch, so einzuschlafen. -Aus der Ferne hörte sie so Magdas Stimme nach ihrem Nachtschlaf fragen -und erwiderte leise: »Gar nicht! Ich hatte einen schönen Traum; er war -unendlich lang, aber nun kann ich mich nicht mehr darauf besinnen.« - -Das wären die besten Träume, meinte die Freundin tröstend, und sie -setzte sich nun an den großen runden Tisch und starrte mutlos auf ihren -Teller und die unterschiedlichen guten Essensdinge, die ihr Ekel -erregten, und die sie verschwommen kaum sah. Magda erklärte Egloffstein, -daß Renate nichts zu sich nähme. Die hörte währenddes Benno sagen: - -»Ich glaube, er hat etwas gegen mich.« Er neigte sich beteuernd zu -Magda. »Glauben Sie mir, ich fühle es, und ich weiß auch, von früher -her, daß in meinem Wesen etwas sein muß, das ihn reizen kann. Er ist ja -auch viel männlicher als ich und stärker --« schloß er bedrückt. - -Sie reden von Georg, dachte Renate, Magdas abwehrende Antwort nicht mehr -verstehend, und sah ihn wie am gestrigen Abend, wo er ihr recht lärmend -erschienen war. Und wenn er sich einmal auf den Schenkel schlug, ein -andermal sich zurücklehnte und lachte, dann wieder in breiter Hoffart -gleichsam erstarrte, schien ihr dieser häufige Wechsel sich auf eine -Umgebung zu beziehn, die gar nicht da war, die er vielleicht sonst -gewohnt sein mochte, und so, als wollte er sagen: Lockerheit! -Ungebundenheit, ich kann mir das leisten! Und einzelne Bewegungen hatten -sie fast erschreckend an seinen Vater erinnert, -- ja, dessen Art, nur -nicht ganz fertig. - -Allein schon brannte ihr jetzt die Stirne vom Nachdenken. Sie hörte -Magda etwas sagen, mußte jedoch fragen und hörte nun erst ihre Stimme -von fernher näher kommen: - -»Manchmal fehlt es mir doch recht, daß ich ihn nicht sehen kann. Ist er -nicht sehr verändert? Ist er nicht breiter geworden? Oder ist das -Einbildung? Ich rede von Georg«, schloß sie leise erinnernd, als ob sie -gefühlt hätte, daß Renate fern war. - -Die dachte wieder nach, was sie sagen sollte, und seine Augen vor sich -gewahrend, bemerkte sie in halber Zerstreutheit: »Ja --, er hat ja nun -solche Pferdeaugen.« - -»Pferdeaugen? wie meinst du denn das?« - -Renate gab sich Mühe, auseinanderzusetzen, wie sie es meine. »Früher«, -sagte sie, »hielt ich seine Augen für grau. Nun sind sie erstaunlich -braun geworden, dazu sehr stark, -- nicht quellend, nein, gläsern, und -gerade bei heftigem Feuer können sie so etwas Starres haben wie die von -Pferden, so daß die Augäpfel manchmal blitzen wie neu geschliffen oder -stärker gewölbt. Ich weiß nicht, ob du ...« - -Magda, die still und in sich gebeugt zugehört hatte, fuhr jetzt empor -und rief halblaut: »Wie war das? Bilden sich wirklich die Königsaugen?« -Dann lachte sie leise und meinte: »Er bekommt sie schon noch einmal, -aber er muß noch warten. Erinnerst du dich an die Augen seines Vaters? -Königsaugen, anders lassen sie sich nicht nennen. Manche haben sie -immer, Andre zuzeiten. Papa konnte sie machen, Klemens konnte sie haben, -auch Bogner, wenn er erregt war. So, weißt du, zugleich kühn und -verständig, von oben und sehr durchdringend, -- sind sie so?« - -Renate gab bereitwillig zu, daß sie ungefähr so wären. - -»Jetzt wirst du denken,« fing Magda nach einer Weile wieder an, »daß ich -ihn verkläre, aber das tue ich wirklich nicht. Eben zum Beispiel hat er -wieder eine halbe Stunde von Dingen geredet, von denen er gar nichts -weiß, das ist ja nun seine Vorliebe. Ich verhalte mich dann schweigsam -und bin vergnügt. Aber seit uns Li, als du krank warst, aus den -Erinnerungen der Markgräfin vorgelesen hat, erinnert er mich oft so an -den Kronprinzen Friedrich. Gar nicht im Charakter, oh, bewahre, nein, -solch ein Hahnenfuß wie der ist Georg doch nicht gewesen! Nein, ich -meine nur den Tod Kattes. Da gab es die plötzliche Wandlung, und nun, -- -was bei Friedrich der Katte war, das war bei Georg doch sein Vater«, -schloß sie behutsam. - -»Ich weiß noch,« fing sie wieder an, »damals, als er dich besucht hatte, -im März, da sagtest du, er wäre spottsüchtig. Armer Benno, Sie habens -auch gefühlt. Und was sagte er noch gestern abend, Benno, von den -Bestien, wie wars?« - -Benno zitierte beglückt: »Das Richtige ist, alle Menschen für Bestien zu -halten und bloß jedem, der einem ans Herz kommt, so viel Leiden -zuzutraun, wie man selber zu sich genommen hat.« - -»Zu sich genommen hat!« wiederholte sie, »herrlich! Ja, so ist er, so -sind sie!« rief sie ganz heiß. »Von Friedrich heißt es auch, daß er ein -solcher Menschenverächter gewesen sei, aber meinst du, den Männern wäre -zu trauen? Die Menschen können doch niemand zu ihrem Verächter, können -einen zu überhaupt nichts machen, wozu man nicht die Anlage hat. Das ist -ja alles nur Selbstverachtung, weiter nichts. Es ist nur dumm, daß ich -ihn nicht sehn kann. Alle Männer haben diese Art, auch Saint-Georges zum -Beispiel, einmal in tiefem Ernst zu reden, -- und dann muß man raten, -daß sie es ganz scherzhaft meinen; oder das unsinnigste Zeug, -- das -ihnen dann wieder der tiefste Ernst ist. Und Georg, das verstehe ich -wohl, ist solch ein Mensch, der wohl weiß, was er gelitten hat, nun aber -viel zu hochmütig ist, um es für etwas Wichtiges zu halten, und so -verachtet er in Bausch und Bogen das Leiden und sich und die ganze -Menschheit. Ich versteh ihn so gut!« schloß sie triumphierend. - -Ihre Stimme rauschte Renate schmerzlich im Gehör. »Und was soll nun -daraus werden?« fragte sie matt. - -Magda hob die Achseln und seufzte. - -»Vorläufig hoffentlich gar nichts!« meinte sie dann »Je weiter der Weg, -desto besser. Du hättest nur hören sollen, wie er vom Christentum -sprach! Daß es eine Religion der Liebe ist, scheint er noch nie -vernommen zu haben.« Sie seufzte wieder und schüttelte sich. - -Renate glaubte, nun auch etwas sagen zu müssen, und brachte vor, was ihr -einfiel: »Josef sagte einmal, ein Messer wäre auch nur da geschliffen, -wo es seine Schneide hat, und doch sei immer das ganze Messer ein -scharfes, geschliffenes Messer. Das übertrug er dann auf den Menschen, --- ich weiß nun nicht mehr ...« Sie verstummte unter dem plötzlichen -Gedanken, ein paar Minuten vorher etwas Böses getan zu haben, während -Magda aufleuchtend einfiel: »Natürlich, so ist es ja mit Georg! Er ist -immerfort, immerfort geschliffen worden, nur weiß ers nicht, weiß nicht, -daß er an der Schneide geschliffen worden ist, und nach Jahren -vielleicht, wenn er sie schon lange gebraucht hat, dann merkt ers -plötzlich und kommt mir mit einer goldnen Erkenntnis. Ach, es ist ja das -einzig Gute an ihm, daß er immer alles sieht und erkennt; nur was am -Grunde liegt --, ach, dafür hat ja uns Allen ein guter Geist den Blick -entwendet, wie wollten wir sonst leben?« - -Eine lange Weile war sie nun still, schien auf ihre Hände im Schoß -hinabzublicken, doch liefen und kreuzten sich unablässige Wellen in -ihren Zügen und machten den Mund ganz wenig zucken. Und schließlich -begann sie mit tieferer Stimme: - -»Man kann doch nicht annehmen, daß es Menschen giebt, die das Schicksal -sich aussucht wie Lasttiere, nur um ihnen immerfort aufzuladen, über -Vernunft? Oft mußt ich das von mir denken; oft, wenn ich am Verzagen -war, brannte es sich mir ein, denn -- wie ist das mit mir und Georg? -Soweit ich mein Leben hinunterblicken kann, war immer nur er. Warum -denn? Warum diese Gebundenheit an einen Menschen, für dessen Dasein sie -gar keinen Sinn hat? Denke nur, auf Hallig Hooge sagte er, es sei ihm -während der vergangenen Jahre oft schwer gewesen an mich zu denken, in -einer solchen Einsamkeit sei ich ihm immer erschienen. Das war ja -deutlich. Es hieß, daß er sich für mich kein Leben vorstellen konnte -- -ohne ihn, und deshalb war da eben für ihn nichts zu sehn. Ich lachte ihn -ordentlich aus und erzählte ihm dies und das aus meinem Leben, wovon er -keine Ahnung hatte, von Berlin, wo ich mich kaum retten konnte vor -Menschen, die alle etwas von mir wollten, -- nun, das weißt du ja, aber, -siehst du, von alledem ahnte er nicht das geringste, er wußte nichts von -mir, gar nichts ...« - -Ihr Gesicht hatte stärker zu glühen begonnen, während sie das letzte -sprach. Jetzt stand sie auf, machte einen versuchenden Schritt, senkte -den Kopf, besann sich und setzte sich wieder. - -»Antworte mir nicht auf das, was ich jetzt sage«, fing sie ruhiger -wieder an. »Vor einer halben Stunde bat ihn der Hauptmann um eine -persönliche Unterredung, und da hatte er natürlich auch keine Ahnung, -daß es sich um mich handeln könnte, und daß wir uns gut kennen und er -mich oft besucht hat, um mir von Georg zu berichten. Der Hauptmann ist -auch dumm, er geht zu Georg, um ihn zu fragen, ob er mich fragen darf, -aber da kann er sich dann mal wundern. Nein, nein, du sollst nichts -sagen!« rief sie lachend, da Renate ihre Hand ergriff, »ich weiß nichts, -und wenn du nicht still bist, heirate ich ihn sicher nicht!« Verstummend -ließ sie Renates Hand los, ihr Gesicht wurde blaß und fast spitz vor -gesammeltem Ernst, während sie langsam und schwer sagte: - -»Ja, das scheint einem freilich sehr verkehrt. Alle kamen zu mir, aber -er kam nicht, -- und muß ich nicht annehmen, daß ich ihm viel hätte -geben können, da es doch für so Viele gereicht zu haben scheint? Und ich -war reich an Leben und Menschen, aber Reichtum und Leben waren nicht -sie, sondern die Gedanken an ihn, die mir Leben gaben und mich Leben -empfinden lehrten. Und wenn ich trotzdem Leere empfand, so war auch die -Leere von ihm. Und obgleich ich ihm nie etwas sein werde in Wahrheit,« -schloß sie aufleuchtend mit den blinden Augen, »so will ich doch immer -glauben, daß es gut ist, daß es hilft, daß es irgend etwas heilt, und -daß es sein muß, alles, für mich, und für ihn, und für die Welt.« - -Eine halbe Minute hielt Renate es noch aus, stand dann eilig auf, sah -einen Stuhl neben der Glastür, setzte sich darauf, legte das Gesicht in -die Hände und weinte aus Leibeskräften. - -»Ja, was ist denn, was hast du denn?« hörte sie Magda fragen, »warum -weinst du?« - -»Weil ich,« stammelte sie schluchzend, »weil ich vorhin gesagt habe, -Georg hätte Pferdeaugen!« - -»Das ist entsetzlich!« sagte Magda. - - - Georg - -Wozu, fragte Georg sich, als er, aus dem Frühstückszimmer -heraufgekommen, das Buch mit den Aufzeichnungen auf seinen alten -Schreibtisch legte, -- wozu war nun das? Wozu sagte ich das? Wozu reden -wir das? Hat das alles nun irgendeinen Sinn, irgendeine noch so dürftige -Fruchtbarkeit? Wird irgendwas klarer durch solche Reden, wir selbst uns -durchsichtiger, besser, einsichtiger? Ach, so kurz ist dies Leben, und -wir vertun es, wir verprassen -- ach -- oh du mein uralter Vers: Wer -wüßte je das Leben recht zu fassen! Wer hat die Hälfte nicht davon -verloren! Im Spiel, im Fieber, im Gespräch mit Toren! Ah freilich, und -du, mein Platen, was ist denn nun dein geschliffenes Sonett mit nichts -als seiner trüben Feststellung unserer Beschaffenheit, was ist es mehr -wert als irgendein Frühstücksgerede! Hats dich klarer gemacht? Und wenn -klarer, vielleicht besser? Hats dir irgendwas geholfen? - -Das lange Dach gegenüber glänzte regenschwarz mit den Schwellungen der -Ochsenaugen; auf derer einem ward eine Krähe sichtbar, indem sie lautlos -und schwerfällig im Bogen nach unten wegflog, und Georg hörte, als sie -schon über ihm unsichtbar geworden war, ihren Schrei. Der leichte -Schleierfall des Regens war nur vor den Fenstern drüben sichtbar; -sichtbarer kaum als die Stille und leichte Ödheit des Sonntags, die -überallher aus halbgeschlossenen Augen blickte. - -Warum war ich so aufgebracht und hitzig? Vielleicht war es wirklich -zuviel verlangt von dem armen Benno, ahnungslos vom Schlaf aufzustehn -und über alle Gottheiten Roms zu verhandeln. - -Wie schön aber sie aussah und lauschte! Ich habe ja nicht einmal Renate -mehr vermißt. Du guter Geist, könnt ich dich halten! -- Und Renate? So -war es immer: ich wollte Renate -- und wollte auch Esther. Wollte Renate -und wollte Cordelia. Nun denk ich an Anna wieder, und wieder erscheint -diese Ewige, an der ich festhänge, seit ich sie sah, und werde ich -jemals aufhören zu schwanken, jemals die Stimme der Wahrheit hören -können? Wer hat die Hälfte nicht davon verloren? - -Ja, fuhr er nachgrabend fort, noch etwas ist anders geworden. Ich sehe -anders. Grade an Anna, wie ich sie dasitzen sah, ihre ganze Erscheinung, -merkte ich -- wie war es nur? Umfassend -- ja, und -- wahrhaftig, es -ist, als hätte ich früher Vergrößerungsgläser vor den Augen gehabt, so -daß ich sie an alles ganz nah heran halten mußte, und ich sah Einzelnes -nur und Kleines, jedoch übergroß. Sind die Gläser fort? Bin ich -zurückgetreten, freistehend und nun das Ganze umfassend? - -Was ihm aber jetzt beim Aufschlagen des Buches entgegenfiel, das war der -letzte Brief der Cornelia, in dem sie ihm mitteilte, daß sie nicht zu -ihm zurückkehren könne, nur noch einmal kommen müsse, ihren Koffer zu -holen. Hier also hatte er den lange vermißten hineingelegt. -- Georg -versank über dem Anblick der Lateinschrift auf dem Umschlag, von den -eigentümlich geworfen, ja geschleudert und achtlos aussehenden -Schriftzügen wie stets mit dem ganzen Gegensatz ihres bestimmten und -geordneten Wesens betroffen, -- Georg versank für Minuten in Gefühle -wehmütiger Sehnsucht. - -Sie war schlank und grade; der Gang schlank und kräftig; das Haar glatt; -die Augen rund, kindlich die Stirn, und sie war die Einfachheit selber. -Einmal sagte sie, sie könne nicht denken. Vielleicht hatte sie nie, was -ein Mann denken nennt, gedacht. Aber sie wußte Bescheid in allem; was -sie äußerte, war klar; ihr Urteil war, in Wort und Wendung und Sinne -nichts als vernünftig, sachlich, ja nüchtern, selbst wenn es die -höchsten Dinge betraf. Nüchtern, -- ja, das war sie; von jener -Nüchternheit, welche Hölderlin heilig nannte. - -Also, dachte Georg trübe, muß es wohl doch das Richtige sein, was sie -jetzt tut? -- Dann wünschte ich nur -- o der Satan hole diese -Verstricktheit der Welt! --, dies Tun wäre ihr vorgelegt, als sie den -Montfort verlor, anstatt daß sie sich erst an mich hängte ... Wie lieb, -wie sehr lieb wurde sie mir! -- - -Montfort ... Es blieb sonderbar und kaum verständlich, was diesen -schwarzen Kentauren zu der stillen Gesellin gezogen hatte. Sie aber war -unter dem sengenden Gestirn zu dieser erstaunlichen Frucht glücklicher -Klugheit und fester Süße gereift, die -- die er gekostet und verloren -hatte; wie jene Andern ... Georg zog sich mit einem Seufzer aus seiner -Schwermut und legte den Brief fort. - -Indem fiel sein Blick auf das vor ihm liegende Buch, und er öffnete es -in der Erinnerung, grade über seine Art zu sehen darin etwas bemerkt zu -haben. Sein Blick traf alsbald auf die Worte: - ->Ich will mein Leben noch einmal von vorn durchdenken. Ich will aus dem -Brunnen, Eimer um Eimer, die Vergangenheit heraufschöpfen, und aus jedem -das Süße, das Herbe, das Giftige ziehen und einen Becher damit füllen, -und dann will ich ihn trinken. Wohlan, wenn ich das Gift überlebe, so -werde ich keines Todes mehr bedürfen.< - -Merkwürdig! habe ich das geschrieben? Warum so pompös? Warum so viel -Geste? -- Er blätterte weiter, kopfschüttelnd, indem er sich auf den -Rand des Schreibtisches setzte. Zuerst wurde sein Auge von dieser Stelle -festgehalten: - ->Im Niels Lyhne geblättert, diesem traurigsten aller Bücher. Aber was -sehe ich da? Ich bin ein Bastard wie dieser Niels. Wir haben unedles -Blut alle Beide und haben deshalb kein Anrecht auf jeden der beiden -Throne, weder auf den des Lebens noch auf den der Phantasie. Usurpatoren -des Lebens, fühlen wir in jeder Anstrengung, die wir machen, die -Hoffnungslosigkeit aus Ursachen der Unrechtmäßigkeit. Wir -- aber ich -habe es noch etwas schlimmer als du, denn ich weiß, was ich bin. Du, -Niels, hast es nicht gewußt, ich aber habe dich gelesen ...< - -Auffahrend aus dem Hinträumen über die letzten Zeilen, fiel Georg zu -gleicher Zeit ein, daß er etwas Bestimmtes in den Aufzeichnungen hatte -suchen wollen, und daß Anna auf ihn wartete. Unschlüssig noch ein paar -Blätter umwendend, sah er den Regen wieder dichter strömen, und wieder -auf das Geschriebene gerichtet, fing sein Blick die Überschrift ->Erinnerung< auf. Darin mußte das stehn, was er suchte. Er konnte nicht -loskommen, dachte: Anna kann warten -- und: bei dem Regen!, tastete nach -seiner Zigarettendose und Streichhölzern, begann, schon lesend, zu -rauchen, und las nun, fliegender Augen, in immer kälterer Erregtheit. - - - Erinnerung - -Ich hatte eine halbe Stunde im Lehnstuhl geschlafen und hörte erwachend -noch schlaftrunken Mathilde, die einsame Winterfliege, in der Dämmerung -umhersummen, friedfertig mit sich selber beschäftigt. (Tante Henriette -pflegte die Winterfliege die unsterbliche Mathilde zu nennen, oder -einfach Mathilde.) - -Da erinnerte dies Summen nebst der winterlichen Dämmerung und dem -Wärmestrom aus dem Ofen mich an etwas ähnlich Behagliches, und als ich -suchte, fand ich mich nach einer Weile auf dem alten Sofa in meinem -Zimmer der Pragerschen Wohnung. Die Fliege summte, es war warm und -geheizt, ich hatte einen Roman im Schoß vom verehrten Scott, es war -Sonntagnachmittag nach dem Essen, die Familie war in den -Sonntagskleidern erschienen, das Tafeltuch frisch gewesen, Weingläser -auf dem Tisch und alles freundlicher, heller als Wochentags und selten. -Nun war alles still geworden; nur über den Flur aus der Küche tönten die -Geräusche des abwaschenden Mädchens, und in Pausen immer wieder, schon -lange hörbar und doch kaum gehört unterm Lesen, fernher die unendlichen -schmetternden Roller eines Kanarienvogels. - -Ach, diese Behaglichkeit, -- wie alles Behagen nicht ohne einen geringen -Zusatz von Öde! (Ungefähr so, als ob man gleichzeitig ein Durstgefühl -hatte, nicht stark genug, um deswegen seine behagliche Lage aufzugeben, -und auch zu unbestimmt nach was?) Und wie abgeschieden waren solche -Stunden, was war ferner als der nächste Morgen, Schulgang und die fünf -end- und trostlosen Stunden! - -Aber auch diese Wintermorgende hatten ihr mehr grausiges Behagen! Das -frostklappernde Aufstehn im Dunkel verlor seine Peinlichkeit alsbald im -freundlichen, sehr hellen Licht der Gashängelampe, in dem alles warm -wurde, eng das verschattete Zimmer, und noch höre ich in jenen Minuten, -wo ich selber still war nach den heftigen Geräuschen des Zähneputzens -und Waschens, die tiefe Lautlosigkeit, während des Anknöpfens der -Hosenträger, wobei die Zeit stillzustehn schien, und auch von Benno -nebenan war -- vielleicht aus dem gleichen Grunde -- nichts zu hören, so -daß es plötzlich war, als sei in der ganzen Wohnung kein Mensch. - -Es müßte einmal einer das Behagen der kleinen Dinge beschreiben, der -allerkleinsten, jener, die jedem bekannt sind, so daß man nur daran zu -erinnern braucht, und die doch niemand sich sagte. Jenes Empfinden etwa --- reizvollsten Behagens ach warum nur? --, mit dem man beim Anziehn der -Beinkleider zwischen den Schenkeln durch nach hinten faßt und das Hemd -straff nach unten zieht, so daß man es am ganzen Rücken und auf den -Schultern fühlt. Oder jene höchste Wonne des Erdendaseins, das reine -Taghemd mit allen Plättfalten und seiner Frische, fertig mit allen -Knöpfen ausgebreitet liegen zu sehn und nun über den nackten Leib zu -streifen! Oder die nicht minder hohe, nachts mit einem brennenden Durst -zu erwachen, ohne Licht zu machen noch die Augen auf, zum Waschtisch zu -tappen und dann dazustehn und lechzend aus der vollen Karaffe ... Ah, -wahrlich, nicht unfroh bin ich, das bürgerliche Dasein kennen gelernt zu -haben! Werde ich auch jemals den Geruch von Tabaksrauch aus den Kleidern -und der getragenen Wäsche meines Berliner Schrankes vergessen, jenen -abscheulichen Geruch, der mir in der Erinnerung heute die ganze Welt -versüßt? - -Viele behagliche Dinge fallen mir ein. Einmal begleitete ich Benno und -seine Eltern in den Sommerferien in einen Badeort an der Ostsee, Zempin -glaube ich, hieß es, und unvergeßlich blieben mir die stillen, -sonneglühenden Nachmittage dort, wenn von allen Veranden und Balkonen -das Klirren der beim Decken des Kaffeetisches in die Untertassen -gelegten Löffel hörbar war, ein so wechselnd getöntes Klirren. Dazu -unaufhörliches und eintöniges Hühnergegacker. An Hotelzimmer muß ich -denken, wie sie auf einmal bewohnt aussehn, wenn eine geöffnete -Handtasche darin steht und auf dem Tisch eine metallene Seifendose und -die Kristallflaschen mit silbernen Deckeln liegen, und es riecht nach -Juchten ... Ein Abend im Schlößchen fällt mir ein: Virgo saß vor einer -meiner Vitrinen in der Hocke, nahm jeden Gegenstand heraus und hielt -ihn, selber im Schatten hockend, gegen das Licht hoch, Irisgläser, die -persischen Federkästen, Porzellangruppen und was es nun war, fragte -tausenderlei und erzählte kleine Schnurren. Eine behielt ich: wie sie -als Kind zuweilen Kuchen stahl aus dem Korb im Büfett, hinterher aber -für jedes Stück einen oder zwei Pfennige hinlegte. Sie nahm sie aus -einem Portemonnaie von Perlmutter, so groß wie ein Auge ... - -Ja, vielleicht ist es gerade die Erinnerung und sie allein, die -dergleichen Dinge wertvoll macht, die an sich nichtig sind. Sie sind es, -an die man sich erinnern kann. Ich versuche, mir Stunden des Glücks oder -des Schmerzes vorzustellen, Stunden der Leidenschaft, der Erhebung -zurückzurufen, aber wie kann ich sie leibhaft machen, da mir in diesem -Augenblick doch jenes Feuer, jener Odem fehlt, der sie damals beseelte? -Aber die unspürbar leisen Rhythmen innerster Bewegung, der Stille, des -abgeschiednen Beruhens, sie läßt das gelinde Aufpochen des Fingers -wieder schwingen, und wir nehmen sie gerne auf. - -Aber dies Bild, warum blieb es in mir haften? Ein sehr stiller Raum, -sonnig bei geschlossenen Vorhängen, von dem ich übrigens nichts sehe, -als daß er eben da ist. Ich sitze an einem Tisch, an der anstoßenden -Seite kniet auf einem Stuhl Anna als kleines Mädchen, halb über der -Platte liegend, und da steht ein Wasserglas und liegen weiße Bogen und -jene wunderbaren kleinen Hefte voll mattfarbiger, undeutlicher Bildchen, -die aneinanderhängen, -- Abziehbilder, jawohl, so hießen sie, und Anna -und ich mühten uns ab, die ins Wasser getauchten auf reinem Papier -festzudrücken und -- zu warten. Dies Warten war unmöglich! Immer wieder, -mit unsäglicher Behutsamkeit mußte ein Zipfel angelüpft werden, und -immer war es noch weiß darunter, es mußte mit dem Finger wieder Wasser -daraufgetropft werden, der halbe Tisch schwamm, und dann -- ja, wie kann -ich nur meine eigne Haltung, meinen eignen Ausdruck gesehen haben, mit -dem ich den eben abgelüpften Zipfel wieder andrücke und vor Anna so tue, -als wäre alles in Ordnung, obgleich ich doch genau sah, daß ich die -zarte, bunte, naßglänzende Haut darunter angerissen habe ... Anna -natürlich war die Geduld selber, und wenn sie einmal lüpfte, so kroch -sie von oben fast unter das Papier; dabei stöhnte sie entsetzlich. - -Und schon überfällt mich wieder ein andres: In der Geschwindigkeit eines -Vorbeifahrens, über drei Stufen an einer Hausecke durch die offene -Hälfte einer Tür aus geriffeltem Glase ein Blick in einen Bierschank: -ein Stück von einem ungestrichenen Tisch, die blanken Messingkrahnen der -Theke und dahinter das rote Gesicht des Wirts unter einem Öldruck der -Kaiserin; er streift von einigen Biergläsern den Schaum mit einem -kleinen Brett ... - -Wann in aller Welt sah ich das jemals? Und warum in aller Welt grub es -sich in mein Gehirn? - - * * * * * - -Oh seltsame Wege der Nerven! Einen halben Tag lang bis zum Einschlafen -verbrachte ich gestern mit Grübeln über jener Erinnerung, umsonst. Heut -morgen fällt mir beim Anziehn ein -- in der Stunde, wo man nichts denkt, -und das Denken sich selbst überlassen wirkt --, daß ich in der Nacht von -der armen Helene träumte, und sofort sehe ich mich auf der Fahrt nach -Helenenruh an ihrem Todestag und habe jenen Blick in die Tür des -Bierausschanks. Wie aber kam ich gestern darauf? Nun, ganz gewiß hat -auch etwas in mir, während ich das von den Abziehbildern schrieb, an -Helenenruh gedacht, an Helene und an ihren Tod. - -Ich habe nun weiter über das eigenartige Walten des Erinnerungsvermögens -nachgesonnen, und mir ist folgendes klar geworden: - -In dem leider einzigen Gespräch, das ich mit Josef Montfort hatte, -stellte er unter mehreren anderen die Behauptung auf, daß der Mensch -nichts je Erlebtes vergäße und an alles, wenn er nur wollte, sich -erinnern könnte. Indem ich hieran dachte, sah ich ihn mir -gegenübersitzen, wie damals im Kaffeehaus; fiel mir sogleich die -Erregung auf, in der ich mich damals beim Hören befand, und schon hielt -ich wie in einer Phiole das Element, in das getaucht ein erlebtes Bild -Erinnerungskraft behält, ohne eignes Willenszutun von uns: -leidenschaftliche Erregung. Gleich machte ich einige Proben: Damals die -angstvolle Erwartung auf der Fahrt nach Helenenruh bewahrte mir jenes -Bild und noch manches andre vom Weg, der vorüberflog. Ich denke niemals -an meinen Vater, ohne ihn in dem Augenblick am Vortage meines -achtzehnten Geburtstages zu sehn, wo er meine Hand preßte und etwas in -mich hineinsprach, das ich nie behielt, da ich ein Augenmensch bin. Die -Straßen meines Schulweges, mein letztes Klassenpult, Fenster, Wände und -Bilder des Klassenraums, alle tausendmal gesehn in der täglichen -Angsterwartung, stehen vor mir, daß ich die kleinste Beschmutzung, die -geringste Entstellung daran beschreiben könnte. Fast glaube ich, daß -Angstgefühle und Zustände des unsicheren, angstvollen Wartens die -stärkste Macht zum Einprägen von Gesichtsbildern besitzen; angstvolles -Warten, wo wir im brennenden Verlangen nach der einen Gestalt tausend -Dinge mit glühendem Stempel des Auges in uns pressen, nur weil wir sehen -müssen um jeden Preis, die Augen festklammern müssen, fiebernd uns mit -Dingen beschäftigen. So erscheinen mir doch immer, wenn ich Renates -gedenke, nicht einmal ihre Züge, sondern die Akazienwipfel der -Güntherstraße, im Laternenlicht halbverschattet die graue Stirnseite -ihres Hauses und erleuchtete Fenster, von damals her, als ich dorthin -lief, nur gepeinigt vom Verlangen ihrer Nähe. Ja, Angst und Erwartung -sind es, die ohne unser bewußtes Zutun jenes Könnenwollen der Erinnerung -Josef Montforts bewirken, nicht nachträglich, sondern vorwegwirkend, -denn in solchen Zuständen _wollen_ wir sehen, obschon nicht das, _was_ -wir sehen. - - * * * * * - -Noch immer im Lauf der Tage ab und zu mit Erinnerungsdingen beschäftigt, -mir selber unvermerkt auf der Suche nach Zuständen der Erregtheit und -Bildern daraus, und indem ich immer die Probe machte auf das erste, -augenblicklich hervorschnellende Bild, dachte ich an meine Corpszeit, -und siehe da, was stellt sich mir dar? Das Speibecken in der Toilette, -freilich immer benutzt zu Zeiten übelster Peinigung. Verfluchtes Ding! -Daß so das Sinnlose zur Einrichtung führen konnte! Saufen in der -Gewißheit, in der Hoffnung sogar, das Gesoffene wieder von sich zu -geben. Der deutsche Student, vorstellbar im Bilde von Münchhausens -halbiertem Pferd. - -Ich rettete mich in einen Ausblick auf Bogner, und gleich sah ich ihn in -Renates Kapelle stehn, einen Arm gegen die Wand gestützt. Damals malte -er seine Engel, ich war wieder einmal Renates Nähe zugerannt, wir hatten -dann ein Gespräch in der Nacht, und -- gewiß, wir sprachen auch vom -Tode, den Tod brachte ich in irgendeine Verbindung mit der Liebe, und da -sagte er: nein, das sei vorläufig nichts für ihn ... - - * * * * * - -Heut sah ich Esthers Gespenst. - -Ich ging auf breitem Ebbestrand. Das Meer war dunkel, bewegt, nicht -stürmisch; der Himmel bewölkt und grau. Plötzlich läuft eine Fußspur vor -mir auf, weibliche Füße, klein, etwas breit, und wie ich mich noch -wundere über die seltene Erscheinung, muß ich erkennen, daß nach jedem -dritten oder vierten Schritt der rechte Fuß leicht nach innen schlägt. -Mir stand das Herz. Esther! dachte ich nur, folgte der Spur in einer -unseligen Versunkenheit und -- sehe sie in plötzlicher Biegung dem -Wasser zu hineingehn und in den Wellen verschwinden. - -Aus der Meerflut gekommen, mir erschienen, und wieder hineingegangen. -Esther in dem rotvioletten Kleid, unschlüssig, traurig ... - -Es ist natürlich die Magd gewesen. Und sie ist nicht in die See -gegangen, sondern nur dichter an den Wellen her, zur Zeit als die Ebbe -noch tiefer war, und als ich kam, hatte die steigende Flut die Spur -fortgenommen. - -Doch was geht das mich an? Ich saß im Zimmer und sah wieder den feurigen -Roteichenbaum jenseits des Grabens, selber neben Esther auf der Bank, in -angstvoller Erwartung dessen, was ich tun sollte und nicht können würde, -und Erscheinung löste sich aus Erscheinung ... - -Aber Esther selber entschwand bald. Die Zeit war zu lustig und hell für -die nun so umflorte Gestalt. Noch einmal sah ich sie deutlich: ich -selber stand auf dem kleinen Balkon vor dem Saal im Schlößchen, unten -stand sie mit Herrn Vögeleins kleinem Neffen, warf seinen Ball zu mir -herauf und ich ihn wieder hinunter, -- noch glänzt mir ihr lächelnd -erhobenes Gesicht. Dann sprang ich hinunter. Sie sagte: Nun ists genug, -kommen Sie herunter! -- und ich hatte die meines Wissens einzige -Anwandlung von Tollkühnheit in meinem Leben und sprang ohne weiteres in -die Tiefe, wobei ein Fuß leider zerbrach. Oh schöne Zeit, die mirs -lohnte! Die Ferien standen nahe bevor, ich hätte nach Helenenruh fahren -müssen, nun wars ein Vorwand zum Bleiben, ich konnte die langen Tage -liegen und Besuche empfangen und Esther bei mir sitzen haben, und einmal -sogar kam Renate. Leichteste Zeit! Um ins Haus Montfort gelangen zu -können und nicht unprinzlich hüpfen zu müssen, ließ ich eine Hängematte -außen mit violettem Samt, innen mit weißer Seide beziehn und durch die -Ösen an beiden Enden eine vergoldete Stange schieben; dazu mietete ich -zwei eben stellenlos gewordene Inder, Türsteher eines verkrachten -Panoptikums, die mich zum Wagen und im Montfortschen Haus und Garten -überall hintragen mußten. Das war einen Tag schön, dann standen sie -überall im Wege, und ich gab das Ganze auf. - -Eine Ansichtskarte fällt mir ein, die Renate oder Anna von Bogner und -Ulrika bekam, als die Beiden einmal eine Reise machten. Darauf hatte er -sie und sich abgebildet, wie sie auf einem Stuhl sitzt und ein Loch in -seinem Strumpfhacken stopft, den er ihr, mit dem Rücken nach ihr vor ihr -stehend, hinhält, mit der Umschrift: Sie wird mich in die Ferse stechen! - -Halbe Nächte im Gespräch mit Sigurd und Benno über die ewigen Dinge. -Leicht genug mögen sie gewesen sein, und wenn sie mir schon schwer -waren, so war doch das Reden darüber zu leicht. Immer im Hintergrund -aber, ob unsichtbar, war Esther, deren leises Eintreten ich immer -erwartete, und kam es nicht oft? - -Als wir einmal Alle beisammen waren, fragte jemand Jason, wie es -eigentlich komme, daß er zu allen Frauen seiner Bekanntschaft Du sage. --- Wie kommt es dann, fragte er hinwieder, daß sie es auch sagen, sobald -ich es einmal getan habe? -- Ach, ihr Männer, sagte er, da niemand eine -Antwort hatte, zu meinem Zimmerofen sage ich auch Du, sind aber die -Frauen nicht um vieles wärmender? Sie sagen gern wieder Du, wenn ich es -sage. - -Es ist immer viel mehr der Duft der Worte, den man wahrnimmt, wenn Jason -spricht, als die Worte selbst, und ich glaube, Alle empfanden wie ich in -jenem Augenblick, daß es kühl um uns war, daß wir uns Alle kühl waren, -und vielleicht hätten wir eine Wahrheit entdeckt, wenn nicht einer von -andern Dingen angefangen hätte, wie das immer zu sein pflegt, wenn -Wahrheiten vor der Tür stehen. - -Nun sehe ich Dora Vehm, -- was ward aus ihr? -- Ich sehe sie beim -Krokett auf der Wiese, es war kein Spiel für Kinder, sondern lange, -schwere Hämmer und wuchtige Kugeln. Sie aber schlug mit einer Kraft, -Anmut und Sicherheit die großen Bälle weithin durch die Tore, gegen -andre Kugeln, unaufhaltsam weiter ihres Wegs, daß es eine Wonne war, sie -dabei zu sehn. Ihre Augen brannten, sie strahlte, ich sah Ägidi, der -ruhig wie ich dabeistand, sie hatten jeder ihre Augen in der Gewalt. - -Seltsam genug: für einen unernsten Menschen kann ich mich nicht halten, -ich liebe die Schwermut vielleicht mehr, als daß ich sie habe, aber wie -geht es zu, daß fast alle Erinnerungen heiter sind, die sich beschwören -lassen? Noch heute fiel mir ein Fetzen Papier in die Hände, leserlich -gekritzelt darauf: - - Halbgöttinnen gehn am Gestade, -- das stahlblaue Meer - Wirft Ketten von silbernen Fischen um ihre Füße. - Salzluft bereift der roten Lippen Süße, - Gewänder flattern farbig um sie her. - -Das stammt aus den ersten Tagen meines Hierseins. Renate und Magda waren -zu Bogner gekommen, es war ein warmer, sonniger Tag, ich stand oben auf -meinem Turm mit dem eben gefundenen Handfernrohr und sah sie am Strande -alle Vier, Renate, Magda, Ulrika und Cornelia. Sie hatten Schuh und -Strümpfe ausgezogen, Renate und Ulrika Magda untergefaßt, Cornelia ging -voran in einem lichtgelben Kleid, die drei Andern hatten allesamt weiße -Kleidröcke und bunte, gestrickte Jacken, Renate eine burgunderrote, -Magda eine grüne, Ulrika eine violette, und ich konnte durch das -Fernrohr feststellen, daß nur die Renates und Ulrikas aus Seide waren, -Magdas, stets bescheiden, war Kunstseide. Noch sehe ich die Drei im Rund -meines Tubus unten stehn und zu mir heraufwinken, flatternd, farbig, -lachend auf dem weißen Strand vor der dunklen Wogenwand von Blau, aus -der die Welle, um ihre rosenen Füße leckend, kleine, silberblitzende -Fische spülte ... - -Meine letzte farbige Erinnerung. -- Allein warum behielt sich mir das -Heitre so oft? - -Ich schrieb es wohl neulich schon auf: An Schmerzliches kann allein die -Vernunft sich erinnern; das Gefühl kann nicht nachschaffen aus Nichts, -was damals erglühte, so geht der Vorgang selber unter, und es bleibt nur -das optische Bild, um so leichter, je farbiger, je brennender es war. - -Ja, nur die Bilder erscheinen, mondlich angestrahlt, seltsame Monde -selber, abgeschieden vom Damals, wirkungslos ... - -Wenn die versunkene Stadt -- in der Nacht der Erlösung -- sich aus den -fallenden Wassern erhebt, -- tönen die Glocken wie vormals ... Wandeln -wie vormals die Straßen, -- und die kindlichen Spiele -- tun es wie je -den Erwachsenen gleich. - -Doch es blieb ein Vermächtnis -- aus der versunkenen Jahre Gram -- auf -den seltsam alten -- Gesichtern zurück. -- Und es beleuchtet ein fremder -Mond -- Turm und Planet und seltsam verschnörkeltes Dach. - -Während rings aus dem riesigen Meere die alten -- Gestirne steigen und -wieder schaun, -- was niemals altert. -- -- Wo keines Segels ernster -Schatten, -- kein Vogelflug nach der düsteren Ferne strebt. - -Anders lächeln von Fenster und Tür -- Mädchen auf Knaben, -- und anders -der Alten Schritt -- über die steinernen Treppen und Höfe schallt. - -Mädchen, die Sträuße tragen, -- atmen befremdet den Duft, der von -gestern erzählt ... - -Im Schweigen der Glocken -- hören sie Alle -- ängstlich und deutlich -- -das schwellende Dröhnen -- der kommenden Flut. - - * * * * * - -Als ich heute an der offenen Türe des Kuhstalls vorüberging, fuhr ein -unsichtbarer Arm mitten aus dem Mistgeruch auf mich zu, packte, schwang -und stellte mich mit gewaltigem Schwung über mehr als drei Jahre hinweg -auf den Helenenruher Wirtschaftshof, in einen Sommertag, in den Tag, wo -ich meine Kindheit verlor. - -Das weiß ich heut, daß ich sie damals verlor. Der Tag wars, wo Bogner -gekommen war, wo das mit Jason geschah, wo ich nachts in Annas Zimmer -war. -- Noch sehe ich die gelben Orpingtonhühner auseinander stieben, -sie erschraken vor Unkas, und da geht Unkas tappend auf die Tür seines -Stalles zu, und ich selber stehe da und -- ich vergaß, was ich dachte, -aber -- es scheint mir ein Vorspuk gewesen zu sein, ein Aufdämmern vor -dem gänzlichen Erwachen. Das kam in der selben Nacht, da lag ich auf der -Wiese am Parkrand, nicht weit von der Stelle, wo ich am Morgen gelegen -hatte und zu mir gekommen war aus dem Sonnensieden wie aus brodelnder -Geburt. Da lag ich am Boden und fühlte das Tragen der Erde, sonderlich -heimatlos und kühl war mir zu Sinne, ich wußte -- ja, was wußte ich -wohl? Daß ich nun alles wußte, das wars. - -Heiliges Kindheitsland, wo bist du? -- Zurecht fallen die Verse mir -jetzt ein, die ich in Helenes Mappe fand. Als ich sie dichtend empfand, -da dichtete Erinnerung in mir, Erinnerung an jene Nachtstunde am -Parkrand, wo ich mich erkannte, weil ich das Weib >erkannt< hatte; wo -meine Kindheit ein Ende nahm. Und doch, als ich diese Worte im Gedicht -empfand, -- wie dumpf noch, wie unwissend, wie nur abgehorcht einer -unverständlichen Geisterstimme, und freilich echter vielleicht darum, -echter gedichtet als das meiste sonst. Heute erst weiß ich ganz. - -Unkas aber mit seinem tastenden Gang, die Hühner, die tafelnden Arbeiter -im Hof: diese waren mein erster wacher Blick, meine erste Beobachtung. -Während es dämmrig in mir selber blieb, begann ich Bilder in mich zu -füllen unermüdlich, deren schillernde Buntheit mir das Innre magisch zu -erhellen schien. Immer genügte die Anschauung, und sooft ich es selber -sein mochte, an dem ich Beobachtungen machte, so genügten mir auch sie, -und zu Erkenntnissen dehnte ich sie nicht aus. Auch das Bild Emmaus -beobachtete ich wohl und verstand es ästhetisch genau, und mir selber in -jener Nacht brannte das Herz vom Zuspät. Heut weiß ich seinen Sinn, -heut, wo es zu spät geworden ist. - - * * * * * - -Doppelt erregt, von hundert Bildern seines vergangenen Lebens aus der -Aufzählung der Erinnerungen, und von dem heftigen Gefühl, daß gleichwohl -nicht er dies geschrieben habe, sondern ein Fremder, der erstaunlich -viel von ihm wußte, schloß Georg aufatmend das Buch. - -Nein, sagte er mit Entschlossenheit, ich bin das nicht mehr. Das ist ja -schrecklich, diese Augenjagd nach Kleinem und Kleinstem, in der -Aufzählung mit drangeknüpften Nutzanwendungen wie hier ja ganz reizvoll, -aber war das der Zweck des Erlebens? -- Und er sah sich selber -herumfahren wie einen schillernden Argos mit zehntausend apokalyptischen -Augen. Seine eigenen Augen gingen ihm über dabei, -- aber jetzt, da er -die Lider schloß, kam etwas aus dem Dunkel; eine dunkelblaue Brust im -Anzug, Schlips und Kragen, und nun das Gesicht seines Vaters, Bart und -Haar, Wangen und Brauen und endlich -- Georg erbebte -- auch der Blick -der gestorbenen Augen. Alles dies aus der wirbelnden, einzig -beglückenden Stunde am Vortage jenes achtzehnten Geburtstages, -eingebrannt in die Luft, um ihm jahrelang immer wieder zu erscheinen. -- --- Im Nu war das wieder verschwunden, aber Georg, schmerzlich ihm -nachblickend, während vor seinen wiedergeöffneten Augen Fenster und Dach -erschienen, fragte sich schwer und gebunden: Deshalb? Deshalb das -tausendfache Schaun, damit dies gesehen wurde und haftete? - -Er wartete horchend, aber es kam nichts weiter, und er erhob sich nun -hastig, ging ins Nebenzimmer, wo er mit Egons Hülfe, auf Umkleiden -verzichtend, festere Stiefel und Gummimantel anzog, ergriff Hut und -Schirm und eilte hinunter. - - - Viertes Kapitel - - - Magda/Renate - -Georg war, als er das Frühstückszimmer wieder betrat, zufrieden mit dem, -was er an sich beobachten konnte. Denn nicht nur, daß er die jetzt -anwesende Renate, weil sie mit dem Rücken am Kreuz der Glastür lehnte, --- so daß er, selber ins Helle blickend, ihr vom Licht abgewandtes -Gesicht nur undeutlich wahrnahm -- für Irene hielt, zumal sie die Füße -im Stehn vorgeschoben und sich dadurch verkleinert hatte; nein, auch als -er sie erkannte, war, was ihm aufs Herz fiel, eher eine abweisende -Kühle, und er fand sich unangefochten. Auf seine Frage nach Irene wurde -ihm gesagt, daß sie sich immer noch angegriffen fühle und nicht vor zehn -Uhr zu erscheinen pflege. Renate -- er sahs -- hatte wieder geweint, und -Georg hatte eine alte Abneigung gegen vieles oder leichtes Weinen von -Frauen. Im Augenblick trug sie freilich einen skurrilen Ausdruck zur -Schau, der ihr Gesicht lieblich verkleinerte, die Augen blank machte und -etwas spitz wie die kleiner Tiere. Georg äußerte zu Anna -- im stillen -Renates Kleid bewundernd, das von blauem Violett, in der Form dem der -Äbte glich, mit weitem, faltenreich glänzendem Rock und engen Ärmeln, -die bis zum Ellbogen ein schlichter Schulterkragen bedeckte --, ob sie -nicht auch fände, die Abatissa habe Augen wie ein Wiesel heut. - -Über Magdas Gesicht ging ein ungemeines Glänzen, während sie, ohne die -Augen aufzuschlagen, schwieg und fortfuhr, die Knöpfe ihres Lodenkragens -zu schließen. Renate fing an zu lachen, drehte sich um, legte das -Gesicht in den hochgehobenen Ellbogen und den Arm gegen die Scheibe und -lachte so einfältig, daß Georg ungehalten wurde. - -»Was lacht sie denn so? Ist heut nicht Charfreitag?« - -»Erst Pferd und dann Wiesel, da hast du's«, sagte Anna unverständlich zu -Renate hinüber, und indem erschien vor Georg lautlos Egloffstein, ihn -blicklos anblinzelnd mit den ganz hellen Augen unter weißen Brauen, -Renates Mantel und Schirm in den Händen, die er Georg überreichte. Der -aber fand nun, ins Freie blickend, daß es nicht mehr regnete; über die -Terrasse glitten Sonnenstrahlen. Es gab noch einen Kampf mit Renate um -den Mantel, bis Georg ihn ihr zum Tragen überließ, da er sie und Anna zu -führen hatte. - -Als Georg dann, Annas Oberarm mit der Linken umspannend, mit der Rechten -Renates Handgelenk, seinen Arm unter dem ihren, was sie -unbegreiflicherweise zuließ, -- als er so am Ende des Hauses die Beiden -die Stufen hinabführte und zur Linken den Weg hinab in den Park, sich -aufrichtend und Luft einziehend, stimmte er sich ernster, im Gedanken -des Wegs, den sie gingen, und an den Annas Rosenstrauß ihn erinnerte. - -Naß, aufgeweicht, braun erstreckte sich vor ihnen der stumpfe Sandweg -mit glänzenden Lachen an den Rasenrändern. Über die Büsche des Waldes, -die zierlich begrünten, lief ein fröstelndes Beben. Vor ihnen, in der -Weite der Parkflächen, standen die Bäume noch kahl und ohne Bewegung, -während die grünen Gesträuche sich schüttelten im leichten Wind. Birken -glänzten kalkigweiß, und stark war der Geruch all des Nassen, -Erfrischten umher; österlich wie das Ganze selbst der eilig in -grauweißen Wolken fahrende Himmel. - -Sie schritten schweigsam, langsam dem Weiher zu. Die Insel erschien, -noch ganz schwarz, nur über dem Ufer unten grün mit Buschwerk gefleckt. -Georg nahm die Blicke aus der Höhe des kahlen Astwerks zurück und wandte -sie insgeheim gegen Renate. - -Herzbewegend schien ihm, was er nun sah: zwischen den kleinen Bögen des -hohen Halskragens, die unterm Kinn und den Ohren nach außen gerollt -waren wie die äußersten Kelchblätter einer Blume, kamen von innen kleine -weiße Zungen heraus, Kelchblätter gleichfalls, und daraus stieg, und -darin ruhte die geschlossene, feste, reiche Blüte des kleinen Haupts mit -den ewigen Farben: Hyazinthblau und Magnolienweiß und Buchenbraun; mit -seinem Wunder der Braue; der Sehnsucht von Engeln im Winkel des Mundes; -dem Stolz von Byzanz in der Biegung der Nase, -- ach, Heliodora, wie war -alldas doch festlich und schön gewesen! -- Und er bekam den Blick nicht -los aus diesem, gradaus schauenden ihres Auges, zwischen winzigen -Schlägen der Wimpern aus dem feuchten, gewölbten, durchblauten Kristall; -diesem blickenden Leben, dieser sichtbar vor sich hinschauenden Seele -aus dem magischen Haus. - -Dunkelgrau lag der Weiher, leicht wellenbewegt, zur Linken die schmale -Brücke mit dem Rindengeländer; aber die Anna blieb, als er zu ihr -einbiegen wollte, stehen, indem sie genau zu wissen schien, wohin sie -gelangt war. So hielten auch er und Renate, wortlos, und Georg fand sich -emporblickend leise geblendet von einem weißgelblichen Quellen im grauen -Gestrudel des Himmels. Nicht weit davon war ein hellblaues Loch von -unendlicher Tiefe. - -»Weißt du noch,« hörte er Anna sagen, »wen wir hier herausgezogen -haben?« - -»Wir, Anna? -- Übrigens hast du im Leben keine edlere Tat getan«, setzte -er mit ungewolltem Spötteln hinzu. Sie bewegte daraufhin nur leise -verneinend den Kopf hin und her, streckte die Hand nach dem Geländer -aus, fand es und ging allein über die leise sich wiegenden Bohlen. Auch -Renate bewegte, da er sie ansah, ähnlich wie Magda den Kopf, machte sich -los von ihm und ging langsam davon, den Weg am Ufer hinunter. Also -folgte er allein über die Brücke, rasch, um Magda in den Baumgang zu -führen, die nach Renate nicht weiter fragte. Georg bedauerte immerhin -soviel Zartgefühl, das ihn beraubte. - - - Magda - -Das Herz Georgs schlug an, als er aus dem Baumgang über die kleine Mulde -hinaustrat, behutsam und so gleichsam mechanisch wie die Einlaßglocke in -einem Hausflur, worauf er das Ausbleiben eines Mehr an Empfinden damit -entschuldigte, daß in dem scharfen Sterben dieses Jahres die alten Tode -zugrunde gegangen seien. Immerhin empfand er die ernsthafte -Feierlichkeit des leicht geschlossenen Raums, über dem er blaue Segel -taumlig über weißquellende Meere hinfliegen sah. Die kahle und nasse -Buche gegenüber dampfte da und dort unter dem linden Feuer vereinzelter -Strahlen; undeutlich an der Rinde erschien das dunkel metallene Schild. - -Es waren aber schon Menschen dagewesen. Da, wie Georg sich erinnerte, -sein Vater bald nach Helenes Tod eine zweite Brücke hatte schlagen -lassen, die von der Landstraße aus zu erreichen war, so fand Georg den -Rasen unter dem Baum bedeckt mit frommen Zeichen: Sträuße, Kränze und -Schleifen, und um den Stamm -- welch holder Einfall eines Kindes! -- war -eine Girlande von Primeln geschlungen, -- ein jungfräulicher Gürtel des -Frühlings. Georg teilte Anna dies halblaut mit, und sie gab ihm ihre -Rosen, die er in den Primelkranz hing, um ihnen so einen bevorzugten -Platz zu geben. Sie standen dann stumm einander gegenüber, getrennt von -dem blühenden Durcheinander am Boden, auf das Magdas Blicke -hinabgerichtet schienen wie die seinen, und wo der Geruch von Nässe -wetteiferte mit dem herben der Stechpalmen und dem leidenschaftlichen -der Hyazinthen. Auf einer violetten Schleife, die seltsam an Renates -Kleidung erinnerte, entzifferte Georg die in Gold gestickten Worte: Der -Unvergeßlichen. - -Der Unvergeßlichen ... Gewiß vergaß er sie niemals. Drei Jahre bald war -sie tot, aber worauf beruhte die Anhänglichkeit dieser Menschen an die -immer unsichtbare Gestalt? Dienerschaftsgeflüster, dachte Georg, und -dann, daß Güte und langes Leiden wie Christus über den Wellen wandeln -nach überall. Indem ward er des Sarges inne, der hier unter seinen Füßen -stand. Er fühlte die Luft kühler und fröstelte. - -»Sind viel Blumen da?« hörte er Magda fragen. - -»Eine Menge.« - -»Voriges Jahr«, erwiderte sie, »waren es zwei Sträuße und ein Kranz. Was -mag das bedeuten?« - -Georg erriet an ihrem Ausdruck, daß sie es auf ihn selbst bezog, und -sagte leise: »Ja, die Menschen sind seltsam.« - -Stille. Laut schmetternd erhob ein Buchfink seine nahe Stimme, und aus -weiter Ferne herüber war eine Amselflöte zu hören. - -»Sage mir, Georg,« redete ihn das Mädchen wieder an, »glaubst du je -empfunden zu haben, daß sie nicht deine Mutter war?« - -Er hob die Achseln. »Wie kann ich das sagen? Ich empfand etwas. Aber ob -ich auch, wenn sie weniger unsichtbar gewesen wäre ...« - -»Aber«, sagte sie, »dein Papa, das hast du doch immer gefühlt!« - -»Ja, Anna!« bekräftigte er überzeugt -- und schreckte zusammen. Was -sagte er denn da? Aber wie mißverständlich hatte sie auch gefragt! -- -Noch nach einer berichtigenden Antwort suchend, sah er Magda horchend -den Kopf anheben und hörte gleich darauf selber Stimmen und Schritte von -Menschen. Wenig später standen sie wieder vor der Brücke. - - - Renate - -Unweit am Ufer zur Linken, über der Flut, wo Blaues und Weißes sich -schnell ineinanderschlang, saß eine sehr stille, violettblau gekleidete -Gestalt, in sich versunken, -- Renate auf ihrem Mantel, den sie über die -Bank gebreitet hatte, und von ihr ging ein Gefühl von Ernst und Trauer -aus. Nahe über ihr flüchteten weiße gestaltlose Nebelwolken unter dem -blauen Gewölbe, das durch vielfache Lücken schien und glänzte, und -Strahlen wanderten lautlos golden dazwischen umher, erloschen und -brachen an anderer Stelle mit lächelnder Sanftmut hervor. Weit und offen -darunter das Land glänzte in Heiterkeit; Grün der Wiesen, überall zart -erblinkend von gelben Schlüsseln; die kleine weiße Versammlung der -Birken, unweit hinter Renate, schien dazustehn gleich Jünglingen oder -Mädchen, die auf den Anfang der Wettspiele warten; ganz fern wirbelten -Büsche grün und licht, und die Gruppen der schwärzlichen Bäume hatten -nichts Struppiges mehr, sondern Weichheit und die unsichtbare -Verschleierung ihrer Knospen. In der bewegten Stille der Lüfte regten -sich lebhafte Vogelstimmen, zwitschernd und zuversichtlich, durch die -lautlos weiche Geschäftigkeit der wandernden Lichtstrahlen. - -Ach, mein Frühling! dachte Georg und fühlte sich wieder beglückt; er -führte wortlos die Anna über den Brückensteg und den Weg zu Renate -hinunter, nach einer Weile erst kurz bemerkend, daß sie dort sitze. - -Renate blickte auf, als sie näher kamen, durch Georgs Augen streifend -mit einem unverständlichen Blick voll Trauer und Güte. Das verwirrte ihn -so, daß er nach einer Weile erst inne wurde, daß sie sich mit Magda -stritt, die sich jetzt an ihn zur Entscheidung wandte. Sie müsse zur -Generalprobe in die Stadt, und obwohl für Renate ein Vertreter bestellt -sei, wolle sie jetzt mitkommen, und Georg sollte es verbieten, da sie -doch ihren Fuß für den Abend schonen müsse. - -»Braucht sie abends ihren Fuß?« hörte Georg sich ganz freundlich fragen. - -»Aber ja doch! Zum Orgelspielen! Zum Pedaltreten!« - -Georg, nicht recht begreifend, warum er einen kleinen schneeweißen -Eisberg in einem blauen Wasser schwimmen sah, raffte sich auf, sie zu -überzeugen, aber der Streit schien bereits entschieden, und er konnte -sich nun wundern, die Anna in ihrem hellroten Kleid, den Mantel am Arm, -zwar irgendwie unsicher, aber ganz allein den Weg hinabgehen zu sehn. - -»Kann sie denn sehn?« fragte er ungläubig. - -»O ja, heute ganz gut!« - -»Darf ich mich zu Ihnen setzen?« - -»Gern!« Und Renate zog ihren Mantel, auf dem sie saß, weiter auseinander -neben sich, denn die Bank war ganz naß. - -Georg schloß die Augen, erquickt vom Gefühl des Sitzens. - -Eine Lust schnellte jetzt in ihm auf wie ein Hund hinter der Hoftür, -eine Begier, zu reden über irgendwas, da er sonst denken mußte, und -schon hatte er sich an der Banklehne hin zu Renate hinübergelehnt und -schwoll über. - -In diesem Augenblick glaubte Renate zum ersten Mal, seit sie ihn kannte, -die Leibhaftigkeit Georgs, seine wirkliche Nähe zu spüren. Früher -- -wieviel ferner als alle Andern war er ihr allzeit gewesen, ein junger -Mensch, den sie nicht verstand, fremdartigen Wesens, abgeschlossen von -ihr. Während sie ihn sprechen hörte, stellte sich deutlich Erinnrung an -seinen Vater ein. Was erinnerte denn so sehr an ihn? Es war -- Magda -hatte es getroffen -- etwas Fürstliches da, eine Unbändigkeit -und Überlegenheit. Freilich -- seine Mundwinkel hatten ein -Verächtlichkeitszucken, das ihr zu häufig kam, als daß es ihr ganz echt -scheinen konnte. Aber sein Auge war klar, zumal in Pausen, wenn er -schwieg und weithin blickte; dann hatte es einen Glanz von -Unerschrockenheit, von Stetigkeit und -- sie fühlte ein innres Erröten, -als sie es dachte -- fast von Wärme, wenn er sich nun zu ihr wandte. -Warum nur lärmte er so? sprach schallend laut und machte heftige Gesten? -Ja, auch das war wie beim Vater ... - -»Ja, nun sehen Sie mal, teuerste Renate, da haben wir Charfreitag. Ein -schöner Tag offenbar, ich bin ganz erstaunt. Denken Sie an, ich habe da -drei Wochen bis über die Augen in Geschäften gesessen und nicht bemerkt, -daß es Frühling ist. Aber so geht es mir immer. Passen Sie mal auf!« Er -redete nun immer freier und sorgloser, in schnellender Erleichterung von -Satz zu Satz. »Ich will Ihnen mal genau sagen, wie sich das mit mir -verhält. Vor ungefähr vier Jahren hatte ich folgenden Traum. Ich stand -in einem Theaterparkett, nicht wahr; auf der Bühne war ein glänzender -Festzug, ich sollte eigentlich mitwirken, nicht wahr, aber die Menschen -ließen mich nicht hin, und ich schrie, nicht wahr, Sie verstehn, wie das -so ist im Traum, und ich schrie jedenfalls: Ich komme nicht hinein. -Komisch, was, aber wir können so weise werden wie Salomo, wir träumen -doch immer wie die Esel. Übrigens war dieser Traum eben nicht so dumm, -barg vielmehr eine Wahrheit am tiefen Grunde, wie der Dichter sagt, und -was meinen Sie, wer förderte sie zutage? Natürlich Ihr leider -verstorbener Vetter Josef. Was sagte er nämlich, wie legte er es aus? -Ganz einfach, nicht wahr, nämlich -- ich käme bei Gott nicht hinein, in -die Gegenwart gewissermaßen, Sie verstehn, was man so >das Leben< nennt. -Ja, Sie lächeln, Renate, aber nun ist es wahrhaftig eingetroffen. Im -Allgemeinen und im Besondern. Soll ichs beweisen? Ich meine --, ich weiß -ja nicht, ob es Sie --« - -»Sehr, Georg, sehr doch! Ich habe ja viel an Sie denken müssen, seit Sie -Herzog sind, und --« - -»Das wird ein schöner Schlamassel werden, nicht wahr? Haben Sie das -nicht gedacht?« rief Georg, bog sich nach hinten und lachte schallend. - -»Nicht ganz, Georg, aber daß es sehr schwer --« - -»Schwer? Was für'n Unsinn, Renate! Wie kann so was schwer sein? Das ist -genau wie mit dem Dichten, meinen Sie, das wäre schwer? Der Eine kanns -immer, der Andre kanns nie. Ich gehöre zu denen, die es nie können«, -schloß er überzeugt. - -Georg schwieg. Minutenlang schwieg er, aber während dieses Schweigens -sprach er ganz andre Worte zu ihr als im Augenblick zuvor. Er sagte, -langsam und nachdrücklich Wort für Wort und ohne die Fürstenpose, die er -sich angeformt hatte, ohne selber zu wissen wie; er sagte: - -Sieh, Renate, wie das mit mir ist! Zwischen den Menschen und mir ist -etwas wie ein Schleier; nicht einmal Schleier, -- nur Glas, -durchsichtig, und scheinbar ist gar nichts da, und doch ist es etwas, -das den geraden Blick bricht, so daß er nicht eindringen kann in ihr -Sein. Das ist die Lüge ... - -Hier brach er ab, dachte trocken und heiß: Warum sag ich es nicht? Warum -leg ichs nicht einmal in eine fremde, in ihre Hand, daß sie's weiß, daß -sie -- ja, daß sie nur etwas näher zu mir ist, als daß wir nun sitzen -als Unbekannte und reden, was ebenso gut und was besser ungeredet -verbliebe? - -Georg bemerkte, daß genug geschwiegen war, besann sich und begann von -neuem so wie vorher. - -»Also ich wills Ihnen beweisen! Zum Beispiel folgendermaßen, nicht wahr, -ich will beispielsweise reden. Sie wissen, Ihr Vetter Erasmus hat, wie -auch früher mein Vater, und nach dem Vorgang von Abbe in Jena, die -Einrichtung getroffen, daß die Arbeiter seines Unternehmens am Einkommen -beteiligt sind. Nun, herrlich, nicht wahr, menschenfreundlich und -gerecht. Und was kommt heraus? Ein jeder Arbeiter, nicht wahr, hat sein -Stück Geld auf der Bank, ist, mit einem Wort, ein kleiner Kapitalist. -Ist aber damit ein Übel beseitigt? das Grundübel, der Kapitalismus? -Tausend Menschen sitzen mit Goldplomben in den Zähnen, und da giebt man -den Übrigen auch welche, das ist die Geschichte. Ja, sehen Sie doch, der -steifste Reaktionär könnte ja nichts Besseres tun, um der -sozialdemokratischen Arbeiterschaft den Mund zu stopfen, denn wer satt -hat, der ist zufrieden, das ist so alt wie Jerusalem. Ja, aber -meinen Sie, das könnte mir passen? Da sehen Sie also, daß bei -Menschenfreundlichkeit nichts herauskommt. Also, wie greif ichs an, wie -komm ich hinein, da ich auf einer ganz andern Grundlage stehe? - -»Oder ein andres Beispiel. Ein Dichter schickt mir da seine Verse mit -der ergebenen Bitte, ihm zum Abdruck zu verhelfen. Dummes Zeug, nicht -wahr, das sich reimt, na, aber das ist Zufall, sie könnten ja gut sein. -Was tu ich? Laß ich diese drucken, so kann jeder kommen, ich muß einen -Verlag aufmachen, das geht nicht. Aber, da ich nun mal die Aufgabe habe, -im Einzelfall den Mangel der Gemeinschaft zu erkennen, was tu ich? Ich -denke nach, nicht wahr, über diese besondre Gemeinschaft der Dichter, -die keinen Verleger finden, oder wenn auch, nicht genug zum Leben -bekommen, und was fällt mir ein? Folgendes, nicht wahr? Alle Dichter -höheren Grades, eben jene, die es am schwersten haben, tun sich zusammen -und geben ihre Werke gemeinsam heraus. Was geschieht? Diese Werke kauft -niemand; da sie gut sind, niemand. Was muß der Dichterverlag m. b. H. -tun, um sich über Wasser zu halten? Muß noch andre Werke herausgeben, -die gehn, Kunstbücher oder Schmarren oder so, was Sie wollen, mit einem -Wort: sie müssen einen richtigen Verlag gründen, den Konkurrenzkampf -aufnehmen, und so weiter. Können sie das? Gott bewahre, sie sind -Dichter, sie müssen also einen Geschäftsmann an ihre Spitze stellen, -einen Verleger, der es macht wie die Andern, und was kommt zutage? Ein -Verleger mehr zu den alten. Oder aber, ich muß einspringen, muß den -Verlag unterstützen --, ja -- na, da kann ich grad so gut dem Einzelnen -helfen, der zu mir kommt, und wir drehn uns im Kreis wie die Schafe mit -Littiti. - -»Oder drittens, um zum Kern der Sache zu kommen. Ein Schuldirektor -überreicht mir in Audienz ein dickleibiges Manuskript: Umformung des -gesamten Schulwesens. Schön, nicht wahr, des gesamten, der Kerl, denkt -man, fängt die Sache am Grunde an. Ich fange an zu lesen, nicht wahr? -Übrigens ein geistvoller Mann, wie Herder, nur praktischer. Also ich -lese zwanzig Seiten und habe folgende Vision. Ich lege das Buch meinem -Kultusministerium vor. Das sagt: Ausgezeichnet, und streicht mir die -Hälfte weg. Die verbliebene Hälfte, nicht wahr, leg ich vor den Landtag. -Der sagt auch ausgezeichnet und streicht wieder die Hälfte. Das -verbliebene Viertel geht an die Schulbehörde, und da sickert es nun über -die Inspektoren zu den Direktoren, zum Lehrkörper endlich, und allda -wirds ein Pensum. Da sitzen in allen Klassen diese braven und unbraven -Berufsmenschen, die fünfzig Karpfen und drei Hechte in die Schleuse der -Versetzung zu treiben haben, und was meinen Sie nun, ist inzwischen aus -der glorreichen Umformung meines Herders geworden? - -»Und da, Renate, da haben wir die Sache beim Kopf und können sie lausen. -Hilft es irgend etwas, die Einrichtungen ändern zu wollen? Nein, die -Menschen müssen sich ändern, und nun sagen Sie mir um Gottes willen, wie -ändert man die?« - -Georg, heftig frierend, aber sonst frei, sah zu Renate auf, die sich -langsam erhoben hatte. - -»Ja, möchten Sie denn nicht zugreifen, Georg, um sie zu ändern, die -Menschen?« sagte sie leise. »Wie schön --« - -»Ich, Renate, ich?« Hohnlachend warf Georg sich zurück. »Ich? Ja, wie -komm ich denn dazu? Einigermaßen sitze ich ja fest in meinem Leben, bin -wenigstens fertig damit, aber -- hab ich mich denn je geändert? Wie hab -ich ein Recht? Gott, sehen Sie doch, mein Vater --« Er verstummte, für -Sekunden sprach- und gedankenlos, und sah Artaxerxes, den Schwarzen, -über das Wasser heranziehn, plötzlich abbiegen und um Renate, die vorn -am Ufer stand, einen weiten Bogen beschreiben, indem er leise fauchte. - -»Mein Vater«, fuhr Georg mit Anstrengung fort, »war ein Mann der Tat. Er -stand nun mal auf dem Boden, auf dem er zu schaffen verstand. Ich steh -auf einem ganz andern, von dem aus die ganze Gemeinschaft, in der wir -leben, falsch aussieht, oder so -- warten Sie -- nun, wie wenn Menschen, -nicht wahr, deren Natur für eine bestimmte Höhenlage, ein bestimmtes -Klima geschaffen ist, in einer andern, höhern oder tieferen Luftschicht -angesiedelt sind, und was sie auch anfangen, es verbiegt sich, es wächst -verdreht, was nach unten will, nach oben, und umgekehrt, ja, es ist doch -wahrhaftig, als säßen sie alle mit dem Wipfel im Erdboden und ließen die -Wurzeln in die Luft starren. Kann ich sie umdrehn? - -»Mit einem Wort: daß ich hier sitze und Herzog bin, das ist der -allergrößte Schwindel. Aber so geht es eben. Jahrelang habe ich nach -diesem gestrebt und es für Glanz und Ruhm gehalten, wie der Dichter -sagt, und nu -- was is es nu? Wie die Engländer sagten, als sie auf dem -Brocken gewesen waren: _We have seen all the mist and missed all the -scene._ So ist es.« - -Renate lächelte, und er lachte nach Kräften. - -Fertig damit und still geworden, sagte er nachdenklich: - -»Und das, Renate, das sind denn so die Dinge, von denen sich reden -läßt.« - -Renate, auf ihn heruntersehend, fragte freundlich: »Und die -eigentlichen, die wir verschweigen --?« Aber indem fiel Georg, erstarrt -vom Erschrecken, ein: »Um Gottes willen, was war denn das eben? Das habe -ich doch schon einmal erlebt! Nein, es war -- anders, aber -- die Worte, -meine Worte eben --« - -Er verstummte, jagend nach der Erinnerung durch hundert Bildstücke -seines Lebens, und mit einer Erleichterung endlich traf er auf Bogners -gutes Gesicht und hörte ihn die Worte sagen: Und das sind denn wohl so -die Dinge, von denen man reden kann. Wann? Wann? Hier, in Helenenruh, am -Ende auf dieser Bank? Nein, in einem Zimmer war es, im Gastzimmer. -- -Georg sprang auf und starrte die Bank an, fühlte indem die Hand Renates -an seinem Arm, sah aufblickend ihre Augen, lächelnd in einer -beängstigend süßen Besorgnis, und stammelte eine Entschuldigung. - -»Haben Sie«, fragte er, »das einmal erlebt, daß man glaubt, sich an ein -andres, ein Leben vor diesem zu erinnern? Aber nun weiß ich schon, es -waren nur Worte Bogners, die ich eben brauchte. Vor drei Jahren -- --« -Er brach ab. »Soll ich Sie ins Haus bringen?« - -»Ja, aber auf einem Umweg bitte. Wirklich, es ist nicht so schlimm für -meinen Fuß,« bat sie, »ich möchte so gern ein wenig gehn und auch mehr -von Ihnen hören. Sagten Sie nicht, im Besondern und Allgemeinen? Ja, -dann müssen Sie mir schon das Allgemeine auch noch beweisen, und dann -- -dann werde ich Ihnen einen Rat geben!« - -»Das wäre herrlich! Also gehn wir!« - -Er nahm ihren Arm wie zuvor und führte sie an der Bank vorüber, weiter -am Teich hin, um auf einen der Wege zwischen die Wiesen abzubiegen. - - - Renate (Fortsetzung) - -Georg brachte seine Sprachmühle laut klappernd wieder in Gang. - -»Ich sagte, glaub ich, schon mal, daß ich fertig wäre. Das heißt, ich -habe mich abgefunden mit dem hier, dem sogenannten Ich. Man bastelt -überhaupt viel zuviel dran herum, weniger wäre mehr, wie immer, aber -- -nun, was ich sagen wollte: heut morgen auf einmal wach ich auf, und kaum -daß ich merke, ich bin für diesen schönen Charfreitag mir selbst -überlassen, was fällt mir ein? Daß ich keinen Glauben habe. Oder das -Christentum. Ja, ganz so sehe ich das auf einmal vor mir, als hätte ich -das versäumt. Nun sagen Sie, Renate, Ihr Vater war doch Pastor, und Sie --- verzeihen Sie die Frage! -- Sie sind doch fromm? Ich fände wenigstens --- es wäre schön, wenn Sie fromm wären ...« - -Renate, die ihn nicht ansah, fragte, etwas tonlos, wie ihm schien: -»Warum meinen Sie das?« - -»Warum? Ja, erklären läßt sich das kaum ... Aber -- eine gottlose -- ich -meine: wirklich gottlose Frau, nicht wahr, das erschiene mir schlimmer -als eine Betrunkene. Ja, sollten nicht alle Frauen Priesterinnen sein? -Bei den Germanen galten sie doch wenigstens als heilig, und -- auf den -Glauben, auf den Gott käme es vielleicht weniger an als -- eben auf das -Frommsein. Irgendwie Gottheit verwalten, einer Gottheit dienen, sei es -Astarte, wenn sie glauben könnten an Astarte, aber -- das ist ja -freilich, was immer fehlt: der Glaube. Und Sie -- Sie glauben aber an -Gott?« - -Er war bei diesen Worten mit ihr stehen geblieben, da sie an das Gatter -neben dem Eichenwäldchen gelangt waren. Sich los von ihm machend, trat -sie davor, legte eine Hand darauf, und während sie über das Land -hinzublicken schien, sah Georg von Schatten ein ganzes Heer über die -lichten Gefilde dieser Züge fallen. Wieder und wieder wollten sie -aufglänzen, fast sich schüttelnd darunter hervorkommen, der Mund bewegte -sich häufig, die Winkel bebten; mit einer Anstrengung machte sie sich -endlich frei von den inneren Vorgängen und sagte mit rauher Stimme: - -»Was wollten Sie denn wissen?« - -Etwas beschämt, dies gesehen zu haben, und beklommen, da sie seine Frage -nicht beantwortet hatte, schwieg Georg. Indem näßte ein Tropfen seine -Stirn, und er bemerkte, daß Land und Himmel sich verdunkelt hatten. Der -Himmel war wieder schwer grau, auf den zum Deich ansteigenden Wiesen -wehte das Gras heftig, schon fiel ein feuchter Schauer von oben. Georg -hängte Renate hastig ihren Mantel um die Schultern und sagte: »Ins Haus -kommen wir nicht mehr, aber ich weiß hier einen Unterstand!« - -Sie folgte stumm, scheinbar ganz willenlos am Wäldchen hinunter, bis -Georg, in das Unterholz einbiegend, voranging, um die tropfenbehängten -Zweige auseinander zu schlagen. Nach wenigen Schritten stand er vor -einem riesigen Eichenstamm ohne Krone, in dem eine fast zwei Meter hohe -Höhle in Dreieckform klaffte. Er ließ Renate eintreten, es war Raum in -dem warmen mehligen Innern genug, daß auch er selber drin stehen konnte, -und so standen sie eine Weile, wortlos, lauschend, wie der Regenschauer -von hoch oben in den Wald einfiel und hier und da prasselte auf den -jungen Blättern. - -Tiefer ins Innre der Höhlung tretend -- während Renate am Eingang eine -Schulter anlehnte, ins Freie blickend --, sah Georg mit nicht geringer -Beklommenheit in die enge Wölbung empor, die sich in der Höhe in Nacht -verlor. Durch einen fensterartigen Spalt über ihm in der Rückwand -sickerte Licht. Das ist eine Kapelle! dachte er, und daß er ihr nun so -nah und in solcher Abgeschlossenheit mit ihr war wie noch nie. Ich -glaube, ich könnte ihr gut sagen, daß ich sie liebe; Wirkung, -irgendwelche Folgen würde es keine nach sich ziehn, und ich werde es -auch wohl kaum tun. - -Unter solchen Gedanken betrachtete er den reichgeschlungenen Knoten -ihres Haars, dessen sondres Braun an einer Stelle matt glänzte und -heller schien in dem aus dem oberen Spalt fallenden Licht. Nur die -Biegung ihrer Nase war ihm sichtbar und an dem kaum merklichen Auf- und -Niedergehn der violettblauen Schultern, daß sie schwer zu atmen schien. -Weich lag die Stille umher mit dem Regengeräusch und fernem Gezwitscher -von Meisen. - -Renate sagte: - -»Sie sagen, daß Ihnen ein Glaube fehlt. Was ist denn das für ein Glaube, -den Sie haben möchten?« - -Georg zauderte lange im Empfinden, nun ganz aus innen sprechen zu -dürfen, und indem wurde sein Auge von einer neuen Erscheinung gefesselt. -Das war nichts weiter als der Zweig eines Holunderstrauchs, der sich -gegen den Eingang von draußen erstreckte. Die jungen, noch weichen, aber -schon großen -- vielleicht erst heut, nach dem Morgenregen so groß -gewordenen Blätter mit kleiner Zackung waren sich in einer so -liebreichen Weise gleich, so geschwisterlich auf ähnliche Weise immer -wieder vorhanden, und dabei so genau gemacht und so schön, so einfach -und klar in dem Dasein, in einer verborgenen, aber merkbaren und stillen -Aufgabe begriffen, nur ruhig schaukelnd und ungestört, wenn eines ein -Tropfen traf, daß Georg die Augen nicht abziehn konnte von dem -freundlichen Bild und so lange gedankenlos blieb. Endlich fing er dann -an: - -»So bin ich hineingerannt in die Welt und habe immerfort ausschauen -müssen nach allen Seiten. Was hab ich gewonnen? -- Weltanschauung -- das -Wort will zu viel und giebt zu wenig, denn: was ist anschaun? -- Nein: -wahres Wissen um einige wenige Dinge, um das Eins ist not, -- und ein -tiefes ernstes Eingerichtetsein auf dies Wissen -- das möchte ich wohl. -Ach wohl, ich habe immer gedacht, es ernst zu nehmen mit mir, aber nun -scheint mir fast, mir -- und jedem heut, dem der Glaube fehlt, dem fehlt -nicht er, sondern dem fehlt es irgendwie -- am Ernst. - -»Und dann, Renate,« fuhr er traurig fort, »dann wäre Religion nichts, -das einem zuflösse von außen, vom Himmel, oder woher es auch sei. -Sondern sie wäre wie eine Eigenschaft des Wesens und Lebens, wie ein -Temperament, wie Heiterkeit oder Schwermut, und was man mit ihr -berührte, das müßte von ihr zu fließen anfangen.« - -»Und das Christentum,« hörte er nach einer Weile Renates Stimme durch -den Regenstrom, »das, glauben Sie, könnte Ihnen --« - -»Ich weiß ja nicht!« rief er, sie unterbrechend. »Heut morgen sprach ich -mit Anna und Benno darüber --, aber seitdem ist mir alles so zerfallen. -Das Christentum ist für jenseits; ich will etwas für hier. Vom Ahnenkult -der Japaner, das fiel mir heut morgen schon ein, las ich bei Hearn, daß -es in ihm weder einen Unterschied zwischen Religion und Ethik gebe, noch -zwischen Ethik und Moral oder Sitte. So etwas dachte ich mir. Die -Gesetze der Gemeinde und des Hauses, der Familie, die, sagt Hearn, seien -die Sittenlehre des Shintoismus, und Staat und Religion, Sitte und -Gesetz, die sind eins. Klingt das nicht wundervoll? Und weiter erinnere -ich mich, daß er sogar sagt, das wahre Leben jedes religiösen Gesetzes -liege in seiner Bedeutung für die Pflicht des Menschen gegen den -Menschen; in der Lehre von Recht und Unrecht, sagt er. Das, das ist es! -Die sittlichen Erfahrungen eines Volkes, die zu Religion geworden sind. -Verstehen Sie mich doch, Renate, ich will keine Religion für mich, -sondern für Alle. Sie haben ja Alle keine, wie könnte ich sonst ohne sie -sein? Also hätte unser Volk, hätte Europa keine sittlichen Erfahrungen? -Warum auch übernahmen wir das Christentum? Sie wurde uns eingeimpft, -diese unsinnige Lehre vom Leiden, diese versprechende Religion, die das -Leben nimmt, statt es zu geben. Ja, und sehen Sie dabei: sind die -Japaner vielleicht bessere Menschen?« - -Er sprach, ohne noch fest zu wissen, was er sprach, immer die mattgrünen -stillen Blätter vor Augen, deren jedes ihm mehr und mehr eine -Offenbarung hinzuhalten schien in ihren ruhigen kleinen Götterhänden. -Dann als er schwieg, hörte er deutlich die große Stimme der Einsamkeit -über die niederfallende Flut. - -Renate hatte ihm jetzt das Gesicht zugewandt und lächelte ein wenig. -»Ach Georg,« sagte sie dann, »ein bißchen, ein ganz klein bißchen -erinnern Sie mich doch immer an Jules Verne.« - -»Ach! Aber warum denn das?« - -»Weil er«, erklärte sie, »zuerst eine Möglichkeit annimmt, zum Beispiel -die, daß eine Kugel voller Menschen sich zum Mond schießen lasse. Und -auf dieser unbewiesenen Möglichkeit baut er nun weiter, ganz -wissenschaftlich und logisch und richtig, und alles bekommt seine -Ordnung und wird belegt und bewiesen -- bis auf jene Möglichkeit. Und -Sie, Georg, Sie betrachten einen Gegenstand und sagen: der ist so! Und -auf diesem >so< bauen Sie auch weiter nach allen Regeln der Logik, und -es hat alles seine Richtigkeit, bloß das >so<, das hat keiner bewiesen«, -schloß sie lächelnd. - -»Meinen Sie wirklich?« - -»Ja, nannten Sie nicht das Christentum eine Religion des Leidens? Nun, -und selbst wenn es das wäre, heute wäre, wer zwingt Sie, das -anzunehmen?« - -»Sie haben recht, Renate, ich -- ich kenne es vielleicht gar nicht. Also -habe ich unrecht? Überzeugen Sie mich doch bitte!« - -Sie schwieg eine Weile und schien zu warten, daß der überlaut strömende -Regen leiser würde. Dies geschah auch bald, und Georg hörte sie -sprechen, von ihm abgewandt, dem Wald zugewendet. - -Renate begann langsam, die Worte nur selten verändernd, eine -Charfreitags-Predigt ihres Vaters zu sagen. - -»Wir«, sagte sie langsam, »blicken aus der Gegenwart in die -Vergangenheit; und sehen wir dort in der Ferne Christus, im Jahre Eins -oder Dreißig, so scheint uns dort alles anzufangen wie die Rechnung -unserer Zeit. Es scheint, als wäre von allem, was er brachte und war, -nichts gewesen zuvor; als ob er ein noch nie dagewesenes Neues erfunden -habe, und wie wäre das möglich? Nur auf einem Grund läßt sich bauen, -nichts ist neu von allen Seiten, und wie alle Andern, die uns heute ein -völlig Neues gebracht zu haben scheinen, war er ein Erneuerer, und es -war alles schon vorher, und nur auf seine Weise war es noch nicht. - -»Und ferner sieht, wer ihn von hier aus sieht, sein Leben nicht vom -Anfang, sondern vom Ende. Vor dem Ganzen erhebt sich das Kreuz, -überschattet das Ganze und macht sein Leben zu einem einzigen -Stollengange des Leidens, einem Gange zum Kreuz, in der Gewißheit dieses -Endes von Anbeginn. Die gewaltigen Worte von Golgatha, von der Vergebung -der Sünden, vom ewigen Leben, von der Vollendung des Leidens, sie -scheinen nunmehr das Einzige, scheinen das Gefäß, das Leben und Lehre, -alles umschließt, und das Leben nur der Weg zu ihm, oder der Unterbau, -der sie als Krone, als Schlußstein trägt, und es dient nur, sie zu -erklären, zu stützen, zu vervollkommnen. So aber müßte man sie in -Wirklichkeit sehn, als Krone und Schlußstein des Baus, aber das -Eigentliche ist und bleibt doch der Bau und nicht seine Bekrönung. - -»Und so müßte man ihm nachgehn durch dieses Leben, ihm, nicht als einem -Halbwesen, halb wirklich, halb immer symbolisch, sondern als einem -leibhaften, glühenden, wollenden, versuchenden Menschen, der kam, um zu -helfen, nicht um zu sterben. Der Schritt für Schritt, immer eifriger, -immer wissender, immer liebevoller, sich steigerte in Worten und Taten, -erst Worte gab, dann Taten -- jene, die heute die Wunder heißen -- zur -Erhärtung, als Bürgschaft der Worte. Er, der Liebe säte und Glauben -empfing. Der leidenschaftlich lebte, ein Dichter, kräftig packend in die -Speichen der Sprache, dessen Rede leben sollte und brennen, der ihr -Augen gab und Lippen und schlagende Flügel, und der also leibhaftig -redete und stets mit den Grenzen des Ausdrucks, in den Tiefen der -Darlegung, und so kam es dann, daß er so widersprechende Worte sagte -wie, daß kein Stein auf dem andern bleiben werde, bis daß es alles -geschehe, und daß auch kein Tüttel vom Gesetz verloren gehn solle, und -er nicht gekommen sei, aufzulösen, sondern zu erfüllen. Das sagte er, -denn die jüdische Glaubenslehre, so erstarrt sie schon Christus -empfunden haben mag in der Verpanzerung des Gesetzes, sie war unendlich -reich an sittlichen Forderungen, an tiefer Weisheit des täglichen -Lebens, und wie schön an die Erde gebunden mit dem Messias, der kommen -sollte, nicht nach dem Tod, sondern zu lebenden Menschen der Erde. Und -es ist die wundervolle Unterscheidung der jüdischen Heilslehre, daß sie -das goldene Zeitalter nicht in der Vergangenheit sah wie der Grieche, -nicht im Jenseits wie der Christ und der Brahmine, sondern in einer -leibhaften Zukunft der Menschheit. - -»Man kann sich wohl denken, daß auch er dies gewollt hat, und also sein -Leben weiter sehn. Nachdem darin im Anfang alles helle gewesen war, -überall Freude und Entgegenkommen, Dankbarkeit und Vertrauen, fing nun -der Haß an, der immer an zweiter Stelle kommende; die Befeindung, -- und -langsam ließ sich gewahren, wie er sich verstrickte, und daß es nicht -genug war, gut zu sein, daß es keinen Schutz gab gegen das Mißtrauen und -gegen die Eigentümer des Hergebrachten, die sich bedroht schienen von -jeder Neuigkeit. Und die Ahnung ging ihm jetzt auf, daß er einmal zu -zeugen haben werde für das Wort seines Blutes, mit dem Blut. Jedenfalls --- in den Beschreibungen seines Lebens findet sich vom Leiden kein Wort --- obschon vom Dulden und Geduldhaben --, bis jene Ahnung begann. Und so -kam die Abschiedsnacht. - -»Jene Nacht, in der die ewigen Worte fielen, die Samenkapseln, aus denen -das ungeheure Feld aufgehn sollte. Er war aus Jerusalem entwichen und -kehrte zurück. Er sammelte nun seine ganze Kraft, Bürge zu stehn für die -Lehre, und ach sehen Sie ihn nun, den zarten, glühenden Menschen, der -sich unterfangen hatte, Alle zu ändern auf seinem Wege, sehen Sie ihn in -der furchtbaren Stunde gewissen Todes? Nein, denken Sie jetzt an keine -schönen Gemälde des ruhigen Abendmahls, denken Sie nicht, daß er nur, -wie es heißt, auf Gethsemane seine Kraft verlor und Gott bat, den Kelch -vorübergehen zu lassen! Wenn er die Kraft auch besaß, war jene im Garten -die einzige Stunde der Angst? War da Ruhe und Gelassenheit in dem -fremden dunklen Gastzimmer, in der sinkenden Nacht, der letzten, da -schon das Urteil verlesen war und nur die Vollstreckung noch ausstand? -War er nicht unendlich einsam, eine dürftige, frierende Frucht in der -Hand des Todes? Und diese Hand war es, die nun zugriff und preßte und -herauspreßte das Ewige, die Blutworte aus den ersten Wunden: Nehmet hin -und esset, dies ist mein Leib! - -»Ja, was war denn seine Angst, und was ist denn die Angst des Sterbens? -Vergessen zu werden, vergessen von der Welt, vergessen zu werden mit -seinem Werk, seinem lebendigen Willen, umsonst sich zu opfern, da er die -Menschen doch kannte, umsonst die Marter zu leiden! Und da schmolzen ihm -nun die glühenden Worte hervor, mit denen er sie bat, zu gedenken, sie, -die Wenigen um ihn, die er selber gezogen hatte, die er kannte, denen er -doch vertraute, von denen sich hoffen ließ, daß ein Strahl seiner Sonne -sich in ihre Stirnen und Herzen eingebrannt habe, und: Dies ist mein -Blut, das für euch vergossen wird! flehte er sie an, solches tuet zu -meinem Gedächtnis. Und in letzter Glut, sie beisammen sehend, später in -Jahren, allein, ohne ihn, zu seinem Gedenken versammelt, geheiligt und -entflammt durch Treue und Sehnsucht und Hoffen, sagte er auch, daß sie -sich das Letzte trinken würden im Wein seines Blutes, wenn sie nur -glaubten: Reinheit, Unschuld, Vergebung der Sünden. - -»Nicht wer ißt und wer trinkt, dem wird vergeben, sondern wer glaubt und -wer liebt. - -»Was kam danach? Dann kamen die Vielen, die aufschrieben, was sie von -ihm wußten, einfältig die Einen, die Andern klug. Sie zeichneten sein -Leben auf, das schon lange nicht wirklich mehr war, Legende war und -Symbol, und zu Legende und Symbol geriet ihnen nun alles, außer dem -frommen Einen vielleicht, dem Maler, der alles noch leibhaft sah. Und -als dann die noch Spätern kamen, die Lehrer, die Ausleger, da war nun -alles Symbol geworden; bitterster Schmerz nur Symbol für Schmerz, das -Leben, das Feuer, die Zweifel, die Qualen, die Wonnen, all das -Sterbliche, was um Unsterblichkeit erst rang, ehe sie es segnete: das -war heraus, und es blieb ein Gleichnis vom Leiden. - -»Was dann kam, wissen Sie, Georg.« - -»Kaiser Julian«, sagte Georg schwer versonnen und atmete auf. Da war es -zu Ende. Er hatte mit Inbrunst gelauscht -- im Anfang; mit Eifer und -Hoffnung die ganze Zeit; als es aber ein Ende nahm, blieb ihm nichts in -der Hand, und er sagte zu sich: Botschaft -- unendlich schön, aber so -erging es mir immer, daß ich auf das höchste entzückt und beglückt war, -Botschaften zu hören, aber was sie niemals enthielten, war Glaube. - -»Kaiser Julian?« fragte Renate, sich umwendend, »warum der?« - -»Der letzte Christ«, erklärte Georg trübe. »Wissen Sie, was Strindberg -von ihm sagt? >Er lebt wie ein Christ und lehrt dasselbe wie Christus, -ist aber doch ein Christushasser.< Das ist so beschränkt, wie Strindberg -merkwürdigerweise immer ist. Er war mir nämlich verwandt, glaube ich, -und nicht etwa ein Christus-, sondern ein Christenhasser. Denn: mit dem -echten Christentum, nicht wahr, das sah er, war es aus, mußte es aus -sein, sobald es anerkannt, sobald es Staatsreligion wurde. Bis dahin war -das Bekenntnis für seine Anhänger Gefahr gewesen, Martyrium, nicht wahr, -und nur die Guten, nur die Echten und Gläubigen nahmen es auf sich. -Wurde es Staatsreligion, kam es auch an die Schlechten, wurde es zur -Formel, die es auszusprechen genügte, während es vorher Leben, -Schicksal, Glauben und Sterben war. Also, nicht wahr, ist dieser Julian, -der Abtrünnige, vermutlich der letzte christliche König gewesen, der gut -war, ohne öffentliche Formel dafür, der aber annahm, es sei dieser Lehre -besser, ausgerottet zu werden, als verbreitet. Ach, wie kam es, wie kam -es denn, Renate? Da wurde es Zwang, nicht wahr? da wurden die Menschen -mit Feuer und Schwert zu Christen gemacht, dann galt es für die -alleinseligmachende Religion, und wer sich nicht selig machen lassen -wollte, wurde gerädert, geteert und gesäckt. Ach, ist es nicht unerhört, -daß diese, grade diese Religion der Geduld die erste unduldsame geworden -ist?!« - -»Ja, Georg, aber warum sagen Sie mir das?« - -»Weil -- also weil sie eben unannehmbar für mich geworden ist! Da ist -mir alles weggeglaubt, möcht ich sagen.« - -»Müssen Sie denn glauben?« fragte sie plötzlich. - -»Ja, das ist freilich die Frage! Von der bin ich ja eigentlich -ausgegangen heut morgen. Denn -- vielleicht ists doch nur Einbildung? -Alle Millionen Menschen, die vor mir waren, haben geglaubt und gemeint, -glauben zu müssen. Und wenn das nun ein Irrtum war, und ich kann mich -nur nicht entziehen?« - -»Das könnten Sie doch noch versuchen, Georg. Wie es scheint, kommt es -Ihnen vor allem auf das Sittliche an, und -- ich will Ihnen sagen, was -mein Vater lehrte. Er hatte in einer außerordentlichen Stunde Einsicht -gewonnen in die vollkommene Ordnung der Welt; in eine ewige, alles -lenkende Weisheit. Und nun --« - -»Aber kann man das lehren? Ich meine: lassen sich daraus Anweisungen -ziehn für das Handeln, für die Gemeinschaft?« - -»Gewiß. Denn wer mit vollem Glauben überzeugt ist vom Walten dieser -Weisheit, wird der sich nicht bestreben, sein Leben, seinen Teil dieser -Weisheit mit ihr in Einklang zu bringen? In Einklang jede Tat, jedes -Wort und jeden Gedanken?« - -Georg dachte lange nach und kam zu dem Schluß, daß er von solchem -Glauben weiter entfernt wäre als von allem andern. - -»Aber mein Gott, Georg,« rief sie nun verzweifelt, »was ums Himmels -willen wollen Sie denn eigentlich?« - -Georg erwiderte ihren fast zornigen Blick mit möglichster Festigkeit und -sagte: - -»Es giebt eine Art Menschen, die ohne Glauben leben kann. Das ist -Bogner. Er fiel mir schon ein, als Sie vom Maler Lukas sprachen. Der -zeugende Mensch, der braucht keinen Glauben, denn aus der Zeugung brennt -die Unsterblichkeit, und in der Unsterblichkeit thront Gott. Wie aber -läßt sich zeugen, Renate? Auf zweierlei Weise. Im Werk und im Opfer. In -diesem war Christus der Höchste, der sich so sehr -- sagen Sie, ob ich -begriffen habe! -- so sehr sich als Opfer fühlte, daß jede Berührung mit -den Menschen Liebe wurde, und das heißt Zeugen. Dazu gehört der -grenzenlose Glaube an die Menschen, den ich nicht habe. Glaube an die -Menschen, der ersetzt den Glauben an Gott, oder vielmehr: er ist darin.« - -Georg hatte nun mit ganzer Flamme gesprochen, und mit einer schnellen -Regung der Ergriffenheit sah er Renate sich zu ihm wenden und beide -Hände auf seine Schultern legen. »Wir wollen uns doch bemühen, Georg, -sollte uns das nicht fruchten?« - -Aber schon, während sie die Worte sprach, sah sie in seine nah vor den -ihren stehenden Augen einen Ausdruck eintreten, den sie um jeden Preis -verhindern wollte, -- und so gab sie, vergiftet von dem Schmerz, daß sie -das Heiligste preisgeben wollte, das sie hatte, nur um dies zu -verdrängen, was in seine Augen gedrungen war, aber beim Sprechen doch -Wort um Wort kämpfend und hoffend, dies, was sie gab, müsse stärker sein -und jenes verdrängen, bis es alleine leuchte und seine Seele erhelle, -mit der sie Mitleid hatte, -- gab sie das letzte Wort ihres Vaters vor -seinem Sterben; sie sprach: - -»Das letzte Wort meines lieben Vaters war so: - -_»Wenn es eine ewige Seligkeit giebt, so kann ihre Erscheinung nur die -eines unendlichen und unablässigen Staunens sein; des Staunens über die -unerfaßliche Herrlichkeit oder die herrliche Unerfaßlichkeit Gottes, das -ist: des ewig seligen Daseins._ - -_»Denn sie kann, die ewige Seligkeit, in allem nur das Gegenteil unserer -zeitlichen Unseligkeit sein. Deren Erscheinung aber ist Gewohnheit, die -alltägliche Wiederkehr, die Wiederholung und dadurch die Abstumpfung und -Abnutzung, ja schließlich die Ohnmächtigkeit der Empfindung. Wir sind -immerfort sterbend._ - -_Dort aber werden wir immerfort lebend sein. Denn wir werden Eingang -gefunden haben in das vollkommene und unaufhörliche Sein, dessen Wesen -Liebe ist. In der Liebe ganz sein, das ist ganz lebend sein; sie, die -Liebe, ist die einzige Erschafferin und Erhalterin aller Dinge, die -unendlich Frische, alles Lebendige immer wieder neu, herrlich und -erstaunlich Machende; so wie jeder Morgen den Tag, jeder Frühling die -Erde, -- so wie jedes tiefe Gefühl dich und die Welt immer wieder neu -und erstaunlich macht._ - -_»O aber wie willst du eingehen können in die ewige dorten, wenn du in -die zeitliche Liebe hier nicht schon weit und tief eingedrungen bist! -Und ach, so wende dich ab von jenem unsichern Sein in den schönern -Himmeln, das du nur dein nennst in der Hoffnung, dein im Verzicht, dein -aus deiner irdischen Kraftlosigkeit! Laß dieses eine sein dein Bemühn: -lerne zu staunen! Lerne die mächtige Kraft der Neuheit, die -schöpferische; lerne zu lieben, lerne zu leben! Wenn auch alles die Zeit -daran setzt, dir immer wieder den Faden zu zerreißen, den du liebend von -Augenblicke zu Augenblick deines Lebens legen willst: lerne ihn immer -wieder knüpfen, verliere nie aus dem Auge seinen einzigen Schein von -Gold, und um so süßer verlockend das Wort »von Ewigkeit zu Ewigkeit« dir -im Herzen ertönt: sprich dagegen: »von Augenblicke zu Augenblick« knüpf -ich und webe ich das einzige Kleid meines Lebens. Ob es Gottes Hand -einmal aus der meinen nehmen wird, mich für immer hineinzukleiden, oder -ob sein ganzer Sinn der ist, von mir gewoben zu werden: das ist zu -wissen nicht not. Not ist, zu tun. In dem Tun wird die Liebe, in der -Liebe das Wesen, in dem Wesen das Leben sein, das weder zeitlich noch -ewig, sondern das in der Liebe ist.«_ - -Renate verstummte. Hoffnungsvoll mit schwellender Zärtlichkeit versuchte -sie, durch ihren Blick Georgs über ihre Schulter gerichteten Blick zu -sich herzuwenden, und sie sagte noch, lächelnd, obwohl schaudernd im -Ernst des Todes: »Hast du verstanden?« - -»Ja,« sagte Georg, »ich liebe dich!« - -Sie schluchzte auf. Das lange schon in ihr quellende Schluchzen brach -haltlos über ihre Lippen, sie senkte eilig den Kopf, und nichts wissend -von Enttäuschung, nur verzweifelt im Herzen, brach sie blindlings durch -Buschwerk und Bäume, bis sie den Weg erreichte. - -Georg wagte nicht zu folgen. Das war, dachte er mit geringer Beschämung, -falsch, -- und war es nicht trotzdem recht? Sie sah wie ein Engel aus, -als sie sprach, und was kann man zu einem Engel, der kommt und Gott -verbürgt und verkündet, was kann man andres sagen als: Ich liebe dich, -Engel? -- Und so empfand ich die Worte in diesem Augenblicke, nicht -anders. - -Er senkte den Kopf. Danach konnte er den Stamm nicht verlassen, ohne -einen dankbarlich Abschied nehmenden Blick an den Holunderzweig zu -heften, wobei er jedoch zu bemerken glaubte, daß dieser, der während der -ganzen Zeit die kleinen graugrünen Hände mit so viel Geduld -- damit er -erkenne, was sie hielten! -- hingestreckt hatte, sich jetzt völlig -achtlos verhielt. Da wandte auch er sich zögernd und fand sich bald im -Freien der Mittelallee durch das Wäldchen und in der voll einfallenden -Mittagssonne. Ganz fern in der lichten Öffnung, in der die Wiese vor der -Terrasse lag, sah er die kleine dunkelbläuliche Gestalt von Renate und -ging ihr nach. - - - Fünftes Kapitel - - - Erasmus - -Renate gewann sich erst wieder, als sie schon das Rasenoval in der -Richtung zum Hause überschritt, und gewahrte sogleich von rechts her auf -dem unter der Terrasse einherführenden Wege drei Gestalten, langsam -schlendernd in kleinen Abständen wie schaulustige Fremde: zwei in -schwarzen Lodenumhängen, von denen Einer sehr groß war, der Andre -schwarzbärtig. Der Dritte in einem glänzend braungelben Ölmantel sah -sich um, gewahrte sie und blieb stehn, indem er mit einer leicht -zurückfahrenden Bewegung die Hände ausstreckte. - -Nur flüchtig erkannte Renate in diesem Bogner. Denn sie stand, -angewurzelt in einer betäubenden Dumpfheit, die schmerzhaft ihren Kopf -und auch ringsum vor ihren Augen alles zusammenzog und verdunkelte, -gespensterhaft anzusehn, da dennoch der Mittag glühte, wie eine -Sonnenfinsternis. Und während sie inständig an der Frage nagte, wer -jener große Mensch da vorn sei, zuckten mit blitzhafter Schnelle und -Leichte Bilder des Tages durch sie hin: Das schmerzhaft dumpfe Sitzen -und Reden beim Frühstück, Bennos betrübtes Gesicht; dann: wie sie auf -der Bank gesessen hatte am Weiher, nun erleichtert, in einer süßen und -trauervollen Hingegebenheit an das Licht und den Anblick der -Grabesinsel, wo mehr als die eine Tote sich ausschlief. Die Wanderung -mit Georg und ein heiliges Leichterwerden, immer leichter, ihrer Brust -mit jedem ihrer Worte in der seltsamen Kapelle des Eichbaums. Und sie -sah noch Georg in der Allee vor ihr stehn. Einen Augenblick später war -all dies erloschen; sie spähte mit heißer Angst links und rechts, wohin -sie noch entfliehn könnte, sah die Gestalten fern wie Gestalten eines -Traumes und setzte sich jetzt schwer in Bewegung, gehend, ohne es zu -spüren, und Schritt um Schritt mehr entleert von Bewußtsein. Sie sah die -zwei Andern und sah sie auch nicht; sie ging auf den großen zu, auf -Erasmus, der entgegenkam, den Hut in die Hand nehmend. Ihn starr -anblickend fragte sie: - -»Heut kommst du, Erasmus?« - -Er erwiderte: »Es ist Charfreitag.« - -Renate wollte noch nicht verstehn, obwohl sie aus dem Wort auch das -unausgesprochene hörte: Dein ernstester Tag. - -Warum war sein Gesicht so verzerrt? Diese furchtbare Erschöpftheit in -den vorquellenden Augen! Und den Mund bewegte er geöffnet wie im Kauen. -Dabei ging sie immer weiter, und er neben ihr, zur Terrasse, die Stufen -hinauf, über die Fläche und in die offene Tür des Vogelsaals, wo sie -dann keine Kraft mehr hatte und stehen blieb. Hier war eine kleine Tafel -weiß gedeckt und mit Tellern am Rande. Sie mußte zu ihm aufsehn. - -Tropfen standen auf seiner übermäßigen Stirn. Er bemühte sich offenbar -schwer, ruhig zu scheinen. Sie fragte: - -»Woher kommst du?« - -»Von zuhaus.« - -»Zu Fuß?« fragte sie wieder, um etwas noch hinauszuschieben. - -»Zu Fuß«, sagte er stumpf. - -»Dann hast du wohl Hunger?« - -»Ja,« sagte er gequält, »Hunger.« - -Sieh, da stand ein kleiner silberner Korb mit Brötchen, und sie hielt -ihn schon und hielt ihn Diesem hin, der Hunger hatte, wie er sagte, aber -er legte eine riesige flimmernde Hand darauf und sprach, während alles -zu Boden fiel aus ihren plötzlich kraftlosen Händen: »Nicht danach!« - -Ihr Kopf sank hintenüber; die Lider fielen zu; sie hob die Hände, legte -sie auf ihre Brust und fragte so: »Willst du?« und stöhnte. - -Dann fühlte sie, daß sie gehalten wurde, legte willenlos den Kopf an der -Schulter fest, die sie fühlte, und verlor sich für Sekunden in einem -Schluchzen der Geborgenheit. Im nächsten Augenblick hatte sie sich -losgerissen, und sie schrie irgend etwas -- »Warte!« schrie sie, »warte -noch! einen einzigen Augenblick!« -- und fand sich nach einer Flucht, -von der sie nichts wußte, auf den Knieen liegend vor einem Stuhl ihres -Zimmers, in einer Angst, einer Ratlosigkeit, einer Zerflammtheit der -Not, in der ihr die Sinne vergingen. Sie schrie, ohne Wort, ohne Laut, -um Hülfe nach irgendwem, sie stammelte Sinnloses: »Nicht beten! nicht -beten! Brennen! opfern! ich kann nicht! muß es denn sein?« Und sie stand -wieder, mitten im Zimmer, den Kopf in den Händen, wie blind. - -Trotzdem gewahrte sie dann ihre Schreibmappe auf dem Tisch und wußte -gleich, daß etwas darin war. Sie hielt sie schon in der Hand, klappte -sie auseinander und zog, ohne sich zu besinnen, aus der innersten Tasche -jenen großen, vergessenen Brief hervor, auf dem die Hand Josefs die -Worte geschrieben hatte, die sie erkannte: >Zu lesen nicht vor meinem -Tode; auch dann nur bei Lebensgefahr.< - -Aber sie zitterte nun so, daß sie sich setzen mußte. Als nach einer Zeit -ihre flatternden Hände sichrer geworden waren, riß sie den Umschlag auf, -nahm einen Pack stark und schwarz beschriebener Blätter heraus und las -dort, wo ihr der Anfang zu sein schien, die Worte: >Auszug aus meinem -Tagebuch vom 28. März bis zum 3. April< und eine Jahreszahl. 28. März -- -das war der Todestag ihres Vaters. -- Sie las weiter den Eingang: ->Seltsame und kaum zu erwartende Begebnisse ...<, und in einer der -nächsten Zeilen das Wort >Erasmus<. - -Es betraf sie, sie und ihn, da war kein Zweifel. Nun versuchte sie zu -lesen, aber die Buchstaben tanzten vor ihren Augen bis zur Zimmerdecke -hinauf; sie wartete, aber umsonst, und -- Nein, das muß er doch lesen! -dachte sie und ging zur Tür. Die Tür zum Vogelsaal, die gleich dahinter -zu liegen schien, öffnend, sah sie den Erasmus mit dem Rücken nach ihr -stehn. Während er sich wandte, erschien neben ihr Egloffstein mit einem -Tafelaufsatz, und sie winkte Erasmus mit den Augen. Augenblicke später -stand sie im Klaviersaal, drückte Erasmus die Blätter in die Hand und -sagte: »Dies mußt du lesen!« - -Er zuckte mit den Augen, als er die Handschrift sah. - -»Jetzt?« fragte er. - -»Jetzt! Vorlesen, bitte!« bat sie hülflos, zurückweichend, und sah ihn -zaudernd in der Richtung der Fenstervorhänge gehn, die in der Sonne -dunkelgelb glühten. Dort setzte er sich zwischen zweien auf einen -Armstuhl. Sie ging ihm näher, lehnte sich ihm gegenüber an die Kante des -Tisches und faßte sie mit den Händen, erschreckend vor ihrer Kälte. - -»Das kann ich nicht lesen«, sagte er, die Hand mit den Blättern sinken -lassend. - -»Ach, Erasmus, du mußt aber! Handelt es nicht von dir?« Er nickte. »Und -von mir?« Er bejahte wieder. »Dann lies!« sagte sie aufatmend und legte -die Hände zusammen. - -Erasmus las. - ->Seltsame und kaum zu erwartende Begebnisse in einem Pastorenhause. - -Wir kamen -- Erasmus, der in Marburg zu mir stieß, und ich -- am -Nachmittag in B. an, von wo wir das Kirchdorf Flor in einer kleinen -Gehstunde erreichen sollten. Es wurde ein schöner Gang. Die -spätmärzliche Luft atmete vielfach umher, lau und gefeuchtet; auf der -lehmig festen Straße standen noch Lachen vom Nachtregen, in denen Weißes -und Blaues vom Himmel sich spiegelte. Dort oben war die jugendliche -Sonne des Jahre rüstig am Werk, noch vor Abend die grauweißen Eiswälle -des Gewölks fortzutilgen, die nun schon, weithin sichtbar nach allen -Seiten, überall durchbrochen, davonjagten in voller Flucht. Mächtige -Bläuen schwebten segelnd und großherzig dazwischen; die Sonne kämpfte -rastlos. Strahlen vergoldeten das grüne Land in der Tiefe überall, und -es dampfte. Unsern Weg entlang -- Alleen weißblühender Kirschbäume -- -schloß sich Obstgarten an Obstgarten. Das waren ganze fremdländische -Stadtsiedlungen niedriger weißer oder rosigbehauchter Kuppeln, Städte -von unendlicher Zartheit, Leisheit, Empfindlichkeit. Zwischen ihnen, -kräftig und derbe, lagen Wiesenstücke und einzeln die wirklichen Häuser, -in deren Blumenvorgärten die großen Silberkugeln den Himmel zeigten, -andre im Sonnenfeuer lohten und blitzten, und darunter blühten Aurikeln -und Narzissen, standen die Tulpenreihn grade in papierner Buntheit um -die Beetränder. -- Ach Gott, sagte ich zu Erasmus, man muß zu andrer -Zeit sterben! Und wir beklagten den toten Mann, dessen wir uns vom -Begräbnis des Großvaters her wohltuend erinnerten. Wie er damals -unerwartet erschien: weißhaarig und -bärtig, unter der mildesten Stirn, -die ich sah, Augen von eisklarem Blau, tief leuchtend, mit dem -durchbohrenden Blicke der Wahrheit, Lippen umspielt vom ruhigen Lächeln -des Weisen: so hätte er uns hier grüßen sollen vom Zaun eines dieser -freundlichen Gärten, Freund der Fluren, von dem es heißt: - - Dann sieht man zwischen Reben ihn mit Basten - Die losen binden an die starken Schäfte, - Die harten grünen Herlinge betasten - Und brechen einer Ranke Überkräfte. - Er schüttelt dann, ob er dem Wetter trutze, - Den jungen Baum und mißt der Wolken Schieben. - Er giebt dem Liebling einen Pfahl zum Schutze - Und lächelt ihm, dem erste Früchte trieben. - -Im Dorf, das sich allgemach aus der Straße entwickelte, wars um so -stiller, als die ganze Bewohnerschaft im Freien, in ihren Gärten oder -vor den Türen war, schwarz gekleidete Männer und Frauen in Gruppen -überall, leise miteinander sprechend über ihre Heckenzäune hinweg oder -auf den Türsteinen, und auf Bänken und Treppenstufen saßen die -reinlichen Kinder verstummt, großäugig nur nach uns blickend. Schön, wie -hier vom Wesen des Toten letzte Flämmchen verflackerten, von bekümmerten -Händen beschirmt. Die Hauskatzen, die sich in sonnigen Flecken an Mauern -putzten, schienen sich unbehaglich zu fühlen, obwohl sie sich unbesorgt -stellten. Der Lehrer vor der Schulhaustür in einem Kreise von Männern, -barhaupt, kenntlich an seiner überhohen Stirn, ein Mann in den dreißiger -Jahren, den wir nach dem Wege zum Pfarrhause fragten, brachte die -allgemeine Kümmernis mit wahrer Ergriffenheit zum Ausdruck. »Ein Mann,« -sagte er, »wie es keinen zweiten giebt. Unser aller Vater und lieber -Freund.« Er schloß sich uns an, augenscheinlich gesprächsbedürftig, und -begann alsbald uns auf eigentümliche Dinge vorzubereiten, die wir sehen -würden, über die er weiter nicht mit der Sprache herauswollte. Plötzlich -hatten wir dann, um die Ecke in eine Seitengasse geführt, die -reizvollste kleine Barockkirche vor Augen, durch deren, den Turmhelm -tragenden Säulenkranz Himmel und Wolken sich bewegten, und leise wankten -die Säulen. - -Die Kirche lag ein wenig erhöht, vom Friedhof umgeben, den eine -niedrige, leuchtend gelb getünchte Mauer umschloß; darüber blitzte von -vielen Stellen her die Vergoldung schöner, altertümlicher Grabzeichen -aus schmiedeeisernem Arabeskenwerk um ihr Kruzifix unter bogenförmigem -Dach, und manche hatten mit starkem Blau übermalte Schilde. Zur Linken -um die Kirchhofsmauer im Bogen führte eine alte Kastanienallee, blühend -übersternt mit weißen und roten Kerzen, zum Pfarrhaus, von dem eine -Seitenwand mit zwei Fenstern übereinander sichtbar war: ein -zweistöckiger, warm gelb getünchter Bau von schlichtem Barock, wie ich -hernach sah. - -Auf die Einladung des Lehrers, uns die Grabstelle zu zeigen, gingen wir -zwischen den gleich Betten säuberlich bereiteten Gräbern voller Blumen -hindurch; allein das für den neuen Kömmling bestimmte Grab zeigte -naturgemäß keinen andern als den unbehaglich gähnenden Ausdruck all -dieser Löcher aus gelbem Sand. - -Dafür hatten wir von ihm aus über eine nahe kleine Gittertür hinweg -einen anmutigen Blick: im Ausschnitt einer wohl hundert Schritt langen -Allee noch unbegrünter kleiner Kugellinden, deren Stämme durch beinah -mannshohe grüne Hecken verbunden waren, das schmale Portal über drei -Stufen mit sandsteinernen Bogenstücken überm Sims; darüber den leise -vergoldeten Korb des Balkons vor der oberen Glastür, und endlich das -gebrochene, schwarzbraune Dach, auf welches eine große und schöne, -schneeweiße Wolke aus dem ganz reinen Blau sich eben so anmutig -niedergesenkt hatte, daß der Lehrer davon berührt wurde und zu sprechen -begann in einem zierlichen Vergleich mit einem Schrein oder Schiff, das -sich auftun möchte, eine kleine Schar singender und musizierender Engel -zu zeigen. Er fuhr fort mit gedämpfter Stimme: - -»Sie« -- seine Dorfleute meinend -- »glauben, daß er mit solcher Liebe -an der Erde hing, daß er sich nun nicht losmachen kann; und sie würden -gewiß nicht erstaunen, wenn solch ein Wunder sich zeigte, daß er mit -himmlischen Instrumenten hinaufgelockt würde. Denn« -- er lächelte -- -»wir sind zwar gut lutherisch dahier, aber ganz vergessen ist die alte -Lehre doch nicht. Davon zu schweigen, daß das Wunder das liebste Kind -_jeden_ Glaubens ist.« Er verstummte, auf das schwärzliche Netzwerk der -nächsten Lindenkuppel deutend. Die schwarze Figur einer Amsel saß darin, -als sei sie gefangen. »Sie singt nicht,« sagte der Gute, »alle Sänger -sind seit vorgestern völlig verstummt. Freilich, --« setzte er -verständig hinzu, »viele sind ja noch nicht zurückgekommen, doch haben -wir mehrere Meisenarten allein, die überwintern.« - -Der Erasmus nickt ernsthaft. In Naturwissenschaft ist er mir mit dem -Lehrer weit voraus, und so mag er lange bemerkt haben, was mir entging. -Auch zeigte alles sich so frisch, luftig, österlich! Noch, als wir den -Lindengang hinab und vor dem Hausportal waren, mußte ich mich künstlich -vorbereiten auf Tod und Totes. Allein -- was war nun das, was wir fanden -im Haus? - -Der Papa trat uns im Hausflur entgegen, verweint, aber doch mehr -bedrückt aussehend als schmerzlich, grüßte uns leise und führte uns -durch ein großes und mit weißen Abgüssen von Büsten und Figuren zwischen -den Bücherregalen feierlich heiteres Arbeitszimmer in ein um so -einfacheres Schlafgemach, wo der Schein zweier Kerzen im verdunkelten -Tageslicht wie mit einem Ruck alles deutlich und fest machte, -- -sonderbar genug, wie immer das Kerzenlicht am Tag nicht erhellt, sondern -zu verdunkeln scheint. Diese beiden, wächsern und lang in hohen -Leuchtern, brannten auf einem durch eine schwarze Decke zum Altar -verwandelten Tisch an der Wand; zwischen ihnen das Bibelbuch, blinkend -in Goldschnitt, vor einem glatten braunen Kreuz, ohne Heiland, jedoch, -wie der Tisch, mit einer Girlande von Aurikeln und Primeln umwunden. Zur -Rechten davor der Sarg zeigte offen sein bettweißes Inneres; der Deckel -lag daneben. Links stand das Bett mit dem Toten, von dessen Antlitz mein -Vater das Tuch fortnahm. - -Aber so hat von allen Toten, die ich zu sehen bekam, noch keiner -ausgesehn am dritten Tage des Totseins. Anstatt in der wächsernen Gelbe, -zeigte diese Stirn und das Sichtbare der Wangen sich so weiß wie das -Haar und der Bart; weiß, durchscheinend gleich Alabaster, und die Hände -waren ganz so. Erschreckend darin die zwei Augen; weitoffen, gefüllt mit -stumpfem Blau, starrten sie nach oben. - -Ob sie nicht zu schließen seien, fragte ich nach einer Weile. Der Papa -stand weinend und zuckte die Achseln. »Wer sagt denn, daß er tot ist?« -murmelte er dann erschöpft. Ich fragte: »Der Arzt ...?« Er schüttelte -den Kopf und bat uns, ihm zu folgen. - -Durch das Arbeitszimmer zurück führte er uns über den Flur und öffnete -eine Tür an der Westseite des Hauses. Alle Drei standen wir da geblendet -vor einem Raum aus Feuer und Gold; einem nicht eben großen, -quadratischen Zimmer mit, wie ich bald wahrnahm, weißgoldenen Wänden, -durch dessen gläserne Gartentür und das Fenster die tiefe Sonne in -prachtvollem Strome hereinschwoll. Der Raum schien menschenleer; vor -seiner einsam lodernden Feierlichkeit befremdete mich der Anblick von -uns drei großen und schwarz gekleideten Eindringlingen, und ich sah die -beiden Andern zögern, hineinzugehn. Nun blickt ich mich um, und ich -glaube, selten etwas so Liebliches gesehen zu haben wie dies einfache -Gemach mit weißer, leise golden getupfter Tapete, wo kleine graue -Stahlstiche hingen, und mit goldgelben Möbeln aus den zwanziger Jahren, -Schreibsekretär, Vitrine, Kommode und Spiegel. Ein runder Tisch im -Kreise der Stühle trug einen Kristallkelch mit einigen Narzissen; er -stand vor dem Sofa an der Wand, das mit einem erdbeerfarbenen -Damaststoff bespannt war, und dessen eines Ende verdeckt war von dem -einzigen Düsteren im Raum, einem schwarzen japanischen Wandschirm mit -eingestickten silbernen Bambusrohren und dergleichen, auch er, wie alles -umher, von der Verzaubrung des Lichts mit glühendem Rot überzogen. Fee -oder Göttin, dachte ich, was für ein Wesen mag das sein, dem dieser -Feuerschrein als Behausung dient? -- Und noch, während ich den Papa auf -Zehen durch den Raum gehen sah, besann ich mich vergebens auf Gestalt -und Züge einer flüchtig gesehenen Fünfzehn- oder Sechzehnjährigen mit -Namen Renate. - -Indem rückte mein Vater den Wandschirm überseite und enthüllte die -sitzende, gleich rosenhaft überflossene Gestalt eines schönen, -anscheinend blonden Mädchens in weißem Kleid, das uns aus groß offenen, -hyazinthblauen Augen so gläsern anstarrte, als wars eine Puppe. Den -Erasmus sah ich zurückfahren. Es war freilich gespenstisch, sie ebenso -hinter dem Wandschirm sitzen zu denken, wie sie nun fortfuhr, ohne -Bewegung, ohne Blick. - -»Aber sie ist nicht tot?« hörte ich die Stimme meines Bruders sehr tief. -Mein Vater verneinte stumm. Wir traten näher. - -Sie war schön. Untadelhaft schön. Schöner vielleicht als alles. Die -Starrheit der Augen beeinträchtigte die Umgebung. Das Haar, nicht blond, -sondern von einem mir unbekannten hellen Braun, war, in der Mitte -gescheitelt, so um die hohe Stirne gelegt, daß sie ganz frei blieb, dann -tief nach unten gezogen, wie man es auf Bildern der vierziger Jahre -sieht, und der Adel und die Reinheit dieses Giebels von Alabaster war -unendlich ergreifend. Das ganze, schmale Gesicht war schneeweiß und -durchscheinend klar wie des Toten; ebenfalls das Paar der Hände und -bloßen Unterarme, und ich hatte so sehr den Eindruck des aus allen -Gliedern zum Herzen hineingesogenen Blutes, daß es mir dort innen -erschien wie ein Glasgefäß, herzförmig, blutrot gefüllt; in einer Figur -aus gesponnenem Glase. - -Ich rührte eine von diesen Händen an; eiskalt und steif; kaum zu -bewegen. - -»Was ist mit ihr?« fragte ich. Allein statt einer Antwort vom Vater -hörte ich das leise Klirren der Glastür und sah ihn ins Freie treten. -Als ich mich nach Erasmus umwandte, stand er, die Hände auf die -Tischplatte vor sich gestützt, übergebeugt, die Sitzende so starr -anblickend wie sie ihn, ohne meiner zu achten. - -Meinem Vater nachgehend, sah ich ihn jetzt so hübsch in dem Garten -stehn, auf einem bewegten Grund weißgetünchter, weißwolkiger Obstbäume, -blühende Zweige zu Häupten, zwischen Tulpenrabatten, etwas schief -haltend wie zumeist den von der Abendglut noch rosiger als gewöhnlich -gefärbten Kopf, seine goldene Brille putzend mit dem Taschentuch, -- so -hübsch, wie gesagt, so lebendig, daß ich ihm ernsthaft wünschte, als -Pfarrer hierherzugehören, anstatt den Fabrikherrn spielen zu müssen, was -ihm doch nie recht gelang. - -Ich begab mich hinaus zu ihm und wiederholte meine letzte Frage: »Was -ist mit dem Mädchen?« - -Er sagte: »Seit ihr Vater tot ist, ist sie so. Er starb -- der Arzt -sagte, daß er starb; wir waren Beide zugegen -- er starb unerwartet -gegen Morgen. Ich wollte sie rufen, als er noch atmete; da saß sie schon -fast wie jetzt, nur furchtbar keuchend, sonst starr. Ich mußte sie -verlassen. Seitdem haben Beide sich nicht verändert. Nun schon den -dritten Tag. Und«, er stockte, »ich fürchte mich, ihn zu begraben.« - -Ob er glaube, fragte ich, daß da Zusammenhang sei zwischen der Lebenden -und dem Toten? Und ich wiederholte ihm die Worte des Lehrers vom -Nichtfortkönnen des Toten. - -»Muß mans nicht glauben?« murmelte er gedankenlos, ich weiß nicht auf -welchen meiner Sätze als Antwort. - -»Der Arzt?« - -Sei ratlos wie er selber. - -Das Verhältnis, meinte ich, von Vater und Tochter sei zweifellos sehr -innig gewesen. - -»Das innigste!« Nun wurde er beredt. »Sie lebten jeder nur dem Andern -und durch den Andern. Ihre Mutter starb ja, als sie zwei Jahre alt war. -Mein Vater hatte ihn verstoßen. Alldas mußte sie ihm sein. Wenn du im -Dorf fragst, wirst du Wunder erzählen hören von dem Mädchen, seiner -Schönheit und seiner Klugheit, seiner Lieblichkeit, Güte und Würde. Er -war einer der tiefsten Menschen, und sie wuchs ganz aus seinem Erdreich, -in seiner Luft. Die Leute sagen: sie war sein lebendiger Segen unter -uns. Ich hörte sie die Orgel spielen, kurz vor seinem Tod. Stelle sie -dir vor --, eine andre Cäcilie.« - -»Vermutlich also«, fragte ich in plötzlicher Eingebung, »spielte auch -dein Bruder die Orgel?« - -Er nickte. - -»So muß man«, sagte ich, »die Orgel spielen, um sie aufzuwecken.« - -Er sah mich verwundert an. Das sei ein Gedanke, meinte er, wie ich -darauf komme? - -»Willst du spielen?« fragte er nach einer Weile. - -»Leider«, mußte ich bekennen, »ist mir die Orgel ganz fremd. Es müßte -auch ein Stück sein, das der Tote kennt, ein Lieblingsstück vielleicht, -und ich lese, wie du weißt, keine Noten.« - -Damit schlug ich den Lehrer vor, der wahrscheinlich Organist an der -Kirche sei. - -Ich hatte mich aber noch kaum zur Türe zurückgewandt, so ereignete sich -das Seltsame, daß die Orgel ertönte. Klar auftretende, lang gezogene -Töne kamen herüber, andre Stimmen mischten sich präludierend herein, -noch leise; dann mit plötzlich erschreckendem Brausen und voller Macht -breitete sich die Kantate Bachs: Mein gläubiges Herze, frohlocke sing -scherze! wundervoll jubelnd in die Lüfte. -- Später erfuhr ich dann, daß -der Lehrer, dem es eingefallen war, das »Leibstück des Seligen«, wie er -sagte, zu spielen, es freilich nicht aus unserm Gedanken heraus, sondern -schlicht aus seiner und Aller Bedrängnis gespielt hatte. - -Als mein Vater und ich in die Tür traten, hatten wir die befremdliche -Erscheinung, in der rechten Ecke des Sofas uns gegenüber -- in der -linken saß das Mädchen -- den Erasmus sitzen zu sehn; den Arm auf der -Rücklehne, seitwärts und zu ihr gewandt, saß er still und wie sie -unbeweglich. - -Aber keine Wirkung des Orgelspiels ergab sich; nicht die geringste. - -Ich weiß eigentlich nicht, warum das so war. Wenn es wahr war, daß diese -Beiden einander so verhaftet waren im Leben, daß sie sich nicht -losreißen konnten; daß nun die Lebendige hier angeschlossen war an die -Erstarrtheit des Todes, und der Tote angeschlossen ans innere Feuer des -Lebens, zu einem grausamen Gleichgewicht Beide des Nichtsterbenkönnens -und Nichtlebens, -- so mußte es einen Weg geben, das magische Band zu -zerreißen. Magische Bande sind stark, aber zart, und allzuzart immer -gegen das Hiesige. War die Erstarrung so tief? War sie ganz taub für die -Welt? Sie blieb unverändert. - -Es dunkelte derweil. Der Choral: Nun ruhen alle Wälder legte sich wie -ein dunklerer Strom über das schon versinkende Licht, und als er -verstummte, hatte die schweigsame Welt sich geteilt in weite, leuchtende -Klarheit oben, in verschattete Enge unten, wo mit bleicherem Weiß nur -die blühenden Kuppeln noch das Licht festhielten. - -So ist es nun. Die Nacht kam; ich übernahm für den erschöpften Papa die -Wache beim Toten und schreibe in mein Buch, das ich durch Lis vorahnende -Aufmerksamkeit im Koffer fand. Wo ist Erasmus? Ein drittes Mal war ich -eben an der Tür von Renates Zimmer, und nach wie vor fand ich ihn in der -Ecke des Sofas, ruhig scheinbar, sitzend mit untergeschlagenen Armen, -ihr zugewandt, die dasitzt unverändert, eine lebensgroße Puppe, -starräugig im Dunkel. - -Geheimnisvolle Vorgänge fördern das Geheimnisvolle zutag. Doch war mir -stets klar, daß in diesem riesigen und etwas ungeschlachten Leib sehr -zarte Kräfte daheim seien. Und so wie Andre die feine Dryas das -Blattwerk der Eiche haben zerteilen sehn, so konnte ich wohl im -Nachtdunkel, über seine Schulter geneigt, das erschimmernde Haupt jenes -Rätselhaften gewahren, dem es einmal sich loszumachen gelang und seine -Kraft zu gebrauchen. - - * * * * * - -Die dritte Nacht unseres Hierseins, die fünfte seit dem Tode des alten -Mannes. Es ist nichts verändert. Wir haben ihn nicht begraben. Selbst -wenn ich nicht an einen Zusammenhang der zwei Menschen glaubte, dessen -gewaltsames Zerreißen dem lebendigen Teil überaus schädlich sein könnte, -würde ich nicht dazu raten, einen Menschen unter die Erde zu bringen, -bevor er deutliche Zeichen des Verstorbenseins, der Verwesung von sich -gab. Die Luft aber in diesem Haus --, sie kommt mir fast reiner als -anderswo vor. Seitdem ich es weiß, empfinde ich lebhaft das -Verstummtsein der redebegabten Natur, und ich habe Stunden damit -verbracht, in der Nähe des Hauses Spatzen und Meisen zu beobachten, die -keinen Laut hören lassen. Äußerst selten einmal ein schwaches Zirpen, -das augenblicks erstirbt; sonst nichts. Ärzte, die wir riefen, kamen und -gingen kopfschüttelnd: wer den Toten sah, sprach vom Mittel des -Aderöffnens; hatte er danach auch das Mädchen beobachtet, so hüllte er -sich in Schweigen. Der Papa ist am Rande seiner Kraft, ich selber bin -ungewöhnlich erregt. Dies dauert bedenklich lange; kein Ende ist -abzusehn, -- bei meinem Dämon, ist das Liebe, was dergestalt Lebendes -und Totes zusammenschmolz, oder ist es nur Blut? Und wenn ich mich -hineindenke: Allmächtige Dinge und andrerseits soviel Ohnmacht? Dann: -Wie schauerlich dieser Kampf der zwei Kräfte, von denen keine die -Oberhand gewinnt, und man glaubt sie keuchen zu hören durch die ewige -Stille: Ich lasse dich nicht, du segnest mich denn! Und wo ist hier -Jakob, wo der Engel? Wie lange die Nacht solchen Ringens? Wie lang zum -Hades, Psyche, dein Weg? - -Und nun dazu: emsig, emsig die dritte Kraft bei ihrer Arbeit zu wissen, -die sich hineingraben will in den Gneis. Erasmus, seltsamer Geist, der -sich augenblicks, so bereit, als habe er nichts andres im Sinne gehabt, -in dieser Aufgabe verfing, -- davon zu schweigen, daß kein Andrer -vielleicht sie gesehen hätte. Solang wir hier sind, während mein Vater -hülflos seinen Gestorbnen betrachtet, ich mich in der Landschaft -herumtrieb, mit den Dorfleuten sprach -- die übrigens gar nicht so -verstört scheinen, sondern vielmehr als verstünden sie sehr gut, was -hier vorgeht --, oder ruderte auf dem Rhein, der in einer Biegung -halbstundenweit dem Dorf nahe kommt, -- tagein und tagaus, nachtein und -nachtaus weicht er nicht von dem Fleck, den er besetzte. Wann er -schläft, kann ich nicht sagen. Speise nahm er erst keine; später, als -wir Milch und Weißbrot neben ihn stellten, merkten wir nach einiger Zeit -in Pausen einige Verminderung und konnten es auch erneuern. Der Wille, -sagt man, tut Wunder. Und der seine, geschult seit immer, wie ich glaube -daß er ist, muß ihm folgsamer zu Dienst sein als jedem Andern. Möchte es -ihm dann gelingen, diese reine Seele in die seine hinüber -- - - * * * * * - -Ich wurde unterbrochen. Erasmus kam ins Sterbezimmer, wo ich schreibend -saß, augenscheinlich auf der Suche nach mir, denn er erklärte -- ganz -ruhig übrigens, beinah sanft --, er verlasse das Haus für eine Weile und -würde mich später um etwas zu bitten haben. Seitdem sind drei Stunden -vorüber; auch dieser schön ersonnene Versuch ist gescheitert, aber die -Ungewöhnlichkeit des Vorgangs macht mir ihn wert, ihn zu beschreiben. - -Erasmus also kehrte zurück, eine Decke in der Hand, in die er das Wesen -hüllte, worauf er sie auf die Arme nahm und mich aufforderte, mit ihm zu -kommen. - -Die Nacht war sehr kühl, sternlos, windig und feucht; vollkommen dunkel. -Erasmus mußte die Wege in der Gegend von seinem früheren Besuche her -kennen, denn er ging mit vollkommener Sicherheit durch das Finster, kaum -einmal strauchelnd im aufgeweichten Boden. Da meine Augen die Gabe -haben, besser als andre im Dunkel zu sehn, erkannte ich bald den Weg, -der durch die Weingärten zum Rhein führen würde. Erstaunliche Einfälle, -bei Gott, hat dieser Mensch! Physik und Metaphysik, welche von beiden, -dacht ich, hat ihn auf diesen Gedanken gebracht, denn ich will nicht -mehr Montfort heißen, wenn er nicht vorhat, das starre Geschöpf in den -Rhein zu tauchen. Sie ist aus diesem Boden gewachsen, der Gedanke ist -vernünftig, die Natur hat unbekannte Kräfte, Verbindungen, Zauber, -- -wahrhaftig, er hat recht, man muß sie in den Strom versenken, und was -auch die Folge sein wird, Tod oder Leben, das unnatürliche Band wird -zerreißen, und wenn er Glück hat, so gelingt es ihm, ihre Seele feurig -aus dem Gewässer zu heben, wo er ein eisiges Bildnis versenkte. So dacht -ich und fühlte das Kostbare der vom Rhein herüber hauchenden Luft von -fast feuriger Kälte; reinen Odem der Erde und so ungebraucht, daß ich -mich zurückversetzt fühlte in der Zeit um Jahrhunderte. - -Wir kamen ans hohe Ufer, das uns für Minuten der Mond, ein kaltes -Halbgesicht im Gewölk, sehen ließ, dazu in der Tiefe die ruhig nachthin -strömende Fläche, rastlos erfüllt von einem andern als dem Geiste der -Feste, -- zu der eine schmale Treppe zwischen den Rebstöcken -hinunterführte. Der Schattenriß eines langen Kahns war dort unten. Die -kahlen Ufer, hügelig im verfahlten Licht, erschienen öde. Mein Bruder -senkte seine Last auf den Boden des Nachens und legte sie, wie sie -liegen konnte, seitwärts, worauf er zwei lange Stangen aufnahm und mir -eine gab mit dem Bemerken, hier sei es zu tief für ihn, aber weiter -unten im Strom eine Furt. -- Weshalb er schon jetzt seine Kleider abwarf -und am Ufer niederlegte, erklärte er mir noch, indem er mich bat, falls -das Mädchen zu sich kommen sollte, allein mit ihr ans Ufer zu fahren und -ihn zu erwarten, der zu Fuß zu seinen Kleidern zurückgehen würde. - -Im Fahren hatte ich dann meine Freude an seiner heroischen nackten -Gestalt, die in der Spitze des Kahns mit erhobenen Armen gleichmäßig -einmal über das andre die Stange ins dunkle Gewässer senkte und wieder -heraufholte. Wir stießen den Kahn in die Strömung und konnten ihn -treiben lassen. Wir fuhren lautlos und rasch; kaum vernehmbar, von den -Ufern her, rauschte das Wasser. Einige Minuten später hörte ich den Kiel -auf Steinen knirschen; wir saßen fest. Erasmus sprang in die Flut und -watete zum Ende des Kahns, wo sie bereits seine Hüfte überstieg; ich hob -die Scheintote aus ihrer Decke, legte sie in seine Arme, sah ihn tiefer -ins Dunkle watend versinken und sie mit ihm. Als nur noch ihr Haupt, -bleich und wie steinern, die Fläche überragte, schienen mir anderthalb -Jahrtausende noch nicht gewesen zu sein. Der Rhein floß durch die -römische Provinz; wir senkten geheim ein Götterbild in den Strom, -letzter Schutz vor den Eifernden einer neuen Lehre. - -Erasmus dauerte aus. Mir fielen die Augen zu, geschläfert vom -einförmigen Gurgeln des Flusses, der lauter und lauter zu rauschen -begann. Dann hörte ich die Arbeit des Gewaltigen durch die Jahrtausende, -die den Schiefer benagte, furchtbar rastlos. Die Einsamkeit wuchs überm -Strom. Es war kalt. Aber in einem Halbjahr würden diese jetzt kahlen -Hügel überschüttet sein mit den süßen Gefäßen des Feuers, eine einzige -Glut alles überwogt haben, brennend vom ausgeschütteten Pfeilhagel einer -unerschöpflichen Sonne. Und hier bei mir im Strom -- -- bei -halbgeöffneten Augen sah ich im Zenit der Nacht quellendes Licht, -Wolkenumrisse, und jetzt in meiner Tiefe dunkel die Fläche des Stroms, -glänzend darin eine Mannsschulter, nackt, ein dunkleres Haupt, und -daneben das Alabastergesicht über dem Wasser. Ganz mächtig im Eisigen -dieser Flut spürte ich da die lebendige Glut seines Leibes, seiner -Seele, und so tief, daß es mich schauderte meiner Kühle. Rufe die -Götter, dacht ich, Pygmalion! Ich ward fast neidisch. - -Ich fuhr auf, da etwas vor mir niedergelegt wurde, -- der schöne, -leblose Leib in triefenden Kleidern, und Erasmus, erschöpft, übergeneigt -aus dem Wasser, die Fäuste im Kahn aufgestützt, keuchte etwas wie, daß -er sie in Blut baden möchte. - -In Blut. Er meinte das seine und starrte mich böse an, als ich sagte, -daß man vor einigen tausend Jahren ein jugendliches Roß oder -jungfräuliches Rind geopfert haben würde. Die Unselige dauerte mich -wahrhaftig, und dieser Blutgedanke ließ mich lange nicht los, während -wir uns stromauf stakten. Alle Zauber wohnen allein in dem Blut. Ein -mittelalterlicher Quacksalber würde ihr längst eine Ader geschlagen -haben und womöglich das Rechte getroffen. - -In der Haustür empfing uns die alte Dienerin, die von Erasmus -verständigt sein mußte, denn sie ging uns wortlos voran bis in ein -kleines weißes Schlafzimmer, wo sie Licht, Decken und Tücher bereit -hatte, und wo wir sie mit der Leblosen auf ihrem Bett allein ließen. -Erasmus frottierte sich warm, legte sich und schlief alsbald ein; -weniger abgemattet als er und heftiger erregt machte ich mich ans -Schreiben. Eben ist die Sonne am Aufgehn. - - * * * * * - -Fünfter (oder siebenter) Abend. Mein Vater entschloß sich, das Begräbnis -für morgen anzusetzen. Die ganze Umgegend ist in Aufruhr, die Leute -strömen in Scharen herbei, es kostet Mühe, sie vom Zimmer Renates -fernzuhalten, wo unveränderlich, wie ich ihn fand am Vormittag nach -jener Nacht, Erasmus ihr gegenüber sitzt, und sie anglüht rastlos mit -brennenden Augen der Seele. Dieser Mensch macht mir Grauen mit seiner -Leidenschaft. Wenn er seine Seele aushauchen könnte als eine Glutwolke -um die Erstarrte, so würde ers tun. Armer Pygmalion, wenn sie wirklich -erwacht und ist dann nur ein Mensch, der nichts weiß und nichts ahnt, -was dann? - -Gleichfalls unwandelbar der Tote auf seinem Bett, unverwesend. Neben dem -sitzt sein Bruder, unselig, verfallen und hülflos. Ich greife mir an den -Kopf und frage, woher das Ende kommen soll? - - * * * * * - -Und da ist es, das Ende. - -Preis und Ehre dem Siegreichen! Ja, alle Ehrfurcht, mein Bruder, vor -dir, ich hatte das nicht von dir gedacht, und sei überzeugt, ich werde -es dir nicht vergessen! - -Schlafen gegangen nach Mitternacht, erwachte ich vom dumpfen Laut eines -Falles und sah, daß die Sonne noch über den Rand der Erde nicht herauf -sein konnte. Das seltsame Luftgrau des Morgens. Ich lausche, höre -Bewegung unter mir im Zimmer des Toten, wo mein Vater auf einem Diwan -schläft, springe aus dem Bett, eile treppab und treffe im Flur mit dem -Vater zusammen. Wir öffnen die Tür; vor uns, fast daß wir über ihn -strauchelten, liegt ein riesiger Körper, Erasmus. Und das Mädchen, -Renate? Es ist hell genug, daß wir sehen können: sie sitzt dort, aber -nicht wie bisher. Ihr Kopf ist vornüber geneigt, die Schläfe liegt am -Polster der Lehne, wir treten hin zu ihr, da hören wir schon, daß sie -atmet. Sie schläft. Ihre Hände, ihr Gesicht waren heiß, ihre Wangen -glühten, kleine Perlen standen in der Nähe des Haars. Als die Sonne da -war, konnten wir sehen, wie die Wangen gerötet waren: ein ganz helles, -scharlachnes Rot, zart wie Morgenhimmel und so unschuldig wie eines -schlafenden Kindes. - -Auf die Bitte meines Vaters hin hob ich sie auf und trug sie zu ihrem -Bett, ohne daß sie erwacht wäre. Ihre Glieder waren sehr weich; sie war -wieder schwer. - -Dann, mit einiger Mühe, gelang es uns, den Erasmus zu wecken, der beim -Fortgehn dort zusammengefallen sein mußte, und ihn mit vereinten Kräften -treppauf und zu seinem Bette zu schleppen, wo er hinfiel und schlief. -Später am Tag sah ich ihn dort. Auch sein Gesicht glühte, erschöpft, -schweißbedeckt, gemagert, aber umlodert von solchem Adel, daß ich mich -abwandte. - -Der Tote aber verfiel so schnell, daß wir nicht genug eilen konnten, ihn -einzusargen. Schön war noch dies: Wie jeden Morgen war der wackre Lehrer -der erste, der anzufragen kam. Nachdem er die Schlafende gesehn, -entfernte er sich eilig, und Minuten später hörten wir die Orgel -überlaut _Te deum laudamus_ brausen. In die Haustür tretend, sahn wir -den Heckengang unter den Linden von der Kirche bis nahe ans Haus gefüllt -von knieendem Volk. Mein alter Vater winkte ihnen mit den Händen und -weinte erschöpft auf; da brachen sie Alle in Schluchzen aus, das die -Orgel übertönte. Mir fiel ein, daß es gut sein möchte, wenn der -löwenhafte Zerreißer jenes Bandes auch in sich selber die alte Kette -zerrissen hätte, die ihn solang als gefesselten Sklaven zwischen uns -herumgehen ließ. Siehe da, der Sklave war stärker als Alle!< - - * * * * * - -Renate befand sich, als die lesende Stimme schwieg, nicht mehr an dem -Tisch gegenüber, sondern in der entlegensten Ecke des Raums, wohin sie -ohne ihr Zutun geraten war. Dort saß sie im Stuhl vor dem Harmonium, die -Hände lautlos ringend auf dem Deckel, dann und wann aufblickend unter -den Schnitten der Qual, wo in klar leuchtenden Farben ein Bildwerk hing, -eine sitzende weibliche Gestalt in der Landschaft, an die sie umsonst -ihr wortloses Stammeln richtete. In ihrer übermenschlichen und -namenlosen Aufgabe begriffen, grübelte sie wieder und wiederum -väterlichen Lehren nach, doch nicht ihm selbst, dessen Namen nicht -einmal sie zu denken wagte; unzähligen seiner Auslegungen um den Kern -seiner Lehre, die ihr zu einer Erkenntnis helfen sollten, und eine ewige -Weile lang schien alles vergebens. Plötzlich sah sie Erasmus dasitzen, -ganz still, den Kopf gesenkt, die Blätter noch in der Hand, nichts als -ergeben, -- und mit einem zuckenden Schrecken spürte sie, daß etwas am -Gelingen war, wie ein Ding, an dem sie würgte und knetete, oder als -hätte das Ungeborene eben gelächelt. Und nun weiter, weiter in der -ganzen wütenden Not und Mühsal und Verzweiflung und Zerrissenheit des -Gebärens, wälzte sie Glied um Glied und Atemzug um Atemzug näher zum -Leben, was herauf sollte aus dem erstickenden Schlund, -- und endlich -mit einem reißenden Schmerzensstrom und einer sausenden Wonne zugleich, -fuhr es, stand es, schwebte es in das Leben, und es war Demut. - -Glieder und Odem und Blut aus seliger Demut: ihre geborene Seele trug -sie nun, lallend, weinend, behutsam, noch ungläubig, -- trug sie durch -einen Raum weitoffener Leichte zu jenem Menschen hin, der da saß wie ein -stiller Mönch, und sagte: »Mach du mich rein!« Ihre Knie beugten sich -tiefer, ihr Nacken bog sich in dieser neuen, heiligen Wonne der -Dienstbarkeit, ihre ausgestreckten Hände brannten von Eifer und -Seligkeit, das reinlich erschaffene Juwel der Empfängnis hinzulegen. Und -so lag sie wohl auf dem Boden, lächelte, weinte und sagte: - -»Ich will dich lieben!« - - - Erasmus (Fortsetzung) - -Als Renate die Augen aufschlug, fühlte sie sich zuerst sehr müde. Mit -einem schwachen Gefühl der Enttäuschung, daß sie nicht schlief, -erinnerte sie sich, die Besinnung nicht verloren zu haben, und deutlich -auch, daß Erasmus sie aufgehoben und davongetragen, dabei zweimal nach -dem Weg zu ihrem Zimmer gefragt --, ja, daß sie zuerst gesagt hatte: In -mein Zimmer! Sie hatte die Wände, das Treppenhaus an sich vorbeiziehen -sehn, und nur war das in einer Art Starre vor sich gegangen; ihr Körper -schien Ähnlichkeit zu haben -- und vielleicht auch die Seele, -- mit -einem von betäubendem Schlage getroffenen Glied, das empfindungslos -geworden ist, und sie meinte noch jetzt, ihre Hände, ihre Füße, ihren -Kopf nicht zu fühlen. Als sie aber jedes ganz leise bewegte, war es da, -nur äußerst leicht und entfernter als sonst. Und dies -- sie wußte es -wohl -- diese Leichte, diese Wärme, das war alles wie damals; damals als -er, der sie heute trug, sie zum ersten Mal aus dem Eise befreit hatte -... Daß sie die Augen geschlossen hatte, als sie niedergelegt wurde, -wußte sie, und bestimmt, daß sie höchstens einige Minuten geschlafen -hatte. Nun sah sie die Fenster ihres Zimmers, das im Schatten lag, etwas -kahles Gewipfel und den Regen, der leicht niederfiel. Es war hell -draußen von entferntem Sonnenschein, und sie hörte Gezwitscher. Und im -Fenster zur Linken -- sie war etwas geblendet -- befand sich ein -menschlicher Schatten: Erasmus. - -Plötzlich spürte sie die Wärme, in die sie gebettet war, ja, die ihr -ganzes Wesen erfüllte, und daß sie trotz schwerer Müdheit mit einem -unendlichen seelischen Behagen gesättigt war. Eine von innen quellende -Wärme, die duftete und an die wundervolle Wärme eines uralten -Kachelofens erinnerte mit seinem Holzfeuer und vielen kleinen -Darstellungen aus dem Leben Mosis, im heimatlichen Flor. Sie meinte, -sich weder bewegen, noch einen Laut hervorbringen zu können, aber das -Gewebe der Wärme, aus dem sie ganz und gar bestand, regte sich so atmend -auf und nieder, daß sie zu fühlen glaubte, wie sie es mit ihren -Atemzügen an sich zog und ausdehnte, und sie dachte: ich bin wie ein -Licht. - -Die Helligkeit blendete nun nicht mehr, und nachdem sie ihr Auge von der -Steppdecke, mit der sie bedeckt war, über die Wände mit ihren vielen -kleinen, zartfarbenen Pferdebildern hatte gleiten lassen, ließ sie es an -Erasmus haften, leicht hängen bleibend wie ein Falter. - -Er saß auf der Fensterbank mit einem Oberschenkel, das andre Bein leicht -ins Zimmer gestreckt, das ihr der Tisch vor dem Sofa etwas verdeckte, -und sah, etwas vorgebeugt, nach unten, so daß sie sein Gesicht fast ganz -im Profil vor sich hatte. Dabei hatte seine Haltung mit dem einen auf -den Schenkel gestemmten Arm einen Ausdruck von Ermüdung und großer -unbewußter Würde. Und nun mit immer der gleichen Leichtheit im Bewegen -ihres Blickes alle Linien seiner Züge nachziehend, fand sie, daß er -sonst nicht schöner geworden war. Das Ganze schien so überaus -unglücklich zusammengestellt; das Kinn viel zu klein, obgleich es an -sich recht fein, ja fast zierlich gemeißelt war; die Oberlippe zu lang -wie die Nase, die obendrein eingedrückt war; und nun erst diese zwei -unmäßigen Buckel der Stirn über den überstarken Augäpfeln, Felsen -gleich, die aneinandergelehnt sind, und die Einbuchtung zwischen ihnen -war oben tief eingegraben, und dort schlug sichtbar ein Puls. Das -mißfarbene Haar war dünn und auf der Kopfmitte gelichtet; Nacken und -Hinterkopf, wie mit dem Beil geschlagen, zeigten eine einzige lange -Linie. Und trotz allem diesem machte das Ganze keinen abschreckenden -Eindruck; höchstens einen etwas furchterregend anziehenden, und es -gefiel Renate, daß seine Lider, nicht wie bei anderen Menschen, -klappten, sondern sich ruhig und selten nur legten und wieder hoben. Da -war Geduld, Gelassenheit, Ruhe, und es erinnerte übrigens an Bogner. - -Eine Hand neben sich aufstützend, richtete Renate sich auf, im -Bewußtsein berührt von einem sehr zarten Gefühl für diesen Menschen, und -nun überrascht von der Leichtigkeit, mit der ihr jede Bewegung gelang. -Ach, die schöne Wärme, die mit in Erschütterung gekommen war und nun an -vielen Stellen zugleich quoll und verrieselte! Sie setzte sich, erfreut, -daß es unhörbar gelang, in der Sofaecke aufrecht, und sagte dann leise -nichts als: »Nun?« - -Er wandte sich, stand auf und kam an den Tisch, lächelnd mit einem -Schatten von Besorgnis; sehr wohltuend war ihr dann das innerliche -Dröhnen seiner Stimme, als er fragte, wie sie sich befinde, und ob sie -etwas wünsche. - -»Befinden?« sagte sie, »gut. Und wünschen möcht ich gern, daß du dich -wieder hinsetzest wie eben.« - -Er gehorchte lächelnd, nur daß er jetzt den Arm nicht aufstützte und -Rücken und Hinterkopf grade an den Rahmen des Fensters legte, erhobenen -Haupts, und diese Haltung von Stolz und Geduldigkeit gefiel Renate noch -besser. Ich glaube, dachte sie bei sich, diesen Menschen zu lieben, ist -das Leichteste von der Welt. - -Es tat ihr nun alles wohl; ihre Gedanken bewegten sich sacht, schwebend -und doch sicher, nur war sie auf eine angenehme Weise geteilt in Nähe -und Ferne, so daß es eng war um sie selber und alles andere fern, und -daß sie niemals mehr als einem Gedanken zurzeit nachgeben konnte. Laut -zu sprechen, war nicht gut möglich, aber auch nicht nötig. - -»Und nun, Erasmus,« bat sie nach einem Weilchen, die Augen schließend, -»mußt du mir alles sagen. Ja, jetzt gleich. Ich will dir sagen, wie ich -es meine. - -»Es giebt eine alte jüdische Legende vom Tode Mosis. Gott schickte alle -Engel zu Moses, um ihm zu sagen, daß er sterben müsse, aber er weigerte -sich. Da kam Gott selber und begann, ein Grab zu graben. Und während er -dies tat, erzählte Moses dem Herrn sein Leben.« - -Obgleich sie wußte, daß es auf dem Ofen in Flor von diesem Vorgang keine -Darstellung gab, sah sie deutlich die alten, dunkelgrünen Kacheln mit -den undeutlich gepreßten Bildchen und darunter das, wo Moses am Berge -sitzt; etwas unterhalb der langbärtige Herr tritt eben mit dem Fuß auf -den eingestemmten Spaten. - -»Nicht,« fuhr sie fort, »daß ers wüßte, -- denn er wußte alles. Nicht -daß ers wüßte, sondern daß ers einmal von Angesicht zu Angesicht -erführe, so wie's gewesen war. Daß ers von ihm, von Mose hörte, der es -ja gelebt. Daß er es einmal sagen könnte; einmal ihm zeigen könnte, -sagen: Also war es ...« - -Erasmus löste seine Haltung, setzte sich wieder vor und sagte nach einer -Weile, während seine Augen schwer wurden und angestrengt unter der Last -der Stirn: »Ich muß wohl. -- Es wird schwer gehn.« - -»Ich will dirs abfragen«, sagte sie sanft, und er nickte langsam vor -sich hin. - -»Weißt du, Erasmus, nun habe ich eben gesehn, was du hast. Ein sehr -schönes Ohr. Aber das andre wird auch so sein. Hier --« sie zog mit dem -Finger den Umriß in die Luft -- »hier oben ist eine sehr schön gebogene -Schleife; dann wirds ganz eingezogen, und das Ohrläppchen ist sehr lang -und gerundet.« Ja, wie schön, dachte sie innerlich, in einem so -unvollkommenen Gesicht eine so vollkommene Sache; vielleicht gilt -überhaupt nur die und das andere gar nicht! »Es ist genau,« schloß sie, -»wie ein großes Fragezeichen, und das muß so sein.« - -Er hatte das Gesicht hergewandt. »Weswegen denn das?« - -»Na, Ohren, was tun die denn? Sie horchen, sie fragen doch immer! -- -Aber nun will ich fragen.« - -Nach einem langen Stillschweigen dann, während es draußen dunkler wurde -und der Regen rauschender fiel, die kleinen Bilder an den Wänden fast -ihre Farbe verloren, begann sie: - -»Erasmus, wie warst du als Junge?« - -Es dauerte eine Weile, bis sie ihn sagen hörte: »Zu!« und sie dachte, es -käme noch eine Ergänzung, aber nichts. - -»Und als Jüngling?« - -»Böse.« - -»Und als Mann?« - -Er beugte sich weiter vor und sagte: »Hülflos.« - -»Zugeschlossen«, wiederholte sie leise. »Du durftest nicht zeigen, was -in dir war. Oder du mußtest es heimlich tun, nicht wahr? Wenn du deiner -Stiefmutter etwas schenken wolltest, so trugst du es in ihr Zimmer, wenn -sie nicht darin war.« - -»Woher weißt du das?« fragte er erstaunt. - -»Ach woher! Ich weiß eben! Dann bist du auch so langsam gewesen und -kamst immer zu spät, und Alle lachten. Da ließest du es lieber ganz -sein. Und keiner, dachtest du, mochte dich leiden.« - -»Das dacht ich. Mein Vater fürchtete sich vor meinem Gesicht.« - -»Ja. Und mein Vater hat sich vor dem Großpapa gefürchtet, es war grad -umgekehrt. Und dann war Josef immer da und viel leichter, nicht? In der -Schule fielen dir die Antworten zu spät ein, und das genügte nicht. Ach, -guter Erasmus, ich sehe deine Kindheit wie einen kleinen Stern hinter -einer schweren Wolke. Nun wird alles besser werden.« - -»Als aber«, fing sie bald darauf wieder an, »Mathematik und -Naturwissenschaften kamen, da hattest du einen guten Ofen, der wärmte, -nicht wahr? Darin warst du Allen überlegen, und sie fingen an, dich zu -achten. Bekamst du da Freunde?« - -»Erst nicht. Dann Bogner. Der hatte es ähnlich zu Hause wie ich, wenn -auch in andrer Weise. Er machte mir Zeichnungen, und ich seine Aufgaben. -Schließlich lief er doch weg.« - -»Wobei du ihm halfst. Dann kam das Examen bald, und du gingst --« - -»Nach Berlin. Da wollt ich allein sein.« - -»Lerntest du da Klemens kennen? Wie war das?« - -»Nicht besonders. Ich ging zuweilen in Arbeiterversammlungen. Da stand -er einmal neben mir, und wir kamen ins Gespräch.« - -»So. Du kamst in Gespräche ...« - -»Diesmal.« - -»Wie lange bliebst du in Berlin?« - -»Bis zum Verbandsexamen. Dann war ich in Kiel. Dann in Marburg.« - -»Warum warst du da böse?« - -»Weil ich nicht wollte. Ich wollte niemand kennen, niemand nützen. Mir -lag nur an meiner Arbeit.« - -»Was für eine Arbeit?« - -»Gewisse akustische Phänomene. Beobachtung der Schallwellen ...« - -»Ach,« sagte Renate verstehend, »wegen deiner Ohren! -- Was ist daraus -geworden?« - -»Nichts. Als ich vor drei Jahren nach Altenrepen mußte, blieb alles -liegen.« - -»Du warst ganz allein?« - -»Ja. Ich lief in den Wäldern herum und fluchte.« - -»Und dann kamst du in die Fabrik?« - -»Nein,« sagte er, sich abwendend, »da kam ich erst nach Flor.« - -Renate zitterte bis in die Füße. Nun gedachte sie erst wieder, daß es -dieser Mensch war, dieser, der sein Wesen immer in einen furchtbaren -Knoten geschlungen trug, und der sich einmal an ihr Leben gelegt hatte -wie an eine Giftwunde und gesogen; im höchsten Augenblick aus allen -Enden der Glieder zurückgesogen hatte das Gift wie ein Allmächtiger. -Aber der Knoten blieb ungelöst und mußte zerhauen werden. - -Es dauerte lange Sekunden, bis sie fragen konnte: »Wie war das -- in -Flor?« - -Da er abgewandt blieb, hörte sie seine Stimme undeutlich. Er könne es -nicht sagen. Er hätte keine Worte dafür. Es sei dumpf gewesen. - -»Als ich wieder aufgewacht war,« sagte Renate mit mehr Sicherheit, »da -konntest du nicht kommen und sagen: Du gehörst mir!?« - -Ja, wie denn? Ob sie ihm denn gehört hätte? Wenn ein Mensch ins Wasser -fiele und ein Andrer hole ihn heraus ... - -»Ach, das paßt aber doch gar nicht, Erasmus! Ins Wasser springt es sich -leicht. Dazu gehört nur Schwimmenkönnen und etwas Mut. Ins Wasser wäre -Josef auch gesprungen.« - -»Vielleicht«, gestand er, »glaubte ich, du würdest mirs ansehn.« - -»Ja, da hattest du recht. Damals war ich blind, und nun sehe ich.« - -»Es hat so sein müssen.« - -»Und so blieben wir aneinander gebunden. Als wir uns wiedersahn in -Altenrepen, was dachtest du da?« - -»Daß meinem Bruder kein Mensch widerstanden hatte.« - -Renate schwieg. »Viel fehlte ja nicht. Wenn er nicht zwei Schatten -gehabt hätte ...« - -»Zwei, Renate?« - -»Zwei Schatten, dicht nebeneinander, wie wenn Licht brennt am Tag. -Glaubst du an Doppelgänger? Ich glaube, es war einer.« - -»Bei Josef war alles möglich.« - -»Ich sagte es keinem, nicht einmal mir selber richtig. -- Und dann ging -Josef, und du dachtest --« - -»Er wird bald wiederkommen.« - -»Ja, du glaubtest immer an alles, außer an dich.« - -»Er kam auch nach anderthalb Jahren.« - -»O das hast du gewußt?« - -»Ja. Es war so ein Zufall, wie sie sein müssen.« - -»Wann denn?« - -»Einmal -- du warst im Garten, mit Saint-Georges erst, dann allein. Du -gingst zum Zaun und kamst nicht wieder. Ich sah alles vom Fenster. Dann -mußte ich dir nachgehn. Ich wußte schon, wer da war. Und dann sah ich -euch, wie ihr auf der Schaukel wart.« - -»Und als ich zum Abendessen heraufkam, warst du wie immer ...« - -»Du auch. Man beherrscht sich ja.« - -»Ja, wir Menschen sind wunderlich ... Und was kam dann?« - -Renate konnte nicht verstehn, was er sagte, oder ob er schwieg, denn in -dem Augenblick brauste der Regen schallend auf, eine, zwei Sekunden -lang, worauf er ebenso schnell sanft wurde, verhallte, und gleich darauf -hörte sie nur lautes Tröpfeln. In der Ferne, wo sie den Himmel blau sah -im Fenster, ging die goldene Gestalt einer Sonnenhelle wandernd einher -und winkte nach allen Seiten, daß der Regen aufhöre. Renate mußte -lächeln. - -Wenn ich nur wüßte, dachte sie, wie einer Frau zumute ist, die geboren -hat! Auch erst so kalt und steif, wie als Erasmus mich trug, und dann so -gewichtlos und warm? - -»Komm zu mir!« bat sie mit schwacher Stimme. Er kam und mußte sich auf -den Stuhl neben ihr setzen, worauf sie seine eine Hand nahm und hielt. -Sie war trocken, warm, beinah glühend, und sie dachte: Ach, aber die muß -man kühlen! -- Warm, fiel ihr ein, wenn uns friert, und kühl, wenn uns -glüht, denn er ist beides. -- Wer hatte denn das gesagt? Jason wohl, es -klang so nach Jason. Derweil befühlte sie mit unmerklichen Drucken die -große Gliederung dieser Hand, betrachtete auch verstohlen ihre Bildung. -Sie war sehr derbe, die Fingernägel ganz rund, unedel -- bis auf den -Daumen, der für sich allein aussah wie -- Renate fiel ein -- ein -Konnetabel von Frankreich. Sie schloß nun die Hände um das ganze, große -und gestaltete Werkzeug und fand endlich die leise Frage nach Josefs -Tod: - -»Gab es nur die eine Lösung?« - -Es zuckte sofort in der Hand. Die Stimme des Menschen, zu dem sie -gehörte, und den Renate neben sich kaum noch erblicken konnte, sagte: - -»Ja. Wenn es eine war. Immerhin -- ich bin frei geworden. Sogar mein -Verstand --« Sie hörte ihn unbehülflich lachen. - -»Wie meinst du das?« - -»Es war alles locker geworden.« In der Hand liefen Wellen, die an ihren -Händen zuckten und zerrten, immerfort hin und her. »Vorher war das -- -wie Gänge. Aus einem konnte man nur in den nächsten. Erst waren die -Naturwissenschaften. Nein, erst war Josefs Mutter. Dann lange Zeit -nichts, und das war schlimmer. Dann wie gesagt ... Dann das Studium, und -meine Arbeit; dann Altenrepen, die Fabrik. Und du auch. Immer ein Gang -und eine Höhle. Es war immer niedrig, ganz eng, ich konnte eben drin -hingehn. Es war alles vorgeschrieben, und -- auch Lesen, Spaziergänge -- -das war nur, wie wenn ich die Hand hob und an der Decke kratzte.« - -Er schwieg -- und fuhr wieder fort mit einem Stoß. - -»Nun war die Decke fort. Der Himmel sah nicht herein. Der Tote sah -herein, und wir sprachen miteinander. Erst im Traum nur. Dann auch ... -Wir hatten uns ja sonst niemals schlecht vertragen die letzten Jahre; -und er war allzeit großartig gewesen und trug nichts nach. Nun war auch -immer etwas Hinterlist dabei, so wie er sonst nicht war. Und er wollte -mir beweisen, daß ich ganz recht getan hatte. So war Josef.« - -Es kam nichts mehr. Renate sagte: »Weiter, Erasmus!« die Hand -festhaltend wie ein warmes Tier, das immer davonwill. - -»Wir verglichen,« stieß er sich wieder vorwärts, »wir verglichen mein -Leben und seinen Tod. Immer fehlte etwas bei mir am Gewicht. Ich dachte, -ich würde verrückt. Wir hockten da beieinander und suchten und fanden es -nicht.« Er stockte. - -»Das hat lange gedauert. Alte Begriffe sitzen sehr fest an einem. Es -giebt so eine Konchylie, die am Bauch der Schiffe sich festsetzt und -steinhart wird. Man muß sie mit der Axt abschlagen. Und man hat so -gelernt: Tod muß mit Tod bezahlt werden. Aber das war locker geworden, -und ich dachte: Stimmt das? Ein Mann hat einen andern erschlagen, und -das Volk sagt: Gerechtigkeit! er muß auch sterben. -- Wenn nun die -Gerechtigkeit erfüllt wird, so empfindet das Volk Genugtuung. Ich -arbeitete so mit Schlüssen. Es empfindet Genugtuung über die -Gerechtigkeit, und das stellt sich dar in Genugtuung über einen zweiten -Mord. Ist das gut? Nein. Aber der getötet hatte, empfand auch -Genugtuung. Heben die beiden sich auf? Die Algebra sagt: Minus mal Minus -giebt Plus. - -»Ja, so hab ich gerechnet«, fuhr die immer mehr dröhnende Stimme fort, -während die Hand in Renates Händen feucht wurde und klebend. »Und dann -fiel mir ein: Gott machte an Kain ein Zeichen, und keiner durfte ihn -anrühren. Unstet und flüchtig heißt es. Er wollte also keinen zweiten -Mord. Er wollte, ich soll unstet leben.« - -Renate sagte leise: »Und dein Vater? Er hatte doch ver--« - -Sie endete nicht, da er seine Hand aus den ihren nahm, um eine -abwehrende Bewegung zu machen. - -»Er -- ja, für sich! Aber für mich, und Josef, und die Welt? Nein, -soweit war das schon richtig mit Gott.« Er sprang auf und stellte sich -irgendwo im Zimmer auf, unsichtbar hinter Renate, deren Hände plötzlich -aufatmeten. - -»Aber nun das mit dem unsteten Leben«, hörte sie seine Stimme verdeckt -und sah, sich ein wenig wendend, ihn an der Wand stehn, eine Faust -darauf und auf sie die Stirne gelegt. Sie sah wieder fort. - -»Wie soll man sich das vorstellen? Es war doch ein langes Leben wohl? -Wovon lebte er denn? und wie? Immer auf der Flucht? Da dacht ich: das -sind so menschliche Vorstellungen. Die Menschen erraten zuweilen etwas, -es blitzt etwas auf, so das mit dem Zeichen, das Gott machte. Weiter -wissen sie dann nicht, und das war eben das Wichtige. Er sühnte so -- -und es ging sie ja auch nichts an.« - -Nun sprach er schneller und immer heftiger weiter. - -»Ich hab das immerzu gedacht. Gerechtigkeit ist so ein irdischer -Begriff. Er kommt vom Wert. Jedes Ding wird gleich gewogen mit einem -zweiten, und Gerechtigkeit läßt sich kaufen. Früher kauften sie auch -Frauen, und es giebt Länder, wo Blut mit Gold bezahlt wird. Hilf mir -doch weiter!« stöhnte er plötzlich, und erschrocken sich umwendend sah -sie ihn in einer seltsamen und furchtbaren Haltung vor dem Schrank, die -Stirne ganz tief dagegen gesenkt und mit ausgebreiteten Händen auf und -nieder gleitend an den Kanten, -- so wie ein Tier, das irr geworden ist -von Gefangenschaft. Renate war gleich darauf bei ihm, er ließ sich -aufrichten, legte seinen Kopf auf ihre Schulter und blieb so eine Weile. -Plötzlich machte er sich dann los, setzte sich in Bewegung und redete -vor sich hin, auf und ab gehend, und ohne die gesenkten Augen und den -Kopf zu erheben; die Hände griffen dabei. - -»Die Rechnung stimmt eben nicht. Jedes Ding ist einzig. Das Volk denkt: -Wenn mein Weib stirbt, nehm ich ein andres. Das hab ich immerzu gedacht. -Kann Gott -- ich meine: wenn es einen giebt und er hat eine -Gerechtigkeit, kann sie auch so --? - -»Nein. Für ihn ist alles einzig und unersetzlich. Ist das menschlich zu -wägen? Nein, hin ist hin. - -»Aber dann dacht ich: kann der Mensch nicht etwas tun? Nehmen und dann -wiedergeben, und wenns ihm auch sauer wird, ist doch keine Leistung. Was -aber noch? Ich dachte: der Mensch kann _mehr_ tun.« - -Renate hatte sich auf den Stuhl am Tische gesetzt und die Hände darauf -gefaltet. »Das hast du gedacht?« fragte sie ergriffen. - -»Es ergab sich so. Man muß rechnen, und man muß immer weiter denken. -Früher, wie gesagt, war da Gang und Höhle, und so ist es mit dem Denken: -links, rechts, rechts, links, und dann die Wand. Nein weiter: oben -- -unten ...« - -Stehen bleibend, sah er Renate mit jenem beschränkten und unbeholfenen -Frageblick an, den sie kannte. »Mußtest du immer denken?« fragte sie -behutsam. Er begann wieder zu gehn. Erst nach einer Weile rief er: - -»Na ja, was denn, was denn? Denken, der Mensch muß denken! Langsam kommt -man vorwärts, und ich trat immer auf dieselbe Stelle und sah mich um. So -muß mans machen. - -»Also nun das Mehr-tun. Wie fängt man das an? An den Menschen ist -freilich immer zu tun, aber --« er brach enttäuscht ab. »Ihnen ist ja -nicht zu helfen!« - -»Ich meine, versteh mich recht,« fing er gleich wieder an, »nicht auf -meine Weise! mit meinen Mitteln! Was läßt sich denn ausrichten? Ich hab -doch nur Geld. Was kann man machen? Wenn ich alles verteilt hätte, wenn -ich jedem so viel gegeben hätte, ich meine jetzt: meinen Arbeitern, daß -er so viel hatte wie ich selbst, das wäre doch ungerecht gewesen! Dann -hätte ich doch zu wenig bekommen! Und was kann man sonst tun? Da sind -überall die Gleise: Krankenhäuser, Pensionen, und bessere Wohnungen, und -dergleichen --« Er schöpfte Atem. »Was ist denn damit gedient? - -»Man kann immer nur flicken. Das ist ja auch alles nicht der Rede wert, -das war ja für mich alles viel zu wenig, da bin ich auch bald -abgekommen. Ich habe einfach -- gerechnet! Ja!« schloß er mit großer -Bestimmtheit, vor Renate stehend mit schwerem, aber fast zufriedenem -Blick. Und nun sprach er schnell weiter: - -»Einem hab ich genommen, einem muß ich geben. Das Dasein hier, das ist -ganz aufgebaut auf Zwein. Zwei machen die Zeugung, ohne die steht alles -still. Zwei sind das Letzte. Wer Allen was tun will, der muß sein -- wie -Christus. Ich meine: so einer kann ihnen doch nur mit der Seele helfen. -Das ist doch klar! Ja, die Mathematik, wer die begreift, das ist eine -göttliche Kunst! Es giebt eine Zahl darin, laß dir sagen,« redete er -inständig, doch scheinbar ohne sie recht zu sehn, auf Renate ein, »das -ist die Null. Die verzehnfacht jede Zahl, wenn man sie dahinter stellt. -Ist das nicht ein Geheimnis? Wie macht sie das? Durch ein andres -Geheimnis, nicht wahr? Null ist nämlich in der Mathematik gleich -Unendlich!« schloß er mit ausgestrecktem Zeigefinger vor Renate hin. - -»Null ist gleich Unendlich. Und das Unendliche in Verbindung mit einem -Endlichen wirkt in endlicher Weise, und mit einem Irdischen in irdischer -Weise. Die Kraft des Unendlichen wirkt durch Verzehnfachen, Verhundert-, -Vertausendfachen. An sich ist sie nichts, ist Null, für uns, ja für uns -Null. Oder _x_, die Unbekannte. Null ist gleich _x_. In jeder Aufgabe, -die sich löst, muß _x_ gleich Null sein.« - -Renate bemühte sich, mit dem offenen Blick des Verstehens und -Einverständnisses an diesen, jetzt quellenden und glühenden Augen zu -hängen, ohne doch dabei sie, die verwirrenden, richtig zu sehn; und sie -klammerte sich an etwas, das ferne hinter ihnen, und hinter all diesem -Sinnlosen und wieder Sinnreichen, zu dämmern schien wie ein Auge voll -großer Vernunft. - -»Aber«, sprach er weiter, »wenn du nun Übertragungen vornimmst auf die -menschlichen Zustände, so gehts wie mit allen Übertragungen des -Göttlichen: es geht immer nur bis zu einer gewissen Grenze. Ich stand -gleich vor einer Schranke, vor zwei Schranken, ja, und hinter jeder -warst du!« - -Er rief ihr das zu -- so wie man einem etwas ins Gesicht ruft, damit er -endlich begreift, und erst hinterher schien ihm bewußt zu werden, was -das denn hieß, denn er brach ab, legte das Gesicht auf die Seite und -versuchte zu lächeln, ohne Renate anzusehn, auf sehr traurige Weise. -- -Sie sagte nur: »Weiter, Erasmus!« und als hätte es nichts weiter -gebraucht als das, war er wieder in Erregung und sprach, jedoch ohne sie -anzusehn, gegen den Tisch: - -»Die eine Schranke war so. Einem Menschen hatt' ich genommen, einem -andern mußte ich geben. Was? Das Leben. Ja, mein Gott, was solltest du -mit meinem Leben? Damals warst du krank. Was sollte ich tun? Konnt ich -wie damals? Wenn ich kam, liefst du weg und schriest --« - -Er verstummte. Sie konnte die Augen nicht offen halten, schaudernd vor -der Erinnerung an ein Tier, an den Tiger, der ihr damals zuweilen -Entsetzen eingeflößt hatte. - -»Weiter, Erasmus, weiter!« flehte sie. - -»Das war die eine Schranke. Die andre war das Unendliche. Wie läßt es -sich binden? Kann man hineingehn? Ja, kannst du denken, was ich damals -beabsichtigt, ganz ernst beabsichtigt habe?« - -Die Augen öffnend, fand sie die seinen wieder darauf eingestellt, -fragend. - -»Ja, Erasmus,« sagte sie, in einem Blitz erratend, »du wolltest Mönch -werden.« - -»In ein Kloster gehn. Aber es paßte doch gar nicht. Ich muß tätig sein. -Was sollte ich anfangen in einer Zelle?« - -»Also einen andern Weg? Also zu einem Menschen? Da war wieder die -Schranke, -- und du!« endete er unsicher. - -»Ich weiß«, sagte sie sanft. Aber wie weiter? Was nun? - -Es verging eine Zeit, und sie sah ihn nun wieder wie im Anfang auf der -Fensterbank sitzen, nur viel erschöpfter, den Kopf angelehnt, das hagere -Gesicht durchglüht und beperlt, ein Taschentuch in den Händen, das er -unbewußt zusammendrückte und zog. - -»Erasmus,« fragte sie, »glaubst du an Gott?« - -»Ach,« versetzte er ablehnend, »wer kann das wissen! Man glaubt und auch -nicht. Die meiste Zeit des Lebens geht ohne ihn hin, und eines Tages, wo -man ihn haben müßte, ist er verloren. Ganz recht, denn das wäre was, -sich das halbe Leben nicht um ihn kümmern, und dann plötzlich, wenn man -ihn braucht. Er wird sich um uns auch nicht kümmern.« - -»Ja, aber wozu dann --« fragte sie in plötzlicher und dunkler Ahnung -eines ablenkenden Wegs. - -Er setzte sich härter und gerader fest. »Wenn es einen giebt, muß er -schon so groß sein, daß er sich um uns nicht bekümmern kann!« sagte er -verächtlich. - -»Wirklich, ach! Was du nicht sagst!« rief sie entschlossen, jetzt ganz -leicht zu reden. »Ich glaube, an dieser Stelle hättest du getrost auch -weiter denken können.« - -»Wieso?« - -»So groß«, sagte sie, »kannst du dir Gott denken, daß er deiner nicht -achtet. Warum dann, Erasmus, warum nicht noch um so viel größer, daß er -deiner doch achtet? Wie wird denn die Größe bei dir gemessen? Wäre das -nicht erst wahrhaft Größe: so groß -- und doch deiner achtend?« - -»Das wäre!« sagte er tief und sah sie mit Staunen an. »Das läßt sich ja -begreifen!« - -»Und das Unendliche,« fragte sie voll Hast weiter und innerlich schon -triumphierend: »wenn es das giebt, hat es einen Anfang? oder ein Ende?« - -»Nein.« - -»Kannst du also am Anfang oder Ende stehn?« - -»Nein.« - -»Also wo!« - -»Mitten.« - -»Und das Unendliche selbst, wo kann es nur sein?« - -»In mir.« - -»In dir, Erasmus, ja in dir! Der Kreis, der ewige Kreis, der du bist, -und dessen Umlauf nirgend, und dessen Mitte allüberall ist. Wie konntest -du denn -- ach, nun fällt mir etwas ein, es ist zum Lachen, aber höre -nur! Neben unsrer Kleinbahn bei Flor standen in Abständen auf dem Damm -immer Pfähle mit einem wagrechten Brett oben, wie Wegweiser, die -senkrecht weg von der Bahn zeigten, und darauf war das mathematische -Unendlichkeitszeichen gemalt -- so!« Sie malte mit dem Finger die -liegende Acht in die Luft. »Und ich weiß noch, wie ich zu Papa gelaufen -kam, als ich das Zeichen gelernt hatte, außer mir, weil da überall -Wegweiser standen mit dem Zeichen. Hier gehts zur Unendlichkeit! nicht -wahr? und natürlich hatten sie recht, da alle Wege in sie münden. Aber -in Wirklichkeit: liegt es denn da draußen irgendwo, das Unendliche? Und -sahst du nicht immer nach oben oder unten, nach draußen, um es zu -finden? Was also hättest du tun müssen statt dessen?« - -Gott erhalte mir jetzt meinen Verstand, betete sie inbrünstig und nahm -all ihren Scharfsinn zusammen, dieweil sie ihn antworten hörte: »Nach -innen sehn!« und hinzusetzen, ungläubig: »Aber -- da war doch nichts!« - -»Nichts, Erasmus? Mit dir hat man seine Not! Wo, sagtest du eben, sei -das Unendliche?« - -»In mir.« - -»Und in welcher Gestalt? göttlicher oder menschlicher?« - -»Menschlicher.« - -»Die wie aussieht, du sagtest es vorhin?« - -»Wie eine Null.« - -»Und die was tut in Verbindung mit der Zahl?« - -»Verzehnfacht.« - -»Was ist verzehnfachen? Ich meine: wie nennt man -- etwas, das -verzehnfachen kann?« - -»Eine Kraft.« - -»Also stellt das Unendliche sich menschlich dar in einer gewaltigen -Kraft, die verzehnfacht. Hast du einen Namen für solche Kraft, wenn du -sie dir vorstellst?« - -Er zauderte. »Du meinst -- Liebeskraft.« - -»Ja, Erasmus, Liebeskraft, ja, das ist die Kraft des Unendlichen, durch -die sie Wesen hat und waltet! Hast du sie nicht gehabt?« - -»Ich glaube ...« - -»Ach, du glaubst! Nun, und was tut man mit ihr?« - -»Man -- man soll sie anwenden.« - -»An wen?« - -»An Menschen.« - -»Was für einen Menschen?« - -»Der sie braucht.« - -»Kanntest du solch einen?« - -»Ja.« - -»Wer war denn das?« rief sie, fast zerrend an seiner Langsamkeit. - -Seine Augen verdrehten sich etwas. »Du.« - -»Nun? Und nun?« - -Er schüttelte den Kopf. »Aber -- Renate! Da ist ja wieder die Schranke.« - -»Nun Gott sei gelobt,« sagte sie strahlenden Auges, »das war alles, was -ich wollte!« - -Da begriff er. Sie erhob sich langsam, während er auf sie zukam, und -sagte: »Sollt ich nicht auf meine Art auch beweisen, Erasmus?« - -Er nahm ihre Hände und legte sie sich auf die Schultern. »Du verdrehst -es nur so«, meinte er stockend. - -Plötzlich schlug ihr Herz wie im Fieber, und Müdigkeit nach der -Anspannung des Denkens schwemmte heiß über sie hin. Sie legte einen -Augenblick die Stirn gegen seine Schulter, stand auf einmal in ihrem -Schlafzimmer, am Fußende des Bettes, und dachte besinnungslos nur: War -das der Anfang -- --? - -Sie ging um das Bett, setzte sich auf die Decke, und in einem -Schwindelgefühl erschien ihr Jason in ebendem Bett, auf dem sie saß, wie -er krank darin lag vor Jahren. Sie und Magda saßen abwechselnd bei ihm -und hörten ihn endlos aufsagen aus der Abgründigkeit seines -Gedächtnisses. - -Ja, dachte sie weiter, ich muß ihn reden lassen, immer wieder, und ihn -immer wieder auf einen andern Weg bringen, bis er sich ausgeschöpft hat. - -Wenn er sich ausschöpfen läßt! entgegnete unhörbar eine Stimme. - -Oder bis er es müde wird. Denn, setzte sie auflächelnd hinzu, außerdem -wird noch das Leben sein, und alles -- - -Sie vermochte nicht zu Ende zu denken, gab, verspürend, daß sie umsank, -langsam nach, lag und zog auch die Füße herauf. Ihre Augen fielen zu, -sie glühte und gab sich der Müdigkeit hin mit einem Seufzer der Lust. -Noch hörte sie die Stille und draußen das unablässige Aprilgezwitscher -der Vögel, und sie dachte in der Erinnerung Jasons: - -Er hat es überstanden, -- und du und ich, wir werden es auch überstehn. --- -- - -Damit entschlief sie. Sie fuhr aber schon Augenblicke danach mit einem -zuckenden Schrecken empor und saß aufrecht. Sie horchte; nebenan war -Stille. Eine halbe Minute wohl saß sie so, keinen Laut vernehmend als -den dumpfen Schlag ihres Herzens und das ferne Klappern einer Dachrenne. -Etwas -- mußte nebenan sein, und da sie doch die Vorstellung hatte, das -Zimmer sei leer, dachte sie besinnungslos: er hat sich hinausgestürzt! -mehrere Male; vor Augen das offene Fenster dort. Der Schlag ihres -Herzens trat in ihre Kehle, sie schluckte und atmete behutsam. - -Und behutsam nahm sie die Füße vom Bett, dabei entdeckend, daß sie ihr -Kleid nicht mehr anhatte und weiß war in Unterrock und Leibchen. Ihr -fröstelte; aber in dem Augenblick, wo sie leise aufstehn und zur Tür -gehen wollte, wußte sie, daß er dahinter stand, und rief schon: -»Erasmus!« angstvoll blickend zur Tür, bis zu der das Fußende des Bettes -reichte. - -Die ging auf, und er kam herein. Ohne sie anzusehn, kam er um das Bett -und stürzte vor sie hin, umschlang ihren Leib, wühlte die Stirn in ihren -Schoß, ächzte und schluchzte, auf und nieder geworfen von Stößen, daß -sie ihn kaum zu halten vermochte. Aber sie preßte ihn an sich mit aller -Kraft, küßte ihn, weinte und stammelte, was ihr einfiel: »Ja, ja, -Erasmus, ja! O mein Gott, ich hab zu wenig getan, das war ja nichts, ich -weiß, ich hab es ja gewußt! Sag mir, was ich tun soll, ich will alles -tun! Sag doch, o sag doch!« - -Langsam wurde es in ihm stiller. Er hob den Kopf hoch, sah sie an mit -unseligen Augen und sagte: »Gieb mir --« - -Er brachte nichts weiter heraus, setzte zwei- und dreimal zum Sprechen -an, und indem hatte sie erraten, was er wollte, und schrie, sein Gesicht -an die Brust drückend: »Die Kinder!« - -Und weiter mit immer erneutem Pressen und Küssen und an sich Drücken -flüsterte sie in ihn hinein, jagend in Worten, von denen sie kaum wußte: -»Die Kinder, ja, ja, ich hab es ja gewußt, nur das kann uns retten! -Warte nur, o wart nur ein wenig, bald, bald, es geht ja schnell, und wir -wollen gleich -- -- Erasmus! Willst du gleich? Jetzt! Heut nacht, heut, -o ich will dich lieben!« schrie sie brennend, »ich will dich lieben wie -Gott, und dann kommen sie, du wirst sie bald hören, das Neue, Erasmus, -das neue Leben, das nichts weiß! Ach!« weinte sie, »wenn du nur erst -sein Herz in mir schlagen hörst! Ach, wenn du fühlst, wie es sich -bewegt, dann wird es ja gut werden. Dann wird es ja gut werden!« - -Sie hob sein Gesicht mit beiden Händen, damit er sie ansähe, strömend -von Tränen, durch die seine Züge dunkel und verschwommen erschienen wie -in Wasser. Aber er sah sie nicht an, er schien über ihre Schulter ins -Leere zu starren oder in die Ferne, und so sagte er dann: - -»Ja. Aber -- -- und dann ...« - -»Was denn, Erasmus? was denn?« - -»Dann muß man -- es -- sagen ...« - -»Sagen? Was sagen, Erasmus, wem denn?« - -In seine Augen trat ein entsetzlicher Ausdruck von Lüsternheit, mit dem -er flüsterte: »Mein Sohn ...« - -Sie erriet. Sie schrie: »Um Gottes willen, Erasmus, was willst du --« - -»Wenn er soweit -- ist ...« - -»Nein, Erasmus!« jammerte sie, »nein, nein!« - -»Dann will ich ihm sagen -- dein Vater -- ist --« - -»Nein, du tötest uns, Erasmus, nein!« - -»Mörder --« - -»Du bist es ja nicht! Lieber, Lieber! du bist es ja nicht!« klagte sie. - -»Und dann -- -- wenn ers -- erträgt ... Wenn -- ich -- einen Sohn -- -habe --« sagte er langsam, »der es -- erträgt, dann -- ist es gut.« - -Er sank an ihr nieder, erschöpft, sein Gesicht fiel auf den Bettrand, -und sie saß leise weinend daneben, mit der Hand über sein feuchtes Haar -streichend, und verstand, daß es so sein mußte. Es sei denn, das Leben -selber brauchte seine Gewalt. - -Er stand von den Knien auf, wandte sich ab und ging zum Fenster, wo -seine Gestalt den schmalen Raum ganz verdunkelte. Aber draußen war -Helle, und Renate konnte aus ferner Höhe die leise Drosselstimme der -Kindheit schlagen hören, friedfertig in Pausen, durch die Stille. - -Es war Charfreitag; Ostern stand bevor. - - - Sechstes Kapitel - - - Bogner/Klemens - -Georg, ergeben und hoffnungslos hinter Renate über das Rasenoval -wandernd, sah die drei Ankömmlinge und daß Renate sich einem von ihnen -gesellte und mit ihm die Freitreppe hinaufging. Aber mit abirrendem Auge -erkannte er Bogner. Der streckte die Hände aus, und Georg lief eilfertig -und fast mit einem Jauchzen der Erleichterung in die Arme, die er sich -ausbreiten sah. - -Auch in Bogners Augen, als der ihn hielt und betrachtete, war eine -tiefere Zärtlichkeit; aber Georg fühlte sich so aufgeregt und erweicht -von dem unvermuteten Wiedersehn, daß es ihn mit Tränen bedrängte; daß -er, für Augenblicke sprachlos, die Umgebung in Kreisen sah und innerst -erbebend dachte, sein Vater sei wiedergekommen. - -Wieder aus seinen Armen gelöst, erkannte er in dem großen Fremden, mit -dem Renate eben in der Glastür oben verschwand, Erasmus Montfort und -gleich darauf in dem Andern, überaus Schwarzbärtigen, Klemens. Sein Bart -war zehnmal so groß, als er ihn im Gedächtnis hatte. Er schüttelte ihm -nun die Hand, fühlte sich aber von Bogner, der Klemens zuplinkte, -beiseite gezogen. - -»Pst!« raunte er, »Achtung! Er hat keine Ahnung!« - -»Wer? Klemens? Wovon?« - -»Von Irene. Daß sie hier ist.« - -»Ah! So. Ja, was macht man da? Sie wird mit der Anna in Böhne sein.« - -»Gar nichts. Es wird sich schon zeigen.« - -Sie wandten sich Klemens wieder zu, und Georg fragte ihn, indem er sich -doch wundern mußte, wie die Drei so zusammen gekommen waren, nach -Erasmus. - -»Wir sind zu Fuß gekommen,« sagte Klemens, »und suchten Bogner auf, um -uns herführen zu lassen.« Er wollte noch mehr sagen, aber ein -Regenschauer ging so jählings über sie herunter, daß sie -auseinanderfuhren, worauf Georg jeden bei einem Arm nahm und mit ihnen -die Terrasse empor ins Gobelinzimmer lief. Egloffstein, immer bereit, -hielt die Tür schon offen. Ob die Damen schon aus der Stadt zurück -seien, fragte Georg. -- Noch nicht. -- »Um so besser, dann kriegt ihr -ihr Frühstück! Sagen Sie auch gleich in der Küche an, Egloffstein, daß -noch eine Gans geschlachtet wird. Ihr bleibt doch zum Essen?« - -Klemens zögerte höflich und schwieg, Bogner dagegen bedauerte: sein -Mittagsmahl erwarte ihn daheim. Er hoffe aber, setzte er hinzu, Georg am -Nachmittag bei sich zu sehn. Er wäre auch ohne die Andern gekommen, ihn -zu bitten. - -Nun zwischen den Beiden sitzend, der offenen Glastür gegenüber, durch -die er den leichten Sonnenregen auf die Terrasse niederrieseln sah, -glaubte Georg, Klemens nach der ersten Erfreutheit der Begrüßung nicht -in einem Zustand des Behagens zu sehn. So braun er war, schien er kaum -recht gesund, im Innern erschöpft und außer Ordnung. Das tiefe Schwarz -des großen Bartes und der dicken Brauen erhöhte nebst dem glatten -Graubraun seiner Stirn das Seltsame der wassergrauen Augen. Sie hatten -sich verhärtet, und Georg dachte, er sieht ja aus wie der Dulder -Odysseus, der heimkommt und sich nicht zurechtfinden kann. - -Bogner an der andern Seite hatte übrigens nichts eben Väterliches an -sich, sondern sich erstaunlich verjüngt. Fast vermißte Georg das lange -Haar von Hallig Hooge an dem kurzüberschorenen Kopf. Es war dunkler -nachgewachsen, nur der Scheitel noch leicht übergraut. Die hellen -kleinen Augen in ihren Höhlen hatten einen fast lieblich zu nennenden -Glanz, Fleisch und Haut über dem Skelett des Gesichts ihre frühere -Festigkeit wieder, und brüderlich erschien nun, was Georg früher als -väterlich empfand. - -»Giebt es Neues bei dir?« fragte er derweil. »Bilder? Wieviel? Nun, ich -komme natürlich!« - -»Acht Bilder im ganzen,« erklärte Bogner, »die zusammen gehören. -Allerdings mehr inner- als äußerlich, wenn du auch auf den meisten eine -Gestalt wiederkehren sehn wirst. Fertig sind allerdings erst drei. Es -sind Heldendarstellungen, eine heroische Symphonie könnte mans nennen. -Von den übrigen kannst du Studien sehn.« - -»Wunderbar! Bekomm ich die alle geschenkt?« - -»Ich möchte sie«, sagte Bogner lächelnd, »der Stadt schenken, -Altenrepen, wenn du sie annehmen willst?« - -»Mit tausend Freuden! Was willst du dafür?« - -»Das wird mir noch einfallen. Aber du mußt ihnen ein Haus baun. Höre -einmal, was ich mir ausgedacht habe.« - -Und Georg hörte ihn langsam seinen Plan auseinandersetzen und sah ihn -gleich kostbar entstehen vor seinen Augen. Einen Tempel, nicht eben -groß, dem Andenken von Georgs Vater gewidmet. Er würde auf eine Anhöhe -zu liegen kommen und die Form einer Sonnenblume haben, mit neun -länglichten Blättern und einem Kuppelraum in der Mitte. Dieser würde -leer bleiben, mit Eingängen zwischen den Blumenblättern, -- Bogner -schwankte noch, ob er die musizierenden Engel aus Renates Kapelle, um -einige vermehrt, darin wiederholen solle, was Georg begeisterte, da sie -bei Renate von niemand gesehen würden. Jedenfalls sollte der Mittelraum -nur der Sammlung und Andacht dienen. An die äußeren Enden der Blätter -würden die Bilder kommen; an das des neunten eine Statue, oder besser -eine Büste des Toten. - -Nun, Georg war Feuer und Flamme, aber Klemens murmelte einigermaßen -grämlich etwas von »Archaisiererei«, die dabei herauskommen würde. -Tempel, heute! Wer denn heut ein Gefühl für Tempel hätte, so daß es ein -Gebilde der Zeit würde, zumal hier im Norden. - -»Ich weiß nicht,« sagte Bogner, »ob Tempel zeitliche Gebilde oder -zeitgemäß sein können. Gott ist nicht zeitgemäß.« - -»Gott nicht, aber der Glaube.« - -»Dann müßte es mehr Götter geben als einen.« - -»Einen, der sich wandelt, wie die Menschheit sich wandelt.« - -»Die Kunst«, sagte Bogner nachdenklich, »hat meines Erachtens die -Aufgabe, das Unwandelbare darzustellen. Sonst kämen wir zu Problemen, -und das Problem Gottes zu lösen, kann nicht ihre Aufgabe sein.« - -»Aha, so, dann halten Sie auch das Tempelproblem für gelöst?« - -»Ich glaube. Wie das des Glaubens. Wenn im Tempel das Gläubige sich -ausdrückt, so löst es sich mit der einfachsten Darstellung der -architektonischen Aufgabe. Stütze und Last, Säule und Gebälk, und ewig -bleibt, meines Empfindens, die Gestalt des Baumes. Hellas hat die uns -empfunden, ihr Inneres läßt sich nicht ändern, aber ich bestehe durchaus -nicht darauf, daß etwa das Kapitäl jonisch sein soll oder korinthisch. -Das immerhin war zeitmäßig und landschaftlich griechischer Ausdruck, und ---« - -»Sie machen mittelalterliche Weinlaub- oder Eichenblätterkapitäle auf -die dorische Säule? Übrigens«, schloß er in seinem ersten, bisher von -Hitzigkeit abgelösten Tone der Grämlichkeit, »machen Sie, was Sie -wollen.« - -»Du bist zänkisch!« sagte Georg nun, der mit Behagen dem Hin und Wider -gefolgt war. »Du wirst der ganzen Architektur den Mund verbieten.« - -Klemens nahm Rührei von der Schüssel, die Egloffstein hinhielt, und gab -sich Mühe, zu lächeln. Ja, er hätte schon neulich einen Architekten -sagen hören, daß sie, die Architekten von heut, sich nur hinsetzen -könnten und warten, da die Baukunst nicht -- wie vormals -- imstande -sei, der Zeit einen Ausdruck zu geben. - -»Davon«, sagte Georg, »schreibt Victor Hugo sehr schön in Notre-Dame. -Sonst übrigens ein albernes Buch. Völker, sagt er, haben ihre Geschichte -in Baukunst geschrieben. Heut ist die Mannigfaltigkeit nun zu groß -geworden. Auch hat immer eine Kunst die Oberstimme gehabt in den -wechselnden Zeiten.« - -»Und welche wäre das heute? Die Dichtung? Literatur? Da redest du wieder -aus der Vergangenheitsperspektive. Wenn du darin gesteckt und gelebt -hättest, würdest du alles anders gesehn haben, und ganz ungenau. Du -hebst einen Faden aus der Vergangenheit und sagst: das ist der Faden. -Du, in deiner Abstraktion, kannst relativ sein, aber hier handelt es -sich um Wirklichkeit, um Gegenwart, und das nötige Mittel der Relation, -die Vergleichung, fehlt.« - -»Meinetwegen. Aber hat denn nicht die Baukunst einen Ausdruck für etwas -Neues und Zeitmäßiges gefunden?« - -»Das Warenhaus wohl?« - -»Vielleicht.« - -»Lassen Sie das auch gelten, Bogner?« Klemens schien sich zu erleichtern -im Wortstreit. - -Das Warenhaus, meinte Bogner, sei freilich kaum eine geistige -Erscheinung. - -»Aber wieso?« fragte Georg. »In einem weiten Sinn als Verkehrssinnbild?« - -»Nun, Kaufhäuser gab es auch im Mittelalter. Das Warenhaus aber setzt -die Dinge nur in Beziehung, ist -- ganz Fläche. Das mittelalterliche -Kaufhaus war ein Ausdruck des ganzen kaufmännischen Geistes und --« - -»Ja, das bringt mich auf einen Hauptunterschied von heute und damals«, -rief Georg. »Damals gab es nur zweierlei Bauten, Kirchen und -Profangebäude. Die heutige Hundertfältigkeit --« Georg verstummte einen -Augenblick, um Klemens sagen zu lassen, das ließe sich höchstens von der -italienischen und deutschen Renaissance behaupten, -- um dann -fortzufahren: »Immerhin wurden die Häuser früher allesamt von außen -gebaut; sie bekamen eine Fassade, und die Räumlichkeiten wurden -irgendwie hineingepackt. Heute dagegen ist das Wichtige das Innre, die -Unterbringung einer bestimmten Anzahl von bestimmt gearteten --« - -»Na, und wo bleibt da deine Mannigfaltigkeit?« hohnlachte Klemens. -»Worin unterscheidet sich denn eine Postdirektion von einer -Lebensversicherung, einer Bank, einer Konsumgenossenschaft, einem -Rathaus? Eins wie das andre eine große Verwaltungsanlage. Das ist es -eben. Heut ist alles geistig erklügelt, was damals aus einer -Freiwilligkeit entstand, wenn auch aus einer dumpferen.« - -»Und wer ist dran schuld?« rief Georg nun hitzig. »Du bist schuld! Denn -der Staat ist es, der heut auf alles die Hand gelegt hat, und du willst -den noch einfältigeren Sozialstaat. Nun, aber das weiß ich schon lange, -daß die Zerrüttung überall herumprasselt.« - -»Ich freilich fühle die neue Grundlage.« - -»Schon? wo denn? Wir müssen ja immer tiefer. Jetzt kommt doch erst -Amerika, und Taylor und die ganze Mechanisierung. Schon muß Bogner sich -Kunstmaler nennen, damit man ihm glaubt, daß er kein Anstreicher ist, -und der heutige Geistestyp ist der Schriftsteller.« - -»Das«, widersprach Bogner langsam, »kannst du so wohl nur für -Deutschland festlegen.« - -»Und in Frankreich vielleicht? Da giebts ja nur Schriftsteller.« - -»Den _homme de lettres_, den _écrivain_ -- kaum im deutschen -Sprachsinne. Der Franzose freilich ist immer der _artiste_, der, der -diese Dinge macht.« - -»Ja, da hast du recht, und der Deutsche ist der, der sie erfindet, -erdichtet. Form und Gehalt.« - -»Freilich,« sagte Klemens sardonisch, »er nennt sich Schriftsteller, -aber selbst Rudolf Herzog hält sich für einen >Dichter< und wird auch -gehalten.« - -»Womit du etwas sehr gutes Deutsches zum Ausdruck bringst. Der Deutsche, -als Künstler, fühlt Verantwortlichkeit, nämlich gegen etwas, das über -ihm ist und Allen. Er fühlt sich fraglos unterworfen dem namenlosen -Zwang, ohne zu denken, und einsam. Der Schriftsteller in Frankreich ist -öffentlich, wie der ganze Mensch dort, ist vergesellschaftet, ein -Staatsinstrument. Racine, Corneille waren Staatsdichter.« - -»Und Baudelaire? Und Verlaine, Mallarmée?« - -»Lyriker, mein Lieber. Der Vers macht einsam. Nun, ich denke, das dürfte -wohl doch klar sein, daß wir in Deutschland eine Art, ich will sagen -dichterischer Menschen haben, die einzig ist. Der Franzose hat immer -seine _gloire_, dargestellt in äußerer Ehre, und Balzac hätte alles -hingeworfen, so groß er war, wenn er auf andre Weise den Ruhm hätte -erlangen können, der ihm vorstrahlte. Der Poet in der Dachkammer, -hungernd und frierend, verachtet und entzückt, das ist unsre Form.« - -Georg stand auf, da fertig gegessen war. Egloffstein stand schon mit -Zigarren vor Klemens; Georg zog seine Dose und bot sie Bogner. Als sie -alle Drei rauchten, trat er an die Glastür und dachte, es sei doch das -Beste im Leben, sich um nichts und wieder nichts unter Männern mit -Worten zu schlagen. - -Er wandte sich um. Bogner stand hinter seinem Stuhl, die Arme auf der -Lehne. Klemens saß am Tisch, verfinsterten Gesichts, und wickelte an -seiner Zigarre. - -Ob Irene nicht bald kommt? -- Und Birnbaum, dachte er beunruhigt, -Birnbaum wollte kommen ... Georg blickte verstohlen auf die Uhr und -fand, daß es drei Viertel eins war. Um halb drei sollte gegessen werden. - -Draußen war es wieder dunkel geworden, und der Regen plätscherte nach -Kräften auf der Terrassenfläche. - -In diesem Augenblick -- da er sich schon nach drinnen wenden wollte mit -einer Frage und gleichzeitig den Trieb verspürte, in den Regen hinein zu -laufen -- gingen Haltung und Fassung mit so reißender Schnelligkeit von -ihm, daß er nur noch mit einem ratlos haschenden Blick über die Beiden -streifen konnte, bevor er zur Tür schritt, um den Nebenraum zu betreten. -Dort stellte er sich ans nächste Fenster, legte die Stirn an die Scheibe -und überließ sich dem inneren Toben. - -Warum, mein Gott, warum tu ich alldies? Das ist doch alles nur Krampf -und nur Einbildung! Es sind ja ganz andere Dinge! Warum denn? Wie komm -ich denn da hinein? Ich war mit Renate. Auf einmal erschienen die -Andern, ich konnte mich nicht entziehn. Aber warum? Warum hab ich mich -nicht vor ihre Füße geworfen, oder warum gestand ich ihr nicht -wenigstens ein, was mich quält, oder daß ich in einem ganz andern Netz -hänge, und bat sie, mich allein zu lassen oder zu helfen? Und warum -Renate? Warum nicht Allen, dem nächsten, Bogner, Klemens? Was sind da -für Widerstände? Renate? Daß ich sie liebe? Höllengelächter, und das -machten wir uns zum Hindernis, statt zum Hebel? Wir? Sind Andre anders? -Und bei Bogner, bei den Andern, was war da die Schranke? Daß ich hier -Herzog bin? Das wäre fürchterlich. Das kann nicht sein; kann der -innerste Grund nicht sein. - -Und warum denn, fing er von neuem an, warum nicht noch jetzt? Ich -brauche ja nicht zu schreien, ich kann mich ganz ruhig zu ihnen setzen -und sagen: Bogner ... Ihm brach die Brust von Verlangen nach ihm, aber -schon im Wenden mußte er denken, daß doch wieder ein Hindernis da sein -würde, und ihm fiel schon ein, daß Birnbaum sich angemeldet hatte. Er -zog die Uhr, es war kurz vor eins, in einer Viertelstunde konnten sie -hier sein. -- Ist, fragte er wieder, eine Viertelstunde nicht genug? -Kann Birnbaum nicht warten? Aber nein -- nun, das sind wenigstens -Pflichten, die kann man gelten lassen. - -Er fühlte sich wie mit Blut übergossen, zauderte aber wieder. -- Nun -such ich nach Ausflüchten, dachte er wirr. Ja, Klemens hat mit sich -selber zu tun, das sieht man ja. Und ist es mit ihm nicht dasselbe wie -mit mir? Hier rennt er allein durch die Welt, wäre vielleicht längst -wieder davongerannt, wenn man ihm gesagt hätte, daß sie hier ist, -anstatt sich mit ihr zusammenzutun, um, da sie schon Beide um dasselbe -leiden, wenigstens zusammen zu leiden. Der liebt sie auch und läßt sich -auch hindern, wie ich. Und was, was ist denn der Grund, daß die Menschen -sich lieben und heiraten, wenn nicht der, daß sie sich zusammen -hinsetzen können, um von ihren Leiden zu reden, statt -- von -Architektur. - -Aber wir wollen unser Leiden immer für uns allein haben. Warum sind wir -denn so? Und hinterdrein klagen wir dann, daß wir einsam sind und keiner -uns hilft. Oder liegt es am Leiden? Ist Leiden so, daß es allein gehabt -sein will? Gott im Himmel, bist du es denn also, der im Leiden wohnt und -sich nicht will teilen lassen mit jemand? Warum denn enthüllst du dich -nie? - -Es blieb still; auch Georg wurde stiller. Die Fensterreihen des -Nordflügels blitzten in der vorbrechenden Sonne auf, gewaltige Speichen -aus Golddunst drehten sich magisch über dem Wäldchen, und stark -leuchtende Wolkenballen quollen empor. Die naßbraune Terrasse dampfte. - -Georg drehte sich um nach einem Geräusch. Egloffstein ging durch den -Saal mit einem Stoß Servietten, und Georg war nahe daran, sich zu -schämen, weil er vielleicht die ganze Zeit nicht allein gewesen war. -Danach zauderte er nicht länger, nebenan einzutreten. - - - Klemens - -Dort stand jetzt Klemens an der Glastür, schräg, eine Schulter gegen den -Rahmen gestemmt, die Hände in den Rocktaschen, löste aber seine Haltung -bei Georgs Eintritt. Bogner saß pfeiferauchend seitwärts vom Tisch. Im -Gefühl, freundlich zu Klemens sein zu müssen, fragte ihn Georg, wo er -das halbe Jahr gewesen sei. In Italien, war die Antwort. - -»Aus besonderen Gründen?« - -»Keinen politischen jedenfalls.« Sich mit dem Rücken anlehnend, die Arme -kreuzend und so ins Freie blickend, begann er nach einer Sekundenpause -zu erzählen. Er sei gewandert, zu Fuß, wie schon einmal als junger -Student, seine Geige im Wachstuchsack auf dem Rücken und ohne einen -Heller Geld; allein, oder in der Gesellschaft von Bettlern, fechtenden -Handwerkern aus Deutschland, entsprungenen oder entlassenen Sträflingen -und dergleichen. - -»Komische Käuze,« sagte er, »diese deutschen Handwerksburschen. Sie -arbeiten nur bei deutschen Meistern, kehren, wenn es irgend geht, nur -bei deutschen Wirten ein, lernen kein Wort von der Sprache, laufen an -allem vorüber. Höchstens daß sie ein bißchen was sehn, und wie es -scheint, wandern sie also nur wegen der Freiheit und wegen des Wanderns. -Unter den Bettlern hab ich manchen Freund gefunden. Da war ein armer -Kerl in einem Asyl in Bologna, dem war sein Geld mitsamt den Papieren -gestohlen, er lag und jammerte die ganze Nacht durch. Am andern Morgen -nahm ich meine Geige und hab in den Höfen gespielt. Was einkam, haben -wir redlich geteilt, und dieser Mensch wird mir bis ans Ende des Lebens -ein Herz voll Dankbarkeit bewahren.« - -»Wurdest du dort für einen Italiener gehalten?« - -»Nur bis ich zu sprechen anfing, ich kann nicht sehr viel. Nun, aber die -Menschen dort solltet ihr sehn! Da ist soviel natürliche Herzlichkeit, -soviel Offenheit und Entgegenkommen, soviel Dankbarkeit und Anmut dabei! -Soviel dort Musik gemacht wird, bleibt doch der Musiker, der Künstler -immer geehrt, und nun -- wenn ich so am Abend in eine kleine Stadt -marschiert kam, und auf dem Marktplatz, neben der Kirche unter den -Kastanien die ersten Striche beim Stimmen tat, und dann so mit recht -süßer Kantilene das Adagio aus dem Mendelssohnschen Konzert -- so weit -hab ichs grade gebracht! -- durch die Stille und in die offenen Fenster -zog: was das gleich Leben giebt und Hervorkommen, als fingen überall -Wasser an zu laufen. Die Kinder kommen aus ihren Betten und drängen sich -ans Fenster, und überall lächelnde Gesichter, und jede Frau, der man -unterm Spiel einen feurigen Blick zuwirft, empfindet sich schön. Nun, -und wenn das Konzert zu Ende ist, da kommen schon von der Veranda des -Gasthauses die Honoratioren, der Pfarrer, der Herr Apotheker, und der -Bürgermeister, und drücken mir die Hände und sind die feinsten Kenner -und erlauben sich, mich zu einer Flasche Spumante einzuladen.« Klemens -lachte nicht ohne Wehmut. »Ich war dann immer der Sohn des -Kammervirtuosen _d'il rege di Prussia_, und schon damals, vor zehn -Jahren, hielten sie mich meines Bartes wegen für einen sehr würdigen -Mann und fragten gleich nach der Frau und den Kinderchen. Endlose -Geschichten hab ich von denen erzählt. Die Kinderchen, das war ihre -größte Freude, und wie oft hab ich Tränen in ihre Augen gelockt mit -einer unendlich rührenden Erzählung von meiner jüngsten Tochter, die an -Diphtheritis gestorben war. Wie ich sie hin und her getragen hab, und -sie war so geduldig ...« - -Er lachte jetzt ganz fröhlich und sagte noch: »In Pisa, da war ein -Schutzmann der mir zu spielen verbieten mußte, denn es gab einen -Auflauf. Ja, das ist ein Land, da halten die elektrischen Bahnen, wenn -einer Geige spielt. Der wartete schön, bis das Stück aus war, und dann -entschuldigte er sich noch vielmals. Er sah auch vollkommen ein, daß ich -für dies Stück doch noch sammeln mußte, und fast hätte er selber seine --- Kappe hingehalten. Es war ein rührender Mensch.« - -Bogner und Georg lachten herzlich. Dann sah Georg, nicht ohne ein -Gefühl, als sei dies alles nur die Vorbereitung zu etwas andrem gewesen, -ihn seine Haltung verändern. Er nahm die frühere wieder ein, die Hände -in die Rocktaschen bohrend, und seine undeutlichen Augen schienen ins -Ferne eingestellt, während er sehr langsam sagte: - -»Ja, und dann kam doch wieder die Unrast, und ich bin über die Alpen -gelaufen und nach Deutschland, aber da war kein Zuhause. Aber wer die -Hände einmal in fremdes Blut getaucht hat, dem ergeht es immer wie Lady -Macbeth; die Flecken wäscht kein Wasser herunter.« - -Er verstummte, nickte trübe und fuhr fort: - -»Dann habe ich meinen Freund Erasmus gefunden, der jetzt hier ist. Dem -war es böse ergangen. Ich, wenn ich nachdenke, ich kann mir vorstellen, -daß man eines Tages seinen Bruder erschlagen muß. Vater nicht, und -Mutter nicht, auch keinen Juden und keine alte Wucherin wie der -Raskolnikoff. Aber seit Kain muß die Möglichkeit in der Natur des Mannes -liegen. Drei Nächte lang schüttete er mir sein Herz aus. Das war -grauenerregend. Dieser Mensch, den ich kannte, hatte sein Leben lang -gehungert. Wessen Leib hungert, kann stehlen, wem die Seele hungert, -kann nicht stehlen. Er lebte noch immer, aber nun war er ein Schatten -des Lebens geworden. Die Natur hatte ihm gegeben, daß er nicht vergessen -konnte, was ihm je widerfahren war. Eines Tages fand er sich so behängt -mit Vereinsamung, mit zehntausend Lieblosigkeiten, Gehässigkeiten, -Verachtungen und Verhöhnungen bis hinunter zur ersten und letzten der -Kindheit, daß er nicht mehr vorwärts gehn konnte. Da ballte er den -ganzen scheußlichen Klumpen zusammen mit sich selbst und stürzte sich in -den Schlund. So wars, und daß er noch jemand mit sich riß, war nicht -seine Sache, sondern Anlage des Daseins. Und nun fuhr er seit jener -Nacht, seit jener Tat, rasend wie der Fliegende Holländer, ohne Wind und -ohne Ruder, rückwärts über das Meer seiner Leiden, weil sich die Wage -nicht einstellen wollte. Die Wage, deren eine Schale den Jammer seines -Lebens trug, und deren andre jenen Tod. Er hielt den Kopf des Toten in -den Händen und fragte in die erloschenen Augen hinein abertausendmal: -Hab ich gedurft? -- In einer Nacht bin ich mit ihm unterhalb des Wehrs -auf dem Flusse gefahren, und wir haben gesucht bis zum Morgen. Er war -vor dem Irrsinn und nahe daran, unter die Menschen zu laufen und sich -auszuschrein. In den drei Nächten, die ich mit ihm verbrachte, ist mir -das Herz grau geworden. Ich hatte auch einen Bruder.« - -Er verstummte und begann, mit ungelenken Schritten auf und nieder zu -gehn. Georg dachte: Herzbruch ... bewegt von solcher Freundestreue, und -war nahe daran, nach ihm zu fragen, als Klemens am Tisch stehn blieb, -die Finger einer Hand daraufsetzte und sagte, Georg ansehend, doch ohne -festen Blick: »Aber ich glaube, daß einmal geheilt werden kann, von -Menschen, was Menschen zerbrochen haben. Da hab ich ihn denn -hergeschleppt, zu Renate.« - -»Zu Renate?« entfuhr es halblaut Georg. - -»Zu Renate. Und wie es scheint, da sie nicht zum Vorschein kommen --« Er -verstummte. Georg sah noch ein sehr weiches und zartes Lächeln in seinen -Augen, im Bart aufkeimen, bevor er den Blick niederschlagen mußte. - -Diesen? fragte er dumpf. Das soll ihr Geschick sein? - -Er konnte aber, trotz der heißen Stiche in seiner Brust, erkennen, wie -sehr wahrhaftig der Verzicht war, in den er sich eingegraben hatte, dort -im Wald. Eine Weile noch kochte die schmerzliche Eifersucht in seiner -Brust, derweil es ihm schien, als sei jemand -- er selber? -- -beschäftigt, dies Heiße zu blasen, damit es erkalte. Es erkaltete -jedenfalls langsam, sank zugleich tiefer und blieb liegen als ein -dumpfer und dunkler Klumpen angstvoller Beklommenheit, wie er sie aus -früheren Jahren kannte. -- Damit, dachte er, Atem schöpfend, werde ich -ein andermal fertig. Sein Mund zuckte in einem Hohngefühl über die ganze -Verderbtheit der Welt. - -Als er die Augen hob, stand ihm gegenüber Egloffstein und meldete, Herr -Dr. Birnbaum und Herr Schley warteten im Jagdzimmer. Auch Hauptmann -Rieferling sei dort mit der Kuriermappe. - -So verabschiedete Georg sich von Bogner mit dem Versprechen, am -Nachmittag zu kommen, entschuldigte sich bei Klemens und ging. - - - Birnbaum - -Mit dem Öffnen der Tür fiel Georgs Blick auf den alten Mann, der neben -dem, noch von Georgs Vater her am Kamin stehenden grünen und -hochlehnigen Sessel aufrecht stand und so gewartet zu haben schien. -Hinter ihm Schley hatte eine Hand unter seine Achsel geschoben. Er trug -seinen langen und würdigen schwarzen Rock. Georg, der ihn vor einer -Woche zuletzt im Bette gesehn hatte, erschrak nun über sein -gespensthaftes Aussehn, in dem Elendigkeit stritt mit einer Erhabenheit. -Sein Nacken war gebückt, die Wangen hingen faltig und waren zwischen -Schnurrbart und Augen rot gesprenkelt von Adern. Die Nase dazwischen -hing übermäßig heraus, und in den geröteten Augen -- das linke hing ab -nach außen -- war Verwirrung. Ach, dachte Georg, das ist Saul, der bei -der Hexe war! -- Und so verstört, daß er sich nicht einmal verbeugt! -Oder kann er das nicht? - -Indessen tastete Birnbaum mit der Hand an der Brust, räusperte sich, -machte einen Ruck zur Verbeugung und sagte heiser: »Ich bin gekommen, um -Eure Hoheit untertänig um meine Entlassung zu bitten.« - -Georg zauderte. Er wollte noch sagen, was er zwanzig und hundert Mal -gesagt hatte: Urlaub, soviel Sie wollen, aber seine Entlassung, -- um -die der Alte, nur nicht so förmlich, schon lange gebeten hatte. Aber -dann sah er ein, daß hier nichts mehr zu erwarten war. Eine Ruine, die -nur noch gänzlich zerfallen konnte. Er ging auf ihn zu. Noch ehe er ein -Wort sagen konnte, hatte der alte Mann ihn umschlungen, weinte -bitterlich auf über seiner Schulter und klagte laut: »Ich habe ja keinen -als dich, Georg, ich habe ja keinen als dich, aber nun kann ich nicht -mehr!« - -Georg stand erschüttert von dem unbegreiflichen »keinen als dich« und -hielt diesem Jammer stand, bis er sich von selber beruhigte. Danach -sprach er dem Alten begütigend zu und führte ihn mit Schley zur Tür, ihm -zuredend, daß er sich eine Weile niederlege und ausruhe. Von der Tür aus -sah er Schley und den Hauptmann ihn durch den Raum führen, der öde und -kahl war mit leeren Regalen und Schreibtischen, und zu dem alten Sofa, -auf dem er früher in den Arbeitspausen geruht hatte. Augenblicke später -fand er sich sitzend am Schreibtisch, ohne Gedanken als den: Das ist -kein leichter Schlag! Was fang ich an ohne ihn? - -Erst als die Gestalt Rieferlings nahe vor ihm erschien, der die -daliegende Unterschriftmappe mit ihren großen Löschblattbogen -auseinanderschlug, die Feder eintunkte und ihm hinhielt, sagte er, zu -ihm aufblickend, trübe: »Ein gesegneter Charfreitag, Rieferling, Sie -hatten ja auch was auf dem Herzen! Wollen Sie auch weg? Dann fangen Sie -lieber gar nicht --« Das Ende des Satzes ließ er in ein Gemurmel fallen, -denn eben traf sein Blick auf die in zierlichen Schnörkeln stehenden -Druckzeilen am Kopf des weißen Bogens, der vor ihm lag: Wir, durch -Gottes Gnade Georg VIII., Großherzog -- und so weiter ... - -»Ich will heute nicht schreiben«, sagte er kleinmütig und legte die -Feder hin. - -»Hoheit haben ja Zeit bis morgen«, sagte der Hauptmann. - -»Rieferling,« versetzte Georg verdrießlich, »Sie wissen immer was! Wo -soll ich denn morgen die Zeit hernehmen? Also muß ich doch schreiben!« -Ich grinse ja, dachte er und konnte die Augen nicht abwenden von -Rieferlings sachtem Lächeln. - -Was heißt denn nun bloß von Gottes Gnaden? grübelte er nach, die Feder -wieder zwischen den Fingern. Letzten Endes war es ja wohl Papa, von dem -die Gnade ausging. Von Gottes Gnaden ... Es ist eine Floskel, dachte er -noch und fand als letzte Möglichkeit die, den Kopf zu schütteln, worauf -er begann, Bogen um Bogen an die gewohnte Stelle, über der zum Überfluß -Rieferlings Zeigefinger leicht in die Luft kippte, und nach einem -Überfliegen des Bogens, seinen Namen zu schreiben. Er traf dabei auf -andre geschriebene Namen -- Ellerberg, Alsen, von Dreyling, Gewecke, -Fuchs, Richter und mehr, immer mehr -- zwischen Druckzeilen, in denen -von Beförderungen die Rede war, Auszeichnungen, Versetzungen in den -Ruhestand und Erteilungen von Charakter, aber auch das jedesmalige ->Geruhen< hatte längst den letzten Hauch anfänglicher Skurrilität -verloren. Lauter Dinge, die Zeit hatten bis morgen. Aber woher morgen -die Zeit für sie? Merkwürdige Widersprüche, dachte er. Ist das überhaupt -zu verstehn? Sie haben bis morgen Zeit, und morgen ist keine Zeit für -sie da? - -Etwas nötigte ihn, die Augen zu erheben, und er sah Schley vor dem -Fenster stehn. Weiter schreibend, seufzte er nun und fragte: »Kannst du -dir denn vorstellen, wie das ohne ihn werden soll? Ist Zimmermann denn -wenigstens eingearbeitet? Sonst kann ich von morgen an mir nur noch die -Haare raufen. Sag etwas! Ist keine Möglichkeit vorhanden, daß es besser -mit ihm wird?« - -Am Fenster lehnend begann Schley, während Georg die letzten Bogen -versorgte, mit seiner langsamen und öligen Stimme, die Georg immer als -überaus lindernd empfunden hatte durch die innere Ruhe, die unterhalb -ihrer strömte: - -»Er will nämlich nach Palästina.« - -»Was! Birnbaum? Das ist das Neueste!« - -»Ja, das hat sich nun alles so eigentümlich zusammengedrängt. Und du -weißt ja, Hoheit, wenn alle Türen verrammelt sind, brichts durch die -Wand. Da ist dann kein Halten mehr. Zusammengebrochen ist er ja -eigentlich schon, als dein Vater starb. Man sieht sowas ja nicht gleich. -Und nun grenzte es ja lange schon an Verfolgungswahn. Dir wird das ja -nicht unbemerkt geblieben sein. Die Arbeit verfolgte ihn nun; er hat -glaub ich kaum noch geschlafen vor Angst, am nächsten Morgen keinen -Gedanken mehr zu haben oder so.« - -Georg nickte. »Ich weiß ja. Aber ich hielt es für Einbildung, und er -sagte selber, es sei Einbildung.« - -»Und dann hat er auch damals einen Brief bekommen, nach dem Attentat, -- -ja, eben von dem Sigurd Birnbaum. Seine Frau hat ihn unterm Kopfkissen -gefunden und zeigte ihn mir. Er ist scheinbar am Tage vor dem Attentat -geschrieben. Das meiste ist ohne Sinn und Verstand. Aber er spricht da -viel von den internationalen Aufgaben des Judentums. Na, und das scheint -nun eine ganz gegenteilige Wirkung gehabt zu haben. Auf einmal hat er -sich glaub ich erinnert, wer er ist, und daß er doch immer im Grunde -hier nur geduldet ist. Das weißt du ja auch. Er sprach auch mit mir -darüber, -- na, sie wollen den Juden ja lange aus deiner Nähe weghaben. -Und gestern -- gestern schickt er auf einmal zu mir, und da finde ich -ihn in der größten Aufregung. Es war ganz jammervoll. Er wußte fast -nicht wohin vor Angst, teils weil, wie er sagte, es jeden Augenblick zu -spät sein könnte -- ja, mit Palästina, er hat da nun die sonderbarsten -Vorstellungen --, teils vor dir, daß du ihn nicht weglassen würdest. Und -auch vor sich selbst, daß er nun fahnenflüchtig würde. Ja, es ging so -weit, daß er sich vor dir niederwerfen wollte, ich konnte ihn nicht -anders beruhigen, als indem ich ihm versprach, ihn heut herzubringen. -Eigentlich sollt ich ihn verteidigen. Auch daß Charfreitag ist, spielte -eine gewisse -- ja -- eine Rolle.« - -»Aber diese Palästinaidee«, versuchte Georg schwermütig zu -widersprechen, »will mir noch nicht in den Kopf. Wenn --« - -»Ja, Hoheit, da sehn wir das nun mal wieder. Nun klammert er sich ja an -dich, aber -- ich darf das wohl sagen --, in Wirklichkeit wars doch -alleine dein Vater, an dem er so gehangen hat. Der ist nun tot, und das -ist denn so wie'n Mensch, der aus'm Stück Land weggetrieben wird und -kriegt 'n andres dafür, das genau so ist, aber es ist doch nicht das -alte. Ich hab nicht in seiner Haut gesteckt, aber -- heimatlos, Georg, -heimatlos ist er doch immer gewesen. Wenn er Gefühl gehabt hat, ist er -heimatlos gewesen!« wiederholte er erregter, »und ob das nun Galizien -ist, wo er eigentlich herkam, oder Palästina, da ist wenig Unterschied. -Man muß sich da mal hineindenken! Nun grad diese internationalen -Ermahnungen, das ist es, die haben ihn eben drauf gebracht, wo die -wirkliche Kraft des Menschen steckt. Die steckt doch im Boden, na, das -ist doch allbekannt, oder sagen wir mal: in der Sprache. Er ist doch 'n -fühlender Mensch gewesen, Georg, und hat er denn jemals seine richtige -Sprache sprechen können? Wenn er gedurft hätte, er hätt es ja nicht mal -ordentlich gekonnt! Nu fällt ihm das alles auf einmal ein, und er weiß -doch genug vom Zionismus und all diesen Bestrebungen, und das fällt ihm -nun ein, und daß er mit all seinem schönen Dienen vielleicht seine Kraft -an der richtigen Stelle weggezogen hat. Es ist ja merkwürdig, es giebt -so Menschen, die bringen es zu allem Möglichen, und dann -- auf einmal --- drehn sie sich um und müssen alles im Stich lassen. Tilly, das war -auch solch ein Mensch, wie Ricarda Huch das beschreibt; der wollt -eigentlich immer nur 'n kleinen Garten haben. -- Das hat sich nun eben -alles so zusammengezogen.« - -Georg schwieg und wußte nichts zu erwidern, zumal Schley lauter Dinge -gesagt hatte, die nur in ihm selber warteten, gesagt zu werden. - -Augenblicke später hörte er aus dem Nebenzimmer Husten und ein Geräusch, -und Georg winkte Schley, hinüber zu gehn. Sich im Stuhl drehend, folgte -er ihm mit den Augen durch die Tür und blieb lange Zeit an ihr haften. -Dann näherten sich Schritte, und von Schley geleitet, erschien wieder -der alte Mann. - -Er ging jetzt wie ein Blinder, und der Blick seiner offenen Augen schien -keine Nähe mehr wahrzunehmen. An dem Stuhl beim Kamin angelangt, wartete -er eine Weile, ehe er sich langsam darein niederließ, worauf er sich -aufrecht anlehnte, den Kopf nach den Fenstern gewandt. Georg sah voll -Ehrfurcht seine Schultern bedeckt mit einem Mantel, der gewebt war aus -Stille und Frieden. Der Ausdruck seiner Stirn, seiner Augen, all seiner -Züge zeigte ein erstaunliches Gemisch von Stolz und -- Knechttum, wie -Georg es empfand; den geheimnisvollen Ausdruck des Menschen, der durch -langes Dienen zum Herrscher geworden war. So wenig königlich er -erschien, versammelten sich doch biblische Könige großäugig hinter -seinem Stuhl. - -Nachdem er ihn so eine lange Zeit hatte still sitzen sehn, fühlte Georg -für eine kleine Weile seinen Blick mit großer Liebe auf sich gerichtet. -Dann wandte er ihn wieder ab, und dann hörte Georg seine Stimme, die -aber so fern herzukommen schien, wie seine Augen hingingen, und obgleich -leise, ja kaum hörbar mitunter im Folgenden, hatte sie einen tieferen -und volleren Klang als jemals, so daß es war, als wäre seine Brust ganz -voll davon und begänne nur geheimnisvoll in Worten zu tönen. Seltsam -auch war, daß er eine andre Sprache redete als die gewohnte, denn -plötzlich war es die, die er doch höchstens über seiner Wiege gehört -haben konnte, ohne sie noch zu verstehn, Laute und Satzbau, zerdrückt -und verkrümmt, wie jener ewig zerdrückten und verkrümmten Menschen, die -Georg einmal erstaunt im Getto von Konstantinopel zu sehn bekommen -hatte. War er so halben Wegs schon zurückgekehrt, nach Galizien, der so -spät noch nach Palästina wollte? - -Halb ein Murmeln und fast ein Gesang, so hörte Georg, der bald nicht -mehr hinzusehn wagte, seine klagende Rede. - -»Ich will dirs nun mal sagen, Georg, damit du's weißt und dir keine -verkehrten Gedanken machst. 'n Mensch, der nicht darf gehn in die Kirch -und hat keine Stelle, wo er darf allein sein mit seinem Gott, der ist -kein rechter Mensch. Und ich bin solch 'n Mensch immer gewesen. Ich hab -'n nich abgeschworen in meinem Herzen und hab 'n doch abgeschworen mit -meinem Handeln. Darum bin ich 'n bescholtener Mann gewesen, von 'nem -bescholtenen Volk. Du sagst, ich hab 'n gutes Leben gehabt, auch 'ne -Frau und auch Kinder. Und ich will ganz schweigen von deinem Vatter. Bin -ich deshalb wohl 'n glücklicher Mensch gewesen? 'n Mensch, der nicht -darf gehn vor die Tür, daß nicht die Andern 'n Finger aufheben un sagen: -das ist keiner so wie wir, un: den könn' wir nicht achten? Recht haben -gehabt die Leute mit mir, und recht haben sie überall, wenn sie die -Stelle nicht achten, wo der Jud steht, denn er steht mit verkehrten -Füßen. Er denkt, daß er geht nach vorn, und er geht immer nach hinten. -Weil er geht weg von seiner wahrhaftigen Heimat. Darum muß er auch gehn -so schnell und muß machen Fisematenten und 'n Gemeres unter die Leute, -und ans Ziel kommt er doch nicht. Wenn er hat zugeben müssen, daß seine -Heimat ihm zerstört worden ist, hat er doch nicht brauchen zugeben, daß -er nicht hingeht und baut sie noch mal. Darum wird er auch nich geacht' -von den Leuten. Das Leben ist schwer, und wer geboren is im Galuth, der -sagt: soll ich auch müssen sterben im Galuth! Nee, Georg, aber nee, das -will ich nu nich sagen! Da darf einer arbeiten sein Lebtag, der verdient -sich doch bloß die Sohlen unter seine Füße, damit er eines Tages kann -heimgehn, oder er verdient sich gor nix. Ich weiß doch, was ich weiß! -Und wenn du kommst, Georg, und sagst zehn Mal: Nein! und sagst: ich will -kämpfen den Kampf um 'n alten Mann, -- nun, was is 'n Jahr, und was sind -selbst zwei Jahr für 'n Menschen, der jung ist? Und du wirst müde, -Georg, und ich kann gehn und sitzen vor der Türe, -- ich weiß doch, was -ich weiß ... - -»Wer wohnt in einem Volk, der soll auch werden wie 's Volk, der soll -essen seine Speise und beten in seiner Kirch, auf daß er kriegt 'ne -Sprache und vernünftige Sitten. Wer glaubt denn, daß einer Gott 'n -Gefallen täte mit dem koscheren Essen und Stehn in der Synagoge am -Schabbes und lesen aus 'm Buche 'ne Sprache, für die er hat keinen Sinn! -Oder glaubst du 'n, daß Gott will reden 'ne Sprache, die der Mensch bloß -kann reden mit ihm allein, und die Gott bloß versteht selber, und die er -nicht zugleich kann reden mit Menschen? Wer nicht kann reden mit Gott, -wie er will reden mit Menschen, der kann auch nicht reden mit Menschen, -dem kommt keine Wahrheit aus 'm Herzen, und wenn er vielleicht nicht -betrügen wird andre Leut, wird er doch betrogen haben sich selber. Denn -er hat betrogen den Herrn um seine menschliche Sprache. Zweierlei Rede, -das ist nix. Ich will hingehn und reden die Sprache. Ich wills -versuchen.« - -Georg hörte ihn noch eine Weile murmeln, aber nun war nichts mehr zu -verstehn. Vor seinen verdunkelten Augen verschwamm der entfernte Wald -zwischen den Flügeln des Hauses, schwärzlich und grünlich im -Sonnenschein, und in das gereinigte Himmelsblau hob sich eine -schneeichte Wolke hoch wie ein schöner Berg. So saß er, kaum sich zu -regen wagend in seiner Ergriffenheit, längere Zeit und wandte sich -endlich. Da stand Schley, der sich vor das Gesicht des Sitzenden beugte, -als ob er horchte. Gleich darauf hob er langsam den Kopf, auch die Hände -und strich mit beiden Daumen behutsam über die Augen hin. - -Und dies Letzte enthielt so viel Feierlichkeit, daß Georg bei aller -Erschrockenheit sich nicht zu rühren vermochte. Gestorben? dachte er -dumpf. Hier, in diesem Augenblick gestorben? - -Schley legte die Hände des Toten im Schoß zusammen und wandte sich zu -Georg um. »Heimgegangen«, sagte er einfach. - -Georg saß noch lange und blickte den alten Menschen an, der dort saß, -und an dem noch keine Verschiedenheit wahrzunehmen war von Andern oder -dem, der er selbst vor Minuten noch war. Vielleicht, daß er noch edler -aussah; und daß seine stille Haltung auf die Länge der Zeit nicht -natürlich mehr schien; oder daß er so gar nicht atmete in diesem Schlaf. - -Endlich spürte er, daß ihm schon lange die Tränen aus den Augen liefen, -und nun weinte er hellauf, daß es ihn schüttelte. -- Danach stand er -auf, um nachzusehn, ob Magda zurück war, und ihr Nachricht zu bringen. - - - Irene - -Noch schwer mit Herz und Gedanken an dem Toten hangend, den er in -dunkler Vorstellung sah wie einen gestürzten Baum, herausgebrochen aus -seinem, Georgs, Leben, voll mit Früchten, unersetzlich an täglicher -Leistung das Jahr durch, und überdies mit unsterblichen Blüten der -Erinnerung -- oh die ersten Spiele der Kindheit! --, ging Georg durch -die Räume, irgendwie in der Einbildung, die Anna im Gobelinzimmer zu -finden. Da gewahrte er mit einem Zufallsblick durch ein Fenster -- das -letzte im Vogelsaal, wie er nun erkannte -- Klemens auf der Terrasse -allein, vor sich hingehend, gebeugt, die Hände auf dem Rücken, und Georg -trat ans Fenster, klopfte und deutete mit der Hand an, daß er ins -Gobelinzimmer ginge. Gleich darauf öffnete er die Tür. Der Raum war -leer. - -Indem er aber im spiegelnden Glase des Türflügels zur Rechten den -Widerschein des Herankommenden gewahrte, wurde die Flurtür zu seiner -Linken geöffnet, und rückwärts gehend herein kam ein mädchenhaft -weibliches blondes Wesen in einem hellgrünen, farbig überblümten Kleide -mit Achselbändern und weißen Blusenärmeln, an einer Hand sehr behutsam -hereinführend die Anna, hinter der Benno sichtbar wurde: Irene. - -So, dachte Georg, was mag nun kommen? -- Klemens stand da und blickte -nur. Überdem wandte sich Irene, fuhr leise zusammen, ließ Magdas Hand -fahren, machte zwei Schritte und schien, haften bleibend, zu schweben. -In ihre Augen, die im kleiner gewordenen Antlitz Georg blauer schienen -als jemals, trat ein sehr bittender Ausdruck, während ihr Kopf langsam -nach hinten sank. Ihre eine Hand sah Georg zittern in den Falten des -Kleides, wo sie hing wie vergessen. - -Klemens rührte sich nicht vom Fleck, schlug aber jetzt seinen Rock vorne -zusammen und schloß langsam die beiden Knöpfe. - -»Klemens!« sagte sie endlich, und Staunen und Bitten ihrer Züge schmolz -in ein nahezu triumphierendes Warten. - -»Mensch!« grollte nun Georg, »worauf wartest du noch?« - -Klemens sah ihn an. In seinen undeutlichen Augen erschien ein grübelndes -Fragen, als ob er durch Georgs Erscheinung sich erinnern wollte an -etwas, was er selber vor einer Stunde gesagt hatte. Dann setzte er sich -in Bewegung, als ob er stürzte, umkreiste den großen Rundtisch, und -plötzlich bückte er sich, hatte Irene auf den Armen, drehte sich wortlos -um und trug sie um den Tisch, durch den Raum und ins Freie hinaus. - -Georg brachte es nicht fertig, ihm nicht nachzugehn, und in die Nähe der -Tür folgend, sah er ihn draußen stehn, mitten auf der Terrasse. Über sie -und Hofraum und Dächer fiel ein goldener Regen. Darin stand er kräftig -und hielt mit erhobenen Armen die leichte grüne Gestalt in den -tausendfach rieselnden Glanz hinauf. - -Georg drehte sich weg und mußte lächeln. Wieder hinsehend, fand er die -Terrasse leer, glaubte aber die gedrungene und beschwerte Gestalt des -Menschen mit seiner Last über eine dampfende Wiese voll Primeln gehen zu -sehn, langsam, ein Pangott mit seiner gesicherten Beute, die er in grüne -und rauschende Höhlen des alten Waldes zurücktrug. - -»Was war denn hier?« fragte Magda. - -Georg wußte weiter nichts zu sagen als: »Klemens.« - -»Ach! Wo sind sie denn nun?« - -»Verschwunden. Er hat sie weggetragen.« - -»Gott sei gelobt!« - -»Das sei er! Es giebt also doch noch --« Findungen in der Welt, wollte -Georg schließen, als ihm in seinem Stuhl der Entschlafene erschien. - -»Aber,« sagte er leiser, »unser alter Birnbaum ist hier eben gestorben.« - -Sie streckte die Hand aus, gab aber keinen Laut von sich. Auch als Georg -auf sie zutrat, um sie in die Arme zu schließen, bewegte sie sich nicht. - -»Das war der Letzte!« sagte sie nach einer Weile, -- wohl im Gedanken an -andere Tote. Sie hielt die Augen geschlossen. - -»Ja, dann bringe mich bitte --« Sie verstummte, machte eine abwehrende -Bewegung und sagte: »Aber ich kann ihn ja nicht sehn«, und trat weg von -Georg. - -In der Tür erschien Egloffstein, zeigte sich Georg und verschwand, zur -Meldung, daß angerichtet sei. - -Keiner sagte etwas. Georg sah eine einzelne Träne an den Wimpern des -Mädchens hängen, wartete noch Sekunden und sagte dann: »Egloffstein -meldet, daß angerichtet ist.« - -Da wandte sie sich zu ihm, kam mit niedergeschlagenen Augen und ließ -sich an seine Brust ziehn. Sie blieb so lange Zeit ohne Bewegung, hob -dann den Kopf, und Georg sah sie blind und seltsam in eine ewige Ferne -lächeln. Sie sprach wie im Traum: »Irgendwo -- irgendwo -- sind sie Alle -wieder beisammen.« - -Er ergriff ihre Hand und führte sie hinüber. -- - -Sie aßen dann schnell und schweigsam an der für zehn Personen gedeckten -Tafel, an der außer ihnen nur noch Benno, Schley und Rieferling -erschienen. Georg empfand wie eine Wohltat das Fehlen Renates. Einmal -fragte ihn Anna, ob er am Nachmittag Zeit für sie habe. Sie habe ihn ja -eigentlich für sich eingeladen und ihn noch den Tag über kaum gesehn. -Auf Georgs Erwiderung, daß er nur Bogner seinen Besuch versprochen habe, -aber erst gegen Abend hingehen wolle, bat sie ihn, sie in einer kleinen -Stunde nach dem Essen in seinem Zimmer zu erwarten und mit ihr Tee zu -trinken; sie möchte nur vorher etwas ruhn. -- Gleich darauf wagte Benno -eine bescheidene Frage nach einem Beisammensein mit Georg und war -hocherfreut, daß Georg ihn gleich nach dem Essen mit sich nehmen wollte. - -Zwar fühlte Georg sich müde und schlafbedürftig, brachte es aber nicht -über sich, weder Benno abschlägig zu bescheiden, noch ihn mit der Anna -zusammen zu bitten, denn an eine stille Stunde mit ihr dachte er mit -weicher Erwartung, -- davon abgesehn, daß sie ein Recht hatte, mit ihm -allein zu sein. Auch sagte sie selber nichts, um Benno aufzufordern. - -Allein hinter den Türen saß noch der ruhige Tote, umringt von seinen -nicht mehr geträumten Träumen, die ihn lächelnd und weinend bekränzten -... - -Georg legte die Hand auf die neben ihm liegende Annas und fühlte ihre -Finger sich schließen. Bald darauf hob sie die Tafel auf, nickte Georg -zu und ging sicher zur Tür. Er schob seinen Arm in Bennos, schüttelte -Schley, der sich zu verabschieden kam, die Hand, und sie gingen. - - - Siebentes Kapitel - - - Benno - -»Ach!« sagte Benno, nachdem er mit einem einzigen Schritt in die Mitte -des Zimmers getreten war, wo er stehen blieb wie angenagelt, so lang und -so dünne er war, die Hände zusammenlegend und so höchstüberrascht und -beglückt umherblickend wie die Unschuld am Geburtstagstisch. »Ach! Hier -ist ja alles wie früher! Georg! Aber das ist nicht zu glauben! Das ist -unerhört!« Und Georg sah sein heißes und immer gerötetes Profil mit dem -Haken der Nase, der über den zitternd hangenden Schnurrbart hinweg nach -dem entgegengekrümmten Kinn langte, sich hin und her drehen in kleinen -Rucken, vor Freude rundäugig, und die vorstehenden Wangenknochen bebten. -Er erging sich in Ausrufen. »Die Vitrine! Und die japanischen Koffer! -Und da --« Wieder mit einem Schritt stand er unter der Alabasterschale, -die überm Sessel der Fensterecke hing, streifte sie mit zärtlich -erhobener Hand -- »die Lampe!« -- worauf er mit einem Knie in dem Sessel -lag vor Rembrandts Drei Bäumen, »und die alten Bilder!« Im nächsten -Augenblick sich herumwirbelnd mit fliegendem Haar, stand er bei Georg, -legte ihm eine Hand auf die Schulter und sagte, schmelzend vor Glück und -Scham und kaum hörbar: »Und daß ich noch hier bei dir stehen darf? Und -Du sagen? Und dich anrühren! Einen Herzog! Es ist unerhört!« Er -schüttelte den Kopf, unter den Augen tausend Fältchen eines fast -mütterlichen Lächelns. - -»Großherzog,« sagte Georg, »aber setz dich!« - -Mit einem Schwung saß er schon im Sessel, hatte, bereits fertig in -Attitüde, die Hände im Schoß, gradsitzend mit übergelegtem Bein, und bat -mit Kehltönen: »Und jetzt mußt du mir etwas vorlesen! Magst du nicht? Du -hast Verse! Ich hätte dich heute morgen schon bitten wollen, aber -- da -war alles so fremd; ich konnte mich gar nicht gewöhnen. Diese Renate -dazu! Man sieht sie an -- -- und man ist einfach -- -- hin!« Er endete -verlöschend und ließ den Kopf sinken wie ein sterbender Krieger. - -»Aber Georg,« fing er wiederum an, »du bist traurig. Ja, dieser -herrliche Mensch ist nun auch gestorben ...« - -Georg sagte, daß er zwar traurig sei, deshalb aber doch Verse lesen -könnte, wenn er nur welche hätte. - -»Stehn keine in dem Buch?« fragte der Enttäuschte mit einem Blick auf -Georgs noch daliegende Aufzeichnungen. - -»Nein, das sind prosaische Aufzeichnungen und Aphorismen. Aber warte, -ein Gedicht muß darin sein, aber -- es ist nicht sehr von Belang.« - -Georg setzte sich und begann zu blättern. »Hier! Nein, das ist es nicht. -Nun, dann waren es zwei, -- also höre! Dies ist übrigens noch aus -Berlin.« Er las: - - »Und alles dieses: Speise, Schlaf und Wein, - Endlose Nächte, aufgebauschte Wonnen, - Schiffe im Nebel, Irrfahrt, Einsamsein, - Stein jeder Tag, gewälzt und dann entronnen -- - - Jahrlange Mühsal und am Ziele Scherben, - Verwelkte Kränze, Zweifel, Gram und Zorn, - Versucher jeden Stoffs: Gold, Lehm und Horn: - Und alles dies, damit wir endlich sterben. - - Und alles dies, daß uns wie dünnes Laub - Das Leben hinsinkt auf ein kahles Leinen, - Noch im Gehör, das schon erstickt und taub, - - Aus Meilenferne ein verlornes Weinen, -- - Dann der Erkenntnis Seufzer: Schwester, glaub, - Es war nicht wert, zu sein, und nicht, zu scheinen. - -»Seltsam, es paßt ja hierher ... Aber doch eigentlich wohl kaum. Nur daß -es vom Sterben handelt ... So, hier haben wir das andre! - - - »_Hora melancolica_ - - Langsam gehen die Dinge uns vorüber, - Wolkig hinunter in die Ewigkeit. - O Hades fern! es lockt mich selbst hinüber. - O später Tag! o müdes Leid! - Als führen wir im Wagen eingeschlossen ... - Da draußen gleiten Bäume, Feld und Haus, - Wohl kommt das Licht, auch Wind herbeigeflossen, - Wir aber sehen immer nur hinaus. - Was könnten wir denn tun in unserm Fahren? - Wir wissen kaum, wer das Gefährt bewegt, - Und sehen nur verständnislos seit Jahren - Den bleichen Weg, den wir zurückgelegt. - Was halten denn die Augen, die im Weiher - Des Lichtes schwimmen, blanken Fischen gleich? - Ach, stürzte einmal doch herab ein Reiher - Und trüg uns flügelbrausend in sein Reich! - Ins wirkliche aus unsern Wasserkreisen, - Darum die Bäume voller Schwermut stehn. - Wir ziehn, wir ziehn, -- so werden wir die Leisen, - Die alles mit gekühlten Augen sehn. - Dies Niemalstun, dies Nurgeschehenlassen, - Dies weiche Wollen, ach, dies Ungefähr, - Dies macht das Herz so schauerlich erblassen - Wie treibend Schlingkraut in dem wüsten Meer. - Mit tausend Siegeln ängstlich eingemauert, - Wir zwingen nichts hinein in unser Herz. - Nur jeder Flügel, der vorbeigeschauert, - Erfüllte uns mit immer tieferm Schmerz. - Aus hundert Schmerzen aber ward am Ende - Nur Müdigkeit. Die Augen sinken zu; - Sie wollen nichts mehr, die getäuschten Hände, - Die Seele wiegt der letzte Traum von Ruh. - Und endlich kam es so, daß wir nur gleiten. - Genügsam wurden wir; die Blicke gehn - Zu Wolken auf, um den Vergänglichkeiten - Mit bitterem Begreifen nachzusehn. - Die weicheren Gebilde in den Bahnen - Des Äthers tun den kranken Augen wohl. - O wo bliebst du, der Jugend trunknes Ahnen, - Du einst unsterblich flammendes Idol: - Wo bleibst du, Liebe, die um nichts bekümmert, - Sich selbst vertrauend, rings Gesetze giebt, - Die jeden Makel an sich rasch zertrümmert, - In ihre Reinheit grenzenlos verliebt! - Die herrscherlich, mit Augen hart und stählern, - Mit Löwenschritten und mit Adlersgriff, - Die mantelsausend stürmte über Tälern - Und über Berge nach den Brüdern pfiff? - Doch wir sind froh bei unsern Mittagsmählern, - Und sicher trägt uns das gebauchte Schiff. - - Geschehen mag und gehen, was die Hände - Nicht schufen, nur berührten fremd und blind: - Der tatenlosen Liebe arme Spende, - Der kleinen Hoffnung süßes Angebind. - Vorüber ziehn die bunten Bilderwände, - Wir schauen und vergessen, was wir sind. - Die Dinge schweben her und gehn hinunter, - Wahllos hinunter nach dem einen Tod. - Und wir, ach Schwester, schwanken selbst darunter, - Unwissend Lächelnde ins Abendrot.« - -Benno, steif sitzend, schwieg und sah vor sich nieder. »Das ist recht -schön, Georg«, meinte er dann. »Aber -- besonders finde ich es nun eben -nicht.« - -»Es soll ja auch gar nicht --« - -»Weißt du, ich liebe das eigentlich gar nicht. Das sind solche -- -Feststellungen. Die Welt ist so oder so, trübe, unbegreiflich -- --, das -ist alles solcher Hofmannsthal. >Was frommt es, alles dies gesehen -haben?< Nicht wahr? Das ist ja auch gar nicht deine wirkliche Meinung! -Oder doch?« - -»Vielleicht nicht eben länger, als ich daran schreibe. Nun lassen wir -das, mir liegt daran nichts, ich bin ja kein Dichter und habe also -höchstens die Erlaubnis, zu sagen, was ich leide.« - -»Aber -- --, ja, Georg, ist denn das nicht die einzige Aufgabe des -Dichters?« - -Georg schüttelte trübe den Kopf. »Benno, du wirst nie im Leben -dahinterkommen. Nie im Leben! Aber wir wollen nicht wieder davon -anfangen. Ich lese dir lieber noch einiges von den Aufzeichnungen, sie -stammen alle aus der Zeit von Hallig Hooge, -- wenn du magst. Hier ist -etwas über Flauberts _Education sentimentale_, magst du das? Also höre. - - - »Zu Flauberts _L'éducation sentimentale_ - -Dieses als Kunstwerk gewaltige Buch scheint mir bei fortschreitendem -Lesen von Tag zu Tag mehr das, was der Titel, den es ursprünglich haben -sollte, ausdrückt: >Dürre Früchte<. Es ist dürr, langweilig und von -erschrecklicher Einfalt. Eine Menschendarstellung ohne Seele und Seelen. -Da ist nur Dasein, nichts als um sich selber und um einander kreisende -Daseinsgestalten, deren nüchternes Gesetz leider jeden Schein von -firmamentaler Wirkung ausschließt. Der >Held< (der keiner ist und sein -soll in unserm Sinne) streicht als nur Erlebender durch diese in ihrer -Trostlosigkeit den einzigen Ausdruck von Unendlichkeit tragende Ebene -umgetriebener Figuren wie ein lauer Windzug, ohne Bewußtsein seiner -selbst, ohne Frage, ohne Aufblick, ohne Sterne, ohne Seele und ohne -Geist. Was hier Seele scheinen könnte, ist nichts als eine Art -romantischer Glorie um die Sinne. Von allem um ihn her nur ästhetisch, -das heißt in seiner Anschauung berührt (oder -- was fast schlimmer ist --- moralisch, das heißt an seiner bürgerlichen Existenz mit ihren -Wünschen und Zielen, oder -- was das einfältigste ist -- an seinen -Trieben), ist sein ganzes Sein und Tun: zu erleben, was aber nicht -heißt, das eigene Leben mit anderen, mit Lebenserscheinungen -durchtränken; es zu ernähren, zu entfalten, zu steigern, zu vertiefen, -mit einem Wort: zu wandeln; sondern nur heißt: Erlebnisse sammeln; und -so ist er selber am Ende (ich blätterte im Ende) nur ein Schrank voll -alter, nicht einmal getragener Erlebnisse, undurchdrungen, unverirrt, -unverzweifelt und unerhoben derselbe, als der er auf der ersten Seite -des Buches erschien: _un jeune homme à longs cheveux et qui tenait sous -son bras un album_, -- nur daß eben das Skizzenbuch mittlerweil voll -wurde. Undurchdrungen also -- und deshalb ungestaltet, das heißt: ohne -Geist --, ungewandelt also -- und deshalb ohne Innerstes, ohne Seele --, -unberührt in beiden, die nicht vorhanden scheinen -- ist er auch: ohne -Leid. Kein Leiden ist im ganzen Buche zu finden außer Notleiden, -Bürgerjammer und Alltagselend. Sie arbeiten Alle sich in sich selber ab, -wie das Eichhorn in der Radtrommel, und wenn selbst dieses das zu tun -scheint aus Unruhe, aus mangelnder Freiheit, so fehlt ihnen selbst die -leiseste Ahnung, daß es eine Welt geben könnte, außer der ihren. - -»Flaubert war augenscheinlich eine kleine Vernunft mit gewaltigen -Kräften, ein Zwerg mit riesigen Armen, der nicht erschaffen konnte, -sondern nur schaffen, aufbauen, von außen arbeitend, nicht von innen, -hin- und darstellend, weil für ihn -- in seinen andern Büchern ist es -nicht anders --, wie gezeigt, letztes Inneres -- der Gott, die Seele, -der Geist -- nicht vorhanden waren. Mit einem Wort: Franzose, würde ich -sagen, läge nicht auch über ihm der Schatten des Giganten, der, wenn -auch keinen Gott, so doch einen Dämon in der Brust und einen Ätna im -Gehirn trug: Balzac. - -»Dennoch, wovon auch Balzac nichts wußte, das ist: die Wandelbarkeit -einer Seele; ist: Verändertwerden durch das Leben; ist: -Durchsäuertwerden und Süßwerden von Leiden; ist Streben, Suchen nach dem ->wahren< Leben als dem wahren Stoffe des Daseins, das in ihm enthalten -sei und aus ihm geläutert werde; ist Wachsen und Werden. Er kannte das -menschliche Labyrinth in jeder Windung und Verschlingung nebst dem -Minotaurus, aber er wußte so wenig wie Flaubert von der aus tausend -Opferfeuern darüber aufsteigenden Säule Rauches, deren höchster und -gereinigter Niederschlag an der gläsernen Nachtkuppel die Bilder des -Firmamentes bildet. - -»Freilich: in keinem Werk aller europäischen Literaturen, weder der -französischen noch englischen oder russischen, findet sich der in der -deutschen immer wiederkehrende Mensch, jenes Gebilde, als dessen innere -Form sich immer wieder jener herausheben läßt, welcher der erste war, -Parzival. Wobei zweierlei zu bemerken ist, nämlich erstlich und weniger -wichtig: daß Wolfram von Eschenbach den Stoff seines Gedichtes aus dem -Französischen schöpfte, und zweitens, daß zwar immer von der >Form< des -Franzosen, seiner Begabung dafür, seinem Bemühen darum, geredet wird, -daß es sich aber in Wahrheit bei ihm um >formales< Bemühen und formale -Begabung handelt, ohne Wissen von wirklicher Form. Was Parzivals -Schicksal war: Erkennen und Wissen um eine Bestimmung, Suchen des Weges, -das Streben nach Erlösung: Formung des Lebens ist das, Erlösung des -eigenen Ich und der chaotischen Welt im geformten Schicksal, in der -reinen Form. (So tappte auch dieser Wagner daneben, der nichts bilden -konnte als einen unwandelbar >reinen Toren<.) Auch Parzival war im -Anfang Franzose, in der Gralsburg froh, essen, trinken und schöne Dinge -sehen zu können, und: er fragte nicht. - -»Parzival, (auch Simplizissimus sogar,) Faust, Wilhelm Meister, der -Grüne Heinrich, Spittelers Prometheus, Leonhard Hagebucher, Hyperion, -Michael Unger und tausend Unbekanntere in minder reinlicher Form -enthalten als Gesetz, als Form allesamt den Einen und Erstgenannten: -Parzival mit dem Panier über sich: >Wer immer strebend sich bemüht, Den -können wir erlösen.< - -»Du aber, Georg Trassenberg, an Erkenntnissen Reicher, wohlweislich -diese Dinge Zerlegender und Aufzeichnender: was bist du gewesen, und was -bist du jetzt? In Wahrheit, bei Gott, wenn ich auch noch bis gestern ein -armseliger Fréderic Moreau war, _qui tenait sous san bras un album_, so -bin ich es heute nicht mehr! Und wenn es wahr ist, daß nichts kommt aus -nichts, daß ich also nichts sein kann, wozu ich nicht zumindest den -Stoff zuvor enthielt, das heißt: _wenn_ ich heute etwas andres sein -kann, daß ich es -- oh meine Unschuld! -- niemals ganz war.« - -Benno sprang auf wie eine Stichflamme, daß die kleine Alabasterschale -bebte und pendelte. »Ich kenne das Buch nicht, Georg,« sagte er mit -empörter Gewißheit, »aber ich kenne Bücher, die so sind!« Georg sah, -sich umdrehend, mit glücklicher Rührung all das lange Vertraute wieder ---, die alten Bewegungen der Aufgeregtheit, der Entrüstung, das -Zurückwerfen des Haars, das mit einem Schritt dahin und dorthin sich -Pflanzen, das im Nachdenken, bei fast über den Wirbel hochgedrehtem -Handgelenk über das Stirnhaar Kämmen mit den Fingern, den -Unglücksausdruck der Brauen, und es war eine Wohltat zugleich, alles -Süße der Schuljahre wieder zu fühlen in der gebrochenen Stimme, ihren -glühenden Betonungen und gezogenen Pausen der Überlegung. - -»Und es ist entsetzlich!« fuhr Benno nach langem, erschöpftem Dastehen -fort. »Es ist die Fläche. Nicht die Fläche unserer Er--de -- --, die -sich wölbt und abhängt nach den Seiten. Sondern sie ist nach oben -gewölbt, und man kann nicht über den Rand sehn, und alles was gegen den -Rand hinaufgeraten ist im Umherschleudern der Scheibe, das muß nach -innen zurückfallen. Schau--er--lich!« - -»Fliegen mit ausgerissenen Flügeln in einer Glasschale, -- ja, das sind -wir.« - -Benno schüttelte sich verneinend mit Leidenschaft. »Nein, sage das -nicht, Georg! Ja, es giebt Stunden, wo es so scheint. Ich kenne diese -Stunden, diese _horas melancolicas_, und sie sind -- -- entsetzlich!« - -»Nun, Benno, aber was heißt das?« fragte Georg behutsam. »Ich denke, du -bist glücklich?« - -Benno setzte sich still und sah vor sich hin. - -»Du mußt mich jetzt richtig verstehen, Georg. Ich wäre ein -- -- -Ehrloser, wenn ich mich beklagen würde. Ich bin verlobt -- --, ich werde -bald heiraten. Und sie -- -- oh, du kennst sie ja leider nicht, und sie -ist -- -- sie ist -- wie aus Goldstaub! So leicht, so schwebend, und so -rieselnd. Natürlich hat sie auch ihre Launen,« gestand er voll Großmut -und Menschenkenntnis, »warum wäre sie ein Weib! A--ber -- -- -- Nein, an -ihr liegt es nicht, nur -- -- -- Es ist alles zuviel!« schloß er, völlig -erschöpft. - -»Zuviel, Benno?« - -»Zuviel! Ja, viel, viel, viel zuviel!« stöhnte er auf wie ein -gebrochener Held im Theater, die Hand vor der Stirn. »Alles ist zuviel! -Es ist kaum zu ertragen!« Er sprang auf. »Siehst du, was ist das -Wunderbare immer wieder im Leben? Das sind die Anfänge! Nie sollte man -hinauskommen über die Anfänge, und ich -- -- kann es nicht!!« - -Leider, dachte Georg, auch in deiner Musik! -- während er halblaut -sagte: »Brentano!« - -»Ja, natürlich, natürlich Brentano, der hat so empfunden wie ich! Gehe -hinaus -- -- im April! im März! an einem unverhofften Tag. Wie dich da -alles verlockt! Der Himmel scheint wegzuschmelzen, kaum daß er nahte. -Dich ziehts mit ihm in das Unendliche der Sonne. Eine unermeßliche -Bangigkeit zugleich treibt dich fort, und du kommst dir vor, Georg, -- --- wie ein Schauer Schnee. Und alles Glück der Welt scheint sie doch zu -enthalten -- -- diese Bangigkeit. Oh, du willst dich hinwerfen, du -willst weinen, du bist aufgebrochen, -- und nun erst -- wenn du liebst! -Georg, weißt du die Nächte nicht mehr? Die endlos stillen Straßen, die -einsam leuchtenden Fenster, das nasse Pflaster, und der zitternde -Stundenschlag. Und das dunkle Fenster endlich -- -- der Geliebten! Aber --- -- Georg, das erloschene Fenster, hinter dem sie schlief, es enthält -mehr Wonnen für das Herz, als das Zimmer selbst, wenn du es betreten -darfst. Es ist alles zuviel! Glaube mir, Georg, es war mir eigentlich -schon zuviel, daß ich sie kennen lernte. Als ich sie noch grüßen durfte --- -- von weitem -- --, da schlug mir das Herz, und ich war ergriffen!! -Nun --« sang er lieblich -- »ist alles ganz einfach geworden. Ist aber -der magische Kreis einmal durchbrochen, was -- ist -- dann -- noch? Ihre -Stimme hören -- ihr nachgehn von fern durch die bewegten Gassen --, -ihren Gang zu sehen --, oh diesen Pendelschlag der Stunde ohne Ziffern! --- ihr im Wald zu begegnen, wo sie Anemonen sucht an den Abhängen -- --, -oh Georg, wenn ich erzählen wollte, ich habe Abenteuer erlebt -- -- -unerhört!« - -»Was, Benno, jetzt? Ich denke, du willst heiraten?« - -Benno lächelte schwermutvoll. »Ich genieße halt meine Freiheit«, sagte -er natürlich. Dann lachte er verschämt. »Nun, Georg, so genau darfst du -das nicht nehmen! Das Entfernte still zu genießen, wer will mirs -verwehren? Und ich brauche das, Georg, ich brauche das. Oh sie ist lieb, -sie ist edel, sie ist rein, aber daß ich nun täglich ihre Hand küssen -darf, ihr Gesicht -- --, und sie über alles sprechen zu hören, -- -- zu -sehn, daß sie ungeduldig ist und hart und -- -- das, Georg, -- -- das -schlägt mich zu Boden!« - -»Und das ist, was ich dir immer sagte, Benno!« fing Georg an und stand -auf. »Es ist schön. Es ist, so wie du es betreibst, menschlich schön und -ergreifend, aber: es ist eine Schwäche des Lebens, verstehst du? Stark -zu fühlen, ist noch keine Kraft, so schön es auch sein kann. Die Kraft -ist im Bilden, in der Handlung, im Werk. Die >Intensität des Erlebens<, -ja, so heißt es heut. Erleben, schon das Wort ist mir unleidlich. Das -sind diese Zusammenballungen, die nachher nichts können als zerfließen. -Erleben um des Erlebens willen, und keinerlei Wirkung fürs Leben selbst. -Euer Handeln, euer Meinen, eure Haltung zu den Andern -- alldas bleibt -unbeeinflußt. Ich will mich nicht besser machen, als ich bin, aber -- -auch ich habe erleben wollen, jedoch nicht -- --, um Erlebnisse zu -fangen, sondern um meine Lebenskraft zu steigern und wegen der -Erfahrung. Und wenn ichs zehntausendmal nicht getan habe, so tat ichs -doch unbewußt, und zuletzt ist es alles in die eine Schleuse -hineingeströmt. Ihr macht euch Zaubergärten von vornherein aus der Welt, -dann brechen die wirklichen ein, und schon sind euch alle Schalmeien -verstummt bis auf die der Trübsal. Bei dir, wie gesagt, ist es schön, -weil es fromm ist und zart, und du zu weich und zu gütig, das Leben -entgelten zu lassen, daß es dir deine Träume nicht hielt. Aber sieh in -die Literatur von heut. Da wird aufgeblasen und aufgebauscht: Einssein -mit der Geliebten, Ewigkeit der Verschmelzung, und was weiß ich, und -kaum daß die Geliebte an ihrem Schuhband schnürt, wenn dich eben der -göttliche Abend berauscht, so geht dir ein Meteorschwarm von Illusionen -ins Chaos hinunter, und vom Augenblick an sind sie die Verächter, die -tiefen Greise, die das Herz Gottes im brechenden Lächeln der Dirne -entdecken, wo es >verreckt<. Sie rasen nach Gott durch die Welt, -schlagen Fenster und Türen zusammen, brüllen: Ist keiner da? und dann -endlich -- endlich lächelt ihnen die weise Hure. Die ganze Literatur ist -nicht zum Teufel, aber zum Zuhälter gegangen, und das Großartigste ist, -herumzustelzen, die ganze Brust bedeckt mit den Kotillonorden der -verlorenen Illusionen. -- Diese Folgerungen -- das heißt nur diese -zufällig zeitlichen des Zuhältertums -- ziehst du zwar nicht, Benno, -aber im Kern ist es bei dir nicht anders. Hast du nicht immer verklärt -und erhoben? Und bist du nicht schon getrübt und gesunken?« - -»Aber was soll man denn tun, Georg, was soll man denn tun?« - -Georg schwieg und sah nach dem Fenster. Ja, was? dachte er still. Auge -im Auge mit einem Menschen das Leben ertragen, -- das wäre schon viel. -»Was man tun soll, Benno? Wege giebts so viel wie Menschen. Aber -- man -sollte vertraun. Nicht immer das Fluten sehen, >die zehntausend Spinnen -in der Kufe<, das Getümmel der achtlosen Bestien; und die Heiligen -darüber aus Regenbogen auch nicht. Das Leben ist kein Ballhaus, und ein -Heiligtum auch nicht, und es wird nicht scharenweise gelebt. Gieb acht -auf den Einzelnen! Es giebt nur Einzelne. Denen aber vertrau! Von dem -fall nicht gleich ab, wenn er nicht augenblicks einstimmen will in deine -Augenblickslaune. Seele kann nicht in Seele gelangen, obschon Leib in -Leib. Leib fügt sich in Leib, und gezeugt wird aus Zweien das Eine. -Seele in Seele, was zeugen die? Gemeinsamkeit. Wenn ich das Leben süß -gefunden habe, so war es darin.« Ach, Cordelia! dachte Georg, und glitt -von ihr zu der Schwester mit n, indem er sich sagte: Cornelia und -Cordelia --: die Eine war, was die Andre, und darum verließen mich -Beide. Eine Wiederholung nur, und ich habe es kaum gemerkt. - -Benno saß still da, eine Hand auf der Tischkante neben sich. Er sagte: - -»Du hast recht, Georg, natürlich hast du vollkommen recht. Immer hast du -recht, und überhaupt -- ich bin ja einmal so, daß ich immer auch den -Gegenteil vollkommen begreife, a--« - -»Aber,« rief Georg das Wort, das er längst kommen sah, »aber du handelst -ja nicht danach! nach deinen Erkenntnissen! Du hängst ab nach zwei -Seiten wie ein Gespaltener und --« - -Benno ließ sich nicht abschütteln, flüchtete hinter Georg ins Zimmer und -rief, ihm unsichtbar, von dorther: »Nein, und du hast doch nicht recht! -Ja, das Leben mag so sein, wie du sagst, aber -- -- soll es denn immer -so bleiben? Und wer macht denn, daß es vielleicht einmal anders wird? -Würde die Welt nicht stehen bleiben, wenn Alle so wären wie du? Wer -sorgt für Änderung? Wir sind das, wir! Die Träumer, die Schwärmer, die -Seher der Ferne. Haben nicht immer Dichter und Weise, sie, die Spiegel -der Menschheit, das Bild einer Welt aufgefangen, die hinter der -sichtbaren liegt? Wir haben die wahrhaftigen, die platonischen Gesichte! -Wir schreiben unsere Träume mit goldenem Griffel in die rosigen Wolken, -und wer die Schrift liest, den erfüllt sie mit Sehnsucht. Sehnsucht, -Georg, Sehnsucht! Was helfen denn eure Feststellungen, eure -Hofmannsthals und Georges, wo alles erstarrt ist! Ich erkenne sie ja an, -diese Form, ich bewundere sie, aber sie ist die Giftschlange, die euch -alles erwürgt! Wir, wir, wir, die Träumer, die Schwelgenden auf den -unerreichbaren Gipfeln, wir --« - -»-- pfeifen wie die Rattenfänger, und pfeifen die Narren in den Berg!« -rief Georg aufgebracht und hieb mit der Faust auf den Tisch. Danach -verstummte er in plötzlicher Erschlaffung und dachte: Wozu? Er hat ja -keinen Kern, wie soll ich ihn angreifen? - -»Na, lassen wirs gut sein, Benno, wir sind darin zu verschieden. Du --« - -»Vielleicht, Georg, -- und doch nicht. Ich verstehe dich ja, wir -mißverstehen uns nur, ich meine genau das selbe wie du, nur --« - -Georg kniff schmerzlich die Lippen zu. »Hör auf, Benno, es hat keinen -Sinn. Weißt du --, ich bin auch sehr müde. Tu mir die Liebe und laß mich -jetzt ein bißchen allein.« - -»Ich gehe, Georg, ich gehe! Hättest du mir doch nur gesagt, daß du -vielleicht lieber schlafen möchtest. Es tut mir --« - -Georg brüllte beinah, verstummte aber im letzten Augenblick angesichts -dieser schmelzenden Betrübtheit, die schon die ganze Stunde schwarz sah, -bloß weil er an ihrem Ende erklärte, müde zu sein. - -Benno nahm zärtlich Abschied, und Georg versprach, ihn in Bälde zu sich -zu rufen, worauf er entfloh. - - - Georg - -Nun bin ich bald am Ende der Kraft, dachte Georg, und fiel in den -Sessel. Er wollte sich eilig bemühen, zu schlafen und zu vergessen. Aber -die Lehne war rauh und heiß, er war nicht mehr gewohnt, im Sitzen zu -schlafen, dachte, sich auf das Bett zu legen, aber -- in Kleidern? nein, -und ausziehn? Er blickte auf die Uhr, -- nein, in einer Viertelstunde -vielleicht kam die Anna. So rückte und drehte er sich hin und her, -ächzte leise und meinte zu fiebern. Nicht denken, nicht denken! - -Und was ist es denn, was war es, was gab mir wieder das Recht, mich so -als stärker zu fühlen und gütiger? Ist er mir verpflichtet? oder dem -Dasein? Es ist schrecklich, aber es ist wohl so, daß jeder Gegensatz an -dem, den wir lieben, uns mehr Ärgernis bereitet als am Fremden. - -Hat er nicht doch vielleicht recht? Wenn er so sprechen konnte, dies -herausfühlen konnte aus mir: muß dann nicht doch ein quietistischer Hang -vorhanden sein? >Geh an der Welt vorüber, es ist nichts.< Ja, was will -ich denn? Ich verstehe mich selber nicht. Ich will ändern; aber alles, -was ich sehe, ist, daß ich vorläufig nicht kann ... - -Er saß schon wieder mit offenen Augen, gewahrte nun das noch -aufgeschlagene Buch auf dem Tische und empfand bald den Wunsch, sich -noch einmal nachzuprüfen, oder vielmehr, sich zu beweisen, daß er recht -hatte und nicht so war, wie Benno ihm vorwarf. Das Buch --, nun, was -drin stand, hatte seine Erledigung gefunden, aber es enthielt doch -Angaben über den Weg. - -Noch unschlüssig streckte er die Hand nach dem Buch aus, zog es langsam -heran und begann, es auf dem Tischrande neben sich liegen lassend, zu -blättern und zu lesen. - -Angehängt an das erste der Gedichte, die er Benno vorlas, fand er da: - ->Wahr im Stoff, unwahr in der Form ist dieses Gedicht wie fast alle -derartigen, ich meine gedanklichen, von mir. Von der ersten Zeile bis -zur achten ist alles echt. Bei der neunten beginnt schon leise -Verwirrung (da ich, als ich dies schrieb, noch nichts ahnte vom Tode!), -die letzte ist eitel Lüge, das heißt nur Wahrheit des Augenblicks, der -aus dem Schmerz die Verachtung erzeugte. Wie aber dürfte ein Gebilde, -das dauern soll, die Prägung des Augenblicks an sich tragen? Bogner hat -wahrlich recht mit seiner Vergiftung. Ich hob diese Verse als die -stärksten auf aus meiner Berliner Zeit, und die war so faul, ganz so -faul wie ein morsches Stück Holz, das leuchtet; nur im Dunkel leuchtet, -und nur aus Miasmen. - -Mit achtzehn Jahren machte ich Gedichte von Heiligen: Er war schon der -Vollendung fast ganz nah ... So konnte keine Gestalt mir großartig genug -scheinen, in ihr meinen Seelestoff kostbar zur Darstellung zu bringen. -Der Vollendung fast ganz nah ... ach, durch drei Jahre war selbst der -Gedanke an einen Weg zur Vollendung unendlich fern! Auf Schritt und -Tritt nur Griff um Griff nach dem Nächstliegenden, Ausfüllen mehr -schlecht als recht, statt Erfüllung, -- warum zum Unheil muß mir ein -anderer Vers jenes Alters ins Gedächtnis kommen, wenn er auch, schlimmer -als schlimm in diesem Fall, nicht von mir ist, doch behielt ich ihn -wohl, ob wider meinen Willen: - - Georg, der Trasse, - Stürzt sich ins Leben wie ins Meer der Schwimmer, - Drum sieht er nichts als: Masse, Masse, Masse. - -Ach, giebt es keine Erlösung aus diesem Klumpen von Wahrheit, der an mir -hängt? -- Ah, ein Licht! eine süße Strophe: wer sagte sie mir noch? - -Richtig, Magda! An dem Morgen nach der Nacht, wo ich nicht starb, -stellte sie mich wegen eines Briefes, den ich in der Nacht erwähnt habe, -eines Briefes von mir an sie. Es war jener, den ich für sie bestimmt -hatte, ihn nachher zu lesen. Ich gab ihn ihr, und sie sagte, nachdem sie -las: was ich darin vom seefahrenden Sindbad und dem bösen Geist, den er -schleppen mußte, geschrieben habe, erinnere sie an eine Legende, die -Jason ihr und noch einigen Andern aus der Friedliebenden Gesellschaft -einmal erzählt habe, und sie gab mir wieder, was sie davon behalten -hatte. Jason hatte sie später für Renate aufgeschrieben, und so hatte A. -die beiden Strophen daraus im Gedächtnis behalten, die mein eigenes, -leichtes Versgedächtnis mir bewahrte. Die Legende handelte, wie mir -schien sehr schön, von Orest, den die Eumeniden verfolgten, schlaflos, -bis auch sie, die Verfolgerinnen einmal ruhen mußten im Schlaf: - - Oh Nacht und Tiefe! Draußen auf den Stufen - Des Hauses ruht die Eumenide nun. - Noch ist die Gottheit dringend anzurufen, - So wird dir, was du sehntest: du wirst ruhn. - - Die ..... die Wölbung schwindet, - Gestirne wandern über Wäldern fort. - Blick hin: er steht schon längst im Winkel dort, - Schlaf deiner Kindheit, der dich wiederfindet. - -Wahr, oh wahr! Wenn wir ihn wirklich finden, den Schlaf, so ist es kein -fremder, kein erst im Augenblick mühsam aus uns erschaffener, sondern -Kindheitsschlaf, und er ist es, der >uns wiederfindet<.< - -Wunderschön! dachte Georg und gähnte. Alles ganz wunderschön! Bloß -- -wie soll ich damit regieren? - -Immerhin, muß ich sagen, enthalten diese Dinge eine gewisse Kraft der -Sprache und der Formung, die eigentlich nicht nur an dieser Stelle ... -sondern auch sonst im Leben ... Seine Augen waren ihm zugefallen. - -Oder, fragte er noch, ist das Ganze nur ungesättigter Geschlechtstrieb? - -Darauf entschlief er. - - - Bogner - -Renate stand mit Erasmus nach einem stillen und schönen Spaziergang -durch den klaren Nachmittag der Wiesen vor Bogners jetziger Behausung, -die im Tiefland um Böhne, ein kleines Stück unterhalb der alten -Stadtwälle lag, bis auf ein nahes Gehöft einsam in weiter und flacher -Gegend. - -Renate wußte, daß Bogner einen ehemaligen Tattersall bewohnte; das, -wovor sie stand, war ein kleines weißgetünchtes Haus, hinter dem sich -das flache und schwarze Dach eines mächtigen Rundbaus -- der Reitbahn -- -erhob. Auf ihr Klingeln erschien nach einiger Zeit der Maler selber, sie -begrüßten sich hocherfreut, er führte sie in den Flur und gleich durch -einen dahinter liegenden Gang zwischen den ehemaligen Boxen der Pferde, -deren eine nur von einem großen und äußerst dicken braunen Rosse bewohnt -war -- Renate kam es bekannt vor, ohne daß sie sich gleich erinnern -konnte --, während die übrigen mit Leinwanden und dergleichen Malsachen -vollgestellt waren, in die Reitbahn. - -In dem riesigen kreisrunden Raum war es noch taghell vom allseitig voll -einflutenden Licht der breiten Fenster, die Renate für Augenblicke fast -blendeten. Vor ihr, in der Mitte der Halle waren drei große Rechtecke, -die nun zu Bildern wurden, Kehrseiten von aufgestellten Bildern, -liegende Rechtecke, höher als sie selbst. Aufgespannte Leinwande waren -im ganzen Umkreis an die Wandung gelehnt, häufig übereinander, -hundertfach zuckend von abenteuerlicher Gestalt und lodernden Farben, -und Renate ging hastig zwischen zweien der in flachen Winkeln -gegeneinander gestellten Bilder und drehte sich um. - -Da stand sie vor einem so klirrenden Aufgebot der Phantasie, daß sie -zurückfuhr. Sie mußte sich zusammenraffen, um die Augen auf das nächste -der Bilder zu heften, wo ein gewaltiger Schwung hinsprengender Pferde -sie anzog. - -Dieses Bild war sehr lang im Verhältnis zur Höhe. Einher vor einer drei -Viertel der Bildhöhe füllenden Wand von schwarzem Blau flog ein Gespann -fahler Rosse, graugelb, lebensgroß scheinend und überlebensgroß durch -ihre Gestaltung, gewaltig an Gelenken, Hälsen und Häuptern, -langausgestreckt im Galoppsprung. Dahinter -- kein Wagen, nur ein -einziges Rad mit erzbeschlagenen Speichen in bräunlichem Metallglanz, -trug die Gestalt eines fast nackten Mannes, um dessen Brustmitte -geschlagen ein kurzes rotes Manteltuch flatterte, einen Arm und die Hand -mit einer großen Bewegung des Lenkens ausgestreckt, mit kaum sichtbaren -Streifen von Zügeln zu den Rossen hin. Dieses Rot des Mantels, das -bräunliche Weiß seiner Glieder und das fahle Gelb des Gespanns war wie -das Blau der Arenawand nicht irdisch; unbekannte Farben, entseelt vom -Lichte dahier, innerlich verfinstert und wie getränkt mit einer tieferen -Essenz farbigen Daseins. -- Aber Renate erschrak vor dem oberen Viertel -des Bildes, aus dem Gesichter sie anblickten, tausend wie es schien, in -Reihen übereinander und immer tiefer und kleiner in eine niemals endende -Ferne hinein. Und all diese waren schändlich entstellt von Verhöhnung, -Gelächter, Spott, Roheit, allen Lastern. Und so blickten sie alle in -einer fleckigen Buntheit, ein wimmelndes Blumenfeld strotzender -Abscheulichkeit. -- Jedoch unten der Held, schmalen Gesichts, das einen -eher duldenden als tätlichen Ausdruck trug, zog ruhig dahin. - -Dies ganze unerhörte Schauspiel zeigte sich Renate in einem -außerweltlichen Licht, das nicht darauffiel, sondern ihm, seinen Farben, -nur entsickerte; in einer trotz der jagenden Fahrt gefesselten Stille; -tosend und doch tief in Ruhigkeit; in Vereinsamung, in Entlegenheit; in -einem so fernen Fürsichsein, daß Renate glaubte, über eine Mauer einen -Blick in verbotene Gegend zu werfen. - -Endlich gesättigt fürs erste, trat sie zurück und vor das nebenstehende -Bild hin. - -Hier war Kampf. Im dunkel gehaltenen Vorgrund zur Linken galoppierte auf -einem grau geharnischten Pferde mit braunen Beinen ein schwarzgrau -Geharnischter über einen Haufen Erschlagener schräg aus dem Bilde, statt -des Kopfes nur einen graden Helmtopf mit Augenschlitzen auf den -Schultern, den braunen Schaft seiner Lanze aus dem Bilde heraus -gerichtet. Links von ihm tief in der Bildecke zusammengekauert war ein -nackter Neger, der den Bogen spannte --, dessen Pfeil stak rechts drüben -in der Weiche eines Sarazenen, der mit seiner reichen Kleidung nach -hinten schlug, so daß der Pfeilschuß die Breite des Bildes überspannte. -Den Mittelgrund nahm eine leere Aufhöhung ein, und hier war alles hell, -weißlich und silbrig, und silbrig grüne und eisbläuliche Erscheinungen. -Ganz hinten, klein, jagte mit lichtblauen Bannern, weißen Harnischen und -weißen Pferden ein Reiterzug die Anhöhe herauf und jenseits wieder -hinunter, entschwindend. Er war herausgekommen aus einem altertümlichen -silbergrünlichen Stadttor, das vor dem dunklen Hintergrund wie vor einem -düsteren Meere stand. Inmitten aber, wo der Raum der Anhöhe weit und -breit frei war, kam langsam, Renate sichtbar erst jetzt, die in der -Entferntheit kleine Gestalt des Eroberers geritten, gleich erkennbar als -solcher. Das weiße, massive Roß in lichtblauem Geschirr bewegte sich, -den dicken Hals angezogen, sich drehend, in einem großartigen Pomp, -geführt von einem Pagen in Blau und Silber. Der Heros im Sattel zeigte, -so klein er war, die Züge des Fahrers vom ersten Bild. Er schien eine -Wolke von weißem Licht um sich zu verbreiten. - -Renate staunte, kaum atmend, über die Stille. Die schmetternde -Gewaltigkeit des Vorganges vorn schmolz im Augenblick an der ruhevollen -Erhabenheit dessen in der Mitte, dessen Feierlichkeit nun in eins klang -für sie mit jener, in deren Schutze sie hergekommen war durch den -sonnenstillen Charfreitag. - -So wagte sie sich vor das dritte Bild. - -In einem Sessel saß hier die Madonna auf einem kleinen Thron aus -verschiedenartigem Marmor, schwarzem, weißem und braunem, Stufen, -Plattform und Säulengeländer, in einem Gewand von ähnlichem schwarzem -Blau wie das gewitterwandgleiche des ersten Bildes, gradausblickend, -sehr still -- und plötzlich mit ihren eigenen, Renates, Zügen, den -unheimlich entfremdeten durch dunkle Brauen und schwarzes Haar. Vor ihr -der stehende Knabe in einem hellrötlichen Hemd, hatte ein sanft ovales -Gesicht, von schwarzen Haarsträhnen umrahmt, leicht bräunlich, indisch, -und die mandelförmigen Augen von lichtem Blau hielten ein zauberhaftes -Lächeln der Stille wie eine Blume fast mit Fingern empor. Auf dem -braunen Erdboden davor kniete ein nackter Mensch, der eine schmale Krone -von braungoldenen Zacken niederlegte, und in den gemeißelten Gliedern, -weiß mit bräunlichen Schatten, glaubte Renate die des Fahrenden zu -erkennen. - -Und nun von beiden Seiten auf diese Gruppe zu war in schreitender -Haltung je eine Reihe von Figuren geordnet, in Mänteln, in -Priesterstolen, mit Tiaren, in Harnischen, in bürgerlicher Festkleidung -des Mittelalters, Frauen dazwischen, jede behangen mit Farbigkeit, mit -Purpur und dunklem Grün, braunem Pelz, Violett und bleichem Gelb, mit -zaubrischem Rosa, gewässertem Blau, Rostrot, und Zimtfarbe. Und jede war -in sich beschlossen und allein, obwohl oftmals nur ihr Gesicht, ihr -Oberteil zwischen den Andern erschien, nachdenklich, verschollen, die -schwer ernsten Züge umwölkt von Zeitlosigkeit, aus der sie blickten. - -Diese beiden Züge immer kleiner werdender Figur entfernten sich in -ruhiger Biegung in den Hintergrund. Daselbst dehnte zu unendlich -scheinenden Tiefen Landschaft sich aus: ein Strom, grade durchfließend -von links nach rechts, Brücken darüber, Wälder entfernt, Gebäude. Und -überall befanden sich und tauchten auf winzige Gestalten, Pflüger, -Jäger, Pilgerscharen, Wandrer, Reiter, ein Hirt. Und jeder war ein in -Kristall abgeschlossener Teil Lebens, in seinem Schicksal befangen, -friedvoll, ein ihm Aufgetragenes ausführend, sein volles Dasein -darstellend in diesem stillen Augenblick der Handlung, in einem kleinen -Umkreis von Einsamkeit jeder und in einer Luft ohne Verhängnis. Ah diese -Luft! Woher kam sie? Ganz klein in der Ferne eine niedrige Kette -grünlich weißer Gebirgszacken war vom linken Rahmen zum rechten gespannt -in einer atemlosen Stille; und über ihr rieselte ein morgenfarbener -Himmel, vielleicht bläulich, vielleicht grau, mit bebenden Ahnungen von -Licht, von Röte, von erbleichenden Sternen, und doch nichts als -Schweigen und Hauch des unendlichen Raumes, der in Morgenluft schaudert. - -Renate verirrte sich völlig in diesem Bild. Augenblicke lang schien das -immer wieder anziehende eigene Antlitz sie auf etwas Unerkennbares -aufmerksam machen zu wollen, allein kaum beim Raten, verlor sie jede -Besinnlichkeit über der tiefer und schauerlicher gewordenen Entseeltheit -ihrer Züge von menschlicher Seele; als stünde sie vor blickender und -atmender Unsterblichkeit, aus der doch in der nächsten Sekunde schon das -menschlichste Lächeln süßer Ergebenheit wie eine Blume tauchte. -- Dann -versuchte sie, sich durch die Mauer erstarrter Lebendigkeiten in -Kleidern einen Weg zu bahnen, aber -- hielt hier das bläuliche Licht im -Pflaumenschwarz einer Samtbrust, dort das knisternde Grau von Atlas, das -braune Gold eines Harnischs sie auf --, so jetzt die tiefe -Leidenschaftslosigkeit all dieser Züge, dieser Gegenstände haltenden -Hände; dazu der Gedanke, daß nur feuerflüssige Leidenschaft eines -Schöpfers diese gebildet haben könnte; daß sie deshalb so unbeirrten -Ernstes erscheinen mußten, weil sonst Übermaß sich ergeben hätte. Nun -aber hatten sie nur Dasein, und dieses in Ewigkeit. -- Auf einmal hatte -sie dann doch die Reihe durchbrochen und fand sich selbst auf der -Wanderung in der dunklen Weite, atmend die Morgenfrühe, die Einsamkeit, -vorüber an dem stillen Fischer auf der Brücke, zu dem Hirten am -Waldrand, zum kleinen Pflüger unter dem Eichbaum, -- und schon wieder -fern allen diesen und bei sich selbst, sah sie jeden in seine entlegene -Vereinsamung herversetzt aus der Oberwelt; aus mühsalvollem Leben in -dies elysische Land, ewig fortzufahren im Tagewerk, kummerlos, in der -zeitlosen Stunde vor Aufgang der Sonne, deren verborgene Strahlen -niemals diese Berggipfel übersteigen würden. - -Sie merkte endlich eine Veränderung an ihren Augen und sah, daß es -dunkel geworden war. Seltsam waren die eben noch deutlichen Bilder im -nächsten Augenblick unkenntlich geworden, und mit einem Gefühl von -Unheimlichkeit wandte sie sich um. - -Da standen ja Menschen! Wie? Menschen? oder Gemalte? Erscheinungen? -Spiegelungen von -- ja, Bogner, Jason und Erasmus, die in der Nähe der -Wand standen und etwas betrachteten. Sie vermochte nicht hinzugehn, -nicht zu diesem Menschen, der -- jetzt erst traf sie der Schlag --, der -dieses gemacht hatte. - -Jason aber kam daher, neigte sich freundlich zu ihr und gab ihr die -Hand. Erfreut von der menschlichen Wärme darin, sagte sie leise zu -Jason: »Freund, erkläre mir dieses!« - -»Dies«, sagte der bereitwillige Jason, »ist gemalt. Es ist ein Werk des -Lebens und deshalb höher als das Leben. Hier ist nicht Wirklichkeit, -sondern Bild. Hier ist kein Handeln, das wir kennen, hier ist kein -körperliches, keine wahrnehmenden Sinne, und deshalb auch keine -Beziehung, kein Schicksal, keine Verstrickungen und keinerlei Erregung. -Könnte man derlei nachmachen mit Farbe und Pinseln? Und was käme heraus -dabei? Dies ist wahrhaftig gemalt: andres Leben, andre Handlung, andrer -Sinn, andre Gesetze, andere Luft und anderer Boden, der nicht sich -betreten läßt, und Landschaft und Wesen, die wir nicht anrühren können, -um ihnen gleich zu sein. Hier ist nichts gelöst als ein sehr einfaches -Rätsel, nämlich das des Entfremdens. Es ist, wie wenn du einmal in den -Himmel gelangtest, -- wie fremd müßtest du dir erst werden! Und dies ist -des Lebendigen letzte Kraft: Schauer und Magie eines höheren Lebens -hervorzurufen, aus dem die uns anwehende Luft uns die Witterung des -Ewigen zuträgt.« - -»Es scheint sehr einfach«, murmelte Renate kaum bewußt und mußte sich -wieder zu Bogner umwenden. Sie sah durch verschleierte Augen, daß er vor -Erasmus stand, eine Hand auf der höheren Schulter des Freundes, der in -der alten ruhigen Haltung, die sie kannte, den Kopf etwas gesenkt hielt -und zuhörte, was Bogner leise mitteilte. Indem wurde Renate bewußt, daß -jener der Anfang ihres Herzens gewesen war, -- und nun dieser das Ende -sein sollte, und nichts erstaunte sie so sehr als die Ähnlichkeit dieser -Beiden. Sie konnte sich bald nicht mehr halten, ging zu ihnen, die sich -nun wandten, und sagte, jeden leise am Arme berührend, dankbar zum -Einen, dankbar zum Andern: »Ich wußte es wohl, ihr seid Brüder! -- Ich -habe euch lieb.« - - - Achtes Kapitel - - - Magda - -Erwachend aus schnellem und tiefem Schlummer, fand Georg sich -eingetaucht in ein großes und schweres Gefühl der Feierlichkeit. Aller -Munterkeit fern, und obwohl hell wach und erquickt, auch ferne von -Frische, saß er im Stuhl, beladen mit dieser starken und sehr ernsten -Schwere, in der auch ein traumhaftes Ziehen wogte, so als würden noch -wie magische Tücher Schlaf und Traum aus seinen Gliedern hervorgezogen. -Draußen mußte es sonnig sein, denn im Zimmer, das jetzt Schatten hatte, -zeigten die Dinge sich in tiefem Glanz: die Vitrine voll farbiger -Stücke, die goldbemalten schwarzen Koffer ihr zu Seiten mit ihren -rötlichen Stricken, an der Wand überm Sofa die Bilder der Jugendjahre, -das Sofa selbst und der Tisch, und im Schatten der Türnische, hinter dem -grauen Rupfen der Bücherregale, zeigte sich für einen Augenblick das -Zucken eines ewigen Auges. - -Schlaf, du magische Wand! dachte er erstaunt. Hindurchgegangen, -entschwunden uns für Minuten, erwachen wir jenseits als Andre. - -Die Taschenuhr, die er zog, stand auf halb Fünf. Also konnte er kaum -eine Viertelstunde geschlafen haben. Aber wo blieb die Anna? - -Er besann sich auf Geschehenes, auf Bevorstehendes. Klemens im -Sonnenregen erschien mit der grünen Gestalt auf den Armen, -- dann der -Tote, aufrecht im Sessel, ein Schläfer, der sich gestillt hatte am -Leben. Nur ein leiser Schmerz ging von ihm aus, so daß es war, als ließe -die mystische Schwere, die Georg umhüllte, keine tatsächliche sonst zu. -Auch bewegten die wenigen Gedanken, die er erscheinen sah, sich -gleichsam mit kleinen Schritten, leicht und gebunden wie Kinder am -Sonntag. Was stand denn bevor? Was? -- Dieser Gedanke war zu schwer und -ließ sich nicht heben. - -Georg erhob sich, trat an den Schreibtisch und blickte hinaus. - -Ja, es war heller Sonnenschein. Der Schatten des Südflügels bedeckte, -wie an unzähligen Sonntagnachmittagen zuvor, den Hofraum zur Hälfte; -Mauer und Fenster drüben erglänzten im Ausdruck der stillen -Verlassenheit, die dem Sonntagnachmittag eigen ist überall auf der Welt; -auf dem Dache, das, weil es höher war, sonniger schien, ruckte die -Taubenschar, schillernd, deutlich mit ihren Schatten, und im vollen -Leuchten vor der azurnen Himmelstiefe stand der weiße Turm mit dem -Uhrblatt goldener Zeiger und Ziffern, der schwarzen Glocke im Innern, in -dem luftigen Meer ein sehr stilles Riff, hinter dem die ruhige Überfahrt -der bergichten Wolken schön vorüberglitt. Eine traumhafte Welle von -Heimweh und Abschied ging langsam zitternd über dies hin und machte es -um einen Hauch dunkler, ehe sie wieder verglitt. - -Traumhaft jetzt war auch das leise Pochen an der Tür und das Eintreten -Annas in einem Kleid von der lavendelblauen Farbe, die sie zu lieben -schien, nebst Egloffstein, der hinter ihr einen kleinen Tisch mit dem -Teekessel und Geschirr hereinrollte und mit seiner sicheren und -lautlosen Geschäftigkeit für eine Minute das Zimmer erfüllte. Dann saß -Magda im Sessel am Fenster, in den Tassen rauchte der honigfarbene Tee, -sie ließ die Augen umhergleiten, ihre Tasse im Schoß, und fragte mit -lichter Stimme: - -»Ist noch alles wie früher, Georg? Hängt die Schale noch über mir?« - -»Ja, Anna.« - -»Und die Bilder, und der Schrank -- alles wie immer?« - -»Ja, Anna, aber wie sonderbar du sprichst! Als wolltest du Abschied -nehmen.« - -Hierauf antwortete sie nicht, und Georg, die Tasse aus ihrer Hand -nehmend und seine Linke statt ihrer hineinlegend, fragte, das Gesicht -nahe am ihren: »Sprich die Wahrheit, Anna, kannst du wirklich irgend -etwas sehn?« - -»Jetzt«, sagte sie ruhig, »sehe ich dein Gesicht und sogar deine Augen. --- Sehen, wie du und Alle -- nein, Georg, das kann ich nicht. Aber es -ist immer hell, auch an den schlechtesten Tagen, wenn ich abgespannt bin -oder erregt. Sonst kannst du glauben, daß ich so viel sehen kann, wie -man braucht, um allein seinen Weg zu finden. Nur zu Schatten ist alles -geworden, aber --« sie hob seine Hand, »man kann fühlen.« - -Georg, dicht vor Augen ihren sacht sich bewegenden Mund, die ganzen -Züge, offen, ausdruckbedeckt, durchspielt von innen, unendlich sinnvoll -und beseelt um das tote Braun des einen und das lebendigere, aber -gefleckte des andern Auges, -- er fühlte nach Sekunden, daß ihr Mund -näher wollte zu ihm, und kam ihm entgegen. Ihre Lippen berührten sich -behutsam und blieben so lange Zeit, ehe sie sich wieder ließen. - -Eine Weile später erinnerte sie ihn dann, daß er ihr noch habe vorlesen -wollen. Er widersprach nicht, meinte aber, das Buch aufnehmend, es sei -doch alles kaum von Belang, außer für ihn selber. Zumal da sie alles von -Bogner Handelnde schon gelesen habe. Er wolle aber einmal zusehn, ein -paar Worte von Bogner stünden zwischen dem Übrigen. Blätternd derweil -hatte er bald gefunden. - -»Ja, dies sagte er einmal: >Die den Menschen erzeugte, und die er -erzeugt: Natur und Kunst, diese beiden sind. Er selbst ist noch nicht.<« - -»Nein, Georg, was ihr euch alles ausdenkt!« rief Magda unschuldig. - -»Was, Anna, nimmst du uns nicht ernst? Bogner nicht ernst? Dann höre, -was er noch sagte, hier steht es: >Der Mensch ist nur dazu da, um Natur -in Kunst zu verwandeln.<« - -»Das glaub ich. Ja, so muß einer sprechen. Nur weiter!« - -Georg las: - - - »Porzellan - (nach einem Wort Bogners) - - Das ist die edle Alchymie des Leidens, - Die, sehnlich nach des Himmels Gold, erfand - Der Erde kräftig zartes Porzellan, - Drin Kochendes sich kühlt, -- das dauerhaft - Gezeigt wird Enkeln an der Ahnen Festtag.« - -»Davon ist aber zumindest die Hälfte von dir, Georg«, bemerkte sie -heiter. - -»Aber keineswegs! Von mir ganz allein dagegen ist dies:« Er las ernst: - - - »Nur tiefer - (Im Gedächtnis Ulrika Tregiornis) - - Der Tote, den du liebst, an seiner Hand - Führt er dich mit hinaus aus deiner Welt. - Du siehst dich um. Und wie der Schleier fällt, - Nur tiefer stehst du da in deinem Land.« - -»Ulrika ...« sagte sie leise. Dann: »Welch ferne, ferne Musik!« - -Georg ließ das Buch sinken und empfand lastender die Schwere, die auf -ihm lag. Über der ehernen kalten Meerflut erschien wehend der grüne -Deich mit dem einsamen Grabesblock, und das Auge der Verlassenheit erhob -sich darüber, ohne Bewegung. Georg glaubte, nicht gleich weiterlesen zu -dürfen, und glitt langsam in den ersten Absatz einer Niederschrift, die -allein vor den andern ein Datum zeigte, von dem er jedoch nicht mehr -wußte, was es bedeutete, und erst mit dem Anfang des zweiten Absatzes -fiel es ihm ein mit dem Heimwehstich, den er bekam. - ->Wenn deine Freundin über irgendeine Sache Tränen vergießt, und zwar in -einem Maß, das dir unbegreiflich erscheint, und wenn du dann fragst, und -sie sagt: Es ist nichts! oder: Ich weiß nicht warum, -- so fliehe gleich -von ihr, denn über vier Wochen oder in einem halben Jahr wird sie dir -oder ihr etwas Furchtbares antun, dessen Tränen sie damals ahnungsvoll -vorausweinte. - -Dies gab sich mir heut zu erkennen, als Cornelia mir am Abend nach ihrer -Rückkehr mitteilte, daß sie nicht bleiben könne. Nicht nur ihr unmäßiger -Schmerzausbruch vor Wochen, als sie nur auf acht Tage fortzugehn mir und -sich selber versprach, wurde mir Erinnerung, sondern diese zog noch zwei -andere mit sich, nämlich Cordelias Verzweiflung ohne Maß und Grenzen, -damals, als sie Theater vor mir gespielt hatte, und Annas Weinen, -damals, als ich sie küßte. - -Da alles, was mit uns geschieht, aus uns geschieht, so gehört freilich -nur ein tieferes Eingebettetsein in die eigne Natur dazu, um zu ahnen; -und wie es scheint, sind Frauen so veranlagt. - -Cornelia also geht. Der Mensch hält sie fest. Dies ist auch ein -Grundsatz über Frauen -- und nicht die schlechtesten: Gieb ihnen zu -wählen zwischen einem Geschenk und einem Opfer, sie strecken mit -tödlicher Gewißheit die Hand nach dem zweiten aus. Mit bis zum -Unverstand tödlicher Gewißheit. - -Dieser Mensch war vor einigen Jahren dermaßen von Krankheit besessen, -daß er einmal wochenlang hungerte, aus Unfähigkeit, in einen Laden, in -ein Speisehaus zu treten, so daß er vom Frühstück der Zimmerwirtin -lebte. Als er einmal ein polizeiliches Papier verloren hatte, mußte er -und die Cornelia mit ihm jeden nur erdenklichen Fetzen, gleichviel -welcher Größe oder welcher Farbe und gleichviel wo, im Haus, auf den -Straßen, im Theater, aufheben und ihm zeigen, daß es nicht das verlorene -war. Heut ist er kränker als jemals, einem Idioten ähnlicher als irgend -etwas das sein könnte; was an ihm zu tun ist, könnte jeder Wärter gerad -so gut und besser besorgen -- denn ein solcher wäre standhaft, während -Cornelia sich mit verzehrt --, allein: sie muß. Ihr bricht das Herz im -Gefühl für mich; aber sie muß. - -Ich habe ja wohl kein Recht, einen bittern Geschmack im Mund zu -bekommen, -- da ich sie nicht liebe. Aber mir ist bitter. Und ist es -nicht alter menschlicher Unverstand? In einem Heim für idiotische Kinder -sah ich strotzend blühende junge Mädchen und Frauen sich abmühen mit -diesen für alle Ewigkeit verdorbenen Geschöpfen, an die sich all jene -schöne Kraft und Willigkeit sinnlos vergeudete. Ist es nicht sinnlos, -daß, wenn hier ein Kranker ist, der ein gewisses -- sagen wir eine -gewisse >Luft< braucht, um zu gesunden, diese einem Gesunden entzogen -werde, der ihrer bedarf, um gesund zu bleiben? Ist nicht dies das -erstlich Wünschenswerte: Gesundheit zu erhalten, danach erst: Krankheit -zu heilen? (davon abgesehn, daß es in diesem Fall nicht einmal um -Heilung geht.) Die Ärzte, soviel ich weiß, unterschreiben mir den ersten -Satz, jene jedenfalls, die für den Kranken dazusein glauben und nicht -für ihre Rechnung, denn wahrhaftig, wenn es Leitsatz der Menschheit -wäre, auf die Erhaltung ihrer Gesundheit zu sehen, so könnte die Hälfte -aller Ärzte Anwalt werden oder Pastor, um statt für Körperheil für -Seelen- und Vermögenheil zu sorgen. --< - -»Willst du nicht mehr lesen?« hörte er sich, noch bevor er die letzten -Sätze erreicht hatte, gefragt, und erwiderte, sie mit dem Blick -überfliegend: - -»Etwas hätte ich dir gern vorgelesen, -- aber es ist etwas lang. Du hast -es nicht schon gelesen? Es ist das Letzte im Buch, die Überschrift -heißt: Ultimo, -- so habe ich es genannt, weil es damit >am letzten< mit -mir ist. Mein letztes Wissen steckt darin, und -- ich möchte dich -bitten, wenn ich nun lese, zu glauben, daß es -- nun, daß es sich nicht -um Einfälle handelt, sondern daß es -- wirklich mein Äußerstes ist, -nicht wahr, mein Letztes, die gesammelte Erfahrung von allem, was ich -er--lebte. Es sind Wochen vergangen, während ich es schrieb, und das -weiß ich noch, daß fast jeder Satz so langsam kam, als währte er eine -Stunde, und wenn er dann dastand ... aber gleichviel.« - -Georg brach ab und schwieg. Eine Weile später begann er zu lesen. - - - »Ultimo - - Motto: Wahrheit ist es nicht; - es ist meine Wahrheit. - - - I - -Wenn wir uns klar zu werden versuchen über die Wirkung eines Dinges auf -uns, das wir schön nennen, welcher Art dasselbe auch sei -- der Natur, -der Kunst, dem Handwerk entsprossen --, so wird die einfache Antwort -lauten: Befriedigung. - -Wir fühlen da eine magische Kraft von dem Schönen ausgehend uns treffen, -die, vom tiefsten Erstaunen zur höchsten Freude, eine mehr oder minder -mächtige Wallung in uns erregt, als würden alle gelockerten Bestandteile -unseres Seins durcheinander gewirbelt; als fühlten wir in diesem ersten -Stadium der Ergriffenheit das Chaos Welt, dem wir angehören. Danach -atmen wir auf; der Schrecken besänftigt sich, das Unglaubliche, die -Fremdartigkeit des Schönen, wird glaublich, da die Erscheinung bleibt, -und nun fühlen wir uns erlöst, fühlen uns geheilt, fühlen uns zufrieden. -Das Chaos in uns, oder die Unordnung, ist wie zum Kristalle -zusammengeschossen, und das Schöne ist der Kristall. Die Verworrenheit -der tausend Stimmen in uns hat ihren Einklang gefunden, und das Schöne -ist der Einklang. Und die wundervolle Ausschließlichkeit des Schönen, -die alle andern zurückdrängt hinter seiner glückhaften Erscheinung, sie -vollendet in uns die Gewißheit, daß die Welt zu einer Ordnung kam, zu -einem umfassenden Sinn, einer Sammlung, einer Stille, einem Frieden. - -Hierin liegt mit ganzer Notwendigkeit die Folge beschlossen, daß, was -wahrhaft schön ist, auch gut sei. - - - II - -Gefälligkeit, dies ist die Wurzel des Schönen. Was dem Menschen gefiel, -das taufte er schön. Nun aber hat es nichts Schönes oder Gefälliges -gegeben, bevor der Mensch es nicht selber gemacht hätte. Wir heute sind -wohl imstande, eine Blume, eine Färbung des Himmels -- Dinge, die früher -auf dieser Erde vorhanden waren als der Mensch -- wohlgefällig zu -empfinden; denn das Schöne ist heute in uns, wir besitzen es eingeboren, -wir erkennen es, aus uns heraus, wieder. Daß dies heute so ist, kann -einzig daran gelegen haben, daß die einstmalig unbewußte Erkenntnis des -Schönen ganz durch uns durchging: daß wir ein Ding machten mit unserer -eigenen Hand, das unser Gefühl für Gefälligkeit zum Ausdruck brachte. -Wir mußten dem Gefälligen außer uns, das wir erkannten, nachahmen, was -nachstreben heißt, nicht nachmachen, welches erst die Folge von jenem -ist oder die Handlung als Verwirklichung jenes Empfindens. Wir mußten -empfangen haben, gänzlich zu eigen genommen, das Empfangene durch unser -Wesen verleiblicht haben, um es schließlich aus uns heraus zum Quellen, -Erstehen, zu eigenem Leben zu bringen. Das Schöne -- nunmehr zum zweiten -Mal außer uns, vor uns stehend, wieder fremd und doch unser Eigentum -nun, beglückte uns durch sein lächelndes Dasein. - - - III - -Es war eine Schale. Es war die einem Tierschädel nachgeahmte, aus Binsen -geflochtene, mit Lehm verklebte, gewölbte, gerundete, geglättete erste -Form eines Gefäßes, ein freudiges Lachen erregend, weil sie ähnlich -geworden, weil sie rund und glatt und gefällig war, weil der Mensch sie -gemacht hatte, nicht die Natur. - -Und welch unbewußtes und hierin unendliches Gefühl der Sicherheit! -Sicherheit im Können, im nun Wiederholenkönnen, in der ganzen -Unleugbarkeit des Gefertigten, das sich abgesondert hatte aus dem -notvollen, angstvollen Wirrsal der Welt. Ein Maß war jetzt geschaffen, -der Mensch hatte Maße, die sich abnehmen und anlegen ließen, und er -konnte im Weitergang schaffender Erfindung Teile bilden an einem Ganzen, -die unter sich einen Frieden hatten; konnte ein Ganzes zerlegen, ohne -daß es zerfiel; er war im Besitze des Einklangs, im Besitze einer Kunst, -ein Hundertfältiges, das ihn verwirrte, zu vereinfachen, und als ihm -diese Einfachheit bedrohlich wurde durch Strenge, sie wieder aufzulösen -durch die Verzierung. Er besaß nun das Schöne. - -Der Mensch wirkte das Schöne mit vieler Müh. Der noch keines Guten sich -deutlich bewußt war, schon war er gut durch eine Kraft der Güte, die ihm -aus den Händen quoll in das Werk. - -Gute Geister walteten schon: Vorsicht, Behutsamkeit, Besinnlichkeit und -die Nimmermüdheit. Liebe kannte er nicht, aber liebevoll war er nun -schon durch Geduld. - -Geduld, die Erhalterin seiner Mühseligkeit; Geduld, welche dann ihn -belohnte durch das erschaffene Schönding aus seiner eigenen Hand. - - - IV - -Heute sind wir nun fern von der Quelle, verirrt im hundertarmigen Delta -des Stroms, am Rande des Meers. Was einmal einfach gewesen, haben wir -bis ins Unzählbare gespalten; alles ist uns getrennt, auch das Schöne -vom Guten, die uns nicht mehr beschlossen sind ineinander wie Vogel und -Ei, unkenntlich, was früher gewesen; sondern die nun gegeneinander -gerichtet stehn, die wir abwägen, die wir gar zu Feinden gemacht haben, -daß wir sagen: das Schöne ist unnütz, aber Gutsein ist not! Und daß wir -den einen Schönling nennen, der bei vieler Liebe zum Schönen kein Herz -in sich habe für das, was gut ist. - -Doch nicht hiervon sei die Rede, sondern die Frage ist die: Wenn Beide -einmal Eines gewesen sind, Schönes und Gutes, gleichviel denn, welches -das Erste gewesen: müssen nicht auch die Eigenschaften des Guten die -gleichen sein wie des Schönen, und die Wirkung die gleiche: ein -Wohlgefallen, eine Erlösung, eine Befriedigung? - -Ja. -- Das Schöne, das wir erzeugten, hat die Gestalt des Werkes; das -Gute, das wir erzeugen, hat die Gestalt der Handlung. Wohlgefällig ist -uns das Schöne wegen des Einklangs, wegen der Ordnung, wegen der -Beruhigung, in die uns die Welt da versetzt scheint. Wohlgefällig ist -uns die gute Tat wegen des Einklangs, in die sie uns selber versetzte, -wegen des Friedens, den sie über unsre Verworrenheit brachte. - -Verworrenheit -- die ist immer, und die ist das Böse; Einfachheit und -Einigkeit, Klarheit, Ruhe, Frieden, die sind das Gute. - -Verworrenheit aber ist Leiden; Einigkeit ist das Heil, ist die Tröstung. - -Böses und Gutes beide, sie sind nicht in der Welt, sie sind allein in -dem Menschen, der sie erkannte, so daß sie in ihm waren. Der an dem -Einen litt, so daß er das Andre empfand. - -Uralte Verworrenheit, ewige Unruhe, das war die Welt, aus der er kam. -Überfülle, Verschwendung, Versuche tausendfacher Gestaltung -- und das -Streben nach Einheit: das war der Schacht, dem er endlich entstieg. Er, -daß er es nicht leide! Daß er es in sich erleide und zu ändern willig -werde. Er, der leiden lernte durch das Böse und sich heilen durch das -Gute. - ->Denn das Gute, das ich will, das tue ich nicht, sondern das Böse, das -ich nicht will, das tue ich.< - -Denn seiend ist meine Verwirrtheit, das Böse, und ich tue sie allezeit, -da ich bin; strebend aber, werdend ist das Gute. >Wollen habe ich wohl, -aber vollbringen das Gute finde ich nicht.< (Römer 7, Vers 19 und 18.) - - - V - -Gut zu handeln, haben wir gesehen, ist not. Wir finden die Richtschnur -dieses Handelns unter den Worten Dessen, zu dem wir immer zurückkehren, -seit er erschien, und es ist das Wort, von dem er selbst sagte, daß in -ihm das Gesetz hange. Es lautet bei Matthäus: - ->Ihr habt gehört, daß da gesagt ist: Auge um Auge, Zahn um Zahn. Ich -aber sage euch, daß ihr nicht widerstreben sollt dem Übel, sondern, so -dir jemand einen Streich giebt auf deinen rechten Backen, dem biete den -andern auch dar.< - -Nicht begrifflich, sondern um deutlich verstanden zu werden, drückte er -seine Lehre so gegenständlich aus; stellte zwei Menschen einander -gegenüber und wies auf den Vorgang. - -So wollen wir auch, um auf den Grund der Lehre zu kommen, den Vorgang -auseinanderfalten, damit wir zur Erkenntnis derjenigen Eigenschaft des -Menschen kommen, aus der die Guttat entspringe. - -Der Vorgang hat seine Vorgeschichte. Ein Mensch schlägt einen andern; -ein Mensch also hatte Streit, war verfeindet mit einem andern, glaubte -sich also von dem andern ein Unrecht zugefügt, rechtete mit ihm, traf -ihn. Aber die zum Widerschlagen erhobene Hand soll sinken. Ja, nicht nur -dies; auch die andre Wange soll dargehalten werden zum neuen Schlage, -- -was heißt das? - -Es heißt: der Geschlagene soll sich besinnen. Sich besinnen aber, das -heißt fragen: Warum ward ich geschlagen? -- Wie lautet die Antwort? Weil -jener glaubte, ich hätte ihm unrecht getan. Habe ich das? Nein. -- Nein --- oder vielleicht doch. Ja, vielleicht ist da ein Unrecht doch -irgendwo. Vielleicht nicht dieses; vielleicht ein andres. Wir sind -allzumal Sünder. Wir sind uns Alle verschuldet. -- Da wird er auch die -andre Wange darhalten. - -Wie aber nennen wir die Eigenschaft, wie nennen wir die Gemütsverfassung -eines Menschen, der imstande ist, bei geschlagener Wange solche -Erwägungen anzustellen, zu einer solchen Einsicht zu kommen? - -Geduld. - -Geduld, o du zeugender Vater des Schönen! Geduld, o du leidende Mutter -des Guten! - - - VI - -Wie nun aber? Der Mensch, wie wir ihn sehn, ist nicht geduldig geraten; -in zwei Jahrtausenden seit jener Lehre ist er nicht geduldig, ist er -vielmehr ungeduldig geworden, so daß ihm immer das Licht unter den -Nägeln brennt, so daß er nur schreien kann: Auge um Auge! - -Und gesetzt also, es träte einer auf, der hätte die heilsame Panazee, -und die ganze Menschheit strömte zu ihm und ließe sich impfen mit -Geduld: würde sie -- wie sie einmal beschaffen ist! --, würde sie heil -werden und gut? - -Nein, sondern die Lymphe würde sich, >wie sie einmal beschaffen ist!< in -ihr in Gift verwandeln, und die unaufhörlich zerdrückte, verschluckte, -verbissene Ungeduld würde sie so zersetzen, daß sie am Ende zerreißen -müßte. - -Sie kann -- entfernen wir jenen _deus ex machina_ wieder --, sie kann, -wie sie einmal beschaffen ist, nicht zur Geduld kommen. In allem ist sie -auf einer immer geschwinderen Jagd; weniger heute als jemals kann sie -einhalten. Geduldig sein heißt zurücktreten; geduldig denken heißt -zurückdenken: sie kann immer nur vorwärts. - -Dies alles aber, warum ist es denn so, und was ist der Fehler am Grunde? - - - VII - -(Vielleicht ist der Fehler dies: Von der ganzen Menschheit ist weitaus -die größte Mehrzahl mit sich, mit dem Leben, mit der Welt, selbst mit -dem Leiden darin zufrieden. Vergeßlich beschaffen, würden sie ein -andres, besser genanntes Leben, so mans ihnen verschaffte, annehmen, -aber aus sich heraus wollen sie kein andres. - -Eine kleine Zahl von dem Rest hat zwar eingesehn, daß sie nicht -zufrieden sein darf mit dem, was sie hat, und daß alles anders sein -sollte. Wie sie aber beschaffen sind, vermögen sie sich von der -zeitlichen Grundlage, auf der sie stehn, nicht zu entfernen; sie sehen -nicht ein >Alles<, sehen kein Ausdemgrunde, das zu ändern wäre, sondern -nur ein Vieles, und jeder ein Andres, und der Eine meint dieses, der -Andre das, welches geändert werden und welches geändert auch alles -Übrige umwandeln müßte, -- und der Erfolg ist nur Hader. Ganz wenige -sind, die das >Alles< erkannten und die volle Unmöglichkeit dieses -Lebens, in das wir Alle verstrickt sind. - -Diese stehen einsam in der Verstrickung, wissen weder sich selbst noch -den Andern zu helfen, und wenn der Eine sich begnügt, ein System zu -entwerfen: wie es eigentlich sein sollte, so hat der Andre nichts als -den heiseren Nachtschrei zu Gott.) - - - VIII - -Geduld dächte rückwärts und würde erfahren: die Schuld liegt bei mir; -Ungeduld denkt nicht. - -Geduld ist stark; Ungeduld ist schwach. - -Geduld hat Vertrauen und glaubt der eigenen Rechtlichkeit. Schwäche ist -Mißtrauen; sie ist Befangenheit in der uralten Verwirrung, erkennt nicht -das Gute, dessen Sehnsucht, dessen Gebot und Kraft; sie mißtraut sich -selbst und den Andern. Sie hat in sich keinen Halt und vermutet ihn bei -keinem. Der Halt ist Glauben; der Anhalt ist Gott. - - - IX - -Unzählbar in den Evangelien und Episteln sind die Worte vom Glauben. -Lösen wir aus diesen und aus jenen, aus der Darstellung und der -Auslegung nur die beiden heraus, die uns am tiefsten zu leuchten -scheinen, so lautet das eine (bei Johannes im 11. Kapitel, V. 25): - ->Ich bin die Auferstehung und das Leben; wer an mich glaubt, der wird -leben, ob er gleich stürbe.< - -Und das andre (im Paulusbrief an die Römer, Kap. 3, V. 28): - ->So halten wir nun dafür, daß der Mensch gerecht werde ohne des Gesetzes -Werke, allein durch den Glauben.< - -Wie muß einmal aufgehorcht sein bei diesem Wort! Vom Glauben und -Glaubensollen war in den Gesetzen Jehovas nichts zu lesen -- dessen -Dasein verbürgt war, so daß es keiner Mahnung zum Daranglauben bedurfte ---, und die Götter der Griechen freuten sich ihres Daseins, aber sie -hatten keine Satzung daraus gemacht. - -Ich möchte fragen: Muß nicht dieses das Neue gewesen sein, das bewog und -anzog? War es nicht eben so, daß die alten Götter kraftlos geworden -waren, daß sie sich erdrückt hatten durch ihre Vielzahl, daß ihre -unhaltbar gewordene Vielfältigkeit hinlosch auf jenem Altar, wo die neue -Flamme der Einzigkeit und der Einheit entbrannte, und an welchem -geschrieben stand: >Dem unbekannten Gott<? - -Mißtrauen gegen die alten Götter bereitete dem neuen den Weg, denn die -Menschen wollten noch glauben. So kam der Neue mit seiner -Heilsverlockung: Wer an mich glaubt, der wird leben! - -Das Wort leuchtet wie keins. Seine Überzeugungskraft flammt so heraus, -daß auch der Ungläubige sich ergriffen fühlen muß; daß er, solange er -fühlen kann, wie all jene in ihrer Verworrenheit, ihrer Verlassenheit, -in ihrer Ausgesetztheit in den Tod, aufbrennt in dem Verlangen, -blindlings zu sein und zu glauben. - - - X - -Was heißt glauben? Das griechische Wort heißt >_pisteuein_< und ->_pistis_< der Glaube. Es heißt, überzeugt sein, daß etwas so ist, wie -es sich darstellt, und darauf vertrauen. - -Da aber Christus nur die Verleiblichung Gottes auf Erden war, was heißt -glauben? - -Überzeugt sein und für wahr halten, daß Gott der Herr ist, der die Welt -erschaffen hat samt allen Kreaturen und diese erhält; daß er allmächtig -ist, allwissend, und allweise; daß von ihm alles abhängt, daß er die -Vollkommenheit ist, die unsre Sinne nur zu fassen zu stumpf sind, in die -wir aber dereinst eingehn werden, dieweil es versprochen wurde: >Wer an -mich glaubt, der wird leben!< - -Die Worte stehn da, unmißverständlich wie etwas. _Pistis_ -- der Glaube, -so heißt es, nicht anders. Die Menschen vertrauten, und wie ging es -weiter? - -Sie waren Menschen, zwar glauben wollend, allein mißtrauisch beschaffen; -waren Menschen, die aneinanderhingen, nicht jeder für sich allein -glaubten, sondern in ihrer Gemeinschaft, und so -- wer beschriebe den -ganzen Verlauf? -- ward aus dem Glauben Gesetz, das lebendige Neue -wieder zum toten Alten, und weiterhin durch die Flucht der Gezeiten die -Verkalkung im Ritus, im Zeremonial, in der Formalität, im großen -Mummenschanz einer >allein seligmachenden< Kirche. Das Mißtrauen nahm -überhand wie die Sintflut, die Schwachsinnigen konnten noch glauben, im -Aberglauben und im Stein ihres Zeremonials; die Starken, die noch in der -Lebendigkeit, in der Wahrheit glauben wollten, als auch in ihren Augen -der alte Außengott, der die Erde erschaffen hatte, seine Glaubwürdigkeit -verlor: sie wandten sich ab von dem klaren Tage ins Dunkel. Aus ihnen, -die wir deshalb die Mystischen nennen, schlug noch einmal die -Glaubensnot mit rasender Flamme hervor, riß Gott aus den Himmeln -herunter und verzehrte ihn, so daß es nun hieß: - - Ich weiß, daß ohne mich Gott nicht ein Nu kann leben, - Werd ich zunicht, er muß vor Not den Geist aufgeben. - -Gott wurde hineingezogen in die Welt, in den Menschen; er war nun in -allem, im Stein, in der Pflanze, in jeder Pore am Leib. Die das -glaubten, waren die Starken, die Inbrünstigen, die Feurigen, Seelischen, -Leidenden, Strebenden, Guten. Und noch trat Luther hervor, streitbar, -ein Held, der den Christen kriegerisch wollte, der brannte und sich -dämpfte, und der noch einmal einen stämmigen Herrgott schuf nach dem -Bild seiner Stämmigkeit; ein Gott, der, wie mir scheint, bald innen war, -bald außen, widerspruchsvoll wie der Mensch selber, Luther. Da aber die -Menschen keinerlei Widersprüche ertragen können, so bildete sich auch -kein Luthertum, sondern ein kühler mittlerer Protestantismus, der -vielerlei Möglichkeit offen ließ bis zum völlig Absurden einer heutigen -Liberalität. - -Die Schwachen aber, die Haltbedürftigen, all die Notleidenden, Kranken -an der Armseligkeit ihres Daseins, die Gebrochenen von Geburt an, die -Unterdrückten, Taglöhner ihrer Hände, Sklaven der Maschine, -Zusammengepferchte mit ihresgleichen, ohne Luft, ohne Licht, ohne Geduld -über sich, ohne Schönheit, Enterbte, Verschnittene des ewigen Lebens: -die sollten an einen Gott glauben können, der in ihnen ist, der sie -selbst sind? Sie in ihrem Morast, in ihrem Ekel, ihrer Entrechtung, -ihrer Entnervung, sie sollen Kraft haben zu sowas? - -Vielmehr hat der Teufel Mißtrauen sie All an der Kehle und beißt ohne -Unterlaß hinein. - - - XI - -Ich, der nicht glauben kann, der ich aber eine unaussprechliche -Sehnsucht habe, mich zurechtzufinden, zum Frieden zu kommen; der ich -diesen und jenen Weg versuchte, mein Hirn zernagte, mein Herz zerklopfte -und überall so gierig wie ein verhungerter Wolf suchte nach der Speise -des Lebens: ich habe allezeit eine bestimmte, wiewohl anfänglich unklare -oder gar bewußtlose Abneigung empfunden gegen die Aufrichtung eines -nichtpersönlichen, sondern eines in der Welt beschlossenen, aus ihr und -durch sie, >in allem< seienden und wirkenden Gottes. Meines Wesens in -allen Sachen der Seele oder des Herzens nach Einfachheit strebend, ja, -zur Einfalt geneigt, war und ist mir immer die Vorstellung von Gott mit -dem Persönlichen unauflöslich verbunden. Warum denn Glauben, warum -Vertraun? Ist Gott nicht dieses menschenähnliche, aber ungeheure und -unfaßliche Wesen, ist er nichts weiter als eine lebendige Kraft diesen -und jenen Namens, so zeigt mir das Auge meiner schlichten Vernunft im -Wechsel der Jahreszeit, im Kreislauf der Natur, in meinem eigenen Wesen -das Walten einer solchen Kraft untrüglich an, und was brauchts da ein -Herz, um zu glauben, was ich weiß? - - Erfüll davon dein Herz, so groß es ist, - Und wenn du ganz in dem Gefühle selig bist, - Nenn es dann, wie du willst, - Nenns Glück, Herz, Liebe, Gott! - Ich habe keinen Namen - Dafür! -- - -Ja, wie denn? Hier habe ich eine Frucht, die wie eine Birne aussieht, -wie eine Birne schmeckt, in allen Dingen wie eine Birne geartet ist, die -aber nicht am Birnbaum gewachsen ist, sondern am Apfelbaum. Giebt es da -die geringste Notwendigkeit, diese Frucht einen Apfel zu nennen und -Apfelbaum ihren Baum? Hinge Notwendigkeit nicht ab von Einzigkeit, vom -Nichtandersseinkönnen? >Nenn es dann, wie du willst!< Ja, wenn ich die -Wahl haben soll, so ist Gott freilich nur ein Name und also Schall und -Rauch. >Wer darf ihn nennen?< Was heißt ein >darf<, wo alles >muß< sein -sollte! Nun, Faust freilich wollte nur bestricken und eine Gleichheit -vortäuschen: er, der übrigens doch wohl an einen persönlichen Gott wohl -oder übel glauben mußte, da er dessen Widerspruch Mephistopheles mit -Händen greifen konnte. Wer aber, nicht um zu täuschen, sondern zum -Anschein der Wahrheit, gewisse nicht ganz begreifliche, mit Sinnen nicht -durchaus faßliche, vorhanden scheinende, aber nicht beweisliche Kräfte -innerhalb dieser natürlichen Grenzen göttlich nennt, -- nicht nur zur -Unterscheidung von anderen ähnlichen Kräften und nur um einen Namen zu -haben, sondern um einen ursächlich unterschiedenen Gott daraus -herzustellen: der mag es tun, aber ich glaube ihm nicht, und er kann -mich nicht verführen. Wenn gesagt worden ist, daß die Toten auferstehn -werden, um ein ewiges Leben zu haben, so soll man mir keinen Possen -spielen mit verweslich und unverweslich, mit geistigen Kleidern und mit -Verwandeltwerden. Wenn im selben Evangelium, das uns das Leben des -Gottsohnes wahrhaftig beschreiben will, Engel vom Himmel mit Botschaften -kommen, ungläubige Priester, hoffende Mütter und einfältige Hirten zu -belehren, so kann ich hinter diesen nicht >Glück, Herz, Liebe -- -Gefühl<, sondern nur einen himmlischen Vater gewahren, der weiß, was ich -nicht weiß, und Kraft hat, die ich nicht habe. Jedes läßt sich mit jedem -mischen und zusammenkneten, wozu nur ein wenig Verstand gehört; aber all -dieses sind unfruchtbare Bemühungen und Versuche, einen Gott im Leben zu -erhalten, der in Wahrheit lange verschieden ist. - - - XII - -So blieben denn zwei Möglichkeiten über. - -Die erste wäre: Ich glaube. Das heißt: Ich bin überzeugt und ich halte -für wahr, nicht mit meiner Vernunft, sondern mit meinem Ganzen, meinem -vollen und ungeteilten Wesen, das immer einig waltet, welche Eigenschaft -daran auch in diesem und jenem Augenblick die führende oder -erschließende sein möge: halte für wahr mit aller Kraft meines Herzens -und meines Geistes -- Gott, den Vater, den allmächtigen Schöpfer aller -Kreaturen. _Credo quia_ -- oder wie Strindberg sagt: _etsi -- absurdum_. - -Auf solch einen Gott vertrauen, das heißt einer Vollkommenheit gewiß -sein, ob sie auch über alle Fähigkeit menschlicher Wahrnehmung und -Erkenntnisse hinausgeht; trotzdem ihrer gewiß sein und also für die -Unvollkommenheit, die wahrnehmbar ist, für das Böse oder das Leiden die -Hoffnung hegen voller Vertrauen, daß auch sie ihren Sinn habe nach dem -Willen des höheren Wesens, und daß sie diesen Sinn irgendeinmal -offenbaren, sich auflösen wird und nur noch Vollkommenheit sein. Und die -zweite Möglichkeit wäre, dies nicht zu glauben. Es ist kein Gott, keine -Vollkommenheit; es ist nur Unvollkommenheit, nur Leiden; dazu die Kraft, -dieses immerhin einzusehn, die Kraft, sich hineinzufinden. - -Danach bliebe mein Wesen auf diese Erde beschränkt, das will sagen auf -die Menschheit. Die Fähigkeit, mich selber und meinesgleichen zu -ertragen, die mir dort aus meiner Gottgläubigkeit wuchs, muß nun aus mir -selbst und aus der menschlichen Gemeinschaft erwachsen. An die Stelle -des Glaubens träte das Sittengesetz. - -Und wiederum zwei Möglichkeiten dahier. - -Die eine, die für den Einzelnen, die Einsicht Habenden, sich nicht -verloren geben Wollenden, der sich kräftig genug fühlt, gottlos, will -sagen heillos zu leben. Für ihn die Worte: Geduld! und: Vertrauen! -- -Vertrauen auf den dunklen Drang, einen rechten Weg zu gehn, auf eine -untrügliche Liebe zum Wahren und Guten, eine Kraft, von Augenblick zu -Augenblick hintastend zu gehn; auf das Nächste allein immer gerichtet, -das Ferne nicht zu verfehlen; eine innere Sicherheit, eine Kraft, die -denn Langmut verleiht, Geduld zu haben mit den Menschen, wie man sie mit -sich selber hat. Tröstlich auf solch einen Weg möge dann das schönste -Wort leuchten, das ich fand: - ->Wir rühmen uns auch der Trübsale, dieweil wir wissen, daß Trübsal -Geduld bringt. Geduld aber bringt Erfahrung, Erfahrung aber bringt -Hoffnung; Hoffnung aber läßt nicht zuschanden werden.< - -Da keine Vollkommenheit ist, so ist auch keine gänzliche Errettung zu -denken. Aber von Augenblicke zu Augenblick führt der Weg der -Geduldigkeit, und es glänzt uns der Stern der Hoffnung, daß wir nicht -gänzlich zuschanden werden. (Römer 5, V. 3-5.) - -Dieses mein Weg, und dies mein Stern. Ich will es versuchen. - - - XIII - -Welche Möglichkeit aber bliebe für Alle die, denen aus irgend Gründen -die Einsicht verwehrt bleibt? Welche Möglichkeit für die Befangenen in -Mißtrauen und Ungeduld? Für all die Erniedrigten, Dumpfen, Gebrochenen, -für die Halben, Kraftlosen, Lauen, Oberflächlichen, Tanzenden; für die -Masse, die >Welt<? - -Denn so mir Gott helfe: dies alles habe ich zuerst um meinetwillen -erdacht und geschrieben; es hätte aber mir nicht eine solche Not sein -können, es hätte nicht so sehr meine Sache sein können, wenn nur ich -allein, wenn nicht die ganze irdische Legion in diesem Irrsal befangen -wäre, also daß ich nur mit Bewußtsein leiden kann an etwas, das Alle, ob -auch unbewußt, unaufhörlich erleiden. Somit, daß, wenn ich einen Weg -suchte, ich ihn nicht suchte für mich, sondern im Auftrage gleichsam All -derer, die nicht einmal suchen dürfen. Ach, wäre sie denn so groß und so -unbarmherzig meine Not, wenn sie nicht Weltnot wäre und ich nur ein -Gegenstand in dem Sturm, der ihn schüttelt! - -Aber mir bleibt aus dem Gefühle der Hoffnung, die ich selbst für den -nächsten Augenblick habe, in Hinsicht der Welt nur ein ärmlicher -Ausblick ins Fernste. Und Mißtraun und Ungeduld, denk ich, sie werden -fressen und fressen und einmal sich selber gefressen haben ... - ->Denn wir wissen, daß alle Kreatur sehnet sich mit uns und ängstigt sich -immerdar.< (Römer 8, V. 22.) - ->Da ist nicht, der gerecht sei, auch nicht einer; da ist nicht, der -verständig sei, da ist nicht, der nach Gott frage. Sie sind alle -abgewichen und allesamt untüchtig geworden; da ist nicht, der Gutes tue, -auch nicht Einer. Ihr Schlund ist ein offenes Grab, mit ihren Zungen -handeln sie trüglich. Otterngift ist unter ihren Lippen. Ihr Mund ist -voll Fluchens und Bitterkeit; ihre Füße sind eilend, Blut zu vergießen; -auf ihren Wegen ist eitel Schaden und Herzeleid, und den Weg des -Friedens wissen sie nicht.< (Römer 3, V. 10-17.) - -Was aber ist das Gute? Es ist das heimliche Wissen der Verworrenheit, -daß Klarheit sein sollte, und das offene Ahnen, daß Klarheit möglich -ist. Das Gute ist das Böse, das an sich leidet, und wohlan, so wird es -leiden, bis es sich durchgelitten hat, bis Geduld aufkeimt und Vertrauen -wiederkehrt und endlich eine Kraft offenbar werden wird, die so göttlich -ist unter den Menschen, daß sie ganz aussieht wie ein Gott. - -Ja, daß sie Gestalt und Wesen und Kraft und Namen, alles haben wird von -Gott. - -Und seinen lange vergessenen Namen, vielleicht findet ihn jemand wieder, -damit in Wahrheit auch Gott heiße, was allein göttlich ist: die -Vollkommenheit.« - - * * * * * - -Georg schwieg. Magda saß, wie sie zugehört hatte, grade angelehnt mit -geschlossenen Augen und bewegte sich nicht. Durch den tiefen Kummer, mit -dem er ausgelesen hatte, fühlte er langsam das feierliche Empfinden von -zuvor wieder durchdringen, und ein Blick durch das Fenster auf die -besonnten Dächer und in die Klarheit des Äthers ließ es augenblicks -schwellen wie zu einem Akkord. Gleich darauf hörte er Magda sprechen und -schauderte leise, da er die gleichen Worte erkannte, die er von Renate -gehört hatte, vor Mittag, dort in der Kapelle des Baums. Sie sagte: - -»Und um so süßer verlockend das Wort >von Ewigkeit zu Ewigkeit< dir im -Herzen ertönt: sprich dagegen: >von Augenblicke zu Augenblick< knüpf ich -und webe ich das einzige Kleid meines Lebens. Zu wissen ist nicht not. -Not ist, zu tun. In dem Tun wird die Liebe, in der Liebe das Wesen, in -dem Wesen das Leben sein, das weder zeitlich noch ewig, sondern das in -der Liebe ist.« - -Sie verstummte, und um so weniger das Wort Liebe erschienen war in dem, -was er gelesen hatte, um so tiefer fand er sich nun durch die Einsicht -erschüttert, wie sehr die letzten gesprochenen Worte eine Ergänzung -bildeten zu den gelesenen, fast so, als wären jene um dieser willen -allein von ihm erdacht und geschrieben worden. Dann empfand er ein -Glück, sie, die er am Morgen so anders, ja fast überhört hatte, noch -einmal gesagt zu bekommen und nun besser zu verstehn. -- -- - -Georg legte sein Buch fort. Er erhob sich dann, um, über den -Schreibtisch gebeugt, nach draußen zu spähn, und entdeckte, als ob er -ihr Vorhandensein geahnt hätte, auf der Terrasse Irene, Klemens und die -Friedlichkeit, wie sie dabei waren, auf der leeren Fläche zu dritt -spazieren zu gehn, Klemens links, die Hände auf dem Rücken, Irene -rechts, beim Sprechen ihn anblickend, die Friedlichkeit, etwas schmal, -in der Mitte. -- Georg setzte sich wieder und sagte: - -»Ein Rätsel. Unten gehn Klemens und Irene allein und sind eigentlich -Drei, was ist das?« - -Sie erwiderte getrost: »Oh ja, sie werden wohl bald Kinder haben ...« - -Georg lachte herzlich, indem er so tat, als habe er diese Antwort -gewünscht. - -»Und nun,« sagte sie, sich zurechtsetzend, »nun möchte ich noch über -Benno mit dir sprechen«; wieder als ob sie vor einer Reise stünde und -letzte Anordnungen treffen wolle. »Ihr werdet euch ja nun selten mehr -sehn, und vielleicht erst in späteren Jahren wieder, denn du hast nun -Schweres vor dir, und er geht ja nach Aachen als Kapellmeister und wird -dort heiraten. -- Sei nachsichtig mit ihm, Georg, denke nicht bitter und -falsch von ihm, denn er ist doch dein Freund! Er ist vielleicht keiner -der Stärksten im Wollen und Leisten; er ist von den Wünschenden, von den -Schwebenden einer, die von allem möchten, daß es weicht und nicht nahe -kommt. Er wird vielleicht niemals ganz sein können in Diesem oder Jenem, -in der Kunst nicht und nicht im Leben, auch nicht im Glück oder Unglück. -War er nicht immer unglücklich im Hause seiner Eltern, herumgestoßen und -herumgescholten, und saß er an seinem Klavier, so war alles vergessen -und er selig. Oft habe ich mit ihm über seine Anlage gesprochen. Er -sagte, am liebsten sei ihm wie in Hölderlins Wort: >Wie so selig doch -auch mitten im Leide mir ist!< Er hat keine Anlage zum Glücklichsein. -Alldas wollt ich dir einmal sagen. Immer schwärmt er, nicht wahr? er -liebt alles von weitem, in farbiger Verschwommenheit, und das Wirkliche -ist ihm zu hart. Und die Kunst auch, ich glaube, sie ist ihm viel mehr -ein warmer Strom, in dem er glückselig treibt, als ein Stoff, den er -verarbeiten kann.« - -Georg, der alles sehr gut verstand, ließ sie schweigen und weiterreden, -da es ihr augenscheinlich wohltat. - -»Vor kurzem klagte er wieder, daß er heiraten will und auch nicht. Ja, -er schwankt noch immer, aber natürlich wird er es tun« Sie lächelte. »Es -ist ja zum Lachen, denn siehst du, es schadet ihm dabei gar nicht, daß -seine Elfriede, wie ich höre, ein beinah lasterhaftes Geschöpf ist, -jedenfalls leichtfertig bis zur Lasterhaftigkeit, obschon nicht voll -Bosheit, -- die an ihm weiter nichts haben will, als einen berühmten -Mann, und wird er das nicht --, nun, aber auch das wird ihm nicht groß -Schaden tun. Er wird doch bald einsehn, daß sie recht hat, und er leidet -ja eben an ganz andern Dingen. Er wird dir wohl auch vorgeträumt haben -vom Frühling und den Anfängen und alldem, und wie es viel schöner -gewesen ist, seiner Elfe von fern nachzugehn durch die -- hat er, -Georg?« Sie stimmte lebhaft ein in Georgs Lachen und fuhr fort: »Aber so -braucht er das Leben. Er muß sein Glück immer in einem Unglück haben, -und deshalb, siehst du, darfst du ihm die Gewißheit deiner Freundschaft -und Liebe nicht nehmen, denn -- ich weiß, Georg -- die gehören zu seinen -Schätzen. Deren Verlust würde ihn wirklich schmerzen.« - -»Ich weiß, Anna, ich wußte alles, was du gesagt hast! Es ist wahr, er -macht mich leicht unwirsch und --« - -»Ja, du weißt es, Georg, und nicht deshalb habe ich es gesagt, aber du -willst dich nicht immer danach richten! -- Es wird ja auch gut sein, -wenn ihr euch nicht so häufig seht. Kleine Verfremdungen schaden an sich -nicht, aber sie sind wie so ein Loch in der Strumpfnaht, -- man muß sie -gleich in Frieden lassen, sonst reißts weiter und weiter. Es ist nun mal -so mit uns Menschen. Ein Augenblick Nähe zuviel bringt uns weiter -auseinander als Jahre der Trennung, aber --« - -»Nein, Anna, was bist du doch klug geworden! Du bist ja klüger als ich!« - -»Siehst du wohl! Es läuft keiner so schnell, daß man ihn nicht einholen -könnte.« - -»Na, das war aber Unsinn, Anna!« - -Sie lachte, fügte sich aber schnell wieder zum Ernst und erhob sich, die -Hände ausstreckend. Aber in diesem Augenblick schwoll das Feierliche um -ihn fast gewaltsam auf, erschreckend, da es jetzt von der schmalen -blauen Gestalt ausging, die ihn ansah, ergriffen und sonderbar ruhevoll -zugleich. - -»Und nun leb wohl, mein Georg!« sagte sie mit wunderlicher Festigkeit, -»mein Amt hat nun sein Ende. Ich hab dich noch einmal gesehn und weiß, -daß ich nun nicht mehr vonnöten bin. Ja, Georg,« sprach sie, seine Hände -festhaltend, mit immer leidenschaftlicherer Innigkeit weiter: »du hast -wieder einmal nichts gewußt, und für Rieferling war keine Zeit, und so -ist er doch lieber gleich zu mir gekommen statt zu dir. Es war ja auch -nur dumm, erst dich um Rat fragen zu wollen, ob ich mich auch ohne Augen -getraute, einen Mann zu haben und Kinder zu kriegen -- denn das will -ich, Georg! --, und du hättest es ja nicht gewußt! Mein lieber großer -Junge, es werden nun bald vier Jahr, daß ich den schweren Weg mit dir -gegangen bin. Du hast es nicht gemerkt, aber ich habe es gewußt, daß ein -Mensch nötig war, zu hoffen und zu glauben und bei dir zu sein mit -tausend Gedanken der Liebe, mit aller Kraft, Tag und Nacht, mit dem -ganzen glühenden Leben. So war es, und nun ist es gut. Georg, ich weiß, -was du nicht weißt, und ich muß nun gehn und an mich selber denken. Ich -nehme dir nicht mein Herz. Ein Herz kann nicht verrückt werden, es -bleibt immer, wo es von Anfang war. Aber ich kann einen guten Menschen -wohl lieb haben und mit Geben und Nehmen das schöne Gewebe des Lebens -zusammen mit ihm flechten. Ich will auch meine Kinder haben und mein -Haus, Alltage und Sonntage, und all die Freuden und Schmerzen der -Gemeinsamkeit. Lebe wohl! Unsern Abschiedskuß haben wir uns vorhin schon -gegeben, und ich will keinen andern mehr. Wir sehn uns auch bald wieder! -Und heut abend hörst du mich singen.« - -Sie brach ab, nahm ihre Hände, bevor er sie noch ganz an die Lippen -hätte heben können, aus den seinen und ging zur Tür. - -Georg stand am Fenster. Noch sah er sie vor sich stehn und hörte ihre -Stimme, die, innig und warm, doch wie eines Engels Rede gesungen hatte, -so leidenschaftlich und so seltsam unteilhaft. Ein heißer Krampf -schüttelte seine Brust; er glaubte, in Tränen ausbrechen zu müssen, aber -es blieb alles still, und aus einer unermeßlichen und feiertäglichen -Leere sagte er langsam und schwer: - -»Das -- war -- es.« - -Überdem aber hörte er ihre Stimme von der Tür her, erinnerte sich, daß -sie noch gegenwärtig war, und fragte, da er nicht verstanden hatte: »Was -sagst du, Anna?« - -»Ich sagte etwas, das ich dich schon lang hatte fragen wollen, Georg. -Denn --« sie machte einen Schritt auf ihn zu -- »ich weiß wohl, in was -du dich verstrickt hast, aber -- in alldem -- -- Georg, hat es dich -nicht unsagbar glücklich gemacht, zu wissen, daß er wirklich dein Vater -war?« - -»Wie -- meinst du?« - -Georg war zumut, als ob er sich auflöste. Oder als ob zwei Riesen, zwei -Ungeheuer in ihm ihre verknoteten Leiber auseinanderrissen, und seine -Glieder verschwanden ihm, sein Kopf wurde schwer wie ein Stein, er -glaubte zu fallen, bemühte sich dabei mit brennender Heftigkeit, zu -verstehn, was alldas heißen sollte, konnte aber nur würgen und nicht -sprechen. - -Auf einmal streckte sie beide Arme nach ihm aus. »Georg!« schrie sie, -»weißt du's denn nicht? weißt du's denn gar nicht?« - -Irgend etwas zerfiel lautlos in ungeheure Stücke. Er zerrieselte -hülflos. Bäume, Büsche, Rasen, eine Gestalt wirbelten um ihn her und -verschlangen sich; dann wurde seine Umgebung eigentümlich schief, er -dachte: Was ist denn jetzt? spürte einen leisen Schmerz an Schulter und -Hüfte und mit einem abscheulichen Gefühl von Übelkeit, daß er lag. Über -ihm flog eine klägliche Stimme: Georg, wo bist du denn? Er schloß die -Augen. - -Langsam quoll über die schwindende Übelkeit eine Erleichterung aus dem -Dunkel; auch leises Wohlbehagen im Bewußtsein des tiefen Liegens. Er -fühlte seine Hände naß, wollte sich aber die Wonne des Daliegens nicht -stören lassen und stöhnte nur leise. Hände tasteten an seinem Gesicht, -er faßte ermüdet danach und öffnete die Augen. - -In einem gewaltigen Kessel, der in ihm war, wälzten sich zwei Ströme -herum; einer, der über alle Begriffe glücklich war, hieß: Vater; der -andre, der schwarz und gallebitter war, hieß: Tod, und auch: Schuld. -Plötzlich war alldas verschwunden, Georg stand auf, strauchelte aber und -mußte sich, da er nichts andres fand, mit Hand und Schulter gegen die -Anna stützen. Bald versuchte er, zu denken, aber die Zange griff trotz -mehrmaligen Ansetzens nicht zu. - -Danach fand er sich auf einem Stuhl sitzend und vor sich das Mädchen, -und er hielt ihre eine Hand. Leer von Gefühl zu ihr aufblickend, begann -er zu fragen: - -»Sage mir ... Wer wußte dies außer mir?« - -Sie schwieg, bedachte sich und zählte leise sprechend auf: »Renate und -ich; dann Bogner. Jason wohl. Virgo und ihr Mann. Das sind Alle.« - -»Woher?« - -»Von deinem Vater. Er sagte es Renate, damals, kurz bevor er starb. Wir -glaubten Alle, daß du es wüßtest.« - -»So mußte es euch scheinen. Es ist sehr einfach. Und -- wer war dann -meine Mutter?« - -»Jene Frau -- in dem Haus. Virgo hat ihr Bild, du mußt es ja kennen, und -dort sah es dein Vater. Sie war seine Freundin ...« - -Georg fragte nicht weiter. Die Augen fielen ihm zu. Er glaubte nach -langer Zeit eine leise Berührung auf seinem Kopf zu spüren. Als er die -Augen wieder öffnete, war er allein. - -Er konnte die Augen nicht offen halten, und was er sah, bedrohte ihn mit -einer nicht zu fassenden Angst. Was jetzt, Gott, was jetzt? -- Er -merkte, daß er etwas Riesiges in sich hinabgedrückt hatte; wenn er daran -rührte, würde es ihn zersprengen. Die Angst schwoll, er wollte Anna -zurückrufen, er versuchte, sich zu ermannen, sagte: Du mußt allein -fertig werden! -- Aber im Augenblick fand er sich schon überwältigt. -Sein letzter Gedanke war: Bogner, und daß der ihn erwartete. Das war wie -Bestimmung. Bogner, Bogner mußte helfen, und schon rasend vor Angst und -Verlangen, war er an der Tür, wo er sich denn einen letzten Ruck gab, so -ruhig er konnte, ins Nebenzimmer ging, um Mantel und Hut zu holen, wovon -er indes nichts Bestimmtes wußte, als er es tat. Dann war er im Freien. - - - Neuntes Kapitel - - - Georg - -Georg stand vor einem jungen und niedrigen Feld Wintersaat und starrte -besinnungslos in diese sehr lichte, zartgrüne Waldung hinein. Etwas -Bläuliches stieg daraus auf, gewann Umriß und Dichte und ward der blinde -Engel in sanftem Blau, der ihn blicklos ansah, und zu dem er sagte: - -Das wußtest du wohl: Wenn etwas mir Halt geben konnte für später, mußte -er darin liegen, daß du jetzt gehst ... - -Ja, sagte sie unhörbar und lächelte, indem sie fortfuhr: - -Und daß ich dir Benno so dringlich ans Herz gelegt habe, das tat ich aus -Klugheit und um dir doch etwas zu halten zu geben für das, was ich -wegnahm ... - -Georg lächelte auch und sah die Gestalt sich langsam in einen blauen -Nebel auflösen, der auf einmal der Himmel war. Der Osthimmel, fern, -graublau, wolkenlos, -- und jenseits der Saatfelder unfern lagen die -Häuser eines bekannten Dorfes mit ihrem kahlen Gewipfel im starken, -glühenden Licht der tieferen Sonne. Ringsum lohte das Land, grün, -übergoldet, schattenreich, singend von Stille. - -Sich umdrehend, bemerkte er jetzt, daß hinter ihm die Landstraße war und -jenseits die Rampe von Helenenruh, und daß der Schatten des Hauses ihn -und alles umher bedeckte. Indem ward ihm bewußt, daß er es eilig hatte, -daß er zu Bogner wollte, zu Fuß, ja, gehen, gehen! und das Letzte, was -er deutlich wußte, war das Hinwegwischen über etwas, das wie ein Dampf -in ihm aufsteigen wollte. Noch nicht! murmelte er. - -Ihm war auf dieser Wandrung -- Wiesenpfade in unendlichen Windungen, -über Knicktore, durch Gatter -- nichts bewußt als das kalte Lustgefühl -des Dahingehns, unbeschwert, eifrig, blindlings, alles, das Kleinste, -wahrnehmend in einer brennenden Gegenständlichkeit, und doch nichts; -nichts als vielleicht noch das scharfe, geschmacklose Aus- und -Einschlürfen der Luft beim heftigen Atmen, in der kühle und warme Wellen -miteinander wechselten. Er stolperte oft, er wußte kaum, wohin er ging, -er sah vor sich immer nur die bläuliche Lichtwand des ruhigen Himmels, -atmete schnaufend vor Hast und Erregtheit und hatte all die Zeit das -starke Empfinden des Feierlichen und eines Ziels, dem er unweigerlich -zustreben mußte. - -In Wassergräben, dunklen, erschien ein beglückendes Blau; kleine Kreise -regten sich blank, seltsam hoch über dem Blauen, auf der gläsernen -Fläche; dick und gelb, wie aus Bernstein gedreht, standen die Knospen -der Dotterblumen am Ranft. Er sahs und vergaß es. Der Ausdruck der -Umzäunungen, über die er kletterte, erinnerte ihn an alles dumpf -Vollkommene der im Freien hausenden Wesen, Dinge wie Tiere. Eine Unzahl -von Eindrücken glaubte er beständig zu empfangen, eine Unzahl von -Gegenständen zu sehn, die ihm etwas zu sagen hatten, aber er mußte -vorüber, er sagte: ich weiß es längst! eh sie zu Worte gekommen waren -und hinter ihm zurückblieben. Ihm war, als liefe er in dieser Eile durch -sein ganzes Leben; und alles war ihm daher bekannt. So ging er, -brennend, besinnungslos, keuchend, hielt auf einer eifrig erklommenen -Anhöhe bei kleinen, dunkelgrünen Wacholdern, die Schatten warfen, und -sah in der machtvollen Sonne der Abendstunde die Stadt unfern, -ihrerseits etwas erhöht, Dächer und Türme, scharf, klar, leuchtend, die -Alleen der alten Wälle ringsum, deren schräge, schattenlose Böschungen, -den toten Flußarm, teils dunkel, teils rasengrün, die Ketten von Hecken -und Zäunen, die sich schnitten, helle gewundene Wege, und alles leicht -übertupft mit schwarzen oder lichtgekleideten Menschen, die gingen, mit -spielenden Kindern, weidenden Pferden; und alles ohne Laut, tief -überleuchtet und in seiner ganzen glanzvollen Offenheit eingebettet in -Abendfriedlichkeit und in Ostern. - -Lange staunte er dies an. Mein! sagte er plötzlich und atmete tief. Da -schwoll, tief in den dunkleren Süden hinein, das unendliche Wiesenland, -wo das Auge fortgeführt wurde von immer enger zusammenrückenden -Wäldchen, ganz kleinen Dörfern, und hinuntergezogen über den Rand in das -verheimlichte Düster immer weiterer Länder. War es möglich, daß die nach -allen Seiten hinuntergebogene Erde so bedeckt war mit tausendfachem -Gelände? - -Hoch oben in Lüften richtete eine Woge von Glockengeläut sich auf, stand -mächtig im Luftraum und sank langsam gleitend ins Nichts. Eine Stimme -sagte: Charfreitag ... Und nun -- oh, welche Wehmut! -- -- - -Nein, sagte eine andre Stimme nahe über ihm, sehr fest und -unmißverständlich: Wenn er wirklich dein Vater war, so kannst du -unmöglich eine Schuld haben an seinem Tode. - -Ist das wahr? fragte er, dumpf erschrocken über die Unumstößlichkeit des -Satzes. - -Das ist völlig wahr. - -Ich kann es nicht glauben. - -Hierauf kam keine Antwort. - -Georg wandte sich langsam um, mußte aber schnell die Lider -zusammendrücken und die Stirn senken, geblendet von dem riesigen -Feuerloch der Sonne im tiefen Himmel, aus dem die goldflammenden Garben -mit einem göttlichen Ungestüm in alle Weiten schossen, und das Land -brannte unter ihnen in Lohe. -- Sie sinkt ja! schrie es in ihm, sie -sinkt, und ich bin nicht fertig! - -Er suchte mit noch geblendeten Augen umher. Haidboden, schwärzlich, und -Wacholder, klein, dunkel und ernst. -- Soll es hier sein? jetzt? Soll -ich versuchen? - -Plötzlich erschrak er. Und so war es, begann etwas zu reden, so war -dennoch dies immer die Aufgabe und die Bestimmung: zu werden, der ich -nun bin, Fürst in diesem Land. Aufgabe, die ich zwar vor mir nur sah wie -ein prunkvolles Gefäß, mich zu stillen. Und was ich auch tat, ich mußte -in sie hineinwachsen? Und damit ich wahrhaft wüchse, all dies? all diese -Hiebe des Schicksals, dies fast nun sinnlos Scheinende, da es nun wieder -aufgehoben wird und umsonst war im Sinne menschlicher Zwecke? Dennoch -voll tiefsten Sinns? Und nun heut, da ich mich hingefochten hab durch -mich selbst -- nun auch das Siegel des Rechts, und ich darf der Sohn -meines Vaters sein? Und dies heißt: von Gottes Gnaden? - -Oh, nein, nein, fort, es ist ja zu früh, viel zu früh! es muß ja noch -- -erledigt werden! Was? Bilder, ja, Bogners Bilder! Wie? Ja, wo bin ich -denn? -- Nein, sieh, das muß Bogners Haus sein! - -Wenige hundert Schritte weit südlich stand ein weißer mächtiger Rundbau -mit schwärzlichem, flach geschrägtem Dach und flacher Laterne; breite -Fenster unter dem Dachrand flammten glühend golden. Ein kleines weißes -Haus davor schien mit dem Rundbau zusammenzuhängen. - -Plötzlich hatte er sich losgerissen und lief durch wagenradbreite Pfade -zwischen dem Haidekraut die Anhöhe hinunter, sprang über einen Graben -und gelangte über eine triefend nasse Wiese auf den Sandweg, der wenige -Schritte zur Rechten vor der Tür jenes kleinen Hauses endete. Es war -durch einen kurzen verdeckten Gang mit dem Rundbau verbunden. - -Eine Glocke schlug hellstimmig an, als Georg die Tür aufklinkte. Drin -war ein dämmriger Gang mit geweißten Wänden und Türen, von dem rechts -hinten eine Treppe abzweigte, und in einer der Türen erschien eine -weibliche Gestalt, die ihn ansah: Cornelia Ring. - - - Cornelia - -Die dunklen, runden, klugen, gefaßten Augen. Das straff aus der Stirne -gestrichene Haar. Die Stirn unter leisen Wellen von Kindlichkeit. Die -Oberlippe. Die schmale und gefestigte Gestalt, die ihn wieder an die -eines jungen Baumes mahnte. Georg war sehr erstaunt, beherrschte sich -aber sonst. - -Sie kam zögernd näher, im Blick etwas Furchtsames, bis sie vor ihm -stand; legte eine Hand auf seine linke Schulter und gegen die andre die -Stirn. Unter ihr Gesicht blickend sah er, daß sie sich auf die Lippen -biß, sich abmühend, zu sprechen, oder nicht zu weinen. -- Da sie dies -leicht tat, schien es ihm das Beste, sie täte es gleich. - -Er legte deshalb den Arm um sie und mußte lächeln, als er gleich darauf -spürte, was ihr eigen war: daß von dem überströmten Gesicht ein warmer -Dunst aufstieg, wie von einem Kinde, und sehr rein. - -Sie machte sich los, zog -- oh die alte Bewegung! -- ihr Taschentuch aus -dem Gürtel, indem sie sich dehnte und die Schultern anhob, trocknete ihr -Gesicht, nahm seine Hand und führte ihn still in ein sehr kleines Gemach -mit Bett, Tisch und Schrank. - -»Wohnst du hier?« fragte er. Sie nickte. »Lange schon?« - -»Eine Woche bald. Ich war in Altenrepen erst, aber da wagt ich nicht, zu -dir zu kommen. Dann schrieb Bogner -- ich hatte ihm geschrieben --, ob -ich nicht herüberkommen wollte, ihn besuchen, und es läge bei ihm alles -drunter und drüber, -- Gott, ihn hab ich ja auch im Stich gelassen, er -hatte nun eine Haushälterin, aber die ging plötzlich, und so viel Ärger. -So kam ich her. Von Magda hörte ich dann, du kamst heute, und bat sie, -dir nichts zu sagen. Da hab ich gewartet.« - -»Ich kam spät«, sagte Georg. »Ja -- und weshalb bist du nun hier?« - -Sie zuckte die Achseln. »Ich konnte nicht. Er ist zu krank. Ich hielt es -nicht aus. Aber auch ohne das, Georg! Ich komme doch nicht los von dir.« - -Georg lächelte innerlich, -- sie war immer sehr einfach in Haltung und -Erklärungen. Dabei sah er sie mit einem Ausdruck an, der ihr langsam -sagte, daß er sie nicht liebe wie sie ihn und daß sie das wisse. Sie -senkte den Kopf und legte wieder die Hand auf seine Schulter. Nach -Sekunden sagte sie: - -»Laß mich dir wieder dienen wie vorher, und ich werde dir dankbar sein.« - -Georg begriff dieses stark. Lieben können genügt, dachte er, indem er -sie an sich zog und sagte: - -»Du kannst im Schlößchen wohnen. Es wird gut werden. Ich habe leider -sehr wenig Zeit. Das Beste wäre vielleicht, daß wir heiraten. Ich habe -keine Vorliebe für Unoffenes. Du sollst kommen und gehen dürfen.« - -Sie hatte bereite das Gesicht erhoben und Widerstand gezeigt. - -»Nein, bitte, Georg, das nicht! Dazu wäre ich gar nicht geeignet. Dazu -hätte ich --« - -»Der Mensch ist zu allem geeignet.« - -»Aber ich kann doch nicht, Georg! Ich würde ganz unglücklich sein!« - -»Ja, so wie Benno. Sei überzeugt: du wirst es auf irgendeine Weise. -Möchtest du nicht Kinder haben?« - -»Gar nicht! Vor fünf Jahren --, ja, da wär ich gestorben für ein Kind. -Aber nun ist das --« - -»Hab erst mal eins! Auch das Naturgesetz duldet keine Unterschlagungen. -Aber das hat alles Zeit, überlegt zu werden. Wir können jede Methode -versuchen. Wenn ich nicht so wenig Zeit hätte ...« - -Überdem merkte er, daß er in Dinge hineingeriet, die ihn nach unten -zogen; daß er bei all diesem übrigens nur halb mit Bewußtsein teilnahm, -und er machte sich los von ihr und trat an das Fenster, während ihm der -Tote erschien, jetzt etwas in Händen, das er ihm aufdrängen wollte, und -plötzlich Renate in ihrem violetten Kleid. - -Warum tu ich jetzt dieses? diese Pläne warum? Abzuschließen mit meinem -Herzen. -- Und vielleicht: um irgend etwas zu geben. -- Plötzlich, auf -einer Wagschale stehend, fuhr die Gestalt Renates sichtbar und mit so -triumphierendem Schwunge nach unten, daß er die Augen erstaunt senkte. - -Wie? mußte er fragen, ist Cornelia so viel leichter? Freilich war die -Andre beschwert mit einer Last von Kleinoden, die ihm ins Auge brannten, -da er sie bedachte, und diese hier war ganz schlicht. - -Er trat wieder zu ihr, legte eine Hand auf ihre Stirn, sanft sie nach -hinten drückend, küßte sie behutsam und sagte voll Liebe: - -»Cornelia Ring! Das bist du. Ein schöner echter Ring; mit einem schönen, -echten Stein. Und nun sollst du dich um mein Dasein schließen, willst -du?« - -Er duldete es eine Weile, daß sie ihn mit Leidenschaft in die Arme -schloß, befreite sich dann, nickte ihr zu und bat sie, ihn zu Bogner zu -bringen. »Ist er allein?« - -»Renate ist da, und ein Herr, ich glaube, ihr Vetter, und Jason. Aber -der kam schon mit mir.« - -»So. Renate. Ja -- willst du mich nun --« - -»Ich glaube, sie sind jetzt oben. Ich bring dich ins Atelier!« sagte sie -und ging voran. Am Ende des Flurs öffnete sie die Tür zu einem Gang, zu -dessen Seiten die Wände der Boxen Georg erinnerten, daß dies -ursprünglich ein Reitstall war. Die Boxen standen vollgepfropft mit -aufgespannten Leinwanden und Zeichenbogen, aber über den oberen Rand der -letzten rechts erhob sich, sich herwendend, der große braune und -schwarze Kopf eines Rosses mit einem klugen, anscheinend fragenden Auge. - -»Lieber Gott,« sagte Georg, »das ist Unkas!« - -»Wußtest du denn nicht, daß er hier ist?« - -»Doch, doch, natürlich, da ich ihn Bogner schenkte, der reiten wollte. -Er wurde zu alt für mich und schwerfällig; Bogner wünscht nur mäßige -Bewegung.« - -Georg war schon zu dem alten Genoß in den Stand getreten, klopfte ihm -liebevoll Hals, Bauch und die Nüstern, das Pferd schnoberte zärtlich, -scheuerte sich an seiner Schulter und bohrte das Maul nach seiner -Manteltasche, aber er mußte sich losmachen, fühlend, wie er übermannt -werden würde. Das alte Pferd hatte ihn nicht vergessen, es tat seinen -Dienst, wie es gewohnt war, hier wie bei ihm; keiner wußte, ob es litt -in der Fremde, aber anscheinend wars nicht der Fall. Es atmete laut, -plötzlich trat es zurück, daß der Halfter sich spannte, warf den Kopf -hoch, zerrte und schien sehr ratlos. Schließlich feuerte es nach hinten -aus, daß die getroffene Holzwand dröhnte. - -Georg wandte sich ab, und überdem wurde eine Tür geöffnet, Bogner -streckte den Kopf hervor, griff nach Georgs Hand und zog ihn in den -Raum. - -Was aber hier mit ihm vorging, war ihm nicht mehr bewußt; ein Andrer tat -es für ihn, sein Inneres füllte ein gestaltlos sausender Regen, sonst -nichts. Er stand lange vor Bildern, sprach, sah Bogner, sah Renate und -den Erasmus, auch Jason, sprach auch mit ihm. Endlich hielt er einen -Türgriff in der Hand, den er deutlich erkannte. - -Und nun wurde der ganze große und lichte Raum deutlich vor ihm, und -jetzt, in einer blendenden Helle, sah er in einiger Entfernung sich -gegenüber die drei Gestalten Bogners, Jasons und Renates in der Mitte, -die ihm alle Drei nachblickten. Wunderbare Erscheinungen! zog es durch -ihn; dann hielten Renates Augen ihn fest. Was für ein Ausdruck? Wollte -sie etwas von ihm? Bewegte sie sich? -- Und während sein Wesen sich -krampfhaft zusammenzog, drehte er sich langsam um und ging im Taumel -hinaus. - -»Was ist dir?« hörte er eine Stimme und sah sich im Freien. Hier war es -dämmrig. Er mußte sich abwenden von Cornelia, und in einem Feuerstrom -von gewaltsamen Ahnungen sah er Renate stehn, verlockend wie eh und je, -und in einem Hauch von Bewegung nach ihm hin, ihn anzurühren, ihn -mitzuziehn in eine Ewigkeit neuer Anfänge, neuer Schmerzen, neuer -Versuche, neuen Schicksals, eine Unendlichkeit des Lebens von vorn zu -beginnen. - -Dies erlosch. Ihm war kalt. -- Sie wird jetzt kommen, wußte er -plötzlich. Dorthin, wo ich warte. Es war alles ein Irrtum. Alles gilt -nicht. Ich werde warten. So wird es geschehn. - - - Die Blume - -Im Vorwärtsschreiten fühlte Georg sich zu Eis geronnen vom Kopf zu den -Füßen. Übergroß schwebte sein Haupt in einer maßlosen Betäubtheit. Dann -brauste alles, und er bewegte sich in Strömen von Leidenschaft. -- Mich -hat sie geliebt! mich, mich, immer mich! sang er. Sie hat es nicht -gewußt, sie ist die selige Unschuld, aber nun hat sie es erkannt, an -einer Bewegung, einem Nichts, an meinem Ohr ... Sie kommt, ich werde -warten! - -Dann stürzte es ihn haushoch hinunter. Und wenn es doch Einbildung war, -was er gesehn hatte? Bloße Einbildung? Diese Bewegung zu ihm? Weshalb -denn dies Unmaß von Angst und Schwindel und Ahnung? Nein, er hatte recht -gesehn! Alles war ein Irrtum gewesen, ein Irrtum, ein Irrtum! das ganze -Leben, alle Leiden, alles was je war, -- aber dies war Wahrheit, dies, -seine Liebe, ihre Liebe, die allmächtigen Toren, die sich im letzten -aller Augenblicke erkannten und weise wurden. Und er stand überm Land -wie ein Turm; die Glocke seines Herzens schwang wie ein großer Adler und -schrie: Ewig! Ewig! - -Und das war es, das, was ihn hergeführt hatte: sie sollte er hier -finden, deshalb hatte Bogner ihn mittags gebeten, deshalb hat es ihn -hergetrieben, zu ihr, zu ihr, die alles lösen würde, alles, all seine -Not, alle Schuld, alles! - -Und nun erst begann das Leben! alles begann von vorn. -- - -Überdem ward ihm bewußt, daß er eine Anhöhe erstiegen hatte, und er -erkannte sie als jene, die er vor kaum einer Stunde verließ. Nur war die -Erde jetzt mit ihrem Schatten bedeckt, und die Dämmerung sank eilig. -Über die dunklere Ebene hinweg sah er Farben des Himmels im West, -goldene Streifen zwischen violetten Wolkenbänken, das regnende Fallen -rötlicher Dünste, dazwischen Ausblicke auf unendlich ferne grüne Halden, -die verhauchten. Darüber bebte das weißliche Gold wie Inneres von Äpfeln -im Kühlen, -- und noch höher ein tiefes Blau, gespannt wie ein Tuch, -dehnte sich mählich verblassend über den ganzen Himmel aus, der so rein -war wie eine Seele. -- Ach, die Hand zu tauchen in die Farben Gottes und -ein unsterbliches Bildnis des Lebens zu malen! War es unmöglich? - -Die Wacholder warfen keine Schatten mehr, -- Schatten selber gleichend, -die aufrecht gestellt waren. Ihn fröstelte. Wird sie mich finden? Ich -muß stehn bleiben, wie soll sie mich sehen? -- Er wagte nicht, sich zum -Hause zurückzudrehn. Nun Geduld! mahnte er sich, Geduld! Sie ist -unterwegs, aber sie hat Zeit. Sie läßt sich Zeit, Renate läßt sich Zeit -... - -Da ihm wieder die Brust schwellen wollte von Ängsten und Ungeduld, -beschloß er, an andres zu denken, sich zu sammeln, sich abzulenken, -- -aber mit was? Was galt denn in dieser Stunde? -- Bogners Bilder, ja, -Bogner! Bogner galt. >Nichts ist der Mensch, doch das Werk, Götter -vollbrachtens durch ihn.< Was für ein Spruch? -- Er irrte mit Augen am -Himmelsbogen, irgend etwas zu fassen. Da hing im Klaviersaal Bogners -Bild ... Judith hieß sie ... das war lange her ... Damals lernte ich ihn -kennen ... Georg dachte krampfhaft weiter. Welch ein Leben! Damals zur -Ruhe gekommen nach schweren Stürmen. Nun wieder. Das letzte Mal? Damals -schon mir so groß, wie war er nun erst gewachsen, ausgebreitet, beladen -mit diesen heroischen Früchten! Heroische Früchte, ja, heroische Früchte -... - -Aber weiter, weiter! was jetzt? Etwas denken! Etwas Wirkliches! -Wirklichkeit ... Was ist wirklich? Wirklich ist nicht, was geschieht, -sondern -- -- was? was? -- -- nicht, was geschieht, sondern -- was der -Geist aus dem Geschehenden macht. Wie Bogners Bilder. -- Er fügte die -Stücke des Satzes zusammen, -- ja, sie paßten. - -Erzitterte vor Aufregung. Da! rauschten da Schritte? Jetzt? Jetzt? - -Da regte sich in ihm das gewaltsam Hinabgedrückte, Verbotne; aber er -konnte ein wenig nachgeben und sich fragen: Warum, ja warum nur erfuhr -ich dies heut erst von Magda? Warum diese Frist von neun Monaten? In -neun Monaten wächst ein Keim sich zum Kind aus, -- darum? -- Ach nein, -antwortete er sich selbst und lächelte dabei: Hätte ich es schon damals -erfahren, so hätte ich es ja nicht überlebt. -- -- - -Ja, und nun -- was nun? -- Hier ging es nicht weiter, und um ihn blieb -alles still. - -Orpheus! dachte er gequält, Orpheus! Warum Orpheus? Ach, sich nicht -umzusehn, das war jetzt die Aufgabe! Geduld! Oh nur Geduld! - -Nichts ... Stille ... - -In diesem Augenblick, wo er nahe daran war, alles hinzuschütten und sich -umzudrehn, fand er seine Augen angezogen von etwas zu seinen Füßen. - -Dort war -- seine Füße standen im Haidekraut -- eine kleine kahle Stelle -darin, weißlich von Sand, rund, wie eine Tonsur, nicht größer als ein -Wagenrad. Mitten darein hatte sich eine gelbe Sternblume gestellt, wie -sie sonst im Frühherbst in dieser Gegend zu erscheinen pflegten; eine -sehr kleine Sonnenblume schien sie, nur statt mit schwarzer mit gelber -Mitte, ein vollkommenes Abbild der Sonne; stand da, ein kleiner Irrtum -der Natur, aber nun entschlossen, ihn aufrechtzuerhalten. -- Georg -atmete auf und lächelte. - -Überdem, da er fortfuhr, die kleine Freundin zu betrachten, die sich da -stillschweigend zu ihm gesellt hatte, wurde alles um ihn fortgenommen, -so daß er nur noch die Blume sah. Dastehn sah er sie, auf ihrem dünnen, -mattgrünen Stengel; sah ihn, wie er in Abständen kleine Zweige abteilte, -die gefiedert waren; und sah oben auf leiser Biegung des Stiels das -kleine gelbe Antlitz sich wiegen, in der Dämmrung sternhell, in einer -unschuldigen und demütigen Haltung, -- und Georg konnte im kleinen -Umkreis um sie her den feinen Odem ihres Wesens und Daseins spüren, den -sie ausatmete. - -Wie aber ward alles anders mit einem Mal? War es keine Blume mehr? War -es nur eine kleine grüne Seelengestalt, die hier mit sich allein war in -der Windstille? Warum hier? Und sehr allein, da sie nirgend hingehn -konnte, zu keinem Wesen der Freundschaft, nachbarlos, wie sie beschaffen -war. Aber wieder, je länger er hinsah, um so mehr ward sie Blume vor -seinen Augen, und er konnte wiederum Neues erkennen: daß sie von allen -Seiten gemacht war, ein lebendiges Wesen, das doch kein Hinten hatte -noch Vorn, sondern nach überallhin war wie das Licht. - -Und wie er jetzt -- erzitternd -- sie erfüllt fand von einem inneren -Frohsein, so sanftgeneigt, so in sich blickend; und daß sie ihm alles -zeigte, was sie zu eigen hatte, ihr Nichtbemühn, ihre Unbedürftigkeit, -ihr Wissen um jedes, was not war, -- da dachte er in einer rieselnden -Bestürztheit noch: Sie ist gekommen -- und nicht Renate -- -- - -Und kniete hin. Über die zarte Erscheinung geneigt, zerschmolz ihm an -Wesen und Dasein die letzte Schranke; ging er, wie eine Flamme so -leicht, ein in die letzte Stille und war selber nur noch ein kleines -Gewölk von Seele vor dem kleinen Sonnenantlitz der Blüte. - -Georg legte das Gesicht in die Hände und weinte. - -Er erwachte, liegend am Boden, aus seinen Tränen, gelöst, heilig froh -und gestillt in allen Tiefen. - -Heilig, heilig, ihr Tränen! sang eine neue Stimme. Die ihr euch im Kelch -einer Pflanze gesammelt habt als reinlicher Tau, ihr seid heilig. -Heilig, du ewige Pflanze! Unschuldige, aus dir leuchtete mir die letzte -Unschuld der Natur; meine eigene Unschuld leuchtete mir entgegen. Ich -habe gesündigt in meiner Verstricktheit, ich, der ich Füße empfing, zu -gehn, Hände, um zu fassen, und ein Herz, um Gutes und Böses zu sinnen. -Aber ich, der wie du aus dem unergründlichen Schoße stieg, ich habe -dennoch teil an dir und an deiner Unschuldigkeit. Sieh, ich halte dich -in der Hand, o du magischer Schlüssel, und die Riegel aller noch -verschlossenen Erkenntnisse springen freudig auf und lassen die -gefangenen Genien heraus in das nährende Licht. Vater, o Väterlichkeit! -Oh sei mir väterlich, Welt, und ich will dir dienen! - -An den Ostrand des Himmels schien dem Liegenden sein Haupt, an den -Westrand schienen ihm seine Füße zu stoßen, -- so lag er auf dem dunklen -Rücken der Erde. Im Lüfteraum glitten Fanfaren. Aus Tiefen der See brach -ein ferner, dunkler Chorgesang auf: - - _Aufgenommen, eingekehrt, - Durchgeprüft und tief belehrt. - Sohn und Sünder, Knecht und Held, - Aufgenommen in die Welt. - Nun behoben ist der Fluch, - Kräftig zeigt sich jetzt der Spruch:_ - - _In Nachtgewalten -- - In Taggewittern -- - Sich süß erhalten -- - Sich nicht verbittern!_ - -Georg erhob sich. Es war nun fast dunkel geworden, aber der westliche -Himmel leuchtete noch mit ganzer Reinheit. Als er sich umwandte, -erschreckte ihn eine nahe, helle Gestalt, die noch Licht seltsam -abzugeben schien und ohne Bewegung dort stand wie schon seit langem. Mit -Überraschung und linder Freude erkannte er Cornelia und rief leise ihren -Namen. Sie kam mit leicht rauschenden Schritten, als ob sie über Wasser -ginge, durch die Stille; er konnte den besorgten Blick ihrer Augen -erkennen und sagte, ihre Hand ergreifend: - -»Du hast gewartet?« -- Sie nickte. - -»So will ich dir sagen, was mir widerfahren ist«, sprach er sanft und -geruhigte sein Wesen tiefer, seinen Arm in den ihren schiebend, an ihrer -Nähe und am Anschaun des Himmels. - -»Einer wuchs auf, wie Alle, und fühlte sich richtig in seiner Welt. -Einer erfuhr, daß er falsch war. Einer verzweifelte an sich, wollte -nicht zweifeln und tat alles verkehrt. Einer erfuhr danach, daß er recht -war. Da sah er, daß tausend Falsches zusammen gemacht hatten ein -einziges Echtes. Ihm geschah wie Allen. Meinst du aber, ich rede von -Bogner?« Georg lächelte. »Nein, ich rede -- wie Alle -- von mir.« - -Er schwieg. -- Sich umsehend nun, gewahrte er, an welch verlorener -Stelle er hier in der Ebene stand, nicht weiter erhöht, als um einen -Überblick zu haben. Unsichtbar, unhörbar im Nord lagerte die See; im -Osten rauchte die Nacht. -- Er sah heimlich von der Seite Cornelias -Profil und erkannte mit Rührung in seiner zarten Linie die Linie der -Sternblume wieder; ja im Blick dieses dunklen Auges den süßen Blick der -Natur: nach überallhin wie das Licht. -- - -»Sieh,« sagte sie, die Hand erhebend, »ein schöner Stern!« - -Er sah ihn, nicht hoch am Himmel im Nord, der noch hell war dahinter. -Sah dann einen zweiten, höher, entfernt zur Rechten; und einen dritten, -wieder tiefer, weit rechts; alle Drei zusammen einsam, funkelnd im -lichten Blau. Ihm fiel etwas ein dabei, und er sagte, auf die Sterne -weisend: - -»Weißt du, woran die Drei dort mich erinnern? An Bogner und Jason und -Renate, wie sie vorhin zusammen standen. Hast du's gesehn?« - -Sie nickte. Eine Weile noch blieben sie schweigsam stehn. Dann, als -Georg schon zum Gehen bereit war, hörte er sie halblaut sagen: - -»Ja -- die Drei. -- Und sieh, was ich eben dachte: Bogners Kraft, und -die Schönheit Renates, -- und Jasons Vernunft --, diese Drei sind ...« - -»Sind?« fragte Georg ruhig. - -Sie beschloß: - - _Unwandelbar._ - - - Hier enden des letzten Buches neun Kapitel oder doppelt so viele - Stunden. - - - - - Inhalt - - - - Siebentes Buch - - Erstes Kapitel - Firmament 7 - Sternwarte 12 - Traum 30 - - Zweites Kapitel - Frühstück 34 - Verkleidung I 39 - Verkleidung II 45 - Fahrt 49 - Mummenschanz 53 - Ritt 58 - Ausschau 65 - Traumspiel 70 - - Drittes Kapitel - Theater 77 - Zelt 85 - Im Wagen 89 - Festzug 95 - - Viertes Kapitel - Getümmel 109 - Verspätung 117 - Heimkehr 121 - - Fünftes Kapitel - Heimkehr (die andre) 128 - Veranda 132 - - Sechstes Kapitel - Garten 142 - Kapelle 154 - Lindenallee 159 - - Siebentes Kapitel - Garten 171 - Haus 180 - - Achtes Kapitel - Masken 192 - Tempel 200 - - Neuntes Kapitel - Zimmer 208 - Wehr 212 - Treppenhaus 221 - Hörsaal 224 - Schlafzimmer 231 - Schlafzimmer (das andre) 234 - Sterne 242 - - Achtes Buch - - Erstes Kapitel: August - Renate an Magda 249 - Renate an Magda 250 - Aus Renates Gedächtnisbuch 252 - Cornelia Ring an Renate 266 - Renate an Cornelia Ring 267 - Irene an Renate 268 - Renate an Irene 271 - Aus Renates Buch 273 - Cornelia Ring an Renate 287 - - Zweites Kapitel: September - Georg an seinen Vater 290 - Magda an Dr. Birnbaum 319 - Dr. Birnbaum an Magda 321 - Renate an Dr. Birnbaum 324 - Georg an Magda 325 - Von Georgs Hand geschrieben 326 - - Drittes Kapitel: Oktober - Insel 354 - Aus den Papieren Georgs 364 - Renate an Saint-Georges 371 - Renate an Irene 376 - Renate an Saint-Georges 377 - Saint-Georges an Renate 381 - - Viertes Kapitel: November - Cornelia Ring an Magda 383 - Georg an Benno 386 - Aus den Papieren Georgs 393 - - Fünftes Kapitel: Dezember - Aus Georgs Papieren 420 - Georg an Benno 438 - Georg an Magda 451 - Georg an Bogner 455 - - Sechstes Kapitel: Januar - Cornelia an Georg 456 - Georg an Magda 456 - Georg an Benno 458 - Hallig Hooge 462 - - Siebentes Kapitel: Februar - Bogner an Georg 494 - Magda an Georg 495 - Georg an Magda 499 - - Achtes Kapitel: März - Aus Renates Gedächtnisbuch 505 - Georg an Magda 512 - Aus den Papieren Georgs 517 - Georg an Magda 528 - Jason an Renate 532 - Renate an Irene 536 - - Neuntes Kapitel: April - Aus den Papieren Georgs 537 - Magda an Georg 542 - Aus Renates Buch 543 - Georg an Magda 544 - Aus Renates Buch 545 - - Neuntes Buch - - Erstes Kapitel - Georg 559 - Renate 575 - - Zweites Kapitel - Georg 594 - Magda/Benno 596 - - Drittes Kapitel - Magda 607 - Georg 614 - - Viertes Kapitel - Magda/Renate 634 - Magda 637 - Renate 639 - Renate (Fortsetzung) 649 - - Fünftes Kapitel - Erasmus 666 - Erasmus (Fortsetzung) 690 - - Sechstes Kapitel - Bogner/Klemens 714 - Klemens 724 - Birnbaum 729 - Irene 739 - - Siebentes Kapitel - Benno 744 - Georg 759 - Bogner 763 - - Achtes Kapitel - Magda 771 - - Neuntes Kapitel - Georg 804 - Cornelia 808 - Die Blume 813 - - - Der »Helianth« wurde geschrieben in - den Jahren 1912-20. -- Der Druck erfolgte - in den Jahren 1917-20 in der - Spamerschen Buchdruckerei in Leipzig - - - Anmerkungen zur Transkription - -Offensichtliche Fehler wurden stillschweigend korrigiert. Weitere -Korrekturen (vorher/nachher): - - [S. 163]: - ... steckend bleibend. ... - ... stecken bleibend. ... - - [S. 330]: - ... Frühling liegt ihr Lächeln unter den ersten Krokus, den ... - ... Frühling liegt ihr Lächeln unter dem ersten Krokus, den ... - - [S. 619]: - ... des Zähneputzen und Waschens, die tiefe Lautlosigkeit, ... - ... des Zähneputzens und Waschens, die tiefe Lautlosigkeit, ... - - [S. 653]: - ... mit ihr berührte, das müßte von ihr an zu fließen fangen.« ... - ... mit ihr berührte, das müßte von ihr zu fließen anfangen.« ... - - - - - - -End of the Project Gutenberg EBook of Helianth. Band 3, by Albrecht Schaeffer - -*** END OF THIS PROJECT GUTENBERG EBOOK HELIANTH. BAND 3 *** - -***** This file should be named 60845-8.txt or 60845-8.zip ***** -This and all associated files of various formats will be found in: - http://www.gutenberg.org/6/0/8/4/60845/ - -Produced by Jens Sadowski and the Online Distributed -Proofreading Team at http://www.pgdp.net. This book was -produced from images made available by the HathiTrust -Digital Library. - - -Updated editions will replace the previous one--the old editions will -be renamed. - -Creating the works from print editions not protected by U.S. copyright -law means that no one owns a United States copyright in these works, -so the Foundation (and you!) can copy and distribute it in the United -States without permission and without paying copyright -royalties. Special rules, set forth in the General Terms of Use part -of this license, apply to copying and distributing Project -Gutenberg-tm electronic works to protect the PROJECT GUTENBERG-tm -concept and trademark. Project Gutenberg is a registered trademark, -and may not be used if you charge for the eBooks, unless you receive -specific permission. If you do not charge anything for copies of this -eBook, complying with the rules is very easy. You may use this eBook -for nearly any purpose such as creation of derivative works, reports, -performances and research. They may be modified and printed and given -away--you may do practically ANYTHING in the United States with eBooks -not protected by U.S. copyright law. Redistribution is subject to the -trademark license, especially commercial redistribution. - -START: FULL LICENSE - -THE FULL PROJECT GUTENBERG LICENSE -PLEASE READ THIS BEFORE YOU DISTRIBUTE OR USE THIS WORK - -To protect the Project Gutenberg-tm mission of promoting the free -distribution of electronic works, by using or distributing this work -(or any other work associated in any way with the phrase "Project -Gutenberg"), you agree to comply with all the terms of the Full -Project Gutenberg-tm License available with this file or online at -www.gutenberg.org/license. - -Section 1. General Terms of Use and Redistributing Project -Gutenberg-tm electronic works - -1.A. By reading or using any part of this Project Gutenberg-tm -electronic work, you indicate that you have read, understand, agree to -and accept all the terms of this license and intellectual property -(trademark/copyright) agreement. If you do not agree to abide by all -the terms of this agreement, you must cease using and return or -destroy all copies of Project Gutenberg-tm electronic works in your -possession. If you paid a fee for obtaining a copy of or access to a -Project Gutenberg-tm electronic work and you do not agree to be bound -by the terms of this agreement, you may obtain a refund from the -person or entity to whom you paid the fee as set forth in paragraph -1.E.8. - -1.B. "Project Gutenberg" is a registered trademark. It may only be -used on or associated in any way with an electronic work by people who -agree to be bound by the terms of this agreement. 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It -exists because of the efforts of hundreds of volunteers and donations -from people in all walks of life. - -Volunteers and financial support to provide volunteers with the -assistance they need are critical to reaching Project Gutenberg-tm's -goals and ensuring that the Project Gutenberg-tm collection will -remain freely available for generations to come. In 2001, the Project -Gutenberg Literary Archive Foundation was created to provide a secure -and permanent future for Project Gutenberg-tm and future -generations. To learn more about the Project Gutenberg Literary -Archive Foundation and how your efforts and donations can help, see -Sections 3 and 4 and the Foundation information page at -www.gutenberg.org Section 3. Information about the Project Gutenberg -Literary Archive Foundation - -The Project Gutenberg Literary Archive Foundation is a non profit -501(c)(3) educational corporation organized under the laws of the -state of Mississippi and granted tax exempt status by the Internal -Revenue Service. The Foundation's EIN or federal tax identification -number is 64-6221541. Contributions to the Project Gutenberg Literary -Archive Foundation are tax deductible to the full extent permitted by -U.S. federal laws and your state's laws. - -The Foundation's principal office is in Fairbanks, Alaska, with the -mailing address: PO Box 750175, Fairbanks, AK 99775, but its -volunteers and employees are scattered throughout numerous -locations. Its business office is located at 809 North 1500 West, Salt -Lake City, UT 84116, (801) 596-1887. Email contact links and up to -date contact information can be found at the Foundation's web site and -official page at www.gutenberg.org/contact - -For additional contact information: - - Dr. Gregory B. Newby - Chief Executive and Director - gbnewby@pglaf.org - -Section 4. Information about Donations to the Project Gutenberg -Literary Archive Foundation - -Project Gutenberg-tm depends upon and cannot survive without wide -spread public support and donations to carry out its mission of -increasing the number of public domain and licensed works that can be -freely distributed in machine readable form accessible by the widest -array of equipment including outdated equipment. Many small donations -($1 to $5,000) are particularly important to maintaining tax exempt -status with the IRS. - -The Foundation is committed to complying with the laws regulating -charities and charitable donations in all 50 states of the United -States. Compliance requirements are not uniform and it takes a -considerable effort, much paperwork and many fees to meet and keep up -with these requirements. We do not solicit donations in locations -where we have not received written confirmation of compliance. To SEND -DONATIONS or determine the status of compliance for any particular -state visit www.gutenberg.org/donate - -While we cannot and do not solicit contributions from states where we -have not met the solicitation requirements, we know of no prohibition -against accepting unsolicited donations from donors in such states who -approach us with offers to donate. - -International donations are gratefully accepted, but we cannot make -any statements concerning tax treatment of donations received from -outside the United States. U.S. laws alone swamp our small staff. - -Please check the Project Gutenberg Web pages for current donation -methods and addresses. 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Thus, we do not -necessarily keep eBooks in compliance with any particular paper -edition. - -Most people start at our Web site which has the main PG search -facility: www.gutenberg.org - -This Web site includes information about Project Gutenberg-tm, -including how to make donations to the Project Gutenberg Literary -Archive Foundation, how to help produce our new eBooks, and how to -subscribe to our email newsletter to hear about new eBooks. - diff --git a/old/60845-8.zip b/old/60845-8.zip Binary files differdeleted file mode 100644 index d4a39e7..0000000 --- a/old/60845-8.zip +++ /dev/null diff --git a/old/60845-h.zip b/old/60845-h.zip Binary files differdeleted file mode 100644 index ab3bf10..0000000 --- a/old/60845-h.zip +++ /dev/null diff --git a/old/60845-h/60845-h.htm b/old/60845-h/60845-h.htm deleted file mode 100644 index ac08eef..0000000 --- a/old/60845-h/60845-h.htm +++ /dev/null @@ -1,35599 +0,0 @@ -<!DOCTYPE html PUBLIC "-//W3C//DTD XHTML 1.0 Strict//EN" -"http://www.w3.org/TR/xhtml1/DTD/xhtml1-strict.dtd"> -<html xmlns="http://www.w3.org/1999/xhtml" lang="de" xml:lang="de"> -<head> -<meta http-equiv="Content-Type" content="text/html;charset=iso-8859-1" /> -<title>The Project Gutenberg eBook of Helianth. Band 3, by Albrecht Schaeffer</title> - <link rel="coverpage" href="images/cover.jpg" /> - <!-- TITLE="Helianth. Band 3" --> - <!-- AUTHOR="Albrecht Schaeffer" --> - <!-- LANGUAGE="de" --> - <!-- PUBLISHER="Insel-Verlag, Leipzig" --> - <!-- DATE="1920" --> - <!-- COVER="images/cover.jpg" --> - -<style type='text/css'> - -body { margin-left:15%; margin-right:15%; } - -div.frontmatter { page-break-before:always; margin:auto; max-width:30em; } -.logo { margin-top:2em; margin-bottom:10em; text-align:right; margin-right:1em; } -h1.title { text-indent:0; text-align:center; margin-bottom:2em; letter-spacing:0.5em;} -.subt { text-indent:0; text-align:center; margin-bottom:1em; } -.aut { text-indent:0; text-align:center; margin-bottom:6em; - font-weight:bold; } -.aut .line1 { font-size:0.8em; } -.vol { text-indent:0; text-align:center; margin-bottom:1em; font-size:0.8em; } -.pub { text-indent:0; text-align:center; letter-spacing:0.3em; } -.pub .line1 { border-top:4px double black; } -.printer { text-indent:0; text-align:left; margin-top:4em; font-size:0.8em; - margin-left:auto; margin-right:auto; max-width:15em; 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Band 3, by Albrecht Schaeffer - -This eBook is for the use of anyone anywhere in the United States and -most other parts of the world at no cost and with almost no restrictions -whatsoever. You may copy it, give it away or re-use it under the terms -of the Project Gutenberg License included with this eBook or online at -www.gutenberg.org. If you are not located in the United States, you'll -have to check the laws of the country where you are located before using -this ebook. - - - -Title: Helianth. Band 3 - Bilder aus dem Leben zweier Menschen von heute und aus der - norddeutschen Tiefebene - -Author: Albrecht Schaeffer - -Release Date: December 4, 2019 [EBook #60845] - -Language: German - -Character set encoding: ISO-8859-1 - -*** START OF THIS PROJECT GUTENBERG EBOOK HELIANTH. BAND 3 *** - - - - -Produced by Jens Sadowski and the Online Distributed -Proofreading Team at http://www.pgdp.net. This book was -produced from images made available by the HathiTrust -Digital Library. - - - - - - -</pre> - - -<div class="frontmatter chapter"> -<div class="centerpic logo"> -<img src="images/logo.jpg" alt="" /></div> - -</div> - -<div class="frontmatter chapter"> -<h1 class="title"> -HELIANTH -</h1> - -<p class="subt"> -Bilder<br /> -aus dem Leben<br /> -zweier Menschen von heute<br /> -und aus der norddeutschen Tiefebene<br /> -in neun Büchern dargestellt -</p> - -<p class="aut"> -<span class="line1">von</span><br /> -<span class="line2">Albrecht Schaeffer</span> -</p> - -<p class="vol"> -Der drei Bände dritter -</p> - -<p class="pub"> -<span class="line1">Im Insel-Verlag zu Leipzig</span><br /> -<span class="line2">1920</span> -</p> - -</div> - -<div class="frontmatter chapter"> -<h2 class="part" id="chapter-0-1"> -<a id="page-5" class="pagenum" title="5"></a> -<span class="line1">Siebentes Buch.</span><br /> -<span class="line2">Hochsommertag</span><br /> -<span class="line3">oder</span><br /> -<span class="line4">Der große Mummenschanz</span> -</h2> - - <div class="epi"> - <div class="poem-container"> - <div class="poem"> - <div class="stanza"> - <p class="verse">Dann der traum höchster stolz steigt empor</p> - <p class="verse">Er bezwingt kühn den gott der ihn kor</p> - <p class="verse">Bis ein ruf weit hinab uns verstößt</p> - <p class="verse">Uns so klein vor dem tod so entblößt.</p> - </div> - </div> - </div> - </div> -</div> - -<div class="chapter"> - -<h3 class="chapter" id="subchap-0-1-1"> -<a id="page-7" class="pagenum" title="7"></a> -Erstes Kapitel -</h3> - -</div> - -<h4 class="section"> -Firmament -</h4> - -<p class="first"> -Unablässig funkelten die Gestirne. -</p> - -<p> -Georg, auf dem Dache der Sternwarte, schräg auf -der niedern, steinernen Brüstung sitzend, hatte die goldübersäte -Wand des südöstlichen Himmels vor Augen; -wieder und wieder jedoch zog das lebendige Gefunkel zur -Rechten seinen Blick herum, und folgte er dorthin, so -brach weiter rechts neue Funkelbewegung auf und zwang -sein Auge weiter und abermal weiter und so fort, — er -mußte sich drehen, den rechten Arm hinter sich aufgestützt, -so daß die rauhe Fläche von Stein in seinen Handballen -brannte, und bis sein Nacken sich weigerte, weiter herumzugehen. -Dann loderte über seinem Haupt andere Heerschar; -ein geheimnisvoller Strom, weißlich und nebelnd, -ergoß sich die Milchstraße vom Zenit bergunter, alle Ufer -umblitzt und umglitzert vom Sterngetümmel in tausend -Formen, in schweren Klumpen gleich Waben, gefüllt mit -Nacht, in reichen Trauben und Gewinden, in seltsamen -Kränzen und durchbrochenen Reigen, alle lebendig, beweglich -von Licht, zitternd, strahlend, keiner dem andern -gleich, winzige und einzelne gewaltige, nahe scheinende -und unsäglich ferne, vergehende Lichter im Hauche der -Finsternis. — Aber da war der Schattenumriß des -Schloßdaches hinter Georgs rechter Schulter in der -Nacht, der Schatten des hangenden Fahnentuches in -selten fallender Bewegung, eine bleiche Geste, welche -die Sterne hin und wieder verdeckte, unkenntlich, doch -<a id="page-8" class="pagenum" title="8"></a> -schimmerte einmal — wie ein Antlitz — das bleiche -Weiß ... -</p> - -<p> -Kein Laut war in der Nacht. Schweigsam im Nachtblau -standen die abertausend stillen, in sich beweglichen -Goldpunkte, die wachsamen Posten, durch alle Räume -der Himmel hin verteilt auf den ewigen Bergen. Nun -schienen es Gefäße, glasklare, voll von einer feurig leuchtenden -Flüssigkeit, in der geheimnisvolles Dasein sich -regte, Kristalle vielleicht, riesige, in denen gefangene -Götter die Glieder bewegten, Göttinnen oder heilige -Tiere, ruhend das Einhorn, still blickend der Widder, -großhäuptig, wachsam schläfrig der Leu, scharfäugig -der Greif. Schöne Kugeln waren auch da, gefüllt mit -Lebensessenz, in der liebliche Kinderseelen atmeten mit -ganzem Leib, — denn immer atmete es dort oben und -lächelte, immer ging eine Woge von Odem, eine stürmisch -sanfte Welle von Lächeln über ganze Scharen der -Goldenen hin, und sie flackerten wehend auf wie Felder -von Fackeln. -</p> - -<p> -Daß auch nicht Einer dem Andern glich! So wie unten -das menschliche Gewimmel erst gleichförmig erscheinen -mag und doch zehntausendfach und mehr wandelbar und -wechselvoll ist an Charakter und Art, an Seele und Leidenschaft, -an Schicksal und allen Farben der Stunden und -der Jahre, der Freude und des Schmerzes, so waren auch -dort oben die Völker an Seele mannigfalt, Alle nur einander -ähnlich durch Liebe, durch Ruhe, durch Glanz. Oh, -und das waren keine kleineren und größeren Lampen, -entzündet am harten Gewölbe, an dem sie hafteten! -Sondern der Himmel war nachtblaue Tiefe, farblos fast, -<a id="page-9" class="pagenum" title="9"></a> -bräunliches Dunkel, ewig beschattete Weltenräume, in -denen die Erden schwebten. Ach, wogten sie nicht nieder -und auf in einem gewaltigen Takt? — Nein, sie ruhten! -Sie zogen wie lautlose Schwäne jeder seine Bahn, zeitlos, -spurlos in der riesigen Flut, und sie lächelten im Entschwinden. -Tauschten sie Fahrtzeichen und Wink im Vorübergleiten? -— Da schienen scharenweise die flammenden -Feuer zu wanken und zu erlöschen, scharenweise aber -loderten sie höher empor — Georgs Herz zog sich schaudernd -zusammen —, das Firmament bewegte sich! Heere -zogen klirrend auf über ungeheure Brücken, Heere schwärmten, -Geschwader kamen triumphierend entgegen, sie teilten, -sie schlossen sich wieder, sie wanderten im Takt, unerschöpflich -überstiegen neue mit Bannern und Panzern -den finstern Rand der Tiefe, ein lautlos unbeschreiblicher -Jubel wogte mit ihnen herauf, — wie Heere der Erde in -Wolken des Staubes, in Wolken von Jubel wanderten -diese, — o es war Seligkeit in den Sternen, rieselnde, -feurige, bebende Seligkeit des nächtlichen Daseins, Seligkeit -im Übersteigen der Nachtgebirge, Seligkeit, zu strömen -in goldener Woge, Millionen Tropfen zur Woge geschlossen, -Seligkeit, einsam dahinzuziehen, Seligkeit, in luftigen -Ketten zu hangen, in Kränzen sich zu wiegen, in -Bildern sich zu ordnen, Seligkeit, sich anzutönen mit -Licht, in Strahlen sich zu umfassen, in dunkler Kraft einander -schwebend zu erhalten, Seligkeit, grenzenlose Seligkeit -des unendlichen Nichtwissens von Anfang und Ende, -und millionenstimmig brach aus goldenen Lippen der -Schrei ihres leuchtenden Schweigens: Ewigkeit! Ewigkeit! -Gott will es! Gott will es! — — -</p> - -<p> -<a id="page-10" class="pagenum" title="10"></a> -Namenlos geworden, der unten lauschte, beugte die -betäubte Stirn, glühend und frierend voll Schauder. -Verschleierte Augen schauten, kaum noch die Höhe der -goldgestirnten Gebirge ertragend, wie der Himmel wankte, -Massen von Sternen herunterstürzten; Goldrutsche, -entfesselt, schlugen mit lautlosem Dröhnen gegen die -Wandung seines Daseins und zerstäubten in Musik; -es kreiste, in schmetternder Eile, sausend aus Unermeßlichkeit -daher, in Unendlichkeit dahin, jagten Welten -über Welten einander nach, tönend ohne Schwingen, -klirrend von Licht, aufblitzend und erlöschend im Eise der -Finsternis, Sturmatem schnob ihnen nach, die gewaltigen -Tiere, auf riesigen Flößen aufrecht stehend, flogen durch -die Nacht, aufrecht in den Zenit starrte des Einhorns -goldene Stirnlanze, der Löwe hob die Pranke und brüllte -goldenen Donner über die Eisfelder der Einsamkeit, riesig -ausgebreiteter Schwingen schwebte der Greif, schlug die -Fittiche knatternd und warf sich in schwingenden Bögen -gewitternden Tiefen zu, und riesigen Wuchses, auf seinem -Schilde stehend, den gewaltigen Bogen spannend, daß -die bis zum Ohr gezogene Sehne klang, stürmte der titanische -Orion aus der Nacht herauf, die Sehne klirrte, der -Pfeil stürzte sich und fuhr unten in ein Herz, aufschreiend -riß es die Augen auf und sah — den stilleren Himmel, -sah still stehn, zur großen Kuppel gewölbt, das ganze Firmament, -leise flackernd in zehntausend Leuchten, ruhig -blickend mit zehntausend Augen, eine zitternde Welle von -Innigkeit überlief sie, — sie schlossen sich lächelnd, sie -öffneten sich wieder, und — ach, nun, nun quoll wieder -aus der Tiefe der Welt der ruhige Atemzug, der Hauch -<a id="page-11" class="pagenum" title="11"></a> -des Unsterblichen aus seiner dunklen Ferne, von dem alles -lebte, was war. — -</p> - -<p> -Georg nahm das nasse Gesicht aus den Händen. Er -glaubte, sie ganz eingetaucht zu haben in den Himmel, in -die unsterbliche Flut, — ja, entströmte ihnen nicht noch -Duft, der letzte Hauch andern Lebens, wie Leben und -Frische aus schlafenden Blumen bei Nacht? Unablässig -aber funkelten die Gestirne, wogten, schwiegen. -Sie schwiegen, doch kein Gedicht und keine Musik tönte -so beredt wie die Sprache ihres Schweigens in das Herz, -denn Wissen senkte sich von ihnen zur Unwissenheit unmittelbar, -mit Glanz, mit Lächeln, mit Stille, mit blickender -Gewißheit. Die Sterne wußten und schwiegen ihr -Wissen in die Welt aus, die Sterne wußten und hielten -nicht an sich mit Wissen, zeigten es unverhüllt in ihrer -ruhigen Gestalt von oben, neigten sich sprachlos und teilnahmsvoll -in der Höhe, und Zuversicht strömte aus -ihnen, ein milder Regen in die keuchende, seufzende, ratlose, -beklemmte Brust, — da war sie schon aufgetan, -sicherer, leichter, atmend und wunderbar beruhigt. Der -Augenblick, wo unten das Auge und ein Auge dort oben -sich begegnen im sprachlosen Austausch des Sinnens, der -Augenblick ist ohne Zeit, nichts geschieht, nichts löst sich, -bewegt sich und fällt, und nichts steht auf. — Nein, Herz, -sagte es leise in Georgs Tiefe, von deinem Schicksal -wissen die dort oben nichts, was könnte es sie kümmern? -Was geht es sie an, ob du das Auge hier aufschlägst zu -einem Blick oder ein Andrer? Deine Handlungen und -deine Träume, dein ganzer Wandel ficht sie nicht an, -sie gehören sich selber an, sie wissen nur, sie wissen! Schau -<a id="page-12" class="pagenum" title="12"></a> -du in diesen Spiegel heut und nach einem Jahr, einmal -und noch einmal zwischen Tod und Geburt; sehen wirst -du nichts, doch zitterst du wohl, und das Schauen genügt. -</p> - -<h4 class="section"> -Sternwarte -</h4> - -<p class="first"> -Georg, unfähig, den Anblick länger zu erdulden, senkte -die Augen, wandte sich um und gewahrte auf dem Steintisch -das matte Leuchten des goldenen Bechers und der -Kanne. Gleich durstig, erhob er sich, trat hinzu, goß -langsam den farblos klaren Wein, in dessen rinnender -Falte es glitzerte, in den Becher und umfaßte ihn mit -beiden Händen. O wie kühl, wie eisig kühl! — Er setzte -ihn an die Lippen. Seit anderthalb Jahren der erste -Tropfen Wein, dachte er und trank langsam Schluck um -Schluck das süße und herbe, kühle Getränk, in dem deutlich -ein Hauch von Adel, ein Duft von Alter, von Würde, -Fürstlichkeit und großer, männlicher Seele mit einströmte -in sein Inneres. Den noch halbvollen Becher in der -Hand, trat er an die Brüstung zurück und blickte unter -dem Sternenhimmel hinweg wie unter einem fast zur -Erde gesenkten Vorhang über das schlummernde Nachtland. -In der Tiefe zu Füßen waren dunkel lebendig die -Laubmassen der Wipfel, in denen es da und dort bleich -erschimmerte; der Wassergraben blinkte verkleinert, dahinter -standen finster die Schatten anderer Bäume, Geruch -des Laubes und von Blumen stieg auf, ein Stück -der Mauer glänzte kalkweiß, dahinter war undeutlich -das flache Land, die Wiesen, ganz fern darüber ein, zwei -rötliche Lichter. Die laue Nacht atmete kaum. -</p> - -<p> -<a id="page-13" class="pagenum" title="13"></a> -Alsbald erhob sich das gedämpfte Getöse eines Orchesters -in Georg. Ah, Bennos Sinfonie von der Ebene, -am Abend gehört, klang wieder aus der Ferne, in die sie -entströmt war. — Ja, — bei aller Weichheit seiner Musik, -die im Schmelz größer war als in der Bändigung, im -Sehnsüchtigen größer als in der Vollendung — es war -doch ein Gewebe von strahlender Großartigkeit geworden, -in dem — so fern jedes rationale Vortäuschen von Wirklichem -blieb — doch der Geist der Ebene so mächtig -hauchte wie der Geist des Heros in der heroischen Sinfonie, -wo dann auch der Gedanke: Ebene — sie wohl sichtbar -werden ließ, sie, breiten Abfluß des sinnenden Gebirgs, -flutend von Handlung, glänzend in Strömen, duftend -in Wäldern und Äckern, das Antlitz von Sternen -behaucht, gebettet in den väterlichen Odem der See. Und -war seine Kunst auch romantisch, von der sehnsuchterregenden -Art, die eher bezwingen möchte und eindringen, -als Maße aufrichten, die aus sich selber wirken, -der deshalb das Süße lieber ist als die Feste, der Ansturm -lieber als der Schritt, — zu welch erstaunlicher -Form war er selber gewachsen! Ungeschickt, hülflos, -wie zwängte er sich noch als schutzloser Eindringling -durch die Reihen seiner sicheren Mannschaft! Aber der -Augenblick, wo er, die Hörerschaft im Rücken, das unmerklich -klappende Zeichen gab, zauberte ihn um, unglaublich -zu sehen! In seinem Profil wechselten Strenge und -kindliche Weichheit, drohende Befeuerung und lächelnde -Beruhigung in kaum erkennbaren Wellen, doch in deutlichen, -in spielend gemeisterten Übergängen; sichtbar -magisch geworden, seine Hände entströmten Zwang oder -<a id="page-14" class="pagenum" title="14"></a> -Verlockung, Ergreifen oder Verschenken, und seine lange, -kaum sich regende schwarze Gestalt lebte allein im geschmeidigen -Zucken der Arme, der gebieterisch gewordenen -Hände, sich zusammen — und alles an sich reißend nur -an den gewitternden Stellen, — solch ein Befehlshaber -war aus dem Scheuesten aller Scheuen geworden, nun -der eigene Geist ihn weit, wie ein Gestirnsnebel, tönend -umwölkte. — Ja, Benno, du hast das Ziel erreicht, dachte -Georg glücklich und schwer, — weißt du, ich könnte dich -beneiden aus einem Grunde! Denn dir ist der Augenblick -gegeben, der Glanz der Krise, der Blitz, der Zeit -spaltet in Links und Rechts und das ewige Juwel zeigt -im Schacht. Ich soll nun lenken in der breiten Zeit, im -Unsichtbaren, im alltäglichen Tage, im ... -</p> - -<p> -Georg verlor die deutlichen Begriffe im Bangen vor -leibhafter Vorstellung, lächelte noch einmal dem Freunde -zu und wandte sich um. -</p> - -<p> -Im Osten war der Nachthimmel gerötet, unten glühend -weißlich und rot über der Stadt. Die Schattenrisse der -Türme von der Universität standen drüben; nahe dahinter -eine bleiche goldige Kuppel; ziemlich vorn die weißrötlich -wie ein Feuerloch glühende Tiefe war der Platz an -den Kasernen, deren beleuchtete Fronten schimmerten, -dunkel befenstert. — Stumm erstreckten sich die finstern -Wipfeldämme der Lindenalleen; ganz vorn, im Dämmer -des Sternlichts, ruhte das Rasenrund in den Wegen. Es -rauschte auf, — und jetzt, seltsam lieblich zu hören, scholl -aus der Tiefe, aus dem Stall das Klirren einer Kette, ein -stampfend aufgesetzter Huf und ganz leise das Husten -eines Pferdes. Ach, da unten stand der gute alte Unkas -<a id="page-15" class="pagenum" title="15"></a> -in seiner warmen Stalldämmerung, das Haupt schlaftrunken -gesenkt, nur atmend, blind, mit sich seelenallein, -dürftig, ein gefangenes Tier, das nichts wußte, nie fragte, -nichts wußte ... Georg, lächelnd erst, wurde ernst. Ein -Tier, das fromm war, frommer vielleicht als er hier oben -in der Freiheit, dieser Aufgerichtete, immer Denkende, -Sehende, Sternumstellte, in Gottes Odem schweigend, -viel wissend, alles nennend, immer irrend, immer nur für -Augenblicke sich erhebend und schon wieder gesenkten -Hauptes nichts haltend mit den Augen als das wechselnde -Vorwärtskommen und Zurückschwinden der eigenen, -wandernden Füße. Sondern dies Pferd war fromm in -unerschütterlicher Folgsamkeit, fragte nicht, klagte nie, -sprach nie sich aus, war immer zufrieden, nur laufen zu -können, es kannte keinen eigenen Weg. Nicht einen einzigen -Schritt hatte es allein gemacht, mit eignem Willen, — -Georg stockte und erinnerte sich dunkel: ja, auch damals, -wann war es noch? In Helenenruh, ich stand im Hof, Unkas -schritt zum Stall, blickte her, schien klug, schien zu verstehen, -und tastend stieg er davon, — ja, damals auch -ging er blindlings dahin das kurze Stück von meinem -haltenden, winkenden Auge zum Stall, angelockt und gelenkt -vom duftenden Heu und dem eigenen Mist. Immer -war er geführt wie ein Blinder, immer war ein Wille -über ihm, und er folgte gern, — er — der nicht einmal -ein Er war, nicht männlich, nichts Eigenes mehr, sondern -ein menschliches Gemächt, ein Enterbter, ein verschnittener -Wallach, ausgeschlossen aus dem feurigen Ring der -Hengste und Stuten, gebrochen in der Jugend, in -Zeugungslosigkeit gebannt, unfruchtbar wie ein Pfahl in -<a id="page-16" class="pagenum" title="16"></a> -der Schöpfung, — o der war fromm ... Ja, so Gott -will, Unkas, sagte Georg sonderbar wehmütig, reite ich -einmal auf dir in Elysium ein, dort, wo alle Trennungen -sich ergänzen, wo alles heil wird, wo du auch nicht froh -wärst ohne meine Nähe, — dort wirst auch du dein -Männliches wieder haben, ein stampfender Hengst, selig -wiehernd und trabend über den saftigen Wiesen ... -</p> - -<p> -Georg sah wieder in das Land hinein, bewegte den -Becher und leerte ihn langsam in die Tiefe aus; Blätter -klatschten getroffen und rauschten leise, sonderbar war -das Geräusch des Tröpfelns in der schweigsamen Tiefe. — -Mein Land, murmelte er, sich schämend, mein Land ... -Weiterhin versagte sein Denken, und dies genügte ja wohl -auch. Er stellte den Becher wieder auf den Tisch, rückte -den Sessel der Weite des Himmels gegenüber und setzte -sich. Ein wenig müde, vom Weinrausch umnebelt, sah er -die Sterne sich zusammenziehn, sich dehnen, heller glitzern -und schwanken. Er war glücklich. Morgen, dachte er, -morgen ... und prallte von unvorstellbaren Bildern und -am Wunsch, dieses Schönste und Farbigste seines Krönungstages -sich nicht durch Vorahnung zu entstellen, ins -Gestern zurück, glitt unmerklich in den fahnen- und blumengeschmückten -Saal des Landtages, hörte die Eidesformel -verlesen und sah den Vorbeizug der bärtigen -Gesichter, selber feierlich und ergriffen die vielen, unterschiedlichen -Drücke der glatten und rauhen, schlaffen und -kräftigen Hände verspürend. -</p> - -<p> -Vor den halbgeschlossenen Lidern die Felder der Sterne, -kam ihm jetzt die Frage, woran nur dies unablässige -Auffunkeln, heller und schwächer Brennen, Wogen und -<a id="page-17" class="pagenum" title="17"></a> -Wanken und Zittern der unzählbaren Leuchten erinnre, -und bald darauf senkte er sich in die Helenenruher Wiesen -nieder. Wie dort das Gewoge der Halme —, nein, nicht -das! Das Glitzern und Brennen der Sonnenstrahlen —, -auch nicht! — Ah, das Gezirp der Grillen war es, das -wogte so lodernd auf, brodelte und senkte sich schwächer, -entfernte sich und schwoll laut und nahe heran. Helenenruh, -ja, Helenenruh, sang es beseligt in Georg, das war -Vater und Mutter und Kindheit, das war ja wie Ewigkeit -so lang! Immer Sommer und Sonne, immer Ferien -und Faulheit, Reiten und Schwimmen, die blaue See -und die Wiesen, die ewigen Wiesen. Er wünschte, mehr -aus seinen jüngsten Jahren wiederzusehn, aber es war -sonderbar, er gelangte nicht tiefer in die Zeit zurück als bis -zu irgendeinem Tag vor ein paar Jahren, wo er schon -erwachsen war. Ja, in dem Sommer nach dem Examen, -da war es wohl am schönsten; niemals wieder waren die -Tage so lang, jedoch — das Ende war seltsam. — Mit -meinem Geburtstag muß es aufgehört haben, eigentlich -wars ein langweiliger Tag, so viele Gäste, Fremde, nur -Bogners Gesicht wohltätig dazwischen. Auf einmal sah -er das Gesicht des Malers an einem Fenster, ein Gewitter -war, ja, Artaxerxes ... er flog ja wohl plötzlich ... Und -Magda, — Georg seufzte, — Anna nannte ich sie damals -und liebte sie sehr ... Richtig, das war der sonderbare -Tag vor meinem Geburtstag, mit Jason al Manach, und -— ja, da begann ja auch alles eigentlich! — Das Gesicht -seines Vaters erschien ihm dicht über dem seinen, wie eingebrannt -in die Luft, — jede Falte, der Mund und die -Augen vor allem. Georg konnte sich nicht auf ein einziges -<a id="page-18" class="pagenum" title="18"></a> -Wort mehr besinnen, das er gesagt hatte, nur daß sie -alle wunderbar klangen, und sein Gesicht, dachte er, -werde ich noch in meiner Todesstunde unverblichen und -unverändert sehn, wie es damals war. Ja, damals -muß er auch zuerst von dem Vertrag gesprochen haben -... Da erschien, blaß und verwischt wie ein halber -Mond am Nachmittag, Sigunes Gesicht, ein Seufzer, der -durch Georgs Brust hinzog und sie hob und verhauchte. -O das arme, kranke Kind! Wärest du doch niemals geboren! -Badenbach, dieser Jesuit! Aber, wie er dastand — -oder habe ich das nur geträumt? — Georg besann sich, -aber er schien ihn doch wirklich gesehn zu haben, als er -kam, um Sigunes Hinscheiden zu melden, — richtig, fiel -es Georg ein, ich war ja krank, Virgo war dabei, nein, -sie war schon fort, — seltsam, Papa küßte sie auf die Stirn, -und später sagte er, ob ich nicht auch gefunden habe, wie -sie Mama ähnlich gesehen habe ... Ich konnte es eigentlich -nicht finden, ihn täuschte wohl das kurzgeschnittene Haar, -und Mamas Nase habe ich immer so viel hagrer gesehn, -— allerdings — in ihrer Jugend ... aber auf der Miniatüre -ist die Biegung unsichtbar ... -</p> - -<p> -Wie groß der Orion dort stand, ungeheuer deutlich -und fast erschreckend menschlich, Füße, Schultern, Haupt, -Gürtel und sogar das Schwert, inmitten des Schwarmes -ungeordneter Sterne. Tiefer in das goldne Bildnis sich -hineinschauend, ließ Georg die Lider sinken und fühlte -sich empor und angesaugt von dem leuchtenden Riesen; -schwebte er wirklich? Plötzlich stand er selber als Orion -am Himmel, unter sich Nacht und Tiefe; eine fahle, -zackig abgeteilte Mondscheibe, die dampfte, schwebte -<a id="page-19" class="pagenum" title="19"></a> -die Erde, ihn schwindelte, er stürzte, erschrak flackernd -und fuhr mit einem Ruck in seinen Körper und den -Sessel. -</p> - -<p> -Gottseidank lächelte er matt, es war wieder ein Traum! -— Wie still es doch ist! — In diesem Augenblick aber -rasselte es in der Luft, ein heller Schlag durchdröhnte das -Schweigen, es rasselte, ein zweiter riß sich los, es rasselte -wieder, ein dritter ... dann war Stille. Erst dreiviertel -eins? dachte Georg verwundert, ich bin doch eine Ewigkeit -hier oben! — Aber das Zifferblatt seiner Uhr zeigte -keine andre Stunde im Zwielicht der Sterne. Wie absonderlich -das Uhrglas glänzte und die Zahlen so verändert -in der Dämmerung! — Und warum habe ich es denn nicht -viertel und halb schlagen hören? Jetzt fängt der Wein -an zu wirken, dachte er schläfrig, fühlte aber gleichzeitig -ein leises Angstgefühl in sich aufsteigen oder heranschleichen. -Wie still es nur ist! — Und doch — es ist ja, — -als wäre ich nicht mehr allein! Unsinn! — Er setzte sich -tiefer zurück, seine Gedanken lockten ihn spielend wieder -ins Morgen hinüber, Renate erschien, — wie würde sie -nur aussehn in der mittelalterlichen Tracht? Er hatte sie -ja Wochen nicht gesehn und empfand Sehnsucht. Ich -habe doch immer nur sie geliebt, dachte er schwermütig, -warum nur ließ ich mich so oft irren? Cora, — nun das -kann freilich kaum gelten, aber Esther, — ach Cordelia, -du warst doch unsagbar lieblich und süß! — Einmal dachte -ich sogar, Virgo zu lieben, aber das war denn doch ein -Irrtum, weil ich krank war und ich sie Esther ähnlich -fand, aber — ja, von Renate hielt sie mich doch ein -Weilchen fern ... -</p> - -<p> -<a id="page-20" class="pagenum" title="20"></a> -Mein Gott, es ist doch wer in der Nähe! dachte er -plötzlich. Seine Kopfhaut krauste sich. Ja, was soll -denn sein, dachte er ärgerlich, wenn was da ist, solls -kommen! Aber sein Herz klopfte. Er streckte die Hand -nach der Kanne aus, schenkte den Becher voll, setzte die -Kanne hin und lauschte. Die Stille rieselte über ihn hinweg, -es wurde kühler. Wieder zwang er seine Gedanken, -aber sie gehorchten schlecht und nur begrifflich, so daß er -dachte, er lebe und bewege sich eigentlich erst seit drei -Jahren, seit er den Plan des Vertrages mit sich herumtrage. -Da erinnerte er sich an Berlin und seines Sofas -in der Kantstraße. Ja, dieses Sofa! Darauf verbrachte -ich die halbe Zeit des Winters, o es war ja grauenhaft! -Diese Nachmittage, wenn ich lag und lag und die weiße -Lampe auf dem Schrank ansah, bis sie verschwamm und -schließlich verschwand in der immer tieferen Dämmerung, -auch die Tür und alles, und von draußen kam das Laternenlicht -über den Hof herein und malte die Schatten -der Gardinen und des Fensterkreuzes an die Decke und -auf den Schrank, und ich konnte nicht aufstehn, ich konnte -nicht, mein Kopf glühte, ich konnte kaum noch liegen. -Dieser Winter war das Verruchteste in meinem Leben. -Und der in München war nicht besser! Ach, und vor -allem, all die Jahre lang dieser grauenhafte Druck, diese -niemals weichende Angst, diese sinnlose, die eigentlich -noch immer nicht gänzlich —, jedenfalls — wäre nicht -Vater ... -</p> - -<p> -Georg fuhr mit einem Ruck im Stuhl herum und sah -mit flimmernden Augen im grauen Dämmerlicht der -Sterne eine dunkle Gestalt hinter sich stehn, am Treppenschacht -<a id="page-21" class="pagenum" title="21"></a> -... Er sprang heftig klopfenden Herzens auf; nun, -es war ein richtiger Mensch, groß, dunkel gekleidet, und -griff jetzt höflich nach dem Hut, nahm ihn ab und sagte: -</p> - -<p> -„Ich bitte tausendmal um Verzeihung, königliche -Hoheit, wegen meines Eindringens, — übrigens, erkennen -Sie mich nicht?“ -</p> - -<p> -Georg nahm sich zusammen, faßte mit Anstrengung -das bleiche, sonderbar starre Gesicht ins Auge, dachte: -Ja, das ist doch ... „Herr von Montfort?“ sagte er -zögernd; und mit deutlichem Erkennen hastig: „Aber -natürlich, natürlich! seien Sie mir willkommen! Wo -kommen Sie her?“ -</p> - -<p> -Georg ging um den Tisch, nicht allzu leicht, er merkte -den Wein, gab Montfort die Hand, der seltsam lächelte -mit seiner einen Gesichtshälfte. -</p> - -<p> -„Ich klopfte unten,“ sagte er mit Heiterkeit, „bekam -keine Antwort und trat ein, denn ich hatte Ihren Schatten -hier oben gesehn, und ich dachte es mir wunderbar, hier -oben unter den Sternen zu sitzen und von erhabenen -Dingen zu reden. Ja, — ich kam so vorbei ... Die Heimgekehrten -ergötzt es, wissen Sie, Stadt und Gegend zu -durchwandeln und an den leisen Veränderungen den süßen -Kitzel des Unwandelbaren der Heimat zu verspüren, und -so geriet ich in diesen Park. Nun kommen Sie, wir wollen -die Sterne betrachten!“ Georg fühlte sich leicht am Arm -ergriffen und folgte an die Brüstung. -</p> - -<p> -„Ach, da steht ja auch Wein!“ bemerkte Josef, „oh, -erlauben Sie mir einen kleinen Schluck?“ -</p> - -<p> -Er trat an den Tisch. Georg murmelte etwas und benutzte -die Gelegenheit, um sich völlig zu sammeln, beruhigte -<a id="page-22" class="pagenum" title="22"></a> -sein klopfendes Herz, die Hände auf die Brüstung -stützend und in die Sterne blickend; der Himmel -war ihm jetzt nur eine verschwommene, über und über -glitzernde und funkelnde Wand von Gold, in der seltsam -blaue, rote und grünlichweiße Lichter zuckten. Sich wendend, -sah er Montfort mit dem Becher am Munde und -streckte die Hand aus. -</p> - -<p> -„Geben Sie mir auch“, sagte er, sich räuspernd. Montfort -gab ihm den Becher, er trank begierig, der Wein -schien noch einmal so kühl und duftend. Er stellte den -Becher hin und ließ sich, da Montfort auf der Brüstung -Platz genommen hatte, in den Sessel fallen. Josef, mit -einer umfassenden Geste des rechten Armes, sagte: -</p> - -<p> -„Der Mensch und die Sterne — das heiße ich den -Gipfelpunkt des Irdischen. Obendrein sind Sie seit gestern -zur Hälfte Großherzog, — ah, nicht wahr, Sie bejahen -das Leben?“ Er lachte leise. -</p> - -<p> -„Sie sagen das so sardonisch“, lächelte Georg. -</p> - -<p> -„Mich,“ versetzte Josef, „mich lächert es immer, wenn -ich so in den Zeitungen lese von großen Autoren als den -Bejahern oder Verneinern des Lebens. Auf tief pessimistischer -Basis, so las ich neulich von irgendwem, bejahte -er dennoch das Leben. Hanswürste, die sie sind! -Da sehe ich jemand vor vollbesetzter Tafel sitzen, hungrig -wie ein Löwe, und essen, was sich essen läßt, aber — er -verneint das Essen, er schreit: Nein! nein! zwischen jedem -Bissen und jedem Schluck. Begreifen Sie, Prinz? Ich -kann das Leben verneinen durch Handlung, indem ich -mich hinausbegebe, aus dem Leben oder zumindest aus -der Gemeinschaft, also aus dem menschlichen Leben. -<a id="page-23" class="pagenum" title="23"></a> -Aber das Leben zu verneinen durch Meinung, zu leben -unter Neinneingeschrei ... welch ein abscheulicher Unsinn! -Und nun erst gar die Bejahung. Ich bin am -Ertrinken und sage zu dem, der mich über Wasser hält, -unablässig: Ja! ja! ja! du hältst mich über Wasser. -Was soll das? Kann der bejahen oder verneinen, der -gar nicht gefragt wurde? Aber natürlich: Charakter muß -der Mensch haben, so heißts, und zudem eine deutlich -erkennbare Weltanschauung. Ach, und über uns sind die -Sterne! Wer darf noch an den Nachtraum — die Stirne -lehnen wie ans eigne Fenster? Kennen Sie diese Verse -von Rilke?“ -</p> - -<p> -Georg, tiefer in sich versinkend, hörte mit mächtiger -Ergriffenheit über sich die kostbare, tönende Stimme in -der Nachtluft: -</p> - -<p> -„Siehe, dies — Bedürfte nicht und könnte, der Entfernung -— Fremd hingegeben, in dem Übermaß — Von -Fernen sich ergeben, fort von uns. — Und nun geruhts -und reicht uns ans Gesicht — Wie der Geliebten -Aufblick, schlägt sich auf — Uns gegenüber und zerstreut -vielleicht — An uns sein Dasein, und wir sinds -nicht wert. -</p> - -<p> -„Vielleicht entziehts den Engeln etwas Kraft, — Daß -nach uns her der Sternenhimmel nachgiebt — Und uns -hereinhängt ins getrübte Schicksal. — Umsonst. Denn -wer gewahrts? -</p> - -<p> -„Und wo es einer — Gewärtig wird: wer darf noch -an den Nachtraum — Die Stirne lehnen wie ans eigne -Fenster? — Wer hat dies nicht verleugnet? Wer hat nicht -— In dieses eingeborne Element — Gefälschte, schlechte, -<a id="page-24" class="pagenum" title="24"></a> -nachgemachte Nächte — Hereingeschleppt und sich daran -begnügt?“ -</p> - -<p> -Die letzten Worte mit Härte niederschmetternd, schwieg -der dunkle Sprecher vor den Gestirnen, und Georg, hingerissen -und bis zum Weinen erschüttert, stammelte: „Ja, -ja, ja! so ist es, es ist wahr, oh, hören Sie nicht auf, -sprechen Sie weiter, es muß weiter gehn!“ -</p> - -<p> -Montfort schwieg, begann nach einem Schweigen, -während Georg mit verschwimmenden Augen, vorgebeugt -im Stuhl, zu ihm aufsah: -</p> - -<p> -„Wir lassen Götter stehn um gohren Abfall, — Denn -Götter locken nicht. Sie haben Dasein — Und nichts -als Dasein, Überfluß von Dasein, — Doch nicht Geruch, -nicht Wink. — Nichts ist so stumm wie eines Gottes -Mund. — Schön wie ein Schwan — — Auf seiner Ewigkeit -grundloser Fläche — So zieht der Gott und taucht -und schont sein Weiß ...“ -</p> - -<p> -Georg fühlte Tränen über sein Gesicht laufen und -wehrte ihnen nicht. Nie, dachte er, in keinem Traum erfuhr -ich solche Wonne der Tränen. Siehe, da stand Montfort -groß und schwarz vor den beweglichen, schlagenden, -strömenden Sturzfalten von Nacht und Gold, und es war, -als ob er sänge: -</p> - -<p> -„Nur der Gott! — — Wie eine Säule läßt der Gott -vorbei, verteilend, — Hoch oben, wo er trägt, nach beiden -Seiten — — Die leichte Wölbung seines Gleichmuts -...“ -</p> - -<p> -Georg, von kalten und wilden Schaudern überronnen, -schloß die Augen. Wie war es? wie hieß es nur? Auf -seiner Ewigkeit grundloser Fläche, so zieht der Gott und -<a id="page-25" class="pagenum" title="25"></a> -taucht und schont sein Weiß ... Oh ... oh! schont sein -Weiß! Es war kaum zu ertragen. An allen Gliedern gelöst, -fühlte er sich in ein grundlos Weiches mit unsäglicher -Wollust einsinken, hörte aber jetzt laut durch das Sausen -und Singen in seinen Ohren drei starke Schläge gegen -eine Tür. Wild zusammenfahrend, setzte er sich auf. Niemand -war bei ihm. -</p> - -<p> -Was war das? Habe ich geträumt? — Das Herz -klopfte ihm dicht unterm Halse, er fühlte sich seltsam schlaff, -elend und an alles ausgeliefert. Wüste Furcht krauste ihm -die Haut des Rückens, des Kopfes und der Stirn. Er schüttelte -sich und fühlte sich sehr müde im Körper; aber der -Geist war frei. Er sah nach dem Orion, aber nachdem -der einen Augenblick über ihm aufgeblitzt war, war er -völlig verschwunden, die Nacht ganz leer an seiner Stelle. -</p> - -<p> -Georg fuhr sich mit der Hand über die Augen. Das -ist ja unheimlich, murmelte er. Die Augen wieder öffnend, -sah er zu seinem heftigen Entsetzen die Umrisse eines Riesen -von flammend blauer Farbe am Himmel schweben; -sie entfernten sich langsam, wurden kleiner und kleiner und -verschwanden. -</p> - -<p> -Da! Wieder die drei starken Schläge an der Tür — — -es mußte unten die Tür der Sternwarte sein. Georg stand -wankend auf, packte mit letzter Kraft seine Furcht und -stieß sie fort. Einen Augenblick stand er wütend, konnte -nichts sehn, dann lief eine große, schneeweiße Kugel auf -der Mauerbrüstung vor ihm bis zum Rand, schwebte -dann und entfernte sich nach rechts. Da peitschte das Entsetzen -auf ihn ein, er stürzte zum Treppenschacht, die eisernen -Stufen dröhnten unter seinen Füßen, er stolperte, -<a id="page-26" class="pagenum" title="26"></a> -rutschte am Geländer hinab, gewahrte dann den Lichtschein -in der getäfelten Halle. Kaum aber, daß er die -sieben Flammen des Kronleuchters und die beleuchtete Tischplatte -ins Auge gefaßt hatte, einen Pulsschlag lang beruhigt, -waren sie verschwunden. Er warf den Kopf herum, -sah die Tür, die zum Gang ins Schloß führte, wollte drauf -zu, aber sie war nicht mehr da. -</p> - -<p> -Vor Angst kaum noch wissend, was er tat, ging Georg -mit vorgestreckten Händen tastend auf die Pforte zu, erlangte -einen Pfosten, ertastete die Klinke, riß auf und -taumelte zurück vor einer finster schwarzen Gestalt, die -darin stand, augenlos, eine spitze Gugelkappe anstatt des -Kopfes auf den Schultern. Georgs Schrei vergurgelte, -da die Gestalt im selben Augenblick spurlos verschwunden -war. Statt ihrer sah er jetzt seinen eignen Schatten riesenhaft -über die wieder sichtbare Tür ins Getäfel heraufsteigen, -ein furchtbar beängstigender Anblick, so daß er -beide Fäuste in die Augen stieß. So, einen Augenblick in -sich selbst zurückgepreßt, gelang es ihm, sich zuzustammeln: -du fürchtest dich nicht, nein, das ist seine Furcht, das ist -— er fand nicht, was es war, fühlte sich wehrlos, ergrimmte, -würgte sich minutenlang herum mit der Furcht, -riß die Augen auf und sah zu seinem unermeßlichen Staunen -einen feurig roten Engel dicht vor sich stehn, leider -ohne Haupt, die Fittiche weit entfaltet, doch schrumpfte -er alsbald zusammen und schwand, während Georg, zerrissen -von Wut und Entsetzen, mit geballten Fäusten auf -ihn zutaumelte. -</p> - -<p> -Da stand er vor der Tür, die ins Freie führte und stieß -sie auf. Gott im Himmel, es stand wieder der Schwarze -<a id="page-27" class="pagenum" title="27"></a> -darin, ohne Haupt und Augen, nur die Gugelkappe zwischen -den Schultern. -</p> - -<p> -Nein, was denn, was denn? Nichts war da, sondern -ein wunderbarer Gang von milchfarbenen Säulen, die -von innen bläulich erleuchtet waren, hunderte in einer -Reihe, die ins Endlose führte. Georg starrte so lange hin, -bis sie in sich zerflossen. Da war die Nacht draußen, am -Pfosten, zur Seite getreten, stand der Schwarze, und dort, -mitten auf dem weißen Wege, in der Dämmrung, ein -zweiter, still, ohne Bewegung. Georg warf sich herum ... -Es waren drei! Der dritte stand — es war der erste — in -der andern Tür, und Georg wich, gefühllos geworden, -rückwärts bis zur Wand, fühlte sie mit den Händen hinter -sich und lehnte sich daran. Der Schwarze in der Gangtür -war schon wieder fort, aber der andre war ins Zimmer -gekommen, wo er sofort verschwand, jedoch in die Tür -trat der dritte und verschwand, aber nun war der erste -wieder sichtbar, war näher gekommen und stand dicht -neben dem siebenarmigen Leuchter, der im selben Augenblick -ausgelöscht und nicht mehr da war. -</p> - -<p> -Georg schloß die Augen, versuchte zu lauschen, hörte -aber keinen Laut. -</p> - -<p> -Als er die Augen zu öffnen versuchte, standen da drei -Schwarze mit Gugelkappen in einer Reihe, einen Augenblick, -dann waren sie fort. Alsbald jedoch erschien der -linksstehende wieder, der in der Mitte alsdann, zuletzt der -rechte. Kalte Tropfen liefen über Georgs Stirn, sein Haar -knisterte, er krallte die Finger hinter sich in die Wand und -hörte jetzt eine sanfte und schöne Stimme sagen: -</p> - -<p> -„Nicht fürchten ...“ -</p> - -<p> -<a id="page-28" class="pagenum" title="28"></a> -Er richtete sich schlotternd auf. „Ich fürchte mich nicht,“ -stammelte er, „was willst du?“ -</p> - -<p> -Da standen die drei Schwarzen wieder, in Abständen -voneinander, es war aber schon tröstlich genug, daß sie -nicht entschwanden, sondern blieben. Lange Zeit war kein -Laut zu hören. Endlich machte die tiefe und ruhige Stimme -sich wieder auf: -</p> - -<p> -„Wir sind gekommen, aber wir kommen nicht aus der -Zeit. Aus Zeit ist unser Kleid, das schwarze, fremde. In -Zeiten wüst und abenteuerlich, ging auch das Rechte und -das Wahre, das im Licht verstummte, in Nacht gekleidet -und vermummte sich in schwarzes Kappenzeug und schwarzes -Hemde; zu richten über Ritterhelm und Diademe, -Wirrnis zu schlichten, Böses zu vernichten, kam bei Nacht -die Feme, Tore öffnend mit dem Zauberring, und nichts, -das ihr entging. -</p> - -<p> -„Fürchte dich nicht! Sei wie die sieben Lichter in unsrer -Nähe nicht voll Angst und Graun, obwohl zu schaun -nicht unsre Angesichter und unsre Namen dir verborgen -sind. Dein Herz, das von Entsetzen noch gerinnt, samml’ -es getrost, denn wir sind keine Schlimmen, sind Kläger -nicht, noch Henker oder Richter, sind nur Stimmen, und -was mit unsrer Zunge spricht, ist das Verborgene in deinem -Herzen, sonst ists nichts. -</p> - -<p> -„Denn wir sind eingedenk des Lichts wie du; obwohl -wir gleichen ausgelöschten Kerzen, leuchten wir dir zu, auf -daß es helle wird in deinem Herzen.“ -</p> - -<p> -Die Stimme schwieg. Georg, aus Schaudern in Schauder -stürzend, fragte angstvoll, da das Schweigen dauerte: -</p> - -<p> -„Was wollt ihr?“ -</p> - -<p> -<a id="page-29" class="pagenum" title="29"></a> -Eine härtere, hellere Stimme, die von rechts zu kommen -schien, sagte: -</p> - -<p> -„Prinz Georg Trassenberg.“ Und nach einem Schweigen: -„Vorgeblich.“ Und nach aber einem Schweigen: -„In Wahrheit Sohn der Kaja Moscherowska.“ -</p> - -<p> -Georg fuhr mit dem Oberkörper nach vorn, öffnete den -Mund, stammelte: „Ka—“ Aber der Sprecher zur Rechten -erhob die Hand und sagte: -</p> - -<p> -„Still! Wir klagen nicht an, wir urteilen nicht, wir -richten nicht, wir nennen. Wir sind nur Stimme. Anklage, -Urteil und Vollstreckung übt allein dein eigenes -Herz.“ -</p> - -<p> -Um Georg zuckte und schwirrte der Raum. Die Drei -standen unbeweglich, hinter sich ihre die Wand emporsteigenden -Schatten. Die sanfte, erste Stimme tat sich -auf: -</p> - -<p> -„Das Kind Esther schläft an dem Grunde des Meeres. -Ist in deinem Herzen nichts, das sich verflochten fühlte -mit dem Untergang einer ratlosen Seele?“ -</p> - -<p> -Georg zitterte heftig, senkte schwer die Stirn, bewegte -die Lippen ohne Laut, zitterte nur. In weiter Ferne sagte -jemand: „Sigune ...“ -</p> - -<p> -Sie lebte ohne mich noch, bewegte es sich in Georg, sie -lebte, sie lebte ... Eine ungeheure Angst drang auf seine -Seele ein, er fühlte seine Glieder an sich hängen wie erschlagen, -totmatt, schwer wie gefüllt mit Steinen. -</p> - -<p> -„Wir reden nicht von Schuld und nicht von Sünden“, -scholl es sanft und fast liebevoll nahebei. „Wir sind allein -gekommen, zu verkünden, was in der Brust dir schlummert -eingelullt. Bedenke: nichts auf Erden wird durch -<a id="page-30" class="pagenum" title="30"></a> -fremden Griff und äußres Handeln. Aus dir selber mußt -du werden, kannst dich aus dir selbst nur wandeln! Aus -der Ferne kann nichts an dich heran, nur du selbst allein -kannst dich gefährden. Daß vom Dache fällt auf dich der -Stein, lenkst du selbst in jene Straße ein. Niemand kannst -auch du verletzen, aus ihm selber kommt ihm Pein, Lust -erkaufst du nicht mit Schätzen, du bist selber Rausch und -Wein. Niemand stürzt durch deine Hand, Schuld verstrickt -sich nur mit Schulden, nie bedacht und nie erkannt, -— aber du mußt es erdulden. Hiermit schweige unser -Chor. Nicht von außen, nein, von innen tönten wir -zu deinen Sinnen, stiegen aus dir selbst hervor; wandeln -wir auch jetzt von hinnen, keiner sich von uns verlor. -Sieh uns schwinden ... tausendmal, über Bergen, -im Tal, du hast keine Wahl, — immer wirst du uns -wieder finden.“ -</p> - -<h4 class="section"> -Traum -</h4> - -<p class="first"> -— — — — — — — — — — Kaja! — — — — — -— — — — — — Hell sprang ein Klingen in Georgs Gehör -auf, es summte lange nach, er merkte, daß er in allen -Gliedern zusammengefahren war, glitt ganz langsam in -alle Enden seines körperlichen Daseins zurück und fühlte, -daß er aufrecht saß. Da brannten die Kerzen, nur noch -Stümpfe, über und über tropfend von Wachs. Gott sei -gelobt, dachte Georg schwach lächelnd, das war ja ein -fürchterlicher Traum! Aber wie elend mir ist! Ich glaube, -es geht auf Morgen. Ich möchte zu Bett, — aber — ich -— kann — — nicht ... -</p> - -<p> -<a id="page-31" class="pagenum" title="31"></a> -Ohne Bewegung hockte er im Sessel, sank endlich zusammen, -legte das Haupt auf die Lehne und fühlte sich im -selben Augenblick mit atemraubender Schnelligkeit fortgerissen, -daß der Raum um ihn sauste und toste. Es war -dämmrig umher, er flog, wie es schien, in großer Höhe, -und alsbald erkannte er, ohne Schwindel und mit Entzücken, -unter sich das Meer, schimmernd blau in gewaltiger -Tiefe. Wogenzüge, gebogen und in Schlangenlinien, -schoben sich schimmernd weiß in der metallenen Fläche hin -und her, er flog, da stieg in der Ferne eine schneeweiße -Klippe auf, er stürmte darauf zu, hoch über ihr, und allmählich -wurde sie zu einer riesenhaften Säule, die wiederum -sein Herz hüpfen ließ vor Wonne mit der Schönheit -ihres schlanken Wuchses und der geschwungenen Räder -ihres jonischen Kapitäls. Auf dessen Platte war eine farbige -Bewegung, Gestalten in bunten Gewändern, und im -Näherfliegen erkannte er, daß eine in der Mitte stand, die -war glänzend golden, und rings im Kreise waren eine -Menge, zehn — oder zwölf? — ja, zwölf aufgestellt. Deren -jede hielt eine goldene Stange neben sich stehend, und oben -daran, über den Häuptern der Gestalten — ihre Gewänder -leuchteten rot und gelb, violett und grün und weiß -und in noch mehr Farben — blitzten große goldene Ziffern, -— Georg erkannte und las eine Neun, Zehn und Zwölf, -Sieben und Acht, und jetzt sah er auch die Gesichter, die -ihm bekannt erschienen, ohne daß er Namen für sie finden -konnte. Aber da bewegte sich etwas, nämlich ein uralter -Mann, weißhäuptig mit langem weißem Bart, in einem -schwarzen Talar. Dieser schritt gebückt und die Hände -auf dem Rücken außen im Kreise um die Ziffernträger, -<a id="page-32" class="pagenum" title="32"></a> -und nun wußte Georg, daß es eine Sonnenuhr war und -der Greis ihr Schatten. Die goldene Figur in der Mitte -drehte sich mit den Schritten des Greises, und da jetzt eben -ihr Gesicht aufleuchtend herumkam, so erkannte Georg -deutlich Renate, erkannte ihren Seligkeitsmund, die blaue -Farbe ihrer Augen, in denen das Meer aufgebrochen zu -sein schien, und ihr bräunliches Haar. Erhob sie nicht die -Hand, lächelte und winkte ihm zu? Ja, waren denn alle -Ziffern schon da? Er suchte verkrampften Herzens im -Kreis, auf einmal selber auf der marmorweißen Platte -stehend, dicht neben einem der Zifferträger, dem er ins -Antlitz sah, — es war Bogner; sehr groß, fremd und verhärtet -stand sein Antlitz in die Mitte des Kreises gerichtet, -er zuckte nicht mit der Wimper, und Georg eilte angstvoll -weiter, gewahrte fern drüben eine Stelle leer, ging hinter -Josef Montfort herum, der ganz wie Bogner unbeweglich -gradeaus sah, ebenso hinter Ulrika Tregiorni, hinter -Saint-Georges, hinter Magda, da begegnete ihm der wandernde -Greis, der alte Montfort wars, — mein Gott, es -wird gleich schlagen, dachte er in unsäglicher Furcht, wo -war denn der leere Platz, sein Platz? Seine Füße wollten -nicht mehr fort, er schleppte sie wie bleigefüllte Säcke, da -war Erasmus Montfort, düster und schweigsam, Esther -stand da, ihr Bruder, Irene war da, nun Klemens, — -Cordelia, ach hilf mir doch, liebe Cordelia, stöhnte Georg, -aber ihr Gesicht war eine weiße, lächelnde Maske, seine -Kniee versagten, er sah undeutlich Dora Vehm, auch -Benno, ach Gott, ach Gott, da stand schon wieder der -Maler ... Auf einmal rührte jemand seine Schulter an, -er fuhr entsetzt herum, atmete aber beseligt auf, als er -<a id="page-33" class="pagenum" title="33"></a> -Jason al Manachs freundliches kleines Antlitz sah, ganz -klein, ja, wie eine Hand, und die Hälfte davon war Stirn. -„Ist denn für mich kein Platz, Jason?“ stammelte er -flehend. „Es muß jeden Augenblick zwölf schlagen, und -dann ists ja aus.“ Er riß sich wieder los, schleppte sich -zu Esther hin und sagte mit unterdrückter Stimme: „Du -bist ja tot, was willst du denn hier?“ und versuchte, sie -wegzudrängen. Da seufzte Esther, alle Gesichter im Kreis -blickten vorwurfsvoll auf Georg, er raufte sich das Haar, -keuchte, stammelte: Ja, ja, ja, ich bin der Mörder, ich bin -der Mörder! — Unter ihm glitzerte die blaue Meeresfläche, -er stürzte kopfüber hinab, stürzte, stürzte, — schlug die -Augen auf und lag still, nichts empfindend durch Minuten -als das göttliche Gefühl der Rettung. -</p> - -<p> -Einige Zeit danach schien es ihm, als stünde er vor seinem -Bett; danach kam es ihm vor, als läge er in Kissen, -dann versank er in Müdigkeit. -</p> - -<div class="chapter"> - -<h3 class="chapter" id="subchap-0-1-2"> -<a id="page-34" class="pagenum" title="34"></a> -Zweites Kapitel -</h3> - -</div> - -<h4 class="section"> -Frühstück -</h4> - -<p class="first"> -Renate, schon in ihrem lavendelblauen Festkleid, wollte -sich eben vor ihren Frühstücksteller setzen, als ihr der Herzog -gemeldet wurde. Leicht innerlich zuckend, fragte sie -sich: Morgens um acht Uhr, was soll denn das bedeuten? -— Sie wußte, was das bedeutete, aber sie verschwieg es -sich, ging in die Halle und sah ihn eben zur Tür hereinkommen, -ein wenig ungeschickt, aber ganz leicht, den Stock -kaum benützend, ein großes Bündel Lilien in der Hand. -Sie lachte ihn an, er blieb stehn, lachte auch, und — -„Lieber Freund,“ sagte sie, „das ist ja wundervoll, so früh -am Morgen und auf so tapferen Füßen!“ -</p> - -<p> -Nun ging sie zu ihm hin und gab ihm die Hand, zugleich -die Lilien aus seiner Linken nehmend und an die -Brust drückend. Sie neigte das Gesicht in die Kelche und -hörte ihn sagen, während er ihre Hand festhielt: -</p> - -<p> -„Ja, Renate, das ist wahr, was Sie sagen: tapfere -Füße, und es sind auch — besondre Füße, auf denen ich -hereinkomme.“ -</p> - -<p> -„Ja?“ sagte sie zögernd. Er legte auch die andre Hand -um die ihre, zog sie zur Brust empor, wollte lachen, atmete -mit ganzer Brust auf und sagte ernsthaft: „Freiersfüße, -Renate.“ -</p> - -<p> -Hart stand ihr Herz auf und lief. Ich wußte es ja, -sagte eine Stimme in ihr, wußte es längst, aber ich wollte -es nicht wahrhaben. — Es gelang ihr, ihn anzusehn, da -mußte sie lächeln. Wie er keuchte! Sie drehte ihre Hand -<a id="page-35" class="pagenum" title="35"></a> -in den seinen hin und her, bis sie losgenestelt war, ging -zum nächsten Fenster, legte die Lilien auf die Fensterbank -und stützte das Kinn in die linke Hand, den Ellenbogen in -die rechte setzend. Sie blickte auf, ließ die Hände fallen und -wandte sich langsam zum Herzog herum. Der schloß eben -die hängenden Hände und spreizte sie wieder. Sie sah ihn -voll an, fühlte, wie sie errötete, und sagte leise: „Ja — -ich möchte — — ich möchte sehr gern — —.“ -</p> - -<p> -Hastig lief sie wieder auf ihn zu, legte die Hände auf -seine Brust, sah, die Brauen ganz zusammenziehend, angstvoll -in sein großes, starkes Gesicht und hörte ihn sagen: -</p> - -<p> -„Ich liebe Sie, Renate, das ist der ganze Grund, ich -liebe Sie sehr. Ich bin fünfundzwanzig Jahre älter als -Sie, aber ich — ich gebe Ihnen mein Wort, daß ich in -fünfundzwanzig Jahren noch so jung bin wie heut, wenn -Sie ...“ -</p> - -<p> -Er verstummte und tastete nach ihren Händen. Sie -merkte, daß er zitterte, und alle Macht strömte aus seinem -Zittern frohlockend in sie zurück. Lange stand sie und sah -nichts als seine fast schwarzen, flehenden, besorgten, zuckenden, -befehlenden Augen. Langsam glitt sie mit den geschlossenen -Händen an seinem Gesicht empor und deckte -seine Augen zu, drückte sie dann gegen seine Lippen, seine -Wangen, trat plötzlich zurück und sagte, aufhorchend bei -dem tiefen Klang ihrer Stimme: „Nun Geduld! — Geduld -...“ -</p> - -<p> -„Geduld“, sagte er mit zuckenden Brauen, „ist das -Schwerste auf der Welt.“ -</p> - -<p> -Nun konnte sie strahlend lächeln und rief: „Das -Schwerste von der Welt ist grade noch leicht genug für -<a id="page-36" class="pagenum" title="36"></a> -Renate Montfort!“ Sie stampfte leicht mit dem Fuß auf: -„Weißt du das nicht?“ -</p> - -<p> -„Doch!“ sagte er ehrlich. Alle weiteren Worte schnitt -sie mit einer Handbewegung ab, ging zur Tür, drückte -auf die Klingel und blieb dort wartend, die Hand am -Klingelknopf, indem sie lächelnd auf den Herzog blickte, -der sich umgewandt hatte. Als das Mädchen kam, bat -sie um eine Vase für die Blumen und um noch ein Gedeck -für den Herzog. -</p> - -<p> -„Ich habe Hunger,“ sagte sie freundschaftlich, „wollen -Sie mit mir frühstücken? Wir müssen uns beeilen, um neun -Uhr kommt Georg und holt mich zum Festspiel.“ Als sie an -ihm vorübergehen wollte, merkte sie, daß er nach ihr greifen -wollte, schlug geschwind einen Bogen, raffte ihr Kleid -vorn mit beiden Händen und lief schwebenden Schrittes -und vor sich hinlächelnd zur Tür des Frühstückszimmers; -dort blieb sie stehn, ließ ihr Kleid fallen, lehnte sich mit -dem Rücken gegen die Türfüllung, faßte den Rahmen mit -den Händen und sah ihn so von dort aus an, lächelnden -Mundes, mit weit offnen, liebevollen Augen. „Komm!“ -verlockte sie, kaum die Lippen bewegend, und dachte: Ich -habe ja Künste in mir aufbewahrt, — oh, dann will ich -sie brauchen! — Damit ging sie leicht und die Stirn gesenkt -wieder bis zu ihm und reichte ihm die Hand. Während -er sie an die Lippen hob, neigte sie den Kopf tiefer -und tiefer, unvermögend, einen Gedanken zu fassen. -</p> - -<p> -Renate kam erst eigentlich zu sich, als sie am Tische saß, -dem Herzog gegenüber, Kaffee in seine Tasse füllend. Da -merkte sie plötzlich, daß ihre Augen heiß und feucht wurden, -sie setzte hastig die Kanne hin, schüttelte, den ängstlichen -<a id="page-37" class="pagenum" title="37"></a> -Ausdruck in seinen Zügen gewahrend, den Kopf, -daß zwei Tränen abfielen, und sagte ernst: „Lieber, ich -habe dies Haus hier zu hüten, was soll ich tun? Ich habe -mir geschworen, nicht hinauszugehn, als bis alles wieder -so ist, wie ich kam, — ja, das tat ich nun,“ sagte sie fest, -„das müssen wir behalten. Du weißt ja alles vom Onkel, -ich kann ihn nicht im Stich lassen. Was ich mir gedacht -habe, kann ich dir auch nicht sagen, aber das ist auch -gleich; du bist nun gekommen, und es muß wohl irgend -etwas geschehn. Du mußt dich gedulden, bis ich das erledigt -habe. Rede ich zuviel?“ fragte sie wehmütig, lächelte -ihn an und streckte ihre Hand über den Tisch nach ihm -hin, zog sie aber schnell fort, als er danach faßte, ergriff -ihre Weißbrotscheibe, zog den Honigtopf heran und begann -zu essen. -</p> - -<p> -„Mein Sohn Georg“, hörte sie den Herzog sagen, -„hatte einmal eine Redensart, die hieß: quid quod? auf -deutsch: Was soll man dazu sagen? Also ich sage: quid -quod? Nämlich,“ fuhr er eiliger fort, während sie leise -lachte, „ich wollte ja erst morgen kommen, wenn all das -mit Georg erledigt sein würde, aber heut morgen hat es -mich doch übermannt.“ -</p> - -<p> -„Oh,“ meinte Renate nachsichtig, „zu früh aufstehn -kann man nie.“ -</p> - -<p> -„Und den Tag über heut“, fuhr der Herzog fort, „habe -ich keine Zeit; da mein Sohn Festspiele aufführt, muß ich -die Gäste empfangen, und heut nachmittag sind ja die -großen Vereidigungen.“ -</p> - -<p> -Die großen Verneigungen ... klang es sonderbar in -Renate, sie suchte, wann und wo sie das einmal gehört -<a id="page-38" class="pagenum" title="38"></a> -hatte, hörte zerstreut zu, was der Herzog sagte, ohne etwas -zu verstehn, und wurde langsam mit Essen und Trinken -fertig. Plötzlich übergoß es sie dann, da sie den Herzog -groß dasitzen sah, mit durchdringenden Augen, während -er sagte: „Sie sind ja so über alle Begriffe schön, -daß — — daß —“ -</p> - -<p> -Die drei großen Verneigungen, klang es wieder, die -drei großen Verneigungen. Dann merkte sie, daß er Sie -gesagt hatte, und gerührt von dieser Zartheit, erhob sie -sich, ging um den Tisch zu ihm hin und legte einen Arm -um seinen Nacken. Langsam hob er das Gesicht, sie beugte -sich und küßte seine Stirn. -</p> - -<p> -„Genug für heut,“ sagte sie mit plötzlicher Entschlossenheit, -„und nun muß ich mir das Haar machen lassen, in -einer Stunde kommt Georg.“ -</p> - -<p> -„Georg,“ sagte der Herzog aufstehend, „ja, ist er eigentlich -blind?“ -</p> - -<p> -Renate verstand nicht, obwohl sie gut verstand. „Leb -wohl“, sagte sie und streckte die Hand aus. -</p> - -<p> -Wieder stand er vor ihr, sehr groß, fast überwältigend, -und sie bebte leicht, bog sich zurück, ließ aus aller Glut, -die sie in Schnelle zu sammeln vermochte, einen strahlenden -Schein aus ihrem Antlitz über das seine gehn, verschattete -sich wieder, neigte kurz das Haupt und ging, -von ihrer Seide umrauscht, mit kleinen und festen Schritten -hinaus. -</p> - -<p> -In ihrem Zimmer oben stand sie, an unfaßliche Vorstellungen -verloren, so lange, bis die Zofe mahnte; die -nächste halbe Stunde verging ihr gedankenlos unter dem -mühseligen Aufbau ihres Haars und der Zieraten. -</p> - -<h4 class="section"> -<a id="page-39" class="pagenum" title="39"></a> -Verkleidung I -</h4> - -<p class="first"> -Georg erwachte, hob langsam die Lider und sah, daß -es Morgen war. Ungeblendet sahen seine Augen ins -Zimmer, — ja, wie ist mir denn? dachte er, — oh, mir -ist wunderbar! — Unvermutet mußte er die Arme mit -geballten Fäusten von sich stoßen und aus dem Bett -springen; im Aufsprung taumelte er, stolperte auf einen -Stuhl zu und hielt sich daran, lachte und hielt erstaunt -einen kostbaren Gegenstand in der Hand, eine seidene -Strumpfhose, deren eines Bein weiß, das andre schilfgrün -war. Das ist ja meine Hose, dachte Georg, ah, nun -merke ich, daß der wunderbare Tag anfängt. Er bauschte -in den Händen die weiche Seide zusammen und betrachtete -entzückt die hineingestickten Wappen, Blumen und Ornamente -von Silber auf beiden Beinen. Da hing auch der -Rock überm Stuhl, gleichfalls zur Hälfte weiß, zur Hälfte -grün, und am Bügel darüber der kurze Mantel, tiefblau, -glänzend von Seide, mit Hermelin leicht verbrämt, und -am Stuhl lehnte die Laute, still, umschlungen von weißen -und schilfgrünen Bändern, — alles genau so, wie er selber -es am Abend zuvor aufgebaut hatte. Nun sprang er -ans Fenster, riß den Vorhang auf und bemerkte enttäuscht, -daß es grau draußen war; aber siehe, der Himmel -blendete leicht, naß und schwer hingen die Büsche und die -Hopfenranken jenseit des Weges, und schon glaubte er zu -sehn, daß dieses Morgengrau mit goldenen Hefteln, zum -Abstreifen lose, befestigt war. Die Sonne kommt, frohlockte -er, Renate kommt, und nun bin ich Großherzog. -Seine Brust dehnte sich schwer, er mußte einen Augenblick -<a id="page-40" class="pagenum" title="40"></a> -die Hände darauf drücken, er suchte die alte Angst im -Herzen, aber nichts da, nichts gab es als eine seltsam -üppige Kraft, ein stilles Feuer, von dem sein Innres -glühte bei seltsam klarem Kopf. Nie war mir so wohl, -flüsterte er sich zu, nie im Leben, ach das ist ja herrlich, -ich möchte — was möchte ich nur? Einen Kiefernbaum -ausreißen und den Staub von Renates Türe kehren, ja, -das möchte ich! — Aber erst will ich baden. -</p> - -<p> -Er streifte den Schlafanzug ab, ging nackt ins Badezimmer -und stellte sich unter die kalte Brause. Da ward -ihm so unbändig zumut, daß er glaubte, er sei berauscht. -Ich habe doch Wein getrunken in der Nacht, aber eine -solche Wirkung habe ich noch all mein Lebtage nicht bemerkt. -Er trocknete sich flüchtig ab, trat dann mit einem -plötzlichen Entschluß an das Fenster, und — jetzt in einer -süßen Beklommenheit zum Beten entschlossen — öffnete -er die Flügel. Er blieb so, die erhobenen Hände an den -Fensterflügeln, sehr aufrecht; und nun, aus blinder Beschämung, -alles vergessend, hineinwachsend, als ob er -sauste, in eine Inbrunst ohnegleichen, in der er, wie in gewaltigen -Schwingen stehend, zum sicheren Absturz in unendliche -Tiefen bereit war, sammelte er die Worte der -Andacht. -</p> - -<p> -„Licht, du selber verhülltes!“ sagte er, „sieh mich -nun! Verhüllt, siehst du mich doch. Sieh mich nackt, sieh -mich auf meinem Gipfel! Groß ist der Tag, zu dem ich -entschlossen bin. O Licht, du siehst, ich bin heiter, — aber -nicht würdelos, nein. Nein, sieh doch die letzte Stunde -der Freiheit, gönne mir, noch einmal heiter zu sein, gönne -mir noch einen Flug, noch diesen Trunk aus dem Leichten, -<a id="page-41" class="pagenum" title="41"></a> -diesen Kuß der schönen Vergänglichkeit! Dann will ich -die Arme gern ausstrecken, die eisernen Handschellen -darumlegen zu lassen, die ich mir selber geschmiedet habe. -Verachte mich heute nicht, Licht, entzieh mir nicht deine -ewige Gnade, erleuchte mich morgen und allezeit, laß mich, -wie in diesem feurigen Augenblick, nur allezeit wahr sein, -ganz sein, der ich bin, wahr, wahr, ein Gemächt des Schicksals, -aber ein stolzes!“ -</p> - -<p> -Er öffnete die schamvoll geschlossenen Augen, da ihn -die Worte verließen, wandte sich und atmete, als wäre er -in sich zurückgekehrt, tief auf, gleichsam beruhigt, sich so -einfach zu finden. So einfach, ja, aber auch so hundertfältig -wohl. -</p> - -<p> -Aus den Poren seiner Haut strömte nicht Wärme, sondern -Kühle; von sich selber umfächelt trat er vor den -Spiegel und war durchaus mit sich einverstanden, außer -mit seinem Gesicht, das stark gemagert war, — ja, das -war gerechte Folge der Arbeitsmonate, — und dafür hatte -er seine Augen noch nie so groß und leuchtend gesehn; sie -blitzten wie durch Glas, und die Pupillen schienen ihm -vergrößert, als hätte ihm jemand Belladonna eingegeben. -— -</p> - -<p> -Georg begann sich anzuziehn, die seidenen Hosen auf -die nackte Haut, eine kühle Wonne, in die er sich kleidete. -Dabei fiel ihm ein, daß er schwer und seltsam geträumt -hatte bei Nacht. Er besann sich, auf dem Bettrand sitzend, -die Hosen erst halb übergestreift, und für einen Augenblick -wälzte sich schwer und wolkig ein Stück Nacht in sein -Innres, gefüllt mit schaurigen Beängstigungen. Ich -stürzte ja immer, erinnerte er sich, zuletzt von einer Klippe -<a id="page-42" class="pagenum" title="42"></a> -ins Meer, — wie war es doch nur? Sonnenuhr ... -aber die Ziffern waren Menschen, und ich — ich konnte -meinen Platz nicht finden. Nein, viel schlimmer waren ja -diese Gugelmänner! Und wie sie fortwährend schwanden! -Dann redeten sie kostbare Dinge, Verse glaub ich, die -mich durchschauderten, aber das habe ich schon oft erlebt, -daß mir im Traum etwas wunderbar erschien, was sich -im Wachen als sinnlos und albern herausstellte. Als -Esther noch lebte, träumte ich einmal eine ganze Novelle -von ihr, noch im Wachen war ich entzückt davon, und -dann zerstob es wie Nebel in sinnlose Stücke; daß eine -Droschke darin vorkam, weiß ich noch. — Sieh da — habe -ich nicht auch den Orion gesehn diese Nacht? Den Orion, -den Winterstern! ist es zu sagen ... -</p> - -<p> -Kaja ... -</p> - -<p> -Plötzlich sanken ihm die Hände, er erschrak, aber — -was war denn zu erschrecken? Er suchte und fand nichts, -als wieder dies Wort Kaja, und dann — er lächelte — -ach, meine Mutter, sagten die Schwarzen, habe Kaja geheißen. -Ich Kajus, nehme dich, Kaja, so hieß doch die -alte römische Trauformel, und: Wo du bist, Kajus, da -bin auch ich, Kaja. — Es ist aber doch eigentlich schauerlich -mit dem Träumen, dachte er, aufstehend und den -Hosenbund zusammenschnürend, sie machen, was sie nur -wollen, mit uns, wir müssen lieben oder hassen, bekämpfen -oder fürchten, ganz ohne unser Zutun, und was uns -längst abgetan schien, das kommt wieder, immer wieder, -auch die Toten ... -</p> - -<p> -Überdem war er wieder vor den Spiegel geraten und -vergaß alles über dem unverhofften Glanz seiner Beine. -<a id="page-43" class="pagenum" title="43"></a> -Dann fuhr er in den Rock und hakte ihn zu, von der -Achselhöhle zur Hüfte; er fiel über die halben Oberschenkel -herab, in der Mitte leicht eingerafft; die Ärmel, der weiße -und der grüne, umgekehrt wie die Farbteilung der Beine, -lagen eng wie die Haut selber an, aus dem Halsausschnitt -kräuselte sich der gewellte Ring des Hemdes am -Halse empor. Während er das verwirrte Haar mit dem -Kamm glättete, sah er im Spiegel, daß draußen das Grün -schon leuchtete und sich vergoldete, und plötzlich glänzte -es zu seinen Füßen, und ein breiter Streif Sonne stand, -in Milliarden Stäubchen schimmernd, mitten im Zimmer. -Ach, und kühl war es, kühl! Er griff nach dem kurzen -Schwert, dessen Gürtel über der Stuhllehne hing, und -der aus verhakten Quadraten von Silberfiligran und -dunkelblauem Email bestand; die Klinge stak in schwarzlederner -Scheide mit silberner Spitze. Er nahm den -Gürtel auseinander und legte ihn um die Lenden, unterhalb -des Leibgurtes, wo er an kleinen Haken festhing. -Auf die Uhr blickend, fand er, daß es gleich dreiviertel -Neun war, er eilte ins Eßzimmer und aß mit starkem -Hunger Eier, Brot, kalten Braten und warmen Haferbrei -mit Milch. Im Hause war es still, Egon mußte -längst draußen sein, auch die Hausmeistersleute waren -gewiß schon auf der Wandrung zu ihrem Tribünenplatz. -</p> - -<p> -Georg legte die Zigarette unangebrannt noch einmal -fort, trat in die offne Gartentür, atmete tief und lang die -Kühle des Morgens und begrüßte mit immer leichterem -Herzen die hervorsegelnden Bläuen überm Nebelmeer der -Lüfte. Sein Gesicht zuckte von innen heraus mit Lächeln -und Freudigkeit, kein Gedanke tat sich hervor, er konnte -<a id="page-44" class="pagenum" title="44"></a> -nur atmen und sich wohlfühlen und dem Himmel danken, -daß er Augen hatte zu schaun, Lungen zu atmen und -eine brennende Seele, die alle Welt umher an sich zog wie -Luft, um sie zu verzehren und höher davon zu leuchten. -Alles funkelte ihn an, jede Farbe, das Grün, das lichte -Gelb und Zinnober der Stockrosen; das Blau der Glockenblumen -im Garten schien ihm noch einmal so tief, er begriff -es nicht, er wollte es nicht begreifen. Keine Kontur -war je so deutlich, kein Blatt ihm je so stark und lebendig -gekrümmt, gezahnt und beschattet erschienen, ach, wie -mußte erst blühen Renate! — und er kehrte um, lief zur -Tür, besann sich auf seine Laute, suchte sie in allen Zimmern, -dachte: sie wird brausen und klingen unter meinen -Fingern, obwohl ich keinen Griff verstehe, fand sie endlich -auf dem Bett, halb unter der Decke, sprang auf den Gang -und zur Tür hinaus, wo bei Gott ein Automobil stand, -als wäre es hergezaubert. Nach einem kleinen Versuch, -mit dem Kopf voran durchs Fenster ins Innre zu springen, -öffnete er ernsthaft den Schlag, schrie dem Kutscher zu: -Güntherstraße fünf! warf sich in den Rücksitz und schloß -die Augen. -</p> - -<p> -Wenn wir nur erst zu Pferd wären! wünschte er begierdevoll -und öffnete die Augen wieder; sogleich wogten -zu beiden Fenstern bunte Stürze von Stoffen, Fahnen, -Blumen und Bewegung herein, er packte die Ringe der -Vorhänge und zog sie straff herunter, er wollte nichts -sehn, wollte die ganze Vollkommenheit des Schauspiels -sich bewahren, drückte sich wieder in die Ecke, stöhnte vor -unbezwinglicher Ungeduld und kniff die Augen zu. Alsbald -brandete die Woge der Erregung wilder und kälter -<a id="page-45" class="pagenum" title="45"></a> -um sein Herz, so daß er sich leiblich umklatscht fühlte von -einer großartigen Kühle, die ihn trug und aufrecht machte, -ja, deutlich unterschied er im lauten Toben seines Blutes -die geistige, fast eisige Stille seiner Kaltblütigkeit. Sein -ganzer Leib dehnte sich in allen Fugen und Nähten vor -fiebrischer Erwartung Renates, es knatterte in ihm, wie -eine Stichflamme aufschießend mitunter, schien er sich -als ein riesenhaft gebauchtes Segel, eine tönende Gefäßwand -voll praller Windvölle über einem tosenden Geroll -strömender Wasser zu stehn, zu prasseln, zu fliegen, unsagbar -leicht und straff, strotzend von Kräften. Draußen -unsichtbar, dumpf murmelnd und brausend, rollte das -farbenreiche Getümmel der sich zur Freude sammelnden -Mengen, und mit ihnen — so war es! — rollte aus allen -Fesseln die Gewalt seines durchkühlten Bluts, schlug -wogenhoch an Häuserfronten, spritzte klatschend zu Fenstern -hinein, wirbelte um auf Plätzen und ergoß sich -vollen, stürmischen Schwalles durch die Gassen, während -er selber dasaß, wie ein Gott in sich zuhaus, in einer -flammenden Wolke von Inbrunst, berauschten, tönenden -Herzens, in den Ohren Musik und Gelächter, die Lippen -überquellend von Jubel; und um so lautloser all dies in -langen, lang schwankenden Minuten sich ergoß, um so -magischer war es auch, — wie Legende, so wars. Und -schon hielt der Wagen an. -</p> - -<h4 class="section"> -Verkleidung II -</h4> - -<p class="first"> -Und schon sprang Georg, federnd wie ein Ball, von -sich selber um- und angeschillert mit seidener Buntheit, -<a id="page-46" class="pagenum" title="46"></a> -durch einen fremden, sonnigen Vorgarten, auf ein fremdartiges, -grau und sonniges Haus zu, über Stufen hinweg -durch ein gläsernes Tor, warf sich durch einen kühl -dämmrigen Flur wohlbekannten Geruches, vorbei an -wohlbekannten Bildern, Spiegeln, weißen Türen auf eine -dämmerweiße Doppeltür zu, die von selber vor ihm sprang, -und schon stand er vor dem Wunder. -</p> - -<p> -Lavendelblaues Wunder! Er stand nicht, er stürzte an -den Boden, leicht, in sich gefaßt, geworfen und gehalten, -auf das rechte, gebogne Knie, die Arme aufwerfend und -breitend und senkend, die flachen Hände angeströmt von -Lust und Glanz, das Haupt im Nacken, brausend unter -allen Gliedern wie ein niederströmender Aar aus Lüften -und Gewölk, und rief mit heller Stimme: „Herrlichkeit! -Herrlichkeit über Herrlichkeit! ich bin da, ich bin gekommen!“ -</p> - -<p> -Renate, unter sich Georgs lachendes, magres, knabenhaftes, -leuchtendes Gesicht, bewegte sich nicht, da Magda -hinter ihr den Schleier auf ihrem Kopf befestigte, sah -steifen Gesichts, die Augen gesenkt, auf ihn nieder, faßte, -um ihn zu begrüßen, in die Falten ihres Kleidrocks über -dem Knie und hob ihn an, so daß der starre Saum von -Silberbrokat an sein Gesicht rührte. Er faßte mit beiden -Händen zu, Inbrünstigkeit spielend, so tief er sie empfand, -und küßte sie lachenden Mundes. Dann bat er um Erlaubnis, -aufstehn, und nachdem sie ihm gewährt worden, -die Wundererscheinung betrachten zu dürfen. — Renates -Gelächter schwang über ihm wie eine Glocke, da sie erklärte, -das Wunder sei erst halb, noch fehlten die Überärmel -und der Mantel, ja, es sei alles schon verpackt, -<a id="page-47" class="pagenum" title="47"></a> -jedes zu seiner Zeit ... Georg stammelte, daß er dann -nicht wüßte, wie er das Ganze ertragen solle, und fing -an, um sie herumzugehn. — Ihr Haar sah er, das bräunliche; -es schimmerte durch ein fabelhaftes Netz von großen -Perlen, vorne aber fielen die Zöpfe, wie Taue so dick, -Haarsträhnen, durchflochten mit Perlenschnüren und schilfgrünen -Bändern, über die Brust bis zu den Knieen herab, -und die Enden der Bänder bebten bei jeder Bewegung -leise dicht über den Füßen in silbernen Schuhen. Die -lavendelblaue Seide, grauschiefrig schillernd in der Nähe -der Nähte, umschloß Brust, Leibesmitte und Hüften eng, -ergoß sich dann in großem, starrem Faltenwurf; vom -runden Ausschnitt des Halses senkte sich zwei Hände breit -eine glitzernde Borte von Silberbrokat vorn herab bis -zum Saum, der starr stand, drei Hände breit, silberner -Brokat. Und in all dem Silbernen, dem lichten Blau, -Perlweiß und lichtem Grün glühte das meilentiefe Blau -ihrer Augen, hauchte die rosene Zartheit ihrer Wangen, -glühte das Rot ihrer Lippen, der göttlich geschwungenen, -alles in allem ein Pokal voll Unersättlichkeit, in den -Georgs Herz hineinsprang mit einem Satz wie ein Panther. -— In der Nacht, wo ich dies umarme, dachte er, -werde ich sterben und das ewige Leben davontragen wie -eine Harfe, auf der ich — ach, ich weiß es nicht, aber -warum sage ich es ihr nicht? Ich werde es ihr sagen, -doch nicht jetzt, am Mittag vielleicht, am Abend, ich will -— noch — noch! — kein Band und keine Fessel zu ihr -hinüber als mein trunkenes Empfinden, und er sagte: -„Jetzt wollen wir fahren. Aber Magda, — was ist denn -mit dir? kommst du nicht mit?“ -</p> - -<p> -<a id="page-48" class="pagenum" title="48"></a> -Sie schüttelte lächelnd den Kopf und sagte: erstens müßte -sie das Haus hüten und den Onkel ... -</p> - -<p> -„Und zweitens?“ -</p> - -<p> -Zweitens hätte sie kein Kleid. Er erinnere sich ja wohl -noch, daß er selber das Gebot erlassen habe, daß niemand -in andrer als in alter Tracht sich heut öffentlich zeigen -dürfe ... -</p> - -<p> -Georg mußte es zugeben. Allein in plötzlicher Liebe zu -ihrer dürftigen Gestalt, bestand er darauf, ihr am Abend -das Feuerwerk und den Tanz in den Gärten zu zeigen. -Ob sie nicht eines von Renates Trachtkleidern anziehen -könne, — und nun gab sie gerührt nach. -</p> - -<p> -Und schon saß Georg, nachdem Renate lächelnd zugegeben -hatte, daß er die Vorhänge herunterzog, auf dem -schmalen Rücksitz des Wagens ihr gegenüber, genau genommen, -dachte er, in ihr, denn sie füllte den halben -Wagen mit ihrem Kleid und den Luftraum ganz mit Duft -und Blühen. Sie schauerte ihn an wie atlantischer Wind, -er schloß die Augen und sah sie in brennenden Umrissen -dasitzen, in ihrer sinnenden Haltung, die sie liebte, die er -liebte, das Kinn in die rechte Hand gestützt, den Ellenbogen -auf dem übergeschlagnen rechten Knie, in der -Linken im Schoß den kostbaren Haufen ihrer Zopfenden -und der Seidenbänder. Ihr leibliches Leben strahlte über -und über aus ihr; in allen Falten raschelte, in allen Nähten -lief, im äußersten Saume brannte und zitterte noch die -Süßigkeit ihres rosigen Lebens. Georg sah und sah, — sah -alles Unsichtbare: unter dem lavendelblauen Kleidhimmel -wie eine lockre Schar schneeweißer Fittiche das Gewoge ihrer -Leibwäsche in weißer Dämmrung; darein stiegen von -<a id="page-49" class="pagenum" title="49"></a> -unten, aus Silberschuhn, die schlanken Schäfte ihrer Beine, -glatt bespannt mit blauem Flor; da wölbten sich unbeschreiblich -die Rundungen der Knie, blau bespannt bis zu -einer Handbreit höher hinauf, wo es kaum sichtbar -schimmerte — nicht wie Marmor und nicht wie Rosen, -wie Schnee nicht, noch Elfenbein, noch Mandelblüte, — -Magnolie vielleicht, — nein, davon nichts, sondern lebendige -Haut, unfaßliche Glätte, Süße, Hauch, Schimmer, -Duft, Verwirrung aller Sinne unter dem weißen Spitzenschaum -und — Georg dehnte ein wenig die Brust, breitete -die Arme zu beiden Seiten aus, sich anlehnend, und suchte -umsonst zu begreifen, wie er so gelassen dasitzen konnte, die -sanften Schwellungen ihrer Brust offnen Auges betrachtend, -dazu die zarte Linie ihres Profils, der gebogenen -Nase, lieblichste Wölbung der Oberlippe und flügelnde -Entzückungen der tiefgezogenen Mundwinkel, von kaum -sichtbarem, weißem Fruchtflaum umhaucht, — anstatt in -all dies hineinzuwühlen Haupt und Mund und erblindende -Augen, an allen Sinnen gesträubt und betäubt, geglättet, -unersättlich, rauchend und begraben im klirrenden Schutt -seines Daseins. -</p> - -<h4 class="section"> -Fahrt -</h4> - -<p class="first"> -Renate, still vor sich niederblickend, sehr glücklich, -atmete tief und leicht, gewahrte von Georg gegenüber in -der sonnigen Dämmrung des kleinen Raums den Schatten -seines blassen Gesichts, dachte an seinen Vater, lächelte sanft -auf, indem sie bemerkte, daß sie ja seine Mutter sein -würde, blickte ihn voll an und fand ihn so hübsch, so -<a id="page-50" class="pagenum" title="50"></a> -liebenswert, so jung und schmal wie je; freilich nur ein -schmaler Baum war er neben dem Turmbau seines -Vaters. -</p> - -<p> -„Wie mager Sie geworden sind, Georg,“ sagte sie -leise bedauernd. -</p> - -<p> -Die letzten Wochen, erklärte Georg, seien schon schlimm -gewesen, er habe sich hineingefressen in den ganzen Trassenberg -und kaum Atem geschöpft. -</p> - -<p> -Sie fand ihn leidender aussehend, während er so sprach. -„Und obendrein waren Sie krank“, sagte sie. -</p> - -<p> -„Ach,“ äußerte er munter, „das war ganz schön, — -die paar Tage! — und da ist mir auch alles eingefallen. -Ja, was Sie heute sehn, und ich hoffe, einiges davon -wird Sie erstaunen, das habe ich mir ausgedacht, als ich -krank lag. Ja, geben Sie schön acht, damals lag ich wie -ein brennender Saturnring um Ihre —“ -</p> - -<p> -Sie hob warnend den Finger, lächelte und sagte: -„Georg! Ich mag sehr gern, wenn man mir schöne -Dinge sagt, aber man muß niemals übertreiben, dann -verraucht die Wirkung spurlos.“ Übertreiben? dachte -Georg, ach, du lieber Herr Jesus! „Erzählen Sie mir, -wer war Heliodora!“ befahl sie. -</p> - -<p> -„Heliodora“, erklärte Georg, „war eigentlich Libussa. -Kennen Sie Libussa?“ -</p> - -<p> -Renate nickte und sagte, Libussa sei ihre Lieblingsgeschichte -gewesen als Kind. -</p> - -<p> -„Meine auch“, log Georg und fuhr fort. „Ich wollte -Libussas Geschichte aufführen lassen, Sie sollten Libussa -sein, aber als ich mit Onkel Salm darüber sprach — Papa -hat ihn mir überlassen, er mußte alle meine Pläne ausführen -<a id="page-51" class="pagenum" title="51"></a> -— sagte er, wieso ich nach Böhmen wolle — er -weiß ja alles —“ -</p> - -<p> -Wie Georges, dachte Renate gerührt; wie er sich freuen -wird, der Gute, und sie unterbrach Georg mit der Frage, -was Saint-Georges darstellen würde, aber er wußte es -nicht. Ihr hatte er nichts verraten wollen. -</p> - -<p> -„Also, da sagte er,“ fuhr Georg fort, „warum ich nach -Böhmen wollte, da wir doch die Heliodora hätten. Aus -dem Festspiel kennen Sie ja dieselbe, sie war, richtig wie -im Festspiel, eine byzantinische Prinzessin, verstand allerdings -leider nicht, ihre Legendenschönheit zu vererben, — -oder — was meinen Sie?“ -</p> - -<p> -Renate meinte, er könne ganz zufrieden sein, aber woher -denn die schiefe Nase seines Vaters komme. -</p> - -<p> -„Nicht von Heliodora freilich, sondern eben von dem -Bauern, dem Gregor, oder Georg, den sie zum Mann -nahm, — es steht ja alles im Festspiel. Auch das weiße -Pferd und der Tisch von Eisen ist Legende, nur waren es in -der Überlieferung die Sachsen, nicht die Beuglenburger -Markgrafen, mit denen Heliodoras erster Mann und sie -selber kämpfte, und Trassenberg war damals natürlich -noch nicht Herzogtum, wie im Festspiel, sondern Freigrafschaft. -Heliodora,“ sagte Georg langsam und leise, -„Sonnegabe, ein schöner Name ...“ -</p> - -<p> -Sonnegabe, wiederholte Renate, sich erinnernd, daß der -Herzog seinen Antwortbrief auf den ihren, in dem sie ihre -Mitwirkung im Festspiel erwähnte, mit diesem Wort begonnen -hatte, — und da, dachte sie, wußte ich schon alles, -aber ich wollte es nicht wissen ... „Zwölfhundertsiebenunddreißig“ -hörte sie Georg murmeln, und der Wagen -<a id="page-52" class="pagenum" title="52"></a> -stand still. Georg öffnete den Schlag, sprang hinaus und -reichte ihr die Hand hinein. So stieg sie gebückt vorsichtig -ins Freie hinab. Da standen sie auf der Landstraße neben -dem Reitweg und sahen sich um. -</p> - -<p> -Allein Georg, von plötzlichem Argwohn herumgeworfen, -mußte vor Renate hintreten und fragen, indem er ihre -Hände ergriff: -</p> - -<p> -„Renate! begreifen Sie es, oder nicht, daß ich mich -hier unter Trachten und bei Festen herumtreiben kann -und heute nachmittag die Verantwortung für ein ganzes -Volk auf mich nehmen soll?“ — -</p> - -<p> -Renate, sein blasses Gesicht mit angstvollen Augen -dicht über dem ihren, sah ihn nur gut an und antwortete -nach einer Weile, ihm zu helfen: „Ist es nicht auch Ihre -letzte Freiheit, heut? Ich habe ja wohl manchmal gestaunt,“ -fuhr sie leise fort, „wenn ich im stillen bedachte -—“ sie lächelte, da seine Züge sich schon glätteten, -„— was Sie auf sich nahmen, aber — nun, Sie haben -das Herrschen wohl im Blut ...“ -</p> - -<p> -Was hatte sie gesagt? — Er zuckte zusammen. „Im -Blut ...“ wiederholte er tonlos, „nicht im Blut, Renate -...“ -</p> - -<p> -Er senkte den Kopf, und sie sagte leise und begütigend -über ihn: „Ich weiß ...“ -</p> - -<p> -Gleich warf er den Kopf auf. „Sie wissen? Ach, dann -ist es gut, dann ist es gut! Und Sie verstehn mich doch?“ -Sie nickte. „Papa hat es Ihnen verraten?“ Sie nickte. -„Aber ich habe gelogen vorhin,“ murmelte er beschämt, -„als ich von der Heliodora sprach. Ach, gute Renate,“ -fuhr er glühend und eifrig fort, „mir ist so unbeschreiblich -<a id="page-53" class="pagenum" title="53"></a> -heute ums Herz, so wild und zugleich sanft und kühl, -kräftig und wunschlos und glücklich, nur eins fehlt, nur -eins müßte man können!“ Er hob die linke Hand und -ballte sie: „Sein können, was man ist!“ Er trat zurück, -wies mit leicht gebreiteten Armen auf seine Tracht und -sagte: „Wie locker und gewandelt fühle ich mich nicht -schon durch diese Kleider, und doch — von der göttlichen -Laune, die mich erfüllt, kann ich nichts nach außen schlagen -lassen, da ist alles beladen mit Ketten dieser hundert Hemmungen, -ich kann mich nur fühlen, geben kann ich mich -mit keinem Blick, keiner Geste und keinem Wort, wie ich -bin; ich bin vielleicht nicht einmal geschickt genug dazu, -aber selbst wenn ichs wäre, wäre immer mein Anzug von -Neunzehnhundert um mich herum, Kragen und Manschetten, -Weste und Stiefel und alle Allüren meiner großstädtischen -Erziehung, die nur zum Verbergen da sind, -nicht zum Ausdrücken, zum Zurückhalten, nicht zum Ausströmen. -Anno zwölfhundertsiebenunddreißig wäre ich -ein Schwärmer gewesen, ein Dichter, jedem ins Gesicht -hinein und — aber genug!“ er brach ab. „Jetzt <em>will</em> ich -siebenhundert Jahre zurück, geben Sie acht, sehen Sie -mich fest an, wo sind wir? Freigrafschaft Trassenberg, -Heliodora, Sonnegabe, Zwölfhundertund —“ „Siebenunddreißig,“ -ergänzte Renate lächelnd. „Nun wollen -wir uns umsehn!“ -</p> - -<h4 class="section"> -Mummenschanz -</h4> - -<p class="first"> -Georg behielt freilich ihr sonneglänzendes Profil vor -Augen, dahinter die Äcker, Roggenfelder, wogend in -<a id="page-54" class="pagenum" title="54"></a> -reifem Gelb, dahinter den grünen Traum der Hügel und -ein Stück der dunstigen Stadt, Türme grau und Neubauten, -flimmernd im Sonnenglast. Nach links gewandt -sah er mit Freude die weiße Straße unter schwer tragenden -Kuppeln der Fruchtbäume weithin betupft mit leuchtenden -Farben; ein Zitronengelber wandelte ganz vorn -heran, weiter hinten zog ein ganzer Haufen, aus dem -zwei Zinnoberrote glühten, und er berührte Renates Arm, -damit sie es auch sähe. -</p> - -<p> -Dann mußte er aufhorchen. War das wirklich oder -nur in seinem Gehirn? Ein weiter Ring von sanft hallendem, -ruhigem Glockengeläut schien ihm alle Fernen zu -umschließen, — darinnen war tiefe Sommerfülle, — nein, -es klang wohl doch nur in seinen Ohren, — aber waren -nicht alle Weiten erfüllt mit heiter schwirrender Musik? — -Ah, Mandolinen und Gitarren, sie kamen auf der Landstraße -heran, leise rauschend im Takt. Wo nun die Pferde -seien, hörte er Renate fragen, wandte sich und sah mit -ihr zur Rechten hinauf; dort enteilte die Straße leer, von -den Schatten der Obstbäume leicht gegittert, zur Ferne -der Landschaft, und dort flackerte es bunt, rot und gelb. -Nahebei drehte ein einzelner Geharnischter sein braunes -Pferd um sich selbst und lenkte herbei, die lange Lanze im -Bügelschuh, den Kopf im spitzgewölbten blanken Helmtopf, -das Kinn vom stahlmaschigen Halskragen umschlossen, -im grauen Kettenhemde mit anliegenden Ärmeln, -die Beine in ebenso anschließenden, stahlmaschigen Strümpfen, -— die Vermummung eines Feldgendarmen, der für -Ordnung zu sorgen hatte. Wieder nach links schauend, -glaubte Georg in der Ferne, von der Stadt her, hinter -<a id="page-55" class="pagenum" title="55"></a> -den Zinnoberroten etwas schwarzrot Vermummtes mit -einem braunen Pferdekopf zu sehn, daneben ein silbernes, -dann auch einen Reiter in Weiß und Grün; das waren -die Pferde. Er zeigte sie Renate. -</p> - -<p> -Indem war drüben auf dem Fußsteig unter den Bäumen -der Wandrer im faltigen Zitronenhemd nahe gekommen, -ein rüstiger Greis von fünfzig Jahren in schönen, -grünen Strümpfen, am Wanderstabe, einen spitzen Strohhut -auf dem Kopf, hager und braunbärtig. Jetzt blieb -er stehn und starrte, Augen und Mund weit offen, auf -Renate. Georg lachte. -</p> - -<p> -„Mit Permission,“ sagte der Gelbe, „ob dies wohl die -Heliodora ist?“ -</p> - -<p> -Georg zog zwei arg verbogene Zigaretten aus dem -Wams, schlenderte frohgelaunt zu dem Staunenden hinüber -und reichte ihm eine, seine Frage bejahend und um -Feuer bittend. Der Gelbe bedankte sich höflich, krempte -sein Hemd auf, eine mächtige, manchesterne Hose kam -zum Vorschein und aus ihrer Tasche alsbald eine alte -Streichholzschachtel, die der Mann halb auseinanderzog, -um Georg in der Höhlung das brennende Streichholz zu -reichen. Georg bemerkte, als die Zigaretten beide qualmten, -es sei ein schöner Tag. -</p> - -<p> -Jeder Tag, sagte der Gelbe, sonderbar im Stehn beständig -die Füße wechselnd wie ein Tanzmeister, jeder Tag -sei schön, an dem der Christenmensch sich nicht zu schinden -brauche. Er blinkte Georg verschmitzt zu und sagte: -„Heliodora, eiweih! die heilige Dora! ha, ha, ha, ha!“ -und wechselte die Füße, seinen Stock hinter sich aufstützend. -</p> - -<p> -<a id="page-56" class="pagenum" title="56"></a> -„Frei Essen und Trinken obendrein“, bemerkte Georg -leutselig, aber der Mann kratzte sich den Kopf unterm -Hut, daß er ihm über das halbe Gesicht rutschte, nahm -ihn ab, schwenkte ihn und meinte, was zum Teufel er -morgen mit dem gelben Hemde machen solle. -</p> - -<p> -„Menschenskind,“ rief Georg entrüstet, „müßt Ihr denn -immer was zu sorgen haben?“ -</p> - -<p> -Der Gelbe grinste. Indem war die schwirrende Saitenmusik -nahe gekommen, Georg sah das bunte Menschenhäuflein, -die Zinnoberroten voran, hermarschieren mit -Mandolinen und Lauten im festen Takt eines muntern -Marsches. Wandervögel, dachte er und hörte den Gelben -sagen, er wäre Professor am Orientalischen Seminar, -wozu er da ein gelbes Hemd brauchte? — Georg fuhr -lachend und erschreckt herum, aber der witzige Professor -winkte großartig ab und wanderte fürbaß. -</p> - -<p> -Hinter den Jungens, die ihre Instrumente spielten — -sie waren ähnlich wie Georg gekleidet, einer in Schwarz -und Gelb, einer in Grün, — kamen die Mädchen, schön flatternd -in Gewändern, Kränze im Haar, eine schieferblau, eine -rostrot, eine grün und weiß gestreift, Arm in Arm kamen -sie daher. Jetzt hoben die Jungens die Instrumente vor -der Brust hoch, vollführten ein betäubendes Saitengerassel -und fielen mit Klängen und Stimmen in das rasche Lied: -Horch, was kommt von draußen ’rein? — Sie sangen aber, -kräftig ausschreitend, die Augen stramm auf Renate geheftet: -</p> - -<div class="poem-container"> - <div class="poem"> - <div class="stanza"> - <p class="verse">„Seht, was steht denn dort am Rain?</p> - <p class="verse">Hollahe! hollaho!</p> - <p class="verse">Das muß Heliodora sein!</p> - <p class="verse">Hollahehaho!</p> - </div> - </div> -</div> - -<p class="noindent"> -<a id="page-57" class="pagenum" title="57"></a> -Hel—io—do—ra, lächle mal!“ damit kamen sie taktfest -vorüber. Georg wollte sich umdrehn, um Heliodora -lächeln zu sehn, wäre aber ums Haar überritten worden, -sprang zurück vor einem feueräugigen roten Roßkopf -und sah darüber das volle, brennend braun und rote Gesicht -eines Geharnischten, barhaupt, mit gestutztem Armeeschnurrbart -und funkelnden schwarzen Augen, der lachend -sein Streitroß zur Seite nahm, Georg im Bogen umtrabte -und sich verneigte. Georg rief ihm nachblickend zu — erfreut -vom Anblick den blauverstählten Panzerhemdes mit aufgesetzten -Messingplatten an den Kniescheiben, Achseln und -Ellbogengelenken —: „Wer sind Sie?“ -</p> - -<p> -Mit schallender Stimme: „Rittmeister Freundlich, -königliche Hoheit, vierte Eskadron Beuglenburgische Jäger -zu Pferde!“ rief der Trabende winkend zurück, und da -schaukelte sein weiß und roter Knappe an Georg vorüber, -Schild und Lanze seines Herrn in Händen, den Helm am -Sattelbug, aber das rosige Gesicht war umflogen von -langem, braunem Haar, eine Frau wars, und „Ich -bin seine Frau!“ rief sie strahlend, aber da war die -Eskadron heran und polterte klirrend vorbei, rote -schwitzende Bauerngesichter unter den Helmen, auf -und nieder, auf und nieder im englischen Trabe, -nickende Pferdehäupter, Mähnen, Hufschlag, wirbelnde -schwarze Schweife, weißrote Dreieckfähnlein und -wogendes Wippen in den fesselartigen Eisensätteln, Geklirr -und Geklapper, zwei hüpfende Reihen dunkelgrauer -Kettenhemden. Einer der Unteroffiziere oder Wachtmeister -hob die Lanze aus dem Schuh, tippte mit der -Spitze nach einem der offnen Mundes anstaunenden -<a id="page-58" class="pagenum" title="58"></a> -Mädchen, die bog Brust und Hals zurück und erwischte -den Wimpel, hielt ihn schreiend fest und wollte nicht loslassen, -scheltend wie ein Sperling und hinterdrein springend; -die reitenden Kerle in Eisen lachten dröhnend, da wars vorüber, -reitende Schatten verschwanden in weißem, wolkig -steigendem Staub, und von den am Straßenrand aufgestellten -Musikanten waren schwirrend und rauschend die -heitern Takte des Radetzkymarsches zu hören. Sie fielen -Georg ins rauschende Blut, oh er hätte tanzen mögen, -und eins der Mädchen, das in Schieferblau mit violettrotem -Rocke, sah aufs Haar wie jene Riemenschneidersche -Madonna aus, Kranz im Gelock, Schultern und Brust -glatt bedeckt vom Stoff, der über den Hüften locker auseinanderfiel -auf den weitfaltigen Kleidrock, und wie entzückte -sie Georg mit Erröten und Knicks und Lächeln, denn -nun wußten sie ja Alle, wer er war. -</p> - -<h4 class="section"> -Ritt -</h4> - -<p class="first"> -Da kamen die Pferde. Ja, da staunten sie. Die Wandervögel -staunten, Georg staunte, Renate staunte höchlich. -Unkas ging, bis zu den Hufen vermummt im steifen Umhang -dunkelroter Decken mit schwarzen Wappen und Ornamenten, -was aber neben ihm schwebte, das war die -silberne Unwirklichkeit in Gestalt eines Pferdes: milchweißer -Kopf und Nacken unter breitfallender, gewellter -Mähne und starrer Deckenumhang von silbernem Brokat -mit blauen Wappen und Arabesken; ein weißer Gießbach, -ergoß sich der gewellte Schweif, und unter den handbreiten, -blauen, silbergestickten Säumen hoben sich und traten -<a id="page-59" class="pagenum" title="59"></a> -die versilberten Hufe. Die großen, braunen Augen aber -blickten aus vergilbten, faltigen Lidern fremd und fromm -wie die eines Fabeltiers. — Renate, ganz gerührt, bedankte -sich feierlich bei Georg für diese schöne Erfindung, -er aber lachte und sagte, dies wäre nun noch gar nichts, -aber jetzt wüßte sie wohl, was ihrer noch wartete ... -Ferdinands, des Reitknechts, blankes und schurkisches Gesicht -— wie das aller Reitknechte — fuhr dazwischen, er -schwang sich vom Pferde, weiß und grün halbiert wie -Georg, doch nicht so schön, und auf der Brust das silberne -Wappen in Metall. Er führte den Schimmel vor, aber -nun stürzten sich sämtliche Wandervögel auf den Steigbügel, -einer stand ab nach Kampf, nahte sich ritterlich -Renate, verbeugte sich tief und bot ihr die Hand. Wie -ein kostbares Gefäß aus Kristall wurde sie aufs Pferd gehoben, -Georg fragte, ob sichs gut sitze, Renate fand, sie -sitze weich wie in einem Heuberg, und Georg saß selber -auf. Stracks fuhr sein ganzer, heftiger Geist dermaßen in -Unkas, als sei Georgs Leib eine elektrisch geladene Zange; -er brachte unleidliche Verwirrung in das alte, kalte Wallachenblut, -es drängte ungestüm gegen die Schimmelstute, -sie stob schnaufend auf und davon, Georg folgte, Unkas -mit voller Armkraft in die Trense nehmend, aber das half -alles nichts, er raste wie ein Untier davon, holte den locker -laufenden Schimmel ein und bohrte, gegen ihn anstürmend, -die linke Schulter gegen seine Hinterhand. Renate erschrak -leicht und galoppierte weiter, aber Georg, Unkas -zurückreißend, merkte, daß der die Trense aus dem Maul -genommen hatte und damit herumfletschte; er stieg ab, -schaffte unter milden Verwarnungen Ordnung, stieg wieder -<a id="page-60" class="pagenum" title="60"></a> -auf und folgte einem Hauch von Blau und Silber -oben auf dem Hügelrücken, den die Landstraße überstieg. -</p> - -<p> -Oben winkte ihm herrliche Aussicht. Von rechts strömte -eine breitere Chaussee heran, über und über bedeckt mit -farbiger Bewegung, Kavalkaden von Edelleuten und -Frauen, wandernden Mönchen in schwarzen und weißen -Kutten, reisigen Pilgern aus dem Morgenland im Schatten -ihrer breitkrempigen Muschelhüte. Leiterwagen rollten -heran, geschmückt mit Kränzen, unter wallenden Bannern, -gefüllt mit schmetternder Musik und Scharen buntfarbener -Männer und Frauen in weiten Mänteln, die -sich blähten; überall wandelten gelbe, weiße, grüne Hemden, -grüne, weiße, rote Strümpfe, bekränzte Mädchen. -Stimmen, Zurufe, Scheltworte und Gelächter schollen, -der Himmel flammte mit goldenen, weißen und blauen -Strahlen hinein, Wolken Staubes ballten sich so leicht -wie himmlische dazwischen, ringsum schweiften die Ebenen, -Felder in breiten gelben Wogen, Wiesen, kleine, dunkle -Haine über Gehöften, — eine Augenlust unbeschreiblich. -Schon war Georg das silberne Pferd im Getümmel verloren -gegangen, er ließ Unkas die Zügel und stob bergunter, -vorbei am rollenden Strom der Wagen, Rosse und -Wandrer, an Geharnischten zur Seite, die aufrecht Wache -hielten; um ihn sauste die Kälte der durchschnittenen Luft, -hinter ihm weg schnellte fortgerissen das schreiende Bunt -gelber, violetter, schwarzblauer, brauner und birnengrüner -Mäntel und Mantelfutter, ein Knabe vor ihm, dahinwandernd, -schwenkte großartig von rechts nach links an -kurzem Fahnenstiel ein ungeheures, blau-weiß-schräg kariertes -Banner mit grüner Bewimpelung an der unteren -<a id="page-61" class="pagenum" title="61"></a> -Kante, — dann war die Straße vor ihm leer und weiß, -in der Ferne schimmerte das silberne Pferd und in dessen -Nähe etwas Blutrotes, das Georg im Näherfliegen als -zwei Beine in blutroten Strumpfhosen erkannte; auch die -linke Schulter des Mannes war blutrot, und was so blendende -Blitze von Silber schleuderte, das war — es war -ein riesiges Beil mit geschweiften Seiten und konkav gewölbter -Schneide. Ein Henker. — Neben ihm trabte der -Schimmel, da war Georg heran, der Mensch mit dem -Beil auf rotem Mantel über der linken Achsel, im kurzen -schwarzen Büffelwams drehte sich um und zeigte Bogners -langes, graues Gesicht. „Halloh, Bogner!“ rief Georg, -„machen Sie den Henker?!“ -</p> - -<p> -Der Maler nickte lachend, sprang aber im selben Augenblick -mit hurtigem Satz seiner langen roten Beine neben -Renate auf den Reitweg, und Georg verstand nicht, was -er sagte, denn da kam unter prasselnden Becken und schallenden -Posaunen vierspännig ein ganzer Leiterwagen voll -Musikanten und schwerer Ratsherren, pelzverbrämt und -mit blitzenden Amtsketten, vorbeigerollt, ein zweiter dahinter -voll von lustigen Matronen, ein dritter gefüllt mit -Töchtern und Schwiegersöhnen und Bräutigamen bis -zum Rand; sie schwangen Keulen und ganze Leiber gebratener -Hühner, Enten und Tauben, Becher und Gläser -und sangen „Weg mit den Grillen und Sorgen!“ daß es -in Georgs Ohren brauste. Vor ihm saß Renate, weich -wie auf einem Stuhl in einem Kahn; auf der silberweißen -Kruppe ihres Pferdes saß Rücken an Rücken mit ihr ein -kleiner, schmaler Windgott wie ein Faun, der hielt das -Ende ihres durchsichtigen Kopfschleiers in braunen Fingern -<a id="page-62" class="pagenum" title="62"></a> -und blies mit vollen Backen hinein, daß der luftige -Bogen hinter ihr stand. -</p> - -<p> -„Ist es schön, Renate, ist es schön?“ schrie Georg -überlaut. -</p> - -<p> -Renate, wohlig dahingleitend, die Finger der rechten -Hand mit dem Trensenzügel im Nackenwirbelhaar des -Pferdes, in der Linken im Schoß die Enden ihrer Zöpfe -und der Bänder, drehte sich um, lächelte und nickte. Bogner -getroffen zu haben, war schön, er erinnerte angenehm -an den Herzog, er war trotz Beil und Blutfarben ein gewisser -Halt in all dem Lärm und Getriebe, der bunten -Lautheit, die sie nie gewohnt gewesen, zumal in den letzten, -stillen Jahren. -</p> - -<p> -„Seht ihr die Burg?“ schrie Georg. „Bogner hat sie -ganz neu aus Pappe gemacht!“ -</p> - -<p> -Renate sah zur Linken auf dem niedern Berge die längsterblickten -klobigen grauen Rundtürme, drei, über deren -Plattform, weit ausgebreitet, schwer Falten schlagend, -die blauweißgrünen Banner standen; dazwischen graue -Mauern mit mächtigen Streben und breiten Zinnen, fast -so hoch wie die Türme selbst. -</p> - -<p> -Jetzt war eine blauweißgrüne Schranke neben der Landstraße, -von zwei Geharnischten bewacht; dahinter führte -ein Feldweg zur Burg, der im Bergwalde verschwand. -Einer der Reiter erkannte Georg, stieg ab und öffnete die -Schranke, sie ritten hindurch, auf schmalem Pfad zwischen -dem hohen Roggen, Georg mußte zurückbleiben. -</p> - -<p> -„Sie sehen so schön aus, Maler,“ sagte Renate leise, -„es ist schade, daß Sie sich nicht immer so kleiden können. -Haben Sie die Gesichter der Menschen gesehn, wieviel -<a id="page-63" class="pagenum" title="63"></a> -freier, leichter und schöner sie alle geworden sind durch -die Tracht? Und wer ein Gesicht von Bedeutung mitgebracht -hat, der sieht gleich wie ein König aus oder mindestens -wie ein Minister.“ -</p> - -<p> -Georg erinnerte sich des gelben Professors, des Rittmeisters -Freundlich und gab Renate eifrig recht. — Es ging -bergan, die Sonne glühte schon, doch nahm jetzt der Wald -sie in Kühle und grünes Dunkel seiner schönen Wölbungen -auf; es roch strömend nach Buchenblättern, Brombeeren -und den herben Farnen. Die Hufe der bergansteigenden -Pferde rauschten im braunen Laub, Georg saß, träumerisch -bewegt vom Schreiten des Pferdes, im Schweigen lauter -tönenden Herzens, verklärt aufblickend in die laubigen -Baldachine von durchbrochenem Grün und Himmelsblau, -hörte im Traum einen schneeweißen Wasserfall rauschen -und murmelte sich trunken zu, das sei der Schweif von -Renates Stute. Ich träume wieder, dachte er, ich träume, -wann werde ich wieder stürzen? Ich werde nicht stürzen, -lächelte er, all dies geht vorüber, der Nachmittag naht -Schritt vor Schritt mit dem Ernst, mit der Last, mit der -Sorge, dann werde ich glücklich sein, all dies gesehn zu -haben, und Renate — Renate —, die Gedanken verließen -ihn, er sah über sich im Wald den Fuß der grauen Mauern -und ringsum die Räume des Waldes bevölkert mit Gestalten, -Trupps lediger Pferde, langhalsig angelnd mit dem -Maul nach Gras und Gestrüpp, farbige Menschen wandelten -umher, lagerten in Gruppen beim Frühstück und -waren allesamt unsterblich guter Dinge. -</p> - -<p> -Da ritten sie in den Burghof ein, Renate glitt vom -Pferde, sie konnten keinen Schritt weiter, denn der Hof -<a id="page-64" class="pagenum" title="64"></a> -war vollgepfropft mit essenden Menschen. Georg sprang -ab und versuchte, sich zur Schenke durchzudrängen, wurde -alsbald erkannt, und schon bestürmte ihn vorn und hinten -ein Getümmel der reizendsten Frauen und Mädchen, die -ihm Schinkenbrote, Gläser voll Wein und Backwerk hinhielten -und bettelten: „Von mir, königliche Hoheit, bitte -von mir!“ oh es war herrlich! So viel er fassen konnte, -teilte er weiter an Renate und Bogner, schlang selber, -was der Mund halten konnte, mußte aber mit randvollen -Backen bald versichern, von jetzt ab nähme er nur schon -Vorgekautes. Eine Weile später, umringt, lachend, scherzend, -immer ausgelassener, hatte er dunkel das Gefühl, in -einen strudelnden Gesundbrunnen verwandelt zu sein, plätschernd -in allen Becken, und deren Ränder waren dicht -besetzt mit Schwärmen äußerst bunter, wild durcheinander -schwatzender, flatternder und zwitschernder Papageien, -Kolibris und Eisvögel, oder was es sonst ganz Buntes -gab. Diese Vision wurde jählings weggefegt von drei -schmetternden, an allen Mauern widergellenden Fanfarenstößen, -und schon toste herum die gewaltigste Aufregung; -Alles rannte gegeneinander, bekämpfte sich, rang, umschlang -und entwand sich einander. Geschrei, Gekreisch -und Gelächter. Herrgott, wo ist denn bloß mein Mann? -— Mein Hut, um Himmelswillen, mein Hut! Sie haken -ja an meinem Hut fest! Und eine ungeheure Baßstimme -sagte: Ja, will sich denn keiner meinen Kaffee bezahlen -lassen? — — Georg, ob er wollte oder nicht, wurde ins -Freie geschoben, dachte, der Traum geht weiter, wo finde -ich Renate? wo ist Unkas? Unkas stand da, Ferdinand -dabei, das gnädige Fräulein, hörte Georg, wäre schon -<a id="page-65" class="pagenum" title="65"></a> -fortgeritten. Hastig saß er auf, befahl dem Reitknecht, -sich hinter ihm zu halten, versuchte, das Getümmel von -Bäumen und lauter plötzlich Berittenen zu durchspalten, -gab es auf und lenkte den Abhang hinunter und im Bogen -auf den Waldrand zu. Die Buchenzweige zur Seite -stemmend, gelangte er ins Freie. -</p> - -<p> -Mein Gott, das war ein Ausblick! Er schoß, ein riesenhafter -Fächer, aus Georgs Augen so gewaltig nach allen -Seiten dahin, daß er taumelnd nach Himmel und Gewölkedunst -griff, um sich zu halten, und er schaute ... -</p> - -<h4 class="section"> -Ausschau -</h4> - -<p class="first"> -In der Tiefe, ausstrahlende Meilen weit nach Süden, -Westen und Norden hin, nicht zu ermessen mit Augen, -lagerte sein Land, Ebenen an Ebenen geschoben, hineingefügt -azurblaue Seen und das silberne Geschlängel des -Stroms, hauchend von heiterer Glut, rauchend von dunstigem -Golde, grüne Flächen, gelbe, und bräunliches Gehügel -der sich rötenden Haide, lagernde Bergrücken in den -Fernen unter grauen Dünsten. Unten aber, zu Füßen -seines Hügels, erst klein im Vergleich zur Unendlichkeit -ringsum, sah er die grüne Ellipse der Arena ruhen, völlig -leer, im farbenreichen Kranze der Tribünen und Zuschauerringe, -und bemerkte nun auch ihre Riesigkeit, denn von -hier oben war nichts zu erkennen als ein Gewirr und Gemenge -von Farben, Gesichter wie Punkte klein; selbst die -vielen großen Banner, an Stellen zu schattigen Wäldern -gesammelt, knatternd und schlagend über den glänzenden -Tribünendächern, schienen wie Taschentücher klein. Ringsum -<a id="page-66" class="pagenum" title="66"></a> -in dem bunten Kranze lief ein ununterbrochenes Glitzern, -Funkeln und Blitzen von sonnegetroffenen Metallspitzen -und Schmuck, Wellen von Bewegung rannen zugleich -rundum, viele rote Tupfen flammten auf einmal -an jener Stelle hervor, plötzlich war alles weiß gesprenkelt, -und immer wieder strahlten das Blau, das Weiß und -das Grün der Landesfarben hervor, — keine schöneren -kann es geben, dachte Georg: des Himmels Blau, Grün -der Natur und das schöne menschliche Weiß. — Er entdeckte -nun auch den zum Walde den Hügel hinansteigenden -Damm, der aus der Arena dort kam, wo sie den -größten Durchmesser hatte, und hier unten konnte er allerlei -unterscheiden: Strohhüte, rote Hemden, weiße, gelbe, -das Rosige von Händen und Gesichtern, und er sah Männer -und Frauen, Mädchen und Kinder, hörte ihr leises -Brausen und die seltsame Stille, in der sie sich unablässig -bewegten, drehten, gingen und setzten und über die Schranken -vorbeugten. — Unsichtbar blieb ihm das obere Ende -des Damms hinter dem Vorsprung des Waldrandes, er -trieb sein Pferd an und erkannte, seltsam deutlich wie -manchmal im Traum, daß die Hufe in einer tiefen Furche -am Rand eines stillen, wehenden Haferfeldes entlang -schritten. — Noch einmal ließ er die Augen ins Weite -schweifen, sie flogen wie Greife dahin, schwebten groß -unter der bläulichen Kuppel in der Sonne, stürzten herab -aus Lüften mit Getön und rissen nun jählings mit Zauberkraft -zu sich herauf das Unerkennbare: die Schwärme -von Gesichtern, Agraffen, Pelzkragen, Halsausschnitte in -violettem Samt, in weißer Seide der Frauentrachten, die -schönen, geschatteten Falten ihrer Mäntel, die sie im Arme -<a id="page-67" class="pagenum" title="67"></a> -trugen, und ihre Bewegungen, wie sie lachten und sich -bogen, im Stuhl sich drehend, nach oben sprachen zu -Männergesichtern, die sich neigten, — und er schnellte ab -und warf sich über den breiten Bannerschwarm hin wie -über einen faltig rauschenden See, — und siehe, etwas -noch Ungesehenes war da, nämlich ein dunkel herwandernder -Strom von Geharnischten, der aus der Ebene -kam und jenseits in die Arena mündete, tausendfach überhüpft -vom Gefunkel der Lanzenspitzen und Helmbügel -und den winzigen Segeln der weißroten Dreieckfähnlein. -Tausend Pferdeköpfe bewegten sich nickend, die Gesichter -der Männer glühten in Staub und Schweiß, — alles sah -Georg, die linken Fäuste über der Vorderlehne des Eisensattels, -aus denen die vier Zügelriemen flossen, sah die -Beine in Stahlmaschen, die ledernen Bügelschuh der Lanzen -und unten im Schatten das wirre Durcheinander der -braunen und weißfüßigen Pferdebeine. Die ganze Beuglenburgische -Kavallerie und Rittmeister Freundlich, murmelte -Georg im Traum, Dragoner und Jäger zu Pferd, -oder der einziehende Beuglenburgische Heerbann. -</p> - -<p> -Indem schmetterte nahebei aus dem Walde hervor die -Fanfare, Georg sah und erblickte undeutlich, hinter einer -langen Reihe dunkelgrauer Geharnischter auf lauter Apfelschimmeln: -Waldinneres, wie ein Bild, angefüllt mit -Fahnen, Standarten, Helmen, Gesichtern und bunten Farben, -ganz vorn das brennende Scharlachrot zweier Kardinäle -oder Äbte auf Maultieren. Die Reihe der Berittenen -setzte sich eben langsam talwärts in Bewegung, alsbald -begannen sie zu traben, zwanzig grünweiße Fähnlein -senkten sich miteins nach vorn, sie galoppierten leicht rasselnd -<a id="page-68" class="pagenum" title="68"></a> -den Damm hinunter, verteilten sich unten, schwärmten, -entfalteten sich durch den ganzen Durchmesser der Arena -und hielten auf einen Ruck in langer, loser Reihe. — -</p> - -<p> -Georg holte den Blick von unten herauf. Jetzt — wo -war Renate? — Im Grün des Waldes und der Menge -sah er ein braunes, südliches Gesicht auf dem Grund eines -weißen Banners von Seidendamast; vorne schritten zwei -Reihen von Herolden in Weiß und Grün, an den hochaufgesetzten -Trompeten viereckige Standarten von dunkelblauer -Seide mit silbernen Fransen. Die Klänge prasselten -lustig und leicht umher, sie schritten zu Tal. Unter -den Buchenkronen war jetzt ein berittener Halbkreis sichtbar, -— ah, die Geistlichkeit, Mönche, Äbte, Kardinäle, -— und schon löste es sich vorn heraus, in grandiosem -Pomp, Kopf und schmaler Hals eines Maultiers, vorsichtig -schreitend unterm großen grünen Behang mit goldenen -Wappen und Verzierungen, auf dem Rücken einen -schwankenden Turm von Weiß und Gold: der Erzbischof, ein -faltig rosiges, mächtiges Gesicht, Kinn und starke braune -Augen unter der goldenen und weißen, mittwärts gespaltenen -Mitra, den Krummstab in der Hand. Ihm folgte der -Klerus, eine erlauchte Schar von hundert Berittenen, Mönche -in weißen Chorhemden mit handbreiten goldenen -Säumen, alles glitzerte von Gold und weißer Leinwand, -da waren scharlachne Pelerinen und Hüte, Kasulen und -Stolen funkelten von bunten Steinen, prachtvolles Violett -loderte dazwischen, Decken von weißem Samt, von -Wiesengrün, ein riesiges gelbes Banner mit schwarzen -Greifen entfaltete sich, zeigte sich groß und schloß sich zufrieden, -und alles umrahmten, umwallten und trugen die -<a id="page-69" class="pagenum" title="69"></a> -langen Schlangenbänder der blauweißgrünen Fahnen. -Es schwankte zu Tal. -</p> - -<p> -Aber jetzt ... Wo blieb denn Renate? Georg fieberte, -sein Herz tobte nach ihr, wieder war da eine schwarze -Mauer Geharnischter, zwanzig Rappen bewegten sich und -stiegen Schritt vor Schritt bergab, — da — ach, da war -sie, da hielt sie ja, ein wenig blaß, er sah es deutlich, mitten -im Halbkreis ihres waldumdämmerten Hofstaats, der -Ritter, Knappen, Frauen, hielt sie auf ihrem silbernen -Pferd, jetzt weit umwallt von dunkelroten Mantelfalten. -Der Schimmel hob den Kopf; in der Tiefe entwogte der -glitzernde Haufe der Klerisei, Georg mußte den Kopf senken -und seine zitternden Hände sehn, eiskalt vom Kopf zu -den Füßen. Er sah auf, — das silberne Pferd bewegte -sich und schritt vor, langsam, beseelt von seiner Einsamkeit -und sehr stolz; es tänzelte leicht seitwärts, Georg sah -Renates Körper sacht nach vorn rucken bei jedem Schritt -des Pferdes, einsam lenkte sie den Berg hinunter, — aber -jetzt, unten in der Ebene, war wilde Bewegung in den -Kranz der Menschen gefahren, ein Brausen, erst dumpf, -dann heller brandete herauf, alle Fahnen wankten, senkten -sich und stiegen und stürzten wieder, Wellen um Wellen -von Geglitzer, Wellen um Wellen von geschwungenen -Tüchern, Hüten, Schleiern, Händen jagten sich im Ring, -Musikchöre schmetterten hoch auf, unerschöpflich toste der -Jubelsturm, — unendlich einsam und königlich trug das -kleine, silberne Pferd seine Last, purpurumwogt, langsam, -langsam — in die Ebene hinunter. -</p> - -<p> -Georg fuhr mit der Hand über die Augen; sie brannten. -Er glaubte nicht, was er sah, fühlte sich nun vom -<a id="page-70" class="pagenum" title="70"></a> -Getümmel des Gefolges aufgenommen und ritt, sich selber -unsichtbar, umhüllt von kostbarer Dunkelheit, tief im -Traum, Renate nach. -</p> - -<h4 class="section"> -Traumspiel -</h4> - -<p class="first"> -Ja, nun war der Traum vollkommen. -</p> - -<p> -Georg hielt zu Pferde — weshalb zu Pferde? — und wie -war dies Pferd vermummt! aber es war Unkas! — in fremder, -grün und weißer Tracht — warum in fremder Tracht? -— inmitten einer dichten Menge von Frauen und Männern -zu Pferde und in fremden Trachten, deren Gesichter, -neben ihm, vor ihm und hinter ihm, fremd ihm eines wie -das andre, allesamt unbeweglich gradeaus eingestellt -waren. Es erinnerte seltsam an das teilnahmslose Beieinandersein -der Menschen auf der vorderen Plattform -eines Straßenbahnwagens. Und wie still war es? Was -ging hier vor? Wozu war er, waren all diese versammelt? -</p> - -<p> -Er hielt wie in einem Dickicht; es bestand, statt aus -Bäumen und Gebüsch, aus verzauberten Menschen; -traumhell brannte Sonnenglut herein, und alles beschattete -sich gegenseitig. Er gewahrte vor sich einen kurzen, -mit schwarzem Pelz verbrämten dunkelgrünen Mantel -und die runde Kruppe eines glänzend schwarzen Pferdes, -die Wurzel des Schweifs und die rote Schlinge, aus der -er wuchs, den Schweif, — wie still er hing auf die starken -Pferdehacken; darunter waren die Füße weiß, von den -Hufen stand einer fest auf, etwas einwärts, der andre auf -seinem vorderen Rand, und dies Bein war gewinkelt; am -<a id="page-71" class="pagenum" title="71"></a> -andern Huf glänzte noch ein Streif der schwarzen Wichse -durch den Bezug von Staub. — Und nun, unten wandernd -mit den Augen, sah er überall dies andre, dies -untere Leben, das für sich war, ganz für sich allein und -im Schatten, Pferdebeine und Hufe überall, große Decken, -verändert durch das Dunkel, grün und braun und gelb -leuchtete nicht mehr und Wappen und Zierate waren stumpf -umdunkelt; er sah die still hängenden Falten der Schleppröcke, -einen roten, einen grauen, einen violetten, sah die -Linien der Pferdebäuche, Gurten, an deren Rand das eingeschnürte -Fell manchmal zuckte, und die prallen, runden -Leiber dehnten sich atmend, er roch das Pferd. Ein Huf -bewegte sich wie ein lebendes Wesen, schlug vor, setzte sich -stampfend auf im Gras, — und dort im winklig verhängten -Schattendunkel von Kleidern und Decken kam eine -weiße Frauenhand nach unten, tastete in grünen Falten, -raffte sie, ein farblos dunkler Fuß wurde sichtbar, ein leer -hängender Steigbügel, und der Fuß suchte nach dem Bügel, -stieß daran, angelte, erlangte ihn, die Falten fielen, -Fuß und Bügel waren völlig fort. — -</p> - -<p> -Diese Stille! — Aber sprach nicht jemand, ganz allein? -</p> - -<p> -Georg richtete sich in den Bügeln auf und war plötzlich -ganz hoch und im Freien. Ein paar Gesichter links und -rechts drehten sich, blickten nach ihm. Fern drüben, wie -eine Blumenterrasse, war die Tribüne, menschenvoll, noch -eine links von ihr, eine dritte rechts; tausend Farben und -Gesichter glänzten in der Sonne, schräg gestreift vom -Schatten der Dächer, in dem alles farbloser und dunkel -war; darüber glänzten wie Silber die Dächer; schlaff -hingen die Fahnentücher, unkenntlich. -</p> - -<p> -<a id="page-72" class="pagenum" title="72"></a> -Unterhalb war der grüne Rasen, ein Trupp lediger -Pferde stand dort, alle Zügelriemen liefen zusammen in -die Hände zweier Menschen, die rot und weiß gestreift -waren von oben bis unten, sich anstießen und unterhielten. -Über die fast leere, grüne Fläche schritten Geharnischte -von verschiedenen Seiten heran, einer hatte den -Topfhelm im Arm, etliche knieten; mit jedem zog im Grase -sein kurzer Schatten und machte jede Bewegung mit, -manchmal kaum zu erkennen flüchtig. Diese waren in -einer unverständlichen Handlung begriffen. Einer trat -vor und verbeugte sich; ganz schnell, als müßte er eher -fertig sein, tat sein Schatten dasselbe. -</p> - -<p> -Georg spähte verwirrt und ängstlich nach Renate, — -und sieh — — ganz nahe zur Rechten, erschreckend nahe, -über ein paar Reiter hinweg, sah er einen großen Thronhimmel -mit plattem, viereckigem Dach und darunter, in -seinem Schatten, ein sehr stilles Bild von Renate, ganz -entfremdet, nur ein Bild, ihr beschattetes Profil; sie saß -in einem Stuhl mit hoher Rückwand, die Unterarme flach -auf den Seitenlehnen; neben ihr, etwas zurück, stand ein -Riese in schwarzem Kettenhemd und dem abenteuerlichen -Topfhelm mit spitzer Wölbung. Grade vor ihr, zehn -Schritt in die Wiese hinein, stand ein andrer Geharnischter -und schien zu reden. Jenseit gewahrte Georg den Erzbischof -zu Fuß auf der Erde, eine große, weiß und goldne -Puppe mit dem Krummstab vor der bunten und glitzernden -Mondsichel seiner Kirchendiener. -</p> - -<p> -Georg hörte auf einmal sprechen, horchte, verstand aber -keine Silbe. Jählings zusammenfahrend, mit den Augen -schon wieder im unteren Schatten, vernahm er Renates -<a id="page-73" class="pagenum" title="73"></a> -Stimme, so hell und klingend, daß er vor Bestürzung die -Worte nicht erraffen konnte, er hastete nach und hörte ein -paar zerstückte Wendungen, die wohlbekannten vom eisernen -Tisch und vom Leibroß. Plötzlich brach Geschrei aus -auf allen Seiten, Bewegung, alle Arme fuhren empor -und winkten, Georg selber schrie und winkte mit und sagte -zu sich: Ah, jetzt ist das Bündnis geschlossen. — Aber da, -ganz entsetzt, mußte er denken: Nein, es ist ja genau, genau -wie im Traum! wie oft habe ich mir da einen Vorgang -mit solchen Worten bekräftigt, die, wenn ich mich -im Wachen erinnerte, ohne Sinn und albern waren. Einmal -— wie war es doch? — das große Hurra, etwas -vom großen Hurra sagte jemand, und im Traum begriff -ich es ... -</p> - -<p> -Ich träume aber doch nicht! ermannte er sich aufgeregt. -Also paß auf! Beuglenburg und Trassenberg konnten sich -nicht besiegen und schlossen auf einer großen Wiese vor -Altenrepen ein Bündnis. Aber die Beuglenburger verlangten, -daß Heliodora einen von ihnen zum Mann wählte, -denn sie fürchteten sich sonst vor ihr. Da erzählte sie von -der Weissagung, ihrem Pferde, das den vom Schicksal -Erlesenen finden würde, und von dem eisernen Tisch, an -dem er tafele, und das bezogen sie auf ihre eisernen Schilde, -gemeint war aber die Pflugschar des Bauern Gregor ... -Georg setzte sein Pferd in Bewegung, da Alles umher sich -bewegte; er träumte nicht, das war klar, aber diese Wirklichkeit -war allzu traumhaft. Dazu ward ihm jetzt sehr -müde im Kopf, er schloß die Augen, öffnete sie nach einer -Weile wieder, da es bergan ging; rings war blendendes -Getümmel, die blauweißgrünen Wände der Fahnen standen -<a id="page-74" class="pagenum" title="74"></a> -ihm riesig und flammend vor Augen, und plötzlich erkannte -er nicht weit von sich entfernt, mitten im Gedränge, -das Gesicht Ulrika Tregiornis; sie blickte vor sich hin, ganz -ernst, sie sah Georg nicht, und er schrie innerlich verzweifelt: -Ist es denn doch ein Traum? Auf einmal -dies bekannte Gesicht unter all den fremden, und sie ist -da und sieht mich doch nicht, ganz wie — wie — wer -war es denn? — Renate? — Nein ... Dora! Dora -Vehm ... -</p> - -<p> -Plötzlich, wie ein Gewölk, riß das Gewimmel in bunte -Fetzen auseinander und zerstreute sich. Georg hielt auf der -Plattform der Dammhöhe nahe dem Walde, ein Geharnischter -näherte sich zu Pferd und schien etwas sagen zu -wollen, aber, Georg erkennend, wurde sein Gesicht ehrerbietig, -er kehrte um. — Der Raum ward leer, mitten darin, -einsam, hielt Renate. -</p> - -<p> -Sie war ja todbleich! sah starr gradeaus. Georg sprang -ab, eilte auf sie zu, dabei immer müder von Sekunde zu -Sekunde, stand unter ihr, streckte die Hand empor. Da -schien sie ihn zu sehn, sie wandte das Gesicht herab, unendlich -fremd und hoffärtig, — aber langsam kehrte Blick -und Erkennen zurück, die Starre schmolz, doch waren die -Züge noch ohne Bewegung, als sie das rechte Knie über -das Horn weg hob und zur Erde glitt, ohne Georg anzurühren. -</p> - -<p> -Einen Augenblick stand sie geschlossenen Auges, gegen -das Pferd gelehnt, wankte dann und fiel gegen Georg. -Er glaubte, vor Müde und Seligkeit umzusinken, hielt -ihren weichen, seltsam sich lösenden Körper, sah die rotbekleideten -Schultern, dicht unter sich die großen Perlen -<a id="page-75" class="pagenum" title="75"></a> -des Haarnetzes, das seltene Braun des Haars, atmete -seinen Duft und merkte, daß sie weinte. Ihre Schultern -zuckten, sie schluchzte mehrere Male heftig auf, den Kopf -auf seiner Schulter, hob ihn dann, öffnete die verschleierten -Augen, aber da standen sie mit einem Schrecken starr, -über Georgs Schulter hinweg gerichtet. -</p> - -<p> -„Was ist denn?“ flüsterte er, sah sich um und starrte -schaudernd: da, neben einem weißgolden flimmernden -Mönchshaufen, stand einer der schwarzen Gugelmänner -aus seinem Traum. — Ach, Unfug! schnob er innerlich, -das ist ja Zuf— und sah im selben Augenblick, daß Renates -Schrecken in ein süßes Lächeln schmolz. -</p> - -<p> -„Es ist ja ...“ murmelte sie, denn der Schwarze erhob -eben die flache Hand und winkte. -</p> - -<p> -„Wer?“ fragte Georg; er hatte nicht verstanden. -</p> - -<p> -„Saint-Georges“, wiederholte Renate, völlig wach. -„Ach, bitte, Georg — — ja, wie stehn wir denn da?“ -fragte sie erstaunt und trat ohne weiteres Befremden zurück. -„Bitte,“ fuhr sie fort, „gehen Sie hin und sagen -Sie ihm, er möchte — ja, er möchte nachher vor dem Ankleidezelt -im Burghof auf mich warten.“ -</p> - -<p> -Ja, was ist denn nun? dachte Georg. Er schwankte -vor Müdigkeit, suchte unwillkürlich nach einem Halt und -sah den guten, ruhigen Unkas dastehn, gesenkten Halses, -mit geraffter Oberlippe im kurzen Gras rupfend. Er ging -zu ihm hin, nahm ihn bei der Trense und schritt, doch -wieder schaudernd, auf den unbeweglich dastehenden -Gugelmann zu. -</p> - -<p> -„Fräulein von Montfort läßt Sie bitten,“ sagte er, -„nachher am Ankleidezelt zu sein, im Burghof.“ -</p> - -<p> -<a id="page-76" class="pagenum" title="76"></a> -Der Schwarze neigte nur den vermummten Kopf und -fuhr fort, durch die Augenschlitze gradaus zu spähn, — -denn so schien es. Todmüde wandte Georg sich um und -sah Ulrika und Renate zusammenstehn, Renate auf den -Gugelmann blickend, wie er auf sie. Er zog Unkas hinter -sich her, waldeinwärts, stolpernd mit halbgeschlossenen -Augen, und dachte noch schlaftrunken: So führt ein -Blinder den andern. — Dann zog sich alles in flimmernde, -farbige Kreise auseinander, und mehr wußte er nicht. -</p> - -<div class="chapter"> - -<h3 class="chapter" id="subchap-0-1-3"> -<a id="page-77" class="pagenum" title="77"></a> -Drittes Kapitel -</h3> - -</div> - -<h4 class="section"> -Theater -</h4> - -<p class="first"> -Renate, ohne den Blick von Saint-Georges zu wenden, -tastete nach Ulrikas Hand und faßte sie. „Was war dir -denn?“ hörte sie Ulrika fragen, „du weintest.“ Jetzt -entfernte der Gugelmann sich mit einem Winken, sie -wandte sich zu Ulrika, sah erfreut das zarte und ernste -Gesicht, ein wenig entfremdet von der großen, dunkelroten -Krone von Haar, die mit grünen Bändern durchflochten -einem maurischen Turban ähnlich war, und sammelte ihre -Gedanken. „Laß dich anschaun,“ sagte sie, „wie köstlich -du aussiehst!“ -</p> - -<p> -Ulrika ließ sich mit ein wenig ironischer Miene betrachten -und befühlen in ihrem großen, grünen Mantel, dessen -weißseiden gefütterte Falten sie im linken Arm trug, die goldene -engärmlige Tunika darunter, und den weiten, mattlila -Kleidrock. „War es denn nicht schön?“ fragte sie, wieder -besorgten Gesichts, „ich meine, — weil du weintest ...“ -</p> - -<p> -„Habe ich geweint?“ fragte Renate erstaunt. „Richtig, -Georg war ja da, — wo ist er denn geblieben? — -Ja, es war schön, aber — es war schauerlich — oh!“ sie -zog die Schultern zusammen. „Ich bin völlig zu Eis geworden, -weißt du.“ Sie lachte. „Nun, und das hat halt -schmelzen müssen. Du weißt doch, Herz, man weint nie, -wenn etwas grausig ist oder so, sondern wenn man sich -nicht anders zu helfen weiß.“ -</p> - -<p> -Wieder schaudernd blickte sie in die letzte Stunde zurück, -fand jedoch wenig und sah nun nahe vor sich den -<a id="page-78" class="pagenum" title="78"></a> -Schimmel, dem eben Decken und Sattel abgenommen -wurden, auch das Kopfzeug. -</p> - -<p> -„Mein Gott, sieh doch nur, wie schön sie ist!“ rief -Ulrika entzückt, als die Stute nackend dastand in der Herrlichkeit -ihrer edlen Glieder, gedrungen, doch nicht plump, -zierlich die Hufe voreinander wie eine Tänzerin, breit von -Brust, dicken, kurzen, zum kleinen Kopf stark verjüngten -Halses, mit dem starken Wirbelhaar über der Stirn, schnobernd -mit den Nüstern, daß leises Wiehern quoll. -</p> - -<p> -„Ja, du bist sicherlich grad so erleichtert wie ich, aus -deinen warmen Decken“, sagte Renate, zu ihr gehend, um -ihr den Hals zu liebkosen. „Ohne Furcht und Tadel bist -du wie ich,“ murmelte sie dabei, „was wird aus uns -werden?“ -</p> - -<p> -Die Stallknechte und ein Geharnischter, der Spielleiter, -kamen, legten der Stute eine Trense in weißem Halfter -an, in deren Ringen dünne und viele Ellen lange, rote -Lederriemen befestigt waren; zwei Edelleute auf schönen, -goldroten Pferden lenkten heran und ergriffen die Riemenenden. -</p> - -<p> -„Bitte, wollen Sie nun —“ hörte Renate den Schauspieler -sagen. Sie griff in den Halfter und führte die -Stute einige Schritte gegen den leeren Damm vor, besann -sich vergeblich auf ihre Verse und bat endlich unsicher: -„Ja, nun mußt du laufen!“ -</p> - -<p> -Sie trat seitwärts. Einer der Reiter schnalzte mit der -Zunge, hinten knallte eine Peitsche. Die Stute fuhr zusammen, -trat drei Schritte vor, blickte sich erschreckt und -verwundert mit klugen Augen um, wieder knallte die -Peitsche, da sprang sie heftig an, trabte ein Stück, setzte -<a id="page-79" class="pagenum" title="79"></a> -sich in Galopp, die Reiter folgten, und plötzlich schnellte -sie ab, flog, ein weißer Pfeil, der Tiefe zu, die Reiter -jagten bergunter nach, aber schon schienen die Riemen sich -erstaunlich zu verlängern, und schon, gedankenschnell, -war der weiße Ball durch die leere Hälfte der Arena geschnellt, -auf die vielen weißen Zelthüte der Beuglenburgischen -Ritterschaft zu, und, wie ein Blitz wegzuckend, -war sie die breite Gasse hinab und draußen im Dunste -der Ebenen verschwunden. Nachhetzend, weit zurück, -leuchteten noch eine Weile die roten Pferde und schwanden. -— -</p> - -<p> -Im Kreis der Zuschauer hinter Renate gab es Gelächter. -Sie wandte sich zu Ulrika, die lachend meinte, -sie sei neugierig, ob der gute Schimmel richtig von selber -zum Bauern Gregor hinlaufe, der draußen im Felde -warte. Renate legte den Arm um ihre Schulter und sah -wieder weiße Wolkenballen, wie Stiere scheinend, über -den fernen Erdrand heraufklimmen. -</p> - -<p> -„Es fing an, weißt du, als ich hier den Damm hinunter -reiten mußte,“ sagte sie tief in Gedanken, „oder -vielmehr —, da hörte etwas auf. Kannst du dir diese -Vereinsamung vorstellen, mit der ich da plötzlich der riesigen -Tiefe und den zehntausend Augen ausgesetzt war? -Ich weiß nur noch, daß ich furchtbar fror, meine Augen -wurden unermeßlich weit, aber ich sah trotzdem nichts als -den Himmel und diese gewaltigen, weißen Wolken, und -wie stürmten sie gegen mich herauf! Wie Stiere sahen -sie aus. Wie aber dann der Jubel ausbrach — —, sehen -konnten sie, wenigstens mein Gesicht, ja noch kaum, aber -es galt doch mir, und das gab einen Sturm, der mich leer -<a id="page-80" class="pagenum" title="80"></a> -ausfegte und mit Eis, — ja mit Eis anfüllte. Ich mußte -mich zusammenraffen — furchtbar!“ Sie lächelte und -fuhr eifrig fort. „Da konnt ich denn freilich merken, — -das heißt, weißt du, ich merke es erst jetzt, — wie wenig -ich in Wirklichkeit allein gewesen bin, denn es sind doch -immer Gedanken dagewesen, Erinnerungen und immer -doch auch die Nähe vertrauter Menschen. Psyche auf -dem Wege zum Hades, weißt du, der muß so ums Herz -gewesen sein. Und erst unten, weißt du, — ja, was lachst -du denn?“ -</p> - -<p> -„Ich lache, weißt du,“ sagte Ulrika, „weil du, weißt -du, immer weißt du sagst!“ -</p> - -<p> -„Sage ich das? Ja, weißt — nein wirklich! — aber -da kannst du sehn, wie ich durcheinander geraten bin. -Nein, der Jubel unten, sie rasten, und nun wußte ich doch -auch, daß sie mich wirklich sahen —“ -</p> - -<p> -„Ha,“ unterbrach Ulrika ihren Wortschwall, „das hast -du doch gemerkt!“ -</p> - -<p> -„Ich habe es gefühlt, du Närrchen,“ sagte Renate -lachend, „aber ich weiß es erst jetzt!“ -</p> - -<p> -„Ist das ein Unterschied bei dir?“ fragte Ulrika verwundert. -Renate sah sie an. „Ja, bei dir etwa nicht?“ -</p> - -<p> -Ulrika schien innerlich zu kämpfen. „Du magst recht -haben,“ gestand sie endlich, „aber — wenn es so ist — -dann —“ -</p> - -<p> -„Ist es unsre ganze Macht“, funkelte Renate. „Nein, -weißt du, sie rissen mich in Stücke mit ihrem Lärm.“ -</p> - -<p> -„Und das war das Grausige?“ -</p> - -<p> -Renate blickte versonnen vor sich hin, lächelte, hob die -Achseln. „Das Schöne“, sagte sie leise. „Es war nur -<a id="page-81" class="pagenum" title="81"></a> -noch Brausen, ich war wie — weit fort, und doch war -ich es, die groß umherging und galt. Es war gut, das -einmal erlebt zu haben, — ein zweites Mal ...“ Sie -schauerte. -</p> - -<p> -„Und den Festzug hast du noch vor dir“, neckte Ulrika. -</p> - -<p> -Renaten zog ein schönes Wort durch den Sinn: -</p> - -<div class="poem-container"> - <div class="poem"> - <div class="stanza"> - <p class="verse">Verschmolzen mit der tausendköpfigen Menge,</p> - <p class="verse">Die schön wird, wenn das Wunder sie ergreift ...</p> - </div> - </div> -</div> - -<p class="noindent"> -Tiefer schauernd, schloß sie die Augen. War sie verschmolzen -gewesen? — Nein, und — nein, das verschmolzen -bezog der Dichter ja nicht auf den Dargestellten, sondern -auf einen der Gläubigen in der Menge, wenn sie sich recht -erinnerte. Die Menge aber, war sie wirklich schön geworden? -Im Herzen vielleicht, die Hände lärmten sehr. -Aber das war nun so ihre Art ... Die Augen öffnend, -rief sie: „Sieh nur, was kommt da?“ -</p> - -<p> -Durch die Gasse der weißen Zeltestadt und die Gruppen -der dunklen und blitzenden Harnischleute kam von -jenseit ein großes, braunrotes Pferd dahergebraust; sein -Reiter schien sehr klein, — ah, es war der Botschafterjunge! -In der einen Hand schwang er etwas Gelbrotes -wie eine Fahne. Nun stürmte er über die Wiese heran, -der Gaul bockte am Damm, kam aber dann in großen, -heftigen Galoppsprüngen herauf, der Knabe, nacktbeinig -in kurzer schwarzer Hose und weißem Hemd, schwenkte ein -mächtiges Bündel bäurischer, gelber und roter Stockrosen, -— jedoch in der Tiefe ward jetzt wieder das weiße -Pferd sichtbar, das unter einem Reiter leicht zwischen den -Zelten zurückgaloppierte; dahinter die Füchse der Edelleute. -— Jetzt war der Knabe heran, warf sich noch im -<a id="page-82" class="pagenum" title="82"></a> -vollen Ansprung von seinem braunen Elefanten, stolperte, -fiel aber geschickt und anmutig auf seine Knie vor Renate, -die Arme ausbreitend, den Kopf im Nacken, offnen Mundes -minutenlang nur keuchend, flammenrot im Gesicht, -das mager war mit großen, braunen Augen voll Entzücken. -Endlich konnte er mit heller Stimme rufen: „Sie -kommen! Der König kommt! Es lebe Heliodora!“ -</p> - -<p> -„Herzog muß es heißen,“ flüsterte Renate lachend, über -sein beflammtes Gesicht huschte leichter Schreck, dann -lächelte er und fuhr richtig fort: -</p> - -<div class="poem-container"> - <div class="poem"> - <div class="stanza"> - <p class="verse">„Am eisernen Tische fand dein weißes Roß</p> - <p class="verse">Den Auserwählten, doch es war kein Schild;</p> - <p class="verse">Des Bauern Pflugschar wars, von der er schmauste</p> - <p class="verse">Sein karges Brot!“</p> - </div> - </div> -</div> - -<p class="noindent"> -Renate, hinter sich das erstaunte Bühnengemurmel ihres -Hofes, sagte: „Da, komm, mein braver Junge!“ und, -den süßen Botenlohn ihrer Jamben verschluckend, hob -sie den Jungen kräftig von der Erde auf, drückte ihn — -er war klein wie ein zehnjähriger — an die Brust und -küßte ihn fest auf den Mund. Der Junge schloß die -Augen, hing einen Augenblick still, riß sich erschrocken los, -machte eine Bewegung mit dem freien Arm, als ob er -sich den Mund wischen wollte, schüttelte sich plötzlich und -sprang, sich umwirbelnd, davon. Renate lachte ihm mit -der Umgebung fröhlich nach. -</p> - -<p> -Nun waren auch Schimmel und Reiter nahe heraufgesprengt, -der Schauspieler im weißen Bauernhemd und -blauen, riemenumwundenen Strümpfen, nicht ungeschickt -auf dem ungesattelten Pferd, hielt, sah sich staunend um. -— Theater, dachte Renate, ist doch was Sonderbares! — -<a id="page-83" class="pagenum" title="83"></a> -Das bartlose, ungeschminkte Gesicht erinnerte weitläufig -an Georg, aber die tönende Stimme, mit der er nun sein: -„Wo bin ich? Welch ein Traum umfängt mich denn?“ -hervorsang, enttäuschte Renate. Sie erklärte mit natürlichem -Hochmut: -</p> - -<p> -„Heliodora siehst du, Herzogin von Trassenberg. Und -wie es scheint, sollst du mein Gatte sein!“ -</p> - -<p> -Über ihre eigne Nichtachtung lächelnd, froh, daß eine -Schauspielerin im nächsten Akt Heliodoras Zähmung darzustellen -habe, fuhr sie fort: woher er komme, wer er sei. -— Gregor, der erstaunte Bauer, sprang nun vom Pferde, -es wurde fortgeführt, er sank aufs Knie, flüsterte: „Sakrament, -Sakrament, Fräulein, wie schön sind Sie!“ -und ließ die Jamben des Stadtpoeten rollen: -</p> - -<div class="poem-container"> - <div class="poem"> - <div class="stanza"> - <p class="verse">„Wie leicht ist Fragen, — Antwort, ach, wie schwer!</p> - <p class="verse">Du fragst: Wer bist du? Frage, wer ich war!</p> - <p class="verse">Kaum weiß ich dies; verzaubert bin ich wohl,</p> - <p class="verse">Ein Roß, ein holdes Weib ...“</p> - </div> - </div> -</div> - -<p class="noindent"> -Renate überhörte den folgenden Schwall, nahm beim -Nahen ihres Stichwortes den Mantel von der Achsel, -schleuderte ihn über eine Schulter des Knieenden, indem -sie dachte: Handeln ist besser als Reden! und herrschte -ihn kühl an: -</p> - -<p> -„Ich erkenne — Den Spruch des Schicksals an. Da -ist mein Mantel. — Zeichen der Würde, weiter nichts. -Ich selbst — Bleibe mein eigen, hörst du wohl —“ Sie -endete, plötzlich selbst erregt: „Mein eigen!“ -</p> - -<p> -Das Übrige ging sie nichts mehr an, sie drehte sich um, -sah Ulrika dastehn, trat zu ihr und sagte, den Arm um -ihre Schulter legend, lächelnd: „Das Stück ist aus, — -<a id="page-84" class="pagenum" title="84"></a> -nun wollen wir zu Georges, der Bauer machte Augen -wie ein Dorsch!“ worauf sie, zierlich und hochmütig angelehnt, -wie es die Rolle wollte, mit ihr durch die Gasse -ihres Hofstaats in den Wald hineinging. -</p> - -<p> -„Verstehst du denn die Menschen?“ fragte sie, stehen -bleibend, und drückte die Handflächen lachend gegen die -Wangen. „Du weißt doch, was für einen Kampf es gegeben -hat, bis die Schauspielerin zugab, daß ich ihr diese -paar Worte raubte, weil Georg darauf brannte, mich -den Ritt aufführen zu sehn, — ja, wo ist er denn nur geblieben?“ -</p> - -<p> -Ulrika bückte sich zu einem Grashalm am bemoosten -Wegrand, riß ihn aus und sagte nachdenklich im Weitergehn: -</p> - -<p> -„Ich verstehe sie, ja. Wenn ich gespielt <em>habe</em>, wenn -ich fertig bin und die Leute klatschen, und ich gehe hinaus -und komme wieder, sooft man mich hineinschiebt, — das -ist — Lärm, davon verstehe ich nichts. Aber vorher — — -die Erwartung, und das Gefühl: zu können, Macht zu -haben, und — das Zurechtrücken im Stuhl, und das -Präludieren ... ja, es ist sonderbar und ist doch so: -besser spiele ich wohl nicht, als wenn ich mit dir oder sonst -jemand im Zimmer allein bin, — aber anders spiele ich, -ganz anders, und sie Alle spielen mit ...“ -</p> - -<p> -Renate vergaß, etwas zu antworten, denn sie waren -im Burghof; die beiden Ankleidezelte waren da, aus dem -einen spähte eine Frau mit nackten Armen, eine andre -ging hinein, Saint-Georges war nicht zu sehn. -</p> - -<p> -„Eins,“ hörte sie Ulrika sagen, „du hast es leider nicht -gesehn, das war köstlich. Der Junge, den du geküßt -<a id="page-85" class="pagenum" title="85"></a> -hast, — ich sah ihn nachher unter dem Gedränge stehn, -versteckt, nur den Kopf streckte er nach dir hin, und auf -einmal zog er ihn zurück, sah seine Hand an, und dann -legte er sie auf den Mund, — so —“ Ulrika machte es -vor, den Kopf in den Nacken legend, als schütte sie -Beeren in den Mund. — „Danach nahm er die Hand -wieder fort, schaute hinein, als ob es nun darin wäre, -deckte die Hand drüber, ganz vorsichtig, und schlich sacht -damit fort.“ -</p> - -<p> -Renate begriff noch nicht recht. „Ach, er konnte meinen -Kuß nicht im Mund behalten?“ sagte sie lachend. „Ja, -wie alt war der Junge denn?“ -</p> - -<p> -„Dreizehn,“ versetzte Ulrika, „er sieht viel jünger aus, -weil er so klein ist. Bogner hat ihm die Rolle gegeben, -er ist sein kleiner Schüler, und Bogner sagt, er könnte -jetzt schon mehr als er.“ -</p> - -<p> -„Ja, so ist Bogner“, lachte Renate, den Vorhang -hebend. -</p> - -<h4 class="section"> -Zelt -</h4> - -<p class="first"> -Stühle und Tische im Zelt waren mit den Teilen des -zweiten Kleides bedeckt, die Zofe drängte, Renate ließ sich -entkleiden, setzte sich in Unterrock und Leibchen vor den -Spiegeltisch und sah über sich Ulrikas Gesicht im Glas, -etwas schief, aber auch, wie es schien, sehr ernst, während -ihre Hände das Perlennetz behutsam aus dem Haar -lösten. -</p> - -<p> -„Du siehst so dunkel aus“, sagte Renate in den Spiegel. -Ulrika antwortete nicht. Erst nach einer Weile, als -<a id="page-86" class="pagenum" title="86"></a> -die Zofe sich entfernt von ihnen beschäftigte, sagte sie halblaut: -„<span class="antiqua">Mio marito e ritornato.</span>“ -</p> - -<p> -„So ...“ Ihr Mann war wiedergekommen ... Renate -mochte nicht gern vor einer Dienerin in fremder -Sprache reden und fragte erst nach einer Weile: „Anderthalb -Jahr war er fort?“ -</p> - -<p> -Ulrika antwortete, er sei vor ein paar Tagen gekommen, -sei nun in Wilhelmshaven stationiert, komme aber alsbald -zum Admiralstab nach Berlin ... Weiter ließ sich zur -Zeit wohl nichts sagen. -</p> - -<p> -Nun war auch das Haar zu kämmen und zu bürsten, -die Zöpfe mit Perlen und Goldbändern neu zu flechten, -dann der grade Kronenring auf dem Kopf mit weißem -Flor unter dem Kinn zu befestigen. — Renate stand auf. -</p> - -<p> -Die Zofe kam, auf den Armen den mächtigen Bausch -des dunkelvioletten Kleidrocks. Renate, vor Ulrika stehend, -fragte leise: „Was soll denn nun werden?“ -</p> - -<p> -Sie schüttelte traurig lächelnd den Kopf, faßte in die -Falten des Kleides und zog sie nach unten, während die -Zofe sie oben über Renates Kopf und Schultern auf die -Hüften senkte. Dann fuhr sie in die schilfgrüne, engärmelige -Tunika mit goldenen Säumen und Stickerei; -Ulrika brachte einen Gürtel aus schwarzen und goldenen -Quadraten. -</p> - -<p> -„Den kenne ich ja gar nicht“, sagte Renate verwundert -und betrachtete voll Freude die Bildnerei in den Goldvierecken, -die Tiere der Wendekreise und Figuren aus den -Sternen. „Seine Durchlaucht“, gestand die Zofe lächelnd, -„haben ihn mir heute morgen gegeben.“ Ulrika sagte -nur: „Ha!“ während Renate errötete und sich freute. -<a id="page-87" class="pagenum" title="87"></a> -Das war schön, das war ein schöner Gedanke, sie heute -zu gürten. Sie hakte den Gürtel wortlos über den Lenden -zusammen, sah das freibleibende Ende mit einer großen -goldenen Scheibe daran zwischen den Knien niederfallen, -dann stand die Zofe da mit den schneeweißgefütterten, -goldenen Überärmeln, riesengroßen Tüten, deren Zipfel, -als sie übergezogen waren, bis auf die Füße hinunterhingen. -</p> - -<p> -„Bin ich schön?“ fragte sie, sich vorm Spiegel drehend -und zurücktretend, die händefaltende Ulrika, „ach, es ist -eine Lust heute, schön zu sein! Den Mantel nachher,“ -sagte sie und mußte plötzlich zum Türvorhang eilen, im -Gefühl, jemand stehe draußen. Die Falte hebend, sah sie -wirklich den Gugelmann, streckte freudig die Hand nach -ihm, erfaßte die seine und sagte leise: „Komm herein, -Georges, ich bin so froh, daß du —“ -</p> - -<p> -Die Gugelkappe bewegte sich langsam, verneinend, hin -und her. „Wir befinden uns in einem Irrtum“, sagte -eine nicht völlig unbekannte Stimme; er lüpfte die Kappe -über der Achsel; im Dunkel, dort wo das Gesicht war, -wurde etwas häßliches Rotes sichtbar. -</p> - -<p> -„Josef!“ stieß sie halblaut hervor, erschreckt. Er ließ -die Kappe wieder fallen und nickte. Sie sah jetzt durch -die Schlitze dunkel den Schein seiner Augen, dazu auch -seine Größe, da er Georges doch um einen Kopf überragte. -Sie ließ seine Hand fallen. -</p> - -<p> -„Komm herein“, sagte sie und trat zurück. Er folgte. -</p> - -<p> -Für Minuten verwirrt, nach zwei Seiten gerissen von -wünschenden, hoffenden, begierigen Gedanken, rauschte -Renate in den großen Raum hinein, bemerkte einen Karton, -<a id="page-88" class="pagenum" title="88"></a> -an dem die Jungfer packte, und bat sie, einen Augenblick -ins Freie zu gehn. Rauschte wieder zurück, sah den -schwarzen Josef still an der Tür stehn, drehte sich um, -stand und sagte kurz zu Ulrika hinüber: „Es ist mein -Vetter Josef.“ -</p> - -<p> -Ulrika grüßte freundlich und murmelte etwas. — Renate -vergrub die Unterarme in die Ärmelfalten, dachte -schwirrend deutlicher an den Herzog, an ihren Onkel, -warf den Kopf in den Nacken und sagte: „Ich habe damals -nicht gewollt, daß du meinetwegen zum Vater -gingest. Sagtest du nicht, daß du gehen würdest?“ Die -schwarze Kappenspitze bewegte sich bejahend. „Heute -muß ich wünschen, daß du um meinetwillen gehst, meine -Gedanken verkehren sich, ich weiß nicht mehr, was Recht -und was Unrecht ist.“ -</p> - -<p> -„Wie unverständlich“, hörte sie Josef sagen. „Wenn -du dir von meinem Kommen etwas versprichst für deinen -Onkel, so dürfte es wohl gleich sein, aus welchem Grunde -ich komme.“ -</p> - -<p> -„Ich wußte es längst,“ murmelte Renate unwillig, -„ich fühlte es.“ -</p> - -<p> -„Wir sind es immer,“ hörte sie Josefs kühle Stimme -sagen, „die alle fremde Angelegenheit durch unsre eigenen -entstellen. Immer müßt ihr selber zwischen euch stehn und -den Dingen.“ -</p> - -<p> -„Du sprichst gegen dich selbst, Josef?“ -</p> - -<p> -„Ich sehe, was kommt,“ versetzte er ruhig, „und -außerdem äußere ich eine Meinung, weiter nichts. Wenn -jemand imstande ist, von sich selber abzusehn, so bin ich -derjenige, — du weißt.“ -</p> - -<p> -<a id="page-89" class="pagenum" title="89"></a> -Renate mußte da lächeln, heftete die Augen fest auf -ihn und sagte: „Seit heute morgen bin ich die Verlobte -des Herzogs.“ Ihre Augen glitten zu Ulrika, die überrascht -und heiter den Kopf zurückbewegte. Josef regte -sich nicht; aber es verging eine halbe Minute, bis Renate -etwas vernahm, das halb ein Pfeifen war, halb ein -Seufzer, schwer, und doch wieder — erleichtert. Dann -hörte sie ihn sagen: -</p> - -<p> -„Ich gratuliere. Ziemlicheres ließ sich kaum erdenken. -— Er ist ein Mann,“ setzte er großmütig hinzu, kam zu -Renate, sie ließ ihm die rechte Hand, er ergriff und küßte -sie. Auch Ulrika kam und umarmte sie schweigend und -mit Innigkeit. -</p> - -<p> -„Du kommst also mit mir, Josef? Ich verlasse das -Haus nicht, eh dein Vater dich gesehn hat.“ Er neigte -den Kopf. -</p> - -<p> -„Dann fort!“ rief Renate, „auf dem Festwagen wird -Platz für dich sein.“ Sie lief zur Tür, winkte der Zofe, -die herlaufend rief, Herr Bogner ließe sagen, das Automobil -stünde am andern Ende der Burg. — Sie verließen -das Zelt. -</p> - -<h4 class="section"> -Im Wagen -</h4> - -<p class="first"> -Durch den Burghof, am Fuße der Mauern hin, gelangten -sie zur Fahrstraße; dort, in der Nähe des schwarzen -Wagens, saß auf einem Baumstumpf der rotbeinige -Maler; sein kleiner Schüler lehnte ihm am Knie und zeichnete -auf einem Block. Nun blickten Beide auf, der Junge -sprang zur Seite und errötete tief, vielleicht weil er seine -<a id="page-90" class="pagenum" title="90"></a> -linke Hand mit dem Taschentuch verbunden hatte, und -da Renate ihn sacht herbeiwinkte, kam er trotzig hergeschlendert, -die Hände mit seinem Zeichenblock auf -dem Rücken und mit der Miene eines jungen Hundes: -es paßt mir gerade diesen Weg zu gehn ... Renate -fragte leise, sich zu ihm bückend: „Was hast du mit deiner -Hand gemacht?“ -</p> - -<p> -„Mich gerissen,“ log er finster und flammenrot im -Gesicht. -</p> - -<p> -„Laß mal sehn“, lockte sie, aber er schüttelte nur abweisend -den Kopf. Da ehrte sie seinen männlichen Ernst -und stieg in den Wagen, Ulrika zu sich nehmend. Die -Zofe nahm mit ihrem Pappkarton den Platz neben dem -Fahrer, auch der Junge kletterte zu ihr. Bogner und -Josef standen noch, miteinander sprechend, zusammen, -es schien, sie hatten sich schon begrüßt, — kletterten dann -auf die hochgeklappten Vordersitze nebeneinander, so daß -Renate Bogners Rücken und Hinterkopf vor sich hatte, -Ulrika Josefs Gugelkappe. Sie rollten ab. -</p> - -<p> -„Welch ein schöner, keuscher Junge, Bogner,“ sagte -Renate nach einer Weile, „keusche Männer sind so selten.“ -</p> - -<p> -Bogner, sein Profil herwendend, fragte spät: „Warum -keusch?“ -</p> - -<p> -Renate fand nicht gleich eine Antwort, und Josef, sich -herumsetzend, sagte hurtig: „Keusche Männer sind etwas -Unleidliches. Ich sage nichts gegen deinen Knaben Tobias, -der ja kein Mann ist.“ -</p> - -<p> -„Heißt er Tobias?“ -</p> - -<p> -„Er heißt nicht so, wird aber so genannt, weil er ein -Hündlein hat und einen Engel in Bogner.“ -</p> - -<p> -<a id="page-91" class="pagenum" title="91"></a> -„Und keusch ist wie Tobias,“ lachte Renate, von dem -Gleichnis erfreut, „oder betete Tobias nicht drei Nächte -mit seinem Weibe Sarah, ehe er sie nahm?“ -</p> - -<p> -„Sarah, siehst du,“ erwiderte Josef, „war keusch; sieben -Männer mußten Todes sterben und durften nicht an sie -heran, dann kam der rechte, und ‚Azaria, mein Bruder‘ -trieb den Teufel der Unkeuschheit aus.“ -</p> - -<p> -„Was ist denn unkeusch, Josef, bitte, ich habe dich so -lange nicht plätschern gehört!“ -</p> - -<p> -„Vielleicht stehts im Tobias, Renate, du wirsts -wissen.“ -</p> - -<p> -Renate, alle väterliche Bibelkenntnis zusammenraffend, -suchte und fand: „Höre zu, ich will dir sagen, über welche -der Teufel Gewalt hat. Nämlich über diejenigen, welche -Gott verachten und allein um der Unzucht willen Weiber -nehmen, wie das dumme Vieh.“ -</p> - -<p> -„Oh, verblüffend!“ staunte Josef, „wie das dumme -Vieh!“ und Renate erkannte mit heller Freude trotz der -Maske seine Lieblingsbewegung, da er über dem schwarzen -Zeug mit der flachen Hand nach unten strich, und sie -sah sein Gesicht darunter, ganz und heil wie je, hochgezogne -Brauen, hängende Mundwinkel und trüb -lächelnde Augen, während sie, Hoffnung und Zuversicht -im Herzen, eifrig und skandierend fortfuhr: -</p> - -<p> -„Wenn aber die dritte Nacht vorüber ist, Josef, so -sollst du dich zur Jungfrau zutun mit Gottesfurcht, -Bogner, mehr aus Begierde der Frucht, denn aus böser -Lust, Josef, daß du und deine Kinder den Segen erlangen, -der dem Samen Abrahams zugesagt ist, Bogner, — ach -Gott, jeden und jeden Sonntag nachmittag habe ich Papa -<a id="page-92" class="pagenum" title="92"></a> -das predigen hören in seinem Zimmer, und dann kamen -sie mit gesenkten Ohren heraus wie die Pudel, aber Papas -Traugelder erhöhten sich in keinem Jahr, in keinem, und -als ich geboren wurde, da sollen die Ammen das Haus -gestürmt haben, Ulrika!“ -</p> - -<p> -Ulrika sah geistesabwesend auf und lachte gezwungen. -— <span class="antiqua">Mio marito</span> ... klang es Renate im Ohr, sie konnte -aber ihr Lachen nicht gleich zerdrücken, sah sich vielmehr -genötigt, es zu erneuern, da sie Josef sagen hörte: -„Caramba, Kusine, was bist du doch unkeusch!“ -</p> - -<p> -„Rede weiter, Josef“, befahl sie, ihn anblitzend. -</p> - -<p> -„Jedermann,“ sagte Josef, „der handelt, ist gut, also -Mönche, Asketen, Einsiedler. Eine Frau kann keusch sein, -nicht bloß so in der eben beliebten Art: die keusche Dirne, -— denn wer, Bogner, hätte sich nicht eine letzte Zelle im -Gemüt reinlich erhalten? — sondern durchaus bis zu -einem schönen Grade von Prüderie, nämlich: in ihrer -Haltung, in ihrer Geste, in dem, was sie angreift, tut und -läßt, nicht in den Büchern, die sie liest, sondern in der -Art, wie sie darin liest. Was aber Keuschheit beim Weibe -ist, das ist Selbstzucht beim Mann. Unterhält es Sie, -Frau Tregiorni? Vielleicht wundert es Sie, daß ich mein -Gesicht verhülle? Glauben Sie mir, es würde Ihnen -keine Freude machen, es zu sehn. In einem Lande —“ -</p> - -<p> -Ja, wie er nun plätschert, dachte Renate und glaubte -fast schon zu sehn, wie das weiche, leichte Geriesel die -Starre seines Vaters auflöste. -</p> - -<p> -„In einem Lande, wo die Gesichter weniger kostbar -sind als Spiegelglas, hielt jemand es für eine Fensterscheibe, -so ging es in Scherben. Erinnerst du dich übrigens -<a id="page-93" class="pagenum" title="93"></a> -an Dorian Grays Bildnis, Renate? Sein Gesicht blieb -das gleiche an die dreißig Jahr, derweil seine Seele sich -schandbar verwandelte. Nun sehen Sie, Frau Tregiorni, -mit mir verhält es sich genau umgekehrt, obgleich ich dir -damals weissagte, ich würde an Antlitz und Seele gleicherweis -—“ -</p> - -<p> -„Du schweifst ab, Vetter!“ unterbrach ihn Renate. -Sie fühlte wieder die alte, stolze Dankbarkeit für die -Leichte, mit der er all und jedes, nicht zum wenigsten sich -selber, aufnahm und zur Schau trug, Haltung und Gebärden -wie eines Tierbändigers, der einen funkelnden -Jaguar auf der Achsel um die Arena trägt. -</p> - -<p> -„Keuschheit“, erklärte Josef, „hat mit der Selbstzucht -wie mit allen übrigen Tugenden das gemein, daß sie allesamt -aufhören, Tugenden zu sein, sobald sie von sich -wissen. Ach, zum Schriftsteller bald wird der einst so -poetische Jüngling! Wird der Knabe zum Mann, wird -er wissend, wird er klug. Eine Frau braucht nicht zu -wissen —“ Ulrikas Züge spannten sich aufhorchend —, -„sie verfügt über die verblüffende Gabe der Willkür, diese -Gabe — — es giebt ein Augenleiden, das besteht in sogenannten -Ausfällen im Gesichtsfeld, das heißt in einer -Lückenblindheit für eben die Stelle, die das Auge fassen -will — und solche Ausfälle hat sie dann in ihrem seelischen -Gesichtsfeld. Der Schmutz ist da, hell in der Sonne, -aber sie sieht ihn nicht, sie sieht ihn wahrhaftig nicht, sie -übersieht, was ihr mißfällt, überdenkt oder überfühlt, -was ihr Empfinden verletzen müßte. Es ist nicht keusch, -von Mutterschaft, Zeugung oder Liebeskrankheit nichts -zu wissen, sondern es ist keusch, dergleichen auf keusche -<a id="page-94" class="pagenum" title="94"></a> -Weise zu wissen, ebenso wie es nämlich nicht genial ist, -anders zu sein, zu handeln als die Andern, sondern: was -jeder sein könnte, auf geniale Weise zu sein, das ist genial, -— glauben Sie mir, Bogner, wenn Sie ein Genie genannt -zu werden verdienen, so geschieht das aus keinem -andern Grunde, als weil Sie eins sind,“ Nun spricht er -genau wie Georges, dachte Renate wehmütig, wo bleibt -er nur den ganzen Tag? — -</p> - -<p> -Josef hatte Atem geschöpft und spielte leicht und rauschend -weiter: -</p> - -<p> -„Nicht anders verhält es sich mit der Selbstzucht. Die -Frau kann Gefahren vermeiden. Da sie nicht zu lernen -braucht, sondern alles eingeboren auf die Welt bringt wie -ein Tier, so weiß sie, gesetzt sie ist grade beschaffen, in jedem -Notfall das Richtige und Heilsame zu treffen; sie tut -es blindlings, sie verjagt als Henne blind den Sperber, sie -gebiert blindlings ein Kind ums andre und kennt keine -Furcht und keinen Schmerz, weil eins not ist! Der Mann -muß all und jedes ganz von vorne lernen, und er kennt -keinen Lehrmeister als die eigne Erfahrung. Darum sucht -er die Gefahr, bildet sich an der Gefahr, nährt sich mit ihr. -Er will wissen, er soll wissen, er hat sich nirgend zu verschließen, -denn er soll zeugen. Wer zeugen soll, muß wählen, -wer wählen soll, muß forschen, erkennen, wissen. Die -Frau kann sich rein halten, der Mann kann das nicht, -aber er kann sich reinigen. Die stärksten Seelen gehn am -längsten fehl, las ich bei einem Dichter. Es kommt nicht -darauf an, sich nicht zu verlieren; sich immer wieder zu -gewinnen, darauf kommt es an. Und darauf freilich, gute -Renate, daß es ein Gewinn wirklich sei, nämlich ein Mehr, -<a id="page-95" class="pagenum" title="95"></a> -nicht bloß ein Ebensoviel. Ich zum Beispiel verlor ein -halbes Gesicht und verdoppelte die Spannkraft meiner -Seele. Aber auch die verbliebene Hälfte meines Hauptes, -sei überzeugt, werde ich nicht verloren geben, und hier -endet unser Gespräch.“ Der Wagen hielt. -</p> - -<h4 class="section"> -Festzug -</h4> - -<p class="first"> -Renate, an Bogners Hand nach rechts aus dem Wagen -auf die leere und sonnige Landstraße kletternd — sie seien -dicht vor der Stadt, erklärte Bogner —, fand sich nahe -gegenüber einer haushoch scheinenden goldenen Wand, -die fast die Breite der Straße ausfüllte und über und über -mit einer leuchtenden Malerei von altertümlichen Figuren -bedeckt war. Indem kam um die Ecke, staunend nach oben -verdrehten Kopfes, der eine himbeerfarbene Kugel war, -der Erzbischof, unterm Arm die gespaltene Mitra, ein -golden und weißes Faß auf Füßen, warf gegen Renate -einen verwirrten Blick, fuhr sich mit dem Taschentuch -über den blanken Schädel und fuhr fort, zu schauen und -zu staunen. Die Wand war in hohe und schmale gotische -Flachnischen geteilt, drei oben und sechs darunter; die Umrahmungen -waren von Gold, golden auch der Grund des -Inneren, das die gemalten Figuren füllten. Bogner hinter -ihr sagte, es sei die Rückwand des Festwagens. Die -Gestalten — Heilige schienen es in reichen Trachten — -waren so schön gemalt, daß sie nach dem Künstler fragte. -Statt Bogners antwortete nun Josefs Stimme hinter ihr, -Bogner habe sie entworfen, und Tobias und sein Hündlein -hätten sie gemalt. Ja, da stand Tobias, blaß und -<a id="page-96" class="pagenum" title="96"></a> -mit ängstlich gerunzelten Brauen. Renate nahm ihn beim -Kopf, lobte ihn sehr und sagte, nun müßte er ihr die Bilder -auch erklären. -</p> - -<p> -Es wären die neun Monate, fing der Junge an. -</p> - -<p> -„Neun, Tobias, seit wann haben wir neun?“ -</p> - -<p> -Tobias sah verlegen zu Josef auf. „Weil es“, hörte -Renate seine Stimme hinter der Maske, „nur neun giebt, -mein Knabe. Ihr könnt das erstens daran erkennen, daß -der Mensch sich neun Monate im Mutterleib aufhält -und nicht zwölf, seine Natur müßte sich also an eine ganz -neue Rechnung gewöhnen. Ihr wißt aber, daß es die -Eigenschaft der Natur ist, sich an nichts und niemals zu -gewöhnen. Du kannst aber auch anders rechnen, mein -Junge, indem du dir sagst, daß von unsern zwölf Monaten -drei keine Gezeiten sind, sondern nur Zeit, nämlich -Dezember, Januar und Februar, wo die Erde schläft -oder sich erholt. Im ersten Falle müßtest du jedem unsrer -Monate vier Drittel seiner jetzigen Tageszahl zuteilen, -und wenn du dann das Ganze durch Drei teilest, so -bekämest du drei schöne Jahresstücke, die ungefähr unserm -März bis Juni, Juli bis Oktober und November -bis Februar entsprechen würden, mit Werdezeit, Reifezeit -und Sterbezeit. Deinen Lehrer Bogner aber siehst du hier -das Jahr mit dem Frühling, mit dem März beginnen, -einem schönen Sankt Sebastian, dessen Stricke gesprengt -zu seinen Füßen liegen, der ins Goldgewölk lächelt, und -dessen Leib und Marterstamm über und über gespickt sind -mit farbigen Krokus, Schlüsselblumen, Hyazinthen und -Narzissen, in die sich die Pfeile oder Hagelgeschosse -des Winters verwandelt haben, — aber, Renate, es -<a id="page-97" class="pagenum" title="97"></a> -wird Zeit, wenn du den ganzen Wagen noch beschauen -willst ...“ -</p> - -<p> -„Nein, diesen noch,“ bat Renate entzückt, „das scheint -Sankt Christofer —“ sie zählte ab, „— Oktober, warum -Oktober?“ -</p> - -<p> -„Siehst du nicht,“ sagte Josef, „daß es nicht Sankt -Christofer ist, sondern der griechische Gott Herakles mit -seiner Keule, der den kleinen Dionysos-Christus auf der -Schulter trägt, Weinlaub im Haar, und daß es die große, -blaue Traube in seiner Kinderhand ist, die dem Alten so -viel Beschwerde macht? Du kannst es dann bei Hölderlin -nachlesen.“ -</p> - -<p> -„Was doch dieser Maler alles weiß!“ lächelte Renate -verwundert und bemerkte, sich umdrehend, ihre Zofe, welche -die goldene Wand ihres Mantelfutters entfaltete. Sie ließ -sich den dunkelblauen Mantel auf die Achseln legen und -wollte den hohen, nach außen gebogenen Kragen der -Wärme wegen offen lassen, aber nun bat Josef: „Einen -Augenblick!“ hakte den Kragen zu, raffte die dunkelblauen -Falten unten, belud ihr den linken Arm damit, spreizte -auch leicht die Finger der Hand unter dem Bausch, trat -zurück und sagte: „Erstaunlich! Wem gleichst du nun auf -ein Haar?“ -</p> - -<p> -Renate, an sich herunterblickend, meinte: „Der Naumburger -Uta? Seh ich so hold und kindlich aus?“ -</p> - -<p> -„Oh, sie hat ja auch keine Zöpfe,“ sagte er, „aber die Hand -mit dem Bausch und dem Faltensturz und die blaue Farbe, -das ist kostbarer als der alte graue Stein. Komm weiter!“ -</p> - -<p> -Er zog Renate um die Wagenecke, aber sie prallte heftig -zurück, denn dort hinten, vor den riesigen Wagen geschirrt, -<a id="page-98" class="pagenum" title="98"></a> -standen zwei Elefanten, nein vier, nein sechs! zu -zweien hintereinander, Ungetüme von hellgrauer Farbe, -seltsam von einem rötlichen Hauch bedeckt, und von Josef -hingezogen, sah Renate, daß es die künstlichsten Ornamente, -Ranken, Blumen und Tiere waren, mit feinem, -rotem Pinsel aufgetragen. -</p> - -<p> -„Dein Ritter Georg hat es so gewollt,“ äußerte Josef, -„man macht es so in Indien, aber ohne meinen Chinesen -hätte er es nicht bekommen.“ -</p> - -<p> -„Chinesen? Ach, der auch deine Maske —“ -</p> - -<p> -„So hast du sie gesehn? Sie taugt nicht viel, außer -bei Dämmrung,“ meinte Josef, „aber der Brave liebt mich -sehr und brachte sie eines Tages an.“ -</p> - -<p> -Renate fuhr in diesem Augenblick, langsam weiter -schreitend, von einem Anblick zusammen, dessen Art und -Gewalt sie fürs erste gar nicht begriff. Wo war sie denn? -Ein schneeweißes Tier hielt ein langes weißes Horn auf -sie gerichtet ... Auf der leeren Straße, einsam in einem -weiten Kreise von seltsam bunten Menschen, stand, die -Vorderhufe zierlich eingestemmt, milchweiß — das Einhorn. -Das Legendentier, das heilige, — am Nacken breit -fiel das gewellte Tuch der weißen Mähne nieder, vor der -Stirne, gerade auf Renate gerichtet, stand — wunderbar -— die lange Düte des großgewundenen weißen Horns. -</p> - -<p> -Schauder von Furcht, Schauder von Süße durchwirbelten -Renate; sie faltete die Hände, ihr ward glühend -heiß und jetzt auf eine unerklärliche Weise furchtsam, immer -furchtsamer zumut, bis es sie kalt durchlief und sie -sich ermannte. Da stand Josefs schwarze Gestalt mit unsichtbarem -Kopf neben ihr, unheimlich genug, aber, kaum -<a id="page-99" class="pagenum" title="99"></a> -wissend, was sie tat, trat sie dicht vor ihn hin, drängte -sich an seine Brust und sagte angstvoll zu den Augenschlitzen -hinauf: -</p> - -<p> -„Was will das Tier, Josef? Oh, Josef, das schreckliche, -heilige Tier!“ Seltsam fern hörte sie Josefs Stimme: -</p> - -<p> -„Erkennst du denn deinen Schimmel nicht wieder, Renate? -Das Horn ist Papiermasse und mit einer kleinen, -silbernen Platte befestigt, siehst du?“ -</p> - -<p> -Sie lächelte nun, denn er sprach ihr zu wie einem Kinde. -Nachdenklich stützte sie das Kinn in die linke Hand, den -Ellbogen in die Rechte setzend, und betrachtete das Wunder, -wie es den Kopf senkte und aufwarf und das weiße -Horn stieg und fiel. Die Stute war so viel kleiner geworden -und sah zugleich mutwillig, fromm, klug und ganz -und gar fabelhaft aus. -</p> - -<p> -„Welch gutes Herz du doch hast, Renate,“ hörte sie -Josef sagen, „aber das kommt davon, wenn man nie ins -Theater gehn will, dann nimmt man alles für Natur.“ -</p> - -<p> -Sie lächelte zerstreut. Dazu die Trachten ringsum, -tiefes Mittelalter ... Ein wenig entfremdet wurden für -Renate all diese Edelleute, Frauen in Mänteln und engärmeligen -Tuniken, diese Mohren in reichen Gewändern, -Sarazenen, durch ihre Buntheit, da sie eben noch das -graue Mittelalter der steinernen Uta vor sich gesehn, -aber nun wurden es schon die alten Evangelienbilder -Stefan Lochners und der namenlosen Meister von Cöln -und Niederland, und schließlich erschien langsam die -neue Zeit in den von der Tracht veränderten Zügen -der Gegenwart, zudem in einem Schwarm von Negerknaben -in dunkelblauen Hemden mit kleinen goldenen Kardinalskäppchen -<a id="page-100" class="pagenum" title="100"></a> -auf dem Kopf, die, sich balgend, über das -Feld zur Seite dahinstoben. Ah, die gehörten wohl auf -den Rücken der Elefanten, wo auf kleinen grünen Schabracken -dunkelblaue Enziankelche, wie Kessel groß, befestigt -waren. Nun sah sie auch die Straße hinab das wogende -Getümmel, hochgetürmte Wagen hintereinander, seltsame, -riesige Puppen, Tiere, Berittene in Kettenhemden und -ringsum den Hain der Masten, Fahnen, Wimpel und Banner -in allen Farben, vor allem den heiteren Blau, Weiß -und Grün, und dieser Strom war am Straßeneingang -links und rechts flankiert von den fensterlosen Ziegelwänden -zweier Neubauten wie von den Wänden eines Steinbruchs. -Die Häuserfronten an der Straße waren kaum -sichtbar vor hangenden Fahnentüchern, Teppichen und -den Gesichtern und Oberkörpern in allen Fenstern. Gläsern -wie über Korn oder Haide flackerte darüber die Sonnenluft -in den heißen, blauen Himmel. -</p> - -<p> -Josef mahnte, den Wagen zu besteigen. Sie wandte -sich, — sieh, da stand auf der untersten breiten Plattform, -— mit buntem Steinmosaik belegt, zwei Schuh hoch über -dem Pflaster, — der riesige Erzbischof mit dem Krummstab -auf einem flachen Podium, eine weiß und goldene -Glocke, die gespaltene Mitra noch in der Hand. Ritterlich -bot der dicke Mann — in Wahrheit der Postdirektor, -sie kannte ihn vom Sehen — ihr die Hand, sie stieg die -Stufen zur Plattform empor und stand vor einer Terrasse -in fünf Streifen, breit von der obern Plattform droben -herunterströmende Gefälle von mannshohen Lilien, drei, -an den Seiten und in der Mitte; dazwischen die schmaleren, -goldenen Streifen waren sechs oder sieben fußhohe -<a id="page-101" class="pagenum" title="101"></a> -Stufen mit goldenen Geländern. Darauf kämen viele -holde Jungfrauen zu stehn, erklärte Bogner, der plötzlich -wieder da war und ihr nach oben verhalf. Im Hinaufsteigen -sah sie die obere Plattform; zwei schwarze, überlebensgroße -Reiher standen da links und rechts, die scharfen -langen Schnäbel senkrecht eingestellt, und in der Mitte -ein goldner Sessel ohne Rückenlehne vor einer ganz goldnen -Wand von drei grünspangrünen gotischen Bögen, -die blendend glitzerte, mit gehämmertem Goldblech belegt. -Ja, dieser Georg! Wo war er nur geblieben? — Er hatte -scheinbar Wert darauf gelegt, daß alles an diesem Wagen -echt sein sollte. Ganz verwirrt ließ sie sich zwischen den -Reihern nieder, aber nur um jählings zusammenzuschrecken -von dem unverhofft schwindelnden Niedersturz -ihres Blickes aus dieser Höhe. Sie mußte sich halten und -sammeln, die Lilienkatarakte wimmelten schon von bunten -Mädchen, Kränze im Haar und lange Lilienstengel in den -Händen, unten der Erzbischof war klein geworden, klein -sogar die Elefanten, und klein wie ein Zwergtier stand -vor ihnen die Stute in der Tiefe, jetzt von Renate abgekehrt, -an langen, dünnen Goldketten den Rüsselungetümen -vorgespannt. Aber kühn geworden jetzt, wie eine Seeschwalbe -schweifte ihr Blick über den wogenden Strom -der Straße, wegschnellend über Bannerwälder in die Täler -der brodelnden Menge des Zuges und der Zuschauer -tief hinunter, zu kleinen Gesichtern, Händen, Schwertern -und Blumen, hundert durchschatteten, flimmernden, beweglichen, -hundertfach wechselnden und sich verändernden -Farben, und jählings durch ein riesenhaft erschreckendes, -in die Flucht schlagendes Wanken, Schwanken, Wogen -<a id="page-102" class="pagenum" title="102"></a> -und Gebausche von Fahnen über Fahnen hoch hinauf in -den Himmel rechts, anprallend, zurück und um taumelnd -vor einer gigantischen, still im Azur hangenden, smaragdgrünen -Raupe, von deren Bauchseite lange blauweiße -Fahnentücher in sachter Faltenbewegung nach unten hingen, -zum Lachen schön und gelassen und deutlich mit jeder -Schattenregung auf einem der Farbenstreifen, — und -schon — weit in die Ferne davongeschossen, kreiste ihr -Blick um eine andre, in der Entfernung kleinere Raupe, -schneeweiß blitzend, unterwärts behangen mit langen Purpurtüchern, -und schließlich verging ihr das Schauen an -einer flimmernden goldenen Riesenkugel hoch über dem -Dächermeer der Stadt. -</p> - -<p> -Gottseidank, da lächelte und nickte Ulrikas Gesicht aus -dem Schwarm der Frauen herauf. Und sieh da, zu ihren -Füßen kniete ja Bogner, mit den violetten Falten ihres -Kleiderrocks beschäftigt, die er — ganz mit den Bewegungen -eines gefälligen Ladeninhabers — um ihre Füße die -Stufen hinunter in gebrochene Wellen fallen ließ. Blutrotbeinig -und schwarzbewamst — Bogner war doch sehr -vertraueneinflößend, und obendrein wand sich auch jetzt -mit vieler Mühe ein schwarz Geharnischter durch die kreischenden -und sich windenden Mädchen, unter dessen Topfhelm -das graue und heiße Gesicht des Erasmus sichtbar -wurde, ungemein passend zu diesem Rahmen von Helm -und stahlmaschigem Halskragen, der fest das Kinn umschloß. -Nun war er oben, lachte vergnügt, indem er Renate -die Hand hinstreckte, und setzte sich alsbald zu ihren -Füßen links auf die oberste, frei gebliebene Stufe. — Bogner -ordnete noch ihre blauen Mantelfalten, daß der Goldstoff -<a id="page-103" class="pagenum" title="103"></a> -seines Futters und ihrer Überärmel sichtbar wurde, -turnte dann durch die Frauen nach unten und setzte sich -auf den Wagenrand unterhalb des Erzbischofs neben sein -Henkerbeil, das auf dem roten Mantel lag, so daß seine -Beine herunter hingen. Im selben Augenblick fühlte auch -Renate schon, daß sie sich bewegte. Die Elefantenbeine -in der Tiefe schritten; eifrig, vornübergebogen mit stählernen -Schenkeln zog das weiße Pferd an, und unaufhörlich -im Auf und Nieder zeigte sich und verschwand das lange -Horn. -</p> - -<p> -Sanft, kaum schaukelnd auf weichen Rädern fühlte -Renate sich hinbewegt in der Höhe des ersten Stockwerks -an den Häusern vorüber. Sie freute sich, alle Furcht war -verflogen, sie lächelte heiter und gelassen, als nun wieder -der Jubel, unten überm Pflaster und die langen Reihen -der Fenster und Balkone hinunter, aufbrach bei ihrem -Nahen, immer neue, weiter wallende, voraufeilende Bewegung, -geschwungene Hüte und Tücher, winkende Hände, -hundert und tausend eifrige Arme, hundert und tausend -staunende, bei ihrem Anblick sich einander zudrehende und -zurufende Gesichter, Augen und schallende Münder, so -viele immerhin, daß die Häßlichkeit nicht eines einzigen -sich gewahren ließ, wenn es sie gab. Zu ihren Füßen -Ritter, Bischof und Henker, die Träger ihrer Macht, gezogen -von Fabel- und Legendengetier, — es war eine sonderbare -Wanderschaft durch die Stadt. Sie hatte nie -dergleichen geträumt, aber wie töricht war es auch, zu erschrecken! -sie mit Heiterkeit und Gelassenheit zu ertragen, -war das einzig Mögliche, das Nötige mit Anmut zu leisten. -Wie war sie nur dahineingeraten? — Sie konnte -<a id="page-104" class="pagenum" title="104"></a> -sich im Augenblick nicht besinnen, jedoch wurde nach einer -Zeit das Gesicht des Herzogs hinter diesen transparenten -bunten Wänden sichtbar, sie nickte ihm zu und sagte: -Guter Woldemar, so komme ich nun zu dir, was sagst -du denn dazu? — Ein großer Mummenschanz, Renate, -hörte sie ihn gutmütig murren. -</p> - -<p> -Jesus, wie schwefelgelb war diese Riesenfahne, zehn -Meter lang gewiß, die der Kerl da auf dem Schornstein -schwenkte. Da bog der Wagen um die Ecke, langsam, -langsam in eine breitere Straße hinein, die nun unabsehbar -vor ihr dahinrollte, ein tosender Strom, kochend von -Sommerhitze und Geschrei, brodelnd, überschäumend in -Blumengirlanden, Teppichen, Teppichen, Fahnen, Fahnen, -Fahnen, schlagenden, Schatten groß niederwerfenden, -brandend aufwärts, klatschend und spritzend die steilen -Ufer empor, über Gesichter und Gelächter in die Fenster, -in die Zimmer hinein und wieder hinausgeschüttet mit -vollen Händen: es regnete Blumen. Renate fühlte ihren -Aufschlag auf Kopf und Schultern und Schoß, um sie -her bedeckte der Boden der Plattform sich mit kleinen -Sträußen, einzelnen Rosen, Reseden und Kornblumen, -ununterbrochen kreuzten sich in der Luft vor ihr von beiden -Seiten die Sturzbögen des bunten Regens, die Mädchen -schleuderten sie wieder nach den Seiten empor und -nach unten, Erasmus — da hatte er den ganzen Helm -voll gesammelt im Arm und schien begeistert und schleuderte -Blumensträuße, wohin sichs schleudern ließ, mit ungeheurem -Eifer. Unübersehbar vor ihr wankte die Wagenreihe, -ohrbetäubend scholl das Gebrause, Toben und -Gelächter, in Lüften tauchten auf und schwebten vorüber -<a id="page-105" class="pagenum" title="105"></a> -andre Ungetüme, Lindwurme mit beweglichem, feuerzüngigem -Rachen und schlagenden, gezahnten Schweifen, -aus der Gondel eines drohend und gewaltig daherlenkenden -schneeweißen Luftschiffes regneten blitzende Schauer -grünweißer Fähnlein, ein feuerfarbener Flieger, ein zitronengelber -mit blauen Ringen, ein flammendblauer, schlugen -herzbeklemmende Kreise, schleuderten sich in schwingenden -Bögen durcheinander und hoch davon, wieder rollte -zu Renates Füßen der Strom, der tausendstimmige, und -wieder, in seiner Einsamkeit immer wieder fremd und ganz -Legende, erschien das weiße, gehörnte Tier, ein kleiner -Knabe in himmelblauem Kaftan ging daneben mit einem -Mandelzweig, jetzt sah sie es erst, aber sonst schien alles -sich fern zu halten, immer schritt es in freiem Raum, immer -voll Eifer in seiner Arbeit, als schleppe es die sechs -rüsselschwingenden Riesentiere auch, die ihm großmütig -nachschritten. Da warf jemand von einem Eckbalkon -einen ganzen Schwarm weißer Tauben in die Luft, daß -es überall von geschwungenen Flügeln blitzte; eine, zwei, -dreie strichen, laut flatternd, dicht über und vor Renate -dahin; sie hielten Blumen in den roten Krallen. Ach, -da unten saß ja dieser geduldige Bogner auf dem Wagenrand! -Was tat Bogner? Er hielt eine Banane in der -linken Hand, zog mit der rechten das Fell sorgsam in -Streifen nach unten und biß hinein mit Behagen, während -er schon mit der freigewordnen Hand nach einer neuen -griff, denn ein ganzer Haufen davon lag in den auseinandergeschlagenen -Falten seines roten Mantels. -</p> - -<p> -Welch süßer Wohlgeruch aber, welcher feuchte Regen -von Frische umstäubte mit einem Mal ihr erhitztes Gesicht? -<a id="page-106" class="pagenum" title="106"></a> -Ah, diese Reiher! Da stießen sie in Pausen haardünne -Silberstrahlen aus den Pfeilschnäbeln in die Lüfte, -wo sie zerstäubend Kühle und Erquickung nach unten regneten. -Dieser Georg hatte an alles gedacht. Aber wo -war er denn? Diese Fahrt mit ihr zu machen, war doch -sein ganzes Trachten gewesen ... Herr des Lebens, und -nun tat sich der Boden vor ihren Füßen auf, eine Klappe -schlug hoch, und herauf stiegen schwarze Gugelkappe, -schwarze Schultern und Arme, die Josef, Renate den -Rücken wendend, zu beschwörender Gebärde über die Tiefe -ausbreitete. Wie der Teufel aus dem Kasten, dachte Renate, -lachend und entrüstet mehr als erschreckt, raffte ihr -Kleid und stieß ihm die Fußspitze zwischen die Schultern. -Seinen Namen zu rufen, verhinderte sie sich rechtzeitig, -gewahrte freilich mit einem Seitenblick, daß Erasmus -weiter unterhalb so in seinen Blumenschleuderkampf verwickelt -und vertieft war, daß er von dem Auftauchen seines -Bruders nichts merkte. -</p> - -<p> -Ob das auch zum Programm gehöre, fragte Renate -leise, sich vorbeugend, da Josef sich langsam zu ihr umdrehte. -</p> - -<p> -„Nicht eigentlich,“ hörte sie ihn raunen durch das Getose, -„ich sitze unten bei dem Mechaniker und der Musik -und wollte mich nur überzeugen, ob die Reiher ordentlich -arbeiteten.“ -</p> - -<p> -„Musik?“ fragte Renate erstaunt. -</p> - -<p> -„Ja, hast du sie nicht gehört? Gieb acht, sie fangen -gleich wieder an!“ -</p> - -<p> -Die ganze Luft war zum Bersten und Reißen gefüllt -mit Musik, Fanfaren, Märschen, Glocken und dem menschlichen -<a id="page-107" class="pagenum" title="107"></a> -Gelärme dazu, aber jetzt plötzlich prasselte, rasselte -und stampfte aus der geöffneten Klappe ein seltsam barbarisches -Getöse von gestopften Hörnern, Fagotten, Becken -und Schellen. Vor Josefs Gesicht bewegte sich das -schwarze Zeug, aber Renate konnte nichts mehr verstehn. -Die Gugelkappe nickte und tauchte langsam in die Tiefe, -die Klappe fiel, gedämpfter scholl die Janitscharenmusik -und verging im übrigen Brausen. -</p> - -<p> -Jetzt, da sie erst des Getöses bewußt geworden war, -ermüdete Renate schnell. Ihre Ohren weigerten sich, ihre -Augen ebenso. Neue Taubenschwärme, neue Luftungeheuer, -rosige und schwarze Fische mit ungeheuren, schleierartigen -Schwänzen und Flossen, neue Riesenraupen, -Paradiesvögel, Böllerschüsse, Kanonenschläge, Glocken, -Schreie vernichteten allmählich alle Empfindungen, sie -saß kalt und matt, aufatmend, da am Ende der verengten -Gasse der Marktplatz sichtbar wurde und die blumenbunte -gotische Front des Rathauses; bald hielt ihr Wagen vor -der Treppe, allein; der übrige Zug war abgeschwenkt, -um von andrer Seite her vorbeizuziehn. -</p> - -<p> -Irgendwie nach unten gelangt, fühlte Renate mit -schwachen Beinen das Pflaster unter den Füßen, als sei -sie von einer Seefahrt gelandet, jetzt schwankend auf festem -Boden. Irgend jemand half ihr die Seitentreppe zur -Empore hinauf, sie fand sich in einem Saal, sie saß in -einem Sofa, vor ihren Augen kreiste es und zuckte, ein -Glas berührte ihre Lippen, sie sah aufblickend Ulrikas gute, -besorgte Züge, trank und schmeckte kühle Limonade von -Zitrone. Vor ihr stand der gute Erzbischof, ein Weinglas -in der Hand und zu Tode erschöpft, auch den Spielleiter -<a id="page-108" class="pagenum" title="108"></a> -sah sie und sagte ihm ein paar Worte, da er nach ihrem -Befinden zu fragen schien. Sie hatte sich nun wieder und -war bereit, den Vorbeizug abzunehmen, aber nun fehlte -die königliche Hoheit. Der Darsteller des bäurischen Herzogs -erschien in großem Krönungsornat, bereit für Georg -einzutreten, wenn er ausblieb. Sie warteten. -</p> - -<div class="chapter"> - -<h3 class="chapter" id="subchap-0-1-4"> -<a id="page-109" class="pagenum" title="109"></a> -Viertes Kapitel -</h3> - -</div> - -<h4 class="section"> -Getümmel -</h4> - -<p class="first"> -Georg, in einer sonderbaren Dunkelheit, bestieg Unkas, -der ungewöhnlich hoch und breit war, nämlich ein Elefant, -ein brauner Elefant ohne sichtbaren Kopf für Georg von -oben, und er wunderte sich flüchtig, daß er diesen gewaltigen -Rücken mit den Schenkeln umspannen konnte, jedoch -ging es bequem. Dann war es ein angenehmer -Kitzel für ihn, zu spüren, wie folgsam und sicher das Ungetüm -unter seinem leichten Schenkeldruck ging und Wendungen -machte — denn er hatte keine Zügel — immer -schön in ruhigem Trabe auf dem braunen Hufschlag an -der Wand der dunklen Reitbahn herum, in der übrigens -noch Andre, Undeutliche sich bewegten, Tiere und Menschen, -und in der Mitte stand sein Vater im Frack mit -vielen Orden auf der Brust und um den Hals, und es -lächerte Georg, daß sein Vater auch die rote, weiß gewässerte -Schärpe des Beuglenburgschen Hausordens umgelegt -hatte, bloß weil sein Sohn ihn bekam. Nachgerade -aber fing Georg an sich zu ärgern, daß sein Vater -in einem fort mit Magda schäkerte, die ein langes, hellblaues -Schleppkleid und Blumen im Haar trug, auch -entzückend anzusehn war, — anstatt seine Reitkünste zu -beachten, zumal der Elefant jetzt im Traben sich immer -schräger nach der Mitte der Bahn neigte und wieder aufrichtete, -ganz wie ein Segelboot, und nun merkte Georg -auch, daß der Koloß nicht lief, sondern schwamm, seine -Beine waren nicht mehr zu sehn in einem braunen Wasser, -<a id="page-110" class="pagenum" title="110"></a> -das an den Wänden der Bahn plätscherte und angenehmerweise -Georgs hineinhängende Füße nicht naß -machte, und nun schwammen sie durch die Tür in ein -Zimmer, wo die Möbel vergnüglich umhertaumelten, -Sessel, ein Sofa und ein Klavier, auf dem Benno saß, -die Beine an sich gezogen, und nachdenklich sagte: Du -hast es gut, Georg, aber was machst du, wenn die Überschwemmung -bis an die Decke steigt? Benno sah eigentlich -genau aus wie Ulrika Tregiorni, war es auch wohl -in Wirklichkeit, Georg rief ihr zu, sie solle schnell hinter -ihm aufsitzen, aber da war er schon wieder zu einer Tür -hinaus und schwamm sachte ins Tal hinunter, auf ein -schönes, rotes Dorf zu, wo in einer sonderbaren farbigen -und düstern Luft dreifarbige Fahnen hingen, für deren -sonderliche Tönung er lange keine Namen fand, bis sie -ihm violett, grau und braun zu sein schienen. Da war er -schon mitten im Dorf und stand auf einem der Dächer, -aber nun war die Überschwemmung auch schon bis an -die Dachkanten gestiegen, und wie er höher klettern wollte, -so neigte sich das ganze Dach wie ein Tuch nach innen, -er glitt weich und sehr angenehm zu Boden, dann gab es -einen Ruck ... -</p> - -<p> -Georg riß heftig die Augen auf, starrte in blendende -Luft, kniff die Lider wieder zusammen, öffnete sie langsam -und hatte ein wehendes Haferfeld mit riesengroßen Halmen -dicht vor sich, doch entfernte es sich langsam, die -Halme nahmen natürliche Größe an, eine tiefe, grabenartige, -braune Furche war davor, in der seine Füße standen, -und er saß mit vornüberhängendem Leibe in etwas -Grünem, Moos und Grashalmen; über ihm waren -<a id="page-111" class="pagenum" title="111"></a> -Zweige, die Sonne schien grell und glühend, dunstig golden -in allen Tiefen lagerte die Ebene. -</p> - -<p> -Müde, schläfrig, mit langsamen Gedanken kehrte Georg -zu sich zurück. Wie? Er hatte sich ein wenig ausruhen -wollen, weil Renate sich doch erst umkleiden mußte ... -Aber was? Vorher kam doch erst der Lauf des Schimmels -... Nach der Uhr tastend, bemerkte er mit ängstlichem -Mißtrauen die Stille umher und dann, die Uhr in -der Hand, daß Arena und Tribünen in der Tiefe völlig -leer waren. Die Uhrzeiger standen vor drei Viertel und -eins. Noch gelähmt entdeckte er ein paar Schritte weit -rechts, vorn im Haferfeld, den vermummten Unkas, das -Maul still in der Luft, aus dem lange Halme mit ihren -Wurzeln nach allen Seiten hingen. Georg fuhr zusammen, -in jäher Angst ward ihm klar, daß um ein Uhr der -Festzug begann, er hatte geschlafen, geschla— — Er sprang -in rasender Wut und Angst auf, zu Unkas hin, suchte -mit flatternden Händen die Verschlüsse der Decke, brachte -mit unsäglicher Mühe eine nach der andern der neuen, -harten Schnallen auf, riß die Decken zu Boden, war im -Sattel. Unkas drehte sich unter Zügelriß und Absatz, -Georg zerrte ihm wutschnaubend den Hafer aus den Zähnen, -dann brach er durch Gestrüpp und Unterholz in den -Wald ein, ins Freie der steilen Böschung und Buchenstämme. -Den stürzenden Gaul konnte er noch eben hochreißen, -dann zwang er ihn in schräger Linie den Abhang -hinunter, der linke Vorderfuß trat zweimal, dreimal ins -Leere, ehe er Boden fand, dann brach Unkas vorne nieder -und stürzte um. Georg gelang es, den Fuß aus dem Bügel -zu nehmen, ehe er gegen einen Baumstamm flog, mit -<a id="page-112" class="pagenum" title="112"></a> -der Stirn so kräftig anknallend, daß er schrie, Funken und -Sterne spritzen sah und einen Augenblick, halb gelähmt, -schmerzzerrissen, an dem Baum hing, auf den er in tobendem -Grimm mit Fäusten hätte einhämmern mögen. -Betäubt nach Unkas blickend, sah er ihn geduldig auf dem -Rücken liegen, kletterte etwas tiefer, redete ihm gut zu, -haschte nach dem Zügel, Unkas wälzte sich, schlug mit -allen vieren um sich, kam auf die Vorderfüße, sprang -auf und schüttelte sich. Georg reinigte ihn und sich obenhin -von Moos, Zweigen und welken Blättern und zog -ihn hinter sich den Abhang hinunter, durch Haselgesträuch -ins Freie und saß auf. -</p> - -<p> -Danach hielt er lange Sekunden in völliger Lähmung. -War dies wirklich? fragte er sich entsetzt. Was war mit -ihm vorgegangen? Wie hatte er schlafen können? Und -wie war ihm jetzt elend zumut! Gott im Himmel, war -die strahlende Ausgelassenheit am Morgen nicht ein Wahnsinn -gewesen, Unnatur, Wahnsinn? -</p> - -<p> -Gleich rechts lief der Feldweg gegen die offene Schranke -und die Landstraße; Georg, jetzt fast besinnungslos vor -würgender Angst, zu spät zu kommen, klemmte die Schenkel -an, da streckte sich Unkas, und weinend vor Rührung -empfand Georg im Davonjagen: Zwölf Jahre, alter Unkas, -zwölf Jahre hast du mich getragen, du fühlst, was -ich fühle ... da waren sie in spritzendem Bogen unter der -Schranke weg um den Baum auf dem Reitweg der Landstraße. -Georg lachte vor Angst, als er unter sich die wirbelnden -Vorderbeine und Hufe des Pferdes sah, die -Bäume flogen vorüber, ach, es ging längst noch nicht -schnell genug, er legte sich, so lang er war, über den Pferderücken, -<a id="page-113" class="pagenum" title="113"></a> -am weitausgestreckten Arm die Hand unter der -grunzenden Kehle, die er liebkoste unter weinendem Stammeln: -Gott segne Napoleon, Gott segne den verfluchten -Kaiser der Franzosen, der die Straße so breit gemacht -hat, daß es Reitwege giebt! lauf Unkas, bitte, schneller, -lieber Unkas, schneller, viel schneller! Lauf! lauf! du sollst -bis ans Lebensende goldenen Hafer aus marmorner ... -großer Gott, das steht ja in alten Kindergeschichten! Und -nun sah er den Festzug, den Elefantenwagen und Renate, -Alle warteten, der Festzug bewegte sich schon, da kam er -angestürzt, — um Himmels willen, die ganze Straße war -versperrt von bunten Menschen, Planwagen, Kindern, -und heraus ragten die dunklen Oberkörper einer ganzen -Beuglenburgischen Schwadron. Er schäumte vor Wut, -riß das Pferd zurück, jagte es zwischen den Bäumen durch -in den trocknen Graben und stob weiter, unter den Zweigen -her, die an ihm rissen, Unkas lag unter fortwährendem -Stolpern fast mehr auf der Erde, als er lief, endlich -war die Straße wieder frei, der Wallach erlangte sie von -selber mit einem Satz und arbeitete sich wieder auf dem -Reitweg dahin, während Georgs rechte Kniescheibe wie -Feuer brannte vom Anprall an den Apfelbaum. Ein gelber -Kerl, der vor ihm hintrottete, warf auf Georgs Wutschrei -die Arme hoch und taumelte zur Seite, aber gleich -darauf war er verfitzt in ein Getümmel von Reitern, -die entsetzlich langsam dahintrabten, auf seinen Anruf sich -unwillig und langsam umdrehten, dann aber, als sie sein -Gesicht sahen, schleunig auseinanderwichen, ebenso die -nächsten, denn sie schrien hinter Georg her: Achtung! der -Großherzog! — Großherzog, es war zum Totlachen und die -<a id="page-114" class="pagenum" title="114"></a> -ganze Straße querüber vermauert mit grellbunten Fußgängern. -Georg wollte und mußte hindurch, schrie, so -laut er konnte: „Platz! Platz für den Großherzog!“ Zweie -vor ihm sprangen zur Seite auseinander, die Andern drehten -sich um, sahn ihn, sprangen seitwärts, schrien, es gab -eine Gasse, und links war Bennos erschrecktes Gesicht. -Georg nickte ihm im Vorübertraben zu und fragte angstvoll: -„Wie spät ist es?“ Eine Stimme schrie hinter ihm: -„Gleich zwei!“ dann noch mehrere durcheinander: „Dreiviertel! -Zwei! Gleich zwei!“ Georg hielt, riß die Uhr heraus, -sie zeigte unwandelbar drei Viertel eins. -</p> - -<p> -Ich habe sie nicht aufgezogen in der verwünschten -Nacht, murmelte Georg fassungslos im Weitertraben. Die -Leute standen überall und sahn ihn an, er bemerkte, daß -er dicht vor der Stadt war, ritt langsam weiter, begriff, -daß der Zug um zwei Uhr am Rathaus sein sollte, — -also dorthin! aber wie kam er durch die Stadt? — Nun -waren da Häuser, er kam nur noch im Schritt vorwärts, -Gott sei gelobt, da glänzte der weiße Zylinder eines Taxameterkutschers, -der auf Georgs Anruf sofort nach Zügeln -und Peitsche griff. Georg stieg ab, ein Mann hielt dienstfertig -das Pferd, Georg griff in die Tasche, gab ihm, was -er faßte, und fragte ihn, ob er das Pferd zum Schlosse -bringen wollte, worauf sich von allen Seiten Hände streckten. -Er lachte, nickte ihnen verloren zu und sprang in den -Wagen, keuchend: „Zum Rathaus, so schnell wie möglich, -durch leere Straßen!“ Völlig verschlagenen Atems, -legte er sich in eine Ecke und schloß die Augen. Sein linker -Augenbuckel schmerzte, hinfassend fühlte er die Geschwulst, -das war ja reizend! Zuckend an allen lahmen Gliedern, -<a id="page-115" class="pagenum" title="115"></a> -hätte er auf der Erde liegen mögen, so lang er war, aber -er fuhr wieder hoch, erkannte, daß er durch leere, verlassene, -düsterrote Straßen fuhr, saß nun vornübergebeugt, -die Uhr in der Hand, zog sie auf und stellte die Zeiger auf -fünf Minuten vor zwei. Ich komme ja doch zu spät, -murmelte er matt. Und nun ging es endlos durch Straßen -und Straßen, breite und schmale, über einen kleinen stillen -Schmuckplatz, über eine Brücke, und wieder Straßen und -Straßen. Er las alle Schilder über den Läden, die Reklamen, -Straßenweiser ... Rackows Handelsakademie stand -da. Kramläden zögerten vorüber, zeigten alles, Bilder von -roten Kindern und Katzen mit Kakes, Pakete, aufrecht -stehend, mit Kakao, Schüsseln voll Erbsen und Linsen, -Lindener Warenhaus stand über einem kleinen Weißzeugladen -voll Frauenwäsche, Packen länglich aufgerollter Langettenkanten -und Anordnungen von Weißknöpfen auf -blauen Papptäfelchen, aufgehäuft. Er sah in den Spiegelscheiben, -in den dunklen Parterrefenstern zwischen Blumen -und schwärzlichen Gardinen dunkel sein Gesicht im -Vorbeiziehn, das Weiß und Grün seines Anzugs, versuchte, -auch die Beule zu sehn, und bemerkte, daß er sich -in der schwarzen Hälfte des Fahrtmessers spiegeln konnte. -Gottlob, es war nur ein roter Fleck zu sehn, die Beule -fühlte sich wohl nur so stark an, weil der Augenbuckel unter -der Schwellung war. Auf einer breiten Straße mit Baumreihen -in der Mitte hinrasselnd, durch Menschen, elektrische -Bahnen, setzte er sich wieder in die Ecke und stützte den -Kopf in die Hand, um nicht gesehen zu werden, in seinem -Schädel war eine Feuersbrunst, aus der es zuckte. Niemals -endete diese Fahrt, nun warf ihn der Wagen schüttelnd, -<a id="page-116" class="pagenum" title="116"></a> -aus einem Bahngleis gerissen, hin und her, dann -gings um die Ecke, in eine schmale, einsame Straße, ein -Überdach war rechts, das Deutsche Theater, Gottlob, nun -kam die Altstadt, es ging wieder um eine Ecke, ein blauer -Zettel klebte daran, halb zerrissen, mit großen schwarzen -Lettern: Wählt Plate! — Wieder um eine Ecke, vorbei an -rundgebogenen Eckläden voll von Anzügen, alten Büchern, -Harmonikas und nebeneinander aufgereihten Revolvern -an einer Schnur; der Wagen rollte schneller auf Asphalt, -aber die Zeiger der wahllos gestellten Uhr waren schon -über zwei und zwölf, ich komme nie hinein! stöhnte Georg, -und sofort darauf sagte eine Stimme: Sie kommen -nicht hinein ... -</p> - -<p> -Georg starrte. Da saß Josef Montfort an einem Kaffeehaustisch -und sagte: Sie kommen ... Josef von Montfort, -dieser Scharlatan, heute nacht war er bei mir, er -legte mir damals meinen Traum aus, vor drei Jahren, -ach, es ist zum Tollwerden, zum Tollwerden ... Georg sah -sich und die Droschke, Pferd und Kutscher wellig in den -großen Spiegelscheiben des Warenhauses dahinziehn, -dämmrig, vermischt mit Herrenhemden und Spazierstöcken, -nun mit Kleiderstoffen, die in Stürzen von Stöcken fielen, -nun mit Pyramiden und Säulen von Konservendosen, -dann wurde er rechts um die Ecke geschüttelt und sah vor -sich die Straße vollgepfropft mit Menschen. Ein Stück -noch ging es weiter, er stand schon im Wagen, drückte -dem Kutscher etwas in die Hand, sprang hinaus und versuchte, -sich durchzudrängen. Dies war eine Lage zum -Rasendwerden. Da war er mitten unterm Volk, im Theaterkostüm, -so mußte es kommen: — Na, na! junger Mann! -<a id="page-117" class="pagenum" title="117"></a> -sagte jemand, aber da war ein Schutzmann, er erkannte -ihn, nun gab es entsetzliches Aufsehn, aber er kam durch, -plötzlich war da der leere Platz, Georg zitterte und jauchzte, -lief die Straße hinunter, am Fuß des Domes vorüber, -da war das Lutherdenkmal, da die Seitentreppen zur kleinen -Empore, sie war leer, Männer in Fräcken wollten auf -ihn eindringen und prallten in der Luft zurück, er sprang -die Stufen hinauf, und Renate wandte sich nach ihm um -aus einer Gruppe ... -</p> - -<h4 class="section"> -Verspätung -</h4> - -<p class="first"> -Jetzt, dachte Georg, auf Renate zuschreitend, die lächelte, -jetzt ist der Augenblick da, wo es nur mich giebt, mich allein -und sie, keinen Großherzog, kein Drum und Draußen, -nur meinen Willen und mein Handeln. — Renate raffte -ihr Gesicht aus der Müdigkeit mit einem erfreuten Lächeln -auf, streckte ihm die Hand entgegen und fragte: „Nun?“ -Er faßte sie, da standen überall Menschen, aber dort war -das Innere eines kleinen Zimmers durch die offene Tür -sichtbar, und er sagte heiser, sich räuspernd: „Bitte, kommen -Sie dort hinein“, und zog sie mit sich. -</p> - -<p> -Renate fragte sich, ob etwas geschehen sei, das er ihr -allein mitteilen wollte; Georg sah gradeaus, während ihm -Anfänge über Anfänge durch den Kopf schossen: Ich bin -zwar erst zur Hälfte Großher— — wie dumm! — Renate, -heute morgen habe ich vor Ihnen gekniet, aber ... -Er fühlte sich kalt vor Angst, da waren sie in dem Zimmer, -er stand vor ihr, wollte sagen: Renate, seit drei Jahren ... -brachte auch dies nicht heraus, keuchte ... Renate wurde -<a id="page-118" class="pagenum" title="118"></a> -ängstlich vor seinen Augen; das eine war kleiner als das -andre, ein roter Fleck darüber; da wußte sie schon alles, -brachte es nicht fertig, es wirklich zu wissen, aber als Georg -nun sagte: „Renate ...“ flog sie furchtbar erschrocken -auf ihn zu und drückte die linke Hand auf seinen Mund. -</p> - -<p> -Er ergriff taumlig ihr Handgelenk, die Augen fielen ihm -zu, da merkte sie, daß er ihre Handfläche küßte, daß er -ihre Gebärde falsch verstanden hatte, aber als sie jetzt an -seinen Vater dachte, konnte sie sich nicht bergen vor einem -unwiderstehlichen Lachgefühl, das sie lächeln machte, und -sie senkte den Kopf und stotterte ganz ratlos und beschämt: -„Lieber Junge, du kommst ja zu spät ...“ -</p> - -<p> -Durch Georg zischte ein blendender Schwerthieb. Er -riß die Augen auf, starrte sie verständnislos an und hörte -sie sagen, während ihre Mundwinkel zuckten, immer heftiger -zuckten und die Augen glänzten und funkelten: „Dein -Vater war heut morgen schon ...“ -</p> - -<p> -Renate konnte nicht mehr an sich halten, drehte sich um -und stopfte sich die ganze Mundhöhle mit den Mantelfalten -aus, um nicht zu lachen, aber auch das half nichts, -mein Gott, was sollte das nur? ihre Nerven, die Aufregung -... sie erstickte beinah, riß die Seide wieder aus den -Zähnen und brach in ein so erschütterndes, endloses Lachen -aus, daß sie sich auf einen Sessel werfen mußte, die Stirn -auf der Lehne, gestoßen und geschüttelt vom Lachkrampf. -</p> - -<p> -Leer stand Georg da. Fenster, so, Fenster ... Eins, -zwei, drei ... Andersherum: Eins — zwei — drei —. -Gotische Bögen. Renate lachte und lachte. Wie? Dein -Vater war ... Im Munde hatte er noch das Beseligende -und den ganz leisen Salzgeschmack ihres Handballens, -<a id="page-119" class="pagenum" title="119"></a> -und noch zuckte und zitterte sein Herz von der schwellenden -Trunkenheit ihrer Berührung. Vater! dachte er endlich. -Ja, ja, — ja, freilich, so etwas denkt man wohl nie von -seinen Vätern. Wie gut, daß er doch nicht mein Vater -ist ... Warum gut? — Nun Haltung! sagte er sich fast -bewußtlos, merkend, daß er schwankte. Renate lachte noch -immer. Einen Augenblick lang empfand er Hohn und -sagte vor sich hin: Nur die Ruhe kann es machen! dann -durchflammte ihn der Ingrimm auf diese alberne Redensart. -</p> - -<p> -Renate hatte sich endlich erholt, fand ihr Taschentuch, -trocknete sich die Augen, schneuzte sich, lachte noch einmal -schluchzend auf, nahm sich zusammen und stand auf. -Da sie Georg mit gesenktem Kopf vor sich hinstarren sah, -ging sie leise auf ihn zu, legte eine Hand auf seine Schulter -und wollte sagen: Lieber Georg ... Aber er zuckte vor -ihrer Berührung zurück, trat seitwärts, biß die Zähne zusammen, -sagte sich: Jetzt nur Haltung! senkte den Kopf -und brachte leise hervor: „Verzeihen Sie, Renate, ich -konnte nicht wissen ...“ -</p> - -<p> -Nun streckte sie die Hand aus, er legte die seine zögernd -hinein, Renate durchzuckte es, daß dies doch böse war, für -später, was sollte daraus werden? Georg zog still ihre -Hand nach vorn, indem er sich etwas drehte, so daß ihr -rechter Arm in seinen linken zu liegen kam, und führte sie -hinaus. -</p> - -<p> -Dann standen sie auf der Freitreppe, die Musik spielte -Tusch, es regnete Blumen, die Menge war außer sich. -Georg lächelte und winkte, Renate hielt sich zurück, neigte -ein, zweimal den Kopf und ging schnell wieder in den -Saal, indem sie bedachte, daß mindestens die Hälfte dieser -<a id="page-120" class="pagenum" title="120"></a> -Menschen sich jetzt etwas Verkehrtes einbildete. Dann -ging auch Georg in den Saal zurück. Er fragte irgend -jemand, ob ein Wagen da sei, ging mit außerordentlich -leichten und freien Gliedern die Treppen hinunter, fand -ein Automobil in einem Kreise von Menschen, welche die -Hüte schwangen und Hurra schrieen, stieg ein, setzte sich -zurück, winkte, lächelte und fuhr davon. -</p> - -<p> -Unterwegs sah er nach der Uhr. Es war noch nicht -halb drei. Um halb war er zuhause, um halb vier -mußte er auf dem Bahnhof sein und Prinz Adelbert empfangen, -um vier Eidesleistung der Stände, Umkleiden, -Uniform und Vereidigung des Füsilierregiments Großherzog -in Stellvertretung der Armee, dann Paroleausgabe, -es konnte halb sechs werden. Um sieben Galatafel im -Schloß, große Cour, Défilée, um neun Anfang des Balles -in der Universität, Terrasse, Gärten, Masken ... Illumination -und offizielle Huldigung ... Wozu das alles? Renates -Gesicht erschien, er schluchzte trocken ... Niemals — -niemals — niemals ... Und sie würde die Frau seines Vaters -... Herrgott, was soll das werden? Das war niemals -zu ertragen. Er legte das Gesicht in die Hände, ihm war, -als ob er weinte, aber er weinte nicht. Gelacht hatte sie, -krampfartig gelacht. Ja, es war wohl sehr komisch. Um -halb neun war ich bei ihr, dachte er nüchtern, und Vater -— oh Vater war der Mann der Tat und stand früh auf. -Warum hatte er übrigens bis heute gewartet, und warum -nicht bis morgen? — Niemals — niemals —. Ihm brannte -die Brust, er fühlte sich matt und elend. Dieser wahnsinnige -Ritt. Ich komme nicht hinein, dachte er, Montfort -hat recht in jeder Beziehung. -</p> - -<h4 class="section"> -<a id="page-121" class="pagenum" title="121"></a> -Heimkehr -</h4> - -<p class="first"> -Vor der Tür des Schlößchens erwarteten ihn zwei unbekannte -Lakaien, die er wegschickte. Seine Zimmer sahen -ihn fremd an und fürchterlich unnütz. Er ging durch -das Schlafzimmer ins Badezimmer, holte das Schlüsselbund -hervor und öffnete das heimliche Gemach. Schön -dämmrig lag es in der Nachmittagssonne, die breite goldene -Dämme durch die Fenstervorhänge hineinstellte. -Still, sehr schön, edel — trotz Cora — stand das wolkige -Himmelbett. Er dachte: Ja, Cora war darin, so -konnte es wohl nichts werden ... und fiel vor dem Kopfkissen -auf die Knie, legte die Stirn auf den Bettrand -und verlor sich. Er sprang wieder auf und ließ sich rücklings -auf das Weiche hinfallen, lag ausgestreckt, dankbar -für die Wohltat des Ruhens. Da schrillte fern im Zimmer -das Telephon, aber erst, da es gar nicht wieder -aufhören zu wollen schien, entschloß er sich aufzustehn, -ging hin und nahm den Hörer ans Ohr. Er wollte -sagen: Prinz Trassenberg, — aber — nein, Großherzog -war er ja noch immer nicht ganz, so sagte er nur wie -Birnbaum „Ja?“ -</p> - -<p> -Eine Männerstimme fragte: „Hoheit?“ -</p> - -<p> -„Ja.“ -</p> - -<p> -„Zwillinge!“ schrie die Stimme Schleys so fürchterlich -laut, daß ihm das Ohr schmerzte, „Zwillinge! Zwei -Sozialisten!“ -</p> - -<p> -Georg begriff Augenblicke lang gar nichts, dann -entfuhr es ihm: „Was? Virgo? deine Frau? Donnerwetter!“ -</p> - -<p> -<a id="page-122" class="pagenum" title="122"></a> -Schley drüben schien zu lachen, rief dann: „Ich glaube, -Hoheit, du bist der elfte, der Donnerwetter sagt, das scheint -bei Zwillingen das einzig Mögliche.“ -</p> - -<p> -Georg wußte nicht, was er denken sollte. Der Begriff -Zwillinge verdeckte für den Augenblick alles, er konnte -nur fragen: „Und Virgo?“ wobei er nun denken mußte: -Dieser Name — und Zwillinge ... -</p> - -<p> -„Danke, vortrefflich,“ hörte er Schley sagen, „ein wenig -sehr matt, aber sie ist immerhin im besten Alter, — -freilich, als der zweite heraus war, bin ich dem Tode fast -so nah gewesen wie sie, ohne mich brüsten zu wollen, -— stell dir vor! Ich war am Ohnmächtigwerden vor -Wut. So ein kleiner Mensch wie sie und in Stücke gerissen -...“ -</p> - -<p> -Georg schauderte plötzlich; er sah zwei unflätige Riesen, -und Virgo im Bett, schreiend, sich wälzend, und die Riesen -zerrten an ihren Beinen ... Er schüttelte sich. -</p> - -<p> -„Ich habe geflucht und gebetet,“ sagte Schley, „und -der Arzt, es war zum Tollwerden, er tat wie ein Athlet, -der seine Tochter Kunststücke machen läßt und lacht, wie -gut sie’s kann. Aber nun stehn die Namen wenigstens -fest.“ -</p> - -<p> -Georg erinnerte sich der unzähligen Verhandlungen -über die Namensfrage, und wie Virgos Mann sich erbost -hatte, daß ein Junge Georg, ein Mädchen Georgine heißen -sollte. -</p> - -<p> -„Nun?“ fragte er. „Ja, weißt du,“ hörte er Schley -kleinlaut sagen, „beim ersten schrie sie immerfort: Georg! -...“ Georg zuckte das Herz. Da hatte sie gelegen -und seinen Namen geschrien ... Und er, wo war er? — -<a id="page-123" class="pagenum" title="123"></a> -„Beim zweiten“, fuhr ihr Mann muntrer fort, „sagte sie -gar nichts, da knirschte sie nur, aber als ich dann ins Zimmer -durfte, sagte sie nur: Wolf... — mit ihrer tiefen -Stimme, und wie sie dalag —“ Georg sah sie daliegen, -sah die übermenschlich groß gewordenen braunen Augen -unter dem knabenhaften Haarbusch im kleinen, weißen -Gesicht — „und mich ansah,“ sagte Schley, „ja, — -da bin ich umgefallen ...“ Seine Stimme zitterte heiser. -„In meinem Leben habe ich nicht so geweint“, -sagte er. -</p> - -<p> -Sie schwiegen Beide. In Georgs Gehör brach Gesang -auf, die Glucksche Melodie: Ach ich ha—be sie — verlo—o—ren -... -</p> - -<p> -„Also heißen sie Georg und Wolfgang“, sagte Schley. -</p> - -<p> -„Hoffentlich“, meinte Georg matt, „kann man sie -unterscheiden.“ -</p> - -<p> -„Na, vorläufig ist nicht dran zu denken, einer wie der -andre ist eine rote Zuckerrübe mit einem schwarzen Busch -auf dem Kopf, ich weiß längst nicht mehr, wer Georg und -wer Wolfgang ist, die Hebamme ist der einzige Zeuge, und -Virgo will ja nun durchaus, daß dem Georg ihr einer -Ohrring, der kleine goldene, eingeklemmt wird, und ob du -einverstanden wärst?“ -</p> - -<p> -Ja, Georg war einverstanden. „Und bitte: tausend -Grüße, und wenn ich nur einen Augenblick heute frei hätte, -so käme ich.“ -</p> - -<p> -„Ja, höre, Georg, noch etwas —“ sagte Schley, „hast -du meinen Schwager getroffen?“ Georg verneinte. „Er -wollte dich treffen und ging schon früh fort; er hatte kein -Kostüm und wollte sehn, daß er noch eins bekäme, er -<a id="page-124" class="pagenum" title="124"></a> -müßte dich heute noch sprechen. Zurückgekommen ist er -nicht, auch nicht zum Essen, aber er hat angeläutet — -ich war grade in die Apotheke hinüber — und hat sagen -lassen, falls ich erführe, wann du Zeit für ihn hättest — -er würde wieder anrufen ...“ -</p> - -<p> -Georg dachte nach. Halb vier, fünf, — „Ja, zwischen -sechs und sieben wäre es möglich“, sagte er. -</p> - -<p> -„Schön, zwischen sechs und sieben! ich habe leider -keine Ahnung, um was es sich handeln mag. Adieu, -Hoheit! Wie fühlst du dich denn? Der Festzug soll ja -großartig ...“ -</p> - -<p> -„Ja, es war schade, daß ihr gar nichts zu sehn bekamt. -Also leb wohl, leb wohl!“ -</p> - -<p> -„Adieu, Georg!“ -</p> - -<p> -Georg legte langsam den Hörer nieder und glitt in den -Armstuhl zurück. Die Sonne, die den ganzen Schreibtisch -vor ihm bedeckte, blendete seine Augen, er setzte sich zurück, -beschattete die Augen, den Ellbogen aufstützend, und sah, -undeutlich hinterm blitzenden Glase, Virgos Photographie, -während es durch ihn hinsang: All mein Glück — -ist nun — dahi—in ... Esthers Bild nahm ich fort, dachte -er, ich gab Esther für Renate, ich gab Virgo für Renate. -Esther starb, und Virgo bekam Zwillinge. Sonderbar, -man sagt doch immer: bekam, obgleich eigentlich ... Freilich, -ich gab sie nie ganz, und infolgedessen legte Renate -sich über den Stuhl und bekam einen Lachkrampf. Kann -man das so aufreihn: Bekam Lachkrampf, bekam Zwillinge, -bekam Tod ... Schwer und verdumpft fühlte er -seine Brust, er sah Renate, auf dem silbernen Pferde ganz -klein am Fuß des Dammes, wie sie in die Arena ritt, dann -<a id="page-125" class="pagenum" title="125"></a> -ihr Profil unterm Thronhimmel ... Immer wieder kehrst -du, Melancholie ... hörte er sagen. Von wem war das -noch? Von Trakl, zuerst hörte ich es von Josef, oh ich -weiß noch, in der Droschke, als wir zu Lenusch fuhren, und -Cornelia Ring, — Cordelia ... An seinen Lippen brannte -plötzlich Renates Hand, er schmeckte ihre Haut, Tränen -schossen ihm in die Augen, — oh nicht weinen! sagte -er sanftmütig. Ich war ja glücklich heut, oh wie -war ich glücklich! Es war ein Rausch, ich glaube, es -war im Grunde ganz unnatürlich. Ja, sehr — denn -wie konnte ich so tief und lange schlafen am Waldrand? -Was ist hier nicht in Ordnung? fragte er scharf, sich -vorsetzend. -</p> - -<p> -Ach, ich ha—be sie ... Die kleine Uhr vor ihm schlug -dreimal hell, er sah die Zeiger auf drei Uhr stehn. Schwerfällig -stand er auf. Nun also Haltung! mahnte er sich -und kam nicht weiter. Alles schien grau. Nur die Sonne -brannte und brannte. Die Farbe Renate erlosch, und — richtig, -sagte Georg, alles kam, wie es kommen mußte, sagt -Georg Hermann; wer Renate will, hat allein sie zu wollen. -Wer Renate will, hat allein sie zu wollen. Wer Renate -will ... Wer Renate will ... Jählings faltete er die -Hände, seine Lippen zitterten, das Weinen stieg ihm -in die Kehle, er wand sich, die Knie sanken ihm ein, er -flüsterte: Renate, Gott im Himmel, Renate, ich kann ja -nicht, oh mein Gott, ich kann ja nicht! Dann schüttelte er -sich barsch, ging zur Wand und drückte auf den Klingelknopf. -Er schwankte, sein Kopf fiel vornüber, er stand, -den Arm gegen die Klingel gestemmt, als der Lakai eintrat. -Drei Sekunden hatte er verständnislos ein uralt -<a id="page-126" class="pagenum" title="126"></a> -scheinendes, faltiges, gütig aussehendes Gesicht über einer -grünen Livree vor sich, dann dachte er langsam: Ach so! -es geht ja weiter, immer weiter ... -</p> - -<p> -„Wie heißen Sie?“ fragte er leise. -</p> - -<p> -„Albert Neffe, königliche Hoheit“, sagte eine farblose -Stimme. Das Wort königliche Hoheit machte Georg sonderbar -hochgehn. Er gab dem alten Manne die Hand und -sagte, unfähig, laut zu sprechen: -</p> - -<p> -„Gut, Albert. Sie sind ein alter Mann. Ich verlange -nicht viel. Sie erfahren meine Gewohnheiten von Egon. -Ich pflege alles allein zu tun. Heut können Sie mir helfen. -Also hurtig!“ -</p> - -<p> -Er lächelte. Als der Kammerdiener ihm den Rücken -drehte, fragte er ihm nach: „Wie alt sind Sie?“ -</p> - -<p> -Der Alte drehte sich und stand still, Georg sah seine -weißen Strümpfe und hörte ihn sagen: „Königliche Hoheit, -zweiundfünfzig.“ -</p> - -<p> -„Na, da sind Sie ja noch ein ganz junger Mann!“ -Der Diener lächelte gütig, aber dabei ward eine Zahnlücke -im linken Mundwinkel sichtbar, und im Augenblick -erschien hinter dem ersten, faltig vornehmen ein -ganz anderes Gesicht, das heimlich kümmerliche eines gewöhnlichen -alten Mannes. — Er verschwand im Schlafzimmer. -</p> - -<p> -Merkwürdig, dachte Georg, was es für Menschen giebt! -Der sah erst aus, als ob er die Livree auch nachts nicht -auszöge, auch nicht im Traum. Er war ja nur Gesicht, -alles Übrige waren Leib und Beine, ausgestopft und nur -— Stütze. Sowas lebt auch. Tante Henriettes Mann -sieht aufs Haar so aus wie er, — und eigentlich ists auch -<a id="page-127" class="pagenum" title="127"></a> -kein Gesicht mehr, es sind nur — — Er fand nicht, was es -war, verlor Zusammenhang und Gedanken. Das macht -die Gewohnheit, sagte er mit jäher Erkenntnis, ja die Gewohnheit -... Er fuhr heftig zusammen. Dann richtete er -sich auf und ging schnell, aufrecht und ganz blind ins -Schlafzimmer. -</p> - -<div class="chapter"> - -<h3 class="chapter" id="subchap-0-1-5"> -<a id="page-128" class="pagenum" title="128"></a> -Fünftes Kapitel -</h3> - -</div> - -<h4 class="section"> -Heimkehr (die andre) -</h4> - -<p class="first"> -Renate ging zu Ulrika, blieb vor ihr stehn und merkte, -daß ihr Gesicht sich wieder in Lächelfalten verzog. „Komm -bloß fort,“ raunte sie ihr zu, „es ist furchtbar mit mir, -ich — ich sage dir gleich alles!“ -</p> - -<p> -Im Treppenhaus, nach dem Geländer fassend, blieb -sie stehn, aber kaum daß sie, zu Ulrika gewandt, herausbrachte: -„Georg —“ prustete sie nur, ergriff Ulrika am -Arm, zog sie die Treppe hinunter und zwang sich unterwegs, -heftig den Kopf aufrecht stellend, zum Ernst. „Wie -ist es denn,“ fragte sie unten, „kommst du mit mir?“ -</p> - -<p> -Während sie Ulrika leise sagen hörte: „Ja, ich möchte -gern“, fiel ihr Josef ein — wo war er geblieben? — und -alles andre, ihr Herz wollte sich zusammenziehn, aber der -helle Sonnenglanz über dem bunten, lebhaften Gedränge -im halben Schatten der Gasse und, da ihr Blick von selber -aufwärts ging, große, schimmernde Wolkengebäude im -starken Blau, die zwischen die scharfen, altertümlichen -Dächer und Kanten herabzusinken schienen, machten sie -leicht und sicher. Josef wird schon dort sein, dachte sie, -jedenfalls kann ich mich auf ihn verlassen; es wird alles -gut. „Komm nur mit, Ulrika, ich sage dir alles unterwegs.“ -Der große Türsteher murmelte etwas ... „Ja, -meinen Wagen,“ antwortete sie, sich umsehend, „da steht -er ja!“ Sie gingen hin, stiegen ein, rollten ab. -</p> - -<p> -Ernsthaft jetzt und wehmütig dachte sie Georgs. „Ich -habe den guten Georg eben sehr gekränkt,“ begann sie, -<a id="page-129" class="pagenum" title="129"></a> -„weißt du — ich bekam einen Lachkrampf, ach, gar nicht -seinetwegen, er war nur der Anlaß, weißt du, es hatte -sich wohl alles mögliche angesammelt, das brach nun auf -diese Weise los. Ja, weißt du — Nein,“ unterbrach sie -sich verstimmt, „dies beständige Weißtu —, ich bin ja ganz -kindisch geworden. — Ich sagte dir ja,“ fuhr sie gefaßter -fort, „daß der Herzog und ich uns zusammengefunden -haben, und eben nun — kommt Georg und will mir einen -Antrag machen. Siehst du, nun lächelst du sogar!“ Sie -fiel der lächelnden Ulrika um den Hals, küßte sie und -stammelte: „Ach, Kind, ich bin ja so glücklich! Nicht -wegen Woldemars, — das heißt, natürlich auch seinetwegen, -zumeist seinetwegen, aber — du weißt ja nicht: -Josef ist schon lange wieder hier, seit wir aus Helenenruh -zurückkamen im vorigen Herbst, erinnerst du dich des -Tages? Bogner und du, ihr wart da, ihr lachtet soviel — -Kind, was ist denn mit dir?“ unterbrach sie sich, da -Ulrikas Gesicht sich schmerzlich verdüsterte. -</p> - -<p> -„Nur weiter,“ bat sie freundlich, „ich komme nachher -schon mit meinen Geschichten.“ -</p> - -<p> -Besorgt und zaudernd, Ulrikas kalte Hand in ihrer -warmen, fuhr Renate fort: „Er wollte sich aber seinem -Vater nicht zeigen, und ich, weißt du, ich war so töricht —, -ach, wie war ich doch töricht!“ Sie schwieg, sich verlierend, -sprach dann hastig weiter: -</p> - -<p> -„Einen Grund, weshalb er nicht zu seinem Vater gehen -wollte, sagte er nicht, aber da er mich merken ließ, daß -er überhaupt nur um meinetwillen wiedergekommen war, -und weil er auch gleich sagte: Wenn <em>ich</em> es von ihm verlangte, -so — ja, da war ich so töricht — — ach, aber -<a id="page-130" class="pagenum" title="130"></a> -das war es ja nicht, — was man tut und denkt und sagt, -das ist es ja alles nicht ...“ Sie legte das Gesicht in die -Hände, sah sich in Josefs Armen, grübelte, murmelte -endlich: „Es läßt sich nicht ausdrücken. Ich habe ihn -lieb, Josef, er zieht mich unweigerlich an, und so fürchte ich -ihn wohl —, nein, du kannst es nicht verstehn. Ich weiß -bestimmt, daß ich ihn niemals lieben könnte, aber wenn -er da ist, so bin ich — schwach, — wehrlos, weißt du, -irgendwie, — ja — es <em>läßt</em> sich eben nicht sagen. Ich -bin nicht schwach, wenn er da ist, im Gegenteil, ich bin -durch und durch hochmütig und bin kälter und abweisender -als je, aber hinterher könnte ich manchmal zu Boden -sinken vor Schlaffheit, und dann merke ich wohl, was die -aufrechte Haltung vorher mich gekostet hat. Und so, weißt -du —, ja, so stand er eben, so stand ich eben zwischen ihm -und dem Onkel, du hörtest vielleicht, er sagte es selber heut, -und — er war fort, die Zeit ging hin, ich kämpfte, ich — — -</p> - -<p> -„Es war — unmöglich“, schloß sie. Danach schüttelte -sie alles ab, setzte sich zurück, nestelte den Schleier unter -dem Kinn los, nahm den Kronenring ab und behielt ihn -im Schoß. Ihr war sehr warm; auch die Luft, die voll -durch die offenen Wagenfenster hereinströmte, war allzu lau, -um zu erfrischen. Sie sah, daß sie schon die Steigung der -Döhrener Heerstraße hinanrollten, rechts lagen die roten, -festungsähnlichen Werke der Zuckerfabrik, in der Tiefe -die Bahngleise. -</p> - -<p> -„Und du?“ fragte sie leise und liebevoll, sich wieder zu -Ulrika wendend und ihre Hand fassend. -</p> - -<p> -„Du,“ antwortete Ulrika nach einer Weile, „sage, -was du willst, du bist doch immer frei und rein und triffst -<a id="page-131" class="pagenum" title="131"></a> -das Rechte. Ich bin am Klavier aufgewachsen, damit ist -wohl alles gesagt. Wie so ein Klettergewächs habe ich -mich von allen Seiten immer nur um meinen schwarzen -Freund gerankt, der Flügel war alles, und dann —“ -</p> - -<p> -Da sie verstummte, hörte Renate Worte Jasons undeutlich -vorübereilen: Ulrika Tregiorni hatte bis zum -Heimkehrtage Benvenuto Bogners niemals nachgedacht -— hieß es nicht so? Wie seltsam er gleich alles in einen -Anfang zusammengefaßt hatte ... -</p> - -<p> -„Und dann“, hörte sie die Freundin weitersprechen, -„merkte ich eines Tages, daß einer mich dicht über der -Wurzel abgeschnitten hatte. Ich verdorrte nicht, oh nein!“ -sie lächelte glücklich und verloren, „im Gegenteil, es war -ja herrlich, ich blühte mir noch einmal so schön und reich, -nur — — ich hatte keine Wurzel mehr.“ Sie brach ab. -</p> - -<p> -Renate sah, aus dem Fenster blickend, Tore, Kapellen, rote -Mauerzüge und die Gruftgiebel und Lebensbäume des Friedhofs -hinter den staubigen, sonnigen Äckern und Gärtnereien -neben der Straße. Da irrten ihre Gedanken schon ab und -vorauf in das nahe Haus, sie mußte Atem schöpfen und fühlte -die Beklemmung. War er wirklich schon da? — Oh, Josef -war ritterlich, vielleicht hatte er sie das Geschehnis schon -fertig vorfinden lassen wollen, oder auch — es konnte ja -fehlschlagen — ihr den Anblick der Enttäuschung ersparen. — -</p> - -<p> -„Ja, wie ist es denn nun?“ hörte sie Ulrika fragen, -„Josef kommt also heute?“ -</p> - -<p> -„Ich hoffe, er ist schon da.“ -</p> - -<p> -„Ja, störe ich dann aber nicht ...“ -</p> - -<p> -Da merkte Renate, daß sie bei aller Zuversicht doch -heimlich einen Halt in Ulrika mit sich genommen hatte, -<a id="page-132" class="pagenum" title="132"></a> -umschlang sie zärtlich und beschämt und dachte — ihr -versichernd, daß sie gewiß nicht stören könne —, wie grausam -besinnungslos der Mensch doch immer um sich fasse, -sobald er nur eben ins Schwanken geriet, unbekümmert, -ob der, nach dem er griff, nicht heftiger selber im Schwanken -war. -</p> - -<p> -„Ach, vielleicht“, sagte sie verstört und furchtsam, „ist -die Krankheit meines Onkels ja doch unheilbar, und dann -— dann wird es gut sein, wenn ich dich in der Nähe ... -ach, vergieb nur, Liebste, nun belade ich dich auch noch -mit mir!“ -</p> - -<p> -Ulrika zeigte eine zuversichtliche Miene und versicherte, -der Arzt habe es doch wiederholt gesagt, daß es sich gewiß -nicht um eine Gehirnkrankheit handle, sondern um -ein Gemütsleiden, und — „ja, ja,“ fiel Renate erleichtert -ein, „er war immer ein so weichmütiger Mensch —, und -sicherlich giebt es das, daß ein Mensch sich etwas so zu -Herzen nimmt, daß er — daß er eben aus dem Gleis -kommt, sich selbst vergißt und nur den einen Gedanken -verfolgt ...“ -</p> - -<p> -„Wir kennen es“, sagte Ulrika langsam, „ja Alle selber -so gut, die Anfänge davon, dies —“ sie schauderte — „oh -dies besinnungslose Dastehn, mitten in irgendeinem Tun, -nicht weiter Wissen, minutenlang, und — wir sind da!“ -schloß sie hastig. Der Wagen hielt. -</p> - -<h4 class="section"> -Veranda -</h4> - -<p class="first"> -Das Herz schlug Renate in den Hals hinauf, als sie -durch den Vorgarten zum Hause ging, aber dem entgegenkommenden -<a id="page-133" class="pagenum" title="133"></a> -Hausmädchen war nichts anzusehn, Renate -wagte nicht, zu fragen, warf im Flur den Mantel ab -und trat in die Halle. Durch das offne Fenster sah sie -den Tisch in der Veranda gedeckt, dann, durch die Tür, -draußen Erasmus, noch gepanzert, mit Magda, die einen -seiner Arme hochhob und ihn betrachtete, und Renate -hörte ihr Lachen. Dann wurde Erasmus ihrer gewahr, -Beide kamen auf sie zu, Erasmus in bester Haltung, aber -— was war mit seinen Augen? Sie glühten und glichen -Georgs Augen, als der ... Ihr Herz zog sich ängstlicher -zusammen. Wäre nur Josef erst da! dachte sie, alles -von ihm erhoffend. -</p> - -<p> -Erasmus nahm ihre Hand, küßte sie sogar und sagte -mit seiner dunklen Stimme: „Na, endlich, wir haben -einen bärenmäßigen Hunger.“ -</p> - -<p> -Renate umarmte Magda. — „Du siehst wirklich vortrefflich -aus,“ sagte sie mühsam zu ihm, sich von Magda -losmachend, „du solltest immer so gehn, weißt du!“ -</p> - -<p> -Er lachte verlegen: es sei etwas warm, — und sie hatte -ihn im Verdacht, daß dies gute Aussehn der Grund war, -weshalb er sich noch nicht umgezogen hatte. Doch zog -es sie nun zum Onkel, sie bat die Andern, auch Ulrika, die -hereinkam, um Entschuldigung und ging hinaus, die Treppe -hinauf und stand vor der Tür, hinter der sie Schritte -hörte. Er ging wieder auf und ab! Nun machte er halt; -nun ging er wieder zurück ... Sie öffnete leise und trat -ein. Er stand mitten im Zimmer und sah ihr entgegen. -</p> - -<p> -Seine Augen hatten Blick, er sah. Sekunden stand -sie fassungslos, ihre Hände falteten sich, sie flüsterte: -„Onkel ...“ -</p> - -<p> -<a id="page-134" class="pagenum" title="134"></a> -„Ja,“ sagte er, „ja, was ...“ -</p> - -<p> -Er sprach ja! Er sprach ja wieder! -</p> - -<p> -Aber was nun? Josef, oh wärst du da! Sinnverwirrt, -angstvoll, die einzige Minute, diese, verstreiche ungenutzt, -senkte sie die Stirn, wußte nichts. Als sie wieder -aufsah, hatte er sich abgewendet, blickte nach dem Fenster, -nach der Straße. — Stand Josef unten? — Sie machte -zwei Schritte vor, unten die Straße war leer. — Aber — -war er nicht größer geworden? Der seltsame, ganz kahlglatte, -hohe und gerundete Schädel, die steile, von den -Brauen fast vornübersteigende Stirn und dicht unter -den Augen das weiß und glatt nach unten fließende lose -Barthaar machten ihn trotz der schwarzen Joppe zu einer -Figur der Zeit, aus der sie kam; er glich einem heiligen -Antonius oder Hieronymus. -</p> - -<p> -Sie ging nun zu ihm und berührte seinen Arm. Er -wandte das Gesicht, ein wenig tiefer als das ihre, mit -einem Zucken, sah sie fremd an. Nein, nicht völlig fremd, -nicht wie sonst, und — Unruhe ist es, frohlockte Renate, -und allen Willen und Einfluß aufbietend, bat sie: -„Komm, Onkel, es ist Essenszeit!“ Schob die Hand in -seinen Arm, zog und drängte sanft. Er folgte. -</p> - -<p> -Zitternd, sich gewaltsam haltend, weinend, lachend, -angstvoll, triumphierend im Innern, führte sie ihn die -Treppe hinunter in die Halle. Erasmus stand draußen -an der Verandatreppe, an den Eisenpfeiler und die Weinranken -gelehnt, herunterblickend auf Ulrika und Magda -mit einer fast leutseligen Haltung. Jetzt sah er seinen -Vater, die Frauen wandten sich, Renate legte den Finger -vor den Mund und sah, wie Erasmus seine erschreckten -<a id="page-135" class="pagenum" title="135"></a> -Züge beherrschte. In der Verandatür, an Magda vorübergehend, -flüsterte Renate: „Noch ein Gedeck!“ und -führte den Onkel um den Tisch, wo er sich ohne Widerstand -auf den Stuhl am weitesten rechts, vor der Seitenwand -der Veranda niedersetzte. Sie setzte sich in seiner -Nähe mit dem Rücken zum Garten, winkte Erasmus -seinem Vater gegenüber und sagte, so leicht sie konnte: -„Nun erzähle, Erasmus, wie war es! Hoffentlich hast -du nirgend Schaden angerichtet mit deinen Blumen!“ -</p> - -<p> -Ulrika setzte sich ihr gegenüber, auch Magda kam herein, -dann der Diener, der vor dem alten Mann deckte. -Erasmus bewährte sich außerordentlich und sagte, es sei -ungemein lustig gewesen. Dann redete er kräftig darauflos, -er sei überhaupt der einzige, der richtig begreifen -könnte, wie schön so ein Tag sein könne, er plagte sich -jahrein, jahraus, daß genug Essen auf den Tisch komme, -— oh, er gab sich glänzend preis! — und ob Renate wohl -ein einzig Mal bedacht hätte, daß es sein saurer Schweiß -wäre, in den sie sich kleidete, niemals dächte sie daran. -„Kinder, Kinder,“ sagte er, „was Mädchen, was Mädchen! -Eine Zeitlang dachte ich, es wären immer dieselben -wie im Theater, wo immer dieselbe Korporalschaft über -die Bühne marschiert im Triumphzug des Germanikus, -oder war es in Aida?“ Und er fing an zu erzählen, wie -sie als Schüler Statisten gemacht hatten, — Renate lachte -das Herz im Leibe, wie sie ihn heiter und gelassen die -Augen von Einem zum Andern bewegen sah, nur seinen -Vater vermeidend, der indessen in sich versunken war, die -Hände neben seinem Teller auf dem Tischtuch, ohne etwas -zu essen. -</p> - -<p> -<a id="page-136" class="pagenum" title="136"></a> -Erasmus schenkte Wein ein. Plötzlich sah Renate das -Gesicht Magdas, die eben ihr Glas aus Ulrikas Hand -nahm, stillstehn, indem sie nach draußen blickte. In die -Augen kam Schrecken, Renate drehte sich langsam, von -ihrem Onkel abgekehrt, um und sah im Garten Josefs -Gesicht, frei, die heile und die schreckliche, rote Hälfte; er -trug noch die schwarze Kutte, deren Kapuze hinter seinem -Kopf abstand, seine Hände unten waren etwas gespreizt, -er sah nicht seinen Vater, sondern seinen Bruder an, -vorbei an Renate, die sich langsam wandte. Erasmus -setzte eben den Pfropfen auf die Flasche und stellte sie vor -sich auf den Untersatz, ergriff sein Glas und wollte sich wohl -zu Renate wenden, aber sie drehte sich weiter, — und da -saß Josefs Vater und hielt das Gesicht in den Händen. -Renate preßte ihr Herz gewaltig zusammen, stand ruhig -auf, trat zu ihrem Onkel, faßte nach seinen Händen und -sagte: „Josef ist im Garten, Onkel, soll er nicht hereinkommen?“ -Und sich zurückwendend, winkte sie Josef mit -den Augen. -</p> - -<p> -Jetzt hatte ihr Onkel die Hände fallen lassen, sie sah -seine Augen, die erst angstvoll und suchend nach den ihren -griffen, aber gleich glitt der Blick weiter, und dort stand -Josef, den Kopf etwas gesenkt und sah seinen Vater an. -Neben ihm Erasmus war an die Wand zurückgetreten, -seine Augen standen auf seinen Bruder gerichtet, als -sollten sie ihn durchbohren, Renate sah etwas in seinen -geschlossenen Händen, das — nein, das nicht ein Obstmesser -zu sein schien! Und da war auch schon wieder das -Gesicht seines Vaters, der sich langsam vom Stuhl erhob, -während Josef mit seltsam heller und klingender Stimme -<a id="page-137" class="pagenum" title="137"></a> -sagte: „Da bin ich wieder, Vater, aber ich habe mich abscheulich -verändert. Laßt euch nicht stören“, sagte er zu -Ulrika und Magda, die aufgestanden waren. -</p> - -<p> -Sein Vater fuhr mit der rechten Hand über die Stirn, -lächelte und sagte: „Wahrhaftig, Josef! Ich dachte fast, -du hättest uns vergessen! Da kommst du ja grade recht -zum Essen.“ -</p> - -<p> -Josef trat zu ihm, sie drückten sich die Hände, Josef -legte seinem Vater einen Augenblick die Linke auf die -Schulter, Renate sah, wie der alte Mann sich duckte, -seine Lider zitterten, aber er bezwang sich, mit einer ungeheuren -Kraft, wie es schien, blickte leicht in Josefs entstelltes -Gesicht empor, schüttelte langsam den Kopf und -meinte: „Ein Adonis bist du gewesen, mein Junge.“ -</p> - -<p> -Josef lachte herzlich. „Du weißt ja, Papa, es ist -Adonislos, daß ihn die Evierinnen zerfleischen!“ -</p> - -<p> -Sein Vater fiel munter ein und sagte: „Setz dich, setz -dich doch, iß und trink und erzähle!“ -</p> - -<p> -Da nahm er Renates Stuhl. Sie drehte sich um. -Erasmus war nicht mehr da, und sie setzte sich schnell an -seinen Platz. Der Diener, der schon gewartet hatte, kam -leise und sammelte die Teller ein. Renate faltete unter -dem Tisch die Hände, mußte aber unter ihren Gebetsworten -bemerken, daß es doch das Obstmesser gewesen -war, denn es fehlte. Sie zuckte einen Augenblick, Erasmus -nachzugehn, hörte jedoch ihren Namen, blickte rundum, -lachte und sagte, atmend aus voller Brust: -</p> - -<p> -„Also wären wir Alle wieder beisammen. Wie lange -warst du fort, Josef? Keine drei Jahre, weißt du, schreiben -hättest du wohl einmal können, wo du überall gesteckt hast.“ -</p> - -<p> -<a id="page-138" class="pagenum" title="138"></a> -Josef wandte sich halb zu seinem Vater und bemerkte -halblaut: „Iphigenie! sie hat sich nicht verändert, oje-oje!“ -und Renate merkte, daß sie den rechten Unterarm -auf der Tischplatte vor sich liegen hatte, den linken aufgestützt -und das Kinn in der Hand. -</p> - -<p> -Ein wenig später war Renate unter fernem Stimmengeschwirr -und Lachen sich nicht mehr klar, was sie tat, -sprach oder empfand, fühlte sich selber undeutlich in lebhaftester -Erregung und Bewegung und hörte nur einmal -Josefs Stimme, wie er zu seinem Vater sagte: „Sieht -sie nicht aus, als ob sie einen ganzen Nachtigallenschwarm -in der Brust hätte, Papa?“ und er sagte noch weiter -etwas von Rosen und Lilien ihres Gesichts, die von diesem, -unten hineingesetzten Nachtigallenschwarm ins Wanken -und völlig durcheinandergekommen seien. Sie hörte ihr -eigenes Lachen fern, dann schien es ihr, als sei von ihrer -oder Ulrikas Kleidung die Rede, — nein, er beschrieb -das mittelalterliche Bild, das er vom Garten aus gesehen -habe: Ulrika und Renate in ihren farbigen Kleidern -und Kopfzierden, Erasmus im Panzer, der Eremitenkopf -seines Vaters, — ein bißchen Veronese, aber sonst -ganz ... -</p> - -<p> -Plötzlich stand alles für einen Augenblick still, sie sagte: -„Ja, nun müßt ihr aber etwas hören! — Ich habe mich -verlobt.“ -</p> - -<p> -Es war still geworden. -</p> - -<p> -„Verlobt?“ fragte ihr Onkel leise; seine dunklen -Augen standen fest, dann senkten sich langsam die Lider -darüber. „So. — Ja, mit wem denn?“ hörte Renate -ihn noch leiser fragen. -</p> - -<p> -<a id="page-139" class="pagenum" title="139"></a> -Erschreckt blickte sie auf Josef, sah den roten Fleck -seines rechten Gesichts und die linke Braue leicht angehoben. -</p> - -<p> -„Mit dem Herzog, — Herzog Trassenberg, Onkel,“ -sagte sie unsicher, für Sekunden ratlos, was dies bedeute, -und fügte mit wankender Stimme hinzu, er habe zwar ihr -Wort noch nicht, aber ... Da wußte sie, daß ihr Onkel -an seinen Sohn dachte. Sie sah ihn ängstlich zur Seite -nach Josef spähn; Josef beugte sich ein wenig zu ihm -und sagte ironisch: „Ja, willst du eigentlich nicht gratulieren, -Papa?“ -</p> - -<p> -Nun stand er langsam auf, aber diesmal, merkte Renate, -gelang ihm die Beherrschung nicht, er legte die -Hände zusammen und fragte furchtsam: „Josef — verzeih, -aber — ich habe immer gedacht ...“ -</p> - -<p> -Jetzt rückte Josef, vor Staunen fassungslosen Gesichts, -seinen Stuhl nach hinten, sah zu seinem Vater auf, erst -wie völlig verwirrt, dann fragend, endlich strafend, und -sagte: „Ja, nun brennen alle Kandelaber, Papa! Renate, -ists nun hell genug? Ich und du, stell dir vor! Eiweih -geschrien!“ -</p> - -<p> -Renate lachte, so hell sie konnte, es fiel ihr schwer, da -Josef das heile Auge zusammenkniff, wodurch sein Gesicht -zu einer scheußlichen Grimasse wurde, aber sein -Vater konnte es nicht sehn, und sie atmete erleichtert auf. -</p> - -<p> -„Ja, dann,“ sagte er zögernd, „dann wird der Herzog -wohl zu mir kommen wollen?“ -</p> - -<p> -Renate nickte und hörte Josef sardonisch fragen, ob er -Angst vor Herzögen habe. Nun lachte er gütig, ergriff -sein Glas und richtete sich mit Würde auf. „Dein Wohl, -<a id="page-140" class="pagenum" title="140"></a> -mein Kind,“ sagte er, „von Herzen dein Wohl und das -seine! Ich werde den Herzog mit viel Freude empfangen, -denn von ihm hat man ja nur Schönes und Gutes und —“ -Er stockte, und Renate vermeinte, er erinnere sich, daß der -Herzog verheiratet war, dann fuhr er mit plötzlich bebender -Stimme fort: „— und Edles gehört.“ Das Glas entfiel -seiner Hand, Tränen brachen stromweise aus seinen Augen, -er drehte sich zu Josef um und stammelte: „Josef! Josef! -Mein Sohn ist wiedergekommen! mein Sohn hat mich -nicht verlassen, er war tot und ist wieder lebendig — geworden -—“ -</p> - -<p> -Er brach ab, schluchzend an Josefs Brust, der, selber -ganz grade stehend, ihn mit den Armen umschloß, einmal -schnell und fest die Lippen auf seinen Kopf drückte und -wieder grade stand. -</p> - -<p> -Renate wandte sich glücklich ab und sah den Garten -in der Sonne, den hellgrauen Sockel der Uhr und seltsam -deutlich den Schatten des Zeigers auf der braunen Metallscheibe; -die Stunde freilich war nicht zu erkennen; dann -verschleierten sich ihre Augen. Bald darauf hörte sie das -Weinen ihres Onkels leiser werden und Josefs liebevolle -Frage, er sei gewiß müde, ob er sich nicht niederlegen -wolle? — Ja, er sei müde, sehr müde ... kam die Antwort. -Sie sah, sich wendend, wie er gebückt, glücklich -lächelnd durch nasse Augen, sich von Josef fortführen -ließ, und spürte, als habe das Wort ‚müde‘ sie verzaubert, -nun eine rieselnde und süße Mattigkeit in allen Gliedern, -die zugleich alles umher in Goldstaub und grünes Geflimmer -auflöste. Sie überwand sich aber, plötzlich von -einer Woge der Dankbarkeit und Liebe zu Josef überspült, -<a id="page-141" class="pagenum" title="141"></a> -rührte seinen Arm an, und da er sich umwandte, -so legte sie die Arme auf seine Schultern, hob ihren -Mund zu seinem, hatte aber nun so nah und deutlich die -stramm gezogne, glatte und rote Haut seiner rechten -Wange und darin das Augenloch mit den von allen -Seiten zusammen- und hineingezerrten Falten dünner -Haut vor sich, daß sie zurückgeschaudert wäre, wenn sie -nicht wieder sein heiles Auge gesehn hätte und den Blick -von sonderbar weichem Staunen, so daß ihr Mund nun -stehn blieb, nicht weit von dem seinen, sekundenlange, -während sie lächelte und ihn mit großer Zärtlichkeit anblickte. -Zurückweichend, fühlte sie noch, daß er ihre rechte -Hand ergriff und, das Gesicht sehr tief beugend, an den -Mund drückte, und hörte ihn sehr leise sagen: „Es genügt. -Ich habe nun nichts mehr zu wünschen und kann —“ -</p> - -<p> -Danach entschwand er ihr; sie verging sich selber in -Schlafverlangen, empfand noch, daß sie im Gehen, daß da -Ulrikas und Magdas Gesichter waren, daß sie sprach und -ferne Stimmen hörte, dann, daß sie durch den Garten -schwebte, und endlich, daß sie sehr tief lag. Sie öffnete -mit Anstrengung die Augen, hoch über ihr war wunderbares -Grün, von Bläue durchbrochen, ganz nahe über -ihr Ulrikas Gesicht und das Ende einer Hängematte. Sie -wollte die Hand zu Ulrika hinaufheben, brachte es aber -nicht fertig, und dann war nichts mehr. -</p> - -<div class="chapter"> - -<h3 class="chapter" id="subchap-0-1-6"> -<a id="page-142" class="pagenum" title="142"></a> -Sechstes Kapitel -</h3> - -</div> - -<h4 class="section"> -Garten -</h4> - -<p class="first"> -Renate, die Augen aufschlagend, staunte über die -Schönheit der Welt. -</p> - -<p> -Vom Schlummer tief erquickt, lag sie im Grase, leicht, -ungeblendeten Auges, im Innern zart im Entflüchten abwärts -lächelnde, farbige Träume, vor Augen die nahe -von allen Seiten herangedrängten grünen Nischen und -Bögen von Flieder, Goldregen und Holunder — voll -großer, noch grüner Beerenscheiben —, durchspannt von -einer leeren Hängematte, durchstochen von langen, haarfeinen -Goldstrahlen der Sonne, und nahe gegenüber seltsam -schön und nachdenklich die durchsichtigen Züge Ulrikas; -sie saß, seitwärts die Knie unterm blaßvioletten Rock, -am Stamm der Kastanie; auf der goldenen Tunika -mitten vor ihrer Brust brannte in feuriger Stille ein -Sonnenfleck; das dunkelrote Haar war wieder in Flechten -schwer aufgenommen; sie hatte die rechte Hand neben -sich ins hohe Gras gestützt; die linke lag im Schoß zwischen -einer großen, grünbeerigen Holunderscheibe und -einigen aufgebrochenen Kastanien, grün mit noch weißem, -feuchtem Kern. — Glücklich in sich, glaubte Renate sich -atmend zu fühlen mit ganzem Leib, wie in der Mutter ein -Kind, auswärts strebend nach keiner Richtung, sondern -alles in sich habend, Natur und Menschen, Gegangenes -und Kommendes. Ich bin glücklich, dachte sie dankbar, -nun darf ich es sein! Oh, wie gut ist der Schlaf! Josef -ist im Haus, Onkel gesund und froh, und Woldemar fern -<a id="page-143" class="pagenum" title="143"></a> -und nah ... Holunderbeeren ... Wann sah ich die einmal -schwarz an Ulrika? Zu Irenes Hochzeit trug Ulrika -sie im Haar, ein schwerer, böser Tag, und nun ist doch -alles wieder heil. -</p> - -<p> -„Sage, was denkst du, Ulrika?“ fragte sie leise. Ulrika -wandte langsam das Gesicht herüber, ihre Augen glitten -über Renate hin und blieben stehn; mit einem eigentümlichen -Blick von Glücklichkeit und Ferne, den Renate nicht -recht verstand, sagte sie: „Ich horche ...“ -</p> - -<p> -Bemüht zu lauschen, glaubte Renate in der Kapelle -hinter sich Magdas Singstimme zu hören. Allein es war -still. Ein kleiner Vogel zirpte entfernt im grünen Dickicht. -Meinte sie den? Eine Scheu hinderte Renate, zu fragen. -</p> - -<p> -„Du“, sagte Ulrika nach einer stillen Weile, „hast eine -Stunde geschlafen, und ich war glücklich unterweil.“ Sie -hob den Stoff im Schoße ein wenig an, so daß Holunder -und Kastanien ins hohe Gras rollten, glättete ihr Kleid, -ein paar winzige Blätter und Stacheln fortstreifend, und -fuhr fort: „Glücklich. Eine volle Stunde. Freilich auch -der Vormittag war schön, er war so heiter —, aber all -das Bunte war nicht in mir, sondern lose herum, und -auch das Glück meine ich nicht, das heiter ist, sondern das -ernste. Eine Stunde davon, — vielleicht ist das so viel, -wie ein Mensch wünschen darf, wenn ein Wunsch ihm -freigestellt würde vom Schicksal. — Und nun geht es -wieder weiter.“ -</p> - -<p> -Sie sprach sehr gefaßt. Ungewohnt tief klang Renate -ihre langsame Stimme. „Sage nun alles“, bat sie schlicht. -</p> - -<p> -Ulrika faltete die Hände um das Knie, lächelte, sah -aufwärts, und mit einem Schlage war ihr ganzes Gesicht -<a id="page-144" class="pagenum" title="144"></a> -so heilig, daß Renate auf das tiefste erschrak und sich -und alles vergaß, kaum hinzuschauen wagend und bald -nur noch hörend. -</p> - -<p> -„All meine Gedanken?“ sagte Ulrika leise. „Ich will -es versuchen. Eben stand alles still. Ein Vogel zirpte -irgendwo, und mehr war nicht. Die Sonne wanderte, -ihre Strahlen kamen schräger, und so füllte sich langsam -die Schleuse. Nun steht die Flut bis zum Rand, die Fahrt -geht weiter. Es geht langsam im Anfang, da kann ich -noch allerlei am Ufer sehn, das geräuschlos zurücktritt, -und es dir nennen. -</p> - -<p> -„Von ihm und mir, was früher war, weißt du alles. -Zwischen Seele und Seele blieb alles so unverändert, wie -ich es dir damals beschrieb, du wirst es noch wissen. -Einmal machtest du einen Vers auf ihn, das ist lange -her. Ein Selbsterzeugter und ein Selbsterzogner, so hieß -es, und daran dacht’ ich heut, als dein Vetter Josef von -der Selbstsucht sprach. Auch er hat mir einmal davon -gesprochen. Die Bienen, so sagte er, lassen die Giftblumen -aus, aber nicht so das männliche Herz im Flug -durch die Welt. Auch aus Unrat und Gift den lebendigen -Honig zu schmelzen, das ist die Aufgabe des Werdenden bis -zum siebenzigsten und achtzigsten Jahr. — Alle seine -Worte stehn unverlierbar in meinem Herzen. -</p> - -<p> -„Doch liebe ich ihn nicht. — Ich fürchte ihn vielleicht. -</p> - -<p> -„Zwanzig Jahre und mehr wuchs ich auf an mir selber, -glaubte den Anforderungen des Lebens zu genügen, liebte -meine Mutter und die Freunde, schrieb Briefe und las, -nannte mich stolz eine Dienerin und fühlte daneben immerhin -<a id="page-145" class="pagenum" title="145"></a> -das Fehlende. Ich liebte niemand. Ich wußte es -nicht, denn ich liebte die Kunst. -</p> - -<p> -„Er aber liebt nicht die Kunst, und: man darf sie nicht -lieben, sagt er, man darf sie nur haben. Zu lieben ist die -Welt, Kunst ist nichts. — Der Schatten auf einem Blatt, -die Runzel in einer Stirn, an einem Stuhlbein das -zögernde Licht, des Baumes Wuchs und große Haltung, -die Ebene, menschliches Lächeln, alle menschlichen Verwandlungen -durch Trauer und Hoffnung, Trübsal, Geduld, -Gram, Leichtheit und Tiefen, die sind seiner ernsten -Seele lieb, und über diese gebeugt, macht er sie nach mit -einer ungeheuren Kunst, die er hat, daß sie sich wieder -erkennen und ihn ansehn und sich verwundern und sagen: -Wir sind es. — Und dann sind sie schön. -</p> - -<p> -„Oh, er sah sie so großäugig an, wie liebten sie ihn, -sie sahen ihm lange nach, wenn er vorüberging, er wanderte -ja tastend im Irrsal, aber er erzog sein Herz. Er -diente. Er wurde weit, alles Land zog in ihn ein, Schicksale -kamen und schlugen ihre Zelte in ihm auf, der Strom -rollte um sein Herz, Vögel brachten Samen, und Bäume -schlugen Wurzel auf ihm, und die Vögel spielten auf im -Gezweig. Wir sind es! sangen sie, wir sind es! — In -seinem Schatten schlief ich ein und war froh. -</p> - -<p> -„Er sagte, er liebe mich, und ich wunderte mich nicht. -Er liebte so vieles zu seiner Zeit. Er wollte mein Herz, -er sagte, es sei weich, und ich gab es und gern. Er trägt -ja das Abbild fremder Gesichter in Büchern nach Hause, -und uns sind es Lichter und holdes Gebrause. Er malt -sie mit flüchtigem Strich auf den reinen Grund seiner -Liebe zum Lachen und Weinen, — wie schön ist die Welt! -</p> - -<p> -<a id="page-146" class="pagenum" title="146"></a> -„Und alles war gut. -</p> - -<p> -„Alles schien gut, ich wußte es, ich fühlte es nicht. -Denn ich war immer nur ein armer Mensch; das, was -ich konnte, tat ich wohl, jedoch am Grunde meines Lebens -wucherte es fort, die trüben Gedanken, wer kann sie verscheuchen? -Denn ich liebe ihn nicht. -</p> - -<p> -„Oh, nicht dies ist es, mein Gott, nicht die Kluft zwischen -ihm und mir, nicht daß, wenn er liebend und eifrig -sein ganzes Innres vor mich hinschüttete, daß hinter den -goldenen Bergen immer die graue Wand sichtbar blieb, -daß ich seufzen mußte und sein fernes Herz hören hinter -dieser Wand, wo es im Ewigen wandert mit Stürmen -und Flüssen, dort, wo ich nicht bin. -</p> - -<p> -„Dies ist es nicht. -</p> - -<p> -„Wenn es still ist und ich lausche, höre ich es von fern. -Oh — jenseit ist sein Land, das Allerseelenland; in dem er -wandert fern und wohl zu Hause ist. Du kannst es heute -sehn und morgen, wann du willst — betreten kannst du’s -nicht. Dort ist ein jeder Baum sein Haus, Nachtlager, -Traum, und jede Frucht ihm Speise. Oh nein, er hat es -selbst gemacht, es ist nur, weil er ist. -</p> - -<p> -„Ich liebe ihn nicht, weil ich ihn niemals genug lieben -könnte, weil ich nicht hineingelangen kann dort. In -meinen grauen Stunden liege ich davor, die Stirn gebeugt -auf die Knie und klage. In den heiligen Stunden -lege ich die Stirn gegen seine Mauer und die flachen -Hände und fühle im kalten Stein den zuckenden Schlag -seines Herzens, denn voll von ihm, so voll ist jenseit die -göttliche Luft, daß es den Stein schwellen und tönen -macht, — ich aber bin dort nicht. -</p> - -<p> -<a id="page-147" class="pagenum" title="147"></a> -„Oh, wer kann sich denn genug tun in der Liebe, wenn -er liebt? Wer kann jemals aufhören, zu begehren, wo -alles unendlich ist! Wer kann sich an die Brust schlagen -und sagen: Genug! Wer wollte die Arme breiten um die -Welt und sagen: Ich habe! Ich fliege und bin doch kein -Vogel, ich flute und bin doch kein Strom, ich singe und -bin nicht Gesang, ich brenne und bin nicht die Glut, ich -schöpfe und schöpfe mich aus bis zum Boden, und es ist -nicht Liebe genug, nicht Liebe genug.“ -</p> - -<p> -Ulrika legte die linke Hand unter die linke Brust und -sagte nach langer Zeit kaum vernehmbar leise: -</p> - -<p> -„Aber doch ist er zu mir gekommen, und ich — wenn -ich nun lausche auf das ferne Pochen seines Herzens, so -höre ich es näher und näher, nahe, ganz nahe, und endlich -ist es hier; nicht im Herzen, sondern darunter trage ich -das seine. Drei Monate sind es bald ...“ -</p> - -<p> -Blaß, leuchtenden, schwimmenden Auges blickte sie aufwärts, -ihre Lippen zitterten, sie schluckte, dann fiel die -Hand unter ihrem Herzen fort, sie setzte einmal, zweimal -zum Sprechen an, bis die Worte kamen, ein Hauch: -</p> - -<p> -„Gott! — Gott! — Gott! — Nun habe ich dir alles -gesagt, was göttlich und schön war. Rein, rein, rein habe -ich es dir hingehalten, habe keine gemeine Schlacke daran -gelassen und es gehalten, wie einen schweren Spiegel, vor -dein Gesicht. Nun — laß ichs — — fallen.“ -</p> - -<p> -Lange war es still. Mit brennenden und vergehenden -Augen richtete Renate sich langsam auf, kniete, bückte sich -auf Ulrikas Hand und küßte sie. In demselben Augenblick -stürzte sie seitwärts mit Gesicht und Brust so schwer -auf den Boden, daß Renate ein leises Dröhnen durch die -<a id="page-148" class="pagenum" title="148"></a> -Knie bis zum Herzen zittern fühlte. Die Luft war noch -ganz voll von dem leisen Gesang der Liebe; Renate, hülflos -auf die Daliegende blickend, weinte vor sich hin und -sah mit grenzenlosem Mitleid diese goldenen Arme und -die Hände über ihren Kopf lang hin geworfen, so daß sie -dalag wie eine Angespülte. Schicksal und alles hatte sie -ausgegossen und verströmt und war nun wohl so leer in -dünner Hülle, daß der Schritt der Stunde, der sie träfe, -einbrechen müßte; aber vielleicht stand die Stunde still, -getraute sich nicht und ging leise einen andern Weg. -</p> - -<p> -Renate wagte es endlich, legte sich zu Ulrika, faßte -nach einer ihrer Hände; aber wenn sie auch neben einer -Gestürzten lag, so empfand sie doch nur, daß sie ihre eigne, -geringe Demut zu einer unendlich größeren gebettet hatte, -und daß die Hülflose immer noch wie ein Engel war gegen -sie. „Weine nicht, oh weine nicht!“ bat sie. Ist nicht -Josefs Vater heil und gesund, fragte sie sich, Rettung -suchend, ist nicht dieser Tag sonnig, begünstigt, was kann -denn nur fehlen? -</p> - -<p> -Ulrika setzte sich auf, auch Renate mußte es tun und -sah, daß Ulrika nicht Tränen geweint hatte. Ihre Augen -waren heiß, aber trocken, sie griff nach ihrem Haar, steckte -eine gelockerte Flechte fest und sagte ruhiger: -</p> - -<p> -„Was wußten wir von Kindern, Renate! Sage die -Wahrheit! Sie kommen und sind da wie so vieles in der -Welt, Häuser, Blumen, sind Freude oder Plage, und wir -wußten wohl, daß wir eine bestimmte Beziehung zu ihnen -haben sollten, aber wir bedachten es nicht. Im Gegenteil, -man hat uns so erzogen, daß wir alles eher bedenken -als sie. Du freilich bist klüger als ich, aber ich gehörte -<a id="page-149" class="pagenum" title="149"></a> -doch zu denen, die nichts wissen, denen am Hochzeitstage -ihre Mutter weinend um den Hals fällt und unverständlich -von grausigen Dingen spricht. Eine von denen, die -beim Einrichten der neuen Wohnung hin und wieder so -etwas hören wie: Vorläufig genügen ja vier Zimmer, -aber wenn erst Kinder kommen ... Und man hört das -nicht, denn hier ist — wie sagte dein kluger Vetter? — -eine Lücke im Gesichtsfeld, die weiß der Himmel mit Keuschheit -so viel zu tun hat wie der Teufel mit Gott.“ -</p> - -<p> -Renate, die unter unklarem Empfinden zustimmen -mußte, hörte sie immer härter und zorniger weitersprechen: -</p> - -<p> -„Und wenn wir auch dies und das in Büchern gelesen -haben, um zu wissen, du wirst es ja zur rechten Zeit immerhin -getan haben, wie ich es nicht tat, so lasen wir -doch nur, — wie man auch von einer Löwenjagd liest, -ohne zu denken, daß man je dazu kommen könnte. —“ -</p> - -<p> -Sie schwieg grüblerisch, Renates Gedanken waren weit -fortgeeilt, sie faßte wieder Ulrikas Hand und sagte eilig: -„Du, sage doch gleich: soll ich Magda bitten, daß wir -nach Helenenruh fahren, wenn es soweit ist? Du weißt, -ihr gehört Helenenruh, und —“ -</p> - -<p> -„Du weißt ja noch nicht alles,“ unterbrach Ulrika, aber -sie lächelte danach und sagte: „Du bist doch ein praktisches -Mädchen, Renate, ich hatte das gar nicht gewußt.“ -Wieder dunkler blickend, fuhr sie fort: -</p> - -<p> -„Ich fürchte mich vor dem Kind, ich erschrak zuerst -namenlos, und noch heut kann ichs nicht glauben.“ Ihre -Augen glänzten stumpf, als sie sagte: „Wir werden von -bösen Geistern erzogen, Renate, zum Grimm erzogen, -und —“ sie jammerte jetzt fast — „was soll ich mit einem -<a id="page-150" class="pagenum" title="150"></a> -Kind? was weiß ich von einem Kind?“ Sie lachte plötzlich -verzerrt, ja grausam, indem sie schloß: „Ich hab nun -schon seit Wochen die Vorstellung, daß ich sehe, wie -mein schwarzer Flügel Kinder bekommt, immer eins nach -dem andern.“ Sie brach schluchzend ab und verbarg ihr -Gesicht. -</p> - -<p> -Da merkte Renate mit leisem Schauder, daß etwas in ihr -war, das dies nicht an sich herankommen lassen wollte. -Sie wehrte sich Augenblicke lang besinnungslos nach zwei -Seiten hin, und plötzlich stand der Herzog vor ihr. Entsetzt -sprang sie auf, glühte und stieß rauh hervor: „Nein!“ -Sie streckte die Hände von sich, krallte wild die Finger, -biß sich auf die Lippen und sagte wieder: „Nein!“ und -ein drittes Mal: „Nein!“ Sie sah Ulrika vor sich stehn, -unbegreiflich dunkel glühte ihr das rote Haar. „Was sagst -du?“ hörte sie von einer fremden, nahen Stimme und -stammelte: „Was hast du gemacht, Ulrika, um Gottes -willen, was hast du ...“ -</p> - -<p> -Dann wurde sie ihrer bewußt, rüttelte sich hart zusammen, -strich mit der rechten Hand den linken Arm hinunter, -mit der linken den rechten, schloß einen Haken am Halsausschnitt, -zog am Saum der Tunika über den Knien und -arbeitete unterdes mit gewaltiger Anstrengung innerlich -an einem Koloß, der aus dem Wege sollte und mußte, -und dann hatte sie ihn aus dem Weg. Eine schneidende -Stimme zwischen ihren Schläfen sprach: Das war Unsinn. -— Mit flackernden Augen und zitterndem Mund sagte -sie zu Ulrika: „Man denkt diese Dinge nicht, man tut -oder läßt sie.“ Noch brauste es um sie, sie stand frierend -im warmen Schatten und sah einen feinen Sonnenstrahl -<a id="page-151" class="pagenum" title="151"></a> -durch das Laub, vorüber an einem zitternden Blatt, dessen -Spitze er vergoldete, nach dem Stamm der Kastanie -stechen, wo ein talergroßer Sonnenfleck erschien und drinnen, -sehr deutlich und ganz hell, die Flecke und Falten der -Borke. Rundherum war Grün und Schatten. -</p> - -<p> -„Ja, und nun ist es genug,“ sagte sie kalt, „komm, -sprich nun weiter, du Gute!“ und zog sie, an den Boden -gleitend, mit sich nieder. Ulrika zauderte noch mit besorgten -Augen, besann sich eine Weile und fing ruhig an -zu sprechen: -</p> - -<p> -„Damals, vor drei Monaten, schrieb ich an meinen -Mann. Er lag damals vor Valparaiso, der Brief reiste -ihm nach und erreichte ihn erst in Deutschland. Ich schrieb -ihm, daß — daß wir ja nie verheiratet waren, daß ich bei -ihm geblieben sei, weil er sagte, daß er mich liebe, und es -wollte; daß ich nie gewußt hätte, was das heiße für ihn; -daß ich seine Güte kaum begriffe, die nie gefordert habe, -obgleich er doch im besten Vertrauen auf mein Wissen -und meinen Willen vor Jahren den Bund mit mir -schloß, dessen Erfüllung ich dann verweigerte; und dann -schrieb ich, daß ich nun alles verstünde, weil ich selber -liebte; daß ich ihn um Freiheit bitten müßte ... Mehr -wagte ich damals nicht zu schreiben; es war ja auch wohl -alles, für mich war es das, — freilich, was wissen wir -von den Gedankengängen eines Andern? -</p> - -<p> -„Dann kam er. Ein wortkarger Mensch war er stets, -jetzt brachte er kaum ein Wort heraus. Seine Haut war -braun von Meer und Sonne, aber es schien kein Blut -darunter zu sein, sie war grau. Wenn es sein müßte, -sagte er, so solle ich einen Andern lieben; meine Pflicht sei -<a id="page-152" class="pagenum" title="152"></a> -freilich, diese Liebe zu bekämpfen, doch sei das meine Sache, -er habe ja mein Herz nicht in der Hand. Aber daß ich -einem Andern gehören solle, das wäre nicht zu ertragen. -Er ließe mich nicht frei. -</p> - -<p> -„Vielleicht glaubst du, daß es in diesem Augenblick -viel schwerer gewesen sein müßte, den Mut zu haben, den -ich vor Monaten nicht hatte. Es war wohl auch kein -Mut, es war — die Henne verjagt den Habicht blindlings, -— hieß es nicht so? — Ich war eiskalt vor Angst, -aber ich sagte ihm die Wahrheit. -</p> - -<p> -„Er kam auf mich zu und sah mich nur an. Oh sein -Gesicht, sein Gesicht! Laß! laß!“ rief Ulrika, die Hände -vor den Augen. Sie ließ die Hände fallen, sah vor sich -hin und sagte: „Wie Asche von Papier, so war es. Dann -ging er hinaus. Er ist bei meiner Mutter gewesen und -hat wohl den Namen erfahren. Aber das war vorgestern, -bei Benvenuto ist er nicht gewesen, auch weiß -niemand sein Haus, selbst seine Eltern wissen nur ungefähr, -wo es liegt, und — du lieber Gott,“ schloß sie kopfschüttelnd, -„was könnte Benvenuto geschehn!“ -</p> - -<p> -Seltsam klang Renate auf einmal der Name Benvenuto -im Ohr, — als sei der Maler plötzlich ein andrer -Mensch dadurch geworden, zarter gleichsam und nicht -mehr so abgewandt. Indem sah sie Ulrikas stille, traurige -Züge sich heben und von einem Lächeln kräuseln, als -ob sie jemand ansehe, und hörte sie gleich darauf sagen: -„Sieh da, Jason!“ -</p> - -<p> -Richtig — Renate wandte sich — stand dort Jason, -halb verdeckt vom Buschwerk wie ein guter Geist der Gewächse, -schwarz gekleidet, sehr weiß von Gesicht durch das -<a id="page-153" class="pagenum" title="153"></a> -Grüne ringsum; so nickte er von oben auf die im Grase -Sitzenden mit freundlich glänzenden, schwarzen Augen und -sagte: „Ein schöner Anblick, ihr Beiden, das muß ich sagen.“ -</p> - -<p> -Renate, ein wenig hochmütig über diese äußerliche Art, -zu sehn, sagte, wie ihr selber schien, einfältig: „Es ist nicht -alles Gold, was glänzt, Jason.“ -</p> - -<p> -„Es sieht doch aber gut aus,“ versetzte er beharrlich, -„ihr kennt nur viel zu wenig meine Vorliebe für schöne -Gegenstände. Jetzt zum Beispiel habe ich Lust, Brahms’ -deutsche Tänze zu hören. Ich glaube fast, ich bin deswegen -hergekommen.“ -</p> - -<p> -Renate blickte kopfschüttelnd und forschend Ulrika an, -aber die erhob sich gleich, stand frei da und sagte: „Gern, -Jason, wenn Renate will ...“ -</p> - -<p> -Da dachte sie, daß Jason doch wohl insgeheim das -Rechte meine; daß es gut sei, eine Zeitlang die Ohren mit -schönem Geräusch zu füllen und das Herz zu erleichtern, -sie nahm Ulrikas Arm und wollte sie durch das Gebüsch -auf den Weg ziehn, doch mußte sie sich noch einmal umdrehn, -da sie Jason sagen hörte: „Was liegt denn da?“ -</p> - -<p> -Im hohen Grase lagen zusammen eine Schildpattspange -Renates, eine Holunderdolde und zwei grüne Kastanien, -ein seltsam armes Häuflein, wie Spielzeug von -einem Kinde, das plötzlich fortgerufen wurde. -</p> - -<p> -„Blumen, Früchte und eine Spange,“ sagte Jason, -sich bückend, nahm die Spange auf und gab sie Renate, -indem er leicht bemerkte: „Das übrige Spielzeug kann da -liegen bis nächstes Jahr; vielleicht findens dann andre -Kinder und spielen damit.“ -</p> - -<p> -Jason wußte, schiens, wieder alles. -</p> - -<h4 class="section"> -<a id="page-154" class="pagenum" title="154"></a> -Kapelle -</h4> - -<p class="first"> -Sie saßen in der Kapelle an den beiden Flügeln, im -rechten Winkel zu einander, so daß sie sich sehen konnten, -und spielten ohne Noten einen der heiter und festlich stampfenden -Tänze nach dem andern, zuweilen sich zulächelnd, -so daß Renate heitrer gestimmt, wenn Ulrikas Gesicht -leicht emporgedreht von ihr abgewandt war, durch die -laute Musik wieder ihre leise, fast nur atmende Stimme -hörte, mit der sie den reinen Gesang ihrer Liebe aus sich -schöpfte. -</p> - -<p> -„Bravo,“ sagte Jason, als sie geendet hatten, „das -hat mir sehr gefallen. Es ist doch sehr sonderbar und -kaum zu begreifen, wenn man so vier Hände sieht, immer -zwei ganz für sich, springend hin und her, greifend und -tanzend, und dann diese ordentliche, sinnreiche Musik hört. -Aber dieser Brahms ist nun weiß Gott und wahrhaftig -wie schöne Kleider. Darin ist er Feuerbach wieder ähnlich, -Feuerbach ist auch lauter schöne Kleider und kein -Herz.“ -</p> - -<p> -Renate blickte sich um; Jason saß über ihr auf dem Drehstuhl -vor der Orgel, hatte das rechte Schienbein quer vor -sich auf den linken Oberschenkel gelegt, ganz hoch, und -hielt es mit beiden Händen wie ein delikates Instrument. -</p> - -<p> -„Kein Herz,“ sagte sie, „Jason, das geht zu weit, — -aber —“ -</p> - -<p> -„Ach, ich habe mich wohl auch versprochen,“ unterbrach -er sie, „ich meinte irgendeinen andern Gegenstand -mit H —, warte, wir werden das gleich haben, Halsband, -Handwerk —“ er zählte, innerlich suchend, weiter —, -<a id="page-155" class="pagenum" title="155"></a> -„Herrlichkeit, Hintertür, Hoheit, Humor! das wollen wir -nehmen,“ schloß er blinzelnd und zufrieden, „und nun, -was wolltest du sagen?“ -</p> - -<p> -„Ja, nun weiß ichs nicht mehr,“ lachte Renate. „Ulrika, -vielleicht weißt du es.“ -</p> - -<p> -Ulrika, die Hände vor sich auf dem Tapet, sah aus, -als ob sie eifrig nachsänne. Jason aber war aufgestanden. -„Ja. — Ja, gewiß,“ meinte er zerstreut, vor sich hinsehend, -„allein ...“ Er ging die Stufen hinunter, hielt -an, sah angestrengt mit gerunzelter Stirn gegen den Fußboden -und ging plötzlich durch den Raum und hinaus. -</p> - -<p> -„Was hatte er denn?“ fragte Ulrika. Renate machte, -ohne denken zu können, ein paar Griffe im Baß, formte -einen Übergang, hörte gleich darauf Ulrika in der Mittellage -einfallen, und dann waren sie, ab und zu einander -mit Frage und Bejahung anblickend, im leichten, verfließenden -Durcheinander der kunstlosen Verknüpfungen -und Lösungen, die sie sich aufgaben und ausführten, bis -wieder Jason zwischen ihnen stand und gewillt zu sprechen -schien. Sie hörten auf, und er sagte zu Ulrika: -</p> - -<p> -„Es wird doch besser sein, wenn du jetzt gehst. — Ich -habe Reinhold gebeten, vorzufahren,“ sagte er leicht zu -Renate hinüber, „möglicherweise ist es eilig. Aber du -mußt dich nicht sorgen, Kind, ich kann mich auch irren“, -endete er ermunternd, indem er die linke Hand auf Ulrikas -Schulter legte, die still saß und gradeaus blickte. Sie stand -nun wortlos auf, war aber sehr weiß im Gesicht, nickte -Renate fremd lächelnd zu und ging mit Jason hinaus. -</p> - -<p> -Renate sah sich an der niedern Brüstung des mittleren -Fensters stehn, die alle drei weit offen waren. Nur Grün, -<a id="page-156" class="pagenum" title="156"></a> -nur Grün ... murmelte sie, hinausblickend. Oben hing -ein Stückchen Himmelsblau herein wie eine Fahne, und -Renate murmelte wieder, tief beklommen: Die letzte Fahne -vom Fest ... Sie fröstelte mitten in der Wärme. Nun -erinnerte sie sich des Onkels, — ob er noch schlief —? Und -sie sah ihn sich weinend zu Josefs Schulter bücken und -sah Josefs schnelle und feste Bewegung und die gepreßten -Lippen, als er den Kopf neigte und ihn küßte und wieder -grade stand. — Überflutend plötzlich wünschte sie inständig -nach oben: Wäre doch der Tag schon zu Ende! — -Warum bin ich nicht mit Ulrika gefahren? fragte sie sich -unwillig, wandte sich nach einem Geräusch hinter ihrem -Rücken um und sah Jason wieder eintreten. „Du bist -nicht mit ihr?“ fragte sie enttäuscht. -</p> - -<p> -Er antwortete nicht, und sie spürte etwas Erleichterung, -weil er geblieben war. Jason ging zu Ulrikas Flügel, -setzte sich davor, legte leise den Deckel nieder und drückte -einmal fest und weich die Handflächen darauf. — Muß -ich denn jetzt überall etwas wittern? fragte Renate sich -ängstlich und verdrossen, — aber was dachte ich denn bei -diesem Schließen von Ulrikas Klavier? — Sie wollte sich -Worte Ulrikas ins Gedächtnis zurückrufen, aus jenem -schönen Augenblick, wo sie lag und sang, fand aber kein -Wort mehr und sagte nur zu Jason: „Ulrika hat vorhin -von der Liebe gesprochen, so wundersam ...“ -</p> - -<p> -Jason nickte ein-, zweimal langsam mit dem Kopf, indem -bemerkte Renate, daß er nicht mehr den Kopf schüttelte, -und rief hocherfreut: „Was ist mit deinem Kopf, Jason?“ -</p> - -<p> -Er faßte nach der Stirn. „Ist etwas?“ fragte er unsicher. -</p> - -<p> -<a id="page-157" class="pagenum" title="157"></a> -„Das Schütteln, Jason, wo ist es?“ -</p> - -<p> -„Das Schütteln?“ fragte er. „Ach, es ist fort? Siehst -du, ich habe es gewußt und habe es gesagt,“ fuhr er fröhlich -fort, „die Zeit, prophezeite ich, wird es an sich nehmen, -man muß nur zu warten verstehn und nicht immer denken, -das, was gerade geschieht, ist das All- und Einzige, was -überhaupt geschehen kann; es kommt vielmehr immer noch -andres, immer noch andres, das ganze lange Leben hinunter, -und mit dem Tode ist das wirklich auch nicht alles -so sicher, wie die Lehrer sagen. — So, hat sie von der -Liebe gesprochen? Das ist schön. Es wird so viel Mißbrauch -getrieben mit der Liebe.“ -</p> - -<p> -Renate, dankbar und beruhigt, ihn nur sprechen zu -hören, glitt auf die Fensterbrüstung und fragte, da er -schwieg: „Inwiefern, Jason?“ -</p> - -<p> -„Zum Beispiel sagen manche, Liebe müsse auch treu -sein. Ja, wie kann sie denn? Muß sie denn nicht sein, -wie sie will, hat sie nicht einen Anfang, mitten im Leben -des Menschen, und muß also ihr Ende haben? Ist sie -nicht eine sonderbare Gabe, die keiner kommen sieht, keiner -sich verschaffen kann, mit keiner Münze und mit keiner -Kunst, und da wollt ihr sie nun verhaften und binden? -Wenn sie kommen darf, muß sie nicht auch gehen dürfen? -Ist sie nicht mehr ein Gefühl? Da sprechen Andre zum -Geliebten: Wir lieben uns Beide, aber ich liebe dich mehr, -und du liebst mich zu wenig, und heute liebst du mich nicht -wie gestern und die andern Tage vorher, aber du hast -mir Versprechungen gemacht, und wenn ich dir nicht -glauben kann, kann ich dich auch nicht mehr lieben. Dann -sagen sie auch: Du hast mir Liebe geschworen, und nun -<a id="page-158" class="pagenum" title="158"></a> -liebst du an andrer Stelle, was soll das bedeuten? und -mit alledem verändern sie ihre eigne Liebe, machen sie -groß und klein, je nachdem, und indem sie drüben dies -und jenes fordern, tun sie doch selber jenes und dies. Oder -auch da heiraten sie und zeugen Kinder und meinen, damit -drückten sie nun ihre Liebe aus. Sie schmieden Pläne -und haben schöne Gedanken, sie streiten herum, weinen -und versöhnen sich, sie verdienen Geld, kochen und backen, -mieten Wohnungen und sitzen viele Tage über Tapeten -und Kücheneinrichtungen, und all das halten sie für Gestalten -ihrer Liebe, und nun, es ist da wohl etwas Richtiges, -denn es ist göttliche Eigenschaft, alle Gestalt annehmen -zu können, sie aber wollen den Gott verhaften und -binden mit dieser Gestalt, verhaften und binden, und martern -sich selber allein und wissen nicht, daß der Gott alsbald -auch wieder die Gestalt verläßt und kehrt nach Hause -und wohnt bei sich selber. So ist die Liebe ein Gefühl, -wohnt allein im Gefühl und läßt ihrer nicht spotten. Ulrika -hat wahrlich die wunderbare Demut erlernt, denn -sie liebt nur, sie liebt. Lieben, solange der Odem reicht, -nicht fragen nach Gegenstand und Erwiderung, nach -Plage und Wonne, nur ganz und gar sich darbringen, -unverlangt und ungelohnt, wer hat euch das gelehrt? -Und dann, Renate, danach, so Gott will, wirst du nach -deinem Ende in eine schöne Blume verwandelt werden, -deren Anfang dein Ende ist, eine Sonnenblume vielleicht, -aber auch die einfache Primel trägt ein deutliches Zeichen -an ihrem gelben Kleid, daß sie die Sonne sieht und nichts -sieht als die Sonne, jene uralte, der dein weißer, zarter -Freund Ech-en-Aton Stadt und Tempel baute, die an -<a id="page-159" class="pagenum" title="159"></a> -demselben Tage, wo er starb, verlassen und gestürzt -wurden, dieweil die Menschen gehorchen und vergessen, -er aber von ihrem Wege wich und in die ewige Verwandlung -einging. Komm, Renate, wir wollen in den -Garten gehn.“ -</p> - -<h4 class="section"> -Lindenallee -</h4> - -<p class="first"> -Wie schön war es nun, im Garten umherzugehn! Zu -ihrer völligen Beruhigung legte Renate die linke Hand -auf des kleineren Jason linke Schulter, und so gingen sie -schweigsam und friedfertig auf den kleinen, engen Wegen, -an der Veranda vorüber und um den Rasenplatz. Dem -Haus gegenüber, an dem ihre Augen hinaufglitten, blieb -Renate vor einem überraschenden Bilde stehn. Im Schlafzimmerfenster -des Onkels war, nicht hoch über der Fensterbank, -sein hoher Kopf und weißer Bart zu sehn, wie sie -ihn des öftern während dieses Sommers sitzen gesehn -hatte, da er den Blick von oben auf den Garten zu lieben -schien; jetzt blickte er zu Josef auf, der in der linken Fensterhälfte -ein wenig zurückstand und rauchte und sprach, -die rechte Hand gegen den Rahmen gestützt, und in dieser -Haltung beugte er sich eben vor und ließ mit klopfendem -Zeigefinger ein Stück Asche von seiner Zigarre tropfen, -wobei er Renates gewahr wurde, nickte und winkte, und -jetzt wandte auch der Onkel die stillen, dunklen Augen -her, lächelte und nickte. — Welch ein Frieden, ach, welche -Erleichterung! -</p> - -<p> -Schon im Weiterschreiten glaubte Renate im Fenster -über den Beiden, dem des Erasmus, etwas zu gewahren, -<a id="page-160" class="pagenum" title="160"></a> -ging aber weiter, hörte Jason etwas sagen und sah währenddem -aus dem unkenntlichen braun und grauen Haufen -auf der Fensterbank, den sie bemerkt hatte, den Kopf -und die eisenbekleideten Schultern des Erasmus werden, -als ob er hinter der Fensterbrüstung kniete, eine sinnlose -Vorstellung, da Erasmus in der Fabrik sein mußte. Es -mochte ein Stück seiner Rüstung gewesen sein. — Sie -fragte Jason, was er gesagt habe, und hörte ihn wiederholen, -indem er stehen bleibend sie zum Halten zwang: -</p> - -<p> -„Ich fragte, ob du dich eigentlich über nichts wundertest, -wenn du mich solche Sätze sagen hörst wie soeben.“ -</p> - -<p> -Seine gedämpften, leise fragenden, ganz wenig ironisch -zusammengezogenen Augen unter sich, versetzte sie: „Nein, -Jason, ich finde es immer so schön, daß ich zu keinem andern -Gedanken komme.“ -</p> - -<p> -„Das,“ sagte Jason, die Stirn senkend, „das ist es. -Du triffst den Nagel auf den Kopf wie immer. So schön, -daß ihr euch nicht das geringste dabei denkt, das tut ihr, -ja, das tut ihr, oh welch unsagbar kümmerliche Einrichtung!“ -Mit unendlichem Bedauern den Kopf wiegend, -wanderte er weiter, indem er sagte: „Ich weiß es alles -und trage es in schönen Perioden vor, ich, der ich kein andres -Leben mehr habe als eben dies, zu wissen und zu sagen, -und die Andern leben es, und das heißt: sie leben es -nicht. Sie wissen nichts, auch du, wenn du in irgendeiner -solchen Lage bist, auf die meine Sprüchlein passen, erinnerst -du dich dann vielleicht des langmütigen Jason und -seiner blühenden Erkenntnisse? Nein, denn dann seid ihr -alle höchlich kurzmütig, dann ist da nur die fassungslose -Geschwindigkeit, nur die Lage ist eben da, blindlings muß -<a id="page-161" class="pagenum" title="161"></a> -gehandelt werden, keiner besinnt sich, keiner befolgt andern -Ratschluß als das brennende Verlangen seines gepeinigten -Herzens, — ja, könntet ihr wohl an einem meiner -Sätze gehn wie an einem sichern Geländer, könntet ihr -darauf reiten oder fahren, wenn eure Füße müde geworden -sind? Hundert und tausend Menschen kenne -ich wohl, denen ich und meine Reden immer willkommen -sind, aber würde vielleicht ein einziger dadurch -klug? — Man hört, sagt ja, spricht von andern Dingen -und vergißt, und dieses nennt man das tägliche -Leben.“ -</p> - -<p> -„Es ist deine Schuld, Jason,“ sagte Renate mit leichter -Wehmut, stehen bleibend vor den ersten Sonnenblumen -an der Rückwand der Kapelle und undeutlich dies -und jenes bedenkend, woran die zu stolzer Neigung erhobenen -kleinen und strengen Antlitze sie erinnerten. — -„Es ist deine Schuld, denn du sagst es zu schön. Du sagst -es, wie soll ichs nennen, sanft einschläfernd. Du bist zu -gut, Jason.“ -</p> - -<p> -„Und wäre ich böse, Schwester Sonnenblume, wer -denn, glaubst du, wollte mich hören?“ -</p> - -<p> -Schwester Sonnenblume — tönte es seltsam in Renate -nach, wer hatte das einmal zu ihr gesagt? Ach, sie selber -hatte einmal eine Sonnenblume so angeredet an jenem -Tage, wo Sigurd —, wo die Todesnachricht von Esther -kam. — „Nun, was giebt es denn da?“ hörte sie Jason -indem halblaut sagen und wandte sich. -</p> - -<p> -Innerhalb der kleinen Lindenallee in der Nähe der Kapelle -stehend, über die Kohlköpfe und Erdbeerpflanzungen -des kleinen Gemüsegartens hinweg sah sie die rote, häßliche -<a id="page-162" class="pagenum" title="162"></a> -Rückwand des Herzbruchschen Hauses im Schatten, -dann hinter dem Zaun eine Bewegung in dem dichten -Holundergestrüpp, dessen Zweige schwerbelaubt und doldenvoll -herüberhingen. Irenes blonder Kopf und schwarze -Schultern wurden jenseits sichtbar, sie schien einen schweren -Gegenstand durch das Buschwerk zu heben und zu -drängen, einen Stuhl, und Renate fragte sich verwundert: -Will sie herübersteigen? es ist doch eine Tür da! — Indem -erschien am Ende der Lindenallee eine abenteuerliche -Figur in schwarzem, faltig zerknittertem Hemde von Kaliko -und brennendroten Strümpfen mit gerollten Wülsten -unterhalb der Knie, und das wild aussehende, rote und -schwarzbärtige Gesicht war das von Klemens, der, ohne sie -und Jason zu sehn, stehen bleibend nach Irene hinüber -starrte, deren Gesicht eben deutlich im Blätterwerk auftauchte -und still blieb, gegen Klemens gewandt. Klemens -schwang jetzt ruckweise einen und den andern Arm, stieg -mit weiten Tritten über die Beete, hielt mitten und schrie -außer sich Irene an: -</p> - -<p> -„Was wollen Sie denn schon wieder? Wollen Sie -mich bis ans Ende der Welt verfolgen? Sie — oh Sie, -ich leugne diesen Vorfall, ich leugne ihn, ist Ihnen das -noch immer nicht klar geworden? Soll ichs Ihnen beibringen?“ -</p> - -<p> -Mit zwei Sprüngen war er am Zaun, Irene streckte -die Arme aus, über den Zaun zwischen ihnen faßten sie -sich und fingen an sich zu küssen, so daß Renate vor besinnungslosem -Staunen die Augen nicht abwenden konnte, -und erst als sie gar nicht aufhören wollten, drehte sie sich, -die Unterlippe zwischen den Zähnen, weg, sah den unverwandt -<a id="page-163" class="pagenum" title="163"></a> -und sehr teilnehmend das Schauspiel betrachtenden -Jason neben sich, wollte etwas äußern, fühlte aber -seine Hand am Arm, und er sagte, ohne den Kopf zu heben, -leise: „Scht! man spricht nicht in der Tragödie.“ -</p> - -<p> -War das Ernst oder — —? — Sie wagte es, wieder -zum Zaun zu blicken, da stand Klemens allein und keuchte, -in den Büschen rauschte es noch. Er wurde jetzt der Beiden -ansichtig, schüttelte den roten und schwarzen Kopf mit -blinden Augen wie ein Stier, versuchte zu lachen, starrte -an die Erde und kam langsam zwischen den Beeten heran. -Vor ihnen blieb er stehn, stützte sich wie vorm Umfallen -an einen Stamm und sagte: „O Gott!“ und noch einmal: -„O Gott!“ so zerbrochen, daß Renates Herz klopfte. -Dann sah er verloren auf, betrachtete seinen Ärmel, faßte -den Saum mit den Fingern und wischte sich mit dem -schwarzen Zeug überm Handrücken die Schweißtropfen -von der Stirn. -</p> - -<p> -„Nein,“ sagte er endlich, „geleugnet kann es wohl doch -nicht werden, und nun kann ich ja hingehn und meinen -Freund umbringen.“ -</p> - -<p> -Er schluchzte haltlos auf, die Tränen liefen ihm hell -übers Gesicht. Mit beiden Händen am Leibe nach Taschen -tastend, schien er seinen Anzug zu bemerken und schnob: -„Der verfluchte Mummenschanz! Der verfluchte Mummenschanz -ist an allem schuld!“ trocknete sich die Augen -mit den Händen und blickte Renate trostlos an. -</p> - -<p> -„Es war ja schon das zweite Mal,“ sagte er leise; -„wenn wir uns sehn, geraten wir aneinander, so oder so. -Ja, wie bin ich denn hier hereingekommen?“ fragte er, -<a id="corr-5"></a>stecken bleibend. -</p> - -<p> -<a id="page-164" class="pagenum" title="164"></a> -„Ich vermute,“ sagte Jason ruhig, „Sie wollten eigentlich -ins Herzbruchsche Haus, und da Sie an diesem vorüberkamen, -sind Sie in Ihrer Verwirrung hineingegangen, -weil Sie’s kannten.“ -</p> - -<p> -„Das wird es gewesen sein“, versetzte er stumpf. -</p> - -<p> -Am Ende der Lindenallee tauchte Irene auf; im -schwarzen, wehenden Kleid, kam sie leicht und schwebend -daher. -</p> - -<p> -„Hören Sie nur,“ sagte Klemens, der sie nicht sah, -„ich habe sie immer geliebt. Aber das ging mich allein -an, und sie haßte mich ja, ich sie auch wegen ihrer lächerlichen -Lebensführung.“ -</p> - -<p> -Irene, nicht mehr weit von ihnen, blieb stehn, faltete -die Hände unter der linken Brust, sah zugleich schmerzlich -und beseelt und fast glücklich aus. -</p> - -<p> -„Da hatten wir heut morgen wieder einen Zweikampf, -oder mittags meinetwegen. Ich war den ganzen Vormittag -draußen gewesen, um zum Großherzog zu gelangen, -konnte nicht zu ihm und kam todmüde zu Herzbruchs. -Da fingen wir wieder an, uns wegen dieses verfluchten -Zeuges zu zanken, — es durfte ja keiner ohne Kostüm -draußen herumlaufen, da bekam ich dies geliehn, und sie -verhöhnte mich wegen meiner Teilnahme an dynastischen -Festen, und da —“ Indem drehte er sich seitwärts und -sah Irene dastehn. -</p> - -<p> -„Ich war bei meinen Eltern,“ sagte Irene leise, „aber -es ist niemand im Haus. Da kommst du wieder, und es -ist wohl recht, und — da bin ich.“ -</p> - -<p> -„Zu mir?“ fragte Klemens entsetzt. „Da sei Gott -vor! Und dein Mann?“ -</p> - -<p> -<a id="page-165" class="pagenum" title="165"></a> -„Ich — du — zu meinem Mann schickst du mich?“ -fragte sie leiser. „Und ich war doch schon da ...“ -</p> - -<p> -„Schon ...? Bist du ...? Was hast du denn da -gemacht?“ stöhnte er. -</p> - -<p> -„Ich habe ihm gesagt, daß ich nun nicht mehr bei ihm -bleiben könnte. Es war schrecklich ...“ -</p> - -<p> -Renate suchte ängstlich nach einem Ausweg für sich, -aber Irene kam nun zu ihr, faßte ihre Hand, und Renate -fühlte, daß sie innerlich zitterte. -</p> - -<p> -„Was sagte er?“ fragte Klemens. -</p> - -<p> -Irene, heftig Atem schöpfend, brachte heraus: „Nichts. -Gar nichts. Er saß da und — sah mich an. Da bin ich -wieder gegangen.“ -</p> - -<p> -Klemens hob die geballten Hände und schüttelte sie -und schluchzte: „Du! schämst du dich denn nicht?“ -</p> - -<p> -„Eins, zwei, drei, marsch,“ sagte Renate kräftig, „entweder -Sie beherrschen sich jetzt, Herr Doktor, oder Sie -gehn Ihres Weges, Punkt.“ -</p> - -<p> -„Klemens! Klemens!“ flüsterte Irene angstvoll, aber -er bearbeitete seine Stirn mit den Fäusten und weinte in -sich hinein. -</p> - -<p> -„Es fällt ihm ja so schwer, sich zu beherrschen,“ flüsterte -Irene an Renates Ohr, „wir müssen Geduld haben.“ -</p> - -<p> -Überdem wurde er still, ließ die Hände fallen, blickte -Irene verstört an und sagte: „Meinst du denn, ich wollte -meinem Freunde seine Frau wegnehmen? Meinem Freunde, -von dem ich alles habe, was ich bin? Das einzige, -was er hat?“ Er kam auf Irene zu, sie streckte die Hände -aus, er packte ihre Handgelenke, schüttelte sie rasend, -drehte um und stürzte den Weg hinunter wie ein Trunkener. -<a id="page-166" class="pagenum" title="166"></a> -Irene hob, ihm nachsehend, ihre Handgelenke, wischte -um die roten Eindrücke und sagte leise: „Du tust mir unrecht, -Ot—, Kle—“ Sie schrak zusammen und flüchtete -sich zu Renate. -</p> - -<p> -„Ich habe noch niemals“, sagte Jason ganz ergriffen, -„an einem sonst vernünftigen Menschen ein so schreckliches -Verhalten bemerkt. Und nun kehrt er wieder um.“ -</p> - -<p> -Klemens kam wieder zurück, ruhiger, wie es schien, -blieb ein paar Schritte entfernt stehn und sagte: -</p> - -<p> -„Noch ein Wort, Irene. Du befindest dich in einem -Irrtum, denn: ich glaube dir nicht. Ich weiß von Otto, -daß du seine Frau gar nicht gewesen bist, daß du ihn betrogen -hast; endlich bist du zu ihm gegangen, und das -war aus Angst vor mir, zu dem du nun von ihm wegläufst. -Das genügt mir. Wenn du doch Kinder hättest! -Dann könnt’ ich denken, du hast wenigstens deine Pflicht -getan. Aber so — bloß mit einem Manne gelebt und gelacht -und geschlafen, und jetzt das selbe mit mir —, und -dann wirst du eines Tages kommen und sagen, du hättest -dich wieder geirrt — so wie damals mit deiner Gottesmutter.“ -</p> - -<p> -„Warum so hart?“ sagte Renate, da sie Irene heftiger -zittern fühlte, doch ließ die jetzt ihre Hand los und fragte: -„Geirrt? wie meinst du das?“ -</p> - -<p> -„Ich meine,“ versetzte er und jetzt nicht ohne Haltung -und Würde, „daß du damals ebensogut wie zu Otto zu mir -hättest kommen können. Mich kanntest du freilich nicht -und hättest mich schwerlich da gesucht, wo ich lag. Aber -krank war ich auch, Pflege braucht ich auch, um genau -dieselbe Zeit.“ -</p> - -<p> -<a id="page-167" class="pagenum" title="167"></a> -Irene flog auf ihn zu, lachte, faßte seine Schultern, rief -ganz erlöst: „Klemens! Aber dann wissen wir’s ja! Dann -bin ich falsch gegangen! Dann war’s meine Schuld! Dann -ist ja alles gut!“ -</p> - -<p> -Ohne sich zu bewegen, sah er sie an und versetzte: „Das -meinst <em>du</em>! <em>Ich</em> finde aber, diese Erkenntnis kommt dir -etwas spät. Wievielmal, sage, willst du denn noch fehlgehn? -Sicherheit will ich. Deine Ehe und meine Freundschaft -— all das soll hin sein? Sicherheit! Glaubst -du, daß ich so eines Aberglaubens wegen der Dritte sein -will?“ -</p> - -<p> -„Der Dritte?“ fragte sie zurückweichend. -</p> - -<p> -Klemens warf einen Blick auf Renate und sagte: -„Hattest du nicht einen himmlischen Bräutigam zuerst? -Da gab dir der Himmel ein Zeichen, und du nahmst einen -Andern. Nun erzählst du mir, das Zeichen war falsch, und -kommst zum Dritten. Das soll ich glauben? Waren denn -Otto und ich die einzigen Kranken in der Stadt? Wirst -du nicht morgen kommen und sagen: Das Zeichen war -falsch, es hieß überhaupt, daß ich Krankenschwester werden -sollte? Darum sage ich —“ Er brach ab, sein Gesicht -wurde weich, er sagte erschüttert: „Gott verzeih mir, Irene, -ich bin zu hart zu dir gewesen. Das war wohl Unsinn, -was ich geredet habe, aber auf all das kommt es ja gar -nicht an, und auf unsre Liebe kommt es nicht an, sondern -nur auf die Treue. Ich halte sie, ich halte sie, und wenn -ich in Stücke gehe. Vergieb mir, vergiß mich! Aus uns -wird nie was. Leb wohl!“ Er drehte sich schnell um und -ging den Weg hinunter und verschwand. Irene stand -hülflos. -</p> - -<p> -<a id="page-168" class="pagenum" title="168"></a> -„Vielleicht“, hörte Renate Jason neben sich sagen, -„wunderst du dich nun, indem du meiner Reden gedenkst. -Welch wunderbare Erläuterung! Wie hinfällig sieht doch -die ganze schöne Liebe aus, vom Gesichtspunkt der Treue -aus betrachtet.“ -</p> - -<p> -Sie machte vergebliche Anstrengungen, das Ganze zu -begreifen, entschied sich vorläufig zum Mitleid mit Irene, -zog sie an sich und fragte: „Was soll nun werden?“ -</p> - -<p> -„Ich kann nicht weiter“, erwiderte sie erschöpft, widerstand -aber Renates Bemühung, ihren Kopf an die Brust -zu ziehn, stumpf zu Boden blickend. -</p> - -<p> -„Ja, nun — immer gleich helfen lassen“, sagte Jason. -Irene blickte ihn fragend an. „O nein, nein, Kind,“ fuhr -er gelassen fort, „möchtest du vielleicht Redensarten von -mir hören? Nun sag uns nur einmal: warum willst du -nun durchaus von deinem Mann fort?“ -</p> - -<p> -„Ach, Jason, du bist furchtbar,“ seufzte Irene, „glaubst -du denn auch nicht, daß ich Klemens liebe?“ -</p> - -<p> -„Aber wie denn? Hab ich das gesagt? Er hat es -doch selber anerkannt, daß du ihn liebst. — Ach so, nun -willst du ihn auch heiraten. Ja, weißt du, das ist doch -aber eigentlich etwas viel verlangt.“ -</p> - -<p> -Irene richtete sich auf. „Ich will ihn nicht heiraten. -Ich weiß nur, daß ich bei Otto nicht bleiben darf. Herrgott, -wie mir das jetzt unaufhörlich in Augen und Ohren -brennt! Da kam Klemens zur Tür herein, damals, und dann -hat er schon gebrüllt, und ich lauter, und dann wurde ich -wie Holz, und dann war alles Haß. Jason, kann denn -ein Mensch so schauerlich verblendet sein? Wie soll ich -das jemals wieder gutmachen? Er spricht von seiner -<a id="page-169" class="pagenum" title="169"></a> -Freundschaft, ich hab sie nicht verstanden. Von meiner -Ehe, — ich hab sie nicht verstanden, ich verstehe mich -selber nicht, wie soll ich da wissen, was zu tun ist? Und -nun —“ schloß sie, sich zusammenraffend, „nun will ich zu -meinen Eltern.“ -</p> - -<p> -Sie nickte Renate und Jason zu und schritt ganz leicht -und schwebend in ihrem schwarzen Kleid zwischen den -Beeten hindurch zum Zaun, öffnete die Tür und verschwand. -</p> - -<p> -„Ist es zu begreifen, Jason?“ fragte Renate vor sich -hin. „Sie lieben sich und bekämpfen sich doch.“ -</p> - -<p> -„Sie bekämpfen einander nicht,“ sagte Jason verloren -nach oben blickend, „sie bekämpfen nur immer sich selbst -— durch den Andern. Sie stehen in Rauch und Flammen -und suchen einen Brandstifter. Sie wollen jeder das Seine -und lassen sich immer hindern. Wäre ich nicht so leicht,“ -schloß er leise, den Kopf senkend, „wie, meint ihr, müßte -alle Last meines Wissens mich zu Boden drücken. Oder -nein,“ verbesserte er sich trübe, „ich bin der Schwere, -denn die Wahrheit ist immer leicht — für den, der sie -nicht braucht.“ -</p> - -<p> -Renate hörte ihn wehmütig an, sah auf einmal ihre -Hände, in die sie verloren hineinblickte, fand sie unsauber -und erinnerte sich, daß sie sich im Ankleidezelt der Burg -zuletzt gewaschen hatte. Gleich ergriff sie der Wunsch, zu -baden, mit unerklärlicher Heftigkeit, sie setzte sich in Bewegung, -Jason ging schweigend mit, so kamen sie ins -Haus, wo ihnen Magda begegnete, Renates lavendelblaues -Kleid über dem Arm. -</p> - -<p> -„Könntest du mir wohl helfen?“ bat sie verlegen lächelnd. -„Ich habe mir doch dein Kleid für heut abend -<a id="page-170" class="pagenum" title="170"></a> -zurechtgemacht, aber hier am Ausschnitt will es nicht -sitzen ...“ -</p> - -<p> -Renate, bereitwillig lächelnd, setzte sich in einen Sessel -der Halle, nahm das Kleid auseinander, hob aber den -Kopf und sagte: „Bitte, Kind, erlaube, daß ich mich eben -etwas wasche, ich komme dann gleich und helfe. Wie spät -ist es eigentlich?“ -</p> - -<p> -„Es wird sechs Uhr sein,“ meinte Magda; „willst du -nicht bleiben, Jason?“ fragte sie ihn, der an der Tür -stand. -</p> - -<p> -„Richtig, wohl,“ versetzte er mit nachdenklich auf Renate -gerichteten Augen, „ich kann auch bleiben.“ -</p> - -<p> -Renate wollte sich erheben, indem kam er zu ihr, sah -immer nachdenklicher auf sie herunter, beugte sich dann -und küßte sie auf die Stirn. Sie litt es lächelnd und -erfreut, sah ihm nach, wie er zur Verandatür ging und -dort stehen blieb, stand auf, nickte Magda zu und ging -hinaus. -</p> - -<div class="chapter"> - -<h3 class="chapter" id="subchap-0-1-7"> -<a id="page-171" class="pagenum" title="171"></a> -Siebentes Kapitel -</h3> - -</div> - -<h4 class="section"> -Garten -</h4> - -<p class="first"> -Georg, in einer dumpfen, ihn selber dunkel befremdenden -Verfassung, betrat sein Zimmer und stand minutenlang -zwischen dem Schreibtisch und den Fenstern im leeren -Raum, der Tür zum Speisezimmer zugewendet, leise erstaunend -über die große Pracht der Nachmittagsonne, die -nebenan hinter den geschlossenen Vorhängen den Flügel, -die Wände, Vitrine und die gläserne Apsis sehr geheimnisvoll -und edel erscheinen ließ. Die Sonne, dachte Georg, -ist dieselbe wie am Vormittag, nur aus einer andern Richtung, -aber mein Herz drehte sich ganz herum nach unten. -„Nun, Egon, bist du wieder da? Wie war es denn?“ -</p> - -<p> -Warum spreche ich so leise? Wunderte sich Georg. — -Egon versicherte, es sei fabelhaft gewesen. Im Garten, -sagte er, warte ein Herr, Herr Dr. Klemens ... Georg -nickte, bat Egon, sich in einer halben Stunde bereitzuhalten, -und konnte wieder nicht laut sprechen. Ich konnte -es doch eben, dachte er, setzte sich vor den Schreibtisch und -stützte den Kopf in die Hand; — aber ich glaube, es -kostete mich eine furchtbare Anstrengung ... Er hörte sich -wieder die Rede halten im Ständehaus: „... keine -Versprechungen, meine Herren, es schiene mir lächerlich, -das Vertrauen, mit dem Sie nach mir blicken mögen ... -Nur die sichtbare Gestalt des Mannes, den ich mit tiefster -Scheu und Ehrfurcht Vater nenne, dessen jahrelanges Wirken, -unermüdlich zum Wohle ... Nur er, dessen kräftiger -Unterstützung ich tief bedarf und in dieser ernstesten aller -<a id="page-172" class="pagenum" title="172"></a> -Stunden erbitte ...“ Ach, dachte Georg, das war schön, -das war schön! Wie es mir die ganze gelernte Rede mitten -zerriß, weil er groß und mächtig dastand in dem roten -Waffenrock und mir das Herz zum Springen füllte mit -heiliger Sehnsucht und Liebe ... Nein, mein Gott, wenn -ich der wirklich wäre, der ich sein soll, ich glaube nicht, -daß ich nur halb das empfinden könnte, was ich nun -empfand. -</p> - -<p> -Vor ihm erschienen die bärtigen Altmännergesichter, -Kneifer, Kahlköpfe, vielen Fräcke im großen Ständehaussaal, -alle Arme gingen hoch, er hörte seinen Namen gerufen -... Er schauderte nach. Seine Blicke, an ihm heruntergleitend, -ließen ihn die hellblaue Uniform gewahren, -in der er steckte, er lächelte und dachte: Nein, diese im -Viereck aufmarschierten Dragoner und Füsiliere, die waren -doch nur sonderbar, ebenso wie die krähende und überlaute -Stimme, welche die Eidesformel verlas. Tüchtig -war’s wohl, die Hurras knallten wie mit dem Hammer -festgenagelt, man müßte sie noch sehen können an der -Wand. — Ja, nun werde ich wohl erst eine Weile Soldat -werden müssen, vielleicht ist es das beste. Vater kann -ich nicht verlieren, kann’s nicht, kann’s nicht. Aber gut, -daß es schwer ist. Wenn es leicht wäre, was wäre es -dann? Er sprang auf, riß Haken und Knöpfe der warmen, -engen Uniform auf, ging zum Bücherbord, hob einen -kleinen Band aus der Tiefe, las mit verschleierten Augen -die goldenen Buchstaben B. Cellini, küßte sie hastig, stellte -den Band fort, richtete sich grade auf und ging in den Garten. -</p> - -<p> -Auf der Bank am Wasser saß ein Mensch, den Kopf -in Händen, rote Strümpfe an den Beinen. Als Georg -<a id="page-173" class="pagenum" title="173"></a> -ihm näher kam, sah er empor, erhob sich, hatte ein schwarzes -Kalikohemde an und war Klemens; sein Gesicht war -so bleich mit roten Flecken, und die Augen flackerten, daß -Georg, ihm die Hand reichend, fragte, bemüht, laut zu -sprechen: „Ist Ihnen etwas, Klemens?“ -</p> - -<p> -Klemens wehrte hastig ab und sagte heiser und sich -räuspernd: „Danke, nein, danke! — ja! mir ist nicht grade -wohl, aber — es kommt jetzt nicht darauf an.“ -</p> - -<p> -„Setzen Sie sich doch,“ bat Georg, „oder wollen Sie -einen Schluck Wein?“ Allein Klemens schüttelte den Kopf, -er tränke keinen Alkohol. -</p> - -<p> -Wer ihm denn dies Zeug gegeben habe, erkundigte sich -Georg, um die Stimmung ein wenig zu heben. Es sei -das Letzte gewesen, was er habe kriegen können, meinte -Klemens, er habe Georg ja am Vormittag draußen gesucht, -sei aber nicht zu ihm gelassen worden, und als ein -Bekannter ihm Zutritt zur Burg verschafft habe, sei Georg -nirgend zu finden gewesen. -</p> - -<p> -„Da saß ich am Waldrand und schlief,“ meinte Georg -gelassen, „und nun, was habe ich verschlafen?“ -</p> - -<p> -„Das“, bemerkte Klemens mit einem hastig prüfenden -Blick, „kommt auf Sie an. Das heißt,“ setzte er hinzu, -„das soll heißen, daß es dabei keinesfalls auf mich ankommt.“ -</p> - -<p> -Georg, da er nicht begriff, schwieg. Klemens blickte -eine Weile geradeaus, wandte sich mit einem Ruck zu Georg -und sagte: „Da wir bisher, ich darf wohl sagen, gute -Freunde waren, eine grade Frage, — um das Ganze zu vereinfachen: -Glauben Sie, der zu sein, für den Sie gelten?“ -</p> - -<p> -„Nein“, sagte Georg ruhig. -</p> - -<p> -<a id="page-174" class="pagenum" title="174"></a> -„Schön, eine grade Antwort,“ fuhr Klemens fort; -„also, wenn ich Ihnen dies heut morgen als Neuigkeit -mitgeteilt hätte, so würde es Sie in Ihrem Wege nicht -abgelenkt haben?“ -</p> - -<p> -„Heute vormittag? Nein.“ Wie ruhig ich bin, dachte -Georg; ja, all dies hat nun längst seine Erledigung gefunden. -</p> - -<p> -Klemens, der wieder nachgedacht zu haben schien, sagte: -„Wenn ich versuche, mich an Ihre Stelle zu setzen, so kann -ich allerdings nicht sagen, daß ich wie Sie gehandelt hätte. -Sie aber sind anders aufgewachsen, das heißt —“ -</p> - -<p> -Georg erriet seine Frage und antwortete: „Mein Vater -und ich wissen es selbst erst seit zwei Jahren und einem halben. -Meine Mutter erfuhr es nie. Sie sind in schönen gemeinsamen -Stunden mein Freund geworden, wenn ich das -sagen darf —“ Klemens nickte freundlich, „ich brauche -vor Ihnen nichts zu verbergen. Daß ich gekämpft haben -muß, wird Ihnen klar sein. Aber Sie haben recht, wenn -Sie sagen, ich sei anders aufgewachsen. Daran lag es. -Über alldas sprechen wir vielleicht später einmal, wenn -Sie — weiter mein Freund bleiben werden ...“ -</p> - -<p> -Er hielt ihm die Hand hin, Klemens ergriff sie fest und, -wie es schien, mit großer Rührung; er behielt sie noch, -drehte sie hin und her, lachte kurz und sagte: „Sie bemerken -eigentlich nichts an dieser meiner Hand?“ -</p> - -<p> -Georg sah sie an, Klemens machte die Finger grade, -es war eine schöne, kräftige, nicht eben kleine Arbeitshand -von ungemeiner Lebendigkeit. -</p> - -<p> -„Was soll ich bemerken?“ fragte Georg. -</p> - -<p> -„Daß es nicht die Hand eines Freundes, sondern eines -Bruders ist. Wir hatten dieselbe Mutter.“ -</p> - -<p> -<a id="page-175" class="pagenum" title="175"></a> -Georg zuckte leise zusammen, sah in das dunkle, bärtige -Gesicht mit der fleischigen, groben Nase, dem schönen -Kinn und Mund im Bart und mußte langsam lächeln, -dann erröten. — Ich erröte ja wieder, durchzuckte es ihn, -— wie lange nicht! Seit meiner Kindheit. -</p> - -<p> -„Ja, dann sollten wir wohl du zueinander sagen, -wenn du mir nichts vormachst“, sagte er leise. -</p> - -<p> -„Die geistige Brüderschaft“, meinte Klemens lachend, -„wird wohl doch die größere sein.“ -</p> - -<p> -Sie ließen sich los, saßen sekundenlang Beide in der -selben Verlegenheit, bis Georg glaubte, seiner Würde die -leichtere Haltung schuldig zu sein, und sagte: „Also sprich, -was du zu sagen hast, ich habe kaum eine Viertelstunde -mehr bis zum Umziehn, aber du kannst ja dabei zusehn -und weiterreden.“ -</p> - -<p> -„Es wird am besten sein,“ meinte Klemens, „du selber -sagst mir, was du weißt.“ -</p> - -<p> -„Ja, ich weiß fast nichts“, sagte Georg. „Und all -das zu erklären, <em>was</em> ich weiß, würde lange dauern. Du -kannst es später alles geschrieben lesen. Jedenfalls: wer -meine Eltern waren, weiß ich nicht, ich wurde hier in der -Nähe von Altenrepen geboren, nur der ehemalige Verwalter -meines Vaters, Chalybäus, wußte davon. Meine -Mutter soll gestorben sein; im selben Hause lag die Frau -meines Vaters, sie brachte ein schwächliches Kind zur -Welt, und ich wurde —“ -</p> - -<p> -„Das Kind war meine Schwester Virgo“, sagte Klemens. -</p> - -<p> -„Mein Gott, ist das wahr? Das ist ja wunderbar! -Das war —?“ -</p> - -<p> -<a id="page-176" class="pagenum" title="176"></a> -„Virgo,“ wiederholte Klemens trübe; „dafür, daß ich -einen Bruder bekam, habe ich nun eine Schwester verloren.“ -</p> - -<p> -„Unsinn!“ tröstete ihn Georg, „was könnten Sie denn -da verloren haben?“ Klemens lächelte wieder. „Höre, —“ -sagte Georg, „dann ist dir vielleicht auch eine sonderbare -Frauensperson bekannt, die bei meiner Geburt eine Rolle -gespielt hat; Nassja hieß sie und hatte ein T-förmiges -Kreuz —“ -</p> - -<p> -Klemens nickte, während er sein Kleid unter der linken -Achsel aufknöpfte und aus einer Westentasche ein zusammengeknifftes, -altes und schmutziges Papier und ein Notizbuch -hervorzog. -</p> - -<p> -„Anastasia Petrowna Schischin, schreib Zizin,“ sagte -er, „sie brachte seinerzeit Virgo ins Waisenhaus, besuchte -sie auch; ich kannte sie und wurde nicht selten von ihr besucht -und unterstützt, als ich aus dem Waisenhaus gelaufen -war. Sie wurde über vierundachtzig Jahre alt, vor -anderthalb Jahren etwa ist sie gestorben. Letzthin besuchte -ich sie seltener, sie wohnte an der russisch-polnischen Grenze -und schmuggelte Leute drüberweg. Sie war der wortkargste -Mensch, den ich je gesehn habe, aber sie machte -sonderbare Andeutungen, die ich nicht verstand und daher -vergessen habe. Es muß aber etwas von einem vornehmen -Verwandten gewesen sein, das warst du also. Wie es -scheint, hat also sie diesen Brief hier geschrieben.“ Er zog -einen alten, abgerissenen Briefbogen aus dem Umschlag. -„Dieser Brief ist von meiner Mutter. Er befand sich in -einem Bündel Kinderkleidchen Virgos, hier diese russischen -Buchstaben auf dem Umschlag bedeuten: für meine Tochter, -<a id="page-177" class="pagenum" title="177"></a> -wenn sie erwachsen ist. Scheinbar hat die alte Rüdiger, -Virgos Ziehmutter, diese Anweisung geachtet, denn -der Brief kam geschlossen in Virgos Hände, als sie vor -ein paar Wochen, in Muttergefühlen, das alte Bündel -hervorholte. Ja, nun hat sie ja Zwillinge —“ Klemens -strahlte. „Ich“, fuhr er, Georgs Ungeduld bemerkend, -fort, „nahm den Brief an mich, weil ich Russen kenne, -traf aber keinen von ihnen, vergaß den Brief auch, bis ich -zufällig gestern den Almanach sah und ihn fragte, ob er russisch -verstünde. Er hat mir dann den Brief übersetzt; -gegen seine Mitwisserschaft wirst du wohl nichts einzuwenden -haben.“ -</p> - -<p> -Georg, den Brief in der Hand, verfolgte die verwischten -Bleistiftzeilen, die russischen Buchstaben, die er nicht verstand, -sah am Ende die Unterschrift, zittrige Linien, wie -die ersten Schreibversuche eines Kindes, und dachte wehmütig, -daß dies die Schrift seiner rechten Mutter sei, -solch ein welkes Blatt ... spät ihm zugetrieben. -</p> - -<p> -„Ist das der Name?“ fragte er leise. -</p> - -<p> -„Ja,“ sagte Klemens, „Krotkaja oder Kaja Moscherowska -—“ Georgs Blick fiel ab. -</p> - -<p> -Ganz deutlich standen im dämmrigen Raum der Kerzenflammen -die drei schwarzen Femrichter der letzten Nacht, -und eine helle, fremde Stimme sagte: Kaja Moscherowska -... Georg fiel innerlich zusammen, er hatte einen -widrigen Geschmack im Mund. „Ist dir nicht gut?“ hörte -er fragen. Da saß Klemens. Indem kamen Schritte auf -dem Kies, Georg wandte sich und sah Egon dastehn. -„Ich komme“, sagte er und stand auf. Er bemerkte den -Brief am Boden, nahm ihn auf, fragte dann schwach: -<a id="page-178" class="pagenum" title="178"></a> -„Also was steht in diesem Brief?“ Klemens sagte: „Es -steht drin, daß meine Mutter nicht eine Tochter zur Welt -brachte, sondern einen Knaben, — der du bist ...“ -</p> - -<p> -Georg versuchte, zu überlegen. Etwas schien ihm an -diesen Zusammenhängen noch zu fehlen, aber sein Denken -war jetzt gelähmt, er verschob es auf später. Allein — -da stand wieder Klemens und beanspruchte noch Aufklärungen. -In einem unerträglichen Ekelgefühl riß er den -Brief in kleine Stücke und ließ sie wegfliegen. -</p> - -<p> -„Es ist genug“, sagte er leise. „Komm morgen zu mir. -Ich sage dir dann alles, was ich weiß.“ -</p> - -<p> -Da war diese elende Müdigkeit wieder. Eine Mutter -hatte er nun, ach, er kannte sie ja sogar, auf Virgos -Schreibtisch stand ihre Photographie, ja, sie war schön, -sah etwas slawisch aus, es war irgendein Rollenbild, ja, -die Gräfin im Figaro, glaubte Virgo, und Georg sah -die schönen schwarzen Zöpfe um jene Züge vom ‚reinsten -Ebenmaß‘, wie Chalybäus es ausgedrückt hatte, schmal, -die Mandelform der Augen und Virgos hochmütige Nase, -nein, es war ja nicht Virgos, es war die seiner — seiner -andern Mutter. Plötzlich glaubte er zu empfinden, wie -das Bild seiner Mutter ihn ansah und zu sich zog ... -</p> - -<p> -Dann, langsam neben Klemens den Weg hinaufgehend, -fühlte er immer deutlicher und peinlicher neben der Erscheinung -seiner Mutter einen dunklen Hohlraum. Ja, -dort fehlte ein Vater, und Georg kam sich namenloser -vor als vorher. -</p> - -<p> -Im Arbeitszimmer gab er Klemens die Hand. „Du -warst die Nacht nicht hier im Hause?“ mußte er plötzlich -fragen. -</p> - -<p> -<a id="page-179" class="pagenum" title="179"></a> -„Ich? hier im Hause? Was sollte ich —“ -</p> - -<p> -„Entschuldige nur,“ lächelte Georg, „mir fiel etwas -Dummes ein. Alles andre später, wenn’s dir recht ist, -nicht?“ Klemens nickte ernst. „Ich werde meinem Vater -sagen, daß er eine Tochter bekommen hat, das wird ihn -freuen.“ -</p> - -<p> -„Obendrein wo sie schon Zwillinge hat,“ bemerkte -Klemens mit ermunterndem Lächeln; „also auf Wiedersehn, -vielleicht seh ich dich morgen bei Virgo?“ -</p> - -<p> -Georg nickte, drückte ihm die Hand, sah ihn die Stufen -hinaufgehen zur Tür, öffnen, nickte noch einmal lächelnd -und stand stumpf, nachdem die Tür geschlossen war. Egon -war wieder da; er faßte vorn nach seinem Uniformrock, -schlug ihn auseinander, Egon hob schon die Arme, um zu -helfen, aber er riß den Rock plötzlich mit Gewalt wieder auf -die Achseln und ging heftig durch das Zimmer nach nebenan. -Er öffnete die Tapetentür neben der Schenke, drehte die -Lichtkurbel, ging den schmalen Gang hinab und betrat die -Sternwarte durch die kleine Tür. Drinnen war der Sonnenschein, -breite, tausendfach flimmernde, goldleuchtende -Balken, schräge von den bleiverglasten Rundbogenfenstern -hernieder. Mitten in einem von ihnen stand funkelnd der -Leuchter mit herabgebrannten Stümpfen von Lichten. -Sonst war nichts. Georg lief dumpf und zornig die eiserne -Wendeltreppe hinauf, Becher und Kanne standen auf dem -Steintisch, sonst war nichts. Langsam stieg er wieder -hinunter. -</p> - -<p> -Den Gang schwerfüßig zurückgehend, sah er an der -zugefallenen Tür zu seinem Eßzimmer etwas glänzend -Blaues, Schillerndes. Beim Näherkommen ward es ein -<a id="page-180" class="pagenum" title="180"></a> -schöner, sehr großer Schmetterling von stark leuchtendem -metallischen Blau, der dort steckte, und die Nadel hielt -zugleich eine weiße Seidenschleife mit drei langen Bändern. -Georg sah Schriftzüge auf dem einen, hob es an und las: -Saint-Georges, in großzügigen, steifen, ein wenig ausgeflossenen -Lettern. Er hob das zweite Schleifenende, und es -stand in ganz steilen Buchstaben, deren große wie Maste und -Fahnen waren, darauf: Josef Montfort. Auf dem dritten -Bandende las er Jason al Manach, in kleiner, sehr zierlicher -und ganz runder Schrift, die aus lauter Kreisen zu -bestehen schien. — -</p> - -<p> -Georg nahm das schöne, tote Tier vorsichtig ab und -trug es hinaus. Sich im Schlafzimmer findend, wußte er -nicht wohin damit; er ging durchs Badezimmer, die Tür -zu dem besonderen Gemach war angelehnt, Georg trat -vor das Himmelbett, schlug das leichte gelbliche Gewölk -auseinander und heftete den blauen Falter auf das reine, -weiße Kopfkissen. -</p> - -<p> -Soll ich nun lachen, oder soll ich weinen? fragte er -sich, das sonderbare Andenken der Nacht betrachtend. -</p> - -<h4 class="section"> -Haus -</h4> - -<p class="first"> -Renate hatte alle Fenster im Erdgeschoß geöffnet, aber -es blieb schwül in den langsam dunkelnden Zimmern. -Sie ging durch die Räume hin und her, im Garten stand -noch die Helle, kein Blatt bewegte sich, die Luft war lau -und feucht. Sie stand lange an der Verandatür, auf die -Sonnenuhr hinabschauend, und dachte: man müßte sie -eigentlich verhängen bei Nacht wie einen Vogel, der nur -<a id="page-181" class="pagenum" title="181"></a> -am Tage singt. — Sonderbar verlassen und entseelt schien -ihr der Zeiger in seiner Einsamkeit ohne Schatten, steif -und schräge dastehend, wie er mußte. Sie fragte sich -verworren: sind auch nicht vielleicht wir ganz Andre in -den Stunden, wo das Licht uns nicht trifft und der Schatten -uns verließ? — Alles gute Getier aber hüllt sich in -Schlaf bei der Nacht; die es nicht tun, sind böse oder betört -wie Nachtigall und — Katze und — — Dunkelfalter, -fand sie noch, sich umwendend. Und das, dachte sie matt, -ist auch wieder so eine Jasonische Erkenntnis, die man in -der Hand hält und nichts damit anzufangen weiß ... -</p> - -<p> -Sie ging durch die nie gebrauchten, fremden Zimmer -der toten Hausherrinnen zur Straßenseite hinüber. Die -Laterne brannte schon drüben, bleichgelb im Hochsommerzwielicht. -— Da bin ich auf einmal ganz allein im Hause, -dachte sie verwundert, das war ja noch nie seit bald -zwei Jahren! — Aber Erasmus ... Sie schüttelte ärgerlich -den Kopf. Wenn ich nur bestimmt wüßte, daß er -nicht im Hause ist! Und wie komm ich doch nur auf den -Gedanken? — Da merkte sie, daß sie nur nach oben -lauschte, daß sie schon oft gelauscht hatte. Sie wollte -entschlossen zum Flur und fragen —, nein, die Dienstboten -waren ja alle zur Illumination fortgeschickt. Hinaufgehn? -— Aber das wagte sie nicht, aus Angst, ihn -wirklich oben zu finden. Erasmus läßt sich entschuldigen, -sagte der Onkel beim Abendessen, sie hörte es deutlich -wieder, und sie wußte nicht, war er im Hause oder -in der Fabrik, fragte nicht und hörte Josefs Vater begütigend -zu ihm sagen: Wir wissen ja, daß er zu allem -längere Zeit braucht als wir Andern ... Ja, guter Gott, -<a id="page-182" class="pagenum" title="182"></a> -wie schnell hatte der Onkel sich in alles gefunden! wie -leicht war es, seine Gedächtnislücken durch ihn selber füllen -zu lassen, und Josefs zerstörtes Gesicht schien er so wenig -zu sehn, daß auch Renate sich bald daran gewöhnte. — -Wie munter sie gewesen waren! — Renate hörte sich von -‚Heliodora, lächle mal‘, von ihrer Elefantenfahrt erzählen, -und Magda wurde geneckt, daß sie mit Großherzögen zu -Balle wollte ... Und auf einmal waren sie samt und -sonders auf und davon. Der gute Onkel! Die Freude -ließ ihn nicht im Haus, vielleicht wollte er den Heimgekehrten -zeigen, — und wie mühelos gelang es ihr und -Josef, ihn zum Anschaun der Illumination und des -Maskenfestes im französischen Park zu verlocken ... Und -ich war so tödlich müde, — das Bad muß schuld daran -gewesen sein, denn nun bin ich wacher als je ... -</p> - -<p> -Sie wanderte wieder durch die Zimmer zur Halle zurück, -erschrak ein wenig vor ihrer eigenen, weißen Erscheinung -im schon dunklen Hohl des Spiegels, trat nahe -daran, um Mut zu zeigen, und sah ihre Augen fast -schwarz und entfernt hinter den dämmrigen, entfremdeten -Zügen. — Wäre Jason geblieben, oh, stundenlang sollte -er reden! aber nun hatte er sich mit den Andern irgendwie -verloren. — Renate fiel ein, daß er sie geküßt hatte, -und ihr wurde sonderbar ums Herz. Es freute dich doch, -sagte sie zu sich selbst, nun suchst du wieder Bedeutungen! -— Da sah sie Jason in der Kapelle Ulrikas Klavier -schließen. — Ulrika, wo bist du, was ist mit dir? — Überall -gehen Dinge vor, die ich nicht weiß! Es ist ja fast -wie damals, als Doras Mann am Zaun stand und ich -nichts wußte, und dann kam das Entsetzliche. — Nun erwartete -<a id="page-183" class="pagenum" title="183"></a> -sie wieder ein Kind, — Renate grübelte, aber -was Dora empfinden mochte, fand sie nicht, nur verworrene -Trauer. — Was war nur mit Ulrika? — Ach, -nun hat sie wieder kein Telephon! War etwas mit ihrem -Mann? — Sie sah Ulrikas heilig bleiches, innen glühendes -Gesicht und hörte ihre seltsam sausende, beseligte -Stimme Worte der Liebe singen. Und sie fand ein Stück -davon wieder und summte, Augenblicke lang sich vergessend -und heiter: Und uns sind es Lichter und süßes -Gebrause, — wie schön ist die Welt! -</p> - -<p> -Der Morgen war doch so schön! — Das Einhorn! — -Wie sonderbar erschreckte es mich! — Armer Georg, wie -war er erst glücklich! — Aber statt Georgs erschien ihr -sein Vater an ihrem Frühstückstisch des Morgens. Er -war so ungeschickt, er hatte fast keine Haltung, und sie -freute sich leise, — wieviel leichter wäre es gewesen, sie zu -haben, als sie zu verlieren, — Georg verlor die seine keinen -Augenblick. — Und Irene und Klemens stürzten aufeinander -los wie — ja wie Achill und die Amazone, um sich mit -Küssen zu töten. Und dies war nun der Sinn vom Haß ...? -Georges — Renate blieb stehn. -</p> - -<p> -Georges, wo bist du denn den ganzen Tag? fragte sie fast -laut. Böse auf sich selber, sagte sie sich, daß sie ihn kaum -entbehrt hatte, aber so sonderbar war er doch nie! Jetzt weiß -ichs, jubelte sie auf, ich fahre zu ihm! Ich werde ihn fürchterlich -bestrafen. — Aber sie bewegte sich nicht. Bin ich -angewachsen? fragte sie, sekundenlang gelähmt. Sie hob -den Fuß, ihr Herz pochte, sie ging vorwärts. Es ist besser, -ich telephoniere mit Irene, oder Anna kann hinüber ... ach, -es ist ja niemand da! Ein jählings überquellendes Verlangen, -<a id="page-184" class="pagenum" title="184"></a> -eine Stimme zu hören, trieb sie zum Telephon, -schon die Hand am Hörer besann sie sich vergeblich, welche -Nummer sie jetzt rufen sollte, Georges’ oder Irenes, dann -schämte sie sich und bezwang sich. — Sie stand wieder in -der Veranda, es dämmerte nun, sie lief plötzlich die Stufen -hinunter zur Uhr, erfaßte den Zeiger, bückte sich und -legte die Wange auf die Metallplatte, einen Augenblick -erquickt von der Kühle. -</p> - -<p> -Renate ging wieder ins Haus hinauf, durch die Halle, -die Zimmer, und sah auf die leere Straße. Beleuchtet, -durchscheinend hellgrün hingen die schweren Laubmassen -der Ulmen über der Laterne. Jetzt gab es ein Geräusch -in der Ferne, es wurde schnell lauter, ein Automobil, es -rauschte, — kamen sie schon zurück? unmöglich! — Begierig -neigte sie sich vor, es war doch wenigstens ein Ereignis, -und sie zitterte, es könnte nicht in die Straße einbiegen. -Da toste es nahe, schoß, ein flacher, offner -Wagen, fern links hinter den Vorgärten hervor und bog -ein. Es rauschte näher, breit fächerten die mächtigen -Strahlenkegel über die Straßen in die Gärten zu Fenstern -und Hauswänden, im Brennpunkt glotzten grell die riesigen -Augen, geblendet sah sie undeutlich eine einzelne -Gestalt im Rücksitz, da stand es stampfend und klirrend -still neben der Gartentür zu ihrem Hause. Die dunkle -Gestalt erhob sich, Renate sah einen großen Radmantel, -auf der Schulter ein weißes, ausgezacktes Kreuz und erkannte -den Kopf des Herzogs. Und augenblicks im Gefühl, -daß sie ihm irgendwann am Tage einmal unrecht -getan habe, lehnte sie sich weit hinaus und rief: „Woldemar!“ -stieß sich vom Fenster zurück, lief zur Tür, durch -<a id="page-185" class="pagenum" title="185"></a> -den Flur, riß die Haustür auf und lief die Stufen hinunter -ihm entgegen. -</p> - -<p> -Bei ihrem Anblick blieb der Herzog stehn; einen Schritt -vor ihm hielt sie inne, die Hand ausstreckend. -</p> - -<p> -„Da bist du!“ sagte sie, leise vor Ergriffenheit, „es -ist wunderbar, daß du kommst! Mir war so seltsam -angst.“ -</p> - -<p> -„Angst, Renate, dir?“ hörte sie ihn fragen, selig über -seine gute, ruhige Stimme, die ihr über alles wohltuend -schien. Sie zog ihn an der Hand mit sich ins Haus, -machte Licht im Flur und staunte, als unter dem fallenden -schwarzen Seidenmantel die rote Johanniteruniform zum -Vorschein kam, die linke Brust obendrein strotzend beladen -mit Orden, und das Ganze überspannt mit farbigen -Schärpen. -</p> - -<p> -„M—m!“ machte Renate, „weißt du, — wir sind ja -zwei Schöne! Aber Herzog, wie groß ist dein Kopf! Das -kommt von dem engen Kragen!“ -</p> - -<p> -Der Herzog hob beide Hände hoch, in der einen seinen -Stock, in der andern den losgehakten dünnen Degen. -„Laß mich um Gottes willen zu Worte kommen,“ flehte -er, „sonst geschieht ein Unglück. Du hast ja keine Ahnung, -keine Ahnung, weshalb ich komme!“ -</p> - -<p> -Renate schluckte gewaltsam die Enttäuschung hinunter. -Nicht meinetwegen? dachte sie, lachte indes fröhlich und -fühlte sich ganz kalt. „Aber komm nur erst ins Zimmer“, -sagte sie noch lachend, ging in die Halle voran und -machte Licht. -</p> - -<p> -„Nun los,“ sagte sie, sich zurückwendend, „die Trommel -gerührt, das Pfeifchen gespielt, was giebt es Gutes?“ -</p> - -<p> -<a id="page-186" class="pagenum" title="186"></a> -Seine Augen funkelten; wie seine Brust von Kreuzen -und Sternen, strotzte sein ganzes, gerötetes Gesicht von -Gelächter und Glückseligkeit, und Renate rief sich innerlich -scheltend an: Er ist da, er ist glücklich über und über, -und du bist bloß gekränkt, daß er nicht deinetwegen kommt, -schäme dich! Sie sah ihn zum Sprechen ansetzen, aber -seine Augen schienen ihm die Rede abzuschneiden, er -brachte endlich heraus: „Du! Es ist schwer, dich anzusehn -und nicht zu küssen.“ -</p> - -<p> -Sie lächelte ihn kalt an und sagte: „Das weiß ich. Es -wäre mir aber lieb, wenn du dich auch in dieser Beziehung -anders bezeigtest als die Andern. Komm, laß -uns sitzen.“ -</p> - -<p> -In einen Sessel gleitend, hörte sie ihn laut lachen, -dann saß er ihr gegenüber, den Stock quer über den -Knien, beugte sich vor, bat: „Rate doch! Tu mir den -Gefallen und rat, was ich gekriegt habe!“ -</p> - -<p> -Renate tat ihm den Gefallen und riet: „Einen -Orden.“ -</p> - -<p> -Er freute sich wie ein Knabe, lachte schallend, klimperte -an seiner Brust und sagte: „Ein großer Mummenschanz, -Renate.“ -</p> - -<p> -Da mußte sie hellauflachen, sie schlug die Hände zusammen -und rief: „Sagte ich es nicht? Wörtlich, genau -wörtlich hast du’s eben gesagt, wie ichs heut mittag hörte, -als ich mit den Elefanten fuhr! Also keinen Orden? Ja, -dann vielleicht — einen Großherzog?“ -</p> - -<p> -„Bei Gottes Thron!“ rief er, „beinah richtig, einen -Sohn habe ich bekommen, Renate, einen richtigen Sohn, -und was mehr? Eine Tochter! — Und was mehr? — -<a id="page-187" class="pagenum" title="187"></a> -Zwei Enkel, männliche Söhne, eben geboren, Zwillinge! -Gott sei Dank, nun weißt du’s!“ Er setzte sich zurück und -rollte triumphierend den Stock über die Oberschenkel hinunter -und hinauf. -</p> - -<p> -„Nun, das glaube, wer Mut hat“, versetzte Renate, -gänzlich begriffsverwirrt. „Das mußt du mir er—“ -</p> - -<p> -„Erklären?“ Er hob Arm und Handfläche und schüttelte -sie heftig. „Nimmermehr! Kein Mensch findet da -mehr hindurch. Aber fest steht: Georg ist mein richtiger, -echter, natürlicher Sohn, — das heißt, verzeih! wirklich: -natürlich, wie man sagt ...“ Er schloß ernst und mit -leiser Stimme: „Von einer Frau, die ich sehr liebte, so -gut ich das damals verstand.“ -</p> - -<p> -Renate machte verwunderte Augen, da sie dachte, daß -jene Kinder zur gleichen Zeit geboren wurden, und er -hatte ihr doch gesagt, daß er damals die Herzogin liebte. -Er schien dies empfunden zu haben, denn er sagte -hastig: -</p> - -<p> -„Du mußt es recht verstehn. Ich erzählte dir von der -Frau, der Sängerin, mit der ich meine erste Reise machte. -Ich trennte mich von ihr, aber sie wollte es nicht verschmerzen, -sie — kurz, ich war einen Monat vor meiner -Hochzeit noch einmal bei ihr, Abschied zu nehmen, wie sie -sagte; sie bot alles auf, um mich zu — halten, zu binden, -und — aus dieser Stunde wurde mein Sohn.“ -</p> - -<p> -Aus solcher Stunde kommen Kinder, dachte leise schaudernd -Renate. Breit, rot und mächtig sah sie ihn dasitzen, -sein Gesicht glänzte metallisch, er sagte: -</p> - -<p> -„Eine brennende Stunde. Es ging aufs Blut, es war -ein harter Kampf, aber — wenn Mann und Weib miteinander -<a id="page-188" class="pagenum" title="188"></a> -kämpfen, so giebts nur diesen Ausgang“, und -Renate durchfuhr es: Irene! — -</p> - -<p> -„Merkwürdig,“ sagte sie leise, „das gleiche, was du -mir eben sagst, erfuhr ich heute an jemand anders ...“ -</p> - -<p> -„Die berühmte Verdoppelung der Fälle, Renate,“ -hörte sie ihn leise lachen, dann fuhr er fort: „Georg -wurde fast um einen Monat zu früh geboren; infolge des -Erschreckens über meinen Unfall.“ Er stand auf und -ging in den Raum hinein. „Ich kann nicht sitzen,“ hörte -Renate ihn hinter ihr sagen, „es tut zwar scheußlich weh, -aber —“ -</p> - -<p> -Er fing an auf und nieder zu gehn, den Stock vor sich -aufstoßend. Wenn er ihr gegenüber war, sah Renate im -Schatten der kleinen Schirmlampe seinen glühend roten -Waffenrock und das Geglitzer von Metall und Steinen -an seiner Brust. Nun redete er unaufhörlich, sie horchte -aufmerksam, ohne doch recht zu hören, als gerate sie langsam -weiter von ihm fort. -</p> - -<p> -„Vor dem Abendessen kommt Georg, — ich weiß nicht, -was der Junge hat, er sah so — innerlich geduckt aus, -freilich, das Beste weiß er ja noch gar nicht, — Herrgott, -ich muß aber zu ihm! aber höre noch erst ... ja, wo blieb -ich? So, Georg, er sagt mir also in zwei Augenblicken -ganz eilig, er hätte erfahren, wer mein echtes Kind sei, -ich kennte sie selber, es sei die kleine Virgo Schley, — erinnerst -du dich? ach, du kennst sie ja selbst, — ich sagte -dir, daß ich sie bei Georg sah und wie ich sie Helene ähnlich -fand, Gottes Thron, ich habe sie sogar geküßt, ich -wußte nicht weshalb, es war mein Blut, ah das Blut, -Renate, es erkennt sich durch Wände, ja, habe ich denn -<a id="page-189" class="pagenum" title="189"></a> -je und je gezweifelt, daß Georg mein Sohn sei? Nein, -nein, nein, das soll mir keiner verreden! Ich hab es hingenommen, -aber geglaubt habe ich es nie! — Nun das -ewig lange Essen, ich verkohle vor Ungeduld nach meinem -Kind, ich halte es nicht aus, ich breche auf. Kenne ja -Schley, — du weißt: der neue Amtshauptmann, er wohnt -noch hier, weil seine Frau guter Hoffnung —, ja, also -denke dir, ich stürme ahnungslos ins Haus, sie wohnen -hier draußen bei ihrer Fabrik in Wülfel, — da höre ich -gleich: Zwillinge! Zwillinge männlichen Geschlechts, zwei -Männer hat dies kleine blasse Wesen hervorgebracht, ja, -ist es denn zu sagen? Liegt im Bett und ist ganz vergnügt, -die Jungens schreien, ich kläre Schley auf, er weiß -schon alles, nein, die Hälfte, das Ganze kam zutage -durch einen alten Brief, der — ja, verzeih bloß, ich kann -das nicht alles aufsagen — jedenfalls — Virgo ist Helenes -Kind, sie lag da, ein Jugendbild von Helene, und wir -saßen alle zusammen und weinten. Ich hatte ja Wein -getrunken und —“ -</p> - -<p> -„Woldemar,“ sagte Renate erregt und stand auf, „muß -denn nun immer Wein oder so was untergeschoben werden? -Könnt ihr denn niemals aus euch selber weinen und -euch vergessen, wenn das Herz überläuft?“ -</p> - -<p> -„Ihr, Renate,“ sagte er langsam, „wer ist: ihr?“ -</p> - -<p> -Sie blieb stehn, nahm ihre Jadekette gespannt zwischen -die Zähne und sah ihn lauernd an. -</p> - -<p> -„Verzeih, ist dir nicht gut?“ fragte er, auf sie zukommend. -</p> - -<p> -Sie wich hinter ihren Sessel zurück, die Kette fallen -lassend, daß sie klirrte, schüttelte den Kopf und rief: -</p> - -<p> -<a id="page-190" class="pagenum" title="190"></a> -„Nein, nein, verzeih nur! Weißt du, es ist so viel heut, -mir ist ganz wirr im Kopf, — du weißt ja all das nicht! -Das Festspiel am Morgen und der Zug, das konnte allein -genügen für den Tag, und was gab es noch alles! Josef, -weißt du, er ist wieder im Haus, mein Onkel ist wieder -wie zuvor und glückselig, nun sind sie Alle zur Illumination.“ -Sie lachte. „Ach, und das ist längst nicht alles,“ -sagte sie, wieder trübe, „komm, sei nicht böse —“ -</p> - -<p> -Zu ihm gehend, legte sie die Hand auf seine Brust, -glitt, den Daumen nach oben, unter den orangefarbenen -und blauen Schärpen mit der Handfläche glättend nach -unten, küßte ihn leicht mit den Augen, lachte wieder und -meinte: „Ich bin freilich kein Klärchen, schöner, guter -Egmont, obgleich du so wahrhaft spanisch funkelst über -und über“, worauf sie zurückwich, in den Sessel glitt und -ihn mit den Augen zu sitzen bat. Er gehorchte lächelnd -und eifrig, indem er sagte: „Noch zwei Sekunden.“ -</p> - -<p> -„Und nun, wie ging es weiter?“ fragte Renate. Er -besann sich. -</p> - -<p> -„Du weintest“, sagte Renate ernst und weich. „Einmal -weintest du, als ich deine Hand hielt, und du warst -mir nicht fremd. Weißt du das noch?“ -</p> - -<p> -Gehalten und weich wie sie, stimmte er zu: „Ich weinte, -weil jemand starb, nun weinte ich, weil geboren wurde. -Damals aber“, fuhr er heiterer fort, „dachte ich nicht an -dich, obgleich du vor mir standest, aber heute dachte ich -an dich. — Aber weiter! Es war sehr einfach. Es fand -sich ein Bild von Virgos vermeintlicher Mutter, und ich -erkannte es wieder. Lieber Gott, Renate, sage, ist es nicht -wundervoll? Blut — geht — zu Blut, kein Magnet hat -<a id="page-191" class="pagenum" title="191"></a> -solche Kraft, die Berge, die eisernen, brechen nicht auf und -wandern, aber das Blut hebt die Füße, bricht auf und -macht seinen Weg. Von Helene bekam ich keinen Sohn, -aber dies Land wollte seinen Fürsten und bekam ihn, — -ja, so lacht man über Weissagungen und alte Sprüche, -aber innerst im Herzen lebt man schlecht und recht nur -nach ihnen. Wie ich eben im Automobil zu Schley fuhr, -hatte ich unablässig mit wundervollem Gefühl — wie eine -große, metallene Spannung — die Vorstellung von zwei -Wagen, die vor zwanzig Jahren wie von einem großen -Magneten an ein und denselben Ort und zusammengezogen -wurden, und in denen die Mütter meiner Kinder -saßen. Alle hundert Jahre einmal vielleicht geschehen -solche Dinge, und wir sind es, die sie — nein, aber nun -muß ich fort, verzeih, verzeih, hätte ich nur eine Ahnung, -wo ich Georg finde, in dem Maskentrubel — wo ist mein -Degen? ach, draußen ...“ -</p> - -<p> -Sie waren Beide aufgestanden, Renate gab ihm die -Hand und litt es, daß er ihre Stirn küßte, dann tappte -er eilfertig hinaus. Sie folgte ihm auf den Flur, sah -ihn Degen und Mantel über den Arm nehmen, nickte -ihm lächelnd nach und schloß hinter ihm die Tür. — Danach -fielen ihr die Arme schlaff nach unten, ihr Kopf -glühte wie Feuer, sie ging dumpfen Sinnes und mit -schweren Füßen in ihr Zimmer hinauf. -</p> - -<div class="chapter"> - -<h3 class="chapter" id="subchap-0-1-8"> -<a id="page-192" class="pagenum" title="192"></a> -Achtes Kapitel -</h3> - -</div> - -<h4 class="section"> -Masken -</h4> - -<p class="first"> -Georg nahm die schwarzseidene kleine Halbmaske vor, -stieg aus dem Wagen und stand am Fuß der Freitreppe -vor der Universität, über sich die beiden fleischroten, milchigen -Sphären der Bogenlampen, von innen eigentümlich -Licht ausquellend, umtaumelt von dicken Schwärmen -weißer Nachtfalter. Georg drehte sich um und sah im -weiten, hellen Schein dieses Lichts den dichtgemauerten -Halbkreis der fast stillen Menge, hundert und tausend -beleuchtete Gesichter rings um das springende Bronzepferd, -dessen Rücken im Lichtschein glühte, quer über die -Fahrstraße und unter dem lichtberonnenen, dunklen -Wipfelwall der Allee. Jason, Josef, Saint-Georges — -zählte Georg vertieft und ging die Stufen hinauf; es war -verflucht, er kam nicht darüber hinaus, und es ließ ihn auch -nicht los. Josef, Saint-Georges, Jason, was haben sie gewollt? -Saint-Georges, Jason, Josef, — Josef war vorher -da und hielt eine wunderbare Rede. Jason, Saint-Georges, -Josef, — ich kann es drehen wie ich will, ich weiß, daß sie -etwas wollten, wenn sie den Namen meiner Mutter sagten, -und — Josef, Saint-Georges, Jason, es ist zum Verrücktwerden -— ich weiß, daß ihre Rede eine schauerliche Wirkung -auf mich hatte, — da steht ja Renate am Türpfeiler? -Nun bloß nicht fürchten! Nein, es ist ja nur ihr Kleid, wer -ist denn das? — Die weißmaskierte Gestalt in Renates -lavendelblauem Kleid bewegte sich gegen ihn vor, — Saint-Georges, -Josef — dachte er und hörte sie sagen: „Georg?“ -</p> - -<p> -<a id="page-193" class="pagenum" title="193"></a> -„Ach, Anna, da bist du ja, oh verzeih tausendmal, daß -ich so spät komme! Hast du lange gewartet?“ -</p> - -<p> -„Wie still sind die Menschen unten,“ sagte sie, „es -war ganz schön hier oben.“ -</p> - -<p> -Georg drehte sich um und sah das schweigsame Gedränge -unten in dem fremden Licht. -</p> - -<p> -„Angenehm, daß sie mich nicht erkannt haben,“ sagte -er leise, „ich nahm einen Wagen ohne Abzeichen. Es ist -gräßlich warm, findest du nicht?“ Er trocknete sich die -nasse Stirn mit dem Taschentuch. Josef, Jason, Saint-... -„Komm, Magda, wir sehen alles an,“ sagte er heiser, -„oder möchtest du tanzen? Im kleinen Schloßhof in Herrenhausen -wird getanzt.“ Er drängte sie am Arm neben -sich her, durch die Halle, die breite Treppe hinauf, bunte -Trachten, Masken liefen vorüber, andre stiegen mit ihnen, -stießen zusammen, drängten sich, — sie stiegen langsam -Stufe um Stufe. -</p> - -<p> -„Ich glaube, Magda,“ seufzte Georg, „uns ist Beiden -nicht nach Masken und Tanzen zumute, aber du weißt -ja,“ schloß er bitter, „ich trage eine Maske mein ganzes -Leben.“ -</p> - -<p> -„Oh, Georg,“ sagte sie schmerzlich, stehen bleibend, -„glaubst du denn unrecht zu tun?“ -</p> - -<p> -„Ach, unrecht,“ meinte er wegwerfend, „das sind alles -so Ausdrücke.“ Die Hand am Treppengeländer, beugte -er den Nacken und starrte auf die Stufen hinunter. -„Wenn du in einem Buch liest: Ehebruch, dann weißt du -gleich, um was es sich handelt, und hast Urteil und alles -bei der Hand. In Wirklichkeit hat man vielleicht einen -Mann, den man haßt, und ein verkehrtes Leben und -<a id="page-194" class="pagenum" title="194"></a> -liebt einen Andern, und all das verschmilzt sich zu einem -schrecklich leidigen und treibenden Gefühl, aber mit Ehebruch -hat es gar nichts zu tun.“ -</p> - -<p> -„Nun, Georg, wenn das wahr ist, so ist es mit deiner -Maske wohl dasselbe.“ -</p> - -<p> -„Komm weiter“, bat er leise, in dem Gefühl, daß sie -recht habe, ohne es sich selber zugeben zu wollen. -</p> - -<p> -„Ich muß dir verschiedenes erzählen“, sagte er, als sie -oben in der Halle waren und gegen die Tore vorgingen, -durch die es von Masken wimmelte, die er kaum ansehn -mochte, ein so widriges Empfinden erregten sie ihm. Von -unten ertönte gedämpfte Musik, sie standen über einem -Gewimmel von unzählbaren winzigen Lichtern, roten, -weißen, grünen und blauen, darin lag der weite Rasen -unten, umringt von alten Bäumen; von oben und bei -der Dunkelheit sah es wie ein Wald aus, Georg fand -es ganz schön. „Renates Vetter Josef“, hörte er Magda -sagen, „ist wieder im Hause, jetzt ist er hier mit seinem -Vater.“ -</p> - -<p> -„Hier?“ -</p> - -<p> -„Ja, ich weiß freilich nicht, wo sie sind, sie wollten in -den Französischen Garten.“ -</p> - -<p> -„Dann laß uns versuchen, ob wir sie finden,“ bat -Georg; „ach, Magda, verzeih mir nur, daß ich so kümmerlich -zu dir bin, es ist ein bittrer Tag, und ich weiß -bald nicht mehr, ob ich wache oder träume.“ Sie ergriff -seine rechte Hand, drückte sie schweigend. „Diese Hitze -könnte mich rasend machen,“ stöhnte Georg, „bei der -Galatafel wars zum Platzen, und dann in dem grellen -Licht der Vorbeizug, und der Geruch nach Puder und -<a id="page-195" class="pagenum" title="195"></a> -Parfüm und Schweiß, — ich muß noch ein paar Tage -nach Helenenruh und mich in die Nordsee stürzen ...“ -</p> - -<p> -Stirn und das klebende Haar an den Schläfen reibend, -stieg Georg die großen Terrassen hinunter. Unten gerieten -sie bald auf einen dunklen Seitenweg im Gebüsch; -ein einzelnes, rotes Licht hing an einem Baumstamm, es -roch nach welkenden Rosen, Georg erinnerte es an eine -Kirche in Athen. Josef, Jason — da fängt es wieder an, -dachte er verzweifelt. Magda, vor ihm stehend, ergriff -seine Hände und sagte leise und eindringlich: -</p> - -<p> -„So froh kamst du heut morgen herein, Georg, und -nun bist du am Ziel und doch nicht glücklich?“ -</p> - -<p> -Da fühlte er wieder den Hohlraum, in dem das wesenlose -Wesen seines Vaters umtrieb, der Schweiß brach ihm -heftiger aus, „was ist denn Glück?“ sagte er stumpf. -„Jetzt bin ich Großherzog, und warum bin ich nicht -Steineklopfer?“ — Und ohne etwas zu denken, fuhr er -fort: „Glück? Etwas, das man hat und nicht weiß, etwas, -das man weiß und nicht mehr hat. Und wenn es ein Glück -gäbe, wie du es meinst,“ sprach er verzweifelt weiter, Gedanken -schwerfällig aus Gedanken ziehend, „glaubst du, -daß es so leicht wäre, daß man es im ersten Augenblick -begreift?“ -</p> - -<p> -„Georg,“ hörte er ihre ruhige, weiche Stimme erwidern, -„du weißt immer einen Satz und eine Erklärung, -aber ich glaube nicht, daß sie mit deinem innern Zustand -etwas zu tun haben, oder daß sie dir überhaupt etwas -bedeuten.“ -</p> - -<p> -Er öffnete den Mund, um zu sagen: Das sei eben das -Wesen der Tragik, zerspellt zu sein in Erkenntnis und -<a id="page-196" class="pagenum" title="196"></a> -Empfinden, aber sie kam ihm zuvor, indem sie sagte: -„Jetzt willst du wieder einen Satz sagen, vielleicht weiß -ich ihn sogar, oder ... Ich habe das jedenfalls an mir -selber erfahren, daß Klugheit und Wissen etwas für sich -sein kann, außer uns, neben uns her, und es ist wohl -manchmal sehr schwer, es mit unserm wirklichen Wesen -zu vereinen.“ -</p> - -<p> -„Nein, das meinte ich glaub ich nicht,“ sagte er, den -Kopf hin und her bewegend, trübe, „aber du wirst wohl -recht haben. Ja, nun meinst du, ich soll diese meine Klugheit -an einem tüchtigen Strick wie — wie so einen Fesselballon -in mich hineinziehn? Ach, Worte, Worte, Worte, -ich werde noch verrückt davon werden, komm bloß -weiter!“ -</p> - -<p> -Er ließ ihre Hände los, dann zwang es ihn plötzlich, -die Stirn auf ihre Achsel zu legen, er stand sekundenlang -so, fühlte die sanfte Erlösung dieses Ruhns, aber in ihm -lehnte etwas sich auf, er sagte zu sich selber: Du liebst -diese ja nicht, sie ist dir fremd, sie meint es gut, aber — -„O Gott!“ seufzte er leise. -</p> - -<p> -„Es kommen Menschen“, sagte Magda, er richtete -sich auf, nahm ihre Hand und zog sie weiter. -</p> - -<p> -Sie wanderten wortlos auf den schmalen Wegen, -immer belästigt durch Geschrei, Vorbeigelaufe der Maskierten, -die ihnen zuriefen oder nach ihnen schlugen, sie -mußten selber tun, als ob sie daran Gefallen hätten, -lachen und erwidern, endlich gelangten sie ans Tor. Von -ihm zur Lindenallee war schräg über den Fahrdamm eine -Gasse von Girlanden und bunten Laternen gezogen, -hinter denen die zuschauende Menge sich staute. Sie eilten -<a id="page-197" class="pagenum" title="197"></a> -freier hindurch in das Dunkel der Alleen, gingen wieder -langsamer unter den Bäumen hin, querhinüber und zwischen -den Stämmen hindurch am Ende der Alleen schräg -auf das Tor des Französischen Gartens zu. Der vorderste -Block der haushohen Mauern dunkler Baumhecken stand -über ihnen in der Nacht, aus der Tiefe quellend beleuchtet; -hier waren weniger Menschen, in der Ferne -rauschte Musik. Zwischen kleineren Hecken hindurch gelangten -sie zu der ersten großen und gingen unter ihr -hinunter. Am Fuße eines Baumes stand eine der Lichtquellen, -sie traten hinzu und sahen auf einer kurzen und -dicken Steinsäule ein metallenes Becken — „eigentlich ein -Papierkorb“ sagte Georg — mit Wasser gefüllt, an dessen -Grunde drei in rotes Zeug gewickelte Glühbirnen leuchteten; -in der roten Flüssigkeit schwammen zwei tote Fische. -Georg tauchte einen Finger hinein, das Wasser war beinahe -kochend. -</p> - -<p> -„Ein Genie, wer das erdacht hat,“ meinte er, „die -Fische sollten das Wasser in Bewegung erhalten; der Erfinder -sollte sie alle zu Mittag bekommen.“ -</p> - -<p> -„Arme kleine, tote Fische“, sagte Magda, und beim -Klange ihrer Stimme befiel Georg ein sonderbar süßlicher -Schmerz. Das war Anna Chalybäus’ Stimme, -dachte er, als sie weitergingen, und eine meilenferne selige -Vision von Helenenruh zog, seinen Augen unsichtbar, -seiner Vernunft unnennbar, mit schmerzlichem Schauder -durch seine Brust. Er mußte plötzlich an seine tote -Mutter denken, sie, für die er keinen Namen mehr fand, -nur einen Baumstamm auf einer Insel mit der Tafel: -Helene — -</p> - -<p> -<a id="page-198" class="pagenum" title="198"></a> -Georg merkte, daß er stillstand; der Heckengang war -zu Ende, rechts neben einem freien Platz mit Bäumen -rauschte laute Tanzmusik aus dem großen Pflasterhof -des niedrigen weißen Schlößchens; die Umrisse leuchteten, -starke, weiße Linien in der Nacht; im dämmrigen Licht -buntfarbener Laternen bewegte sich hinter den hohen -Gittern das wogende Getümmel der Tanzenden. „Oh -sieh wie schön!“ hörte er Magda sagen und sah nach links. -Dort standen in den vier Ecken des weiten Quadrates haushoher, -düstrer Hecken vierfarbig leuchtende Fontänen, eine -schneeweiße, eine lichtgelbe, eine tiefrote und eine lichtblaue. -Zwischen den Wegen, Rasenplätzen, Beeten und -Bosketts wandelten die undeutlich buntgekleideten Gestalten -in diesem Halbdunkel und standen auf ihren Postamenten, -leise von unten beleuchtet, die Steingötter, -göttinnen -und Urnen mit schweren Schatten und in starker -und düstrer Bewegtheit ihrer Falten und Glieder, und -Georg sah den Schattenriß eines Füllhorns in der Nähe, -eine Keule zwischen stämmigen Beinen anderswo, und -nun wieder, hoch über dem niederhangenden Füllhorn, -ein zartes, leuchtendes Profil, dahinter einen großen, -leicht zum Nacken gesunkenen schwarzen Kopf, dessen Umrisse -die Umrisse von Früchten und Blumen schienen, und -wieder dachte Georg Annas und des Bildes, das Bogner -von ihr gemacht hatte; und nun ging er hier mit ihr wie -mit einer Schwester. -</p> - -<p> -Indem fühlte er sich am Arm berührt und sah ein häßliches -Wesen neben sich: eine rote, lottrige Tunika über -schwarzen Trikots, eine schwarze, törichte Bartmaske -unter starrendem Haar nach allen Seiten, aus dem ein -<a id="page-199" class="pagenum" title="199"></a> -Schlangenkopf zitterte; eine Hand schwang einen langen -Dolch oder ein Schwert. Sie warf den Kopf zurück und -bewegte Arme und Oberkörper mit solchen schiefen, zuckenden -Gebärden, daß Georg gleich Cora erkannte, auch ihre -Stimme hinter den hohen verstellten Tönen, mit denen -sie sagte: „Nun, mein Schöner?“ -</p> - -<p> -Es ekelte ihn unbeschreiblich; ihre sich hebenden und fallenden -Schultern, das Vordehnen des Leibes erinnerten ihn an -gräßliche Dinge, er schnob kurz: „Was willst du?“ im -halben Gefühl, Magda nichts gewahr werden zu lassen. -</p> - -<p> -„Du siehst, was ich bin?“ fragte ihre Stimme, schon -weniger verstellt. Georg wandte sich zu Magda und -sagte: „Sie fragt, was sie vorstellt. Ich glaube, eine -Furie. Eine Furie, Erinnye oder so!“ sagte er zu Cora, -ergriff Magdas Arm und wollte sie weiter drängen, aber -Cora war mit einer ihrer weichen Seitwärtsbewegungen -um ihn herum, ergriff Magdas Arm und zischte theatralisch: -„Nun? Nun, schöne Heliodora, sind Sie nun am -Ziel Ihrer Wünsche?“ -</p> - -<p> -„Ich bin nicht Heliodora,“ sagte Magda ruhig, machte -ihren Arm los, und Georg, hinter sie tretend, fuhr Cora -wütend an: „Geh zum Teufel, mit deinem Mummenschanz!“ -</p> - -<p> -„Der Großherzog hat befohlen,“ sagte sie höhnisch, -„seinetwegen hat sich das Volk in Masken gehüllt!“ und -wich zurück, schwenkte sich herum und ging schlenkernd, -in den Hüften sich wiegend davon. -</p> - -<p> -Georg, Magda fortziehend, hörte sie fragen: „Wer -war denn das?“ Sie schien zu lachen, er vermied deshalb -eine Antwort und fragte: „Lachst du, Anna?“ -</p> - -<p> -<a id="page-200" class="pagenum" title="200"></a> -„Ja, es war so komisch! Erinnerst du dich, ich sagte -dir einmal von einer Legende, die Jason uns erzählte, -von Orest und der Eumenide, und ich mußte denken, -wenn die Eumeniden so ausgesehn haben, waren sie nicht -sehr zum Gruseln.“ -</p> - -<p> -„Nein, weiß Gott nicht“, murmelte Georg verdrossen. -Ach, wie ist das wieder ganz Cora, seufzte er innerlich, -im Kostüm und mit Schlangen und Dolchen als Rachegöttin -vor mich hinzutreten. Aber ich muß sehn, daß sie -uns nicht wieder über den Weg läuft. -</p> - -<h4 class="section"> -Tempel -</h4> - -<p class="first"> -Sie traten aus dem Heckengang auf den äußeren Fuhrweg -hinaus. Drüben standen die schwarzen Wipfelgruppen -der englischen Anlagen unter matten Sternen, Georg -roch das brackige Wasser der unsichtbaren Gracht, jenseits -des Weges in der Tiefe. Sie gingen zur Rechten am Fuß -der hohen Heckenwand hinunter, die in der Ferne hier und -da von den unteren Lichtquellen rötlich gefleckt war, auf -den kleinen Rundtempel an der Ecke des Gartens zu; eine -seiner Säulen stand ganz schwarz vor ihnen, dahinter mußte -der Leuchtkörper sein, von dem die Wölbung innen und -die Säulen links und rechts weißrötlich glühten. Auf dem -breiten Wege ging nur hier und da ein stilles Paar. — -</p> - -<p> -Hand in Hand wanderten sie auf die freundliche Erscheinung -des Lichts und des kleinen Tempels zu. „Dort -steht eine Bank am Wasser,“ sagte Georg, „wir können -dort sitzen, und ich sage dir einiges. Bald muß auch das -Feuerwerk kommen. Es soll rund um das ganze Gartenviereck -<a id="page-201" class="pagenum" title="201"></a> -brennen, dann können wir’s schön sehn, auch im -Wasser.“ -</p> - -<p> -So gingen wir vor drei Jahren, dachte er währenddem -leise bekümmert, hätte gern etwas Liebreiches, Dankbares, -Verzeihungbittendes gesagt, fand aber kein Wort, und -sie gingen schweigsam dahin. — Was dachte sie nur? — -</p> - -<p> -Vor den drei Stufen ins Innre des Tempels blieb Georg -stehn und nahm die Maske ab. Magda tat dasselbe, -er sah dämmrig den Schein ihres Gesichts und der Augen -im Dunkel, dahinter die graue Säule und sagte, vor sich -niederblickend: -</p> - -<p> -„Vielleicht — —, vielleicht ist diese Stunde die beste -am Tag. Es ist wieder stiller in mir, ich — ich bin so -froh, mit dir zusammen zu sein.“ Er suchte, beschämt, sich -zerknirschend und traurig nach Worten. „Und —“ fuhr -er stockend fort, „und —“ Er wußte nicht weiter, sah -verschwimmenden Auges den breiten Weg hinunter, in -dessen Mitte einsam eine dunkle Gestalt stand, an der seine -Augen nun festhingen, so daß er alle Gedanken verlor. -</p> - -<p> -Als er sich umwandte, war Magda nicht mehr neben -ihm, er ging über die Stufen in den Raum und sah sie -neben einem unterwärts dunklen, innen stark leuchtenden, -großen Becken stehn, das Antlitz, stark beleuchtet, leise -auf das Licht gesenkt, anmutiger als es ihm je geschienen -in den letzten Jahren, — wie lang doch ihre Wimpern -waren, nun sie gesenkt ruhten! die Augen glitzerten feucht -dahinter, die Stirn war freilich — irgendwie arm, so hoch, -nicht streng, — vielleicht karg, — ach arm nur für meine -Augen, dachte er trübe, weil sie keinen Reiz für meine -Sinne hat. Näher tretend gewahrte er, daß vom Rande -<a id="page-202" class="pagenum" title="202"></a> -des metallenen Beckens unaufhörlich dünne Wasserfäden -zu seinem Grunde niederrannen und glitzerten; in der -Tiefe war eine Glasplatte, durch die das starke Licht fast -blendend emporquoll. -</p> - -<p> -Die Armut steht am Lebensquell ... dachte Georg, es -schien ihm der Anfang eines Gedichts, und — wie töricht! -schalt er sich, denn wer ist hier arm und wer nicht? -</p> - -<p> -Magda sagte aufblickend: „Ich fürchtete schon wieder -tote Fische, aber hier sind sie geschickter gewesen.“ -</p> - -<p> -„Ja, aber der Brunnen war hier immer,“ meinte Georg, -„nur das Licht ist neu.“ -</p> - -<p> -Angenehm gekühlt und gedankenverloren schaute er in -das glitzernde, unablässig rinnende Rund, legte eine Hand -hinein und schauderte wollüstig von der kalten Flut. -Magda hatte die beiden Hände auf den Rand gestützt -und stand leicht übergebeugt, er legte, ihr gegenüberstehend, -sich neigend wie sie, die Hände auf die ihren, ihre Gesichter -waren dicht voreinander, Magdas Augen hafteten — ihre -fast brauenlosen Augenbögen zogen sich dabei zusammen — -in den seinen mit leise schmerzlichem, bekümmertem, sorgendem -Ausdruck, dann bewegte sie langsam das Antlitz -vor, und ihre Lippen berührten die seinen, leicht wie eine -Blume, die weht. -</p> - -<p> -„Gott segne dich, Georg“, sagte sie leise. — Er senkte -den Kopf, ihm quoll das Herz. -</p> - -<p> -Ein Geräusch hörend sah er auf. Magda lehnte drüben -an der Säule, in ihren Augen war ängstliche Verwunderung, -und Georg sah dort, wohin sie blickte, nicht weit -rechts neben sich Cora, geduckt wie ein Indianer, den Griff -des Dolches gegen die Brust gestemmt, so daß die Spitze -<a id="page-203" class="pagenum" title="203"></a> -nach vorn stand, und Georg sagte, als er das sah, hohnerfüllt: -„Man stößt von unten, Cora, von oben macht -man’s bloß im Theater.“ -</p> - -<p> -Cora zeigte beide Zahnreihen; die Maske, dumm und -grotesk aussehend, hielt sie in der linken Hand. -</p> - -<p> -„Ja, was willst du denn nun eigentlich?“ fragte Georg -ungeduldig und bewegte sich zu Magda hinüber. -Indem flog Cora empor und auf Magda zu, den Dolch -in der Hand, blindlings von oben stechend; Georg, wütend -in Bewegung, stürzte mit halbem Leibe über das Becken, -raffte sich mit schmerzender Hüfte auf, sah Magda mit -vorgestreckten Armen nach Coras Handgelenken fassen, -plötzlich schrie sie auf, taumelte zurück und mit der Stirn -so heftig gegen Georgs Schulter, daß es in ihm dröhnte. -Sie hing an ihm, preßte den Kopf an seine Brust, die -Hand vor den Augen. War sie verletzt? Und wo? — Er -verspürte eine schäumende Wut, auf Cora zu stürzen, die er -die Stufen hinunter ins Dunkel rennen sah, da verließ ihn -alle Kraft, er mußte Magdas Gestalt zu Boden lassen, -sie drehte das Gesicht weg, ihre Hand war so dunkel und -fleckig im Schatten am Boden, er stand über ihr, da wurde -der dunkle Boden, auf dem sie lag, zu dunkler Wiese, ihr -Kleid färbte sich langsam rot, Georg roch mit fürchterlichem -Grauen Kühe und Gras aus einer Entfernung von -drei Jahren, er wich zurück, schlotterte, er stieß mit dem -Hinterkopf an Stein, drehte sich um, stürzte Stufen hinunter, -trat, niederbrechend, in weiches Gras, raffte sich -hoch und stand. -</p> - -<p> -Ganz langsam drehte es ihn herum. Dort am Boden -lag unverändert die Gestalt. Es wandte ihn wieder fort, -<a id="page-204" class="pagenum" title="204"></a> -durch Sekunden spürte er merklich, wie sein Inneres sich -leerte. Er dachte noch: So ... also hier ist nun das -Ende. — Leere und eine unendliche Schwäche machten ihn -so leicht, daß er umzuwehen meinte, sein Kopf sank vornüber, -zu seinen Füßen war Mauer, etwas tiefer ein dunkelwässriges -Glitzern, in das es ihn wonnevoll hinabzog. Ah -stürzen! dachte er, stürzen! — Dann fühlte er die Erlösung -des Fallens. -</p> - -<p> -Aber dann klatschte sein Gesicht, seine Brust auf harte -Wasserfläche, er versank, schlug mit den Armen um sich, -entsetzliche weiche Bänder umschlangen ihm Hals und -Gesicht, er war am Ersticken, gurgelte, schluckte, Wasser -drang in gräßlichem Strom in seinen Mund, er bohrte in -Todesangst den Kopf nach oben, da war Luft, er gurgelte, -atmete, spie und rülpste Wasser aus, versank wieder, -stieß mit den Füßen, riß sie aus Umstrickendem los, warf -die Arme auseinander und merkte plötzlich, daß er -schwamm. -</p> - -<p> -Nasses Haar hing ihm in die Augen und verwirrte sie; -indem er es wegstreifte, machte ein riesiger Kanonenschlag -sein Herz zusammenzucken, dann — zischend und johlend -schoß eine blendend weiße Kurve in die Nacht hinauf, -heulte ganz rasend, eine Bestie, die sich vor Wut schüttelte, -zerfiel aber plötzlich in eitel staunenswerte Sanftmut -vieler blauer Kugeln und silberner, blendend hell strahlender -Sterne, ein wundersamer Regen —, jedoch da stürzte -sich wieder ein fürchterliches Winseln und Jaulen, ein -lang hintanzendes satanisches Hu—ih—ih—ih! in die -Lüfte empor, es prasselte plötzlich überall, rote Streifen -kreuzten sich emporschießend, es knatterte, rauschte, fegte, -<a id="page-205" class="pagenum" title="205"></a> -drei — unzählbare Feuerbögen jagten gegeneinander, -rote Kugeln, goldflimmernde Sterne regneten von oben, -es war blendend hell, da setzte eine riesige, von Golde brennende -Sonne vor seinen Augen sich in Bewegung, Goldgarben -aus ihren Rändern schleudernd, eine Feuergarbe -nach oben, nach unten, nach rechts, nach links ausstoßend, -Georg schwamm, richtete sich auf im Schwimmen, grunzte -und schrie: „Mit Feuerwerk — woll’n wir zugrunde -gehn!“ und schwamm, während das ganze Ufer hinunter -die Raketen sich höllisch bekämpften, Sonnen über Sonnen -sprühend, sausend und brausend entfesselt wurden, über -finstere Baumkugeln gewaltige rote Wolken von unten -nach oben wogten, in denen die Laubkugeln rötlich leuchteten; -dazwischen huschten schwarze Gestalten, die Nacht -war tageshell, das grüne Wasser lag deutlich vor Georg -mit großen Flecken wie Morast in dem starken Licht, aber -als das grenzenlose Toben, Zerstieben von Silberbüscheln, -Heulen der Flammenbögen und das besessene sich Herumwirbeln -der Garbensonnen nicht enden wollte, ermattete -er jählings, gewann mit zerfallenden Armen ein Ufer, -kroch die Böschung triefend, schaudernd und frierend hinauf, -lag eine Weile keuchend, zuckte, schluchzte und wünschte, -tot zu sein. Er schleppte sich höher empor, stand; eine -Feuersonne vor ihm — ihr weißer Mast, an dem sie -schwebte, war hell zu sehn — drehte sich langsamer, spie -schnaufend ihre letzten zwei Garben nach unten, stand still -und regnete aus. Georg ging besinnungslos auf die dunkle -Stelle zu, jemand rannte gegen seine Schulter und fluchte, -eine dunkle Gestalt huschte vor ihm ins Dunkel mit einem -Stabe, dessen Spitze brannte, gleich darauf riß ein zischendes -<a id="page-206" class="pagenum" title="206"></a> -silberweißes Band sich aus dem Grase und wand sich -mit ungeheurer Schnelle in den Himmel hinein. Georg -taumelte weiter, kam an eine Hecke, wankte an ihr hinunter, -brach durch eine Lücke, hörte das Feuergetöse gedämpfter -hinter sich und ging, bei jedem Schritt vornüber -fallend, hustend und von Frost geschüttelt weiter und -weiter, stand endlich still und sah in der Dunkelheit rechts -vor sich schweigend und gewaltig einen schwarzen Fabrikschlot -himmelhoch vor sich stehn und auf ihn hinunterblicken. -Irgendeine Bekanntschaft dieses Ungetüms veranlaßte -Georg, die dämmrig sichtbare Straße zur Linken -hinunterzugehn, er ging und ging, fiel vor Müdigkeit -gegen Bäume oder Pfosten im Weg, machte nur von Zeit -zu Zeit die Augen auf, um zu sehn, wo er war, und flüsterte -sich unaufhörlich zu: Fort, nur fort, ach nur fort! nur fort! -— Sinnlose Angst trieb ihn weiter und weiter, auf einmal -sah er, die Augenlider schwer aufreißend, seltsam die Hinterfront -des Schlößchens, die er erkannte, ganz nah zu seiner -Linken, er ging draufzu, der Boden wich, er stolperte bergauf -und bergunter, fiel, stand wieder auf und fiel wieder -und stand wieder auf, und war plötzlich vor einer Mauer. -Er ging daran hinunter, sie wurde von einem Gitter fortgesetzt, -er begriff, daß er hinüber mußte, und plötzlich lag -er drüben an der Erde mit schmerzenden Gliedern. Nun -an Gebüschen hinunter streifend, fand er die kleine Brücke, -ging hinüber und befand sich gleich darauf in einem Zimmer, -das er gut kannte. Die Angst hetzte ihn weiter, ich -will nur noch — dachte er, — er wußte nicht was, schlich -mühselig ins nächste Zimmer, hindurch und durch noch -eines und fiel gegen etwas weiches Dehnbares. Das Bett -<a id="page-207" class="pagenum" title="207"></a> -... flüsterte er, er sank zu Boden, rollte um, sein Kopf -füllte sich mit Feuer, er lag und zuckte. -</p> - -<p> -Jählings fuhr er auf, da er Stimmgewirr und Schritte -vernahm. Er kniete und richtete sich auf, erkannte im -Halbdunkel den Raum, die Fenster, ging auf eines zu, -streifte den Vorhang seitwärts, hakte den Riegel auf und -stieg über die Brüstung ins Freie. Draußen stand er zitternd -und todmüde, schlich ins Gebüsch, entsetzte sich vor -einer Helle, die von der linken Seite über ihn fiel, sah all -seine Fenster hell werden, sprang ins Dickicht und schlug -sich durchs Gezweige weiter, bis er ins Freie und Dunkle -kam. Der Stall ... flüsterte er, schlich über den Hof, -hakte die Tür auf und atmete unsäglich dankbar den Geruch -des Pferdes. Dann wurde es Nacht um ihn. -</p> - -<div class="chapter"> - -<h3 class="chapter" id="subchap-0-1-9"> -<a id="page-208" class="pagenum" title="208"></a> -Neuntes Kapitel -</h3> - -</div> - -<h4 class="section"> -Zimmer -</h4> - -<p class="first"> -Renate lag nackend auf dem Rücken schräg über ihr -Bett hin, schlaff neben sich Arme und Hände, die Füße -hingen nach unten. Wie sie hingesunken war im Dunkeln, -so lag sie, glaubte, schon Stunden zu liegen, schwer atmend, -das Hirn im Feuer aller durchhinzuckenden Bilder -des Tages. Losgefesselt von ihr jagte es haltlos durch ihre -geschlossenen Augen, flatterte in Fetzen, wirbelte eins ins -andre, und ineinander und auseinander zog und ergoß -sich schon, was sie als Bild vor Augen sah und was sie -im Halbschlaf träumend selber mit lebte. Sie glaubte, ein -Bild aus einem Kinderbuche zu betrachten, eine Wiederfindung, -harte Holzschnittfarben, aber es waren Klemens -in seinem bäuerlichen Kleid und Irene, die über dem Zaun -zusammenhingen, zum Bilde erstarrt. Sie ritt auf dem silbernen -Pferd, fühlte sich gewiegt von den weichen Gängen, -Ulrika stand am Weg, hielt das Pferd fest, weinte und -sagte: So laß dir doch endlich erzählen, was geschehn -ist! — Eine rote, brennend rote Uniform ohne Kopf wirbelte -in ein Zimmer herein und fuhr wieder hinaus, — der -Satan! sprach Jason mit warnend erhobenem Zeigefinger. -Unter sich sah sie Rücken und Hinterbeine der Elefanten sich -vorwärts bewegen, sie wurden kleiner und kleiner, es waren -Hunde, weiße, kleine, sie erschrak und dachte: Sollen die -den riesigen Wagen ziehn? aber das geht doch nicht, man -muß es den Leuten sagen, daß es nicht geht! — Plötzlich -hörte sie sich seufzen und schlug die Augen auf. -</p> - -<p> -<a id="page-209" class="pagenum" title="209"></a> -Neben ihr, beinah über ihr, sah sie die seitwärts gerafften -Vorhänge des Fensters und den matten Glanz -einer offenen Scheibe, aber es kam keine Kühle herein. -Dann blendete sie von drüben der schmale senkrechte Lichtspalt -der angelehnten Tür; sie konnte sich nicht entschließen, -hinzugehn und das Licht zu löschen. Gott sei Dank, -dachte sie ergeben, wenigstens ist es Nacht! Weit zurück -in der Zeit glaubte sie die Heimkehrgeräusche der Andern -zu hören, Schritte treppauf, Türen, — sie legte den aufgerichteten -Kopf wieder hin und war wieder hineingerissen -in den feurigen Strudel, Bilder aus der biblischen Geschichte, -sie selber war darunter, der verlorene Sohn kniete -vor seinem Vater, — abseits, verfinstert, stand Erasmus, -sie seufzte und fand sich gleich darauf liegend auf dem kleinen -Rasenplatz im Gartendickicht, Ulrika beugte sich weinend -über sie und bat: Wach doch auf, um Gottes willen wach -doch auf, sonst ist es zu spät! aber sie konnte die Lähmung -nicht abschütteln, rang mit dem Nacken, spürte endlich ihr -wirkliches Genick, das sich löste, und brachte den Kopf in -die Höhe. -</p> - -<p> -Da! — sie fuhr entsetzt zusammen, — es schlürften -Schritte nebenan! Eine Stimme fragte: „Schläfst du -schon, Renate?“ Es war Josef. -</p> - -<p> -„Nein, Josef, was ist denn?“ fragte sie zitternd. -</p> - -<p> -„Verzeih nur,“ sagte er, „ich sah im Garten unten -dein Licht und kam herauf. Ich glaubte, du habest ‚Herein‘ -gesagt, und eben hörte ich dich rufen ...“ -</p> - -<p> -„Habe ich gerufen? Ja, wie spät ist es denn?“ -</p> - -<p> -„Es wird bald elf Uhr sein, ich dachte, du gingest vielleicht -noch etwas ins Freie mit mir ...“ -</p> - -<p> -<a id="page-210" class="pagenum" title="210"></a> -Erst elf Uhr? fragte sie sich bitter enttäuscht, legte die -heiße Stirn gegen den Handballen und bemühte sich, zu -denken. Ja, am Wasser war es vielleicht kühl, zu schlafen -war unmöglich. „Ich komme gleich, Josef!“ rief sie leise. -Sie wartete dann, hörte ihn durchs Zimmer zurückgehn, -einen Stuhl rücken, erhob sich lautlos, schlich zur Tür und -machte sie leise zu. Dann stand sie tief aufatmend, suchte -ihre Kleider, die weiß am Boden vor dem Bett lagen, ihr -Kopf schmerzte heftig, sie kleidete sich hastig an, machte Licht -überm Spiegel, aber nachdem sie, mit geblendeten Augen -kaum ihr Spiegelbild wahrnehmend, eine Flechte aufgelöst -und neugeflochten hatte, brachte sie mehr nicht fertig, ließ die -Zöpfe hängen, ging zur Tür und trat leise ins Nebenzimmer. -</p> - -<p> -Josef saß vor dem Schreibtisch, ihr den Rücken wendend, -die Hände um das übergelegte rechte Knie geschlossen, und -sah zu der kleinen, schneeweiß leuchtenden Gipsbüste des -Ech-en-Aton empor. Wieder wie immer, da sie den -kleinen Königskopf im zarten Licht der gelben Schirmlampe -unten schimmern sah, erfüllte seine gesteigerte Süße -und Schönheit sie mit leisem Schreck. Die Zartheit des -schrägen Profils, der unbeschreibliche Ausdruck der flachen, -ganz wenig nach außen abhängenden Augen, das wunderbare -Kinn, die himmlische Blüte der küssend immer gewölbten -Lippen und — vielleicht das Wunderbarste — -am Halse die senkrechten beiden Muskelfalten, leise schattend -und unsäglich lebendig — all dies auf dem Grunde -grüner, schimmernder Blätter und Ranken, im Zwielicht -so weiß, zart und locker wie von frischem Schnee — hielt -lange ihre Augen fest, während sie hinter Josef trat, die -Hände auf seine Schultern legte und leise sagte: -</p> - -<p> -<a id="page-211" class="pagenum" title="211"></a> -„Ich danke dir — heute erst — für ihn. Er war mir -fremd im Anfang. Aber nun ist er mir von Tag zu Tag -und von Jahr zu Jahr unbeschreiblicher und lieber geworden.“ -</p> - -<p> -„Er wächst“, hörte sie Josef sagen, „wie eine Blume, -die Jahr um Jahr köstlicher blüht. Er blüht und wächst -für sich selbst, aber wer ihn ansieht, über den wächst er -selig hinaus und nimmt nur die schauenden Augen mit -sich hinauf. Als ich hier saß, war er mir fast schon ein -Stern geworden, bis du kamst und er wieder nahe, klein -und lieblich wurde, — denn wir sind unten.“ -</p> - -<p> -Er sprach sehr leise. Sie schwieg und hörte bald darauf -seine Stimme wieder: -</p> - -<p> -„Wasser sind wir; ja, wir sind das Wasser. Wir sind -das Fließende, immer sich Gleichende, nur Wellen, nur -Wellen, eine der andern ganz gleich, eine verfließend zur -andern, immer das nämliche Weinen und Traurigsein, -nämliche Lachen und Stehn und Nichtwissen, Schluchzen -auf Steinen und Schluchzen in Kissen, und Vergehn. -</p> - -<p> -„Du aber bist aus dem dämmernden Strom von uns -Andern getaucht ... -</p> - -<p> -„Du trägst den reinen Spiegel an der Stirn, — o du -Delfin des Lichts! -</p> - -<p> -„Du bist der Fisch, der selige Tummler im Klaren, du -weidest einsam durch die Wogenscharen, schon lange halb -durchgotteten Gesichts! -</p> - -<p> -„Du bist des Wachstums zarteste Lieblichkeit, wie eine -Blume in Bescheidenheit — erglüht dein weißes Antlitz ... -</p> - -<p> -„Die Sonne spreitet hundert goldne Hindernisse, Delfin, -Delfin, du überschaukelst sie getrost dahin ... -</p> - -<p> -<a id="page-212" class="pagenum" title="212"></a> -„Du wiegst dich schnelle durch das Ungewisse, denn -deine Reinheit war von Anbeginn. — Du kamst voll -großer Freude aufgetaucht, Lüfte küssend, trunkener Delfin, -Göttern ähnlich, so erlaucht, weil die Strahlende erschien. -</p> - -<p> -„Nun stehst du in Sternen vielleicht als uns funkelndes -Bild, — näher der Ewigen als wir, bald in die Flamme -getaucht, die uns den düsteren Scheitel umraucht. Wir -sind das Wasser, sind hier ...“ -</p> - -<p> -Er hatte bei den letzten Worten die Fingerspitzen leicht -auf ihre Hände gelegt, die noch auf seinen Schultern -waren. Sie schwieg noch eine Weile, seinen Worten nachlauschend, -durchschaudert und gekühlt von Schauen und -Lauschen, aber indem sie zu sagen im Begriff war, wie -glücklich sie sei, daß er wieder hier war, bewegte er sich unter -ihr, streifte ihre Hände sanft fort und stand auf. Undeutlich -erblickte sie nahe über sich sein Gesicht im Schatten, -die entstellte Hälfte erschreckte sie nicht. „Laß uns nun -gehn“, sagte er; sie nickte dankbar lächelnd und ging vor -ihm hinaus. -</p> - -<h4 class="section"> -Wehr -</h4> - -<p class="first"> -Bald waren sie im Finstern außerhalb des Gartens -unter den Bäumen. „Gieb acht!“ warnte Josefs Stimme -hinter ihr, sie fühlte seine Hand an ihrer linken. „Kannst -du mich denn sehn?“ lachte sie leise. „Dein weißes Kleid“, -hörte sie sagen, glitt ihm davon, wäre aber fast an einen -Pfosten der Schaukel gestoßen, sah nach oben blickend -das Schwarze des Gerüstes gegen die mattere Dunkelheit -<a id="page-213" class="pagenum" title="213"></a> -und zwei Sterne, wandte sich und sagte: „Hier ist die -Schaukel.“ Er antwortete nicht. Sie fragte: „Josef?“ -„Hier!“ hörte sie weit rechts hinter sich seine Stimme, -drehte sich, ging weiter, vorsichtig um den Schatten eines -breiten Baumstamms, fühlte die harten Falten der Borke -und sah Josefs Schattengestalt unter sich im Freien gegen -den grauen Grund der Wiese. Wie kühl war es hier schon! -— Sie holte ihn ein, seine feierliche Stimme klang wieder -in ihrem Ohr: O du Delfin des Lichts! — — So hatte -die Heimkehr zum Vater ihn doch tiefer ergriffen ... Aber, -als sei noch ein andrer Ton in seiner Stimme gewesen, -mußte sie nun, die rechte Hand in seinen Arm schiebend, -sagen: „Du hast so abschiednehmend gesprochen, Josef, -als wolltest du morgen schon wieder davon.“ -</p> - -<p> -„Nun, wie lange meinst du denn, daß ich bleibe?“ -fragte er freundlich. Sie konnte nicht antworten, da sie -sich nun fragen mußte, ob hier wirklich eine Stätte für -ihn sei, und so wanderten sie wortlos weiter auf dem Sandweg. -Der Himmel war besät mit den Sternen, die klein -waren im warmen Dunst der Nacht; dunkel lagen die -Wiesen. Josef blieb stehn, gleich darauf auch sie, sich zu -ihm wendend. -</p> - -<p> -„Höre einmal,“ sagte er leicht, „was ich noch fragen -wollte ... Wußte —, oder sagen wir: weiß Erasmus -eigentlich, daß du mit dem Herzog verlobt bist?“ -</p> - -<p> -Renate versuchte sich zu besinnen. „Ja, warum fragst -du? Ich glaube wohl. Nein — das heißt, — ich sagte -es ja bei Tisch, als er nicht da war.“ -</p> - -<p> -„So“, bemerkte Josef, vor seine Füße blickend. „Ich -dachte, als du im Zelt —“ -</p> - -<p> -<a id="page-214" class="pagenum" title="214"></a> -„Ach ja, Josef,“ rief sie rasch, im Gefühl, von etwas andrem -reden zu müssen, „ich wollte dich ja auch immer etwas -fragen. Nun fällt mirs wieder ein, da du vom Zelt redest!“ -</p> - -<p> -„Nun?“ -</p> - -<p> -„Warum hast du dich mir eigentlich heut gezeigt?“ Sie -trat auf ihn zu, liebevoll. „Hast du doch geahnt, daß ich -dich brauchte? Oder was trieb dich?“ -</p> - -<p> -Er antwortete nicht, sondern sah sie nur fest an durch -die Dunkelheit. Alsdann wandte er das Auge fort und -trat zur Seite. -</p> - -<p> -„Die Antwort“, sagte er, in das Dunkel der Wiesen -blickend, „ist nicht leicht. Du fragst nämlich nach meinem -Geheimnis. Ich werde es dir gleich erklären. Ja,“ hörte -sie ihn mit einer schönen Ruhigkeit fortfahren, „das Geheimnis -meines Lebens. Es hat endlich — vor einigen -Tagen — seine Lösung gefunden; und also wurde es Zeit, -zur Versöhnung zu schreiten.“ -</p> - -<p> -„Mit deinem Vater?“ fragte sie hastig, und er erwiderte -mit gesenkter Stimme: „Jawohl“, — aber das -klang wie eine Verneinung, und er setzte eilig hinzu: -„Versöhnung, ja, wenn du das Wort in einem sehr -weiten Sinne —“ Er brach ab. -</p> - -<p> -Da waren sie am Zaun, gingen durch das schief -wie immer zur Erde hangende Pförtchen, über die Brückenplanke -und weiter den weichen Wiesenpfad, wo Renate -seine Hand wieder losließ. Bald war das Rauschen -des Wehrs zur Linken hörbar, über ihnen war der -rote Himmel der Stadt. Renate bat: „Komm ans Wasser!“ -Sie bogen vom Wege ab und gingen unsicher und -stolpernd über die sommerdürren Buckel der Wiese im -<a id="page-215" class="pagenum" title="215"></a> -tiefen Grund. Baumsilhouetten wuchsen über ihnen aus -dem Dunkel, dann wurde die schwarze Linie des hohen -Ufers sichtbar, da war der Hang, Renate stieg von Josef -gestützt hinan, oben empfing sie das laute Brausen der -stürzenden Wasser. Die Geländer der schmalen Holzbrücke -waren zu sehn, die über den Fluß führte gerade dort, wo -die Wasser abstürzten. Renate ging daraufzu und sah -einen Augenblick mit leichtem Schwindel, umrauscht vom -jähen Getöse, unter sich die dämmerweiße, schräge Ebene -von Schaum, die ihren Blick in das tosende Wirrsal gelblich -weißen Gischts hinunterriß und weiter hindurch, wo -dies entströmte in die dunkle, langsam sich glättende Fläche -des Stroms, wo gemauerte Wände dunkel standen, Bäume, -und Sterne zu sehen waren. Sie faßte den dünnen Geländerbalken -vor sich mit den Händen und gab sich dem -Donner der Fluten und dem geheimnisvollen Niederschießen -des Weißen hin, in aller Weite doch eingeengt durch die -Betäubung des Ohrs; dann sah sie zu ihrer Linken dicht -neben sich Josef auf dem Geländer sitzen, ganz dunkel. -Unsicher hob sie die linke Hand und streckte sie nach ihm -aus; er nahm sie, hielt sie mit seiner linken auf dem Oberschenkel -und deckte die rechte darüber. Sie glaubte, ihn etwas -sagen zu hören, verstand nichts und sah fragend in den -dämmrigen Schein seines Gesichts. Nun beugte er sich -näher und sagte, ihre Hand fahren lassend: „Sei so gut -und tritt etwas zurück.“ -</p> - -<p> -Sie tats unwillkürlich, doch war gleich hinter ihr das -Geländer, an das sie sich lehnte. -</p> - -<p> -„Kannst du meine Stimme verstehn?“ fragte er durch -das Rauschen. -</p> - -<p> -<a id="page-216" class="pagenum" title="216"></a> -Sie bejahte. -</p> - -<p> -„Dann, mein Kind,“ fing er nach einer Weile wieder -an, „dürfte es an der Zeit sein, dir mein Geheimnis zu -sagen. Wie dir bekannt sein wird, hat jeder Mensch sein -Geheimnis, das nur der Tod oder höchstens die Geliebte -erfährt. So erlaube mir, dich dafür anzusehn. Höre zu. -Was in meinem Brief gestanden hat, dem Abschiedsbrief, -das sind lauter Lügen gewesen. Nicht so gemeine, senkrechte -Lügen, wie man sie alltäglich gebraucht, sondern -feine, schräge natürlich, und zwar deshalb, weil da hundert -Gründe für mein Fortgehn angegeben wurden, statt -des einen wirklichen. Nun höre wohl zu ...“ -</p> - -<p> -Er schwieg Augenblicke lang, dasitzend schräg auf dem -Geländer, eine Hand auf dem Knie, die er zu betrachten -schien, während er mit gelassener Stimme fortfuhr: -</p> - -<p> -„Der einzig und alleinige Grund, den ich dir nun zu -verraten habe, war der: daß ich auszog, das Fürchten zu -lernen. Lächle meinetwegen, Mädchen,“ sagte er, flüchtig -aufblickend, „du weißt nicht, was du tust. Sich nicht -fürchten, denkst du, das ist weiter nichts, oder man nennts -auch Tapferkeit, wovon ich freilich nicht rede. Wovon ich -rede, das ist: sich nicht fürchten können und doch immer: sich -fürchten wollen, fürchten müssen, ja einfach eine unwiderstehliche, -eine maßlose, eine wütende Lust nach dem haben, -vor dem sich grausen ließe. Verstehst du’s vielleicht? Oder -soll ich dirs erklären? Was mag es denn wohl heißen für -einen Knaben, daß er Tiere langsam zu Tode martern -muß und dabei warten, bis aus ihren nicht verstehenden -Augen das Grauen überschlägt in die eignen? Nicht gefürchtet. -Siehe auch einen Jugendlichen, der die kleinen -<a id="page-217" class="pagenum" title="217"></a> -Tiere satt hat, zum Schlachthof gehn und dem Totschläger -der Bullen die Axt fortnehmen und Stiere und Rinder in -Reihen erschlagen, um zu sehen, wie der Tod in ihre Augen -und das Feuer darin zu blauer Asche tritt. Nicht gefürchtet. -Ich habe gesehn, kann ich dir sagen — denn zum -andern bekam ich naturgemäß die Gabe, immer dort zu -sein, wo es etwas zu fürchten gab —, wie Menschen sich -von Rädern zermalmen ließen. Nicht gefürchtet. Ich sah -Menschen bei Feuersbrünsten aus Wolkenkratzern hüpfen -wie die Flöhe und auf dem Pflaster unten zerspritzen wie -Gefülltes. Nicht gefürchtet. Ich sah den Lift aus der -Höhe herunter sausen und seinen zerquetschten, noch lebenden -Inhalt im Kellerschacht. Nicht gefürchtet. Ich habe -Männer bei langsamem Feuer rösten sehn — nicht gefürchtet; -Kinder bei satanischen Messen lebendig zerlegen — -nicht gefürchtet. Ich habe mir alle Arten der Hinrichtung -besehn, Strick, Stuhl, Axt und Maschine. Ich sah in -China Menschen, denen die Köpfe von zurückschnellenden -Bambusbäumen ausgerissen wurden, die durch Tropfen -von Wasser auf die bloßen Schädel zum Rasen gebracht -wurden, — nicht gefürchtet, — Frauen, die bis an den -Schoß in die Erde gegraben wurden, und denen ein -schnellwachsendes Gewächs ... nicht gefürchtet. Ich habe -alle diese Menschen zur Richtstätte führen, in Todesangst -schlottern und wahnsinnig werden sehn — nicht gefürchtet. -Ich —“ -</p> - -<p> -Plötzlich fühlte Renate, die ganz erloschenen Leibes mit -zugefallenen Lidern gehört und gehört hatte, ihre Handgelenke -von Händen ergriffen, sich vorwärts gezogen -und ihre eine Hand mitten auf seine Brust gelegt. Sie -<a id="page-218" class="pagenum" title="218"></a> -konnte die Augen nicht aufbringen, als sie ihn jetzt sagen -hörte: -</p> - -<p> -„Da! Fühlst du mein Herz? Hier mitten in der Brust, -nicht wie beim gemeinen Volk links oder gar rechts, da — -kannst du den Schlag fühlen?“ -</p> - -<p> -Er zählte, und wie er langsam, langsam die Zahlen -sagte, und sie mitzählte: „Eins — — — zwei — — — -drei — — — vier — —“, hörte, fühlte sie die entsetzliche -Langsamkeit des Schlagens darunter, kein Herz, ein -eisernes Gangwerk, und Josef sagte: -</p> - -<p> -„Spürst du’s nun? Kennst du den Schlag? Er ist gar -nicht so langsam, wie dirs vielleicht vorkommen mag, er -ist der Schlag der Sekunde. Aber! Dies Herz, dieser -Schlag ist nur in einem einzigen Augenblick meines Lebens -schneller gegangen. Begreifst du, was das heißt? Ah, -Kind, das heißt, sagen sie, daß meine Mutter mit diesem -Uhrenschritt um die Sonnenuhr gegangen ist, als sie mich -trug, um mich hart zu machen für das Leben. Ich kann -mich nicht fürchten, Renate, nein, du brauchst mich nicht -anzusehn, ich kann mich nicht fürchten, ich habe nur einmal -— ja, hin und wieder einmal habe ich etwas gespürt, -das von weitem — sehr von weitem, denn es war nur -eine Möglichkeit, ein Reiz — aussah wie Furcht, ein süßer -Hauch der letzten Zerstörung, des Grauens, und das war -die Möglichkeit: dir Gewalt anzutun. Nun genug. Du -weißt alles bis auf das Letzte. Nämlich: heut vor drei -Tagen —, ja, heut vor drei Tagen habe ich das Fürchten -— gelernt. Und das war freilich so, daß es mich jetzt -wundert, daß ich es überlebte. Ich will dirs sagen. Ich -habe —“ -</p> - -<p> -<a id="page-219" class="pagenum" title="219"></a> -Plötzlich war sein zerspaltenes Gesicht so nah vor dem -ihren, daß sein Mund fast den ihren berührte, daß sie -nichts sah als die Gräßlichkeit des blinden zerflossenen -Auges, während seine Stimme von unten her flüsterte -oder zischte: „Ich habe — mich selbst erschossen.“ -</p> - -<p> -Renate schloß die Augen, öffnete sie wieder. Josef -saß wie vorher. Ihre Haut war kraus und eiskalt geworden -am ganzen Leibe, sie glaubte kein Herz mehr zu -haben, als sie von ihm fort sich am Geländer dahinschob. -</p> - -<p> -„Ja, geh nur,“ hörte sie ihn noch sagen, „für dich ist -es Zeit. Geh nur zu, Kind!“ Er hob winkend die Hand. -Sie entlief. -</p> - -<p> -Gleich darauf strauchelte sie über eine Unebenheit und -gewahrte in der Wiesentiefe zur Linken eine Gestalt. Sie -blieb stehn, die Gestalt kam näher; erst dunkel, ward sie -grau; ihre Augen umklammerten sie angstvoll, sie wußte -schon, wer es war, sie wollte nicht —, da kam er den Hang -herauf, Erasmus, noch immer im Harnisch, barhaupt, -und sie gefror. Aber ein jähes und wütendes Grauen trieb -sie zwischen ihn und Josef, sie lief zurück. -</p> - -<p> -Josef stand aufrecht oben und rief jetzt mit heller -Stimme: -</p> - -<p> -„Hier bin ich, Erasmus, hier! Ich fürchte dich -nicht!“ -</p> - -<p> -Da stand Erasmus oben wie ein Gespenst, schrecklich -groß, sie konnte seine Augen sehn, die aus den Höhlen -quellen wollten, er hielt beide Hände geballt vor der -Brust, die wogte, — nie, schrie es in Renate, ist er in der -Fabrik gewesen, er trägt ja immer die Rüstung noch! — -Und sie riß aus dem zugewürgten Hals klingend ihre -<a id="page-220" class="pagenum" title="220"></a> -Stimme heraus und sagte: „Erasmus? Ja, willst du -denn —“ wirklich jetzt immer geharnischt gehn? wollte sie -fragen, aber er schlug ihr die dünne Klinge, die sie vorstreckte, -mit einer Keule nieder und mitten durch, indem -er sagte: „Du!“ sonst nichts, doch eben dies hob sie wieder -ganzen Leibes so leicht, als ob sie flöge, und sie lächelte -angstlos und sagte: „Was hier geschehen soll, das wird -nie geschehn.“ -</p> - -<p> -Im Augenblick darauf taumelte sie zur Seite, von -einem Stoß oder — sie wußte es nicht, sie sah nur, in die -Knie brechend und nun von Sinnen vor Angst, Erasmus -dastehn, als stürze er vornüber und hörte ihn, keuchend, -schäumend, gurgelnd: -</p> - -<p> -„Endlich — ists — soweit. — Du! Mörder! Dieb! -Mutter—mörder. — — Gestohlen — — Mutter hast — — -mir gestohlen ... Vater — Liebe — — gestohlen. Liebe — -immer, immer — gestohlen, immer — stohl ... nun — -nun — stehlen — diese — die — willst — diese — du — du — -verlorner Sohn! Abrechnen — rech — ich — Jahre geduld -— — geduldet. — — Alles — alles — alles — getan — — -rechnet, ge — — schunden, Blut unter — Blut — — und — -nun, nun, nun — auch diese — Re — — Renate. Weg! -du! weg du! weg, weg! Oh — uh — weg!“ -</p> - -<p> -Renate legte die Hände auf die Augen und drehte sich -um. Sie machte einen Schritt, strauchelte und glitt den -Abhang hinunter, brach unten auf die Knie, richtete sich -schwer und mühsam auf und sah nun ruhig staunenden -Blutes hoch über sich alles rot und in dem Rot eine ungeheure -Gestalt, die eine andre wagerecht über sich hochgehoben -hatte. -</p> - -<p> -<a id="page-221" class="pagenum" title="221"></a> -Da floh sie besinnungslos in das Dunkel, lief, im Fallen -unzählige Male sich aufraffend, lief, ihr Kleid riß, sie -packte es mit den Händen und hob es vorn und lief, hakte -mit dem Fuß an Latten, riß ihn los, ihr Atem versagte, -sie lief, blindlings einem bleichen Streifen am Boden -folgend, keuchte und lief eine Schräge hinauf, wich einem -Baum aus, der ihr jählings schwarz entgegentrat, und -indem schmolz aus ihren Knien alle Kraft. Sie glitt -vornüber und nieder, raffte sich wieder hoch, fiel gegen -den Baum und schrie, ihn mit den Armen umklammernd: -„Das war die erste!“ Sie hing und sah sich selber im Dunkel, -in ihrem weißen Kleid, in einem jahrfernen Traum, in die -Knie gleiten und wieder aufrichten, und stammelte: Die -Verneigungen, die Verneigungen, die Verneigungen ... -nun kommen die Verneigungen, oh Gott! — und sie lief -weiter, sie war im Garten, in der Veranda, im Flur, — -da mußte sie halten. -</p> - -<h4 class="section"> -Treppenhaus -</h4> - -<p class="first"> -Einen Augenblick lang in großer Leere des Herzens -mußte sie plötzlich erkennen, daß die Angst, die eben noch -hinter ihr gewesen, vor ihr war; vielmehr war es nicht -Angst, sondern nur ein leises Grauen, mit dem sie etwas -Unheimliches über sich, im Treppenhaus witterte, und -da wagte sie es, dem zu entfliehen, und bewegte sich bis -zur Haustür hinüber, wo sie, jetzt gelähmt, stehen blieb -und sich umwandte. -</p> - -<p> -War denn Licht im Treppenhaus oder nicht? Wie -seltsam helle es dämmerte! Weiß stieg die Treppe mit -<a id="page-222" class="pagenum" title="222"></a> -dem blauen Läufer bis zur ersten Biegung, von da aus -das weiße Geländer. Und jetzt wußte sie: oben war etwas; -das kam herunter. Kein Mensch, ein Tier, ein riesiges -Tier, wild, sie hörte schon das langsame Treten der -Tatzen von Stufe zu Stufe, das rauhe Fell, das am Geländer -schräge nach unten sich hinabschob und scheuerte, -sie roch den wilden heißen Dunst, und ihr Herz stand still. -Gleich darauf tauchte der riesige weiße Kopf des Tigers -oben hinter dem Geländer auf, die Lichter glommen auf -in den gedehnten Augen, er wandte das Gesicht herum. -Plötzlich saß er auf der Plattform, ganz still, die weißen -Tatzen vor sich, und Renate sah das furchtbare, streifig -bemalte Tiergesicht in einem Kranz weißer Mähnenhaare, -sah, vom wilden Atem auf und nieder bewegt, die -gelben, roten und schwarzen Streifen der Flanken. Der -lange Schweif legte sich nach vorn, er duckte den Kopf, -schloß die Augen und war verschwunden. -</p> - -<p> -Sie stieg langsam die Treppe hinauf ohne andres -Empfinden als die furchtbare Mühsal des Steigens. In -ihrem Zimmer drückte sie die Handballen gegen die Stirn, -stand und hörte sich stöhnen. Sie sah einen schwarzen -Menschenkörper in einer ungeheuren Höhe schweben, und -dann klatschte Wasser. Wieder stieg in ihr das Grauen, -sie wankte vorwärts, ertastete den Türvorhang, fiel dagegen -und an dem weichenden hin auf den Fußboden. -</p> - -<p> -Renate lag totenstill. Alles war still geworden. Sie -bewegte die klebrigen Lippen und lallte: Nichts ... Es -war ja nichts. Nichts ist geschehn. — Sie hob den Kopf -hoch, tastete nach ihrem Haar, entsetzte sich vor dem -Rauhen ihrer eignen Flechte und gelangte mühselig auf -<a id="page-223" class="pagenum" title="223"></a> -die Knie. So lag sie eine Weile zitternd, stellte sich dann -auf die Füße, tastete nach der Bettstelle, fühlte das Holz, -machte zwei Schritte und setzte sich auf den Bettrand. -Wankend vor und zurück fühlte sie, daß sie ohnmächtig -wurde, aber im selben Augenblick mußte sie aufhorchen. -Es waren Schritte auf der Treppe. Langsam kam es -herauf, Fuß um Fuß, Stufe um Stufe, sie erhob sich -und ging vor, trat in die Tür, lehnte sich mit Rücken und -Kopf gegen den Pfosten und flüsterte: Sein Vater — -kommt, nun — nun wollen wir Rede stehn. — Sie -lächelte. -</p> - -<p> -Langsam kamen die Schritte über den Flur näher, -immer ein wenig lauter, und nun war alles still vor ihrer -Tür. Sie wartete gefühllos. Ihre Augen, im Dunkel -irrend, sahen die Fenster, und weiß den kleinen Schein -der Gipsbüste in der Luft. Nun ging die Tür auf; da -stand Erasmus. Sie sah seine Augen, die nicht Augen -mehr waren, sondern nur Entsetzen. Dann hörte sie eine -Stimme leise sagen: -</p> - -<p> -„Ich hab’s — getan.“ Er schluckte. Sie sah seine -Hände, die sich einander näherten, dann rieb die eine die -Knöchel der andern. „Nun,“ sagte er unendlich leise, -„nun steht, auf der Treppe, steht — — Gott — Vater, -mit dem Licht und sagt — — wo — wo ist ...“ -</p> - -<p> -Renate sah den alten Mann oben stehn und die Treppe -hinunterleuchten. Aber als die Erscheinung verschwunden -war, wurde ihr leichter um die Brust, sie sah die Gestalt -des Erasmus in der Tür sich wenden, sie löste sich vom -Türrahmen und ging zu ihm; da fühlte sie wieder das -Grauen, biß die Zähne auf die Lippe und sagte: „Erasmus -<a id="page-224" class="pagenum" title="224"></a> -...“ Sie mußte die Augen schließen, hörte einen -Fall und fühlte seine Hände in den ihren und sein Gesicht. -Dann sah sie ihn vor ihr knien, machte eine Hand los, -legte sie auf seinen Kopf und fing an, ihn zu streicheln. -Er weinte und sagte kindisch mehrere Male: „Er sollte ja -nur weg ...“ Dies dauerte eine Weile, dann war Erasmus -plötzlich verschwunden, sie saß vor dem gelben Schirm -ihrer Lampe am Tisch, sah über sich das weiße Antlitz -Ech-en-Atons unverändert, oder lächelte es nun? Dann -war nichts mehr. -</p> - -<h4 class="section"> -Hörsaal -</h4> - -<p class="first"> -Renate hing verzweiflungsvoll am Drücker einer Tür, -rüttelte mit aller Kraft und brachte sie nicht auf. — Ja, -was ist denn? fragte sie sich, ablassend. Es war dunkel; -was sie in der Hand hielt, war der Türdrücker an Reinholds -Wohnung, sie sah die dunklen Fenster neben sich, -Blumenstöcke und Gardinen. Da fühlte sie wieder ihre -Angst, sie weinte: Ich muß ja fort, ich muß ja fort! — -Indem hörte sie links hinter sich ein Knarren, die große -Einfahrt bewegte sich, Reinhold kam herein mit seiner -Frau. Im selben Augenblick auch schon saß Renate in -ihrem Automobil und sah durchs Fenster die Straßenlaternen -vorbeiziehn. Kaum hatte sie dies gesehn, so -flammte es vor ihr und ward wieder Nacht, sie erschrak -und sah, daß sie durch die Stadt fuhr, daß unaufhörlich -Schwerter von einfallender Helle und Dunkel vor ihr in -den Wagen schnitten, und nun sah sie im schmalen -Spiegel gegenüber ihr Gesicht. Jetzt kommen Leute, dachte -<a id="page-225" class="pagenum" title="225"></a> -sie, sammelte sich, so gut sie konnte, und sah, daß sie in -einem goldenen Mantel saß; ich hab ihn verkehrt umgenommen, -dachte sie, es schadet nichts. — Sie schloß einen -Haken am Halsausschnitt der Tunika, beugte sich vor -und sah im Spiegel ihre Augen, sehr dunkel und tief in -den Höhlen. Man sieht mir nichts an, dachte sie verwirrt, -saß in einer großen Leere und merkte, daß der -Wagen stillstand. Doch fuhr er gleich wieder, ein Gesicht -kam ganz nah an die linke Scheibe, sie drückte Haupt und -Rücken an und saß aufrecht, die Arme nach beiden Seiten -gestreckt, und zitterte. Sie hörte dumpfes Brausen, die -Lider sanken ihr zu, unter ihr sah sie die gelbliche Schaumfläche -des Wehrs, es zog sie hinunter, sie warf den vorübersinkenden -Kopf zurück und stöhnte: Oh Gott, wie -lange dauert diese Qual! — Heftig erschreckend fiel ihr -ein, ob Reinhold denn überhaupt wußte, wohin sie wollte, -sie rückte ans Fenster, sah die Alleebäume dunkel, umwogt -von menschlichem Getümmel, dachte inbrünstig an den -Herzog, an alle Beruhigung, an Schlaf. Jetzt wurde die -Wagentür aufgerissen, Reinholds Gesicht war draußen, -sie raffte Mantel und Kleid und dachte: Zusammennehmen -... -</p> - -<p> -Langsam stieg sie aus, ging zu der breiten Freitreppe -der Universität vor und hinauf. Es schwirrte vor ihren -Augen, groß und größer wurde der dunkel glänzende Fleck -ihres violetten Kleidrocks, auf den sie hinuntersah, sie -glaubte vornüber zu fallen, und erreichte mit Mühe die -oberste Stufe. Ein Mensch, ein bunter, ein Türsteher, -fragte sie etwas, sie antwortete: „Zum Herzog.“ „Seine -Königliche Hoheit —“ hörte sie sagen und unterbrach: -<a id="page-226" class="pagenum" title="226"></a> -„Herzog Trassenberg.“ Der Mann verbeugte sich und -ging fort. -</p> - -<p> -Renate stand in einer Halle, sah einen breiten Korridor -mit Türen zur Rechten und ging im ohnmächtigen Verlangen, -nur sitzen zu können, hinein. Musik ... sagte sie, -aufhorchend, ein Klavier ... Eine helle, singende Stimme -schmetterte unverständliche Worte, sie ging daraufzu, eine -Tür neben ihr stand halboffen, sie sah drinnen eine -Wand mit einer schwarzen Tafel, darunter ein Podium -und ein Katheder. Ach, dachte sie, ein Hörsaal ... Weiter -vortretend, gewahrte sie unterhalb des Podiums Kopf und -Rücken eines Menschen, der vor einem Flügel saß, spielte -und zu einem Mädchen mit Haarschnecken an den Ohren -aufsah, das in der Einbuchtung des Flügels stand, ihn -lächelnd ansah und sang. Nun wurde auch das Profil -des Spielenden sichtbar, ein hängender Schnurrbart, -große hängende Nase und fliehende Stirn mit schwermütigen -Brauenbögen; sie sah das nach hinten gestrichene, -lang fallende Haar und glaubte den Menschen zu kennen. -Die Schultern waren braun, Frackschöße hingen zwischen -den Stuhlbeinen, oben darüber brannte eine harte Flamme, -die ihre Augen blendete. Ach, Benno ists! dachte sie dankbar, -da sitzt er nun und spielt ... Renate fühlte es rieseln -im Herzen, sie lehnte sich an den Türrahmen, die Augen -der Sängerin bewegten sich zu ihr, aber sie sang weiter, -obschon sie betroffen schien und die Augen nicht wieder -abwenden konnte. Ihr Gesicht war weiß wie eine Blüte, -die Augen glitzerten blank und dunkel, die Backenknochen -schienen etwas vorzustehn, sie sah munter und herzlich -aus, und als sie nun wieder lächelte, mußte Renate es -<a id="page-227" class="pagenum" title="227"></a> -auch tun, während eine zarte, auf und nieder schwebende -Melodie ein weiches Band um ihr Herz wand und wieder -davon abzog und sie die Worte hörte: „Der mich ins -Zimmer trägt, mir in die Hand — Wärmend ein Herz -giebt mit Glutenbestand.“ Dann wechselte die Tonart in -Moll: „Kommt jetzt der Winter mit Schloßen und -Schnein ...“ sang das Mädchen wehmütig, fragend, -wartete ein Weilchen auf einer Fermate in der Höhe und -endete mit kurz und trübselig hervorgestoßenen Lauten in -der Mittellage, eintönig: „Frier’ ich am Feuer und blase -hinein ...“ während aber dahinter die Klaviermusik in -einem lustigen Spottgelächter einen rauschenden Dur-Aufschwung -nahm und abspringend, wie ein landender Vogel, -mit zwei, drei Sprüngen prasselnd endete. -</p> - -<p> -„Bravo!“ sagte Benno hochentzückt, „Du hast herrlich -gesungen, ganz herrlich!“ -</p> - -<p> -„Guck mal da!“ antwortete die Sängerin, „da steht -Fräulein von Montfort!“ -</p> - -<p> -Benno drehte sich um und sprang auf; sein heißes und -gerötetes Gesicht wurde ganz dunkelrot, als er mit vielem -Dienern auf Renate zukam, die Arme schlenkernd nach -außen bewegte und lächelte und etwas stammelte mit -seiner gebrochenen Stimme. -</p> - -<p> -„Guten Abend, Benno,“ sagte Renate ihm die Hand -reichend, „war das von Ihnen? Ach, machen Sie’s noch -mal, es war so lieblich, bitte, wollen Sie so gut sein?“ -fragte sie das Mädchen, in dem sie nun Bennos Braut -erkannte, und das gleich bereit war. „Heliodora gebietet,“ -sagte sie zu Benno, der sich maßlos wand und zierte, „also -los!“ -</p> - -<p> -<a id="page-228" class="pagenum" title="228"></a> -„Es ist aber ganz unbyzantinisch“, suchte Benno sich -herauszuwinden. — Renate schwindelte es plötzlich, sie -beherrschte sich mühsam, ging auf eine graue Bank zu -und setzte sich. Bald darauf hörte sie das Klavier wieder, -ihr schien, wehende Gartenzweige gingen vor ihr auf und -nieder und die Sonne brannte. Aus Vogelgezwitscher -schmetterte eine singende Stimme: -</p> - -<div class="poem-container"> - <div class="poem"> - <div class="stanza"> - <p class="verse">Lieblich ist Sommer mit Ähren und Mohn,</p> - <p class="verse">Ach und die Bäume entlaubten sich schon ...</p> - </div> - </div> -</div> - -<p class="noindent"> -Die Stimme, während das Klavier rumorte und aus der -Fassung zu kommen schien, wurde wehmütig und murmelte: -</p> - -<div class="poem-container"> - <div class="poem"> - <div class="stanza"> - <p class="verse">Warfen die Kleider hin, steigen ins Grab;</p> - <p class="verse">Werf ich die Schuhe, die Kleider jetzt ab,</p> - <p class="verse">Find’t mich doch keiner, der eilig und gut</p> - <p class="verse">Um mich den Mantel der Zärtlichkeit tut ...</p> - </div> - </div> -</div> - -<p class="noindent"> -Die Stimme schwieg, das Klavier suchte murmelnd -und ein wenig schnüffelnd wie ein unruhiges Tier im Baß, -Renate öffnete die Augen, glaubte Schritte zu hören, da -erschien die rote Uniform und das Gesicht des Herzogs -mit fragenden Augen. Es waren noch Menschen da, -aber er schloß die Tür hinter sich. Renate bewegte sich -nicht, sah ihn nur unendlich erquickt und beruhigt an, -nur mit ihrer Haltung andeutend, daß gesungen wurde -und nicht zu stören sei. -</p> - -<p> -„Der mich ins Zimmer trägt, mir in die Hand —“ hörte -sie wie vorhin, die Worte entgingen ihr, gegen Ende -stand sie langsam auf, der Herzog bewegte sich vor, und -sie faßte seine Hände. Es war still. -</p> - -<p> -„Danke schön, Benno,“ sagte Renate den Kopf neigend, -„dank Ihnen tausendmal, kleines Fräulein! Und — -<a id="page-229" class="pagenum" title="229"></a> -Benno, — mir ist etwas eingefallen, — ich möchte Sie -gern um etwas bitten ...“ -</p> - -<p> -Sie sah das Mädchen bittend an, die verstand, nickte -Benno zu, rief: „Ich warte auf der Terrasse!“ und lief -mit halbem Knicks vor dem Herzog hinaus. -</p> - -<p> -„Dies ist Benno Prager,“ erklärte Renate, „du kennst -ihn wohl ...“ -</p> - -<p> -Benno mußte in seiner tödlichen Verlegenheit herkommen -und dem Herzog die Hand geben. Da wurde -wieder der Boden und alles umher weich und löste sich -um sie, auf einmal saß sie, sah das besorgte Gesicht des -Herzogs nahe über sich, drückte ihm die Hände und sagte -leise: „Nichts — fragen, Liebster, ich — ich darf noch -nicht denken. Nur ein wenig ausruhn!“ bat sie müde. -Mit geschlossenen Augen raffte sie nun ihre Gedanken -zusammen, merkte, daß hinter ihr etwas Hinderndes war, -an das sie nicht rühren durfte, öffnete die Augen und -sagte: -</p> - -<p> -„Es ist nur, — ich kann nicht zu Hause schlafen heut -nacht. Ich dachte erst an dich, aber —“ es gelang ihr -zu lächeln — „was sollst du mit mir? Benno, nicht -wahr?“ -</p> - -<p> -„Aber,“ fiel der Herzog ein, „Georg kann ja im Stadtschloß -— — ja,“ unterbrach er sich, „was das nur mit -Georg sein mag?“ Und nun glaubte Renate zu erkennen, -daß er selber in Aufregung war. „Ist etwas mit Georg?“ -fragte sie. -</p> - -<p> -„Ach ...“ Er zauderte. „Ich weiß ja nicht. Er ist -verschwunden. Um Mitternacht sollte doch große Huldigung -sein vor der Universitätsterrasse, im Garten, und -<a id="page-230" class="pagenum" title="230"></a> -jetzt gehts auf Viertel —“ Er warf den Arm aus dem -Ärmel vor, um nach der Uhr auf seinem Handgelenk zu -sehn, und murmelte erschreckt: „Gleich halb eins.“ -</p> - -<p> -Renate schwieg und mußte die Augen schließen vor -Schwäche. Sie hörte sprechen, es rauschte in ihrem Gehör. -Die Lider mühsam aufbringend, sah sie aus weiter -Ferne den Herzog und Benno miteinander sprechen, doch -kamen sie näher, als sie selber den Mund öffnete. -</p> - -<p> -„Wir können vielleicht“, sagte sie, „so lange in Georgs -Zimmer sein, bis bei Benno zurechtgemacht ist, — Benno, -nicht wahr? Sie haben ja einen so schönen Diwan ...“ -</p> - -<p> -Benno schien erlöst, daß es nicht sein Bett sein sollte, -rang die Hände und konnte vor Dienstbereitschaft, Peinlichkeit -und Wonne kein Wort hervorbringen. -</p> - -<p> -Alessandro Stradella ... las Renate fortwährend in -kleiner, mickriger Kreideschrift an der Wandtafel, dahinter -eine ausgewischte Jahreszahl und, etwas darunter: Pugiani. -— Alessandro Stradella, sagte der Herzog nun, — -was wollte er denn damit? — Sein Gesicht und das -Bennos entfernten sich unaufhörlich und schwebten wieder -näher, — nein, um Gottes willen, flüsterte Renate sich -zu, du mußt dich doch zusammennehmen! -</p> - -<p> -„Wollen wir gehn?“ fragte sie und sah lächelnd vom -Einen zum Andern. „Ihr dürft mich nicht auslachen, daß -ich so mitten in der Nacht ankomme! — Benno, und wie -reizend war das kleine Lied!“ Sie lachte leise, erhob sich, -wäre aber zurückgesunken, wenn sie nicht allen Willen -aufgeboten und sich zornig angeherrscht hätte. Sie ging -mit halbgeschlossenen Augen, an der Treppe nahm sie -Bennos Arm, bald darauf saß sie in einem Wagen und -<a id="page-231" class="pagenum" title="231"></a> -fühlte, daß er rollte. Es dauerte nicht lange, sie sah -Benno vor sich aussteigen, nahm seine Hand und trat -auf die Erde. Dann war sie in Georgs Zimmer, das sie -erkannte. -</p> - -<h4 class="section"> -Schlafzimmer -</h4> - -<p class="first"> -Sie saß in einem Sessel und sah undeutlich den roten -Rücken des Herzogs sich entfernen, ein Türrahmen war -herum, er wurde kleiner in einer andern Tür, die Augen -fielen ihr zu, sie öffnete sie wieder, da sie die Stimme des -Herzogs nahe über sich hörte. Sie sah ihn lächeln, während -er sagte: -</p> - -<p> -„Dieser Georg! Hier hat er noch ein Zimmer, komm -nur, das ist wie für dich erfunden.“ -</p> - -<p> -Sie stand müde lächelnd auf, nahm seinen Arm und -ließ sich davonführen. Es ist wie als Kind, dachte sie ergeben, -die Augen geschlossen, wenn ich mit Vater blind -spielte ... „Kann ich nun aufmachen?“ fragte sie leise, -öffnete die Augen und sah den Herzog lächeln ohne zu -verstehn. -</p> - -<p> -Nahe vor ihr stand ein Diwan, dunkelviolett wie ihr -Kleidrock mit lichtfarbigen Kissen. Große schwarze Reiher -flogen schön über Vorhänge, und hinter dem Herzog war -das gelblichweiße Gewoge und Gewölk eines großen Himmelbetts. -Sie sah es zweifelnd an, witterte leicht mit der -Nase und sagte: „Ich weiß nicht ...“ -</p> - -<p> -Langsam gegen das Himmelbett vorgehend, blickte sie -zwischen den gerafften Falten hinein und sah einen schönen -und großen, blauen Schmetterling auf dem Kopfkissen -<a id="page-232" class="pagenum" title="232"></a> -stecken. „Nein, sieh, Woldemar,“ sagte sie, „das scheint -doch für jemand anders ...“ -</p> - -<p> -Plötzlich kreiste das Bett vor ihr, der Schmetterling -wurde zu vielen, die sich auseinander schoben und umher -zuckten, sie fiel vornüber und sammelte den Rest ihrer -Kraft, um den Schmetterling nicht zu zerdrücken, faßte -darunter, fühlte sich im selben Augenblick aufgehoben -und sanft niedergelegt. Eine Weile war es schwarz um -sie her, aber sie konnte die Lider wieder heben. Der Herzog -stand deutlich vor ihr, besorgten Auges, sie fing an, -die Ordensreihe auf seiner Brust zu zählen, deren Kreuze -übereinander gelegt waren. „Wie die Schmetterlinge“, -sagte sie ganz leise und sah, daß sie den blauen noch in der -Hand hielt. Sie steckte ihn mit schweren und lahmen -Händen auf den Brokatstreifen vor ihrer Brust, die Augen -fielen ihr darüber zu, sie dachte erschreckend: ich muß es -ihm doch sagen, er muß es doch wissen! Schon saß sie -wieder aufrecht, blickte hart und fest in seine Augen empor -und sagte, kaum ihre Stimme vernehmend: -</p> - -<p> -„Du mußt noch wissen ... Es ist etwas — geschehn. -Nein, laß nur,“ wehrte sie todmüde ab, da er eine beschwichtigende -Bewegung machte, „einmal muß es doch -sein. Nun — mußt du — ganz verstehn,“ brachte sie in -Absätzen hervor, „willst du?“ Er nickte. -</p> - -<p> -Eine Weile war alles fort, sie konnte sich an nichts -mehr erinnern. Endlich dämmerte es langsam wieder, sie -hielt sich mit beiden Augen an den verschwimmenden -Linien der weißlichen Wässerung in einer orangefarbenen -Schärpe und sagte, seine Hand fassend: -</p> - -<p> -„Josef ist — tot. — Erasmus ...“ -</p> - -<p> -<a id="page-233" class="pagenum" title="233"></a> -Da merkte sie, daß ihr Kopf sich ganz tief neigte, und -dann lag sie wieder. Sie brachte mit unsäglicher Mühe -die Lider hoch, sah das Gesicht des Herzogs und hörte ihn, -gütig zuredend, sagen: „Nun mußt du aber schlafen ...“ -</p> - -<p> -„Erasmus“, flüsterte sie sehr leise, „ist böse, nicht?“ -Der Herzog nickte und nahm ihre Hand. „Aber Josef,“ -sagte sie heller und froh, „Josef ist gut! Ist er nicht -gut?“ fragte sie, sich schnell aufrichtend. -</p> - -<p> -„Liebes Kind,“ hörte sie den Herzog sagen, „du drückst -mir das Herz ab, es ist ja nun genug! — Mein Gott,“ -stöhnte er ganz erschüttert, saß da neben ihren Füßen und -hielt die Stirn in der Hand, „mein Gott, es ist ja fürchterlich, -wie du dich aufrecht gehalten hast!“ -</p> - -<p> -Ach, dachte Renate, da ist schon wieder einer, dem ich -den Kopf streicheln soll! — Sie legte die Hand auf sein -Haar und hörte sich ferne sagen: „Haltung, lieber Freund, -giebt es ganz umsonst, wenn das Schicksal seinen Tribut -— —“ -</p> - -<p> -Sie verlor das Ende des Satzes und sank zurück. Aber -sie konnte nicht stilliegen, schlug plötzlich die Augen wieder -auf und sagte mit kleiner Stimme: „Du meinst vielleicht, -— weil sein Gesicht — weil er — — nur noch halb -ist ... Aber weißt du, — er hat ja eine — — Ergänzung, -— oh, eine schöne! Das glaub nur ja nicht, daß sie nicht -gut paßt, sie ist ja von einem Chinesen! Sieh, nun weißt -du’s!“ sagte sie triumphierend und dachte: wie vernünftig -ich doch sprechen kann, er merkt sicher nichts. „Und siehst -du,“ fing sie wieder an, unterbrach sich aber und sagte: -„Hast du’s gehört? Siehst du, habe ich gesagt, und Ulrika -behauptet, daß ich immer ‚weißt du‘ sage, aber das tue -<a id="page-234" class="pagenum" title="234"></a> -ich gar nicht. Nein, siehst du, Josef, — du mußt nicht -denken, daß er es nicht gewußt hat. Oh, Josef ist so gut, -so gut, er ist ein solcher Held, er sagte: ich fürchte mich -nicht! — Das sagte er, und es lauerte doch, weißt du, -immer lauerte es schon, unter den Bäumen, wo die Schaukel -ist, weißt du, und dann in den Wiesen, am Wehr, oh -wie das rauschte, hörst du? ganz laut — höre ich es ...“ -Sie schöpfte Atem, bewegte den Kopf hin und her und -sprach heiß und eilig weiter: „Kein Wort, hörst du wohl, -kein Wort hat er gesagt, so saß er da, du mußt es seinem -Vater sagen, daß er kein Wort gesprochen hat, er war -ein Held, war er nicht? — <span class="antiqua">Was not he?</span>“ flüsterte sie, „das -ist englisch ... Ach, meine Stimme — will gar nicht mehr“, -sagte sie heiser und gequält und merkte, wie ihr die Worte -erloschen. -</p> - -<p> -„Schlaf nun, du mußt wirklich schlafen“, sagte jemand. -</p> - -<p> -„Muß ich?“ fragte sie lächelnd mit geschlossenen Augen. -</p> - -<p> -„Ja, ja, du mußt“, sagte die gute Stimme wieder. -</p> - -<p> -„Dann will ich gern, wenn du’s sagst“, flüsterte sie -gehorsam, drehte den Kopf auf die Seite und machte die -Augen fest zu. Gleich aber öffnete sie die Lider wieder, -lachte leise und fragte: „Ists so recht?“ -</p> - -<p> -Sie hörte noch ein Gemurmel, seufzte tief, streckte sich -und empfand dankbar die Dunkelheit. -</p> - -<h4 class="section"> -Schlafzimmer (das andre) -</h4> - -<p class="first"> -Doch stürzte sich jetzt ein peitschender Knall mitten durch -ihr Herz. Sie schnellte hoch, schrie auf: „Erasmus! Du -darfst nicht, du darfst nicht mehr!“ Ein wütender Ingrimm -<a id="page-235" class="pagenum" title="235"></a> -jagte sie auf, da knallte es wieder, sie fiel innerlich -zusammen, wankte gegen Hartes, fühlte einen Türdrücker, -riß und zerrte ohnmächtig daran, endlich schlug -die Tür nach außen auf, es war blendend hell, der rote -Waffenrock ... bläulicher Dampf — — und wieder ein -Knall und scharfes Pfeifen dicht neben ihr ... Dahinten -stand in der Tür ein Mensch, schwarzbärtig; aber sie -kannte ihn, sie rang nach dem Namen, sie mußte ihn rufen, -der Herzog hob den Stock und rief wütend: „Du bist -verrückt, Schurke, wirst du endlich aufhören!“ Menschen -warfen sich herein, packten ihn, er schüttelte sich mit ihnen -herum, es knallte wieder, Renate, am Türpfosten hängend -mit Kopf und Rücken, wand sich und schrie plötzlich: -„Sigurd!“ -</p> - -<p> -Da fielen ihm die Arme herunter, sie sah Sigurds Nase -und bestürzte Augen, dann den Herzog, der an einer Badewanne -lehnte und schwankte. Sie lief zu ihm, kniete vor -ihn hin, stützte seine Stirn, er machte die Augen weit auf, -lächelte und sagte leise: „Es ist ja nichts. Ein Streifschuß, -— oder ...“ -</p> - -<p> -Nun giebt es zu tun, dachte Renate, aber sie bewegte -sich nicht, lehnte matt in der Tür zum Badezimmer, bis -ihr einfiel, was sie suchte, eine Waschschüssel, doch war -keine zu sehn. Es rauschte, laut und lauter rauschte es in -ihren Ohren. Sie drehte sich wieder um, da lag der Herzog -furchtbar groß auf dem Bett mit riesigen, spiegelblanken -Reiterstiefeln an den Füßen; seine linke Hand, die herunterhing, -war ganz rot, und das Blut tropfte eilig an den -Boden und bildete eine Lache. Menschen standen herum, -die Tür ging auf, eine Waschschüssel, in der ein Handtuch -<a id="page-236" class="pagenum" title="236"></a> -lag, wurde hereingetragen, Renate ging draufzu und -nahm sie aus den Händen eines zitternden alten Mannes, -kniete neben dem Herzog nieder, setzte die Schüssel hin -und wusch die Hand, es war keine Wunde daran. -</p> - -<p> -„Ein Messer,“ sagte Renate, hatte gleich darauf ein -Taschenmesser in der Hand und trennte die Ärmelnaht -auf, schnitt und riß den Ärmel ab, knöpfte die Manschette -auf, streifte den Hemdärmel hoch und sah am Oberarm -einen klaffenden Riß, den sie wusch. Impfnarben kamen -groß und zerflossen zum Vorschein, sie drückte das Handtuch -auf den Riß und sah, einen Augenblick dahockend, das Gesicht -des Herzogs, sonderbar still und bleich mit geschlossenen -Augen. Er atmete. Und sie dachte, da er so in sich gekehrt -dalag: Das kann doch von dem Riß nicht kommen ...? -</p> - -<p> -Schritte kamen, ein Gesicht mit einem spitzen Bart neigte -sich von oben, eine Hand nahm stillschweigend das Messer -aus ihrer Hand und fing an, die Schärpen durchzuschneiden. -Sie begriff und hakte den Waffenrock von unten auf, -ließ es aber, da das Blut wieder vom Arm lief, nahm das -zusammengepreßte, nasse Handtuch auseinander und wickelte -es, so fest sie konnte, um die Wunde. Mit dem -Taschenmesser, das sie wieder auf dem Boden liegen sah, -schnitt sie das Ende des Tuches auf und knotete es fest. — -Nun konnte sie die Brust des Herzogs sehn, ganz schwarz -von krausem Haar, darunter sehr weiß, und in der Nähe -der bräunlichen Brustwarze war ein kleiner Fleck. Plötzlich -fühlte sie, daß sie sich in ihrer hockenden Stellung -nicht mehr halten konnte, und stand auf. -</p> - -<p> -Etwas Blaues und Weißes schaukelte zur Erde. Jemand -hob es auf und gab es ihr: es war der Schmetterling -<a id="page-237" class="pagenum" title="237"></a> -mit den Schleifen. Sie behielt ihn in der Hand, ging -vorwärts und atmete kühle Luft. Der Garten, sagte sie, -trat durch eine Tür, lehnte die Flügel hinter sich aneinander -und sank mit dem Rücken dagegen. Sie sah das -Schwarze von Bäumen, eine dunkle Lücke darin und zwei -weiße Sterne, der rechte ein wenig tiefer als der linke. Sie -konnte die Augen nicht abwenden von ihnen, ihr Blick -war unendlich fest und ruhig, bändigte den ihren, bändigte -ihr ganzes Herz und Dasein. -</p> - -<p> -Zu Gottes Ehr’ bin ich durch Feuer geflossen, hörte sie -sagen, Matthias Zach hat mich gegossen, Hötting siebenzehnhundertundachtzig. -— Sie lächelte und wiederholte -willenlos: Zu Gottes Ehr’ bin ich durch Feuer geflossen ... -Wie still und kühl es war! Nur das Rauschen hielt an. -— Hötting siebenzehnhundertundachtzig, Matthias Zach -hat mich gegossen ... Eine alte Glocke hing still im Gestühl, -Schwalben schrien, kleine Engelsköpfe von Bronze -glänzten dunkel auf der Glockenspitze, und sie las die Inschrift: -Matthias Zach hat mich gegossen ... Die Sterne -flackerten ganz wenig, als ob der Wind sie bewegte, der -durch den Garten kam. Ein Tropfen näßte kühl ihre -Stirn. Es fängt an zu regnen, dachte Renate und wandte -sich um. -</p> - -<p> -Hinter den Glasscheiben sah sie, daß die Tür zum Flur -geöffnet wurde, jemand kam groß, bleich und schwarzbärtig -die Stufen herab, die Hände auf dem Rücken, — -Sigurd. Renate öffnete die Tür, trat ein, ging zum Fußende -des Bettes, sah das bleiche und verschlossene Gesicht -des Herzogs, unter einer wollenen Decke die Umrisse seines -Körpers, und neben sich in der Tür den Arzt. -</p> - -<p> -<a id="page-238" class="pagenum" title="238"></a> -Der Herzog öffnete die Augen, lächelte bei ihrem Anblick, -fragte dann: „Ist er da?“ Renate nickte. -</p> - -<p> -Ein Offizier in blauer Polizeiuniform bedeutete Sigurd -vorzutreten, — da stand auch ein Schutzmann. — Der -Herzog wandte das Gesicht herum, betrachtete lange den -Dastehenden, der bei Renates Anblick den Kopf senkte, -fragte dann mit leiser Stimme: „Was hat das — zu bedeuten?“ -</p> - -<p> -Sigurd schwieg. „Ich verrate nichts“, sagte er endlich, -den Kopf hebend, und senkte ihn gleich wieder. -</p> - -<p> -„Sie sollen nichts“, sagte der Herzog, „verraten. Ich -will — wissen, wie ich — zu der Ehre komme ...“ Er -hob mühsam den Kopf, blickte zornig und brachte knirschend -hervor: „Haben Sie mich denn weiß Gott mit -meinem Sohn verwechselt?“ -</p> - -<p> -Sigurd schien erstaunt. Ob er denn nichts wisse, fragte -er nach Sekunden, zögernd. Der Herzog bewegte den -Kopf, und Sigurd sagte mit einem eigentümlichen, irren -Aufleuchten der Augen: „Er liegt in — der Gracht. — -Nicht ich!“ setzte er hastig und laut hinzu, — „er stürzte -hinein, ich — ich sah es von weitem.“ -</p> - -<p> -Renate sah die Brust des Herzogs auf und nieder gehn, -sein Atem rasselte, er stöhnte: „Unsinn! er kann schwimmen!“ -</p> - -<p> -„Er kam nicht wieder hoch“, sagte Sigurd. -</p> - -<p> -„Ach, in Teufels — Namen,“ keuchte der Herzog, „was -wollen Sie — dann von mir?“ Sigurd hob den Kopf, blickte -glänzend geradaus und sagte kurz: „Den Nachfolger.“ -</p> - -<p> -Der Herzog sah ihn nur an. „Wir wissen alles“, erklärte -Sigurd nicht ohne Stolz. -</p> - -<p> -<a id="page-239" class="pagenum" title="239"></a> -„Und — und der Sinn des Ganzen?“ fragte der Herzog -leise. Sigurd blickte Renate mit flackernden Augen -an und sagte: „Ich will es der Dame erklären, wenn sie -verspricht, es nicht vor morgen abend weiterzusagen ...“ -</p> - -<p> -Der Herzog blickte Renate fragend an, sie winkte Sigurd -mit den Augen und ging ihm voran in das Zimmer -mit dem Himmelbett; sie ließ ihn eintreten, lehnte die Tür -hinter ihm an, Sigurd stellte sich dagegen und fing sofort -an, die Augen niederschlagend, zu sprechen, heiser und -halblaut: -</p> - -<p> -„Er ist nicht der einzige. Es handelt sich um zweierlei -gleichzeitig. Wir stehen vor einem Kriege. Die einzige, -wirkliche Gefahr ist der Patriotismus in Deutschland oder -das dynastische Gefühl. Nur in Deutschland giebt es Fürsten. -Ich bin nur ein Glied in einem großen Plan, nach dem -sie Alle fallen heute und morgen. Der Schrecken wird die -Gemüter bändigen. Es folgt die soziale Erhebung. Renate,“ -sagte er noch leiser, plötzlich das Gesicht und die -schönen Augen hebend, die — o, sie sah es! — irre waren, -ganz irre! — „vor Ihnen muß ich mich nun verteidigen ... -Was ich tat, war gut und — schwer.“ -</p> - -<p> -„Ich weiß“, sagte sie stumpf, während eine entsetzte -Stimme in ihrem Herzen schrie: Er ist ja wahnsinnig, o -Gott, er ist wahnsinnig! — Sigurd atmete tiefer. „Ich -wollte,“ sagte er, jählings flammend, „den — den Andern, -den Sohn, diesen —“ -</p> - -<p> -Gleich darauf lag er vor ihren Füßen auf der Erde, sie -sah seine Hände von stählernen Ringen zusammengehalten -und schauderte vor diesem Zeichen des Verbrechens. Sie -fühlte sein Gesicht an ihren Knien, wollte es wegheben, -<a id="page-240" class="pagenum" title="240"></a> -aber eine schaurige Erinnerung zwang sie, die Hände auf -seinem Kopf zu lassen: damals, als Esther tot war, damals -kniete er so. — Und dann fuhr sie ein-, zweimal mit den -Fingern durch das lockre und weiche Haar. — Hötting -siebenzehnhundertundachtzig ... hörte sie, ihr Mund zuckte, -sie streichelte wieder seinen Kopf, hörte ihn leise wimmern, -fuhr, verzweifelten Herzens, fort, dem zerrütteten Haupt -an ihren Knien mit den Händen wohlzutun und es zu beruhigen, -und murmelte Worte, die sie nicht mehr verstand. -— -</p> - -<p> -Er gehorchte und stand vor ihr, die geröteten Augen -verstört, voll Schmerz und Feuer. Um seinen Mund zuckte -ein Lächeln, da er sagte: „Esther hat es ja nicht zu erleben -brauchen ...“ -</p> - -<p> -Seine Blicke glitten an den Boden; als sie mit den ihren -folgte, sah sie wieder den blauen Falter dort liegen, bückte -sich und hob ihn auf. -</p> - -<p> -„Immer“, sagte sie leise zu Sigurd, „liegt mir der -Falter im Weg; sieh, wie ist er schön, und immer unverletzt.“ -</p> - -<p> -Sigurd schluchzte plötzlich auf und sagte: „So wie du ...“ -</p> - -<p> -Sie schauderte, da wurde die Tür geöffnet, der Offizier -erschien, auch der Arzt, der sie zum Herzog bat. -</p> - -<p> -Nun stand sie zu Füßen des Bettes. Das Gesicht des -Herzogs war gelb. Er schlug die Augen auf, sah sie -schmerzlich und mitleidig an und sagte sehr leise: „Tut es -noch immer weh?“ -</p> - -<p> -Renate senkte die Stirn, ohne zu verstehn, und er sagte -wieder: „Ich dachte, dir wäre längst besser — nun.“ Und -nach einer langen Pause: „Arme Helene ...“ -</p> - -<p> -<a id="page-241" class="pagenum" title="241"></a> -Renate ging um das Bett zu ihm, schlug die Decke zurück, -legte die Finger in seine Hand und drückte sie leise. -Er hatte die Augen geschlossen. -</p> - -<p> -Eine Weile später sah sie die dunklen Pupillen wieder -glänzen. „Ach, Renate!“ sagte er, leise lächelnd und kaum -vernehmbar; dann — mit einer langen Pause zwischen -jedem Wort: „Du — — warst — — sehr — — schön. -— — Aber — —“ -</p> - -<p> -Lange Zeit kam nichts mehr. Sein Atem ging sehr rasselnd. -Die Tür wurde plötzlich aufgerissen, ein halbes Gesicht -fuhr herein und verschwand sofort: die Tür wurde -sehr langsam zugezogen. -</p> - -<p> -„Helene?“ hörte sie eine kraftlose Stimme sagen und -nach langen Sekunden: „bist — — du — — noch — — -da? — — Ach so!“ sagte er dann. -</p> - -<p> -Renate stand auf und stellte sich in die Gartentür. Leise -fiel im Dunkel der Regen. Auf dem vom Licht im Zimmer -beleuchteten Wege sah sie ihren Schatten liegen, -dessen Haupt im Schatten von Zweigen verschwand. -Sie fröstelte, wandte sich um und trat wieder ans Bett. -Vor ihr beugte der Arzt sich auf den Daliegenden, beugte -sich tiefer, richtete sich nach Sekunden wieder auf, sah sie -ernst an und nickte. Gleich darauf fing irgendwo ein -Mensch laut zu weinen an. -</p> - -<p> -Renate warf noch einen Blick ohne Gefühl auf das -gelbe, entfremdete, hager gewordene Gesicht, wandte sich -ab und ging zur Tür, die vor ihr geöffnet wurde, ging -zwischen Menschen hindurch über den Flur und trat in die -Nacht und den Regen, wo Menschen im Halbkreis geschart -im Laternenlicht standen. Sie ging geradesweges -<a id="page-242" class="pagenum" title="242"></a> -zwischen ihnen hindurch und weiter, steif in sich, kalt, unbeweglich, -nur langsam ermüdend, aber sie ging weiter -und weiter, bog um Hausecken, ging viele Straßen kreuz -und quer, jemand redete sie an, sie blieb stehn und fragte: -„Ja, was wünschen Sie?“ und die Gestalt vor ihr drehte -eilig um und entfernte sich. Sie ging weiter, schritt plötzlich -auf ein riesengroßes, leuchtend weißes und vergittertes -Fenster zu, das über ihr schwebte, erkannte eine hohe -Mauer und bog um die nächste Ecke. Neben einem Hauseingang -blieb sie stehn und sah zu den Fenstern auf. Drei -erleuchtete gewahrte sie, sie hörte einen Fensterriegel, ein -Schatten beugte sich heraus und verschwand gleich wieder. -Sie konnte nicht mehr stehn, ging zur Haustür, faßte -nach dem Türdrücker und lehnte sich in die Nische. Die -Augen fielen ihr zu. Dann hörte sie einen Schlüssel im -Schloß, die Tür bewegte sich, sie öffnete die Augen, erkannte -im Dunkel Saint-Georges’ Gesicht und sagte leise -und vorwurfsvoll: „Aber Georges! — wo warst du -denn den ganzen Tag?“ Seine Antwort vernahm sie -nicht mehr. -</p> - -<h4 class="section"> -Sterne -</h4> - -<p class="first"> -Georg konnte sich nicht bewegen. Das weiße und blaue -Pferd rannte in wütender Eile mit Renate bergunter, aber, -obgleich sie laut um Hülfe schrie, lag er auf der Seite fest -und konnte die überkreuz gefesselten Hände nicht bis zu -der Pistole bringen, die dicht vor seinen Augen lag. Das -Pferd galoppierte unaufhörlich, endlich hatte er nach fürchterlicher -Mühe die Hände an der Pistole, aber sie war -<a id="page-243" class="pagenum" title="243"></a> -so groß wie ein Maschinengewehr, hatte keinen Lauf -und einen unverständlichen Mechanismus von lauter Hebeln -und Rädern, der Kolben war nicht zu finden, er -ächzte und fluchte: „Wer hat denn dies verrückte Ding hierhergestellt, -damit kann man doch nicht schießen!“ — Aber -plötzlich knallte es, jedoch ganz leise, und Georg sah einen -kleinen Hahn sich bewegen und auf ein Zündhütchen fallen, -und dachte: Sonderbar! Erst schießt es, und dann fällt -erst der Hahn. — Der Hahn bewegte sich von selbst wieder -in die Höhe, und nun fiel das Zündhütchen herunter, -fiel ins Innere der Maschine zwischen die Hebel und -Stangen, und Georg sah es unten unter der Tabulatur -liegen, denn nun war es eine Schreibmaschine. Ach, nun -weiß ich! dachte er und drückte eine Taste; sogleich knallte -es, und noch einmal, und wieder, sooft er die Taste niederdrückte -... -</p> - -<p> -Georg schlug die Augen auf und fand sich in einem -Halbdunkel. Irgendwo mußte ein Licht sein, da berührte -etwas Warmes und Weiches seine Stirn, und er sah dicht -über sich einen großen Pferdekopf. Unkas, dachte er, -merkte, daß er am Boden lag, und fror. Sein Kopf glühte, -ihm war sehr elend, aber nun fiel ihm ein, daß er ja gesucht -wurde, daß er fort wollte, fort mußte. Er stand auf, -seine Glieder schmerzten heftig, er schwankte, ihm wurde -tödlich übel, und an den Pfosten der Box gelehnt, erbrach -er sich mit furchtbarem Krampf. Danach war ihm etwas -leichter, er sah das Kopfzeug des Pferdes dahängen, nahm -es herab, trat neben Unkas und machte es mit unsäglicher -Anstrengung, mit immer wieder lahm herabfallenden Armen, -notdürftig fest. Er ergriff einen Zügelriemen und -<a id="page-244" class="pagenum" title="244"></a> -zog das Pferd hinter sich her. Die Stalltür war angelehnt, -er kam auf den Hof, sah im Vorwärtsgehn alle -Fenster seiner Wohnung erleuchtet, auch einige darüber. -Die arbeiten die ganze Nacht durch, dachte er spöttisch, -aber wieder fiel ihm ein, daß er gefangen werden sollte, -und er zog Unkas nach links hinüber in den Garten. Nun -konnte er nicht mehr gehn, streifte Unkas den Zügel über -den Hals und kletterte ächzend und verzweifelt auf seinen -Rücken. „Ja, nun geh, geh doch!“ flüsterte er. Das Pferd -fing an zu gehn, er hielt sich an der Mähne fest, wankte -mit geschlossenen Augen vor- und rückwärts, da stand das -furchtbare Tier wieder still. Die Augen öffnend, sah -Georg Wasser unter sich, daneben einen kreisförmigen -Schattenriß strahlenartiger Latten, die den Weg am Wasser -versperrten, begriff, daß er durch den Graben mußte, trieb -Unkas mit Faustschlägen und den Absätzen hinein, und -nun hörte er lange Zeit das schwere Planschen der Hufe -im Wasser. Plötzlich ging es mit einem Ruck bergauf, er -hielt sich fest, sah im Dunkel vor sich ansteigend den -Pferdenacken, warf sich vornüber, und nun ging es wieder -auf ebenem Boden weiter, entsetzlich langsam, und -schließlich stand die Bewegung wieder still. -</p> - -<p> -Da funkelten Sterne ... Drei, fünf, viele, unzählbare -standen in der Nacht und funkelten unablässig. Weiter -oben am Himmel jedoch waren keine, und Georg wunderte -sich, daß die Sterne nur noch unten waren. Ihre kleinen -Feuer loderten, andre blinzelten nur leise, aber sie waren -alle seltsam in Bewegung und funkelten ohne Unterlaß. -Er sah wieder nach oben, ob dort noch immer keine seien, -legte den Kopf in den Nacken, verspürte augenblicks einen -<a id="page-245" class="pagenum" title="245"></a> -knallenden Schlag und starken Schmerz am Hinterkopf -und lag am Boden. Vor seinen Augen zuckte und sprang -das Sterngewimmel aufgelöst durcheinander, nach einer -Weile wurde es wieder ruhiger, jedoch eine wahnsinnige, -tödliche Angst wälzte sich zermalmend über seine Brust; er -glaubte zu sterben, alles wurde weich und schwarz um ihn -her, die Augen fielen ihm zu, aber unverändert noch lange -Zeit blieben im Dunkel ihm Sterne sichtbar, sich verlierend -in eiskalte Finsternis, funkelnd und glitzernd unablässig. -</p> - -<p class="end"> -Hier enden des siebenten Buches neun Kapitel -oder dreimal soviel Stunden. -</p> - -<div class="frontmatter chapter"> -<h2 class="part" id="chapter-0-2"> -<a id="page-247" class="pagenum" title="247"></a> -<span class="line1">Achtes Buch.</span><br /> -<span class="line2">Hallig Hooge</span><br /> -<span class="line3">oder</span><br /> -<span class="line4">Die Kammern der Seele</span> -</h2> - -</div> - -<div class="chapter"> - -<h3 class="chapter" id="subchap-0-2-1"> -<a id="page-249" class="pagenum" title="249"></a> -Erstes Kapitel: August -</h3> - -</div> - -<h4 class="section"> -Renate an Magda -</h4> - -<p class="date"> -am 1. nachmittags -</p> - -<p class="adr"> -Magda! -</p> - -<p class="noindent"> -Schon Nachmittag, und ich bin noch hier. Georges, -der Dir diesen Zettel bringt, wird Dir sagen, daß ich bei -ihm bin, und alles andre! Mitleid, Liebste, meine Sorge -um Dich ist grenzenlos, wer wüßte wie ich, was der Herzog -Dir war, aber ich kann nicht, kann nicht in das Haus -kommen, wo Du bist! Ja, Grauen überstehn, aber hingehn, -wo es ist? oh nein! Ach, zu Asche gebrannt, Kind! -Genug, vergieb, komme zu mir, nein, komme nicht, hüte -mir — umsonst, ich kann den Namen nicht schreiben, alles -versagt. -</p> - -<p> -Georges gieb bitte ein Kleid für mich, Wäsche für Tag -und Nacht, und was sonst nötig. In meinem Festkleid -— ich sitze da wie eine Irre. Georges’ Bruder trat mir -Kammer und Bett ab. Morgens als ich aufstand, da -war alles leer, nur ein Zettel von Georges’ Hand, daß er -seinen Bruder ins Gymnasium fuhr, da fiel mir sein erster -Schultag ein, er geht ja noch ein Halbjahr hin wegen des -Examens. Den ganzen Vormittag blieb er, Georges, weg, -um Zitate nachzuschlagen in der Bibliothek. Es war so -zart von ihm, mich allein zu lassen, aber solche Zartheit -macht in die Verzweiflung einen Knoten, wenn man schon -drin sitzt. Ich muß wohl aufhören zu schreiben. Innig -Dein! -</p> - -<p class="sign"> -R. -</p> - -<h4 class="section"> -<a id="page-250" class="pagenum" title="250"></a> -Renate an Magda -</h4> - -<p class="date"> -noch am 1. nachts -</p> - -<p class="noindent"> -Noch ein Wort in der Nacht für Dich, armes, gequältes -Herz, und die Bitte, Dich meinetwegen nicht zuviel zu -sorgen. Kraft ist noch da, weiß nur eben nicht wo, aber -glaub schon, daß ich sie finde! Habe Dank für Dein liebes -Wort durch Georges, die Franziska hat alles schön besorgt, -sogar an meine Badessenz gedacht. Daß Du Dich niedergelegt -haben würdest, konnte ich freilich denken, es ist -schmerzlich, daß Georges Dich nicht sah, nun, morgen seh -ich Dich selbst. Jetzt ist alles leer, ich fühle nur den -Schmerz des Risses, er trennte mich in leblose Teile, nur -wo der Riß läuft, brennt Leben, Vergangenheit und Zukunft -sind wie abgehauen, der Himmel weiß, wann sie -mir wieder anheilen werden. -</p> - -<p> -Hörtest Du von Georg? In der Zeitung soll gestanden -haben, er sei erkrankt. -</p> - -<p> -Heute morgen erwachte ich aus diesem Traum, in dem -Du vorkamst. Es fängt an mit etwas Kleinem, das an -der Erde lag; als ichs heben wollte, wars eine haarige -Spinne, ich bebte zurück, trat mit geschlossenen Augen -auf ihren Leib, der war weich und regte sich, da sah ich, -daß es ein widerlicher brauner Frosch war, so groß wie -eine Hand; sah mich verschmitzt an und sagte: Ich bin so -weich und gehe nicht entzwei! — Da lag auf einmal der -Herzog auf einer Bahre, hatte die Augen zu, und ich -wußte, wenn er nur die Augen aufmachen könnte, war -der Zauber gebrochen, ich lag auf den Knieen, rang und -weinte, da stand Erasmus hinter mir und sagte, die Hände -<a id="page-251" class="pagenum" title="251"></a> -faltend: Laß uns beten! — Wie ich aber unter sein Gesicht -blickte, sah ich, daß er heimlich lachte. Ich stand -vom Bett auf und sah, daß ich nichts anhatte als -weißen Unterrock und Leibchen, ich schämte mich, da -hing ein violettes Kleid über der Wäscheleine, es war nun -im Gemüsegarten, das nahm ich herab und zog es an, -und nun kam Josef über die Beete im Frack, einen seltsamen -großen Zylinder in der Hand, und sagte ernst: -Dein Onkel liegt im Sterben, und du hast ein rotes Kleid -an. — Ich sagte: Es ist doch blau! aber es war wirklich -blutrot, und da wußte ich, es war das, das Bogner angehabt -hatte. Josef lachte da fürchterlich, und ich war so -erstaunt und sagte: Josef, ich dachte, du wärst tot! Ach, -dann hab ich das nur geträumt, oder schriebst du es nicht? -Daneben war nun das große Blaue, das warst Du, -die fortwährend mit einem großen Kleidrock rauschte, -den Du nicht festbinden konntest, Du warfst ihn hin und -her, es waren hundert Falten, es dauerte endlos, dann -fingst Du an zu fliegen, flogst auf die Fensterbank, drehtest -Dich wie ein Vogel und sagtest triumphierend: Siehst -du, nun kann ich doch fliegen, und du wolltest es nicht -glauben. — So schwebtest Du davon, machtest einen Bogen, -und nun war es ein ungeheurer blauer Schmetterling, -der die Flügel langsam auf und zu faltete. Das sah -wunderbar aus, aber nun kam er auf mein Bett gekrochen, -und als ich die langen haarigen Beine sah, die so vielgliedrig -griffen, Hörner und Glasaugen und das braune, -mundlose Gesicht, packte mich das Entsetzen, ich brachte -aber keinen Ton aus der Kehle, und es kam immer näher -gekrochen, ich dachte, ich stürbe vor Ekel, da merkte ich, -<a id="page-252" class="pagenum" title="252"></a> -daß ich alles abschütteln könnte, wenn ich es nur fertigbrachte, -aufzuwachen. Es gab einen Ruck, ich lag in -Finsternis und atmete auf ... -</p> - -<p> -Ach, und jetzt: wenn ich es nur fertigbrächte, aufzuwachen, -und auch dies wäre ein Traum gewesen, — oh -mein Gott! -</p> - -<p> -Und um das Haus, das mir Heimat wurde, liegt nun -der magische Gürtel. Drin sitzt das Grauen mit den -Augen eines alten Mannes, und statt eines Mundes steht -da Kain geschrieben. -</p> - -<p> -Ja, aber weißt Du es denn überhaupt? Nein! und -nun sehe ich erst, daß ich vergaß, Georges danach zu fragen, -und gewiß hat er Dir nichts gesagt, da er Dich nicht -sah. Ich muß ihn morgen fragen. Ach, nun ist alles -wieder glühend geworden. -</p> - -<h4 class="section"> -Aus Renates Gedächtnisbuch -</h4> - -<p class="date"> -am 2. August -</p> - -<p class="noindent"> -Ein stiller Vormittag. Ich schnitt mir von Georges’ Aktenbogen -Blätter in der Größe meines Buches; nun soll einmal -die Feder laufen statt meiner Füße, die eine Stunde -lang den grauen Läufer herauf und herunter irrten, und -diese hohen roten Mauern da drüben, regennaß, die -schwarzen Gitterfenster und die grasbewachsenen Dächer, -naß und umspült vom Regen, die grauen Wolkenfetzen -am jagenden Himmel, ich kann sie nicht mehr ansehn. -Als ich heut nacht erwachte, hörte ich schon den Regen -in einer Dachrenne klappern so fremd! fremd wie nun die -Stille. Und doch wohlbekannt seit Jahren! Ach, das -<a id="page-253" class="pagenum" title="253"></a> -Alleinsein ist fremd im Zimmer der langen, gemeinsamen -Arbeit, der Gespräche, der Behaglichkeit! und was auch -sonst im Leben geschah: die Arbeit war jahraus jahrein; -wie wird das werden, wenn sie vollendet ist? und auch -das soll nun bald sein. -</p> - -<p> -Kraftlos, oh ganz kraftlos zu sein! Ich bin so müde -und matt. Und wie das nun aussieht, geschrieben! Wie -machen es nur die Dichter? Wenn sie dergleichen schreiben, -so spürt mans in allen Gliedern, und konnten sie es -mehr fühlen als ich? Georges würde sagen — o Himmel, -was gehn mich alle Dichter an und Georges, jetzt wo Eins -not ist? Aber die Gedanken! Sie stellen sich ein, unbekümmert -darum, wer das ist, der sie denkt. — Wer hat -mir das einmal gesagt? Das schrieb Magda in einem -Brief, im Herbst vor drei Jahren muß es gewesen sein, -ja fast um diese Zeit. Was war ich damals, was bin ich -heut? Ihre elenden Briefe damals und meine stolzen! -Ich saß im Überfluß wie die Königin aller Bienen und -dünkte mich groß, mitfühlen zu können mit einer verfolgten -Seele. -</p> - -<p> -Wie wölbten mir damals die noch unverblühten Linden -hinter der Kapelle den Eingang in ein reiches Leben! -Düfte der tausendfältigen Erwartung regneten in mein -offenes Herz. Die Orgel tönte Zuversicht, ich war fleißig, -meine Kenntnisse in Kontrapunktik und Generalbaß zu -vollenden, ich dachte kaum nach, Erasmus gab es noch -nicht. -</p> - -<p> -Du tust mir weh, Erasmus, mit deinem immer gesenkten -Kopf! Armer Kain! Du hast es nicht tun wollen? -— Nein, sagst du, ich wollte, weil ich mußte, man muß -<a id="page-254" class="pagenum" title="254"></a> -nicht schönreden. — Sieh, was hier liegt, ein schönes -Ding, ein großer blauer Schmetterling, eine seidne Schleife -hängt dran, und Abels Namen steht darauf. Als ich ihn -gestern zuerst las beim Erwachen, küßte ich ihn und weinte -darüber. Diese Tränen gönnen wir ihm, ein zarter Abel -war er nicht und Kain seit ewig beklagenswerter als er. -Gebe Gott, daß die große kalte Seele sich erwärme im -warmen All, wo sie nun ist! Deine Seele war immer -warm, lieber Kain, oh wer hat sie so furchtbar zum Glühen -gebracht! -</p> - -<p> -Mir wird wieder wirr. -</p> - -<p class="date"> -nachmittags -</p> - -<p class="noindent"> -Wie gut, daß ich den Nachtbrief an Magda Georges -doch nicht mitgab! Denn was heißt nun diese Nachricht, -die er mir heut von ihr bringt: „durch Zufall eine Verletzung -der Augen zugezogen“? Kein Wort zur Erklärung. -Bin ich übervoll? Ich kann nichts aufnehmen, verstehe -nichts, und wenn ich ahnen will, geht es schon auf im -allgemeinen Grauen, und ich wende mich ab ... -</p> - -<p> -Kleinigkeiten erhalten Zutritt. Der graue Läufer. An -drei Jahre sah ich ihn abgenützt werden, ohne ihn je genützt -zu sehn, da Georges nur darauf geht, wenn er allein -arbeitet. Und nun gehe ich selber darauf und denke, -er muß in einer Stunde zerschlissen werden, und weiß -nicht, warum mir das wunderbar scheint! -</p> - -<p> -Da sitz ich am Sofatisch und schreibe. Am Fenster -ganz links sitzt der Gelähmte still für sich an seinem Pult; -am Fenster ganz rechts sein Bruder, die vier Kartothekenkästen -je zwei zur Linken und Rechten, und ich kann ihm -<a id="page-255" class="pagenum" title="255"></a> -minutenlang zusehn, wie er die saubern Karten, die wir -Beide beschrieben, im Kranz um seine Schreibunterlage -ausfächert, jede, von der er abschrieb, zur Seite legt, eine -auf die andre, dann den ganzen Pack in seinen Umschlag -und in den Kasten zurück, und dabei nimmt er den Federhalter -quer in den Mund, und wenn er schreibt, geht das -wie ohne Besinnen, es ist alles schon fertig. Lauter kleine -Vorgänge peinlichster Ordnung. Und so entstehn Werke; -so eine Dichtung, denn die Art, wie er Geschichte schreibt, -ist ganz Dichtung. Oh heroisch, oh göttlich der Mensch, -der etwas entstehen sieht unter seinen Händen! Die Berührung -des Werdens verleiht Unsterblichkeit ganz gewiß, -Leben springt über in Funken zum toten Stoff und der -lebt, Augen schlagen sich auf, Lippe färbt sich und lächelt, -Stirne blinkt weiß und rein, und aus ganzem, vollem -Antlitz haucht es: Siehe, ich bin! und durch mich bist -erst du! -</p> - -<p> -Wie nun der Regen strömt um die Zinnen der Mauer! -</p> - -<p class="date"> -am 3. -</p> - -<p class="noindent"> -Als ich heut morgen ins Zimmer kam, stand Georges -entfernt am letzten der drei Fenster, die Hände auf dem -Rücken. Hell war der Raum im kühlen Regenlicht. Ernst, -blasser als sonst schien er mir im Entgegenkommen. Ich -glaube, ich stand wohl eine Weile vor ihm, die Hände auf -seinen Schultern, und sah an ihm vorüber die nasse blanke -Bekrönung der roten Mauer, die Drahtnetze und Gitterstäbe -der Fenster und all das andre von Gefangenschaft, -und dann fragte ich: „Grünt die Hoffnungsbirke noch?“ -„Sie grünt wie alljährlich“, versetzte er still, führte mich -<a id="page-256" class="pagenum" title="256"></a> -ans Fenster und ließ mich nach links sehn, und da stand -die kleine, seltsame Birke oben auf der Ecke der Mauer, -grün und zitternd im Regenfall. Plötzlich fiel mir ein, -daß Georges noch immer nicht alles von mir wußte, ich -setzte mich auf den Stuhl am Schreibtisch, wußte nicht, -wie ich anfangen sollte, es war so grenzenlos traurig auf -einmal. — Wir waren verlobt, der Herzog und ich, stieß -ich dann hervor. Er antwortete nicht, ich hätte weinen -mögen vor Hülflosigkeit, aber auf einmal stand ich mitten -im Zimmer und sprach und sprach, es war schrecklich, -jeder Satz wurde mir in der Mitte oder im Anfang abgerissen, -ich strauchelte über meine eigenen Worte, sprach -nur weiter wie im Fieber, von Josef und dem Ech-en-Aton, -von Benno, von Sigurd, von Erasmus, vom Wehr -und der Nacht, von Ulrika und meiner Angst um sie, das -strudelte alles durcheinander, und immer sah ich Josef in -seiner schwarzen Vermummung aus der Luke im Festwagen -tauchen und Erasmus hinter ihm, den Helm voll -kleiner Sträuße. Schließlich wars aus, ich saß wieder -im Stuhl hinter Georges und hörte ihn nach einer Weile -langsam sprechen. -</p> - -<p> -„Ja, dort drüben wird der arme Sigurd nun sein. -Über ihn wird man lesen: der feige Meuchelmörder, — -da es aber unser Sigurd ist, so werden wir wissen, daß -er nicht feige war, sondern vielleicht mehr ein Held als -ein überzeugter Monarchist aus der Schlacht bei St. Privat, -denn es ist ja, nach allem was man weiß, eine schwerere -Aufgabe für den Edlen, auf einen Wehrlosen zu -schießen als auf einen, der wiederschießt. — Ach, sagte ich, -ich glaubte, er sei irr, — aber er meinte, deshalb dürfte -<a id="page-257" class="pagenum" title="257"></a> -es doch kaum leichter gewesen sein, und dann mußte ich -ihm Sigurds Plan erklären vom bevorstehenden Krieg -und den Fürsten, die allesamt fallen sollten. — „Ach,“ -sagte Georges, „daran erkenne ich meinen Sigurd! Der -Herzog wäre vielleicht ganz gern gestorben, wenn alldas -richtig gewesen wäre. Regimenter der Unterdrückten, die -riesige Internationale der Ungerechtigkeit in allen Ländern, -die hörte Sigurd ja immer aufmarschieren, Juden und -Polen, Iren und Finnen, Armenier und Serben, Arbeiter -in England und in Frankreich und Deutschland, hungernde -Rumänen und verwahrloste Portugiesen, Heere unübersehbar, -alle vereint in einen Schrei nach dem Recht, — -ja, wer wollte da nicht Tambour sein! Und kommt vielleicht -in hundert Jahren“, fuhr er fort, die Augen heiß -und schmerzlich zu den Gitterfenstern gewandt, „ein Luftschiff -hoch mit Griechenwein —“ er lächelte fast schluchzend -— „durchs Morgenrot dahergefahren, wer möchte -da nicht Fährmann sein! — Ihr habt ihn ja nicht gekannt! -Die Menschen sind uns nicht, was sie sind, sondern was -wir von ihnen sehn, und wen von euch hat er beraten, -betreut, ihm geholfen, wen hat er besucht in Gefangenschaft -und getröstet in Krankheit und gespeist, wenn ihm -die Seele hungerte, mit edler Speise des Vertrauens und -der Begeisterung, und mit wessen Traurigkeit war er -traurig, in wessen Heiterkeit froh? Ihr saht ihn feiertags, -da spielte er Cello und war eine schöne Figur ...“ -</p> - -<p> -Und nun nach einer Weile fing er an, mir von Magda -zu erzählen, was er mir auf ihre Bitte bisher geheimgehalten -hatte; da konnte ich nicht anders als nur seufzen: -Oh Gott, will es denn niemals ein Ende nehmen? — -<a id="page-258" class="pagenum" title="258"></a> -worauf ich ihn alsbald etwas sagen hörte von: Renate -Montfort, die er gestern auf einem goldenen Wagen gesehen -habe mit Elefanten und Einhornen, und was ich -nun den Kopf hängen ließe! — „Ach, du häßlicher Spötter!“ -sagte ich und sprang wieder auf, „warst du nicht -auch bei denen, die mich immer auf goldenen Wagen sehn -wollten und schöne Vergleichungen wußten von Bienen -und Sonnenblumen!“ Ich war ganz von Sinnen und -sagte, wenn ich auf goldenen Wagen gefahren wäre, so -wäre ich auch tiefer herabgestürzt, als er vielleicht sehen -könnte, und dann herrschte ich ihn an, mir meinen Mantel -zu geben. Ich zitterte am ganzen Leib und erinnerte -ihn daran, wie ich ihn einmal hinausgeschickt hatte, obgleich -ich damals doch im Unrecht war. Seine Gestalt, -das Zimmer, die Fenster zuckten groß auf und nieder, ich -mußte noch etwas sagen, und so fragt ich: „Wo warst -du am Festtag?“ -</p> - -<p> -Er drehte sich langsam zum Fenster um, sagte kein -Wort. Ich wiederholte meine Frage, gepeinigt, um ihn -zu peinigen. — „Du hast“, hörte ich ihn endlich sagen, -„beinah zwölf Stunden geschlafen, denn es ist Mittag, -und dich ausgeweint. Andre hatten nicht soviel,“ schloß -er, „und ich war dort, wo du mich fandest, als du mich -brauchtest.“ Da war meine Kraft zu Ende, auf einmal -hatte ich einen Regenmantel an, legte den Kopf auf seine -Brust und sagte, er möchte mir vergeben, er wisse ja immer -alles. Dann bin ich hinaus, auch die Treppe ganz -hinuntergegangen, aber vor dem Haustor drehte ich um -und stieg wieder hinauf. -</p> - -<p> -Nun sitze ich und schreibe, um nicht zu denken. -</p> - -<p class="date"> -<a id="page-259" class="pagenum" title="259"></a> -Nachmittags -</p> - -<p class="noindent"> -Ich ließ Georges nach Hause telephonieren und um den -Wagen bitten. Der Wagen, dacht ich, soll dich denn -zwingen, wenn du nicht willst. Nun sitz ich und warte, -weiß nicht, wie ich es fertigbringe, mir fliegen die Hände, -ich muß schreiben, daß ich nicht rasend werd vor Angst. -Schwach sein, oh schwach sein in der Stunde der Not, -ich, ich! Gestern — was, gestern? drei Tage ists ja schon -her, aber da hab ichs doch ertragen. Nein, das Grauen -— Josefs Vater ... ich kanns nicht! Und wieder Magda, -die mich braucht! Ließ ich sie vor drei Jahren nicht allein -und begnügte mich mit redseligen Briefen? -</p> - -<p> -Schuld ist es, Schuld, sag es, sag es doch, daß du dich -lange schuldig fühlst! hier, sitz, schreib, schreib auf, -willst du wohl! schreib: Damals, als Josef aus dem -Haus wollte, konntest du ihn nicht halten? Nein, da -war die Kunst vergebens, du bewegst keinen Marmor, -es war zu spät! Aber Erasmus? Sah ich ihn nicht mit -Fäusten losgehn, damals, auf seinen Bruder? Und dann, -was sagte er? „Ich bin doch schon als Junge einmal -mit dem Messer auf ihn ...“ Oh das hör ich nun, als -wärs heute! Warum vergaß ichs denn inzwischen? Warum -war ichs nicht eingedenk Tag und Nacht, wachend -und schlafend: er ist als Junge schon mit dem Messer auf -ihn losgegangen! Warum war ich nicht eingedenk Jahr -um Jahr: „Lieber Bruder Erasmus, noch ists nicht Zeit! -— Und warte,“ sagte Josef, „ich entgehe dir nicht!“ Wars -nicht so? Oh Gott, habe Barmherzigkeit, was konnt ich tun? -Liebte mich nicht Erasmus, kannt ich nicht seine Natur, -die mich in keine Nähe zu ihm ließ, es sei denn die eine? -</p> - -<p> -<a id="page-260" class="pagenum" title="260"></a> -Fort jetzt, nur fort! Warum kommt nur der Wagen -nicht. Ich muß hin, ich muß ihm in die Augen sehn! -Sehn, sehn, ob ich schuld bin wie er, und ihn bei der Hand -fassen und verbrennen mit ihm, wenn ichs bin. -</p> - -<p class="date"> -in der Nacht -</p> - -<p class="noindent"> -Wieder in meinem Zimmer. -</p> - -<p> -Sonderbar und unbeschreiblich ist mir zumut. Ist -das möglich, daß alles hier unverändert ist? Lampe und -Sofa, Ofen und Bücher, — und mein weißer König sieht -über mich hinweg wie immer. -</p> - -<p> -Ja, du mein Heiland, du heilender, so laß mich dir bekennen -alles, was inzwischen geschah. -</p> - -<p> -Die Fahrt war so grauenhaft schnell zu Ende, daß ich -kaum nach dem Hinsetzen im Wagen die Augen geschlossen -hatte, als er schon wieder hielt, und da war wirklich -die alte Hausfront, das Tor und die goldene Fünf in den -eisernen Ranken, alles fest und still und genau. Als ich -durch den Vorgarten ging, öffnete Konrad die Glastür, -lächelte und sagte bekümmert: „Das kleine Fräulein, ach -Gott!“ Aber kaum im Hausflur, fuhr ich entsetzt zusammen, -weil das Telephon aus der Kleiderablage gellte. Ich -dachte, ich sei nur wie immer erschrocken, seit Irene durch -das Telephon von Doras Kindern sprach, und so nahm ich -mich zusammen, ging selber in den kleinen Raum voller -Mäntel. -</p> - -<p> -Und dann wars Ulrikas Stimme, matt und erschöpft, -die fragte, ob ich es schon wisse, und unendlich weit -fort hört ich sie sagen, ach, ich weiß die Worte nicht -mehr ... -</p> - -<p> -<a id="page-261" class="pagenum" title="261"></a> -Sie haben sich geschossen. Bogner ist verwundet. -In der Brust. Der Arzt sagt, er wird leben bleiben. -Ulrikas Mann — ja, nun weiß ich das auch nicht -mehr, — ist er tot? Ich verstehe es nicht, verstand es -kaum, als ich sie sprechen hörte, es schien mir so gleichgültig, -— und auch — als hätte ich alles schon gewußt -... -</p> - -<p> -Und im nächsten Augenblick, glaube ich, hatte ich -alles vergessen; statt dessen merkt ich, daß ich furchtbaren -Hunger hatte; zu Mittag hatt ich keinen Bissen -hinuntergebracht. So stand ich minutenlang, konnte mich -auf nichts besinnen, zwischen den Mänteln und Jacken, -und da lag der große graue Hut des Erasmus auf den -Messingstäben und Magdas grober Gartenpanamahut -mit dem dünnen schwarzen Band. Der sagte mir denn, -was zunächst kam, und ich ging die Treppen hinauf bis -vor mein Zimmer. Die Klinke in der Hand merkte ich, -daß ich falsch gegangen war, wollte zurück, bildete mir -aber nun ein, eine Minute Schonung, nein, Aufschub sei -wohl gegönnt, und als ich öffnete, saß im Sofa, eine -breite, weiße Binde vor den Augen, Magda. -</p> - -<p> -Wie starrt ich nur hin! Eine leise Stimme sagte: Da -sitzt es! — Ihre grade Haltung und die Binde, das halb -verdeckte Gesicht machten sie so zu einer Figur, einem Bilde -der Gerechtigkeit oder etwas ähnlichem, so daß sie mir -vorkam wie eine Gestalt all des Tödlichen und Schaurigen, -das mich durchfahren hatte, so reißend schnell, daß -jedes sich erst verstehen ließ, wenn es schon geschehn war. -Nun saß das Unheil hier, ganz still, eine Binde vor den -Augen ... Magda! schrie ich und fiel mit den Gesicht in -<a id="page-262" class="pagenum" title="262"></a> -ihren Schoß. Mit mir fiel die Erde. Sie hielt nun nicht -mehr, ich wollte schreien vor Angst, als ich spürte, wie -die Erdfesseln ganz lose wurden, und da rissen sie, der -Boden tat einen ungeheuren Ruck, es toste, riesige Bäume -wankten und schlugen um, ich konnte noch denken: Ein -Augenblick, dann ist alles vorüber! Da kreiste die rote -Finsternis langsamer, von unten kam die Sicherheit wieder, -der Boden hielt, ich kniete, in meinem Haar glitt eine -lindernde Hand ... -</p> - -<p> -Dann sprach ich mit Magda. „Wir wollen nicht verzweifeln,“ -sagte sie, „der Arzt meint, das eine Auge würde -sicher heil bleiben —“ sie brach unruhig ab, lehnte den -Kopf gegen die Wand zurück und drehte das Gesicht nach -dem Fenster. Ihre Stimme war so tief gewesen wie sonst -nur, wenn sie singt. -</p> - -<p> -Meine Fragen wehrte sie ab und fragte selber nach -Georg. Als sie hörte, daß er krank sei, stand sie gleich -auf, sagte, sie müsse zu ihm, ich sollte sie führen, aber -plötzlich schlug sie die Hände vor das Gesicht und rief -verzweifelt: „Daß ich nun hülflos bin, mein Gott, das -durfte doch nicht kommen!“ Ich hielt ihren Kopf an -meine Brust gedrückt, das kleine weiße Königsantlitz flimmerte -mir vor den Augen, und ich sagte zu ihm: Wir, -Josef, ja, wir gehn unsre luftigen Wege und finden die -schönsten Worte, o du Delfin des Lichts, aber unsre Handlungen -gehn allein vor sich, bis es zum Sterben kommt, -dann besinnen wir uns und nehmen grade Haltung vorm -Tode. Herrgott, schrie ich innerst, und die Kinder müssen -leiden, was Riesen nicht schleppen, über die Armen wird -Armut gehäuft, die Hungrigen bekommen zu fasten, und -<a id="page-263" class="pagenum" title="263"></a> -wer Sonne austeilen möchte mit beiden Augen, dem werden -sie ausgestochen, und ich, sagte ich außer mir, ich habe -die Verneigungen nun satt, große wie kleine, und ich habe -genug gelitten! — Sage doch, was du willst, antwortete -es kühl aus den weißen Statuenaugen, aber du irrst, -wenn du meinst, daß ich hinsehe. — -</p> - -<p> -Magda machte ihren Kopf frei und sagte: „Jahre sind -gekommen und gegangen, und ich habe mich in die unbekannte -Einsicht Gottes gefügt und gewartet.“ Und, sie -habe gelitten, sagte sie, so sei es nicht schwer gewesen, an -den Tod zu denken und seine Bitterkeit mit einer rettenden -Tat zu vergolden, — so daß ich nun merkte, sie hatte -die alte Prophezeiung der Zigeunerin niemals vergessen. — -Ihre Hände fielen schlaff herunter, sie fing wieder an: -„Die Nacht ist hingegangen, die ich mit Grübeln versessen -hab, die Uhren schlugen Tag, und es kamen Menschen, -und ich — was soll ich glauben? Ich bin ja hülflos. -Ich kann nun bloß dastehn und warten, daß der Tod jemand -treffen will, und ich stehe vielleicht dazwischen, und -er trifft aus Versehen mich, — was kann ich tun?“ -</p> - -<p> -Mir quoll das Herz. Aber jetzt auf einmal kam das -Seltsamste zu Tage. Sie wußte ja noch nicht die genauen -Vorgänge vom Tode des Herzogs, wie sie aber nun alles -von mir hörte, fuhr sie zusammen, berichtete mir in der -Hast etwas von einer Fremden, im französischen Park, -einem Anfall gegen sie oder Georg, ich verstand es nicht -deutlich, und daß sie Georg habe ins Wasser fallen hören, -was ich ihr ja aus Sigurds Worten bestätigen konnte. -„Und siehst du,“ sagte sie dann erglühend, „wenn nicht -das mit mir geschehen wäre, so würde Sigurd Georg getroffen -<a id="page-264" class="pagenum" title="264"></a> -haben, und also — also wars nun das dritte Leben, -das ich — gerettet habe. Und meins ist nun aus ...“ -</p> - -<p> -Danach wurde sie ruhig. Franziska kam und meldete, -es sei zu Abend angerichtet, und sie stand auf, ich führte -sie zur Tür. Draußen ließ sie meine Hand los und ging -allein an der Wand hinunter, fand auch zum Treppengeländer -hinüber, wo sie aber fast umgesunken wäre. Sie -brachte keinen Laut hervor, richtete sich nach Sekunden -wieder auf und ging die Treppe hinunter. In der Halle -— nein, da riß alles ab. -</p> - -<p> -Plötzlich stand ich vor Erasmus’ Stubentür. Ich wollte -klopfen, aber meine Hand versagte, auch den Türdrücker -bekam ich kaum herunter, und als die Tür aufging, wars, -als fiele ich an ihr herunter in das Zimmer. Da saß Erasmus -vor dem Schreibtisch in Hemd und Hose, über ein -großes Buch auf seinen Knieen gebückt, schon umgewandt -nach mir, aber ganz geduckt, und als ich seine Augen sah, -schrie ich: „Mach die Augen zu, Erasmus!“ Dabei muß -ich selber die meinen geschlossen haben, aber nach einer -Weile sah ich ihn wieder mit gesenktem Kopf wie einen -Sünder in seinem gelben Unterhemd über seinem Bibelbuch -hocken. Da ging ich zu ihm, als ging ich über Wasser, -legte eine Hand auf seine Schulter, und sein Nacken -war so lang und ganz rostrot, und sagte leise: „Was liest -du denn da, Erasmus?“ Er hatte die Unterarme über -die Seiten gelegt und die Hände über die oberen Buchränder -gekrallt; so blätterte er mit den Fingern die Seiten -auf, zog aber endlich die Arme fort und ließ mich auf das -Blatt sehn. Die schwarzen Zeilen schwammen ineinander, -es war, als begingen wir eine Sünde zusammen, und ich -<a id="page-265" class="pagenum" title="265"></a> -flüsterte: „Du mußt mirs zeigen!“ Nun brachte er eine -Hand über die Seite hin, der Zeigefinger krümmte sich -und wies eine Stelle, und ich las hinter dem rückenden -Finger her langsam die Worte: So wird mirs gehen, daß -mich totschlage, wer mich finde ... -</p> - -<p> -Und dann? Ich hielt sein Gesicht in den Händen, sah -durch das Fenster mit blinden Augen, sah das Gartengitter -unten und die Alleebäume, und seine großen Hände -lagen glühend um meine Unterarme geschlossen; dann -fand ich mich über ihm stehend, und er hielt meine -Hände. Auf einmal hatte ich wieder Kraft, nahm das -Buch von seinen Knieen, legte es fort und sagte zu ihm: -Steh auf! — Mir zitterte das Herz, wie blindlings er -gehorchte, und er stand da wie ein Knecht, groß, so breit -und mit geducktem Nacken. Darauf ging ich zur Tür, -hörte, wie er sich auch in Bewegung setzte und mir nachkam -und die Tür wieder schloß und hinter mir die Treppe -hinunter stieg; es brauste in meinen Ohren, alle Geräusche -waren so deutlich und doch wie in weiter Ferne. Vor dem -Schlafzimmer seines Vaters hab ich auf ihn gewartet. -Als ich die Tür öffnete, gab es einen Luftzug, ich fühlte -das Haar wehn auf meiner Stirn, und an beiden offenen -Fenstern den Raumes wehten die leichten weißen Vorhänge -herein. In seinem Bett, das frei dastand, saß der -alte Mann; ich sah seine hohe, kahle Stirn und den Bart -und die flackernden dunklen Augen, er aber sah mich nicht, -sondern den, der draußen stand und die Hände rang, und -dann fühlte ich mein eignes Lächeln so brennend, als hätte -ich eine Sonne im Antlitz. Ja, ja, ja, die hielt ich ihm -hin, die Luft brauste auf, Fittiche schlugen weiß aus der -<a id="page-266" class="pagenum" title="266"></a> -Tiefe, der Engel stieg wieder herauf, und die uralte Stimme -rief laut: „Komm herein, mein Sohn, komm herein!“ -Da stürzte ein schwerer Körper an mir vorüber in den -wolkigen Raum, ich hörte einen dumpfen Fall und die -Worte: „Vergieb mir, mein Sohn, und laß mich wieder -dein Vater sein!“ — Dann war ich draußen. -</p> - -<p> -Am Ende eines langen weißen Flurs sah ich das stille -Einhorn auf und nieder gehn; doch entfernte es sich bald, -bog um eine Ecke unter eine altertümliche Arkade ein — -später fand ich sie wieder auf der römischen Abbildung, -die dort hängt — und verschwand, den langen, weißwallenden -Schweif sanft um die zierlichen Fesseln legend, in -einer grünen Dämmerung, die sich langsam schloß und zu -grünen Korridorwänden mit weißen Türen wurde. -</p> - -<p> -Später fand ich mich in meinem Schlafzimmer auf -dem Bett und schlief gleich. -</p> - -<h4 class="section"> -Cornelia Ring an Renate -</h4> - -<p class="date"> -Altenrepen, am 4. 8. -</p> - -<p class="adr"> -Liebes Fräulein von Montfort, -</p> - -<p class="noindent"> -bitte wollen Sie mir verzeihen, daß ich mich an Sie -wende, aber ich habe sonst niemand, den ich fragen könnte, -wo Herr von Montfort ist, und ich bin ja so verzweifelt! -Nun ist schon der fünfte Tag, daß er das Haus verließ -— Sie werden wohl wissen, daß er seit seiner Rückkehr -nach Deutschland hier im Hause von Herrn Bogner -wohnt —, und es wäre gar nicht seine Art, uns ohne -Nachricht zu lassen. Mit ‚uns‘ meine ich seinen Diener, -<a id="page-267" class="pagenum" title="267"></a> -der Ihnen diesen Brief bringt, einen Halbchinesen; er -heißt Li und hängt mit so außerordentlicher Liebe an seinem -Herrn, daß ich Sie bitten möchte, falls Herrn von -M. etwas zugestoßen sein sollte, es ihm zu sagen, und -Sie brauchten dann mir nicht erst zu schreiben. -</p> - -<p> -Von Herrn Bogner hörten Sie wohl? Er ist heute -zum ersten Mal zur Besinnung gekommen, der Arzt meint, -er soll ins Krankenhaus, was auch recht schmerzlich für -mich ist zu aller Aufregung, ich meine, weil ich ihn dann -nicht pflegen kann und nur unruhiger werde. Ich will -nun aber schließen und grüße Sie mit nochmaliger Bitte -um Vergebung als Ihre gehorsame -</p> - -<p class="sign"> -Cornelia Ring -</p> - -<h4 class="section"> -Renate an Cornelia Ring -</h4> - -<p class="date"> -Waldheim, am 4. August -</p> - -<p class="adr"> -Liebes Fräulein Ring, -</p> - -<p class="noindent"> -durch Li wissen Sie nun schon, ehe Sie diese Zeilen -lesen, was geschehen ist. Glauben Sie mir, daß ich wie -eine Schwester mit Ihnen empfinde, und so gerne wäre -ich selber zu Ihnen gekommen, aber leider habe ich eine -erkrankte Freundin im Haus, die ich noch nicht allein -lassen kann. Möchten Sie nicht statt dessen mich besuchen? -Ich könnte Ihnen dann vielleicht noch mehr sagen, was -Sie wissen möchten. Li, der kleine, war so sehr gebrochen, -ich werde nie vergessen, wie sein eben noch lächelndes gelbes -Gesicht ganz grau wurde! Er bewegte sich nicht, aber -er sank ganz zusammen in seinem langen braunen Mantel. -Ich bin sehr in Angst um Sie, liebes Fräulein, und -<a id="page-268" class="pagenum" title="268"></a> -bitte, wenn Sie sich fähig dazu fühlen, besuchen Sie ja -recht bald Ihre -</p> - -<p class="sign"> -Renate Montfort -</p> - -<p class="noindent"> -Noch etwas fällt mir ein, das Li betrifft. Meine kranke -Freundin, deren ich erwähnte, hat eine Augenverletzung, -es ist zu fürchten, daß sie erblindet. Nun war sie dabei, -als ich mit Li sprach, und da er mehrere Male ganz verzweifelt -sagte: Was soll nun aus mir werden? so ging -es uns durch den Kopf, daß ihn meine Freundin zu sich -nehmen könnte, gesetzt, Sie selber wollen ihn nicht behalten. -Meine Freundin würde einen Führer brauchen, und -mir gefiel er sehr! Seine Treue, sein Schmerz, seine Höflichkeit, -und was hat er für merkwürdig runde Augen in -dem Chinesengesicht! -</p> - -<h4 class="section"> -Irene an Renate -</h4> - -<p class="date"> -Nonnenkloster Mariabrunn, am 7. August -</p> - -<p class="noindent"> -Ja, Renate, da bin ich wieder hier, Hals über Kopf, -und da ich leider keine Ahnung habe, weshalb Du nicht -im Hause warst, so bin ich ziemlich ratlos und wäre Dir -dankbar für ein Wort über Dich und vor allem über -Magda. Renate, was ist mit ihr? Ich sah sie, sie sprach -von einem Unfall, sie war so beängstigend still! -</p> - -<p> -Zu Hause wars nämlich nicht auszuhalten. Meine -Eltern redeten bis in die Nacht, und am nächsten Morgen -fingen sie wieder an. Und alles die reinste Neugier! -Herrgott, was wollten die alles wissen! und o Himmel, -diese Vorstellungen! Immer wieder die Fragen: Ob denn -<a id="page-269" class="pagenum" title="269"></a> -mein Mann nicht gut zu mir gewesen wäre? Ob ich ihn -denn nicht liebte? Als ob das etwas damit zu tun hätte! -Als sie sich aber bis zu dem Ausdruck Ehe verstiegen, -da hatte ich denn doch die Nase voll. Ach, du -lieber Gott, wenn Worte einen Menschen zu etwas machen -könnten, ich wäre es geworden in diesem Augenblick. Ich -hätte an mir selber irre werden können, packte meine -Sachen und entfloh. -</p> - -<p> -Hier ist alles, wie es war. Die guten Alten sind bis -auf eine einzige noch dieselben, die Jungen sind Andre als -dazumal, aber das Genre ist geblieben. Ein Aufheben -gab es meinetwegen natürlich nicht, nur die Abatissa konnte -sich eine triumphierende Bemerkung und einen spitzen Mund -nicht verkneifen. Sie ist eine Gräfin und hat sich auch so! -Vor lauter Genugtuung über meine Wiederkunft sagte -sie etwas ganz Verwickeltes vom Heiland, der nicht in -Häusern wohnte, sondern in Herzen. Ja, dacht ich, der -wird sich grade bedanken und in deinem verprömmelten -Herzen wohnen! und sagte: ich wäre dankbar, hier nur -etwas Ruhe und Sammlung zu finden, bis sich herausstellte, -ob mein Aufenthalt von Dauer sein würde (was -der Himmel verhüten möge!) oder nicht. Da wurde sie -noch spitzer und sagte, ein Herz voll Unruh wäre was -Köstliches, und nur am Abgrund hin führte der Weg in -den Frieden. — So eine geht nun alle Tage mit dem -Heiland um, und ist sie deshalb anders als die Andern? -Na, die wird sich wundern, wenn es am Jüngsten Tage -heißt: Reichsgräfin Jutta von Lindenau, weiland Abatissa, -verblichen im Geruche großer Heiligkeit, und sie sieht sich -denn dastehn in ihrem Sündenstank, der zum Himmel -<a id="page-270" class="pagenum" title="270"></a> -schreit. Mir ging ein großes Licht auf, und ich sehe, daß -es mit der Mehrzahl der Menschen so bestellt ist: der -eine ist leidenschaftlich Bergsteiger, der andre sammelt -leidenschaftlich Briefmarken, einer geht ins Kloster, und -eine ist meinetwegen Frauenrechtlerin. Und all diese leidenschaftlichen -Dinge tragen sie sauber verschlossen in einem -großen Koffer mit sich herum, den sie überall vorzeigen -und sagen: da ists drin! und im übrigen sind sie ganz -gewöhnliche Menschen. Die Briefmarken machen sie nicht -weiser, und die Berge nicht klar; die Jesusliebe nicht demütig, -und das Frauenrecht nicht duldsam. Ach, ist es -denn mit mir vielleicht anders gewesen? Ja, denn ich -war die ganzen Jahre lang überhaupt nichts!!! -</p> - -<p> -Was mit mir zu geschehen hat, ist klar. Ich muß wieder -werden, die ich gewesen bin, vor der Ehe, mit Leib -und Seele. Ich weiß noch nicht, wie das geschehen soll, -aber es muß. Nun — damit muß ich allein fertig werden. -Leb herzlich wohl, wenn ich kann, werde ich schreiben. -Gedenke nicht unfreundlich Deiner -</p> - -<p class="sign"> -Irene -</p> - -<p class="noindent"> -In meiner üblichen Selbstsucht vergaß ich natürlich, -daß ich Dir von meiner Schwägerin Dora schreiben wollte. -Daß sie mich vermissen wird, glaube ich zwar nicht, bei -dem versteinerten Zustand, in dem ich sie verließ; da ich -aber weiß, daß ich trotz ihrer vielen Freunde und Bekannten -allein ihr ganz nahe war, so ist mein Gewissen gar -nicht rein! Deshalb möchte ich Dich bitten, recht bald -einmal nach ihr zu sehn und mir möglichst ausführlich zu -schreiben, wie Du sie fandest! Nicht wahr, Du bist so -lieb?! -</p> - -<h4 class="section"> -<a id="page-271" class="pagenum" title="271"></a> -Renate an Irene -</h4> - -<p class="date"> -Waldheim, am 14. August -</p> - -<p class="adr"> -Meine liebe Irene! -</p> - -<p class="noindent"> -Daß ich Deinen Brief erst heute beantworte, geschieht -deshalb, weil ich erst Bestimmtes über Magda wissen -wollte. Das habe ich nun heute erfahren, und es ist sehr -schmerzlich. Die Sehkraft des einen Auges ist ganz, die -des andern fast erloschen. Sie sieht nichts, wir dürfen -uns das nicht verhehlen, obgleich sie selber behauptet, -Farben, sogar Gestalten erkennen zu können, und hell, -sagt sie, sei es stets. Du siehst: sie ist, wie sie immer war! -Übrigens giebt es etwas, das ihr dies Schicksal tragen -hilft, aber ich finde die Worte nicht, es zu erzählen. Es -ist aber das, daß sie die alte Prophezeiung, von der Du -weißt, nun erfüllt sieht; und daß es Georg war, an dem -sie sich erfüllte, ist ihr Trost. -</p> - -<p> -Zu Dora ging ich schon zwei oder drei Tage nach Empfang -Deines Briefes, fand sie über einem Berg von Schriften -und Rechnungen ihrer Vereins- und Küchenangelegenheiten, -und sie gestand mir ihre letzte Verzweiflung: ihr -Gedächtnis habe gelitten, sie könne nicht mehr rechnen -oder mit Angestellten verhandeln und dergleichen. Es gelang -mir, ihr meine Hülfe aufzudrängen, ich bin seitdem -fast täglich bei ihr gewesen, sie hat mich bei ihren Mitarbeiterinnen -eingeführt und so nach und nach alles in -meine Hände gleiten lassen. Ich werde es freilich wieder -abgeben müssen, ausgenommen die Beschäftigung mit -der Volksküche, Doras persönliche Domäne, denn für die -Damen bin ich ein Eindringling. Bin auch wohl fähig -<a id="page-272" class="pagenum" title="272"></a> -einzusehn, daß Kampf gegen die vielen sozialen Schäden -und Unvollkommenheiten notwendig ist, aber in der Welt, -wo er vor sich geht, bleibe ich fremd und mag auch nicht -kämpfen. Die Welt ist bisher eine männliche Angelegenheit -gewesen; haben sie sie verunglimpft, sollen sie sie auch -wieder rein machen, und sind die Frauen unzufrieden, so -können sie ja streiken, aber als Frauen, und kein Geschrei -machen wie die Männer. Daß arme Leute für wenig -Geld viel und gut zu essen haben müssen, leuchtet mir -ohne weitres ein, und deshalb gehe ich in die Küche. -</p> - -<p> -Kaum dann, daß ich alles so weit hielt, um es weitergeben -zu können, ist Dora mir fast unter den Händen -erloschen. Sie lebt, sie besorgt weiter für sich und ihren -Bruder das Haus, aber sie ist stumm und ganz stumpf. -Jason, den ich häufig bei ihr fand, sagte mir, was sie -ihm bekannte: sie erwartet ein Kind, das sie in der Nacht -empfing, als die andern starben. Warum gerade dies ihr -so qualvoll ist, würde ich mich vergebens fragen, wenn -ich nicht wüßte, daß jede Qual den Menschen weniger -bricht, als vielmehr ihn furchtbar verkehrt, und was dann -Andern Trost scheinen mag oder Hoffnung: es paßt alles -nicht für ihn; es wird alles nur wieder Qual. -</p> - -<p> -Soviel habe ich an mir gelernt. Dir mehr davon zu -sagen, bin ich noch nicht fähig, gute Irene, und muß es -Deinem liebevollen Herzen überlassen, zu ahnen, was -sich nicht erklären läßt. — Daß Du den Weg finden wirst, -den Du suchst, will ich von Herzen mit Dir glauben. Da -sehe ich Dich wieder in meiner Kapelle stehn: ‚Die Wege -des Himmels sind außerordentlich ...‘ hieß es nicht so? -Ach, Kind, Kind! ehe wir nicht durch die menschlichen -<a id="page-273" class="pagenum" title="273"></a> -Ordnungen gebrochen sind und rasend geworden vor Not, -eher werden wir in die göttlichen kaum passen. Da sind -die alltäglichen Verrichtungen für uns gut genug, und nach -uns wendet kein Gott sich um, wenn wir vorübergehn. -</p> - -<p> -Magda schließt ihre innig liebenden Grüße den meinen -an! Stets Deine alte -</p> - -<p class="sign"> -Renate -</p> - -<h4 class="section"> -Aus Renates Buch -</h4> - -<p class="date"> -am 21. August -</p> - -<p class="noindent"> -Heut habe ich nun zum ersten Mal Bogner wieder gesehn, -ein Anblick zum Weinen. -</p> - -<p> -Er hat Schlimmes überstanden. Zu den Wunden trat -Rippenfellentzündung; bei der Punktion, um das Wasser -zu entfernen, muß schon Eiter dagewesen sein, es gab -eine Infektion an der Stelle, und nun waren weitere -Punktionen unmöglich. Später stellte sich eine schwere innere -Vereiterung heraus, es mußte geschnitten werden, ein -Stück Rippe heraus, und es gab einen Eimer voll Eiter. -Nun liegt er mit einer Kanüle an einen Saugapparat -angeschlossen. Ulrika erzählte mir das auf der Fahrt zur -Klinik und bereitete mich auf seinen Anblick vor. Ihre -eigenen Züge waren verfallen, oder war es schon diese -unheimliche Erweiterung von innen durch die Mutterschaft? -</p> - -<p> -In dem schmalen Krankenzimmer war zuerst nichts zu -sehn als die hohe Rückenwand eines Metallbettes, ausgefüllt -von hochgestellten Kissen, dazu ein Gestell mit dem -Saugapparat, von dem aus ein langer roter Gummischlauch -in den Kopfkissen verschwand. Weiter vorgehend sah ich -<a id="page-274" class="pagenum" title="274"></a> -einen alten, furchtbar vergrämten Mann dasitzen, und -aus schlottrigen grauen Stoppelfalten seiner Gesichtshaut, -aus den Knochenrändern seiner großen Augenhöhlen blinzelten -ganz dunkle Augen in die Höhe, wo von einer der -Länge nach über dem Bett angebrachten Eisenstange eine -Kette mit einem Ringe hing, den er mit schneeweißer, -langfingriger Hand gefaßt hielt. Ich glaubte, in einem -falschen Zimmer zu sein, und wollte mich zu einer Tür -umdrehn, als er mir das Gesicht zudrehte und ich ihn erkannte. -Oh, hinter der Maske von Gram und Krankheit -das alte, wohlbekannte Gesicht nun so erschreckend deutlich -wie ein Gesicht in einem Gebüsch oder hinter einem -Zaun! -</p> - -<p> -Die Rosen, die ich ihm hinlegte, sah er gar nicht an, -sondern griff gleich mit beiden Händen nach meiner. -Dann saß ich auf einem Stuhl bei ihm, meine Hand hielt -er fest, und von irgendwo kam eine kaum vernehmbare -Stimme: „Renate Montfort ...“ Da seine Lippen sich -bewegten, so mußte es seine Stimme gewesen sein, nun -mußte er husten, es dauerte lange, bis er fortfahren konnte: -„Ich wollte sagen: Renate Montfort weint. Traurig -für mich,“ setzte er hinzu, „aber — hübsch! hübsch!“ Dabei -lächelte er, daß mich die Erinnerung an meinen Vater -durchrann; der hatte auch in den letzten Tagen dies mühselige -Lächeln der dem Tode Nahgekommenen: nur ein -Gesichtverziehen, als ob sie erstaunten. -</p> - -<p class="date"> -24. August -</p> - -<p class="noindent"> -Mein dritter Besuch bei Bogner. Beim zweiten bat -er mich, doch täglich zu kommen. Er spricht nun viel, -<a id="page-275" class="pagenum" title="275"></a> -wird aber schnell müde; seine Stimme ist mitunter kaum -zu vernehmen; seine Gedanken scheinen rastlos in Bewegung. -</p> - -<p> -„Sagen Sie doch,“ fragte er heute, „ist Fuge wirklich -das lateinische <span class="antiqua">fuga</span>?“ Da ich bejahte, wunderte er sich -und meinte: „Also wirklich Flucht? Das ist ja abscheulich!“ -worauf er mich und Ulrika nachdenklich betrachtete -und fragte: „Ich möchte wirklich wissen, wie ihr es anstellt, -diese unseligste aller Künste zu betreiben!“ -</p> - -<p> -Wir stellten uns sehr böse. Warum unselig? -</p> - -<p> -„Eben,“ sagte er fein, „weil sie gradezu die Seligkeit -will. Aber sie kriegt sie nie. Sie ist ja nur immer da -hinterher. Sie ist so ganz — bergig! <span class="antiqua">Fuga</span>, die Flucht. -Sie ist wie der Lauf eines flüchtigen Tiers über ein Gebirge.“ -So sprach er unaufhaltsam weiter. Immer hätte -die Musik etwas Gejagtes, könne nie stillhalten, sei zwischen -ihrem Anfang und dem Ende unaufhörlich, und wenn -man ja absetze an einer Stelle, so geschehe das nicht glatt -wie bei einem Gedicht, sondern mit einer zackigen Bruchstelle. -Immer wolle sie die Ruhe, liege immer im Sterben, -„und hat sie die Ruhe doch einmal,“ sagte er, „so -tritt sie schon wie ein Gewässer über ihren Rand.“ -</p> - -<p> -Ulrika wandte ein, wenn er ihr einmal bei einem guten -Legatosatz schön zugehört haben würde, ob er dann nicht -hinter der Bewegung den Stillstand gehört haben würde. -</p> - -<p> -„<span class="antiqua">Quies in fuga?</span>“ meinte er zweifelnd, „die Ruhe auf -der Flucht?“ -</p> - -<p> -Schöner, erwiderte ich, ließe es sich kaum ausdrücken. -</p> - -<p> -„Aber erklärt mir eins,“ fing er nach einer Weile wieder -an, „warum habe ich denn immer, wenn ich genau -<a id="page-276" class="pagenum" title="276"></a> -zuhöre, das Gefühl: weshalb ist das nun so? Könnte es -nicht gradsogut alles ganz anders sein?“ -</p> - -<p> -Weil er, erklärte Ulrika ihm lachend, jetzt genug geredet -hätte und schlafen sollte. -</p> - -<p> -„Das will ich,“ sagte er folgsam entschlossen, „aber -noch eins!“ Er fing umständlich wieder an, wir hätten -seine erste Frage nicht beantwortet, wie wir es nämlich -machten, die unselige Kunst zu betreiben. Er rieb sich -die Hände. „Ich wills euch sagen. Die Musik ist für -gewöhnliche Menschen Gift, ihr aber habt in euch ein -Gegengift, denn — ihr seid <span class="antiqua">Angeli sancti</span>, nicht wahr?“ -schloß er mit einem sonderbar ängstlichen Blick zu Ulrika -empor. -</p> - -<p> -Diesen scheuen Blick seh ich noch immer. Denn er war -nicht nur dasmal, und wenn er nicht in seinen Augen -war, so doch in einer Bewegung; und stets ist er gegen -Ulrika von einer so ängstlichen Zartheit, die mir, ich weiß -nicht warum, so schuldvoll erscheint, und ich muß die -Augen niederschlagen, wenn er nur sagt: „Möchtest du -wohl so gut sein ...“, als wäre da etwas zum Schämen. -</p> - -<p class="date"> -am 25. August -</p> - -<p class="noindent"> -Auf Ulrikas Bitte teilte ich Bogner heute mit, was er -von Magda noch nicht wußte. Er hörte wortlos zu, schloß -dann die Augen und hielt sie lange so, wie um zu versuchen, -was Blindheit sei. Als er sie wieder öffnete, sagte -er, sie zukneifend, geblendet: „Unmöglich! Sterben ist -möglich, aber blind werden nicht!“ Da erinnerte ich ihn, -um ihn sich selber vergessen zu machen, daran, daß Magda -nicht male. -</p> - -<p> -<a id="page-277" class="pagenum" title="277"></a> -„Richtig,“ sagte er, „sie hat ja auch eure Musik. Oh -freilich Musik! Die Sehenden macht sie halb blind, diese -blendende Sonne, aber für Blinde kann sie ja dann wohl -eine schöne Quelle der Wärme sein.“ -</p> - -<p> -„Ich wills Magda sagen“, meinte ich leise. -</p> - -<p> -„Nein,“ sagte er da, „sagen Sie ihr nicht das! Es -klingt nicht gut so von Blinden ... Sagen Sie ihr —“ -Er besann sich, die Lippen bewegend, sagte dann: „Der -Körper ist blind, aber die Seele ein Argus mit tausend -Augen; soviel Götter, soviel Augen.“ -</p> - -<p> -Wir hatten dann eine Weile von andern Dingen gesprochen. -Auf einmal fragte er mich, lächelnd mit einem -Mundwinkel, ob mein Vater nicht Pfarrer gewesen sei, -und als ich nickte, ob er gewesen sei, was man so liberal -nennte. — „Ach, nein!“ „Ein ganz frommer Mann?“ -Ich bejahte. -</p> - -<p> -„Dann“, sagte er, „will ich Ihnen noch was schenken. -Jason hörte ich einmal sagen: Ein liberaler Pastor — da -könnte man auch sagen: eine liberale Musik, — und nun -fällt mir bei dem Seelenargus ein: das sogenannte liberale -Christentum ist wie der einäugige Polyphem, geblendet -vom listenreichen Ulyß,“ schloß er verschmitzt, „der -Vernunft.“ -</p> - -<p> -Er ist nun so klügelnd geworden ... -</p> - -<p class="date"> -am 26. -</p> - -<p class="noindent"> -Ich kam von Bogner zurück, es war schon spät und -dämmrig geworden, da hörte ich die Orgel. Konnte das -wieder Magda sein? Gleich lief ich in den Garten, wo -ich dem Getön anhörte, daß Tür und Fenster der Kapelle -<a id="page-278" class="pagenum" title="278"></a> -geschlossen sein mußten und daß es äußerst heftig war. -Näher kommend hörte ich Gesang und erkannte die Musik -der alten Kirchenarie von Stradella ‚<span class="antiqua">Si miei sospiri</span>‘, -zu der Georg Magda einmal einen deutschen Text geschrieben -hat. ‚Wer weint in Finsternis? Wer schluchzt -im Dunkel?‘ fing es an. Vor der Tür der Kapelle hörte -ich die Orgel allein die Schlußwendungen mit solcher Kraft -brausen, daß die hölzerne Tür erbebte; ich öffnete und -trat ein, es war dunkel drin, die riesigen Orgelstimmen -warfen sich über mich wie Geister, schon wieder mit der -Wucht der Oktavengänge im Baß des Anfangs einherstampfend. -Ach, ich glaube, alle Engel meiner Brust sind -aufgestanden vor einer übermenschlichen, viel zu lauten, -einer rauchenden Stimme aus dem Dunkel, die hinfegte -über mich durch den Raum, so tief und gewaltsam, so -brechend aus allen Fugen, nach oben stürzend und sich -niederschmetternd, daß ich mich nicht halten konnte und -hingekniet bin und das Gesicht in die Hände gelegt habe. -Und jetzt: schwarzblau durch das Schwarze der Nacht, -unter Gewölben her, kam der Engel gebraust, der furchtbare, -blinde. Die Stirn im Armbug trat er die Lüfte -hinter sich mit zuckenden Füßen; die riesenhaften Schwingen -bogen und wanden sich wie schwarze Flammen, er -peitschte mit ihnen, und so jagte er unterm Gewölbe hin -und über mir fort, und die Lüfte schlugen schallend hinter -ihm auf wie Gewässer, heraufklatschend an den Nachtwänden. -Es war ein endloser Gang, nicht breiter, als -daß der Engel darin fliegen konnte, und so kam er zurück; -ich, oh ich sah die Sohlen seiner Füße bleich schimmern, -wie er über mir fortstürmte, und plötzlich sah ich ihn an -<a id="page-279" class="pagenum" title="279"></a> -den Stäben eines Gitterfensters hängen und daran rütteln; -sein Leib fiel nach unten, er hing, so lang er war, aber -er schwang die Füße hoch, stemmte sie gegen die Wand, -und während hinter ihm die ohnmächtigen Flügel in rasenden -Wirbeln die Lüfte peitschten, rüttelte er mit seinen -langen Armen, rüttelte und schrie auf, ließ los, ermattete, -tastete und stürzte ins Bodenlose ab. Ehe aber der Donner -seiner Schwingen in den Tiefen verhallt war, kam er -wieder herauf gerauscht wie ein Brunnen, und jetzte rannte -er mit wütender Schnelle schräg nach oben und mit ungeheurem -Prall gegen die Wölbung, daß sie barst. -</p> - -<p> -Sechs schöne, farbige Engel, Gitarre, Harfe und Posaune -in Händen, standen in einem tiefen, morgenstillen -Zwielicht auf der Kuppe eines Berges; tiefer braute Gewölk. -Es orgelte ruhig in den Tiefen, große Takte schlugen -majestätisch herauf, der Umkreis der Himmel erschien, -duftende Büschel und Hecken feuerfarbener Lilien raschelten, -bewegten, ordneten sich und standen still, mit fahrender -Schnelle kam das Licht, körperlos zog es herauf, goldene -Dünste stiegen in triumphierenden Wolken überall, die -Engel hoben ihre Instrumente, die lange Lure wies steil -in das kühle Morgenblau oben. Dort stand einsam ein -weißer Stern, aus dem langsam eine Träne rollte und -fiel; der Stern war ein weinendes Auge, die Träne fiel -naß und brennend auf meine Hand, es war dunkel. -</p> - -<p> -Nun hörte ich meine Orgel leiser sausen, es war wieder -das Vorspiel, aber als nun Magdas singende Stimme -wieder einsetzte, war es reine Sanftmut, nur schmelzender -Wohlklang, und sie leitete nun ihren Gesang, wie es schön -und recht war, ohne Übermaß, beugte ihn und richtete ihn -<a id="page-280" class="pagenum" title="280"></a> -auf, ließ ihn schwellen und verhallen, ließ die Stimme -schweigen lernen und sich bändigen durch unerbittliche -Pausen des bemessenen Orgeltons. Und als sie zum vierten -Male zum <span class="antiqua">da capo al fine</span> einsetzte, hatte sie das -Maß; die Stimme gehorchte freiwillig, der lärmende Gott -der Blindheit war nirgend. -</p> - -<p> -Und wiederum in diesem fremden Augustmond sah -ich meine Erscheinung. -</p> - -<p> -Im grünenden bewegten Garten stand die Sonnenuhr. -Es war heller Tag, in allen Büschen glitzerten Taulichter, -aber als ich wieder nach der Sonnenuhr blickte, war der -Zeiger sonderbar lang und war das gewundene Horn des -Tiers. Das weiße Tier stand im Garten, es hob die leichten -seligen Füße und ging vorwärts wie im Tanz, indem -es sich unaufhörlich verneigte, die Stirn mit dem Horne -senkte und hob, ein Tanz von der unbeschreiblichsten -Sanftmut, der plötzlich endete, da das Tier den Kopf stillhielt -und zu lauschen schien, und nur die Spitzen des Mähnenhaars -und des Schweifs flatterten ganz wenig an dem -Marmor gewordenen Leibe. Jetzt wendete es den Kopf -zu mir her, und ich sah, daß es freundlich lächelte, während -es auf einen großen, blauschwarz gewandeten Engel zuschritt, -der plötzlich unter den hohen Bäumen stand. Er -legte eine Hand auf den Rücken des Tiers und wandte sich -zum Gehn, so daß ich die hohen Büge seiner gewaltigen -Schwingen über seinen Schultern sah, während die gebogenen, -sehr schmalen Flügel selber an seinem Leib vorüber -weit nach vorne die Spitzen streckten. Der Engel -und das Einhorn gingen so zusammen fort in den Wald -hinein, und sonderbar nahm er im Gehn seine Fittiche -<a id="page-281" class="pagenum" title="281"></a> -unter die Arme; dann legte er die Hände auf dem Rücken -zusammen; er war klein geworden in der Ferne und sah -nun schon ganz wie Jason aus; er war es auch wirklich, -da er sich nun umdrehte und sein Gesicht zeigte, weiß mit -schwarzen Augen, aus denen es lächelte ... -</p> - -<p> -Sie waren verschwunden. Es rauschte durch den Wald, -dann erlosch er eilig. Ich lief, Magdas Namen leise rufend, -zum Podium, sie wandte sich zu mir und sagte, wie -sie im Traum gesagt hatte: „Siehst du wohl, daß ich -doch fliegen kann?“ „Ich muß es glauben“, antwortete -ich leise und schauderte. -</p> - -<p class="date"> -am 27. nachts -</p> - -<p class="noindent"> -Bei Bogner traf ich Ulrika heut nicht mehr an und -statt dessen Jason. In der Volksküche hatte es eine böse -Geschichte gegeben mit zwei ineinander verhakten Aufsichtsdamen, -die auf keine Weise auseinander zu bringen -waren. Um so stiller war Bogner. Es geht immer auf -und ab mit ihm. Immer wieder kommt Eiter und mit -ihm Fieber. So abgemagert er ist, war er doch ein schwerer -Mann; er hat sich ganz wundgelegen, die Füße sind -geschwollen und sollen ganz violett aussehn. Er fieberte, -lag unruhig da und sprach kaum. -</p> - -<p> -So verließ ich ihn in recht gedrückter Stimmung. Auf -der Heimfahrt erzählte mir Jason, den ich mit zu Magda -nahm, daß er vor ein paar Tagen bei Georg gewesen ist; -daß er nun anfängt zu gesunden. Er liegt in dem kleinen -Schloß, in dessen Nähe er auch gefunden wurde. Was -mit ihm vorgegangen ist, weiß niemand, und vielleicht -wäre er gar nicht entdeckt worden, wenn nicht sein Reitpferd -<a id="page-282" class="pagenum" title="282"></a> -sich beim Hause gezeigt hätte. Auch das ist nicht -zu verstehn, denn der Park ist klein und von einer Mauer -abgeschlossen; wie konnte er da reiten wollen? -</p> - -<p> -Dies hörte Jason von Doktor Birnbaum. Als dieser -dann von seiner Bekümmertheit sprach, daß er sich nicht -getraue, Georg den Tod seines Vaters mitzuteilen, so hat -Jason sich angeboten. -</p> - -<p> -„Aber da“, sagte Jason, „hatte ich einen Versager. -Vielleicht hätte ich es doch lieber mit Einschläfern versuchen -sollen. Er schien ruhig zuzuhören, aber als ich -besser hinsah, war er einfach ohnmächtig geworden.“ -</p> - -<p> -Als wir nun schwiegen, erschreckte mich das Geräusch -des Fahrens, überlaut in meinem Gehör, und da merkte -ich, wie alles wieder bröcklig in mir wurde. Da erschien -der Festzug, ich saß auf der Höhe des Wagens, die Elefanten -schritten dort, ich sah das bunte Getümmel unten -und oben, und jetzt, wie es erlosch, jetzt erst sah ich alles, -was geschehen war an diesem Tage, der so triumphierend -begann. Alles zählte ich da Jason auf: Erasmus’ Tat, -und Josefs Tod, den Jammer seines Vaters und meinen -eignen, den Tod des Herzogs, und Sigurd, Georgs Erkrankung, -Magda, und weiter noch Bogner und Ulrika -und gar Irene. „Jason!“ mußte ich endlich entsetzt fragen, -„wie war es nur möglich! all dies an einem Tag!“ -</p> - -<p> -Jason sagte: „Du lieber Egoismus! Warum lässest -du alles Übrige fort? An jenem heißen Sommertag haben -achtzehn Menschen einen Hitzschlag erlitten, woran sieben -starben; drei stürzten mit einem zusammenbrechenden -Balkon beinah hinter dir in den Festzug; zwei fielen vom -Dach, zwei von der Straßenbahn, sechs wurden überfahren, -<a id="page-283" class="pagenum" title="283"></a> -einer brach den Arm im Gedränge, und übrigens -müssen der Wohnungen, die von ihren Besitzern verlassen -waren und in die eingebrochen wurde, mindestens zwanzig -gewesen sein.“ Er hätte nicht gezählt, schloß er, aber was -mir einfiele, alldas nicht zu rechnen? -</p> - -<p> -„Nein, Jason,“ konnte ich trotz der erschreckenden -Aufrechnung entgegnen, „du wirst mich wohl recht verstehn: -die ich aufgezählt habe, gehörten doch Alle zusammen. -Wir waren doch Alle verwandt miteinander!“ -</p> - -<p> -„Freilich,“ erwiderte er, „kommt ein Sturm, stürzt das -Dach ein, so trifft es Alle, die darunter versammelt sind. -Oh gewiß, ich erinnere mich wohl: die Friedliebende Gesellschaft -hieß es, und damals fing alles an. Denn“, -endigte er liebenswürdig, „ich gebe dir gern zu, daß -du die Dinge so ansehn mußt, wie sie sich um dich ordneten.“ -</p> - -<p> -„Ordnung, Jason!“ rief ich empört. -</p> - -<p> -„Ja, wer kennt denn all die Gesetze? Hat der Mensch -einen Gott, muß er auch Dämonen haben.“ -</p> - -<p> -Mir graute es vor Jason in diesem Augenblick, und -es dauerte eine Weile, bis ich fragen konnte, wie er es -mache, stets gelassen zu bleiben, denn ich wisse ja, er meine -es gut mit uns Allen. -</p> - -<p> -„Ein bißchen schwarze Kunst vielleicht?“ riet er. -</p> - -<p> -„Ach freilich, die Schwärze sieht man an den Augen! -Aber worin besteht sie?“ -</p> - -<p> -Das sei schwierig, meinte er, jeder Zauber sei nur in -einer Hand wirksam; worauf er mir ernsthaft riet, wenn -ein Leid an mir zerrte, nur die Augen kräftig zuzumachen -und zu denken, daß es mich gar nichts anginge. -</p> - -<p> -<a id="page-284" class="pagenum" title="284"></a> -„Du hast uns so oft wohlgetan, Jason,“ sagte ich -leise, „wie willst du das denn gemacht haben, wenn wir -dich nichts angingen?“ -</p> - -<p> -Das, sagte er, sei eine Verwechselung der Ausdrücke. -„Ihr Alle geht mich viel an und auch euer Leid. Wenn -aber eines davon an mir zerren wollte, an mir, nämlich -an jemand, den es in Wahrheit nicht betrifft, und ich lasse -das zu, und es wird nun meine Sache, was geschieht? -Dann werde ich verwirrt und unnütz, und das Leid ist -weiter nichts als größer geworden. Muß man ihm nicht -Grenzen setzen? Kommt die Springflut über den Deich, -so zieht man einen neuen. Wie soll man denn ein Leiden -verringern, als indem man ihm Einhalt gebietet und versucht, -es in ein ordentliches Bett zu leiten? Oh, man muß -es gut schieben und zwängen, bis es an Ort und Stelle -und eingepaßt ist. Dazu ist aber doch Besinnung nötig. -Nun, und wenn schon der sie verliert, der darin steckt, soll -ich sie auch noch verlieren?“ -</p> - -<p> -Ich konnte nur den Kopf schütteln und sagen: ich verstehe -es nicht. -</p> - -<p> -„Es läßt sich ja nicht verstehn,“ erwiderte er freundlich, -„ich sagte es schon. Oder kann dirs klar werden, -wenn ich sage: Man muß mit fühlen, aber nicht mit -leiden?“ -</p> - -<p> -„Ja, wie denn nur, Jason, wie denn?“ -</p> - -<p> -„Nehmen wir“, erklärte er nun, „einen eisernen Topf. -Der ist voll Wasser, steht am Feuer, das Wasser fängt -an zu kochen. Das Feuer glüht, der Eisentopf glüht, aber -die leiden nicht. Das Wasser leidet, und die Luft im -Wasser, die vor Angst, hinauszukommen, alles über den -<a id="page-285" class="pagenum" title="285"></a> -Rand wirft. Sie leidet die Glut, aber der Topf? Er -fühlt sie. Fühlt sie ganz ruhig so lange, bis die Luft in -der Freiheit der Lüfte ist, alle schädlichen Keime tot sind, -und das Wasser gekocht. Das Feuer geht aus, der Topf -wird kalt, alles hat seine Richtigkeit. Du aber, sage mir, -mein Kind: war ein Gott im Feuer oder ein Dämon?“ -</p> - -<p> -„Beide, Jason, doch beide!“ rief ich ganz aufgelöst, -„aber warum, und wie macht es denn dein Topf, dein —“ -</p> - -<p> -Ich glaube aber, ich habe das gar nicht gesagt oder -jedenfalls nicht weitergesprochen. Mir fiel nämlich etwas -ein, das mit Jason zusammenhing, doch konnte ich es -nicht finden; dann hielt auch der Wagen, und jetzt erst in -der Nacht, wo ich mein Buch hervorholte, um zu schreiben, -wußte ich, daß es darin stand, was ich gesucht hatte, -und ich brauchte nicht lange, um diese Zeilen zu finden, -Jasons Worte, geschrieben am 5. November im vorigen -Jahr: -</p> - -<p> -„Gewiß erinnerst du dich der Geschichte von den drei -Männern im Feuerofen, die sangen. Ganz kühl standen -sie in aller Glut und sangen schöne Lobgesänge. Das -sollten eigentlich wir Alle können, ja, das ists, was wir -lernen sollten. Die Glut verschonte sie ja nicht, jene Drei, -was wäre das weiter gewesen? Ist Gott ein Taschenspieler, -der Kunststücke macht mit seinen Heiligen? Nein, -er ließ sie ganz und gar verzehrt werden von der Feuersglut, -bis sie zu Asche gebrannt waren, aber siehst du, -Kind,“ sagte er zu mir, „in ihnen war Gott, mit seiner -himmlischen Essenz waren ihre Leiber durchtränkt, so daß -ihre Asche fest wurde, fest wie gebrannter Ton, und da -empfanden ihre Seelen erst, wie kühl und wie angenehm -<a id="page-286" class="pagenum" title="286"></a> -gekleidet sie mitten in den Flammen standen, und nun begannen -sie unverbrennlich den Lobgesang.“ -</p> - -<p> -Unverbrennlich, das war das Wort. Das sollten eigentlich -wir Alle können, — o Gott! -</p> - -<p> -Jason, ja, und die Andern! Magda ist es geworden, -Bogner wird es vielleicht, aber ich, wie weit bin ich davon! -In Flammen stand ich lichterloh, aber alles, was -ich davontrug, sind Wunden. Und war es nicht so, wie -Jason erklärte? Was gingen jene Flammen mich an, -mich, die sie nicht betrafen? Erasmus, den trafen sie und -gingen sie an, und seinen Vater, Sigurd und den Herzog, -aber doch nicht mich! Sie konnten brennen und verbrannt -werden, ich aber lief nur zum Feuer hin und versengte -mir die Hände. Nein, mein Gott, oh nein, was konnt -ich denn tun? Erasmus, was konnte ich tun? Ich legte -die Hände auf seinen Kopf, oh Heiland, wie das Feuer -drin raste! Ich habe Woldemar einen Verband gemacht, -so gut ich konnte, und ich habe Sigurds Stirn angefaßt -und gefühlt, wie sie glühte, und da war meine Hand -noch kühl. Ach, sie ist doch verbrannt, denn was half ich? -</p> - -<p> -Was ist denn nur mit mir, was ist denn nur? Diese -Schwäche, diese innere Lähme schon durch die Wochen. Es -ist, als hätte ich Angst, dies könnte noch nicht alles sein, -wenn aber das Letzte kommt, das Wirkliche, werde ich -schwach sein und nur brennen und nicht überstehn. Sollte -das möglich sein? Ein schlimmeres Unheil und eins, das -nur nach mir zielt, nach mir? Ach, und die Jahre all, wie -hungerte michs nach dem Glück! -</p> - -<p> -Ruhig war ich früher immerhin und sagte: ich warte! -Da aber, in jener Nacht, am Wehr erst, dann im Zimmer, -<a id="page-287" class="pagenum" title="287"></a> -auf der Fahrt, in der Universität, im Schloß dann, -die lange Ewigkeit bis zum Schlaf bei Saint-Georges, -da war ich — besinnungslos, war ich leer, von mir selber -verlassen und betäubt, und da hat mich einer, der mich -schon lange belauerte, der hat mich da überfallen, der -schlüpfte in mich hinein und hockt nun in mir, zusammengekrümmt, -und wartet, und dies alles bisher waren nur -erst die großen Verneigungen. -</p> - -<p> -Bist du ein Gott, du fürchterlicher in mir, sage, bist du -Gott oder der Teufel? Du hast mich öfters auch trunken -gemacht in diesen Wochen, hingegeben der Ferne, einem -himmlisch Kommenden zugeschmolzen, und dann dachte -ich gewiß: Ein Gott muß es sein! Aber ich weiß es nicht, -ich weiß es ja nicht! Angst ist immer Angst, ob sie nun -süß ist oder bitter, wie soll ich da erkennen? -</p> - -<p> -War ein Gott im Feuer oder ein Dämon? fragte Jason, -und ich schrie: Beides! -</p> - -<h4 class="section"> -Cornelia Ring an Renate -</h4> - -<p class="date"> -Altenrepen, am 29. August -</p> - -<p class="noindent"> -Liebes Fräulein von Montfort, wie sehr danke ich Ihnen -für Ihre lieben Zeilen, und denken Sie bitte nicht schlecht -von mir, daß ich Sie bis heut ohne Antwort ließ! Ich, -wissen Sie, habe gar keine Widerstandskraft, und wenn -mich etwas trifft, so kann ich nur stillhalten und mich -zerreißen lassen. Es ist nun so weit vorüber, daß ich wenigstens -der Außenwelt Fassung zeigen kann, aber sehen -lassen kann ich mich noch nicht, ich bin am ganzen Körper -geschwollen. Wenn Sie es denn erlauben, komme ich in -<a id="page-288" class="pagenum" title="288"></a> -der nächsten Woche zu Ihnen. Heute will ich Ihnen nur -schreiben, weil Sie nach Li fragen. Er hat mir erst einen -guten Schrecken eingejagt, denn nachdem er Ihren Auftrag -an mich ausgerichtet hatte, ging er hin und wollte -sich umbringen. Ja, Sie haben sein ‚Was soll nun aus -mir werden!‘ wohl nicht ganz recht verstanden, denn das -hieß nicht, daß er nun keinen Herrn mehr hätte, sondern -daß mit seinem Herrn auch sein Leben zerrissen war; es -bestand nur in ihm. Ach Gott, es war wohl sehr komisch! -Er war hinaus, ich glaubte, ohnmächtig zu werden, mein -Herz ist nicht gut, ich schrie nach ihm, da kommt er wieder -hereingelaufen ohne Jacke, um den Hals einen Strick, an -dem er zerrt, und der nicht los will. Ich habe nun gesucht, -ob sich in Josefs Papieren irgendwelche Bestimmungen -für Li fänden, fand aber nichts. Li selber hat -sich nun eines Auftrages seines Herrn entsonnen und behauptet, -seine — Josefs — Erinnerungen aufschreiben, -das heißt aus seinen Tagebüchern wiederherstellen zu -müssen und herausgeben. Er, Josef, erlebte ja viele und -unglaubliche Dinge, es giebt mehrere Tagebücher, die -meistens von Li geschrieben wurden nach seinem Diktat -oder auch ganz selbständig. Schon hieraus können Sie -sehn, wie sehr der Kleine sein Vertrauen hatte. Wenn er -lebte, würde er Ihnen Li aufs höchste rühmen. Er spricht, -glaube ich, alle lebenden Sprachen und besitzt tausend Fertigkeiten. -Er hat ihn, Josef, auf allen Reisen begleitet, -und seit ich Josef kenne, war er, Li, immer bei mir, wenn -er, Josef, in Ihrem Haus wohnte. Er hielt es irgendwie -(ich glaube fast, seinem Bruder gegenüber) für unpassend, -einen Diener für sich allein zu haben. Ich habe ihm nun -<a id="page-289" class="pagenum" title="289"></a> -Ihren Wunsch mitgeteilt und auch, daß er bei mir nicht -bleiben könne. Er hat sich Bedenkzeit erbeten, obgleich es -ihm gewiß lieb sein wird, in Josefs Haus zu kommen. -Bitte, wenn Sie oder vielleicht Herr Montfort etwas aus -Josefs Leben wissen möchten: Li weiß alles, und es sind -ja auch die Tagebücher da. Heute erklärte er mir, wenn er -schon bei mir nicht bleiben könnte, so gefalle es ihm, daß seine -neue Herrin nicht sehen könne, denn da es die alten Augen -seines wahren Herrn nicht sein könnten, wären gar keine -schon das beste. Das klingt ein wenig lieblos, aber Sie sehen, -wie er es meint, und das ist auch ganz so, wie ich Josef einmal -sagen hörte: Wenn ein Mensch ein Unglück hat und -gar nicht weiß, wie er damit fertig werden kann, so macht er -einen Haken und hängts am Unglück von einem Andern auf. -Und ein andermal sagte er: Unglück kommt selten allein; -das ist wahr, denn immer hat es irgendein Glück zur Folge -für jemand anders, und aus der Birne, die ich für faul halte, -klaubt mein Bruder die Kerne und pflanzt sich eine Allee. -</p> - -<p> -Ich schicke Ihnen also Li mit diesem Brief. Entschuldigen -Sie bitte meinen Freimut, aber wenn er nicht ginge, -so würde ich mich am liebsten selbst anbieten. Einem -Blinden zum Führer dient wohl der am besten, der selber -kaum noch aus den Augen sieht, und mir fällt wieder ein -Wort Josefs ein: Schlage mich auf den Leib, so trägt er -ein blaues Auge davon; wo es aber die Seele traf, was für -ein Auge wird sie da aufschlagen? — Herr Bogner wird mich -ja kaum mehr brauchen; da Frau Tregiornis Mann tot -ist, nehme ich jedenfalls an, daß sie zusammen bleiben. -</p> - -<p> -Und nun gottbefohlen! Herzlich grüßend Ihre -</p> - -<p class="sign"> -Cornelia Ring -</p> - -<div class="chapter"> - -<h3 class="chapter" id="subchap-0-2-2"> -<a id="page-290" class="pagenum" title="290"></a> -Zweites Kapitel: September -</h3> - -</div> - -<h4 class="section"> -Georg an seinen Vater -</h4> - -<h5 class="subsection"> -I -</h5> - -<p class="noindent"> -Jason sagte (und nämlich im Auftrage der Andern, -denn sie hielten ihn für den Geeigneten, und er wars -auch!), Jason also sagte mir, daß Du gestorben seist. -Aber das ist auch wieder so ein Ausdruck! (Übrigens, ich -erinnere mich, es war ein so besondrer Augenblick, wie ich -ihn noch nicht erlebt zu haben glaube, auch kaum mehr -vorstellbar, doch war es so, daß Jason ganz weiß von -oben bis unten in einer pechschwarzen Wolke saß, in der -es donnerte. Dann liefen sie haufenweise zusammen, und -diese, ich muß gestehen, ziemlich unglaubliche Erscheinung -verschwand.) -</p> - -<p> -Aber wie gesagt: das ist auch wieder so ein Ausdruck. -Dir ist bekannt, denn wir sprachen mehr als einmal darüber, -daß wir im Zeitalter des Ausdrückens leben, auch -Expressionismus genannt. Dichter und Maler: was das -Wesen ihres Wirkens in Wahrheit ist, nämlich: die Form, -das weiß ihrer keiner mehr (ausgenommen wie immer -George), und eines jeden ganzer Stolz ist es, wenn er für -irgendeine Nervensache einen Ausdruck gefunden hat. -So auch die übrigen Menschen, und so auch in diesem -Fall und so weiter. -</p> - -<p> -Nämlich, ich will sagen: die Umstände reden ja gewissermaßen -zugunsten der Andern. Mordanschlag eines -Irren ... ich beklage Sigurd nicht weiter, als ich ihn -eben verstehe, das heißt, ich habe alles, was Vernunft -<a id="page-291" class="pagenum" title="291"></a> -und Sinnenordnung heißt unter den Menschen, so oft -hirnverbrannt finden müssen, an Andern und an mir, daß -ich durchaus nicht weiß, ob wir nicht in die wahren Ordnungen -gerade dann eintreten, wenn die uns bekannten -gesprengt scheinen, und übrigens, wer sagt denn: gesprengt? -Ebensogut können sie ja nur erweitert sein. -Attentate auf Fürsten sind auch von sogenannt vernünftigen -Leuten nicht selten verübt worden, und so ließe sich -in Sigurds Falle besonders gut annehmen, daß es für ihn, -um zu dieser Tat zu gelangen, eben jener Erweiterung -bedurfte, die uns unter dem Ausdruck Irrsinn bekannt ist. -Auch wieder so ein Ausdruck! -</p> - -<p> -Ferner Trauer im Lande, an den Kleidern, betrübte -Mienen und so weiter, vor allem unbedingt Deine sonst -ganz unverständliche Abwesenheit, — wie gesagt, all das -spricht für Totsein, aber, wie ich auch schon sagte: das -ist eben der gängige Ausdruck. Und eine Nervensache ist -es ebenfalls, denn wie? Wenn ich wirklich glaubte, Du -seist tot, in dem üblichen Sinn des nicht mehr Vorhanden-, -des Abgeschiedenseins: müßten nicht meine Nerven reißen -im Augenblick? Mit einem Wort: ich stürbe vor Angst? -</p> - -<p> -Nein, mein Glaube bleibt die Form. (Übrigens ist es, -wie mir einfällt, gerade Sigurd, dem ich die frühste Belehrung -hierüber verdanke.) In der Form offenbart sich -die Seele; Deine Seele aber, wie könnte sie gestorben -sein? Ich habe es nicht gesehn. Ihre stoffliche Erscheinungsart, -ja, die hat sie allerdings in außerordentlicher -und besondrer Weise gewechselt, so wie die Vernunft es -eben tut, indem sie rasend wird. Einzig wunderbar aber -bleibt, daß die Form, in der Du nach wie vor Wesen hast -<a id="page-292" class="pagenum" title="292"></a> -und lebst, daß sie ganz und gar zusammenfällt mit der -Form, in der ich Dich empfinde. Und ist nicht dieser Gedanke -fast göttlich: Du, gemacht aus väterlichem Stoff, -eingesetzt in die Form des Vaters für unsre Lebenszeit, -nicht leiblich mein Vater, aber ganz und ewig im Geist? -Nein, besondrer konnte es unmöglich erdacht werden. Mir -verbleibt. -</p> - -<p> -Sieh, da war er wieder eingeschlafen! Er schläft immer -ein, dieser Knabe Georg! Ich dachte erst, das Schreiben -würde ihn munter erhalten, aber es scheint mir doch -nun wieder eine besondre Nervensache. Mein Geist, das -merkst Du wohl, ist schon wieder scharf wie ein Eisbrecher -(übrigens, in Chöttingen sagt man Cheist, — ich weiß -nicht, es reizt mich so besonders, wenn ich nicht alles aufgeschrieben -habe, was mir eben einfällt. Nicht wahr, es -könnte ja grade das von ausschlaggebender, mit einem -Wort von besondrer Wichtigkeit sein!), also wie ein Eisbrecher, -wie gesagt, aber du lieber Gott, meine Hand ist -so schlaff wie meine Beine und so weiter. -</p> - -<p> -Nämlich — -</p> - -<p> -Oder vielmehr — -</p> - -<p> -Nein, es tut mir besonders leid, aber ich kann nun das -Ende des Satzes oben nicht mehr finden. Nun, Geduld, -Geduld, wenns Herz auch bricht, Mit Gott im Himmel -hadre nicht und so weiter, wie der Doktor Bürger so schön -singt, aber — das ist auch nicht so einfach! -</p> - -<h5 class="subsection"> -II -</h5> - -<p class="noindent"> -Denn (um an meinen ersten Brief anzuknüpfen): warum -bist Du fort und ich hier allein? Ist das nicht zum Hadern? -<a id="page-293" class="pagenum" title="293"></a> -Du bist freilich nun der große Strahlende geworden, -ja der so blendend Strahlende, daß ich gar nicht die -Augen zu Dir aufheben darf, und schon deshalb ist das -Schreiben sehr dienlich, — ich aber blieb hier in der kranken -Dämmerung, und wenn ich nicht die Hoffnung hätte -wie einen Felsen, wie einen <span class="antiqua">rocher de bronce</span>, in nicht gar -zu langer Frist dorthin zu gelangen, wo Du bist — wie -wäre dies Dasein sonst zu ertragen? Lieber Papa, verzeih -schon, ich weiß, daß die Äußerung von Gefühlen -früher nicht üblich war zwischen uns, aber damals ging -es uns Beiden ja verhältnismäßig wohl. Nun verstehst -Du wohl: meine Einsamkeit macht mich mitunter recht -weich. -</p> - -<h5 class="subsection"> -III -</h5> - -<p class="noindent"> -Standhaftigkeit sagst Du. O gewiß, natürlich! Ich -weiß ja auch: es lebt niemand in der Dämmerung, der -nicht <span class="antiqua">recte</span> hineingehört, und schon daß ich darin bin, -wäre mir ein Beweis. Und nun der lange schwere Weg, -den ich vor mir habe, dieser furchtbare und erhabene Weg -zu Dir, der mich besonders entmutigen würde, wenn ich -es wagte, ihn ganz ins Auge zu fassen: ich muß schon -sagen, ich bin mitunter recht verzagt. Du würdest mir -ja gern helfen, ich weiß, aber da es verboten ist, so sehe -ich es ja vollkommen ein. In Deine Klarheit, in Deine -Hoheit, wie fang ichs an? Wo ich doch ganz unten erst -auf dem Punkte stehe, wo man tausend Fehle um sich her -sieht wie ein grausames Dickicht, und ganz fern — o -himmlisches Grün hinter Bäumen! — dämmert die heilige -Wahrheit ... -</p> - -<h5 class="subsection"> -<a id="page-294" class="pagenum" title="294"></a> -IV -</h5> - -<p class="noindent"> -Ich weiß nicht, als ich neulich meinen ersten Brief an -Dich begann, war ich so besonders glücklich und munter, -aber bei mir hält auch rein gar nichts vor. (So war es -immer in meinem Leben. Zum Beispiel Cordelia. Kaum -war sie da, war sie auch wieder fort.) Dann ist auch -diese elende, besondre Müdigkeit ... Ich glaube, ich fahre -bald nach Helenenruh. Da Du in Trassenberg bist, darf -ich ja leider nicht dorthin, und Helenenruh — ja, Helenenruh, -das steht immer vor einem wie eine Fontäne! Helenenruh -war immer Sommer. Und die Kindheit, was ist -die? Ein einziger Sommer. Folglich ist Helenenruh eine -einzige besondre Kindheit, und daraus wieder die einfache -Folge ist, daß ich nach Helenenruh fahren muß, um — -wenn ich schon in die Väterlichkeit nicht gelangen kann — -wenigstens in die Kindheit zu gelangen. Und führt wirklich -ein Weg zu Dir hinauf: nur dort kann er beginnen. -</p> - -<h5 class="subsection"> -V -</h5> - -<p class="noindent"> -Da hier nun Geist zu Geist redet, mein lieber Papa, -so unterließ ich bisher eine meinen Körper betreffende -Mitteilung von nicht besonderer Wichtigkeit. (Immerhin -giebt es auch an ihr etwas Bedeutsames.) Ich bin nämlich -krank gewesen, ja, und denke Dir, es war aufs Haar -genau dieselbe Krankheit, an der Sigune starb! Ist das -nicht besonders merkwürdig? Genau die selbe! Und sie -starb daran, und ich lebe. Welch ein unmenschliches Glück, -nicht wahr, für diesen Knaben Georg? Denn wohin wäre -er gelangt, wenn er jetzt schon gestorben wäre? O die -Tiefe ist ja nicht auszudenken! Nun blieb ich am Leben -<a id="page-295" class="pagenum" title="295"></a> -und bin Dir um so viel näher immerhin, das heißt: Du -mußt verzeihn, wenn meine Berechnungen vielleicht ganz -unsinnig sind, denn was sind Entfernungen in unserm -Land? Dein letzter äußerster Strahl gelangt bis zu mir -mit solcher Kraft noch, daß er mich zu blenden vermag, -und das ist alles, was ich weiß. -</p> - -<p> -Darüber müssen wir noch viel reden zusammen. Denn -ich weiß nicht: mir wird eigentlich tagtäglich schwerer -und unseliger zumut. Du bist so schwer zu fassen! Früher, -ach weißt Du noch? ‚Wie wir einst in grenzenlosem Lieben -— Späße der Unendlichkeit getrieben ...‘ Ja, damals -war alles leicht. -</p> - -<p> -Und wenn schon die gewöhnlichen Menschen sagen, -der Tod trennt, und es manchmal kaum zu ertragen wissen, -was soll da erst ich sagen? Sie haben es doch leicht. -Um die Trennung des Todes aufzuheben, was brauchen -sie nur zu tun? Sie legen sich hin und sterben gleichfalls. -Haha, es ist fabelhaft! Legen sich hin und sterben. Ich -aber, ich? ich muß noch lange, lange leben, muß schaffen -und streben und mein goldenes Kleid aus lauter verknöselten -Fäden weben. -</p> - -<p> -Ach, und es geht mir so schauderbar viel durch den -Kopf, was ich nie im Leben zu Papier bringen werde. -Ich glaube übrigens, es wird besser mit mir werden, -wenn ich erst wieder gehen kann. Dann läuft sich vieles so -an den Sohlen ab. Aber die Beine, o je! Ja, das kommt -von der Krankheit. Glaube mir, Papa, es war die reine -Hölle! Ich will mal sehn, ob ich es Dir beschreiben kann. -</p> - -<p> -Das Schlimmste war — abgesehen von dem ganz, dem -besonders Schlimmen — das lange Fahren. Immer dieser -<a id="page-296" class="pagenum" title="296"></a> -merkwürdige Wagen ohne Pferde, in dem ich vorne -so angeschmiedet saß, als wäre ich ein Stück mit ihm, -und neben mir auf dem Bock — meist war es wohl Helene, -die fuhr, aber auch Andre müssens gewesen sein, die -allesamt, wenn ich mich recht erinnere, munter und gesprächig -waren — untereinander —, während ich selber -keinen Laut äußern konnte und nichts begriff und nichts -fühlte als den entsetzlichen Druck, in den mein ganzes -Sein eingepreßt war. Und dann die schaurige Langsamkeit! -(Seltsam, wenn wir uns sagen, daß es in Wirklichkeit -doch kaum Minuten waren, während ich umgebettet -wurde, und doch diese Unendlichkeit, zu der das Delirium -die Minuten dehnte! Es ist also gewiß, daß es nur außerhalb -unsrer, und für uns nur insofern wir mit dem Äußern -in bewußter und vernünftiger Beziehung stehn, Zeit giebt, -nicht aber in uns selbst.) Fahren, fahren und nicht vorwärts -kommen, manchmal zwischen den unsäglich grauen -Feldern, ohne Himmel, jedoch immer bedrückt von der -schweren Niedrigkeit, unter der sich alles bewegte, dann -wieder die endlose Mauer entlang, endlich durch die Höfe, -die zahllosen Höfe, dann die Räume dieses öden Hauses, -das nichts hatte als seine Wände, langsam, grauenvoll -langsam, immer wieder Stillstand, bis ich endlich lag, angeschmiedet -wieder ins Liegen wie zuvor in den Sitz (und -es kam wohl, weil sie mich unter den Armen und Knieen -faßten beim Umbetten, daß ich mich so in halb sitzender -Stellung befand — das Fahren! — jedoch schwer hing -und nicht saß), bis ich dann merkte, daß sie mich ja wieder -aufgehängt hatten, an den Füßen aufgehängt an der -Wand, ohne daß ich mich bewegen konnte, wobei ich doch -<a id="page-297" class="pagenum" title="297"></a> -nicht eigentlich hing, sondern lag — ein im Wachen nicht -vorstellbarer Zustand, das heißt ich hing, aber um mich -herum war alles, wie wenn ich wagerecht läge. Und daß -dies immer wieder kam! Und immer waren sie Alle herum, -Onkel Salomon, Magda, Renate, Du Papa, Virgo, -Schley, Klemens, sprachen miteinander, nichts war für -mich zu verstehn, ich flehte, ich war für sie gar nicht vorhanden. -Es war die Hölle! Ich glühte festgegossen, -hing, — ach, Sigune, hast du nicht auch so gelegen, den -Kopf hintenüber, das Genick schon versteift? Hast du -nicht ganz das selbe ertragen? Sieh, so habe ich es dir -nachgelitten! -</p> - -<p> -Doch war dies alles ja nichts gegen — das Große. -</p> - -<p> -Mich friert, wenn ich nur das Wort denke. Beschreiben -kann ichs Dir nicht mehr, es läßt sich ja nur träumen. -Es war nur Empfindung. Es war Nacht, — und ich war -selber die Finsternis. Ich war ausgedehnt und überall. -Es war das Große, das ungeheure schwarze Wälzen vor -mir, über mir —, und ich selber war das Wälzen. Ich -war zum Giganten geschwollen und hatte eine entsetzliche -Angst, nicht wieder klein sein zu können. Ich sollte das -Große umwälzen, es war ein grauenvoller Drang, umzuwälzen, -und es wälzte mich um. Es war eine so wahnsinnige -Angst ... Nein, kein Großes, kein Wälzen, kein -Ich. Nur Angst. Es war das Sterben. -</p> - -<p> -Und doch — ich erinnere mich — es war schon einmal -da, das Große. Wie ich die Masern hatte als Junge, -war es da, und als ich, ganz klein, Lungenentzündung -hatte, muß es dagewesen sein. Ja, und damals selbst -kann ich es nicht zum ersten Mal erlebt haben; damals -<a id="page-298" class="pagenum" title="298"></a> -schon — ich erinnere mich — muß ich mich erinnert haben, -wie ich mich heute erinnere. Und ja — mein Gott! ich -glaube, das Fürchterlichste war die Erinnerung, daß es -schon einmal da und damals schon nicht zum Ertragen -gewesen war. Und Erinnerung eigentlich war die ganze -Angst, — aber wann? wann? -</p> - -<h5 class="subsection"> -VI -</h5> - -<p class="noindent"> -Dieser besonders gute Jason war eben da und erzählte -mir etwas Niedliches, das ich meinem lieben Papa nicht -vorenthalten will, doch muß ich einige Erklärungen vorausschicken. -</p> - -<p> -An jenem 31. Juli nämlich, der uns am Abend die -Trennung brachte, wo der große Mummenschanz war, -mit einem Wort: an jenem besondern Tag, das heißt -während seiner ganzen ersten Hälfte war ich — kurz und -gut: gewissermaßen berauscht. Damals wußte ich es natürlich -nicht, das heißt als ich es nicht mehr war, da fiel -es mir auf. Es war jedoch ein besondrer Rausch, nämlich -nicht im Kopf allein, sondern in allen Gliedern, es -war ein ganz rasendes Behagen, es war <span class="antiqua">quasi</span> nichts als -ein ganz gewaltiges, besondres Strotzen von Lebenskraft. -</p> - -<p> -Ja, und noch etwas! In der Nacht vorher hatte ich -— sagen wir: Erscheinungen. Nun, wo Jason mir alles -erklärt hat, erinnere ich mich erst deutlich wieder. Ich saß -nämlich um die besondre Mitternachtstunde oben auf der -Sternwarte, weintrinkenderweise, eine etwas romantische -Idee, obwohl ich im allgemeinen kein Romantiker bin. -Dann erschien auf einmal jener Montfort bei mir, Josef, -dann kamen diese optischen Erscheinungen, Kugeln aus -<a id="page-299" class="pagenum" title="299"></a> -Feuer und so weiter, auch so besondre Ausfälle im Gesichtsfeld, -wie man das nennt, und schließlich stellten sich -drei Gugelmänner vor, so besondre Femrichter, die allerlei -unvergeßliche Dinge sagten, das heißt — nun habe ich -sie ja doch vergessen. Bis auf eins: den Vornamen meiner -richtigen Mutter, nämlich Kaja. -</p> - -<p> -Und nun höre diese entzückenden Zusammenhänge! Ja, -also am 31. nachmittags kam doch jener Klemens mit -einem in russischer Sprache abgefaßten Brief meiner -Mutter, den Virgo ein paar Tage vorher irgendwo gefunden -hatte, und in eben dem drin stehen sollte, daß die -Schreiberin meine Mutter sei, ich hielts nicht für wichtig, -ihn zu lesen. Mit diesem Brief in der Hand war besagter -Klemens nun die Tage vorher umhergelaufen (entschuldige -gütigst: vorher umher klingt abscheulich, aber es -langweilt mich nun schon ein wenig!) auf der Suche nämlich -nach einem besondern Russen, der ihn übersetzen -könnte. Wen findet er am Ende? Natürlich jenen Jason, -der bekanntlich alle Sprachen spricht, aber siehe da: dor -hatt en Uhl seten, und er konnte wohl und konnte auch -nicht, das heißt, der Brief war so unleserlich, Jason fehlten -ein paar besondre Worte, und kurz und gut, ihm fällt -ein, daß ja dieser Josef Montfort vorhanden ist und grade -aus Rußland gekommen, und nun wandern sie selbander -zu ihm, das heißt in das Haus von Maler Bogner, wo -Montfort wohnt. -</p> - -<p> -Und wie sie dahin kommen, was herrscht daselbst? Allgemeine -Heiterkeit! Es hatte nämlich besagter Montfort -aus Südamerika, wo er auch gewesen ist (in dem Lande -der Chinesien bin ich auch einmal gewesien!) ein besondres -<a id="page-300" class="pagenum" title="300"></a> -Gift mitgebracht namens Macu, das daselbst von -den Indianern zu Kultzwecken gebraucht wird, und dessen -besondre Wirkung eben darin besteht, wunderbare optische -Erscheinungen hervorzurufen. „Und da,“ sagt Jason, -„da sitzen sie nun auf einem Berge, diese guten Indianer, -und machen sich gegenseitig ihren schönen blauen -Dunst vor.“ Das selbe nun taten allda jener Maler, -Montfort benebst seinem Chinesen — er hat einen Chinesen! -—, seine Freundin Cornelia und sein Freund Saint-Georges, -der zu diesem Zwecke geladen war. Auch Jason -sagte natürlich: gieb mir die rote Speise, — und so war -es eben. Wie nun aber Jason, oder vielmehr Klemens -seinen Brief herauszieht, was kommt zutage? Josefs -Kenntnisse in Russisch sind überaus mangelhaft, aber sein -Chinese, der kann es glänzend, bloß — er kann nun wieder -keine russischen Buchstaben lesen, und kurz und gut: da -sitzen sie schließlich allesamt und raten auf den Brief und -bekommen ihn auch schließlich heraus. -</p> - -<p> -Siehe, da sagte jener Montfort: bedeutsame Vorfälle -und so weiter, mit einem Wort: ob ich nun schon wisse, -was in dem Brief geoffenbart wurde, oder nicht, und ob -Klemens es mir sagen würde oder nicht (derselbe nämlich -ging wieder fort und sagte, er wollte es sich überlegen, -und das tat er auch den ganzen folgenden Tag lang), -ihre Pflicht sei, mir eine besondre geheimnisvolle Warnung -zukommen zu lassen; ein schöner Gedanke, nämlich in -Hinsicht auf die königliche Würde, die ich in jenen Tagen -auf mich zu nehmen gedachte, und Montfort in seiner -ungeheuren Beredsamkeit dringt so lange auf die Andern -ein und entwirft so köstliche Bilder und so weiter, daß sie -<a id="page-301" class="pagenum" title="301"></a> -allesamt einsehn: es ist notwendig, es muß geschehn. So -kauften sie denn am folgenden Tage — nämlich das heißt: -Montfort und Saint-Georges, und Jason sollte dabei -sein, weil er eine so musikalische Stimme hat und am besten -Verse aus dem Stegreif aufsagen kann — kauften sie -diese besondren Femrichtertrachten, und das Gift nahmen -sie auch mit, um es mir zu verabreichen, dieweil, -wenn ich schon vorher Erscheinungen hätte, ich auch die -Gugelmänner für ebensolche halten würde. Jason, das -muß ich noch sagen, war eigentlich abgeneigt, allein was -geschieht? Zu ihm kommt jener Sigurd, und wie Jason -das einmal an sich hat: Sigurd beichtet ihm alle Tyrannendolche, -die er in seinem Gewande trägt, und Jason? Ja, -da meinst Du nun wohl, er habe die Obligation gehabt, -zum Kadi zu rennen, allein da kennst Du den Jason zu -schlecht. Der weiß nämlich haargenau, daß er an etwas, -das geschehen soll, nicht das geringste ändern kann. Er -kann nicht eingreifen, er ist gleichsam handlos oder bloß -Kopf, oder wie er es ausdrückt: er wäre nur eine Begleiterscheinung. -— Immerhin findet er sich bewegt, Kopf zu -sein und ergo mit Femrichter zu spielen, — bin ich klar? -</p> - -<p> -Und siehe da, wie sie um Mitternacht zum Schlosse -wandeln, was geschieht? Sie sehen meinen Schatten oben -auf der Sternwarte. Nun kommt Montfort herauf, um -Hausgelegenheit auszubaldowern, wie die Gauner sagen, -„und da saßen Sie ja“, sagt Jason, „und tranken Ihren -herrlichen Christitränenwein, oder wie solche besondren -Weine heißen“. Nun, und kurz und gut, das Gift ist im -Wein, ich trinke, Montfort schwand ‚und Goethe schwindet, -und wer unbelohnt gelitten, strahlt in neuer Herrlichkeit‘ -<a id="page-302" class="pagenum" title="302"></a> -und so weiter. Und dann kamen sie, und es war alles schauerlich -und sehr schön, bloß ich natürlich, ich schlug alles in -den Wind, naturgemäß — meiner Natur gemäß —, das -heißt: in diesem Fall war ich gewissermaßen unschuldig, -denn eben jenes besagte Macugift hatte neben jener optischen -auch die Wirkung, während der optischen äußerst -schlaff und elend zu machen, hinterher jedoch eben jenes -Strotzen von besondrer Lebenskraft hervorzurufen, das -mich am folgenden Morgen prompt überfiel. Aber es war -doch sehr schön, und ich bilde mir schon was darauf ein, -so besondre Heroen wie diesen Josef und gar Jason zu -meinem Seelenheil in Bewegung gesetzt zu haben, und -dieser Josef hatte ja auch noch eine sehr feine Idee, nämlich -einen Schmetterling, auch aus Südamerika. Er war -so groß wie meine Hand, ganz blau wie lauter Türkise, -und dran hing eine seidene Schleife, auf deren Bänder -die Drei ihre erlauchten Namen eingetragen hatten, worauf -sie das Ganze irgendwo in meinem Palast anbrachten, -damit ich am andern Tage wenigstens wüßte, wers -gewesen war, aber siehe da, was geschieht? Ich wußte -es ganz und gar nicht. -</p> - -<p> -So geht es, Papa, so geht es! Aber nun muß ich leider -aufhören, ich hätte allerdings noch viel zu sagen, aber -Du mußt verzeihen, ich bin so fürchterlich müde! -</p> - -<h5 class="subsection"> -VII -</h5> - -<p class="noindent"> -Ach Gott, nein, sind die Menschen dumm! das ist ja -nicht auszuhalten! Im allgemeinen weiß mans ja, aber -diejenigen, die einem besonders nahestehen, die hält man -doch gemeinhin für Ausnahmen. -</p> - -<p> -<a id="page-303" class="pagenum" title="303"></a> -Heute war mein Freund Benno da, zusammen mit der -kleinen Virgo Schley. (Da ich mir bisher alle Besuche -verbeten hatte, meinten sie wohl, es wäre ein Aufwaschen.) -Virgo — ich irre mich doch nicht, daß Du sie einmal bei -mir kennen gelernt hast? — brachte inzwischen Zwillinge -zur Welt, was merkwürdigerweise auf ihr Äußeres nicht -den geringsten Eindruck gemacht zu haben scheint, und -sie sieht nach wie vor süß und wie ein halber Knabe aus. -Nur weniger unschuldig; den besondren Ausdruck aller -jungen Frauen von Wissen ohne rechtes Begreifen, weich -und ein bißchen erstaunt, den hat sie schon. Von ihren -Kindern erzählte sie naturgemäß tausend Geschichten. -Benno schwieg sich aus in Kindheit, Rührung und vermischten -Gedichten. Von Dir schwiegen sie natürlich, die -überaus Zarten. Als sie im Begriff zu gehen sind, frage -ich, ob ich vielleicht Grüße an Dich ausrichten soll. Was -ereignet sich? Allgemeines Staunen. Nun und so weiter, -ich habe keine Lust, ihre Dummheiten obendrein zu Papier -zu bringen. Dennoch, dieser Mensch! Da waren wir nun -so und so viel Jahre lang ein Herz und eine Seele, und -nun stellt sich heraus: alldas war bloß Oberfläche. Er ist -so flach wie eine Furt für Kühe. Nun, er heiratet ja demnächst -auch diese japanische Ente, die er sich da angebändelt -hat. Obendrein rückt er mit der Absicht heraus, durch -meine Vermittlung eine demnächst freiwerdende Korrepetitorstelle -am Hoftheater zu erhalten. Wer dahintersteckt, -war zu erraten: die dicke Person von Schwiegermutter, -der die Unterstützung eines ums Haar zu den -Toten versammelt gewesenen gekrönten Freundes nicht -geheuer scheint. Mag er denn hingehn zum Theater -<a id="page-304" class="pagenum" title="304"></a> -und sich die Seele vollends verschandeln lassen. Die nächste -Forderung der Dicken wird wohl sein, daß er eine Operette -komponiert von wegen der Tantièmen und so weiter. -</p> - -<p> -Gute Nacht, Papa, ich bin heute zu abgespannt zum -Schreiben. Dies mit Benno hat mich auch wieder recht -aufgeregt. Armer Benno! Da hängt er nun wie der -selige Absalon mit seinem langen Haar an den Ästen -meines Nervenbaums, und noch habe ich die Kraft nicht, -ihm den Gnadenstoß zu versetzen. Ach, könnte ich nur -gleich den ganzen Baum bei den Wurzeln abhacken und -ins Feuer werfen! Etwas derart muß ja geschehn, ich -weiß, damit die Seele ganz frei und rein werde — für -Dich! Du willst keine Götter neben Dir haben — o nimm -doch nur, nimm alles, was Du willst, wäre es nur mehr, -was ich geben könnte, jeden Freund, jede Geliebte, alles, -alles will ich Dir ja zum Opfer bringen, leichter zu werden, -eisiger, ruhiger im Beschreiten des Weges zu Dir! -</p> - -<h5 class="subsection"> -VIII -</h5> - -<p class="noindent"> -So nüchtern und kalt und altersschwach wie jeder bisher -sah mich heute der Morgen an, der mich aus einem -Traum von Dir weckte. Ich hatte schon alles zur Abreise -nach Helenenruh vorbereiten lassen — Doktor Birnbaum -übersiedelt mit mir, um die Verbindung zwischen -mir und den Regierungspersonen aufrechtzuhalten, obschon -ich gestehen muß, daß ich noch nicht mehr tun kann -als unterzeichnen, was er mir vorlegt —, und nun zögere -ich wieder. -</p> - -<p> -Mir träumte, daß ich in Trassenberg ankam und in -die Gruft hinunterstieg, zu der aber die Treppe in den -<a id="page-305" class="pagenum" title="305"></a> -Grabenrest am alten Pallas hinabführte. Das Gewölbe -unten, in das ich gelangte, war aber leer, zuerst. Dann -erkannte ich ganz in der Ferne vor einem bunten Fenster -Birnbaum, der an einem Tisch saß und in einen sonderbaren -Trichter hineinsprach. Es war sehr still, mir war -ängstlich, weil Du nicht da warst, dann bemerkte ich eine -Tür, und wie ich behutsam näher trat, sah ich Dich in einem -kleinen, ganz kahlen und niedrigen Raum sitzen auf einem -Stuhl. Du hattest Dein gewöhnliches Aussehn, saßest -ganz still da, die Hände geschlossen auf den Knien, und -sahst nach dem Fenster hin. Meiner hattest Du nicht acht, -und wie ich dann näher zusah, waren auch Deine Augen -geschlossen, und Dein Gesicht war ganz gelb. Plötzlich -wendetest Du Dich, öffnetest schwer die Augen und sahst -mich fremd an ... -</p> - -<p> -Früher einmal gab mir Josef einige Anweisungen zur -Traumdeutung, aber hier versagen sie mir ganz, und es -scheint mir auch verboten. -</p> - -<p> -Aber es soll wohl so sein, daß es täglich schwerer wird. -Helenenruh wäre ja eine Erleichterung. -</p> - -<p> -Wieder eingeschlafen über dem letzten Satz. Mich -friert immer noch so trotz hundert Decken, ich sitze vor der -Gartentür — das heißt also: im Zimmer — und versuche -an den nassen Blättern der Büsche zu erraten, ob es -regnet oder nicht. In Helenenruh, denk ich mir, scheint -die Nachmittagssonne auf die Dächer, die Schwalben -kreisen um die Türme, ich sehe sie, wie ich sie immer sah: -die Luft über dem Schloß ist wie ein riesiger Trichter, -gefüllt mit dem Durcheinanderjagen der hundert schwarzen -Flügelleiber; manchmal, wenn eine sich herumwirft, -<a id="page-306" class="pagenum" title="306"></a> -sehe ich die weiße Brust; sie kreuzen sich wie lange gebogene -Klingen, und außen um den fernsten Rand des -Trichters streichen ein paar ganz eilige in großer, sausender -Fahrt. Mariä Geburt — Ziehen die Schwalben furt. -— Ich habe so eine Ahnung, als ob Mariä Geburt um -diese Zeit sein müßte. -</p> - -<h5 class="subsection"> -IX -</h5> - -<p class="noindent"> -So schreibe ich Dir denn doch heute aus Helenenruh, -aber wenn ich zuletzt etwas von Erleichterung sagte, so -muß ich das zurücknehmen. Eher dürfte es schwerer geworden -sein. Ich möchte nur wissen, was es eigentlich -ist! Aber es läßt sich nicht feststellen. Ich bin einfach -ganz schwer geworden. Von Sonne keine Spur. -Wind und Strichregen, dazu viel welkes Laub. Rosen -blühn noch unter der Terrasse. Ich versuchte es mit dem -Gehn, hielt auch schon eine kleine Viertelstunde aus, aber -dann dachte ich, daß Du es ja auch nicht bis zum richtigen -Gehen gebracht hast, solange Du hier warst, und -nun sitze ich wieder unter meiner Decke, immerhin im -Freien. -</p> - -<p> -Es ist ja auch alles leer hier. Von uns Allen blieb -nur Birnbaum mit seiner Arbeit. Übrigens bin ich mit -Deiner gütigen Erlaubnis in Dein Schlafzimmer eingezogen -und in das große Bett mit den geschnitzten Evangelistentieren -auf den vier Pfosten — Bewunderung und -Ehrfurcht der Kindheit! -</p> - -<p> -Aber sage mir, warum nur dies mich so besonders erschreckte? -Bei meinem heutigen Gehversuch gelangte ich -bis zu Helenes Grab und betrat, um mich etwas auszuruhn, -<a id="page-307" class="pagenum" title="307"></a> -den Pavillon, in dem noch der Sessel von Dir stand. -Auf einmal, wie ich da saß, entdeckte ich auf dem Bretterboden -das zertretene Ende einer Zigarre von Dir. Oh -Gott, ich kann nicht sagen, wie das mich entsetzte! Es -war ein so leibhaft lebendiges Stück von Dir, und nun -ist mir, als hättest Du mich drohend angesehn aus dem Fußboden. -Die Rechenschaft, ja, ich weiß, ich weiß ja, ich schob -sie immer noch hinaus, es ist die alte Schwäche, allein — -gedulde Dich nur noch zwei Tage, nur noch einen! Es ist so -schwer, ich habe noch immer nicht alles beisammen, es sind -immer noch ein paar Lücken da, aber wer kann denn inständiger -als ich hoffen, zum Ende zu kommen! Morgen -ganz bestimmt, oder wenn nicht dann, übermorgen sollst -Du mich bereitfinden! Rechne darauf! Ganz bestimmt! -</p> - -<h5 class="subsection"> -X -</h5> - -<p class="noindent"> -Es dröhnt die riesige Posaune des Letzten Tags; an -Felsen, an Grüfte, an Totes schlägt das Engelswort: -Auf! und da kommen sie hervor, staunend, schwankend, -erlöst, aber siehe da — welche Verwandlung ging mit uns -vor nach diesem Tod? Keine, keine, denn wehe uns, wir -haben nichts vergessen, es ist alles da, was wir verließen, -in unsrer Erinnerung grauenvoll da, jedes Jahr, jede -Stunde und Minute, jedes Wort, jeder Blick, jeder Schritt -und Gedanke ist mit uns lebendig geworden, warum? -Rechenschaft abzulegen darüber. -</p> - -<div class="poem-container"> - <div class="poem"> - <div class="stanza"> - <p class="verse">O Gabe des Vergessens, die allein</p> - <p class="verse">Uns möglich macht das ungeheure Leben!</p> - <p class="verse">Du wundervoller Allernächtewein,</p> - <p class="verse">Von dem wir trunken über Schlünden schweben!</p> -<a id="page-308" class="pagenum" title="308"></a> - <p class="verse">Der gute Heiland wußte, was er tat,</p> - <p class="verse">O Lazarus, als du im Tod erschlafft;</p> - <p class="verse">Er kannte wohl die nicht geheime Kraft,</p> - <p class="verse">Er sah die süße Schwester, die ihn bat,</p> - <p class="verse">Und lächelte dich los aus deiner Haft.</p> - <p class="verse">Der Honig von der Götterlippe schmolz</p> - <p class="verse">Und tropfte Süße in dein krankes Herz,</p> - <p class="verse">Und Grünes sproß aus dem verdorrten Holz,</p> - <p class="verse">Da sahst du auf, und dieser Blick war Schmerz.</p> - <p class="verse">Der erste wars, an dem Erinnerung</p> - <p class="verse">Von innen saugte in die Nacht zurück.</p> - <p class="verse">Der zweite Kosten schon, der dritte Trunk,</p> - <p class="verse">Und alle andern waren wieder Glück ...</p> - </div> - </div> -</div> - -<h5 class="subsection"> -XI -</h5> - -<p class="noindent"> -Nun sieht auf einmal der Himmel mich an. Es ist Abend. -Hinter dem Eichendickicht im Westen lodert ein scharfes Gold. -Der südliche Himmel von graublauen zarten Zügen, leise vergoldeten, -wölbt seine reine Muschel über mir. Selige Schale! -Geliebtes Gold, o geliebter Hauch, geliebte Bläue, dein Anblick -ist schmerzlich, wie er es dem Verbannten sein muß, der -das goldene Abendwunder der Heimat sich über fremdem -Ufer entfalten sieht, — erinnernd an alles, was einmal war. -</p> - -<p> -Übrigens bemerke ich, daß ich nichts datiert habe in diesen -Briefen. Da es mich auch nichts angeht, ob es Stunden -sind, Tage oder vielleicht schon Wochen, die vergingen, -während ich schrieb, und sie also einer wie der andre das -Siegel einer und der selben Stunde an sich tragen, so -muß es wohl heißen, wie C. F. Meyer an seine Schwester -schrieb: ‚Aus allen Augenblicken meines Lebens.‘ -</p> - -<h5 class="subsection"> -<a id="page-309" class="pagenum" title="309"></a> -XII -</h5> - -<p class="noindent"> -Kennst Du diese Verse von Greiner, Papa? -</p> - -<p> -Und immer fremder sind mir Tag und Räume ... -</p> - -<div class="poem-container"> - <div class="poem"> - <div class="stanza"> - <p class="verse">Was weht um mich? Man sagt: ein Menschenwort.</p> - <p class="verse">Was rauscht um mich? Man sagt: die alten Bäume,</p> - <p class="verse">Die rauschen noch aus deiner Kindheit fort.</p> - <p class="verse">Und Gärten stehn im abendlichen Land,</p> - <p class="verse">Ihr Schatten grüßt mich kühl und altbekannt.</p> - <p class="verse">Ich aber wandre dunkel fort, im Innern</p> - <p class="verse">Ein uralt Schattenbild, das leise weint.</p> - <p class="verse">Die nenn ich Mutter, diesen nenn ich Freund</p> - <p class="verse">Und lächle tief und kann mich nicht erinnern.</p> - </div> - </div> -</div> - -<p class="noindent"> -Sie passen — und sie passen auch nicht. Ich kann mich -nicht erinnern, wie ich einmal als ein Andrer gelebt habe, -damals als all dieses um mich her war, wie es heute ist, -und doch anders, oh so anders! Oder ist dies kein Leben -mehr? Es wird sich mit der Zeit herausstellen, ob es -Leben ist, und ob es möglich sein wird, es zu leben oder -nicht. Sollte jenes der Fall sein, so müßte es mir in der -Tat gelungen sein, die ganze Oberschicht menschlichen -Wesens, die uns gemeinhin bedeckt, abzukratzen (<span class="antiqua">grattez -le Russe</span>!), die ganze moralische Haut sozusagen, jene, in -der auch das sogenannte Gewissen steckt, das Alltagsgewissen, -nach dem man so behaglich lebt, dieweil es mit -Gründen für alles voll steckt wie ein Brombeerbusch im -Oktober. Möglich, es ist so. Möglich, das qualvolle -Unbehagen, das mir das jetzige Leben verursacht, kommt -davon, daß ich die Haut verlor und nun schauderbar -<a id="page-310" class="pagenum" title="310"></a> -friere in der Nacktheit. Worauf es ankäme, wäre dann -wohl, nicht, wie ich es unbewußt bereits vorhaben werde, -eine neue Haut zu bilden — die nur die alte werden -könnte —, sondern vielmehr den Zustand der Hautlosigkeit -als dauernden zu ertragen, mit Frieren aufzuhören, -ihn lebensfähig zu machen. -</p> - -<p> -Wie soll mans nennen? Nur — Mensch zu sein. Alle -Strahlen des Lebendigseins aufzufangen — mit keiner -spiegelnden Netzhaut, die Bilder hervorfluten läßt und -verwirrende Gestalten —, sondern sie aufzusaugen in den -innerst glühenden Kern des Menschseins, wo sich von -selber zu ätherischer Reine und Klarheit die ewigen Begriffe -bilden, die zeitlosen, die unwandelbaren Formen, in -denen die Gottheit sich darstellt. -</p> - -<p> -Aber das sind alles wohl nur so Ausdrücke ... -</p> - -<p> -Fest steht, daß ich bis zum 31. Juli dieses Jahres -nichts weiter war als ein blasser und nichtemal besondrer -Nervenbaum. Nun sehe ich, daß ich in den Zweigen -oben eine nahezu völlig unbenützte Seele sitzen habe, — -leider keinen goldenen Fasan, sondern so ein besondres -Zwitterding von Sperber und Nachtigall. Warum es -so stille sitzt, darf uns nicht wundern. (Total verlaust!) -</p> - -<h5 class="subsection"> -XIII<br /> -Rechenschaftsablage an meinen Vater -</h5> - -<p class="noindent"> -Zuvor habe ich zu gestehen, daß der einzelnen Schuldposten -einerseits so viel sind, und andererseits in einem so -besondren Durcheinander über die Blätter des Schuldbuches -verstreut, daß ich den Vorschlag eines besondren -<a id="page-311" class="pagenum" title="311"></a> -Verfahrens machen möchte, nämlich daß ich die einzelnen -Hauptposten zusammenstellen darf in der Art jener kindlichen -Spielzeugkästen, bestehend aus einem Dutzend -würfelförmiger Holzklötze, als welche zusammen mit jeder -ihrer Seiten ein Gemälde herstellen, mit dessen Einzelquadraten -besagte Seiten beklebt sind, und es bleibt -nur noch zu erwähnen, daß in meinem Falle jeder Teil -jedes vorgestellten Bildes so wenig im eigentlichen Sinne -als Bruchstück erscheint, als jede geistige, sinnliche Vorstellung -in ihrer Art immer eine Ganzheit zu haben scheint, -— das heißt also gleichfalls die Form eines Bildes. -</p> - -<p class="tb"> - -</p> - -<p class="noindent"> -Ich fange an! Erstes Bild: -</p> - -<p> -Ein Mädchen, das ich vielleicht liebte, hieß Esther. -Hier steht sie, in der Hand eine sogenannte Gänseblume, -an der sie zupft: Liebe ich ihn? Liebe ich ihn nicht? -Andrerseits sehen wir hier mich selbst, eine ähnliche -Blume zupfend: Ich liebe sie —, ich liebe sie nicht. — -Weiter: Eine Abschiedsszene. Sie — will nach Amerika, -um dort gewissermaßen zu heiraten. Will — will auch -nicht. Ich — möchte sie wohl halten; will — will auch -nicht. Letztes Stück: Ein Schiffsuntergang mit Pauken -und Trompeten; sie ertrinkt. -</p> - -<p> -Summa: Ich bin der Schuldige am Untergang dieser -hülflosen Seele. -</p> - -<p class="tb"> - -</p> - -<p class="noindent"> -Zweites Bild: In einer Sylvesternacht las mein Vater -Briefe einer gewissen liebenden Cordelia, genannt die -arme Seele. Hier ist sie zu sehn, wie sie sich in inbrünstigem -Verlangen verzehrt, mir das Geheimnis ihres -Lebens zu öffnen. Hier zu sehen bin ich, wie ich gepeinigt -<a id="page-312" class="pagenum" title="312"></a> -bin von einem ähnlichen Verlangen. Hier zu sehen ist -Cordelia: tot. -</p> - -<p class="tb"> - -</p> - -<p class="noindent"> -Summa: Gesetzt, ich hätte die Kraft aufgebracht, zu -bekennen: wäre nicht die zwingende Folge davon ihre -Erleichterung zum eigenen Geständnis gewesen? Summa: -Ich bin der Schuldige am Tode dieser armen Seele. -</p> - -<p class="tb"> - -</p> - -<p class="noindent"> -Drittes Bild: Hier ist Sigune, eine blasse verwaiste -Pflanze. (‚Ich wünschte, daß vom Fenster sie verschwände!‘) -Hier der vielerseits bekannte Georg, eine -Art besondren Wirbelwinds. Hier liegt sie, ausgerissen. -</p> - -<p> -Summa, und so weiter. -</p> - -<p class="tb"> - -</p> - -<p class="noindent"> -Viertes Bild: Da wäre noch ein besondres Vorgeständnis -zu machen. Ich verschwieg, daß unlängst die vielerseits -bekannte Magda Chalybäus bei mir war, das heißt, -ich war eben wieder einmal eingeschlafen, und sie saß -neben mir wie der beste Engel, als ich erwachte. Obwohl -sie mich anzusehen schien wie immer, merkte ich wohl, daß -etwas keine Richtigkeit hatte mit ihrem Blick, und gleich -sehe ich folgende Bilder: -</p> - -<p> -Eine Frau, die einmal kürzere Zeit so eine besondre -Art Geliebte von immer Demselben war. Diese und jene -Szene der Eifersucht oder der ehrgeizigen Andeutungen. -Trennung. Jahrelanges Nichtvorhandensein in der Erinnerung -Desselben. Nun der wohlbekannte Festabend. -Jene Frau, genannt Cora, in der Maske einer Eumenide. -Scheint Magda wegen ihres von Renate geborgten -Kleides für dieselbe zu halten. Alberne (?) Drohungen. -Später Magda mit Demselben im Monopteros. Theatralischer -Überfall Coras mit einem Dolch. Ich weiß -<a id="page-313" class="pagenum" title="313"></a> -nicht: galt es mir oder galt es ihr? Ehe Derselbe dazwischen -fährt, sinkt Magda zu Boden. -</p> - -<p> -Nun, meinem Vater ist obgenannte Magda besonders -bekannt, und er kann sich demgemäß ihre Rede vorstellen -auf meine Frage nach ihren Augen. Oh, sie könne recht -gut sehn! Grade heute zum Beispiel sei es besonders gut, sie -sehe mich ganz deutlich, sie sei auch zum Beispiel ganz allein -zu mir durch das Zimmer gekommen, ja, es wäre geradezu -schade gewesen, daß ich eben schlief — und so weiter. Mit -einem Wort: blind. -</p> - -<p> -(Aber deswegen keine Ergriffenheit! Sondern standfest -jetzt, Auge in Auge, Zahn um Zahn, — auch abgesehen -von noch weiteren diesbezüglichen Ausführungen ihrerseits, -nämlich betreff einer gewissen besondren Prophezeiung, die -endlich in Erfüllung gegangen zu sehn Derselben eine besondre, -sozusagen seelische Genugtuung bereitete.) -</p> - -<p> -Summa: — — erübrigt sich wohl nach Analogie der -vorigen. -</p> - -<p class="tb"> - -</p> - -<p class="noindent"> -Ein Würfelklotz verfügt über sechs Seiten. Zwei blieben -noch leer. Auf eine derselben würde ich ja sehr gerne -mich bringen, wie ich am Tode Helenes schuldig bin, aber -— ich kanns drehen, wie ich mag: es will mir durchaus -nicht gelingen. Es scheint kaum erklärlich, aber vorläufig -muß es dabei bleiben, daß ich tatsächlich am Tode Helenes -<em>nicht schuldig zu sein scheine</em>. -</p> - -<p class="tb"> - -</p> - -<p class="noindent"> -Nun wären freilich die bisher aufgedeckten nur Zusammenhänge -äußerer Art, und ich käme nunmehr zum -Nachweis der besonderen, inneren Notwendigkeiten, nämlich -folgendermaßen in der Ordnung: -</p> - -<h5 class="subsection"> -<a id="page-314" class="pagenum" title="314"></a> -<span class="antiqua">Ad I.</span> -</h5> - -<p class="noindent"> -<span class="antiqua">A.</span> Allgemein. An dem Tage, wo es sich darum handelte, -Esther endgültig zu halten, war ich deshalb nicht -genügend bei der Sache, weil ich am nächsten Morgen -auf Mensur zu stehen hatte, einer, wie ich wußte, nicht -eben leichten Mensur, und so kam es auch. Ferner ist zu -sagen, daß ich in München bereits nach wenigen Wochen -Corpslebens wußte: es war eine — nun, seien wir gnädig -und sagen ein Irrtum. Gleichwohl wurde ich nicht nur -in A. wiederum aktiv aus unbesondrer Berauschtheit, -sondern beharrte auch dabei <em>wider besseres Wissen</em>, -nämlich aus purer Schwäche, will sagen <em>Unverstand -des für mein Leben notwendigen Tuns</em>. -</p> - -<p> -Gedankenlosigkeit, Schwäche, völlige Unkenntnis des -Notwendigen, des Einen, bei fortwährendem im Mund- -und im Hirne-Führen großartiger Plane, Gedanken, -Phantasiestücke in Napoleons Manier und so weiter — -das sind die Anklagungen. -</p> - -<p> -<span class="antiqua">B.</span> Besonders: Obendrein fortwährende Verwirrung. -In einem Kaffeehaus oder Chantant, einer Bar meinetwegen -war ich einmal Augen- und Ohrenzeuge eines besondren -Gesprächs zwischen den allerseits bekannten Josef -Montfort und Saint-Georges. Es wurde darin auf das -glaubwürdigste nachgewiesen, daß die seelische Versetzung -eines beliebigen Menschen in die Leiblichkeit eines Andern, -— kurz und gut: die Vornahme einer <em>Maske</em> unbedingt -führen müsse zum Unheil, <em>wo nicht zum Verbrechen</em>. -</p> - -<p> -Wer schlug dieses in den Wind seiner Berauschtheit? -(Immer Derselbe!) Nicht nur seiner Berauschtheit! Denn -bei völliger Nüchternheit des folgenden Nachmittags, in -<a id="page-315" class="pagenum" title="315"></a> -<em>einer Stunde höchster Notwendigkeit</em> war ihm -jenes Gespräch <em>klarstens</em> erinnerlich, er aber schlugs in -alle Windsbräute, nahm die Maske vor, und es begann: -uralte Verwirrung. -</p> - -<p> -Denn: ‚so begannst du, mein Tag — Von Verheißungen -voll‘: aus jahrelanger kindlicher Dumpfheit rauchte mit -unbekannter Geschwindigkeit hervor die Flamme des Verstandes, -die alle Dinge so überdeutlich — in einem Betracht -— zeigte, daß die Beschäftigung ihres Erkennens -ihm allein schon ruhmwürdig schien und ihn somit verschluckte, -alldieweil das genügsame Herz, gespeist mit -einigem Abfall, sich allein großzuziehn hatte. -</p> - -<p> -So geschah es denn <span class="antiqua">recte</span>, daß ich — Beispiel Magdas -zweite Errettung Jasons — allüberall mit Gedanken -handvoll bei der Hand, zu spät kam in den Augenblicken -des Fühlens oder Handelns. Die Ewigkeit habe ich allzeit -großartig begriffen; den Augenblick niemals. -</p> - -<p> -Immerfort mit mir selber im Schwunge wie mit einer -irrsinnig gewordenen Gebetskaffeemühle sah ich von jedem, -was vor mich hingeriet, stets so viel, wie der Blick aus -der Dreharbeit nach oben eben hergab. So kam der -Tag Esthers, und ich dachte an mich, scherte mich den -Henker um sie und — lieferte sie demgemäß dem Henker -aus. Seelisch immerfort großen Umgang pflegend mit -Heroen und Dämonen, war ich <em>immer unvorbereitet -für Bruder und Schwester</em>. So kam der Tag, wo -Cordelia zusammenbrach vor mir, wo schon das Geständnis -sich auf ihren Lippen wand wie eine flammende Schlange, -aber ich ließ mich gerne <em>beschwichtigen</em>, auf später -vertrösten, wo es zu spät war (denn immer ist später zu -<a id="page-316" class="pagenum" title="316"></a> -spät!), denn: der Mensch zwar hat eine besondre Membran -erfunden, so fein, daß er über Länder und Ströme -hinweg seiner Geliebten den Zustand seiner zärtlichen Gefühle -mitzuteilen vermag: eine Membran aber, innerstes -Empfinden der selben Geliebten ahnend aufzufangen im -Augenblick, wo Leib sich preßte an Leib, die zu erfinden -bemühte er sich nicht. Und ich, der ich ein Mensch bin: -<em>hatte ich nicht die Aufgabe, sie zu erfinden</em>? -</p> - -<p> -Ich? Freilich, es ist wahr, daß ich unter allen gewöhnlichen -Menschen nichts bin als ein ebenso gewöhnlicher -Mensch, und dennoch war ich nicht ganz ausgeschlossen -vom Besondren, will sagen: der Gnade. Augenblicke -erstrahlten schon ganz im überirdischen Feuer. Aus -Nacht und Buschwerk hervortretend die Erlauchte — oh -wie? durchflammte sie mich nicht mit einem Strahl -ihres Auges? war nicht eine einzige Wimper ihres Lides -stark und scharf genug zur <em>magischen</em> Durchbohrung, -und ich brannte auf lichterloh? Was denn erlosch ich -im Nu? Ich hatte doch die Kraft, das Schicksal über -mir zu empfinden, das mich in jenem Augenblick an ihre -Fußspur fesselte, und die Kraft, mich in meinen Grundfesten -erschüttern zu lassen! Warum war ich denn so lau -und so erbärmlich und gewöhnlich, daß ich nicht festhielt -mit Klauen und Zähnen, und warum ließ ich mich fortlocken -von jeder Stimme, die vorüberflog, jedem Bleiglanz, -jeder trüben eigenen Not, all dem Zuvielen? -Warum tat ich denn nicht, was not war, heftete mich an -das Eine, unlösbar, mit allen Gewalten Leibes und der -Seele, verfolgte es, setzte ihm zu, warf ihm immer neue -Schlingen um, wenn es die ersten zerriß, ließ nicht ab -<a id="page-317" class="pagenum" title="317"></a> -von ihm, wich nicht von seiner Seite, wurde taub und -blind gegen alles andre, gegen Blitz und Donner, Frühling -und Winter, Leben und Sterben, nur aufdürstend, -nur auflodernd in der Flamme! Statt dessen taumelte -ich so umher, war immer gut und niemals mehr, verirrte -mich in der Vielheit, sah immer — o holdes Wort der -Gepriesnen! — nur Masse, nur Masse, richtete nichts als -Unheil an und stand und stehe nun da endlich, die Hände -von Schätzen leer, aber übervoll von der Schuld. Wenn -ich das Eine getan hätte, wären mir nicht vielleicht Kronen -und was ich nur wünschte freiwillig in den Schoß geregnet? -Ich hätte gelebt, ich lebte noch, und Alle mit mir, -die nun dahin sind durch mich. Warum, ja warum <em>bin</em> ich -denn gewöhnlich, wenn ich Wort um Wort und Schale -um Schale <em>weiß</em>, wie man es macht, es nicht zu sein! -</p> - -<p> -In einer übertriebenen, wegen der Maske übertriebenen -eingebildeten Sicherheit raste ich mördrisch mit Keulen -umher, da im Gegenteil alles unsicher war, und unsicher -in Wahrheit bis ins Mark unaufhörlich tanzte ich herum -mit Lemuren und Chimären der tausend fernen Möglichkeiten, -immer ins Weiteste gerichtet, augenlos immer fürs -Nächste, die nächste Sigune! Ratlos bis ins Mark vor -lauter gedachtem Tunwollen war ich am Ende nur immer -froh, ja lieber nichts zu tun, als etwas <em>Bestimmtes</em>, -und Esther ging in den Tod, Sigune ging, und Cordelia -fragte ich nicht nach. -</p> - -<p> -Dreimal kam der Tod selber, um mich zu warnen — ich -überhört’ es! Oh die ewige Schande, nicht eher zu wissen -von einer Not, ehe man sie selber erfuhr! nicht eher zu -wissen vom Tod, ehe selber man starb. -</p> - -<p> -<a id="page-318" class="pagenum" title="318"></a> -Hemmungen, aha! Hemmungen der Tat, die hatte -ich gut und gern, aber hatte ich je eine einzige Hemmung -meiner Gedanken? In Erwartung der Geliebten — ich -konnte ja nicht einmal den Urin verhalten und dünkte mich -wahrhaftig zu lieben, als ob es möglich wäre, seine Notdurft -zu verrichten in der Stunde der Unsterblichkeit. -Magda, sie wars, die Jason aus dem Teich holte, Magda, -die ihn vor der Windmühle bewahrte, und ach, da blüht -nun meine Verworfenheit auf dem Mist, denn: Jason -retten, heißt das nicht, Gott selber aus dem Wasser ziehn? -Ich aber, ich wars nicht wert (obgleich dieser Bogner -sich damals hinstellte und die Hände aufhob: Danken Sie -Gott, Sire, daß nicht Sie diese Verantwortung und so -weiter!) und kann nun heulen und mich zerknirschen und -zerreißen am zu späten Tag, daß ich beim Ewigen ewig -dabeistehn muß <em>und darf es nicht tun</em>! Ist das die -Hölle? Ist das Höllenpein? Ist das auszudenken? Ja, -denke, denke du nur, laß die Schwäche groß handeln und -setze du den Grübelbohrer an Maler Bogner. Oh meine -Herren Richter, bilden Sie sich vielleicht ein, ich hätte -irgend was vergessen? Freiwillig geblendet hab ich mich, -an den Augen kastriert, als mein Herr Vater mir eine -gewisse besondre Mitteilung über meine Geburt machte, -und da tappte ich denn ins Leben hinein wie der blinde -gewesene Hengst Unkas, nur Eines, nur Eines in Nase -und Nieren, daß es mir ja nicht entwiche, o du heiliger -Mistgeruch aus der eigenen Stalltür: die <em>Gewohnheit</em>. -</p> - -<p> -Gewohnheit, das leirige Gleis, zog mich widerstandslos -dahin, und wo mir das Große, Heilige, Ewige entgegentrat, -den Blitz in den Händen, da zog ich hurtig die -<a id="page-319" class="pagenum" title="319"></a> -Weiche auf, da hielt ich hurtig den Ableiter vor, glitt glatt -weiter mein Gleis, geführt statt zu führen, und was — -statt des Erlauchten, Unsterblichen — was bekam ich? -Cora bekam ich, das Halbe, das Armselige, das Ding, ‚das -wie Gold ist aus Lehm‘, den Antichrist! -</p> - -<p> -Gnädiger Gott, der du bist! Wenn es denn möglich -sein soll, wenn es aus all diesem noch einen Weg geben -soll für mich, so bewahre mich vor dem einen: ja, wahrlich, -wenn ich auch mit Blut und Knochen, mit all meinen -Sinnen und Übersinnen wieder hinein muß ins Alte, — -so sei mir gnädig und verhilf mir zu dem Einen: nicht -der Gewohnheit wieder anheimzufallen mit meiner <em>Seele</em>! -Daß ich meine eigenen Gedanken sehe wie Sterne, meine -<em>eigenen</em> Gefühle fühle wie Blumen; daß ich nicht dem -Ungefähren nachtappe, wie ich das Pferd Unkas sich selber -nachtappen sah in den ewigen Stall! -</p> - -<p> -Ich bin zu Ende. -</p> - -<h4 class="section"> -Magda an Dr. Birnbaum -</h4> - -<p class="date"> -Waldheim, am 16. September -</p> - -<p class="adr"> -Lieber Onkel Salomon! -</p> - -<p class="noindent"> -Nun siehst Du, jetzt kann ich wieder schreiben! Es geht -sogar schon fast so schnell wie mit der Feder, und dabei -ist die Maschine, die mein Freund Jason mir besorgte, -nicht einmal eine richtige Blindenschreibmaschine; er hat -nur die Tasten, die eigentlich weiße Lettern auf schwarzem -Grund haben, mit weißen Plättchen belegt, weil ich die -zumeist doch sehen kann, und dann hat er auf jeden mittelsten -Buchstaben der drei Tastenreihen einen Tropfen -<a id="page-320" class="pagenum" title="320"></a> -Siegellack fallen lassen, so daß links und rechts sich auseinander -halten läßt, und ich kam wirklich überraschend -schnell vorwärts. — Heute wollte ich Dich bitten, doch so -gut zu sein und Mahlmann zu veranlassen, daß er drei, -oder am besten vier Zimmer im Gastflügel zurechtmachen -läßt. Mein lieber Freund Bogner ist nun nach fast sechs -Wochen so weit wiederhergestellt, daß er das Krankenhaus -verlassen darf. Er hat allerdings noch eine offene Wunde -im Rücken mit einer Kanüle darin, aber er darf sich doch -schon bewegen. Ich sprach zufällig von Helenenruh mit -ihm, und er erinnerte sich mit solcher Freude der hier verbrachten -Wochen, daß ich ihn eingeladen habe, dorthin zu -gehn. Eine sehr nahe Freundin von ihm, Frau Tregiorni, -wird ihn begleiten, und wahrscheinlich auch noch das -Fräulein Ring, durch die ich den Li habe, wie Du Dich -erinnern wirst. Ich selbst denke, in den ersten Oktobertagen -zu kommen und außer Renate den jungen Saint-Georges -mitzubringen; er ist gelähmt und wird dann -Schulferien haben. Ich würde eher kommen, wenn nicht -Renate zögerte; ihr Onkel ist leider von sehr zarter Gesundheit -und beansprucht ständig Aufmerksamkeit und -Pflege; sie wird deshalb auch wohl nur einige Tage in -Helenenruh bleiben. Mahlmann lasse ich dann bitten, -für die zwei oder drei Wochen meines Dortseins ins Gestüt -zu übersiedeln, da ich doch gern im alten Hause wohnen -möchte und der Gastflügel auch besetzt sein wird. Alldas -schreibe ich Dir, damit Mahlmann den Eindruck behält, -daß ich bei Georg zu Gast bin, und nicht umgekehrt. -Also vergieb, daß ich Dich zu Deiner vielen Arbeit auch -noch behellige! Da Du von Georg nichts schreibst, so -<a id="page-321" class="pagenum" title="321"></a> -nehme ich wie verabredet an, daß in seinem Befinden keine -Änderung eingetreten ist. -</p> - -<p> -Auf baldiges Wiedersehen also! Ich sehne mich sehr -nach Helenenruh! Ich werde ja nun eine zweite Kindheit -dort haben, denn damals, nicht wahr, damals war es -doch so, daß man die Dinge der Welt, die man sah, erst -mit Händen fühlen mußte, um sie zu kennen, und das -muß ich nun auch wieder tun. Ob meine Füße wohl die -alten Wege gleich erkennen werden? Ich freue mich schrecklich -darauf! -</p> - -<p> -Mit vielen Grüßen an Tante Flora in Liebe Deine -</p> - -<p class="sign"> -Magda -</p> - -<h4 class="section"> -Dr. Birnbaum an Magda -</h4> - -<p class="date"> -Helenenruh, am 17. Sept. -</p> - -<p class="noindent"> -Meine liebe Magda, Dein Brief wird mir im selben -Augenblick gebracht, wo ich mich hinsetze, um Dir zu -schreiben. Du mußt nicht erschrecken, von einer großen -Aufregung zu hören, in die ich durch Georg versetzt wurde, -denn es scheint nun vorüber zu sein, und ihretwegen wollte -ich Dir schreiben, indem ich mir vermute, von Dir, das -heißt eigentlich von Deiner Freundin, Fräulein von Montfort, -einige Aufklärungen erlangen zu können. -</p> - -<p> -Erlaube, daß ich gleich <span class="antiqua">in medias res</span> gehe. Gestern -äußerte Georg plötzlich die Absicht, den geisteskranken -Sigurd in seiner Anstalt zu besuchen, wofür er, als ich ihn -zu hindern suchte, als Grund anführte, es sei „gewissermaßen -seine christliche Pflicht“, Sigurd zu sagen, daß er -ihm den zugefügten Schmerz nicht anrechne. Er sprach -<a id="page-322" class="pagenum" title="322"></a> -die Hoffnung aus, ihn in einer klaren Stunde anzutreffen, -machte übrigens auch einige Andeutungen, dahingehend, -daß „Verschiedenes noch unaufgeklärt“ sei. Alles was -ich erreichen konnte, war die Erlaubnis zu einer telephonischen -Anfrage in Lauensee, auf die ich den Bescheid erhielt, -daß der Kranke nach einem letzten Anfall vor einigen -Wochen der Stumpfheit anheimgefallen, daß eine -Verständigung mit ihm also wohl ausgeschlossen sei. Leider -ließ ich mich dadurch beruhigen und setzte es nur durch, -daß ich Georg begleitete. -</p> - -<p> -Es nahm aber einen ganz bösen Verlauf. Sigurd erkannte -Georg sofort, es schien, als wollte er sich auf ihn -stürzen, doch begnügte er sich mit einem Strom von Flüchen -und Schimpfreden, nannte ihn Mörder, mit allen -möglichen Zusätzen des Wahnsinns, Vater-, Mutter-, -auch Schwestermörder, bis es uns gelang, Georg aus -dem Zimmer zu ziehn. Er war zusammengefallen, sein -Aussehn während der Fahrt war so, daß ich mitunter -glaubte, mit einer Leiche im Wagen zu sitzen. Einmal nur -sagte er etwas mir Unverständliches. Ich hatte ihn angerührt, -er schien mich zu erkennen, nannte meinen Namen -und sagte dann: Die sechste Seite! siehst du, nun -haben wir die sechste! worauf er an den Fingern rechnete -und sich verbesserte: nein, es stimmte ja doch nicht, die -fünfte wäre ja Helene, und das stimmte ja nicht, — oder -ähnlich. -</p> - -<p> -Liebes Kind, Du kannst Dir mein Erschrecken vorstellen, -aber höre erst weiter! Übrigens ist er, wie gesagt, -nun ganz ruhig, spricht überhaupt nicht mehr, geht aber -fortwährend, auch draußen bei dem nassen Wetter umher, -<a id="page-323" class="pagenum" title="323"></a> -während er früher nur immer dasaß und sehr viel schlief -und dazwischen hastig schrieb, Briefe wohl, doch bekam -ich nichts davon zu sehn. Der Himmel weiß, was daraus -werden soll, ich bin nun auch bald am Ende meiner Kräfte, -das mit dem Herzog hat mich gebrochen, die Arbeit häuft -sich von Tag zu Tag, meine alte Frische habe ich längst -nicht mehr. Dazu wieder die bösen politischen Aussichten! -Aber da komme ich ins Schreiben und verschwende meine -Zeit. -</p> - -<p> -In der Nacht nach unsrer Rückkehr arbeitete ich noch -in meinem Zimmer, die Türen zu Georgs Schlafzimmer -— dem früheren seines Vaters — standen offen. Plötzlich -hörte ich ihn drinnen stöhnen, dann in ein so verzweifeltes -Geschrei, Klagen und Anklagen ausbrechen, wie ich es -im Leben nicht gehört habe. Er hatte aber alle Türen -seines Zimmers abgeschlossen. Ich kann das nun nicht -beschreiben, er schrie einmal minutenlang nur immerfort: -die Hölle, die Hölle, die Hölle! Dann rief er wieder nach -seinem Vater, er schrie wie Sigurd: Mörder! und das -schien er auf sich selber zu beziehn, und auch Sigurds -Namen hörte ich und den seiner Schwester. Aber genug! -</p> - -<p> -Alldies ging mir nun durch den Kopf, es muß ja irgend -etwas Reelles dahinterstecken, eine Einbildung, eine Täuschung -vielleicht, die sich beheben läßt, und da fiel mir ein, -daß Deine Freundin vielleicht helfen könnte. Möchtest -Du so gut sein und sie noch einmal genauestens nach -ihrem Gespräch mit Sigurd in jener Nacht befragen? Da -kann ja der kleinste Umstand von Wichtigkeit sein, und -mir selber war in dem, was ich durch Dich erfuhr, einiges -unklar geblieben, zum Beispiel wollte mir in Sigurds Plan -<a id="page-324" class="pagenum" title="324"></a> -von der Beseitigung aller gekrönten Häupter die Ermordung -meines Herzogs niemals recht passen. Also sei so -gut, und wenn etwas Neues sich ergeben sollte, teile es -mir doch bitte gleich mit! -</p> - -<p> -Ich werde mich vor allem freuen, Dich recht bald hier -begrüßen zu können! Deine Anweisungen an den Verwalter -Mahlmann habe ich wunschgemäß befolgt. Ich -schließe mit meinen und meiner Frau herzlichsten Grüßen, -bitte auch, mich Deiner Freundin ganz gehorsamst empfehlen -zu wollen! In alter Treue Dein -</p> - -<p class="sign"> -Birnbaum -</p> - -<h4 class="section"> -Renate an Dr. Birnbaum -</h4> - -<p class="date"> -Waldheim, am 19. September -</p> - -<p class="adr"> -Verehrter Herr Doktor! -</p> - -<p class="noindent"> -Auf Magdas Bitte bin ich selber es, die Ihren Brief -gleich beantwortet. Allerdings glaube ich zu den erschreckenden -Dingen, die wir von Ihnen hören, einige Erklärungen -geben zu können, obgleich das meiste daran auch -weiterhin wohl nur zu ahnen bleibt. Wenn Sie Sigurd -Georg Mörder nennen hörten, so glaube ich, daß sich das -auf Sigurds Schwester beziehen soll. Etwas Ähnliches -hörte ich schon damals, nach Esthers Tode, von ihm, doch -blieben mir die Gründe dafür unbekannt. Daß Sigurds -Plan ursprünglich nicht gegen den Herzog, sondern Georg -gerichtet war, sagte er selber deutlich in unserm Gespräch. -Und dann weiß ich, daß er, Sigurd, der Meinung war, -Georg sei in die Gracht gestürzt und ertrunken, worauf -dann sein Attentat auf den Herzog nur ein schreckliches -<a id="page-325" class="pagenum" title="325"></a> -Glied in der Methode seines Irrsinns wurde. Und rechnen -Sie zu diesem, daß Georg mit durchnäßten Kleidern -gefunden wurde, daß auch Magda stets dabeiblieb, er -sei es gewesen, dessen Fall ins Wasser sie hörte, so brauchen -wir uns nur vorzustellen, in welch zerstörtem Licht -Georg die Geschehnisse und Zusammenhänge sehn mag, -um mit dem Scharfsinn seiner Krankheit alles zu erraten -und — auf sich zu beziehn; sich also für schuldig zu halten -am Tode seines Vaters. Was dem Außenstehenden nur -eine wenn auch furchtbare Verstrickung von Umständen -zu sein scheint, dahinein fühlt sich ja der selber Betroffene -mit Leib und Seele gerissen, der Kranke sieht Krankheit -überall, und wer schuldig sein will, Schuld. -</p> - -<p> -Magda läßt Ihnen tausend Grüße sagen, sie leidet -schwer unter ihrer Ohnmacht, die Neuheit ihres Zustandes -läßt sie sich auch für hülfloser halten, als sie ist. Sie -läßt Sie bitten, doch ja Georg unser Kommen rechtzeitig -anzumelden. Möglicherweise ist er ja ganz unzugänglich. -Wir werden, denk ich, am 1. fahren. -</p> - -<p> -Ich nehme so von Herzen teil, lieber, verehrter Herr -Doktor, an Ihnen und Ihren Sorgen und grüße Sie -mit: Auf Wiedersehn! Ihnen von Herzen traurig zugewandt! -</p> - -<p class="sign"> -Renate Montfort -</p> - -<h4 class="section"> -Georg an Magda -</h4> - -<p class="first"> -Aber so viel Zartgefühl scheint mir fast übertrieben, o -edle Seele! Ich eile, mich durch diese Zeilen nachträglich -als meinen Gast in Deinem Eigentum zu bekennen, nicht -mehr als Bogner, den ich plötzlich von weitem hier aufgetaucht -<a id="page-326" class="pagenum" title="326"></a> -entdeckte, — ich mocht ihn nicht sehn. Daß Helenenruh -Dein einziges Haben ist, dürfte mir bekannt sein, -während mir die ganze bewohnte und unbewohnte Welt -zur Verfügung steht. Dein Ergebener muß Dich jedoch -bitten, ihn der Einsamkeit zu überlassen, die er für seiner -nötig erachtet. Dieser Wink dürfte genügen, da mir bekanntermaßen -freisteht, eine Annäherung, die als feindlich -betrachtet würde, dadurch zu vereiteln, daß er sich in -andre Gegenden dieses mit Recht so beliebten <span class="antiqua">orbis picti</span> -begiebt. -</p> - -<p> -Es verbleibt mit besonders herzlichen Grüßen in seiner -Schuldigkeit: -</p> - -<p class="sign"> -Georg -</p> - -<h4 class="section"> -Von Georgs Hand geschrieben -</h4> - -<p class="first"> -Jener, vom bekannten Baron Münchhausen mit dem -Schwanz an eine besondre Eiche genagelte besondre Fuchs, -als welcher durch Peitschenstreiche veranlaßt wurde, sich -zu entfernen, den durch Gewohnheit lieb gewordenen -Balg jedoch an Ort und Stelle zu lassen, ist eine immerhin -wollüstige Vorstellung für die ins Fell der Gewohnheit -eingewachsene Seele. Denn siehe da: nachdem -es verwehrt ist, an <em>Ihn</em> zu schreiben, dessen dreimal geheiligten -Namen der feurige Makkabäer zerriß und in -die Winde streute, — was bleibt mir übrig, um den Tag -zu ertragen, der sich inzwischen anstatt bisher üblicher -sechzehn bis siebenzehn Stunden deren vierundzwanzig -zugelegt hat? ‚Ein Rätsel ist Reinentsprungenes‘, sagt -Hölderlin, zum Beispiel der Schlaf. Die meisten Menschen -üben ihn bei Nacht aus; ich nahm ihn in kürzlich -<a id="page-327" class="pagenum" title="327"></a> -erst sich verabschiedet habender Zeit wie so eine besondre -Arznei, alle Stunde einen Eßlöffel voll; aber nun hat mir -so ein besondrer Beelzebub von hinterlistigem Satan die -Flasche verstochen, und wo finde ich dieselbe? — Meist -schleicht er sich abends herein, verabreicht mir einen Löffel -voll — damit die süße Gewohnheit nicht schwinde! — und -bleibt für den Rest aller Stunden unsichtbar. Was also -bleibt mir? Ach: zwischen Leib- und Seelenonanieren blieb -dem Menschen nur die bange Wahl! Aber so sei sie gewählt, -die süße andre Gewohnheit des schriftlichen sich -Niederlegens aufs platte Plättbrettbett des Papiers: das -Schreiben, nicht wegen der besondren Unsterblichkeit, nicht -wegen des süßen Pöbels, sondern ganz allein <span class="antiqua">sui ipsius -causa</span>, um des Schreibens willen! Es ist Wollust, der -eigenen Seele liebzukosen, zumal wenn sie leidet, und zugleich -ist das Schreiben so ein förderliches Purgativ, ein -besondres Sieb sage ich besser, den weichen Brei von Allerhand -durchzurühren zur Beförderung der Erkenntnis. -Man denkt zwar in Sätzen, aber merkwürdig: gedachte -Sätze haben nie einen Punkt, und ein Punkt zwischen -zwei Sätzen auf reinem Papier scheint mir so was unendlich -Haltbares, um so mehr, je länger man drauf hat -warten müssen. -</p> - -<p> -Ich will einen Nachtspaziergang beschreiben. Die Menschen -lassen einem ja koa Ruh net, wie Cordelia selig zu -sagen pflegte, also daß man nachts auswandern muß wie -die Rattenkönige, alle Seelenschwänze zu einem gordischen -verknotet. Übrigens denkt es sich besser bei Nacht, und -kurz und gut, beschreiben wir uns diesen wackern Knaben -Telemach unter dem paßlichen Motto: -</p> - -<div class="poem-container"> - <div class="poem"> - <div class="stanza"> -<a id="page-328" class="pagenum" title="328"></a> - <p class="verse">Das Steuer führt’ ein Jüngling unruhvoll,</p> - <p class="verse">Dem früh des ††† Rat und Hülfe schwand —</p> - </div> - </div> -</div> - -<p class="noindent"> -folgendermaßen: -</p> - -<p> -Telemach erwacht wie üblich aus befristetem Halbschlaf. -Er erseufzt, legt sich auf den Rücken und öffnet, wach und -keines Schlafes bedürftig, die Augen in die Nacht. Bald -darauf wird über ihm das graue Vieleck der am Tage -weißen Zimmerdecke sichtbar; er schiebt sich höher im -breiten Bett, erkennt die Schattenrisse der beiden hockenden -Tiere, Adler und Löwe, auf den Bettpfosten, dahinter -die bleichen Streifen der Fenstervorhänge und dazwischen -das dunkle Rechteck der offenen Tür zur Terrasse; dann -auch die dunklen und großen Flecken der Schränke und -die weißen der Türen. Im Glase des Türflügels draußen -glitzert es bläulich. Telemach — oder sagen wir kurz T.; -kann auch wieder Topf heißen — schiebt sich bis fast zur -Rückwand des Bettes hinauf, sitzt in dem großen Achteck -des Raums und fröstelt. Draußen rasselt es eisern, der -Uhrhammer in der Höhe fällt hell schmetternd, ein Mal, -dann ist alles still. Halb zwölf. — T. seufzt vermutlich -wieder. Nun wieder die Nacht, die ganze lange Nacht -bis zum Morgen — und was dann? — Es wird heller -und heller um ihn, die dunklen Schränke sind nun körperlich -sichtbar, die Maserung, Kanten und Beschläge, und -vor der Tür draußen ist die graue Fläche der Terrasse erschienen -und, dunkel im Zwielicht, der Schattenriß einer -großen Steinurne mit Früchten und Blättern auf der -Brüstung. Das ist besonders still. -</p> - -<p> -Im Dorf schlafen die Bauern eng und heiß in ihren -karierten Betten. Die harte Weckuhr tickt durch die -<a id="page-329" class="pagenum" title="329"></a> -Schwüle, sie stöhnen im schweren Schlaf und schnarchen. -Eine Kuh brummt im Schlaf, ein Huhn gackert im Traum, -niemand hört den Spitz, der mit rasendem Geheul auf -die Decke seiner Hütte sprang, weil draußen Schritte hallten, -und der Hund kriecht wieder in seine warme Höhle, -knurrt, muß noch einmal blaffen, dreht sich um sich selbst -und fällt hin. -</p> - -<p> -T. sitzt und wacht, lauscht. Die Nachtstille singt in -seinen Ohren, es rauscht leise im Park, die See ist nicht -zu hören. -</p> - -<p> -Hier, denkt er, lag einer des Nachts, und wie oft wohl -wachte er auf und glaubte über sich Schritte zu hören, -ruhelos, ruhelos, so leise, ein Huschen, hin und her streifend, -hin und her ... T. lauscht, alles bleibt still, er sieht -den Schatten einer Hyäne, den hochgebogenen Rücken, -schieftrabend in der Finsternis, nun funkeln grünlich, bläulich -die Lichter, er hört die Pfoten trotten, er riecht ... -Das war Mama, denkt er matt und gespenstisch, das -war Mama ... Zwanzig Jahr Pein und Sehnsucht und -Gänge, Gänge im Finstern, und dann — nichts mehr; -der Tod. — Wie ich damals, denkt er, meine Gedichte -fand ... Mein Sohn war klein, und nichts verstand ... -Und sie lag und lächelte grade genug. Wenn man nachgrübe -und den Sarg öffnete, würde man ihr Lächeln unversehrt -darin finden, — und das war ihre Genugtuung, -so viel zu lächeln. — Die Umrisse der Insel erscheinen ihm -finster, die Bäume, er sieht ein bleiches Gesicht unter der -Buche liegen wie eine Maske, es lächelt, oben saust der -Herbst und reißt Blätter aus den Kronen, sie fährt fort -zu lächeln; der Winter deckt alles zu, sie lächelt fort; im -<a id="page-330" class="pagenum" title="330"></a> -Frühling liegt ihr Lächeln unter <a id="corr-9"></a>dem ersten Krokus, den -langen Sommer lang lächelt sie fort, ganz für sich -allein ... -</p> - -<p> -T. fröstelt, rutscht wieder tiefer im Bett und steckt die -Arme unter die Decke. Es waren viele Tote. Esther — -Sigune — Cordelia — Mama ... Alle schon wieder -weit fort, und gelernt hatte er nichts. Nur der Eine ... -T.s Brust schmerzt. -</p> - -<p> -Warum lebe ich noch? Telemach stellt sich wieder einmal -vor, er läge begraben. Alsbald erscheint auch der -Platz in A., die Bahnen fahren, Menschen eilen kreuz und -quer, die Spiegelscheiben der Auslagen glitzern, aber es -quält nicht mehr wie vor einem halben Jahr. Es war -niemand mehr da, von dem es schmerzlich wäre Abschied -zu nehmen, oder ihn lebend zu denken, beschäftigt wie immer, -während man tot ist ... Renate? — Er fühlt sie -nicht mehr. -</p> - -<p> -Ich sollte wohl, denkt Telemach, ein Ende machen. -Aber da ist zum Beispiel das Land. Brauchte es ihn? -Jener Birnbaum würde ihm schon einen besondren Telemachschwung -versetzen. T. sieht den stämmigen Mann -aufgeregt im Zimmer hin und her laufen, eine Hand im -Ärmelloch der Weste, fuchtelnd mit der Zigarre in der -andern, niesend und prustend, und er schreit: Und wenn -wirs so einrichteten, daß es an Preußen fiele, — no — -was denn? no? was denn? T. wußte es nicht. — Hatn -dazu dein Vatter sich sein Lebtag abgerackert, un dein -Großvatter, un dein Urgroßvatter vielleicht? Du bistn -Literat, Hoheit, du hast gar keine dynastischen Gefühle, -nee, aber gar keine! — T. lächelt und bestreitet es schweigend. -<a id="page-331" class="pagenum" title="331"></a> -Ich wills ja versuchen, beschwichtigt er sich selbst, -ich bin nur so müde und innerlich kraftlos. Die Länder -sind so gut im Stande ... Das heißt Beuglenburg? -Und sie würden Schley dort nicht sitzen lassen, diese Preußen. -Ach, nun kamen die Wahlen! Früher war die Sozialdemokratie -unter der Hand unterstützt, und — und ... -T.s Kopf tut ihm weh. — Ich kann noch nicht, ich kann -noch nicht! — Er wälzt sich fieberisch und atmet beklommen. -Es ist, denkt er, wieder die alte Angst, wie in Berlin. -Berlin war nicht schuld, sondern mein eigenes Krüppeltum. -Punkt. Toter T. punkt. -</p> - -<p> -Er schleudert die Decke von sich, zieht die Schlafschuh -an die Füße und hockt schlottrig auf dem Bettrand. Es -ist nun ganz hell umher, dämmrig, doch alles deutlich erkennbar. -Den Kopf drehend, sieht er über sich, überm Kopfende -des Bettes die Figuren des Bildes Emmaus, den einfallenden -Lichtstrom, am Tische Christus und die erschrockenen -Beiden, dahinter die Nacht. -</p> - -<p> -Ja, denkt er verwirrt, ich kam zu allem zu spät. -</p> - -<p> -Er schlürft eilig zur Glastür, friert im Kalten, lehnt -sich an den Rahmen und raunt: Was soll man denn tun? -Man fährt ins Dasein hinein mit feuriger Schnelle, findet -alles vorbereitet und ist es von Ahnen und Urahnen -her gewohnt, eh man es besitzt. Da erkennst du dich selber, -aber schon steckst du so tief im Gewohnten, daß kein -Riese dich ausreißt. Wenn ich Verse machen will, und -wäre ich Hölderlin, ich müßte anfangen wie Schiller, und -zehn Jahre danach merke ich vielleicht, daß Sprache des -Verses und Sprache des Umgangs voneinander so verschieden -sind wie der Vogel vom Fisch. Ich kleide mich, -<a id="page-332" class="pagenum" title="332"></a> -rede, lache, fahre, spiele, lerne wie die Andern, und längst -bin ich in zehntausend unlösliche Zusammenhänge verstrickt, -und dies — ach dies wird die letzte Not sein, daß -man an Tausenden hängt und nicht steht, und Tausende -hängen an mir, und ich komme nicht los zu mir, nicht los -zu mir ... -</p> - -<p> -Ganz hell aus der Tiefe klagt jetzt ein Kinderweinen, -schauerlich anzuhören, und T. zuckt merklich. Ein Gespenstergelächter -folgt, ganz schnell: Hahahahaaa! und wieder -das plärrende Weinen. — Kauz in der Nacht, End -ehs gedacht! — Stille liegt die Terrasse, stille stehen die -mächtigen grauen Urnen, besonders, verhaltenen Lebens, -atmen, auch die Steinplatten atmen, Schlaf oder das -Schweigen ... Über dem schwärzlichen Gewipfel des -Eichwaldes quillt ein bleiches, silbriges Scheinen im Himmel, -ein wenig tiefer muß die Mondsichel sein. Emporblickend -sieht Telemach wenige, schwach flimmernde Sternlichter -im Dunste der feuchten Nacht. — ‚Schaudernd -unter herbstlichen Sternen — Neigt sich jährlich tiefer das -Haupt ...‘ -</p> - -<p> -T. macht Licht, geht mit geblendeten Augen ins Ankleidezimmer, -erhellt es und legt eilig das für morgen zurechtgelegte -Unterzeug, Schnürstiefel, Reithosen und Ledergamaschen, -eine braune Lederweste mit Ärmeln an, -windet einen grau und grünen Schal um den Hals, fährt -in den Rock und fühlt sich einen Augenblick warm und -behaglich. Nachdem er das Licht gelöscht hat, geht er -leise über die Terrasse in den Garten hinab. -</p> - -<p> -Unschlüssig unten stehen bleibend, zum Hause zurückgewandt, -findet er sich plötzlich sehr klein und einsam im -<a id="page-333" class="pagenum" title="333"></a> -Hof der drei mächtigen Fronten mit langen Fensterreihn -und kalkweißen Mauern. Unendlich schweigsam und hoch -steigen die zwei weißen, schwarz behelmten Türme auf -den Ecken in die Dunkelheit; das Ganze, hell und doch -seltsam verdüstert im nächtlichen Licht, atmet eine tiefe -Gewalt aus, liegt da, ruhig in sich selber, bedrohlich für -ihn, der sehr klein ist. Unbekümmert scheint es seine dämmernde -Seele bei Nacht zu enthüllen; es dehnt sich, atmet -vielfach, sammelt Essen und Fenster, Türme und Dächer, -Simse und Mauern in eine strotzende und alte Gesundheit -und ist immer bereit zu dauern. Heiliges Kindheitsland, -wo bist du? zieht es da schmerzlich durch seine Brust. -Jählings ist das Haus umnachtet und fremd, und er -geht davon, den Kopf gesenkt, verloren in alte Erinnerungen. -</p> - -<p> -Denn zum Beispiel was tun wir inbezug auf unsre -Kindheit? Heraus reißen wir uns an den Haaren, ganz -genau wie eben jener Baron Münchhausen sich an den -Haaren zerrte aus dem Sumpf mitsamt seinem Unkas, -bloß daß sie kein Sumpf ist, diese Kindheit, sondern — -das Paradies. Geschah es nicht hier? T. wendet sich -vermutlich und murmelt, den dämmrig erkennbaren Weg -durch das Eichenwäldchen hinunter blickend: Weiß ichs -nicht, als wärs heute gewesen? Hier auf der Terrasse -brannte der bunte Lampenschirm und saß Bogner; und -dort unten am Gatter stand ich, wußte nicht, was fort war -aus mir, und war selber stillschweigend fortgegangen aus -meiner Kindheit zu Annas Bett. -</p> - -<p> -Da zwingt er sich mit Gewalt durch den Spalt zu einem -kindlichen Aufenthalt. -</p> - -<p> -<a id="page-334" class="pagenum" title="334"></a> -Der Kaufmann in Böhne hieß Sengstaak, ein Name, -den ich als Junge niemals aus dem Gedächtnis in die -Luft schreiben konnte. In allen Ferien einmal war eine -Monatsrechnung zu bezahlen, das tat Onkel Salomon -selber und nahm uns mit. Im Laden war die Diele mit -weißem Sand bestreut, durch eine geriffelte Glasscheibe -sah man Herrn Sengstaak an einem Stehpult schreiben, -und wir zitterten, er möchte nicht merken, daß wir da -waren, denn dann bekamen wir ja keine Cakes, und einmal -gab sie uns der Ladendiener, aber das war längst -nicht so schön. Kisten standen da mit eingewickelten Apfelsinen, -Fässer mit Mehl, mit Margarine, mit Butter, -Kisten voll Eier, und wie war alles dauerhaft und dick, -die Holzgriffe an den Schiebladen und die hölzernen Schaufeln -in den Erbsen und Linsen. Über dem Tresen — ja, -da wurde womöglich auf dickem blauen Papier ein Zuckerhut -zerkleinert, ach, wie war das alles besonders und reichlich -und solide! Und oben war es dunkel von ganzen -Bündeln in Lagen zusammengeschichteter Tüten, rechteckiger -und spitzer, brauner, blauer und roter, und sie hatten -alle ein schwarzes Wappen als Aufdruck zwischen zwei -wilden Männern. Ja, vor der Tür, da war ja der mächtige -goldene Mohr mit bunter Federnkrone und einer Zigarre -zwischen den Wulstlippen. Aber über den Düten, -noch höher, war es finster wie ein Gewitter, von tausend -Würsten und Schinken, und wie das roch nach Rosinen -und Gurken und Vanille und Gewürznäglein, und geheimnisvolle -Leitern lehnten im Winkel oder wurden von -kleinen neugierigen Jungen mit wasserblanken Haaren -schwierig hin und her getragen. Dann kam Herr Sengstaak -<a id="page-335" class="pagenum" title="335"></a> -aus dem Kontor, das ich nachher in Soll und Haben -wiederzusehn glaubte; er hatte ein rotes längliches -Gesicht, kleine Augen und Falten unter dem Kinn, rieb -sich die Hände und sprach unverständlich mit eigentümlichen -Bewegungen des Kinns. Er beugte sich über den -Tresen, griff Anna und mir mit großer Hand unters Kinn -und holte, während er immerfort mit Onkel Salomon -sprach, einen der großen blechernen Kasten mit Cakes -herunter und hielt ihn uns offen schräg entgegen, und jeder -nahm einen kleinen Cake heraus, aber das war nicht -alles. Nun wurde ein großer, brauner Papiersack abgerupft, -und wie wundervoll war das, wenn Herr Sengstaak -mit dem einen Arm hineinfuhr, mit der andern Hand -die eine Ecke weich eindrückte, dann ganz leicht die Tüte -herumwarf und die andre Ecke einknickte, und dann kam -ein Blechkasten nach dem andern herunter, und die Tüte -wurde voll — nicht ganz bis oben, es blieb noch genug -Papier, das dann auf wundervolle Art zu parallelen -Streifen zusammengelegt wurde, und dann wurden sie -nach innen umgeknickt und festgedrückt, das Paket auf -die Seite hingelegt, und dann kam Bindfaden aus einem -verblüffenden Ding heraus, und das Paket flog links -herum und rechts herum, und der Bindfaden schlang sich -darum, es war herrliche Zauberei, ein Holzknebel war mit -einmal da, wurde in die Schlinge geschoben, und dann -wurde es mir überreicht. Dies war unser heiliges Recht, -Kekse — wir sagten Kekse — von Herrn Sengstaak, aber -eine Sorte war dabei, die mochten wir nicht, die hießen -Dextrinkeks, denn so schmeckten sie, und die kriegte -Mama. -</p> - -<p> -<a id="page-336" class="pagenum" title="336"></a> -T. denkt hierauf gebeugt, er müsse damals unmenschlich -glücklich gewesen sein, daß all dies sich ihm eingebrannt -habe, wovon er damals doch nichts wahrnahm, -denn immer war er ein blinder Junge und hatte niemals -etwas gesehn, wenn er gefragt wurde. — Oder ist das -ganze Glück wirklich dieser Augenblick, wo ich es so brennend -wieder fühle? -</p> - -<p> -Er fährt leise zusammen, da er am Weiher steht, gegenüber -der Insel, keine fünf Schritt von der Brücke. Die -Bäume rauschen und bewegen sich ernst, beklommener -atmend geht er zur Brücke, bleibt stehen und flüstert: -Hier schläft Mama ... Er geht hinüber, achtet darauf, -daß seine Füße leise sind, taucht ängstlicher in den finstern -Gang zwischen Buschwerk, tastet sich langsam hindurch -und tritt ins Freie der leicht übernebelten Lichtung. Drüben, -über dem weißlichen Gewoge wölbt sich die schwarze Kuppe -der Trauerbuche; auf einmal ergreift ihn schaurige Furcht, -sie könnte dort liegen, unter dem Baum; nicht sie, ihr Gesicht, -das Lächeln; nicht ihr Lächeln, Cordelias ... Und -er geht mit knisternden Haaren und schlagendem Herzen -hin und bleibt, drei Schritte vom Stamm entfernt, stehn. -Auf dem grauen Oval glänzen leise doch sichtbar die -beiden Worte: Helene — Herzogin. -</p> - -<p> -Hier unter ihm steht ein Sarg, liegt eine Tote, ein -Mensch, — wie war es doch möglich? Er wendet sich -schaudernd. — Etwas läuft in die Lichtung hinein, bleibt -still, läuft hierhin, dorthin, schnüffelt vernehmlich, ein Igel. -Heftiger zitternd faßt er in das Gezweige über seinem -Kopf, ein Blatt bleibt in seinen Fingern, sein Arm fällt -herab, er zerknittert es und fühlt es feucht; in weiter Ferne -<a id="page-337" class="pagenum" title="337"></a> -kräht ein Hahn. — Sie schläft, flüstert er besinnungslos, -dann sinkt er langsam in die Kniee, bückt sich, harkt -mit der Hand im Gras und flüstert: Mutter! Mutter! -hilf mir doch! Mutter, dein Sohn ist doch da! Ach, sag -doch nicht, daß es zu spät ist, sei nicht hart, ich kann ja -nicht mehr, ich kann, kann, kann ja nicht mehr! — So -wimmert er eine Zeitlang, dann liegt er plötzlich still und -steht auf. Seine Hände, sein Gesicht sind naß, er trocknet -sich mit dem Schal und geht davon, schamvoll und doch -erleichtert. Er horcht stehen bleibend zurück. Sie war entsetzlich -einsam dort ... Er schüttelt den Kopf und geht -weiter, durch den Gang, über die Brücke, am Weiher -hin und den dunklen, beschatteten Weg hinab unter -dem schwarz und zerrissen herabhängenden Laubwerk der -Eichen. -</p> - -<p> -Dort steht er und denkt wieder. Ja, was dachte er -wohl? Er dachte nicht — denn das denke vielmehr jetzt -ich: welch eine wonnevolle Erleichterung es für mich ist, -einmal die ganze Last des Daseins auf diesen vorgespiegelten -Telemach abzuwälzen und daneben zu stehn und es -immerhin begreiflich zu finden, daß sie ihn quält. — Sondern -er dachte vielleicht oder empfand die Höllenqual der -zu späten Einsicht. Die furchtbar ironische Bitterkeit der -Erkenntnis, daß alles, was heute ist, seit Jahren sich vorbereitete, -daß es in all und jedem Denken, Planen und -Handeln schon war, — oh ja: -</p> - -<div class="poem-container"> - <div class="poem"> - <div class="stanza"> - <p class="verse">Was vom Menschen nicht gewußt,</p> - <p class="verse">Oder nicht bedacht, (!!!)</p> - <p class="verse">Durch das Labyrinth der Brust</p> - <p class="verse">Wandelt in der Nacht.</p> - </div> - </div> -</div> - -<p class="noindent"> -<a id="page-338" class="pagenum" title="338"></a> -Und weiter, daß nun mit der Erkenntnis alles ein Ende -nahm und nur sie noch ist, und kurz und gut: die Schuld -selber nur noch. Schuld, nichts als Schuld, an jedem -Fleck, auf jedem Schritt; Schuld jeder Weg, jede Bewegung, -jede Aussicht und jeder Stern; Schuld jeder Bissen und -jeder Atemzug, und kein Gedanke mehr, kein Ausblick und -keine Möglichkeit mehr zu etwas Neuem, — nirgend ein -Anfang, nur das Dickicht. -</p> - -<p> -Und dann versucht er es wohl, dieser T., und stellt die -bekannten Figuren zum tausendsten Male auf, und eiskalt -vor rasendem Wissen der Unabänderlichkeit will er -sie doch zwingen mit Zauberei, daß sie sich anders bewegen, -als sie taten, aber immer steht hier Magda und drüben -Cora, hier er selber und da Sigurd und da — ER, und -wenn er sie auch zwingen kann, steif dazustehn wie die -Puppen, so erreicht er doch niemals, daß er selber es ist, -der die erste Bewegung macht, oder Sigurd, sondern -immer, immer ist es die Furie. -</p> - -<p> -Und seine Stirn bedeckt sich mit Schweiß, die Figuren -schwinden erlöschend, als würde ein Bühnenlicht abgedreht, -im Finstern, und er denkt nun: -</p> - -<p> -Daß er seine Schuld am Ende vielleicht übertrieb. -Etwas scheint nicht zu stimmen. So viel kann ja ein -Mensch nicht schuldig sein. Oder er könnte es allenfalls -sein aus bösem Willen, aus angeborener Ruchlosigkeit, -wie man gebürtiger Raubmörder sein mag, oder Muttermörder. -Er selber aber, er soll dies Gebirge von Schuld -über sich gewälzt haben aus keinem andern Grunde als: -<em>weil er so war</em>!? -</p> - -<p> -Worauf er dies Rätsel bis zum nächsten Mal sich selbst -<a id="page-339" class="pagenum" title="339"></a> -überläßt und sich weiterbegiebt. — Oh die Nacht ist noch -lang! -</p> - -<p> -Krähte nicht, denkt er, soeben ein Hahn? Hähne krähen -im Schlaf. Aber ach, wie konnte er es nun wieder aufsteigen -lassen fontänenhaft! Frühmorgens in der Kindheit, -das Krähen der Hähne, heiser, krächzend, und hell -schmetternd, ferne und nah. Sonntag war anders als die -andern Tage, obgleich doch an keinem Schule war in den -Ferien. Die Straße unter den Fenstern, die Felder daran, -das Dorf in der Frühsonne, alles sah gleich anders aus, -feierlicher wohl und viel stiller. Man hatte einen schneeweißen -Anzug an und ein weißes Kleid mit zwei Hände -breiter blauseidener Schärpe. Du lieber Gott, wie hoch -war damals eine Roggenwand! Wir verschwanden uns, -wenn wir vorsichtig kaum hineintauchten, um eine Kornblume -herauszuholen oder eine violettrote Rade, die ich -liebte, weil sie so geometrisch waren: vier lange grüne -Blattspitzen genau in den Einbuchtungen der kleinen Kelchblätter. -Der Sandweg in der Sonne wie hell! Unsre -Schatten, ganz dick und kurz und mit ungeheuren Kreisen -von Hüten, schoben sich voraus, ach jedes Staubkorn wie -hell, die Steine im Staub, jeden einzelnen könnt ich beschreiben, -denn ich liebe ihn, Brocken von rotem Klinker, -halb vom Sand verschüttet, und die Krusten der Wagenspuren, -und scharfe Chausseesteine, mit denen man gut -schmeißen konnte, und runde, geschliffene von der See, -und dann die großen, weiß übertünchten Steinbrocken -am Wegrand, — ach, nur Steine, und was hatten sie -Leben damals und Bedeutung! An diesen weißen kletterte -aus der Grasnarbe die vielköpfige kleine Schlange der -<a id="page-340" class="pagenum" title="340"></a> -Winde mit schönen, sehr weißen Kelchhäuptern; rote Kleepflanzen -wuchsen da, es waren kleine grüne Oasen von -niedrigem Dreiblätterklee, und wir suchten bei jeder -ein Weilchen nach einem Vierblatt. Immer schien die -Sonne, nur damals schien die Sonne, ein einziger -Vormittag war so lang wie ein Sommer von heut, -und dann hörten wir die Lerchen. Oh die Stille nun, -diese Stille überm singenden Korn, und in der Stille -überall, unaufhörlich, immer wieder anschrillend, ganz -hoch oben das Lerchengetriller, immer mit neuem Anlauf: -ziziziziziziiih! ziziziziziziiih! — Und insgeheim glaubten wir -doch immer, daß die Lerchen im Korn säßen, wir sahn uns -die Augen blind im flimmernden Blau, aber niemals haben -wir eine Lerche gesehn. — Dann kam — -</p> - -<p> -T., denke ich mir, findet sich jetzt am Gatter, das, hell -im nächtlichen Licht, als habe es ihn lange erwartet, ihn -unsichtbar ansieht aus dem grauen Holz seiner Stangen. -Er lehnt sich darauf, sieht oben am Himmel die dünne -Mondsichel im Fahren leicht durch das fließende weiße -Gewölk schneiden, sieht die dunklen und doch erhellten -Wiesen und die schwarzen Linien der sich kreuzenden -Hecken, aber — — aus dem schwindenden Dunkel dieses -Grundes flattert ein Kohlweißling taumlig den glühend -heißen Sandweg hinunter, hin und her über die Wagenfurchen, -den Hügel hinauf, — er hört Annas schreiendes -Lachen und sein eignes, atemlos hinlallend, wie er später -Jungens hat lachend rennen sehn, im Laufen zusammentaumelnd, -lachend nur Lachens wegen, laufend nur um zu -laufen, — und dann liegt man da, der weiße Anzug sieht -bejammernswürdig aus in einer braunen Staubschicht, -<a id="page-341" class="pagenum" title="341"></a> -aber — T. schreckt auf, da wiederum, jetzt gerade über -ihm gellend und überlaut das Gelächter schallt, mauzt -und weint. Er öffnet das Gatter und geht hastig den getretenen -Pfad über die Wiese zum Knicktor; das senkrechte -Brett über den Stufen sieht ihn wie das Gatter aus dem -Dunkel mit seltsamem Glanz verhaltenen Lebens an, in -sich geduckt wie ein ertapptes kleines Tier, das aber keinen -Angriff befürchtet, denn es ist umgänglichen Charakters. -Telemach aber bleibt stehn und heftet ihm eine Erinnerung -an. Hier leuchtete Annas Haar über der Dämmerung, -und sie sagte: Ach, es ist himmlisch! — Das Kind, das so -sprach, habe ich niemals wieder gesehn ... -</p> - -<p> -Beim Ersteigen des Deiches fällt er hintenüber, muß -sich nach vorn werfen und erreicht auf Händen und Füßen -im nassen Grase die Höhe, wo er sich zu tiefem Erstaunen -über einem totenstillen weißen Felde befindet, — Nebel, -weißem, lautlosem, regungslosem Nebel, der die ganze -See bedeckt. Nur tief unten, am Fuß der Deichmauer, -sind die schwarzen Pfahlköpfe der Buhne zehn Schritte -weit sichtbar, dann ist nichts mehr als Nebel. -</p> - -<p> -Oben am Himmel segelt die bläuliche Mondsichel durch -weißes Gewölk. Die Tiefe aber zieht T. besonders an, er -setzt sich und klettert mit Absätzen, Händen und Gesäß -die schräge Mauer hinunter, springt auf festen Ebbeschlamm, -zaudert und schreitet in den Nebel hinein. -</p> - -<p> -Es ist tiefe Ebbe. Der Mond wurde zu einem bleichen -Fleck im Nebel, der alsbald über ihn hinzog; er geht selber -in einem dunklen Kreis, der Nebel bleibt stets ein wenig -vor ihm, zurückgehaltenen Scharen sehr zusammengedrängter -Gestalten ähnlich, die sich manchmal bewegen, -<a id="page-342" class="pagenum" title="342"></a> -nicht einzeln, sondern stets im ganzen. Jetzt wird der -Boden weicher, und jetzt — da ist Wasser, er riecht, er -fühlt es. Was sitzt denn dort? Kleine, dunkle Gestalten -hocken ... Ach, hier sitzt der Tütvogel im Nebel am -Wasser und schläft, — zwei, drei kleine Gesellen. Nun -bewegt sich einer, ein grauer Schatten schwebt, — auch -der andre, der dritte; Flügel rauschen leise, sie sind verschwunden, -und gleich darauf fällt ein leiser, klagender -Schrei von oben. — Wie die Seelen am Acheron im -Nebel ... denkt Telemach. — Es plätschert. Hier ist Gewässer, -hier, ungeheure Meilen weit die tiefe See, satt -von einer Menge Land, das sie eingeschlungen hat, Marschland -und die Inseln und Halligen, Frauen und Kinder, -Kirchen und Gehöfte, Rinder und Schafe, Eichenwälder -und die langen Deiche. Es gurgelt im Schlick, die Flut -regt sich. T. fühlt seine Sohlen langsam einsinken, dreht -sich genau um und geht zurück. Er geht rascher als beim -Kommen, etwas kommt hinter ihm her und macht ihn -eilig, sein Herz klopft, wie lange dauert es bis zum Deich! -Er läuft fast und läuft so, erleichtert sich auslachend, -gegen die mannshohen Buhnenpfähle von der Seite, ein -Zeichen, daß er doch schief gegangen ist, worauf er -die Deichmauer wieder hinanklettert und oben weitergeht. -— — -</p> - -<p> -So, ja so war es in jeder Nacht. In der letzten aber -war auf einmal ein rotes Licht über dem Nebelfeld. Ein -Schiff? im Nebel so nah? Unmöglich. Ja, wohnte -denn jemand auf Hallig Hooge? — Das Licht blieb, unverrückbar, -stille scheinend über das Nebelmeer. Hallig -Hooge lag dort. -</p> - -<p> -<a id="page-343" class="pagenum" title="343"></a> -Hallig Hooge, dachte Telemach, wir durften niemals -dorthin. Wenn wir mit Onkel Salomon segelten bei -Landwind, sahen wir die grüne Insel vom weiten, und -er tat uns wohl den Gefallen, herumzufahren und uns -das gewaltige grüne Gebirge der aufgetürmten Deichmauern -sehn zu lassen, einen Baumwipfel niedrig darüber -und den roten, plumpen Rundturm der alten Sternwarte -auf dem Norddeich. Olesland ... Wie mochte doch der -Name Hallig Hooge aufgekommen sein, nachdem vor -Zeiten nur die winzige Grasoase so hieß, die landeinwärts -davor lag? Einmal beim Kreuzen auf der Rückfahrt -sahen wir das langgestreckte Haus mit schwarzem Strohdach -auf der Wattseite, wo es flach und offen war, und -kaum noch sichtbar in der steigenden Flut das wallende -Gras von Hallig Hooge. Olesland, erklärte Onkel Salomon -geheimnisvoll, darf keiner mehr sagen. Er verriet -uns nicht weshalb, er war nicht für Schauergeschichten, -wir bettelten umsonst, denn Olesland und Hallig Hooge -— beides klang so schaurig! Aber Domina verriet allerhand. -Auf Hallig Hooge war Großvater gestorben, und -der Urgroßvater war da umgekommen; es schien beinah -ein Schicksal, und ich habe als Junge manchmal nachgedacht, -ob — jemand — auch dort sterben müßte. An mich -dachte ich damals noch nicht. Und Domina erzählte vom -‚Dränger‘ ... -</p> - -<p> -Im Herbst, wenn die Nebel kamen, durfte man nicht -an der Außenseite des Deiches gehn, wenn Ebbe war. -Denn dann kam der Dränger. Auf einmal erschien eine -Gestalt im Nebel, seitwärts, oder auch zurück, am Deich, -und man entsetzte sich. Ja, da konnte man wohl rufen, -<a id="page-344" class="pagenum" title="344"></a> -wer hörte das? Damals, als der Dränger noch umging, -war Oles—, war Hallig Hooge noch ganz vom Deich -umschlossen, ein Inselbollwerk, das sich gegen die See -hielt, eine kleine halbe Segelstunde vom Land, — aber -merkwürdig, zu sehen war es nie, bei keinem Wetter. -Domina sagte, das läge an der Spiegelung. — Anno -Sechzehnhundertvierundneunzig, die große Flut ... Da verschwanden -drei große Inseln und siebenzehn große und kleine -Halligen spurlos in der See, Hallig Hooge aber hielt stand. -— De ole Graf —? Nach ihm mußte die Insel Olesland -genannt sein, aber gerade über ihn fand sich in der Chronik -nicht eine Spur. Er muß ausgerissen sein aus dem Gedächtnis -wie Olesland, — ja, von wem hörte denn überhaupt -ich den Namen? Es muß doch wohl Domina gewesen -sein. — Ja, damals also hatte Hallig Hooge noch -sieben Hügel, die nach den Hügeln Roms genannt waren -von einem gelehrten Mann, — wie hieß er noch? Archivarius -Pontifex, Brückenbauer, Silas Pontifex hieß er. -Auf dem Palatindeich stand der Deichhauptmann und rief -alle seine Teufel zu Hülfe gegen die Flut, aber das half -ihm nichts, Aventin und Esquilin und Palatin wurden -nacheinander weggerissen, und als der Palatin stürzte, -warf Deichhauptmann Waldemar Montanus sich kopfüber -hinterdrein. Danach war die See gesättigt und zog -sich zurück, aber im Abrollen brüllte sie noch einmal auf -und nahm die ganze Wattseite mit fort samt dem Cälius. -Ja, damals hörte das Watt auf, Watt zu sein, die See -mit ihren Heeren ging geradewegs das Festland an und -hämmerte auf die Deiche, — bloß nach einigen Tagen -kam Hallig Hooge zum Vorschein wie eine Nachgeburt -<a id="page-345" class="pagenum" title="345"></a> -des Unheils, der Name Olesland verschwand, und Waldemar -Montanus ging dort um und drängte die Menschen -in die See. Auf den noch übrigen Hügeln starben -die Bewohner aus, Viminal ... ja, Viminal und Quirinal -und Capitol müssen sie ja wohl heißen. — Die See -fraß einen nach dem andern, beim Fischfang kamen sie -um, manche auf ganz fremden Meeren mit großen Schiffen, -Waldemar Montanus paßte auf, — er lockte ja auch den -fremden Reisenden zu sich, anno Siebzehnhundertneunzehn -soll es gewesen sein, der nicht an den Dränger glauben -wollte, — in der Chronik stand, daß es viel Aufsehens erregt -habe, denn damals war doch die Wattseite schon -offen; aber die Leute sagten, in den Nächten, wo Waldemar -Montanus sich zeigte, wäre die ganze Insel wieder -wie einst, der Deich ringsum geschlossen, und der Dränger, -gegürtet mit Grauen, ließ den Furchtsamen nicht an den -Deich, er mußte tiefer und tiefer in den Nebel hinein, am -Ende kam das Entsetzen, und er rannte in die steigende -Flut ... -</p> - -<p> -T., besonders durchschaudert, erschrak vor einem riesigen, -schwarzen Schattenkoloß, der plötzlich vor ihm -stand. Aber es war nur Lornsens Mühle, und sie war -gar nicht so nah, mindestens hundert Meter landeinwärts -stand sie auf ihrem Hügel, auf ihrem weißen Unterbau, -zwei schwarze Flügelarme mächtig drohend in Lüften. — -Da unten in den Wiesen lief Jason al Manach heran, -Magda lag dort in ihrem hellroten Kleid ... -</p> - -<p> -T. gewann sich wieder in dem Gedanken, daß unmöglich -dieser immer gleiche, liebliche, freundliche Jason wie -ein Don Quixote die Mühle attackiert haben könne, — -<a id="page-346" class="pagenum" title="346"></a> -doch konnte er lange die Augen nicht abwenden von der -unsichtbaren Stelle in der Dunkelheit, wo sie gestanden -hatte und geschossen, dann umfiel und vor ihm lag, als -wäre sie selber getroffen ... -</p> - -<p> -Langsam erlosch alles in T.s Hirn, während er sich -umdrehte und wieder das rötliche Licht über der Schneefläche -des Nebels gewahrte. Wer hauste denn dort und -hatte ein Licht brennen mitten in der Nacht? — — Georg, -der Astrolog, hatte ein furchtbares Bollwerk von Deichen -und Buhnen aus Hallig Hooge gemacht, hatte die Sternwarte -bauen lassen, das Jupiterhaus für sich selbst auf -dem Capitol und das Gesindehaus auf dem Viminal -oder wie er nun hieß (ich entsinne mich eines Plans der -Insel, sie hatte Bollwerke wie eine Festung, Bastionen -und Vorsprünge und über vierzig Buhnen bei einem Umfang -von einer guten halben Gehstunde). Niemand wollte -wissen, wie er gestorben war. Er hauste einsam mit seinen -Sternen; mit dem Tage, wo Trassenberg seine Selbständigkeit -verlor, verschwand er dorthin, sein Sohn kam jung -um, der Enkel starb wieder auf Hallig Hooge, — seit — — -achtzehnhundertfünf —, ja, fünfundsechzig war es wohl, -war Hallig Hooge unbewohnt geblieben. Dann bin ich -wohl an der Reihe, dachte Telemach erbebend, und das -Licht ist nur da, um mich zu erinnern und zu rufen ... -</p> - -<p> -Er schüttelte alles ab. Ich frage morgen Birnbaum, -was es mit Olesland ist, und dann fahre ich selber hin, -sagte er sich im Weitergehn, die weiße, chaussierte Straße -hinunter neben der Pappelreihe. Doch hatte er es nun -eilig, wieder ins Haus zu kommen, stockte nur einmal im -Hofplatz vor dem Verwalterhaus, da der Wolfshund -<a id="page-347" class="pagenum" title="347"></a> -lautlos auf ihn zusprang, aber er ließ sich leise knurrend -streicheln und ging wieder davon, T. nachsehend, der -durch den Heckengang das Rasenoval erreichte und bald -am Fuß der Terrasse stand, wo nichts sich verändert -hatte, — doch, die Urnen warfen nun Schatten, sah er im -Aufwärtssteigen, und da war ja ein Lichtfaden im Laden! -— Onkel Salomon war noch an der Arbeit. T. war besonders -gerührt. Indem er die Uhr zog, schlug über ihm -der Uhrhammer einmal an; es war halb zwei. -</p> - -<p> -Er schloß leise die Tür zum Vogelsaal auf, wandte -sich im Dunkel nach links, stieß, vermut ich, schmerzlich -mit den Schienbein an einen Stuhl und erreichte die Tür. -Leise öffnend trat er ein. -</p> - -<p> -An der langen Wand der Aktenregale brennt die elektrische -Lampe unter ihrem grünen Blechtrichter und überstrahlt -den Wust von Papieren, Aktenstößen und Mappen -und Glanzpapierdeckeln, rot und gelb und blau. Davor, -den grauen Kopf auf dem rechten Arm, der auf der -Schreibtischplatte liegt, schläft der alte Salomon; der -linke Arm hängt herunter, zwischen zweitem und drittem -Finger steckt die erloschene Zigarrenhälfte. Der papierne -Berg über ihm scheint sehr sorgsam auf seinen Schlaf zu -passen, — das Hörrohr über dem Telephonapparat ruht -still wie ein Kahn auf hoher See, in der Nähe schwimmt -als Boje, braunglänzend, die runde Platte der Briefwage. -— Ja, nun braucht es Posaunentriller und Böllergeheul, -wenn er nicht von selber aufwachte. Der alte -Mann atmet laut und tief. T. geht, aus Ehrfurcht mehr -als aus Vorsicht, leise über den Teppich zu ihm hin, gerührt -und beschämt seine Krankheit verwünschend, und -<a id="page-348" class="pagenum" title="348"></a> -hat, als er sich über den Schläfer beugt, das Gefühl, dies -dünn emporstehende, lichte Haar, durch das die Kopfhaut -glänzt, so daß er die Haarschatten hätte zählen können, -küssen zu müssen. Es geht so nicht weiter, denkt Telemach, -aber Mentor läßt sich ja nichts aus der Hand reißen, und -wie soll ich wissen, wer die Arbeit machen könnte, wenn -er mirs nicht sagt? — Unter dem Arm des Schlafenden -sehen gelbe Foliobogen hervor, ein weißer zuoberst, Telemach -kann lesen: M. H.! Im Auftrage und in Stellvertretung -Seiner Königlichen Hoheit und so weiter erkläre ich -hierdurch den Landtag für wieder eröffnet ... Ach so, denkt -er, Xylanders Vorlage zur Begutachtung ... Er klappt -das Blatt in die Höhe und entziffert die kaum leserliche -Bleistiftnotiz: Entw. z. Umw. v. T. i. prov. Landesdir. -n. br. M. — Was? Das hieß — —, ja, das hieß? Er -wollte Trassenberg in ein Landesdirektorium nach brandenburgischem -Muster verwandeln ... Keine üble Idee, -das würde allerhand Entlastung geben. Die ganze Verwaltungsschikane -käme in eine Hand, und es bliebe für -mich, — ja für mich bliebe eigentlich überhaupt nichts -mehr übrig als die persönlichen Geschäfte, und die macht -Birnbaum. Telemach denkt angestrengt nach, aber um -so heftiger weicht alles vor ihm zurück, und er befindet sich -bald völlig im Leeren. Minutenlang geistlos starrt er so auf -Mentors Kopf ... Willenlos hebt er diese und jene Mappe -auf und findet zum Beispiel eine zum Einklemmen mit -breitem festen Rücken und der Aufschrift: Täglicher Einlauf. -Die behält er in der Hand, sieht sich nach einem -Stuhl um, holt einen vor einer der Schreibmaschinen am -Fenster fort, stellt ihn dicht an die Schreibtischecke und -<a id="page-349" class="pagenum" title="349"></a> -setzt sich und schlägt den Deckel auf. Briefbogen und -Umschläge sind fest hineingeklemmt, es ist schwierig, mit -Hin- und Herdrehn und Aufklappen, zu lesen. Da liest er -nun zum Beispiel: -</p> - -<p> -Taubstummenanstalt Göhrde ... Einladung zur Feier -des Zwanzigjährigen Bestehens und Besichtigung des -Neubaus ... (Sonderbar! Da war ‚jemand‘ vom Gerüst -gestürzt, — da wurde ich geboren, ein Jahr später wurde -sie ... T. gewissermaßen schmerzlich versonnen, liest auf -der nächsten, zugehörigen Seite verschwimmende Zeilen:) ... -ehrfurchtsvolle Bitte, den Titel und die Würden eines -Ehrenvorsitzenden des Vereins ... bisher in den Händen -Seiner hochseligen Durchlaucht ... (T. schlägt das Blatt -um, den Umschlag, der folgt, und liest:) Annenmagdalenenheim, -Stiftung für lungenkranke Fabrikarbeiterinnen ... -(Ach, Helene gründete sie, als Magda geboren wurde ...) -Erhöhung des Anlagekapitals, da die jährlichen Kosten ... -(Das kam doch aus Helenes Schatulle ...? Richtig ...) -Vermächtnis Ihrer hochseligen Durchlaucht als noch nicht -zureichend erwiesen ... (Ich bin ja Erbe, murmelt T., -die Toten, immer die Toten ... Er fühlt, wie ihm der -Schweiß ausbricht, die Buchstaben flimmern ... Krank ... -krank ... krank ... tanzt es ihm vor den Augen, er bezwingt -sich besonders, — warum: nicht zureichend erwiesen? -Ach, es war ja halb abgebrannt, ein paar Tage vor — -vor — — vor was? — T. starrt in die grelle Glühbirne, -sieht die roten Fäden; vor dem großen Tralla, flüstert jemand -ihm zu, und er begreift. Er nimmt bewußtlos die -Hand von dem Blatt, schlägt den nächsten Briefumschlag -um, senkt die Augen auf die Seite und liest:) Oberförster -<a id="page-350" class="pagenum" title="350"></a> -— — unleserlich. In Blankenheide ... einen neuen Plankenzaun -notwendigerweise, weil mir sonst die Bauern das -Wild totschlagen, was übrigens nichts schaden könnte — -ungerechnet, daß sie es meist nicht richtig tot kriegen und -ich dann die Schweinerei im Jagen fünfzehn herumliegen -finde — (Der schreibt ja einen haarigen Stil, meint wohl -noch, jemand vor sich zu haben ... Also warum: nichts -schaden könnte?) — — herumliegen finde, Klammer, weil -es doch kein Mensch abschießt. (Blankenheide? Blankenheide -gehörte zu Dannel-Biebereck, Tante Henriette war -kein Nimrod, Onkel Anton auch nicht, der Namenlos -hatte die Verwaltung und haßte die Schießerei im Treiben. -Aber es liegt ja an der Grenze, Schley kann hinübergehn, -— richtig! — T. findet im Weiterlesen den Satz:) ... da -mir die <span class="antiqua">p. p.</span> Beuglenburgschen Bauern wieder ein Stück -von Jagen fünfzehn abschneiden wollen, und die <span class="antiqua">p. p.</span> -Prozesse ... (soll wohl heißen: die verfluchten Bauern -beziehungsweise Prozesse?) ... ja doch immer zehn Jahre -dauern, so möchte ich ehrerbietigst <span class="antiqua">p. p.</span> — (schon wieder! -so’n Pepe scheint ihm für alles gut zu sein!) — anraten, -die Grenze doch gleich ein für allemal vier Meilen westlich -zu legen, indem ich dann Beuglenburgisch werde und -ein für allemal die Ruhe habe. (Georg dreht — matt -lächelnd das Blatt um. Was kommt nun für ein Fetzen? -Er sieht nach der Unterschrift, wie von einer Kindeshand -gemalt:) Bombe, Kätner und Kesselflicker, — (ja, sie -müssen jetzt doch jeder eine Firma haben ... Was will er -denn? Kann die Pacht nicht zahlen, — ach, der scheint zu -Helenenruh zu gehören. Bombe? Natürlich, der klebte -doch Invalidenmarken, und der Sohn war — war Vorarbeiter -<a id="page-351" class="pagenum" title="351"></a> -bei Haupt und Ungefesselt, Dampframmen und ... -verdiente fünfzig Mark die Woche und war nicht verheiratet.) -Kuh gefalen ... ale Katoffeln Faul, — liest T. -weiter, — Frau Hochgratig Magen Leident ... anliegent -At — Apothekerrechnung soll das heißen. Georg findet -das Blatt. — Opiumtropfen — Opiumtropfen — Opiumtropfen -... Lezithin, drei Flaschen, Summa acht Mark -neunzig, abzüglich Kassenprozente fünf Mark und fünfzehn -Pfennige, — ob ich das zahlen kann? — T. trocknet -sich die mittlerweil triefende Stirn, langt einen Bleistift aus -der Schale vom Schreibtisch und schreibt: Bezahlen! auf -das Blatt; seine Hand klebt beim Schreiben, er muß husten -und liest umblätternd weiter: Verein ehemaliger Königinhusaren -... 23. Stiftungsfest ... Weiter: Elisenhütte, Einladung -zur Aufsichtsratssitzung ... Verteilung der Dividende -... T. klappt die Mappe zu, legt sie leise auf den Tisch -und sitzt, das Taschentuch in den Händen; lockert den Schal -vorn am Hals und starrt trübe vor sich hin und denkt -bloß: Ein Fünftel vom ganzen Einlauf, und schon kaputt ... -</p> - -<p> -Wozu all das, wozu? Geld ging hinaus, Geld kam -herein! Warum kann ich nicht auf all das verzichten? -Birnbaum machts ja doch Vergnügen, er kennt nichts -andres, er weiß überhaupt nichts andres, es ist seltsam -und unbegreiflich, aber sein Leben besteht darin, und er -fühlt sich wohl, abgesehn von seinen Sorgen, die aber -nicht durch dieses bedingt sind. Eine Abendstunde mit -Dickens, ein Gespräch mit seiner Frau, ein Spaziergang -am Schabbesabend, tausend Schritt genau bis Lornsens -Mühle, Schachspiel, — das sind seine Freuden, und dann -— ja, dann ist ihm wohl das Ganze durchwärmt und -<a id="page-352" class="pagenum" title="352"></a> -vertieft durch Liebe, zu ... zu mir ... und er würde es -nicht fassen können, wenn ich die Hand davon abzöge. -Er dient, und es ist ihm Wonne zu dienen, und ich — -</p> - -<p> -Womit es denn nun wohl genug sein dürfte. Das ist -ja alles bloße Quälerei. -</p> - -<p> -Es hat aufgehört zu regnen, wie ich sehe, ich hätte Lust, -nach Hallig Hooge zu fahren. Also dieser Maler Bogner -haust, wie ich nun erfahren habe, dort mitsamt Ulrika, — -man trifft doch überall die selben Leute. Vielleicht störe ich -ihn. Wer nach Hallig Hooge zieht, den zog vermutlich -Einsamkeit. Ich glaube, jetzt schreibe ich ein Gedicht. -</p> - -<div class="poem-container"> - <div class="poem"> - <div class="stanza"> - <p class="verse">Noch ist es hell und rein</p> - <p class="verse">Hoch in den Räumen, —</p> - <p class="verse">Schon bricht die Nacht herein</p> - <p class="verse">Unter den Bäumen, —</p> - <p class="verse">Schlafen und stille sein,</p> - <p class="verse">Nicht einmal träumen ....</p> - </div> - <div class="stanza"> - <p class="verse">Dunkel, o Dunkel, ohn</p> - <p class="verse">Arg dir ergeben,</p> - <p class="verse">Fühl ich die Gottheit schon</p> - <p class="verse">Über mir schweben:</p> - <p class="verse">Schlaf, gieb die Mohnenkron’,</p> - <p class="verse">Sanfter zu leben.</p> - </div> - <div class="stanza"> - <p class="verse">Wacht nun der Himmel, der</p> - <p class="verse">Goldengeäugte?</p> - <p class="verse">Auge, du fragst nicht, wer</p> - <p class="verse">Jetzt dir noch leuchte.</p> - <p class="verse">Nacht ist, nur Nacht umher,</p> - <p class="verse">Göttergezeugte.</p> - </div> - <div class="stanza"> -<a id="page-353" class="pagenum" title="353"></a> - <p class="verse">Tief in die Dunkelheit</p> - <p class="verse">Antlitz vergraben,</p> - <p class="verse">Träume, wie fern ihr seid,</p> - <p class="verse">Flötende Knaben!</p> - <p class="verse">Abgrund der Schweigsamkeit,</p> - <p class="verse">Dich will ich haben.</p> - </div> - </div> -</div> - -<p class="noindent"> -Und endlich denn am Ende von allem das Unumgängliche: -der ewige Sturz. -</p> - -<p> -Auf die Knie an dem Bett unterm Emmausbild, und -endlich schrei dich aus, verzweifelnde Seele! Schrei aus -die Schuld und den Gram und die Not, immer schrei aus -den verbotenen Namen, schrei: Ich kann nicht mehr! -schlag an die Brust, jammre nur los, und lasse dich endlich -durchstoßen von der verruchten Wollust immer des -einen Gedankens: Oh Glück, oh Glück, daß der Träger -des heiligen, verbotenen Namens doch nicht war, was er -hieß! Daß ich nicht bin aus dem Blute dessen, des Blut -durch mein Verschulden vergossen ward! Oh, daß heute -mein Glück sein muß, was jahrelang Jammer und Elend -war: nicht der Sohn zu sein ... -</p> - -<p> -Und endlich das letzte Flehn: Wenn es einen Weg giebt, -doch immer noch einen Weg zu dir: gieb ein Zeichen, -komme im Traum, erscheine, wie du willst, aber gieb ein -Zeichen, daß du noch bist, denn ich glaube es nicht mehr! -</p> - -<div class="chapter"> - -<h3 class="chapter" id="subchap-0-2-3"> -<a id="page-354" class="pagenum" title="354"></a> -Drittes Kapitel: Oktober -</h3> - -</div> - -<h4 class="section"> -Insel -</h4> - -<p class="first"> -Renate erwachte in Helenenruh vom lauten Zusammenschrein -der Stare in den Bäumen mit einem fast -schweren Gefühl des Wohlseins. In augenblicklicher -Wonne des Erkennens: Nun ist alles, alles wieder abgefallen -... spürte sie sich noch aus dem Schlummer liegend -heraufgehoben, spürte, wie er dünner und leichter um sie -wurde, endlich aus ihr selber fortrieselte. Und nun empfand -sie ihr ganzes Wesen wie durchduftet, gesättigt mit -einem wundervoll kühlen Dampf, der ausquellend um -ihre Glieder lag. Sie warf die leichte Steppdecke ab, setzte -sich auf und sah nach dem Fenster, wo die klaren Mullvorhänge -unbeweglich hingen, obgleich es offen stand, — -nicht ohne leichtes Enttäuschtsein, denn da schien keine -Sonne, es war grau. Die Stare schrien immerfort an -derselben Stelle. Auf einmal zog ihr Herz sich empfindlich -zusammen unter einem Bangigkeitsanhauch, der sehr -langsam wieder entwich, und danach blieb ein Gefühl, -als müßte einer ihrer Sinne beeinträchtigt sein oder gar -verschwunden — und doch war da jeder: Gesicht wie -Gehör, Geruch und Geschmack, und sie fühlte sich auch! -— Die andern aber hatten sich zu einem süß brausenden -Chaos von Musik vereint, das in ihr brodelte wie -eine innere Sonnenwärme, und dies wars, wovon sie -für Augenblicke blind, für Augenblicke taub zu sein -glaubte, und die Stare waren jetzt kaum hörbar oder -ganz fern. -</p> - -<p> -<a id="page-355" class="pagenum" title="355"></a> -Sie streifte das Nachthemd von der linken Schulter -und versuchte, den nackten Oberarm an das Ohr zu halten, -im Gefühl, sie müsse es darin dröhnen hören wie in -einer Stimmgabel. Dabei neigte sie den Kopf und rührte -unversehens mit dem Kinn an die Schulter, zuckte aber, -kaum daß sie die weiche und kühle Glätte spürte, zusammen -wie unter einem magischen Schlage, streifte den Ärmel -wieder hoch, sprang vom Bett, ging zum Fenster und -teilte vor dem offnen den leichten Vorhang. -</p> - -<p> -Draußen war nichts als ein undurchdringlich dichter -weißer Nebel von unbeweglicher Stille. Erst nach einer -Weile erschienen schattige Massen darin, zwei große -Bäume, und von dorther lärmten die Stare. -</p> - -<p> -Diese Welt schien so geheimnisreich, daß Renate sich -überneigte, um zu sehn, ob die Hecke noch da war, und -richtig, da war die sehr stille Wand von rauhen Haselblättern, -matt glänzend von schwerer Nässe, dunkelgrün -und vielfach bräunlich gesprenkelt. -</p> - -<p> -Als sie aber nach oben sah, verriet ihr ein ganz geringes -Blenden die Reinheit des Himmels über der Nebeldecke, -in der so viel Blau war wie in frischer, gewaschener -Leinwand. -</p> - -<p> -Baden jetzt, ah in diesem Nebel baden! wie still würde -die See sein! — Renate hatte augenblicks das Nachthemd -abgestreift, den daliegenden, dunkelgrünen Trikot angezogen, -dann die Sandalen mit goldenen Wadenbändern -angelegt, worauf sie in den seegrünen Bademantel schlüpfte -und die grüne Gummikappe in die Hand nahm. Die -Uhr im Armband, das sie überstreifte, zeigte ein Viertel -nach sieben. -</p> - -<p> -<a id="page-356" class="pagenum" title="356"></a> -Im Nebenzimmer stand ihr Frühstück bereit, doch nahm -sie nur, um nicht ganz nüchtern zu sein, einen Schluck -warmer Milch und ein Stück Weißbrot mit Honig zu sich, -das sie noch im Fortgehn fertig kaute. -</p> - -<p> -Wie klein war dann der Hof vor dem Verwalterhause! -Kein Mensch ... Schweigen, und nur vor der roten -Hauswand bewegte sich ein Schatten, der Hund, der vorkam, -soweit es seine Kette erlaubte, wedelte und ihr nachsah, -die leichtfüßig am Gartenzaun hinlief und, an seinem -Ende nach links biegend, durch das lange, nasse Gras der -Wiesen in den Nebel hinein. Es war so lautlos um sie -her, daß sie stehen blieb und sich umsah. Deutlich in den -Nebel hinein zog sich eine dunkle Furche dort, woher sie -gekommen war, aber zu hören war nichts als das Schlagen -ihres eigenen Herzens; dann das leise und spitze Ticken -der Uhr. -</p> - -<p> -Sie ging weiter, angenehm frierend in der Morgenkühle; -unter dem Nebel erschien die sanfte Schrägung des -Deichs, die sie alsbald erstieg mit einer leisen Besorgnis: -wenn jetzt nur nicht Ebbe ist! — Sie stand oben und sah -die schräge Mauer der Quadersteine mit grünen Fugen -von Tang hinab. Nein, da war das Wasser, dunkel, unbeweglich! -Ohne Laut war es bis hier herangekommen. -Zu sehen war nur wenig von ihm, alles verbarg der Nebel, -in dem allhier ein geisterhaftes Fliegen und Bewegen war, -ohne daß die Dichte und Undurchsichtigkeit sich dadurch -änderte. Zerfließend weiche Füße tanzten auf der dunklen -Glätte der Flut. Die ganze große See war nicht vorhanden. -</p> - -<p> -Renate konnte die Höhe des Wasserstandes an der Entfernung -von ihm bis zur Deichkrone messen. Sie warf -<a id="page-357" class="pagenum" title="357"></a> -den Mantel ab und legte die Uhr darauf. Als sie wieder -gerade stand und die Luft an den Umrissen ihrer Glieder -fühlte, mußte sie lächeln mit zusammengezogenen Augen. -Sie zog die Kappe fest über das Haar, stieß dann die -Arme wagerecht von sich, dehnte die Brust, legte den -Kopf ins Genick und blieb so Sekunden, mit schon schärfer -geblendeten Augen spürend, daß hoch über ihr ein -Hauch von Bläue sich regte. Plötzlich gluckste das Wasser -in der Tiefe. Sie senkte den Kopf, verscheuchte den -Schauder vor dem Kalten, lief behutsam drei Viertel der -Schräge hinunter und warf sich über den Rest hinweg laut -klatschend in die Flut. -</p> - -<p> -Aber — oh tausend Teufel! — sie schrie und schnaubte -vor Schreck, wie eisigkalt das doch war! Sie schwamm -heftig, merkte, als sie nach einer Weile die Füße sinken -ließ, keinen Grund mehr unter sich, drehte sich halb zurück -und schwamm nun, die Linie des Deiches achtsam mit den -Augen haltend, in langen Stößen die Füße schließend, -übergreifend mit dem rechten Arm, am Ufer hin, den Kopf -schüttelnd und leise prustend nach jedem Stoß, wie alle -rechten Schwimmer es machen. Als sie das Wasser lau -um sich her fühlte, drehte sie um und schwamm so weit -zurück, wie sie gekommen zu sein glaubte, legte sich auf -den Rücken und erreichte so bald den Deich. -</p> - -<p> -Kaum mehr als zehn Minuten konnte sie im Wasser -gewesen sein, und doch war, als sie wieder oben stand und -sich frierend und triefend nach ihrem Mantel umsah, alles -schon verändert. Wind wehte jetzt. Die Sicht über die -Wiesen hin war freier geworden, die Zäune sichtbar, und -in der Höhe bewegten sich flüchtende blaue Löcher im -<a id="page-358" class="pagenum" title="358"></a> -Weißen. Und als Renate ihren Mantel entdeckt, ihn an- -und den Trikot darunter ausgezogen hatte, war die Uhr -fast acht, war die Sonne als matte Goldscheibe hinter -der weißen Wand zu erkennen, und war sie selber vom -Frottieren so brodelnd heiß wie ein eben neugeborenes -Brot aus dem Ofen. -</p> - -<p> -Voll Behagen schlenderte sie noch eine kleine halbe -Stunde — gedankenlos wie ein Pferd, wie sie meinte — -am Deichrand hin und her, See und Himmel beobachtend, -die immer blauer wurden und immer freier, und dann -lief sie plötzlich in größter Eile ins Haus zurück, um sich -anzukleiden und zu frühstücken, jählings ersterbend vor -Hunger. -</p> - -<p> -Später dann, als vom Nebel auch nicht eine Spur -mehr weit und breit zu entdecken war, fand sie sich auf -einer guten Kamelhaardecke ausgestreckt im nebelnassen -Gras unter den äußersten Zweigen der Parkeichen, vor -sich die Wiesen, grau taugestreift in der Morgensonne, -wehend von Halmen und den letzten Margueriten bis in -die offen feurige Bläue des Himmels hinein. Sie holte -den kleinen Kamm hervor, den sie im Strumpfband zu -tragen pflegte, und eine gute Stunde verging ihr mit dem -Auflösen ihrer um den Kopf gelegten Flechten und sorgsamem -Kämmen, stückweis erst von oben bis unten hin, -dann der langen Schweife, die sie in der Hand hochhalten -mußte, in großen Strichen, wonnevoll spürend, wie die -Masse weicher und lockrer sich dehnte und es darin knisterte -von elektrischer Kraft. -</p> - -<p> -Später saß sie auf ihrer Decke mit hochgezogenen Knien, -die Hände um die Fußknöchel geschlossen, während der -<a id="page-359" class="pagenum" title="359"></a> -leichte Mantel ihres Haares um sie wehte und sich zerteilte -im behutsamen Wind, und vergnügte sich damit, -in den Ausschnitt ihres Kleides über ihre Brust hinunter -zu blasen. -</p> - -<p> -Später lag sie, schmal und lang hingestreckt, die Arme -über der Brust gekreuzt, das Gesicht von der Sonne abgewandt, -aufgelöst in Erd- und Himmelswärme, und -dachte, halb schon im Schlaf: Nun bin ich so rein wie -die Welt! — -</p> - -<p> -Dann entschlief sie beruhigt. -</p> - -<p class="tb"> - -</p> - -<p class="noindent"> -Irgendwie war es Nachmittag und Abend geworden. -Renate ging in einem weißen Kleid auf den gewundenen -Wegen des Parks umher zwischen tiefgrünen Flächen der -von Bäumen und Gebüschen langhin überschatteten Wiesen, -— jetzt innerlich nur tief hinabgeneigt über die immer -noch unvollkommene Musik, die dort unerlöst wogte, -nicht näher kommen, nicht deutlich werden wollte. Kaum -daß sie hier und da einmal aufsah und es bemerkte, wenn -eine große Gruppe von Buchen ein plötzliches und gewaltiges -Rauschen begann, laut zusammenredend, vorwurfsvoll, -wie ein Chor, während sie die laubigen Arme und -Glieder schüttelten, von denen flüchtende Blätter seitwärts -hinunterwehten über die Wiese. Oder wenn eine Schar -weißer Birken die ganze leichte Masse goldgelben Laubes -hochausgestreckt ins blaue Leuchten der Höhe hineinwarf, -in einer feurigen und weiblichen Gebärde des Fortverlangens. -Für Augenblicke dann betroffen, zuckte sie mit, gleich -nach innen wieder gebeugt, fast verstimmt, weil die Musik -in dem Innern geringer vernehmbar geworden schien. -</p> - -<p> -<a id="page-360" class="pagenum" title="360"></a> -Als sie dann vor der kleinen Brücke zur Insel stand, -fühlte sie sich angesichts der mächtigen, schattenvollen -Masse der Baumkuppeln von einem unerklärlichen Zaudern -ergriffen, ja, von einer Angst, so daß sie sich selbst -hinüberlocken mußte mit dem Gedanken an das Grab der -Herzogin, und fast hinüberziehn mit der einen Hand am -Geländer. Drüben stehend, gewahrte sie zum erstenmal -das kleine Rad der Winde, trat hinzu, begann zu drehen -und sah mit Verwunderung die Brücke sich bewegen und -hochsteigen, bis sie im Winkel von dreißig Graden stillhielt. -</p> - -<p> -Nun bin ich allein! dachte sie, jedoch nicht eigentlich -erleichtert, und ging leise in den schmalen Gang zwischen -dem Buschwerk hinein. -</p> - -<p> -Da lag die Wiesenmulde, ganz im Schatten, so einsam, -so abgeschlossen im Ring der Bäume wie in der Tiefe -eines Waldes. Nichts bewegte sich, kein Blatt an den -dichten Zweigen der braunen Trauerbuche, an deren -Stamm das eherne Schild kaum noch zu sehn war im -Düster des Laubes. Darunter nichts als ein besonders -grüner, geschorener Fleck im Gras: das war das Grab. -</p> - -<p> -Hier dämmerte es schon. Renate sah die ganze Mulde -kaum wahrnehmbar übersprenkelt von den lila Flecken -der Herbstzeitlosen. Sie sah, die Augen hebend, den Himmel -oben im Kranze der Wipfel wie einen ganz seligen -See von Bläue, überrieselt von güldenen Funken, und ein -einsamer, weißer Fittich, vergoldet, streckte sich hinein, -als stünde im Jenseits ein Engel. Dann empfand sie die -Wärme hier, dunstiger, feuchter, und auf einmal glühte -ihr ganzes Gesicht. -</p> - -<p> -<a id="page-361" class="pagenum" title="361"></a> -Da stand zur Linken auf der niedrigen Anhöhe unter -Kastanien der kleine Tempel von Rokokochinesisch, aus -Baumrinde und längst ohne Glöckchen; langsam ging -Renate hinüber und trat in das Innre, in dem nichts war -als ein Sessel mit verblichener, grünlich goldiger Damastbespannung. -Renate glitt hinein und fand, daß sie gerade -gegenüber die Blutbuche mit dem Namensschild -hatte. Plötzlich entdeckte sie auf dem Fußboden den -plattgetretenen Rest einer Zigarre, erinnerte sich, daß der -Herzog hier oft gesessen hatte, und daß er nun auch tot -war. -</p> - -<p> -Für eines Augenblicks Dauer, angehaucht von den Toten, -ward ihr das Herz schwer, und sie fröstelte. Schwerer -aber dann empfand sie ihr Haar, zögerte noch eine Sekunde, -löste Spangen und Nadeln, schüttelte den Kopf -und fühlte erfreut die Erleichterung der zum Rücken fallenden -Last von Zöpfen. -</p> - -<p> -Aber nein, das war es ja nicht gewesen! Oder es war -doch nicht genug! Ihr Kleid war das Drückende, und sie -glühte, und im nächsten Augenblick hatte sie die ganze geringe -Bürde der zwei Röcke und Wäsche von sich gestreift -und auf den Sessel gelegt, leise, als dürfe niemand es -merken. Sie legte Schuh und Strümpfe hinzu und ging -dann halbgeschlossenen Auges, die Hand um die linke -Brust und mit dem unsicher weichen Gang der ungewohnten -Nacktheit im Freien, erst nur bis zum Türpfeiler, den -sie umfaßte, und an dem hin sie sich selber hinunterdrängte, -sich hingleiten zu lassen ins Gras. -</p> - -<p> -Augenblicks durchrann ihren ganzen Leib ein magischer -Schlag von solcher Gewalt, daß ihr Herz stand. Dann -<a id="page-362" class="pagenum" title="362"></a> -lag sie angeschmiedet, hineingefügt in die glühende Erde. -Schon fühlte sie weit am Ende ihrer ausgebreiteten Arme, -so weit wie am Himmelsrand, ihre Hände schreckenvoll -vergrößert, und nicht Gräser, nein Gesträuche, nein Bäume -wuchsen zwischen den Fingern hervor, ihre Finger waren -Wurzeln, sie dehnte sich, aus riesigem Gewipfel über ihr -stürzte Finsternis und Gold, da war ein gewaltiges Gesicht, -da brauste es aus ihren Fingern nach oben, reißenden -Himmeln zu und hinein, es brauste herauf durch die -Arme zu den Schultern, daß sie schmerzten. An ihrem -Rücken war die ganze Erde, ein andrer, ein riesiger Rücken, -ein ungeheures Tier, das sie trug, hinwandelnd langsam -durch ungemessenen Raum, und dann war auch dies nicht -mehr, wieder Ruhe, und nur das langsame ächzende Drehen -der Kugel, mit der sie eines wurde. -</p> - -<p> -Unaufhörlich aus dem Himmel über ihr fielen blaue -Stücke mit goldenen Rändern und zergingen lautlos an -ihr, aufbrennend in Flammen sonder Asche und Rauch. -</p> - -<p> -Ein Angstgefühl, das nicht menschlich war, ergriff sie -jetzt. Sie lag bewegungslos, sie wollte sich aufrichten, -sich losmachen, allein umsonst. Jetzt, dachte sie plötzlich, -jetzt geht der Gott durch den Wald, jetzt steht er im Tal, -jetzt sieht er herauf! Sah er mich? Ach! -</p> - -<p> -Unter dem qualvollen Zwange, sich aufzurichten, gab -es in ihr einen Riß, und langsam, erstaunend, erhob sich -die sanfte, feierliche Seele aus ihr, sah sich um ohne Bangigkeit, -sah hinunter vom Gipfel des Gebirges über das -gewaltige Land, zu andern, schweigsamen Bergen voll -Dunkel hin, über den abendlichen Strom, über die ewigen -Hügel von Grün; atmete das Gold ein der regungslosen -<a id="page-363" class="pagenum" title="363"></a> -Lüfte, der unendlichen Abgeschiedenheit, und sie erkannte -mit einem Schluchzen, süß betroffen, ihre Heimat. -</p> - -<p> -Dann saß Renate aufrecht und gewahrte deutlich drüben -zwischen der braunen Buche und der Fichte in der -schwarzen Dämmrung ein weißes, menschliches Gesicht, -klein, sanft, ewig, — und sie schrie auf aus tödlich entsetztem -Herzen: Ech-en-Aton! -</p> - -<p> -Da begriff sie: der da kam, war Saint-Georges, aber -das war ein und derselbe! — Und noch zitternd, übermenschlich -sich wehrend gegen den Kommenden, schmolz -sie schon hin, schmolz hin zu seinen Füßen, lag hin vor -seinem Nahesein, und das Niegekannte, das Niegewußte, -das Niegeglaubte, das Gefühl über allen Gefühlen, seufzte -sich los aus dem Stein, nicht mehr Lust, nicht mehr -Grauen, ein beides in ungeheurer Majestät nur Dasein -grenzenlos, Süße grenzenlos, und mit dem Herzschlag -des Wissens: es kam! und: es ist da! vergingen Leib -und Seele ihr in das strömende Schluchzen, mit dem sie -ihn empfing. -</p> - -<p> -Da rauschte nieder zu ihr alles Leben der Höhen und -vereinte sich mit den aufwärts stürzenden Tiefen. Über -sie hin ging ein Regen von Küssen, in dem sie sich löste, -und sie war eine Wolke von Küssen um den Gott. Bäume, -brausend, warfen sich mit herunter zur Umarmung mit -tausend Zweigen; herunter zu ihr schmolz der Himmel, -herunter taumelten Schwärme von Gefieder, in unterirdischen -Strömen ihres Blutes zogen Geschwader silberner -Fische noch stumm, Vögel mit Fittichen von Sternen bewegten -sich versuchend in ihrem Haar, auf und nieder -wogten die Berge, wartend auf das Zeichen zum Aufbruch, -<a id="page-364" class="pagenum" title="364"></a> -da stand das riesenhafte Einhorn schneeweiß auf -einer Silberzacke und senkte das Horn auf ihr Herz. -</p> - -<p> -Eine Fanfare von Schmerz, ein ungeheurer Leib auf -dem ihren, der sich regte, und so zog durch ihren Schoß -ein die Orgelbrandung des himmlischen Sterbens. Noch -verbrannte an der Berührung eines Mundes ihr Mund -zur zitternden Narzisse, und eines Schlages war die -Stummheit aller Kreatur aufgelöst in ihrer Umarmung -zu schallender Harmonie. Es lobsangen in den Höfen die -Engel, in den Lüften die Vögel, hinschweifend ohne Pfade, -in den Bergen tönten die Erze, auf den Bergen die Wälder, -Gebrüll der reißenden Tiere in Tälern ward Gesang, -Heerscharen der Fische zogen musizierend nach Sonnenaufgang, -und in Strömen und Quellen, in Teichen und -Wasserstürzen standen Orgeln und wandelten Harfen, erklingend, -erklingend, ewige Tage lang, bis aus dem unsterblichen -Abend, einsam, die Flöte des Hirten Frieden -blies, über Dämmerung, durch das Finster, und ein Stern -ging auf. -</p> - -<p> -Es war Nacht. Fremde Bäume rauschten gedankenvoll. -Eine Kühle ging nachdenklich aus dem schwarzen -Dickicht hervor, breitete die Arme und verhauchte schaudernd -den Geist. Schonungsvoll zerfiel eine gealterte -Vollkommenheit. Das dunkle Tier irrte zackig umher. -Langsam fielen eisigklare, ruhige Tränen. -</p> - -<h4 class="section"> -Aus den Papieren Georgs -</h4> - -<p class="date"> -Auf Hallig Hooge -</p> - -<p class="noindent"> -Mir scheint, ich bin ruhiger geworden. Sollte das die -Wirkung dieser ganz grünen Insel sein, auf der ich nun -<a id="page-365" class="pagenum" title="365"></a> -hause? Wir sind heute nicht abergläubisch mehr, und im -Gegenteil, was diesen Telemach anbetrifft, so machen ihm -die Geister und die Toten beziehungsweise ein gewisses -Behagen. Übrigens sind ja auch Lebendige vorhanden, -obschon auch diese besondre Untertanen des Todes, sein -Zeichen tragend an der Stirn: Bogner, den er eben aus -seinen Reichen entließ, und Ulrika, die — ich hoffe — nur -hindurchgehen wird. Nur das Mädchen Cornelia scheint -munter. -</p> - -<p> -Der notwendige Hauptmann, den sie mir mitgegeben -haben, scheint sich gut ertragen zu lassen; er schweigt. -Birnbaum wird ihn ausgesucht haben. Da er bürgerliche -Kleidung angezogen hat, könnte er der Pächter dieser Insel -sein, seit langem: Einsamkeit steht um sein bartloses -Gesicht wie ein fester Bart, gut und ruhig sind die Augen, -immer scheint er zur Teilnahme bereit. Doch er schweigt. -Ein wenig hat er etwas Russisches, vielleicht ist er Balte; -die Sprache verriet nichts. -</p> - -<p> -Ja, hier kann man leben und sterben! dachte ich schon -im Segelboot auf der Fahrt. -</p> - -<p> -Ja, so gieb nach, Georg, gieb einmal nach und sag es! -Sage, wie unbeschreiblich es dich schon ergriff auf der -Fahrt. Vom Festland der weiche, emsige Wind trieb das -Boot in gerader Fahrt, weich reitend über die dunkle -bläuliche See. Und da, wie vor dir nur Himmel noch -war, zu sehen, ja fast schon zu fühlen die grenzenlose und -berauschte Seligkeit, die seiner Umarmung mit dem Ozean -ausstrahlt, — großes, locker bewegliches Getümmel grauer -und weißer Wolken überm blauen Grund, und die Wasserwüstenei, -kalt, nicht weit zu überschaun: unwiderstehlich -<a id="page-366" class="pagenum" title="366"></a> -preßte da der kühle, brausende Odem der Göttin sich -in deine Brust, verdrängend den kranken Menschenatem -drin, bis es nur der ihre noch war. Oh ruhiges, mildäugiges -Leuchten der Nachmittagsstunde, schräge von -oben durch die Breschen der himmlischen Wanderung! Oh -wieder empfindliches Zittern beim Eintauchen in ihre leiblosen -Schatten! Oh wieder Entschweifen weithin und -voraus des entfesselten Blicks! Bis wieder ein Festes dem -Auge sich bot, und plötzlich entzaubert das Inselgebirge -sich schwimmend erzeigte ganz grün. -</p> - -<p> -Wenn ich nun die Augen schließe und mir die Insel -vorstellen will, erscheint sie mir besondrerweise immer aus -der Vogelschau, — erhob mich so mein Gefühl? — Ich -sehe den kreisrunden grünen Kranz des Deiches aus einer -wolkigen Höhe, fest hineingefügt in die ungestüm daraufzu -und an zwei Seiten vorübergewälzte dunkle See; sehe -die leere Wiesenmulde im Kranz, und sehe, daß sie ein -Amphitheater ist, diese Insel, denn an der Wattseite fehlt -ein Stück des Deiches, dort ist flacher Strand, und dort -zur Linken, schräge hinter dem Deich, liegt das Gesindehaus, -langgestreckt, mit seinem schwarzmoosigen Schilfrohrdach, -etwas erhöht, überwölbt vom einzigen Baum, -dem Birnbaum voll kleiner, glänzend grüner Früchte, dahinter -Gemüsefelder. Vom offenen Strandstück quer -durch das grüne Tal führt ein getretener Pfad ganz grade -zum ‚Kavalierhaus‘, das übrigens dem Gesindehaus -gleicht, außer daß es Fachwerk ist, weiße, jetzt schwärzliche -Balken mit blauer, jetzt weißlicher Füllung, während das -andre ganz rot ist, in dem seinerzeit die Begleitung des -‚Astrologen‘ wohnte. Und keine dreihundert Meter östlich -<a id="page-367" class="pagenum" title="367"></a> -von ihm steht der achteckige Turm der Sternwarte -oben auf dem Deich. -</p> - -<p> -Ich glaube, ich zitterte seltsam, als ich wieder den festen -Boden betrat. Ja, hier läßt es sich leben und sterben ... -Die schrägen, an der Außenseite vom Seetang ganz -begrünten Wände des Deiches stiegen haushoch — und -das scheint berghoch dahier vor der riesigen Fläche. Vom -Winde war plötzlich kaum ein Hauch mehr zu spüren, -es war rätselhaft still. Rechts, am innern Abhang -des Deiches, wo er endete, waren zwei weiße Ziegen angepflockt, -die bei meinem Anblick sofort entgeistert die -Bärte hoben, sich ungemein wunderten und sich verabredeten, -so weit näher zu stelzen um ihren Pflock, als es die -Kette erlauben würde. Menschen waren nicht sichtbar, -und so ging ich in die tiefe, grüne Stille des Tals hinein, -abgeschlossen von aller Welt durch die berghohe Umwallung, -deren westliches Stück eine breite Schattendecke in -das Innere legte. -</p> - -<p> -Das Haus, auf das ich von ferne zuging, ist gebaut -wie alle Bauernhäuser der Landschaft, langgestreckt; ein -Mittelstück ist überhöht, links sind die Stallungen (hier -freilich keine), rechts die Wohnräume; Vorder- wie Hintertür -in der Hausmitte sind zerteilt, so daß die obere Hälfte -sich allein aufschlagen läßt und man darin lehnen kann. -</p> - -<p> -Wie freundlich leuchteten mir im Näherkommen dann -das Blau und Weiß des Hauses im tieferen Licht und im -Blumengarten davor Gebüsche von rosigem, weißem und -ziegelrotem Flor! Ich glaubte, wieder wie einst, das große -Wandern der Sonne spüren zu können und wieder Raum -in meiner Brust. -</p> - -<p> -<a id="page-368" class="pagenum" title="368"></a> -Als ich dann zum Hause gelangt und zur Linken um -seine Ecke gebogen war, hatte ich dies unvergeßlich scheinende -Bild: -</p> - -<p> -Zwanzig Schritte hinter dem Hause wieder die hier gelindere -Steigung des Deichs, — rundum schließend wie -ein Ende der Welt. Hoch oben stand, noch ganz am -Rande, die Gestalt der Cornelia, die ich gleich erkannte, -obwohl sie schräg von mir abgewandt stand nach der See, -ganz leuchtend vom feurigen Sonnenschein, im blauen -Kleidrock und weißer Bluse und in einer Haltung, als ob -sie im Gehen festgewurzelt wäre. Ein paar Schritte weiter -rechts saß, zur See gewandt wie sie, auf einem Feldstuhl -ein grauhaariger, unbekannter alter Mann, in dem -mich erst Erfahrung zu meinem tiefen Erschrecken den -Maler Bogner erkennen lehrte, — und Beide über der -grünen Wand waren wie vor einer sattblauen, vor dem -leeren Himmel, ganz nahe davorgesetzt. — Und dann, wie -ich wieder nach unten und zur Rechten sah, gewahrte ich -auf einer Bank vor der Hauswand Ulrika Tregiorni in -einem grünen Kleid, die Hände im Schoß, sitzend in einer -solchen Ergebenheit, so sich hineinfügend in die Tiefe, -über der droben die beiden Andern feierlich eifrige Ausschau -hielten über ein unsichtbares Land, — daß es schmerzlich -zu sehn war. -</p> - -<p> -Unbeschreiblich war dann die Freude des Malers, als -ich seinen Namen rief. Wie er sich umdrehte im Sitzen; -wie sein gealtertes Gesicht sich veränderte in der Freude; -wie er aufstand und die Arme nach mir ausstreckte wie -ein Vater — leider im Stehen noch verkrümmt infolge -der fehlenden Rippe —; wie ich zu ihm hinauflaufen -<a id="page-369" class="pagenum" title="369"></a> -mußte und er fast weinte, — ach, ich fürchte doch, dies ist -mehr erschreckend als erfreulich, denn früher war er alles -andre als weich. Mir aber blieb alles nach in der Brust -und so, als ob unmerklich eine Seele wieder sich bilde, von -weicher Wasserfaltung erwacht, zartes Korallengeäst in -dem Dämmer der Tiefsee. -</p> - -<p> -Ich bin also in den besondren Turm eingezogen und -so weiter, — ich weiß nicht, mir wird auf einmal wieder -so unruhig ... -</p> - -<p class="tb"> - -</p> - -<p class="noindent"> -Ah, haha! <span class="antiqua">Rideamus, amici!</span> Nun lustig, lustig, <span class="antiqua">rideamus</span>, -und die See brüllt dazu wie besessen, denn warum? -Ein neuer Aspekt des Todes, jawohl, jawohl, jetzt hätten -wir alles besonders beisammen, <span class="antiqua">rideamus nunc</span>, was -stellt sich heraus? was fördert sich, was muß ich selbst -zutage fördern, wie ich nämlich mit Ulrika und Bogner -abendlich dämmernd zusammensitze und keiner was zu -sagen weiß und ich deswegen nach Irene frage? Dieselbe -ist wieder im Kloster und warum? Nach einem endgültigen -Endkampf mit diesem besondren Klemens haben sie -sich zur süßen Liebe entschlossen, aber deswegen keine lieblichen -Gefühle — nein, bloß nicht weich werden! — sondern -er stößt sie von sich, jedoch — das ist nicht meine -Sache, aber wie es entstand, das ist die besondre Frage, -und zwar war es der große Mummenschanz naturgemäß, -der jenen Klemens zu grausamen Schmähungen veranlaßte, -weil Dieselbe trotz Verehelichung mit einem roten -Sozialdemokraten es leckerte nach dem dynastischen Gepränge, -und demgemäß, wer trägt die Schuld auch an -dieser besondren Verwirrung? Immer derselbe. Nein, -<a id="page-370" class="pagenum" title="370"></a> -bloß nicht weich werden, und die See brüllt wie besessen, -denn weiter: Spazierend am schmalen Gestade der Ebbe -mit der sogenannten muntren Cornelia, will ich was -Munteres sagen und öffne die Lippen zur Frage: Wie -gehts eigentlich jenem Josef von Montfort? Oh erbarmungswürdige -Entgeisterung! Einerseits und dann beiderseits, -denn siehe da, derselbe ist maustot, umgebracht -von dem eigenen Bruder! <span class="antiqua">Rideaumus</span>, es ist zum Haarausraufen, -denn gleich holt mich der Teufel, wenn das sich -nicht auf immer denselben Mummenschanz zurückführen -läßt, bloß nicht weich werden, denn das ist freilich noch -nicht alles, denn sie weint ja nun und zeigt sich besonders -bekümmert, daß dies an ein und demselben Tage vor sich -ging, an dem auch der bekannte Maler beinah sein liebes -Leben verlor, und auf Befragen erzählt sie gern eine höllische -Szene, nämlich wie sie ein grausames Schießen -hört, mitten am friedlichen Nachmittag, immerzu Knallen -und Knallen, und hinunterläuft und in ein Zimmer, und -da steht ganz rauchend dieser Bogner, oder vielmehr er -fällt schon hin, vornüber auf eine besondre Fensterbank, -fluchend und röchelnd und mit einer besondren Pistole -fuchtelnd, und immer in seinen roten Teufelshosen vom -Mummenschanz dazu, und draußen im Freien, wer liegt -an der Erde und sagt auch nicht ein Wort mehr? Natürlich -der andre Duellant, tot wie eine Ratte, und sie haben -sich Beide mindestens mit zwanzig bis dreißig Kugeln -durchlöchert, bloß nicht weich werden, denn siehe da, -worüber zerbrachen sie sich lange den Kopf, Cornelia und -auch die Ulrika? Wie ihr sogenannter Ehemann ihn hat -ausfindig machen können, aber Bogner offenbarte dasselbe, -<a id="page-371" class="pagenum" title="371"></a> -denn der Ehemann muß ihn beim Mummenschanz -gesehen haben zusammen mit Ulrika, seinen Namen erforscht, -da er ihm natürlich gleich besonders erschien, und -ihm nachgegangen sein, nachgegangen wem? dem mit den -roten Beinen, sie ließen sich auf keine Weise aus den Augen -verlieren, im dichtesten Dickicht der Beine nicht, und so -geschah’s! -</p> - -<p> -Rein in die Hölle, raus aus der Hölle, und nicht weich -werden und die Rechnung aufgestellt, denn nun hätten -wir ja den Unheilsberg strahlend beisammen, als da sind: -Esther und Sigurd, Cora und Magda, Josef, Erasmus, -sein Vater und Renate, Cornelia und Cordelia, Bogner -benebst Eltern und Ulrika mit Mutter, Irene nebst Ehemann -und Klemens, bloß Helene ist leider noch immer -nicht dabei, und über Allen schwebt — — — -</p> - -<p> -Ich, ich, ich! Ich hinter der Maske, da saß ich jahraus -und jahrein über Töpfen und Retorten und destillierte -das zarteste Gift, verabreicht’ es an einem Tag, und da -sitze ich nun mit meinem grinsenden Schädel auf dem -Berge der Leichen und kann meinen Nabel betrachten! -</p> - -<p> -Auf, laßt uns nun wahnsinnig werden! -</p> - -<p> -Den Verstand verlieren, o mein Gott, den Verstand -verlieren! All ihr Götter, wie kann ich denn einen haben, -wenn ich ihn jetzt nicht verliere! -</p> - -<h4 class="section"> -Renate an Saint-Georges -</h4> - -<p class="date"> -am 7. Oktober -</p> - -<p class="adr"> -Mein Geliebter! -</p> - -<p class="noindent"> -Siehe da, ich schreibe und weiß nicht wohin. Der Gedanke, -daß Du augenblicks in die Welt aufbrechen solltest, -<a id="page-372" class="pagenum" title="372"></a> -um das Tal und das Haus zu finden, in dem wir -bis in alle Ewigkeit wohnen würden, war preiswürdig, -als wir ihn dachten, nun aber jammert mich seiner, er hat -gar so viel Ähnlichkeit mit einem halb ersoffenen Kätzlein. -Legen wir es auf den guten warmen Ofen bis übermorgen, -und trösten wir uns derweil mit der süßen Speise -Wiedersehn und dem klaren Weine, der Dann-niemals-mehr -heißt. -</p> - -<p> -Ach, mein ewiger Geliebter, wenn es in der Welt etwas -giebt, das anders ist als alles Leben und alle Dinge dieser -Welt, und das Liebe heißt, was kann denn dieses anders -sein als die Vollkommenheit? Und wenn sie die Vollkommenheit -wirklich ist, so ist doch alles, was geschieht, -in der Liebe geschehn, was der oder die Liebende tut, was -sie nur denken und anfangen, es muß alles in der Liebe -sein und vollkommen. Demnach ist ein jedes verständlich -und ganz klar, und daß Du dort bist und ich hier, auch -dieses muß Vollkommenheit genannt werden, ich sehe es -vollkommen ein und begreife es, bloß: sie ist nicht so -leicht zu ertragen, diese Art von Vollkommenheit, und -sicher ist Übermorgen gar nicht, aber Du kommst ja erst -Freitag. -</p> - -<p> -Freitag, das soll auch so was heißen! Morgen ist -Dienstag, übermorgen ist Mittwoch, überübermorgen -Donnerstag, und was über überübermorgen geht, das -kann schon kein Mensch mehr aussprechen, also was fang -ich an? Soviel im Hinblick auf die Vollkommenheit ... -</p> - -<p> -Übrigens: -</p> - -<p class="sign"> -Renate -</p> - -<p class="date"> -<a id="page-373" class="pagenum" title="373"></a> -Nachts -</p> - -<p class="noindent"> -Aber eben als ich aufwachte aus dem Schlaf, und Du -warst nicht da, als ich das Alleinsein spürte und den immerwährenden -Schmerz und den Verlust, da fühlt’ ichs -doch auch: daß es vielmehr ein Verlust meines Wesens ist -als meines Habens, ach, und daß es vielleicht nur einer -kleinen Anstrengung bedürfte, um mein ganzes Wesen, -dies hier und das Stück dort, wo Du bist, wieder ganz -zu fühlen, und schon wie ich es versuchte, da — nicht in mir, -ach, das nicht! Aber <em>in der Welt</em> fühlte ich die Vollkommenheit -ganz heil und unerschütterlich, und ich seufzte. -</p> - -<p> -Denn Du und ich sind eins und vollkommen, und eins -und vollkommen in uns ward die zerrissene Welt; darum -sollten wir nicht trennen, auf keine Weise, was eben erst -heilte. -</p> - -<p class="date"> -am 8. Oktober -</p> - -<p class="noindent"> -Dein Bruder hat Schülerwitze gesammelt in den letzten -acht Wochen und läßt sie nun vorsichtig los. Meist kann -ich sie nicht behalten, aber höre diesen: Kannst Du mir -einen Satz sagen, in dem die Worte an und bis hintereinander -vorkommen? Nein, Du rätst es ja nicht, Du rätst -es ja ganz verkehrt! — Es heißt: Ich angelte, wo der -Fisch anbiß. Ach, wie kann es so etwas Dummes geben! -</p> - -<p> -Aber Du Fischiger weißt Du auch, warum diese Dummheit -mein Gedächtnis anbiß? Weil Du schon ganz kalt -und naß anzufühlen bist vor lauter Fischigkeit, will sagen -lauter Stummheit! Ich rede den ganzen Tag mit Dir, -Du hörst weise zu, aber Du schweigst wie Dein weißes -Abbild vor mir auf dem Tisch. Ich sehe es an, bis mir die -Augen übergehn, und dann wird mir unbegreiflich zumut. -</p> - -<p> -<a id="page-374" class="pagenum" title="374"></a> -Ech-en-Aton und Du! Ist es möglich, daß ich ihn -hatte und Dich, drei lange Jahre lang, und doch glauben -konnte, Ihr seid zwei? Ist es, war es wirklich möglich: -drei Jahre zusammen mit Dir, am selben Tisch, im selben -Raum, in derselben Luft tagaus und tagein und blind, so -ganz blind ‚für was in dünnem Schleier schlief‘? Nein, -wäre es möglich, daß plötzlich glühen kann, was durch Jahre -hin nicht kalt war, nicht warm? Daß Augen eines Abends -in lichtem Feuer stehn, in Feuer der Mund, in Feuer das -Haar und der ganze Mensch, ein Feuerofen, aus dem ein -selig Verbrennender singt? Ach, Geliebter, es ist wahr, -und es mußte so sein, denn es ist ja kein Du und kein -Außen, für das ich plötzlich Augen und alle Sinne bekam, -sondern das ist meine brausende Seele, die endlich, endlich -über die Ufer ging und mich himmlisch zerriß. Und -ich kann es doch nicht fassen, nein, nie, nie, niemals werde -ich es fassen können, daß diese Hand hier, die schreibt, an -<em>einem</em> Tage süß geworden ist, ach, so süß durch die -eine Berührung, daß ich denke, alle Bienen müssen kommen -und sammeln und die ambrosische Wabe bauen in -Gottes Herz! Und so süß, daß ich sie manchmal hinnehmen -muß in die andre, sie halten und fühlen schwer wie -von Gold. Ach, so verwandelte schon ein holder Geist -den Stab des Armen auf der Straße, daß er schwerer -ward und schwerer in seiner Hand und längst zu Golde -geworden war, ehe der es begriff mit den Augen. Ja, ist -es nicht so? Es vollzieht sich die göttliche Wandlung, wir -wissen es längst, alle Sinne wissens und sagens, aber da -ist noch ein letzter Sinn, der weiß nichts, und grade der -ists, den wir zum Erkenner gemacht haben, und endlich, -<a id="page-375" class="pagenum" title="375"></a> -endlich erfährt es auch der, wie der einsamste Siedler in -den Bergen vielleicht von einem Kriege hört, der die halbe -Welt zerriß, und er ist fast schon vorüber. Ein Schiffer -vor tausend Jahren fuhr durch die Nacht an einer Insel -vorüber und rief hinein: Der große Pan ist tot! — Und -da, als dieser Schiffer es rief, da wußte es erst die Welt. -Ach, aber wenn etwas sein sollte, und es ist nur ein Ding -der Erde, das nichts davon weiß, so ist es noch nicht, so -kann es nicht sein. -</p> - -<p> -Mein Geliebter seit Ewigkeit, das warst Du! Und Alle, -Alle, alle Geister der Erde haben es gewußt, nur ich nicht, -nur ich! Und ob ich es nun auch zehntausendmal weiß: -ich sehe mich nur immer an und frage mich und kann -nicht begreifen: Warum ist sie denn jetzt süß, diese Brust, -die linke und rechte, und süß dieser Mund, süß das Haar -und die Knie und der ganze Leib unaufhörlich ein schluchzendes -Wunder von Süßigkeit, warum, wenn er es vorher -nicht war? -</p> - -<p class="date"> -am Abend -</p> - -<p class="noindent"> -Ich habe Dich im Süden und Norden gesucht, mein -Geliebter, ohne Dich zu finden, kam müde heim, und da -lächelst Du mich an aus meinem Herzen. Der Mond stieg, -die liebliche Sichel, aus dem Meer. Nein, nicht aus dem -Meer kommt der Mond, sondern aus der Tiefe der Welt; -nicht aus mir kommt die Liebe, sondern aus der Tiefe der -Welt; und Mond und die Liebe, sie fahren einer im andern -durch mich und das Meer in die ruhige Tiefe der -Welt. Schlafe wohl, mein Geliebter! -</p> - -<h4 class="section"> -<a id="page-376" class="pagenum" title="376"></a> -Renate an Irene -</h4> - -<p class="date"> -Helenenruh, am 8. X. -</p> - -<p class="noindent"> -Irene! Irene, muß ich wirklich, oder besser noch, darf -ich es wagen, den Drachen des Schweigens, von dem Du -Dich verzehren lässest, mit dem Schwert meiner Rede zu -bestehn? Ich könnte Dir, arme kleine Aja, freilich auch -einen richtigen Saint-Georges zu Pferde schicken, der Dir -und mir den Lindwurm erlege, aber leider kann ich ihn -heute noch nicht entbehren ... -</p> - -<p> -Oh Worte, oh Worte! Komme zu mir, und Du wirst -alles wissen. Ich bin glücklich, Du kannst es auch sein! -Ich liebe, Du kannst es wie ich, ich werde geliebt, und -Du kannst es werden. Kannst Du nicht lieben? Liebst -Du nicht lange? Ich sage Dir, Irene, daß Du rasend -bist, wenn Du andre Wege irgendwo suchst und vermutest, -daß Du rasend bist, wenn Du nicht aufbrichst auf -dem einen Weg, Dich hinzuwerfen und zu lieben! -</p> - -<p> -Liebe, liebste Irene, muß ich Dir vielleicht noch erklären, -wie Du das machst? Laß Dir sagen, Du brauchst -nichts zu tun, als hinzugehn, wo Dein Georges, also Dein -Klemens ist, und zu bleiben und zu lieben. Wenn er sich -wehren sollte, so mußt Du ihn mehr lieben. Dann könnt -Ihr Euch heiraten oder nicht heiraten, aber von nun an -sollt Ihr alles gemeinsam tun, schlafen und essen, Werktage -haben und Feiertage, eine Wohnung nehmen und -drin wohnen, Einkäufe machen und Bücher lesen und -Spaziergänge machen und keinen Armen von Eurer Türe -weisen, und was es auch sei: hierin, hierin wird Eure -Liebe, die Liebe sich zeigen und bestehn, und wenn dies so -<a id="page-377" class="pagenum" title="377"></a> -ist, werdet Ihr heilig geworden sein und dürft mit Eurer -Berührung schon an Kranken und Beladenen, an Traurigen -und Schwachen — Wunder der Liebe entfalten. -</p> - -<p> -Dies verheißt Dir -</p> - -<p class="sign"> -Renate -</p> - -<h4 class="section"> -Renate an Saint-Georges -</h4> - -<p class="date"> -Nachts am 9. -</p> - -<p class="noindent"> -Heute nachmittag fuhren wir vom Böhner Hafen im -Segelboot nach Hallig Hooge, Magda und ich mit Deinem -Bruder und Li. Ulrika ist nun im siebenten Monat, -und man sieht es; sie ist sehr still geworden, ihr Gesicht -erschreckend verändert und auseinandergetrieben. Dem -Maler — doch davon nachher. Wie die Insel aussieht, -weißt Du, der Tag war köstlich, kühl, aber licht, der große, -von allen Seiten her aufgebaute Himmel bewegt von -reichen Scharen riesiger Wolken, schneeweiß, das Meer -darunter, von ihren Schatten durchdunkelt, in Streifen -schwarzblau und lebhaft bewegt, aber ganz ohne Schaum. -Als Ebbe war, zogen Ulrika, Magda, die Cornelia und -ich Schuh und Strümpfe aus und wandelten als Kette -Arm in Arm den Strand hin, schrien und sprangen, -wenn eine Welle über unsere Füße ging, und auf seinem -Turm stand der arme Sternedeuter Georg mit einem -langen Handfernrohr und betrachtete uns durchbohrend. -Aber er zeigte sich nicht, obwohl wir Li als Boten zu ihm -schickten. Armer Georg! Ach, und arme Liebe, die Magie -ist nur an Zweien, an mir und an Dir! Müßte ich nicht -die Hand auf seine Stirn legen können und sagen: Stehe -auf und wandle? — — -</p> - -<p> -<a id="page-378" class="pagenum" title="378"></a> -Ich habe keine Grenzen an mir, wenn ich allein bin -und eingehe in unsern ewigen Gedanken. Immer wieder -ist sie dann, die einzige Stunde, und alles hebt wie damals -an: aus unsern Herzen der einige Strom, großen Ganges -durch die schlafende Welt, wir selber der Strom, nicht -mehr Gestalt, nur unermeßlich Fluten, Wogenberge gleitend -hingetürmt, durchqueren wir das alte Erdenland. -Nicht einsam, Geliebter, nicht einsam! Sieh, es bevölkern -sich unsre glücklichen Gestade, und wir, heilig leben wir, -verhundertfacht wieder haben wir Herz und Odem und -Gestalt in allen Wesen, die wir laben: Wenn sie, die -großen Fabeltiere, sie, die erlauchte Tiere noch sind, Behausungen -nur der Götter, noch Götter nicht, noch nicht -Strom, die <em>einsamen</em> Liebenden all: wenn sie von ihren -Weideplätzen hergewandert kommen scharenweis, oder -auch einzeln in der dumpfen Leidenschaft der Einsamkeit; -wenn dann ihr tief und frommes Schlürfen hörbar ist -allein im weiten Mondesschweigen: oh wie leb ich, wie -leben wir dann, tränkend, nährend, Liebe zeugend, da -wir Liebe sind! -</p> - -<p> -Und ich weiß, daß es einmal sein wird, weiß, daß Liebe -Liebe zeugen wird, einmal, ich weiß — — -</p> - -<p> -Und dennoch: es braucht nur irgendein Mensch vor -mir zu stehn, leibhaft, so habe ich schrecklich nahe Grenzen -überall, und kaum ein Strahl dringt aus meiner Hülle -zu ihm. Wer sieht denn die Liebe, ach wer? in ihren -Augen sind wir gewöhnlich wie sie selber, gekleidete Menschen -mit Aussehn und Handeln: aber doch Liebende nicht! -— Bogner freilich, er hat ja selbst einen Gott in der Brust, -der erkannte sich gleich mit dem unsern, und sie lächelten -<a id="page-379" class="pagenum" title="379"></a> -einander zu. Noch seh ich ihn vor mir sitzen auf seinem -Feldstuhl oben auf dem Deich — Stehen und Gehen gelingt -ihm noch kaum, obgleich er schon ganz gut Fleisch -angesetzt hat, auch braun geworden ist und sein Auge -wieder das alte, helle — dasitzen und zu mir aufschaun -mit seinen einzig sehenden Augen. Er sagte kein Wort, -hielt nur meine Hand, und so erfuhr er alles und lächelte -und war meiner froh. -</p> - -<p> -Es wurde Nacht, ehe die Flut kam und wir zurückfahren -konnten. Das Wattenmeer regte sich kaum, wir -schaukelten auf seinen Atemzügen, schön wie ein Geist -stand das bleiche Segel unter den herbstlichen Sternen. -Da sah ich zum ersten Mal in diesem Jahr den Orion, -Zeichen des Winters, und ich bat ihn, den großen Jäger, -daß er mir Dich erjage und bald, bald die heilige Beute -lege an mein zitterndes Herz! -</p> - -<p class="date"> -am 10. -</p> - -<p class="noindent"> -Du hast mir so schöne Namen geschenkt, mein Geliebter, -und ich hole sie so behutsam hervor wie irgend -wirkliche Kleinode, halte sie lang in den Händen und freu -mich an ihnen, ehbevor ich sie anlege und vor den Spiegel -trete, noch schöner als schön! Ach, und wenn jemals -eine Armut war in meiner Schönheit, wie ist sie nun -Reichtum geworden durch deine allsehenden Augen! -</p> - -<p> -Ach ja, mein Gebieter, wenn Du sagst, daß ich die -Magnetnadel sei, die niemals jemand einstellen könne als -sie selber, so will ichs gern glauben, und die drei Jahre -tun nicht mehr so weh. Mit Libussa aber, dieser Huldin, -das stimmt doch schon gar nicht, denn wo blieb das weiße -<a id="page-380" class="pagenum" title="380"></a> -Pferd? Oder sandt ich es wirklich — im Traum? Am -Morgen mags gewesen sein, als ich am Parkrand schlief -nach dem Bad; der Nebel war so weiß, da machte mein -Traum draus einen Schimmel und schickt’ ihn zu Dir, und -da kamst Du auf ihm geritten durch das Wasser des Teichs, -denn war die Brücke nicht hoch? Woher aber dann die -nassen Beine, mein Fürst, wo das Wasser doch ganz flach -ist für ein Pferd? Nein, nein, ich seh Dich schon durchwaten, -ich seh Dich, und Du bist der umgekehrte Christoferus -gewesen, — oder wars nicht so, daß die Last der -Liebe auf Deiner Schulter leichter und leichter wurde mit -jedem Schritt zu mir her? -</p> - -<p> -Was aber mich betrifft, so werfe ich alle Bürden kurzerhand -von mir und breche morgigen Tages auf heimwärts. -Morgen, sagst Du, kommst Du zurück, den Zug weiß ich -auch, da bin ich an der Bahn, und es ist herzzerreißend -schön, wenn wir uns unter all den Menschen wieder sehn -und nichts sagen können und nach Hause fahren und — -und — — und — — -</p> - -<p> -Weißt du nicht, daß ich ein Weib bin, sagt die gute -Rosalinde im Shakespeare, und nur denken kann, wenn -ich rede? — Na, glaubs schon nicht, Teuerster, ein -bißchen kann ich schon, auch wenn ich nicht rede, aber -nun nimmt es ein plötzliches Ende und — und — -</p> - -<p> -Und ganz schön still bin ich wieder und rede nur noch -unsre heilige Sprache, der Liebe einzige Sprache des -Schweigens, dort, in meinem Zimmer, in meinem alten -Leben, im alten Muschelbett der einst lieblosen Träume, -— des Schweigens Sprache, einsilbig in immer dem -selben Kuß! -</p> - -<h4 class="section"> -<a id="page-381" class="pagenum" title="381"></a> -Saint-Georges an Renate -</h4> - -<p class="first"> -Den Du erwartest, kommt nie zurück. -</p> - -<p> -Es muß eine Wahrheit gesagt werden viel zu spät. -Und darum ist die Schmach, sie nicht in Deine Augen -sagen zu können, leicht genug zu tragen mit dem Ungeheuren. -</p> - -<p> -Kommt nie zurück. — Denn — -</p> - -<p> -Es sind am heutigen Tage drei Jahre und drei Tage -her, als er Dich zum erstenmal sah; im ersten Augenblick -das Schicksal wissend, das ihn mit Dir zusammenfügte; im -nächsten auch schon das Zweite: daß Du die Magnetnadel -seist, die niemand einstellt als die Kraft. Das Dritte ahnte -er damals nicht. -</p> - -<p> -Daß es drei Jahre dauern würde, drei niemals endende -Jahre der unaufhörlichen Qual. Und daß, wenn diese -drei Jahre dann ein Ende genommen haben würden, das -Feuer sich selbst verzehrt haben sollte und nichts mehr -sein. -</p> - -<p> -Daß Du aber an ihrem Ende kommen würdest, ausgestoßen, -aus einer ganz verschütteten Welt, in sein Haus, -schon wissend — und doch es nicht begreifend —, daß niemand -mehr war als Du und Er. -</p> - -<p> -Und daß zwei Nächte der vollkommenen Hölle sein -würden, Tür an Tür mit Dir und — genug! -</p> - -<p> -Und danach die Erkenntnis. -</p> - -<p> -Und danach die Angst, daß nun das Unselige kommen -würde, nun, nun! daß die Nadel sich einstellen werde in -diesem Augenblick, in jedem nächsten, der bevorstand. -Und die Angst, daß die Erkenntnis ein Irrtum sei. Und -so lag er über der Asche Tage und Nächte, blies und blies, -<a id="page-382" class="pagenum" title="382"></a> -bis dann beide Ängste ihn hinüberrissen zu Dir, um — -was? Vielleicht — nur zu gestehn. Vielleicht wegen der -Erlösung. -</p> - -<p> -Da aber war die Insel. Da war die Erkenntnis ein -Irrtum gewesen. Da kam der Flug in die Flamme. Und -durch die Flamme. In das zeitlose Eis. -</p> - -<p> -Da war sie doch wahr gewesen, die Erkenntnis. -</p> - -<p> -Noch ist zu sagen von einer Flucht und einigen Tagen -sinnlosen Kampfes um das, was längst nicht mehr war. -</p> - -<p> -Und zu sagen vielleicht von der ruhigen Kälte Eines, -der drei Jahre im Feuer stehn sollte — ganz kalt. -</p> - -<p> -Und vom Ende und diesem Briefe, der keine Namen -hat. — -</p> - -<div class="chapter"> - -<h3 class="chapter" id="subchap-0-2-4"> -<a id="page-383" class="pagenum" title="383"></a> -Viertes Kapitel: November -</h3> - -</div> - -<h4 class="section"> -Cornelia Ring an Magda -</h4> - -<p class="date"> -auf Hallig Hooge, am 1. November -</p> - -<p class="noindent"> -Liebe Magda, heute will ich nun daran gehn, Ihren -Wunsch zu erfüllen und von uns Allen hier, besonders -von Ihrem Freund Georg einen möglichst ‚naturgetreuen‘ -Bericht zu geben. Es ist später damit geworden, -als ich dachte, aber Sie werden einerseits daran sehn, -daß nichts Beunruhigendes zu melden war und ist, und -andrerseits sind es ja immerhin sechs Menschen und drei -Häuser, für die ich nun haushälterisch aufzukommen habe, -das reicht schon für den Tag. -</p> - -<p> -Ich beginne mit Bogner, und über ihn glaube ich Sie -recht beruhigen zu können, jedenfalls was seine Gesundheit -angeht. Ich mache ihm täglich nach wie vor selber -seinen Verband neu, da Frau Tregiorni den Anblick -nicht ertragen kann, begreiflich bei ihrem Zustand, und -sehe, wie es eigentlich täglich besser wird. Er selber klagt -auf Befragen noch immer über Schmerzen beim Gehen, -aber an Stellen, wo wirklich nichts sein kann außer -schmerzlicher Gewohnheit von früher her, vom Liegen oder -so, das Loch im Rücken braucht natürlich Fleisch zum Ausfüllen, -und da er so wenig ißt ... Doch denk ich, es wird -schon werden, ich habe da allerdings mehr Vertrauen als -er — obgleich er nicht davon spricht, weiß ich, daß er -noch immer der Meinung ist, es gehe mit ihm zu -Ende —, aber ich kenne einen ganz ähnlichen Fall aus -Erfahrung. -</p> - -<p> -<a id="page-384" class="pagenum" title="384"></a> -Frau Tregiorni ist recht still geworden. An ihr zeigen -sich alle Leiden dieses Zustands, Fröste, Fieberschauer, -plötzliche Ängste, immer wieder Übelkeit, Abscheu vor diesem -und jenem, heut einer Speise, heut einem Kleid, oder -vor Menschen, nun — Sie werden wissen, wie das zu sein -pflegt, und daß es an sich nicht besorgniserregend ist, obgleich -ich schon sagen muß, daß es mehr ist als gewöhnlich. -</p> - -<p> -Ja, und nun Georg. Sie möchten, daß ich ihn recht -genau beschreibe, und in so etwas habe ich freilich gar -keine Übung, wie denn meine ganze Berichterstattung -wohl daran leiden wird, daß ich das Schreiben gewöhnt -bin in allen möglichen Sprachen, nur nicht in der deutschen; -es ist merkwürdig, wie wenig man doch weiß von -einer Sprache, die man beständig spricht, und wie farblos -mir selber alles klingt! — Körperlich scheint es ihm, -Georg, ganz gut zu gehn; er klagt nur über Schlaflosigkeit. -Das würde ich auf die See schieben — sie ist seit -Ihrer Abreise fast ununterbrochen stürmisch gewesen —, -aber er behauptet, „ohne die See könnte er nicht leben“. -Ich kenne ihn ja auch wenig. -</p> - -<p> -Aber ich kann wohl sagen, daß ich erschrak, als ich ihn -zuerst hier wiedersah und kaum erkannte. Daran war -allerdings hauptsächlich der dünne, rötliche Bart schuld, -der ihm ums Kinn gewachsen ist, und der sein Gesicht -älter macht, auch weicher und leidender. Am linken -Mundwinkel hat er ein nervöses Zucken bekommen, indem -es die Unterlippe ruckweise nach links zerrt, oft drei, -viermal nacheinander, dann wieder versucht er es zu -unterdrücken, und so kann man daran immer erkennen, -<a id="page-385" class="pagenum" title="385"></a> -wie sein innerer Zustand ist. Die Augen, die erst erschreckend -eingesunken waren, kommen nun langsam wieder -hervor, weil die Wangen etwas fleischiger werden. -Wenn ich Ihnen nun noch sage, daß sein Haar über den -Schläfen dünner geworden ist und um die ganze Stirn -zurückgewichen, so werden Sie ungefähr wissen, wie er -aussieht. Fast scheint es mir, er ist noch gewachsen während -seiner Krankheit, das wäre ja nicht unmöglich, er ist nun -fast einen Kopf größer als Sie und ich und dabei so -schmal! -</p> - -<p> -Es ist ja furchtbar schwer, im Innern eines Menschen -zu lesen, dessen ganze Natur so wie die seine durch Erziehung -und Vererbung darauf eingestellt ist, sich zu beherrschen, -aber ich kann doch erkennen, daß er Unbeschreibliches -erlitten haben muß und noch immer leidet. Er ist -nun, wenn man mit ihm spricht, von einer solchen — ja -wie sage ich nur? — Demut, möchte ich fast sagen und -weiß doch nicht, indem ich das Wort schreibe, wie und wo -ich sie gesehen haben will. Er hat eine so unbeschreibliche -Gebärde, wenn jemand ihm erzählt, so von Menschen, -die man kennt — er will immer von Menschen hören und -lauscht dann mit einer fast glühenden Angespanntheit, als -ob er das Wichtigste lernen und nichts vergessen müßte —, -so eine Gebärde, wollt ich sagen, mit der er dann die Hand -hochhebt und einen ganz vertieft ansieht und sagt: Ja -sehn Sie! — mit dem Ton auf sehn —, aber es läßt sich -wohl nicht beschreiben, und ich will nun aufhören, Sie -werden sich schon gewundert haben über all das wirre -Zeug. Ein wenig betrübt es mich schon und beunruhigt -mich auch, von Ihnen und Fräulein Renate so gar nichts -<a id="page-386" class="pagenum" title="386"></a> -zu hören seit Ihrer Abreise, und ich hoffe nur, daß dem -nicht etwas Schlimmes zugrunde liegt! -</p> - -<p> -Ich hoffe nur, daß Sie nicht ganz unzufrieden sind -mit meiner Berichterstattung, die wie gesagt besser sein -würde, wenn ich unglückliches Menschenkind eine eigene -Sprache hätte, aber das ist nun zu spät. Ich grüße Sie -und Fräulein Renate recht herzlich! Ihre -</p> - -<p class="sign"> -Cornelia Ring -</p> - -<h4 class="section"> -Georg an Benno -</h4> - -<p class="first"> -Mein lieber Benno, wie geht es denn Dir? Teuerster -Benno, die See ist des Teufels! Heute nacht — ich -hatte der Abwechselung halber einmal ein paar Stunden -geschlafen — fing ein großes Rumoren an, und als der -sogenannte Morgen kam — ‚ein Ding, das wie Nacht -ist aus Lehm‘ —, war der Teufel los. Ich hause nämlich -gewissermaßen auf einer Insel jetzt, ja, das wäre schon -etwas andres als Serk, wo wir triumphierend wie die -Vögel in der Höhe schwebten, sondern dies hier ist nichts -weiter als ein kleiner Teller voll Erde, mitten und unten -in der Unermeßlichkeit rollender Wasser, rundherum ist -ein besondrer Wall, auf dem Wall ein Turm, in dem -Turm ich, nicht völlig mir selbst überlassen, sondern ich -habe allerlei Gesellschaft, als da sind: zwei Ziegen, eine -Kuh, verschiedene Hühner, ferner Bogner, Ulrika, ein besonders -notwendiger Hauptmann namens Ferdinand -Rieferling, eine junge Dame mit Namen Cornelia Ring -und mehrere Tote. Mein Turm steht auf dem Deich, -und stehe ich auf dem Turm, so habe ich naturgemäß das -<a id="page-387" class="pagenum" title="387"></a> -ganze Panorama unter mir: Himmel, grau und schwarz -in fürchterlicher Aufregung, ein unsagbares Fluchtgetümmel -von Lapithen und Giganten, die vor Raserei -sämtlich in Fetzen gehn, und darunter die ruhmwürdige -Winterschlacht der bodenlosen Gewässer. Wie wäre es, -wenn Du kämst? Hier säßest Du, wie gesagt, mitten -darin und schlottertest vor Angst, die Wüstenei überrennte -Dich kaltherzig im nächsten Augenblick; die Seele wird sich -Dir umkrempen wollen (Notabene bist Du sicher, eine zu -haben?), und wenn Du Dich nicht an der Brüstung hältst, -so reißt Dich das riesige Saugen der Aussicht ins schwarze -Brodeln hinunter. Tausend Satanasse von Gischt siehst -Du da herumtanzen und denkst: Wie einfältig ist doch -das Land gegen die See, eine fromme milchende Kuh -gegen einen tollwütigen Stier. Hundert Millionen in -Raserei aufgelöster Büffel sind hier zu sehn, wie sie herantaumeln, -nichts in den Hirnen als die aberwitzige Vorstellung, -sich allhier die Schädel einrennen zu müssen, und -schon ists ein Erdbebenfeld von Legionen zertrümmerter -Mauern, die dahergeschoben werden von einer entsetzlichen -Leidenschaft, alldas zerspritzt und zerknattert sich zu -Deinen Füßen, und das Gebrüll steigt zum Himmel, daß -er davonjagt. Alles siehst Du wanken, die bewohnte Erde -ist allerseits spurlos verloren gegangen, nun berennt hier -die See ihren letzten Widerstand, auf dem Wir, die Letzten, -herumkriechen wie die Raupen. Allein getrost! Begeben -wir uns vom Turm hinunter ins Wiesental, so ist alles -schon wieder ganz sanft geworden, ein wenig öde, ein -wenig trostlos, aber der Teufelslärm hat sich gelegt und -ist zum Orgelrumoren geworden. -</p> - -<p> -<a id="page-388" class="pagenum" title="388"></a> -Du solltest wirklich kommen! Wie war das noch? Vor -einem Jahr ungefähr schriebst Du mir einen Brief in -einer besondren Zeit, wo ich keine Briefe zu empfangen -gedachte, und siehe da, ich war gekränkt. Nun haben -wir wieder eine ähnliche Zeit, wo ich um Dein freundschaftliches -Schweigen ersuchte, und Du schweigst wirklich, -und ich bin auch gekränkt. So ist das Leben! Was -tust Du? Korrepetierst Du fleißig mit Deiner Elfe das -ewige Paternoster: Ich liebe Dich, du liebst mich und so -weiter? Nein, laß das, es führt ja zu nichts, komm hierher, -hier läßt es sich trefflich rasend werden, und paß auf, -ich will Dir mein Haus beschreiben! -</p> - -<p> -Stelle Dir vor: einen Turm, achteckig, nicht eben hoch. -Kleine Tür, Du trittst ein und befindest Dich in einem -großen und hohen Achteck, das dunkel scheint, nur von -rechts und links und Dir gegenüber zerschnitten von bleichen -Lichtbalken aus drei, nicht eben großen Fensterscharten, -die gut ihre anderthalb Meter tief sind, denn so dick sind -die Mauern, und außerhalb enger als innen. Sie liegen -genau nach Norden, Westen und Osten, die Tür im Süden. -Die Wände sind dunkelbraun getäfelt, in der Höhe befinden -sich rundherum die vor Altersschwärze kaum noch -erkennbaren Bildnisse der sieben Planeten. Die vorhandenen -Möbel, bestehend aus einem Schreibbüro, rechts -vom nördlichen Fenster, einem Ohrensessel irgendwoanders, -einem runden Tisch in der Mitte des Raums nebst drei -Stühlen, genügten dem letzten Wohner, genügen demnach -auch mir. Eine eiserne Geländertreppe führt durch eine -Luke in einen gleichen Raum, der als Schlafzimmer eingerichtet -ist, und weiter hinauf zur Plattform des Daches. -<a id="page-389" class="pagenum" title="389"></a> -Der runde Tisch aber im unteren Zimmer ist besonders -geeignet, immerzu rundherum zu laufen, es ist auch Platz -genug für einen zweiten Läufer, also komm, Benno, wir -laufen zusammen, einer so herum, einer so, wie die -Daumen. -</p> - -<p> -Was jedoch tue ich, wenn ich nicht laufe? Entweder -ich laufe doch, bloß anderwärts, nämlich allein oder mit -der gewissen Cornelia außen um den Deich, was bei Ebbe -manchmal geht, aber wir müssen uns bei jeder siebten -Welle an die Deichwand klemmen, — oder ich schreibe -meine Memoiren. Memoirenschreiben ist wichtig, oder -wie? Ein Mensch stirbt, keine Memoiren, was kommt -zu Tage? Er hat gar nicht gelebt. Augenblicklich bin ich -leer, darum schreibe ich erstens an Dich, und werde ich -zweitens anfangen, Aussprüche von Bogner zu sammeln. -Er tut immerfort ganz bedeutende Aussprüche. (Früher -war er nicht so, nun ist er redselig geworden.) Willst Du -einen? Da hast Du: Bei Gelegenheit unermeßlicher -Ruhmreden auf allerlei Maler, darunter Kokoschka (ach, -wohin verschwand mein früher so ebner und stetiger -Bogner, nun ausschweifend in Empfindsamkeit und Erschütterungen?), -verglich er dessen Bildnis des Schriftstellers -P. Altenberg besonders trefflich mit dem ‚Hinterteil -eines Engels in einem Gestrüpp‘. Die Gesichter auf -Kokoschkas Bildnissen, sagte er fernerhin, seien allesamt -ohne Haut, das wolle sagen, er ziehe die Haut davon ab und -sehe darunter nichts als wimmelnd zuckendes Schicksal -und Leben der Seele, — so ungefähr, ich werde von nun -an mehr acht auf die Worte geben. Bogner ist ein seltner -Mann! -</p> - -<p> -<a id="page-390" class="pagenum" title="390"></a> -Und kurz und gut, ich will Dir sagen, wie es mit -Bogner steht. Er ist verrückt. Platterdings, es läßt sich -nicht anders ausdrücken. Mit einem Wort: fixe Idee. -Plötzlich nimmt er mich beiseite, das heißt, er führt mich -von Ulrika fort in ein Nebenzimmer, legt mir die Hände -auf die Schultern, sieht mich trübe prüfend an und fragt: -Was meinst du, Georg, sie wird es doch gut überstehn? — -womit er das Kind meint, das sie kriegt. (Beiläufig hat -er mir nämlich Brüderschaft angeboten, und siehe da, so -wandeln sich die Zeiten! Einst, als ich ein pickliger Hering -war, wie verging ich in Ehrfurcht vor diesem besondersten -Mann, und nun, wo ich inzwischen so heruntergekommen -bin, daß ich keinen Bissen mehr von mir annehmen mag, -da stellt er mich zur Rechten seines Throns und bezeugt -mir sein Wohlgefallen. Wie besonders ergötzlich, zumal -wenn man bedenkt, daß es mein telemachisches Zwerchfell -natürlich doch kitzelt!) Also, ich antworte: Glänzend! sie -übersteht es glänzend! — Er nickt vor sich hin, sagt: Und -ich, Georg, was hältst du von mir? — Ich — wie oben -und so weiter ... Lieber Georg, sagt er da trübsinnig, -du irrst dich. Dies ist bloß Schein. Und, sei nicht traurig, -sagt er so in seiner besondren Weichmütigkeit, aber — -kurz und gut: mit mir ist es aus. — Ich bin sprachlos, -murmele einiges, und da fängt er tatsächlich an, mir seine -Idee zu entwickeln. Nämlich erstens: Geistig zeugerische -Menschen dürfen keine Kinder haben. — Das nannte er ein -Naturgesetz. Man, sagt er, darf nur auf eine Art zeugen. -Gesetzt also, ich zeuge trotzdem auf eine andre, so ist damit -bewiesen, daß die meine nicht gilt. Ich bin verworfen, -sagt er unfehlbar, und geht und sitzt am Fenster bei -<a id="page-391" class="pagenum" title="391"></a> -den Fuchsien in Gestalt eines alten, gebrochenen Mannes. -Mir brach das Herz, und er fährt mit einer feierlichen -Wehmut fort: Sie — wird leben, und was aus ihr kommen -wird; ich sterbe. — Ja, so stellte es sich ihm dar: sein -Leben hört auf, das des Kindes fängt an. Worauf er -anfängt, es mir andersherum zu beweisen. -</p> - -<p> -Einsamkeit, sagt er, ist das Gesetz des Arbeiters im -Geist. Dies, sagt er, habe ich an mir erprobt gefunden, -denn immer, wenn ich versuchte, mit andern Menschen -eine Verbindung einzugehn, gab es Unheil für sie und für -mich. So auch jetzt, und jetzt das besonders Böse: Als -ich mich mit Ulrika verband, tat ich unwissend etwas, an -dessen äußerstem Ende mein Tod erschien. Ich legte Hand -an meine eigne Form, ich zerstörte sie. Ich, schloß er, -habe selber auf mich geschossen, nicht der Andre. -</p> - -<p> -Und dann wieder von vorn und hundert Mal immer -das gleiche in andern Gestaltungen. -</p> - -<p> -Die Verwandlung dieses von mir geliebten Menschen -ist zum Grausen. Früher die Stetigkeit selber und Feste, -eine gotische Burg, ist er nun wie ein Erdhaufen, unter -dem der Maulwurf arbeitet. Ich kann nicht umhin, -unsrer ersten Gespräche vor Jahren zu gedenken. Damals -— den Inhalt vergaß ich —, damals aber jedenfalls war -ich der besondre Dialektiker, nicht ganz ungewandt, wenn -ich auch heute weiß, daß meine Einfälle sich assoziativ -einstellten, vermittels Luftwurzeln sich fortpflanzend, anstatt -aus unterster Wurzel zu treiben. Heute kann ich mir -immerhin einen gewissen Zwang nachrühmen, jeden Gedanken -auf seinen Ursprung zu prüfen, er dagegen ist von -einer Spitzfindigkeit ohnegleichen und fängt die Behauptungen -<a id="page-392" class="pagenum" title="392"></a> -aus der Luft, weil sie da funkeln. Zum Beispiel -folgendes: -</p> - -<p> -Nämlich die Rede war von dramatischer Kunst. Ich weiß -was, sagt Bogner, das Drama ist die leibhaftigste, menschenhafteste -Kunstform, und darum hat es fünf Akte wie -die Hand fünf Finger. — Blendend, nicht wahr? Übrigens, -fährt er fort, ist es dir auch schon einmal aufgegangen, -daß sich das Drama zum Epos verhält wie das Gebirge -zur Ebene? — Aufgegangen nicht, sage ich, aber wo du -es sagst, kommt es mir ganz bekannt vor. — Denn siehst -du, fährt er eifrig fort, so ein Trauerspiel ist wie eine Gebirgswanderung. -Da giebt es überall Plötzlichkeiten, -Täler, Abgründe, Schroffen, halsbrecherische Stege, einsam -emporstrauchelnde Seelen, Anseilungen, und die großen -unverhofften Ausblicke in dampfende Tale, Ängste -und Entzückungen, mit einem Wort: Tragödie. -</p> - -<p> -Als Einfall wieder blendend, wie schon bemerkt. Ich -aber sagte, ohne mich zerblitzen zu lassen: Und aus diesen -Gründen schrieb ja auch der Bergschotte Scott seine langen -Romane, der Tiefländer Shakespeare dagegen Tragödien, -Epen die Bergschweizer Keller, Meyer und Spitteler, der -Tieflandfriese Hebbel dagegen nebst dem Märker Kleist -Dramen, ebenso wie Grillparzer vom sanften Kahlenberge. -— Bogner war ganz elend von meiner Beweisführung -und wollte sich kläglich herauslügen: Keller hätte -vor der Ebene gesessen (ich schrie: aber Blut und Geburt!), -Shakespeare wäre als Genie überhaupt unkontrollierbar, -Kleist hätte Novellen geschrieben und einen -verloren gegangenen Roman (was der alles weiß!). -Spittelers Werke wären erfüllt mit alpiner Landschaft -<a id="page-393" class="pagenum" title="393"></a> -und Scott überhaupt bloß ein Schriftsteller gewesen, und -vor allem hätte ich vergessen: Balzac, Dickens und Dostojewski -aus dem breitesten Flachland. — Ja, so spitzfindelten -wir herum, und er schloß mit der tiefsinnigen Frage, ob -das vielleicht deshalb so sei — wenn ich nämlich doch recht -hätte —, weil, wie der Bauer seine Natur so gewohnt -wäre, daß er ihrer nicht mehr gewahr würde, so auch der -Dichter — und so weiter ... -</p> - -<p> -So viel vom Bogner. Ja, aber Benno, was muß ich -da sehn? Du sitzt und liest und liest an einem Brief, und -am Ende stellt sich heraus, daß Du ihn gar nicht gekriegt -hast! Nein, ich werde mich hüten, ihn abzuschicken! Eine -andre Form der schriftlichen Niederlegung meiner vor -Gewohnheit ächzenden Seele wars, Benno, sonst nichts! -</p> - -<h4 class="section"> -Aus den Papieren Georgs -</h4> - -<h5 class="subsection"> -(von Bogner) -</h5> - -<p class="noindent"> -„Georg,“ sagte Bogner fast traurig zu mir, „ich -glaube, du hast einen großen Fehler. Du willst zuviel -wissen.“ -</p> - -<p> -Wir hatten nämlich halbe und ganze Nächte alles -Denkbare bis ins Undenkbare erörtert, und ich dachte, als -er mir diesen besondren Fehler vorwarf, ich hätte das auch -tun können. Ich sagte deshalb, bloß um etwas zu sagen: -„Wie kommst du darauf?“ Aber diese Frage war ihm -grade recht. -</p> - -<p> -Nämlich in seinem Zimmer steht eine alte, hölzerne -und geschnitzte Wiege, die Ulrika langsam mit den fertig -werdenden Kleidungsstücken für ihr Kind anfüllt. Vor -<a id="page-394" class="pagenum" title="394"></a> -dieser Wiege saß ich eben, bewegte sie mit der Hand hin -und her und fragte mich, warum das eigentlich angenehm -für Kinder sei, gewiegt zu werden, da die selbe Bewegung -doch für den größten Teil der erwachsenen Menschheit -unerträglich sei, nämlich an Bord der Schiffe auf See. -</p> - -<p> -„Nun möchtest du nämlich wissen,“ sagte Bogner -freundlich, „warum die Wiege hin und her geht. — Und -ich weiß es“, setzte er leise hinzu. -</p> - -<p> -Als ich aber nun um die Erklärung bat, wehrte er ab. -„Du willst zu viel wissen, Georg, und weißt du, was du -tun wirst? Du zerstörst dir deinen Gott.“ -</p> - -<p> -„Weißt du denn, wer mein Gott ist?“ -</p> - -<p> -„Alles, was dir unbegreiflich ist. Alles Rätselhafte in -dir ist Gott.“ -</p> - -<p> -„Ach,“ sagte ich, „dann werde ich ihn nicht zerstören, -sondern im Gegenteil, ich werde ihn nur wachsen machen, -denn je mehr ich davon in Erfahrung bringe, um so ungeheurer -werden die Umrisse im Dunkel. Sag mir, was -ist mit der Wiege?“ -</p> - -<p> -„Du mußt,“ erklärte er nun, „wenn du es wissen -willst, nicht die große Frage nehmen, sondern die kleine. -Unbekannt? Also werde ich dich sie fragen: Warum geht -die Wiege hin und her, von links nach rechts, nicht auf -und abwärts von vorne nach hinten?“ -</p> - -<p> -Diese Frage kam mir schon so besonders vor ... Aber -ich wußte keine Erklärung. -</p> - -<p> -„Weil“, sagte er da, „die Mutter, die in ihrem Leibe -das Ungeborene trägt, es wiegt, indem sie es von einem -Fuß auf den andern bewegt im Gehn, von links nach -rechts. Aus diesem Grunde lieben wir diese Bewegung, -<a id="page-395" class="pagenum" title="395"></a> -wenn wir geboren sind, dann erinnern wir uns an vorher.“ -</p> - -<p> -Ich dachte noch: Das Kind fühlt sich in der Wiege, -wie in der Mutter; und es glaubt, was es fühlt; aber der -Mensch hat freilich Erfahrung und ist so groß geworden, -daß er selbst im Meere sich nicht mehr fühlen kann, obwohl -er ganz darin ist, denn er ist nun nur noch in sich -selbst, und er glaubt an nichts mehr. -</p> - -<p> -Ich kann aber nicht sagen, wie sehr mich diese Erklärung -Bogners ergriff, ja erschütterte. Sie traf mich wie ein -Blitz, und eine Sekunde lang wußte ich alles. Das war, -als hätte die vorher immer grenzenlose Welt plötzlich ein -ganz nahes Ende genommen. Dort, in der Mutter, war -alles zu Ende. -</p> - -<p class="tb"> - -</p> - -<p class="noindent"> -Ich fragte Bogner heut in Erinnerung an das Gestrige, -ob er an Gott glaube. Er sagte, wenn ich ‚glauben‘ -gleichsetzte mit Fürwahrhalten, so könne er nicht sagen, -daß er glaube. -</p> - -<p> -Ich fragte: Warum? -</p> - -<p> -Er sagte erst nach einer Weile: „Ein religiöser Mensch, -mit dem ich einmal über das Jenseits sprach, meinte, ich -glaubte daran nicht, weil meine hiesigen Sinneswerkzeuge -nicht imstande seien, mich über das Dortige aufzuklären -und mir Beweise zu schaffen.“ -</p> - -<p> -„Das war nun nicht der Fall“, fuhr Bogner fort. -„Zwar bin ich der Meinung, daß es sinnlos ist, mich in -meinen Sinnen mit Dingen zu befassen, die für eben -diese Sinne unzugänglich sind. Ich habe aber eine Seele. -Und warum ich diese Seele mit einem Dort beschäftigen -<a id="page-396" class="pagenum" title="396"></a> -soll, da sie im Hier vollauf Arbeit und Nahrung und -Wachstum findet, das allerdings ist mir unerfindlich. -Warum aber tun dies fromme Leute wie jener Frager? -</p> - -<p> -„Sie tun es deshalb, weil eben ihr hiesiges Dasein -ihnen keine Gelegenheit bietet, oder im Verhältnis ihres -übervollen, sorgengefüllten Daseins zu geringe Gelegenheit, -um sie zu betätigen, ja nur zu empfinden. Zu Essen und -Schlafen, Sichbegatten und Plagen, zu Büroarbeit, zu -Kinderschelten und -kleiden, zum Spaziergang und Musikkapelle -haben sie eine Seele nicht nötig. Vielleicht daß -sie es meinen, aber alledies und noch viel feinere Dinge -würden sie mit der Vernunft allein und ohne Seele genau -so gut besorgen, und die Tiere tun das in ihrem Maße, -zum Beispiel die Ameise oder der Biber. Aber doch wissen -sie von der Seele durch den Tod. Sie sind arm und wollen -reich werden. Sie sind so arm, daß sie sogar einsehn: -für einen Reichtum der Seele ist in diesem Dasein kein -Platz. Sie müssen selber wider Willen einsehn, daß sie -ihre Seele hier nicht brauchen können. Wäre Mitleid von -allen Lebensvehikeln nicht das gefährlichste, so könnte man -Mitleid mit ihnen empfinden. -</p> - -<p> -„Ich,“ sagte er langsam, „ich war ein glücklicher -Mensch. Ein reicher Mensch. Ich brauchte auf keinen -dortigen Reichtum zu sinnen. Ich habe durch über zwanzig -Jahre meines Lebens jede Stunde und Minute jedes Tages -meine Seele gebraucht. Ich war reich“, schloß er traurig. -</p> - -<p> -(Dieweil er ja denkt zu sterben und also zu verarmen; -er kommt immer zur selben Stelle zurück.) -</p> - -<p> -Ob das alles sei, woran er glaube, fragte ich bald, -um ihn abzulenken. Er schwieg lange. Endlich sagte er: -</p> - -<p> -<a id="page-397" class="pagenum" title="397"></a> -„Ich glaube ja nicht. Ich — bedarf. Du und ich, wir -bedürfen des Göttlichen.“ -</p> - -<p> -„Und das ist?“ -</p> - -<p> -„Ich sage es ja: das Geheimnis. Es giebt die unbekannten -Dinge, vor denen dich schaudert. Es giebt dich -und mich selber, die wir uns so unbekannt sind, daß uns -schaudert, wenn wir diese Stelle berühren. Warum mußte -ich malen? Wenn ich diese Stelle an mir berührte, so -sagte Gott: Ja. — Und ich sah ihn golden eingehüllt in -sein Rätsel. Warum kann ich nicht mehr malen? Ich -habe die Gnade verloren.“ -</p> - -<p> -Immer die gleiche Stelle. Er weinte. Wir wurden -unterbrochen und kamen an diesem Abend nicht weiter. -</p> - -<p class="tb"> - -</p> - -<p class="noindent"> -Da wir heute von großen Menschen vergangener Zeiten -sprachen, so malte Bogner in einer unbeschreiblich -wunderbaren Weise von manchem das Wesen, mit Bildern -aus drei Worten oft, wie ich es nie von ihm hörte -(und immer mit diesem leichten Zittern von Tränen in -der Stimme, das er jetzt bei solchen Gelegenheiten hat), -und ich erinnere mich nur noch, wie er Hölderlins äußerlich -rührend dürftige Gestalt hinstellte als einen abnehmenden -Mond am Abendhimmel, dessen ganzes volles -Rund doch im Unendlichen schwebe; wie er Jean Paul -nannte: einen Pfauenschweif aus Regenbögen, und Novalis -die Narzisse mit den Zeichen der Passion in Blüte -verwandelt, — worauf er dann mir ganz unvermutet in -Klagen ausbrach, daß es nur früher Menschen von solchem -Seelenadel, solcher Reinheit, Größe, Süße und Einfalt -<a id="page-398" class="pagenum" title="398"></a> -gegeben habe. Ich mocht es nicht glauben, widerstritt -aber nur unvollkommen: eben heute hätten wir andres ... -</p> - -<p> -Er seufzte. Was das für ein sinnloser Einwand sei. -„Du vermissest eine Blume und sagst: aber jetzt habe ich -einen Edelstein. Ist nicht das Dasein jedes Dinges gegründet -auf seine Notwendigkeit? Gäbe es überhaupt -etwas, das wert wäre zu sein, wenn es einen Ersatz dafür -gäbe? Gut aber, du sagst, du habest jetzt den Edelstein, -und eins machst du damit natürlich klar: daß der Edelstein, -den du kennst, im Augenblick für dich einen solchen -Wert hat, daß du den der Blume, die du nicht kennst, gar -nicht begreifen kannst. Und so hättest du recht. Und noch -aus einem andern Grunde sogar wirst du recht haben, -denn du hast den Verstand für dich, der dir sagt: ich lebe -heute; also muß das Heutige mir wert sein. Ja, Georg, -der Nüchterne, der Unbewegte, oder der sich so stellt, der -hat immer recht, wenn er linker und rechter Hand aufs -Fluten hinabsieht und sagt: da und dort ist gleiche Stromgeschwindigkeit. -Wen aber eigne tiefe Wallung der Stunde -selber hineinriß in die Strömung, der hat nur das -Jauchzen — nach vor- — und das Klagen — nach rückwärts, -und morgen, Georg, morgen, wenn du im Strome -liegst und ich am Ufer stehe, wirst du mit meinen Worten -zu mir aufjammern, und ich werde dich und mich Lügen -strafen.“ -</p> - -<p class="tb"> - -</p> - -<p class="noindent"> -Ich fand Bogner über einer Bibel am Tisch; er schien -auf mich gewartet zu haben, denn er sagte gleich: „Da -habe ich die ganze Schöpfungsgeschichte gelesen, und -weißt du, was ich gefunden habe? Es werden alle erschaffenen -<a id="page-399" class="pagenum" title="399"></a> -Dinge aufgezählt, aber ein ganz wichtiges ist -vergessen. Es könnte vergessen scheinen“, verbesserte er -sich. „Wenn ich es dir nenne, wirst du seine tiefe Bedeutsamkeit -erkennen. Ja,“ fuhr er eifrig fort, „angenommen, -dies ist der Fall: ein Ding, das wir von Gott erschaffen -glauben, wurde bei der Aufzählung des von ihm Erschaffenen -nicht genannt, was muß die Folge sein?“ -</p> - -<p> -„Daß er selber dies Ding ist.“ -</p> - -<p> -„Gut, Georg!“ Er lobte mich. „Und nun weiter: Was -tat Gott, nachdem er den Menschen aus Lehm geknetet -hatte? Er machte ihn lebendig. Wodurch? Dadurch -daß er ihm seinen Odem einblies. Was aber war dieser -Odem?“ -</p> - -<p> -Ich sagte: „Die Luft.“ -</p> - -<p> -„Und die Luft,“ rief er, „die ist das Ding, das nicht -aufgezählt ist unter den erschaffenen Dingen, wo doch -Sonne und Sterne, der Himmel, das Meer und das -Feste und was auf dem Festen wuchs, alles aufgezählt -wurde. Konnte etwas wachsen, konnten Tiere sein ohne -Luft? Dennoch wurde die Luft für den Menschen, für -Gott vorbehalten, denn der Mensch war für den Schreiber -dieser Geschichte das einzig wahrhaft Lebendige, und -das Leben kam ihm und nur ihm mit der Luft. Und siehst -du wohl,“ fuhr er fort, „auf schlechten Bildern, Bildern, -auf denen doch alles recht und deutlich gemalt ist, was -scheint dir daran zu fehlen? Die Luft. Und sie fehlt sogar -auf den Bildern der einfältigen Meister aus Niederland -und Köln, aber warum vermissen wir sie doch nicht? -Weil sie nicht nur die <em>Gabe</em> hatten wie die nichtswürdigen -lustlosen Maler von heut, sondern etwas ganz Einziges: -<a id="page-400" class="pagenum" title="400"></a> -den Fleiß. Einen so großen Fleiß und eine so große Sorgfalt, -daß er sogar die Luft und die Gnade ersetzte, denn -im Fleiß war die Liebe, und in der Liebe“, schloß er triumphierend, -„muß immer auch Gnade sein.“ -</p> - -<p class="tb"> - -</p> - -<p class="noindent"> -Ich hatte Bogner aus dem Gedächtnis einige Gedichte -von Stefan George gesagt, darunter zuletzt den ‚Tag des -Hirten‘: Die Herden trabten aus den Winterlagern ... -Schon bei der ersten Zeile sah ich seine Augen weit werden; -bei der himmlischen zweiten: Ihr junger Hüter zog -nach kurzer Frist ... legte er das Gesicht in die Hände, -und als ich dann schloß: -</p> - -<div class="poem-container"> - <div class="poem"> - <div class="stanza"> - <p class="verse">Er krönte betend sich mit heilgem Laub,</p> - <p class="verse">Und in die lindbewegten, lauen Schatten</p> - <p class="verse">Schon dunkler Wolken drang sein lautes Lied ...</p> - </div> - </div> -</div> - -<p class="noindent"> -seufzte er dermaßen schmerzlich, als wäre ihm eine Welt -untergegangen. Er sprach kein Wort mehr den Abend, -und erst als ich schon gehen wollte, zog er mich auf einmal -in die Arme, küßte mich und murmelte etwas, das ich -nicht verstand. -</p> - -<p> -„Du kannst doch auch dichten, Georg,“ sagte er dann, -„du bist auch ein Dichter!“ Und hierbei beharrte er eigensinnig, -obwohl ich es ihm lang und breit abstritt, daß ich -wohl Verse schriebe, aber kein Dichter sei. Fast wäre er -ärgerlich geworden. „Wenn du es weißt, Georg,“ sagte -er, „wenn du weißt, wie es ist, wenn du Sprache hast, -so mußt du es doch auch sein!“ beharrte er und wurde -erst unschlüssig, als ich es ihm an Malern nachwies, die -zwar das Handwerk hätten, aber doch nicht die Kunst. -</p> - -<p> -<a id="page-401" class="pagenum" title="401"></a> -„Das mag für Maler stimmen,“ meinte er dann, -„aber doch nicht für die Sprache! Da sind Farben, Finger -und Hände und Pinsel; was geht nicht alles verloren -auf so weitem Wege, wenn einer nicht die ganze Kraft -hat und Gottes Beistand. Aber in der Sprache ist alles! -Sie allein ist unmittelbar und enthält doch eins im andern -das Beide, sonst so Getrennte: Vernunft und Gefühl, -verschmolzen im Tönen der Seele!“ -</p> - -<p> -„Die göttliche Sprache!“ fing er nun an. „Ja, das -ist das Wunderbare an ihr, das unterscheidet sie von allen -andern Künsten und erhebt sie zur höchsten: daß sie so -unmittelbar ist. Nichts als der zaubrische Mund! Da ist -der Mensch, allein, und er selber ganz und gar und allein -ist: Instrument. Die Öffnungen einer Flöte mit den Fingern -betupfen, auf den Saiten einer Geige die Finger so -und so stellen, mit dem Bogen so und anders anstreichen, -— was andres tut denn der Mensch, der redende, wenn -er die Zunge so und so an den Gaumen, an die Zähne -drückt, die Lippen weit oder wenig, rund oder schmal öffnet? -Und er tut ja mehr! Im Instrument ist der Ton, -er bringt ihn nur hervor, tut Wissen und Handhabung -hinzu, aber die Sprache, die bildet er ja selbst, er bildet -das Wort, ganz und gar, außen und innen, Zeichen und -Sinn, und wie aus einer Blume, so duftet die himmlische -Seele daraus hervor! Und ist der Mensch selber das Instrument, -so muß einer sein, der spielt, wer ist das? Der -Gott. — Allem Alltäglichen, allem Irdischen und Menschlichen -abgewandt, ganz hingegeben dem göttlichen Spieler -allein, an seine Brust gelegt wie die Geige, — wie durchrauscht -ihn sein Tönen! ‚Die Herden trabten aus den -<a id="page-402" class="pagenum" title="402"></a> -Winterlagern‘. Sieh, das ist meine Sprache, alles ist da -wie in meiner Sprache, aber vom ersten Hauche an fühlst, -ja, noch ehe du die Lippen öffnest, fühlst du schon: es ist -ein Andrer, der dir den Mund öffnet, und nun wird eine -andre Sprache ertönen, erkennbar an keinem besondren -Klang, oder Bild, oder Gedanken, sondern nur an diesem -allein, diesem göttlichen <em>Anderssein</em>, das du so spürst -wie — wie wenn du schlafend auf einen Stern versetzt -wärest und erwachtest auf ihm und wüßtest gleich beim -ersten Atemzug aus seiner Luft, aus der <em>anderen</em> Luft: -du bist auf einem Stern. ‚Die Herden trabten aus den -Winterlagern ...‘ Oh wie es da hervorduftet aus dem -Unsichtbaren, wie am dunklen Morgen der Geist der -Erdenkräfte schlafkühl duftet aus dem Schlummer der -Geschöpfe. Jedes Gedicht aber, das so nicht ist, an dem -man nur zu Stellen, wie den Kristall im Stein, das göttliche -Dasein spürt, verkalkt, getrübt und unrein, ist Lästerung -des Gottes, Georg, Vergiftung des Gottes, und sie -wird sich rächen und die Seele dessen vergiften, der sie -beging!“ -</p> - -<p> -„Du meinst mich“, sagte ich hierauf. -</p> - -<p> -Aber nun wollte er es nicht gelten lassen. -</p> - -<p class="tb"> - -</p> - -<p class="noindent"> -Ich saß hinter dem Tisch auf dem Sofa, hatte die -Ellenbogen auf der Platte, die Hände übereinander gelegt -und das Kinn darauf, und so rauchte ich, und wir schwiegen. -Auf einmal lächelte Bogner. — -</p> - -<p> -„Warum lächelst du?“ fragte ich. -</p> - -<p> -„Ich lächelte über dich“, gab er zur Antwort. -</p> - -<p> -<a id="page-403" class="pagenum" title="403"></a> -„Du hast nämlich“, fuhr er auf mein Ersuchen fort, -„mitunter eine so erinnerungsvolle Bewegung beim Rauchen. -Mitunter, wenn du die Zigarette aus dem Munde -nehmen willst, dann nimmst du sie zwischen zwei steife -Finger, und dann schiebst du die Lippen ganz weit vor, -wie zum Saugen, und dann lösest du das an der -Lippenhaut klebende zarte Papier langsam ab. Dabei -saugst du dich innerlich ganz voll mit Rauch, und nach -einer Weile strudelst du ihn von dir mit einem traurigen -Seufzer.“ -</p> - -<p> -„Gott segne deine Augen, Bogner,“ erwiderte ich, -„und was soll das alles?“ -</p> - -<p> -„Darin soll“, sagte er, „eine Antwort auf die Frage -liegen: warum raucht der erwachsene Mensch? Es giebt -ja Unverständige darunter, die nehmen bloß den Mund -voll, aber der Wissende tränkt seinen ganzen Leib durch -die Lunge mit dem schönen Gift. Warum, Georg? Aus -Erinnerung. Er denkt an seine Kindheit und saugt wieder. -Damals weiße Milch, heute braunes Gift. Und er muß -den entseelten Rest des nur halb Verzehrten wieder von -sich geben und tut es mit einem traurigen Seufzer.“ -</p> - -<p> -Bogner lachte bis zu Tränen, zog dann seine alte Pfeife -aus der Tasche, die er nicht brauchen darf, betrachtete sie -wehmutvoll und roch daran. Auch ich hatte erst lachen -müssen, aber nun wurde ich von Schrecken ergriffen im -Gedanken an das von der Wiege und der Mutter, und -ich sagte: „Ja, ist es denn wirklich so, Bogner, daß mit -unsrer Kindheit alles ein Ende nimmt, und wenn wir uns -an Äonenfernes zu erinnern glauben, so war es nur -zwanzig Jahr her?“ -</p> - -<p> -<a id="page-404" class="pagenum" title="404"></a> -„Glaubst du das?“ fragte er. „Ich weiß es seit langem.“ -Und er erklärte mir, daß er besonders deutliche -Erinnerungen an früheste Kindheit hätte, und zwar nicht -eingebildete nach Erzählungen Erwachsener. -</p> - -<p> -Und da fängt er an, von den Erscheinungen seiner -kindlichen Fieberträume zu sprechen, und sagt: „Da war -nämlich das Große!“ -</p> - -<p> -Ich wäre gern in ihn hineingestürzt. Ich schrie: „Das -Große! das kennst du auch? Dies entsetzliche schwarze -Anwachsen und Riesigsein und —“ -</p> - -<p> -„Und dann der Gang, durch den man hindurchsoll, -und der zu eng ist ...“ -</p> - -<p> -„Ein Gang war bei mir nicht,“ sagte ich, „bei mir -war das Wälzen!“ -</p> - -<p> -„Nun, das ist gleich,“ meinte er, „es hat ja den gleichen -Sinn.“ -</p> - -<p> -Ich schrie wieder: „Es hat einen Sinn? Welchen -Sinn hat es denn?“ -</p> - -<p> -„Du siehst, daß es einen Sinn haben muß, denn wie -könnten sonst wir Beide es erlebt haben? Und nicht nur -wir Beide. Ich glaube, daß jeder Mensch es kennt, und -zum Beispiel in dem Buch von Rilke, da steht es auch -darin.“ -</p> - -<p> -„Ja, aber was ist es denn, mein Gott?“ -</p> - -<p> -Er sagt: „Die Geburt.“ -</p> - -<p class="tb"> - -</p> - -<p class="noindent"> -Heute will ich nur aufschreiben, was mir eben wieder -ins Gedächtnis kommt aus den ersten stillen Tagen -dahier. -</p> - -<p> -<a id="page-405" class="pagenum" title="405"></a> -Wir befanden uns in der noch lauen Nacht ohne Sterne -oben auf dem Deich über der Ebbe des Meers. Zwei -Tütvögel, die unsre Anwesenheit erregte, kreuzten unaufhörlich -über uns hinweg, jeder eine Zeitlang, wenn er über -uns war, anhaltend und mehrmals seinen mißtönigen -Klageschrei ausstoßend, — der einzige Laut in der Stille. -Ich lag auf meinem Mantel, die Füße in der Richtung -der unsichtbaren See, die Hände unterm Kopf, im linken -Augenwinkel, mehr gewußt als gesehn, den Schatten des -sitzenden Malers auf seinem Feldstuhl. Wir hatten — -nicht das erste Mal — von Ulrika gesprochen, und er deutete -mir wieder Züge ihres Wesens und das Ganze auf -eine unendlich innige Weise des Wissens. Dabei war es -aber immer, als ob hinter seinen Worten sich das bewegte, -was er mir später ‚gestand‘, wie er sagte, das Geheimnis -seines und ihres Lebens und Sterbens. An jenem -Abend sagte er, er habe einmal in seinem Leben, vor -Jahren, eine Frau so geliebt, daß er fast daran zu Grunde -gegangen wäre; „und das“, sagte er, „schien mir -später zuviel für einen Menschen, dessen Auftrag es nicht -ist, Menschen zu lieben, sondern —“ -</p> - -<p> -Er schwieg, und ich glaubte das Ungesprochene richtig -zu ergänzen, indem ich sagte: „die Kunst.“ -</p> - -<p> -Ich wandte mich zu ihm bei diesem Wort und sah nun -sein eines Auge im Dunkel, der See zugewendet in einer -Haltung des Kopfes, die mir besonders verzweifelt erschien. -</p> - -<p> -„Nein, Mensch, wie kommen Sie darauf?“ sagte er -dann. „Glauben Sie, einer wie ich — liebte die Kunst? -Denken Sie bitte einmal an das, was Sokrates im Gastmahl -<a id="page-406" class="pagenum" title="406"></a> -Platos feststellt: daß man liebt, was man nicht hat. -Was ich nicht habe, ja, das liebe ich freilich, und das ist: -die Form. Die Vollkommenheit. Das ist jedes Bild, das -ich noch nicht gemacht habe.“ -</p> - -<p> -Ich sagte nun einiges Unvollkommene und Verlegene, -wie daß Kunst selber eben die Liebe sei, die alles, was sie -nicht habe — ewig und ewig die Form — mit solchem -Wahnsinn begehre, daß sie es darstellen müsse. -</p> - -<p> -„Ja, den Dämon,“ sagte er leise, „wenn Sie den -meinen, — den Dämon, der treibt und widersteht, den -liebt man ja wohl.“ -</p> - -<p> -„Und übrigens“, fuhr er nach einer Pause gequält -fort, „habe ich Sie eben belogen. Früher war das so. -Nun, ja nun haben Sie recht, nun liebe ich die Kunst, -die ich nicht mehr habe, und den Dämon erst, der mich -verlassen hat, weil ich ihn verließ und zu Menschen -ging.“ -</p> - -<p> -„Bogner,“ sagte ich und legte die Hand auf sein Knie, -„Bogner, das ist doch nicht wahr!“ -</p> - -<p> -Ich setzte mich auf. Der Schatten schlagender Flügel, -Weißes vom Vogelleib fielen aus der Nacht herunter, -deutlich scholl der Notschrei. Bogner ergriff meine Hand -und hielt sie fest. Er nickte dann langsam mit dem Kopf -und sagte leise und geheimnisvoll: -</p> - -<p> -„Wenn es einer begreifen könnte außer mir, — was -wäre es dann?“ -</p> - -<p> -Meine Hand ließ er nicht los. Ich fand kein Wort, -und er blieb verschwiegen. Aber meine Hand hielt er fest, -daß es mich jammerte im Herzen, bis wir dann aufstanden -und ins Haus hinabstiegen. -</p> - -<h5 class="subsection"> -<a id="page-407" class="pagenum" title="407"></a> -(Cornelia) -</h5> - -<p class="noindent"> -Bei einer Wanderung, auf langer Straße im flachen -Land, kann es uns wohl begegnen, daß wir in weiter -Ferne zu unsrer Linken oder Rechten etwas Menschenhaftes -gewahren, nichts weiter als einen Punkt, der menschenhaft -erscheint, ohne Bewegung, und der die Weile, -während der wir ihn im Auge behalten, sich nicht verändert -noch deutlicher werden will. Vergaßen wir ihn dann -lange Zeit über andern sehenswerten Dingen umher, so -gewahren wir ihn plötzlich gar nicht weit von uns auf -einer zur unsern heranführenden Straße, deutlich genug, -um ihn an Gang und Kleidern als einen Menschen, wie -wir selber es sind, zu erkennen, und dann betritt er vielleicht -keine drei Schritte vor uns unsre Straße, hält an -und erwartet uns, wir reden uns an, wir finden Gefallen -genug an einander, zusammen zu bleiben für ein paar -Stunden, wir verstehen uns gut mit ihm, oder auch er -erscheint uns sehr merkwürdig während der nun gemeinsamen -Wanderung, und schließlich fällt es uns wohl zu -unserer Verwunderung ein, daß wir hier zusammen gehn -und gut Freund sind mit jenem Punkt, den wir vor zwei -Stunden keiner Beachtung, keines Gedankens von Möglichkeit -einer Beziehung für uns wert hielten. -</p> - -<p> -Es sind heut Jahre her — nach der gewöhnlichen Berechnung -nur Jahre —, da sah ich Cornelia ganz von -fern, nicht deutlicher, als daß sie zu erkennen war als ein -weiblicher Mensch. Auf einmal sah ich sie zu meiner -Straße heraufkommen; hier war es, hier sollte sie wenig -Schritte vor mir meine eigene Straße betreten, ich gewahrte -sie schon deutlicher, so daß, wenn wir etwa am Vormittag -<a id="page-408" class="pagenum" title="408"></a> -zusammen um den Deich gingen, heut, oder morgen -am Nachmittag Tee tranken mit den Andern, oder -einer las vor und wir lauschten: daß ich dies und jenes -schon sicher an ihr wahrnahm: den Schnitt ihres Mantels, -die Form ihrer Stiefel, Besatz an der Bluse, ihr -Haar, ihren in den Fußgelenken schwingenden Gang, -ihre länglichen Hände, die Lockerheit des Daumens, das -Rund ihrer Augen und ihren Blick. Langsam bildete sich -so ein Ganzes aus vielen Teilen, dieweil wir uns nun entschlossen -hatten, nebeneinander zu gehn, — erkennbar -schon als ein Ganzes, obwohl noch manches Stück fehlte -und zwischen den vorhandenen die Risse und Fugen noch -ungeheilt schimmerten. Aber sie heilten, denn nun kam -auch Teilnahme, das formenschaffende Gefühl, ein Wesen -bildend langsam, das mir wohlgefiel, das meinen Sinnen -wohltat, den fünfen und jenem unbekannten, nicht mit -Namen zu nennenden, jenem Tastempfinden von Mensch -zu Mensch, auf dem alle Möglichkeiten und Beziehungen -der Menschen zueinander beruhen, der uns den andern -Menschen <em>atmen</em> läßt wie ein besondres Arom in unserer -Luft, und in dem dann bald die süße Flamme Ähnlichkeit -sich gläsern erhebt, wie die Flamme der heißen Mittagsluft -überm Wachholder der Haide, — sie zeigte sich über Cornelia. -</p> - -<p> -Nun erschien sie mir schon besonders; nun erschien sie -mir, meiner Veranlagung gemäß, vor allem: hübsch, und -es deuchte mich angenehmer, beim Gehen die Hand in -ihren Arm zu schieben, und so weiter. Es war bereits -immer ein leises Freuen, wenn sie kam und zugegen war; -was man sagte, dem hörte sie gut zu und gab die rechten -Ergänzungen oder Erweiterungen, und so man nicht -<a id="page-409" class="pagenum" title="409"></a> -sprach, war sie’s auch zufrieden und schwieg. Sie war -nämlich bereitwillig. -</p> - -<p> -Morgens kam sie selbst mit dem Frühstück, ich lud sie -zu bleiben, und sie blieb, dann stellte sich heraus (nämlich -ich mußte fragen, von selbst gab sie nichts preis), daß sie -selber noch nüchtern war, und nun mußte sie ihr Frühstück -mitbringen. Erlaubte es irgend das Wetter, so erwarteten -wir gemeinsam am Strande das tägliche Boot mit meinem -Kurier, dort trafen wir den notwendigen Hauptmann, -standen in unsern Mänteln und hochgeschlagenen Kragen -gegen den Wind gedreht, froren erbärmlich und sahen -uns gegenseitig immer röter anlaufen. -</p> - -<p> -Nun und so weiter ... -</p> - -<p> -Was aber war dann eines Tages anders geworden? -— Nun hielten wir uns nämlich bei den Händen im Gehn, -meine Stimme hatte den weicheren Ton der Vertraulichkeit, -meine Hand das Recht, den vom Wind umgekrempten -Mantelkragen zurechtzuschieben oder die schiefgewehte -gestrickte Mütze gradezuziehn über ihrer Stirn, ohne daß -sie oder ich dabei den grade begonnenen Satz unterbrach. -Ich fand alte Gedichte und las sie ihr vor, ich kannte nun -den besondren Ton ihrer Haut am Nacken, dort wo die -Bluse sich ablüpfte, wenn ich ihr in den Mantel half. Ich -kannte genau die Form ihrer Stirn und jede Bewegung -ihres Mundes, und viele ahnte ich voraus und erwartete -sie, und all dies ward mir sehr lieb. Ich erinnerte mich: -dies hatte ich schon früher erlebt, und doch war es dadurch -nicht abgenützt worden. Ich dachte aber nicht, daß ich -sie küssen möchte, denn so besonders war mir noch von -der Krankheit her. -</p> - -<p> -<a id="page-410" class="pagenum" title="410"></a> -Aber siehe da, plötzlich eines Nachts, schrieb ich diese -Verse auf: -</p> - -<div class="poem-container"> - <div class="poem"> - <div class="stanza"> - <p class="verse">Diese Nacht aus dumpfem Schlummern</p> - <p class="verse">Fuhr ich auf: das Schweigen dröhnte</p> - <p class="verse">Mir ans Ohr, doch spürt ich: andres</p> - <p class="verse">Dröhnen, Fausthieb, Fausthieb draußen,</p> - <p class="verse">Zornig auf des Tores Bohlen</p> - <p class="verse">Jagte mich empor.</p> - </div> - <div class="stanza"> - <p class="verse">Gleich da wußt ich draußen stehen</p> - <p class="verse">Ihn vorm Tore, Eros, jenen:</p> - <p class="verse">Eros mit den Löwenfüßen,</p> - <p class="verse">Eros mit den Geierschwingen,</p> - <p class="verse">Eros mit dem Fackelantlitz</p> - <p class="verse">Donnerte ans Tor.</p> - </div> - </div> -</div> - -<p class="noindent"> -Am folgenden Morgen dann, siehe da gingen mir die -Augen auf, und ich erkannte, daß sie weiblich war. -</p> - -<p> -Bald darauf stellten sich von Augenblick zu Augenblick -Worte oder Handlungen ein, die sich auf keine Weise -besser begleiten ließen oder gar ausdrücken als durch einen -Kuß, und ich küßte sie zum Dank, daß sie das Frühstück -brachte, beim Gutenachtsagen, beim Morgengruß, beim -Klettern über eine Buhne, beim stillen Hinaussehn über -die See, kurzum bei jeder Gelegenheit. Küssen ist, wie -wenns regnet; erst wenig, dann immer mehr. -</p> - -<p> -Sie aber, sie hatte auf meine Veranlassung angefangen, -mit mir zu frühstücken, mit mir spazieren zu gehn, -sich vorlesen zu lassen, lange mit mir zusammen zu sein, -schließlich auch sich küssen zu lassen und wieder zu küssen. -<a id="page-411" class="pagenum" title="411"></a> -Ich bedachte mich zuweilen, was in ihr vorgehen mochte. -Sie äußerte nichts, außer auf Befragen. Und dies mocht -ich nicht fragen, denn dann hätte der immer noch in der -Entwicklung sich windende Satz plötzlich ein Ende genommen, -ob mit Fragezeichen, Rufzeichen oder Punkt, — -jedenfalls ein Ende, und ein ganz neuer hätte begonnen. -Ich dachte: sie ist doch klug, sie sieht kein Ding halb, sondern -rund, wie zum Beispiel auch den Mond, von dem -man weiß, daß er rund ist, obwohl scheinbar eine Sichel. -Nur: sie tat zu alledem nichts dazu. Sie schien immer mit -allem zufrieden. -</p> - -<p class="tb"> - -</p> - -<p class="noindent"> -Ein Winterabend. Im Dunkel trat ich aus meiner -Tür, ausgewiesen nämlich vom dortigen Eros. Unwandelbar -dröhnte der Ozean. Das Tal unter mir schimmerte -mattweiß, eine dünne Schneedecke war drübergefallen, -es rieselte noch in der Luft, es war kalt. In der Tiefe zur -Rechten zwei rötliche Rechtecke — die erleuchteten Fenster -in Bogners Haus; in der Tiefe mir gegenüber ein gleiches. -Dorthin ging ich; nicht daß ich erwartete oder verlangte, -aber — was konnte nicht möglich sein? -</p> - -<p> -Mir begegnete nichts unterwegs. Tote begegnen nicht, -sie sind Wink. Ein roter Becher bei einem brennenden -Leuchter ... nahe darunter ein niemals vergehendes Lächeln. -Jedes Lächeln nimmt ein Ende zu seiner Zeit. Dies -endete niemals. Siehe da, welch eine Schattengestalt über -den Lichtern? Josef Montfort. Zwei Tote. Damals zusammen, -heut wieder zusammen; so stellten sie sich mir dar. -</p> - -<p> -Ich kam aber durch die hartgefrorenen, dünn schneeüberzogenen -Gemüsefelder an das Fenster, das zu ebener -<a id="page-412" class="pagenum" title="412"></a> -Erde liegt, und schaute hinein. Irgendwo stand ein brennendes -Licht. Der Raum war klein und niedrig. Sie -stand vor einem geöffneten Kleiderschrank, hängte eine -blaßrosa Seidenbluse über einen Bügel, diese in den -Schrank hinein und schloß die Türen; lautlos, denn in der -Nacht brüllte der Eros über die See. Da klopft ich ans -Fenster. Sie kam und machte auf. Ich sagte wohl: -Guten Abend! und: Noch nicht schlafen gegangen? -Sie antwortete dies und das; wir küßten uns dann -wohl. -</p> - -<p> -Und es hatte nunmehr jene Frage zu kommen, die aussieht -wie alle andren Fragen, die aber am unsichtbaren -Faden weit hinter sich her etwas zieht, das nicht den geringsten -Zusammenhang mit ihr hat. Ich fragte nämlich, -ob ihr auch nicht kalt sei. — Sie konnte nun dies oder -jenes antworten, es gab auf jeden Fall ein Gelenk, und -sie sagte: Es geht — und Ihnen? — Nun tat ich scherzhaft, -als ob ich gewaltig fröre, um Grund zu haben, sie -fest an mich zu drücken, worauf sie wiederum — übrigens -aus keinem besondren Grunde — tat, als ob ich ihr wehtäte, -und sagte: Ich sollte lieber hereinkommen. Da schloß -sich denn der Ring zur ersten Frage mit meiner letzten, -(die ich jedoch erst nach einer Weile tat, damit sie auch -recht bedeutungsvoll erschiene, und während der ich sie -mit Behutsamkeit an dieser und jener Stelle des Gesichts -küßte:) Ins Wohnzimmer oder in dieses? -</p> - -<p> -Eine Antwort erhielt ich naturgemäß nicht. Aber nach -wenigen Sekunden hatte die Erwiderung meiner Küsse -einen andren Schmelz, und ich hielt einen andren Menschen -im Arm. — — -</p> - -<div class="poem-container"> - <div class="poem"> - <div class="stanza"> -<a id="page-413" class="pagenum" title="413"></a> - <p class="verse">Und als sie wieder lagen auf bekränzter,</p> - <p class="verse">Ermüdete, auf schmaler Lagerstatt,</p> - <p class="verse">Stand auch der Geierfittich sanft am Fenster</p> - <p class="verse">Und lächelte auf das erglänzte Watt.</p> - </div> - </div> -</div> - -<p class="noindent"> -Es schien nämlich (ganz nutzlos, aber doch überaus -frohgemut und strahlend über seine Anwesenheit) schien -der Mond vom Himmel herab, als ich wieder aus dem -Hause trat, und geleitete mich mit meinem Schatten wie -mit einer Hand fürsorglich durch das Tal bis nach oben -vor meine Tür, wo er zurückblieb. -</p> - -<p> -Wieder einmal aber, schlafesunbedürftig sitze ich nun in -der langsam verhauchenden Wärme des Ofens, verzeichne -eine Stunde dieses nie zu begreifenden Daseins, blicke von -unten in die Lampe, bin besonders ruhig, allem Ewigen so -fern, ein kleiner Mensch im Gehäus, und ich beginne fruchtlos -zu staunen über die Ahnungslosigkeit unseres Seins. -</p> - -<p> -Da doch immer wir selber es sind, die alles tun, was -unser Leben ausmacht, wie unbegreiflich, wenn man sich -hineinversenkt, scheint es, daß wir vom tausendsten Teil -des allen, solange es gegenwärtig ist, nicht die wirkliche -Bedeutung erfassen. Was würden wir sagen, wenn bei -der Begegnung mit einer fremden Frau ein Dritter uns -darauf aufmerksam machen würde, daß uns über Jahr -und Tag ihre besondre Art, das Strumpfband zu verhaken, -nicht unbekannt sein würde und keine besondre -Sache, und daß wir zusammenschliefen in einem noch nicht -einmal gebauten Bett? -</p> - -<p> -Es geschieht auch wohl einmal, daß die gewohnten Zusammenhänge -mit unsrer Umgebung und uns selber unvermerkt -<a id="page-414" class="pagenum" title="414"></a> -sich in nichts auflösen; wir sehen mit einem -Schlage auf uns selber herunter wie von einem Stern, sehen -uns und unser Erdendasein in einem fremden Licht, im Licht -der Lebensart auf jenem Stern, und da kommt es uns so -fremd und ohne Sinn vor, daß wir uns fragen: Dies sind die -Dinge, die dorten vor sich gehn? Dazu wird dorten gelebt? -Warum sind sie so? Welche Gründe haben sie zu all diesem? -Was frommt ihnen dies? Was haben sie davon? -</p> - -<p> -Antworten aber giebt es keine. Aber so erkannte ich -auf einmal sie und mich ganz von oben in jener Stunde, -wo ich mich neben ihr in dem bäuerlichen Schrankbett -fand, ausgestreckt auf dem Rücken, die Hände unter dem -Kopf. Ich hörte dumpf das Brausen der See. Ein Licht -in einem Holzleuchter, bestehend aus einer größeren rot- -und drei kleineren grünlackierten Kugeln als Füßen, bewegte -leise die goldene Flamme mit gasblauem Kern im -Luftzug der nahen Fensterfuge; dahinter hingen die stillen, -weißen Gardinen hellbeleuchtet; es stand auf einem einfachen -Tisch, hellblau gestrichen wie die übrigen Möbel, -Stühle, Waschtisch, Kommode, Schrank — mit bunter -Blumenmalerei — und hinter allen, die Wände empor, -waren die stillen Schatten. Zwischen mir und der Wand -im Bett aber saß, die Arme um ihre Knie geschlungen, -das Kinn fast darauf, Cornelia, und ihre Augen, groß, -rund und dunkel, waren ohne Bewegung auf das Licht -gerichtet, von dem sie erglänzten. Sie sah aus, als wüßte -sie genug. Weich und gerötet war die Haut ihres Gesichts. -Sie sprach kein Wort wie auch ich. Und sie und -ich, so enge beisammen, sie saß und ich lag, und wir dachten -Beide weit weg unsrer Toten. -</p> - -<h5 class="subsection"> -<a id="page-415" class="pagenum" title="415"></a> -(Von Bogner) -</h5> - -<p class="noindent"> -„Rembrandt,“ sagte Bogner, „er mußte nur immer -malen.“ -</p> - -<p> -(Ich hatte Bogner mit einem großen und roten Buch -voller Wiedergaben Rembrandtscher Gemälde angetroffen, -und wir sprachen darüber.) -</p> - -<p> -„Er mußte nur immer malen, und um ja nicht nachdenken -zu müssen über einen Gegenstand — denn was ihn -anging, war immer nur das Eine: das Leuchtende, wie es -aufblüht aus der Nacht! — so malte er unaufhörlich sich -selber. Sieh doch nur,“ sagte er blätternd, „diese ungeheure -Anzahl von Selbstbildnissen! Und nun sieh nur -einmal, wie er es anstellt, Abwechselung zu gestalten! Hier, -hier hast du drei, sieben, vierzehn Bilder aus benachbarten -Jahren, aus demselben Jahr! Immer derselbe Mensch, -und immer ein Andrer. Das ist die Kunst des Entfremdens. -Ja, glaubst du, er hatte sich so verändert in so -kurzer Zeit? Sieh doch an, was macht er hier? Er runzelt -die Stirn, und schon wards ein andres Gesicht. Er -setzt einen Hut auf, eine Mütze, einen Helm, eine Sturmhaube, -und die geringe Veränderung, die der Kopfschmuck -bewirkte, breitete er aus über das ganze Antlitz, und es -gab neue Schatten, neue Lichtflächen, und schließlich bildete -er sich alles nur ein und konnte Runzeln oder Falten oder -Furchen, Glätten oder Rauhen oder Rundungen sehen, -wo gar keine waren, gar keine. Sieh doch das hier! das —“ -er lächelte, „ja, da haben sie darunter geschrieben ‚Bildnis -eines jungen Mannes‘. Meinst du vielleicht, das -wäre er nicht? Und hier —“ er zeigte auf ein Bild, unter -dem ein Name stand, den ich nicht im Gedächtnis behielt — -<a id="page-416" class="pagenum" title="416"></a> -„das ist er natürlich selber! Seine ganze Phantasie — -glaube mirs, Georg — bestand im Verändern. Sieh doch -hier diese Landschaft mit den geisterhaften Bäumen! Das -ist nicht wirklich und ist nicht empfunden, nur sein Dämon -griff hinein, riß und bogs auseinander und stellte sich -mitten hinein.“ -</p> - -<p> -Er schwieg, schlug langsam die Seiten um, und ich sah, -daß er zu den Altersbildern gelangt war. Gleich darauf -begann er wieder, furchtbar ernst: -</p> - -<p> -„Und nun sieh hier das. Siehst du, da kam es! Jahrzehntelang -hatte er Mummenschanz getrieben mit seinem -Gesicht, und nun — nun sitzt plötzlich einer innen und verändert -willkürlich, von innen! — Da! siehst du das? Wer -ist das? Ihre Majestät die Ruine. Nun kann er sich -jeden Monat malen und jede Woche, jeden Tag, ja, jede -Stunde — es ist immer Verfall. Er zerfällt, er zerblättert -fürchterlich, es bläht ihn auf, es sackt wieder zusammen, -es glotzt aus ihm, es grinst, es schluchzt, es sickert, es -bröckelt, es — zerfällt, zerfällt, und er — er malt es, malt -es, er ist ganz blöd, er denkt bloß, daß ihm auch das Verändern -jetzt abgenommen ist, und daß diese Art des Veränderns -noch genialischer ist als die eigene Methode, und -er malt, halb blind, besinnungslos, ein Schwamm, ein -morscher Stumpf, der phosphoresziert! Sieh die Gesichter, -diese Larven einer Armenhäuslergalerie, diesen Katalog -aller Krankheiten, ohne Geist und ohne Seele, ohne Zukunft, -ohne Gott, nur noch Schicksal, wütendes Schicksal -des Malenmüssens, das in seiner leiblichen Hülle sitzt. -Und malt er denn noch, er? Seine Hände malen, in seinen -Händen sitzt das Malen und rast mit den Pinseln, -<a id="page-417" class="pagenum" title="417"></a> -ohne Farbe, ohne Leinwand, ein Stück Brett und nasser -Lehm, mehr ist nicht nötig für den glorreichen Triumph -seiner Hände, drin die Natter Gicht sich verbiß. Und so -bis zum letzten die ewige Glorie: Licht! Licht! Licht! das -die vergrämte Ruine mit Seelenblut überlodert, die goldene -Quelle, das ewige Rieseln aus der Nacht — Gott im -Himmel, Georg, wenn aus Baumstämmen vom Druck -der Jahrtausende Kohle wird, und aus Kohle Diamant: -so müssen seine Augen, als er endlich tot lag, zwei Demanten -geworden sein, zu lauter kristallenem Licht gepreßt -in der ewigen Faust.“ -</p> - -<p> -Er schwieg. Ich dachte: er spricht von sich. Scheinbar -aber hatte er doch an sich selbst nicht gedacht; er machte -jetzt das Buch, das er im Schoß hatte, zu, legte es vor -sich auf den Tisch, trocknete die übergelaufenen Augen -und sagte nun mit sanfterer Stimme: -</p> - -<p> -„Immer muß ich bald auch an van Gogh denken, wenn -ich mich auf Rembrandt besinne.“ -</p> - -<p> -Ich meinte, da er wieder verstummte, das sei wohl der -Fall, weil für ihn das Malen so sehr das Einzige, so sehr -eine Raserei gewesen sei wie für Rembrandt. -</p> - -<p> -Das nicht, erwiderte er. Dazu seien sie doch von zu verschiedenen -Größenmaßen gewesen. „Raserei, sagst du. Ja, -aber bei van Gogh doch nur die eines Menschen, während -die Rembrandts an den Niagara denken läßt oder auch an -eine dieser gewaltigen Maschinen, die still zu stehn scheint -mit allen Rädern und Riemen, obwohl sie in ungeheurem -Schwunge ist, und die dabei so sorgsam, zart und genau -arbeitet wie eine Spitzenklöpplerin. Van Gogh flackerte ja. -Nein, ich meinte den Gegensatz, nicht ein Gemeinsames. -</p> - -<p> -<a id="page-418" class="pagenum" title="418"></a> -„Ihrer beider Wollust war — bis zum Äußersten, wie -bis zu einem gewissen Grade in jedem Maler — das Licht. -Da war nun van Gogh leider von einem blinden Teufel -besessen, der ihn zwang, geradeswegs mitten hineinzusehn -in das Licht — und das malen zu wollen. Und — siehst -du — da flackerte alles und zerstob zu Myriaden bunter -Funken. Ich weiß nicht, wie sein leiblicher Wahnsinn an -ihm sich geäußert hat, aber ich könnte mir denken — weil -er so besessen war von der flammenden Erscheinung der -Sonne —, daß er im Irrsinn nichts andres gewollt hat, -als geradezu die Sonne malen — wie er es zuvor versuchte -mit Hülfe der Landschaft —, nämlich ihre flammend brodelnde -Goldscheibe selbst und sonst nichts. Und so, verstehst -du? hat er die Wahrheit doch nie gesehn. -</p> - -<p> -Die Sonne, Georg, was liegt denn an der Sonne? -Wenn ich blind bin, ist deshalb kein Licht? Die Sonne, -hat sie nicht dunkle Strahlen der Wärme? Und der blinde -Leib, hat er nicht seelische Strahlen eines Lichts? Was -van Gogh sah, war die Erscheinung, das Sein, das seiende -Licht, das von außen in ihn eindrang. Was liegt an ihm? -Was ist selbst Dasein? Dasein ist nichts, Zeugung ist alles. -Und — es zeugt, das Licht, das ist die Wahrheit! Es hat -gezeugt — diese Erde, diese Wälder und Äcker und das -Meer, jeden Baum, die Tiere und den Menschen und seine -Seele. Es zeugte aus uns den Flammengeist, und es zeugte -die Weiße der Narzisse; es zeugte die Wärme des Blutes -und die Glut des Herzens. Die Wärme, Georg, die -Wärme! Die aber hat er gefühlt, Rembrandt, und die -hat er gemalt, Rembrandt! Er sah — die Nacht. Und -in der Nacht sah er sich zeugen: das Licht, das ewige -<a id="page-419" class="pagenum" title="419"></a> -Juwel, die Wonne des erleuchteten Daseins mitten im -Finstern, und Entzücken strahlte ihn an aus der Nacht, -und so malte er das Licht in seiner unendlichen Fruchtbarkeit. -Er malte es als Maler an malerischen Dingen. Er -ließ es saugen am riesigen Leibe der Nacht, und überall -taten sich Adern auf, und es schmolz hervor: Juwelen und -Perlen, die Brokate und die Spitzen, Fahnen und Harnische -und Fackeln, Stickereien und Sammet, das Lachen -der Saskia und der Körper Hendrikjes, und hundert Male -immer wieder — nur noch Leuchter fürs Licht — das eigene -Antlitz, und hinter dem Antlitz die eigene, brennende, brodelnde, -wollüstige, trinkende, schaffende, zeugende Sonne -der Seele. Das ganze Dasein war ihm eine unendliche Nacht -voller tausend Geschichten, die sich fortzeugten auseinander, -und die ganze Nacht nur ein riesenhafter, schwarzer Spiegel, -in dem meilenfern, ein verlorener Funken Goldes, -widerglänzte die eigene Seele, ein Tropfen an Gottes -Wimper.“ -</p> - -<p> -Dies, dachte ich, als ich durch die brausende Nacht zu -mir hinüberging, blindlings im völlig Schwarzen, dies ist -nun Bogner? Dieser einst gelinderte, wortkarge, sparsame -Mensch? Freilich: damals malte er, die Seele glühte sich -schweigend aus; nun muß sie reden und verbrennt dabei. -Und ich erschrak, da ich bemerkte, daß ich nicht der einzige -Unselige bin auf einer so kleinen Insel. -</p> - -<div class="chapter"> - -<h3 class="chapter" id="subchap-0-2-5"> -<a id="page-420" class="pagenum" title="420"></a> -Fünftes Kapitel: Dezember -</h3> - -</div> - -<h4 class="section"> -Aus Georgs Papieren -</h4> - -<p class="first"> -Von Zeit zu Zeit ereignet es sich wohl einmal — zumeist -wenn ich sitze und schreibe —, daß hinter meinem Rücken -in der Nachtferne etwas mir vorhanden scheint, das ich -mehr empfinde denn sehe als: Land. So eine dunkel verdämmernde -Fläche nämlich ohne Umrisse, von unsichtbarem -Leben überwebt — das Land, das meinen Namen trägt -(obwohl wiederum selber ich ihn nicht trage, aber wer -weiß das?). Dazu ein Staat, der in hunderttausend Gehirne -geprägt ist als das Bild eines Berges, auf dessen -Spitze ich stehe. -</p> - -<p> -Und ich denke weiter: Hunderttausend Menschen — -was liegt an der Zahl? — sind dort, die an jedem Tage -zumindest einmal ein Wort sagen oder von bedrucktem -Papier lesen, einen Titel, unter dem sie mich zu fassen -glauben. Mitunter, wenn sich ihrer Mehrere zusammentreffen, -machen sie ein Bündel aus ihren Köpfen und — -nun, aus den mehr oder minder abenteuerlichen oder mitleidigen -oder argwöhnischen Vorstellungen, die sie sich -machen mögen, ein paar willkürliche herauszugreifen und -aufzuschreiben, das hat wenig Sinn. Es kommt auf die -Tatsache an, die ja nun fast von einer metaphysischen -Bedeutsamkeit ist, denn was ist in Wirklichkeit an mir und -ebenso an jenen Erdbewohnern, das diese Art von immerhin -besondrem Schauer in ihr Empfinden von meinem -Dasein mischt, denn sie mögen mich nun achten oder verachten, -mich für mehr oder nur soviel wie ihresgleichen -<a id="page-421" class="pagenum" title="421"></a> -halten, gut von mir denken oder böse: dieser bestimmte -Schauer ist immer da, war da von dem Augenblick an, -wo ich jenen Titel bekam wie ein Kleid, also daß ich seitdem -tun oder denken, sein und treiben kann, was ich will: -den Schauer verliere ich so wenig, wie ein Mensch seinen -Schatten verlieren kann. Es ist beinah wie mit Gott. -Die Welt mag sein, wie sie will, den Menschen darin mag -es ergehen, wie es wolle: Gott bleibt ihnen immer Gott, -und ob der eine nun sein Wirken darin sieht, daß sein -kranker Bruder gesund wird, der andre darin, daß ein -Erdbeben kommt, der dritte darin, daß er anstatt den Hals -nur das Bein brach, und der vierte darin, daß sein Nachbar -an derselben Krankheit starb, die er überstand: Gott -bleibt immer derselbe Gott, sie glauben an ihn, und er -kann sich auf keine Weise verändern. -</p> - -<p> -Und weiter, was jenes Land angeht, so bin ich es, der -darin diesen und jenen, mir ganz unbekannten Menschen -veranlaßt, eines Tages mit seiner Familie und aller beweglichen -Habe von Süden nach Norden zu reisen, und -einen ähnlichen von Osten nach Westen; ja, es geschieht -Tag für Tag, daß nach meinen Angaben Leute von einer -Stelle weggenommen und an eine andre gesetzt werden, -wo wieder Andre erst fortgenommen wurden, die zu einer -dritten geschickt werden, und so fort. Sterne und Kreuze -aus Metall werden in meinem Namen verteilt und als -besondre Geschenke von mir angesehn, Urteile ganz fremder -Leute über Andre werden gültig durch meine Unterschrift, -und in Kirchen wird für mich gebetet. -</p> - -<p> -Telemach, begreifst du? Sollte es sich jemals verstehen -lassen? Verstehen, daß wirklich du es bist, der gemeint -<a id="page-422" class="pagenum" title="422"></a> -ist? Und solltest du jemals nicht jenseit sein können von -alledem, sondern darin? -</p> - -<p> -Nein, dies wird niemals möglich sein, weil es niemals -hat möglich sein sollen. Die Schnecke wird erst nackend -geboren und bildet sich hernach ihr Gehäuse, und ich bin -nackend herumgelaufen Jahr um Jahr, aber das Gehäuse, -das auf einmal gebildet war, es war nicht von mir geplant, -und wer hätte auch von einer Schnecke gehört, für -die ihr Gehäuse eine Last ist, die sie langsam zu Tode -würgt? -</p> - -<p> -Nur so viel sieht Telemach ein, daß es doch möglich ist, -darin zu wohnen für eine Weile. -</p> - -<p> -Da ist ein Tisch, und ich gehe um den Tisch. Was -liegt an Tagen? Ich gehe linksherum und rechtsherum, -tagein und tagaus, und fange an zu bemerken, daß sich -eine Spur bildet in der Farbe der Dielen. Was Schlaf -ist, habe ich auch einmal gewußt; nun ist es ein fliegender -Rauch, durch den die allstündlichen Bilder wirbeln aus -Wachsein in Wachsein hinüber. Es ist nicht genügend -Einsamkeit vorhanden. Die Wintersee ist so laut geworden, -daß die Andern und ich es aufgegeben haben, miteinander -zu reden, — dann züngelt die rasende Ungeduld aus -mir, wenn ich sitze und sie sitzen sehe, der letzte bange -Rest Menschenliebe windet und verzehrt sich in meinem -Herzen, und ich denke, daß ich bald nicht mehr kann. -</p> - -<p> -In eine hohe Flamme zu steigen wie in ein Bad und -drin prasselnd zu stehn, müßte das nicht wollustvoll sein? -Ich brenne allzeit, und mir wird nicht einmal warm davon. -Ich rüttle an den Steinen des ewigen Geduldspiels, -aber wie ich die Steine einmal zusammengefügt habe, so -<a id="page-423" class="pagenum" title="423"></a> -stecken sie nun, und keiner weicht von der Stelle. Ich -hoffe, rasend zu werden, und bemerke, daß ich mit der -Zeit vielmehr in Ordnung gekommen sein muß, denn nicht -immer, wenn ich schreibe, muß ich wie ehedem jede Laus -von Wort, die durch mein Gehirn läuft, aufs Papier -streichen, sondern ich lasse sie sitzen. -</p> - -<p> -Oh Himmel meiner endlosen Tage wie so grau! Wiesen -des Sommers und ihre Aurikeln, blaues Wogen des -Jugendtags, wart ihr wirklich einmal? Ein Knabe -klettert hoch am Sockel der Sonnenuhr, deckt Zeiger -und Zifferblatt zu mit dem eigenen Schatten, sucht -und wundert sich, nichts drauf zu finden, was ihm die -Stunde anzeigt — — es ist keine Stunde, und dies war -die Jugend. In der tiefen Scharte meines Fensters -sehe ich ein Stück wankender Wasser, grau und voll gelblichen -Schaums, ein Hundert Wellenköpfe in jagendem -Durcheinander, immer dieselben, die auf mich zutaumeln -und unter mir im Unsichtbaren verschwinden, und ich sehe -und sehe. -</p> - -<p> -Oh ein Zeichen, das Zeichen gieb, heilige Allmacht! Halte -mich doch nicht mehr auf, laß mich doch los! All ihr unendlichen -Mächte, was verschlägt es denn, ob einer getröstet -wird? Wenn ich auch schuldig wurde an Menschen, -so warens doch immer solche, die ich liebte, und ge—, oder -hätte ich besser hassen sollen? Ja, war es dies, daß ich -lau war, nicht böse, nicht gut, nicht kalt und nicht heiß, -und soll ich darum, darum in alle Ewigkeit sitzen zwischen -Leben und Sterben? -</p> - -<h5 class="subsection"> -<a id="page-424" class="pagenum" title="424"></a> -(Von Bogner) -</h5> - -<p class="noindent"> -Das fehlte noch! Heute sagte Bogner: er fände die -Welt in Ordnung. Ja, wie soll man da widersprechen? -Er hat es entschieden, und nun war es so. Mitten in der -Nacht war er aufgewacht und hatte diese Entdeckung gemacht. -Erstens: die Welt; zweitens: in Ordnung. -</p> - -<p> -Danach bewies er es mir auch. -</p> - -<p class="tb"> - -</p> - -<p class="noindent"> -Es wurde sehr spät gestern nacht über Erzählungen -Bogners von Frankreich und Spanien. Später kam er -auf einige besondre persönliche Erlebnisse, und dann -fand ich mich dabei, wie ich ihm von Cordelia erzählte. -Am Schlusse unterließ ich dann nicht eine besondre Darstellung -meiner Verschuldung, zu der mir im Laufe der -Zeit ein neues Ingredienz bekannt geworden war, nämlich -daß ich sie nur aus Lüsternheit suchte, nicht aus Liebe; -daß sie mich deshalb nicht für ihr so nahe halten konnte, -um ihr Geheimnis zu beichten; daß also, wenn meine -Sinnlichkeit schon in früheren Jahren ihre notwendige, -regelmäßige Stillung gefunden hätte — und so weiter. -</p> - -<p> -„Der Fluch der Lüsternheit über der Menschheit“, sagte -er, „ist der Schatten eines Segens und darum unheilbar. -Im Grunde davon wohnt einer der beiden tiefen, alles -beherrschenden Triebe, deren einer zielt nach dem Lichte, -deren andrer nach dem Dunkel. Niemand liebt wahrhaft -das Licht, der nicht auch die Nacht liebte; niemand wahrhaft -die Nacht, der nicht auch das Licht liebte. (Darum -beginnt Novalis den Hymnus auf die Nacht: ‚Welcher -Lebendige, Sinnbegabte liebt nicht vor allen Wundererscheinungen -<a id="page-425" class="pagenum" title="425"></a> -des verbreiteten Raums um ihn das allerfreuliche -Licht ...‘) Im Licht ist das Wissen, im Dunkel -das Geheimnis. Wir sehnen uns nach dem Wissen und -sehnen uns nach dem Geheimnis. Wir sehnen uns nach -dem Verhüllten, das für den Dumpfen das verhüllte -Nackte ist. Er will nicht das Nackte, er will das geheime -Nackte. Wäre es nicht geheim, so wäre es kaum noch. -</p> - -<p> -„Der aber“, sagte Bogner, „ist der Heilige, der das -Geheimnis weiß im Licht.“ -</p> - -<p> -Und der, setze ich nun hinzu, ist der Glückliche, der -ewig ein Geheimnis pflegen kann — es besitzend, ohne es -je zu durchschauen —, dem es selber zur Magie geworden -ist: der Dichter. -</p> - -<p> -Hielt ich mich selbst nicht für einen? Heute weiß ich -nicht einmal, wie ich davon abgekommen bin. Es vollzog -sich die Einsicht wohl mir selber unvermerkt im Wirbel des -Übrigen, und nun erst, ganz plötzlich, fühle ich einen -Schmerz. -</p> - -<p> -Ich sehe Bogner, wie er war, wie ich noch immer glaube -daß er ist, und sehe, daß es ein unmenschliches Glück sein -muß, ein Glück über allen Glücken, Dichter zu sein. An -jedem Tag die Quellen seines Lebens strömen zu lassen, -sich selber hundertfach sichtbar zu sehn und zu haben im -erschaffnen Gebilde! Sich im Stande der Gnade zu fühlen, -einsam, einzig mit den Wenigen, oh Flügel an die Füße -selbst in den erzschweren Stunden des Seins! Was könnte -einem Solchen geschehn? Muß ihm nicht alles zum -Besten dienen? Muß ihm nicht Honig fließen aus jedem -Ding, das er selber erst zur Blüte wandelt, sei es giftig -oder rein, gemein oder edel — aus jedem strömt ihm eine, -<a id="page-426" class="pagenum" title="426"></a> -die seine Kraft. Die gehäufte Welt ist sein Thron, seine -Schatzkammer das Firmament, er allein besitzt die Erde, -da er sie machen kann. Ungeheuer sein Stolz wie seine -Demut. Mich faßt ein unendlicher Jammer an, wenn -ich der Ärmsten unter den Armseligen gedenke, der Dichter, -die es sind und dennoch nicht glücklich. Die eine Begierde -haben können, außer der einen, tausend Jahre so leben zu -wollen; die nach Ruhm begehren, nach Achtung und Liebe -der Menschen, nach Brot. Die das Heilige erniedrigen -können, indem sie es zu einem Mittel ihrer Notdurft -machen. Denen es nicht Wonne ist, zu dulden dafür, daß -sie so sind. -</p> - -<p> -Da an Gott das einzig Wesentliche ist, daß er ein den -irdischen Trieben und den menschlichen Zwecken nicht -unterworfenes Wesen sei, so giebt es nur einen Menschen, -der seiner entraten kann: den Dichter. Er allein muß ja -erkennen, daß sein innerster und einziger Lebenstrieb ihn -zu einem mit keinem irdischen Nutzzwange verbundenen -Tun zwingt, unweigerlich, wider seinen eignen, kleinen -Willen, unbeeinflußbar von ihm selber. Wenn er zeugt, -so zeugt er wie der Gott: allein um des Zeugens willen. -Alle können anders; er muß das Eine. -</p> - -<div class="poem-container"> - <div class="poem"> - <div class="stanza"> - <p class="verse">Ich aber bog den Arm an seinen Knieen,</p> - <p class="verse">Und aller wachen Sehnsucht Stimmen schrieen:</p> - <p class="verse">Ich lasse nicht — du segnetest mich denn!</p> - </div> - </div> -</div> - -<p class="tb"> - -</p> - -<p class="noindent"> -Damals, als Bogner das Wort ‚Geburt‘ vor mich -hinstieß wie die Faust mit dem Schlüssel, der den Zugang -zu den Müttern eröffnen sollte, mich in meinen Festen -<a id="page-427" class="pagenum" title="427"></a> -schon als Ahnung erschütternd — damals genügte mir der -Schlüssel, ich war froh, das Kleinod im Geheimnis zu -haben, froh, es nur zu wissen, vom Gedanken an es mich -immer wieder süß durchzucken zu lassen. Nun ist mit der -Verflüchtigung der Zeit auch die Wißbegierde gekommen, -der Zweifel mit seiner Stimme: ganz hinunter gelangst du -ja doch nicht, so geh wenigstens tiefer. — Heute fragte ich -Bogner: -</p> - -<p> -„Du mußt mir nun sagen, wo der Anfang war. Ich -sehe die Kindheit wie eine Wand, mit der alles ein Ende -nimmt. Du sagtest das selber. Und was ist das mit dem -Geheimnis? Du sagst: der Schauder vor dem Geheimnis -sei unsre ganze Lust. Aber <em>warum</em> ist sie das?“ -</p> - -<p> -„Ja,“ sagte er, „auch ich glaube, daß mit der Kindheit -alles ein Ende nimmt, und auch ich habe in diesen Tagen -wieder und tiefer darüber gedacht. So laß uns doch einmal -erinnern. -</p> - -<p> -„Ich will dir sagen, was meine fernste Erinnerung ist. -Zuerst ein schwarzes Unbegreifliches voll Kampf und entsetzliches -Grausen. Ein Erwachen dann, ein sanfter, ferner -Goldschein; ein Schatten im Golde, und in dem Schatten -das nicht zu beschreibend Tröstliche, alles Stillende, Sichere, -ein Gesicht, ein Paar Augen. — Solltest du das nie -erlebt haben?“ -</p> - -<p> -Seine Worte hatten mich in eine seltsame Magie versetzt. -Ich glaubte zu sehen, was ich nie gesehn hatte. Ich -wollte mich schon wieder herauszerren aus diesem, weil ich -glaubte, es sei Einbildung, ich sähe nur, was er zeigte. -Allein plötzlich, bei der Vorstellung jenes Schattens und -seiner Augen geschah das Seltsame, daß ich ihn sah — -<a id="page-428" class="pagenum" title="428"></a> -nicht aber mit zwei Augen, sondern mit nur einem. Das -saß in der Mitte, unter der Stirn. -</p> - -<p> -Der Maler schwieg, ich nahm alle Willenskraft um -mich zusammen und dachte. Da geriet ich besondrer -Weise in einen Schwarm von tausend wütend wirbelnden -Vorstellungen, Bildfetzen ohne Beziehung zur Stunde. -Bis dann plötzlich mit einem Ruck dieses riß, und ich -sah — Ihn. -</p> - -<p> -Ich war ein Knabe, er hob mich auf, er setzte mich auf -sein Knie, und ich — fürchtete mich vor ihm. — Warum -das? Ich soll ein wenig geschielt haben als kleines Kind, -und ich fürchtete mich vor ihm: weil er nur ein Auge habe. -Seine eng beisammen sitzenden Augen hielt ich für nur -eines und fürchtete mich. -</p> - -<p> -Es durchsauste mich, als ich es bedachte. Er, immer Er! -Er war die Erscheinung, der eingeäugte Schatten, und -damals hatte ich keine Furcht. Warum kam sie später? -</p> - -<p> -Ich wollte es Bogner sagen, aber siehe da, ich konnte -ja nicht! Wie soll ich seinen Namen sprechen? Kurz und -gut, ich sagte ihm so viel, daß ich mich an Ähnliches zu erinnern -glaubte. -</p> - -<p> -„Und dies,“ sagte er nun, „dies war der Anfang. -Wie hieß der Anfang, Georg? Angst. Nun wollen wir -an unsre früheste Kindheit denken, an damals, als wir -Menschen waren und noch ganz Kinder. Damals war -Wald, und Verirrtsein im Wald, und die Dämonen, die -hunderttausend Mächte der Angst, die böse Natur. -Damals brach in den riesenhaft umgewälzten schwarzen -Klumpen, der wir selber waren, ausgedehnt in die Urwaldsnacht -und verschmolzen mit ihr, in ihn brach der -<a id="page-429" class="pagenum" title="429"></a> -Morgen hinein. Eine Sanftmut ging hervor, öffnete -alles und machte es lind. Licht kam und war tröstlich. -Uns segnete die Blaue. Und das war Gott. -</p> - -<p> -„Die Sanftmut, das Heilende, die Sicherheit der Wiederkehr -(‚Noch niemals blieb der Morgen aus, der lichtend -— Das Tal ihr wieder wies, das duftig bläut‘) und -die Hoffnung: all das und mehr wurde Gott. -</p> - -<p> -„Und weiter, Georg: Wenn die Pferde einen Gott -hatten, wie würde er aussehn? Wie ein Pferd. Wir -Menschen gaben ihm menschliches Gesicht, und da in Urzeiten -und bis spät hinauf nur der Mann etwas galt, so -wurde der erste Gott männlicher Gestalt. Später kamen -die Mutter, das Weib, die Jungfrau am Ende im Kleide -vom himmlischen Blau. -</p> - -<p> -„Aber ein Tiefers ist in diesem. Denn wer war das, -Georg, der am Morgen in unsre Wälderangst trat? Wer -war der Tröstliche, der im Lichtschein erschien, als wir -Kind waren und vergingen in der Angst unsrer Träume? -Der uns anblickte und uns zusprach und —“ -</p> - -<p> -Ich bat ihn, zu schweigen. -</p> - -<p> -Er dachte wohl, es seien Trauer und Schmerz um einen -Gestorbnen, der mich weich machte, und begann deshalb -nach einer Weile an einer andern Stelle. -</p> - -<p> -„Du fragtest nach dem Geheimnis, Georg. Im Anfang -war das Geheimnis schwarz, war Angst, und der -Schauder war böse. War die Erscheinung minder rätselvoll, -minder voll Schauder? — Damals aber mischte sich -Angstgrauen und Lichtgrauen, wie Nacht und Tag sich -am Morgen vermengen. Geheimnis hob nicht Geheimnis -auf, sondern jedes vertiefte das andre, und die ganze Lust -<a id="page-430" class="pagenum" title="430"></a> -der Süße wurde fühlbar erst durch das Grauen zuvor, -und das furchtbare Grauen wurde versüßt durch die Aussicht -auf Heilung. Schon das Kind, das sich fürchtet, im -Dunkel einen Gang hinunterzugehn, lernte es, dieselbe -Furcht süß zu finden in Geschichten. Wir waren ein unendliches -Gemisch von Anfang her, aber wir lernten viele -Teile davon erkennen und sie auszuspielen gegeneinander, -immer auf der Suche nach: mehr Süße. -</p> - -<p> -„Am Ende erlernten wir dann das Wunderbare: das -Gesetz. Aller Geheimnisse süßestes, erkennbar schon am -Antlitz Gottes, vor dem Schwarzes und Wüstenei sich -auflösten, sich darstellten gesondert, nicht mehr erschreckend, -sondern bekannt — aller Geheimnisse süßestes: die Ordnung. -</p> - -<p> -„Die Ordnung aber ist das Bekannte. Das Geheimnis -der Heilsamkeit ist das Wiedererkennen, ist die Sicherheit -des Einen, das in jedem waltet und sich gerne verrät. Alle -Dinge gingen hervor aus Gottes Hand; in allen Dingen -wohnt seine Form. Wie ward da magisch unser Finger, -unser Ohr, unser Mund! Morgens tropfte auf uns der -Gesang der schwarzen Amsel, und wir horchten, und da -war das Gesetz. Im Wasserfall schlief, und wir weckten -es auf, das Gesetz. In unserm Gang das Gesetz, in unserm -Antlitz Gesetz, im Tier das Gesetz; Gesetz, Bekanntes, -Ordnung, Heilung, Süße, Form allüberall. Oh der süßeste -Schauder, Georg, den Freund wiederzuhaben nach langen, -schmerzlichen Jahren! Oh der süßeste Schauder, das Bekannte -wiederzusehn im Wilden, Erschreckenden, Fremden! -</p> - -<p> -„Und dieses wurde das Gute genannt, und alles andre -das Böse.“ -</p> - -<p> -<a id="page-431" class="pagenum" title="431"></a> -„Bogner,“ mußte ich plötzlich sagen, „noch eins! Du -hast einmal ein schrecklichen Wort zu mir gesagt; eben -fällt es mir ein, du sagtest: Die Menschen sind alle gut; -es will sich nur niemand hindern lassen. Ich habe es wohl -nie verstanden, aber jetzt sehe ich, daß ich immer daran -geglaubt habe. Was heißt es denn aber? Sie wollen -also das Gute — aber sie wollen sich nicht hindern lassen. -Ja, was heißt das?“ -</p> - -<p> -„Habe ich das gesagt?“ fragte Bogner nach einer -Weile. „Dann wird es dieses heißen: -</p> - -<p> -„Du sagst: das Gute. Giebt es ein ‚das Gute‘? Es -hat ein jeder sein Gutes, nämlich was er für gut hält, -ohne daß irgendeine Beeinträchtigung seines Wesens damit -verbunden wäre. So ist auch das, was uns ein Immergutes -ist — Eltern, Geliebte, und was du noch willst —, -nicht gut mehr, wenn es uns hindert. Wir können nur -um unsrer selbst willen sein. Ob wir lieben oder hassen, -töten oder uns opfern, verzichten oder erobern, bitten oder -befehlen: all dies geschieht um unsertwillen von uns, weil -wir so sind und so müssen. Was wir Altruismus nennen, -kann nur eine Komponente des Egoismus sein, ob er bis -zum Opfer, zur Selbstvernichtung geht oder nicht. Wir -können ewig nur auf egoistische Weise altruistisch handeln. -Und es wäre die vollkommene Art, den Egoismus zu befriedigen, -indem wir ihn in altruistischem Wesen darstellen. -Der Mensch kann nur sich selber gut sein; aber er kann -sich in der Vollkommenheit gut sein, indem er es gegen -Andre ist. -</p> - -<p> -„So gut sein, daß nichts mehr mich behindern kann — -das wäre zu wünschen. Es wird nicht gehn. Der Tätige -<a id="page-432" class="pagenum" title="432"></a> -kann nicht nützen, ohne zu schaden. Malen ist gut; aber -wenn dein Vater nicht will, daß du malst? Wenn er aus -reinem Altruismus überzeugt ist, es sei besser für mich, -wenn ich nicht male? -</p> - -<p> -„Darum sagte ich, sie sind Alle gut, denn das heißt: -sie wollen Alle nicht das Schlechte; sie wollen sich nur -nicht hindern lassen an ihrem Guten.“ Er lächelte -plötzlich. -</p> - -<p> -„Etwas fällt mir ein“, sagte er dann ernst. „Vielleicht -wirst auch du erst lächeln, wenn ich es dir sage, und doch -scheint mir, sind wir damit am Ersten und Letzten angelangt. -Nämlich: das Neugeborene schreit; ununterbrochen, -aus vielleicht gar keinem Grunde, als weil es weiß, daß es -schreien kann, schreit es die ganze Nacht. Das vernünftige -Elternpaar möchte freilich schlafen, allein was hilfts? Es -will sich nicht hindern lassen an seinem Guten, dem Schlaf, -aber da es vernünftig ist, einerseits, und eine Liebe hat für -das Neugeborene, andrerseits, und vielleicht weiß, daß -auch das Schreiende nichts will als sich nicht hindern lassen -am Schreien, was tut es? Es läßt sich doch hindern an -seinem Guten und steht auf und beruhigt das Kind. — -Und dies ist der Anfang.“ -</p> - -<p> -Zu alledem — nachdem ich es gehört und geschrieben -habe — kann ich nur Eines sagen: so wenig mir irgend -etwas wirklich bewiesen scheint von alldem, so sehr muß -ich daran glauben. Es hat mich beruhigt auf die absonderlichste -Weise. Es ist, als fände ich die Welt jetzt in -Ordnung wie Bogner. Ich weiß nicht; es ist mir so, es -ist so. Es ist kühl und natürlich, es ist gut. Ich weiß, -was zu wissen ist; innerhalb ist alles Geheimnis geblieben, -<a id="page-433" class="pagenum" title="433"></a> -und auch die Grenze rundum blieb Geheimnis wie die -Linie des Himmels auf der Erde. Doch die Linie beruhigt. -Es macht sicher. -</p> - -<p class="tb"> - -</p> - -<p class="noindent"> -Wir waren allein, es war spät in der Nacht, die Stehlampe -brannte auf dem Tisch. Er rückte daran, stand -dann auf, stand nun mitten im Zimmer, etwas schief, die -Hände auf dem Rücken, ging dann ans Fenster und stellte -sich davor. Von dorther begann er von seiner Mutter zu -erzählen. -</p> - -<p> -Er berichtete erst einiges von seinem Vater, den er als -einen Mann schilderte, schlecht und recht, ohne Eigenart, -ohne besondere Gaben, ein wenig kleinlich, geneigt, zu -‚nörgeln‘ oder ‚mäkeln‘, aber mit Maßen und jedenfalls -ohne Heftigkeit. Von seiner Mutter sprach er nicht; nicht -von ihrem Wesen. Dann sagte er: -</p> - -<p> -„Als meine Mutter fünf oder sechs Jahre verheiratet -war, lernte sie einen andern Mann kennen und lieben. -Sie sagte es mir selber, es war damals, als ich heimging, -vor drei Jahren. Ja, da kam sie in der ersten Nacht, um -es zu sagen. Seinen Namen hat sie mir nicht genannt, ich -weiß nichts von ihm, als daß er Schriftsteller war oder -Dichter, und das ergab für mich freilich ein seltsames Gefühl -von Verwandtschaft. Es giebt wohl mehr Kinder, deren -Vater nicht der Mann, sondern ein Wunsch ihrer Mutter -war. Mein älterer Bruder und ich selbst waren damals -schon am Leben. Meine Mutter hatte meinen Vater geheiratet, -weil ihre Eltern ohne Vermögen waren, weil sie -viel Geschwister hatte, und weil mein Vater durch mehrere -Jahre nicht abließ, sie zu nötigen. -</p> - -<p> -<a id="page-434" class="pagenum" title="434"></a> -„Nun wollte sie sich scheiden lassen. Aber er gab die -Kinder nicht her und wollte es überhaupt zu keiner Einigung -über sie kommen lassen. Über ein Jahr lang gab es einen -furchtbar häßlichen Kampf. Dann erlahmte meine Mutter -und wurde, was sie während dieses Jahres nicht gewesen -war, wieder die Frau meines Vaters. -</p> - -<p> -„Aber dies ist es ja nicht. Nun stelle dir vor, Georg: -eine alte Frau von beinah sechzig Jahren kommt zu ihrem -lange verschollenen Sohn, der heimkam. Sie war auch -einmal gegen ihn gewesen. Aber nun, wo er kam und sie -ihn so gealtert sah, da weiß sie auf einmal, daß er vieles -gelitten hat, und da steht ihr eigenes Leiden auf, das sie -immer verschwieg, und da muß sie kommen und es sagen -und weiß, daß ihr Sohn sie versteht. — Und nun sitzt er -vielleicht da und denkt an fünfzehn riesige Jahre, und daß -es nun ist, als wären sie nur gewesen, damit sie nach -ihnen zu ihm kommen könnte, und daß sie und er sich verstehen. -— — -</p> - -<p> -„Und also fängt sie an, eine alte Frau, die das Ihre berichtet -in ihrer Sprache; die nicht erzählt, sondern der in -wirrem Durcheinander hundert Züge der Erinnerung einfallen; -die es nicht darstellt, wie in einer künstlichen Novelle -etwas dargestellt wird, sondern die darüber spricht, sich -beschuldigend, den Mann entschuldigend, den Dritten entschuldigend, -sich wieder ent- und die Andern beschuldigend, -und das wieder zurücknehmend oder aufhebend; immer -nach Gründen suchend und doch ganz ratlos. Sie hatte -es gut ertragen, und doch ballte es sich einmal zusammen -und verlangte, gesagt zu werden, und da sagte sie es mir, -ihrem Sohn. Es war doch das Heilige gewesen. Es war -<a id="page-435" class="pagenum" title="435"></a> -das Jahr gewesen, wo sie über sich stand, wo sie mehr -wollte als sich, wo sie sogar ihre Kinder nur als einen Teil -ihrer selbst empfand und sich davon trennen zu können -glaubte. Und sie hatte Moral, sie sagte: die Strafe blieb -ja auch nicht aus ... indem sie meinte, daß ihre Tochter -klein starb, und daß ich zehn Jahre später verloren ging. -</p> - -<p> -„Siehst du, Georg: man wird doch unruhig, wenn man -dergleichen hört, wie ich damals. Man versuchts doch -wieder mit dem Rütteln und sagt: Wenn ... und: Vielleicht -... Wenn nun ich, als meine Mutter dies erlebte, -etwas älter gewesen wäre und es erfahren hätte? Ich -würde mit ihr im Vater den Feind gesehen haben und sie -vielleicht bewogen, von ihm zu gehen. Der Unbekannte -und sie und ich, wir wären dann vielleicht glücklicher geworden, -ich hätte einen Vater gehabt, sie einen Sohn und — -so etwas denkt man denn. -</p> - -<p> -„Ich hätte es auch zu einer Zeit hören können, wo ich -meinen Vater für einen Verbrecher und ein Tier gehalten -hätte. Ihn, der doch Gewalt brauchte, wo kein wahres -Recht mehr für ihn war; ihn, der eine Frau in sein Bett -zurückzwingen konnte, die ihn nicht liebte, die ihn haßte; -und dies aus nichts als aus Lust, aus Bedürfen. Ihn, -der endlich so klein war, daß er auch in diesem nicht etwas -Großes sehen konnte, um sich dadurch ändern, sich nur -auf sich besinnen zu lassen. Hätte er sie noch gehaßt, sie -gepeinigt, sie erniedrigt, so wäre es doch Leben gewesen. -Aber er blieb, was er war, kleinlich, mäkelig, alltäglich. -Er war nicht schlecht; er hatte nur sein Wissen und seinen -Besitz, seinen Trauschein und seine Triebe, und wollte sich -nicht hindern lassen an alldem.“ -</p> - -<p> -<a id="page-436" class="pagenum" title="436"></a> -Bogner sprach längst nicht mehr so gelassen wie im -Anfang. Er hatte sich mir wieder zugewandt, sein zerfallnes -Gesicht war gerötet, er versuchte immer wieder -sich aufzurichten, und nun stieß er die gespreizten Hände -hinter sich und sagte mit unterdrückter Stimme der Heftigkeit: -</p> - -<p> -„Da quälen sie sich und quälen sich und verspritzen ihr -Blut in den Unsinn, tun immer das Falsche, klagen immer -den Andern an und weinen und sterben und haben selber -die Schuld. Ich habe jahrelang gehungert, und das war -es nicht! Ich habe jahrelang im Elend und im Finstern gelegen -und geschrieen nach einem Einzigen, der bei mir wäre, -und das war es nicht! Ich bin verzweifelt und hab sterben -wollen, ich hab mich geschändet und gedemütigt und zerknirscht, -und all das war es nicht! Alles das ist vergangen, -ist vergessen, und geblieben ist immer nur Eins, das Eine, -das ich nicht kenne, das hier in mir sitzt und sich abarbeitet, -das Unbekannte, das Unmenschliche, nicht Ehrgeiz, nicht -Ruhm, kein Wollen, keine Lust, keine Freude, keine Qual, -nur dies — Rütteln, dies Rütteln in mir, das will, daß -ich male.“ -</p> - -<p> -Er hatte gesprochen wie in einem magischen Zustand. -Der fiel nun plötzlich ab, ich sah ein furchtbares Schaudern -über sein Gesicht und seinen Körper gehen, er ging auf -den nächsten Stuhl zu und setzte sich darauf wie ein -Knecht. -</p> - -<p> -Nach einer Weile sagte er erschöpft: -</p> - -<p> -„Ich rede von mir selber. Es war nicht meine Absicht.“ -</p> - -<p> -Plötzlich packte er die Kante des Tisches mit beiden -Händen, als wollte er ihn wegstoßen; sein Gesicht veränderte -<a id="page-437" class="pagenum" title="437"></a> -sich in einer schrecklichen und unmenschlichen Weise, -ich glaubte, er würde schreien, aber er sagte all das, was -nun kam, nicht laut, nur mit einer ungeheuren Gedrungenheit -in der Stimme: -</p> - -<p> -„Und wenn ich jetzt sterbe, und wenn ich jetzt glauben -muß, daß es alles nicht wahr gewesen ist, der Schmerz -nicht wahr und die Not und das Heilige, alles nicht wahr, -weil ich zugrunde gehe und mich Lügen strafe, — ja, wenn -es nicht wahr gewesen sein soll an mir, so will ich doch -bis zum letzten Atemzug glauben, daß es Wahrheit ist in -der Welt, und daß diese Not und dies Glück, dieser Druck -und dies Heil das einzige ist, was Leben hat in der Welt! -Es braucht keine Götter zu geben, es soll keine Götter -geben, aber — -</p> - -<p> -„Aber der Mensch auf seiner Erde, mit strotzenden Armen -umspannt er den Baum und preßt einen Gott heraus, der -seufzend sich aus den Blättern neigt, und Vaterlächeln aus -rauschenden Zweigen. Er sät die funkelnde Drachensaat -der Sterne in seiner Winternacht, und es steigen und beugen -sich Gestalten heraus, blühende, Tiere und Menschen, -der selige Delphin, die Jungfrau und der Jäger. Er zeugt -dennoch, der Mensch, was größer ist als er: den Sohn. -Er stellt den Sohn vor sich hin und spricht: du sollst mein -Feind sein und über meine Leiche höher steigen, ich soll -dein Knecht sein, dein Widersacher, dein Stachel, deine -grenzenlosen Mächte zu entfesseln, und auf meinen Schultern -stehend, sollst du in den Himmel reichen. Ich soll dich -in Bande schlagen, und du sollst an ihnen deine Zähne -wetzen. Ich soll dich verfluchen, ich soll dich durchsäuern -mit meinem Fluch, daß dein Dasein genießbar werde für -<a id="page-438" class="pagenum" title="438"></a> -Geschlecht und Geschlechter. Ich bin dein Engel, Jakob, -ich schlage dich auf die Hüfte, aber du wirst mir die Krone -des Lebens aus den Händen reißen. Und wenn im Morgengraun -nach der langen Kampfnacht über dir die Drossel -singt, so soll dein ganzes Haupt wie eine kalte reife Traube -am Berg liegen, berstend von Süße, ein Wunder der Erde -an Erfüllung.“ -</p> - -<h4 class="section"> -Georg an Benno -</h4> - -<p class="date"> -auf Hallig Hooge, im Dezember. -</p> - -<p class="noindent"> -Ich empfinde die besondre Pflicht und den Auftrag, -Dir mitzuteilen, daß Deine Freundin Ulrika Tregiorni im -Begriff ist zu sterben. Im Bewußtsein Deiner besondren -Verehrung für ihr reines und zartes Wesen, will ich nicht -unterlassen, die einzelnen, ihr plötzliches Ende herbeiführenden -Umstände vor Deiner Teilnahme auszubreiten. Sollte -das Ende, das wir zur Stunde nahe befürchten müssen, -wider Erwarten nicht eintreten, so werde ich es Dir am -Ausgange dieses Briefes mitteilen. -</p> - -<p> -Nachdem bis vor wenigen Tagen ein unveränderlicher -Nordwestorkan über unsre Insel getobt hatte, sprang -der Wind in einer Nacht plötzlich um, wehte einen Tag -lang warm und nässend vom Lande herüber, legte sich -dann oder verschwand, und über die beruhigte See zog -sich ein dichter Nebel, der die Aussicht verbarg. Ich erinnere -mich, daß infolgedessen ehegestern oder schon vorehegestern -(wer hält all die Tage auseinander?) zwischen -Bogner, Ulrika und Cornelia beratschlagt wurde, ob sie, -Ulrika, nicht die Tage der Meeresstille benutzen solle, um -jetzt schon zum Lande hinüberzufahren, wenn auch ihre -<a id="page-439" class="pagenum" title="439"></a> -Entbindung erst in ungefähr einem Monat bevorstehe; -weshalb es dann unterblieb, entzieht sich meiner Kenntnis. -</p> - -<p> -Wer sich einmal an eine Abgeschiedenheit wie die unsre -gewöhnt hat, der mag eben gar nicht wieder weg. Zwar -ich, der ich, wie bekannt, oben auf dem Deich wohne, im -Fenster also das Wasser habe und von der Plattform meines -Turmes aus die ganze See, ich behielt noch ein gewisses -besondres Gefühl von Welt, obschon von Wasserwelt -nur. Die Andern jedoch in der haushohen Umwallung des -Deiches, die sie selten ersteigen, leben in einer warmen Enge, -zu der kein Zugang ist, die keinen Bezug mehr zu irgend -etwas hat, die völlig für sich allein da ist, durch Tage und -Nächte überwölbt von dem Donner der See. Der aber -war nun verstummt; plötzlich war in den Häusern der -klagende Schrei des Tütvogels hörbar, langsam dehnte -und entfaltete sich die Stille mit dem Nebel und ward ungeheuer. -</p> - -<p> -Damit Dir das Folgende verständlich sei, bin ich genötigt, -einiges von einer Unterhaltung zu schreiben, die -vor etlichen Tagen zwischen Bogner und mir stattfand, -und der auch die Frauen — nebst dem notwendigen Hauptmann -— beiwohnten, diese drei schweigend nach ihrer Gewohnheit. -Die Rede war nämlich angelangt bei den Bewohnern -dieser Küstengegend, ihren Sitten und Eigentümlichkeiten, -und hielt alsbald bei der besondren Erscheinung -des zweiten Gesichts, die ich Dir erklären oder, -falls Du Dich an frühere Auslassungen meinerseits erinnern -solltest, ins Gedächtnis zurückrufen werde. Die -Erscheinung ist, wie Du weißt, nicht nur hier auf den -Inseln und Halligen nordwärts, sondern auch auf dem -<a id="page-440" class="pagenum" title="440"></a> -Festlande verbreitet, in ähnlichen Formen zudem in Westfalen -und Schottland. Ihr Ursprung ist vermutlich die -ungeheure Einsamkeit einerseits, welche die in ihr Hausenden -zwang, übersinnliche Fäden der Wahrnehmung zu -weit fernen Personen hinüberzuspinnen, andrerseits der -vielfältige Zusammenhang mit abwesend verstorbenen -Menschen, das heißt den auf See umgekommenen Söhnen, -Vätern und Gatten. Stelle Dir die Inseln vor, die winzigen -Halligen, überhängt von der stürzenden See, das -Leben dort, im Winter zumal, in den Nächten ohne Ende, -die Einsamkeit dieser Gehöfte und Werften, abgeschnitten -durch Wochen und Wochen von jeder Verbindung, dazu -die jahrtausendlangen Kämpfe mit den drei ewigen Gewalten, -See, Wind und Sand, die ohne Unterlaß fraßen, -Land fraßen und Menschen. Da begannen die monatelang -Nachricht voneinander Entbehrenden den furchtbaren -Raum der Einsamkeit zwischen sich zu durchstoßen mit -ihrer Seele, die jenseits hervortrat und sich zeigte. Wann -gelang ihnen das? In den besonderen Augenblicken des -Lebens, im einzig besondern, in dem des Todes. Begräbnisse -wurden sichtbar, Sarg und die Lichter, Gesang erscholl, -das Trauergefolge zeigte sich deutlich. Und es kamen -die Toten aus der Nacht- und Wasserferne und zeigten sich, -so daß man wußte: sie waren tot. Diese wurden ‚Gänger‘ -genannt, die Gehenden, Wiedergehenden, Wiederkommenden -unter den Toten. Ich erzählte Bogner den folgenden -Vorgang, den mir ein Pfarrer als eigenes Erlebnis berichtet -hat, ein Mensch übrigens, trocken und klar, ohne -unsre Nervenphantasie, wie all diese Menschen hierzuland. -</p> - -<p> -<a id="page-441" class="pagenum" title="441"></a> -Zu Besuch bei einem erkrankten Freunde und Amtsbruder -auf einer der nördlichen Inseln — große Schafherden -weiden dort fast wild; ich vergaß nun den Namen —, -folgte er an seiner Statt der Bitte eines Mädchens zu ihrer -im Sterben liegenden Mutter. Die Strecke zu ihr, stundenweite -Wege im Dünensand, wurde im Wagen zurückgelegt, -sie kamen mit Einbruch der Dunkelheit an, das -Haus lag hinter den Haidhügeln der Wattseite, Wiesen, -bevölkert mit Schafen, erstreckten sich von ihm aus zu den -Hügeln und Gletschern der Sanddünen. Du kennst die -langgestreckte Form der niedrigen Häuser. — In ihrem -Bettschrein lag die sterbende Frau ohne Besinnung. Der -Pfarrer setzte sich zu ihr, ein mögliches Wachwerden erwartend; -die Tochter kniete am Bett, in dessen Nähe ein -Licht brannte. Da sieht der Pfarrer eine dunkle, menschliche -Gestalt draußen an den Fenstern vorübergehn, in der -Richtung der Haustür. Aus diesem oder jenem Grunde -erhebt er sich und geht aus dem Zimmer auf den schmalen -Hausflur zwischen Vorder- und Hintertür. Die obere Hälfte -der vordern steht offen, von draußen herein lehnt ein Mensch, -still, bleich, die Haare hängen ihm unordentlich in die Stirn. -— Wünschen Sie etwas? fragt der Pfarrer. Kommen -Sie doch herein! — Er öffnet die Tür, tritt zurück und -wiederholt seine Aufforderung; wiederholt sie ein zweites -Mal, schon in der Zimmertür. Jetzt kommt der Mensch -ihm nach, betritt das Zimmer, sieht die Frau im Bett und -setzt sich auf einen Stuhl, immer die Augen auf das Bett -gerichtet. Da schlägt die Frau die Augen auf und sieht -ihn. Die Tochter folgt ihrem Blick, sieht den Fremden, -springt auf, stößt einen Schrei aus und sagt: Jan! — Der -<a id="page-442" class="pagenum" title="442"></a> -Mensch erhebt sich nach einer Weile wieder und geht hinaus, -wie er kam. — Die Frau starb bald; die Erscheinung -war die ihres Sohnes, der in jener Nacht ertrank. -</p> - -<p> -Diese Erzählung erregte den Maler auf so besondre -Weise, daß ich ihm gleich noch eine vortragen mußte, und -zwar die von den Doggerbankfischern. -</p> - -<p> -Die Doggerbänke sind Dir bekannt. Die dort mit Netzen -Fischenden kehren wochenlang oft nicht zurück, leben wochenlang -schweigsam, nur mit ihrer schweren Arbeit beschäftigt -mitten in der riesigen See, im Regen, im Nebel; auch ihre -Boote trennen sich weit voneinander; jede Mannschaft -arbeitet in völliger Abgeschiedenheit, im Unsichtbaren. -</p> - -<p> -An einem Nebelabend gewahrte die Besatzung eines -fischenden Kutters plötzlich in fast schon gefährlicher Nähe -ein andres Boot, das auf das ihre zukam ohne Laut. Sie -schrieen Warnungen hinüber, sie lärmten und fluchten, -allein das stumme Boot kam näher und näher, fuhr endlich -so, daß Bordwand an Bordwand streifte, an dem -Kutter vorüber. Drin saß die Mannschaft an ihren Plätzen, -ohne Bewegung, ohne Laut. Nur der am Steuer sagte, -als sie fast schon vorüber waren: „Wir dürfen keinen Lärm -machen.“ Der Ton lag unmerklich auf dem Wir. — Der -Kutter schwand im Nebel. Später ward offenbar, daß -jenes Boot an jenem Abend an einer meilenweit entfernten -Stelle untergegangen sei. -</p> - -<p> -Als ich aber dies Geschehnis berichtet hatte, erhob sich -Ulrika ohne ein Wort und ging hinaus. -</p> - -<p> -Wir Andern, Bogner, Cornelia und der Notwendige, -schwiegen ziemlich lange. Bogner zeigte sich dann besonders -verwundert und ergriffen von dieser Art und Weise -<a id="page-443" class="pagenum" title="443"></a> -und der Haltung der Toten. Daß sie kamen, nicht anders -als im Leben erscheinend, jedoch auf eine unbeschreibliche -Weise feierlich und verschönt. Der Sohn der Sterbenden -schwieg und sah nur die Mutter an; die Schwester schrie; -er schwieg und ging wieder. Er hatte sich nur zeigen -wollen. — In dem Boot die Lebenden lärmten, die Toten -verhielten sich still, nur einer mahnte ruhig: Wir — dürfen -keinen Lärm machen. — Noch so viel Güte, daß er wegen -der bewußtlosen Lebenden das Schweigen brach! -</p> - -<p> -Und noch dies Seltsame: die Doppelheit der Menschen! -Ihr eines Halb sah die Erscheinung, hatte Verbindung -mit dem Jenseits, und zwar vermittels derselben Sinne, -mit denen ihr andres Halb die Erscheinung nicht begriff -und sie für natürlich und ihresgleichen hielt. -</p> - -<p> -Nun, so kamen wir wieder ins Gespräch, und es war -begreiflich, daß ich nun auf das in unsrer besondren Nähe -befindliche Gespenst zu sprechen kam, das diese Insel für -Jahrzehnte unbewohnt gemacht haben soll, nämlich den -sogenannten Dränger, eine Erscheinung, die übrigens auch -in andern Gegenden bekannt ist. Hier ists der weiland -Deichhauptmann Waldemar Montanus, der bei Ebbezeit -einsamen Gehern außerhalb des Deiches im dichten Nebel -erschienen sein soll mit der ausgesprochenen Absicht, dieselben -in die See zu drängen. Sie verloren nämlich -die Besinnung vor Angst, den Deich aus den Augen, er -drängte und drängte von hinten, von der Seite, von überallher, -kurzum: er drängte sie in die See. Wenn dazu -berichtet wird, daß der Deichring um Hallig Hooge, der -an der Wattseite ein breites Loch hat, in solchen Nächten -geschlossen sein soll, so liegen dem wohl die Erfahrungen -<a id="page-444" class="pagenum" title="444"></a> -zugrunde, daß Angst erstlich die Sinne blendet, so daß der -Verfolgte das Deichloch übersah, und zweitens die Zeit -und den Weg unmäßig in die Länge zu dehnen pflegt, also -daß der Verfolgte meinte, die Lücke im Deich, die er nach -wenig Schritten vielleicht erreicht hätte, sei schon vorüber, -worauf er womöglich umdrehte und nun niemals mehr -hingelangte, — allein wer weiß das eigentlich? Der Betreffende -konnte es kaum weiter sagen. -</p> - -<p> -Heut abend nun — oder gestern, wie Du willst, es geht -nun auf morgen — wollte Bogner, indem wir wieder -beisammen saßen, auch wieder von diesen Gespenstergeschichten -anfangen, aber Ulrika stand gleich mit einer -besondern Schroffheit auf und bat zu schweigen. Sie -setzte sich nicht wieder, blieb eine Weile stehen und ging -dann hinaus. -</p> - -<p> -Wir sprachen trotzdem nun nicht weiter. Ich dachte, -was wohl auch die Übrigen dachten, daß jemand ihr folgen -solle, aber sie liebte es, allein zu gehn, und ich hatte beim -Herkommen aus meinem Turm den halben Mond über -dem dünnen Nebel stehen sehn. So saßen wir längere -Zeit schweigsam im größeren Schweigen der Stunde. Das -Zimmer war voller Schatten rundum, die Petroleumlampe -brannte auf dem Tisch, seitwärts dazu saß der Maler, ich -im Sofa dahinter und rauchte, irgendwo waren die Augen -Cornelias, dunkel und glänzend, und irgendwo das rechteckige -Gesicht des Notwendigen. Dann stand Cornelia auf -und sagte mir, durchs Zimmer und hinausgehend, mit den -Augen, daß sie Ulrika folge. -</p> - -<p> -Nein, kein Unheil hing in der Luft; es war durchaus -besonders friedlich. Auch der Hauptmann, der sich einige -<a id="page-445" class="pagenum" title="445"></a> -Minuten nach Cornelias Fortgang erhob und ihr nachging, -sagte später, daß er zwar einen gewissen, besondern -Zwang empfunden habe, jedoch ohne jede Besorgnis. -</p> - -<p> -Aber Minuten später erschreckten uns eilige Schritte -im Flur, Cornelia riß die Tür auf und schrie mir zu, ich -solle sofort kommen, der Hauptmann könne sie nicht allein -tragen ... Bogner nämlich galt ihr noch für zu schwach, -obwohl er inzwischen schon beinah grade geworden ist. -Er war denn auch zugleich mit mir in der Tür, Cornelia -berichtete fliegend, sie habe Ulrika nirgends gefunden, dann -einen dünnen Schrei gehört, sei zur Deichlücke gelaufen, -habe wieder den Schrei gehört und nach einigem Suchen, -wenige Schritt weit am Fuß des Deiches Ulrika gefunden, -zusammengekrümmt, sich windend und stöhnend in Krämpfen. -Die Zuckungen der Wehen verhinderten den notwendigen -Hauptmann, den die um Hülfe zurückrennende Cornelia -traf, sie zu tragen. -</p> - -<p> -Der Mond, wie gesagt, schien. Die dunkle Mulde war, -fast frei von Nebel, in schönes Silber getaucht, in dem wir -schon von weitem die schwarze Gestalt des Notwendigen -gewahrten, der uns entgegenkam, die ruhiger Gewordene -auf dem Arm. Ihr erstes Wort an Bogner war: Benvenuto, -das Kind, das entsetzliche Kind! — Später hat -er noch erfahren, daß sie im Nebeldunst draußen am Deich -einen Schein und in dem Schein — ich weiß nicht, ob ein -Kind mit einem übergroßen oder ohne einen Kopf gesehen -haben will, worauf sie vor Furcht und Grauen auf den -Deich zugelaufen und beim Versuch, hinaufzuklettern, abgestürzt -ist. -</p> - -<p> -Wolle aber bedenken, Benno, was ich schrieb: Sie war -<a id="page-446" class="pagenum" title="446"></a> -nicht mehr im Zimmer, als ich vom Dränger erzählte. Wie -sollen wir das nun verstehn? -</p> - -<p> -Im Haus überließen wir sie Cornelia. Der Notwendige -und ich saßen drei Minuten später im Segelboot, -aber — ach Benno, die Unseligkeit dieser Fahrt hätte ich -selbst mir kaum gegönnt! Über dem Wasser schwebte ein -Hauch von Wind, in dem zuerst gar keine Richtung war. -Als wir dann weiter hinaustrieben, schien er sich für Nordwesten -entscheiden zu wollen, schließlich aber wehte er, o -sanfter Satan! aus Nordosten, so gut wie uns entgegen. -Und was hilft es nämlich bei Fahrten wie dieser, daß man -die Logik in die Hand nimmt wie eine Pistole und sich sagt: -es hat keine übermenschliche Eile, denn wenn vor Minuten -erst die ersten Wehen eintraten, so dauerts noch Stunden -bis zur Geburt. Die Pistole geht nicht los, sie braucht -auch gar nicht losgehn, aber da sitzest du bei einer brennenden -Laterne, bloß mit einem zufälligen Uhrkompaß, den -der Notwendige bei sich hat, mitten in der nebelglänzenden -See, im Halbdunkel, wo keine Bewegung an nichts zu erkennen -ist, durch Minuten, die Stunden werden, stille -liegend, und du reißest Herz und Lungen und alle Organe -auf, als ob du geboren wärst, im Augenblick, wo du das -Leuchtfeuer vom Außenhafen siehst, Auge der Seligkeit -durch die silbernen Dünste der See. Und nun Kreuzen, -Kreuzen ohne Ende. Es ist schwer wie die Verdammung, -ein Ziel durch Vorbeifahren zu erreichen, obgleich es im -Leben nicht anders ist. Man fängt an zu beten, Benno, -ohne zu wissen, was es ist! Nach einer Fahrt von beinah -zwei Stunden — statt einer halben — lagen wir im Binnenhafen, -und hätten nicht gelegen, wenn uns nicht der Polizeikutter -<a id="page-447" class="pagenum" title="447"></a> -geschleppt hätte, so schnell wie ein Pferd, aber all -diese Dampfer und Schlepper und Kähne, die an den -Molen und an den Hafenwänden lagen, die unendlichen -Lagerschuppen, die Kräne, die Kohlenberge, die unerhört -langen Reihen von Fässern, und wieder Dampfer, Schlepper, -Ewer, Schaluppen, Pinassen, Segelboote, wo einer -einsam steht und schöpft, Südamerikafahrer, wo ein paar -Kerle im Dunkel über der Reling liegen und spucken, -Ziegelkähne von endloser Länge, wo am Rande ein wilder -Spitz rennt und bellt und am Ende eine Kajüte ist und -Licht und ein rauchender Schlot, und ein Ehepaar mit -den Ellbogen auf den Knieen — weißt Du, wie das sich -einbrennt in die Augen auf solchen Fahrten? -</p> - -<p> -Also, ich rannte denn zum Arzt (weißt Du, wieviel Vorstellungen -der Orte, wo er sein könnte in solchen Minuten, -da er ja auf keinen Fall zu Hause sein kann?) und fand -ihn — es war gegen zehn Uhr — in seinem Zimmer bei -der Zeitung. Endlich hatte ich ihn denn mitsamt seiner -Tasche in einem, vom Notwendigen inzwischen geheuerten -Motorboot, und wir langten eine halbe Stunde später -wieder an. -</p> - -<p> -Langten an, empfangen von einem Geschrei, das ich — -wie bereits oben, Benno, es geht jetzt auf Morgen, noch -ist immer nicht geschehen, was geschehen soll, ich sitze und -schreibe nach der anfänglichen besondren Kälte mit rauchenden -Händen. Ich habe ein Geschrei gehört, Benno, das Gott -nicht erfunden hat. Ich habe ein Weib, das er aber erfunden -hat, brüllen und heulen und pfeifen hören. Ich -habe hinter der Türe gestanden und geschlottert mitsamt -dem Notwendigen. Ich habe das Licht in den Türritzen -<a id="page-448" class="pagenum" title="448"></a> -gesehn wie bei Weihnachten, wenns drinnen raschelt. Ich -habe an der Füllung gekratzt wie ein Hund und dazu mit -den Augen gewinselt. Ich habe den Doktor herauskommen -und schwitzen und klappern sehn und ihn Worte sagen -hören, bei denen es mich in den Ästen meines besondren -Nervenbaums aufhenkte wie Absalom, — Gebärmuttersenkung -— es drehte sich schon ehemals alles in mir um, -wenn ichs hörte. Weißt Du was, Benno? Wenn die -Menschen anfangen, von Sinnen zu geraten, so tun sie -das Allergewöhnlichste, und zwar mit einer besondern -Genugtuung, und der Doktor in diesem Fall putzte seine -Brille wie den Abendstern. Ich habe Cornelia völlig rasend -gesehn, dieweil sie kein Wort äußerte, ab und zu ging, das -Nötige besorgte und zwischenhinein bei der halb schon -Zerfetzten saß und ihre Hand hielt. Ich hörte mich selber -klappern und den Arzt fragen, ob der Sturz geschadet -habe, und hörte ihn schnauben und sagen, ob gestürzt -oder nicht, und ob heute geboren oder morgen, das -wäre alles Unsinn, und sie hätte niemals dazu kommen -dürfen, und das Kind würde sich höchstwahrscheinlich erdrosseln. -Ein Kind, o ihr Helden, noch im Leib seiner -Mutter, und hat schon einen Strick zum Erdrosseln! Ich -habe, Benno, auf der Erde gelegen, im Freien und an den -Nägeln gekaut. In meinem Zimmer habe ich den Finger -in mein brennendes Licht gehalten, um mir eine Abkühlung -zu verschaffen, und die Wunde als höchste Wollust -meines Lebens empfunden. Ich habe Tränen vergossen -und diese rasende Halbtote geliebt wie keinen Menschen -jemals, und ich habe sie um Vergebung meiner Sünden -gebeten. Gott im Himmel, Benno, ich habe angeboten, -<a id="page-449" class="pagenum" title="449"></a> -alles noch einmal erdulden zu wollen, wenn bloß dies aufhörte. -</p> - -<p> -Ich habe nämlich auch Bogner gesehn, ganz besonders! -Der saß all die Stunden im Nebenzimmer und hörte es -mit an. Ich kam herein, ich denke, da sitzt eine Leiche. -Aber er sieht ganz aufmerksam auf das Tischtuch. Als -ich näher zusah, merkte ich dann, daß ich, wenn ich ihn -anrühren sollte, einen elektrischen Schlag empfangen -würde, denn er saß auf einem Elektrisierstuhl, gerade so -geladen, daß es eben noch zu ertragen war. Nein, er saß -auf durchaus keinem Stuhl, sondern auf einem pfeilschnell -rennenden Tier; saß in einem rasselnden Panzer von -Schnelligkeit, saß gewissermaßen auf dem hurtigsten Tier, -das da trägt zur Vollkommenheit, genannt Leiden. -</p> - -<p> -Es war eben wieder still; ich setzte mich und fing an zu -rauchen, die Lampe begann zu stinken und gab vor unsern -Augen den Geist auf, Bogner erbarmte sich ihrer und blies -sie aus. Bogner gönnte sich dieses alles. -</p> - -<p> -Und all diese Stunden lang in Pausen dies rauchende -Geschrei wie aus einer eisernen Röhre, diese minutenlangen -Strudel von Wimmern und Flehen an alle Mütter und -Maler und Götter um Erbarmen. -</p> - -<p> -Aber sie ertragens. Vielleicht ist dies auch nicht besonders, -vielleicht nur um kleine Grade schlimmer als üblich. -Cornelia scheint es ja zu verstehn. Sie erheben sich -sogar hinterher und fangen wieder an zu leben. Ich will -mal nachsehen. -</p> - -<p class="tb"> - -</p> - -<p class="noindent"> -Fünf Uhr. Nun muß es bald kommen, sagt der Notwendige, -der es vom Arzt erfuhr. Bald, das ist ein Ausdruck! -</p> - -<p> -<a id="page-450" class="pagenum" title="450"></a> -Bogner war nicht mehr im Zimmer. Ich suchte ihn, -da sah ich im Dunkel seinen Schatten auf dem Deich und -stieg zu ihm hinauf. Er hatte seinen Stuhl hinausgetragen -und saß dort, die Hände auf den Knien, unter sich den -Nebeldunst, der Nacht zugewandt, wo sie nur dunkel war, -denn hinter seinem Rücken stand der Mond. Da habe ich -ihn gefragt: „Nun, Bogner, proklamierst du heut auch -noch deine Vollkommenheit der Welt?“ -</p> - -<p> -Er wendet den Kopf zu mir, sieht mich an. Plötzlich -überläufts ihn. Er wartet, bis er wieder ruhig ist, und -er sagt: „Ja.“ -</p> - -<p> -„Bist du wahnsinnig?“ schrei ich ihn an. „Nachdem -du dies gelitten hast? und sie?“ -</p> - -<p> -„Ja,“ sagt er nach einer Weile. „Auch daß ich leide, -ist — gut.“ -</p> - -<p> -Da waren wir still. Später sagte er: -</p> - -<p> -„Wenn ein Opfer gebracht wird — hier; und dort ist -einer — der nimmt es an; dann ist alles erfüllt.“ -</p> - -<p> -Oh mir brannte das Herz! Bogner — ich weiß, welche -Furcht vor dem Tod er erlitt. Nun hat er eingesehn, daß -nicht er gefordert wurde, sondern sie. Und nun stirbt er -mit ihr. Denn so stirbt der Mensch im Opfer, das er -bringt. Vielleicht wäre er lieber gestorben, als so überleben -zu müssen. Aber es ist Sinn in dem allen. Freilich -muß man ein Kentaur sein, um ihn erleben zu können -und doch zu verstehn. -</p> - -<p> -Ich weiß nun nichts mehr und schließe den Brief. -</p> - -<p class="sign"> -Georg -</p> - -<p class="noindent"> -Tot. -</p> - -<h4 class="section"> -<a id="page-451" class="pagenum" title="451"></a> -Georg an Magda -</h4> - -<p class="date"> -auf Hallig Hooge, am 29. Dezember. -</p> - -<p class="adr"> -Meine liebe Magda! -</p> - -<p class="noindent"> -Eine schmerzliche Nachricht: Bogner bittet mich, Dir -mitzuteilen, daß Ulrika Tregiorni vorgestern morgen vor -Tagesanbruch verschieden ist, nachdem sie vergeblich versuchte, -einer Tochter das Leben zu geben. -</p> - -<p> -Ein unglücklicher Fall am Abend zuvor beschleunigte -die Geburt, die sie nach der Meinung des Arztes allerdings -auch unter günstigeren Umständen nicht überstanden haben -würde. -</p> - -<p> -Bogner ist jetzt ruhig. Sollten wir jemals über diese -Dinge miteinander sprechen, so würdest Du erfahren, daß -meine alte Ehrfurcht vor ihm nun fast das Maß des -Menschlichen überschritt. -</p> - -<p> -Wir werden Ulrika am Abend hier begraben. Bogner -fuhr heute früh mit meinem Adjutanten, Hauptmann d. J. -Rieferling zur Stadt und kehrte gegen Mittag mit einem -ungestrichenen weißen Sarge und einem kleinen weißen -Marmorblock zurück, auf dem nichts eingegraben ist als -ihr Name und — darunter — das Bild eines in seinen -Fittichen aufrecht stehenden Schwanes. Wir Alle, die wir -hier sind, haben ihr das Grab oben auf der Nordseite -des Deiches geschaufelt, wo sie liegen wird mit den Füßen -in der Richtung der See. — -</p> - -<p> -Ich habe zu diesem einige Worte über mich beizufügen. -</p> - -<p> -Aus einem Grunde, den Du verstehen wirst, wenn Du -gelesen hast, war ich nicht fähig, die Tote zu sehn. Überdies -hielt noch etwas mich ab, ihr Zimmer zu betreten. -<a id="page-452" class="pagenum" title="452"></a> -Bogner saß neben ihr und zeichnete sie. Da er keinerlei -Mal- oder Zeichenwerkzeuge dahier hat, so riß er vom -Deckel eines bräunlichen Pappkartons die Randstücke ab -und fand ein kleines Stück Rötel. Durch die offene Tür -zum Sterbezimmer sah ich ihn dann schräg auf Ulrikas -Bett sitzen, auf den Knien den Pappdeckel, nach ihrem, -mir unsichtbaren Gesicht blickend, und so sah ich ihn jedesmal, -wenn ich das Haus betrat, vorgestern, gestern und -noch in der letzten Nacht, doch hatte ich nie den Eindruck, -als ob seine Hände beschäftigt seien. -</p> - -<p> -(Sage, kommt Dir vielleicht auch, indem Du dies liesest, -ein japanischer Wandschirm in Erinnerung? Der erschien -jedenfalls mir und stellte alsbald die Verbindung mit jener -Frau wieder her, Judith Österreicher jener, von der uns -Bogner erzählte — vor Jahren —, die er zum Leben erweckte, -im Bilde, während sie daraus fortglitt. Was schien -Bogner uns damals? Was scheint er mir wieder heut? -Aber — -</p> - -<div class="poem-container"> - <div class="poem"> - <div class="stanza"> - <p class="verse">es kehret umsonst nicht</p> - <p class="verse">Unser Bogner, von wo er kam.)</p> - </div> - </div> -</div> - -<p class="noindent"> -Heute vormittag endlich, als ich eben an meinem Schreibbüro -mit den täglichen Unterzeichnungen beschäftigt war, -der Hauptmann und der Ordonnanzoffizier mir dabei mit -Zureichen und Abnehmen der Blätter zur Hand gingen, -überhörte ich das Eintreten jemandes, bis ein leiser weiblicher -Aufschrei mich veranlaßte, mich umzuwenden. Von -den drei, durch die kleinen Fensterscharten einfallenden und -sich kreuzenden Lichtkeilen geblendet, sah ich zuerst am Tisch -in der Zimmermitte Cornelia lautlos hereingekommen und -mit dem Zusammenstellen des Frühstücksgeschirrs beschäftigt, -<a id="page-453" class="pagenum" title="453"></a> -dann die Gesichter der Herren und das ihre absonderlich -verzerrt im Blick nach der Tür, und dort sah -ich nun Bogner, der seinen Pappdeckel in der Höhe seines -Kopfes hielt und uns zeigte. Anfänglich schien mir nichts -darauf wahrzunehmen, als wenige und verwirrte, rötliche -Linien ohne Sinn und Zusammenhang. Aber jählings -schossen sie zusammen, schlossen sich, wurden Züge, umrahmendes -Haar, halb geschlossene Augen, und ich sah die -Meduse. -</p> - -<p> -Tot, tot, tot, nichts als tot. Alles gebrochen und entstellt. -Die Lippen halb geöffnet wie die Augen mitten in der -Not des Lebens und Sterbens stehen geblieben, oder gleichgültig -stehen gelassen von ihm, der die Seele noch lebend -heraus und in Fetzen riß. Es war zu sehn, daß er das tat. -Hier war alles zerstört. Hier war nichts mehr; nur Tod. -</p> - -<p> -Bogner selber, scheinbar erst aufmerksam durch unser -Schaudern, blickte hin und entsetzte sich. Er legte es -auf den Tisch und sah uns ratlos an. Und wir starrten -darauf und sahen, daß da nichts war. Ein paar verwirrte -rote Linien auf ödem Braun. -</p> - -<p> -Ich sah Gestorbne schon früher. Damals war es -anders als hier, weniger deutlich und minder wild, und -es war doch das gleiche. Nichts. Ich habe mich überzeugen -wollen und Ulrika selber gesehn. Es war nur -grauenvoller das gleiche. Ihr Gesicht war gelb in dem -roten Haar, die Lippen bläulich, halb nur zu wie die -Augen, hinter deren Lidern etwas bläulich Weißes schimmerte. -Es war entseelt. -</p> - -<p> -Er hat mich nicht versteinert, der Anblick der Meduse, -nein. Er löschte in mir nur das Licht. Es läßt sich sehr -<a id="page-454" class="pagenum" title="454"></a> -einfach ausdrücken. Ich hatte bisher nicht geglaubt, daß -mein Vater gestorben sei. Ich nahm an, er lebte in einer -andern, höheren Form, und nahm an, daß sie die selbe -sei, in der er mir erschien. Nun weiß ich, daß die Toten -keine andre Gestalt haben als die, in der sie uns erscheinen. -Das ist die Form der toten Ulrika. Mein Vater ist tot. -Was von ihm noch lebendig ist, ist in mir. Es sollte golden -sein; aber es ist Gift. Denn es ist nichts als Schuld. -</p> - -<p> -Dies versuche mir zu glauben, ohne daß ich es erkläre. -</p> - -<p> -Ich bin ruhig, seit ich dies weiß. Ich habe die Hoffnung, -daß in Bälde alles zu der nötigen Ordnung kommen -wird, und Du wirst dann von mir hören. -</p> - -<p> -Ich schließe. Bogner wird mich morgen verlassen, und -Du wirst ihn wohl über kurz oder lang selber sehn, wie -er den gefesselten Riesen losmacht und zur Arbeit geißelt. -Ihm ist das Tor, durch das die Tote hinausging, was -es dem wahrhaft Lebenden sein soll: ein Eingang. -</p> - -<p> -Ich bleibe allein zurück mit dem Hauptmann, da ein -Zufall will, daß auch Cornelia geht, wenn auch unbestimmt -ist, wie lange sie ausbleiben wird. Sie empfing -einen Brief von der Schwester eines Mannes, mit dem -sie vor Jahren einmal verlobt gewesen ist, eines kränklichen, -schwer hysterischen Menschen, von dem sie sich -trennen mußte. Nun soll ihm eine schwierige Operation -bevorstehn, vor der er sich fürchtet ohne sie. Sie reist nach -Zürich, wird aber auf der Durchfahrt durch A. bei Dir -vorsprechen. -</p> - -<p> -Lebe wohl! In Liebe brüderlich Dein -</p> - -<p class="sign"> -Georg -</p> - -<h4 class="section"> -<a id="page-455" class="pagenum" title="455"></a> -Georg an Bogner -</h4> - -<p class="date"> -Hier, am letzten Tage des Jahres. -</p> - -<p class="noindent"> -Du bist fort. Ich kann hier nichts mehr halten, und -mit Dir verließ mich auch Dein Geist. Doch ich weiß nun, -wer Du bist. Als Du diese Erde betratest, gaben die -Götter Dir den Namen und sagten: Benvenuto! das ist: -Sei uns willkommen! -</p> - -<p> -Du bist aber Herakles. -</p> - -<p> -Derselbe Halbgott kämpfte mit den gewaltigen Tieren -der Fabel und bezwang sich in der Knechtschaft. Zuletzt -legte er das brennende Kleid an, und es ‚ging in Lüfte -der Geist ihm auf‘; er betrat den Raum seiner Unsterblichkeit. -</p> - -<p> -Der alle Schrecken des Lebens in sich selbst überwindende -Mensch: das ist der Heros, der die Unsterblichkeit -davonträgt. -</p> - -<p> -Vielleicht nicht: Heroen zu werden, aber — heroisch zu -sein in allen wahrhaften Augenblicken des Lebens, das ist -unsre Aufgabe. Es ist die Aufgabe, die ich sieben Mal -verriet. -</p> - -<p> -Mein Heros, lebe wohl! -</p> - -<p class="sign"> -Georg -</p> - -<div class="chapter"> - -<h3 class="chapter" id="subchap-0-2-6"> -<a id="page-456" class="pagenum" title="456"></a> -Sechstes Kapitel: Januar -</h3> - -</div> - -<h4 class="section"> -Cornelia an Georg -</h4> - -<p class="date"> -Zürich, am 11. Jan. -</p> - -<p class="noindent"> -Mein Lieber, Du hast mir verboten, zu schreiben, aber -ich muß Dir doch sagen, daß meine Rückkehr sich noch -verzögert. Die Operation ist überstanden, aber es sind -im Zustand des Kranken Verwickelungen eingetreten, die -mich noch bei ihm festhalten. Ich bin furchtbar unglücklich -darüber, nicht nur meine Liebe, auch Angst und Sorge -ziehn mich ja unaufhörlich zu Dir, aber — was bin ich -Dir, und ihm hier bin ich das Einzige! Nimm dies und -die innigsten, liebendsten Grüße Deiner -</p> - -<p class="sign"> -Cornelia -</p> - -<h4 class="section"> -Georg an Magda -</h4> - -<p class="date"> -Auf meiner Insel, am 20. I. -</p> - -<p class="noindent"> -Dieser Brief wird in meinem Schreibbüro gefunden -werden, wenn das Wenige vorüber ist, das hier „alles“ -genannt wird. -</p> - -<p> -Nun kann ich nicht mehr. Ich bin leer, es drückt -meine Wände ein. Ich bin so furchtbar müde, daß es -keinen Schlaf mehr für mich giebt als einen, nach dem ich -mich sehne wie ein Kind. Mitunter fühle ich meinen -Körper schlummern, aber die Seele löst es nur in einen -rauchenden Wirbel auf. Dann ist immer der gleiche -Traum, daß ich Sindbad bin. Die Beine jenes bösen -Geistes, den er auf seiner Insel schleppen mußte, liegen -um meinen Hals geschlungen, sie würgen mich, und ich -<a id="page-457" class="pagenum" title="457"></a> -lauere darauf, daß der Alte einschläft und ich mich losmachen -kann, und er belauert mich. Wenn ich dann erwache, -so weiß ich, daß er nicht schläft, ehe ich selber -schlafe. -</p> - -<p> -Laß mich schlafen, Magda, tue das Eine mir nicht an -und halte mich nicht für feige! Vielleicht könnte ich leben -in einer Einsamkeit, unbeachtet, mit diesem und jenem -Menschen, verantwortlich allein mir selber. Es ist aber -all die Zeit während der letzten Jahre mein mehr oder -minder bewußtes Streben gewesen, den Punkt zu erreichen -— wo dann alles unter mir brach —, den Augenblick, wo -ich an die Spitze eines Reiches trat. Dies habe ich gewollt -und habe es erreicht, auf Kosten all dessen, was ich jetzt -schleppe, und auf Kosten all Derer, die mit mir mein Leben -ausmachten. Mein Recht auf sie verlor ich durch Schuld, -aber es hieße sie selber ausblasen wie ein Licht, wollte ich -heute verzichten und mich in mich selber zurückziehn. Entweder -der Staat oder nichts. Zum Entweder jedoch gehört -eine Verantwortung, die ich nicht auf mich nehmen -kann. Tag für Tag wächst allein die alte Einsicht neu: -Du kommst nicht hinein. Zu den handelnden Menschen, -in ihre Gewohnheiten treten und selber doch frei sein vom -Zwang des Gewohnten: dazu finde ich keine Möglichkeit, -und ohne sie die Verantwortung einer solchen -Stellung auf mich zu nehmen, das bringe ich nicht mehr -fertig. -</p> - -<p> -Um die Erde ist Nacht. Ich stand auf der Plattform -im Frost und im Schwarzen, im uralten Donner der -Freundin, der See, und ich sah im Nächtigen rote Punkte, -die Lichter fahrender Schiffe, sah sie aufglühn und wieder -<a id="page-458" class="pagenum" title="458"></a> -erlöschen. Eine Flamme, die mir frei und golden schien, -hat sich zum letzten glimmenden Punkt zusammengezogen. -Möchte der Flügelschlag, der sie verlöscht, der des Gedankens -sein, daß Du die geschwundene nur aus den -Augen verlierst und nicht aus dem Herzen! -</p> - -<p> -Noch ist eine Spur von Kraft in mir. Sie mag Tage -reichen oder Wochen, ich verspreche Dir, daß kein Ende -sein wird, ehe ich nicht den letzten Rest von mir verbraucht -habe. -</p> - -<p> -Dann glaube mir, daß ich erleichtert wurde, und traure -mir nicht nach! -</p> - -<p> -Lebe wohl! -</p> - -<p class="sign"> -Georg -</p> - -<h4 class="section"> -Georg an Benno -</h4> - -<p class="date"> -Auf meiner Insel, am 24. I. -</p> - -<p class="adr"> -Mein Freund: -</p> - -<p class="noindent"> -Du wirst wissen, daß ich hier aus Staatsraison einen -Begleiter habe, einen Infanteriehauptmann namens -Rieferling, Johannes. Nachdem ich mehrere Wochen in -wenn auch nicht eben nahem Umgang mit ihm gestanden -hatte, ohne mich um sein Inneres zu bekümmern, machte -ich mir Gewissensbisse und begann, ihn Einiges nach -seinem Leben zu fragen, infolge seines ernsten Wesens in -der fast sicheren Vermutung, auf etwas zu stoßen, das -ihm die Einsamkeit hier aus ähnlichen Gründen wie mir -nicht beklagenswert erscheinen läßt. Aber nichts dergleichen. -Er hatte kaum etwas zu berichten. Seine Eltern -haben ein kleines Gut in den Ostseeprovinzen, haben viele -<a id="page-459" class="pagenum" title="459"></a> -Kinder, in deren Reihe er irgendwo in der Mitte steht, -alles ist gesund, er hat stets nur zum Soldatenstand Lust -gehabt, mußte freilich ein bescheidenes Leben führen, hat -aber außer seinem Beruf nie Bedürfnisse gehabt, verließ -die Kriegsakademie mit den höchsten Auszeichnungen, hat -nach wie vor keine Wünsche, als einmal nach Italien zu -reisen, und bedauert nur, daß der nächste Krieg eher da sein -wird als für ihn das Bataillon, aber ich hoffe, für diesen -absurden Fall, wenn er eintreten sollte, noch Vorsorge -treffen zu können. Hier arbeitet er den ganzen Tag, -kümmert sich den Teufel um die See und liest jeden Abend -ein Kapitel im Neuen Testament. -</p> - -<p> -Möchte man auch so sein, Benno? Wie geht so ein -Leben weiter? Entweder in den vorgeschriebenen Bahnen, -und er endet einmal als Generalinspekteur eines Armeekorps, -die Brust voller Orden, oder der nächste Krieg -kommt wirklich, und ist er noch nicht im Generalstab gelandet, -so führt er seine Kompagnie zu einem glänzenden -Sturmangriff, erhält das Eiserne Kreuz, und ein paar -Tage oder ein paar Wochen später legt ihn eine sanfte -Kugel von Gottweißwo her schmerzlos und ruhig auf den -Rasen. Der Leutnant sagt: Die Kompagnie hört auf -mein Kommando! und an der Stelle, die er ausfüllte, -steht ein Andrer, der sie gerad so ausfüllt. -</p> - -<p> -Indem ich noch dies bedachte, erinnerte ich mich Deiner -und merkte dabei, daß meine Gewissensbisse in Wahrheit mit -der Erscheinung des Hauptmanns nur eine Verbindung -zweiten Grades gehabt hatten, und eigentlich meinte ich Dich. -</p> - -<p> -Solange wir zusammen unseres Weges gingen, warst -Du der Sorgenvollere, aber wie war damals zwischen -<a id="page-460" class="pagenum" title="460"></a> -uns alles einfach! Wir waren Freunde, und was das -Herz beschweren mochte, sagte sich leicht. Nicht verfiel -der Eine in Schweigen, so daß der Andre erst viel sich bekümmern -mußte und endlich fragen. Wie es mit Dir jetzt -steht, ahne ich nicht, aber ich glaube, daß nicht nur meine -Bürde mit der Zeit zugenommen hat, und nun sind wir -jeder allein. Freilich, die meine ist von der Art, die schweigsam -und einsam macht. Aber die Deine, Benno, wie ists -mit der Deinen? -</p> - -<p> -Lieber Freund, dies ist eine Frage, die leider nicht mehr -auf Antwort warten kann, wie Du sehn wirst, wenn Du -sie vor Augen hast, so eine besondre Art von rhetorischer -Frage, siehst Du. Nun ists zu spät; zu spät auch, festzustellen, -was mich eben bewegt, nämlich, ob wir schon damals, -vor die Entscheidung gestellt, unsre Neigung für -ein ungemeines Leben durch den Entschluß bekräftigt -hätten, den Weg, den es uns führen würde, bis zum -bittersten Ende zu gehn. Ich kann nur hoffen, daß ich -mich entschlossen hätte. Es ist, wie gesagt, zu spät, und -für mich ists schon viel, daß ich aus dem Brande, in dem -ich nun seit ungezählten Tagen herumjage, auf der Suche -nach einem Ausgang außer dem, der mir sichtbar ist, daß -ich noch einmal mit der Hand herauswinken kann. In -der Ahnung, es müsse auch ein Wimpel noch irgendwo -liegen, mit dem zu winken wäre, fand ich ein Gedicht unter -meinen alten, das ich einmal im Gedanken an Dich schrieb -und Dir damals nicht in alltäglicher Stunde geben wollte. -Die heutige dürfte ungemein genug dazu sein. -</p> - -<p> -Abschied nehmen bei einem Fortgang wie dem mir -nahe bevorstehenden, scheint mir wenig passend; ein -<a id="page-461" class="pagenum" title="461"></a> -Wort aber dürfte schicklich sein, und ich bin in Höflichkeit -geboren und erzogen, so daß es mir kaum weniger passend -erschiene, wortlos zu gehn. -</p> - -<p> -Darum wünsche ich Dir eins: Wenn Du einmal in -Not sein solltest, in einer äußersten Not, ein gefangenes -Tier, das in Herzensqual nichts mehr weiß als zu laufen, -zu rennen, auf und ab, oder im Kreis, winselnden Herzens -mit rasenden Füßen um den verglimmenden Rest Deiner -Welt, Tage und Nächte: dann wünsche ich Dir die eine -Stunde Schlaf, nach der ich durste, und die, wie es scheint, -nicht für mich bestimmt ist. Dann trinke Dich satt an ihr -und gedenke Deines Freundes -</p> - -<p class="sign"> -Georg -</p> - -<h5 class="subsection"> -Das Schweigen -</h5> - -<div class="poem-container"> - <div class="poem"> - <div class="stanza"> - <p class="verse">Gingst du je beladen, ein Mensch, und suchtest</p> - <p class="verse">Eines Bruders, einer Schwester Schoß,</p> - <p class="verse">Auszuruhen, das stet und steil</p> - <p class="verse">Aufwärtsragte, das überbürdete Haupt?</p> - </div> - <div class="stanza"> - <p class="verse">Und vom Schweigen, im Lärm deine einzige Wehr,</p> - <p class="verse">Ach, vom Schweigen, der Lippen brennendem Siegel,</p> - <p class="verse">Einmal zu erlösen sehnsüchtiger Lippen Dürre</p> - <p class="verse">An kühlen Quellen, an geliebtem Mund?</p> - </div> - <div class="stanza"> - <p class="verse">Suchtest du lang, und sank nicht der Tag, ach sanken</p> - <p class="verse">Viele nicht? Doch als eines Abends dein Blut</p> - <p class="verse">Müde verging in die ruhige Röte und Nacht,</p> - <p class="verse">Fandest auch du; und immer gefaltete Hände</p> - <p class="verse">Lösten sich still, geliebter Geschwister gewiß.</p> - </div> - <div class="stanza"> -<a id="page-462" class="pagenum" title="462"></a> - <p class="verse">Zuckte die Lippe auch schon? und ging euer Atem</p> - <p class="verse">Schwer von Verlangen inbrünstigen Worten vorauf?</p> - <p class="verse">Aber ihr schwiegt. Durch Stummheit, die sternhelle, gingen</p> - <p class="verse">Aller Fülle beglänzte Ströme</p> - <p class="verse">Lautlos, selig, zwischen euch hin und her.</p> - </div> - </div> -</div> - -<h4 class="section"> -Hallig Hooge -</h4> - -<p class="first"> -Es war ganz dunkel. -</p> - -<p> -Georg saß, die Hände auf den Knäufen der Stuhllehnen, -ein wenig vorgebeugt, als ob er lausche. Der -Armsessel stand an der Wand. Nichts bewegte sich. Es -war still. -</p> - -<p> -Als Georg merkte, daß er horchte, wußte er, daß unendliche -Zeit vergangen war, während er so gesessen hatte. -Während dieser Zeit mußte der Rest abgelaufen sein. -Nun war nichts mehr. -</p> - -<p> -Vor seinen Augen war das Zimmer dämmrig, obgleich -die tiefe Nachtschwärze in den Rechtecken der Fenster -stand. Das Schreibbüro war deutlich erkennbar, die -weiße Kuppel der Lampe, die Umrisse des runden Tisches -in der Mitte des Raums, die Lehnen der Stühle, schattenhaft -alles. -</p> - -<p> -Und was war dies mit der See? Still, kein Laut. -Georg erinnerte sich, daß es mitten im Winter war. Vielleicht -war die See zugefroren. -</p> - -<p> -Er fuhr sich unbewußt mit der Hand über die Stirn. -</p> - -<p> -Ja, sagte er halblaut. Ja, dann ist es wohl so -weit ... -</p> - -<p> -<a id="page-463" class="pagenum" title="463"></a> -Er lehnte die linke Schläfe gegen die rauhe Wange des -Stuhls, plötzlich zitternd vor Müdigkeit, und so saß er -eine lange Weile, ohne Widerstand gegen das immer wieder -losrieselnde Zittern. Langsam verging es. Auf einmal -flatterte seine linke Hand heftig. Dann war alles -still. -</p> - -<p> -So wirds gut sein, dachte er dankbar. So — immer -tiefer ... immer tiefer ... dann ein kleiner Ruck, — alles -steht. -</p> - -<p> -Aber ich schlafe ja vorher ein! schrak er auf und -lächelte. -</p> - -<p> -Also ... ist noch etwas? dachte er mühsam. Abschied? -Von wem? -</p> - -<p> -Ein Schatten kam um den Tisch, die Seele Cornelias -blickte traurig zu ihm hin. Sie dauerte ihn. Hoffentlich, -dachte er, findet sie sich mit dem Andern besser zurecht. -Bei mir hatte sie, glaub ich, zu wenig zu tun. -</p> - -<p> -Ach, ich werde schlafen! fiel ihm da ein, und das Dunkel -verklärte sich. Ach, oh, ich werde schlafen! -</p> - -<p> -Er rückte mit dem Oberleib vor im Stuhl und stand -auf, ging zum Sekretär, zog die bestimmte Lade hintastend -auf, nahm den Kasten heraus, öffnete die Verschlüsse, -und weil ihm die Finger bebten, mußte er an einen Morphinisten -denken, der seine Spritze auspackt. In dem heller -grauen Rechteck von Samt lag das dunkle Instrument, -erkennbar und wohlbekannt, anders als alle Gebrauchsdinge, -eigentlich aber ohne Zusammenhang mit seinem -Sinn. Wenn man es in gewisser Weise handhabte, war -die Folge der Tod, und doch stellt man sich Töten gemeinhin -anders vor. -</p> - -<p> -<a id="page-464" class="pagenum" title="464"></a> -Er bemühte sich nun eine ganze Weile krampfhaft, -etwas zu denken, aber nichts kam zum Vorschein. Keine -Menschen, keine Erinnerung, auch keine Schuld, so fest -er sich an das Wort klammerte. Nur ein Gähnen überfiel -ihn bald, das kein Ende nehmen wollte. Als es schließlich -vorüber war, bemerkte er, daß er die Uhr gezogen -hatte. Ja, ich will doch sehn, wie spät es ist, fiel ihm ein; -er klappte den Deckel auf und starrte auf die kleine, bleiche -Kreisfläche, bis die Zeiger hervor kamen. Sie standen -auf ein Viertel nach Sieben. Er hielt die Uhr ans Ohr, -allein sie tickte vernehmlich, und nun zerbrach er sich lange -den Kopf, um herauszubekommen, ob Morgen oder -Abend sei, aber umsonst. Er trat ans nächste Fenster -und blickte hinaus. Draußen war ein grauer Schein. -Von den Sternen, deren abendliche Stellungen ihm bekannt -waren, fand er nicht einen. -</p> - -<p> -Übrigens — dachte er — eine sonderbare Stunde, aus -dem Leben zu gehn: ein Viertel nach Sieben. Ich glaube, -gemeinhin tun es die Leute zwischen drei und fünf Uhr -morgens. -</p> - -<p> -Aber immer war da noch ein Hindernis, unerkennbar, -aber es war. Da er seinen Kopf heiß und dumpf empfand, -beschloß er, vor die Tür zu treten und noch einmal -nach dem Meer auszusehn. -</p> - -<p> -Draußen stehend mit einer übergangslosen Schnelligkeit -— er dachte, das ist wie im Traum! — staunte er, wie milde -die Luft war. Feuchter Dunst berührte seine Stirn. Ach, -dachte er, heute ist wohl dieser Tag im Januar, wo der -Frühling sich im Schlaf umdrehn soll und seufzen. — Dann -ging er in schräger Linie über den Deich bis an den Rand. -</p> - -<p> -<a id="page-465" class="pagenum" title="465"></a> -Das Wasser in hoher Flut stand bis an den Fuß der -Mauersteile unten, stand, dunkel, ohne jede Bewegung. -Unsichtbar regte sich dann ein Laut, etwas klatschte leise -an. Jetzt ein andrer Ton, näher ... Etwas glänzte zu -Georgs Füßen, so sehr einem Aufblick ähnlich, daß es ihn -rührte. Nun war alles wieder still. -</p> - -<p> -Wie geräuschlos sie kommen kann! dachte er, die Riesige, -leiser als ein Mensch! Erstes Staunen der Kindheit, -— da liegt sie nun, unsichtbar. Er starrte in die -Finsternis vor ihm, die er meilenweit ohne Grenzen wußte, -und die schweigsamen Gewässer hauchten ihn mit dem -Odem ihres übergroßen Wesens an. Ein wenig höher, -wo der Nachthimmel war, bewegte sich etwas quellendes -Licht, gelblich, weißlich, und seltsam erschien der Umriß -eines Berges. -</p> - -<p> -Plötzlich rührte das Geheimnis der Erde an seine Brust; -er mußte den Kopf senken vor dieser Stille und Feierlichkeit, -Scham erfüllte ihn, auf einmal bog sich sein Knie, -er legte die Hände zusammen, kniete und sagte, die Worte -im Munde zerdrückend, zur Erde: -</p> - -<p> -„Vergieb mir! Ich bin sehr arm. Meine Augen wollen -nicht mehr. Ich will fort ...“ -</p> - -<p> -Gras um ihn her wehte im Dunkel. Es überlief ihn -glühend. -</p> - -<p> -„Und ich danke auch“, sagte er. „Dank für alles! -Du bist gut und schön. Deine Abende und dein Frühling, -die Amsel und alldas.“ -</p> - -<p> -„Viel gelitten,“ sagte er plötzlich, „viel gelitten ...“ -</p> - -<p> -Er stand hastig auf und wollte fortgehn. Da spaltete -es ihn wie ein Schwert, ein grenzenloser Jammer, und -<a id="page-466" class="pagenum" title="466"></a> -er schrie in seiner Verlassenheit ganz laut: „Mein Vater ist -tot! oh Gott, mein Vater ist tot!“ -</p> - -<p> -Schwer und gelassen bejahend klatschte eine Welle am -Deichfuße hin; Georg ging mit leisen Schritten zum Turm -zurück, schloß die Tür, ging zum Schreibbüro und mit -der Waffe in der Hand zum Stuhl, wo er sich in die linke -Ecke lehnte. -</p> - -<p> -Die Augen schließend, gewahrte er plötzlich einen Lichtschein -hinter den Lidern, hob sie wiederum und sah erstaunt, -daß die Lampe brannte. — Was ist denn das? dachte er, -wer hat denn die Lampe angesteckt? Einen Augenblick -durchrann ihn sonderbar das Gefühl, die Lampe habe sich -selbst entzündet, um ihn zu verhindern. — Mag sie brennen! -dachte er dann, aber nun quälte es ihn, daß dies Licht im -Zimmer sein sollte, wenn er nicht mehr darin war, und -auch, daß er nicht wußte, wann er sie angezündet hatte. -So erhob er sich wieder, ging hin zu ihr und bemerkte, -daß auf der Schreibunterlage ein Papier lag, auf dem -das Wort: Mutlos stand, quer durchstrichen, worauf ihm -denn einfiel, daß er das vorhin geschrieben hatte und dazu -wohl die Lampe entzündet haben mußte. Es sollte ein -Gedicht werden, ja, das letzte, er erinnerte sich einmal gelesen -zu haben, daß man sein ganzes Leben nur ein einziges -Gedicht machen sollte, vorm Tode, das würde dann -außerordentlich werden. Es war aber nichts geworden, -und ich, fiel ihm ein, ich habe ja auch schon früher eine -Menge Gedichte gemacht. — Er knüllte das Blatt zusammen, -aber, da er bedenken mußte, daß es später gefunden -werden könne, zog er es wieder auseinander, hielt -eine Ecke über den Zylinder der Lampe und wartete, bis -<a id="page-467" class="pagenum" title="467"></a> -es Feuer fing. Eine blaue Flamme leckte daran hoch, -plötzlich lohte es zu einem mächtigen, roten Scheinen auf, -in dem er geblendet das ganze Achteck des Raums taghell -bis zu den Gesichtern der Planetengötter unter der -Decke erkannte. Dann warf ers an die Erde, mit der -sinkenden Flamme sackten schwere Schatten rundum, der -einer Stuhllehne reckte sich noch einmal hochauf an der -Wand, langsam verflackerte die Lohe, ward es dunkler; -endlich Nacht und am Boden ein paar rote Funken. -</p> - -<p> -Nun noch die Lampe. Er löschte sie hastig, lief fast -auf seinen Stuhl zu, setzte sich wie zuvor, drückte die linke -Schläfe an, und die Müdigkeit überströmte ihn, daß es -ihn schauderte vor Wollust des nahen Schlafs. Prickeln -bedeckte seinen ganzen Leib, er sank schlaff zusammen, bewegte -die rechte Hand, um die Waffe zu fühlen, und -lächelte. Von fern zog Musik in ihn ein, es brauste melodisch. -Er hob langsam die Hand, er gähnte ein wenig, -drückte sich fester an, — nun kam die letzte, große Woge, -das Dunkel ... -</p> - -<p> -Seine Hand glitt neben den Schenkel zurück. Cornelia -erschien plötzlich im Zimmer, dann andre Gestalten; sie -beschäftigten sich im Halbdunkel, er wollte zu ihnen, vermochte -es nicht, und unter einem rieselnden Klingen wurden -sie ferner und ferner ... -</p> - -<p> -Georg schlief. -</p> - -<p class="tb"> - -</p> - -<p class="noindent"> -Georg schlug die Augen auf. Eine tiefe, aber erleuchtete -Dämmerung füllte den Raum mit Wärme und Sanftmut. -Auf der Platte des Schreibbüros brannte die -<a id="page-468" class="pagenum" title="468"></a> -Lampe, so daß in ihrem Licht die kleinen Schubladen mit -ihren Messingknöpfen, die geschnitzten Säulen und die -Treppe aus farbigen Hölzern in der Mittelnische hell und -freundlich sich zeigten; aber unter die weiße, mild leuchtende -Kuppel war ein Stück Papier in den Ring geklemmt, -das, ein rechteckiger Schatten vor dem Licht, herunterhing -und den Raum mit Dunkelheit füllte. Dies war so erstaunlich -schön anzusehn und von solchem Frieden, daß -Georg lange Zeit die Augen nicht davon abwenden konnte. -</p> - -<p> -Er erschrak dann leise, als er entdeckte, daß er nicht -allein war: im Schatten, rechts neben der Platte des -Büros war ein sitzender Mensch; er schien die Beine übereinander -gelegt zu haben und hielt den Kopf in die Hand -gestützt. -</p> - -<p> -Und sieh! — das Grauen, ohne doch schrecklich zu sein, -vertiefte sich in Georg — der ganze Raum war ja voller -Menschen! Ganz still waren sie da, ohne Laut noch Bewegung. -Wer waren die? -</p> - -<p> -Grade ihm gegenüber hinter dem dunklen, runden -Tisch saß eine weibliche Gestalt; ihre bloßen Unterarme -lagen flach auf der Tischdecke mit gefalteten Händen; den -Kopf hielt sie so tief gesenkt, als ob sie schlafe oder bete, -und Georg gewahrte deutlich die stille und lichte Furche -ihres Scheitels in den leise glänzenden Wellen des Haars. -Sie schien ihm nicht unbekannt. -</p> - -<p> -Hinter ihr, weiter zurück an der Wand, ganz im -Schatten stand ein Mann, den Kopf geneigt, die Stirn -in der linken Hand, als ob er sehr tief nachdenke. -</p> - -<p> -Als aber Georg die Augen weiter nach rechts hin bewegte, -leuchtete es ihm von der Türe her strahlend blau -<a id="page-469" class="pagenum" title="469"></a> -entgegen, und äußerst betroffen von Verwunderung erkannte -er in diesem Blauen die seidene Jacke eines Chinesen, -der dort stand wie in einer tiefen Verneigung; ja, -es war Georg, als habe er diese Bewegung schnell noch -ausgeführt, bevor seine Augen dorthin gelangt waren. -Ein großer, grün und golden feuriger Drache glänzte aus -dem Himmelblau der Brust. -</p> - -<p> -Dies alles begriff Georg so wenig wie seinen eigenen -Zustand, der ihm zauberhaft deuchte. Sein Körper war -ihm so leicht, daß er ihn kaum fühlte, die Seele so frisch -und kühl, daß er kaum Atem zu holen wagte, aus Furcht, -diese Frische und Kühle könne abfallen wie lockerer Schnee. -Hoch über ihm sang die zarte Stimme des Schweigens, -lieblich und wie ein ferner Choral. Über alles Begreifen -feierlich schien dies. Augenscheinlich ein Traum. -</p> - -<p> -Warum saßen und standen diese hier? Hatten sie auf -sein Erwachen gewartet? Oder — plötzlich graut’ es ihn -dennoch — war er vielleicht doch tot, und hier war nur -seine Seele, die ohne es zu wissen gewandert und in dies -Zimmer zu Fremden gelangt war, die gar nicht ahnten, -daß er zugegen war? Die vielleicht um einen andern -Toten trauerten? Oder um ihn? — Allein — dies war -sein Zimmer; im Turm, — Hallig Hooge fiel ihm ein und -alles andre. -</p> - -<p> -Und jetzt auf einmal bemerkte er mitten auf der dunklen -Decke des Tisches einen schwärzlichen Gegenstand, in dem -er sogleich seine Pistole erkannte. Und gleich auch, mit einer -traumhaften Klarheit, wußte er, um was es hier ging. -</p> - -<p> -Er hier, er hatte über sich selbst ein Urteil gefällt, -eigener Kläger und Richter. Da es sich aber um eine -<a id="page-470" class="pagenum" title="470"></a> -Versündigung gegen Menschen handelte, gegen Andre, -so konnten auch nur Menschen, nur Andre über ihn urteilen -und richten. Und zu diesem Zweck waren diese -stillen Fremden nun da. -</p> - -<p> -In diesem Augenblick hob die weibliche Gestalt hinter -dem Tisch das Gesicht, und er erkannte mit heller Freude -Magda, die ihn anzusehn schien. Ach ja, daß sie blind -war, hatte er nur geträumt. -</p> - -<p> -Indem richtete auch der neben dem Schreibbüro sich -auf, und es zeigten sich Jasons Züge und schwarze -Augen. -</p> - -<p> -Der hinter Magda stand, ließ die Hand sinken; es war -der Hauptmann. -</p> - -<p> -Bewegung, so leise sie war, rieselte umher, und gleich -darauf wurde Magdas Stimme hörbar, klar, aber gedämpft: -„Ist er erwacht?“ -</p> - -<p> -„Erwacht“, sagte Jason. „Er wird gleich sprechen. -Wir wollen guten Abend sagen, — oder gute Nacht.“ -</p> - -<p> -Georg sagte leise: „Schön, daß ihr da seid! Wie kamt -ihr hierher?“ -</p> - -<p> -„Wie alle Reisenden,“ versetzte Jason, „über das Meer. -Über seine beruhigten Flächen sind wir geritten auf schönen -Delphinen mit Augen gleich Sternen, die blickten und -schienen, dieweil sie glitten. Ihre Schwanzflossen, gebildet -wie Leiern, klangen lieblich zu unserer Fahrt. Aber dies -ist zu zart, um es ganz zu entschleiern.“ -</p> - -<p> -„Ich glaubte, daß ihr Träume wart“, sagte Georg. -</p> - -<p> -„Glaube, wir sind es! — Wir kamen kraft eines geistigen -Windes, jeder ein Traum, und aus Traum ist der -Raum, wo wir weilen.“ -</p> - -<p> -<a id="page-471" class="pagenum" title="471"></a> -„Und warum kamt ihr?“ -</p> - -<p> -„Um zu heilen.“ -</p> - -<p> -„Und wie könnt ihr?“ -</p> - -<p> -„Du mußt dich mitteilen. Aber erst höre, wie dies sich -begab. Wir stiegen an deinem Ufer ab, hier ich, die -Freundin, die du lange kennst, und dieser Diener aus dem -Reich der Mitte. Hier der Notwendige, wie du ihn -nanntest, führt’ uns zu dir, wir pochten, aber du gabst -keine Antwort. Schliefst du schon? es war erst Abend, -aber deine Fenster dunkel. Wir traten ein, und einer -machte Licht. Da sahn wir gleich dein schlummerndes Gesicht -in einem Schlaf, wie wir noch nicht gesehen. Wir -konnten sprechen, sitzen oder gehen, du aber schliefst und -wußtest von uns nicht. Am Abend hatten wir uns eingefunden. -Nun ist es tiefe Nacht, du schläfst seit Stunden, -du schliefst dich glühend an und wieder kühl; es -wurde sanft in dir, und dein Gefühl, das schmerzliche, -stieg auf wie Wasserblasen zu deinem Antlitz, wo sie -sprangen zart in lauter Lächeln. Was einst Qual und -Rasen gewesen, schreckenvoll mit Nacht geschart, verwandelte -sich in der Schlafmagie. Nun deine letzten -Träume, siehe sie um dich versammelt, da du nun genesen! -Die Freundin still und ernst, stumm den Vasall, und mich, -in Händen klar den Sprachkristall, und bunt und immer -lächelnd den Chinesen ...“ -</p> - -<p> -„Aber Jason, mir scheint, dies war schon einmal, nur -nicht so wunderbar und —“ -</p> - -<p> -„Das sind die Femrichter gewesen. Jenes war -Mummenschanz, dieses ist wahr.“ -</p> - -<p> -„Soll ich nun sprechen?“ -</p> - -<p> -<a id="page-472" class="pagenum" title="472"></a> -„Wenn du es willst. Wenn es zerbrechbar ist, sollst -du es brechen, wenn es dir stillbar ist, daß du es stillst. -Zwar ist der Teufel gemeinhin im Zweiten ...“ -</p> - -<p> -„Wie soll ichs verstehn?“ -</p> - -<p> -„Beizeiten! Laß sehn: Was du allein weißt — nicht -wahr? — das ist gut. — Gut ist es und echt. Weiß es -ein Zweiter mit dir, ist es schlecht, — dieweilen es heißt: -sein Haben mitteilen. Teilst du aber dein Wissen mit -Reden, so wird es zerrissen, was bleibt für jeden? Die -Hälfte, nicht wahr? Und teilst du’s mit Dreien, teilst es -mit Vieren, mit Hunderten gar, so wirst du’s verlieren, -und keiner hat was. Darum sagt der Chinese vom Tao: -Tao zu lehren, ist verwehrt. Tao gelehrt, hieße Tao geteilt, -aber Tao ist das Eine. Darum ist Lao-Tse, der -Reine, in die Verborgenheit gegangen. Nur im Verborgenen -konnt er empfangen — den Zweiten, der mit -ihm die Einheit sei.“ -</p> - -<p> -„Was heißt das? verzeih!“ -</p> - -<p> -„Gott ist immer der Zweite in Wahrheit. Was du -allein besitzest in Klarheit, das hast du mit ihm. Jedes -Ding ist ein Seraphim zwischen Gotte und dir. Seine -Schwingen nach dort und hier aufgespannt, bilden die -Brücke von dir zu dem Zweiten. Da doch alles nach allen -Seiten unendlich ist, was könntest du halten, hielte das -andere Ende nicht Er? Aber gestützt auf diese Gewalten, -auf Gott und auf dich, wird es keiner zerschlagen und hat -es die Kraft, die Erde zu tragen. Ein solches Ding, so -zauberhaft, ist das Gebet, ein solches ist die Tat, die gut -geschah, und jedes gute Wissen auch. Wenn du es aber -teilst mit einem Dritten, so wird auch Gott — vergänglich -<a id="page-473" class="pagenum" title="473"></a> -ist sein Hauch, im Maß wie du vergänglich bist — zerschnitten. -Er wird gevierteilt und getausendteilt. Christus -war gut, war Gott ganz zugeheilt. Er war mit Gott, -doch Paulus war schon schlecht, da er mit Christus war -und Christi Knecht. Wissen, Habe, Kraft und Lehre, sei es -rein und ganz vollkommen, giebs an Menschen, so wards -Schwere und die Reinheit schon genommen. — Bleibe -mit Gotte allein!“ -</p> - -<p> -„Und gäb es kein Mittel, ihn zu halten?“ -</p> - -<p> -„Dreieinigkeit giebt es. Es giebt das Falten der beiden -Hände zum Gebet, auf deren Brückenjoch die Gottheit -steht. So falte dich mit einem Andern fest. Daß nur -keiner sich wanken läßt und niemals erschlafft! Euch zu -halten, die Kraft ohne Gott: Gottheit erschafft. Sie wird -Liebe genannt. Sie ist so bewandt, daß sie Gott teilen -kann ohne Grenzen und ihn aus sich selbst ergänzen. -Liebe kann ihn vielmals teilen und wieder erhalten. Nur -hütet euch vor dem Erkalten, und daß kein Teil verloren -geht, und daß nicht Einer den Andern von euch einen -Augenblick nur und nur um ein Gran — weniger liebe, -— so bleibt Gott vollkommen, und die Liebe vollkommen, -und ihr selber vollkommen.“ -</p> - -<p> -„Ach, was ist vollkommen?“ -</p> - -<p> -„In Nachtgewalten — In Taggewittern — Sich süß -erhalten — sich nicht verbittern!“ — — -</p> - -<p> -Eine Weile herrschte das tiefe Schweigen. Leiser dann -fuhr Jasons Stimme fort: -</p> - -<p> -„Vollkommen war Renate, denn sie liebte. Nun ist -sie die Verstörte und Betrübte; sie geht umher und kennt -sich selbst nicht mehr. Sie ist geteilt in Leib und Seele, -<a id="page-474" class="pagenum" title="474"></a> -beide sind da und dort, dazwischen blitzt die Schneide; es -ward die Gnade Sprache ihr genommen, sie ist verwaist und -arm und unvollkommen, und ihre Augen sind wie Fenster -leer. Sie fürchtet sich, sie weicht den Menschen aus. Sie -sitzt im Zimmer, das Gesicht in Händen, sie schleicht sich -manchmal in das Treppenhaus und tastet sich durch -Zimmer an den Wänden. Gesichter kann sie nicht ertragen, -sie stößt Geschrei aus wie ein Tier und läuft von hinnen. -Sie war vollkommen; nun ist sie von Sinnen, und keiner -weiß, wie man sie wohl erlöst.“ -</p> - -<p class="tb"> - -</p> - -<p class="noindent"> -Georg hatte plötzlich die Empfindung, als sei das Licht -dunkler geworden oder matter. Wollte die Lampe erlöschen? -Waren seine Augen trüber geworden? Ach nein, -in ihm war etwas Schmerzendes, und das gab einen -Druck auf seine Sehkraft. Renate? Was war mit Renate? -</p> - -<p> -„Ich verstehe nicht!“ stieß er hervor. „Was ist mit -Renate?“ -</p> - -<p> -Jason schwieg. Georg sah, daß Magda das Gesicht -in die Hände gelegt hatte. Danach sah er den Hauptmann, -sah Jason und den Chinesen, der übrigens, wie er -jetzt erkannte, zwar anhielt, chinesenhaft zu lächeln, aber -zwei völlig europäische, ja erstaunlich runde und braune -Augen hatte, glänzend wie Kastanien. Obgleich aber so -alles umher natürlich geworden schien, eines Glanzes entkleidet, -so fühlte er es doch nicht minder ernst, nicht minder -tief. Es war nur verdunkelt; es ward traurig. -</p> - -<p> -Die Hände fallen lassend, das Gesicht schmerzlich aufhebend, -sagte Magda: -</p> - -<p> -<a id="page-475" class="pagenum" title="475"></a> -„Es ist, wie Jason erklärte. Sie ist — irr. Ja, sie -liebte. Saint-Georges. Ich fand auf ihrem Schreibtisch -einen Brief von ihm, in dem stand, daß er sie seit Jahren -geliebt hat, und daß es über seine Kraft ging. Nun, da -sie ihre Liebe erkannte, war es aus mit der seinen. Ich -kam einen Tag später als sie nach Altenrepen zurück, da -war sie schon, wie sie jetzt ist. Ihre Zofe hatte sie im -Schlafzimmer an der Erde gefunden. Sie scheint sich vor -uns Allen zu fürchten. Sie kleidet sich, ißt und schläft, -aber sie spricht nicht, und wie es scheint, kann sie es wirklich -nicht, denn sie stößt Laute hervor, die —“ -</p> - -<p> -Magda schwieg. -</p> - -<p> -„Ich kenne sie ja,“ begann sie von neuem, „sie hat -eine andre Natur als wir, und alles trifft sie ganz anders -als uns. Immer schien sie kühl und beherrscht, und so -leicht sie erglühte, war immer die Grenze da. Sie sparte -alles auf. Oft hatte sie seltsame Gesichte. Dies Gesicht nun -scheint anzuhalten, und — ach, ich habe ja immer gehofft, -deshalb schrieb ich auch nie davon. Jetzt, wo so lange Zeit -vergangen ist — es kam schon im Oktober —, mag dir das -vielleicht sonderbar scheinen, aber die Tage jagten dahin, -und an jedem hoffte ich, ich würde morgen erwachen, und -alles sei ein Traum. Und ich wollte dich nicht erschrecken, -denn —“ Magda errötete so tief, daß Georg es erkennen -konnte durch die Dämmerung — „du liebst sie doch.“ -</p> - -<p> -„Aber nun wollen wir das lassen“, fuhr sie fort. „Ich -bin ja gekommen ... Lange war ich ganz ruhig um dich, -obwohl unsicher, aber was soll ich tun? Ich muß ja nun -immer angestoßen werden. Als aber dein Brief kam nach -Ulrikas Tod, und der an Benno, den er mir zeigte, — ja -<a id="page-476" class="pagenum" title="476"></a> -seitdem ist meine Angst um dich gestiegen, bis sie mich -heute gepackt hat, und hier bin ich nun. Verzeih, daß ich -nicht allein blieb mit dir, aber — wir sahn ja, was dir -aus der Hand geglitten war, die Andern sahn es, und ich -fürchtete mich vor deinem Erwachen ...“ -</p> - -<p> -Georg hörte die Worte nur von fern, wie zu einem -Andern geredet. Er dachte mit einem bittern Schmerzgefühl -an Renate, und dann, wie er sich sagte, daß sie stumm -sei, nicht reden könne, stieg auf einmal wie ein Springquell -in ihm die Sehnsucht nach Worten. Jetzt erst spürte -er die ganze Pein des viele Wochen langen Schweigens, -und Angst ergriff ihn, daß er hätte sterben können, ohne -alles gesagt zu haben. Keiner hätte ihn verstanden, er -sah sich selbst, sein Andenken, seine Seele, wie einen ausgegrabenen -Torso zwischen ihnen liegen, ein Rätsel, an -dem sie deuteten und alles falsch. -</p> - -<p> -Diese Erregung aber senkte sich wieder, und hernach -war ihm wunderbar ruhig ums Herz. Er begriff nun -diese Magie. Daß diese Menschen in dieser Stunde um -ihn waren, das war ihr Zauber, das hatte sie selber so -still gemacht, das stieg wie ein friedfertiger Rauch aus -ihnen und legte sich um seine Sinne. -</p> - -<p> -Er beugte sich vornüber und verbarg das Gesicht in -den Händen. Da erschien ihm schon alles zu Sagende in -reinlicher Klarheit und als ob er es besser verstünde als -jemals, dazu weder bitter noch schwer, sondern alles mitsamt -der Schuld hatte nur sein einfaches Dasein, als ob -es nur sich selbst angehörte. Worte zeigten sich schon, so -leuchtend in Natürlichkeit, daß er zitterte vor Sehnsucht, -sie sprechen zu können. -</p> - -<p> -<a id="page-477" class="pagenum" title="477"></a> -„Ja, ich will sprechen,“ sagte er, „ich will alles sagen, -ihr Alle sollt es hören! Ihr werdet Alle sehn, daß ich -recht hatte!“ -</p> - -<p> -Während dieser Worte gewahrte er, daß es doch wirklich -dunkler im Raum geworden war. Jetzt blickte auch -Jason in die Lampe und sagte: -</p> - -<p> -„Die Lampe stirbt. Darf ich sie ausmachen?“ Und er -neigte sich über die Platte zu ihr und drehte sie aus. Es -war Nacht. -</p> - -<p> -Georg sprach schon. Er hatte aber kaum die ersten -Worte gesagt, als er sie nur noch mit Ohren hörte und -wahrnahm, und indem er länger und länger redete, schien -es ihm mitunter, als wäre in den Worten gar kein Sinn, -als wären sie völlig verwirrt oder eine fremde Sprache, -die er im Wahnsinn redete, ohne sie zu verstehn. Wo er -begonnen hatte, wußte er nicht mehr, denn alsbald waren -ihm ganz ferne Dinge, Bilder, Vorgänge aus seiner Kindheit -in solcher Leibhaftigkeit erschienen und in solch einem -Leuchten, und wie mit einem Zunicken bekundend, daß sie -unendlich wichtig waren und keinesfalls verschwiegen -werden durften, — daß er nicht rasch genug seine Schlinge -darum werfen konnte, sie zu halten und zu beschreiben. -So lange hielten sie geduldig still, dann aber waren sie -augenblicks verschwunden ein jedes, und schon stand ein -andres da, bereit, sich fangen zu lassen. So sprach er und -sprach, es kam vor, daß er sich auf einer riesigen, abschüssigen -Bahn zu befinden glaubte, die er mit Sturmeseile -hinunterfuhr, spürend, wie die Luft ihn umsauste, oder -war es die Zeit? Dann wieder stand alles still, und er -glaubte, zu empfinden, daß alles dies in einem Ewigen -<a id="page-478" class="pagenum" title="478"></a> -vor sich ging, und dann sah er die Nacht um sein Haupt -und da und dort den Schein eines Gesichts, und er saß -hoch über der Welt in einer Versammlung verdunkelter -Monde, und sein Leben rauschte in der Tiefe wie ein -Strom. Jede Welle aber dieses Stroms hatte ihren Sinn -und Bezug und ließ ihn zurück wie einen Bodensatz, — -und das war alles Schuld. Nur von einer so ungeheuren -Unabänderlichkeit war es jetzt, daß es die Beziehung auf -ihn verloren hatte. Einen Augenblick fühlte er dies; da -wars leicht. Plötzlich schlug ihn Bangnis an, wenn er -zu Ende sein würde, dann wäre alles wie zuvor. In diesem -Augenblick merkte er, daß er nichts mehr zu sagen -hatte. Er suchte, lange wie ihm schien, aber nichts war -da. Er hatte alles ausgeschöpft, und erschöpft saß er -selber in dem Dunkel, das die Gewöhnung seiner Augen -in graue Dämmerung verwandelt hatte, und sah wieder -den bleichen Schein der Lampenkuppel, und den von Jasons -Gesicht, von Magda und vom Hauptmann. -</p> - -<p> -Sterbensangst ergriff ihn da. Was war eben gewesen? -Was hatte er getan? Was sollte das alles? Ach, es sollte -wohl noch das Urteil kommen? Das war ja alles nur -Zeitversäumnis. Und nun stand alles noch einmal bevor -... -</p> - -<p> -Das reißende Krachen eines Streichholzes ward hörbar, -die Flamme zuckte auf und leuchtete, schwer stürzten -Schatten in Masse von oben, und neben Magdas von -der Seite hell beschienener Gestalt und hinter der des unwandelbar -aufrecht stehenden Hauptmanns an der Wand -reckten die Schatten sich den obern entgegen. Da war -der ganze, düstre Raum, und Jason saß dort und näherte -<a id="page-479" class="pagenum" title="479"></a> -die Zündholzflamme der Siegelkerze im Leuchter, die langsam -erglomm. Er blies das Streichholz aus und legte es -in die Leuchterschale. -</p> - -<p> -Magda sagte, tief Atem schöpfend: -</p> - -<p> -„Das war dein Leben, Georg ... Ich danke dir, daß -du so gesprochen hast! Dazu darf ich nichts sagen. Aber -— was du in alledem immer wieder erkannt haben willst, -das — das ist Wahnsinn, Georg, in dem Maß ist es -Wahnsinn!“ Sie wandte sich hülflos um. „Sagt es -ihm doch, daß es Wahnsinn ist!“ -</p> - -<p> -„Warum?“ sagte Jason. „Er hat doch recht. Wenn -etwas Wahnsinn ist, ist es weniger wirklich darum? Ist -der Irrsinn für den Irren das Leben oder nicht? Wahnsinn -löscht doch sich selber nicht aus, nur wir sagen immer, -wenn wir an Wahnsinn denken: das ist nichts. Auf diese -Weise wird ihn wohl keiner überzeugen.“ -</p> - -<p> -„Ja, aber Jason ...“ Magda gab ihn auf, wandte -sich wieder zu Georg hinüber und fragte bekümmert. -„Was glaubtest du denn, Georg? Wenn all dies wirklich -wahr sein sollte, glaubst du denn, daß du es mit dem -Tode wieder gutmachen könntest? mit dem Tode?“ -</p> - -<p> -„Wenn ich so wahnsinnig wäre, wie du meinst ... -Im Gegenteil, Magda, im Gegenteil!“ rief er gequält, -„ich hätte Leben dazu gebraucht, zehn Leben, hundert! Muß -ich dir denn erst sagen, daß ich eine Pflicht hier habe? -Hast du denn meinen Brief nicht gelesen?“ -</p> - -<p> -„Welchen Brief?“ fragte sie erschreckt, und nun fiel ihm -ein, daß der Brief, den er meinte, noch in seiner Lade lag. -</p> - -<p> -„Keinen Brief!“ sagte er ärgerlich, „ich hab mich versprochen. -Ja, nun ist alles wieder da, Mißverständnisse -<a id="page-480" class="pagenum" title="480"></a> -und Versprechungen und alles! Wie war denn das damals, -Jason, als wir dich aus dem Teich holten? Da -warst du höchst ungehalten, dich wiederfinden zu müssen. -Kannst du beschwören, Jason, daß dir nicht wohler gewesen -wäre, wenn —“ -</p> - -<p> -Jason lächelte vor sich hin. — Georg fuhr fort: -</p> - -<p> -„Das ist ja alles gar nicht wahr! Um alldas handelt -es sich gar nicht! Alldas war es nicht, sondern es war -nur das — das rasende Verlangen, einmal heraus zu -sein! Draußen! draußen! versteht denn das auf einmal -keiner? Versteht denn keiner, wie bis zum Irrsinn das -brennen kann, nicht los von etwas zu kommen, und daß -alles zugepicht ist, alles verklebt und vernietet ist mit diesem -Leben? Und Tag und Nacht und Woche um Woche -kein Aufhören, nicht die kleinste Lücke mehr, und nur noch -diese prasselnde Sehnsucht, einmal herauszustürzen aus -diesem Leibe, aus diesem Ganzen, und lustig zu sein, darüber -und — ein Geist — — und zur Stunde zu sagen: da -bist du, und ich bin nicht darin! Es ist ja alles wie -Musik so unaufhaltsam und atemlos und — zum Tollwerden, -und Bogner hat wieder mal recht! Einmal alles -anders sehn können als von innen. Umkrempen sich und -in den Winden sein ganz nackt und das Eis am Leibe zu -spüren von allen sieben Seiten! Eine Pause, Herrgott, -eine Pause! Warum läuft denn der Tertianer, der ein -schlechtes Zeugnis hat, in die Speisekammer und hängt -sich auf? Weil er eine Pause will zwischen jetzt und dem -Geständnis, und weil er nicht weiß, was der Tod ist.“ -Er sprang auf. „Gnädiger Gott, Magda, ich weiß, was -er ist!“ -</p> - -<p> -<a id="page-481" class="pagenum" title="481"></a> -„Oh ich verstehe die Welt!“ fing er gleich darauf brennend -wieder an. „Ihr einziges Verlangen ist meins. Der -Schuster, wenn er einen Schuh gemacht hat, der Dichter, -wenn er einen Vers, der Gott selber, der eine Welt fertig -hat: sie Alle machen, so schäbig es werden mag, etwas, -in dem sie sind, und in dem sie doch nicht mehr sind. In -dem sie sich von außerhalb ansehn können und sich herrlich -finden. Man denkt, man will sich befreien, jawohl, -aber das will man ja nicht, man will nur ein Stück von -sich in der Hand haben, um hineinzubeißen oder es wegzuschmeißen -wie einen Stein. Man will sich gefangen -haben außerhalb, und sich erlöst fühlen von sich. Und das -ist die Erlösung der Welt! Das ist die Form. Die Welt -ist Chaos, wir können sie nicht begreifen und nicht durchdringen. -Aber drinnen sind wir, der Mensch, und wir -sollen es lichten, und ordnen, und sinnvoll machen. Bewußt -oder unbewußt, und ob Tat oder Werk: da stehn -sie als Form, und da ist das Chaos klar. Es ist drin in -der Form als der Stoff, und doch ist die Form es nicht -mehr, sondern sie schließt es aus, und verneint es, und vernichtet -es. Und also, Magda,“ schloß er heiser, „damit -du mich verstehst: dies ist die Aufgabe, für jeden und für -mich: die Verwandlung. Verwandlung des Chaos unaufhörlich -und unermüdlich in die Form.“ Er fing, da er -sie den Mund öffnen sah, gleich wieder an: „Und ich -kann es nicht, ich kann es nicht mehr, ich sage dir, daß ich -es nicht kann, denn ich kann die Verantwortung nicht auf -mich nehmen! Und es ist also keine Form mehr da!“ schrie er -wütend, „und wenn keine Form mehr reicht, ja was dann? -Und wenn kein andrer Stoff zu haben ist, alles ausgeformt -<a id="page-482" class="pagenum" title="482"></a> -ist, alles in dir, in deine Seele geformt, was dann? In -Stücke muß dann die Form wenigstens, in Stücke um -jeden und jeden Preis, damit wenigstens Ruhe in der Welt -ist, Ruhe!“ -</p> - -<p> -„Und der Selbstmord —“ Er war ganz heiser, aber -im Augenblick, wo er Magda die Lippen bewegen sah, -mußte er etwas sagen, und es fiel ihm immer etwas -Neues ein, „der Selbstmord, Jason, der sogenannte, was -ist das überhaupt? Du und ich, wir werdens ja wissen. -Das ist keine Buße und kein Loskauf, und das sind alles -bloß Ausdrücke! Und es hat mit dem Leben überhaupt -nichts zu tun! Es hat der Tod einzutreten, und das weiß -man, und das ist die Sachlage. Es ist nichts andres -mehr <em>da</em>! das ist es, und es sind keine Gründe und all -dergleichen, sondern man geht auf Pflaster, und da fängt -der Asphalt an, weil er da anfängt, weil die Obrigkeit das -so eingerichtet hat, und man ist des Pflasters nicht lebensüberdrüssig, -sondern man <em>geht</em> auf den Asphalt, weil er -da ist! Und man legt sich doch schlafen, wenn der Tag -aus ist, und man ist müde!“ -</p> - -<p> -Georg hustete sich aus und verstummte. Dann setzte -er sich wieder. -</p> - -<p> -Nun begann Jason mit aller Freundlichkeit: -</p> - -<p> -„Du sagtest eben Schlafen. Das hatte ich eigentlich -schon früher erwartet. Du wolltest schlafen. Nun — hast -du nicht? War es nicht eine Pause?“ -</p> - -<p> -Georg fühlte sich irgendwie umstrickt, wollte jedoch nicht -nachgeben und beharrte: es sei nun aber alles wie vorher. -</p> - -<p> -Das, meinte Jason, dürfte kein zwingender Einwand -sein. Im Gegenteil, es sei das Wesen der Pause, daß -<a id="page-483" class="pagenum" title="483"></a> -danach alles wie zuvor sei; sonst könnte sie kaum Pause -genannt werden, sondern Ende. -</p> - -<p> -Georg beharrte weiter: „Sie genügt mir nicht!“ -</p> - -<p> -„Freilich,“ versetzte Jason, „das ganze Leben genügt -kaum. Wenn die ewige Fermate kommt, war es immer -zu wenig, und man versucht die Ritardandos. Aber wir -wollen nicht mit Worten streiten.“ -</p> - -<p> -„Die Ritardandos wären auch wohl das Letzte, was -du mir nachweisen könntest, nicht wahr? Aber du hattest -ja ganz recht: es kommt vom Mitteilen. Nun hab ich -mich unter euch aufgeteilt, nun habt ihr jeder ein elend -kleines Stück, einer hat den Arm, einer ein Bein, und ich -fühle mich längst nicht mehr ganz.“ -</p> - -<p> -„Und das liegt daran, wie ich sagte,“ erwiderte ruhig -Jason, „daß du zu wenig Liebe hast.“ -</p> - -<p> -Georg fühlte sich in die Brust getroffen. Jason hatte -recht: die Andern hier waren gut, Jason selber, Magda, -der Hauptmann in seiner Stummheit, und dieser rundäugige -Kleine hier. Er selber aber, er war unheilbar ... -</p> - -<p> -Da warf er das Gesicht in die Hände, fühlte sich jämmerlicher -zerschnitten als jemals und wünschte sich den Tod. -</p> - -<p> -Dieweil hörte er Magdas Stimme, entfernt, die von -ihm sprach. Er wollte nichts hören, verstand nur hier -und da ein Wort, und es schien ihm, sie sagte, er habe -vielleicht bislang zu sehr sich selber und für sich allein gelebt, -zuviel an sich selbst gedacht statt an Andre, — und von -seiner Jugend sprach sie, und daß er viel zu lernen gehabt -habe. „Viel mehr Möglichkeiten“, hörte er sie sagen, „als -Andre, und deshalb mehr Schwierigkeiten ...“ Und zuletzt: -„Sollte nun nicht alldas den Sinn haben, daß du -<a id="page-484" class="pagenum" title="484"></a> -nun an die Grenze gelangt bist und — ausgelernt hast, -und nun, was du für dich gewonnen hast, für Andre -verwenden kannst?“ -</p> - -<p> -Georg fuhr verzweifelt wieder empor. „Aber Magda! -Das ist es ja doch! Warum verstehst du es denn nicht? Ich -möchte mich ja verwenden, ich will es ja so brennend, -aber ich habe doch nur diesen Weg, das Land, das Volk, -das Reich! Wie soll ich denn die Verantwortung für eine -Million übernehmen, wenn ich für mich selber ratlos bin? -Und wer sagt dir denn, daß ich ausgelernt habe, daß ich -gelernt habe überhaupt? Ich hab doch nur Schulden -machen gelernt! Ich kann ja nicht mal praktisch etwas! -Regieren ...“ Er stockte. Etwas, das er während der -letzten Jahre hundertmal empfunden und als eitle Eingebildetheit -unterdrückt hatte; was noch in den letzten -Wochen mitunter aufgezuckt und von ihm zerpreßt war; -jene dunkle Vorstellung im Gedanken an sein Regieren, -die sich schattenhaft hinter den Worten: Ich kann es ... -erhoben und im Schwinden vor seinem Druck ein dünnes -Lächeln der Selbstverachtung um seinen Mund gelegt -hatte: sie stand auf einmal in einer Weise ruhig und -unverhohlen da, daß er sekundenlange nichts tun konnte, -als sie ansehn. -</p> - -<p> -Du kannst es, wenn du willst, sagte sie ruhig. Du -fühlst dich dazu begabt und bestimmt, und wenn du das -im Tiefsten deines Wesens, wo du echt bist, nicht immer -gewußt hättest, nur als Geheimnis vor dir selber es wahrend, -so wärst du ja eine Kanaille gewesen. -</p> - -<p> -Die Erscheinung schwand langsam und ließ Georg in -Verwirrung Magda gegenüber, die sehr deutlich dasaß, -<a id="page-485" class="pagenum" title="485"></a> -zur Hälfte im Kerzenlicht, zur andern im Schatten, und -ihn ansah, so daß es schien, als ob eben sie die Worte der -Erscheinung gesprochen hätte. Da bemerkte er seine Verwirrung -und dachte: Sie macht mich ja nur wieder wirr, -und morgen bin ich allein ... -</p> - -<p> -„Rieferling!“ rief er plötzlich. „Nun sagen Sie etwas. -Sie sind ein schlichter Mensch. Ich verspreche Ihnen —“ -sich vorsetzend im Stuhl, die Hände an den Knäufen der -Lehnen, erleuchtet von der List, mit der er sie jetzt Alle -fangen würde; „ich verspreche Ihnen,“ wiederholte er fast -schmeichelnd, „wenn Sie das rechte Wort — nein, wenn -Sie nur ein Wort treffen, in dem ich die geringste Möglichkeit -für mich finden kann, so will ich ihr folgen.“ -</p> - -<p> -Vorgebeugt bleibend in seiner lauernden Haltung, schon -im Vortriumph, daß nun das gewünschte Ende für ihn -nahe war, glühte er mit beiden Augen den Menschen an, -der, die Hände fest um die Lehne des vor ihm stehenden -Stuhls pressend, die blickenden Augen in dem geprägten, -geordneten und stämmigen Gesicht auf ihn geheftet hielt. -Nach einer Weile sprach er einfach: „Hoheit sollten es -versuchen ...“ -</p> - -<p> -Ho — — heit ... tönte es echohaft in Georg nach. -Er setzte sich im Stuhl zurück. Ho — — heit ... Ein -sonderbares Wort. Ho — — heit ... sollten es versuchen ... -Das war wieder so ein Ausweg, so eine schwächliche -Halbheit! schlicht gedacht, üblich; praktisch nannte man -so etwas, praktisches Leben — das war der Ausdruck. -Möglichst wenig heroisch. -</p> - -<p> -„Es hat ja doch keinen Sinn mehr ...“ würgte er -endlich widerwillig hervor. „Ich kann ja auch nicht mehr! -<a id="page-486" class="pagenum" title="486"></a> -Ich habe gelitten, gut, darüber ist weiter nichts zu sagen. -Aber alldas — es muß doch ein Ergebnis tragen, eine Erkenntnis, -ein — kurz ein Ergebnis!“ -</p> - -<p> -„Das Ergebnis des Leidens“, sagte der Hauptmann, -seltsamerweise errötend, „ist wohl, durchlitten zu sein.“ -</p> - -<p> -Worauf er sich entschuldigte: das sei so ein Gedanke, -er wisse selbst nicht, wie ... er könnte nicht sagen, daß -er aus eigner Erfahrung ... -</p> - -<p> -Georg stand auf. „Du mußt todmüde sein, Magda, -komm, geh schlafen.“ Er sah in diesem Augenblick, wie -grau und zerfallen ihr Gesicht war. „Rieferling wird Li -alles zeigen. Wir können ja morgen weiterreden.“ Er -sah auf die Uhr und erschrak. Sie stand auf ein Viertel -nach sieben. „Was ist das?“ fragte er, „ist es jetzt wirklich -Viertel acht?“ Die Uhr ans Ohr haltend, merkte er, -daß sie ging, und der große Zeiger stand auch genau genommen -erst zwölf Minuten über Voll. Einen Augenblick -glaubte er, alles geträumt zu haben und vor derselben -Minute zu stehn wie am Abend zuvor. Dann -hörte er Jason sagen, es sei an vier Uhr in der Nacht -gewesen, als Georg aufgewacht sei. Magda erhob sich -und bewegte sich auf ihn zu mit vorgestreckten Händen. -Er ließ sie die seinen fassen und litt es, daß sie sie liebkoste -und an die Wange drückte, indem es ihm beschämend -und verkleinernd vorkam, sich streicheln zu -lassen, weil er sich nicht totgeschossen hatte, und er konnte -es nicht lassen, dieweil er sie in die Arme schloß, zu sagen: -„Nun gehts glücklich aus wie eine Sitzung im Bürgerverein. -Ihr Frauen seid nur froh, wenn ihr alles eingereiht -habt!“ -</p> - -<p> -<a id="page-487" class="pagenum" title="487"></a> -„Ist es denn, Georg?“ fragte sie, ängstlich zu lächeln -bemüht, „ist es denn wirklich?“ -</p> - -<p> -Er dachte hart: Wenn sie mich nicht sehen kann durch -meine Schuld, so habe ich ja wohl ein Recht, jetzt zu lügen! -und sagte mit müdem Ton: „Es scheint ja so. Du -—“ fuhr er zärtlicher fort, „warst ja immer bereit zur -Verantwortung.“ -</p> - -<p> -„Ja,“ sagte Jason, „sie hat mich vor Teichen und -Windmühlen bewahrt, und deshalb saßen wir hier Alle -zusammen. Gute Nacht, Georg!“ -</p> - -<p> -Er reichte ihm flüchtig die Hand und ging an ihm vorüber -zur Tür. Li hatte inzwischen einen besonders langen, -braungelben Mantel mit sehr breiten Ärmeln übergezogen -und einen steifen Hut aufgesetzt. Georg nahm ihm -Magdas Pelzmantel ab und hängte ihn um ihre Schultern, -worauf er sie zur Tür führte. Jason wartete dort -und nahm ihren Arm. Alle schienen es eilig zu haben, als -könnte er etwas zurücknehmen. Georg drückte dem Hauptmann -die Hand und sah sie alle Vier die Senkung hinabsteigen -in der Richtung zu Cornelias Haus. Dabei bemerkte -er, daß es neblig geworden war; die Nacht über -dem grauen Dunst war pechschwarz, die Luft nicht eben -winterlich, feucht, aber kalt genug, um Georg schaudern -zu lassen, während er die Gestalten in der Tiefe mählig -verschwinden sah. Plötzlich dann war alles leer. -</p> - -<p> -Hin und wieder zusammenschaudernd in der Kälte -lehnte Georg am Türpfosten. Was nun? — Er kam sich -zusammengeschrumpft vor und erbärmlich klein. In seinen -Schläfen pochte das Blut, nun stach es in seinen -Augen, die Müdheit war wieder da. Halb unbewußt -<a id="page-488" class="pagenum" title="488"></a> -wandte er sich zur offenen Tür zurück, sah eine Weile dem -Brennen der fernen Kerze zu, sah die Schatten der Stühle -sich leise anheben, und plötzlich wurden sie alle beweglich, ein -Luftzug strich an ihm vorüber, ein warmer Hauch von -drinnen. Im Aufflackern der Kerzenflamme sah er einen -Gegenstand auf dem runden Tisch Schatten werfen, seine -Pistole. -</p> - -<p> -Da lag sie! Es zuckte schon in seiner Hand, als ihm -einfiel, wie sonderbar das sei, daß weder Jason noch der -Hauptmann sie an sich genommen hatte. Das tat man -doch! Als ob sie sich verabredet hätten! — Ach, das ist -elend, dachte Georg, mit diesem Vertrauensbeweis wollten -sie mir nun die Hände binden! -</p> - -<p> -Und wenn sie sie mitgenommen hätten, fiel ihm hinwider -ein, was dann? -</p> - -<p> -Ihm schauderte heftiger in der Kälte, ohne doch drinnen -eintreten zu können, denn dann, dachte er, nimmt mich -das Alte wieder auf, und ich bin im Geleise. — Er war -allein; Nacht und Nebel —, das war geblieben. — Aber -die See! zuckte es durch ihn hin. Wenn ich sie nehme statt -der Pistole, so verstehen sie alles und erkennen den Ernst. -</p> - -<p> -Georg schloß gedankenlos die Zimmertür, drehte sich -langsam und ging, stolpernd im höckrigen Grasboden, -Schläfen und Augenwinkel zerstochen von Erschöpftheit, -nach der Stelle am Deichrand, wo die Treppe nach unten -begann. -</p> - -<p> -Der Nebel war hier außen etwas dichter; die Sichtbarkeit -des Sandbodens unten zeigte, daß Ebbe war. Richtig, -als er am Abend hier gestanden hatte, war die Flut -noch im Steigen gewesen. -</p> - -<p> -<a id="page-489" class="pagenum" title="489"></a> -Stufe um Stufe trat Georg nach unten. — Ein Freund -kalten Seewassers bin ich nie gewesen, dachte er verächtlich, -aber — das wird sich ja wohl noch überwinden lassen. -Wenn es nur nicht so weit wäre bis in die Tiefe ... -</p> - -<p> -Er ging in den Nebel hinein. Das Ebbewasser pflegte -hier weit zurückzuweichen, da noch die versunkenen Inseln -vor Hallig Hooge lagen. -</p> - -<p> -Georg hatte die Lider über die Augen fallen lassen, gehend, -weil er im Gehen war, in einer leeren Unschlüssigkeit, -die ihn peinigte. Als er die Lider wieder hob, sagte -es in ihm: Da! — — Da war es ... -</p> - -<p> -Im Nebel, gerade vor ihm, stand eine ferne Gestalt, -nicht mehr als ein Schatten. Georg selber stand wie sein -Herz. Das jagte im nächsten Augenblick Wellen und -Sprünge unzähliger wütender Schläge bis gegen seinen -Hals hinauf. Ihn grauste. -</p> - -<p> -Dann ermannte er sich. Schwerfällig und langsam -formten sich Vorstellungen in ihm. Jason ... Rieferling -... -</p> - -<p> -Wenn es aber einer von ihnen wäre, so würde er doch -kommen ... Er wartete ... Plötzlich hatte er mit großer -Erleichterung das gewisse Gefühl, daß der dort ihm den -Rücken zuwandte und von ihm nichts wußte; es war der -Hauptmann. Er wollte ihn rufen, aber das gelang ihm -nicht. Nur räuspern konnte er sich und tat es, so laut er -vermochte. -</p> - -<p> -Der Schatten bewegte sich nicht, und nun war Georg -doch nicht mehr sicher, daß er von ihm abgewandt stand. -So versuchte er jetzt, sich auf den Namen zu besinnen, -jenen Namen, — allein während das Grauen wieder in -<a id="page-490" class="pagenum" title="490"></a> -ihm stieg, merkte er, daß jenes Wort nicht zu finden war. -Es lag auf seiner Zunge, Georg stieß ... Al— Albert ... -Aldebaran ... Baldamus ... Nein M! ein M wars. -Ma— — Magus ... -</p> - -<p> -In diesem Augenblick schien der Schatten zu schwinden, -und Georg flüsterte Atem schöpfend: Eine Sinnestäuschung! -— worauf er sich einen Stoß gab und vorwärts -ging. Mut zeiget auch ... flüsterte es in ihm, Mut zeiget -auch ... -</p> - -<p> -Aber mit einem maßlosen Entsetzen mußte er plötzlich -merken, daß er nicht gradeaus ging, nicht konnte, daß -seine Füße — er drückte mit aller Gewalt —, nein, die -Füße wollten nicht dorthin, wo der Schatten gewesen -war, sie sträubten sich wie Tiere, es war fast, als ob sie -knurrten und sich gegenstemmten, und Georg überließ sich -ihnen in hängender Schlaffheit, so daß sie ihn in einer gebogenen -Linie nach rechts davonführten, und — — da -war der Schatten wieder, bewegte sich, glitt, auf derselben -Höhe mit ihm. -</p> - -<p> -Georg wußte, wenn er jetzt nur den Namen hatte, -wenn er ihn rief, brüllte, so war alles verschwunden. -Aber er konnte nicht, er ging, und plötzlich war der Schatten -weg. -</p> - -<p> -Unter dem Nebel, fünf Schritte vor Georg, glänzte es. -Etwas Blinkendes lag dort, ein Krokodil, — das Wasser. -Dennoch spürte Georg für eine Sekunde eine Erleichterung. -Er wußte nun, worauf es ankam, und wo er war. Er -mußte wieder nach rechts hinüber. Ich will laufen, -dachte er, setzte auch dazu an, aber seine Beine waren -schwer wie Säcke voll Sand. Nun redete er sich Mut zu. -<a id="page-491" class="pagenum" title="491"></a> -Das ist ja alles Unsinn! Es ist ja nichts da! Du bist -übermüdet, du hast Einbildungen! und er ging derweil -mit zusammengebissenen Zähnen, den Kopf gesenkt, die -Augen halb geschlossen, hin und wieder strauchelnd, nur -mehr sich nach rechts haltend, längst in der Gewißheit, -daß die Gestalt jetzt hinter ihm herkam. Nun würde sie -sich weiter und weiter vorschieben, bis sie auf seiner Höhe, -zwischen ihm und dem Deich war. Oh dieser verruchte -Nebel! Er sah nach oben. Einen Stern! nur einen einzigen -Stern! -</p> - -<p> -Georg blieb stehn. Fast war er bereit, sich auszuliefern. -Er fühlte, daß unter seinem Stirnhaar sich Tropfen lösten -und kalt über sein Gesicht rannen. Er hatte zu nichts -mehr Kraft. Wie lange Zeit so verging, wußte er nicht. -Endlich drehte er langsam den Kopf, langsam schließlich -den Rumpf. Da war die Gestalt, stehend wie er selber. -</p> - -<p> -Georg ging wieder; er ging und summte dazu im Takt -seiner Füße. Dann zählte er: Eins — zwei — drei — vier -— fünf — sechs ... Irgendwo in einer unsichtbaren Ferne -war ein erleuchtetes Fenster, und er sah das Haus, die -Umrisse in der Nacht, und rechts davon, drei Schritte -weit von ihm selber den Abhang des Deiches, wo er ein -Ende nahm. Er glaubte, alldas wirklich zu sehn, aber -als er es ins Auge faßte, war da nur Nebel. -</p> - -<p> -Auf einmal — er tat, als geschehe es unabsichtlich — -blickte er nach rechts und bemerkte den Schatten dort -etwas hinter sich, der ihm nachging. -</p> - -<p> -Georg schritt aus, so gut er konnte. Er ging ja nach -rechts, gleich mußte der Deich kommen, bald auch die -Lücke, und er rechnete: sieben Minuten konnten es im -<a id="page-492" class="pagenum" title="492"></a> -ganzen sein, ein gutes Stück hatte er schon hinter sich -und — -</p> - -<p> -Was war das? Es glänzte grade vor ihm. Das -Wasser! Wo kam das Wasser her? War er doch daraufzu -gegangen? Oder — nein, hier war eine Buchtung, das -Wasser schnitt tiefer in den Strand ein, — merkwürdig! -fiel ihm ein, wo sind denn die Buhnen geblieben? Ah, -versandet! besann er sich und machte sich klar, daß er nun -rechtshin am Wasser einhergehn müsse, — worauf er sich -drehte, schon spürend, daß seine Füße einsanken, im aufgeweichten -Sandboden strauchelte und nun die Gestalt -grade vor sich entdeckte, allerdings entfernt. -</p> - -<p> -Der Kopf fiel ihm vornüber. Aber jetzt, wie er in dem -weicheren Sand dahinging, sich am Wasser haltend, so -dicht er konnte, fing er an, sich zu sammeln. Haha! dachte -er, die Gewohnheit, da ist sie ja wieder! Ich habe mich -daran gewöhnt! — Und er konnte sich nun wieder besinnen, -ihm fiel allerlei ein, eine blaue Jacke erschien sehr -schön, der Chinese, die Kerze vor den Schubläden mit -glänzenden Messingknöpfen, daneben, mit Schatten gefüllt, -die Nische, dann der Park von Helenenruh, sommerlich, -grün ... und nun bemerkte er, daß die Nässe -und das Wasser zu seiner Linken waren. Er ging weiter -nach rechts, seine Eile verhaltend in der Vorstellung, -wenn er liefe, würde die Gestalt auf ihn stürzen. Da! da -war sie ja, fast auf gleicher Höhe mit ihm, sie war näher, -sie wollte ihn gegen die See drängen, er mußte sie mit -aller Gewalt wegdenken, denn das Grausen rieselte von -ihr aus, und er ging, die linke Hand auf der Stelle seines -Anzugs, wo er die Uhr fühlen konnte, die sich nicht lesen -<a id="page-493" class="pagenum" title="493"></a> -ließ in dem Dunkel. Wo blieb denn die Lücke im Deich? -Sieben Minuten mußten lange vorüber sein ... -</p> - -<p> -Da blieb er stehn. Seine Kraft war dahin. Das heißt, -dachte er, die Kraft mich verfolgen zu lassen. Nun wollen -wir aber sehn! -</p> - -<p> -Er saugte sich künstlich voll Wut. Es dauerte noch eine -Weile, bis er die Lähmung in seinen Fingern überwunden -und die kraftlosen nach innen gekrümmt hatte. Die Fäuste -schienen ihm aber so locker, daß er die Finger immer tiefer -nach innen preßte, bis er plötzlich mit einem über Erwarten -heftigen Schmerz die Nägel im Fleisch fühlte. -Dann riß er die Augen weit auf. Es flimmerte, aber da -stand die Gestalt. Er setzte zum Gehen an, senkte den -Kopf tief gegen die Brust, setzte abermal an, hörte ein -Röcheln und ging auf sie zu. -</p> - -<p> -Alles an ihm raste vor ungeheurer Angst, und doch -blieb ein Rest, der Rest, der ihm sagte, daß noch Kraft in -ihm war, zu gehn, darauflos zu gehn, der ihn vor dem -Zusammenbruch bewahrte. Dies dauerte endlos. Als er -den Kopf hob, war die Gestalt so nah, daß er fast aufgeschrieen -hätte, aber da sah er hinter ihr eine dunkle Wand, -den Deich, und dann: daß die Gestalt sein Vater war. -</p> - -<p> -Er machte noch ein paar Schritte, schluchzte, fühlte, -wie er am ganzen Leibe erlosch, und während über ihm -die Stimme seines Vaters begütigend sagte: Es ist genug, -Georg! legte er sich, in staunender Erleichterung hinsterbend, -nieder vor seine Füße. -</p> - -<div class="chapter"> - -<h3 class="chapter" id="subchap-0-2-7"> -<a id="page-494" class="pagenum" title="494"></a> -Siebentes Kapitel: Februar -</h3> - -</div> - -<h4 class="section"> -Bogner an Georg -</h4> - -<p class="date"> -Böhne, am 6. II. -</p> - -<p class="adr"> -Mein Lieber! -</p> - -<p class="noindent"> -Da ich höre, daß Du noch auf Deiner Insel bist, möchte -ich Dich für den Fall Deiner — hoffentlich mit dem Frühjahr -erfolgenden — Abreise bitten, nicht an mir vorüberzugehn. -Ich bin nämlich dahier geblieben. Es kam so, -daß ich während der zwei Stunden, die ich auf den Anschlußzug -zu warten hatte, einen Spaziergang über die -schönen alten Stadtwälle machte und im Nordwesten — -in der Richtung auf Helenenruh — unweit im Wiesengelände -ein Gebäude liegen sah, dessen runde, flachgedeckte -Gestalt — wie ein Panorama — mich anzog. Es war die -Reitbahn eines Tattersalls, dessen Unternehmer, ein ehemaliger -Offizier, kürzlich mit Spielschulden flüchtig wurde; -die Pferde sind verkauft, der Tattersall — mit der Reitbahn -hängt ein hübsches kleines Haus zusammen — war verkäuflich. -Mein guter Stern wollte, daß ich die Tante des -Unternehmers, eine angenehme alte Dame, verwaist und -betrübt zurückgeblieben fand, — und so habe ich denn das -Ganze, Haus, Atelier und Wirtschafterin erworben. Die -Reitbahn hat gutes Oberlicht, und in mir war das Fieber -der Arbeit, so daß ich glücklich war, nicht erst weiter zu -müssen. Leinwand und alles sonst Nötige gab es im Ort -zu kaufen, ich ließ mir dann meine Habe aus Altenrepen -kommen, und kurz: seit ich anfing zu arbeiten, habe ich -noch keinen Augenblick aufgehört; hatte, wie es scheint, den -<a id="page-495" class="pagenum" title="495"></a> -Vesuv in der Brust und stehe nun verschüttet vom Ausbruch. -Du kannst dann einiges sehn, wenn Du kommst. -Mir ist wohl. Ich wünsche Dir das gleiche, mein Lieber, -und bin Dein guter Freund -</p> - -<p class="sign"> -Bogner -</p> - -<h4 class="section"> -Magda an Georg -</h4> - -<p class="date"> -am 15. Februar -</p> - -<p class="noindent"> -Georg, oh mein Georg! Ich habe sie wieder! Lieber -Georg, denke doch nur, wir haben sie! Renate, sie lebt, -ach sie ist freilich krank nun, sehr krank, der Arzt will mir -nicht sagen, was es ist, aber das Leben, sagt er, sei nicht -gefährdet. Sie liegt in Fieber, schon Tage, schreit und — -ach nein, wozu davon reden, es ist ja Hoffnung! Georg, -es werden viele Fehler in diesem Brief sein, ich treffe ja -kaum die Tasten überhaupt, wie sollt ich die richtigen -treffen? -</p> - -<p> -Ja, und weißt Du denn, wem wir dies zu verdanken -haben? Denke bloß! Jason! Er ist selber ganz ratlos -vor Verwunderung und schüttelt den Kopf beinah wie -damals, als er das Schütteln hatte. Daß er, Jason, etwas -tun konnte, etwas Richtiges tun, — das wäre ein -völliger Umsturz, sagte er, und er könnte nur Gott danken, -daß er keine Weltanschauung gehabt hätte, denn was -wäre aus der sonst geworden? Aber nun höre, wie es -gekommen ist! Es war ja so einfach, es war, sagt Jason, -sogar noch einfacher als das Kolumbusei. -</p> - -<p> -Jason kam, um Adieu zu sagen. Irene hat ihn nämlich -gebeten, sie in Dresden zu treffen, es scheint ihr nicht -gut zu gehn, Jason machte ein paar Andeutungen, sie -<a id="page-496" class="pagenum" title="496"></a> -schrieb ja auch kein Wort die ganze Zeit, und das Kloster -scheint sie also wieder verlassen zu wollen. — Nun wollte -er versuchen, Renate noch einmal zu sehn, und da ich -dachte, daß sie <em>seinen</em> Anblick vielleicht ertragen könnte, -so ging ich mit ihm hinauf, sie war eben in ihrem Zimmer. -Er trat allein ein und ließ die Tür offen, aber gleich gab -es drinnen einen Aufschrei, und sie floh so schnell an mir -vorüber, daß ich mich wunderte, wo sie gleich hergekommen -war, aber Jason sagte, sie hätte dicht an der Tür -gesessen, und das ist ja nun ein glücklicher Zufall gewesen, -nämlich daß sie nach draußen und nicht ins Schlafzimmer -gelaufen war, wie Du gleich sehn wirst. Jason sah sich -nämlich im Zimmer um und fragte sofort: Wo ist denn -der Ech-en-Aton? Ist er nicht da? frage ich; dann hat -sie ihn wohl weggestellt. Aber warum denn? fragt er -wieder und hat sich gleich etwas gedacht, während ich gar -nichts ahnte, aber so ist Jason. Er fing nun an im Zimmer -zu suchen, ich mußte ihm auch den Schlüssel zum -Schreibtisch geben, den ich selber abgezogen hatte seinerzeit, -aber der Kopf war nicht zu finden. Wir klingelten -nach Franziska, aber sie wußte nichts zu sagen. Jason -ließ sich nicht irremachen, behauptete steif und fest, sie -müßte ihn versteckt haben, und suchte im Schlafzimmer, -und nun — dort hat er ihn denn wirklich gefunden, ganz -unten im Wäscheschrank, unter einem Stoß Kissenbezüge, -die „so eigentümlich dagelegen hätten“, wie er sagte. -</p> - -<p> -Ja, und als er ihn dann hatte, wußte er sich im Grunde -auch keines Rats mehr; nur daß es irgendeine Bewandtnis -mit dem Kopf haben müsse, das könne er ihm überall -abfühlen, erklärte er und meinte schließlich, das Richtige -<a id="page-497" class="pagenum" title="497"></a> -würde zweifellos sein, ihn wieder auf sein Postament -zu stellen, und das tat er. -</p> - -<p> -Wir haben dann hinter dem Vorhang der Schlafzimmertür -auf Renates Wiederkehr gewartet, und kaum war -sie eingetreten, so höre ich einen lauten Aufschrei und dann -einen Fall. Als wir hinzukamen, war sie bewußtlos, sie -ist aber bald wieder zu sich gekommen und hat mich erkannt, -auch ein paar Worte mit mir gesprochen, ganz -klar, obschon sie nicht wußte, was mit ihr geschehen war. -Dann schlief sie ein, und dann kam leider das Fieber. -</p> - -<p> -Jason sagt: Weißt du was? Sie hat sich vor ihm gefürchtet -und hat ihn versteckt, und dann hat sie sich gefürchtet, -er könnte doch irgendwo sein, und die Gesichter -von uns für seines gehalten. — Jason ist immer genügsam, -also war ers auch mit dieser Erklärung, und wir -Alle müssen uns zufriedengeben, bis wir vielleicht einmal -mehr erfahren. Ach, mir genügts ja auch, ich hab ja genug -an meiner Glückseligkeit, und je weniger ich weiß, um -so mehr kann ich an ein Wunder glauben, und ist es nicht -jedenfalls über alle Vernunft wunderbar? Wüßtest Du -nur recht, wie sehr es mich auch wieder für Dich tröstet! -Mein Glaube an Dein Heil ist noch einmal so stark geworden! -</p> - -<p> -Sieh, mein Georg, es war ja so ganz ein Wunder, wie -wir in der Nacht zu Dir kamen, und wie Du da saßest -und schliefest! Schliefest, Georg, so tief, so schwer, — -glaubst Du, daß ich es nicht gesehen habe an Deinen Atemzügen? -mit der Waffe in der Hand, anstatt tot zu sein! -Wenn Du das an einem Andern erlebt hättest wie ich an -Dir — all die vielen Worte nachher hättest Du nicht mehr -<a id="page-498" class="pagenum" title="498"></a> -gesprochen, sondern wie ich gewußt, daß hier ein Ende -war und keine Pause! Und war das kein Wunder, daß -Dir der Schlaf geschenkt wurde in dem Augenblick, wo -Du Dir das Leben nehmen wolltest? Den Tod nehmen, -wollte ich sagen, der Ausdruck führte mich irre. Das sah -ich so deutlich wie mit beiden Augen: wie Du in Deiner -Müdigkeit die Hand des Todes zu fassen meintest, und -wie statt seiner der Bruder sich dazwischenschob und Dir -lächelnd seine Hand hinhielt. Und ich habe lange Zeit -ganz allein im Zimmer gesessen und mich nicht gesorgt -um Dein Erwachen, und erst nach Stunden, wie immer -wieder die Andern kamen, um zu sehn, ob Du wach seist, -und was Du dann tun würdest, da wurde ich freilich ängstlich -durch sie und bat sie zu bleiben. -</p> - -<p> -Ich hatte, als ich da in Deiner Nähe saß und Dich atmen -hörte, immer ein sehr trauriges Bild vor Augen, und -ich will Dir davon sagen. Nämlich damals, an Deinem -letzten Geburtstag, als mir das in dem Tempel geschehen -war, versuchte ich zu gehn, weil ich gehört hatte, daß Du -in das Wasser stürztest, aber ich glitt auf den Stufen aus -und habe dann dort gesessen und nicht gewußt, was nun -kommen würde. Nach langer Zeit hörte ich dann Schritte -und daß jemand bei mir stand und leise jammerte und -fragte, was mir wäre. Das war jene Frau, Georg, ich -weiß nicht, wie sie heißt, sie kauerte sich dann zu mir, zitterte -und schluchzte, — ihr Gesicht war überschwemmt -von Tränen, ach, und sie roch so nach Wein, ich dachte -fast, es wäre Wein, wovon ihr Gesicht so naß war. -</p> - -<p> -Das war meine dunkelste Stunde, Georg, ich dachte -immer, ich müßte es Dir einmal sagen. Ich war nicht -<a id="page-499" class="pagenum" title="499"></a> -gut darin, ich habe die Andre mehr als einmal von mir -gestoßen, bevor ich sie ertrug. Ich weiß nicht, warum -gerade dieser Augenblick in meinen Gedanken war, als -Du saßest und schliefst; es ist ja auch gleich, und nun habe -ich es gesagt. -</p> - -<p> -Ein Wunder, heißt es, würde mit den Gesetzen der Natur -in Widerspruch stehn, das wäre sein Wesen und eben -deshalb könne es nicht geschehn. Und das Wunderbare, -Georg, steht es nicht mit den Gesetzen der Vernunft im -tiefsten Widerspruch, wenn auch nicht mit der Natur, -und wäre es wunderbar, wenn es sich gleich einfügen -wollte? wenn es nicht selber sein Gesetz gäbe und uns -nötigte, uns ihm zu fügen? -</p> - -<p> -Nun lebe wohl, lieber Georg, ich hoffe, recht bald, eine -gute Nachricht von Dir in Händen zu haben, und küsse -Dich als Deine alte -</p> - -<p class="sign"> -Anna -</p> - -<h4 class="section"> -Georg an Magda -</h4> - -<p class="date"> -Hallig Hooge, am 20. II. -</p> - -<p class="adr"> -Anna! -</p> - -<p class="noindent"> -Du hast sie wieder! Ja, welch ein Glück für Dich und -für sie, das mitzuempfinden ich mich nach Kräften bemühe. -Zwar habe ich keine Ahnung, was für ein „Elch-in-Atomen“ -das sein mag, der in Deinem Brief umgeht -und auch die arme Renate so entsetzte, aber was liegt -daran? Ich hoffe vor allem, daß auch die Krankheit, von -der Du schreibst, sich als so ungefährlich erweise, wie der -Arzt versprach, und dazu, daß der erweckerische Jason so -<a id="page-500" class="pagenum" title="500"></a> -gut das Richtige getroffen habe, wie jener Christus mit -dem Lazarus. -</p> - -<p> -Was Du mir von Dir geschrieben hast, nahm ich in -mein Herz auf. Danken kann ich Dir nicht dafür, aber -ich kann Dir nun etwas von mir schreiben — nichts aus -neuer Zeit! —, das mir lange Zeit für zu heilig galt, um -es selber mit Dir teilen zu können, — allein wer weiß? es -giebt mehr solche Dinge, die man in Heiligkeit hüllt — -als Vorwand, um sie für sich allein zu behalten. -</p> - -<p> -In jener Nacht, als Du schlafen gegangen warst, beruhigt, -wie ich nun wohl glauben darf, durch andres als -durch meine Versicherung, daß „alles eingereiht“ sei, -denn sie war mir leider nicht Ernst, — in jener Nacht war -ich noch jenseit des Deiches, an der See. Was ich dort -wollte, kannst Du Dir denken. Auch dieses Mal wurde -ich verhindert. Von wem? Von meinem Vater. -</p> - -<p> -Es hat überlange gedauert, bis ich ihn erkannte, und -was er gewollt hat, wurde mir erst manchen Tag später -klar. Ich hielt ihn für den Dränger, für jenes Gespenst, -das hier umgehn soll und die Menschen in die See drängen, -und grausige Minuten lang glaubte ich mich von -ihm verfolgt. Am Ende ging ich doch auf ihn zu, mit -meiner äußersten Kraft, und als ich dann sah, <em>wer</em> es -war, der vor mir stand, und seine Stimme vernahm: Es -ist genug! — da, Magda, da erst bin ich gestorben. -</p> - -<p> -Ich erinnerte mich später deutlich, vor langer Zeit einmal -geträumt zu haben, ich stürbe. Es war ein weiches -Stürzen ins Bodenlose, aber während alles an mir sich -auflöste und ich, noch in tausend Ängsten, wußte, daß -ich starb, überwehte mich schon eine linde Verwunderung, -<a id="page-501" class="pagenum" title="501"></a> -mit der ich dachte: so leicht ist es? — Und nicht anders -war es jetzt, als ich zu seinen Füßen erlosch. -</p> - -<p> -Als ich wieder zu mir kam — das kann ich Dir noch -sagen —, sah ich, daß ich im ganzen keine zweihundert -Meter weit bei meiner Flucht gekommen war, denn ich -hatte von der Treppe aus noch nicht die nächste Buhne -erreicht. Es gab noch viel Seltsames, von dem ich schreiben -könnte — wie ich mich auf den Namen Waldemar -Montanus besinnen wollte und es um keinen Preis konnte, -(mir fiel später die Geschichte vom Bruder Ali Babas -ein, in der ich als Junge nie begriff, wie er das einfache -Wort Sesam vergessen konnte) — aber wir wollen dies -gut sein lassen; nur eins wollte ich Dir noch sagen, was -mir erst Tage später deutlich ward. -</p> - -<p> -Wo nämlich hätte der Dränger erscheinen müssen, -Anna, wenn er einen Menschen in die See drängen wollte? -Doch wohl in der Nähe des Deiches, nicht wahr? Dieser -aber, der mir erschien, stand am Wasser, auf das ich zuging, -und er erwartete mich; um mich nicht hineinzulassen! -Es ergreift mich heute nichts mehr so, wie das, daß ich, -als ich zum Wasser ging, nicht einmal wußte, ob ich wirklich -hineingehn würde, — er aber besorgt war auf alle -Fälle und mir den Weg verlegte. Dann folgte er mir, -und ich floh, und da merkte er wohl, daß ich durchaus -nicht ins Wasser ging, sondern daran her, und nun wollte -er sich zu erkennen geben und verstellte mir die Richtung -zum Deich. Ach, nun ist alles begreiflich und klar, und -nur dies, daß ich, der noch Stunden zuvor entschlossen -zum Tode war, nicht mehr daran dachte, nein, mit keinem -fernsten Gedanken mehr daran dachte, als ich in die See -<a id="page-502" class="pagenum" title="502"></a> -getrieben zu werden glaubte, — das erscheint mir noch -einigermaßen sonderbar, obwohl die Sache vermutlich so -liegen wird, daß ich mich freilich nicht vor der See fürchtete, -sondern — vor dem Grauen, und daß dieses alles -mir verkehrte, — als worin wiederum eine kleine Erkenntnis -enthalten ist, indem ich mich früher stets gewundert -habe, wenn ich las oder hörte, daß bei einer Feuersbrunst -jemand aus Angst durch das Fenster gesprungen -sei, aus Furcht vor dem Tod in den Tod, denn auch solch -einer springt nicht aus Todesfurcht, sondern bloß aus -Grauen, das ihn verkehrte und Wege sehn ließ, wo keine -waren. -</p> - -<p> -Siehst Du wohl die feine Klugheit, die rechteckigen -Gedanken in dem Vorstehenden, kleine Anna, siehst Du -sie gut und bist höchlich zufrieden und denkst: er ist gänzlich -der Alte? -</p> - -<p> -Im Übrigen ist zu sagen, daß ich bereits an mancherlei -wieder Gewöhnung gefunden habe, zum Beispiel an -gebackener Flunder. Ferner begann ich zu arbeiten, habe -mir staatswissenschaftliche Bücher kommen lassen, auch -Geschichte (Notabene, wie steht es mit der amerikanischen -von Saint-Georges? erscheint sie oder nicht?), ich lese -mit dem Hauptmann französisch den kunstvollsten und -dürrsten Roman der Welt, Flauberts Education sentimentale; -und arbeite am Abend mit ihm den Zweifrontenkrieg -aus, denn er ist eine strategische Leuchte und giebt -an, es daure nicht <em>so</em> lange, bis Rußland und Frankreich -und vielleicht noch sieben Völker über uns herfallen (im -Ernst, Anna, es giebt sonst vernünftige Menschen, die -sowas glauben!). Schließlich versuche ich, die Schriften, -<a id="page-503" class="pagenum" title="503"></a> -die mir täglich von Birnbaum vorgelegt werden, nicht -nur zu unterzeichnen, sondern auch zu lesen und, was mehr, -zu verstehn. Kurzum: ich bin am Leben. -</p> - -<p> -Siehst Du, Anna, Du bist zufrieden mit so etwas! -Ein Kind wird geboren, und wenn es nur lebt, ist die -Mutter schon froh, gleichviel zu welcher Alraune an Häßlichkeit -und Bosheit es sich auswachsen mag. Ach, ihr -Mütter, ihr Mütter! Wege finden sich immer, meint ihr, -und: kommt Zeit kommt Rat, wie all die Sprüche heißen, -aber: wenn nun bloß <em>ein</em> Weg ist? -</p> - -<p> -Du weißt den Weg, Anna, und — ich kann ihn nicht -gehn. Und dies ist das Elend, daß, wenn ich denke, ich -kann es vielleicht doch, ich es schon aus Gewohnheit denke -und nicht aus Willen, und es einmal aus Gewohnheit tun -werde und nicht aus Kraft. -</p> - -<p> -Siehe den Fluch der Gewohnheit: Du schreibst von -Wundern, vom Wunderbaren immerhin, und selbst dieses, -wie sehr bildete es sich in Dir, wie sehr warst Du selber -der Wundertäter! Ich, Anna, ich sah das Wunder leibhaft, -mit meinen Augen, sah meinen toten Vater wiederkehren -um meinethalb, und schon als ich hinterdrein -erwachte, riet mir eine sogenannte Stimme, es nicht -anzuerkennen. Ich erkenne es an, ich halte daran fest, -aber — es ist so: es muß uns immer alles wahrscheinlich -sein und berechenbar. Wir versagen, so wie wir nicht -mehr messen können. Wir sind die vollkommenen Narren, -als welche das Wunder immer ersehnen, und in der Not -ihrer Sehnsucht das Wunder selbst zum Maß aller Dinge -machen und sie gewöhnlich, alltäglich und minder heißen. -Und kommt das Wunder mit seinem eigenen Maß, wie Du -<a id="page-504" class="pagenum" title="504"></a> -sagst, so sehen wir uns zu nichts genötigt, als in möglichster -Hurtigkeit ein andres Maß zu ergreifen, und so ertappen -wir jetzt das Gewöhnliche, das Natürliche. Nun ging -längst alles wieder in mich ein, und ich glaube zu fühlen, -wie die Erscheinung des Toten, aus meiner Todesnot -entsprungen, meiner eigenen Brust entstiegen vor mich -hintrat. Wie sollte da mein Einschlafen mit der Pistole -mir genügen, das mir freilich ein Zeichen hätte sein sollen, -daß mir der Tod nicht bestimmt war? Noch glaube ich, -Anna, an das erste Wunder, aber schon arbeitet dieses -zweite an seiner Wurzel, es umzuhacken, und mit Stricken -von oben am himmlischen Wipfel zerrt die uralte Riesin: -Gewohnheit ... -</p> - -<p> -Ach, und warum dies alles? Es liegt am Blut. Es -war immer kalt, oder es ist nun so kalt geworden, daß -es nicht wieder erwarmen kann. Mir scheint, es ist Februar. -Das ist der schlimmste Monat, der, wo alles -schon möchte, und wo alles noch eingefroren ist. Umsonst, -kleine Sonnenseele, umsonst! -</p> - -<p> -Genug! Du hast Deinen Willen: ich lebe. Gebe Dir -Gott dazu, daß ich Dir einmal so dankbar dafür sein -kann, wie Du es — nach üblicher Rechnung — verdienst. -Wie immer Dein -</p> - -<p class="sign"> -Georg -</p> - -<div class="chapter"> - -<h3 class="chapter" id="subchap-0-2-8"> -<a id="page-505" class="pagenum" title="505"></a> -Achtes Kapitel: März -</h3> - -</div> - -<h4 class="section"> -Aus Renates Gedächtnisbuch -</h4> - -<p class="date"> -Anfang März -</p> - -<div class="poem-container"> - <div class="poem"> - <div class="stanza"> - <p class="verse">Geliebter Himmel, blasser,</p> - <p class="verse">Von Abendglut gebräunt,</p> - <p class="verse">Liebling der blanken Wasser</p> - <p class="verse">Und Seelenfreund —</p> - </div> - <div class="stanza"> - <p class="verse">Ich sitze dir zu Füßen,</p> - <p class="verse">Aus Krankheit wieder erwacht.</p> - <p class="verse">Genesung zu versüßen,</p> - <p class="verse">Dein ist sie, ach brauch deine Macht!</p> - </div> - </div> -</div> - -<p class="noindent"> -Nun, gleich Verse? Nein, dieser Anlauf schoß wohl doch -übers Ziel hinaus, und da sitz ich freilich schon fest. Ach, und -nun seh ich erst, was ich da richtig in der Hand halte! Einen -Bleistift, einen ganz schönen, ganz langen und ganz gelben -Bleistift, gelb wie eine Primel, nein, was bist du schön! du -siehst ja wie ein Prinz aus! Laß mal zählen: Eins, zwei, drei, -vier — sechs Ecken und sechs Kanten, ich kann sie von den -Fingerspitzen bis ins Handgelenk fühlen, wenn ich schreibe, -und es laufen nur ganz lange schlanke Buchstaben aus einem -so schlanken Gegenstand. Lieber Himmel, ein Bleistift — -und macht glücklich. Ich halte einen Bleistift! Den Satz -könnt ich hundertmal abschreiben wie eine Strafarbeit, aber -das sollte keine Strafe sein, und beim hundertsten Mal -würd ich noch nicht wissen, was er richtig bedeutet. -</p> - -<p> -Still! Ganz langsam! Schreib was andres! Schreib: -Das — Leben — ist — süß. Punkt. So. Ach, warum -muß ich nun weinen? -</p> - -<p class="date"> -<a id="page-506" class="pagenum" title="506"></a> -an einem andern Tage -</p> - -<p class="noindent"> -Nachmittags aufwachen im Sofa, so leicht nun, gleich -so klar, und im Fenster ein Holdes sehn, unbekannt was, -alles so hell, kühl, und es summt nur noch immer im -Kopf, und Geräusche sind so fern! Ach, das ist ja das süße -Leben, immer wieder, immer wieder! — Dann aufstehn, geheim, -als wärs noch verboten, die Beine sind freilich schwer, -aber — sich langsam aufrichten, und nun dastehn, es zittert -in den Knieen, aber man steht, und nun — sich langsam um -den Tisch herumschieben, ach, und schon ist die ganze Welt -verwandelt, es schwindelt, weil man nur steht. Horch, wie -still es ist! In einem fremden Haus tief unten geht eine -Tür. Das ist schön, wie die Tür geht. Und immer steht -man, zum Fenster gewandt, die Hände auf den Tisch gestützt, -im Fenster ists leer und klar, wie ist alles unbekannt! -Die Bücher auf dem Tisch, die kleine rote Schale auf der -Decke, die Decke selber, der Tisch, lauter harte, deutliche, -glänzende Dinge, sind alle ganz neu wie Geschenke, und -auf einmal mußt du an dir heruntersehn, du bist ja ganz -weiß, du trägst ja ein ganz weißes Kleid, es ist so -leicht wie eine Wolke, die Falten bewegen sich geheimnisvoll -ganz von selbst, es duftet aus ihm, es knistert und -bebt, und all das heißt: die Gesundheit. Es liest sich wie -eine Überschrift im Lesebuch. Endlich mußt du ans Fenster, -du bist wie ein kleines Kind, zum Fenster ists elend -weit, aber du bist schon kühn, wenn man nur will, gehts, -und auf einmal, mit drei kleinen Schritten bist du hurtig -hinüber, und da knickst du auf den Stuhl, sagst: Ach -Gott! — Nun ists aus, du bist ganz matt, du hast genug -vom Leben für heut. -</p> - -<p class="date"> -<a id="page-507" class="pagenum" title="507"></a> -Freitag -</p> - -<p class="noindent"> -Freitag, heut ist Freitag. Freitag — Dreitag — drei -Tage sitzt du nun schon am Fenster und kannst schreiben. -Oh mein Gott, daß nur das Leben, das nackte Leben so -süß sein kann! Da steht eine Hyazinthe im Fenster, eine -große, hellblaue Hyazinthe, in einem Topf mit moosgrüner -Manschette, die ist schön anzufassen, so rauh. Die Hyazinthe -dagegen ist glatt, sie ist ganz wie aus einem dicken, -hellblauen Duft gemacht, so einen Stoff giebt es sonst -nicht, vielleicht Reif, so dicker blauer Reif an Trauben -und Pflaumen, mit Frühjahrhimmel gemischt und etwas -weißer Wolke, und ganz wenig Schnee, und etwas Narzisse, -und all das steht ganz zart und steif und nackend da, -macht die Luft süß um sich her und ist ein großer Trost. -</p> - -<p> -Draußen, da ist noch gar nichts, ein Garten, ganz kahl, -schwarze Bäume, ein einziger grüner Busch ganz unten, -der Rasen ist gelbgrau wie ein Fell, da steht eine Kapelle -sehr sichtbar mit hohen Fenstern. Aber oben, da ist schon -der Frühling, da sind ganz stillhaltende Wolken zum Anschaun -wie auf Bildern, weiße, überall beschattet, dahinter -ist eine blaue Leere, weich, kühl — und doch warm, in -der es rieselt und sich wandelt unmerklich und vergeht. -Plötzlich wird dir warm in einem ganz hellen Schein, es -blendet, es überläuft dich was, dir zieht das Herz sich zusammen -— — -</p> - -<p class="date"> -am 7. März -</p> - -<p class="noindent"> -Was ist mir denn? -</p> - -<p> -Schrieb ich denn wirklich selber das, was ich heute lesen -muß vom süßen Leben? Kann denn eine einzige Nacht -<a id="page-508" class="pagenum" title="508"></a> -einen Menschen so verwandeln? Als seien meine Augen -hart geworden, und alle Dinge stehn wie in einem Spiegel -ohne Luft. Ach nein, verwandelt hat mich die Nacht -nicht, es stieg nur nach oben, was erst in dieser Nacht -fertig wurde, der Baum von Eis in meiner Brust, und da -steht er nun, und seine Zweige klirren mir am Herzen, -und es ist ganz lautlos dabei. -</p> - -<p> -Kalt, oh wie kalt ist der Tag und ist mir! Wohin geriet -ich denn nur? In welches Leben? Ich weiß, ich träumte -von Einem diese Nacht, für den ich keinen rechten Namen -mehr habe. Weiß nicht mehr, was es war, es war kalt. -Mir stachs eine eisige Nadel durch die Brust, und alles -rollte sich zusammen und erstarrte. Da sitz ich nun, die -Feder bewegt sich leicht übers kühle und weiße Papier, -Schneefeld, Schneefeld! Wenn ich durchs Fenster schaue, -seh ich es rieseln in der kalten grauen Luft, die schwarzen -Zweige starren, Tropfen blinken am Glase, hier innen -leb ich. Warum? Wozu? Was soll hieraus werden? -</p> - -<p class="date"> -am 12. -</p> - -<p class="noindent"> -Ich schrieb nichts auf in diesen Tagen, obgleich sie so -lang waren wie die meilenlangen Winterseen, bläulich in -der unendlichen Weiße, aufgehend in weißlichem Dampf -unter dem dunkelgrauen Himmel, und in der maßlosen -Stille klingt nur einmal ein heiserer Schrei, etwas Schwarzes -steigt aus weißem Uferbaum, schwer im Flug wie ein -langsamer Dämon streicht es seeüber, und von den Ästen, wo -es abflog, fallen locker die weißen, leichten, eiskalten Kissen. -</p> - -<p> -Immer liegt mir der See vor der Seele, ich schau drüberhin, -ich muß immer sehen und sehn, nichts verändert -<a id="page-509" class="pagenum" title="509"></a> -sich, und ich merke endlich, daß ich immer auf den einen -schwarzen Flecken im weißen Baum starre, wo der Vogel -abflog. Der kleine Kalender sagt, es ist März, im Garten -ist ein grüner Busch mehr, aber der Rasen blieb wie zuerst, -ich ging einmal schnell drüberhin, dann dacht ich: -Ach, keine Krokus werden da mehr stehn, — wo du gegangen -bist. Das ist mir im Sinn geblieben, es klingt -wie ein Stück Lied, so ein aufgetautes Stück. -</p> - -<p> -Da stand ich vor der Orgel. Kühl war sie und fremd. -Ich wagte keine Taste zu berühren. Sie war so kalt, als -hätte sie in einem Haus aus Schnee gestanden. Einmal -vor Jahren träumte mir, daß ich spielte; lebendiges Wasser -rauschte unter meinen Füßen hervor, da tönte die Orgel, -vox humana sang mit der Stimme der Amsel. Eingefroren, -eingefroren, oh ihr Wasser des Lebens, ich töne -nicht mehr! -</p> - -<p class="date"> -am 13. -</p> - -<p class="noindent"> -War denn dir so weiß alles vor Augen, Lazarus, armer, -als dich das ewige Lächeln aufgetaut hatte aus dem Frost? -Aber vor dir stand Einer, der wußte, was gut ist, auf -seiner Schulter saß die schwarze Amsel und sang, Primeln -fielen aus seiner erwärmten Hand; als er gegangen war, -sah man da Kissen von Veilchen, wo seine Füße standen. -</p> - -<p> -Die Tage kommen, die Tage gehn. Ich glaube manchmal, -ich muß sterben, ehe der Tag herum ist, ehe das -Dunkel kommt und endlich die Stunde des Schlafs. Wie -lange muß ich dann noch liegen, immer fröstelnd in den -Decken; die blauweißen Falten des Betthimmels über mir -fließen herunter, bleich in der Dämmerung, wie aus Eis, -<a id="page-510" class="pagenum" title="510"></a> -in der lautlosen Luft rieselt das Eisige, langsam gefriert -alles, ich suche, ich suche, und alles ist leer ... -</p> - -<p class="date"> -am 14. -</p> - -<p class="noindent"> -Und du, Freund der Sonne, Gesegneter von Strahlenhand, -ach, einmal auch mein Freund, du siehst über mich -hinweg, auch du bist mir zu Schnee geworden. Sie haben -dich mir wieder gegeben, hätten sie’s lieber nicht getan! -</p> - -<p> -Der Garten, das weiß ich nun wieder, war nicht der -Garten, sondern die Lichtung der Insel. Immer wieder -zog es mich dorthin, Grauen zog mich hin, ich erschrak, -wie sie sich veränderte, wie sie zerfiel, wie die Blätter -herunterwirbelten, ich glaube, ich muß sie immer aufgerafft -haben und mit den Händen hochgehalten, oder träumt -ich das nur, daß ich immerfort herumjagte und die Blätter -schalt und aufraffte und in die Luft warf? Aber es -nützte ja nichts, und dann waren eines Tages die Bäume -leer. Oh, und diese Angst, unaufhörlich in der Brust! -Meist vergaß ich ja alles, nur die Angst war da; plötzlich -dann fiel mir das Gesicht ein, alle meine Angst galt dem -Gesicht, das erscheinen könnte, im Gezweige, im Zwielicht, -ich glaube, besonders in der Dämmerung abends muß es -am schlimmsten gewesen sein. Ach, die grenzenlose Süßigkeit -des ersten Erschreckens damals auf der wirklichen Insel -hatte sich mir in unseliges Grausen verkehrt, und nun -drohte das weiße Gesicht von überall, und immer atmete -ich auf, es nicht zu sehn, und immer befürchtete ich es -wieder. Es waren wohl die Gesichter der Andern, die -immer wieder entsetzensvoll gegen mich vorbrachen, und -ich schrie und wußte nicht wohin laufen vor Angst. -</p> - -<p> -<a id="page-511" class="pagenum" title="511"></a> -Ich vermißte einen Brief in diesen Tagen, Magda gab -ihn mir ängstlich, ich las ihn, er sagte mir nichts. Er -galt nicht mehr mir. Seltsam nur: als ich am Ende war, -sah ich mich selber aufstehn, den Ech-en-Aton vom -Sockel nehmen, eine Weile dann nicht wissen wohin mit -ihm, sondern nur, daß er fort mußte, um jeden Preis fort, -daß er sonst aus meiner Hand fallen und grauenvoll zerscherben -würde. Dann war ich auf einmal im Schlafzimmer, -vor einem Schrank, und stellte ihn blindlings -hinein. Ein Schmerz zerriß mich blendend von oben bis -unten, noch einmal in der Erinnerung. -</p> - -<p> -Das also, das muß ich damals getan haben, als ich -jenen Brief zum ersten Mal las. -</p> - -<p> -Dann fragte ich Magda, und sie sagte mir, daß Jason -den Kopf im Wäscheschrank gefunden hat. -</p> - -<p> -Es ist noch winterlich draußen, alle Zimmer sind geheizt -und trocken von der warmen Heizungsluft, und ich -höre nicht auf, am ganzen Leibe zu zittern vor innerer -Kälte. Ich wollte ein lebendiges Feuer haben und ließ -meinen Ofen heizen. Erst war es schön, die Hände anhaften -zu lassen an der glatten, glühenden Säule, gleich -wurden sie ganz warm, aber die Wärme drang nicht -weiter vor, und da fing ich an zu schaudern, eiskalt wie -ich mich fühlte mit meinen feurigen Händen. -</p> - -<p> -Der Arzt tröstete mich mit Frühling, Sommer und -Sonnenwärme und riet eine Reise. Sonne, ach Sonne, -du willst keine Seele erwärmen, die von innen gefror, und -ich weiß, ich weiß wohl, was mir erlosch. Das ist die -Wärme der Menschen, Wärme aus ihnen und Wärme -zu ihnen. Der Eine nahm sie aus allen fort. Er nahm -<a id="page-512" class="pagenum" title="512"></a> -alles an sich: den Schmerz und das Glück, den Gram und -die Wärme. Ich bin bitter geworden. -</p> - -<div class="poem-container"> - <div class="poem"> - <div class="stanza"> - <p class="verse">Eine Stunde</p> - <p class="verse">Lebt ich wie Götter, und mehr bedarfs nicht.</p> - </div> - </div> -</div> - -<p class="noindent"> -Oh wer es glauben könnte! Dem war die Brust quellend -und reich, gesegnet von Nachwonne, der das schrieb. -Wozu leb ich? Es ist ja leer alles, ganz leer. Darum soll -ich jetzt leben? Mich ankleiden und essen, Orgel spielen, -mit Menschen sprechen und lesen und diese und jene Erfahrung -sammeln, den einen Tag wie den andern, dafür? -Oh meine erloschene Liebe, dafür? Barmherziger Gott, -mir bricht die ganze Brust in Schluchzen aus, wenn ich -denke, daß ich alles, alles sparte auf den einen Tag, und -— nichts mehr. Warum weinen? Nichts mehr bewegt -sich, auch die Tränen stehn still. -</p> - -<h4 class="section"> -Georg an Magda -</h4> - -<p class="date"> -Hallig Hooge, am 18. März -</p> - -<p class="noindent"> -Mit einem Wort: Laokoon! Laokoon, oder die aussichtslose -Verstricktheit: ein Alter, zwei Junge, drei -Schlangen — sämtlich in meiner Figur dargestellt. Nur -daß mein Mund nicht zum — unkünstlerischen — Schrei -geöffnet ist, möchte ich festgestellt haben. -</p> - -<p> -Herz, mein teuerstes, glaubst du wirklich, daß hier alles, -worauf es ankommt, mir nicht so klar ist wie Glas? Es -bedurfte nur Deines Briefes und in ihm der bezaubernden -Schilderung meiner eignen, entschlafnen Person, infolge -deren ich mich selber sitzen sah in Eurer andächtigen Runde, -um mir die Augen völlig zu öffnen. Und nun sehe ich -<a id="page-513" class="pagenum" title="513"></a> -mich dasitzen allerdings wie so etwas Halbgöttliches und -zwar — woher mir diese Erscheinung kam, blieb unbekannt -— durchaus als jenen unflätigen, aber achtbaren -schlafenden Faun in München, aus dessen reisiger -Ungeschlachtheit dennoch etwas Göttliches raucht, ein -Göttliches, das nichts andres ist als der Schlaf. -</p> - -<p> -Nicht umsonst von den Alten als Gottheit verehrt: es -ist wahrlich etwas Göttliches um den Schlaf des Menschen, -um den Schlaf einer Seele, — das weiß ich und -darf es sagen, der ich auf der Jagd nach diesem flüchtigsten -aller Götter ihn verfolgt habe bis hinunter an das -schwarze Tor, hinter dem es braust von den Schatten. -Wahrhaftig, es war nicht unheroisch, zu schlafen in jener -Stunde, da ich die Jagd aufgab und er nun stillschweigend -aus den Stämmen hervortrat und die ermüdete -Hand ergriff. Wie wenn es geheißen hätte in einem arkadischen -Dorf: ein Gott sitzt an der Straße vor dem Tor, -er wollte vorüber, da ergriff ihn die Müdigkeit, nun sitzt -er im Schlummer dort ganz wie ein schlafender Mensch, -und man kann ihn sehn. Und nun eilen sie in den glühenden -Mittag hinaus und versammeln sich um jenen und -staunen an seinem Schlaf. — So war auch Euch jene -Stunde heilig, meine Anna, und gewiß: wenn es einer -Sache nicht bedurfte hinterdrein, so waren es all unsre -Worte. -</p> - -<p> -Es bedurfte der Worte nicht! Denn nie hat es der -Worte bedurft zu nachträglicher Deutung; Wissen ist -schweigend, aber es ist mein Fluch, daß ich ihrer niemals -entraten konnte. Was ich auch erlebte: nicht eher wurde -es mir haltbar, ehe es mir denkbar erschien. Dies aber ist -<a id="page-514" class="pagenum" title="514"></a> -Gnade der Dichter: ein Stummes zu geben wie die Blume, -deren Sprache der Duft ist, zu reden und dennoch zu -schweigen, aus dem menschlichsten Stoff, aus der Sprache, -die göttliche Form zu bilden, und doch nicht einen Hauch -ihr zu mindern von ihrem Duft. Ich bin kein Dichter, -aber immer möchte ich dies auch, und meine Worte sind -nur Fallen und Schlingen, in denen vielleicht Unsterbliches -hängt, — halb erwürgt. Gut und heilig jene Stunde des -Schlafs, aber ungut und unheilig darüber jedes Wort; -ungut und unheilig, da nur das Schweigen gilt und Ehrfurcht -vor der großen Erscheinung, ungut und unheilig -die Deinen, Anna, in denen Du mirs erklärtest, und hier die -meinen, in denen ich mich zu Ende erklärte. -</p> - -<p> -Mir wäre weit besser, ich läge da tot. Wenn ich auch -als ein dreifach Umstrickter gestorben wäre, so war es doch -eine königliche Verstrickung geworden, und es wäre nicht -kleinlich gewesen, den beiden großen Pythons, Schuld und -Tod, zu erliegen. Die sind nun auch klein geworden, sehn -der gemeinen Ringelnatter ganz ähnlich, und andre von -gleicher Statur gesellten sich zu: Schwäche, Arglist, die -sagt: Hoheit sollten es versuchen ... und Feigheit, die -überreden will, es käme am Ende doch nur aufs Leben an, -und auf einen Thron brauchte sich keiner zu setzen, der -nicht wolle. -</p> - -<p> -Klarheit, o himmlische Klarheit, warum niemals zu mir? -Erkenntnisse hat mich auch Bogner viele gelehrt, so viel, -daß, wenn es Pfähle wären, ein ganzes Venedig sich drauf -bauen ließe. Damals, als der kranke Heros neben mir -saß, da glühte sein Herz in meinem Blut, und was ich erkannte, -das war mir auch Leben. Längst wieder leblos -<a id="page-515" class="pagenum" title="515"></a> -und eisig geworden, klirre ich mit den schönen Erkenntnissen -herum wie mit nutzlosen Prunkstücken, als sei damals -Festtag gewesen und Alltag heut, und wann unterschiede -sich Alltag und Festtag im Leben der Seele? -</p> - -<p> -Ich hebe meine Augen auf zu den Bergen, von denen -mir Hülfe kommt, — ach Anna, bist Du denn dort drüben? -Ich denke viel an Dich, ich sehe Dich dann immer vor mir -sitzen wie damals, als ich erwachte, und jenes Glück und -die Zauber des schönen Erwachens atmen mich sanft wieder -an. -</p> - -<p> -Aber ich will nicht sein, hörst Du, ich will, ich will, ich -will nicht wieder sein — nach diesem! —, der ich zuvor war, -nur reicher um diese Erfahrung, daß am Ende alles tragbar -ist. Als hätt ich ein Tier erlegt und seine Haut angetan, -und täglich wird sie dünner vom Tragen. Ach, daß -kein Hirsch je zu königlich war, man macht einen Jagdrock -aus seinem Fell und drechselt Knöpfe aus dem -heroischen Gehörn. Ich will das nicht, Anna, und diese -Verstricktheit muß einmal zerreißen, oder ich zerreiße denn -mich. -</p> - -<p class="sign"> -Georg -</p> - -<p class="noindent"> -Der Brief blieb liegen, von Rechts wegen; die drohend -herausgeballte Faust am Ende wäre Dir unleidlich zu -sehn gewesen. Tage sind wieder vergangen, die kalte Verdrossenheit, -die mich schon hatte, als ich noch schrieb, hielt -seitdem an. Nimm ihn, er ist Dein Eigentum, leg ihn zum -Übrigen, Du gute Geduld! Ich bin seit gestern entschlossen -abzureisen und wäre schon davon, wenn ich nicht halb -betäubt wäre von einer wilden Erkältung, die in meinem -<a id="page-516" class="pagenum" title="516"></a> -Kopf alle Ein- und Ausgänge verstopfte. So bleibt mir -unklar, ob ich gleich nach Altenrepen fahre, oder erst — -mit Deiner Erlaubnis — nach Helenenruh. Mein Fernbleiben -von den Regierungsgeschäften ist nunmehr nicht -zu entschuldigen, da ich leidlich leistungsfähig bin. Ich -habe mir den Vollbart abgeschnitten, nur die Armeebürste -auf der Oberlippe sitzen lassen, die beiläufig dunkelrot ist, -und kann nun ganz gut für einen Prinzen oder angehenden -Herzog gelten. Vor Altenrepen hält mich eine letzte -Feigheit zurück; ich überlege ... -</p> - -<p class="date"> -am Abend -</p> - -<p class="noindent"> -Der Brief sollte mit dem Kurier zurückgehn, da bringt -er mir ein Telegramm von Tante Henriette mit der Nachricht -vom Tode ihres Mannes. „Recht bekümmert“ nennt -sie sich darin, und so stelle ich sie mir vor. Ich fahre also -morgen mit der Frühflut und denke am Nachmittag in -Berlin zu sein. Das paßt mir als Übergang und Pause -vor dem endgültigen Schritt. -</p> - -<p> -Dank übrigens für Deinen Gruß durch die Cornelia! -Sie besuchte mich hier, Du wirst von ihr gehört haben, -daß sie sich wieder mit ihrem ehemaligen Verlobten zusammenzutun -gedenkt, wenn der vier Wochen Nervenheilanstalt -hinter sich hat. Ein entzückender Gedanke! Und -so echt weiblich! Denn: wie herrlich sinnlos kann man sich -da zum Opfer bringen! — -</p> - -<p> -Wenn ich noch einmal über die letzten Wochen hinblicke, -so sehe ich, daß ich in einer völligen Hoffnungslosigkeit -lebe. Hoffnungslos mir selbst, da, wie ich schon sagte, -nur um eine Erfahrung reicher; hoffnungslos für alles -<a id="page-517" class="pagenum" title="517"></a> -Tun und Lassen, was in diesen Erdreichen geschieht. Was -aus diesem Stumpf etwa zu entwickeln sein mag, wissen -die Götter. -</p> - -<p> -Immerhin auf baldiges Wiedersehn! -</p> - -<h4 class="section"> -Aus den Papieren Georgs -</h4> - -<p class="date"> -In Berlin, 20. März -</p> - -<p class="noindent"> -Um Mitternacht schlug ich das Fenster auf, vielleicht -daß der Schlaf draußen stünde, der mich wiederum mied. -(Aber möglich, daß es hier ein andrer Schlaf ist, der -Schlaf der großen Städte, für den ich noch die magische -Formel nicht fand.) Rechts oben in der Höhe, hinter -einem marmornen Gewirk von Wolkenweiß und mattem -Blau, war der abnehmende Mond zu sehn, gerade über -der Spitze des kleinen Matthäikirchturms, dessen Schattenriß -schwarz und altertümlich inmitten des Platzes stand. -Ein dumpfes Brausen, nicht das nahe der See, entfernt: -die schlaflose Geschäftigkeit des Labyrinths. Da erschien -mir am Himmel oben mein letzter Augenblick auf Hallig -Hooge. -</p> - -<p> -Schon wartete das Boot, ich hatte über den eilfertigen -Vorbereitungen der Abreise den Abschied vergessen und -ging jetzt noch einmal zu Ulrikas Grab. Der einsame -weiße Stein mit ihrem Namen im graugelben Vorjahrgras -glänzte spärlich in einem eben hervorbrechenden, sehr -kühlen Morgenlicht, das meine Augen nach oben lenkte, -obwohl es meinen Schatten vor mich über den Stein legte, -denn ich stand mit den Augen zur See. Seltsam war der -Himmel. Das ganze gewaltige Halbrund der Kuppel, in -<a id="page-518" class="pagenum" title="518"></a> -der ich stand, war in der Höhe reinblau, gedämpftes -Morgenblau, aber rundum auf den Rand, bis zu Haushöhe -schiens, war eine Lagerung von sechs, sieben Stufen -weißer Quadern mit Fugen geädert von Blau. Die See -darunter war dunkel, in kleinen Wellen kräftig bewegt; -breitere Wogen zu meinen Füßen zerschellten zu reinweißem -Schaum, laut brausend mit einzeln vernehmlichen -Stimmen, und der Wind strich sausend herauf. Wunderbar -aber waren diese, ringsum zum Kreise geschlossenen -Terrassen von Wolken zu sehn; jeden Augenblick war -mirs, als müßte ich Gestalten des Äthers auf sie hinaustreten -sehn, leise farbig und glänzend aus der kühlblauen -Wand, allein sie blieben immer leer, und nur, als ich mich -suchend endlich umwandte, blendete mich die Morgensonne, -die, den obersten Rand des Wolkengemäuers im Osten -zerbrechend und schmelzend, goldene Hörner und Stäbe -durch die Fugen nach unten zwängte, und dort glitzerte -silbrig die See. -</p> - -<p> -Ganz plötzlich, mit einem Zucken, fühlte ich den Frühling. -Die Mulde unter meinen Füßen schien mir grüner, -als sie nach der Jahreszeit sein konnte; rechts unten glänzte -das Fachwerk weiß und blau, fern drüben das tiefe Rot -an Cornelias Haus, grad gegenüber mir, in der Lücke des -Deiches, lag das Boot schneeweiß unter Segel, wo Cornelias -grüne Jacke leuchtete; links auf meiner Höhe stand -mein alter Turm in dem Licht. Mich fröstelte im Wind, -aber meine Sinne sogen Frühling aus den Farben des -Toten, hier, wo das Jahr durch kaum eine blumige Farbe -erscheint. Die zarte Neuigkeit spürt ich, unsichtbar aufgesprossen -im Gras überall, eine Regung, einen Atemzug -<a id="page-519" class="pagenum" title="519"></a> -aus dem Innern. So sehr vergaß ich mich selber über -diesem, daß ich den Deich hinabstieg und fortging, ohne -der Toten zu gedenken. -</p> - -<p> -Als ich dann im Boot saß, das grüne Eiland vor mir -im Entgleiten sich langsam erhob und erhöht im dunklen -Rollen der Wasser ruhte, erschien mirs auf einmal wie -eine riesige Schildkröte. Auf ihren gewölbten Rücken hatten -ich und die Andern uns gerettet, nackt in unserm Leben, -Schiffbrüchige aus einem Sturm, wie ichs als Knabe in -jenen Büchern des Behagens las. Monatelang hatten -wir dort gehaust, so gut sichs eben hausen ließ, Gestrandete: -einer starb, einer baute ein Floß und warf sich mit -ihm in die See, nun schieden die Letzten. In diesem Augenblick -glaubte ich zu sehn, wie das bislang geduldig still -gelegene Tier sich erleichtert bewegte und — ich sahs von -mir abgewandt liegen nach der offenen See hinaus — den -Kopf hob und drehte, um nach mir zu sehn. -</p> - -<p> -Da erinnerte mich der noch ragende Turm des Grabes -in seiner Nähe, und erschreckend befiel mich die Verlassenheit -der Toten, die dorten verblieben war, allein mit zwei -Geräuschen, jenem des ewig sausenden Windes und jenem -der wogenden See. Ein unendlicher Schmerz ergriff mich -auf einmal, ich hätte dort liegen können wie sie, aber mir -hätte es keinen Schaden getan. Sie war hülflos und zart, -nun versank vor meinen Augen die Insel, ich konnte mir -leicht einbilden, das riesige Tier fortrudern zu sehn und -hinuntertauchen in die Dämmerungen der schweigsamen -Tiefe. Die verarmte Tote! sie blieb allein, unbekannt den -brüllenden Völkern des Meers, aus denen bald einer heraufsteigen -würde zum verlassenen Eiland, dort zu sitzen -<a id="page-520" class="pagenum" title="520"></a> -in seiner schwermütigen Natur und ins dumpfe Muschelhorn -zu stoßen. Die Sonne stieg höher herauf, den -Schatten meines Segels legte sie auf die glänzenden Hügel -des Wassers, aber mir ging aus dem Odem der windigen -Kälte die schwere, die sternlose Herbstnacht auf über dem -Eiland, und die abgeschiedene Seele erstand schattig und -dürftig auf dem Kranze des Deichs, leise klagend um -ein Ungebornes und um den Undank des Daseins für -vieles reine Bemühn. — — -</p> - -<p> -Webe mir denn ein starkes Kleid, blindäugige Mutter, -Hoffnungslosigkeit, armlos den Webstuhl tretend mit -ehernen Füßen, an dem die Fäden von selber fließen aus -dem Unsichtbaren der ewigen Nacht. So läuft einmal -alles hinaus auf ein Dürftiges: Haltbarkeit. -</p> - -<p> -Ich erinnere mich: auf einem Ritt durch die Ebene -um Helenenruh sah ich auf einer Wiese eine uralte, magre -braune Stute, die beim Nahen des Wallachs sofort die -Ohren hochstellte und herangejagt kam bis an das Gatter, -das sie von uns trennte, und an dessen andrer Seite sie mit -uns trabte bis an sein Ende, wo sie noch lange stand und -uns nachsah, das heißt meinem Pferde, das kein Ohr und -nicht den Kopf ihretwegen bewegte. In ihrem langen -Halse war ein Loch, in dem bei jedem ihrer Atemzüge die -Spitze eines Rohres zum Vorschein kam, und sie atmete -laut rasselnd und schnaufend. Vielleicht daß diese haltbare -Alte mich damals an Tante Henriette erinnerte, und deshalb -erschien sie mir nun. -</p> - -<p> -So wird auch der Seele, wenn der natürliche Eingang -des Lebens versagt, ein neuer gebohrt, und der ganze Unterschied -besteht in den lauteren Atemzügen. Besonders -<a id="page-521" class="pagenum" title="521"></a> -leise wird mein Leben ja fortan nicht mehr sein, und keiner -wird, und ich selber kaum, die rasselnde Seele hören, die -sich haltbar erweist. -</p> - -<p class="date"> -am 22. -</p> - -<p class="noindent"> -Soll ich aufschreiben, was heut sich begab? Wird dieses -nun, dieses die Kraft beweisen, die ich in ihm zu erkennen -glaubte, und die bei ihm Unsterblichkeit heißt, oder wird -es mir schon unter den Fingern zur Haltbarkeit von -blauer Tinte zerrinnen? Gott helfe mir, ich will es versuchen. -</p> - -<p> -Gleichviel, wie ich, noch einmal mit mir allein, in den -Tiergarten geriet und, wieder in plötzlicher Erinnerung -an Hallig Hooge, zwischen den kaum ergrünten Büschen -hindurch, wo erste Amseln über den Rasen schlüpften und -erste warme Erleichterungen durch die alte Kühle der Lüfte -zogen, in die Stadt gelangte, durch das Tor, die Linden -hinunter und weiter gedankenlos auf der linken Straßenseite -bis zur Charlottenstraße, wo eine eben anfahrende -und haltende Elektrische Bahn mich zum Stehenbleiben -nötigte. Ich sah zu, wie eine Dame sehr mühselig ausstieg, -oben vom Schaffner, unten von einem Herrn gestützt, -und in ihm erkannte ich langsam Hardenberg. Die Dame -war seine Frau; ich sprach sie an, sie kamen aus dem -Norden, wo sie sich um das Fortkommen irgendwelcher -Kinder ohne oder mit verderbten Eltern bemühten, von -denen die Frau gleich mit ihrer strudelnden Lebendigkeit -und so erregt zu erzählen begann, daß ihr Mann und ich -beim Gehen alle Mühe hatten, sie zwischen uns zu halten, -dermaßen riß sie an uns mit ihren unbeherrschten Bewegungen. -<a id="page-522" class="pagenum" title="522"></a> -Da sie mir sagten, sie seien im Begriff, einen -Freund zu besuchen, den ich sofort kennen lernen müßte, -wenn er mir noch fremd sei, so schloß ich mich ihnen an; -sie machten nur eine Anspielung auf die ägyptische Abteilung -des neuen Museums. -</p> - -<p> -Schwer zu glauben: vor einem Jahr war ich dort und -sah nichts. Woher plötzlich die Augen? Gute Anna, kein -Wunder könnte mir je wunderbarer erscheinen, als was -ich nun sah. Ein Ding von dieser Wunderart hätte genügt, -und ich sah hundert, sah Flure und Säle gefüllt -mit Unglaublichkeit. Das ist Ägypten: ein würfelförmiger -Block aus Granit, bedeckt mit Hieroglyphen; mitten in -der Oberseite des Blockes der Kopf eines Kindes. Dahinter -der größere Kopf des in dem Würfel hockenden Mannes, -ein schlichtes Antlitz mit leider zertrümmerter Nase, -das Haar, in strenge Linien gepreßt, links und rechts von -dem Haupte in festen Massen niedergestrichen und, unterhalb -wagerecht abgeschnitten, solchermaßen auf die Oberfläche -des Würfels gestellt. In der ungeheuren Starre -des Granit aber bewegen sich die hochgestellten Knie und -die darum geschlungenen Arme des Mannes, zwischen -denen das Kind steht, lebendig in sichtbaren Wellen des -Lebens; ganz deutlich und klar ist da alles im Stein, Füße -und Knöchel, Schienbeine und Knie, Ellenbogen und Arme -und Hände und darinnen das leibliche Kind. -</p> - -<p> -Alles, was ich sah, war unfaßlich. Das Antlitz des -ewig geheimnisvollen Wesens Form sah mich hier so -schleierlos und so mit großem Auge an, daß es schien, als -sei kein Geheimnis mehr da. Hier ist alles unbekannt, -und nur am sonst unverständlichen Schmerz ließ sich -<a id="page-523" class="pagenum" title="523"></a> -spüren, daß Bekanntheit sein sollte und einmal war, was -für immer versunken schien. Tiefen sind hier, Räume, ein -Wesen mit einem Wort, dessen äußerste Grenze uns immer -unauffindbar sein wird. Denn was wir sehen, ist das für -uns Sichtbare, was uns Ordnung scheint, unser Gesetz, -aber nicht das seine, das aus einer anderen Wirklichkeit -kam. Auf keinem Stern könntest du dich umsehn und dich -so tief im Unbekannten finden und doch in der Wahrheit. -Und wenn hier ein Wunder sein sollte, so wäre es dies, -daß du doch atmen kannst in dieser Luft, dieser Welt. -</p> - -<p> -Ich mußte mich umsehn, woher ich kam, und fand, -daß ich ja aus Hellas hierher geriet. Plötzlich war mirs -da, als ob eine seltsame Sonne schiene mitten in der gestirnten -Nacht. Oh in Hellas war alles Blut und Odem, -Sonne und Wind, Ströme und Wald und das Meer, -Gottheit und Getier, ein Himmel voller Gestalt von Fischen -und Männern, tausendfach gestaltige Natur, überall -Blick und Wink und Gebärde. Das Lächelnde war dort -und das Schöne, die Leier, die singende Lippe, der schwebende -Fuß und das fliegende Haar. Da erschien mir das -hellenische Bildwerk, aufgestellt mit tausend seinesgleichen -um eine Mitte, von der ein Strahl ging zu jedem, aber -ihrer aller Mitte lag außerhalb ihrer selbst, und sie alle, -geordnet zusammen ergaben die Welt. Und ich sah das -Menschliche in ihnen, aufleuchtend in seiner ganzen, höchsten -Erfülltheit. Solange aber Menschliches waltet, solange -ist Willen und Verlangen, Streben, Bewegung, -Wandlung; Wandlung zum Gotte hinauf und Wandlung -des Gottes herab, lauter schweifende Seligkeit, Schweben, -Heiterkeit, Anmut, Würde, tausend Eigenschaften des -<a id="page-524" class="pagenum" title="524"></a> -Göttlichen in einer blühenden Zerstreutheit, und alles überglänzend -und bindend der Segen, das ewige Auge. Jetzt -aber, wie erschien mir in der Erinnerung auf einmal ein -niegesehener, immer gefühlter Zug von Schwermut in -der griechischen Form? Diese schönen Dinge scheinen zu -wissen: irgend etwas fehlt, irgend etwas in ihrer Ordnung -blieb ungelöst, sie ermangeln des Letzten. -</p> - -<p> -Da sah ich vor mir die Vollendung aus Stein. Alles -sah ich abgetan, alle Gebundenheit an Götter und Erde, -an das Sonnige und Bewegte, an das Werden und die -Erregung. Kein Wollen mehr, nur Gewißheit. Der -Grieche, wenn er etwas machte, so wollte er doch, daß es -schön sei, wollte die Erfüllung in der adligen Form. Der -Ägypter wollte nur die Form; wollte nur: daß sie sei. -</p> - -<p> -Menschenhände machten dies nicht. Vielleicht daß sie -letzte Bindungen lösten fürs menschliche Auge, eine Oberfläche -abschälten. Diese Dinge waren im Stein, verhüllt, -seit ewig; sie machten sich frei. Und darum: in welcher -Mitte auch das hellenische Werk zu stehen scheint, Mitte -für tausend sehende Augen, denen es sich lächelnd erzeigt, -Augen von Göttern und Dämonen, tausend blickenden -Augen der Natur: hier ist die ungeheure Zentripetalität; -hier ist das Ding, das um seine Mitte gebaut ist wie der -Kristall, und diese seine Mitte ist auch die Mitte der Welt. -Es ist gleichgültig gegen sehende Augen. Dies wird nicht -gesehen. Es stellt sich nicht dar. Es ist. Aber herum von -allen Seiten, von oben und unten gewölbt ist das ganze -All der Gestirne. -</p> - -<p> -Hardenberg sagte mir ein Gleichnis mit Worten für das, -was ich selber empfand: jedes ägyptische Werk sei in jedem -<a id="page-525" class="pagenum" title="525"></a> -seiner Maße ausgerichtet nach den Sternen. Es war -Religion. Sie wußten die Unsterblichkeit in der Form. Sie -machten ein Bild, daß es sei und lebe, und die Seele trat -ein und blieb in ihm wohnen. Sie stellten es nicht hin an -diese oder jene Stelle der Welt, sondern dort, wo es erschien -in seiner grenzenlosen Notwendigkeit, war der -Raum ausgespart zuvor, und es paßte sich ein in die -Welt. -</p> - -<p> -Als mir aber solchermaßen die Augen aufgetan waren, -wandte ich mich um. -</p> - -<p> -Ich befand mich in einem halbdunklen Umgang ägyptischer -Säulen voller Statuen und Bilder; zwei Stufen -vor mir führten in einen von Oberlicht erhellten Raum -hinab. Hatten meine Augen schon das Wunder gesehn, -und verwandelte sein Blick in meinem Blick mir zum -Heiligtum den Raum? Duftete nicht alles? — Da sah -ich das Reine. -</p> - -<p> -Mitten im Raume ein einfaches, kleines Gesicht, gelblich, -mir zugewandt, sah mich an. Auf einem brusthohen -Postament stand es in einem gläsernen Würfel, ein Kopf, -kaum so groß wie meine Hand, Gesicht, Hals und der -Ansatz von Schultern und Brust. Sah er mich an? Sein -Blick ging plötzlich durch mich hin, als wäre ich aus Glas, -und doch fühlt ich mich durchschnitten, daß ich fror. Es -war kein Ansehn, es war ein ganz blinder Blick, jener, der -durch alle Dinge der Welt hindurch gerichtet ist in das -Ewige. -</p> - -<p> -Nun wagte ich näher zu treten und deutlich zu sehn. -Es war zarter als alles; viel zarter als eine Blume. Alles -an ihm war Duft. Ich sah Wangen, sanfte, unter den -<a id="page-526" class="pagenum" title="526"></a> -Augen leise gewölbt, nach unten wie mit liebkosenden Fingern -zusammengeschlossen zur weichen Spitze des Kinns; sah -darüber den Mund, Lippen, voll und mit zärtlicher Genauigkeit -umzogen, überhaucht von leisem Rot, und sie -standen ganz wenig vor wie in einem unaufhörlichen -Kuß. Zart, frisch, fast süß, glich die Nase der eines -kleinen Tiers; die Augen endlich, flach, leise zur Mandel -nach außen geschlitzt, blickten über mich hinweg, und -das Ganze von unendlichem Ernst war wie ein Lächeln -so leicht. -</p> - -<p> -Ach, blind war dieser Blick wie die Seligkeit, blind wie -das ernste Lächeln der Blume, das nichts ist als Gefühl -und Echo des Lichts. -</p> - -<p> -Ich sah Hardenberg und die kranke Frau neben mir; -sie lächelten verstehend, und ich brachte hervor: Wohin -steht er denn? -</p> - -<p> -In die Sonne, sagte Hardenberg ernst. Er sieht immer -nur in die Sonne. — Und er nannte mir den Namen: -Amenophis und erzählte mir einiges. Daß er einen Kult der -Sonne begründete und für diesen Kult eine ganze Stadt. -Daß es noch Reliefbilder von ihm giebt, wo er dargestellt -ist mit Gattin und Töchtern, und die Sonne darüber -senkt Strahlen auf alle, an deren Enden winzige Hände -sind, die sie ihnen auflegt. Daß, als er starb, die Stadt — -Heliopolis — verlassen wurde und bald zerfiel, daß sein -Nachfolger, im ägyptischen Glauben, die Form bewahre -die Seele, alle Bilder von ihm zerstörte, sein Dasein zu -vernichten, und daß nur dieses blieb, ein kleines Bildhauermodell, -sowie ein halb zertrümmertes andres. (Er war -unvernichtbar; er blieb.) Daß alldies mehr als zweitausend -<a id="page-527" class="pagenum" title="527"></a> -Jahre her sei. Und er sieht in die Sonne unwandelbar. -</p> - -<p> -Kein Wunder. Ein Weizenkorn, vor zehntausend Jahren -in tönerner Schale, in einem Grabe bewahrt, behielt seine -eingeborene Kraft und trägt Frucht in der heutigen Erde; -also konnte auch die steinerne Blume unwelkbar bleiben -bis heute. -</p> - -<p> -Die Sonnenblume von ihrem festen Stengel aus folgt -der Sonne nach überall: ihn kannst du aufstellen, wo du -willst, im Licht oder in der Nacht: wann und wo du ihn -anschaust, blickt er geradeswegs in die Sonne hinein. -</p> - -<p> -Und ist dies nicht hoffnungslos? Die Sonne anbeten -und sehn und niemals die Sonne sein können? -</p> - -<p> -Sonne sein können, welch Wort! Es muß — -</p> - -<p> -Oh du mein Gott, so wie er — Stoff sein der ewigen -Hand! Sein im Wandel unwandelbar leicht wie ein -Spiel! Fern der Erfüllung doch stets, stets auf dem Wege -zu ihr — ach, wie aus endloser Mühsal doch blühte -Geduld! -</p> - -<p> -Reinlich getan jede Tat, reinlich gewirkt jedes Werk, -griff aus dem Chaos ein Stück, und du ballst es zur Form. -Dasein und Stein und Gedicht, Tagwerk und Sternengesang; -alle sie schmelzen in diesen, den einzigen Chor. -</p> - -<p> -Leben, ein jedes, es glüht, wandelnd in jedweder Form, -die es vollbrachte, sich reinlich und reinlicher aus. Form -ward es, schön und gewiß, Ordnung, ertönend Gesetz — -ach, aus dem Leiden, so heilen wir lächelnd uns aus. -Weltleid, es heilte in uns, Gottleid erlöst sich uns, wir, -die Erlösenden, werden unendlich getrost. -</p> - -<h4 class="section"> -<a id="page-528" class="pagenum" title="528"></a> -Georg an Magda -</h4> - -<p class="date"> -Berlin, am 23. März -</p> - -<p class="noindent"> -Tante Henriette, darf ich Dir sagen, hat sich — um ein -ehemaliges Lieblingswort von mir zu gebrauchen — mit -ganz besondrer Teilnahme nach Dir erkundigt und sich -erzählen lassen; ebenfalls nach der „süperben Person“ -mit den „Flammenaugen“, und mich beauftragt, sowohl -Dir wie ihr mit ihren huldreichsten Grüßen eine Einladung -in ihr Haus zu übermitteln, falls ihr den Mut hättet zu -einer magern alten Person, die „keinen Braten mehr abgiebt“, -aber die es selber nötig hätte, sich „warme Krammetsvögel -vor den Leib zu binden“ (wie mir scheint eine -kühne biblische Anspielung), um nicht zu erfrieren. Die -Krammetsvögel solltet dann Ihr sein, und alles dieses -mußt Du Dir vorgebracht denken in einem wahren Ton -„rechter Kümmernis“. Sie ist in der Tat mehr mitgenommen, -als man hätte ahnen mögen, vom Hingang des -kleinen Alten; die Kümmernis reicht ihr bis zum Grunde, -und der alte Mann, der mit einem ganz wenig törichten -oder verwunderten, aber sonst vollkommenen Ausdruck von -Friedfertigkeit seines etwas schiefgedrehten Kopfes daliegt -und emsig zu schlafen scheint, muß beim Abscheiden nach -so viel gemeinsamen Jahren doch ein beträchtliches Stück -von ihr mit abgerissen haben. Dem Papagei hat es auch -einen Ruck gegeben: bis gestern abend saß er still und steif, -den Schnabel nach hinten gedreht, den Kopf auf der -Schulter, auf seinem Querholz und blinzelte nicht einmal: -heute morgen war er heruntergefallen und tot. Siebenundvierzig -Jahre war er seines Lebens alt und hätte noch -T. Henriette getrost überdauern können. Der Kanarienvogel -<a id="page-529" class="pagenum" title="529"></a> -ist zu dumm, trällert tagein tagaus und muß durch -ein dunkles Tuch zum Schweigen gebracht werden. -</p> - -<p> -Es sind doch nicht viele Dinge so erfreulich und selten -wie der Anblick tüchtiger alter Menschen, und mir scheint, -auch diese gehen eines Weges mit der Petroleumlampe, -dem Indianer und Knoops beklagtem Elefanten. Hier ist -die Busenfreundin von T. Henriette zu sehn, eine Gräfin -Török aus Ungarn, gebürtige Wienerin; die ist so alt wie -der Böhmerwald, ganz unförmig, im Gesicht so faltig wie -ein Truthahn, bloß rosig, das Haar ist weiß, Augen und -Augenbrauen sind kohlschwarz, und schwarze und weiße -Haare hängen ihr überall aus den Gesichtsfalten. Die -redet nun von früh bis spät ununterbrochen mit einer haarsträubenden -Munterkeit, erzählt eine Geschichte oder Anekdote -nach der andern, ihr Gedächtnis ist schon ein bißchen -wirr, aber ihre Herzlichkeit und ihr erschütterndes Vergnügen -an den Erscheinungen des Lebens sind erstaunlich. -Dies war ihr Schicksal: Als Angehörige des Wiener Hochadels -kaisertreu bis in die Fingerspitzen, verwandelte sie -sich mit dem Augenblick ihrer Heirat vom Kopf zu den -Füßen in eine ungarische Patriotin, und das will etwas -heißen, denn es war vor 48! Ihrem Mann wich sie in -allen politischen Lagen nicht von der Seite, folgte ihm, -was damals noch anging, auf die Schlachtfelder, jung und -schön, wie sie war, ein Trost und eine Befeuerung für alle -ritterlichen ungarischen Herzen, pflegte die Verwundeten, -und so weiter. Ganz plötzlich, Anfang der fünfziger Jahre -starb ihr Mann, was für sie eine eigentümliche Folge hatte. -Nach einigen Wochen der Verzweiflung erschien sie wieder -wie zuvor, ihre Lebenskraft hat, wie Du siehst, seitdem -<a id="page-530" class="pagenum" title="530"></a> -nicht abgenommen, sie ist in allen Ländern der Welt zu -Hause, war in Amerika und in Japan, in ‚Zeylon, Zingiber, -den fernsten Inden‘, läuft noch heute in jede Uraufführung, -vergleicht die Elena Gerhardt mit der Patti oder -Lucca, oder wie jene Verschollenen heißen mochten, Grete -Wiesenthal mit der Camargo, schwärmt für Nijinski, liest -Strindberg und Rilke, humpelt Dir sicher am Eröffnungstage -der Freien Sezession an ihrem Stock entgegen und -kann Dir von jedem Breughel oder Rembrandt sagen, ob -er im Haag, in Kassel oder Wien hängt. Aber: bei alledem -ist sie in steter Begleitung ihres Mannes. Es kommt -vor, daß sie im Gespräch, zum Beispiel wenn ihr Gedächtnis -versagt, zur Seite fragt: Wie? und dann sagt er ihr -Bescheid, gleichviel ob die fragliche Sache sich zu seinen -Lebzeiten ereignete oder nicht. T. Henriette sagt, manchen, -der, unbekannt mit dieser Erscheinung, sich erkundigt habe, -an wen sie eben diese Frage richtete, und den Bescheid erhielt: -O ich fragte bloß meinen Józsy! — manchen, wie -gesagt, habe dies schon betreten gemacht. Sie plant auch -keine Reise oder entschließt sich zu sonst etwas, ohne ihren -Józsy zu Rate zu ziehn, sie geht mit ihm in ihrem kostbaren -alten Garten in Budapest spazieren, und man kann sie -abends und auch nachts in ihrem Zimmer beträchtliche -Zwiesprache mit ihm halten hören. -</p> - -<p> -Gott segne diese seltene alte Frau, sie hat vielleicht niemals -über die ewigen Dinge gegrübelt oder eine Frage über -die Ordnung oder die Fehlerhaftigkeit des irdischen Daseins -gestellt, sondern es ist wahrscheinlich, daß sie all dergleichen, -ohne das sich sonst ein wahrhaft kluger und geistiger -Mensch schwerlich denken ließe, ersetzte durch Lebenskraft, -<a id="page-531" class="pagenum" title="531"></a> -durch vigor, durch Feuer und Schwung. Siebenzig -Lebensjahre lang blieb ihr jeder Morgen und jedes Ding -neu und erstaunlich und bezaubernd an sich, wert des seelischen -Feuers, wert deswegen und dadurch zu leben, mit -einem Wort: sie verfügte über die magische Essenz, die -alle Dinge um sie her in ihren persönlichen Reichtum verwandelt. -</p> - -<p> -Ich möchte das auch können ... -</p> - -<p> -Denn es giebt solche Menschen, zu denen sie gehört, -die tragen ihr Leben wie eine glänzend passende Form, wie -einen seidenen, bunten Trikot, der allüberall glatt anliegt. -Bei Andern, zu denen ich gehöre, scheint es vielmehr so zu -sein, als wäre der Trikot für eine andere Figur geschnitten, -und überall giebt es Falten und Beulen, hier kneift es, da -schlottert es, man braucht das halbe Leben, um hineinzuwachsen, -und schrumpft schon wieder drin zusammen, -wenn er kaum eine halbe Stunde lang paßte. -</p> - -<p> -Gute Nacht, Anna! Ich bleibe noch ein paar Tage, -indem ich die Gelegenheit benutze, mich überall vorzustellen, -wo ich in meiner jetzigen Form noch unbekannt bin. Peinlich -einerseits, ein schmerzliches Glück andrerseits ist das -namentlich bei älteren Leuten ganz rührende Entgegenkommen -gegen den Sohn meines Vaters — hier und da -mit ein wenig Skepsis verbunden wegen Vererbung der -politischen Gesinnung. Gestern war ich im Reichstag (in -den leeren Fensterhöhlen — und so weiter!), Parlamentarier -habe ich ein ganzes Schock kennen gelernt, nun -kommen Großindustrie und Banken an die Reihe, deren -Häupter ich morgen bei einem Geschäftsfreunde von Papa -versammelt finden werde. Im ganzen, ich würde nach der -<a id="page-532" class="pagenum" title="532"></a> -langen Stille und Einsamkeit der Halligwochen nicht -wissen, wo mir der Kopf steht, bräche nicht immer wieder -‚ein Streif wie schieres Silber durch den Spalt‘. Woher -aber dieser und welcher Art, das Dir nachzuweisen, fehlt -nun die Ruhe, und ich bin auch begierig, es mündlich zu -tun. Sei gewiß, daß ich die erste Bresche in der ersten -Altenrepener Woche benutzen werde, um zu Dir zu gelangen, -und sei es auch nur für Minuten. Auf Wiedersehn, -Herz, auf Wiedersehn! Dein -</p> - -<p class="sign"> -Georg -</p> - -<h4 class="section"> -Jason an Renate -</h4> - -<p class="date"> -am 25. März, in Sizilien -</p> - -<p class="adr"> -Liebe Renate! -</p> - -<p class="noindent"> -Ob Du Dich Irenens noch erinnerst? -</p> - -<p> -Ihre Augen hatten die gleiche Eigenschaft wie die -Deinen: sie wechselten mit jedem Licht, das in sie fiel; so -schienen sie meistens blau, aber im Hellen wurden sie grün, -in der Dämmerung schwarz, und stieg das Blut in sie -hinein, wurden sie schwer blau und düster. Ihre Hüften -hatten die längliche Rundung der schönen Empirefigur, -ihr Gesicht war immer rosig, wir bewunderten ihre Bewegungen, -die auch in der Leidenschaft anmutig blieben, -und obgleich sie das Derbe liebte, erschien sie uns doch gerne -amselhaft; in ihr stand ein geigender Engel knabenhaften -Geschlechts wie hinter einem Morgenrot, ein goldener -Schatten. Dann überfiel sie die seltsame Zwietracht, das -Morgenrot zeigte phantastische Risse, Märzgewitter -rauschten mit lockeren Blitzen hinein, dann entzog sie uns -gänzlich die schwarzblaue Wolke. -</p> - -<p> -<a id="page-533" class="pagenum" title="533"></a> -Ich muß Dir schreiben, daß Du sie nicht wiedererkennen -wirst, wenn Du sie siehst, was, wie ich hoffe, bald geschehen -wird. Laß Dir sagen, daß ihr Gesicht nunmehr -kleiner ist als meine Hand und so völlig von Elfenbein -scheint, wie etwas noch Lebendes elfenbeinern scheinen -kann; so leblos, so glatt und so hart. Ihre Augen darin -sind von schwarzer Bronze, tot. -</p> - -<p> -Es hat demnach den Anschein, als läge hier wieder eine -jener beklagenswerten Verwechselungen vor, an denen die -menschliche Gesellschaft so reich ist, und hier scheint irrtümlich -in den Leib einer Baumnymphe oder Dryade die -Kraft und der Wille eines Kentauren geraten und entsetzlich -darin gehaust zu haben. -</p> - -<p> -Irene, fragte ich, nahezu sprachlos, als ich sie sah, was -hast du gemacht? -</p> - -<p> -Sie zuckt die Achseln, sagt: Gebetet. -</p> - -<p> -Was? sage ich, die ganze Zeit, nichts als gebetet? — -Sie sagt: Ja. Andres gab es nicht mehr. Im Anfang, -sagte sie, sei es schwer gewesen und reichlich unvollkommen. -Bis dann eines Tages die Welt verdämmert war und sie -allein lag auf ihren Knien, irgendwo im Raum, auf einem -Stern, oder selber ein Stern, der an Gottes Himmel aufging. -Sie begann zu glühen vom Gebet, dann glühte nur -noch das Gebet, dann begann sie zu leuchten, dann ging -sie auf. Aber nicht der Mensch und sein Wille ist schuld, -sondern das Düster der Erde, wenn uns leiblich zu erlöschen -scheint, was seelisch entbrannte. -</p> - -<p> -Auch im Kloster scheinen sie nicht eben richtig geschliffene -Augen gehabt zu haben, denn sie wurde nach etwas über -halbjährigem Aufenthalt vor die Wahl gestellt: entweder -<a id="page-534" class="pagenum" title="534"></a> -zu bleiben für immer, oder zu gehn. Schließlich muß man -zugeben, daß ein Kloster kein Asyl für Obdachlose sei. -Irene freilich war nun ratlos, wäre es vielmehr gewesen, -wenn sie nicht in der Nacht einen schönen Traum gehabt -hätte. Ich an ihrer Stelle würde ja der Weisung von -Träumen nicht ganz so unbedingt Glauben schenken, allein -sie ist, wie sie ist. Was sie träumte, war ein ganz blaues -Meer, ein hellblaues, südliches Meer, auf dem rosafarbene -Glocken schwangen, und sie selber schwamm ihnen entgegen, -und sie lösten sich an ihren Gliedern in einen so -unbeschreiblichen Duft auf, daß sie noch darin gebettet -war, als sie erwachte. -</p> - -<p> -Die Auslegung des Traumes nahm die Gestalt an, daß -wir uns jetzt seit einigen Wochen an der Küste des Mittelländischen -Meeres befinden, nicht weit von Taormina, -und daß Irene jeden Morgen bei Sonnenaufgang, nackt -wie sie geschaffen wurde, in die See hinausschwimmt, so -weit sie kann. Dies, sagt sie, wäre ihre Reinigung. Ihr -Gebet dabei ist wieder dasselbe wie zuvor; es lautet: -</p> - -<div class="poem-container"> - <div class="poem"> - <div class="stanza"> - <p class="verse">Du bist klar,</p> - <p class="verse">Ich war klar,</p> - <p class="verse">Mach mich wieder, was ich war!</p> - </div> - </div> -</div> - -<p class="noindent"> -Daß ihre schon im Schwinden begriffenen Kräfte dabei -absterben wie dünner Schnee, das ist vorläufig die erste -Folge. Aber ihr Gesicht bräunte sich wieder langsam, in -die Augen kam wieder ein leises Blau. -</p> - -<p> -Da ich sie nicht hindern könnte, selbst wenn ich das -wollte, so ist dieser Brief nichts als eine matte Spottgeburt -meiner Unbeholfenheit. Eine Änderung scheint mir notwendig. -Das beste wäre, Klemens käme im Augenblick, -<a id="page-535" class="pagenum" title="535"></a> -aber ich habe eine Abneigung gegen gewaltsame Eingriffe. -Irene hört, wenn ich von Dir und Andern spreche, zwar -zu, erwidert aber nichts. Es wäre trotzdem möglich, wenn -Du ihr den Vorschlag machtest, sie irgendwo zu treffen, -wo Wasser ist, an einem italienischen See zum Beispiel — -denn der Frühling, der hier fast die Augen blendet, gelangte -ja noch nicht zu Euch —, oder aber bis hier herunter zu -kommen, doch habe ich so eine Ahnung, als wäre Dir das -zu weit. Ich fürchte aber jeden Tag, sie zerschmilzt mir -zwischen den Händen, und wenn wir im Garten sind -und der Himmel sich bewegt zwischen den Mandelbäumen, -so muß ich sie ansehn, ob sie noch ganz da ist, oder ob -es nicht das blaue Flackern ihrer Seele war, die über die -rosigen Wipfel enteilte. -</p> - -<p> -Ich kann nicht gut briefschreiben, da ich keine Übung -habe, und im ganzen wird dieser Brief Dir vermutlich -erscheinen wie eins der alten Bilder vom Martyrium -einer Heiligen: was man sieht, sind Farben, Gewänder -und teilnahmslos reine Gesichter; was man nicht sieht, ist -das Blut, die Not, und das Sterben. Wer aber Zeuge -war dieser drei Dinge, dem werden sie ein seltsames -Gift einflößen, dessen Wirkung es ist, daß er von allen -Dingen der Welt reden kann, nur von diesen muß er -schweigen. -</p> - -<p> -Ich hoffe also, Du willigst ein, wenn ich sage: Auf -Wiedersehn! -</p> - -<p class="sign"> -Jason -</p> - -<h4 class="section"> -<a id="page-536" class="pagenum" title="536"></a> -Renate an Irene -</h4> - -<p class="date"> -am 29. März -</p> - -<p class="adr"> -Liebe Irene! -</p> - -<p class="noindent"> -Jason schreibt mir, daß Ihr in Sizilien seid, und daß -er sehr besorgt um Dich ist. Ich selber war lange krank, -das hörtest Du wohl von ihm, nun möchte ich gern mit -Magda nach dem Süden, Sizilien ist uns freilich zu weit, -Magda könnte auch nicht sehr lange bleiben, da sie im -April zum ersten Mal öffentlich singen wird, — am Charfreitag. -Möchtet Ihr uns nicht in Torbole oben am -Gardasee treffen? Mehr als sechs Jahre, glaub ich, war -ich dort mit meinem Vater in den Sommern und habe -plötzlich die heftigste Sehnsucht. Es wird freilich noch -eine Woche dauern, bis wir fortkommen können, teils -weil ich Onkel noch überreden muß, mitzukommen, teils -weil Magda sich vor ein paar Tagen eine leichte Erkältung -zugezogen hat, so daß sie sich noch schonen muß. Es schadet -ja aber nichts, um so weiter wird der Frühling dort -schon sein. Ich hoffe sehr auf ein Wiedersehn, Irene! -Sage Jason alles Liebe und Dank für seinen Brief! -Von Herzen Deine -</p> - -<p class="sign"> -Renate -</p> - -<div class="chapter"> - -<h3 class="chapter" id="subchap-0-2-9"> -<a id="page-537" class="pagenum" title="537"></a> -Neuntes Kapitel: April -</h3> - -</div> - -<h4 class="section"> -Aus den Papieren Georgs -</h4> - -<p class="date"> -am 1. April -</p> - -<div class="poem-container"> - <div class="poem"> - <div class="stanza"> - <p class="verse">Sein Antlitz, das wie eine Blume war,</p> - <p class="verse">Enthauchte aus den Augen Duft! Ich schwelgte</p> - <p class="verse">In diesem Glanz, der nicht wie andre welkte,</p> - <p class="verse">Ich schmolz wie Wolke auf und wurde klar.</p> - </div> - <div class="stanza"> - <p class="verse">So ganz verleiblicht ward die Gottheit hier,</p> - <p class="verse">So ward noch nie der Sonne Bild zur Blume!</p> - <p class="verse">O daß ich Land sei, Ackers ärmste Krume,</p> - <p class="verse">Und diese reine Seele blüht’ in mir!</p> - </div> - <div class="stanza"> - <p class="verse">Jedoch ich bin soviel nur wie der Wind,</p> - <p class="verse">Der streifend nur den Duft vermag zu fangen,</p> - <p class="verse">Und trägt ihn fort auf Stirn und Mund und Wangen,</p> - <p class="verse">Vor Schmerz vergehend, und vor Wonne blind.</p> - </div> - </div> -</div> - -<p class="date"> -am 2. April -</p> - -<p class="noindent"> -Telemach, o Telemach, da hast du es wieder! Eine -trübe Erkenntnis und obendrein in Versen! Die alte -Empfindsamkeit und der alte Betrug! Weil die Erkenntnis -reizlos ist, so werden reizvolle Bilder erfunden; weil -sie bedrückend ist, so wird sie in leichte Gegenstände aufgelöst; -weil sie trübe ist, so wird sie wenigstens mit einem -schwermütigen Lächeln beflügelt, und weil sie wärmelos -und nüchtern ist und wahr, so wird sie in schöne, warme -Scheinkleider eingemummt. Lyrische Erschütterungen, -lyrisches Dasein — wenn anders lyrisch heißt: einsame -<a id="page-538" class="pagenum" title="538"></a> -Hingabe an gegenwärtige Gluten —, lyrische Schwermut, -— und sowas will — Monarch sein. Wie ich sie -nun hasse, diese dastehenden Verse, diese sprachlosen Gemächte, -die ein Unsagbares tönend machen sollten und -es nur bereden. Das alte Lied, das alte Leid: Unruh, -Ungenügsamkeit, Überdruß und Verdrießlichkeit, alles, -was peinigt und reizt, kommt aus dem Ungelösten in -uns, das zur Klarheit will. Was ist Sehnsucht? In dem -hundert- und tausendfachen Hingerissensein und Zerstreutsein, -alltäglich, allstündlich an die Dinge der Erde, -ist sie Verlangen nach dem Einen, das not ist. Aus den -tausend Möglichkeiten ist sie das Streben nach dem Einen, -das notwendig sei; aus den tausend Empfindsamkeiten -nach der einen Liebe. Aus der tausendfachen Verschwendung -nach — nach? — -</p> - -<p> -Dem Opfer. -</p> - -<p> -Hoffnungslos. Wozu dies dem Telemach? Was er -tun kann, ist seine Schuldigkeit, ist das Weitergehn auf -dem Wege, auf den uns die Toten verhalfen. Ich kann -in die Sonne starren, bis ich blind werde, und das dürfte -der ganze Erfolg sein. Näher, o Sonne, zu dir! Hoffnungslos, -ich habe meine Liebe in einer Insel eingesargt, -als sie totgeboren hatte, das ists. -</p> - -<p> -Erkenntnisse, Erkenntnisse! feil wie Brombeeren. Steine -im Strom, über die sich von Ufer zu Ufer springen läßt, -ein Haus baut sich nicht daraus. O weh mir, daß ich -meinen Tod verschlief! -</p> - -<p class="date"> -<a id="page-539" class="pagenum" title="539"></a> -am 6. April -</p> - -<p class="noindent"> -Erloschen. -</p> - -<p> -So mußte es freilich kommen; unabänderlich; genau so. -</p> - -<p> -Ich erhaschte eine freie Minute und fuhr zu Anna. -Warum fuhr ich? Weil seit dem Zusammensein mit ihr -auf Hallig Hooge ein Duft von ihr in mir verblieben war, -beunruhigend, der immer drängte, mit ihr zu reden, ihr zu -schreiben, ihr — kurz, ihr nahe zu sein. Kann, dacht ich, -wiederkommen, was lange verging? Immer sah ich auch -ihr Gesicht in dieser sonderlichen Verändrung, die ich seinerzeit -erst nicht zu deuten wußte, bis ich entdeckte, daß ihr -Augenbrauen wuchsen, noch dünn, schwarze, nicht blonde -Brauen — als sollten sie ein Ersatz sein für das, was den -Augen genommen war. Fast farbig wurde von ihnen -das sonst farblose Gesicht, sie gaben ihm Gestalt, Zeichnung, -trennten die überstarke Stirn von dem Untergesicht -und ersetzten wirklich etwas von dem fehlenden Blick der -sonst klaren Augen. Und ich deutete daran herum, schon -tauchten zärtliche Schatten auf, ich empfand Sehnsucht. -</p> - -<p> -So fuhr ich zu ihr, und sie war nicht da. Ich wollt es -kaum glauben. Bekanntlich ist so der Mensch: kommt, -fragt — was, sagt er, ich komme, und sie ist nicht da? -(Später hörte ich dann: sie wollte verreisen und war noch -einmal zu ihrem Lehrer.) Nun mußte ich mich bei Renate -melden lassen — ah, Telemach, schlug dir das Herz? -</p> - -<p> -Der Tag war von besondrer Wärme, so fand ich sie -halb im Freien, in der Veranda, sie schien unverändert. -Und was mich betrifft, so konnte ich sie ruhig betrachten — -nämlich zu Anfang. -</p> - -<p> -Unverändert schien sie, von Zügen, obgleich von solch -<a id="page-540" class="pagenum" title="540"></a> -einer — wie nenn ichs nur? — aber es giebt kein Wort -für diesen Bund von Lieblichkeit und von Majestät, der -ihr immer eigentümlich war. Sie saß in einem Korbsessel, -im dünnen Sonnenlicht, weißgekleidet, die Arme bis zum -Ellenbogen unter einer Decke von weißem Plüsch. Weiß -wie alldies war auch ihr Gesicht, darin die Augen von so -hellem Blau wie das der Hyazinthe. Langsam dann, -immer merklicher, wie ich vor ihr saß, begann sie sich zu -verwandeln. Ich glaube, mit ihrer Hand fing es an, -ihrem Arm, der nun auf der Decke lag, und diese Hand, -die nur ein Gebilde schien aus Schnee und Schmerz, war -gleichwohl von einer herzdurchschaudernden Menschlichkeit; -eine Menschenhand, eine weibliche Hand, und Daumen -und Zeigefinger sahen aus, als hätten sie erlebt, wie sie -gemacht wurden aus lebendigem Fleisch, Schmerz, den sie -nie vergessen würden. Das, womit ihre Finger spielten, -war erstaunlicherweise das Ende von einer ihrer beiden -hellbraunen Flechten, — das hatte ich auch freilich noch nie -gesehn. Und jetzt der Mund, ach der Mund! Als ob sie -sich ins eigene Herz gebissen hätte mit ihm, — so zuckte es -unmerklich an seinen Winkeln, die tief in das weiße Fleisch -hinabgezogen und eingebettet waren. Und jede Linie ihrer -Züge war mit einer geheimnisvollen andern nachgezogen, -wovon sie aber nicht scharf geworden waren, sondern ganz -weich. Der ganze Mensch war nichts als blühendes Schicksal. -</p> - -<p> -Nun erscheint sie mir wieder im Raum, und was ich -nun um sie atmen fühle, ist Verlassenheit, Hülflosigkeit, -Unwissen. Wohin jener Zauber von damals, jener Gürtel -von Unnahbarkeit? Die Unnahbarkeit war geblieben, aber -sie war nicht mehr Wille und Stolz und Bewußtheit. -<a id="page-541" class="pagenum" title="541"></a> -Ganz magisch war sie geworden, und in ihr rieselte ein -Brennen, ein Aufgelöstes, ein Schmelz — furchtbarer -Nachglanz einer unendlichen Umarmung, aus der sie gerissen -wurde, und ich — ja, ich fürchtete sie mehr, als daß -ich hätte begehren können. -</p> - -<p> -Von dem, was wir gesprochen haben mögen, ist nur -das Letzte wichtig. Da ich vom Amenophis begann, so hörte -sie mir eine Weile zu, lächelte langsam und meinte, es sei -schön, daß ich ihn auch kennen und so sehr lieben gelernt -hätte; ihr sei er Freund seit Jahren, nur unter seinem ägyptischen -Namen Ech-en-Aton; sie habe einen Abguß in ihrem -Zimmer stehn, ob ich ihn sehn wolle — ja, Weihnachten sei -es drei Jahre her gewesen, daß sie ihn bekam, von Josef, -und ob ich nicht auch fände, daß er Saint-Georges ähnlich -sehe. -</p> - -<p> -Nun, mein Telemach, was hilft es jetzt, zu sagen: Und -wenn wir ihn damals gesehn hätten, ja, wenn es möglich -gewesen wäre, ihn zu sehn, was aber nicht möglich war, -da ihr Zimmer damals unbetretbar war für unsersgleichen: -so würden wir ihn doch nicht erkannt haben, weil uns die -Augen abgingen. Dies aber hilft uns nichts, sondern dies -bleibt: das Geheimnis. Daß er drei Jahre in unsrer Nähe -stand, erreichbar und nie zu erreichen, in diesem, in ihrem, -in Renates Haus, Renates Eigentum, Renates Freund — -darin verhüllt sich das Geheimnis unsres Lebens. Und der -Schluß wird uns überdauern: wir blieben blind für die -Wahrheit Renates, weil er uns verborgen blieb; oder -Renates Wahrheit blieb uns verborgen, weil wir blind -für ihn waren. Das geht so herum oder so herum wie -die Daumen — der Schluß bleibt derselbe. -</p> - -<p> -<a id="page-542" class="pagenum" title="542"></a> -Wir aber wollen es aufgeben, dasitzend nachzusinnen -wie der nachdenkliche Medici: wie alles so gekommen ist. -Kopf hoch und geradeaus in das Hoffnungslose. Renate -nämlich — ist zu vergessen. Denn Sehnsucht, sang -Chastelard, Sehnsucht ist Qual. Sehnsucht dieser Art -verbittert, Sehnsucht trübt, Sehnsucht macht schwindlig, -macht unfroh und kränklich und feige. Schließlich: ich bin -mir zu edel für Sehnsucht. -</p> - -<p> -Und mein Leben — wie ein schwarz verkohltes Stück -Papier so zerflattert mirs unter den Händen. -</p> - -<h4 class="section"> -Magda an Georg -</h4> - -<p class="date"> -7. April -</p> - -<p class="adr"> -Mein Lieber, -</p> - -<p class="noindent"> -gestern abend und heute den ganzen Tag versuchte ich -vergebens, Dich am Telephon zu erreichen, Du warst -immer wo anders, um Dir Lebewohl zu sagen und vor -allem, mich nach Onkel Birnbaum zu erkundigen. In der -gestrigen Abendzeitung stand „ein leichter Schlaganfall“, -ich fuhr gleich hinaus, konnte aber nur das Mädchen -sprechen, seine Frau hatte sich schon hingelegt — und die -Morgenzeitung heute weiß auch nur von „bestem Befinden“ -und „keinen Besorgnissen“ zu fabeln, aber die Zeitungen -beschönigen immer alles, und ich hätte so gerne -von Dir Gewisses erfahren. Nun muß ich ohne das reisen. -Auch ohne einen Händedruck von Dir, — aber es werden -ja nur wenige Wochen sein. Außerdem hoffe ich, Dich -gleich nach unsrer Rückkehr ein paar Tage in Helenenruh -ganz für mich zu haben, was Du mir nicht abschlagen -darfst. Du weißt ja, daß der Geburtstag Deiner Mutter -<a id="page-543" class="pagenum" title="543"></a> -diesmal auf Charfreitag fällt, und hast vielleicht nicht vergessen, -was ich Dir erzählte: daß der Gesangverein in -Böhne beschlossen hat, den Tag durch eine Aufführung -des Deutschen Requiems zu feiern, daß ich aufgefordert -bin, zu singen, und daß Benno das Orchester des Stadttheaters -in Altenrepen dirigieren wird. Damals versprachst -Du mir — etwas zu leichthin — zu kommen; vielleicht findest -Du Dich eher bewogen, wenn ich Dir verrate, daß Renate -bereit ist, wenn ihre Gesundheit es erlaubt, den Orgelpart -zu übernehmen. Da hättest Du denn alles zusammen, -was Du liebst. Nun bitte, lieber Freund, schenk mir die -Charwoche! Eine Erholung wird Dir sicher gut tun, ich -weiß ja, was die Krankheit Birnbaums für Dich bedeutet, -also versprich mir, Georg! die Charwoche! Danach gehn -wir für längere Zeit auseinander, ich auf meine erste kleine -Konzertreise, Benno nach Aachen, wie Du wissen wirst, -und wer weiß, wann wir wieder zusammenkommen. -</p> - -<p> -Schreibe mir nach Torbole am Gardasee postlagernd. -Alles Gute, Georg, und tausend liebevolle Gedanken -Deiner alten -</p> - -<p class="sign"> -Anna -</p> - -<h4 class="section"> -Aus Renates Buch -</h4> - -<p class="date"> -am 9. April -</p> - -<p class="noindent"> -In der Nacht träumte mir, daß ich in mein Zimmer -kam, das schon voll von Koffern und Taschen war, und -ein Mensch, den ich dann als Josef erkannte, war dabei, -einen großen Koffer zu schließen. Auf meine Frage, ob -alles fertig sei, richtete er sich auf und sagte: Ja, soll dein -Onkel denn hierbleiben? Was ich geantwortet habe, ist -<a id="page-544" class="pagenum" title="544"></a> -mir entfallen, aber da er hinausging, muß ich angenommen -haben, daß er Onkel holen wollte, und ich wartete, -aber er kam nicht wieder. Endlich wurde mir ängstlich zu -Sinne, ich ging hinaus, da war draußen alles finster, ich -tastete mich an der Wand hin, furchtsam, ich könnte die -Treppe verfehlen und abstürzen. Da kam aus einer Türe -Erasmus mit einem Licht und sagte, indem er mich geheimnisvoll -ansah: Einer von uns muß hierbleiben ... -</p> - -<p> -Davon erwachte ich mit einem Schrecken, machte gleich -Licht, die Uhr stand auf ein Viertel nach vier. Plötzlich -wußte ich, daß ich nach Onkel zu sehn hatte; ich glaube -wohl, daß ich schon alles wußte, und als ich in seinem -Zimmer war und Licht machte, lag er in dem Schlaf, aus -dem er nicht mehr erwachen wird. -</p> - -<p> -Sanft war es gekommen, das Ende. Kein Ende, nein, -nur ein schmerzloser Übergang von Schlaf zu Schlaf. -Auf seinem Gesicht, so rein, daß ich nicht weinen konnte, -stand zu lesen, daß es nichts als eine wunderbare Vertauschung -gewesen ist. -</p> - -<h4 class="section"> -Georg an Magda -</h4> - -<p class="date"> -am 11. April -</p> - -<p class="adr"> -Meine liebe Anna! -</p> - -<p class="noindent"> -Dank für Deine Zeilen! Um Birnbaum sei unbesorgt! -Ich sage die Wahrheit, indem ich die Aussage des Arztes -an Dich weitergebe, daß es „einer der leichtesten Schlaganfälle -ist, die ihm je vorkamen“, und daß er voraussichtlich -nahezu spurlos bleiben wird. Übrigens fand ich ihn -in der letzten Zeit so innerlich freudlos geworden, daß es -<a id="page-545" class="pagenum" title="545"></a> -ihm kaum leid tun würde, diese Welt zu verlassen, die ihm -seit Papas Tode nur ein zerbrochenes Ding ist, an dem -er müde herumflickt. Wie ich den Ausfall seiner Arbeitskraft -ertragen sollte, ist mir unbekannt, aber wenn es erst -so weit ist, wird sich, wie alles andre, auch das tragen -lassen. -</p> - -<p> -Verzeih die allzu geschwind hingewischten Zeilen! Ich -glaubte schon, Dir auf dem Klosett schreiben zu müssen, -weil ich nicht wußte, woher die Zeit nehmen. Nichts für -ungut, Anna, und ich komme nach Helenenruh, um das alte -Trio zu hören, ‚nicht die ganze, doch die halbe‘ Charwoche, -mehr wird nicht möglich sein, sagen wir Mittwoch, vielleicht -erst Donnerstag, vielleicht würg ich den Dienstag heraus, -aber versprechen kann ich nichts. Sei versichert, daß ich -überaus gern komme, Deinetwegen und natürlich auch -meiner selbst wegen. Der verruchte Zustand, in dem ich -herumschnaube, muß ein Ende nehmen, ich will mich noch -einmal vor den Göttern von Helenenruh niederwerfen und -— aber wozu, wozu das? Lebe wohl! Hab gute Tage -am blauen See, grüße Renate, auf Wiedersehn, lebe wohl! -</p> - -<p class="sign"> -Georg -</p> - -<h4 class="section"> -Aus Renates Buch -</h4> - -<p class="date"> -Torbole, am 12. April -</p> - -<p class="noindent"> -Es ist alles geblieben, wie es war: meine beiden Zimmer -von damals, die strahlenden Morgende, Papas Olivengarten, -die uralte Straße nach Mago zwischen vergessenen -Gärten, in denen jahrhundertealte Ölbäume wachsen, — -alles geblieben, nur daß ich jetzt die Augen schließen muß, -um einen geliebten Schatten durch meine Landschaft gehen -<a id="page-546" class="pagenum" title="546"></a> -zu sehn, und daß ich ganz eine Andre bin. Etwas wohler ist -mir doch! In der vollen Sonne zu liegen, vor halbgeschlossenen -Lidern die gläsern blauen Gluten des Sees, -grünes, raschelndes Feuer aus Wipfeln in Lüften — da -läßt es sich nicht widerstehn, und solange der Tag währt, -ist es ganz gut. Nur an die Nächte darf ich nicht denken. -</p> - -<p> -Irene fand ich schon vor. Oh wie mich schauderte bei -ihrem Anblick! Im Ölbaumgarten saß sie halb ausgestreckt -in einem Liegestuhl und bewegte kaum den Kopf -nach mir, kaum das weiße Gesicht in dem grünen Schatten -mit den, wie Jason schrieb, bronzenen Augen. Ihr Lächeln -war herzzerreißend. Ich konnte lange nicht sprechen und -war froh, daß Magda nichts sah und zu plaudern begann. -Wie ich sie so daliegen sah in ihrem leichten goldenen Haar, -allzudünn in einer an Leib und Armen eng anliegenden -grünen Tunika, an deren Ärmelenden sie beständig und -rastlos zupfte, und schwarzem Seidenrock mit rostigen Falten, -wußte ich lange nicht, an was sie mich erinnerte; aber -dann fiel mir ein, daß ihr Körper wie der weiche und -haltlose Stengel der Wasserrose war, der das weiße Haupt -nicht hält, sondern es ruht auf dem Wasser; und so schien -auch ihr kleiner Kopf nicht mehr vom Leibe getragen, -sondern von einem dunklen, geheimnisvollen Element, in -dem sie schwebte. Noch immer, sagt Jason, badet sie in -der Morgenfrühe im See, woher sie die Kraft dazu nimmt, -begreift keiner von uns. Übrigens ist sie das Gegenteil -von mir, sie glüht am ganzen Leib, ihre Hände sind wie -Flammen, aber sie kann mich nicht wärmen, und ich ihr -nicht kühlmachen, und es muß alles Elend bleiben, was -Elend ist. -</p> - -<p> -<a id="page-547" class="pagenum" title="547"></a> -Die Tage vergehen in Ruhe und Sonnenklarheit, das -kleine Klavier ist gestern gebracht worden, Magda übt -fleißig, ich begleite sie auch. Abends sitze ich in der Bucht -am Sasso. Wie weit man nach Süden sieht, oh wie weit! -</p> - -<p class="date"> -am 13. -</p> - -<p class="noindent"> -Ich hatte heut ein schönes Gespräch mit Magda über -Georg — das heißt, das Schöne war, was sie von ihm -sagte. In der häßlichen Vergeßlichkeit, an der ich nun -mitunter kranke, hatte ich an dem Tag, wo er bei mir gewesen -war, vergessen, es ihr zu sagen, dann kam die Reise, -heut erst fiel es mir wieder ein. Sehr lange saß ich dann -noch in Gedanken, als sie gegangen war. -</p> - -<p> -Ach, was ist es nur mit uns Menschen? Schicksal, -sagte Magda, was ist denn das? ein Wort, ein Begriff, -eine Macht? Wir sind doch Menschen! Irene, Ulrika ... -Ach, Ulrika ... ein einziges Mal, fällt mir ein, sprach sie -von sich selber, wie Magda heut, es war an einem Weihnachten, -oder Neujahr, aus irgendeinem Grund brach -das Gespräch plötzlich ab, und Bruchstück blieb es, wie -sie selber es mir immer war, bis ich ihr Totenantlitz sah -von Bogners Hand, und nie werde ich dies verstehn: warum -sie, das geistige Wesen, sie, die immer nur Geist zu sein -schien, warum sie so leiblich zerrissen wurde und wie das -nur möglich war! Muß man nicht denken, daß die Natur -sich hat rächen wollen? -</p> - -<p> -Ja, Bogner auch und Georg, Irene und Magda, und -ich selber, was geht denn nur vor in uns Allen? Ist denn -das, wohin wir geraten, wirklich das, was wir wollten? -Zwang es uns? wer denn? Schicksal? Ja, es ist doch, -<a id="page-548" class="pagenum" title="548"></a> -als ob jeder für ein Gewisses bestimmt wäre, er kann -jahrelang irregehn, kann dies und jenes tun, aber immer -geht er den einen Weg, immer wirkt er am einen, seinem -Schicksal, bis eines Tages das Gewisse fertig wurde, und -nun sieht er ein. Sie glaubt ja, Magda glaubt ja an -Georg, daß er seine Bestimmung erreichen wird, weil er -sie in sich hat, rein gesondert von allem Irren ... -</p> - -<p> -Und das wäre Schicksal? Ach, wenn es sich wirklich -nennen läßt, so kann es nichts andres als dies sein: daß -wir so sind, wie wir sind, und daß uns Unheil daraus -kommt, und daß wir selber es leiden müssen. -</p> - -<p> -Oh nähme es endlich ein Ende! -</p> - -<p class="date"> -am 18. -</p> - -<p class="noindent"> -Warum sitze ich denn wach in der Nacht und will -schreiben? Unten am Hafen stehen die dunklen Gestalten -der Männer in Gruppen, sie sprechen aufgeregt, es wird -geflucht, — nun, es sind Italiener, es ist ihre Art, ich freue -mich, daß ich noch jedes Wort verstehe, das zu mir herauf -kommt. Der Vater Alberti hat noch Licht im Zimmer, -ich höre ihn gehn, er ordnet wohl etwas; als ich vorhin -aus dem Fenster sah, konnte ich draußen im hellen Viereck, -das aus seinem Fenster am Boden geworden war, hinter -den Schatten der Gardinen den seinen sich bewegen sehn. -Wie gut und wie sicher scheint dies kleine Leben! Es ist -eine kühle, unruhige Nacht, der Wind kommt vom Norden -und treibt die Wolken gegen Süden, weit draußen bei -Limone blitzt der Scheinwerfer vom Zollschiff, der lange -Lichtstreifen sucht Buchten und Berge ab, die kleinen, halbversteckten -Schmugglerpfade oben bei Pregasina, wie -<a id="page-549" class="pagenum" title="549"></a> -immer, aber ich erschrak plötzlich, als der riesige Finger -herum kam; ich bildete mir ein, nun würde er auf mich -deuten, ich würde furchtbar deutlich dastehn in einer riesigen -Helle, — Gott leuchtete nach mir aus und würde mich -armselig finden. -</p> - -<p class="date"> -am 23. -</p> - -<p class="noindent"> -Wieder wie damals koche ich mit Barbara für uns Alle -und drei kleine Fischerkinder das Mittagessen, und es macht -mir Spaß, daß ichs noch kann. Könnte nicht Li so viel -mehr! Wo in aller Welt hat er gelernt, eine Polenta zu -machen, wie sie kein Italiener köstlicher machen kann? -Jason hilft auch mit, steht in einer weißen Kochschürze -und schuppt den Fisch, oder putzt Gemüse, denn Li, sagt -er, ist nur für das Feine, ein so kunstreicher Koch! Jason, -nun sehe ich ihn zum ersten Mal unter andern Menschen; -sie sprechen von ihm wie von einem guten Geist, wüste -Kerle kommen auf der Straße auf ihn zugerannt, um ihm -die Hand zu schütteln und tausend Dinge zu erzählen mit -zehntausend Gesten. Auch Magda lieben sie sehr und -lehren die Kinder, zu ihr hingehn und nach ihrer Hand -fassen; plötzlich hält sie dann so eine fettige, kleine Dreckpfote -und strahlt mit ganzem Gesicht. Durch die Küchentür -hörte ich Li zu Barbara sagen: Der Herr al Manach, -wenn der über die Straße geht, das ist, wie wenn Bruder -Franziskus kommt; mein gnädiges Fräulein, das ist die -gute Madonna, aber das Fräulein Renate, das ist die -Monstranz, da bekreuzigen sie sich und murmeln: <span class="antiqua">il miracolo</span> -... -</p> - -<p> -Sie bekreuzigen sich, und ich glaube fast, sie wissen, was -sie tun. -</p> - -<p> -<a id="page-550" class="pagenum" title="550"></a> -Um ein Uhr essen wir Alle zusammen vor dem Haus -unter der Olive, die drei Kinder sitzen furchtbar gewaschen -mit ihren Schüsselchen im Gras, und ich teile Polenta aus, -— oh die Tage, die Tage! -</p> - -<p> -Unbeschreiblich die Klarheit! Ich gehe ganz früh allein -durch die Straßen, an den Hafen, kein Mensch ist zu sehn, -es duftet nach Oleander, der Morgen entfaltet sich wie eine -Blüte, ich friere leise und nicht einmal unangenehm. Ein -paar alte Männer hantieren auf dem Kai, ein Segler -fährt aus, lautlos gleitend in den flammenden Azur, es -ist alles wie verzaubert. Und die Abende! Der Mond -kommt spät und leuchtend, silberne Streifen glänzen im -ruhigen Wasser, ich sitze auf einem der Liegestühle auf der -einsamen Bootsbrücke, keiner von uns spricht ein Wort, -dann tastet eine Hand nach der meinen, Magdas klare -Stimme fragt durch das Schweigen: Schwester? — Ich -kann nicht sprechen. -</p> - -<p class="date"> -am 24. -</p> - -<p class="noindent"> -So ist denn Irene am Ziel. War es eine Ahnung, die -mich am frühen Morgen in den Garten führte? Da lag -sie auf dem Rasen im beweglichen Schatten der Blätter, -in sich gebogen, ganz schlaff, aber wie ich sie aufrichten -will, bewegt sie sich schon, ist ganz wach, todmatt, aber -ihr Gesicht ist in Glückseligkeit wie gebadet. Erst sagte sie -nur, als sie mich erkannte: Ach! — Nach einer langen -Weile dann: Nun kann er kommen. — -</p> - -<p> -Sie war wieder in den See hinausgeschwommen, und -beim Zurückschwimmen verließ sie die Kraft. Sie fühlte -sich zum Stein werden, der sich selber hinab zog, alles -<a id="page-551" class="pagenum" title="551"></a> -ward blau um sie her, und in diesem Augenblick, sagte sie, -sah ich unter mir in der Tiefe den Tod stehen wie einen -ungeheuren Geist in weißen Falten, und er stieß mit einer -gläsernen Lanze gegen mein Herz. — Dann sei in einem -einzigen Feuerstrahl ihr ganzes Wesen aufgeflammt und -erloschen. Als sie erwachte, habe sie auf dem Strand gelegen. -— -</p> - -<p> -Sie ging bis zur Grenze. Was verschlägt es, ob sie sich -nun verwandelt glaubt und der Vergangenheit zurückgegeben? -Sie vollbrachte das Mögliche, sie stieß bis zur -Grenze vor, — und das, sagt Jason, ist der einzig bekannte -Weg, zu unsrer Mitte zu gelangen. — So ist sie -am Ziel. -</p> - -<p> -Obgleich sie noch so schwach ist wie ein Blatt, will sie -gleich fort, und mich drängt es mit ihr. Mir ist seltsam. -Als ob alles umher sich verwandelte und abfiele. Herr, -mein Gott, was soll denn noch geschehen mit mir? Auf -einmal zieht es mich nach Hause, nach dem Hause, wo ich -Heimat bekam. Heut nacht kam mein Vater, sah mich -traurig an und sagte eine Menge Dinge, von denen ich -nicht ein Wort verstehen konnte, ich war verzweifelt und -rief mehrmals: Ich verstehe dich ja nicht! — Da nickte -er schmerzlich, sank langsam in sich zusammen und glich -nun ganz seinem Bruder; plötzlich dachte ich: Er stirbt ja! -und erwachte voll Grauen. -</p> - -<p class="date"> -am 26., München -</p> - -<p class="noindent"> -Am Abend vor unsrer Abreise saß ich mit Irene, Magda -und Jason noch zusammen, und auf einmal war mirs, als -sähe ich alles zum letzten Mal, ja, so eigen, als wäre es das -<a id="page-552" class="pagenum" title="552"></a> -Letzte, was ich zu sehen bekäme. Ich konnte mir nicht vorstellen, -was sein würde, ich dachte gepeinigt nur immer -ganz sinnlos: Morgen ist das alles ganz anders! Oder: -Morgen ist alldas nicht mehr! Ich glaube fast, so muß -ein Verurteilter empfinden am Abend vor seiner Hinrichtung. -Ich sah auch alles so übergenau: den schönen -Raum mit alten Möbeln, das kleine Harmonium, die -Skizzen im Rahmen von Vaters Hand — jeden Tag wollte -ich sie fortnehmen, nun ließ ich sie doch hängen —, die liebe -Ecke mit dem Spiegel, vorne den Erker, das runde Fenster -und dahinter, dicht am See, meinen Garten, meine Olive. -Später stand ich noch lange im Dunkel vor der Haustür -zum Garten, erkannte den winzigen Lattenzaun im Finstern -und die alte Steinpforte zum Traubengarten. Herrlich -war es immer damals, unter diesen hochgezogenen Lauben -zu gehn; dunkle, volle Trauben streiften mir das Haar -in den letzten Jahren, dieselben, nach denen ich die Hände -vergeblich reckte in den ersten, und es gab auch eine Wiese -da mit zwei hohen Pappeln und einer Quelle zwischen -Steinblöcken. -</p> - -<p> -In meiner Stube sah alles traurig aus und als wäre -ich schon fort. Die immer unstet und flüchtig aussehenden -Koffer standen umher, das Glas mit den Blumen lag vom -Wind umgeworfen, die Blumen waren welk. -</p> - -<p> -Am Morgen war es wie Traum. Ich saß schon im -Wagen, gleich ging es rechts die steile Straße hinauf -zwischen Mauern und Oleanderbüschen, und wieder sprach -es: Morgen ist dies alles nicht mehr ... Mein Herz -klopfte mit furchtbarer langsamer Gewalt, ich sah alles -und nichts, plötzlich erschrak ich, zu bemerken, daß es noch -<a id="page-553" class="pagenum" title="553"></a> -dunkel war, mir schien wirklich, ich träumte, woher war -es eine Mondnacht auf einmal? Wieder kam das Frieren. -Da war die Kirche hoch über dem Dorf, von Zypressen -umgeben, der kleine Friedhof, immer wieder Ölbäume und -Feigen, deren Blätter so würzig duften bei Nacht. Alles -schien mir ewig vertraut und bekannt, und alles, dacht ich, -wird nie mehr sein. Vielleicht, fiel mir ein, bekomme ich -ein neues Leben. Wir fuhren die lange Straße zum Fort -hinauf, steil und steiler, und ich sah, mich zurückwendend, -den See schon tief unter mir liegen, er leuchtete im Mondlicht, -und fern im Himmel standen die wunderbar großen, -fremden Sterne des Südens friedvoll über der schlafenden -Landschaft. Die Pferde hörte ich leise schnauben, sie trabten -langsam im weißen Sand der höher ansteigenden Straße, -da war der starke Stall- und Ledergeruch auf einmal so -beruhigend wirklich und alltäglich da, und minutenlang -war es nur eine Fahrt, auf einer Landstraße, im bekannten -Gelände, in Sicherheit. Beim Fort trat der Posten heran, -las im Schein der Wagenlaterne den Passierschein des -Kutschers, grüßte und trat in den Schatten zurück. Da -dacht ich, nun müßte ich aus dem Wagen springen und -zurücklaufen, alles noch einmal nah haben am Herzen, -aber ich hing doch ganz still mit dem Blick an dem einzig -geliebten Bild von See und Ferne im Rahmen des Torbogens, -stehend im Wagen, und so entschwand es, — die -Pferde zogen an, der Weg senkte sich, plötzlich fuhren wir -durch Nago, und der See war verschwunden. Da, da! -der kleine Weg, wie oft gegangen in der glücklichen Zeit, -zur Ruine hinauf, man mußte über wilde Rosenhecken -klettern, — oh mein Vater, mein Vater! Ich sah und ich -<a id="page-554" class="pagenum" title="554"></a> -sah, wie brannten mir die Augen, ich wußte brennend und -wild, es würde mir etwas begegnen; die Landstraße, weithin -sichtbar bergabwärts führend in vielen Windungen, -leuchtete weiß im starken Licht. Wieder ein Soldat mit -aufgepflanztem Bajonett, dunkle Häuser, ein einsamer -Mann mit Stock und Felleisen kam uns entgegen, und -mir raste das Herz, ich wagte nicht, nach seinem Gesicht -zu sehn, ich dachte: Das ist er! das ist Vater! Nun steht -er, nun spricht er dich an! Ich sah und ich sah. Loppio, -die schöne Kirche mit den weißen Säulen, der kleine See -dahinter lag tief im Bergschatten, es war so kühl! Nun -lag ich erschöpft und überwach im Wagen, hellhörig für -jedes kleinste Geräusch und im Fieber. Warum wollte es -denn gar nicht Tag werden? Der Mond stand immer -noch hoch am Himmel, ich konnte meine Uhr ablesen, -ich vergaß die Zeit im Augenblick wieder. Jetzt öffnete -sich das Tal, und mit einemmal blitzten Lichter auf, -rote, grüne, von fern schrie ein gellender Pfiff in die Stille -hinaus, da war auch schon die Eisenbahnbrücke von -Mori, da waren Menschen, der Wagen hielt vor dem -Bahnhof. -</p> - -<p> -Ich aber schrie fast, bebend und schlotternd beim Aussteigen: -Nach Haus! nach Haus! -</p> - -<p> -Und was dort? — Und was dort? -</p> - -<p class="date"> -Zu Haus -</p> - -<p class="noindent"> -Ich lief, nein, ich flog meine Treppe hinauf, auf mein -Zimmer zu. Nun mußte es ja kommen, nun mußte er da -sein, der Brief, oh endlich der Brief, in dem alles stehen -würde; daß es ein wahnsinniger Irrtum war, alles nicht -<a id="page-555" class="pagenum" title="555"></a> -wahr, ein grausiger Traum, und ich würde aufwachen, -und auch meine Liebe war nicht umgebracht, sondern lebte -und lebte, — oder — kein Brief, er selber, er, im Zimmer, -wartend ... -</p> - -<p> -Wie bracht ich die Tür nur auf? Seltsam: auf dem -Schreibtisch, nicht auf seiner Säule, stand der weiße Kopf -und sah still durch das Fenster. Franziska muß ihn beim -Zurechtmachen des Zimmers zum Abstauben herabgenommen -und vergessen haben. Nun stand er da wie ein -abgehauener, ich sah ihn schon verschwommen durch -Tränen und hob ihn auf und dachte, er steht auf dem -Brief. — -</p> - -<p> -Nein, kein Brief. Oh, aber weinen, wieder weinen -können! Fast lächeln läßt es sich wieder danach. Magda -sagte noch gestern, stirnrunzelnd, mit solch einer kräftigen -Düsterkeit, wie sie nun manchmal annimmt: Männer -haben die Verachtung, wir haben immer nur Tränen. -Jedem seine Waffe. -</p> - -<p> -Ein wenig Erleichterung doch! Ich muß wieder hoffen -lernen. -</p> - -<p class="date"> -nachts -</p> - -<p class="noindent"> -Nein, ich kann hier nicht bleiben, ich kann nicht! Ich -erfriere ja hier! Das Wetter wie im Februar, und das -Haus ganz leer. Onkel tot, der Erasmus verschwunden. -Verreist, heißt es. Magda sagt ja, in Helenenruh wäre -es immer Sommer; wir wollen gleich fahren. Auch Irene -läßt den Kopf hängen, ach gewiß, wie ich mir den Brief -einbildete, hat sie sich vorgestellt, Klemens an der Bahn -zu finden, und nun friert sie, wie ich, bei ihren Eltern; sie -<a id="page-556" class="pagenum" title="556"></a> -kam nach dem Essen, wir saßen zusammen und weinten, -ach, du lieber Gott! Ich nehme sie mit nach H.; dort -kann ich dann überlegen, ob es gut sein wird, Klemens zu -sagen, daß sie auf ihn wartet. -</p> - -<p> -Irene, ach, wer noch warten könnte wie du! -</p> - -<p class="end"> -Hier enden des achten Buches neun Kapitel -oder ebenso viele Monate. -</p> - -<div class="frontmatter chapter"> -<h2 class="part" id="chapter-0-3"> -<a id="page-557" class="pagenum" title="557"></a> -<span class="line1">Neuntes Buch.</span><br /> -<span class="line2">Charfreitag</span><br /> -<span class="line3">oder</span><br /> -<span class="line4">Die Eltern</span> -</h2> - - <div class="epi"> - <div class="poem-container"> - <div class="poem"> - <div class="stanza"> - <p class="verse">All dies stürmt reißt und schlägt blitzt und brennt</p> - <p class="verse">Eh für uns spät am nacht-firmament</p> - <p class="verse">Sich vereint schimmernd still licht-kleinod:</p> - <p class="verse">Glanz und ruhm rausch und qual traum und tod.</p> - </div> - <div class="stanza attr"> - <p class="verse">Stefan George</p> - </div> - </div> - </div> - </div> -</div> - -<div class="chapter"> - -<h3 class="chapter" id="subchap-0-3-1"> -<a id="page-559" class="pagenum" title="559"></a> -Erstes Kapitel -</h3> - -</div> - -<h4 class="section"> -Georg -</h4> - -<p class="first"> -Unermüdlich wanderten die Gedanken. -</p> - -<p> -Georg, mit den Füßen ebenso unermüdlich, wanderte -das kalte kleine Helenenruher Zimmer ab. Im Winkel -neben dem Fenstervorhang strömte die alabasterne Schale -ihr immer gedämpftes Licht aus, in einer Stetigkeit ohnegleichen, -die Georgs Auge zu Boden schlug, wenn er ihrer -gewahr wurde. Im ständigen Hin und Wider die kurze -Strecke durch den Raum streiften seine Blicke unteilhaft -Wände und Gegenstände des Kindheitszimmers, die ihm, -so wenig ers inne ward, mit Alterslosigkeit und Unwandelbarkeit -doch der letzte Halt waren, nicht aus sich herauszufahren, -ein unseliger Wirbel, von sich selber zerrissen. -Die Nacht war laut. Frühling und Winter schlugen die -letzte Schlacht in der Finsternis, und unter einem Sturmwind, -der selber von unheimlicher Lautlosigkeit war, tosten -die Bäume des Parks, die ferne Stimme der See überbrüllend; -das ganze Haus mitunter bebte und verriet -knackend seine Fugen. Georg lief, in so rastloser Bewegung -wie ein Gesteinsbohrer sich hineinschraubend in -den Gneis seiner Ratlosigkeit. -</p> - -<p> -Auf dem Schreibtische vor dem Fenster lagen und standen -in dem stillen nächtlichen Licht die Gegenstände der -Kindheit, vom gegenwärtigen Augenblick wie von der -Vergangenheit unberührt. Aber mitten in ihrem unangefochtenen -Stillesein lag das Brennende, die schwälende -Fackel, aus der jeder seiner Blicke im Streifen einen neuen -<a id="page-560" class="pagenum" title="560"></a> -Schluck verzweifelter Gluten schöpfte: lagen die wiederaufgefundenen -Briefe an seinen Vater — eigentümlicherweise -von ihm selber scheinbar in diesem Schreibtisch nur -deshalb versteckt, damit er sie fände —, die aus den höllenhaften -Septembertagen des Vorjahres. Georg hatte sie -gelesen, sich ins Bett geschlagen vor Entsetzen und sich -nach endlos flammenden Stunden der Schlaflosigkeit an -die Wanderschaft durch den Raum gemacht, entschlossen, -noch in dieser Nacht fertig zu werden mit diesem und sich. -</p> - -<p> -Das allerdings, was ihn zuerst aus den Briefen entsetzt -hatte, der Irrsinn, das Wiedereintauchen in die Folter -von damals, war nun längst schon verschwunden hinter -einem mehr würgenden Elendsgefühl. Denn was stand -da geschrieben, Zeilen, die sich eingebrannt hatten in sein -Hirn, in sein Herz? ‚So müßte es mir in der Tat gelungen -sein, die ganze Oberschicht menschlichen Daseins, die uns -gemeinhin bedeckt, abzukratzen, die ganze moralische Haut -sozusagen, jene, in der auch das sogenannte Gewissen steckt, -das Alltagsgewissen, nach dem man so behaglich lebt, dieweil -es mit Gründen für alles vollsteckt wie ein Brombeerbusch -im Oktober. Möglich es ist so. Möglich, das qualvolle -Unbehagen, das mir das jetzige Leben verursacht, kommt -davon, daß ich die Haut verlor und nun schauderbar friere in -der Nacktheit. Worauf es ankäme, wäre dann wohl, nicht, -wie ich es unbewußt bereits vorhaben werde, eine neue -Haut zu bilden — die nur die alte werden könnte —, sondern -vielmehr den Zustand der Hautlosigkeit als dauernden zu ertragen, -mit Frieren aufzuhören, ihn lebensfähig zu machen. -</p> - -<p> -‚Wie soll mans nennen? Nur — Mensch zu sein. Alle -Strahlen des Lebendigseins aufzufangen — mit keiner -<a id="page-561" class="pagenum" title="561"></a> -spiegelnden Netzhaut, die Bilder hervorfluten läßt und verwirrende -Gestalten —, sondern sie aufzusaugen in den -innerst glühenden Kern des Menschseins, wo sich von -selber zu ätherischer Reine und Klarheit die ewigen Begriffe -bilden, die zeitlosen, die unwandelbaren Formen, in denen -die Gottheit sich darstellt.‘ -</p> - -<p> -Und schlimmer noch diese Sätze: -</p> - -<p> -‚Gnädiger Gott, der du bist! Wenn es denn möglich -sein soll, wenn es aus alldiesem noch einen Weg geben -soll für mich, so bewahre mich vor dem einen: ja, wahrlich, -wenn ich auch mit Blut und Knochen, mit all meinen -Sinnen und Übersinnen wieder hinein muß ins Alte, — so -sei mir gnädig und verhilf mir zu dem Einen: nicht der -Gewohnheit wieder anheimzufallen mit meiner Seele! Daß -ich meine eignen Gedanken sehe wie Sterne, meine eigenen -Gefühle wie Blumen; daß ich nicht dem Ungefähren nachtappe, -wie ich das Pferd Unkas sich selber nachtappen sah -in den ewigen Stall!‘ -</p> - -<p> -Ja, gnädiger Gott, war es faßbar, war es nun nicht -doch geschehn, war er nicht ganz wieder der alte, hatte -er sein Leben geändert? — Seine Gedanken jagten wie -herrenlose Hunde in den letzten Monaten herum, suchend -nach einer geringsten Veränderung gegen früher. Nichts -da, nichts! Da war ja auch keine Zeit zum sich Ändern; -da war ja nur von Arbeit ein Ozean, in dem er so hülflos -herumpaddelte wie ein Pudel, und — Ich weiß was! -knurrte er wild: Wenn du echt wärst, Georg, wärst, der -du scheinst, so wärest du ruhig, verlebtest nicht Tag und -Nacht in hundert Ängsten vor unerledigten Aufgaben, -hättest ein gutes Gewissen, hättest auch Vertrauen zu denen, -<a id="page-562" class="pagenum" title="562"></a> -die du verständig weißt, um ihnen das Übermaß des Deinen -zuzuschütten, anstatt daß du nun keine stinkende Ratte von -Angelegenheit vorbeilaufen lassen kannst, ohne sie an die -Nase zu führen. Also bist du verflucht, mein Prinz, mußt -dir selber die Zeit wegrauben, und alldas, alldas von -Anfang her, ist deine Schuld! -</p> - -<p> -Herr des Lebens, und sollte er nun glauben, daß jenes -Fegfeuer des Irrsinns im vorigen Herbst keinen Sinn gehabt -hatte, als einmal zu brennen und zu verlöschen? Ungereinigt -war er herausgestiegen ins vorige Sein. — Wie -es da ausgedrückt war: den Zustand der Hautlosigkeit zu -einem dauernd erträglichen auszubilden, so wars eine poetische -Redefigur; eine Haut mußte sich wieder bilden, aber: -ein Zeichen, ein winzigstes, mußte doch zu entdecken sein -an der neuen Haut, erkennbar zu machen, daß sie neu war. -</p> - -<p> -War er ein andrer Mensch? Hatte er irgendwas gewonnen? -</p> - -<p> -Seine Phantasie, auf der Suche, geriet sofort an Renate. -</p> - -<p> -Da stand, als er nach der Ankunft in Böhne aus dem -Bahnhof ins Freie trat, im Zwielicht das Viergespann, -das Magda, ihn festlich zu empfangen, vom Gestüt hatte -herausfahren lassen, und drin saß sie mit Renate, gut -aussehend, heiter, noch angebräunt vom italischen Frühling, -und Hut und Kleidung schienen gefälliger als früher. -Renate unkenntlich vor Schleiern ... Er aber empfand -Lust, zu kutschieren, und stieg auf den Bock. -</p> - -<p> -Es dämmerte schon, als die Stadt hinter ihnen zurückwich. -Weit vorauf sichtbar die weiße gewundene Straße -schien seltsam leidend; weit und verlassen die grünen Gefilde -<a id="page-563" class="pagenum" title="563"></a> -der Wiese, verloren im Abend; vereinsamt in ihrem -Dunkel die kleinen Wäldchen fern unter den lastenden -schweren Wolkenmassen des ruhlosen Himmels. Tropfen -fielen und eintönig die Schläge der vielen trabenden Hufe, -ein trappelndes Durcheinander. Und noch im aufatmenden -Gefühl, daß er sich nicht mehr beeinflussen ließ von -Landschaft und Witterung, wie früher, daß er sie nur um -sich her sein ließ zum Beschauen, wandte er sich um, und -da saß Renate, Schleier und Hut im Schoß, das Antlitz -zur Seite gewandt aus dem Wagen, still, und Tränen -liefen naß und glitzernd aus ihren Augen. Ihn streifte sie -mit einem flüchtigen Blick, einer verlorenen Bitte, und fuhr -einfach mit Weinen fort. -</p> - -<p> -Nun sah er wieder die süßen Farben des einzigen Gesichts, -das glänzend rinnende Blau der Augen, das bräunliche -Haar, die Blüte der Wangen, — sah es in seiner Vereinsamung -mitten im immer dunkleren Kreis des Landes. Der -Himmel verfinsterte sich mehr, das Land schwand in der -Dunkelheit der Fernen, lauter scholl das Trotten der Hufe, -steif in den Händen die Riemen fuhr er dies Weinen durch -den Abend hin, und ihm war, als führe er Persephone -weinend über das seufzende Land, er, Hades, seinem trostlosen -Hause zu. -</p> - -<p> -Das lag dann plötzlich, erhöht über die schwarze Masse -des Waldes, aus dem es zu wachsen schien, schwarz mit -den Türmen vor dem düsteren Westhimmel, in dem noch -geheimnisvolle Röten glühten in Streifen, wie von Bränden -und nicht von Sonne. -</p> - -<p> -Beim Aussteigen nahm sie nicht nur seinen Arm, sondern -stützte sich sogar, ihres verstauchten Fußes wegen, und -<a id="page-564" class="pagenum" title="564"></a> -er empfand körperlich ihre Weichheit. Daß er sie einmal -führen und stützen müsse, hätte er nie gedacht. Beim -Essen dann konnte er alles sehn: die Hoheit von einst, den -magischen Kreis um sie her, den er immer gefürchtet hatte, -und der jetzt durchwirkt war von Weichheit, einem hülflosen -Schmelz, für ihn schmerzhaft verlockend und von kaum -erträglicher Süße. -</p> - -<p> -Dann erschien Benno, verlegen und strahlend ... -</p> - -<p> -Wie, Benno? Das hatte er vergessen, mit Benno hatte -sich etwas zugetragen, aber das war nachher zu bedenken, -erst weiter — Renate ... -</p> - -<p> -Magda sang auf seine Bitte, oben im Klaviersaal am -Harmonium, zwei der ernsten Gesänge von Brahms. -</p> - -<p> -Indem fiel Georg ein, daß der Geburtstag seiner Mutter -bevorstand, und seine Brust zog sich leise zusammen, halb -in Scham, daß er jetzt erst ihrer gedachte, und mit einem -jähen und schweren Gefühl des Vermissens sah — nein, -empfand er ihr leidvolles Dasein und ganz stark ihre vereinsamte -Liebe zu ihm. Wieder brannte ihm das Herz, er -dachte Emmaus, und er stöhnte plötzlich unter einer siedenden -Woge Leides, eigenen Leides im letzten Jahr, die über -ihn hinschlug. — Es geht vorüber, murmelte er dumpf -und geduldig, es geht vorüber ... -</p> - -<p> -Wieder erschien ihm Benno, wie er dastand hinter seinem -Stuhl, die Lehne in Händen, und sich wand und verteidigte. -</p> - -<p> -Also das wars, er komponierte eine Oper. Nein, erst -war das mit George, wie kamen sie darauf? Ja nun, -wie das so geht ... Menschen, die sich lange nicht sahn -und vieles erlebten, wovon zu reden wäre, greifen vielmehr -<a id="page-565" class="pagenum" title="565"></a> -nach dem Unpersönlichen. So sprachen sie von Literatur, -von Stefan George, und was hatte er gesagt, dieser verfluchte -Benno? Er hatte den „Gehalt“ vermißt an George. -— Da vermißte einer Gehalt am Marmor, dessen Eigenschaft -es ist, Marmor zu sein durch und durch. — Georg -war sprachlos. -</p> - -<p> -Ja, richtig, Benno bewunderte ihn, George, aber er -erschütterte sein Herz nicht. Es fehle am Menschlichen -irgendwie. Gewaltig, ja, oh natürlich, und er gab überhaupt -alles zu, wie immer, und er sei im Unrecht, das -wisse er wohl, aber er könne sich nicht helfen, — und -lobte darauf Gerhart Hauptmann. Georg staunte baß -und gab zu: Michael Kramer, Florian Geyer und vielleicht -das Friedensfest, mehr um keinen Preis, worauf -Benno eine schmächtige Hymne sang auf das Hannele, -indes Georg begriff und ihm auf den Kopf zusagte, daß, -wenn ein Mensch zu ihm träte und sagte, das Menschenherz -ist voll Tränen und Sehnsucht, er schon jubelte und -schrie: <span class="antiqua">Ecce poeta!</span> Oh uralte Verwirrung der Begriffe, -denn wo Welt und Schicksal und Not und Überfeuer zusammengepreßt -seien in eine eherne Musik der Sprache, -da stehe er leer und dunstig. — Kein Zentrum in ihm, das -ists, murrte Georg. Vor sechs Jahren las ich das erste -Gedicht von George, verstand ihn vor Jugend noch kaum, -und seitdem, Jahr um Jahr, wieviel, wie vieles ist abgefallen -und verwelkt, all die Dehmels und Hauptmanns -und Wedekinds, bei denen man damals sich freute und -meinte, es genüge, wenn da etwas sei, — aber er — und -noch Hölderlin —, diese Beiden gingen immer mächtiger -und strahlender auf wie die Sterne mit der tieferen Nacht. -<a id="page-566" class="pagenum" title="566"></a> -Die sind freilich nicht leicht zu tragen, aber wer sich nie -mit ganzer Kraft um das Leben mühte, wie will der das -Wahre gewinnen an der Kunst? -</p> - -<p> -Denn Benno, der komponierte nunmehr glückselig eine -Oper. Eine Spieloper? Keineswegs, sondern ein stolzes -Musikdrama, und gar war er sichtlich enttäuscht, keine -glückwünschende Zustimmung zu erhalten, und gar endlich -auf einen Text, den ein Freund oder Vetter seiner Elfe, -Schriftsteller, hergestellt hatte aus einer Erzählung von -Riehl. Bei den Göttern, so wars, damit nur alles zusammentreffe: -Musikdrama und Dramatisierung eines -epischen Stoffes, — alle Notwendigkeit beim Teufel! -Georg stand wütend auf. -</p> - -<p> -Du, Benno, hielt er plötzlich seine Rede aufgebrachter -noch einmal, hast du denn alles vergessen von damals? War -dir alldas etwa nur wert, gefühlt und gesungen zu werden? -Nichts als Sentimentalität? Nun sind wir Männer und -hätten zu zeigen, was wir gewannen, und ich, Benno, ich -hab auch Verse gemacht und mich für einen Dichter gehalten; -als ich aber einsah, daß es nicht das Ganze war, -da verzichtete ich. Hast du, frommer, weicher Mensch, -denn nun in Wahrheit keinen Weiser in dir für das Echte? -Daß es nicht genügt, dies und jenes zu tun, weil es sich -tun läßt, und es nur möglichst gut zu machen, sondern -daß es die Aufgabe ist, auch zu lassen? zu prüfen erst und -dann zuzugreifen? Da haben eine Menge Leute Musikdramen -geschrieben, die Form des Musikdramas steht dir -als praktische Möglichkeit leibhaft vor Augen, und sofort -hast du vergessen, was du sehr wohl weißt — sehr wohl, -Benno, nach früherer Aussage! —, daß du eine Schande -<a id="page-567" class="pagenum" title="567"></a> -begehst, daß du die Musik, den reinen Engel, erniedrigst -und entstellst, indem du sie zu dem einzigen verwendest, -wozu sie nicht da ist: auszudrücken! Etwas auszudrücken, -was sich auch auf andre Weise ausdrücken läßt, Geräusche -der Natur, oder durch Handlung und Wort auf der -Bühne! Oder das simpel Menschliche auszudrücken, -Leidenschaft, Klage, alldas zufällig Tatsächliche, anstatt -das himmelhaft Zeitlose! Aber freilich, du mußt auf das -Praktische gerichtet sein, mußt auch Geld verdienen für -deine Frau, und darum siehst du nichts als die Verlockung -des prächtigen Librettos, und daß es halt Musikdramen -giebt, und ergo, daß die möglich sind, und fragst wie der -Galizier: Gott über die Welt, warum soll ich nicht? — -Und daß es an dir ist, alle zehntausend hundsföttischen -Möglichkeiten durchzusieben bis auf die eine, die Notwendigkeit -heißt, das — — ah, mein Benno, jetzt schwant -mir etwas ganz Böses! Wenn wir dazumal einer Meinung -gewesen sind, so waren wir doch nicht eines Herzens, und -zwar meintest du das gleiche wie ich, aber du meintest es -auf andre Weise! — Das wäre des Teufels. -</p> - -<p> -Und ich, mußte er sich jetzt wieder fragen, bin ich -eigentlich anders gewesen? Habe ich geprüft? Nein, bei -Gott nicht! Aber wie, konnte ich das ebenso echt empfinden -— und doch unrecht haben? Was gab mir denn -recht? -</p> - -<p> -Eine Stimme in ihm sagte: Leiden. — Erst glaubte er, -sie überhören zu müssen, gab aber nach: das möchte wahr -sein. -</p> - -<p> -Und dann, jählings, als habe ihn jemand geschüttelt, -so daß alles eben Empfundne und Gesehne von ihm abfiel -<a id="page-568" class="pagenum" title="568"></a> -wie Lumpen, stand er wieder in voller Glut seiner -Scham, sah er am herumliegenden Abfall, wohin er abgeirrt -war, und daß er der alte war, unabänderlich unverändert -der alte. -</p> - -<p> -Eine Nebelwand vor den Augen, das ist das Leben -für mich, und dahinter ein dünnes Licht. Was für ein -Licht? Das Licht bin ich selber, ich, den ich suche, um den -ich mich bemühe, und was mich anleuchtet, ist die Angst, -nicht zu werden, zu verlöschen im Alltage. Früher — habe -ich mich da schon gesucht? Auch, ja, aber dumpf nur -und kaum bewußt. Ich strebte, wohl, ich strebte nach -einem menschlich hohen und wertvollen Ziel, und was ich -auch vornahm, was ich betrieb —, wenn ich aus der -Trunkenheit aufwachte, so hatt ich doch Augen für die -Sterne, — Hölderlins und Georges Form, in sie konnte -mein Leben doch eingehn und in der Wahrheit lebendig -sein, — oh mein Gott, daß ich dies immer wieder vergaß! -Das Schlechte erkannt ich doch immer als schlecht, wenn -auch nachträglich nur, und ich quälte mich dran, wollt es -verleugnen, wand mich am Ende heraus; und das Gute — -war es mir jemals ganz gut, war es mir — wirklich? -Hatt ich nicht immer die Qualen der Unwirklichkeit, die -Reue, daß selber der höchste Augenblick Augenblick war -und verlöschen mußte, und sucht ich nicht immer nach — -nach — Renate? Und immer wieder vergaß ich Renate und -nahm jemand anders, — und zuletzt, da ich zugriff wie ein -Taps, so entzog sie sich selber, für immer, und da steh ich -und starr’ ins Symbol Renate, hoch und nie zu erreichen. -</p> - -<p> -Dumpf damals und im Dunkel, jetzt etwas heller, in -Dämmrung: wäre das wahrlich der ganze Unterschied? -<a id="page-569" class="pagenum" title="569"></a> -Wäre das Hoffnung, daß langsam, aber doch sicher, die -Helle zunähme? Daß deshalb Nächte kommen wie diese, -wo ein guter Dämon mir Öl ins Feuer der Reue gießt? -</p> - -<p> -Georg wanderte auf und nieder. Augenwinkel und -Schläfen brannten von Schlafverlangen, auch peinigte -ihn die Unaufhörlichkeit des Nachtsturms, den er immer -wieder, nachdem das Tosen der Bäume fernhin versaust -war, heranrollen, schwellen, toben, sich im Gewipfel -wälzen hörte. — Ich lasse dich nicht, murmelte er sinnverloren, -du segnest mich denn! O Gott, mein Gott, diese -Einsamkeit! Und wären sie Alle hier, die mich jemals -liebten, die Lebenden und die Toten, und könnte ihrer Aller -Liebe sich zu einem allmächtigen Leuchtfeuer vereinen —, -ich würde es wie einen Sternfunken klein in der Nacht -sehn; meine Nacht würde Nacht bleiben. Niemand kann -helfen, niemand, niemand, nur Gott. -</p> - -<p> -Und in einer Verzweiflung, stehen bleibend, die Augen -schließend, stieß er aus seinem Unglauben die Worte: Gott, -Gott, Gott, wenn du bist, gieb mir ein Zeichen, gieb! Laß -diesen Sturm sich legen, wenn du bist, und ich weiß, daß -ich auch einmal Ruhe finde! -</p> - -<p> -Danach lauschte er lange Sekunden. Der Sturm wurde -schwächer, entfernte sich, es grollte von weitem gedämpft, -wurde stiller, still. Und dann machte es sich wieder auf -und rollte heran, Woge um Woge. -</p> - -<p> -Georg ließ die Arme fallen. Einen Augenblick später -saß er plötzlich und schrieb. -</p> - -<p> -Mein Leiden, schrieb er, war und ist noch immer eine Art -Cäsarenwahnsinn, nicht der Tat, sondern des Verstandes. -So wie jene Kaiser, geboren zu einer Zeit, wo das Leben -<a id="page-570" class="pagenum" title="570"></a> -des Untertans weniger wert war, und erzogen zu dem -Herrscherempfinden unumschränkter Gewalt über Leben -und Tod, sich über Vorstellung und Leidenschaft hinaus -zügellos hinreißen ließen zu den Ausführungen schrecklicher -Art, Massenmord, Muttermord, Brandstiftung, was es -auch war: so wirkte in mir ein an sich zügellos beschaffenes, -durch unbewußte Betätigung ins Unermeßliche und Schamlose -gesteigertes Denkvermögen. Mit ziemlich offenen -Sinnen versehen, war mir Beobachtung, Ergreifung sowohl -aller sinnlichen Vorgänge um mich her, wie der in -Büchern erreichbaren geistiger, seelischer, humaner, gesellschaftlicher, -natürlicher, künstlerischer Art, immer Vergnügen -und leichte Gewohnheit. Die Fertigkeit, Bezüge -herzustellen, von einem aufs andre, von zweien aufs dritte -zu schließen, ein ähnliches Drittes als erhärtet und verbürgt -anzusehn durch Erstes und Zweites, diese Fertigkeit -ist nicht nur mir, ist jedem Menschen von Natur eigen, -und ich übte sie nach Gefallen. Und das Wichtigste: eine -unbegrenzte Ichsucht, schaurig durch Unbewußtheit vertieft, -die jeden begegnenden Vorgang, jede Erscheinung -des Lebens und noch mehr: in der Lektüre jede Meinung, -jedes Urteil innerhalb des ganzen Bereiches des menschlichen -Wesens nur in der einen Beziehung auf das eigene -Ich, die Wahrscheinlichkeit des selber so handeln, denken, -empfinden Könnens oder Wollens oder Mögens aufnahm. -Alldies — und gewiß noch andres in Menge -mehr — züchtete diese geistige oder nervische Leidenschaft -des alles Denkenkönnens; des alles für — nicht nur -wahrscheinlich, möglich, plausibel, sondern für wahr Haltens, -nicht weil es wahr, sondern weil es so denkbar erschien. -<a id="page-571" class="pagenum" title="571"></a> -In keinem Stoffgebiet, keiner Kunst oder Wissenschaft -wirklich zu Hause, keiner menschlichen Weisheit, -keiner Wesenheit wirklich auf den Grund gekommen, erregte -mich vielmehr gerade die Leichtheit des — scheinbar — -alles fassen, umfassen, durchschauen und verbinden -Könnens. Es ist ein gealtertes Wort, daß jeder Mensch -nur sich herausliest aus dem Buch, das er liest; er ist sich -selber der Held eines jeden Romans, und sei der ein Herkules -oder Cäsar Borgia. -</p> - -<p> -Mildernde Umstände machen die Tat ebensowenig ungeschehn, -wie sie die Schuld aufheben können; mildernde -Umstände enthalten recht eigentlich die Erklärung, die -Anlässe der Verbrechen, machen sie verständlich, erkennbar. -So habe ich etwa die mildernden Umstände für mich, -daß ich am Leben bin zu einer Zeit, die ebensolche hervorbringt -wie mich; Menschen, die zu einer Zeit ihres -Lebens, beim Übergang von der Jugend zum Mannesalter -sich im Besitz eines leicht und handlich arbeitenden -Verstandes, offener Sinne, leidlich geschulter Logik und -der oder jener Begabung oder Kunstfertigkeit sehen, -‚hochbegabt‘, wie man sie nennt, ‚talentiert‘, ohne dabei -von einer seelischen Festigkeit, einem innern Ausgerichtet- -oder im Gleichgewichtsein, mit einem Wort: von Charakter -zu sein, in dessen Händen allein jene Begabungen wahrhaft -leistungsfähig, notwendig und gerecht wären. Tausend -Dinge ohne innerstes Müssen zu tun, weil sie sich -tun lassen, das ist der Fehler. Fertigkeiten zu haben, die -das Maß der innern Bedürftigkeit übersteigen, wie das -Angebot die Nachfrage auf dem Markt. Mit den Augen -größer zu sein als mit dem Magen. Kein Ernst, immer -<a id="page-572" class="pagenum" title="572"></a> -Spiel. Übung der Geschicklichkeiten zu keinem nützlichen -Zweck, sondern um der Geschicklichkeit willen. Grammatik -Treiben am Homer. Immer jenseits der Grenze des -Notwendigen im Elysium alles Möglichen. Keinerlei -Beschränkung im Geistigen, Zügellosigkeit, Cäsarenwahnsinn -des Verstandes. -</p> - -<p> -Und noch möchte alles das hingehn, blieb es auf sich, -auf mich selber beschränkt. Gäbe es nicht Menschen, die -bei solcher Beschaffenheit das beschaulichste Leben führen? -Und zwar dies, teils weil das Leben sie auf einen Platz -stellte, wo kein Handeln, also kein Mitgefühl, kein Denken -und Sorgen für Andre von ihnen verlangt wird; teils -weil sie niemals darauf verfallen sind, sich selbst zu erkennen. -Ich aber war unzählige Male zu einer Zeit, wo -ich nicht daran dachte, daß ich es sei: hineingestellt mitten -in das menschliche Labyrinth des Wollens, Tunsollens, -Unterlassens und der Schuld; bin es heute wie je mit dem -einen Unterschied, daß ich nun weiß. Hinderte mich aber -am Rechten damals die riesige Wucherung meiner Sinne, -meines Verstandes, die mir alles zeigte wie ein Glück, es -wahrnehmen und denken zu können, aber nicht rechtzeitig -hineinzugreifen und auszuführen: so hemmt mich nun, da -ich Erfahrung gewonnen habe, eben sie. Nun bin ich so -belastet mit Wissen, wie wenn eine Schnecke ein Haus -hätte, das zu schleppen ihre Kraft nicht ausreichte, so daß -sie zwar drin hausen kann, aber es nicht hinbringen, wo -Nahrung ist. Wußte ich früher nichts und war geblendet -durch die Last, Wissen — oder was ich dafür ansah — zu -erwerben — und was schien mir nicht erwerbenswert? —, -so bin ich nun blind ... -</p> - -<p> -<a id="page-573" class="pagenum" title="573"></a> -Voll Unmut und Widerwillen schon während der letzten -Sätze gegen das Hinschreiben, legte Georg die Feder hin -und das Gesicht in die Hände. In diesem Augenblick -ging durch die schwere Beklemmung, die ihn erfüllte, ein -sanftes Licht. Dem gab er nach, erweicht, und dachte so -in schwerer Nachgiebigkeit: -</p> - -<p> -Es ist nicht möglich, Georg, daß es nur dies ist. Es -ist nicht möglich — denn es wäre nicht menschlich! —, daß -irgend jemand so wie du sich im tiefsten belastet fühlen, -im tiefsten unglücklich sein könnte durch die reine Erkenntnis -seines Soseins, das Wissen um — psychologische Vorgänge. -Alldies ist das Allgemeine; was aber ist das -Persönliche, in dem es sich bei dir darstellt? Was ist das -Wesen? -</p> - -<p> -Gieb es zu, Georg, gieb es zu! -</p> - -<p> -Es ist die Lüge. Es ist ganz einfach. Wäre es jenes -allein, so würde ich wie jeder Andre auch drüber hinwegkommen. -Würde es bestehen lassen, würde suchen, es zu -verarbeiten, würde aber weitergehn, würde mich nicht, -o mein Gott, bei jedem Atemzug so gehindert fühlen am -Leben. Gieb zu, daß es die Lüge ist! Daß du scheinst, -was du nicht bist. Daß du nicht, so eitel gern du es -möchtest, beschlossen bist in dir, unabhängig von den -Andern und ihrem Meinen. Denn du stehst an einer offenbaren -Stelle, du weißt dich in jedem Augenblick von einer -Menge gesehn, bedacht, beurteilt, und was in dir Seelenstoff -ist, das steht mit allem Seelenstoff um dich her in -Beziehung, und du empfindest auch, was dein Verstand -leugnen möchte. Du stehst an sichtbarer Stelle und lügst. -Versetze dich in die Andern, betrachte dich selber von außen! -<a id="page-574" class="pagenum" title="574"></a> -Stelle dir eine Bronze vor und dich in dem Augenblick, -wo du entdeckst, sie ist Gips und bemalt. Rede dich nicht -heraus mit allfälliger höherer Einsicht, die hinterdrein -kommen könnte. Den ersten Augenblick nimm: Gips und -nicht Bronze! So! Weißt du nun, was du empfandest? -Kannst du die erste Enttäuschung verwinden? Nützt es, -dir einzureden, daß im besondern Fall Gips zweckdienlicher -sein kann als das Edelmetall? -</p> - -<p> -Ich hab keine Kraft mehr! stöhnte Georg und stand -auf. Ich kanns nicht mehr erwehren. Ich sehe alles ein. -Aber dem wollt ich mein Herz geben, der mir die Kraft -gäbe, es zu ändern. -</p> - -<p> -Da, mitten in seine Aufgelöstheit, in Unkraft hinein -blühte das Antlitz Jason al Manachs, kaum lächelnd, -weiß wie eine Narzisse, und Georg flüsterte staunend: Du -Lieber! Sieh, auch du hast mir nicht helfen können! -Aber du, o dies ist wohl dein Zauber! du liebst uns, du -liebst Alle und alles, liebst, was du ansiehst, und liebst, -mit wem du sprichst, mit unwiderstehlicher Liebe, die durchdringt -und so süß und milde das Leben macht, solange -du bei uns bist ... -</p> - -<p> -In diesem Augenblick kreuzten sich zwei verschiedene -Wahrnehmungen in Georg: die eine, daß er Jason so -angeredet hatte, als wäre er Jesus; und die andre, daß -der Sturm sich gelegt hatte, ja, daß er vor langer Zeit -schon verstummt war. -</p> - -<p> -Nicht ein einziger Laut war in der Nacht. Georg stand -müde, erschlafft, dachte kummervoll seiner Anrufung des -göttlichen Wesens, — hatte Gott doch ein Zeichen gegeben? -Der Sturm schwieg. Hatte er wieder einmal nicht warten -<a id="page-575" class="pagenum" title="575"></a> -können und bemerkte das Zeichen erst, als es schon -welk geworden war, — nein, er selber welk, es zu -fühlen? -</p> - -<p> -Er stützte die Hände vor sich auf die Lehne des Stuhls -und suchte nach dem Gefühl, das er hatte, als er zu Gott -schrie. -</p> - -<p> -Was sich einstellte, war nun die Frage, was für eine -Nacht dieses sei; und gleich die erschreckende Antwort -dahinter: die Nacht vom Gründonnerstag zum Charfreitag. -</p> - -<p> -Sein Herz fing an zu klopfen. In dieser Nacht ... -In dieser Stunde vielleicht, in dieser Nacht kniete einer am -Ölberg, schrie zu Gott, und Alle schliefen, für die er schrie. -</p> - -<p> -Und nun — er wußte nicht, wovon an die Erde hinunter -gezwungen, ob von einem überwältigenden Schamgefühl -über die Ähnlichkeit, ob von einer äußersten Sehnsucht, -zu liegen, zu knien, widerstrebend voll Verzweiflung -ließ er sich an dem Stuhl hinunter, kniete, ließ den -Stuhl fahren, fiel langsam vornüber, und in dem Augenblick, -wo er von Scham übergossen aufspringen wollte, -lag er und küßte den Fußboden. -</p> - -<p> -Eine Sekunde später hatte er mit den Kleidern alles -von sich geschleudert, lag im Bett und stürzte sich wie -einen Stein in den Schlaf. -</p> - -<h4 class="section"> -Renate -</h4> - -<p class="first"> -‚Der Tod Christi‘, so las Renate in ihrem Zimmer, -‚bezeichnet uns das Größte — nicht in seinem Wesen, -aber in seinem irdischen Leben. Niemand ist eines so vollkommenen -<a id="page-576" class="pagenum" title="576"></a> -Todes gestorben. Darum sollst du die Tage -seines Sterbens als die heiligsten halten im Jahr, und sie -sollen ganz allein dem Heiland gewidmet sein. -</p> - -<p> -‚Zu dieser Versenkung deiner Seele bedarf es einer -Überwindung zuvor. Denn es fällt der Seele nichts -schwerer, als aus der Gewohnheit ihres Treibens von -selber den Übergang in ein größeres Dasein zu finden, und -zumal der Geist bedarf des besonderen Antriebs. Darum -sollst du zwischen Alltag und Feiertag die Mauer einer -Überwindung aufrichten und am Mittag des Gründonnerstags -ein vollkommenes Fasten beginnen, das bis -zum Samstag in der Frühe währt. Erst wenn es dir vermittels -dieses Fastens gelungen sein wird, dein leibliches -Dasein zu verleugnen, kann das seelische in dir geboren -werden, das nur Liebe ist, und du —‘ -</p> - -<p> -Renate legte das Buch hin; ihre Augen flimmerten -und versagten, noch eine Weile zuckten die Lettern der -väterlichen Handschrift vor ihren Augen und zerflatterten -im Lampenlicht; dann waren die Wimpern gefallen, sie -saß im Dunkel. -</p> - -<p> -Das erstemal in ihrem Leben fühlte sie die alte Charfreitagsübung -versagen. Der Hunger, der sie aus dem -Schlaf geweckt hatte, peinigte, ohne daß sie etwas andres -empfinden konnte als ihn, es sei denn ihr Frieren. Schaudernd -vor Kälte, öffnete sie die Augen wieder, kniff sie, -geblendet vom Licht, wieder zu, stand auf, ging und löschte -die grell brennende Lampe. -</p> - -<p> -Nun fiel durch die halboffene Tür zum Schlafzimmer -der Schein der verschleierten Lampe auf dem Nachttisch, -und die Hälfte des Zimmers, in dem sie wanderte, lag im -<a id="page-577" class="pagenum" title="577"></a> -Schatten der Tür. Doch immer wieder, in die Nähe der -Türöffnung gekommen, mußte sie anhalten und nach -nebenan spähn, in den schmalen Raum, wo nichts war -als die kleine gelbe Schleierlampe auf der Platte des -Nachtkastens neben dem leise glänzenden Armband mit der -Uhr, und vorne das Fußende des Bettes. Ihr war dann, -als läge jemand krank in dem Bett, ihr unsichtbar — -Jason vielleicht, der vor Jahren dort gelegen, oder ihre -eigene Seele, und was hier von ihr rastlos umging in der -Nachtstille, war nur ein kranker Traum der sehr kranken. -Lange versunken in den Anblick, zog sie dann den Schal -fester um Schultern und Arme, machte den Blick — so -schwierig, fast wie die an Gedörn verhakten Zipfel eines -Kleides oder Schleiers — los von dem Licht und ging auf -die Fenster zu, die kaum sichtbar waren im Finstern. -</p> - -<p> -Im Gehen fing ihr rechter Fuß mit der noch aus Italien -heimgebrachten Sehnenentzündung sofort Feuer, obwohl -sie ihn immer mit ganzer Sohle aufsetzte und nur leicht — -weniger ein Schmerz als eine Behinderung mehr zu den -andern. Ah, wozu ein Glied schonen, wenn das ganze -Wesen sich hülflos verzehrte! -</p> - -<p> -Und zum hundertsten Male, seit sie dies Fasten begonnen -hatte, versuchte sie sich aufzurütteln mit dem Gedanken -an ihren Vater. Was sie aber denken konnte, war nur, -daß sie, solange er lebte, solange sie mit ihm Charfreitage -beging, niemals auch nur einen Hauch von Hunger verspürt -hatte, so vollkommen gesättigt, wie sie war, von -dem unversieglichen, an diesem Tage süßer und herrlicher -als alle Tage strömenden Quell seiner Liebe und Weisheit. -Und noch die nächsten Charfreitage waren ernst und schön -<a id="page-578" class="pagenum" title="578"></a> -im Geleit seiner niemals gestorbenen Augen, seiner niemals -versiegten Liebe. Heute zum ersten Mal war sie allein wie -ein Tier und litt Hunger. -</p> - -<p> -Sie fror unablässig. Zuweilen hauchte sie in die Luft, -um ihren Atem zu sehn und sich zu beweisen, daß die Nacht -wirklich so kalt war, doch zeigte sich kaum ein dünnes Gebilde -von Dunst. Nein, diese immer erneuten Wellen von -Schauder kamen von innen! Sie ächzte fast weinend. Ich -kann nicht mehr! Ich kann nicht mehr frieren! Senkte -den Kopf und ging weiter. -</p> - -<p> -Die Stille nach dem vertosten Sturm blieb unverbrüchlich. -Zuweilen knackte eine Diele unter ihrem Tritt; im -Nebenzimmer, unermüdlicher als sie selber, doch gleichmäßiger, -wurde bei jedem Näherkommen das feine Ticken -der Uhr hörbar. Ein Fenster stand jetzt offen, nachdem sie -es zehnmal geschlossen und wieder geöffnet hatte, schwankend -zwischen dem Schauder vermeintlicher Kälte von -draußen und dem Gefühl, ersticken zu müssen. Draußen -knisterte es dann und wann. Über der See stand ein -Frühlingsgewitter, und in Pausen regte sich dort ein -dünnes Lichtzucken, lautlos. Oder vielleicht wars ein -Blinkfeuer. -</p> - -<p> -Ach, sie hätte auf einem Schiff sein mögen in dieser -Nacht, keinem großen, einem kleinen, festen Ding, das mit -dem unermüdlich schlagenden Herzen sich durch die schwere -See hinarbeitete, ein geduldiges Tierwesen, folgsam und -standhaftig. Zu fühlen sein leises eifriges Ächzen, das -Knacken und Dehnen seiner Glieder, und daß die schwere -Arbeit ihm doch eine Lust war, und immer wieder ein Behagen, -den Kopf aus der zusammengestürzten Woge zu -<a id="page-579" class="pagenum" title="579"></a> -heben, triefend, augenlos in das Finstre und doch mit einer -Art Lächeln ... -</p> - -<p> -Renate erholte sich an solchen Vorstellungen minutenlang. -Sie waren wie Streichholzflammen, an denen sie -die gewölbten Handflächen wärmte, heftiger fröstelnd, -wenn sie erloschen. Wieder und wieder durchsuchte sie ihr -Leben nach ähnlich wärmlichen Bildern, — ach deren gab -es zu Hunderten, allein ihre Wärme war kraftlos, drang -nicht her bis zu ihr, oder ein Keim Eises war drin, der, -aufgehend in magischer Schnelle, einen Schauer von -Schnee über sie wölkte. Die Stunden mit Saint-Georges — -jede voll Ausdauer und Frieden und Versöhnlichkeit — -und in jeder der Keim des Unheils, des Todes, der Unseligkeit. -Die Stunden der Friedliebenden Gesellschaft, ach -alle zerstäubt und verblasen. Aus Magda, aus Sigurd -und Esther, aus Ulrika, aus Irene — was war aus ihnen -geworden? Gräber, — und wenn sie in geträumter Lebendigkeit -vor Renate erschienen, so hatten sie eine Geducktheit -an sich, als schleppten sie unsichtbar ihre eigenen Leichname. -Hatte der Tod nicht gewütet um sie her? Und waren sie es -am Ende, all diese Toten, die um sie her die Luft töteten mit -ihrer Starre, und war darum kein Hauch mehr von Wärme -zu finden? Aber Magda lebte, die liebste, und von ihr entströmte -doch immer eine unendliche Glut ebenmäßiger Fülle. -</p> - -<p> -Die Müdigkeit zitterte schon in ihr, aber sie wußte, daß -sie sich nur hinzulegen brauchte, um wacher und unseliger -zu sein als zuvor. Also schleppte sie weiter ihren Fuß, als -wäre ein Gefäß voll Gluten daran gebunden, das sie mit -Vorsicht bewegen mußte, nichts zu verschütten. Die Gedanken -gingen ihr aus. -</p> - -<p> -<a id="page-580" class="pagenum" title="580"></a> -Wieder das Fenster schließend, bildete sie sich ein, sofort -die Zimmerwärme zu spüren, und stand so eine Weile, die -Hände leis reibend, vor dem dunklen Glas und dem eigenen, -eben erkennbaren Widerschein darin, bis aus der -Bewußtlosigkeit eine Stimme sie zu sich rief, die hinter ihr -melodisch laut ward mit den Worten: -</p> - -<p> -„Es kommt alles nur von der Wärme und der Kälte ...“ -</p> - -<p> -Nur wenig erschreckend, wandte sie sich um und merkte, -daß sie in ihrem Zimmer daheim war; daß die Lampe auf -dem Schreibtisch brannte — und jetzt, daß in der Türöffnung -zum Schlafzimmer eine nicht eben große Gestalt -in einem rosenfarbenen Kleide stand: Ech-en-Aton, der -König. -</p> - -<p> -Er sah ruhig umher. Sein kleines Antlitz war weiß -wie Apfelblüte mit rosigen Hauchen; fast unsichtbar das -helle Blond des Haars, die Augen von fast nächtiger -Bläue. Der Kleidrock von glanzloser Rosenfarbe stand in -jener rhomboiden Form, die Renate von den alten Bildern -her kannte, unten, zwei Hände breit über den nackten geschlossenen -Füßen ab, und ein kurzer Kragen von gleicher -Farbe bedeckte Schultern, die Brust und die Arme. Plötzlich -erschrak sie doch, da er sie ansah, sie durchdringend -mit dem Blick, der nicht von ihrer Welt war. Aber er -lächelte, und schon machte es sie glücklich, ihn, diesen Göttlichen, -so menschenhaft zu sehen und das Königliche, zur -Schau getragen weder in Haltung und Miene, nur in so -unbeschreiblicher Weise vorhanden an ihm wie die Unschuld -im Auge eines Kindes. Und wieder doch verging -sie fast, als jetzt unter dem Mantelkragen ein lebendiger -Arm zum Vorschein kam, eine zarte, längliche Hand sich -<a id="page-581" class="pagenum" title="581"></a> -erhob und in die weißen Falten des Vorhangs über seinem -Haupte hineingriff. Ach, sie hätte der Samt sein mögen, -jetzt! -</p> - -<p> -Er sagte, langsam sprechend, mit tiefer Milde: -</p> - -<p> -„Ängstige dich doch nicht, Schwester! Sorge dich doch -nicht um dein Leben, Schwester! Liebe Seele, habe Geduld! -Süße Vollkommenheit, du darfst mir nicht zerblättern! -Sei ruhig! Sei weise! Da bin ich ja! Ich -will dich trösten! Wir wollen zusammen sein und etwas -sprechen ...“ -</p> - -<p> -Renate hatte sich so weit gewonnen, daß sie etwas sagen -konnte von ihrer Beglücktheit und Überraschung, was er -freundlich anhörte, ohne zu erwidern. „Setz dich nur!“ -sagte er dann, „ich stehe lieber; ich stehe gern.“ -</p> - -<p> -Sie nahm einen Stuhl am Tisch. Seine zarte, farbige -Gestalt war dem lichten Raume umher schon so natürlich -geworden, als hätte dessen vorher unsichtbares Wesen nur -diese Gestalt angenommen. Renate bebte fast im Verlangen, -nur die Mildigkeit seiner Stimme wieder zu hören, -die sich ihr einflößte wie ein himmlischer Trank, wärmend, -bezaubernd und doch nicht berauschend. Da sprach er -auch schon. -</p> - -<p> -„Sprechen wir vielleicht von diesen Dingen, der Wärme -und der Kälte, die dich so bewegen. An ihnen läßt sich ja -alles erklären, und um zu erklären, bin ich gekommen. -Man muß wohl die Geduld verlieren unter den Menschen, -wenn man nicht wie ich in die Unveränderlichkeit eingegangen -ist. Da nahm ich unter den stillen Geschwistern -deiner seit langem wahr, und da du nun meiner so sehr -bedarfst — sieh, da bin ich!“ -</p> - -<p> -<a id="page-582" class="pagenum" title="582"></a> -Renate fiel ein in sein Lächeln und löste sich darin — -ihr deuchte mit einem Harfenton. -</p> - -<p> -„Erinnern wir uns einmal daran,“ begann er still, -„was du gelernt hast. Licht und Finsternis hast du gelernt, -die Urzustände. -</p> - -<p> -„Licht und Finsternis. Aber du wirst gleich begreifen, -daß dies falsch sein muß, wenn du nur bedenkst, daß -Nacht eine örtliche Erscheinung ist. Überall ist die Sonne. -Nur dich verläßt sie zuzeiten. -</p> - -<p> -„Die Schlaflose — immer irgendwo ist die Sonne, die -alleine der Anbetung würdig ist. -</p> - -<p> -„Bedenke nun Wärme und Kälte. Es ist Winter, nicht -wahr? Es stürmt bei dir in dem Norden, es schneit, die -Sonne blickt vor, aber es ist doch nicht warm. Sommers -aber, der Himmel ist bewölkt, Regen fällt, die Sonne ist -nirgend, und dir ist doch warm genug, unter leichter Decke -zu schlafen. -</p> - -<p> -„Oder das Wasser. Es ist Juli, die Fläche des Weihers -glüht, — du aber, Kühlung bedürftig, tauchst die Hände -hinein, und sieh, du erfährst eitel Kaltes unter der Glanzhaut -der Glut. -</p> - -<p> -„Also sieh an, du kannst dir Kälte und Wärme bereiten, -wann du willst, Nacht und Tag aber kannst du dir nicht -bereiten, ob du tausend Lampen entzündest oder die stärksten -Mauern errichtest, denn immer wo sie sein will ist die -Sonne. -</p> - -<p> -„Wärme und Kälte dagegen können überall sein zugleich, -an tausend Stellen unter der Sonne, und was -heißt das? Es heißt, daß die ganze Erde ein Gemisch ist -von Warm und Kalt. Kannst du dir vorstellen, es gäbe -<a id="page-583" class="pagenum" title="583"></a> -ein ähnliches Gemisch von Dunkel und Licht? Licht mit -schwarzen Stellen oder umgekehrt? Gewiß nicht.“ -</p> - -<p> -Er schwieg eine Weile und schien zu bedenken, wie er -fortfahren solle. In Renate war jedes seiner Worte eingegangen -wie eine Flocke reiner Süßigkeit; sie war schon -erfüllt davon, wußte sich aber unendlich an Raum und -Verlangen nach mehr. Wenn der Saum seines Rockes -bebte, bebte sie mit, — so war ihr ganzes Wesen an das -seine geschlossen. -</p> - -<p> -Der König fuhr fort: -</p> - -<p> -„Vom Leibe sprachen wir bisher und den leiblichen -Wahrnehmungen, aber uns beschäftigt die Seele. Daß -auch sie ein solches Gemisch ist, wie wir erkannten, das -weißt du; ein Gemisch zweier Richtungen, zweier Triebe, -die du gut und böse zu nennen gewohnt bist nach ihrer -Wirkung. Da nun auch hier im Gebiet der Seele, einer -andern Erde, nicht Nacht herrschen kann mit Flecken des -Lichts, wie wir sahen, so muß es wohl auch das Kalte sein -und das Warme. -</p> - -<p> -„Und willst du noch einen Beweis? Erinnere dich, wo -warst du, bevor du geboren wurdest?“ -</p> - -<p> -„In der Mutter“, sagte Renate. -</p> - -<p> -„Und wie war es allda?“ -</p> - -<p> -„Warm.“ -</p> - -<p> -„Wie also mußt du das Dasein dahier empfunden -haben, als du zu ihm eingingst?“ -</p> - -<p> -„Als kalt.“ -</p> - -<p> -„Und diese Kälte an den Gliedern wie?“ -</p> - -<p> -„Schmerzlich.“ -</p> - -<p> -„Denn du schriest. Und was ward seitdem die Folge? -<a id="page-584" class="pagenum" title="584"></a> -Ich will es dir sagen: Die Folge ward ein unbegrenztes -Verlangen nach Wärme, jener Wärme, aus der du -kamst. -</p> - -<p> -„Ja, meine Schwester, dieses ist Lust: Wärme. Und -Kälte ist alle Pein. Und alles was entstand, ist aus diesem -Gegensatz entstanden, aus dem Mangel an Wärme. Alle -Wissenschaft, alle Weisheit und Bildung und die erlauchten -Geheimnisse der Kunst. -</p> - -<p> -„Woher aber die Seele? Wo ihr Keim, wo ihr Beginn? -Dein Ahne im Norden hat wohl nicht viel von ihr -gewußt, da er aus Schlachten und Jagden zu den ewigen -Schlacht- und Jagdgründen einging. Aber südwärts der -wärmere Grieche, was glaubte der? An den Hades, an -sinnlose Schatten, die wesend nicht lebten, weshalb? -Hatten sie nicht Schein von Gliedern und Sinnen, und -hörtest du nicht, daß sie blickten und sprachen, daß sie -wieder liebten und haßten, wenn sie — etwas bekamen? -Was? — Blut — das warme Blut. Kalt war es im -Hades, eingefroren waren ihre Sinne, taub, abgefroren -mit dem Augenblick des Sterbens und mit der Seelengeburt. -Siehe aber, das wußte der Grieche, daß sie leben -kann, die Seele, wenn nur Wärme vorhanden ist. Er -wußte von der Seele, denn er wußte von der Wärme, von -dem Glück seines Blutes, von dem Frühling, von Persephone -und Demeter, von — Dionys. Kalt, so nannten sie -den Hades, und warm war ihnen das heitere Land, aus -dem ihnen, vom Tyrsos geschlagen, tausend und tausend -feurige Quellen sprangen im Wein. Die Andern waren -noch nichts — Dionysos war der seelische Gott, Schöpfer -der Seelen, da er im Kalten die Wärme gab, Feuer der -<a id="page-585" class="pagenum" title="585"></a> -Seele, gewaltige Lust, Trunkenheit, sich den wärmlichen -Göttern ähnlich zu fühlen. -</p> - -<p> -„Mein Volk wußte viel, aber dumpf. Sie ahnten die -Seele, aber das Leben hatten sie noch nicht. Ihnen war -wohl ein wenig zu heiß in der ewigen Sonne, und also -suchten sie die Dunkelheit auf und die Kühle und liebten -den ewigen Stein. Wie aber heißt das Wort vom -Leben?“ -</p> - -<p> -Renate sagte: „Wer an mich glaubt, der wird leben, -ob er gleich stürbe.“ -</p> - -<p> -Der König leuchtete seltsam auf, und höher erscheinend, -auch die andre Hand hebend, sagte er wie einen Gesang: -</p> - -<p> -„Jesus von Nazareth, der Christus. Er kam und sagte: -Hier ist mein Blut! Hier wohnt deine Seele. Du sollst -warm sein, sprach er, dann fühlst du, daß eine Seele in -dir ist, und du hast den Himmel auf Erden. Und: Seid -wie die Kinder, sagte er, — und nun — was giebt es Wärmeres -als ein Kind?“ -</p> - -<p> -Es rieselte in Renate. Der König lächelte tiefer, bis das -Lächeln im Sinnen verging, er die Lider senkte und leiser -fortfuhr: -</p> - -<p> -„Wenn ich auf meinen Terrassen stand, im Antlitz die -brennende Wüste, im Antlitz das große Goldbrodeln der -Höhe ... Wenn alles erwarmte in mir, in mir erglühte -der süße, der flutende Baum aus Purpur, tausendästig — -dann wußte mein ganzes Wesen vom Scheitel bis zu den -Füßen: Es ist das Blut! -</p> - -<p> -„Sie verstanden mich kaum, — sie gehorchten nur —, -wann hätten sie jemals verstanden? Sie zerstörten meine -Stadt, sie zerstörten meine Bilder, aber sieh dort!“ Seine -<a id="page-586" class="pagenum" title="586"></a> -Augen winkten zu seinem Bildnis hinüber. „Sie konnten -mich nicht zerstören, und ich bin ewig. -</p> - -<p> -„Ach, auch Ihn, den ganz Warmen, verstanden sie -nicht! Nehmet und esset, sagte er, und sie glaubten, sie -müßten nun Menschenfresser werden und seinen Leib vertilgen -wie den des Viehs. Wein gab er und setzte ihn -gleich dem heiligen Blut, und sie verstanden nichts, sondern -begannen einander totzuschlagen um der Frage willen, ob -sie trinken dürften oder nicht. -</p> - -<p> -„Sie sagten: Gut und Böse und Vergebung der Sünden. -Ich sage: Kalt und Warm. -</p> - -<p> -„Und wer ist gut? Der warm ist, der warm hat und -jedem die Wärme gönnt, und für jeden die Wärme will. -Für sich Wärme wollen und die eines Andern nehmen, — -meinst du nun, das wäre das Böse? Ach, das ist das -Menschliche nur, der alte Trieb, die Gier nach der Wärme -und nur Übertreibung. Dies ist nur schädlich. Alles was -schädlich ist, kommt aus dieser Übertreibung. Nimm -einem die Wärme, so schadest du ihm — und wem noch? -Dir. Denn woher kann Wärme allein kommen? Aus dir. -Siehe noch einen Beweis, daß nicht Dunkel und Licht, daß -Kälte und Wärme die alten sind und die einzigen. Denn -kannst du Dunkel empfinden am hellen Tag? Nein, aber -hast du noch nie gefroren in der Mittagsglut? Wann ist -das gewesen? Wenn du dich schuldig fühltest. Was -kommt aus dem Dunkel? Das Traurige, die Verlassenheit, -der Gram. Das ist nichts Böses. Das ist nur eine -Art Leiden, nur eine. Wenn du Schlechtes getan, wenn -du Schaden angerichtet hast, dann fröstelt es dich, nicht -wahr? Glaubst du, dich fröstelt aus Bosheit? Nein, in -<a id="page-587" class="pagenum" title="587"></a> -dir friert die dem Andern geraubte Wärme, und dich friert, -weil du dir genommen hast, was du als Pein empfinden -würdest, wenn man es dir nähme. Du hast nur übertrieben, -hast nur Wärme genommen oder gedacht, sie zu -bekommen, anstatt sie zu bilden. Bekamst du sie? Kannst -du Feuer nehmen und dich daran wärmen? Ja, aber lege -das Feuer fort, und dir ist wieder kalt. -</p> - -<p> -„Nun aber denke folgendes: Du liegst im Bett und dich -friert. Wie kannst du dir helfen? Mit Kissen und Decken. -Sind solche warm an sich? Befühle sie oben, wenn du -darunter liegst und schon glühst; wie fühlen sie sich an? -Eisigkalt. Aber so beschaffen sind sie, daß dir warm wird, — -solchen Charakters sind sie, daß sie dir helfen, Wärme zu -bilden! -</p> - -<p> -„Und weiter nun: Ist ein Mensch an sich kalt oder -warm? Nicht das eine noch das andre, aber was kannst -du tun? Du kannst ihn benutzen, um in dir Wärme zu -erzeugen, und du kannst dich benutzen, ihm warm zu -machen. Und dies ist das Leiden: nicht warm sein! nicht -warm sein können!“ -</p> - -<p> -„Ach,“ sagte Renate, „das meine!“ erfreut, es zu -wissen. „Aber,“ setzte sie hinzu, „dann gäbe es gar keine -Bosheit?“ -</p> - -<p> -„Wie? sie gäbe es nicht?“ -</p> - -<p> -„Sondern nur Leiden. Nicht warm sein können.“ -</p> - -<p> -„Vielleicht. Aber meinst du nicht, daß es eine noch -fürchterlichere Art der Übertreibung giebt? Die Übertreibung -bis zur Bosheit; das: nicht Maß halten können, -welches ist: nicht warm sein können und auch nicht warm -sein wollen.“ -</p> - -<p> -<a id="page-588" class="pagenum" title="588"></a> -„Das wäre der Teufel!“ -</p> - -<p> -„Wörtlich, gewiß. Denn er war der Abtrünnige aus -Gottes Wärme, und der sich Verhärtende in der Kälte, -welcher trotzte in seiner Teuflischkeit, sich erstarrte, und -übertrieb. Und was mußte er wollen in seiner Maßlosigkeit -des nicht warm werden Wollens? Daß nirgends mehr -Wärme sei, daß niemand mehr Wärme habe, alles erstarre, -und wo er also eine Wärme betraf, da schleuderte er die -Eislanze hinein, sie, den Zweifel am Warmen, den eisigen -Zweifel am warmen Glauben, den fröstelnden, der um sich -frißt wie der Frost in der Märznacht, und am Morgen -schaudert dichs vor der ergrauten Natur. Und was ist -Altern? Nicht mehr jung sein können, erkalten, ergrauen, -ergreisen, vereisen, sterben. -</p> - -<p> -„Er fiel ab aus der Liebe. Was ist Liebe? Wärme zu -bringen, glaubst du? Ach nein, sondern sie ist: Wärme -zu bilden. Liebe! so ist dir warm. Liebe entzündet sich an -der Liebe wie Licht am Licht, darum sollst du die Kalten -nicht lieben, nicht sie, die Tausend, die Toren, die nicht -warm sein wollen. Aber wo der Keim eines Willens zur -Wärme ist, da lege dich über ihn mit deiner ganzen, -nähre ihn, ziehe ihn gläubig groß! Frage nicht! Fragt -auch die Sonne? Wen erwärmt sie? Der sie liebt, -sonst keinen. Heut aber lieben sie das Kunstlicht aus den -Nachtschächten der Erde. Was wird er, der sie liebt? -Fruchtbar. Fruchtbar wird, der sie empfängt, der Wärme -bildet aus ihr wie die Erde. Weißt du aber, ob nicht -auch der Felsen der Einöde sie liebt und es dauert nur -länger? Klagte nicht Memnons Säule bei Abend- und -Morgenrot? Das ist die Klage der Welt: Oh Morgenrot, -<a id="page-589" class="pagenum" title="589"></a> -und ich werde nicht erwarmen können! Oh Abendrot, -und ich blieb kalt! -</p> - -<p> -„Dies aber ist Bosheit. Die Bosheit des menschlichen -Herzens. Dies ist der Böse, der niemandem Wärme -gönnt, die er selbst abgeben müßte; der lieber selber erstarrt -in dem Frost, nur um nicht abgeben zu müssen. -Der immer Wärme verlangt und nicht geben will. Ach, -die uralte Eisestorheit der Erde! Wie denn ists mit dem -Sünder? Er darf bereuen und wieder in Wärme gelangen. -In sich gehn, heißt es darum von dem Sünder; -innen ist die Wärme zu bilden. In sich gehn, dorthin, wo -es warm ist von Urbeginn, kann der Mörder, der Betrüger, -der Seelenverkäufer, der nur Wärme für sich wollte -und Kälte bildete, ihm kann wieder warm werden, aus -innen, wenn er an Wärme glaubt, wenn er einsieht, daß -sie sich nicht gewinnen läßt von außen und nicht durch -Übertreibung. Bereit sein ist alles. Schwester, warst du -nicht bereit? Denn wo ist der ewige Quell? Im Herzen. -Und wo wohnt Gott? Im Herzen. In keinem Himmel, -in keinem Draußen. Draußen ist kalt, und der Himmel -ist kalt. Von keiner Sonne saugt kein Mond einen Tropfen -der Wärme, er bleibt kalt, tot, erloschen, unfruchtbar. -Glaubst du, sie erhalte von der Sonne ihr Warmes, die -alte Erde? Warum ist denn sie fruchtbar, der Mond aber -nicht? Nein, sondern weil ihre Beschaffenheit so ist, daß -sie Wärme bilden kann, darum ist sie fruchtbar und nicht -der Mond. Sie erschuf sich meinen ewigen Nil, und sie -erschuf sich den warmen Menschen, sich zu bedecken mit -seiner Wärme, sich helfen zu lassen zu ihrer Wärme im -Segen des Ackers. -</p> - -<p> -<a id="page-590" class="pagenum" title="590"></a> -„Nicht Gut ist, nicht Böse. Fruchtbar ist und das Unfruchtbare. -Auch Schädliches wuchert in der fruchtbaren -Erde dazu, und es hat sein Gutes an sich, sein warmes -Leben, seine Lust an dem Licht, seine Sehnsucht nach -Morgen, seine Angst vor dem Frost, sein Erwarmen und -Erkalten, Erglühn und Erlöschen, sein Wachstum und -seinen Tod. Es ist nicht unfruchtbar deshalb. Unfruchtbar -allein ist das Böse; böse allein ist das Unfruchtbare, das -nicht fruchtbar werden will, und du, meine Schwester, -bist gut.“ -</p> - -<p> -„Ich?“ erschrak Renate. „Ich bin nicht schuld?“ -</p> - -<p> -„Ja, woran solltest du schuld sein?“ -</p> - -<p> -„Ich fror so ...“ -</p> - -<p> -„Willst du denn frieren?“ -</p> - -<p> -„Nein.“ -</p> - -<p> -„Oder unfruchtbar sein?“ -</p> - -<p> -„O nein!“ -</p> - -<p> -„Also was, Schwester?“ -</p> - -<p> -„Wie kann ich denn frieren, wenn nicht ...?“ -</p> - -<p> -„Weil du menschlich bist, Schwester! Weil du die Geduld -verloren hast! Geduld ist die Wärme des Einsamen. -Bist du nicht vereinsamt? Hast du nicht geliebt? viel geliebt? -Habe Geduld!“ -</p> - -<p> -Es schien, er bereitete sich zum Gehen vor; er ließ die -Hand sinken und zog den Mantelkragen zusammen. -Renate erschauderte leise vor dem Augenblick, wo sie allein -sein würde, und bat: -</p> - -<p> -„Wenn du wieder gegangen sein wirst, Bruder, werde -ich dann nicht alles vergessen haben?“ -</p> - -<p> -Er nickte lächelnd: „Alles.“ -</p> - -<p> -<a id="page-591" class="pagenum" title="591"></a> -„So tröste mich für diesen Augenblick nur! Ich will -wieder Geduld haben nachher, aber sage mir jetzt nur: -wird es noch lange dauern?“ -</p> - -<p> -Der König schwieg eine Weile und prüfte sie mitleidvoll. -Endlich sagte er langsam und wie mit einem Seufzer: -</p> - -<p> -„Morgen und ewig.“ -</p> - -<p> -„Was willst du sagen?“ -</p> - -<p> -„Morgen schon wirst du nicht mehr warten, o -Schwester, und ewig mußt du noch warten.“ -</p> - -<p> -„Wie soll ich verstehn?“ -</p> - -<p> -„Ich meine die Wandlung. Es zieht eine Wandlung -durch die Welt von ewig zu ewig, und immer andre -Wandlungen ziehen in ihr, die sich jeweils vollenden und -in andere münden. Eine Wandlung ist die Erde. Eine -Wandlung ist auf Erden der Mensch. Viele Wandlungen -sind das Leben des Menschen. Aber fürchte nichts, -Schwester, du wandelst dich nie!“ -</p> - -<p> -„Niemals?“ -</p> - -<p> -„Niemals, Schwester, du bist das Weib. Der sich wandelt -allein, ist der Mann. Gebärende, immer gebierst du. -Das ist deine Wandellosigkeit. Sein ist das Töten und -der Wandel. Du die Geduld, er die Ungeduld. Du die -Ruhe, er die Unrast. Du das Opfer, er das Schwert. Du -Liebe, er Haß. Du Seele, er Geist. Du Dienerin, er -Herrscher. Er erobert die Welt, du nützest sie. Unzählbar -seine Wandlungen, unwandelbar du. Er sündhaft, du -ohne Sünde. Er der Zwinger, du die Bezwungene. Kain -gebarst du und Jesus, Mörder und Sühner, Teufel und -Gott. Entarte, so neigst du noch immer zum Guten. Torheit -deine Sünde, Eitelkeit, Oberflächlichkeit, Nichtigkeit, -<a id="page-592" class="pagenum" title="592"></a> -Vergessenheit der Seele, Tanz in das Tier, das nur tanzen -mag und sich zur Schau stellen. Was liegt an denen? -Ewig im Kern mußt du gut sein. Du mußt gebären.“ -</p> - -<p> -Renate zitterte in ahnungsvollem Schrecken, und sie -flehte: „So sage mir eines noch, Bruder! Da wir so -ungleich sind, Mann und Weib, schließen die Reihen sich -nie?“ -</p> - -<p> -Der König lächelte: „Sie werden sich schließen.“ -</p> - -<p> -„Und ich, Bruder, hilf mir, ich, kann ich nichts tun?“ -</p> - -<p> -Der König lächelte mehr und heller, während er fragte: -„Was denn möchtest du tun?“ -</p> - -<p> -„Kann ich mich nicht wandeln wie er?“ -</p> - -<p> -Immer stärker lächelte der König und sagte: „Nein.“ -</p> - -<p> -„Bruder, Bruder!“ flehte Renate, „ich sehe es dir an! -an deinem Lächeln sehe ich, daß ich etwas tun kann, daß -ich etwas tun muß! Sage es mir, ich lasse dich nicht!“ -</p> - -<p> -Sein Lächeln schwoll. „Ja, du mußt etwas tun. Was -du immer getan hast, was all deine Schwestern taten, das -mußt auch du tun!“ -</p> - -<p> -„Was denn, Bruder, ach was?“ -</p> - -<p> -„Du mußt helfen, daß er dem Ende der Wandlung -näher kommt!“ -</p> - -<p> -„Wie denn, Bruder, ach wie?“ -</p> - -<p> -Sein Lächeln flammte ungeheuer auf und erlosch -augenblicks mit dem letzten Worte: -</p> - -<p> -„Ihn gebären!“ -</p> - -<p> -Es war dunkel. Renate fand sich auf einem Stuhl -sitzend und vor sich den Tisch. Sie sah Lichtschein hinter -einer Wand und sah, daß die Wand der Türflügel war, -der ins Zimmer hineinstand vor ihr, und an dem vorüber -<a id="page-593" class="pagenum" title="593"></a> -der Lichtschein von nebenan ins Zimmer fiel und sie sah -auch die Ritze erleuchtet zwischen Tür und Wand zwischen -den Angeln. Ihr war sehr warm, aber ihre Müdigkeit -so groß, daß sie die Augen kaum offen halten konnte, um -ihren Weg zum Bett zu finden. Die Uhr war drei. Sie -wußte nichts mehr. Sie entschlief. -</p> - -<div class="chapter"> - -<h3 class="chapter" id="subchap-0-3-2"> -<a id="page-594" class="pagenum" title="594"></a> -Zweites Kapitel -</h3> - -</div> - -<h4 class="section"> -Georg -</h4> - -<p class="first"> -Charfreitag, sagte Georg stumpf und verständnislos -vor sich hin, als er des Morgens gebadet und angekleidet -zum Fenster trat. Der Regen fiel lautlos und nebelhaft, -er entdeckte mit einer bitteren Wehmut das Alte, unter sich -den Hof zwischen den Schloßflügeln, die Terrasse mit plätschernden -Stufen, den Rasen und die altersschwarzen Dächer -und Ochsenaugen, naß und traurig vom Regen. -</p> - -<p> -Das sieht traurig aus, murmelte er, weil ich traurig -bin, und spürte in allen Gliedern die Zerschlagenheit von -der schlaflosen Marter der Nacht. Sich wendend, gewahrte -er die nächtlich beschriebenen Blätter noch offen -daliegend, empfand Ekel und drehte sich weg. Da der -Regen, dachte er ingrimmig, weder traurig noch heiter -fällt, warum, o Himmel, warum muß das so sein und -warum bin ich so eingerichtet, daß ich ihm Traurigkeit -ansehe, weil mir elend zumute ist? Warum kann ich nicht -sein wie der Regen? -</p> - -<p> -Charfreitag ... wiederholte er gleich darauf leise. Das -erschütternde Wort hatte ihm schon als Kind feierlicher -und fremder als jedes andre geklungen, und ohne seinen -Sinn zu begreifen, machte es, wenn man es sagte, gleichsam -eine Lücke in das ganze Jahr; es lag Schatten auf -ihm fremder biblischer Erinnerungen, — und später im -Leben der niemals ganz zu begreifende Schauder: Die -Sonne verfinsterte sich, die Erde bebte, die Gräber taten -sich auf ... -</p> - -<p> -<a id="page-595" class="pagenum" title="595"></a> -O Christus, warum bist du gestorben? Für wen, für -was starbst du denn? — Georg suchte vergebens, dachte: -Wegen des Leidens ... Nein! Wegen der Schuld? Ja, -oder Erbsünde sagen sie, was ist Erbsünde? Nein, ist das -wahr? Wäre das möglich? Er litt, um die Erbsünde -aus der Welt zu schaffen, aber wir sündigen nach wie vor, -und was soll denn geändert sein? Wir sündigen und wir -leiden. O lieber Gott, wenn wir auch Sünder sind, ist es -nicht so, daß selber der grausamste, der teuflischste von -ihnen mit unaussprechlichem Leiden tilgt, und also was -brauchte es Christus? Ich verstehe es nicht. Ich verstehe -überhaupt nichts mehr. Es wird immer verworrener. -Übrigens sind das Lehren, die nur die Andern aus seinem -Leben und Sterben gezogen haben, und vielleicht haben sie -alles gefälscht. Ich müßte nachlesen, aber ich glaube, ich -habe selbst die Verfälschung bereits im Blut und würde ganz -andres herauslesen, als was dasteht. — Er grübelte weiter. -</p> - -<p> -Hat er nicht allen Sündern Verzeihung und Barmherzigkeit -verheißen? Was verlangte er denn? Liebe und -wahres Empfinden! Daß man sich reinige, daß man strebe, -daß man still und einfältig sei wie die Kinder, — aber die -alles aufschrieben, schilderten Engel und Engelstimmen und -Tauben, und er selber sprach vom Himmelreich so, daß -man doch glauben muß an — an ein Jenseits und — — -Seine Gedanken irrten ab, die Briefe Paulus’ durchschweifend -auf der Suche nach einem haltbaren Wort, -aber — ich glaube, dachte er, schon Paulus hat alles in -Verwirrung gebracht. -</p> - -<p> -Darüber endlich unwirsch geworden, mußte er heftig -gähnen, empfand sich so müde, als ob er nicht eine Stunde -<a id="page-596" class="pagenum" title="596"></a> -geschlafen hätte, und erinnerte sich mit dem Gedanken an -Magda, ans Frühstück, Renates. -</p> - -<p> -Die litt auch. Sie weinte. Es war unvorstellbar. Er -wußte nur wenig von ihr, nur daß sie Furchtbares erlitten -hatte, doch sollte sie ja ganz wieder gesundet sein ... -Dann hatte sie eine Sehnenentzündnng am Fuß. — Früher, -dachte Georg, hätte mich das, wenn mans mir mitteilte, -ungefähr so betroffen, wie wenn man einem Griechen gesagt -hätte, Artemis habe Sehnenentzündung. Sie war -keine Göttin, wars nie gewesen, wars weniger heute als -jemals, sie war hülflos, und er — liebte er sie immer noch? -Beinah hatte er sie doch vergessen, nun begann ihr süßes -Gift wieder zu wirken, und er sehnte sich nach ihr, trostlos, -aber er sehnte sich. -</p> - -<p> -Neun Monate ist es nun her, dachte er, daß Vater -starb. Allein — liebte sie ihn überhaupt? — Er verbot -sich diese Gedanken und empfand um so stärker die keimende -Hoffnung. -</p> - -<p> -Alsbald entschloß er sich, sie zu sehn, warf einen Blick -auf die Uhr, und erkennend, daß es eben die Zeit war, die -Magda für ihr Frühstück angegeben hatte, machte er sich -vom Anblick des Regens los und ging. -</p> - -<h4 class="section"> -Magda/Benno -</h4> - -<p class="first"> -Das runde Gobelinzimmer, in dem früher gespeist wurde, -jetzt der Frühtisch gedeckt war, erinnerte Georg beim Betreten -an ein Aquarium infolge des Regenlichts in Glastür -und Fenstern. Rieferling stand dort, in Zivilkleidung -wie befohlen, und sagte, nachdem Georg ihm die Hand -<a id="page-597" class="pagenum" title="597"></a> -gedrückt hatte, es sei ein Telegramm gekommen, an ihn -adressiert, und zog es aus der Tasche, von Birnbaum. — -Georg las: Eintreffe mit Schley und Kurier mittags Birnbaum. -</p> - -<p> -„Verstehn Sie das, Rieferling? Das ist beängstigend. -Er weiß, daß ich nicht gestört sein will, es muß also etwas -mehr als Dringendes sein. Kann er denn überhaupt -reisen?“ -</p> - -<p> -Der Hauptmann meinte, er habe ihn bei seinem letzten -Besuch schon ganz wohlauf gefunden; er habe stehen und -gehen können, nur Mund und linkes Auge seien ein wenig -schief gewesen, — wiederholend, was Georg schon wußte. -Überdem öffnete sich die Tür, und Anna trat ein, Georg -fast erschreckend mit Lichtheit, in einem blaß lachsfarbenen -Kleid, das ihn an ein andres erinnerte, von einem Tage, -nach dem er noch suchte, während er auf sie zutrat. Heiter -lächelnd sah sie so frisch und leicht aus, daß er den Arm -um sie legte und sie auf die Stirn küßte. -</p> - -<p> -„Nun, gut geschlafen, Georg?“ fragte sie und ließ sich -zum Tisch führen. -</p> - -<p> -„Danke, vortrefflich. Du bekommst Besuch, Anna, dein -Onkel Birnbaum kommt mit Schley.“ -</p> - -<p> -„Wie herrlich! Egloffstein! Egloffstein ist doch da?“ -Der Alte, jetzt völlig schief, aber mit noch vollendeter Lautlosigkeit, -war hinter ihr eingetreten mit einem Regenkragen -und einem Strauß weißer Rosen, die er auf einen Stuhl -legte, und bediente jetzt am Tisch. Sie bat ihn, gleich in -der Küche Bescheid zu sagen. -</p> - -<p> -„Was für ein hübsches Kleid du anhast, Anna!“ lobte -Georg, um von Birnbaum abzulenken, „so — so geburtstäglich!“ -<a id="page-598" class="pagenum" title="598"></a> -fand er auf der Suche nach einem Wort, und sie -freute sich sichtlich. Ihre Kleider mache nun alle Renate, -erzählte sie, und Georg empfand einen leichten Stich des -Vermissens und der Erwartung. -</p> - -<p> -„Und du, Georg,“ fragte sie nach einer Weile, mit -langsamen Bewegungen, die Georg etwas nervös gespannt -verfolgen mußte, sich mit Butter und Gelee aus -den Dosen versorgend, die Egloffstein dicht um ihren -Teller geschoben hatte, „wie fühlst du dich in Helenenruh?“ -</p> - -<p> -„Ach, geärgert hab ich mich!“ versetzte er möglich saftig -und munter. -</p> - -<p> -„Schon wieder?“ -</p> - -<p> -„Nicht nur ‚schon wieder‘, mein Kind, sondern sogar -aus demselben Grunde wie gestern abend!“ -</p> - -<p> -„Ach, Georg, wie kann man so nachträglich sein!“ -</p> - -<p> -„Nachträglich? Das verstehe ich nicht! Ach so! Als -weibliches Wesen nimmst du die Dinge persönlich. Nein, -im Gegenteil, gestern sah ich die Sache nicht einmal so -schlimm. Sag, ist es dir nie so gegangen? Zum Beispiel, -man lernt abends einen Menschen kennen und findet ihn -erfreulich; am andern Morgen steht man und denkt: was -war doch das für ein ekelhaftes Schwein? Oder man -sieht im Theater ganz zufrieden ein Stück, und hat mans -beschlafen, sieht es völlig dumm und verblasen aus.“ -</p> - -<p> -„Oh ja, Georg! Es kann aber auch umgekehrt sein, -wenigstens ists mir schon so gegangen mit Menschen, die -ich beim Kennenlernen gar nicht besonders fand, und dann, -am andern Morgen lächelten sie mir zu, und ich war froh, -sie bekommen zu haben.“ -</p> - -<p> -<a id="page-599" class="pagenum" title="599"></a> -„Ja. Aber ihr seid auch komische Menschen, du und -Renate. Sitzt da und sagt nicht Muck und habt doch ganz -gut gewußt, wer im Recht war!“ -</p> - -<p> -„Aber lieber Freund, der gute Benno war doch so glücklich -mit seiner Oper!“ -</p> - -<p> -Georg wollte zischend auffahren, beherrschte sich aber -angesichts ihrer heiteren Blindheit. „N—nja,“ bemerkte -er dann, „laß du nur die Menschheit sich mit Mist zudecken -bis an die Augen und sage: daß bloß keiner sie stört! sie ist -ja so glücklich!“ -</p> - -<p> -Sie lächelte kindlich. „Georg, du bist schartig heut -morgen.“ -</p> - -<p> -„Nicht nur heut morgen, mein Herz, sondern alle -Tage bin ich das. Hast du mal drei Wochen lang mit -lauter Narren und Borstigen regiert? Dann sei mal nicht -schartig!“ -</p> - -<p> -„Ja, du hast nun einmal kein Christentum.“ -</p> - -<p> -„Nein, Anna,“ bekräftigte er mit scharfer Betonung, -„das habe ich freilich nicht!“ -</p> - -<p> -„Du wirsts noch lernen.“ -</p> - -<p> -„Meinst du? Ja, ich will dir was sagen. Als ich heut -morgen erwachte, mußt ich mich fragen: Wozu dies und -alles andre, tagein, tagaus? Weißt du eine Antwort? -Weiß das Christentum eine? Ich fand da meine Hände -zu voll, um nach Antworten zu greifen, aber — — ich muß -zugeben, daß etwas fehlt. Rieferling, bitte, wenn Sie -aufstehn wollen, Sie sind den ganzen Tag Ihr eigener -Herr!“ Er sah den Hauptmann sich erheben und nickte -ihm zu, während Magda die Hand nach ihm ausstreckte. -Nach einem kleinen Zaudern bat er dann noch, Georg einmal -<a id="page-600" class="pagenum" title="600"></a> -am Tage eine Minute in eigener Angelegenheit sprechen -zu dürfen, und ging. -</p> - -<p> -„Versteh mich recht, Anna! Ich glaube an einen göttlichen -Odem. Aber ich glaube, daß er an uns vorübergeht. -Er ahnt gar nicht, daß wir sind. Unser ganzes Treiben, -ja selber das tiefste Elend, und wenn wir unsern ganzen -Leib wundenbedeckt saugen ließen mit diesen Wunden, so -könnte ihn das um kein Haarbreit ablenken von seinem -Weg durch die Welt. Wir müssen allein fertig werden.“ -</p> - -<p> -„Wenn du es kannst, Georg! Aber die Andern?“ -</p> - -<p> -„Bitte, wen meinst du? Die zum Rennen fahren und -an den Kinokassen Spalier stehn? Oho, Anna, bist du -der Meinung, daß es eine einzige Religion gäbe, wenn kein -Leiden wäre?“ -</p> - -<p> -„Ja, warum auch sonst, Georg, warum?“ -</p> - -<p> -Georg schwieg im Gefühl, daß sie jeder nach einer andern -Richtung sprächen. Er sah sie dasitzen, einen Arm -flach auf dem Tischtuch, während der letzten Minute mit -kleinen unsicheren Aufschlägen der gesenkten Augen, im -Ganzen aber in einer Sicherheit, die fast wundervoll schien. -Ihr Antlitz, gesammelt und getrost, schien auf geheimnisvolle -Weise die Augen ersetzt zu haben und war voll lebendigen -Ausdrucks an jeder Stelle. Nichts Ratloses, kaum -Tastendes war in ihren Bewegungen, und nur genaueres -Hinsehn konnte gewahren, daß sie etwa, um nach der Tasse -zu greifen, erst den Unterarm auf den Tisch legte, dann -die Finger ausstreckte, die Hand weiter vor schob und, den -Teller daneben mit einem Ahngefühl seitwärts lassend, -zur Tasse. Schön breit lag nun ihre Stirn unter dem -mittwärts gescheitelten und zur Seite gestrichenen Haar, -<a id="page-601" class="pagenum" title="601"></a> -dessen lockere Bäusche über den Schläfen ein liebliches -Kapitäl formten. Übrigens war es dunkler geworden -und ihre ganze Erscheinung, wie Georg sie umfaßte, heute -schöner, als sie vor Jahren anmutig gewesen war. -</p> - -<p> -„Nun, Georg, was denkst du?“ hörte er sie fragen, -erschreckt inne werdend, daß sie dasaß und all die Zeit -nichts sah. -</p> - -<p> -„Wie schön aber deine Singstimme geworden ist!“ -sagte er liebevoll, und ihr Gesicht glänzte auf. „Ich bin -erschrocken gestern, als ich hörte, wie tief sie ist!“ Er fand -keine Lobesworte mehr, die ihm einfältig erschienen, schwieg -und setzte im Innern die Rede fort: Es ist die Stimme eines -Menschen, der die nicht sieht, für die er singt. Sie will -niemand bezaubern, sie gebärdet sich nicht, sie geht ihres -geraden Weges, um Gottes willen. -</p> - -<p> -„Ja, Georg, wovon sprachen wir noch eben?“ fragte -sie derweil. -</p> - -<p> -„Religion eine Panazee für das Leiden. Und das ist -mir zu wenig. Liebe Anna, ist Leiden das ganze Leben?“ -</p> - -<p> -„Nach der christlichen Auffassung —“ -</p> - -<p> -„Die ich nicht teile! Für das ganze Leben sollte sie sein, -für Tun und Lassen, Gut und Böse und — Sieh, da ist -Benno! Guten Morgen, Benno!“ Georg stand auf und -ging dem Freund zu möglichst herzlicher Begrüßung entgegen. -Er schien unglückliche Augen zu machen, wie stets, -war aber munter, noch ganz rot vom Waschen, und erschöpfte -sich in Verbeugungen bis zum Tisch. -</p> - -<p> -„Setz dich, Benno, iß, trink und überlege dabei den -Sinn des Christentums.“ -</p> - -<p> -Jedoch Benno entschuldigte sich. So früh am Morgen ... -</p> - -<p> -<a id="page-602" class="pagenum" title="602"></a> -„Freilich, Benno,“ mußte Georg sofort zubeißen, „über -Gott und Glauben läßt sich immer noch abends und übermorgen -nachdenken.“ -</p> - -<p> -Benno begann langsam, von Egloffstein bedient, dem -er für jede Frage und jedes Zureichen besonders danken -mußte, zu essen, streifte Georg dann, der aufrecht dasaß, -durch den Raum nach draußen blickend, mit einem unglücklichen -Blick, legte die Weißbrotscheibe, ohne sie angebissen -zu haben, auf den Teller zurück und meinte, -das Christentum sei wohl vorwiegend eine Religion der -Armen. -</p> - -<p> -Magda beeilte sich, zu sagen, Georg habe sich die -ganzen Wochen her mit Geschäften geplagt und wolle -nun ... -</p> - -<p> -„Vorwiegend!“ bekräftigte Georg, ohne sie ausreden zu -lassen, sardonisch. „Wie triffst du nur immer den Nagelkopf! -Wer aber nicht arm, wer hingegen reich ist, wie du -und ich, was macht der?“ -</p> - -<p> -„Nun, wenn ich vorwiegend sagte, meinte ich mehr: -ursprünglich.“ -</p> - -<p> -„So. Ja, das waren allerdings die Armen, das heißt -die Elenden, Zermalmten, Leidenden, die diese unmännliche -Religion erfanden.“ -</p> - -<p> -„Unmännlich, Georg?“ -</p> - -<p> -„Zum Beispiel der Gemeindegesang. Singen ist eine -weibliche Angelegenheit, Benno, hast du’s nie bemerkt? -Wenn ich einen Tenor sehe, wie er den Mund verbiegt und -eitel süßen Schmelz aus sich zieht wie Syrup mit dem -Löffel, sehe ich immer ein fettes Weib, wo er steht. Die -Kirchen am Sonntag sieht man gefüllt mit Frauen, die ihre -<a id="page-603" class="pagenum" title="603"></a> -kleinen Seelen ganz süß und dumpf fühlen, wenn sie singen. -Überhaupt jeder übermäßige Musikbetrieb — entschuldige -schon, Benno! —, aber besonders männlich hab ich ihn nie -finden können.“ -</p> - -<p> -Benno krümmte sich und meinte, das sei vielleicht eine -große Wahrheit. Aber die Musik sei doch — -</p> - -<p> -„Ich bitte, mach mich nicht wütend, Benno, ich rede -vom Singen und Musizieren und nicht von der Musik! -Dies Hervorziehen der fühlenden Seele, dies Modulieren -und Drehen und Drechseln, dies Preisgeben des innersten -Wesens, gar Aufputzen und zur Schau Tragen ist auf abscheuliche -Weise unmännlich. Musik ist nicht männlich -und nicht weiblich, sondern göttlich, aber drei Dinge sind -verschieden: Musik, Musik Hören und Musik Machen. -Außerdem hab ich das Ganze nur symptomatisch gemeint.“ -</p> - -<p> -„Ja, wie denkst du dir denn die Entstehung des Christentums? -Die früheren Gottheiten entstanden doch nur — gewissermaßen -— aus Furcht.“ -</p> - -<p> -„Naturgötter, richtig, aus Naturängsten. Nun betritt -einmal Rom etwa im zweiten Jahrhundert oder im ersten. -Da hättest du es gepflastert gefunden mit Götterstatuen -aller Völker, die sich allesamt überboten und infolgedessen -aufhoben. Ängste gabs keine mehr, da die Menschen sicher -in behaglichen Wohnungen saßen, und doch hatte jeder -Tag, jede Stunde, jede Eigenschaft und fast jede Handlung -ihren kleinen Gott, und zum größten Schaden gabs die -Divi Augusti, die Gottheiten der letzten Angst, vor dem -Wahnsinn der Kaiser nämlich, an die schon der Einfältigste -nicht mehr glaubte, wenn sie einen struppigen Adler, wie -<a id="page-604" class="pagenum" title="604"></a> -Pater erzählt, aus dem Scheiterhaufen fliegen und dann -verkündigen ließen, die kaiserliche Seele sei sichtbar zu den -Göttern heimgekehrt. Übrigens da ich Walter Pater erwähne, -fällt mir ein, daß damals besonders der Äskulapkult -blühte, wegen gewisser Seuchen, und mir scheint, diese, die -Angst vor Leibeskrankheiten war die letzte. So aber war -damals die Religiosität verkommen in dem langsam verkommenden -Reich des Überflusses, und damals erwachte, -unterirdisch, das Christentum, ganz von unten anfangend, -mit der Lehre des Leidens. Ist es eine Religion des Leidens -oder nicht?“ -</p> - -<p> -„Natürlich, Georg, aber —“ -</p> - -<p> -„Und da haben wir wieder die Unmännlichkeit. Das -Weib bekam das Leiden als Auftrag: sie muß gebären. -Sie hatte sich abzufinden mit ihm, sie lernte, sich als Opfer -empfinden, sie nahm das Leiden an. Das Leiden annehmen, -ist nicht männlich, sondern männlich ist, es abwehren, es -befeinden, es bekämpfen, es austilgen wollen. Und was -taten jene vorm Kreuz? Sie beteten es an.“ -</p> - -<p> -Georg verstummte, überaus erregt. — Was, dachte -er, kocht mich denn so auf? — Aber schon mußte er fortfahren. -</p> - -<p> -„Ich hasse das Leiden, das immerhin hab ich gelernt. -Sie haben sich innig mit ihm beschäftigt, haben es liebend -hingenommen, haben gelernt, daß Dulden göttlich sei, -daß kein süßrer Lohn des Leidens sei als im Dulden, anstatt -daß sie anpackten und wegschafften, und sie haben -gesagt, daß es nichts gebe als Leid, die Welt ein Abgrund -des Jammers, sie in ihren Katakomben, und mit einem -Schlag ist ihnen das ganze Leben dahier aus der Hand -<a id="page-605" class="pagenum" title="605"></a> -gerutscht und zu einem traurigen Anhängsel geworden, -zu einem Blinddarm jenes Lebens, das sie das Ewige -nannten.“ -</p> - -<p> -Benno erseufzte. „Und wenn du recht hättest, Georg, -so ist doch darin nicht die ganze christliche Lehre enthalten.“ -</p> - -<p> -„Ja, worin denn noch? Kannst du mir sonst etwas -Brauchbares zeigen? Brauchst du denn Christus? Sieh -dich doch um in deinem Leben, und begegnest du ihm irgendwo, -so ist Sonntag. Oder Kindtaufe, oder Weihnachten. -Wochentags ist er nirgend.“ -</p> - -<p> -„Aber nun verrennst du dich, Georg! Das sind doch -die Menschen und nicht die Lehre.“ -</p> - -<p> -Georg sprang auf und stieß den Stuhl unter den Tisch. -„Ja, du, Benno,“ rief er, geschwollen von Gift und Hitze, -„du wirst mich freilich niemals verstehn! Was soll denn -eine Religion, die bis zum Wahnwitz überhängt nach der -einen Seite, und aus der die Menschen auf der andern -Seite nichts herholen können für ihr tägliches Leben. -Weil sie nicht aus wahrhaftigem Leben kam, diese Lehre, -sondern aus krankem, vergiftetem, weil sie eine Panazee -wurde, ein Allheilmittel, eine Kopfsprunganweisung über -den Tod, weil sie, mit einem Wort, nichts anzufangen -wissen mit ihrem Leben. Und ich, wenn ich einen rechten -Glauben bekommen hätte, mir wärs besser ergangen.“ -</p> - -<p> -„Meinst du das, Georg?“ fragte Magda leise. -</p> - -<p> -Plötzlich fühlte er seine Augen heiß, es übermannte ihn, -er ergriff ihre Hand und küßte sie lange. -</p> - -<p> -Dann hörte er sie sagen, ob es noch regne; sie habe -ihn bitten wollen, sie zum Grabe zu bringen, — und er -<a id="page-606" class="pagenum" title="606"></a> -ging zur Glastür und stand dort eine Weile, in den leiser -fallenden Regen blickend und sich kühlend. „Ich glaube, -es wird bald aufhören“, sagte er, sich wendend. -</p> - -<p> -„Hat Egloffstein“, fragte sie, „meine Sachen hereingebracht? -Es muß dein Buch dabei sein, das mit deinen -Aufzeichnungen von Hallig Hooge, ich wollt es dir wiedergeben.“ -</p> - -<p> -„Ach, hast du’s gelesen?“ Georg sah das Buch unter -dem Rosenstrauß, ging hin und nahm es an sich. -</p> - -<p> -„Noch nicht ganz. Li hat mir daraus gelesen, hauptsächlich -das von Bogner, und ich wollte dich bitten, mir -selber noch draus zu lesen. Vielleicht heut nachmittag, -magst du?“ -</p> - -<p> -„Aber gerne, gewiß! Ich will mich nun eben etwas -regenmäßiger anziehn und komm dich dann holen.“ Im -Vorbeigehn mit der Hand über ihre Achsel streichend, ging -er hinaus. -</p> - -<div class="chapter"> - -<h3 class="chapter" id="subchap-0-3-3"> -<a id="page-607" class="pagenum" title="607"></a> -Drittes Kapitel -</h3> - -</div> - -<h4 class="section"> -Magda -</h4> - -<p class="first"> -Als Renate auf der ratlosen Suche nach Magda das -Haus durchwanderte, befand sie sich in einer Weichheit -ihres ganzen Wesens, die jeden Augenblick überfließen zu -wollen schien. Das Hungergefühl war verschwunden, -obwohl sie sich kraftloser in den Knieen fühlte, als sie von -früheren Charfreitagen her sich zu erinnern glaubte. Nun -wollte sie sich eine Weile an der Freundin halten, mit ihr, -wie sie verabredet hatten, das Grab der Herzogin besuchen, -und dann würde sie allein sein den Tag über, würde es -können, würde vielleicht Hoffnung, Glauben, Zuversicht, -ach, vielleicht alles von neuem schöpfen aus den ewigen -Augen der einzig heiligen Gestalt. -</p> - -<p> -So öffnete sie denn die Türe des Gobelinzimmers, ohne -sich zu erinnern, daß Magda ihr gesagt hatte, sie frühstücke -dort; aber schon der erste Blick auf den Tisch mit -Speisen, an dem Magda und Benno saßen, bereitete ihr -kein Gefühl des Hungers, sondern eher eines des Abscheus, -was sie denn etwas mutvoller machte. -</p> - -<p> -„Schade, daß du so spät kommst!“ rief Magda Renate -zu, sich umwendend nach ihr, die sie hinter sich eintreten -hörte. „Georg ist eben gegangen, nachdem er eine kostbare -Rede gehalten hatte. Wir sind noch ganz niedergedonnert, -Benno und ich.“ -</p> - -<p> -Renate trat, etwas geblendet vom Licht in den großen -Glasscheiben ihr gegenüber, hinter Magdas Stuhl, über -deren Schultern die Hände hinabreichend, die gleich ergriffen -<a id="page-608" class="pagenum" title="608"></a> -wurden, und legte eine Wange auf das weiche -Haar unter ihr, die Augen schließend im Wunsch, so einzuschlafen. -Aus der Ferne hörte sie so Magdas Stimme -nach ihrem Nachtschlaf fragen und erwiderte leise: „Gar -nicht! Ich hatte einen schönen Traum; er war unendlich -lang, aber nun kann ich mich nicht mehr darauf besinnen.“ -</p> - -<p> -Das wären die besten Träume, meinte die Freundin -tröstend, und sie setzte sich nun an den großen runden -Tisch und starrte mutlos auf ihren Teller und die unterschiedlichen -guten Essensdinge, die ihr Ekel erregten, und -die sie verschwommen kaum sah. Magda erklärte Egloffstein, -daß Renate nichts zu sich nähme. Die hörte währenddes -Benno sagen: -</p> - -<p> -„Ich glaube, er hat etwas gegen mich.“ Er neigte sich -beteuernd zu Magda. „Glauben Sie mir, ich fühle es, -und ich weiß auch, von früher her, daß in meinem Wesen -etwas sein muß, das ihn reizen kann. Er ist ja auch viel -männlicher als ich und stärker —“ schloß er bedrückt. -</p> - -<p> -Sie reden von Georg, dachte Renate, Magdas abwehrende -Antwort nicht mehr verstehend, und sah ihn -wie am gestrigen Abend, wo er ihr recht lärmend erschienen -war. Und wenn er sich einmal auf den Schenkel schlug, -ein andermal sich zurücklehnte und lachte, dann wieder in -breiter Hoffart gleichsam erstarrte, schien ihr dieser häufige -Wechsel sich auf eine Umgebung zu beziehn, die gar -nicht da war, die er vielleicht sonst gewohnt sein mochte, -und so, als wollte er sagen: Lockerheit! Ungebundenheit, -ich kann mir das leisten! Und einzelne Bewegungen -hatten sie fast erschreckend an seinen Vater erinnert, — ja, -dessen Art, nur nicht ganz fertig. -</p> - -<p> -<a id="page-609" class="pagenum" title="609"></a> -Allein schon brannte ihr jetzt die Stirne vom Nachdenken. -Sie hörte Magda etwas sagen, mußte jedoch -fragen und hörte nun erst ihre Stimme von fernher näher -kommen: -</p> - -<p> -„Manchmal fehlt es mir doch recht, daß ich ihn nicht -sehen kann. Ist er nicht sehr verändert? Ist er nicht -breiter geworden? Oder ist das Einbildung? Ich rede -von Georg“, schloß sie leise erinnernd, als ob sie gefühlt -hätte, daß Renate fern war. -</p> - -<p> -Die dachte wieder nach, was sie sagen sollte, und seine -Augen vor sich gewahrend, bemerkte sie in halber Zerstreutheit: -„Ja —, er hat ja nun solche Pferdeaugen.“ -</p> - -<p> -„Pferdeaugen? wie meinst du denn das?“ -</p> - -<p> -Renate gab sich Mühe, auseinanderzusetzen, wie sie es -meine. „Früher“, sagte sie, „hielt ich seine Augen für -grau. Nun sind sie erstaunlich braun geworden, dazu sehr -stark, — nicht quellend, nein, gläsern, und gerade bei heftigem -Feuer können sie so etwas Starres haben wie die -von Pferden, so daß die Augäpfel manchmal blitzen wie -neu geschliffen oder stärker gewölbt. Ich weiß nicht, ob -du ...“ -</p> - -<p> -Magda, die still und in sich gebeugt zugehört hatte, -fuhr jetzt empor und rief halblaut: „Wie war das? Bilden -sich wirklich die Königsaugen?“ Dann lachte sie -leise und meinte: „Er bekommt sie schon noch einmal, -aber er muß noch warten. Erinnerst du dich an die Augen -seines Vaters? Königsaugen, anders lassen sie sich nicht -nennen. Manche haben sie immer, Andre zuzeiten. Papa -konnte sie machen, Klemens konnte sie haben, auch Bogner, -wenn er erregt war. So, weißt du, zugleich kühn und -<a id="page-610" class="pagenum" title="610"></a> -verständig, von oben und sehr durchdringend, — sind -sie so?“ -</p> - -<p> -Renate gab bereitwillig zu, daß sie ungefähr so -wären. -</p> - -<p> -„Jetzt wirst du denken,“ fing Magda nach einer Weile -wieder an, „daß ich ihn verkläre, aber das tue ich wirklich -nicht. Eben zum Beispiel hat er wieder eine halbe -Stunde von Dingen geredet, von denen er gar nichts -weiß, das ist ja nun seine Vorliebe. Ich verhalte mich -dann schweigsam und bin vergnügt. Aber seit uns Li, -als du krank warst, aus den Erinnerungen der Markgräfin -vorgelesen hat, erinnert er mich oft so an den Kronprinzen -Friedrich. Gar nicht im Charakter, oh, bewahre, -nein, solch ein Hahnenfuß wie der ist Georg doch nicht -gewesen! Nein, ich meine nur den Tod Kattes. Da gab -es die plötzliche Wandlung, und nun, — was bei Friedrich -der Katte war, das war bei Georg doch sein Vater“, -schloß sie behutsam. -</p> - -<p> -„Ich weiß noch,“ fing sie wieder an, „damals, als er -dich besucht hatte, im März, da sagtest du, er wäre spottsüchtig. -Armer Benno, Sie habens auch gefühlt. Und -was sagte er noch gestern abend, Benno, von den Bestien, -wie wars?“ -</p> - -<p> -Benno zitierte beglückt: „Das Richtige ist, alle Menschen -für Bestien zu halten und bloß jedem, der einem -ans Herz kommt, so viel Leiden zuzutraun, wie man selber -zu sich genommen hat.“ -</p> - -<p> -„Zu sich genommen hat!“ wiederholte sie, „herrlich! -Ja, so ist er, so sind sie!“ rief sie ganz heiß. „Von Friedrich -heißt es auch, daß er ein solcher Menschenverächter -<a id="page-611" class="pagenum" title="611"></a> -gewesen sei, aber meinst du, den Männern wäre zu -trauen? Die Menschen können doch niemand zu ihrem -Verächter, können einen zu überhaupt nichts machen, -wozu man nicht die Anlage hat. Das ist ja alles nur -Selbstverachtung, weiter nichts. Es ist nur dumm, daß ich -ihn nicht sehn kann. Alle Männer haben diese Art, auch -Saint-Georges zum Beispiel, einmal in tiefem Ernst zu -reden, — und dann muß man raten, daß sie es ganz -scherzhaft meinen; oder das unsinnigste Zeug, — das ihnen -dann wieder der tiefste Ernst ist. Und Georg, das verstehe -ich wohl, ist solch ein Mensch, der wohl weiß, was er gelitten -hat, nun aber viel zu hochmütig ist, um es für etwas -Wichtiges zu halten, und so verachtet er in Bausch und -Bogen das Leiden und sich und die ganze Menschheit. -Ich versteh ihn so gut!“ schloß sie triumphierend. -</p> - -<p> -Ihre Stimme rauschte Renate schmerzlich im Gehör. -„Und was soll nun daraus werden?“ fragte sie matt. -</p> - -<p> -Magda hob die Achseln und seufzte. -</p> - -<p> -„Vorläufig hoffentlich gar nichts!“ meinte sie dann -„Je weiter der Weg, desto besser. Du hättest nur hören -sollen, wie er vom Christentum sprach! Daß es eine Religion -der Liebe ist, scheint er noch nie vernommen zu -haben.“ Sie seufzte wieder und schüttelte sich. -</p> - -<p> -Renate glaubte, nun auch etwas sagen zu müssen, und -brachte vor, was ihr einfiel: „Josef sagte einmal, ein -Messer wäre auch nur da geschliffen, wo es seine Schneide -hat, und doch sei immer das ganze Messer ein scharfes, -geschliffenes Messer. Das übertrug er dann auf den -Menschen, — ich weiß nun nicht mehr ...“ Sie -verstummte unter dem plötzlichen Gedanken, ein paar -<a id="page-612" class="pagenum" title="612"></a> -Minuten vorher etwas Böses getan zu haben, während -Magda aufleuchtend einfiel: „Natürlich, so ist es ja mit -Georg! Er ist immerfort, immerfort geschliffen worden, -nur weiß ers nicht, weiß nicht, daß er an der Schneide -geschliffen worden ist, und nach Jahren vielleicht, wenn -er sie schon lange gebraucht hat, dann merkt ers plötzlich -und kommt mir mit einer goldnen Erkenntnis. Ach, es ist ja -das einzig Gute an ihm, daß er immer alles sieht und erkennt; -nur was am Grunde liegt —, ach, dafür hat ja -uns Allen ein guter Geist den Blick entwendet, wie wollten -wir sonst leben?“ -</p> - -<p> -Eine lange Weile war sie nun still, schien auf ihre -Hände im Schoß hinabzublicken, doch liefen und kreuzten -sich unablässige Wellen in ihren Zügen und machten den -Mund ganz wenig zucken. Und schließlich begann sie mit -tieferer Stimme: -</p> - -<p> -„Man kann doch nicht annehmen, daß es Menschen -giebt, die das Schicksal sich aussucht wie Lasttiere, nur -um ihnen immerfort aufzuladen, über Vernunft? Oft -mußt ich das von mir denken; oft, wenn ich am Verzagen -war, brannte es sich mir ein, denn — wie ist das mit mir -und Georg? Soweit ich mein Leben hinunterblicken kann, -war immer nur er. Warum denn? Warum diese Gebundenheit -an einen Menschen, für dessen Dasein sie gar -keinen Sinn hat? Denke nur, auf Hallig Hooge sagte -er, es sei ihm während der vergangenen Jahre oft schwer -gewesen an mich zu denken, in einer solchen Einsamkeit -sei ich ihm immer erschienen. Das war ja deutlich. Es -hieß, daß er sich für mich kein Leben vorstellen konnte — -ohne ihn, und deshalb war da eben für ihn nichts zu -<a id="page-613" class="pagenum" title="613"></a> -sehn. Ich lachte ihn ordentlich aus und erzählte ihm dies -und das aus meinem Leben, wovon er keine Ahnung hatte, -von Berlin, wo ich mich kaum retten konnte vor Menschen, -die alle etwas von mir wollten, — nun, das weißt -du ja, aber, siehst du, von alledem ahnte er nicht das -geringste, er wußte nichts von mir, gar nichts ...“ -</p> - -<p> -Ihr Gesicht hatte stärker zu glühen begonnen, während -sie das letzte sprach. Jetzt stand sie auf, machte einen -versuchenden Schritt, senkte den Kopf, besann sich und -setzte sich wieder. -</p> - -<p> -„Antworte mir nicht auf das, was ich jetzt sage“, fing -sie ruhiger wieder an. „Vor einer halben Stunde bat -ihn der Hauptmann um eine persönliche Unterredung, -und da hatte er natürlich auch keine Ahnung, daß es sich -um mich handeln könnte, und daß wir uns gut kennen -und er mich oft besucht hat, um mir von Georg zu berichten. -Der Hauptmann ist auch dumm, er geht zu -Georg, um ihn zu fragen, ob er mich fragen darf, aber -da kann er sich dann mal wundern. Nein, nein, du sollst -nichts sagen!“ rief sie lachend, da Renate ihre Hand ergriff, -„ich weiß nichts, und wenn du nicht still bist, heirate -ich ihn sicher nicht!“ Verstummend ließ sie Renates Hand -los, ihr Gesicht wurde blaß und fast spitz vor gesammeltem -Ernst, während sie langsam und schwer sagte: -</p> - -<p> -„Ja, das scheint einem freilich sehr verkehrt. Alle -kamen zu mir, aber er kam nicht, — und muß ich nicht annehmen, -daß ich ihm viel hätte geben können, da es doch -für so Viele gereicht zu haben scheint? Und ich war reich -an Leben und Menschen, aber Reichtum und Leben waren -nicht sie, sondern die Gedanken an ihn, die mir Leben gaben -<a id="page-614" class="pagenum" title="614"></a> -und mich Leben empfinden lehrten. Und wenn ich trotzdem -Leere empfand, so war auch die Leere von ihm. Und -obgleich ich ihm nie etwas sein werde in Wahrheit,“ schloß -sie aufleuchtend mit den blinden Augen, „so will ich doch -immer glauben, daß es gut ist, daß es hilft, daß es irgend -etwas heilt, und daß es sein muß, alles, für mich, und -für ihn, und für die Welt.“ -</p> - -<p> -Eine halbe Minute hielt Renate es noch aus, stand -dann eilig auf, sah einen Stuhl neben der Glastür, setzte -sich darauf, legte das Gesicht in die Hände und weinte aus -Leibeskräften. -</p> - -<p> -„Ja, was ist denn, was hast du denn?“ hörte sie -Magda fragen, „warum weinst du?“ -</p> - -<p> -„Weil ich,“ stammelte sie schluchzend, „weil ich vorhin -gesagt habe, Georg hätte Pferdeaugen!“ -</p> - -<p> -„Das ist entsetzlich!“ sagte Magda. -</p> - -<h4 class="section"> -Georg -</h4> - -<p class="first"> -Wozu, fragte Georg sich, als er, aus dem Frühstückszimmer -heraufgekommen, das Buch mit den Aufzeichnungen -auf seinen alten Schreibtisch legte, — wozu war -nun das? Wozu sagte ich das? Wozu reden wir das? Hat -das alles nun irgendeinen Sinn, irgendeine noch so dürftige -Fruchtbarkeit? Wird irgendwas klarer durch solche -Reden, wir selbst uns durchsichtiger, besser, einsichtiger? -Ach, so kurz ist dies Leben, und wir vertun es, wir verprassen -— ach — oh du mein uralter Vers: Wer wüßte -je das Leben recht zu fassen! Wer hat die Hälfte nicht -davon verloren! Im Spiel, im Fieber, im Gespräch mit -<a id="page-615" class="pagenum" title="615"></a> -Toren! Ah freilich, und du, mein Platen, was ist denn -nun dein geschliffenes Sonett mit nichts als seiner trüben -Feststellung unserer Beschaffenheit, was ist es mehr wert -als irgendein Frühstücksgerede! Hats dich klarer gemacht? -Und wenn klarer, vielleicht besser? Hats dir irgendwas -geholfen? -</p> - -<p> -Das lange Dach gegenüber glänzte regenschwarz mit -den Schwellungen der Ochsenaugen; auf derer einem -ward eine Krähe sichtbar, indem sie lautlos und schwerfällig -im Bogen nach unten wegflog, und Georg hörte, -als sie schon über ihm unsichtbar geworden war, ihren -Schrei. Der leichte Schleierfall des Regens war nur vor -den Fenstern drüben sichtbar; sichtbarer kaum als die -Stille und leichte Ödheit des Sonntags, die überallher -aus halbgeschlossenen Augen blickte. -</p> - -<p> -Warum war ich so aufgebracht und hitzig? Vielleicht -war es wirklich zuviel verlangt von dem armen Benno, -ahnungslos vom Schlaf aufzustehn und über alle Gottheiten -Roms zu verhandeln. -</p> - -<p> -Wie schön aber sie aussah und lauschte! Ich habe ja -nicht einmal Renate mehr vermißt. Du guter Geist, -könnt ich dich halten! — Und Renate? So war es immer: -ich wollte Renate — und wollte auch Esther. Wollte -Renate und wollte Cordelia. Nun denk ich an Anna -wieder, und wieder erscheint diese Ewige, an der ich festhänge, -seit ich sie sah, und werde ich jemals aufhören zu -schwanken, jemals die Stimme der Wahrheit hören können? -Wer hat die Hälfte nicht davon verloren? -</p> - -<p> -Ja, fuhr er nachgrabend fort, noch etwas ist anders -geworden. Ich sehe anders. Grade an Anna, wie ich sie -<a id="page-616" class="pagenum" title="616"></a> -dasitzen sah, ihre ganze Erscheinung, merkte ich — wie -war es nur? Umfassend — ja, und — wahrhaftig, es ist, -als hätte ich früher Vergrößerungsgläser vor den Augen -gehabt, so daß ich sie an alles ganz nah heran halten -mußte, und ich sah Einzelnes nur und Kleines, jedoch -übergroß. Sind die Gläser fort? Bin ich zurückgetreten, -freistehend und nun das Ganze umfassend? -</p> - -<p> -Was ihm aber jetzt beim Aufschlagen des Buches entgegenfiel, -das war der letzte Brief der Cornelia, in dem -sie ihm mitteilte, daß sie nicht zu ihm zurückkehren könne, -nur noch einmal kommen müsse, ihren Koffer zu holen. -Hier also hatte er den lange vermißten hineingelegt. — -Georg versank über dem Anblick der Lateinschrift auf dem -Umschlag, von den eigentümlich geworfen, ja geschleudert -und achtlos aussehenden Schriftzügen wie stets mit dem -ganzen Gegensatz ihres bestimmten und geordneten Wesens -betroffen, — Georg versank für Minuten in Gefühle wehmütiger -Sehnsucht. -</p> - -<p> -Sie war schlank und grade; der Gang schlank und -kräftig; das Haar glatt; die Augen rund, kindlich die -Stirn, und sie war die Einfachheit selber. Einmal sagte -sie, sie könne nicht denken. Vielleicht hatte sie nie, was -ein Mann denken nennt, gedacht. Aber sie wußte Bescheid -in allem; was sie äußerte, war klar; ihr Urteil war, -in Wort und Wendung und Sinne nichts als vernünftig, -sachlich, ja nüchtern, selbst wenn es die höchsten Dinge -betraf. Nüchtern, — ja, das war sie; von jener Nüchternheit, -welche Hölderlin heilig nannte. -</p> - -<p> -Also, dachte Georg trübe, muß es wohl doch das Richtige -sein, was sie jetzt tut? — Dann wünschte ich nur — o der -<a id="page-617" class="pagenum" title="617"></a> -Satan hole diese Verstricktheit der Welt! —, dies Tun wäre -ihr vorgelegt, als sie den Montfort verlor, anstatt daß sie -sich erst an mich hängte ... Wie lieb, wie sehr lieb wurde -sie mir! — -</p> - -<p> -Montfort ... Es blieb sonderbar und kaum verständlich, -was diesen schwarzen Kentauren zu der stillen Gesellin -gezogen hatte. Sie aber war unter dem sengenden -Gestirn zu dieser erstaunlichen Frucht glücklicher Klugheit -und fester Süße gereift, die — die er gekostet und verloren -hatte; wie jene Andern ... Georg zog sich mit -einem Seufzer aus seiner Schwermut und legte den -Brief fort. -</p> - -<p> -Indem fiel sein Blick auf das vor ihm liegende Buch, -und er öffnete es in der Erinnerung, grade über seine Art -zu sehen darin etwas bemerkt zu haben. Sein Blick traf -alsbald auf die Worte: -</p> - -<p> -‚Ich will mein Leben noch einmal von vorn durchdenken. -Ich will aus dem Brunnen, Eimer um Eimer, -die Vergangenheit heraufschöpfen, und aus jedem das -Süße, das Herbe, das Giftige ziehen und einen Becher -damit füllen, und dann will ich ihn trinken. Wohlan, -wenn ich das Gift überlebe, so werde ich keines Todes -mehr bedürfen.‘ -</p> - -<p> -Merkwürdig! habe ich das geschrieben? Warum so -pompös? Warum so viel Geste? — Er blätterte weiter, -kopfschüttelnd, indem er sich auf den Rand des Schreibtisches -setzte. Zuerst wurde sein Auge von dieser Stelle -festgehalten: -</p> - -<p> -‚Im Niels Lyhne geblättert, diesem traurigsten aller -Bücher. Aber was sehe ich da? Ich bin ein Bastard -<a id="page-618" class="pagenum" title="618"></a> -wie dieser Niels. Wir haben unedles Blut alle Beide und -haben deshalb kein Anrecht auf jeden der beiden Throne, -weder auf den des Lebens noch auf den der Phantasie. -Usurpatoren des Lebens, fühlen wir in jeder Anstrengung, -die wir machen, die Hoffnungslosigkeit aus Ursachen der -Unrechtmäßigkeit. Wir — aber ich habe es noch etwas -schlimmer als du, denn ich weiß, was ich bin. Du, Niels, -hast es nicht gewußt, ich aber habe dich gelesen ...‘ -</p> - -<p> -Auffahrend aus dem Hinträumen über die letzten -Zeilen, fiel Georg zu gleicher Zeit ein, daß er etwas Bestimmtes -in den Aufzeichnungen hatte suchen wollen, und -daß Anna auf ihn wartete. Unschlüssig noch ein paar -Blätter umwendend, sah er den Regen wieder dichter strömen, -und wieder auf das Geschriebene gerichtet, fing sein -Blick die Überschrift ‚Erinnerung‘ auf. Darin mußte das -stehn, was er suchte. Er konnte nicht loskommen, dachte: -Anna kann warten — und: bei dem Regen!, tastete nach -seiner Zigarettendose und Streichhölzern, begann, schon -lesend, zu rauchen, und las nun, fliegender Augen, in -immer kälterer Erregtheit. -</p> - -<h5 class="subsection"> -Erinnerung -</h5> - -<p class="noindent"> -Ich hatte eine halbe Stunde im Lehnstuhl geschlafen -und hörte erwachend noch schlaftrunken Mathilde, die -einsame Winterfliege, in der Dämmerung umhersummen, -friedfertig mit sich selber beschäftigt. (Tante Henriette -pflegte die Winterfliege die unsterbliche Mathilde zu -nennen, oder einfach Mathilde.) -</p> - -<p> -Da erinnerte dies Summen nebst der winterlichen -Dämmerung und dem Wärmestrom aus dem Ofen mich -an etwas ähnlich Behagliches, und als ich suchte, fand -<a id="page-619" class="pagenum" title="619"></a> -ich mich nach einer Weile auf dem alten Sofa in meinem -Zimmer der Pragerschen Wohnung. Die Fliege summte, -es war warm und geheizt, ich hatte einen Roman im -Schoß vom verehrten Scott, es war Sonntagnachmittag -nach dem Essen, die Familie war in den Sonntagskleidern -erschienen, das Tafeltuch frisch gewesen, Weingläser -auf dem Tisch und alles freundlicher, heller als -Wochentags und selten. Nun war alles still geworden; -nur über den Flur aus der Küche tönten die Geräusche -des abwaschenden Mädchens, und in Pausen immer wieder, -schon lange hörbar und doch kaum gehört unterm -Lesen, fernher die unendlichen schmetternden Roller eines -Kanarienvogels. -</p> - -<p> -Ach, diese Behaglichkeit, — wie alles Behagen nicht -ohne einen geringen Zusatz von Öde! (Ungefähr so, als -ob man gleichzeitig ein Durstgefühl hatte, nicht stark genug, -um deswegen seine behagliche Lage aufzugeben, und -auch zu unbestimmt nach was?) Und wie abgeschieden -waren solche Stunden, was war ferner als der nächste -Morgen, Schulgang und die fünf end- und trostlosen -Stunden! -</p> - -<p> -Aber auch diese Wintermorgende hatten ihr mehr grausiges -Behagen! Das frostklappernde Aufstehn im Dunkel -verlor seine Peinlichkeit alsbald im freundlichen, sehr hellen -Licht der Gashängelampe, in dem alles warm wurde, -eng das verschattete Zimmer, und noch höre ich in jenen -Minuten, wo ich selber still war nach den heftigen Geräuschen -des <a id="corr-14"></a>Zähneputzens und Waschens, die tiefe Lautlosigkeit, -während des Anknöpfens der Hosenträger, wobei die -Zeit stillzustehn schien, und auch von Benno nebenan -<a id="page-620" class="pagenum" title="620"></a> -war — vielleicht aus dem gleichen Grunde — nichts zu -hören, so daß es plötzlich war, als sei in der ganzen Wohnung -kein Mensch. -</p> - -<p> -Es müßte einmal einer das Behagen der kleinen Dinge -beschreiben, der allerkleinsten, jener, die jedem bekannt -sind, so daß man nur daran zu erinnern braucht, und die -doch niemand sich sagte. Jenes Empfinden etwa — reizvollsten -Behagens ach warum nur? —, mit dem man -beim Anziehn der Beinkleider zwischen den Schenkeln durch -nach hinten faßt und das Hemd straff nach unten zieht, -so daß man es am ganzen Rücken und auf den Schultern -fühlt. Oder jene höchste Wonne des Erdendaseins, das -reine Taghemd mit allen Plättfalten und seiner Frische, -fertig mit allen Knöpfen ausgebreitet liegen zu sehn und -nun über den nackten Leib zu streifen! Oder die nicht minder -hohe, nachts mit einem brennenden Durst zu erwachen, -ohne Licht zu machen noch die Augen auf, zum Waschtisch -zu tappen und dann dazustehn und lechzend aus der -vollen Karaffe ... Ah, wahrlich, nicht unfroh bin ich, das -bürgerliche Dasein kennen gelernt zu haben! Werde ich auch -jemals den Geruch von Tabaksrauch aus den Kleidern -und der getragenen Wäsche meines Berliner Schrankes -vergessen, jenen abscheulichen Geruch, der mir in der Erinnerung -heute die ganze Welt versüßt? -</p> - -<p> -Viele behagliche Dinge fallen mir ein. Einmal begleitete -ich Benno und seine Eltern in den Sommerferien in -einen Badeort an der Ostsee, Zempin glaube ich, hieß es, -und unvergeßlich blieben mir die stillen, sonneglühenden -Nachmittage dort, wenn von allen Veranden und Balkonen -das Klirren der beim Decken des Kaffeetisches in die -<a id="page-621" class="pagenum" title="621"></a> -Untertassen gelegten Löffel hörbar war, ein so wechselnd -getöntes Klirren. Dazu unaufhörliches und eintöniges -Hühnergegacker. An Hotelzimmer muß ich denken, wie -sie auf einmal bewohnt aussehn, wenn eine geöffnete -Handtasche darin steht und auf dem Tisch eine metallene -Seifendose und die Kristallflaschen mit silbernen Deckeln -liegen, und es riecht nach Juchten ... Ein Abend im -Schlößchen fällt mir ein: Virgo saß vor einer meiner -Vitrinen in der Hocke, nahm jeden Gegenstand heraus -und hielt ihn, selber im Schatten hockend, gegen das Licht -hoch, Irisgläser, die persischen Federkästen, Porzellangruppen -und was es nun war, fragte tausenderlei und -erzählte kleine Schnurren. Eine behielt ich: wie sie als Kind -zuweilen Kuchen stahl aus dem Korb im Büfett, hinterher -aber für jedes Stück einen oder zwei Pfennige hinlegte. -Sie nahm sie aus einem Portemonnaie von Perlmutter, -so groß wie ein Auge ... -</p> - -<p> -Ja, vielleicht ist es gerade die Erinnerung und sie -allein, die dergleichen Dinge wertvoll macht, die an sich -nichtig sind. Sie sind es, an die man sich erinnern -kann. Ich versuche, mir Stunden des Glücks oder des -Schmerzes vorzustellen, Stunden der Leidenschaft, der Erhebung -zurückzurufen, aber wie kann ich sie leibhaft -machen, da mir in diesem Augenblick doch jenes Feuer, -jener Odem fehlt, der sie damals beseelte? Aber die unspürbar -leisen Rhythmen innerster Bewegung, der Stille, -des abgeschiednen Beruhens, sie läßt das gelinde Aufpochen -des Fingers wieder schwingen, und wir nehmen -sie gerne auf. -</p> - -<p> -Aber dies Bild, warum blieb es in mir haften? Ein -<a id="page-622" class="pagenum" title="622"></a> -sehr stiller Raum, sonnig bei geschlossenen Vorhängen, -von dem ich übrigens nichts sehe, als daß er eben da ist. -Ich sitze an einem Tisch, an der anstoßenden Seite kniet -auf einem Stuhl Anna als kleines Mädchen, halb über -der Platte liegend, und da steht ein Wasserglas und liegen -weiße Bogen und jene wunderbaren kleinen Hefte voll -mattfarbiger, undeutlicher Bildchen, die aneinanderhängen, -— Abziehbilder, jawohl, so hießen sie, und Anna und -ich mühten uns ab, die ins Wasser getauchten auf reinem -Papier festzudrücken und — zu warten. Dies Warten war -unmöglich! Immer wieder, mit unsäglicher Behutsamkeit -mußte ein Zipfel angelüpft werden, und immer war es -noch weiß darunter, es mußte mit dem Finger wieder -Wasser daraufgetropft werden, der halbe Tisch schwamm, -und dann — ja, wie kann ich nur meine eigne Haltung, -meinen eignen Ausdruck gesehen haben, mit dem ich den -eben abgelüpften Zipfel wieder andrücke und vor Anna -so tue, als wäre alles in Ordnung, obgleich ich doch -genau sah, daß ich die zarte, bunte, naßglänzende Haut -darunter angerissen habe ... Anna natürlich war die -Geduld selber, und wenn sie einmal lüpfte, so kroch -sie von oben fast unter das Papier; dabei stöhnte sie entsetzlich. -</p> - -<p> -Und schon überfällt mich wieder ein andres: In der -Geschwindigkeit eines Vorbeifahrens, über drei Stufen -an einer Hausecke durch die offene Hälfte einer Tür aus -geriffeltem Glase ein Blick in einen Bierschank: ein Stück -von einem ungestrichenen Tisch, die blanken Messingkrahnen -der Theke und dahinter das rote Gesicht -des Wirts unter einem Öldruck der Kaiserin; er streift -<a id="page-623" class="pagenum" title="623"></a> -von einigen Biergläsern den Schaum mit einem kleinen -Brett ... -</p> - -<p> -Wann in aller Welt sah ich das jemals? Und warum -in aller Welt grub es sich in mein Gehirn? -</p> - -<p class="tb"> - -</p> - -<p class="noindent"> -Oh seltsame Wege der Nerven! Einen halben Tag -lang bis zum Einschlafen verbrachte ich gestern mit Grübeln -über jener Erinnerung, umsonst. Heut morgen fällt -mir beim Anziehn ein — in der Stunde, wo man nichts -denkt, und das Denken sich selbst überlassen wirkt —, daß -ich in der Nacht von der armen Helene träumte, und sofort -sehe ich mich auf der Fahrt nach Helenenruh an -ihrem Todestag und habe jenen Blick in die Tür des -Bierausschanks. Wie aber kam ich gestern darauf? Nun, -ganz gewiß hat auch etwas in mir, während ich das von -den Abziehbildern schrieb, an Helenenruh gedacht, an Helene -und an ihren Tod. -</p> - -<p> -Ich habe nun weiter über das eigenartige Walten des -Erinnerungsvermögens nachgesonnen, und mir ist folgendes -klar geworden: -</p> - -<p> -In dem leider einzigen Gespräch, das ich mit Josef -Montfort hatte, stellte er unter mehreren anderen die Behauptung -auf, daß der Mensch nichts je Erlebtes vergäße -und an alles, wenn er nur wollte, sich erinnern könnte. -Indem ich hieran dachte, sah ich ihn mir gegenübersitzen, -wie damals im Kaffeehaus; fiel mir sogleich die Erregung -auf, in der ich mich damals beim Hören befand, und schon -hielt ich wie in einer Phiole das Element, in das getaucht ein -erlebtes Bild Erinnerungskraft behält, ohne eignes Willenszutun -von uns: leidenschaftliche Erregung. Gleich machte -<a id="page-624" class="pagenum" title="624"></a> -ich einige Proben: Damals die angstvolle Erwartung auf -der Fahrt nach Helenenruh bewahrte mir jenes Bild und -noch manches andre vom Weg, der vorüberflog. Ich -denke niemals an meinen Vater, ohne ihn in dem Augenblick -am Vortage meines achtzehnten Geburtstages zu -sehn, wo er meine Hand preßte und etwas in mich hineinsprach, -das ich nie behielt, da ich ein Augenmensch bin. Die -Straßen meines Schulweges, mein letztes Klassenpult, -Fenster, Wände und Bilder des Klassenraums, alle tausendmal -gesehn in der täglichen Angsterwartung, stehen -vor mir, daß ich die kleinste Beschmutzung, die geringste -Entstellung daran beschreiben könnte. Fast glaube ich, daß -Angstgefühle und Zustände des unsicheren, angstvollen -Wartens die stärkste Macht zum Einprägen von Gesichtsbildern -besitzen; angstvolles Warten, wo wir im brennenden -Verlangen nach der einen Gestalt tausend Dinge mit -glühendem Stempel des Auges in uns pressen, nur weil -wir sehen müssen um jeden Preis, die Augen festklammern -müssen, fiebernd uns mit Dingen beschäftigen. So erscheinen -mir doch immer, wenn ich Renates gedenke, nicht -einmal ihre Züge, sondern die Akazienwipfel der Güntherstraße, -im Laternenlicht halbverschattet die graue Stirnseite -ihres Hauses und erleuchtete Fenster, von damals -her, als ich dorthin lief, nur gepeinigt vom Verlangen -ihrer Nähe. Ja, Angst und Erwartung sind es, die ohne -unser bewußtes Zutun jenes Könnenwollen der Erinnerung -Josef Montforts bewirken, nicht nachträglich, sondern -vorwegwirkend, denn in solchen Zuständen <em>wollen</em> -wir sehen, obschon nicht das, <em>was</em> wir sehen. -</p> - -<p class="tb"> - -</p> - -<p class="noindent"> -<a id="page-625" class="pagenum" title="625"></a> -Noch immer im Lauf der Tage ab und zu mit Erinnerungsdingen -beschäftigt, mir selber unvermerkt auf der -Suche nach Zuständen der Erregtheit und Bildern daraus, -und indem ich immer die Probe machte auf das erste, -augenblicklich hervorschnellende Bild, dachte ich an meine -Corpszeit, und siehe da, was stellt sich mir dar? Das -Speibecken in der Toilette, freilich immer benutzt zu Zeiten -übelster Peinigung. Verfluchtes Ding! Daß so das Sinnlose -zur Einrichtung führen konnte! Saufen in der Gewißheit, -in der Hoffnung sogar, das Gesoffene wieder von -sich zu geben. Der deutsche Student, vorstellbar im Bilde -von Münchhausens halbiertem Pferd. -</p> - -<p> -Ich rettete mich in einen Ausblick auf Bogner, und -gleich sah ich ihn in Renates Kapelle stehn, einen Arm -gegen die Wand gestützt. Damals malte er seine Engel, -ich war wieder einmal Renates Nähe zugerannt, wir -hatten dann ein Gespräch in der Nacht, und — gewiß, -wir sprachen auch vom Tode, den Tod brachte ich in -irgendeine Verbindung mit der Liebe, und da sagte er: -nein, das sei vorläufig nichts für ihn ... -</p> - -<p class="tb"> - -</p> - -<p class="noindent"> -Heut sah ich Esthers Gespenst. -</p> - -<p> -Ich ging auf breitem Ebbestrand. Das Meer war -dunkel, bewegt, nicht stürmisch; der Himmel bewölkt und -grau. Plötzlich läuft eine Fußspur vor mir auf, weibliche -Füße, klein, etwas breit, und wie ich mich noch wundere -über die seltene Erscheinung, muß ich erkennen, daß nach -jedem dritten oder vierten Schritt der rechte Fuß leicht -nach innen schlägt. Mir stand das Herz. Esther! dachte -<a id="page-626" class="pagenum" title="626"></a> -ich nur, folgte der Spur in einer unseligen Versunkenheit -und — sehe sie in plötzlicher Biegung dem Wasser zu -hineingehn und in den Wellen verschwinden. -</p> - -<p> -Aus der Meerflut gekommen, mir erschienen, und wieder -hineingegangen. Esther in dem rotvioletten Kleid, -unschlüssig, traurig ... -</p> - -<p> -Es ist natürlich die Magd gewesen. Und sie ist nicht -in die See gegangen, sondern nur dichter an den Wellen -her, zur Zeit als die Ebbe noch tiefer war, und als ich -kam, hatte die steigende Flut die Spur fortgenommen. -</p> - -<p> -Doch was geht das mich an? Ich saß im Zimmer und -sah wieder den feurigen Roteichenbaum jenseits des Grabens, -selber neben Esther auf der Bank, in angstvoller -Erwartung dessen, was ich tun sollte und nicht können -würde, und Erscheinung löste sich aus Erscheinung ... -</p> - -<p> -Aber Esther selber entschwand bald. Die Zeit war zu -lustig und hell für die nun so umflorte Gestalt. Noch -einmal sah ich sie deutlich: ich selber stand auf dem kleinen -Balkon vor dem Saal im Schlößchen, unten stand sie mit -Herrn Vögeleins kleinem Neffen, warf seinen Ball zu mir -herauf und ich ihn wieder hinunter, — noch glänzt mir -ihr lächelnd erhobenes Gesicht. Dann sprang ich hinunter. -Sie sagte: Nun ists genug, kommen Sie herunter! — -und ich hatte die meines Wissens einzige Anwandlung -von Tollkühnheit in meinem Leben und sprang ohne weiteres -in die Tiefe, wobei ein Fuß leider zerbrach. Oh -schöne Zeit, die mirs lohnte! Die Ferien standen nahe bevor, -ich hätte nach Helenenruh fahren müssen, nun wars -ein Vorwand zum Bleiben, ich konnte die langen Tage -liegen und Besuche empfangen und Esther bei mir sitzen -<a id="page-627" class="pagenum" title="627"></a> -haben, und einmal sogar kam Renate. Leichteste Zeit! -Um ins Haus Montfort gelangen zu können und nicht -unprinzlich hüpfen zu müssen, ließ ich eine Hängematte -außen mit violettem Samt, innen mit weißer Seide beziehn -und durch die Ösen an beiden Enden eine vergoldete -Stange schieben; dazu mietete ich zwei eben stellenlos gewordene -Inder, Türsteher eines verkrachten Panoptikums, -die mich zum Wagen und im Montfortschen Haus und -Garten überall hintragen mußten. Das war einen Tag -schön, dann standen sie überall im Wege, und ich gab -das Ganze auf. -</p> - -<p> -Eine Ansichtskarte fällt mir ein, die Renate oder Anna -von Bogner und Ulrika bekam, als die Beiden einmal eine -Reise machten. Darauf hatte er sie und sich abgebildet, -wie sie auf einem Stuhl sitzt und ein Loch in seinem -Strumpfhacken stopft, den er ihr, mit dem Rücken nach -ihr vor ihr stehend, hinhält, mit der Umschrift: Sie wird -mich in die Ferse stechen! -</p> - -<p> -Halbe Nächte im Gespräch mit Sigurd und Benno -über die ewigen Dinge. Leicht genug mögen sie gewesen -sein, und wenn sie mir schon schwer waren, so war doch -das Reden darüber zu leicht. Immer im Hintergrund -aber, ob unsichtbar, war Esther, deren leises Eintreten ich -immer erwartete, und kam es nicht oft? -</p> - -<p> -Als wir einmal Alle beisammen waren, fragte jemand -Jason, wie es eigentlich komme, daß er zu allen Frauen -seiner Bekanntschaft Du sage. — Wie kommt es dann, -fragte er hinwieder, daß sie es auch sagen, sobald ich es -einmal getan habe? — Ach, ihr Männer, sagte er, da -niemand eine Antwort hatte, zu meinem Zimmerofen sage -<a id="page-628" class="pagenum" title="628"></a> -ich auch Du, sind aber die Frauen nicht um vieles wärmender? -Sie sagen gern wieder Du, wenn ich es sage. -</p> - -<p> -Es ist immer viel mehr der Duft der Worte, den man -wahrnimmt, wenn Jason spricht, als die Worte selbst, -und ich glaube, Alle empfanden wie ich in jenem Augenblick, -daß es kühl um uns war, daß wir uns Alle kühl -waren, und vielleicht hätten wir eine Wahrheit entdeckt, -wenn nicht einer von andern Dingen angefangen hätte, -wie das immer zu sein pflegt, wenn Wahrheiten vor der -Tür stehen. -</p> - -<p> -Nun sehe ich Dora Vehm, — was ward aus ihr? — -Ich sehe sie beim Krokett auf der Wiese, es war kein Spiel -für Kinder, sondern lange, schwere Hämmer und wuchtige -Kugeln. Sie aber schlug mit einer Kraft, Anmut und -Sicherheit die großen Bälle weithin durch die Tore, gegen -andre Kugeln, unaufhaltsam weiter ihres Wegs, daß es -eine Wonne war, sie dabei zu sehn. Ihre Augen brannten, -sie strahlte, ich sah Ägidi, der ruhig wie ich dabeistand, -sie hatten jeder ihre Augen in der Gewalt. -</p> - -<p> -Seltsam genug: für einen unernsten Menschen kann -ich mich nicht halten, ich liebe die Schwermut vielleicht -mehr, als daß ich sie habe, aber wie geht es zu, daß fast -alle Erinnerungen heiter sind, die sich beschwören lassen? -Noch heute fiel mir ein Fetzen Papier in die Hände, leserlich -gekritzelt darauf: -</p> - -<div class="poem-container"> - <div class="poem"> - <div class="stanza"> - <p class="verse">Halbgöttinnen gehn am Gestade, — das stahlblaue Meer</p> - <p class="verse">Wirft Ketten von silbernen Fischen um ihre Füße.</p> - <p class="verse">Salzluft bereift der roten Lippen Süße,</p> - <p class="verse">Gewänder flattern farbig um sie her.</p> - </div> - </div> -</div> - -<p class="noindent"> -<a id="page-629" class="pagenum" title="629"></a> -Das stammt aus den ersten Tagen meines Hierseins. -Renate und Magda waren zu Bogner gekommen, es war -ein warmer, sonniger Tag, ich stand oben auf meinem -Turm mit dem eben gefundenen Handfernrohr und sah -sie am Strande alle Vier, Renate, Magda, Ulrika und -Cornelia. Sie hatten Schuh und Strümpfe ausgezogen, -Renate und Ulrika Magda untergefaßt, Cornelia ging -voran in einem lichtgelben Kleid, die drei Andern hatten -allesamt weiße Kleidröcke und bunte, gestrickte Jacken, -Renate eine burgunderrote, Magda eine grüne, Ulrika -eine violette, und ich konnte durch das Fernrohr feststellen, -daß nur die Renates und Ulrikas aus Seide waren, Magdas, -stets bescheiden, war Kunstseide. Noch sehe ich die -Drei im Rund meines Tubus unten stehn und zu mir -heraufwinken, flatternd, farbig, lachend auf dem weißen -Strand vor der dunklen Wogenwand von Blau, aus der -die Welle, um ihre rosenen Füße leckend, kleine, silberblitzende -Fische spülte ... -</p> - -<p> -Meine letzte farbige Erinnerung. — Allein warum behielt -sich mir das Heitre so oft? -</p> - -<p> -Ich schrieb es wohl neulich schon auf: An Schmerzliches -kann allein die Vernunft sich erinnern; das Gefühl kann -nicht nachschaffen aus Nichts, was damals erglühte, so geht -der Vorgang selber unter, und es bleibt nur das optische -Bild, um so leichter, je farbiger, je brennender es war. -</p> - -<p> -Ja, nur die Bilder erscheinen, mondlich angestrahlt, -seltsame Monde selber, abgeschieden vom Damals, wirkungslos -... -</p> - -<p> -Wenn die versunkene Stadt — in der Nacht der Erlösung -— sich aus den fallenden Wassern erhebt, — tönen -<a id="page-630" class="pagenum" title="630"></a> -die Glocken wie vormals ... Wandeln wie vormals die -Straßen, — und die kindlichen Spiele — tun es wie je -den Erwachsenen gleich. -</p> - -<p> -Doch es blieb ein Vermächtnis — aus der versunkenen -Jahre Gram — auf den seltsam alten — Gesichtern zurück. -— Und es beleuchtet ein fremder Mond — Turm -und Planet und seltsam verschnörkeltes Dach. -</p> - -<p> -Während rings aus dem riesigen Meere die alten — -Gestirne steigen und wieder schaun, — was niemals altert. -— — Wo keines Segels ernster Schatten, — kein Vogelflug -nach der düsteren Ferne strebt. -</p> - -<p> -Anders lächeln von Fenster und Tür — Mädchen auf -Knaben, — und anders der Alten Schritt — über die steinernen -Treppen und Höfe schallt. -</p> - -<p> -Mädchen, die Sträuße tragen, — atmen befremdet den -Duft, der von gestern erzählt ... -</p> - -<p> -Im Schweigen der Glocken — hören sie Alle — ängstlich -und deutlich — das schwellende Dröhnen — der kommenden -Flut. -</p> - -<p class="tb"> - -</p> - -<p class="noindent"> -Als ich heute an der offenen Türe des Kuhstalls vorüberging, -fuhr ein unsichtbarer Arm mitten aus dem -Mistgeruch auf mich zu, packte, schwang und stellte mich -mit gewaltigem Schwung über mehr als drei Jahre hinweg -auf den Helenenruher Wirtschaftshof, in einen Sommertag, -in den Tag, wo ich meine Kindheit verlor. -</p> - -<p> -Das weiß ich heut, daß ich sie damals verlor. Der Tag -wars, wo Bogner gekommen war, wo das mit Jason -geschah, wo ich nachts in Annas Zimmer war. — Noch -<a id="page-631" class="pagenum" title="631"></a> -sehe ich die gelben Orpingtonhühner auseinander stieben, -sie erschraken vor Unkas, und da geht Unkas tappend auf -die Tür seines Stalles zu, und ich selber stehe da und — -ich vergaß, was ich dachte, aber — es scheint mir ein Vorspuk -gewesen zu sein, ein Aufdämmern vor dem gänzlichen Erwachen. -Das kam in der selben Nacht, da lag ich auf -der Wiese am Parkrand, nicht weit von der Stelle, wo -ich am Morgen gelegen hatte und zu mir gekommen war -aus dem Sonnensieden wie aus brodelnder Geburt. Da -lag ich am Boden und fühlte das Tragen der Erde, sonderlich -heimatlos und kühl war mir zu Sinne, ich wußte — -ja, was wußte ich wohl? Daß ich nun alles wußte, das -wars. -</p> - -<p> -Heiliges Kindheitsland, wo bist du? — Zurecht fallen -die Verse mir jetzt ein, die ich in Helenes Mappe fand. -Als ich sie dichtend empfand, da dichtete Erinnerung in -mir, Erinnerung an jene Nachtstunde am Parkrand, wo -ich mich erkannte, weil ich das Weib ‚erkannt‘ hatte; wo -meine Kindheit ein Ende nahm. Und doch, als ich diese -Worte im Gedicht empfand, — wie dumpf noch, wie unwissend, -wie nur abgehorcht einer unverständlichen Geisterstimme, -und freilich echter vielleicht darum, echter gedichtet -als das meiste sonst. Heute erst weiß ich ganz. -</p> - -<p> -Unkas aber mit seinem tastenden Gang, die Hühner, -die tafelnden Arbeiter im Hof: diese waren mein erster -wacher Blick, meine erste Beobachtung. Während es -dämmrig in mir selber blieb, begann ich Bilder in mich -zu füllen unermüdlich, deren schillernde Buntheit mir das -Innre magisch zu erhellen schien. Immer genügte die -Anschauung, und sooft ich es selber sein mochte, an dem -<a id="page-632" class="pagenum" title="632"></a> -ich Beobachtungen machte, so genügten mir auch sie, und -zu Erkenntnissen dehnte ich sie nicht aus. Auch das Bild -Emmaus beobachtete ich wohl und verstand es ästhetisch -genau, und mir selber in jener Nacht brannte das Herz -vom Zuspät. Heut weiß ich seinen Sinn, heut, wo es zu -spät geworden ist. -</p> - -<p class="tb"> - -</p> - -<p class="noindent"> -Doppelt erregt, von hundert Bildern seines vergangenen -Lebens aus der Aufzählung der Erinnerungen, und -von dem heftigen Gefühl, daß gleichwohl nicht er dies geschrieben -habe, sondern ein Fremder, der erstaunlich viel -von ihm wußte, schloß Georg aufatmend das Buch. -</p> - -<p> -Nein, sagte er mit Entschlossenheit, ich bin das nicht -mehr. Das ist ja schrecklich, diese Augenjagd nach Kleinem -und Kleinstem, in der Aufzählung mit drangeknüpften -Nutzanwendungen wie hier ja ganz reizvoll, aber war das -der Zweck des Erlebens? — Und er sah sich selber herumfahren -wie einen schillernden Argos mit zehntausend apokalyptischen -Augen. Seine eigenen Augen gingen ihm -über dabei, — aber jetzt, da er die Lider schloß, kam etwas -aus dem Dunkel; eine dunkelblaue Brust im Anzug, -Schlips und Kragen, und nun das Gesicht seines Vaters, -Bart und Haar, Wangen und Brauen und endlich — -Georg erbebte — auch der Blick der gestorbenen Augen. -Alles dies aus der wirbelnden, einzig beglückenden Stunde -am Vortage jenes achtzehnten Geburtstages, eingebrannt -in die Luft, um ihm jahrelang immer wieder zu erscheinen. -— — Im Nu war das wieder verschwunden, aber -Georg, schmerzlich ihm nachblickend, während vor seinen -wiedergeöffneten Augen Fenster und Dach erschienen, -<a id="page-633" class="pagenum" title="633"></a> -fragte sich schwer und gebunden: Deshalb? Deshalb -das tausendfache Schaun, damit dies gesehen wurde und -haftete? -</p> - -<p> -Er wartete horchend, aber es kam nichts weiter, und -er erhob sich nun hastig, ging ins Nebenzimmer, wo er -mit Egons Hülfe, auf Umkleiden verzichtend, festere Stiefel -und Gummimantel anzog, ergriff Hut und Schirm -und eilte hinunter. -</p> - -<div class="chapter"> - -<h3 class="chapter" id="subchap-0-3-4"> -<a id="page-634" class="pagenum" title="634"></a> -Viertes Kapitel -</h3> - -</div> - -<h4 class="section"> -Magda/Renate -</h4> - -<p class="first"> -Georg war, als er das Frühstückszimmer wieder betrat, -zufrieden mit dem, was er an sich beobachten konnte. -Denn nicht nur, daß er die jetzt anwesende Renate, weil -sie mit dem Rücken am Kreuz der Glastür lehnte, — so -daß er, selber ins Helle blickend, ihr vom Licht abgewandtes -Gesicht nur undeutlich wahrnahm — für Irene -hielt, zumal sie die Füße im Stehn vorgeschoben und sich -dadurch verkleinert hatte; nein, auch als er sie erkannte, -war, was ihm aufs Herz fiel, eher eine abweisende Kühle, -und er fand sich unangefochten. Auf seine Frage nach -Irene wurde ihm gesagt, daß sie sich immer noch angegriffen -fühle und nicht vor zehn Uhr zu erscheinen pflege. -Renate — er sahs — hatte wieder geweint, und Georg -hatte eine alte Abneigung gegen vieles oder leichtes Weinen -von Frauen. Im Augenblick trug sie freilich einen -skurrilen Ausdruck zur Schau, der ihr Gesicht lieblich verkleinerte, -die Augen blank machte und etwas spitz wie die -kleiner Tiere. Georg äußerte zu Anna — im stillen Renates -Kleid bewundernd, das von blauem Violett, in der -Form dem der Äbte glich, mit weitem, faltenreich glänzendem -Rock und engen Ärmeln, die bis zum Ellbogen ein -schlichter Schulterkragen bedeckte —, ob sie nicht auch -fände, die Abatissa habe Augen wie ein Wiesel heut. -</p> - -<p> -Über Magdas Gesicht ging ein ungemeines Glänzen, -während sie, ohne die Augen aufzuschlagen, schwieg und -fortfuhr, die Knöpfe ihres Lodenkragens zu schließen. -<a id="page-635" class="pagenum" title="635"></a> -Renate fing an zu lachen, drehte sich um, legte das Gesicht -in den hochgehobenen Ellbogen und den Arm gegen die -Scheibe und lachte so einfältig, daß Georg ungehalten -wurde. -</p> - -<p> -„Was lacht sie denn so? Ist heut nicht Charfreitag?“ -</p> - -<p> -„Erst Pferd und dann Wiesel, da hast du’s“, sagte -Anna unverständlich zu Renate hinüber, und indem erschien -vor Georg lautlos Egloffstein, ihn blicklos anblinzelnd -mit den ganz hellen Augen unter weißen Brauen, -Renates Mantel und Schirm in den Händen, die er Georg -überreichte. Der aber fand nun, ins Freie blickend, daß -es nicht mehr regnete; über die Terrasse glitten Sonnenstrahlen. -Es gab noch einen Kampf mit Renate um den -Mantel, bis Georg ihn ihr zum Tragen überließ, da er -sie und Anna zu führen hatte. -</p> - -<p> -Als Georg dann, Annas Oberarm mit der Linken umspannend, -mit der Rechten Renates Handgelenk, seinen -Arm unter dem ihren, was sie unbegreiflicherweise zuließ, -— als er so am Ende des Hauses die Beiden die Stufen -hinabführte und zur Linken den Weg hinab in den Park, -sich aufrichtend und Luft einziehend, stimmte er sich ernster, -im Gedanken des Wegs, den sie gingen, und an den Annas -Rosenstrauß ihn erinnerte. -</p> - -<p> -Naß, aufgeweicht, braun erstreckte sich vor ihnen der -stumpfe Sandweg mit glänzenden Lachen an den Rasenrändern. -Über die Büsche des Waldes, die zierlich begrünten, -lief ein fröstelndes Beben. Vor ihnen, in der Weite -der Parkflächen, standen die Bäume noch kahl und ohne -Bewegung, während die grünen Gesträuche sich schüttelten -im leichten Wind. Birken glänzten kalkigweiß, und -<a id="page-636" class="pagenum" title="636"></a> -stark war der Geruch all des Nassen, Erfrischten umher; -österlich wie das Ganze selbst der eilig in grauweißen -Wolken fahrende Himmel. -</p> - -<p> -Sie schritten schweigsam, langsam dem Weiher zu. Die -Insel erschien, noch ganz schwarz, nur über dem Ufer -unten grün mit Buschwerk gefleckt. Georg nahm die -Blicke aus der Höhe des kahlen Astwerks zurück und -wandte sie insgeheim gegen Renate. -</p> - -<p> -Herzbewegend schien ihm, was er nun sah: zwischen -den kleinen Bögen des hohen Halskragens, die unterm -Kinn und den Ohren nach außen gerollt waren wie die -äußersten Kelchblätter einer Blume, kamen von innen -kleine weiße Zungen heraus, Kelchblätter gleichfalls, und -daraus stieg, und darin ruhte die geschlossene, feste, reiche -Blüte des kleinen Haupts mit den ewigen Farben: Hyazinthblau -und Magnolienweiß und Buchenbraun; mit -seinem Wunder der Braue; der Sehnsucht von Engeln -im Winkel des Mundes; dem Stolz von Byzanz in der -Biegung der Nase, — ach, Heliodora, wie war alldas -doch festlich und schön gewesen! — Und er bekam den -Blick nicht los aus diesem, gradaus schauenden ihres -Auges, zwischen winzigen Schlägen der Wimpern aus -dem feuchten, gewölbten, durchblauten Kristall; diesem -blickenden Leben, dieser sichtbar vor sich hinschauenden -Seele aus dem magischen Haus. -</p> - -<p> -Dunkelgrau lag der Weiher, leicht wellenbewegt, zur -Linken die schmale Brücke mit dem Rindengeländer; aber -die Anna blieb, als er zu ihr einbiegen wollte, stehen, indem -sie genau zu wissen schien, wohin sie gelangt war. -So hielten auch er und Renate, wortlos, und Georg -<a id="page-637" class="pagenum" title="637"></a> -fand sich emporblickend leise geblendet von einem weißgelblichen -Quellen im grauen Gestrudel des Himmels. -Nicht weit davon war ein hellblaues Loch von unendlicher -Tiefe. -</p> - -<p> -„Weißt du noch,“ hörte er Anna sagen, „wen wir hier -herausgezogen haben?“ -</p> - -<p> -„Wir, Anna? — Übrigens hast du im Leben keine edlere -Tat getan“, setzte er mit ungewolltem Spötteln hinzu. -Sie bewegte daraufhin nur leise verneinend den Kopf hin -und her, streckte die Hand nach dem Geländer aus, fand -es und ging allein über die leise sich wiegenden Bohlen. -Auch Renate bewegte, da er sie ansah, ähnlich wie Magda -den Kopf, machte sich los von ihm und ging langsam -davon, den Weg am Ufer hinunter. Also folgte er allein -über die Brücke, rasch, um Magda in den Baumgang -zu führen, die nach Renate nicht weiter fragte. Georg -bedauerte immerhin soviel Zartgefühl, das ihn beraubte. -</p> - -<h4 class="section"> -Magda -</h4> - -<p class="first"> -Das Herz Georgs schlug an, als er aus dem Baumgang -über die kleine Mulde hinaustrat, behutsam und so -gleichsam mechanisch wie die Einlaßglocke in einem Hausflur, -worauf er das Ausbleiben eines Mehr an Empfinden -damit entschuldigte, daß in dem scharfen Sterben -dieses Jahres die alten Tode zugrunde gegangen seien. -Immerhin empfand er die ernsthafte Feierlichkeit des leicht -geschlossenen Raums, über dem er blaue Segel taumlig -über weißquellende Meere hinfliegen sah. Die kahle und -nasse Buche gegenüber dampfte da und dort unter dem -<a id="page-638" class="pagenum" title="638"></a> -linden Feuer vereinzelter Strahlen; undeutlich an der Rinde -erschien das dunkel metallene Schild. -</p> - -<p> -Es waren aber schon Menschen dagewesen. Da, wie -Georg sich erinnerte, sein Vater bald nach Helenes Tod -eine zweite Brücke hatte schlagen lassen, die von der Landstraße -aus zu erreichen war, so fand Georg den Rasen -unter dem Baum bedeckt mit frommen Zeichen: Sträuße, -Kränze und Schleifen, und um den Stamm — welch holder -Einfall eines Kindes! — war eine Girlande von Primeln -geschlungen, — ein jungfräulicher Gürtel des Frühlings. -Georg teilte Anna dies halblaut mit, und sie gab -ihm ihre Rosen, die er in den Primelkranz hing, um ihnen -so einen bevorzugten Platz zu geben. Sie standen dann -stumm einander gegenüber, getrennt von dem blühenden -Durcheinander am Boden, auf das Magdas Blicke hinabgerichtet -schienen wie die seinen, und wo der Geruch -von Nässe wetteiferte mit dem herben der Stechpalmen -und dem leidenschaftlichen der Hyazinthen. Auf einer -violetten Schleife, die seltsam an Renates Kleidung erinnerte, -entzifferte Georg die in Gold gestickten Worte: Der -Unvergeßlichen. -</p> - -<p> -Der Unvergeßlichen ... Gewiß vergaß er sie niemals. -Drei Jahre bald war sie tot, aber worauf beruhte die -Anhänglichkeit dieser Menschen an die immer unsichtbare -Gestalt? Dienerschaftsgeflüster, dachte Georg, und dann, -daß Güte und langes Leiden wie Christus über den Wellen -wandeln nach überall. Indem ward er des Sarges -inne, der hier unter seinen Füßen stand. Er fühlte die Luft -kühler und fröstelte. -</p> - -<p> -„Sind viel Blumen da?“ hörte er Magda fragen. -</p> - -<p> -<a id="page-639" class="pagenum" title="639"></a> -„Eine Menge.“ -</p> - -<p> -„Voriges Jahr“, erwiderte sie, „waren es zwei Sträuße -und ein Kranz. Was mag das bedeuten?“ -</p> - -<p> -Georg erriet an ihrem Ausdruck, daß sie es auf ihn -selbst bezog, und sagte leise: „Ja, die Menschen sind -seltsam.“ -</p> - -<p> -Stille. Laut schmetternd erhob ein Buchfink seine nahe -Stimme, und aus weiter Ferne herüber war eine Amselflöte -zu hören. -</p> - -<p> -„Sage mir, Georg,“ redete ihn das Mädchen wieder -an, „glaubst du je empfunden zu haben, daß sie nicht -deine Mutter war?“ -</p> - -<p> -Er hob die Achseln. „Wie kann ich das sagen? Ich -empfand etwas. Aber ob ich auch, wenn sie weniger unsichtbar -gewesen wäre ...“ -</p> - -<p> -„Aber“, sagte sie, „dein Papa, das hast du doch immer -gefühlt!“ -</p> - -<p> -„Ja, Anna!“ bekräftigte er überzeugt — und schreckte -zusammen. Was sagte er denn da? Aber wie mißverständlich -hatte sie auch gefragt! — Noch nach einer berichtigenden -Antwort suchend, sah er Magda horchend -den Kopf anheben und hörte gleich darauf selber Stimmen -und Schritte von Menschen. Wenig später standen -sie wieder vor der Brücke. -</p> - -<h4 class="section"> -Renate -</h4> - -<p class="first"> -Unweit am Ufer zur Linken, über der Flut, wo Blaues -und Weißes sich schnell ineinanderschlang, saß eine sehr -stille, violettblau gekleidete Gestalt, in sich versunken, — -<a id="page-640" class="pagenum" title="640"></a> -Renate auf ihrem Mantel, den sie über die Bank gebreitet -hatte, und von ihr ging ein Gefühl von Ernst und -Trauer aus. Nahe über ihr flüchteten weiße gestaltlose -Nebelwolken unter dem blauen Gewölbe, das durch vielfache -Lücken schien und glänzte, und Strahlen wanderten -lautlos golden dazwischen umher, erloschen und brachen -an anderer Stelle mit lächelnder Sanftmut hervor. Weit -und offen darunter das Land glänzte in Heiterkeit; Grün -der Wiesen, überall zart erblinkend von gelben Schlüsseln; -die kleine weiße Versammlung der Birken, unweit hinter -Renate, schien dazustehn gleich Jünglingen oder Mädchen, -die auf den Anfang der Wettspiele warten; ganz fern -wirbelten Büsche grün und licht, und die Gruppen der -schwärzlichen Bäume hatten nichts Struppiges mehr, -sondern Weichheit und die unsichtbare Verschleierung ihrer -Knospen. In der bewegten Stille der Lüfte regten sich -lebhafte Vogelstimmen, zwitschernd und zuversichtlich, -durch die lautlos weiche Geschäftigkeit der wandernden -Lichtstrahlen. -</p> - -<p> -Ach, mein Frühling! dachte Georg und fühlte sich wieder -beglückt; er führte wortlos die Anna über den Brückensteg -und den Weg zu Renate hinunter, nach einer Weile -erst kurz bemerkend, daß sie dort sitze. -</p> - -<p> -Renate blickte auf, als sie näher kamen, durch Georgs -Augen streifend mit einem unverständlichen Blick voll -Trauer und Güte. Das verwirrte ihn so, daß er nach einer -Weile erst inne wurde, daß sie sich mit Magda stritt, die -sich jetzt an ihn zur Entscheidung wandte. Sie müsse zur -Generalprobe in die Stadt, und obwohl für Renate ein -Vertreter bestellt sei, wolle sie jetzt mitkommen, und Georg -<a id="page-641" class="pagenum" title="641"></a> -sollte es verbieten, da sie doch ihren Fuß für den Abend -schonen müsse. -</p> - -<p> -„Braucht sie abends ihren Fuß?“ hörte Georg sich -ganz freundlich fragen. -</p> - -<p> -„Aber ja doch! Zum Orgelspielen! Zum Pedaltreten!“ -</p> - -<p> -Georg, nicht recht begreifend, warum er einen kleinen -schneeweißen Eisberg in einem blauen Wasser schwimmen -sah, raffte sich auf, sie zu überzeugen, aber der Streit -schien bereits entschieden, und er konnte sich nun wundern, -die Anna in ihrem hellroten Kleid, den Mantel am Arm, -zwar irgendwie unsicher, aber ganz allein den Weg hinabgehen -zu sehn. -</p> - -<p> -„Kann sie denn sehn?“ fragte er ungläubig. -</p> - -<p> -„O ja, heute ganz gut!“ -</p> - -<p> -„Darf ich mich zu Ihnen setzen?“ -</p> - -<p> -„Gern!“ Und Renate zog ihren Mantel, auf dem sie -saß, weiter auseinander neben sich, denn die Bank war -ganz naß. -</p> - -<p> -Georg schloß die Augen, erquickt vom Gefühl des -Sitzens. -</p> - -<p> -Eine Lust schnellte jetzt in ihm auf wie ein Hund hinter -der Hoftür, eine Begier, zu reden über irgendwas, da er -sonst denken mußte, und schon hatte er sich an der Banklehne -hin zu Renate hinübergelehnt und schwoll über. -</p> - -<p> -In diesem Augenblick glaubte Renate zum ersten Mal, -seit sie ihn kannte, die Leibhaftigkeit Georgs, seine wirkliche -Nähe zu spüren. Früher — wieviel ferner als alle -Andern war er ihr allzeit gewesen, ein junger Mensch, den -sie nicht verstand, fremdartigen Wesens, abgeschlossen von -<a id="page-642" class="pagenum" title="642"></a> -ihr. Während sie ihn sprechen hörte, stellte sich deutlich -Erinnrung an seinen Vater ein. Was erinnerte denn so -sehr an ihn? Es war — Magda hatte es getroffen — -etwas Fürstliches da, eine Unbändigkeit und Überlegenheit. -Freilich — seine Mundwinkel hatten ein Verächtlichkeitszucken, -das ihr zu häufig kam, als daß es ihr ganz -echt scheinen konnte. Aber sein Auge war klar, zumal in -Pausen, wenn er schwieg und weithin blickte; dann hatte -es einen Glanz von Unerschrockenheit, von Stetigkeit und -— sie fühlte ein innres Erröten, als sie es dachte — fast -von Wärme, wenn er sich nun zu ihr wandte. Warum -nur lärmte er so? sprach schallend laut und machte heftige -Gesten? Ja, auch das war wie beim Vater ... -</p> - -<p> -„Ja, nun sehen Sie mal, teuerste Renate, da haben wir -Charfreitag. Ein schöner Tag offenbar, ich bin ganz erstaunt. -Denken Sie an, ich habe da drei Wochen bis über -die Augen in Geschäften gesessen und nicht bemerkt, daß -es Frühling ist. Aber so geht es mir immer. Passen Sie -mal auf!“ Er redete nun immer freier und sorgloser, in -schnellender Erleichterung von Satz zu Satz. „Ich will -Ihnen mal genau sagen, wie sich das mit mir verhält. -Vor ungefähr vier Jahren hatte ich folgenden Traum. -Ich stand in einem Theaterparkett, nicht wahr; auf der -Bühne war ein glänzender Festzug, ich sollte eigentlich -mitwirken, nicht wahr, aber die Menschen ließen mich -nicht hin, und ich schrie, nicht wahr, Sie verstehn, wie das -so ist im Traum, und ich schrie jedenfalls: Ich komme -nicht hinein. Komisch, was, aber wir können so weise -werden wie Salomo, wir träumen doch immer wie die -Esel. Übrigens war dieser Traum eben nicht so dumm, -<a id="page-643" class="pagenum" title="643"></a> -barg vielmehr eine Wahrheit am tiefen Grunde, wie der -Dichter sagt, und was meinen Sie, wer förderte sie zutage? -Natürlich Ihr leider verstorbener Vetter Josef. -Was sagte er nämlich, wie legte er es aus? Ganz einfach, -nicht wahr, nämlich — ich käme bei Gott nicht hinein, in -die Gegenwart gewissermaßen, Sie verstehn, was man -so ‚das Leben‘ nennt. Ja, Sie lächeln, Renate, aber nun -ist es wahrhaftig eingetroffen. Im Allgemeinen und im -Besondern. Soll ichs beweisen? Ich meine —, ich weiß -ja nicht, ob es Sie —“ -</p> - -<p> -„Sehr, Georg, sehr doch! Ich habe ja viel an Sie -denken müssen, seit Sie Herzog sind, und —“ -</p> - -<p> -„Das wird ein schöner Schlamassel werden, nicht wahr? -Haben Sie das nicht gedacht?“ rief Georg, bog sich nach -hinten und lachte schallend. -</p> - -<p> -„Nicht ganz, Georg, aber daß es sehr schwer —“ -</p> - -<p> -„Schwer? Was für’n Unsinn, Renate! Wie kann so -was schwer sein? Das ist genau wie mit dem Dichten, -meinen Sie, das wäre schwer? Der Eine kanns immer, -der Andre kanns nie. Ich gehöre zu denen, die es nie können“, -schloß er überzeugt. -</p> - -<p> -Georg schwieg. Minutenlang schwieg er, aber während -dieses Schweigens sprach er ganz andre Worte zu ihr als -im Augenblick zuvor. Er sagte, langsam und nachdrücklich -Wort für Wort und ohne die Fürstenpose, die er sich -angeformt hatte, ohne selber zu wissen wie; er sagte: -</p> - -<p> -Sieh, Renate, wie das mit mir ist! Zwischen den -Menschen und mir ist etwas wie ein Schleier; nicht einmal -Schleier, — nur Glas, durchsichtig, und scheinbar ist -gar nichts da, und doch ist es etwas, das den geraden -<a id="page-644" class="pagenum" title="644"></a> -Blick bricht, so daß er nicht eindringen kann in ihr Sein. -Das ist die Lüge ... -</p> - -<p> -Hier brach er ab, dachte trocken und heiß: Warum -sag ich es nicht? Warum leg ichs nicht einmal in eine -fremde, in ihre Hand, daß sie’s weiß, daß sie — ja, daß -sie nur etwas näher zu mir ist, als daß wir nun sitzen als -Unbekannte und reden, was ebenso gut und was besser -ungeredet verbliebe? -</p> - -<p> -Georg bemerkte, daß genug geschwiegen war, besann -sich und begann von neuem so wie vorher. -</p> - -<p> -„Also ich wills Ihnen beweisen! Zum Beispiel folgendermaßen, -nicht wahr, ich will beispielsweise reden. -Sie wissen, Ihr Vetter Erasmus hat, wie auch früher -mein Vater, und nach dem Vorgang von Abbe in Jena, -die Einrichtung getroffen, daß die Arbeiter seines Unternehmens -am Einkommen beteiligt sind. Nun, herrlich, -nicht wahr, menschenfreundlich und gerecht. Und was -kommt heraus? Ein jeder Arbeiter, nicht wahr, hat sein -Stück Geld auf der Bank, ist, mit einem Wort, ein kleiner -Kapitalist. Ist aber damit ein Übel beseitigt? das Grundübel, -der Kapitalismus? Tausend Menschen sitzen mit -Goldplomben in den Zähnen, und da giebt man den Übrigen -auch welche, das ist die Geschichte. Ja, sehen Sie -doch, der steifste Reaktionär könnte ja nichts Besseres tun, -um der sozialdemokratischen Arbeiterschaft den Mund zu -stopfen, denn wer satt hat, der ist zufrieden, das ist so alt -wie Jerusalem. Ja, aber meinen Sie, das könnte mir -passen? Da sehen Sie also, daß bei Menschenfreundlichkeit -nichts herauskommt. Also, wie greif ichs an, wie komm -ich hinein, da ich auf einer ganz andern Grundlage stehe? -</p> - -<p> -<a id="page-645" class="pagenum" title="645"></a> -„Oder ein andres Beispiel. Ein Dichter schickt mir da -seine Verse mit der ergebenen Bitte, ihm zum Abdruck zu -verhelfen. Dummes Zeug, nicht wahr, das sich reimt, na, -aber das ist Zufall, sie könnten ja gut sein. Was tu ich? -Laß ich diese drucken, so kann jeder kommen, ich muß -einen Verlag aufmachen, das geht nicht. Aber, da ich -nun mal die Aufgabe habe, im Einzelfall den Mangel der -Gemeinschaft zu erkennen, was tu ich? Ich denke nach, -nicht wahr, über diese besondre Gemeinschaft der Dichter, -die keinen Verleger finden, oder wenn auch, nicht genug -zum Leben bekommen, und was fällt mir ein? Folgendes, -nicht wahr? Alle Dichter höheren Grades, eben -jene, die es am schwersten haben, tun sich zusammen und -geben ihre Werke gemeinsam heraus. Was geschieht? -Diese Werke kauft niemand; da sie gut sind, niemand. -Was muß der Dichterverlag m. b. H. tun, um sich über -Wasser zu halten? Muß noch andre Werke herausgeben, -die gehn, Kunstbücher oder Schmarren oder so, was Sie -wollen, mit einem Wort: sie müssen einen richtigen Verlag -gründen, den Konkurrenzkampf aufnehmen, und so -weiter. Können sie das? Gott bewahre, sie sind Dichter, -sie müssen also einen Geschäftsmann an ihre Spitze stellen, -einen Verleger, der es macht wie die Andern, und was -kommt zutage? Ein Verleger mehr zu den alten. Oder -aber, ich muß einspringen, muß den Verlag unterstützen —, -ja — na, da kann ich grad so gut dem Einzelnen helfen, -der zu mir kommt, und wir drehn uns im Kreis wie die -Schafe mit Littiti. -</p> - -<p> -„Oder drittens, um zum Kern der Sache zu kommen. -Ein Schuldirektor überreicht mir in Audienz ein dickleibiges -<a id="page-646" class="pagenum" title="646"></a> -Manuskript: Umformung des gesamten Schulwesens. -Schön, nicht wahr, des gesamten, der Kerl, denkt man, -fängt die Sache am Grunde an. Ich fange an zu lesen, -nicht wahr? Übrigens ein geistvoller Mann, wie Herder, -nur praktischer. Also ich lese zwanzig Seiten und habe -folgende Vision. Ich lege das Buch meinem Kultusministerium -vor. Das sagt: Ausgezeichnet, und streicht mir -die Hälfte weg. Die verbliebene Hälfte, nicht wahr, leg -ich vor den Landtag. Der sagt auch ausgezeichnet und -streicht wieder die Hälfte. Das verbliebene Viertel geht -an die Schulbehörde, und da sickert es nun über die Inspektoren -zu den Direktoren, zum Lehrkörper endlich, und -allda wirds ein Pensum. Da sitzen in allen Klassen diese -braven und unbraven Berufsmenschen, die fünfzig Karpfen -und drei Hechte in die Schleuse der Versetzung zu treiben -haben, und was meinen Sie nun, ist inzwischen aus der -glorreichen Umformung meines Herders geworden? -</p> - -<p> -„Und da, Renate, da haben wir die Sache beim Kopf -und können sie lausen. Hilft es irgend etwas, die Einrichtungen -ändern zu wollen? Nein, die Menschen müssen -sich ändern, und nun sagen Sie mir um Gottes willen, wie -ändert man die?“ -</p> - -<p> -Georg, heftig frierend, aber sonst frei, sah zu Renate -auf, die sich langsam erhoben hatte. -</p> - -<p> -„Ja, möchten Sie denn nicht zugreifen, Georg, um -sie zu ändern, die Menschen?“ sagte sie leise. „Wie -schön —“ -</p> - -<p> -„Ich, Renate, ich?“ Hohnlachend warf Georg sich zurück. -„Ich? Ja, wie komm ich denn dazu? Einigermaßen -sitze ich ja fest in meinem Leben, bin wenigstens -<a id="page-647" class="pagenum" title="647"></a> -fertig damit, aber — hab ich mich denn je geändert? Wie -hab ich ein Recht? Gott, sehen Sie doch, mein Vater —“ -Er verstummte, für Sekunden sprach- und gedankenlos, -und sah Artaxerxes, den Schwarzen, über das Wasser -heranziehn, plötzlich abbiegen und um Renate, die vorn -am Ufer stand, einen weiten Bogen beschreiben, indem er -leise fauchte. -</p> - -<p> -„Mein Vater“, fuhr Georg mit Anstrengung fort, -„war ein Mann der Tat. Er stand nun mal auf dem -Boden, auf dem er zu schaffen verstand. Ich steh auf -einem ganz andern, von dem aus die ganze Gemeinschaft, -in der wir leben, falsch aussieht, oder so — warten Sie -— nun, wie wenn Menschen, nicht wahr, deren Natur -für eine bestimmte Höhenlage, ein bestimmtes Klima geschaffen -ist, in einer andern, höhern oder tieferen Luftschicht -angesiedelt sind, und was sie auch anfangen, es -verbiegt sich, es wächst verdreht, was nach unten will, -nach oben, und umgekehrt, ja, es ist doch wahrhaftig, -als säßen sie alle mit dem Wipfel im Erdboden und -ließen die Wurzeln in die Luft starren. Kann ich sie umdrehn? -</p> - -<p> -„Mit einem Wort: daß ich hier sitze und Herzog bin, -das ist der allergrößte Schwindel. Aber so geht es eben. -Jahrelang habe ich nach diesem gestrebt und es für Glanz -und Ruhm gehalten, wie der Dichter sagt, und nu — was -is es nu? Wie die Engländer sagten, als sie auf dem -Brocken gewesen waren: <span class="antiqua">We have seen all the mist and -missed all the scene.</span> So ist es.“ -</p> - -<p> -Renate lächelte, und er lachte nach Kräften. -</p> - -<p> -Fertig damit und still geworden, sagte er nachdenklich: -</p> - -<p> -<a id="page-648" class="pagenum" title="648"></a> -„Und das, Renate, das sind denn so die Dinge, von -denen sich reden läßt.“ -</p> - -<p> -Renate, auf ihn heruntersehend, fragte freundlich: „Und -die eigentlichen, die wir verschweigen —?“ Aber indem -fiel Georg, erstarrt vom Erschrecken, ein: „Um Gottes -willen, was war denn das eben? Das habe ich doch schon -einmal erlebt! Nein, es war — anders, aber — die Worte, -meine Worte eben —“ -</p> - -<p> -Er verstummte, jagend nach der Erinnerung durch hundert -Bildstücke seines Lebens, und mit einer Erleichterung -endlich traf er auf Bogners gutes Gesicht und hörte ihn -die Worte sagen: Und das sind denn wohl so die Dinge, -von denen man reden kann. Wann? Wann? Hier, in -Helenenruh, am Ende auf dieser Bank? Nein, in einem -Zimmer war es, im Gastzimmer. — Georg sprang auf -und starrte die Bank an, fühlte indem die Hand Renates -an seinem Arm, sah aufblickend ihre Augen, lächelnd in -einer beängstigend süßen Besorgnis, und stammelte eine -Entschuldigung. -</p> - -<p> -„Haben Sie“, fragte er, „das einmal erlebt, daß man -glaubt, sich an ein andres, ein Leben vor diesem zu erinnern? -Aber nun weiß ich schon, es waren nur Worte -Bogners, die ich eben brauchte. Vor drei Jahren — —“ -Er brach ab. „Soll ich Sie ins Haus bringen?“ -</p> - -<p> -„Ja, aber auf einem Umweg bitte. Wirklich, es ist nicht -so schlimm für meinen Fuß,“ bat sie, „ich möchte so gern -ein wenig gehn und auch mehr von Ihnen hören. Sagten -Sie nicht, im Besondern und Allgemeinen? Ja, dann -müssen Sie mir schon das Allgemeine auch noch beweisen, -und dann — dann werde ich Ihnen einen Rat geben!“ -</p> - -<p> -<a id="page-649" class="pagenum" title="649"></a> -„Das wäre herrlich! Also gehn wir!“ -</p> - -<p> -Er nahm ihren Arm wie zuvor und führte sie an der -Bank vorüber, weiter am Teich hin, um auf einen der -Wege zwischen die Wiesen abzubiegen. -</p> - -<h4 class="section"> -Renate (Fortsetzung) -</h4> - -<p class="first"> -Georg brachte seine Sprachmühle laut klappernd wieder -in Gang. -</p> - -<p> -„Ich sagte, glaub ich, schon mal, daß ich fertig wäre. -Das heißt, ich habe mich abgefunden mit dem hier, dem -sogenannten Ich. Man bastelt überhaupt viel zuviel -dran herum, weniger wäre mehr, wie immer, aber — -nun, was ich sagen wollte: heut morgen auf einmal -wach ich auf, und kaum daß ich merke, ich bin für diesen -schönen Charfreitag mir selbst überlassen, was fällt mir -ein? Daß ich keinen Glauben habe. Oder das Christentum. -Ja, ganz so sehe ich das auf einmal vor mir, als -hätte ich das versäumt. Nun sagen Sie, Renate, Ihr -Vater war doch Pastor, und Sie — verzeihen Sie die -Frage! — Sie sind doch fromm? Ich fände wenigstens -— es wäre schön, wenn Sie fromm wären ...“ -</p> - -<p> -Renate, die ihn nicht ansah, fragte, etwas tonlos, wie -ihm schien: „Warum meinen Sie das?“ -</p> - -<p> -„Warum? Ja, erklären läßt sich das kaum ... Aber — -eine gottlose — ich meine: wirklich gottlose Frau, nicht -wahr, das erschiene mir schlimmer als eine Betrunkene. -Ja, sollten nicht alle Frauen Priesterinnen sein? Bei den -Germanen galten sie doch wenigstens als heilig, und — -auf den Glauben, auf den Gott käme es vielleicht weniger -<a id="page-650" class="pagenum" title="650"></a> -an als — eben auf das Frommsein. Irgendwie Gottheit -verwalten, einer Gottheit dienen, sei es Astarte, wenn sie -glauben könnten an Astarte, aber — das ist ja freilich, -was immer fehlt: der Glaube. Und Sie — Sie glauben -aber an Gott?“ -</p> - -<p> -Er war bei diesen Worten mit ihr stehen geblieben, da -sie an das Gatter neben dem Eichenwäldchen gelangt -waren. Sich los von ihm machend, trat sie davor, legte -eine Hand darauf, und während sie über das Land hinzublicken -schien, sah Georg von Schatten ein ganzes Heer -über die lichten Gefilde dieser Züge fallen. Wieder und -wieder wollten sie aufglänzen, fast sich schüttelnd darunter -hervorkommen, der Mund bewegte sich häufig, die Winkel -bebten; mit einer Anstrengung machte sie sich endlich frei -von den inneren Vorgängen und sagte mit rauher -Stimme: -</p> - -<p> -„Was wollten Sie denn wissen?“ -</p> - -<p> -Etwas beschämt, dies gesehen zu haben, und beklommen, -da sie seine Frage nicht beantwortet hatte, schwieg Georg. -Indem näßte ein Tropfen seine Stirn, und er bemerkte, -daß Land und Himmel sich verdunkelt hatten. Der Himmel -war wieder schwer grau, auf den zum Deich ansteigenden -Wiesen wehte das Gras heftig, schon fiel ein -feuchter Schauer von oben. Georg hängte Renate hastig -ihren Mantel um die Schultern und sagte: „Ins Haus -kommen wir nicht mehr, aber ich weiß hier einen Unterstand!“ -</p> - -<p> -Sie folgte stumm, scheinbar ganz willenlos am Wäldchen -hinunter, bis Georg, in das Unterholz einbiegend, -voranging, um die tropfenbehängten Zweige auseinander -<a id="page-651" class="pagenum" title="651"></a> -zu schlagen. Nach wenigen Schritten stand er vor einem -riesigen Eichenstamm ohne Krone, in dem eine fast zwei -Meter hohe Höhle in Dreieckform klaffte. Er ließ Renate -eintreten, es war Raum in dem warmen mehligen Innern -genug, daß auch er selber drin stehen konnte, und so standen -sie eine Weile, wortlos, lauschend, wie der Regenschauer -von hoch oben in den Wald einfiel und hier und -da prasselte auf den jungen Blättern. -</p> - -<p> -Tiefer ins Innre der Höhlung tretend — während -Renate am Eingang eine Schulter anlehnte, ins Freie -blickend —, sah Georg mit nicht geringer Beklommenheit -in die enge Wölbung empor, die sich in der Höhe in Nacht -verlor. Durch einen fensterartigen Spalt über ihm in der -Rückwand sickerte Licht. Das ist eine Kapelle! dachte er, -und daß er ihr nun so nah und in solcher Abgeschlossenheit -mit ihr war wie noch nie. Ich glaube, ich könnte ihr gut -sagen, daß ich sie liebe; Wirkung, irgendwelche Folgen -würde es keine nach sich ziehn, und ich werde es auch -wohl kaum tun. -</p> - -<p> -Unter solchen Gedanken betrachtete er den reichgeschlungenen -Knoten ihres Haars, dessen sondres Braun -an einer Stelle matt glänzte und heller schien in dem aus -dem oberen Spalt fallenden Licht. Nur die Biegung ihrer -Nase war ihm sichtbar und an dem kaum merklichen Auf- -und Niedergehn der violettblauen Schultern, daß sie schwer -zu atmen schien. Weich lag die Stille umher mit dem -Regengeräusch und fernem Gezwitscher von Meisen. -</p> - -<p> -Renate sagte: -</p> - -<p> -„Sie sagen, daß Ihnen ein Glaube fehlt. Was ist denn -das für ein Glaube, den Sie haben möchten?“ -</p> - -<p> -<a id="page-652" class="pagenum" title="652"></a> -Georg zauderte lange im Empfinden, nun ganz aus -innen sprechen zu dürfen, und indem wurde sein Auge von -einer neuen Erscheinung gefesselt. Das war nichts weiter -als der Zweig eines Holunderstrauchs, der sich gegen den -Eingang von draußen erstreckte. Die jungen, noch weichen, -aber schon großen — vielleicht erst heut, nach dem Morgenregen -so groß gewordenen Blätter mit kleiner Zackung -waren sich in einer so liebreichen Weise gleich, so geschwisterlich -auf ähnliche Weise immer wieder vorhanden, -und dabei so genau gemacht und so schön, so einfach und -klar in dem Dasein, in einer verborgenen, aber merkbaren -und stillen Aufgabe begriffen, nur ruhig schaukelnd und -ungestört, wenn eines ein Tropfen traf, daß Georg die -Augen nicht abziehn konnte von dem freundlichen Bild -und so lange gedankenlos blieb. Endlich fing er dann an: -</p> - -<p> -„So bin ich hineingerannt in die Welt und habe immerfort -ausschauen müssen nach allen Seiten. Was hab ich -gewonnen? — Weltanschauung — das Wort will zu viel -und giebt zu wenig, denn: was ist anschaun? — Nein: -wahres Wissen um einige wenige Dinge, um das Eins ist -not, — und ein tiefes ernstes Eingerichtetsein auf dies -Wissen — das möchte ich wohl. Ach wohl, ich habe immer -gedacht, es ernst zu nehmen mit mir, aber nun scheint mir -fast, mir — und jedem heut, dem der Glaube fehlt, dem -fehlt nicht er, sondern dem fehlt es irgendwie — am -Ernst. -</p> - -<p> -„Und dann, Renate,“ fuhr er traurig fort, „dann wäre -Religion nichts, das einem zuflösse von außen, vom -Himmel, oder woher es auch sei. Sondern sie wäre wie -eine Eigenschaft des Wesens und Lebens, wie ein Temperament, -<a id="page-653" class="pagenum" title="653"></a> -wie Heiterkeit oder Schwermut, und was man -mit ihr berührte, das müßte von ihr <a id="corr-16"></a>zu fließen anfangen.“ -</p> - -<p> -„Und das Christentum,“ hörte er nach einer Weile -Renates Stimme durch den Regenstrom, „das, glauben -Sie, könnte Ihnen —“ -</p> - -<p> -„Ich weiß ja nicht!“ rief er, sie unterbrechend. „Heut -morgen sprach ich mit Anna und Benno darüber —, aber -seitdem ist mir alles so zerfallen. Das Christentum ist für -jenseits; ich will etwas für hier. Vom Ahnenkult der -Japaner, das fiel mir heut morgen schon ein, las ich bei -Hearn, daß es in ihm weder einen Unterschied zwischen -Religion und Ethik gebe, noch zwischen Ethik und Moral -oder Sitte. So etwas dachte ich mir. Die Gesetze der -Gemeinde und des Hauses, der Familie, die, sagt Hearn, -seien die Sittenlehre des Shintoismus, und Staat und -Religion, Sitte und Gesetz, die sind eins. Klingt das nicht -wundervoll? Und weiter erinnere ich mich, daß er sogar -sagt, das wahre Leben jedes religiösen Gesetzes liege in -seiner Bedeutung für die Pflicht des Menschen gegen den -Menschen; in der Lehre von Recht und Unrecht, sagt er. -Das, das ist es! Die sittlichen Erfahrungen eines Volkes, -die zu Religion geworden sind. Verstehen Sie mich doch, -Renate, ich will keine Religion für mich, sondern für Alle. -Sie haben ja Alle keine, wie könnte ich sonst ohne sie sein? -Also hätte unser Volk, hätte Europa keine sittlichen Erfahrungen? -Warum auch übernahmen wir das Christentum? -Sie wurde uns eingeimpft, diese unsinnige Lehre -vom Leiden, diese versprechende Religion, die das Leben -nimmt, statt es zu geben. Ja, und sehen Sie dabei: sind -die Japaner vielleicht bessere Menschen?“ -</p> - -<p> -<a id="page-654" class="pagenum" title="654"></a> -Er sprach, ohne noch fest zu wissen, was er sprach, -immer die mattgrünen stillen Blätter vor Augen, deren -jedes ihm mehr und mehr eine Offenbarung hinzuhalten -schien in ihren ruhigen kleinen Götterhänden. Dann als er -schwieg, hörte er deutlich die große Stimme der Einsamkeit -über die niederfallende Flut. -</p> - -<p> -Renate hatte ihm jetzt das Gesicht zugewandt und -lächelte ein wenig. „Ach Georg,“ sagte sie dann, „ein -bißchen, ein ganz klein bißchen erinnern Sie mich doch -immer an Jules Verne.“ -</p> - -<p> -„Ach! Aber warum denn das?“ -</p> - -<p> -„Weil er“, erklärte sie, „zuerst eine Möglichkeit annimmt, -zum Beispiel die, daß eine Kugel voller Menschen -sich zum Mond schießen lasse. Und auf dieser unbewiesenen -Möglichkeit baut er nun weiter, ganz wissenschaftlich und -logisch und richtig, und alles bekommt seine Ordnung und -wird belegt und bewiesen — bis auf jene Möglichkeit. Und -Sie, Georg, Sie betrachten einen Gegenstand und sagen: -der ist so! Und auf diesem ‚so‘ bauen Sie auch weiter nach -allen Regeln der Logik, und es hat alles seine Richtigkeit, -bloß das ‚so‘, das hat keiner bewiesen“, schloß sie lächelnd. -</p> - -<p> -„Meinen Sie wirklich?“ -</p> - -<p> -„Ja, nannten Sie nicht das Christentum eine Religion -des Leidens? Nun, und selbst wenn es das wäre, heute -wäre, wer zwingt Sie, das anzunehmen?“ -</p> - -<p> -„Sie haben recht, Renate, ich — ich kenne es vielleicht -gar nicht. Also habe ich unrecht? Überzeugen Sie mich -doch bitte!“ -</p> - -<p> -Sie schwieg eine Weile und schien zu warten, daß der -überlaut strömende Regen leiser würde. Dies geschah auch -<a id="page-655" class="pagenum" title="655"></a> -bald, und Georg hörte sie sprechen, von ihm abgewandt, -dem Wald zugewendet. -</p> - -<p> -Renate begann langsam, die Worte nur selten verändernd, -eine Charfreitags-Predigt ihres Vaters zu sagen. -</p> - -<p> -„Wir“, sagte sie langsam, „blicken aus der Gegenwart -in die Vergangenheit; und sehen wir dort in der Ferne -Christus, im Jahre Eins oder Dreißig, so scheint uns dort -alles anzufangen wie die Rechnung unserer Zeit. Es -scheint, als wäre von allem, was er brachte und war, -nichts gewesen zuvor; als ob er ein noch nie dagewesenes -Neues erfunden habe, und wie wäre das möglich? Nur auf -einem Grund läßt sich bauen, nichts ist neu von allen Seiten, -und wie alle Andern, die uns heute ein völlig Neues gebracht -zu haben scheinen, war er ein Erneuerer, und es war alles -schon vorher, und nur auf seine Weise war es noch nicht. -</p> - -<p> -„Und ferner sieht, wer ihn von hier aus sieht, sein -Leben nicht vom Anfang, sondern vom Ende. Vor dem -Ganzen erhebt sich das Kreuz, überschattet das Ganze und -macht sein Leben zu einem einzigen Stollengange des Leidens, -einem Gange zum Kreuz, in der Gewißheit dieses -Endes von Anbeginn. Die gewaltigen Worte von Golgatha, -von der Vergebung der Sünden, vom ewigen Leben, -von der Vollendung des Leidens, sie scheinen nunmehr das -Einzige, scheinen das Gefäß, das Leben und Lehre, alles -umschließt, und das Leben nur der Weg zu ihm, oder der -Unterbau, der sie als Krone, als Schlußstein trägt, und -es dient nur, sie zu erklären, zu stützen, zu vervollkommnen. -So aber müßte man sie in Wirklichkeit sehn, als Krone -und Schlußstein des Baus, aber das Eigentliche ist und -bleibt doch der Bau und nicht seine Bekrönung. -</p> - -<p> -<a id="page-656" class="pagenum" title="656"></a> -„Und so müßte man ihm nachgehn durch dieses Leben, -ihm, nicht als einem Halbwesen, halb wirklich, halb immer -symbolisch, sondern als einem leibhaften, glühenden, -wollenden, versuchenden Menschen, der kam, um zu helfen, -nicht um zu sterben. Der Schritt für Schritt, immer -eifriger, immer wissender, immer liebevoller, sich steigerte -in Worten und Taten, erst Worte gab, dann Taten — -jene, die heute die Wunder heißen — zur Erhärtung, als -Bürgschaft der Worte. Er, der Liebe säte und Glauben -empfing. Der leidenschaftlich lebte, ein Dichter, kräftig -packend in die Speichen der Sprache, dessen Rede leben -sollte und brennen, der ihr Augen gab und Lippen und -schlagende Flügel, und der also leibhaftig redete und stets -mit den Grenzen des Ausdrucks, in den Tiefen der Darlegung, -und so kam es dann, daß er so widersprechende -Worte sagte wie, daß kein Stein auf dem andern bleiben -werde, bis daß es alles geschehe, und daß auch kein Tüttel -vom Gesetz verloren gehn solle, und er nicht gekommen -sei, aufzulösen, sondern zu erfüllen. Das sagte er, denn -die jüdische Glaubenslehre, so erstarrt sie schon Christus -empfunden haben mag in der Verpanzerung des Gesetzes, -sie war unendlich reich an sittlichen Forderungen, an tiefer -Weisheit des täglichen Lebens, und wie schön an die Erde -gebunden mit dem Messias, der kommen sollte, nicht nach -dem Tod, sondern zu lebenden Menschen der Erde. Und -es ist die wundervolle Unterscheidung der jüdischen Heilslehre, -daß sie das goldene Zeitalter nicht in der Vergangenheit -sah wie der Grieche, nicht im Jenseits wie der Christ -und der Brahmine, sondern in einer leibhaften Zukunft -der Menschheit. -</p> - -<p> -<a id="page-657" class="pagenum" title="657"></a> -„Man kann sich wohl denken, daß auch er dies gewollt -hat, und also sein Leben weiter sehn. Nachdem darin im -Anfang alles helle gewesen war, überall Freude und Entgegenkommen, -Dankbarkeit und Vertrauen, fing nun der -Haß an, der immer an zweiter Stelle kommende; die Befeindung, -— und langsam ließ sich gewahren, wie er sich -verstrickte, und daß es nicht genug war, gut zu sein, daß -es keinen Schutz gab gegen das Mißtrauen und gegen die -Eigentümer des Hergebrachten, die sich bedroht schienen -von jeder Neuigkeit. Und die Ahnung ging ihm jetzt -auf, daß er einmal zu zeugen haben werde für das Wort -seines Blutes, mit dem Blut. Jedenfalls — in den Beschreibungen -seines Lebens findet sich vom Leiden kein -Wort — obschon vom Dulden und Geduldhaben —, bis -jene Ahnung begann. Und so kam die Abschiedsnacht. -</p> - -<p> -„Jene Nacht, in der die ewigen Worte fielen, die -Samenkapseln, aus denen das ungeheure Feld aufgehn -sollte. Er war aus Jerusalem entwichen und kehrte zurück. -Er sammelte nun seine ganze Kraft, Bürge zu stehn für die -Lehre, und ach sehen Sie ihn nun, den zarten, glühenden -Menschen, der sich unterfangen hatte, Alle zu ändern auf -seinem Wege, sehen Sie ihn in der furchtbaren Stunde -gewissen Todes? Nein, denken Sie jetzt an keine schönen -Gemälde des ruhigen Abendmahls, denken Sie nicht, daß -er nur, wie es heißt, auf Gethsemane seine Kraft verlor -und Gott bat, den Kelch vorübergehen zu lassen! Wenn -er die Kraft auch besaß, war jene im Garten die einzige -Stunde der Angst? War da Ruhe und Gelassenheit in -dem fremden dunklen Gastzimmer, in der sinkenden Nacht, -der letzten, da schon das Urteil verlesen war und nur die -<a id="page-658" class="pagenum" title="658"></a> -Vollstreckung noch ausstand? War er nicht unendlich einsam, -eine dürftige, frierende Frucht in der Hand des -Todes? Und diese Hand war es, die nun zugriff und -preßte und herauspreßte das Ewige, die Blutworte aus -den ersten Wunden: Nehmet hin und esset, dies ist mein -Leib! -</p> - -<p> -„Ja, was war denn seine Angst, und was ist denn die -Angst des Sterbens? Vergessen zu werden, vergessen von -der Welt, vergessen zu werden mit seinem Werk, seinem -lebendigen Willen, umsonst sich zu opfern, da er die -Menschen doch kannte, umsonst die Marter zu leiden! Und -da schmolzen ihm nun die glühenden Worte hervor, mit -denen er sie bat, zu gedenken, sie, die Wenigen um ihn, -die er selber gezogen hatte, die er kannte, denen er doch -vertraute, von denen sich hoffen ließ, daß ein Strahl seiner -Sonne sich in ihre Stirnen und Herzen eingebrannt habe, -und: Dies ist mein Blut, das für euch vergossen wird! -flehte er sie an, solches tuet zu meinem Gedächtnis. Und -in letzter Glut, sie beisammen sehend, später in Jahren, -allein, ohne ihn, zu seinem Gedenken versammelt, geheiligt -und entflammt durch Treue und Sehnsucht und Hoffen, -sagte er auch, daß sie sich das Letzte trinken würden im -Wein seines Blutes, wenn sie nur glaubten: Reinheit, -Unschuld, Vergebung der Sünden. -</p> - -<p> -„Nicht wer ißt und wer trinkt, dem wird vergeben, -sondern wer glaubt und wer liebt. -</p> - -<p> -„Was kam danach? Dann kamen die Vielen, die aufschrieben, -was sie von ihm wußten, einfältig die Einen, die -Andern klug. Sie zeichneten sein Leben auf, das schon -lange nicht wirklich mehr war, Legende war und Symbol, -<a id="page-659" class="pagenum" title="659"></a> -und zu Legende und Symbol geriet ihnen nun alles, außer -dem frommen Einen vielleicht, dem Maler, der alles noch -leibhaft sah. Und als dann die noch Spätern kamen, die -Lehrer, die Ausleger, da war nun alles Symbol geworden; -bitterster Schmerz nur Symbol für Schmerz, das Leben, -das Feuer, die Zweifel, die Qualen, die Wonnen, all das -Sterbliche, was um Unsterblichkeit erst rang, ehe sie es -segnete: das war heraus, und es blieb ein Gleichnis vom -Leiden. -</p> - -<p> -„Was dann kam, wissen Sie, Georg.“ -</p> - -<p> -„Kaiser Julian“, sagte Georg schwer versonnen und -atmete auf. Da war es zu Ende. Er hatte mit Inbrunst -gelauscht — im Anfang; mit Eifer und Hoffnung die ganze -Zeit; als es aber ein Ende nahm, blieb ihm nichts in der -Hand, und er sagte zu sich: Botschaft — unendlich schön, -aber so erging es mir immer, daß ich auf das höchste -entzückt und beglückt war, Botschaften zu hören, aber was -sie niemals enthielten, war Glaube. -</p> - -<p> -„Kaiser Julian?“ fragte Renate, sich umwendend, -„warum der?“ -</p> - -<p> -„Der letzte Christ“, erklärte Georg trübe. „Wissen -Sie, was Strindberg von ihm sagt? ‚Er lebt wie ein -Christ und lehrt dasselbe wie Christus, ist aber doch ein -Christushasser.‘ Das ist so beschränkt, wie Strindberg -merkwürdigerweise immer ist. Er war mir nämlich verwandt, -glaube ich, und nicht etwa ein Christus-, sondern -ein Christenhasser. Denn: mit dem echten Christentum, -nicht wahr, das sah er, war es aus, mußte es aus sein, -sobald es anerkannt, sobald es Staatsreligion wurde. -Bis dahin war das Bekenntnis für seine Anhänger Gefahr -<a id="page-660" class="pagenum" title="660"></a> -gewesen, Martyrium, nicht wahr, und nur die Guten, -nur die Echten und Gläubigen nahmen es auf sich. Wurde -es Staatsreligion, kam es auch an die Schlechten, wurde -es zur Formel, die es auszusprechen genügte, während es -vorher Leben, Schicksal, Glauben und Sterben war. Also, -nicht wahr, ist dieser Julian, der Abtrünnige, vermutlich -der letzte christliche König gewesen, der gut war, ohne -öffentliche Formel dafür, der aber annahm, es sei dieser -Lehre besser, ausgerottet zu werden, als verbreitet. Ach, -wie kam es, wie kam es denn, Renate? Da wurde es -Zwang, nicht wahr? da wurden die Menschen mit Feuer -und Schwert zu Christen gemacht, dann galt es für die -alleinseligmachende Religion, und wer sich nicht selig -machen lassen wollte, wurde gerädert, geteert und gesäckt. -Ach, ist es nicht unerhört, daß diese, grade diese Religion -der Geduld die erste unduldsame geworden ist?!“ -</p> - -<p> -„Ja, Georg, aber warum sagen Sie mir das?“ -</p> - -<p> -„Weil — also weil sie eben unannehmbar für mich -geworden ist! Da ist mir alles weggeglaubt, möcht ich -sagen.“ -</p> - -<p> -„Müssen Sie denn glauben?“ fragte sie plötzlich. -</p> - -<p> -„Ja, das ist freilich die Frage! Von der bin ich ja -eigentlich ausgegangen heut morgen. Denn — vielleicht -ists doch nur Einbildung? Alle Millionen Menschen, die -vor mir waren, haben geglaubt und gemeint, glauben zu -müssen. Und wenn das nun ein Irrtum war, und ich -kann mich nur nicht entziehen?“ -</p> - -<p> -„Das könnten Sie doch noch versuchen, Georg. Wie -es scheint, kommt es Ihnen vor allem auf das Sittliche -an, und — ich will Ihnen sagen, was mein Vater lehrte. -<a id="page-661" class="pagenum" title="661"></a> -Er hatte in einer außerordentlichen Stunde Einsicht gewonnen -in die vollkommene Ordnung der Welt; in eine -ewige, alles lenkende Weisheit. Und nun —“ -</p> - -<p> -„Aber kann man das lehren? Ich meine: lassen sich -daraus Anweisungen ziehn für das Handeln, für die Gemeinschaft?“ -</p> - -<p> -„Gewiß. Denn wer mit vollem Glauben überzeugt ist -vom Walten dieser Weisheit, wird der sich nicht bestreben, -sein Leben, seinen Teil dieser Weisheit mit ihr in Einklang -zu bringen? In Einklang jede Tat, jedes Wort und jeden -Gedanken?“ -</p> - -<p> -Georg dachte lange nach und kam zu dem Schluß, daß -er von solchem Glauben weiter entfernt wäre als von -allem andern. -</p> - -<p> -„Aber mein Gott, Georg,“ rief sie nun verzweifelt, -„was ums Himmels willen wollen Sie denn eigentlich?“ -</p> - -<p> -Georg erwiderte ihren fast zornigen Blick mit möglichster -Festigkeit und sagte: -</p> - -<p> -„Es giebt eine Art Menschen, die ohne Glauben leben -kann. Das ist Bogner. Er fiel mir schon ein, als Sie -vom Maler Lukas sprachen. Der zeugende Mensch, der -braucht keinen Glauben, denn aus der Zeugung brennt -die Unsterblichkeit, und in der Unsterblichkeit thront Gott. -Wie aber läßt sich zeugen, Renate? Auf zweierlei Weise. -Im Werk und im Opfer. In diesem war Christus der -Höchste, der sich so sehr — sagen Sie, ob ich begriffen -habe! — so sehr sich als Opfer fühlte, daß jede Berührung -mit den Menschen Liebe wurde, und das -heißt Zeugen. Dazu gehört der grenzenlose Glaube -an die Menschen, den ich nicht habe. Glaube an die -<a id="page-662" class="pagenum" title="662"></a> -Menschen, der ersetzt den Glauben an Gott, oder vielmehr: -er ist darin.“ -</p> - -<p> -Georg hatte nun mit ganzer Flamme gesprochen, und -mit einer schnellen Regung der Ergriffenheit sah er Renate -sich zu ihm wenden und beide Hände auf seine Schultern -legen. „Wir wollen uns doch bemühen, Georg, sollte uns -das nicht fruchten?“ -</p> - -<p> -Aber schon, während sie die Worte sprach, sah sie in -seine nah vor den ihren stehenden Augen einen Ausdruck -eintreten, den sie um jeden Preis verhindern wollte, — und -so gab sie, vergiftet von dem Schmerz, daß sie das Heiligste -preisgeben wollte, das sie hatte, nur um dies zu verdrängen, -was in seine Augen gedrungen war, aber beim -Sprechen doch Wort um Wort kämpfend und hoffend, -dies, was sie gab, müsse stärker sein und jenes verdrängen, -bis es alleine leuchte und seine Seele erhelle, mit der sie -Mitleid hatte, — gab sie das letzte Wort ihres Vaters vor -seinem Sterben; sie sprach: -</p> - -<p> -„Das letzte Wort meines lieben Vaters war so: -</p> - -<p> -<em>„Wenn es eine ewige Seligkeit giebt, so kann -ihre Erscheinung nur die eines unendlichen und -unablässigen Staunens sein; des Staunens über -die unerfaßliche Herrlichkeit oder die herrliche -Unerfaßlichkeit Gottes, das ist: des ewig seligen -Daseins.</em> -</p> - -<p> -<em>„Denn sie kann, die ewige Seligkeit, in allem -nur das Gegenteil unserer zeitlichen Unseligkeit -sein. Deren Erscheinung aber ist Gewohnheit, -die alltägliche Wiederkehr, die Wiederholung -und dadurch die Abstumpfung und Abnutzung, ja -<a id="page-663" class="pagenum" title="663"></a> -schließlich die Ohnmächtigkeit der Empfindung. -Wir sind immerfort sterbend.</em> -</p> - -<p> -<em>Dort aber werden wir immerfort lebend sein. -Denn wir werden Eingang gefunden haben in -das vollkommene und unaufhörliche Sein, dessen -Wesen Liebe ist. In der Liebe ganz sein, das ist -ganz lebend sein; sie, die Liebe, ist die einzige Erschafferin -und Erhalterin aller Dinge, die unendlich -Frische, alles Lebendige immer wieder -neu, herrlich und erstaunlich Machende; so wie -jeder Morgen den Tag, jeder Frühling die Erde, -— so wie jedes tiefe Gefühl dich und die Welt -immer wieder neu und erstaunlich macht.</em> -</p> - -<p> -<em>„O aber wie willst du eingehen können in die -ewige dorten, wenn du in die zeitliche Liebe hier -nicht schon weit und tief eingedrungen bist! Und -ach, so wende dich ab von jenem unsichern Sein -in den schönern Himmeln, das du nur dein nennst -in der Hoffnung, dein im Verzicht, dein aus -deiner irdischen Kraftlosigkeit! Laß dieses eine -sein dein Bemühn: lerne zu staunen! Lerne die -mächtige Kraft der Neuheit, die schöpferische; -lerne zu lieben, lerne zu leben! Wenn auch alles -die Zeit daran setzt, dir immer wieder den Faden -zu zerreißen, den du liebend von Augenblicke zu -Augenblick deines Lebens legen willst: lerne ihn -immer wieder knüpfen, verliere nie aus dem -Auge seinen einzigen Schein von Gold, und um -so süßer verlockend das Wort „von Ewigkeit zu -Ewigkeit“ dir im Herzen ertönt: sprich dagegen: -<a id="page-664" class="pagenum" title="664"></a> -„von Augenblicke zu Augenblick“ knüpf ich und -webe ich das einzige Kleid meines Lebens. Ob es -Gottes Hand einmal aus der meinen nehmen -wird, mich für immer hineinzukleiden, oder ob -sein ganzer Sinn der ist, von mir gewoben zu -werden: das ist zu wissen nicht not. Not ist, zu -tun. In dem Tun wird die Liebe, in der Liebe das -Wesen, in dem Wesen das Leben sein, das weder -zeitlich noch ewig, sondern das in der Liebe ist.“</em> -</p> - -<p> -Renate verstummte. Hoffnungsvoll mit schwellender -Zärtlichkeit versuchte sie, durch ihren Blick Georgs über -ihre Schulter gerichteten Blick zu sich herzuwenden, und -sie sagte noch, lächelnd, obwohl schaudernd im Ernst des -Todes: „Hast du verstanden?“ -</p> - -<p> -„Ja,“ sagte Georg, „ich liebe dich!“ -</p> - -<p> -Sie schluchzte auf. Das lange schon in ihr quellende -Schluchzen brach haltlos über ihre Lippen, sie senkte eilig -den Kopf, und nichts wissend von Enttäuschung, nur verzweifelt -im Herzen, brach sie blindlings durch Buschwerk -und Bäume, bis sie den Weg erreichte. -</p> - -<p> -Georg wagte nicht zu folgen. Das war, dachte er mit -geringer Beschämung, falsch, — und war es nicht trotzdem -recht? Sie sah wie ein Engel aus, als sie sprach, und was -kann man zu einem Engel, der kommt und Gott verbürgt -und verkündet, was kann man andres sagen als: Ich liebe -dich, Engel? — Und so empfand ich die Worte in diesem -Augenblicke, nicht anders. -</p> - -<p> -Er senkte den Kopf. Danach konnte er den Stamm -nicht verlassen, ohne einen dankbarlich Abschied nehmenden -Blick an den Holunderzweig zu heften, wobei er jedoch zu -<a id="page-665" class="pagenum" title="665"></a> -bemerken glaubte, daß dieser, der während der ganzen Zeit -die kleinen graugrünen Hände mit so viel Geduld — damit -er erkenne, was sie hielten! — hingestreckt hatte, sich jetzt -völlig achtlos verhielt. Da wandte auch er sich zögernd -und fand sich bald im Freien der Mittelallee durch das -Wäldchen und in der voll einfallenden Mittagssonne. Ganz -fern in der lichten Öffnung, in der die Wiese vor der -Terrasse lag, sah er die kleine dunkelbläuliche Gestalt von -Renate und ging ihr nach. -</p> - -<div class="chapter"> - -<h3 class="chapter" id="subchap-0-3-5"> -<a id="page-666" class="pagenum" title="666"></a> -Fünftes Kapitel -</h3> - -</div> - -<h4 class="section"> -Erasmus -</h4> - -<p class="first"> -Renate gewann sich erst wieder, als sie schon das Rasenoval -in der Richtung zum Hause überschritt, und gewahrte -sogleich von rechts her auf dem unter der Terrasse einherführenden -Wege drei Gestalten, langsam schlendernd in -kleinen Abständen wie schaulustige Fremde: zwei in schwarzen -Lodenumhängen, von denen Einer sehr groß war, der -Andre schwarzbärtig. Der Dritte in einem glänzend braungelben -Ölmantel sah sich um, gewahrte sie und blieb stehn, -indem er mit einer leicht zurückfahrenden Bewegung die -Hände ausstreckte. -</p> - -<p> -Nur flüchtig erkannte Renate in diesem Bogner. Denn -sie stand, angewurzelt in einer betäubenden Dumpfheit, -die schmerzhaft ihren Kopf und auch ringsum vor ihren -Augen alles zusammenzog und verdunkelte, gespensterhaft -anzusehn, da dennoch der Mittag glühte, wie eine Sonnenfinsternis. -Und während sie inständig an der Frage nagte, -wer jener große Mensch da vorn sei, zuckten mit blitzhafter -Schnelle und Leichte Bilder des Tages durch sie hin: Das -schmerzhaft dumpfe Sitzen und Reden beim Frühstück, -Bennos betrübtes Gesicht; dann: wie sie auf der Bank -gesessen hatte am Weiher, nun erleichtert, in einer süßen -und trauervollen Hingegebenheit an das Licht und den -Anblick der Grabesinsel, wo mehr als die eine Tote sich -ausschlief. Die Wanderung mit Georg und ein heiliges -Leichterwerden, immer leichter, ihrer Brust mit jedem ihrer -Worte in der seltsamen Kapelle des Eichbaums. Und sie -<a id="page-667" class="pagenum" title="667"></a> -sah noch Georg in der Allee vor ihr stehn. Einen Augenblick -später war all dies erloschen; sie spähte mit heißer -Angst links und rechts, wohin sie noch entfliehn könnte, -sah die Gestalten fern wie Gestalten eines Traumes und -setzte sich jetzt schwer in Bewegung, gehend, ohne es zu -spüren, und Schritt um Schritt mehr entleert von Bewußtsein. -Sie sah die zwei Andern und sah sie auch nicht; sie -ging auf den großen zu, auf Erasmus, der entgegenkam, -den Hut in die Hand nehmend. Ihn starr anblickend -fragte sie: -</p> - -<p> -„Heut kommst du, Erasmus?“ -</p> - -<p> -Er erwiderte: „Es ist Charfreitag.“ -</p> - -<p> -Renate wollte noch nicht verstehn, obwohl sie aus dem -Wort auch das unausgesprochene hörte: Dein ernstester -Tag. -</p> - -<p> -Warum war sein Gesicht so verzerrt? Diese furchtbare -Erschöpftheit in den vorquellenden Augen! Und den Mund -bewegte er geöffnet wie im Kauen. Dabei ging sie immer -weiter, und er neben ihr, zur Terrasse, die Stufen hinauf, -über die Fläche und in die offene Tür des Vogelsaals, wo -sie dann keine Kraft mehr hatte und stehen blieb. Hier war -eine kleine Tafel weiß gedeckt und mit Tellern am Rande. -Sie mußte zu ihm aufsehn. -</p> - -<p> -Tropfen standen auf seiner übermäßigen Stirn. Er -bemühte sich offenbar schwer, ruhig zu scheinen. Sie -fragte: -</p> - -<p> -„Woher kommst du?“ -</p> - -<p> -„Von zuhaus.“ -</p> - -<p> -„Zu Fuß?“ fragte sie wieder, um etwas noch hinauszuschieben. -</p> - -<p> -<a id="page-668" class="pagenum" title="668"></a> -„Zu Fuß“, sagte er stumpf. -</p> - -<p> -„Dann hast du wohl Hunger?“ -</p> - -<p> -„Ja,“ sagte er gequält, „Hunger.“ -</p> - -<p> -Sieh, da stand ein kleiner silberner Korb mit Brötchen, -und sie hielt ihn schon und hielt ihn Diesem hin, -der Hunger hatte, wie er sagte, aber er legte eine riesige -flimmernde Hand darauf und sprach, während alles zu -Boden fiel aus ihren plötzlich kraftlosen Händen: „Nicht -danach!“ -</p> - -<p> -Ihr Kopf sank hintenüber; die Lider fielen zu; sie hob -die Hände, legte sie auf ihre Brust und fragte so: „Willst -du?“ und stöhnte. -</p> - -<p> -Dann fühlte sie, daß sie gehalten wurde, legte willenlos -den Kopf an der Schulter fest, die sie fühlte, und verlor -sich für Sekunden in einem Schluchzen der Geborgenheit. -Im nächsten Augenblick hatte sie sich losgerissen, und sie -schrie irgend etwas — „Warte!“ schrie sie, „warte noch! -einen einzigen Augenblick!“ — und fand sich nach einer -Flucht, von der sie nichts wußte, auf den Knieen liegend -vor einem Stuhl ihres Zimmers, in einer Angst, einer Ratlosigkeit, -einer Zerflammtheit der Not, in der ihr die Sinne -vergingen. Sie schrie, ohne Wort, ohne Laut, um Hülfe -nach irgendwem, sie stammelte Sinnloses: „Nicht beten! -nicht beten! Brennen! opfern! ich kann nicht! muß es denn -sein?“ Und sie stand wieder, mitten im Zimmer, den Kopf -in den Händen, wie blind. -</p> - -<p> -Trotzdem gewahrte sie dann ihre Schreibmappe auf -dem Tisch und wußte gleich, daß etwas darin war. Sie -hielt sie schon in der Hand, klappte sie auseinander und -zog, ohne sich zu besinnen, aus der innersten Tasche jenen -<a id="page-669" class="pagenum" title="669"></a> -großen, vergessenen Brief hervor, auf dem die Hand -Josefs die Worte geschrieben hatte, die sie erkannte: ‚Zu -lesen nicht vor meinem Tode; auch dann nur bei Lebensgefahr.‘ -</p> - -<p> -Aber sie zitterte nun so, daß sie sich setzen mußte. Als -nach einer Zeit ihre flatternden Hände sichrer geworden -waren, riß sie den Umschlag auf, nahm einen Pack stark -und schwarz beschriebener Blätter heraus und las dort, -wo ihr der Anfang zu sein schien, die Worte: ‚Auszug -aus meinem Tagebuch vom 28. März bis zum 3. April‘ -und eine Jahreszahl. 28. März — das war der Todestag -ihres Vaters. — Sie las weiter den Eingang: ‚Seltsame -und kaum zu erwartende Begebnisse ...‘, und in einer der -nächsten Zeilen das Wort ‚Erasmus‘. -</p> - -<p> -Es betraf sie, sie und ihn, da war kein Zweifel. Nun -versuchte sie zu lesen, aber die Buchstaben tanzten vor ihren -Augen bis zur Zimmerdecke hinauf; sie wartete, aber umsonst, -und — Nein, das muß er doch lesen! dachte sie -und ging zur Tür. Die Tür zum Vogelsaal, die gleich -dahinter zu liegen schien, öffnend, sah sie den Erasmus mit -dem Rücken nach ihr stehn. Während er sich wandte, erschien -neben ihr Egloffstein mit einem Tafelaufsatz, und sie -winkte Erasmus mit den Augen. Augenblicke später stand -sie im Klaviersaal, drückte Erasmus die Blätter in die Hand -und sagte: „Dies mußt du lesen!“ -</p> - -<p> -Er zuckte mit den Augen, als er die Handschrift sah. -</p> - -<p> -„Jetzt?“ fragte er. -</p> - -<p> -„Jetzt! Vorlesen, bitte!“ bat sie hülflos, zurückweichend, -und sah ihn zaudernd in der Richtung der Fenstervorhänge -gehn, die in der Sonne dunkelgelb glühten. Dort setzte -<a id="page-670" class="pagenum" title="670"></a> -er sich zwischen zweien auf einen Armstuhl. Sie ging -ihm näher, lehnte sich ihm gegenüber an die Kante des -Tisches und faßte sie mit den Händen, erschreckend vor -ihrer Kälte. -</p> - -<p> -„Das kann ich nicht lesen“, sagte er, die Hand mit den -Blättern sinken lassend. -</p> - -<p> -„Ach, Erasmus, du mußt aber! Handelt es nicht von -dir?“ Er nickte. „Und von mir?“ Er bejahte wieder. -„Dann lies!“ sagte sie aufatmend und legte die Hände -zusammen. -</p> - -<p> -Erasmus las. -</p> - -<p> -‚Seltsame und kaum zu erwartende Begebnisse in einem -Pastorenhause. -</p> - -<p> -Wir kamen — Erasmus, der in Marburg zu mir stieß, -und ich — am Nachmittag in B. an, von wo wir das -Kirchdorf Flor in einer kleinen Gehstunde erreichen sollten. -Es wurde ein schöner Gang. Die spätmärzliche Luft atmete -vielfach umher, lau und gefeuchtet; auf der lehmig festen -Straße standen noch Lachen vom Nachtregen, in denen -Weißes und Blaues vom Himmel sich spiegelte. Dort oben -war die jugendliche Sonne des Jahre rüstig am Werk, -noch vor Abend die grauweißen Eiswälle des Gewölks -fortzutilgen, die nun schon, weithin sichtbar nach allen -Seiten, überall durchbrochen, davonjagten in voller Flucht. -Mächtige Bläuen schwebten segelnd und großherzig dazwischen; -die Sonne kämpfte rastlos. Strahlen vergoldeten -das grüne Land in der Tiefe überall, und es dampfte. -Unsern Weg entlang — Alleen weißblühender Kirschbäume -— schloß sich Obstgarten an Obstgarten. Das waren -ganze fremdländische Stadtsiedlungen niedriger weißer oder -<a id="page-671" class="pagenum" title="671"></a> -rosigbehauchter Kuppeln, Städte von unendlicher Zartheit, -Leisheit, Empfindlichkeit. Zwischen ihnen, kräftig und -derbe, lagen Wiesenstücke und einzeln die wirklichen Häuser, -in deren Blumenvorgärten die großen Silberkugeln den -Himmel zeigten, andre im Sonnenfeuer lohten und blitzten, -und darunter blühten Aurikeln und Narzissen, standen die -Tulpenreihn grade in papierner Buntheit um die Beetränder. -— Ach Gott, sagte ich zu Erasmus, man muß zu -andrer Zeit sterben! Und wir beklagten den toten Mann, -dessen wir uns vom Begräbnis des Großvaters her wohltuend -erinnerten. Wie er damals unerwartet erschien: -weißhaarig und -bärtig, unter der mildesten Stirn, die ich -sah, Augen von eisklarem Blau, tief leuchtend, mit dem -durchbohrenden Blicke der Wahrheit, Lippen umspielt vom -ruhigen Lächeln des Weisen: so hätte er uns hier grüßen -sollen vom Zaun eines dieser freundlichen Gärten, Freund -der Fluren, von dem es heißt: -</p> - -<div class="poem-container"> - <div class="poem"> - <div class="stanza"> - <p class="verse">Dann sieht man zwischen Reben ihn mit Basten</p> - <p class="verse">Die losen binden an die starken Schäfte,</p> - <p class="verse">Die harten grünen Herlinge betasten</p> - <p class="verse">Und brechen einer Ranke Überkräfte.</p> - <p class="verse">Er schüttelt dann, ob er dem Wetter trutze,</p> - <p class="verse">Den jungen Baum und mißt der Wolken Schieben.</p> - <p class="verse">Er giebt dem Liebling einen Pfahl zum Schutze</p> - <p class="verse">Und lächelt ihm, dem erste Früchte trieben.</p> - </div> - </div> -</div> - -<p class="noindent"> -Im Dorf, das sich allgemach aus der Straße entwickelte, -wars um so stiller, als die ganze Bewohnerschaft im Freien, -in ihren Gärten oder vor den Türen war, schwarz gekleidete -Männer und Frauen in Gruppen überall, leise -miteinander sprechend über ihre Heckenzäune hinweg oder -<a id="page-672" class="pagenum" title="672"></a> -auf den Türsteinen, und auf Bänken und Treppenstufen -saßen die reinlichen Kinder verstummt, großäugig nur nach -uns blickend. Schön, wie hier vom Wesen des Toten letzte -Flämmchen verflackerten, von bekümmerten Händen beschirmt. -Die Hauskatzen, die sich in sonnigen Flecken an -Mauern putzten, schienen sich unbehaglich zu fühlen, obwohl -sie sich unbesorgt stellten. Der Lehrer vor der Schulhaustür -in einem Kreise von Männern, barhaupt, kenntlich -an seiner überhohen Stirn, ein Mann in den dreißiger -Jahren, den wir nach dem Wege zum Pfarrhause fragten, -brachte die allgemeine Kümmernis mit wahrer Ergriffenheit -zum Ausdruck. „Ein Mann,“ sagte er, „wie es keinen -zweiten giebt. Unser aller Vater und lieber Freund.“ Er -schloß sich uns an, augenscheinlich gesprächsbedürftig, und -begann alsbald uns auf eigentümliche Dinge vorzubereiten, -die wir sehen würden, über die er weiter nicht mit der -Sprache herauswollte. Plötzlich hatten wir dann, um die -Ecke in eine Seitengasse geführt, die reizvollste kleine -Barockkirche vor Augen, durch deren, den Turmhelm -tragenden Säulenkranz Himmel und Wolken sich bewegten, -und leise wankten die Säulen. -</p> - -<p> -Die Kirche lag ein wenig erhöht, vom Friedhof umgeben, -den eine niedrige, leuchtend gelb getünchte Mauer umschloß; -darüber blitzte von vielen Stellen her die Vergoldung -schöner, altertümlicher Grabzeichen aus schmiedeeisernem -Arabeskenwerk um ihr Kruzifix unter bogenförmigem Dach, -und manche hatten mit starkem Blau übermalte Schilde. -Zur Linken um die Kirchhofsmauer im Bogen führte eine -alte Kastanienallee, blühend übersternt mit weißen und -roten Kerzen, zum Pfarrhaus, von dem eine Seitenwand -<a id="page-673" class="pagenum" title="673"></a> -mit zwei Fenstern übereinander sichtbar war: ein zweistöckiger, -warm gelb getünchter Bau von schlichtem Barock, -wie ich hernach sah. -</p> - -<p> -Auf die Einladung des Lehrers, uns die Grabstelle zu -zeigen, gingen wir zwischen den gleich Betten säuberlich -bereiteten Gräbern voller Blumen hindurch; allein das -für den neuen Kömmling bestimmte Grab zeigte naturgemäß -keinen andern als den unbehaglich gähnenden Ausdruck -all dieser Löcher aus gelbem Sand. -</p> - -<p> -Dafür hatten wir von ihm aus über eine nahe kleine -Gittertür hinweg einen anmutigen Blick: im Ausschnitt -einer wohl hundert Schritt langen Allee noch unbegrünter -kleiner Kugellinden, deren Stämme durch beinah mannshohe -grüne Hecken verbunden waren, das schmale Portal -über drei Stufen mit sandsteinernen Bogenstücken überm -Sims; darüber den leise vergoldeten Korb des Balkons -vor der oberen Glastür, und endlich das gebrochene, schwarzbraune -Dach, auf welches eine große und schöne, schneeweiße -Wolke aus dem ganz reinen Blau sich eben so anmutig -niedergesenkt hatte, daß der Lehrer davon berührt -wurde und zu sprechen begann in einem zierlichen Vergleich -mit einem Schrein oder Schiff, das sich auftun möchte, eine -kleine Schar singender und musizierender Engel zu zeigen. -Er fuhr fort mit gedämpfter Stimme: -</p> - -<p> -„Sie“ — seine Dorfleute meinend — „glauben, daß er -mit solcher Liebe an der Erde hing, daß er sich nun nicht -losmachen kann; und sie würden gewiß nicht erstaunen, -wenn solch ein Wunder sich zeigte, daß er mit himmlischen -Instrumenten hinaufgelockt würde. Denn“ — er lächelte — -„wir sind zwar gut lutherisch dahier, aber ganz vergessen -<a id="page-674" class="pagenum" title="674"></a> -ist die alte Lehre doch nicht. Davon zu schweigen, daß das -Wunder das liebste Kind <em>jeden</em> Glaubens ist.“ Er verstummte, -auf das schwärzliche Netzwerk der nächsten Lindenkuppel -deutend. Die schwarze Figur einer Amsel saß darin, -als sei sie gefangen. „Sie singt nicht,“ sagte der Gute, -„alle Sänger sind seit vorgestern völlig verstummt. Freilich, -—“ setzte er verständig hinzu, „viele sind ja noch nicht -zurückgekommen, doch haben wir mehrere Meisenarten -allein, die überwintern.“ -</p> - -<p> -Der Erasmus nickt ernsthaft. In Naturwissenschaft ist -er mir mit dem Lehrer weit voraus, und so mag er lange -bemerkt haben, was mir entging. Auch zeigte alles sich so -frisch, luftig, österlich! Noch, als wir den Lindengang hinab -und vor dem Hausportal waren, mußte ich mich künstlich -vorbereiten auf Tod und Totes. Allein — was war -nun das, was wir fanden im Haus? -</p> - -<p> -Der Papa trat uns im Hausflur entgegen, verweint, -aber doch mehr bedrückt aussehend als schmerzlich, grüßte -uns leise und führte uns durch ein großes und mit weißen -Abgüssen von Büsten und Figuren zwischen den Bücherregalen -feierlich heiteres Arbeitszimmer in ein um so einfacheres -Schlafgemach, wo der Schein zweier Kerzen im -verdunkelten Tageslicht wie mit einem Ruck alles deutlich -und fest machte, — sonderbar genug, wie immer das Kerzenlicht -am Tag nicht erhellt, sondern zu verdunkeln scheint. -Diese beiden, wächsern und lang in hohen Leuchtern, brannten -auf einem durch eine schwarze Decke zum Altar verwandelten -Tisch an der Wand; zwischen ihnen das Bibelbuch, -blinkend in Goldschnitt, vor einem glatten braunen -Kreuz, ohne Heiland, jedoch, wie der Tisch, mit einer -<a id="page-675" class="pagenum" title="675"></a> -Girlande von Aurikeln und Primeln umwunden. Zur -Rechten davor der Sarg zeigte offen sein bettweißes Inneres; -der Deckel lag daneben. Links stand das Bett mit -dem Toten, von dessen Antlitz mein Vater das Tuch fortnahm. -</p> - -<p> -Aber so hat von allen Toten, die ich zu sehen bekam, -noch keiner ausgesehn am dritten Tage des Totseins. Anstatt -in der wächsernen Gelbe, zeigte diese Stirn und das -Sichtbare der Wangen sich so weiß wie das Haar und -der Bart; weiß, durchscheinend gleich Alabaster, und die -Hände waren ganz so. Erschreckend darin die zwei Augen; -weitoffen, gefüllt mit stumpfem Blau, starrten sie nach -oben. -</p> - -<p> -Ob sie nicht zu schließen seien, fragte ich nach einer Weile. -Der Papa stand weinend und zuckte die Achseln. „Wer sagt -denn, daß er tot ist?“ murmelte er dann erschöpft. Ich -fragte: „Der Arzt ...?“ Er schüttelte den Kopf und bat -uns, ihm zu folgen. -</p> - -<p> -Durch das Arbeitszimmer zurück führte er uns über den -Flur und öffnete eine Tür an der Westseite des Hauses. -Alle Drei standen wir da geblendet vor einem Raum aus -Feuer und Gold; einem nicht eben großen, quadratischen -Zimmer mit, wie ich bald wahrnahm, weißgoldenen Wänden, -durch dessen gläserne Gartentür und das Fenster die tiefe -Sonne in prachtvollem Strome hereinschwoll. Der Raum -schien menschenleer; vor seiner einsam lodernden Feierlichkeit -befremdete mich der Anblick von uns drei großen und -schwarz gekleideten Eindringlingen, und ich sah die beiden -Andern zögern, hineinzugehn. Nun blickt ich mich um, -und ich glaube, selten etwas so Liebliches gesehen zu haben -<a id="page-676" class="pagenum" title="676"></a> -wie dies einfache Gemach mit weißer, leise golden getupfter -Tapete, wo kleine graue Stahlstiche hingen, und mit goldgelben -Möbeln aus den zwanziger Jahren, Schreibsekretär, -Vitrine, Kommode und Spiegel. Ein runder Tisch im -Kreise der Stühle trug einen Kristallkelch mit einigen Narzissen; -er stand vor dem Sofa an der Wand, das mit einem -erdbeerfarbenen Damaststoff bespannt war, und dessen -eines Ende verdeckt war von dem einzigen Düsteren im -Raum, einem schwarzen japanischen Wandschirm mit eingestickten -silbernen Bambusrohren und dergleichen, auch -er, wie alles umher, von der Verzaubrung des Lichts mit -glühendem Rot überzogen. Fee oder Göttin, dachte ich, -was für ein Wesen mag das sein, dem dieser Feuerschrein -als Behausung dient? — Und noch, während ich den Papa -auf Zehen durch den Raum gehen sah, besann ich mich -vergebens auf Gestalt und Züge einer flüchtig gesehenen -Fünfzehn- oder Sechzehnjährigen mit Namen Renate. -</p> - -<p> -Indem rückte mein Vater den Wandschirm überseite -und enthüllte die sitzende, gleich rosenhaft überflossene Gestalt -eines schönen, anscheinend blonden Mädchens in -weißem Kleid, das uns aus groß offenen, hyazinthblauen -Augen so gläsern anstarrte, als wars eine Puppe. Den -Erasmus sah ich zurückfahren. Es war freilich gespenstisch, -sie ebenso hinter dem Wandschirm sitzen zu denken, wie sie -nun fortfuhr, ohne Bewegung, ohne Blick. -</p> - -<p> -„Aber sie ist nicht tot?“ hörte ich die Stimme meines -Bruders sehr tief. Mein Vater verneinte stumm. Wir -traten näher. -</p> - -<p> -Sie war schön. Untadelhaft schön. Schöner vielleicht -als alles. Die Starrheit der Augen beeinträchtigte die -<a id="page-677" class="pagenum" title="677"></a> -Umgebung. Das Haar, nicht blond, sondern von einem -mir unbekannten hellen Braun, war, in der Mitte gescheitelt, -so um die hohe Stirne gelegt, daß sie ganz frei -blieb, dann tief nach unten gezogen, wie man es auf Bildern -der vierziger Jahre sieht, und der Adel und die Reinheit -dieses Giebels von Alabaster war unendlich ergreifend. -Das ganze, schmale Gesicht war schneeweiß und durchscheinend -klar wie des Toten; ebenfalls das Paar der Hände -und bloßen Unterarme, und ich hatte so sehr den Eindruck -des aus allen Gliedern zum Herzen hineingesogenen Blutes, -daß es mir dort innen erschien wie ein Glasgefäß, herzförmig, -blutrot gefüllt; in einer Figur aus gesponnenem Glase. -</p> - -<p> -Ich rührte eine von diesen Händen an; eiskalt und steif; -kaum zu bewegen. -</p> - -<p> -„Was ist mit ihr?“ fragte ich. Allein statt einer Antwort -vom Vater hörte ich das leise Klirren der Glastür -und sah ihn ins Freie treten. Als ich mich nach Erasmus -umwandte, stand er, die Hände auf die Tischplatte vor sich -gestützt, übergebeugt, die Sitzende so starr anblickend wie -sie ihn, ohne meiner zu achten. -</p> - -<p> -Meinem Vater nachgehend, sah ich ihn jetzt so hübsch -in dem Garten stehn, auf einem bewegten Grund weißgetünchter, -weißwolkiger Obstbäume, blühende Zweige zu -Häupten, zwischen Tulpenrabatten, etwas schief haltend -wie zumeist den von der Abendglut noch rosiger als gewöhnlich -gefärbten Kopf, seine goldene Brille putzend mit -dem Taschentuch, — so hübsch, wie gesagt, so lebendig, -daß ich ihm ernsthaft wünschte, als Pfarrer hierherzugehören, -anstatt den Fabrikherrn spielen zu müssen, was ihm -doch nie recht gelang. -</p> - -<p> -<a id="page-678" class="pagenum" title="678"></a> -Ich begab mich hinaus zu ihm und wiederholte meine -letzte Frage: „Was ist mit dem Mädchen?“ -</p> - -<p> -Er sagte: „Seit ihr Vater tot ist, ist sie so. Er starb — -der Arzt sagte, daß er starb; wir waren Beide zugegen — -er starb unerwartet gegen Morgen. Ich wollte sie rufen, -als er noch atmete; da saß sie schon fast wie jetzt, nur -furchtbar keuchend, sonst starr. Ich mußte sie verlassen. -Seitdem haben Beide sich nicht verändert. Nun schon -den dritten Tag. Und“, er stockte, „ich fürchte mich, ihn -zu begraben.“ -</p> - -<p> -Ob er glaube, fragte ich, daß da Zusammenhang sei zwischen -der Lebenden und dem Toten? Und ich wiederholte -ihm die Worte des Lehrers vom Nichtfortkönnen des Toten. -</p> - -<p> -„Muß mans nicht glauben?“ murmelte er gedankenlos, -ich weiß nicht auf welchen meiner Sätze als Antwort. -</p> - -<p> -„Der Arzt?“ -</p> - -<p> -Sei ratlos wie er selber. -</p> - -<p> -Das Verhältnis, meinte ich, von Vater und Tochter sei -zweifellos sehr innig gewesen. -</p> - -<p> -„Das innigste!“ Nun wurde er beredt. „Sie lebten -jeder nur dem Andern und durch den Andern. Ihre Mutter -starb ja, als sie zwei Jahre alt war. Mein Vater hatte -ihn verstoßen. Alldas mußte sie ihm sein. Wenn du im -Dorf fragst, wirst du Wunder erzählen hören von dem -Mädchen, seiner Schönheit und seiner Klugheit, seiner Lieblichkeit, -Güte und Würde. Er war einer der tiefsten Menschen, -und sie wuchs ganz aus seinem Erdreich, in seiner -Luft. Die Leute sagen: sie war sein lebendiger Segen unter -uns. Ich hörte sie die Orgel spielen, kurz vor seinem Tod. -Stelle sie dir vor —, eine andre Cäcilie.“ -</p> - -<p> -<a id="page-679" class="pagenum" title="679"></a> -„Vermutlich also“, fragte ich in plötzlicher Eingebung, -„spielte auch dein Bruder die Orgel?“ -</p> - -<p> -Er nickte. -</p> - -<p> -„So muß man“, sagte ich, „die Orgel spielen, um sie -aufzuwecken.“ -</p> - -<p> -Er sah mich verwundert an. Das sei ein Gedanke, -meinte er, wie ich darauf komme? -</p> - -<p> -„Willst du spielen?“ fragte er nach einer Weile. -</p> - -<p> -„Leider“, mußte ich bekennen, „ist mir die Orgel ganz -fremd. Es müßte auch ein Stück sein, das der Tote kennt, -ein Lieblingsstück vielleicht, und ich lese, wie du weißt, -keine Noten.“ -</p> - -<p> -Damit schlug ich den Lehrer vor, der wahrscheinlich -Organist an der Kirche sei. -</p> - -<p> -Ich hatte mich aber noch kaum zur Türe zurückgewandt, -so ereignete sich das Seltsame, daß die Orgel ertönte. -Klar auftretende, lang gezogene Töne kamen herüber, -andre Stimmen mischten sich präludierend herein, noch -leise; dann mit plötzlich erschreckendem Brausen und voller -Macht breitete sich die Kantate Bachs: Mein gläubiges -Herze, frohlocke sing scherze! wundervoll jubelnd in die -Lüfte. — Später erfuhr ich dann, daß der Lehrer, dem es -eingefallen war, das „Leibstück des Seligen“, wie er sagte, -zu spielen, es freilich nicht aus unserm Gedanken heraus, -sondern schlicht aus seiner und Aller Bedrängnis gespielt -hatte. -</p> - -<p> -Als mein Vater und ich in die Tür traten, hatten wir -die befremdliche Erscheinung, in der rechten Ecke des -Sofas uns gegenüber — in der linken saß das Mädchen — -den Erasmus sitzen zu sehn; den Arm auf der Rücklehne, -<a id="page-680" class="pagenum" title="680"></a> -seitwärts und zu ihr gewandt, saß er still und wie sie unbeweglich. -</p> - -<p> -Aber keine Wirkung des Orgelspiels ergab sich; nicht -die geringste. -</p> - -<p> -Ich weiß eigentlich nicht, warum das so war. Wenn -es wahr war, daß diese Beiden einander so verhaftet -waren im Leben, daß sie sich nicht losreißen konnten; daß -nun die Lebendige hier angeschlossen war an die Erstarrtheit -des Todes, und der Tote angeschlossen ans innere -Feuer des Lebens, zu einem grausamen Gleichgewicht -Beide des Nichtsterbenkönnens und Nichtlebens, — so -mußte es einen Weg geben, das magische Band zu zerreißen. -Magische Bande sind stark, aber zart, und allzuzart -immer gegen das Hiesige. War die Erstarrung so -tief? War sie ganz taub für die Welt? Sie blieb unverändert. -</p> - -<p> -Es dunkelte derweil. Der Choral: Nun ruhen alle -Wälder legte sich wie ein dunklerer Strom über das schon -versinkende Licht, und als er verstummte, hatte die -schweigsame Welt sich geteilt in weite, leuchtende Klarheit -oben, in verschattete Enge unten, wo mit bleicherem -Weiß nur die blühenden Kuppeln noch das Licht festhielten. -</p> - -<p> -So ist es nun. Die Nacht kam; ich übernahm für -den erschöpften Papa die Wache beim Toten und schreibe -in mein Buch, das ich durch Lis vorahnende Aufmerksamkeit -im Koffer fand. Wo ist Erasmus? Ein drittes Mal -war ich eben an der Tür von Renates Zimmer, und nach -wie vor fand ich ihn in der Ecke des Sofas, ruhig scheinbar, -sitzend mit untergeschlagenen Armen, ihr zugewandt, -<a id="page-681" class="pagenum" title="681"></a> -die dasitzt unverändert, eine lebensgroße Puppe, starräugig -im Dunkel. -</p> - -<p> -Geheimnisvolle Vorgänge fördern das Geheimnisvolle -zutag. Doch war mir stets klar, daß in diesem riesigen -und etwas ungeschlachten Leib sehr zarte Kräfte daheim -seien. Und so wie Andre die feine Dryas das Blattwerk -der Eiche haben zerteilen sehn, so konnte ich wohl im -Nachtdunkel, über seine Schulter geneigt, das erschimmernde -Haupt jenes Rätselhaften gewahren, dem es -einmal sich loszumachen gelang und seine Kraft zu gebrauchen. -</p> - -<p class="tb"> - -</p> - -<p class="noindent"> -Die dritte Nacht unseres Hierseins, die fünfte seit dem -Tode des alten Mannes. Es ist nichts verändert. Wir -haben ihn nicht begraben. Selbst wenn ich nicht an einen -Zusammenhang der zwei Menschen glaubte, dessen gewaltsames -Zerreißen dem lebendigen Teil überaus schädlich -sein könnte, würde ich nicht dazu raten, einen Menschen -unter die Erde zu bringen, bevor er deutliche Zeichen -des Verstorbenseins, der Verwesung von sich gab. Die -Luft aber in diesem Haus —, sie kommt mir fast reiner als -anderswo vor. Seitdem ich es weiß, empfinde ich lebhaft -das Verstummtsein der redebegabten Natur, und ich habe -Stunden damit verbracht, in der Nähe des Hauses -Spatzen und Meisen zu beobachten, die keinen Laut hören -lassen. Äußerst selten einmal ein schwaches Zirpen, das -augenblicks erstirbt; sonst nichts. Ärzte, die wir riefen, -kamen und gingen kopfschüttelnd: wer den Toten sah, -sprach vom Mittel des Aderöffnens; hatte er danach auch -das Mädchen beobachtet, so hüllte er sich in Schweigen. -<a id="page-682" class="pagenum" title="682"></a> -Der Papa ist am Rande seiner Kraft, ich selber bin ungewöhnlich -erregt. Dies dauert bedenklich lange; kein Ende -ist abzusehn, — bei meinem Dämon, ist das Liebe, was -dergestalt Lebendes und Totes zusammenschmolz, oder -ist es nur Blut? Und wenn ich mich hineindenke: Allmächtige -Dinge und andrerseits soviel Ohnmacht? Dann: -Wie schauerlich dieser Kampf der zwei Kräfte, von denen -keine die Oberhand gewinnt, und man glaubt sie keuchen -zu hören durch die ewige Stille: Ich lasse dich nicht, du -segnest mich denn! Und wo ist hier Jakob, wo der Engel? -Wie lange die Nacht solchen Ringens? Wie lang zum -Hades, Psyche, dein Weg? -</p> - -<p> -Und nun dazu: emsig, emsig die dritte Kraft bei ihrer -Arbeit zu wissen, die sich hineingraben will in den Gneis. -Erasmus, seltsamer Geist, der sich augenblicks, so bereit, -als habe er nichts andres im Sinne gehabt, in dieser Aufgabe -verfing, — davon zu schweigen, daß kein Andrer -vielleicht sie gesehen hätte. Solang wir hier sind, während -mein Vater hülflos seinen Gestorbnen betrachtet, ich mich -in der Landschaft herumtrieb, mit den Dorfleuten sprach -— die übrigens gar nicht so verstört scheinen, sondern vielmehr -als verstünden sie sehr gut, was hier vorgeht —, -oder ruderte auf dem Rhein, der in einer Biegung halbstundenweit -dem Dorf nahe kommt, — tagein und tagaus, -nachtein und nachtaus weicht er nicht von dem Fleck, -den er besetzte. Wann er schläft, kann ich nicht sagen. -Speise nahm er erst keine; später, als wir Milch und -Weißbrot neben ihn stellten, merkten wir nach einiger -Zeit in Pausen einige Verminderung und konnten es auch -erneuern. Der Wille, sagt man, tut Wunder. Und der -<a id="page-683" class="pagenum" title="683"></a> -seine, geschult seit immer, wie ich glaube daß er ist, muß -ihm folgsamer zu Dienst sein als jedem Andern. Möchte -es ihm dann gelingen, diese reine Seele in die seine hinüber — -</p> - -<p class="tb"> - -</p> - -<p class="noindent"> -Ich wurde unterbrochen. Erasmus kam ins Sterbezimmer, -wo ich schreibend saß, augenscheinlich auf der -Suche nach mir, denn er erklärte — ganz ruhig übrigens, -beinah sanft —, er verlasse das Haus für eine Weile und -würde mich später um etwas zu bitten haben. Seitdem -sind drei Stunden vorüber; auch dieser schön ersonnene -Versuch ist gescheitert, aber die Ungewöhnlichkeit des Vorgangs -macht mir ihn wert, ihn zu beschreiben. -</p> - -<p> -Erasmus also kehrte zurück, eine Decke in der Hand, -in die er das Wesen hüllte, worauf er sie auf die Arme -nahm und mich aufforderte, mit ihm zu kommen. -</p> - -<p> -Die Nacht war sehr kühl, sternlos, windig und feucht; -vollkommen dunkel. Erasmus mußte die Wege in der -Gegend von seinem früheren Besuche her kennen, denn er -ging mit vollkommener Sicherheit durch das Finster, kaum -einmal strauchelnd im aufgeweichten Boden. Da meine -Augen die Gabe haben, besser als andre im Dunkel zu -sehn, erkannte ich bald den Weg, der durch die Weingärten -zum Rhein führen würde. Erstaunliche Einfälle, bei Gott, -hat dieser Mensch! Physik und Metaphysik, welche von -beiden, dacht ich, hat ihn auf diesen Gedanken gebracht, -denn ich will nicht mehr Montfort heißen, wenn er nicht -vorhat, das starre Geschöpf in den Rhein zu tauchen. -Sie ist aus diesem Boden gewachsen, der Gedanke ist vernünftig, -die Natur hat unbekannte Kräfte, Verbindungen, -<a id="page-684" class="pagenum" title="684"></a> -Zauber, — wahrhaftig, er hat recht, man muß sie in den -Strom versenken, und was auch die Folge sein wird, Tod -oder Leben, das unnatürliche Band wird zerreißen, und -wenn er Glück hat, so gelingt es ihm, ihre Seele feurig -aus dem Gewässer zu heben, wo er ein eisiges Bildnis versenkte. -So dacht ich und fühlte das Kostbare der vom -Rhein herüber hauchenden Luft von fast feuriger Kälte; -reinen Odem der Erde und so ungebraucht, daß ich mich -zurückversetzt fühlte in der Zeit um Jahrhunderte. -</p> - -<p> -Wir kamen ans hohe Ufer, das uns für Minuten der -Mond, ein kaltes Halbgesicht im Gewölk, sehen ließ, dazu -in der Tiefe die ruhig nachthin strömende Fläche, rastlos -erfüllt von einem andern als dem Geiste der Feste, — zu -der eine schmale Treppe zwischen den Rebstöcken hinunterführte. -Der Schattenriß eines langen Kahns war dort -unten. Die kahlen Ufer, hügelig im verfahlten Licht, erschienen -öde. Mein Bruder senkte seine Last auf den Boden -des Nachens und legte sie, wie sie liegen konnte, seitwärts, -worauf er zwei lange Stangen aufnahm und mir -eine gab mit dem Bemerken, hier sei es zu tief für ihn, -aber weiter unten im Strom eine Furt. — Weshalb er -schon jetzt seine Kleider abwarf und am Ufer niederlegte, -erklärte er mir noch, indem er mich bat, falls das Mädchen -zu sich kommen sollte, allein mit ihr ans Ufer zu -fahren und ihn zu erwarten, der zu Fuß zu seinen Kleidern -zurückgehen würde. -</p> - -<p> -Im Fahren hatte ich dann meine Freude an seiner -heroischen nackten Gestalt, die in der Spitze des Kahns -mit erhobenen Armen gleichmäßig einmal über das andre -die Stange ins dunkle Gewässer senkte und wieder heraufholte. -<a id="page-685" class="pagenum" title="685"></a> -Wir stießen den Kahn in die Strömung und konnten -ihn treiben lassen. Wir fuhren lautlos und rasch; kaum -vernehmbar, von den Ufern her, rauschte das Wasser. -Einige Minuten später hörte ich den Kiel auf Steinen -knirschen; wir saßen fest. Erasmus sprang in die Flut -und watete zum Ende des Kahns, wo sie bereits seine -Hüfte überstieg; ich hob die Scheintote aus ihrer Decke, -legte sie in seine Arme, sah ihn tiefer ins Dunkle watend -versinken und sie mit ihm. Als nur noch ihr Haupt, bleich -und wie steinern, die Fläche überragte, schienen mir anderthalb -Jahrtausende noch nicht gewesen zu sein. Der Rhein -floß durch die römische Provinz; wir senkten geheim ein -Götterbild in den Strom, letzter Schutz vor den Eifernden -einer neuen Lehre. -</p> - -<p> -Erasmus dauerte aus. Mir fielen die Augen zu, geschläfert -vom einförmigen Gurgeln des Flusses, der lauter -und lauter zu rauschen begann. Dann hörte ich die Arbeit -des Gewaltigen durch die Jahrtausende, die den -Schiefer benagte, furchtbar rastlos. Die Einsamkeit -wuchs überm Strom. Es war kalt. Aber in einem Halbjahr -würden diese jetzt kahlen Hügel überschüttet sein mit -den süßen Gefäßen des Feuers, eine einzige Glut alles -überwogt haben, brennend vom ausgeschütteten Pfeilhagel -einer unerschöpflichen Sonne. Und hier bei mir im -Strom — — bei halbgeöffneten Augen sah ich im Zenit -der Nacht quellendes Licht, Wolkenumrisse, und jetzt in -meiner Tiefe dunkel die Fläche des Stroms, glänzend -darin eine Mannsschulter, nackt, ein dunkleres Haupt, -und daneben das Alabastergesicht über dem Wasser. -Ganz mächtig im Eisigen dieser Flut spürte ich da die -<a id="page-686" class="pagenum" title="686"></a> -lebendige Glut seines Leibes, seiner Seele, und so tief, daß -es mich schauderte meiner Kühle. Rufe die Götter, dacht -ich, Pygmalion! Ich ward fast neidisch. -</p> - -<p> -Ich fuhr auf, da etwas vor mir niedergelegt wurde, — -der schöne, leblose Leib in triefenden Kleidern, und Erasmus, -erschöpft, übergeneigt aus dem Wasser, die Fäuste -im Kahn aufgestützt, keuchte etwas wie, daß er sie in Blut -baden möchte. -</p> - -<p> -In Blut. Er meinte das seine und starrte mich böse -an, als ich sagte, daß man vor einigen tausend Jahren -ein jugendliches Roß oder jungfräuliches Rind geopfert -haben würde. Die Unselige dauerte mich wahrhaftig, -und dieser Blutgedanke ließ mich lange nicht los, während -wir uns stromauf stakten. Alle Zauber wohnen allein in -dem Blut. Ein mittelalterlicher Quacksalber würde ihr -längst eine Ader geschlagen haben und womöglich das -Rechte getroffen. -</p> - -<p> -In der Haustür empfing uns die alte Dienerin, die -von Erasmus verständigt sein mußte, denn sie ging uns -wortlos voran bis in ein kleines weißes Schlafzimmer, -wo sie Licht, Decken und Tücher bereit hatte, und wo wir -sie mit der Leblosen auf ihrem Bett allein ließen. Erasmus -frottierte sich warm, legte sich und schlief alsbald -ein; weniger abgemattet als er und heftiger erregt -machte ich mich ans Schreiben. Eben ist die Sonne am -Aufgehn. -</p> - -<p class="tb"> - -</p> - -<p class="noindent"> -Fünfter (oder siebenter) Abend. Mein Vater entschloß -sich, das Begräbnis für morgen anzusetzen. Die ganze -Umgegend ist in Aufruhr, die Leute strömen in Scharen -<a id="page-687" class="pagenum" title="687"></a> -herbei, es kostet Mühe, sie vom Zimmer Renates fernzuhalten, -wo unveränderlich, wie ich ihn fand am Vormittag -nach jener Nacht, Erasmus ihr gegenüber sitzt, und sie -anglüht rastlos mit brennenden Augen der Seele. Dieser -Mensch macht mir Grauen mit seiner Leidenschaft. Wenn -er seine Seele aushauchen könnte als eine Glutwolke um -die Erstarrte, so würde ers tun. Armer Pygmalion, wenn -sie wirklich erwacht und ist dann nur ein Mensch, der nichts -weiß und nichts ahnt, was dann? -</p> - -<p> -Gleichfalls unwandelbar der Tote auf seinem Bett, -unverwesend. Neben dem sitzt sein Bruder, unselig, verfallen -und hülflos. Ich greife mir an den Kopf und -frage, woher das Ende kommen soll? -</p> - -<p class="tb"> - -</p> - -<p class="noindent"> -Und da ist es, das Ende. -</p> - -<p> -Preis und Ehre dem Siegreichen! Ja, alle Ehrfurcht, -mein Bruder, vor dir, ich hatte das nicht von dir gedacht, -und sei überzeugt, ich werde es dir nicht vergessen! -</p> - -<p> -Schlafen gegangen nach Mitternacht, erwachte ich vom -dumpfen Laut eines Falles und sah, daß die Sonne noch -über den Rand der Erde nicht herauf sein konnte. Das -seltsame Luftgrau des Morgens. Ich lausche, höre Bewegung -unter mir im Zimmer des Toten, wo mein Vater -auf einem Diwan schläft, springe aus dem Bett, eile -treppab und treffe im Flur mit dem Vater zusammen. -Wir öffnen die Tür; vor uns, fast daß wir über ihn strauchelten, -liegt ein riesiger Körper, Erasmus. Und das -Mädchen, Renate? Es ist hell genug, daß wir sehen -können: sie sitzt dort, aber nicht wie bisher. Ihr Kopf -ist vornüber geneigt, die Schläfe liegt am Polster der -<a id="page-688" class="pagenum" title="688"></a> -Lehne, wir treten hin zu ihr, da hören wir schon, daß sie -atmet. Sie schläft. Ihre Hände, ihr Gesicht waren heiß, -ihre Wangen glühten, kleine Perlen standen in der Nähe -des Haars. Als die Sonne da war, konnten wir sehen, -wie die Wangen gerötet waren: ein ganz helles, scharlachnes -Rot, zart wie Morgenhimmel und so unschuldig -wie eines schlafenden Kindes. -</p> - -<p> -Auf die Bitte meines Vaters hin hob ich sie auf und -trug sie zu ihrem Bett, ohne daß sie erwacht wäre. Ihre -Glieder waren sehr weich; sie war wieder schwer. -</p> - -<p> -Dann, mit einiger Mühe, gelang es uns, den Erasmus -zu wecken, der beim Fortgehn dort zusammengefallen sein -mußte, und ihn mit vereinten Kräften treppauf und zu -seinem Bette zu schleppen, wo er hinfiel und schlief. Später -am Tag sah ich ihn dort. Auch sein Gesicht glühte, erschöpft, -schweißbedeckt, gemagert, aber umlodert von -solchem Adel, daß ich mich abwandte. -</p> - -<p> -Der Tote aber verfiel so schnell, daß wir nicht genug -eilen konnten, ihn einzusargen. Schön war noch dies: -Wie jeden Morgen war der wackre Lehrer der erste, der -anzufragen kam. Nachdem er die Schlafende gesehn, -entfernte er sich eilig, und Minuten später hörten wir die -Orgel überlaut <span class="antiqua">Te deum laudamus</span> brausen. In die -Haustür tretend, sahn wir den Heckengang unter den -Linden von der Kirche bis nahe ans Haus gefüllt von -knieendem Volk. Mein alter Vater winkte ihnen mit den -Händen und weinte erschöpft auf; da brachen sie Alle in -Schluchzen aus, das die Orgel übertönte. Mir fiel ein, -daß es gut sein möchte, wenn der löwenhafte Zerreißer -jenes Bandes auch in sich selber die alte Kette zerrissen hätte, -<a id="page-689" class="pagenum" title="689"></a> -die ihn solang als gefesselten Sklaven zwischen uns herumgehen -ließ. Siehe da, der Sklave war stärker als Alle!‘ -</p> - -<p class="tb"> - -</p> - -<p class="noindent"> -Renate befand sich, als die lesende Stimme schwieg, -nicht mehr an dem Tisch gegenüber, sondern in der entlegensten -Ecke des Raums, wohin sie ohne ihr Zutun geraten -war. Dort saß sie im Stuhl vor dem Harmonium, -die Hände lautlos ringend auf dem Deckel, dann und -wann aufblickend unter den Schnitten der Qual, wo in -klar leuchtenden Farben ein Bildwerk hing, eine sitzende -weibliche Gestalt in der Landschaft, an die sie umsonst ihr -wortloses Stammeln richtete. In ihrer übermenschlichen -und namenlosen Aufgabe begriffen, grübelte sie wieder -und wiederum väterlichen Lehren nach, doch nicht ihm -selbst, dessen Namen nicht einmal sie zu denken wagte; -unzähligen seiner Auslegungen um den Kern seiner Lehre, -die ihr zu einer Erkenntnis helfen sollten, und eine ewige -Weile lang schien alles vergebens. Plötzlich sah sie Erasmus -dasitzen, ganz still, den Kopf gesenkt, die Blätter -noch in der Hand, nichts als ergeben, — und mit einem -zuckenden Schrecken spürte sie, daß etwas am Gelingen -war, wie ein Ding, an dem sie würgte und knetete, oder -als hätte das Ungeborene eben gelächelt. Und nun weiter, -weiter in der ganzen wütenden Not und Mühsal und -Verzweiflung und Zerrissenheit des Gebärens, wälzte sie -Glied um Glied und Atemzug um Atemzug näher zum -Leben, was herauf sollte aus dem erstickenden Schlund, — -und endlich mit einem reißenden Schmerzensstrom und -einer sausenden Wonne zugleich, fuhr es, stand es, schwebte -es in das Leben, und es war Demut. -</p> - -<p> -<a id="page-690" class="pagenum" title="690"></a> -Glieder und Odem und Blut aus seliger Demut: ihre -geborene Seele trug sie nun, lallend, weinend, behutsam, -noch ungläubig, — trug sie durch einen Raum weitoffener -Leichte zu jenem Menschen hin, der da saß wie ein stiller -Mönch, und sagte: „Mach du mich rein!“ Ihre Knie -beugten sich tiefer, ihr Nacken bog sich in dieser neuen, -heiligen Wonne der Dienstbarkeit, ihre ausgestreckten -Hände brannten von Eifer und Seligkeit, das reinlich erschaffene -Juwel der Empfängnis hinzulegen. Und so -lag sie wohl auf dem Boden, lächelte, weinte und sagte: -</p> - -<p> -„Ich will dich lieben!“ -</p> - -<h4 class="section"> -Erasmus (Fortsetzung) -</h4> - -<p class="first"> -Als Renate die Augen aufschlug, fühlte sie sich zuerst -sehr müde. Mit einem schwachen Gefühl der Enttäuschung, -daß sie nicht schlief, erinnerte sie sich, die Besinnung -nicht verloren zu haben, und deutlich auch, daß Erasmus -sie aufgehoben und davongetragen, dabei zweimal -nach dem Weg zu ihrem Zimmer gefragt —, ja, daß sie -zuerst gesagt hatte: In mein Zimmer! Sie hatte die -Wände, das Treppenhaus an sich vorbeiziehen sehn, und -nur war das in einer Art Starre vor sich gegangen; ihr -Körper schien Ähnlichkeit zu haben — und vielleicht auch die -Seele, — mit einem von betäubendem Schlage getroffenen -Glied, das empfindungslos geworden ist, und sie meinte -noch jetzt, ihre Hände, ihre Füße, ihren Kopf nicht zu fühlen. -Als sie aber jedes ganz leise bewegte, war es da, nur -äußerst leicht und entfernter als sonst. Und dies — sie -wußte es wohl — diese Leichte, diese Wärme, das war alles -wie damals; damals als er, der sie heute trug, sie zum ersten -<a id="page-691" class="pagenum" title="691"></a> -Mal aus dem Eise befreit hatte ... Daß sie die Augen -geschlossen hatte, als sie niedergelegt wurde, wußte sie, -und bestimmt, daß sie höchstens einige Minuten geschlafen -hatte. Nun sah sie die Fenster ihres Zimmers, das im -Schatten lag, etwas kahles Gewipfel und den Regen, der -leicht niederfiel. Es war hell draußen von entferntem -Sonnenschein, und sie hörte Gezwitscher. Und im Fenster -zur Linken — sie war etwas geblendet — befand sich ein -menschlicher Schatten: Erasmus. -</p> - -<p> -Plötzlich spürte sie die Wärme, in die sie gebettet war, -ja, die ihr ganzes Wesen erfüllte, und daß sie trotz schwerer -Müdheit mit einem unendlichen seelischen Behagen gesättigt -war. Eine von innen quellende Wärme, die duftete -und an die wundervolle Wärme eines uralten Kachelofens -erinnerte mit seinem Holzfeuer und vielen kleinen Darstellungen -aus dem Leben Mosis, im heimatlichen Flor. Sie -meinte, sich weder bewegen, noch einen Laut hervorbringen -zu können, aber das Gewebe der Wärme, aus dem sie -ganz und gar bestand, regte sich so atmend auf und nieder, -daß sie zu fühlen glaubte, wie sie es mit ihren Atemzügen an -sich zog und ausdehnte, und sie dachte: ich bin wie ein Licht. -</p> - -<p> -Die Helligkeit blendete nun nicht mehr, und nachdem -sie ihr Auge von der Steppdecke, mit der sie bedeckt war, -über die Wände mit ihren vielen kleinen, zartfarbenen -Pferdebildern hatte gleiten lassen, ließ sie es an Erasmus -haften, leicht hängen bleibend wie ein Falter. -</p> - -<p> -Er saß auf der Fensterbank mit einem Oberschenkel, -das andre Bein leicht ins Zimmer gestreckt, das ihr der -Tisch vor dem Sofa etwas verdeckte, und sah, etwas vorgebeugt, -nach unten, so daß sie sein Gesicht fast ganz im -<a id="page-692" class="pagenum" title="692"></a> -Profil vor sich hatte. Dabei hatte seine Haltung mit dem -einen auf den Schenkel gestemmten Arm einen Ausdruck -von Ermüdung und großer unbewußter Würde. Und -nun mit immer der gleichen Leichtheit im Bewegen ihres -Blickes alle Linien seiner Züge nachziehend, fand sie, daß -er sonst nicht schöner geworden war. Das Ganze schien -so überaus unglücklich zusammengestellt; das Kinn viel -zu klein, obgleich es an sich recht fein, ja fast zierlich gemeißelt -war; die Oberlippe zu lang wie die Nase, die obendrein -eingedrückt war; und nun erst diese zwei unmäßigen -Buckel der Stirn über den überstarken Augäpfeln, Felsen -gleich, die aneinandergelehnt sind, und die Einbuchtung -zwischen ihnen war oben tief eingegraben, und dort schlug -sichtbar ein Puls. Das mißfarbene Haar war dünn und -auf der Kopfmitte gelichtet; Nacken und Hinterkopf, wie -mit dem Beil geschlagen, zeigten eine einzige lange Linie. -Und trotz allem diesem machte das Ganze keinen abschreckenden -Eindruck; höchstens einen etwas furchterregend anziehenden, -und es gefiel Renate, daß seine Lider, nicht wie -bei anderen Menschen, klappten, sondern sich ruhig und -selten nur legten und wieder hoben. Da war Geduld, Gelassenheit, -Ruhe, und es erinnerte übrigens an Bogner. -</p> - -<p> -Eine Hand neben sich aufstützend, richtete Renate sich -auf, im Bewußtsein berührt von einem sehr zarten Gefühl -für diesen Menschen, und nun überrascht von der -Leichtigkeit, mit der ihr jede Bewegung gelang. Ach, die -schöne Wärme, die mit in Erschütterung gekommen war -und nun an vielen Stellen zugleich quoll und verrieselte! -Sie setzte sich, erfreut, daß es unhörbar gelang, in der Sofaecke -aufrecht, und sagte dann leise nichts als: „Nun?“ -</p> - -<p> -<a id="page-693" class="pagenum" title="693"></a> -Er wandte sich, stand auf und kam an den Tisch, lächelnd -mit einem Schatten von Besorgnis; sehr wohltuend -war ihr dann das innerliche Dröhnen seiner Stimme, als -er fragte, wie sie sich befinde, und ob sie etwas wünsche. -</p> - -<p> -„Befinden?“ sagte sie, „gut. Und wünschen möcht ich -gern, daß du dich wieder hinsetzest wie eben.“ -</p> - -<p> -Er gehorchte lächelnd, nur daß er jetzt den Arm nicht -aufstützte und Rücken und Hinterkopf grade an den Rahmen -des Fensters legte, erhobenen Haupts, und diese Haltung -von Stolz und Geduldigkeit gefiel Renate noch besser. -Ich glaube, dachte sie bei sich, diesen Menschen zu -lieben, ist das Leichteste von der Welt. -</p> - -<p> -Es tat ihr nun alles wohl; ihre Gedanken bewegten sich -sacht, schwebend und doch sicher, nur war sie auf eine angenehme -Weise geteilt in Nähe und Ferne, so daß es eng -war um sie selber und alles andere fern, und daß sie niemals -mehr als einem Gedanken zurzeit nachgeben konnte. Laut -zu sprechen, war nicht gut möglich, aber auch nicht nötig. -</p> - -<p> -„Und nun, Erasmus,“ bat sie nach einem Weilchen, -die Augen schließend, „mußt du mir alles sagen. Ja, jetzt -gleich. Ich will dir sagen, wie ich es meine. -</p> - -<p> -„Es giebt eine alte jüdische Legende vom Tode Mosis. -Gott schickte alle Engel zu Moses, um ihm zu sagen, daß -er sterben müsse, aber er weigerte sich. Da kam Gott selber -und begann, ein Grab zu graben. Und während er -dies tat, erzählte Moses dem Herrn sein Leben.“ -</p> - -<p> -Obgleich sie wußte, daß es auf dem Ofen in Flor von -diesem Vorgang keine Darstellung gab, sah sie deutlich -die alten, dunkelgrünen Kacheln mit den undeutlich gepreßten -Bildchen und darunter das, wo Moses am Berge -<a id="page-694" class="pagenum" title="694"></a> -sitzt; etwas unterhalb der langbärtige Herr tritt eben mit -dem Fuß auf den eingestemmten Spaten. -</p> - -<p> -„Nicht,“ fuhr sie fort, „daß ers wüßte, — denn er -wußte alles. Nicht daß ers wüßte, sondern daß ers einmal -von Angesicht zu Angesicht erführe, so wie’s gewesen -war. Daß ers von ihm, von Mose hörte, der es ja -gelebt. Daß er es einmal sagen könnte; einmal ihm zeigen -könnte, sagen: Also war es ...“ -</p> - -<p> -Erasmus löste seine Haltung, setzte sich wieder vor und -sagte nach einer Weile, während seine Augen schwer wurden -und angestrengt unter der Last der Stirn: „Ich muß -wohl. — Es wird schwer gehn.“ -</p> - -<p> -„Ich will dirs abfragen“, sagte sie sanft, und er nickte -langsam vor sich hin. -</p> - -<p> -„Weißt du, Erasmus, nun habe ich eben gesehn, was -du hast. Ein sehr schönes Ohr. Aber das andre wird -auch so sein. Hier —“ sie zog mit dem Finger den Umriß -in die Luft — „hier oben ist eine sehr schön gebogene -Schleife; dann wirds ganz eingezogen, und das Ohrläppchen -ist sehr lang und gerundet.“ Ja, wie schön, dachte -sie innerlich, in einem so unvollkommenen Gesicht eine so -vollkommene Sache; vielleicht gilt überhaupt nur die und -das andere gar nicht! „Es ist genau,“ schloß sie, „wie -ein großes Fragezeichen, und das muß so sein.“ -</p> - -<p> -Er hatte das Gesicht hergewandt. „Weswegen denn -das?“ -</p> - -<p> -„Na, Ohren, was tun die denn? Sie horchen, sie fragen -doch immer! — Aber nun will ich fragen.“ -</p> - -<p> -Nach einem langen Stillschweigen dann, während es -draußen dunkler wurde und der Regen rauschender fiel, -<a id="page-695" class="pagenum" title="695"></a> -die kleinen Bilder an den Wänden fast ihre Farbe verloren, -begann sie: -</p> - -<p> -„Erasmus, wie warst du als Junge?“ -</p> - -<p> -Es dauerte eine Weile, bis sie ihn sagen hörte: „Zu!“ -und sie dachte, es käme noch eine Ergänzung, aber nichts. -</p> - -<p> -„Und als Jüngling?“ -</p> - -<p> -„Böse.“ -</p> - -<p> -„Und als Mann?“ -</p> - -<p> -Er beugte sich weiter vor und sagte: „Hülflos.“ -</p> - -<p> -„Zugeschlossen“, wiederholte sie leise. „Du durftest -nicht zeigen, was in dir war. Oder du mußtest es heimlich -tun, nicht wahr? Wenn du deiner Stiefmutter etwas -schenken wolltest, so trugst du es in ihr Zimmer, wenn -sie nicht darin war.“ -</p> - -<p> -„Woher weißt du das?“ fragte er erstaunt. -</p> - -<p> -„Ach woher! Ich weiß eben! Dann bist du auch so -langsam gewesen und kamst immer zu spät, und Alle -lachten. Da ließest du es lieber ganz sein. Und keiner, -dachtest du, mochte dich leiden.“ -</p> - -<p> -„Das dacht ich. Mein Vater fürchtete sich vor meinem -Gesicht.“ -</p> - -<p> -„Ja. Und mein Vater hat sich vor dem Großpapa -gefürchtet, es war grad umgekehrt. Und dann war Josef -immer da und viel leichter, nicht? In der Schule fielen -dir die Antworten zu spät ein, und das genügte nicht. -Ach, guter Erasmus, ich sehe deine Kindheit wie einen -kleinen Stern hinter einer schweren Wolke. Nun wird -alles besser werden.“ -</p> - -<p> -„Als aber“, fing sie bald darauf wieder an, „Mathematik -und Naturwissenschaften kamen, da hattest du einen -<a id="page-696" class="pagenum" title="696"></a> -guten Ofen, der wärmte, nicht wahr? Darin warst du -Allen überlegen, und sie fingen an, dich zu achten. Bekamst -du da Freunde?“ -</p> - -<p> -„Erst nicht. Dann Bogner. Der hatte es ähnlich zu -Hause wie ich, wenn auch in andrer Weise. Er machte mir -Zeichnungen, und ich seine Aufgaben. Schließlich lief er -doch weg.“ -</p> - -<p> -„Wobei du ihm halfst. Dann kam das Examen bald, -und du gingst —“ -</p> - -<p> -„Nach Berlin. Da wollt ich allein sein.“ -</p> - -<p> -„Lerntest du da Klemens kennen? Wie war das?“ -</p> - -<p> -„Nicht besonders. Ich ging zuweilen in Arbeiterversammlungen. -Da stand er einmal neben mir, und wir -kamen ins Gespräch.“ -</p> - -<p> -„So. Du kamst in Gespräche ...“ -</p> - -<p> -„Diesmal.“ -</p> - -<p> -„Wie lange bliebst du in Berlin?“ -</p> - -<p> -„Bis zum Verbandsexamen. Dann war ich in Kiel. -Dann in Marburg.“ -</p> - -<p> -„Warum warst du da böse?“ -</p> - -<p> -„Weil ich nicht wollte. Ich wollte niemand kennen, -niemand nützen. Mir lag nur an meiner Arbeit.“ -</p> - -<p> -„Was für eine Arbeit?“ -</p> - -<p> -„Gewisse akustische Phänomene. Beobachtung der -Schallwellen ...“ -</p> - -<p> -„Ach,“ sagte Renate verstehend, „wegen deiner Ohren! -— Was ist daraus geworden?“ -</p> - -<p> -„Nichts. Als ich vor drei Jahren nach Altenrepen -mußte, blieb alles liegen.“ -</p> - -<p> -„Du warst ganz allein?“ -</p> - -<p> -<a id="page-697" class="pagenum" title="697"></a> -„Ja. Ich lief in den Wäldern herum und fluchte.“ -</p> - -<p> -„Und dann kamst du in die Fabrik?“ -</p> - -<p> -„Nein,“ sagte er, sich abwendend, „da kam ich erst -nach Flor.“ -</p> - -<p> -Renate zitterte bis in die Füße. Nun gedachte sie erst -wieder, daß es dieser Mensch war, dieser, der sein Wesen -immer in einen furchtbaren Knoten geschlungen trug, und -der sich einmal an ihr Leben gelegt hatte wie an eine -Giftwunde und gesogen; im höchsten Augenblick aus allen -Enden der Glieder zurückgesogen hatte das Gift wie ein -Allmächtiger. Aber der Knoten blieb ungelöst und mußte -zerhauen werden. -</p> - -<p> -Es dauerte lange Sekunden, bis sie fragen konnte: -„Wie war das — in Flor?“ -</p> - -<p> -Da er abgewandt blieb, hörte sie seine Stimme undeutlich. -Er könne es nicht sagen. Er hätte keine Worte -dafür. Es sei dumpf gewesen. -</p> - -<p> -„Als ich wieder aufgewacht war,“ sagte Renate mit -mehr Sicherheit, „da konntest du nicht kommen und sagen: -Du gehörst mir!?“ -</p> - -<p> -Ja, wie denn? Ob sie ihm denn gehört hätte? Wenn ein -Mensch ins Wasser fiele und ein Andrer hole ihn heraus ... -</p> - -<p> -„Ach, das paßt aber doch gar nicht, Erasmus! Ins -Wasser springt es sich leicht. Dazu gehört nur Schwimmenkönnen -und etwas Mut. Ins Wasser wäre Josef -auch gesprungen.“ -</p> - -<p> -„Vielleicht“, gestand er, „glaubte ich, du würdest mirs -ansehn.“ -</p> - -<p> -„Ja, da hattest du recht. Damals war ich blind, und -nun sehe ich.“ -</p> - -<p> -<a id="page-698" class="pagenum" title="698"></a> -„Es hat so sein müssen.“ -</p> - -<p> -„Und so blieben wir aneinander gebunden. Als wir -uns wiedersahn in Altenrepen, was dachtest du da?“ -</p> - -<p> -„Daß meinem Bruder kein Mensch widerstanden -hatte.“ -</p> - -<p> -Renate schwieg. „Viel fehlte ja nicht. Wenn er nicht -zwei Schatten gehabt hätte ...“ -</p> - -<p> -„Zwei, Renate?“ -</p> - -<p> -„Zwei Schatten, dicht nebeneinander, wie wenn Licht -brennt am Tag. Glaubst du an Doppelgänger? Ich -glaube, es war einer.“ -</p> - -<p> -„Bei Josef war alles möglich.“ -</p> - -<p> -„Ich sagte es keinem, nicht einmal mir selber richtig. -— Und dann ging Josef, und du dachtest —“ -</p> - -<p> -„Er wird bald wiederkommen.“ -</p> - -<p> -„Ja, du glaubtest immer an alles, außer an dich.“ -</p> - -<p> -„Er kam auch nach anderthalb Jahren.“ -</p> - -<p> -„O das hast du gewußt?“ -</p> - -<p> -„Ja. Es war so ein Zufall, wie sie sein müssen.“ -</p> - -<p> -„Wann denn?“ -</p> - -<p> -„Einmal — du warst im Garten, mit Saint-Georges -erst, dann allein. Du gingst zum Zaun und kamst nicht -wieder. Ich sah alles vom Fenster. Dann mußte ich dir -nachgehn. Ich wußte schon, wer da war. Und dann sah -ich euch, wie ihr auf der Schaukel wart.“ -</p> - -<p> -„Und als ich zum Abendessen heraufkam, warst du -wie immer ...“ -</p> - -<p> -„Du auch. Man beherrscht sich ja.“ -</p> - -<p> -„Ja, wir Menschen sind wunderlich ... Und was kam -dann?“ -</p> - -<p> -<a id="page-699" class="pagenum" title="699"></a> -Renate konnte nicht verstehn, was er sagte, oder ob er -schwieg, denn in dem Augenblick brauste der Regen schallend -auf, eine, zwei Sekunden lang, worauf er ebenso -schnell sanft wurde, verhallte, und gleich darauf hörte sie -nur lautes Tröpfeln. In der Ferne, wo sie den Himmel -blau sah im Fenster, ging die goldene Gestalt einer Sonnenhelle -wandernd einher und winkte nach allen Seiten, -daß der Regen aufhöre. Renate mußte lächeln. -</p> - -<p> -Wenn ich nur wüßte, dachte sie, wie einer Frau zumute -ist, die geboren hat! Auch erst so kalt und steif, wie als -Erasmus mich trug, und dann so gewichtlos und warm? -</p> - -<p> -„Komm zu mir!“ bat sie mit schwacher Stimme. Er -kam und mußte sich auf den Stuhl neben ihr setzen, worauf -sie seine eine Hand nahm und hielt. Sie war trocken, -warm, beinah glühend, und sie dachte: Ach, aber die muß -man kühlen! — Warm, fiel ihr ein, wenn uns friert, und -kühl, wenn uns glüht, denn er ist beides. — Wer hatte -denn das gesagt? Jason wohl, es klang so nach Jason. -Derweil befühlte sie mit unmerklichen Drucken die große -Gliederung dieser Hand, betrachtete auch verstohlen ihre -Bildung. Sie war sehr derbe, die Fingernägel ganz rund, -unedel — bis auf den Daumen, der für sich allein aussah -wie — Renate fiel ein — ein Konnetabel von Frankreich. -Sie schloß nun die Hände um das ganze, große und gestaltete -Werkzeug und fand endlich die leise Frage nach -Josefs Tod: -</p> - -<p> -„Gab es nur die eine Lösung?“ -</p> - -<p> -Es zuckte sofort in der Hand. Die Stimme des Menschen, -zu dem sie gehörte, und den Renate neben sich kaum -noch erblicken konnte, sagte: -</p> - -<p> -<a id="page-700" class="pagenum" title="700"></a> -„Ja. Wenn es eine war. Immerhin — ich bin frei -geworden. Sogar mein Verstand —“ Sie hörte ihn unbehülflich -lachen. -</p> - -<p> -„Wie meinst du das?“ -</p> - -<p> -„Es war alles locker geworden.“ In der Hand liefen -Wellen, die an ihren Händen zuckten und zerrten, immerfort -hin und her. „Vorher war das — wie Gänge. Aus -einem konnte man nur in den nächsten. Erst waren die -Naturwissenschaften. Nein, erst war Josefs Mutter. -Dann lange Zeit nichts, und das war schlimmer. Dann -wie gesagt ... Dann das Studium, und meine Arbeit; -dann Altenrepen, die Fabrik. Und du auch. Immer ein -Gang und eine Höhle. Es war immer niedrig, ganz eng, -ich konnte eben drin hingehn. Es war alles vorgeschrieben, -und — auch Lesen, Spaziergänge — das war nur, wie -wenn ich die Hand hob und an der Decke kratzte.“ -</p> - -<p> -Er schwieg — und fuhr wieder fort mit einem Stoß. -</p> - -<p> -„Nun war die Decke fort. Der Himmel sah nicht herein. -Der Tote sah herein, und wir sprachen miteinander. Erst -im Traum nur. Dann auch ... Wir hatten uns ja sonst -niemals schlecht vertragen die letzten Jahre; und er war -allzeit großartig gewesen und trug nichts nach. Nun war -auch immer etwas Hinterlist dabei, so wie er sonst nicht -war. Und er wollte mir beweisen, daß ich ganz recht getan -hatte. So war Josef.“ -</p> - -<p> -Es kam nichts mehr. Renate sagte: „Weiter, Erasmus!“ -die Hand festhaltend wie ein warmes Tier, das -immer davonwill. -</p> - -<p> -„Wir verglichen,“ stieß er sich wieder vorwärts, „wir -verglichen mein Leben und seinen Tod. Immer fehlte etwas -<a id="page-701" class="pagenum" title="701"></a> -bei mir am Gewicht. Ich dachte, ich würde verrückt. -Wir hockten da beieinander und suchten und fanden es -nicht.“ Er stockte. -</p> - -<p> -„Das hat lange gedauert. Alte Begriffe sitzen sehr fest -an einem. Es giebt so eine Konchylie, die am Bauch der -Schiffe sich festsetzt und steinhart wird. Man muß sie mit -der Axt abschlagen. Und man hat so gelernt: Tod muß -mit Tod bezahlt werden. Aber das war locker geworden, -und ich dachte: Stimmt das? Ein Mann hat einen andern -erschlagen, und das Volk sagt: Gerechtigkeit! er muß -auch sterben. — Wenn nun die Gerechtigkeit erfüllt wird, -so empfindet das Volk Genugtuung. Ich arbeitete so mit -Schlüssen. Es empfindet Genugtuung über die Gerechtigkeit, -und das stellt sich dar in Genugtuung über einen -zweiten Mord. Ist das gut? Nein. Aber der getötet hatte, -empfand auch Genugtuung. Heben die beiden sich auf? -Die Algebra sagt: Minus mal Minus giebt Plus. -</p> - -<p> -„Ja, so hab ich gerechnet“, fuhr die immer mehr dröhnende -Stimme fort, während die Hand in Renates Händen -feucht wurde und klebend. „Und dann fiel mir ein: -Gott machte an Kain ein Zeichen, und keiner durfte ihn -anrühren. Unstet und flüchtig heißt es. Er wollte also -keinen zweiten Mord. Er wollte, ich soll unstet leben.“ -</p> - -<p> -Renate sagte leise: „Und dein Vater? Er hatte doch -ver—“ -</p> - -<p> -Sie endete nicht, da er seine Hand aus den ihren nahm, -um eine abwehrende Bewegung zu machen. -</p> - -<p> -„Er — ja, für sich! Aber für mich, und Josef, und -die Welt? Nein, soweit war das schon richtig mit Gott.“ -Er sprang auf und stellte sich irgendwo im Zimmer auf, -<a id="page-702" class="pagenum" title="702"></a> -unsichtbar hinter Renate, deren Hände plötzlich aufatmeten. -</p> - -<p> -„Aber nun das mit dem unsteten Leben“, hörte sie -seine Stimme verdeckt und sah, sich ein wenig wendend, -ihn an der Wand stehn, eine Faust darauf und auf sie die -Stirne gelegt. Sie sah wieder fort. -</p> - -<p> -„Wie soll man sich das vorstellen? Es war doch ein -langes Leben wohl? Wovon lebte er denn? und wie? -Immer auf der Flucht? Da dacht ich: das sind so menschliche -Vorstellungen. Die Menschen erraten zuweilen etwas, -es blitzt etwas auf, so das mit dem Zeichen, das Gott -machte. Weiter wissen sie dann nicht, und das war eben das -Wichtige. Er sühnte so — und es ging sie ja auch nichts an.“ -</p> - -<p> -Nun sprach er schneller und immer heftiger weiter. -</p> - -<p> -„Ich hab das immerzu gedacht. Gerechtigkeit ist so -ein irdischer Begriff. Er kommt vom Wert. Jedes Ding -wird gleich gewogen mit einem zweiten, und Gerechtigkeit -läßt sich kaufen. Früher kauften sie auch Frauen, und es -giebt Länder, wo Blut mit Gold bezahlt wird. Hilf mir -doch weiter!“ stöhnte er plötzlich, und erschrocken sich umwendend -sah sie ihn in einer seltsamen und furchtbaren -Haltung vor dem Schrank, die Stirne ganz tief dagegen -gesenkt und mit ausgebreiteten Händen auf und nieder -gleitend an den Kanten, — so wie ein Tier, das irr geworden -ist von Gefangenschaft. Renate war gleich darauf -bei ihm, er ließ sich aufrichten, legte seinen Kopf auf ihre -Schulter und blieb so eine Weile. Plötzlich machte er sich -dann los, setzte sich in Bewegung und redete vor sich hin, -auf und ab gehend, und ohne die gesenkten Augen und den -Kopf zu erheben; die Hände griffen dabei. -</p> - -<p> -<a id="page-703" class="pagenum" title="703"></a> -„Die Rechnung stimmt eben nicht. Jedes Ding ist einzig. -Das Volk denkt: Wenn mein Weib stirbt, nehm ich -ein andres. Das hab ich immerzu gedacht. Kann Gott -— ich meine: wenn es einen giebt und er hat eine Gerechtigkeit, -kann sie auch so —? -</p> - -<p> -„Nein. Für ihn ist alles einzig und unersetzlich. Ist -das menschlich zu wägen? Nein, hin ist hin. -</p> - -<p> -„Aber dann dacht ich: kann der Mensch nicht etwas -tun? Nehmen und dann wiedergeben, und wenns ihm -auch sauer wird, ist doch keine Leistung. Was aber noch? -Ich dachte: der Mensch kann <em>mehr</em> tun.“ -</p> - -<p> -Renate hatte sich auf den Stuhl am Tische gesetzt und -die Hände darauf gefaltet. „Das hast du gedacht?“ -fragte sie ergriffen. -</p> - -<p> -„Es ergab sich so. Man muß rechnen, und man muß -immer weiter denken. Früher, wie gesagt, war da Gang -und Höhle, und so ist es mit dem Denken: links, rechts, -rechts, links, und dann die Wand. Nein weiter: oben — -unten ...“ -</p> - -<p> -Stehen bleibend, sah er Renate mit jenem beschränkten -und unbeholfenen Frageblick an, den sie kannte. „Mußtest -du immer denken?“ fragte sie behutsam. Er begann -wieder zu gehn. Erst nach einer Weile rief er: -</p> - -<p> -„Na ja, was denn, was denn? Denken, der Mensch -muß denken! Langsam kommt man vorwärts, und ich -trat immer auf dieselbe Stelle und sah mich um. So -muß mans machen. -</p> - -<p> -„Also nun das Mehr-tun. Wie fängt man das an? -An den Menschen ist freilich immer zu tun, aber —“ er -brach enttäuscht ab. „Ihnen ist ja nicht zu helfen!“ -</p> - -<p> -<a id="page-704" class="pagenum" title="704"></a> -„Ich meine, versteh mich recht,“ fing er gleich wieder an, -„nicht auf meine Weise! mit meinen Mitteln! Was läßt sich -denn ausrichten? Ich hab doch nur Geld. Was kann man -machen? Wenn ich alles verteilt hätte, wenn ich jedem so -viel gegeben hätte, ich meine jetzt: meinen Arbeitern, daß er -so viel hatte wie ich selbst, das wäre doch ungerecht gewesen! -Dann hätte ich doch zu wenig bekommen! Und was kann -man sonst tun? Da sind überall die Gleise: Krankenhäuser, -Pensionen, und bessere Wohnungen, und dergleichen —“ -Er schöpfte Atem. „Was ist denn damit gedient? -</p> - -<p> -„Man kann immer nur flicken. Das ist ja auch alles -nicht der Rede wert, das war ja für mich alles viel zu -wenig, da bin ich auch bald abgekommen. Ich habe einfach -— gerechnet! Ja!“ schloß er mit großer Bestimmtheit, -vor Renate stehend mit schwerem, aber fast zufriedenem -Blick. Und nun sprach er schnell weiter: -</p> - -<p> -„Einem hab ich genommen, einem muß ich geben. Das -Dasein hier, das ist ganz aufgebaut auf Zwein. Zwei -machen die Zeugung, ohne die steht alles still. Zwei sind -das Letzte. Wer Allen was tun will, der muß sein — wie -Christus. Ich meine: so einer kann ihnen doch nur mit -der Seele helfen. Das ist doch klar! Ja, die Mathematik, -wer die begreift, das ist eine göttliche Kunst! Es giebt -eine Zahl darin, laß dir sagen,“ redete er inständig, doch -scheinbar ohne sie recht zu sehn, auf Renate ein, „das ist -die Null. Die verzehnfacht jede Zahl, wenn man sie dahinter -stellt. Ist das nicht ein Geheimnis? Wie macht sie -das? Durch ein andres Geheimnis, nicht wahr? Null -ist nämlich in der Mathematik gleich Unendlich!“ schloß er -mit ausgestrecktem Zeigefinger vor Renate hin. -</p> - -<p> -<a id="page-705" class="pagenum" title="705"></a> -„Null ist gleich Unendlich. Und das Unendliche in -Verbindung mit einem Endlichen wirkt in endlicher -Weise, und mit einem Irdischen in irdischer Weise. Die -Kraft des Unendlichen wirkt durch Verzehnfachen, Verhundert-, -Vertausendfachen. An sich ist sie nichts, ist Null, -für uns, ja für uns Null. Oder <span class="antiqua">x</span>, die Unbekannte. Null -ist gleich <span class="antiqua">x</span>. In jeder Aufgabe, die sich löst, muß <span class="antiqua">x</span> gleich -Null sein.“ -</p> - -<p> -Renate bemühte sich, mit dem offenen Blick des Verstehens -und Einverständnisses an diesen, jetzt quellenden -und glühenden Augen zu hängen, ohne doch dabei sie, die -verwirrenden, richtig zu sehn; und sie klammerte sich an -etwas, das ferne hinter ihnen, und hinter all diesem -Sinnlosen und wieder Sinnreichen, zu dämmern schien -wie ein Auge voll großer Vernunft. -</p> - -<p> -„Aber“, sprach er weiter, „wenn du nun Übertragungen -vornimmst auf die menschlichen Zustände, so gehts wie -mit allen Übertragungen des Göttlichen: es geht immer -nur bis zu einer gewissen Grenze. Ich stand gleich vor -einer Schranke, vor zwei Schranken, ja, und hinter jeder -warst du!“ -</p> - -<p> -Er rief ihr das zu — so wie man einem etwas ins Gesicht -ruft, damit er endlich begreift, und erst hinterher -schien ihm bewußt zu werden, was das denn hieß, denn -er brach ab, legte das Gesicht auf die Seite und versuchte -zu lächeln, ohne Renate anzusehn, auf sehr traurige Weise. -— Sie sagte nur: „Weiter, Erasmus!“ und als hätte es -nichts weiter gebraucht als das, war er wieder in Erregung -und sprach, jedoch ohne sie anzusehn, gegen den -Tisch: -</p> - -<p> -<a id="page-706" class="pagenum" title="706"></a> -„Die eine Schranke war so. Einem Menschen hatt’ -ich genommen, einem andern mußte ich geben. Was? -Das Leben. Ja, mein Gott, was solltest du mit meinem -Leben? Damals warst du krank. Was sollte ich tun? -Konnt ich wie damals? Wenn ich kam, liefst du weg und -schriest —“ -</p> - -<p> -Er verstummte. Sie konnte die Augen nicht offen -halten, schaudernd vor der Erinnerung an ein Tier, an -den Tiger, der ihr damals zuweilen Entsetzen eingeflößt -hatte. -</p> - -<p> -„Weiter, Erasmus, weiter!“ flehte sie. -</p> - -<p> -„Das war die eine Schranke. Die andre war das Unendliche. -Wie läßt es sich binden? Kann man hineingehn? -Ja, kannst du denken, was ich damals beabsichtigt, -ganz ernst beabsichtigt habe?“ -</p> - -<p> -Die Augen öffnend, fand sie die seinen wieder darauf -eingestellt, fragend. -</p> - -<p> -„Ja, Erasmus,“ sagte sie, in einem Blitz erratend, „du -wolltest Mönch werden.“ -</p> - -<p> -„In ein Kloster gehn. Aber es paßte doch gar nicht. -Ich muß tätig sein. Was sollte ich anfangen in einer -Zelle?“ -</p> - -<p> -„Also einen andern Weg? Also zu einem Menschen? -Da war wieder die Schranke, — und du!“ endete er unsicher. -</p> - -<p> -„Ich weiß“, sagte sie sanft. Aber wie weiter? Was -nun? -</p> - -<p> -Es verging eine Zeit, und sie sah ihn nun wieder wie -im Anfang auf der Fensterbank sitzen, nur viel erschöpfter, -den Kopf angelehnt, das hagere Gesicht durchglüht und -<a id="page-707" class="pagenum" title="707"></a> -beperlt, ein Taschentuch in den Händen, das er unbewußt -zusammendrückte und zog. -</p> - -<p> -„Erasmus,“ fragte sie, „glaubst du an Gott?“ -</p> - -<p> -„Ach,“ versetzte er ablehnend, „wer kann das wissen! -Man glaubt und auch nicht. Die meiste Zeit des Lebens -geht ohne ihn hin, und eines Tages, wo man ihn haben -müßte, ist er verloren. Ganz recht, denn das wäre was, -sich das halbe Leben nicht um ihn kümmern, und dann -plötzlich, wenn man ihn braucht. Er wird sich um uns -auch nicht kümmern.“ -</p> - -<p> -„Ja, aber wozu dann —“ fragte sie in plötzlicher und -dunkler Ahnung eines ablenkenden Wegs. -</p> - -<p> -Er setzte sich härter und gerader fest. „Wenn es einen -giebt, muß er schon so groß sein, daß er sich um uns nicht -bekümmern kann!“ sagte er verächtlich. -</p> - -<p> -„Wirklich, ach! Was du nicht sagst!“ rief sie entschlossen, -jetzt ganz leicht zu reden. „Ich glaube, an -dieser Stelle hättest du getrost auch weiter denken können.“ -</p> - -<p> -„Wieso?“ -</p> - -<p> -„So groß“, sagte sie, „kannst du dir Gott denken, daß -er deiner nicht achtet. Warum dann, Erasmus, warum -nicht noch um so viel größer, daß er deiner doch achtet? -Wie wird denn die Größe bei dir gemessen? Wäre das nicht -erst wahrhaft Größe: so groß — und doch deiner achtend?“ -</p> - -<p> -„Das wäre!“ sagte er tief und sah sie mit Staunen -an. „Das läßt sich ja begreifen!“ -</p> - -<p> -„Und das Unendliche,“ fragte sie voll Hast weiter und -innerlich schon triumphierend: „wenn es das giebt, hat -es einen Anfang? oder ein Ende?“ -</p> - -<p> -„Nein.“ -</p> - -<p> -<a id="page-708" class="pagenum" title="708"></a> -„Kannst du also am Anfang oder Ende stehn?“ -</p> - -<p> -„Nein.“ -</p> - -<p> -„Also wo!“ -</p> - -<p> -„Mitten.“ -</p> - -<p> -„Und das Unendliche selbst, wo kann es nur sein?“ -</p> - -<p> -„In mir.“ -</p> - -<p> -„In dir, Erasmus, ja in dir! Der Kreis, der ewige -Kreis, der du bist, und dessen Umlauf nirgend, und dessen -Mitte allüberall ist. Wie konntest du denn — ach, nun -fällt mir etwas ein, es ist zum Lachen, aber höre nur! -Neben unsrer Kleinbahn bei Flor standen in Abständen -auf dem Damm immer Pfähle mit einem wagrechten -Brett oben, wie Wegweiser, die senkrecht weg von der -Bahn zeigten, und darauf war das mathematische Unendlichkeitszeichen -gemalt — so!“ Sie malte mit dem -Finger die liegende Acht in die Luft. „Und ich weiß noch, -wie ich zu Papa gelaufen kam, als ich das Zeichen gelernt -hatte, außer mir, weil da überall Wegweiser standen -mit dem Zeichen. Hier gehts zur Unendlichkeit! nicht -wahr? und natürlich hatten sie recht, da alle Wege in -sie münden. Aber in Wirklichkeit: liegt es denn da draußen -irgendwo, das Unendliche? Und sahst du nicht immer -nach oben oder unten, nach draußen, um es zu finden? -Was also hättest du tun müssen statt dessen?“ -</p> - -<p> -Gott erhalte mir jetzt meinen Verstand, betete sie inbrünstig -und nahm all ihren Scharfsinn zusammen, dieweil -sie ihn antworten hörte: „Nach innen sehn!“ und hinzusetzen, -ungläubig: „Aber — da war doch nichts!“ -</p> - -<p> -„Nichts, Erasmus? Mit dir hat man seine Not! Wo, -sagtest du eben, sei das Unendliche?“ -</p> - -<p> -<a id="page-709" class="pagenum" title="709"></a> -„In mir.“ -</p> - -<p> -„Und in welcher Gestalt? göttlicher oder menschlicher?“ -</p> - -<p> -„Menschlicher.“ -</p> - -<p> -„Die wie aussieht, du sagtest es vorhin?“ -</p> - -<p> -„Wie eine Null.“ -</p> - -<p> -„Und die was tut in Verbindung mit der Zahl?“ -</p> - -<p> -„Verzehnfacht.“ -</p> - -<p> -„Was ist verzehnfachen? Ich meine: wie nennt man -— etwas, das verzehnfachen kann?“ -</p> - -<p> -„Eine Kraft.“ -</p> - -<p> -„Also stellt das Unendliche sich menschlich dar in einer -gewaltigen Kraft, die verzehnfacht. Hast du einen Namen -für solche Kraft, wenn du sie dir vorstellst?“ -</p> - -<p> -Er zauderte. „Du meinst — Liebeskraft.“ -</p> - -<p> -„Ja, Erasmus, Liebeskraft, ja, das ist die Kraft des -Unendlichen, durch die sie Wesen hat und waltet! Hast -du sie nicht gehabt?“ -</p> - -<p> -„Ich glaube ...“ -</p> - -<p> -„Ach, du glaubst! Nun, und was tut man mit ihr?“ -</p> - -<p> -„Man — man soll sie anwenden.“ -</p> - -<p> -„An wen?“ -</p> - -<p> -„An Menschen.“ -</p> - -<p> -„Was für einen Menschen?“ -</p> - -<p> -„Der sie braucht.“ -</p> - -<p> -„Kanntest du solch einen?“ -</p> - -<p> -„Ja.“ -</p> - -<p> -„Wer war denn das?“ rief sie, fast zerrend an seiner -Langsamkeit. -</p> - -<p> -Seine Augen verdrehten sich etwas. „Du.“ -</p> - -<p> -„Nun? Und nun?“ -</p> - -<p> -<a id="page-710" class="pagenum" title="710"></a> -Er schüttelte den Kopf. „Aber — Renate! Da ist ja -wieder die Schranke.“ -</p> - -<p> -„Nun Gott sei gelobt,“ sagte sie strahlenden Auges, -„das war alles, was ich wollte!“ -</p> - -<p> -Da begriff er. Sie erhob sich langsam, während er -auf sie zukam, und sagte: „Sollt ich nicht auf meine Art -auch beweisen, Erasmus?“ -</p> - -<p> -Er nahm ihre Hände und legte sie sich auf die Schultern. -„Du verdrehst es nur so“, meinte er stockend. -</p> - -<p> -Plötzlich schlug ihr Herz wie im Fieber, und Müdigkeit -nach der Anspannung des Denkens schwemmte heiß -über sie hin. Sie legte einen Augenblick die Stirn gegen -seine Schulter, stand auf einmal in ihrem Schlafzimmer, -am Fußende des Bettes, und dachte besinnungslos nur: -War das der Anfang — —? -</p> - -<p> -Sie ging um das Bett, setzte sich auf die Decke, und -in einem Schwindelgefühl erschien ihr Jason in ebendem -Bett, auf dem sie saß, wie er krank darin lag vor Jahren. -Sie und Magda saßen abwechselnd bei ihm und hörten -ihn endlos aufsagen aus der Abgründigkeit seines Gedächtnisses. -</p> - -<p> -Ja, dachte sie weiter, ich muß ihn reden lassen, immer -wieder, und ihn immer wieder auf einen andern Weg -bringen, bis er sich ausgeschöpft hat. -</p> - -<p> -Wenn er sich ausschöpfen läßt! entgegnete unhörbar -eine Stimme. -</p> - -<p> -Oder bis er es müde wird. Denn, setzte sie auflächelnd -hinzu, außerdem wird noch das Leben sein, und alles — -</p> - -<p> -Sie vermochte nicht zu Ende zu denken, gab, verspürend, -daß sie umsank, langsam nach, lag und zog auch die -<a id="page-711" class="pagenum" title="711"></a> -Füße herauf. Ihre Augen fielen zu, sie glühte und gab -sich der Müdigkeit hin mit einem Seufzer der Lust. Noch -hörte sie die Stille und draußen das unablässige Aprilgezwitscher -der Vögel, und sie dachte in der Erinnerung -Jasons: -</p> - -<p> -Er hat es überstanden, — und du und ich, wir werden -es auch überstehn. — — -</p> - -<p> -Damit entschlief sie. Sie fuhr aber schon Augenblicke -danach mit einem zuckenden Schrecken empor und saß aufrecht. -Sie horchte; nebenan war Stille. Eine halbe Minute -wohl saß sie so, keinen Laut vernehmend als den -dumpfen Schlag ihres Herzens und das ferne Klappern -einer Dachrenne. Etwas — mußte nebenan sein, und da -sie doch die Vorstellung hatte, das Zimmer sei leer, dachte -sie besinnungslos: er hat sich hinausgestürzt! mehrere -Male; vor Augen das offene Fenster dort. Der Schlag -ihres Herzens trat in ihre Kehle, sie schluckte und atmete -behutsam. -</p> - -<p> -Und behutsam nahm sie die Füße vom Bett, dabei -entdeckend, daß sie ihr Kleid nicht mehr anhatte und weiß -war in Unterrock und Leibchen. Ihr fröstelte; aber in -dem Augenblick, wo sie leise aufstehn und zur Tür gehen -wollte, wußte sie, daß er dahinter stand, und rief schon: -„Erasmus!“ angstvoll blickend zur Tür, bis zu der das -Fußende des Bettes reichte. -</p> - -<p> -Die ging auf, und er kam herein. Ohne sie anzusehn, kam -er um das Bett und stürzte vor sie hin, umschlang ihren -Leib, wühlte die Stirn in ihren Schoß, ächzte und schluchzte, -auf und nieder geworfen von Stößen, daß sie ihn kaum zu -halten vermochte. Aber sie preßte ihn an sich mit aller -<a id="page-712" class="pagenum" title="712"></a> -Kraft, küßte ihn, weinte und stammelte, was ihr einfiel: -„Ja, ja, Erasmus, ja! O mein Gott, ich hab zu wenig -getan, das war ja nichts, ich weiß, ich hab es ja gewußt! -Sag mir, was ich tun soll, ich will alles tun! Sag doch, -o sag doch!“ -</p> - -<p> -Langsam wurde es in ihm stiller. Er hob den Kopf -hoch, sah sie an mit unseligen Augen und sagte: „Gieb -mir —“ -</p> - -<p> -Er brachte nichts weiter heraus, setzte zwei- und dreimal -zum Sprechen an, und indem hatte sie erraten, was -er wollte, und schrie, sein Gesicht an die Brust drückend: -„Die Kinder!“ -</p> - -<p> -Und weiter mit immer erneutem Pressen und Küssen -und an sich Drücken flüsterte sie in ihn hinein, jagend in -Worten, von denen sie kaum wußte: „Die Kinder, ja, ja, -ich hab es ja gewußt, nur das kann uns retten! Warte -nur, o wart nur ein wenig, bald, bald, es geht ja schnell, -und wir wollen gleich — — Erasmus! Willst du gleich? -Jetzt! Heut nacht, heut, o ich will dich lieben!“ schrie sie -brennend, „ich will dich lieben wie Gott, und dann kommen -sie, du wirst sie bald hören, das Neue, Erasmus, das -neue Leben, das nichts weiß! Ach!“ weinte sie, „wenn du -nur erst sein Herz in mir schlagen hörst! Ach, wenn du -fühlst, wie es sich bewegt, dann wird es ja gut werden. -Dann wird es ja gut werden!“ -</p> - -<p> -Sie hob sein Gesicht mit beiden Händen, damit er sie -ansähe, strömend von Tränen, durch die seine Züge dunkel -und verschwommen erschienen wie in Wasser. Aber er sah -sie nicht an, er schien über ihre Schulter ins Leere zu starren -oder in die Ferne, und so sagte er dann: -</p> - -<p> -<a id="page-713" class="pagenum" title="713"></a> -„Ja. Aber — — und dann ...“ -</p> - -<p> -„Was denn, Erasmus? was denn?“ -</p> - -<p> -„Dann muß man — es — sagen ...“ -</p> - -<p> -„Sagen? Was sagen, Erasmus, wem denn?“ -</p> - -<p> -In seine Augen trat ein entsetzlicher Ausdruck von -Lüsternheit, mit dem er flüsterte: „Mein Sohn ...“ -</p> - -<p> -Sie erriet. Sie schrie: „Um Gottes willen, Erasmus, -was willst du —“ -</p> - -<p> -„Wenn er soweit — ist ...“ -</p> - -<p> -„Nein, Erasmus!“ jammerte sie, „nein, nein!“ -</p> - -<p> -„Dann will ich ihm sagen — dein Vater — ist —“ -</p> - -<p> -„Nein, du tötest uns, Erasmus, nein!“ -</p> - -<p> -„Mörder —“ -</p> - -<p> -„Du bist es ja nicht! Lieber, Lieber! du bist es ja nicht!“ -klagte sie. -</p> - -<p> -„Und dann — — wenn ers — erträgt ... Wenn — -ich — einen Sohn — habe —“ sagte er langsam, „der es — -erträgt, dann — ist es gut.“ -</p> - -<p> -Er sank an ihr nieder, erschöpft, sein Gesicht fiel auf -den Bettrand, und sie saß leise weinend daneben, mit der -Hand über sein feuchtes Haar streichend, und verstand, -daß es so sein mußte. Es sei denn, das Leben selber -brauchte seine Gewalt. -</p> - -<p> -Er stand von den Knien auf, wandte sich ab und ging -zum Fenster, wo seine Gestalt den schmalen Raum ganz -verdunkelte. Aber draußen war Helle, und Renate konnte -aus ferner Höhe die leise Drosselstimme der Kindheit -schlagen hören, friedfertig in Pausen, durch die Stille. -</p> - -<p> -Es war Charfreitag; Ostern stand bevor. -</p> - -<div class="chapter"> - -<h3 class="chapter" id="subchap-0-3-6"> -<a id="page-714" class="pagenum" title="714"></a> -Sechstes Kapitel -</h3> - -</div> - -<h4 class="section"> -Bogner/Klemens -</h4> - -<p class="first"> -Georg, ergeben und hoffnungslos hinter Renate über -das Rasenoval wandernd, sah die drei Ankömmlinge und -daß Renate sich einem von ihnen gesellte und mit ihm die -Freitreppe hinaufging. Aber mit abirrendem Auge erkannte -er Bogner. Der streckte die Hände aus, und Georg -lief eilfertig und fast mit einem Jauchzen der Erleichterung -in die Arme, die er sich ausbreiten sah. -</p> - -<p> -Auch in Bogners Augen, als der ihn hielt und betrachtete, -war eine tiefere Zärtlichkeit; aber Georg fühlte -sich so aufgeregt und erweicht von dem unvermuteten -Wiedersehn, daß es ihn mit Tränen bedrängte; daß er, -für Augenblicke sprachlos, die Umgebung in Kreisen sah -und innerst erbebend dachte, sein Vater sei wiedergekommen. -</p> - -<p> -Wieder aus seinen Armen gelöst, erkannte er in dem -großen Fremden, mit dem Renate eben in der Glastür -oben verschwand, Erasmus Montfort und gleich darauf -in dem Andern, überaus Schwarzbärtigen, Klemens. -Sein Bart war zehnmal so groß, als er ihn im Gedächtnis -hatte. Er schüttelte ihm nun die Hand, fühlte sich aber -von Bogner, der Klemens zuplinkte, beiseite gezogen. -</p> - -<p> -„Pst!“ raunte er, „Achtung! Er hat keine Ahnung!“ -</p> - -<p> -„Wer? Klemens? Wovon?“ -</p> - -<p> -„Von Irene. Daß sie hier ist.“ -</p> - -<p> -„Ah! So. Ja, was macht man da? Sie wird mit -der Anna in Böhne sein.“ -</p> - -<p> -<a id="page-715" class="pagenum" title="715"></a> -„Gar nichts. Es wird sich schon zeigen.“ -</p> - -<p> -Sie wandten sich Klemens wieder zu, und Georg fragte -ihn, indem er sich doch wundern mußte, wie die Drei so -zusammen gekommen waren, nach Erasmus. -</p> - -<p> -„Wir sind zu Fuß gekommen,“ sagte Klemens, „und -suchten Bogner auf, um uns herführen zu lassen.“ Er -wollte noch mehr sagen, aber ein Regenschauer ging so -jählings über sie herunter, daß sie auseinanderfuhren, -worauf Georg jeden bei einem Arm nahm und mit ihnen -die Terrasse empor ins Gobelinzimmer lief. Egloffstein, -immer bereit, hielt die Tür schon offen. Ob die Damen -schon aus der Stadt zurück seien, fragte Georg. — Noch -nicht. — „Um so besser, dann kriegt ihr ihr Frühstück! -Sagen Sie auch gleich in der Küche an, Egloffstein, daß -noch eine Gans geschlachtet wird. Ihr bleibt doch zum -Essen?“ -</p> - -<p> -Klemens zögerte höflich und schwieg, Bogner dagegen -bedauerte: sein Mittagsmahl erwarte ihn daheim. Er -hoffe aber, setzte er hinzu, Georg am Nachmittag bei -sich zu sehn. Er wäre auch ohne die Andern gekommen, -ihn zu bitten. -</p> - -<p> -Nun zwischen den Beiden sitzend, der offenen Glastür -gegenüber, durch die er den leichten Sonnenregen auf die -Terrasse niederrieseln sah, glaubte Georg, Klemens nach -der ersten Erfreutheit der Begrüßung nicht in einem -Zustand des Behagens zu sehn. So braun er war, schien -er kaum recht gesund, im Innern erschöpft und außer -Ordnung. Das tiefe Schwarz des großen Bartes und -der dicken Brauen erhöhte nebst dem glatten Graubraun -seiner Stirn das Seltsame der wassergrauen Augen. Sie -<a id="page-716" class="pagenum" title="716"></a> -hatten sich verhärtet, und Georg dachte, er sieht ja aus -wie der Dulder Odysseus, der heimkommt und sich nicht -zurechtfinden kann. -</p> - -<p> -Bogner an der andern Seite hatte übrigens nichts -eben Väterliches an sich, sondern sich erstaunlich verjüngt. -Fast vermißte Georg das lange Haar von Hallig Hooge -an dem kurzüberschorenen Kopf. Es war dunkler nachgewachsen, -nur der Scheitel noch leicht übergraut. Die -hellen kleinen Augen in ihren Höhlen hatten einen fast -lieblich zu nennenden Glanz, Fleisch und Haut über dem -Skelett des Gesichts ihre frühere Festigkeit wieder, und -brüderlich erschien nun, was Georg früher als väterlich -empfand. -</p> - -<p> -„Giebt es Neues bei dir?“ fragte er derweil. „Bilder? -Wieviel? Nun, ich komme natürlich!“ -</p> - -<p> -„Acht Bilder im ganzen,“ erklärte Bogner, „die zusammen -gehören. Allerdings mehr inner- als äußerlich, -wenn du auch auf den meisten eine Gestalt wiederkehren -sehn wirst. Fertig sind allerdings erst drei. Es sind Heldendarstellungen, -eine heroische Symphonie könnte mans -nennen. Von den übrigen kannst du Studien sehn.“ -</p> - -<p> -„Wunderbar! Bekomm ich die alle geschenkt?“ -</p> - -<p> -„Ich möchte sie“, sagte Bogner lächelnd, „der Stadt -schenken, Altenrepen, wenn du sie annehmen willst?“ -</p> - -<p> -„Mit tausend Freuden! Was willst du dafür?“ -</p> - -<p> -„Das wird mir noch einfallen. Aber du mußt ihnen -ein Haus baun. Höre einmal, was ich mir ausgedacht -habe.“ -</p> - -<p> -Und Georg hörte ihn langsam seinen Plan auseinandersetzen -und sah ihn gleich kostbar entstehen vor seinen -<a id="page-717" class="pagenum" title="717"></a> -Augen. Einen Tempel, nicht eben groß, dem Andenken -von Georgs Vater gewidmet. Er würde auf eine Anhöhe -zu liegen kommen und die Form einer Sonnenblume -haben, mit neun länglichten Blättern und einem Kuppelraum -in der Mitte. Dieser würde leer bleiben, mit Eingängen -zwischen den Blumenblättern, — Bogner -schwankte noch, ob er die musizierenden Engel aus Renates -Kapelle, um einige vermehrt, darin wiederholen -solle, was Georg begeisterte, da sie bei Renate von niemand -gesehen würden. Jedenfalls sollte der Mittelraum -nur der Sammlung und Andacht dienen. An die äußeren -Enden der Blätter würden die Bilder kommen; an das -des neunten eine Statue, oder besser eine Büste des -Toten. -</p> - -<p> -Nun, Georg war Feuer und Flamme, aber Klemens murmelte -einigermaßen grämlich etwas von „Archaisiererei“, -die dabei herauskommen würde. Tempel, heute! Wer denn -heut ein Gefühl für Tempel hätte, so daß es ein Gebilde der -Zeit würde, zumal hier im Norden. -</p> - -<p> -„Ich weiß nicht,“ sagte Bogner, „ob Tempel zeitliche -Gebilde oder zeitgemäß sein können. Gott ist nicht zeitgemäß.“ -</p> - -<p> -„Gott nicht, aber der Glaube.“ -</p> - -<p> -„Dann müßte es mehr Götter geben als einen.“ -</p> - -<p> -„Einen, der sich wandelt, wie die Menschheit sich -wandelt.“ -</p> - -<p> -„Die Kunst“, sagte Bogner nachdenklich, „hat meines -Erachtens die Aufgabe, das Unwandelbare darzustellen. -Sonst kämen wir zu Problemen, und das Problem Gottes -zu lösen, kann nicht ihre Aufgabe sein.“ -</p> - -<p> -<a id="page-718" class="pagenum" title="718"></a> -„Aha, so, dann halten Sie auch das Tempelproblem -für gelöst?“ -</p> - -<p> -„Ich glaube. Wie das des Glaubens. Wenn im -Tempel das Gläubige sich ausdrückt, so löst es sich mit -der einfachsten Darstellung der architektonischen Aufgabe. -Stütze und Last, Säule und Gebälk, und ewig bleibt, -meines Empfindens, die Gestalt des Baumes. Hellas hat -die uns empfunden, ihr Inneres läßt sich nicht ändern, aber -ich bestehe durchaus nicht darauf, daß etwa das Kapitäl -jonisch sein soll oder korinthisch. Das immerhin war zeitmäßig -und landschaftlich griechischer Ausdruck, und —“ -</p> - -<p> -„Sie machen mittelalterliche Weinlaub- oder Eichenblätterkapitäle -auf die dorische Säule? Übrigens“, schloß -er in seinem ersten, bisher von Hitzigkeit abgelösten Tone -der Grämlichkeit, „machen Sie, was Sie wollen.“ -</p> - -<p> -„Du bist zänkisch!“ sagte Georg nun, der mit Behagen -dem Hin und Wider gefolgt war. „Du wirst der ganzen -Architektur den Mund verbieten.“ -</p> - -<p> -Klemens nahm Rührei von der Schüssel, die Egloffstein -hinhielt, und gab sich Mühe, zu lächeln. Ja, er hätte schon -neulich einen Architekten sagen hören, daß sie, die Architekten -von heut, sich nur hinsetzen könnten und warten, da -die Baukunst nicht — wie vormals — imstande sei, der -Zeit einen Ausdruck zu geben. -</p> - -<p> -„Davon“, sagte Georg, „schreibt Victor Hugo sehr -schön in Notre-Dame. Sonst übrigens ein albernes Buch. -Völker, sagt er, haben ihre Geschichte in Baukunst geschrieben. -Heut ist die Mannigfaltigkeit nun zu groß geworden. -Auch hat immer eine Kunst die Oberstimme gehabt -in den wechselnden Zeiten.“ -</p> - -<p> -<a id="page-719" class="pagenum" title="719"></a> -„Und welche wäre das heute? Die Dichtung? Literatur? -Da redest du wieder aus der Vergangenheitsperspektive. -Wenn du darin gesteckt und gelebt hättest, würdest -du alles anders gesehn haben, und ganz ungenau. -Du hebst einen Faden aus der Vergangenheit und sagst: -das ist der Faden. Du, in deiner Abstraktion, kannst -relativ sein, aber hier handelt es sich um Wirklichkeit, um -Gegenwart, und das nötige Mittel der Relation, die Vergleichung, -fehlt.“ -</p> - -<p> -„Meinetwegen. Aber hat denn nicht die Baukunst einen -Ausdruck für etwas Neues und Zeitmäßiges gefunden?“ -</p> - -<p> -„Das Warenhaus wohl?“ -</p> - -<p> -„Vielleicht.“ -</p> - -<p> -„Lassen Sie das auch gelten, Bogner?“ Klemens schien -sich zu erleichtern im Wortstreit. -</p> - -<p> -Das Warenhaus, meinte Bogner, sei freilich kaum eine -geistige Erscheinung. -</p> - -<p> -„Aber wieso?“ fragte Georg. „In einem weiten -Sinn als Verkehrssinnbild?“ -</p> - -<p> -„Nun, Kaufhäuser gab es auch im Mittelalter. Das -Warenhaus aber setzt die Dinge nur in Beziehung, ist — -ganz Fläche. Das mittelalterliche Kaufhaus war ein Ausdruck -des ganzen kaufmännischen Geistes und —“ -</p> - -<p> -„Ja, das bringt mich auf einen Hauptunterschied von -heute und damals“, rief Georg. „Damals gab es nur -zweierlei Bauten, Kirchen und Profangebäude. Die heutige -Hundertfältigkeit —“ Georg verstummte einen Augenblick, -um Klemens sagen zu lassen, das ließe sich höchstens -von der italienischen und deutschen Renaissance behaupten, -— um dann fortzufahren: „Immerhin wurden die -<a id="page-720" class="pagenum" title="720"></a> -Häuser früher allesamt von außen gebaut; sie bekamen -eine Fassade, und die Räumlichkeiten wurden irgendwie -hineingepackt. Heute dagegen ist das Wichtige das Innre, -die Unterbringung einer bestimmten Anzahl von bestimmt -gearteten —“ -</p> - -<p> -„Na, und wo bleibt da deine Mannigfaltigkeit?“ -hohnlachte Klemens. „Worin unterscheidet sich denn eine -Postdirektion von einer Lebensversicherung, einer Bank, -einer Konsumgenossenschaft, einem Rathaus? Eins wie -das andre eine große Verwaltungsanlage. Das ist es eben. -Heut ist alles geistig erklügelt, was damals aus einer -Freiwilligkeit entstand, wenn auch aus einer dumpferen.“ -</p> - -<p> -„Und wer ist dran schuld?“ rief Georg nun hitzig. „Du -bist schuld! Denn der Staat ist es, der heut auf alles die -Hand gelegt hat, und du willst den noch einfältigeren -Sozialstaat. Nun, aber das weiß ich schon lange, daß die -Zerrüttung überall herumprasselt.“ -</p> - -<p> -„Ich freilich fühle die neue Grundlage.“ -</p> - -<p> -„Schon? wo denn? Wir müssen ja immer tiefer. -Jetzt kommt doch erst Amerika, und Taylor und die ganze -Mechanisierung. Schon muß Bogner sich Kunstmaler -nennen, damit man ihm glaubt, daß er kein Anstreicher ist, -und der heutige Geistestyp ist der Schriftsteller.“ -</p> - -<p> -„Das“, widersprach Bogner langsam, „kannst du so -wohl nur für Deutschland festlegen.“ -</p> - -<p> -„Und in Frankreich vielleicht? Da giebts ja nur -Schriftsteller.“ -</p> - -<p> -„Den <span class="antiqua">homme de lettres</span>, den <span class="antiqua">écrivain</span> — kaum im -deutschen Sprachsinne. Der Franzose freilich ist immer -der <span class="antiqua">artiste</span>, der, der diese Dinge macht.“ -</p> - -<p> -<a id="page-721" class="pagenum" title="721"></a> -„Ja, da hast du recht, und der Deutsche ist der, der sie -erfindet, erdichtet. Form und Gehalt.“ -</p> - -<p> -„Freilich,“ sagte Klemens sardonisch, „er nennt sich -Schriftsteller, aber selbst Rudolf Herzog hält sich für einen -‚Dichter‘ und wird auch gehalten.“ -</p> - -<p> -„Womit du etwas sehr gutes Deutsches zum Ausdruck -bringst. Der Deutsche, als Künstler, fühlt Verantwortlichkeit, -nämlich gegen etwas, das über ihm ist und Allen. -Er fühlt sich fraglos unterworfen dem namenlosen Zwang, -ohne zu denken, und einsam. Der Schriftsteller in Frankreich -ist öffentlich, wie der ganze Mensch dort, ist vergesellschaftet, -ein Staatsinstrument. Racine, Corneille waren -Staatsdichter.“ -</p> - -<p> -„Und Baudelaire? Und Verlaine, Mallarmée?“ -</p> - -<p> -„Lyriker, mein Lieber. Der Vers macht einsam. Nun, -ich denke, das dürfte wohl doch klar sein, daß wir in -Deutschland eine Art, ich will sagen dichterischer Menschen -haben, die einzig ist. Der Franzose hat immer seine <span class="antiqua">gloire</span>, -dargestellt in äußerer Ehre, und Balzac hätte alles hingeworfen, -so groß er war, wenn er auf andre Weise den -Ruhm hätte erlangen können, der ihm vorstrahlte. Der -Poet in der Dachkammer, hungernd und frierend, verachtet -und entzückt, das ist unsre Form.“ -</p> - -<p> -Georg stand auf, da fertig gegessen war. Egloffstein -stand schon mit Zigarren vor Klemens; Georg zog seine -Dose und bot sie Bogner. Als sie alle Drei rauchten, trat -er an die Glastür und dachte, es sei doch das Beste im -Leben, sich um nichts und wieder nichts unter Männern -mit Worten zu schlagen. -</p> - -<p> -Er wandte sich um. Bogner stand hinter seinem Stuhl, -<a id="page-722" class="pagenum" title="722"></a> -die Arme auf der Lehne. Klemens saß am Tisch, verfinsterten -Gesichts, und wickelte an seiner Zigarre. -</p> - -<p> -Ob Irene nicht bald kommt? — Und Birnbaum, -dachte er beunruhigt, Birnbaum wollte kommen ... -Georg blickte verstohlen auf die Uhr und fand, daß es -drei Viertel eins war. Um halb drei sollte gegessen werden. -</p> - -<p> -Draußen war es wieder dunkel geworden, und der -Regen plätscherte nach Kräften auf der Terrassenfläche. -</p> - -<p> -In diesem Augenblick — da er sich schon nach drinnen -wenden wollte mit einer Frage und gleichzeitig den Trieb -verspürte, in den Regen hinein zu laufen — gingen Haltung -und Fassung mit so reißender Schnelligkeit von ihm, -daß er nur noch mit einem ratlos haschenden Blick über -die Beiden streifen konnte, bevor er zur Tür schritt, um -den Nebenraum zu betreten. Dort stellte er sich ans -nächste Fenster, legte die Stirn an die Scheibe und überließ -sich dem inneren Toben. -</p> - -<p> -Warum, mein Gott, warum tu ich alldies? Das ist -doch alles nur Krampf und nur Einbildung! Es sind ja -ganz andere Dinge! Warum denn? Wie komm ich denn -da hinein? Ich war mit Renate. Auf einmal erschienen -die Andern, ich konnte mich nicht entziehn. Aber warum? -Warum hab ich mich nicht vor ihre Füße geworfen, oder -warum gestand ich ihr nicht wenigstens ein, was mich -quält, oder daß ich in einem ganz andern Netz hänge, und -bat sie, mich allein zu lassen oder zu helfen? Und warum -Renate? Warum nicht Allen, dem nächsten, Bogner, -Klemens? Was sind da für Widerstände? Renate? Daß -ich sie liebe? Höllengelächter, und das machten wir uns -zum Hindernis, statt zum Hebel? Wir? Sind Andre -<a id="page-723" class="pagenum" title="723"></a> -anders? Und bei Bogner, bei den Andern, was war da -die Schranke? Daß ich hier Herzog bin? Das wäre -fürchterlich. Das kann nicht sein; kann der innerste Grund -nicht sein. -</p> - -<p> -Und warum denn, fing er von neuem an, warum nicht -noch jetzt? Ich brauche ja nicht zu schreien, ich kann mich -ganz ruhig zu ihnen setzen und sagen: Bogner ... Ihm -brach die Brust von Verlangen nach ihm, aber schon im -Wenden mußte er denken, daß doch wieder ein Hindernis -da sein würde, und ihm fiel schon ein, daß Birnbaum sich -angemeldet hatte. Er zog die Uhr, es war kurz vor eins, -in einer Viertelstunde konnten sie hier sein. — Ist, fragte -er wieder, eine Viertelstunde nicht genug? Kann Birnbaum -nicht warten? Aber nein — nun, das sind wenigstens -Pflichten, die kann man gelten lassen. -</p> - -<p> -Er fühlte sich wie mit Blut übergossen, zauderte aber -wieder. — Nun such ich nach Ausflüchten, dachte er wirr. -Ja, Klemens hat mit sich selber zu tun, das sieht man ja. -Und ist es mit ihm nicht dasselbe wie mit mir? Hier rennt -er allein durch die Welt, wäre vielleicht längst wieder davongerannt, -wenn man ihm gesagt hätte, daß sie hier ist, -anstatt sich mit ihr zusammenzutun, um, da sie schon Beide -um dasselbe leiden, wenigstens zusammen zu leiden. Der -liebt sie auch und läßt sich auch hindern, wie ich. Und -was, was ist denn der Grund, daß die Menschen sich lieben -und heiraten, wenn nicht der, daß sie sich zusammen hinsetzen -können, um von ihren Leiden zu reden, statt — von -Architektur. -</p> - -<p> -Aber wir wollen unser Leiden immer für uns allein -haben. Warum sind wir denn so? Und hinterdrein -<a id="page-724" class="pagenum" title="724"></a> -klagen wir dann, daß wir einsam sind und keiner uns -hilft. Oder liegt es am Leiden? Ist Leiden so, daß es -allein gehabt sein will? Gott im Himmel, bist du es denn -also, der im Leiden wohnt und sich nicht will teilen lassen -mit jemand? Warum denn enthüllst du dich nie? -</p> - -<p> -Es blieb still; auch Georg wurde stiller. Die Fensterreihen -des Nordflügels blitzten in der vorbrechenden Sonne -auf, gewaltige Speichen aus Golddunst drehten sich -magisch über dem Wäldchen, und stark leuchtende Wolkenballen -quollen empor. Die naßbraune Terrasse dampfte. -</p> - -<p> -Georg drehte sich um nach einem Geräusch. Egloffstein -ging durch den Saal mit einem Stoß Servietten, und -Georg war nahe daran, sich zu schämen, weil er vielleicht -die ganze Zeit nicht allein gewesen war. Danach zauderte -er nicht länger, nebenan einzutreten. -</p> - -<h4 class="section"> -Klemens -</h4> - -<p class="first"> -Dort stand jetzt Klemens an der Glastür, schräg, eine -Schulter gegen den Rahmen gestemmt, die Hände in den -Rocktaschen, löste aber seine Haltung bei Georgs Eintritt. -Bogner saß pfeiferauchend seitwärts vom Tisch. Im -Gefühl, freundlich zu Klemens sein zu müssen, fragte ihn -Georg, wo er das halbe Jahr gewesen sei. In Italien, -war die Antwort. -</p> - -<p> -„Aus besonderen Gründen?“ -</p> - -<p> -„Keinen politischen jedenfalls.“ Sich mit dem Rücken -anlehnend, die Arme kreuzend und so ins Freie blickend, -begann er nach einer Sekundenpause zu erzählen. Er sei -gewandert, zu Fuß, wie schon einmal als junger Student, -<a id="page-725" class="pagenum" title="725"></a> -seine Geige im Wachstuchsack auf dem Rücken und ohne -einen Heller Geld; allein, oder in der Gesellschaft von -Bettlern, fechtenden Handwerkern aus Deutschland, entsprungenen -oder entlassenen Sträflingen und dergleichen. -</p> - -<p> -„Komische Käuze,“ sagte er, „diese deutschen Handwerksburschen. -Sie arbeiten nur bei deutschen Meistern, -kehren, wenn es irgend geht, nur bei deutschen Wirten ein, -lernen kein Wort von der Sprache, laufen an allem vorüber. -Höchstens daß sie ein bißchen was sehn, und wie es -scheint, wandern sie also nur wegen der Freiheit und -wegen des Wanderns. Unter den Bettlern hab ich manchen -Freund gefunden. Da war ein armer Kerl in einem -Asyl in Bologna, dem war sein Geld mitsamt den Papieren -gestohlen, er lag und jammerte die ganze Nacht -durch. Am andern Morgen nahm ich meine Geige und -hab in den Höfen gespielt. Was einkam, haben wir redlich -geteilt, und dieser Mensch wird mir bis ans Ende des -Lebens ein Herz voll Dankbarkeit bewahren.“ -</p> - -<p> -„Wurdest du dort für einen Italiener gehalten?“ -</p> - -<p> -„Nur bis ich zu sprechen anfing, ich kann nicht sehr -viel. Nun, aber die Menschen dort solltet ihr sehn! Da -ist soviel natürliche Herzlichkeit, soviel Offenheit und Entgegenkommen, -soviel Dankbarkeit und Anmut dabei! -Soviel dort Musik gemacht wird, bleibt doch der Musiker, -der Künstler immer geehrt, und nun — wenn ich so am -Abend in eine kleine Stadt marschiert kam, und auf dem -Marktplatz, neben der Kirche unter den Kastanien die -ersten Striche beim Stimmen tat, und dann so mit recht -süßer Kantilene das Adagio aus dem Mendelssohnschen -Konzert — so weit hab ichs grade gebracht! — durch die -<a id="page-726" class="pagenum" title="726"></a> -Stille und in die offenen Fenster zog: was das gleich Leben -giebt und Hervorkommen, als fingen überall Wasser an -zu laufen. Die Kinder kommen aus ihren Betten und -drängen sich ans Fenster, und überall lächelnde Gesichter, -und jede Frau, der man unterm Spiel einen feurigen Blick -zuwirft, empfindet sich schön. Nun, und wenn das Konzert -zu Ende ist, da kommen schon von der Veranda des -Gasthauses die Honoratioren, der Pfarrer, der Herr Apotheker, -und der Bürgermeister, und drücken mir die Hände -und sind die feinsten Kenner und erlauben sich, mich zu -einer Flasche Spumante einzuladen.“ Klemens lachte -nicht ohne Wehmut. „Ich war dann immer der Sohn -des Kammervirtuosen <span class="antiqua">d’il rege di Prussia</span>, und schon damals, -vor zehn Jahren, hielten sie mich meines Bartes -wegen für einen sehr würdigen Mann und fragten gleich -nach der Frau und den Kinderchen. Endlose Geschichten hab -ich von denen erzählt. Die Kinderchen, das war ihre größte -Freude, und wie oft hab ich Tränen in ihre Augen gelockt -mit einer unendlich rührenden Erzählung von meiner jüngsten -Tochter, die an Diphtheritis gestorben war. Wie ich -sie hin und her getragen hab, und sie war so geduldig ...“ -</p> - -<p> -Er lachte jetzt ganz fröhlich und sagte noch: „In Pisa, -da war ein Schutzmann der mir zu spielen verbieten -mußte, denn es gab einen Auflauf. Ja, das ist ein Land, -da halten die elektrischen Bahnen, wenn einer Geige spielt. -Der wartete schön, bis das Stück aus war, und dann -entschuldigte er sich noch vielmals. Er sah auch vollkommen -ein, daß ich für dies Stück doch noch sammeln -mußte, und fast hätte er selber seine — Kappe hingehalten. -Es war ein rührender Mensch.“ -</p> - -<p> -<a id="page-727" class="pagenum" title="727"></a> -Bogner und Georg lachten herzlich. Dann sah Georg, -nicht ohne ein Gefühl, als sei dies alles nur die Vorbereitung -zu etwas andrem gewesen, ihn seine Haltung verändern. -Er nahm die frühere wieder ein, die Hände in -die Rocktaschen bohrend, und seine undeutlichen Augen -schienen ins Ferne eingestellt, während er sehr langsam -sagte: -</p> - -<p> -„Ja, und dann kam doch wieder die Unrast, und ich -bin über die Alpen gelaufen und nach Deutschland, aber -da war kein Zuhause. Aber wer die Hände einmal in -fremdes Blut getaucht hat, dem ergeht es immer wie Lady -Macbeth; die Flecken wäscht kein Wasser herunter.“ -</p> - -<p> -Er verstummte, nickte trübe und fuhr fort: -</p> - -<p> -„Dann habe ich meinen Freund Erasmus gefunden, -der jetzt hier ist. Dem war es böse ergangen. Ich, wenn -ich nachdenke, ich kann mir vorstellen, daß man eines -Tages seinen Bruder erschlagen muß. Vater nicht, und -Mutter nicht, auch keinen Juden und keine alte Wucherin -wie der Raskolnikoff. Aber seit Kain muß die Möglichkeit -in der Natur des Mannes liegen. Drei Nächte lang -schüttete er mir sein Herz aus. Das war grauenerregend. -Dieser Mensch, den ich kannte, hatte sein Leben lang -gehungert. Wessen Leib hungert, kann stehlen, wem die -Seele hungert, kann nicht stehlen. Er lebte noch immer, -aber nun war er ein Schatten des Lebens geworden. Die -Natur hatte ihm gegeben, daß er nicht vergessen konnte, -was ihm je widerfahren war. Eines Tages fand er sich -so behängt mit Vereinsamung, mit zehntausend Lieblosigkeiten, -Gehässigkeiten, Verachtungen und Verhöhnungen -bis hinunter zur ersten und letzten der Kindheit, daß -<a id="page-728" class="pagenum" title="728"></a> -er nicht mehr vorwärts gehn konnte. Da ballte er den -ganzen scheußlichen Klumpen zusammen mit sich selbst -und stürzte sich in den Schlund. So wars, und daß er -noch jemand mit sich riß, war nicht seine Sache, sondern -Anlage des Daseins. Und nun fuhr er seit jener Nacht, -seit jener Tat, rasend wie der Fliegende Holländer, ohne -Wind und ohne Ruder, rückwärts über das Meer seiner -Leiden, weil sich die Wage nicht einstellen wollte. Die -Wage, deren eine Schale den Jammer seines Lebens trug, -und deren andre jenen Tod. Er hielt den Kopf des Toten -in den Händen und fragte in die erloschenen Augen hinein -abertausendmal: Hab ich gedurft? — In einer Nacht bin -ich mit ihm unterhalb des Wehrs auf dem Flusse gefahren, -und wir haben gesucht bis zum Morgen. Er war vor -dem Irrsinn und nahe daran, unter die Menschen zu -laufen und sich auszuschrein. In den drei Nächten, die -ich mit ihm verbrachte, ist mir das Herz grau geworden. -Ich hatte auch einen Bruder.“ -</p> - -<p> -Er verstummte und begann, mit ungelenken Schritten -auf und nieder zu gehn. Georg dachte: Herzbruch ... bewegt -von solcher Freundestreue, und war nahe daran, -nach ihm zu fragen, als Klemens am Tisch stehn blieb, -die Finger einer Hand daraufsetzte und sagte, Georg ansehend, -doch ohne festen Blick: „Aber ich glaube, daß einmal -geheilt werden kann, von Menschen, was Menschen -zerbrochen haben. Da hab ich ihn denn hergeschleppt, -zu Renate.“ -</p> - -<p> -„Zu Renate?“ entfuhr es halblaut Georg. -</p> - -<p> -„Zu Renate. Und wie es scheint, da sie nicht zum -Vorschein kommen —“ Er verstummte. Georg sah noch -<a id="page-729" class="pagenum" title="729"></a> -ein sehr weiches und zartes Lächeln in seinen Augen, im -Bart aufkeimen, bevor er den Blick niederschlagen mußte. -</p> - -<p> -Diesen? fragte er dumpf. Das soll ihr Geschick sein? -</p> - -<p> -Er konnte aber, trotz der heißen Stiche in seiner Brust, -erkennen, wie sehr wahrhaftig der Verzicht war, in den -er sich eingegraben hatte, dort im Wald. Eine Weile -noch kochte die schmerzliche Eifersucht in seiner Brust, -derweil es ihm schien, als sei jemand — er selber? — beschäftigt, -dies Heiße zu blasen, damit es erkalte. Es erkaltete -jedenfalls langsam, sank zugleich tiefer und blieb -liegen als ein dumpfer und dunkler Klumpen angstvoller -Beklommenheit, wie er sie aus früheren Jahren kannte. — -Damit, dachte er, Atem schöpfend, werde ich ein andermal -fertig. Sein Mund zuckte in einem Hohngefühl über die -ganze Verderbtheit der Welt. -</p> - -<p> -Als er die Augen hob, stand ihm gegenüber Egloffstein -und meldete, Herr Dr. Birnbaum und Herr Schley warteten -im Jagdzimmer. Auch Hauptmann Rieferling sei -dort mit der Kuriermappe. -</p> - -<p> -So verabschiedete Georg sich von Bogner mit dem -Versprechen, am Nachmittag zu kommen, entschuldigte -sich bei Klemens und ging. -</p> - -<h4 class="section"> -Birnbaum -</h4> - -<p class="first"> -Mit dem Öffnen der Tür fiel Georgs Blick auf den -alten Mann, der neben dem, noch von Georgs Vater her -am Kamin stehenden grünen und hochlehnigen Sessel aufrecht -stand und so gewartet zu haben schien. Hinter ihm -Schley hatte eine Hand unter seine Achsel geschoben. Er -<a id="page-730" class="pagenum" title="730"></a> -trug seinen langen und würdigen schwarzen Rock. Georg, -der ihn vor einer Woche zuletzt im Bette gesehn hatte, erschrak -nun über sein gespensthaftes Aussehn, in dem Elendigkeit -stritt mit einer Erhabenheit. Sein Nacken war -gebückt, die Wangen hingen faltig und waren zwischen -Schnurrbart und Augen rot gesprenkelt von Adern. Die -Nase dazwischen hing übermäßig heraus, und in den geröteten -Augen — das linke hing ab nach außen — war -Verwirrung. Ach, dachte Georg, das ist Saul, der bei -der Hexe war! — Und so verstört, daß er sich nicht einmal -verbeugt! Oder kann er das nicht? -</p> - -<p> -Indessen tastete Birnbaum mit der Hand an der Brust, -räusperte sich, machte einen Ruck zur Verbeugung und -sagte heiser: „Ich bin gekommen, um Eure Hoheit untertänig -um meine Entlassung zu bitten.“ -</p> - -<p> -Georg zauderte. Er wollte noch sagen, was er zwanzig -und hundert Mal gesagt hatte: Urlaub, soviel Sie wollen, -aber seine Entlassung, — um die der Alte, nur nicht so -förmlich, schon lange gebeten hatte. Aber dann sah er -ein, daß hier nichts mehr zu erwarten war. Eine Ruine, -die nur noch gänzlich zerfallen konnte. Er ging auf ihn -zu. Noch ehe er ein Wort sagen konnte, hatte der alte -Mann ihn umschlungen, weinte bitterlich auf über seiner -Schulter und klagte laut: „Ich habe ja keinen als dich, -Georg, ich habe ja keinen als dich, aber nun kann ich -nicht mehr!“ -</p> - -<p> -Georg stand erschüttert von dem unbegreiflichen „keinen -als dich“ und hielt diesem Jammer stand, bis er sich von -selber beruhigte. Danach sprach er dem Alten begütigend -zu und führte ihn mit Schley zur Tür, ihm zuredend, daß -<a id="page-731" class="pagenum" title="731"></a> -er sich eine Weile niederlege und ausruhe. Von der Tür -aus sah er Schley und den Hauptmann ihn durch den -Raum führen, der öde und kahl war mit leeren Regalen -und Schreibtischen, und zu dem alten Sofa, auf dem er -früher in den Arbeitspausen geruht hatte. Augenblicke später -fand er sich sitzend am Schreibtisch, ohne Gedanken als den: -Das ist kein leichter Schlag! Was fang ich an ohne ihn? -</p> - -<p> -Erst als die Gestalt Rieferlings nahe vor ihm erschien, -der die daliegende Unterschriftmappe mit ihren großen -Löschblattbogen auseinanderschlug, die Feder eintunkte -und ihm hinhielt, sagte er, zu ihm aufblickend, trübe: -„Ein gesegneter Charfreitag, Rieferling, Sie hatten ja -auch was auf dem Herzen! Wollen Sie auch weg? -Dann fangen Sie lieber gar nicht —“ Das Ende des -Satzes ließ er in ein Gemurmel fallen, denn eben traf sein -Blick auf die in zierlichen Schnörkeln stehenden Druckzeilen -am Kopf des weißen Bogens, der vor ihm lag: -Wir, durch Gottes Gnade Georg VIII., Großherzog — -und so weiter ... -</p> - -<p> -„Ich will heute nicht schreiben“, sagte er kleinmütig -und legte die Feder hin. -</p> - -<p> -„Hoheit haben ja Zeit bis morgen“, sagte der Hauptmann. -</p> - -<p> -„Rieferling,“ versetzte Georg verdrießlich, „Sie wissen -immer was! Wo soll ich denn morgen die Zeit hernehmen? -Also muß ich doch schreiben!“ Ich grinse ja, dachte er -und konnte die Augen nicht abwenden von Rieferlings -sachtem Lächeln. -</p> - -<p> -Was heißt denn nun bloß von Gottes Gnaden? grübelte -er nach, die Feder wieder zwischen den Fingern. Letzten -<a id="page-732" class="pagenum" title="732"></a> -Endes war es ja wohl Papa, von dem die Gnade ausging. -Von Gottes Gnaden ... Es ist eine Floskel, dachte -er noch und fand als letzte Möglichkeit die, den Kopf zu -schütteln, worauf er begann, Bogen um Bogen an die -gewohnte Stelle, über der zum Überfluß Rieferlings Zeigefinger -leicht in die Luft kippte, und nach einem Überfliegen -des Bogens, seinen Namen zu schreiben. Er traf dabei -auf andre geschriebene Namen — Ellerberg, Alsen, von -Dreyling, Gewecke, Fuchs, Richter und mehr, immer -mehr — zwischen Druckzeilen, in denen von Beförderungen -die Rede war, Auszeichnungen, Versetzungen in den -Ruhestand und Erteilungen von Charakter, aber auch -das jedesmalige ‚Geruhen‘ hatte längst den letzten Hauch -anfänglicher Skurrilität verloren. Lauter Dinge, die Zeit -hatten bis morgen. Aber woher morgen die Zeit für sie? -Merkwürdige Widersprüche, dachte er. Ist das überhaupt -zu verstehn? Sie haben bis morgen Zeit, und morgen ist -keine Zeit für sie da? -</p> - -<p> -Etwas nötigte ihn, die Augen zu erheben, und er sah -Schley vor dem Fenster stehn. Weiter schreibend, seufzte -er nun und fragte: „Kannst du dir denn vorstellen, wie -das ohne ihn werden soll? Ist Zimmermann denn wenigstens -eingearbeitet? Sonst kann ich von morgen an mir -nur noch die Haare raufen. Sag etwas! Ist keine Möglichkeit -vorhanden, daß es besser mit ihm wird?“ -</p> - -<p> -Am Fenster lehnend begann Schley, während Georg -die letzten Bogen versorgte, mit seiner langsamen und -öligen Stimme, die Georg immer als überaus lindernd -empfunden hatte durch die innere Ruhe, die unterhalb -ihrer strömte: -</p> - -<p> -<a id="page-733" class="pagenum" title="733"></a> -„Er will nämlich nach Palästina.“ -</p> - -<p> -„Was! Birnbaum? Das ist das Neueste!“ -</p> - -<p> -„Ja, das hat sich nun alles so eigentümlich zusammengedrängt. -Und du weißt ja, Hoheit, wenn alle Türen -verrammelt sind, brichts durch die Wand. Da ist dann -kein Halten mehr. Zusammengebrochen ist er ja eigentlich -schon, als dein Vater starb. Man sieht sowas ja nicht -gleich. Und nun grenzte es ja lange schon an Verfolgungswahn. -Dir wird das ja nicht unbemerkt geblieben -sein. Die Arbeit verfolgte ihn nun; er hat glaub ich kaum -noch geschlafen vor Angst, am nächsten Morgen keinen -Gedanken mehr zu haben oder so.“ -</p> - -<p> -Georg nickte. „Ich weiß ja. Aber ich hielt es für -Einbildung, und er sagte selber, es sei Einbildung.“ -</p> - -<p> -„Und dann hat er auch damals einen Brief bekommen, -nach dem Attentat, — ja, eben von dem Sigurd Birnbaum. -Seine Frau hat ihn unterm Kopfkissen gefunden -und zeigte ihn mir. Er ist scheinbar am Tage vor dem -Attentat geschrieben. Das meiste ist ohne Sinn und Verstand. -Aber er spricht da viel von den internationalen -Aufgaben des Judentums. Na, und das scheint nun eine -ganz gegenteilige Wirkung gehabt zu haben. Auf einmal -hat er sich glaub ich erinnert, wer er ist, und daß er doch -immer im Grunde hier nur geduldet ist. Das weißt du ja -auch. Er sprach auch mit mir darüber, — na, sie wollen -den Juden ja lange aus deiner Nähe weghaben. Und -gestern — gestern schickt er auf einmal zu mir, und da finde -ich ihn in der größten Aufregung. Es war ganz jammervoll. -Er wußte fast nicht wohin vor Angst, teils weil, -wie er sagte, es jeden Augenblick zu spät sein könnte — -<a id="page-734" class="pagenum" title="734"></a> -ja, mit Palästina, er hat da nun die sonderbarsten Vorstellungen -—, teils vor dir, daß du ihn nicht weglassen -würdest. Und auch vor sich selbst, daß er nun fahnenflüchtig -würde. Ja, es ging so weit, daß er sich vor dir -niederwerfen wollte, ich konnte ihn nicht anders beruhigen, -als indem ich ihm versprach, ihn heut herzubringen. -Eigentlich sollt ich ihn verteidigen. Auch daß Charfreitag -ist, spielte eine gewisse — ja — eine Rolle.“ -</p> - -<p> -„Aber diese Palästinaidee“, versuchte Georg schwermütig -zu widersprechen, „will mir noch nicht in den Kopf. -Wenn —“ -</p> - -<p> -„Ja, Hoheit, da sehn wir das nun mal wieder. Nun -klammert er sich ja an dich, aber — ich darf das wohl sagen -—, in Wirklichkeit wars doch alleine dein Vater, an -dem er so gehangen hat. Der ist nun tot, und das ist -denn so wie’n Mensch, der aus’m Stück Land weggetrieben -wird und kriegt ’n andres dafür, das genau so ist, -aber es ist doch nicht das alte. Ich hab nicht in seiner -Haut gesteckt, aber — heimatlos, Georg, heimatlos ist er -doch immer gewesen. Wenn er Gefühl gehabt hat, ist er -heimatlos gewesen!“ wiederholte er erregter, „und ob das -nun Galizien ist, wo er eigentlich herkam, oder Palästina, -da ist wenig Unterschied. Man muß sich da mal hineindenken! -Nun grad diese internationalen Ermahnungen, -das ist es, die haben ihn eben drauf gebracht, wo die wirkliche -Kraft des Menschen steckt. Die steckt doch im Boden, -na, das ist doch allbekannt, oder sagen wir mal: in -der Sprache. Er ist doch ’n fühlender Mensch gewesen, -Georg, und hat er denn jemals seine richtige Sprache -sprechen können? Wenn er gedurft hätte, er hätt es ja -<a id="page-735" class="pagenum" title="735"></a> -nicht mal ordentlich gekonnt! Nu fällt ihm das alles auf -einmal ein, und er weiß doch genug vom Zionismus und -all diesen Bestrebungen, und das fällt ihm nun ein, und -daß er mit all seinem schönen Dienen vielleicht seine Kraft -an der richtigen Stelle weggezogen hat. Es ist ja merkwürdig, -es giebt so Menschen, die bringen es zu allem -Möglichen, und dann — auf einmal — drehn sie sich um -und müssen alles im Stich lassen. Tilly, das war auch -solch ein Mensch, wie Ricarda Huch das beschreibt; der -wollt eigentlich immer nur ’n kleinen Garten haben. — -Das hat sich nun eben alles so zusammengezogen.“ -</p> - -<p> -Georg schwieg und wußte nichts zu erwidern, zumal -Schley lauter Dinge gesagt hatte, die nur in ihm selber -warteten, gesagt zu werden. -</p> - -<p> -Augenblicke später hörte er aus dem Nebenzimmer -Husten und ein Geräusch, und Georg winkte Schley, hinüber -zu gehn. Sich im Stuhl drehend, folgte er ihm mit -den Augen durch die Tür und blieb lange Zeit an ihr haften. -Dann näherten sich Schritte, und von Schley geleitet, -erschien wieder der alte Mann. -</p> - -<p> -Er ging jetzt wie ein Blinder, und der Blick seiner offenen -Augen schien keine Nähe mehr wahrzunehmen. An -dem Stuhl beim Kamin angelangt, wartete er eine Weile, -ehe er sich langsam darein niederließ, worauf er sich aufrecht -anlehnte, den Kopf nach den Fenstern gewandt. -Georg sah voll Ehrfurcht seine Schultern bedeckt mit -einem Mantel, der gewebt war aus Stille und Frieden. -Der Ausdruck seiner Stirn, seiner Augen, all seiner Züge -zeigte ein erstaunliches Gemisch von Stolz und — Knechttum, -wie Georg es empfand; den geheimnisvollen Ausdruck -<a id="page-736" class="pagenum" title="736"></a> -des Menschen, der durch langes Dienen zum Herrscher -geworden war. So wenig königlich er erschien, versammelten -sich doch biblische Könige großäugig hinter -seinem Stuhl. -</p> - -<p> -Nachdem er ihn so eine lange Zeit hatte still sitzen sehn, -fühlte Georg für eine kleine Weile seinen Blick mit großer -Liebe auf sich gerichtet. Dann wandte er ihn wieder ab, -und dann hörte Georg seine Stimme, die aber so fern -herzukommen schien, wie seine Augen hingingen, und obgleich -leise, ja kaum hörbar mitunter im Folgenden, hatte -sie einen tieferen und volleren Klang als jemals, so daß es -war, als wäre seine Brust ganz voll davon und begänne -nur geheimnisvoll in Worten zu tönen. Seltsam auch war, -daß er eine andre Sprache redete als die gewohnte, denn -plötzlich war es die, die er doch höchstens über seiner Wiege -gehört haben konnte, ohne sie noch zu verstehn, Laute und -Satzbau, zerdrückt und verkrümmt, wie jener ewig zerdrückten -und verkrümmten Menschen, die Georg einmal erstaunt -im Getto von Konstantinopel zu sehn bekommen -hatte. War er so halben Wegs schon zurückgekehrt, nach -Galizien, der so spät noch nach Palästina wollte? -</p> - -<p> -Halb ein Murmeln und fast ein Gesang, so hörte Georg, -der bald nicht mehr hinzusehn wagte, seine klagende Rede. -</p> - -<p> -„Ich will dirs nun mal sagen, Georg, damit du’s weißt -und dir keine verkehrten Gedanken machst. ’n Mensch, -der nicht darf gehn in die Kirch und hat keine Stelle, wo -er darf allein sein mit seinem Gott, der ist kein rechter -Mensch. Und ich bin solch ’n Mensch immer gewesen. -Ich hab ’n nich abgeschworen in meinem Herzen und hab -’n doch abgeschworen mit meinem Handeln. Darum bin -<a id="page-737" class="pagenum" title="737"></a> -ich ’n bescholtener Mann gewesen, von ’nem bescholtenen -Volk. Du sagst, ich hab ’n gutes Leben gehabt, auch ’ne -Frau und auch Kinder. Und ich will ganz schweigen von -deinem Vatter. Bin ich deshalb wohl ’n glücklicher Mensch -gewesen? ’n Mensch, der nicht darf gehn vor die Tür, -daß nicht die Andern ’n Finger aufheben un sagen: das -ist keiner so wie wir, un: den könn’ wir nicht achten? -Recht haben gehabt die Leute mit mir, und recht haben -sie überall, wenn sie die Stelle nicht achten, wo der Jud -steht, denn er steht mit verkehrten Füßen. Er denkt, -daß er geht nach vorn, und er geht immer nach hinten. -Weil er geht weg von seiner wahrhaftigen Heimat. -Darum muß er auch gehn so schnell und muß -machen Fisematenten und ’n Gemeres unter die Leute, und -ans Ziel kommt er doch nicht. Wenn er hat zugeben müssen, -daß seine Heimat ihm zerstört worden ist, hat er doch -nicht brauchen zugeben, daß er nicht hingeht und baut sie -noch mal. Darum wird er auch nich geacht’ von den -Leuten. Das Leben ist schwer, und wer geboren is im -Galuth, der sagt: soll ich auch müssen sterben im Galuth! -Nee, Georg, aber nee, das will ich nu nich sagen! Da -darf einer arbeiten sein Lebtag, der verdient sich doch bloß -die Sohlen unter seine Füße, damit er eines Tages kann -heimgehn, oder er verdient sich gor nix. Ich weiß doch, -was ich weiß! Und wenn du kommst, Georg, und sagst -zehn Mal: Nein! und sagst: ich will kämpfen den Kampf -um ’n alten Mann, — nun, was is ’n Jahr, und was -sind selbst zwei Jahr für ’n Menschen, der jung ist? Und -du wirst müde, Georg, und ich kann gehn und sitzen vor -der Türe, — ich weiß doch, was ich weiß ... -</p> - -<p> -<a id="page-738" class="pagenum" title="738"></a> -„Wer wohnt in einem Volk, der soll auch werden wie ’s -Volk, der soll essen seine Speise und beten in seiner Kirch, -auf daß er kriegt ’ne Sprache und vernünftige Sitten. -Wer glaubt denn, daß einer Gott ’n Gefallen täte mit dem -koscheren Essen und Stehn in der Synagoge am Schabbes -und lesen aus ’m Buche ’ne Sprache, für die er hat -keinen Sinn! Oder glaubst du ’n, daß Gott will reden ’ne -Sprache, die der Mensch bloß kann reden mit ihm allein, -und die Gott bloß versteht selber, und die er nicht zugleich -kann reden mit Menschen? Wer nicht kann reden mit -Gott, wie er will reden mit Menschen, der kann auch nicht -reden mit Menschen, dem kommt keine Wahrheit aus ’m -Herzen, und wenn er vielleicht nicht betrügen wird andre -Leut, wird er doch betrogen haben sich selber. Denn er -hat betrogen den Herrn um seine menschliche Sprache. -Zweierlei Rede, das ist nix. Ich will hingehn und reden -die Sprache. Ich wills versuchen.“ -</p> - -<p> -Georg hörte ihn noch eine Weile murmeln, aber nun -war nichts mehr zu verstehn. Vor seinen verdunkelten -Augen verschwamm der entfernte Wald zwischen den -Flügeln des Hauses, schwärzlich und grünlich im Sonnenschein, -und in das gereinigte Himmelsblau hob sich eine -schneeichte Wolke hoch wie ein schöner Berg. So saß er, -kaum sich zu regen wagend in seiner Ergriffenheit, längere -Zeit und wandte sich endlich. Da stand Schley, der -sich vor das Gesicht des Sitzenden beugte, als ob er horchte. -Gleich darauf hob er langsam den Kopf, auch die Hände -und strich mit beiden Daumen behutsam über die Augen hin. -</p> - -<p> -Und dies Letzte enthielt so viel Feierlichkeit, daß Georg -bei aller Erschrockenheit sich nicht zu rühren vermochte. -<a id="page-739" class="pagenum" title="739"></a> -Gestorben? dachte er dumpf. Hier, in diesem Augenblick -gestorben? -</p> - -<p> -Schley legte die Hände des Toten im Schoß zusammen -und wandte sich zu Georg um. „Heimgegangen“, -sagte er einfach. -</p> - -<p> -Georg saß noch lange und blickte den alten Menschen -an, der dort saß, und an dem noch keine Verschiedenheit -wahrzunehmen war von Andern oder dem, der er selbst -vor Minuten noch war. Vielleicht, daß er noch edler -aussah; und daß seine stille Haltung auf die Länge der -Zeit nicht natürlich mehr schien; oder daß er so gar nicht -atmete in diesem Schlaf. -</p> - -<p> -Endlich spürte er, daß ihm schon lange die Tränen aus -den Augen liefen, und nun weinte er hellauf, daß es ihn -schüttelte. — Danach stand er auf, um nachzusehn, ob -Magda zurück war, und ihr Nachricht zu bringen. -</p> - -<h4 class="section"> -Irene -</h4> - -<p class="first"> -Noch schwer mit Herz und Gedanken an dem Toten -hangend, den er in dunkler Vorstellung sah wie einen gestürzten -Baum, herausgebrochen aus seinem, Georgs, Leben, -voll mit Früchten, unersetzlich an täglicher Leistung -das Jahr durch, und überdies mit unsterblichen Blüten -der Erinnerung — oh die ersten Spiele der Kindheit! —, -ging Georg durch die Räume, irgendwie in der Einbildung, -die Anna im Gobelinzimmer zu finden. Da gewahrte -er mit einem Zufallsblick durch ein Fenster — das letzte -im Vogelsaal, wie er nun erkannte — Klemens auf der -Terrasse allein, vor sich hingehend, gebeugt, die Hände auf -<a id="page-740" class="pagenum" title="740"></a> -dem Rücken, und Georg trat ans Fenster, klopfte und -deutete mit der Hand an, daß er ins Gobelinzimmer ginge. -Gleich darauf öffnete er die Tür. Der Raum war leer. -</p> - -<p> -Indem er aber im spiegelnden Glase des Türflügels -zur Rechten den Widerschein des Herankommenden gewahrte, -wurde die Flurtür zu seiner Linken geöffnet, und -rückwärts gehend herein kam ein mädchenhaft weibliches -blondes Wesen in einem hellgrünen, farbig überblümten -Kleide mit Achselbändern und weißen Blusenärmeln, an -einer Hand sehr behutsam hereinführend die Anna, hinter -der Benno sichtbar wurde: Irene. -</p> - -<p> -So, dachte Georg, was mag nun kommen? — Klemens -stand da und blickte nur. Überdem wandte sich Irene, -fuhr leise zusammen, ließ Magdas Hand fahren, machte -zwei Schritte und schien, haften bleibend, zu schweben. -In ihre Augen, die im kleiner gewordenen Antlitz Georg -blauer schienen als jemals, trat ein sehr bittender Ausdruck, -während ihr Kopf langsam nach hinten sank. Ihre eine -Hand sah Georg zittern in den Falten des Kleides, wo sie -hing wie vergessen. -</p> - -<p> -Klemens rührte sich nicht vom Fleck, schlug aber jetzt -seinen Rock vorne zusammen und schloß langsam die beiden -Knöpfe. -</p> - -<p> -„Klemens!“ sagte sie endlich, und Staunen und Bitten -ihrer Züge schmolz in ein nahezu triumphierendes -Warten. -</p> - -<p> -„Mensch!“ grollte nun Georg, „worauf wartest du -noch?“ -</p> - -<p> -Klemens sah ihn an. In seinen undeutlichen Augen -erschien ein grübelndes Fragen, als ob er durch Georgs -<a id="page-741" class="pagenum" title="741"></a> -Erscheinung sich erinnern wollte an etwas, was er selber -vor einer Stunde gesagt hatte. Dann setzte er sich in Bewegung, -als ob er stürzte, umkreiste den großen Rundtisch, -und plötzlich bückte er sich, hatte Irene auf den Armen, -drehte sich wortlos um und trug sie um den Tisch, durch -den Raum und ins Freie hinaus. -</p> - -<p> -Georg brachte es nicht fertig, ihm nicht nachzugehn, -und in die Nähe der Tür folgend, sah er ihn draußen -stehn, mitten auf der Terrasse. Über sie und Hofraum -und Dächer fiel ein goldener Regen. Darin stand er kräftig -und hielt mit erhobenen Armen die leichte grüne Gestalt -in den tausendfach rieselnden Glanz hinauf. -</p> - -<p> -Georg drehte sich weg und mußte lächeln. Wieder hinsehend, -fand er die Terrasse leer, glaubte aber die gedrungene -und beschwerte Gestalt des Menschen mit seiner Last -über eine dampfende Wiese voll Primeln gehen zu sehn, -langsam, ein Pangott mit seiner gesicherten Beute, die er -in grüne und rauschende Höhlen des alten Waldes zurücktrug. -</p> - -<p> -„Was war denn hier?“ fragte Magda. -</p> - -<p> -Georg wußte weiter nichts zu sagen als: „Klemens.“ -</p> - -<p> -„Ach! Wo sind sie denn nun?“ -</p> - -<p> -„Verschwunden. Er hat sie weggetragen.“ -</p> - -<p> -„Gott sei gelobt!“ -</p> - -<p> -„Das sei er! Es giebt also doch noch —“ Findungen -in der Welt, wollte Georg schließen, als ihm in seinem -Stuhl der Entschlafene erschien. -</p> - -<p> -„Aber,“ sagte er leiser, „unser alter Birnbaum ist hier -eben gestorben.“ -</p> - -<p> -Sie streckte die Hand aus, gab aber keinen Laut von -<a id="page-742" class="pagenum" title="742"></a> -sich. Auch als Georg auf sie zutrat, um sie in die Arme -zu schließen, bewegte sie sich nicht. -</p> - -<p> -„Das war der Letzte!“ sagte sie nach einer Weile, — -wohl im Gedanken an andere Tote. Sie hielt die Augen -geschlossen. -</p> - -<p> -„Ja, dann bringe mich bitte —“ Sie verstummte, -machte eine abwehrende Bewegung und sagte: „Aber ich -kann ihn ja nicht sehn“, und trat weg von Georg. -</p> - -<p> -In der Tür erschien Egloffstein, zeigte sich Georg und -verschwand, zur Meldung, daß angerichtet sei. -</p> - -<p> -Keiner sagte etwas. Georg sah eine einzelne Träne an -den Wimpern des Mädchens hängen, wartete noch Sekunden -und sagte dann: „Egloffstein meldet, daß angerichtet -ist.“ -</p> - -<p> -Da wandte sie sich zu ihm, kam mit niedergeschlagenen -Augen und ließ sich an seine Brust ziehn. Sie blieb so -lange Zeit ohne Bewegung, hob dann den Kopf, und -Georg sah sie blind und seltsam in eine ewige Ferne lächeln. -Sie sprach wie im Traum: „Irgendwo — irgendwo — -sind sie Alle wieder beisammen.“ -</p> - -<p> -Er ergriff ihre Hand und führte sie hinüber. — -</p> - -<p> -Sie aßen dann schnell und schweigsam an der für zehn -Personen gedeckten Tafel, an der außer ihnen nur noch -Benno, Schley und Rieferling erschienen. Georg empfand -wie eine Wohltat das Fehlen Renates. Einmal fragte -ihn Anna, ob er am Nachmittag Zeit für sie habe. Sie -habe ihn ja eigentlich für sich eingeladen und ihn noch den -Tag über kaum gesehn. Auf Georgs Erwiderung, daß -er nur Bogner seinen Besuch versprochen habe, aber erst -gegen Abend hingehen wolle, bat sie ihn, sie in einer -<a id="page-743" class="pagenum" title="743"></a> -kleinen Stunde nach dem Essen in seinem Zimmer zu erwarten -und mit ihr Tee zu trinken; sie möchte nur vorher -etwas ruhn. — Gleich darauf wagte Benno eine bescheidene -Frage nach einem Beisammensein mit Georg und -war hocherfreut, daß Georg ihn gleich nach dem Essen mit -sich nehmen wollte. -</p> - -<p> -Zwar fühlte Georg sich müde und schlafbedürftig, -brachte es aber nicht über sich, weder Benno abschlägig -zu bescheiden, noch ihn mit der Anna zusammen zu bitten, -denn an eine stille Stunde mit ihr dachte er mit weicher -Erwartung, — davon abgesehn, daß sie ein Recht hatte, -mit ihm allein zu sein. Auch sagte sie selber nichts, um -Benno aufzufordern. -</p> - -<p> -Allein hinter den Türen saß noch der ruhige Tote, umringt -von seinen nicht mehr geträumten Träumen, die ihn -lächelnd und weinend bekränzten ... -</p> - -<p> -Georg legte die Hand auf die neben ihm liegende Annas -und fühlte ihre Finger sich schließen. Bald darauf -hob sie die Tafel auf, nickte Georg zu und ging sicher zur -Tür. Er schob seinen Arm in Bennos, schüttelte Schley, -der sich zu verabschieden kam, die Hand, und sie gingen. -</p> - -<div class="chapter"> - -<h3 class="chapter" id="subchap-0-3-7"> -<a id="page-744" class="pagenum" title="744"></a> -Siebentes Kapitel -</h3> - -</div> - -<h4 class="section"> -Benno -</h4> - -<p class="first"> -„Ach!“ sagte Benno, nachdem er mit einem einzigen -Schritt in die Mitte des Zimmers getreten war, wo er -stehen blieb wie angenagelt, so lang und so dünne er war, -die Hände zusammenlegend und so höchstüberrascht und -beglückt umherblickend wie die Unschuld am Geburtstagstisch. -„Ach! Hier ist ja alles wie früher! Georg! Aber -das ist nicht zu glauben! Das ist unerhört!“ Und Georg -sah sein heißes und immer gerötetes Profil mit dem Haken -der Nase, der über den zitternd hangenden Schnurrbart -hinweg nach dem entgegengekrümmten Kinn langte, sich -hin und her drehen in kleinen Rucken, vor Freude rundäugig, -und die vorstehenden Wangenknochen bebten. Er -erging sich in Ausrufen. „Die Vitrine! Und die japanischen -Koffer! Und da —“ Wieder mit einem Schritt -stand er unter der Alabasterschale, die überm Sessel der -Fensterecke hing, streifte sie mit zärtlich erhobener Hand — -„die Lampe!“ — worauf er mit einem Knie in dem Sessel -lag vor Rembrandts Drei Bäumen, „und die alten Bilder!“ -Im nächsten Augenblick sich herumwirbelnd mit -fliegendem Haar, stand er bei Georg, legte ihm eine Hand -auf die Schulter und sagte, schmelzend vor Glück und -Scham und kaum hörbar: „Und daß ich noch hier bei dir -stehen darf? Und Du sagen? Und dich anrühren! Einen -Herzog! Es ist unerhört!“ Er schüttelte den Kopf, unter -den Augen tausend Fältchen eines fast mütterlichen Lächelns. -</p> - -<p> -„Großherzog,“ sagte Georg, „aber setz dich!“ -</p> - -<p> -<a id="page-745" class="pagenum" title="745"></a> -Mit einem Schwung saß er schon im Sessel, hatte, bereits -fertig in Attitüde, die Hände im Schoß, gradsitzend -mit übergelegtem Bein, und bat mit Kehltönen: „Und -jetzt mußt du mir etwas vorlesen! Magst du nicht? Du -hast Verse! Ich hätte dich heute morgen schon bitten wollen, -aber — da war alles so fremd; ich konnte mich gar nicht -gewöhnen. Diese Renate dazu! Man sieht sie an — — -und man ist einfach — — hin!“ Er endete verlöschend -und ließ den Kopf sinken wie ein sterbender Krieger. -</p> - -<p> -„Aber Georg,“ fing er wiederum an, „du bist traurig. -Ja, dieser herrliche Mensch ist nun auch gestorben ...“ -</p> - -<p> -Georg sagte, daß er zwar traurig sei, deshalb aber doch -Verse lesen könnte, wenn er nur welche hätte. -</p> - -<p> -„Stehn keine in dem Buch?“ fragte der Enttäuschte mit -einem Blick auf Georgs noch daliegende Aufzeichnungen. -</p> - -<p> -„Nein, das sind prosaische Aufzeichnungen und Aphorismen. -Aber warte, ein Gedicht muß darin sein, aber — es -ist nicht sehr von Belang.“ -</p> - -<p> -Georg setzte sich und begann zu blättern. „Hier! Nein, -das ist es nicht. Nun, dann waren es zwei, — also höre! -Dies ist übrigens noch aus Berlin.“ Er las: -</p> - -<div class="poem-container"> - <div class="poem"> - <div class="stanza"> - <p class="verse">„Und alles dieses: Speise, Schlaf und Wein,</p> - <p class="verse">Endlose Nächte, aufgebauschte Wonnen,</p> - <p class="verse">Schiffe im Nebel, Irrfahrt, Einsamsein,</p> - <p class="verse">Stein jeder Tag, gewälzt und dann entronnen —</p> - </div> - <div class="stanza"> - <p class="verse">Jahrlange Mühsal und am Ziele Scherben,</p> - <p class="verse">Verwelkte Kränze, Zweifel, Gram und Zorn,</p> - <p class="verse">Versucher jeden Stoffs: Gold, Lehm und Horn:</p> - <p class="verse">Und alles dies, damit wir endlich sterben.</p> - </div> - <div class="stanza"> -<a id="page-746" class="pagenum" title="746"></a> - <p class="verse">Und alles dies, daß uns wie dünnes Laub</p> - <p class="verse">Das Leben hinsinkt auf ein kahles Leinen,</p> - <p class="verse">Noch im Gehör, das schon erstickt und taub,</p> - </div> - <div class="stanza"> - <p class="verse">Aus Meilenferne ein verlornes Weinen, —</p> - <p class="verse">Dann der Erkenntnis Seufzer: Schwester, glaub,</p> - <p class="verse">Es war nicht wert, zu sein, und nicht, zu scheinen.</p> - </div> - </div> -</div> - -<p class="noindent"> -„Seltsam, es paßt ja hierher ... Aber doch eigentlich -wohl kaum. Nur daß es vom Sterben handelt ... So, -hier haben wir das andre! -</p> - -<h5 class="subsection"> -„<span class="antiqua">Hora melancolica</span> -</h5> - -<div class="poem-container"> - <div class="poem"> - <div class="stanza"> - <p class="verse">Langsam gehen die Dinge uns vorüber,</p> - <p class="verse">Wolkig hinunter in die Ewigkeit.</p> - <p class="verse">O Hades fern! es lockt mich selbst hinüber.</p> - <p class="verse">O später Tag! o müdes Leid!</p> - <p class="verse">Als führen wir im Wagen eingeschlossen ...</p> - <p class="verse">Da draußen gleiten Bäume, Feld und Haus,</p> - <p class="verse">Wohl kommt das Licht, auch Wind herbeigeflossen,</p> - <p class="verse">Wir aber sehen immer nur hinaus.</p> - <p class="verse">Was könnten wir denn tun in unserm Fahren?</p> - <p class="verse">Wir wissen kaum, wer das Gefährt bewegt,</p> - <p class="verse">Und sehen nur verständnislos seit Jahren</p> - <p class="verse">Den bleichen Weg, den wir zurückgelegt.</p> - <p class="verse">Was halten denn die Augen, die im Weiher</p> - <p class="verse">Des Lichtes schwimmen, blanken Fischen gleich?</p> - <p class="verse">Ach, stürzte einmal doch herab ein Reiher</p> - <p class="verse">Und trüg uns flügelbrausend in sein Reich!</p> - <p class="verse">Ins wirkliche aus unsern Wasserkreisen,</p> - <p class="verse">Darum die Bäume voller Schwermut stehn.</p> -<a id="page-747" class="pagenum" title="747"></a> - <p class="verse">Wir ziehn, wir ziehn, — so werden wir die Leisen,</p> - <p class="verse">Die alles mit gekühlten Augen sehn.</p> - <p class="verse">Dies Niemalstun, dies Nurgeschehenlassen,</p> - <p class="verse">Dies weiche Wollen, ach, dies Ungefähr,</p> - <p class="verse">Dies macht das Herz so schauerlich erblassen</p> - <p class="verse">Wie treibend Schlingkraut in dem wüsten Meer.</p> - <p class="verse">Mit tausend Siegeln ängstlich eingemauert,</p> - <p class="verse">Wir zwingen nichts hinein in unser Herz.</p> - <p class="verse">Nur jeder Flügel, der vorbeigeschauert,</p> - <p class="verse">Erfüllte uns mit immer tieferm Schmerz.</p> - <p class="verse">Aus hundert Schmerzen aber ward am Ende</p> - <p class="verse">Nur Müdigkeit. Die Augen sinken zu;</p> - <p class="verse">Sie wollen nichts mehr, die getäuschten Hände,</p> - <p class="verse">Die Seele wiegt der letzte Traum von Ruh.</p> - <p class="verse">Und endlich kam es so, daß wir nur gleiten.</p> - <p class="verse">Genügsam wurden wir; die Blicke gehn</p> - <p class="verse">Zu Wolken auf, um den Vergänglichkeiten</p> - <p class="verse">Mit bitterem Begreifen nachzusehn.</p> - <p class="verse">Die weicheren Gebilde in den Bahnen</p> - <p class="verse">Des Äthers tun den kranken Augen wohl.</p> - <p class="verse">O wo bliebst du, der Jugend trunknes Ahnen,</p> - <p class="verse">Du einst unsterblich flammendes Idol:</p> - <p class="verse">Wo bleibst du, Liebe, die um nichts bekümmert,</p> - <p class="verse">Sich selbst vertrauend, rings Gesetze giebt,</p> - <p class="verse">Die jeden Makel an sich rasch zertrümmert,</p> - <p class="verse">In ihre Reinheit grenzenlos verliebt!</p> - <p class="verse">Die herrscherlich, mit Augen hart und stählern,</p> - <p class="verse">Mit Löwenschritten und mit Adlersgriff,</p> - <p class="verse">Die mantelsausend stürmte über Tälern</p> - <p class="verse">Und über Berge nach den Brüdern pfiff?</p> -<a id="page-748" class="pagenum" title="748"></a> - <p class="verse">Doch wir sind froh bei unsern Mittagsmählern,</p> - <p class="verse">Und sicher trägt uns das gebauchte Schiff.</p> - </div> - <div class="stanza"> - <p class="verse">Geschehen mag und gehen, was die Hände</p> - <p class="verse">Nicht schufen, nur berührten fremd und blind:</p> - <p class="verse">Der tatenlosen Liebe arme Spende,</p> - <p class="verse">Der kleinen Hoffnung süßes Angebind.</p> - <p class="verse">Vorüber ziehn die bunten Bilderwände,</p> - <p class="verse">Wir schauen und vergessen, was wir sind.</p> - <p class="verse">Die Dinge schweben her und gehn hinunter,</p> - <p class="verse">Wahllos hinunter nach dem einen Tod.</p> - <p class="verse">Und wir, ach Schwester, schwanken selbst darunter,</p> - <p class="verse">Unwissend Lächelnde ins Abendrot.“</p> - </div> - </div> -</div> - -<p class="noindent"> -Benno, steif sitzend, schwieg und sah vor sich nieder. -„Das ist recht schön, Georg“, meinte er dann. „Aber — -besonders finde ich es nun eben nicht.“ -</p> - -<p> -„Es soll ja auch gar nicht —“ -</p> - -<p> -„Weißt du, ich liebe das eigentlich gar nicht. Das sind -solche — Feststellungen. Die Welt ist so oder so, trübe, unbegreiflich -— —, das ist alles solcher Hofmannsthal. ‚Was -frommt es, alles dies gesehen haben?‘ Nicht wahr? Das -ist ja auch gar nicht deine wirkliche Meinung! Oder doch?“ -</p> - -<p> -„Vielleicht nicht eben länger, als ich daran schreibe. -Nun lassen wir das, mir liegt daran nichts, ich bin ja kein -Dichter und habe also höchstens die Erlaubnis, zu sagen, -was ich leide.“ -</p> - -<p> -„Aber — —, ja, Georg, ist denn das nicht die einzige -Aufgabe des Dichters?“ -</p> - -<p> -Georg schüttelte trübe den Kopf. „Benno, du wirst -nie im Leben dahinterkommen. Nie im Leben! Aber wir -<a id="page-749" class="pagenum" title="749"></a> -wollen nicht wieder davon anfangen. Ich lese dir lieber -noch einiges von den Aufzeichnungen, sie stammen alle -aus der Zeit von Hallig Hooge, — wenn du magst. Hier -ist etwas über Flauberts <span class="antiqua">Education sentimentale</span>, magst -du das? Also höre. -</p> - -<h5 class="subsection"> -„Zu Flauberts <span class="antiqua">L’éducation sentimentale</span> -</h5> - -<p class="noindent"> -Dieses als Kunstwerk gewaltige Buch scheint mir bei -fortschreitendem Lesen von Tag zu Tag mehr das, was -der Titel, den es ursprünglich haben sollte, ausdrückt: -‚Dürre Früchte‘. Es ist dürr, langweilig und von erschrecklicher -Einfalt. Eine Menschendarstellung ohne Seele -und Seelen. Da ist nur Dasein, nichts als um sich selber -und um einander kreisende Daseinsgestalten, deren nüchternes -Gesetz leider jeden Schein von firmamentaler Wirkung -ausschließt. Der ‚Held‘ (der keiner ist und sein soll -in unserm Sinne) streicht als nur Erlebender durch diese -in ihrer Trostlosigkeit den einzigen Ausdruck von Unendlichkeit -tragende Ebene umgetriebener Figuren wie ein lauer -Windzug, ohne Bewußtsein seiner selbst, ohne Frage, ohne -Aufblick, ohne Sterne, ohne Seele und ohne Geist. Was -hier Seele scheinen könnte, ist nichts als eine Art romantischer -Glorie um die Sinne. Von allem um ihn her nur -ästhetisch, das heißt in seiner Anschauung berührt (oder — -was fast schlimmer ist — moralisch, das heißt an seiner -bürgerlichen Existenz mit ihren Wünschen und Zielen, -oder — was das einfältigste ist — an seinen Trieben), -ist sein ganzes Sein und Tun: zu erleben, was aber nicht -heißt, das eigene Leben mit anderen, mit Lebenserscheinungen -durchtränken; es zu ernähren, zu entfalten, zu -<a id="page-750" class="pagenum" title="750"></a> -steigern, zu vertiefen, mit einem Wort: zu wandeln; sondern -nur heißt: Erlebnisse sammeln; und so ist er selber -am Ende (ich blätterte im Ende) nur ein Schrank voll -alter, nicht einmal getragener Erlebnisse, undurchdrungen, -unverirrt, unverzweifelt und unerhoben derselbe, als der -er auf der ersten Seite des Buches erschien: <span class="antiqua">un jeune homme -à longs cheveux et qui tenait sous son bras un album</span>, — -nur daß eben das Skizzenbuch mittlerweil voll wurde. Undurchdrungen -also — und deshalb ungestaltet, das heißt: -ohne Geist —, ungewandelt also — und deshalb ohne -Innerstes, ohne Seele —, unberührt in beiden, die nicht -vorhanden scheinen — ist er auch: ohne Leid. Kein Leiden -ist im ganzen Buche zu finden außer Notleiden, Bürgerjammer -und Alltagselend. Sie arbeiten Alle sich in sich selber -ab, wie das Eichhorn in der Radtrommel, und wenn selbst -dieses das zu tun scheint aus Unruhe, aus mangelnder -Freiheit, so fehlt ihnen selbst die leiseste Ahnung, daß es -eine Welt geben könnte, außer der ihren. -</p> - -<p> -„Flaubert war augenscheinlich eine kleine Vernunft mit -gewaltigen Kräften, ein Zwerg mit riesigen Armen, der -nicht erschaffen konnte, sondern nur schaffen, aufbauen, -von außen arbeitend, nicht von innen, hin- und darstellend, -weil für ihn — in seinen andern Büchern ist es nicht anders -—, wie gezeigt, letztes Inneres — der Gott, die Seele, -der Geist — nicht vorhanden waren. Mit einem Wort: Franzose, -würde ich sagen, läge nicht auch über ihm der Schatten -des Giganten, der, wenn auch keinen Gott, so doch einen -Dämon in der Brust und einen Ätna im Gehirn trug: Balzac. -</p> - -<p> -„Dennoch, wovon auch Balzac nichts wußte, das ist: -die Wandelbarkeit einer Seele; ist: Verändertwerden durch -<a id="page-751" class="pagenum" title="751"></a> -das Leben; ist: Durchsäuertwerden und Süßwerden von -Leiden; ist Streben, Suchen nach dem ‚wahren‘ Leben -als dem wahren Stoffe des Daseins, das in ihm enthalten -sei und aus ihm geläutert werde; ist Wachsen und Werden. -Er kannte das menschliche Labyrinth in jeder Windung -und Verschlingung nebst dem Minotaurus, aber er wußte -so wenig wie Flaubert von der aus tausend Opferfeuern -darüber aufsteigenden Säule Rauches, deren höchster und -gereinigter Niederschlag an der gläsernen Nachtkuppel die -Bilder des Firmamentes bildet. -</p> - -<p> -„Freilich: in keinem Werk aller europäischen Literaturen, -weder der französischen noch englischen oder russischen, -findet sich der in der deutschen immer wiederkehrende -Mensch, jenes Gebilde, als dessen innere Form sich immer -wieder jener herausheben läßt, welcher der erste war, Parzival. -Wobei zweierlei zu bemerken ist, nämlich erstlich und -weniger wichtig: daß Wolfram von Eschenbach den Stoff -seines Gedichtes aus dem Französischen schöpfte, und zweitens, -daß zwar immer von der ‚Form‘ des Franzosen, -seiner Begabung dafür, seinem Bemühen darum, geredet -wird, daß es sich aber in Wahrheit bei ihm um ‚formales‘ -Bemühen und formale Begabung handelt, ohne Wissen -von wirklicher Form. Was Parzivals Schicksal war: Erkennen -und Wissen um eine Bestimmung, Suchen des -Weges, das Streben nach Erlösung: Formung des Lebens -ist das, Erlösung des eigenen Ich und der chaotischen Welt -im geformten Schicksal, in der reinen Form. (So tappte -auch dieser Wagner daneben, der nichts bilden konnte als -einen unwandelbar ‚reinen Toren‘.) Auch Parzival war -im Anfang Franzose, in der Gralsburg froh, essen, -<a id="page-752" class="pagenum" title="752"></a> -trinken und schöne Dinge sehen zu können, und: er fragte -nicht. -</p> - -<p> -„Parzival, (auch Simplizissimus sogar,) Faust, Wilhelm -Meister, der Grüne Heinrich, Spittelers Prometheus, Leonhard -Hagebucher, Hyperion, Michael Unger und tausend -Unbekanntere in minder reinlicher Form enthalten als Gesetz, -als Form allesamt den Einen und Erstgenannten: -Parzival mit dem Panier über sich: ‚Wer immer strebend -sich bemüht, Den können wir erlösen.‘ -</p> - -<p> -„Du aber, Georg Trassenberg, an Erkenntnissen Reicher, -wohlweislich diese Dinge Zerlegender und Aufzeichnender: -was bist du gewesen, und was bist du jetzt? In Wahrheit, -bei Gott, wenn ich auch noch bis gestern ein armseliger -Fréderic Moreau war, <span class="antiqua">qui tenait sous san bras un album</span>, -so bin ich es heute nicht mehr! Und wenn es wahr ist, daß -nichts kommt aus nichts, daß ich also nichts sein kann, -wozu ich nicht zumindest den Stoff zuvor enthielt, das heißt: -<em>wenn</em> ich heute etwas andres sein kann, daß ich es — oh -meine Unschuld! — niemals ganz war.“ -</p> - -<p> -Benno sprang auf wie eine Stichflamme, daß die kleine -Alabasterschale bebte und pendelte. „Ich kenne das Buch -nicht, Georg,“ sagte er mit empörter Gewißheit, „aber -ich kenne Bücher, die so sind!“ Georg sah, sich umdrehend, -mit glücklicher Rührung all das lange Vertraute wieder —, -die alten Bewegungen der Aufgeregtheit, der Entrüstung, -das Zurückwerfen des Haars, das mit einem Schritt dahin -und dorthin sich Pflanzen, das im Nachdenken, bei -fast über den Wirbel hochgedrehtem Handgelenk über das -Stirnhaar Kämmen mit den Fingern, den Unglücksausdruck -der Brauen, und es war eine Wohltat zugleich, alles -<a id="page-753" class="pagenum" title="753"></a> -Süße der Schuljahre wieder zu fühlen in der gebrochenen -Stimme, ihren glühenden Betonungen und gezogenen -Pausen der Überlegung. -</p> - -<p> -„Und es ist entsetzlich!“ fuhr Benno nach langem, -erschöpftem Dastehen fort. „Es ist die Fläche. Nicht die -Fläche unserer Er—de — —, die sich wölbt und abhängt -nach den Seiten. Sondern sie ist nach oben gewölbt, -und man kann nicht über den Rand sehn, und alles was -gegen den Rand hinaufgeraten ist im Umherschleudern -der Scheibe, das muß nach innen zurückfallen. Schau—er—lich!“ -</p> - -<p> -„Fliegen mit ausgerissenen Flügeln in einer Glasschale, — -ja, das sind wir.“ -</p> - -<p> -Benno schüttelte sich verneinend mit Leidenschaft. „Nein, -sage das nicht, Georg! Ja, es giebt Stunden, wo es so -scheint. Ich kenne diese Stunden, diese <span class="antiqua">horas melancolicas</span>, -und sie sind — — entsetzlich!“ -</p> - -<p> -„Nun, Benno, aber was heißt das?“ fragte Georg -behutsam. „Ich denke, du bist glücklich?“ -</p> - -<p> -Benno setzte sich still und sah vor sich hin. -</p> - -<p> -„Du mußt mich jetzt richtig verstehen, Georg. Ich -wäre ein — — Ehrloser, wenn ich mich beklagen würde. -Ich bin verlobt — —, ich werde bald heiraten. Und sie -— — oh, du kennst sie ja leider nicht, und sie ist — — -sie ist — wie aus Goldstaub! So leicht, so schwebend, -und so rieselnd. Natürlich hat sie auch ihre Launen,“ -gestand er voll Großmut und Menschenkenntnis, „warum -wäre sie ein Weib! A—ber — — — Nein, an ihr liegt -es nicht, nur — — — Es ist alles zuviel!“ schloß er, -völlig erschöpft. -</p> - -<p> -<a id="page-754" class="pagenum" title="754"></a> -„Zuviel, Benno?“ -</p> - -<p> -„Zuviel! Ja, viel, viel, viel zuviel!“ stöhnte er auf -wie ein gebrochener Held im Theater, die Hand vor der -Stirn. „Alles ist zuviel! Es ist kaum zu ertragen!“ Er -sprang auf. „Siehst du, was ist das Wunderbare immer -wieder im Leben? Das sind die Anfänge! Nie sollte -man hinauskommen über die Anfänge, und ich — — kann -es nicht!!“ -</p> - -<p> -Leider, dachte Georg, auch in deiner Musik! — während -er halblaut sagte: „Brentano!“ -</p> - -<p> -„Ja, natürlich, natürlich Brentano, der hat so empfunden -wie ich! Gehe hinaus — — im April! im März! -an einem unverhofften Tag. Wie dich da alles verlockt! -Der Himmel scheint wegzuschmelzen, kaum daß er nahte. -Dich ziehts mit ihm in das Unendliche der Sonne. Eine -unermeßliche Bangigkeit zugleich treibt dich fort, und du -kommst dir vor, Georg, — — wie ein Schauer Schnee. -Und alles Glück der Welt scheint sie doch zu enthalten — — -diese Bangigkeit. Oh, du willst dich hinwerfen, du willst -weinen, du bist aufgebrochen, — und nun erst — wenn -du liebst! Georg, weißt du die Nächte nicht mehr? Die -endlos stillen Straßen, die einsam leuchtenden Fenster, das -nasse Pflaster, und der zitternde Stundenschlag. Und das -dunkle Fenster endlich — — der Geliebten! Aber — — -Georg, das erloschene Fenster, hinter dem sie schlief, es -enthält mehr Wonnen für das Herz, als das Zimmer selbst, -wenn du es betreten darfst. Es ist alles zuviel! Glaube -mir, Georg, es war mir eigentlich schon zuviel, daß ich sie -kennen lernte. Als ich sie noch grüßen durfte — — von -weitem — —, da schlug mir das Herz, und ich war ergriffen!! -<a id="page-755" class="pagenum" title="755"></a> -Nun —“ sang er lieblich — „ist alles ganz einfach -geworden. Ist aber der magische Kreis einmal durchbrochen, -was — ist — dann — noch? Ihre Stimme hören -— ihr nachgehn von fern durch die bewegten Gassen —, -ihren Gang zu sehen —, oh diesen Pendelschlag der Stunde -ohne Ziffern! — ihr im Wald zu begegnen, wo sie Anemonen -sucht an den Abhängen — —, oh Georg, wenn -ich erzählen wollte, ich habe Abenteuer erlebt — — unerhört!“ -</p> - -<p> -„Was, Benno, jetzt? Ich denke, du willst heiraten?“ -</p> - -<p> -Benno lächelte schwermutvoll. „Ich genieße halt meine -Freiheit“, sagte er natürlich. Dann lachte er verschämt. -„Nun, Georg, so genau darfst du das nicht nehmen! Das -Entfernte still zu genießen, wer will mirs verwehren? -Und ich brauche das, Georg, ich brauche das. Oh sie -ist lieb, sie ist edel, sie ist rein, aber daß ich nun täglich -ihre Hand küssen darf, ihr Gesicht — —, und sie über -alles sprechen zu hören, — — zu sehn, daß sie ungeduldig -ist und hart und — — das, Georg, — — das schlägt mich -zu Boden!“ -</p> - -<p> -„Und das ist, was ich dir immer sagte, Benno!“ fing -Georg an und stand auf. „Es ist schön. Es ist, so wie -du es betreibst, menschlich schön und ergreifend, aber: es -ist eine Schwäche des Lebens, verstehst du? Stark zu -fühlen, ist noch keine Kraft, so schön es auch sein kann. -Die Kraft ist im Bilden, in der Handlung, im Werk. Die -‚Intensität des Erlebens‘, ja, so heißt es heut. Erleben, -schon das Wort ist mir unleidlich. Das sind diese Zusammenballungen, -die nachher nichts können als zerfließen. -Erleben um des Erlebens willen, und keinerlei Wirkung -<a id="page-756" class="pagenum" title="756"></a> -fürs Leben selbst. Euer Handeln, euer Meinen, eure Haltung -zu den Andern — alldas bleibt unbeeinflußt. Ich -will mich nicht besser machen, als ich bin, aber — auch -ich habe erleben wollen, jedoch nicht — —, um Erlebnisse -zu fangen, sondern um meine Lebenskraft zu steigern und -wegen der Erfahrung. Und wenn ichs zehntausendmal -nicht getan habe, so tat ichs doch unbewußt, und zuletzt -ist es alles in die eine Schleuse hineingeströmt. Ihr macht -euch Zaubergärten von vornherein aus der Welt, dann -brechen die wirklichen ein, und schon sind euch alle Schalmeien -verstummt bis auf die der Trübsal. Bei dir, wie gesagt, -ist es schön, weil es fromm ist und zart, und du zu -weich und zu gütig, das Leben entgelten zu lassen, daß es -dir deine Träume nicht hielt. Aber sieh in die Literatur von -heut. Da wird aufgeblasen und aufgebauscht: Einssein -mit der Geliebten, Ewigkeit der Verschmelzung, und was -weiß ich, und kaum daß die Geliebte an ihrem Schuhband -schnürt, wenn dich eben der göttliche Abend berauscht, so -geht dir ein Meteorschwarm von Illusionen ins Chaos -hinunter, und vom Augenblick an sind sie die Verächter, -die tiefen Greise, die das Herz Gottes im brechenden Lächeln -der Dirne entdecken, wo es ‚verreckt‘. Sie rasen nach -Gott durch die Welt, schlagen Fenster und Türen zusammen, -brüllen: Ist keiner da? und dann endlich — endlich lächelt -ihnen die weise Hure. Die ganze Literatur ist nicht zum -Teufel, aber zum Zuhälter gegangen, und das Großartigste -ist, herumzustelzen, die ganze Brust bedeckt mit den Kotillonorden -der verlorenen Illusionen. — Diese Folgerungen — -das heißt nur diese zufällig zeitlichen des Zuhältertums — -ziehst du zwar nicht, Benno, aber im Kern ist es bei dir -<a id="page-757" class="pagenum" title="757"></a> -nicht anders. Hast du nicht immer verklärt und erhoben? -Und bist du nicht schon getrübt und gesunken?“ -</p> - -<p> -„Aber was soll man denn tun, Georg, was soll man -denn tun?“ -</p> - -<p> -Georg schwieg und sah nach dem Fenster. Ja, was? -dachte er still. Auge im Auge mit einem Menschen das -Leben ertragen, — das wäre schon viel. „Was man tun -soll, Benno? Wege giebts so viel wie Menschen. Aber — -man sollte vertraun. Nicht immer das Fluten sehen, ‚die -zehntausend Spinnen in der Kufe‘, das Getümmel der -achtlosen Bestien; und die Heiligen darüber aus Regenbogen -auch nicht. Das Leben ist kein Ballhaus, und ein -Heiligtum auch nicht, und es wird nicht scharenweise gelebt. -Gieb acht auf den Einzelnen! Es giebt nur Einzelne. -Denen aber vertrau! Von dem fall nicht gleich ab, wenn -er nicht augenblicks einstimmen will in deine Augenblickslaune. -Seele kann nicht in Seele gelangen, obschon Leib -in Leib. Leib fügt sich in Leib, und gezeugt wird aus -Zweien das Eine. Seele in Seele, was zeugen die? Gemeinsamkeit. -Wenn ich das Leben süß gefunden habe, so -war es darin.“ Ach, Cordelia! dachte Georg, und glitt -von ihr zu der Schwester mit n, indem er sich sagte: -Cornelia und Cordelia —: die Eine war, was die Andre, -und darum verließen mich Beide. Eine Wiederholung nur, -und ich habe es kaum gemerkt. -</p> - -<p> -Benno saß still da, eine Hand auf der Tischkante neben -sich. Er sagte: -</p> - -<p> -„Du hast recht, Georg, natürlich hast du vollkommen recht. -Immer hast du recht, und überhaupt — ich bin ja einmal so, -daß ich immer auch den Gegenteil vollkommen begreife, a—“ -</p> - -<p> -<a id="page-758" class="pagenum" title="758"></a> -„Aber,“ rief Georg das Wort, das er längst kommen -sah, „aber du handelst ja nicht danach! nach deinen Erkenntnissen! -Du hängst ab nach zwei Seiten wie ein Gespaltener -und —“ -</p> - -<p> -Benno ließ sich nicht abschütteln, flüchtete hinter Georg -ins Zimmer und rief, ihm unsichtbar, von dorther: „Nein, -und du hast doch nicht recht! Ja, das Leben mag so sein, -wie du sagst, aber — — soll es denn immer so bleiben? -Und wer macht denn, daß es vielleicht einmal anders wird? -Würde die Welt nicht stehen bleiben, wenn Alle so wären -wie du? Wer sorgt für Änderung? Wir sind das, wir! Die -Träumer, die Schwärmer, die Seher der Ferne. Haben nicht -immer Dichter und Weise, sie, die Spiegel der Menschheit, -das Bild einer Welt aufgefangen, die hinter der sichtbaren -liegt? Wir haben die wahrhaftigen, die platonischen Gesichte! -Wir schreiben unsere Träume mit goldenem Griffel -in die rosigen Wolken, und wer die Schrift liest, den erfüllt -sie mit Sehnsucht. Sehnsucht, Georg, Sehnsucht! Was -helfen denn eure Feststellungen, eure Hofmannsthals und -Georges, wo alles erstarrt ist! Ich erkenne sie ja an, diese -Form, ich bewundere sie, aber sie ist die Giftschlange, die -euch alles erwürgt! Wir, wir, wir, die Träumer, die -Schwelgenden auf den unerreichbaren Gipfeln, wir —“ -</p> - -<p> -„— pfeifen wie die Rattenfänger, und pfeifen die Narren -in den Berg!“ rief Georg aufgebracht und hieb mit -der Faust auf den Tisch. Danach verstummte er in plötzlicher -Erschlaffung und dachte: Wozu? Er hat ja keinen -Kern, wie soll ich ihn angreifen? -</p> - -<p> -„Na, lassen wirs gut sein, Benno, wir sind darin zu -verschieden. Du —“ -</p> - -<p> -<a id="page-759" class="pagenum" title="759"></a> -„Vielleicht, Georg, — und doch nicht. Ich verstehe -dich ja, wir mißverstehen uns nur, ich meine genau das -selbe wie du, nur —“ -</p> - -<p> -Georg kniff schmerzlich die Lippen zu. „Hör auf, Benno, -es hat keinen Sinn. Weißt du —, ich bin auch sehr müde. -Tu mir die Liebe und laß mich jetzt ein bißchen allein.“ -</p> - -<p> -„Ich gehe, Georg, ich gehe! Hättest du mir doch nur -gesagt, daß du vielleicht lieber schlafen möchtest. Es tut -mir —“ -</p> - -<p> -Georg brüllte beinah, verstummte aber im letzten Augenblick -angesichts dieser schmelzenden Betrübtheit, die -schon die ganze Stunde schwarz sah, bloß weil er an ihrem -Ende erklärte, müde zu sein. -</p> - -<p> -Benno nahm zärtlich Abschied, und Georg versprach, -ihn in Bälde zu sich zu rufen, worauf er entfloh. -</p> - -<h4 class="section"> -Georg -</h4> - -<p class="first"> -Nun bin ich bald am Ende der Kraft, dachte Georg, -und fiel in den Sessel. Er wollte sich eilig bemühen, zu -schlafen und zu vergessen. Aber die Lehne war rauh und -heiß, er war nicht mehr gewohnt, im Sitzen zu schlafen, -dachte, sich auf das Bett zu legen, aber — in Kleidern? -nein, und ausziehn? Er blickte auf die Uhr, — nein, in -einer Viertelstunde vielleicht kam die Anna. So rückte -und drehte er sich hin und her, ächzte leise und meinte zu -fiebern. Nicht denken, nicht denken! -</p> - -<p> -Und was ist es denn, was war es, was gab mir wieder -das Recht, mich so als stärker zu fühlen und gütiger? Ist -er mir verpflichtet? oder dem Dasein? Es ist schrecklich, -<a id="page-760" class="pagenum" title="760"></a> -aber es ist wohl so, daß jeder Gegensatz an dem, den wir -lieben, uns mehr Ärgernis bereitet als am Fremden. -</p> - -<p> -Hat er nicht doch vielleicht recht? Wenn er so sprechen -konnte, dies herausfühlen konnte aus mir: muß dann -nicht doch ein quietistischer Hang vorhanden sein? ‚Geh -an der Welt vorüber, es ist nichts.‘ Ja, was will ich -denn? Ich verstehe mich selber nicht. Ich will ändern; -aber alles, was ich sehe, ist, daß ich vorläufig nicht kann ... -</p> - -<p> -Er saß schon wieder mit offenen Augen, gewahrte nun -das noch aufgeschlagene Buch auf dem Tische und empfand -bald den Wunsch, sich noch einmal nachzuprüfen, -oder vielmehr, sich zu beweisen, daß er recht hatte und -nicht so war, wie Benno ihm vorwarf. Das Buch —, -nun, was drin stand, hatte seine Erledigung gefunden, -aber es enthielt doch Angaben über den Weg. -</p> - -<p> -Noch unschlüssig streckte er die Hand nach dem Buch -aus, zog es langsam heran und begann, es auf dem Tischrande -neben sich liegen lassend, zu blättern und zu lesen. -</p> - -<p> -Angehängt an das erste der Gedichte, die er Benno vorlas, -fand er da: -</p> - -<p> -‚Wahr im Stoff, unwahr in der Form ist dieses Gedicht -wie fast alle derartigen, ich meine gedanklichen, von mir. -Von der ersten Zeile bis zur achten ist alles echt. Bei der -neunten beginnt schon leise Verwirrung (da ich, als ich -dies schrieb, noch nichts ahnte vom Tode!), die letzte ist eitel -Lüge, das heißt nur Wahrheit des Augenblicks, der aus -dem Schmerz die Verachtung erzeugte. Wie aber dürfte -ein Gebilde, das dauern soll, die Prägung des Augenblicks -an sich tragen? Bogner hat wahrlich recht mit -seiner Vergiftung. Ich hob diese Verse als die stärksten -<a id="page-761" class="pagenum" title="761"></a> -auf aus meiner Berliner Zeit, und die war so faul, ganz -so faul wie ein morsches Stück Holz, das leuchtet; nur im -Dunkel leuchtet, und nur aus Miasmen. -</p> - -<p> -Mit achtzehn Jahren machte ich Gedichte von Heiligen: -Er war schon der Vollendung fast ganz nah ... So konnte -keine Gestalt mir großartig genug scheinen, in ihr meinen -Seelestoff kostbar zur Darstellung zu bringen. Der Vollendung -fast ganz nah ... ach, durch drei Jahre war selbst -der Gedanke an einen Weg zur Vollendung unendlich -fern! Auf Schritt und Tritt nur Griff um Griff nach dem -Nächstliegenden, Ausfüllen mehr schlecht als recht, statt -Erfüllung, — warum zum Unheil muß mir ein anderer -Vers jenes Alters ins Gedächtnis kommen, wenn er auch, -schlimmer als schlimm in diesem Fall, nicht von mir ist, -doch behielt ich ihn wohl, ob wider meinen Willen: -</p> - -<div class="poem-container"> - <div class="poem"> - <div class="stanza"> - <p class="verse">Georg, der Trasse,</p> - <p class="verse">Stürzt sich ins Leben wie ins Meer der Schwimmer,</p> - <p class="verse">Drum sieht er nichts als: Masse, Masse, Masse.</p> - </div> - </div> -</div> - -<p class="noindent"> -Ach, giebt es keine Erlösung aus diesem Klumpen von -Wahrheit, der an mir hängt? — Ah, ein Licht! eine süße -Strophe: wer sagte sie mir noch? -</p> - -<p> -Richtig, Magda! An dem Morgen nach der Nacht, -wo ich nicht starb, stellte sie mich wegen eines Briefes, den -ich in der Nacht erwähnt habe, eines Briefes von mir an -sie. Es war jener, den ich für sie bestimmt hatte, ihn nachher -zu lesen. Ich gab ihn ihr, und sie sagte, nachdem sie -las: was ich darin vom seefahrenden Sindbad und dem -bösen Geist, den er schleppen mußte, geschrieben habe, -erinnere sie an eine Legende, die Jason ihr und noch -einigen Andern aus der Friedliebenden Gesellschaft einmal -<a id="page-762" class="pagenum" title="762"></a> -erzählt habe, und sie gab mir wieder, was sie davon behalten -hatte. Jason hatte sie später für Renate aufgeschrieben, -und so hatte A. die beiden Strophen daraus im -Gedächtnis behalten, die mein eigenes, leichtes Versgedächtnis -mir bewahrte. Die Legende handelte, wie mir -schien sehr schön, von Orest, den die Eumeniden verfolgten, -schlaflos, bis auch sie, die Verfolgerinnen einmal ruhen -mußten im Schlaf: -</p> - -<div class="poem-container"> - <div class="poem"> - <div class="stanza"> - <p class="verse">Oh Nacht und Tiefe! Draußen auf den Stufen</p> - <p class="verse">Des Hauses ruht die Eumenide nun.</p> - <p class="verse">Noch ist die Gottheit dringend anzurufen,</p> - <p class="verse">So wird dir, was du sehntest: du wirst ruhn.</p> - </div> - <div class="stanza"> - <p class="verse">Die ..... die Wölbung schwindet,</p> - <p class="verse">Gestirne wandern über Wäldern fort.</p> - <p class="verse">Blick hin: er steht schon längst im Winkel dort,</p> - <p class="verse">Schlaf deiner Kindheit, der dich wiederfindet.</p> - </div> - </div> -</div> - -<p class="noindent"> -Wahr, oh wahr! Wenn wir ihn wirklich finden, den -Schlaf, so ist es kein fremder, kein erst im Augenblick -mühsam aus uns erschaffener, sondern Kindheitsschlaf, -und er ist es, der ‚uns wiederfindet‘.‘ -</p> - -<p> -Wunderschön! dachte Georg und gähnte. Alles ganz -wunderschön! Bloß — wie soll ich damit regieren? -</p> - -<p> -Immerhin, muß ich sagen, enthalten diese Dinge eine -gewisse Kraft der Sprache und der Formung, die eigentlich -nicht nur an dieser Stelle ... sondern auch sonst im -Leben ... Seine Augen waren ihm zugefallen. -</p> - -<p> -Oder, fragte er noch, ist das Ganze nur ungesättigter -Geschlechtstrieb? -</p> - -<p> -Darauf entschlief er. -</p> - -<h4 class="section"> -<a id="page-763" class="pagenum" title="763"></a> -Bogner -</h4> - -<p class="first"> -Renate stand mit Erasmus nach einem stillen und -schönen Spaziergang durch den klaren Nachmittag der -Wiesen vor Bogners jetziger Behausung, die im Tiefland -um Böhne, ein kleines Stück unterhalb der alten Stadtwälle -lag, bis auf ein nahes Gehöft einsam in weiter und -flacher Gegend. -</p> - -<p> -Renate wußte, daß Bogner einen ehemaligen Tattersall -bewohnte; das, wovor sie stand, war ein kleines weißgetünchtes -Haus, hinter dem sich das flache und schwarze -Dach eines mächtigen Rundbaus — der Reitbahn — -erhob. Auf ihr Klingeln erschien nach einiger Zeit der -Maler selber, sie begrüßten sich hocherfreut, er führte sie -in den Flur und gleich durch einen dahinter liegenden -Gang zwischen den ehemaligen Boxen der Pferde, deren -eine nur von einem großen und äußerst dicken braunen -Rosse bewohnt war — Renate kam es bekannt vor, ohne -daß sie sich gleich erinnern konnte —, während die übrigen -mit Leinwanden und dergleichen Malsachen vollgestellt -waren, in die Reitbahn. -</p> - -<p> -In dem riesigen kreisrunden Raum war es noch taghell -vom allseitig voll einflutenden Licht der breiten Fenster, -die Renate für Augenblicke fast blendeten. Vor ihr, -in der Mitte der Halle waren drei große Rechtecke, die -nun zu Bildern wurden, Kehrseiten von aufgestellten Bildern, -liegende Rechtecke, höher als sie selbst. Aufgespannte -Leinwande waren im ganzen Umkreis an die Wandung -gelehnt, häufig übereinander, hundertfach zuckend von -abenteuerlicher Gestalt und lodernden Farben, und Renate -<a id="page-764" class="pagenum" title="764"></a> -ging hastig zwischen zweien der in flachen Winkeln gegeneinander -gestellten Bilder und drehte sich um. -</p> - -<p> -Da stand sie vor einem so klirrenden Aufgebot der Phantasie, -daß sie zurückfuhr. Sie mußte sich zusammenraffen, -um die Augen auf das nächste der Bilder zu heften, wo -ein gewaltiger Schwung hinsprengender Pferde sie anzog. -</p> - -<p> -Dieses Bild war sehr lang im Verhältnis zur Höhe. -Einher vor einer drei Viertel der Bildhöhe füllenden Wand -von schwarzem Blau flog ein Gespann fahler Rosse, graugelb, -lebensgroß scheinend und überlebensgroß durch ihre -Gestaltung, gewaltig an Gelenken, Hälsen und Häuptern, -langausgestreckt im Galoppsprung. Dahinter — kein Wagen, -nur ein einziges Rad mit erzbeschlagenen Speichen -in bräunlichem Metallglanz, trug die Gestalt eines fast -nackten Mannes, um dessen Brustmitte geschlagen ein -kurzes rotes Manteltuch flatterte, einen Arm und die -Hand mit einer großen Bewegung des Lenkens ausgestreckt, -mit kaum sichtbaren Streifen von Zügeln zu den -Rossen hin. Dieses Rot des Mantels, das bräunliche Weiß -seiner Glieder und das fahle Gelb des Gespanns war wie -das Blau der Arenawand nicht irdisch; unbekannte Farben, -entseelt vom Lichte dahier, innerlich verfinstert und -wie getränkt mit einer tieferen Essenz farbigen Daseins. -— Aber Renate erschrak vor dem oberen Viertel des Bildes, -aus dem Gesichter sie anblickten, tausend wie es schien, -in Reihen übereinander und immer tiefer und kleiner in -eine niemals endende Ferne hinein. Und all diese waren -schändlich entstellt von Verhöhnung, Gelächter, Spott, -Roheit, allen Lastern. Und so blickten sie alle in einer -fleckigen Buntheit, ein wimmelndes Blumenfeld strotzender -<a id="page-765" class="pagenum" title="765"></a> -Abscheulichkeit. — Jedoch unten der Held, schmalen Gesichts, -das einen eher duldenden als tätlichen Ausdruck -trug, zog ruhig dahin. -</p> - -<p> -Dies ganze unerhörte Schauspiel zeigte sich Renate in -einem außerweltlichen Licht, das nicht darauffiel, sondern -ihm, seinen Farben, nur entsickerte; in einer trotz der jagenden -Fahrt gefesselten Stille; tosend und doch tief in Ruhigkeit; -in Vereinsamung, in Entlegenheit; in einem so -fernen Fürsichsein, daß Renate glaubte, über eine Mauer -einen Blick in verbotene Gegend zu werfen. -</p> - -<p> -Endlich gesättigt fürs erste, trat sie zurück und vor das -nebenstehende Bild hin. -</p> - -<p> -Hier war Kampf. Im dunkel gehaltenen Vorgrund -zur Linken galoppierte auf einem grau geharnischten Pferde -mit braunen Beinen ein schwarzgrau Geharnischter über -einen Haufen Erschlagener schräg aus dem Bilde, statt -des Kopfes nur einen graden Helmtopf mit Augenschlitzen -auf den Schultern, den braunen Schaft seiner Lanze aus -dem Bilde heraus gerichtet. Links von ihm tief in der -Bildecke zusammengekauert war ein nackter Neger, der -den Bogen spannte —, dessen Pfeil stak rechts drüben in -der Weiche eines Sarazenen, der mit seiner reichen Kleidung -nach hinten schlug, so daß der Pfeilschuß die Breite -des Bildes überspannte. Den Mittelgrund nahm eine -leere Aufhöhung ein, und hier war alles hell, weißlich und -silbrig, und silbrig grüne und eisbläuliche Erscheinungen. -Ganz hinten, klein, jagte mit lichtblauen Bannern, weißen -Harnischen und weißen Pferden ein Reiterzug die Anhöhe -herauf und jenseits wieder hinunter, entschwindend. Er -war herausgekommen aus einem altertümlichen silbergrünlichen -<a id="page-766" class="pagenum" title="766"></a> -Stadttor, das vor dem dunklen Hintergrund -wie vor einem düsteren Meere stand. Inmitten aber, wo -der Raum der Anhöhe weit und breit frei war, kam langsam, -Renate sichtbar erst jetzt, die in der Entferntheit -kleine Gestalt des Eroberers geritten, gleich erkennbar als -solcher. Das weiße, massive Roß in lichtblauem Geschirr -bewegte sich, den dicken Hals angezogen, sich drehend, in -einem großartigen Pomp, geführt von einem Pagen in -Blau und Silber. Der Heros im Sattel zeigte, so klein -er war, die Züge des Fahrers vom ersten Bild. Er schien -eine Wolke von weißem Licht um sich zu verbreiten. -</p> - -<p> -Renate staunte, kaum atmend, über die Stille. Die -schmetternde Gewaltigkeit des Vorganges vorn schmolz -im Augenblick an der ruhevollen Erhabenheit dessen in -der Mitte, dessen Feierlichkeit nun in eins klang für sie -mit jener, in deren Schutze sie hergekommen war durch -den sonnenstillen Charfreitag. -</p> - -<p> -So wagte sie sich vor das dritte Bild. -</p> - -<p> -In einem Sessel saß hier die Madonna auf einem kleinen -Thron aus verschiedenartigem Marmor, schwarzem, weißem -und braunem, Stufen, Plattform und Säulengeländer, -in einem Gewand von ähnlichem schwarzem Blau wie -das gewitterwandgleiche des ersten Bildes, gradausblickend, -sehr still — und plötzlich mit ihren eigenen, Renates, Zügen, -den unheimlich entfremdeten durch dunkle Brauen und -schwarzes Haar. Vor ihr der stehende Knabe in einem -hellrötlichen Hemd, hatte ein sanft ovales Gesicht, von -schwarzen Haarsträhnen umrahmt, leicht bräunlich, indisch, -und die mandelförmigen Augen von lichtem Blau -hielten ein zauberhaftes Lächeln der Stille wie eine Blume -<a id="page-767" class="pagenum" title="767"></a> -fast mit Fingern empor. Auf dem braunen Erdboden davor -kniete ein nackter Mensch, der eine schmale Krone von -braungoldenen Zacken niederlegte, und in den gemeißelten -Gliedern, weiß mit bräunlichen Schatten, glaubte Renate -die des Fahrenden zu erkennen. -</p> - -<p> -Und nun von beiden Seiten auf diese Gruppe zu war -in schreitender Haltung je eine Reihe von Figuren geordnet, -in Mänteln, in Priesterstolen, mit Tiaren, in Harnischen, -in bürgerlicher Festkleidung des Mittelalters, Frauen -dazwischen, jede behangen mit Farbigkeit, mit Purpur und -dunklem Grün, braunem Pelz, Violett und bleichem Gelb, -mit zaubrischem Rosa, gewässertem Blau, Rostrot, und -Zimtfarbe. Und jede war in sich beschlossen und allein, -obwohl oftmals nur ihr Gesicht, ihr Oberteil zwischen den -Andern erschien, nachdenklich, verschollen, die schwer -ernsten Züge umwölkt von Zeitlosigkeit, aus der sie blickten. -</p> - -<p> -Diese beiden Züge immer kleiner werdender Figur entfernten -sich in ruhiger Biegung in den Hintergrund. Daselbst -dehnte zu unendlich scheinenden Tiefen Landschaft -sich aus: ein Strom, grade durchfließend von links nach -rechts, Brücken darüber, Wälder entfernt, Gebäude. Und -überall befanden sich und tauchten auf winzige Gestalten, -Pflüger, Jäger, Pilgerscharen, Wandrer, Reiter, ein Hirt. -Und jeder war ein in Kristall abgeschlossener Teil Lebens, in -seinem Schicksal befangen, friedvoll, ein ihm Aufgetragenes -ausführend, sein volles Dasein darstellend in diesem -stillen Augenblick der Handlung, in einem kleinen Umkreis -von Einsamkeit jeder und in einer Luft ohne Verhängnis. -Ah diese Luft! Woher kam sie? Ganz klein in der Ferne -eine niedrige Kette grünlich weißer Gebirgszacken war vom -<a id="page-768" class="pagenum" title="768"></a> -linken Rahmen zum rechten gespannt in einer atemlosen -Stille; und über ihr rieselte ein morgenfarbener Himmel, -vielleicht bläulich, vielleicht grau, mit bebenden Ahnungen -von Licht, von Röte, von erbleichenden Sternen, und doch -nichts als Schweigen und Hauch des unendlichen Raumes, -der in Morgenluft schaudert. -</p> - -<p> -Renate verirrte sich völlig in diesem Bild. Augenblicke -lang schien das immer wieder anziehende eigene Antlitz sie -auf etwas Unerkennbares aufmerksam machen zu wollen, -allein kaum beim Raten, verlor sie jede Besinnlichkeit über -der tiefer und schauerlicher gewordenen Entseeltheit ihrer -Züge von menschlicher Seele; als stünde sie vor blickender -und atmender Unsterblichkeit, aus der doch in der nächsten -Sekunde schon das menschlichste Lächeln süßer Ergebenheit -wie eine Blume tauchte. — Dann versuchte sie, sich -durch die Mauer erstarrter Lebendigkeiten in Kleidern -einen Weg zu bahnen, aber — hielt hier das bläuliche -Licht im Pflaumenschwarz einer Samtbrust, dort das knisternde -Grau von Atlas, das braune Gold eines Harnischs -sie auf —, so jetzt die tiefe Leidenschaftslosigkeit all -dieser Züge, dieser Gegenstände haltenden Hände; dazu -der Gedanke, daß nur feuerflüssige Leidenschaft eines -Schöpfers diese gebildet haben könnte; daß sie deshalb so -unbeirrten Ernstes erscheinen mußten, weil sonst Übermaß -sich ergeben hätte. Nun aber hatten sie nur Dasein, und -dieses in Ewigkeit. — Auf einmal hatte sie dann doch die -Reihe durchbrochen und fand sich selbst auf der Wanderung -in der dunklen Weite, atmend die Morgenfrühe, die -Einsamkeit, vorüber an dem stillen Fischer auf der Brücke, -zu dem Hirten am Waldrand, zum kleinen Pflüger unter -<a id="page-769" class="pagenum" title="769"></a> -dem Eichbaum, — und schon wieder fern allen diesen und -bei sich selbst, sah sie jeden in seine entlegene Vereinsamung -herversetzt aus der Oberwelt; aus mühsalvollem Leben in -dies elysische Land, ewig fortzufahren im Tagewerk, kummerlos, -in der zeitlosen Stunde vor Aufgang der Sonne, -deren verborgene Strahlen niemals diese Berggipfel übersteigen -würden. -</p> - -<p> -Sie merkte endlich eine Veränderung an ihren Augen -und sah, daß es dunkel geworden war. Seltsam waren -die eben noch deutlichen Bilder im nächsten Augenblick -unkenntlich geworden, und mit einem Gefühl von Unheimlichkeit -wandte sie sich um. -</p> - -<p> -Da standen ja Menschen! Wie? Menschen? oder Gemalte? -Erscheinungen? Spiegelungen von — ja, Bogner, -Jason und Erasmus, die in der Nähe der Wand standen -und etwas betrachteten. Sie vermochte nicht hinzugehn, -nicht zu diesem Menschen, der — jetzt erst traf sie -der Schlag —, der dieses gemacht hatte. -</p> - -<p> -Jason aber kam daher, neigte sich freundlich zu ihr und -gab ihr die Hand. Erfreut von der menschlichen Wärme -darin, sagte sie leise zu Jason: „Freund, erkläre mir -dieses!“ -</p> - -<p> -„Dies“, sagte der bereitwillige Jason, „ist gemalt. Es -ist ein Werk des Lebens und deshalb höher als das Leben. -Hier ist nicht Wirklichkeit, sondern Bild. Hier ist kein -Handeln, das wir kennen, hier ist kein körperliches, keine -wahrnehmenden Sinne, und deshalb auch keine Beziehung, -kein Schicksal, keine Verstrickungen und keinerlei Erregung. -Könnte man derlei nachmachen mit Farbe und Pinseln? -Und was käme heraus dabei? Dies ist wahrhaftig gemalt: -<a id="page-770" class="pagenum" title="770"></a> -andres Leben, andre Handlung, andrer Sinn, andre -Gesetze, andere Luft und anderer Boden, der nicht sich -betreten läßt, und Landschaft und Wesen, die wir nicht -anrühren können, um ihnen gleich zu sein. Hier ist nichts -gelöst als ein sehr einfaches Rätsel, nämlich das des Entfremdens. -Es ist, wie wenn du einmal in den Himmel -gelangtest, — wie fremd müßtest du dir erst werden! Und -dies ist des Lebendigen letzte Kraft: Schauer und Magie -eines höheren Lebens hervorzurufen, aus dem die uns anwehende -Luft uns die Witterung des Ewigen zuträgt.“ -</p> - -<p> -„Es scheint sehr einfach“, murmelte Renate kaum bewußt -und mußte sich wieder zu Bogner umwenden. Sie -sah durch verschleierte Augen, daß er vor Erasmus stand, -eine Hand auf der höheren Schulter des Freundes, der in -der alten ruhigen Haltung, die sie kannte, den Kopf etwas -gesenkt hielt und zuhörte, was Bogner leise mitteilte. Indem -wurde Renate bewußt, daß jener der Anfang ihres -Herzens gewesen war, — und nun dieser das Ende sein -sollte, und nichts erstaunte sie so sehr als die Ähnlichkeit -dieser Beiden. Sie konnte sich bald nicht mehr halten, -ging zu ihnen, die sich nun wandten, und sagte, jeden leise -am Arme berührend, dankbar zum Einen, dankbar zum -Andern: „Ich wußte es wohl, ihr seid Brüder! — Ich -habe euch lieb.“ -</p> - -<div class="chapter"> - -<h3 class="chapter" id="subchap-0-3-8"> -<a id="page-771" class="pagenum" title="771"></a> -Achtes Kapitel -</h3> - -</div> - -<h4 class="section"> -Magda -</h4> - -<p class="first"> -Erwachend aus schnellem und tiefem Schlummer, fand -Georg sich eingetaucht in ein großes und schweres Gefühl -der Feierlichkeit. Aller Munterkeit fern, und obwohl hell -wach und erquickt, auch ferne von Frische, saß er im -Stuhl, beladen mit dieser starken und sehr ernsten Schwere, -in der auch ein traumhaftes Ziehen wogte, so als würden -noch wie magische Tücher Schlaf und Traum aus seinen -Gliedern hervorgezogen. Draußen mußte es sonnig sein, -denn im Zimmer, das jetzt Schatten hatte, zeigten die -Dinge sich in tiefem Glanz: die Vitrine voll farbiger -Stücke, die goldbemalten schwarzen Koffer ihr zu Seiten -mit ihren rötlichen Stricken, an der Wand überm Sofa -die Bilder der Jugendjahre, das Sofa selbst und der Tisch, -und im Schatten der Türnische, hinter dem grauen Rupfen -der Bücherregale, zeigte sich für einen Augenblick das -Zucken eines ewigen Auges. -</p> - -<p> -Schlaf, du magische Wand! dachte er erstaunt. Hindurchgegangen, -entschwunden uns für Minuten, erwachen -wir jenseits als Andre. -</p> - -<p> -Die Taschenuhr, die er zog, stand auf halb Fünf. Also -konnte er kaum eine Viertelstunde geschlafen haben. Aber -wo blieb die Anna? -</p> - -<p> -Er besann sich auf Geschehenes, auf Bevorstehendes. -Klemens im Sonnenregen erschien mit der grünen Gestalt -auf den Armen, — dann der Tote, aufrecht im Sessel, -ein Schläfer, der sich gestillt hatte am Leben. Nur ein -<a id="page-772" class="pagenum" title="772"></a> -leiser Schmerz ging von ihm aus, so daß es war, als ließe -die mystische Schwere, die Georg umhüllte, keine tatsächliche -sonst zu. Auch bewegten die wenigen Gedanken, die -er erscheinen sah, sich gleichsam mit kleinen Schritten, -leicht und gebunden wie Kinder am Sonntag. Was stand -denn bevor? Was? — Dieser Gedanke war zu schwer -und ließ sich nicht heben. -</p> - -<p> -Georg erhob sich, trat an den Schreibtisch und blickte -hinaus. -</p> - -<p> -Ja, es war heller Sonnenschein. Der Schatten des -Südflügels bedeckte, wie an unzähligen Sonntagnachmittagen -zuvor, den Hofraum zur Hälfte; Mauer und Fenster -drüben erglänzten im Ausdruck der stillen Verlassenheit, -die dem Sonntagnachmittag eigen ist überall auf der -Welt; auf dem Dache, das, weil es höher war, sonniger -schien, ruckte die Taubenschar, schillernd, deutlich mit ihren -Schatten, und im vollen Leuchten vor der azurnen Himmelstiefe -stand der weiße Turm mit dem Uhrblatt goldener -Zeiger und Ziffern, der schwarzen Glocke im Innern, -in dem luftigen Meer ein sehr stilles Riff, hinter dem die -ruhige Überfahrt der bergichten Wolken schön vorüberglitt. -Eine traumhafte Welle von Heimweh und Abschied ging -langsam zitternd über dies hin und machte es um einen -Hauch dunkler, ehe sie wieder verglitt. -</p> - -<p> -Traumhaft jetzt war auch das leise Pochen an der Tür -und das Eintreten Annas in einem Kleid von der lavendelblauen -Farbe, die sie zu lieben schien, nebst Egloffstein, -der hinter ihr einen kleinen Tisch mit dem Teekessel und -Geschirr hereinrollte und mit seiner sicheren und lautlosen -Geschäftigkeit für eine Minute das Zimmer erfüllte. Dann -<a id="page-773" class="pagenum" title="773"></a> -saß Magda im Sessel am Fenster, in den Tassen rauchte -der honigfarbene Tee, sie ließ die Augen umhergleiten, -ihre Tasse im Schoß, und fragte mit lichter Stimme: -</p> - -<p> -„Ist noch alles wie früher, Georg? Hängt die Schale -noch über mir?“ -</p> - -<p> -„Ja, Anna.“ -</p> - -<p> -„Und die Bilder, und der Schrank — alles wie immer?“ -</p> - -<p> -„Ja, Anna, aber wie sonderbar du sprichst! Als wolltest -du Abschied nehmen.“ -</p> - -<p> -Hierauf antwortete sie nicht, und Georg, die Tasse aus -ihrer Hand nehmend und seine Linke statt ihrer hineinlegend, -fragte, das Gesicht nahe am ihren: „Sprich die -Wahrheit, Anna, kannst du wirklich irgend etwas sehn?“ -</p> - -<p> -„Jetzt“, sagte sie ruhig, „sehe ich dein Gesicht und sogar -deine Augen. — Sehen, wie du und Alle — nein, Georg, das -kann ich nicht. Aber es ist immer hell, auch an den schlechtesten -Tagen, wenn ich abgespannt bin oder erregt. Sonst -kannst du glauben, daß ich so viel sehen kann, wie man -braucht, um allein seinen Weg zu finden. Nur zu Schatten -ist alles geworden, aber —“ sie hob seine Hand, „man -kann fühlen.“ -</p> - -<p> -Georg, dicht vor Augen ihren sacht sich bewegenden Mund, -die ganzen Züge, offen, ausdruckbedeckt, durchspielt von -innen, unendlich sinnvoll und beseelt um das tote Braun des -einen und das lebendigere, aber gefleckte des andern Auges, -— er fühlte nach Sekunden, daß ihr Mund näher wollte zu -ihm, und kam ihm entgegen. Ihre Lippen berührten sich behutsam -und blieben so lange Zeit, ehe sie sich wieder ließen. -</p> - -<p> -Eine Weile später erinnerte sie ihn dann, daß er ihr -noch habe vorlesen wollen. Er widersprach nicht, meinte -<a id="page-774" class="pagenum" title="774"></a> -aber, das Buch aufnehmend, es sei doch alles kaum von -Belang, außer für ihn selber. Zumal da sie alles von -Bogner Handelnde schon gelesen habe. Er wolle aber -einmal zusehn, ein paar Worte von Bogner stünden zwischen -dem Übrigen. Blätternd derweil hatte er bald gefunden. -</p> - -<p> -„Ja, dies sagte er einmal: ‚Die den Menschen erzeugte, -und die er erzeugt: Natur und Kunst, diese beiden sind. -Er selbst ist noch nicht.‘“ -</p> - -<p> -„Nein, Georg, was ihr euch alles ausdenkt!“ rief -Magda unschuldig. -</p> - -<p> -„Was, Anna, nimmst du uns nicht ernst? Bogner -nicht ernst? Dann höre, was er noch sagte, hier steht es: -‚Der Mensch ist nur dazu da, um Natur in Kunst zu -verwandeln.‘“ -</p> - -<p> -„Das glaub ich. Ja, so muß einer sprechen. Nur -weiter!“ -</p> - -<p> -Georg las: -</p> - -<h5 class="subsection"> -„Porzellan<br /> -(nach einem Wort Bogners) -</h5> - -<div class="poem-container"> - <div class="poem"> - <div class="stanza"> - <p class="verse">Das ist die edle Alchymie des Leidens,</p> - <p class="verse">Die, sehnlich nach des Himmels Gold, erfand</p> - <p class="verse">Der Erde kräftig zartes Porzellan,</p> - <p class="verse">Drin Kochendes sich kühlt, — das dauerhaft</p> - <p class="verse">Gezeigt wird Enkeln an der Ahnen Festtag.“</p> - </div> - </div> -</div> - -<p class="noindent"> -„Davon ist aber zumindest die Hälfte von dir, Georg“, -bemerkte sie heiter. -</p> - -<p> -„Aber keineswegs! Von mir ganz allein dagegen ist -dies:“ Er las ernst: -</p> - -<h5 class="subsection"> -<a id="page-775" class="pagenum" title="775"></a> -„Nur tiefer<br /> -(Im Gedächtnis Ulrika Tregiornis) -</h5> - -<div class="poem-container"> - <div class="poem"> - <div class="stanza"> - <p class="verse">Der Tote, den du liebst, an seiner Hand</p> - <p class="verse">Führt er dich mit hinaus aus deiner Welt.</p> - <p class="verse">Du siehst dich um. Und wie der Schleier fällt,</p> - <p class="verse">Nur tiefer stehst du da in deinem Land.“</p> - </div> - </div> -</div> - -<p class="noindent"> -„Ulrika ...“ sagte sie leise. Dann: „Welch ferne, -ferne Musik!“ -</p> - -<p> -Georg ließ das Buch sinken und empfand lastender die -Schwere, die auf ihm lag. Über der ehernen kalten Meerflut -erschien wehend der grüne Deich mit dem einsamen -Grabesblock, und das Auge der Verlassenheit erhob sich -darüber, ohne Bewegung. Georg glaubte, nicht gleich -weiterlesen zu dürfen, und glitt langsam in den ersten -Absatz einer Niederschrift, die allein vor den andern ein -Datum zeigte, von dem er jedoch nicht mehr wußte, was -es bedeutete, und erst mit dem Anfang des zweiten Absatzes -fiel es ihm ein mit dem Heimwehstich, den er bekam. -</p> - -<p> -‚Wenn deine Freundin über irgendeine Sache Tränen -vergießt, und zwar in einem Maß, das dir unbegreiflich -erscheint, und wenn du dann fragst, und sie sagt: Es ist -nichts! oder: Ich weiß nicht warum, — so fliehe gleich -von ihr, denn über vier Wochen oder in einem halben -Jahr wird sie dir oder ihr etwas Furchtbares antun, dessen -Tränen sie damals ahnungsvoll vorausweinte. -</p> - -<p> -Dies gab sich mir heut zu erkennen, als Cornelia mir -am Abend nach ihrer Rückkehr mitteilte, daß sie nicht -bleiben könne. Nicht nur ihr unmäßiger Schmerzausbruch -vor Wochen, als sie nur auf acht Tage fortzugehn -<a id="page-776" class="pagenum" title="776"></a> -mir und sich selber versprach, wurde mir Erinnerung, sondern -diese zog noch zwei andere mit sich, nämlich Cordelias -Verzweiflung ohne Maß und Grenzen, damals, als -sie Theater vor mir gespielt hatte, und Annas Weinen, -damals, als ich sie küßte. -</p> - -<p> -Da alles, was mit uns geschieht, aus uns geschieht, -so gehört freilich nur ein tieferes Eingebettetsein in die -eigne Natur dazu, um zu ahnen; und wie es scheint, sind -Frauen so veranlagt. -</p> - -<p> -Cornelia also geht. Der Mensch hält sie fest. Dies ist -auch ein Grundsatz über Frauen — und nicht die schlechtesten: -Gieb ihnen zu wählen zwischen einem Geschenk -und einem Opfer, sie strecken mit tödlicher Gewißheit die -Hand nach dem zweiten aus. Mit bis zum Unverstand -tödlicher Gewißheit. -</p> - -<p> -Dieser Mensch war vor einigen Jahren dermaßen von -Krankheit besessen, daß er einmal wochenlang hungerte, -aus Unfähigkeit, in einen Laden, in ein Speisehaus zu -treten, so daß er vom Frühstück der Zimmerwirtin lebte. -Als er einmal ein polizeiliches Papier verloren hatte, mußte -er und die Cornelia mit ihm jeden nur erdenklichen Fetzen, -gleichviel welcher Größe oder welcher Farbe und gleichviel -wo, im Haus, auf den Straßen, im Theater, aufheben -und ihm zeigen, daß es nicht das verlorene war. Heut ist -er kränker als jemals, einem Idioten ähnlicher als irgend -etwas das sein könnte; was an ihm zu tun ist, könnte jeder -Wärter gerad so gut und besser besorgen — denn ein solcher -wäre standhaft, während Cornelia sich mit verzehrt —, -allein: sie muß. Ihr bricht das Herz im Gefühl für mich; -aber sie muß. -</p> - -<p> -<a id="page-777" class="pagenum" title="777"></a> -Ich habe ja wohl kein Recht, einen bittern Geschmack -im Mund zu bekommen, — da ich sie nicht liebe. Aber -mir ist bitter. Und ist es nicht alter menschlicher Unverstand? -In einem Heim für idiotische Kinder sah ich -strotzend blühende junge Mädchen und Frauen sich abmühen -mit diesen für alle Ewigkeit verdorbenen Geschöpfen, -an die sich all jene schöne Kraft und Willigkeit sinnlos -vergeudete. Ist es nicht sinnlos, daß, wenn hier ein -Kranker ist, der ein gewisses — sagen wir eine gewisse -‚Luft‘ braucht, um zu gesunden, diese einem Gesunden -entzogen werde, der ihrer bedarf, um gesund zu bleiben? -Ist nicht dies das erstlich Wünschenswerte: Gesundheit zu -erhalten, danach erst: Krankheit zu heilen? (davon abgesehn, -daß es in diesem Fall nicht einmal um Heilung geht.) -Die Ärzte, soviel ich weiß, unterschreiben mir den ersten -Satz, jene jedenfalls, die für den Kranken dazusein glauben -und nicht für ihre Rechnung, denn wahrhaftig, wenn -es Leitsatz der Menschheit wäre, auf die Erhaltung ihrer -Gesundheit zu sehen, so könnte die Hälfte aller Ärzte Anwalt -werden oder Pastor, um statt für Körperheil für -Seelen- und Vermögenheil zu sorgen. —‘ -</p> - -<p> -„Willst du nicht mehr lesen?“ hörte er sich, noch bevor -er die letzten Sätze erreicht hatte, gefragt, und erwiderte, -sie mit dem Blick überfliegend: -</p> - -<p> -„Etwas hätte ich dir gern vorgelesen, — aber es ist etwas -lang. Du hast es nicht schon gelesen? Es ist das Letzte -im Buch, die Überschrift heißt: Ultimo, — so habe ich es -genannt, weil es damit ‚am letzten‘ mit mir ist. Mein -letztes Wissen steckt darin, und — ich möchte dich bitten, -wenn ich nun lese, zu glauben, daß es — nun, daß es sich -<a id="page-778" class="pagenum" title="778"></a> -nicht um Einfälle handelt, sondern daß es — wirklich -mein Äußerstes ist, nicht wahr, mein Letztes, die gesammelte -Erfahrung von allem, was ich er—lebte. Es sind Wochen -vergangen, während ich es schrieb, und das weiß ich noch, -daß fast jeder Satz so langsam kam, als währte er eine -Stunde, und wenn er dann dastand ... aber gleichviel.“ -</p> - -<p> -Georg brach ab und schwieg. Eine Weile später begann -er zu lesen. -</p> - -<h5 class="subsection"> -„Ultimo -</h5> - -<p class="motto"> -Motto: Wahrheit ist es nicht;<br /> -es ist meine Wahrheit. -</p> - -<h6 class="subsection"> -I -</h6> - -<p class="noindent"> -Wenn wir uns klar zu werden versuchen über die Wirkung -eines Dinges auf uns, das wir schön nennen, welcher -Art dasselbe auch sei — der Natur, der Kunst, dem Handwerk -entsprossen —, so wird die einfache Antwort lauten: -Befriedigung. -</p> - -<p> -Wir fühlen da eine magische Kraft von dem Schönen -ausgehend uns treffen, die, vom tiefsten Erstaunen zur -höchsten Freude, eine mehr oder minder mächtige Wallung -in uns erregt, als würden alle gelockerten Bestandteile -unseres Seins durcheinander gewirbelt; als fühlten wir in -diesem ersten Stadium der Ergriffenheit das Chaos Welt, -dem wir angehören. Danach atmen wir auf; der Schrecken -besänftigt sich, das Unglaubliche, die Fremdartigkeit des -Schönen, wird glaublich, da die Erscheinung bleibt, und -nun fühlen wir uns erlöst, fühlen uns geheilt, fühlen uns -zufrieden. Das Chaos in uns, oder die Unordnung, ist -<a id="page-779" class="pagenum" title="779"></a> -wie zum Kristalle zusammengeschossen, und das Schöne -ist der Kristall. Die Verworrenheit der tausend Stimmen -in uns hat ihren Einklang gefunden, und das Schöne ist -der Einklang. Und die wundervolle Ausschließlichkeit des -Schönen, die alle andern zurückdrängt hinter seiner glückhaften -Erscheinung, sie vollendet in uns die Gewißheit, -daß die Welt zu einer Ordnung kam, zu einem umfassenden -Sinn, einer Sammlung, einer Stille, einem Frieden. -</p> - -<p> -Hierin liegt mit ganzer Notwendigkeit die Folge beschlossen, -daß, was wahrhaft schön ist, auch gut sei. -</p> - -<h6 class="subsection"> -II -</h6> - -<p class="noindent"> -Gefälligkeit, dies ist die Wurzel des Schönen. Was -dem Menschen gefiel, das taufte er schön. Nun aber hat -es nichts Schönes oder Gefälliges gegeben, bevor der -Mensch es nicht selber gemacht hätte. Wir heute sind -wohl imstande, eine Blume, eine Färbung des Himmels -— Dinge, die früher auf dieser Erde vorhanden waren -als der Mensch — wohlgefällig zu empfinden; denn das -Schöne ist heute in uns, wir besitzen es eingeboren, wir -erkennen es, aus uns heraus, wieder. Daß dies heute so -ist, kann einzig daran gelegen haben, daß die einstmalig -unbewußte Erkenntnis des Schönen ganz durch uns durchging: -daß wir ein Ding machten mit unserer eigenen -Hand, das unser Gefühl für Gefälligkeit zum Ausdruck -brachte. Wir mußten dem Gefälligen außer uns, das wir -erkannten, nachahmen, was nachstreben heißt, nicht nachmachen, -welches erst die Folge von jenem ist oder die -Handlung als Verwirklichung jenes Empfindens. Wir -mußten empfangen haben, gänzlich zu eigen genommen, -<a id="page-780" class="pagenum" title="780"></a> -das Empfangene durch unser Wesen verleiblicht haben, -um es schließlich aus uns heraus zum Quellen, Erstehen, -zu eigenem Leben zu bringen. Das Schöne — nunmehr -zum zweiten Mal außer uns, vor uns stehend, wieder -fremd und doch unser Eigentum nun, beglückte uns durch -sein lächelndes Dasein. -</p> - -<h6 class="subsection"> -III -</h6> - -<p class="noindent"> -Es war eine Schale. Es war die einem Tierschädel -nachgeahmte, aus Binsen geflochtene, mit Lehm verklebte, -gewölbte, gerundete, geglättete erste Form eines Gefäßes, -ein freudiges Lachen erregend, weil sie ähnlich geworden, -weil sie rund und glatt und gefällig war, weil der Mensch -sie gemacht hatte, nicht die Natur. -</p> - -<p> -Und welch unbewußtes und hierin unendliches Gefühl -der Sicherheit! Sicherheit im Können, im nun Wiederholenkönnen, -in der ganzen Unleugbarkeit des Gefertigten, -das sich abgesondert hatte aus dem notvollen, angstvollen -Wirrsal der Welt. Ein Maß war jetzt geschaffen, der -Mensch hatte Maße, die sich abnehmen und anlegen ließen, -und er konnte im Weitergang schaffender Erfindung Teile -bilden an einem Ganzen, die unter sich einen Frieden hatten; -konnte ein Ganzes zerlegen, ohne daß es zerfiel; er -war im Besitze des Einklangs, im Besitze einer Kunst, ein -Hundertfältiges, das ihn verwirrte, zu vereinfachen, und -als ihm diese Einfachheit bedrohlich wurde durch Strenge, -sie wieder aufzulösen durch die Verzierung. Er besaß nun -das Schöne. -</p> - -<p> -Der Mensch wirkte das Schöne mit vieler Müh. Der -noch keines Guten sich deutlich bewußt war, schon war er -<a id="page-781" class="pagenum" title="781"></a> -gut durch eine Kraft der Güte, die ihm aus den Händen -quoll in das Werk. -</p> - -<p> -Gute Geister walteten schon: Vorsicht, Behutsamkeit, -Besinnlichkeit und die Nimmermüdheit. Liebe kannte er -nicht, aber liebevoll war er nun schon durch Geduld. -</p> - -<p> -Geduld, die Erhalterin seiner Mühseligkeit; Geduld, -welche dann ihn belohnte durch das erschaffene Schönding -aus seiner eigenen Hand. -</p> - -<h6 class="subsection"> -IV -</h6> - -<p class="noindent"> -Heute sind wir nun fern von der Quelle, verirrt im -hundertarmigen Delta des Stroms, am Rande des Meers. -Was einmal einfach gewesen, haben wir bis ins Unzählbare -gespalten; alles ist uns getrennt, auch das Schöne -vom Guten, die uns nicht mehr beschlossen sind ineinander -wie Vogel und Ei, unkenntlich, was früher gewesen; -sondern die nun gegeneinander gerichtet stehn, die wir -abwägen, die wir gar zu Feinden gemacht haben, daß -wir sagen: das Schöne ist unnütz, aber Gutsein ist not! -Und daß wir den einen Schönling nennen, der bei vieler -Liebe zum Schönen kein Herz in sich habe für das, was -gut ist. -</p> - -<p> -Doch nicht hiervon sei die Rede, sondern die Frage ist -die: Wenn Beide einmal Eines gewesen sind, Schönes -und Gutes, gleichviel denn, welches das Erste gewesen: -müssen nicht auch die Eigenschaften des Guten die gleichen -sein wie des Schönen, und die Wirkung die gleiche: ein -Wohlgefallen, eine Erlösung, eine Befriedigung? -</p> - -<p> -Ja. — Das Schöne, das wir erzeugten, hat die Gestalt -des Werkes; das Gute, das wir erzeugen, hat die Gestalt -<a id="page-782" class="pagenum" title="782"></a> -der Handlung. Wohlgefällig ist uns das Schöne wegen -des Einklangs, wegen der Ordnung, wegen der Beruhigung, -in die uns die Welt da versetzt scheint. Wohlgefällig -ist uns die gute Tat wegen des Einklangs, in die sie -uns selber versetzte, wegen des Friedens, den sie über unsre -Verworrenheit brachte. -</p> - -<p> -Verworrenheit — die ist immer, und die ist das Böse; -Einfachheit und Einigkeit, Klarheit, Ruhe, Frieden, die -sind das Gute. -</p> - -<p> -Verworrenheit aber ist Leiden; Einigkeit ist das Heil, -ist die Tröstung. -</p> - -<p> -Böses und Gutes beide, sie sind nicht in der Welt, sie -sind allein in dem Menschen, der sie erkannte, so daß sie in -ihm waren. Der an dem Einen litt, so daß er das Andre -empfand. -</p> - -<p> -Uralte Verworrenheit, ewige Unruhe, das war die -Welt, aus der er kam. Überfülle, Verschwendung, Versuche -tausendfacher Gestaltung — und das Streben nach -Einheit: das war der Schacht, dem er endlich entstieg. Er, -daß er es nicht leide! Daß er es in sich erleide und zu -ändern willig werde. Er, der leiden lernte durch das Böse -und sich heilen durch das Gute. -</p> - -<p> -‚Denn das Gute, das ich will, das tue ich nicht, sondern -das Böse, das ich nicht will, das tue ich.‘ -</p> - -<p> -Denn seiend ist meine Verwirrtheit, das Böse, und ich -tue sie allezeit, da ich bin; strebend aber, werdend ist das -Gute. ‚Wollen habe ich wohl, aber vollbringen das Gute -finde ich nicht.‘ (Römer 7, Vers 19 und 18.) -</p> - -<h6 class="subsection"> -<a id="page-783" class="pagenum" title="783"></a> -V -</h6> - -<p class="noindent"> -Gut zu handeln, haben wir gesehen, ist not. Wir finden -die Richtschnur dieses Handelns unter den Worten -Dessen, zu dem wir immer zurückkehren, seit er erschien, -und es ist das Wort, von dem er selbst sagte, daß in ihm -das Gesetz hange. Es lautet bei Matthäus: -</p> - -<p> -‚Ihr habt gehört, daß da gesagt ist: Auge um Auge, -Zahn um Zahn. Ich aber sage euch, daß ihr nicht widerstreben -sollt dem Übel, sondern, so dir jemand einen -Streich giebt auf deinen rechten Backen, dem biete den -andern auch dar.‘ -</p> - -<p> -Nicht begrifflich, sondern um deutlich verstanden zu -werden, drückte er seine Lehre so gegenständlich aus; stellte -zwei Menschen einander gegenüber und wies auf den -Vorgang. -</p> - -<p> -So wollen wir auch, um auf den Grund der Lehre zu -kommen, den Vorgang auseinanderfalten, damit wir zur -Erkenntnis derjenigen Eigenschaft des Menschen kommen, -aus der die Guttat entspringe. -</p> - -<p> -Der Vorgang hat seine Vorgeschichte. Ein Mensch -schlägt einen andern; ein Mensch also hatte Streit, war -verfeindet mit einem andern, glaubte sich also von dem -andern ein Unrecht zugefügt, rechtete mit ihm, traf ihn. -Aber die zum Widerschlagen erhobene Hand soll sinken. -Ja, nicht nur dies; auch die andre Wange soll dargehalten -werden zum neuen Schlage, — was heißt das? -</p> - -<p> -Es heißt: der Geschlagene soll sich besinnen. Sich besinnen -aber, das heißt fragen: Warum ward ich geschlagen? -— Wie lautet die Antwort? Weil jener glaubte, ich -hätte ihm unrecht getan. Habe ich das? Nein. — Nein -<a id="page-784" class="pagenum" title="784"></a> -— oder vielleicht doch. Ja, vielleicht ist da ein Unrecht -doch irgendwo. Vielleicht nicht dieses; vielleicht ein andres. -Wir sind allzumal Sünder. Wir sind uns Alle -verschuldet. — Da wird er auch die andre Wange darhalten. -</p> - -<p> -Wie aber nennen wir die Eigenschaft, wie nennen wir -die Gemütsverfassung eines Menschen, der imstande ist, -bei geschlagener Wange solche Erwägungen anzustellen, -zu einer solchen Einsicht zu kommen? -</p> - -<p> -Geduld. -</p> - -<p> -Geduld, o du zeugender Vater des Schönen! Geduld, -o du leidende Mutter des Guten! -</p> - -<h6 class="subsection"> -VI -</h6> - -<p class="noindent"> -Wie nun aber? Der Mensch, wie wir ihn sehn, ist nicht -geduldig geraten; in zwei Jahrtausenden seit jener Lehre -ist er nicht geduldig, ist er vielmehr ungeduldig geworden, -so daß ihm immer das Licht unter den Nägeln brennt, so -daß er nur schreien kann: Auge um Auge! -</p> - -<p> -Und gesetzt also, es träte einer auf, der hätte die heilsame -Panazee, und die ganze Menschheit strömte zu ihm -und ließe sich impfen mit Geduld: würde sie — wie sie -einmal beschaffen ist! —, würde sie heil werden und gut? -</p> - -<p> -Nein, sondern die Lymphe würde sich, ‚wie sie einmal -beschaffen ist!‘ in ihr in Gift verwandeln, und die unaufhörlich -zerdrückte, verschluckte, verbissene Ungeduld -würde sie so zersetzen, daß sie am Ende zerreißen müßte. -</p> - -<p> -Sie kann — entfernen wir jenen <span class="antiqua">deus ex machina</span> -wieder —, sie kann, wie sie einmal beschaffen ist, nicht -zur Geduld kommen. In allem ist sie auf einer immer geschwinderen -<a id="page-785" class="pagenum" title="785"></a> -Jagd; weniger heute als jemals kann sie einhalten. -Geduldig sein heißt zurücktreten; geduldig denken -heißt zurückdenken: sie kann immer nur vorwärts. -</p> - -<p> -Dies alles aber, warum ist es denn so, und was ist -der Fehler am Grunde? -</p> - -<h6 class="subsection"> -VII -</h6> - -<p class="noindent"> -(Vielleicht ist der Fehler dies: Von der ganzen Menschheit -ist weitaus die größte Mehrzahl mit sich, mit dem -Leben, mit der Welt, selbst mit dem Leiden darin zufrieden. -Vergeßlich beschaffen, würden sie ein andres, besser -genanntes Leben, so mans ihnen verschaffte, annehmen, -aber aus sich heraus wollen sie kein andres. -</p> - -<p> -Eine kleine Zahl von dem Rest hat zwar eingesehn, daß -sie nicht zufrieden sein darf mit dem, was sie hat, und -daß alles anders sein sollte. Wie sie aber beschaffen sind, -vermögen sie sich von der zeitlichen Grundlage, auf der -sie stehn, nicht zu entfernen; sie sehen nicht ein ‚Alles‘, -sehen kein Ausdemgrunde, das zu ändern wäre, sondern -nur ein Vieles, und jeder ein Andres, und der Eine meint -dieses, der Andre das, welches geändert werden und welches -geändert auch alles Übrige umwandeln müßte, — -und der Erfolg ist nur Hader. Ganz wenige sind, die -das ‚Alles‘ erkannten und die volle Unmöglichkeit dieses -Lebens, in das wir Alle verstrickt sind. -</p> - -<p> -Diese stehen einsam in der Verstrickung, wissen weder -sich selbst noch den Andern zu helfen, und wenn der Eine -sich begnügt, ein System zu entwerfen: wie es eigentlich -sein sollte, so hat der Andre nichts als den heiseren Nachtschrei -zu Gott.) -</p> - -<h6 class="subsection"> -<a id="page-786" class="pagenum" title="786"></a> -VIII -</h6> - -<p class="noindent"> -Geduld dächte rückwärts und würde erfahren: die -Schuld liegt bei mir; Ungeduld denkt nicht. -</p> - -<p> -Geduld ist stark; Ungeduld ist schwach. -</p> - -<p> -Geduld hat Vertrauen und glaubt der eigenen Rechtlichkeit. -Schwäche ist Mißtrauen; sie ist Befangenheit -in der uralten Verwirrung, erkennt nicht das Gute, dessen -Sehnsucht, dessen Gebot und Kraft; sie mißtraut sich -selbst und den Andern. Sie hat in sich keinen Halt und -vermutet ihn bei keinem. Der Halt ist Glauben; der Anhalt -ist Gott. -</p> - -<h6 class="subsection"> -IX -</h6> - -<p class="noindent"> -Unzählbar in den Evangelien und Episteln sind die -Worte vom Glauben. Lösen wir aus diesen und aus jenen, -aus der Darstellung und der Auslegung nur die beiden -heraus, die uns am tiefsten zu leuchten scheinen, so lautet -das eine (bei Johannes im 11. Kapitel, V. 25): -</p> - -<p> -‚Ich bin die Auferstehung und das Leben; wer an -mich glaubt, der wird leben, ob er gleich stürbe.‘ -</p> - -<p> -Und das andre (im Paulusbrief an die Römer, Kap. 3, -V. 28): -</p> - -<p> -‚So halten wir nun dafür, daß der Mensch gerecht -werde ohne des Gesetzes Werke, allein durch den Glauben.‘ -</p> - -<p> -Wie muß einmal aufgehorcht sein bei diesem Wort! -Vom Glauben und Glaubensollen war in den Gesetzen -Jehovas nichts zu lesen — dessen Dasein verbürgt war, so -daß es keiner Mahnung zum Daranglauben bedurfte —, -und die Götter der Griechen freuten sich ihres Daseins, -aber sie hatten keine Satzung daraus gemacht. -</p> - -<p> -<a id="page-787" class="pagenum" title="787"></a> -Ich möchte fragen: Muß nicht dieses das Neue gewesen -sein, das bewog und anzog? War es nicht eben so, -daß die alten Götter kraftlos geworden waren, daß sie sich -erdrückt hatten durch ihre Vielzahl, daß ihre unhaltbar gewordene -Vielfältigkeit hinlosch auf jenem Altar, wo die -neue Flamme der Einzigkeit und der Einheit entbrannte, -und an welchem geschrieben stand: ‚Dem unbekannten -Gott‘? -</p> - -<p> -Mißtrauen gegen die alten Götter bereitete dem neuen -den Weg, denn die Menschen wollten noch glauben. So -kam der Neue mit seiner Heilsverlockung: Wer an mich -glaubt, der wird leben! -</p> - -<p> -Das Wort leuchtet wie keins. Seine Überzeugungskraft -flammt so heraus, daß auch der Ungläubige sich ergriffen -fühlen muß; daß er, solange er fühlen kann, wie -all jene in ihrer Verworrenheit, ihrer Verlassenheit, in -ihrer Ausgesetztheit in den Tod, aufbrennt in dem Verlangen, -blindlings zu sein und zu glauben. -</p> - -<h6 class="subsection"> -X -</h6> - -<p class="noindent"> -Was heißt glauben? Das griechische Wort heißt ‚<span class="antiqua">pisteuein</span>‘ -und ‚<span class="antiqua">pistis</span>‘ der Glaube. Es heißt, überzeugt sein, -daß etwas so ist, wie es sich darstellt, und darauf vertrauen. -</p> - -<p> -Da aber Christus nur die Verleiblichung Gottes auf -Erden war, was heißt glauben? -</p> - -<p> -Überzeugt sein und für wahr halten, daß Gott der Herr -ist, der die Welt erschaffen hat samt allen Kreaturen und -diese erhält; daß er allmächtig ist, allwissend, und allweise; -daß von ihm alles abhängt, daß er die Vollkommenheit -<a id="page-788" class="pagenum" title="788"></a> -ist, die unsre Sinne nur zu fassen zu stumpf sind, in die -wir aber dereinst eingehn werden, dieweil es versprochen -wurde: ‚Wer an mich glaubt, der wird leben!‘ -</p> - -<p> -Die Worte stehn da, unmißverständlich wie etwas. -<span class="antiqua">Pistis</span> — der Glaube, so heißt es, nicht anders. Die Menschen -vertrauten, und wie ging es weiter? -</p> - -<p> -Sie waren Menschen, zwar glauben wollend, allein -mißtrauisch beschaffen; waren Menschen, die aneinanderhingen, -nicht jeder für sich allein glaubten, sondern in -ihrer Gemeinschaft, und so — wer beschriebe den ganzen -Verlauf? — ward aus dem Glauben Gesetz, das lebendige -Neue wieder zum toten Alten, und weiterhin durch die -Flucht der Gezeiten die Verkalkung im Ritus, im Zeremonial, -in der Formalität, im großen Mummenschanz einer -‚allein seligmachenden‘ Kirche. Das Mißtrauen nahm -überhand wie die Sintflut, die Schwachsinnigen konnten -noch glauben, im Aberglauben und im Stein ihres Zeremonials; -die Starken, die noch in der Lebendigkeit, in der -Wahrheit glauben wollten, als auch in ihren Augen der -alte Außengott, der die Erde erschaffen hatte, seine Glaubwürdigkeit -verlor: sie wandten sich ab von dem klaren -Tage ins Dunkel. Aus ihnen, die wir deshalb die Mystischen -nennen, schlug noch einmal die Glaubensnot mit rasender -Flamme hervor, riß Gott aus den Himmeln herunter -und verzehrte ihn, so daß es nun hieß: -</p> - -<div class="poem-container"> - <div class="poem"> - <div class="stanza"> - <p class="verse">Ich weiß, daß ohne mich Gott nicht ein Nu kann leben,</p> - <p class="verse">Werd ich zunicht, er muß vor Not den Geist aufgeben.</p> - </div> - </div> -</div> - -<p class="noindent"> -Gott wurde hineingezogen in die Welt, in den Menschen; -er war nun in allem, im Stein, in der Pflanze, in -jeder Pore am Leib. Die das glaubten, waren die Starken, -<a id="page-789" class="pagenum" title="789"></a> -die Inbrünstigen, die Feurigen, Seelischen, Leidenden, -Strebenden, Guten. Und noch trat Luther hervor, streitbar, -ein Held, der den Christen kriegerisch wollte, der -brannte und sich dämpfte, und der noch einmal einen -stämmigen Herrgott schuf nach dem Bild seiner Stämmigkeit; -ein Gott, der, wie mir scheint, bald innen war, -bald außen, widerspruchsvoll wie der Mensch selber, -Luther. Da aber die Menschen keinerlei Widersprüche ertragen -können, so bildete sich auch kein Luthertum, sondern -ein kühler mittlerer Protestantismus, der vielerlei -Möglichkeit offen ließ bis zum völlig Absurden einer heutigen -Liberalität. -</p> - -<p> -Die Schwachen aber, die Haltbedürftigen, all die Notleidenden, -Kranken an der Armseligkeit ihres Daseins, die -Gebrochenen von Geburt an, die Unterdrückten, Taglöhner -ihrer Hände, Sklaven der Maschine, Zusammengepferchte -mit ihresgleichen, ohne Luft, ohne Licht, ohne Geduld -über sich, ohne Schönheit, Enterbte, Verschnittene -des ewigen Lebens: die sollten an einen Gott glauben -können, der in ihnen ist, der sie selbst sind? Sie in ihrem -Morast, in ihrem Ekel, ihrer Entrechtung, ihrer Entnervung, -sie sollen Kraft haben zu sowas? -</p> - -<p> -Vielmehr hat der Teufel Mißtrauen sie All an der -Kehle und beißt ohne Unterlaß hinein. -</p> - -<h6 class="subsection"> -XI -</h6> - -<p class="noindent"> -Ich, der nicht glauben kann, der ich aber eine unaussprechliche -Sehnsucht habe, mich zurechtzufinden, zum -Frieden zu kommen; der ich diesen und jenen Weg versuchte, -mein Hirn zernagte, mein Herz zerklopfte und -<a id="page-790" class="pagenum" title="790"></a> -überall so gierig wie ein verhungerter Wolf suchte nach -der Speise des Lebens: ich habe allezeit eine bestimmte, -wiewohl anfänglich unklare oder gar bewußtlose Abneigung -empfunden gegen die Aufrichtung eines nichtpersönlichen, -sondern eines in der Welt beschlossenen, aus ihr -und durch sie, ‚in allem‘ seienden und wirkenden Gottes. -Meines Wesens in allen Sachen der Seele oder des Herzens -nach Einfachheit strebend, ja, zur Einfalt geneigt, war -und ist mir immer die Vorstellung von Gott mit dem Persönlichen -unauflöslich verbunden. Warum denn Glauben, -warum Vertraun? Ist Gott nicht dieses menschenähnliche, -aber ungeheure und unfaßliche Wesen, ist er nichts -weiter als eine lebendige Kraft diesen und jenen Namens, -so zeigt mir das Auge meiner schlichten Vernunft im Wechsel -der Jahreszeit, im Kreislauf der Natur, in meinem -eigenen Wesen das Walten einer solchen Kraft untrüglich -an, und was brauchts da ein Herz, um zu glauben, was -ich weiß? -</p> - -<div class="poem-container"> - <div class="poem"> - <div class="stanza"> - <p class="verse">Erfüll davon dein Herz, so groß es ist,</p> - <p class="verse">Und wenn du ganz in dem Gefühle selig bist,</p> - <p class="verse">Nenn es dann, wie du willst,</p> - <p class="verse">Nenns Glück, Herz, Liebe, Gott!</p> - <p class="verse">Ich habe keinen Namen</p> - <p class="verse">Dafür! —</p> - </div> - </div> -</div> - -<p class="noindent"> -Ja, wie denn? Hier habe ich eine Frucht, die wie eine -Birne aussieht, wie eine Birne schmeckt, in allen Dingen -wie eine Birne geartet ist, die aber nicht am Birnbaum -gewachsen ist, sondern am Apfelbaum. Giebt es da die geringste -Notwendigkeit, diese Frucht einen Apfel zu nennen -und Apfelbaum ihren Baum? Hinge Notwendigkeit nicht -<a id="page-791" class="pagenum" title="791"></a> -ab von Einzigkeit, vom Nichtandersseinkönnen? ‚Nenn es -dann, wie du willst!‘ Ja, wenn ich die Wahl haben soll, so -ist Gott freilich nur ein Name und also Schall und Rauch. -‚Wer darf ihn nennen?‘ Was heißt ein ‚darf‘, wo alles -‚muß‘ sein sollte! Nun, Faust freilich wollte nur bestricken -und eine Gleichheit vortäuschen: er, der übrigens doch wohl -an einen persönlichen Gott wohl oder übel glauben mußte, -da er dessen Widerspruch Mephistopheles mit Händen -greifen konnte. Wer aber, nicht um zu täuschen, sondern -zum Anschein der Wahrheit, gewisse nicht ganz begreifliche, -mit Sinnen nicht durchaus faßliche, vorhanden scheinende, -aber nicht beweisliche Kräfte innerhalb dieser natürlichen -Grenzen göttlich nennt, — nicht nur zur Unterscheidung -von anderen ähnlichen Kräften und nur um einen Namen -zu haben, sondern um einen ursächlich unterschiedenen -Gott daraus herzustellen: der mag es tun, aber ich glaube -ihm nicht, und er kann mich nicht verführen. Wenn gesagt -worden ist, daß die Toten auferstehn werden, um ein -ewiges Leben zu haben, so soll man mir keinen Possen -spielen mit verweslich und unverweslich, mit geistigen Kleidern -und mit Verwandeltwerden. Wenn im selben Evangelium, -das uns das Leben des Gottsohnes wahrhaftig -beschreiben will, Engel vom Himmel mit Botschaften -kommen, ungläubige Priester, hoffende Mütter und einfältige -Hirten zu belehren, so kann ich hinter diesen nicht -‚Glück, Herz, Liebe — Gefühl‘, sondern nur einen himmlischen -Vater gewahren, der weiß, was ich nicht weiß, und -Kraft hat, die ich nicht habe. Jedes läßt sich mit jedem -mischen und zusammenkneten, wozu nur ein wenig Verstand -gehört; aber all dieses sind unfruchtbare Bemühungen -<a id="page-792" class="pagenum" title="792"></a> -und Versuche, einen Gott im Leben zu erhalten, der -in Wahrheit lange verschieden ist. -</p> - -<h6 class="subsection"> -XII -</h6> - -<p class="noindent"> -So blieben denn zwei Möglichkeiten über. -</p> - -<p> -Die erste wäre: Ich glaube. Das heißt: Ich bin überzeugt -und ich halte für wahr, nicht mit meiner Vernunft, -sondern mit meinem Ganzen, meinem vollen und ungeteilten -Wesen, das immer einig waltet, welche Eigenschaft -daran auch in diesem und jenem Augenblick die führende -oder erschließende sein möge: halte für wahr mit aller -Kraft meines Herzens und meines Geistes — Gott, den -Vater, den allmächtigen Schöpfer aller Kreaturen. <span class="antiqua">Credo -quia</span> — oder wie Strindberg sagt: <span class="antiqua">etsi — absurdum</span>. -</p> - -<p> -Auf solch einen Gott vertrauen, das heißt einer Vollkommenheit -gewiß sein, ob sie auch über alle Fähigkeit -menschlicher Wahrnehmung und Erkenntnisse hinausgeht; -trotzdem ihrer gewiß sein und also für die Unvollkommenheit, -die wahrnehmbar ist, für das Böse oder das Leiden -die Hoffnung hegen voller Vertrauen, daß auch sie ihren -Sinn habe nach dem Willen des höheren Wesens, und -daß sie diesen Sinn irgendeinmal offenbaren, sich auflösen -wird und nur noch Vollkommenheit sein. Und die zweite -Möglichkeit wäre, dies nicht zu glauben. Es ist kein Gott, -keine Vollkommenheit; es ist nur Unvollkommenheit, nur -Leiden; dazu die Kraft, dieses immerhin einzusehn, die -Kraft, sich hineinzufinden. -</p> - -<p> -Danach bliebe mein Wesen auf diese Erde beschränkt, -das will sagen auf die Menschheit. Die Fähigkeit, mich -selber und meinesgleichen zu ertragen, die mir dort aus -<a id="page-793" class="pagenum" title="793"></a> -meiner Gottgläubigkeit wuchs, muß nun aus mir selbst -und aus der menschlichen Gemeinschaft erwachsen. An -die Stelle des Glaubens träte das Sittengesetz. -</p> - -<p> -Und wiederum zwei Möglichkeiten dahier. -</p> - -<p> -Die eine, die für den Einzelnen, die Einsicht Habenden, -sich nicht verloren geben Wollenden, der sich kräftig genug -fühlt, gottlos, will sagen heillos zu leben. Für ihn die -Worte: Geduld! und: Vertrauen! — Vertrauen auf den -dunklen Drang, einen rechten Weg zu gehn, auf eine untrügliche -Liebe zum Wahren und Guten, eine Kraft, von -Augenblick zu Augenblick hintastend zu gehn; auf das -Nächste allein immer gerichtet, das Ferne nicht zu verfehlen; -eine innere Sicherheit, eine Kraft, die denn Langmut -verleiht, Geduld zu haben mit den Menschen, wie -man sie mit sich selber hat. Tröstlich auf solch einen Weg -möge dann das schönste Wort leuchten, das ich fand: -</p> - -<p> -‚Wir rühmen uns auch der Trübsale, dieweil wir wissen, -daß Trübsal Geduld bringt. Geduld aber bringt Erfahrung, -Erfahrung aber bringt Hoffnung; Hoffnung -aber läßt nicht zuschanden werden.‘ -</p> - -<p> -Da keine Vollkommenheit ist, so ist auch keine gänzliche -Errettung zu denken. Aber von Augenblicke zu Augenblick -führt der Weg der Geduldigkeit, und es glänzt uns -der Stern der Hoffnung, daß wir nicht gänzlich zuschanden -werden. (Römer 5, V. 3-5.) -</p> - -<p> -Dieses mein Weg, und dies mein Stern. Ich will es -versuchen. -</p> - -<h6 class="subsection"> -<a id="page-794" class="pagenum" title="794"></a> -XIII -</h6> - -<p class="noindent"> -Welche Möglichkeit aber bliebe für Alle die, denen aus -irgend Gründen die Einsicht verwehrt bleibt? Welche -Möglichkeit für die Befangenen in Mißtrauen und Ungeduld? -Für all die Erniedrigten, Dumpfen, Gebrochenen, -für die Halben, Kraftlosen, Lauen, Oberflächlichen, Tanzenden; -für die Masse, die ‚Welt‘? -</p> - -<p> -Denn so mir Gott helfe: dies alles habe ich zuerst um -meinetwillen erdacht und geschrieben; es hätte aber mir -nicht eine solche Not sein können, es hätte nicht so sehr -meine Sache sein können, wenn nur ich allein, wenn -nicht die ganze irdische Legion in diesem Irrsal befangen -wäre, also daß ich nur mit Bewußtsein leiden kann an -etwas, das Alle, ob auch unbewußt, unaufhörlich erleiden. -Somit, daß, wenn ich einen Weg suchte, ich ihn nicht -suchte für mich, sondern im Auftrage gleichsam All derer, -die nicht einmal suchen dürfen. Ach, wäre sie denn so groß -und so unbarmherzig meine Not, wenn sie nicht Weltnot -wäre und ich nur ein Gegenstand in dem Sturm, der ihn -schüttelt! -</p> - -<p> -Aber mir bleibt aus dem Gefühle der Hoffnung, die -ich selbst für den nächsten Augenblick habe, in Hinsicht der -Welt nur ein ärmlicher Ausblick ins Fernste. Und Mißtraun -und Ungeduld, denk ich, sie werden fressen und -fressen und einmal sich selber gefressen haben ... -</p> - -<p> -‚Denn wir wissen, daß alle Kreatur sehnet sich mit uns -und ängstigt sich immerdar.‘ (Römer 8, V. 22.) -</p> - -<p> -‚Da ist nicht, der gerecht sei, auch nicht einer; da ist -nicht, der verständig sei, da ist nicht, der nach Gott frage. -Sie sind alle abgewichen und allesamt untüchtig geworden; -<a id="page-795" class="pagenum" title="795"></a> -da ist nicht, der Gutes tue, auch nicht Einer. Ihr -Schlund ist ein offenes Grab, mit ihren Zungen handeln -sie trüglich. Otterngift ist unter ihren Lippen. Ihr Mund -ist voll Fluchens und Bitterkeit; ihre Füße sind eilend, -Blut zu vergießen; auf ihren Wegen ist eitel Schaden und -Herzeleid, und den Weg des Friedens wissen sie nicht.‘ -(Römer 3, V. 10-17.) -</p> - -<p> -Was aber ist das Gute? Es ist das heimliche Wissen -der Verworrenheit, daß Klarheit sein sollte, und das offene -Ahnen, daß Klarheit möglich ist. Das Gute ist das Böse, -das an sich leidet, und wohlan, so wird es leiden, bis es -sich durchgelitten hat, bis Geduld aufkeimt und Vertrauen -wiederkehrt und endlich eine Kraft offenbar werden wird, -die so göttlich ist unter den Menschen, daß sie ganz aussieht -wie ein Gott. -</p> - -<p> -Ja, daß sie Gestalt und Wesen und Kraft und Namen, -alles haben wird von Gott. -</p> - -<p> -Und seinen lange vergessenen Namen, vielleicht findet -ihn jemand wieder, damit in Wahrheit auch Gott heiße, -was allein göttlich ist: die Vollkommenheit.“ -</p> - -<p class="tb"> - -</p> - -<p class="noindent"> -Georg schwieg. Magda saß, wie sie zugehört hatte, -grade angelehnt mit geschlossenen Augen und bewegte -sich nicht. Durch den tiefen Kummer, mit dem er ausgelesen -hatte, fühlte er langsam das feierliche Empfinden -von zuvor wieder durchdringen, und ein Blick durch das -Fenster auf die besonnten Dächer und in die Klarheit des -Äthers ließ es augenblicks schwellen wie zu einem Akkord. -Gleich darauf hörte er Magda sprechen und schauderte -leise, da er die gleichen Worte erkannte, die er von Renate -<a id="page-796" class="pagenum" title="796"></a> -gehört hatte, vor Mittag, dort in der Kapelle des Baums. -Sie sagte: -</p> - -<p> -„Und um so süßer verlockend das Wort ‚von Ewigkeit -zu Ewigkeit‘ dir im Herzen ertönt: sprich dagegen: ‚von -Augenblicke zu Augenblick‘ knüpf ich und webe ich das -einzige Kleid meines Lebens. Zu wissen ist nicht not. Not -ist, zu tun. In dem Tun wird die Liebe, in der Liebe das -Wesen, in dem Wesen das Leben sein, das weder zeitlich -noch ewig, sondern das in der Liebe ist.“ -</p> - -<p> -Sie verstummte, und um so weniger das Wort Liebe -erschienen war in dem, was er gelesen hatte, um so tiefer -fand er sich nun durch die Einsicht erschüttert, wie sehr -die letzten gesprochenen Worte eine Ergänzung bildeten zu -den gelesenen, fast so, als wären jene um dieser willen -allein von ihm erdacht und geschrieben worden. Dann -empfand er ein Glück, sie, die er am Morgen so anders, -ja fast überhört hatte, noch einmal gesagt zu bekommen -und nun besser zu verstehn. — — -</p> - -<p> -Georg legte sein Buch fort. Er erhob sich dann, um, -über den Schreibtisch gebeugt, nach draußen zu spähn, und -entdeckte, als ob er ihr Vorhandensein geahnt hätte, auf -der Terrasse Irene, Klemens und die Friedlichkeit, wie sie -dabei waren, auf der leeren Fläche zu dritt spazieren zu gehn, -Klemens links, die Hände auf dem Rücken, Irene rechts, -beim Sprechen ihn anblickend, die Friedlichkeit, etwas -schmal, in der Mitte. — Georg setzte sich wieder und sagte: -</p> - -<p> -„Ein Rätsel. Unten gehn Klemens und Irene allein -und sind eigentlich Drei, was ist das?“ -</p> - -<p> -Sie erwiderte getrost: „Oh ja, sie werden wohl bald -Kinder haben ...“ -</p> - -<p> -<a id="page-797" class="pagenum" title="797"></a> -Georg lachte herzlich, indem er so tat, als habe er diese -Antwort gewünscht. -</p> - -<p> -„Und nun,“ sagte sie, sich zurechtsetzend, „nun möchte -ich noch über Benno mit dir sprechen“; wieder als ob sie -vor einer Reise stünde und letzte Anordnungen treffen -wolle. „Ihr werdet euch ja nun selten mehr sehn, und -vielleicht erst in späteren Jahren wieder, denn du hast nun -Schweres vor dir, und er geht ja nach Aachen als Kapellmeister -und wird dort heiraten. — Sei nachsichtig mit -ihm, Georg, denke nicht bitter und falsch von ihm, denn -er ist doch dein Freund! Er ist vielleicht keiner der Stärksten -im Wollen und Leisten; er ist von den Wünschenden, von -den Schwebenden einer, die von allem möchten, daß es -weicht und nicht nahe kommt. Er wird vielleicht niemals -ganz sein können in Diesem oder Jenem, in der Kunst -nicht und nicht im Leben, auch nicht im Glück oder Unglück. -War er nicht immer unglücklich im Hause seiner Eltern, -herumgestoßen und herumgescholten, und saß er an seinem -Klavier, so war alles vergessen und er selig. Oft habe ich -mit ihm über seine Anlage gesprochen. Er sagte, am -liebsten sei ihm wie in Hölderlins Wort: ‚Wie so selig doch -auch mitten im Leide mir ist!‘ Er hat keine Anlage zum -Glücklichsein. Alldas wollt ich dir einmal sagen. Immer -schwärmt er, nicht wahr? er liebt alles von weitem, in -farbiger Verschwommenheit, und das Wirkliche ist ihm -zu hart. Und die Kunst auch, ich glaube, sie ist ihm viel -mehr ein warmer Strom, in dem er glückselig treibt, als -ein Stoff, den er verarbeiten kann.“ -</p> - -<p> -Georg, der alles sehr gut verstand, ließ sie schweigen -und weiterreden, da es ihr augenscheinlich wohltat. -</p> - -<p> -<a id="page-798" class="pagenum" title="798"></a> -„Vor kurzem klagte er wieder, daß er heiraten will und -auch nicht. Ja, er schwankt noch immer, aber natürlich -wird er es tun“ Sie lächelte. „Es ist ja zum Lachen, -denn siehst du, es schadet ihm dabei gar nicht, daß seine -Elfriede, wie ich höre, ein beinah lasterhaftes Geschöpf -ist, jedenfalls leichtfertig bis zur Lasterhaftigkeit, obschon -nicht voll Bosheit, — die an ihm weiter nichts -haben will, als einen berühmten Mann, und wird er -das nicht —, nun, aber auch das wird ihm nicht groß -Schaden tun. Er wird doch bald einsehn, daß sie recht -hat, und er leidet ja eben an ganz andern Dingen. Er -wird dir wohl auch vorgeträumt haben vom Frühling -und den Anfängen und alldem, und wie es viel schöner -gewesen ist, seiner Elfe von fern nachzugehn durch die — -hat er, Georg?“ Sie stimmte lebhaft ein in Georgs -Lachen und fuhr fort: „Aber so braucht er das Leben. Er -muß sein Glück immer in einem Unglück haben, und deshalb, -siehst du, darfst du ihm die Gewißheit deiner Freundschaft -und Liebe nicht nehmen, denn — ich weiß, Georg — -die gehören zu seinen Schätzen. Deren Verlust würde ihn -wirklich schmerzen.“ -</p> - -<p> -„Ich weiß, Anna, ich wußte alles, was du gesagt hast! -Es ist wahr, er macht mich leicht unwirsch und —“ -</p> - -<p> -„Ja, du weißt es, Georg, und nicht deshalb habe ich -es gesagt, aber du willst dich nicht immer danach richten! -— Es wird ja auch gut sein, wenn ihr euch nicht so häufig -seht. Kleine Verfremdungen schaden an sich nicht, -aber sie sind wie so ein Loch in der Strumpfnaht, — man -muß sie gleich in Frieden lassen, sonst reißts weiter und -weiter. Es ist nun mal so mit uns Menschen. Ein -<a id="page-799" class="pagenum" title="799"></a> -Augenblick Nähe zuviel bringt uns weiter auseinander als -Jahre der Trennung, aber —“ -</p> - -<p> -„Nein, Anna, was bist du doch klug geworden! Du -bist ja klüger als ich!“ -</p> - -<p> -„Siehst du wohl! Es läuft keiner so schnell, daß man -ihn nicht einholen könnte.“ -</p> - -<p> -„Na, das war aber Unsinn, Anna!“ -</p> - -<p> -Sie lachte, fügte sich aber schnell wieder zum Ernst -und erhob sich, die Hände ausstreckend. Aber in diesem -Augenblick schwoll das Feierliche um ihn fast gewaltsam -auf, erschreckend, da es jetzt von der schmalen blauen Gestalt -ausging, die ihn ansah, ergriffen und sonderbar ruhevoll -zugleich. -</p> - -<p> -„Und nun leb wohl, mein Georg!“ sagte sie mit wunderlicher -Festigkeit, „mein Amt hat nun sein Ende. Ich -hab dich noch einmal gesehn und weiß, daß ich nun nicht -mehr vonnöten bin. Ja, Georg,“ sprach sie, seine Hände -festhaltend, mit immer leidenschaftlicherer Innigkeit weiter: -„du hast wieder einmal nichts gewußt, und für Rieferling -war keine Zeit, und so ist er doch lieber gleich zu mir gekommen -statt zu dir. Es war ja auch nur dumm, erst -dich um Rat fragen zu wollen, ob ich mich auch ohne -Augen getraute, einen Mann zu haben und Kinder zu -kriegen — denn das will ich, Georg! —, und du hättest -es ja nicht gewußt! Mein lieber großer Junge, es werden -nun bald vier Jahr, daß ich den schweren Weg mit -dir gegangen bin. Du hast es nicht gemerkt, aber ich habe -es gewußt, daß ein Mensch nötig war, zu hoffen und zu -glauben und bei dir zu sein mit tausend Gedanken der -Liebe, mit aller Kraft, Tag und Nacht, mit dem ganzen -<a id="page-800" class="pagenum" title="800"></a> -glühenden Leben. So war es, und nun ist es gut. Georg, -ich weiß, was du nicht weißt, und ich muß nun gehn und -an mich selber denken. Ich nehme dir nicht mein Herz. -Ein Herz kann nicht verrückt werden, es bleibt immer, -wo es von Anfang war. Aber ich kann einen guten Menschen -wohl lieb haben und mit Geben und Nehmen das -schöne Gewebe des Lebens zusammen mit ihm flechten. -Ich will auch meine Kinder haben und mein Haus, Alltage -und Sonntage, und all die Freuden und Schmerzen -der Gemeinsamkeit. Lebe wohl! Unsern Abschiedskuß -haben wir uns vorhin schon gegeben, und ich will keinen -andern mehr. Wir sehn uns auch bald wieder! Und heut -abend hörst du mich singen.“ -</p> - -<p> -Sie brach ab, nahm ihre Hände, bevor er sie noch ganz -an die Lippen hätte heben können, aus den seinen und -ging zur Tür. -</p> - -<p> -Georg stand am Fenster. Noch sah er sie vor sich -stehn und hörte ihre Stimme, die, innig und warm, doch -wie eines Engels Rede gesungen hatte, so leidenschaftlich -und so seltsam unteilhaft. Ein heißer Krampf schüttelte -seine Brust; er glaubte, in Tränen ausbrechen zu müssen, -aber es blieb alles still, und aus einer unermeßlichen und -feiertäglichen Leere sagte er langsam und schwer: -</p> - -<p> -„Das — war — es.“ -</p> - -<p> -Überdem aber hörte er ihre Stimme von der Tür her, -erinnerte sich, daß sie noch gegenwärtig war, und fragte, -da er nicht verstanden hatte: „Was sagst du, Anna?“ -</p> - -<p> -„Ich sagte etwas, das ich dich schon lang hatte fragen -wollen, Georg. Denn —“ sie machte einen Schritt auf -ihn zu — „ich weiß wohl, in was du dich verstrickt hast, -<a id="page-801" class="pagenum" title="801"></a> -aber — in alldem — — Georg, hat es dich nicht unsagbar -glücklich gemacht, zu wissen, daß er wirklich dein Vater -war?“ -</p> - -<p> -„Wie — meinst du?“ -</p> - -<p> -Georg war zumut, als ob er sich auflöste. Oder als ob -zwei Riesen, zwei Ungeheuer in ihm ihre verknoteten Leiber -auseinanderrissen, und seine Glieder verschwanden -ihm, sein Kopf wurde schwer wie ein Stein, er glaubte zu -fallen, bemühte sich dabei mit brennender Heftigkeit, zu -verstehn, was alldas heißen sollte, konnte aber nur würgen -und nicht sprechen. -</p> - -<p> -Auf einmal streckte sie beide Arme nach ihm aus. „Georg!“ -schrie sie, „weißt du’s denn nicht? weißt du’s denn -gar nicht?“ -</p> - -<p> -Irgend etwas zerfiel lautlos in ungeheure Stücke. Er -zerrieselte hülflos. Bäume, Büsche, Rasen, eine Gestalt -wirbelten um ihn her und verschlangen sich; dann wurde -seine Umgebung eigentümlich schief, er dachte: Was ist -denn jetzt? spürte einen leisen Schmerz an Schulter und -Hüfte und mit einem abscheulichen Gefühl von Übelkeit, -daß er lag. Über ihm flog eine klägliche Stimme: Georg, -wo bist du denn? Er schloß die Augen. -</p> - -<p> -Langsam quoll über die schwindende Übelkeit eine Erleichterung -aus dem Dunkel; auch leises Wohlbehagen im -Bewußtsein des tiefen Liegens. Er fühlte seine Hände -naß, wollte sich aber die Wonne des Daliegens nicht stören -lassen und stöhnte nur leise. Hände tasteten an seinem -Gesicht, er faßte ermüdet danach und öffnete die Augen. -</p> - -<p> -In einem gewaltigen Kessel, der in ihm war, wälzten -sich zwei Ströme herum; einer, der über alle Begriffe -<a id="page-802" class="pagenum" title="802"></a> -glücklich war, hieß: Vater; der andre, der schwarz und -gallebitter war, hieß: Tod, und auch: Schuld. Plötzlich -war alldas verschwunden, Georg stand auf, strauchelte -aber und mußte sich, da er nichts andres fand, mit Hand -und Schulter gegen die Anna stützen. Bald versuchte er, -zu denken, aber die Zange griff trotz mehrmaligen Ansetzens -nicht zu. -</p> - -<p> -Danach fand er sich auf einem Stuhl sitzend und vor -sich das Mädchen, und er hielt ihre eine Hand. Leer von -Gefühl zu ihr aufblickend, begann er zu fragen: -</p> - -<p> -„Sage mir ... Wer wußte dies außer mir?“ -</p> - -<p> -Sie schwieg, bedachte sich und zählte leise sprechend auf: -„Renate und ich; dann Bogner. Jason wohl. Virgo -und ihr Mann. Das sind Alle.“ -</p> - -<p> -„Woher?“ -</p> - -<p> -„Von deinem Vater. Er sagte es Renate, damals, -kurz bevor er starb. Wir glaubten Alle, daß du es wüßtest.“ -</p> - -<p> -„So mußte es euch scheinen. Es ist sehr einfach. Und -— wer war dann meine Mutter?“ -</p> - -<p> -„Jene Frau — in dem Haus. Virgo hat ihr Bild, -du mußt es ja kennen, und dort sah es dein Vater. Sie -war seine Freundin ...“ -</p> - -<p> -Georg fragte nicht weiter. Die Augen fielen ihm zu. -Er glaubte nach langer Zeit eine leise Berührung auf -seinem Kopf zu spüren. Als er die Augen wieder öffnete, -war er allein. -</p> - -<p> -Er konnte die Augen nicht offen halten, und was er -sah, bedrohte ihn mit einer nicht zu fassenden Angst. Was -jetzt, Gott, was jetzt? — Er merkte, daß er etwas Riesiges -<a id="page-803" class="pagenum" title="803"></a> -in sich hinabgedrückt hatte; wenn er daran rührte, würde -es ihn zersprengen. Die Angst schwoll, er wollte Anna -zurückrufen, er versuchte, sich zu ermannen, sagte: Du -mußt allein fertig werden! — Aber im Augenblick fand -er sich schon überwältigt. Sein letzter Gedanke war: -Bogner, und daß der ihn erwartete. Das war wie Bestimmung. -Bogner, Bogner mußte helfen, und schon -rasend vor Angst und Verlangen, war er an der Tür, wo -er sich denn einen letzten Ruck gab, so ruhig er konnte, -ins Nebenzimmer ging, um Mantel und Hut zu holen, -wovon er indes nichts Bestimmtes wußte, als er es tat. -Dann war er im Freien. -</p> - -<div class="chapter"> - -<h3 class="chapter" id="subchap-0-3-9"> -<a id="page-804" class="pagenum" title="804"></a> -Neuntes Kapitel -</h3> - -</div> - -<h4 class="section"> -Georg -</h4> - -<p class="first"> -Georg stand vor einem jungen und niedrigen Feld Wintersaat -und starrte besinnungslos in diese sehr lichte, zartgrüne -Waldung hinein. Etwas Bläuliches stieg daraus -auf, gewann Umriß und Dichte und ward der blinde Engel -in sanftem Blau, der ihn blicklos ansah, und zu dem -er sagte: -</p> - -<p> -Das wußtest du wohl: Wenn etwas mir Halt geben -konnte für später, mußte er darin liegen, daß du jetzt -gehst ... -</p> - -<p> -Ja, sagte sie unhörbar und lächelte, indem sie fortfuhr: -</p> - -<p> -Und daß ich dir Benno so dringlich ans Herz gelegt -habe, das tat ich aus Klugheit und um dir doch etwas zu -halten zu geben für das, was ich wegnahm ... -</p> - -<p> -Georg lächelte auch und sah die Gestalt sich langsam -in einen blauen Nebel auflösen, der auf einmal der Himmel -war. Der Osthimmel, fern, graublau, wolkenlos, — -und jenseits der Saatfelder unfern lagen die Häuser eines -bekannten Dorfes mit ihrem kahlen Gewipfel im starken, -glühenden Licht der tieferen Sonne. Ringsum lohte das -Land, grün, übergoldet, schattenreich, singend von Stille. -</p> - -<p> -Sich umdrehend, bemerkte er jetzt, daß hinter ihm die -Landstraße war und jenseits die Rampe von Helenenruh, -und daß der Schatten des Hauses ihn und alles umher -bedeckte. Indem ward ihm bewußt, daß er es eilig hatte, -daß er zu Bogner wollte, zu Fuß, ja, gehen, gehen! und -<a id="page-805" class="pagenum" title="805"></a> -das Letzte, was er deutlich wußte, war das Hinwegwischen -über etwas, das wie ein Dampf in ihm aufsteigen wollte. -Noch nicht! murmelte er. -</p> - -<p> -Ihm war auf dieser Wandrung — Wiesenpfade in unendlichen -Windungen, über Knicktore, durch Gatter — -nichts bewußt als das kalte Lustgefühl des Dahingehns, -unbeschwert, eifrig, blindlings, alles, das Kleinste, wahrnehmend -in einer brennenden Gegenständlichkeit, und doch -nichts; nichts als vielleicht noch das scharfe, geschmacklose -Aus- und Einschlürfen der Luft beim heftigen Atmen, in -der kühle und warme Wellen miteinander wechselten. Er -stolperte oft, er wußte kaum, wohin er ging, er sah vor -sich immer nur die bläuliche Lichtwand des ruhigen Himmels, -atmete schnaufend vor Hast und Erregtheit und -hatte all die Zeit das starke Empfinden des Feierlichen -und eines Ziels, dem er unweigerlich zustreben mußte. -</p> - -<p> -In Wassergräben, dunklen, erschien ein beglückendes -Blau; kleine Kreise regten sich blank, seltsam hoch über -dem Blauen, auf der gläsernen Fläche; dick und gelb, wie -aus Bernstein gedreht, standen die Knospen der Dotterblumen -am Ranft. Er sahs und vergaß es. Der Ausdruck -der Umzäunungen, über die er kletterte, erinnerte -ihn an alles dumpf Vollkommene der im Freien hausenden -Wesen, Dinge wie Tiere. Eine Unzahl von Eindrücken -glaubte er beständig zu empfangen, eine Unzahl von Gegenständen -zu sehn, die ihm etwas zu sagen hatten, aber -er mußte vorüber, er sagte: ich weiß es längst! eh sie zu -Worte gekommen waren und hinter ihm zurückblieben. -Ihm war, als liefe er in dieser Eile durch sein ganzes Leben; -und alles war ihm daher bekannt. So ging er, -<a id="page-806" class="pagenum" title="806"></a> -brennend, besinnungslos, keuchend, hielt auf einer eifrig -erklommenen Anhöhe bei kleinen, dunkelgrünen Wacholdern, -die Schatten warfen, und sah in der machtvollen -Sonne der Abendstunde die Stadt unfern, ihrerseits etwas -erhöht, Dächer und Türme, scharf, klar, leuchtend, -die Alleen der alten Wälle ringsum, deren schräge, schattenlose -Böschungen, den toten Flußarm, teils dunkel, teils -rasengrün, die Ketten von Hecken und Zäunen, die sich -schnitten, helle gewundene Wege, und alles leicht übertupft -mit schwarzen oder lichtgekleideten Menschen, die -gingen, mit spielenden Kindern, weidenden Pferden; und -alles ohne Laut, tief überleuchtet und in seiner ganzen -glanzvollen Offenheit eingebettet in Abendfriedlichkeit und -in Ostern. -</p> - -<p> -Lange staunte er dies an. Mein! sagte er plötzlich und -atmete tief. Da schwoll, tief in den dunkleren Süden hinein, -das unendliche Wiesenland, wo das Auge fortgeführt -wurde von immer enger zusammenrückenden Wäldchen, -ganz kleinen Dörfern, und hinuntergezogen über den -Rand in das verheimlichte Düster immer weiterer Länder. -War es möglich, daß die nach allen Seiten hinuntergebogene -Erde so bedeckt war mit tausendfachem Gelände? -</p> - -<p> -Hoch oben in Lüften richtete eine Woge von Glockengeläut -sich auf, stand mächtig im Luftraum und sank -langsam gleitend ins Nichts. Eine Stimme sagte: Charfreitag -... Und nun — oh, welche Wehmut! — — -</p> - -<p> -Nein, sagte eine andre Stimme nahe über ihm, sehr -fest und unmißverständlich: Wenn er wirklich dein Vater -war, so kannst du unmöglich eine Schuld haben an seinem -Tode. -</p> - -<p> -<a id="page-807" class="pagenum" title="807"></a> -Ist das wahr? fragte er, dumpf erschrocken über die -Unumstößlichkeit des Satzes. -</p> - -<p> -Das ist völlig wahr. -</p> - -<p> -Ich kann es nicht glauben. -</p> - -<p> -Hierauf kam keine Antwort. -</p> - -<p> -Georg wandte sich langsam um, mußte aber schnell die -Lider zusammendrücken und die Stirn senken, geblendet -von dem riesigen Feuerloch der Sonne im tiefen Himmel, -aus dem die goldflammenden Garben mit einem göttlichen -Ungestüm in alle Weiten schossen, und das Land brannte -unter ihnen in Lohe. — Sie sinkt ja! schrie es in ihm, sie -sinkt, und ich bin nicht fertig! -</p> - -<p> -Er suchte mit noch geblendeten Augen umher. Haidboden, -schwärzlich, und Wacholder, klein, dunkel und ernst. -— Soll es hier sein? jetzt? Soll ich versuchen? -</p> - -<p> -Plötzlich erschrak er. Und so war es, begann etwas zu -reden, so war dennoch dies immer die Aufgabe und die -Bestimmung: zu werden, der ich nun bin, Fürst in diesem -Land. Aufgabe, die ich zwar vor mir nur sah wie ein -prunkvolles Gefäß, mich zu stillen. Und was ich auch -tat, ich mußte in sie hineinwachsen? Und damit ich wahrhaft -wüchse, all dies? all diese Hiebe des Schicksals, dies -fast nun sinnlos Scheinende, da es nun wieder aufgehoben -wird und umsonst war im Sinne menschlicher Zwecke? -Dennoch voll tiefsten Sinns? Und nun heut, da ich mich -hingefochten hab durch mich selbst — nun auch das Siegel -des Rechts, und ich darf der Sohn meines Vaters -sein? Und dies heißt: von Gottes Gnaden? -</p> - -<p> -Oh, nein, nein, fort, es ist ja zu früh, viel zu früh! es -muß ja noch — erledigt werden! Was? Bilder, ja, Bogners -<a id="page-808" class="pagenum" title="808"></a> -Bilder! Wie? Ja, wo bin ich denn? — Nein, sieh, -das muß Bogners Haus sein! -</p> - -<p> -Wenige hundert Schritte weit südlich stand ein weißer -mächtiger Rundbau mit schwärzlichem, flach geschrägtem -Dach und flacher Laterne; breite Fenster unter dem Dachrand -flammten glühend golden. Ein kleines weißes Haus -davor schien mit dem Rundbau zusammenzuhängen. -</p> - -<p> -Plötzlich hatte er sich losgerissen und lief durch wagenradbreite -Pfade zwischen dem Haidekraut die Anhöhe hinunter, -sprang über einen Graben und gelangte über eine -triefend nasse Wiese auf den Sandweg, der wenige Schritte -zur Rechten vor der Tür jenes kleinen Hauses endete. Es -war durch einen kurzen verdeckten Gang mit dem Rundbau -verbunden. -</p> - -<p> -Eine Glocke schlug hellstimmig an, als Georg die Tür -aufklinkte. Drin war ein dämmriger Gang mit geweißten -Wänden und Türen, von dem rechts hinten eine Treppe -abzweigte, und in einer der Türen erschien eine weibliche -Gestalt, die ihn ansah: Cornelia Ring. -</p> - -<h4 class="section"> -Cornelia -</h4> - -<p class="first"> -Die dunklen, runden, klugen, gefaßten Augen. Das -straff aus der Stirne gestrichene Haar. Die Stirn unter -leisen Wellen von Kindlichkeit. Die Oberlippe. Die schmale -und gefestigte Gestalt, die ihn wieder an die eines jungen -Baumes mahnte. Georg war sehr erstaunt, beherrschte -sich aber sonst. -</p> - -<p> -Sie kam zögernd näher, im Blick etwas Furchtsames, -bis sie vor ihm stand; legte eine Hand auf seine linke -<a id="page-809" class="pagenum" title="809"></a> -Schulter und gegen die andre die Stirn. Unter ihr Gesicht -blickend sah er, daß sie sich auf die Lippen biß, sich abmühend, -zu sprechen, oder nicht zu weinen. — Da sie dies -leicht tat, schien es ihm das Beste, sie täte es gleich. -</p> - -<p> -Er legte deshalb den Arm um sie und mußte lächeln, -als er gleich darauf spürte, was ihr eigen war: daß von -dem überströmten Gesicht ein warmer Dunst aufstieg, wie -von einem Kinde, und sehr rein. -</p> - -<p> -Sie machte sich los, zog — oh die alte Bewegung! — -ihr Taschentuch aus dem Gürtel, indem sie sich dehnte -und die Schultern anhob, trocknete ihr Gesicht, nahm seine -Hand und führte ihn still in ein sehr kleines Gemach mit -Bett, Tisch und Schrank. -</p> - -<p> -„Wohnst du hier?“ fragte er. Sie nickte. „Lange -schon?“ -</p> - -<p> -„Eine Woche bald. Ich war in Altenrepen erst, aber -da wagt ich nicht, zu dir zu kommen. Dann schrieb Bogner -— ich hatte ihm geschrieben —, ob ich nicht herüberkommen -wollte, ihn besuchen, und es läge bei ihm alles -drunter und drüber, — Gott, ihn hab ich ja auch im Stich -gelassen, er hatte nun eine Haushälterin, aber die ging -plötzlich, und so viel Ärger. So kam ich her. Von Magda -hörte ich dann, du kamst heute, und bat sie, dir nichts zu -sagen. Da hab ich gewartet.“ -</p> - -<p> -„Ich kam spät“, sagte Georg. „Ja — und weshalb -bist du nun hier?“ -</p> - -<p> -Sie zuckte die Achseln. „Ich konnte nicht. Er ist zu -krank. Ich hielt es nicht aus. Aber auch ohne das, Georg! -Ich komme doch nicht los von dir.“ -</p> - -<p> -Georg lächelte innerlich, — sie war immer sehr einfach -<a id="page-810" class="pagenum" title="810"></a> -in Haltung und Erklärungen. Dabei sah er sie mit einem -Ausdruck an, der ihr langsam sagte, daß er sie nicht liebe wie -sie ihn und daß sie das wisse. Sie senkte den Kopf und -legte wieder die Hand auf seine Schulter. Nach Sekunden -sagte sie: -</p> - -<p> -„Laß mich dir wieder dienen wie vorher, und ich werde -dir dankbar sein.“ -</p> - -<p> -Georg begriff dieses stark. Lieben können genügt, dachte -er, indem er sie an sich zog und sagte: -</p> - -<p> -„Du kannst im Schlößchen wohnen. Es wird gut werden. -Ich habe leider sehr wenig Zeit. Das Beste wäre -vielleicht, daß wir heiraten. Ich habe keine Vorliebe für -Unoffenes. Du sollst kommen und gehen dürfen.“ -</p> - -<p> -Sie hatte bereite das Gesicht erhoben und Widerstand -gezeigt. -</p> - -<p> -„Nein, bitte, Georg, das nicht! Dazu wäre ich gar -nicht geeignet. Dazu hätte ich —“ -</p> - -<p> -„Der Mensch ist zu allem geeignet.“ -</p> - -<p> -„Aber ich kann doch nicht, Georg! Ich würde ganz -unglücklich sein!“ -</p> - -<p> -„Ja, so wie Benno. Sei überzeugt: du wirst es auf -irgendeine Weise. Möchtest du nicht Kinder haben?“ -</p> - -<p> -„Gar nicht! Vor fünf Jahren —, ja, da wär ich gestorben -für ein Kind. Aber nun ist das —“ -</p> - -<p> -„Hab erst mal eins! Auch das Naturgesetz duldet keine -Unterschlagungen. Aber das hat alles Zeit, überlegt zu -werden. Wir können jede Methode versuchen. Wenn ich -nicht so wenig Zeit hätte ...“ -</p> - -<p> -Überdem merkte er, daß er in Dinge hineingeriet, die -ihn nach unten zogen; daß er bei all diesem übrigens nur -<a id="page-811" class="pagenum" title="811"></a> -halb mit Bewußtsein teilnahm, und er machte sich los -von ihr und trat an das Fenster, während ihm der Tote -erschien, jetzt etwas in Händen, das er ihm aufdrängen -wollte, und plötzlich Renate in ihrem violetten Kleid. -</p> - -<p> -Warum tu ich jetzt dieses? diese Pläne warum? Abzuschließen -mit meinem Herzen. — Und vielleicht: um irgend -etwas zu geben. — Plötzlich, auf einer Wagschale -stehend, fuhr die Gestalt Renates sichtbar und mit so triumphierendem -Schwunge nach unten, daß er die Augen erstaunt -senkte. -</p> - -<p> -Wie? mußte er fragen, ist Cornelia so viel leichter? -Freilich war die Andre beschwert mit einer Last von Kleinoden, -die ihm ins Auge brannten, da er sie bedachte, -und diese hier war ganz schlicht. -</p> - -<p> -Er trat wieder zu ihr, legte eine Hand auf ihre Stirn, -sanft sie nach hinten drückend, küßte sie behutsam und -sagte voll Liebe: -</p> - -<p> -„Cornelia Ring! Das bist du. Ein schöner echter Ring; -mit einem schönen, echten Stein. Und nun sollst du dich -um mein Dasein schließen, willst du?“ -</p> - -<p> -Er duldete es eine Weile, daß sie ihn mit Leidenschaft -in die Arme schloß, befreite sich dann, nickte ihr zu und -bat sie, ihn zu Bogner zu bringen. „Ist er allein?“ -</p> - -<p> -„Renate ist da, und ein Herr, ich glaube, ihr Vetter, -und Jason. Aber der kam schon mit mir.“ -</p> - -<p> -„So. Renate. Ja — willst du mich nun —“ -</p> - -<p> -„Ich glaube, sie sind jetzt oben. Ich bring dich ins -Atelier!“ sagte sie und ging voran. Am Ende des Flurs -öffnete sie die Tür zu einem Gang, zu dessen Seiten die -Wände der Boxen Georg erinnerten, daß dies ursprünglich -<a id="page-812" class="pagenum" title="812"></a> -ein Reitstall war. Die Boxen standen vollgepfropft -mit aufgespannten Leinwanden und Zeichenbogen, aber -über den oberen Rand der letzten rechts erhob sich, sich -herwendend, der große braune und schwarze Kopf eines -Rosses mit einem klugen, anscheinend fragenden Auge. -</p> - -<p> -„Lieber Gott,“ sagte Georg, „das ist Unkas!“ -</p> - -<p> -„Wußtest du denn nicht, daß er hier ist?“ -</p> - -<p> -„Doch, doch, natürlich, da ich ihn Bogner schenkte, der -reiten wollte. Er wurde zu alt für mich und schwerfällig; -Bogner wünscht nur mäßige Bewegung.“ -</p> - -<p> -Georg war schon zu dem alten Genoß in den Stand -getreten, klopfte ihm liebevoll Hals, Bauch und die -Nüstern, das Pferd schnoberte zärtlich, scheuerte sich an -seiner Schulter und bohrte das Maul nach seiner Manteltasche, -aber er mußte sich losmachen, fühlend, wie er übermannt -werden würde. Das alte Pferd hatte ihn nicht -vergessen, es tat seinen Dienst, wie es gewohnt war, hier -wie bei ihm; keiner wußte, ob es litt in der Fremde, -aber anscheinend wars nicht der Fall. Es atmete laut, -plötzlich trat es zurück, daß der Halfter sich spannte, warf -den Kopf hoch, zerrte und schien sehr ratlos. Schließlich -feuerte es nach hinten aus, daß die getroffene Holzwand -dröhnte. -</p> - -<p> -Georg wandte sich ab, und überdem wurde eine Tür -geöffnet, Bogner streckte den Kopf hervor, griff nach Georgs -Hand und zog ihn in den Raum. -</p> - -<p> -Was aber hier mit ihm vorging, war ihm nicht mehr -bewußt; ein Andrer tat es für ihn, sein Inneres füllte ein -gestaltlos sausender Regen, sonst nichts. Er stand lange -vor Bildern, sprach, sah Bogner, sah Renate und den -<a id="page-813" class="pagenum" title="813"></a> -Erasmus, auch Jason, sprach auch mit ihm. Endlich hielt -er einen Türgriff in der Hand, den er deutlich erkannte. -</p> - -<p> -Und nun wurde der ganze große und lichte Raum deutlich -vor ihm, und jetzt, in einer blendenden Helle, sah er -in einiger Entfernung sich gegenüber die drei Gestalten -Bogners, Jasons und Renates in der Mitte, die ihm alle -Drei nachblickten. Wunderbare Erscheinungen! zog es -durch ihn; dann hielten Renates Augen ihn fest. Was -für ein Ausdruck? Wollte sie etwas von ihm? Bewegte -sie sich? — Und während sein Wesen sich krampfhaft zusammenzog, -drehte er sich langsam um und ging im Taumel -hinaus. -</p> - -<p> -„Was ist dir?“ hörte er eine Stimme und sah sich im -Freien. Hier war es dämmrig. Er mußte sich abwenden -von Cornelia, und in einem Feuerstrom von gewaltsamen -Ahnungen sah er Renate stehn, verlockend wie eh und je, -und in einem Hauch von Bewegung nach ihm hin, ihn -anzurühren, ihn mitzuziehn in eine Ewigkeit neuer Anfänge, -neuer Schmerzen, neuer Versuche, neuen Schicksals, -eine Unendlichkeit des Lebens von vorn zu beginnen. -</p> - -<p> -Dies erlosch. Ihm war kalt. — Sie wird jetzt kommen, -wußte er plötzlich. Dorthin, wo ich warte. Es war -alles ein Irrtum. Alles gilt nicht. Ich werde warten. -So wird es geschehn. -</p> - -<h4 class="section"> -Die Blume -</h4> - -<p class="first"> -Im Vorwärtsschreiten fühlte Georg sich zu Eis geronnen -vom Kopf zu den Füßen. Übergroß schwebte sein -Haupt in einer maßlosen Betäubtheit. Dann brauste -<a id="page-814" class="pagenum" title="814"></a> -alles, und er bewegte sich in Strömen von Leidenschaft. -— Mich hat sie geliebt! mich, mich, immer mich! sang er. -Sie hat es nicht gewußt, sie ist die selige Unschuld, aber -nun hat sie es erkannt, an einer Bewegung, einem Nichts, -an meinem Ohr ... Sie kommt, ich werde warten! -</p> - -<p> -Dann stürzte es ihn haushoch hinunter. Und wenn es -doch Einbildung war, was er gesehn hatte? Bloße Einbildung? -Diese Bewegung zu ihm? Weshalb denn dies -Unmaß von Angst und Schwindel und Ahnung? Nein, -er hatte recht gesehn! Alles war ein Irrtum gewesen, ein -Irrtum, ein Irrtum! das ganze Leben, alle Leiden, alles -was je war, — aber dies war Wahrheit, dies, seine Liebe, -ihre Liebe, die allmächtigen Toren, die sich im letzten aller -Augenblicke erkannten und weise wurden. Und er stand -überm Land wie ein Turm; die Glocke seines Herzens -schwang wie ein großer Adler und schrie: Ewig! Ewig! -</p> - -<p> -Und das war es, das, was ihn hergeführt hatte: sie -sollte er hier finden, deshalb hatte Bogner ihn mittags -gebeten, deshalb hat es ihn hergetrieben, zu ihr, zu ihr, -die alles lösen würde, alles, all seine Not, alle Schuld, -alles! -</p> - -<p> -Und nun erst begann das Leben! alles begann von -vorn. — -</p> - -<p> -Überdem ward ihm bewußt, daß er eine Anhöhe erstiegen -hatte, und er erkannte sie als jene, die er vor kaum -einer Stunde verließ. Nur war die Erde jetzt mit ihrem -Schatten bedeckt, und die Dämmerung sank eilig. Über -die dunklere Ebene hinweg sah er Farben des Himmels -im West, goldene Streifen zwischen violetten Wolkenbänken, -das regnende Fallen rötlicher Dünste, dazwischen -<a id="page-815" class="pagenum" title="815"></a> -Ausblicke auf unendlich ferne grüne Halden, die verhauchten. -Darüber bebte das weißliche Gold wie Inneres von -Äpfeln im Kühlen, — und noch höher ein tiefes Blau, gespannt -wie ein Tuch, dehnte sich mählich verblassend über -den ganzen Himmel aus, der so rein war wie eine Seele. -— Ach, die Hand zu tauchen in die Farben Gottes und -ein unsterbliches Bildnis des Lebens zu malen! War es -unmöglich? -</p> - -<p> -Die Wacholder warfen keine Schatten mehr, — Schatten -selber gleichend, die aufrecht gestellt waren. Ihn fröstelte. -Wird sie mich finden? Ich muß stehn bleiben, wie -soll sie mich sehen? — Er wagte nicht, sich zum Hause -zurückzudrehn. Nun Geduld! mahnte er sich, Geduld! -Sie ist unterwegs, aber sie hat Zeit. Sie läßt sich Zeit, -Renate läßt sich Zeit ... -</p> - -<p> -Da ihm wieder die Brust schwellen wollte von Ängsten -und Ungeduld, beschloß er, an andres zu denken, sich zu -sammeln, sich abzulenken, — aber mit was? Was galt -denn in dieser Stunde? — Bogners Bilder, ja, Bogner! -Bogner galt. ‚Nichts ist der Mensch, doch das Werk, -Götter vollbrachtens durch ihn.‘ Was für ein Spruch? -— Er irrte mit Augen am Himmelsbogen, irgend etwas -zu fassen. Da hing im Klaviersaal Bogners Bild ... -Judith hieß sie ... das war lange her ... Damals lernte -ich ihn kennen ... Georg dachte krampfhaft weiter. Welch -ein Leben! Damals zur Ruhe gekommen nach schweren -Stürmen. Nun wieder. Das letzte Mal? Damals schon -mir so groß, wie war er nun erst gewachsen, ausgebreitet, -beladen mit diesen heroischen Früchten! Heroische Früchte, -ja, heroische Früchte ... -</p> - -<p> -<a id="page-816" class="pagenum" title="816"></a> -Aber weiter, weiter! was jetzt? Etwas denken! Etwas -Wirkliches! Wirklichkeit ... Was ist wirklich? Wirklich -ist nicht, was geschieht, sondern — — was? was? — — -nicht, was geschieht, sondern — was der Geist aus dem -Geschehenden macht. Wie Bogners Bilder. — Er fügte -die Stücke des Satzes zusammen, — ja, sie paßten. -</p> - -<p> -Erzitterte vor Aufregung. Da! rauschten da Schritte? -Jetzt? Jetzt? -</p> - -<p> -Da regte sich in ihm das gewaltsam Hinabgedrückte, -Verbotne; aber er konnte ein wenig nachgeben und sich -fragen: Warum, ja warum nur erfuhr ich dies heut erst -von Magda? Warum diese Frist von neun Monaten? In -neun Monaten wächst ein Keim sich zum Kind aus, — -darum? — Ach nein, antwortete er sich selbst und lächelte -dabei: Hätte ich es schon damals erfahren, so hätte ich es -ja nicht überlebt. — — -</p> - -<p> -Ja, und nun — was nun? — Hier ging es nicht weiter, -und um ihn blieb alles still. -</p> - -<p> -Orpheus! dachte er gequält, Orpheus! Warum Orpheus? -Ach, sich nicht umzusehn, das war jetzt die Aufgabe! -Geduld! Oh nur Geduld! -</p> - -<p> -Nichts ... Stille ... -</p> - -<p> -In diesem Augenblick, wo er nahe daran war, alles -hinzuschütten und sich umzudrehn, fand er seine Augen -angezogen von etwas zu seinen Füßen. -</p> - -<p> -Dort war — seine Füße standen im Haidekraut — eine -kleine kahle Stelle darin, weißlich von Sand, rund, wie -eine Tonsur, nicht größer als ein Wagenrad. Mitten -darein hatte sich eine gelbe Sternblume gestellt, wie sie -sonst im Frühherbst in dieser Gegend zu erscheinen pflegten; -<a id="page-817" class="pagenum" title="817"></a> -eine sehr kleine Sonnenblume schien sie, nur statt mit -schwarzer mit gelber Mitte, ein vollkommenes Abbild der -Sonne; stand da, ein kleiner Irrtum der Natur, aber nun -entschlossen, ihn aufrechtzuerhalten. — Georg atmete auf -und lächelte. -</p> - -<p> -Überdem, da er fortfuhr, die kleine Freundin zu betrachten, -die sich da stillschweigend zu ihm gesellt hatte, -wurde alles um ihn fortgenommen, so daß er nur noch die -Blume sah. Dastehn sah er sie, auf ihrem dünnen, mattgrünen -Stengel; sah ihn, wie er in Abständen kleine -Zweige abteilte, die gefiedert waren; und sah oben auf -leiser Biegung des Stiels das kleine gelbe Antlitz sich wiegen, -in der Dämmrung sternhell, in einer unschuldigen -und demütigen Haltung, — und Georg konnte im kleinen -Umkreis um sie her den feinen Odem ihres Wesens und -Daseins spüren, den sie ausatmete. -</p> - -<p> -Wie aber ward alles anders mit einem Mal? War es -keine Blume mehr? War es nur eine kleine grüne Seelengestalt, -die hier mit sich allein war in der Windstille? -Warum hier? Und sehr allein, da sie nirgend hingehn -konnte, zu keinem Wesen der Freundschaft, nachbarlos, -wie sie beschaffen war. Aber wieder, je länger er hinsah, -um so mehr ward sie Blume vor seinen Augen, und er -konnte wiederum Neues erkennen: daß sie von allen Seiten -gemacht war, ein lebendiges Wesen, das doch kein -Hinten hatte noch Vorn, sondern nach überallhin war wie -das Licht. -</p> - -<p> -Und wie er jetzt — erzitternd — sie erfüllt fand von -einem inneren Frohsein, so sanftgeneigt, so in sich -blickend; und daß sie ihm alles zeigte, was sie zu eigen -<a id="page-818" class="pagenum" title="818"></a> -hatte, ihr Nichtbemühn, ihre Unbedürftigkeit, ihr Wissen -um jedes, was not war, — da dachte er in einer rieselnden -Bestürztheit noch: Sie ist gekommen — und nicht -Renate — — -</p> - -<p> -Und kniete hin. Über die zarte Erscheinung geneigt, -zerschmolz ihm an Wesen und Dasein die letzte Schranke; -ging er, wie eine Flamme so leicht, ein in die letzte Stille -und war selber nur noch ein kleines Gewölk von Seele -vor dem kleinen Sonnenantlitz der Blüte. -</p> - -<p> -Georg legte das Gesicht in die Hände und weinte. -</p> - -<p> -Er erwachte, liegend am Boden, aus seinen Tränen, -gelöst, heilig froh und gestillt in allen Tiefen. -</p> - -<p> -Heilig, heilig, ihr Tränen! sang eine neue Stimme. -Die ihr euch im Kelch einer Pflanze gesammelt habt als -reinlicher Tau, ihr seid heilig. Heilig, du ewige Pflanze! -Unschuldige, aus dir leuchtete mir die letzte Unschuld der -Natur; meine eigene Unschuld leuchtete mir entgegen. -Ich habe gesündigt in meiner Verstricktheit, ich, der ich -Füße empfing, zu gehn, Hände, um zu fassen, und ein -Herz, um Gutes und Böses zu sinnen. Aber ich, der wie -du aus dem unergründlichen Schoße stieg, ich habe dennoch -teil an dir und an deiner Unschuldigkeit. Sieh, ich -halte dich in der Hand, o du magischer Schlüssel, und die -Riegel aller noch verschlossenen Erkenntnisse springen -freudig auf und lassen die gefangenen Genien heraus in -das nährende Licht. Vater, o Väterlichkeit! Oh sei mir -väterlich, Welt, und ich will dir dienen! -</p> - -<p> -An den Ostrand des Himmels schien dem Liegenden -sein Haupt, an den Westrand schienen ihm seine Füße zu -stoßen, — so lag er auf dem dunklen Rücken der Erde. -<a id="page-819" class="pagenum" title="819"></a> -Im Lüfteraum glitten Fanfaren. Aus Tiefen der See -brach ein ferner, dunkler Chorgesang auf: -</p> - -<div class="gesperrt"> - <div class="poem-container"> - <div class="poem"> - <div class="stanza"> - <p class="verse">Aufgenommen, eingekehrt,</p> - <p class="verse">Durchgeprüft und tief belehrt.</p> - <p class="verse">Sohn und Sünder, Knecht und Held,</p> - <p class="verse">Aufgenommen in die Welt.</p> - <p class="verse">Nun behoben ist der Fluch,</p> - <p class="verse">Kräftig zeigt sich jetzt der Spruch:</p> - </div> - <div class="stanza"> - <p class="verse2">In Nachtgewalten —</p> - <p class="verse2">In Taggewittern —</p> - <p class="verse2">Sich süß erhalten —</p> - <p class="verse2">Sich nicht verbittern!</p> - </div> - </div> - </div> -</div> - -<p> -Georg erhob sich. Es war nun fast dunkel geworden, -aber der westliche Himmel leuchtete noch mit ganzer Reinheit. -Als er sich umwandte, erschreckte ihn eine nahe, helle -Gestalt, die noch Licht seltsam abzugeben schien und ohne -Bewegung dort stand wie schon seit langem. Mit Überraschung -und linder Freude erkannte er Cornelia und rief -leise ihren Namen. Sie kam mit leicht rauschenden Schritten, -als ob sie über Wasser ginge, durch die Stille; er -konnte den besorgten Blick ihrer Augen erkennen und sagte, -ihre Hand ergreifend: -</p> - -<p> -„Du hast gewartet?“ — Sie nickte. -</p> - -<p> -„So will ich dir sagen, was mir widerfahren ist“, -sprach er sanft und geruhigte sein Wesen tiefer, seinen Arm -in den ihren schiebend, an ihrer Nähe und am Anschaun -des Himmels. -</p> - -<p> -„Einer wuchs auf, wie Alle, und fühlte sich richtig in -<a id="page-820" class="pagenum" title="820"></a> -seiner Welt. Einer erfuhr, daß er falsch war. Einer verzweifelte -an sich, wollte nicht zweifeln und tat alles verkehrt. -Einer erfuhr danach, daß er recht war. Da sah -er, daß tausend Falsches zusammen gemacht hatten ein -einziges Echtes. Ihm geschah wie Allen. Meinst du aber, -ich rede von Bogner?“ Georg lächelte. „Nein, ich rede -— wie Alle — von mir.“ -</p> - -<p> -Er schwieg. — Sich umsehend nun, gewahrte er, an -welch verlorener Stelle er hier in der Ebene stand, nicht -weiter erhöht, als um einen Überblick zu haben. Unsichtbar, -unhörbar im Nord lagerte die See; im Osten rauchte -die Nacht. — Er sah heimlich von der Seite Cornelias -Profil und erkannte mit Rührung in seiner zarten Linie -die Linie der Sternblume wieder; ja im Blick dieses dunklen -Auges den süßen Blick der Natur: nach überallhin -wie das Licht. — -</p> - -<p> -„Sieh,“ sagte sie, die Hand erhebend, „ein schöner -Stern!“ -</p> - -<p> -Er sah ihn, nicht hoch am Himmel im Nord, der noch -hell war dahinter. Sah dann einen zweiten, höher, entfernt -zur Rechten; und einen dritten, wieder tiefer, weit -rechts; alle Drei zusammen einsam, funkelnd im lichten -Blau. Ihm fiel etwas ein dabei, und er sagte, auf die -Sterne weisend: -</p> - -<p> -„Weißt du, woran die Drei dort mich erinnern? An -Bogner und Jason und Renate, wie sie vorhin zusammen -standen. Hast du’s gesehn?“ -</p> - -<p> -Sie nickte. Eine Weile noch blieben sie schweigsam stehn. -Dann, als Georg schon zum Gehen bereit war, hörte er -sie halblaut sagen: -</p> - -<p> -<a id="page-821" class="pagenum" title="821"></a> -„Ja — die Drei. — Und sieh, was ich eben dachte: -Bogners Kraft, und die Schönheit Renates, — und Jasons -Vernunft —, diese Drei sind ...“ -</p> - -<p> -„Sind?“ fragte Georg ruhig. -</p> - -<p> -Sie beschloß: -</p> - -<p class="center"> -<em>Unwandelbar.</em> -</p> - -<p class="end"> -Hier enden des letzten Buches neun Kapitel oder doppelt -so viele Stunden. -</p> - -<div class="chapter"> - -<h2 class="toc" id="chapter-0-4"> -<a id="page-823" class="pagenum" title="823"></a> -Inhalt -</h2> - -</div> - -<div class="table"> -<table class="toc" summary="TOC"> -<tbody> - <tr class="p"> - <td class="col1" colspan="2">Siebentes Buch</td> - </tr> - <tr class="c"> - <td class="col1" colspan="2">Erstes Kapitel</td> - </tr> - <tr> - <td class="col1">Firmament</td> - <td class="col_page"><a href="#page-7">7</a></td> - </tr> - <tr> - <td class="col1">Sternwarte</td> - <td class="col_page"><a href="#page-12">12</a></td> - </tr> - <tr> - <td class="col1">Traum</td> - <td class="col_page"><a href="#page-30">30</a></td> - </tr> - <tr class="c"> - <td class="col1" colspan="2">Zweites Kapitel</td> - </tr> - <tr> - <td class="col1">Frühstück</td> - <td class="col_page"><a href="#page-34">34</a></td> - </tr> - <tr> - <td class="col1">Verkleidung I</td> - <td class="col_page"><a href="#page-39">39</a></td> - </tr> - <tr> - <td class="col1">Verkleidung II</td> - <td class="col_page"><a href="#page-45">45</a></td> - </tr> - <tr> - <td class="col1">Fahrt</td> - <td class="col_page"><a href="#page-49">49</a></td> - </tr> - <tr> - <td class="col1">Mummenschanz</td> - <td class="col_page"><a href="#page-53">53</a></td> - </tr> - <tr> - <td class="col1">Ritt</td> - <td class="col_page"><a href="#page-58">58</a></td> - </tr> - <tr> - <td class="col1">Ausschau</td> - <td class="col_page"><a href="#page-65">65</a></td> - </tr> - <tr> - <td class="col1">Traumspiel</td> - <td class="col_page"><a href="#page-70">70</a></td> - </tr> - <tr class="c"> - <td class="col1" colspan="2">Drittes Kapitel</td> - </tr> - <tr> - <td class="col1">Theater</td> - <td class="col_page"><a href="#page-77">77</a></td> - </tr> - <tr> - <td class="col1">Zelt</td> - <td class="col_page"><a href="#page-85">85</a></td> - </tr> - <tr> - <td class="col1">Im Wagen</td> - <td class="col_page"><a href="#page-89">89</a></td> - </tr> - <tr> - <td class="col1">Festzug</td> - <td class="col_page"><a href="#page-95">95</a></td> - </tr> - <tr class="c"> - <td class="col1" colspan="2">Viertes Kapitel</td> - </tr> - <tr> - <td class="col1">Getümmel</td> - <td class="col_page"><a href="#page-109">109</a></td> - </tr> - <tr> - <td class="col1">Verspätung</td> - <td class="col_page"><a href="#page-117">117</a></td> - </tr> - <tr> - <td class="col1">Heimkehr</td> - <td class="col_page"><a href="#page-121">121</a></td> - </tr> - <tr class="c"> - <td class="col1" colspan="2">Fünftes Kapitel</td> - </tr> - <tr> - <td class="col1">Heimkehr (die andre)</td> - <td class="col_page"><a href="#page-128">128</a></td> - </tr> - <tr> - <td class="col1">Veranda</td> - <td class="col_page"><a href="#page-132">132</a></td> - </tr> - <tr class="c"> - <td class="col1" colspan="2">Sechstes Kapitel</td> - </tr> - <tr> - <td class="col1">Garten</td> - <td class="col_page"><a href="#page-142">142</a></td> - </tr> - <tr> - <td class="col1">Kapelle</td> - <td class="col_page"><a href="#page-154">154</a></td> - </tr> - <tr> - <td class="col1">Lindenallee</td> - <td class="col_page"><a href="#page-159">159</a></td> - </tr> - <tr class="c"> - <td class="col1" colspan="2"><a id="page-824" class="pagenum" title="824"></a>Siebentes Kapitel</td> - </tr> - <tr> - <td class="col1">Garten</td> - <td class="col_page"><a href="#page-171">171</a></td> - </tr> - <tr> - <td class="col1">Haus</td> - <td class="col_page"><a href="#page-180">180</a></td> - </tr> - <tr class="c"> - <td class="col1" colspan="2">Achtes Kapitel</td> - </tr> - <tr> - <td class="col1">Masken</td> - <td class="col_page"><a href="#page-192">192</a></td> - </tr> - <tr> - <td class="col1">Tempel</td> - <td class="col_page"><a href="#page-200">200</a></td> - </tr> - <tr class="c"> - <td class="col1" colspan="2">Neuntes Kapitel</td> - </tr> - <tr> - <td class="col1">Zimmer</td> - <td class="col_page"><a href="#page-208">208</a></td> - </tr> - <tr> - <td class="col1">Wehr</td> - <td class="col_page"><a href="#page-212">212</a></td> - </tr> - <tr> - <td class="col1">Treppenhaus</td> - <td class="col_page"><a href="#page-221">221</a></td> - </tr> - <tr> - <td class="col1">Hörsaal</td> - <td class="col_page"><a href="#page-224">224</a></td> - </tr> - <tr> - <td class="col1">Schlafzimmer</td> - <td class="col_page"><a href="#page-231">231</a></td> - </tr> - <tr> - <td class="col1">Schlafzimmer (das andre)</td> - <td class="col_page"><a href="#page-234">234</a></td> - </tr> - <tr> - <td class="col1">Sterne</td> - <td class="col_page"><a href="#page-242">242</a></td> - </tr> - <tr class="p"> - <td class="col1" colspan="2">Achtes Buch</td> - </tr> - <tr class="c"> - <td class="col1" colspan="2">Erstes Kapitel: <em>August</em></td> - </tr> - <tr> - <td class="col1">Renate an Magda</td> - <td class="col_page"><a href="#page-249">249</a></td> - </tr> - <tr> - <td class="col1">Renate an Magda</td> - <td class="col_page"><a href="#page-250">250</a></td> - </tr> - <tr> - <td class="col1">Aus Renates Gedächtnisbuch</td> - <td class="col_page"><a href="#page-252">252</a></td> - </tr> - <tr> - <td class="col1">Cornelia Ring an Renate</td> - <td class="col_page"><a href="#page-266">266</a></td> - </tr> - <tr> - <td class="col1">Renate an Cornelia Ring</td> - <td class="col_page"><a href="#page-267">267</a></td> - </tr> - <tr> - <td class="col1">Irene an Renate</td> - <td class="col_page"><a href="#page-268">268</a></td> - </tr> - <tr> - <td class="col1">Renate an Irene</td> - <td class="col_page"><a href="#page-271">271</a></td> - </tr> - <tr> - <td class="col1">Aus Renates Buch</td> - <td class="col_page"><a href="#page-273">273</a></td> - </tr> - <tr> - <td class="col1">Cornelia Ring an Renate</td> - <td class="col_page"><a href="#page-287">287</a></td> - </tr> - <tr class="c"> - <td class="col1" colspan="2">Zweites Kapitel: <em>September</em></td> - </tr> - <tr> - <td class="col1">Georg an seinen Vater</td> - <td class="col_page"><a href="#page-290">290</a></td> - </tr> - <tr> - <td class="col1">Magda an Dr. Birnbaum</td> - <td class="col_page"><a href="#page-319">319</a></td> - </tr> - <tr> - <td class="col1">Dr. Birnbaum an Magda</td> - <td class="col_page"><a href="#page-321">321</a></td> - </tr> - <tr> - <td class="col1">Renate an Dr. Birnbaum</td> - <td class="col_page"><a href="#page-324">324</a></td> - </tr> - <tr> - <td class="col1">Georg an Magda</td> - <td class="col_page"><a href="#page-325">325</a></td> - </tr> - <tr> - <td class="col1">Von Georgs Hand geschrieben</td> - <td class="col_page"><a href="#page-326">326</a></td> - </tr> - <tr class="c"> - <td class="col1" colspan="2"><a id="page-825" class="pagenum" title="825"></a>Drittes Kapitel: <em>Oktober</em></td> - </tr> - <tr> - <td class="col1">Insel</td> - <td class="col_page"><a href="#page-354">354</a></td> - </tr> - <tr> - <td class="col1">Aus den Papieren Georgs</td> - <td class="col_page"><a href="#page-364">364</a></td> - </tr> - <tr> - <td class="col1">Renate an Saint-Georges</td> - <td class="col_page"><a href="#page-371">371</a></td> - </tr> - <tr> - <td class="col1">Renate an Irene</td> - <td class="col_page"><a href="#page-376">376</a></td> - </tr> - <tr> - <td class="col1">Renate an Saint-Georges</td> - <td class="col_page"><a href="#page-377">377</a></td> - </tr> - <tr> - <td class="col1">Saint-Georges an Renate</td> - <td class="col_page"><a href="#page-381">381</a></td> - </tr> - <tr class="c"> - <td class="col1" colspan="2">Viertes Kapitel: <em>November</em></td> - </tr> - <tr> - <td class="col1">Cornelia Ring an Magda</td> - <td class="col_page"><a href="#page-383">383</a></td> - </tr> - <tr> - <td class="col1">Georg an Benno</td> - <td class="col_page"><a href="#page-386">386</a></td> - </tr> - <tr> - <td class="col1">Aus den Papieren Georgs</td> - <td class="col_page"><a href="#page-393">393</a></td> - </tr> - <tr class="c"> - <td class="col1" colspan="2">Fünftes Kapitel: <em>Dezember</em></td> - </tr> - <tr> - <td class="col1">Aus Georgs Papieren</td> - <td class="col_page"><a href="#page-420">420</a></td> - </tr> - <tr> - <td class="col1">Georg an Benno</td> - <td class="col_page"><a href="#page-438">438</a></td> - </tr> - <tr> - <td class="col1">Georg an Magda</td> - <td class="col_page"><a href="#page-451">451</a></td> - </tr> - <tr> - <td class="col1">Georg an Bogner</td> - <td class="col_page"><a href="#page-455">455</a></td> - </tr> - <tr class="c"> - <td class="col1" colspan="2">Sechstes Kapitel: <em>Januar</em></td> - </tr> - <tr> - <td class="col1">Cornelia an Georg</td> - <td class="col_page"><a href="#page-456">456</a></td> - </tr> - <tr> - <td class="col1">Georg an Magda</td> - <td class="col_page"><a href="#page-456">456</a></td> - </tr> - <tr> - <td class="col1">Georg an Benno</td> - <td class="col_page"><a href="#page-458">458</a></td> - </tr> - <tr> - <td class="col1">Hallig Hooge</td> - <td class="col_page"><a href="#page-462">462</a></td> - </tr> - <tr class="c"> - <td class="col1" colspan="2">Siebentes Kapitel: <em>Februar</em></td> - </tr> - <tr> - <td class="col1">Bogner an Georg</td> - <td class="col_page"><a href="#page-494">494</a></td> - </tr> - <tr> - <td class="col1">Magda an Georg</td> - <td class="col_page"><a href="#page-495">495</a></td> - </tr> - <tr> - <td class="col1">Georg an Magda</td> - <td class="col_page"><a href="#page-499">499</a></td> - </tr> - <tr class="c"> - <td class="col1" colspan="2">Achtes Kapitel: <em>März</em></td> - </tr> - <tr> - <td class="col1">Aus Renates Gedächtnisbuch</td> - <td class="col_page"><a href="#page-505">505</a></td> - </tr> - <tr> - <td class="col1">Georg an Magda</td> - <td class="col_page"><a href="#page-512">512</a></td> - </tr> - <tr> - <td class="col1">Aus den Papieren Georgs</td> - <td class="col_page"><a href="#page-517">517</a></td> - </tr> - <tr> - <td class="col1">Georg an Magda</td> - <td class="col_page"><a href="#page-528">528</a></td> - </tr> - <tr> - <td class="col1">Jason an Renate</td> - <td class="col_page"><a href="#page-532">532</a></td> - </tr> - <tr> - <td class="col1">Renate an Irene</td> - <td class="col_page"><a href="#page-536">536</a></td> - </tr> - <tr class="c"> - <td class="col1" colspan="2"><a id="page-826" class="pagenum" title="826"></a>Neuntes Kapitel: <em>April</em></td> - </tr> - <tr> - <td class="col1">Aus den Papieren Georgs</td> - <td class="col_page"><a href="#page-537">537</a></td> - </tr> - <tr> - <td class="col1">Magda an Georg</td> - <td class="col_page"><a href="#page-542">542</a></td> - </tr> - <tr> - <td class="col1">Aus Renates Buch</td> - <td class="col_page"><a href="#page-543">543</a></td> - </tr> - <tr> - <td class="col1">Georg an Magda</td> - <td class="col_page"><a href="#page-544">544</a></td> - </tr> - <tr> - <td class="col1">Aus Renates Buch</td> - <td class="col_page"><a href="#page-545">545</a></td> - </tr> - <tr class="p"> - <td class="col1" colspan="2">Neuntes Buch</td> - </tr> - <tr class="c"> - <td class="col1" colspan="2">Erstes Kapitel</td> - </tr> - <tr> - <td class="col1">Georg</td> - <td class="col_page"><a href="#page-559">559</a></td> - </tr> - <tr> - <td class="col1">Renate</td> - <td class="col_page"><a href="#page-575">575</a></td> - </tr> - <tr class="c"> - <td class="col1" colspan="2">Zweites Kapitel</td> - </tr> - <tr> - <td class="col1">Georg</td> - <td class="col_page"><a href="#page-594">594</a></td> - </tr> - <tr> - <td class="col1">Magda/Benno</td> - <td class="col_page"><a href="#page-596">596</a></td> - </tr> - <tr class="c"> - <td class="col1" colspan="2">Drittes Kapitel</td> - </tr> - <tr> - <td class="col1">Magda</td> - <td class="col_page"><a href="#page-607">607</a></td> - </tr> - <tr> - <td class="col1">Georg</td> - <td class="col_page"><a href="#page-614">614</a></td> - </tr> - <tr class="c"> - <td class="col1" colspan="2">Viertes Kapitel</td> - </tr> - <tr> - <td class="col1">Magda/Renate</td> - <td class="col_page"><a href="#page-634">634</a></td> - </tr> - <tr> - <td class="col1">Magda</td> - <td class="col_page"><a href="#page-637">637</a></td> - </tr> - <tr> - <td class="col1">Renate</td> - <td class="col_page"><a href="#page-639">639</a></td> - </tr> - <tr> - <td class="col1">Renate (Fortsetzung)</td> - <td class="col_page"><a href="#page-649">649</a></td> - </tr> - <tr class="c"> - <td class="col1" colspan="2">Fünftes Kapitel</td> - </tr> - <tr> - <td class="col1">Erasmus</td> - <td class="col_page"><a href="#page-666">666</a></td> - </tr> - <tr> - <td class="col1">Erasmus (Fortsetzung)</td> - <td class="col_page"><a href="#page-690">690</a></td> - </tr> - <tr class="c"> - <td class="col1" colspan="2">Sechstes Kapitel</td> - </tr> - <tr> - <td class="col1">Bogner/Klemens</td> - <td class="col_page"><a href="#page-714">714</a></td> - </tr> - <tr> - <td class="col1">Klemens</td> - <td class="col_page"><a href="#page-724">724</a></td> - </tr> - <tr> - <td class="col1">Birnbaum</td> - <td class="col_page"><a href="#page-729">729</a></td> - </tr> - <tr> - <td class="col1">Irene</td> - <td class="col_page"><a href="#page-739">739</a></td> - </tr> - <tr class="c"> - <td class="col1" colspan="2">Siebentes Kapitel</td> - </tr> - <tr> - <td class="col1">Benno</td> - <td class="col_page"><a href="#page-744">744</a></td> - </tr> - <tr> - <td class="col1">Georg</td> - <td class="col_page"><a href="#page-759">759</a></td> - </tr> - <tr> - <td class="col1">Bogner</td> - <td class="col_page"><a href="#page-763">763</a></td> - </tr> - <tr class="c"> - <td class="col1" colspan="2"><a id="page-827" class="pagenum" title="827"></a>Achtes Kapitel</td> - </tr> - <tr> - <td class="col1">Magda</td> - <td class="col_page"><a href="#page-771">771</a></td> - </tr> - <tr class="c"> - <td class="col1" colspan="2">Neuntes Kapitel</td> - </tr> - <tr> - <td class="col1">Georg</td> - <td class="col_page"><a href="#page-804">804</a></td> - </tr> - <tr> - <td class="col1">Cornelia</td> - <td class="col_page"><a href="#page-808">808</a></td> - </tr> - <tr> - <td class="col1">Die Blume</td> - <td class="col_page"><a href="#page-813">813</a></td> - </tr> -</tbody> -</table> -</div> - -<p class="printer"> -<a id="page-829" class="pagenum" title="829"></a> -Der „Helianth“ wurde geschrieben in -den Jahren 1912-20. — Der Druck erfolgte -in den Jahren 1917-20 in der -Spamerschen Buchdruckerei in Leipzig -</p> - -<div class="trnote chapter"> -<p class="transnote"> -Anmerkungen zur Transkription -</p> - -<p> -Offensichtliche Fehler wurden stillschweigend korrigiert. Weitere -Korrekturen (vorher/nachher): -</p> - - -<ul> - -<li> -... <span class="underline">steckend</span> bleibend. ...<br /> -... <a href="#corr-5"><span class="underline">stecken</span></a> bleibend. ...<br /> -</li> - -<li> -... Frühling liegt ihr Lächeln unter <span class="underline">den</span> ersten Krokus, den ...<br /> -... Frühling liegt ihr Lächeln unter <a href="#corr-9"><span class="underline">dem</span></a> ersten Krokus, den ...<br /> -</li> - -<li> -... des <span class="underline">Zähneputzen</span> und Waschens, die tiefe Lautlosigkeit, ...<br /> -... des <a href="#corr-14"><span class="underline">Zähneputzens</span></a> und Waschens, die tiefe Lautlosigkeit, ...<br /> -</li> - -<li> -... mit ihr berührte, das müßte von ihr <span class="underline">an zu fließen fangen</span>.“ ...<br /> -... mit ihr berührte, das müßte von ihr <a href="#corr-16"><span class="underline">zu fließen anfangen</span></a>.“ ...<br /> -</li> -</ul> -</div> - - - - - - - - - -<pre> - - - - - -End of the Project Gutenberg EBook of Helianth. Band 3, by Albrecht Schaeffer - -*** END OF THIS PROJECT GUTENBERG EBOOK HELIANTH, BAND 3 *** - -***** This file should be named 60845-h.htm or 60845-h.zip ***** -This and all associated files of various formats will be found in: - http://www.gutenberg.org/6/0/8/4/60845/ - -Produced by Jens Sadowski and the Online Distributed -Proofreading Team at http://www.pgdp.net. This book was -produced from images made available by the HathiTrust -Digital Library. - - -Updated editions will replace the previous one--the old editions will -be renamed. - -Creating the works from print editions not protected by U.S. copyright -law means that no one owns a United States copyright in these works, -so the Foundation (and you!) can copy and distribute it in the United -States without permission and without paying copyright -royalties. 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Redistribution is subject to the -trademark license, especially commercial redistribution. - -START: FULL LICENSE - -THE FULL PROJECT GUTENBERG LICENSE -PLEASE READ THIS BEFORE YOU DISTRIBUTE OR USE THIS WORK - -To protect the Project Gutenberg-tm mission of promoting the free -distribution of electronic works, by using or distributing this work -(or any other work associated in any way with the phrase "Project -Gutenberg"), you agree to comply with all the terms of the Full -Project Gutenberg-tm License available with this file or online at -www.gutenberg.org/license. - -Section 1. General Terms of Use and Redistributing Project -Gutenberg-tm electronic works - -1.A. By reading or using any part of this Project Gutenberg-tm -electronic work, you indicate that you have read, understand, agree to -and accept all the terms of this license and intellectual property -(trademark/copyright) agreement. 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It -exists because of the efforts of hundreds of volunteers and donations -from people in all walks of life. - -Volunteers and financial support to provide volunteers with the -assistance they need are critical to reaching Project Gutenberg-tm's -goals and ensuring that the Project Gutenberg-tm collection will -remain freely available for generations to come. In 2001, the Project -Gutenberg Literary Archive Foundation was created to provide a secure -and permanent future for Project Gutenberg-tm and future -generations. To learn more about the Project Gutenberg Literary -Archive Foundation and how your efforts and donations can help, see -Sections 3 and 4 and the Foundation information page at -www.gutenberg.org Section 3. Information about the Project Gutenberg -Literary Archive Foundation - -The Project Gutenberg Literary Archive Foundation is a non profit -501(c)(3) educational corporation organized under the laws of the -state of Mississippi and granted tax exempt status by the Internal -Revenue Service. The Foundation's EIN or federal tax identification -number is 64-6221541. Contributions to the Project Gutenberg Literary -Archive Foundation are tax deductible to the full extent permitted by -U.S. federal laws and your state's laws. - -The Foundation's principal office is in Fairbanks, Alaska, with the -mailing address: PO Box 750175, Fairbanks, AK 99775, but its -volunteers and employees are scattered throughout numerous -locations. Its business office is located at 809 North 1500 West, Salt -Lake City, UT 84116, (801) 596-1887. Email contact links and up to -date contact information can be found at the Foundation's web site and -official page at www.gutenberg.org/contact - -For additional contact information: - - Dr. Gregory B. Newby - Chief Executive and Director - gbnewby@pglaf.org - -Section 4. Information about Donations to the Project Gutenberg -Literary Archive Foundation - -Project Gutenberg-tm depends upon and cannot survive without wide -spread public support and donations to carry out its mission of -increasing the number of public domain and licensed works that can be -freely distributed in machine readable form accessible by the widest -array of equipment including outdated equipment. Many small donations -($1 to $5,000) are particularly important to maintaining tax exempt -status with the IRS. - -The Foundation is committed to complying with the laws regulating -charities and charitable donations in all 50 states of the United -States. Compliance requirements are not uniform and it takes a -considerable effort, much paperwork and many fees to meet and keep up -with these requirements. We do not solicit donations in locations -where we have not received written confirmation of compliance. To SEND -DONATIONS or determine the status of compliance for any particular -state visit www.gutenberg.org/donate - -While we cannot and do not solicit contributions from states where we -have not met the solicitation requirements, we know of no prohibition -against accepting unsolicited donations from donors in such states who -approach us with offers to donate. - -International donations are gratefully accepted, but we cannot make -any statements concerning tax treatment of donations received from -outside the United States. U.S. laws alone swamp our small staff. - -Please check the Project Gutenberg Web pages for current donation -methods and addresses. Donations are accepted in a number of other -ways including checks, online payments and credit card donations. To -donate, please visit: www.gutenberg.org/donate - -Section 5. General Information About Project Gutenberg-tm electronic works. - -Professor Michael S. Hart was the originator of the Project -Gutenberg-tm concept of a library of electronic works that could be -freely shared with anyone. For forty years, he produced and -distributed Project Gutenberg-tm eBooks with only a loose network of -volunteer support. - -Project Gutenberg-tm eBooks are often created from several printed -editions, all of which are confirmed as not protected by copyright in -the U.S. unless a copyright notice is included. Thus, we do not -necessarily keep eBooks in compliance with any particular paper -edition. - -Most people start at our Web site which has the main PG search -facility: www.gutenberg.org - -This Web site includes information about Project Gutenberg-tm, -including how to make donations to the Project Gutenberg Literary -Archive Foundation, how to help produce our new eBooks, and how to -subscribe to our email newsletter to hear about new eBooks. - - - -</pre> - -</body> -</html> diff --git a/old/60845-h/images/cover.jpg b/old/60845-h/images/cover.jpg Binary files differdeleted file mode 100644 index 4eb8707..0000000 --- a/old/60845-h/images/cover.jpg +++ /dev/null diff --git a/old/60845-h/images/logo.jpg b/old/60845-h/images/logo.jpg Binary files differdeleted file mode 100644 index d49cbcf..0000000 --- a/old/60845-h/images/logo.jpg +++ /dev/null |
