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-The Project Gutenberg EBook of Helianth. Band 3, by Albrecht Schaeffer
-
-This eBook is for the use of anyone anywhere in the United States and
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-whatsoever. You may copy it, give it away or re-use it under the terms
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-this ebook.
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-
-Title: Helianth. Band 3
- Bilder aus dem Leben zweier Menschen von heute und aus der
- norddeutschen Tiefebene
-
-Author: Albrecht Schaeffer
-
-Release Date: December 4, 2019 [EBook #60845]
-
-Language: German
-
-Character set encoding: ISO-8859-1
-
-*** START OF THIS PROJECT GUTENBERG EBOOK HELIANTH. BAND 3 ***
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-
-Produced by Jens Sadowski and the Online Distributed
-Proofreading Team at http://www.pgdp.net. This book was
-produced from images made available by the HathiTrust
-Digital Library.
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- HELIANTH
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- Bilder
- aus dem Leben
- zweier Menschen von heute
- und aus der norddeutschen Tiefebene
- in neun Büchern dargestellt
-
- von
- Albrecht Schaeffer
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-
- Der drei Bände dritter
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- Im Insel-Verlag zu Leipzig
- 1920
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- Siebentes Buch.
- Hochsommertag
- oder
- Der große Mummenschanz
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-
- Dann der traum höchster stolz steigt empor
- Er bezwingt kühn den gott der ihn kor
- Bis ein ruf weit hinab uns verstößt
- Uns so klein vor dem tod so entblößt.
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- Erstes Kapitel
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- Firmament
-
-Unablässig funkelten die Gestirne.
-
-Georg, auf dem Dache der Sternwarte, schräg auf der niedern, steinernen
-Brüstung sitzend, hatte die goldübersäte Wand des südöstlichen Himmels
-vor Augen; wieder und wieder jedoch zog das lebendige Gefunkel zur
-Rechten seinen Blick herum, und folgte er dorthin, so brach weiter
-rechts neue Funkelbewegung auf und zwang sein Auge weiter und abermal
-weiter und so fort, -- er mußte sich drehen, den rechten Arm hinter sich
-aufgestützt, so daß die rauhe Fläche von Stein in seinen Handballen
-brannte, und bis sein Nacken sich weigerte, weiter herumzugehen. Dann
-loderte über seinem Haupt andere Heerschar; ein geheimnisvoller Strom,
-weißlich und nebelnd, ergoß sich die Milchstraße vom Zenit bergunter,
-alle Ufer umblitzt und umglitzert vom Sterngetümmel in tausend Formen,
-in schweren Klumpen gleich Waben, gefüllt mit Nacht, in reichen Trauben
-und Gewinden, in seltsamen Kränzen und durchbrochenen Reigen, alle
-lebendig, beweglich von Licht, zitternd, strahlend, keiner dem andern
-gleich, winzige und einzelne gewaltige, nahe scheinende und unsäglich
-ferne, vergehende Lichter im Hauche der Finsternis. -- Aber da war der
-Schattenumriß des Schloßdaches hinter Georgs rechter Schulter in der
-Nacht, der Schatten des hangenden Fahnentuches in selten fallender
-Bewegung, eine bleiche Geste, welche die Sterne hin und wieder
-verdeckte, unkenntlich, doch schimmerte einmal -- wie ein Antlitz -- das
-bleiche Weiß ...
-
-Kein Laut war in der Nacht. Schweigsam im Nachtblau standen die
-abertausend stillen, in sich beweglichen Goldpunkte, die wachsamen
-Posten, durch alle Räume der Himmel hin verteilt auf den ewigen Bergen.
-Nun schienen es Gefäße, glasklare, voll von einer feurig leuchtenden
-Flüssigkeit, in der geheimnisvolles Dasein sich regte, Kristalle
-vielleicht, riesige, in denen gefangene Götter die Glieder bewegten,
-Göttinnen oder heilige Tiere, ruhend das Einhorn, still blickend der
-Widder, großhäuptig, wachsam schläfrig der Leu, scharfäugig der Greif.
-Schöne Kugeln waren auch da, gefüllt mit Lebensessenz, in der liebliche
-Kinderseelen atmeten mit ganzem Leib, -- denn immer atmete es dort oben
-und lächelte, immer ging eine Woge von Odem, eine stürmisch sanfte Welle
-von Lächeln über ganze Scharen der Goldenen hin, und sie flackerten
-wehend auf wie Felder von Fackeln.
-
-Daß auch nicht Einer dem Andern glich! So wie unten das menschliche
-Gewimmel erst gleichförmig erscheinen mag und doch zehntausendfach und
-mehr wandelbar und wechselvoll ist an Charakter und Art, an Seele und
-Leidenschaft, an Schicksal und allen Farben der Stunden und der Jahre,
-der Freude und des Schmerzes, so waren auch dort oben die Völker an
-Seele mannigfalt, Alle nur einander ähnlich durch Liebe, durch Ruhe,
-durch Glanz. Oh, und das waren keine kleineren und größeren Lampen,
-entzündet am harten Gewölbe, an dem sie hafteten! Sondern der Himmel war
-nachtblaue Tiefe, farblos fast, bräunliches Dunkel, ewig beschattete
-Weltenräume, in denen die Erden schwebten. Ach, wogten sie nicht nieder
-und auf in einem gewaltigen Takt? -- Nein, sie ruhten! Sie zogen wie
-lautlose Schwäne jeder seine Bahn, zeitlos, spurlos in der riesigen
-Flut, und sie lächelten im Entschwinden. Tauschten sie Fahrtzeichen und
-Wink im Vorübergleiten? -- Da schienen scharenweise die flammenden Feuer
-zu wanken und zu erlöschen, scharenweise aber loderten sie höher empor
--- Georgs Herz zog sich schaudernd zusammen --, das Firmament bewegte
-sich! Heere zogen klirrend auf über ungeheure Brücken, Heere schwärmten,
-Geschwader kamen triumphierend entgegen, sie teilten, sie schlossen sich
-wieder, sie wanderten im Takt, unerschöpflich überstiegen neue mit
-Bannern und Panzern den finstern Rand der Tiefe, ein lautlos
-unbeschreiblicher Jubel wogte mit ihnen herauf, -- wie Heere der Erde in
-Wolken des Staubes, in Wolken von Jubel wanderten diese, -- o es war
-Seligkeit in den Sternen, rieselnde, feurige, bebende Seligkeit des
-nächtlichen Daseins, Seligkeit im Übersteigen der Nachtgebirge,
-Seligkeit, zu strömen in goldener Woge, Millionen Tropfen zur Woge
-geschlossen, Seligkeit, einsam dahinzuziehen, Seligkeit, in luftigen
-Ketten zu hangen, in Kränzen sich zu wiegen, in Bildern sich zu ordnen,
-Seligkeit, sich anzutönen mit Licht, in Strahlen sich zu umfassen, in
-dunkler Kraft einander schwebend zu erhalten, Seligkeit, grenzenlose
-Seligkeit des unendlichen Nichtwissens von Anfang und Ende, und
-millionenstimmig brach aus goldenen Lippen der Schrei ihres leuchtenden
-Schweigens: Ewigkeit! Ewigkeit! Gott will es! Gott will es! -- --
-
-Namenlos geworden, der unten lauschte, beugte die betäubte Stirn,
-glühend und frierend voll Schauder. Verschleierte Augen schauten, kaum
-noch die Höhe der goldgestirnten Gebirge ertragend, wie der Himmel
-wankte, Massen von Sternen herunterstürzten; Goldrutsche, entfesselt,
-schlugen mit lautlosem Dröhnen gegen die Wandung seines Daseins und
-zerstäubten in Musik; es kreiste, in schmetternder Eile, sausend aus
-Unermeßlichkeit daher, in Unendlichkeit dahin, jagten Welten über Welten
-einander nach, tönend ohne Schwingen, klirrend von Licht, aufblitzend
-und erlöschend im Eise der Finsternis, Sturmatem schnob ihnen nach, die
-gewaltigen Tiere, auf riesigen Flößen aufrecht stehend, flogen durch die
-Nacht, aufrecht in den Zenit starrte des Einhorns goldene Stirnlanze,
-der Löwe hob die Pranke und brüllte goldenen Donner über die Eisfelder
-der Einsamkeit, riesig ausgebreiteter Schwingen schwebte der Greif,
-schlug die Fittiche knatternd und warf sich in schwingenden Bögen
-gewitternden Tiefen zu, und riesigen Wuchses, auf seinem Schilde
-stehend, den gewaltigen Bogen spannend, daß die bis zum Ohr gezogene
-Sehne klang, stürmte der titanische Orion aus der Nacht herauf, die
-Sehne klirrte, der Pfeil stürzte sich und fuhr unten in ein Herz,
-aufschreiend riß es die Augen auf und sah -- den stilleren Himmel, sah
-still stehn, zur großen Kuppel gewölbt, das ganze Firmament, leise
-flackernd in zehntausend Leuchten, ruhig blickend mit zehntausend Augen,
-eine zitternde Welle von Innigkeit überlief sie, -- sie schlossen sich
-lächelnd, sie öffneten sich wieder, und -- ach, nun, nun quoll wieder
-aus der Tiefe der Welt der ruhige Atemzug, der Hauch des Unsterblichen
-aus seiner dunklen Ferne, von dem alles lebte, was war. --
-
-Georg nahm das nasse Gesicht aus den Händen. Er glaubte, sie ganz
-eingetaucht zu haben in den Himmel, in die unsterbliche Flut, -- ja,
-entströmte ihnen nicht noch Duft, der letzte Hauch andern Lebens, wie
-Leben und Frische aus schlafenden Blumen bei Nacht? Unablässig aber
-funkelten die Gestirne, wogten, schwiegen. Sie schwiegen, doch kein
-Gedicht und keine Musik tönte so beredt wie die Sprache ihres Schweigens
-in das Herz, denn Wissen senkte sich von ihnen zur Unwissenheit
-unmittelbar, mit Glanz, mit Lächeln, mit Stille, mit blickender
-Gewißheit. Die Sterne wußten und schwiegen ihr Wissen in die Welt aus,
-die Sterne wußten und hielten nicht an sich mit Wissen, zeigten es
-unverhüllt in ihrer ruhigen Gestalt von oben, neigten sich sprachlos und
-teilnahmsvoll in der Höhe, und Zuversicht strömte aus ihnen, ein milder
-Regen in die keuchende, seufzende, ratlose, beklemmte Brust, -- da war
-sie schon aufgetan, sicherer, leichter, atmend und wunderbar beruhigt.
-Der Augenblick, wo unten das Auge und ein Auge dort oben sich begegnen
-im sprachlosen Austausch des Sinnens, der Augenblick ist ohne Zeit,
-nichts geschieht, nichts löst sich, bewegt sich und fällt, und nichts
-steht auf. -- Nein, Herz, sagte es leise in Georgs Tiefe, von deinem
-Schicksal wissen die dort oben nichts, was könnte es sie kümmern? Was
-geht es sie an, ob du das Auge hier aufschlägst zu einem Blick oder ein
-Andrer? Deine Handlungen und deine Träume, dein ganzer Wandel ficht sie
-nicht an, sie gehören sich selber an, sie wissen nur, sie wissen! Schau
-du in diesen Spiegel heut und nach einem Jahr, einmal und noch einmal
-zwischen Tod und Geburt; sehen wirst du nichts, doch zitterst du wohl,
-und das Schauen genügt.
-
-
- Sternwarte
-
-Georg, unfähig, den Anblick länger zu erdulden, senkte die Augen, wandte
-sich um und gewahrte auf dem Steintisch das matte Leuchten des goldenen
-Bechers und der Kanne. Gleich durstig, erhob er sich, trat hinzu, goß
-langsam den farblos klaren Wein, in dessen rinnender Falte es glitzerte,
-in den Becher und umfaßte ihn mit beiden Händen. O wie kühl, wie eisig
-kühl! -- Er setzte ihn an die Lippen. Seit anderthalb Jahren der erste
-Tropfen Wein, dachte er und trank langsam Schluck um Schluck das süße
-und herbe, kühle Getränk, in dem deutlich ein Hauch von Adel, ein Duft
-von Alter, von Würde, Fürstlichkeit und großer, männlicher Seele mit
-einströmte in sein Inneres. Den noch halbvollen Becher in der Hand, trat
-er an die Brüstung zurück und blickte unter dem Sternenhimmel hinweg wie
-unter einem fast zur Erde gesenkten Vorhang über das schlummernde
-Nachtland. In der Tiefe zu Füßen waren dunkel lebendig die Laubmassen
-der Wipfel, in denen es da und dort bleich erschimmerte; der
-Wassergraben blinkte verkleinert, dahinter standen finster die Schatten
-anderer Bäume, Geruch des Laubes und von Blumen stieg auf, ein Stück der
-Mauer glänzte kalkweiß, dahinter war undeutlich das flache Land, die
-Wiesen, ganz fern darüber ein, zwei rötliche Lichter. Die laue Nacht
-atmete kaum.
-
-Alsbald erhob sich das gedämpfte Getöse eines Orchesters in Georg. Ah,
-Bennos Sinfonie von der Ebene, am Abend gehört, klang wieder aus der
-Ferne, in die sie entströmt war. -- Ja, -- bei aller Weichheit seiner
-Musik, die im Schmelz größer war als in der Bändigung, im Sehnsüchtigen
-größer als in der Vollendung -- es war doch ein Gewebe von strahlender
-Großartigkeit geworden, in dem -- so fern jedes rationale Vortäuschen
-von Wirklichem blieb -- doch der Geist der Ebene so mächtig hauchte wie
-der Geist des Heros in der heroischen Sinfonie, wo dann auch der
-Gedanke: Ebene -- sie wohl sichtbar werden ließ, sie, breiten Abfluß des
-sinnenden Gebirgs, flutend von Handlung, glänzend in Strömen, duftend in
-Wäldern und Äckern, das Antlitz von Sternen behaucht, gebettet in den
-väterlichen Odem der See. Und war seine Kunst auch romantisch, von der
-sehnsuchterregenden Art, die eher bezwingen möchte und eindringen, als
-Maße aufrichten, die aus sich selber wirken, der deshalb das Süße lieber
-ist als die Feste, der Ansturm lieber als der Schritt, -- zu welch
-erstaunlicher Form war er selber gewachsen! Ungeschickt, hülflos, wie
-zwängte er sich noch als schutzloser Eindringling durch die Reihen
-seiner sicheren Mannschaft! Aber der Augenblick, wo er, die Hörerschaft
-im Rücken, das unmerklich klappende Zeichen gab, zauberte ihn um,
-unglaublich zu sehen! In seinem Profil wechselten Strenge und kindliche
-Weichheit, drohende Befeuerung und lächelnde Beruhigung in kaum
-erkennbaren Wellen, doch in deutlichen, in spielend gemeisterten
-Übergängen; sichtbar magisch geworden, seine Hände entströmten Zwang
-oder Verlockung, Ergreifen oder Verschenken, und seine lange, kaum sich
-regende schwarze Gestalt lebte allein im geschmeidigen Zucken der Arme,
-der gebieterisch gewordenen Hände, sich zusammen -- und alles an sich
-reißend nur an den gewitternden Stellen, -- solch ein Befehlshaber war
-aus dem Scheuesten aller Scheuen geworden, nun der eigene Geist ihn
-weit, wie ein Gestirnsnebel, tönend umwölkte. -- Ja, Benno, du hast das
-Ziel erreicht, dachte Georg glücklich und schwer, -- weißt du, ich
-könnte dich beneiden aus einem Grunde! Denn dir ist der Augenblick
-gegeben, der Glanz der Krise, der Blitz, der Zeit spaltet in Links und
-Rechts und das ewige Juwel zeigt im Schacht. Ich soll nun lenken in der
-breiten Zeit, im Unsichtbaren, im alltäglichen Tage, im ...
-
-Georg verlor die deutlichen Begriffe im Bangen vor leibhafter
-Vorstellung, lächelte noch einmal dem Freunde zu und wandte sich um.
-
-Im Osten war der Nachthimmel gerötet, unten glühend weißlich und rot
-über der Stadt. Die Schattenrisse der Türme von der Universität standen
-drüben; nahe dahinter eine bleiche goldige Kuppel; ziemlich vorn die
-weißrötlich wie ein Feuerloch glühende Tiefe war der Platz an den
-Kasernen, deren beleuchtete Fronten schimmerten, dunkel befenstert. --
-Stumm erstreckten sich die finstern Wipfeldämme der Lindenalleen; ganz
-vorn, im Dämmer des Sternlichts, ruhte das Rasenrund in den Wegen. Es
-rauschte auf, -- und jetzt, seltsam lieblich zu hören, scholl aus der
-Tiefe, aus dem Stall das Klirren einer Kette, ein stampfend aufgesetzter
-Huf und ganz leise das Husten eines Pferdes. Ach, da unten stand der
-gute alte Unkas in seiner warmen Stalldämmerung, das Haupt schlaftrunken
-gesenkt, nur atmend, blind, mit sich seelenallein, dürftig, ein
-gefangenes Tier, das nichts wußte, nie fragte, nichts wußte ... Georg,
-lächelnd erst, wurde ernst. Ein Tier, das fromm war, frommer vielleicht
-als er hier oben in der Freiheit, dieser Aufgerichtete, immer Denkende,
-Sehende, Sternumstellte, in Gottes Odem schweigend, viel wissend, alles
-nennend, immer irrend, immer nur für Augenblicke sich erhebend und schon
-wieder gesenkten Hauptes nichts haltend mit den Augen als das wechselnde
-Vorwärtskommen und Zurückschwinden der eigenen, wandernden Füße. Sondern
-dies Pferd war fromm in unerschütterlicher Folgsamkeit, fragte nicht,
-klagte nie, sprach nie sich aus, war immer zufrieden, nur laufen zu
-können, es kannte keinen eigenen Weg. Nicht einen einzigen Schritt hatte
-es allein gemacht, mit eignem Willen, -- Georg stockte und erinnerte
-sich dunkel: ja, auch damals, wann war es noch? In Helenenruh, ich stand
-im Hof, Unkas schritt zum Stall, blickte her, schien klug, schien zu
-verstehen, und tastend stieg er davon, -- ja, damals auch ging er
-blindlings dahin das kurze Stück von meinem haltenden, winkenden Auge
-zum Stall, angelockt und gelenkt vom duftenden Heu und dem eigenen Mist.
-Immer war er geführt wie ein Blinder, immer war ein Wille über ihm, und
-er folgte gern, -- er -- der nicht einmal ein Er war, nicht männlich,
-nichts Eigenes mehr, sondern ein menschliches Gemächt, ein Enterbter,
-ein verschnittener Wallach, ausgeschlossen aus dem feurigen Ring der
-Hengste und Stuten, gebrochen in der Jugend, in Zeugungslosigkeit
-gebannt, unfruchtbar wie ein Pfahl in der Schöpfung, -- o der war fromm
-... Ja, so Gott will, Unkas, sagte Georg sonderbar wehmütig, reite ich
-einmal auf dir in Elysium ein, dort, wo alle Trennungen sich ergänzen,
-wo alles heil wird, wo du auch nicht froh wärst ohne meine Nähe, -- dort
-wirst auch du dein Männliches wieder haben, ein stampfender Hengst,
-selig wiehernd und trabend über den saftigen Wiesen ...
-
-Georg sah wieder in das Land hinein, bewegte den Becher und leerte ihn
-langsam in die Tiefe aus; Blätter klatschten getroffen und rauschten
-leise, sonderbar war das Geräusch des Tröpfelns in der schweigsamen
-Tiefe. -- Mein Land, murmelte er, sich schämend, mein Land ... Weiterhin
-versagte sein Denken, und dies genügte ja wohl auch. Er stellte den
-Becher wieder auf den Tisch, rückte den Sessel der Weite des Himmels
-gegenüber und setzte sich. Ein wenig müde, vom Weinrausch umnebelt, sah
-er die Sterne sich zusammenziehn, sich dehnen, heller glitzern und
-schwanken. Er war glücklich. Morgen, dachte er, morgen ... und prallte
-von unvorstellbaren Bildern und am Wunsch, dieses Schönste und Farbigste
-seines Krönungstages sich nicht durch Vorahnung zu entstellen, ins
-Gestern zurück, glitt unmerklich in den fahnen- und blumengeschmückten
-Saal des Landtages, hörte die Eidesformel verlesen und sah den Vorbeizug
-der bärtigen Gesichter, selber feierlich und ergriffen die vielen,
-unterschiedlichen Drücke der glatten und rauhen, schlaffen und kräftigen
-Hände verspürend.
-
-Vor den halbgeschlossenen Lidern die Felder der Sterne, kam ihm jetzt
-die Frage, woran nur dies unablässige Auffunkeln, heller und schwächer
-Brennen, Wogen und Wanken und Zittern der unzählbaren Leuchten erinnre,
-und bald darauf senkte er sich in die Helenenruher Wiesen nieder. Wie
-dort das Gewoge der Halme --, nein, nicht das! Das Glitzern und Brennen
-der Sonnenstrahlen --, auch nicht! -- Ah, das Gezirp der Grillen war es,
-das wogte so lodernd auf, brodelte und senkte sich schwächer, entfernte
-sich und schwoll laut und nahe heran. Helenenruh, ja, Helenenruh, sang
-es beseligt in Georg, das war Vater und Mutter und Kindheit, das war ja
-wie Ewigkeit so lang! Immer Sommer und Sonne, immer Ferien und Faulheit,
-Reiten und Schwimmen, die blaue See und die Wiesen, die ewigen Wiesen.
-Er wünschte, mehr aus seinen jüngsten Jahren wiederzusehn, aber es war
-sonderbar, er gelangte nicht tiefer in die Zeit zurück als bis zu
-irgendeinem Tag vor ein paar Jahren, wo er schon erwachsen war. Ja, in
-dem Sommer nach dem Examen, da war es wohl am schönsten; niemals wieder
-waren die Tage so lang, jedoch -- das Ende war seltsam. -- Mit meinem
-Geburtstag muß es aufgehört haben, eigentlich wars ein langweiliger Tag,
-so viele Gäste, Fremde, nur Bogners Gesicht wohltätig dazwischen. Auf
-einmal sah er das Gesicht des Malers an einem Fenster, ein Gewitter war,
-ja, Artaxerxes ... er flog ja wohl plötzlich ... Und Magda, -- Georg
-seufzte, -- Anna nannte ich sie damals und liebte sie sehr ... Richtig,
-das war der sonderbare Tag vor meinem Geburtstag, mit Jason al Manach,
-und -- ja, da begann ja auch alles eigentlich! -- Das Gesicht seines
-Vaters erschien ihm dicht über dem seinen, wie eingebrannt in die Luft,
--- jede Falte, der Mund und die Augen vor allem. Georg konnte sich nicht
-auf ein einziges Wort mehr besinnen, das er gesagt hatte, nur daß sie
-alle wunderbar klangen, und sein Gesicht, dachte er, werde ich noch in
-meiner Todesstunde unverblichen und unverändert sehn, wie es damals war.
-Ja, damals muß er auch zuerst von dem Vertrag gesprochen haben ... Da
-erschien, blaß und verwischt wie ein halber Mond am Nachmittag, Sigunes
-Gesicht, ein Seufzer, der durch Georgs Brust hinzog und sie hob und
-verhauchte. O das arme, kranke Kind! Wärest du doch niemals geboren!
-Badenbach, dieser Jesuit! Aber, wie er dastand -- oder habe ich das nur
-geträumt? -- Georg besann sich, aber er schien ihn doch wirklich gesehn
-zu haben, als er kam, um Sigunes Hinscheiden zu melden, -- richtig, fiel
-es Georg ein, ich war ja krank, Virgo war dabei, nein, sie war schon
-fort, -- seltsam, Papa küßte sie auf die Stirn, und später sagte er, ob
-ich nicht auch gefunden habe, wie sie Mama ähnlich gesehen habe ... Ich
-konnte es eigentlich nicht finden, ihn täuschte wohl das
-kurzgeschnittene Haar, und Mamas Nase habe ich immer so viel hagrer
-gesehn, -- allerdings -- in ihrer Jugend ... aber auf der Miniatüre ist
-die Biegung unsichtbar ...
-
-Wie groß der Orion dort stand, ungeheuer deutlich und fast erschreckend
-menschlich, Füße, Schultern, Haupt, Gürtel und sogar das Schwert,
-inmitten des Schwarmes ungeordneter Sterne. Tiefer in das goldne Bildnis
-sich hineinschauend, ließ Georg die Lider sinken und fühlte sich empor
-und angesaugt von dem leuchtenden Riesen; schwebte er wirklich?
-Plötzlich stand er selber als Orion am Himmel, unter sich Nacht und
-Tiefe; eine fahle, zackig abgeteilte Mondscheibe, die dampfte, schwebte
-die Erde, ihn schwindelte, er stürzte, erschrak flackernd und fuhr mit
-einem Ruck in seinen Körper und den Sessel.
-
-Gottseidank lächelte er matt, es war wieder ein Traum! -- Wie still es
-doch ist! -- In diesem Augenblick aber rasselte es in der Luft, ein
-heller Schlag durchdröhnte das Schweigen, es rasselte, ein zweiter riß
-sich los, es rasselte wieder, ein dritter ... dann war Stille. Erst
-dreiviertel eins? dachte Georg verwundert, ich bin doch eine Ewigkeit
-hier oben! -- Aber das Zifferblatt seiner Uhr zeigte keine andre Stunde
-im Zwielicht der Sterne. Wie absonderlich das Uhrglas glänzte und die
-Zahlen so verändert in der Dämmerung! -- Und warum habe ich es denn
-nicht viertel und halb schlagen hören? Jetzt fängt der Wein an zu
-wirken, dachte er schläfrig, fühlte aber gleichzeitig ein leises
-Angstgefühl in sich aufsteigen oder heranschleichen. Wie still es nur
-ist! -- Und doch -- es ist ja, -- als wäre ich nicht mehr allein!
-Unsinn! -- Er setzte sich tiefer zurück, seine Gedanken lockten ihn
-spielend wieder ins Morgen hinüber, Renate erschien, -- wie würde sie
-nur aussehn in der mittelalterlichen Tracht? Er hatte sie ja Wochen
-nicht gesehn und empfand Sehnsucht. Ich habe doch immer nur sie geliebt,
-dachte er schwermütig, warum nur ließ ich mich so oft irren? Cora, --
-nun das kann freilich kaum gelten, aber Esther, -- ach Cordelia, du
-warst doch unsagbar lieblich und süß! -- Einmal dachte ich sogar, Virgo
-zu lieben, aber das war denn doch ein Irrtum, weil ich krank war und ich
-sie Esther ähnlich fand, aber -- ja, von Renate hielt sie mich doch ein
-Weilchen fern ...
-
-Mein Gott, es ist doch wer in der Nähe! dachte er plötzlich. Seine
-Kopfhaut krauste sich. Ja, was soll denn sein, dachte er ärgerlich, wenn
-was da ist, solls kommen! Aber sein Herz klopfte. Er streckte die Hand
-nach der Kanne aus, schenkte den Becher voll, setzte die Kanne hin und
-lauschte. Die Stille rieselte über ihn hinweg, es wurde kühler. Wieder
-zwang er seine Gedanken, aber sie gehorchten schlecht und nur
-begrifflich, so daß er dachte, er lebe und bewege sich eigentlich erst
-seit drei Jahren, seit er den Plan des Vertrages mit sich herumtrage. Da
-erinnerte er sich an Berlin und seines Sofas in der Kantstraße. Ja,
-dieses Sofa! Darauf verbrachte ich die halbe Zeit des Winters, o es war
-ja grauenhaft! Diese Nachmittage, wenn ich lag und lag und die weiße
-Lampe auf dem Schrank ansah, bis sie verschwamm und schließlich
-verschwand in der immer tieferen Dämmerung, auch die Tür und alles, und
-von draußen kam das Laternenlicht über den Hof herein und malte die
-Schatten der Gardinen und des Fensterkreuzes an die Decke und auf den
-Schrank, und ich konnte nicht aufstehn, ich konnte nicht, mein Kopf
-glühte, ich konnte kaum noch liegen. Dieser Winter war das Verruchteste
-in meinem Leben. Und der in München war nicht besser! Ach, und vor
-allem, all die Jahre lang dieser grauenhafte Druck, diese niemals
-weichende Angst, diese sinnlose, die eigentlich noch immer nicht
-gänzlich --, jedenfalls -- wäre nicht Vater ...
-
-Georg fuhr mit einem Ruck im Stuhl herum und sah mit flimmernden Augen
-im grauen Dämmerlicht der Sterne eine dunkle Gestalt hinter sich stehn,
-am Treppenschacht ... Er sprang heftig klopfenden Herzens auf; nun, es
-war ein richtiger Mensch, groß, dunkel gekleidet, und griff jetzt
-höflich nach dem Hut, nahm ihn ab und sagte:
-
-»Ich bitte tausendmal um Verzeihung, königliche Hoheit, wegen meines
-Eindringens, -- übrigens, erkennen Sie mich nicht?«
-
-Georg nahm sich zusammen, faßte mit Anstrengung das bleiche, sonderbar
-starre Gesicht ins Auge, dachte: Ja, das ist doch ... »Herr von
-Montfort?« sagte er zögernd; und mit deutlichem Erkennen hastig: »Aber
-natürlich, natürlich! seien Sie mir willkommen! Wo kommen Sie her?«
-
-Georg ging um den Tisch, nicht allzu leicht, er merkte den Wein, gab
-Montfort die Hand, der seltsam lächelte mit seiner einen Gesichtshälfte.
-
-»Ich klopfte unten,« sagte er mit Heiterkeit, »bekam keine Antwort und
-trat ein, denn ich hatte Ihren Schatten hier oben gesehn, und ich dachte
-es mir wunderbar, hier oben unter den Sternen zu sitzen und von
-erhabenen Dingen zu reden. Ja, -- ich kam so vorbei ... Die
-Heimgekehrten ergötzt es, wissen Sie, Stadt und Gegend zu durchwandeln
-und an den leisen Veränderungen den süßen Kitzel des Unwandelbaren der
-Heimat zu verspüren, und so geriet ich in diesen Park. Nun kommen Sie,
-wir wollen die Sterne betrachten!« Georg fühlte sich leicht am Arm
-ergriffen und folgte an die Brüstung.
-
-»Ach, da steht ja auch Wein!« bemerkte Josef, »oh, erlauben Sie mir
-einen kleinen Schluck?«
-
-Er trat an den Tisch. Georg murmelte etwas und benutzte die Gelegenheit,
-um sich völlig zu sammeln, beruhigte sein klopfendes Herz, die Hände auf
-die Brüstung stützend und in die Sterne blickend; der Himmel war ihm
-jetzt nur eine verschwommene, über und über glitzernde und funkelnde
-Wand von Gold, in der seltsam blaue, rote und grünlichweiße Lichter
-zuckten. Sich wendend, sah er Montfort mit dem Becher am Munde und
-streckte die Hand aus.
-
-»Geben Sie mir auch«, sagte er, sich räuspernd. Montfort gab ihm den
-Becher, er trank begierig, der Wein schien noch einmal so kühl und
-duftend. Er stellte den Becher hin und ließ sich, da Montfort auf der
-Brüstung Platz genommen hatte, in den Sessel fallen. Josef, mit einer
-umfassenden Geste des rechten Armes, sagte:
-
-»Der Mensch und die Sterne -- das heiße ich den Gipfelpunkt des
-Irdischen. Obendrein sind Sie seit gestern zur Hälfte Großherzog, -- ah,
-nicht wahr, Sie bejahen das Leben?« Er lachte leise.
-
-»Sie sagen das so sardonisch«, lächelte Georg.
-
-»Mich,« versetzte Josef, »mich lächert es immer, wenn ich so in den
-Zeitungen lese von großen Autoren als den Bejahern oder Verneinern des
-Lebens. Auf tief pessimistischer Basis, so las ich neulich von
-irgendwem, bejahte er dennoch das Leben. Hanswürste, die sie sind! Da
-sehe ich jemand vor vollbesetzter Tafel sitzen, hungrig wie ein Löwe,
-und essen, was sich essen läßt, aber -- er verneint das Essen, er
-schreit: Nein! nein! zwischen jedem Bissen und jedem Schluck. Begreifen
-Sie, Prinz? Ich kann das Leben verneinen durch Handlung, indem ich mich
-hinausbegebe, aus dem Leben oder zumindest aus der Gemeinschaft, also
-aus dem menschlichen Leben. Aber das Leben zu verneinen durch Meinung,
-zu leben unter Neinneingeschrei ... welch ein abscheulicher Unsinn! Und
-nun erst gar die Bejahung. Ich bin am Ertrinken und sage zu dem, der
-mich über Wasser hält, unablässig: Ja! ja! ja! du hältst mich über
-Wasser. Was soll das? Kann der bejahen oder verneinen, der gar nicht
-gefragt wurde? Aber natürlich: Charakter muß der Mensch haben, so
-heißts, und zudem eine deutlich erkennbare Weltanschauung. Ach, und über
-uns sind die Sterne! Wer darf noch an den Nachtraum -- die Stirne lehnen
-wie ans eigne Fenster? Kennen Sie diese Verse von Rilke?«
-
-Georg, tiefer in sich versinkend, hörte mit mächtiger Ergriffenheit über
-sich die kostbare, tönende Stimme in der Nachtluft:
-
-»Siehe, dies -- Bedürfte nicht und könnte, der Entfernung -- Fremd
-hingegeben, in dem Übermaß -- Von Fernen sich ergeben, fort von uns. --
-Und nun geruhts und reicht uns ans Gesicht -- Wie der Geliebten
-Aufblick, schlägt sich auf -- Uns gegenüber und zerstreut vielleicht --
-An uns sein Dasein, und wir sinds nicht wert.
-
-»Vielleicht entziehts den Engeln etwas Kraft, -- Daß nach uns her der
-Sternenhimmel nachgiebt -- Und uns hereinhängt ins getrübte Schicksal.
--- Umsonst. Denn wer gewahrts?
-
-»Und wo es einer -- Gewärtig wird: wer darf noch an den Nachtraum -- Die
-Stirne lehnen wie ans eigne Fenster? -- Wer hat dies nicht verleugnet?
-Wer hat nicht -- In dieses eingeborne Element -- Gefälschte, schlechte,
-nachgemachte Nächte -- Hereingeschleppt und sich daran begnügt?«
-
-Die letzten Worte mit Härte niederschmetternd, schwieg der dunkle
-Sprecher vor den Gestirnen, und Georg, hingerissen und bis zum Weinen
-erschüttert, stammelte: »Ja, ja, ja! so ist es, es ist wahr, oh, hören
-Sie nicht auf, sprechen Sie weiter, es muß weiter gehn!«
-
-Montfort schwieg, begann nach einem Schweigen, während Georg mit
-verschwimmenden Augen, vorgebeugt im Stuhl, zu ihm aufsah:
-
-»Wir lassen Götter stehn um gohren Abfall, -- Denn Götter locken nicht.
-Sie haben Dasein -- Und nichts als Dasein, Überfluß von Dasein, -- Doch
-nicht Geruch, nicht Wink. -- Nichts ist so stumm wie eines Gottes Mund.
--- Schön wie ein Schwan -- -- Auf seiner Ewigkeit grundloser Fläche --
-So zieht der Gott und taucht und schont sein Weiß ...«
-
-Georg fühlte Tränen über sein Gesicht laufen und wehrte ihnen nicht.
-Nie, dachte er, in keinem Traum erfuhr ich solche Wonne der Tränen.
-Siehe, da stand Montfort groß und schwarz vor den beweglichen,
-schlagenden, strömenden Sturzfalten von Nacht und Gold, und es war, als
-ob er sänge:
-
-»Nur der Gott! -- -- Wie eine Säule läßt der Gott vorbei, verteilend, --
-Hoch oben, wo er trägt, nach beiden Seiten -- -- Die leichte Wölbung
-seines Gleichmuts ...«
-
-Georg, von kalten und wilden Schaudern überronnen, schloß die Augen. Wie
-war es? wie hieß es nur? Auf seiner Ewigkeit grundloser Fläche, so zieht
-der Gott und taucht und schont sein Weiß ... Oh ... oh! schont sein
-Weiß! Es war kaum zu ertragen. An allen Gliedern gelöst, fühlte er sich
-in ein grundlos Weiches mit unsäglicher Wollust einsinken, hörte aber
-jetzt laut durch das Sausen und Singen in seinen Ohren drei starke
-Schläge gegen eine Tür. Wild zusammenfahrend, setzte er sich auf.
-Niemand war bei ihm.
-
-Was war das? Habe ich geträumt? -- Das Herz klopfte ihm dicht unterm
-Halse, er fühlte sich seltsam schlaff, elend und an alles ausgeliefert.
-Wüste Furcht krauste ihm die Haut des Rückens, des Kopfes und der Stirn.
-Er schüttelte sich und fühlte sich sehr müde im Körper; aber der Geist
-war frei. Er sah nach dem Orion, aber nachdem der einen Augenblick über
-ihm aufgeblitzt war, war er völlig verschwunden, die Nacht ganz leer an
-seiner Stelle.
-
-Georg fuhr sich mit der Hand über die Augen. Das ist ja unheimlich,
-murmelte er. Die Augen wieder öffnend, sah er zu seinem heftigen
-Entsetzen die Umrisse eines Riesen von flammend blauer Farbe am Himmel
-schweben; sie entfernten sich langsam, wurden kleiner und kleiner und
-verschwanden.
-
-Da! Wieder die drei starken Schläge an der Tür -- -- es mußte unten die
-Tür der Sternwarte sein. Georg stand wankend auf, packte mit letzter
-Kraft seine Furcht und stieß sie fort. Einen Augenblick stand er wütend,
-konnte nichts sehn, dann lief eine große, schneeweiße Kugel auf der
-Mauerbrüstung vor ihm bis zum Rand, schwebte dann und entfernte sich
-nach rechts. Da peitschte das Entsetzen auf ihn ein, er stürzte zum
-Treppenschacht, die eisernen Stufen dröhnten unter seinen Füßen, er
-stolperte, rutschte am Geländer hinab, gewahrte dann den Lichtschein in
-der getäfelten Halle. Kaum aber, daß er die sieben Flammen des
-Kronleuchters und die beleuchtete Tischplatte ins Auge gefaßt hatte,
-einen Pulsschlag lang beruhigt, waren sie verschwunden. Er warf den Kopf
-herum, sah die Tür, die zum Gang ins Schloß führte, wollte drauf zu,
-aber sie war nicht mehr da.
-
-Vor Angst kaum noch wissend, was er tat, ging Georg mit vorgestreckten
-Händen tastend auf die Pforte zu, erlangte einen Pfosten, ertastete die
-Klinke, riß auf und taumelte zurück vor einer finster schwarzen Gestalt,
-die darin stand, augenlos, eine spitze Gugelkappe anstatt des Kopfes auf
-den Schultern. Georgs Schrei vergurgelte, da die Gestalt im selben
-Augenblick spurlos verschwunden war. Statt ihrer sah er jetzt seinen
-eignen Schatten riesenhaft über die wieder sichtbare Tür ins Getäfel
-heraufsteigen, ein furchtbar beängstigender Anblick, so daß er beide
-Fäuste in die Augen stieß. So, einen Augenblick in sich selbst
-zurückgepreßt, gelang es ihm, sich zuzustammeln: du fürchtest dich
-nicht, nein, das ist seine Furcht, das ist -- er fand nicht, was es war,
-fühlte sich wehrlos, ergrimmte, würgte sich minutenlang herum mit der
-Furcht, riß die Augen auf und sah zu seinem unermeßlichen Staunen einen
-feurig roten Engel dicht vor sich stehn, leider ohne Haupt, die Fittiche
-weit entfaltet, doch schrumpfte er alsbald zusammen und schwand, während
-Georg, zerrissen von Wut und Entsetzen, mit geballten Fäusten auf ihn
-zutaumelte.
-
-Da stand er vor der Tür, die ins Freie führte und stieß sie auf. Gott im
-Himmel, es stand wieder der Schwarze darin, ohne Haupt und Augen, nur
-die Gugelkappe zwischen den Schultern.
-
-Nein, was denn, was denn? Nichts war da, sondern ein wunderbarer Gang
-von milchfarbenen Säulen, die von innen bläulich erleuchtet waren,
-hunderte in einer Reihe, die ins Endlose führte. Georg starrte so lange
-hin, bis sie in sich zerflossen. Da war die Nacht draußen, am Pfosten,
-zur Seite getreten, stand der Schwarze, und dort, mitten auf dem weißen
-Wege, in der Dämmrung, ein zweiter, still, ohne Bewegung. Georg warf
-sich herum ... Es waren drei! Der dritte stand -- es war der erste -- in
-der andern Tür, und Georg wich, gefühllos geworden, rückwärts bis zur
-Wand, fühlte sie mit den Händen hinter sich und lehnte sich daran. Der
-Schwarze in der Gangtür war schon wieder fort, aber der andre war ins
-Zimmer gekommen, wo er sofort verschwand, jedoch in die Tür trat der
-dritte und verschwand, aber nun war der erste wieder sichtbar, war näher
-gekommen und stand dicht neben dem siebenarmigen Leuchter, der im selben
-Augenblick ausgelöscht und nicht mehr da war.
-
-Georg schloß die Augen, versuchte zu lauschen, hörte aber keinen Laut.
-
-Als er die Augen zu öffnen versuchte, standen da drei Schwarze mit
-Gugelkappen in einer Reihe, einen Augenblick, dann waren sie fort.
-Alsbald jedoch erschien der linksstehende wieder, der in der Mitte
-alsdann, zuletzt der rechte. Kalte Tropfen liefen über Georgs Stirn,
-sein Haar knisterte, er krallte die Finger hinter sich in die Wand und
-hörte jetzt eine sanfte und schöne Stimme sagen:
-
-»Nicht fürchten ...«
-
-Er richtete sich schlotternd auf. »Ich fürchte mich nicht,« stammelte
-er, »was willst du?«
-
-Da standen die drei Schwarzen wieder, in Abständen voneinander, es war
-aber schon tröstlich genug, daß sie nicht entschwanden, sondern blieben.
-Lange Zeit war kein Laut zu hören. Endlich machte die tiefe und ruhige
-Stimme sich wieder auf:
-
-»Wir sind gekommen, aber wir kommen nicht aus der Zeit. Aus Zeit ist
-unser Kleid, das schwarze, fremde. In Zeiten wüst und abenteuerlich,
-ging auch das Rechte und das Wahre, das im Licht verstummte, in Nacht
-gekleidet und vermummte sich in schwarzes Kappenzeug und schwarzes
-Hemde; zu richten über Ritterhelm und Diademe, Wirrnis zu schlichten,
-Böses zu vernichten, kam bei Nacht die Feme, Tore öffnend mit dem
-Zauberring, und nichts, das ihr entging.
-
-»Fürchte dich nicht! Sei wie die sieben Lichter in unsrer Nähe nicht
-voll Angst und Graun, obwohl zu schaun nicht unsre Angesichter und unsre
-Namen dir verborgen sind. Dein Herz, das von Entsetzen noch gerinnt,
-samml' es getrost, denn wir sind keine Schlimmen, sind Kläger nicht,
-noch Henker oder Richter, sind nur Stimmen, und was mit unsrer Zunge
-spricht, ist das Verborgene in deinem Herzen, sonst ists nichts.
-
-»Denn wir sind eingedenk des Lichts wie du; obwohl wir gleichen
-ausgelöschten Kerzen, leuchten wir dir zu, auf daß es helle wird in
-deinem Herzen.«
-
-Die Stimme schwieg. Georg, aus Schaudern in Schauder stürzend, fragte
-angstvoll, da das Schweigen dauerte:
-
-»Was wollt ihr?«
-
-Eine härtere, hellere Stimme, die von rechts zu kommen schien, sagte:
-
-»Prinz Georg Trassenberg.« Und nach einem Schweigen: »Vorgeblich.« Und
-nach aber einem Schweigen: »In Wahrheit Sohn der Kaja Moscherowska.«
-
-Georg fuhr mit dem Oberkörper nach vorn, öffnete den Mund, stammelte:
-»Ka--« Aber der Sprecher zur Rechten erhob die Hand und sagte:
-
-»Still! Wir klagen nicht an, wir urteilen nicht, wir richten nicht, wir
-nennen. Wir sind nur Stimme. Anklage, Urteil und Vollstreckung übt
-allein dein eigenes Herz.«
-
-Um Georg zuckte und schwirrte der Raum. Die Drei standen unbeweglich,
-hinter sich ihre die Wand emporsteigenden Schatten. Die sanfte, erste
-Stimme tat sich auf:
-
-»Das Kind Esther schläft an dem Grunde des Meeres. Ist in deinem Herzen
-nichts, das sich verflochten fühlte mit dem Untergang einer ratlosen
-Seele?«
-
-Georg zitterte heftig, senkte schwer die Stirn, bewegte die Lippen ohne
-Laut, zitterte nur. In weiter Ferne sagte jemand: »Sigune ...«
-
-Sie lebte ohne mich noch, bewegte es sich in Georg, sie lebte, sie lebte
-... Eine ungeheure Angst drang auf seine Seele ein, er fühlte seine
-Glieder an sich hängen wie erschlagen, totmatt, schwer wie gefüllt mit
-Steinen.
-
-»Wir reden nicht von Schuld und nicht von Sünden«, scholl es sanft und
-fast liebevoll nahebei. »Wir sind allein gekommen, zu verkünden, was in
-der Brust dir schlummert eingelullt. Bedenke: nichts auf Erden wird
-durch fremden Griff und äußres Handeln. Aus dir selber mußt du werden,
-kannst dich aus dir selbst nur wandeln! Aus der Ferne kann nichts an
-dich heran, nur du selbst allein kannst dich gefährden. Daß vom Dache
-fällt auf dich der Stein, lenkst du selbst in jene Straße ein. Niemand
-kannst auch du verletzen, aus ihm selber kommt ihm Pein, Lust erkaufst
-du nicht mit Schätzen, du bist selber Rausch und Wein. Niemand stürzt
-durch deine Hand, Schuld verstrickt sich nur mit Schulden, nie bedacht
-und nie erkannt, -- aber du mußt es erdulden. Hiermit schweige unser
-Chor. Nicht von außen, nein, von innen tönten wir zu deinen Sinnen,
-stiegen aus dir selbst hervor; wandeln wir auch jetzt von hinnen, keiner
-sich von uns verlor. Sieh uns schwinden ... tausendmal, über Bergen, im
-Tal, du hast keine Wahl, -- immer wirst du uns wieder finden.«
-
-
- Traum
-
--- -- -- -- -- -- -- -- -- -- Kaja! -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- --
-Hell sprang ein Klingen in Georgs Gehör auf, es summte lange nach, er
-merkte, daß er in allen Gliedern zusammengefahren war, glitt ganz
-langsam in alle Enden seines körperlichen Daseins zurück und fühlte, daß
-er aufrecht saß. Da brannten die Kerzen, nur noch Stümpfe, über und über
-tropfend von Wachs. Gott sei gelobt, dachte Georg schwach lächelnd, das
-war ja ein fürchterlicher Traum! Aber wie elend mir ist! Ich glaube, es
-geht auf Morgen. Ich möchte zu Bett, -- aber -- ich -- kann -- -- nicht
-...
-
-Ohne Bewegung hockte er im Sessel, sank endlich zusammen, legte das
-Haupt auf die Lehne und fühlte sich im selben Augenblick mit
-atemraubender Schnelligkeit fortgerissen, daß der Raum um ihn sauste und
-toste. Es war dämmrig umher, er flog, wie es schien, in großer Höhe, und
-alsbald erkannte er, ohne Schwindel und mit Entzücken, unter sich das
-Meer, schimmernd blau in gewaltiger Tiefe. Wogenzüge, gebogen und in
-Schlangenlinien, schoben sich schimmernd weiß in der metallenen Fläche
-hin und her, er flog, da stieg in der Ferne eine schneeweiße Klippe auf,
-er stürmte darauf zu, hoch über ihr, und allmählich wurde sie zu einer
-riesenhaften Säule, die wiederum sein Herz hüpfen ließ vor Wonne mit der
-Schönheit ihres schlanken Wuchses und der geschwungenen Räder ihres
-jonischen Kapitäls. Auf dessen Platte war eine farbige Bewegung,
-Gestalten in bunten Gewändern, und im Näherfliegen erkannte er, daß eine
-in der Mitte stand, die war glänzend golden, und rings im Kreise waren
-eine Menge, zehn -- oder zwölf? -- ja, zwölf aufgestellt. Deren jede
-hielt eine goldene Stange neben sich stehend, und oben daran, über den
-Häuptern der Gestalten -- ihre Gewänder leuchteten rot und gelb, violett
-und grün und weiß und in noch mehr Farben -- blitzten große goldene
-Ziffern, -- Georg erkannte und las eine Neun, Zehn und Zwölf, Sieben und
-Acht, und jetzt sah er auch die Gesichter, die ihm bekannt erschienen,
-ohne daß er Namen für sie finden konnte. Aber da bewegte sich etwas,
-nämlich ein uralter Mann, weißhäuptig mit langem weißem Bart, in einem
-schwarzen Talar. Dieser schritt gebückt und die Hände auf dem Rücken
-außen im Kreise um die Ziffernträger, und nun wußte Georg, daß es eine
-Sonnenuhr war und der Greis ihr Schatten. Die goldene Figur in der Mitte
-drehte sich mit den Schritten des Greises, und da jetzt eben ihr Gesicht
-aufleuchtend herumkam, so erkannte Georg deutlich Renate, erkannte ihren
-Seligkeitsmund, die blaue Farbe ihrer Augen, in denen das Meer
-aufgebrochen zu sein schien, und ihr bräunliches Haar. Erhob sie nicht
-die Hand, lächelte und winkte ihm zu? Ja, waren denn alle Ziffern schon
-da? Er suchte verkrampften Herzens im Kreis, auf einmal selber auf der
-marmorweißen Platte stehend, dicht neben einem der Zifferträger, dem er
-ins Antlitz sah, -- es war Bogner; sehr groß, fremd und verhärtet stand
-sein Antlitz in die Mitte des Kreises gerichtet, er zuckte nicht mit der
-Wimper, und Georg eilte angstvoll weiter, gewahrte fern drüben eine
-Stelle leer, ging hinter Josef Montfort herum, der ganz wie Bogner
-unbeweglich gradeaus sah, ebenso hinter Ulrika Tregiorni, hinter
-Saint-Georges, hinter Magda, da begegnete ihm der wandernde Greis, der
-alte Montfort wars, -- mein Gott, es wird gleich schlagen, dachte er in
-unsäglicher Furcht, wo war denn der leere Platz, sein Platz? Seine Füße
-wollten nicht mehr fort, er schleppte sie wie bleigefüllte Säcke, da war
-Erasmus Montfort, düster und schweigsam, Esther stand da, ihr Bruder,
-Irene war da, nun Klemens, -- Cordelia, ach hilf mir doch, liebe
-Cordelia, stöhnte Georg, aber ihr Gesicht war eine weiße, lächelnde
-Maske, seine Kniee versagten, er sah undeutlich Dora Vehm, auch Benno,
-ach Gott, ach Gott, da stand schon wieder der Maler ... Auf einmal
-rührte jemand seine Schulter an, er fuhr entsetzt herum, atmete aber
-beseligt auf, als er Jason al Manachs freundliches kleines Antlitz sah,
-ganz klein, ja, wie eine Hand, und die Hälfte davon war Stirn. »Ist denn
-für mich kein Platz, Jason?« stammelte er flehend. »Es muß jeden
-Augenblick zwölf schlagen, und dann ists ja aus.« Er riß sich wieder
-los, schleppte sich zu Esther hin und sagte mit unterdrückter Stimme:
-»Du bist ja tot, was willst du denn hier?« und versuchte, sie
-wegzudrängen. Da seufzte Esther, alle Gesichter im Kreis blickten
-vorwurfsvoll auf Georg, er raufte sich das Haar, keuchte, stammelte: Ja,
-ja, ja, ich bin der Mörder, ich bin der Mörder! -- Unter ihm glitzerte
-die blaue Meeresfläche, er stürzte kopfüber hinab, stürzte, stürzte, --
-schlug die Augen auf und lag still, nichts empfindend durch Minuten als
-das göttliche Gefühl der Rettung.
-
-Einige Zeit danach schien es ihm, als stünde er vor seinem Bett; danach
-kam es ihm vor, als läge er in Kissen, dann versank er in Müdigkeit.
-
-
- Zweites Kapitel
-
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- Frühstück
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-Renate, schon in ihrem lavendelblauen Festkleid, wollte sich eben vor
-ihren Frühstücksteller setzen, als ihr der Herzog gemeldet wurde. Leicht
-innerlich zuckend, fragte sie sich: Morgens um acht Uhr, was soll denn
-das bedeuten? -- Sie wußte, was das bedeutete, aber sie verschwieg es
-sich, ging in die Halle und sah ihn eben zur Tür hereinkommen, ein wenig
-ungeschickt, aber ganz leicht, den Stock kaum benützend, ein großes
-Bündel Lilien in der Hand. Sie lachte ihn an, er blieb stehn, lachte
-auch, und -- »Lieber Freund,« sagte sie, »das ist ja wundervoll, so früh
-am Morgen und auf so tapferen Füßen!«
-
-Nun ging sie zu ihm hin und gab ihm die Hand, zugleich die Lilien aus
-seiner Linken nehmend und an die Brust drückend. Sie neigte das Gesicht
-in die Kelche und hörte ihn sagen, während er ihre Hand festhielt:
-
-»Ja, Renate, das ist wahr, was Sie sagen: tapfere Füße, und es sind auch
--- besondre Füße, auf denen ich hereinkomme.«
-
-»Ja?« sagte sie zögernd. Er legte auch die andre Hand um die ihre, zog
-sie zur Brust empor, wollte lachen, atmete mit ganzer Brust auf und
-sagte ernsthaft: »Freiersfüße, Renate.«
-
-Hart stand ihr Herz auf und lief. Ich wußte es ja, sagte eine Stimme in
-ihr, wußte es längst, aber ich wollte es nicht wahrhaben. -- Es gelang
-ihr, ihn anzusehn, da mußte sie lächeln. Wie er keuchte! Sie drehte ihre
-Hand in den seinen hin und her, bis sie losgenestelt war, ging zum
-nächsten Fenster, legte die Lilien auf die Fensterbank und stützte das
-Kinn in die linke Hand, den Ellenbogen in die rechte setzend. Sie
-blickte auf, ließ die Hände fallen und wandte sich langsam zum Herzog
-herum. Der schloß eben die hängenden Hände und spreizte sie wieder. Sie
-sah ihn voll an, fühlte, wie sie errötete, und sagte leise: »Ja -- ich
-möchte -- -- ich möchte sehr gern -- --.«
-
-Hastig lief sie wieder auf ihn zu, legte die Hände auf seine Brust, sah,
-die Brauen ganz zusammenziehend, angstvoll in sein großes, starkes
-Gesicht und hörte ihn sagen:
-
-»Ich liebe Sie, Renate, das ist der ganze Grund, ich liebe Sie sehr. Ich
-bin fünfundzwanzig Jahre älter als Sie, aber ich -- ich gebe Ihnen mein
-Wort, daß ich in fünfundzwanzig Jahren noch so jung bin wie heut, wenn
-Sie ...«
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-Er verstummte und tastete nach ihren Händen. Sie merkte, daß er
-zitterte, und alle Macht strömte aus seinem Zittern frohlockend in sie
-zurück. Lange stand sie und sah nichts als seine fast schwarzen,
-flehenden, besorgten, zuckenden, befehlenden Augen. Langsam glitt sie
-mit den geschlossenen Händen an seinem Gesicht empor und deckte seine
-Augen zu, drückte sie dann gegen seine Lippen, seine Wangen, trat
-plötzlich zurück und sagte, aufhorchend bei dem tiefen Klang ihrer
-Stimme: »Nun Geduld! -- Geduld ...«
-
-»Geduld«, sagte er mit zuckenden Brauen, »ist das Schwerste auf der
-Welt.«
-
-Nun konnte sie strahlend lächeln und rief: »Das Schwerste von der Welt
-ist grade noch leicht genug für Renate Montfort!« Sie stampfte leicht
-mit dem Fuß auf: »Weißt du das nicht?«
-
-»Doch!« sagte er ehrlich. Alle weiteren Worte schnitt sie mit einer
-Handbewegung ab, ging zur Tür, drückte auf die Klingel und blieb dort
-wartend, die Hand am Klingelknopf, indem sie lächelnd auf den Herzog
-blickte, der sich umgewandt hatte. Als das Mädchen kam, bat sie um eine
-Vase für die Blumen und um noch ein Gedeck für den Herzog.
-
-»Ich habe Hunger,« sagte sie freundschaftlich, »wollen Sie mit mir
-frühstücken? Wir müssen uns beeilen, um neun Uhr kommt Georg und holt
-mich zum Festspiel.« Als sie an ihm vorübergehen wollte, merkte sie, daß
-er nach ihr greifen wollte, schlug geschwind einen Bogen, raffte ihr
-Kleid vorn mit beiden Händen und lief schwebenden Schrittes und vor sich
-hinlächelnd zur Tür des Frühstückszimmers; dort blieb sie stehn, ließ
-ihr Kleid fallen, lehnte sich mit dem Rücken gegen die Türfüllung, faßte
-den Rahmen mit den Händen und sah ihn so von dort aus an, lächelnden
-Mundes, mit weit offnen, liebevollen Augen. »Komm!« verlockte sie, kaum
-die Lippen bewegend, und dachte: Ich habe ja Künste in mir aufbewahrt,
--- oh, dann will ich sie brauchen! -- Damit ging sie leicht und die
-Stirn gesenkt wieder bis zu ihm und reichte ihm die Hand. Während er sie
-an die Lippen hob, neigte sie den Kopf tiefer und tiefer, unvermögend,
-einen Gedanken zu fassen.
-
-Renate kam erst eigentlich zu sich, als sie am Tische saß, dem Herzog
-gegenüber, Kaffee in seine Tasse füllend. Da merkte sie plötzlich, daß
-ihre Augen heiß und feucht wurden, sie setzte hastig die Kanne hin,
-schüttelte, den ängstlichen Ausdruck in seinen Zügen gewahrend, den
-Kopf, daß zwei Tränen abfielen, und sagte ernst: »Lieber, ich habe dies
-Haus hier zu hüten, was soll ich tun? Ich habe mir geschworen, nicht
-hinauszugehn, als bis alles wieder so ist, wie ich kam, -- ja, das tat
-ich nun,« sagte sie fest, »das müssen wir behalten. Du weißt ja alles
-vom Onkel, ich kann ihn nicht im Stich lassen. Was ich mir gedacht habe,
-kann ich dir auch nicht sagen, aber das ist auch gleich; du bist nun
-gekommen, und es muß wohl irgend etwas geschehn. Du mußt dich gedulden,
-bis ich das erledigt habe. Rede ich zuviel?« fragte sie wehmütig,
-lächelte ihn an und streckte ihre Hand über den Tisch nach ihm hin, zog
-sie aber schnell fort, als er danach faßte, ergriff ihre
-Weißbrotscheibe, zog den Honigtopf heran und begann zu essen.
-
-»Mein Sohn Georg«, hörte sie den Herzog sagen, »hatte einmal eine
-Redensart, die hieß: quid quod? auf deutsch: Was soll man dazu sagen?
-Also ich sage: quid quod? Nämlich,« fuhr er eiliger fort, während sie
-leise lachte, »ich wollte ja erst morgen kommen, wenn all das mit Georg
-erledigt sein würde, aber heut morgen hat es mich doch übermannt.«
-
-»Oh,« meinte Renate nachsichtig, »zu früh aufstehn kann man nie.«
-
-»Und den Tag über heut«, fuhr der Herzog fort, »habe ich keine Zeit; da
-mein Sohn Festspiele aufführt, muß ich die Gäste empfangen, und heut
-nachmittag sind ja die großen Vereidigungen.«
-
-Die großen Verneigungen ... klang es sonderbar in Renate, sie suchte,
-wann und wo sie das einmal gehört hatte, hörte zerstreut zu, was der
-Herzog sagte, ohne etwas zu verstehn, und wurde langsam mit Essen und
-Trinken fertig. Plötzlich übergoß es sie dann, da sie den Herzog groß
-dasitzen sah, mit durchdringenden Augen, während er sagte: »Sie sind ja
-so über alle Begriffe schön, daß -- -- daß --«
-
-Die drei großen Verneigungen, klang es wieder, die drei großen
-Verneigungen. Dann merkte sie, daß er Sie gesagt hatte, und gerührt von
-dieser Zartheit, erhob sie sich, ging um den Tisch zu ihm hin und legte
-einen Arm um seinen Nacken. Langsam hob er das Gesicht, sie beugte sich
-und küßte seine Stirn.
-
-»Genug für heut,« sagte sie mit plötzlicher Entschlossenheit, »und nun
-muß ich mir das Haar machen lassen, in einer Stunde kommt Georg.«
-
-»Georg,« sagte der Herzog aufstehend, »ja, ist er eigentlich blind?«
-
-Renate verstand nicht, obwohl sie gut verstand. »Leb wohl«, sagte sie
-und streckte die Hand aus.
-
-Wieder stand er vor ihr, sehr groß, fast überwältigend, und sie bebte
-leicht, bog sich zurück, ließ aus aller Glut, die sie in Schnelle zu
-sammeln vermochte, einen strahlenden Schein aus ihrem Antlitz über das
-seine gehn, verschattete sich wieder, neigte kurz das Haupt und ging,
-von ihrer Seide umrauscht, mit kleinen und festen Schritten hinaus.
-
-In ihrem Zimmer oben stand sie, an unfaßliche Vorstellungen verloren, so
-lange, bis die Zofe mahnte; die nächste halbe Stunde verging ihr
-gedankenlos unter dem mühseligen Aufbau ihres Haars und der Zieraten.
-
-
- Verkleidung I
-
-Georg erwachte, hob langsam die Lider und sah, daß es Morgen war.
-Ungeblendet sahen seine Augen ins Zimmer, -- ja, wie ist mir denn?
-dachte er, -- oh, mir ist wunderbar! -- Unvermutet mußte er die Arme mit
-geballten Fäusten von sich stoßen und aus dem Bett springen; im
-Aufsprung taumelte er, stolperte auf einen Stuhl zu und hielt sich
-daran, lachte und hielt erstaunt einen kostbaren Gegenstand in der Hand,
-eine seidene Strumpfhose, deren eines Bein weiß, das andre schilfgrün
-war. Das ist ja meine Hose, dachte Georg, ah, nun merke ich, daß der
-wunderbare Tag anfängt. Er bauschte in den Händen die weiche Seide
-zusammen und betrachtete entzückt die hineingestickten Wappen, Blumen
-und Ornamente von Silber auf beiden Beinen. Da hing auch der Rock überm
-Stuhl, gleichfalls zur Hälfte weiß, zur Hälfte grün, und am Bügel
-darüber der kurze Mantel, tiefblau, glänzend von Seide, mit Hermelin
-leicht verbrämt, und am Stuhl lehnte die Laute, still, umschlungen von
-weißen und schilfgrünen Bändern, -- alles genau so, wie er selber es am
-Abend zuvor aufgebaut hatte. Nun sprang er ans Fenster, riß den Vorhang
-auf und bemerkte enttäuscht, daß es grau draußen war; aber siehe, der
-Himmel blendete leicht, naß und schwer hingen die Büsche und die
-Hopfenranken jenseit des Weges, und schon glaubte er zu sehn, daß dieses
-Morgengrau mit goldenen Hefteln, zum Abstreifen lose, befestigt war. Die
-Sonne kommt, frohlockte er, Renate kommt, und nun bin ich Großherzog.
-Seine Brust dehnte sich schwer, er mußte einen Augenblick die Hände
-darauf drücken, er suchte die alte Angst im Herzen, aber nichts da,
-nichts gab es als eine seltsam üppige Kraft, ein stilles Feuer, von dem
-sein Innres glühte bei seltsam klarem Kopf. Nie war mir so wohl,
-flüsterte er sich zu, nie im Leben, ach das ist ja herrlich, ich möchte
--- was möchte ich nur? Einen Kiefernbaum ausreißen und den Staub von
-Renates Türe kehren, ja, das möchte ich! -- Aber erst will ich baden.
-
-Er streifte den Schlafanzug ab, ging nackt ins Badezimmer und stellte
-sich unter die kalte Brause. Da ward ihm so unbändig zumut, daß er
-glaubte, er sei berauscht. Ich habe doch Wein getrunken in der Nacht,
-aber eine solche Wirkung habe ich noch all mein Lebtage nicht bemerkt.
-Er trocknete sich flüchtig ab, trat dann mit einem plötzlichen Entschluß
-an das Fenster, und -- jetzt in einer süßen Beklommenheit zum Beten
-entschlossen -- öffnete er die Flügel. Er blieb so, die erhobenen Hände
-an den Fensterflügeln, sehr aufrecht; und nun, aus blinder Beschämung,
-alles vergessend, hineinwachsend, als ob er sauste, in eine Inbrunst
-ohnegleichen, in der er, wie in gewaltigen Schwingen stehend, zum
-sicheren Absturz in unendliche Tiefen bereit war, sammelte er die Worte
-der Andacht.
-
-»Licht, du selber verhülltes!« sagte er, »sieh mich nun! Verhüllt,
-siehst du mich doch. Sieh mich nackt, sieh mich auf meinem Gipfel! Groß
-ist der Tag, zu dem ich entschlossen bin. O Licht, du siehst, ich bin
-heiter, -- aber nicht würdelos, nein. Nein, sieh doch die letzte Stunde
-der Freiheit, gönne mir, noch einmal heiter zu sein, gönne mir noch
-einen Flug, noch diesen Trunk aus dem Leichten, diesen Kuß der schönen
-Vergänglichkeit! Dann will ich die Arme gern ausstrecken, die eisernen
-Handschellen darumlegen zu lassen, die ich mir selber geschmiedet habe.
-Verachte mich heute nicht, Licht, entzieh mir nicht deine ewige Gnade,
-erleuchte mich morgen und allezeit, laß mich, wie in diesem feurigen
-Augenblick, nur allezeit wahr sein, ganz sein, der ich bin, wahr, wahr,
-ein Gemächt des Schicksals, aber ein stolzes!«
-
-Er öffnete die schamvoll geschlossenen Augen, da ihn die Worte
-verließen, wandte sich und atmete, als wäre er in sich zurückgekehrt,
-tief auf, gleichsam beruhigt, sich so einfach zu finden. So einfach, ja,
-aber auch so hundertfältig wohl.
-
-Aus den Poren seiner Haut strömte nicht Wärme, sondern Kühle; von sich
-selber umfächelt trat er vor den Spiegel und war durchaus mit sich
-einverstanden, außer mit seinem Gesicht, das stark gemagert war, -- ja,
-das war gerechte Folge der Arbeitsmonate, -- und dafür hatte er seine
-Augen noch nie so groß und leuchtend gesehn; sie blitzten wie durch
-Glas, und die Pupillen schienen ihm vergrößert, als hätte ihm jemand
-Belladonna eingegeben. --
-
-Georg begann sich anzuziehn, die seidenen Hosen auf die nackte Haut,
-eine kühle Wonne, in die er sich kleidete. Dabei fiel ihm ein, daß er
-schwer und seltsam geträumt hatte bei Nacht. Er besann sich, auf dem
-Bettrand sitzend, die Hosen erst halb übergestreift, und für einen
-Augenblick wälzte sich schwer und wolkig ein Stück Nacht in sein Innres,
-gefüllt mit schaurigen Beängstigungen. Ich stürzte ja immer, erinnerte
-er sich, zuletzt von einer Klippe ins Meer, -- wie war es doch nur?
-Sonnenuhr ... aber die Ziffern waren Menschen, und ich -- ich konnte
-meinen Platz nicht finden. Nein, viel schlimmer waren ja diese
-Gugelmänner! Und wie sie fortwährend schwanden! Dann redeten sie
-kostbare Dinge, Verse glaub ich, die mich durchschauderten, aber das
-habe ich schon oft erlebt, daß mir im Traum etwas wunderbar erschien,
-was sich im Wachen als sinnlos und albern herausstellte. Als Esther noch
-lebte, träumte ich einmal eine ganze Novelle von ihr, noch im Wachen war
-ich entzückt davon, und dann zerstob es wie Nebel in sinnlose Stücke;
-daß eine Droschke darin vorkam, weiß ich noch. -- Sieh da -- habe ich
-nicht auch den Orion gesehn diese Nacht? Den Orion, den Winterstern! ist
-es zu sagen ...
-
-Kaja ...
-
-Plötzlich sanken ihm die Hände, er erschrak, aber -- was war denn zu
-erschrecken? Er suchte und fand nichts, als wieder dies Wort Kaja, und
-dann -- er lächelte -- ach, meine Mutter, sagten die Schwarzen, habe
-Kaja geheißen. Ich Kajus, nehme dich, Kaja, so hieß doch die alte
-römische Trauformel, und: Wo du bist, Kajus, da bin auch ich, Kaja. --
-Es ist aber doch eigentlich schauerlich mit dem Träumen, dachte er,
-aufstehend und den Hosenbund zusammenschnürend, sie machen, was sie nur
-wollen, mit uns, wir müssen lieben oder hassen, bekämpfen oder fürchten,
-ganz ohne unser Zutun, und was uns längst abgetan schien, das kommt
-wieder, immer wieder, auch die Toten ...
-
-Überdem war er wieder vor den Spiegel geraten und vergaß alles über dem
-unverhofften Glanz seiner Beine. Dann fuhr er in den Rock und hakte ihn
-zu, von der Achselhöhle zur Hüfte; er fiel über die halben Oberschenkel
-herab, in der Mitte leicht eingerafft; die Ärmel, der weiße und der
-grüne, umgekehrt wie die Farbteilung der Beine, lagen eng wie die Haut
-selber an, aus dem Halsausschnitt kräuselte sich der gewellte Ring des
-Hemdes am Halse empor. Während er das verwirrte Haar mit dem Kamm
-glättete, sah er im Spiegel, daß draußen das Grün schon leuchtete und
-sich vergoldete, und plötzlich glänzte es zu seinen Füßen, und ein
-breiter Streif Sonne stand, in Milliarden Stäubchen schimmernd, mitten
-im Zimmer. Ach, und kühl war es, kühl! Er griff nach dem kurzen Schwert,
-dessen Gürtel über der Stuhllehne hing, und der aus verhakten Quadraten
-von Silberfiligran und dunkelblauem Email bestand; die Klinge stak in
-schwarzlederner Scheide mit silberner Spitze. Er nahm den Gürtel
-auseinander und legte ihn um die Lenden, unterhalb des Leibgurtes, wo er
-an kleinen Haken festhing. Auf die Uhr blickend, fand er, daß es gleich
-dreiviertel Neun war, er eilte ins Eßzimmer und aß mit starkem Hunger
-Eier, Brot, kalten Braten und warmen Haferbrei mit Milch. Im Hause war
-es still, Egon mußte längst draußen sein, auch die Hausmeistersleute
-waren gewiß schon auf der Wandrung zu ihrem Tribünenplatz.
-
-Georg legte die Zigarette unangebrannt noch einmal fort, trat in die
-offne Gartentür, atmete tief und lang die Kühle des Morgens und begrüßte
-mit immer leichterem Herzen die hervorsegelnden Bläuen überm Nebelmeer
-der Lüfte. Sein Gesicht zuckte von innen heraus mit Lächeln und
-Freudigkeit, kein Gedanke tat sich hervor, er konnte nur atmen und sich
-wohlfühlen und dem Himmel danken, daß er Augen hatte zu schaun, Lungen
-zu atmen und eine brennende Seele, die alle Welt umher an sich zog wie
-Luft, um sie zu verzehren und höher davon zu leuchten. Alles funkelte
-ihn an, jede Farbe, das Grün, das lichte Gelb und Zinnober der
-Stockrosen; das Blau der Glockenblumen im Garten schien ihm noch einmal
-so tief, er begriff es nicht, er wollte es nicht begreifen. Keine Kontur
-war je so deutlich, kein Blatt ihm je so stark und lebendig gekrümmt,
-gezahnt und beschattet erschienen, ach, wie mußte erst blühen Renate! --
-und er kehrte um, lief zur Tür, besann sich auf seine Laute, suchte sie
-in allen Zimmern, dachte: sie wird brausen und klingen unter meinen
-Fingern, obwohl ich keinen Griff verstehe, fand sie endlich auf dem
-Bett, halb unter der Decke, sprang auf den Gang und zur Tür hinaus, wo
-bei Gott ein Automobil stand, als wäre es hergezaubert. Nach einem
-kleinen Versuch, mit dem Kopf voran durchs Fenster ins Innre zu
-springen, öffnete er ernsthaft den Schlag, schrie dem Kutscher zu:
-Güntherstraße fünf! warf sich in den Rücksitz und schloß die Augen.
-
-Wenn wir nur erst zu Pferd wären! wünschte er begierdevoll und öffnete
-die Augen wieder; sogleich wogten zu beiden Fenstern bunte Stürze von
-Stoffen, Fahnen, Blumen und Bewegung herein, er packte die Ringe der
-Vorhänge und zog sie straff herunter, er wollte nichts sehn, wollte die
-ganze Vollkommenheit des Schauspiels sich bewahren, drückte sich wieder
-in die Ecke, stöhnte vor unbezwinglicher Ungeduld und kniff die Augen
-zu. Alsbald brandete die Woge der Erregung wilder und kälter um sein
-Herz, so daß er sich leiblich umklatscht fühlte von einer großartigen
-Kühle, die ihn trug und aufrecht machte, ja, deutlich unterschied er im
-lauten Toben seines Blutes die geistige, fast eisige Stille seiner
-Kaltblütigkeit. Sein ganzer Leib dehnte sich in allen Fugen und Nähten
-vor fiebrischer Erwartung Renates, es knatterte in ihm, wie eine
-Stichflamme aufschießend mitunter, schien er sich als ein riesenhaft
-gebauchtes Segel, eine tönende Gefäßwand voll praller Windvölle über
-einem tosenden Geroll strömender Wasser zu stehn, zu prasseln, zu
-fliegen, unsagbar leicht und straff, strotzend von Kräften. Draußen
-unsichtbar, dumpf murmelnd und brausend, rollte das farbenreiche
-Getümmel der sich zur Freude sammelnden Mengen, und mit ihnen -- so war
-es! -- rollte aus allen Fesseln die Gewalt seines durchkühlten Bluts,
-schlug wogenhoch an Häuserfronten, spritzte klatschend zu Fenstern
-hinein, wirbelte um auf Plätzen und ergoß sich vollen, stürmischen
-Schwalles durch die Gassen, während er selber dasaß, wie ein Gott in
-sich zuhaus, in einer flammenden Wolke von Inbrunst, berauschten,
-tönenden Herzens, in den Ohren Musik und Gelächter, die Lippen
-überquellend von Jubel; und um so lautloser all dies in langen, lang
-schwankenden Minuten sich ergoß, um so magischer war es auch, -- wie
-Legende, so wars. Und schon hielt der Wagen an.
-
-
- Verkleidung II
-
-Und schon sprang Georg, federnd wie ein Ball, von sich selber um- und
-angeschillert mit seidener Buntheit, durch einen fremden, sonnigen
-Vorgarten, auf ein fremdartiges, grau und sonniges Haus zu, über Stufen
-hinweg durch ein gläsernes Tor, warf sich durch einen kühl dämmrigen
-Flur wohlbekannten Geruches, vorbei an wohlbekannten Bildern, Spiegeln,
-weißen Türen auf eine dämmerweiße Doppeltür zu, die von selber vor ihm
-sprang, und schon stand er vor dem Wunder.
-
-Lavendelblaues Wunder! Er stand nicht, er stürzte an den Boden, leicht,
-in sich gefaßt, geworfen und gehalten, auf das rechte, gebogne Knie, die
-Arme aufwerfend und breitend und senkend, die flachen Hände angeströmt
-von Lust und Glanz, das Haupt im Nacken, brausend unter allen Gliedern
-wie ein niederströmender Aar aus Lüften und Gewölk, und rief mit heller
-Stimme: »Herrlichkeit! Herrlichkeit über Herrlichkeit! ich bin da, ich
-bin gekommen!«
-
-Renate, unter sich Georgs lachendes, magres, knabenhaftes, leuchtendes
-Gesicht, bewegte sich nicht, da Magda hinter ihr den Schleier auf ihrem
-Kopf befestigte, sah steifen Gesichts, die Augen gesenkt, auf ihn
-nieder, faßte, um ihn zu begrüßen, in die Falten ihres Kleidrocks über
-dem Knie und hob ihn an, so daß der starre Saum von Silberbrokat an sein
-Gesicht rührte. Er faßte mit beiden Händen zu, Inbrünstigkeit spielend,
-so tief er sie empfand, und küßte sie lachenden Mundes. Dann bat er um
-Erlaubnis, aufstehn, und nachdem sie ihm gewährt worden, die
-Wundererscheinung betrachten zu dürfen. -- Renates Gelächter schwang
-über ihm wie eine Glocke, da sie erklärte, das Wunder sei erst halb,
-noch fehlten die Überärmel und der Mantel, ja, es sei alles schon
-verpackt, jedes zu seiner Zeit ... Georg stammelte, daß er dann nicht
-wüßte, wie er das Ganze ertragen solle, und fing an, um sie herumzugehn.
--- Ihr Haar sah er, das bräunliche; es schimmerte durch ein fabelhaftes
-Netz von großen Perlen, vorne aber fielen die Zöpfe, wie Taue so dick,
-Haarsträhnen, durchflochten mit Perlenschnüren und schilfgrünen Bändern,
-über die Brust bis zu den Knieen herab, und die Enden der Bänder bebten
-bei jeder Bewegung leise dicht über den Füßen in silbernen Schuhen. Die
-lavendelblaue Seide, grauschiefrig schillernd in der Nähe der Nähte,
-umschloß Brust, Leibesmitte und Hüften eng, ergoß sich dann in großem,
-starrem Faltenwurf; vom runden Ausschnitt des Halses senkte sich zwei
-Hände breit eine glitzernde Borte von Silberbrokat vorn herab bis zum
-Saum, der starr stand, drei Hände breit, silberner Brokat. Und in all
-dem Silbernen, dem lichten Blau, Perlweiß und lichtem Grün glühte das
-meilentiefe Blau ihrer Augen, hauchte die rosene Zartheit ihrer Wangen,
-glühte das Rot ihrer Lippen, der göttlich geschwungenen, alles in allem
-ein Pokal voll Unersättlichkeit, in den Georgs Herz hineinsprang mit
-einem Satz wie ein Panther. -- In der Nacht, wo ich dies umarme, dachte
-er, werde ich sterben und das ewige Leben davontragen wie eine Harfe,
-auf der ich -- ach, ich weiß es nicht, aber warum sage ich es ihr nicht?
-Ich werde es ihr sagen, doch nicht jetzt, am Mittag vielleicht, am
-Abend, ich will -- noch -- noch! -- kein Band und keine Fessel zu ihr
-hinüber als mein trunkenes Empfinden, und er sagte: »Jetzt wollen wir
-fahren. Aber Magda, -- was ist denn mit dir? kommst du nicht mit?«
-
-Sie schüttelte lächelnd den Kopf und sagte: erstens müßte sie das Haus
-hüten und den Onkel ...
-
-»Und zweitens?«
-
-Zweitens hätte sie kein Kleid. Er erinnere sich ja wohl noch, daß er
-selber das Gebot erlassen habe, daß niemand in andrer als in alter
-Tracht sich heut öffentlich zeigen dürfe ...
-
-Georg mußte es zugeben. Allein in plötzlicher Liebe zu ihrer dürftigen
-Gestalt, bestand er darauf, ihr am Abend das Feuerwerk und den Tanz in
-den Gärten zu zeigen. Ob sie nicht eines von Renates Trachtkleidern
-anziehen könne, -- und nun gab sie gerührt nach.
-
-Und schon saß Georg, nachdem Renate lächelnd zugegeben hatte, daß er die
-Vorhänge herunterzog, auf dem schmalen Rücksitz des Wagens ihr
-gegenüber, genau genommen, dachte er, in ihr, denn sie füllte den halben
-Wagen mit ihrem Kleid und den Luftraum ganz mit Duft und Blühen. Sie
-schauerte ihn an wie atlantischer Wind, er schloß die Augen und sah sie
-in brennenden Umrissen dasitzen, in ihrer sinnenden Haltung, die sie
-liebte, die er liebte, das Kinn in die rechte Hand gestützt, den
-Ellenbogen auf dem übergeschlagnen rechten Knie, in der Linken im Schoß
-den kostbaren Haufen ihrer Zopfenden und der Seidenbänder. Ihr
-leibliches Leben strahlte über und über aus ihr; in allen Falten
-raschelte, in allen Nähten lief, im äußersten Saume brannte und zitterte
-noch die Süßigkeit ihres rosigen Lebens. Georg sah und sah, -- sah alles
-Unsichtbare: unter dem lavendelblauen Kleidhimmel wie eine lockre Schar
-schneeweißer Fittiche das Gewoge ihrer Leibwäsche in weißer Dämmrung;
-darein stiegen von unten, aus Silberschuhn, die schlanken Schäfte ihrer
-Beine, glatt bespannt mit blauem Flor; da wölbten sich unbeschreiblich
-die Rundungen der Knie, blau bespannt bis zu einer Handbreit höher
-hinauf, wo es kaum sichtbar schimmerte -- nicht wie Marmor und nicht wie
-Rosen, wie Schnee nicht, noch Elfenbein, noch Mandelblüte, -- Magnolie
-vielleicht, -- nein, davon nichts, sondern lebendige Haut, unfaßliche
-Glätte, Süße, Hauch, Schimmer, Duft, Verwirrung aller Sinne unter dem
-weißen Spitzenschaum und -- Georg dehnte ein wenig die Brust, breitete
-die Arme zu beiden Seiten aus, sich anlehnend, und suchte umsonst zu
-begreifen, wie er so gelassen dasitzen konnte, die sanften Schwellungen
-ihrer Brust offnen Auges betrachtend, dazu die zarte Linie ihres
-Profils, der gebogenen Nase, lieblichste Wölbung der Oberlippe und
-flügelnde Entzückungen der tiefgezogenen Mundwinkel, von kaum
-sichtbarem, weißem Fruchtflaum umhaucht, -- anstatt in all dies
-hineinzuwühlen Haupt und Mund und erblindende Augen, an allen Sinnen
-gesträubt und betäubt, geglättet, unersättlich, rauchend und begraben im
-klirrenden Schutt seines Daseins.
-
-
- Fahrt
-
-Renate, still vor sich niederblickend, sehr glücklich, atmete tief und
-leicht, gewahrte von Georg gegenüber in der sonnigen Dämmrung des
-kleinen Raums den Schatten seines blassen Gesichts, dachte an seinen
-Vater, lächelte sanft auf, indem sie bemerkte, daß sie ja seine Mutter
-sein würde, blickte ihn voll an und fand ihn so hübsch, so liebenswert,
-so jung und schmal wie je; freilich nur ein schmaler Baum war er neben
-dem Turmbau seines Vaters.
-
-»Wie mager Sie geworden sind, Georg,« sagte sie leise bedauernd.
-
-Die letzten Wochen, erklärte Georg, seien schon schlimm gewesen, er habe
-sich hineingefressen in den ganzen Trassenberg und kaum Atem geschöpft.
-
-Sie fand ihn leidender aussehend, während er so sprach. »Und obendrein
-waren Sie krank«, sagte sie.
-
-»Ach,« äußerte er munter, »das war ganz schön, -- die paar Tage! -- und
-da ist mir auch alles eingefallen. Ja, was Sie heute sehn, und ich
-hoffe, einiges davon wird Sie erstaunen, das habe ich mir ausgedacht,
-als ich krank lag. Ja, geben Sie schön acht, damals lag ich wie ein
-brennender Saturnring um Ihre --«
-
-Sie hob warnend den Finger, lächelte und sagte: »Georg! Ich mag sehr
-gern, wenn man mir schöne Dinge sagt, aber man muß niemals übertreiben,
-dann verraucht die Wirkung spurlos.« Übertreiben? dachte Georg, ach, du
-lieber Herr Jesus! »Erzählen Sie mir, wer war Heliodora!« befahl sie.
-
-»Heliodora«, erklärte Georg, »war eigentlich Libussa. Kennen Sie
-Libussa?«
-
-Renate nickte und sagte, Libussa sei ihre Lieblingsgeschichte gewesen
-als Kind.
-
-»Meine auch«, log Georg und fuhr fort. »Ich wollte Libussas Geschichte
-aufführen lassen, Sie sollten Libussa sein, aber als ich mit Onkel Salm
-darüber sprach -- Papa hat ihn mir überlassen, er mußte alle meine Pläne
-ausführen -- sagte er, wieso ich nach Böhmen wolle -- er weiß ja alles
---«
-
-Wie Georges, dachte Renate gerührt; wie er sich freuen wird, der Gute,
-und sie unterbrach Georg mit der Frage, was Saint-Georges darstellen
-würde, aber er wußte es nicht. Ihr hatte er nichts verraten wollen.
-
-»Also, da sagte er,« fuhr Georg fort, »warum ich nach Böhmen wollte, da
-wir doch die Heliodora hätten. Aus dem Festspiel kennen Sie ja dieselbe,
-sie war, richtig wie im Festspiel, eine byzantinische Prinzessin,
-verstand allerdings leider nicht, ihre Legendenschönheit zu vererben, --
-oder -- was meinen Sie?«
-
-Renate meinte, er könne ganz zufrieden sein, aber woher denn die schiefe
-Nase seines Vaters komme.
-
-»Nicht von Heliodora freilich, sondern eben von dem Bauern, dem Gregor,
-oder Georg, den sie zum Mann nahm, -- es steht ja alles im Festspiel.
-Auch das weiße Pferd und der Tisch von Eisen ist Legende, nur waren es
-in der Überlieferung die Sachsen, nicht die Beuglenburger Markgrafen,
-mit denen Heliodoras erster Mann und sie selber kämpfte, und Trassenberg
-war damals natürlich noch nicht Herzogtum, wie im Festspiel, sondern
-Freigrafschaft. Heliodora,« sagte Georg langsam und leise, »Sonnegabe,
-ein schöner Name ...«
-
-Sonnegabe, wiederholte Renate, sich erinnernd, daß der Herzog seinen
-Antwortbrief auf den ihren, in dem sie ihre Mitwirkung im Festspiel
-erwähnte, mit diesem Wort begonnen hatte, -- und da, dachte sie,
-wußte ich schon alles, aber ich wollte es nicht wissen ...
-»Zwölfhundertsiebenunddreißig« hörte sie Georg murmeln, und der Wagen
-stand still. Georg öffnete den Schlag, sprang hinaus und reichte ihr die
-Hand hinein. So stieg sie gebückt vorsichtig ins Freie hinab. Da standen
-sie auf der Landstraße neben dem Reitweg und sahen sich um.
-
-Allein Georg, von plötzlichem Argwohn herumgeworfen, mußte vor Renate
-hintreten und fragen, indem er ihre Hände ergriff:
-
-»Renate! begreifen Sie es, oder nicht, daß ich mich hier unter Trachten
-und bei Festen herumtreiben kann und heute nachmittag die Verantwortung
-für ein ganzes Volk auf mich nehmen soll?« --
-
-Renate, sein blasses Gesicht mit angstvollen Augen dicht über dem ihren,
-sah ihn nur gut an und antwortete nach einer Weile, ihm zu helfen: »Ist
-es nicht auch Ihre letzte Freiheit, heut? Ich habe ja wohl manchmal
-gestaunt,« fuhr sie leise fort, »wenn ich im stillen bedachte --« sie
-lächelte, da seine Züge sich schon glätteten, »-- was Sie auf sich
-nahmen, aber -- nun, Sie haben das Herrschen wohl im Blut ...«
-
-Was hatte sie gesagt? -- Er zuckte zusammen. »Im Blut ...« wiederholte
-er tonlos, »nicht im Blut, Renate ...«
-
-Er senkte den Kopf, und sie sagte leise und begütigend über ihn: »Ich
-weiß ...«
-
-Gleich warf er den Kopf auf. »Sie wissen? Ach, dann ist es gut, dann ist
-es gut! Und Sie verstehn mich doch?« Sie nickte. »Papa hat es Ihnen
-verraten?« Sie nickte. »Aber ich habe gelogen vorhin,« murmelte er
-beschämt, »als ich von der Heliodora sprach. Ach, gute Renate,« fuhr er
-glühend und eifrig fort, »mir ist so unbeschreiblich heute ums Herz, so
-wild und zugleich sanft und kühl, kräftig und wunschlos und glücklich,
-nur eins fehlt, nur eins müßte man können!« Er hob die linke Hand und
-ballte sie: »Sein können, was man ist!« Er trat zurück, wies mit leicht
-gebreiteten Armen auf seine Tracht und sagte: »Wie locker und gewandelt
-fühle ich mich nicht schon durch diese Kleider, und doch -- von der
-göttlichen Laune, die mich erfüllt, kann ich nichts nach außen schlagen
-lassen, da ist alles beladen mit Ketten dieser hundert Hemmungen, ich
-kann mich nur fühlen, geben kann ich mich mit keinem Blick, keiner Geste
-und keinem Wort, wie ich bin; ich bin vielleicht nicht einmal geschickt
-genug dazu, aber selbst wenn ichs wäre, wäre immer mein Anzug von
-Neunzehnhundert um mich herum, Kragen und Manschetten, Weste und Stiefel
-und alle Allüren meiner großstädtischen Erziehung, die nur zum Verbergen
-da sind, nicht zum Ausdrücken, zum Zurückhalten, nicht zum Ausströmen.
-Anno zwölfhundertsiebenunddreißig wäre ich ein Schwärmer gewesen, ein
-Dichter, jedem ins Gesicht hinein und -- aber genug!« er brach ab.
-»Jetzt _will_ ich siebenhundert Jahre zurück, geben Sie acht, sehen Sie
-mich fest an, wo sind wir? Freigrafschaft Trassenberg, Heliodora,
-Sonnegabe, Zwölfhundertund --« »Siebenunddreißig,« ergänzte Renate
-lächelnd. »Nun wollen wir uns umsehn!«
-
-
- Mummenschanz
-
-Georg behielt freilich ihr sonneglänzendes Profil vor Augen, dahinter
-die Äcker, Roggenfelder, wogend in reifem Gelb, dahinter den grünen
-Traum der Hügel und ein Stück der dunstigen Stadt, Türme grau und
-Neubauten, flimmernd im Sonnenglast. Nach links gewandt sah er mit
-Freude die weiße Straße unter schwer tragenden Kuppeln der Fruchtbäume
-weithin betupft mit leuchtenden Farben; ein Zitronengelber wandelte ganz
-vorn heran, weiter hinten zog ein ganzer Haufen, aus dem zwei
-Zinnoberrote glühten, und er berührte Renates Arm, damit sie es auch
-sähe.
-
-Dann mußte er aufhorchen. War das wirklich oder nur in seinem Gehirn?
-Ein weiter Ring von sanft hallendem, ruhigem Glockengeläut schien ihm
-alle Fernen zu umschließen, -- darinnen war tiefe Sommerfülle, -- nein,
-es klang wohl doch nur in seinen Ohren, -- aber waren nicht alle Weiten
-erfüllt mit heiter schwirrender Musik? -- Ah, Mandolinen und Gitarren,
-sie kamen auf der Landstraße heran, leise rauschend im Takt. Wo nun die
-Pferde seien, hörte er Renate fragen, wandte sich und sah mit ihr zur
-Rechten hinauf; dort enteilte die Straße leer, von den Schatten der
-Obstbäume leicht gegittert, zur Ferne der Landschaft, und dort flackerte
-es bunt, rot und gelb. Nahebei drehte ein einzelner Geharnischter sein
-braunes Pferd um sich selbst und lenkte herbei, die lange Lanze im
-Bügelschuh, den Kopf im spitzgewölbten blanken Helmtopf, das Kinn vom
-stahlmaschigen Halskragen umschlossen, im grauen Kettenhemde mit
-anliegenden Ärmeln, die Beine in ebenso anschließenden, stahlmaschigen
-Strümpfen, -- die Vermummung eines Feldgendarmen, der für Ordnung zu
-sorgen hatte. Wieder nach links schauend, glaubte Georg in der Ferne,
-von der Stadt her, hinter den Zinnoberroten etwas schwarzrot Vermummtes
-mit einem braunen Pferdekopf zu sehn, daneben ein silbernes, dann auch
-einen Reiter in Weiß und Grün; das waren die Pferde. Er zeigte sie
-Renate.
-
-Indem war drüben auf dem Fußsteig unter den Bäumen der Wandrer im
-faltigen Zitronenhemd nahe gekommen, ein rüstiger Greis von fünfzig
-Jahren in schönen, grünen Strümpfen, am Wanderstabe, einen spitzen
-Strohhut auf dem Kopf, hager und braunbärtig. Jetzt blieb er stehn und
-starrte, Augen und Mund weit offen, auf Renate. Georg lachte.
-
-»Mit Permission,« sagte der Gelbe, »ob dies wohl die Heliodora ist?«
-
-Georg zog zwei arg verbogene Zigaretten aus dem Wams, schlenderte
-frohgelaunt zu dem Staunenden hinüber und reichte ihm eine, seine Frage
-bejahend und um Feuer bittend. Der Gelbe bedankte sich höflich, krempte
-sein Hemd auf, eine mächtige, manchesterne Hose kam zum Vorschein und
-aus ihrer Tasche alsbald eine alte Streichholzschachtel, die der Mann
-halb auseinanderzog, um Georg in der Höhlung das brennende Streichholz
-zu reichen. Georg bemerkte, als die Zigaretten beide qualmten, es sei
-ein schöner Tag.
-
-Jeder Tag, sagte der Gelbe, sonderbar im Stehn beständig die Füße
-wechselnd wie ein Tanzmeister, jeder Tag sei schön, an dem der
-Christenmensch sich nicht zu schinden brauche. Er blinkte Georg
-verschmitzt zu und sagte: »Heliodora, eiweih! die heilige Dora! ha, ha,
-ha, ha!« und wechselte die Füße, seinen Stock hinter sich aufstützend.
-
-»Frei Essen und Trinken obendrein«, bemerkte Georg leutselig, aber der
-Mann kratzte sich den Kopf unterm Hut, daß er ihm über das halbe Gesicht
-rutschte, nahm ihn ab, schwenkte ihn und meinte, was zum Teufel er
-morgen mit dem gelben Hemde machen solle.
-
-»Menschenskind,« rief Georg entrüstet, »müßt Ihr denn immer was zu
-sorgen haben?«
-
-Der Gelbe grinste. Indem war die schwirrende Saitenmusik nahe gekommen,
-Georg sah das bunte Menschenhäuflein, die Zinnoberroten voran,
-hermarschieren mit Mandolinen und Lauten im festen Takt eines muntern
-Marsches. Wandervögel, dachte er und hörte den Gelben sagen, er wäre
-Professor am Orientalischen Seminar, wozu er da ein gelbes Hemd
-brauchte? -- Georg fuhr lachend und erschreckt herum, aber der witzige
-Professor winkte großartig ab und wanderte fürbaß.
-
-Hinter den Jungens, die ihre Instrumente spielten -- sie waren ähnlich
-wie Georg gekleidet, einer in Schwarz und Gelb, einer in Grün, -- kamen
-die Mädchen, schön flatternd in Gewändern, Kränze im Haar, eine
-schieferblau, eine rostrot, eine grün und weiß gestreift, Arm in Arm
-kamen sie daher. Jetzt hoben die Jungens die Instrumente vor der Brust
-hoch, vollführten ein betäubendes Saitengerassel und fielen mit Klängen
-und Stimmen in das rasche Lied: Horch, was kommt von draußen 'rein? --
-Sie sangen aber, kräftig ausschreitend, die Augen stramm auf Renate
-geheftet:
-
- »Seht, was steht denn dort am Rain?
- Hollahe! hollaho!
- Das muß Heliodora sein!
- Hollahehaho!
-
-Hel--io--do--ra, lächle mal!« damit kamen sie taktfest vorüber. Georg
-wollte sich umdrehn, um Heliodora lächeln zu sehn, wäre aber ums Haar
-überritten worden, sprang zurück vor einem feueräugigen roten Roßkopf
-und sah darüber das volle, brennend braun und rote Gesicht eines
-Geharnischten, barhaupt, mit gestutztem Armeeschnurrbart und funkelnden
-schwarzen Augen, der lachend sein Streitroß zur Seite nahm, Georg im
-Bogen umtrabte und sich verneigte. Georg rief ihm nachblickend zu --
-erfreut vom Anblick den blauverstählten Panzerhemdes mit aufgesetzten
-Messingplatten an den Kniescheiben, Achseln und Ellbogengelenken --:
-»Wer sind Sie?«
-
-Mit schallender Stimme: »Rittmeister Freundlich, königliche Hoheit,
-vierte Eskadron Beuglenburgische Jäger zu Pferde!« rief der Trabende
-winkend zurück, und da schaukelte sein weiß und roter Knappe an Georg
-vorüber, Schild und Lanze seines Herrn in Händen, den Helm am Sattelbug,
-aber das rosige Gesicht war umflogen von langem, braunem Haar, eine Frau
-wars, und »Ich bin seine Frau!« rief sie strahlend, aber da war die
-Eskadron heran und polterte klirrend vorbei, rote schwitzende
-Bauerngesichter unter den Helmen, auf und nieder, auf und nieder im
-englischen Trabe, nickende Pferdehäupter, Mähnen, Hufschlag, wirbelnde
-schwarze Schweife, weißrote Dreieckfähnlein und wogendes Wippen in den
-fesselartigen Eisensätteln, Geklirr und Geklapper, zwei hüpfende Reihen
-dunkelgrauer Kettenhemden. Einer der Unteroffiziere oder Wachtmeister
-hob die Lanze aus dem Schuh, tippte mit der Spitze nach einem der offnen
-Mundes anstaunenden Mädchen, die bog Brust und Hals zurück und erwischte
-den Wimpel, hielt ihn schreiend fest und wollte nicht loslassen,
-scheltend wie ein Sperling und hinterdrein springend; die reitenden
-Kerle in Eisen lachten dröhnend, da wars vorüber, reitende Schatten
-verschwanden in weißem, wolkig steigendem Staub, und von den am
-Straßenrand aufgestellten Musikanten waren schwirrend und rauschend die
-heitern Takte des Radetzkymarsches zu hören. Sie fielen Georg ins
-rauschende Blut, oh er hätte tanzen mögen, und eins der Mädchen, das in
-Schieferblau mit violettrotem Rocke, sah aufs Haar wie jene
-Riemenschneidersche Madonna aus, Kranz im Gelock, Schultern und Brust
-glatt bedeckt vom Stoff, der über den Hüften locker auseinanderfiel auf
-den weitfaltigen Kleidrock, und wie entzückte sie Georg mit Erröten und
-Knicks und Lächeln, denn nun wußten sie ja Alle, wer er war.
-
-
- Ritt
-
-Da kamen die Pferde. Ja, da staunten sie. Die Wandervögel staunten,
-Georg staunte, Renate staunte höchlich. Unkas ging, bis zu den Hufen
-vermummt im steifen Umhang dunkelroter Decken mit schwarzen Wappen und
-Ornamenten, was aber neben ihm schwebte, das war die silberne
-Unwirklichkeit in Gestalt eines Pferdes: milchweißer Kopf und Nacken
-unter breitfallender, gewellter Mähne und starrer Deckenumhang von
-silbernem Brokat mit blauen Wappen und Arabesken; ein weißer Gießbach,
-ergoß sich der gewellte Schweif, und unter den handbreiten, blauen,
-silbergestickten Säumen hoben sich und traten die versilberten Hufe. Die
-großen, braunen Augen aber blickten aus vergilbten, faltigen Lidern
-fremd und fromm wie die eines Fabeltiers. -- Renate, ganz gerührt,
-bedankte sich feierlich bei Georg für diese schöne Erfindung, er aber
-lachte und sagte, dies wäre nun noch gar nichts, aber jetzt wüßte sie
-wohl, was ihrer noch wartete ... Ferdinands, des Reitknechts, blankes
-und schurkisches Gesicht -- wie das aller Reitknechte -- fuhr
-dazwischen, er schwang sich vom Pferde, weiß und grün halbiert wie
-Georg, doch nicht so schön, und auf der Brust das silberne Wappen in
-Metall. Er führte den Schimmel vor, aber nun stürzten sich sämtliche
-Wandervögel auf den Steigbügel, einer stand ab nach Kampf, nahte sich
-ritterlich Renate, verbeugte sich tief und bot ihr die Hand. Wie ein
-kostbares Gefäß aus Kristall wurde sie aufs Pferd gehoben, Georg fragte,
-ob sichs gut sitze, Renate fand, sie sitze weich wie in einem Heuberg,
-und Georg saß selber auf. Stracks fuhr sein ganzer, heftiger Geist
-dermaßen in Unkas, als sei Georgs Leib eine elektrisch geladene Zange;
-er brachte unleidliche Verwirrung in das alte, kalte Wallachenblut, es
-drängte ungestüm gegen die Schimmelstute, sie stob schnaufend auf und
-davon, Georg folgte, Unkas mit voller Armkraft in die Trense nehmend,
-aber das half alles nichts, er raste wie ein Untier davon, holte den
-locker laufenden Schimmel ein und bohrte, gegen ihn anstürmend, die
-linke Schulter gegen seine Hinterhand. Renate erschrak leicht und
-galoppierte weiter, aber Georg, Unkas zurückreißend, merkte, daß der die
-Trense aus dem Maul genommen hatte und damit herumfletschte; er stieg
-ab, schaffte unter milden Verwarnungen Ordnung, stieg wieder auf und
-folgte einem Hauch von Blau und Silber oben auf dem Hügelrücken, den die
-Landstraße überstieg.
-
-Oben winkte ihm herrliche Aussicht. Von rechts strömte eine breitere
-Chaussee heran, über und über bedeckt mit farbiger Bewegung, Kavalkaden
-von Edelleuten und Frauen, wandernden Mönchen in schwarzen und weißen
-Kutten, reisigen Pilgern aus dem Morgenland im Schatten ihrer
-breitkrempigen Muschelhüte. Leiterwagen rollten heran, geschmückt mit
-Kränzen, unter wallenden Bannern, gefüllt mit schmetternder Musik und
-Scharen buntfarbener Männer und Frauen in weiten Mänteln, die sich
-blähten; überall wandelten gelbe, weiße, grüne Hemden, grüne, weiße,
-rote Strümpfe, bekränzte Mädchen. Stimmen, Zurufe, Scheltworte und
-Gelächter schollen, der Himmel flammte mit goldenen, weißen und blauen
-Strahlen hinein, Wolken Staubes ballten sich so leicht wie himmlische
-dazwischen, ringsum schweiften die Ebenen, Felder in breiten gelben
-Wogen, Wiesen, kleine, dunkle Haine über Gehöften, -- eine Augenlust
-unbeschreiblich. Schon war Georg das silberne Pferd im Getümmel verloren
-gegangen, er ließ Unkas die Zügel und stob bergunter, vorbei am
-rollenden Strom der Wagen, Rosse und Wandrer, an Geharnischten zur
-Seite, die aufrecht Wache hielten; um ihn sauste die Kälte der
-durchschnittenen Luft, hinter ihm weg schnellte fortgerissen das
-schreiende Bunt gelber, violetter, schwarzblauer, brauner und
-birnengrüner Mäntel und Mantelfutter, ein Knabe vor ihm, dahinwandernd,
-schwenkte großartig von rechts nach links an kurzem Fahnenstiel ein
-ungeheures, blau-weiß-schräg kariertes Banner mit grüner Bewimpelung an
-der unteren Kante, -- dann war die Straße vor ihm leer und weiß, in der
-Ferne schimmerte das silberne Pferd und in dessen Nähe etwas Blutrotes,
-das Georg im Näherfliegen als zwei Beine in blutroten Strumpfhosen
-erkannte; auch die linke Schulter des Mannes war blutrot, und was so
-blendende Blitze von Silber schleuderte, das war -- es war ein riesiges
-Beil mit geschweiften Seiten und konkav gewölbter Schneide. Ein Henker.
--- Neben ihm trabte der Schimmel, da war Georg heran, der Mensch mit dem
-Beil auf rotem Mantel über der linken Achsel, im kurzen schwarzen
-Büffelwams drehte sich um und zeigte Bogners langes, graues Gesicht.
-»Halloh, Bogner!« rief Georg, »machen Sie den Henker?!«
-
-Der Maler nickte lachend, sprang aber im selben Augenblick mit hurtigem
-Satz seiner langen roten Beine neben Renate auf den Reitweg, und Georg
-verstand nicht, was er sagte, denn da kam unter prasselnden Becken und
-schallenden Posaunen vierspännig ein ganzer Leiterwagen voll Musikanten
-und schwerer Ratsherren, pelzverbrämt und mit blitzenden Amtsketten,
-vorbeigerollt, ein zweiter dahinter voll von lustigen Matronen, ein
-dritter gefüllt mit Töchtern und Schwiegersöhnen und Bräutigamen bis zum
-Rand; sie schwangen Keulen und ganze Leiber gebratener Hühner, Enten und
-Tauben, Becher und Gläser und sangen »Weg mit den Grillen und Sorgen!«
-daß es in Georgs Ohren brauste. Vor ihm saß Renate, weich wie auf einem
-Stuhl in einem Kahn; auf der silberweißen Kruppe ihres Pferdes saß
-Rücken an Rücken mit ihr ein kleiner, schmaler Windgott wie ein Faun,
-der hielt das Ende ihres durchsichtigen Kopfschleiers in braunen Fingern
-und blies mit vollen Backen hinein, daß der luftige Bogen hinter ihr
-stand.
-
-»Ist es schön, Renate, ist es schön?« schrie Georg überlaut.
-
-Renate, wohlig dahingleitend, die Finger der rechten Hand mit dem
-Trensenzügel im Nackenwirbelhaar des Pferdes, in der Linken im Schoß die
-Enden ihrer Zöpfe und der Bänder, drehte sich um, lächelte und nickte.
-Bogner getroffen zu haben, war schön, er erinnerte angenehm an den
-Herzog, er war trotz Beil und Blutfarben ein gewisser Halt in all dem
-Lärm und Getriebe, der bunten Lautheit, die sie nie gewohnt gewesen,
-zumal in den letzten, stillen Jahren.
-
-»Seht ihr die Burg?« schrie Georg. »Bogner hat sie ganz neu aus Pappe
-gemacht!«
-
-Renate sah zur Linken auf dem niedern Berge die längsterblickten
-klobigen grauen Rundtürme, drei, über deren Plattform, weit
-ausgebreitet, schwer Falten schlagend, die blauweißgrünen Banner
-standen; dazwischen graue Mauern mit mächtigen Streben und breiten
-Zinnen, fast so hoch wie die Türme selbst.
-
-Jetzt war eine blauweißgrüne Schranke neben der Landstraße, von zwei
-Geharnischten bewacht; dahinter führte ein Feldweg zur Burg, der im
-Bergwalde verschwand. Einer der Reiter erkannte Georg, stieg ab und
-öffnete die Schranke, sie ritten hindurch, auf schmalem Pfad zwischen
-dem hohen Roggen, Georg mußte zurückbleiben.
-
-»Sie sehen so schön aus, Maler,« sagte Renate leise, »es ist schade, daß
-Sie sich nicht immer so kleiden können. Haben Sie die Gesichter der
-Menschen gesehn, wieviel freier, leichter und schöner sie alle geworden
-sind durch die Tracht? Und wer ein Gesicht von Bedeutung mitgebracht
-hat, der sieht gleich wie ein König aus oder mindestens wie ein
-Minister.«
-
-Georg erinnerte sich des gelben Professors, des Rittmeisters Freundlich
-und gab Renate eifrig recht. -- Es ging bergan, die Sonne glühte schon,
-doch nahm jetzt der Wald sie in Kühle und grünes Dunkel seiner schönen
-Wölbungen auf; es roch strömend nach Buchenblättern, Brombeeren und den
-herben Farnen. Die Hufe der bergansteigenden Pferde rauschten im braunen
-Laub, Georg saß, träumerisch bewegt vom Schreiten des Pferdes, im
-Schweigen lauter tönenden Herzens, verklärt aufblickend in die laubigen
-Baldachine von durchbrochenem Grün und Himmelsblau, hörte im Traum einen
-schneeweißen Wasserfall rauschen und murmelte sich trunken zu, das sei
-der Schweif von Renates Stute. Ich träume wieder, dachte er, ich träume,
-wann werde ich wieder stürzen? Ich werde nicht stürzen, lächelte er, all
-dies geht vorüber, der Nachmittag naht Schritt vor Schritt mit dem
-Ernst, mit der Last, mit der Sorge, dann werde ich glücklich sein, all
-dies gesehn zu haben, und Renate -- Renate --, die Gedanken verließen
-ihn, er sah über sich im Wald den Fuß der grauen Mauern und ringsum die
-Räume des Waldes bevölkert mit Gestalten, Trupps lediger Pferde,
-langhalsig angelnd mit dem Maul nach Gras und Gestrüpp, farbige Menschen
-wandelten umher, lagerten in Gruppen beim Frühstück und waren allesamt
-unsterblich guter Dinge.
-
-Da ritten sie in den Burghof ein, Renate glitt vom Pferde, sie konnten
-keinen Schritt weiter, denn der Hof war vollgepfropft mit essenden
-Menschen. Georg sprang ab und versuchte, sich zur Schenke
-durchzudrängen, wurde alsbald erkannt, und schon bestürmte ihn vorn und
-hinten ein Getümmel der reizendsten Frauen und Mädchen, die ihm
-Schinkenbrote, Gläser voll Wein und Backwerk hinhielten und bettelten:
-»Von mir, königliche Hoheit, bitte von mir!« oh es war herrlich! So viel
-er fassen konnte, teilte er weiter an Renate und Bogner, schlang selber,
-was der Mund halten konnte, mußte aber mit randvollen Backen bald
-versichern, von jetzt ab nähme er nur schon Vorgekautes. Eine Weile
-später, umringt, lachend, scherzend, immer ausgelassener, hatte er
-dunkel das Gefühl, in einen strudelnden Gesundbrunnen verwandelt zu
-sein, plätschernd in allen Becken, und deren Ränder waren dicht besetzt
-mit Schwärmen äußerst bunter, wild durcheinander schwatzender,
-flatternder und zwitschernder Papageien, Kolibris und Eisvögel, oder was
-es sonst ganz Buntes gab. Diese Vision wurde jählings weggefegt von drei
-schmetternden, an allen Mauern widergellenden Fanfarenstößen, und schon
-toste herum die gewaltigste Aufregung; Alles rannte gegeneinander,
-bekämpfte sich, rang, umschlang und entwand sich einander. Geschrei,
-Gekreisch und Gelächter. Herrgott, wo ist denn bloß mein Mann? -- Mein
-Hut, um Himmelswillen, mein Hut! Sie haken ja an meinem Hut fest! Und
-eine ungeheure Baßstimme sagte: Ja, will sich denn keiner meinen Kaffee
-bezahlen lassen? -- -- Georg, ob er wollte oder nicht, wurde ins Freie
-geschoben, dachte, der Traum geht weiter, wo finde ich Renate? wo ist
-Unkas? Unkas stand da, Ferdinand dabei, das gnädige Fräulein, hörte
-Georg, wäre schon fortgeritten. Hastig saß er auf, befahl dem
-Reitknecht, sich hinter ihm zu halten, versuchte, das Getümmel von
-Bäumen und lauter plötzlich Berittenen zu durchspalten, gab es auf und
-lenkte den Abhang hinunter und im Bogen auf den Waldrand zu. Die
-Buchenzweige zur Seite stemmend, gelangte er ins Freie.
-
-Mein Gott, das war ein Ausblick! Er schoß, ein riesenhafter Fächer, aus
-Georgs Augen so gewaltig nach allen Seiten dahin, daß er taumelnd nach
-Himmel und Gewölkedunst griff, um sich zu halten, und er schaute ...
-
-
- Ausschau
-
-In der Tiefe, ausstrahlende Meilen weit nach Süden, Westen und Norden
-hin, nicht zu ermessen mit Augen, lagerte sein Land, Ebenen an Ebenen
-geschoben, hineingefügt azurblaue Seen und das silberne Geschlängel des
-Stroms, hauchend von heiterer Glut, rauchend von dunstigem Golde, grüne
-Flächen, gelbe, und bräunliches Gehügel der sich rötenden Haide,
-lagernde Bergrücken in den Fernen unter grauen Dünsten. Unten aber, zu
-Füßen seines Hügels, erst klein im Vergleich zur Unendlichkeit ringsum,
-sah er die grüne Ellipse der Arena ruhen, völlig leer, im farbenreichen
-Kranze der Tribünen und Zuschauerringe, und bemerkte nun auch ihre
-Riesigkeit, denn von hier oben war nichts zu erkennen als ein Gewirr und
-Gemenge von Farben, Gesichter wie Punkte klein; selbst die vielen großen
-Banner, an Stellen zu schattigen Wäldern gesammelt, knatternd und
-schlagend über den glänzenden Tribünendächern, schienen wie
-Taschentücher klein. Ringsum in dem bunten Kranze lief ein
-ununterbrochenes Glitzern, Funkeln und Blitzen von sonnegetroffenen
-Metallspitzen und Schmuck, Wellen von Bewegung rannen zugleich rundum,
-viele rote Tupfen flammten auf einmal an jener Stelle hervor, plötzlich
-war alles weiß gesprenkelt, und immer wieder strahlten das Blau, das
-Weiß und das Grün der Landesfarben hervor, -- keine schöneren kann es
-geben, dachte Georg: des Himmels Blau, Grün der Natur und das schöne
-menschliche Weiß. -- Er entdeckte nun auch den zum Walde den Hügel
-hinansteigenden Damm, der aus der Arena dort kam, wo sie den größten
-Durchmesser hatte, und hier unten konnte er allerlei unterscheiden:
-Strohhüte, rote Hemden, weiße, gelbe, das Rosige von Händen und
-Gesichtern, und er sah Männer und Frauen, Mädchen und Kinder, hörte ihr
-leises Brausen und die seltsame Stille, in der sie sich unablässig
-bewegten, drehten, gingen und setzten und über die Schranken vorbeugten.
--- Unsichtbar blieb ihm das obere Ende des Damms hinter dem Vorsprung
-des Waldrandes, er trieb sein Pferd an und erkannte, seltsam deutlich
-wie manchmal im Traum, daß die Hufe in einer tiefen Furche am Rand eines
-stillen, wehenden Haferfeldes entlang schritten. -- Noch einmal ließ er
-die Augen ins Weite schweifen, sie flogen wie Greife dahin, schwebten
-groß unter der bläulichen Kuppel in der Sonne, stürzten herab aus Lüften
-mit Getön und rissen nun jählings mit Zauberkraft zu sich herauf das
-Unerkennbare: die Schwärme von Gesichtern, Agraffen, Pelzkragen,
-Halsausschnitte in violettem Samt, in weißer Seide der Frauentrachten,
-die schönen, geschatteten Falten ihrer Mäntel, die sie im Arme trugen,
-und ihre Bewegungen, wie sie lachten und sich bogen, im Stuhl sich
-drehend, nach oben sprachen zu Männergesichtern, die sich neigten, --
-und er schnellte ab und warf sich über den breiten Bannerschwarm hin wie
-über einen faltig rauschenden See, -- und siehe, etwas noch Ungesehenes
-war da, nämlich ein dunkel herwandernder Strom von Geharnischten, der
-aus der Ebene kam und jenseits in die Arena mündete, tausendfach
-überhüpft vom Gefunkel der Lanzenspitzen und Helmbügel und den winzigen
-Segeln der weißroten Dreieckfähnlein. Tausend Pferdeköpfe bewegten sich
-nickend, die Gesichter der Männer glühten in Staub und Schweiß, -- alles
-sah Georg, die linken Fäuste über der Vorderlehne des Eisensattels, aus
-denen die vier Zügelriemen flossen, sah die Beine in Stahlmaschen, die
-ledernen Bügelschuh der Lanzen und unten im Schatten das wirre
-Durcheinander der braunen und weißfüßigen Pferdebeine. Die ganze
-Beuglenburgische Kavallerie und Rittmeister Freundlich, murmelte Georg
-im Traum, Dragoner und Jäger zu Pferd, oder der einziehende
-Beuglenburgische Heerbann.
-
-Indem schmetterte nahebei aus dem Walde hervor die Fanfare, Georg sah
-und erblickte undeutlich, hinter einer langen Reihe dunkelgrauer
-Geharnischter auf lauter Apfelschimmeln: Waldinneres, wie ein Bild,
-angefüllt mit Fahnen, Standarten, Helmen, Gesichtern und bunten Farben,
-ganz vorn das brennende Scharlachrot zweier Kardinäle oder Äbte auf
-Maultieren. Die Reihe der Berittenen setzte sich eben langsam talwärts
-in Bewegung, alsbald begannen sie zu traben, zwanzig grünweiße Fähnlein
-senkten sich miteins nach vorn, sie galoppierten leicht rasselnd den
-Damm hinunter, verteilten sich unten, schwärmten, entfalteten sich durch
-den ganzen Durchmesser der Arena und hielten auf einen Ruck in langer,
-loser Reihe. --
-
-Georg holte den Blick von unten herauf. Jetzt -- wo war Renate? -- Im
-Grün des Waldes und der Menge sah er ein braunes, südliches Gesicht auf
-dem Grund eines weißen Banners von Seidendamast; vorne schritten zwei
-Reihen von Herolden in Weiß und Grün, an den hochaufgesetzten Trompeten
-viereckige Standarten von dunkelblauer Seide mit silbernen Fransen. Die
-Klänge prasselten lustig und leicht umher, sie schritten zu Tal. Unter
-den Buchenkronen war jetzt ein berittener Halbkreis sichtbar, -- ah, die
-Geistlichkeit, Mönche, Äbte, Kardinäle, -- und schon löste es sich vorn
-heraus, in grandiosem Pomp, Kopf und schmaler Hals eines Maultiers,
-vorsichtig schreitend unterm großen grünen Behang mit goldenen Wappen
-und Verzierungen, auf dem Rücken einen schwankenden Turm von Weiß und
-Gold: der Erzbischof, ein faltig rosiges, mächtiges Gesicht, Kinn und
-starke braune Augen unter der goldenen und weißen, mittwärts gespaltenen
-Mitra, den Krummstab in der Hand. Ihm folgte der Klerus, eine erlauchte
-Schar von hundert Berittenen, Mönche in weißen Chorhemden mit
-handbreiten goldenen Säumen, alles glitzerte von Gold und weißer
-Leinwand, da waren scharlachne Pelerinen und Hüte, Kasulen und Stolen
-funkelten von bunten Steinen, prachtvolles Violett loderte dazwischen,
-Decken von weißem Samt, von Wiesengrün, ein riesiges gelbes Banner mit
-schwarzen Greifen entfaltete sich, zeigte sich groß und schloß sich
-zufrieden, und alles umrahmten, umwallten und trugen die langen
-Schlangenbänder der blauweißgrünen Fahnen. Es schwankte zu Tal.
-
-Aber jetzt ... Wo blieb denn Renate? Georg fieberte, sein Herz tobte
-nach ihr, wieder war da eine schwarze Mauer Geharnischter, zwanzig
-Rappen bewegten sich und stiegen Schritt vor Schritt bergab, -- da --
-ach, da war sie, da hielt sie ja, ein wenig blaß, er sah es deutlich,
-mitten im Halbkreis ihres waldumdämmerten Hofstaats, der Ritter,
-Knappen, Frauen, hielt sie auf ihrem silbernen Pferd, jetzt weit umwallt
-von dunkelroten Mantelfalten. Der Schimmel hob den Kopf; in der Tiefe
-entwogte der glitzernde Haufe der Klerisei, Georg mußte den Kopf senken
-und seine zitternden Hände sehn, eiskalt vom Kopf zu den Füßen. Er sah
-auf, -- das silberne Pferd bewegte sich und schritt vor, langsam,
-beseelt von seiner Einsamkeit und sehr stolz; es tänzelte leicht
-seitwärts, Georg sah Renates Körper sacht nach vorn rucken bei jedem
-Schritt des Pferdes, einsam lenkte sie den Berg hinunter, -- aber jetzt,
-unten in der Ebene, war wilde Bewegung in den Kranz der Menschen
-gefahren, ein Brausen, erst dumpf, dann heller brandete herauf, alle
-Fahnen wankten, senkten sich und stiegen und stürzten wieder, Wellen um
-Wellen von Geglitzer, Wellen um Wellen von geschwungenen Tüchern, Hüten,
-Schleiern, Händen jagten sich im Ring, Musikchöre schmetterten hoch auf,
-unerschöpflich toste der Jubelsturm, -- unendlich einsam und königlich
-trug das kleine, silberne Pferd seine Last, purpurumwogt, langsam,
-langsam -- in die Ebene hinunter.
-
-Georg fuhr mit der Hand über die Augen; sie brannten. Er glaubte nicht,
-was er sah, fühlte sich nun vom Getümmel des Gefolges aufgenommen und
-ritt, sich selber unsichtbar, umhüllt von kostbarer Dunkelheit, tief im
-Traum, Renate nach.
-
-
- Traumspiel
-
-Ja, nun war der Traum vollkommen.
-
-Georg hielt zu Pferde -- weshalb zu Pferde? -- und wie war dies Pferd
-vermummt! aber es war Unkas! -- in fremder, grün und weißer Tracht --
-warum in fremder Tracht? -- inmitten einer dichten Menge von Frauen und
-Männern zu Pferde und in fremden Trachten, deren Gesichter, neben ihm,
-vor ihm und hinter ihm, fremd ihm eines wie das andre, allesamt
-unbeweglich gradeaus eingestellt waren. Es erinnerte seltsam an das
-teilnahmslose Beieinandersein der Menschen auf der vorderen Plattform
-eines Straßenbahnwagens. Und wie still war es? Was ging hier vor? Wozu
-war er, waren all diese versammelt?
-
-Er hielt wie in einem Dickicht; es bestand, statt aus Bäumen und
-Gebüsch, aus verzauberten Menschen; traumhell brannte Sonnenglut herein,
-und alles beschattete sich gegenseitig. Er gewahrte vor sich einen
-kurzen, mit schwarzem Pelz verbrämten dunkelgrünen Mantel und die runde
-Kruppe eines glänzend schwarzen Pferdes, die Wurzel des Schweifs und die
-rote Schlinge, aus der er wuchs, den Schweif, -- wie still er hing auf
-die starken Pferdehacken; darunter waren die Füße weiß, von den Hufen
-stand einer fest auf, etwas einwärts, der andre auf seinem vorderen
-Rand, und dies Bein war gewinkelt; am andern Huf glänzte noch ein Streif
-der schwarzen Wichse durch den Bezug von Staub. -- Und nun, unten
-wandernd mit den Augen, sah er überall dies andre, dies untere Leben,
-das für sich war, ganz für sich allein und im Schatten, Pferdebeine und
-Hufe überall, große Decken, verändert durch das Dunkel, grün und braun
-und gelb leuchtete nicht mehr und Wappen und Zierate waren stumpf
-umdunkelt; er sah die still hängenden Falten der Schleppröcke, einen
-roten, einen grauen, einen violetten, sah die Linien der Pferdebäuche,
-Gurten, an deren Rand das eingeschnürte Fell manchmal zuckte, und die
-prallen, runden Leiber dehnten sich atmend, er roch das Pferd. Ein Huf
-bewegte sich wie ein lebendes Wesen, schlug vor, setzte sich stampfend
-auf im Gras, -- und dort im winklig verhängten Schattendunkel von
-Kleidern und Decken kam eine weiße Frauenhand nach unten, tastete in
-grünen Falten, raffte sie, ein farblos dunkler Fuß wurde sichtbar, ein
-leer hängender Steigbügel, und der Fuß suchte nach dem Bügel, stieß
-daran, angelte, erlangte ihn, die Falten fielen, Fuß und Bügel waren
-völlig fort. --
-
-Diese Stille! -- Aber sprach nicht jemand, ganz allein?
-
-Georg richtete sich in den Bügeln auf und war plötzlich ganz hoch und im
-Freien. Ein paar Gesichter links und rechts drehten sich, blickten nach
-ihm. Fern drüben, wie eine Blumenterrasse, war die Tribüne,
-menschenvoll, noch eine links von ihr, eine dritte rechts; tausend
-Farben und Gesichter glänzten in der Sonne, schräg gestreift vom
-Schatten der Dächer, in dem alles farbloser und dunkel war; darüber
-glänzten wie Silber die Dächer; schlaff hingen die Fahnentücher,
-unkenntlich.
-
-Unterhalb war der grüne Rasen, ein Trupp lediger Pferde stand dort, alle
-Zügelriemen liefen zusammen in die Hände zweier Menschen, die rot und
-weiß gestreift waren von oben bis unten, sich anstießen und
-unterhielten. Über die fast leere, grüne Fläche schritten Geharnischte
-von verschiedenen Seiten heran, einer hatte den Topfhelm im Arm, etliche
-knieten; mit jedem zog im Grase sein kurzer Schatten und machte jede
-Bewegung mit, manchmal kaum zu erkennen flüchtig. Diese waren in einer
-unverständlichen Handlung begriffen. Einer trat vor und verbeugte sich;
-ganz schnell, als müßte er eher fertig sein, tat sein Schatten dasselbe.
-
-Georg spähte verwirrt und ängstlich nach Renate, -- und sieh -- -- ganz
-nahe zur Rechten, erschreckend nahe, über ein paar Reiter hinweg, sah er
-einen großen Thronhimmel mit plattem, viereckigem Dach und darunter, in
-seinem Schatten, ein sehr stilles Bild von Renate, ganz entfremdet, nur
-ein Bild, ihr beschattetes Profil; sie saß in einem Stuhl mit hoher
-Rückwand, die Unterarme flach auf den Seitenlehnen; neben ihr, etwas
-zurück, stand ein Riese in schwarzem Kettenhemd und dem abenteuerlichen
-Topfhelm mit spitzer Wölbung. Grade vor ihr, zehn Schritt in die Wiese
-hinein, stand ein andrer Geharnischter und schien zu reden. Jenseit
-gewahrte Georg den Erzbischof zu Fuß auf der Erde, eine große, weiß und
-goldne Puppe mit dem Krummstab vor der bunten und glitzernden Mondsichel
-seiner Kirchendiener.
-
-Georg hörte auf einmal sprechen, horchte, verstand aber keine Silbe.
-Jählings zusammenfahrend, mit den Augen schon wieder im unteren
-Schatten, vernahm er Renates Stimme, so hell und klingend, daß er vor
-Bestürzung die Worte nicht erraffen konnte, er hastete nach und hörte
-ein paar zerstückte Wendungen, die wohlbekannten vom eisernen Tisch und
-vom Leibroß. Plötzlich brach Geschrei aus auf allen Seiten, Bewegung,
-alle Arme fuhren empor und winkten, Georg selber schrie und winkte mit
-und sagte zu sich: Ah, jetzt ist das Bündnis geschlossen. -- Aber da,
-ganz entsetzt, mußte er denken: Nein, es ist ja genau, genau wie im
-Traum! wie oft habe ich mir da einen Vorgang mit solchen Worten
-bekräftigt, die, wenn ich mich im Wachen erinnerte, ohne Sinn und albern
-waren. Einmal -- wie war es doch? -- das große Hurra, etwas vom großen
-Hurra sagte jemand, und im Traum begriff ich es ...
-
-Ich träume aber doch nicht! ermannte er sich aufgeregt. Also paß auf!
-Beuglenburg und Trassenberg konnten sich nicht besiegen und schlossen
-auf einer großen Wiese vor Altenrepen ein Bündnis. Aber die
-Beuglenburger verlangten, daß Heliodora einen von ihnen zum Mann wählte,
-denn sie fürchteten sich sonst vor ihr. Da erzählte sie von der
-Weissagung, ihrem Pferde, das den vom Schicksal Erlesenen finden würde,
-und von dem eisernen Tisch, an dem er tafele, und das bezogen sie auf
-ihre eisernen Schilde, gemeint war aber die Pflugschar des Bauern Gregor
-... Georg setzte sein Pferd in Bewegung, da Alles umher sich bewegte; er
-träumte nicht, das war klar, aber diese Wirklichkeit war allzu
-traumhaft. Dazu ward ihm jetzt sehr müde im Kopf, er schloß die Augen,
-öffnete sie nach einer Weile wieder, da es bergan ging; rings war
-blendendes Getümmel, die blauweißgrünen Wände der Fahnen standen ihm
-riesig und flammend vor Augen, und plötzlich erkannte er nicht weit von
-sich entfernt, mitten im Gedränge, das Gesicht Ulrika Tregiornis; sie
-blickte vor sich hin, ganz ernst, sie sah Georg nicht, und er schrie
-innerlich verzweifelt: Ist es denn doch ein Traum? Auf einmal dies
-bekannte Gesicht unter all den fremden, und sie ist da und sieht mich
-doch nicht, ganz wie -- wie -- wer war es denn? -- Renate? -- Nein ...
-Dora! Dora Vehm ...
-
-Plötzlich, wie ein Gewölk, riß das Gewimmel in bunte Fetzen auseinander
-und zerstreute sich. Georg hielt auf der Plattform der Dammhöhe nahe dem
-Walde, ein Geharnischter näherte sich zu Pferd und schien etwas sagen zu
-wollen, aber, Georg erkennend, wurde sein Gesicht ehrerbietig, er kehrte
-um. -- Der Raum ward leer, mitten darin, einsam, hielt Renate.
-
-Sie war ja todbleich! sah starr gradeaus. Georg sprang ab, eilte auf sie
-zu, dabei immer müder von Sekunde zu Sekunde, stand unter ihr, streckte
-die Hand empor. Da schien sie ihn zu sehn, sie wandte das Gesicht herab,
-unendlich fremd und hoffärtig, -- aber langsam kehrte Blick und Erkennen
-zurück, die Starre schmolz, doch waren die Züge noch ohne Bewegung, als
-sie das rechte Knie über das Horn weg hob und zur Erde glitt, ohne Georg
-anzurühren.
-
-Einen Augenblick stand sie geschlossenen Auges, gegen das Pferd gelehnt,
-wankte dann und fiel gegen Georg. Er glaubte, vor Müde und Seligkeit
-umzusinken, hielt ihren weichen, seltsam sich lösenden Körper, sah die
-rotbekleideten Schultern, dicht unter sich die großen Perlen des
-Haarnetzes, das seltene Braun des Haars, atmete seinen Duft und merkte,
-daß sie weinte. Ihre Schultern zuckten, sie schluchzte mehrere Male
-heftig auf, den Kopf auf seiner Schulter, hob ihn dann, öffnete die
-verschleierten Augen, aber da standen sie mit einem Schrecken starr,
-über Georgs Schulter hinweg gerichtet.
-
-»Was ist denn?« flüsterte er, sah sich um und starrte schaudernd: da,
-neben einem weißgolden flimmernden Mönchshaufen, stand einer der
-schwarzen Gugelmänner aus seinem Traum. -- Ach, Unfug! schnob er
-innerlich, das ist ja Zuf-- und sah im selben Augenblick, daß Renates
-Schrecken in ein süßes Lächeln schmolz.
-
-»Es ist ja ...« murmelte sie, denn der Schwarze erhob eben die flache
-Hand und winkte.
-
-»Wer?« fragte Georg; er hatte nicht verstanden.
-
-»Saint-Georges«, wiederholte Renate, völlig wach. »Ach, bitte, Georg --
--- ja, wie stehn wir denn da?« fragte sie erstaunt und trat ohne
-weiteres Befremden zurück. »Bitte,« fuhr sie fort, »gehen Sie hin und
-sagen Sie ihm, er möchte -- ja, er möchte nachher vor dem Ankleidezelt
-im Burghof auf mich warten.«
-
-Ja, was ist denn nun? dachte Georg. Er schwankte vor Müdigkeit, suchte
-unwillkürlich nach einem Halt und sah den guten, ruhigen Unkas dastehn,
-gesenkten Halses, mit geraffter Oberlippe im kurzen Gras rupfend. Er
-ging zu ihm hin, nahm ihn bei der Trense und schritt, doch wieder
-schaudernd, auf den unbeweglich dastehenden Gugelmann zu.
-
-»Fräulein von Montfort läßt Sie bitten,« sagte er, »nachher am
-Ankleidezelt zu sein, im Burghof.«
-
-Der Schwarze neigte nur den vermummten Kopf und fuhr fort, durch die
-Augenschlitze gradaus zu spähn, -- denn so schien es. Todmüde wandte
-Georg sich um und sah Ulrika und Renate zusammenstehn, Renate auf den
-Gugelmann blickend, wie er auf sie. Er zog Unkas hinter sich her,
-waldeinwärts, stolpernd mit halbgeschlossenen Augen, und dachte noch
-schlaftrunken: So führt ein Blinder den andern. -- Dann zog sich alles
-in flimmernde, farbige Kreise auseinander, und mehr wußte er nicht.
-
-
- Drittes Kapitel
-
-
- Theater
-
-Renate, ohne den Blick von Saint-Georges zu wenden, tastete nach Ulrikas
-Hand und faßte sie. »Was war dir denn?« hörte sie Ulrika fragen, »du
-weintest.« Jetzt entfernte der Gugelmann sich mit einem Winken, sie
-wandte sich zu Ulrika, sah erfreut das zarte und ernste Gesicht, ein
-wenig entfremdet von der großen, dunkelroten Krone von Haar, die mit
-grünen Bändern durchflochten einem maurischen Turban ähnlich war, und
-sammelte ihre Gedanken. »Laß dich anschaun,« sagte sie, »wie köstlich du
-aussiehst!«
-
-Ulrika ließ sich mit ein wenig ironischer Miene betrachten und befühlen
-in ihrem großen, grünen Mantel, dessen weißseiden gefütterte Falten sie
-im linken Arm trug, die goldene engärmlige Tunika darunter, und den
-weiten, mattlila Kleidrock. »War es denn nicht schön?« fragte sie,
-wieder besorgten Gesichts, »ich meine, -- weil du weintest ...«
-
-»Habe ich geweint?« fragte Renate erstaunt. »Richtig, Georg war ja da,
--- wo ist er denn geblieben? -- Ja, es war schön, aber -- es war
-schauerlich -- oh!« sie zog die Schultern zusammen. »Ich bin völlig zu
-Eis geworden, weißt du.« Sie lachte. »Nun, und das hat halt schmelzen
-müssen. Du weißt doch, Herz, man weint nie, wenn etwas grausig ist oder
-so, sondern wenn man sich nicht anders zu helfen weiß.«
-
-Wieder schaudernd blickte sie in die letzte Stunde zurück, fand jedoch
-wenig und sah nun nahe vor sich den Schimmel, dem eben Decken und Sattel
-abgenommen wurden, auch das Kopfzeug.
-
-»Mein Gott, sieh doch nur, wie schön sie ist!« rief Ulrika entzückt, als
-die Stute nackend dastand in der Herrlichkeit ihrer edlen Glieder,
-gedrungen, doch nicht plump, zierlich die Hufe voreinander wie eine
-Tänzerin, breit von Brust, dicken, kurzen, zum kleinen Kopf stark
-verjüngten Halses, mit dem starken Wirbelhaar über der Stirn, schnobernd
-mit den Nüstern, daß leises Wiehern quoll.
-
-»Ja, du bist sicherlich grad so erleichtert wie ich, aus deinen warmen
-Decken«, sagte Renate, zu ihr gehend, um ihr den Hals zu liebkosen.
-»Ohne Furcht und Tadel bist du wie ich,« murmelte sie dabei, »was wird
-aus uns werden?«
-
-Die Stallknechte und ein Geharnischter, der Spielleiter, kamen, legten
-der Stute eine Trense in weißem Halfter an, in deren Ringen dünne und
-viele Ellen lange, rote Lederriemen befestigt waren; zwei Edelleute auf
-schönen, goldroten Pferden lenkten heran und ergriffen die Riemenenden.
-
-»Bitte, wollen Sie nun --« hörte Renate den Schauspieler sagen. Sie
-griff in den Halfter und führte die Stute einige Schritte gegen den
-leeren Damm vor, besann sich vergeblich auf ihre Verse und bat endlich
-unsicher: »Ja, nun mußt du laufen!«
-
-Sie trat seitwärts. Einer der Reiter schnalzte mit der Zunge, hinten
-knallte eine Peitsche. Die Stute fuhr zusammen, trat drei Schritte vor,
-blickte sich erschreckt und verwundert mit klugen Augen um, wieder
-knallte die Peitsche, da sprang sie heftig an, trabte ein Stück, setzte
-sich in Galopp, die Reiter folgten, und plötzlich schnellte sie ab,
-flog, ein weißer Pfeil, der Tiefe zu, die Reiter jagten bergunter nach,
-aber schon schienen die Riemen sich erstaunlich zu verlängern, und
-schon, gedankenschnell, war der weiße Ball durch die leere Hälfte der
-Arena geschnellt, auf die vielen weißen Zelthüte der Beuglenburgischen
-Ritterschaft zu, und, wie ein Blitz wegzuckend, war sie die breite Gasse
-hinab und draußen im Dunste der Ebenen verschwunden. Nachhetzend, weit
-zurück, leuchteten noch eine Weile die roten Pferde und schwanden. --
-
-Im Kreis der Zuschauer hinter Renate gab es Gelächter. Sie wandte sich
-zu Ulrika, die lachend meinte, sie sei neugierig, ob der gute Schimmel
-richtig von selber zum Bauern Gregor hinlaufe, der draußen im Felde
-warte. Renate legte den Arm um ihre Schulter und sah wieder weiße
-Wolkenballen, wie Stiere scheinend, über den fernen Erdrand
-heraufklimmen.
-
-»Es fing an, weißt du, als ich hier den Damm hinunter reiten mußte,«
-sagte sie tief in Gedanken, »oder vielmehr --, da hörte etwas auf.
-Kannst du dir diese Vereinsamung vorstellen, mit der ich da plötzlich
-der riesigen Tiefe und den zehntausend Augen ausgesetzt war? Ich weiß
-nur noch, daß ich furchtbar fror, meine Augen wurden unermeßlich weit,
-aber ich sah trotzdem nichts als den Himmel und diese gewaltigen, weißen
-Wolken, und wie stürmten sie gegen mich herauf! Wie Stiere sahen sie
-aus. Wie aber dann der Jubel ausbrach -- --, sehen konnten sie,
-wenigstens mein Gesicht, ja noch kaum, aber es galt doch mir, und das
-gab einen Sturm, der mich leer ausfegte und mit Eis, -- ja mit Eis
-anfüllte. Ich mußte mich zusammenraffen -- furchtbar!« Sie lächelte und
-fuhr eifrig fort. »Da konnt ich denn freilich merken, -- das heißt,
-weißt du, ich merke es erst jetzt, -- wie wenig ich in Wirklichkeit
-allein gewesen bin, denn es sind doch immer Gedanken dagewesen,
-Erinnerungen und immer doch auch die Nähe vertrauter Menschen. Psyche
-auf dem Wege zum Hades, weißt du, der muß so ums Herz gewesen sein. Und
-erst unten, weißt du, -- ja, was lachst du denn?«
-
-»Ich lache, weißt du,« sagte Ulrika, »weil du, weißt du, immer weißt du
-sagst!«
-
-»Sage ich das? Ja, weißt -- nein wirklich! -- aber da kannst du sehn,
-wie ich durcheinander geraten bin. Nein, der Jubel unten, sie rasten,
-und nun wußte ich doch auch, daß sie mich wirklich sahen --«
-
-»Ha,« unterbrach Ulrika ihren Wortschwall, »das hast du doch gemerkt!«
-
-»Ich habe es gefühlt, du Närrchen,« sagte Renate lachend, »aber ich weiß
-es erst jetzt!«
-
-»Ist das ein Unterschied bei dir?« fragte Ulrika verwundert. Renate sah
-sie an. »Ja, bei dir etwa nicht?«
-
-Ulrika schien innerlich zu kämpfen. »Du magst recht haben,« gestand sie
-endlich, »aber -- wenn es so ist -- dann --«
-
-»Ist es unsre ganze Macht«, funkelte Renate. »Nein, weißt du, sie rissen
-mich in Stücke mit ihrem Lärm.«
-
-»Und das war das Grausige?«
-
-Renate blickte versonnen vor sich hin, lächelte, hob die Achseln. »Das
-Schöne«, sagte sie leise. »Es war nur noch Brausen, ich war wie -- weit
-fort, und doch war ich es, die groß umherging und galt. Es war gut, das
-einmal erlebt zu haben, -- ein zweites Mal ...« Sie schauerte.
-
-»Und den Festzug hast du noch vor dir«, neckte Ulrika.
-
-Renaten zog ein schönes Wort durch den Sinn:
-
- Verschmolzen mit der tausendköpfigen Menge,
- Die schön wird, wenn das Wunder sie ergreift ...
-
-Tiefer schauernd, schloß sie die Augen. War sie verschmolzen gewesen? --
-Nein, und -- nein, das verschmolzen bezog der Dichter ja nicht auf den
-Dargestellten, sondern auf einen der Gläubigen in der Menge, wenn sie
-sich recht erinnerte. Die Menge aber, war sie wirklich schön geworden?
-Im Herzen vielleicht, die Hände lärmten sehr. Aber das war nun so ihre
-Art ... Die Augen öffnend, rief sie: »Sieh nur, was kommt da?«
-
-Durch die Gasse der weißen Zeltestadt und die Gruppen der dunklen und
-blitzenden Harnischleute kam von jenseit ein großes, braunrotes Pferd
-dahergebraust; sein Reiter schien sehr klein, -- ah, es war der
-Botschafterjunge! In der einen Hand schwang er etwas Gelbrotes wie eine
-Fahne. Nun stürmte er über die Wiese heran, der Gaul bockte am Damm, kam
-aber dann in großen, heftigen Galoppsprüngen herauf, der Knabe,
-nacktbeinig in kurzer schwarzer Hose und weißem Hemd, schwenkte ein
-mächtiges Bündel bäurischer, gelber und roter Stockrosen, -- jedoch in
-der Tiefe ward jetzt wieder das weiße Pferd sichtbar, das unter einem
-Reiter leicht zwischen den Zelten zurückgaloppierte; dahinter die Füchse
-der Edelleute. -- Jetzt war der Knabe heran, warf sich noch im vollen
-Ansprung von seinem braunen Elefanten, stolperte, fiel aber geschickt
-und anmutig auf seine Knie vor Renate, die Arme ausbreitend, den Kopf im
-Nacken, offnen Mundes minutenlang nur keuchend, flammenrot im Gesicht,
-das mager war mit großen, braunen Augen voll Entzücken. Endlich konnte
-er mit heller Stimme rufen: »Sie kommen! Der König kommt! Es lebe
-Heliodora!«
-
-»Herzog muß es heißen,« flüsterte Renate lachend, über sein beflammtes
-Gesicht huschte leichter Schreck, dann lächelte er und fuhr richtig
-fort:
-
- »Am eisernen Tische fand dein weißes Roß
- Den Auserwählten, doch es war kein Schild;
- Des Bauern Pflugschar wars, von der er schmauste
- Sein karges Brot!«
-
-Renate, hinter sich das erstaunte Bühnengemurmel ihres Hofes, sagte:
-»Da, komm, mein braver Junge!« und, den süßen Botenlohn ihrer Jamben
-verschluckend, hob sie den Jungen kräftig von der Erde auf, drückte ihn
--- er war klein wie ein zehnjähriger -- an die Brust und küßte ihn fest
-auf den Mund. Der Junge schloß die Augen, hing einen Augenblick still,
-riß sich erschrocken los, machte eine Bewegung mit dem freien Arm, als
-ob er sich den Mund wischen wollte, schüttelte sich plötzlich und
-sprang, sich umwirbelnd, davon. Renate lachte ihm mit der Umgebung
-fröhlich nach.
-
-Nun waren auch Schimmel und Reiter nahe heraufgesprengt, der
-Schauspieler im weißen Bauernhemd und blauen, riemenumwundenen
-Strümpfen, nicht ungeschickt auf dem ungesattelten Pferd, hielt, sah
-sich staunend um. -- Theater, dachte Renate, ist doch was Sonderbares!
--- Das bartlose, ungeschminkte Gesicht erinnerte weitläufig an Georg,
-aber die tönende Stimme, mit der er nun sein: »Wo bin ich? Welch ein
-Traum umfängt mich denn?« hervorsang, enttäuschte Renate. Sie erklärte
-mit natürlichem Hochmut:
-
-»Heliodora siehst du, Herzogin von Trassenberg. Und wie es scheint,
-sollst du mein Gatte sein!«
-
-Über ihre eigne Nichtachtung lächelnd, froh, daß eine Schauspielerin im
-nächsten Akt Heliodoras Zähmung darzustellen habe, fuhr sie fort: woher
-er komme, wer er sei. -- Gregor, der erstaunte Bauer, sprang nun vom
-Pferde, es wurde fortgeführt, er sank aufs Knie, flüsterte: »Sakrament,
-Sakrament, Fräulein, wie schön sind Sie!« und ließ die Jamben des
-Stadtpoeten rollen:
-
- »Wie leicht ist Fragen, -- Antwort, ach, wie schwer!
- Du fragst: Wer bist du? Frage, wer ich war!
- Kaum weiß ich dies; verzaubert bin ich wohl,
- Ein Roß, ein holdes Weib ...«
-
-Renate überhörte den folgenden Schwall, nahm beim Nahen ihres
-Stichwortes den Mantel von der Achsel, schleuderte ihn über eine
-Schulter des Knieenden, indem sie dachte: Handeln ist besser als Reden!
-und herrschte ihn kühl an:
-
-»Ich erkenne -- Den Spruch des Schicksals an. Da ist mein Mantel. --
-Zeichen der Würde, weiter nichts. Ich selbst -- Bleibe mein eigen, hörst
-du wohl --« Sie endete, plötzlich selbst erregt: »Mein eigen!«
-
-Das Übrige ging sie nichts mehr an, sie drehte sich um, sah Ulrika
-dastehn, trat zu ihr und sagte, den Arm um ihre Schulter legend,
-lächelnd: »Das Stück ist aus, -- nun wollen wir zu Georges, der Bauer
-machte Augen wie ein Dorsch!« worauf sie, zierlich und hochmütig
-angelehnt, wie es die Rolle wollte, mit ihr durch die Gasse ihres
-Hofstaats in den Wald hineinging.
-
-»Verstehst du denn die Menschen?« fragte sie, stehen bleibend, und
-drückte die Handflächen lachend gegen die Wangen. »Du weißt doch, was
-für einen Kampf es gegeben hat, bis die Schauspielerin zugab, daß ich
-ihr diese paar Worte raubte, weil Georg darauf brannte, mich den Ritt
-aufführen zu sehn, -- ja, wo ist er denn nur geblieben?«
-
-Ulrika bückte sich zu einem Grashalm am bemoosten Wegrand, riß ihn aus
-und sagte nachdenklich im Weitergehn:
-
-»Ich verstehe sie, ja. Wenn ich gespielt _habe_, wenn ich fertig bin und
-die Leute klatschen, und ich gehe hinaus und komme wieder, sooft man
-mich hineinschiebt, -- das ist -- Lärm, davon verstehe ich nichts. Aber
-vorher -- -- die Erwartung, und das Gefühl: zu können, Macht zu haben,
-und -- das Zurechtrücken im Stuhl, und das Präludieren ... ja, es ist
-sonderbar und ist doch so: besser spiele ich wohl nicht, als wenn ich
-mit dir oder sonst jemand im Zimmer allein bin, -- aber anders spiele
-ich, ganz anders, und sie Alle spielen mit ...«
-
-Renate vergaß, etwas zu antworten, denn sie waren im Burghof; die beiden
-Ankleidezelte waren da, aus dem einen spähte eine Frau mit nackten
-Armen, eine andre ging hinein, Saint-Georges war nicht zu sehn.
-
-»Eins,« hörte sie Ulrika sagen, »du hast es leider nicht gesehn, das war
-köstlich. Der Junge, den du geküßt hast, -- ich sah ihn nachher unter
-dem Gedränge stehn, versteckt, nur den Kopf streckte er nach dir hin,
-und auf einmal zog er ihn zurück, sah seine Hand an, und dann legte er
-sie auf den Mund, -- so --« Ulrika machte es vor, den Kopf in den Nacken
-legend, als schütte sie Beeren in den Mund. -- »Danach nahm er die Hand
-wieder fort, schaute hinein, als ob es nun darin wäre, deckte die Hand
-drüber, ganz vorsichtig, und schlich sacht damit fort.«
-
-Renate begriff noch nicht recht. »Ach, er konnte meinen Kuß nicht im
-Mund behalten?« sagte sie lachend. »Ja, wie alt war der Junge denn?«
-
-»Dreizehn,« versetzte Ulrika, »er sieht viel jünger aus, weil er so
-klein ist. Bogner hat ihm die Rolle gegeben, er ist sein kleiner
-Schüler, und Bogner sagt, er könnte jetzt schon mehr als er.«
-
-»Ja, so ist Bogner«, lachte Renate, den Vorhang hebend.
-
-
- Zelt
-
-Stühle und Tische im Zelt waren mit den Teilen des zweiten Kleides
-bedeckt, die Zofe drängte, Renate ließ sich entkleiden, setzte sich in
-Unterrock und Leibchen vor den Spiegeltisch und sah über sich Ulrikas
-Gesicht im Glas, etwas schief, aber auch, wie es schien, sehr ernst,
-während ihre Hände das Perlennetz behutsam aus dem Haar lösten.
-
-»Du siehst so dunkel aus«, sagte Renate in den Spiegel. Ulrika
-antwortete nicht. Erst nach einer Weile, als die Zofe sich entfernt von
-ihnen beschäftigte, sagte sie halblaut: »_Mio marito e ritornato._«
-
-»So ...« Ihr Mann war wiedergekommen ... Renate mochte nicht gern vor
-einer Dienerin in fremder Sprache reden und fragte erst nach einer
-Weile: »Anderthalb Jahr war er fort?«
-
-Ulrika antwortete, er sei vor ein paar Tagen gekommen, sei nun in
-Wilhelmshaven stationiert, komme aber alsbald zum Admiralstab nach
-Berlin ... Weiter ließ sich zur Zeit wohl nichts sagen.
-
-Nun war auch das Haar zu kämmen und zu bürsten, die Zöpfe mit Perlen und
-Goldbändern neu zu flechten, dann der grade Kronenring auf dem Kopf mit
-weißem Flor unter dem Kinn zu befestigen. -- Renate stand auf.
-
-Die Zofe kam, auf den Armen den mächtigen Bausch des dunkelvioletten
-Kleidrocks. Renate, vor Ulrika stehend, fragte leise: »Was soll denn nun
-werden?«
-
-Sie schüttelte traurig lächelnd den Kopf, faßte in die Falten des
-Kleides und zog sie nach unten, während die Zofe sie oben über Renates
-Kopf und Schultern auf die Hüften senkte. Dann fuhr sie in die
-schilfgrüne, engärmelige Tunika mit goldenen Säumen und Stickerei;
-Ulrika brachte einen Gürtel aus schwarzen und goldenen Quadraten.
-
-»Den kenne ich ja gar nicht«, sagte Renate verwundert und betrachtete
-voll Freude die Bildnerei in den Goldvierecken, die Tiere der
-Wendekreise und Figuren aus den Sternen. »Seine Durchlaucht«, gestand
-die Zofe lächelnd, »haben ihn mir heute morgen gegeben.« Ulrika sagte
-nur: »Ha!« während Renate errötete und sich freute. Das war schön, das
-war ein schöner Gedanke, sie heute zu gürten. Sie hakte den Gürtel
-wortlos über den Lenden zusammen, sah das freibleibende Ende mit einer
-großen goldenen Scheibe daran zwischen den Knien niederfallen, dann
-stand die Zofe da mit den schneeweißgefütterten, goldenen Überärmeln,
-riesengroßen Tüten, deren Zipfel, als sie übergezogen waren, bis auf die
-Füße hinunterhingen.
-
-»Bin ich schön?« fragte sie, sich vorm Spiegel drehend und
-zurücktretend, die händefaltende Ulrika, »ach, es ist eine Lust heute,
-schön zu sein! Den Mantel nachher,« sagte sie und mußte plötzlich zum
-Türvorhang eilen, im Gefühl, jemand stehe draußen. Die Falte hebend, sah
-sie wirklich den Gugelmann, streckte freudig die Hand nach ihm, erfaßte
-die seine und sagte leise: »Komm herein, Georges, ich bin so froh, daß
-du --«
-
-Die Gugelkappe bewegte sich langsam, verneinend, hin und her. »Wir
-befinden uns in einem Irrtum«, sagte eine nicht völlig unbekannte
-Stimme; er lüpfte die Kappe über der Achsel; im Dunkel, dort wo das
-Gesicht war, wurde etwas häßliches Rotes sichtbar.
-
-»Josef!« stieß sie halblaut hervor, erschreckt. Er ließ die Kappe wieder
-fallen und nickte. Sie sah jetzt durch die Schlitze dunkel den Schein
-seiner Augen, dazu auch seine Größe, da er Georges doch um einen Kopf
-überragte. Sie ließ seine Hand fallen.
-
-»Komm herein«, sagte sie und trat zurück. Er folgte.
-
-Für Minuten verwirrt, nach zwei Seiten gerissen von wünschenden,
-hoffenden, begierigen Gedanken, rauschte Renate in den großen Raum
-hinein, bemerkte einen Karton, an dem die Jungfer packte, und bat sie,
-einen Augenblick ins Freie zu gehn. Rauschte wieder zurück, sah den
-schwarzen Josef still an der Tür stehn, drehte sich um, stand und sagte
-kurz zu Ulrika hinüber: »Es ist mein Vetter Josef.«
-
-Ulrika grüßte freundlich und murmelte etwas. -- Renate vergrub die
-Unterarme in die Ärmelfalten, dachte schwirrend deutlicher an den
-Herzog, an ihren Onkel, warf den Kopf in den Nacken und sagte: »Ich habe
-damals nicht gewollt, daß du meinetwegen zum Vater gingest. Sagtest du
-nicht, daß du gehen würdest?« Die schwarze Kappenspitze bewegte sich
-bejahend. »Heute muß ich wünschen, daß du um meinetwillen gehst, meine
-Gedanken verkehren sich, ich weiß nicht mehr, was Recht und was Unrecht
-ist.«
-
-»Wie unverständlich«, hörte sie Josef sagen. »Wenn du dir von meinem
-Kommen etwas versprichst für deinen Onkel, so dürfte es wohl gleich
-sein, aus welchem Grunde ich komme.«
-
-»Ich wußte es längst,« murmelte Renate unwillig, »ich fühlte es.«
-
-»Wir sind es immer,« hörte sie Josefs kühle Stimme sagen, »die alle
-fremde Angelegenheit durch unsre eigenen entstellen. Immer müßt ihr
-selber zwischen euch stehn und den Dingen.«
-
-»Du sprichst gegen dich selbst, Josef?«
-
-»Ich sehe, was kommt,« versetzte er ruhig, »und außerdem äußere ich eine
-Meinung, weiter nichts. Wenn jemand imstande ist, von sich selber
-abzusehn, so bin ich derjenige, -- du weißt.«
-
-Renate mußte da lächeln, heftete die Augen fest auf ihn und sagte: »Seit
-heute morgen bin ich die Verlobte des Herzogs.« Ihre Augen glitten zu
-Ulrika, die überrascht und heiter den Kopf zurückbewegte. Josef regte
-sich nicht; aber es verging eine halbe Minute, bis Renate etwas vernahm,
-das halb ein Pfeifen war, halb ein Seufzer, schwer, und doch wieder --
-erleichtert. Dann hörte sie ihn sagen:
-
-»Ich gratuliere. Ziemlicheres ließ sich kaum erdenken. -- Er ist ein
-Mann,« setzte er großmütig hinzu, kam zu Renate, sie ließ ihm die rechte
-Hand, er ergriff und küßte sie. Auch Ulrika kam und umarmte sie
-schweigend und mit Innigkeit.
-
-»Du kommst also mit mir, Josef? Ich verlasse das Haus nicht, eh dein
-Vater dich gesehn hat.« Er neigte den Kopf.
-
-»Dann fort!« rief Renate, »auf dem Festwagen wird Platz für dich sein.«
-Sie lief zur Tür, winkte der Zofe, die herlaufend rief, Herr Bogner
-ließe sagen, das Automobil stünde am andern Ende der Burg. -- Sie
-verließen das Zelt.
-
-
- Im Wagen
-
-Durch den Burghof, am Fuße der Mauern hin, gelangten sie zur Fahrstraße;
-dort, in der Nähe des schwarzen Wagens, saß auf einem Baumstumpf der
-rotbeinige Maler; sein kleiner Schüler lehnte ihm am Knie und zeichnete
-auf einem Block. Nun blickten Beide auf, der Junge sprang zur Seite und
-errötete tief, vielleicht weil er seine linke Hand mit dem Taschentuch
-verbunden hatte, und da Renate ihn sacht herbeiwinkte, kam er trotzig
-hergeschlendert, die Hände mit seinem Zeichenblock auf dem Rücken und
-mit der Miene eines jungen Hundes: es paßt mir gerade diesen Weg zu gehn
-... Renate fragte leise, sich zu ihm bückend: »Was hast du mit deiner
-Hand gemacht?«
-
-»Mich gerissen,« log er finster und flammenrot im Gesicht.
-
-»Laß mal sehn«, lockte sie, aber er schüttelte nur abweisend den Kopf.
-Da ehrte sie seinen männlichen Ernst und stieg in den Wagen, Ulrika zu
-sich nehmend. Die Zofe nahm mit ihrem Pappkarton den Platz neben dem
-Fahrer, auch der Junge kletterte zu ihr. Bogner und Josef standen noch,
-miteinander sprechend, zusammen, es schien, sie hatten sich schon
-begrüßt, -- kletterten dann auf die hochgeklappten Vordersitze
-nebeneinander, so daß Renate Bogners Rücken und Hinterkopf vor sich
-hatte, Ulrika Josefs Gugelkappe. Sie rollten ab.
-
-»Welch ein schöner, keuscher Junge, Bogner,« sagte Renate nach einer
-Weile, »keusche Männer sind so selten.«
-
-Bogner, sein Profil herwendend, fragte spät: »Warum keusch?«
-
-Renate fand nicht gleich eine Antwort, und Josef, sich herumsetzend,
-sagte hurtig: »Keusche Männer sind etwas Unleidliches. Ich sage nichts
-gegen deinen Knaben Tobias, der ja kein Mann ist.«
-
-»Heißt er Tobias?«
-
-»Er heißt nicht so, wird aber so genannt, weil er ein Hündlein hat und
-einen Engel in Bogner.«
-
-»Und keusch ist wie Tobias,« lachte Renate, von dem Gleichnis erfreut,
-»oder betete Tobias nicht drei Nächte mit seinem Weibe Sarah, ehe er sie
-nahm?«
-
-»Sarah, siehst du,« erwiderte Josef, »war keusch; sieben Männer mußten
-Todes sterben und durften nicht an sie heran, dann kam der rechte, und
->Azaria, mein Bruder< trieb den Teufel der Unkeuschheit aus.«
-
-»Was ist denn unkeusch, Josef, bitte, ich habe dich so lange nicht
-plätschern gehört!«
-
-»Vielleicht stehts im Tobias, Renate, du wirsts wissen.«
-
-Renate, alle väterliche Bibelkenntnis zusammenraffend, suchte und fand:
-»Höre zu, ich will dir sagen, über welche der Teufel Gewalt hat. Nämlich
-über diejenigen, welche Gott verachten und allein um der Unzucht willen
-Weiber nehmen, wie das dumme Vieh.«
-
-»Oh, verblüffend!« staunte Josef, »wie das dumme Vieh!« und Renate
-erkannte mit heller Freude trotz der Maske seine Lieblingsbewegung, da
-er über dem schwarzen Zeug mit der flachen Hand nach unten strich, und
-sie sah sein Gesicht darunter, ganz und heil wie je, hochgezogne Brauen,
-hängende Mundwinkel und trüb lächelnde Augen, während sie, Hoffnung und
-Zuversicht im Herzen, eifrig und skandierend fortfuhr:
-
-»Wenn aber die dritte Nacht vorüber ist, Josef, so sollst du dich zur
-Jungfrau zutun mit Gottesfurcht, Bogner, mehr aus Begierde der Frucht,
-denn aus böser Lust, Josef, daß du und deine Kinder den Segen erlangen,
-der dem Samen Abrahams zugesagt ist, Bogner, -- ach Gott, jeden und
-jeden Sonntag nachmittag habe ich Papa das predigen hören in seinem
-Zimmer, und dann kamen sie mit gesenkten Ohren heraus wie die Pudel,
-aber Papas Traugelder erhöhten sich in keinem Jahr, in keinem, und als
-ich geboren wurde, da sollen die Ammen das Haus gestürmt haben, Ulrika!«
-
-Ulrika sah geistesabwesend auf und lachte gezwungen. -- _Mio marito_ ...
-klang es Renate im Ohr, sie konnte aber ihr Lachen nicht gleich
-zerdrücken, sah sich vielmehr genötigt, es zu erneuern, da sie Josef
-sagen hörte: »Caramba, Kusine, was bist du doch unkeusch!«
-
-»Rede weiter, Josef«, befahl sie, ihn anblitzend.
-
-»Jedermann,« sagte Josef, »der handelt, ist gut, also Mönche, Asketen,
-Einsiedler. Eine Frau kann keusch sein, nicht bloß so in der eben
-beliebten Art: die keusche Dirne, -- denn wer, Bogner, hätte sich nicht
-eine letzte Zelle im Gemüt reinlich erhalten? -- sondern durchaus bis zu
-einem schönen Grade von Prüderie, nämlich: in ihrer Haltung, in ihrer
-Geste, in dem, was sie angreift, tut und läßt, nicht in den Büchern, die
-sie liest, sondern in der Art, wie sie darin liest. Was aber Keuschheit
-beim Weibe ist, das ist Selbstzucht beim Mann. Unterhält es Sie, Frau
-Tregiorni? Vielleicht wundert es Sie, daß ich mein Gesicht verhülle?
-Glauben Sie mir, es würde Ihnen keine Freude machen, es zu sehn. In
-einem Lande --«
-
-Ja, wie er nun plätschert, dachte Renate und glaubte fast schon zu sehn,
-wie das weiche, leichte Geriesel die Starre seines Vaters auflöste.
-
-»In einem Lande, wo die Gesichter weniger kostbar sind als Spiegelglas,
-hielt jemand es für eine Fensterscheibe, so ging es in Scherben.
-Erinnerst du dich übrigens an Dorian Grays Bildnis, Renate? Sein Gesicht
-blieb das gleiche an die dreißig Jahr, derweil seine Seele sich
-schandbar verwandelte. Nun sehen Sie, Frau Tregiorni, mit mir verhält es
-sich genau umgekehrt, obgleich ich dir damals weissagte, ich würde an
-Antlitz und Seele gleicherweis --«
-
-»Du schweifst ab, Vetter!« unterbrach ihn Renate. Sie fühlte wieder die
-alte, stolze Dankbarkeit für die Leichte, mit der er all und jedes,
-nicht zum wenigsten sich selber, aufnahm und zur Schau trug, Haltung und
-Gebärden wie eines Tierbändigers, der einen funkelnden Jaguar auf der
-Achsel um die Arena trägt.
-
-»Keuschheit«, erklärte Josef, »hat mit der Selbstzucht wie mit allen
-übrigen Tugenden das gemein, daß sie allesamt aufhören, Tugenden zu
-sein, sobald sie von sich wissen. Ach, zum Schriftsteller bald wird der
-einst so poetische Jüngling! Wird der Knabe zum Mann, wird er wissend,
-wird er klug. Eine Frau braucht nicht zu wissen --« Ulrikas Züge
-spannten sich aufhorchend --, »sie verfügt über die verblüffende Gabe
-der Willkür, diese Gabe -- -- es giebt ein Augenleiden, das besteht in
-sogenannten Ausfällen im Gesichtsfeld, das heißt in einer
-Lückenblindheit für eben die Stelle, die das Auge fassen will -- und
-solche Ausfälle hat sie dann in ihrem seelischen Gesichtsfeld. Der
-Schmutz ist da, hell in der Sonne, aber sie sieht ihn nicht, sie sieht
-ihn wahrhaftig nicht, sie übersieht, was ihr mißfällt, überdenkt oder
-überfühlt, was ihr Empfinden verletzen müßte. Es ist nicht keusch, von
-Mutterschaft, Zeugung oder Liebeskrankheit nichts zu wissen, sondern es
-ist keusch, dergleichen auf keusche Weise zu wissen, ebenso wie es
-nämlich nicht genial ist, anders zu sein, zu handeln als die Andern,
-sondern: was jeder sein könnte, auf geniale Weise zu sein, das ist
-genial, -- glauben Sie mir, Bogner, wenn Sie ein Genie genannt zu werden
-verdienen, so geschieht das aus keinem andern Grunde, als weil Sie eins
-sind,« Nun spricht er genau wie Georges, dachte Renate wehmütig, wo
-bleibt er nur den ganzen Tag? --
-
-Josef hatte Atem geschöpft und spielte leicht und rauschend weiter:
-
-»Nicht anders verhält es sich mit der Selbstzucht. Die Frau kann
-Gefahren vermeiden. Da sie nicht zu lernen braucht, sondern alles
-eingeboren auf die Welt bringt wie ein Tier, so weiß sie, gesetzt sie
-ist grade beschaffen, in jedem Notfall das Richtige und Heilsame zu
-treffen; sie tut es blindlings, sie verjagt als Henne blind den Sperber,
-sie gebiert blindlings ein Kind ums andre und kennt keine Furcht und
-keinen Schmerz, weil eins not ist! Der Mann muß all und jedes ganz von
-vorne lernen, und er kennt keinen Lehrmeister als die eigne Erfahrung.
-Darum sucht er die Gefahr, bildet sich an der Gefahr, nährt sich mit
-ihr. Er will wissen, er soll wissen, er hat sich nirgend zu
-verschließen, denn er soll zeugen. Wer zeugen soll, muß wählen, wer
-wählen soll, muß forschen, erkennen, wissen. Die Frau kann sich rein
-halten, der Mann kann das nicht, aber er kann sich reinigen. Die
-stärksten Seelen gehn am längsten fehl, las ich bei einem Dichter. Es
-kommt nicht darauf an, sich nicht zu verlieren; sich immer wieder zu
-gewinnen, darauf kommt es an. Und darauf freilich, gute Renate, daß es
-ein Gewinn wirklich sei, nämlich ein Mehr, nicht bloß ein Ebensoviel.
-Ich zum Beispiel verlor ein halbes Gesicht und verdoppelte die
-Spannkraft meiner Seele. Aber auch die verbliebene Hälfte meines
-Hauptes, sei überzeugt, werde ich nicht verloren geben, und hier endet
-unser Gespräch.« Der Wagen hielt.
-
-
- Festzug
-
-Renate, an Bogners Hand nach rechts aus dem Wagen auf die leere und
-sonnige Landstraße kletternd -- sie seien dicht vor der Stadt, erklärte
-Bogner --, fand sich nahe gegenüber einer haushoch scheinenden goldenen
-Wand, die fast die Breite der Straße ausfüllte und über und über mit
-einer leuchtenden Malerei von altertümlichen Figuren bedeckt war. Indem
-kam um die Ecke, staunend nach oben verdrehten Kopfes, der eine
-himbeerfarbene Kugel war, der Erzbischof, unterm Arm die gespaltene
-Mitra, ein golden und weißes Faß auf Füßen, warf gegen Renate einen
-verwirrten Blick, fuhr sich mit dem Taschentuch über den blanken Schädel
-und fuhr fort, zu schauen und zu staunen. Die Wand war in hohe und
-schmale gotische Flachnischen geteilt, drei oben und sechs darunter; die
-Umrahmungen waren von Gold, golden auch der Grund des Inneren, das die
-gemalten Figuren füllten. Bogner hinter ihr sagte, es sei die Rückwand
-des Festwagens. Die Gestalten -- Heilige schienen es in reichen Trachten
--- waren so schön gemalt, daß sie nach dem Künstler fragte. Statt
-Bogners antwortete nun Josefs Stimme hinter ihr, Bogner habe sie
-entworfen, und Tobias und sein Hündlein hätten sie gemalt. Ja, da stand
-Tobias, blaß und mit ängstlich gerunzelten Brauen. Renate nahm ihn beim
-Kopf, lobte ihn sehr und sagte, nun müßte er ihr die Bilder auch
-erklären.
-
-Es wären die neun Monate, fing der Junge an.
-
-»Neun, Tobias, seit wann haben wir neun?«
-
-Tobias sah verlegen zu Josef auf. »Weil es«, hörte Renate seine Stimme
-hinter der Maske, »nur neun giebt, mein Knabe. Ihr könnt das erstens
-daran erkennen, daß der Mensch sich neun Monate im Mutterleib aufhält
-und nicht zwölf, seine Natur müßte sich also an eine ganz neue Rechnung
-gewöhnen. Ihr wißt aber, daß es die Eigenschaft der Natur ist, sich an
-nichts und niemals zu gewöhnen. Du kannst aber auch anders rechnen, mein
-Junge, indem du dir sagst, daß von unsern zwölf Monaten drei keine
-Gezeiten sind, sondern nur Zeit, nämlich Dezember, Januar und Februar,
-wo die Erde schläft oder sich erholt. Im ersten Falle müßtest du jedem
-unsrer Monate vier Drittel seiner jetzigen Tageszahl zuteilen, und wenn
-du dann das Ganze durch Drei teilest, so bekämest du drei schöne
-Jahresstücke, die ungefähr unserm März bis Juni, Juli bis Oktober und
-November bis Februar entsprechen würden, mit Werdezeit, Reifezeit und
-Sterbezeit. Deinen Lehrer Bogner aber siehst du hier das Jahr mit dem
-Frühling, mit dem März beginnen, einem schönen Sankt Sebastian, dessen
-Stricke gesprengt zu seinen Füßen liegen, der ins Goldgewölk lächelt,
-und dessen Leib und Marterstamm über und über gespickt sind mit farbigen
-Krokus, Schlüsselblumen, Hyazinthen und Narzissen, in die sich die
-Pfeile oder Hagelgeschosse des Winters verwandelt haben, -- aber,
-Renate, es wird Zeit, wenn du den ganzen Wagen noch beschauen willst
-...«
-
-»Nein, diesen noch,« bat Renate entzückt, »das scheint Sankt Christofer
---« sie zählte ab, »-- Oktober, warum Oktober?«
-
-»Siehst du nicht,« sagte Josef, »daß es nicht Sankt Christofer ist,
-sondern der griechische Gott Herakles mit seiner Keule, der den kleinen
-Dionysos-Christus auf der Schulter trägt, Weinlaub im Haar, und daß es
-die große, blaue Traube in seiner Kinderhand ist, die dem Alten so viel
-Beschwerde macht? Du kannst es dann bei Hölderlin nachlesen.«
-
-»Was doch dieser Maler alles weiß!« lächelte Renate verwundert und
-bemerkte, sich umdrehend, ihre Zofe, welche die goldene Wand ihres
-Mantelfutters entfaltete. Sie ließ sich den dunkelblauen Mantel auf die
-Achseln legen und wollte den hohen, nach außen gebogenen Kragen der
-Wärme wegen offen lassen, aber nun bat Josef: »Einen Augenblick!« hakte
-den Kragen zu, raffte die dunkelblauen Falten unten, belud ihr den
-linken Arm damit, spreizte auch leicht die Finger der Hand unter dem
-Bausch, trat zurück und sagte: »Erstaunlich! Wem gleichst du nun auf ein
-Haar?«
-
-Renate, an sich herunterblickend, meinte: »Der Naumburger Uta? Seh ich
-so hold und kindlich aus?«
-
-»Oh, sie hat ja auch keine Zöpfe,« sagte er, »aber die Hand mit dem
-Bausch und dem Faltensturz und die blaue Farbe, das ist kostbarer als
-der alte graue Stein. Komm weiter!«
-
-Er zog Renate um die Wagenecke, aber sie prallte heftig zurück, denn
-dort hinten, vor den riesigen Wagen geschirrt, standen zwei Elefanten,
-nein vier, nein sechs! zu zweien hintereinander, Ungetüme von hellgrauer
-Farbe, seltsam von einem rötlichen Hauch bedeckt, und von Josef
-hingezogen, sah Renate, daß es die künstlichsten Ornamente, Ranken,
-Blumen und Tiere waren, mit feinem, rotem Pinsel aufgetragen.
-
-»Dein Ritter Georg hat es so gewollt,« äußerte Josef, »man macht es so
-in Indien, aber ohne meinen Chinesen hätte er es nicht bekommen.«
-
-»Chinesen? Ach, der auch deine Maske --«
-
-»So hast du sie gesehn? Sie taugt nicht viel, außer bei Dämmrung,«
-meinte Josef, »aber der Brave liebt mich sehr und brachte sie eines
-Tages an.«
-
-Renate fuhr in diesem Augenblick, langsam weiter schreitend, von einem
-Anblick zusammen, dessen Art und Gewalt sie fürs erste gar nicht
-begriff. Wo war sie denn? Ein schneeweißes Tier hielt ein langes weißes
-Horn auf sie gerichtet ... Auf der leeren Straße, einsam in einem weiten
-Kreise von seltsam bunten Menschen, stand, die Vorderhufe zierlich
-eingestemmt, milchweiß -- das Einhorn. Das Legendentier, das heilige, --
-am Nacken breit fiel das gewellte Tuch der weißen Mähne nieder, vor der
-Stirne, gerade auf Renate gerichtet, stand -- wunderbar -- die lange
-Düte des großgewundenen weißen Horns.
-
-Schauder von Furcht, Schauder von Süße durchwirbelten Renate; sie
-faltete die Hände, ihr ward glühend heiß und jetzt auf eine
-unerklärliche Weise furchtsam, immer furchtsamer zumut, bis es sie kalt
-durchlief und sie sich ermannte. Da stand Josefs schwarze Gestalt mit
-unsichtbarem Kopf neben ihr, unheimlich genug, aber, kaum wissend, was
-sie tat, trat sie dicht vor ihn hin, drängte sich an seine Brust und
-sagte angstvoll zu den Augenschlitzen hinauf:
-
-»Was will das Tier, Josef? Oh, Josef, das schreckliche, heilige Tier!«
-Seltsam fern hörte sie Josefs Stimme:
-
-»Erkennst du denn deinen Schimmel nicht wieder, Renate? Das Horn ist
-Papiermasse und mit einer kleinen, silbernen Platte befestigt, siehst
-du?«
-
-Sie lächelte nun, denn er sprach ihr zu wie einem Kinde. Nachdenklich
-stützte sie das Kinn in die linke Hand, den Ellbogen in die Rechte
-setzend, und betrachtete das Wunder, wie es den Kopf senkte und aufwarf
-und das weiße Horn stieg und fiel. Die Stute war so viel kleiner
-geworden und sah zugleich mutwillig, fromm, klug und ganz und gar
-fabelhaft aus.
-
-»Welch gutes Herz du doch hast, Renate,« hörte sie Josef sagen, »aber
-das kommt davon, wenn man nie ins Theater gehn will, dann nimmt man
-alles für Natur.«
-
-Sie lächelte zerstreut. Dazu die Trachten ringsum, tiefes Mittelalter
-... Ein wenig entfremdet wurden für Renate all diese Edelleute, Frauen
-in Mänteln und engärmeligen Tuniken, diese Mohren in reichen Gewändern,
-Sarazenen, durch ihre Buntheit, da sie eben noch das graue Mittelalter
-der steinernen Uta vor sich gesehn, aber nun wurden es schon die alten
-Evangelienbilder Stefan Lochners und der namenlosen Meister von Cöln und
-Niederland, und schließlich erschien langsam die neue Zeit in den von
-der Tracht veränderten Zügen der Gegenwart, zudem in einem Schwarm von
-Negerknaben in dunkelblauen Hemden mit kleinen goldenen
-Kardinalskäppchen auf dem Kopf, die, sich balgend, über das Feld zur
-Seite dahinstoben. Ah, die gehörten wohl auf den Rücken der Elefanten,
-wo auf kleinen grünen Schabracken dunkelblaue Enziankelche, wie Kessel
-groß, befestigt waren. Nun sah sie auch die Straße hinab das wogende
-Getümmel, hochgetürmte Wagen hintereinander, seltsame, riesige Puppen,
-Tiere, Berittene in Kettenhemden und ringsum den Hain der Masten,
-Fahnen, Wimpel und Banner in allen Farben, vor allem den heiteren Blau,
-Weiß und Grün, und dieser Strom war am Straßeneingang links und rechts
-flankiert von den fensterlosen Ziegelwänden zweier Neubauten wie von den
-Wänden eines Steinbruchs. Die Häuserfronten an der Straße waren kaum
-sichtbar vor hangenden Fahnentüchern, Teppichen und den Gesichtern und
-Oberkörpern in allen Fenstern. Gläsern wie über Korn oder Haide
-flackerte darüber die Sonnenluft in den heißen, blauen Himmel.
-
-Josef mahnte, den Wagen zu besteigen. Sie wandte sich, -- sieh, da stand
-auf der untersten breiten Plattform, -- mit buntem Steinmosaik belegt,
-zwei Schuh hoch über dem Pflaster, -- der riesige Erzbischof mit dem
-Krummstab auf einem flachen Podium, eine weiß und goldene Glocke, die
-gespaltene Mitra noch in der Hand. Ritterlich bot der dicke Mann -- in
-Wahrheit der Postdirektor, sie kannte ihn vom Sehen -- ihr die Hand, sie
-stieg die Stufen zur Plattform empor und stand vor einer Terrasse in
-fünf Streifen, breit von der obern Plattform droben herunterströmende
-Gefälle von mannshohen Lilien, drei, an den Seiten und in der Mitte;
-dazwischen die schmaleren, goldenen Streifen waren sechs oder sieben
-fußhohe Stufen mit goldenen Geländern. Darauf kämen viele holde
-Jungfrauen zu stehn, erklärte Bogner, der plötzlich wieder da war und
-ihr nach oben verhalf. Im Hinaufsteigen sah sie die obere Plattform;
-zwei schwarze, überlebensgroße Reiher standen da links und rechts, die
-scharfen langen Schnäbel senkrecht eingestellt, und in der Mitte ein
-goldner Sessel ohne Rückenlehne vor einer ganz goldnen Wand von drei
-grünspangrünen gotischen Bögen, die blendend glitzerte, mit gehämmertem
-Goldblech belegt. Ja, dieser Georg! Wo war er nur geblieben? -- Er hatte
-scheinbar Wert darauf gelegt, daß alles an diesem Wagen echt sein
-sollte. Ganz verwirrt ließ sie sich zwischen den Reihern nieder, aber
-nur um jählings zusammenzuschrecken von dem unverhofft schwindelnden
-Niedersturz ihres Blickes aus dieser Höhe. Sie mußte sich halten und
-sammeln, die Lilienkatarakte wimmelten schon von bunten Mädchen, Kränze
-im Haar und lange Lilienstengel in den Händen, unten der Erzbischof war
-klein geworden, klein sogar die Elefanten, und klein wie ein Zwergtier
-stand vor ihnen die Stute in der Tiefe, jetzt von Renate abgekehrt, an
-langen, dünnen Goldketten den Rüsselungetümen vorgespannt. Aber kühn
-geworden jetzt, wie eine Seeschwalbe schweifte ihr Blick über den
-wogenden Strom der Straße, wegschnellend über Bannerwälder in die Täler
-der brodelnden Menge des Zuges und der Zuschauer tief hinunter, zu
-kleinen Gesichtern, Händen, Schwertern und Blumen, hundert
-durchschatteten, flimmernden, beweglichen, hundertfach wechselnden und
-sich verändernden Farben, und jählings durch ein riesenhaft
-erschreckendes, in die Flucht schlagendes Wanken, Schwanken, Wogen und
-Gebausche von Fahnen über Fahnen hoch hinauf in den Himmel rechts,
-anprallend, zurück und um taumelnd vor einer gigantischen, still im Azur
-hangenden, smaragdgrünen Raupe, von deren Bauchseite lange blauweiße
-Fahnentücher in sachter Faltenbewegung nach unten hingen, zum Lachen
-schön und gelassen und deutlich mit jeder Schattenregung auf einem der
-Farbenstreifen, -- und schon -- weit in die Ferne davongeschossen,
-kreiste ihr Blick um eine andre, in der Entfernung kleinere Raupe,
-schneeweiß blitzend, unterwärts behangen mit langen Purpurtüchern, und
-schließlich verging ihr das Schauen an einer flimmernden goldenen
-Riesenkugel hoch über dem Dächermeer der Stadt.
-
-Gottseidank, da lächelte und nickte Ulrikas Gesicht aus dem Schwarm der
-Frauen herauf. Und sieh da, zu ihren Füßen kniete ja Bogner, mit den
-violetten Falten ihres Kleiderrocks beschäftigt, die er -- ganz mit den
-Bewegungen eines gefälligen Ladeninhabers -- um ihre Füße die Stufen
-hinunter in gebrochene Wellen fallen ließ. Blutrotbeinig und
-schwarzbewamst -- Bogner war doch sehr vertraueneinflößend, und
-obendrein wand sich auch jetzt mit vieler Mühe ein schwarz Geharnischter
-durch die kreischenden und sich windenden Mädchen, unter dessen Topfhelm
-das graue und heiße Gesicht des Erasmus sichtbar wurde, ungemein passend
-zu diesem Rahmen von Helm und stahlmaschigem Halskragen, der fest das
-Kinn umschloß. Nun war er oben, lachte vergnügt, indem er Renate die
-Hand hinstreckte, und setzte sich alsbald zu ihren Füßen links auf die
-oberste, frei gebliebene Stufe. -- Bogner ordnete noch ihre blauen
-Mantelfalten, daß der Goldstoff seines Futters und ihrer Überärmel
-sichtbar wurde, turnte dann durch die Frauen nach unten und setzte sich
-auf den Wagenrand unterhalb des Erzbischofs neben sein Henkerbeil, das
-auf dem roten Mantel lag, so daß seine Beine herunter hingen. Im selben
-Augenblick fühlte auch Renate schon, daß sie sich bewegte. Die
-Elefantenbeine in der Tiefe schritten; eifrig, vornübergebogen mit
-stählernen Schenkeln zog das weiße Pferd an, und unaufhörlich im Auf und
-Nieder zeigte sich und verschwand das lange Horn.
-
-Sanft, kaum schaukelnd auf weichen Rädern fühlte Renate sich hinbewegt
-in der Höhe des ersten Stockwerks an den Häusern vorüber. Sie freute
-sich, alle Furcht war verflogen, sie lächelte heiter und gelassen, als
-nun wieder der Jubel, unten überm Pflaster und die langen Reihen der
-Fenster und Balkone hinunter, aufbrach bei ihrem Nahen, immer neue,
-weiter wallende, voraufeilende Bewegung, geschwungene Hüte und Tücher,
-winkende Hände, hundert und tausend eifrige Arme, hundert und tausend
-staunende, bei ihrem Anblick sich einander zudrehende und zurufende
-Gesichter, Augen und schallende Münder, so viele immerhin, daß die
-Häßlichkeit nicht eines einzigen sich gewahren ließ, wenn es sie gab. Zu
-ihren Füßen Ritter, Bischof und Henker, die Träger ihrer Macht, gezogen
-von Fabel- und Legendengetier, -- es war eine sonderbare Wanderschaft
-durch die Stadt. Sie hatte nie dergleichen geträumt, aber wie töricht
-war es auch, zu erschrecken! sie mit Heiterkeit und Gelassenheit zu
-ertragen, war das einzig Mögliche, das Nötige mit Anmut zu leisten. Wie
-war sie nur dahineingeraten? -- Sie konnte sich im Augenblick nicht
-besinnen, jedoch wurde nach einer Zeit das Gesicht des Herzogs hinter
-diesen transparenten bunten Wänden sichtbar, sie nickte ihm zu und
-sagte: Guter Woldemar, so komme ich nun zu dir, was sagst du denn dazu?
--- Ein großer Mummenschanz, Renate, hörte sie ihn gutmütig murren.
-
-Jesus, wie schwefelgelb war diese Riesenfahne, zehn Meter lang gewiß,
-die der Kerl da auf dem Schornstein schwenkte. Da bog der Wagen um die
-Ecke, langsam, langsam in eine breitere Straße hinein, die nun
-unabsehbar vor ihr dahinrollte, ein tosender Strom, kochend von
-Sommerhitze und Geschrei, brodelnd, überschäumend in Blumengirlanden,
-Teppichen, Teppichen, Fahnen, Fahnen, Fahnen, schlagenden, Schatten groß
-niederwerfenden, brandend aufwärts, klatschend und spritzend die steilen
-Ufer empor, über Gesichter und Gelächter in die Fenster, in die Zimmer
-hinein und wieder hinausgeschüttet mit vollen Händen: es regnete Blumen.
-Renate fühlte ihren Aufschlag auf Kopf und Schultern und Schoß, um sie
-her bedeckte der Boden der Plattform sich mit kleinen Sträußen,
-einzelnen Rosen, Reseden und Kornblumen, ununterbrochen kreuzten sich in
-der Luft vor ihr von beiden Seiten die Sturzbögen des bunten Regens, die
-Mädchen schleuderten sie wieder nach den Seiten empor und nach unten,
-Erasmus -- da hatte er den ganzen Helm voll gesammelt im Arm und schien
-begeistert und schleuderte Blumensträuße, wohin sichs schleudern ließ,
-mit ungeheurem Eifer. Unübersehbar vor ihr wankte die Wagenreihe,
-ohrbetäubend scholl das Gebrause, Toben und Gelächter, in Lüften
-tauchten auf und schwebten vorüber andre Ungetüme, Lindwurme mit
-beweglichem, feuerzüngigem Rachen und schlagenden, gezahnten Schweifen,
-aus der Gondel eines drohend und gewaltig daherlenkenden schneeweißen
-Luftschiffes regneten blitzende Schauer grünweißer Fähnlein, ein
-feuerfarbener Flieger, ein zitronengelber mit blauen Ringen, ein
-flammendblauer, schlugen herzbeklemmende Kreise, schleuderten sich in
-schwingenden Bögen durcheinander und hoch davon, wieder rollte zu
-Renates Füßen der Strom, der tausendstimmige, und wieder, in seiner
-Einsamkeit immer wieder fremd und ganz Legende, erschien das weiße,
-gehörnte Tier, ein kleiner Knabe in himmelblauem Kaftan ging daneben mit
-einem Mandelzweig, jetzt sah sie es erst, aber sonst schien alles sich
-fern zu halten, immer schritt es in freiem Raum, immer voll Eifer in
-seiner Arbeit, als schleppe es die sechs rüsselschwingenden Riesentiere
-auch, die ihm großmütig nachschritten. Da warf jemand von einem
-Eckbalkon einen ganzen Schwarm weißer Tauben in die Luft, daß es überall
-von geschwungenen Flügeln blitzte; eine, zwei, dreie strichen, laut
-flatternd, dicht über und vor Renate dahin; sie hielten Blumen in den
-roten Krallen. Ach, da unten saß ja dieser geduldige Bogner auf dem
-Wagenrand! Was tat Bogner? Er hielt eine Banane in der linken Hand, zog
-mit der rechten das Fell sorgsam in Streifen nach unten und biß hinein
-mit Behagen, während er schon mit der freigewordnen Hand nach
-einer neuen griff, denn ein ganzer Haufen davon lag in den
-auseinandergeschlagenen Falten seines roten Mantels.
-
-Welch süßer Wohlgeruch aber, welcher feuchte Regen von Frische umstäubte
-mit einem Mal ihr erhitztes Gesicht? Ah, diese Reiher! Da stießen sie in
-Pausen haardünne Silberstrahlen aus den Pfeilschnäbeln in die Lüfte, wo
-sie zerstäubend Kühle und Erquickung nach unten regneten. Dieser Georg
-hatte an alles gedacht. Aber wo war er denn? Diese Fahrt mit ihr zu
-machen, war doch sein ganzes Trachten gewesen ... Herr des Lebens, und
-nun tat sich der Boden vor ihren Füßen auf, eine Klappe schlug hoch, und
-herauf stiegen schwarze Gugelkappe, schwarze Schultern und Arme, die
-Josef, Renate den Rücken wendend, zu beschwörender Gebärde über die
-Tiefe ausbreitete. Wie der Teufel aus dem Kasten, dachte Renate, lachend
-und entrüstet mehr als erschreckt, raffte ihr Kleid und stieß ihm die
-Fußspitze zwischen die Schultern. Seinen Namen zu rufen, verhinderte sie
-sich rechtzeitig, gewahrte freilich mit einem Seitenblick, daß Erasmus
-weiter unterhalb so in seinen Blumenschleuderkampf verwickelt und
-vertieft war, daß er von dem Auftauchen seines Bruders nichts merkte.
-
-Ob das auch zum Programm gehöre, fragte Renate leise, sich vorbeugend,
-da Josef sich langsam zu ihr umdrehte.
-
-»Nicht eigentlich,« hörte sie ihn raunen durch das Getose, »ich sitze
-unten bei dem Mechaniker und der Musik und wollte mich nur überzeugen,
-ob die Reiher ordentlich arbeiteten.«
-
-»Musik?« fragte Renate erstaunt.
-
-»Ja, hast du sie nicht gehört? Gieb acht, sie fangen gleich wieder an!«
-
-Die ganze Luft war zum Bersten und Reißen gefüllt mit Musik, Fanfaren,
-Märschen, Glocken und dem menschlichen Gelärme dazu, aber jetzt
-plötzlich prasselte, rasselte und stampfte aus der geöffneten Klappe ein
-seltsam barbarisches Getöse von gestopften Hörnern, Fagotten, Becken und
-Schellen. Vor Josefs Gesicht bewegte sich das schwarze Zeug, aber Renate
-konnte nichts mehr verstehn. Die Gugelkappe nickte und tauchte langsam
-in die Tiefe, die Klappe fiel, gedämpfter scholl die Janitscharenmusik
-und verging im übrigen Brausen.
-
-Jetzt, da sie erst des Getöses bewußt geworden war, ermüdete Renate
-schnell. Ihre Ohren weigerten sich, ihre Augen ebenso. Neue
-Taubenschwärme, neue Luftungeheuer, rosige und schwarze Fische mit
-ungeheuren, schleierartigen Schwänzen und Flossen, neue Riesenraupen,
-Paradiesvögel, Böllerschüsse, Kanonenschläge, Glocken, Schreie
-vernichteten allmählich alle Empfindungen, sie saß kalt und matt,
-aufatmend, da am Ende der verengten Gasse der Marktplatz sichtbar wurde
-und die blumenbunte gotische Front des Rathauses; bald hielt ihr Wagen
-vor der Treppe, allein; der übrige Zug war abgeschwenkt, um von andrer
-Seite her vorbeizuziehn.
-
-Irgendwie nach unten gelangt, fühlte Renate mit schwachen Beinen das
-Pflaster unter den Füßen, als sei sie von einer Seefahrt gelandet, jetzt
-schwankend auf festem Boden. Irgend jemand half ihr die Seitentreppe zur
-Empore hinauf, sie fand sich in einem Saal, sie saß in einem Sofa, vor
-ihren Augen kreiste es und zuckte, ein Glas berührte ihre Lippen, sie
-sah aufblickend Ulrikas gute, besorgte Züge, trank und schmeckte kühle
-Limonade von Zitrone. Vor ihr stand der gute Erzbischof, ein Weinglas in
-der Hand und zu Tode erschöpft, auch den Spielleiter sah sie und sagte
-ihm ein paar Worte, da er nach ihrem Befinden zu fragen schien. Sie
-hatte sich nun wieder und war bereit, den Vorbeizug abzunehmen, aber nun
-fehlte die königliche Hoheit. Der Darsteller des bäurischen Herzogs
-erschien in großem Krönungsornat, bereit für Georg einzutreten, wenn er
-ausblieb. Sie warteten.
-
-
- Viertes Kapitel
-
-
- Getümmel
-
-Georg, in einer sonderbaren Dunkelheit, bestieg Unkas, der ungewöhnlich
-hoch und breit war, nämlich ein Elefant, ein brauner Elefant ohne
-sichtbaren Kopf für Georg von oben, und er wunderte sich flüchtig, daß
-er diesen gewaltigen Rücken mit den Schenkeln umspannen konnte, jedoch
-ging es bequem. Dann war es ein angenehmer Kitzel für ihn, zu spüren,
-wie folgsam und sicher das Ungetüm unter seinem leichten Schenkeldruck
-ging und Wendungen machte -- denn er hatte keine Zügel -- immer schön in
-ruhigem Trabe auf dem braunen Hufschlag an der Wand der dunklen Reitbahn
-herum, in der übrigens noch Andre, Undeutliche sich bewegten, Tiere und
-Menschen, und in der Mitte stand sein Vater im Frack mit vielen Orden
-auf der Brust und um den Hals, und es lächerte Georg, daß sein Vater
-auch die rote, weiß gewässerte Schärpe des Beuglenburgschen Hausordens
-umgelegt hatte, bloß weil sein Sohn ihn bekam. Nachgerade aber fing
-Georg an sich zu ärgern, daß sein Vater in einem fort mit Magda
-schäkerte, die ein langes, hellblaues Schleppkleid und Blumen im Haar
-trug, auch entzückend anzusehn war, -- anstatt seine Reitkünste zu
-beachten, zumal der Elefant jetzt im Traben sich immer schräger nach der
-Mitte der Bahn neigte und wieder aufrichtete, ganz wie ein Segelboot,
-und nun merkte Georg auch, daß der Koloß nicht lief, sondern schwamm,
-seine Beine waren nicht mehr zu sehn in einem braunen Wasser, das an den
-Wänden der Bahn plätscherte und angenehmerweise Georgs hineinhängende
-Füße nicht naß machte, und nun schwammen sie durch die Tür in ein
-Zimmer, wo die Möbel vergnüglich umhertaumelten, Sessel, ein Sofa und
-ein Klavier, auf dem Benno saß, die Beine an sich gezogen, und
-nachdenklich sagte: Du hast es gut, Georg, aber was machst du, wenn die
-Überschwemmung bis an die Decke steigt? Benno sah eigentlich genau aus
-wie Ulrika Tregiorni, war es auch wohl in Wirklichkeit, Georg rief ihr
-zu, sie solle schnell hinter ihm aufsitzen, aber da war er schon wieder
-zu einer Tür hinaus und schwamm sachte ins Tal hinunter, auf ein
-schönes, rotes Dorf zu, wo in einer sonderbaren farbigen und düstern
-Luft dreifarbige Fahnen hingen, für deren sonderliche Tönung er lange
-keine Namen fand, bis sie ihm violett, grau und braun zu sein schienen.
-Da war er schon mitten im Dorf und stand auf einem der Dächer, aber nun
-war die Überschwemmung auch schon bis an die Dachkanten gestiegen, und
-wie er höher klettern wollte, so neigte sich das ganze Dach wie ein Tuch
-nach innen, er glitt weich und sehr angenehm zu Boden, dann gab es einen
-Ruck ...
-
-Georg riß heftig die Augen auf, starrte in blendende Luft, kniff die
-Lider wieder zusammen, öffnete sie langsam und hatte ein wehendes
-Haferfeld mit riesengroßen Halmen dicht vor sich, doch entfernte es sich
-langsam, die Halme nahmen natürliche Größe an, eine tiefe, grabenartige,
-braune Furche war davor, in der seine Füße standen, und er saß mit
-vornüberhängendem Leibe in etwas Grünem, Moos und Grashalmen; über ihm
-waren Zweige, die Sonne schien grell und glühend, dunstig golden in
-allen Tiefen lagerte die Ebene.
-
-Müde, schläfrig, mit langsamen Gedanken kehrte Georg zu sich zurück.
-Wie? Er hatte sich ein wenig ausruhen wollen, weil Renate sich doch erst
-umkleiden mußte ... Aber was? Vorher kam doch erst der Lauf des
-Schimmels ... Nach der Uhr tastend, bemerkte er mit ängstlichem
-Mißtrauen die Stille umher und dann, die Uhr in der Hand, daß Arena und
-Tribünen in der Tiefe völlig leer waren. Die Uhrzeiger standen vor drei
-Viertel und eins. Noch gelähmt entdeckte er ein paar Schritte weit
-rechts, vorn im Haferfeld, den vermummten Unkas, das Maul still in der
-Luft, aus dem lange Halme mit ihren Wurzeln nach allen Seiten hingen.
-Georg fuhr zusammen, in jäher Angst ward ihm klar, daß um ein Uhr der
-Festzug begann, er hatte geschlafen, geschla-- -- Er sprang in rasender
-Wut und Angst auf, zu Unkas hin, suchte mit flatternden Händen die
-Verschlüsse der Decke, brachte mit unsäglicher Mühe eine nach der andern
-der neuen, harten Schnallen auf, riß die Decken zu Boden, war im Sattel.
-Unkas drehte sich unter Zügelriß und Absatz, Georg zerrte ihm
-wutschnaubend den Hafer aus den Zähnen, dann brach er durch Gestrüpp und
-Unterholz in den Wald ein, ins Freie der steilen Böschung und
-Buchenstämme. Den stürzenden Gaul konnte er noch eben hochreißen, dann
-zwang er ihn in schräger Linie den Abhang hinunter, der linke Vorderfuß
-trat zweimal, dreimal ins Leere, ehe er Boden fand, dann brach Unkas
-vorne nieder und stürzte um. Georg gelang es, den Fuß aus dem Bügel zu
-nehmen, ehe er gegen einen Baumstamm flog, mit der Stirn so kräftig
-anknallend, daß er schrie, Funken und Sterne spritzen sah und einen
-Augenblick, halb gelähmt, schmerzzerrissen, an dem Baum hing, auf den er
-in tobendem Grimm mit Fäusten hätte einhämmern mögen. Betäubt nach Unkas
-blickend, sah er ihn geduldig auf dem Rücken liegen, kletterte etwas
-tiefer, redete ihm gut zu, haschte nach dem Zügel, Unkas wälzte sich,
-schlug mit allen vieren um sich, kam auf die Vorderfüße, sprang auf und
-schüttelte sich. Georg reinigte ihn und sich obenhin von Moos, Zweigen
-und welken Blättern und zog ihn hinter sich den Abhang hinunter, durch
-Haselgesträuch ins Freie und saß auf.
-
-Danach hielt er lange Sekunden in völliger Lähmung. War dies wirklich?
-fragte er sich entsetzt. Was war mit ihm vorgegangen? Wie hatte er
-schlafen können? Und wie war ihm jetzt elend zumut! Gott im Himmel, war
-die strahlende Ausgelassenheit am Morgen nicht ein Wahnsinn gewesen,
-Unnatur, Wahnsinn?
-
-Gleich rechts lief der Feldweg gegen die offene Schranke und die
-Landstraße; Georg, jetzt fast besinnungslos vor würgender Angst, zu spät
-zu kommen, klemmte die Schenkel an, da streckte sich Unkas, und weinend
-vor Rührung empfand Georg im Davonjagen: Zwölf Jahre, alter Unkas, zwölf
-Jahre hast du mich getragen, du fühlst, was ich fühle ... da waren sie
-in spritzendem Bogen unter der Schranke weg um den Baum auf dem Reitweg
-der Landstraße. Georg lachte vor Angst, als er unter sich die wirbelnden
-Vorderbeine und Hufe des Pferdes sah, die Bäume flogen vorüber, ach, es
-ging längst noch nicht schnell genug, er legte sich, so lang er war,
-über den Pferderücken, am weitausgestreckten Arm die Hand unter der
-grunzenden Kehle, die er liebkoste unter weinendem Stammeln: Gott segne
-Napoleon, Gott segne den verfluchten Kaiser der Franzosen, der die
-Straße so breit gemacht hat, daß es Reitwege giebt! lauf Unkas, bitte,
-schneller, lieber Unkas, schneller, viel schneller! Lauf! lauf! du
-sollst bis ans Lebensende goldenen Hafer aus marmorner ... großer Gott,
-das steht ja in alten Kindergeschichten! Und nun sah er den Festzug, den
-Elefantenwagen und Renate, Alle warteten, der Festzug bewegte sich
-schon, da kam er angestürzt, -- um Himmels willen, die ganze Straße war
-versperrt von bunten Menschen, Planwagen, Kindern, und heraus ragten die
-dunklen Oberkörper einer ganzen Beuglenburgischen Schwadron. Er schäumte
-vor Wut, riß das Pferd zurück, jagte es zwischen den Bäumen durch in den
-trocknen Graben und stob weiter, unter den Zweigen her, die an ihm
-rissen, Unkas lag unter fortwährendem Stolpern fast mehr auf der Erde,
-als er lief, endlich war die Straße wieder frei, der Wallach erlangte
-sie von selber mit einem Satz und arbeitete sich wieder auf dem Reitweg
-dahin, während Georgs rechte Kniescheibe wie Feuer brannte vom Anprall
-an den Apfelbaum. Ein gelber Kerl, der vor ihm hintrottete, warf auf
-Georgs Wutschrei die Arme hoch und taumelte zur Seite, aber gleich
-darauf war er verfitzt in ein Getümmel von Reitern, die entsetzlich
-langsam dahintrabten, auf seinen Anruf sich unwillig und langsam
-umdrehten, dann aber, als sie sein Gesicht sahen, schleunig
-auseinanderwichen, ebenso die nächsten, denn sie schrien hinter Georg
-her: Achtung! der Großherzog! -- Großherzog, es war zum Totlachen und
-die ganze Straße querüber vermauert mit grellbunten Fußgängern. Georg
-wollte und mußte hindurch, schrie, so laut er konnte: »Platz! Platz für
-den Großherzog!« Zweie vor ihm sprangen zur Seite auseinander, die
-Andern drehten sich um, sahn ihn, sprangen seitwärts, schrien, es gab
-eine Gasse, und links war Bennos erschrecktes Gesicht. Georg nickte ihm
-im Vorübertraben zu und fragte angstvoll: »Wie spät ist es?« Eine Stimme
-schrie hinter ihm: »Gleich zwei!« dann noch mehrere durcheinander:
-»Dreiviertel! Zwei! Gleich zwei!« Georg hielt, riß die Uhr heraus, sie
-zeigte unwandelbar drei Viertel eins.
-
-Ich habe sie nicht aufgezogen in der verwünschten Nacht, murmelte Georg
-fassungslos im Weitertraben. Die Leute standen überall und sahn ihn an,
-er bemerkte, daß er dicht vor der Stadt war, ritt langsam weiter,
-begriff, daß der Zug um zwei Uhr am Rathaus sein sollte, -- also
-dorthin! aber wie kam er durch die Stadt? -- Nun waren da Häuser, er kam
-nur noch im Schritt vorwärts, Gott sei gelobt, da glänzte der weiße
-Zylinder eines Taxameterkutschers, der auf Georgs Anruf sofort nach
-Zügeln und Peitsche griff. Georg stieg ab, ein Mann hielt dienstfertig
-das Pferd, Georg griff in die Tasche, gab ihm, was er faßte, und fragte
-ihn, ob er das Pferd zum Schlosse bringen wollte, worauf sich von allen
-Seiten Hände streckten. Er lachte, nickte ihnen verloren zu und sprang
-in den Wagen, keuchend: »Zum Rathaus, so schnell wie möglich, durch
-leere Straßen!« Völlig verschlagenen Atems, legte er sich in eine Ecke
-und schloß die Augen. Sein linker Augenbuckel schmerzte, hinfassend
-fühlte er die Geschwulst, das war ja reizend! Zuckend an allen lahmen
-Gliedern, hätte er auf der Erde liegen mögen, so lang er war, aber er
-fuhr wieder hoch, erkannte, daß er durch leere, verlassene, düsterrote
-Straßen fuhr, saß nun vornübergebeugt, die Uhr in der Hand, zog sie auf
-und stellte die Zeiger auf fünf Minuten vor zwei. Ich komme ja doch zu
-spät, murmelte er matt. Und nun ging es endlos durch Straßen und
-Straßen, breite und schmale, über einen kleinen stillen Schmuckplatz,
-über eine Brücke, und wieder Straßen und Straßen. Er las alle Schilder
-über den Läden, die Reklamen, Straßenweiser ... Rackows Handelsakademie
-stand da. Kramläden zögerten vorüber, zeigten alles, Bilder von roten
-Kindern und Katzen mit Kakes, Pakete, aufrecht stehend, mit Kakao,
-Schüsseln voll Erbsen und Linsen, Lindener Warenhaus stand über einem
-kleinen Weißzeugladen voll Frauenwäsche, Packen länglich aufgerollter
-Langettenkanten und Anordnungen von Weißknöpfen auf blauen
-Papptäfelchen, aufgehäuft. Er sah in den Spiegelscheiben, in den dunklen
-Parterrefenstern zwischen Blumen und schwärzlichen Gardinen dunkel sein
-Gesicht im Vorbeiziehn, das Weiß und Grün seines Anzugs, versuchte, auch
-die Beule zu sehn, und bemerkte, daß er sich in der schwarzen Hälfte des
-Fahrtmessers spiegeln konnte. Gottlob, es war nur ein roter Fleck zu
-sehn, die Beule fühlte sich wohl nur so stark an, weil der Augenbuckel
-unter der Schwellung war. Auf einer breiten Straße mit Baumreihen in der
-Mitte hinrasselnd, durch Menschen, elektrische Bahnen, setzte er sich
-wieder in die Ecke und stützte den Kopf in die Hand, um nicht gesehen zu
-werden, in seinem Schädel war eine Feuersbrunst, aus der es zuckte.
-Niemals endete diese Fahrt, nun warf ihn der Wagen schüttelnd, aus einem
-Bahngleis gerissen, hin und her, dann gings um die Ecke, in eine
-schmale, einsame Straße, ein Überdach war rechts, das Deutsche Theater,
-Gottlob, nun kam die Altstadt, es ging wieder um eine Ecke, ein blauer
-Zettel klebte daran, halb zerrissen, mit großen schwarzen Lettern: Wählt
-Plate! -- Wieder um eine Ecke, vorbei an rundgebogenen Eckläden voll von
-Anzügen, alten Büchern, Harmonikas und nebeneinander aufgereihten
-Revolvern an einer Schnur; der Wagen rollte schneller auf Asphalt, aber
-die Zeiger der wahllos gestellten Uhr waren schon über zwei und zwölf,
-ich komme nie hinein! stöhnte Georg, und sofort darauf sagte eine
-Stimme: Sie kommen nicht hinein ...
-
-Georg starrte. Da saß Josef Montfort an einem Kaffeehaustisch und sagte:
-Sie kommen ... Josef von Montfort, dieser Scharlatan, heute nacht war er
-bei mir, er legte mir damals meinen Traum aus, vor drei Jahren, ach, es
-ist zum Tollwerden, zum Tollwerden ... Georg sah sich und die Droschke,
-Pferd und Kutscher wellig in den großen Spiegelscheiben des Warenhauses
-dahinziehn, dämmrig, vermischt mit Herrenhemden und Spazierstöcken, nun
-mit Kleiderstoffen, die in Stürzen von Stöcken fielen, nun mit Pyramiden
-und Säulen von Konservendosen, dann wurde er rechts um die Ecke
-geschüttelt und sah vor sich die Straße vollgepfropft mit Menschen. Ein
-Stück noch ging es weiter, er stand schon im Wagen, drückte dem Kutscher
-etwas in die Hand, sprang hinaus und versuchte, sich durchzudrängen.
-Dies war eine Lage zum Rasendwerden. Da war er mitten unterm Volk, im
-Theaterkostüm, so mußte es kommen: -- Na, na! junger Mann! sagte jemand,
-aber da war ein Schutzmann, er erkannte ihn, nun gab es entsetzliches
-Aufsehn, aber er kam durch, plötzlich war da der leere Platz, Georg
-zitterte und jauchzte, lief die Straße hinunter, am Fuß des Domes
-vorüber, da war das Lutherdenkmal, da die Seitentreppen zur kleinen
-Empore, sie war leer, Männer in Fräcken wollten auf ihn eindringen und
-prallten in der Luft zurück, er sprang die Stufen hinauf, und Renate
-wandte sich nach ihm um aus einer Gruppe ...
-
-
- Verspätung
-
-Jetzt, dachte Georg, auf Renate zuschreitend, die lächelte, jetzt ist
-der Augenblick da, wo es nur mich giebt, mich allein und sie, keinen
-Großherzog, kein Drum und Draußen, nur meinen Willen und mein Handeln.
--- Renate raffte ihr Gesicht aus der Müdigkeit mit einem erfreuten
-Lächeln auf, streckte ihm die Hand entgegen und fragte: »Nun?« Er faßte
-sie, da standen überall Menschen, aber dort war das Innere eines kleinen
-Zimmers durch die offene Tür sichtbar, und er sagte heiser, sich
-räuspernd: »Bitte, kommen Sie dort hinein«, und zog sie mit sich.
-
-Renate fragte sich, ob etwas geschehen sei, das er ihr allein mitteilen
-wollte; Georg sah gradeaus, während ihm Anfänge über Anfänge durch den
-Kopf schossen: Ich bin zwar erst zur Hälfte Großher-- -- wie dumm! --
-Renate, heute morgen habe ich vor Ihnen gekniet, aber ... Er fühlte sich
-kalt vor Angst, da waren sie in dem Zimmer, er stand vor ihr, wollte
-sagen: Renate, seit drei Jahren ... brachte auch dies nicht heraus,
-keuchte ... Renate wurde ängstlich vor seinen Augen; das eine war
-kleiner als das andre, ein roter Fleck darüber; da wußte sie schon
-alles, brachte es nicht fertig, es wirklich zu wissen, aber als Georg
-nun sagte: »Renate ...« flog sie furchtbar erschrocken auf ihn zu und
-drückte die linke Hand auf seinen Mund.
-
-Er ergriff taumlig ihr Handgelenk, die Augen fielen ihm zu, da merkte
-sie, daß er ihre Handfläche küßte, daß er ihre Gebärde falsch verstanden
-hatte, aber als sie jetzt an seinen Vater dachte, konnte sie sich nicht
-bergen vor einem unwiderstehlichen Lachgefühl, das sie lächeln machte,
-und sie senkte den Kopf und stotterte ganz ratlos und beschämt: »Lieber
-Junge, du kommst ja zu spät ...«
-
-Durch Georg zischte ein blendender Schwerthieb. Er riß die Augen auf,
-starrte sie verständnislos an und hörte sie sagen, während ihre
-Mundwinkel zuckten, immer heftiger zuckten und die Augen glänzten und
-funkelten: »Dein Vater war heut morgen schon ...«
-
-Renate konnte nicht mehr an sich halten, drehte sich um und stopfte sich
-die ganze Mundhöhle mit den Mantelfalten aus, um nicht zu lachen, aber
-auch das half nichts, mein Gott, was sollte das nur? ihre Nerven, die
-Aufregung ... sie erstickte beinah, riß die Seide wieder aus den Zähnen
-und brach in ein so erschütterndes, endloses Lachen aus, daß sie sich
-auf einen Sessel werfen mußte, die Stirn auf der Lehne, gestoßen und
-geschüttelt vom Lachkrampf.
-
-Leer stand Georg da. Fenster, so, Fenster ... Eins, zwei, drei ...
-Andersherum: Eins -- zwei -- drei --. Gotische Bögen. Renate lachte und
-lachte. Wie? Dein Vater war ... Im Munde hatte er noch das Beseligende
-und den ganz leisen Salzgeschmack ihres Handballens, und noch zuckte und
-zitterte sein Herz von der schwellenden Trunkenheit ihrer Berührung.
-Vater! dachte er endlich. Ja, ja, -- ja, freilich, so etwas denkt man
-wohl nie von seinen Vätern. Wie gut, daß er doch nicht mein Vater ist
-... Warum gut? -- Nun Haltung! sagte er sich fast bewußtlos, merkend,
-daß er schwankte. Renate lachte noch immer. Einen Augenblick lang
-empfand er Hohn und sagte vor sich hin: Nur die Ruhe kann es machen!
-dann durchflammte ihn der Ingrimm auf diese alberne Redensart.
-
-Renate hatte sich endlich erholt, fand ihr Taschentuch, trocknete sich
-die Augen, schneuzte sich, lachte noch einmal schluchzend auf, nahm sich
-zusammen und stand auf. Da sie Georg mit gesenktem Kopf vor sich
-hinstarren sah, ging sie leise auf ihn zu, legte eine Hand auf seine
-Schulter und wollte sagen: Lieber Georg ... Aber er zuckte vor ihrer
-Berührung zurück, trat seitwärts, biß die Zähne zusammen, sagte sich:
-Jetzt nur Haltung! senkte den Kopf und brachte leise hervor: »Verzeihen
-Sie, Renate, ich konnte nicht wissen ...«
-
-Nun streckte sie die Hand aus, er legte die seine zögernd hinein, Renate
-durchzuckte es, daß dies doch böse war, für später, was sollte daraus
-werden? Georg zog still ihre Hand nach vorn, indem er sich etwas drehte,
-so daß ihr rechter Arm in seinen linken zu liegen kam, und führte sie
-hinaus.
-
-Dann standen sie auf der Freitreppe, die Musik spielte Tusch, es regnete
-Blumen, die Menge war außer sich. Georg lächelte und winkte, Renate
-hielt sich zurück, neigte ein, zweimal den Kopf und ging schnell wieder
-in den Saal, indem sie bedachte, daß mindestens die Hälfte dieser
-Menschen sich jetzt etwas Verkehrtes einbildete. Dann ging auch Georg in
-den Saal zurück. Er fragte irgend jemand, ob ein Wagen da sei, ging mit
-außerordentlich leichten und freien Gliedern die Treppen hinunter, fand
-ein Automobil in einem Kreise von Menschen, welche die Hüte schwangen
-und Hurra schrieen, stieg ein, setzte sich zurück, winkte, lächelte und
-fuhr davon.
-
-Unterwegs sah er nach der Uhr. Es war noch nicht halb drei. Um halb war
-er zuhause, um halb vier mußte er auf dem Bahnhof sein und Prinz
-Adelbert empfangen, um vier Eidesleistung der Stände, Umkleiden, Uniform
-und Vereidigung des Füsilierregiments Großherzog in Stellvertretung der
-Armee, dann Paroleausgabe, es konnte halb sechs werden. Um sieben
-Galatafel im Schloß, große Cour, Défilée, um neun Anfang des Balles in
-der Universität, Terrasse, Gärten, Masken ... Illumination und
-offizielle Huldigung ... Wozu das alles? Renates Gesicht erschien, er
-schluchzte trocken ... Niemals -- niemals -- niemals ... Und sie würde
-die Frau seines Vaters ... Herrgott, was soll das werden? Das war
-niemals zu ertragen. Er legte das Gesicht in die Hände, ihm war, als ob
-er weinte, aber er weinte nicht. Gelacht hatte sie, krampfartig gelacht.
-Ja, es war wohl sehr komisch. Um halb neun war ich bei ihr, dachte er
-nüchtern, und Vater -- oh Vater war der Mann der Tat und stand früh auf.
-Warum hatte er übrigens bis heute gewartet, und warum nicht bis morgen?
--- Niemals -- niemals --. Ihm brannte die Brust, er fühlte sich matt und
-elend. Dieser wahnsinnige Ritt. Ich komme nicht hinein, dachte er,
-Montfort hat recht in jeder Beziehung.
-
-
- Heimkehr
-
-Vor der Tür des Schlößchens erwarteten ihn zwei unbekannte Lakaien, die
-er wegschickte. Seine Zimmer sahen ihn fremd an und fürchterlich unnütz.
-Er ging durch das Schlafzimmer ins Badezimmer, holte das Schlüsselbund
-hervor und öffnete das heimliche Gemach. Schön dämmrig lag es in der
-Nachmittagssonne, die breite goldene Dämme durch die Fenstervorhänge
-hineinstellte. Still, sehr schön, edel -- trotz Cora -- stand das
-wolkige Himmelbett. Er dachte: Ja, Cora war darin, so konnte es wohl
-nichts werden ... und fiel vor dem Kopfkissen auf die Knie, legte die
-Stirn auf den Bettrand und verlor sich. Er sprang wieder auf und ließ
-sich rücklings auf das Weiche hinfallen, lag ausgestreckt, dankbar für
-die Wohltat des Ruhens. Da schrillte fern im Zimmer das Telephon, aber
-erst, da es gar nicht wieder aufhören zu wollen schien, entschloß er
-sich aufzustehn, ging hin und nahm den Hörer ans Ohr. Er wollte sagen:
-Prinz Trassenberg, -- aber -- nein, Großherzog war er ja noch immer
-nicht ganz, so sagte er nur wie Birnbaum »Ja?«
-
-Eine Männerstimme fragte: »Hoheit?«
-
-»Ja.«
-
-»Zwillinge!« schrie die Stimme Schleys so fürchterlich laut, daß ihm das
-Ohr schmerzte, »Zwillinge! Zwei Sozialisten!«
-
-Georg begriff Augenblicke lang gar nichts, dann entfuhr es ihm: »Was?
-Virgo? deine Frau? Donnerwetter!«
-
-Schley drüben schien zu lachen, rief dann: »Ich glaube, Hoheit, du bist
-der elfte, der Donnerwetter sagt, das scheint bei Zwillingen das einzig
-Mögliche.«
-
-Georg wußte nicht, was er denken sollte. Der Begriff Zwillinge verdeckte
-für den Augenblick alles, er konnte nur fragen: »Und Virgo?« wobei er
-nun denken mußte: Dieser Name -- und Zwillinge ...
-
-»Danke, vortrefflich,« hörte er Schley sagen, »ein wenig sehr matt, aber
-sie ist immerhin im besten Alter, -- freilich, als der zweite heraus
-war, bin ich dem Tode fast so nah gewesen wie sie, ohne mich brüsten zu
-wollen, -- stell dir vor! Ich war am Ohnmächtigwerden vor Wut. So ein
-kleiner Mensch wie sie und in Stücke gerissen ...«
-
-Georg schauderte plötzlich; er sah zwei unflätige Riesen, und Virgo im
-Bett, schreiend, sich wälzend, und die Riesen zerrten an ihren Beinen
-... Er schüttelte sich.
-
-»Ich habe geflucht und gebetet,« sagte Schley, »und der Arzt, es war zum
-Tollwerden, er tat wie ein Athlet, der seine Tochter Kunststücke machen
-läßt und lacht, wie gut sie's kann. Aber nun stehn die Namen wenigstens
-fest.«
-
-Georg erinnerte sich der unzähligen Verhandlungen über die Namensfrage,
-und wie Virgos Mann sich erbost hatte, daß ein Junge Georg, ein Mädchen
-Georgine heißen sollte.
-
-»Nun?« fragte er. »Ja, weißt du,« hörte er Schley kleinlaut sagen, »beim
-ersten schrie sie immerfort: Georg! ...« Georg zuckte das Herz. Da hatte
-sie gelegen und seinen Namen geschrien ... Und er, wo war er? -- »Beim
-zweiten«, fuhr ihr Mann muntrer fort, »sagte sie gar nichts, da
-knirschte sie nur, aber als ich dann ins Zimmer durfte, sagte sie nur:
-Wolf... -- mit ihrer tiefen Stimme, und wie sie dalag --« Georg sah sie
-daliegen, sah die übermenschlich groß gewordenen braunen Augen unter dem
-knabenhaften Haarbusch im kleinen, weißen Gesicht -- »und mich ansah,«
-sagte Schley, »ja, -- da bin ich umgefallen ...« Seine Stimme zitterte
-heiser. »In meinem Leben habe ich nicht so geweint«, sagte er.
-
-Sie schwiegen Beide. In Georgs Gehör brach Gesang auf, die Glucksche
-Melodie: Ach ich ha--be sie -- verlo--o--ren ...
-
-»Also heißen sie Georg und Wolfgang«, sagte Schley.
-
-»Hoffentlich«, meinte Georg matt, »kann man sie unterscheiden.«
-
-»Na, vorläufig ist nicht dran zu denken, einer wie der andre ist eine
-rote Zuckerrübe mit einem schwarzen Busch auf dem Kopf, ich weiß längst
-nicht mehr, wer Georg und wer Wolfgang ist, die Hebamme ist der einzige
-Zeuge, und Virgo will ja nun durchaus, daß dem Georg ihr einer Ohrring,
-der kleine goldene, eingeklemmt wird, und ob du einverstanden wärst?«
-
-Ja, Georg war einverstanden. »Und bitte: tausend Grüße, und wenn ich nur
-einen Augenblick heute frei hätte, so käme ich.«
-
-»Ja, höre, Georg, noch etwas --« sagte Schley, »hast du meinen Schwager
-getroffen?« Georg verneinte. »Er wollte dich treffen und ging schon früh
-fort; er hatte kein Kostüm und wollte sehn, daß er noch eins bekäme, er
-müßte dich heute noch sprechen. Zurückgekommen ist er nicht, auch nicht
-zum Essen, aber er hat angeläutet -- ich war grade in die Apotheke
-hinüber -- und hat sagen lassen, falls ich erführe, wann du Zeit für ihn
-hättest -- er würde wieder anrufen ...«
-
-Georg dachte nach. Halb vier, fünf, -- »Ja, zwischen sechs und sieben
-wäre es möglich«, sagte er.
-
-»Schön, zwischen sechs und sieben! ich habe leider keine Ahnung, um was
-es sich handeln mag. Adieu, Hoheit! Wie fühlst du dich denn? Der Festzug
-soll ja großartig ...«
-
-»Ja, es war schade, daß ihr gar nichts zu sehn bekamt. Also leb wohl,
-leb wohl!«
-
-»Adieu, Georg!«
-
-Georg legte langsam den Hörer nieder und glitt in den Armstuhl zurück.
-Die Sonne, die den ganzen Schreibtisch vor ihm bedeckte, blendete seine
-Augen, er setzte sich zurück, beschattete die Augen, den Ellbogen
-aufstützend, und sah, undeutlich hinterm blitzenden Glase, Virgos
-Photographie, während es durch ihn hinsang: All mein Glück -- ist nun --
-dahi--in ... Esthers Bild nahm ich fort, dachte er, ich gab Esther für
-Renate, ich gab Virgo für Renate. Esther starb, und Virgo bekam
-Zwillinge. Sonderbar, man sagt doch immer: bekam, obgleich eigentlich
-... Freilich, ich gab sie nie ganz, und infolgedessen legte Renate sich
-über den Stuhl und bekam einen Lachkrampf. Kann man das so aufreihn:
-Bekam Lachkrampf, bekam Zwillinge, bekam Tod ... Schwer und verdumpft
-fühlte er seine Brust, er sah Renate, auf dem silbernen Pferde ganz
-klein am Fuß des Dammes, wie sie in die Arena ritt, dann ihr Profil
-unterm Thronhimmel ... Immer wieder kehrst du, Melancholie ... hörte er
-sagen. Von wem war das noch? Von Trakl, zuerst hörte ich es von Josef,
-oh ich weiß noch, in der Droschke, als wir zu Lenusch fuhren, und
-Cornelia Ring, -- Cordelia ... An seinen Lippen brannte plötzlich
-Renates Hand, er schmeckte ihre Haut, Tränen schossen ihm in die Augen,
--- oh nicht weinen! sagte er sanftmütig. Ich war ja glücklich heut, oh
-wie war ich glücklich! Es war ein Rausch, ich glaube, es war im Grunde
-ganz unnatürlich. Ja, sehr -- denn wie konnte ich so tief und lange
-schlafen am Waldrand? Was ist hier nicht in Ordnung? fragte er scharf,
-sich vorsetzend.
-
-Ach, ich ha--be sie ... Die kleine Uhr vor ihm schlug dreimal hell, er
-sah die Zeiger auf drei Uhr stehn. Schwerfällig stand er auf. Nun also
-Haltung! mahnte er sich und kam nicht weiter. Alles schien grau. Nur die
-Sonne brannte und brannte. Die Farbe Renate erlosch, und -- richtig,
-sagte Georg, alles kam, wie es kommen mußte, sagt Georg Hermann; wer
-Renate will, hat allein sie zu wollen. Wer Renate will, hat allein sie
-zu wollen. Wer Renate will ... Wer Renate will ... Jählings faltete er
-die Hände, seine Lippen zitterten, das Weinen stieg ihm in die Kehle, er
-wand sich, die Knie sanken ihm ein, er flüsterte: Renate, Gott im
-Himmel, Renate, ich kann ja nicht, oh mein Gott, ich kann ja nicht! Dann
-schüttelte er sich barsch, ging zur Wand und drückte auf den
-Klingelknopf. Er schwankte, sein Kopf fiel vornüber, er stand, den Arm
-gegen die Klingel gestemmt, als der Lakai eintrat. Drei Sekunden hatte
-er verständnislos ein uralt scheinendes, faltiges, gütig aussehendes
-Gesicht über einer grünen Livree vor sich, dann dachte er langsam: Ach
-so! es geht ja weiter, immer weiter ...
-
-»Wie heißen Sie?« fragte er leise.
-
-»Albert Neffe, königliche Hoheit«, sagte eine farblose Stimme. Das Wort
-königliche Hoheit machte Georg sonderbar hochgehn. Er gab dem alten
-Manne die Hand und sagte, unfähig, laut zu sprechen:
-
-»Gut, Albert. Sie sind ein alter Mann. Ich verlange nicht viel. Sie
-erfahren meine Gewohnheiten von Egon. Ich pflege alles allein zu tun.
-Heut können Sie mir helfen. Also hurtig!«
-
-Er lächelte. Als der Kammerdiener ihm den Rücken drehte, fragte er ihm
-nach: »Wie alt sind Sie?«
-
-Der Alte drehte sich und stand still, Georg sah seine weißen Strümpfe
-und hörte ihn sagen: »Königliche Hoheit, zweiundfünfzig.«
-
-»Na, da sind Sie ja noch ein ganz junger Mann!« Der Diener lächelte
-gütig, aber dabei ward eine Zahnlücke im linken Mundwinkel sichtbar, und
-im Augenblick erschien hinter dem ersten, faltig vornehmen ein ganz
-anderes Gesicht, das heimlich kümmerliche eines gewöhnlichen alten
-Mannes. -- Er verschwand im Schlafzimmer.
-
-Merkwürdig, dachte Georg, was es für Menschen giebt! Der sah erst aus,
-als ob er die Livree auch nachts nicht auszöge, auch nicht im Traum. Er
-war ja nur Gesicht, alles Übrige waren Leib und Beine, ausgestopft und
-nur -- Stütze. Sowas lebt auch. Tante Henriettes Mann sieht aufs Haar so
-aus wie er, -- und eigentlich ists auch kein Gesicht mehr, es sind nur
--- -- Er fand nicht, was es war, verlor Zusammenhang und Gedanken. Das
-macht die Gewohnheit, sagte er mit jäher Erkenntnis, ja die Gewohnheit
-... Er fuhr heftig zusammen. Dann richtete er sich auf und ging schnell,
-aufrecht und ganz blind ins Schlafzimmer.
-
-
- Fünftes Kapitel
-
-
- Heimkehr (die andre)
-
-Renate ging zu Ulrika, blieb vor ihr stehn und merkte, daß ihr Gesicht
-sich wieder in Lächelfalten verzog. »Komm bloß fort,« raunte sie ihr zu,
-»es ist furchtbar mit mir, ich -- ich sage dir gleich alles!«
-
-Im Treppenhaus, nach dem Geländer fassend, blieb sie stehn, aber kaum
-daß sie, zu Ulrika gewandt, herausbrachte: »Georg --« prustete sie nur,
-ergriff Ulrika am Arm, zog sie die Treppe hinunter und zwang sich
-unterwegs, heftig den Kopf aufrecht stellend, zum Ernst. »Wie ist es
-denn,« fragte sie unten, »kommst du mit mir?«
-
-Während sie Ulrika leise sagen hörte: »Ja, ich möchte gern«, fiel ihr
-Josef ein -- wo war er geblieben? -- und alles andre, ihr Herz wollte
-sich zusammenziehn, aber der helle Sonnenglanz über dem bunten,
-lebhaften Gedränge im halben Schatten der Gasse und, da ihr Blick von
-selber aufwärts ging, große, schimmernde Wolkengebäude im starken Blau,
-die zwischen die scharfen, altertümlichen Dächer und Kanten
-herabzusinken schienen, machten sie leicht und sicher. Josef wird schon
-dort sein, dachte sie, jedenfalls kann ich mich auf ihn verlassen; es
-wird alles gut. »Komm nur mit, Ulrika, ich sage dir alles unterwegs.«
-Der große Türsteher murmelte etwas ... »Ja, meinen Wagen,« antwortete
-sie, sich umsehend, »da steht er ja!« Sie gingen hin, stiegen ein,
-rollten ab.
-
-Ernsthaft jetzt und wehmütig dachte sie Georgs. »Ich habe den guten
-Georg eben sehr gekränkt,« begann sie, »weißt du -- ich bekam einen
-Lachkrampf, ach, gar nicht seinetwegen, er war nur der Anlaß, weißt du,
-es hatte sich wohl alles mögliche angesammelt, das brach nun auf diese
-Weise los. Ja, weißt du -- Nein,« unterbrach sie sich verstimmt, »dies
-beständige Weißtu --, ich bin ja ganz kindisch geworden. -- Ich sagte
-dir ja,« fuhr sie gefaßter fort, »daß der Herzog und ich uns
-zusammengefunden haben, und eben nun -- kommt Georg und will mir einen
-Antrag machen. Siehst du, nun lächelst du sogar!« Sie fiel der
-lächelnden Ulrika um den Hals, küßte sie und stammelte: »Ach, Kind, ich
-bin ja so glücklich! Nicht wegen Woldemars, -- das heißt, natürlich auch
-seinetwegen, zumeist seinetwegen, aber -- du weißt ja nicht: Josef ist
-schon lange wieder hier, seit wir aus Helenenruh zurückkamen im vorigen
-Herbst, erinnerst du dich des Tages? Bogner und du, ihr wart da, ihr
-lachtet soviel -- Kind, was ist denn mit dir?« unterbrach sie sich, da
-Ulrikas Gesicht sich schmerzlich verdüsterte.
-
-»Nur weiter,« bat sie freundlich, »ich komme nachher schon mit meinen
-Geschichten.«
-
-Besorgt und zaudernd, Ulrikas kalte Hand in ihrer warmen, fuhr Renate
-fort: »Er wollte sich aber seinem Vater nicht zeigen, und ich, weißt du,
-ich war so töricht --, ach, wie war ich doch töricht!« Sie schwieg, sich
-verlierend, sprach dann hastig weiter:
-
-»Einen Grund, weshalb er nicht zu seinem Vater gehen wollte, sagte er
-nicht, aber da er mich merken ließ, daß er überhaupt nur um meinetwillen
-wiedergekommen war, und weil er auch gleich sagte: Wenn _ich_ es von ihm
-verlangte, so -- ja, da war ich so töricht -- -- ach, aber das war es ja
-nicht, -- was man tut und denkt und sagt, das ist es ja alles nicht ...«
-Sie legte das Gesicht in die Hände, sah sich in Josefs Armen, grübelte,
-murmelte endlich: »Es läßt sich nicht ausdrücken. Ich habe ihn lieb,
-Josef, er zieht mich unweigerlich an, und so fürchte ich ihn wohl --,
-nein, du kannst es nicht verstehn. Ich weiß bestimmt, daß ich ihn
-niemals lieben könnte, aber wenn er da ist, so bin ich -- schwach, --
-wehrlos, weißt du, irgendwie, -- ja -- es _läßt_ sich eben nicht sagen.
-Ich bin nicht schwach, wenn er da ist, im Gegenteil, ich bin durch und
-durch hochmütig und bin kälter und abweisender als je, aber hinterher
-könnte ich manchmal zu Boden sinken vor Schlaffheit, und dann merke ich
-wohl, was die aufrechte Haltung vorher mich gekostet hat. Und so, weißt
-du --, ja, so stand er eben, so stand ich eben zwischen ihm und dem
-Onkel, du hörtest vielleicht, er sagte es selber heut, und -- er war
-fort, die Zeit ging hin, ich kämpfte, ich -- --
-
-»Es war -- unmöglich«, schloß sie. Danach schüttelte sie alles ab,
-setzte sich zurück, nestelte den Schleier unter dem Kinn los, nahm den
-Kronenring ab und behielt ihn im Schoß. Ihr war sehr warm; auch die
-Luft, die voll durch die offenen Wagenfenster hereinströmte, war allzu
-lau, um zu erfrischen. Sie sah, daß sie schon die Steigung der Döhrener
-Heerstraße hinanrollten, rechts lagen die roten, festungsähnlichen Werke
-der Zuckerfabrik, in der Tiefe die Bahngleise.
-
-»Und du?« fragte sie leise und liebevoll, sich wieder zu Ulrika wendend
-und ihre Hand fassend.
-
-»Du,« antwortete Ulrika nach einer Weile, »sage, was du willst, du bist
-doch immer frei und rein und triffst das Rechte. Ich bin am Klavier
-aufgewachsen, damit ist wohl alles gesagt. Wie so ein Klettergewächs
-habe ich mich von allen Seiten immer nur um meinen schwarzen Freund
-gerankt, der Flügel war alles, und dann --«
-
-Da sie verstummte, hörte Renate Worte Jasons undeutlich vorübereilen:
-Ulrika Tregiorni hatte bis zum Heimkehrtage Benvenuto Bogners niemals
-nachgedacht -- hieß es nicht so? Wie seltsam er gleich alles in einen
-Anfang zusammengefaßt hatte ...
-
-»Und dann«, hörte sie die Freundin weitersprechen, »merkte ich eines
-Tages, daß einer mich dicht über der Wurzel abgeschnitten hatte. Ich
-verdorrte nicht, oh nein!« sie lächelte glücklich und verloren, »im
-Gegenteil, es war ja herrlich, ich blühte mir noch einmal so schön und
-reich, nur -- -- ich hatte keine Wurzel mehr.« Sie brach ab.
-
-Renate sah, aus dem Fenster blickend, Tore, Kapellen, rote Mauerzüge und
-die Gruftgiebel und Lebensbäume des Friedhofs hinter den staubigen,
-sonnigen Äckern und Gärtnereien neben der Straße. Da irrten ihre
-Gedanken schon ab und vorauf in das nahe Haus, sie mußte Atem schöpfen
-und fühlte die Beklemmung. War er wirklich schon da? -- Oh, Josef war
-ritterlich, vielleicht hatte er sie das Geschehnis schon fertig
-vorfinden lassen wollen, oder auch -- es konnte ja fehlschlagen -- ihr
-den Anblick der Enttäuschung ersparen. --
-
-»Ja, wie ist es denn nun?« hörte sie Ulrika fragen, »Josef kommt also
-heute?«
-
-»Ich hoffe, er ist schon da.«
-
-»Ja, störe ich dann aber nicht ...«
-
-Da merkte Renate, daß sie bei aller Zuversicht doch heimlich einen Halt
-in Ulrika mit sich genommen hatte, umschlang sie zärtlich und beschämt
-und dachte -- ihr versichernd, daß sie gewiß nicht stören könne --, wie
-grausam besinnungslos der Mensch doch immer um sich fasse, sobald er nur
-eben ins Schwanken geriet, unbekümmert, ob der, nach dem er griff, nicht
-heftiger selber im Schwanken war.
-
-»Ach, vielleicht«, sagte sie verstört und furchtsam, »ist die Krankheit
-meines Onkels ja doch unheilbar, und dann -- dann wird es gut sein, wenn
-ich dich in der Nähe ... ach, vergieb nur, Liebste, nun belade ich dich
-auch noch mit mir!«
-
-Ulrika zeigte eine zuversichtliche Miene und versicherte, der Arzt habe
-es doch wiederholt gesagt, daß es sich gewiß nicht um eine
-Gehirnkrankheit handle, sondern um ein Gemütsleiden, und -- »ja, ja,«
-fiel Renate erleichtert ein, »er war immer ein so weichmütiger Mensch
---, und sicherlich giebt es das, daß ein Mensch sich etwas so zu Herzen
-nimmt, daß er -- daß er eben aus dem Gleis kommt, sich selbst vergißt
-und nur den einen Gedanken verfolgt ...«
-
-»Wir kennen es«, sagte Ulrika langsam, »ja Alle selber so gut, die
-Anfänge davon, dies --« sie schauderte -- »oh dies besinnungslose
-Dastehn, mitten in irgendeinem Tun, nicht weiter Wissen, minutenlang,
-und -- wir sind da!« schloß sie hastig. Der Wagen hielt.
-
-
- Veranda
-
-Das Herz schlug Renate in den Hals hinauf, als sie durch den Vorgarten
-zum Hause ging, aber dem entgegenkommenden Hausmädchen war nichts
-anzusehn, Renate wagte nicht, zu fragen, warf im Flur den Mantel ab und
-trat in die Halle. Durch das offne Fenster sah sie den Tisch in der
-Veranda gedeckt, dann, durch die Tür, draußen Erasmus, noch gepanzert,
-mit Magda, die einen seiner Arme hochhob und ihn betrachtete, und Renate
-hörte ihr Lachen. Dann wurde Erasmus ihrer gewahr, Beide kamen auf sie
-zu, Erasmus in bester Haltung, aber -- was war mit seinen Augen? Sie
-glühten und glichen Georgs Augen, als der ... Ihr Herz zog sich
-ängstlicher zusammen. Wäre nur Josef erst da! dachte sie, alles von ihm
-erhoffend.
-
-Erasmus nahm ihre Hand, küßte sie sogar und sagte mit seiner dunklen
-Stimme: »Na, endlich, wir haben einen bärenmäßigen Hunger.«
-
-Renate umarmte Magda. -- »Du siehst wirklich vortrefflich aus,« sagte
-sie mühsam zu ihm, sich von Magda losmachend, »du solltest immer so
-gehn, weißt du!«
-
-Er lachte verlegen: es sei etwas warm, -- und sie hatte ihn im Verdacht,
-daß dies gute Aussehn der Grund war, weshalb er sich noch nicht
-umgezogen hatte. Doch zog es sie nun zum Onkel, sie bat die Andern, auch
-Ulrika, die hereinkam, um Entschuldigung und ging hinaus, die Treppe
-hinauf und stand vor der Tür, hinter der sie Schritte hörte. Er ging
-wieder auf und ab! Nun machte er halt; nun ging er wieder zurück ... Sie
-öffnete leise und trat ein. Er stand mitten im Zimmer und sah ihr
-entgegen.
-
-Seine Augen hatten Blick, er sah. Sekunden stand sie fassungslos, ihre
-Hände falteten sich, sie flüsterte: »Onkel ...«
-
-»Ja,« sagte er, »ja, was ...«
-
-Er sprach ja! Er sprach ja wieder!
-
-Aber was nun? Josef, oh wärst du da! Sinnverwirrt, angstvoll, die
-einzige Minute, diese, verstreiche ungenutzt, senkte sie die Stirn,
-wußte nichts. Als sie wieder aufsah, hatte er sich abgewendet, blickte
-nach dem Fenster, nach der Straße. -- Stand Josef unten? -- Sie machte
-zwei Schritte vor, unten die Straße war leer. -- Aber -- war er nicht
-größer geworden? Der seltsame, ganz kahlglatte, hohe und gerundete
-Schädel, die steile, von den Brauen fast vornübersteigende Stirn und
-dicht unter den Augen das weiß und glatt nach unten fließende lose
-Barthaar machten ihn trotz der schwarzen Joppe zu einer Figur der Zeit,
-aus der sie kam; er glich einem heiligen Antonius oder Hieronymus.
-
-Sie ging nun zu ihm und berührte seinen Arm. Er wandte das Gesicht, ein
-wenig tiefer als das ihre, mit einem Zucken, sah sie fremd an. Nein,
-nicht völlig fremd, nicht wie sonst, und -- Unruhe ist es, frohlockte
-Renate, und allen Willen und Einfluß aufbietend, bat sie: »Komm, Onkel,
-es ist Essenszeit!« Schob die Hand in seinen Arm, zog und drängte sanft.
-Er folgte.
-
-Zitternd, sich gewaltsam haltend, weinend, lachend, angstvoll,
-triumphierend im Innern, führte sie ihn die Treppe hinunter in die
-Halle. Erasmus stand draußen an der Verandatreppe, an den Eisenpfeiler
-und die Weinranken gelehnt, herunterblickend auf Ulrika und Magda mit
-einer fast leutseligen Haltung. Jetzt sah er seinen Vater, die Frauen
-wandten sich, Renate legte den Finger vor den Mund und sah, wie Erasmus
-seine erschreckten Züge beherrschte. In der Verandatür, an Magda
-vorübergehend, flüsterte Renate: »Noch ein Gedeck!« und führte den Onkel
-um den Tisch, wo er sich ohne Widerstand auf den Stuhl am weitesten
-rechts, vor der Seitenwand der Veranda niedersetzte. Sie setzte sich in
-seiner Nähe mit dem Rücken zum Garten, winkte Erasmus seinem Vater
-gegenüber und sagte, so leicht sie konnte: »Nun erzähle, Erasmus, wie
-war es! Hoffentlich hast du nirgend Schaden angerichtet mit deinen
-Blumen!«
-
-Ulrika setzte sich ihr gegenüber, auch Magda kam herein, dann der
-Diener, der vor dem alten Mann deckte. Erasmus bewährte sich
-außerordentlich und sagte, es sei ungemein lustig gewesen. Dann redete
-er kräftig darauflos, er sei überhaupt der einzige, der richtig
-begreifen könnte, wie schön so ein Tag sein könne, er plagte sich
-jahrein, jahraus, daß genug Essen auf den Tisch komme, -- oh, er gab
-sich glänzend preis! -- und ob Renate wohl ein einzig Mal bedacht hätte,
-daß es sein saurer Schweiß wäre, in den sie sich kleidete, niemals
-dächte sie daran. »Kinder, Kinder,« sagte er, »was Mädchen, was Mädchen!
-Eine Zeitlang dachte ich, es wären immer dieselben wie im Theater, wo
-immer dieselbe Korporalschaft über die Bühne marschiert im Triumphzug
-des Germanikus, oder war es in Aida?« Und er fing an zu erzählen, wie
-sie als Schüler Statisten gemacht hatten, -- Renate lachte das Herz im
-Leibe, wie sie ihn heiter und gelassen die Augen von Einem zum Andern
-bewegen sah, nur seinen Vater vermeidend, der indessen in sich versunken
-war, die Hände neben seinem Teller auf dem Tischtuch, ohne etwas zu
-essen.
-
-Erasmus schenkte Wein ein. Plötzlich sah Renate das Gesicht Magdas, die
-eben ihr Glas aus Ulrikas Hand nahm, stillstehn, indem sie nach draußen
-blickte. In die Augen kam Schrecken, Renate drehte sich langsam, von
-ihrem Onkel abgekehrt, um und sah im Garten Josefs Gesicht, frei, die
-heile und die schreckliche, rote Hälfte; er trug noch die schwarze
-Kutte, deren Kapuze hinter seinem Kopf abstand, seine Hände unten waren
-etwas gespreizt, er sah nicht seinen Vater, sondern seinen Bruder an,
-vorbei an Renate, die sich langsam wandte. Erasmus setzte eben den
-Pfropfen auf die Flasche und stellte sie vor sich auf den Untersatz,
-ergriff sein Glas und wollte sich wohl zu Renate wenden, aber sie drehte
-sich weiter, -- und da saß Josefs Vater und hielt das Gesicht in den
-Händen. Renate preßte ihr Herz gewaltig zusammen, stand ruhig auf, trat
-zu ihrem Onkel, faßte nach seinen Händen und sagte: »Josef ist im
-Garten, Onkel, soll er nicht hereinkommen?« Und sich zurückwendend,
-winkte sie Josef mit den Augen.
-
-Jetzt hatte ihr Onkel die Hände fallen lassen, sie sah seine Augen, die
-erst angstvoll und suchend nach den ihren griffen, aber gleich glitt der
-Blick weiter, und dort stand Josef, den Kopf etwas gesenkt und sah
-seinen Vater an. Neben ihm Erasmus war an die Wand zurückgetreten, seine
-Augen standen auf seinen Bruder gerichtet, als sollten sie ihn
-durchbohren, Renate sah etwas in seinen geschlossenen Händen, das --
-nein, das nicht ein Obstmesser zu sein schien! Und da war auch schon
-wieder das Gesicht seines Vaters, der sich langsam vom Stuhl erhob,
-während Josef mit seltsam heller und klingender Stimme sagte: »Da bin
-ich wieder, Vater, aber ich habe mich abscheulich verändert. Laßt euch
-nicht stören«, sagte er zu Ulrika und Magda, die aufgestanden waren.
-
-Sein Vater fuhr mit der rechten Hand über die Stirn, lächelte und sagte:
-»Wahrhaftig, Josef! Ich dachte fast, du hättest uns vergessen! Da kommst
-du ja grade recht zum Essen.«
-
-Josef trat zu ihm, sie drückten sich die Hände, Josef legte seinem Vater
-einen Augenblick die Linke auf die Schulter, Renate sah, wie der alte
-Mann sich duckte, seine Lider zitterten, aber er bezwang sich, mit einer
-ungeheuren Kraft, wie es schien, blickte leicht in Josefs entstelltes
-Gesicht empor, schüttelte langsam den Kopf und meinte: »Ein Adonis bist
-du gewesen, mein Junge.«
-
-Josef lachte herzlich. »Du weißt ja, Papa, es ist Adonislos, daß ihn die
-Evierinnen zerfleischen!«
-
-Sein Vater fiel munter ein und sagte: »Setz dich, setz dich doch, iß und
-trink und erzähle!«
-
-Da nahm er Renates Stuhl. Sie drehte sich um. Erasmus war nicht mehr da,
-und sie setzte sich schnell an seinen Platz. Der Diener, der schon
-gewartet hatte, kam leise und sammelte die Teller ein. Renate faltete
-unter dem Tisch die Hände, mußte aber unter ihren Gebetsworten bemerken,
-daß es doch das Obstmesser gewesen war, denn es fehlte. Sie zuckte einen
-Augenblick, Erasmus nachzugehn, hörte jedoch ihren Namen, blickte
-rundum, lachte und sagte, atmend aus voller Brust:
-
-»Also wären wir Alle wieder beisammen. Wie lange warst du fort, Josef?
-Keine drei Jahre, weißt du, schreiben hättest du wohl einmal können, wo
-du überall gesteckt hast.«
-
-Josef wandte sich halb zu seinem Vater und bemerkte halblaut:
-»Iphigenie! sie hat sich nicht verändert, oje-oje!« und Renate merkte,
-daß sie den rechten Unterarm auf der Tischplatte vor sich liegen hatte,
-den linken aufgestützt und das Kinn in der Hand.
-
-Ein wenig später war Renate unter fernem Stimmengeschwirr und Lachen
-sich nicht mehr klar, was sie tat, sprach oder empfand, fühlte sich
-selber undeutlich in lebhaftester Erregung und Bewegung und hörte nur
-einmal Josefs Stimme, wie er zu seinem Vater sagte: »Sieht sie nicht
-aus, als ob sie einen ganzen Nachtigallenschwarm in der Brust hätte,
-Papa?« und er sagte noch weiter etwas von Rosen und Lilien ihres
-Gesichts, die von diesem, unten hineingesetzten Nachtigallenschwarm ins
-Wanken und völlig durcheinandergekommen seien. Sie hörte ihr eigenes
-Lachen fern, dann schien es ihr, als sei von ihrer oder Ulrikas Kleidung
-die Rede, -- nein, er beschrieb das mittelalterliche Bild, das er vom
-Garten aus gesehen habe: Ulrika und Renate in ihren farbigen Kleidern
-und Kopfzierden, Erasmus im Panzer, der Eremitenkopf seines Vaters, --
-ein bißchen Veronese, aber sonst ganz ...
-
-Plötzlich stand alles für einen Augenblick still, sie sagte: »Ja, nun
-müßt ihr aber etwas hören! -- Ich habe mich verlobt.«
-
-Es war still geworden.
-
-»Verlobt?« fragte ihr Onkel leise; seine dunklen Augen standen fest,
-dann senkten sich langsam die Lider darüber. »So. -- Ja, mit wem denn?«
-hörte Renate ihn noch leiser fragen.
-
-Erschreckt blickte sie auf Josef, sah den roten Fleck seines rechten
-Gesichts und die linke Braue leicht angehoben.
-
-»Mit dem Herzog, -- Herzog Trassenberg, Onkel,« sagte sie unsicher, für
-Sekunden ratlos, was dies bedeute, und fügte mit wankender Stimme hinzu,
-er habe zwar ihr Wort noch nicht, aber ... Da wußte sie, daß ihr Onkel
-an seinen Sohn dachte. Sie sah ihn ängstlich zur Seite nach Josef spähn;
-Josef beugte sich ein wenig zu ihm und sagte ironisch: »Ja, willst du
-eigentlich nicht gratulieren, Papa?«
-
-Nun stand er langsam auf, aber diesmal, merkte Renate, gelang ihm die
-Beherrschung nicht, er legte die Hände zusammen und fragte furchtsam:
-»Josef -- verzeih, aber -- ich habe immer gedacht ...«
-
-Jetzt rückte Josef, vor Staunen fassungslosen Gesichts, seinen Stuhl
-nach hinten, sah zu seinem Vater auf, erst wie völlig verwirrt, dann
-fragend, endlich strafend, und sagte: »Ja, nun brennen alle Kandelaber,
-Papa! Renate, ists nun hell genug? Ich und du, stell dir vor! Eiweih
-geschrien!«
-
-Renate lachte, so hell sie konnte, es fiel ihr schwer, da Josef das
-heile Auge zusammenkniff, wodurch sein Gesicht zu einer scheußlichen
-Grimasse wurde, aber sein Vater konnte es nicht sehn, und sie atmete
-erleichtert auf.
-
-»Ja, dann,« sagte er zögernd, »dann wird der Herzog wohl zu mir kommen
-wollen?«
-
-Renate nickte und hörte Josef sardonisch fragen, ob er Angst vor
-Herzögen habe. Nun lachte er gütig, ergriff sein Glas und richtete sich
-mit Würde auf. »Dein Wohl, mein Kind,« sagte er, »von Herzen dein Wohl
-und das seine! Ich werde den Herzog mit viel Freude empfangen, denn von
-ihm hat man ja nur Schönes und Gutes und --« Er stockte, und Renate
-vermeinte, er erinnere sich, daß der Herzog verheiratet war, dann fuhr
-er mit plötzlich bebender Stimme fort: »-- und Edles gehört.« Das Glas
-entfiel seiner Hand, Tränen brachen stromweise aus seinen Augen, er
-drehte sich zu Josef um und stammelte: »Josef! Josef! Mein Sohn ist
-wiedergekommen! mein Sohn hat mich nicht verlassen, er war tot und ist
-wieder lebendig -- geworden --«
-
-Er brach ab, schluchzend an Josefs Brust, der, selber ganz grade
-stehend, ihn mit den Armen umschloß, einmal schnell und fest die Lippen
-auf seinen Kopf drückte und wieder grade stand.
-
-Renate wandte sich glücklich ab und sah den Garten in der Sonne, den
-hellgrauen Sockel der Uhr und seltsam deutlich den Schatten des Zeigers
-auf der braunen Metallscheibe; die Stunde freilich war nicht zu
-erkennen; dann verschleierten sich ihre Augen. Bald darauf hörte sie das
-Weinen ihres Onkels leiser werden und Josefs liebevolle Frage, er sei
-gewiß müde, ob er sich nicht niederlegen wolle? -- Ja, er sei müde, sehr
-müde ... kam die Antwort. Sie sah, sich wendend, wie er gebückt,
-glücklich lächelnd durch nasse Augen, sich von Josef fortführen ließ,
-und spürte, als habe das Wort >müde< sie verzaubert, nun eine rieselnde
-und süße Mattigkeit in allen Gliedern, die zugleich alles umher in
-Goldstaub und grünes Geflimmer auflöste. Sie überwand sich aber,
-plötzlich von einer Woge der Dankbarkeit und Liebe zu Josef überspült,
-rührte seinen Arm an, und da er sich umwandte, so legte sie die Arme auf
-seine Schultern, hob ihren Mund zu seinem, hatte aber nun so nah und
-deutlich die stramm gezogne, glatte und rote Haut seiner rechten Wange
-und darin das Augenloch mit den von allen Seiten zusammen- und
-hineingezerrten Falten dünner Haut vor sich, daß sie zurückgeschaudert
-wäre, wenn sie nicht wieder sein heiles Auge gesehn hätte und den Blick
-von sonderbar weichem Staunen, so daß ihr Mund nun stehn blieb, nicht
-weit von dem seinen, sekundenlange, während sie lächelte und ihn mit
-großer Zärtlichkeit anblickte. Zurückweichend, fühlte sie noch, daß er
-ihre rechte Hand ergriff und, das Gesicht sehr tief beugend, an den Mund
-drückte, und hörte ihn sehr leise sagen: »Es genügt. Ich habe nun nichts
-mehr zu wünschen und kann --«
-
-Danach entschwand er ihr; sie verging sich selber in Schlafverlangen,
-empfand noch, daß sie im Gehen, daß da Ulrikas und Magdas Gesichter
-waren, daß sie sprach und ferne Stimmen hörte, dann, daß sie durch den
-Garten schwebte, und endlich, daß sie sehr tief lag. Sie öffnete mit
-Anstrengung die Augen, hoch über ihr war wunderbares Grün, von Bläue
-durchbrochen, ganz nahe über ihr Ulrikas Gesicht und das Ende einer
-Hängematte. Sie wollte die Hand zu Ulrika hinaufheben, brachte es aber
-nicht fertig, und dann war nichts mehr.
-
-
- Sechstes Kapitel
-
-
- Garten
-
-Renate, die Augen aufschlagend, staunte über die Schönheit der Welt.
-
-Vom Schlummer tief erquickt, lag sie im Grase, leicht, ungeblendeten
-Auges, im Innern zart im Entflüchten abwärts lächelnde, farbige Träume,
-vor Augen die nahe von allen Seiten herangedrängten grünen Nischen und
-Bögen von Flieder, Goldregen und Holunder -- voll großer, noch grüner
-Beerenscheiben --, durchspannt von einer leeren Hängematte, durchstochen
-von langen, haarfeinen Goldstrahlen der Sonne, und nahe gegenüber
-seltsam schön und nachdenklich die durchsichtigen Züge Ulrikas; sie saß,
-seitwärts die Knie unterm blaßvioletten Rock, am Stamm der Kastanie; auf
-der goldenen Tunika mitten vor ihrer Brust brannte in feuriger Stille
-ein Sonnenfleck; das dunkelrote Haar war wieder in Flechten schwer
-aufgenommen; sie hatte die rechte Hand neben sich ins hohe Gras
-gestützt; die linke lag im Schoß zwischen einer großen, grünbeerigen
-Holunderscheibe und einigen aufgebrochenen Kastanien, grün mit noch
-weißem, feuchtem Kern. -- Glücklich in sich, glaubte Renate sich atmend
-zu fühlen mit ganzem Leib, wie in der Mutter ein Kind, auswärts strebend
-nach keiner Richtung, sondern alles in sich habend, Natur und Menschen,
-Gegangenes und Kommendes. Ich bin glücklich, dachte sie dankbar, nun
-darf ich es sein! Oh, wie gut ist der Schlaf! Josef ist im Haus, Onkel
-gesund und froh, und Woldemar fern und nah ... Holunderbeeren ... Wann
-sah ich die einmal schwarz an Ulrika? Zu Irenes Hochzeit trug Ulrika sie
-im Haar, ein schwerer, böser Tag, und nun ist doch alles wieder heil.
-
-»Sage, was denkst du, Ulrika?« fragte sie leise. Ulrika wandte langsam
-das Gesicht herüber, ihre Augen glitten über Renate hin und blieben
-stehn; mit einem eigentümlichen Blick von Glücklichkeit und Ferne, den
-Renate nicht recht verstand, sagte sie: »Ich horche ...«
-
-Bemüht zu lauschen, glaubte Renate in der Kapelle hinter sich Magdas
-Singstimme zu hören. Allein es war still. Ein kleiner Vogel zirpte
-entfernt im grünen Dickicht. Meinte sie den? Eine Scheu hinderte Renate,
-zu fragen.
-
-»Du«, sagte Ulrika nach einer stillen Weile, »hast eine Stunde
-geschlafen, und ich war glücklich unterweil.« Sie hob den Stoff im
-Schoße ein wenig an, so daß Holunder und Kastanien ins hohe Gras
-rollten, glättete ihr Kleid, ein paar winzige Blätter und Stacheln
-fortstreifend, und fuhr fort: »Glücklich. Eine volle Stunde. Freilich
-auch der Vormittag war schön, er war so heiter --, aber all das Bunte
-war nicht in mir, sondern lose herum, und auch das Glück meine ich
-nicht, das heiter ist, sondern das ernste. Eine Stunde davon, --
-vielleicht ist das so viel, wie ein Mensch wünschen darf, wenn ein
-Wunsch ihm freigestellt würde vom Schicksal. -- Und nun geht es wieder
-weiter.«
-
-Sie sprach sehr gefaßt. Ungewohnt tief klang Renate ihre langsame
-Stimme. »Sage nun alles«, bat sie schlicht.
-
-Ulrika faltete die Hände um das Knie, lächelte, sah aufwärts, und mit
-einem Schlage war ihr ganzes Gesicht so heilig, daß Renate auf das
-tiefste erschrak und sich und alles vergaß, kaum hinzuschauen wagend und
-bald nur noch hörend.
-
-»All meine Gedanken?« sagte Ulrika leise. »Ich will es versuchen. Eben
-stand alles still. Ein Vogel zirpte irgendwo, und mehr war nicht. Die
-Sonne wanderte, ihre Strahlen kamen schräger, und so füllte sich langsam
-die Schleuse. Nun steht die Flut bis zum Rand, die Fahrt geht weiter. Es
-geht langsam im Anfang, da kann ich noch allerlei am Ufer sehn, das
-geräuschlos zurücktritt, und es dir nennen.
-
-»Von ihm und mir, was früher war, weißt du alles. Zwischen Seele und
-Seele blieb alles so unverändert, wie ich es dir damals beschrieb, du
-wirst es noch wissen. Einmal machtest du einen Vers auf ihn, das ist
-lange her. Ein Selbsterzeugter und ein Selbsterzogner, so hieß es, und
-daran dacht' ich heut, als dein Vetter Josef von der Selbstsucht sprach.
-Auch er hat mir einmal davon gesprochen. Die Bienen, so sagte er, lassen
-die Giftblumen aus, aber nicht so das männliche Herz im Flug durch die
-Welt. Auch aus Unrat und Gift den lebendigen Honig zu schmelzen, das ist
-die Aufgabe des Werdenden bis zum siebenzigsten und achtzigsten Jahr. --
-Alle seine Worte stehn unverlierbar in meinem Herzen.
-
-»Doch liebe ich ihn nicht. -- Ich fürchte ihn vielleicht.
-
-»Zwanzig Jahre und mehr wuchs ich auf an mir selber, glaubte den
-Anforderungen des Lebens zu genügen, liebte meine Mutter und die
-Freunde, schrieb Briefe und las, nannte mich stolz eine Dienerin und
-fühlte daneben immerhin das Fehlende. Ich liebte niemand. Ich wußte es
-nicht, denn ich liebte die Kunst.
-
-»Er aber liebt nicht die Kunst, und: man darf sie nicht lieben, sagt er,
-man darf sie nur haben. Zu lieben ist die Welt, Kunst ist nichts. -- Der
-Schatten auf einem Blatt, die Runzel in einer Stirn, an einem Stuhlbein
-das zögernde Licht, des Baumes Wuchs und große Haltung, die Ebene,
-menschliches Lächeln, alle menschlichen Verwandlungen durch Trauer und
-Hoffnung, Trübsal, Geduld, Gram, Leichtheit und Tiefen, die sind seiner
-ernsten Seele lieb, und über diese gebeugt, macht er sie nach mit einer
-ungeheuren Kunst, die er hat, daß sie sich wieder erkennen und ihn
-ansehn und sich verwundern und sagen: Wir sind es. -- Und dann sind sie
-schön.
-
-»Oh, er sah sie so großäugig an, wie liebten sie ihn, sie sahen ihm
-lange nach, wenn er vorüberging, er wanderte ja tastend im Irrsal, aber
-er erzog sein Herz. Er diente. Er wurde weit, alles Land zog in ihn ein,
-Schicksale kamen und schlugen ihre Zelte in ihm auf, der Strom rollte um
-sein Herz, Vögel brachten Samen, und Bäume schlugen Wurzel auf ihm, und
-die Vögel spielten auf im Gezweig. Wir sind es! sangen sie, wir sind es!
--- In seinem Schatten schlief ich ein und war froh.
-
-»Er sagte, er liebe mich, und ich wunderte mich nicht. Er liebte so
-vieles zu seiner Zeit. Er wollte mein Herz, er sagte, es sei weich, und
-ich gab es und gern. Er trägt ja das Abbild fremder Gesichter in Büchern
-nach Hause, und uns sind es Lichter und holdes Gebrause. Er malt sie mit
-flüchtigem Strich auf den reinen Grund seiner Liebe zum Lachen und
-Weinen, -- wie schön ist die Welt!
-
-»Und alles war gut.
-
-»Alles schien gut, ich wußte es, ich fühlte es nicht. Denn ich war immer
-nur ein armer Mensch; das, was ich konnte, tat ich wohl, jedoch am
-Grunde meines Lebens wucherte es fort, die trüben Gedanken, wer kann sie
-verscheuchen? Denn ich liebe ihn nicht.
-
-»Oh, nicht dies ist es, mein Gott, nicht die Kluft zwischen ihm und mir,
-nicht daß, wenn er liebend und eifrig sein ganzes Innres vor mich
-hinschüttete, daß hinter den goldenen Bergen immer die graue Wand
-sichtbar blieb, daß ich seufzen mußte und sein fernes Herz hören hinter
-dieser Wand, wo es im Ewigen wandert mit Stürmen und Flüssen, dort, wo
-ich nicht bin.
-
-»Dies ist es nicht.
-
-»Wenn es still ist und ich lausche, höre ich es von fern. Oh -- jenseit
-ist sein Land, das Allerseelenland; in dem er wandert fern und wohl zu
-Hause ist. Du kannst es heute sehn und morgen, wann du willst --
-betreten kannst du's nicht. Dort ist ein jeder Baum sein Haus,
-Nachtlager, Traum, und jede Frucht ihm Speise. Oh nein, er hat es selbst
-gemacht, es ist nur, weil er ist.
-
-»Ich liebe ihn nicht, weil ich ihn niemals genug lieben könnte, weil ich
-nicht hineingelangen kann dort. In meinen grauen Stunden liege ich
-davor, die Stirn gebeugt auf die Knie und klage. In den heiligen Stunden
-lege ich die Stirn gegen seine Mauer und die flachen Hände und fühle im
-kalten Stein den zuckenden Schlag seines Herzens, denn voll von ihm, so
-voll ist jenseit die göttliche Luft, daß es den Stein schwellen und
-tönen macht, -- ich aber bin dort nicht.
-
-»Oh, wer kann sich denn genug tun in der Liebe, wenn er liebt? Wer kann
-jemals aufhören, zu begehren, wo alles unendlich ist! Wer kann sich an
-die Brust schlagen und sagen: Genug! Wer wollte die Arme breiten um die
-Welt und sagen: Ich habe! Ich fliege und bin doch kein Vogel, ich flute
-und bin doch kein Strom, ich singe und bin nicht Gesang, ich brenne und
-bin nicht die Glut, ich schöpfe und schöpfe mich aus bis zum Boden, und
-es ist nicht Liebe genug, nicht Liebe genug.«
-
-Ulrika legte die linke Hand unter die linke Brust und sagte nach langer
-Zeit kaum vernehmbar leise:
-
-»Aber doch ist er zu mir gekommen, und ich -- wenn ich nun lausche auf
-das ferne Pochen seines Herzens, so höre ich es näher und näher, nahe,
-ganz nahe, und endlich ist es hier; nicht im Herzen, sondern darunter
-trage ich das seine. Drei Monate sind es bald ...«
-
-Blaß, leuchtenden, schwimmenden Auges blickte sie aufwärts, ihre Lippen
-zitterten, sie schluckte, dann fiel die Hand unter ihrem Herzen fort,
-sie setzte einmal, zweimal zum Sprechen an, bis die Worte kamen, ein
-Hauch:
-
-»Gott! -- Gott! -- Gott! -- Nun habe ich dir alles gesagt, was göttlich
-und schön war. Rein, rein, rein habe ich es dir hingehalten, habe keine
-gemeine Schlacke daran gelassen und es gehalten, wie einen schweren
-Spiegel, vor dein Gesicht. Nun -- laß ichs -- -- fallen.«
-
-Lange war es still. Mit brennenden und vergehenden Augen richtete Renate
-sich langsam auf, kniete, bückte sich auf Ulrikas Hand und küßte sie. In
-demselben Augenblick stürzte sie seitwärts mit Gesicht und Brust so
-schwer auf den Boden, daß Renate ein leises Dröhnen durch die Knie bis
-zum Herzen zittern fühlte. Die Luft war noch ganz voll von dem leisen
-Gesang der Liebe; Renate, hülflos auf die Daliegende blickend, weinte
-vor sich hin und sah mit grenzenlosem Mitleid diese goldenen Arme und
-die Hände über ihren Kopf lang hin geworfen, so daß sie dalag wie eine
-Angespülte. Schicksal und alles hatte sie ausgegossen und verströmt und
-war nun wohl so leer in dünner Hülle, daß der Schritt der Stunde, der
-sie träfe, einbrechen müßte; aber vielleicht stand die Stunde still,
-getraute sich nicht und ging leise einen andern Weg.
-
-Renate wagte es endlich, legte sich zu Ulrika, faßte nach einer ihrer
-Hände; aber wenn sie auch neben einer Gestürzten lag, so empfand sie
-doch nur, daß sie ihre eigne, geringe Demut zu einer unendlich größeren
-gebettet hatte, und daß die Hülflose immer noch wie ein Engel war gegen
-sie. »Weine nicht, oh weine nicht!« bat sie. Ist nicht Josefs Vater heil
-und gesund, fragte sie sich, Rettung suchend, ist nicht dieser Tag
-sonnig, begünstigt, was kann denn nur fehlen?
-
-Ulrika setzte sich auf, auch Renate mußte es tun und sah, daß Ulrika
-nicht Tränen geweint hatte. Ihre Augen waren heiß, aber trocken, sie
-griff nach ihrem Haar, steckte eine gelockerte Flechte fest und sagte
-ruhiger:
-
-»Was wußten wir von Kindern, Renate! Sage die Wahrheit! Sie kommen und
-sind da wie so vieles in der Welt, Häuser, Blumen, sind Freude oder
-Plage, und wir wußten wohl, daß wir eine bestimmte Beziehung zu ihnen
-haben sollten, aber wir bedachten es nicht. Im Gegenteil, man hat uns so
-erzogen, daß wir alles eher bedenken als sie. Du freilich bist klüger
-als ich, aber ich gehörte doch zu denen, die nichts wissen, denen am
-Hochzeitstage ihre Mutter weinend um den Hals fällt und unverständlich
-von grausigen Dingen spricht. Eine von denen, die beim Einrichten der
-neuen Wohnung hin und wieder so etwas hören wie: Vorläufig genügen ja
-vier Zimmer, aber wenn erst Kinder kommen ... Und man hört das nicht,
-denn hier ist -- wie sagte dein kluger Vetter? -- eine Lücke im
-Gesichtsfeld, die weiß der Himmel mit Keuschheit so viel zu tun hat wie
-der Teufel mit Gott.«
-
-Renate, die unter unklarem Empfinden zustimmen mußte, hörte sie immer
-härter und zorniger weitersprechen:
-
-»Und wenn wir auch dies und das in Büchern gelesen haben, um zu wissen,
-du wirst es ja zur rechten Zeit immerhin getan haben, wie ich es nicht
-tat, so lasen wir doch nur, -- wie man auch von einer Löwenjagd liest,
-ohne zu denken, daß man je dazu kommen könnte. --«
-
-Sie schwieg grüblerisch, Renates Gedanken waren weit fortgeeilt, sie
-faßte wieder Ulrikas Hand und sagte eilig: »Du, sage doch gleich: soll
-ich Magda bitten, daß wir nach Helenenruh fahren, wenn es soweit ist? Du
-weißt, ihr gehört Helenenruh, und --«
-
-»Du weißt ja noch nicht alles,« unterbrach Ulrika, aber sie lächelte
-danach und sagte: »Du bist doch ein praktisches Mädchen, Renate, ich
-hatte das gar nicht gewußt.« Wieder dunkler blickend, fuhr sie fort:
-
-»Ich fürchte mich vor dem Kind, ich erschrak zuerst namenlos, und noch
-heut kann ichs nicht glauben.« Ihre Augen glänzten stumpf, als sie
-sagte: »Wir werden von bösen Geistern erzogen, Renate, zum Grimm
-erzogen, und --« sie jammerte jetzt fast -- »was soll ich mit einem
-Kind? was weiß ich von einem Kind?« Sie lachte plötzlich verzerrt, ja
-grausam, indem sie schloß: »Ich hab nun schon seit Wochen die
-Vorstellung, daß ich sehe, wie mein schwarzer Flügel Kinder bekommt,
-immer eins nach dem andern.« Sie brach schluchzend ab und verbarg ihr
-Gesicht.
-
-Da merkte Renate mit leisem Schauder, daß etwas in ihr war, das dies
-nicht an sich herankommen lassen wollte. Sie wehrte sich Augenblicke
-lang besinnungslos nach zwei Seiten hin, und plötzlich stand der Herzog
-vor ihr. Entsetzt sprang sie auf, glühte und stieß rauh hervor: »Nein!«
-Sie streckte die Hände von sich, krallte wild die Finger, biß sich auf
-die Lippen und sagte wieder: »Nein!« und ein drittes Mal: »Nein!« Sie
-sah Ulrika vor sich stehn, unbegreiflich dunkel glühte ihr das rote
-Haar. »Was sagst du?« hörte sie von einer fremden, nahen Stimme und
-stammelte: »Was hast du gemacht, Ulrika, um Gottes willen, was hast du
-...«
-
-Dann wurde sie ihrer bewußt, rüttelte sich hart zusammen, strich mit der
-rechten Hand den linken Arm hinunter, mit der linken den rechten, schloß
-einen Haken am Halsausschnitt, zog am Saum der Tunika über den Knien und
-arbeitete unterdes mit gewaltiger Anstrengung innerlich an einem Koloß,
-der aus dem Wege sollte und mußte, und dann hatte sie ihn aus dem Weg.
-Eine schneidende Stimme zwischen ihren Schläfen sprach: Das war Unsinn.
--- Mit flackernden Augen und zitterndem Mund sagte sie zu Ulrika: »Man
-denkt diese Dinge nicht, man tut oder läßt sie.« Noch brauste es um sie,
-sie stand frierend im warmen Schatten und sah einen feinen Sonnenstrahl
-durch das Laub, vorüber an einem zitternden Blatt, dessen Spitze er
-vergoldete, nach dem Stamm der Kastanie stechen, wo ein talergroßer
-Sonnenfleck erschien und drinnen, sehr deutlich und ganz hell, die
-Flecke und Falten der Borke. Rundherum war Grün und Schatten.
-
-»Ja, und nun ist es genug,« sagte sie kalt, »komm, sprich nun weiter, du
-Gute!« und zog sie, an den Boden gleitend, mit sich nieder. Ulrika
-zauderte noch mit besorgten Augen, besann sich eine Weile und fing ruhig
-an zu sprechen:
-
-»Damals, vor drei Monaten, schrieb ich an meinen Mann. Er lag damals vor
-Valparaiso, der Brief reiste ihm nach und erreichte ihn erst in
-Deutschland. Ich schrieb ihm, daß -- daß wir ja nie verheiratet waren,
-daß ich bei ihm geblieben sei, weil er sagte, daß er mich liebe, und es
-wollte; daß ich nie gewußt hätte, was das heiße für ihn; daß ich seine
-Güte kaum begriffe, die nie gefordert habe, obgleich er doch im besten
-Vertrauen auf mein Wissen und meinen Willen vor Jahren den Bund mit mir
-schloß, dessen Erfüllung ich dann verweigerte; und dann schrieb ich, daß
-ich nun alles verstünde, weil ich selber liebte; daß ich ihn um Freiheit
-bitten müßte ... Mehr wagte ich damals nicht zu schreiben; es war ja
-auch wohl alles, für mich war es das, -- freilich, was wissen wir von
-den Gedankengängen eines Andern?
-
-»Dann kam er. Ein wortkarger Mensch war er stets, jetzt brachte er kaum
-ein Wort heraus. Seine Haut war braun von Meer und Sonne, aber es schien
-kein Blut darunter zu sein, sie war grau. Wenn es sein müßte, sagte er,
-so solle ich einen Andern lieben; meine Pflicht sei freilich, diese
-Liebe zu bekämpfen, doch sei das meine Sache, er habe ja mein Herz nicht
-in der Hand. Aber daß ich einem Andern gehören solle, das wäre nicht zu
-ertragen. Er ließe mich nicht frei.
-
-»Vielleicht glaubst du, daß es in diesem Augenblick viel schwerer
-gewesen sein müßte, den Mut zu haben, den ich vor Monaten nicht hatte.
-Es war wohl auch kein Mut, es war -- die Henne verjagt den Habicht
-blindlings, -- hieß es nicht so? -- Ich war eiskalt vor Angst, aber ich
-sagte ihm die Wahrheit.
-
-»Er kam auf mich zu und sah mich nur an. Oh sein Gesicht, sein Gesicht!
-Laß! laß!« rief Ulrika, die Hände vor den Augen. Sie ließ die Hände
-fallen, sah vor sich hin und sagte: »Wie Asche von Papier, so war es.
-Dann ging er hinaus. Er ist bei meiner Mutter gewesen und hat wohl den
-Namen erfahren. Aber das war vorgestern, bei Benvenuto ist er nicht
-gewesen, auch weiß niemand sein Haus, selbst seine Eltern wissen nur
-ungefähr, wo es liegt, und -- du lieber Gott,« schloß sie
-kopfschüttelnd, »was könnte Benvenuto geschehn!«
-
-Seltsam klang Renate auf einmal der Name Benvenuto im Ohr, -- als sei
-der Maler plötzlich ein andrer Mensch dadurch geworden, zarter gleichsam
-und nicht mehr so abgewandt. Indem sah sie Ulrikas stille, traurige Züge
-sich heben und von einem Lächeln kräuseln, als ob sie jemand ansehe, und
-hörte sie gleich darauf sagen: »Sieh da, Jason!«
-
-Richtig -- Renate wandte sich -- stand dort Jason, halb verdeckt vom
-Buschwerk wie ein guter Geist der Gewächse, schwarz gekleidet, sehr weiß
-von Gesicht durch das Grüne ringsum; so nickte er von oben auf die im
-Grase Sitzenden mit freundlich glänzenden, schwarzen Augen und sagte:
-»Ein schöner Anblick, ihr Beiden, das muß ich sagen.«
-
-Renate, ein wenig hochmütig über diese äußerliche Art, zu sehn, sagte,
-wie ihr selber schien, einfältig: »Es ist nicht alles Gold, was glänzt,
-Jason.«
-
-»Es sieht doch aber gut aus,« versetzte er beharrlich, »ihr kennt nur
-viel zu wenig meine Vorliebe für schöne Gegenstände. Jetzt zum Beispiel
-habe ich Lust, Brahms' deutsche Tänze zu hören. Ich glaube fast, ich bin
-deswegen hergekommen.«
-
-Renate blickte kopfschüttelnd und forschend Ulrika an, aber die erhob
-sich gleich, stand frei da und sagte: »Gern, Jason, wenn Renate will
-...«
-
-Da dachte sie, daß Jason doch wohl insgeheim das Rechte meine; daß es
-gut sei, eine Zeitlang die Ohren mit schönem Geräusch zu füllen und das
-Herz zu erleichtern, sie nahm Ulrikas Arm und wollte sie durch das
-Gebüsch auf den Weg ziehn, doch mußte sie sich noch einmal umdrehn, da
-sie Jason sagen hörte: »Was liegt denn da?«
-
-Im hohen Grase lagen zusammen eine Schildpattspange Renates, eine
-Holunderdolde und zwei grüne Kastanien, ein seltsam armes Häuflein, wie
-Spielzeug von einem Kinde, das plötzlich fortgerufen wurde.
-
-»Blumen, Früchte und eine Spange,« sagte Jason, sich bückend, nahm die
-Spange auf und gab sie Renate, indem er leicht bemerkte: »Das übrige
-Spielzeug kann da liegen bis nächstes Jahr; vielleicht findens dann
-andre Kinder und spielen damit.«
-
-Jason wußte, schiens, wieder alles.
-
-
- Kapelle
-
-Sie saßen in der Kapelle an den beiden Flügeln, im rechten Winkel zu
-einander, so daß sie sich sehen konnten, und spielten ohne Noten einen
-der heiter und festlich stampfenden Tänze nach dem andern, zuweilen sich
-zulächelnd, so daß Renate heitrer gestimmt, wenn Ulrikas Gesicht leicht
-emporgedreht von ihr abgewandt war, durch die laute Musik wieder ihre
-leise, fast nur atmende Stimme hörte, mit der sie den reinen Gesang
-ihrer Liebe aus sich schöpfte.
-
-»Bravo,« sagte Jason, als sie geendet hatten, »das hat mir sehr
-gefallen. Es ist doch sehr sonderbar und kaum zu begreifen, wenn man so
-vier Hände sieht, immer zwei ganz für sich, springend hin und her,
-greifend und tanzend, und dann diese ordentliche, sinnreiche Musik hört.
-Aber dieser Brahms ist nun weiß Gott und wahrhaftig wie schöne Kleider.
-Darin ist er Feuerbach wieder ähnlich, Feuerbach ist auch lauter schöne
-Kleider und kein Herz.«
-
-Renate blickte sich um; Jason saß über ihr auf dem Drehstuhl vor der
-Orgel, hatte das rechte Schienbein quer vor sich auf den linken
-Oberschenkel gelegt, ganz hoch, und hielt es mit beiden Händen wie ein
-delikates Instrument.
-
-»Kein Herz,« sagte sie, »Jason, das geht zu weit, -- aber --«
-
-»Ach, ich habe mich wohl auch versprochen,« unterbrach er sie, »ich
-meinte irgendeinen andern Gegenstand mit H --, warte, wir werden das
-gleich haben, Halsband, Handwerk --« er zählte, innerlich suchend,
-weiter --, »Herrlichkeit, Hintertür, Hoheit, Humor! das wollen wir
-nehmen,« schloß er blinzelnd und zufrieden, »und nun, was wolltest du
-sagen?«
-
-»Ja, nun weiß ichs nicht mehr,« lachte Renate. »Ulrika, vielleicht weißt
-du es.«
-
-Ulrika, die Hände vor sich auf dem Tapet, sah aus, als ob sie eifrig
-nachsänne. Jason aber war aufgestanden. »Ja. -- Ja, gewiß,« meinte er
-zerstreut, vor sich hinsehend, »allein ...« Er ging die Stufen hinunter,
-hielt an, sah angestrengt mit gerunzelter Stirn gegen den Fußboden und
-ging plötzlich durch den Raum und hinaus.
-
-»Was hatte er denn?« fragte Ulrika. Renate machte, ohne denken zu
-können, ein paar Griffe im Baß, formte einen Übergang, hörte gleich
-darauf Ulrika in der Mittellage einfallen, und dann waren sie, ab und zu
-einander mit Frage und Bejahung anblickend, im leichten, verfließenden
-Durcheinander der kunstlosen Verknüpfungen und Lösungen, die sie sich
-aufgaben und ausführten, bis wieder Jason zwischen ihnen stand und
-gewillt zu sprechen schien. Sie hörten auf, und er sagte zu Ulrika:
-
-»Es wird doch besser sein, wenn du jetzt gehst. -- Ich habe Reinhold
-gebeten, vorzufahren,« sagte er leicht zu Renate hinüber,
-»möglicherweise ist es eilig. Aber du mußt dich nicht sorgen, Kind, ich
-kann mich auch irren«, endete er ermunternd, indem er die linke Hand auf
-Ulrikas Schulter legte, die still saß und gradeaus blickte. Sie stand
-nun wortlos auf, war aber sehr weiß im Gesicht, nickte Renate fremd
-lächelnd zu und ging mit Jason hinaus.
-
-Renate sah sich an der niedern Brüstung des mittleren Fensters stehn,
-die alle drei weit offen waren. Nur Grün, nur Grün ... murmelte sie,
-hinausblickend. Oben hing ein Stückchen Himmelsblau herein wie eine
-Fahne, und Renate murmelte wieder, tief beklommen: Die letzte Fahne vom
-Fest ... Sie fröstelte mitten in der Wärme. Nun erinnerte sie sich des
-Onkels, -- ob er noch schlief --? Und sie sah ihn sich weinend zu Josefs
-Schulter bücken und sah Josefs schnelle und feste Bewegung und die
-gepreßten Lippen, als er den Kopf neigte und ihn küßte und wieder grade
-stand. -- Überflutend plötzlich wünschte sie inständig nach oben: Wäre
-doch der Tag schon zu Ende! -- Warum bin ich nicht mit Ulrika gefahren?
-fragte sie sich unwillig, wandte sich nach einem Geräusch hinter ihrem
-Rücken um und sah Jason wieder eintreten. »Du bist nicht mit ihr?«
-fragte sie enttäuscht.
-
-Er antwortete nicht, und sie spürte etwas Erleichterung, weil er
-geblieben war. Jason ging zu Ulrikas Flügel, setzte sich davor, legte
-leise den Deckel nieder und drückte einmal fest und weich die
-Handflächen darauf. -- Muß ich denn jetzt überall etwas wittern? fragte
-Renate sich ängstlich und verdrossen, -- aber was dachte ich denn bei
-diesem Schließen von Ulrikas Klavier? -- Sie wollte sich Worte Ulrikas
-ins Gedächtnis zurückrufen, aus jenem schönen Augenblick, wo sie lag und
-sang, fand aber kein Wort mehr und sagte nur zu Jason: »Ulrika hat
-vorhin von der Liebe gesprochen, so wundersam ...«
-
-Jason nickte ein-, zweimal langsam mit dem Kopf, indem bemerkte Renate,
-daß er nicht mehr den Kopf schüttelte, und rief hocherfreut: »Was ist
-mit deinem Kopf, Jason?«
-
-Er faßte nach der Stirn. »Ist etwas?« fragte er unsicher.
-
-»Das Schütteln, Jason, wo ist es?«
-
-»Das Schütteln?« fragte er. »Ach, es ist fort? Siehst du, ich habe es
-gewußt und habe es gesagt,« fuhr er fröhlich fort, »die Zeit,
-prophezeite ich, wird es an sich nehmen, man muß nur zu warten verstehn
-und nicht immer denken, das, was gerade geschieht, ist das All- und
-Einzige, was überhaupt geschehen kann; es kommt vielmehr immer noch
-andres, immer noch andres, das ganze lange Leben hinunter, und mit dem
-Tode ist das wirklich auch nicht alles so sicher, wie die Lehrer sagen.
--- So, hat sie von der Liebe gesprochen? Das ist schön. Es wird so viel
-Mißbrauch getrieben mit der Liebe.«
-
-Renate, dankbar und beruhigt, ihn nur sprechen zu hören, glitt auf die
-Fensterbrüstung und fragte, da er schwieg: »Inwiefern, Jason?«
-
-»Zum Beispiel sagen manche, Liebe müsse auch treu sein. Ja, wie kann sie
-denn? Muß sie denn nicht sein, wie sie will, hat sie nicht einen Anfang,
-mitten im Leben des Menschen, und muß also ihr Ende haben? Ist sie nicht
-eine sonderbare Gabe, die keiner kommen sieht, keiner sich verschaffen
-kann, mit keiner Münze und mit keiner Kunst, und da wollt ihr sie nun
-verhaften und binden? Wenn sie kommen darf, muß sie nicht auch gehen
-dürfen? Ist sie nicht mehr ein Gefühl? Da sprechen Andre zum Geliebten:
-Wir lieben uns Beide, aber ich liebe dich mehr, und du liebst mich zu
-wenig, und heute liebst du mich nicht wie gestern und die andern Tage
-vorher, aber du hast mir Versprechungen gemacht, und wenn ich dir nicht
-glauben kann, kann ich dich auch nicht mehr lieben. Dann sagen sie auch:
-Du hast mir Liebe geschworen, und nun liebst du an andrer Stelle, was
-soll das bedeuten? und mit alledem verändern sie ihre eigne Liebe,
-machen sie groß und klein, je nachdem, und indem sie drüben dies und
-jenes fordern, tun sie doch selber jenes und dies. Oder auch da heiraten
-sie und zeugen Kinder und meinen, damit drückten sie nun ihre Liebe aus.
-Sie schmieden Pläne und haben schöne Gedanken, sie streiten herum,
-weinen und versöhnen sich, sie verdienen Geld, kochen und backen, mieten
-Wohnungen und sitzen viele Tage über Tapeten und Kücheneinrichtungen,
-und all das halten sie für Gestalten ihrer Liebe, und nun, es ist da
-wohl etwas Richtiges, denn es ist göttliche Eigenschaft, alle Gestalt
-annehmen zu können, sie aber wollen den Gott verhaften und binden mit
-dieser Gestalt, verhaften und binden, und martern sich selber allein und
-wissen nicht, daß der Gott alsbald auch wieder die Gestalt verläßt und
-kehrt nach Hause und wohnt bei sich selber. So ist die Liebe ein Gefühl,
-wohnt allein im Gefühl und läßt ihrer nicht spotten. Ulrika hat wahrlich
-die wunderbare Demut erlernt, denn sie liebt nur, sie liebt. Lieben,
-solange der Odem reicht, nicht fragen nach Gegenstand und Erwiderung,
-nach Plage und Wonne, nur ganz und gar sich darbringen, unverlangt und
-ungelohnt, wer hat euch das gelehrt? Und dann, Renate, danach, so Gott
-will, wirst du nach deinem Ende in eine schöne Blume verwandelt werden,
-deren Anfang dein Ende ist, eine Sonnenblume vielleicht, aber auch die
-einfache Primel trägt ein deutliches Zeichen an ihrem gelben Kleid, daß
-sie die Sonne sieht und nichts sieht als die Sonne, jene uralte, der
-dein weißer, zarter Freund Ech-en-Aton Stadt und Tempel baute, die an
-demselben Tage, wo er starb, verlassen und gestürzt wurden, dieweil die
-Menschen gehorchen und vergessen, er aber von ihrem Wege wich und in die
-ewige Verwandlung einging. Komm, Renate, wir wollen in den Garten gehn.«
-
-
- Lindenallee
-
-Wie schön war es nun, im Garten umherzugehn! Zu ihrer völligen
-Beruhigung legte Renate die linke Hand auf des kleineren Jason linke
-Schulter, und so gingen sie schweigsam und friedfertig auf den kleinen,
-engen Wegen, an der Veranda vorüber und um den Rasenplatz. Dem Haus
-gegenüber, an dem ihre Augen hinaufglitten, blieb Renate vor einem
-überraschenden Bilde stehn. Im Schlafzimmerfenster des Onkels war, nicht
-hoch über der Fensterbank, sein hoher Kopf und weißer Bart zu sehn, wie
-sie ihn des öftern während dieses Sommers sitzen gesehn hatte, da er den
-Blick von oben auf den Garten zu lieben schien; jetzt blickte er zu
-Josef auf, der in der linken Fensterhälfte ein wenig zurückstand und
-rauchte und sprach, die rechte Hand gegen den Rahmen gestützt, und in
-dieser Haltung beugte er sich eben vor und ließ mit klopfendem
-Zeigefinger ein Stück Asche von seiner Zigarre tropfen, wobei er Renates
-gewahr wurde, nickte und winkte, und jetzt wandte auch der Onkel die
-stillen, dunklen Augen her, lächelte und nickte. -- Welch ein Frieden,
-ach, welche Erleichterung!
-
-Schon im Weiterschreiten glaubte Renate im Fenster über den Beiden, dem
-des Erasmus, etwas zu gewahren, ging aber weiter, hörte Jason etwas
-sagen und sah währenddem aus dem unkenntlichen braun und grauen Haufen
-auf der Fensterbank, den sie bemerkt hatte, den Kopf und die
-eisenbekleideten Schultern des Erasmus werden, als ob er hinter der
-Fensterbrüstung kniete, eine sinnlose Vorstellung, da Erasmus in der
-Fabrik sein mußte. Es mochte ein Stück seiner Rüstung gewesen sein. --
-Sie fragte Jason, was er gesagt habe, und hörte ihn wiederholen, indem
-er stehen bleibend sie zum Halten zwang:
-
-»Ich fragte, ob du dich eigentlich über nichts wundertest, wenn du mich
-solche Sätze sagen hörst wie soeben.«
-
-Seine gedämpften, leise fragenden, ganz wenig ironisch zusammengezogenen
-Augen unter sich, versetzte sie: »Nein, Jason, ich finde es immer so
-schön, daß ich zu keinem andern Gedanken komme.«
-
-»Das,« sagte Jason, die Stirn senkend, »das ist es. Du triffst den Nagel
-auf den Kopf wie immer. So schön, daß ihr euch nicht das geringste dabei
-denkt, das tut ihr, ja, das tut ihr, oh welch unsagbar kümmerliche
-Einrichtung!« Mit unendlichem Bedauern den Kopf wiegend, wanderte er
-weiter, indem er sagte: »Ich weiß es alles und trage es in schönen
-Perioden vor, ich, der ich kein andres Leben mehr habe als eben dies, zu
-wissen und zu sagen, und die Andern leben es, und das heißt: sie leben
-es nicht. Sie wissen nichts, auch du, wenn du in irgendeiner solchen
-Lage bist, auf die meine Sprüchlein passen, erinnerst du dich dann
-vielleicht des langmütigen Jason und seiner blühenden Erkenntnisse?
-Nein, denn dann seid ihr alle höchlich kurzmütig, dann ist da nur die
-fassungslose Geschwindigkeit, nur die Lage ist eben da, blindlings muß
-gehandelt werden, keiner besinnt sich, keiner befolgt andern Ratschluß
-als das brennende Verlangen seines gepeinigten Herzens, -- ja, könntet
-ihr wohl an einem meiner Sätze gehn wie an einem sichern Geländer,
-könntet ihr darauf reiten oder fahren, wenn eure Füße müde geworden
-sind? Hundert und tausend Menschen kenne ich wohl, denen ich und meine
-Reden immer willkommen sind, aber würde vielleicht ein einziger dadurch
-klug? -- Man hört, sagt ja, spricht von andern Dingen und vergißt, und
-dieses nennt man das tägliche Leben.«
-
-»Es ist deine Schuld, Jason,« sagte Renate mit leichter Wehmut, stehen
-bleibend vor den ersten Sonnenblumen an der Rückwand der Kapelle und
-undeutlich dies und jenes bedenkend, woran die zu stolzer Neigung
-erhobenen kleinen und strengen Antlitze sie erinnerten. -- »Es ist deine
-Schuld, denn du sagst es zu schön. Du sagst es, wie soll ichs nennen,
-sanft einschläfernd. Du bist zu gut, Jason.«
-
-»Und wäre ich böse, Schwester Sonnenblume, wer denn, glaubst du, wollte
-mich hören?«
-
-Schwester Sonnenblume -- tönte es seltsam in Renate nach, wer hatte das
-einmal zu ihr gesagt? Ach, sie selber hatte einmal eine Sonnenblume so
-angeredet an jenem Tage, wo Sigurd --, wo die Todesnachricht von Esther
-kam. -- »Nun, was giebt es denn da?« hörte sie Jason indem halblaut
-sagen und wandte sich.
-
-Innerhalb der kleinen Lindenallee in der Nähe der Kapelle stehend, über
-die Kohlköpfe und Erdbeerpflanzungen des kleinen Gemüsegartens hinweg
-sah sie die rote, häßliche Rückwand des Herzbruchschen Hauses im
-Schatten, dann hinter dem Zaun eine Bewegung in dem dichten
-Holundergestrüpp, dessen Zweige schwerbelaubt und doldenvoll
-herüberhingen. Irenes blonder Kopf und schwarze Schultern wurden
-jenseits sichtbar, sie schien einen schweren Gegenstand durch das
-Buschwerk zu heben und zu drängen, einen Stuhl, und Renate fragte sich
-verwundert: Will sie herübersteigen? es ist doch eine Tür da! -- Indem
-erschien am Ende der Lindenallee eine abenteuerliche Figur in schwarzem,
-faltig zerknittertem Hemde von Kaliko und brennendroten Strümpfen mit
-gerollten Wülsten unterhalb der Knie, und das wild aussehende, rote und
-schwarzbärtige Gesicht war das von Klemens, der, ohne sie und Jason zu
-sehn, stehen bleibend nach Irene hinüber starrte, deren Gesicht eben
-deutlich im Blätterwerk auftauchte und still blieb, gegen Klemens
-gewandt. Klemens schwang jetzt ruckweise einen und den andern Arm, stieg
-mit weiten Tritten über die Beete, hielt mitten und schrie außer sich
-Irene an:
-
-»Was wollen Sie denn schon wieder? Wollen Sie mich bis ans Ende der Welt
-verfolgen? Sie -- oh Sie, ich leugne diesen Vorfall, ich leugne ihn, ist
-Ihnen das noch immer nicht klar geworden? Soll ichs Ihnen beibringen?«
-
-Mit zwei Sprüngen war er am Zaun, Irene streckte die Arme aus, über den
-Zaun zwischen ihnen faßten sie sich und fingen an sich zu küssen, so daß
-Renate vor besinnungslosem Staunen die Augen nicht abwenden konnte, und
-erst als sie gar nicht aufhören wollten, drehte sie sich, die Unterlippe
-zwischen den Zähnen, weg, sah den unverwandt und sehr teilnehmend das
-Schauspiel betrachtenden Jason neben sich, wollte etwas äußern, fühlte
-aber seine Hand am Arm, und er sagte, ohne den Kopf zu heben, leise:
-»Scht! man spricht nicht in der Tragödie.«
-
-War das Ernst oder -- --? -- Sie wagte es, wieder zum Zaun zu blicken,
-da stand Klemens allein und keuchte, in den Büschen rauschte es noch. Er
-wurde jetzt der Beiden ansichtig, schüttelte den roten und schwarzen
-Kopf mit blinden Augen wie ein Stier, versuchte zu lachen, starrte an
-die Erde und kam langsam zwischen den Beeten heran. Vor ihnen blieb er
-stehn, stützte sich wie vorm Umfallen an einen Stamm und sagte: »O
-Gott!« und noch einmal: »O Gott!« so zerbrochen, daß Renates Herz
-klopfte. Dann sah er verloren auf, betrachtete seinen Ärmel, faßte den
-Saum mit den Fingern und wischte sich mit dem schwarzen Zeug überm
-Handrücken die Schweißtropfen von der Stirn.
-
-»Nein,« sagte er endlich, »geleugnet kann es wohl doch nicht werden, und
-nun kann ich ja hingehn und meinen Freund umbringen.«
-
-Er schluchzte haltlos auf, die Tränen liefen ihm hell übers Gesicht. Mit
-beiden Händen am Leibe nach Taschen tastend, schien er seinen Anzug zu
-bemerken und schnob: »Der verfluchte Mummenschanz! Der verfluchte
-Mummenschanz ist an allem schuld!« trocknete sich die Augen mit den
-Händen und blickte Renate trostlos an.
-
-»Es war ja schon das zweite Mal,« sagte er leise; »wenn wir uns sehn,
-geraten wir aneinander, so oder so. Ja, wie bin ich denn hier
-hereingekommen?« fragte er, stecken bleibend.
-
-»Ich vermute,« sagte Jason ruhig, »Sie wollten eigentlich ins
-Herzbruchsche Haus, und da Sie an diesem vorüberkamen, sind Sie in Ihrer
-Verwirrung hineingegangen, weil Sie's kannten.«
-
-»Das wird es gewesen sein«, versetzte er stumpf.
-
-Am Ende der Lindenallee tauchte Irene auf; im schwarzen, wehenden Kleid,
-kam sie leicht und schwebend daher.
-
-»Hören Sie nur,« sagte Klemens, der sie nicht sah, »ich habe sie immer
-geliebt. Aber das ging mich allein an, und sie haßte mich ja, ich sie
-auch wegen ihrer lächerlichen Lebensführung.«
-
-Irene, nicht mehr weit von ihnen, blieb stehn, faltete die Hände unter
-der linken Brust, sah zugleich schmerzlich und beseelt und fast
-glücklich aus.
-
-»Da hatten wir heut morgen wieder einen Zweikampf, oder mittags
-meinetwegen. Ich war den ganzen Vormittag draußen gewesen, um zum
-Großherzog zu gelangen, konnte nicht zu ihm und kam todmüde zu
-Herzbruchs. Da fingen wir wieder an, uns wegen dieses verfluchten Zeuges
-zu zanken, -- es durfte ja keiner ohne Kostüm draußen herumlaufen, da
-bekam ich dies geliehn, und sie verhöhnte mich wegen meiner Teilnahme an
-dynastischen Festen, und da --« Indem drehte er sich seitwärts und sah
-Irene dastehn.
-
-»Ich war bei meinen Eltern,« sagte Irene leise, »aber es ist niemand im
-Haus. Da kommst du wieder, und es ist wohl recht, und -- da bin ich.«
-
-»Zu mir?« fragte Klemens entsetzt. »Da sei Gott vor! Und dein Mann?«
-
-»Ich -- du -- zu meinem Mann schickst du mich?« fragte sie leiser. »Und
-ich war doch schon da ...«
-
-»Schon ...? Bist du ...? Was hast du denn da gemacht?« stöhnte er.
-
-»Ich habe ihm gesagt, daß ich nun nicht mehr bei ihm bleiben könnte. Es
-war schrecklich ...«
-
-Renate suchte ängstlich nach einem Ausweg für sich, aber Irene kam nun
-zu ihr, faßte ihre Hand, und Renate fühlte, daß sie innerlich zitterte.
-
-»Was sagte er?« fragte Klemens.
-
-Irene, heftig Atem schöpfend, brachte heraus: »Nichts. Gar nichts. Er
-saß da und -- sah mich an. Da bin ich wieder gegangen.«
-
-Klemens hob die geballten Hände und schüttelte sie und schluchzte: »Du!
-schämst du dich denn nicht?«
-
-»Eins, zwei, drei, marsch,« sagte Renate kräftig, »entweder Sie
-beherrschen sich jetzt, Herr Doktor, oder Sie gehn Ihres Weges, Punkt.«
-
-»Klemens! Klemens!« flüsterte Irene angstvoll, aber er bearbeitete seine
-Stirn mit den Fäusten und weinte in sich hinein.
-
-»Es fällt ihm ja so schwer, sich zu beherrschen,« flüsterte Irene an
-Renates Ohr, »wir müssen Geduld haben.«
-
-Überdem wurde er still, ließ die Hände fallen, blickte Irene verstört an
-und sagte: »Meinst du denn, ich wollte meinem Freunde seine Frau
-wegnehmen? Meinem Freunde, von dem ich alles habe, was ich bin? Das
-einzige, was er hat?« Er kam auf Irene zu, sie streckte die Hände aus,
-er packte ihre Handgelenke, schüttelte sie rasend, drehte um und stürzte
-den Weg hinunter wie ein Trunkener. Irene hob, ihm nachsehend, ihre
-Handgelenke, wischte um die roten Eindrücke und sagte leise: »Du tust
-mir unrecht, Ot--, Kle--« Sie schrak zusammen und flüchtete sich zu
-Renate.
-
-»Ich habe noch niemals«, sagte Jason ganz ergriffen, »an einem sonst
-vernünftigen Menschen ein so schreckliches Verhalten bemerkt. Und nun
-kehrt er wieder um.«
-
-Klemens kam wieder zurück, ruhiger, wie es schien, blieb ein paar
-Schritte entfernt stehn und sagte:
-
-»Noch ein Wort, Irene. Du befindest dich in einem Irrtum, denn: ich
-glaube dir nicht. Ich weiß von Otto, daß du seine Frau gar nicht gewesen
-bist, daß du ihn betrogen hast; endlich bist du zu ihm gegangen, und das
-war aus Angst vor mir, zu dem du nun von ihm wegläufst. Das genügt mir.
-Wenn du doch Kinder hättest! Dann könnt' ich denken, du hast wenigstens
-deine Pflicht getan. Aber so -- bloß mit einem Manne gelebt und gelacht
-und geschlafen, und jetzt das selbe mit mir --, und dann wirst du eines
-Tages kommen und sagen, du hättest dich wieder geirrt -- so wie damals
-mit deiner Gottesmutter.«
-
-»Warum so hart?« sagte Renate, da sie Irene heftiger zittern fühlte,
-doch ließ die jetzt ihre Hand los und fragte: »Geirrt? wie meinst du
-das?«
-
-»Ich meine,« versetzte er und jetzt nicht ohne Haltung und Würde, »daß
-du damals ebensogut wie zu Otto zu mir hättest kommen können. Mich
-kanntest du freilich nicht und hättest mich schwerlich da gesucht, wo
-ich lag. Aber krank war ich auch, Pflege braucht ich auch, um genau
-dieselbe Zeit.«
-
-Irene flog auf ihn zu, lachte, faßte seine Schultern, rief ganz erlöst:
-»Klemens! Aber dann wissen wir's ja! Dann bin ich falsch gegangen! Dann
-war's meine Schuld! Dann ist ja alles gut!«
-
-Ohne sich zu bewegen, sah er sie an und versetzte: »Das meinst _du_!
-_Ich_ finde aber, diese Erkenntnis kommt dir etwas spät. Wievielmal,
-sage, willst du denn noch fehlgehn? Sicherheit will ich. Deine Ehe und
-meine Freundschaft -- all das soll hin sein? Sicherheit! Glaubst du, daß
-ich so eines Aberglaubens wegen der Dritte sein will?«
-
-»Der Dritte?« fragte sie zurückweichend.
-
-Klemens warf einen Blick auf Renate und sagte: »Hattest du nicht einen
-himmlischen Bräutigam zuerst? Da gab dir der Himmel ein Zeichen, und du
-nahmst einen Andern. Nun erzählst du mir, das Zeichen war falsch, und
-kommst zum Dritten. Das soll ich glauben? Waren denn Otto und ich die
-einzigen Kranken in der Stadt? Wirst du nicht morgen kommen und sagen:
-Das Zeichen war falsch, es hieß überhaupt, daß ich Krankenschwester
-werden sollte? Darum sage ich --« Er brach ab, sein Gesicht wurde weich,
-er sagte erschüttert: »Gott verzeih mir, Irene, ich bin zu hart zu dir
-gewesen. Das war wohl Unsinn, was ich geredet habe, aber auf all das
-kommt es ja gar nicht an, und auf unsre Liebe kommt es nicht an, sondern
-nur auf die Treue. Ich halte sie, ich halte sie, und wenn ich in Stücke
-gehe. Vergieb mir, vergiß mich! Aus uns wird nie was. Leb wohl!« Er
-drehte sich schnell um und ging den Weg hinunter und verschwand. Irene
-stand hülflos.
-
-»Vielleicht«, hörte Renate Jason neben sich sagen, »wunderst du dich
-nun, indem du meiner Reden gedenkst. Welch wunderbare Erläuterung! Wie
-hinfällig sieht doch die ganze schöne Liebe aus, vom Gesichtspunkt der
-Treue aus betrachtet.«
-
-Sie machte vergebliche Anstrengungen, das Ganze zu begreifen, entschied
-sich vorläufig zum Mitleid mit Irene, zog sie an sich und fragte: »Was
-soll nun werden?«
-
-»Ich kann nicht weiter«, erwiderte sie erschöpft, widerstand aber
-Renates Bemühung, ihren Kopf an die Brust zu ziehn, stumpf zu Boden
-blickend.
-
-»Ja, nun -- immer gleich helfen lassen«, sagte Jason. Irene blickte ihn
-fragend an. »O nein, nein, Kind,« fuhr er gelassen fort, »möchtest du
-vielleicht Redensarten von mir hören? Nun sag uns nur einmal: warum
-willst du nun durchaus von deinem Mann fort?«
-
-»Ach, Jason, du bist furchtbar,« seufzte Irene, »glaubst du denn auch
-nicht, daß ich Klemens liebe?«
-
-»Aber wie denn? Hab ich das gesagt? Er hat es doch selber anerkannt, daß
-du ihn liebst. -- Ach so, nun willst du ihn auch heiraten. Ja, weißt du,
-das ist doch aber eigentlich etwas viel verlangt.«
-
-Irene richtete sich auf. »Ich will ihn nicht heiraten. Ich weiß nur, daß
-ich bei Otto nicht bleiben darf. Herrgott, wie mir das jetzt
-unaufhörlich in Augen und Ohren brennt! Da kam Klemens zur Tür herein,
-damals, und dann hat er schon gebrüllt, und ich lauter, und dann wurde
-ich wie Holz, und dann war alles Haß. Jason, kann denn ein Mensch so
-schauerlich verblendet sein? Wie soll ich das jemals wieder gutmachen?
-Er spricht von seiner Freundschaft, ich hab sie nicht verstanden. Von
-meiner Ehe, -- ich hab sie nicht verstanden, ich verstehe mich selber
-nicht, wie soll ich da wissen, was zu tun ist? Und nun --« schloß sie,
-sich zusammenraffend, »nun will ich zu meinen Eltern.«
-
-Sie nickte Renate und Jason zu und schritt ganz leicht und schwebend in
-ihrem schwarzen Kleid zwischen den Beeten hindurch zum Zaun, öffnete die
-Tür und verschwand.
-
-»Ist es zu begreifen, Jason?« fragte Renate vor sich hin. »Sie lieben
-sich und bekämpfen sich doch.«
-
-»Sie bekämpfen einander nicht,« sagte Jason verloren nach oben blickend,
-»sie bekämpfen nur immer sich selbst -- durch den Andern. Sie stehen in
-Rauch und Flammen und suchen einen Brandstifter. Sie wollen jeder das
-Seine und lassen sich immer hindern. Wäre ich nicht so leicht,« schloß
-er leise, den Kopf senkend, »wie, meint ihr, müßte alle Last meines
-Wissens mich zu Boden drücken. Oder nein,« verbesserte er sich trübe,
-»ich bin der Schwere, denn die Wahrheit ist immer leicht -- für den, der
-sie nicht braucht.«
-
-Renate hörte ihn wehmütig an, sah auf einmal ihre Hände, in die sie
-verloren hineinblickte, fand sie unsauber und erinnerte sich, daß sie
-sich im Ankleidezelt der Burg zuletzt gewaschen hatte. Gleich ergriff
-sie der Wunsch, zu baden, mit unerklärlicher Heftigkeit, sie setzte sich
-in Bewegung, Jason ging schweigend mit, so kamen sie ins Haus, wo ihnen
-Magda begegnete, Renates lavendelblaues Kleid über dem Arm.
-
-»Könntest du mir wohl helfen?« bat sie verlegen lächelnd. »Ich habe mir
-doch dein Kleid für heut abend zurechtgemacht, aber hier am Ausschnitt
-will es nicht sitzen ...«
-
-Renate, bereitwillig lächelnd, setzte sich in einen Sessel der Halle,
-nahm das Kleid auseinander, hob aber den Kopf und sagte: »Bitte, Kind,
-erlaube, daß ich mich eben etwas wasche, ich komme dann gleich und
-helfe. Wie spät ist es eigentlich?«
-
-»Es wird sechs Uhr sein,« meinte Magda; »willst du nicht bleiben,
-Jason?« fragte sie ihn, der an der Tür stand.
-
-»Richtig, wohl,« versetzte er mit nachdenklich auf Renate gerichteten
-Augen, »ich kann auch bleiben.«
-
-Renate wollte sich erheben, indem kam er zu ihr, sah immer
-nachdenklicher auf sie herunter, beugte sich dann und küßte sie auf die
-Stirn. Sie litt es lächelnd und erfreut, sah ihm nach, wie er zur
-Verandatür ging und dort stehen blieb, stand auf, nickte Magda zu und
-ging hinaus.
-
-
- Siebentes Kapitel
-
-
- Garten
-
-Georg, in einer dumpfen, ihn selber dunkel befremdenden Verfassung,
-betrat sein Zimmer und stand minutenlang zwischen dem Schreibtisch und
-den Fenstern im leeren Raum, der Tür zum Speisezimmer zugewendet, leise
-erstaunend über die große Pracht der Nachmittagsonne, die nebenan hinter
-den geschlossenen Vorhängen den Flügel, die Wände, Vitrine und die
-gläserne Apsis sehr geheimnisvoll und edel erscheinen ließ. Die Sonne,
-dachte Georg, ist dieselbe wie am Vormittag, nur aus einer andern
-Richtung, aber mein Herz drehte sich ganz herum nach unten. »Nun, Egon,
-bist du wieder da? Wie war es denn?«
-
-Warum spreche ich so leise? Wunderte sich Georg. -- Egon versicherte, es
-sei fabelhaft gewesen. Im Garten, sagte er, warte ein Herr, Herr Dr.
-Klemens ... Georg nickte, bat Egon, sich in einer halben Stunde
-bereitzuhalten, und konnte wieder nicht laut sprechen. Ich konnte es
-doch eben, dachte er, setzte sich vor den Schreibtisch und stützte den
-Kopf in die Hand; -- aber ich glaube, es kostete mich eine furchtbare
-Anstrengung ... Er hörte sich wieder die Rede halten im Ständehaus: »...
-keine Versprechungen, meine Herren, es schiene mir lächerlich, das
-Vertrauen, mit dem Sie nach mir blicken mögen ... Nur die sichtbare
-Gestalt des Mannes, den ich mit tiefster Scheu und Ehrfurcht Vater
-nenne, dessen jahrelanges Wirken, unermüdlich zum Wohle ... Nur er,
-dessen kräftiger Unterstützung ich tief bedarf und in dieser ernstesten
-aller Stunden erbitte ...« Ach, dachte Georg, das war schön, das war
-schön! Wie es mir die ganze gelernte Rede mitten zerriß, weil er groß
-und mächtig dastand in dem roten Waffenrock und mir das Herz zum
-Springen füllte mit heiliger Sehnsucht und Liebe ... Nein, mein Gott,
-wenn ich der wirklich wäre, der ich sein soll, ich glaube nicht, daß ich
-nur halb das empfinden könnte, was ich nun empfand.
-
-Vor ihm erschienen die bärtigen Altmännergesichter, Kneifer, Kahlköpfe,
-vielen Fräcke im großen Ständehaussaal, alle Arme gingen hoch, er hörte
-seinen Namen gerufen ... Er schauderte nach. Seine Blicke, an ihm
-heruntergleitend, ließen ihn die hellblaue Uniform gewahren, in der er
-steckte, er lächelte und dachte: Nein, diese im Viereck aufmarschierten
-Dragoner und Füsiliere, die waren doch nur sonderbar, ebenso wie die
-krähende und überlaute Stimme, welche die Eidesformel verlas. Tüchtig
-war's wohl, die Hurras knallten wie mit dem Hammer festgenagelt, man
-müßte sie noch sehen können an der Wand. -- Ja, nun werde ich wohl erst
-eine Weile Soldat werden müssen, vielleicht ist es das beste. Vater kann
-ich nicht verlieren, kann's nicht, kann's nicht. Aber gut, daß es schwer
-ist. Wenn es leicht wäre, was wäre es dann? Er sprang auf, riß Haken und
-Knöpfe der warmen, engen Uniform auf, ging zum Bücherbord, hob einen
-kleinen Band aus der Tiefe, las mit verschleierten Augen die goldenen
-Buchstaben B. Cellini, küßte sie hastig, stellte den Band fort, richtete
-sich grade auf und ging in den Garten.
-
-Auf der Bank am Wasser saß ein Mensch, den Kopf in Händen, rote Strümpfe
-an den Beinen. Als Georg ihm näher kam, sah er empor, erhob sich, hatte
-ein schwarzes Kalikohemde an und war Klemens; sein Gesicht war so bleich
-mit roten Flecken, und die Augen flackerten, daß Georg, ihm die Hand
-reichend, fragte, bemüht, laut zu sprechen: »Ist Ihnen etwas, Klemens?«
-
-Klemens wehrte hastig ab und sagte heiser und sich räuspernd: »Danke,
-nein, danke! -- ja! mir ist nicht grade wohl, aber -- es kommt jetzt
-nicht darauf an.«
-
-»Setzen Sie sich doch,« bat Georg, »oder wollen Sie einen Schluck Wein?«
-Allein Klemens schüttelte den Kopf, er tränke keinen Alkohol.
-
-Wer ihm denn dies Zeug gegeben habe, erkundigte sich Georg, um die
-Stimmung ein wenig zu heben. Es sei das Letzte gewesen, was er habe
-kriegen können, meinte Klemens, er habe Georg ja am Vormittag draußen
-gesucht, sei aber nicht zu ihm gelassen worden, und als ein Bekannter
-ihm Zutritt zur Burg verschafft habe, sei Georg nirgend zu finden
-gewesen.
-
-»Da saß ich am Waldrand und schlief,« meinte Georg gelassen, »und nun,
-was habe ich verschlafen?«
-
-»Das«, bemerkte Klemens mit einem hastig prüfenden Blick, »kommt auf Sie
-an. Das heißt,« setzte er hinzu, »das soll heißen, daß es dabei
-keinesfalls auf mich ankommt.«
-
-Georg, da er nicht begriff, schwieg. Klemens blickte eine Weile
-geradeaus, wandte sich mit einem Ruck zu Georg und sagte: »Da wir
-bisher, ich darf wohl sagen, gute Freunde waren, eine grade Frage, -- um
-das Ganze zu vereinfachen: Glauben Sie, der zu sein, für den Sie
-gelten?«
-
-»Nein«, sagte Georg ruhig.
-
-»Schön, eine grade Antwort,« fuhr Klemens fort; »also, wenn ich Ihnen
-dies heut morgen als Neuigkeit mitgeteilt hätte, so würde es Sie in
-Ihrem Wege nicht abgelenkt haben?«
-
-»Heute vormittag? Nein.« Wie ruhig ich bin, dachte Georg; ja, all dies
-hat nun längst seine Erledigung gefunden.
-
-Klemens, der wieder nachgedacht zu haben schien, sagte: »Wenn ich
-versuche, mich an Ihre Stelle zu setzen, so kann ich allerdings nicht
-sagen, daß ich wie Sie gehandelt hätte. Sie aber sind anders
-aufgewachsen, das heißt --«
-
-Georg erriet seine Frage und antwortete: »Mein Vater und ich wissen es
-selbst erst seit zwei Jahren und einem halben. Meine Mutter erfuhr es
-nie. Sie sind in schönen gemeinsamen Stunden mein Freund geworden, wenn
-ich das sagen darf --« Klemens nickte freundlich, »ich brauche vor Ihnen
-nichts zu verbergen. Daß ich gekämpft haben muß, wird Ihnen klar sein.
-Aber Sie haben recht, wenn Sie sagen, ich sei anders aufgewachsen. Daran
-lag es. Über alldas sprechen wir vielleicht später einmal, wenn Sie --
-weiter mein Freund bleiben werden ...«
-
-Er hielt ihm die Hand hin, Klemens ergriff sie fest und, wie es schien,
-mit großer Rührung; er behielt sie noch, drehte sie hin und her, lachte
-kurz und sagte: »Sie bemerken eigentlich nichts an dieser meiner Hand?«
-
-Georg sah sie an, Klemens machte die Finger grade, es war eine schöne,
-kräftige, nicht eben kleine Arbeitshand von ungemeiner Lebendigkeit.
-
-»Was soll ich bemerken?« fragte Georg.
-
-»Daß es nicht die Hand eines Freundes, sondern eines Bruders ist. Wir
-hatten dieselbe Mutter.«
-
-Georg zuckte leise zusammen, sah in das dunkle, bärtige Gesicht mit der
-fleischigen, groben Nase, dem schönen Kinn und Mund im Bart und mußte
-langsam lächeln, dann erröten. -- Ich erröte ja wieder, durchzuckte es
-ihn, -- wie lange nicht! Seit meiner Kindheit.
-
-»Ja, dann sollten wir wohl du zueinander sagen, wenn du mir nichts
-vormachst«, sagte er leise.
-
-»Die geistige Brüderschaft«, meinte Klemens lachend, »wird wohl doch die
-größere sein.«
-
-Sie ließen sich los, saßen sekundenlang Beide in der selben
-Verlegenheit, bis Georg glaubte, seiner Würde die leichtere Haltung
-schuldig zu sein, und sagte: »Also sprich, was du zu sagen hast, ich
-habe kaum eine Viertelstunde mehr bis zum Umziehn, aber du kannst ja
-dabei zusehn und weiterreden.«
-
-»Es wird am besten sein,« meinte Klemens, »du selber sagst mir, was du
-weißt.«
-
-»Ja, ich weiß fast nichts«, sagte Georg. »Und all das zu erklären, _was_
-ich weiß, würde lange dauern. Du kannst es später alles geschrieben
-lesen. Jedenfalls: wer meine Eltern waren, weiß ich nicht, ich wurde
-hier in der Nähe von Altenrepen geboren, nur der ehemalige Verwalter
-meines Vaters, Chalybäus, wußte davon. Meine Mutter soll gestorben sein;
-im selben Hause lag die Frau meines Vaters, sie brachte ein
-schwächliches Kind zur Welt, und ich wurde --«
-
-»Das Kind war meine Schwester Virgo«, sagte Klemens.
-
-»Mein Gott, ist das wahr? Das ist ja wunderbar! Das war --?«
-
-»Virgo,« wiederholte Klemens trübe; »dafür, daß ich einen Bruder bekam,
-habe ich nun eine Schwester verloren.«
-
-»Unsinn!« tröstete ihn Georg, »was könnten Sie denn da verloren haben?«
-Klemens lächelte wieder. »Höre, --« sagte Georg, »dann ist dir
-vielleicht auch eine sonderbare Frauensperson bekannt, die bei meiner
-Geburt eine Rolle gespielt hat; Nassja hieß sie und hatte ein T-förmiges
-Kreuz --«
-
-Klemens nickte, während er sein Kleid unter der linken Achsel aufknöpfte
-und aus einer Westentasche ein zusammengeknifftes, altes und schmutziges
-Papier und ein Notizbuch hervorzog.
-
-»Anastasia Petrowna Schischin, schreib Zizin,« sagte er, »sie brachte
-seinerzeit Virgo ins Waisenhaus, besuchte sie auch; ich kannte sie und
-wurde nicht selten von ihr besucht und unterstützt, als ich aus dem
-Waisenhaus gelaufen war. Sie wurde über vierundachtzig Jahre alt, vor
-anderthalb Jahren etwa ist sie gestorben. Letzthin besuchte ich sie
-seltener, sie wohnte an der russisch-polnischen Grenze und schmuggelte
-Leute drüberweg. Sie war der wortkargste Mensch, den ich je gesehn habe,
-aber sie machte sonderbare Andeutungen, die ich nicht verstand und daher
-vergessen habe. Es muß aber etwas von einem vornehmen Verwandten gewesen
-sein, das warst du also. Wie es scheint, hat also sie diesen Brief hier
-geschrieben.« Er zog einen alten, abgerissenen Briefbogen aus dem
-Umschlag. »Dieser Brief ist von meiner Mutter. Er befand sich in einem
-Bündel Kinderkleidchen Virgos, hier diese russischen Buchstaben auf dem
-Umschlag bedeuten: für meine Tochter, wenn sie erwachsen ist. Scheinbar
-hat die alte Rüdiger, Virgos Ziehmutter, diese Anweisung geachtet, denn
-der Brief kam geschlossen in Virgos Hände, als sie vor ein paar Wochen,
-in Muttergefühlen, das alte Bündel hervorholte. Ja, nun hat sie ja
-Zwillinge --« Klemens strahlte. »Ich«, fuhr er, Georgs Ungeduld
-bemerkend, fort, »nahm den Brief an mich, weil ich Russen kenne, traf
-aber keinen von ihnen, vergaß den Brief auch, bis ich zufällig gestern
-den Almanach sah und ihn fragte, ob er russisch verstünde. Er hat mir
-dann den Brief übersetzt; gegen seine Mitwisserschaft wirst du wohl
-nichts einzuwenden haben.«
-
-Georg, den Brief in der Hand, verfolgte die verwischten Bleistiftzeilen,
-die russischen Buchstaben, die er nicht verstand, sah am Ende die
-Unterschrift, zittrige Linien, wie die ersten Schreibversuche eines
-Kindes, und dachte wehmütig, daß dies die Schrift seiner rechten Mutter
-sei, solch ein welkes Blatt ... spät ihm zugetrieben.
-
-»Ist das der Name?« fragte er leise.
-
-»Ja,« sagte Klemens, »Krotkaja oder Kaja Moscherowska --« Georgs Blick
-fiel ab.
-
-Ganz deutlich standen im dämmrigen Raum der Kerzenflammen die drei
-schwarzen Femrichter der letzten Nacht, und eine helle, fremde Stimme
-sagte: Kaja Moscherowska ... Georg fiel innerlich zusammen, er hatte
-einen widrigen Geschmack im Mund. »Ist dir nicht gut?« hörte er fragen.
-Da saß Klemens. Indem kamen Schritte auf dem Kies, Georg wandte sich und
-sah Egon dastehn. »Ich komme«, sagte er und stand auf. Er bemerkte den
-Brief am Boden, nahm ihn auf, fragte dann schwach: »Also was steht in
-diesem Brief?« Klemens sagte: »Es steht drin, daß meine Mutter nicht
-eine Tochter zur Welt brachte, sondern einen Knaben, -- der du bist ...«
-
-Georg versuchte, zu überlegen. Etwas schien ihm an diesen Zusammenhängen
-noch zu fehlen, aber sein Denken war jetzt gelähmt, er verschob es auf
-später. Allein -- da stand wieder Klemens und beanspruchte noch
-Aufklärungen. In einem unerträglichen Ekelgefühl riß er den Brief in
-kleine Stücke und ließ sie wegfliegen.
-
-»Es ist genug«, sagte er leise. »Komm morgen zu mir. Ich sage dir dann
-alles, was ich weiß.«
-
-Da war diese elende Müdigkeit wieder. Eine Mutter hatte er nun, ach, er
-kannte sie ja sogar, auf Virgos Schreibtisch stand ihre Photographie,
-ja, sie war schön, sah etwas slawisch aus, es war irgendein Rollenbild,
-ja, die Gräfin im Figaro, glaubte Virgo, und Georg sah die schönen
-schwarzen Zöpfe um jene Züge vom >reinsten Ebenmaß<, wie Chalybäus es
-ausgedrückt hatte, schmal, die Mandelform der Augen und Virgos
-hochmütige Nase, nein, es war ja nicht Virgos, es war die seiner --
-seiner andern Mutter. Plötzlich glaubte er zu empfinden, wie das Bild
-seiner Mutter ihn ansah und zu sich zog ...
-
-Dann, langsam neben Klemens den Weg hinaufgehend, fühlte er immer
-deutlicher und peinlicher neben der Erscheinung seiner Mutter einen
-dunklen Hohlraum. Ja, dort fehlte ein Vater, und Georg kam sich
-namenloser vor als vorher.
-
-Im Arbeitszimmer gab er Klemens die Hand. »Du warst die Nacht nicht hier
-im Hause?« mußte er plötzlich fragen.
-
-»Ich? hier im Hause? Was sollte ich --«
-
-»Entschuldige nur,« lächelte Georg, »mir fiel etwas Dummes ein. Alles
-andre später, wenn's dir recht ist, nicht?« Klemens nickte ernst. »Ich
-werde meinem Vater sagen, daß er eine Tochter bekommen hat, das wird ihn
-freuen.«
-
-»Obendrein wo sie schon Zwillinge hat,« bemerkte Klemens mit
-ermunterndem Lächeln; »also auf Wiedersehn, vielleicht seh ich dich
-morgen bei Virgo?«
-
-Georg nickte, drückte ihm die Hand, sah ihn die Stufen hinaufgehen zur
-Tür, öffnen, nickte noch einmal lächelnd und stand stumpf, nachdem die
-Tür geschlossen war. Egon war wieder da; er faßte vorn nach seinem
-Uniformrock, schlug ihn auseinander, Egon hob schon die Arme, um zu
-helfen, aber er riß den Rock plötzlich mit Gewalt wieder auf die Achseln
-und ging heftig durch das Zimmer nach nebenan. Er öffnete die Tapetentür
-neben der Schenke, drehte die Lichtkurbel, ging den schmalen Gang hinab
-und betrat die Sternwarte durch die kleine Tür. Drinnen war der
-Sonnenschein, breite, tausendfach flimmernde, goldleuchtende Balken,
-schräge von den bleiverglasten Rundbogenfenstern hernieder. Mitten in
-einem von ihnen stand funkelnd der Leuchter mit herabgebrannten Stümpfen
-von Lichten. Sonst war nichts. Georg lief dumpf und zornig die eiserne
-Wendeltreppe hinauf, Becher und Kanne standen auf dem Steintisch, sonst
-war nichts. Langsam stieg er wieder hinunter.
-
-Den Gang schwerfüßig zurückgehend, sah er an der zugefallenen Tür zu
-seinem Eßzimmer etwas glänzend Blaues, Schillerndes. Beim Näherkommen
-ward es ein schöner, sehr großer Schmetterling von stark leuchtendem
-metallischen Blau, der dort steckte, und die Nadel hielt zugleich eine
-weiße Seidenschleife mit drei langen Bändern. Georg sah Schriftzüge auf
-dem einen, hob es an und las: Saint-Georges, in großzügigen, steifen,
-ein wenig ausgeflossenen Lettern. Er hob das zweite Schleifenende, und
-es stand in ganz steilen Buchstaben, deren große wie Maste und Fahnen
-waren, darauf: Josef Montfort. Auf dem dritten Bandende las er Jason al
-Manach, in kleiner, sehr zierlicher und ganz runder Schrift, die aus
-lauter Kreisen zu bestehen schien. --
-
-Georg nahm das schöne, tote Tier vorsichtig ab und trug es hinaus. Sich
-im Schlafzimmer findend, wußte er nicht wohin damit; er ging durchs
-Badezimmer, die Tür zu dem besonderen Gemach war angelehnt, Georg trat
-vor das Himmelbett, schlug das leichte gelbliche Gewölk auseinander und
-heftete den blauen Falter auf das reine, weiße Kopfkissen.
-
-Soll ich nun lachen, oder soll ich weinen? fragte er sich, das
-sonderbare Andenken der Nacht betrachtend.
-
-
- Haus
-
-Renate hatte alle Fenster im Erdgeschoß geöffnet, aber es blieb schwül
-in den langsam dunkelnden Zimmern. Sie ging durch die Räume hin und her,
-im Garten stand noch die Helle, kein Blatt bewegte sich, die Luft war
-lau und feucht. Sie stand lange an der Verandatür, auf die Sonnenuhr
-hinabschauend, und dachte: man müßte sie eigentlich verhängen bei Nacht
-wie einen Vogel, der nur am Tage singt. -- Sonderbar verlassen und
-entseelt schien ihr der Zeiger in seiner Einsamkeit ohne Schatten, steif
-und schräge dastehend, wie er mußte. Sie fragte sich verworren: sind
-auch nicht vielleicht wir ganz Andre in den Stunden, wo das Licht uns
-nicht trifft und der Schatten uns verließ? -- Alles gute Getier aber
-hüllt sich in Schlaf bei der Nacht; die es nicht tun, sind böse oder
-betört wie Nachtigall und -- Katze und -- -- Dunkelfalter, fand sie
-noch, sich umwendend. Und das, dachte sie matt, ist auch wieder so eine
-Jasonische Erkenntnis, die man in der Hand hält und nichts damit
-anzufangen weiß ...
-
-Sie ging durch die nie gebrauchten, fremden Zimmer der toten
-Hausherrinnen zur Straßenseite hinüber. Die Laterne brannte schon
-drüben, bleichgelb im Hochsommerzwielicht. -- Da bin ich auf einmal ganz
-allein im Hause, dachte sie verwundert, das war ja noch nie seit bald
-zwei Jahren! -- Aber Erasmus ... Sie schüttelte ärgerlich den Kopf. Wenn
-ich nur bestimmt wüßte, daß er nicht im Hause ist! Und wie komm ich doch
-nur auf den Gedanken? -- Da merkte sie, daß sie nur nach oben lauschte,
-daß sie schon oft gelauscht hatte. Sie wollte entschlossen zum Flur und
-fragen --, nein, die Dienstboten waren ja alle zur Illumination
-fortgeschickt. Hinaufgehn? -- Aber das wagte sie nicht, aus Angst, ihn
-wirklich oben zu finden. Erasmus läßt sich entschuldigen, sagte der
-Onkel beim Abendessen, sie hörte es deutlich wieder, und sie wußte
-nicht, war er im Hause oder in der Fabrik, fragte nicht und hörte Josefs
-Vater begütigend zu ihm sagen: Wir wissen ja, daß er zu allem längere
-Zeit braucht als wir Andern ... Ja, guter Gott, wie schnell hatte der
-Onkel sich in alles gefunden! wie leicht war es, seine Gedächtnislücken
-durch ihn selber füllen zu lassen, und Josefs zerstörtes Gesicht schien
-er so wenig zu sehn, daß auch Renate sich bald daran gewöhnte. -- Wie
-munter sie gewesen waren! -- Renate hörte sich von >Heliodora, lächle
-mal<, von ihrer Elefantenfahrt erzählen, und Magda wurde geneckt, daß
-sie mit Großherzögen zu Balle wollte ... Und auf einmal waren sie samt
-und sonders auf und davon. Der gute Onkel! Die Freude ließ ihn nicht im
-Haus, vielleicht wollte er den Heimgekehrten zeigen, -- und wie mühelos
-gelang es ihr und Josef, ihn zum Anschaun der Illumination und des
-Maskenfestes im französischen Park zu verlocken ... Und ich war so
-tödlich müde, -- das Bad muß schuld daran gewesen sein, denn nun bin ich
-wacher als je ...
-
-Sie wanderte wieder durch die Zimmer zur Halle zurück, erschrak ein
-wenig vor ihrer eigenen, weißen Erscheinung im schon dunklen Hohl des
-Spiegels, trat nahe daran, um Mut zu zeigen, und sah ihre Augen fast
-schwarz und entfernt hinter den dämmrigen, entfremdeten Zügen. -- Wäre
-Jason geblieben, oh, stundenlang sollte er reden! aber nun hatte er sich
-mit den Andern irgendwie verloren. -- Renate fiel ein, daß er sie geküßt
-hatte, und ihr wurde sonderbar ums Herz. Es freute dich doch, sagte sie
-zu sich selbst, nun suchst du wieder Bedeutungen! -- Da sah sie Jason in
-der Kapelle Ulrikas Klavier schließen. -- Ulrika, wo bist du, was ist
-mit dir? -- Überall gehen Dinge vor, die ich nicht weiß! Es ist ja fast
-wie damals, als Doras Mann am Zaun stand und ich nichts wußte, und dann
-kam das Entsetzliche. -- Nun erwartete sie wieder ein Kind, -- Renate
-grübelte, aber was Dora empfinden mochte, fand sie nicht, nur verworrene
-Trauer. -- Was war nur mit Ulrika? -- Ach, nun hat sie wieder kein
-Telephon! War etwas mit ihrem Mann? -- Sie sah Ulrikas heilig bleiches,
-innen glühendes Gesicht und hörte ihre seltsam sausende, beseligte
-Stimme Worte der Liebe singen. Und sie fand ein Stück davon wieder und
-summte, Augenblicke lang sich vergessend und heiter: Und uns sind es
-Lichter und süßes Gebrause, -- wie schön ist die Welt!
-
-Der Morgen war doch so schön! -- Das Einhorn! -- Wie sonderbar
-erschreckte es mich! -- Armer Georg, wie war er erst glücklich! -- Aber
-statt Georgs erschien ihr sein Vater an ihrem Frühstückstisch des
-Morgens. Er war so ungeschickt, er hatte fast keine Haltung, und sie
-freute sich leise, -- wieviel leichter wäre es gewesen, sie zu haben,
-als sie zu verlieren, -- Georg verlor die seine keinen Augenblick. --
-Und Irene und Klemens stürzten aufeinander los wie -- ja wie Achill und
-die Amazone, um sich mit Küssen zu töten. Und dies war nun der Sinn vom
-Haß ...? Georges -- Renate blieb stehn.
-
-Georges, wo bist du denn den ganzen Tag? fragte sie fast laut. Böse auf
-sich selber, sagte sie sich, daß sie ihn kaum entbehrt hatte, aber so
-sonderbar war er doch nie! Jetzt weiß ichs, jubelte sie auf, ich fahre
-zu ihm! Ich werde ihn fürchterlich bestrafen. -- Aber sie bewegte sich
-nicht. Bin ich angewachsen? fragte sie, sekundenlang gelähmt. Sie hob
-den Fuß, ihr Herz pochte, sie ging vorwärts. Es ist besser, ich
-telephoniere mit Irene, oder Anna kann hinüber ... ach, es ist ja
-niemand da! Ein jählings überquellendes Verlangen, eine Stimme zu hören,
-trieb sie zum Telephon, schon die Hand am Hörer besann sie sich
-vergeblich, welche Nummer sie jetzt rufen sollte, Georges' oder Irenes,
-dann schämte sie sich und bezwang sich. -- Sie stand wieder in der
-Veranda, es dämmerte nun, sie lief plötzlich die Stufen hinunter zur
-Uhr, erfaßte den Zeiger, bückte sich und legte die Wange auf die
-Metallplatte, einen Augenblick erquickt von der Kühle.
-
-Renate ging wieder ins Haus hinauf, durch die Halle, die Zimmer, und sah
-auf die leere Straße. Beleuchtet, durchscheinend hellgrün hingen die
-schweren Laubmassen der Ulmen über der Laterne. Jetzt gab es ein
-Geräusch in der Ferne, es wurde schnell lauter, ein Automobil, es
-rauschte, -- kamen sie schon zurück? unmöglich! -- Begierig neigte sie
-sich vor, es war doch wenigstens ein Ereignis, und sie zitterte, es
-könnte nicht in die Straße einbiegen. Da toste es nahe, schoß, ein
-flacher, offner Wagen, fern links hinter den Vorgärten hervor und bog
-ein. Es rauschte näher, breit fächerten die mächtigen Strahlenkegel über
-die Straßen in die Gärten zu Fenstern und Hauswänden, im Brennpunkt
-glotzten grell die riesigen Augen, geblendet sah sie undeutlich eine
-einzelne Gestalt im Rücksitz, da stand es stampfend und klirrend still
-neben der Gartentür zu ihrem Hause. Die dunkle Gestalt erhob sich,
-Renate sah einen großen Radmantel, auf der Schulter ein weißes,
-ausgezacktes Kreuz und erkannte den Kopf des Herzogs. Und augenblicks im
-Gefühl, daß sie ihm irgendwann am Tage einmal unrecht getan habe, lehnte
-sie sich weit hinaus und rief: »Woldemar!« stieß sich vom Fenster
-zurück, lief zur Tür, durch den Flur, riß die Haustür auf und lief die
-Stufen hinunter ihm entgegen.
-
-Bei ihrem Anblick blieb der Herzog stehn; einen Schritt vor ihm hielt
-sie inne, die Hand ausstreckend.
-
-»Da bist du!« sagte sie, leise vor Ergriffenheit, »es ist wunderbar, daß
-du kommst! Mir war so seltsam angst.«
-
-»Angst, Renate, dir?« hörte sie ihn fragen, selig über seine gute,
-ruhige Stimme, die ihr über alles wohltuend schien. Sie zog ihn an der
-Hand mit sich ins Haus, machte Licht im Flur und staunte, als unter dem
-fallenden schwarzen Seidenmantel die rote Johanniteruniform zum
-Vorschein kam, die linke Brust obendrein strotzend beladen mit Orden,
-und das Ganze überspannt mit farbigen Schärpen.
-
-»M--m!« machte Renate, »weißt du, -- wir sind ja zwei Schöne! Aber
-Herzog, wie groß ist dein Kopf! Das kommt von dem engen Kragen!«
-
-Der Herzog hob beide Hände hoch, in der einen seinen Stock, in der
-andern den losgehakten dünnen Degen. »Laß mich um Gottes willen zu Worte
-kommen,« flehte er, »sonst geschieht ein Unglück. Du hast ja keine
-Ahnung, keine Ahnung, weshalb ich komme!«
-
-Renate schluckte gewaltsam die Enttäuschung hinunter. Nicht meinetwegen?
-dachte sie, lachte indes fröhlich und fühlte sich ganz kalt. »Aber komm
-nur erst ins Zimmer«, sagte sie noch lachend, ging in die Halle voran
-und machte Licht.
-
-»Nun los,« sagte sie, sich zurückwendend, »die Trommel gerührt, das
-Pfeifchen gespielt, was giebt es Gutes?«
-
-Seine Augen funkelten; wie seine Brust von Kreuzen und Sternen, strotzte
-sein ganzes, gerötetes Gesicht von Gelächter und Glückseligkeit, und
-Renate rief sich innerlich scheltend an: Er ist da, er ist glücklich
-über und über, und du bist bloß gekränkt, daß er nicht deinetwegen
-kommt, schäme dich! Sie sah ihn zum Sprechen ansetzen, aber seine Augen
-schienen ihm die Rede abzuschneiden, er brachte endlich heraus: »Du! Es
-ist schwer, dich anzusehn und nicht zu küssen.«
-
-Sie lächelte ihn kalt an und sagte: »Das weiß ich. Es wäre mir aber
-lieb, wenn du dich auch in dieser Beziehung anders bezeigtest als die
-Andern. Komm, laß uns sitzen.«
-
-In einen Sessel gleitend, hörte sie ihn laut lachen, dann saß er ihr
-gegenüber, den Stock quer über den Knien, beugte sich vor, bat: »Rate
-doch! Tu mir den Gefallen und rat, was ich gekriegt habe!«
-
-Renate tat ihm den Gefallen und riet: »Einen Orden.«
-
-Er freute sich wie ein Knabe, lachte schallend, klimperte an seiner
-Brust und sagte: »Ein großer Mummenschanz, Renate.«
-
-Da mußte sie hellauflachen, sie schlug die Hände zusammen und rief:
-»Sagte ich es nicht? Wörtlich, genau wörtlich hast du's eben gesagt, wie
-ichs heut mittag hörte, als ich mit den Elefanten fuhr! Also keinen
-Orden? Ja, dann vielleicht -- einen Großherzog?«
-
-»Bei Gottes Thron!« rief er, »beinah richtig, einen Sohn habe ich
-bekommen, Renate, einen richtigen Sohn, und was mehr? Eine Tochter! --
-Und was mehr? -- Zwei Enkel, männliche Söhne, eben geboren, Zwillinge!
-Gott sei Dank, nun weißt du's!« Er setzte sich zurück und rollte
-triumphierend den Stock über die Oberschenkel hinunter und hinauf.
-
-»Nun, das glaube, wer Mut hat«, versetzte Renate, gänzlich
-begriffsverwirrt. »Das mußt du mir er--«
-
-»Erklären?« Er hob Arm und Handfläche und schüttelte sie heftig.
-»Nimmermehr! Kein Mensch findet da mehr hindurch. Aber fest steht: Georg
-ist mein richtiger, echter, natürlicher Sohn, -- das heißt, verzeih!
-wirklich: natürlich, wie man sagt ...« Er schloß ernst und mit leiser
-Stimme: »Von einer Frau, die ich sehr liebte, so gut ich das damals
-verstand.«
-
-Renate machte verwunderte Augen, da sie dachte, daß jene Kinder zur
-gleichen Zeit geboren wurden, und er hatte ihr doch gesagt, daß er
-damals die Herzogin liebte. Er schien dies empfunden zu haben, denn er
-sagte hastig:
-
-»Du mußt es recht verstehn. Ich erzählte dir von der Frau, der Sängerin,
-mit der ich meine erste Reise machte. Ich trennte mich von ihr, aber sie
-wollte es nicht verschmerzen, sie -- kurz, ich war einen Monat vor
-meiner Hochzeit noch einmal bei ihr, Abschied zu nehmen, wie sie sagte;
-sie bot alles auf, um mich zu -- halten, zu binden, und -- aus dieser
-Stunde wurde mein Sohn.«
-
-Aus solcher Stunde kommen Kinder, dachte leise schaudernd Renate. Breit,
-rot und mächtig sah sie ihn dasitzen, sein Gesicht glänzte metallisch,
-er sagte:
-
-»Eine brennende Stunde. Es ging aufs Blut, es war ein harter Kampf, aber
--- wenn Mann und Weib miteinander kämpfen, so giebts nur diesen
-Ausgang«, und Renate durchfuhr es: Irene! --
-
-»Merkwürdig,« sagte sie leise, »das gleiche, was du mir eben sagst,
-erfuhr ich heute an jemand anders ...«
-
-»Die berühmte Verdoppelung der Fälle, Renate,« hörte sie ihn leise
-lachen, dann fuhr er fort: »Georg wurde fast um einen Monat zu früh
-geboren; infolge des Erschreckens über meinen Unfall.« Er stand auf und
-ging in den Raum hinein. »Ich kann nicht sitzen,« hörte Renate ihn
-hinter ihr sagen, »es tut zwar scheußlich weh, aber --«
-
-Er fing an auf und nieder zu gehn, den Stock vor sich aufstoßend. Wenn
-er ihr gegenüber war, sah Renate im Schatten der kleinen Schirmlampe
-seinen glühend roten Waffenrock und das Geglitzer von Metall und Steinen
-an seiner Brust. Nun redete er unaufhörlich, sie horchte aufmerksam,
-ohne doch recht zu hören, als gerate sie langsam weiter von ihm fort.
-
-»Vor dem Abendessen kommt Georg, -- ich weiß nicht, was der Junge hat,
-er sah so -- innerlich geduckt aus, freilich, das Beste weiß er ja noch
-gar nicht, -- Herrgott, ich muß aber zu ihm! aber höre noch erst ... ja,
-wo blieb ich? So, Georg, er sagt mir also in zwei Augenblicken ganz
-eilig, er hätte erfahren, wer mein echtes Kind sei, ich kennte sie
-selber, es sei die kleine Virgo Schley, -- erinnerst du dich? ach, du
-kennst sie ja selbst, -- ich sagte dir, daß ich sie bei Georg sah und
-wie ich sie Helene ähnlich fand, Gottes Thron, ich habe sie sogar
-geküßt, ich wußte nicht weshalb, es war mein Blut, ah das Blut, Renate,
-es erkennt sich durch Wände, ja, habe ich denn je und je gezweifelt, daß
-Georg mein Sohn sei? Nein, nein, nein, das soll mir keiner verreden! Ich
-hab es hingenommen, aber geglaubt habe ich es nie! -- Nun das ewig lange
-Essen, ich verkohle vor Ungeduld nach meinem Kind, ich halte es nicht
-aus, ich breche auf. Kenne ja Schley, -- du weißt: der neue
-Amtshauptmann, er wohnt noch hier, weil seine Frau guter Hoffnung --,
-ja, also denke dir, ich stürme ahnungslos ins Haus, sie wohnen hier
-draußen bei ihrer Fabrik in Wülfel, -- da höre ich gleich: Zwillinge!
-Zwillinge männlichen Geschlechts, zwei Männer hat dies kleine blasse
-Wesen hervorgebracht, ja, ist es denn zu sagen? Liegt im Bett und ist
-ganz vergnügt, die Jungens schreien, ich kläre Schley auf, er weiß schon
-alles, nein, die Hälfte, das Ganze kam zutage durch einen alten Brief,
-der -- ja, verzeih bloß, ich kann das nicht alles aufsagen -- jedenfalls
--- Virgo ist Helenes Kind, sie lag da, ein Jugendbild von Helene, und
-wir saßen alle zusammen und weinten. Ich hatte ja Wein getrunken und --«
-
-»Woldemar,« sagte Renate erregt und stand auf, »muß denn nun immer Wein
-oder so was untergeschoben werden? Könnt ihr denn niemals aus euch
-selber weinen und euch vergessen, wenn das Herz überläuft?«
-
-»Ihr, Renate,« sagte er langsam, »wer ist: ihr?«
-
-Sie blieb stehn, nahm ihre Jadekette gespannt zwischen die Zähne und sah
-ihn lauernd an.
-
-»Verzeih, ist dir nicht gut?« fragte er, auf sie zukommend.
-
-Sie wich hinter ihren Sessel zurück, die Kette fallen lassend, daß sie
-klirrte, schüttelte den Kopf und rief:
-
-»Nein, nein, verzeih nur! Weißt du, es ist so viel heut, mir ist ganz
-wirr im Kopf, -- du weißt ja all das nicht! Das Festspiel am Morgen und
-der Zug, das konnte allein genügen für den Tag, und was gab es noch
-alles! Josef, weißt du, er ist wieder im Haus, mein Onkel ist wieder wie
-zuvor und glückselig, nun sind sie Alle zur Illumination.« Sie lachte.
-»Ach, und das ist längst nicht alles,« sagte sie, wieder trübe, »komm,
-sei nicht böse --«
-
-Zu ihm gehend, legte sie die Hand auf seine Brust, glitt, den Daumen
-nach oben, unter den orangefarbenen und blauen Schärpen mit der
-Handfläche glättend nach unten, küßte ihn leicht mit den Augen, lachte
-wieder und meinte: »Ich bin freilich kein Klärchen, schöner, guter
-Egmont, obgleich du so wahrhaft spanisch funkelst über und über«, worauf
-sie zurückwich, in den Sessel glitt und ihn mit den Augen zu sitzen bat.
-Er gehorchte lächelnd und eifrig, indem er sagte: »Noch zwei Sekunden.«
-
-»Und nun, wie ging es weiter?« fragte Renate. Er besann sich.
-
-»Du weintest«, sagte Renate ernst und weich. »Einmal weintest du, als
-ich deine Hand hielt, und du warst mir nicht fremd. Weißt du das noch?«
-
-Gehalten und weich wie sie, stimmte er zu: »Ich weinte, weil jemand
-starb, nun weinte ich, weil geboren wurde. Damals aber«, fuhr er
-heiterer fort, »dachte ich nicht an dich, obgleich du vor mir standest,
-aber heute dachte ich an dich. -- Aber weiter! Es war sehr einfach. Es
-fand sich ein Bild von Virgos vermeintlicher Mutter, und ich erkannte es
-wieder. Lieber Gott, Renate, sage, ist es nicht wundervoll? Blut -- geht
--- zu Blut, kein Magnet hat solche Kraft, die Berge, die eisernen,
-brechen nicht auf und wandern, aber das Blut hebt die Füße, bricht auf
-und macht seinen Weg. Von Helene bekam ich keinen Sohn, aber dies Land
-wollte seinen Fürsten und bekam ihn, -- ja, so lacht man über
-Weissagungen und alte Sprüche, aber innerst im Herzen lebt man schlecht
-und recht nur nach ihnen. Wie ich eben im Automobil zu Schley fuhr,
-hatte ich unablässig mit wundervollem Gefühl -- wie eine große,
-metallene Spannung -- die Vorstellung von zwei Wagen, die vor zwanzig
-Jahren wie von einem großen Magneten an ein und denselben Ort und
-zusammengezogen wurden, und in denen die Mütter meiner Kinder saßen.
-Alle hundert Jahre einmal vielleicht geschehen solche Dinge, und wir
-sind es, die sie -- nein, aber nun muß ich fort, verzeih, verzeih, hätte
-ich nur eine Ahnung, wo ich Georg finde, in dem Maskentrubel -- wo ist
-mein Degen? ach, draußen ...«
-
-Sie waren Beide aufgestanden, Renate gab ihm die Hand und litt es, daß
-er ihre Stirn küßte, dann tappte er eilfertig hinaus. Sie folgte ihm auf
-den Flur, sah ihn Degen und Mantel über den Arm nehmen, nickte ihm
-lächelnd nach und schloß hinter ihm die Tür. -- Danach fielen ihr die
-Arme schlaff nach unten, ihr Kopf glühte wie Feuer, sie ging dumpfen
-Sinnes und mit schweren Füßen in ihr Zimmer hinauf.
-
-
- Achtes Kapitel
-
-
- Masken
-
-Georg nahm die schwarzseidene kleine Halbmaske vor, stieg aus dem Wagen
-und stand am Fuß der Freitreppe vor der Universität, über sich die
-beiden fleischroten, milchigen Sphären der Bogenlampen, von innen
-eigentümlich Licht ausquellend, umtaumelt von dicken Schwärmen weißer
-Nachtfalter. Georg drehte sich um und sah im weiten, hellen Schein
-dieses Lichts den dichtgemauerten Halbkreis der fast stillen Menge,
-hundert und tausend beleuchtete Gesichter rings um das springende
-Bronzepferd, dessen Rücken im Lichtschein glühte, quer über die
-Fahrstraße und unter dem lichtberonnenen, dunklen Wipfelwall der Allee.
-Jason, Josef, Saint-Georges -- zählte Georg vertieft und ging die Stufen
-hinauf; es war verflucht, er kam nicht darüber hinaus, und es ließ ihn
-auch nicht los. Josef, Saint-Georges, Jason, was haben sie gewollt?
-Saint-Georges, Jason, Josef, -- Josef war vorher da und hielt eine
-wunderbare Rede. Jason, Saint-Georges, Josef, -- ich kann es drehen wie
-ich will, ich weiß, daß sie etwas wollten, wenn sie den Namen meiner
-Mutter sagten, und -- Josef, Saint-Georges, Jason, es ist zum
-Verrücktwerden -- ich weiß, daß ihre Rede eine schauerliche Wirkung auf
-mich hatte, -- da steht ja Renate am Türpfeiler? Nun bloß nicht
-fürchten! Nein, es ist ja nur ihr Kleid, wer ist denn das? -- Die
-weißmaskierte Gestalt in Renates lavendelblauem Kleid bewegte sich gegen
-ihn vor, -- Saint-Georges, Josef -- dachte er und hörte sie sagen:
-»Georg?«
-
-»Ach, Anna, da bist du ja, oh verzeih tausendmal, daß ich so spät komme!
-Hast du lange gewartet?«
-
-»Wie still sind die Menschen unten,« sagte sie, »es war ganz schön hier
-oben.«
-
-Georg drehte sich um und sah das schweigsame Gedränge unten in dem
-fremden Licht.
-
-»Angenehm, daß sie mich nicht erkannt haben,« sagte er leise, »ich nahm
-einen Wagen ohne Abzeichen. Es ist gräßlich warm, findest du nicht?« Er
-trocknete sich die nasse Stirn mit dem Taschentuch. Josef, Jason,
-Saint-... »Komm, Magda, wir sehen alles an,« sagte er heiser, »oder
-möchtest du tanzen? Im kleinen Schloßhof in Herrenhausen wird getanzt.«
-Er drängte sie am Arm neben sich her, durch die Halle, die breite Treppe
-hinauf, bunte Trachten, Masken liefen vorüber, andre stiegen mit ihnen,
-stießen zusammen, drängten sich, -- sie stiegen langsam Stufe um Stufe.
-
-»Ich glaube, Magda,« seufzte Georg, »uns ist Beiden nicht nach Masken
-und Tanzen zumute, aber du weißt ja,« schloß er bitter, »ich trage eine
-Maske mein ganzes Leben.«
-
-»Oh, Georg,« sagte sie schmerzlich, stehen bleibend, »glaubst du denn
-unrecht zu tun?«
-
-»Ach, unrecht,« meinte er wegwerfend, »das sind alles so Ausdrücke.« Die
-Hand am Treppengeländer, beugte er den Nacken und starrte auf die Stufen
-hinunter. »Wenn du in einem Buch liest: Ehebruch, dann weißt du gleich,
-um was es sich handelt, und hast Urteil und alles bei der Hand. In
-Wirklichkeit hat man vielleicht einen Mann, den man haßt, und ein
-verkehrtes Leben und liebt einen Andern, und all das verschmilzt sich zu
-einem schrecklich leidigen und treibenden Gefühl, aber mit Ehebruch hat
-es gar nichts zu tun.«
-
-»Nun, Georg, wenn das wahr ist, so ist es mit deiner Maske wohl
-dasselbe.«
-
-»Komm weiter«, bat er leise, in dem Gefühl, daß sie recht habe, ohne es
-sich selber zugeben zu wollen.
-
-»Ich muß dir verschiedenes erzählen«, sagte er, als sie oben in der
-Halle waren und gegen die Tore vorgingen, durch die es von Masken
-wimmelte, die er kaum ansehn mochte, ein so widriges Empfinden erregten
-sie ihm. Von unten ertönte gedämpfte Musik, sie standen über einem
-Gewimmel von unzählbaren winzigen Lichtern, roten, weißen, grünen und
-blauen, darin lag der weite Rasen unten, umringt von alten Bäumen; von
-oben und bei der Dunkelheit sah es wie ein Wald aus, Georg fand es ganz
-schön. »Renates Vetter Josef«, hörte er Magda sagen, »ist wieder im
-Hause, jetzt ist er hier mit seinem Vater.«
-
-»Hier?«
-
-»Ja, ich weiß freilich nicht, wo sie sind, sie wollten in den
-Französischen Garten.«
-
-»Dann laß uns versuchen, ob wir sie finden,« bat Georg; »ach, Magda,
-verzeih mir nur, daß ich so kümmerlich zu dir bin, es ist ein bittrer
-Tag, und ich weiß bald nicht mehr, ob ich wache oder träume.« Sie
-ergriff seine rechte Hand, drückte sie schweigend. »Diese Hitze könnte
-mich rasend machen,« stöhnte Georg, »bei der Galatafel wars zum Platzen,
-und dann in dem grellen Licht der Vorbeizug, und der Geruch nach Puder
-und Parfüm und Schweiß, -- ich muß noch ein paar Tage nach Helenenruh
-und mich in die Nordsee stürzen ...«
-
-Stirn und das klebende Haar an den Schläfen reibend, stieg Georg die
-großen Terrassen hinunter. Unten gerieten sie bald auf einen dunklen
-Seitenweg im Gebüsch; ein einzelnes, rotes Licht hing an einem
-Baumstamm, es roch nach welkenden Rosen, Georg erinnerte es an eine
-Kirche in Athen. Josef, Jason -- da fängt es wieder an, dachte er
-verzweifelt. Magda, vor ihm stehend, ergriff seine Hände und sagte leise
-und eindringlich:
-
-»So froh kamst du heut morgen herein, Georg, und nun bist du am Ziel und
-doch nicht glücklich?«
-
-Da fühlte er wieder den Hohlraum, in dem das wesenlose Wesen seines
-Vaters umtrieb, der Schweiß brach ihm heftiger aus, »was ist denn
-Glück?« sagte er stumpf. »Jetzt bin ich Großherzog, und warum bin ich
-nicht Steineklopfer?« -- Und ohne etwas zu denken, fuhr er fort: »Glück?
-Etwas, das man hat und nicht weiß, etwas, das man weiß und nicht mehr
-hat. Und wenn es ein Glück gäbe, wie du es meinst,« sprach er
-verzweifelt weiter, Gedanken schwerfällig aus Gedanken ziehend, »glaubst
-du, daß es so leicht wäre, daß man es im ersten Augenblick begreift?«
-
-»Georg,« hörte er ihre ruhige, weiche Stimme erwidern, »du weißt immer
-einen Satz und eine Erklärung, aber ich glaube nicht, daß sie mit deinem
-innern Zustand etwas zu tun haben, oder daß sie dir überhaupt etwas
-bedeuten.«
-
-Er öffnete den Mund, um zu sagen: Das sei eben das Wesen der Tragik,
-zerspellt zu sein in Erkenntnis und Empfinden, aber sie kam ihm zuvor,
-indem sie sagte: »Jetzt willst du wieder einen Satz sagen, vielleicht
-weiß ich ihn sogar, oder ... Ich habe das jedenfalls an mir selber
-erfahren, daß Klugheit und Wissen etwas für sich sein kann, außer uns,
-neben uns her, und es ist wohl manchmal sehr schwer, es mit unserm
-wirklichen Wesen zu vereinen.«
-
-»Nein, das meinte ich glaub ich nicht,« sagte er, den Kopf hin und her
-bewegend, trübe, »aber du wirst wohl recht haben. Ja, nun meinst du, ich
-soll diese meine Klugheit an einem tüchtigen Strick wie -- wie so einen
-Fesselballon in mich hineinziehn? Ach, Worte, Worte, Worte, ich werde
-noch verrückt davon werden, komm bloß weiter!«
-
-Er ließ ihre Hände los, dann zwang es ihn plötzlich, die Stirn auf ihre
-Achsel zu legen, er stand sekundenlang so, fühlte die sanfte Erlösung
-dieses Ruhns, aber in ihm lehnte etwas sich auf, er sagte zu sich
-selber: Du liebst diese ja nicht, sie ist dir fremd, sie meint es gut,
-aber -- »O Gott!« seufzte er leise.
-
-»Es kommen Menschen«, sagte Magda, er richtete sich auf, nahm ihre Hand
-und zog sie weiter.
-
-Sie wanderten wortlos auf den schmalen Wegen, immer belästigt durch
-Geschrei, Vorbeigelaufe der Maskierten, die ihnen zuriefen oder nach
-ihnen schlugen, sie mußten selber tun, als ob sie daran Gefallen hätten,
-lachen und erwidern, endlich gelangten sie ans Tor. Von ihm zur
-Lindenallee war schräg über den Fahrdamm eine Gasse von Girlanden und
-bunten Laternen gezogen, hinter denen die zuschauende Menge sich staute.
-Sie eilten freier hindurch in das Dunkel der Alleen, gingen wieder
-langsamer unter den Bäumen hin, querhinüber und zwischen den Stämmen
-hindurch am Ende der Alleen schräg auf das Tor des Französischen Gartens
-zu. Der vorderste Block der haushohen Mauern dunkler Baumhecken stand
-über ihnen in der Nacht, aus der Tiefe quellend beleuchtet; hier waren
-weniger Menschen, in der Ferne rauschte Musik. Zwischen kleineren Hecken
-hindurch gelangten sie zu der ersten großen und gingen unter ihr
-hinunter. Am Fuße eines Baumes stand eine der Lichtquellen, sie traten
-hinzu und sahen auf einer kurzen und dicken Steinsäule ein metallenes
-Becken -- »eigentlich ein Papierkorb« sagte Georg -- mit Wasser gefüllt,
-an dessen Grunde drei in rotes Zeug gewickelte Glühbirnen leuchteten; in
-der roten Flüssigkeit schwammen zwei tote Fische. Georg tauchte einen
-Finger hinein, das Wasser war beinahe kochend.
-
-»Ein Genie, wer das erdacht hat,« meinte er, »die Fische sollten das
-Wasser in Bewegung erhalten; der Erfinder sollte sie alle zu Mittag
-bekommen.«
-
-»Arme kleine, tote Fische«, sagte Magda, und beim Klange ihrer Stimme
-befiel Georg ein sonderbar süßlicher Schmerz. Das war Anna Chalybäus'
-Stimme, dachte er, als sie weitergingen, und eine meilenferne selige
-Vision von Helenenruh zog, seinen Augen unsichtbar, seiner Vernunft
-unnennbar, mit schmerzlichem Schauder durch seine Brust. Er mußte
-plötzlich an seine tote Mutter denken, sie, für die er keinen Namen mehr
-fand, nur einen Baumstamm auf einer Insel mit der Tafel: Helene --
-
-Georg merkte, daß er stillstand; der Heckengang war zu Ende, rechts
-neben einem freien Platz mit Bäumen rauschte laute Tanzmusik aus dem
-großen Pflasterhof des niedrigen weißen Schlößchens; die Umrisse
-leuchteten, starke, weiße Linien in der Nacht; im dämmrigen Licht
-buntfarbener Laternen bewegte sich hinter den hohen Gittern das wogende
-Getümmel der Tanzenden. »Oh sieh wie schön!« hörte er Magda sagen und
-sah nach links. Dort standen in den vier Ecken des weiten Quadrates
-haushoher, düstrer Hecken vierfarbig leuchtende Fontänen, eine
-schneeweiße, eine lichtgelbe, eine tiefrote und eine lichtblaue.
-Zwischen den Wegen, Rasenplätzen, Beeten und Bosketts wandelten die
-undeutlich buntgekleideten Gestalten in diesem Halbdunkel und standen
-auf ihren Postamenten, leise von unten beleuchtet, die Steingötter,
--göttinnen und Urnen mit schweren Schatten und in starker und düstrer
-Bewegtheit ihrer Falten und Glieder, und Georg sah den Schattenriß eines
-Füllhorns in der Nähe, eine Keule zwischen stämmigen Beinen anderswo,
-und nun wieder, hoch über dem niederhangenden Füllhorn, ein zartes,
-leuchtendes Profil, dahinter einen großen, leicht zum Nacken gesunkenen
-schwarzen Kopf, dessen Umrisse die Umrisse von Früchten und Blumen
-schienen, und wieder dachte Georg Annas und des Bildes, das Bogner von
-ihr gemacht hatte; und nun ging er hier mit ihr wie mit einer Schwester.
-
-Indem fühlte er sich am Arm berührt und sah ein häßliches Wesen neben
-sich: eine rote, lottrige Tunika über schwarzen Trikots, eine schwarze,
-törichte Bartmaske unter starrendem Haar nach allen Seiten, aus dem ein
-Schlangenkopf zitterte; eine Hand schwang einen langen Dolch oder ein
-Schwert. Sie warf den Kopf zurück und bewegte Arme und Oberkörper mit
-solchen schiefen, zuckenden Gebärden, daß Georg gleich Cora erkannte,
-auch ihre Stimme hinter den hohen verstellten Tönen, mit denen sie
-sagte: »Nun, mein Schöner?«
-
-Es ekelte ihn unbeschreiblich; ihre sich hebenden und fallenden
-Schultern, das Vordehnen des Leibes erinnerten ihn an gräßliche Dinge,
-er schnob kurz: »Was willst du?« im halben Gefühl, Magda nichts gewahr
-werden zu lassen.
-
-»Du siehst, was ich bin?« fragte ihre Stimme, schon weniger verstellt.
-Georg wandte sich zu Magda und sagte: »Sie fragt, was sie vorstellt. Ich
-glaube, eine Furie. Eine Furie, Erinnye oder so!« sagte er zu Cora,
-ergriff Magdas Arm und wollte sie weiter drängen, aber Cora war mit
-einer ihrer weichen Seitwärtsbewegungen um ihn herum, ergriff Magdas Arm
-und zischte theatralisch: »Nun? Nun, schöne Heliodora, sind Sie nun am
-Ziel Ihrer Wünsche?«
-
-»Ich bin nicht Heliodora,« sagte Magda ruhig, machte ihren Arm los, und
-Georg, hinter sie tretend, fuhr Cora wütend an: »Geh zum Teufel, mit
-deinem Mummenschanz!«
-
-»Der Großherzog hat befohlen,« sagte sie höhnisch, »seinetwegen hat sich
-das Volk in Masken gehüllt!« und wich zurück, schwenkte sich herum und
-ging schlenkernd, in den Hüften sich wiegend davon.
-
-Georg, Magda fortziehend, hörte sie fragen: »Wer war denn das?« Sie
-schien zu lachen, er vermied deshalb eine Antwort und fragte: »Lachst
-du, Anna?«
-
-»Ja, es war so komisch! Erinnerst du dich, ich sagte dir einmal von
-einer Legende, die Jason uns erzählte, von Orest und der Eumenide, und
-ich mußte denken, wenn die Eumeniden so ausgesehn haben, waren sie nicht
-sehr zum Gruseln.«
-
-»Nein, weiß Gott nicht«, murmelte Georg verdrossen. Ach, wie ist das
-wieder ganz Cora, seufzte er innerlich, im Kostüm und mit Schlangen und
-Dolchen als Rachegöttin vor mich hinzutreten. Aber ich muß sehn, daß sie
-uns nicht wieder über den Weg läuft.
-
-
- Tempel
-
-Sie traten aus dem Heckengang auf den äußeren Fuhrweg hinaus. Drüben
-standen die schwarzen Wipfelgruppen der englischen Anlagen unter matten
-Sternen, Georg roch das brackige Wasser der unsichtbaren Gracht,
-jenseits des Weges in der Tiefe. Sie gingen zur Rechten am Fuß der hohen
-Heckenwand hinunter, die in der Ferne hier und da von den unteren
-Lichtquellen rötlich gefleckt war, auf den kleinen Rundtempel an der
-Ecke des Gartens zu; eine seiner Säulen stand ganz schwarz vor ihnen,
-dahinter mußte der Leuchtkörper sein, von dem die Wölbung innen und die
-Säulen links und rechts weißrötlich glühten. Auf dem breiten Wege ging
-nur hier und da ein stilles Paar. --
-
-Hand in Hand wanderten sie auf die freundliche Erscheinung des Lichts
-und des kleinen Tempels zu. »Dort steht eine Bank am Wasser,« sagte
-Georg, »wir können dort sitzen, und ich sage dir einiges. Bald muß auch
-das Feuerwerk kommen. Es soll rund um das ganze Gartenviereck brennen,
-dann können wir's schön sehn, auch im Wasser.«
-
-So gingen wir vor drei Jahren, dachte er währenddem leise bekümmert,
-hätte gern etwas Liebreiches, Dankbares, Verzeihungbittendes gesagt,
-fand aber kein Wort, und sie gingen schweigsam dahin. -- Was dachte sie
-nur? --
-
-Vor den drei Stufen ins Innre des Tempels blieb Georg stehn und nahm die
-Maske ab. Magda tat dasselbe, er sah dämmrig den Schein ihres Gesichts
-und der Augen im Dunkel, dahinter die graue Säule und sagte, vor sich
-niederblickend:
-
-»Vielleicht -- --, vielleicht ist diese Stunde die beste am Tag. Es ist
-wieder stiller in mir, ich -- ich bin so froh, mit dir zusammen zu
-sein.« Er suchte, beschämt, sich zerknirschend und traurig nach Worten.
-»Und --« fuhr er stockend fort, »und --« Er wußte nicht weiter, sah
-verschwimmenden Auges den breiten Weg hinunter, in dessen Mitte einsam
-eine dunkle Gestalt stand, an der seine Augen nun festhingen, so daß er
-alle Gedanken verlor.
-
-Als er sich umwandte, war Magda nicht mehr neben ihm, er ging über die
-Stufen in den Raum und sah sie neben einem unterwärts dunklen, innen
-stark leuchtenden, großen Becken stehn, das Antlitz, stark beleuchtet,
-leise auf das Licht gesenkt, anmutiger als es ihm je geschienen in den
-letzten Jahren, -- wie lang doch ihre Wimpern waren, nun sie gesenkt
-ruhten! die Augen glitzerten feucht dahinter, die Stirn war freilich --
-irgendwie arm, so hoch, nicht streng, -- vielleicht karg, -- ach arm nur
-für meine Augen, dachte er trübe, weil sie keinen Reiz für meine Sinne
-hat. Näher tretend gewahrte er, daß vom Rande des metallenen Beckens
-unaufhörlich dünne Wasserfäden zu seinem Grunde niederrannen und
-glitzerten; in der Tiefe war eine Glasplatte, durch die das starke Licht
-fast blendend emporquoll.
-
-Die Armut steht am Lebensquell ... dachte Georg, es schien ihm der
-Anfang eines Gedichts, und -- wie töricht! schalt er sich, denn wer ist
-hier arm und wer nicht?
-
-Magda sagte aufblickend: »Ich fürchtete schon wieder tote Fische, aber
-hier sind sie geschickter gewesen.«
-
-»Ja, aber der Brunnen war hier immer,« meinte Georg, »nur das Licht ist
-neu.«
-
-Angenehm gekühlt und gedankenverloren schaute er in das glitzernde,
-unablässig rinnende Rund, legte eine Hand hinein und schauderte
-wollüstig von der kalten Flut. Magda hatte die beiden Hände auf den Rand
-gestützt und stand leicht übergebeugt, er legte, ihr gegenüberstehend,
-sich neigend wie sie, die Hände auf die ihren, ihre Gesichter waren
-dicht voreinander, Magdas Augen hafteten -- ihre fast brauenlosen
-Augenbögen zogen sich dabei zusammen -- in den seinen mit leise
-schmerzlichem, bekümmertem, sorgendem Ausdruck, dann bewegte sie langsam
-das Antlitz vor, und ihre Lippen berührten die seinen, leicht wie eine
-Blume, die weht.
-
-»Gott segne dich, Georg«, sagte sie leise. -- Er senkte den Kopf, ihm
-quoll das Herz.
-
-Ein Geräusch hörend sah er auf. Magda lehnte drüben an der Säule, in
-ihren Augen war ängstliche Verwunderung, und Georg sah dort, wohin sie
-blickte, nicht weit rechts neben sich Cora, geduckt wie ein Indianer,
-den Griff des Dolches gegen die Brust gestemmt, so daß die Spitze nach
-vorn stand, und Georg sagte, als er das sah, hohnerfüllt: »Man stößt von
-unten, Cora, von oben macht man's bloß im Theater.«
-
-Cora zeigte beide Zahnreihen; die Maske, dumm und grotesk aussehend,
-hielt sie in der linken Hand.
-
-»Ja, was willst du denn nun eigentlich?« fragte Georg ungeduldig und
-bewegte sich zu Magda hinüber. Indem flog Cora empor und auf Magda zu,
-den Dolch in der Hand, blindlings von oben stechend; Georg, wütend in
-Bewegung, stürzte mit halbem Leibe über das Becken, raffte sich mit
-schmerzender Hüfte auf, sah Magda mit vorgestreckten Armen nach Coras
-Handgelenken fassen, plötzlich schrie sie auf, taumelte zurück und mit
-der Stirn so heftig gegen Georgs Schulter, daß es in ihm dröhnte. Sie
-hing an ihm, preßte den Kopf an seine Brust, die Hand vor den Augen. War
-sie verletzt? Und wo? -- Er verspürte eine schäumende Wut, auf Cora zu
-stürzen, die er die Stufen hinunter ins Dunkel rennen sah, da verließ
-ihn alle Kraft, er mußte Magdas Gestalt zu Boden lassen, sie drehte das
-Gesicht weg, ihre Hand war so dunkel und fleckig im Schatten am Boden,
-er stand über ihr, da wurde der dunkle Boden, auf dem sie lag, zu
-dunkler Wiese, ihr Kleid färbte sich langsam rot, Georg roch mit
-fürchterlichem Grauen Kühe und Gras aus einer Entfernung von drei
-Jahren, er wich zurück, schlotterte, er stieß mit dem Hinterkopf an
-Stein, drehte sich um, stürzte Stufen hinunter, trat, niederbrechend, in
-weiches Gras, raffte sich hoch und stand.
-
-Ganz langsam drehte es ihn herum. Dort am Boden lag unverändert die
-Gestalt. Es wandte ihn wieder fort, durch Sekunden spürte er merklich,
-wie sein Inneres sich leerte. Er dachte noch: So ... also hier ist nun
-das Ende. -- Leere und eine unendliche Schwäche machten ihn so leicht,
-daß er umzuwehen meinte, sein Kopf sank vornüber, zu seinen Füßen war
-Mauer, etwas tiefer ein dunkelwässriges Glitzern, in das es ihn
-wonnevoll hinabzog. Ah stürzen! dachte er, stürzen! -- Dann fühlte er
-die Erlösung des Fallens.
-
-Aber dann klatschte sein Gesicht, seine Brust auf harte Wasserfläche, er
-versank, schlug mit den Armen um sich, entsetzliche weiche Bänder
-umschlangen ihm Hals und Gesicht, er war am Ersticken, gurgelte,
-schluckte, Wasser drang in gräßlichem Strom in seinen Mund, er bohrte in
-Todesangst den Kopf nach oben, da war Luft, er gurgelte, atmete, spie
-und rülpste Wasser aus, versank wieder, stieß mit den Füßen, riß sie aus
-Umstrickendem los, warf die Arme auseinander und merkte plötzlich, daß
-er schwamm.
-
-Nasses Haar hing ihm in die Augen und verwirrte sie; indem er es
-wegstreifte, machte ein riesiger Kanonenschlag sein Herz zusammenzucken,
-dann -- zischend und johlend schoß eine blendend weiße Kurve in die
-Nacht hinauf, heulte ganz rasend, eine Bestie, die sich vor Wut
-schüttelte, zerfiel aber plötzlich in eitel staunenswerte Sanftmut
-vieler blauer Kugeln und silberner, blendend hell strahlender Sterne,
-ein wundersamer Regen --, jedoch da stürzte sich wieder ein
-fürchterliches Winseln und Jaulen, ein lang hintanzendes satanisches
-Hu--ih--ih--ih! in die Lüfte empor, es prasselte plötzlich überall, rote
-Streifen kreuzten sich emporschießend, es knatterte, rauschte, fegte,
-drei -- unzählbare Feuerbögen jagten gegeneinander, rote Kugeln,
-goldflimmernde Sterne regneten von oben, es war blendend hell, da setzte
-eine riesige, von Golde brennende Sonne vor seinen Augen sich in
-Bewegung, Goldgarben aus ihren Rändern schleudernd, eine Feuergarbe nach
-oben, nach unten, nach rechts, nach links ausstoßend, Georg schwamm,
-richtete sich auf im Schwimmen, grunzte und schrie: »Mit Feuerwerk --
-woll'n wir zugrunde gehn!« und schwamm, während das ganze Ufer hinunter
-die Raketen sich höllisch bekämpften, Sonnen über Sonnen sprühend,
-sausend und brausend entfesselt wurden, über finstere Baumkugeln
-gewaltige rote Wolken von unten nach oben wogten, in denen die
-Laubkugeln rötlich leuchteten; dazwischen huschten schwarze Gestalten,
-die Nacht war tageshell, das grüne Wasser lag deutlich vor Georg mit
-großen Flecken wie Morast in dem starken Licht, aber als das grenzenlose
-Toben, Zerstieben von Silberbüscheln, Heulen der Flammenbögen und das
-besessene sich Herumwirbeln der Garbensonnen nicht enden wollte,
-ermattete er jählings, gewann mit zerfallenden Armen ein Ufer, kroch die
-Böschung triefend, schaudernd und frierend hinauf, lag eine Weile
-keuchend, zuckte, schluchzte und wünschte, tot zu sein. Er schleppte
-sich höher empor, stand; eine Feuersonne vor ihm -- ihr weißer Mast, an
-dem sie schwebte, war hell zu sehn -- drehte sich langsamer, spie
-schnaufend ihre letzten zwei Garben nach unten, stand still und regnete
-aus. Georg ging besinnungslos auf die dunkle Stelle zu, jemand rannte
-gegen seine Schulter und fluchte, eine dunkle Gestalt huschte vor ihm
-ins Dunkel mit einem Stabe, dessen Spitze brannte, gleich darauf riß ein
-zischendes silberweißes Band sich aus dem Grase und wand sich mit
-ungeheurer Schnelle in den Himmel hinein. Georg taumelte weiter, kam an
-eine Hecke, wankte an ihr hinunter, brach durch eine Lücke, hörte das
-Feuergetöse gedämpfter hinter sich und ging, bei jedem Schritt vornüber
-fallend, hustend und von Frost geschüttelt weiter und weiter, stand
-endlich still und sah in der Dunkelheit rechts vor sich schweigend und
-gewaltig einen schwarzen Fabrikschlot himmelhoch vor sich stehn und auf
-ihn hinunterblicken. Irgendeine Bekanntschaft dieses Ungetüms veranlaßte
-Georg, die dämmrig sichtbare Straße zur Linken hinunterzugehn, er ging
-und ging, fiel vor Müdigkeit gegen Bäume oder Pfosten im Weg, machte nur
-von Zeit zu Zeit die Augen auf, um zu sehn, wo er war, und flüsterte
-sich unaufhörlich zu: Fort, nur fort, ach nur fort! nur fort! --
-Sinnlose Angst trieb ihn weiter und weiter, auf einmal sah er, die
-Augenlider schwer aufreißend, seltsam die Hinterfront des Schlößchens,
-die er erkannte, ganz nah zu seiner Linken, er ging draufzu, der Boden
-wich, er stolperte bergauf und bergunter, fiel, stand wieder auf und
-fiel wieder und stand wieder auf, und war plötzlich vor einer Mauer. Er
-ging daran hinunter, sie wurde von einem Gitter fortgesetzt, er begriff,
-daß er hinüber mußte, und plötzlich lag er drüben an der Erde mit
-schmerzenden Gliedern. Nun an Gebüschen hinunter streifend, fand er die
-kleine Brücke, ging hinüber und befand sich gleich darauf in einem
-Zimmer, das er gut kannte. Die Angst hetzte ihn weiter, ich will nur
-noch -- dachte er, -- er wußte nicht was, schlich mühselig ins nächste
-Zimmer, hindurch und durch noch eines und fiel gegen etwas weiches
-Dehnbares. Das Bett ... flüsterte er, er sank zu Boden, rollte um, sein
-Kopf füllte sich mit Feuer, er lag und zuckte.
-
-Jählings fuhr er auf, da er Stimmgewirr und Schritte vernahm. Er kniete
-und richtete sich auf, erkannte im Halbdunkel den Raum, die Fenster,
-ging auf eines zu, streifte den Vorhang seitwärts, hakte den Riegel auf
-und stieg über die Brüstung ins Freie. Draußen stand er zitternd und
-todmüde, schlich ins Gebüsch, entsetzte sich vor einer Helle, die von
-der linken Seite über ihn fiel, sah all seine Fenster hell werden,
-sprang ins Dickicht und schlug sich durchs Gezweige weiter, bis er ins
-Freie und Dunkle kam. Der Stall ... flüsterte er, schlich über den Hof,
-hakte die Tür auf und atmete unsäglich dankbar den Geruch des Pferdes.
-Dann wurde es Nacht um ihn.
-
-
- Neuntes Kapitel
-
-
- Zimmer
-
-Renate lag nackend auf dem Rücken schräg über ihr Bett hin, schlaff
-neben sich Arme und Hände, die Füße hingen nach unten. Wie sie
-hingesunken war im Dunkeln, so lag sie, glaubte, schon Stunden zu
-liegen, schwer atmend, das Hirn im Feuer aller durchhinzuckenden Bilder
-des Tages. Losgefesselt von ihr jagte es haltlos durch ihre
-geschlossenen Augen, flatterte in Fetzen, wirbelte eins ins andre, und
-ineinander und auseinander zog und ergoß sich schon, was sie als Bild
-vor Augen sah und was sie im Halbschlaf träumend selber mit lebte. Sie
-glaubte, ein Bild aus einem Kinderbuche zu betrachten, eine
-Wiederfindung, harte Holzschnittfarben, aber es waren Klemens in seinem
-bäuerlichen Kleid und Irene, die über dem Zaun zusammenhingen, zum Bilde
-erstarrt. Sie ritt auf dem silbernen Pferd, fühlte sich gewiegt von den
-weichen Gängen, Ulrika stand am Weg, hielt das Pferd fest, weinte und
-sagte: So laß dir doch endlich erzählen, was geschehn ist! -- Eine rote,
-brennend rote Uniform ohne Kopf wirbelte in ein Zimmer herein und fuhr
-wieder hinaus, -- der Satan! sprach Jason mit warnend erhobenem
-Zeigefinger. Unter sich sah sie Rücken und Hinterbeine der Elefanten
-sich vorwärts bewegen, sie wurden kleiner und kleiner, es waren Hunde,
-weiße, kleine, sie erschrak und dachte: Sollen die den riesigen Wagen
-ziehn? aber das geht doch nicht, man muß es den Leuten sagen, daß es
-nicht geht! -- Plötzlich hörte sie sich seufzen und schlug die Augen
-auf.
-
-Neben ihr, beinah über ihr, sah sie die seitwärts gerafften Vorhänge des
-Fensters und den matten Glanz einer offenen Scheibe, aber es kam keine
-Kühle herein. Dann blendete sie von drüben der schmale senkrechte
-Lichtspalt der angelehnten Tür; sie konnte sich nicht entschließen,
-hinzugehn und das Licht zu löschen. Gott sei Dank, dachte sie ergeben,
-wenigstens ist es Nacht! Weit zurück in der Zeit glaubte sie die
-Heimkehrgeräusche der Andern zu hören, Schritte treppauf, Türen, -- sie
-legte den aufgerichteten Kopf wieder hin und war wieder hineingerissen
-in den feurigen Strudel, Bilder aus der biblischen Geschichte, sie
-selber war darunter, der verlorene Sohn kniete vor seinem Vater, --
-abseits, verfinstert, stand Erasmus, sie seufzte und fand sich gleich
-darauf liegend auf dem kleinen Rasenplatz im Gartendickicht, Ulrika
-beugte sich weinend über sie und bat: Wach doch auf, um Gottes willen
-wach doch auf, sonst ist es zu spät! aber sie konnte die Lähmung nicht
-abschütteln, rang mit dem Nacken, spürte endlich ihr wirkliches Genick,
-das sich löste, und brachte den Kopf in die Höhe.
-
-Da! -- sie fuhr entsetzt zusammen, -- es schlürften Schritte nebenan!
-Eine Stimme fragte: »Schläfst du schon, Renate?« Es war Josef.
-
-»Nein, Josef, was ist denn?« fragte sie zitternd.
-
-»Verzeih nur,« sagte er, »ich sah im Garten unten dein Licht und kam
-herauf. Ich glaubte, du habest >Herein< gesagt, und eben hörte ich dich
-rufen ...«
-
-»Habe ich gerufen? Ja, wie spät ist es denn?«
-
-»Es wird bald elf Uhr sein, ich dachte, du gingest vielleicht noch etwas
-ins Freie mit mir ...«
-
-Erst elf Uhr? fragte sie sich bitter enttäuscht, legte die heiße Stirn
-gegen den Handballen und bemühte sich, zu denken. Ja, am Wasser war es
-vielleicht kühl, zu schlafen war unmöglich. »Ich komme gleich, Josef!«
-rief sie leise. Sie wartete dann, hörte ihn durchs Zimmer zurückgehn,
-einen Stuhl rücken, erhob sich lautlos, schlich zur Tür und machte sie
-leise zu. Dann stand sie tief aufatmend, suchte ihre Kleider, die weiß
-am Boden vor dem Bett lagen, ihr Kopf schmerzte heftig, sie kleidete
-sich hastig an, machte Licht überm Spiegel, aber nachdem sie, mit
-geblendeten Augen kaum ihr Spiegelbild wahrnehmend, eine Flechte
-aufgelöst und neugeflochten hatte, brachte sie mehr nicht fertig, ließ
-die Zöpfe hängen, ging zur Tür und trat leise ins Nebenzimmer.
-
-Josef saß vor dem Schreibtisch, ihr den Rücken wendend, die Hände um das
-übergelegte rechte Knie geschlossen, und sah zu der kleinen, schneeweiß
-leuchtenden Gipsbüste des Ech-en-Aton empor. Wieder wie immer, da sie
-den kleinen Königskopf im zarten Licht der gelben Schirmlampe unten
-schimmern sah, erfüllte seine gesteigerte Süße und Schönheit sie mit
-leisem Schreck. Die Zartheit des schrägen Profils, der unbeschreibliche
-Ausdruck der flachen, ganz wenig nach außen abhängenden Augen, das
-wunderbare Kinn, die himmlische Blüte der küssend immer gewölbten Lippen
-und -- vielleicht das Wunderbarste -- am Halse die senkrechten beiden
-Muskelfalten, leise schattend und unsäglich lebendig -- all dies auf dem
-Grunde grüner, schimmernder Blätter und Ranken, im Zwielicht so weiß,
-zart und locker wie von frischem Schnee -- hielt lange ihre Augen fest,
-während sie hinter Josef trat, die Hände auf seine Schultern legte und
-leise sagte:
-
-»Ich danke dir -- heute erst -- für ihn. Er war mir fremd im Anfang.
-Aber nun ist er mir von Tag zu Tag und von Jahr zu Jahr
-unbeschreiblicher und lieber geworden.«
-
-»Er wächst«, hörte sie Josef sagen, »wie eine Blume, die Jahr um Jahr
-köstlicher blüht. Er blüht und wächst für sich selbst, aber wer ihn
-ansieht, über den wächst er selig hinaus und nimmt nur die schauenden
-Augen mit sich hinauf. Als ich hier saß, war er mir fast schon ein Stern
-geworden, bis du kamst und er wieder nahe, klein und lieblich wurde, --
-denn wir sind unten.«
-
-Er sprach sehr leise. Sie schwieg und hörte bald darauf seine Stimme
-wieder:
-
-»Wasser sind wir; ja, wir sind das Wasser. Wir sind das Fließende, immer
-sich Gleichende, nur Wellen, nur Wellen, eine der andern ganz gleich,
-eine verfließend zur andern, immer das nämliche Weinen und Traurigsein,
-nämliche Lachen und Stehn und Nichtwissen, Schluchzen auf Steinen und
-Schluchzen in Kissen, und Vergehn.
-
-»Du aber bist aus dem dämmernden Strom von uns Andern getaucht ...
-
-»Du trägst den reinen Spiegel an der Stirn, -- o du Delfin des Lichts!
-
-»Du bist der Fisch, der selige Tummler im Klaren, du weidest einsam
-durch die Wogenscharen, schon lange halb durchgotteten Gesichts!
-
-»Du bist des Wachstums zarteste Lieblichkeit, wie eine Blume in
-Bescheidenheit -- erglüht dein weißes Antlitz ...
-
-»Die Sonne spreitet hundert goldne Hindernisse, Delfin, Delfin, du
-überschaukelst sie getrost dahin ...
-
-»Du wiegst dich schnelle durch das Ungewisse, denn deine Reinheit war
-von Anbeginn. -- Du kamst voll großer Freude aufgetaucht, Lüfte küssend,
-trunkener Delfin, Göttern ähnlich, so erlaucht, weil die Strahlende
-erschien.
-
-»Nun stehst du in Sternen vielleicht als uns funkelndes Bild, -- näher
-der Ewigen als wir, bald in die Flamme getaucht, die uns den düsteren
-Scheitel umraucht. Wir sind das Wasser, sind hier ...«
-
-Er hatte bei den letzten Worten die Fingerspitzen leicht auf ihre Hände
-gelegt, die noch auf seinen Schultern waren. Sie schwieg noch eine
-Weile, seinen Worten nachlauschend, durchschaudert und gekühlt von
-Schauen und Lauschen, aber indem sie zu sagen im Begriff war, wie
-glücklich sie sei, daß er wieder hier war, bewegte er sich unter ihr,
-streifte ihre Hände sanft fort und stand auf. Undeutlich erblickte sie
-nahe über sich sein Gesicht im Schatten, die entstellte Hälfte
-erschreckte sie nicht. »Laß uns nun gehn«, sagte er; sie nickte dankbar
-lächelnd und ging vor ihm hinaus.
-
-
- Wehr
-
-Bald waren sie im Finstern außerhalb des Gartens unter den Bäumen. »Gieb
-acht!« warnte Josefs Stimme hinter ihr, sie fühlte seine Hand an ihrer
-linken. »Kannst du mich denn sehn?« lachte sie leise. »Dein weißes
-Kleid«, hörte sie sagen, glitt ihm davon, wäre aber fast an einen
-Pfosten der Schaukel gestoßen, sah nach oben blickend das Schwarze des
-Gerüstes gegen die mattere Dunkelheit und zwei Sterne, wandte sich und
-sagte: »Hier ist die Schaukel.« Er antwortete nicht. Sie fragte:
-»Josef?« »Hier!« hörte sie weit rechts hinter sich seine Stimme, drehte
-sich, ging weiter, vorsichtig um den Schatten eines breiten Baumstamms,
-fühlte die harten Falten der Borke und sah Josefs Schattengestalt unter
-sich im Freien gegen den grauen Grund der Wiese. Wie kühl war es hier
-schon! -- Sie holte ihn ein, seine feierliche Stimme klang wieder in
-ihrem Ohr: O du Delfin des Lichts! -- -- So hatte die Heimkehr zum Vater
-ihn doch tiefer ergriffen ... Aber, als sei noch ein andrer Ton in
-seiner Stimme gewesen, mußte sie nun, die rechte Hand in seinen Arm
-schiebend, sagen: »Du hast so abschiednehmend gesprochen, Josef, als
-wolltest du morgen schon wieder davon.«
-
-»Nun, wie lange meinst du denn, daß ich bleibe?« fragte er freundlich.
-Sie konnte nicht antworten, da sie sich nun fragen mußte, ob hier
-wirklich eine Stätte für ihn sei, und so wanderten sie wortlos weiter
-auf dem Sandweg. Der Himmel war besät mit den Sternen, die klein waren
-im warmen Dunst der Nacht; dunkel lagen die Wiesen. Josef blieb stehn,
-gleich darauf auch sie, sich zu ihm wendend.
-
-»Höre einmal,« sagte er leicht, »was ich noch fragen wollte ... Wußte
---, oder sagen wir: weiß Erasmus eigentlich, daß du mit dem Herzog
-verlobt bist?«
-
-Renate versuchte sich zu besinnen. »Ja, warum fragst du? Ich glaube
-wohl. Nein -- das heißt, -- ich sagte es ja bei Tisch, als er nicht da
-war.«
-
-»So«, bemerkte Josef, vor seine Füße blickend. »Ich dachte, als du im
-Zelt --«
-
-»Ach ja, Josef,« rief sie rasch, im Gefühl, von etwas andrem reden zu
-müssen, »ich wollte dich ja auch immer etwas fragen. Nun fällt mirs
-wieder ein, da du vom Zelt redest!«
-
-»Nun?«
-
-»Warum hast du dich mir eigentlich heut gezeigt?« Sie trat auf ihn zu,
-liebevoll. »Hast du doch geahnt, daß ich dich brauchte? Oder was trieb
-dich?«
-
-Er antwortete nicht, sondern sah sie nur fest an durch die Dunkelheit.
-Alsdann wandte er das Auge fort und trat zur Seite.
-
-»Die Antwort«, sagte er, in das Dunkel der Wiesen blickend, »ist nicht
-leicht. Du fragst nämlich nach meinem Geheimnis. Ich werde es dir gleich
-erklären. Ja,« hörte sie ihn mit einer schönen Ruhigkeit fortfahren,
-»das Geheimnis meines Lebens. Es hat endlich -- vor einigen Tagen --
-seine Lösung gefunden; und also wurde es Zeit, zur Versöhnung zu
-schreiten.«
-
-»Mit deinem Vater?« fragte sie hastig, und er erwiderte mit gesenkter
-Stimme: »Jawohl«, -- aber das klang wie eine Verneinung, und er setzte
-eilig hinzu: »Versöhnung, ja, wenn du das Wort in einem sehr weiten
-Sinne --« Er brach ab.
-
-Da waren sie am Zaun, gingen durch das schief wie immer zur Erde
-hangende Pförtchen, über die Brückenplanke und weiter den weichen
-Wiesenpfad, wo Renate seine Hand wieder losließ. Bald war das Rauschen
-des Wehrs zur Linken hörbar, über ihnen war der rote Himmel der Stadt.
-Renate bat: »Komm ans Wasser!« Sie bogen vom Wege ab und gingen unsicher
-und stolpernd über die sommerdürren Buckel der Wiese im tiefen Grund.
-Baumsilhouetten wuchsen über ihnen aus dem Dunkel, dann wurde die
-schwarze Linie des hohen Ufers sichtbar, da war der Hang, Renate stieg
-von Josef gestützt hinan, oben empfing sie das laute Brausen der
-stürzenden Wasser. Die Geländer der schmalen Holzbrücke waren zu sehn,
-die über den Fluß führte gerade dort, wo die Wasser abstürzten. Renate
-ging daraufzu und sah einen Augenblick mit leichtem Schwindel, umrauscht
-vom jähen Getöse, unter sich die dämmerweiße, schräge Ebene von Schaum,
-die ihren Blick in das tosende Wirrsal gelblich weißen Gischts
-hinunterriß und weiter hindurch, wo dies entströmte in die dunkle,
-langsam sich glättende Fläche des Stroms, wo gemauerte Wände dunkel
-standen, Bäume, und Sterne zu sehen waren. Sie faßte den dünnen
-Geländerbalken vor sich mit den Händen und gab sich dem Donner der
-Fluten und dem geheimnisvollen Niederschießen des Weißen hin, in aller
-Weite doch eingeengt durch die Betäubung des Ohrs; dann sah sie zu ihrer
-Linken dicht neben sich Josef auf dem Geländer sitzen, ganz dunkel.
-Unsicher hob sie die linke Hand und streckte sie nach ihm aus; er nahm
-sie, hielt sie mit seiner linken auf dem Oberschenkel und deckte die
-rechte darüber. Sie glaubte, ihn etwas sagen zu hören, verstand nichts
-und sah fragend in den dämmrigen Schein seines Gesichts. Nun beugte er
-sich näher und sagte, ihre Hand fahren lassend: »Sei so gut und tritt
-etwas zurück.«
-
-Sie tats unwillkürlich, doch war gleich hinter ihr das Geländer, an das
-sie sich lehnte.
-
-»Kannst du meine Stimme verstehn?« fragte er durch das Rauschen.
-
-Sie bejahte.
-
-»Dann, mein Kind,« fing er nach einer Weile wieder an, »dürfte es an der
-Zeit sein, dir mein Geheimnis zu sagen. Wie dir bekannt sein wird, hat
-jeder Mensch sein Geheimnis, das nur der Tod oder höchstens die Geliebte
-erfährt. So erlaube mir, dich dafür anzusehn. Höre zu. Was in meinem
-Brief gestanden hat, dem Abschiedsbrief, das sind lauter Lügen gewesen.
-Nicht so gemeine, senkrechte Lügen, wie man sie alltäglich gebraucht,
-sondern feine, schräge natürlich, und zwar deshalb, weil da hundert
-Gründe für mein Fortgehn angegeben wurden, statt des einen wirklichen.
-Nun höre wohl zu ...«
-
-Er schwieg Augenblicke lang, dasitzend schräg auf dem Geländer, eine
-Hand auf dem Knie, die er zu betrachten schien, während er mit
-gelassener Stimme fortfuhr:
-
-»Der einzig und alleinige Grund, den ich dir nun zu verraten habe, war
-der: daß ich auszog, das Fürchten zu lernen. Lächle meinetwegen,
-Mädchen,« sagte er, flüchtig aufblickend, »du weißt nicht, was du tust.
-Sich nicht fürchten, denkst du, das ist weiter nichts, oder man nennts
-auch Tapferkeit, wovon ich freilich nicht rede. Wovon ich rede, das ist:
-sich nicht fürchten können und doch immer: sich fürchten wollen,
-fürchten müssen, ja einfach eine unwiderstehliche, eine maßlose, eine
-wütende Lust nach dem haben, vor dem sich grausen ließe. Verstehst du's
-vielleicht? Oder soll ich dirs erklären? Was mag es denn wohl heißen für
-einen Knaben, daß er Tiere langsam zu Tode martern muß und dabei warten,
-bis aus ihren nicht verstehenden Augen das Grauen überschlägt in die
-eignen? Nicht gefürchtet. Siehe auch einen Jugendlichen, der die kleinen
-Tiere satt hat, zum Schlachthof gehn und dem Totschläger der Bullen die
-Axt fortnehmen und Stiere und Rinder in Reihen erschlagen, um zu sehen,
-wie der Tod in ihre Augen und das Feuer darin zu blauer Asche tritt.
-Nicht gefürchtet. Ich habe gesehn, kann ich dir sagen -- denn zum andern
-bekam ich naturgemäß die Gabe, immer dort zu sein, wo es etwas zu
-fürchten gab --, wie Menschen sich von Rädern zermalmen ließen. Nicht
-gefürchtet. Ich sah Menschen bei Feuersbrünsten aus Wolkenkratzern
-hüpfen wie die Flöhe und auf dem Pflaster unten zerspritzen wie
-Gefülltes. Nicht gefürchtet. Ich sah den Lift aus der Höhe herunter
-sausen und seinen zerquetschten, noch lebenden Inhalt im Kellerschacht.
-Nicht gefürchtet. Ich habe Männer bei langsamem Feuer rösten sehn --
-nicht gefürchtet; Kinder bei satanischen Messen lebendig zerlegen --
-nicht gefürchtet. Ich habe mir alle Arten der Hinrichtung besehn,
-Strick, Stuhl, Axt und Maschine. Ich sah in China Menschen, denen die
-Köpfe von zurückschnellenden Bambusbäumen ausgerissen wurden, die durch
-Tropfen von Wasser auf die bloßen Schädel zum Rasen gebracht wurden, --
-nicht gefürchtet, -- Frauen, die bis an den Schoß in die Erde gegraben
-wurden, und denen ein schnellwachsendes Gewächs ... nicht gefürchtet.
-Ich habe alle diese Menschen zur Richtstätte führen, in Todesangst
-schlottern und wahnsinnig werden sehn -- nicht gefürchtet. Ich --«
-
-Plötzlich fühlte Renate, die ganz erloschenen Leibes mit zugefallenen
-Lidern gehört und gehört hatte, ihre Handgelenke von Händen ergriffen,
-sich vorwärts gezogen und ihre eine Hand mitten auf seine Brust gelegt.
-Sie konnte die Augen nicht aufbringen, als sie ihn jetzt sagen hörte:
-
-»Da! Fühlst du mein Herz? Hier mitten in der Brust, nicht wie beim
-gemeinen Volk links oder gar rechts, da -- kannst du den Schlag fühlen?«
-
-Er zählte, und wie er langsam, langsam die Zahlen sagte, und sie
-mitzählte: »Eins -- -- -- zwei -- -- -- drei -- -- -- vier -- --«,
-hörte, fühlte sie die entsetzliche Langsamkeit des Schlagens darunter,
-kein Herz, ein eisernes Gangwerk, und Josef sagte:
-
-»Spürst du's nun? Kennst du den Schlag? Er ist gar nicht so langsam, wie
-dirs vielleicht vorkommen mag, er ist der Schlag der Sekunde. Aber! Dies
-Herz, dieser Schlag ist nur in einem einzigen Augenblick meines Lebens
-schneller gegangen. Begreifst du, was das heißt? Ah, Kind, das heißt,
-sagen sie, daß meine Mutter mit diesem Uhrenschritt um die Sonnenuhr
-gegangen ist, als sie mich trug, um mich hart zu machen für das Leben.
-Ich kann mich nicht fürchten, Renate, nein, du brauchst mich nicht
-anzusehn, ich kann mich nicht fürchten, ich habe nur einmal -- ja, hin
-und wieder einmal habe ich etwas gespürt, das von weitem -- sehr von
-weitem, denn es war nur eine Möglichkeit, ein Reiz -- aussah wie Furcht,
-ein süßer Hauch der letzten Zerstörung, des Grauens, und das war die
-Möglichkeit: dir Gewalt anzutun. Nun genug. Du weißt alles bis auf das
-Letzte. Nämlich: heut vor drei Tagen --, ja, heut vor drei Tagen habe
-ich das Fürchten -- gelernt. Und das war freilich so, daß es mich jetzt
-wundert, daß ich es überlebte. Ich will dirs sagen. Ich habe --«
-
-Plötzlich war sein zerspaltenes Gesicht so nah vor dem ihren, daß sein
-Mund fast den ihren berührte, daß sie nichts sah als die Gräßlichkeit
-des blinden zerflossenen Auges, während seine Stimme von unten her
-flüsterte oder zischte: »Ich habe -- mich selbst erschossen.«
-
-Renate schloß die Augen, öffnete sie wieder. Josef saß wie vorher. Ihre
-Haut war kraus und eiskalt geworden am ganzen Leibe, sie glaubte kein
-Herz mehr zu haben, als sie von ihm fort sich am Geländer dahinschob.
-
-»Ja, geh nur,« hörte sie ihn noch sagen, »für dich ist es Zeit. Geh nur
-zu, Kind!« Er hob winkend die Hand. Sie entlief.
-
-Gleich darauf strauchelte sie über eine Unebenheit und gewahrte in der
-Wiesentiefe zur Linken eine Gestalt. Sie blieb stehn, die Gestalt kam
-näher; erst dunkel, ward sie grau; ihre Augen umklammerten sie
-angstvoll, sie wußte schon, wer es war, sie wollte nicht --, da kam er
-den Hang herauf, Erasmus, noch immer im Harnisch, barhaupt, und sie
-gefror. Aber ein jähes und wütendes Grauen trieb sie zwischen ihn und
-Josef, sie lief zurück.
-
-Josef stand aufrecht oben und rief jetzt mit heller Stimme:
-
-»Hier bin ich, Erasmus, hier! Ich fürchte dich nicht!«
-
-Da stand Erasmus oben wie ein Gespenst, schrecklich groß, sie konnte
-seine Augen sehn, die aus den Höhlen quellen wollten, er hielt beide
-Hände geballt vor der Brust, die wogte, -- nie, schrie es in Renate, ist
-er in der Fabrik gewesen, er trägt ja immer die Rüstung noch! -- Und sie
-riß aus dem zugewürgten Hals klingend ihre Stimme heraus und sagte:
-»Erasmus? Ja, willst du denn --« wirklich jetzt immer geharnischt gehn?
-wollte sie fragen, aber er schlug ihr die dünne Klinge, die sie
-vorstreckte, mit einer Keule nieder und mitten durch, indem er sagte:
-»Du!« sonst nichts, doch eben dies hob sie wieder ganzen Leibes so
-leicht, als ob sie flöge, und sie lächelte angstlos und sagte: »Was hier
-geschehen soll, das wird nie geschehn.«
-
-Im Augenblick darauf taumelte sie zur Seite, von einem Stoß oder -- sie
-wußte es nicht, sie sah nur, in die Knie brechend und nun von Sinnen vor
-Angst, Erasmus dastehn, als stürze er vornüber und hörte ihn, keuchend,
-schäumend, gurgelnd:
-
-»Endlich -- ists -- soweit. -- Du! Mörder! Dieb! Mutter--mörder. -- --
-Gestohlen -- -- Mutter hast -- -- mir gestohlen ... Vater -- Liebe -- --
-gestohlen. Liebe -- immer, immer -- gestohlen, immer -- stohl ... nun --
-nun -- stehlen -- diese -- die -- willst -- diese -- du -- du --
-verlorner Sohn! Abrechnen -- rech -- ich -- Jahre geduld -- -- geduldet.
--- -- Alles -- alles -- alles -- getan -- -- rechnet, ge -- -- schunden,
-Blut unter -- Blut -- -- und -- nun, nun, nun -- auch diese -- Re -- --
-Renate. Weg! du! weg du! weg, weg! Oh -- uh -- weg!«
-
-Renate legte die Hände auf die Augen und drehte sich um. Sie machte
-einen Schritt, strauchelte und glitt den Abhang hinunter, brach unten
-auf die Knie, richtete sich schwer und mühsam auf und sah nun ruhig
-staunenden Blutes hoch über sich alles rot und in dem Rot eine ungeheure
-Gestalt, die eine andre wagerecht über sich hochgehoben hatte.
-
-Da floh sie besinnungslos in das Dunkel, lief, im Fallen unzählige Male
-sich aufraffend, lief, ihr Kleid riß, sie packte es mit den Händen und
-hob es vorn und lief, hakte mit dem Fuß an Latten, riß ihn los, ihr Atem
-versagte, sie lief, blindlings einem bleichen Streifen am Boden folgend,
-keuchte und lief eine Schräge hinauf, wich einem Baum aus, der ihr
-jählings schwarz entgegentrat, und indem schmolz aus ihren Knien alle
-Kraft. Sie glitt vornüber und nieder, raffte sich wieder hoch, fiel
-gegen den Baum und schrie, ihn mit den Armen umklammernd: »Das war die
-erste!« Sie hing und sah sich selber im Dunkel, in ihrem weißen Kleid,
-in einem jahrfernen Traum, in die Knie gleiten und wieder aufrichten,
-und stammelte: Die Verneigungen, die Verneigungen, die Verneigungen ...
-nun kommen die Verneigungen, oh Gott! -- und sie lief weiter, sie war im
-Garten, in der Veranda, im Flur, -- da mußte sie halten.
-
-
- Treppenhaus
-
-Einen Augenblick lang in großer Leere des Herzens mußte sie plötzlich
-erkennen, daß die Angst, die eben noch hinter ihr gewesen, vor ihr war;
-vielmehr war es nicht Angst, sondern nur ein leises Grauen, mit dem sie
-etwas Unheimliches über sich, im Treppenhaus witterte, und da wagte sie
-es, dem zu entfliehen, und bewegte sich bis zur Haustür hinüber, wo sie,
-jetzt gelähmt, stehen blieb und sich umwandte.
-
-War denn Licht im Treppenhaus oder nicht? Wie seltsam helle es dämmerte!
-Weiß stieg die Treppe mit dem blauen Läufer bis zur ersten Biegung, von
-da aus das weiße Geländer. Und jetzt wußte sie: oben war etwas; das kam
-herunter. Kein Mensch, ein Tier, ein riesiges Tier, wild, sie hörte
-schon das langsame Treten der Tatzen von Stufe zu Stufe, das rauhe Fell,
-das am Geländer schräge nach unten sich hinabschob und scheuerte, sie
-roch den wilden heißen Dunst, und ihr Herz stand still. Gleich darauf
-tauchte der riesige weiße Kopf des Tigers oben hinter dem Geländer auf,
-die Lichter glommen auf in den gedehnten Augen, er wandte das Gesicht
-herum. Plötzlich saß er auf der Plattform, ganz still, die weißen Tatzen
-vor sich, und Renate sah das furchtbare, streifig bemalte Tiergesicht in
-einem Kranz weißer Mähnenhaare, sah, vom wilden Atem auf und nieder
-bewegt, die gelben, roten und schwarzen Streifen der Flanken. Der lange
-Schweif legte sich nach vorn, er duckte den Kopf, schloß die Augen und
-war verschwunden.
-
-Sie stieg langsam die Treppe hinauf ohne andres Empfinden als die
-furchtbare Mühsal des Steigens. In ihrem Zimmer drückte sie die
-Handballen gegen die Stirn, stand und hörte sich stöhnen. Sie sah einen
-schwarzen Menschenkörper in einer ungeheuren Höhe schweben, und dann
-klatschte Wasser. Wieder stieg in ihr das Grauen, sie wankte vorwärts,
-ertastete den Türvorhang, fiel dagegen und an dem weichenden hin auf den
-Fußboden.
-
-Renate lag totenstill. Alles war still geworden. Sie bewegte die
-klebrigen Lippen und lallte: Nichts ... Es war ja nichts. Nichts ist
-geschehn. -- Sie hob den Kopf hoch, tastete nach ihrem Haar, entsetzte
-sich vor dem Rauhen ihrer eignen Flechte und gelangte mühselig auf die
-Knie. So lag sie eine Weile zitternd, stellte sich dann auf die Füße,
-tastete nach der Bettstelle, fühlte das Holz, machte zwei Schritte und
-setzte sich auf den Bettrand. Wankend vor und zurück fühlte sie, daß sie
-ohnmächtig wurde, aber im selben Augenblick mußte sie aufhorchen. Es
-waren Schritte auf der Treppe. Langsam kam es herauf, Fuß um Fuß, Stufe
-um Stufe, sie erhob sich und ging vor, trat in die Tür, lehnte sich mit
-Rücken und Kopf gegen den Pfosten und flüsterte: Sein Vater -- kommt,
-nun -- nun wollen wir Rede stehn. -- Sie lächelte.
-
-Langsam kamen die Schritte über den Flur näher, immer ein wenig lauter,
-und nun war alles still vor ihrer Tür. Sie wartete gefühllos. Ihre
-Augen, im Dunkel irrend, sahen die Fenster, und weiß den kleinen Schein
-der Gipsbüste in der Luft. Nun ging die Tür auf; da stand Erasmus. Sie
-sah seine Augen, die nicht Augen mehr waren, sondern nur Entsetzen. Dann
-hörte sie eine Stimme leise sagen:
-
-»Ich hab's -- getan.« Er schluckte. Sie sah seine Hände, die sich
-einander näherten, dann rieb die eine die Knöchel der andern. »Nun,«
-sagte er unendlich leise, »nun steht, auf der Treppe, steht -- -- Gott
--- Vater, mit dem Licht und sagt -- -- wo -- wo ist ...«
-
-Renate sah den alten Mann oben stehn und die Treppe hinunterleuchten.
-Aber als die Erscheinung verschwunden war, wurde ihr leichter um die
-Brust, sie sah die Gestalt des Erasmus in der Tür sich wenden, sie löste
-sich vom Türrahmen und ging zu ihm; da fühlte sie wieder das Grauen, biß
-die Zähne auf die Lippe und sagte: »Erasmus ...« Sie mußte die Augen
-schließen, hörte einen Fall und fühlte seine Hände in den ihren und sein
-Gesicht. Dann sah sie ihn vor ihr knien, machte eine Hand los, legte sie
-auf seinen Kopf und fing an, ihn zu streicheln. Er weinte und sagte
-kindisch mehrere Male: »Er sollte ja nur weg ...« Dies dauerte eine
-Weile, dann war Erasmus plötzlich verschwunden, sie saß vor dem gelben
-Schirm ihrer Lampe am Tisch, sah über sich das weiße Antlitz
-Ech-en-Atons unverändert, oder lächelte es nun? Dann war nichts mehr.
-
-
- Hörsaal
-
-Renate hing verzweiflungsvoll am Drücker einer Tür, rüttelte mit aller
-Kraft und brachte sie nicht auf. -- Ja, was ist denn? fragte sie sich,
-ablassend. Es war dunkel; was sie in der Hand hielt, war der Türdrücker
-an Reinholds Wohnung, sie sah die dunklen Fenster neben sich,
-Blumenstöcke und Gardinen. Da fühlte sie wieder ihre Angst, sie weinte:
-Ich muß ja fort, ich muß ja fort! -- Indem hörte sie links hinter sich
-ein Knarren, die große Einfahrt bewegte sich, Reinhold kam herein mit
-seiner Frau. Im selben Augenblick auch schon saß Renate in ihrem
-Automobil und sah durchs Fenster die Straßenlaternen vorbeiziehn. Kaum
-hatte sie dies gesehn, so flammte es vor ihr und ward wieder Nacht, sie
-erschrak und sah, daß sie durch die Stadt fuhr, daß unaufhörlich
-Schwerter von einfallender Helle und Dunkel vor ihr in den Wagen
-schnitten, und nun sah sie im schmalen Spiegel gegenüber ihr Gesicht.
-Jetzt kommen Leute, dachte sie, sammelte sich, so gut sie konnte, und
-sah, daß sie in einem goldenen Mantel saß; ich hab ihn verkehrt
-umgenommen, dachte sie, es schadet nichts. -- Sie schloß einen Haken am
-Halsausschnitt der Tunika, beugte sich vor und sah im Spiegel ihre
-Augen, sehr dunkel und tief in den Höhlen. Man sieht mir nichts an,
-dachte sie verwirrt, saß in einer großen Leere und merkte, daß der Wagen
-stillstand. Doch fuhr er gleich wieder, ein Gesicht kam ganz nah an die
-linke Scheibe, sie drückte Haupt und Rücken an und saß aufrecht, die
-Arme nach beiden Seiten gestreckt, und zitterte. Sie hörte dumpfes
-Brausen, die Lider sanken ihr zu, unter ihr sah sie die gelbliche
-Schaumfläche des Wehrs, es zog sie hinunter, sie warf den
-vorübersinkenden Kopf zurück und stöhnte: Oh Gott, wie lange dauert
-diese Qual! -- Heftig erschreckend fiel ihr ein, ob Reinhold denn
-überhaupt wußte, wohin sie wollte, sie rückte ans Fenster, sah die
-Alleebäume dunkel, umwogt von menschlichem Getümmel, dachte inbrünstig
-an den Herzog, an alle Beruhigung, an Schlaf. Jetzt wurde die Wagentür
-aufgerissen, Reinholds Gesicht war draußen, sie raffte Mantel und Kleid
-und dachte: Zusammennehmen ...
-
-Langsam stieg sie aus, ging zu der breiten Freitreppe der Universität
-vor und hinauf. Es schwirrte vor ihren Augen, groß und größer wurde der
-dunkel glänzende Fleck ihres violetten Kleidrocks, auf den sie
-hinuntersah, sie glaubte vornüber zu fallen, und erreichte mit Mühe die
-oberste Stufe. Ein Mensch, ein bunter, ein Türsteher, fragte sie etwas,
-sie antwortete: »Zum Herzog.« »Seine Königliche Hoheit --« hörte sie
-sagen und unterbrach: »Herzog Trassenberg.« Der Mann verbeugte sich und
-ging fort.
-
-Renate stand in einer Halle, sah einen breiten Korridor mit Türen zur
-Rechten und ging im ohnmächtigen Verlangen, nur sitzen zu können,
-hinein. Musik ... sagte sie, aufhorchend, ein Klavier ... Eine helle,
-singende Stimme schmetterte unverständliche Worte, sie ging daraufzu,
-eine Tür neben ihr stand halboffen, sie sah drinnen eine Wand mit einer
-schwarzen Tafel, darunter ein Podium und ein Katheder. Ach, dachte sie,
-ein Hörsaal ... Weiter vortretend, gewahrte sie unterhalb des Podiums
-Kopf und Rücken eines Menschen, der vor einem Flügel saß, spielte und zu
-einem Mädchen mit Haarschnecken an den Ohren aufsah, das in der
-Einbuchtung des Flügels stand, ihn lächelnd ansah und sang. Nun wurde
-auch das Profil des Spielenden sichtbar, ein hängender Schnurrbart,
-große hängende Nase und fliehende Stirn mit schwermütigen Brauenbögen;
-sie sah das nach hinten gestrichene, lang fallende Haar und glaubte den
-Menschen zu kennen. Die Schultern waren braun, Frackschöße hingen
-zwischen den Stuhlbeinen, oben darüber brannte eine harte Flamme, die
-ihre Augen blendete. Ach, Benno ists! dachte sie dankbar, da sitzt er
-nun und spielt ... Renate fühlte es rieseln im Herzen, sie lehnte sich
-an den Türrahmen, die Augen der Sängerin bewegten sich zu ihr, aber sie
-sang weiter, obschon sie betroffen schien und die Augen nicht wieder
-abwenden konnte. Ihr Gesicht war weiß wie eine Blüte, die Augen
-glitzerten blank und dunkel, die Backenknochen schienen etwas
-vorzustehn, sie sah munter und herzlich aus, und als sie nun wieder
-lächelte, mußte Renate es auch tun, während eine zarte, auf und nieder
-schwebende Melodie ein weiches Band um ihr Herz wand und wieder davon
-abzog und sie die Worte hörte: »Der mich ins Zimmer trägt, mir in die
-Hand -- Wärmend ein Herz giebt mit Glutenbestand.« Dann wechselte die
-Tonart in Moll: »Kommt jetzt der Winter mit Schloßen und Schnein ...«
-sang das Mädchen wehmütig, fragend, wartete ein Weilchen auf einer
-Fermate in der Höhe und endete mit kurz und trübselig hervorgestoßenen
-Lauten in der Mittellage, eintönig: »Frier' ich am Feuer und blase
-hinein ...« während aber dahinter die Klaviermusik in einem lustigen
-Spottgelächter einen rauschenden Dur-Aufschwung nahm und abspringend,
-wie ein landender Vogel, mit zwei, drei Sprüngen prasselnd endete.
-
-»Bravo!« sagte Benno hochentzückt, »Du hast herrlich gesungen, ganz
-herrlich!«
-
-»Guck mal da!« antwortete die Sängerin, »da steht Fräulein von
-Montfort!«
-
-Benno drehte sich um und sprang auf; sein heißes und gerötetes Gesicht
-wurde ganz dunkelrot, als er mit vielem Dienern auf Renate zukam, die
-Arme schlenkernd nach außen bewegte und lächelte und etwas stammelte mit
-seiner gebrochenen Stimme.
-
-»Guten Abend, Benno,« sagte Renate ihm die Hand reichend, »war das von
-Ihnen? Ach, machen Sie's noch mal, es war so lieblich, bitte, wollen Sie
-so gut sein?« fragte sie das Mädchen, in dem sie nun Bennos Braut
-erkannte, und das gleich bereit war. »Heliodora gebietet,« sagte sie zu
-Benno, der sich maßlos wand und zierte, »also los!«
-
-»Es ist aber ganz unbyzantinisch«, suchte Benno sich herauszuwinden. --
-Renate schwindelte es plötzlich, sie beherrschte sich mühsam, ging auf
-eine graue Bank zu und setzte sich. Bald darauf hörte sie das Klavier
-wieder, ihr schien, wehende Gartenzweige gingen vor ihr auf und nieder
-und die Sonne brannte. Aus Vogelgezwitscher schmetterte eine singende
-Stimme:
-
- Lieblich ist Sommer mit Ähren und Mohn,
- Ach und die Bäume entlaubten sich schon ...
-
-Die Stimme, während das Klavier rumorte und aus der Fassung zu kommen
-schien, wurde wehmütig und murmelte:
-
- Warfen die Kleider hin, steigen ins Grab;
- Werf ich die Schuhe, die Kleider jetzt ab,
- Find't mich doch keiner, der eilig und gut
- Um mich den Mantel der Zärtlichkeit tut ...
-
-Die Stimme schwieg, das Klavier suchte murmelnd und ein wenig
-schnüffelnd wie ein unruhiges Tier im Baß, Renate öffnete die Augen,
-glaubte Schritte zu hören, da erschien die rote Uniform und das Gesicht
-des Herzogs mit fragenden Augen. Es waren noch Menschen da, aber er
-schloß die Tür hinter sich. Renate bewegte sich nicht, sah ihn nur
-unendlich erquickt und beruhigt an, nur mit ihrer Haltung andeutend, daß
-gesungen wurde und nicht zu stören sei.
-
-»Der mich ins Zimmer trägt, mir in die Hand --« hörte sie wie vorhin,
-die Worte entgingen ihr, gegen Ende stand sie langsam auf, der Herzog
-bewegte sich vor, und sie faßte seine Hände. Es war still.
-
-»Danke schön, Benno,« sagte Renate den Kopf neigend, »dank Ihnen
-tausendmal, kleines Fräulein! Und -- Benno, -- mir ist etwas
-eingefallen, -- ich möchte Sie gern um etwas bitten ...«
-
-Sie sah das Mädchen bittend an, die verstand, nickte Benno zu, rief:
-»Ich warte auf der Terrasse!« und lief mit halbem Knicks vor dem Herzog
-hinaus.
-
-»Dies ist Benno Prager,« erklärte Renate, »du kennst ihn wohl ...«
-
-Benno mußte in seiner tödlichen Verlegenheit herkommen und dem Herzog
-die Hand geben. Da wurde wieder der Boden und alles umher weich und
-löste sich um sie, auf einmal saß sie, sah das besorgte Gesicht des
-Herzogs nahe über sich, drückte ihm die Hände und sagte leise: »Nichts
--- fragen, Liebster, ich -- ich darf noch nicht denken. Nur ein wenig
-ausruhn!« bat sie müde. Mit geschlossenen Augen raffte sie nun ihre
-Gedanken zusammen, merkte, daß hinter ihr etwas Hinderndes war, an das
-sie nicht rühren durfte, öffnete die Augen und sagte:
-
-»Es ist nur, -- ich kann nicht zu Hause schlafen heut nacht. Ich dachte
-erst an dich, aber --« es gelang ihr zu lächeln -- »was sollst du mit
-mir? Benno, nicht wahr?«
-
-»Aber,« fiel der Herzog ein, »Georg kann ja im Stadtschloß -- -- ja,«
-unterbrach er sich, »was das nur mit Georg sein mag?« Und nun glaubte
-Renate zu erkennen, daß er selber in Aufregung war. »Ist etwas mit
-Georg?« fragte sie.
-
-»Ach ...« Er zauderte. »Ich weiß ja nicht. Er ist verschwunden.
-Um Mitternacht sollte doch große Huldigung sein vor der
-Universitätsterrasse, im Garten, und jetzt gehts auf Viertel --« Er warf
-den Arm aus dem Ärmel vor, um nach der Uhr auf seinem Handgelenk zu
-sehn, und murmelte erschreckt: »Gleich halb eins.«
-
-Renate schwieg und mußte die Augen schließen vor Schwäche. Sie hörte
-sprechen, es rauschte in ihrem Gehör. Die Lider mühsam aufbringend, sah
-sie aus weiter Ferne den Herzog und Benno miteinander sprechen, doch
-kamen sie näher, als sie selber den Mund öffnete.
-
-»Wir können vielleicht«, sagte sie, »so lange in Georgs Zimmer sein, bis
-bei Benno zurechtgemacht ist, -- Benno, nicht wahr? Sie haben ja einen
-so schönen Diwan ...«
-
-Benno schien erlöst, daß es nicht sein Bett sein sollte, rang die Hände
-und konnte vor Dienstbereitschaft, Peinlichkeit und Wonne kein Wort
-hervorbringen.
-
-Alessandro Stradella ... las Renate fortwährend in kleiner, mickriger
-Kreideschrift an der Wandtafel, dahinter eine ausgewischte Jahreszahl
-und, etwas darunter: Pugiani. -- Alessandro Stradella, sagte der Herzog
-nun, -- was wollte er denn damit? -- Sein Gesicht und das Bennos
-entfernten sich unaufhörlich und schwebten wieder näher, -- nein, um
-Gottes willen, flüsterte Renate sich zu, du mußt dich doch
-zusammennehmen!
-
-»Wollen wir gehn?« fragte sie und sah lächelnd vom Einen zum Andern.
-»Ihr dürft mich nicht auslachen, daß ich so mitten in der Nacht ankomme!
--- Benno, und wie reizend war das kleine Lied!« Sie lachte leise, erhob
-sich, wäre aber zurückgesunken, wenn sie nicht allen Willen aufgeboten
-und sich zornig angeherrscht hätte. Sie ging mit halbgeschlossenen
-Augen, an der Treppe nahm sie Bennos Arm, bald darauf saß sie in einem
-Wagen und fühlte, daß er rollte. Es dauerte nicht lange, sie sah Benno
-vor sich aussteigen, nahm seine Hand und trat auf die Erde. Dann war sie
-in Georgs Zimmer, das sie erkannte.
-
-
- Schlafzimmer
-
-Sie saß in einem Sessel und sah undeutlich den roten Rücken des Herzogs
-sich entfernen, ein Türrahmen war herum, er wurde kleiner in einer
-andern Tür, die Augen fielen ihr zu, sie öffnete sie wieder, da sie die
-Stimme des Herzogs nahe über sich hörte. Sie sah ihn lächeln, während er
-sagte:
-
-»Dieser Georg! Hier hat er noch ein Zimmer, komm nur, das ist wie für
-dich erfunden.«
-
-Sie stand müde lächelnd auf, nahm seinen Arm und ließ sich davonführen.
-Es ist wie als Kind, dachte sie ergeben, die Augen geschlossen, wenn ich
-mit Vater blind spielte ... »Kann ich nun aufmachen?« fragte sie leise,
-öffnete die Augen und sah den Herzog lächeln ohne zu verstehn.
-
-Nahe vor ihr stand ein Diwan, dunkelviolett wie ihr Kleidrock mit
-lichtfarbigen Kissen. Große schwarze Reiher flogen schön über Vorhänge,
-und hinter dem Herzog war das gelblichweiße Gewoge und Gewölk eines
-großen Himmelbetts. Sie sah es zweifelnd an, witterte leicht mit der
-Nase und sagte: »Ich weiß nicht ...«
-
-Langsam gegen das Himmelbett vorgehend, blickte sie zwischen den
-gerafften Falten hinein und sah einen schönen und großen, blauen
-Schmetterling auf dem Kopfkissen stecken. »Nein, sieh, Woldemar,« sagte
-sie, »das scheint doch für jemand anders ...«
-
-Plötzlich kreiste das Bett vor ihr, der Schmetterling wurde zu vielen,
-die sich auseinander schoben und umher zuckten, sie fiel vornüber und
-sammelte den Rest ihrer Kraft, um den Schmetterling nicht zu zerdrücken,
-faßte darunter, fühlte sich im selben Augenblick aufgehoben und sanft
-niedergelegt. Eine Weile war es schwarz um sie her, aber sie konnte die
-Lider wieder heben. Der Herzog stand deutlich vor ihr, besorgten Auges,
-sie fing an, die Ordensreihe auf seiner Brust zu zählen, deren Kreuze
-übereinander gelegt waren. »Wie die Schmetterlinge«, sagte sie ganz
-leise und sah, daß sie den blauen noch in der Hand hielt. Sie steckte
-ihn mit schweren und lahmen Händen auf den Brokatstreifen vor ihrer
-Brust, die Augen fielen ihr darüber zu, sie dachte erschreckend: ich muß
-es ihm doch sagen, er muß es doch wissen! Schon saß sie wieder aufrecht,
-blickte hart und fest in seine Augen empor und sagte, kaum ihre Stimme
-vernehmend:
-
-»Du mußt noch wissen ... Es ist etwas -- geschehn. Nein, laß nur,«
-wehrte sie todmüde ab, da er eine beschwichtigende Bewegung machte,
-»einmal muß es doch sein. Nun -- mußt du -- ganz verstehn,« brachte sie
-in Absätzen hervor, »willst du?« Er nickte.
-
-Eine Weile war alles fort, sie konnte sich an nichts mehr erinnern.
-Endlich dämmerte es langsam wieder, sie hielt sich mit beiden Augen an
-den verschwimmenden Linien der weißlichen Wässerung in einer
-orangefarbenen Schärpe und sagte, seine Hand fassend:
-
-»Josef ist -- tot. -- Erasmus ...«
-
-Da merkte sie, daß ihr Kopf sich ganz tief neigte, und dann lag sie
-wieder. Sie brachte mit unsäglicher Mühe die Lider hoch, sah das Gesicht
-des Herzogs und hörte ihn, gütig zuredend, sagen: »Nun mußt du aber
-schlafen ...«
-
-»Erasmus«, flüsterte sie sehr leise, »ist böse, nicht?« Der Herzog
-nickte und nahm ihre Hand. »Aber Josef,« sagte sie heller und froh,
-»Josef ist gut! Ist er nicht gut?« fragte sie, sich schnell aufrichtend.
-
-»Liebes Kind,« hörte sie den Herzog sagen, »du drückst mir das Herz ab,
-es ist ja nun genug! -- Mein Gott,« stöhnte er ganz erschüttert, saß da
-neben ihren Füßen und hielt die Stirn in der Hand, »mein Gott, es ist ja
-fürchterlich, wie du dich aufrecht gehalten hast!«
-
-Ach, dachte Renate, da ist schon wieder einer, dem ich den Kopf
-streicheln soll! -- Sie legte die Hand auf sein Haar und hörte sich
-ferne sagen: »Haltung, lieber Freund, giebt es ganz umsonst, wenn das
-Schicksal seinen Tribut -- --«
-
-Sie verlor das Ende des Satzes und sank zurück. Aber sie konnte nicht
-stilliegen, schlug plötzlich die Augen wieder auf und sagte mit kleiner
-Stimme: »Du meinst vielleicht, -- weil sein Gesicht -- weil er -- -- nur
-noch halb ist ... Aber weißt du, -- er hat ja eine -- -- Ergänzung, --
-oh, eine schöne! Das glaub nur ja nicht, daß sie nicht gut paßt, sie ist
-ja von einem Chinesen! Sieh, nun weißt du's!« sagte sie triumphierend
-und dachte: wie vernünftig ich doch sprechen kann, er merkt sicher
-nichts. »Und siehst du,« fing sie wieder an, unterbrach sich aber und
-sagte: »Hast du's gehört? Siehst du, habe ich gesagt, und Ulrika
-behauptet, daß ich immer >weißt du< sage, aber das tue ich gar nicht.
-Nein, siehst du, Josef, -- du mußt nicht denken, daß er es nicht gewußt
-hat. Oh, Josef ist so gut, so gut, er ist ein solcher Held, er sagte:
-ich fürchte mich nicht! -- Das sagte er, und es lauerte doch, weißt du,
-immer lauerte es schon, unter den Bäumen, wo die Schaukel ist, weißt du,
-und dann in den Wiesen, am Wehr, oh wie das rauschte, hörst du? ganz
-laut -- höre ich es ...« Sie schöpfte Atem, bewegte den Kopf hin und her
-und sprach heiß und eilig weiter: »Kein Wort, hörst du wohl, kein Wort
-hat er gesagt, so saß er da, du mußt es seinem Vater sagen, daß er kein
-Wort gesprochen hat, er war ein Held, war er nicht? -- _Was not he?_«
-flüsterte sie, »das ist englisch ... Ach, meine Stimme -- will gar nicht
-mehr«, sagte sie heiser und gequält und merkte, wie ihr die Worte
-erloschen.
-
-»Schlaf nun, du mußt wirklich schlafen«, sagte jemand.
-
-»Muß ich?« fragte sie lächelnd mit geschlossenen Augen.
-
-»Ja, ja, du mußt«, sagte die gute Stimme wieder.
-
-»Dann will ich gern, wenn du's sagst«, flüsterte sie gehorsam, drehte
-den Kopf auf die Seite und machte die Augen fest zu. Gleich aber öffnete
-sie die Lider wieder, lachte leise und fragte: »Ists so recht?«
-
-Sie hörte noch ein Gemurmel, seufzte tief, streckte sich und empfand
-dankbar die Dunkelheit.
-
-
- Schlafzimmer (das andre)
-
-Doch stürzte sich jetzt ein peitschender Knall mitten durch ihr Herz.
-Sie schnellte hoch, schrie auf: »Erasmus! Du darfst nicht, du darfst
-nicht mehr!« Ein wütender Ingrimm jagte sie auf, da knallte es wieder,
-sie fiel innerlich zusammen, wankte gegen Hartes, fühlte einen
-Türdrücker, riß und zerrte ohnmächtig daran, endlich schlug die Tür nach
-außen auf, es war blendend hell, der rote Waffenrock ... bläulicher
-Dampf -- -- und wieder ein Knall und scharfes Pfeifen dicht neben ihr
-... Dahinten stand in der Tür ein Mensch, schwarzbärtig; aber sie kannte
-ihn, sie rang nach dem Namen, sie mußte ihn rufen, der Herzog hob den
-Stock und rief wütend: »Du bist verrückt, Schurke, wirst du endlich
-aufhören!« Menschen warfen sich herein, packten ihn, er schüttelte sich
-mit ihnen herum, es knallte wieder, Renate, am Türpfosten hängend mit
-Kopf und Rücken, wand sich und schrie plötzlich: »Sigurd!«
-
-Da fielen ihm die Arme herunter, sie sah Sigurds Nase und bestürzte
-Augen, dann den Herzog, der an einer Badewanne lehnte und schwankte. Sie
-lief zu ihm, kniete vor ihn hin, stützte seine Stirn, er machte die
-Augen weit auf, lächelte und sagte leise: »Es ist ja nichts. Ein
-Streifschuß, -- oder ...«
-
-Nun giebt es zu tun, dachte Renate, aber sie bewegte sich nicht, lehnte
-matt in der Tür zum Badezimmer, bis ihr einfiel, was sie suchte, eine
-Waschschüssel, doch war keine zu sehn. Es rauschte, laut und lauter
-rauschte es in ihren Ohren. Sie drehte sich wieder um, da lag der Herzog
-furchtbar groß auf dem Bett mit riesigen, spiegelblanken Reiterstiefeln
-an den Füßen; seine linke Hand, die herunterhing, war ganz rot, und das
-Blut tropfte eilig an den Boden und bildete eine Lache. Menschen standen
-herum, die Tür ging auf, eine Waschschüssel, in der ein Handtuch lag,
-wurde hereingetragen, Renate ging draufzu und nahm sie aus den Händen
-eines zitternden alten Mannes, kniete neben dem Herzog nieder, setzte
-die Schüssel hin und wusch die Hand, es war keine Wunde daran.
-
-»Ein Messer,« sagte Renate, hatte gleich darauf ein Taschenmesser in der
-Hand und trennte die Ärmelnaht auf, schnitt und riß den Ärmel ab,
-knöpfte die Manschette auf, streifte den Hemdärmel hoch und sah am
-Oberarm einen klaffenden Riß, den sie wusch. Impfnarben kamen groß und
-zerflossen zum Vorschein, sie drückte das Handtuch auf den Riß und sah,
-einen Augenblick dahockend, das Gesicht des Herzogs, sonderbar still und
-bleich mit geschlossenen Augen. Er atmete. Und sie dachte, da er so in
-sich gekehrt dalag: Das kann doch von dem Riß nicht kommen ...?
-
-Schritte kamen, ein Gesicht mit einem spitzen Bart neigte sich von oben,
-eine Hand nahm stillschweigend das Messer aus ihrer Hand und fing an,
-die Schärpen durchzuschneiden. Sie begriff und hakte den Waffenrock von
-unten auf, ließ es aber, da das Blut wieder vom Arm lief, nahm das
-zusammengepreßte, nasse Handtuch auseinander und wickelte es, so fest
-sie konnte, um die Wunde. Mit dem Taschenmesser, das sie wieder auf dem
-Boden liegen sah, schnitt sie das Ende des Tuches auf und knotete es
-fest. -- Nun konnte sie die Brust des Herzogs sehn, ganz schwarz von
-krausem Haar, darunter sehr weiß, und in der Nähe der bräunlichen
-Brustwarze war ein kleiner Fleck. Plötzlich fühlte sie, daß sie sich in
-ihrer hockenden Stellung nicht mehr halten konnte, und stand auf.
-
-Etwas Blaues und Weißes schaukelte zur Erde. Jemand hob es auf und gab
-es ihr: es war der Schmetterling mit den Schleifen. Sie behielt ihn in
-der Hand, ging vorwärts und atmete kühle Luft. Der Garten, sagte sie,
-trat durch eine Tür, lehnte die Flügel hinter sich aneinander und sank
-mit dem Rücken dagegen. Sie sah das Schwarze von Bäumen, eine dunkle
-Lücke darin und zwei weiße Sterne, der rechte ein wenig tiefer als der
-linke. Sie konnte die Augen nicht abwenden von ihnen, ihr Blick war
-unendlich fest und ruhig, bändigte den ihren, bändigte ihr ganzes Herz
-und Dasein.
-
-Zu Gottes Ehr' bin ich durch Feuer geflossen, hörte sie sagen, Matthias
-Zach hat mich gegossen, Hötting siebenzehnhundertundachtzig. -- Sie
-lächelte und wiederholte willenlos: Zu Gottes Ehr' bin ich durch Feuer
-geflossen ... Wie still und kühl es war! Nur das Rauschen hielt an. --
-Hötting siebenzehnhundertundachtzig, Matthias Zach hat mich gegossen ...
-Eine alte Glocke hing still im Gestühl, Schwalben schrien, kleine
-Engelsköpfe von Bronze glänzten dunkel auf der Glockenspitze, und sie
-las die Inschrift: Matthias Zach hat mich gegossen ... Die Sterne
-flackerten ganz wenig, als ob der Wind sie bewegte, der durch den Garten
-kam. Ein Tropfen näßte kühl ihre Stirn. Es fängt an zu regnen, dachte
-Renate und wandte sich um.
-
-Hinter den Glasscheiben sah sie, daß die Tür zum Flur geöffnet wurde,
-jemand kam groß, bleich und schwarzbärtig die Stufen herab, die Hände
-auf dem Rücken, -- Sigurd. Renate öffnete die Tür, trat ein, ging zum
-Fußende des Bettes, sah das bleiche und verschlossene Gesicht des
-Herzogs, unter einer wollenen Decke die Umrisse seines Körpers, und
-neben sich in der Tür den Arzt.
-
-Der Herzog öffnete die Augen, lächelte bei ihrem Anblick, fragte dann:
-»Ist er da?« Renate nickte.
-
-Ein Offizier in blauer Polizeiuniform bedeutete Sigurd vorzutreten, --
-da stand auch ein Schutzmann. -- Der Herzog wandte das Gesicht herum,
-betrachtete lange den Dastehenden, der bei Renates Anblick den Kopf
-senkte, fragte dann mit leiser Stimme: »Was hat das -- zu bedeuten?«
-
-Sigurd schwieg. »Ich verrate nichts«, sagte er endlich, den Kopf hebend,
-und senkte ihn gleich wieder.
-
-»Sie sollen nichts«, sagte der Herzog, »verraten. Ich will -- wissen,
-wie ich -- zu der Ehre komme ...« Er hob mühsam den Kopf, blickte zornig
-und brachte knirschend hervor: »Haben Sie mich denn weiß Gott mit meinem
-Sohn verwechselt?«
-
-Sigurd schien erstaunt. Ob er denn nichts wisse, fragte er nach
-Sekunden, zögernd. Der Herzog bewegte den Kopf, und Sigurd sagte mit
-einem eigentümlichen, irren Aufleuchten der Augen: »Er liegt in -- der
-Gracht. -- Nicht ich!« setzte er hastig und laut hinzu, -- »er stürzte
-hinein, ich -- ich sah es von weitem.«
-
-Renate sah die Brust des Herzogs auf und nieder gehn, sein Atem
-rasselte, er stöhnte: »Unsinn! er kann schwimmen!«
-
-»Er kam nicht wieder hoch«, sagte Sigurd.
-
-»Ach, in Teufels -- Namen,« keuchte der Herzog, »was wollen Sie -- dann
-von mir?« Sigurd hob den Kopf, blickte glänzend geradaus und sagte kurz:
-»Den Nachfolger.«
-
-Der Herzog sah ihn nur an. »Wir wissen alles«, erklärte Sigurd nicht
-ohne Stolz.
-
-»Und -- und der Sinn des Ganzen?« fragte der Herzog leise. Sigurd
-blickte Renate mit flackernden Augen an und sagte: »Ich will es der Dame
-erklären, wenn sie verspricht, es nicht vor morgen abend weiterzusagen
-...«
-
-Der Herzog blickte Renate fragend an, sie winkte Sigurd mit den Augen
-und ging ihm voran in das Zimmer mit dem Himmelbett; sie ließ ihn
-eintreten, lehnte die Tür hinter ihm an, Sigurd stellte sich dagegen und
-fing sofort an, die Augen niederschlagend, zu sprechen, heiser und
-halblaut:
-
-»Er ist nicht der einzige. Es handelt sich um zweierlei gleichzeitig.
-Wir stehen vor einem Kriege. Die einzige, wirkliche Gefahr ist der
-Patriotismus in Deutschland oder das dynastische Gefühl. Nur in
-Deutschland giebt es Fürsten. Ich bin nur ein Glied in einem großen
-Plan, nach dem sie Alle fallen heute und morgen. Der Schrecken wird die
-Gemüter bändigen. Es folgt die soziale Erhebung. Renate,« sagte er noch
-leiser, plötzlich das Gesicht und die schönen Augen hebend, die -- o,
-sie sah es! -- irre waren, ganz irre! -- »vor Ihnen muß ich mich nun
-verteidigen ... Was ich tat, war gut und -- schwer.«
-
-»Ich weiß«, sagte sie stumpf, während eine entsetzte Stimme in ihrem
-Herzen schrie: Er ist ja wahnsinnig, o Gott, er ist wahnsinnig! --
-Sigurd atmete tiefer. »Ich wollte,« sagte er, jählings flammend, »den --
-den Andern, den Sohn, diesen --«
-
-Gleich darauf lag er vor ihren Füßen auf der Erde, sie sah seine Hände
-von stählernen Ringen zusammengehalten und schauderte vor diesem Zeichen
-des Verbrechens. Sie fühlte sein Gesicht an ihren Knien, wollte es
-wegheben, aber eine schaurige Erinnerung zwang sie, die Hände auf seinem
-Kopf zu lassen: damals, als Esther tot war, damals kniete er so. -- Und
-dann fuhr sie ein-, zweimal mit den Fingern durch das lockre und weiche
-Haar. -- Hötting siebenzehnhundertundachtzig ... hörte sie, ihr Mund
-zuckte, sie streichelte wieder seinen Kopf, hörte ihn leise wimmern,
-fuhr, verzweifelten Herzens, fort, dem zerrütteten Haupt an ihren Knien
-mit den Händen wohlzutun und es zu beruhigen, und murmelte Worte, die
-sie nicht mehr verstand. --
-
-Er gehorchte und stand vor ihr, die geröteten Augen verstört, voll
-Schmerz und Feuer. Um seinen Mund zuckte ein Lächeln, da er sagte:
-»Esther hat es ja nicht zu erleben brauchen ...«
-
-Seine Blicke glitten an den Boden; als sie mit den ihren folgte, sah sie
-wieder den blauen Falter dort liegen, bückte sich und hob ihn auf.
-
-»Immer«, sagte sie leise zu Sigurd, »liegt mir der Falter im Weg; sieh,
-wie ist er schön, und immer unverletzt.«
-
-Sigurd schluchzte plötzlich auf und sagte: »So wie du ...«
-
-Sie schauderte, da wurde die Tür geöffnet, der Offizier erschien, auch
-der Arzt, der sie zum Herzog bat.
-
-Nun stand sie zu Füßen des Bettes. Das Gesicht des Herzogs war gelb. Er
-schlug die Augen auf, sah sie schmerzlich und mitleidig an und sagte
-sehr leise: »Tut es noch immer weh?«
-
-Renate senkte die Stirn, ohne zu verstehn, und er sagte wieder: »Ich
-dachte, dir wäre längst besser -- nun.« Und nach einer langen Pause:
-»Arme Helene ...«
-
-Renate ging um das Bett zu ihm, schlug die Decke zurück, legte die
-Finger in seine Hand und drückte sie leise. Er hatte die Augen
-geschlossen.
-
-Eine Weile später sah sie die dunklen Pupillen wieder glänzen. »Ach,
-Renate!« sagte er, leise lächelnd und kaum vernehmbar; dann -- mit einer
-langen Pause zwischen jedem Wort: »Du -- -- warst -- -- sehr -- --
-schön. -- -- Aber -- --«
-
-Lange Zeit kam nichts mehr. Sein Atem ging sehr rasselnd. Die Tür wurde
-plötzlich aufgerissen, ein halbes Gesicht fuhr herein und verschwand
-sofort: die Tür wurde sehr langsam zugezogen.
-
-»Helene?« hörte sie eine kraftlose Stimme sagen und nach langen
-Sekunden: »bist -- -- du -- -- noch -- -- da? -- -- Ach so!« sagte er
-dann.
-
-Renate stand auf und stellte sich in die Gartentür. Leise fiel im Dunkel
-der Regen. Auf dem vom Licht im Zimmer beleuchteten Wege sah sie ihren
-Schatten liegen, dessen Haupt im Schatten von Zweigen verschwand. Sie
-fröstelte, wandte sich um und trat wieder ans Bett. Vor ihr beugte der
-Arzt sich auf den Daliegenden, beugte sich tiefer, richtete sich nach
-Sekunden wieder auf, sah sie ernst an und nickte. Gleich darauf fing
-irgendwo ein Mensch laut zu weinen an.
-
-Renate warf noch einen Blick ohne Gefühl auf das gelbe, entfremdete,
-hager gewordene Gesicht, wandte sich ab und ging zur Tür, die vor ihr
-geöffnet wurde, ging zwischen Menschen hindurch über den Flur und trat
-in die Nacht und den Regen, wo Menschen im Halbkreis geschart im
-Laternenlicht standen. Sie ging geradesweges zwischen ihnen hindurch und
-weiter, steif in sich, kalt, unbeweglich, nur langsam ermüdend, aber sie
-ging weiter und weiter, bog um Hausecken, ging viele Straßen kreuz und
-quer, jemand redete sie an, sie blieb stehn und fragte: »Ja, was
-wünschen Sie?« und die Gestalt vor ihr drehte eilig um und entfernte
-sich. Sie ging weiter, schritt plötzlich auf ein riesengroßes, leuchtend
-weißes und vergittertes Fenster zu, das über ihr schwebte, erkannte eine
-hohe Mauer und bog um die nächste Ecke. Neben einem Hauseingang blieb
-sie stehn und sah zu den Fenstern auf. Drei erleuchtete gewahrte sie,
-sie hörte einen Fensterriegel, ein Schatten beugte sich heraus und
-verschwand gleich wieder. Sie konnte nicht mehr stehn, ging zur Haustür,
-faßte nach dem Türdrücker und lehnte sich in die Nische. Die Augen
-fielen ihr zu. Dann hörte sie einen Schlüssel im Schloß, die Tür bewegte
-sich, sie öffnete die Augen, erkannte im Dunkel Saint-Georges' Gesicht
-und sagte leise und vorwurfsvoll: »Aber Georges! -- wo warst du denn den
-ganzen Tag?« Seine Antwort vernahm sie nicht mehr.
-
-
- Sterne
-
-Georg konnte sich nicht bewegen. Das weiße und blaue Pferd rannte in
-wütender Eile mit Renate bergunter, aber, obgleich sie laut um Hülfe
-schrie, lag er auf der Seite fest und konnte die überkreuz gefesselten
-Hände nicht bis zu der Pistole bringen, die dicht vor seinen Augen lag.
-Das Pferd galoppierte unaufhörlich, endlich hatte er nach fürchterlicher
-Mühe die Hände an der Pistole, aber sie war so groß wie ein
-Maschinengewehr, hatte keinen Lauf und einen unverständlichen
-Mechanismus von lauter Hebeln und Rädern, der Kolben war nicht zu
-finden, er ächzte und fluchte: »Wer hat denn dies verrückte Ding
-hierhergestellt, damit kann man doch nicht schießen!« -- Aber plötzlich
-knallte es, jedoch ganz leise, und Georg sah einen kleinen Hahn sich
-bewegen und auf ein Zündhütchen fallen, und dachte: Sonderbar! Erst
-schießt es, und dann fällt erst der Hahn. -- Der Hahn bewegte sich von
-selbst wieder in die Höhe, und nun fiel das Zündhütchen herunter, fiel
-ins Innere der Maschine zwischen die Hebel und Stangen, und Georg sah es
-unten unter der Tabulatur liegen, denn nun war es eine Schreibmaschine.
-Ach, nun weiß ich! dachte er und drückte eine Taste; sogleich knallte
-es, und noch einmal, und wieder, sooft er die Taste niederdrückte ...
-
-Georg schlug die Augen auf und fand sich in einem Halbdunkel. Irgendwo
-mußte ein Licht sein, da berührte etwas Warmes und Weiches seine Stirn,
-und er sah dicht über sich einen großen Pferdekopf. Unkas, dachte er,
-merkte, daß er am Boden lag, und fror. Sein Kopf glühte, ihm war sehr
-elend, aber nun fiel ihm ein, daß er ja gesucht wurde, daß er fort
-wollte, fort mußte. Er stand auf, seine Glieder schmerzten heftig, er
-schwankte, ihm wurde tödlich übel, und an den Pfosten der Box gelehnt,
-erbrach er sich mit furchtbarem Krampf. Danach war ihm etwas leichter,
-er sah das Kopfzeug des Pferdes dahängen, nahm es herab, trat neben
-Unkas und machte es mit unsäglicher Anstrengung, mit immer wieder lahm
-herabfallenden Armen, notdürftig fest. Er ergriff einen Zügelriemen und
-zog das Pferd hinter sich her. Die Stalltür war angelehnt, er kam auf
-den Hof, sah im Vorwärtsgehn alle Fenster seiner Wohnung erleuchtet,
-auch einige darüber. Die arbeiten die ganze Nacht durch, dachte er
-spöttisch, aber wieder fiel ihm ein, daß er gefangen werden sollte, und
-er zog Unkas nach links hinüber in den Garten. Nun konnte er nicht mehr
-gehn, streifte Unkas den Zügel über den Hals und kletterte ächzend und
-verzweifelt auf seinen Rücken. »Ja, nun geh, geh doch!« flüsterte er.
-Das Pferd fing an zu gehn, er hielt sich an der Mähne fest, wankte mit
-geschlossenen Augen vor- und rückwärts, da stand das furchtbare Tier
-wieder still. Die Augen öffnend, sah Georg Wasser unter sich, daneben
-einen kreisförmigen Schattenriß strahlenartiger Latten, die den Weg am
-Wasser versperrten, begriff, daß er durch den Graben mußte, trieb Unkas
-mit Faustschlägen und den Absätzen hinein, und nun hörte er lange Zeit
-das schwere Planschen der Hufe im Wasser. Plötzlich ging es mit einem
-Ruck bergauf, er hielt sich fest, sah im Dunkel vor sich ansteigend den
-Pferdenacken, warf sich vornüber, und nun ging es wieder auf ebenem
-Boden weiter, entsetzlich langsam, und schließlich stand die Bewegung
-wieder still.
-
-Da funkelten Sterne ... Drei, fünf, viele, unzählbare standen in der
-Nacht und funkelten unablässig. Weiter oben am Himmel jedoch waren
-keine, und Georg wunderte sich, daß die Sterne nur noch unten waren.
-Ihre kleinen Feuer loderten, andre blinzelten nur leise, aber sie waren
-alle seltsam in Bewegung und funkelten ohne Unterlaß. Er sah wieder nach
-oben, ob dort noch immer keine seien, legte den Kopf in den Nacken,
-verspürte augenblicks einen knallenden Schlag und starken Schmerz am
-Hinterkopf und lag am Boden. Vor seinen Augen zuckte und sprang das
-Sterngewimmel aufgelöst durcheinander, nach einer Weile wurde es wieder
-ruhiger, jedoch eine wahnsinnige, tödliche Angst wälzte sich zermalmend
-über seine Brust; er glaubte zu sterben, alles wurde weich und schwarz
-um ihn her, die Augen fielen ihm zu, aber unverändert noch lange Zeit
-blieben im Dunkel ihm Sterne sichtbar, sich verlierend in eiskalte
-Finsternis, funkelnd und glitzernd unablässig.
-
-
- Hier enden des siebenten Buches neun Kapitel oder dreimal soviel
- Stunden.
-
-
-
-
- Achtes Buch.
- Hallig Hooge
- oder
- Die Kammern der Seele
-
-
- Erstes Kapitel: August
-
-
- Renate an Magda
-
- am 1. nachmittags
-
-Magda!
-
-Schon Nachmittag, und ich bin noch hier. Georges, der Dir diesen Zettel
-bringt, wird Dir sagen, daß ich bei ihm bin, und alles andre! Mitleid,
-Liebste, meine Sorge um Dich ist grenzenlos, wer wüßte wie ich, was der
-Herzog Dir war, aber ich kann nicht, kann nicht in das Haus kommen, wo
-Du bist! Ja, Grauen überstehn, aber hingehn, wo es ist? oh nein! Ach, zu
-Asche gebrannt, Kind! Genug, vergieb, komme zu mir, nein, komme nicht,
-hüte mir -- umsonst, ich kann den Namen nicht schreiben, alles versagt.
-
-Georges gieb bitte ein Kleid für mich, Wäsche für Tag und Nacht, und was
-sonst nötig. In meinem Festkleid -- ich sitze da wie eine Irre. Georges'
-Bruder trat mir Kammer und Bett ab. Morgens als ich aufstand, da war
-alles leer, nur ein Zettel von Georges' Hand, daß er seinen Bruder ins
-Gymnasium fuhr, da fiel mir sein erster Schultag ein, er geht ja noch
-ein Halbjahr hin wegen des Examens. Den ganzen Vormittag blieb er,
-Georges, weg, um Zitate nachzuschlagen in der Bibliothek. Es war so zart
-von ihm, mich allein zu lassen, aber solche Zartheit macht in die
-Verzweiflung einen Knoten, wenn man schon drin sitzt. Ich muß wohl
-aufhören zu schreiben. Innig Dein!
-
- R.
-
-
- Renate an Magda
-
- noch am 1. nachts
-
-Noch ein Wort in der Nacht für Dich, armes, gequältes Herz, und die
-Bitte, Dich meinetwegen nicht zuviel zu sorgen. Kraft ist noch da, weiß
-nur eben nicht wo, aber glaub schon, daß ich sie finde! Habe Dank für
-Dein liebes Wort durch Georges, die Franziska hat alles schön besorgt,
-sogar an meine Badessenz gedacht. Daß Du Dich niedergelegt haben
-würdest, konnte ich freilich denken, es ist schmerzlich, daß Georges
-Dich nicht sah, nun, morgen seh ich Dich selbst. Jetzt ist alles leer,
-ich fühle nur den Schmerz des Risses, er trennte mich in leblose Teile,
-nur wo der Riß läuft, brennt Leben, Vergangenheit und Zukunft sind wie
-abgehauen, der Himmel weiß, wann sie mir wieder anheilen werden.
-
-Hörtest Du von Georg? In der Zeitung soll gestanden haben, er sei
-erkrankt.
-
-Heute morgen erwachte ich aus diesem Traum, in dem Du vorkamst. Es fängt
-an mit etwas Kleinem, das an der Erde lag; als ichs heben wollte, wars
-eine haarige Spinne, ich bebte zurück, trat mit geschlossenen Augen auf
-ihren Leib, der war weich und regte sich, da sah ich, daß es ein
-widerlicher brauner Frosch war, so groß wie eine Hand; sah mich
-verschmitzt an und sagte: Ich bin so weich und gehe nicht entzwei! -- Da
-lag auf einmal der Herzog auf einer Bahre, hatte die Augen zu, und ich
-wußte, wenn er nur die Augen aufmachen könnte, war der Zauber gebrochen,
-ich lag auf den Knieen, rang und weinte, da stand Erasmus hinter mir und
-sagte, die Hände faltend: Laß uns beten! -- Wie ich aber unter sein
-Gesicht blickte, sah ich, daß er heimlich lachte. Ich stand vom Bett auf
-und sah, daß ich nichts anhatte als weißen Unterrock und Leibchen, ich
-schämte mich, da hing ein violettes Kleid über der Wäscheleine, es war
-nun im Gemüsegarten, das nahm ich herab und zog es an, und nun kam Josef
-über die Beete im Frack, einen seltsamen großen Zylinder in der Hand,
-und sagte ernst: Dein Onkel liegt im Sterben, und du hast ein rotes
-Kleid an. -- Ich sagte: Es ist doch blau! aber es war wirklich blutrot,
-und da wußte ich, es war das, das Bogner angehabt hatte. Josef lachte da
-fürchterlich, und ich war so erstaunt und sagte: Josef, ich dachte, du
-wärst tot! Ach, dann hab ich das nur geträumt, oder schriebst du es
-nicht? Daneben war nun das große Blaue, das warst Du, die fortwährend
-mit einem großen Kleidrock rauschte, den Du nicht festbinden konntest,
-Du warfst ihn hin und her, es waren hundert Falten, es dauerte endlos,
-dann fingst Du an zu fliegen, flogst auf die Fensterbank, drehtest Dich
-wie ein Vogel und sagtest triumphierend: Siehst du, nun kann ich doch
-fliegen, und du wolltest es nicht glauben. -- So schwebtest Du davon,
-machtest einen Bogen, und nun war es ein ungeheurer blauer
-Schmetterling, der die Flügel langsam auf und zu faltete. Das sah
-wunderbar aus, aber nun kam er auf mein Bett gekrochen, und als ich die
-langen haarigen Beine sah, die so vielgliedrig griffen, Hörner und
-Glasaugen und das braune, mundlose Gesicht, packte mich das Entsetzen,
-ich brachte aber keinen Ton aus der Kehle, und es kam immer näher
-gekrochen, ich dachte, ich stürbe vor Ekel, da merkte ich, daß ich alles
-abschütteln könnte, wenn ich es nur fertigbrachte, aufzuwachen. Es gab
-einen Ruck, ich lag in Finsternis und atmete auf ...
-
-Ach, und jetzt: wenn ich es nur fertigbrächte, aufzuwachen, und auch
-dies wäre ein Traum gewesen, -- oh mein Gott!
-
-Und um das Haus, das mir Heimat wurde, liegt nun der magische Gürtel.
-Drin sitzt das Grauen mit den Augen eines alten Mannes, und statt eines
-Mundes steht da Kain geschrieben.
-
-Ja, aber weißt Du es denn überhaupt? Nein! und nun sehe ich erst, daß
-ich vergaß, Georges danach zu fragen, und gewiß hat er Dir nichts
-gesagt, da er Dich nicht sah. Ich muß ihn morgen fragen. Ach, nun ist
-alles wieder glühend geworden.
-
-
- Aus Renates Gedächtnisbuch
-
- am 2. August
-
-Ein stiller Vormittag. Ich schnitt mir von Georges' Aktenbogen Blätter
-in der Größe meines Buches; nun soll einmal die Feder laufen statt
-meiner Füße, die eine Stunde lang den grauen Läufer herauf und herunter
-irrten, und diese hohen roten Mauern da drüben, regennaß, die schwarzen
-Gitterfenster und die grasbewachsenen Dächer, naß und umspült vom Regen,
-die grauen Wolkenfetzen am jagenden Himmel, ich kann sie nicht mehr
-ansehn. Als ich heut nacht erwachte, hörte ich schon den Regen in einer
-Dachrenne klappern so fremd! fremd wie nun die Stille. Und doch
-wohlbekannt seit Jahren! Ach, das Alleinsein ist fremd im Zimmer der
-langen, gemeinsamen Arbeit, der Gespräche, der Behaglichkeit! und was
-auch sonst im Leben geschah: die Arbeit war jahraus jahrein; wie wird
-das werden, wenn sie vollendet ist? und auch das soll nun bald sein.
-
-Kraftlos, oh ganz kraftlos zu sein! Ich bin so müde und matt. Und wie
-das nun aussieht, geschrieben! Wie machen es nur die Dichter? Wenn sie
-dergleichen schreiben, so spürt mans in allen Gliedern, und konnten sie
-es mehr fühlen als ich? Georges würde sagen -- o Himmel, was gehn mich
-alle Dichter an und Georges, jetzt wo Eins not ist? Aber die Gedanken!
-Sie stellen sich ein, unbekümmert darum, wer das ist, der sie denkt. --
-Wer hat mir das einmal gesagt? Das schrieb Magda in einem Brief, im
-Herbst vor drei Jahren muß es gewesen sein, ja fast um diese Zeit. Was
-war ich damals, was bin ich heut? Ihre elenden Briefe damals und meine
-stolzen! Ich saß im Überfluß wie die Königin aller Bienen und dünkte
-mich groß, mitfühlen zu können mit einer verfolgten Seele.
-
-Wie wölbten mir damals die noch unverblühten Linden hinter der Kapelle
-den Eingang in ein reiches Leben! Düfte der tausendfältigen Erwartung
-regneten in mein offenes Herz. Die Orgel tönte Zuversicht, ich war
-fleißig, meine Kenntnisse in Kontrapunktik und Generalbaß zu vollenden,
-ich dachte kaum nach, Erasmus gab es noch nicht.
-
-Du tust mir weh, Erasmus, mit deinem immer gesenkten Kopf! Armer Kain!
-Du hast es nicht tun wollen? -- Nein, sagst du, ich wollte, weil ich
-mußte, man muß nicht schönreden. -- Sieh, was hier liegt, ein schönes
-Ding, ein großer blauer Schmetterling, eine seidne Schleife hängt dran,
-und Abels Namen steht darauf. Als ich ihn gestern zuerst las beim
-Erwachen, küßte ich ihn und weinte darüber. Diese Tränen gönnen wir ihm,
-ein zarter Abel war er nicht und Kain seit ewig beklagenswerter als er.
-Gebe Gott, daß die große kalte Seele sich erwärme im warmen All, wo sie
-nun ist! Deine Seele war immer warm, lieber Kain, oh wer hat sie so
-furchtbar zum Glühen gebracht!
-
-Mir wird wieder wirr.
-
- nachmittags
-
-Wie gut, daß ich den Nachtbrief an Magda Georges doch nicht mitgab! Denn
-was heißt nun diese Nachricht, die er mir heut von ihr bringt: »durch
-Zufall eine Verletzung der Augen zugezogen«? Kein Wort zur Erklärung.
-Bin ich übervoll? Ich kann nichts aufnehmen, verstehe nichts, und wenn
-ich ahnen will, geht es schon auf im allgemeinen Grauen, und ich wende
-mich ab ...
-
-Kleinigkeiten erhalten Zutritt. Der graue Läufer. An drei Jahre sah ich
-ihn abgenützt werden, ohne ihn je genützt zu sehn, da Georges nur darauf
-geht, wenn er allein arbeitet. Und nun gehe ich selber darauf und denke,
-er muß in einer Stunde zerschlissen werden, und weiß nicht, warum mir
-das wunderbar scheint!
-
-Da sitz ich am Sofatisch und schreibe. Am Fenster ganz links sitzt der
-Gelähmte still für sich an seinem Pult; am Fenster ganz rechts sein
-Bruder, die vier Kartothekenkästen je zwei zur Linken und Rechten, und
-ich kann ihm minutenlang zusehn, wie er die saubern Karten, die wir
-Beide beschrieben, im Kranz um seine Schreibunterlage ausfächert, jede,
-von der er abschrieb, zur Seite legt, eine auf die andre, dann den
-ganzen Pack in seinen Umschlag und in den Kasten zurück, und dabei nimmt
-er den Federhalter quer in den Mund, und wenn er schreibt, geht das wie
-ohne Besinnen, es ist alles schon fertig. Lauter kleine Vorgänge
-peinlichster Ordnung. Und so entstehn Werke; so eine Dichtung, denn die
-Art, wie er Geschichte schreibt, ist ganz Dichtung. Oh heroisch, oh
-göttlich der Mensch, der etwas entstehen sieht unter seinen Händen! Die
-Berührung des Werdens verleiht Unsterblichkeit ganz gewiß, Leben springt
-über in Funken zum toten Stoff und der lebt, Augen schlagen sich auf,
-Lippe färbt sich und lächelt, Stirne blinkt weiß und rein, und aus
-ganzem, vollem Antlitz haucht es: Siehe, ich bin! und durch mich bist
-erst du!
-
-Wie nun der Regen strömt um die Zinnen der Mauer!
-
- am 3.
-
-Als ich heut morgen ins Zimmer kam, stand Georges entfernt am letzten
-der drei Fenster, die Hände auf dem Rücken. Hell war der Raum im kühlen
-Regenlicht. Ernst, blasser als sonst schien er mir im Entgegenkommen.
-Ich glaube, ich stand wohl eine Weile vor ihm, die Hände auf seinen
-Schultern, und sah an ihm vorüber die nasse blanke Bekrönung der roten
-Mauer, die Drahtnetze und Gitterstäbe der Fenster und all das andre von
-Gefangenschaft, und dann fragte ich: »Grünt die Hoffnungsbirke noch?«
-»Sie grünt wie alljährlich«, versetzte er still, führte mich ans Fenster
-und ließ mich nach links sehn, und da stand die kleine, seltsame Birke
-oben auf der Ecke der Mauer, grün und zitternd im Regenfall. Plötzlich
-fiel mir ein, daß Georges noch immer nicht alles von mir wußte, ich
-setzte mich auf den Stuhl am Schreibtisch, wußte nicht, wie ich anfangen
-sollte, es war so grenzenlos traurig auf einmal. -- Wir waren verlobt,
-der Herzog und ich, stieß ich dann hervor. Er antwortete nicht, ich
-hätte weinen mögen vor Hülflosigkeit, aber auf einmal stand ich mitten
-im Zimmer und sprach und sprach, es war schrecklich, jeder Satz wurde
-mir in der Mitte oder im Anfang abgerissen, ich strauchelte über meine
-eigenen Worte, sprach nur weiter wie im Fieber, von Josef und dem
-Ech-en-Aton, von Benno, von Sigurd, von Erasmus, vom Wehr und der Nacht,
-von Ulrika und meiner Angst um sie, das strudelte alles durcheinander,
-und immer sah ich Josef in seiner schwarzen Vermummung aus der Luke im
-Festwagen tauchen und Erasmus hinter ihm, den Helm voll kleiner Sträuße.
-Schließlich wars aus, ich saß wieder im Stuhl hinter Georges und hörte
-ihn nach einer Weile langsam sprechen.
-
-»Ja, dort drüben wird der arme Sigurd nun sein. Über ihn wird man lesen:
-der feige Meuchelmörder, -- da es aber unser Sigurd ist, so werden wir
-wissen, daß er nicht feige war, sondern vielleicht mehr ein Held als ein
-überzeugter Monarchist aus der Schlacht bei St. Privat, denn es ist ja,
-nach allem was man weiß, eine schwerere Aufgabe für den Edlen, auf einen
-Wehrlosen zu schießen als auf einen, der wiederschießt. -- Ach, sagte
-ich, ich glaubte, er sei irr, -- aber er meinte, deshalb dürfte es doch
-kaum leichter gewesen sein, und dann mußte ich ihm Sigurds Plan erklären
-vom bevorstehenden Krieg und den Fürsten, die allesamt fallen sollten.
--- »Ach,« sagte Georges, »daran erkenne ich meinen Sigurd! Der Herzog
-wäre vielleicht ganz gern gestorben, wenn alldas richtig gewesen wäre.
-Regimenter der Unterdrückten, die riesige Internationale der
-Ungerechtigkeit in allen Ländern, die hörte Sigurd ja immer
-aufmarschieren, Juden und Polen, Iren und Finnen, Armenier und Serben,
-Arbeiter in England und in Frankreich und Deutschland, hungernde Rumänen
-und verwahrloste Portugiesen, Heere unübersehbar, alle vereint in einen
-Schrei nach dem Recht, -- ja, wer wollte da nicht Tambour sein! Und
-kommt vielleicht in hundert Jahren«, fuhr er fort, die Augen heiß und
-schmerzlich zu den Gitterfenstern gewandt, »ein Luftschiff hoch mit
-Griechenwein --« er lächelte fast schluchzend -- »durchs Morgenrot
-dahergefahren, wer möchte da nicht Fährmann sein! -- Ihr habt ihn ja
-nicht gekannt! Die Menschen sind uns nicht, was sie sind, sondern was
-wir von ihnen sehn, und wen von euch hat er beraten, betreut, ihm
-geholfen, wen hat er besucht in Gefangenschaft und getröstet in
-Krankheit und gespeist, wenn ihm die Seele hungerte, mit edler Speise
-des Vertrauens und der Begeisterung, und mit wessen Traurigkeit war er
-traurig, in wessen Heiterkeit froh? Ihr saht ihn feiertags, da spielte
-er Cello und war eine schöne Figur ...«
-
-Und nun nach einer Weile fing er an, mir von Magda zu erzählen, was er
-mir auf ihre Bitte bisher geheimgehalten hatte; da konnte ich nicht
-anders als nur seufzen: Oh Gott, will es denn niemals ein Ende nehmen?
--- worauf ich ihn alsbald etwas sagen hörte von: Renate Montfort, die er
-gestern auf einem goldenen Wagen gesehen habe mit Elefanten und
-Einhornen, und was ich nun den Kopf hängen ließe! -- »Ach, du häßlicher
-Spötter!« sagte ich und sprang wieder auf, »warst du nicht auch bei
-denen, die mich immer auf goldenen Wagen sehn wollten und schöne
-Vergleichungen wußten von Bienen und Sonnenblumen!« Ich war ganz von
-Sinnen und sagte, wenn ich auf goldenen Wagen gefahren wäre, so wäre ich
-auch tiefer herabgestürzt, als er vielleicht sehen könnte, und dann
-herrschte ich ihn an, mir meinen Mantel zu geben. Ich zitterte am ganzen
-Leib und erinnerte ihn daran, wie ich ihn einmal hinausgeschickt hatte,
-obgleich ich damals doch im Unrecht war. Seine Gestalt, das Zimmer, die
-Fenster zuckten groß auf und nieder, ich mußte noch etwas sagen, und so
-fragt ich: »Wo warst du am Festtag?«
-
-Er drehte sich langsam zum Fenster um, sagte kein Wort. Ich wiederholte
-meine Frage, gepeinigt, um ihn zu peinigen. -- »Du hast«, hörte ich ihn
-endlich sagen, »beinah zwölf Stunden geschlafen, denn es ist Mittag, und
-dich ausgeweint. Andre hatten nicht soviel,« schloß er, »und ich war
-dort, wo du mich fandest, als du mich brauchtest.« Da war meine Kraft zu
-Ende, auf einmal hatte ich einen Regenmantel an, legte den Kopf auf
-seine Brust und sagte, er möchte mir vergeben, er wisse ja immer alles.
-Dann bin ich hinaus, auch die Treppe ganz hinuntergegangen, aber vor dem
-Haustor drehte ich um und stieg wieder hinauf.
-
-Nun sitze ich und schreibe, um nicht zu denken.
-
- Nachmittags
-
-Ich ließ Georges nach Hause telephonieren und um den Wagen bitten. Der
-Wagen, dacht ich, soll dich denn zwingen, wenn du nicht willst. Nun sitz
-ich und warte, weiß nicht, wie ich es fertigbringe, mir fliegen die
-Hände, ich muß schreiben, daß ich nicht rasend werd vor Angst. Schwach
-sein, oh schwach sein in der Stunde der Not, ich, ich! Gestern -- was,
-gestern? drei Tage ists ja schon her, aber da hab ichs doch ertragen.
-Nein, das Grauen -- Josefs Vater ... ich kanns nicht! Und wieder Magda,
-die mich braucht! Ließ ich sie vor drei Jahren nicht allein und begnügte
-mich mit redseligen Briefen?
-
-Schuld ist es, Schuld, sag es, sag es doch, daß du dich lange schuldig
-fühlst! hier, sitz, schreib, schreib auf, willst du wohl! schreib:
-Damals, als Josef aus dem Haus wollte, konntest du ihn nicht halten?
-Nein, da war die Kunst vergebens, du bewegst keinen Marmor, es war zu
-spät! Aber Erasmus? Sah ich ihn nicht mit Fäusten losgehn, damals, auf
-seinen Bruder? Und dann, was sagte er? »Ich bin doch schon als Junge
-einmal mit dem Messer auf ihn ...« Oh das hör ich nun, als wärs heute!
-Warum vergaß ichs denn inzwischen? Warum war ichs nicht eingedenk Tag
-und Nacht, wachend und schlafend: er ist als Junge schon mit dem Messer
-auf ihn losgegangen! Warum war ich nicht eingedenk Jahr um Jahr: »Lieber
-Bruder Erasmus, noch ists nicht Zeit! -- Und warte,« sagte Josef, »ich
-entgehe dir nicht!« Wars nicht so? Oh Gott, habe Barmherzigkeit, was
-konnt ich tun? Liebte mich nicht Erasmus, kannt ich nicht seine Natur,
-die mich in keine Nähe zu ihm ließ, es sei denn die eine?
-
-Fort jetzt, nur fort! Warum kommt nur der Wagen nicht. Ich muß hin, ich
-muß ihm in die Augen sehn! Sehn, sehn, ob ich schuld bin wie er, und ihn
-bei der Hand fassen und verbrennen mit ihm, wenn ichs bin.
-
- in der Nacht
-
-Wieder in meinem Zimmer.
-
-Sonderbar und unbeschreiblich ist mir zumut. Ist das möglich, daß alles
-hier unverändert ist? Lampe und Sofa, Ofen und Bücher, -- und mein
-weißer König sieht über mich hinweg wie immer.
-
-Ja, du mein Heiland, du heilender, so laß mich dir bekennen alles, was
-inzwischen geschah.
-
-Die Fahrt war so grauenhaft schnell zu Ende, daß ich kaum nach dem
-Hinsetzen im Wagen die Augen geschlossen hatte, als er schon wieder
-hielt, und da war wirklich die alte Hausfront, das Tor und die goldene
-Fünf in den eisernen Ranken, alles fest und still und genau. Als ich
-durch den Vorgarten ging, öffnete Konrad die Glastür, lächelte und sagte
-bekümmert: »Das kleine Fräulein, ach Gott!« Aber kaum im Hausflur, fuhr
-ich entsetzt zusammen, weil das Telephon aus der Kleiderablage gellte.
-Ich dachte, ich sei nur wie immer erschrocken, seit Irene durch das
-Telephon von Doras Kindern sprach, und so nahm ich mich zusammen, ging
-selber in den kleinen Raum voller Mäntel.
-
-Und dann wars Ulrikas Stimme, matt und erschöpft, die fragte, ob ich es
-schon wisse, und unendlich weit fort hört ich sie sagen, ach, ich weiß
-die Worte nicht mehr ...
-
-Sie haben sich geschossen. Bogner ist verwundet. In der Brust. Der Arzt
-sagt, er wird leben bleiben. Ulrikas Mann -- ja, nun weiß ich das auch
-nicht mehr, -- ist er tot? Ich verstehe es nicht, verstand es kaum, als
-ich sie sprechen hörte, es schien mir so gleichgültig, -- und auch --
-als hätte ich alles schon gewußt ...
-
-Und im nächsten Augenblick, glaube ich, hatte ich alles vergessen; statt
-dessen merkt ich, daß ich furchtbaren Hunger hatte; zu Mittag hatt ich
-keinen Bissen hinuntergebracht. So stand ich minutenlang, konnte mich
-auf nichts besinnen, zwischen den Mänteln und Jacken, und da lag der
-große graue Hut des Erasmus auf den Messingstäben und Magdas grober
-Gartenpanamahut mit dem dünnen schwarzen Band. Der sagte mir denn, was
-zunächst kam, und ich ging die Treppen hinauf bis vor mein Zimmer. Die
-Klinke in der Hand merkte ich, daß ich falsch gegangen war, wollte
-zurück, bildete mir aber nun ein, eine Minute Schonung, nein, Aufschub
-sei wohl gegönnt, und als ich öffnete, saß im Sofa, eine breite, weiße
-Binde vor den Augen, Magda.
-
-Wie starrt ich nur hin! Eine leise Stimme sagte: Da sitzt es! -- Ihre
-grade Haltung und die Binde, das halb verdeckte Gesicht machten sie so
-zu einer Figur, einem Bilde der Gerechtigkeit oder etwas ähnlichem, so
-daß sie mir vorkam wie eine Gestalt all des Tödlichen und Schaurigen,
-das mich durchfahren hatte, so reißend schnell, daß jedes sich erst
-verstehen ließ, wenn es schon geschehn war. Nun saß das Unheil hier,
-ganz still, eine Binde vor den Augen ... Magda! schrie ich und fiel mit
-den Gesicht in ihren Schoß. Mit mir fiel die Erde. Sie hielt nun nicht
-mehr, ich wollte schreien vor Angst, als ich spürte, wie die Erdfesseln
-ganz lose wurden, und da rissen sie, der Boden tat einen ungeheuren
-Ruck, es toste, riesige Bäume wankten und schlugen um, ich konnte noch
-denken: Ein Augenblick, dann ist alles vorüber! Da kreiste die rote
-Finsternis langsamer, von unten kam die Sicherheit wieder, der Boden
-hielt, ich kniete, in meinem Haar glitt eine lindernde Hand ...
-
-Dann sprach ich mit Magda. »Wir wollen nicht verzweifeln,« sagte sie,
-»der Arzt meint, das eine Auge würde sicher heil bleiben --« sie brach
-unruhig ab, lehnte den Kopf gegen die Wand zurück und drehte das Gesicht
-nach dem Fenster. Ihre Stimme war so tief gewesen wie sonst nur, wenn
-sie singt.
-
-Meine Fragen wehrte sie ab und fragte selber nach Georg. Als sie hörte,
-daß er krank sei, stand sie gleich auf, sagte, sie müsse zu ihm, ich
-sollte sie führen, aber plötzlich schlug sie die Hände vor das Gesicht
-und rief verzweifelt: »Daß ich nun hülflos bin, mein Gott, das durfte
-doch nicht kommen!« Ich hielt ihren Kopf an meine Brust gedrückt, das
-kleine weiße Königsantlitz flimmerte mir vor den Augen, und ich sagte zu
-ihm: Wir, Josef, ja, wir gehn unsre luftigen Wege und finden die
-schönsten Worte, o du Delfin des Lichts, aber unsre Handlungen gehn
-allein vor sich, bis es zum Sterben kommt, dann besinnen wir uns und
-nehmen grade Haltung vorm Tode. Herrgott, schrie ich innerst, und die
-Kinder müssen leiden, was Riesen nicht schleppen, über die Armen wird
-Armut gehäuft, die Hungrigen bekommen zu fasten, und wer Sonne austeilen
-möchte mit beiden Augen, dem werden sie ausgestochen, und ich, sagte ich
-außer mir, ich habe die Verneigungen nun satt, große wie kleine, und ich
-habe genug gelitten! -- Sage doch, was du willst, antwortete es kühl aus
-den weißen Statuenaugen, aber du irrst, wenn du meinst, daß ich hinsehe.
---
-
-Magda machte ihren Kopf frei und sagte: »Jahre sind gekommen und
-gegangen, und ich habe mich in die unbekannte Einsicht Gottes gefügt und
-gewartet.« Und, sie habe gelitten, sagte sie, so sei es nicht schwer
-gewesen, an den Tod zu denken und seine Bitterkeit mit einer rettenden
-Tat zu vergolden, -- so daß ich nun merkte, sie hatte die alte
-Prophezeiung der Zigeunerin niemals vergessen. -- Ihre Hände fielen
-schlaff herunter, sie fing wieder an: »Die Nacht ist hingegangen, die
-ich mit Grübeln versessen hab, die Uhren schlugen Tag, und es kamen
-Menschen, und ich -- was soll ich glauben? Ich bin ja hülflos. Ich kann
-nun bloß dastehn und warten, daß der Tod jemand treffen will, und ich
-stehe vielleicht dazwischen, und er trifft aus Versehen mich, -- was
-kann ich tun?«
-
-Mir quoll das Herz. Aber jetzt auf einmal kam das Seltsamste zu Tage.
-Sie wußte ja noch nicht die genauen Vorgänge vom Tode des Herzogs, wie
-sie aber nun alles von mir hörte, fuhr sie zusammen, berichtete mir in
-der Hast etwas von einer Fremden, im französischen Park, einem Anfall
-gegen sie oder Georg, ich verstand es nicht deutlich, und daß sie Georg
-habe ins Wasser fallen hören, was ich ihr ja aus Sigurds Worten
-bestätigen konnte. »Und siehst du,« sagte sie dann erglühend, »wenn
-nicht das mit mir geschehen wäre, so würde Sigurd Georg getroffen haben,
-und also -- also wars nun das dritte Leben, das ich -- gerettet habe.
-Und meins ist nun aus ...«
-
-Danach wurde sie ruhig. Franziska kam und meldete, es sei zu Abend
-angerichtet, und sie stand auf, ich führte sie zur Tür. Draußen ließ sie
-meine Hand los und ging allein an der Wand hinunter, fand auch zum
-Treppengeländer hinüber, wo sie aber fast umgesunken wäre. Sie brachte
-keinen Laut hervor, richtete sich nach Sekunden wieder auf und ging die
-Treppe hinunter. In der Halle -- nein, da riß alles ab.
-
-Plötzlich stand ich vor Erasmus' Stubentür. Ich wollte klopfen, aber
-meine Hand versagte, auch den Türdrücker bekam ich kaum herunter, und
-als die Tür aufging, wars, als fiele ich an ihr herunter in das Zimmer.
-Da saß Erasmus vor dem Schreibtisch in Hemd und Hose, über ein großes
-Buch auf seinen Knieen gebückt, schon umgewandt nach mir, aber ganz
-geduckt, und als ich seine Augen sah, schrie ich: »Mach die Augen zu,
-Erasmus!« Dabei muß ich selber die meinen geschlossen haben, aber nach
-einer Weile sah ich ihn wieder mit gesenktem Kopf wie einen Sünder in
-seinem gelben Unterhemd über seinem Bibelbuch hocken. Da ging ich zu
-ihm, als ging ich über Wasser, legte eine Hand auf seine Schulter, und
-sein Nacken war so lang und ganz rostrot, und sagte leise: »Was liest du
-denn da, Erasmus?« Er hatte die Unterarme über die Seiten gelegt und die
-Hände über die oberen Buchränder gekrallt; so blätterte er mit den
-Fingern die Seiten auf, zog aber endlich die Arme fort und ließ mich auf
-das Blatt sehn. Die schwarzen Zeilen schwammen ineinander, es war, als
-begingen wir eine Sünde zusammen, und ich flüsterte: »Du mußt mirs
-zeigen!« Nun brachte er eine Hand über die Seite hin, der Zeigefinger
-krümmte sich und wies eine Stelle, und ich las hinter dem rückenden
-Finger her langsam die Worte: So wird mirs gehen, daß mich totschlage,
-wer mich finde ...
-
-Und dann? Ich hielt sein Gesicht in den Händen, sah durch das Fenster
-mit blinden Augen, sah das Gartengitter unten und die Alleebäume, und
-seine großen Hände lagen glühend um meine Unterarme geschlossen; dann
-fand ich mich über ihm stehend, und er hielt meine Hände. Auf einmal
-hatte ich wieder Kraft, nahm das Buch von seinen Knieen, legte es fort
-und sagte zu ihm: Steh auf! -- Mir zitterte das Herz, wie blindlings er
-gehorchte, und er stand da wie ein Knecht, groß, so breit und mit
-geducktem Nacken. Darauf ging ich zur Tür, hörte, wie er sich auch in
-Bewegung setzte und mir nachkam und die Tür wieder schloß und hinter mir
-die Treppe hinunter stieg; es brauste in meinen Ohren, alle Geräusche
-waren so deutlich und doch wie in weiter Ferne. Vor dem Schlafzimmer
-seines Vaters hab ich auf ihn gewartet. Als ich die Tür öffnete, gab es
-einen Luftzug, ich fühlte das Haar wehn auf meiner Stirn, und an beiden
-offenen Fenstern den Raumes wehten die leichten weißen Vorhänge herein.
-In seinem Bett, das frei dastand, saß der alte Mann; ich sah seine hohe,
-kahle Stirn und den Bart und die flackernden dunklen Augen, er aber sah
-mich nicht, sondern den, der draußen stand und die Hände rang, und dann
-fühlte ich mein eignes Lächeln so brennend, als hätte ich eine Sonne im
-Antlitz. Ja, ja, ja, die hielt ich ihm hin, die Luft brauste auf,
-Fittiche schlugen weiß aus der Tiefe, der Engel stieg wieder herauf, und
-die uralte Stimme rief laut: »Komm herein, mein Sohn, komm herein!« Da
-stürzte ein schwerer Körper an mir vorüber in den wolkigen Raum, ich
-hörte einen dumpfen Fall und die Worte: »Vergieb mir, mein Sohn, und laß
-mich wieder dein Vater sein!« -- Dann war ich draußen.
-
-Am Ende eines langen weißen Flurs sah ich das stille Einhorn auf und
-nieder gehn; doch entfernte es sich bald, bog um eine Ecke unter eine
-altertümliche Arkade ein -- später fand ich sie wieder auf der römischen
-Abbildung, die dort hängt -- und verschwand, den langen, weißwallenden
-Schweif sanft um die zierlichen Fesseln legend, in einer grünen
-Dämmerung, die sich langsam schloß und zu grünen Korridorwänden mit
-weißen Türen wurde.
-
-Später fand ich mich in meinem Schlafzimmer auf dem Bett und schlief
-gleich.
-
-
- Cornelia Ring an Renate
-
- Altenrepen, am 4. 8.
-
-Liebes Fräulein von Montfort,
-
-bitte wollen Sie mir verzeihen, daß ich mich an Sie wende, aber ich habe
-sonst niemand, den ich fragen könnte, wo Herr von Montfort ist, und ich
-bin ja so verzweifelt! Nun ist schon der fünfte Tag, daß er das Haus
-verließ -- Sie werden wohl wissen, daß er seit seiner Rückkehr nach
-Deutschland hier im Hause von Herrn Bogner wohnt --, und es wäre gar
-nicht seine Art, uns ohne Nachricht zu lassen. Mit >uns< meine ich
-seinen Diener, der Ihnen diesen Brief bringt, einen Halbchinesen; er
-heißt Li und hängt mit so außerordentlicher Liebe an seinem Herrn, daß
-ich Sie bitten möchte, falls Herrn von M. etwas zugestoßen sein sollte,
-es ihm zu sagen, und Sie brauchten dann mir nicht erst zu schreiben.
-
-Von Herrn Bogner hörten Sie wohl? Er ist heute zum ersten Mal zur
-Besinnung gekommen, der Arzt meint, er soll ins Krankenhaus, was auch
-recht schmerzlich für mich ist zu aller Aufregung, ich meine, weil ich
-ihn dann nicht pflegen kann und nur unruhiger werde. Ich will nun aber
-schließen und grüße Sie mit nochmaliger Bitte um Vergebung als Ihre
-gehorsame
-
- Cornelia Ring
-
-
- Renate an Cornelia Ring
-
- Waldheim, am 4. August
-
-Liebes Fräulein Ring,
-
-durch Li wissen Sie nun schon, ehe Sie diese Zeilen lesen, was geschehen
-ist. Glauben Sie mir, daß ich wie eine Schwester mit Ihnen empfinde, und
-so gerne wäre ich selber zu Ihnen gekommen, aber leider habe ich eine
-erkrankte Freundin im Haus, die ich noch nicht allein lassen kann.
-Möchten Sie nicht statt dessen mich besuchen? Ich könnte Ihnen dann
-vielleicht noch mehr sagen, was Sie wissen möchten. Li, der kleine, war
-so sehr gebrochen, ich werde nie vergessen, wie sein eben noch
-lächelndes gelbes Gesicht ganz grau wurde! Er bewegte sich nicht, aber
-er sank ganz zusammen in seinem langen braunen Mantel. Ich bin sehr in
-Angst um Sie, liebes Fräulein, und bitte, wenn Sie sich fähig dazu
-fühlen, besuchen Sie ja recht bald Ihre
-
- Renate Montfort
-
-Noch etwas fällt mir ein, das Li betrifft. Meine kranke Freundin, deren
-ich erwähnte, hat eine Augenverletzung, es ist zu fürchten, daß sie
-erblindet. Nun war sie dabei, als ich mit Li sprach, und da er mehrere
-Male ganz verzweifelt sagte: Was soll nun aus mir werden? so ging es uns
-durch den Kopf, daß ihn meine Freundin zu sich nehmen könnte, gesetzt,
-Sie selber wollen ihn nicht behalten. Meine Freundin würde einen Führer
-brauchen, und mir gefiel er sehr! Seine Treue, sein Schmerz, seine
-Höflichkeit, und was hat er für merkwürdig runde Augen in dem
-Chinesengesicht!
-
-
- Irene an Renate
-
- Nonnenkloster Mariabrunn, am 7. August
-
-Ja, Renate, da bin ich wieder hier, Hals über Kopf, und da ich leider
-keine Ahnung habe, weshalb Du nicht im Hause warst, so bin ich ziemlich
-ratlos und wäre Dir dankbar für ein Wort über Dich und vor allem über
-Magda. Renate, was ist mit ihr? Ich sah sie, sie sprach von einem
-Unfall, sie war so beängstigend still!
-
-Zu Hause wars nämlich nicht auszuhalten. Meine Eltern redeten bis in die
-Nacht, und am nächsten Morgen fingen sie wieder an. Und alles die
-reinste Neugier! Herrgott, was wollten die alles wissen! und o Himmel,
-diese Vorstellungen! Immer wieder die Fragen: Ob denn mein Mann nicht
-gut zu mir gewesen wäre? Ob ich ihn denn nicht liebte? Als ob das etwas
-damit zu tun hätte! Als sie sich aber bis zu dem Ausdruck Ehe
-verstiegen, da hatte ich denn doch die Nase voll. Ach, du lieber Gott,
-wenn Worte einen Menschen zu etwas machen könnten, ich wäre es geworden
-in diesem Augenblick. Ich hätte an mir selber irre werden können, packte
-meine Sachen und entfloh.
-
-Hier ist alles, wie es war. Die guten Alten sind bis auf eine einzige
-noch dieselben, die Jungen sind Andre als dazumal, aber das Genre ist
-geblieben. Ein Aufheben gab es meinetwegen natürlich nicht, nur die
-Abatissa konnte sich eine triumphierende Bemerkung und einen spitzen
-Mund nicht verkneifen. Sie ist eine Gräfin und hat sich auch so! Vor
-lauter Genugtuung über meine Wiederkunft sagte sie etwas ganz
-Verwickeltes vom Heiland, der nicht in Häusern wohnte, sondern in
-Herzen. Ja, dacht ich, der wird sich grade bedanken und in deinem
-verprömmelten Herzen wohnen! und sagte: ich wäre dankbar, hier nur etwas
-Ruhe und Sammlung zu finden, bis sich herausstellte, ob mein Aufenthalt
-von Dauer sein würde (was der Himmel verhüten möge!) oder nicht. Da
-wurde sie noch spitzer und sagte, ein Herz voll Unruh wäre was
-Köstliches, und nur am Abgrund hin führte der Weg in den Frieden. -- So
-eine geht nun alle Tage mit dem Heiland um, und ist sie deshalb anders
-als die Andern? Na, die wird sich wundern, wenn es am Jüngsten Tage
-heißt: Reichsgräfin Jutta von Lindenau, weiland Abatissa, verblichen im
-Geruche großer Heiligkeit, und sie sieht sich denn dastehn in ihrem
-Sündenstank, der zum Himmel schreit. Mir ging ein großes Licht auf, und
-ich sehe, daß es mit der Mehrzahl der Menschen so bestellt ist: der eine
-ist leidenschaftlich Bergsteiger, der andre sammelt leidenschaftlich
-Briefmarken, einer geht ins Kloster, und eine ist meinetwegen
-Frauenrechtlerin. Und all diese leidenschaftlichen Dinge tragen sie
-sauber verschlossen in einem großen Koffer mit sich herum, den sie
-überall vorzeigen und sagen: da ists drin! und im übrigen sind sie ganz
-gewöhnliche Menschen. Die Briefmarken machen sie nicht weiser, und die
-Berge nicht klar; die Jesusliebe nicht demütig, und das Frauenrecht
-nicht duldsam. Ach, ist es denn mit mir vielleicht anders gewesen? Ja,
-denn ich war die ganzen Jahre lang überhaupt nichts!!!
-
-Was mit mir zu geschehen hat, ist klar. Ich muß wieder werden, die ich
-gewesen bin, vor der Ehe, mit Leib und Seele. Ich weiß noch nicht, wie
-das geschehen soll, aber es muß. Nun -- damit muß ich allein fertig
-werden. Leb herzlich wohl, wenn ich kann, werde ich schreiben. Gedenke
-nicht unfreundlich Deiner
-
- Irene
-
-In meiner üblichen Selbstsucht vergaß ich natürlich, daß ich Dir von
-meiner Schwägerin Dora schreiben wollte. Daß sie mich vermissen wird,
-glaube ich zwar nicht, bei dem versteinerten Zustand, in dem ich sie
-verließ; da ich aber weiß, daß ich trotz ihrer vielen Freunde und
-Bekannten allein ihr ganz nahe war, so ist mein Gewissen gar nicht rein!
-Deshalb möchte ich Dich bitten, recht bald einmal nach ihr zu sehn und
-mir möglichst ausführlich zu schreiben, wie Du sie fandest! Nicht wahr,
-Du bist so lieb?!
-
-
- Renate an Irene
-
- Waldheim, am 14. August
-
-Meine liebe Irene!
-
-Daß ich Deinen Brief erst heute beantworte, geschieht deshalb, weil ich
-erst Bestimmtes über Magda wissen wollte. Das habe ich nun heute
-erfahren, und es ist sehr schmerzlich. Die Sehkraft des einen Auges ist
-ganz, die des andern fast erloschen. Sie sieht nichts, wir dürfen uns
-das nicht verhehlen, obgleich sie selber behauptet, Farben, sogar
-Gestalten erkennen zu können, und hell, sagt sie, sei es stets. Du
-siehst: sie ist, wie sie immer war! Übrigens giebt es etwas, das ihr
-dies Schicksal tragen hilft, aber ich finde die Worte nicht, es zu
-erzählen. Es ist aber das, daß sie die alte Prophezeiung, von der Du
-weißt, nun erfüllt sieht; und daß es Georg war, an dem sie sich
-erfüllte, ist ihr Trost.
-
-Zu Dora ging ich schon zwei oder drei Tage nach Empfang Deines Briefes,
-fand sie über einem Berg von Schriften und Rechnungen ihrer Vereins- und
-Küchenangelegenheiten, und sie gestand mir ihre letzte Verzweiflung: ihr
-Gedächtnis habe gelitten, sie könne nicht mehr rechnen oder mit
-Angestellten verhandeln und dergleichen. Es gelang mir, ihr meine Hülfe
-aufzudrängen, ich bin seitdem fast täglich bei ihr gewesen, sie hat mich
-bei ihren Mitarbeiterinnen eingeführt und so nach und nach alles in
-meine Hände gleiten lassen. Ich werde es freilich wieder abgeben müssen,
-ausgenommen die Beschäftigung mit der Volksküche, Doras persönliche
-Domäne, denn für die Damen bin ich ein Eindringling. Bin auch wohl fähig
-einzusehn, daß Kampf gegen die vielen sozialen Schäden und
-Unvollkommenheiten notwendig ist, aber in der Welt, wo er vor sich geht,
-bleibe ich fremd und mag auch nicht kämpfen. Die Welt ist bisher eine
-männliche Angelegenheit gewesen; haben sie sie verunglimpft, sollen sie
-sie auch wieder rein machen, und sind die Frauen unzufrieden, so können
-sie ja streiken, aber als Frauen, und kein Geschrei machen wie die
-Männer. Daß arme Leute für wenig Geld viel und gut zu essen haben
-müssen, leuchtet mir ohne weitres ein, und deshalb gehe ich in die
-Küche.
-
-Kaum dann, daß ich alles so weit hielt, um es weitergeben zu können, ist
-Dora mir fast unter den Händen erloschen. Sie lebt, sie besorgt weiter
-für sich und ihren Bruder das Haus, aber sie ist stumm und ganz stumpf.
-Jason, den ich häufig bei ihr fand, sagte mir, was sie ihm bekannte: sie
-erwartet ein Kind, das sie in der Nacht empfing, als die andern starben.
-Warum gerade dies ihr so qualvoll ist, würde ich mich vergebens fragen,
-wenn ich nicht wüßte, daß jede Qual den Menschen weniger bricht, als
-vielmehr ihn furchtbar verkehrt, und was dann Andern Trost scheinen mag
-oder Hoffnung: es paßt alles nicht für ihn; es wird alles nur wieder
-Qual.
-
-Soviel habe ich an mir gelernt. Dir mehr davon zu sagen, bin ich noch
-nicht fähig, gute Irene, und muß es Deinem liebevollen Herzen
-überlassen, zu ahnen, was sich nicht erklären läßt. -- Daß Du den Weg
-finden wirst, den Du suchst, will ich von Herzen mit Dir glauben. Da
-sehe ich Dich wieder in meiner Kapelle stehn: >Die Wege des Himmels sind
-außerordentlich ...< hieß es nicht so? Ach, Kind, Kind! ehe wir nicht
-durch die menschlichen Ordnungen gebrochen sind und rasend geworden vor
-Not, eher werden wir in die göttlichen kaum passen. Da sind die
-alltäglichen Verrichtungen für uns gut genug, und nach uns wendet kein
-Gott sich um, wenn wir vorübergehn.
-
-Magda schließt ihre innig liebenden Grüße den meinen an! Stets Deine
-alte
-
- Renate
-
-
- Aus Renates Buch
-
- am 21. August
-
-Heut habe ich nun zum ersten Mal Bogner wieder gesehn, ein Anblick zum
-Weinen.
-
-Er hat Schlimmes überstanden. Zu den Wunden trat Rippenfellentzündung;
-bei der Punktion, um das Wasser zu entfernen, muß schon Eiter dagewesen
-sein, es gab eine Infektion an der Stelle, und nun waren weitere
-Punktionen unmöglich. Später stellte sich eine schwere innere
-Vereiterung heraus, es mußte geschnitten werden, ein Stück Rippe heraus,
-und es gab einen Eimer voll Eiter. Nun liegt er mit einer Kanüle an
-einen Saugapparat angeschlossen. Ulrika erzählte mir das auf der Fahrt
-zur Klinik und bereitete mich auf seinen Anblick vor. Ihre eigenen Züge
-waren verfallen, oder war es schon diese unheimliche Erweiterung von
-innen durch die Mutterschaft?
-
-In dem schmalen Krankenzimmer war zuerst nichts zu sehn als die hohe
-Rückenwand eines Metallbettes, ausgefüllt von hochgestellten Kissen,
-dazu ein Gestell mit dem Saugapparat, von dem aus ein langer roter
-Gummischlauch in den Kopfkissen verschwand. Weiter vorgehend sah ich
-einen alten, furchtbar vergrämten Mann dasitzen, und aus schlottrigen
-grauen Stoppelfalten seiner Gesichtshaut, aus den Knochenrändern seiner
-großen Augenhöhlen blinzelten ganz dunkle Augen in die Höhe, wo von
-einer der Länge nach über dem Bett angebrachten Eisenstange eine Kette
-mit einem Ringe hing, den er mit schneeweißer, langfingriger Hand gefaßt
-hielt. Ich glaubte, in einem falschen Zimmer zu sein, und wollte mich zu
-einer Tür umdrehn, als er mir das Gesicht zudrehte und ich ihn erkannte.
-Oh, hinter der Maske von Gram und Krankheit das alte, wohlbekannte
-Gesicht nun so erschreckend deutlich wie ein Gesicht in einem Gebüsch
-oder hinter einem Zaun!
-
-Die Rosen, die ich ihm hinlegte, sah er gar nicht an, sondern griff
-gleich mit beiden Händen nach meiner. Dann saß ich auf einem Stuhl bei
-ihm, meine Hand hielt er fest, und von irgendwo kam eine kaum
-vernehmbare Stimme: »Renate Montfort ...« Da seine Lippen sich bewegten,
-so mußte es seine Stimme gewesen sein, nun mußte er husten, es dauerte
-lange, bis er fortfahren konnte: »Ich wollte sagen: Renate Montfort
-weint. Traurig für mich,« setzte er hinzu, »aber -- hübsch! hübsch!«
-Dabei lächelte er, daß mich die Erinnerung an meinen Vater durchrann;
-der hatte auch in den letzten Tagen dies mühselige Lächeln der dem Tode
-Nahgekommenen: nur ein Gesichtverziehen, als ob sie erstaunten.
-
- 24. August
-
-Mein dritter Besuch bei Bogner. Beim zweiten bat er mich, doch täglich
-zu kommen. Er spricht nun viel, wird aber schnell müde; seine Stimme ist
-mitunter kaum zu vernehmen; seine Gedanken scheinen rastlos in Bewegung.
-
-»Sagen Sie doch,« fragte er heute, »ist Fuge wirklich das lateinische
-_fuga_?« Da ich bejahte, wunderte er sich und meinte: »Also wirklich
-Flucht? Das ist ja abscheulich!« worauf er mich und Ulrika nachdenklich
-betrachtete und fragte: »Ich möchte wirklich wissen, wie ihr es
-anstellt, diese unseligste aller Künste zu betreiben!«
-
-Wir stellten uns sehr böse. Warum unselig?
-
-»Eben,« sagte er fein, »weil sie gradezu die Seligkeit will. Aber sie
-kriegt sie nie. Sie ist ja nur immer da hinterher. Sie ist so ganz --
-bergig! _Fuga_, die Flucht. Sie ist wie der Lauf eines flüchtigen Tiers
-über ein Gebirge.« So sprach er unaufhaltsam weiter. Immer hätte die
-Musik etwas Gejagtes, könne nie stillhalten, sei zwischen ihrem Anfang
-und dem Ende unaufhörlich, und wenn man ja absetze an einer Stelle, so
-geschehe das nicht glatt wie bei einem Gedicht, sondern mit einer
-zackigen Bruchstelle. Immer wolle sie die Ruhe, liege immer im Sterben,
-»und hat sie die Ruhe doch einmal,« sagte er, »so tritt sie schon wie
-ein Gewässer über ihren Rand.«
-
-Ulrika wandte ein, wenn er ihr einmal bei einem guten Legatosatz schön
-zugehört haben würde, ob er dann nicht hinter der Bewegung den
-Stillstand gehört haben würde.
-
-»_Quies in fuga?_« meinte er zweifelnd, »die Ruhe auf der Flucht?«
-
-Schöner, erwiderte ich, ließe es sich kaum ausdrücken.
-
-»Aber erklärt mir eins,« fing er nach einer Weile wieder an, »warum habe
-ich denn immer, wenn ich genau zuhöre, das Gefühl: weshalb ist das nun
-so? Könnte es nicht gradsogut alles ganz anders sein?«
-
-Weil er, erklärte Ulrika ihm lachend, jetzt genug geredet hätte und
-schlafen sollte.
-
-»Das will ich,« sagte er folgsam entschlossen, »aber noch eins!« Er fing
-umständlich wieder an, wir hätten seine erste Frage nicht beantwortet,
-wie wir es nämlich machten, die unselige Kunst zu betreiben. Er rieb
-sich die Hände. »Ich wills euch sagen. Die Musik ist für gewöhnliche
-Menschen Gift, ihr aber habt in euch ein Gegengift, denn -- ihr seid
-_Angeli sancti_, nicht wahr?« schloß er mit einem sonderbar ängstlichen
-Blick zu Ulrika empor.
-
-Diesen scheuen Blick seh ich noch immer. Denn er war nicht nur dasmal,
-und wenn er nicht in seinen Augen war, so doch in einer Bewegung; und
-stets ist er gegen Ulrika von einer so ängstlichen Zartheit, die mir,
-ich weiß nicht warum, so schuldvoll erscheint, und ich muß die Augen
-niederschlagen, wenn er nur sagt: »Möchtest du wohl so gut sein ...«,
-als wäre da etwas zum Schämen.
-
- am 25. August
-
-Auf Ulrikas Bitte teilte ich Bogner heute mit, was er von Magda noch
-nicht wußte. Er hörte wortlos zu, schloß dann die Augen und hielt sie
-lange so, wie um zu versuchen, was Blindheit sei. Als er sie wieder
-öffnete, sagte er, sie zukneifend, geblendet: »Unmöglich! Sterben ist
-möglich, aber blind werden nicht!« Da erinnerte ich ihn, um ihn sich
-selber vergessen zu machen, daran, daß Magda nicht male.
-
-»Richtig,« sagte er, »sie hat ja auch eure Musik. Oh freilich Musik! Die
-Sehenden macht sie halb blind, diese blendende Sonne, aber für Blinde
-kann sie ja dann wohl eine schöne Quelle der Wärme sein.«
-
-»Ich wills Magda sagen«, meinte ich leise.
-
-»Nein,« sagte er da, »sagen Sie ihr nicht das! Es klingt nicht gut so
-von Blinden ... Sagen Sie ihr --« Er besann sich, die Lippen bewegend,
-sagte dann: »Der Körper ist blind, aber die Seele ein Argus mit tausend
-Augen; soviel Götter, soviel Augen.«
-
-Wir hatten dann eine Weile von andern Dingen gesprochen. Auf einmal
-fragte er mich, lächelnd mit einem Mundwinkel, ob mein Vater nicht
-Pfarrer gewesen sei, und als ich nickte, ob er gewesen sei, was man so
-liberal nennte. -- »Ach, nein!« »Ein ganz frommer Mann?« Ich bejahte.
-
-»Dann«, sagte er, »will ich Ihnen noch was schenken. Jason hörte ich
-einmal sagen: Ein liberaler Pastor -- da könnte man auch sagen: eine
-liberale Musik, -- und nun fällt mir bei dem Seelenargus ein: das
-sogenannte liberale Christentum ist wie der einäugige Polyphem,
-geblendet vom listenreichen Ulyß,« schloß er verschmitzt, »der
-Vernunft.«
-
-Er ist nun so klügelnd geworden ...
-
- am 26.
-
-Ich kam von Bogner zurück, es war schon spät und dämmrig geworden, da
-hörte ich die Orgel. Konnte das wieder Magda sein? Gleich lief ich in
-den Garten, wo ich dem Getön anhörte, daß Tür und Fenster der Kapelle
-geschlossen sein mußten und daß es äußerst heftig war. Näher kommend
-hörte ich Gesang und erkannte die Musik der alten Kirchenarie von
-Stradella >_Si miei sospiri_<, zu der Georg Magda einmal einen deutschen
-Text geschrieben hat. >Wer weint in Finsternis? Wer schluchzt im
-Dunkel?< fing es an. Vor der Tür der Kapelle hörte ich die Orgel allein
-die Schlußwendungen mit solcher Kraft brausen, daß die hölzerne Tür
-erbebte; ich öffnete und trat ein, es war dunkel drin, die riesigen
-Orgelstimmen warfen sich über mich wie Geister, schon wieder mit der
-Wucht der Oktavengänge im Baß des Anfangs einherstampfend. Ach, ich
-glaube, alle Engel meiner Brust sind aufgestanden vor einer
-übermenschlichen, viel zu lauten, einer rauchenden Stimme aus dem
-Dunkel, die hinfegte über mich durch den Raum, so tief und gewaltsam, so
-brechend aus allen Fugen, nach oben stürzend und sich niederschmetternd,
-daß ich mich nicht halten konnte und hingekniet bin und das Gesicht in
-die Hände gelegt habe. Und jetzt: schwarzblau durch das Schwarze der
-Nacht, unter Gewölben her, kam der Engel gebraust, der furchtbare,
-blinde. Die Stirn im Armbug trat er die Lüfte hinter sich mit zuckenden
-Füßen; die riesenhaften Schwingen bogen und wanden sich wie schwarze
-Flammen, er peitschte mit ihnen, und so jagte er unterm Gewölbe hin und
-über mir fort, und die Lüfte schlugen schallend hinter ihm auf wie
-Gewässer, heraufklatschend an den Nachtwänden. Es war ein endloser Gang,
-nicht breiter, als daß der Engel darin fliegen konnte, und so kam er
-zurück; ich, oh ich sah die Sohlen seiner Füße bleich schimmern, wie er
-über mir fortstürmte, und plötzlich sah ich ihn an den Stäben eines
-Gitterfensters hängen und daran rütteln; sein Leib fiel nach unten, er
-hing, so lang er war, aber er schwang die Füße hoch, stemmte sie gegen
-die Wand, und während hinter ihm die ohnmächtigen Flügel in rasenden
-Wirbeln die Lüfte peitschten, rüttelte er mit seinen langen Armen,
-rüttelte und schrie auf, ließ los, ermattete, tastete und stürzte ins
-Bodenlose ab. Ehe aber der Donner seiner Schwingen in den Tiefen
-verhallt war, kam er wieder herauf gerauscht wie ein Brunnen, und jetzte
-rannte er mit wütender Schnelle schräg nach oben und mit ungeheurem
-Prall gegen die Wölbung, daß sie barst.
-
-Sechs schöne, farbige Engel, Gitarre, Harfe und Posaune in Händen,
-standen in einem tiefen, morgenstillen Zwielicht auf der Kuppe eines
-Berges; tiefer braute Gewölk. Es orgelte ruhig in den Tiefen, große
-Takte schlugen majestätisch herauf, der Umkreis der Himmel erschien,
-duftende Büschel und Hecken feuerfarbener Lilien raschelten, bewegten,
-ordneten sich und standen still, mit fahrender Schnelle kam das Licht,
-körperlos zog es herauf, goldene Dünste stiegen in triumphierenden
-Wolken überall, die Engel hoben ihre Instrumente, die lange Lure wies
-steil in das kühle Morgenblau oben. Dort stand einsam ein weißer Stern,
-aus dem langsam eine Träne rollte und fiel; der Stern war ein weinendes
-Auge, die Träne fiel naß und brennend auf meine Hand, es war dunkel.
-
-Nun hörte ich meine Orgel leiser sausen, es war wieder das Vorspiel,
-aber als nun Magdas singende Stimme wieder einsetzte, war es reine
-Sanftmut, nur schmelzender Wohlklang, und sie leitete nun ihren Gesang,
-wie es schön und recht war, ohne Übermaß, beugte ihn und richtete ihn
-auf, ließ ihn schwellen und verhallen, ließ die Stimme schweigen lernen
-und sich bändigen durch unerbittliche Pausen des bemessenen Orgeltons.
-Und als sie zum vierten Male zum _da capo al fine_ einsetzte, hatte sie
-das Maß; die Stimme gehorchte freiwillig, der lärmende Gott der
-Blindheit war nirgend.
-
-Und wiederum in diesem fremden Augustmond sah ich meine Erscheinung.
-
-Im grünenden bewegten Garten stand die Sonnenuhr. Es war heller Tag, in
-allen Büschen glitzerten Taulichter, aber als ich wieder nach der
-Sonnenuhr blickte, war der Zeiger sonderbar lang und war das gewundene
-Horn des Tiers. Das weiße Tier stand im Garten, es hob die leichten
-seligen Füße und ging vorwärts wie im Tanz, indem es sich unaufhörlich
-verneigte, die Stirn mit dem Horne senkte und hob, ein Tanz von der
-unbeschreiblichsten Sanftmut, der plötzlich endete, da das Tier den Kopf
-stillhielt und zu lauschen schien, und nur die Spitzen des Mähnenhaars
-und des Schweifs flatterten ganz wenig an dem Marmor gewordenen Leibe.
-Jetzt wendete es den Kopf zu mir her, und ich sah, daß es freundlich
-lächelte, während es auf einen großen, blauschwarz gewandeten Engel
-zuschritt, der plötzlich unter den hohen Bäumen stand. Er legte eine
-Hand auf den Rücken des Tiers und wandte sich zum Gehn, so daß ich die
-hohen Büge seiner gewaltigen Schwingen über seinen Schultern sah,
-während die gebogenen, sehr schmalen Flügel selber an seinem Leib
-vorüber weit nach vorne die Spitzen streckten. Der Engel und das Einhorn
-gingen so zusammen fort in den Wald hinein, und sonderbar nahm er im
-Gehn seine Fittiche unter die Arme; dann legte er die Hände auf dem
-Rücken zusammen; er war klein geworden in der Ferne und sah nun schon
-ganz wie Jason aus; er war es auch wirklich, da er sich nun umdrehte und
-sein Gesicht zeigte, weiß mit schwarzen Augen, aus denen es lächelte ...
-
-Sie waren verschwunden. Es rauschte durch den Wald, dann erlosch er
-eilig. Ich lief, Magdas Namen leise rufend, zum Podium, sie wandte sich
-zu mir und sagte, wie sie im Traum gesagt hatte: »Siehst du wohl, daß
-ich doch fliegen kann?« »Ich muß es glauben«, antwortete ich leise und
-schauderte.
-
- am 27. nachts
-
-Bei Bogner traf ich Ulrika heut nicht mehr an und statt dessen Jason. In
-der Volksküche hatte es eine böse Geschichte gegeben mit zwei ineinander
-verhakten Aufsichtsdamen, die auf keine Weise auseinander zu bringen
-waren. Um so stiller war Bogner. Es geht immer auf und ab mit ihm. Immer
-wieder kommt Eiter und mit ihm Fieber. So abgemagert er ist, war er doch
-ein schwerer Mann; er hat sich ganz wundgelegen, die Füße sind
-geschwollen und sollen ganz violett aussehn. Er fieberte, lag unruhig da
-und sprach kaum.
-
-So verließ ich ihn in recht gedrückter Stimmung. Auf der Heimfahrt
-erzählte mir Jason, den ich mit zu Magda nahm, daß er vor ein paar Tagen
-bei Georg gewesen ist; daß er nun anfängt zu gesunden. Er liegt in dem
-kleinen Schloß, in dessen Nähe er auch gefunden wurde. Was mit ihm
-vorgegangen ist, weiß niemand, und vielleicht wäre er gar nicht entdeckt
-worden, wenn nicht sein Reitpferd sich beim Hause gezeigt hätte. Auch
-das ist nicht zu verstehn, denn der Park ist klein und von einer Mauer
-abgeschlossen; wie konnte er da reiten wollen?
-
-Dies hörte Jason von Doktor Birnbaum. Als dieser dann von seiner
-Bekümmertheit sprach, daß er sich nicht getraue, Georg den Tod seines
-Vaters mitzuteilen, so hat Jason sich angeboten.
-
-»Aber da«, sagte Jason, »hatte ich einen Versager. Vielleicht hätte ich
-es doch lieber mit Einschläfern versuchen sollen. Er schien ruhig
-zuzuhören, aber als ich besser hinsah, war er einfach ohnmächtig
-geworden.«
-
-Als wir nun schwiegen, erschreckte mich das Geräusch des Fahrens,
-überlaut in meinem Gehör, und da merkte ich, wie alles wieder bröcklig
-in mir wurde. Da erschien der Festzug, ich saß auf der Höhe des Wagens,
-die Elefanten schritten dort, ich sah das bunte Getümmel unten und oben,
-und jetzt, wie es erlosch, jetzt erst sah ich alles, was geschehen war
-an diesem Tage, der so triumphierend begann. Alles zählte ich da Jason
-auf: Erasmus' Tat, und Josefs Tod, den Jammer seines Vaters und meinen
-eignen, den Tod des Herzogs, und Sigurd, Georgs Erkrankung, Magda, und
-weiter noch Bogner und Ulrika und gar Irene. »Jason!« mußte ich endlich
-entsetzt fragen, »wie war es nur möglich! all dies an einem Tag!«
-
-Jason sagte: »Du lieber Egoismus! Warum lässest du alles Übrige fort? An
-jenem heißen Sommertag haben achtzehn Menschen einen Hitzschlag
-erlitten, woran sieben starben; drei stürzten mit einem
-zusammenbrechenden Balkon beinah hinter dir in den Festzug; zwei fielen
-vom Dach, zwei von der Straßenbahn, sechs wurden überfahren, einer brach
-den Arm im Gedränge, und übrigens müssen der Wohnungen, die von ihren
-Besitzern verlassen waren und in die eingebrochen wurde, mindestens
-zwanzig gewesen sein.« Er hätte nicht gezählt, schloß er, aber was mir
-einfiele, alldas nicht zu rechnen?
-
-»Nein, Jason,« konnte ich trotz der erschreckenden Aufrechnung
-entgegnen, »du wirst mich wohl recht verstehn: die ich aufgezählt habe,
-gehörten doch Alle zusammen. Wir waren doch Alle verwandt miteinander!«
-
-»Freilich,« erwiderte er, »kommt ein Sturm, stürzt das Dach ein, so
-trifft es Alle, die darunter versammelt sind. Oh gewiß, ich erinnere
-mich wohl: die Friedliebende Gesellschaft hieß es, und damals fing alles
-an. Denn«, endigte er liebenswürdig, »ich gebe dir gern zu, daß du die
-Dinge so ansehn mußt, wie sie sich um dich ordneten.«
-
-»Ordnung, Jason!« rief ich empört.
-
-»Ja, wer kennt denn all die Gesetze? Hat der Mensch einen Gott, muß er
-auch Dämonen haben.«
-
-Mir graute es vor Jason in diesem Augenblick, und es dauerte eine Weile,
-bis ich fragen konnte, wie er es mache, stets gelassen zu bleiben, denn
-ich wisse ja, er meine es gut mit uns Allen.
-
-»Ein bißchen schwarze Kunst vielleicht?« riet er.
-
-»Ach freilich, die Schwärze sieht man an den Augen! Aber worin besteht
-sie?«
-
-Das sei schwierig, meinte er, jeder Zauber sei nur in einer Hand
-wirksam; worauf er mir ernsthaft riet, wenn ein Leid an mir zerrte, nur
-die Augen kräftig zuzumachen und zu denken, daß es mich gar nichts
-anginge.
-
-»Du hast uns so oft wohlgetan, Jason,« sagte ich leise, »wie willst du
-das denn gemacht haben, wenn wir dich nichts angingen?«
-
-Das, sagte er, sei eine Verwechselung der Ausdrücke. »Ihr Alle geht mich
-viel an und auch euer Leid. Wenn aber eines davon an mir zerren wollte,
-an mir, nämlich an jemand, den es in Wahrheit nicht betrifft, und ich
-lasse das zu, und es wird nun meine Sache, was geschieht? Dann werde ich
-verwirrt und unnütz, und das Leid ist weiter nichts als größer geworden.
-Muß man ihm nicht Grenzen setzen? Kommt die Springflut über den Deich,
-so zieht man einen neuen. Wie soll man denn ein Leiden verringern, als
-indem man ihm Einhalt gebietet und versucht, es in ein ordentliches Bett
-zu leiten? Oh, man muß es gut schieben und zwängen, bis es an Ort und
-Stelle und eingepaßt ist. Dazu ist aber doch Besinnung nötig. Nun, und
-wenn schon der sie verliert, der darin steckt, soll ich sie auch noch
-verlieren?«
-
-Ich konnte nur den Kopf schütteln und sagen: ich verstehe es nicht.
-
-»Es läßt sich ja nicht verstehn,« erwiderte er freundlich, »ich sagte es
-schon. Oder kann dirs klar werden, wenn ich sage: Man muß mit fühlen,
-aber nicht mit leiden?«
-
-»Ja, wie denn nur, Jason, wie denn?«
-
-»Nehmen wir«, erklärte er nun, »einen eisernen Topf. Der ist voll
-Wasser, steht am Feuer, das Wasser fängt an zu kochen. Das Feuer glüht,
-der Eisentopf glüht, aber die leiden nicht. Das Wasser leidet, und die
-Luft im Wasser, die vor Angst, hinauszukommen, alles über den Rand
-wirft. Sie leidet die Glut, aber der Topf? Er fühlt sie. Fühlt sie ganz
-ruhig so lange, bis die Luft in der Freiheit der Lüfte ist, alle
-schädlichen Keime tot sind, und das Wasser gekocht. Das Feuer geht aus,
-der Topf wird kalt, alles hat seine Richtigkeit. Du aber, sage mir, mein
-Kind: war ein Gott im Feuer oder ein Dämon?«
-
-»Beide, Jason, doch beide!« rief ich ganz aufgelöst, »aber warum, und
-wie macht es denn dein Topf, dein --«
-
-Ich glaube aber, ich habe das gar nicht gesagt oder jedenfalls nicht
-weitergesprochen. Mir fiel nämlich etwas ein, das mit Jason
-zusammenhing, doch konnte ich es nicht finden; dann hielt auch der
-Wagen, und jetzt erst in der Nacht, wo ich mein Buch hervorholte, um zu
-schreiben, wußte ich, daß es darin stand, was ich gesucht hatte, und ich
-brauchte nicht lange, um diese Zeilen zu finden, Jasons Worte,
-geschrieben am 5. November im vorigen Jahr:
-
-»Gewiß erinnerst du dich der Geschichte von den drei Männern im
-Feuerofen, die sangen. Ganz kühl standen sie in aller Glut und sangen
-schöne Lobgesänge. Das sollten eigentlich wir Alle können, ja, das ists,
-was wir lernen sollten. Die Glut verschonte sie ja nicht, jene Drei, was
-wäre das weiter gewesen? Ist Gott ein Taschenspieler, der Kunststücke
-macht mit seinen Heiligen? Nein, er ließ sie ganz und gar verzehrt
-werden von der Feuersglut, bis sie zu Asche gebrannt waren, aber siehst
-du, Kind,« sagte er zu mir, »in ihnen war Gott, mit seiner himmlischen
-Essenz waren ihre Leiber durchtränkt, so daß ihre Asche fest wurde, fest
-wie gebrannter Ton, und da empfanden ihre Seelen erst, wie kühl und wie
-angenehm gekleidet sie mitten in den Flammen standen, und nun begannen
-sie unverbrennlich den Lobgesang.«
-
-Unverbrennlich, das war das Wort. Das sollten eigentlich wir Alle
-können, -- o Gott!
-
-Jason, ja, und die Andern! Magda ist es geworden, Bogner wird es
-vielleicht, aber ich, wie weit bin ich davon! In Flammen stand ich
-lichterloh, aber alles, was ich davontrug, sind Wunden. Und war es nicht
-so, wie Jason erklärte? Was gingen jene Flammen mich an, mich, die sie
-nicht betrafen? Erasmus, den trafen sie und gingen sie an, und seinen
-Vater, Sigurd und den Herzog, aber doch nicht mich! Sie konnten brennen
-und verbrannt werden, ich aber lief nur zum Feuer hin und versengte mir
-die Hände. Nein, mein Gott, oh nein, was konnt ich denn tun? Erasmus,
-was konnte ich tun? Ich legte die Hände auf seinen Kopf, oh Heiland, wie
-das Feuer drin raste! Ich habe Woldemar einen Verband gemacht, so gut
-ich konnte, und ich habe Sigurds Stirn angefaßt und gefühlt, wie sie
-glühte, und da war meine Hand noch kühl. Ach, sie ist doch verbrannt,
-denn was half ich?
-
-Was ist denn nur mit mir, was ist denn nur? Diese Schwäche, diese innere
-Lähme schon durch die Wochen. Es ist, als hätte ich Angst, dies könnte
-noch nicht alles sein, wenn aber das Letzte kommt, das Wirkliche, werde
-ich schwach sein und nur brennen und nicht überstehn. Sollte das möglich
-sein? Ein schlimmeres Unheil und eins, das nur nach mir zielt, nach mir?
-Ach, und die Jahre all, wie hungerte michs nach dem Glück!
-
-Ruhig war ich früher immerhin und sagte: ich warte! Da aber, in jener
-Nacht, am Wehr erst, dann im Zimmer, auf der Fahrt, in der Universität,
-im Schloß dann, die lange Ewigkeit bis zum Schlaf bei Saint-Georges, da
-war ich -- besinnungslos, war ich leer, von mir selber verlassen und
-betäubt, und da hat mich einer, der mich schon lange belauerte, der hat
-mich da überfallen, der schlüpfte in mich hinein und hockt nun in mir,
-zusammengekrümmt, und wartet, und dies alles bisher waren nur erst die
-großen Verneigungen.
-
-Bist du ein Gott, du fürchterlicher in mir, sage, bist du Gott oder der
-Teufel? Du hast mich öfters auch trunken gemacht in diesen Wochen,
-hingegeben der Ferne, einem himmlisch Kommenden zugeschmolzen, und dann
-dachte ich gewiß: Ein Gott muß es sein! Aber ich weiß es nicht, ich weiß
-es ja nicht! Angst ist immer Angst, ob sie nun süß ist oder bitter, wie
-soll ich da erkennen?
-
-War ein Gott im Feuer oder ein Dämon? fragte Jason, und ich schrie:
-Beides!
-
-
- Cornelia Ring an Renate
-
- Altenrepen, am 29. August
-
-Liebes Fräulein von Montfort, wie sehr danke ich Ihnen für Ihre lieben
-Zeilen, und denken Sie bitte nicht schlecht von mir, daß ich Sie bis
-heut ohne Antwort ließ! Ich, wissen Sie, habe gar keine
-Widerstandskraft, und wenn mich etwas trifft, so kann ich nur
-stillhalten und mich zerreißen lassen. Es ist nun so weit vorüber, daß
-ich wenigstens der Außenwelt Fassung zeigen kann, aber sehen lassen kann
-ich mich noch nicht, ich bin am ganzen Körper geschwollen. Wenn Sie es
-denn erlauben, komme ich in der nächsten Woche zu Ihnen. Heute will ich
-Ihnen nur schreiben, weil Sie nach Li fragen. Er hat mir erst einen
-guten Schrecken eingejagt, denn nachdem er Ihren Auftrag an mich
-ausgerichtet hatte, ging er hin und wollte sich umbringen. Ja, Sie haben
-sein >Was soll nun aus mir werden!< wohl nicht ganz recht verstanden,
-denn das hieß nicht, daß er nun keinen Herrn mehr hätte, sondern daß mit
-seinem Herrn auch sein Leben zerrissen war; es bestand nur in ihm. Ach
-Gott, es war wohl sehr komisch! Er war hinaus, ich glaubte, ohnmächtig
-zu werden, mein Herz ist nicht gut, ich schrie nach ihm, da kommt er
-wieder hereingelaufen ohne Jacke, um den Hals einen Strick, an dem er
-zerrt, und der nicht los will. Ich habe nun gesucht, ob sich in Josefs
-Papieren irgendwelche Bestimmungen für Li fänden, fand aber nichts. Li
-selber hat sich nun eines Auftrages seines Herrn entsonnen und
-behauptet, seine -- Josefs -- Erinnerungen aufschreiben, das heißt aus
-seinen Tagebüchern wiederherstellen zu müssen und herausgeben. Er,
-Josef, erlebte ja viele und unglaubliche Dinge, es giebt mehrere
-Tagebücher, die meistens von Li geschrieben wurden nach seinem Diktat
-oder auch ganz selbständig. Schon hieraus können Sie sehn, wie sehr der
-Kleine sein Vertrauen hatte. Wenn er lebte, würde er Ihnen Li aufs
-höchste rühmen. Er spricht, glaube ich, alle lebenden Sprachen und
-besitzt tausend Fertigkeiten. Er hat ihn, Josef, auf allen Reisen
-begleitet, und seit ich Josef kenne, war er, Li, immer bei mir, wenn er,
-Josef, in Ihrem Haus wohnte. Er hielt es irgendwie (ich glaube fast,
-seinem Bruder gegenüber) für unpassend, einen Diener für sich allein zu
-haben. Ich habe ihm nun Ihren Wunsch mitgeteilt und auch, daß er bei mir
-nicht bleiben könne. Er hat sich Bedenkzeit erbeten, obgleich es ihm
-gewiß lieb sein wird, in Josefs Haus zu kommen. Bitte, wenn Sie oder
-vielleicht Herr Montfort etwas aus Josefs Leben wissen möchten: Li weiß
-alles, und es sind ja auch die Tagebücher da. Heute erklärte er mir,
-wenn er schon bei mir nicht bleiben könnte, so gefalle es ihm, daß seine
-neue Herrin nicht sehen könne, denn da es die alten Augen seines wahren
-Herrn nicht sein könnten, wären gar keine schon das beste. Das klingt
-ein wenig lieblos, aber Sie sehen, wie er es meint, und das ist auch
-ganz so, wie ich Josef einmal sagen hörte: Wenn ein Mensch ein Unglück
-hat und gar nicht weiß, wie er damit fertig werden kann, so macht er
-einen Haken und hängts am Unglück von einem Andern auf. Und ein andermal
-sagte er: Unglück kommt selten allein; das ist wahr, denn immer hat es
-irgendein Glück zur Folge für jemand anders, und aus der Birne, die ich
-für faul halte, klaubt mein Bruder die Kerne und pflanzt sich eine
-Allee.
-
-Ich schicke Ihnen also Li mit diesem Brief. Entschuldigen Sie bitte
-meinen Freimut, aber wenn er nicht ginge, so würde ich mich am liebsten
-selbst anbieten. Einem Blinden zum Führer dient wohl der am besten, der
-selber kaum noch aus den Augen sieht, und mir fällt wieder ein Wort
-Josefs ein: Schlage mich auf den Leib, so trägt er ein blaues Auge
-davon; wo es aber die Seele traf, was für ein Auge wird sie da
-aufschlagen? -- Herr Bogner wird mich ja kaum mehr brauchen; da Frau
-Tregiornis Mann tot ist, nehme ich jedenfalls an, daß sie zusammen
-bleiben.
-
-Und nun gottbefohlen! Herzlich grüßend Ihre
-
- Cornelia Ring
-
-
- Zweites Kapitel: September
-
-
- Georg an seinen Vater
-
-
- I
-
-Jason sagte (und nämlich im Auftrage der Andern, denn sie hielten ihn
-für den Geeigneten, und er wars auch!), Jason also sagte mir, daß Du
-gestorben seist. Aber das ist auch wieder so ein Ausdruck! (Übrigens,
-ich erinnere mich, es war ein so besondrer Augenblick, wie ich ihn noch
-nicht erlebt zu haben glaube, auch kaum mehr vorstellbar, doch war es
-so, daß Jason ganz weiß von oben bis unten in einer pechschwarzen Wolke
-saß, in der es donnerte. Dann liefen sie haufenweise zusammen, und
-diese, ich muß gestehen, ziemlich unglaubliche Erscheinung verschwand.)
-
-Aber wie gesagt: das ist auch wieder so ein Ausdruck. Dir ist bekannt,
-denn wir sprachen mehr als einmal darüber, daß wir im Zeitalter des
-Ausdrückens leben, auch Expressionismus genannt. Dichter und Maler: was
-das Wesen ihres Wirkens in Wahrheit ist, nämlich: die Form, das weiß
-ihrer keiner mehr (ausgenommen wie immer George), und eines jeden ganzer
-Stolz ist es, wenn er für irgendeine Nervensache einen Ausdruck gefunden
-hat. So auch die übrigen Menschen, und so auch in diesem Fall und so
-weiter.
-
-Nämlich, ich will sagen: die Umstände reden ja gewissermaßen zugunsten
-der Andern. Mordanschlag eines Irren ... ich beklage Sigurd nicht
-weiter, als ich ihn eben verstehe, das heißt, ich habe alles, was
-Vernunft und Sinnenordnung heißt unter den Menschen, so oft
-hirnverbrannt finden müssen, an Andern und an mir, daß ich durchaus
-nicht weiß, ob wir nicht in die wahren Ordnungen gerade dann eintreten,
-wenn die uns bekannten gesprengt scheinen, und übrigens, wer sagt denn:
-gesprengt? Ebensogut können sie ja nur erweitert sein. Attentate auf
-Fürsten sind auch von sogenannt vernünftigen Leuten nicht selten verübt
-worden, und so ließe sich in Sigurds Falle besonders gut annehmen, daß
-es für ihn, um zu dieser Tat zu gelangen, eben jener Erweiterung
-bedurfte, die uns unter dem Ausdruck Irrsinn bekannt ist. Auch wieder so
-ein Ausdruck!
-
-Ferner Trauer im Lande, an den Kleidern, betrübte Mienen und so weiter,
-vor allem unbedingt Deine sonst ganz unverständliche Abwesenheit, -- wie
-gesagt, all das spricht für Totsein, aber, wie ich auch schon sagte: das
-ist eben der gängige Ausdruck. Und eine Nervensache ist es ebenfalls,
-denn wie? Wenn ich wirklich glaubte, Du seist tot, in dem üblichen Sinn
-des nicht mehr Vorhanden-, des Abgeschiedenseins: müßten nicht meine
-Nerven reißen im Augenblick? Mit einem Wort: ich stürbe vor Angst?
-
-Nein, mein Glaube bleibt die Form. (Übrigens ist es, wie mir einfällt,
-gerade Sigurd, dem ich die frühste Belehrung hierüber verdanke.) In der
-Form offenbart sich die Seele; Deine Seele aber, wie könnte sie
-gestorben sein? Ich habe es nicht gesehn. Ihre stoffliche
-Erscheinungsart, ja, die hat sie allerdings in außerordentlicher und
-besondrer Weise gewechselt, so wie die Vernunft es eben tut, indem sie
-rasend wird. Einzig wunderbar aber bleibt, daß die Form, in der Du nach
-wie vor Wesen hast und lebst, daß sie ganz und gar zusammenfällt mit der
-Form, in der ich Dich empfinde. Und ist nicht dieser Gedanke fast
-göttlich: Du, gemacht aus väterlichem Stoff, eingesetzt in die Form des
-Vaters für unsre Lebenszeit, nicht leiblich mein Vater, aber ganz und
-ewig im Geist? Nein, besondrer konnte es unmöglich erdacht werden. Mir
-verbleibt.
-
-Sieh, da war er wieder eingeschlafen! Er schläft immer ein, dieser Knabe
-Georg! Ich dachte erst, das Schreiben würde ihn munter erhalten, aber es
-scheint mir doch nun wieder eine besondre Nervensache. Mein Geist, das
-merkst Du wohl, ist schon wieder scharf wie ein Eisbrecher (übrigens, in
-Chöttingen sagt man Cheist, -- ich weiß nicht, es reizt mich so
-besonders, wenn ich nicht alles aufgeschrieben habe, was mir eben
-einfällt. Nicht wahr, es könnte ja grade das von ausschlaggebender, mit
-einem Wort von besondrer Wichtigkeit sein!), also wie ein Eisbrecher,
-wie gesagt, aber du lieber Gott, meine Hand ist so schlaff wie meine
-Beine und so weiter.
-
-Nämlich --
-
-Oder vielmehr --
-
-Nein, es tut mir besonders leid, aber ich kann nun das Ende des Satzes
-oben nicht mehr finden. Nun, Geduld, Geduld, wenns Herz auch bricht, Mit
-Gott im Himmel hadre nicht und so weiter, wie der Doktor Bürger so schön
-singt, aber -- das ist auch nicht so einfach!
-
-
- II
-
-Denn (um an meinen ersten Brief anzuknüpfen): warum bist Du fort und ich
-hier allein? Ist das nicht zum Hadern? Du bist freilich nun der große
-Strahlende geworden, ja der so blendend Strahlende, daß ich gar nicht
-die Augen zu Dir aufheben darf, und schon deshalb ist das Schreiben sehr
-dienlich, -- ich aber blieb hier in der kranken Dämmerung, und wenn ich
-nicht die Hoffnung hätte wie einen Felsen, wie einen _rocher de bronce_,
-in nicht gar zu langer Frist dorthin zu gelangen, wo Du bist -- wie wäre
-dies Dasein sonst zu ertragen? Lieber Papa, verzeih schon, ich weiß, daß
-die Äußerung von Gefühlen früher nicht üblich war zwischen uns, aber
-damals ging es uns Beiden ja verhältnismäßig wohl. Nun verstehst Du
-wohl: meine Einsamkeit macht mich mitunter recht weich.
-
-
- III
-
-Standhaftigkeit sagst Du. O gewiß, natürlich! Ich weiß ja auch: es lebt
-niemand in der Dämmerung, der nicht _recte_ hineingehört, und schon daß
-ich darin bin, wäre mir ein Beweis. Und nun der lange schwere Weg, den
-ich vor mir habe, dieser furchtbare und erhabene Weg zu Dir, der mich
-besonders entmutigen würde, wenn ich es wagte, ihn ganz ins Auge zu
-fassen: ich muß schon sagen, ich bin mitunter recht verzagt. Du würdest
-mir ja gern helfen, ich weiß, aber da es verboten ist, so sehe ich es ja
-vollkommen ein. In Deine Klarheit, in Deine Hoheit, wie fang ichs an? Wo
-ich doch ganz unten erst auf dem Punkte stehe, wo man tausend Fehle um
-sich her sieht wie ein grausames Dickicht, und ganz fern -- o
-himmlisches Grün hinter Bäumen! -- dämmert die heilige Wahrheit ...
-
-
- IV
-
-Ich weiß nicht, als ich neulich meinen ersten Brief an Dich begann, war
-ich so besonders glücklich und munter, aber bei mir hält auch rein gar
-nichts vor. (So war es immer in meinem Leben. Zum Beispiel Cordelia.
-Kaum war sie da, war sie auch wieder fort.) Dann ist auch diese elende,
-besondre Müdigkeit ... Ich glaube, ich fahre bald nach Helenenruh. Da Du
-in Trassenberg bist, darf ich ja leider nicht dorthin, und Helenenruh --
-ja, Helenenruh, das steht immer vor einem wie eine Fontäne! Helenenruh
-war immer Sommer. Und die Kindheit, was ist die? Ein einziger Sommer.
-Folglich ist Helenenruh eine einzige besondre Kindheit, und daraus
-wieder die einfache Folge ist, daß ich nach Helenenruh fahren muß, um --
-wenn ich schon in die Väterlichkeit nicht gelangen kann -- wenigstens in
-die Kindheit zu gelangen. Und führt wirklich ein Weg zu Dir hinauf: nur
-dort kann er beginnen.
-
-
- V
-
-Da hier nun Geist zu Geist redet, mein lieber Papa, so unterließ ich
-bisher eine meinen Körper betreffende Mitteilung von nicht besonderer
-Wichtigkeit. (Immerhin giebt es auch an ihr etwas Bedeutsames.) Ich bin
-nämlich krank gewesen, ja, und denke Dir, es war aufs Haar genau
-dieselbe Krankheit, an der Sigune starb! Ist das nicht besonders
-merkwürdig? Genau die selbe! Und sie starb daran, und ich lebe. Welch
-ein unmenschliches Glück, nicht wahr, für diesen Knaben Georg? Denn
-wohin wäre er gelangt, wenn er jetzt schon gestorben wäre? O die Tiefe
-ist ja nicht auszudenken! Nun blieb ich am Leben und bin Dir um so viel
-näher immerhin, das heißt: Du mußt verzeihn, wenn meine Berechnungen
-vielleicht ganz unsinnig sind, denn was sind Entfernungen in unserm
-Land? Dein letzter äußerster Strahl gelangt bis zu mir mit solcher Kraft
-noch, daß er mich zu blenden vermag, und das ist alles, was ich weiß.
-
-Darüber müssen wir noch viel reden zusammen. Denn ich weiß nicht: mir
-wird eigentlich tagtäglich schwerer und unseliger zumut. Du bist so
-schwer zu fassen! Früher, ach weißt Du noch? >Wie wir einst in
-grenzenlosem Lieben -- Späße der Unendlichkeit getrieben ...< Ja, damals
-war alles leicht.
-
-Und wenn schon die gewöhnlichen Menschen sagen, der Tod trennt, und es
-manchmal kaum zu ertragen wissen, was soll da erst ich sagen? Sie haben
-es doch leicht. Um die Trennung des Todes aufzuheben, was brauchen sie
-nur zu tun? Sie legen sich hin und sterben gleichfalls. Haha, es ist
-fabelhaft! Legen sich hin und sterben. Ich aber, ich? ich muß noch
-lange, lange leben, muß schaffen und streben und mein goldenes Kleid aus
-lauter verknöselten Fäden weben.
-
-Ach, und es geht mir so schauderbar viel durch den Kopf, was ich nie im
-Leben zu Papier bringen werde. Ich glaube übrigens, es wird besser mit
-mir werden, wenn ich erst wieder gehen kann. Dann läuft sich vieles so
-an den Sohlen ab. Aber die Beine, o je! Ja, das kommt von der Krankheit.
-Glaube mir, Papa, es war die reine Hölle! Ich will mal sehn, ob ich es
-Dir beschreiben kann.
-
-Das Schlimmste war -- abgesehen von dem ganz, dem besonders Schlimmen --
-das lange Fahren. Immer dieser merkwürdige Wagen ohne Pferde, in dem ich
-vorne so angeschmiedet saß, als wäre ich ein Stück mit ihm, und neben
-mir auf dem Bock -- meist war es wohl Helene, die fuhr, aber auch Andre
-müssens gewesen sein, die allesamt, wenn ich mich recht erinnere, munter
-und gesprächig waren -- untereinander --, während ich selber keinen Laut
-äußern konnte und nichts begriff und nichts fühlte als den entsetzlichen
-Druck, in den mein ganzes Sein eingepreßt war. Und dann die schaurige
-Langsamkeit! (Seltsam, wenn wir uns sagen, daß es in Wirklichkeit doch
-kaum Minuten waren, während ich umgebettet wurde, und doch diese
-Unendlichkeit, zu der das Delirium die Minuten dehnte! Es ist also
-gewiß, daß es nur außerhalb unsrer, und für uns nur insofern wir mit dem
-Äußern in bewußter und vernünftiger Beziehung stehn, Zeit giebt, nicht
-aber in uns selbst.) Fahren, fahren und nicht vorwärts kommen, manchmal
-zwischen den unsäglich grauen Feldern, ohne Himmel, jedoch immer
-bedrückt von der schweren Niedrigkeit, unter der sich alles bewegte,
-dann wieder die endlose Mauer entlang, endlich durch die Höfe, die
-zahllosen Höfe, dann die Räume dieses öden Hauses, das nichts hatte als
-seine Wände, langsam, grauenvoll langsam, immer wieder Stillstand, bis
-ich endlich lag, angeschmiedet wieder ins Liegen wie zuvor in den Sitz
-(und es kam wohl, weil sie mich unter den Armen und Knieen faßten beim
-Umbetten, daß ich mich so in halb sitzender Stellung befand -- das
-Fahren! -- jedoch schwer hing und nicht saß), bis ich dann merkte, daß
-sie mich ja wieder aufgehängt hatten, an den Füßen aufgehängt an der
-Wand, ohne daß ich mich bewegen konnte, wobei ich doch nicht eigentlich
-hing, sondern lag -- ein im Wachen nicht vorstellbarer Zustand, das
-heißt ich hing, aber um mich herum war alles, wie wenn ich wagerecht
-läge. Und daß dies immer wieder kam! Und immer waren sie Alle herum,
-Onkel Salomon, Magda, Renate, Du Papa, Virgo, Schley, Klemens, sprachen
-miteinander, nichts war für mich zu verstehn, ich flehte, ich war für
-sie gar nicht vorhanden. Es war die Hölle! Ich glühte festgegossen,
-hing, -- ach, Sigune, hast du nicht auch so gelegen, den Kopf
-hintenüber, das Genick schon versteift? Hast du nicht ganz das selbe
-ertragen? Sieh, so habe ich es dir nachgelitten!
-
-Doch war dies alles ja nichts gegen -- das Große.
-
-Mich friert, wenn ich nur das Wort denke. Beschreiben kann ichs Dir
-nicht mehr, es läßt sich ja nur träumen. Es war nur Empfindung. Es war
-Nacht, -- und ich war selber die Finsternis. Ich war ausgedehnt und
-überall. Es war das Große, das ungeheure schwarze Wälzen vor mir, über
-mir --, und ich selber war das Wälzen. Ich war zum Giganten geschwollen
-und hatte eine entsetzliche Angst, nicht wieder klein sein zu können.
-Ich sollte das Große umwälzen, es war ein grauenvoller Drang,
-umzuwälzen, und es wälzte mich um. Es war eine so wahnsinnige Angst ...
-Nein, kein Großes, kein Wälzen, kein Ich. Nur Angst. Es war das Sterben.
-
-Und doch -- ich erinnere mich -- es war schon einmal da, das Große. Wie
-ich die Masern hatte als Junge, war es da, und als ich, ganz klein,
-Lungenentzündung hatte, muß es dagewesen sein. Ja, und damals selbst
-kann ich es nicht zum ersten Mal erlebt haben; damals schon -- ich
-erinnere mich -- muß ich mich erinnert haben, wie ich mich heute
-erinnere. Und ja -- mein Gott! ich glaube, das Fürchterlichste war die
-Erinnerung, daß es schon einmal da und damals schon nicht zum Ertragen
-gewesen war. Und Erinnerung eigentlich war die ganze Angst, -- aber
-wann? wann?
-
-
- VI
-
-Dieser besonders gute Jason war eben da und erzählte mir etwas
-Niedliches, das ich meinem lieben Papa nicht vorenthalten will, doch muß
-ich einige Erklärungen vorausschicken.
-
-An jenem 31. Juli nämlich, der uns am Abend die Trennung brachte, wo der
-große Mummenschanz war, mit einem Wort: an jenem besondern Tag, das
-heißt während seiner ganzen ersten Hälfte war ich -- kurz und gut:
-gewissermaßen berauscht. Damals wußte ich es natürlich nicht, das heißt
-als ich es nicht mehr war, da fiel es mir auf. Es war jedoch ein
-besondrer Rausch, nämlich nicht im Kopf allein, sondern in allen
-Gliedern, es war ein ganz rasendes Behagen, es war _quasi_ nichts als
-ein ganz gewaltiges, besondres Strotzen von Lebenskraft.
-
-Ja, und noch etwas! In der Nacht vorher hatte ich -- sagen wir:
-Erscheinungen. Nun, wo Jason mir alles erklärt hat, erinnere ich mich
-erst deutlich wieder. Ich saß nämlich um die besondre Mitternachtstunde
-oben auf der Sternwarte, weintrinkenderweise, eine etwas romantische
-Idee, obwohl ich im allgemeinen kein Romantiker bin. Dann erschien auf
-einmal jener Montfort bei mir, Josef, dann kamen diese optischen
-Erscheinungen, Kugeln aus Feuer und so weiter, auch so besondre Ausfälle
-im Gesichtsfeld, wie man das nennt, und schließlich stellten sich drei
-Gugelmänner vor, so besondre Femrichter, die allerlei unvergeßliche
-Dinge sagten, das heißt -- nun habe ich sie ja doch vergessen. Bis auf
-eins: den Vornamen meiner richtigen Mutter, nämlich Kaja.
-
-Und nun höre diese entzückenden Zusammenhänge! Ja, also am 31.
-nachmittags kam doch jener Klemens mit einem in russischer Sprache
-abgefaßten Brief meiner Mutter, den Virgo ein paar Tage vorher irgendwo
-gefunden hatte, und in eben dem drin stehen sollte, daß die Schreiberin
-meine Mutter sei, ich hielts nicht für wichtig, ihn zu lesen. Mit diesem
-Brief in der Hand war besagter Klemens nun die Tage vorher umhergelaufen
-(entschuldige gütigst: vorher umher klingt abscheulich, aber es
-langweilt mich nun schon ein wenig!) auf der Suche nämlich nach einem
-besondern Russen, der ihn übersetzen könnte. Wen findet er am Ende?
-Natürlich jenen Jason, der bekanntlich alle Sprachen spricht, aber siehe
-da: dor hatt en Uhl seten, und er konnte wohl und konnte auch nicht, das
-heißt, der Brief war so unleserlich, Jason fehlten ein paar besondre
-Worte, und kurz und gut, ihm fällt ein, daß ja dieser Josef Montfort
-vorhanden ist und grade aus Rußland gekommen, und nun wandern sie
-selbander zu ihm, das heißt in das Haus von Maler Bogner, wo Montfort
-wohnt.
-
-Und wie sie dahin kommen, was herrscht daselbst? Allgemeine Heiterkeit!
-Es hatte nämlich besagter Montfort aus Südamerika, wo er auch gewesen
-ist (in dem Lande der Chinesien bin ich auch einmal gewesien!) ein
-besondres Gift mitgebracht namens Macu, das daselbst von den Indianern
-zu Kultzwecken gebraucht wird, und dessen besondre Wirkung eben darin
-besteht, wunderbare optische Erscheinungen hervorzurufen. »Und da,« sagt
-Jason, »da sitzen sie nun auf einem Berge, diese guten Indianer, und
-machen sich gegenseitig ihren schönen blauen Dunst vor.« Das selbe nun
-taten allda jener Maler, Montfort benebst seinem Chinesen -- er hat
-einen Chinesen! --, seine Freundin Cornelia und sein Freund
-Saint-Georges, der zu diesem Zwecke geladen war. Auch Jason sagte
-natürlich: gieb mir die rote Speise, -- und so war es eben. Wie nun aber
-Jason, oder vielmehr Klemens seinen Brief herauszieht, was kommt zutage?
-Josefs Kenntnisse in Russisch sind überaus mangelhaft, aber sein
-Chinese, der kann es glänzend, bloß -- er kann nun wieder keine
-russischen Buchstaben lesen, und kurz und gut: da sitzen sie schließlich
-allesamt und raten auf den Brief und bekommen ihn auch schließlich
-heraus.
-
-Siehe, da sagte jener Montfort: bedeutsame Vorfälle und so weiter, mit
-einem Wort: ob ich nun schon wisse, was in dem Brief geoffenbart wurde,
-oder nicht, und ob Klemens es mir sagen würde oder nicht (derselbe
-nämlich ging wieder fort und sagte, er wollte es sich überlegen, und das
-tat er auch den ganzen folgenden Tag lang), ihre Pflicht sei, mir eine
-besondre geheimnisvolle Warnung zukommen zu lassen; ein schöner Gedanke,
-nämlich in Hinsicht auf die königliche Würde, die ich in jenen Tagen auf
-mich zu nehmen gedachte, und Montfort in seiner ungeheuren Beredsamkeit
-dringt so lange auf die Andern ein und entwirft so köstliche Bilder und
-so weiter, daß sie allesamt einsehn: es ist notwendig, es muß geschehn.
-So kauften sie denn am folgenden Tage -- nämlich das heißt: Montfort und
-Saint-Georges, und Jason sollte dabei sein, weil er eine so musikalische
-Stimme hat und am besten Verse aus dem Stegreif aufsagen kann -- kauften
-sie diese besondren Femrichtertrachten, und das Gift nahmen sie auch
-mit, um es mir zu verabreichen, dieweil, wenn ich schon vorher
-Erscheinungen hätte, ich auch die Gugelmänner für ebensolche halten
-würde. Jason, das muß ich noch sagen, war eigentlich abgeneigt, allein
-was geschieht? Zu ihm kommt jener Sigurd, und wie Jason das einmal an
-sich hat: Sigurd beichtet ihm alle Tyrannendolche, die er in seinem
-Gewande trägt, und Jason? Ja, da meinst Du nun wohl, er habe die
-Obligation gehabt, zum Kadi zu rennen, allein da kennst Du den Jason zu
-schlecht. Der weiß nämlich haargenau, daß er an etwas, das geschehen
-soll, nicht das geringste ändern kann. Er kann nicht eingreifen, er ist
-gleichsam handlos oder bloß Kopf, oder wie er es ausdrückt: er wäre nur
-eine Begleiterscheinung. -- Immerhin findet er sich bewegt, Kopf zu sein
-und ergo mit Femrichter zu spielen, -- bin ich klar?
-
-Und siehe da, wie sie um Mitternacht zum Schlosse wandeln, was
-geschieht? Sie sehen meinen Schatten oben auf der Sternwarte. Nun kommt
-Montfort herauf, um Hausgelegenheit auszubaldowern, wie die Gauner
-sagen, »und da saßen Sie ja«, sagt Jason, »und tranken Ihren herrlichen
-Christitränenwein, oder wie solche besondren Weine heißen«. Nun, und
-kurz und gut, das Gift ist im Wein, ich trinke, Montfort schwand >und
-Goethe schwindet, und wer unbelohnt gelitten, strahlt in neuer
-Herrlichkeit< und so weiter. Und dann kamen sie, und es war alles
-schauerlich und sehr schön, bloß ich natürlich, ich schlug alles in den
-Wind, naturgemäß -- meiner Natur gemäß --, das heißt: in diesem Fall war
-ich gewissermaßen unschuldig, denn eben jenes besagte Macugift hatte
-neben jener optischen auch die Wirkung, während der optischen äußerst
-schlaff und elend zu machen, hinterher jedoch eben jenes Strotzen von
-besondrer Lebenskraft hervorzurufen, das mich am folgenden Morgen prompt
-überfiel. Aber es war doch sehr schön, und ich bilde mir schon was
-darauf ein, so besondre Heroen wie diesen Josef und gar Jason zu meinem
-Seelenheil in Bewegung gesetzt zu haben, und dieser Josef hatte ja auch
-noch eine sehr feine Idee, nämlich einen Schmetterling, auch aus
-Südamerika. Er war so groß wie meine Hand, ganz blau wie lauter Türkise,
-und dran hing eine seidene Schleife, auf deren Bänder die Drei ihre
-erlauchten Namen eingetragen hatten, worauf sie das Ganze irgendwo in
-meinem Palast anbrachten, damit ich am andern Tage wenigstens wüßte,
-wers gewesen war, aber siehe da, was geschieht? Ich wußte es ganz und
-gar nicht.
-
-So geht es, Papa, so geht es! Aber nun muß ich leider aufhören, ich
-hätte allerdings noch viel zu sagen, aber Du mußt verzeihen, ich bin so
-fürchterlich müde!
-
-
- VII
-
-Ach Gott, nein, sind die Menschen dumm! das ist ja nicht auszuhalten! Im
-allgemeinen weiß mans ja, aber diejenigen, die einem besonders
-nahestehen, die hält man doch gemeinhin für Ausnahmen.
-
-Heute war mein Freund Benno da, zusammen mit der kleinen Virgo Schley.
-(Da ich mir bisher alle Besuche verbeten hatte, meinten sie wohl, es
-wäre ein Aufwaschen.) Virgo -- ich irre mich doch nicht, daß Du sie
-einmal bei mir kennen gelernt hast? -- brachte inzwischen Zwillinge zur
-Welt, was merkwürdigerweise auf ihr Äußeres nicht den geringsten
-Eindruck gemacht zu haben scheint, und sie sieht nach wie vor süß und
-wie ein halber Knabe aus. Nur weniger unschuldig; den besondren Ausdruck
-aller jungen Frauen von Wissen ohne rechtes Begreifen, weich und ein
-bißchen erstaunt, den hat sie schon. Von ihren Kindern erzählte sie
-naturgemäß tausend Geschichten. Benno schwieg sich aus in Kindheit,
-Rührung und vermischten Gedichten. Von Dir schwiegen sie natürlich, die
-überaus Zarten. Als sie im Begriff zu gehen sind, frage ich, ob ich
-vielleicht Grüße an Dich ausrichten soll. Was ereignet sich? Allgemeines
-Staunen. Nun und so weiter, ich habe keine Lust, ihre Dummheiten
-obendrein zu Papier zu bringen. Dennoch, dieser Mensch! Da waren wir nun
-so und so viel Jahre lang ein Herz und eine Seele, und nun stellt sich
-heraus: alldas war bloß Oberfläche. Er ist so flach wie eine Furt für
-Kühe. Nun, er heiratet ja demnächst auch diese japanische Ente, die er
-sich da angebändelt hat. Obendrein rückt er mit der Absicht heraus,
-durch meine Vermittlung eine demnächst freiwerdende Korrepetitorstelle
-am Hoftheater zu erhalten. Wer dahintersteckt, war zu erraten: die dicke
-Person von Schwiegermutter, der die Unterstützung eines ums Haar zu den
-Toten versammelt gewesenen gekrönten Freundes nicht geheuer scheint. Mag
-er denn hingehn zum Theater und sich die Seele vollends verschandeln
-lassen. Die nächste Forderung der Dicken wird wohl sein, daß er eine
-Operette komponiert von wegen der Tantièmen und so weiter.
-
-Gute Nacht, Papa, ich bin heute zu abgespannt zum Schreiben. Dies mit
-Benno hat mich auch wieder recht aufgeregt. Armer Benno! Da hängt er nun
-wie der selige Absalon mit seinem langen Haar an den Ästen meines
-Nervenbaums, und noch habe ich die Kraft nicht, ihm den Gnadenstoß zu
-versetzen. Ach, könnte ich nur gleich den ganzen Baum bei den Wurzeln
-abhacken und ins Feuer werfen! Etwas derart muß ja geschehn, ich weiß,
-damit die Seele ganz frei und rein werde -- für Dich! Du willst keine
-Götter neben Dir haben -- o nimm doch nur, nimm alles, was Du willst,
-wäre es nur mehr, was ich geben könnte, jeden Freund, jede Geliebte,
-alles, alles will ich Dir ja zum Opfer bringen, leichter zu werden,
-eisiger, ruhiger im Beschreiten des Weges zu Dir!
-
-
- VIII
-
-So nüchtern und kalt und altersschwach wie jeder bisher sah mich heute
-der Morgen an, der mich aus einem Traum von Dir weckte. Ich hatte schon
-alles zur Abreise nach Helenenruh vorbereiten lassen -- Doktor Birnbaum
-übersiedelt mit mir, um die Verbindung zwischen mir und den
-Regierungspersonen aufrechtzuhalten, obschon ich gestehen muß, daß ich
-noch nicht mehr tun kann als unterzeichnen, was er mir vorlegt --, und
-nun zögere ich wieder.
-
-Mir träumte, daß ich in Trassenberg ankam und in die Gruft
-hinunterstieg, zu der aber die Treppe in den Grabenrest am alten Pallas
-hinabführte. Das Gewölbe unten, in das ich gelangte, war aber leer,
-zuerst. Dann erkannte ich ganz in der Ferne vor einem bunten Fenster
-Birnbaum, der an einem Tisch saß und in einen sonderbaren Trichter
-hineinsprach. Es war sehr still, mir war ängstlich, weil Du nicht da
-warst, dann bemerkte ich eine Tür, und wie ich behutsam näher trat, sah
-ich Dich in einem kleinen, ganz kahlen und niedrigen Raum sitzen auf
-einem Stuhl. Du hattest Dein gewöhnliches Aussehn, saßest ganz still da,
-die Hände geschlossen auf den Knien, und sahst nach dem Fenster hin.
-Meiner hattest Du nicht acht, und wie ich dann näher zusah, waren auch
-Deine Augen geschlossen, und Dein Gesicht war ganz gelb. Plötzlich
-wendetest Du Dich, öffnetest schwer die Augen und sahst mich fremd an
-...
-
-Früher einmal gab mir Josef einige Anweisungen zur Traumdeutung, aber
-hier versagen sie mir ganz, und es scheint mir auch verboten.
-
-Aber es soll wohl so sein, daß es täglich schwerer wird. Helenenruh wäre
-ja eine Erleichterung.
-
-Wieder eingeschlafen über dem letzten Satz. Mich friert immer noch so
-trotz hundert Decken, ich sitze vor der Gartentür -- das heißt also: im
-Zimmer -- und versuche an den nassen Blättern der Büsche zu erraten, ob
-es regnet oder nicht. In Helenenruh, denk ich mir, scheint die
-Nachmittagssonne auf die Dächer, die Schwalben kreisen um die Türme, ich
-sehe sie, wie ich sie immer sah: die Luft über dem Schloß ist wie ein
-riesiger Trichter, gefüllt mit dem Durcheinanderjagen der hundert
-schwarzen Flügelleiber; manchmal, wenn eine sich herumwirft, sehe ich
-die weiße Brust; sie kreuzen sich wie lange gebogene Klingen, und außen
-um den fernsten Rand des Trichters streichen ein paar ganz eilige in
-großer, sausender Fahrt. Mariä Geburt -- Ziehen die Schwalben furt. --
-Ich habe so eine Ahnung, als ob Mariä Geburt um diese Zeit sein müßte.
-
-
- IX
-
-So schreibe ich Dir denn doch heute aus Helenenruh, aber wenn ich
-zuletzt etwas von Erleichterung sagte, so muß ich das zurücknehmen. Eher
-dürfte es schwerer geworden sein. Ich möchte nur wissen, was es
-eigentlich ist! Aber es läßt sich nicht feststellen. Ich bin einfach
-ganz schwer geworden. Von Sonne keine Spur. Wind und Strichregen, dazu
-viel welkes Laub. Rosen blühn noch unter der Terrasse. Ich versuchte es
-mit dem Gehn, hielt auch schon eine kleine Viertelstunde aus, aber dann
-dachte ich, daß Du es ja auch nicht bis zum richtigen Gehen gebracht
-hast, solange Du hier warst, und nun sitze ich wieder unter meiner
-Decke, immerhin im Freien.
-
-Es ist ja auch alles leer hier. Von uns Allen blieb nur Birnbaum mit
-seiner Arbeit. Übrigens bin ich mit Deiner gütigen Erlaubnis in Dein
-Schlafzimmer eingezogen und in das große Bett mit den geschnitzten
-Evangelistentieren auf den vier Pfosten -- Bewunderung und Ehrfurcht der
-Kindheit!
-
-Aber sage mir, warum nur dies mich so besonders erschreckte? Bei meinem
-heutigen Gehversuch gelangte ich bis zu Helenes Grab und betrat, um mich
-etwas auszuruhn, den Pavillon, in dem noch der Sessel von Dir stand. Auf
-einmal, wie ich da saß, entdeckte ich auf dem Bretterboden das
-zertretene Ende einer Zigarre von Dir. Oh Gott, ich kann nicht sagen,
-wie das mich entsetzte! Es war ein so leibhaft lebendiges Stück von Dir,
-und nun ist mir, als hättest Du mich drohend angesehn aus dem Fußboden.
-Die Rechenschaft, ja, ich weiß, ich weiß ja, ich schob sie immer noch
-hinaus, es ist die alte Schwäche, allein -- gedulde Dich nur noch zwei
-Tage, nur noch einen! Es ist so schwer, ich habe noch immer nicht alles
-beisammen, es sind immer noch ein paar Lücken da, aber wer kann denn
-inständiger als ich hoffen, zum Ende zu kommen! Morgen ganz bestimmt,
-oder wenn nicht dann, übermorgen sollst Du mich bereitfinden! Rechne
-darauf! Ganz bestimmt!
-
-
- X
-
-Es dröhnt die riesige Posaune des Letzten Tags; an Felsen, an Grüfte, an
-Totes schlägt das Engelswort: Auf! und da kommen sie hervor, staunend,
-schwankend, erlöst, aber siehe da -- welche Verwandlung ging mit uns vor
-nach diesem Tod? Keine, keine, denn wehe uns, wir haben nichts
-vergessen, es ist alles da, was wir verließen, in unsrer Erinnerung
-grauenvoll da, jedes Jahr, jede Stunde und Minute, jedes Wort, jeder
-Blick, jeder Schritt und Gedanke ist mit uns lebendig geworden, warum?
-Rechenschaft abzulegen darüber.
-
- O Gabe des Vergessens, die allein
- Uns möglich macht das ungeheure Leben!
- Du wundervoller Allernächtewein,
- Von dem wir trunken über Schlünden schweben!
- Der gute Heiland wußte, was er tat,
- O Lazarus, als du im Tod erschlafft;
- Er kannte wohl die nicht geheime Kraft,
- Er sah die süße Schwester, die ihn bat,
- Und lächelte dich los aus deiner Haft.
- Der Honig von der Götterlippe schmolz
- Und tropfte Süße in dein krankes Herz,
- Und Grünes sproß aus dem verdorrten Holz,
- Da sahst du auf, und dieser Blick war Schmerz.
- Der erste wars, an dem Erinnerung
- Von innen saugte in die Nacht zurück.
- Der zweite Kosten schon, der dritte Trunk,
- Und alle andern waren wieder Glück ...
-
-
- XI
-
-Nun sieht auf einmal der Himmel mich an. Es ist Abend. Hinter dem
-Eichendickicht im Westen lodert ein scharfes Gold. Der südliche Himmel
-von graublauen zarten Zügen, leise vergoldeten, wölbt seine reine
-Muschel über mir. Selige Schale! Geliebtes Gold, o geliebter Hauch,
-geliebte Bläue, dein Anblick ist schmerzlich, wie er es dem Verbannten
-sein muß, der das goldene Abendwunder der Heimat sich über fremdem Ufer
-entfalten sieht, -- erinnernd an alles, was einmal war.
-
-Übrigens bemerke ich, daß ich nichts datiert habe in diesen Briefen. Da
-es mich auch nichts angeht, ob es Stunden sind, Tage oder vielleicht
-schon Wochen, die vergingen, während ich schrieb, und sie also einer wie
-der andre das Siegel einer und der selben Stunde an sich tragen, so muß
-es wohl heißen, wie C. F. Meyer an seine Schwester schrieb: >Aus allen
-Augenblicken meines Lebens.<
-
-
- XII
-
-Kennst Du diese Verse von Greiner, Papa?
-
-Und immer fremder sind mir Tag und Räume ...
-
- Was weht um mich? Man sagt: ein Menschenwort.
- Was rauscht um mich? Man sagt: die alten Bäume,
- Die rauschen noch aus deiner Kindheit fort.
- Und Gärten stehn im abendlichen Land,
- Ihr Schatten grüßt mich kühl und altbekannt.
- Ich aber wandre dunkel fort, im Innern
- Ein uralt Schattenbild, das leise weint.
- Die nenn ich Mutter, diesen nenn ich Freund
- Und lächle tief und kann mich nicht erinnern.
-
-Sie passen -- und sie passen auch nicht. Ich kann mich nicht erinnern,
-wie ich einmal als ein Andrer gelebt habe, damals als all dieses um mich
-her war, wie es heute ist, und doch anders, oh so anders! Oder ist dies
-kein Leben mehr? Es wird sich mit der Zeit herausstellen, ob es Leben
-ist, und ob es möglich sein wird, es zu leben oder nicht. Sollte jenes
-der Fall sein, so müßte es mir in der Tat gelungen sein, die ganze
-Oberschicht menschlichen Wesens, die uns gemeinhin bedeckt, abzukratzen
-(_grattez le Russe_!), die ganze moralische Haut sozusagen, jene, in der
-auch das sogenannte Gewissen steckt, das Alltagsgewissen, nach dem man
-so behaglich lebt, dieweil es mit Gründen für alles voll steckt wie ein
-Brombeerbusch im Oktober. Möglich, es ist so. Möglich, das qualvolle
-Unbehagen, das mir das jetzige Leben verursacht, kommt davon, daß ich
-die Haut verlor und nun schauderbar friere in der Nacktheit. Worauf es
-ankäme, wäre dann wohl, nicht, wie ich es unbewußt bereits vorhaben
-werde, eine neue Haut zu bilden -- die nur die alte werden könnte --,
-sondern vielmehr den Zustand der Hautlosigkeit als dauernden zu
-ertragen, mit Frieren aufzuhören, ihn lebensfähig zu machen.
-
-Wie soll mans nennen? Nur -- Mensch zu sein. Alle Strahlen des
-Lebendigseins aufzufangen -- mit keiner spiegelnden Netzhaut, die Bilder
-hervorfluten läßt und verwirrende Gestalten --, sondern sie aufzusaugen
-in den innerst glühenden Kern des Menschseins, wo sich von selber zu
-ätherischer Reine und Klarheit die ewigen Begriffe bilden, die
-zeitlosen, die unwandelbaren Formen, in denen die Gottheit sich
-darstellt.
-
-Aber das sind alles wohl nur so Ausdrücke ...
-
-Fest steht, daß ich bis zum 31. Juli dieses Jahres nichts weiter war als
-ein blasser und nichtemal besondrer Nervenbaum. Nun sehe ich, daß ich in
-den Zweigen oben eine nahezu völlig unbenützte Seele sitzen habe, --
-leider keinen goldenen Fasan, sondern so ein besondres Zwitterding von
-Sperber und Nachtigall. Warum es so stille sitzt, darf uns nicht
-wundern. (Total verlaust!)
-
-
- XIII
- Rechenschaftsablage an meinen Vater
-
-Zuvor habe ich zu gestehen, daß der einzelnen Schuldposten einerseits so
-viel sind, und andererseits in einem so besondren Durcheinander über die
-Blätter des Schuldbuches verstreut, daß ich den Vorschlag eines
-besondren Verfahrens machen möchte, nämlich daß ich die einzelnen
-Hauptposten zusammenstellen darf in der Art jener kindlichen
-Spielzeugkästen, bestehend aus einem Dutzend würfelförmiger Holzklötze,
-als welche zusammen mit jeder ihrer Seiten ein Gemälde herstellen, mit
-dessen Einzelquadraten besagte Seiten beklebt sind, und es bleibt nur
-noch zu erwähnen, daß in meinem Falle jeder Teil jedes vorgestellten
-Bildes so wenig im eigentlichen Sinne als Bruchstück erscheint, als jede
-geistige, sinnliche Vorstellung in ihrer Art immer eine Ganzheit zu
-haben scheint, -- das heißt also gleichfalls die Form eines Bildes.
-
- * * * * *
-
-Ich fange an! Erstes Bild:
-
-Ein Mädchen, das ich vielleicht liebte, hieß Esther. Hier steht sie, in
-der Hand eine sogenannte Gänseblume, an der sie zupft: Liebe ich ihn?
-Liebe ich ihn nicht? Andrerseits sehen wir hier mich selbst, eine
-ähnliche Blume zupfend: Ich liebe sie --, ich liebe sie nicht. --
-Weiter: Eine Abschiedsszene. Sie -- will nach Amerika, um dort
-gewissermaßen zu heiraten. Will -- will auch nicht. Ich -- möchte sie
-wohl halten; will -- will auch nicht. Letztes Stück: Ein
-Schiffsuntergang mit Pauken und Trompeten; sie ertrinkt.
-
-Summa: Ich bin der Schuldige am Untergang dieser hülflosen Seele.
-
- * * * * *
-
-Zweites Bild: In einer Sylvesternacht las mein Vater Briefe einer
-gewissen liebenden Cordelia, genannt die arme Seele. Hier ist sie zu
-sehn, wie sie sich in inbrünstigem Verlangen verzehrt, mir das Geheimnis
-ihres Lebens zu öffnen. Hier zu sehen bin ich, wie ich gepeinigt bin von
-einem ähnlichen Verlangen. Hier zu sehen ist Cordelia: tot.
-
- * * * * *
-
-Summa: Gesetzt, ich hätte die Kraft aufgebracht, zu bekennen: wäre nicht
-die zwingende Folge davon ihre Erleichterung zum eigenen Geständnis
-gewesen? Summa: Ich bin der Schuldige am Tode dieser armen Seele.
-
- * * * * *
-
-Drittes Bild: Hier ist Sigune, eine blasse verwaiste Pflanze. (>Ich
-wünschte, daß vom Fenster sie verschwände!<) Hier der vielerseits
-bekannte Georg, eine Art besondren Wirbelwinds. Hier liegt sie,
-ausgerissen.
-
-Summa, und so weiter.
-
- * * * * *
-
-Viertes Bild: Da wäre noch ein besondres Vorgeständnis zu machen. Ich
-verschwieg, daß unlängst die vielerseits bekannte Magda Chalybäus bei
-mir war, das heißt, ich war eben wieder einmal eingeschlafen, und sie
-saß neben mir wie der beste Engel, als ich erwachte. Obwohl sie mich
-anzusehen schien wie immer, merkte ich wohl, daß etwas keine Richtigkeit
-hatte mit ihrem Blick, und gleich sehe ich folgende Bilder:
-
-Eine Frau, die einmal kürzere Zeit so eine besondre Art Geliebte von
-immer Demselben war. Diese und jene Szene der Eifersucht oder der
-ehrgeizigen Andeutungen. Trennung. Jahrelanges Nichtvorhandensein in der
-Erinnerung Desselben. Nun der wohlbekannte Festabend. Jene Frau, genannt
-Cora, in der Maske einer Eumenide. Scheint Magda wegen ihres von Renate
-geborgten Kleides für dieselbe zu halten. Alberne (?) Drohungen. Später
-Magda mit Demselben im Monopteros. Theatralischer Überfall Coras mit
-einem Dolch. Ich weiß nicht: galt es mir oder galt es ihr? Ehe Derselbe
-dazwischen fährt, sinkt Magda zu Boden.
-
-Nun, meinem Vater ist obgenannte Magda besonders bekannt, und er kann
-sich demgemäß ihre Rede vorstellen auf meine Frage nach ihren Augen. Oh,
-sie könne recht gut sehn! Grade heute zum Beispiel sei es besonders gut,
-sie sehe mich ganz deutlich, sie sei auch zum Beispiel ganz allein zu
-mir durch das Zimmer gekommen, ja, es wäre geradezu schade gewesen, daß
-ich eben schlief -- und so weiter. Mit einem Wort: blind.
-
-(Aber deswegen keine Ergriffenheit! Sondern standfest jetzt, Auge in
-Auge, Zahn um Zahn, -- auch abgesehen von noch weiteren diesbezüglichen
-Ausführungen ihrerseits, nämlich betreff einer gewissen besondren
-Prophezeiung, die endlich in Erfüllung gegangen zu sehn Derselben eine
-besondre, sozusagen seelische Genugtuung bereitete.)
-
-Summa: -- -- erübrigt sich wohl nach Analogie der vorigen.
-
- * * * * *
-
-Ein Würfelklotz verfügt über sechs Seiten. Zwei blieben noch leer. Auf
-eine derselben würde ich ja sehr gerne mich bringen, wie ich am Tode
-Helenes schuldig bin, aber -- ich kanns drehen, wie ich mag: es will mir
-durchaus nicht gelingen. Es scheint kaum erklärlich, aber vorläufig muß
-es dabei bleiben, daß ich tatsächlich am Tode Helenes _nicht schuldig zu
-sein scheine_.
-
- * * * * *
-
-Nun wären freilich die bisher aufgedeckten nur Zusammenhänge äußerer
-Art, und ich käme nunmehr zum Nachweis der besonderen, inneren
-Notwendigkeiten, nämlich folgendermaßen in der Ordnung:
-
-
- _Ad I._
-
-_A._ Allgemein. An dem Tage, wo es sich darum handelte, Esther endgültig
-zu halten, war ich deshalb nicht genügend bei der Sache, weil ich am
-nächsten Morgen auf Mensur zu stehen hatte, einer, wie ich wußte, nicht
-eben leichten Mensur, und so kam es auch. Ferner ist zu sagen, daß ich
-in München bereits nach wenigen Wochen Corpslebens wußte: es war eine --
-nun, seien wir gnädig und sagen ein Irrtum. Gleichwohl wurde ich nicht
-nur in A. wiederum aktiv aus unbesondrer Berauschtheit, sondern beharrte
-auch dabei _wider besseres Wissen_, nämlich aus purer Schwäche, will
-sagen _Unverstand des für mein Leben notwendigen Tuns_.
-
-Gedankenlosigkeit, Schwäche, völlige Unkenntnis des Notwendigen, des
-Einen, bei fortwährendem im Mund- und im Hirne-Führen großartiger Plane,
-Gedanken, Phantasiestücke in Napoleons Manier und so weiter -- das sind
-die Anklagungen.
-
-_B._ Besonders: Obendrein fortwährende Verwirrung. In einem Kaffeehaus
-oder Chantant, einer Bar meinetwegen war ich einmal Augen- und
-Ohrenzeuge eines besondren Gesprächs zwischen den allerseits bekannten
-Josef Montfort und Saint-Georges. Es wurde darin auf das glaubwürdigste
-nachgewiesen, daß die seelische Versetzung eines beliebigen Menschen in
-die Leiblichkeit eines Andern, -- kurz und gut: die Vornahme einer
-_Maske_ unbedingt führen müsse zum Unheil, _wo nicht zum Verbrechen_.
-
-Wer schlug dieses in den Wind seiner Berauschtheit? (Immer Derselbe!)
-Nicht nur seiner Berauschtheit! Denn bei völliger Nüchternheit des
-folgenden Nachmittags, in _einer Stunde höchster Notwendigkeit_ war ihm
-jenes Gespräch _klarstens_ erinnerlich, er aber schlugs in alle
-Windsbräute, nahm die Maske vor, und es begann: uralte Verwirrung.
-
-Denn: >so begannst du, mein Tag -- Von Verheißungen voll<: aus
-jahrelanger kindlicher Dumpfheit rauchte mit unbekannter Geschwindigkeit
-hervor die Flamme des Verstandes, die alle Dinge so überdeutlich -- in
-einem Betracht -- zeigte, daß die Beschäftigung ihres Erkennens ihm
-allein schon ruhmwürdig schien und ihn somit verschluckte, alldieweil
-das genügsame Herz, gespeist mit einigem Abfall, sich allein großzuziehn
-hatte.
-
-So geschah es denn _recte_, daß ich -- Beispiel Magdas zweite Errettung
-Jasons -- allüberall mit Gedanken handvoll bei der Hand, zu spät kam in
-den Augenblicken des Fühlens oder Handelns. Die Ewigkeit habe ich
-allzeit großartig begriffen; den Augenblick niemals.
-
-Immerfort mit mir selber im Schwunge wie mit einer irrsinnig gewordenen
-Gebetskaffeemühle sah ich von jedem, was vor mich hingeriet, stets so
-viel, wie der Blick aus der Dreharbeit nach oben eben hergab. So kam der
-Tag Esthers, und ich dachte an mich, scherte mich den Henker um sie und
--- lieferte sie demgemäß dem Henker aus. Seelisch immerfort großen
-Umgang pflegend mit Heroen und Dämonen, war ich _immer unvorbereitet für
-Bruder und Schwester_. So kam der Tag, wo Cordelia zusammenbrach vor
-mir, wo schon das Geständnis sich auf ihren Lippen wand wie eine
-flammende Schlange, aber ich ließ mich gerne _beschwichtigen_, auf
-später vertrösten, wo es zu spät war (denn immer ist später zu spät!),
-denn: der Mensch zwar hat eine besondre Membran erfunden, so fein, daß
-er über Länder und Ströme hinweg seiner Geliebten den Zustand seiner
-zärtlichen Gefühle mitzuteilen vermag: eine Membran aber, innerstes
-Empfinden der selben Geliebten ahnend aufzufangen im Augenblick, wo Leib
-sich preßte an Leib, die zu erfinden bemühte er sich nicht. Und ich, der
-ich ein Mensch bin: _hatte ich nicht die Aufgabe, sie zu erfinden_?
-
-Ich? Freilich, es ist wahr, daß ich unter allen gewöhnlichen Menschen
-nichts bin als ein ebenso gewöhnlicher Mensch, und dennoch war ich nicht
-ganz ausgeschlossen vom Besondren, will sagen: der Gnade. Augenblicke
-erstrahlten schon ganz im überirdischen Feuer. Aus Nacht und Buschwerk
-hervortretend die Erlauchte -- oh wie? durchflammte sie mich nicht mit
-einem Strahl ihres Auges? war nicht eine einzige Wimper ihres Lides
-stark und scharf genug zur _magischen_ Durchbohrung, und ich brannte auf
-lichterloh? Was denn erlosch ich im Nu? Ich hatte doch die Kraft, das
-Schicksal über mir zu empfinden, das mich in jenem Augenblick an ihre
-Fußspur fesselte, und die Kraft, mich in meinen Grundfesten erschüttern
-zu lassen! Warum war ich denn so lau und so erbärmlich und gewöhnlich,
-daß ich nicht festhielt mit Klauen und Zähnen, und warum ließ ich mich
-fortlocken von jeder Stimme, die vorüberflog, jedem Bleiglanz, jeder
-trüben eigenen Not, all dem Zuvielen? Warum tat ich denn nicht, was not
-war, heftete mich an das Eine, unlösbar, mit allen Gewalten Leibes und
-der Seele, verfolgte es, setzte ihm zu, warf ihm immer neue Schlingen
-um, wenn es die ersten zerriß, ließ nicht ab von ihm, wich nicht von
-seiner Seite, wurde taub und blind gegen alles andre, gegen Blitz und
-Donner, Frühling und Winter, Leben und Sterben, nur aufdürstend, nur
-auflodernd in der Flamme! Statt dessen taumelte ich so umher, war immer
-gut und niemals mehr, verirrte mich in der Vielheit, sah immer -- o
-holdes Wort der Gepriesnen! -- nur Masse, nur Masse, richtete nichts als
-Unheil an und stand und stehe nun da endlich, die Hände von Schätzen
-leer, aber übervoll von der Schuld. Wenn ich das Eine getan hätte, wären
-mir nicht vielleicht Kronen und was ich nur wünschte freiwillig in den
-Schoß geregnet? Ich hätte gelebt, ich lebte noch, und Alle mit mir, die
-nun dahin sind durch mich. Warum, ja warum _bin_ ich denn gewöhnlich,
-wenn ich Wort um Wort und Schale um Schale _weiß_, wie man es macht, es
-nicht zu sein!
-
-In einer übertriebenen, wegen der Maske übertriebenen eingebildeten
-Sicherheit raste ich mördrisch mit Keulen umher, da im Gegenteil alles
-unsicher war, und unsicher in Wahrheit bis ins Mark unaufhörlich tanzte
-ich herum mit Lemuren und Chimären der tausend fernen Möglichkeiten,
-immer ins Weiteste gerichtet, augenlos immer fürs Nächste, die nächste
-Sigune! Ratlos bis ins Mark vor lauter gedachtem Tunwollen war ich am
-Ende nur immer froh, ja lieber nichts zu tun, als etwas _Bestimmtes_,
-und Esther ging in den Tod, Sigune ging, und Cordelia fragte ich nicht
-nach.
-
-Dreimal kam der Tod selber, um mich zu warnen -- ich überhört' es! Oh
-die ewige Schande, nicht eher zu wissen von einer Not, ehe man sie
-selber erfuhr! nicht eher zu wissen vom Tod, ehe selber man starb.
-
-Hemmungen, aha! Hemmungen der Tat, die hatte ich gut und gern, aber
-hatte ich je eine einzige Hemmung meiner Gedanken? In Erwartung der
-Geliebten -- ich konnte ja nicht einmal den Urin verhalten und dünkte
-mich wahrhaftig zu lieben, als ob es möglich wäre, seine Notdurft zu
-verrichten in der Stunde der Unsterblichkeit. Magda, sie wars, die Jason
-aus dem Teich holte, Magda, die ihn vor der Windmühle bewahrte, und ach,
-da blüht nun meine Verworfenheit auf dem Mist, denn: Jason retten, heißt
-das nicht, Gott selber aus dem Wasser ziehn? Ich aber, ich wars nicht
-wert (obgleich dieser Bogner sich damals hinstellte und die Hände
-aufhob: Danken Sie Gott, Sire, daß nicht Sie diese Verantwortung und so
-weiter!) und kann nun heulen und mich zerknirschen und zerreißen am zu
-späten Tag, daß ich beim Ewigen ewig dabeistehn muß _und darf es nicht
-tun_! Ist das die Hölle? Ist das Höllenpein? Ist das auszudenken? Ja,
-denke, denke du nur, laß die Schwäche groß handeln und setze du den
-Grübelbohrer an Maler Bogner. Oh meine Herren Richter, bilden Sie sich
-vielleicht ein, ich hätte irgend was vergessen? Freiwillig geblendet hab
-ich mich, an den Augen kastriert, als mein Herr Vater mir eine gewisse
-besondre Mitteilung über meine Geburt machte, und da tappte ich denn ins
-Leben hinein wie der blinde gewesene Hengst Unkas, nur Eines, nur Eines
-in Nase und Nieren, daß es mir ja nicht entwiche, o du heiliger
-Mistgeruch aus der eigenen Stalltür: die _Gewohnheit_.
-
-Gewohnheit, das leirige Gleis, zog mich widerstandslos dahin, und wo mir
-das Große, Heilige, Ewige entgegentrat, den Blitz in den Händen, da zog
-ich hurtig die Weiche auf, da hielt ich hurtig den Ableiter vor, glitt
-glatt weiter mein Gleis, geführt statt zu führen, und was -- statt des
-Erlauchten, Unsterblichen -- was bekam ich? Cora bekam ich, das Halbe,
-das Armselige, das Ding, >das wie Gold ist aus Lehm<, den Antichrist!
-
-Gnädiger Gott, der du bist! Wenn es denn möglich sein soll, wenn es aus
-all diesem noch einen Weg geben soll für mich, so bewahre mich vor dem
-einen: ja, wahrlich, wenn ich auch mit Blut und Knochen, mit all meinen
-Sinnen und Übersinnen wieder hinein muß ins Alte, -- so sei mir gnädig
-und verhilf mir zu dem Einen: nicht der Gewohnheit wieder anheimzufallen
-mit meiner _Seele_! Daß ich meine eigenen Gedanken sehe wie Sterne,
-meine _eigenen_ Gefühle fühle wie Blumen; daß ich nicht dem Ungefähren
-nachtappe, wie ich das Pferd Unkas sich selber nachtappen sah in den
-ewigen Stall!
-
-Ich bin zu Ende.
-
-
- Magda an Dr. Birnbaum
-
- Waldheim, am 16. September
-
-Lieber Onkel Salomon!
-
-Nun siehst Du, jetzt kann ich wieder schreiben! Es geht sogar schon fast
-so schnell wie mit der Feder, und dabei ist die Maschine, die
-mein Freund Jason mir besorgte, nicht einmal eine richtige
-Blindenschreibmaschine; er hat nur die Tasten, die eigentlich weiße
-Lettern auf schwarzem Grund haben, mit weißen Plättchen belegt, weil ich
-die zumeist doch sehen kann, und dann hat er auf jeden mittelsten
-Buchstaben der drei Tastenreihen einen Tropfen Siegellack fallen lassen,
-so daß links und rechts sich auseinander halten läßt, und ich kam
-wirklich überraschend schnell vorwärts. -- Heute wollte ich Dich bitten,
-doch so gut zu sein und Mahlmann zu veranlassen, daß er drei, oder am
-besten vier Zimmer im Gastflügel zurechtmachen läßt. Mein lieber Freund
-Bogner ist nun nach fast sechs Wochen so weit wiederhergestellt, daß er
-das Krankenhaus verlassen darf. Er hat allerdings noch eine offene Wunde
-im Rücken mit einer Kanüle darin, aber er darf sich doch schon bewegen.
-Ich sprach zufällig von Helenenruh mit ihm, und er erinnerte sich mit
-solcher Freude der hier verbrachten Wochen, daß ich ihn eingeladen habe,
-dorthin zu gehn. Eine sehr nahe Freundin von ihm, Frau Tregiorni, wird
-ihn begleiten, und wahrscheinlich auch noch das Fräulein Ring, durch die
-ich den Li habe, wie Du Dich erinnern wirst. Ich selbst denke, in den
-ersten Oktobertagen zu kommen und außer Renate den jungen Saint-Georges
-mitzubringen; er ist gelähmt und wird dann Schulferien haben. Ich würde
-eher kommen, wenn nicht Renate zögerte; ihr Onkel ist leider von sehr
-zarter Gesundheit und beansprucht ständig Aufmerksamkeit und Pflege; sie
-wird deshalb auch wohl nur einige Tage in Helenenruh bleiben. Mahlmann
-lasse ich dann bitten, für die zwei oder drei Wochen meines Dortseins
-ins Gestüt zu übersiedeln, da ich doch gern im alten Hause wohnen möchte
-und der Gastflügel auch besetzt sein wird. Alldas schreibe ich Dir,
-damit Mahlmann den Eindruck behält, daß ich bei Georg zu Gast bin, und
-nicht umgekehrt. Also vergieb, daß ich Dich zu Deiner vielen Arbeit auch
-noch behellige! Da Du von Georg nichts schreibst, so nehme ich wie
-verabredet an, daß in seinem Befinden keine Änderung eingetreten ist.
-
-Auf baldiges Wiedersehen also! Ich sehne mich sehr nach Helenenruh! Ich
-werde ja nun eine zweite Kindheit dort haben, denn damals, nicht wahr,
-damals war es doch so, daß man die Dinge der Welt, die man sah, erst mit
-Händen fühlen mußte, um sie zu kennen, und das muß ich nun auch wieder
-tun. Ob meine Füße wohl die alten Wege gleich erkennen werden? Ich freue
-mich schrecklich darauf!
-
-Mit vielen Grüßen an Tante Flora in Liebe Deine
-
- Magda
-
-
- Dr. Birnbaum an Magda
-
- Helenenruh, am 17. Sept.
-
-Meine liebe Magda, Dein Brief wird mir im selben Augenblick gebracht, wo
-ich mich hinsetze, um Dir zu schreiben. Du mußt nicht erschrecken, von
-einer großen Aufregung zu hören, in die ich durch Georg versetzt wurde,
-denn es scheint nun vorüber zu sein, und ihretwegen wollte ich Dir
-schreiben, indem ich mir vermute, von Dir, das heißt eigentlich von
-Deiner Freundin, Fräulein von Montfort, einige Aufklärungen erlangen zu
-können.
-
-Erlaube, daß ich gleich _in medias res_ gehe. Gestern äußerte Georg
-plötzlich die Absicht, den geisteskranken Sigurd in seiner Anstalt zu
-besuchen, wofür er, als ich ihn zu hindern suchte, als Grund anführte,
-es sei »gewissermaßen seine christliche Pflicht«, Sigurd zu sagen, daß
-er ihm den zugefügten Schmerz nicht anrechne. Er sprach die Hoffnung
-aus, ihn in einer klaren Stunde anzutreffen, machte übrigens auch einige
-Andeutungen, dahingehend, daß »Verschiedenes noch unaufgeklärt« sei.
-Alles was ich erreichen konnte, war die Erlaubnis zu einer
-telephonischen Anfrage in Lauensee, auf die ich den Bescheid erhielt,
-daß der Kranke nach einem letzten Anfall vor einigen Wochen der
-Stumpfheit anheimgefallen, daß eine Verständigung mit ihm also wohl
-ausgeschlossen sei. Leider ließ ich mich dadurch beruhigen und setzte es
-nur durch, daß ich Georg begleitete.
-
-Es nahm aber einen ganz bösen Verlauf. Sigurd erkannte Georg sofort, es
-schien, als wollte er sich auf ihn stürzen, doch begnügte er sich mit
-einem Strom von Flüchen und Schimpfreden, nannte ihn Mörder, mit allen
-möglichen Zusätzen des Wahnsinns, Vater-, Mutter-, auch Schwestermörder,
-bis es uns gelang, Georg aus dem Zimmer zu ziehn. Er war
-zusammengefallen, sein Aussehn während der Fahrt war so, daß ich
-mitunter glaubte, mit einer Leiche im Wagen zu sitzen. Einmal nur sagte
-er etwas mir Unverständliches. Ich hatte ihn angerührt, er schien mich
-zu erkennen, nannte meinen Namen und sagte dann: Die sechste Seite!
-siehst du, nun haben wir die sechste! worauf er an den Fingern rechnete
-und sich verbesserte: nein, es stimmte ja doch nicht, die fünfte wäre ja
-Helene, und das stimmte ja nicht, -- oder ähnlich.
-
-Liebes Kind, Du kannst Dir mein Erschrecken vorstellen, aber höre erst
-weiter! Übrigens ist er, wie gesagt, nun ganz ruhig, spricht überhaupt
-nicht mehr, geht aber fortwährend, auch draußen bei dem nassen Wetter
-umher, während er früher nur immer dasaß und sehr viel schlief und
-dazwischen hastig schrieb, Briefe wohl, doch bekam ich nichts davon zu
-sehn. Der Himmel weiß, was daraus werden soll, ich bin nun auch bald am
-Ende meiner Kräfte, das mit dem Herzog hat mich gebrochen, die Arbeit
-häuft sich von Tag zu Tag, meine alte Frische habe ich längst nicht
-mehr. Dazu wieder die bösen politischen Aussichten! Aber da komme ich
-ins Schreiben und verschwende meine Zeit.
-
-In der Nacht nach unsrer Rückkehr arbeitete ich noch in meinem Zimmer,
-die Türen zu Georgs Schlafzimmer -- dem früheren seines Vaters --
-standen offen. Plötzlich hörte ich ihn drinnen stöhnen, dann in ein so
-verzweifeltes Geschrei, Klagen und Anklagen ausbrechen, wie ich es im
-Leben nicht gehört habe. Er hatte aber alle Türen seines Zimmers
-abgeschlossen. Ich kann das nun nicht beschreiben, er schrie einmal
-minutenlang nur immerfort: die Hölle, die Hölle, die Hölle! Dann rief er
-wieder nach seinem Vater, er schrie wie Sigurd: Mörder! und das schien
-er auf sich selber zu beziehn, und auch Sigurds Namen hörte ich und den
-seiner Schwester. Aber genug!
-
-Alldies ging mir nun durch den Kopf, es muß ja irgend etwas Reelles
-dahinterstecken, eine Einbildung, eine Täuschung vielleicht, die sich
-beheben läßt, und da fiel mir ein, daß Deine Freundin vielleicht helfen
-könnte. Möchtest Du so gut sein und sie noch einmal genauestens nach
-ihrem Gespräch mit Sigurd in jener Nacht befragen? Da kann ja der
-kleinste Umstand von Wichtigkeit sein, und mir selber war in dem, was
-ich durch Dich erfuhr, einiges unklar geblieben, zum Beispiel wollte mir
-in Sigurds Plan von der Beseitigung aller gekrönten Häupter die
-Ermordung meines Herzogs niemals recht passen. Also sei so gut, und wenn
-etwas Neues sich ergeben sollte, teile es mir doch bitte gleich mit!
-
-Ich werde mich vor allem freuen, Dich recht bald hier begrüßen zu
-können! Deine Anweisungen an den Verwalter Mahlmann habe ich wunschgemäß
-befolgt. Ich schließe mit meinen und meiner Frau herzlichsten Grüßen,
-bitte auch, mich Deiner Freundin ganz gehorsamst empfehlen zu wollen! In
-alter Treue Dein
-
- Birnbaum
-
-
- Renate an Dr. Birnbaum
-
- Waldheim, am 19. September
-
-Verehrter Herr Doktor!
-
-Auf Magdas Bitte bin ich selber es, die Ihren Brief gleich beantwortet.
-Allerdings glaube ich zu den erschreckenden Dingen, die wir von Ihnen
-hören, einige Erklärungen geben zu können, obgleich das meiste daran
-auch weiterhin wohl nur zu ahnen bleibt. Wenn Sie Sigurd Georg Mörder
-nennen hörten, so glaube ich, daß sich das auf Sigurds Schwester
-beziehen soll. Etwas Ähnliches hörte ich schon damals, nach Esthers
-Tode, von ihm, doch blieben mir die Gründe dafür unbekannt. Daß Sigurds
-Plan ursprünglich nicht gegen den Herzog, sondern Georg gerichtet war,
-sagte er selber deutlich in unserm Gespräch. Und dann weiß ich, daß er,
-Sigurd, der Meinung war, Georg sei in die Gracht gestürzt und ertrunken,
-worauf dann sein Attentat auf den Herzog nur ein schreckliches Glied in
-der Methode seines Irrsinns wurde. Und rechnen Sie zu diesem, daß Georg
-mit durchnäßten Kleidern gefunden wurde, daß auch Magda stets
-dabeiblieb, er sei es gewesen, dessen Fall ins Wasser sie hörte, so
-brauchen wir uns nur vorzustellen, in welch zerstörtem Licht Georg die
-Geschehnisse und Zusammenhänge sehn mag, um mit dem Scharfsinn seiner
-Krankheit alles zu erraten und -- auf sich zu beziehn; sich also für
-schuldig zu halten am Tode seines Vaters. Was dem Außenstehenden nur
-eine wenn auch furchtbare Verstrickung von Umständen zu sein scheint,
-dahinein fühlt sich ja der selber Betroffene mit Leib und Seele
-gerissen, der Kranke sieht Krankheit überall, und wer schuldig sein
-will, Schuld.
-
-Magda läßt Ihnen tausend Grüße sagen, sie leidet schwer unter ihrer
-Ohnmacht, die Neuheit ihres Zustandes läßt sie sich auch für hülfloser
-halten, als sie ist. Sie läßt Sie bitten, doch ja Georg unser Kommen
-rechtzeitig anzumelden. Möglicherweise ist er ja ganz unzugänglich. Wir
-werden, denk ich, am 1. fahren.
-
-Ich nehme so von Herzen teil, lieber, verehrter Herr Doktor, an Ihnen
-und Ihren Sorgen und grüße Sie mit: Auf Wiedersehn! Ihnen von Herzen
-traurig zugewandt!
-
- Renate Montfort
-
-
- Georg an Magda
-
-Aber so viel Zartgefühl scheint mir fast übertrieben, o edle Seele! Ich
-eile, mich durch diese Zeilen nachträglich als meinen Gast in Deinem
-Eigentum zu bekennen, nicht mehr als Bogner, den ich plötzlich von
-weitem hier aufgetaucht entdeckte, -- ich mocht ihn nicht sehn. Daß
-Helenenruh Dein einziges Haben ist, dürfte mir bekannt sein, während mir
-die ganze bewohnte und unbewohnte Welt zur Verfügung steht. Dein
-Ergebener muß Dich jedoch bitten, ihn der Einsamkeit zu überlassen, die
-er für seiner nötig erachtet. Dieser Wink dürfte genügen, da mir
-bekanntermaßen freisteht, eine Annäherung, die als feindlich betrachtet
-würde, dadurch zu vereiteln, daß er sich in andre Gegenden dieses mit
-Recht so beliebten _orbis picti_ begiebt.
-
-Es verbleibt mit besonders herzlichen Grüßen in seiner Schuldigkeit:
-
- Georg
-
-
- Von Georgs Hand geschrieben
-
-Jener, vom bekannten Baron Münchhausen mit dem Schwanz an eine besondre
-Eiche genagelte besondre Fuchs, als welcher durch Peitschenstreiche
-veranlaßt wurde, sich zu entfernen, den durch Gewohnheit lieb gewordenen
-Balg jedoch an Ort und Stelle zu lassen, ist eine immerhin wollüstige
-Vorstellung für die ins Fell der Gewohnheit eingewachsene Seele. Denn
-siehe da: nachdem es verwehrt ist, an _Ihn_ zu schreiben, dessen dreimal
-geheiligten Namen der feurige Makkabäer zerriß und in die Winde streute,
--- was bleibt mir übrig, um den Tag zu ertragen, der sich inzwischen
-anstatt bisher üblicher sechzehn bis siebenzehn Stunden deren
-vierundzwanzig zugelegt hat? >Ein Rätsel ist Reinentsprungenes<, sagt
-Hölderlin, zum Beispiel der Schlaf. Die meisten Menschen üben ihn bei
-Nacht aus; ich nahm ihn in kürzlich erst sich verabschiedet habender
-Zeit wie so eine besondre Arznei, alle Stunde einen Eßlöffel voll; aber
-nun hat mir so ein besondrer Beelzebub von hinterlistigem Satan die
-Flasche verstochen, und wo finde ich dieselbe? -- Meist schleicht er
-sich abends herein, verabreicht mir einen Löffel voll -- damit die süße
-Gewohnheit nicht schwinde! -- und bleibt für den Rest aller Stunden
-unsichtbar. Was also bleibt mir? Ach: zwischen Leib- und Seelenonanieren
-blieb dem Menschen nur die bange Wahl! Aber so sei sie gewählt, die süße
-andre Gewohnheit des schriftlichen sich Niederlegens aufs platte
-Plättbrettbett des Papiers: das Schreiben, nicht wegen der besondren
-Unsterblichkeit, nicht wegen des süßen Pöbels, sondern ganz allein _sui
-ipsius causa_, um des Schreibens willen! Es ist Wollust, der eigenen
-Seele liebzukosen, zumal wenn sie leidet, und zugleich ist das Schreiben
-so ein förderliches Purgativ, ein besondres Sieb sage ich besser, den
-weichen Brei von Allerhand durchzurühren zur Beförderung der Erkenntnis.
-Man denkt zwar in Sätzen, aber merkwürdig: gedachte Sätze haben nie
-einen Punkt, und ein Punkt zwischen zwei Sätzen auf reinem Papier
-scheint mir so was unendlich Haltbares, um so mehr, je länger man drauf
-hat warten müssen.
-
-Ich will einen Nachtspaziergang beschreiben. Die Menschen lassen einem
-ja koa Ruh net, wie Cordelia selig zu sagen pflegte, also daß man nachts
-auswandern muß wie die Rattenkönige, alle Seelenschwänze zu einem
-gordischen verknotet. Übrigens denkt es sich besser bei Nacht, und kurz
-und gut, beschreiben wir uns diesen wackern Knaben Telemach unter dem
-paßlichen Motto:
-
- Das Steuer führt' ein Jüngling unruhvoll,
- Dem früh des +++ Rat und Hülfe schwand --
-
-folgendermaßen:
-
-Telemach erwacht wie üblich aus befristetem Halbschlaf. Er erseufzt,
-legt sich auf den Rücken und öffnet, wach und keines Schlafes bedürftig,
-die Augen in die Nacht. Bald darauf wird über ihm das graue Vieleck der
-am Tage weißen Zimmerdecke sichtbar; er schiebt sich höher im breiten
-Bett, erkennt die Schattenrisse der beiden hockenden Tiere, Adler und
-Löwe, auf den Bettpfosten, dahinter die bleichen Streifen der
-Fenstervorhänge und dazwischen das dunkle Rechteck der offenen Tür zur
-Terrasse; dann auch die dunklen und großen Flecken der Schränke und die
-weißen der Türen. Im Glase des Türflügels draußen glitzert es bläulich.
-Telemach -- oder sagen wir kurz T.; kann auch wieder Topf heißen --
-schiebt sich bis fast zur Rückwand des Bettes hinauf, sitzt in dem
-großen Achteck des Raums und fröstelt. Draußen rasselt es eisern, der
-Uhrhammer in der Höhe fällt hell schmetternd, ein Mal, dann ist alles
-still. Halb zwölf. -- T. seufzt vermutlich wieder. Nun wieder die Nacht,
-die ganze lange Nacht bis zum Morgen -- und was dann? -- Es wird heller
-und heller um ihn, die dunklen Schränke sind nun körperlich sichtbar,
-die Maserung, Kanten und Beschläge, und vor der Tür draußen ist die
-graue Fläche der Terrasse erschienen und, dunkel im Zwielicht, der
-Schattenriß einer großen Steinurne mit Früchten und Blättern auf der
-Brüstung. Das ist besonders still.
-
-Im Dorf schlafen die Bauern eng und heiß in ihren karierten Betten. Die
-harte Weckuhr tickt durch die Schwüle, sie stöhnen im schweren Schlaf
-und schnarchen. Eine Kuh brummt im Schlaf, ein Huhn gackert im Traum,
-niemand hört den Spitz, der mit rasendem Geheul auf die Decke seiner
-Hütte sprang, weil draußen Schritte hallten, und der Hund kriecht wieder
-in seine warme Höhle, knurrt, muß noch einmal blaffen, dreht sich um
-sich selbst und fällt hin.
-
-T. sitzt und wacht, lauscht. Die Nachtstille singt in seinen Ohren, es
-rauscht leise im Park, die See ist nicht zu hören.
-
-Hier, denkt er, lag einer des Nachts, und wie oft wohl wachte er auf und
-glaubte über sich Schritte zu hören, ruhelos, ruhelos, so leise, ein
-Huschen, hin und her streifend, hin und her ... T. lauscht, alles bleibt
-still, er sieht den Schatten einer Hyäne, den hochgebogenen Rücken,
-schieftrabend in der Finsternis, nun funkeln grünlich, bläulich die
-Lichter, er hört die Pfoten trotten, er riecht ... Das war Mama, denkt
-er matt und gespenstisch, das war Mama ... Zwanzig Jahr Pein und
-Sehnsucht und Gänge, Gänge im Finstern, und dann -- nichts mehr; der
-Tod. -- Wie ich damals, denkt er, meine Gedichte fand ... Mein Sohn war
-klein, und nichts verstand ... Und sie lag und lächelte grade genug.
-Wenn man nachgrübe und den Sarg öffnete, würde man ihr Lächeln
-unversehrt darin finden, -- und das war ihre Genugtuung, so viel zu
-lächeln. -- Die Umrisse der Insel erscheinen ihm finster, die Bäume, er
-sieht ein bleiches Gesicht unter der Buche liegen wie eine Maske, es
-lächelt, oben saust der Herbst und reißt Blätter aus den Kronen, sie
-fährt fort zu lächeln; der Winter deckt alles zu, sie lächelt fort; im
-Frühling liegt ihr Lächeln unter dem ersten Krokus, den langen Sommer
-lang lächelt sie fort, ganz für sich allein ...
-
-T. fröstelt, rutscht wieder tiefer im Bett und steckt die Arme unter die
-Decke. Es waren viele Tote. Esther -- Sigune -- Cordelia -- Mama ...
-Alle schon wieder weit fort, und gelernt hatte er nichts. Nur der Eine
-... T.s Brust schmerzt.
-
-Warum lebe ich noch? Telemach stellt sich wieder einmal vor, er läge
-begraben. Alsbald erscheint auch der Platz in A., die Bahnen fahren,
-Menschen eilen kreuz und quer, die Spiegelscheiben der Auslagen
-glitzern, aber es quält nicht mehr wie vor einem halben Jahr. Es war
-niemand mehr da, von dem es schmerzlich wäre Abschied zu nehmen, oder
-ihn lebend zu denken, beschäftigt wie immer, während man tot ist ...
-Renate? -- Er fühlt sie nicht mehr.
-
-Ich sollte wohl, denkt Telemach, ein Ende machen. Aber da ist zum
-Beispiel das Land. Brauchte es ihn? Jener Birnbaum würde ihm schon einen
-besondren Telemachschwung versetzen. T. sieht den stämmigen Mann
-aufgeregt im Zimmer hin und her laufen, eine Hand im Ärmelloch der
-Weste, fuchtelnd mit der Zigarre in der andern, niesend und prustend,
-und er schreit: Und wenn wirs so einrichteten, daß es an Preußen fiele,
--- no -- was denn? no? was denn? T. wußte es nicht. -- Hatn dazu dein
-Vatter sich sein Lebtag abgerackert, un dein Großvatter, un dein
-Urgroßvatter vielleicht? Du bistn Literat, Hoheit, du hast gar keine
-dynastischen Gefühle, nee, aber gar keine! -- T. lächelt und bestreitet
-es schweigend. Ich wills ja versuchen, beschwichtigt er sich selbst, ich
-bin nur so müde und innerlich kraftlos. Die Länder sind so gut im Stande
-... Das heißt Beuglenburg? Und sie würden Schley dort nicht sitzen
-lassen, diese Preußen. Ach, nun kamen die Wahlen! Früher war die
-Sozialdemokratie unter der Hand unterstützt, und -- und ... T.s Kopf tut
-ihm weh. -- Ich kann noch nicht, ich kann noch nicht! -- Er wälzt sich
-fieberisch und atmet beklommen. Es ist, denkt er, wieder die alte Angst,
-wie in Berlin. Berlin war nicht schuld, sondern mein eigenes Krüppeltum.
-Punkt. Toter T. punkt.
-
-Er schleudert die Decke von sich, zieht die Schlafschuh an die Füße und
-hockt schlottrig auf dem Bettrand. Es ist nun ganz hell umher, dämmrig,
-doch alles deutlich erkennbar. Den Kopf drehend, sieht er über sich,
-überm Kopfende des Bettes die Figuren des Bildes Emmaus, den
-einfallenden Lichtstrom, am Tische Christus und die erschrockenen
-Beiden, dahinter die Nacht.
-
-Ja, denkt er verwirrt, ich kam zu allem zu spät.
-
-Er schlürft eilig zur Glastür, friert im Kalten, lehnt sich an den
-Rahmen und raunt: Was soll man denn tun? Man fährt ins Dasein hinein mit
-feuriger Schnelle, findet alles vorbereitet und ist es von Ahnen und
-Urahnen her gewohnt, eh man es besitzt. Da erkennst du dich selber, aber
-schon steckst du so tief im Gewohnten, daß kein Riese dich ausreißt.
-Wenn ich Verse machen will, und wäre ich Hölderlin, ich müßte anfangen
-wie Schiller, und zehn Jahre danach merke ich vielleicht, daß Sprache
-des Verses und Sprache des Umgangs voneinander so verschieden sind wie
-der Vogel vom Fisch. Ich kleide mich, rede, lache, fahre, spiele, lerne
-wie die Andern, und längst bin ich in zehntausend unlösliche
-Zusammenhänge verstrickt, und dies -- ach dies wird die letzte Not sein,
-daß man an Tausenden hängt und nicht steht, und Tausende hängen an mir,
-und ich komme nicht los zu mir, nicht los zu mir ...
-
-Ganz hell aus der Tiefe klagt jetzt ein Kinderweinen, schauerlich
-anzuhören, und T. zuckt merklich. Ein Gespenstergelächter folgt, ganz
-schnell: Hahahahaaa! und wieder das plärrende Weinen. -- Kauz in der
-Nacht, End ehs gedacht! -- Stille liegt die Terrasse, stille stehen die
-mächtigen grauen Urnen, besonders, verhaltenen Lebens, atmen, auch die
-Steinplatten atmen, Schlaf oder das Schweigen ... Über dem schwärzlichen
-Gewipfel des Eichwaldes quillt ein bleiches, silbriges Scheinen im
-Himmel, ein wenig tiefer muß die Mondsichel sein. Emporblickend sieht
-Telemach wenige, schwach flimmernde Sternlichter im Dunste der feuchten
-Nacht. -- >Schaudernd unter herbstlichen Sternen -- Neigt sich jährlich
-tiefer das Haupt ...<
-
-T. macht Licht, geht mit geblendeten Augen ins Ankleidezimmer, erhellt
-es und legt eilig das für morgen zurechtgelegte Unterzeug,
-Schnürstiefel, Reithosen und Ledergamaschen, eine braune Lederweste mit
-Ärmeln an, windet einen grau und grünen Schal um den Hals, fährt in den
-Rock und fühlt sich einen Augenblick warm und behaglich. Nachdem er das
-Licht gelöscht hat, geht er leise über die Terrasse in den Garten hinab.
-
-Unschlüssig unten stehen bleibend, zum Hause zurückgewandt, findet er
-sich plötzlich sehr klein und einsam im Hof der drei mächtigen Fronten
-mit langen Fensterreihn und kalkweißen Mauern. Unendlich schweigsam und
-hoch steigen die zwei weißen, schwarz behelmten Türme auf den Ecken in
-die Dunkelheit; das Ganze, hell und doch seltsam verdüstert im
-nächtlichen Licht, atmet eine tiefe Gewalt aus, liegt da, ruhig in sich
-selber, bedrohlich für ihn, der sehr klein ist. Unbekümmert scheint es
-seine dämmernde Seele bei Nacht zu enthüllen; es dehnt sich, atmet
-vielfach, sammelt Essen und Fenster, Türme und Dächer, Simse und Mauern
-in eine strotzende und alte Gesundheit und ist immer bereit zu dauern.
-Heiliges Kindheitsland, wo bist du? zieht es da schmerzlich durch seine
-Brust. Jählings ist das Haus umnachtet und fremd, und er geht davon, den
-Kopf gesenkt, verloren in alte Erinnerungen.
-
-Denn zum Beispiel was tun wir inbezug auf unsre Kindheit? Heraus reißen
-wir uns an den Haaren, ganz genau wie eben jener Baron Münchhausen sich
-an den Haaren zerrte aus dem Sumpf mitsamt seinem Unkas, bloß daß sie
-kein Sumpf ist, diese Kindheit, sondern -- das Paradies. Geschah es
-nicht hier? T. wendet sich vermutlich und murmelt, den dämmrig
-erkennbaren Weg durch das Eichenwäldchen hinunter blickend: Weiß ichs
-nicht, als wärs heute gewesen? Hier auf der Terrasse brannte der bunte
-Lampenschirm und saß Bogner; und dort unten am Gatter stand ich, wußte
-nicht, was fort war aus mir, und war selber stillschweigend fortgegangen
-aus meiner Kindheit zu Annas Bett.
-
-Da zwingt er sich mit Gewalt durch den Spalt zu einem kindlichen
-Aufenthalt.
-
-Der Kaufmann in Böhne hieß Sengstaak, ein Name, den ich als Junge
-niemals aus dem Gedächtnis in die Luft schreiben konnte. In allen Ferien
-einmal war eine Monatsrechnung zu bezahlen, das tat Onkel Salomon selber
-und nahm uns mit. Im Laden war die Diele mit weißem Sand bestreut, durch
-eine geriffelte Glasscheibe sah man Herrn Sengstaak an einem Stehpult
-schreiben, und wir zitterten, er möchte nicht merken, daß wir da waren,
-denn dann bekamen wir ja keine Cakes, und einmal gab sie uns der
-Ladendiener, aber das war längst nicht so schön. Kisten standen da mit
-eingewickelten Apfelsinen, Fässer mit Mehl, mit Margarine, mit Butter,
-Kisten voll Eier, und wie war alles dauerhaft und dick, die Holzgriffe
-an den Schiebladen und die hölzernen Schaufeln in den Erbsen und Linsen.
-Über dem Tresen -- ja, da wurde womöglich auf dickem blauen Papier ein
-Zuckerhut zerkleinert, ach, wie war das alles besonders und reichlich
-und solide! Und oben war es dunkel von ganzen Bündeln in Lagen
-zusammengeschichteter Tüten, rechteckiger und spitzer, brauner, blauer
-und roter, und sie hatten alle ein schwarzes Wappen als Aufdruck
-zwischen zwei wilden Männern. Ja, vor der Tür, da war ja der mächtige
-goldene Mohr mit bunter Federnkrone und einer Zigarre zwischen den
-Wulstlippen. Aber über den Düten, noch höher, war es finster wie ein
-Gewitter, von tausend Würsten und Schinken, und wie das roch nach
-Rosinen und Gurken und Vanille und Gewürznäglein, und geheimnisvolle
-Leitern lehnten im Winkel oder wurden von kleinen neugierigen Jungen mit
-wasserblanken Haaren schwierig hin und her getragen. Dann kam Herr
-Sengstaak aus dem Kontor, das ich nachher in Soll und Haben wiederzusehn
-glaubte; er hatte ein rotes längliches Gesicht, kleine Augen und Falten
-unter dem Kinn, rieb sich die Hände und sprach unverständlich mit
-eigentümlichen Bewegungen des Kinns. Er beugte sich über den Tresen,
-griff Anna und mir mit großer Hand unters Kinn und holte, während er
-immerfort mit Onkel Salomon sprach, einen der großen blechernen Kasten
-mit Cakes herunter und hielt ihn uns offen schräg entgegen, und jeder
-nahm einen kleinen Cake heraus, aber das war nicht alles. Nun wurde ein
-großer, brauner Papiersack abgerupft, und wie wundervoll war das, wenn
-Herr Sengstaak mit dem einen Arm hineinfuhr, mit der andern Hand die
-eine Ecke weich eindrückte, dann ganz leicht die Tüte herumwarf und die
-andre Ecke einknickte, und dann kam ein Blechkasten nach dem andern
-herunter, und die Tüte wurde voll -- nicht ganz bis oben, es blieb noch
-genug Papier, das dann auf wundervolle Art zu parallelen Streifen
-zusammengelegt wurde, und dann wurden sie nach innen umgeknickt und
-festgedrückt, das Paket auf die Seite hingelegt, und dann kam Bindfaden
-aus einem verblüffenden Ding heraus, und das Paket flog links herum und
-rechts herum, und der Bindfaden schlang sich darum, es war herrliche
-Zauberei, ein Holzknebel war mit einmal da, wurde in die Schlinge
-geschoben, und dann wurde es mir überreicht. Dies war unser heiliges
-Recht, Kekse -- wir sagten Kekse -- von Herrn Sengstaak, aber eine Sorte
-war dabei, die mochten wir nicht, die hießen Dextrinkeks, denn so
-schmeckten sie, und die kriegte Mama.
-
-T. denkt hierauf gebeugt, er müsse damals unmenschlich glücklich gewesen
-sein, daß all dies sich ihm eingebrannt habe, wovon er damals doch
-nichts wahrnahm, denn immer war er ein blinder Junge und hatte niemals
-etwas gesehn, wenn er gefragt wurde. -- Oder ist das ganze Glück
-wirklich dieser Augenblick, wo ich es so brennend wieder fühle?
-
-Er fährt leise zusammen, da er am Weiher steht, gegenüber der Insel,
-keine fünf Schritt von der Brücke. Die Bäume rauschen und bewegen sich
-ernst, beklommener atmend geht er zur Brücke, bleibt stehen und
-flüstert: Hier schläft Mama ... Er geht hinüber, achtet darauf, daß
-seine Füße leise sind, taucht ängstlicher in den finstern Gang zwischen
-Buschwerk, tastet sich langsam hindurch und tritt ins Freie der leicht
-übernebelten Lichtung. Drüben, über dem weißlichen Gewoge wölbt sich die
-schwarze Kuppe der Trauerbuche; auf einmal ergreift ihn schaurige
-Furcht, sie könnte dort liegen, unter dem Baum; nicht sie, ihr Gesicht,
-das Lächeln; nicht ihr Lächeln, Cordelias ... Und er geht mit
-knisternden Haaren und schlagendem Herzen hin und bleibt, drei Schritte
-vom Stamm entfernt, stehn. Auf dem grauen Oval glänzen leise doch
-sichtbar die beiden Worte: Helene -- Herzogin.
-
-Hier unter ihm steht ein Sarg, liegt eine Tote, ein Mensch, -- wie war
-es doch möglich? Er wendet sich schaudernd. -- Etwas läuft in die
-Lichtung hinein, bleibt still, läuft hierhin, dorthin, schnüffelt
-vernehmlich, ein Igel. Heftiger zitternd faßt er in das Gezweige über
-seinem Kopf, ein Blatt bleibt in seinen Fingern, sein Arm fällt herab,
-er zerknittert es und fühlt es feucht; in weiter Ferne kräht ein Hahn.
--- Sie schläft, flüstert er besinnungslos, dann sinkt er langsam in die
-Kniee, bückt sich, harkt mit der Hand im Gras und flüstert: Mutter!
-Mutter! hilf mir doch! Mutter, dein Sohn ist doch da! Ach, sag doch
-nicht, daß es zu spät ist, sei nicht hart, ich kann ja nicht mehr, ich
-kann, kann, kann ja nicht mehr! -- So wimmert er eine Zeitlang, dann
-liegt er plötzlich still und steht auf. Seine Hände, sein Gesicht sind
-naß, er trocknet sich mit dem Schal und geht davon, schamvoll und doch
-erleichtert. Er horcht stehen bleibend zurück. Sie war entsetzlich
-einsam dort ... Er schüttelt den Kopf und geht weiter, durch den Gang,
-über die Brücke, am Weiher hin und den dunklen, beschatteten Weg hinab
-unter dem schwarz und zerrissen herabhängenden Laubwerk der Eichen.
-
-Dort steht er und denkt wieder. Ja, was dachte er wohl? Er dachte nicht
--- denn das denke vielmehr jetzt ich: welch eine wonnevolle
-Erleichterung es für mich ist, einmal die ganze Last des Daseins auf
-diesen vorgespiegelten Telemach abzuwälzen und daneben zu stehn und es
-immerhin begreiflich zu finden, daß sie ihn quält. -- Sondern er dachte
-vielleicht oder empfand die Höllenqual der zu späten Einsicht. Die
-furchtbar ironische Bitterkeit der Erkenntnis, daß alles, was heute ist,
-seit Jahren sich vorbereitete, daß es in all und jedem Denken, Planen
-und Handeln schon war, -- oh ja:
-
- Was vom Menschen nicht gewußt,
- Oder nicht bedacht, (!!!)
- Durch das Labyrinth der Brust
- Wandelt in der Nacht.
-
-Und weiter, daß nun mit der Erkenntnis alles ein Ende nahm und nur sie
-noch ist, und kurz und gut: die Schuld selber nur noch. Schuld, nichts
-als Schuld, an jedem Fleck, auf jedem Schritt; Schuld jeder Weg, jede
-Bewegung, jede Aussicht und jeder Stern; Schuld jeder Bissen und jeder
-Atemzug, und kein Gedanke mehr, kein Ausblick und keine Möglichkeit mehr
-zu etwas Neuem, -- nirgend ein Anfang, nur das Dickicht.
-
-Und dann versucht er es wohl, dieser T., und stellt die bekannten
-Figuren zum tausendsten Male auf, und eiskalt vor rasendem Wissen der
-Unabänderlichkeit will er sie doch zwingen mit Zauberei, daß sie sich
-anders bewegen, als sie taten, aber immer steht hier Magda und drüben
-Cora, hier er selber und da Sigurd und da -- ER, und wenn er sie auch
-zwingen kann, steif dazustehn wie die Puppen, so erreicht er doch
-niemals, daß er selber es ist, der die erste Bewegung macht, oder
-Sigurd, sondern immer, immer ist es die Furie.
-
-Und seine Stirn bedeckt sich mit Schweiß, die Figuren schwinden
-erlöschend, als würde ein Bühnenlicht abgedreht, im Finstern, und er
-denkt nun:
-
-Daß er seine Schuld am Ende vielleicht übertrieb. Etwas scheint nicht zu
-stimmen. So viel kann ja ein Mensch nicht schuldig sein. Oder er könnte
-es allenfalls sein aus bösem Willen, aus angeborener Ruchlosigkeit, wie
-man gebürtiger Raubmörder sein mag, oder Muttermörder. Er selber aber,
-er soll dies Gebirge von Schuld über sich gewälzt haben aus keinem
-andern Grunde als: _weil er so war_!?
-
-Worauf er dies Rätsel bis zum nächsten Mal sich selbst überläßt und sich
-weiterbegiebt. -- Oh die Nacht ist noch lang!
-
-Krähte nicht, denkt er, soeben ein Hahn? Hähne krähen im Schlaf. Aber
-ach, wie konnte er es nun wieder aufsteigen lassen fontänenhaft!
-Frühmorgens in der Kindheit, das Krähen der Hähne, heiser, krächzend,
-und hell schmetternd, ferne und nah. Sonntag war anders als die andern
-Tage, obgleich doch an keinem Schule war in den Ferien. Die Straße unter
-den Fenstern, die Felder daran, das Dorf in der Frühsonne, alles sah
-gleich anders aus, feierlicher wohl und viel stiller. Man hatte einen
-schneeweißen Anzug an und ein weißes Kleid mit zwei Hände breiter
-blauseidener Schärpe. Du lieber Gott, wie hoch war damals eine
-Roggenwand! Wir verschwanden uns, wenn wir vorsichtig kaum
-hineintauchten, um eine Kornblume herauszuholen oder eine violettrote
-Rade, die ich liebte, weil sie so geometrisch waren: vier lange grüne
-Blattspitzen genau in den Einbuchtungen der kleinen Kelchblätter. Der
-Sandweg in der Sonne wie hell! Unsre Schatten, ganz dick und kurz und
-mit ungeheuren Kreisen von Hüten, schoben sich voraus, ach jedes
-Staubkorn wie hell, die Steine im Staub, jeden einzelnen könnt ich
-beschreiben, denn ich liebe ihn, Brocken von rotem Klinker, halb vom
-Sand verschüttet, und die Krusten der Wagenspuren, und scharfe
-Chausseesteine, mit denen man gut schmeißen konnte, und runde,
-geschliffene von der See, und dann die großen, weiß übertünchten
-Steinbrocken am Wegrand, -- ach, nur Steine, und was hatten sie Leben
-damals und Bedeutung! An diesen weißen kletterte aus der Grasnarbe die
-vielköpfige kleine Schlange der Winde mit schönen, sehr weißen
-Kelchhäuptern; rote Kleepflanzen wuchsen da, es waren kleine grüne Oasen
-von niedrigem Dreiblätterklee, und wir suchten bei jeder ein Weilchen
-nach einem Vierblatt. Immer schien die Sonne, nur damals schien die
-Sonne, ein einziger Vormittag war so lang wie ein Sommer von heut, und
-dann hörten wir die Lerchen. Oh die Stille nun, diese Stille überm
-singenden Korn, und in der Stille überall, unaufhörlich, immer wieder
-anschrillend, ganz hoch oben das Lerchengetriller, immer mit neuem
-Anlauf: ziziziziziziiih! ziziziziziziiih! -- Und insgeheim glaubten wir
-doch immer, daß die Lerchen im Korn säßen, wir sahn uns die Augen blind
-im flimmernden Blau, aber niemals haben wir eine Lerche gesehn. -- Dann
-kam --
-
-T., denke ich mir, findet sich jetzt am Gatter, das, hell im nächtlichen
-Licht, als habe es ihn lange erwartet, ihn unsichtbar ansieht aus dem
-grauen Holz seiner Stangen. Er lehnt sich darauf, sieht oben am Himmel
-die dünne Mondsichel im Fahren leicht durch das fließende weiße Gewölk
-schneiden, sieht die dunklen und doch erhellten Wiesen und die schwarzen
-Linien der sich kreuzenden Hecken, aber -- -- aus dem schwindenden
-Dunkel dieses Grundes flattert ein Kohlweißling taumlig den glühend
-heißen Sandweg hinunter, hin und her über die Wagenfurchen, den Hügel
-hinauf, -- er hört Annas schreiendes Lachen und sein eignes, atemlos
-hinlallend, wie er später Jungens hat lachend rennen sehn, im Laufen
-zusammentaumelnd, lachend nur Lachens wegen, laufend nur um zu laufen,
--- und dann liegt man da, der weiße Anzug sieht bejammernswürdig aus in
-einer braunen Staubschicht, aber -- T. schreckt auf, da wiederum, jetzt
-gerade über ihm gellend und überlaut das Gelächter schallt, mauzt und
-weint. Er öffnet das Gatter und geht hastig den getretenen Pfad über die
-Wiese zum Knicktor; das senkrechte Brett über den Stufen sieht ihn wie
-das Gatter aus dem Dunkel mit seltsamem Glanz verhaltenen Lebens an, in
-sich geduckt wie ein ertapptes kleines Tier, das aber keinen Angriff
-befürchtet, denn es ist umgänglichen Charakters. Telemach aber bleibt
-stehn und heftet ihm eine Erinnerung an. Hier leuchtete Annas Haar über
-der Dämmerung, und sie sagte: Ach, es ist himmlisch! -- Das Kind, das so
-sprach, habe ich niemals wieder gesehn ...
-
-Beim Ersteigen des Deiches fällt er hintenüber, muß sich nach vorn
-werfen und erreicht auf Händen und Füßen im nassen Grase die Höhe, wo er
-sich zu tiefem Erstaunen über einem totenstillen weißen Felde befindet,
--- Nebel, weißem, lautlosem, regungslosem Nebel, der die ganze See
-bedeckt. Nur tief unten, am Fuß der Deichmauer, sind die schwarzen
-Pfahlköpfe der Buhne zehn Schritte weit sichtbar, dann ist nichts mehr
-als Nebel.
-
-Oben am Himmel segelt die bläuliche Mondsichel durch weißes Gewölk. Die
-Tiefe aber zieht T. besonders an, er setzt sich und klettert mit
-Absätzen, Händen und Gesäß die schräge Mauer hinunter, springt auf
-festen Ebbeschlamm, zaudert und schreitet in den Nebel hinein.
-
-Es ist tiefe Ebbe. Der Mond wurde zu einem bleichen Fleck im Nebel, der
-alsbald über ihn hinzog; er geht selber in einem dunklen Kreis, der
-Nebel bleibt stets ein wenig vor ihm, zurückgehaltenen Scharen sehr
-zusammengedrängter Gestalten ähnlich, die sich manchmal bewegen, nicht
-einzeln, sondern stets im ganzen. Jetzt wird der Boden weicher, und
-jetzt -- da ist Wasser, er riecht, er fühlt es. Was sitzt denn dort?
-Kleine, dunkle Gestalten hocken ... Ach, hier sitzt der Tütvogel im
-Nebel am Wasser und schläft, -- zwei, drei kleine Gesellen. Nun bewegt
-sich einer, ein grauer Schatten schwebt, -- auch der andre, der dritte;
-Flügel rauschen leise, sie sind verschwunden, und gleich darauf fällt
-ein leiser, klagender Schrei von oben. -- Wie die Seelen am Acheron im
-Nebel ... denkt Telemach. -- Es plätschert. Hier ist Gewässer, hier,
-ungeheure Meilen weit die tiefe See, satt von einer Menge Land, das sie
-eingeschlungen hat, Marschland und die Inseln und Halligen, Frauen und
-Kinder, Kirchen und Gehöfte, Rinder und Schafe, Eichenwälder und die
-langen Deiche. Es gurgelt im Schlick, die Flut regt sich. T. fühlt seine
-Sohlen langsam einsinken, dreht sich genau um und geht zurück. Er geht
-rascher als beim Kommen, etwas kommt hinter ihm her und macht ihn eilig,
-sein Herz klopft, wie lange dauert es bis zum Deich! Er läuft fast und
-läuft so, erleichtert sich auslachend, gegen die mannshohen Buhnenpfähle
-von der Seite, ein Zeichen, daß er doch schief gegangen ist, worauf er
-die Deichmauer wieder hinanklettert und oben weitergeht. -- --
-
-So, ja so war es in jeder Nacht. In der letzten aber war auf einmal ein
-rotes Licht über dem Nebelfeld. Ein Schiff? im Nebel so nah? Unmöglich.
-Ja, wohnte denn jemand auf Hallig Hooge? -- Das Licht blieb,
-unverrückbar, stille scheinend über das Nebelmeer. Hallig Hooge lag
-dort.
-
-Hallig Hooge, dachte Telemach, wir durften niemals dorthin. Wenn wir mit
-Onkel Salomon segelten bei Landwind, sahen wir die grüne Insel vom
-weiten, und er tat uns wohl den Gefallen, herumzufahren und uns das
-gewaltige grüne Gebirge der aufgetürmten Deichmauern sehn zu lassen,
-einen Baumwipfel niedrig darüber und den roten, plumpen Rundturm der
-alten Sternwarte auf dem Norddeich. Olesland ... Wie mochte doch der
-Name Hallig Hooge aufgekommen sein, nachdem vor Zeiten nur die winzige
-Grasoase so hieß, die landeinwärts davor lag? Einmal beim Kreuzen auf
-der Rückfahrt sahen wir das langgestreckte Haus mit schwarzem Strohdach
-auf der Wattseite, wo es flach und offen war, und kaum noch sichtbar in
-der steigenden Flut das wallende Gras von Hallig Hooge. Olesland,
-erklärte Onkel Salomon geheimnisvoll, darf keiner mehr sagen. Er verriet
-uns nicht weshalb, er war nicht für Schauergeschichten, wir bettelten
-umsonst, denn Olesland und Hallig Hooge -- beides klang so schaurig!
-Aber Domina verriet allerhand. Auf Hallig Hooge war Großvater gestorben,
-und der Urgroßvater war da umgekommen; es schien beinah ein Schicksal,
-und ich habe als Junge manchmal nachgedacht, ob -- jemand -- auch dort
-sterben müßte. An mich dachte ich damals noch nicht. Und Domina erzählte
-vom >Dränger< ...
-
-Im Herbst, wenn die Nebel kamen, durfte man nicht an der Außenseite des
-Deiches gehn, wenn Ebbe war. Denn dann kam der Dränger. Auf einmal
-erschien eine Gestalt im Nebel, seitwärts, oder auch zurück, am Deich,
-und man entsetzte sich. Ja, da konnte man wohl rufen, wer hörte das?
-Damals, als der Dränger noch umging, war Oles--, war Hallig Hooge noch
-ganz vom Deich umschlossen, ein Inselbollwerk, das sich gegen die See
-hielt, eine kleine halbe Segelstunde vom Land, -- aber merkwürdig, zu
-sehen war es nie, bei keinem Wetter. Domina sagte, das läge an der
-Spiegelung. -- Anno Sechzehnhundertvierundneunzig, die große Flut ... Da
-verschwanden drei große Inseln und siebenzehn große und kleine Halligen
-spurlos in der See, Hallig Hooge aber hielt stand. -- De ole Graf --?
-Nach ihm mußte die Insel Olesland genannt sein, aber gerade über ihn
-fand sich in der Chronik nicht eine Spur. Er muß ausgerissen sein aus
-dem Gedächtnis wie Olesland, -- ja, von wem hörte denn überhaupt ich den
-Namen? Es muß doch wohl Domina gewesen sein. -- Ja, damals also hatte
-Hallig Hooge noch sieben Hügel, die nach den Hügeln Roms genannt waren
-von einem gelehrten Mann, -- wie hieß er noch? Archivarius Pontifex,
-Brückenbauer, Silas Pontifex hieß er. Auf dem Palatindeich stand der
-Deichhauptmann und rief alle seine Teufel zu Hülfe gegen die Flut, aber
-das half ihm nichts, Aventin und Esquilin und Palatin wurden
-nacheinander weggerissen, und als der Palatin stürzte, warf
-Deichhauptmann Waldemar Montanus sich kopfüber hinterdrein. Danach war
-die See gesättigt und zog sich zurück, aber im Abrollen brüllte sie noch
-einmal auf und nahm die ganze Wattseite mit fort samt dem Cälius. Ja,
-damals hörte das Watt auf, Watt zu sein, die See mit ihren Heeren ging
-geradewegs das Festland an und hämmerte auf die Deiche, -- bloß nach
-einigen Tagen kam Hallig Hooge zum Vorschein wie eine Nachgeburt des
-Unheils, der Name Olesland verschwand, und Waldemar Montanus ging dort
-um und drängte die Menschen in die See. Auf den noch übrigen Hügeln
-starben die Bewohner aus, Viminal ... ja, Viminal und Quirinal und
-Capitol müssen sie ja wohl heißen. -- Die See fraß einen nach dem
-andern, beim Fischfang kamen sie um, manche auf ganz fremden Meeren mit
-großen Schiffen, Waldemar Montanus paßte auf, -- er lockte ja auch den
-fremden Reisenden zu sich, anno Siebzehnhundertneunzehn soll es gewesen
-sein, der nicht an den Dränger glauben wollte, -- in der Chronik stand,
-daß es viel Aufsehens erregt habe, denn damals war doch die Wattseite
-schon offen; aber die Leute sagten, in den Nächten, wo Waldemar Montanus
-sich zeigte, wäre die ganze Insel wieder wie einst, der Deich ringsum
-geschlossen, und der Dränger, gegürtet mit Grauen, ließ den Furchtsamen
-nicht an den Deich, er mußte tiefer und tiefer in den Nebel hinein, am
-Ende kam das Entsetzen, und er rannte in die steigende Flut ...
-
-T., besonders durchschaudert, erschrak vor einem riesigen, schwarzen
-Schattenkoloß, der plötzlich vor ihm stand. Aber es war nur Lornsens
-Mühle, und sie war gar nicht so nah, mindestens hundert Meter
-landeinwärts stand sie auf ihrem Hügel, auf ihrem weißen Unterbau, zwei
-schwarze Flügelarme mächtig drohend in Lüften. -- Da unten in den Wiesen
-lief Jason al Manach heran, Magda lag dort in ihrem hellroten Kleid ...
-
-T. gewann sich wieder in dem Gedanken, daß unmöglich dieser immer
-gleiche, liebliche, freundliche Jason wie ein Don Quixote die Mühle
-attackiert haben könne, -- doch konnte er lange die Augen nicht abwenden
-von der unsichtbaren Stelle in der Dunkelheit, wo sie gestanden hatte
-und geschossen, dann umfiel und vor ihm lag, als wäre sie selber
-getroffen ...
-
-Langsam erlosch alles in T.s Hirn, während er sich umdrehte und wieder
-das rötliche Licht über der Schneefläche des Nebels gewahrte. Wer hauste
-denn dort und hatte ein Licht brennen mitten in der Nacht? -- -- Georg,
-der Astrolog, hatte ein furchtbares Bollwerk von Deichen und Buhnen aus
-Hallig Hooge gemacht, hatte die Sternwarte bauen lassen, das Jupiterhaus
-für sich selbst auf dem Capitol und das Gesindehaus auf dem Viminal oder
-wie er nun hieß (ich entsinne mich eines Plans der Insel, sie hatte
-Bollwerke wie eine Festung, Bastionen und Vorsprünge und über vierzig
-Buhnen bei einem Umfang von einer guten halben Gehstunde). Niemand
-wollte wissen, wie er gestorben war. Er hauste einsam mit seinen
-Sternen; mit dem Tage, wo Trassenberg seine Selbständigkeit verlor,
-verschwand er dorthin, sein Sohn kam jung um, der Enkel starb wieder auf
-Hallig Hooge, -- seit -- -- achtzehnhundertfünf --, ja, fünfundsechzig
-war es wohl, war Hallig Hooge unbewohnt geblieben. Dann bin ich wohl an
-der Reihe, dachte Telemach erbebend, und das Licht ist nur da, um mich
-zu erinnern und zu rufen ...
-
-Er schüttelte alles ab. Ich frage morgen Birnbaum, was es mit Olesland
-ist, und dann fahre ich selber hin, sagte er sich im Weitergehn, die
-weiße, chaussierte Straße hinunter neben der Pappelreihe. Doch hatte er
-es nun eilig, wieder ins Haus zu kommen, stockte nur einmal im Hofplatz
-vor dem Verwalterhaus, da der Wolfshund lautlos auf ihn zusprang, aber
-er ließ sich leise knurrend streicheln und ging wieder davon, T.
-nachsehend, der durch den Heckengang das Rasenoval erreichte und bald am
-Fuß der Terrasse stand, wo nichts sich verändert hatte, -- doch, die
-Urnen warfen nun Schatten, sah er im Aufwärtssteigen, und da war ja ein
-Lichtfaden im Laden! -- Onkel Salomon war noch an der Arbeit. T. war
-besonders gerührt. Indem er die Uhr zog, schlug über ihm der Uhrhammer
-einmal an; es war halb zwei.
-
-Er schloß leise die Tür zum Vogelsaal auf, wandte sich im Dunkel nach
-links, stieß, vermut ich, schmerzlich mit den Schienbein an einen Stuhl
-und erreichte die Tür. Leise öffnend trat er ein.
-
-An der langen Wand der Aktenregale brennt die elektrische Lampe unter
-ihrem grünen Blechtrichter und überstrahlt den Wust von Papieren,
-Aktenstößen und Mappen und Glanzpapierdeckeln, rot und gelb und blau.
-Davor, den grauen Kopf auf dem rechten Arm, der auf der
-Schreibtischplatte liegt, schläft der alte Salomon; der linke Arm hängt
-herunter, zwischen zweitem und drittem Finger steckt die erloschene
-Zigarrenhälfte. Der papierne Berg über ihm scheint sehr sorgsam auf
-seinen Schlaf zu passen, -- das Hörrohr über dem Telephonapparat ruht
-still wie ein Kahn auf hoher See, in der Nähe schwimmt als Boje,
-braunglänzend, die runde Platte der Briefwage. -- Ja, nun braucht es
-Posaunentriller und Böllergeheul, wenn er nicht von selber aufwachte.
-Der alte Mann atmet laut und tief. T. geht, aus Ehrfurcht mehr als aus
-Vorsicht, leise über den Teppich zu ihm hin, gerührt und beschämt seine
-Krankheit verwünschend, und hat, als er sich über den Schläfer beugt,
-das Gefühl, dies dünn emporstehende, lichte Haar, durch das die Kopfhaut
-glänzt, so daß er die Haarschatten hätte zählen können, küssen zu
-müssen. Es geht so nicht weiter, denkt Telemach, aber Mentor läßt sich
-ja nichts aus der Hand reißen, und wie soll ich wissen, wer die Arbeit
-machen könnte, wenn er mirs nicht sagt? -- Unter dem Arm des Schlafenden
-sehen gelbe Foliobogen hervor, ein weißer zuoberst, Telemach kann lesen:
-M. H.! Im Auftrage und in Stellvertretung Seiner Königlichen Hoheit und
-so weiter erkläre ich hierdurch den Landtag für wieder eröffnet ... Ach
-so, denkt er, Xylanders Vorlage zur Begutachtung ... Er klappt das Blatt
-in die Höhe und entziffert die kaum leserliche Bleistiftnotiz: Entw. z.
-Umw. v. T. i. prov. Landesdir. n. br. M. -- Was? Das hieß -- --, ja, das
-hieß? Er wollte Trassenberg in ein Landesdirektorium nach
-brandenburgischem Muster verwandeln ... Keine üble Idee, das würde
-allerhand Entlastung geben. Die ganze Verwaltungsschikane käme in eine
-Hand, und es bliebe für mich, -- ja für mich bliebe eigentlich überhaupt
-nichts mehr übrig als die persönlichen Geschäfte, und die macht
-Birnbaum. Telemach denkt angestrengt nach, aber um so heftiger weicht
-alles vor ihm zurück, und er befindet sich bald völlig im Leeren.
-Minutenlang geistlos starrt er so auf Mentors Kopf ... Willenlos hebt er
-diese und jene Mappe auf und findet zum Beispiel eine zum Einklemmen mit
-breitem festen Rücken und der Aufschrift: Täglicher Einlauf. Die behält
-er in der Hand, sieht sich nach einem Stuhl um, holt einen vor einer der
-Schreibmaschinen am Fenster fort, stellt ihn dicht an die
-Schreibtischecke und setzt sich und schlägt den Deckel auf. Briefbogen
-und Umschläge sind fest hineingeklemmt, es ist schwierig, mit Hin- und
-Herdrehn und Aufklappen, zu lesen. Da liest er nun zum Beispiel:
-
-Taubstummenanstalt Göhrde ... Einladung zur Feier des Zwanzigjährigen
-Bestehens und Besichtigung des Neubaus ... (Sonderbar! Da war >jemand<
-vom Gerüst gestürzt, -- da wurde ich geboren, ein Jahr später wurde sie
-... T. gewissermaßen schmerzlich versonnen, liest auf der nächsten,
-zugehörigen Seite verschwimmende Zeilen:) ... ehrfurchtsvolle Bitte, den
-Titel und die Würden eines Ehrenvorsitzenden des Vereins ... bisher in
-den Händen Seiner hochseligen Durchlaucht ... (T. schlägt das Blatt um,
-den Umschlag, der folgt, und liest:) Annenmagdalenenheim, Stiftung für
-lungenkranke Fabrikarbeiterinnen ... (Ach, Helene gründete sie, als
-Magda geboren wurde ...) Erhöhung des Anlagekapitals, da die jährlichen
-Kosten ... (Das kam doch aus Helenes Schatulle ...? Richtig ...)
-Vermächtnis Ihrer hochseligen Durchlaucht als noch nicht zureichend
-erwiesen ... (Ich bin ja Erbe, murmelt T., die Toten, immer die Toten
-... Er fühlt, wie ihm der Schweiß ausbricht, die Buchstaben flimmern ...
-Krank ... krank ... krank ... tanzt es ihm vor den Augen, er bezwingt
-sich besonders, -- warum: nicht zureichend erwiesen? Ach, es war ja halb
-abgebrannt, ein paar Tage vor -- vor -- -- vor was? -- T. starrt in die
-grelle Glühbirne, sieht die roten Fäden; vor dem großen Tralla, flüstert
-jemand ihm zu, und er begreift. Er nimmt bewußtlos die Hand von dem
-Blatt, schlägt den nächsten Briefumschlag um, senkt die Augen auf die
-Seite und liest:) Oberförster -- -- unleserlich. In Blankenheide ...
-einen neuen Plankenzaun notwendigerweise, weil mir sonst die Bauern das
-Wild totschlagen, was übrigens nichts schaden könnte -- ungerechnet, daß
-sie es meist nicht richtig tot kriegen und ich dann die Schweinerei im
-Jagen fünfzehn herumliegen finde -- (Der schreibt ja einen haarigen
-Stil, meint wohl noch, jemand vor sich zu haben ... Also warum: nichts
-schaden könnte?) -- -- herumliegen finde, Klammer, weil es doch kein
-Mensch abschießt. (Blankenheide? Blankenheide gehörte zu
-Dannel-Biebereck, Tante Henriette war kein Nimrod, Onkel Anton auch
-nicht, der Namenlos hatte die Verwaltung und haßte die Schießerei im
-Treiben. Aber es liegt ja an der Grenze, Schley kann hinübergehn, --
-richtig! -- T. findet im Weiterlesen den Satz:) ... da mir die _p. p._
-Beuglenburgschen Bauern wieder ein Stück von Jagen fünfzehn abschneiden
-wollen, und die _p. p._ Prozesse ... (soll wohl heißen: die verfluchten
-Bauern beziehungsweise Prozesse?) ... ja doch immer zehn Jahre dauern,
-so möchte ich ehrerbietigst _p. p._ -- (schon wieder! so'n Pepe scheint
-ihm für alles gut zu sein!) -- anraten, die Grenze doch gleich ein für
-allemal vier Meilen westlich zu legen, indem ich dann Beuglenburgisch
-werde und ein für allemal die Ruhe habe. (Georg dreht -- matt lächelnd
-das Blatt um. Was kommt nun für ein Fetzen? Er sieht nach der
-Unterschrift, wie von einer Kindeshand gemalt:) Bombe, Kätner und
-Kesselflicker, -- (ja, sie müssen jetzt doch jeder eine Firma haben ...
-Was will er denn? Kann die Pacht nicht zahlen, -- ach, der scheint zu
-Helenenruh zu gehören. Bombe? Natürlich, der klebte doch
-Invalidenmarken, und der Sohn war -- war Vorarbeiter bei Haupt und
-Ungefesselt, Dampframmen und ... verdiente fünfzig Mark die Woche und
-war nicht verheiratet.) Kuh gefalen ... ale Katoffeln Faul, -- liest T.
-weiter, -- Frau Hochgratig Magen Leident ... anliegent At --
-Apothekerrechnung soll das heißen. Georg findet das Blatt. --
-Opiumtropfen -- Opiumtropfen -- Opiumtropfen ... Lezithin, drei
-Flaschen, Summa acht Mark neunzig, abzüglich Kassenprozente fünf Mark
-und fünfzehn Pfennige, -- ob ich das zahlen kann? -- T. trocknet sich
-die mittlerweil triefende Stirn, langt einen Bleistift aus der Schale
-vom Schreibtisch und schreibt: Bezahlen! auf das Blatt; seine Hand klebt
-beim Schreiben, er muß husten und liest umblätternd weiter: Verein
-ehemaliger Königinhusaren ... 23. Stiftungsfest ... Weiter: Elisenhütte,
-Einladung zur Aufsichtsratssitzung ... Verteilung der Dividende ... T.
-klappt die Mappe zu, legt sie leise auf den Tisch und sitzt, das
-Taschentuch in den Händen; lockert den Schal vorn am Hals und starrt
-trübe vor sich hin und denkt bloß: Ein Fünftel vom ganzen Einlauf, und
-schon kaputt ...
-
-Wozu all das, wozu? Geld ging hinaus, Geld kam herein! Warum kann ich
-nicht auf all das verzichten? Birnbaum machts ja doch Vergnügen, er
-kennt nichts andres, er weiß überhaupt nichts andres, es ist seltsam und
-unbegreiflich, aber sein Leben besteht darin, und er fühlt sich wohl,
-abgesehn von seinen Sorgen, die aber nicht durch dieses bedingt sind.
-Eine Abendstunde mit Dickens, ein Gespräch mit seiner Frau, ein
-Spaziergang am Schabbesabend, tausend Schritt genau bis Lornsens Mühle,
-Schachspiel, -- das sind seine Freuden, und dann -- ja, dann ist ihm
-wohl das Ganze durchwärmt und vertieft durch Liebe, zu ... zu mir ...
-und er würde es nicht fassen können, wenn ich die Hand davon abzöge. Er
-dient, und es ist ihm Wonne zu dienen, und ich --
-
-Womit es denn nun wohl genug sein dürfte. Das ist ja alles bloße
-Quälerei.
-
-Es hat aufgehört zu regnen, wie ich sehe, ich hätte Lust, nach Hallig
-Hooge zu fahren. Also dieser Maler Bogner haust, wie ich nun erfahren
-habe, dort mitsamt Ulrika, -- man trifft doch überall die selben Leute.
-Vielleicht störe ich ihn. Wer nach Hallig Hooge zieht, den zog
-vermutlich Einsamkeit. Ich glaube, jetzt schreibe ich ein Gedicht.
-
- Noch ist es hell und rein
- Hoch in den Räumen, --
- Schon bricht die Nacht herein
- Unter den Bäumen, --
- Schlafen und stille sein,
- Nicht einmal träumen ....
-
- Dunkel, o Dunkel, ohn
- Arg dir ergeben,
- Fühl ich die Gottheit schon
- Über mir schweben:
- Schlaf, gieb die Mohnenkron',
- Sanfter zu leben.
-
- Wacht nun der Himmel, der
- Goldengeäugte?
- Auge, du fragst nicht, wer
- Jetzt dir noch leuchte.
- Nacht ist, nur Nacht umher,
- Göttergezeugte.
-
- Tief in die Dunkelheit
- Antlitz vergraben,
- Träume, wie fern ihr seid,
- Flötende Knaben!
- Abgrund der Schweigsamkeit,
- Dich will ich haben.
-
-Und endlich denn am Ende von allem das Unumgängliche: der ewige Sturz.
-
-Auf die Knie an dem Bett unterm Emmausbild, und endlich schrei dich aus,
-verzweifelnde Seele! Schrei aus die Schuld und den Gram und die Not,
-immer schrei aus den verbotenen Namen, schrei: Ich kann nicht mehr!
-schlag an die Brust, jammre nur los, und lasse dich endlich durchstoßen
-von der verruchten Wollust immer des einen Gedankens: Oh Glück, oh
-Glück, daß der Träger des heiligen, verbotenen Namens doch nicht war,
-was er hieß! Daß ich nicht bin aus dem Blute dessen, des Blut durch mein
-Verschulden vergossen ward! Oh, daß heute mein Glück sein muß, was
-jahrelang Jammer und Elend war: nicht der Sohn zu sein ...
-
-Und endlich das letzte Flehn: Wenn es einen Weg giebt, doch immer noch
-einen Weg zu dir: gieb ein Zeichen, komme im Traum, erscheine, wie du
-willst, aber gieb ein Zeichen, daß du noch bist, denn ich glaube es
-nicht mehr!
-
-
- Drittes Kapitel: Oktober
-
-
- Insel
-
-Renate erwachte in Helenenruh vom lauten Zusammenschrein der Stare in
-den Bäumen mit einem fast schweren Gefühl des Wohlseins. In
-augenblicklicher Wonne des Erkennens: Nun ist alles, alles wieder
-abgefallen ... spürte sie sich noch aus dem Schlummer liegend
-heraufgehoben, spürte, wie er dünner und leichter um sie wurde, endlich
-aus ihr selber fortrieselte. Und nun empfand sie ihr ganzes Wesen wie
-durchduftet, gesättigt mit einem wundervoll kühlen Dampf, der
-ausquellend um ihre Glieder lag. Sie warf die leichte Steppdecke ab,
-setzte sich auf und sah nach dem Fenster, wo die klaren Mullvorhänge
-unbeweglich hingen, obgleich es offen stand, -- nicht ohne leichtes
-Enttäuschtsein, denn da schien keine Sonne, es war grau. Die Stare
-schrien immerfort an derselben Stelle. Auf einmal zog ihr Herz sich
-empfindlich zusammen unter einem Bangigkeitsanhauch, der sehr langsam
-wieder entwich, und danach blieb ein Gefühl, als müßte einer ihrer Sinne
-beeinträchtigt sein oder gar verschwunden -- und doch war da jeder:
-Gesicht wie Gehör, Geruch und Geschmack, und sie fühlte sich auch! --
-Die andern aber hatten sich zu einem süß brausenden Chaos von Musik
-vereint, das in ihr brodelte wie eine innere Sonnenwärme, und dies wars,
-wovon sie für Augenblicke blind, für Augenblicke taub zu sein glaubte,
-und die Stare waren jetzt kaum hörbar oder ganz fern.
-
-Sie streifte das Nachthemd von der linken Schulter und versuchte, den
-nackten Oberarm an das Ohr zu halten, im Gefühl, sie müsse es darin
-dröhnen hören wie in einer Stimmgabel. Dabei neigte sie den Kopf und
-rührte unversehens mit dem Kinn an die Schulter, zuckte aber, kaum daß
-sie die weiche und kühle Glätte spürte, zusammen wie unter einem
-magischen Schlage, streifte den Ärmel wieder hoch, sprang vom Bett, ging
-zum Fenster und teilte vor dem offnen den leichten Vorhang.
-
-Draußen war nichts als ein undurchdringlich dichter weißer Nebel von
-unbeweglicher Stille. Erst nach einer Weile erschienen schattige Massen
-darin, zwei große Bäume, und von dorther lärmten die Stare.
-
-Diese Welt schien so geheimnisreich, daß Renate sich überneigte, um zu
-sehn, ob die Hecke noch da war, und richtig, da war die sehr stille Wand
-von rauhen Haselblättern, matt glänzend von schwerer Nässe, dunkelgrün
-und vielfach bräunlich gesprenkelt.
-
-Als sie aber nach oben sah, verriet ihr ein ganz geringes Blenden die
-Reinheit des Himmels über der Nebeldecke, in der so viel Blau war wie in
-frischer, gewaschener Leinwand.
-
-Baden jetzt, ah in diesem Nebel baden! wie still würde die See sein! --
-Renate hatte augenblicks das Nachthemd abgestreift, den daliegenden,
-dunkelgrünen Trikot angezogen, dann die Sandalen mit goldenen
-Wadenbändern angelegt, worauf sie in den seegrünen Bademantel schlüpfte
-und die grüne Gummikappe in die Hand nahm. Die Uhr im Armband, das sie
-überstreifte, zeigte ein Viertel nach sieben.
-
-Im Nebenzimmer stand ihr Frühstück bereit, doch nahm sie nur, um nicht
-ganz nüchtern zu sein, einen Schluck warmer Milch und ein Stück Weißbrot
-mit Honig zu sich, das sie noch im Fortgehn fertig kaute.
-
-Wie klein war dann der Hof vor dem Verwalterhause! Kein Mensch ...
-Schweigen, und nur vor der roten Hauswand bewegte sich ein Schatten, der
-Hund, der vorkam, soweit es seine Kette erlaubte, wedelte und ihr
-nachsah, die leichtfüßig am Gartenzaun hinlief und, an seinem Ende nach
-links biegend, durch das lange, nasse Gras der Wiesen in den Nebel
-hinein. Es war so lautlos um sie her, daß sie stehen blieb und sich
-umsah. Deutlich in den Nebel hinein zog sich eine dunkle Furche dort,
-woher sie gekommen war, aber zu hören war nichts als das Schlagen ihres
-eigenen Herzens; dann das leise und spitze Ticken der Uhr.
-
-Sie ging weiter, angenehm frierend in der Morgenkühle; unter dem Nebel
-erschien die sanfte Schrägung des Deichs, die sie alsbald erstieg mit
-einer leisen Besorgnis: wenn jetzt nur nicht Ebbe ist! -- Sie stand oben
-und sah die schräge Mauer der Quadersteine mit grünen Fugen von Tang
-hinab. Nein, da war das Wasser, dunkel, unbeweglich! Ohne Laut war es
-bis hier herangekommen. Zu sehen war nur wenig von ihm, alles verbarg
-der Nebel, in dem allhier ein geisterhaftes Fliegen und Bewegen war,
-ohne daß die Dichte und Undurchsichtigkeit sich dadurch änderte.
-Zerfließend weiche Füße tanzten auf der dunklen Glätte der Flut. Die
-ganze große See war nicht vorhanden.
-
-Renate konnte die Höhe des Wasserstandes an der Entfernung von ihm bis
-zur Deichkrone messen. Sie warf den Mantel ab und legte die Uhr darauf.
-Als sie wieder gerade stand und die Luft an den Umrissen ihrer Glieder
-fühlte, mußte sie lächeln mit zusammengezogenen Augen. Sie zog die Kappe
-fest über das Haar, stieß dann die Arme wagerecht von sich, dehnte die
-Brust, legte den Kopf ins Genick und blieb so Sekunden, mit schon
-schärfer geblendeten Augen spürend, daß hoch über ihr ein Hauch von
-Bläue sich regte. Plötzlich gluckste das Wasser in der Tiefe. Sie senkte
-den Kopf, verscheuchte den Schauder vor dem Kalten, lief behutsam drei
-Viertel der Schräge hinunter und warf sich über den Rest hinweg laut
-klatschend in die Flut.
-
-Aber -- oh tausend Teufel! -- sie schrie und schnaubte vor Schreck, wie
-eisigkalt das doch war! Sie schwamm heftig, merkte, als sie nach einer
-Weile die Füße sinken ließ, keinen Grund mehr unter sich, drehte sich
-halb zurück und schwamm nun, die Linie des Deiches achtsam mit den Augen
-haltend, in langen Stößen die Füße schließend, übergreifend mit dem
-rechten Arm, am Ufer hin, den Kopf schüttelnd und leise prustend nach
-jedem Stoß, wie alle rechten Schwimmer es machen. Als sie das Wasser lau
-um sich her fühlte, drehte sie um und schwamm so weit zurück, wie sie
-gekommen zu sein glaubte, legte sich auf den Rücken und erreichte so
-bald den Deich.
-
-Kaum mehr als zehn Minuten konnte sie im Wasser gewesen sein, und doch
-war, als sie wieder oben stand und sich frierend und triefend nach ihrem
-Mantel umsah, alles schon verändert. Wind wehte jetzt. Die Sicht über
-die Wiesen hin war freier geworden, die Zäune sichtbar, und in der Höhe
-bewegten sich flüchtende blaue Löcher im Weißen. Und als Renate ihren
-Mantel entdeckt, ihn an- und den Trikot darunter ausgezogen hatte, war
-die Uhr fast acht, war die Sonne als matte Goldscheibe hinter der weißen
-Wand zu erkennen, und war sie selber vom Frottieren so brodelnd heiß wie
-ein eben neugeborenes Brot aus dem Ofen.
-
-Voll Behagen schlenderte sie noch eine kleine halbe Stunde --
-gedankenlos wie ein Pferd, wie sie meinte -- am Deichrand hin und her,
-See und Himmel beobachtend, die immer blauer wurden und immer freier,
-und dann lief sie plötzlich in größter Eile ins Haus zurück, um sich
-anzukleiden und zu frühstücken, jählings ersterbend vor Hunger.
-
-Später dann, als vom Nebel auch nicht eine Spur mehr weit und breit zu
-entdecken war, fand sie sich auf einer guten Kamelhaardecke ausgestreckt
-im nebelnassen Gras unter den äußersten Zweigen der Parkeichen, vor sich
-die Wiesen, grau taugestreift in der Morgensonne, wehend von Halmen und
-den letzten Margueriten bis in die offen feurige Bläue des Himmels
-hinein. Sie holte den kleinen Kamm hervor, den sie im Strumpfband zu
-tragen pflegte, und eine gute Stunde verging ihr mit dem Auflösen ihrer
-um den Kopf gelegten Flechten und sorgsamem Kämmen, stückweis erst von
-oben bis unten hin, dann der langen Schweife, die sie in der Hand
-hochhalten mußte, in großen Strichen, wonnevoll spürend, wie die Masse
-weicher und lockrer sich dehnte und es darin knisterte von elektrischer
-Kraft.
-
-Später saß sie auf ihrer Decke mit hochgezogenen Knien, die Hände um die
-Fußknöchel geschlossen, während der leichte Mantel ihres Haares um sie
-wehte und sich zerteilte im behutsamen Wind, und vergnügte sich damit,
-in den Ausschnitt ihres Kleides über ihre Brust hinunter zu blasen.
-
-Später lag sie, schmal und lang hingestreckt, die Arme über der Brust
-gekreuzt, das Gesicht von der Sonne abgewandt, aufgelöst in Erd- und
-Himmelswärme, und dachte, halb schon im Schlaf: Nun bin ich so rein wie
-die Welt! --
-
-Dann entschlief sie beruhigt.
-
- * * * * *
-
-Irgendwie war es Nachmittag und Abend geworden. Renate ging in einem
-weißen Kleid auf den gewundenen Wegen des Parks umher zwischen
-tiefgrünen Flächen der von Bäumen und Gebüschen langhin überschatteten
-Wiesen, -- jetzt innerlich nur tief hinabgeneigt über die immer noch
-unvollkommene Musik, die dort unerlöst wogte, nicht näher kommen, nicht
-deutlich werden wollte. Kaum daß sie hier und da einmal aufsah und es
-bemerkte, wenn eine große Gruppe von Buchen ein plötzliches und
-gewaltiges Rauschen begann, laut zusammenredend, vorwurfsvoll, wie ein
-Chor, während sie die laubigen Arme und Glieder schüttelten, von denen
-flüchtende Blätter seitwärts hinunterwehten über die Wiese. Oder wenn
-eine Schar weißer Birken die ganze leichte Masse goldgelben Laubes
-hochausgestreckt ins blaue Leuchten der Höhe hineinwarf, in einer
-feurigen und weiblichen Gebärde des Fortverlangens. Für Augenblicke dann
-betroffen, zuckte sie mit, gleich nach innen wieder gebeugt, fast
-verstimmt, weil die Musik in dem Innern geringer vernehmbar geworden
-schien.
-
-Als sie dann vor der kleinen Brücke zur Insel stand, fühlte sie sich
-angesichts der mächtigen, schattenvollen Masse der Baumkuppeln von einem
-unerklärlichen Zaudern ergriffen, ja, von einer Angst, so daß sie sich
-selbst hinüberlocken mußte mit dem Gedanken an das Grab der Herzogin,
-und fast hinüberziehn mit der einen Hand am Geländer. Drüben stehend,
-gewahrte sie zum erstenmal das kleine Rad der Winde, trat hinzu, begann
-zu drehen und sah mit Verwunderung die Brücke sich bewegen und
-hochsteigen, bis sie im Winkel von dreißig Graden stillhielt.
-
-Nun bin ich allein! dachte sie, jedoch nicht eigentlich erleichtert, und
-ging leise in den schmalen Gang zwischen dem Buschwerk hinein.
-
-Da lag die Wiesenmulde, ganz im Schatten, so einsam, so abgeschlossen im
-Ring der Bäume wie in der Tiefe eines Waldes. Nichts bewegte sich, kein
-Blatt an den dichten Zweigen der braunen Trauerbuche, an deren Stamm das
-eherne Schild kaum noch zu sehn war im Düster des Laubes. Darunter
-nichts als ein besonders grüner, geschorener Fleck im Gras: das war das
-Grab.
-
-Hier dämmerte es schon. Renate sah die ganze Mulde kaum wahrnehmbar
-übersprenkelt von den lila Flecken der Herbstzeitlosen. Sie sah, die
-Augen hebend, den Himmel oben im Kranze der Wipfel wie einen ganz
-seligen See von Bläue, überrieselt von güldenen Funken, und ein
-einsamer, weißer Fittich, vergoldet, streckte sich hinein, als stünde im
-Jenseits ein Engel. Dann empfand sie die Wärme hier, dunstiger,
-feuchter, und auf einmal glühte ihr ganzes Gesicht.
-
-Da stand zur Linken auf der niedrigen Anhöhe unter Kastanien der kleine
-Tempel von Rokokochinesisch, aus Baumrinde und längst ohne Glöckchen;
-langsam ging Renate hinüber und trat in das Innre, in dem nichts war als
-ein Sessel mit verblichener, grünlich goldiger Damastbespannung. Renate
-glitt hinein und fand, daß sie gerade gegenüber die Blutbuche mit dem
-Namensschild hatte. Plötzlich entdeckte sie auf dem Fußboden den
-plattgetretenen Rest einer Zigarre, erinnerte sich, daß der Herzog hier
-oft gesessen hatte, und daß er nun auch tot war.
-
-Für eines Augenblicks Dauer, angehaucht von den Toten, ward ihr das Herz
-schwer, und sie fröstelte. Schwerer aber dann empfand sie ihr Haar,
-zögerte noch eine Sekunde, löste Spangen und Nadeln, schüttelte den Kopf
-und fühlte erfreut die Erleichterung der zum Rücken fallenden Last von
-Zöpfen.
-
-Aber nein, das war es ja nicht gewesen! Oder es war doch nicht genug!
-Ihr Kleid war das Drückende, und sie glühte, und im nächsten Augenblick
-hatte sie die ganze geringe Bürde der zwei Röcke und Wäsche von sich
-gestreift und auf den Sessel gelegt, leise, als dürfe niemand es merken.
-Sie legte Schuh und Strümpfe hinzu und ging dann halbgeschlossenen
-Auges, die Hand um die linke Brust und mit dem unsicher weichen Gang der
-ungewohnten Nacktheit im Freien, erst nur bis zum Türpfeiler, den sie
-umfaßte, und an dem hin sie sich selber hinunterdrängte, sich hingleiten
-zu lassen ins Gras.
-
-Augenblicks durchrann ihren ganzen Leib ein magischer Schlag von solcher
-Gewalt, daß ihr Herz stand. Dann lag sie angeschmiedet, hineingefügt in
-die glühende Erde. Schon fühlte sie weit am Ende ihrer ausgebreiteten
-Arme, so weit wie am Himmelsrand, ihre Hände schreckenvoll vergrößert,
-und nicht Gräser, nein Gesträuche, nein Bäume wuchsen zwischen den
-Fingern hervor, ihre Finger waren Wurzeln, sie dehnte sich, aus riesigem
-Gewipfel über ihr stürzte Finsternis und Gold, da war ein gewaltiges
-Gesicht, da brauste es aus ihren Fingern nach oben, reißenden Himmeln zu
-und hinein, es brauste herauf durch die Arme zu den Schultern, daß sie
-schmerzten. An ihrem Rücken war die ganze Erde, ein andrer, ein riesiger
-Rücken, ein ungeheures Tier, das sie trug, hinwandelnd langsam durch
-ungemessenen Raum, und dann war auch dies nicht mehr, wieder Ruhe, und
-nur das langsame ächzende Drehen der Kugel, mit der sie eines wurde.
-
-Unaufhörlich aus dem Himmel über ihr fielen blaue Stücke mit goldenen
-Rändern und zergingen lautlos an ihr, aufbrennend in Flammen sonder
-Asche und Rauch.
-
-Ein Angstgefühl, das nicht menschlich war, ergriff sie jetzt. Sie lag
-bewegungslos, sie wollte sich aufrichten, sich losmachen, allein
-umsonst. Jetzt, dachte sie plötzlich, jetzt geht der Gott durch den
-Wald, jetzt steht er im Tal, jetzt sieht er herauf! Sah er mich? Ach!
-
-Unter dem qualvollen Zwange, sich aufzurichten, gab es in ihr einen Riß,
-und langsam, erstaunend, erhob sich die sanfte, feierliche Seele aus
-ihr, sah sich um ohne Bangigkeit, sah hinunter vom Gipfel des Gebirges
-über das gewaltige Land, zu andern, schweigsamen Bergen voll Dunkel hin,
-über den abendlichen Strom, über die ewigen Hügel von Grün; atmete das
-Gold ein der regungslosen Lüfte, der unendlichen Abgeschiedenheit, und
-sie erkannte mit einem Schluchzen, süß betroffen, ihre Heimat.
-
-Dann saß Renate aufrecht und gewahrte deutlich drüben zwischen der
-braunen Buche und der Fichte in der schwarzen Dämmrung ein weißes,
-menschliches Gesicht, klein, sanft, ewig, -- und sie schrie auf aus
-tödlich entsetztem Herzen: Ech-en-Aton!
-
-Da begriff sie: der da kam, war Saint-Georges, aber das war ein und
-derselbe! -- Und noch zitternd, übermenschlich sich wehrend gegen den
-Kommenden, schmolz sie schon hin, schmolz hin zu seinen Füßen, lag hin
-vor seinem Nahesein, und das Niegekannte, das Niegewußte, das
-Niegeglaubte, das Gefühl über allen Gefühlen, seufzte sich los aus dem
-Stein, nicht mehr Lust, nicht mehr Grauen, ein beides in ungeheurer
-Majestät nur Dasein grenzenlos, Süße grenzenlos, und mit dem Herzschlag
-des Wissens: es kam! und: es ist da! vergingen Leib und Seele ihr in das
-strömende Schluchzen, mit dem sie ihn empfing.
-
-Da rauschte nieder zu ihr alles Leben der Höhen und vereinte sich mit
-den aufwärts stürzenden Tiefen. Über sie hin ging ein Regen von Küssen,
-in dem sie sich löste, und sie war eine Wolke von Küssen um den Gott.
-Bäume, brausend, warfen sich mit herunter zur Umarmung mit tausend
-Zweigen; herunter zu ihr schmolz der Himmel, herunter taumelten Schwärme
-von Gefieder, in unterirdischen Strömen ihres Blutes zogen Geschwader
-silberner Fische noch stumm, Vögel mit Fittichen von Sternen bewegten
-sich versuchend in ihrem Haar, auf und nieder wogten die Berge, wartend
-auf das Zeichen zum Aufbruch, da stand das riesenhafte Einhorn
-schneeweiß auf einer Silberzacke und senkte das Horn auf ihr Herz.
-
-Eine Fanfare von Schmerz, ein ungeheurer Leib auf dem ihren, der sich
-regte, und so zog durch ihren Schoß ein die Orgelbrandung des
-himmlischen Sterbens. Noch verbrannte an der Berührung eines Mundes ihr
-Mund zur zitternden Narzisse, und eines Schlages war die Stummheit aller
-Kreatur aufgelöst in ihrer Umarmung zu schallender Harmonie. Es
-lobsangen in den Höfen die Engel, in den Lüften die Vögel, hinschweifend
-ohne Pfade, in den Bergen tönten die Erze, auf den Bergen die Wälder,
-Gebrüll der reißenden Tiere in Tälern ward Gesang, Heerscharen der
-Fische zogen musizierend nach Sonnenaufgang, und in Strömen und Quellen,
-in Teichen und Wasserstürzen standen Orgeln und wandelten Harfen,
-erklingend, erklingend, ewige Tage lang, bis aus dem unsterblichen
-Abend, einsam, die Flöte des Hirten Frieden blies, über Dämmerung, durch
-das Finster, und ein Stern ging auf.
-
-Es war Nacht. Fremde Bäume rauschten gedankenvoll. Eine Kühle ging
-nachdenklich aus dem schwarzen Dickicht hervor, breitete die Arme und
-verhauchte schaudernd den Geist. Schonungsvoll zerfiel eine gealterte
-Vollkommenheit. Das dunkle Tier irrte zackig umher. Langsam fielen
-eisigklare, ruhige Tränen.
-
-
- Aus den Papieren Georgs
-
- Auf Hallig Hooge
-
-Mir scheint, ich bin ruhiger geworden. Sollte das die Wirkung dieser
-ganz grünen Insel sein, auf der ich nun hause? Wir sind heute nicht
-abergläubisch mehr, und im Gegenteil, was diesen Telemach anbetrifft, so
-machen ihm die Geister und die Toten beziehungsweise ein gewisses
-Behagen. Übrigens sind ja auch Lebendige vorhanden, obschon auch diese
-besondre Untertanen des Todes, sein Zeichen tragend an der Stirn:
-Bogner, den er eben aus seinen Reichen entließ, und Ulrika, die -- ich
-hoffe -- nur hindurchgehen wird. Nur das Mädchen Cornelia scheint
-munter.
-
-Der notwendige Hauptmann, den sie mir mitgegeben haben, scheint sich gut
-ertragen zu lassen; er schweigt. Birnbaum wird ihn ausgesucht haben. Da
-er bürgerliche Kleidung angezogen hat, könnte er der Pächter dieser
-Insel sein, seit langem: Einsamkeit steht um sein bartloses Gesicht wie
-ein fester Bart, gut und ruhig sind die Augen, immer scheint er zur
-Teilnahme bereit. Doch er schweigt. Ein wenig hat er etwas Russisches,
-vielleicht ist er Balte; die Sprache verriet nichts.
-
-Ja, hier kann man leben und sterben! dachte ich schon im Segelboot auf
-der Fahrt.
-
-Ja, so gieb nach, Georg, gieb einmal nach und sag es! Sage, wie
-unbeschreiblich es dich schon ergriff auf der Fahrt. Vom Festland der
-weiche, emsige Wind trieb das Boot in gerader Fahrt, weich reitend über
-die dunkle bläuliche See. Und da, wie vor dir nur Himmel noch war, zu
-sehen, ja fast schon zu fühlen die grenzenlose und berauschte Seligkeit,
-die seiner Umarmung mit dem Ozean ausstrahlt, -- großes, locker
-bewegliches Getümmel grauer und weißer Wolken überm blauen Grund, und
-die Wasserwüstenei, kalt, nicht weit zu überschaun: unwiderstehlich
-preßte da der kühle, brausende Odem der Göttin sich in deine Brust,
-verdrängend den kranken Menschenatem drin, bis es nur der ihre noch war.
-Oh ruhiges, mildäugiges Leuchten der Nachmittagsstunde, schräge von oben
-durch die Breschen der himmlischen Wanderung! Oh wieder empfindliches
-Zittern beim Eintauchen in ihre leiblosen Schatten! Oh wieder
-Entschweifen weithin und voraus des entfesselten Blicks! Bis wieder ein
-Festes dem Auge sich bot, und plötzlich entzaubert das Inselgebirge sich
-schwimmend erzeigte ganz grün.
-
-Wenn ich nun die Augen schließe und mir die Insel vorstellen will,
-erscheint sie mir besondrerweise immer aus der Vogelschau, -- erhob mich
-so mein Gefühl? -- Ich sehe den kreisrunden grünen Kranz des Deiches aus
-einer wolkigen Höhe, fest hineingefügt in die ungestüm daraufzu und an
-zwei Seiten vorübergewälzte dunkle See; sehe die leere Wiesenmulde im
-Kranz, und sehe, daß sie ein Amphitheater ist, diese Insel, denn an der
-Wattseite fehlt ein Stück des Deiches, dort ist flacher Strand, und dort
-zur Linken, schräge hinter dem Deich, liegt das Gesindehaus,
-langgestreckt, mit seinem schwarzmoosigen Schilfrohrdach, etwas erhöht,
-überwölbt vom einzigen Baum, dem Birnbaum voll kleiner, glänzend grüner
-Früchte, dahinter Gemüsefelder. Vom offenen Strandstück quer durch das
-grüne Tal führt ein getretener Pfad ganz grade zum >Kavalierhaus<, das
-übrigens dem Gesindehaus gleicht, außer daß es Fachwerk ist, weiße,
-jetzt schwärzliche Balken mit blauer, jetzt weißlicher Füllung, während
-das andre ganz rot ist, in dem seinerzeit die Begleitung des
->Astrologen< wohnte. Und keine dreihundert Meter östlich von ihm steht
-der achteckige Turm der Sternwarte oben auf dem Deich.
-
-Ich glaube, ich zitterte seltsam, als ich wieder den festen Boden
-betrat. Ja, hier läßt es sich leben und sterben ... Die schrägen, an der
-Außenseite vom Seetang ganz begrünten Wände des Deiches stiegen haushoch
--- und das scheint berghoch dahier vor der riesigen Fläche. Vom Winde
-war plötzlich kaum ein Hauch mehr zu spüren, es war rätselhaft still.
-Rechts, am innern Abhang des Deiches, wo er endete, waren zwei weiße
-Ziegen angepflockt, die bei meinem Anblick sofort entgeistert die Bärte
-hoben, sich ungemein wunderten und sich verabredeten, so weit näher zu
-stelzen um ihren Pflock, als es die Kette erlauben würde. Menschen waren
-nicht sichtbar, und so ging ich in die tiefe, grüne Stille des Tals
-hinein, abgeschlossen von aller Welt durch die berghohe Umwallung, deren
-westliches Stück eine breite Schattendecke in das Innere legte.
-
-Das Haus, auf das ich von ferne zuging, ist gebaut wie alle Bauernhäuser
-der Landschaft, langgestreckt; ein Mittelstück ist überhöht, links sind
-die Stallungen (hier freilich keine), rechts die Wohnräume; Vorder- wie
-Hintertür in der Hausmitte sind zerteilt, so daß die obere Hälfte sich
-allein aufschlagen läßt und man darin lehnen kann.
-
-Wie freundlich leuchteten mir im Näherkommen dann das Blau und Weiß des
-Hauses im tieferen Licht und im Blumengarten davor Gebüsche von rosigem,
-weißem und ziegelrotem Flor! Ich glaubte, wieder wie einst, das große
-Wandern der Sonne spüren zu können und wieder Raum in meiner Brust.
-
-Als ich dann zum Hause gelangt und zur Linken um seine Ecke gebogen war,
-hatte ich dies unvergeßlich scheinende Bild:
-
-Zwanzig Schritte hinter dem Hause wieder die hier gelindere Steigung des
-Deichs, -- rundum schließend wie ein Ende der Welt. Hoch oben stand,
-noch ganz am Rande, die Gestalt der Cornelia, die ich gleich erkannte,
-obwohl sie schräg von mir abgewandt stand nach der See, ganz leuchtend
-vom feurigen Sonnenschein, im blauen Kleidrock und weißer Bluse und in
-einer Haltung, als ob sie im Gehen festgewurzelt wäre. Ein paar Schritte
-weiter rechts saß, zur See gewandt wie sie, auf einem Feldstuhl ein
-grauhaariger, unbekannter alter Mann, in dem mich erst Erfahrung zu
-meinem tiefen Erschrecken den Maler Bogner erkennen lehrte, -- und Beide
-über der grünen Wand waren wie vor einer sattblauen, vor dem leeren
-Himmel, ganz nahe davorgesetzt. -- Und dann, wie ich wieder nach unten
-und zur Rechten sah, gewahrte ich auf einer Bank vor der Hauswand Ulrika
-Tregiorni in einem grünen Kleid, die Hände im Schoß, sitzend in einer
-solchen Ergebenheit, so sich hineinfügend in die Tiefe, über der droben
-die beiden Andern feierlich eifrige Ausschau hielten über ein
-unsichtbares Land, -- daß es schmerzlich zu sehn war.
-
-Unbeschreiblich war dann die Freude des Malers, als ich seinen Namen
-rief. Wie er sich umdrehte im Sitzen; wie sein gealtertes Gesicht sich
-veränderte in der Freude; wie er aufstand und die Arme nach mir
-ausstreckte wie ein Vater -- leider im Stehen noch verkrümmt infolge der
-fehlenden Rippe --; wie ich zu ihm hinauflaufen mußte und er fast
-weinte, -- ach, ich fürchte doch, dies ist mehr erschreckend als
-erfreulich, denn früher war er alles andre als weich. Mir aber blieb
-alles nach in der Brust und so, als ob unmerklich eine Seele wieder sich
-bilde, von weicher Wasserfaltung erwacht, zartes Korallengeäst in dem
-Dämmer der Tiefsee.
-
-Ich bin also in den besondren Turm eingezogen und so weiter, -- ich weiß
-nicht, mir wird auf einmal wieder so unruhig ...
-
- * * * * *
-
-Ah, haha! _Rideamus, amici!_ Nun lustig, lustig, _rideamus_, und die See
-brüllt dazu wie besessen, denn warum? Ein neuer Aspekt des Todes,
-jawohl, jawohl, jetzt hätten wir alles besonders beisammen, _rideamus
-nunc_, was stellt sich heraus? was fördert sich, was muß ich selbst
-zutage fördern, wie ich nämlich mit Ulrika und Bogner abendlich dämmernd
-zusammensitze und keiner was zu sagen weiß und ich deswegen nach Irene
-frage? Dieselbe ist wieder im Kloster und warum? Nach einem endgültigen
-Endkampf mit diesem besondren Klemens haben sie sich zur süßen Liebe
-entschlossen, aber deswegen keine lieblichen Gefühle -- nein, bloß nicht
-weich werden! -- sondern er stößt sie von sich, jedoch -- das ist nicht
-meine Sache, aber wie es entstand, das ist die besondre Frage, und zwar
-war es der große Mummenschanz naturgemäß, der jenen Klemens zu grausamen
-Schmähungen veranlaßte, weil Dieselbe trotz Verehelichung mit einem
-roten Sozialdemokraten es leckerte nach dem dynastischen Gepränge, und
-demgemäß, wer trägt die Schuld auch an dieser besondren Verwirrung?
-Immer derselbe. Nein, bloß nicht weich werden, und die See brüllt wie
-besessen, denn weiter: Spazierend am schmalen Gestade der Ebbe mit der
-sogenannten muntren Cornelia, will ich was Munteres sagen und öffne die
-Lippen zur Frage: Wie gehts eigentlich jenem Josef von Montfort? Oh
-erbarmungswürdige Entgeisterung! Einerseits und dann beiderseits, denn
-siehe da, derselbe ist maustot, umgebracht von dem eigenen Bruder!
-_Rideaumus_, es ist zum Haarausraufen, denn gleich holt mich der Teufel,
-wenn das sich nicht auf immer denselben Mummenschanz zurückführen läßt,
-bloß nicht weich werden, denn das ist freilich noch nicht alles, denn
-sie weint ja nun und zeigt sich besonders bekümmert, daß dies an ein und
-demselben Tage vor sich ging, an dem auch der bekannte Maler beinah sein
-liebes Leben verlor, und auf Befragen erzählt sie gern eine höllische
-Szene, nämlich wie sie ein grausames Schießen hört, mitten am
-friedlichen Nachmittag, immerzu Knallen und Knallen, und hinunterläuft
-und in ein Zimmer, und da steht ganz rauchend dieser Bogner, oder
-vielmehr er fällt schon hin, vornüber auf eine besondre Fensterbank,
-fluchend und röchelnd und mit einer besondren Pistole fuchtelnd, und
-immer in seinen roten Teufelshosen vom Mummenschanz dazu, und draußen im
-Freien, wer liegt an der Erde und sagt auch nicht ein Wort mehr?
-Natürlich der andre Duellant, tot wie eine Ratte, und sie haben sich
-Beide mindestens mit zwanzig bis dreißig Kugeln durchlöchert, bloß nicht
-weich werden, denn siehe da, worüber zerbrachen sie sich lange den Kopf,
-Cornelia und auch die Ulrika? Wie ihr sogenannter Ehemann ihn hat
-ausfindig machen können, aber Bogner offenbarte dasselbe, denn der
-Ehemann muß ihn beim Mummenschanz gesehen haben zusammen mit Ulrika,
-seinen Namen erforscht, da er ihm natürlich gleich besonders erschien,
-und ihm nachgegangen sein, nachgegangen wem? dem mit den roten Beinen,
-sie ließen sich auf keine Weise aus den Augen verlieren, im dichtesten
-Dickicht der Beine nicht, und so geschah's!
-
-Rein in die Hölle, raus aus der Hölle, und nicht weich werden und die
-Rechnung aufgestellt, denn nun hätten wir ja den Unheilsberg strahlend
-beisammen, als da sind: Esther und Sigurd, Cora und Magda, Josef,
-Erasmus, sein Vater und Renate, Cornelia und Cordelia, Bogner benebst
-Eltern und Ulrika mit Mutter, Irene nebst Ehemann und Klemens, bloß
-Helene ist leider noch immer nicht dabei, und über Allen schwebt -- --
---
-
-Ich, ich, ich! Ich hinter der Maske, da saß ich jahraus und jahrein über
-Töpfen und Retorten und destillierte das zarteste Gift, verabreicht' es
-an einem Tag, und da sitze ich nun mit meinem grinsenden Schädel auf dem
-Berge der Leichen und kann meinen Nabel betrachten!
-
-Auf, laßt uns nun wahnsinnig werden!
-
-Den Verstand verlieren, o mein Gott, den Verstand verlieren! All ihr
-Götter, wie kann ich denn einen haben, wenn ich ihn jetzt nicht
-verliere!
-
-
- Renate an Saint-Georges
-
- am 7. Oktober
-
-Mein Geliebter!
-
-Siehe da, ich schreibe und weiß nicht wohin. Der Gedanke, daß Du
-augenblicks in die Welt aufbrechen solltest, um das Tal und das Haus zu
-finden, in dem wir bis in alle Ewigkeit wohnen würden, war preiswürdig,
-als wir ihn dachten, nun aber jammert mich seiner, er hat gar so viel
-Ähnlichkeit mit einem halb ersoffenen Kätzlein. Legen wir es auf den
-guten warmen Ofen bis übermorgen, und trösten wir uns derweil mit der
-süßen Speise Wiedersehn und dem klaren Weine, der Dann-niemals-mehr
-heißt.
-
-Ach, mein ewiger Geliebter, wenn es in der Welt etwas giebt, das anders
-ist als alles Leben und alle Dinge dieser Welt, und das Liebe heißt, was
-kann denn dieses anders sein als die Vollkommenheit? Und wenn sie die
-Vollkommenheit wirklich ist, so ist doch alles, was geschieht, in der
-Liebe geschehn, was der oder die Liebende tut, was sie nur denken und
-anfangen, es muß alles in der Liebe sein und vollkommen. Demnach ist ein
-jedes verständlich und ganz klar, und daß Du dort bist und ich hier,
-auch dieses muß Vollkommenheit genannt werden, ich sehe es vollkommen
-ein und begreife es, bloß: sie ist nicht so leicht zu ertragen, diese
-Art von Vollkommenheit, und sicher ist Übermorgen gar nicht, aber Du
-kommst ja erst Freitag.
-
-Freitag, das soll auch so was heißen! Morgen ist Dienstag, übermorgen
-ist Mittwoch, überübermorgen Donnerstag, und was über überübermorgen
-geht, das kann schon kein Mensch mehr aussprechen, also was fang ich an?
-Soviel im Hinblick auf die Vollkommenheit ...
-
-Übrigens:
-
- Renate
-
- Nachts
-
-Aber eben als ich aufwachte aus dem Schlaf, und Du warst nicht da, als
-ich das Alleinsein spürte und den immerwährenden Schmerz und den
-Verlust, da fühlt' ichs doch auch: daß es vielmehr ein Verlust meines
-Wesens ist als meines Habens, ach, und daß es vielleicht nur einer
-kleinen Anstrengung bedürfte, um mein ganzes Wesen, dies hier und das
-Stück dort, wo Du bist, wieder ganz zu fühlen, und schon wie ich es
-versuchte, da -- nicht in mir, ach, das nicht! Aber _in der Welt_ fühlte
-ich die Vollkommenheit ganz heil und unerschütterlich, und ich seufzte.
-
-Denn Du und ich sind eins und vollkommen, und eins und vollkommen in uns
-ward die zerrissene Welt; darum sollten wir nicht trennen, auf keine
-Weise, was eben erst heilte.
-
- am 8. Oktober
-
-Dein Bruder hat Schülerwitze gesammelt in den letzten acht Wochen und
-läßt sie nun vorsichtig los. Meist kann ich sie nicht behalten, aber
-höre diesen: Kannst Du mir einen Satz sagen, in dem die Worte an und bis
-hintereinander vorkommen? Nein, Du rätst es ja nicht, Du rätst es ja
-ganz verkehrt! -- Es heißt: Ich angelte, wo der Fisch anbiß. Ach, wie
-kann es so etwas Dummes geben!
-
-Aber Du Fischiger weißt Du auch, warum diese Dummheit mein Gedächtnis
-anbiß? Weil Du schon ganz kalt und naß anzufühlen bist vor lauter
-Fischigkeit, will sagen lauter Stummheit! Ich rede den ganzen Tag mit
-Dir, Du hörst weise zu, aber Du schweigst wie Dein weißes Abbild vor mir
-auf dem Tisch. Ich sehe es an, bis mir die Augen übergehn, und dann wird
-mir unbegreiflich zumut.
-
-Ech-en-Aton und Du! Ist es möglich, daß ich ihn hatte und Dich, drei
-lange Jahre lang, und doch glauben konnte, Ihr seid zwei? Ist es, war es
-wirklich möglich: drei Jahre zusammen mit Dir, am selben Tisch, im
-selben Raum, in derselben Luft tagaus und tagein und blind, so ganz
-blind >für was in dünnem Schleier schlief<? Nein, wäre es möglich, daß
-plötzlich glühen kann, was durch Jahre hin nicht kalt war, nicht warm?
-Daß Augen eines Abends in lichtem Feuer stehn, in Feuer der Mund, in
-Feuer das Haar und der ganze Mensch, ein Feuerofen, aus dem ein selig
-Verbrennender singt? Ach, Geliebter, es ist wahr, und es mußte so sein,
-denn es ist ja kein Du und kein Außen, für das ich plötzlich Augen und
-alle Sinne bekam, sondern das ist meine brausende Seele, die endlich,
-endlich über die Ufer ging und mich himmlisch zerriß. Und ich kann es
-doch nicht fassen, nein, nie, nie, niemals werde ich es fassen können,
-daß diese Hand hier, die schreibt, an _einem_ Tage süß geworden ist,
-ach, so süß durch die eine Berührung, daß ich denke, alle Bienen müssen
-kommen und sammeln und die ambrosische Wabe bauen in Gottes Herz! Und so
-süß, daß ich sie manchmal hinnehmen muß in die andre, sie halten und
-fühlen schwer wie von Gold. Ach, so verwandelte schon ein holder Geist
-den Stab des Armen auf der Straße, daß er schwerer ward und schwerer in
-seiner Hand und längst zu Golde geworden war, ehe der es begriff mit den
-Augen. Ja, ist es nicht so? Es vollzieht sich die göttliche Wandlung,
-wir wissen es längst, alle Sinne wissens und sagens, aber da ist noch
-ein letzter Sinn, der weiß nichts, und grade der ists, den wir zum
-Erkenner gemacht haben, und endlich, endlich erfährt es auch der, wie
-der einsamste Siedler in den Bergen vielleicht von einem Kriege hört,
-der die halbe Welt zerriß, und er ist fast schon vorüber. Ein Schiffer
-vor tausend Jahren fuhr durch die Nacht an einer Insel vorüber und rief
-hinein: Der große Pan ist tot! -- Und da, als dieser Schiffer es rief,
-da wußte es erst die Welt. Ach, aber wenn etwas sein sollte, und es ist
-nur ein Ding der Erde, das nichts davon weiß, so ist es noch nicht, so
-kann es nicht sein.
-
-Mein Geliebter seit Ewigkeit, das warst Du! Und Alle, Alle, alle Geister
-der Erde haben es gewußt, nur ich nicht, nur ich! Und ob ich es nun auch
-zehntausendmal weiß: ich sehe mich nur immer an und frage mich und kann
-nicht begreifen: Warum ist sie denn jetzt süß, diese Brust, die linke
-und rechte, und süß dieser Mund, süß das Haar und die Knie und der ganze
-Leib unaufhörlich ein schluchzendes Wunder von Süßigkeit, warum, wenn er
-es vorher nicht war?
-
- am Abend
-
-Ich habe Dich im Süden und Norden gesucht, mein Geliebter, ohne Dich zu
-finden, kam müde heim, und da lächelst Du mich an aus meinem Herzen. Der
-Mond stieg, die liebliche Sichel, aus dem Meer. Nein, nicht aus dem Meer
-kommt der Mond, sondern aus der Tiefe der Welt; nicht aus mir kommt die
-Liebe, sondern aus der Tiefe der Welt; und Mond und die Liebe, sie
-fahren einer im andern durch mich und das Meer in die ruhige Tiefe der
-Welt. Schlafe wohl, mein Geliebter!
-
-
- Renate an Irene
-
- Helenenruh, am 8. X.
-
-Irene! Irene, muß ich wirklich, oder besser noch, darf ich es wagen, den
-Drachen des Schweigens, von dem Du Dich verzehren lässest, mit dem
-Schwert meiner Rede zu bestehn? Ich könnte Dir, arme kleine Aja,
-freilich auch einen richtigen Saint-Georges zu Pferde schicken, der Dir
-und mir den Lindwurm erlege, aber leider kann ich ihn heute noch nicht
-entbehren ...
-
-Oh Worte, oh Worte! Komme zu mir, und Du wirst alles wissen. Ich bin
-glücklich, Du kannst es auch sein! Ich liebe, Du kannst es wie ich, ich
-werde geliebt, und Du kannst es werden. Kannst Du nicht lieben? Liebst
-Du nicht lange? Ich sage Dir, Irene, daß Du rasend bist, wenn Du andre
-Wege irgendwo suchst und vermutest, daß Du rasend bist, wenn Du nicht
-aufbrichst auf dem einen Weg, Dich hinzuwerfen und zu lieben!
-
-Liebe, liebste Irene, muß ich Dir vielleicht noch erklären, wie Du das
-machst? Laß Dir sagen, Du brauchst nichts zu tun, als hinzugehn, wo Dein
-Georges, also Dein Klemens ist, und zu bleiben und zu lieben. Wenn er
-sich wehren sollte, so mußt Du ihn mehr lieben. Dann könnt Ihr Euch
-heiraten oder nicht heiraten, aber von nun an sollt Ihr alles gemeinsam
-tun, schlafen und essen, Werktage haben und Feiertage, eine Wohnung
-nehmen und drin wohnen, Einkäufe machen und Bücher lesen und
-Spaziergänge machen und keinen Armen von Eurer Türe weisen, und was es
-auch sei: hierin, hierin wird Eure Liebe, die Liebe sich zeigen und
-bestehn, und wenn dies so ist, werdet Ihr heilig geworden sein und dürft
-mit Eurer Berührung schon an Kranken und Beladenen, an Traurigen und
-Schwachen -- Wunder der Liebe entfalten.
-
-Dies verheißt Dir
-
- Renate
-
-
- Renate an Saint-Georges
-
- Nachts am 9.
-
-Heute nachmittag fuhren wir vom Böhner Hafen im Segelboot nach Hallig
-Hooge, Magda und ich mit Deinem Bruder und Li. Ulrika ist nun im
-siebenten Monat, und man sieht es; sie ist sehr still geworden, ihr
-Gesicht erschreckend verändert und auseinandergetrieben. Dem Maler --
-doch davon nachher. Wie die Insel aussieht, weißt Du, der Tag war
-köstlich, kühl, aber licht, der große, von allen Seiten her aufgebaute
-Himmel bewegt von reichen Scharen riesiger Wolken, schneeweiß, das Meer
-darunter, von ihren Schatten durchdunkelt, in Streifen schwarzblau und
-lebhaft bewegt, aber ganz ohne Schaum. Als Ebbe war, zogen Ulrika,
-Magda, die Cornelia und ich Schuh und Strümpfe aus und wandelten als
-Kette Arm in Arm den Strand hin, schrien und sprangen, wenn eine Welle
-über unsere Füße ging, und auf seinem Turm stand der arme Sternedeuter
-Georg mit einem langen Handfernrohr und betrachtete uns durchbohrend.
-Aber er zeigte sich nicht, obwohl wir Li als Boten zu ihm schickten.
-Armer Georg! Ach, und arme Liebe, die Magie ist nur an Zweien, an mir
-und an Dir! Müßte ich nicht die Hand auf seine Stirn legen können und
-sagen: Stehe auf und wandle? -- --
-
-Ich habe keine Grenzen an mir, wenn ich allein bin und eingehe in unsern
-ewigen Gedanken. Immer wieder ist sie dann, die einzige Stunde, und
-alles hebt wie damals an: aus unsern Herzen der einige Strom, großen
-Ganges durch die schlafende Welt, wir selber der Strom, nicht mehr
-Gestalt, nur unermeßlich Fluten, Wogenberge gleitend hingetürmt,
-durchqueren wir das alte Erdenland. Nicht einsam, Geliebter, nicht
-einsam! Sieh, es bevölkern sich unsre glücklichen Gestade, und wir,
-heilig leben wir, verhundertfacht wieder haben wir Herz und Odem und
-Gestalt in allen Wesen, die wir laben: Wenn sie, die großen Fabeltiere,
-sie, die erlauchte Tiere noch sind, Behausungen nur der Götter, noch
-Götter nicht, noch nicht Strom, die _einsamen_ Liebenden all: wenn sie
-von ihren Weideplätzen hergewandert kommen scharenweis, oder auch
-einzeln in der dumpfen Leidenschaft der Einsamkeit; wenn dann ihr tief
-und frommes Schlürfen hörbar ist allein im weiten Mondesschweigen: oh
-wie leb ich, wie leben wir dann, tränkend, nährend, Liebe zeugend, da
-wir Liebe sind!
-
-Und ich weiß, daß es einmal sein wird, weiß, daß Liebe Liebe zeugen
-wird, einmal, ich weiß -- --
-
-Und dennoch: es braucht nur irgendein Mensch vor mir zu stehn, leibhaft,
-so habe ich schrecklich nahe Grenzen überall, und kaum ein Strahl dringt
-aus meiner Hülle zu ihm. Wer sieht denn die Liebe, ach wer? in ihren
-Augen sind wir gewöhnlich wie sie selber, gekleidete Menschen mit
-Aussehn und Handeln: aber doch Liebende nicht! -- Bogner freilich, er
-hat ja selbst einen Gott in der Brust, der erkannte sich gleich mit dem
-unsern, und sie lächelten einander zu. Noch seh ich ihn vor mir sitzen
-auf seinem Feldstuhl oben auf dem Deich -- Stehen und Gehen gelingt ihm
-noch kaum, obgleich er schon ganz gut Fleisch angesetzt hat, auch braun
-geworden ist und sein Auge wieder das alte, helle -- dasitzen und zu mir
-aufschaun mit seinen einzig sehenden Augen. Er sagte kein Wort, hielt
-nur meine Hand, und so erfuhr er alles und lächelte und war meiner froh.
-
-Es wurde Nacht, ehe die Flut kam und wir zurückfahren konnten. Das
-Wattenmeer regte sich kaum, wir schaukelten auf seinen Atemzügen, schön
-wie ein Geist stand das bleiche Segel unter den herbstlichen Sternen. Da
-sah ich zum ersten Mal in diesem Jahr den Orion, Zeichen des Winters,
-und ich bat ihn, den großen Jäger, daß er mir Dich erjage und bald, bald
-die heilige Beute lege an mein zitterndes Herz!
-
- am 10.
-
-Du hast mir so schöne Namen geschenkt, mein Geliebter, und ich hole sie
-so behutsam hervor wie irgend wirkliche Kleinode, halte sie lang in den
-Händen und freu mich an ihnen, ehbevor ich sie anlege und vor den
-Spiegel trete, noch schöner als schön! Ach, und wenn jemals eine Armut
-war in meiner Schönheit, wie ist sie nun Reichtum geworden durch deine
-allsehenden Augen!
-
-Ach ja, mein Gebieter, wenn Du sagst, daß ich die Magnetnadel sei, die
-niemals jemand einstellen könne als sie selber, so will ichs gern
-glauben, und die drei Jahre tun nicht mehr so weh. Mit Libussa aber,
-dieser Huldin, das stimmt doch schon gar nicht, denn wo blieb das weiße
-Pferd? Oder sandt ich es wirklich -- im Traum? Am Morgen mags gewesen
-sein, als ich am Parkrand schlief nach dem Bad; der Nebel war so weiß,
-da machte mein Traum draus einen Schimmel und schickt' ihn zu Dir, und
-da kamst Du auf ihm geritten durch das Wasser des Teichs, denn war die
-Brücke nicht hoch? Woher aber dann die nassen Beine, mein Fürst, wo das
-Wasser doch ganz flach ist für ein Pferd? Nein, nein, ich seh Dich schon
-durchwaten, ich seh Dich, und Du bist der umgekehrte Christoferus
-gewesen, -- oder wars nicht so, daß die Last der Liebe auf Deiner
-Schulter leichter und leichter wurde mit jedem Schritt zu mir her?
-
-Was aber mich betrifft, so werfe ich alle Bürden kurzerhand von mir und
-breche morgigen Tages auf heimwärts. Morgen, sagst Du, kommst Du zurück,
-den Zug weiß ich auch, da bin ich an der Bahn, und es ist herzzerreißend
-schön, wenn wir uns unter all den Menschen wieder sehn und nichts sagen
-können und nach Hause fahren und -- und -- -- und -- --
-
-Weißt du nicht, daß ich ein Weib bin, sagt die gute Rosalinde im
-Shakespeare, und nur denken kann, wenn ich rede? -- Na, glaubs schon
-nicht, Teuerster, ein bißchen kann ich schon, auch wenn ich nicht rede,
-aber nun nimmt es ein plötzliches Ende und -- und --
-
-Und ganz schön still bin ich wieder und rede nur noch unsre heilige
-Sprache, der Liebe einzige Sprache des Schweigens, dort, in meinem
-Zimmer, in meinem alten Leben, im alten Muschelbett der einst lieblosen
-Träume, -- des Schweigens Sprache, einsilbig in immer dem selben Kuß!
-
-
- Saint-Georges an Renate
-
-Den Du erwartest, kommt nie zurück.
-
-Es muß eine Wahrheit gesagt werden viel zu spät. Und darum ist die
-Schmach, sie nicht in Deine Augen sagen zu können, leicht genug zu
-tragen mit dem Ungeheuren.
-
-Kommt nie zurück. -- Denn --
-
-Es sind am heutigen Tage drei Jahre und drei Tage her, als er Dich zum
-erstenmal sah; im ersten Augenblick das Schicksal wissend, das ihn mit
-Dir zusammenfügte; im nächsten auch schon das Zweite: daß Du die
-Magnetnadel seist, die niemand einstellt als die Kraft. Das Dritte ahnte
-er damals nicht.
-
-Daß es drei Jahre dauern würde, drei niemals endende Jahre der
-unaufhörlichen Qual. Und daß, wenn diese drei Jahre dann ein Ende
-genommen haben würden, das Feuer sich selbst verzehrt haben sollte und
-nichts mehr sein.
-
-Daß Du aber an ihrem Ende kommen würdest, ausgestoßen, aus einer ganz
-verschütteten Welt, in sein Haus, schon wissend -- und doch es nicht
-begreifend --, daß niemand mehr war als Du und Er.
-
-Und daß zwei Nächte der vollkommenen Hölle sein würden, Tür an Tür mit
-Dir und -- genug!
-
-Und danach die Erkenntnis.
-
-Und danach die Angst, daß nun das Unselige kommen würde, nun, nun! daß
-die Nadel sich einstellen werde in diesem Augenblick, in jedem nächsten,
-der bevorstand. Und die Angst, daß die Erkenntnis ein Irrtum sei. Und so
-lag er über der Asche Tage und Nächte, blies und blies, bis dann beide
-Ängste ihn hinüberrissen zu Dir, um -- was? Vielleicht -- nur zu
-gestehn. Vielleicht wegen der Erlösung.
-
-Da aber war die Insel. Da war die Erkenntnis ein Irrtum gewesen. Da kam
-der Flug in die Flamme. Und durch die Flamme. In das zeitlose Eis.
-
-Da war sie doch wahr gewesen, die Erkenntnis.
-
-Noch ist zu sagen von einer Flucht und einigen Tagen sinnlosen Kampfes
-um das, was längst nicht mehr war.
-
-Und zu sagen vielleicht von der ruhigen Kälte Eines, der drei Jahre im
-Feuer stehn sollte -- ganz kalt.
-
-Und vom Ende und diesem Briefe, der keine Namen hat. --
-
-
- Viertes Kapitel: November
-
-
- Cornelia Ring an Magda
-
- auf Hallig Hooge, am 1. November
-
-Liebe Magda, heute will ich nun daran gehn, Ihren Wunsch zu erfüllen und
-von uns Allen hier, besonders von Ihrem Freund Georg einen möglichst
->naturgetreuen< Bericht zu geben. Es ist später damit geworden, als ich
-dachte, aber Sie werden einerseits daran sehn, daß nichts Beunruhigendes
-zu melden war und ist, und andrerseits sind es ja immerhin sechs
-Menschen und drei Häuser, für die ich nun haushälterisch aufzukommen
-habe, das reicht schon für den Tag.
-
-Ich beginne mit Bogner, und über ihn glaube ich Sie recht beruhigen zu
-können, jedenfalls was seine Gesundheit angeht. Ich mache ihm täglich
-nach wie vor selber seinen Verband neu, da Frau Tregiorni den Anblick
-nicht ertragen kann, begreiflich bei ihrem Zustand, und sehe, wie es
-eigentlich täglich besser wird. Er selber klagt auf Befragen noch immer
-über Schmerzen beim Gehen, aber an Stellen, wo wirklich nichts sein kann
-außer schmerzlicher Gewohnheit von früher her, vom Liegen oder so, das
-Loch im Rücken braucht natürlich Fleisch zum Ausfüllen, und da er so
-wenig ißt ... Doch denk ich, es wird schon werden, ich habe da
-allerdings mehr Vertrauen als er -- obgleich er nicht davon spricht,
-weiß ich, daß er noch immer der Meinung ist, es gehe mit ihm zu Ende --,
-aber ich kenne einen ganz ähnlichen Fall aus Erfahrung.
-
-Frau Tregiorni ist recht still geworden. An ihr zeigen sich alle Leiden
-dieses Zustands, Fröste, Fieberschauer, plötzliche Ängste, immer wieder
-Übelkeit, Abscheu vor diesem und jenem, heut einer Speise, heut einem
-Kleid, oder vor Menschen, nun -- Sie werden wissen, wie das zu sein
-pflegt, und daß es an sich nicht besorgniserregend ist, obgleich ich
-schon sagen muß, daß es mehr ist als gewöhnlich.
-
-Ja, und nun Georg. Sie möchten, daß ich ihn recht genau beschreibe, und
-in so etwas habe ich freilich gar keine Übung, wie denn meine ganze
-Berichterstattung wohl daran leiden wird, daß ich das Schreiben gewöhnt
-bin in allen möglichen Sprachen, nur nicht in der deutschen; es ist
-merkwürdig, wie wenig man doch weiß von einer Sprache, die man beständig
-spricht, und wie farblos mir selber alles klingt! -- Körperlich scheint
-es ihm, Georg, ganz gut zu gehn; er klagt nur über Schlaflosigkeit. Das
-würde ich auf die See schieben -- sie ist seit Ihrer Abreise fast
-ununterbrochen stürmisch gewesen --, aber er behauptet, »ohne die See
-könnte er nicht leben«. Ich kenne ihn ja auch wenig.
-
-Aber ich kann wohl sagen, daß ich erschrak, als ich ihn zuerst hier
-wiedersah und kaum erkannte. Daran war allerdings hauptsächlich der
-dünne, rötliche Bart schuld, der ihm ums Kinn gewachsen ist, und der
-sein Gesicht älter macht, auch weicher und leidender. Am linken
-Mundwinkel hat er ein nervöses Zucken bekommen, indem es die Unterlippe
-ruckweise nach links zerrt, oft drei, viermal nacheinander, dann wieder
-versucht er es zu unterdrücken, und so kann man daran immer erkennen,
-wie sein innerer Zustand ist. Die Augen, die erst erschreckend
-eingesunken waren, kommen nun langsam wieder hervor, weil die Wangen
-etwas fleischiger werden. Wenn ich Ihnen nun noch sage, daß sein Haar
-über den Schläfen dünner geworden ist und um die ganze Stirn
-zurückgewichen, so werden Sie ungefähr wissen, wie er aussieht. Fast
-scheint es mir, er ist noch gewachsen während seiner Krankheit, das wäre
-ja nicht unmöglich, er ist nun fast einen Kopf größer als Sie und ich
-und dabei so schmal!
-
-Es ist ja furchtbar schwer, im Innern eines Menschen zu lesen, dessen
-ganze Natur so wie die seine durch Erziehung und Vererbung darauf
-eingestellt ist, sich zu beherrschen, aber ich kann doch erkennen, daß
-er Unbeschreibliches erlitten haben muß und noch immer leidet. Er ist
-nun, wenn man mit ihm spricht, von einer solchen -- ja wie sage ich nur?
--- Demut, möchte ich fast sagen und weiß doch nicht, indem ich das Wort
-schreibe, wie und wo ich sie gesehen haben will. Er hat eine so
-unbeschreibliche Gebärde, wenn jemand ihm erzählt, so von Menschen, die
-man kennt -- er will immer von Menschen hören und lauscht dann mit einer
-fast glühenden Angespanntheit, als ob er das Wichtigste lernen und
-nichts vergessen müßte --, so eine Gebärde, wollt ich sagen, mit der er
-dann die Hand hochhebt und einen ganz vertieft ansieht und sagt: Ja sehn
-Sie! -- mit dem Ton auf sehn --, aber es läßt sich wohl nicht
-beschreiben, und ich will nun aufhören, Sie werden sich schon gewundert
-haben über all das wirre Zeug. Ein wenig betrübt es mich schon und
-beunruhigt mich auch, von Ihnen und Fräulein Renate so gar nichts zu
-hören seit Ihrer Abreise, und ich hoffe nur, daß dem nicht etwas
-Schlimmes zugrunde liegt!
-
-Ich hoffe nur, daß Sie nicht ganz unzufrieden sind mit meiner
-Berichterstattung, die wie gesagt besser sein würde, wenn ich
-unglückliches Menschenkind eine eigene Sprache hätte, aber das ist nun
-zu spät. Ich grüße Sie und Fräulein Renate recht herzlich! Ihre
-
- Cornelia Ring
-
-
- Georg an Benno
-
-Mein lieber Benno, wie geht es denn Dir? Teuerster Benno, die See ist
-des Teufels! Heute nacht -- ich hatte der Abwechselung halber einmal ein
-paar Stunden geschlafen -- fing ein großes Rumoren an, und als der
-sogenannte Morgen kam -- >ein Ding, das wie Nacht ist aus Lehm< --, war
-der Teufel los. Ich hause nämlich gewissermaßen auf einer Insel jetzt,
-ja, das wäre schon etwas andres als Serk, wo wir triumphierend wie die
-Vögel in der Höhe schwebten, sondern dies hier ist nichts weiter als ein
-kleiner Teller voll Erde, mitten und unten in der Unermeßlichkeit
-rollender Wasser, rundherum ist ein besondrer Wall, auf dem Wall ein
-Turm, in dem Turm ich, nicht völlig mir selbst überlassen, sondern ich
-habe allerlei Gesellschaft, als da sind: zwei Ziegen, eine Kuh,
-verschiedene Hühner, ferner Bogner, Ulrika, ein besonders notwendiger
-Hauptmann namens Ferdinand Rieferling, eine junge Dame mit Namen
-Cornelia Ring und mehrere Tote. Mein Turm steht auf dem Deich, und stehe
-ich auf dem Turm, so habe ich naturgemäß das ganze Panorama unter mir:
-Himmel, grau und schwarz in fürchterlicher Aufregung, ein unsagbares
-Fluchtgetümmel von Lapithen und Giganten, die vor Raserei sämtlich in
-Fetzen gehn, und darunter die ruhmwürdige Winterschlacht der bodenlosen
-Gewässer. Wie wäre es, wenn Du kämst? Hier säßest Du, wie gesagt, mitten
-darin und schlottertest vor Angst, die Wüstenei überrennte Dich
-kaltherzig im nächsten Augenblick; die Seele wird sich Dir umkrempen
-wollen (Notabene bist Du sicher, eine zu haben?), und wenn Du Dich nicht
-an der Brüstung hältst, so reißt Dich das riesige Saugen der Aussicht
-ins schwarze Brodeln hinunter. Tausend Satanasse von Gischt siehst Du da
-herumtanzen und denkst: Wie einfältig ist doch das Land gegen die See,
-eine fromme milchende Kuh gegen einen tollwütigen Stier. Hundert
-Millionen in Raserei aufgelöster Büffel sind hier zu sehn, wie sie
-herantaumeln, nichts in den Hirnen als die aberwitzige Vorstellung, sich
-allhier die Schädel einrennen zu müssen, und schon ists ein Erdbebenfeld
-von Legionen zertrümmerter Mauern, die dahergeschoben werden von einer
-entsetzlichen Leidenschaft, alldas zerspritzt und zerknattert sich zu
-Deinen Füßen, und das Gebrüll steigt zum Himmel, daß er davonjagt. Alles
-siehst Du wanken, die bewohnte Erde ist allerseits spurlos verloren
-gegangen, nun berennt hier die See ihren letzten Widerstand, auf dem
-Wir, die Letzten, herumkriechen wie die Raupen. Allein getrost! Begeben
-wir uns vom Turm hinunter ins Wiesental, so ist alles schon wieder ganz
-sanft geworden, ein wenig öde, ein wenig trostlos, aber der Teufelslärm
-hat sich gelegt und ist zum Orgelrumoren geworden.
-
-Du solltest wirklich kommen! Wie war das noch? Vor einem Jahr ungefähr
-schriebst Du mir einen Brief in einer besondren Zeit, wo ich keine
-Briefe zu empfangen gedachte, und siehe da, ich war gekränkt. Nun haben
-wir wieder eine ähnliche Zeit, wo ich um Dein freundschaftliches
-Schweigen ersuchte, und Du schweigst wirklich, und ich bin auch
-gekränkt. So ist das Leben! Was tust Du? Korrepetierst Du fleißig mit
-Deiner Elfe das ewige Paternoster: Ich liebe Dich, du liebst mich und so
-weiter? Nein, laß das, es führt ja zu nichts, komm hierher, hier läßt es
-sich trefflich rasend werden, und paß auf, ich will Dir mein Haus
-beschreiben!
-
-Stelle Dir vor: einen Turm, achteckig, nicht eben hoch. Kleine Tür, Du
-trittst ein und befindest Dich in einem großen und hohen Achteck, das
-dunkel scheint, nur von rechts und links und Dir gegenüber zerschnitten
-von bleichen Lichtbalken aus drei, nicht eben großen Fensterscharten,
-die gut ihre anderthalb Meter tief sind, denn so dick sind die Mauern,
-und außerhalb enger als innen. Sie liegen genau nach Norden, Westen und
-Osten, die Tür im Süden. Die Wände sind dunkelbraun getäfelt, in der
-Höhe befinden sich rundherum die vor Altersschwärze kaum noch
-erkennbaren Bildnisse der sieben Planeten. Die vorhandenen Möbel,
-bestehend aus einem Schreibbüro, rechts vom nördlichen Fenster, einem
-Ohrensessel irgendwoanders, einem runden Tisch in der Mitte des Raums
-nebst drei Stühlen, genügten dem letzten Wohner, genügen demnach auch
-mir. Eine eiserne Geländertreppe führt durch eine Luke in einen gleichen
-Raum, der als Schlafzimmer eingerichtet ist, und weiter hinauf zur
-Plattform des Daches. Der runde Tisch aber im unteren Zimmer ist
-besonders geeignet, immerzu rundherum zu laufen, es ist auch Platz genug
-für einen zweiten Läufer, also komm, Benno, wir laufen zusammen, einer
-so herum, einer so, wie die Daumen.
-
-Was jedoch tue ich, wenn ich nicht laufe? Entweder ich laufe doch, bloß
-anderwärts, nämlich allein oder mit der gewissen Cornelia außen um den
-Deich, was bei Ebbe manchmal geht, aber wir müssen uns bei jeder siebten
-Welle an die Deichwand klemmen, -- oder ich schreibe meine Memoiren.
-Memoirenschreiben ist wichtig, oder wie? Ein Mensch stirbt, keine
-Memoiren, was kommt zu Tage? Er hat gar nicht gelebt. Augenblicklich bin
-ich leer, darum schreibe ich erstens an Dich, und werde ich zweitens
-anfangen, Aussprüche von Bogner zu sammeln. Er tut immerfort ganz
-bedeutende Aussprüche. (Früher war er nicht so, nun ist er redselig
-geworden.) Willst Du einen? Da hast Du: Bei Gelegenheit unermeßlicher
-Ruhmreden auf allerlei Maler, darunter Kokoschka (ach, wohin verschwand
-mein früher so ebner und stetiger Bogner, nun ausschweifend in
-Empfindsamkeit und Erschütterungen?), verglich er dessen Bildnis des
-Schriftstellers P. Altenberg besonders trefflich mit dem >Hinterteil
-eines Engels in einem Gestrüpp<. Die Gesichter auf Kokoschkas
-Bildnissen, sagte er fernerhin, seien allesamt ohne Haut, das wolle
-sagen, er ziehe die Haut davon ab und sehe darunter nichts als wimmelnd
-zuckendes Schicksal und Leben der Seele, -- so ungefähr, ich werde von
-nun an mehr acht auf die Worte geben. Bogner ist ein seltner Mann!
-
-Und kurz und gut, ich will Dir sagen, wie es mit Bogner steht. Er ist
-verrückt. Platterdings, es läßt sich nicht anders ausdrücken. Mit einem
-Wort: fixe Idee. Plötzlich nimmt er mich beiseite, das heißt, er führt
-mich von Ulrika fort in ein Nebenzimmer, legt mir die Hände auf die
-Schultern, sieht mich trübe prüfend an und fragt: Was meinst du, Georg,
-sie wird es doch gut überstehn? -- womit er das Kind meint, das sie
-kriegt. (Beiläufig hat er mir nämlich Brüderschaft angeboten, und siehe
-da, so wandeln sich die Zeiten! Einst, als ich ein pickliger Hering war,
-wie verging ich in Ehrfurcht vor diesem besondersten Mann, und nun, wo
-ich inzwischen so heruntergekommen bin, daß ich keinen Bissen mehr von
-mir annehmen mag, da stellt er mich zur Rechten seines Throns und
-bezeugt mir sein Wohlgefallen. Wie besonders ergötzlich, zumal wenn man
-bedenkt, daß es mein telemachisches Zwerchfell natürlich doch kitzelt!)
-Also, ich antworte: Glänzend! sie übersteht es glänzend! -- Er nickt vor
-sich hin, sagt: Und ich, Georg, was hältst du von mir? -- Ich -- wie
-oben und so weiter ... Lieber Georg, sagt er da trübsinnig, du irrst
-dich. Dies ist bloß Schein. Und, sei nicht traurig, sagt er so in seiner
-besondren Weichmütigkeit, aber -- kurz und gut: mit mir ist es aus. --
-Ich bin sprachlos, murmele einiges, und da fängt er tatsächlich an, mir
-seine Idee zu entwickeln. Nämlich erstens: Geistig zeugerische Menschen
-dürfen keine Kinder haben. -- Das nannte er ein Naturgesetz. Man, sagt
-er, darf nur auf eine Art zeugen. Gesetzt also, ich zeuge trotzdem auf
-eine andre, so ist damit bewiesen, daß die meine nicht gilt. Ich bin
-verworfen, sagt er unfehlbar, und geht und sitzt am Fenster bei den
-Fuchsien in Gestalt eines alten, gebrochenen Mannes. Mir brach das Herz,
-und er fährt mit einer feierlichen Wehmut fort: Sie -- wird leben, und
-was aus ihr kommen wird; ich sterbe. -- Ja, so stellte es sich ihm dar:
-sein Leben hört auf, das des Kindes fängt an. Worauf er anfängt, es mir
-andersherum zu beweisen.
-
-Einsamkeit, sagt er, ist das Gesetz des Arbeiters im Geist. Dies, sagt
-er, habe ich an mir erprobt gefunden, denn immer, wenn ich versuchte,
-mit andern Menschen eine Verbindung einzugehn, gab es Unheil für sie und
-für mich. So auch jetzt, und jetzt das besonders Böse: Als ich mich mit
-Ulrika verband, tat ich unwissend etwas, an dessen äußerstem Ende mein
-Tod erschien. Ich legte Hand an meine eigne Form, ich zerstörte sie.
-Ich, schloß er, habe selber auf mich geschossen, nicht der Andre.
-
-Und dann wieder von vorn und hundert Mal immer das gleiche in andern
-Gestaltungen.
-
-Die Verwandlung dieses von mir geliebten Menschen ist zum Grausen.
-Früher die Stetigkeit selber und Feste, eine gotische Burg, ist er nun
-wie ein Erdhaufen, unter dem der Maulwurf arbeitet. Ich kann nicht
-umhin, unsrer ersten Gespräche vor Jahren zu gedenken. Damals -- den
-Inhalt vergaß ich --, damals aber jedenfalls war ich der besondre
-Dialektiker, nicht ganz ungewandt, wenn ich auch heute weiß, daß meine
-Einfälle sich assoziativ einstellten, vermittels Luftwurzeln sich
-fortpflanzend, anstatt aus unterster Wurzel zu treiben. Heute kann ich
-mir immerhin einen gewissen Zwang nachrühmen, jeden Gedanken auf seinen
-Ursprung zu prüfen, er dagegen ist von einer Spitzfindigkeit
-ohnegleichen und fängt die Behauptungen aus der Luft, weil sie da
-funkeln. Zum Beispiel folgendes:
-
-Nämlich die Rede war von dramatischer Kunst. Ich weiß was, sagt Bogner,
-das Drama ist die leibhaftigste, menschenhafteste Kunstform, und darum
-hat es fünf Akte wie die Hand fünf Finger. -- Blendend, nicht wahr?
-Übrigens, fährt er fort, ist es dir auch schon einmal aufgegangen, daß
-sich das Drama zum Epos verhält wie das Gebirge zur Ebene? --
-Aufgegangen nicht, sage ich, aber wo du es sagst, kommt es mir ganz
-bekannt vor. -- Denn siehst du, fährt er eifrig fort, so ein Trauerspiel
-ist wie eine Gebirgswanderung. Da giebt es überall Plötzlichkeiten,
-Täler, Abgründe, Schroffen, halsbrecherische Stege, einsam
-emporstrauchelnde Seelen, Anseilungen, und die großen unverhofften
-Ausblicke in dampfende Tale, Ängste und Entzückungen, mit einem Wort:
-Tragödie.
-
-Als Einfall wieder blendend, wie schon bemerkt. Ich aber sagte, ohne
-mich zerblitzen zu lassen: Und aus diesen Gründen schrieb ja auch der
-Bergschotte Scott seine langen Romane, der Tiefländer Shakespeare
-dagegen Tragödien, Epen die Bergschweizer Keller, Meyer und Spitteler,
-der Tieflandfriese Hebbel dagegen nebst dem Märker Kleist Dramen, ebenso
-wie Grillparzer vom sanften Kahlenberge. -- Bogner war ganz elend von
-meiner Beweisführung und wollte sich kläglich herauslügen: Keller hätte
-vor der Ebene gesessen (ich schrie: aber Blut und Geburt!), Shakespeare
-wäre als Genie überhaupt unkontrollierbar, Kleist hätte Novellen
-geschrieben und einen verloren gegangenen Roman (was der alles weiß!).
-Spittelers Werke wären erfüllt mit alpiner Landschaft und Scott
-überhaupt bloß ein Schriftsteller gewesen, und vor allem hätte ich
-vergessen: Balzac, Dickens und Dostojewski aus dem breitesten Flachland.
--- Ja, so spitzfindelten wir herum, und er schloß mit der tiefsinnigen
-Frage, ob das vielleicht deshalb so sei -- wenn ich nämlich doch recht
-hätte --, weil, wie der Bauer seine Natur so gewohnt wäre, daß er ihrer
-nicht mehr gewahr würde, so auch der Dichter -- und so weiter ...
-
-So viel vom Bogner. Ja, aber Benno, was muß ich da sehn? Du sitzt und
-liest und liest an einem Brief, und am Ende stellt sich heraus, daß Du
-ihn gar nicht gekriegt hast! Nein, ich werde mich hüten, ihn
-abzuschicken! Eine andre Form der schriftlichen Niederlegung meiner vor
-Gewohnheit ächzenden Seele wars, Benno, sonst nichts!
-
-
- Aus den Papieren Georgs
-
-
- (von Bogner)
-
-»Georg,« sagte Bogner fast traurig zu mir, »ich glaube, du hast einen
-großen Fehler. Du willst zuviel wissen.«
-
-Wir hatten nämlich halbe und ganze Nächte alles Denkbare bis ins
-Undenkbare erörtert, und ich dachte, als er mir diesen besondren Fehler
-vorwarf, ich hätte das auch tun können. Ich sagte deshalb, bloß um etwas
-zu sagen: »Wie kommst du darauf?« Aber diese Frage war ihm grade recht.
-
-Nämlich in seinem Zimmer steht eine alte, hölzerne und geschnitzte
-Wiege, die Ulrika langsam mit den fertig werdenden Kleidungsstücken für
-ihr Kind anfüllt. Vor dieser Wiege saß ich eben, bewegte sie mit der
-Hand hin und her und fragte mich, warum das eigentlich angenehm für
-Kinder sei, gewiegt zu werden, da die selbe Bewegung doch für den
-größten Teil der erwachsenen Menschheit unerträglich sei, nämlich an
-Bord der Schiffe auf See.
-
-»Nun möchtest du nämlich wissen,« sagte Bogner freundlich, »warum die
-Wiege hin und her geht. -- Und ich weiß es«, setzte er leise hinzu.
-
-Als ich aber nun um die Erklärung bat, wehrte er ab. »Du willst zu viel
-wissen, Georg, und weißt du, was du tun wirst? Du zerstörst dir deinen
-Gott.«
-
-»Weißt du denn, wer mein Gott ist?«
-
-»Alles, was dir unbegreiflich ist. Alles Rätselhafte in dir ist Gott.«
-
-»Ach,« sagte ich, »dann werde ich ihn nicht zerstören, sondern im
-Gegenteil, ich werde ihn nur wachsen machen, denn je mehr ich davon in
-Erfahrung bringe, um so ungeheurer werden die Umrisse im Dunkel. Sag
-mir, was ist mit der Wiege?«
-
-»Du mußt,« erklärte er nun, »wenn du es wissen willst, nicht die große
-Frage nehmen, sondern die kleine. Unbekannt? Also werde ich dich sie
-fragen: Warum geht die Wiege hin und her, von links nach rechts, nicht
-auf und abwärts von vorne nach hinten?«
-
-Diese Frage kam mir schon so besonders vor ... Aber ich wußte keine
-Erklärung.
-
-»Weil«, sagte er da, »die Mutter, die in ihrem Leibe das Ungeborene
-trägt, es wiegt, indem sie es von einem Fuß auf den andern bewegt im
-Gehn, von links nach rechts. Aus diesem Grunde lieben wir diese
-Bewegung, wenn wir geboren sind, dann erinnern wir uns an vorher.«
-
-Ich dachte noch: Das Kind fühlt sich in der Wiege, wie in der Mutter;
-und es glaubt, was es fühlt; aber der Mensch hat freilich Erfahrung und
-ist so groß geworden, daß er selbst im Meere sich nicht mehr fühlen
-kann, obwohl er ganz darin ist, denn er ist nun nur noch in sich selbst,
-und er glaubt an nichts mehr.
-
-Ich kann aber nicht sagen, wie sehr mich diese Erklärung Bogners
-ergriff, ja erschütterte. Sie traf mich wie ein Blitz, und eine Sekunde
-lang wußte ich alles. Das war, als hätte die vorher immer grenzenlose
-Welt plötzlich ein ganz nahes Ende genommen. Dort, in der Mutter, war
-alles zu Ende.
-
- * * * * *
-
-Ich fragte Bogner heut in Erinnerung an das Gestrige, ob er an Gott
-glaube. Er sagte, wenn ich >glauben< gleichsetzte mit Fürwahrhalten, so
-könne er nicht sagen, daß er glaube.
-
-Ich fragte: Warum?
-
-Er sagte erst nach einer Weile: »Ein religiöser Mensch, mit dem ich
-einmal über das Jenseits sprach, meinte, ich glaubte daran nicht, weil
-meine hiesigen Sinneswerkzeuge nicht imstande seien, mich über das
-Dortige aufzuklären und mir Beweise zu schaffen.«
-
-»Das war nun nicht der Fall«, fuhr Bogner fort. »Zwar bin ich der
-Meinung, daß es sinnlos ist, mich in meinen Sinnen mit Dingen zu
-befassen, die für eben diese Sinne unzugänglich sind. Ich habe aber eine
-Seele. Und warum ich diese Seele mit einem Dort beschäftigen soll, da
-sie im Hier vollauf Arbeit und Nahrung und Wachstum findet, das
-allerdings ist mir unerfindlich. Warum aber tun dies fromme Leute wie
-jener Frager?
-
-»Sie tun es deshalb, weil eben ihr hiesiges Dasein ihnen keine
-Gelegenheit bietet, oder im Verhältnis ihres übervollen, sorgengefüllten
-Daseins zu geringe Gelegenheit, um sie zu betätigen, ja nur zu
-empfinden. Zu Essen und Schlafen, Sichbegatten und Plagen, zu
-Büroarbeit, zu Kinderschelten und -kleiden, zum Spaziergang und
-Musikkapelle haben sie eine Seele nicht nötig. Vielleicht daß sie es
-meinen, aber alledies und noch viel feinere Dinge würden sie mit der
-Vernunft allein und ohne Seele genau so gut besorgen, und die Tiere tun
-das in ihrem Maße, zum Beispiel die Ameise oder der Biber. Aber doch
-wissen sie von der Seele durch den Tod. Sie sind arm und wollen reich
-werden. Sie sind so arm, daß sie sogar einsehn: für einen Reichtum der
-Seele ist in diesem Dasein kein Platz. Sie müssen selber wider Willen
-einsehn, daß sie ihre Seele hier nicht brauchen können. Wäre Mitleid von
-allen Lebensvehikeln nicht das gefährlichste, so könnte man Mitleid mit
-ihnen empfinden.
-
-»Ich,« sagte er langsam, »ich war ein glücklicher Mensch. Ein reicher
-Mensch. Ich brauchte auf keinen dortigen Reichtum zu sinnen. Ich habe
-durch über zwanzig Jahre meines Lebens jede Stunde und Minute jedes
-Tages meine Seele gebraucht. Ich war reich«, schloß er traurig.
-
-(Dieweil er ja denkt zu sterben und also zu verarmen; er kommt immer zur
-selben Stelle zurück.)
-
-Ob das alles sei, woran er glaube, fragte ich bald, um ihn abzulenken.
-Er schwieg lange. Endlich sagte er:
-
-»Ich glaube ja nicht. Ich -- bedarf. Du und ich, wir bedürfen des
-Göttlichen.«
-
-»Und das ist?«
-
-»Ich sage es ja: das Geheimnis. Es giebt die unbekannten Dinge, vor
-denen dich schaudert. Es giebt dich und mich selber, die wir uns so
-unbekannt sind, daß uns schaudert, wenn wir diese Stelle berühren. Warum
-mußte ich malen? Wenn ich diese Stelle an mir berührte, so sagte Gott:
-Ja. -- Und ich sah ihn golden eingehüllt in sein Rätsel. Warum kann ich
-nicht mehr malen? Ich habe die Gnade verloren.«
-
-Immer die gleiche Stelle. Er weinte. Wir wurden unterbrochen und kamen
-an diesem Abend nicht weiter.
-
- * * * * *
-
-Da wir heute von großen Menschen vergangener Zeiten sprachen, so malte
-Bogner in einer unbeschreiblich wunderbaren Weise von manchem das Wesen,
-mit Bildern aus drei Worten oft, wie ich es nie von ihm hörte (und immer
-mit diesem leichten Zittern von Tränen in der Stimme, das er jetzt bei
-solchen Gelegenheiten hat), und ich erinnere mich nur noch, wie er
-Hölderlins äußerlich rührend dürftige Gestalt hinstellte als einen
-abnehmenden Mond am Abendhimmel, dessen ganzes volles Rund doch im
-Unendlichen schwebe; wie er Jean Paul nannte: einen Pfauenschweif aus
-Regenbögen, und Novalis die Narzisse mit den Zeichen der Passion in
-Blüte verwandelt, -- worauf er dann mir ganz unvermutet in Klagen
-ausbrach, daß es nur früher Menschen von solchem Seelenadel, solcher
-Reinheit, Größe, Süße und Einfalt gegeben habe. Ich mocht es nicht
-glauben, widerstritt aber nur unvollkommen: eben heute hätten wir andres
-...
-
-Er seufzte. Was das für ein sinnloser Einwand sei. »Du vermissest eine
-Blume und sagst: aber jetzt habe ich einen Edelstein. Ist nicht das
-Dasein jedes Dinges gegründet auf seine Notwendigkeit? Gäbe es überhaupt
-etwas, das wert wäre zu sein, wenn es einen Ersatz dafür gäbe? Gut aber,
-du sagst, du habest jetzt den Edelstein, und eins machst du damit
-natürlich klar: daß der Edelstein, den du kennst, im Augenblick für dich
-einen solchen Wert hat, daß du den der Blume, die du nicht kennst, gar
-nicht begreifen kannst. Und so hättest du recht. Und noch aus einem
-andern Grunde sogar wirst du recht haben, denn du hast den Verstand für
-dich, der dir sagt: ich lebe heute; also muß das Heutige mir wert sein.
-Ja, Georg, der Nüchterne, der Unbewegte, oder der sich so stellt, der
-hat immer recht, wenn er linker und rechter Hand aufs Fluten hinabsieht
-und sagt: da und dort ist gleiche Stromgeschwindigkeit. Wen aber eigne
-tiefe Wallung der Stunde selber hineinriß in die Strömung, der hat nur
-das Jauchzen -- nach vor- -- und das Klagen -- nach rückwärts, und
-morgen, Georg, morgen, wenn du im Strome liegst und ich am Ufer stehe,
-wirst du mit meinen Worten zu mir aufjammern, und ich werde dich und
-mich Lügen strafen.«
-
- * * * * *
-
-Ich fand Bogner über einer Bibel am Tisch; er schien auf mich
-gewartet zu haben, denn er sagte gleich: »Da habe ich die ganze
-Schöpfungsgeschichte gelesen, und weißt du, was ich gefunden habe? Es
-werden alle erschaffenen Dinge aufgezählt, aber ein ganz wichtiges ist
-vergessen. Es könnte vergessen scheinen«, verbesserte er sich. »Wenn ich
-es dir nenne, wirst du seine tiefe Bedeutsamkeit erkennen. Ja,« fuhr er
-eifrig fort, »angenommen, dies ist der Fall: ein Ding, das wir von Gott
-erschaffen glauben, wurde bei der Aufzählung des von ihm Erschaffenen
-nicht genannt, was muß die Folge sein?«
-
-»Daß er selber dies Ding ist.«
-
-»Gut, Georg!« Er lobte mich. »Und nun weiter: Was tat Gott, nachdem er
-den Menschen aus Lehm geknetet hatte? Er machte ihn lebendig. Wodurch?
-Dadurch daß er ihm seinen Odem einblies. Was aber war dieser Odem?«
-
-Ich sagte: »Die Luft.«
-
-»Und die Luft,« rief er, »die ist das Ding, das nicht aufgezählt ist
-unter den erschaffenen Dingen, wo doch Sonne und Sterne, der Himmel, das
-Meer und das Feste und was auf dem Festen wuchs, alles aufgezählt wurde.
-Konnte etwas wachsen, konnten Tiere sein ohne Luft? Dennoch wurde die
-Luft für den Menschen, für Gott vorbehalten, denn der Mensch war für den
-Schreiber dieser Geschichte das einzig wahrhaft Lebendige, und das Leben
-kam ihm und nur ihm mit der Luft. Und siehst du wohl,« fuhr er fort,
-»auf schlechten Bildern, Bildern, auf denen doch alles recht und
-deutlich gemalt ist, was scheint dir daran zu fehlen? Die Luft. Und sie
-fehlt sogar auf den Bildern der einfältigen Meister aus Niederland und
-Köln, aber warum vermissen wir sie doch nicht? Weil sie nicht nur die
-_Gabe_ hatten wie die nichtswürdigen lustlosen Maler von heut, sondern
-etwas ganz Einziges: den Fleiß. Einen so großen Fleiß und eine so große
-Sorgfalt, daß er sogar die Luft und die Gnade ersetzte, denn im Fleiß
-war die Liebe, und in der Liebe«, schloß er triumphierend, »muß immer
-auch Gnade sein.«
-
- * * * * *
-
-Ich hatte Bogner aus dem Gedächtnis einige Gedichte von Stefan George
-gesagt, darunter zuletzt den >Tag des Hirten<: Die Herden trabten aus
-den Winterlagern ... Schon bei der ersten Zeile sah ich seine Augen weit
-werden; bei der himmlischen zweiten: Ihr junger Hüter zog nach kurzer
-Frist ... legte er das Gesicht in die Hände, und als ich dann schloß:
-
- Er krönte betend sich mit heilgem Laub,
- Und in die lindbewegten, lauen Schatten
- Schon dunkler Wolken drang sein lautes Lied ...
-
-seufzte er dermaßen schmerzlich, als wäre ihm eine Welt untergegangen.
-Er sprach kein Wort mehr den Abend, und erst als ich schon gehen wollte,
-zog er mich auf einmal in die Arme, küßte mich und murmelte etwas, das
-ich nicht verstand.
-
-»Du kannst doch auch dichten, Georg,« sagte er dann, »du bist auch ein
-Dichter!« Und hierbei beharrte er eigensinnig, obwohl ich es ihm lang
-und breit abstritt, daß ich wohl Verse schriebe, aber kein Dichter sei.
-Fast wäre er ärgerlich geworden. »Wenn du es weißt, Georg,« sagte er,
-»wenn du weißt, wie es ist, wenn du Sprache hast, so mußt du es doch
-auch sein!« beharrte er und wurde erst unschlüssig, als ich es ihm an
-Malern nachwies, die zwar das Handwerk hätten, aber doch nicht die
-Kunst.
-
-»Das mag für Maler stimmen,« meinte er dann, »aber doch nicht für die
-Sprache! Da sind Farben, Finger und Hände und Pinsel; was geht nicht
-alles verloren auf so weitem Wege, wenn einer nicht die ganze Kraft hat
-und Gottes Beistand. Aber in der Sprache ist alles! Sie allein ist
-unmittelbar und enthält doch eins im andern das Beide, sonst so
-Getrennte: Vernunft und Gefühl, verschmolzen im Tönen der Seele!«
-
-»Die göttliche Sprache!« fing er nun an. »Ja, das ist das Wunderbare an
-ihr, das unterscheidet sie von allen andern Künsten und erhebt sie zur
-höchsten: daß sie so unmittelbar ist. Nichts als der zaubrische Mund! Da
-ist der Mensch, allein, und er selber ganz und gar und allein ist:
-Instrument. Die Öffnungen einer Flöte mit den Fingern betupfen, auf den
-Saiten einer Geige die Finger so und so stellen, mit dem Bogen so und
-anders anstreichen, -- was andres tut denn der Mensch, der redende, wenn
-er die Zunge so und so an den Gaumen, an die Zähne drückt, die Lippen
-weit oder wenig, rund oder schmal öffnet? Und er tut ja mehr! Im
-Instrument ist der Ton, er bringt ihn nur hervor, tut Wissen und
-Handhabung hinzu, aber die Sprache, die bildet er ja selbst, er bildet
-das Wort, ganz und gar, außen und innen, Zeichen und Sinn, und wie aus
-einer Blume, so duftet die himmlische Seele daraus hervor! Und ist der
-Mensch selber das Instrument, so muß einer sein, der spielt, wer ist
-das? Der Gott. -- Allem Alltäglichen, allem Irdischen und Menschlichen
-abgewandt, ganz hingegeben dem göttlichen Spieler allein, an seine Brust
-gelegt wie die Geige, -- wie durchrauscht ihn sein Tönen! >Die Herden
-trabten aus den Winterlagern<. Sieh, das ist meine Sprache, alles ist da
-wie in meiner Sprache, aber vom ersten Hauche an fühlst, ja, noch ehe du
-die Lippen öffnest, fühlst du schon: es ist ein Andrer, der dir den Mund
-öffnet, und nun wird eine andre Sprache ertönen, erkennbar an keinem
-besondren Klang, oder Bild, oder Gedanken, sondern nur an diesem allein,
-diesem göttlichen _Anderssein_, das du so spürst wie -- wie wenn du
-schlafend auf einen Stern versetzt wärest und erwachtest auf ihm und
-wüßtest gleich beim ersten Atemzug aus seiner Luft, aus der _anderen_
-Luft: du bist auf einem Stern. >Die Herden trabten aus den Winterlagern
-...< Oh wie es da hervorduftet aus dem Unsichtbaren, wie am dunklen
-Morgen der Geist der Erdenkräfte schlafkühl duftet aus dem Schlummer der
-Geschöpfe. Jedes Gedicht aber, das so nicht ist, an dem man nur zu
-Stellen, wie den Kristall im Stein, das göttliche Dasein spürt,
-verkalkt, getrübt und unrein, ist Lästerung des Gottes, Georg,
-Vergiftung des Gottes, und sie wird sich rächen und die Seele dessen
-vergiften, der sie beging!«
-
-»Du meinst mich«, sagte ich hierauf.
-
-Aber nun wollte er es nicht gelten lassen.
-
- * * * * *
-
-Ich saß hinter dem Tisch auf dem Sofa, hatte die Ellenbogen auf der
-Platte, die Hände übereinander gelegt und das Kinn darauf, und so
-rauchte ich, und wir schwiegen. Auf einmal lächelte Bogner. --
-
-»Warum lächelst du?« fragte ich.
-
-»Ich lächelte über dich«, gab er zur Antwort.
-
-»Du hast nämlich«, fuhr er auf mein Ersuchen fort, »mitunter eine so
-erinnerungsvolle Bewegung beim Rauchen. Mitunter, wenn du die Zigarette
-aus dem Munde nehmen willst, dann nimmst du sie zwischen zwei steife
-Finger, und dann schiebst du die Lippen ganz weit vor, wie zum Saugen,
-und dann lösest du das an der Lippenhaut klebende zarte Papier langsam
-ab. Dabei saugst du dich innerlich ganz voll mit Rauch, und nach einer
-Weile strudelst du ihn von dir mit einem traurigen Seufzer.«
-
-»Gott segne deine Augen, Bogner,« erwiderte ich, »und was soll das
-alles?«
-
-»Darin soll«, sagte er, »eine Antwort auf die Frage liegen: warum raucht
-der erwachsene Mensch? Es giebt ja Unverständige darunter, die nehmen
-bloß den Mund voll, aber der Wissende tränkt seinen ganzen Leib durch
-die Lunge mit dem schönen Gift. Warum, Georg? Aus Erinnerung. Er denkt
-an seine Kindheit und saugt wieder. Damals weiße Milch, heute braunes
-Gift. Und er muß den entseelten Rest des nur halb Verzehrten wieder von
-sich geben und tut es mit einem traurigen Seufzer.«
-
-Bogner lachte bis zu Tränen, zog dann seine alte Pfeife aus der Tasche,
-die er nicht brauchen darf, betrachtete sie wehmutvoll und roch daran.
-Auch ich hatte erst lachen müssen, aber nun wurde ich von Schrecken
-ergriffen im Gedanken an das von der Wiege und der Mutter, und ich
-sagte: »Ja, ist es denn wirklich so, Bogner, daß mit unsrer Kindheit
-alles ein Ende nimmt, und wenn wir uns an Äonenfernes zu erinnern
-glauben, so war es nur zwanzig Jahr her?«
-
-»Glaubst du das?« fragte er. »Ich weiß es seit langem.« Und er erklärte
-mir, daß er besonders deutliche Erinnerungen an früheste Kindheit hätte,
-und zwar nicht eingebildete nach Erzählungen Erwachsener.
-
-Und da fängt er an, von den Erscheinungen seiner kindlichen Fieberträume
-zu sprechen, und sagt: »Da war nämlich das Große!«
-
-Ich wäre gern in ihn hineingestürzt. Ich schrie: »Das Große! das kennst
-du auch? Dies entsetzliche schwarze Anwachsen und Riesigsein und --«
-
-»Und dann der Gang, durch den man hindurchsoll, und der zu eng ist ...«
-
-»Ein Gang war bei mir nicht,« sagte ich, »bei mir war das Wälzen!«
-
-»Nun, das ist gleich,« meinte er, »es hat ja den gleichen Sinn.«
-
-Ich schrie wieder: »Es hat einen Sinn? Welchen Sinn hat es denn?«
-
-»Du siehst, daß es einen Sinn haben muß, denn wie könnten sonst wir
-Beide es erlebt haben? Und nicht nur wir Beide. Ich glaube, daß jeder
-Mensch es kennt, und zum Beispiel in dem Buch von Rilke, da steht es
-auch darin.«
-
-»Ja, aber was ist es denn, mein Gott?«
-
-Er sagt: »Die Geburt.«
-
- * * * * *
-
-Heute will ich nur aufschreiben, was mir eben wieder ins Gedächtnis
-kommt aus den ersten stillen Tagen dahier.
-
-Wir befanden uns in der noch lauen Nacht ohne Sterne oben auf dem Deich
-über der Ebbe des Meers. Zwei Tütvögel, die unsre Anwesenheit erregte,
-kreuzten unaufhörlich über uns hinweg, jeder eine Zeitlang, wenn er über
-uns war, anhaltend und mehrmals seinen mißtönigen Klageschrei
-ausstoßend, -- der einzige Laut in der Stille. Ich lag auf meinem
-Mantel, die Füße in der Richtung der unsichtbaren See, die Hände unterm
-Kopf, im linken Augenwinkel, mehr gewußt als gesehn, den Schatten des
-sitzenden Malers auf seinem Feldstuhl. Wir hatten -- nicht das erste Mal
--- von Ulrika gesprochen, und er deutete mir wieder Züge ihres Wesens
-und das Ganze auf eine unendlich innige Weise des Wissens. Dabei war es
-aber immer, als ob hinter seinen Worten sich das bewegte, was er mir
-später >gestand<, wie er sagte, das Geheimnis seines und ihres Lebens
-und Sterbens. An jenem Abend sagte er, er habe einmal in seinem Leben,
-vor Jahren, eine Frau so geliebt, daß er fast daran zu Grunde gegangen
-wäre; »und das«, sagte er, »schien mir später zuviel für einen Menschen,
-dessen Auftrag es nicht ist, Menschen zu lieben, sondern --«
-
-Er schwieg, und ich glaubte das Ungesprochene richtig zu ergänzen, indem
-ich sagte: »die Kunst.«
-
-Ich wandte mich zu ihm bei diesem Wort und sah nun sein eines Auge im
-Dunkel, der See zugewendet in einer Haltung des Kopfes, die mir
-besonders verzweifelt erschien.
-
-»Nein, Mensch, wie kommen Sie darauf?« sagte er dann. »Glauben Sie,
-einer wie ich -- liebte die Kunst? Denken Sie bitte einmal an das, was
-Sokrates im Gastmahl Platos feststellt: daß man liebt, was man nicht
-hat. Was ich nicht habe, ja, das liebe ich freilich, und das ist: die
-Form. Die Vollkommenheit. Das ist jedes Bild, das ich noch nicht gemacht
-habe.«
-
-Ich sagte nun einiges Unvollkommene und Verlegene, wie daß Kunst selber
-eben die Liebe sei, die alles, was sie nicht habe -- ewig und ewig die
-Form -- mit solchem Wahnsinn begehre, daß sie es darstellen müsse.
-
-»Ja, den Dämon,« sagte er leise, »wenn Sie den meinen, -- den Dämon, der
-treibt und widersteht, den liebt man ja wohl.«
-
-»Und übrigens«, fuhr er nach einer Pause gequält fort, »habe ich Sie
-eben belogen. Früher war das so. Nun, ja nun haben Sie recht, nun liebe
-ich die Kunst, die ich nicht mehr habe, und den Dämon erst, der mich
-verlassen hat, weil ich ihn verließ und zu Menschen ging.«
-
-»Bogner,« sagte ich und legte die Hand auf sein Knie, »Bogner, das ist
-doch nicht wahr!«
-
-Ich setzte mich auf. Der Schatten schlagender Flügel, Weißes vom
-Vogelleib fielen aus der Nacht herunter, deutlich scholl der Notschrei.
-Bogner ergriff meine Hand und hielt sie fest. Er nickte dann langsam mit
-dem Kopf und sagte leise und geheimnisvoll:
-
-»Wenn es einer begreifen könnte außer mir, -- was wäre es dann?«
-
-Meine Hand ließ er nicht los. Ich fand kein Wort, und er blieb
-verschwiegen. Aber meine Hand hielt er fest, daß es mich jammerte im
-Herzen, bis wir dann aufstanden und ins Haus hinabstiegen.
-
-
- (Cornelia)
-
-Bei einer Wanderung, auf langer Straße im flachen Land, kann es uns wohl
-begegnen, daß wir in weiter Ferne zu unsrer Linken oder Rechten etwas
-Menschenhaftes gewahren, nichts weiter als einen Punkt, der menschenhaft
-erscheint, ohne Bewegung, und der die Weile, während der wir ihn im Auge
-behalten, sich nicht verändert noch deutlicher werden will. Vergaßen wir
-ihn dann lange Zeit über andern sehenswerten Dingen umher, so gewahren
-wir ihn plötzlich gar nicht weit von uns auf einer zur unsern
-heranführenden Straße, deutlich genug, um ihn an Gang und Kleidern als
-einen Menschen, wie wir selber es sind, zu erkennen, und dann betritt er
-vielleicht keine drei Schritte vor uns unsre Straße, hält an und
-erwartet uns, wir reden uns an, wir finden Gefallen genug an einander,
-zusammen zu bleiben für ein paar Stunden, wir verstehen uns gut mit ihm,
-oder auch er erscheint uns sehr merkwürdig während der nun gemeinsamen
-Wanderung, und schließlich fällt es uns wohl zu unserer Verwunderung
-ein, daß wir hier zusammen gehn und gut Freund sind mit jenem Punkt, den
-wir vor zwei Stunden keiner Beachtung, keines Gedankens von Möglichkeit
-einer Beziehung für uns wert hielten.
-
-Es sind heut Jahre her -- nach der gewöhnlichen Berechnung nur Jahre --,
-da sah ich Cornelia ganz von fern, nicht deutlicher, als daß sie zu
-erkennen war als ein weiblicher Mensch. Auf einmal sah ich sie zu meiner
-Straße heraufkommen; hier war es, hier sollte sie wenig Schritte vor mir
-meine eigene Straße betreten, ich gewahrte sie schon deutlicher, so daß,
-wenn wir etwa am Vormittag zusammen um den Deich gingen, heut, oder
-morgen am Nachmittag Tee tranken mit den Andern, oder einer las vor und
-wir lauschten: daß ich dies und jenes schon sicher an ihr wahrnahm: den
-Schnitt ihres Mantels, die Form ihrer Stiefel, Besatz an der Bluse, ihr
-Haar, ihren in den Fußgelenken schwingenden Gang, ihre länglichen Hände,
-die Lockerheit des Daumens, das Rund ihrer Augen und ihren Blick.
-Langsam bildete sich so ein Ganzes aus vielen Teilen, dieweil wir uns
-nun entschlossen hatten, nebeneinander zu gehn, -- erkennbar schon als
-ein Ganzes, obwohl noch manches Stück fehlte und zwischen den
-vorhandenen die Risse und Fugen noch ungeheilt schimmerten. Aber sie
-heilten, denn nun kam auch Teilnahme, das formenschaffende Gefühl, ein
-Wesen bildend langsam, das mir wohlgefiel, das meinen Sinnen wohltat,
-den fünfen und jenem unbekannten, nicht mit Namen zu nennenden, jenem
-Tastempfinden von Mensch zu Mensch, auf dem alle Möglichkeiten und
-Beziehungen der Menschen zueinander beruhen, der uns den andern Menschen
-_atmen_ läßt wie ein besondres Arom in unserer Luft, und in dem dann
-bald die süße Flamme Ähnlichkeit sich gläsern erhebt, wie die Flamme der
-heißen Mittagsluft überm Wachholder der Haide, -- sie zeigte sich über
-Cornelia.
-
-Nun erschien sie mir schon besonders; nun erschien sie mir, meiner
-Veranlagung gemäß, vor allem: hübsch, und es deuchte mich angenehmer,
-beim Gehen die Hand in ihren Arm zu schieben, und so weiter. Es war
-bereits immer ein leises Freuen, wenn sie kam und zugegen war; was man
-sagte, dem hörte sie gut zu und gab die rechten Ergänzungen oder
-Erweiterungen, und so man nicht sprach, war sie's auch zufrieden und
-schwieg. Sie war nämlich bereitwillig.
-
-Morgens kam sie selbst mit dem Frühstück, ich lud sie zu bleiben, und
-sie blieb, dann stellte sich heraus (nämlich ich mußte fragen, von
-selbst gab sie nichts preis), daß sie selber noch nüchtern war, und nun
-mußte sie ihr Frühstück mitbringen. Erlaubte es irgend das Wetter, so
-erwarteten wir gemeinsam am Strande das tägliche Boot mit meinem Kurier,
-dort trafen wir den notwendigen Hauptmann, standen in unsern Mänteln und
-hochgeschlagenen Kragen gegen den Wind gedreht, froren erbärmlich und
-sahen uns gegenseitig immer röter anlaufen.
-
-Nun und so weiter ...
-
-Was aber war dann eines Tages anders geworden? -- Nun hielten wir uns
-nämlich bei den Händen im Gehn, meine Stimme hatte den weicheren Ton der
-Vertraulichkeit, meine Hand das Recht, den vom Wind umgekrempten
-Mantelkragen zurechtzuschieben oder die schiefgewehte gestrickte Mütze
-gradezuziehn über ihrer Stirn, ohne daß sie oder ich dabei den grade
-begonnenen Satz unterbrach. Ich fand alte Gedichte und las sie ihr vor,
-ich kannte nun den besondren Ton ihrer Haut am Nacken, dort wo die Bluse
-sich ablüpfte, wenn ich ihr in den Mantel half. Ich kannte genau die
-Form ihrer Stirn und jede Bewegung ihres Mundes, und viele ahnte ich
-voraus und erwartete sie, und all dies ward mir sehr lieb. Ich erinnerte
-mich: dies hatte ich schon früher erlebt, und doch war es dadurch nicht
-abgenützt worden. Ich dachte aber nicht, daß ich sie küssen möchte, denn
-so besonders war mir noch von der Krankheit her.
-
-Aber siehe da, plötzlich eines Nachts, schrieb ich diese Verse auf:
-
- Diese Nacht aus dumpfem Schlummern
- Fuhr ich auf: das Schweigen dröhnte
- Mir ans Ohr, doch spürt ich: andres
- Dröhnen, Fausthieb, Fausthieb draußen,
- Zornig auf des Tores Bohlen
- Jagte mich empor.
-
- Gleich da wußt ich draußen stehen
- Ihn vorm Tore, Eros, jenen:
- Eros mit den Löwenfüßen,
- Eros mit den Geierschwingen,
- Eros mit dem Fackelantlitz
- Donnerte ans Tor.
-
-Am folgenden Morgen dann, siehe da gingen mir die Augen auf, und ich
-erkannte, daß sie weiblich war.
-
-Bald darauf stellten sich von Augenblick zu Augenblick Worte oder
-Handlungen ein, die sich auf keine Weise besser begleiten ließen oder
-gar ausdrücken als durch einen Kuß, und ich küßte sie zum Dank, daß sie
-das Frühstück brachte, beim Gutenachtsagen, beim Morgengruß, beim
-Klettern über eine Buhne, beim stillen Hinaussehn über die See, kurzum
-bei jeder Gelegenheit. Küssen ist, wie wenns regnet; erst wenig, dann
-immer mehr.
-
-Sie aber, sie hatte auf meine Veranlassung angefangen, mit mir zu
-frühstücken, mit mir spazieren zu gehn, sich vorlesen zu lassen, lange
-mit mir zusammen zu sein, schließlich auch sich küssen zu lassen und
-wieder zu küssen. Ich bedachte mich zuweilen, was in ihr vorgehen
-mochte. Sie äußerte nichts, außer auf Befragen. Und dies mocht ich nicht
-fragen, denn dann hätte der immer noch in der Entwicklung sich windende
-Satz plötzlich ein Ende genommen, ob mit Fragezeichen, Rufzeichen oder
-Punkt, -- jedenfalls ein Ende, und ein ganz neuer hätte begonnen. Ich
-dachte: sie ist doch klug, sie sieht kein Ding halb, sondern rund, wie
-zum Beispiel auch den Mond, von dem man weiß, daß er rund ist, obwohl
-scheinbar eine Sichel. Nur: sie tat zu alledem nichts dazu. Sie schien
-immer mit allem zufrieden.
-
- * * * * *
-
-Ein Winterabend. Im Dunkel trat ich aus meiner Tür, ausgewiesen nämlich
-vom dortigen Eros. Unwandelbar dröhnte der Ozean. Das Tal unter mir
-schimmerte mattweiß, eine dünne Schneedecke war drübergefallen, es
-rieselte noch in der Luft, es war kalt. In der Tiefe zur Rechten zwei
-rötliche Rechtecke -- die erleuchteten Fenster in Bogners Haus; in der
-Tiefe mir gegenüber ein gleiches. Dorthin ging ich; nicht daß ich
-erwartete oder verlangte, aber -- was konnte nicht möglich sein?
-
-Mir begegnete nichts unterwegs. Tote begegnen nicht, sie sind Wink. Ein
-roter Becher bei einem brennenden Leuchter ... nahe darunter ein niemals
-vergehendes Lächeln. Jedes Lächeln nimmt ein Ende zu seiner Zeit. Dies
-endete niemals. Siehe da, welch eine Schattengestalt über den Lichtern?
-Josef Montfort. Zwei Tote. Damals zusammen, heut wieder zusammen; so
-stellten sie sich mir dar.
-
-Ich kam aber durch die hartgefrorenen, dünn schneeüberzogenen
-Gemüsefelder an das Fenster, das zu ebener Erde liegt, und schaute
-hinein. Irgendwo stand ein brennendes Licht. Der Raum war klein und
-niedrig. Sie stand vor einem geöffneten Kleiderschrank, hängte eine
-blaßrosa Seidenbluse über einen Bügel, diese in den Schrank hinein und
-schloß die Türen; lautlos, denn in der Nacht brüllte der Eros über die
-See. Da klopft ich ans Fenster. Sie kam und machte auf. Ich sagte wohl:
-Guten Abend! und: Noch nicht schlafen gegangen? Sie antwortete dies und
-das; wir küßten uns dann wohl.
-
-Und es hatte nunmehr jene Frage zu kommen, die aussieht wie alle andren
-Fragen, die aber am unsichtbaren Faden weit hinter sich her etwas zieht,
-das nicht den geringsten Zusammenhang mit ihr hat. Ich fragte nämlich,
-ob ihr auch nicht kalt sei. -- Sie konnte nun dies oder jenes antworten,
-es gab auf jeden Fall ein Gelenk, und sie sagte: Es geht -- und Ihnen?
--- Nun tat ich scherzhaft, als ob ich gewaltig fröre, um Grund zu haben,
-sie fest an mich zu drücken, worauf sie wiederum -- übrigens aus keinem
-besondren Grunde -- tat, als ob ich ihr wehtäte, und sagte: Ich sollte
-lieber hereinkommen. Da schloß sich denn der Ring zur ersten Frage mit
-meiner letzten, (die ich jedoch erst nach einer Weile tat, damit sie
-auch recht bedeutungsvoll erschiene, und während der ich sie mit
-Behutsamkeit an dieser und jener Stelle des Gesichts küßte:) Ins
-Wohnzimmer oder in dieses?
-
-Eine Antwort erhielt ich naturgemäß nicht. Aber nach wenigen Sekunden
-hatte die Erwiderung meiner Küsse einen andren Schmelz, und ich hielt
-einen andren Menschen im Arm. -- --
-
- Und als sie wieder lagen auf bekränzter,
- Ermüdete, auf schmaler Lagerstatt,
- Stand auch der Geierfittich sanft am Fenster
- Und lächelte auf das erglänzte Watt.
-
-Es schien nämlich (ganz nutzlos, aber doch überaus frohgemut und
-strahlend über seine Anwesenheit) schien der Mond vom Himmel herab, als
-ich wieder aus dem Hause trat, und geleitete mich mit meinem Schatten
-wie mit einer Hand fürsorglich durch das Tal bis nach oben vor meine
-Tür, wo er zurückblieb.
-
-Wieder einmal aber, schlafesunbedürftig sitze ich nun in der langsam
-verhauchenden Wärme des Ofens, verzeichne eine Stunde dieses nie zu
-begreifenden Daseins, blicke von unten in die Lampe, bin besonders
-ruhig, allem Ewigen so fern, ein kleiner Mensch im Gehäus, und ich
-beginne fruchtlos zu staunen über die Ahnungslosigkeit unseres Seins.
-
-Da doch immer wir selber es sind, die alles tun, was unser Leben
-ausmacht, wie unbegreiflich, wenn man sich hineinversenkt, scheint es,
-daß wir vom tausendsten Teil des allen, solange es gegenwärtig ist,
-nicht die wirkliche Bedeutung erfassen. Was würden wir sagen, wenn bei
-der Begegnung mit einer fremden Frau ein Dritter uns darauf aufmerksam
-machen würde, daß uns über Jahr und Tag ihre besondre Art, das
-Strumpfband zu verhaken, nicht unbekannt sein würde und keine besondre
-Sache, und daß wir zusammenschliefen in einem noch nicht einmal gebauten
-Bett?
-
-Es geschieht auch wohl einmal, daß die gewohnten Zusammenhänge mit
-unsrer Umgebung und uns selber unvermerkt sich in nichts auflösen; wir
-sehen mit einem Schlage auf uns selber herunter wie von einem Stern,
-sehen uns und unser Erdendasein in einem fremden Licht, im Licht der
-Lebensart auf jenem Stern, und da kommt es uns so fremd und ohne Sinn
-vor, daß wir uns fragen: Dies sind die Dinge, die dorten vor sich gehn?
-Dazu wird dorten gelebt? Warum sind sie so? Welche Gründe haben sie zu
-all diesem? Was frommt ihnen dies? Was haben sie davon?
-
-Antworten aber giebt es keine. Aber so erkannte ich auf einmal sie und
-mich ganz von oben in jener Stunde, wo ich mich neben ihr in dem
-bäuerlichen Schrankbett fand, ausgestreckt auf dem Rücken, die Hände
-unter dem Kopf. Ich hörte dumpf das Brausen der See. Ein Licht in einem
-Holzleuchter, bestehend aus einer größeren rot- und drei kleineren
-grünlackierten Kugeln als Füßen, bewegte leise die goldene Flamme mit
-gasblauem Kern im Luftzug der nahen Fensterfuge; dahinter hingen die
-stillen, weißen Gardinen hellbeleuchtet; es stand auf einem einfachen
-Tisch, hellblau gestrichen wie die übrigen Möbel, Stühle, Waschtisch,
-Kommode, Schrank -- mit bunter Blumenmalerei -- und hinter allen, die
-Wände empor, waren die stillen Schatten. Zwischen mir und der Wand im
-Bett aber saß, die Arme um ihre Knie geschlungen, das Kinn fast darauf,
-Cornelia, und ihre Augen, groß, rund und dunkel, waren ohne Bewegung auf
-das Licht gerichtet, von dem sie erglänzten. Sie sah aus, als wüßte sie
-genug. Weich und gerötet war die Haut ihres Gesichts. Sie sprach kein
-Wort wie auch ich. Und sie und ich, so enge beisammen, sie saß und ich
-lag, und wir dachten Beide weit weg unsrer Toten.
-
-
- (Von Bogner)
-
-»Rembrandt,« sagte Bogner, »er mußte nur immer malen.«
-
-(Ich hatte Bogner mit einem großen und roten Buch voller Wiedergaben
-Rembrandtscher Gemälde angetroffen, und wir sprachen darüber.)
-
-»Er mußte nur immer malen, und um ja nicht nachdenken zu müssen über
-einen Gegenstand -- denn was ihn anging, war immer nur das Eine: das
-Leuchtende, wie es aufblüht aus der Nacht! -- so malte er unaufhörlich
-sich selber. Sieh doch nur,« sagte er blätternd, »diese ungeheure Anzahl
-von Selbstbildnissen! Und nun sieh nur einmal, wie er es anstellt,
-Abwechselung zu gestalten! Hier, hier hast du drei, sieben, vierzehn
-Bilder aus benachbarten Jahren, aus demselben Jahr! Immer derselbe
-Mensch, und immer ein Andrer. Das ist die Kunst des Entfremdens. Ja,
-glaubst du, er hatte sich so verändert in so kurzer Zeit? Sieh doch an,
-was macht er hier? Er runzelt die Stirn, und schon wards ein andres
-Gesicht. Er setzt einen Hut auf, eine Mütze, einen Helm, eine
-Sturmhaube, und die geringe Veränderung, die der Kopfschmuck bewirkte,
-breitete er aus über das ganze Antlitz, und es gab neue Schatten, neue
-Lichtflächen, und schließlich bildete er sich alles nur ein und konnte
-Runzeln oder Falten oder Furchen, Glätten oder Rauhen oder Rundungen
-sehen, wo gar keine waren, gar keine. Sieh doch das hier! das --« er
-lächelte, »ja, da haben sie darunter geschrieben >Bildnis eines jungen
-Mannes<. Meinst du vielleicht, das wäre er nicht? Und hier --« er zeigte
-auf ein Bild, unter dem ein Name stand, den ich nicht im Gedächtnis
-behielt -- »das ist er natürlich selber! Seine ganze Phantasie -- glaube
-mirs, Georg -- bestand im Verändern. Sieh doch hier diese Landschaft mit
-den geisterhaften Bäumen! Das ist nicht wirklich und ist nicht
-empfunden, nur sein Dämon griff hinein, riß und bogs auseinander und
-stellte sich mitten hinein.«
-
-Er schwieg, schlug langsam die Seiten um, und ich sah, daß er zu den
-Altersbildern gelangt war. Gleich darauf begann er wieder, furchtbar
-ernst:
-
-»Und nun sieh hier das. Siehst du, da kam es! Jahrzehntelang hatte er
-Mummenschanz getrieben mit seinem Gesicht, und nun -- nun sitzt
-plötzlich einer innen und verändert willkürlich, von innen! -- Da!
-siehst du das? Wer ist das? Ihre Majestät die Ruine. Nun kann er sich
-jeden Monat malen und jede Woche, jeden Tag, ja, jede Stunde -- es ist
-immer Verfall. Er zerfällt, er zerblättert fürchterlich, es bläht ihn
-auf, es sackt wieder zusammen, es glotzt aus ihm, es grinst, es
-schluchzt, es sickert, es bröckelt, es -- zerfällt, zerfällt, und er --
-er malt es, malt es, er ist ganz blöd, er denkt bloß, daß ihm auch das
-Verändern jetzt abgenommen ist, und daß diese Art des Veränderns noch
-genialischer ist als die eigene Methode, und er malt, halb blind,
-besinnungslos, ein Schwamm, ein morscher Stumpf, der phosphoresziert!
-Sieh die Gesichter, diese Larven einer Armenhäuslergalerie, diesen
-Katalog aller Krankheiten, ohne Geist und ohne Seele, ohne Zukunft, ohne
-Gott, nur noch Schicksal, wütendes Schicksal des Malenmüssens, das in
-seiner leiblichen Hülle sitzt. Und malt er denn noch, er? Seine Hände
-malen, in seinen Händen sitzt das Malen und rast mit den Pinseln, ohne
-Farbe, ohne Leinwand, ein Stück Brett und nasser Lehm, mehr ist nicht
-nötig für den glorreichen Triumph seiner Hände, drin die Natter Gicht
-sich verbiß. Und so bis zum letzten die ewige Glorie: Licht! Licht!
-Licht! das die vergrämte Ruine mit Seelenblut überlodert, die goldene
-Quelle, das ewige Rieseln aus der Nacht -- Gott im Himmel, Georg, wenn
-aus Baumstämmen vom Druck der Jahrtausende Kohle wird, und aus Kohle
-Diamant: so müssen seine Augen, als er endlich tot lag, zwei Demanten
-geworden sein, zu lauter kristallenem Licht gepreßt in der ewigen
-Faust.«
-
-Er schwieg. Ich dachte: er spricht von sich. Scheinbar aber hatte er
-doch an sich selbst nicht gedacht; er machte jetzt das Buch, das er im
-Schoß hatte, zu, legte es vor sich auf den Tisch, trocknete die
-übergelaufenen Augen und sagte nun mit sanfterer Stimme:
-
-»Immer muß ich bald auch an van Gogh denken, wenn ich mich auf Rembrandt
-besinne.«
-
-Ich meinte, da er wieder verstummte, das sei wohl der Fall, weil für ihn
-das Malen so sehr das Einzige, so sehr eine Raserei gewesen sei wie für
-Rembrandt.
-
-Das nicht, erwiderte er. Dazu seien sie doch von zu verschiedenen
-Größenmaßen gewesen. »Raserei, sagst du. Ja, aber bei van Gogh doch nur
-die eines Menschen, während die Rembrandts an den Niagara denken läßt
-oder auch an eine dieser gewaltigen Maschinen, die still zu stehn
-scheint mit allen Rädern und Riemen, obwohl sie in ungeheurem Schwunge
-ist, und die dabei so sorgsam, zart und genau arbeitet wie eine
-Spitzenklöpplerin. Van Gogh flackerte ja. Nein, ich meinte den
-Gegensatz, nicht ein Gemeinsames.
-
-»Ihrer beider Wollust war -- bis zum Äußersten, wie bis zu einem
-gewissen Grade in jedem Maler -- das Licht. Da war nun van Gogh leider
-von einem blinden Teufel besessen, der ihn zwang, geradeswegs mitten
-hineinzusehn in das Licht -- und das malen zu wollen. Und -- siehst du
--- da flackerte alles und zerstob zu Myriaden bunter Funken. Ich weiß
-nicht, wie sein leiblicher Wahnsinn an ihm sich geäußert hat, aber ich
-könnte mir denken -- weil er so besessen war von der flammenden
-Erscheinung der Sonne --, daß er im Irrsinn nichts andres gewollt hat,
-als geradezu die Sonne malen -- wie er es zuvor versuchte mit Hülfe der
-Landschaft --, nämlich ihre flammend brodelnde Goldscheibe selbst und
-sonst nichts. Und so, verstehst du? hat er die Wahrheit doch nie gesehn.
-
-Die Sonne, Georg, was liegt denn an der Sonne? Wenn ich blind bin, ist
-deshalb kein Licht? Die Sonne, hat sie nicht dunkle Strahlen der Wärme?
-Und der blinde Leib, hat er nicht seelische Strahlen eines Lichts? Was
-van Gogh sah, war die Erscheinung, das Sein, das seiende Licht, das von
-außen in ihn eindrang. Was liegt an ihm? Was ist selbst Dasein? Dasein
-ist nichts, Zeugung ist alles. Und -- es zeugt, das Licht, das ist die
-Wahrheit! Es hat gezeugt -- diese Erde, diese Wälder und Äcker und das
-Meer, jeden Baum, die Tiere und den Menschen und seine Seele. Es zeugte
-aus uns den Flammengeist, und es zeugte die Weiße der Narzisse; es
-zeugte die Wärme des Blutes und die Glut des Herzens. Die Wärme, Georg,
-die Wärme! Die aber hat er gefühlt, Rembrandt, und die hat er gemalt,
-Rembrandt! Er sah -- die Nacht. Und in der Nacht sah er sich zeugen: das
-Licht, das ewige Juwel, die Wonne des erleuchteten Daseins mitten im
-Finstern, und Entzücken strahlte ihn an aus der Nacht, und so malte er
-das Licht in seiner unendlichen Fruchtbarkeit. Er malte es als Maler an
-malerischen Dingen. Er ließ es saugen am riesigen Leibe der Nacht, und
-überall taten sich Adern auf, und es schmolz hervor: Juwelen und Perlen,
-die Brokate und die Spitzen, Fahnen und Harnische und Fackeln,
-Stickereien und Sammet, das Lachen der Saskia und der Körper Hendrikjes,
-und hundert Male immer wieder -- nur noch Leuchter fürs Licht -- das
-eigene Antlitz, und hinter dem Antlitz die eigene, brennende, brodelnde,
-wollüstige, trinkende, schaffende, zeugende Sonne der Seele. Das ganze
-Dasein war ihm eine unendliche Nacht voller tausend Geschichten, die
-sich fortzeugten auseinander, und die ganze Nacht nur ein riesenhafter,
-schwarzer Spiegel, in dem meilenfern, ein verlorener Funken Goldes,
-widerglänzte die eigene Seele, ein Tropfen an Gottes Wimper.«
-
-Dies, dachte ich, als ich durch die brausende Nacht zu mir hinüberging,
-blindlings im völlig Schwarzen, dies ist nun Bogner? Dieser einst
-gelinderte, wortkarge, sparsame Mensch? Freilich: damals malte er, die
-Seele glühte sich schweigend aus; nun muß sie reden und verbrennt dabei.
-Und ich erschrak, da ich bemerkte, daß ich nicht der einzige Unselige
-bin auf einer so kleinen Insel.
-
-
- Fünftes Kapitel: Dezember
-
-
- Aus Georgs Papieren
-
-Von Zeit zu Zeit ereignet es sich wohl einmal -- zumeist wenn ich sitze
-und schreibe --, daß hinter meinem Rücken in der Nachtferne etwas mir
-vorhanden scheint, das ich mehr empfinde denn sehe als: Land. So eine
-dunkel verdämmernde Fläche nämlich ohne Umrisse, von unsichtbarem Leben
-überwebt -- das Land, das meinen Namen trägt (obwohl wiederum selber ich
-ihn nicht trage, aber wer weiß das?). Dazu ein Staat, der in
-hunderttausend Gehirne geprägt ist als das Bild eines Berges, auf dessen
-Spitze ich stehe.
-
-Und ich denke weiter: Hunderttausend Menschen -- was liegt an der Zahl?
--- sind dort, die an jedem Tage zumindest einmal ein Wort sagen oder von
-bedrucktem Papier lesen, einen Titel, unter dem sie mich zu fassen
-glauben. Mitunter, wenn sich ihrer Mehrere zusammentreffen, machen sie
-ein Bündel aus ihren Köpfen und -- nun, aus den mehr oder minder
-abenteuerlichen oder mitleidigen oder argwöhnischen Vorstellungen, die
-sie sich machen mögen, ein paar willkürliche herauszugreifen und
-aufzuschreiben, das hat wenig Sinn. Es kommt auf die Tatsache an, die ja
-nun fast von einer metaphysischen Bedeutsamkeit ist, denn was ist in
-Wirklichkeit an mir und ebenso an jenen Erdbewohnern, das diese Art von
-immerhin besondrem Schauer in ihr Empfinden von meinem Dasein mischt,
-denn sie mögen mich nun achten oder verachten, mich für mehr oder nur
-soviel wie ihresgleichen halten, gut von mir denken oder böse: dieser
-bestimmte Schauer ist immer da, war da von dem Augenblick an, wo ich
-jenen Titel bekam wie ein Kleid, also daß ich seitdem tun oder denken,
-sein und treiben kann, was ich will: den Schauer verliere ich so wenig,
-wie ein Mensch seinen Schatten verlieren kann. Es ist beinah wie mit
-Gott. Die Welt mag sein, wie sie will, den Menschen darin mag es
-ergehen, wie es wolle: Gott bleibt ihnen immer Gott, und ob der eine nun
-sein Wirken darin sieht, daß sein kranker Bruder gesund wird, der andre
-darin, daß ein Erdbeben kommt, der dritte darin, daß er anstatt den Hals
-nur das Bein brach, und der vierte darin, daß sein Nachbar an derselben
-Krankheit starb, die er überstand: Gott bleibt immer derselbe Gott, sie
-glauben an ihn, und er kann sich auf keine Weise verändern.
-
-Und weiter, was jenes Land angeht, so bin ich es, der darin diesen und
-jenen, mir ganz unbekannten Menschen veranlaßt, eines Tages mit seiner
-Familie und aller beweglichen Habe von Süden nach Norden zu reisen, und
-einen ähnlichen von Osten nach Westen; ja, es geschieht Tag für Tag, daß
-nach meinen Angaben Leute von einer Stelle weggenommen und an eine andre
-gesetzt werden, wo wieder Andre erst fortgenommen wurden, die zu einer
-dritten geschickt werden, und so fort. Sterne und Kreuze aus Metall
-werden in meinem Namen verteilt und als besondre Geschenke von mir
-angesehn, Urteile ganz fremder Leute über Andre werden gültig durch
-meine Unterschrift, und in Kirchen wird für mich gebetet.
-
-Telemach, begreifst du? Sollte es sich jemals verstehen lassen?
-Verstehen, daß wirklich du es bist, der gemeint ist? Und solltest du
-jemals nicht jenseit sein können von alledem, sondern darin?
-
-Nein, dies wird niemals möglich sein, weil es niemals hat möglich sein
-sollen. Die Schnecke wird erst nackend geboren und bildet sich hernach
-ihr Gehäuse, und ich bin nackend herumgelaufen Jahr um Jahr, aber das
-Gehäuse, das auf einmal gebildet war, es war nicht von mir geplant, und
-wer hätte auch von einer Schnecke gehört, für die ihr Gehäuse eine Last
-ist, die sie langsam zu Tode würgt?
-
-Nur so viel sieht Telemach ein, daß es doch möglich ist, darin zu wohnen
-für eine Weile.
-
-Da ist ein Tisch, und ich gehe um den Tisch. Was liegt an Tagen? Ich
-gehe linksherum und rechtsherum, tagein und tagaus, und fange an zu
-bemerken, daß sich eine Spur bildet in der Farbe der Dielen. Was Schlaf
-ist, habe ich auch einmal gewußt; nun ist es ein fliegender Rauch, durch
-den die allstündlichen Bilder wirbeln aus Wachsein in Wachsein hinüber.
-Es ist nicht genügend Einsamkeit vorhanden. Die Wintersee ist so laut
-geworden, daß die Andern und ich es aufgegeben haben, miteinander zu
-reden, -- dann züngelt die rasende Ungeduld aus mir, wenn ich sitze und
-sie sitzen sehe, der letzte bange Rest Menschenliebe windet und verzehrt
-sich in meinem Herzen, und ich denke, daß ich bald nicht mehr kann.
-
-In eine hohe Flamme zu steigen wie in ein Bad und drin prasselnd zu
-stehn, müßte das nicht wollustvoll sein? Ich brenne allzeit, und mir
-wird nicht einmal warm davon. Ich rüttle an den Steinen des ewigen
-Geduldspiels, aber wie ich die Steine einmal zusammengefügt habe, so
-stecken sie nun, und keiner weicht von der Stelle. Ich hoffe, rasend zu
-werden, und bemerke, daß ich mit der Zeit vielmehr in Ordnung gekommen
-sein muß, denn nicht immer, wenn ich schreibe, muß ich wie ehedem jede
-Laus von Wort, die durch mein Gehirn läuft, aufs Papier streichen,
-sondern ich lasse sie sitzen.
-
-Oh Himmel meiner endlosen Tage wie so grau! Wiesen des Sommers und ihre
-Aurikeln, blaues Wogen des Jugendtags, wart ihr wirklich einmal? Ein
-Knabe klettert hoch am Sockel der Sonnenuhr, deckt Zeiger und
-Zifferblatt zu mit dem eigenen Schatten, sucht und wundert sich, nichts
-drauf zu finden, was ihm die Stunde anzeigt -- -- es ist keine Stunde,
-und dies war die Jugend. In der tiefen Scharte meines Fensters sehe ich
-ein Stück wankender Wasser, grau und voll gelblichen Schaums, ein
-Hundert Wellenköpfe in jagendem Durcheinander, immer dieselben, die auf
-mich zutaumeln und unter mir im Unsichtbaren verschwinden, und ich sehe
-und sehe.
-
-Oh ein Zeichen, das Zeichen gieb, heilige Allmacht! Halte mich doch
-nicht mehr auf, laß mich doch los! All ihr unendlichen Mächte, was
-verschlägt es denn, ob einer getröstet wird? Wenn ich auch schuldig
-wurde an Menschen, so warens doch immer solche, die ich liebte, und
-ge--, oder hätte ich besser hassen sollen? Ja, war es dies, daß ich lau
-war, nicht böse, nicht gut, nicht kalt und nicht heiß, und soll ich
-darum, darum in alle Ewigkeit sitzen zwischen Leben und Sterben?
-
-
- (Von Bogner)
-
-Das fehlte noch! Heute sagte Bogner: er fände die Welt in Ordnung. Ja,
-wie soll man da widersprechen? Er hat es entschieden, und nun war es so.
-Mitten in der Nacht war er aufgewacht und hatte diese Entdeckung
-gemacht. Erstens: die Welt; zweitens: in Ordnung.
-
-Danach bewies er es mir auch.
-
- * * * * *
-
-Es wurde sehr spät gestern nacht über Erzählungen Bogners von Frankreich
-und Spanien. Später kam er auf einige besondre persönliche Erlebnisse,
-und dann fand ich mich dabei, wie ich ihm von Cordelia erzählte. Am
-Schlusse unterließ ich dann nicht eine besondre Darstellung meiner
-Verschuldung, zu der mir im Laufe der Zeit ein neues Ingredienz bekannt
-geworden war, nämlich daß ich sie nur aus Lüsternheit suchte, nicht aus
-Liebe; daß sie mich deshalb nicht für ihr so nahe halten konnte, um ihr
-Geheimnis zu beichten; daß also, wenn meine Sinnlichkeit schon in
-früheren Jahren ihre notwendige, regelmäßige Stillung gefunden hätte --
-und so weiter.
-
-»Der Fluch der Lüsternheit über der Menschheit«, sagte er, »ist der
-Schatten eines Segens und darum unheilbar. Im Grunde davon wohnt einer
-der beiden tiefen, alles beherrschenden Triebe, deren einer zielt nach
-dem Lichte, deren andrer nach dem Dunkel. Niemand liebt wahrhaft das
-Licht, der nicht auch die Nacht liebte; niemand wahrhaft die Nacht, der
-nicht auch das Licht liebte. (Darum beginnt Novalis den Hymnus auf die
-Nacht: >Welcher Lebendige, Sinnbegabte liebt nicht vor allen
-Wundererscheinungen des verbreiteten Raums um ihn das allerfreuliche
-Licht ...<) Im Licht ist das Wissen, im Dunkel das Geheimnis. Wir sehnen
-uns nach dem Wissen und sehnen uns nach dem Geheimnis. Wir sehnen uns
-nach dem Verhüllten, das für den Dumpfen das verhüllte Nackte ist. Er
-will nicht das Nackte, er will das geheime Nackte. Wäre es nicht geheim,
-so wäre es kaum noch.
-
-»Der aber«, sagte Bogner, »ist der Heilige, der das Geheimnis weiß im
-Licht.«
-
-Und der, setze ich nun hinzu, ist der Glückliche, der ewig ein Geheimnis
-pflegen kann -- es besitzend, ohne es je zu durchschauen --, dem es
-selber zur Magie geworden ist: der Dichter.
-
-Hielt ich mich selbst nicht für einen? Heute weiß ich nicht einmal, wie
-ich davon abgekommen bin. Es vollzog sich die Einsicht wohl mir selber
-unvermerkt im Wirbel des Übrigen, und nun erst, ganz plötzlich, fühle
-ich einen Schmerz.
-
-Ich sehe Bogner, wie er war, wie ich noch immer glaube daß er ist, und
-sehe, daß es ein unmenschliches Glück sein muß, ein Glück über allen
-Glücken, Dichter zu sein. An jedem Tag die Quellen seines Lebens strömen
-zu lassen, sich selber hundertfach sichtbar zu sehn und zu haben im
-erschaffnen Gebilde! Sich im Stande der Gnade zu fühlen, einsam, einzig
-mit den Wenigen, oh Flügel an die Füße selbst in den erzschweren Stunden
-des Seins! Was könnte einem Solchen geschehn? Muß ihm nicht alles zum
-Besten dienen? Muß ihm nicht Honig fließen aus jedem Ding, das er selber
-erst zur Blüte wandelt, sei es giftig oder rein, gemein oder edel -- aus
-jedem strömt ihm eine, die seine Kraft. Die gehäufte Welt ist sein
-Thron, seine Schatzkammer das Firmament, er allein besitzt die Erde, da
-er sie machen kann. Ungeheuer sein Stolz wie seine Demut. Mich faßt ein
-unendlicher Jammer an, wenn ich der Ärmsten unter den Armseligen
-gedenke, der Dichter, die es sind und dennoch nicht glücklich. Die eine
-Begierde haben können, außer der einen, tausend Jahre so leben zu
-wollen; die nach Ruhm begehren, nach Achtung und Liebe der Menschen,
-nach Brot. Die das Heilige erniedrigen können, indem sie es zu einem
-Mittel ihrer Notdurft machen. Denen es nicht Wonne ist, zu dulden dafür,
-daß sie so sind.
-
-Da an Gott das einzig Wesentliche ist, daß er ein den irdischen Trieben
-und den menschlichen Zwecken nicht unterworfenes Wesen sei, so giebt es
-nur einen Menschen, der seiner entraten kann: den Dichter. Er allein muß
-ja erkennen, daß sein innerster und einziger Lebenstrieb ihn zu einem
-mit keinem irdischen Nutzzwange verbundenen Tun zwingt, unweigerlich,
-wider seinen eignen, kleinen Willen, unbeeinflußbar von ihm selber. Wenn
-er zeugt, so zeugt er wie der Gott: allein um des Zeugens willen. Alle
-können anders; er muß das Eine.
-
- Ich aber bog den Arm an seinen Knieen,
- Und aller wachen Sehnsucht Stimmen schrieen:
- Ich lasse nicht -- du segnetest mich denn!
-
- * * * * *
-
-Damals, als Bogner das Wort >Geburt< vor mich hinstieß wie die Faust mit
-dem Schlüssel, der den Zugang zu den Müttern eröffnen sollte, mich in
-meinen Festen schon als Ahnung erschütternd -- damals genügte mir der
-Schlüssel, ich war froh, das Kleinod im Geheimnis zu haben, froh, es nur
-zu wissen, vom Gedanken an es mich immer wieder süß durchzucken zu
-lassen. Nun ist mit der Verflüchtigung der Zeit auch die Wißbegierde
-gekommen, der Zweifel mit seiner Stimme: ganz hinunter gelangst du ja
-doch nicht, so geh wenigstens tiefer. -- Heute fragte ich Bogner:
-
-»Du mußt mir nun sagen, wo der Anfang war. Ich sehe die Kindheit wie
-eine Wand, mit der alles ein Ende nimmt. Du sagtest das selber. Und was
-ist das mit dem Geheimnis? Du sagst: der Schauder vor dem Geheimnis sei
-unsre ganze Lust. Aber _warum_ ist sie das?«
-
-»Ja,« sagte er, »auch ich glaube, daß mit der Kindheit alles ein Ende
-nimmt, und auch ich habe in diesen Tagen wieder und tiefer darüber
-gedacht. So laß uns doch einmal erinnern.
-
-»Ich will dir sagen, was meine fernste Erinnerung ist. Zuerst ein
-schwarzes Unbegreifliches voll Kampf und entsetzliches Grausen. Ein
-Erwachen dann, ein sanfter, ferner Goldschein; ein Schatten im Golde,
-und in dem Schatten das nicht zu beschreibend Tröstliche, alles
-Stillende, Sichere, ein Gesicht, ein Paar Augen. -- Solltest du das nie
-erlebt haben?«
-
-Seine Worte hatten mich in eine seltsame Magie versetzt. Ich glaubte zu
-sehen, was ich nie gesehn hatte. Ich wollte mich schon wieder
-herauszerren aus diesem, weil ich glaubte, es sei Einbildung, ich sähe
-nur, was er zeigte. Allein plötzlich, bei der Vorstellung jenes
-Schattens und seiner Augen geschah das Seltsame, daß ich ihn sah --
-nicht aber mit zwei Augen, sondern mit nur einem. Das saß in der Mitte,
-unter der Stirn.
-
-Der Maler schwieg, ich nahm alle Willenskraft um mich zusammen und
-dachte. Da geriet ich besondrer Weise in einen Schwarm von tausend
-wütend wirbelnden Vorstellungen, Bildfetzen ohne Beziehung zur Stunde.
-Bis dann plötzlich mit einem Ruck dieses riß, und ich sah -- Ihn.
-
-Ich war ein Knabe, er hob mich auf, er setzte mich auf sein Knie, und
-ich -- fürchtete mich vor ihm. -- Warum das? Ich soll ein wenig
-geschielt haben als kleines Kind, und ich fürchtete mich vor ihm: weil
-er nur ein Auge habe. Seine eng beisammen sitzenden Augen hielt ich für
-nur eines und fürchtete mich.
-
-Es durchsauste mich, als ich es bedachte. Er, immer Er! Er war die
-Erscheinung, der eingeäugte Schatten, und damals hatte ich keine Furcht.
-Warum kam sie später?
-
-Ich wollte es Bogner sagen, aber siehe da, ich konnte ja nicht! Wie soll
-ich seinen Namen sprechen? Kurz und gut, ich sagte ihm so viel, daß ich
-mich an Ähnliches zu erinnern glaubte.
-
-»Und dies,« sagte er nun, »dies war der Anfang. Wie hieß der Anfang,
-Georg? Angst. Nun wollen wir an unsre früheste Kindheit denken, an
-damals, als wir Menschen waren und noch ganz Kinder. Damals war Wald,
-und Verirrtsein im Wald, und die Dämonen, die hunderttausend Mächte der
-Angst, die böse Natur. Damals brach in den riesenhaft umgewälzten
-schwarzen Klumpen, der wir selber waren, ausgedehnt in die Urwaldsnacht
-und verschmolzen mit ihr, in ihn brach der Morgen hinein. Eine Sanftmut
-ging hervor, öffnete alles und machte es lind. Licht kam und war
-tröstlich. Uns segnete die Blaue. Und das war Gott.
-
-»Die Sanftmut, das Heilende, die Sicherheit der Wiederkehr (>Noch
-niemals blieb der Morgen aus, der lichtend -- Das Tal ihr wieder wies,
-das duftig bläut<) und die Hoffnung: all das und mehr wurde Gott.
-
-»Und weiter, Georg: Wenn die Pferde einen Gott hatten, wie würde er
-aussehn? Wie ein Pferd. Wir Menschen gaben ihm menschliches Gesicht, und
-da in Urzeiten und bis spät hinauf nur der Mann etwas galt, so wurde der
-erste Gott männlicher Gestalt. Später kamen die Mutter, das Weib, die
-Jungfrau am Ende im Kleide vom himmlischen Blau.
-
-»Aber ein Tiefers ist in diesem. Denn wer war das, Georg, der am Morgen
-in unsre Wälderangst trat? Wer war der Tröstliche, der im Lichtschein
-erschien, als wir Kind waren und vergingen in der Angst unsrer Träume?
-Der uns anblickte und uns zusprach und --«
-
-Ich bat ihn, zu schweigen.
-
-Er dachte wohl, es seien Trauer und Schmerz um einen Gestorbnen, der
-mich weich machte, und begann deshalb nach einer Weile an einer andern
-Stelle.
-
-»Du fragtest nach dem Geheimnis, Georg. Im Anfang war das Geheimnis
-schwarz, war Angst, und der Schauder war böse. War die Erscheinung
-minder rätselvoll, minder voll Schauder? -- Damals aber mischte sich
-Angstgrauen und Lichtgrauen, wie Nacht und Tag sich am Morgen vermengen.
-Geheimnis hob nicht Geheimnis auf, sondern jedes vertiefte das andre,
-und die ganze Lust der Süße wurde fühlbar erst durch das Grauen zuvor,
-und das furchtbare Grauen wurde versüßt durch die Aussicht auf Heilung.
-Schon das Kind, das sich fürchtet, im Dunkel einen Gang hinunterzugehn,
-lernte es, dieselbe Furcht süß zu finden in Geschichten. Wir waren ein
-unendliches Gemisch von Anfang her, aber wir lernten viele Teile davon
-erkennen und sie auszuspielen gegeneinander, immer auf der Suche nach:
-mehr Süße.
-
-»Am Ende erlernten wir dann das Wunderbare: das Gesetz. Aller
-Geheimnisse süßestes, erkennbar schon am Antlitz Gottes, vor dem
-Schwarzes und Wüstenei sich auflösten, sich darstellten gesondert, nicht
-mehr erschreckend, sondern bekannt -- aller Geheimnisse süßestes: die
-Ordnung.
-
-»Die Ordnung aber ist das Bekannte. Das Geheimnis der Heilsamkeit ist
-das Wiedererkennen, ist die Sicherheit des Einen, das in jedem waltet
-und sich gerne verrät. Alle Dinge gingen hervor aus Gottes Hand; in
-allen Dingen wohnt seine Form. Wie ward da magisch unser Finger, unser
-Ohr, unser Mund! Morgens tropfte auf uns der Gesang der schwarzen Amsel,
-und wir horchten, und da war das Gesetz. Im Wasserfall schlief, und wir
-weckten es auf, das Gesetz. In unserm Gang das Gesetz, in unserm Antlitz
-Gesetz, im Tier das Gesetz; Gesetz, Bekanntes, Ordnung, Heilung, Süße,
-Form allüberall. Oh der süßeste Schauder, Georg, den Freund
-wiederzuhaben nach langen, schmerzlichen Jahren! Oh der süßeste
-Schauder, das Bekannte wiederzusehn im Wilden, Erschreckenden, Fremden!
-
-»Und dieses wurde das Gute genannt, und alles andre das Böse.«
-
-»Bogner,« mußte ich plötzlich sagen, »noch eins! Du hast einmal ein
-schrecklichen Wort zu mir gesagt; eben fällt es mir ein, du sagtest: Die
-Menschen sind alle gut; es will sich nur niemand hindern lassen. Ich
-habe es wohl nie verstanden, aber jetzt sehe ich, daß ich immer daran
-geglaubt habe. Was heißt es denn aber? Sie wollen also das Gute -- aber
-sie wollen sich nicht hindern lassen. Ja, was heißt das?«
-
-»Habe ich das gesagt?« fragte Bogner nach einer Weile. »Dann wird es
-dieses heißen:
-
-»Du sagst: das Gute. Giebt es ein >das Gute<? Es hat ein jeder sein
-Gutes, nämlich was er für gut hält, ohne daß irgendeine Beeinträchtigung
-seines Wesens damit verbunden wäre. So ist auch das, was uns ein
-Immergutes ist -- Eltern, Geliebte, und was du noch willst --, nicht gut
-mehr, wenn es uns hindert. Wir können nur um unsrer selbst willen sein.
-Ob wir lieben oder hassen, töten oder uns opfern, verzichten oder
-erobern, bitten oder befehlen: all dies geschieht um unsertwillen von
-uns, weil wir so sind und so müssen. Was wir Altruismus nennen, kann nur
-eine Komponente des Egoismus sein, ob er bis zum Opfer, zur
-Selbstvernichtung geht oder nicht. Wir können ewig nur auf egoistische
-Weise altruistisch handeln. Und es wäre die vollkommene Art, den
-Egoismus zu befriedigen, indem wir ihn in altruistischem Wesen
-darstellen. Der Mensch kann nur sich selber gut sein; aber er kann sich
-in der Vollkommenheit gut sein, indem er es gegen Andre ist.
-
-»So gut sein, daß nichts mehr mich behindern kann -- das wäre zu
-wünschen. Es wird nicht gehn. Der Tätige kann nicht nützen, ohne zu
-schaden. Malen ist gut; aber wenn dein Vater nicht will, daß du malst?
-Wenn er aus reinem Altruismus überzeugt ist, es sei besser für mich,
-wenn ich nicht male?
-
-»Darum sagte ich, sie sind Alle gut, denn das heißt: sie wollen Alle
-nicht das Schlechte; sie wollen sich nur nicht hindern lassen an ihrem
-Guten.« Er lächelte plötzlich.
-
-»Etwas fällt mir ein«, sagte er dann ernst. »Vielleicht wirst auch du
-erst lächeln, wenn ich es dir sage, und doch scheint mir, sind wir damit
-am Ersten und Letzten angelangt. Nämlich: das Neugeborene schreit;
-ununterbrochen, aus vielleicht gar keinem Grunde, als weil es weiß, daß
-es schreien kann, schreit es die ganze Nacht. Das vernünftige Elternpaar
-möchte freilich schlafen, allein was hilfts? Es will sich nicht hindern
-lassen an seinem Guten, dem Schlaf, aber da es vernünftig ist,
-einerseits, und eine Liebe hat für das Neugeborene, andrerseits, und
-vielleicht weiß, daß auch das Schreiende nichts will als sich nicht
-hindern lassen am Schreien, was tut es? Es läßt sich doch hindern an
-seinem Guten und steht auf und beruhigt das Kind. -- Und dies ist der
-Anfang.«
-
-Zu alledem -- nachdem ich es gehört und geschrieben habe -- kann ich nur
-Eines sagen: so wenig mir irgend etwas wirklich bewiesen scheint von
-alldem, so sehr muß ich daran glauben. Es hat mich beruhigt auf die
-absonderlichste Weise. Es ist, als fände ich die Welt jetzt in Ordnung
-wie Bogner. Ich weiß nicht; es ist mir so, es ist so. Es ist kühl und
-natürlich, es ist gut. Ich weiß, was zu wissen ist; innerhalb ist alles
-Geheimnis geblieben, und auch die Grenze rundum blieb Geheimnis wie die
-Linie des Himmels auf der Erde. Doch die Linie beruhigt. Es macht
-sicher.
-
- * * * * *
-
-Wir waren allein, es war spät in der Nacht, die Stehlampe brannte auf
-dem Tisch. Er rückte daran, stand dann auf, stand nun mitten im Zimmer,
-etwas schief, die Hände auf dem Rücken, ging dann ans Fenster und
-stellte sich davor. Von dorther begann er von seiner Mutter zu erzählen.
-
-Er berichtete erst einiges von seinem Vater, den er als einen Mann
-schilderte, schlecht und recht, ohne Eigenart, ohne besondere Gaben, ein
-wenig kleinlich, geneigt, zu >nörgeln< oder >mäkeln<, aber mit Maßen und
-jedenfalls ohne Heftigkeit. Von seiner Mutter sprach er nicht; nicht von
-ihrem Wesen. Dann sagte er:
-
-»Als meine Mutter fünf oder sechs Jahre verheiratet war, lernte sie
-einen andern Mann kennen und lieben. Sie sagte es mir selber, es war
-damals, als ich heimging, vor drei Jahren. Ja, da kam sie in der ersten
-Nacht, um es zu sagen. Seinen Namen hat sie mir nicht genannt, ich weiß
-nichts von ihm, als daß er Schriftsteller war oder Dichter, und das
-ergab für mich freilich ein seltsames Gefühl von Verwandtschaft. Es
-giebt wohl mehr Kinder, deren Vater nicht der Mann, sondern ein Wunsch
-ihrer Mutter war. Mein älterer Bruder und ich selbst waren damals schon
-am Leben. Meine Mutter hatte meinen Vater geheiratet, weil ihre Eltern
-ohne Vermögen waren, weil sie viel Geschwister hatte, und weil mein
-Vater durch mehrere Jahre nicht abließ, sie zu nötigen.
-
-»Nun wollte sie sich scheiden lassen. Aber er gab die Kinder nicht her
-und wollte es überhaupt zu keiner Einigung über sie kommen lassen. Über
-ein Jahr lang gab es einen furchtbar häßlichen Kampf. Dann erlahmte
-meine Mutter und wurde, was sie während dieses Jahres nicht gewesen war,
-wieder die Frau meines Vaters.
-
-»Aber dies ist es ja nicht. Nun stelle dir vor, Georg: eine alte Frau
-von beinah sechzig Jahren kommt zu ihrem lange verschollenen Sohn, der
-heimkam. Sie war auch einmal gegen ihn gewesen. Aber nun, wo er kam und
-sie ihn so gealtert sah, da weiß sie auf einmal, daß er vieles gelitten
-hat, und da steht ihr eigenes Leiden auf, das sie immer verschwieg, und
-da muß sie kommen und es sagen und weiß, daß ihr Sohn sie versteht. --
-Und nun sitzt er vielleicht da und denkt an fünfzehn riesige Jahre, und
-daß es nun ist, als wären sie nur gewesen, damit sie nach ihnen zu ihm
-kommen könnte, und daß sie und er sich verstehen. -- --
-
-»Und also fängt sie an, eine alte Frau, die das Ihre berichtet in ihrer
-Sprache; die nicht erzählt, sondern der in wirrem Durcheinander hundert
-Züge der Erinnerung einfallen; die es nicht darstellt, wie in einer
-künstlichen Novelle etwas dargestellt wird, sondern die darüber spricht,
-sich beschuldigend, den Mann entschuldigend, den Dritten entschuldigend,
-sich wieder ent- und die Andern beschuldigend, und das wieder
-zurücknehmend oder aufhebend; immer nach Gründen suchend und doch ganz
-ratlos. Sie hatte es gut ertragen, und doch ballte es sich einmal
-zusammen und verlangte, gesagt zu werden, und da sagte sie es mir, ihrem
-Sohn. Es war doch das Heilige gewesen. Es war das Jahr gewesen, wo sie
-über sich stand, wo sie mehr wollte als sich, wo sie sogar ihre Kinder
-nur als einen Teil ihrer selbst empfand und sich davon trennen zu können
-glaubte. Und sie hatte Moral, sie sagte: die Strafe blieb ja auch nicht
-aus ... indem sie meinte, daß ihre Tochter klein starb, und daß ich zehn
-Jahre später verloren ging.
-
-»Siehst du, Georg: man wird doch unruhig, wenn man dergleichen hört, wie
-ich damals. Man versuchts doch wieder mit dem Rütteln und sagt: Wenn ...
-und: Vielleicht ... Wenn nun ich, als meine Mutter dies erlebte, etwas
-älter gewesen wäre und es erfahren hätte? Ich würde mit ihr im Vater den
-Feind gesehen haben und sie vielleicht bewogen, von ihm zu gehen. Der
-Unbekannte und sie und ich, wir wären dann vielleicht glücklicher
-geworden, ich hätte einen Vater gehabt, sie einen Sohn und -- so etwas
-denkt man denn.
-
-»Ich hätte es auch zu einer Zeit hören können, wo ich meinen Vater für
-einen Verbrecher und ein Tier gehalten hätte. Ihn, der doch Gewalt
-brauchte, wo kein wahres Recht mehr für ihn war; ihn, der eine Frau in
-sein Bett zurückzwingen konnte, die ihn nicht liebte, die ihn haßte; und
-dies aus nichts als aus Lust, aus Bedürfen. Ihn, der endlich so klein
-war, daß er auch in diesem nicht etwas Großes sehen konnte, um sich
-dadurch ändern, sich nur auf sich besinnen zu lassen. Hätte er sie noch
-gehaßt, sie gepeinigt, sie erniedrigt, so wäre es doch Leben gewesen.
-Aber er blieb, was er war, kleinlich, mäkelig, alltäglich. Er war nicht
-schlecht; er hatte nur sein Wissen und seinen Besitz, seinen Trauschein
-und seine Triebe, und wollte sich nicht hindern lassen an alldem.«
-
-Bogner sprach längst nicht mehr so gelassen wie im Anfang. Er hatte sich
-mir wieder zugewandt, sein zerfallnes Gesicht war gerötet, er versuchte
-immer wieder sich aufzurichten, und nun stieß er die gespreizten Hände
-hinter sich und sagte mit unterdrückter Stimme der Heftigkeit:
-
-»Da quälen sie sich und quälen sich und verspritzen ihr Blut in den
-Unsinn, tun immer das Falsche, klagen immer den Andern an und weinen und
-sterben und haben selber die Schuld. Ich habe jahrelang gehungert, und
-das war es nicht! Ich habe jahrelang im Elend und im Finstern gelegen
-und geschrieen nach einem Einzigen, der bei mir wäre, und das war es
-nicht! Ich bin verzweifelt und hab sterben wollen, ich hab mich
-geschändet und gedemütigt und zerknirscht, und all das war es nicht!
-Alles das ist vergangen, ist vergessen, und geblieben ist immer nur
-Eins, das Eine, das ich nicht kenne, das hier in mir sitzt und sich
-abarbeitet, das Unbekannte, das Unmenschliche, nicht Ehrgeiz, nicht
-Ruhm, kein Wollen, keine Lust, keine Freude, keine Qual, nur dies --
-Rütteln, dies Rütteln in mir, das will, daß ich male.«
-
-Er hatte gesprochen wie in einem magischen Zustand. Der fiel nun
-plötzlich ab, ich sah ein furchtbares Schaudern über sein Gesicht und
-seinen Körper gehen, er ging auf den nächsten Stuhl zu und setzte sich
-darauf wie ein Knecht.
-
-Nach einer Weile sagte er erschöpft:
-
-»Ich rede von mir selber. Es war nicht meine Absicht.«
-
-Plötzlich packte er die Kante des Tisches mit beiden Händen, als wollte
-er ihn wegstoßen; sein Gesicht veränderte sich in einer schrecklichen
-und unmenschlichen Weise, ich glaubte, er würde schreien, aber er sagte
-all das, was nun kam, nicht laut, nur mit einer ungeheuren Gedrungenheit
-in der Stimme:
-
-»Und wenn ich jetzt sterbe, und wenn ich jetzt glauben muß, daß es alles
-nicht wahr gewesen ist, der Schmerz nicht wahr und die Not und das
-Heilige, alles nicht wahr, weil ich zugrunde gehe und mich Lügen strafe,
--- ja, wenn es nicht wahr gewesen sein soll an mir, so will ich doch bis
-zum letzten Atemzug glauben, daß es Wahrheit ist in der Welt, und daß
-diese Not und dies Glück, dieser Druck und dies Heil das einzige ist,
-was Leben hat in der Welt! Es braucht keine Götter zu geben, es soll
-keine Götter geben, aber --
-
-»Aber der Mensch auf seiner Erde, mit strotzenden Armen umspannt er den
-Baum und preßt einen Gott heraus, der seufzend sich aus den Blättern
-neigt, und Vaterlächeln aus rauschenden Zweigen. Er sät die funkelnde
-Drachensaat der Sterne in seiner Winternacht, und es steigen und beugen
-sich Gestalten heraus, blühende, Tiere und Menschen, der selige Delphin,
-die Jungfrau und der Jäger. Er zeugt dennoch, der Mensch, was größer ist
-als er: den Sohn. Er stellt den Sohn vor sich hin und spricht: du sollst
-mein Feind sein und über meine Leiche höher steigen, ich soll dein
-Knecht sein, dein Widersacher, dein Stachel, deine grenzenlosen Mächte
-zu entfesseln, und auf meinen Schultern stehend, sollst du in den Himmel
-reichen. Ich soll dich in Bande schlagen, und du sollst an ihnen deine
-Zähne wetzen. Ich soll dich verfluchen, ich soll dich durchsäuern mit
-meinem Fluch, daß dein Dasein genießbar werde für Geschlecht und
-Geschlechter. Ich bin dein Engel, Jakob, ich schlage dich auf die Hüfte,
-aber du wirst mir die Krone des Lebens aus den Händen reißen. Und wenn
-im Morgengraun nach der langen Kampfnacht über dir die Drossel singt, so
-soll dein ganzes Haupt wie eine kalte reife Traube am Berg liegen,
-berstend von Süße, ein Wunder der Erde an Erfüllung.«
-
-
- Georg an Benno
-
- auf Hallig Hooge, im Dezember.
-
-Ich empfinde die besondre Pflicht und den Auftrag, Dir mitzuteilen, daß
-Deine Freundin Ulrika Tregiorni im Begriff ist zu sterben. Im Bewußtsein
-Deiner besondren Verehrung für ihr reines und zartes Wesen, will ich
-nicht unterlassen, die einzelnen, ihr plötzliches Ende herbeiführenden
-Umstände vor Deiner Teilnahme auszubreiten. Sollte das Ende, das wir zur
-Stunde nahe befürchten müssen, wider Erwarten nicht eintreten, so werde
-ich es Dir am Ausgange dieses Briefes mitteilen.
-
-Nachdem bis vor wenigen Tagen ein unveränderlicher Nordwestorkan über
-unsre Insel getobt hatte, sprang der Wind in einer Nacht plötzlich um,
-wehte einen Tag lang warm und nässend vom Lande herüber, legte sich dann
-oder verschwand, und über die beruhigte See zog sich ein dichter Nebel,
-der die Aussicht verbarg. Ich erinnere mich, daß infolgedessen
-ehegestern oder schon vorehegestern (wer hält all die Tage auseinander?)
-zwischen Bogner, Ulrika und Cornelia beratschlagt wurde, ob sie, Ulrika,
-nicht die Tage der Meeresstille benutzen solle, um jetzt schon zum Lande
-hinüberzufahren, wenn auch ihre Entbindung erst in ungefähr einem Monat
-bevorstehe; weshalb es dann unterblieb, entzieht sich meiner Kenntnis.
-
-Wer sich einmal an eine Abgeschiedenheit wie die unsre gewöhnt hat, der
-mag eben gar nicht wieder weg. Zwar ich, der ich, wie bekannt, oben auf
-dem Deich wohne, im Fenster also das Wasser habe und von der Plattform
-meines Turmes aus die ganze See, ich behielt noch ein gewisses besondres
-Gefühl von Welt, obschon von Wasserwelt nur. Die Andern jedoch in der
-haushohen Umwallung des Deiches, die sie selten ersteigen, leben in
-einer warmen Enge, zu der kein Zugang ist, die keinen Bezug mehr zu
-irgend etwas hat, die völlig für sich allein da ist, durch Tage und
-Nächte überwölbt von dem Donner der See. Der aber war nun verstummt;
-plötzlich war in den Häusern der klagende Schrei des Tütvogels hörbar,
-langsam dehnte und entfaltete sich die Stille mit dem Nebel und ward
-ungeheuer.
-
-Damit Dir das Folgende verständlich sei, bin ich genötigt, einiges von
-einer Unterhaltung zu schreiben, die vor etlichen Tagen zwischen Bogner
-und mir stattfand, und der auch die Frauen -- nebst dem notwendigen
-Hauptmann -- beiwohnten, diese drei schweigend nach ihrer Gewohnheit.
-Die Rede war nämlich angelangt bei den Bewohnern dieser Küstengegend,
-ihren Sitten und Eigentümlichkeiten, und hielt alsbald bei der besondren
-Erscheinung des zweiten Gesichts, die ich Dir erklären oder, falls Du
-Dich an frühere Auslassungen meinerseits erinnern solltest, ins
-Gedächtnis zurückrufen werde. Die Erscheinung ist, wie Du weißt, nicht
-nur hier auf den Inseln und Halligen nordwärts, sondern auch auf dem
-Festlande verbreitet, in ähnlichen Formen zudem in Westfalen und
-Schottland. Ihr Ursprung ist vermutlich die ungeheure Einsamkeit
-einerseits, welche die in ihr Hausenden zwang, übersinnliche Fäden der
-Wahrnehmung zu weit fernen Personen hinüberzuspinnen, andrerseits der
-vielfältige Zusammenhang mit abwesend verstorbenen Menschen, das heißt
-den auf See umgekommenen Söhnen, Vätern und Gatten. Stelle Dir die
-Inseln vor, die winzigen Halligen, überhängt von der stürzenden See, das
-Leben dort, im Winter zumal, in den Nächten ohne Ende, die Einsamkeit
-dieser Gehöfte und Werften, abgeschnitten durch Wochen und Wochen von
-jeder Verbindung, dazu die jahrtausendlangen Kämpfe mit den drei ewigen
-Gewalten, See, Wind und Sand, die ohne Unterlaß fraßen, Land fraßen und
-Menschen. Da begannen die monatelang Nachricht voneinander Entbehrenden
-den furchtbaren Raum der Einsamkeit zwischen sich zu durchstoßen mit
-ihrer Seele, die jenseits hervortrat und sich zeigte. Wann gelang ihnen
-das? In den besonderen Augenblicken des Lebens, im einzig besondern, in
-dem des Todes. Begräbnisse wurden sichtbar, Sarg und die Lichter, Gesang
-erscholl, das Trauergefolge zeigte sich deutlich. Und es kamen die Toten
-aus der Nacht- und Wasserferne und zeigten sich, so daß man wußte: sie
-waren tot. Diese wurden >Gänger< genannt, die Gehenden, Wiedergehenden,
-Wiederkommenden unter den Toten. Ich erzählte Bogner den folgenden
-Vorgang, den mir ein Pfarrer als eigenes Erlebnis berichtet hat, ein
-Mensch übrigens, trocken und klar, ohne unsre Nervenphantasie, wie all
-diese Menschen hierzuland.
-
-Zu Besuch bei einem erkrankten Freunde und Amtsbruder auf einer der
-nördlichen Inseln -- große Schafherden weiden dort fast wild; ich vergaß
-nun den Namen --, folgte er an seiner Statt der Bitte eines Mädchens zu
-ihrer im Sterben liegenden Mutter. Die Strecke zu ihr, stundenweite Wege
-im Dünensand, wurde im Wagen zurückgelegt, sie kamen mit Einbruch der
-Dunkelheit an, das Haus lag hinter den Haidhügeln der Wattseite, Wiesen,
-bevölkert mit Schafen, erstreckten sich von ihm aus zu den Hügeln und
-Gletschern der Sanddünen. Du kennst die langgestreckte Form der
-niedrigen Häuser. -- In ihrem Bettschrein lag die sterbende Frau ohne
-Besinnung. Der Pfarrer setzte sich zu ihr, ein mögliches Wachwerden
-erwartend; die Tochter kniete am Bett, in dessen Nähe ein Licht brannte.
-Da sieht der Pfarrer eine dunkle, menschliche Gestalt draußen an den
-Fenstern vorübergehn, in der Richtung der Haustür. Aus diesem oder jenem
-Grunde erhebt er sich und geht aus dem Zimmer auf den schmalen Hausflur
-zwischen Vorder- und Hintertür. Die obere Hälfte der vordern steht
-offen, von draußen herein lehnt ein Mensch, still, bleich, die Haare
-hängen ihm unordentlich in die Stirn. -- Wünschen Sie etwas? fragt der
-Pfarrer. Kommen Sie doch herein! -- Er öffnet die Tür, tritt zurück und
-wiederholt seine Aufforderung; wiederholt sie ein zweites Mal, schon in
-der Zimmertür. Jetzt kommt der Mensch ihm nach, betritt das Zimmer,
-sieht die Frau im Bett und setzt sich auf einen Stuhl, immer die Augen
-auf das Bett gerichtet. Da schlägt die Frau die Augen auf und sieht ihn.
-Die Tochter folgt ihrem Blick, sieht den Fremden, springt auf, stößt
-einen Schrei aus und sagt: Jan! -- Der Mensch erhebt sich nach einer
-Weile wieder und geht hinaus, wie er kam. -- Die Frau starb bald; die
-Erscheinung war die ihres Sohnes, der in jener Nacht ertrank.
-
-Diese Erzählung erregte den Maler auf so besondre Weise, daß ich
-ihm gleich noch eine vortragen mußte, und zwar die von den
-Doggerbankfischern.
-
-Die Doggerbänke sind Dir bekannt. Die dort mit Netzen Fischenden kehren
-wochenlang oft nicht zurück, leben wochenlang schweigsam, nur mit ihrer
-schweren Arbeit beschäftigt mitten in der riesigen See, im Regen, im
-Nebel; auch ihre Boote trennen sich weit voneinander; jede Mannschaft
-arbeitet in völliger Abgeschiedenheit, im Unsichtbaren.
-
-An einem Nebelabend gewahrte die Besatzung eines fischenden Kutters
-plötzlich in fast schon gefährlicher Nähe ein andres Boot, das auf das
-ihre zukam ohne Laut. Sie schrieen Warnungen hinüber, sie lärmten und
-fluchten, allein das stumme Boot kam näher und näher, fuhr endlich so,
-daß Bordwand an Bordwand streifte, an dem Kutter vorüber. Drin saß die
-Mannschaft an ihren Plätzen, ohne Bewegung, ohne Laut. Nur der am Steuer
-sagte, als sie fast schon vorüber waren: »Wir dürfen keinen Lärm
-machen.« Der Ton lag unmerklich auf dem Wir. -- Der Kutter schwand im
-Nebel. Später ward offenbar, daß jenes Boot an jenem Abend an einer
-meilenweit entfernten Stelle untergegangen sei.
-
-Als ich aber dies Geschehnis berichtet hatte, erhob sich Ulrika ohne ein
-Wort und ging hinaus.
-
-Wir Andern, Bogner, Cornelia und der Notwendige, schwiegen ziemlich
-lange. Bogner zeigte sich dann besonders verwundert und ergriffen von
-dieser Art und Weise und der Haltung der Toten. Daß sie kamen, nicht
-anders als im Leben erscheinend, jedoch auf eine unbeschreibliche Weise
-feierlich und verschönt. Der Sohn der Sterbenden schwieg und sah nur die
-Mutter an; die Schwester schrie; er schwieg und ging wieder. Er hatte
-sich nur zeigen wollen. -- In dem Boot die Lebenden lärmten, die Toten
-verhielten sich still, nur einer mahnte ruhig: Wir -- dürfen keinen Lärm
-machen. -- Noch so viel Güte, daß er wegen der bewußtlosen Lebenden das
-Schweigen brach!
-
-Und noch dies Seltsame: die Doppelheit der Menschen! Ihr eines Halb sah
-die Erscheinung, hatte Verbindung mit dem Jenseits, und zwar vermittels
-derselben Sinne, mit denen ihr andres Halb die Erscheinung nicht begriff
-und sie für natürlich und ihresgleichen hielt.
-
-Nun, so kamen wir wieder ins Gespräch, und es war begreiflich, daß ich
-nun auf das in unsrer besondren Nähe befindliche Gespenst zu sprechen
-kam, das diese Insel für Jahrzehnte unbewohnt gemacht haben soll,
-nämlich den sogenannten Dränger, eine Erscheinung, die übrigens auch in
-andern Gegenden bekannt ist. Hier ists der weiland Deichhauptmann
-Waldemar Montanus, der bei Ebbezeit einsamen Gehern außerhalb des
-Deiches im dichten Nebel erschienen sein soll mit der ausgesprochenen
-Absicht, dieselben in die See zu drängen. Sie verloren nämlich die
-Besinnung vor Angst, den Deich aus den Augen, er drängte und drängte von
-hinten, von der Seite, von überallher, kurzum: er drängte sie in die
-See. Wenn dazu berichtet wird, daß der Deichring um Hallig Hooge, der an
-der Wattseite ein breites Loch hat, in solchen Nächten geschlossen sein
-soll, so liegen dem wohl die Erfahrungen zugrunde, daß Angst erstlich
-die Sinne blendet, so daß der Verfolgte das Deichloch übersah, und
-zweitens die Zeit und den Weg unmäßig in die Länge zu dehnen pflegt,
-also daß der Verfolgte meinte, die Lücke im Deich, die er nach wenig
-Schritten vielleicht erreicht hätte, sei schon vorüber, worauf er
-womöglich umdrehte und nun niemals mehr hingelangte, -- allein wer weiß
-das eigentlich? Der Betreffende konnte es kaum weiter sagen.
-
-Heut abend nun -- oder gestern, wie Du willst, es geht nun auf morgen --
-wollte Bogner, indem wir wieder beisammen saßen, auch wieder von diesen
-Gespenstergeschichten anfangen, aber Ulrika stand gleich mit einer
-besondern Schroffheit auf und bat zu schweigen. Sie setzte sich nicht
-wieder, blieb eine Weile stehen und ging dann hinaus.
-
-Wir sprachen trotzdem nun nicht weiter. Ich dachte, was wohl auch die
-Übrigen dachten, daß jemand ihr folgen solle, aber sie liebte es, allein
-zu gehn, und ich hatte beim Herkommen aus meinem Turm den halben Mond
-über dem dünnen Nebel stehen sehn. So saßen wir längere Zeit schweigsam
-im größeren Schweigen der Stunde. Das Zimmer war voller Schatten rundum,
-die Petroleumlampe brannte auf dem Tisch, seitwärts dazu saß der Maler,
-ich im Sofa dahinter und rauchte, irgendwo waren die Augen Cornelias,
-dunkel und glänzend, und irgendwo das rechteckige Gesicht des
-Notwendigen. Dann stand Cornelia auf und sagte mir, durchs Zimmer und
-hinausgehend, mit den Augen, daß sie Ulrika folge.
-
-Nein, kein Unheil hing in der Luft; es war durchaus besonders friedlich.
-Auch der Hauptmann, der sich einige Minuten nach Cornelias Fortgang
-erhob und ihr nachging, sagte später, daß er zwar einen gewissen,
-besondern Zwang empfunden habe, jedoch ohne jede Besorgnis.
-
-Aber Minuten später erschreckten uns eilige Schritte im Flur, Cornelia
-riß die Tür auf und schrie mir zu, ich solle sofort kommen, der
-Hauptmann könne sie nicht allein tragen ... Bogner nämlich galt ihr noch
-für zu schwach, obwohl er inzwischen schon beinah grade geworden ist. Er
-war denn auch zugleich mit mir in der Tür, Cornelia berichtete fliegend,
-sie habe Ulrika nirgends gefunden, dann einen dünnen Schrei gehört, sei
-zur Deichlücke gelaufen, habe wieder den Schrei gehört und nach einigem
-Suchen, wenige Schritt weit am Fuß des Deiches Ulrika gefunden,
-zusammengekrümmt, sich windend und stöhnend in Krämpfen. Die Zuckungen
-der Wehen verhinderten den notwendigen Hauptmann, den die um Hülfe
-zurückrennende Cornelia traf, sie zu tragen.
-
-Der Mond, wie gesagt, schien. Die dunkle Mulde war, fast frei von Nebel,
-in schönes Silber getaucht, in dem wir schon von weitem die schwarze
-Gestalt des Notwendigen gewahrten, der uns entgegenkam, die ruhiger
-Gewordene auf dem Arm. Ihr erstes Wort an Bogner war: Benvenuto, das
-Kind, das entsetzliche Kind! -- Später hat er noch erfahren, daß sie im
-Nebeldunst draußen am Deich einen Schein und in dem Schein -- ich weiß
-nicht, ob ein Kind mit einem übergroßen oder ohne einen Kopf gesehen
-haben will, worauf sie vor Furcht und Grauen auf den Deich zugelaufen
-und beim Versuch, hinaufzuklettern, abgestürzt ist.
-
-Wolle aber bedenken, Benno, was ich schrieb: Sie war nicht mehr im
-Zimmer, als ich vom Dränger erzählte. Wie sollen wir das nun verstehn?
-
-Im Haus überließen wir sie Cornelia. Der Notwendige und ich saßen drei
-Minuten später im Segelboot, aber -- ach Benno, die Unseligkeit dieser
-Fahrt hätte ich selbst mir kaum gegönnt! Über dem Wasser schwebte ein
-Hauch von Wind, in dem zuerst gar keine Richtung war. Als wir dann
-weiter hinaustrieben, schien er sich für Nordwesten entscheiden zu
-wollen, schließlich aber wehte er, o sanfter Satan! aus Nordosten, so
-gut wie uns entgegen. Und was hilft es nämlich bei Fahrten wie dieser,
-daß man die Logik in die Hand nimmt wie eine Pistole und sich sagt: es
-hat keine übermenschliche Eile, denn wenn vor Minuten erst die ersten
-Wehen eintraten, so dauerts noch Stunden bis zur Geburt. Die Pistole
-geht nicht los, sie braucht auch gar nicht losgehn, aber da sitzest du
-bei einer brennenden Laterne, bloß mit einem zufälligen Uhrkompaß, den
-der Notwendige bei sich hat, mitten in der nebelglänzenden See, im
-Halbdunkel, wo keine Bewegung an nichts zu erkennen ist, durch Minuten,
-die Stunden werden, stille liegend, und du reißest Herz und Lungen und
-alle Organe auf, als ob du geboren wärst, im Augenblick, wo du das
-Leuchtfeuer vom Außenhafen siehst, Auge der Seligkeit durch die
-silbernen Dünste der See. Und nun Kreuzen, Kreuzen ohne Ende. Es ist
-schwer wie die Verdammung, ein Ziel durch Vorbeifahren zu erreichen,
-obgleich es im Leben nicht anders ist. Man fängt an zu beten, Benno,
-ohne zu wissen, was es ist! Nach einer Fahrt von beinah zwei Stunden --
-statt einer halben -- lagen wir im Binnenhafen, und hätten nicht
-gelegen, wenn uns nicht der Polizeikutter geschleppt hätte, so schnell
-wie ein Pferd, aber all diese Dampfer und Schlepper und Kähne, die an
-den Molen und an den Hafenwänden lagen, die unendlichen Lagerschuppen,
-die Kräne, die Kohlenberge, die unerhört langen Reihen von Fässern, und
-wieder Dampfer, Schlepper, Ewer, Schaluppen, Pinassen, Segelboote, wo
-einer einsam steht und schöpft, Südamerikafahrer, wo ein paar Kerle im
-Dunkel über der Reling liegen und spucken, Ziegelkähne von endloser
-Länge, wo am Rande ein wilder Spitz rennt und bellt und am Ende eine
-Kajüte ist und Licht und ein rauchender Schlot, und ein Ehepaar mit den
-Ellbogen auf den Knieen -- weißt Du, wie das sich einbrennt in die Augen
-auf solchen Fahrten?
-
-Also, ich rannte denn zum Arzt (weißt Du, wieviel Vorstellungen der
-Orte, wo er sein könnte in solchen Minuten, da er ja auf keinen Fall zu
-Hause sein kann?) und fand ihn -- es war gegen zehn Uhr -- in seinem
-Zimmer bei der Zeitung. Endlich hatte ich ihn denn mitsamt seiner Tasche
-in einem, vom Notwendigen inzwischen geheuerten Motorboot, und wir
-langten eine halbe Stunde später wieder an.
-
-Langten an, empfangen von einem Geschrei, das ich -- wie bereits oben,
-Benno, es geht jetzt auf Morgen, noch ist immer nicht geschehen, was
-geschehen soll, ich sitze und schreibe nach der anfänglichen besondren
-Kälte mit rauchenden Händen. Ich habe ein Geschrei gehört, Benno, das
-Gott nicht erfunden hat. Ich habe ein Weib, das er aber erfunden hat,
-brüllen und heulen und pfeifen hören. Ich habe hinter der Türe gestanden
-und geschlottert mitsamt dem Notwendigen. Ich habe das Licht in den
-Türritzen gesehn wie bei Weihnachten, wenns drinnen raschelt. Ich habe
-an der Füllung gekratzt wie ein Hund und dazu mit den Augen gewinselt.
-Ich habe den Doktor herauskommen und schwitzen und klappern sehn und ihn
-Worte sagen hören, bei denen es mich in den Ästen meines besondren
-Nervenbaums aufhenkte wie Absalom, -- Gebärmuttersenkung -- es drehte
-sich schon ehemals alles in mir um, wenn ichs hörte. Weißt Du was,
-Benno? Wenn die Menschen anfangen, von Sinnen zu geraten, so tun sie das
-Allergewöhnlichste, und zwar mit einer besondern Genugtuung, und der
-Doktor in diesem Fall putzte seine Brille wie den Abendstern. Ich habe
-Cornelia völlig rasend gesehn, dieweil sie kein Wort äußerte, ab und zu
-ging, das Nötige besorgte und zwischenhinein bei der halb schon
-Zerfetzten saß und ihre Hand hielt. Ich hörte mich selber klappern und
-den Arzt fragen, ob der Sturz geschadet habe, und hörte ihn schnauben
-und sagen, ob gestürzt oder nicht, und ob heute geboren oder morgen, das
-wäre alles Unsinn, und sie hätte niemals dazu kommen dürfen, und das
-Kind würde sich höchstwahrscheinlich erdrosseln. Ein Kind, o ihr Helden,
-noch im Leib seiner Mutter, und hat schon einen Strick zum Erdrosseln!
-Ich habe, Benno, auf der Erde gelegen, im Freien und an den Nägeln
-gekaut. In meinem Zimmer habe ich den Finger in mein brennendes Licht
-gehalten, um mir eine Abkühlung zu verschaffen, und die Wunde als
-höchste Wollust meines Lebens empfunden. Ich habe Tränen vergossen und
-diese rasende Halbtote geliebt wie keinen Menschen jemals, und ich habe
-sie um Vergebung meiner Sünden gebeten. Gott im Himmel, Benno, ich habe
-angeboten, alles noch einmal erdulden zu wollen, wenn bloß dies
-aufhörte.
-
-Ich habe nämlich auch Bogner gesehn, ganz besonders! Der saß all die
-Stunden im Nebenzimmer und hörte es mit an. Ich kam herein, ich denke,
-da sitzt eine Leiche. Aber er sieht ganz aufmerksam auf das Tischtuch.
-Als ich näher zusah, merkte ich dann, daß ich, wenn ich ihn anrühren
-sollte, einen elektrischen Schlag empfangen würde, denn er saß auf einem
-Elektrisierstuhl, gerade so geladen, daß es eben noch zu ertragen war.
-Nein, er saß auf durchaus keinem Stuhl, sondern auf einem pfeilschnell
-rennenden Tier; saß in einem rasselnden Panzer von Schnelligkeit, saß
-gewissermaßen auf dem hurtigsten Tier, das da trägt zur Vollkommenheit,
-genannt Leiden.
-
-Es war eben wieder still; ich setzte mich und fing an zu rauchen, die
-Lampe begann zu stinken und gab vor unsern Augen den Geist auf, Bogner
-erbarmte sich ihrer und blies sie aus. Bogner gönnte sich dieses alles.
-
-Und all diese Stunden lang in Pausen dies rauchende Geschrei wie aus
-einer eisernen Röhre, diese minutenlangen Strudel von Wimmern und Flehen
-an alle Mütter und Maler und Götter um Erbarmen.
-
-Aber sie ertragens. Vielleicht ist dies auch nicht besonders, vielleicht
-nur um kleine Grade schlimmer als üblich. Cornelia scheint es ja zu
-verstehn. Sie erheben sich sogar hinterher und fangen wieder an zu
-leben. Ich will mal nachsehen.
-
- * * * * *
-
-Fünf Uhr. Nun muß es bald kommen, sagt der Notwendige, der es vom Arzt
-erfuhr. Bald, das ist ein Ausdruck!
-
-Bogner war nicht mehr im Zimmer. Ich suchte ihn, da sah ich im Dunkel
-seinen Schatten auf dem Deich und stieg zu ihm hinauf. Er hatte seinen
-Stuhl hinausgetragen und saß dort, die Hände auf den Knien, unter sich
-den Nebeldunst, der Nacht zugewandt, wo sie nur dunkel war, denn hinter
-seinem Rücken stand der Mond. Da habe ich ihn gefragt: »Nun, Bogner,
-proklamierst du heut auch noch deine Vollkommenheit der Welt?«
-
-Er wendet den Kopf zu mir, sieht mich an. Plötzlich überläufts ihn. Er
-wartet, bis er wieder ruhig ist, und er sagt: »Ja.«
-
-»Bist du wahnsinnig?« schrei ich ihn an. »Nachdem du dies gelitten hast?
-und sie?«
-
-»Ja,« sagt er nach einer Weile. »Auch daß ich leide, ist -- gut.«
-
-Da waren wir still. Später sagte er:
-
-»Wenn ein Opfer gebracht wird -- hier; und dort ist einer -- der nimmt
-es an; dann ist alles erfüllt.«
-
-Oh mir brannte das Herz! Bogner -- ich weiß, welche Furcht vor dem Tod
-er erlitt. Nun hat er eingesehn, daß nicht er gefordert wurde, sondern
-sie. Und nun stirbt er mit ihr. Denn so stirbt der Mensch im Opfer, das
-er bringt. Vielleicht wäre er lieber gestorben, als so überleben zu
-müssen. Aber es ist Sinn in dem allen. Freilich muß man ein Kentaur
-sein, um ihn erleben zu können und doch zu verstehn.
-
-Ich weiß nun nichts mehr und schließe den Brief.
-
- Georg
-
-Tot.
-
-
- Georg an Magda
-
- auf Hallig Hooge, am 29. Dezember.
-
-Meine liebe Magda!
-
-Eine schmerzliche Nachricht: Bogner bittet mich, Dir mitzuteilen, daß
-Ulrika Tregiorni vorgestern morgen vor Tagesanbruch verschieden ist,
-nachdem sie vergeblich versuchte, einer Tochter das Leben zu geben.
-
-Ein unglücklicher Fall am Abend zuvor beschleunigte die Geburt, die sie
-nach der Meinung des Arztes allerdings auch unter günstigeren Umständen
-nicht überstanden haben würde.
-
-Bogner ist jetzt ruhig. Sollten wir jemals über diese Dinge miteinander
-sprechen, so würdest Du erfahren, daß meine alte Ehrfurcht vor ihm nun
-fast das Maß des Menschlichen überschritt.
-
-Wir werden Ulrika am Abend hier begraben. Bogner fuhr heute früh mit
-meinem Adjutanten, Hauptmann d. J. Rieferling zur Stadt und kehrte gegen
-Mittag mit einem ungestrichenen weißen Sarge und einem kleinen weißen
-Marmorblock zurück, auf dem nichts eingegraben ist als ihr Name und --
-darunter -- das Bild eines in seinen Fittichen aufrecht stehenden
-Schwanes. Wir Alle, die wir hier sind, haben ihr das Grab oben auf der
-Nordseite des Deiches geschaufelt, wo sie liegen wird mit den Füßen in
-der Richtung der See. --
-
-Ich habe zu diesem einige Worte über mich beizufügen.
-
-Aus einem Grunde, den Du verstehen wirst, wenn Du gelesen hast, war ich
-nicht fähig, die Tote zu sehn. Überdies hielt noch etwas mich ab, ihr
-Zimmer zu betreten. Bogner saß neben ihr und zeichnete sie. Da er
-keinerlei Mal- oder Zeichenwerkzeuge dahier hat, so riß er vom Deckel
-eines bräunlichen Pappkartons die Randstücke ab und fand ein kleines
-Stück Rötel. Durch die offene Tür zum Sterbezimmer sah ich ihn dann
-schräg auf Ulrikas Bett sitzen, auf den Knien den Pappdeckel, nach
-ihrem, mir unsichtbaren Gesicht blickend, und so sah ich ihn jedesmal,
-wenn ich das Haus betrat, vorgestern, gestern und noch in der letzten
-Nacht, doch hatte ich nie den Eindruck, als ob seine Hände beschäftigt
-seien.
-
-(Sage, kommt Dir vielleicht auch, indem Du dies liesest, ein japanischer
-Wandschirm in Erinnerung? Der erschien jedenfalls mir und stellte
-alsbald die Verbindung mit jener Frau wieder her, Judith Österreicher
-jener, von der uns Bogner erzählte -- vor Jahren --, die er zum Leben
-erweckte, im Bilde, während sie daraus fortglitt. Was schien Bogner uns
-damals? Was scheint er mir wieder heut? Aber --
-
- es kehret umsonst nicht
- Unser Bogner, von wo er kam.)
-
-Heute vormittag endlich, als ich eben an meinem Schreibbüro mit den
-täglichen Unterzeichnungen beschäftigt war, der Hauptmann und der
-Ordonnanzoffizier mir dabei mit Zureichen und Abnehmen der Blätter zur
-Hand gingen, überhörte ich das Eintreten jemandes, bis ein leiser
-weiblicher Aufschrei mich veranlaßte, mich umzuwenden. Von den drei,
-durch die kleinen Fensterscharten einfallenden und sich kreuzenden
-Lichtkeilen geblendet, sah ich zuerst am Tisch in der Zimmermitte
-Cornelia lautlos hereingekommen und mit dem Zusammenstellen des
-Frühstücksgeschirrs beschäftigt, dann die Gesichter der Herren und das
-ihre absonderlich verzerrt im Blick nach der Tür, und dort sah ich nun
-Bogner, der seinen Pappdeckel in der Höhe seines Kopfes hielt und uns
-zeigte. Anfänglich schien mir nichts darauf wahrzunehmen, als wenige und
-verwirrte, rötliche Linien ohne Sinn und Zusammenhang. Aber jählings
-schossen sie zusammen, schlossen sich, wurden Züge, umrahmendes Haar,
-halb geschlossene Augen, und ich sah die Meduse.
-
-Tot, tot, tot, nichts als tot. Alles gebrochen und entstellt. Die Lippen
-halb geöffnet wie die Augen mitten in der Not des Lebens und Sterbens
-stehen geblieben, oder gleichgültig stehen gelassen von ihm, der die
-Seele noch lebend heraus und in Fetzen riß. Es war zu sehn, daß er das
-tat. Hier war alles zerstört. Hier war nichts mehr; nur Tod.
-
-Bogner selber, scheinbar erst aufmerksam durch unser Schaudern, blickte
-hin und entsetzte sich. Er legte es auf den Tisch und sah uns ratlos an.
-Und wir starrten darauf und sahen, daß da nichts war. Ein paar verwirrte
-rote Linien auf ödem Braun.
-
-Ich sah Gestorbne schon früher. Damals war es anders als hier, weniger
-deutlich und minder wild, und es war doch das gleiche. Nichts. Ich habe
-mich überzeugen wollen und Ulrika selber gesehn. Es war nur grauenvoller
-das gleiche. Ihr Gesicht war gelb in dem roten Haar, die Lippen
-bläulich, halb nur zu wie die Augen, hinter deren Lidern etwas bläulich
-Weißes schimmerte. Es war entseelt.
-
-Er hat mich nicht versteinert, der Anblick der Meduse, nein. Er löschte
-in mir nur das Licht. Es läßt sich sehr einfach ausdrücken. Ich hatte
-bisher nicht geglaubt, daß mein Vater gestorben sei. Ich nahm an, er
-lebte in einer andern, höheren Form, und nahm an, daß sie die selbe sei,
-in der er mir erschien. Nun weiß ich, daß die Toten keine andre Gestalt
-haben als die, in der sie uns erscheinen. Das ist die Form der toten
-Ulrika. Mein Vater ist tot. Was von ihm noch lebendig ist, ist in mir.
-Es sollte golden sein; aber es ist Gift. Denn es ist nichts als Schuld.
-
-Dies versuche mir zu glauben, ohne daß ich es erkläre.
-
-Ich bin ruhig, seit ich dies weiß. Ich habe die Hoffnung, daß in Bälde
-alles zu der nötigen Ordnung kommen wird, und Du wirst dann von mir
-hören.
-
-Ich schließe. Bogner wird mich morgen verlassen, und Du wirst ihn wohl
-über kurz oder lang selber sehn, wie er den gefesselten Riesen losmacht
-und zur Arbeit geißelt. Ihm ist das Tor, durch das die Tote hinausging,
-was es dem wahrhaft Lebenden sein soll: ein Eingang.
-
-Ich bleibe allein zurück mit dem Hauptmann, da ein Zufall will, daß auch
-Cornelia geht, wenn auch unbestimmt ist, wie lange sie ausbleiben wird.
-Sie empfing einen Brief von der Schwester eines Mannes, mit dem sie vor
-Jahren einmal verlobt gewesen ist, eines kränklichen, schwer
-hysterischen Menschen, von dem sie sich trennen mußte. Nun soll ihm eine
-schwierige Operation bevorstehn, vor der er sich fürchtet ohne sie. Sie
-reist nach Zürich, wird aber auf der Durchfahrt durch A. bei Dir
-vorsprechen.
-
-Lebe wohl! In Liebe brüderlich Dein
-
- Georg
-
-
- Georg an Bogner
-
- Hier, am letzten Tage des Jahres.
-
-Du bist fort. Ich kann hier nichts mehr halten, und mit Dir verließ mich
-auch Dein Geist. Doch ich weiß nun, wer Du bist. Als Du diese Erde
-betratest, gaben die Götter Dir den Namen und sagten: Benvenuto! das
-ist: Sei uns willkommen!
-
-Du bist aber Herakles.
-
-Derselbe Halbgott kämpfte mit den gewaltigen Tieren der Fabel und
-bezwang sich in der Knechtschaft. Zuletzt legte er das brennende Kleid
-an, und es >ging in Lüfte der Geist ihm auf<; er betrat den Raum seiner
-Unsterblichkeit.
-
-Der alle Schrecken des Lebens in sich selbst überwindende Mensch: das
-ist der Heros, der die Unsterblichkeit davonträgt.
-
-Vielleicht nicht: Heroen zu werden, aber -- heroisch zu sein in allen
-wahrhaften Augenblicken des Lebens, das ist unsre Aufgabe. Es ist die
-Aufgabe, die ich sieben Mal verriet.
-
-Mein Heros, lebe wohl!
-
- Georg
-
-
- Sechstes Kapitel: Januar
-
-
- Cornelia an Georg
-
- Zürich, am 11. Jan.
-
-Mein Lieber, Du hast mir verboten, zu schreiben, aber ich muß Dir doch
-sagen, daß meine Rückkehr sich noch verzögert. Die Operation ist
-überstanden, aber es sind im Zustand des Kranken Verwickelungen
-eingetreten, die mich noch bei ihm festhalten. Ich bin furchtbar
-unglücklich darüber, nicht nur meine Liebe, auch Angst und Sorge ziehn
-mich ja unaufhörlich zu Dir, aber -- was bin ich Dir, und ihm hier bin
-ich das Einzige! Nimm dies und die innigsten, liebendsten Grüße Deiner
-
- Cornelia
-
-
- Georg an Magda
-
- Auf meiner Insel, am 20. I.
-
-Dieser Brief wird in meinem Schreibbüro gefunden werden, wenn das Wenige
-vorüber ist, das hier »alles« genannt wird.
-
-Nun kann ich nicht mehr. Ich bin leer, es drückt meine Wände ein. Ich
-bin so furchtbar müde, daß es keinen Schlaf mehr für mich giebt als
-einen, nach dem ich mich sehne wie ein Kind. Mitunter fühle ich meinen
-Körper schlummern, aber die Seele löst es nur in einen rauchenden Wirbel
-auf. Dann ist immer der gleiche Traum, daß ich Sindbad bin. Die Beine
-jenes bösen Geistes, den er auf seiner Insel schleppen mußte, liegen um
-meinen Hals geschlungen, sie würgen mich, und ich lauere darauf, daß der
-Alte einschläft und ich mich losmachen kann, und er belauert mich. Wenn
-ich dann erwache, so weiß ich, daß er nicht schläft, ehe ich selber
-schlafe.
-
-Laß mich schlafen, Magda, tue das Eine mir nicht an und halte mich nicht
-für feige! Vielleicht könnte ich leben in einer Einsamkeit, unbeachtet,
-mit diesem und jenem Menschen, verantwortlich allein mir selber. Es ist
-aber all die Zeit während der letzten Jahre mein mehr oder minder
-bewußtes Streben gewesen, den Punkt zu erreichen -- wo dann alles unter
-mir brach --, den Augenblick, wo ich an die Spitze eines Reiches trat.
-Dies habe ich gewollt und habe es erreicht, auf Kosten all dessen, was
-ich jetzt schleppe, und auf Kosten all Derer, die mit mir mein Leben
-ausmachten. Mein Recht auf sie verlor ich durch Schuld, aber es hieße
-sie selber ausblasen wie ein Licht, wollte ich heute verzichten und mich
-in mich selber zurückziehn. Entweder der Staat oder nichts. Zum Entweder
-jedoch gehört eine Verantwortung, die ich nicht auf mich nehmen kann.
-Tag für Tag wächst allein die alte Einsicht neu: Du kommst nicht hinein.
-Zu den handelnden Menschen, in ihre Gewohnheiten treten und selber doch
-frei sein vom Zwang des Gewohnten: dazu finde ich keine Möglichkeit, und
-ohne sie die Verantwortung einer solchen Stellung auf mich zu nehmen,
-das bringe ich nicht mehr fertig.
-
-Um die Erde ist Nacht. Ich stand auf der Plattform im Frost und im
-Schwarzen, im uralten Donner der Freundin, der See, und ich sah im
-Nächtigen rote Punkte, die Lichter fahrender Schiffe, sah sie aufglühn
-und wieder erlöschen. Eine Flamme, die mir frei und golden schien, hat
-sich zum letzten glimmenden Punkt zusammengezogen. Möchte der
-Flügelschlag, der sie verlöscht, der des Gedankens sein, daß Du die
-geschwundene nur aus den Augen verlierst und nicht aus dem Herzen!
-
-Noch ist eine Spur von Kraft in mir. Sie mag Tage reichen oder Wochen,
-ich verspreche Dir, daß kein Ende sein wird, ehe ich nicht den letzten
-Rest von mir verbraucht habe.
-
-Dann glaube mir, daß ich erleichtert wurde, und traure mir nicht nach!
-
-Lebe wohl!
-
- Georg
-
-
- Georg an Benno
-
- Auf meiner Insel, am 24. I.
-
-Mein Freund:
-
-Du wirst wissen, daß ich hier aus Staatsraison einen Begleiter habe,
-einen Infanteriehauptmann namens Rieferling, Johannes. Nachdem ich
-mehrere Wochen in wenn auch nicht eben nahem Umgang mit ihm gestanden
-hatte, ohne mich um sein Inneres zu bekümmern, machte ich mir
-Gewissensbisse und begann, ihn Einiges nach seinem Leben zu fragen,
-infolge seines ernsten Wesens in der fast sicheren Vermutung, auf etwas
-zu stoßen, das ihm die Einsamkeit hier aus ähnlichen Gründen wie mir
-nicht beklagenswert erscheinen läßt. Aber nichts dergleichen. Er hatte
-kaum etwas zu berichten. Seine Eltern haben ein kleines Gut in den
-Ostseeprovinzen, haben viele Kinder, in deren Reihe er irgendwo in der
-Mitte steht, alles ist gesund, er hat stets nur zum Soldatenstand Lust
-gehabt, mußte freilich ein bescheidenes Leben führen, hat aber außer
-seinem Beruf nie Bedürfnisse gehabt, verließ die Kriegsakademie mit den
-höchsten Auszeichnungen, hat nach wie vor keine Wünsche, als einmal nach
-Italien zu reisen, und bedauert nur, daß der nächste Krieg eher da sein
-wird als für ihn das Bataillon, aber ich hoffe, für diesen absurden
-Fall, wenn er eintreten sollte, noch Vorsorge treffen zu können. Hier
-arbeitet er den ganzen Tag, kümmert sich den Teufel um die See und liest
-jeden Abend ein Kapitel im Neuen Testament.
-
-Möchte man auch so sein, Benno? Wie geht so ein Leben weiter? Entweder
-in den vorgeschriebenen Bahnen, und er endet einmal als
-Generalinspekteur eines Armeekorps, die Brust voller Orden, oder der
-nächste Krieg kommt wirklich, und ist er noch nicht im Generalstab
-gelandet, so führt er seine Kompagnie zu einem glänzenden Sturmangriff,
-erhält das Eiserne Kreuz, und ein paar Tage oder ein paar Wochen später
-legt ihn eine sanfte Kugel von Gottweißwo her schmerzlos und ruhig auf
-den Rasen. Der Leutnant sagt: Die Kompagnie hört auf mein Kommando! und
-an der Stelle, die er ausfüllte, steht ein Andrer, der sie gerad so
-ausfüllt.
-
-Indem ich noch dies bedachte, erinnerte ich mich Deiner und merkte
-dabei, daß meine Gewissensbisse in Wahrheit mit der Erscheinung des
-Hauptmanns nur eine Verbindung zweiten Grades gehabt hatten, und
-eigentlich meinte ich Dich.
-
-Solange wir zusammen unseres Weges gingen, warst Du der Sorgenvollere,
-aber wie war damals zwischen uns alles einfach! Wir waren Freunde, und
-was das Herz beschweren mochte, sagte sich leicht. Nicht verfiel der
-Eine in Schweigen, so daß der Andre erst viel sich bekümmern mußte und
-endlich fragen. Wie es mit Dir jetzt steht, ahne ich nicht, aber ich
-glaube, daß nicht nur meine Bürde mit der Zeit zugenommen hat, und nun
-sind wir jeder allein. Freilich, die meine ist von der Art, die
-schweigsam und einsam macht. Aber die Deine, Benno, wie ists mit der
-Deinen?
-
-Lieber Freund, dies ist eine Frage, die leider nicht mehr auf Antwort
-warten kann, wie Du sehn wirst, wenn Du sie vor Augen hast, so eine
-besondre Art von rhetorischer Frage, siehst Du. Nun ists zu spät; zu
-spät auch, festzustellen, was mich eben bewegt, nämlich, ob wir schon
-damals, vor die Entscheidung gestellt, unsre Neigung für ein ungemeines
-Leben durch den Entschluß bekräftigt hätten, den Weg, den es uns führen
-würde, bis zum bittersten Ende zu gehn. Ich kann nur hoffen, daß ich
-mich entschlossen hätte. Es ist, wie gesagt, zu spät, und für mich ists
-schon viel, daß ich aus dem Brande, in dem ich nun seit ungezählten
-Tagen herumjage, auf der Suche nach einem Ausgang außer dem, der mir
-sichtbar ist, daß ich noch einmal mit der Hand herauswinken kann. In der
-Ahnung, es müsse auch ein Wimpel noch irgendwo liegen, mit dem zu winken
-wäre, fand ich ein Gedicht unter meinen alten, das ich einmal im
-Gedanken an Dich schrieb und Dir damals nicht in alltäglicher Stunde
-geben wollte. Die heutige dürfte ungemein genug dazu sein.
-
-Abschied nehmen bei einem Fortgang wie dem mir nahe bevorstehenden,
-scheint mir wenig passend; ein Wort aber dürfte schicklich sein, und ich
-bin in Höflichkeit geboren und erzogen, so daß es mir kaum weniger
-passend erschiene, wortlos zu gehn.
-
-Darum wünsche ich Dir eins: Wenn Du einmal in Not sein solltest, in
-einer äußersten Not, ein gefangenes Tier, das in Herzensqual nichts mehr
-weiß als zu laufen, zu rennen, auf und ab, oder im Kreis, winselnden
-Herzens mit rasenden Füßen um den verglimmenden Rest Deiner Welt, Tage
-und Nächte: dann wünsche ich Dir die eine Stunde Schlaf, nach der ich
-durste, und die, wie es scheint, nicht für mich bestimmt ist. Dann
-trinke Dich satt an ihr und gedenke Deines Freundes
-
- Georg
-
-
- Das Schweigen
-
- Gingst du je beladen, ein Mensch, und suchtest
- Eines Bruders, einer Schwester Schoß,
- Auszuruhen, das stet und steil
- Aufwärtsragte, das überbürdete Haupt?
-
- Und vom Schweigen, im Lärm deine einzige Wehr,
- Ach, vom Schweigen, der Lippen brennendem Siegel,
- Einmal zu erlösen sehnsüchtiger Lippen Dürre
- An kühlen Quellen, an geliebtem Mund?
-
- Suchtest du lang, und sank nicht der Tag, ach sanken
- Viele nicht? Doch als eines Abends dein Blut
- Müde verging in die ruhige Röte und Nacht,
- Fandest auch du; und immer gefaltete Hände
- Lösten sich still, geliebter Geschwister gewiß.
-
- Zuckte die Lippe auch schon? und ging euer Atem
- Schwer von Verlangen inbrünstigen Worten vorauf?
- Aber ihr schwiegt. Durch Stummheit, die sternhelle, gingen
- Aller Fülle beglänzte Ströme
- Lautlos, selig, zwischen euch hin und her.
-
-
- Hallig Hooge
-
-Es war ganz dunkel.
-
-Georg saß, die Hände auf den Knäufen der Stuhllehnen, ein wenig
-vorgebeugt, als ob er lausche. Der Armsessel stand an der Wand. Nichts
-bewegte sich. Es war still.
-
-Als Georg merkte, daß er horchte, wußte er, daß unendliche Zeit
-vergangen war, während er so gesessen hatte. Während dieser Zeit mußte
-der Rest abgelaufen sein. Nun war nichts mehr.
-
-Vor seinen Augen war das Zimmer dämmrig, obgleich die tiefe
-Nachtschwärze in den Rechtecken der Fenster stand. Das Schreibbüro war
-deutlich erkennbar, die weiße Kuppel der Lampe, die Umrisse des runden
-Tisches in der Mitte des Raums, die Lehnen der Stühle, schattenhaft
-alles.
-
-Und was war dies mit der See? Still, kein Laut. Georg erinnerte sich,
-daß es mitten im Winter war. Vielleicht war die See zugefroren.
-
-Er fuhr sich unbewußt mit der Hand über die Stirn.
-
-Ja, sagte er halblaut. Ja, dann ist es wohl so weit ...
-
-Er lehnte die linke Schläfe gegen die rauhe Wange des Stuhls, plötzlich
-zitternd vor Müdigkeit, und so saß er eine lange Weile, ohne Widerstand
-gegen das immer wieder losrieselnde Zittern. Langsam verging es. Auf
-einmal flatterte seine linke Hand heftig. Dann war alles still.
-
-So wirds gut sein, dachte er dankbar. So -- immer tiefer ... immer
-tiefer ... dann ein kleiner Ruck, -- alles steht.
-
-Aber ich schlafe ja vorher ein! schrak er auf und lächelte.
-
-Also ... ist noch etwas? dachte er mühsam. Abschied? Von wem?
-
-Ein Schatten kam um den Tisch, die Seele Cornelias blickte traurig zu
-ihm hin. Sie dauerte ihn. Hoffentlich, dachte er, findet sie sich mit
-dem Andern besser zurecht. Bei mir hatte sie, glaub ich, zu wenig zu
-tun.
-
-Ach, ich werde schlafen! fiel ihm da ein, und das Dunkel verklärte sich.
-Ach, oh, ich werde schlafen!
-
-Er rückte mit dem Oberleib vor im Stuhl und stand auf, ging zum
-Sekretär, zog die bestimmte Lade hintastend auf, nahm den Kasten heraus,
-öffnete die Verschlüsse, und weil ihm die Finger bebten, mußte er an
-einen Morphinisten denken, der seine Spritze auspackt. In dem heller
-grauen Rechteck von Samt lag das dunkle Instrument, erkennbar und
-wohlbekannt, anders als alle Gebrauchsdinge, eigentlich aber ohne
-Zusammenhang mit seinem Sinn. Wenn man es in gewisser Weise handhabte,
-war die Folge der Tod, und doch stellt man sich Töten gemeinhin anders
-vor.
-
-Er bemühte sich nun eine ganze Weile krampfhaft, etwas zu denken, aber
-nichts kam zum Vorschein. Keine Menschen, keine Erinnerung, auch keine
-Schuld, so fest er sich an das Wort klammerte. Nur ein Gähnen überfiel
-ihn bald, das kein Ende nehmen wollte. Als es schließlich vorüber war,
-bemerkte er, daß er die Uhr gezogen hatte. Ja, ich will doch sehn, wie
-spät es ist, fiel ihm ein; er klappte den Deckel auf und starrte auf die
-kleine, bleiche Kreisfläche, bis die Zeiger hervor kamen. Sie standen
-auf ein Viertel nach Sieben. Er hielt die Uhr ans Ohr, allein sie tickte
-vernehmlich, und nun zerbrach er sich lange den Kopf, um
-herauszubekommen, ob Morgen oder Abend sei, aber umsonst. Er trat ans
-nächste Fenster und blickte hinaus. Draußen war ein grauer Schein. Von
-den Sternen, deren abendliche Stellungen ihm bekannt waren, fand er
-nicht einen.
-
-Übrigens -- dachte er -- eine sonderbare Stunde, aus dem Leben zu gehn:
-ein Viertel nach Sieben. Ich glaube, gemeinhin tun es die Leute zwischen
-drei und fünf Uhr morgens.
-
-Aber immer war da noch ein Hindernis, unerkennbar, aber es war. Da er
-seinen Kopf heiß und dumpf empfand, beschloß er, vor die Tür zu treten
-und noch einmal nach dem Meer auszusehn.
-
-Draußen stehend mit einer übergangslosen Schnelligkeit -- er dachte, das
-ist wie im Traum! -- staunte er, wie milde die Luft war. Feuchter Dunst
-berührte seine Stirn. Ach, dachte er, heute ist wohl dieser Tag im
-Januar, wo der Frühling sich im Schlaf umdrehn soll und seufzen. -- Dann
-ging er in schräger Linie über den Deich bis an den Rand.
-
-Das Wasser in hoher Flut stand bis an den Fuß der Mauersteile unten,
-stand, dunkel, ohne jede Bewegung. Unsichtbar regte sich dann ein Laut,
-etwas klatschte leise an. Jetzt ein andrer Ton, näher ... Etwas glänzte
-zu Georgs Füßen, so sehr einem Aufblick ähnlich, daß es ihn rührte. Nun
-war alles wieder still.
-
-Wie geräuschlos sie kommen kann! dachte er, die Riesige, leiser als ein
-Mensch! Erstes Staunen der Kindheit, -- da liegt sie nun, unsichtbar. Er
-starrte in die Finsternis vor ihm, die er meilenweit ohne Grenzen wußte,
-und die schweigsamen Gewässer hauchten ihn mit dem Odem ihres übergroßen
-Wesens an. Ein wenig höher, wo der Nachthimmel war, bewegte sich etwas
-quellendes Licht, gelblich, weißlich, und seltsam erschien der Umriß
-eines Berges.
-
-Plötzlich rührte das Geheimnis der Erde an seine Brust; er mußte den
-Kopf senken vor dieser Stille und Feierlichkeit, Scham erfüllte ihn, auf
-einmal bog sich sein Knie, er legte die Hände zusammen, kniete und
-sagte, die Worte im Munde zerdrückend, zur Erde:
-
-»Vergieb mir! Ich bin sehr arm. Meine Augen wollen nicht mehr. Ich will
-fort ...«
-
-Gras um ihn her wehte im Dunkel. Es überlief ihn glühend.
-
-»Und ich danke auch«, sagte er. »Dank für alles! Du bist gut und schön.
-Deine Abende und dein Frühling, die Amsel und alldas.«
-
-»Viel gelitten,« sagte er plötzlich, »viel gelitten ...«
-
-Er stand hastig auf und wollte fortgehn. Da spaltete es ihn wie ein
-Schwert, ein grenzenloser Jammer, und er schrie in seiner Verlassenheit
-ganz laut: »Mein Vater ist tot! oh Gott, mein Vater ist tot!«
-
-Schwer und gelassen bejahend klatschte eine Welle am Deichfuße hin;
-Georg ging mit leisen Schritten zum Turm zurück, schloß die Tür, ging
-zum Schreibbüro und mit der Waffe in der Hand zum Stuhl, wo er sich in
-die linke Ecke lehnte.
-
-Die Augen schließend, gewahrte er plötzlich einen Lichtschein hinter den
-Lidern, hob sie wiederum und sah erstaunt, daß die Lampe brannte. -- Was
-ist denn das? dachte er, wer hat denn die Lampe angesteckt? Einen
-Augenblick durchrann ihn sonderbar das Gefühl, die Lampe habe sich
-selbst entzündet, um ihn zu verhindern. -- Mag sie brennen! dachte er
-dann, aber nun quälte es ihn, daß dies Licht im Zimmer sein sollte, wenn
-er nicht mehr darin war, und auch, daß er nicht wußte, wann er sie
-angezündet hatte. So erhob er sich wieder, ging hin zu ihr und bemerkte,
-daß auf der Schreibunterlage ein Papier lag, auf dem das Wort: Mutlos
-stand, quer durchstrichen, worauf ihm denn einfiel, daß er das vorhin
-geschrieben hatte und dazu wohl die Lampe entzündet haben mußte. Es
-sollte ein Gedicht werden, ja, das letzte, er erinnerte sich einmal
-gelesen zu haben, daß man sein ganzes Leben nur ein einziges Gedicht
-machen sollte, vorm Tode, das würde dann außerordentlich werden. Es war
-aber nichts geworden, und ich, fiel ihm ein, ich habe ja auch schon
-früher eine Menge Gedichte gemacht. -- Er knüllte das Blatt zusammen,
-aber, da er bedenken mußte, daß es später gefunden werden könne, zog er
-es wieder auseinander, hielt eine Ecke über den Zylinder der Lampe und
-wartete, bis es Feuer fing. Eine blaue Flamme leckte daran hoch,
-plötzlich lohte es zu einem mächtigen, roten Scheinen auf, in dem er
-geblendet das ganze Achteck des Raums taghell bis zu den Gesichtern der
-Planetengötter unter der Decke erkannte. Dann warf ers an die Erde, mit
-der sinkenden Flamme sackten schwere Schatten rundum, der einer
-Stuhllehne reckte sich noch einmal hochauf an der Wand, langsam
-verflackerte die Lohe, ward es dunkler; endlich Nacht und am Boden ein
-paar rote Funken.
-
-Nun noch die Lampe. Er löschte sie hastig, lief fast auf seinen Stuhl
-zu, setzte sich wie zuvor, drückte die linke Schläfe an, und die
-Müdigkeit überströmte ihn, daß es ihn schauderte vor Wollust des nahen
-Schlafs. Prickeln bedeckte seinen ganzen Leib, er sank schlaff zusammen,
-bewegte die rechte Hand, um die Waffe zu fühlen, und lächelte. Von fern
-zog Musik in ihn ein, es brauste melodisch. Er hob langsam die Hand, er
-gähnte ein wenig, drückte sich fester an, -- nun kam die letzte, große
-Woge, das Dunkel ...
-
-Seine Hand glitt neben den Schenkel zurück. Cornelia erschien plötzlich
-im Zimmer, dann andre Gestalten; sie beschäftigten sich im Halbdunkel,
-er wollte zu ihnen, vermochte es nicht, und unter einem rieselnden
-Klingen wurden sie ferner und ferner ...
-
-Georg schlief.
-
- * * * * *
-
-Georg schlug die Augen auf. Eine tiefe, aber erleuchtete Dämmerung
-füllte den Raum mit Wärme und Sanftmut. Auf der Platte des Schreibbüros
-brannte die Lampe, so daß in ihrem Licht die kleinen Schubladen mit
-ihren Messingknöpfen, die geschnitzten Säulen und die Treppe aus
-farbigen Hölzern in der Mittelnische hell und freundlich sich zeigten;
-aber unter die weiße, mild leuchtende Kuppel war ein Stück Papier in den
-Ring geklemmt, das, ein rechteckiger Schatten vor dem Licht,
-herunterhing und den Raum mit Dunkelheit füllte. Dies war so erstaunlich
-schön anzusehn und von solchem Frieden, daß Georg lange Zeit die Augen
-nicht davon abwenden konnte.
-
-Er erschrak dann leise, als er entdeckte, daß er nicht allein war: im
-Schatten, rechts neben der Platte des Büros war ein sitzender Mensch; er
-schien die Beine übereinander gelegt zu haben und hielt den Kopf in die
-Hand gestützt.
-
-Und sieh! -- das Grauen, ohne doch schrecklich zu sein, vertiefte sich
-in Georg -- der ganze Raum war ja voller Menschen! Ganz still waren sie
-da, ohne Laut noch Bewegung. Wer waren die?
-
-Grade ihm gegenüber hinter dem dunklen, runden Tisch saß eine weibliche
-Gestalt; ihre bloßen Unterarme lagen flach auf der Tischdecke mit
-gefalteten Händen; den Kopf hielt sie so tief gesenkt, als ob sie
-schlafe oder bete, und Georg gewahrte deutlich die stille und lichte
-Furche ihres Scheitels in den leise glänzenden Wellen des Haars. Sie
-schien ihm nicht unbekannt.
-
-Hinter ihr, weiter zurück an der Wand, ganz im Schatten stand ein Mann,
-den Kopf geneigt, die Stirn in der linken Hand, als ob er sehr tief
-nachdenke.
-
-Als aber Georg die Augen weiter nach rechts hin bewegte, leuchtete es
-ihm von der Türe her strahlend blau entgegen, und äußerst betroffen von
-Verwunderung erkannte er in diesem Blauen die seidene Jacke eines
-Chinesen, der dort stand wie in einer tiefen Verneigung; ja, es war
-Georg, als habe er diese Bewegung schnell noch ausgeführt, bevor seine
-Augen dorthin gelangt waren. Ein großer, grün und golden feuriger Drache
-glänzte aus dem Himmelblau der Brust.
-
-Dies alles begriff Georg so wenig wie seinen eigenen Zustand, der ihm
-zauberhaft deuchte. Sein Körper war ihm so leicht, daß er ihn kaum
-fühlte, die Seele so frisch und kühl, daß er kaum Atem zu holen wagte,
-aus Furcht, diese Frische und Kühle könne abfallen wie lockerer Schnee.
-Hoch über ihm sang die zarte Stimme des Schweigens, lieblich und wie ein
-ferner Choral. Über alles Begreifen feierlich schien dies.
-Augenscheinlich ein Traum.
-
-Warum saßen und standen diese hier? Hatten sie auf sein Erwachen
-gewartet? Oder -- plötzlich graut' es ihn dennoch -- war er vielleicht
-doch tot, und hier war nur seine Seele, die ohne es zu wissen gewandert
-und in dies Zimmer zu Fremden gelangt war, die gar nicht ahnten, daß er
-zugegen war? Die vielleicht um einen andern Toten trauerten? Oder um
-ihn? -- Allein -- dies war sein Zimmer; im Turm, -- Hallig Hooge fiel
-ihm ein und alles andre.
-
-Und jetzt auf einmal bemerkte er mitten auf der dunklen Decke des
-Tisches einen schwärzlichen Gegenstand, in dem er sogleich seine Pistole
-erkannte. Und gleich auch, mit einer traumhaften Klarheit, wußte er, um
-was es hier ging.
-
-Er hier, er hatte über sich selbst ein Urteil gefällt, eigener Kläger
-und Richter. Da es sich aber um eine Versündigung gegen Menschen
-handelte, gegen Andre, so konnten auch nur Menschen, nur Andre über ihn
-urteilen und richten. Und zu diesem Zweck waren diese stillen Fremden
-nun da.
-
-In diesem Augenblick hob die weibliche Gestalt hinter dem Tisch das
-Gesicht, und er erkannte mit heller Freude Magda, die ihn anzusehn
-schien. Ach ja, daß sie blind war, hatte er nur geträumt.
-
-Indem richtete auch der neben dem Schreibbüro sich auf, und es zeigten
-sich Jasons Züge und schwarze Augen.
-
-Der hinter Magda stand, ließ die Hand sinken; es war der Hauptmann.
-
-Bewegung, so leise sie war, rieselte umher, und gleich darauf wurde
-Magdas Stimme hörbar, klar, aber gedämpft: »Ist er erwacht?«
-
-»Erwacht«, sagte Jason. »Er wird gleich sprechen. Wir wollen guten Abend
-sagen, -- oder gute Nacht.«
-
-Georg sagte leise: »Schön, daß ihr da seid! Wie kamt ihr hierher?«
-
-»Wie alle Reisenden,« versetzte Jason, »über das Meer. Über seine
-beruhigten Flächen sind wir geritten auf schönen Delphinen mit Augen
-gleich Sternen, die blickten und schienen, dieweil sie glitten. Ihre
-Schwanzflossen, gebildet wie Leiern, klangen lieblich zu unserer Fahrt.
-Aber dies ist zu zart, um es ganz zu entschleiern.«
-
-»Ich glaubte, daß ihr Träume wart«, sagte Georg.
-
-»Glaube, wir sind es! -- Wir kamen kraft eines geistigen Windes, jeder
-ein Traum, und aus Traum ist der Raum, wo wir weilen.«
-
-»Und warum kamt ihr?«
-
-»Um zu heilen.«
-
-»Und wie könnt ihr?«
-
-»Du mußt dich mitteilen. Aber erst höre, wie dies sich begab. Wir
-stiegen an deinem Ufer ab, hier ich, die Freundin, die du lange kennst,
-und dieser Diener aus dem Reich der Mitte. Hier der Notwendige, wie du
-ihn nanntest, führt' uns zu dir, wir pochten, aber du gabst keine
-Antwort. Schliefst du schon? es war erst Abend, aber deine Fenster
-dunkel. Wir traten ein, und einer machte Licht. Da sahn wir gleich dein
-schlummerndes Gesicht in einem Schlaf, wie wir noch nicht gesehen. Wir
-konnten sprechen, sitzen oder gehen, du aber schliefst und wußtest von
-uns nicht. Am Abend hatten wir uns eingefunden. Nun ist es tiefe Nacht,
-du schläfst seit Stunden, du schliefst dich glühend an und wieder kühl;
-es wurde sanft in dir, und dein Gefühl, das schmerzliche, stieg auf wie
-Wasserblasen zu deinem Antlitz, wo sie sprangen zart in lauter Lächeln.
-Was einst Qual und Rasen gewesen, schreckenvoll mit Nacht geschart,
-verwandelte sich in der Schlafmagie. Nun deine letzten Träume, siehe sie
-um dich versammelt, da du nun genesen! Die Freundin still und ernst,
-stumm den Vasall, und mich, in Händen klar den Sprachkristall, und bunt
-und immer lächelnd den Chinesen ...«
-
-»Aber Jason, mir scheint, dies war schon einmal, nur nicht so wunderbar
-und --«
-
-»Das sind die Femrichter gewesen. Jenes war Mummenschanz, dieses ist
-wahr.«
-
-»Soll ich nun sprechen?«
-
-»Wenn du es willst. Wenn es zerbrechbar ist, sollst du es brechen, wenn
-es dir stillbar ist, daß du es stillst. Zwar ist der Teufel gemeinhin im
-Zweiten ...«
-
-»Wie soll ichs verstehn?«
-
-»Beizeiten! Laß sehn: Was du allein weißt -- nicht wahr? -- das ist gut.
--- Gut ist es und echt. Weiß es ein Zweiter mit dir, ist es schlecht, --
-dieweilen es heißt: sein Haben mitteilen. Teilst du aber dein Wissen mit
-Reden, so wird es zerrissen, was bleibt für jeden? Die Hälfte, nicht
-wahr? Und teilst du's mit Dreien, teilst es mit Vieren, mit Hunderten
-gar, so wirst du's verlieren, und keiner hat was. Darum sagt der Chinese
-vom Tao: Tao zu lehren, ist verwehrt. Tao gelehrt, hieße Tao geteilt,
-aber Tao ist das Eine. Darum ist Lao-Tse, der Reine, in die
-Verborgenheit gegangen. Nur im Verborgenen konnt er empfangen -- den
-Zweiten, der mit ihm die Einheit sei.«
-
-»Was heißt das? verzeih!«
-
-»Gott ist immer der Zweite in Wahrheit. Was du allein besitzest in
-Klarheit, das hast du mit ihm. Jedes Ding ist ein Seraphim zwischen
-Gotte und dir. Seine Schwingen nach dort und hier aufgespannt, bilden
-die Brücke von dir zu dem Zweiten. Da doch alles nach allen Seiten
-unendlich ist, was könntest du halten, hielte das andere Ende nicht Er?
-Aber gestützt auf diese Gewalten, auf Gott und auf dich, wird es keiner
-zerschlagen und hat es die Kraft, die Erde zu tragen. Ein solches Ding,
-so zauberhaft, ist das Gebet, ein solches ist die Tat, die gut geschah,
-und jedes gute Wissen auch. Wenn du es aber teilst mit einem Dritten, so
-wird auch Gott -- vergänglich ist sein Hauch, im Maß wie du vergänglich
-bist -- zerschnitten. Er wird gevierteilt und getausendteilt. Christus
-war gut, war Gott ganz zugeheilt. Er war mit Gott, doch Paulus war schon
-schlecht, da er mit Christus war und Christi Knecht. Wissen, Habe, Kraft
-und Lehre, sei es rein und ganz vollkommen, giebs an Menschen, so wards
-Schwere und die Reinheit schon genommen. -- Bleibe mit Gotte allein!«
-
-»Und gäb es kein Mittel, ihn zu halten?«
-
-»Dreieinigkeit giebt es. Es giebt das Falten der beiden Hände zum Gebet,
-auf deren Brückenjoch die Gottheit steht. So falte dich mit einem Andern
-fest. Daß nur keiner sich wanken läßt und niemals erschlafft! Euch zu
-halten, die Kraft ohne Gott: Gottheit erschafft. Sie wird Liebe genannt.
-Sie ist so bewandt, daß sie Gott teilen kann ohne Grenzen und ihn aus
-sich selbst ergänzen. Liebe kann ihn vielmals teilen und wieder
-erhalten. Nur hütet euch vor dem Erkalten, und daß kein Teil verloren
-geht, und daß nicht Einer den Andern von euch einen Augenblick nur und
-nur um ein Gran -- weniger liebe, -- so bleibt Gott vollkommen, und die
-Liebe vollkommen, und ihr selber vollkommen.«
-
-»Ach, was ist vollkommen?«
-
-»In Nachtgewalten -- In Taggewittern -- Sich süß erhalten -- sich nicht
-verbittern!« -- --
-
-Eine Weile herrschte das tiefe Schweigen. Leiser dann fuhr Jasons Stimme
-fort:
-
-»Vollkommen war Renate, denn sie liebte. Nun ist sie die Verstörte und
-Betrübte; sie geht umher und kennt sich selbst nicht mehr. Sie ist
-geteilt in Leib und Seele, beide sind da und dort, dazwischen blitzt die
-Schneide; es ward die Gnade Sprache ihr genommen, sie ist verwaist und
-arm und unvollkommen, und ihre Augen sind wie Fenster leer. Sie fürchtet
-sich, sie weicht den Menschen aus. Sie sitzt im Zimmer, das Gesicht in
-Händen, sie schleicht sich manchmal in das Treppenhaus und tastet sich
-durch Zimmer an den Wänden. Gesichter kann sie nicht ertragen, sie stößt
-Geschrei aus wie ein Tier und läuft von hinnen. Sie war vollkommen; nun
-ist sie von Sinnen, und keiner weiß, wie man sie wohl erlöst.«
-
- * * * * *
-
-Georg hatte plötzlich die Empfindung, als sei das Licht dunkler geworden
-oder matter. Wollte die Lampe erlöschen? Waren seine Augen trüber
-geworden? Ach nein, in ihm war etwas Schmerzendes, und das gab einen
-Druck auf seine Sehkraft. Renate? Was war mit Renate?
-
-»Ich verstehe nicht!« stieß er hervor. »Was ist mit Renate?«
-
-Jason schwieg. Georg sah, daß Magda das Gesicht in die Hände gelegt
-hatte. Danach sah er den Hauptmann, sah Jason und den Chinesen, der
-übrigens, wie er jetzt erkannte, zwar anhielt, chinesenhaft zu lächeln,
-aber zwei völlig europäische, ja erstaunlich runde und braune Augen
-hatte, glänzend wie Kastanien. Obgleich aber so alles umher natürlich
-geworden schien, eines Glanzes entkleidet, so fühlte er es doch nicht
-minder ernst, nicht minder tief. Es war nur verdunkelt; es ward traurig.
-
-Die Hände fallen lassend, das Gesicht schmerzlich aufhebend, sagte
-Magda:
-
-»Es ist, wie Jason erklärte. Sie ist -- irr. Ja, sie liebte.
-Saint-Georges. Ich fand auf ihrem Schreibtisch einen Brief von ihm, in
-dem stand, daß er sie seit Jahren geliebt hat, und daß es über seine
-Kraft ging. Nun, da sie ihre Liebe erkannte, war es aus mit der seinen.
-Ich kam einen Tag später als sie nach Altenrepen zurück, da war sie
-schon, wie sie jetzt ist. Ihre Zofe hatte sie im Schlafzimmer an der
-Erde gefunden. Sie scheint sich vor uns Allen zu fürchten. Sie kleidet
-sich, ißt und schläft, aber sie spricht nicht, und wie es scheint, kann
-sie es wirklich nicht, denn sie stößt Laute hervor, die --«
-
-Magda schwieg.
-
-»Ich kenne sie ja,« begann sie von neuem, »sie hat eine andre Natur als
-wir, und alles trifft sie ganz anders als uns. Immer schien sie kühl und
-beherrscht, und so leicht sie erglühte, war immer die Grenze da. Sie
-sparte alles auf. Oft hatte sie seltsame Gesichte. Dies Gesicht nun
-scheint anzuhalten, und -- ach, ich habe ja immer gehofft, deshalb
-schrieb ich auch nie davon. Jetzt, wo so lange Zeit vergangen ist -- es
-kam schon im Oktober --, mag dir das vielleicht sonderbar scheinen, aber
-die Tage jagten dahin, und an jedem hoffte ich, ich würde morgen
-erwachen, und alles sei ein Traum. Und ich wollte dich nicht
-erschrecken, denn --« Magda errötete so tief, daß Georg es erkennen
-konnte durch die Dämmerung -- »du liebst sie doch.«
-
-»Aber nun wollen wir das lassen«, fuhr sie fort. »Ich bin ja gekommen
-... Lange war ich ganz ruhig um dich, obwohl unsicher, aber was soll ich
-tun? Ich muß ja nun immer angestoßen werden. Als aber dein Brief kam
-nach Ulrikas Tod, und der an Benno, den er mir zeigte, -- ja seitdem ist
-meine Angst um dich gestiegen, bis sie mich heute gepackt hat, und hier
-bin ich nun. Verzeih, daß ich nicht allein blieb mit dir, aber -- wir
-sahn ja, was dir aus der Hand geglitten war, die Andern sahn es, und ich
-fürchtete mich vor deinem Erwachen ...«
-
-Georg hörte die Worte nur von fern, wie zu einem Andern geredet. Er
-dachte mit einem bittern Schmerzgefühl an Renate, und dann, wie er sich
-sagte, daß sie stumm sei, nicht reden könne, stieg auf einmal wie ein
-Springquell in ihm die Sehnsucht nach Worten. Jetzt erst spürte er die
-ganze Pein des viele Wochen langen Schweigens, und Angst ergriff ihn,
-daß er hätte sterben können, ohne alles gesagt zu haben. Keiner hätte
-ihn verstanden, er sah sich selbst, sein Andenken, seine Seele, wie
-einen ausgegrabenen Torso zwischen ihnen liegen, ein Rätsel, an dem sie
-deuteten und alles falsch.
-
-Diese Erregung aber senkte sich wieder, und hernach war ihm wunderbar
-ruhig ums Herz. Er begriff nun diese Magie. Daß diese Menschen in dieser
-Stunde um ihn waren, das war ihr Zauber, das hatte sie selber so still
-gemacht, das stieg wie ein friedfertiger Rauch aus ihnen und legte sich
-um seine Sinne.
-
-Er beugte sich vornüber und verbarg das Gesicht in den Händen. Da
-erschien ihm schon alles zu Sagende in reinlicher Klarheit und als ob er
-es besser verstünde als jemals, dazu weder bitter noch schwer, sondern
-alles mitsamt der Schuld hatte nur sein einfaches Dasein, als ob es nur
-sich selbst angehörte. Worte zeigten sich schon, so leuchtend in
-Natürlichkeit, daß er zitterte vor Sehnsucht, sie sprechen zu können.
-
-»Ja, ich will sprechen,« sagte er, »ich will alles sagen, ihr Alle sollt
-es hören! Ihr werdet Alle sehn, daß ich recht hatte!«
-
-Während dieser Worte gewahrte er, daß es doch wirklich dunkler im Raum
-geworden war. Jetzt blickte auch Jason in die Lampe und sagte:
-
-»Die Lampe stirbt. Darf ich sie ausmachen?« Und er neigte sich über die
-Platte zu ihr und drehte sie aus. Es war Nacht.
-
-Georg sprach schon. Er hatte aber kaum die ersten Worte gesagt, als er
-sie nur noch mit Ohren hörte und wahrnahm, und indem er länger und
-länger redete, schien es ihm mitunter, als wäre in den Worten gar kein
-Sinn, als wären sie völlig verwirrt oder eine fremde Sprache, die er im
-Wahnsinn redete, ohne sie zu verstehn. Wo er begonnen hatte, wußte er
-nicht mehr, denn alsbald waren ihm ganz ferne Dinge, Bilder, Vorgänge
-aus seiner Kindheit in solcher Leibhaftigkeit erschienen und in solch
-einem Leuchten, und wie mit einem Zunicken bekundend, daß sie unendlich
-wichtig waren und keinesfalls verschwiegen werden durften, -- daß er
-nicht rasch genug seine Schlinge darum werfen konnte, sie zu halten und
-zu beschreiben. So lange hielten sie geduldig still, dann aber waren sie
-augenblicks verschwunden ein jedes, und schon stand ein andres da,
-bereit, sich fangen zu lassen. So sprach er und sprach, es kam vor, daß
-er sich auf einer riesigen, abschüssigen Bahn zu befinden glaubte, die
-er mit Sturmeseile hinunterfuhr, spürend, wie die Luft ihn umsauste,
-oder war es die Zeit? Dann wieder stand alles still, und er glaubte, zu
-empfinden, daß alles dies in einem Ewigen vor sich ging, und dann sah er
-die Nacht um sein Haupt und da und dort den Schein eines Gesichts, und
-er saß hoch über der Welt in einer Versammlung verdunkelter Monde, und
-sein Leben rauschte in der Tiefe wie ein Strom. Jede Welle aber dieses
-Stroms hatte ihren Sinn und Bezug und ließ ihn zurück wie einen
-Bodensatz, -- und das war alles Schuld. Nur von einer so ungeheuren
-Unabänderlichkeit war es jetzt, daß es die Beziehung auf ihn verloren
-hatte. Einen Augenblick fühlte er dies; da wars leicht. Plötzlich schlug
-ihn Bangnis an, wenn er zu Ende sein würde, dann wäre alles wie zuvor.
-In diesem Augenblick merkte er, daß er nichts mehr zu sagen hatte. Er
-suchte, lange wie ihm schien, aber nichts war da. Er hatte alles
-ausgeschöpft, und erschöpft saß er selber in dem Dunkel, das die
-Gewöhnung seiner Augen in graue Dämmerung verwandelt hatte, und sah
-wieder den bleichen Schein der Lampenkuppel, und den von Jasons Gesicht,
-von Magda und vom Hauptmann.
-
-Sterbensangst ergriff ihn da. Was war eben gewesen? Was hatte er getan?
-Was sollte das alles? Ach, es sollte wohl noch das Urteil kommen? Das
-war ja alles nur Zeitversäumnis. Und nun stand alles noch einmal bevor
-...
-
-Das reißende Krachen eines Streichholzes ward hörbar, die Flamme zuckte
-auf und leuchtete, schwer stürzten Schatten in Masse von oben, und neben
-Magdas von der Seite hell beschienener Gestalt und hinter der des
-unwandelbar aufrecht stehenden Hauptmanns an der Wand reckten die
-Schatten sich den obern entgegen. Da war der ganze, düstre Raum, und
-Jason saß dort und näherte die Zündholzflamme der Siegelkerze im
-Leuchter, die langsam erglomm. Er blies das Streichholz aus und legte es
-in die Leuchterschale.
-
-Magda sagte, tief Atem schöpfend:
-
-»Das war dein Leben, Georg ... Ich danke dir, daß du so gesprochen hast!
-Dazu darf ich nichts sagen. Aber -- was du in alledem immer wieder
-erkannt haben willst, das -- das ist Wahnsinn, Georg, in dem Maß ist es
-Wahnsinn!« Sie wandte sich hülflos um. »Sagt es ihm doch, daß es
-Wahnsinn ist!«
-
-»Warum?« sagte Jason. »Er hat doch recht. Wenn etwas Wahnsinn ist, ist
-es weniger wirklich darum? Ist der Irrsinn für den Irren das Leben oder
-nicht? Wahnsinn löscht doch sich selber nicht aus, nur wir sagen immer,
-wenn wir an Wahnsinn denken: das ist nichts. Auf diese Weise wird ihn
-wohl keiner überzeugen.«
-
-»Ja, aber Jason ...« Magda gab ihn auf, wandte sich wieder zu Georg
-hinüber und fragte bekümmert. »Was glaubtest du denn, Georg? Wenn all
-dies wirklich wahr sein sollte, glaubst du denn, daß du es mit dem Tode
-wieder gutmachen könntest? mit dem Tode?«
-
-»Wenn ich so wahnsinnig wäre, wie du meinst ... Im Gegenteil, Magda, im
-Gegenteil!« rief er gequält, »ich hätte Leben dazu gebraucht, zehn
-Leben, hundert! Muß ich dir denn erst sagen, daß ich eine Pflicht hier
-habe? Hast du denn meinen Brief nicht gelesen?«
-
-»Welchen Brief?« fragte sie erschreckt, und nun fiel ihm ein, daß der
-Brief, den er meinte, noch in seiner Lade lag.
-
-»Keinen Brief!« sagte er ärgerlich, »ich hab mich versprochen. Ja, nun
-ist alles wieder da, Mißverständnisse und Versprechungen und alles! Wie
-war denn das damals, Jason, als wir dich aus dem Teich holten? Da warst
-du höchst ungehalten, dich wiederfinden zu müssen. Kannst du beschwören,
-Jason, daß dir nicht wohler gewesen wäre, wenn --«
-
-Jason lächelte vor sich hin. -- Georg fuhr fort:
-
-»Das ist ja alles gar nicht wahr! Um alldas handelt es sich gar nicht!
-Alldas war es nicht, sondern es war nur das -- das rasende Verlangen,
-einmal heraus zu sein! Draußen! draußen! versteht denn das auf einmal
-keiner? Versteht denn keiner, wie bis zum Irrsinn das brennen kann,
-nicht los von etwas zu kommen, und daß alles zugepicht ist, alles
-verklebt und vernietet ist mit diesem Leben? Und Tag und Nacht und Woche
-um Woche kein Aufhören, nicht die kleinste Lücke mehr, und nur noch
-diese prasselnde Sehnsucht, einmal herauszustürzen aus diesem Leibe, aus
-diesem Ganzen, und lustig zu sein, darüber und -- ein Geist -- -- und
-zur Stunde zu sagen: da bist du, und ich bin nicht darin! Es ist ja
-alles wie Musik so unaufhaltsam und atemlos und -- zum Tollwerden, und
-Bogner hat wieder mal recht! Einmal alles anders sehn können als von
-innen. Umkrempen sich und in den Winden sein ganz nackt und das Eis am
-Leibe zu spüren von allen sieben Seiten! Eine Pause, Herrgott, eine
-Pause! Warum läuft denn der Tertianer, der ein schlechtes Zeugnis hat,
-in die Speisekammer und hängt sich auf? Weil er eine Pause will zwischen
-jetzt und dem Geständnis, und weil er nicht weiß, was der Tod ist.« Er
-sprang auf. »Gnädiger Gott, Magda, ich weiß, was er ist!«
-
-»Oh ich verstehe die Welt!« fing er gleich darauf brennend wieder an.
-»Ihr einziges Verlangen ist meins. Der Schuster, wenn er einen Schuh
-gemacht hat, der Dichter, wenn er einen Vers, der Gott selber, der eine
-Welt fertig hat: sie Alle machen, so schäbig es werden mag, etwas, in
-dem sie sind, und in dem sie doch nicht mehr sind. In dem sie sich von
-außerhalb ansehn können und sich herrlich finden. Man denkt, man will
-sich befreien, jawohl, aber das will man ja nicht, man will nur ein
-Stück von sich in der Hand haben, um hineinzubeißen oder es
-wegzuschmeißen wie einen Stein. Man will sich gefangen haben außerhalb,
-und sich erlöst fühlen von sich. Und das ist die Erlösung der Welt! Das
-ist die Form. Die Welt ist Chaos, wir können sie nicht begreifen und
-nicht durchdringen. Aber drinnen sind wir, der Mensch, und wir sollen es
-lichten, und ordnen, und sinnvoll machen. Bewußt oder unbewußt, und ob
-Tat oder Werk: da stehn sie als Form, und da ist das Chaos klar. Es ist
-drin in der Form als der Stoff, und doch ist die Form es nicht mehr,
-sondern sie schließt es aus, und verneint es, und vernichtet es. Und
-also, Magda,« schloß er heiser, »damit du mich verstehst: dies ist die
-Aufgabe, für jeden und für mich: die Verwandlung. Verwandlung des Chaos
-unaufhörlich und unermüdlich in die Form.« Er fing, da er sie den Mund
-öffnen sah, gleich wieder an: »Und ich kann es nicht, ich kann es nicht
-mehr, ich sage dir, daß ich es nicht kann, denn ich kann die
-Verantwortung nicht auf mich nehmen! Und es ist also keine Form mehr
-da!« schrie er wütend, »und wenn keine Form mehr reicht, ja was dann?
-Und wenn kein andrer Stoff zu haben ist, alles ausgeformt ist, alles in
-dir, in deine Seele geformt, was dann? In Stücke muß dann die Form
-wenigstens, in Stücke um jeden und jeden Preis, damit wenigstens Ruhe in
-der Welt ist, Ruhe!«
-
-»Und der Selbstmord --« Er war ganz heiser, aber im Augenblick, wo er
-Magda die Lippen bewegen sah, mußte er etwas sagen, und es fiel ihm
-immer etwas Neues ein, »der Selbstmord, Jason, der sogenannte, was ist
-das überhaupt? Du und ich, wir werdens ja wissen. Das ist keine Buße und
-kein Loskauf, und das sind alles bloß Ausdrücke! Und es hat mit dem
-Leben überhaupt nichts zu tun! Es hat der Tod einzutreten, und das weiß
-man, und das ist die Sachlage. Es ist nichts andres mehr _da_! das ist
-es, und es sind keine Gründe und all dergleichen, sondern man geht auf
-Pflaster, und da fängt der Asphalt an, weil er da anfängt, weil die
-Obrigkeit das so eingerichtet hat, und man ist des Pflasters nicht
-lebensüberdrüssig, sondern man _geht_ auf den Asphalt, weil er da ist!
-Und man legt sich doch schlafen, wenn der Tag aus ist, und man ist
-müde!«
-
-Georg hustete sich aus und verstummte. Dann setzte er sich wieder.
-
-Nun begann Jason mit aller Freundlichkeit:
-
-»Du sagtest eben Schlafen. Das hatte ich eigentlich schon früher
-erwartet. Du wolltest schlafen. Nun -- hast du nicht? War es nicht eine
-Pause?«
-
-Georg fühlte sich irgendwie umstrickt, wollte jedoch nicht nachgeben und
-beharrte: es sei nun aber alles wie vorher.
-
-Das, meinte Jason, dürfte kein zwingender Einwand sein. Im Gegenteil, es
-sei das Wesen der Pause, daß danach alles wie zuvor sei; sonst könnte
-sie kaum Pause genannt werden, sondern Ende.
-
-Georg beharrte weiter: »Sie genügt mir nicht!«
-
-»Freilich,« versetzte Jason, »das ganze Leben genügt kaum. Wenn die
-ewige Fermate kommt, war es immer zu wenig, und man versucht die
-Ritardandos. Aber wir wollen nicht mit Worten streiten.«
-
-»Die Ritardandos wären auch wohl das Letzte, was du mir nachweisen
-könntest, nicht wahr? Aber du hattest ja ganz recht: es kommt vom
-Mitteilen. Nun hab ich mich unter euch aufgeteilt, nun habt ihr jeder
-ein elend kleines Stück, einer hat den Arm, einer ein Bein, und ich
-fühle mich längst nicht mehr ganz.«
-
-»Und das liegt daran, wie ich sagte,« erwiderte ruhig Jason, »daß du zu
-wenig Liebe hast.«
-
-Georg fühlte sich in die Brust getroffen. Jason hatte recht: die Andern
-hier waren gut, Jason selber, Magda, der Hauptmann in seiner Stummheit,
-und dieser rundäugige Kleine hier. Er selber aber, er war unheilbar ...
-
-Da warf er das Gesicht in die Hände, fühlte sich jämmerlicher
-zerschnitten als jemals und wünschte sich den Tod.
-
-Dieweil hörte er Magdas Stimme, entfernt, die von ihm sprach. Er wollte
-nichts hören, verstand nur hier und da ein Wort, und es schien ihm, sie
-sagte, er habe vielleicht bislang zu sehr sich selber und für sich
-allein gelebt, zuviel an sich selbst gedacht statt an Andre, -- und von
-seiner Jugend sprach sie, und daß er viel zu lernen gehabt habe. »Viel
-mehr Möglichkeiten«, hörte er sie sagen, »als Andre, und deshalb mehr
-Schwierigkeiten ...« Und zuletzt: »Sollte nun nicht alldas den Sinn
-haben, daß du nun an die Grenze gelangt bist und -- ausgelernt hast, und
-nun, was du für dich gewonnen hast, für Andre verwenden kannst?«
-
-Georg fuhr verzweifelt wieder empor. »Aber Magda! Das ist es ja doch!
-Warum verstehst du es denn nicht? Ich möchte mich ja verwenden, ich will
-es ja so brennend, aber ich habe doch nur diesen Weg, das Land, das
-Volk, das Reich! Wie soll ich denn die Verantwortung für eine Million
-übernehmen, wenn ich für mich selber ratlos bin? Und wer sagt dir denn,
-daß ich ausgelernt habe, daß ich gelernt habe überhaupt? Ich hab doch
-nur Schulden machen gelernt! Ich kann ja nicht mal praktisch etwas!
-Regieren ...« Er stockte. Etwas, das er während der letzten Jahre
-hundertmal empfunden und als eitle Eingebildetheit unterdrückt hatte;
-was noch in den letzten Wochen mitunter aufgezuckt und von ihm zerpreßt
-war; jene dunkle Vorstellung im Gedanken an sein Regieren, die sich
-schattenhaft hinter den Worten: Ich kann es ... erhoben und im Schwinden
-vor seinem Druck ein dünnes Lächeln der Selbstverachtung um seinen Mund
-gelegt hatte: sie stand auf einmal in einer Weise ruhig und unverhohlen
-da, daß er sekundenlange nichts tun konnte, als sie ansehn.
-
-Du kannst es, wenn du willst, sagte sie ruhig. Du fühlst dich dazu
-begabt und bestimmt, und wenn du das im Tiefsten deines Wesens, wo du
-echt bist, nicht immer gewußt hättest, nur als Geheimnis vor dir selber
-es wahrend, so wärst du ja eine Kanaille gewesen.
-
-Die Erscheinung schwand langsam und ließ Georg in Verwirrung Magda
-gegenüber, die sehr deutlich dasaß, zur Hälfte im Kerzenlicht, zur
-andern im Schatten, und ihn ansah, so daß es schien, als ob eben sie die
-Worte der Erscheinung gesprochen hätte. Da bemerkte er seine Verwirrung
-und dachte: Sie macht mich ja nur wieder wirr, und morgen bin ich allein
-...
-
-»Rieferling!« rief er plötzlich. »Nun sagen Sie etwas. Sie sind ein
-schlichter Mensch. Ich verspreche Ihnen --« sich vorsetzend im Stuhl,
-die Hände an den Knäufen der Lehnen, erleuchtet von der List, mit der er
-sie jetzt Alle fangen würde; »ich verspreche Ihnen,« wiederholte er fast
-schmeichelnd, »wenn Sie das rechte Wort -- nein, wenn Sie nur ein Wort
-treffen, in dem ich die geringste Möglichkeit für mich finden kann, so
-will ich ihr folgen.«
-
-Vorgebeugt bleibend in seiner lauernden Haltung, schon im Vortriumph,
-daß nun das gewünschte Ende für ihn nahe war, glühte er mit beiden Augen
-den Menschen an, der, die Hände fest um die Lehne des vor ihm stehenden
-Stuhls pressend, die blickenden Augen in dem geprägten, geordneten und
-stämmigen Gesicht auf ihn geheftet hielt. Nach einer Weile sprach er
-einfach: »Hoheit sollten es versuchen ...«
-
-Ho -- -- heit ... tönte es echohaft in Georg nach. Er setzte sich im
-Stuhl zurück. Ho -- -- heit ... Ein sonderbares Wort. Ho -- -- heit ...
-sollten es versuchen ... Das war wieder so ein Ausweg, so eine
-schwächliche Halbheit! schlicht gedacht, üblich; praktisch nannte man so
-etwas, praktisches Leben -- das war der Ausdruck. Möglichst wenig
-heroisch.
-
-»Es hat ja doch keinen Sinn mehr ...« würgte er endlich widerwillig
-hervor. »Ich kann ja auch nicht mehr! Ich habe gelitten, gut, darüber
-ist weiter nichts zu sagen. Aber alldas -- es muß doch ein Ergebnis
-tragen, eine Erkenntnis, ein -- kurz ein Ergebnis!«
-
-»Das Ergebnis des Leidens«, sagte der Hauptmann, seltsamerweise
-errötend, »ist wohl, durchlitten zu sein.«
-
-Worauf er sich entschuldigte: das sei so ein Gedanke, er wisse selbst
-nicht, wie ... er könnte nicht sagen, daß er aus eigner Erfahrung ...
-
-Georg stand auf. »Du mußt todmüde sein, Magda, komm, geh schlafen.« Er
-sah in diesem Augenblick, wie grau und zerfallen ihr Gesicht war.
-»Rieferling wird Li alles zeigen. Wir können ja morgen weiterreden.« Er
-sah auf die Uhr und erschrak. Sie stand auf ein Viertel nach sieben.
-»Was ist das?« fragte er, »ist es jetzt wirklich Viertel acht?« Die Uhr
-ans Ohr haltend, merkte er, daß sie ging, und der große Zeiger stand
-auch genau genommen erst zwölf Minuten über Voll. Einen Augenblick
-glaubte er, alles geträumt zu haben und vor derselben Minute zu stehn
-wie am Abend zuvor. Dann hörte er Jason sagen, es sei an vier Uhr in der
-Nacht gewesen, als Georg aufgewacht sei. Magda erhob sich und bewegte
-sich auf ihn zu mit vorgestreckten Händen. Er ließ sie die seinen fassen
-und litt es, daß sie sie liebkoste und an die Wange drückte, indem es
-ihm beschämend und verkleinernd vorkam, sich streicheln zu lassen, weil
-er sich nicht totgeschossen hatte, und er konnte es nicht lassen,
-dieweil er sie in die Arme schloß, zu sagen: »Nun gehts glücklich aus
-wie eine Sitzung im Bürgerverein. Ihr Frauen seid nur froh, wenn ihr
-alles eingereiht habt!«
-
-»Ist es denn, Georg?« fragte sie, ängstlich zu lächeln bemüht, »ist es
-denn wirklich?«
-
-Er dachte hart: Wenn sie mich nicht sehen kann durch meine Schuld, so
-habe ich ja wohl ein Recht, jetzt zu lügen! und sagte mit müdem Ton: »Es
-scheint ja so. Du --« fuhr er zärtlicher fort, »warst ja immer bereit
-zur Verantwortung.«
-
-»Ja,« sagte Jason, »sie hat mich vor Teichen und Windmühlen bewahrt, und
-deshalb saßen wir hier Alle zusammen. Gute Nacht, Georg!«
-
-Er reichte ihm flüchtig die Hand und ging an ihm vorüber zur Tür. Li
-hatte inzwischen einen besonders langen, braungelben Mantel mit sehr
-breiten Ärmeln übergezogen und einen steifen Hut aufgesetzt. Georg nahm
-ihm Magdas Pelzmantel ab und hängte ihn um ihre Schultern, worauf er sie
-zur Tür führte. Jason wartete dort und nahm ihren Arm. Alle schienen es
-eilig zu haben, als könnte er etwas zurücknehmen. Georg drückte dem
-Hauptmann die Hand und sah sie alle Vier die Senkung hinabsteigen in der
-Richtung zu Cornelias Haus. Dabei bemerkte er, daß es neblig geworden
-war; die Nacht über dem grauen Dunst war pechschwarz, die Luft nicht
-eben winterlich, feucht, aber kalt genug, um Georg schaudern zu lassen,
-während er die Gestalten in der Tiefe mählig verschwinden sah. Plötzlich
-dann war alles leer.
-
-Hin und wieder zusammenschaudernd in der Kälte lehnte Georg am
-Türpfosten. Was nun? -- Er kam sich zusammengeschrumpft vor und
-erbärmlich klein. In seinen Schläfen pochte das Blut, nun stach es in
-seinen Augen, die Müdheit war wieder da. Halb unbewußt wandte er sich
-zur offenen Tür zurück, sah eine Weile dem Brennen der fernen Kerze zu,
-sah die Schatten der Stühle sich leise anheben, und plötzlich wurden sie
-alle beweglich, ein Luftzug strich an ihm vorüber, ein warmer Hauch von
-drinnen. Im Aufflackern der Kerzenflamme sah er einen Gegenstand auf dem
-runden Tisch Schatten werfen, seine Pistole.
-
-Da lag sie! Es zuckte schon in seiner Hand, als ihm einfiel, wie
-sonderbar das sei, daß weder Jason noch der Hauptmann sie an sich
-genommen hatte. Das tat man doch! Als ob sie sich verabredet hätten! --
-Ach, das ist elend, dachte Georg, mit diesem Vertrauensbeweis wollten
-sie mir nun die Hände binden!
-
-Und wenn sie sie mitgenommen hätten, fiel ihm hinwider ein, was dann?
-
-Ihm schauderte heftiger in der Kälte, ohne doch drinnen eintreten zu
-können, denn dann, dachte er, nimmt mich das Alte wieder auf, und ich
-bin im Geleise. -- Er war allein; Nacht und Nebel --, das war geblieben.
--- Aber die See! zuckte es durch ihn hin. Wenn ich sie nehme statt der
-Pistole, so verstehen sie alles und erkennen den Ernst.
-
-Georg schloß gedankenlos die Zimmertür, drehte sich langsam und ging,
-stolpernd im höckrigen Grasboden, Schläfen und Augenwinkel zerstochen
-von Erschöpftheit, nach der Stelle am Deichrand, wo die Treppe nach
-unten begann.
-
-Der Nebel war hier außen etwas dichter; die Sichtbarkeit des Sandbodens
-unten zeigte, daß Ebbe war. Richtig, als er am Abend hier gestanden
-hatte, war die Flut noch im Steigen gewesen.
-
-Stufe um Stufe trat Georg nach unten. -- Ein Freund kalten Seewassers
-bin ich nie gewesen, dachte er verächtlich, aber -- das wird sich ja
-wohl noch überwinden lassen. Wenn es nur nicht so weit wäre bis in die
-Tiefe ...
-
-Er ging in den Nebel hinein. Das Ebbewasser pflegte hier weit
-zurückzuweichen, da noch die versunkenen Inseln vor Hallig Hooge lagen.
-
-Georg hatte die Lider über die Augen fallen lassen, gehend, weil er im
-Gehen war, in einer leeren Unschlüssigkeit, die ihn peinigte. Als er die
-Lider wieder hob, sagte es in ihm: Da! -- -- Da war es ...
-
-Im Nebel, gerade vor ihm, stand eine ferne Gestalt, nicht mehr als ein
-Schatten. Georg selber stand wie sein Herz. Das jagte im nächsten
-Augenblick Wellen und Sprünge unzähliger wütender Schläge bis gegen
-seinen Hals hinauf. Ihn grauste.
-
-Dann ermannte er sich. Schwerfällig und langsam formten sich
-Vorstellungen in ihm. Jason ... Rieferling ...
-
-Wenn es aber einer von ihnen wäre, so würde er doch kommen ... Er
-wartete ... Plötzlich hatte er mit großer Erleichterung das gewisse
-Gefühl, daß der dort ihm den Rücken zuwandte und von ihm nichts wußte;
-es war der Hauptmann. Er wollte ihn rufen, aber das gelang ihm nicht.
-Nur räuspern konnte er sich und tat es, so laut er vermochte.
-
-Der Schatten bewegte sich nicht, und nun war Georg doch nicht mehr
-sicher, daß er von ihm abgewandt stand. So versuchte er jetzt, sich auf
-den Namen zu besinnen, jenen Namen, -- allein während das Grauen wieder
-in ihm stieg, merkte er, daß jenes Wort nicht zu finden war. Es lag auf
-seiner Zunge, Georg stieß ... Al-- Albert ... Aldebaran ... Baldamus ...
-Nein M! ein M wars. Ma-- -- Magus ...
-
-In diesem Augenblick schien der Schatten zu schwinden, und Georg
-flüsterte Atem schöpfend: Eine Sinnestäuschung! -- worauf er sich einen
-Stoß gab und vorwärts ging. Mut zeiget auch ... flüsterte es in ihm, Mut
-zeiget auch ...
-
-Aber mit einem maßlosen Entsetzen mußte er plötzlich merken, daß er
-nicht gradeaus ging, nicht konnte, daß seine Füße -- er drückte mit
-aller Gewalt --, nein, die Füße wollten nicht dorthin, wo der Schatten
-gewesen war, sie sträubten sich wie Tiere, es war fast, als ob sie
-knurrten und sich gegenstemmten, und Georg überließ sich ihnen in
-hängender Schlaffheit, so daß sie ihn in einer gebogenen Linie nach
-rechts davonführten, und -- -- da war der Schatten wieder, bewegte sich,
-glitt, auf derselben Höhe mit ihm.
-
-Georg wußte, wenn er jetzt nur den Namen hatte, wenn er ihn rief,
-brüllte, so war alles verschwunden. Aber er konnte nicht, er ging, und
-plötzlich war der Schatten weg.
-
-Unter dem Nebel, fünf Schritte vor Georg, glänzte es. Etwas Blinkendes
-lag dort, ein Krokodil, -- das Wasser. Dennoch spürte Georg für eine
-Sekunde eine Erleichterung. Er wußte nun, worauf es ankam, und wo er
-war. Er mußte wieder nach rechts hinüber. Ich will laufen, dachte er,
-setzte auch dazu an, aber seine Beine waren schwer wie Säcke voll Sand.
-Nun redete er sich Mut zu. Das ist ja alles Unsinn! Es ist ja nichts da!
-Du bist übermüdet, du hast Einbildungen! und er ging derweil mit
-zusammengebissenen Zähnen, den Kopf gesenkt, die Augen halb geschlossen,
-hin und wieder strauchelnd, nur mehr sich nach rechts haltend, längst in
-der Gewißheit, daß die Gestalt jetzt hinter ihm herkam. Nun würde sie
-sich weiter und weiter vorschieben, bis sie auf seiner Höhe, zwischen
-ihm und dem Deich war. Oh dieser verruchte Nebel! Er sah nach oben.
-Einen Stern! nur einen einzigen Stern!
-
-Georg blieb stehn. Fast war er bereit, sich auszuliefern. Er fühlte, daß
-unter seinem Stirnhaar sich Tropfen lösten und kalt über sein Gesicht
-rannen. Er hatte zu nichts mehr Kraft. Wie lange Zeit so verging, wußte
-er nicht. Endlich drehte er langsam den Kopf, langsam schließlich den
-Rumpf. Da war die Gestalt, stehend wie er selber.
-
-Georg ging wieder; er ging und summte dazu im Takt seiner Füße. Dann
-zählte er: Eins -- zwei -- drei -- vier -- fünf -- sechs ... Irgendwo in
-einer unsichtbaren Ferne war ein erleuchtetes Fenster, und er sah das
-Haus, die Umrisse in der Nacht, und rechts davon, drei Schritte weit von
-ihm selber den Abhang des Deiches, wo er ein Ende nahm. Er glaubte,
-alldas wirklich zu sehn, aber als er es ins Auge faßte, war da nur
-Nebel.
-
-Auf einmal -- er tat, als geschehe es unabsichtlich -- blickte er nach
-rechts und bemerkte den Schatten dort etwas hinter sich, der ihm
-nachging.
-
-Georg schritt aus, so gut er konnte. Er ging ja nach rechts, gleich
-mußte der Deich kommen, bald auch die Lücke, und er rechnete: sieben
-Minuten konnten es im ganzen sein, ein gutes Stück hatte er schon hinter
-sich und --
-
-Was war das? Es glänzte grade vor ihm. Das Wasser! Wo kam das Wasser
-her? War er doch daraufzu gegangen? Oder -- nein, hier war eine
-Buchtung, das Wasser schnitt tiefer in den Strand ein, -- merkwürdig!
-fiel ihm ein, wo sind denn die Buhnen geblieben? Ah, versandet! besann
-er sich und machte sich klar, daß er nun rechtshin am Wasser einhergehn
-müsse, -- worauf er sich drehte, schon spürend, daß seine Füße
-einsanken, im aufgeweichten Sandboden strauchelte und nun die Gestalt
-grade vor sich entdeckte, allerdings entfernt.
-
-Der Kopf fiel ihm vornüber. Aber jetzt, wie er in dem weicheren Sand
-dahinging, sich am Wasser haltend, so dicht er konnte, fing er an, sich
-zu sammeln. Haha! dachte er, die Gewohnheit, da ist sie ja wieder! Ich
-habe mich daran gewöhnt! -- Und er konnte sich nun wieder besinnen, ihm
-fiel allerlei ein, eine blaue Jacke erschien sehr schön, der Chinese,
-die Kerze vor den Schubläden mit glänzenden Messingknöpfen, daneben, mit
-Schatten gefüllt, die Nische, dann der Park von Helenenruh, sommerlich,
-grün ... und nun bemerkte er, daß die Nässe und das Wasser zu seiner
-Linken waren. Er ging weiter nach rechts, seine Eile verhaltend in der
-Vorstellung, wenn er liefe, würde die Gestalt auf ihn stürzen. Da! da
-war sie ja, fast auf gleicher Höhe mit ihm, sie war näher, sie wollte
-ihn gegen die See drängen, er mußte sie mit aller Gewalt wegdenken, denn
-das Grausen rieselte von ihr aus, und er ging, die linke Hand auf der
-Stelle seines Anzugs, wo er die Uhr fühlen konnte, die sich nicht lesen
-ließ in dem Dunkel. Wo blieb denn die Lücke im Deich? Sieben Minuten
-mußten lange vorüber sein ...
-
-Da blieb er stehn. Seine Kraft war dahin. Das heißt, dachte er, die
-Kraft mich verfolgen zu lassen. Nun wollen wir aber sehn!
-
-Er saugte sich künstlich voll Wut. Es dauerte noch eine Weile, bis er
-die Lähmung in seinen Fingern überwunden und die kraftlosen nach innen
-gekrümmt hatte. Die Fäuste schienen ihm aber so locker, daß er die
-Finger immer tiefer nach innen preßte, bis er plötzlich mit einem über
-Erwarten heftigen Schmerz die Nägel im Fleisch fühlte. Dann riß er die
-Augen weit auf. Es flimmerte, aber da stand die Gestalt. Er setzte zum
-Gehen an, senkte den Kopf tief gegen die Brust, setzte abermal an, hörte
-ein Röcheln und ging auf sie zu.
-
-Alles an ihm raste vor ungeheurer Angst, und doch blieb ein Rest, der
-Rest, der ihm sagte, daß noch Kraft in ihm war, zu gehn, darauflos zu
-gehn, der ihn vor dem Zusammenbruch bewahrte. Dies dauerte endlos. Als
-er den Kopf hob, war die Gestalt so nah, daß er fast aufgeschrieen
-hätte, aber da sah er hinter ihr eine dunkle Wand, den Deich, und dann:
-daß die Gestalt sein Vater war.
-
-Er machte noch ein paar Schritte, schluchzte, fühlte, wie er am ganzen
-Leibe erlosch, und während über ihm die Stimme seines Vaters begütigend
-sagte: Es ist genug, Georg! legte er sich, in staunender Erleichterung
-hinsterbend, nieder vor seine Füße.
-
-
- Siebentes Kapitel: Februar
-
-
- Bogner an Georg
-
- Böhne, am 6. II.
-
-Mein Lieber!
-
-Da ich höre, daß Du noch auf Deiner Insel bist, möchte ich Dich für den
-Fall Deiner -- hoffentlich mit dem Frühjahr erfolgenden -- Abreise
-bitten, nicht an mir vorüberzugehn. Ich bin nämlich dahier geblieben. Es
-kam so, daß ich während der zwei Stunden, die ich auf den Anschlußzug zu
-warten hatte, einen Spaziergang über die schönen alten Stadtwälle machte
-und im Nordwesten -- in der Richtung auf Helenenruh -- unweit im
-Wiesengelände ein Gebäude liegen sah, dessen runde, flachgedeckte
-Gestalt -- wie ein Panorama -- mich anzog. Es war die Reitbahn eines
-Tattersalls, dessen Unternehmer, ein ehemaliger Offizier, kürzlich mit
-Spielschulden flüchtig wurde; die Pferde sind verkauft, der Tattersall
--- mit der Reitbahn hängt ein hübsches kleines Haus zusammen -- war
-verkäuflich. Mein guter Stern wollte, daß ich die Tante des
-Unternehmers, eine angenehme alte Dame, verwaist und betrübt
-zurückgeblieben fand, -- und so habe ich denn das Ganze, Haus, Atelier
-und Wirtschafterin erworben. Die Reitbahn hat gutes Oberlicht, und in
-mir war das Fieber der Arbeit, so daß ich glücklich war, nicht erst
-weiter zu müssen. Leinwand und alles sonst Nötige gab es im Ort zu
-kaufen, ich ließ mir dann meine Habe aus Altenrepen kommen, und kurz:
-seit ich anfing zu arbeiten, habe ich noch keinen Augenblick aufgehört;
-hatte, wie es scheint, den Vesuv in der Brust und stehe nun verschüttet
-vom Ausbruch. Du kannst dann einiges sehn, wenn Du kommst. Mir ist wohl.
-Ich wünsche Dir das gleiche, mein Lieber, und bin Dein guter Freund
-
- Bogner
-
-
- Magda an Georg
-
- am 15. Februar
-
-Georg, oh mein Georg! Ich habe sie wieder! Lieber Georg, denke doch nur,
-wir haben sie! Renate, sie lebt, ach sie ist freilich krank nun, sehr
-krank, der Arzt will mir nicht sagen, was es ist, aber das Leben, sagt
-er, sei nicht gefährdet. Sie liegt in Fieber, schon Tage, schreit und --
-ach nein, wozu davon reden, es ist ja Hoffnung! Georg, es werden viele
-Fehler in diesem Brief sein, ich treffe ja kaum die Tasten überhaupt,
-wie sollt ich die richtigen treffen?
-
-Ja, und weißt Du denn, wem wir dies zu verdanken haben? Denke bloß!
-Jason! Er ist selber ganz ratlos vor Verwunderung und schüttelt den Kopf
-beinah wie damals, als er das Schütteln hatte. Daß er, Jason, etwas tun
-konnte, etwas Richtiges tun, -- das wäre ein völliger Umsturz, sagte er,
-und er könnte nur Gott danken, daß er keine Weltanschauung gehabt hätte,
-denn was wäre aus der sonst geworden? Aber nun höre, wie es gekommen
-ist! Es war ja so einfach, es war, sagt Jason, sogar noch einfacher als
-das Kolumbusei.
-
-Jason kam, um Adieu zu sagen. Irene hat ihn nämlich gebeten, sie in
-Dresden zu treffen, es scheint ihr nicht gut zu gehn, Jason machte ein
-paar Andeutungen, sie schrieb ja auch kein Wort die ganze Zeit, und das
-Kloster scheint sie also wieder verlassen zu wollen. -- Nun wollte er
-versuchen, Renate noch einmal zu sehn, und da ich dachte, daß sie
-_seinen_ Anblick vielleicht ertragen könnte, so ging ich mit ihm hinauf,
-sie war eben in ihrem Zimmer. Er trat allein ein und ließ die Tür offen,
-aber gleich gab es drinnen einen Aufschrei, und sie floh so schnell an
-mir vorüber, daß ich mich wunderte, wo sie gleich hergekommen war, aber
-Jason sagte, sie hätte dicht an der Tür gesessen, und das ist ja nun ein
-glücklicher Zufall gewesen, nämlich daß sie nach draußen und nicht ins
-Schlafzimmer gelaufen war, wie Du gleich sehn wirst. Jason sah sich
-nämlich im Zimmer um und fragte sofort: Wo ist denn der Ech-en-Aton? Ist
-er nicht da? frage ich; dann hat sie ihn wohl weggestellt. Aber warum
-denn? fragt er wieder und hat sich gleich etwas gedacht, während ich gar
-nichts ahnte, aber so ist Jason. Er fing nun an im Zimmer zu suchen, ich
-mußte ihm auch den Schlüssel zum Schreibtisch geben, den ich selber
-abgezogen hatte seinerzeit, aber der Kopf war nicht zu finden. Wir
-klingelten nach Franziska, aber sie wußte nichts zu sagen. Jason ließ
-sich nicht irremachen, behauptete steif und fest, sie müßte ihn
-versteckt haben, und suchte im Schlafzimmer, und nun -- dort hat er ihn
-denn wirklich gefunden, ganz unten im Wäscheschrank, unter einem Stoß
-Kissenbezüge, die »so eigentümlich dagelegen hätten«, wie er sagte.
-
-Ja, und als er ihn dann hatte, wußte er sich im Grunde auch keines Rats
-mehr; nur daß es irgendeine Bewandtnis mit dem Kopf haben müsse, das
-könne er ihm überall abfühlen, erklärte er und meinte schließlich, das
-Richtige würde zweifellos sein, ihn wieder auf sein Postament zu
-stellen, und das tat er.
-
-Wir haben dann hinter dem Vorhang der Schlafzimmertür auf Renates
-Wiederkehr gewartet, und kaum war sie eingetreten, so höre ich einen
-lauten Aufschrei und dann einen Fall. Als wir hinzukamen, war sie
-bewußtlos, sie ist aber bald wieder zu sich gekommen und hat mich
-erkannt, auch ein paar Worte mit mir gesprochen, ganz klar, obschon sie
-nicht wußte, was mit ihr geschehen war. Dann schlief sie ein, und dann
-kam leider das Fieber.
-
-Jason sagt: Weißt du was? Sie hat sich vor ihm gefürchtet und hat ihn
-versteckt, und dann hat sie sich gefürchtet, er könnte doch irgendwo
-sein, und die Gesichter von uns für seines gehalten. -- Jason ist immer
-genügsam, also war ers auch mit dieser Erklärung, und wir Alle müssen
-uns zufriedengeben, bis wir vielleicht einmal mehr erfahren. Ach, mir
-genügts ja auch, ich hab ja genug an meiner Glückseligkeit, und je
-weniger ich weiß, um so mehr kann ich an ein Wunder glauben, und ist es
-nicht jedenfalls über alle Vernunft wunderbar? Wüßtest Du nur recht, wie
-sehr es mich auch wieder für Dich tröstet! Mein Glaube an Dein Heil ist
-noch einmal so stark geworden!
-
-Sieh, mein Georg, es war ja so ganz ein Wunder, wie wir in der Nacht zu
-Dir kamen, und wie Du da saßest und schliefest! Schliefest, Georg, so
-tief, so schwer, -- glaubst Du, daß ich es nicht gesehen habe an Deinen
-Atemzügen? mit der Waffe in der Hand, anstatt tot zu sein! Wenn Du das
-an einem Andern erlebt hättest wie ich an Dir -- all die vielen Worte
-nachher hättest Du nicht mehr gesprochen, sondern wie ich gewußt, daß
-hier ein Ende war und keine Pause! Und war das kein Wunder, daß Dir der
-Schlaf geschenkt wurde in dem Augenblick, wo Du Dir das Leben nehmen
-wolltest? Den Tod nehmen, wollte ich sagen, der Ausdruck führte mich
-irre. Das sah ich so deutlich wie mit beiden Augen: wie Du in Deiner
-Müdigkeit die Hand des Todes zu fassen meintest, und wie statt seiner
-der Bruder sich dazwischenschob und Dir lächelnd seine Hand hinhielt.
-Und ich habe lange Zeit ganz allein im Zimmer gesessen und mich nicht
-gesorgt um Dein Erwachen, und erst nach Stunden, wie immer wieder die
-Andern kamen, um zu sehn, ob Du wach seist, und was Du dann tun würdest,
-da wurde ich freilich ängstlich durch sie und bat sie zu bleiben.
-
-Ich hatte, als ich da in Deiner Nähe saß und Dich atmen hörte, immer ein
-sehr trauriges Bild vor Augen, und ich will Dir davon sagen. Nämlich
-damals, an Deinem letzten Geburtstag, als mir das in dem Tempel
-geschehen war, versuchte ich zu gehn, weil ich gehört hatte, daß Du in
-das Wasser stürztest, aber ich glitt auf den Stufen aus und habe dann
-dort gesessen und nicht gewußt, was nun kommen würde. Nach langer Zeit
-hörte ich dann Schritte und daß jemand bei mir stand und leise jammerte
-und fragte, was mir wäre. Das war jene Frau, Georg, ich weiß nicht, wie
-sie heißt, sie kauerte sich dann zu mir, zitterte und schluchzte, -- ihr
-Gesicht war überschwemmt von Tränen, ach, und sie roch so nach Wein, ich
-dachte fast, es wäre Wein, wovon ihr Gesicht so naß war.
-
-Das war meine dunkelste Stunde, Georg, ich dachte immer, ich müßte es
-Dir einmal sagen. Ich war nicht gut darin, ich habe die Andre mehr als
-einmal von mir gestoßen, bevor ich sie ertrug. Ich weiß nicht, warum
-gerade dieser Augenblick in meinen Gedanken war, als Du saßest und
-schliefst; es ist ja auch gleich, und nun habe ich es gesagt.
-
-Ein Wunder, heißt es, würde mit den Gesetzen der Natur in Widerspruch
-stehn, das wäre sein Wesen und eben deshalb könne es nicht geschehn. Und
-das Wunderbare, Georg, steht es nicht mit den Gesetzen der Vernunft im
-tiefsten Widerspruch, wenn auch nicht mit der Natur, und wäre es
-wunderbar, wenn es sich gleich einfügen wollte? wenn es nicht selber
-sein Gesetz gäbe und uns nötigte, uns ihm zu fügen?
-
-Nun lebe wohl, lieber Georg, ich hoffe, recht bald, eine gute Nachricht
-von Dir in Händen zu haben, und küsse Dich als Deine alte
-
- Anna
-
-
- Georg an Magda
-
- Hallig Hooge, am 20. II.
-
-Anna!
-
-Du hast sie wieder! Ja, welch ein Glück für Dich und für sie, das
-mitzuempfinden ich mich nach Kräften bemühe. Zwar habe ich keine Ahnung,
-was für ein »Elch-in-Atomen« das sein mag, der in Deinem Brief umgeht
-und auch die arme Renate so entsetzte, aber was liegt daran? Ich hoffe
-vor allem, daß auch die Krankheit, von der Du schreibst, sich als so
-ungefährlich erweise, wie der Arzt versprach, und dazu, daß der
-erweckerische Jason so gut das Richtige getroffen habe, wie jener
-Christus mit dem Lazarus.
-
-Was Du mir von Dir geschrieben hast, nahm ich in mein Herz auf. Danken
-kann ich Dir nicht dafür, aber ich kann Dir nun etwas von mir schreiben
--- nichts aus neuer Zeit! --, das mir lange Zeit für zu heilig galt, um
-es selber mit Dir teilen zu können, -- allein wer weiß? es giebt mehr
-solche Dinge, die man in Heiligkeit hüllt -- als Vorwand, um sie für
-sich allein zu behalten.
-
-In jener Nacht, als Du schlafen gegangen warst, beruhigt, wie ich nun
-wohl glauben darf, durch andres als durch meine Versicherung, daß »alles
-eingereiht« sei, denn sie war mir leider nicht Ernst, -- in jener Nacht
-war ich noch jenseit des Deiches, an der See. Was ich dort wollte,
-kannst Du Dir denken. Auch dieses Mal wurde ich verhindert. Von wem? Von
-meinem Vater.
-
-Es hat überlange gedauert, bis ich ihn erkannte, und was er gewollt hat,
-wurde mir erst manchen Tag später klar. Ich hielt ihn für den Dränger,
-für jenes Gespenst, das hier umgehn soll und die Menschen in die See
-drängen, und grausige Minuten lang glaubte ich mich von ihm verfolgt. Am
-Ende ging ich doch auf ihn zu, mit meiner äußersten Kraft, und als ich
-dann sah, _wer_ es war, der vor mir stand, und seine Stimme vernahm: Es
-ist genug! -- da, Magda, da erst bin ich gestorben.
-
-Ich erinnerte mich später deutlich, vor langer Zeit einmal geträumt zu
-haben, ich stürbe. Es war ein weiches Stürzen ins Bodenlose, aber
-während alles an mir sich auflöste und ich, noch in tausend Ängsten,
-wußte, daß ich starb, überwehte mich schon eine linde Verwunderung, mit
-der ich dachte: so leicht ist es? -- Und nicht anders war es jetzt, als
-ich zu seinen Füßen erlosch.
-
-Als ich wieder zu mir kam -- das kann ich Dir noch sagen --, sah ich,
-daß ich im ganzen keine zweihundert Meter weit bei meiner Flucht
-gekommen war, denn ich hatte von der Treppe aus noch nicht die nächste
-Buhne erreicht. Es gab noch viel Seltsames, von dem ich schreiben könnte
--- wie ich mich auf den Namen Waldemar Montanus besinnen wollte und es
-um keinen Preis konnte, (mir fiel später die Geschichte vom Bruder Ali
-Babas ein, in der ich als Junge nie begriff, wie er das einfache Wort
-Sesam vergessen konnte) -- aber wir wollen dies gut sein lassen; nur
-eins wollte ich Dir noch sagen, was mir erst Tage später deutlich ward.
-
-Wo nämlich hätte der Dränger erscheinen müssen, Anna, wenn er einen
-Menschen in die See drängen wollte? Doch wohl in der Nähe des Deiches,
-nicht wahr? Dieser aber, der mir erschien, stand am Wasser, auf das ich
-zuging, und er erwartete mich; um mich nicht hineinzulassen! Es ergreift
-mich heute nichts mehr so, wie das, daß ich, als ich zum Wasser ging,
-nicht einmal wußte, ob ich wirklich hineingehn würde, -- er aber besorgt
-war auf alle Fälle und mir den Weg verlegte. Dann folgte er mir, und ich
-floh, und da merkte er wohl, daß ich durchaus nicht ins Wasser ging,
-sondern daran her, und nun wollte er sich zu erkennen geben und
-verstellte mir die Richtung zum Deich. Ach, nun ist alles begreiflich
-und klar, und nur dies, daß ich, der noch Stunden zuvor entschlossen zum
-Tode war, nicht mehr daran dachte, nein, mit keinem fernsten Gedanken
-mehr daran dachte, als ich in die See getrieben zu werden glaubte, --
-das erscheint mir noch einigermaßen sonderbar, obwohl die Sache
-vermutlich so liegen wird, daß ich mich freilich nicht vor der See
-fürchtete, sondern -- vor dem Grauen, und daß dieses alles mir
-verkehrte, -- als worin wiederum eine kleine Erkenntnis enthalten ist,
-indem ich mich früher stets gewundert habe, wenn ich las oder hörte, daß
-bei einer Feuersbrunst jemand aus Angst durch das Fenster gesprungen
-sei, aus Furcht vor dem Tod in den Tod, denn auch solch einer springt
-nicht aus Todesfurcht, sondern bloß aus Grauen, das ihn verkehrte und
-Wege sehn ließ, wo keine waren.
-
-Siehst Du wohl die feine Klugheit, die rechteckigen Gedanken in dem
-Vorstehenden, kleine Anna, siehst Du sie gut und bist höchlich zufrieden
-und denkst: er ist gänzlich der Alte?
-
-Im Übrigen ist zu sagen, daß ich bereits an mancherlei wieder Gewöhnung
-gefunden habe, zum Beispiel an gebackener Flunder. Ferner begann ich zu
-arbeiten, habe mir staatswissenschaftliche Bücher kommen lassen, auch
-Geschichte (Notabene, wie steht es mit der amerikanischen von
-Saint-Georges? erscheint sie oder nicht?), ich lese mit dem Hauptmann
-französisch den kunstvollsten und dürrsten Roman der Welt, Flauberts
-Education sentimentale; und arbeite am Abend mit ihm den
-Zweifrontenkrieg aus, denn er ist eine strategische Leuchte und giebt
-an, es daure nicht _so_ lange, bis Rußland und Frankreich und vielleicht
-noch sieben Völker über uns herfallen (im Ernst, Anna, es giebt sonst
-vernünftige Menschen, die sowas glauben!). Schließlich versuche ich, die
-Schriften, die mir täglich von Birnbaum vorgelegt werden, nicht nur zu
-unterzeichnen, sondern auch zu lesen und, was mehr, zu verstehn. Kurzum:
-ich bin am Leben.
-
-Siehst Du, Anna, Du bist zufrieden mit so etwas! Ein Kind wird geboren,
-und wenn es nur lebt, ist die Mutter schon froh, gleichviel zu welcher
-Alraune an Häßlichkeit und Bosheit es sich auswachsen mag. Ach, ihr
-Mütter, ihr Mütter! Wege finden sich immer, meint ihr, und: kommt Zeit
-kommt Rat, wie all die Sprüche heißen, aber: wenn nun bloß _ein_ Weg
-ist?
-
-Du weißt den Weg, Anna, und -- ich kann ihn nicht gehn. Und dies ist das
-Elend, daß, wenn ich denke, ich kann es vielleicht doch, ich es schon
-aus Gewohnheit denke und nicht aus Willen, und es einmal aus Gewohnheit
-tun werde und nicht aus Kraft.
-
-Siehe den Fluch der Gewohnheit: Du schreibst von Wundern, vom
-Wunderbaren immerhin, und selbst dieses, wie sehr bildete es sich in
-Dir, wie sehr warst Du selber der Wundertäter! Ich, Anna, ich sah das
-Wunder leibhaft, mit meinen Augen, sah meinen toten Vater wiederkehren
-um meinethalb, und schon als ich hinterdrein erwachte, riet mir eine
-sogenannte Stimme, es nicht anzuerkennen. Ich erkenne es an, ich halte
-daran fest, aber -- es ist so: es muß uns immer alles wahrscheinlich
-sein und berechenbar. Wir versagen, so wie wir nicht mehr messen können.
-Wir sind die vollkommenen Narren, als welche das Wunder immer ersehnen,
-und in der Not ihrer Sehnsucht das Wunder selbst zum Maß aller Dinge
-machen und sie gewöhnlich, alltäglich und minder heißen. Und kommt das
-Wunder mit seinem eigenen Maß, wie Du sagst, so sehen wir uns zu nichts
-genötigt, als in möglichster Hurtigkeit ein andres Maß zu ergreifen, und
-so ertappen wir jetzt das Gewöhnliche, das Natürliche. Nun ging längst
-alles wieder in mich ein, und ich glaube zu fühlen, wie die Erscheinung
-des Toten, aus meiner Todesnot entsprungen, meiner eigenen Brust
-entstiegen vor mich hintrat. Wie sollte da mein Einschlafen mit der
-Pistole mir genügen, das mir freilich ein Zeichen hätte sein sollen, daß
-mir der Tod nicht bestimmt war? Noch glaube ich, Anna, an das erste
-Wunder, aber schon arbeitet dieses zweite an seiner Wurzel, es
-umzuhacken, und mit Stricken von oben am himmlischen Wipfel zerrt die
-uralte Riesin: Gewohnheit ...
-
-Ach, und warum dies alles? Es liegt am Blut. Es war immer kalt, oder es
-ist nun so kalt geworden, daß es nicht wieder erwarmen kann. Mir
-scheint, es ist Februar. Das ist der schlimmste Monat, der, wo alles
-schon möchte, und wo alles noch eingefroren ist. Umsonst, kleine
-Sonnenseele, umsonst!
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-Genug! Du hast Deinen Willen: ich lebe. Gebe Dir Gott dazu, daß ich Dir
-einmal so dankbar dafür sein kann, wie Du es -- nach üblicher Rechnung
--- verdienst. Wie immer Dein
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- Georg
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- Achtes Kapitel: März
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- Aus Renates Gedächtnisbuch
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- Anfang März
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- Geliebter Himmel, blasser,
- Von Abendglut gebräunt,
- Liebling der blanken Wasser
- Und Seelenfreund --
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- Ich sitze dir zu Füßen,
- Aus Krankheit wieder erwacht.
- Genesung zu versüßen,
- Dein ist sie, ach brauch deine Macht!
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-Nun, gleich Verse? Nein, dieser Anlauf schoß wohl doch übers Ziel
-hinaus, und da sitz ich freilich schon fest. Ach, und nun seh ich erst,
-was ich da richtig in der Hand halte! Einen Bleistift, einen ganz
-schönen, ganz langen und ganz gelben Bleistift, gelb wie eine Primel,
-nein, was bist du schön! du siehst ja wie ein Prinz aus! Laß mal zählen:
-Eins, zwei, drei, vier -- sechs Ecken und sechs Kanten, ich kann sie von
-den Fingerspitzen bis ins Handgelenk fühlen, wenn ich schreibe, und es
-laufen nur ganz lange schlanke Buchstaben aus einem so schlanken
-Gegenstand. Lieber Himmel, ein Bleistift -- und macht glücklich. Ich
-halte einen Bleistift! Den Satz könnt ich hundertmal abschreiben wie
-eine Strafarbeit, aber das sollte keine Strafe sein, und beim
-hundertsten Mal würd ich noch nicht wissen, was er richtig bedeutet.
-
-Still! Ganz langsam! Schreib was andres! Schreib: Das -- Leben -- ist --
-süß. Punkt. So. Ach, warum muß ich nun weinen?
-
- an einem andern Tage
-
-Nachmittags aufwachen im Sofa, so leicht nun, gleich so klar, und im
-Fenster ein Holdes sehn, unbekannt was, alles so hell, kühl, und es
-summt nur noch immer im Kopf, und Geräusche sind so fern! Ach, das ist
-ja das süße Leben, immer wieder, immer wieder! -- Dann aufstehn, geheim,
-als wärs noch verboten, die Beine sind freilich schwer, aber -- sich
-langsam aufrichten, und nun dastehn, es zittert in den Knieen, aber man
-steht, und nun -- sich langsam um den Tisch herumschieben, ach, und
-schon ist die ganze Welt verwandelt, es schwindelt, weil man nur steht.
-Horch, wie still es ist! In einem fremden Haus tief unten geht eine Tür.
-Das ist schön, wie die Tür geht. Und immer steht man, zum Fenster
-gewandt, die Hände auf den Tisch gestützt, im Fenster ists leer und
-klar, wie ist alles unbekannt! Die Bücher auf dem Tisch, die kleine rote
-Schale auf der Decke, die Decke selber, der Tisch, lauter harte,
-deutliche, glänzende Dinge, sind alle ganz neu wie Geschenke, und auf
-einmal mußt du an dir heruntersehn, du bist ja ganz weiß, du trägst ja
-ein ganz weißes Kleid, es ist so leicht wie eine Wolke, die Falten
-bewegen sich geheimnisvoll ganz von selbst, es duftet aus ihm, es
-knistert und bebt, und all das heißt: die Gesundheit. Es liest sich wie
-eine Überschrift im Lesebuch. Endlich mußt du ans Fenster, du bist wie
-ein kleines Kind, zum Fenster ists elend weit, aber du bist schon kühn,
-wenn man nur will, gehts, und auf einmal, mit drei kleinen Schritten
-bist du hurtig hinüber, und da knickst du auf den Stuhl, sagst: Ach
-Gott! -- Nun ists aus, du bist ganz matt, du hast genug vom Leben für
-heut.
-
- Freitag
-
-Freitag, heut ist Freitag. Freitag -- Dreitag -- drei Tage sitzt du nun
-schon am Fenster und kannst schreiben. Oh mein Gott, daß nur das Leben,
-das nackte Leben so süß sein kann! Da steht eine Hyazinthe im Fenster,
-eine große, hellblaue Hyazinthe, in einem Topf mit moosgrüner
-Manschette, die ist schön anzufassen, so rauh. Die Hyazinthe dagegen ist
-glatt, sie ist ganz wie aus einem dicken, hellblauen Duft gemacht, so
-einen Stoff giebt es sonst nicht, vielleicht Reif, so dicker blauer Reif
-an Trauben und Pflaumen, mit Frühjahrhimmel gemischt und etwas weißer
-Wolke, und ganz wenig Schnee, und etwas Narzisse, und all das steht ganz
-zart und steif und nackend da, macht die Luft süß um sich her und ist
-ein großer Trost.
-
-Draußen, da ist noch gar nichts, ein Garten, ganz kahl, schwarze Bäume,
-ein einziger grüner Busch ganz unten, der Rasen ist gelbgrau wie ein
-Fell, da steht eine Kapelle sehr sichtbar mit hohen Fenstern. Aber oben,
-da ist schon der Frühling, da sind ganz stillhaltende Wolken zum
-Anschaun wie auf Bildern, weiße, überall beschattet, dahinter ist eine
-blaue Leere, weich, kühl -- und doch warm, in der es rieselt und sich
-wandelt unmerklich und vergeht. Plötzlich wird dir warm in einem ganz
-hellen Schein, es blendet, es überläuft dich was, dir zieht das Herz
-sich zusammen -- --
-
- am 7. März
-
-Was ist mir denn?
-
-Schrieb ich denn wirklich selber das, was ich heute lesen muß vom süßen
-Leben? Kann denn eine einzige Nacht einen Menschen so verwandeln? Als
-seien meine Augen hart geworden, und alle Dinge stehn wie in einem
-Spiegel ohne Luft. Ach nein, verwandelt hat mich die Nacht nicht, es
-stieg nur nach oben, was erst in dieser Nacht fertig wurde, der Baum von
-Eis in meiner Brust, und da steht er nun, und seine Zweige klirren mir
-am Herzen, und es ist ganz lautlos dabei.
-
-Kalt, oh wie kalt ist der Tag und ist mir! Wohin geriet ich denn nur? In
-welches Leben? Ich weiß, ich träumte von Einem diese Nacht, für den ich
-keinen rechten Namen mehr habe. Weiß nicht mehr, was es war, es war
-kalt. Mir stachs eine eisige Nadel durch die Brust, und alles rollte
-sich zusammen und erstarrte. Da sitz ich nun, die Feder bewegt sich
-leicht übers kühle und weiße Papier, Schneefeld, Schneefeld! Wenn ich
-durchs Fenster schaue, seh ich es rieseln in der kalten grauen Luft, die
-schwarzen Zweige starren, Tropfen blinken am Glase, hier innen leb ich.
-Warum? Wozu? Was soll hieraus werden?
-
- am 12.
-
-Ich schrieb nichts auf in diesen Tagen, obgleich sie so lang waren wie
-die meilenlangen Winterseen, bläulich in der unendlichen Weiße,
-aufgehend in weißlichem Dampf unter dem dunkelgrauen Himmel, und in der
-maßlosen Stille klingt nur einmal ein heiserer Schrei, etwas Schwarzes
-steigt aus weißem Uferbaum, schwer im Flug wie ein langsamer Dämon
-streicht es seeüber, und von den Ästen, wo es abflog, fallen locker die
-weißen, leichten, eiskalten Kissen.
-
-Immer liegt mir der See vor der Seele, ich schau drüberhin, ich muß
-immer sehen und sehn, nichts verändert sich, und ich merke endlich, daß
-ich immer auf den einen schwarzen Flecken im weißen Baum starre, wo der
-Vogel abflog. Der kleine Kalender sagt, es ist März, im Garten ist ein
-grüner Busch mehr, aber der Rasen blieb wie zuerst, ich ging einmal
-schnell drüberhin, dann dacht ich: Ach, keine Krokus werden da mehr
-stehn, -- wo du gegangen bist. Das ist mir im Sinn geblieben, es klingt
-wie ein Stück Lied, so ein aufgetautes Stück.
-
-Da stand ich vor der Orgel. Kühl war sie und fremd. Ich wagte keine
-Taste zu berühren. Sie war so kalt, als hätte sie in einem Haus aus
-Schnee gestanden. Einmal vor Jahren träumte mir, daß ich spielte;
-lebendiges Wasser rauschte unter meinen Füßen hervor, da tönte die
-Orgel, vox humana sang mit der Stimme der Amsel. Eingefroren,
-eingefroren, oh ihr Wasser des Lebens, ich töne nicht mehr!
-
- am 13.
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-War denn dir so weiß alles vor Augen, Lazarus, armer, als dich das ewige
-Lächeln aufgetaut hatte aus dem Frost? Aber vor dir stand Einer, der
-wußte, was gut ist, auf seiner Schulter saß die schwarze Amsel und sang,
-Primeln fielen aus seiner erwärmten Hand; als er gegangen war, sah man
-da Kissen von Veilchen, wo seine Füße standen.
-
-Die Tage kommen, die Tage gehn. Ich glaube manchmal, ich muß sterben,
-ehe der Tag herum ist, ehe das Dunkel kommt und endlich die Stunde des
-Schlafs. Wie lange muß ich dann noch liegen, immer fröstelnd in den
-Decken; die blauweißen Falten des Betthimmels über mir fließen herunter,
-bleich in der Dämmerung, wie aus Eis, in der lautlosen Luft rieselt das
-Eisige, langsam gefriert alles, ich suche, ich suche, und alles ist leer
-...
-
- am 14.
-
-Und du, Freund der Sonne, Gesegneter von Strahlenhand, ach, einmal auch
-mein Freund, du siehst über mich hinweg, auch du bist mir zu Schnee
-geworden. Sie haben dich mir wieder gegeben, hätten sie's lieber nicht
-getan!
-
-Der Garten, das weiß ich nun wieder, war nicht der Garten, sondern die
-Lichtung der Insel. Immer wieder zog es mich dorthin, Grauen zog mich
-hin, ich erschrak, wie sie sich veränderte, wie sie zerfiel, wie die
-Blätter herunterwirbelten, ich glaube, ich muß sie immer aufgerafft
-haben und mit den Händen hochgehalten, oder träumt ich das nur, daß ich
-immerfort herumjagte und die Blätter schalt und aufraffte und in die
-Luft warf? Aber es nützte ja nichts, und dann waren eines Tages die
-Bäume leer. Oh, und diese Angst, unaufhörlich in der Brust! Meist vergaß
-ich ja alles, nur die Angst war da; plötzlich dann fiel mir das Gesicht
-ein, alle meine Angst galt dem Gesicht, das erscheinen könnte, im
-Gezweige, im Zwielicht, ich glaube, besonders in der Dämmerung abends
-muß es am schlimmsten gewesen sein. Ach, die grenzenlose Süßigkeit des
-ersten Erschreckens damals auf der wirklichen Insel hatte sich mir in
-unseliges Grausen verkehrt, und nun drohte das weiße Gesicht von
-überall, und immer atmete ich auf, es nicht zu sehn, und immer
-befürchtete ich es wieder. Es waren wohl die Gesichter der Andern, die
-immer wieder entsetzensvoll gegen mich vorbrachen, und ich schrie und
-wußte nicht wohin laufen vor Angst.
-
-Ich vermißte einen Brief in diesen Tagen, Magda gab ihn mir ängstlich,
-ich las ihn, er sagte mir nichts. Er galt nicht mehr mir. Seltsam nur:
-als ich am Ende war, sah ich mich selber aufstehn, den Ech-en-Aton vom
-Sockel nehmen, eine Weile dann nicht wissen wohin mit ihm, sondern nur,
-daß er fort mußte, um jeden Preis fort, daß er sonst aus meiner Hand
-fallen und grauenvoll zerscherben würde. Dann war ich auf einmal im
-Schlafzimmer, vor einem Schrank, und stellte ihn blindlings hinein. Ein
-Schmerz zerriß mich blendend von oben bis unten, noch einmal in der
-Erinnerung.
-
-Das also, das muß ich damals getan haben, als ich jenen Brief zum ersten
-Mal las.
-
-Dann fragte ich Magda, und sie sagte mir, daß Jason den Kopf im
-Wäscheschrank gefunden hat.
-
-Es ist noch winterlich draußen, alle Zimmer sind geheizt und trocken von
-der warmen Heizungsluft, und ich höre nicht auf, am ganzen Leibe zu
-zittern vor innerer Kälte. Ich wollte ein lebendiges Feuer haben und
-ließ meinen Ofen heizen. Erst war es schön, die Hände anhaften zu lassen
-an der glatten, glühenden Säule, gleich wurden sie ganz warm, aber die
-Wärme drang nicht weiter vor, und da fing ich an zu schaudern, eiskalt
-wie ich mich fühlte mit meinen feurigen Händen.
-
-Der Arzt tröstete mich mit Frühling, Sommer und Sonnenwärme und riet
-eine Reise. Sonne, ach Sonne, du willst keine Seele erwärmen, die von
-innen gefror, und ich weiß, ich weiß wohl, was mir erlosch. Das ist die
-Wärme der Menschen, Wärme aus ihnen und Wärme zu ihnen. Der Eine nahm
-sie aus allen fort. Er nahm alles an sich: den Schmerz und das Glück,
-den Gram und die Wärme. Ich bin bitter geworden.
-
- Eine Stunde
- Lebt ich wie Götter, und mehr bedarfs nicht.
-
-Oh wer es glauben könnte! Dem war die Brust quellend und reich, gesegnet
-von Nachwonne, der das schrieb. Wozu leb ich? Es ist ja leer alles, ganz
-leer. Darum soll ich jetzt leben? Mich ankleiden und essen, Orgel
-spielen, mit Menschen sprechen und lesen und diese und jene Erfahrung
-sammeln, den einen Tag wie den andern, dafür? Oh meine erloschene Liebe,
-dafür? Barmherziger Gott, mir bricht die ganze Brust in Schluchzen aus,
-wenn ich denke, daß ich alles, alles sparte auf den einen Tag, und --
-nichts mehr. Warum weinen? Nichts mehr bewegt sich, auch die Tränen
-stehn still.
-
-
- Georg an Magda
-
- Hallig Hooge, am 18. März
-
-Mit einem Wort: Laokoon! Laokoon, oder die aussichtslose Verstricktheit:
-ein Alter, zwei Junge, drei Schlangen -- sämtlich in meiner Figur
-dargestellt. Nur daß mein Mund nicht zum -- unkünstlerischen -- Schrei
-geöffnet ist, möchte ich festgestellt haben.
-
-Herz, mein teuerstes, glaubst du wirklich, daß hier alles, worauf es
-ankommt, mir nicht so klar ist wie Glas? Es bedurfte nur Deines Briefes
-und in ihm der bezaubernden Schilderung meiner eignen, entschlafnen
-Person, infolge deren ich mich selber sitzen sah in Eurer andächtigen
-Runde, um mir die Augen völlig zu öffnen. Und nun sehe ich mich dasitzen
-allerdings wie so etwas Halbgöttliches und zwar -- woher mir diese
-Erscheinung kam, blieb unbekannt -- durchaus als jenen unflätigen, aber
-achtbaren schlafenden Faun in München, aus dessen reisiger
-Ungeschlachtheit dennoch etwas Göttliches raucht, ein Göttliches, das
-nichts andres ist als der Schlaf.
-
-Nicht umsonst von den Alten als Gottheit verehrt: es ist wahrlich etwas
-Göttliches um den Schlaf des Menschen, um den Schlaf einer Seele, -- das
-weiß ich und darf es sagen, der ich auf der Jagd nach diesem
-flüchtigsten aller Götter ihn verfolgt habe bis hinunter an das schwarze
-Tor, hinter dem es braust von den Schatten. Wahrhaftig, es war nicht
-unheroisch, zu schlafen in jener Stunde, da ich die Jagd aufgab und er
-nun stillschweigend aus den Stämmen hervortrat und die ermüdete Hand
-ergriff. Wie wenn es geheißen hätte in einem arkadischen Dorf: ein Gott
-sitzt an der Straße vor dem Tor, er wollte vorüber, da ergriff ihn die
-Müdigkeit, nun sitzt er im Schlummer dort ganz wie ein schlafender
-Mensch, und man kann ihn sehn. Und nun eilen sie in den glühenden Mittag
-hinaus und versammeln sich um jenen und staunen an seinem Schlaf. -- So
-war auch Euch jene Stunde heilig, meine Anna, und gewiß: wenn es einer
-Sache nicht bedurfte hinterdrein, so waren es all unsre Worte.
-
-Es bedurfte der Worte nicht! Denn nie hat es der Worte bedurft zu
-nachträglicher Deutung; Wissen ist schweigend, aber es ist mein Fluch,
-daß ich ihrer niemals entraten konnte. Was ich auch erlebte: nicht eher
-wurde es mir haltbar, ehe es mir denkbar erschien. Dies aber ist Gnade
-der Dichter: ein Stummes zu geben wie die Blume, deren Sprache der Duft
-ist, zu reden und dennoch zu schweigen, aus dem menschlichsten Stoff,
-aus der Sprache, die göttliche Form zu bilden, und doch nicht einen
-Hauch ihr zu mindern von ihrem Duft. Ich bin kein Dichter, aber immer
-möchte ich dies auch, und meine Worte sind nur Fallen und Schlingen, in
-denen vielleicht Unsterbliches hängt, -- halb erwürgt. Gut und heilig
-jene Stunde des Schlafs, aber ungut und unheilig darüber jedes Wort;
-ungut und unheilig, da nur das Schweigen gilt und Ehrfurcht vor der
-großen Erscheinung, ungut und unheilig die Deinen, Anna, in denen Du
-mirs erklärtest, und hier die meinen, in denen ich mich zu Ende
-erklärte.
-
-Mir wäre weit besser, ich läge da tot. Wenn ich auch als ein dreifach
-Umstrickter gestorben wäre, so war es doch eine königliche Verstrickung
-geworden, und es wäre nicht kleinlich gewesen, den beiden großen
-Pythons, Schuld und Tod, zu erliegen. Die sind nun auch klein geworden,
-sehn der gemeinen Ringelnatter ganz ähnlich, und andre von gleicher
-Statur gesellten sich zu: Schwäche, Arglist, die sagt: Hoheit sollten es
-versuchen ... und Feigheit, die überreden will, es käme am Ende doch nur
-aufs Leben an, und auf einen Thron brauchte sich keiner zu setzen, der
-nicht wolle.
-
-Klarheit, o himmlische Klarheit, warum niemals zu mir? Erkenntnisse hat
-mich auch Bogner viele gelehrt, so viel, daß, wenn es Pfähle wären, ein
-ganzes Venedig sich drauf bauen ließe. Damals, als der kranke Heros
-neben mir saß, da glühte sein Herz in meinem Blut, und was ich erkannte,
-das war mir auch Leben. Längst wieder leblos und eisig geworden, klirre
-ich mit den schönen Erkenntnissen herum wie mit nutzlosen Prunkstücken,
-als sei damals Festtag gewesen und Alltag heut, und wann unterschiede
-sich Alltag und Festtag im Leben der Seele?
-
-Ich hebe meine Augen auf zu den Bergen, von denen mir Hülfe kommt, --
-ach Anna, bist Du denn dort drüben? Ich denke viel an Dich, ich sehe
-Dich dann immer vor mir sitzen wie damals, als ich erwachte, und jenes
-Glück und die Zauber des schönen Erwachens atmen mich sanft wieder an.
-
-Aber ich will nicht sein, hörst Du, ich will, ich will, ich will nicht
-wieder sein -- nach diesem! --, der ich zuvor war, nur reicher um diese
-Erfahrung, daß am Ende alles tragbar ist. Als hätt ich ein Tier erlegt
-und seine Haut angetan, und täglich wird sie dünner vom Tragen. Ach, daß
-kein Hirsch je zu königlich war, man macht einen Jagdrock aus seinem
-Fell und drechselt Knöpfe aus dem heroischen Gehörn. Ich will das nicht,
-Anna, und diese Verstricktheit muß einmal zerreißen, oder ich zerreiße
-denn mich.
-
- Georg
-
-Der Brief blieb liegen, von Rechts wegen; die drohend herausgeballte
-Faust am Ende wäre Dir unleidlich zu sehn gewesen. Tage sind wieder
-vergangen, die kalte Verdrossenheit, die mich schon hatte, als ich noch
-schrieb, hielt seitdem an. Nimm ihn, er ist Dein Eigentum, leg ihn zum
-Übrigen, Du gute Geduld! Ich bin seit gestern entschlossen abzureisen
-und wäre schon davon, wenn ich nicht halb betäubt wäre von einer wilden
-Erkältung, die in meinem Kopf alle Ein- und Ausgänge verstopfte. So
-bleibt mir unklar, ob ich gleich nach Altenrepen fahre, oder erst -- mit
-Deiner Erlaubnis -- nach Helenenruh. Mein Fernbleiben von den
-Regierungsgeschäften ist nunmehr nicht zu entschuldigen, da ich leidlich
-leistungsfähig bin. Ich habe mir den Vollbart abgeschnitten, nur die
-Armeebürste auf der Oberlippe sitzen lassen, die beiläufig dunkelrot
-ist, und kann nun ganz gut für einen Prinzen oder angehenden Herzog
-gelten. Vor Altenrepen hält mich eine letzte Feigheit zurück; ich
-überlege ...
-
- am Abend
-
-Der Brief sollte mit dem Kurier zurückgehn, da bringt er mir ein
-Telegramm von Tante Henriette mit der Nachricht vom Tode ihres Mannes.
-»Recht bekümmert« nennt sie sich darin, und so stelle ich sie mir vor.
-Ich fahre also morgen mit der Frühflut und denke am Nachmittag in Berlin
-zu sein. Das paßt mir als Übergang und Pause vor dem endgültigen
-Schritt.
-
-Dank übrigens für Deinen Gruß durch die Cornelia! Sie besuchte mich
-hier, Du wirst von ihr gehört haben, daß sie sich wieder mit ihrem
-ehemaligen Verlobten zusammenzutun gedenkt, wenn der vier Wochen
-Nervenheilanstalt hinter sich hat. Ein entzückender Gedanke! Und so echt
-weiblich! Denn: wie herrlich sinnlos kann man sich da zum Opfer bringen!
---
-
-Wenn ich noch einmal über die letzten Wochen hinblicke, so sehe ich, daß
-ich in einer völligen Hoffnungslosigkeit lebe. Hoffnungslos mir selbst,
-da, wie ich schon sagte, nur um eine Erfahrung reicher; hoffnungslos für
-alles Tun und Lassen, was in diesen Erdreichen geschieht. Was aus diesem
-Stumpf etwa zu entwickeln sein mag, wissen die Götter.
-
-Immerhin auf baldiges Wiedersehn!
-
-
- Aus den Papieren Georgs
-
- In Berlin, 20. März
-
-Um Mitternacht schlug ich das Fenster auf, vielleicht daß der Schlaf
-draußen stünde, der mich wiederum mied. (Aber möglich, daß es hier ein
-andrer Schlaf ist, der Schlaf der großen Städte, für den ich noch die
-magische Formel nicht fand.) Rechts oben in der Höhe, hinter einem
-marmornen Gewirk von Wolkenweiß und mattem Blau, war der abnehmende Mond
-zu sehn, gerade über der Spitze des kleinen Matthäikirchturms, dessen
-Schattenriß schwarz und altertümlich inmitten des Platzes stand. Ein
-dumpfes Brausen, nicht das nahe der See, entfernt: die schlaflose
-Geschäftigkeit des Labyrinths. Da erschien mir am Himmel oben mein
-letzter Augenblick auf Hallig Hooge.
-
-Schon wartete das Boot, ich hatte über den eilfertigen Vorbereitungen
-der Abreise den Abschied vergessen und ging jetzt noch einmal zu Ulrikas
-Grab. Der einsame weiße Stein mit ihrem Namen im graugelben Vorjahrgras
-glänzte spärlich in einem eben hervorbrechenden, sehr kühlen
-Morgenlicht, das meine Augen nach oben lenkte, obwohl es meinen Schatten
-vor mich über den Stein legte, denn ich stand mit den Augen zur See.
-Seltsam war der Himmel. Das ganze gewaltige Halbrund der Kuppel, in der
-ich stand, war in der Höhe reinblau, gedämpftes Morgenblau, aber rundum
-auf den Rand, bis zu Haushöhe schiens, war eine Lagerung von sechs,
-sieben Stufen weißer Quadern mit Fugen geädert von Blau. Die See
-darunter war dunkel, in kleinen Wellen kräftig bewegt; breitere Wogen zu
-meinen Füßen zerschellten zu reinweißem Schaum, laut brausend mit
-einzeln vernehmlichen Stimmen, und der Wind strich sausend herauf.
-Wunderbar aber waren diese, ringsum zum Kreise geschlossenen Terrassen
-von Wolken zu sehn; jeden Augenblick war mirs, als müßte ich Gestalten
-des Äthers auf sie hinaustreten sehn, leise farbig und glänzend aus der
-kühlblauen Wand, allein sie blieben immer leer, und nur, als ich mich
-suchend endlich umwandte, blendete mich die Morgensonne, die, den
-obersten Rand des Wolkengemäuers im Osten zerbrechend und schmelzend,
-goldene Hörner und Stäbe durch die Fugen nach unten zwängte, und dort
-glitzerte silbrig die See.
-
-Ganz plötzlich, mit einem Zucken, fühlte ich den Frühling. Die Mulde
-unter meinen Füßen schien mir grüner, als sie nach der Jahreszeit sein
-konnte; rechts unten glänzte das Fachwerk weiß und blau, fern drüben das
-tiefe Rot an Cornelias Haus, grad gegenüber mir, in der Lücke des
-Deiches, lag das Boot schneeweiß unter Segel, wo Cornelias grüne Jacke
-leuchtete; links auf meiner Höhe stand mein alter Turm in dem Licht.
-Mich fröstelte im Wind, aber meine Sinne sogen Frühling aus den Farben
-des Toten, hier, wo das Jahr durch kaum eine blumige Farbe erscheint.
-Die zarte Neuigkeit spürt ich, unsichtbar aufgesprossen im Gras überall,
-eine Regung, einen Atemzug aus dem Innern. So sehr vergaß ich mich
-selber über diesem, daß ich den Deich hinabstieg und fortging, ohne der
-Toten zu gedenken.
-
-Als ich dann im Boot saß, das grüne Eiland vor mir im Entgleiten sich
-langsam erhob und erhöht im dunklen Rollen der Wasser ruhte, erschien
-mirs auf einmal wie eine riesige Schildkröte. Auf ihren gewölbten Rücken
-hatten ich und die Andern uns gerettet, nackt in unserm Leben,
-Schiffbrüchige aus einem Sturm, wie ichs als Knabe in jenen Büchern des
-Behagens las. Monatelang hatten wir dort gehaust, so gut sichs eben
-hausen ließ, Gestrandete: einer starb, einer baute ein Floß und warf
-sich mit ihm in die See, nun schieden die Letzten. In diesem Augenblick
-glaubte ich zu sehn, wie das bislang geduldig still gelegene Tier sich
-erleichtert bewegte und -- ich sahs von mir abgewandt liegen nach der
-offenen See hinaus -- den Kopf hob und drehte, um nach mir zu sehn.
-
-Da erinnerte mich der noch ragende Turm des Grabes in seiner Nähe, und
-erschreckend befiel mich die Verlassenheit der Toten, die dorten
-verblieben war, allein mit zwei Geräuschen, jenem des ewig sausenden
-Windes und jenem der wogenden See. Ein unendlicher Schmerz ergriff mich
-auf einmal, ich hätte dort liegen können wie sie, aber mir hätte es
-keinen Schaden getan. Sie war hülflos und zart, nun versank vor meinen
-Augen die Insel, ich konnte mir leicht einbilden, das riesige Tier
-fortrudern zu sehn und hinuntertauchen in die Dämmerungen der
-schweigsamen Tiefe. Die verarmte Tote! sie blieb allein, unbekannt den
-brüllenden Völkern des Meers, aus denen bald einer heraufsteigen würde
-zum verlassenen Eiland, dort zu sitzen in seiner schwermütigen Natur und
-ins dumpfe Muschelhorn zu stoßen. Die Sonne stieg höher herauf, den
-Schatten meines Segels legte sie auf die glänzenden Hügel des Wassers,
-aber mir ging aus dem Odem der windigen Kälte die schwere, die sternlose
-Herbstnacht auf über dem Eiland, und die abgeschiedene Seele erstand
-schattig und dürftig auf dem Kranze des Deichs, leise klagend um ein
-Ungebornes und um den Undank des Daseins für vieles reine Bemühn. -- --
-
-Webe mir denn ein starkes Kleid, blindäugige Mutter, Hoffnungslosigkeit,
-armlos den Webstuhl tretend mit ehernen Füßen, an dem die Fäden von
-selber fließen aus dem Unsichtbaren der ewigen Nacht. So läuft einmal
-alles hinaus auf ein Dürftiges: Haltbarkeit.
-
-Ich erinnere mich: auf einem Ritt durch die Ebene um Helenenruh sah ich
-auf einer Wiese eine uralte, magre braune Stute, die beim Nahen des
-Wallachs sofort die Ohren hochstellte und herangejagt kam bis an das
-Gatter, das sie von uns trennte, und an dessen andrer Seite sie mit uns
-trabte bis an sein Ende, wo sie noch lange stand und uns nachsah, das
-heißt meinem Pferde, das kein Ohr und nicht den Kopf ihretwegen bewegte.
-In ihrem langen Halse war ein Loch, in dem bei jedem ihrer Atemzüge die
-Spitze eines Rohres zum Vorschein kam, und sie atmete laut rasselnd und
-schnaufend. Vielleicht daß diese haltbare Alte mich damals an Tante
-Henriette erinnerte, und deshalb erschien sie mir nun.
-
-So wird auch der Seele, wenn der natürliche Eingang des Lebens versagt,
-ein neuer gebohrt, und der ganze Unterschied besteht in den lauteren
-Atemzügen. Besonders leise wird mein Leben ja fortan nicht mehr sein,
-und keiner wird, und ich selber kaum, die rasselnde Seele hören, die
-sich haltbar erweist.
-
- am 22.
-
-Soll ich aufschreiben, was heut sich begab? Wird dieses nun, dieses die
-Kraft beweisen, die ich in ihm zu erkennen glaubte, und die bei ihm
-Unsterblichkeit heißt, oder wird es mir schon unter den Fingern zur
-Haltbarkeit von blauer Tinte zerrinnen? Gott helfe mir, ich will es
-versuchen.
-
-Gleichviel, wie ich, noch einmal mit mir allein, in den Tiergarten
-geriet und, wieder in plötzlicher Erinnerung an Hallig Hooge, zwischen
-den kaum ergrünten Büschen hindurch, wo erste Amseln über den Rasen
-schlüpften und erste warme Erleichterungen durch die alte Kühle der
-Lüfte zogen, in die Stadt gelangte, durch das Tor, die Linden hinunter
-und weiter gedankenlos auf der linken Straßenseite bis zur
-Charlottenstraße, wo eine eben anfahrende und haltende Elektrische Bahn
-mich zum Stehenbleiben nötigte. Ich sah zu, wie eine Dame sehr mühselig
-ausstieg, oben vom Schaffner, unten von einem Herrn gestützt, und in ihm
-erkannte ich langsam Hardenberg. Die Dame war seine Frau; ich sprach sie
-an, sie kamen aus dem Norden, wo sie sich um das Fortkommen
-irgendwelcher Kinder ohne oder mit verderbten Eltern bemühten, von denen
-die Frau gleich mit ihrer strudelnden Lebendigkeit und so erregt zu
-erzählen begann, daß ihr Mann und ich beim Gehen alle Mühe hatten, sie
-zwischen uns zu halten, dermaßen riß sie an uns mit ihren unbeherrschten
-Bewegungen. Da sie mir sagten, sie seien im Begriff, einen Freund zu
-besuchen, den ich sofort kennen lernen müßte, wenn er mir noch fremd
-sei, so schloß ich mich ihnen an; sie machten nur eine Anspielung auf
-die ägyptische Abteilung des neuen Museums.
-
-Schwer zu glauben: vor einem Jahr war ich dort und sah nichts. Woher
-plötzlich die Augen? Gute Anna, kein Wunder könnte mir je wunderbarer
-erscheinen, als was ich nun sah. Ein Ding von dieser Wunderart hätte
-genügt, und ich sah hundert, sah Flure und Säle gefüllt mit
-Unglaublichkeit. Das ist Ägypten: ein würfelförmiger Block aus Granit,
-bedeckt mit Hieroglyphen; mitten in der Oberseite des Blockes der Kopf
-eines Kindes. Dahinter der größere Kopf des in dem Würfel hockenden
-Mannes, ein schlichtes Antlitz mit leider zertrümmerter Nase, das Haar,
-in strenge Linien gepreßt, links und rechts von dem Haupte in festen
-Massen niedergestrichen und, unterhalb wagerecht abgeschnitten,
-solchermaßen auf die Oberfläche des Würfels gestellt. In der ungeheuren
-Starre des Granit aber bewegen sich die hochgestellten Knie und die
-darum geschlungenen Arme des Mannes, zwischen denen das Kind steht,
-lebendig in sichtbaren Wellen des Lebens; ganz deutlich und klar ist da
-alles im Stein, Füße und Knöchel, Schienbeine und Knie, Ellenbogen und
-Arme und Hände und darinnen das leibliche Kind.
-
-Alles, was ich sah, war unfaßlich. Das Antlitz des ewig geheimnisvollen
-Wesens Form sah mich hier so schleierlos und so mit großem Auge an, daß
-es schien, als sei kein Geheimnis mehr da. Hier ist alles unbekannt, und
-nur am sonst unverständlichen Schmerz ließ sich spüren, daß Bekanntheit
-sein sollte und einmal war, was für immer versunken schien. Tiefen sind
-hier, Räume, ein Wesen mit einem Wort, dessen äußerste Grenze uns immer
-unauffindbar sein wird. Denn was wir sehen, ist das für uns Sichtbare,
-was uns Ordnung scheint, unser Gesetz, aber nicht das seine, das aus
-einer anderen Wirklichkeit kam. Auf keinem Stern könntest du dich umsehn
-und dich so tief im Unbekannten finden und doch in der Wahrheit. Und
-wenn hier ein Wunder sein sollte, so wäre es dies, daß du doch atmen
-kannst in dieser Luft, dieser Welt.
-
-Ich mußte mich umsehn, woher ich kam, und fand, daß ich ja aus Hellas
-hierher geriet. Plötzlich war mirs da, als ob eine seltsame Sonne
-schiene mitten in der gestirnten Nacht. Oh in Hellas war alles Blut und
-Odem, Sonne und Wind, Ströme und Wald und das Meer, Gottheit und Getier,
-ein Himmel voller Gestalt von Fischen und Männern, tausendfach
-gestaltige Natur, überall Blick und Wink und Gebärde. Das Lächelnde war
-dort und das Schöne, die Leier, die singende Lippe, der schwebende Fuß
-und das fliegende Haar. Da erschien mir das hellenische Bildwerk,
-aufgestellt mit tausend seinesgleichen um eine Mitte, von der ein Strahl
-ging zu jedem, aber ihrer aller Mitte lag außerhalb ihrer selbst, und
-sie alle, geordnet zusammen ergaben die Welt. Und ich sah das
-Menschliche in ihnen, aufleuchtend in seiner ganzen, höchsten
-Erfülltheit. Solange aber Menschliches waltet, solange ist Willen und
-Verlangen, Streben, Bewegung, Wandlung; Wandlung zum Gotte hinauf und
-Wandlung des Gottes herab, lauter schweifende Seligkeit, Schweben,
-Heiterkeit, Anmut, Würde, tausend Eigenschaften des Göttlichen in einer
-blühenden Zerstreutheit, und alles überglänzend und bindend der Segen,
-das ewige Auge. Jetzt aber, wie erschien mir in der Erinnerung auf
-einmal ein niegesehener, immer gefühlter Zug von Schwermut in der
-griechischen Form? Diese schönen Dinge scheinen zu wissen: irgend etwas
-fehlt, irgend etwas in ihrer Ordnung blieb ungelöst, sie ermangeln des
-Letzten.
-
-Da sah ich vor mir die Vollendung aus Stein. Alles sah ich abgetan, alle
-Gebundenheit an Götter und Erde, an das Sonnige und Bewegte, an das
-Werden und die Erregung. Kein Wollen mehr, nur Gewißheit. Der Grieche,
-wenn er etwas machte, so wollte er doch, daß es schön sei, wollte die
-Erfüllung in der adligen Form. Der Ägypter wollte nur die Form; wollte
-nur: daß sie sei.
-
-Menschenhände machten dies nicht. Vielleicht daß sie letzte Bindungen
-lösten fürs menschliche Auge, eine Oberfläche abschälten. Diese Dinge
-waren im Stein, verhüllt, seit ewig; sie machten sich frei. Und darum:
-in welcher Mitte auch das hellenische Werk zu stehen scheint, Mitte für
-tausend sehende Augen, denen es sich lächelnd erzeigt, Augen von Göttern
-und Dämonen, tausend blickenden Augen der Natur: hier ist die ungeheure
-Zentripetalität; hier ist das Ding, das um seine Mitte gebaut ist wie
-der Kristall, und diese seine Mitte ist auch die Mitte der Welt. Es ist
-gleichgültig gegen sehende Augen. Dies wird nicht gesehen. Es stellt
-sich nicht dar. Es ist. Aber herum von allen Seiten, von oben und unten
-gewölbt ist das ganze All der Gestirne.
-
-Hardenberg sagte mir ein Gleichnis mit Worten für das, was ich selber
-empfand: jedes ägyptische Werk sei in jedem seiner Maße ausgerichtet
-nach den Sternen. Es war Religion. Sie wußten die Unsterblichkeit in der
-Form. Sie machten ein Bild, daß es sei und lebe, und die Seele trat ein
-und blieb in ihm wohnen. Sie stellten es nicht hin an diese oder jene
-Stelle der Welt, sondern dort, wo es erschien in seiner grenzenlosen
-Notwendigkeit, war der Raum ausgespart zuvor, und es paßte sich ein in
-die Welt.
-
-Als mir aber solchermaßen die Augen aufgetan waren, wandte ich mich um.
-
-Ich befand mich in einem halbdunklen Umgang ägyptischer Säulen voller
-Statuen und Bilder; zwei Stufen vor mir führten in einen von Oberlicht
-erhellten Raum hinab. Hatten meine Augen schon das Wunder gesehn, und
-verwandelte sein Blick in meinem Blick mir zum Heiligtum den Raum?
-Duftete nicht alles? -- Da sah ich das Reine.
-
-Mitten im Raume ein einfaches, kleines Gesicht, gelblich, mir zugewandt,
-sah mich an. Auf einem brusthohen Postament stand es in einem gläsernen
-Würfel, ein Kopf, kaum so groß wie meine Hand, Gesicht, Hals und der
-Ansatz von Schultern und Brust. Sah er mich an? Sein Blick ging
-plötzlich durch mich hin, als wäre ich aus Glas, und doch fühlt ich mich
-durchschnitten, daß ich fror. Es war kein Ansehn, es war ein ganz
-blinder Blick, jener, der durch alle Dinge der Welt hindurch gerichtet
-ist in das Ewige.
-
-Nun wagte ich näher zu treten und deutlich zu sehn. Es war zarter als
-alles; viel zarter als eine Blume. Alles an ihm war Duft. Ich sah
-Wangen, sanfte, unter den Augen leise gewölbt, nach unten wie mit
-liebkosenden Fingern zusammengeschlossen zur weichen Spitze des Kinns;
-sah darüber den Mund, Lippen, voll und mit zärtlicher Genauigkeit
-umzogen, überhaucht von leisem Rot, und sie standen ganz wenig vor wie
-in einem unaufhörlichen Kuß. Zart, frisch, fast süß, glich die Nase der
-eines kleinen Tiers; die Augen endlich, flach, leise zur Mandel nach
-außen geschlitzt, blickten über mich hinweg, und das Ganze von
-unendlichem Ernst war wie ein Lächeln so leicht.
-
-Ach, blind war dieser Blick wie die Seligkeit, blind wie das ernste
-Lächeln der Blume, das nichts ist als Gefühl und Echo des Lichts.
-
-Ich sah Hardenberg und die kranke Frau neben mir; sie lächelten
-verstehend, und ich brachte hervor: Wohin steht er denn?
-
-In die Sonne, sagte Hardenberg ernst. Er sieht immer nur in die Sonne.
--- Und er nannte mir den Namen: Amenophis und erzählte mir einiges. Daß
-er einen Kult der Sonne begründete und für diesen Kult eine ganze Stadt.
-Daß es noch Reliefbilder von ihm giebt, wo er dargestellt ist mit Gattin
-und Töchtern, und die Sonne darüber senkt Strahlen auf alle, an deren
-Enden winzige Hände sind, die sie ihnen auflegt. Daß, als er starb, die
-Stadt -- Heliopolis -- verlassen wurde und bald zerfiel, daß sein
-Nachfolger, im ägyptischen Glauben, die Form bewahre die Seele, alle
-Bilder von ihm zerstörte, sein Dasein zu vernichten, und daß nur dieses
-blieb, ein kleines Bildhauermodell, sowie ein halb zertrümmertes andres.
-(Er war unvernichtbar; er blieb.) Daß alldies mehr als zweitausend Jahre
-her sei. Und er sieht in die Sonne unwandelbar.
-
-Kein Wunder. Ein Weizenkorn, vor zehntausend Jahren in tönerner Schale,
-in einem Grabe bewahrt, behielt seine eingeborene Kraft und trägt Frucht
-in der heutigen Erde; also konnte auch die steinerne Blume unwelkbar
-bleiben bis heute.
-
-Die Sonnenblume von ihrem festen Stengel aus folgt der Sonne nach
-überall: ihn kannst du aufstellen, wo du willst, im Licht oder in der
-Nacht: wann und wo du ihn anschaust, blickt er geradeswegs in die Sonne
-hinein.
-
-Und ist dies nicht hoffnungslos? Die Sonne anbeten und sehn und niemals
-die Sonne sein können?
-
-Sonne sein können, welch Wort! Es muß --
-
-Oh du mein Gott, so wie er -- Stoff sein der ewigen Hand! Sein im Wandel
-unwandelbar leicht wie ein Spiel! Fern der Erfüllung doch stets, stets
-auf dem Wege zu ihr -- ach, wie aus endloser Mühsal doch blühte Geduld!
-
-Reinlich getan jede Tat, reinlich gewirkt jedes Werk, griff aus dem
-Chaos ein Stück, und du ballst es zur Form. Dasein und Stein und
-Gedicht, Tagwerk und Sternengesang; alle sie schmelzen in diesen, den
-einzigen Chor.
-
-Leben, ein jedes, es glüht, wandelnd in jedweder Form, die es
-vollbrachte, sich reinlich und reinlicher aus. Form ward es, schön und
-gewiß, Ordnung, ertönend Gesetz -- ach, aus dem Leiden, so heilen wir
-lächelnd uns aus. Weltleid, es heilte in uns, Gottleid erlöst sich uns,
-wir, die Erlösenden, werden unendlich getrost.
-
-
- Georg an Magda
-
- Berlin, am 23. März
-
-Tante Henriette, darf ich Dir sagen, hat sich -- um ein ehemaliges
-Lieblingswort von mir zu gebrauchen -- mit ganz besondrer Teilnahme nach
-Dir erkundigt und sich erzählen lassen; ebenfalls nach der »süperben
-Person« mit den »Flammenaugen«, und mich beauftragt, sowohl Dir wie ihr
-mit ihren huldreichsten Grüßen eine Einladung in ihr Haus zu
-übermitteln, falls ihr den Mut hättet zu einer magern alten Person, die
-»keinen Braten mehr abgiebt«, aber die es selber nötig hätte, sich
-»warme Krammetsvögel vor den Leib zu binden« (wie mir scheint eine kühne
-biblische Anspielung), um nicht zu erfrieren. Die Krammetsvögel solltet
-dann Ihr sein, und alles dieses mußt Du Dir vorgebracht denken in einem
-wahren Ton »rechter Kümmernis«. Sie ist in der Tat mehr mitgenommen, als
-man hätte ahnen mögen, vom Hingang des kleinen Alten; die Kümmernis
-reicht ihr bis zum Grunde, und der alte Mann, der mit einem ganz wenig
-törichten oder verwunderten, aber sonst vollkommenen Ausdruck von
-Friedfertigkeit seines etwas schiefgedrehten Kopfes daliegt und emsig zu
-schlafen scheint, muß beim Abscheiden nach so viel gemeinsamen Jahren
-doch ein beträchtliches Stück von ihr mit abgerissen haben. Dem Papagei
-hat es auch einen Ruck gegeben: bis gestern abend saß er still und
-steif, den Schnabel nach hinten gedreht, den Kopf auf der Schulter, auf
-seinem Querholz und blinzelte nicht einmal: heute morgen war er
-heruntergefallen und tot. Siebenundvierzig Jahre war er seines Lebens
-alt und hätte noch T. Henriette getrost überdauern können. Der
-Kanarienvogel ist zu dumm, trällert tagein tagaus und muß durch ein
-dunkles Tuch zum Schweigen gebracht werden.
-
-Es sind doch nicht viele Dinge so erfreulich und selten wie der Anblick
-tüchtiger alter Menschen, und mir scheint, auch diese gehen eines Weges
-mit der Petroleumlampe, dem Indianer und Knoops beklagtem Elefanten.
-Hier ist die Busenfreundin von T. Henriette zu sehn, eine Gräfin Török
-aus Ungarn, gebürtige Wienerin; die ist so alt wie der Böhmerwald, ganz
-unförmig, im Gesicht so faltig wie ein Truthahn, bloß rosig, das Haar
-ist weiß, Augen und Augenbrauen sind kohlschwarz, und schwarze und weiße
-Haare hängen ihr überall aus den Gesichtsfalten. Die redet nun von früh
-bis spät ununterbrochen mit einer haarsträubenden Munterkeit, erzählt
-eine Geschichte oder Anekdote nach der andern, ihr Gedächtnis ist schon
-ein bißchen wirr, aber ihre Herzlichkeit und ihr erschütterndes
-Vergnügen an den Erscheinungen des Lebens sind erstaunlich. Dies war ihr
-Schicksal: Als Angehörige des Wiener Hochadels kaisertreu bis in die
-Fingerspitzen, verwandelte sie sich mit dem Augenblick ihrer Heirat vom
-Kopf zu den Füßen in eine ungarische Patriotin, und das will etwas
-heißen, denn es war vor 48! Ihrem Mann wich sie in allen politischen
-Lagen nicht von der Seite, folgte ihm, was damals noch anging, auf die
-Schlachtfelder, jung und schön, wie sie war, ein Trost und eine
-Befeuerung für alle ritterlichen ungarischen Herzen, pflegte die
-Verwundeten, und so weiter. Ganz plötzlich, Anfang der fünfziger Jahre
-starb ihr Mann, was für sie eine eigentümliche Folge hatte. Nach einigen
-Wochen der Verzweiflung erschien sie wieder wie zuvor, ihre Lebenskraft
-hat, wie Du siehst, seitdem nicht abgenommen, sie ist in allen Ländern
-der Welt zu Hause, war in Amerika und in Japan, in >Zeylon, Zingiber,
-den fernsten Inden<, läuft noch heute in jede Uraufführung, vergleicht
-die Elena Gerhardt mit der Patti oder Lucca, oder wie jene Verschollenen
-heißen mochten, Grete Wiesenthal mit der Camargo, schwärmt für Nijinski,
-liest Strindberg und Rilke, humpelt Dir sicher am Eröffnungstage der
-Freien Sezession an ihrem Stock entgegen und kann Dir von jedem Breughel
-oder Rembrandt sagen, ob er im Haag, in Kassel oder Wien hängt. Aber:
-bei alledem ist sie in steter Begleitung ihres Mannes. Es kommt vor, daß
-sie im Gespräch, zum Beispiel wenn ihr Gedächtnis versagt, zur Seite
-fragt: Wie? und dann sagt er ihr Bescheid, gleichviel ob die fragliche
-Sache sich zu seinen Lebzeiten ereignete oder nicht. T. Henriette sagt,
-manchen, der, unbekannt mit dieser Erscheinung, sich erkundigt habe, an
-wen sie eben diese Frage richtete, und den Bescheid erhielt: O ich
-fragte bloß meinen Józsy! -- manchen, wie gesagt, habe dies schon
-betreten gemacht. Sie plant auch keine Reise oder entschließt sich zu
-sonst etwas, ohne ihren Józsy zu Rate zu ziehn, sie geht mit ihm in
-ihrem kostbaren alten Garten in Budapest spazieren, und man kann sie
-abends und auch nachts in ihrem Zimmer beträchtliche Zwiesprache mit ihm
-halten hören.
-
-Gott segne diese seltene alte Frau, sie hat vielleicht niemals über die
-ewigen Dinge gegrübelt oder eine Frage über die Ordnung oder die
-Fehlerhaftigkeit des irdischen Daseins gestellt, sondern es ist
-wahrscheinlich, daß sie all dergleichen, ohne das sich sonst ein
-wahrhaft kluger und geistiger Mensch schwerlich denken ließe, ersetzte
-durch Lebenskraft, durch vigor, durch Feuer und Schwung. Siebenzig
-Lebensjahre lang blieb ihr jeder Morgen und jedes Ding neu und
-erstaunlich und bezaubernd an sich, wert des seelischen Feuers, wert
-deswegen und dadurch zu leben, mit einem Wort: sie verfügte über die
-magische Essenz, die alle Dinge um sie her in ihren persönlichen
-Reichtum verwandelt.
-
-Ich möchte das auch können ...
-
-Denn es giebt solche Menschen, zu denen sie gehört, die tragen ihr Leben
-wie eine glänzend passende Form, wie einen seidenen, bunten Trikot, der
-allüberall glatt anliegt. Bei Andern, zu denen ich gehöre, scheint es
-vielmehr so zu sein, als wäre der Trikot für eine andere Figur
-geschnitten, und überall giebt es Falten und Beulen, hier kneift es, da
-schlottert es, man braucht das halbe Leben, um hineinzuwachsen, und
-schrumpft schon wieder drin zusammen, wenn er kaum eine halbe Stunde
-lang paßte.
-
-Gute Nacht, Anna! Ich bleibe noch ein paar Tage, indem ich die
-Gelegenheit benutze, mich überall vorzustellen, wo ich in meiner
-jetzigen Form noch unbekannt bin. Peinlich einerseits, ein schmerzliches
-Glück andrerseits ist das namentlich bei älteren Leuten ganz rührende
-Entgegenkommen gegen den Sohn meines Vaters -- hier und da mit ein wenig
-Skepsis verbunden wegen Vererbung der politischen Gesinnung. Gestern war
-ich im Reichstag (in den leeren Fensterhöhlen -- und so weiter!),
-Parlamentarier habe ich ein ganzes Schock kennen gelernt, nun kommen
-Großindustrie und Banken an die Reihe, deren Häupter ich morgen bei
-einem Geschäftsfreunde von Papa versammelt finden werde. Im ganzen, ich
-würde nach der langen Stille und Einsamkeit der Halligwochen nicht
-wissen, wo mir der Kopf steht, bräche nicht immer wieder >ein Streif wie
-schieres Silber durch den Spalt<. Woher aber dieser und welcher Art, das
-Dir nachzuweisen, fehlt nun die Ruhe, und ich bin auch begierig, es
-mündlich zu tun. Sei gewiß, daß ich die erste Bresche in der ersten
-Altenrepener Woche benutzen werde, um zu Dir zu gelangen, und sei es
-auch nur für Minuten. Auf Wiedersehn, Herz, auf Wiedersehn! Dein
-
- Georg
-
-
- Jason an Renate
-
- am 25. März, in Sizilien
-
-Liebe Renate!
-
-Ob Du Dich Irenens noch erinnerst?
-
-Ihre Augen hatten die gleiche Eigenschaft wie die Deinen: sie wechselten
-mit jedem Licht, das in sie fiel; so schienen sie meistens blau, aber im
-Hellen wurden sie grün, in der Dämmerung schwarz, und stieg das Blut in
-sie hinein, wurden sie schwer blau und düster. Ihre Hüften hatten die
-längliche Rundung der schönen Empirefigur, ihr Gesicht war immer rosig,
-wir bewunderten ihre Bewegungen, die auch in der Leidenschaft anmutig
-blieben, und obgleich sie das Derbe liebte, erschien sie uns doch gerne
-amselhaft; in ihr stand ein geigender Engel knabenhaften Geschlechts wie
-hinter einem Morgenrot, ein goldener Schatten. Dann überfiel sie die
-seltsame Zwietracht, das Morgenrot zeigte phantastische Risse,
-Märzgewitter rauschten mit lockeren Blitzen hinein, dann entzog sie uns
-gänzlich die schwarzblaue Wolke.
-
-Ich muß Dir schreiben, daß Du sie nicht wiedererkennen wirst, wenn Du
-sie siehst, was, wie ich hoffe, bald geschehen wird. Laß Dir sagen, daß
-ihr Gesicht nunmehr kleiner ist als meine Hand und so völlig von
-Elfenbein scheint, wie etwas noch Lebendes elfenbeinern scheinen kann;
-so leblos, so glatt und so hart. Ihre Augen darin sind von schwarzer
-Bronze, tot.
-
-Es hat demnach den Anschein, als läge hier wieder eine jener
-beklagenswerten Verwechselungen vor, an denen die menschliche
-Gesellschaft so reich ist, und hier scheint irrtümlich in den Leib einer
-Baumnymphe oder Dryade die Kraft und der Wille eines Kentauren geraten
-und entsetzlich darin gehaust zu haben.
-
-Irene, fragte ich, nahezu sprachlos, als ich sie sah, was hast du
-gemacht?
-
-Sie zuckt die Achseln, sagt: Gebetet.
-
-Was? sage ich, die ganze Zeit, nichts als gebetet? -- Sie sagt: Ja.
-Andres gab es nicht mehr. Im Anfang, sagte sie, sei es schwer gewesen
-und reichlich unvollkommen. Bis dann eines Tages die Welt verdämmert war
-und sie allein lag auf ihren Knien, irgendwo im Raum, auf einem Stern,
-oder selber ein Stern, der an Gottes Himmel aufging. Sie begann zu
-glühen vom Gebet, dann glühte nur noch das Gebet, dann begann sie zu
-leuchten, dann ging sie auf. Aber nicht der Mensch und sein Wille ist
-schuld, sondern das Düster der Erde, wenn uns leiblich zu erlöschen
-scheint, was seelisch entbrannte.
-
-Auch im Kloster scheinen sie nicht eben richtig geschliffene Augen
-gehabt zu haben, denn sie wurde nach etwas über halbjährigem Aufenthalt
-vor die Wahl gestellt: entweder zu bleiben für immer, oder zu gehn.
-Schließlich muß man zugeben, daß ein Kloster kein Asyl für Obdachlose
-sei. Irene freilich war nun ratlos, wäre es vielmehr gewesen, wenn sie
-nicht in der Nacht einen schönen Traum gehabt hätte. Ich an ihrer Stelle
-würde ja der Weisung von Träumen nicht ganz so unbedingt Glauben
-schenken, allein sie ist, wie sie ist. Was sie träumte, war ein ganz
-blaues Meer, ein hellblaues, südliches Meer, auf dem rosafarbene Glocken
-schwangen, und sie selber schwamm ihnen entgegen, und sie lösten sich an
-ihren Gliedern in einen so unbeschreiblichen Duft auf, daß sie noch
-darin gebettet war, als sie erwachte.
-
-Die Auslegung des Traumes nahm die Gestalt an, daß wir uns jetzt seit
-einigen Wochen an der Küste des Mittelländischen Meeres befinden, nicht
-weit von Taormina, und daß Irene jeden Morgen bei Sonnenaufgang, nackt
-wie sie geschaffen wurde, in die See hinausschwimmt, so weit sie kann.
-Dies, sagt sie, wäre ihre Reinigung. Ihr Gebet dabei ist wieder dasselbe
-wie zuvor; es lautet:
-
- Du bist klar,
- Ich war klar,
- Mach mich wieder, was ich war!
-
-Daß ihre schon im Schwinden begriffenen Kräfte dabei absterben wie
-dünner Schnee, das ist vorläufig die erste Folge. Aber ihr Gesicht
-bräunte sich wieder langsam, in die Augen kam wieder ein leises Blau.
-
-Da ich sie nicht hindern könnte, selbst wenn ich das wollte, so ist
-dieser Brief nichts als eine matte Spottgeburt meiner Unbeholfenheit.
-Eine Änderung scheint mir notwendig. Das beste wäre, Klemens käme im
-Augenblick, aber ich habe eine Abneigung gegen gewaltsame Eingriffe.
-Irene hört, wenn ich von Dir und Andern spreche, zwar zu, erwidert aber
-nichts. Es wäre trotzdem möglich, wenn Du ihr den Vorschlag machtest,
-sie irgendwo zu treffen, wo Wasser ist, an einem italienischen See zum
-Beispiel -- denn der Frühling, der hier fast die Augen blendet, gelangte
-ja noch nicht zu Euch --, oder aber bis hier herunter zu kommen, doch
-habe ich so eine Ahnung, als wäre Dir das zu weit. Ich fürchte aber
-jeden Tag, sie zerschmilzt mir zwischen den Händen, und wenn wir im
-Garten sind und der Himmel sich bewegt zwischen den Mandelbäumen, so muß
-ich sie ansehn, ob sie noch ganz da ist, oder ob es nicht das blaue
-Flackern ihrer Seele war, die über die rosigen Wipfel enteilte.
-
-Ich kann nicht gut briefschreiben, da ich keine Übung habe, und im
-ganzen wird dieser Brief Dir vermutlich erscheinen wie eins der alten
-Bilder vom Martyrium einer Heiligen: was man sieht, sind Farben,
-Gewänder und teilnahmslos reine Gesichter; was man nicht sieht, ist das
-Blut, die Not, und das Sterben. Wer aber Zeuge war dieser drei Dinge,
-dem werden sie ein seltsames Gift einflößen, dessen Wirkung es ist, daß
-er von allen Dingen der Welt reden kann, nur von diesen muß er
-schweigen.
-
-Ich hoffe also, Du willigst ein, wenn ich sage: Auf Wiedersehn!
-
- Jason
-
-
- Renate an Irene
-
- am 29. März
-
-Liebe Irene!
-
-Jason schreibt mir, daß Ihr in Sizilien seid, und daß er sehr besorgt um
-Dich ist. Ich selber war lange krank, das hörtest Du wohl von ihm, nun
-möchte ich gern mit Magda nach dem Süden, Sizilien ist uns freilich zu
-weit, Magda könnte auch nicht sehr lange bleiben, da sie im April zum
-ersten Mal öffentlich singen wird, -- am Charfreitag. Möchtet Ihr uns
-nicht in Torbole oben am Gardasee treffen? Mehr als sechs Jahre, glaub
-ich, war ich dort mit meinem Vater in den Sommern und habe plötzlich die
-heftigste Sehnsucht. Es wird freilich noch eine Woche dauern, bis wir
-fortkommen können, teils weil ich Onkel noch überreden muß, mitzukommen,
-teils weil Magda sich vor ein paar Tagen eine leichte Erkältung
-zugezogen hat, so daß sie sich noch schonen muß. Es schadet ja aber
-nichts, um so weiter wird der Frühling dort schon sein. Ich hoffe sehr
-auf ein Wiedersehn, Irene! Sage Jason alles Liebe und Dank für seinen
-Brief! Von Herzen Deine
-
- Renate
-
-
- Neuntes Kapitel: April
-
-
- Aus den Papieren Georgs
-
- am 1. April
-
- Sein Antlitz, das wie eine Blume war,
- Enthauchte aus den Augen Duft! Ich schwelgte
- In diesem Glanz, der nicht wie andre welkte,
- Ich schmolz wie Wolke auf und wurde klar.
-
- So ganz verleiblicht ward die Gottheit hier,
- So ward noch nie der Sonne Bild zur Blume!
- O daß ich Land sei, Ackers ärmste Krume,
- Und diese reine Seele blüht' in mir!
-
- Jedoch ich bin soviel nur wie der Wind,
- Der streifend nur den Duft vermag zu fangen,
- Und trägt ihn fort auf Stirn und Mund und Wangen,
- Vor Schmerz vergehend, und vor Wonne blind.
-
- am 2. April
-
-Telemach, o Telemach, da hast du es wieder! Eine trübe Erkenntnis und
-obendrein in Versen! Die alte Empfindsamkeit und der alte Betrug! Weil
-die Erkenntnis reizlos ist, so werden reizvolle Bilder erfunden; weil
-sie bedrückend ist, so wird sie in leichte Gegenstände aufgelöst; weil
-sie trübe ist, so wird sie wenigstens mit einem schwermütigen Lächeln
-beflügelt, und weil sie wärmelos und nüchtern ist und wahr, so wird sie
-in schöne, warme Scheinkleider eingemummt. Lyrische Erschütterungen,
-lyrisches Dasein -- wenn anders lyrisch heißt: einsame Hingabe an
-gegenwärtige Gluten --, lyrische Schwermut, -- und sowas will -- Monarch
-sein. Wie ich sie nun hasse, diese dastehenden Verse, diese sprachlosen
-Gemächte, die ein Unsagbares tönend machen sollten und es nur bereden.
-Das alte Lied, das alte Leid: Unruh, Ungenügsamkeit, Überdruß und
-Verdrießlichkeit, alles, was peinigt und reizt, kommt aus dem Ungelösten
-in uns, das zur Klarheit will. Was ist Sehnsucht? In dem hundert- und
-tausendfachen Hingerissensein und Zerstreutsein, alltäglich,
-allstündlich an die Dinge der Erde, ist sie Verlangen nach dem Einen,
-das not ist. Aus den tausend Möglichkeiten ist sie das Streben nach dem
-Einen, das notwendig sei; aus den tausend Empfindsamkeiten nach der
-einen Liebe. Aus der tausendfachen Verschwendung nach -- nach? --
-
-Dem Opfer.
-
-Hoffnungslos. Wozu dies dem Telemach? Was er tun kann, ist seine
-Schuldigkeit, ist das Weitergehn auf dem Wege, auf den uns die Toten
-verhalfen. Ich kann in die Sonne starren, bis ich blind werde, und das
-dürfte der ganze Erfolg sein. Näher, o Sonne, zu dir! Hoffnungslos, ich
-habe meine Liebe in einer Insel eingesargt, als sie totgeboren hatte,
-das ists.
-
-Erkenntnisse, Erkenntnisse! feil wie Brombeeren. Steine im Strom, über
-die sich von Ufer zu Ufer springen läßt, ein Haus baut sich nicht
-daraus. O weh mir, daß ich meinen Tod verschlief!
-
- am 6. April
-
-Erloschen.
-
-So mußte es freilich kommen; unabänderlich; genau so.
-
-Ich erhaschte eine freie Minute und fuhr zu Anna. Warum fuhr ich? Weil
-seit dem Zusammensein mit ihr auf Hallig Hooge ein Duft von ihr in mir
-verblieben war, beunruhigend, der immer drängte, mit ihr zu reden, ihr
-zu schreiben, ihr -- kurz, ihr nahe zu sein. Kann, dacht ich,
-wiederkommen, was lange verging? Immer sah ich auch ihr Gesicht in
-dieser sonderlichen Verändrung, die ich seinerzeit erst nicht zu deuten
-wußte, bis ich entdeckte, daß ihr Augenbrauen wuchsen, noch dünn,
-schwarze, nicht blonde Brauen -- als sollten sie ein Ersatz sein für
-das, was den Augen genommen war. Fast farbig wurde von ihnen das sonst
-farblose Gesicht, sie gaben ihm Gestalt, Zeichnung, trennten die
-überstarke Stirn von dem Untergesicht und ersetzten wirklich etwas von
-dem fehlenden Blick der sonst klaren Augen. Und ich deutete daran herum,
-schon tauchten zärtliche Schatten auf, ich empfand Sehnsucht.
-
-So fuhr ich zu ihr, und sie war nicht da. Ich wollt es kaum glauben.
-Bekanntlich ist so der Mensch: kommt, fragt -- was, sagt er, ich komme,
-und sie ist nicht da? (Später hörte ich dann: sie wollte verreisen und
-war noch einmal zu ihrem Lehrer.) Nun mußte ich mich bei Renate melden
-lassen -- ah, Telemach, schlug dir das Herz?
-
-Der Tag war von besondrer Wärme, so fand ich sie halb im Freien, in der
-Veranda, sie schien unverändert. Und was mich betrifft, so konnte ich
-sie ruhig betrachten -- nämlich zu Anfang.
-
-Unverändert schien sie, von Zügen, obgleich von solch einer -- wie nenn
-ichs nur? -- aber es giebt kein Wort für diesen Bund von Lieblichkeit
-und von Majestät, der ihr immer eigentümlich war. Sie saß in einem
-Korbsessel, im dünnen Sonnenlicht, weißgekleidet, die Arme bis zum
-Ellenbogen unter einer Decke von weißem Plüsch. Weiß wie alldies war
-auch ihr Gesicht, darin die Augen von so hellem Blau wie das der
-Hyazinthe. Langsam dann, immer merklicher, wie ich vor ihr saß, begann
-sie sich zu verwandeln. Ich glaube, mit ihrer Hand fing es an, ihrem
-Arm, der nun auf der Decke lag, und diese Hand, die nur ein Gebilde
-schien aus Schnee und Schmerz, war gleichwohl von einer
-herzdurchschaudernden Menschlichkeit; eine Menschenhand, eine weibliche
-Hand, und Daumen und Zeigefinger sahen aus, als hätten sie erlebt, wie
-sie gemacht wurden aus lebendigem Fleisch, Schmerz, den sie
-nie vergessen würden. Das, womit ihre Finger spielten, war
-erstaunlicherweise das Ende von einer ihrer beiden hellbraunen Flechten,
--- das hatte ich auch freilich noch nie gesehn. Und jetzt der Mund, ach
-der Mund! Als ob sie sich ins eigene Herz gebissen hätte mit ihm, -- so
-zuckte es unmerklich an seinen Winkeln, die tief in das weiße Fleisch
-hinabgezogen und eingebettet waren. Und jede Linie ihrer Züge war mit
-einer geheimnisvollen andern nachgezogen, wovon sie aber nicht scharf
-geworden waren, sondern ganz weich. Der ganze Mensch war nichts als
-blühendes Schicksal.
-
-Nun erscheint sie mir wieder im Raum, und was ich nun um sie atmen
-fühle, ist Verlassenheit, Hülflosigkeit, Unwissen. Wohin jener Zauber
-von damals, jener Gürtel von Unnahbarkeit? Die Unnahbarkeit war
-geblieben, aber sie war nicht mehr Wille und Stolz und Bewußtheit. Ganz
-magisch war sie geworden, und in ihr rieselte ein Brennen, ein
-Aufgelöstes, ein Schmelz -- furchtbarer Nachglanz einer unendlichen
-Umarmung, aus der sie gerissen wurde, und ich -- ja, ich fürchtete sie
-mehr, als daß ich hätte begehren können.
-
-Von dem, was wir gesprochen haben mögen, ist nur das Letzte wichtig. Da
-ich vom Amenophis begann, so hörte sie mir eine Weile zu, lächelte
-langsam und meinte, es sei schön, daß ich ihn auch kennen und so sehr
-lieben gelernt hätte; ihr sei er Freund seit Jahren, nur unter seinem
-ägyptischen Namen Ech-en-Aton; sie habe einen Abguß in ihrem Zimmer
-stehn, ob ich ihn sehn wolle -- ja, Weihnachten sei es drei Jahre her
-gewesen, daß sie ihn bekam, von Josef, und ob ich nicht auch fände, daß
-er Saint-Georges ähnlich sehe.
-
-Nun, mein Telemach, was hilft es jetzt, zu sagen: Und wenn wir ihn
-damals gesehn hätten, ja, wenn es möglich gewesen wäre, ihn zu sehn, was
-aber nicht möglich war, da ihr Zimmer damals unbetretbar war für
-unsersgleichen: so würden wir ihn doch nicht erkannt haben, weil uns die
-Augen abgingen. Dies aber hilft uns nichts, sondern dies bleibt: das
-Geheimnis. Daß er drei Jahre in unsrer Nähe stand, erreichbar und nie zu
-erreichen, in diesem, in ihrem, in Renates Haus, Renates Eigentum,
-Renates Freund -- darin verhüllt sich das Geheimnis unsres Lebens. Und
-der Schluß wird uns überdauern: wir blieben blind für die Wahrheit
-Renates, weil er uns verborgen blieb; oder Renates Wahrheit blieb uns
-verborgen, weil wir blind für ihn waren. Das geht so herum oder so herum
-wie die Daumen -- der Schluß bleibt derselbe.
-
-Wir aber wollen es aufgeben, dasitzend nachzusinnen wie der
-nachdenkliche Medici: wie alles so gekommen ist. Kopf hoch und geradeaus
-in das Hoffnungslose. Renate nämlich -- ist zu vergessen. Denn
-Sehnsucht, sang Chastelard, Sehnsucht ist Qual. Sehnsucht dieser Art
-verbittert, Sehnsucht trübt, Sehnsucht macht schwindlig, macht unfroh
-und kränklich und feige. Schließlich: ich bin mir zu edel für Sehnsucht.
-
-Und mein Leben -- wie ein schwarz verkohltes Stück Papier so zerflattert
-mirs unter den Händen.
-
-
- Magda an Georg
-
- 7. April
-
-Mein Lieber,
-
-gestern abend und heute den ganzen Tag versuchte ich vergebens, Dich am
-Telephon zu erreichen, Du warst immer wo anders, um Dir Lebewohl zu
-sagen und vor allem, mich nach Onkel Birnbaum zu erkundigen. In der
-gestrigen Abendzeitung stand »ein leichter Schlaganfall«, ich fuhr
-gleich hinaus, konnte aber nur das Mädchen sprechen, seine Frau hatte
-sich schon hingelegt -- und die Morgenzeitung heute weiß auch nur von
-»bestem Befinden« und »keinen Besorgnissen« zu fabeln, aber die
-Zeitungen beschönigen immer alles, und ich hätte so gerne von Dir
-Gewisses erfahren. Nun muß ich ohne das reisen. Auch ohne einen
-Händedruck von Dir, -- aber es werden ja nur wenige Wochen sein.
-Außerdem hoffe ich, Dich gleich nach unsrer Rückkehr ein paar Tage in
-Helenenruh ganz für mich zu haben, was Du mir nicht abschlagen darfst.
-Du weißt ja, daß der Geburtstag Deiner Mutter diesmal auf Charfreitag
-fällt, und hast vielleicht nicht vergessen, was ich Dir erzählte: daß
-der Gesangverein in Böhne beschlossen hat, den Tag durch eine Aufführung
-des Deutschen Requiems zu feiern, daß ich aufgefordert bin, zu singen,
-und daß Benno das Orchester des Stadttheaters in Altenrepen dirigieren
-wird. Damals versprachst Du mir -- etwas zu leichthin -- zu kommen;
-vielleicht findest Du Dich eher bewogen, wenn ich Dir verrate, daß
-Renate bereit ist, wenn ihre Gesundheit es erlaubt, den Orgelpart zu
-übernehmen. Da hättest Du denn alles zusammen, was Du liebst. Nun bitte,
-lieber Freund, schenk mir die Charwoche! Eine Erholung wird Dir sicher
-gut tun, ich weiß ja, was die Krankheit Birnbaums für Dich bedeutet,
-also versprich mir, Georg! die Charwoche! Danach gehn wir für längere
-Zeit auseinander, ich auf meine erste kleine Konzertreise, Benno nach
-Aachen, wie Du wissen wirst, und wer weiß, wann wir wieder
-zusammenkommen.
-
-Schreibe mir nach Torbole am Gardasee postlagernd. Alles Gute, Georg,
-und tausend liebevolle Gedanken Deiner alten
-
- Anna
-
-
- Aus Renates Buch
-
- am 9. April
-
-In der Nacht träumte mir, daß ich in mein Zimmer kam, das schon voll von
-Koffern und Taschen war, und ein Mensch, den ich dann als Josef
-erkannte, war dabei, einen großen Koffer zu schließen. Auf meine Frage,
-ob alles fertig sei, richtete er sich auf und sagte: Ja, soll dein Onkel
-denn hierbleiben? Was ich geantwortet habe, ist mir entfallen, aber da
-er hinausging, muß ich angenommen haben, daß er Onkel holen wollte, und
-ich wartete, aber er kam nicht wieder. Endlich wurde mir ängstlich zu
-Sinne, ich ging hinaus, da war draußen alles finster, ich tastete mich
-an der Wand hin, furchtsam, ich könnte die Treppe verfehlen und
-abstürzen. Da kam aus einer Türe Erasmus mit einem Licht und sagte,
-indem er mich geheimnisvoll ansah: Einer von uns muß hierbleiben ...
-
-Davon erwachte ich mit einem Schrecken, machte gleich Licht, die Uhr
-stand auf ein Viertel nach vier. Plötzlich wußte ich, daß ich nach Onkel
-zu sehn hatte; ich glaube wohl, daß ich schon alles wußte, und als ich
-in seinem Zimmer war und Licht machte, lag er in dem Schlaf, aus dem er
-nicht mehr erwachen wird.
-
-Sanft war es gekommen, das Ende. Kein Ende, nein, nur ein schmerzloser
-Übergang von Schlaf zu Schlaf. Auf seinem Gesicht, so rein, daß ich
-nicht weinen konnte, stand zu lesen, daß es nichts als eine wunderbare
-Vertauschung gewesen ist.
-
-
- Georg an Magda
-
- am 11. April
-
-Meine liebe Anna!
-
-Dank für Deine Zeilen! Um Birnbaum sei unbesorgt! Ich sage die Wahrheit,
-indem ich die Aussage des Arztes an Dich weitergebe, daß es »einer der
-leichtesten Schlaganfälle ist, die ihm je vorkamen«, und daß er
-voraussichtlich nahezu spurlos bleiben wird. Übrigens fand ich ihn in
-der letzten Zeit so innerlich freudlos geworden, daß es ihm kaum leid
-tun würde, diese Welt zu verlassen, die ihm seit Papas Tode nur ein
-zerbrochenes Ding ist, an dem er müde herumflickt. Wie ich den Ausfall
-seiner Arbeitskraft ertragen sollte, ist mir unbekannt, aber wenn es
-erst so weit ist, wird sich, wie alles andre, auch das tragen lassen.
-
-Verzeih die allzu geschwind hingewischten Zeilen! Ich glaubte schon, Dir
-auf dem Klosett schreiben zu müssen, weil ich nicht wußte, woher die
-Zeit nehmen. Nichts für ungut, Anna, und ich komme nach Helenenruh, um
-das alte Trio zu hören, >nicht die ganze, doch die halbe< Charwoche,
-mehr wird nicht möglich sein, sagen wir Mittwoch, vielleicht erst
-Donnerstag, vielleicht würg ich den Dienstag heraus, aber versprechen
-kann ich nichts. Sei versichert, daß ich überaus gern komme, Deinetwegen
-und natürlich auch meiner selbst wegen. Der verruchte Zustand, in dem
-ich herumschnaube, muß ein Ende nehmen, ich will mich noch einmal vor
-den Göttern von Helenenruh niederwerfen und -- aber wozu, wozu das? Lebe
-wohl! Hab gute Tage am blauen See, grüße Renate, auf Wiedersehn, lebe
-wohl!
-
- Georg
-
-
- Aus Renates Buch
-
- Torbole, am 12. April
-
-Es ist alles geblieben, wie es war: meine beiden Zimmer von damals, die
-strahlenden Morgende, Papas Olivengarten, die uralte Straße nach Mago
-zwischen vergessenen Gärten, in denen jahrhundertealte Ölbäume wachsen,
--- alles geblieben, nur daß ich jetzt die Augen schließen muß, um einen
-geliebten Schatten durch meine Landschaft gehen zu sehn, und daß ich
-ganz eine Andre bin. Etwas wohler ist mir doch! In der vollen Sonne zu
-liegen, vor halbgeschlossenen Lidern die gläsern blauen Gluten des Sees,
-grünes, raschelndes Feuer aus Wipfeln in Lüften -- da läßt es sich nicht
-widerstehn, und solange der Tag währt, ist es ganz gut. Nur an die
-Nächte darf ich nicht denken.
-
-Irene fand ich schon vor. Oh wie mich schauderte bei ihrem Anblick! Im
-Ölbaumgarten saß sie halb ausgestreckt in einem Liegestuhl und bewegte
-kaum den Kopf nach mir, kaum das weiße Gesicht in dem grünen Schatten
-mit den, wie Jason schrieb, bronzenen Augen. Ihr Lächeln war
-herzzerreißend. Ich konnte lange nicht sprechen und war froh, daß Magda
-nichts sah und zu plaudern begann. Wie ich sie so daliegen sah in ihrem
-leichten goldenen Haar, allzudünn in einer an Leib und Armen eng
-anliegenden grünen Tunika, an deren Ärmelenden sie beständig und rastlos
-zupfte, und schwarzem Seidenrock mit rostigen Falten, wußte ich lange
-nicht, an was sie mich erinnerte; aber dann fiel mir ein, daß ihr Körper
-wie der weiche und haltlose Stengel der Wasserrose war, der das weiße
-Haupt nicht hält, sondern es ruht auf dem Wasser; und so schien auch ihr
-kleiner Kopf nicht mehr vom Leibe getragen, sondern von einem dunklen,
-geheimnisvollen Element, in dem sie schwebte. Noch immer, sagt Jason,
-badet sie in der Morgenfrühe im See, woher sie die Kraft dazu nimmt,
-begreift keiner von uns. Übrigens ist sie das Gegenteil von mir, sie
-glüht am ganzen Leib, ihre Hände sind wie Flammen, aber sie kann mich
-nicht wärmen, und ich ihr nicht kühlmachen, und es muß alles Elend
-bleiben, was Elend ist.
-
-Die Tage vergehen in Ruhe und Sonnenklarheit, das kleine Klavier ist
-gestern gebracht worden, Magda übt fleißig, ich begleite sie auch.
-Abends sitze ich in der Bucht am Sasso. Wie weit man nach Süden sieht,
-oh wie weit!
-
- am 13.
-
-Ich hatte heut ein schönes Gespräch mit Magda über Georg -- das heißt,
-das Schöne war, was sie von ihm sagte. In der häßlichen Vergeßlichkeit,
-an der ich nun mitunter kranke, hatte ich an dem Tag, wo er bei mir
-gewesen war, vergessen, es ihr zu sagen, dann kam die Reise, heut erst
-fiel es mir wieder ein. Sehr lange saß ich dann noch in Gedanken, als
-sie gegangen war.
-
-Ach, was ist es nur mit uns Menschen? Schicksal, sagte Magda, was ist
-denn das? ein Wort, ein Begriff, eine Macht? Wir sind doch Menschen!
-Irene, Ulrika ... Ach, Ulrika ... ein einziges Mal, fällt mir ein,
-sprach sie von sich selber, wie Magda heut, es war an einem Weihnachten,
-oder Neujahr, aus irgendeinem Grund brach das Gespräch plötzlich ab, und
-Bruchstück blieb es, wie sie selber es mir immer war, bis ich ihr
-Totenantlitz sah von Bogners Hand, und nie werde ich dies verstehn:
-warum sie, das geistige Wesen, sie, die immer nur Geist zu sein schien,
-warum sie so leiblich zerrissen wurde und wie das nur möglich war! Muß
-man nicht denken, daß die Natur sich hat rächen wollen?
-
-Ja, Bogner auch und Georg, Irene und Magda, und ich selber, was geht
-denn nur vor in uns Allen? Ist denn das, wohin wir geraten, wirklich
-das, was wir wollten? Zwang es uns? wer denn? Schicksal? Ja, es ist
-doch, als ob jeder für ein Gewisses bestimmt wäre, er kann jahrelang
-irregehn, kann dies und jenes tun, aber immer geht er den einen Weg,
-immer wirkt er am einen, seinem Schicksal, bis eines Tages das Gewisse
-fertig wurde, und nun sieht er ein. Sie glaubt ja, Magda glaubt ja an
-Georg, daß er seine Bestimmung erreichen wird, weil er sie in sich hat,
-rein gesondert von allem Irren ...
-
-Und das wäre Schicksal? Ach, wenn es sich wirklich nennen läßt, so kann
-es nichts andres als dies sein: daß wir so sind, wie wir sind, und daß
-uns Unheil daraus kommt, und daß wir selber es leiden müssen.
-
-Oh nähme es endlich ein Ende!
-
- am 18.
-
-Warum sitze ich denn wach in der Nacht und will schreiben? Unten am
-Hafen stehen die dunklen Gestalten der Männer in Gruppen, sie sprechen
-aufgeregt, es wird geflucht, -- nun, es sind Italiener, es ist ihre Art,
-ich freue mich, daß ich noch jedes Wort verstehe, das zu mir herauf
-kommt. Der Vater Alberti hat noch Licht im Zimmer, ich höre ihn gehn, er
-ordnet wohl etwas; als ich vorhin aus dem Fenster sah, konnte ich
-draußen im hellen Viereck, das aus seinem Fenster am Boden geworden war,
-hinter den Schatten der Gardinen den seinen sich bewegen sehn. Wie gut
-und wie sicher scheint dies kleine Leben! Es ist eine kühle, unruhige
-Nacht, der Wind kommt vom Norden und treibt die Wolken gegen Süden, weit
-draußen bei Limone blitzt der Scheinwerfer vom Zollschiff, der lange
-Lichtstreifen sucht Buchten und Berge ab, die kleinen, halbversteckten
-Schmugglerpfade oben bei Pregasina, wie immer, aber ich erschrak
-plötzlich, als der riesige Finger herum kam; ich bildete mir ein, nun
-würde er auf mich deuten, ich würde furchtbar deutlich dastehn in einer
-riesigen Helle, -- Gott leuchtete nach mir aus und würde mich armselig
-finden.
-
- am 23.
-
-Wieder wie damals koche ich mit Barbara für uns Alle und drei kleine
-Fischerkinder das Mittagessen, und es macht mir Spaß, daß ichs noch
-kann. Könnte nicht Li so viel mehr! Wo in aller Welt hat er gelernt,
-eine Polenta zu machen, wie sie kein Italiener köstlicher machen kann?
-Jason hilft auch mit, steht in einer weißen Kochschürze und schuppt den
-Fisch, oder putzt Gemüse, denn Li, sagt er, ist nur für das Feine, ein
-so kunstreicher Koch! Jason, nun sehe ich ihn zum ersten Mal unter
-andern Menschen; sie sprechen von ihm wie von einem guten Geist, wüste
-Kerle kommen auf der Straße auf ihn zugerannt, um ihm die Hand zu
-schütteln und tausend Dinge zu erzählen mit zehntausend Gesten. Auch
-Magda lieben sie sehr und lehren die Kinder, zu ihr hingehn und nach
-ihrer Hand fassen; plötzlich hält sie dann so eine fettige, kleine
-Dreckpfote und strahlt mit ganzem Gesicht. Durch die Küchentür hörte ich
-Li zu Barbara sagen: Der Herr al Manach, wenn der über die Straße geht,
-das ist, wie wenn Bruder Franziskus kommt; mein gnädiges Fräulein, das
-ist die gute Madonna, aber das Fräulein Renate, das ist die Monstranz,
-da bekreuzigen sie sich und murmeln: _il miracolo_ ...
-
-Sie bekreuzigen sich, und ich glaube fast, sie wissen, was sie tun.
-
-Um ein Uhr essen wir Alle zusammen vor dem Haus unter der Olive, die
-drei Kinder sitzen furchtbar gewaschen mit ihren Schüsselchen im Gras,
-und ich teile Polenta aus, -- oh die Tage, die Tage!
-
-Unbeschreiblich die Klarheit! Ich gehe ganz früh allein durch die
-Straßen, an den Hafen, kein Mensch ist zu sehn, es duftet nach Oleander,
-der Morgen entfaltet sich wie eine Blüte, ich friere leise und nicht
-einmal unangenehm. Ein paar alte Männer hantieren auf dem Kai, ein
-Segler fährt aus, lautlos gleitend in den flammenden Azur, es ist alles
-wie verzaubert. Und die Abende! Der Mond kommt spät und leuchtend,
-silberne Streifen glänzen im ruhigen Wasser, ich sitze auf einem der
-Liegestühle auf der einsamen Bootsbrücke, keiner von uns spricht ein
-Wort, dann tastet eine Hand nach der meinen, Magdas klare Stimme fragt
-durch das Schweigen: Schwester? -- Ich kann nicht sprechen.
-
- am 24.
-
-So ist denn Irene am Ziel. War es eine Ahnung, die mich am frühen Morgen
-in den Garten führte? Da lag sie auf dem Rasen im beweglichen Schatten
-der Blätter, in sich gebogen, ganz schlaff, aber wie ich sie aufrichten
-will, bewegt sie sich schon, ist ganz wach, todmatt, aber ihr Gesicht
-ist in Glückseligkeit wie gebadet. Erst sagte sie nur, als sie mich
-erkannte: Ach! -- Nach einer langen Weile dann: Nun kann er kommen. --
-
-Sie war wieder in den See hinausgeschwommen, und beim Zurückschwimmen
-verließ sie die Kraft. Sie fühlte sich zum Stein werden, der sich selber
-hinab zog, alles ward blau um sie her, und in diesem Augenblick, sagte
-sie, sah ich unter mir in der Tiefe den Tod stehen wie einen ungeheuren
-Geist in weißen Falten, und er stieß mit einer gläsernen Lanze gegen
-mein Herz. -- Dann sei in einem einzigen Feuerstrahl ihr ganzes Wesen
-aufgeflammt und erloschen. Als sie erwachte, habe sie auf dem Strand
-gelegen. --
-
-Sie ging bis zur Grenze. Was verschlägt es, ob sie sich nun verwandelt
-glaubt und der Vergangenheit zurückgegeben? Sie vollbrachte das
-Mögliche, sie stieß bis zur Grenze vor, -- und das, sagt Jason, ist der
-einzig bekannte Weg, zu unsrer Mitte zu gelangen. -- So ist sie am Ziel.
-
-Obgleich sie noch so schwach ist wie ein Blatt, will sie gleich fort,
-und mich drängt es mit ihr. Mir ist seltsam. Als ob alles umher sich
-verwandelte und abfiele. Herr, mein Gott, was soll denn noch geschehen
-mit mir? Auf einmal zieht es mich nach Hause, nach dem Hause, wo ich
-Heimat bekam. Heut nacht kam mein Vater, sah mich traurig an und sagte
-eine Menge Dinge, von denen ich nicht ein Wort verstehen konnte, ich war
-verzweifelt und rief mehrmals: Ich verstehe dich ja nicht! -- Da nickte
-er schmerzlich, sank langsam in sich zusammen und glich nun ganz seinem
-Bruder; plötzlich dachte ich: Er stirbt ja! und erwachte voll Grauen.
-
- am 26., München
-
-Am Abend vor unsrer Abreise saß ich mit Irene, Magda und Jason noch
-zusammen, und auf einmal war mirs, als sähe ich alles zum letzten Mal,
-ja, so eigen, als wäre es das Letzte, was ich zu sehen bekäme. Ich
-konnte mir nicht vorstellen, was sein würde, ich dachte gepeinigt nur
-immer ganz sinnlos: Morgen ist das alles ganz anders! Oder: Morgen ist
-alldas nicht mehr! Ich glaube fast, so muß ein Verurteilter empfinden am
-Abend vor seiner Hinrichtung. Ich sah auch alles so übergenau: den
-schönen Raum mit alten Möbeln, das kleine Harmonium, die Skizzen im
-Rahmen von Vaters Hand -- jeden Tag wollte ich sie fortnehmen, nun ließ
-ich sie doch hängen --, die liebe Ecke mit dem Spiegel, vorne den Erker,
-das runde Fenster und dahinter, dicht am See, meinen Garten, meine
-Olive. Später stand ich noch lange im Dunkel vor der Haustür zum Garten,
-erkannte den winzigen Lattenzaun im Finstern und die alte Steinpforte
-zum Traubengarten. Herrlich war es immer damals, unter diesen
-hochgezogenen Lauben zu gehn; dunkle, volle Trauben streiften mir das
-Haar in den letzten Jahren, dieselben, nach denen ich die Hände
-vergeblich reckte in den ersten, und es gab auch eine Wiese da mit zwei
-hohen Pappeln und einer Quelle zwischen Steinblöcken.
-
-In meiner Stube sah alles traurig aus und als wäre ich schon fort. Die
-immer unstet und flüchtig aussehenden Koffer standen umher, das Glas mit
-den Blumen lag vom Wind umgeworfen, die Blumen waren welk.
-
-Am Morgen war es wie Traum. Ich saß schon im Wagen, gleich ging es
-rechts die steile Straße hinauf zwischen Mauern und Oleanderbüschen, und
-wieder sprach es: Morgen ist dies alles nicht mehr ... Mein Herz klopfte
-mit furchtbarer langsamer Gewalt, ich sah alles und nichts, plötzlich
-erschrak ich, zu bemerken, daß es noch dunkel war, mir schien wirklich,
-ich träumte, woher war es eine Mondnacht auf einmal? Wieder kam das
-Frieren. Da war die Kirche hoch über dem Dorf, von Zypressen umgeben,
-der kleine Friedhof, immer wieder Ölbäume und Feigen, deren Blätter so
-würzig duften bei Nacht. Alles schien mir ewig vertraut und bekannt, und
-alles, dacht ich, wird nie mehr sein. Vielleicht, fiel mir ein, bekomme
-ich ein neues Leben. Wir fuhren die lange Straße zum Fort hinauf, steil
-und steiler, und ich sah, mich zurückwendend, den See schon tief unter
-mir liegen, er leuchtete im Mondlicht, und fern im Himmel standen die
-wunderbar großen, fremden Sterne des Südens friedvoll über der
-schlafenden Landschaft. Die Pferde hörte ich leise schnauben, sie
-trabten langsam im weißen Sand der höher ansteigenden Straße, da war der
-starke Stall- und Ledergeruch auf einmal so beruhigend wirklich und
-alltäglich da, und minutenlang war es nur eine Fahrt, auf einer
-Landstraße, im bekannten Gelände, in Sicherheit. Beim Fort trat der
-Posten heran, las im Schein der Wagenlaterne den Passierschein des
-Kutschers, grüßte und trat in den Schatten zurück. Da dacht ich, nun
-müßte ich aus dem Wagen springen und zurücklaufen, alles noch einmal nah
-haben am Herzen, aber ich hing doch ganz still mit dem Blick an dem
-einzig geliebten Bild von See und Ferne im Rahmen des Torbogens, stehend
-im Wagen, und so entschwand es, -- die Pferde zogen an, der Weg senkte
-sich, plötzlich fuhren wir durch Nago, und der See war verschwunden. Da,
-da! der kleine Weg, wie oft gegangen in der glücklichen Zeit, zur Ruine
-hinauf, man mußte über wilde Rosenhecken klettern, -- oh mein Vater,
-mein Vater! Ich sah und ich sah, wie brannten mir die Augen, ich wußte
-brennend und wild, es würde mir etwas begegnen; die Landstraße, weithin
-sichtbar bergabwärts führend in vielen Windungen, leuchtete weiß im
-starken Licht. Wieder ein Soldat mit aufgepflanztem Bajonett, dunkle
-Häuser, ein einsamer Mann mit Stock und Felleisen kam uns entgegen, und
-mir raste das Herz, ich wagte nicht, nach seinem Gesicht zu sehn, ich
-dachte: Das ist er! das ist Vater! Nun steht er, nun spricht er dich an!
-Ich sah und ich sah. Loppio, die schöne Kirche mit den weißen Säulen,
-der kleine See dahinter lag tief im Bergschatten, es war so kühl! Nun
-lag ich erschöpft und überwach im Wagen, hellhörig für jedes kleinste
-Geräusch und im Fieber. Warum wollte es denn gar nicht Tag werden? Der
-Mond stand immer noch hoch am Himmel, ich konnte meine Uhr ablesen, ich
-vergaß die Zeit im Augenblick wieder. Jetzt öffnete sich das Tal, und
-mit einemmal blitzten Lichter auf, rote, grüne, von fern schrie ein
-gellender Pfiff in die Stille hinaus, da war auch schon die
-Eisenbahnbrücke von Mori, da waren Menschen, der Wagen hielt vor dem
-Bahnhof.
-
-Ich aber schrie fast, bebend und schlotternd beim Aussteigen: Nach Haus!
-nach Haus!
-
-Und was dort? -- Und was dort?
-
- Zu Haus
-
-Ich lief, nein, ich flog meine Treppe hinauf, auf mein Zimmer zu. Nun
-mußte es ja kommen, nun mußte er da sein, der Brief, oh endlich der
-Brief, in dem alles stehen würde; daß es ein wahnsinniger Irrtum war,
-alles nicht wahr, ein grausiger Traum, und ich würde aufwachen, und auch
-meine Liebe war nicht umgebracht, sondern lebte und lebte, -- oder --
-kein Brief, er selber, er, im Zimmer, wartend ...
-
-Wie bracht ich die Tür nur auf? Seltsam: auf dem Schreibtisch, nicht auf
-seiner Säule, stand der weiße Kopf und sah still durch das Fenster.
-Franziska muß ihn beim Zurechtmachen des Zimmers zum Abstauben
-herabgenommen und vergessen haben. Nun stand er da wie ein abgehauener,
-ich sah ihn schon verschwommen durch Tränen und hob ihn auf und dachte,
-er steht auf dem Brief. --
-
-Nein, kein Brief. Oh, aber weinen, wieder weinen können! Fast lächeln
-läßt es sich wieder danach. Magda sagte noch gestern, stirnrunzelnd, mit
-solch einer kräftigen Düsterkeit, wie sie nun manchmal annimmt: Männer
-haben die Verachtung, wir haben immer nur Tränen. Jedem seine Waffe.
-
-Ein wenig Erleichterung doch! Ich muß wieder hoffen lernen.
-
- nachts
-
-Nein, ich kann hier nicht bleiben, ich kann nicht! Ich erfriere ja hier!
-Das Wetter wie im Februar, und das Haus ganz leer. Onkel tot, der
-Erasmus verschwunden. Verreist, heißt es. Magda sagt ja, in Helenenruh
-wäre es immer Sommer; wir wollen gleich fahren. Auch Irene läßt den Kopf
-hängen, ach gewiß, wie ich mir den Brief einbildete, hat sie sich
-vorgestellt, Klemens an der Bahn zu finden, und nun friert sie, wie ich,
-bei ihren Eltern; sie kam nach dem Essen, wir saßen zusammen und
-weinten, ach, du lieber Gott! Ich nehme sie mit nach H.; dort kann ich
-dann überlegen, ob es gut sein wird, Klemens zu sagen, daß sie auf ihn
-wartet.
-
-Irene, ach, wer noch warten könnte wie du!
-
-
- Hier enden des achten Buches neun Kapitel oder ebenso viele
- Monate.
-
-
-
-
- Neuntes Buch.
- Charfreitag
- oder
- Die Eltern
-
-
- All dies stürmt reißt und schlägt blitzt
- und brennt
- Eh für uns spät am nacht-firmament
- Sich vereint schimmernd still licht-kleinod:
- Glanz und ruhm rausch und qual traum und tod.
-
- Stefan George
-
-
- Erstes Kapitel
-
-
- Georg
-
-Unermüdlich wanderten die Gedanken.
-
-Georg, mit den Füßen ebenso unermüdlich, wanderte das kalte kleine
-Helenenruher Zimmer ab. Im Winkel neben dem Fenstervorhang strömte die
-alabasterne Schale ihr immer gedämpftes Licht aus, in einer Stetigkeit
-ohnegleichen, die Georgs Auge zu Boden schlug, wenn er ihrer gewahr
-wurde. Im ständigen Hin und Wider die kurze Strecke durch den Raum
-streiften seine Blicke unteilhaft Wände und Gegenstände des
-Kindheitszimmers, die ihm, so wenig ers inne ward, mit Alterslosigkeit
-und Unwandelbarkeit doch der letzte Halt waren, nicht aus sich
-herauszufahren, ein unseliger Wirbel, von sich selber zerrissen. Die
-Nacht war laut. Frühling und Winter schlugen die letzte Schlacht in der
-Finsternis, und unter einem Sturmwind, der selber von unheimlicher
-Lautlosigkeit war, tosten die Bäume des Parks, die ferne Stimme der See
-überbrüllend; das ganze Haus mitunter bebte und verriet knackend seine
-Fugen. Georg lief, in so rastloser Bewegung wie ein Gesteinsbohrer sich
-hineinschraubend in den Gneis seiner Ratlosigkeit.
-
-Auf dem Schreibtische vor dem Fenster lagen und standen in dem stillen
-nächtlichen Licht die Gegenstände der Kindheit, vom gegenwärtigen
-Augenblick wie von der Vergangenheit unberührt. Aber mitten in ihrem
-unangefochtenen Stillesein lag das Brennende, die schwälende Fackel, aus
-der jeder seiner Blicke im Streifen einen neuen Schluck verzweifelter
-Gluten schöpfte: lagen die wiederaufgefundenen Briefe an seinen Vater --
-eigentümlicherweise von ihm selber scheinbar in diesem Schreibtisch nur
-deshalb versteckt, damit er sie fände --, die aus den höllenhaften
-Septembertagen des Vorjahres. Georg hatte sie gelesen, sich ins Bett
-geschlagen vor Entsetzen und sich nach endlos flammenden Stunden der
-Schlaflosigkeit an die Wanderschaft durch den Raum gemacht,
-entschlossen, noch in dieser Nacht fertig zu werden mit diesem und sich.
-
-Das allerdings, was ihn zuerst aus den Briefen entsetzt hatte, der
-Irrsinn, das Wiedereintauchen in die Folter von damals, war nun längst
-schon verschwunden hinter einem mehr würgenden Elendsgefühl. Denn was
-stand da geschrieben, Zeilen, die sich eingebrannt hatten in sein Hirn,
-in sein Herz? >So müßte es mir in der Tat gelungen sein, die ganze
-Oberschicht menschlichen Daseins, die uns gemeinhin bedeckt,
-abzukratzen, die ganze moralische Haut sozusagen, jene, in der auch das
-sogenannte Gewissen steckt, das Alltagsgewissen, nach dem man so
-behaglich lebt, dieweil es mit Gründen für alles vollsteckt wie ein
-Brombeerbusch im Oktober. Möglich es ist so. Möglich, das qualvolle
-Unbehagen, das mir das jetzige Leben verursacht, kommt davon, daß ich
-die Haut verlor und nun schauderbar friere in der Nacktheit. Worauf es
-ankäme, wäre dann wohl, nicht, wie ich es unbewußt bereits vorhaben
-werde, eine neue Haut zu bilden -- die nur die alte werden könnte --,
-sondern vielmehr den Zustand der Hautlosigkeit als dauernden zu
-ertragen, mit Frieren aufzuhören, ihn lebensfähig zu machen.
-
->Wie soll mans nennen? Nur -- Mensch zu sein. Alle Strahlen des
-Lebendigseins aufzufangen -- mit keiner spiegelnden Netzhaut, die Bilder
-hervorfluten läßt und verwirrende Gestalten --, sondern sie aufzusaugen
-in den innerst glühenden Kern des Menschseins, wo sich von selber zu
-ätherischer Reine und Klarheit die ewigen Begriffe bilden, die
-zeitlosen, die unwandelbaren Formen, in denen die Gottheit sich
-darstellt.<
-
-Und schlimmer noch diese Sätze:
-
->Gnädiger Gott, der du bist! Wenn es denn möglich sein soll, wenn es aus
-alldiesem noch einen Weg geben soll für mich, so bewahre mich vor dem
-einen: ja, wahrlich, wenn ich auch mit Blut und Knochen, mit all meinen
-Sinnen und Übersinnen wieder hinein muß ins Alte, -- so sei mir gnädig
-und verhilf mir zu dem Einen: nicht der Gewohnheit wieder anheimzufallen
-mit meiner Seele! Daß ich meine eignen Gedanken sehe wie Sterne, meine
-eigenen Gefühle wie Blumen; daß ich nicht dem Ungefähren nachtappe, wie
-ich das Pferd Unkas sich selber nachtappen sah in den ewigen Stall!<
-
-Ja, gnädiger Gott, war es faßbar, war es nun nicht doch geschehn, war er
-nicht ganz wieder der alte, hatte er sein Leben geändert? -- Seine
-Gedanken jagten wie herrenlose Hunde in den letzten Monaten herum,
-suchend nach einer geringsten Veränderung gegen früher. Nichts da,
-nichts! Da war ja auch keine Zeit zum sich Ändern; da war ja nur von
-Arbeit ein Ozean, in dem er so hülflos herumpaddelte wie ein Pudel, und
--- Ich weiß was! knurrte er wild: Wenn du echt wärst, Georg, wärst, der
-du scheinst, so wärest du ruhig, verlebtest nicht Tag und Nacht in
-hundert Ängsten vor unerledigten Aufgaben, hättest ein gutes Gewissen,
-hättest auch Vertrauen zu denen, die du verständig weißt, um ihnen das
-Übermaß des Deinen zuzuschütten, anstatt daß du nun keine stinkende
-Ratte von Angelegenheit vorbeilaufen lassen kannst, ohne sie an die Nase
-zu führen. Also bist du verflucht, mein Prinz, mußt dir selber die Zeit
-wegrauben, und alldas, alldas von Anfang her, ist deine Schuld!
-
-Herr des Lebens, und sollte er nun glauben, daß jenes Fegfeuer des
-Irrsinns im vorigen Herbst keinen Sinn gehabt hatte, als einmal zu
-brennen und zu verlöschen? Ungereinigt war er herausgestiegen ins vorige
-Sein. -- Wie es da ausgedrückt war: den Zustand der Hautlosigkeit zu
-einem dauernd erträglichen auszubilden, so wars eine poetische
-Redefigur; eine Haut mußte sich wieder bilden, aber: ein Zeichen, ein
-winzigstes, mußte doch zu entdecken sein an der neuen Haut, erkennbar zu
-machen, daß sie neu war.
-
-War er ein andrer Mensch? Hatte er irgendwas gewonnen?
-
-Seine Phantasie, auf der Suche, geriet sofort an Renate.
-
-Da stand, als er nach der Ankunft in Böhne aus dem Bahnhof ins Freie
-trat, im Zwielicht das Viergespann, das Magda, ihn festlich zu
-empfangen, vom Gestüt hatte herausfahren lassen, und drin saß sie mit
-Renate, gut aussehend, heiter, noch angebräunt vom italischen Frühling,
-und Hut und Kleidung schienen gefälliger als früher. Renate unkenntlich
-vor Schleiern ... Er aber empfand Lust, zu kutschieren, und stieg auf
-den Bock.
-
-Es dämmerte schon, als die Stadt hinter ihnen zurückwich. Weit vorauf
-sichtbar die weiße gewundene Straße schien seltsam leidend; weit und
-verlassen die grünen Gefilde der Wiese, verloren im Abend; vereinsamt in
-ihrem Dunkel die kleinen Wäldchen fern unter den lastenden schweren
-Wolkenmassen des ruhlosen Himmels. Tropfen fielen und eintönig die
-Schläge der vielen trabenden Hufe, ein trappelndes Durcheinander. Und
-noch im aufatmenden Gefühl, daß er sich nicht mehr beeinflussen ließ von
-Landschaft und Witterung, wie früher, daß er sie nur um sich her sein
-ließ zum Beschauen, wandte er sich um, und da saß Renate, Schleier und
-Hut im Schoß, das Antlitz zur Seite gewandt aus dem Wagen, still, und
-Tränen liefen naß und glitzernd aus ihren Augen. Ihn streifte sie mit
-einem flüchtigen Blick, einer verlorenen Bitte, und fuhr einfach mit
-Weinen fort.
-
-Nun sah er wieder die süßen Farben des einzigen Gesichts, das glänzend
-rinnende Blau der Augen, das bräunliche Haar, die Blüte der Wangen, --
-sah es in seiner Vereinsamung mitten im immer dunkleren Kreis des
-Landes. Der Himmel verfinsterte sich mehr, das Land schwand in der
-Dunkelheit der Fernen, lauter scholl das Trotten der Hufe, steif in den
-Händen die Riemen fuhr er dies Weinen durch den Abend hin, und ihm war,
-als führe er Persephone weinend über das seufzende Land, er, Hades,
-seinem trostlosen Hause zu.
-
-Das lag dann plötzlich, erhöht über die schwarze Masse des Waldes, aus
-dem es zu wachsen schien, schwarz mit den Türmen vor dem düsteren
-Westhimmel, in dem noch geheimnisvolle Röten glühten in Streifen, wie
-von Bränden und nicht von Sonne.
-
-Beim Aussteigen nahm sie nicht nur seinen Arm, sondern stützte sich
-sogar, ihres verstauchten Fußes wegen, und er empfand körperlich ihre
-Weichheit. Daß er sie einmal führen und stützen müsse, hätte er nie
-gedacht. Beim Essen dann konnte er alles sehn: die Hoheit von einst, den
-magischen Kreis um sie her, den er immer gefürchtet hatte, und der jetzt
-durchwirkt war von Weichheit, einem hülflosen Schmelz, für ihn
-schmerzhaft verlockend und von kaum erträglicher Süße.
-
-Dann erschien Benno, verlegen und strahlend ...
-
-Wie, Benno? Das hatte er vergessen, mit Benno hatte sich etwas
-zugetragen, aber das war nachher zu bedenken, erst weiter -- Renate ...
-
-Magda sang auf seine Bitte, oben im Klaviersaal am Harmonium, zwei der
-ernsten Gesänge von Brahms.
-
-Indem fiel Georg ein, daß der Geburtstag seiner Mutter bevorstand, und
-seine Brust zog sich leise zusammen, halb in Scham, daß er jetzt erst
-ihrer gedachte, und mit einem jähen und schweren Gefühl des Vermissens
-sah -- nein, empfand er ihr leidvolles Dasein und ganz stark ihre
-vereinsamte Liebe zu ihm. Wieder brannte ihm das Herz, er dachte Emmaus,
-und er stöhnte plötzlich unter einer siedenden Woge Leides, eigenen
-Leides im letzten Jahr, die über ihn hinschlug. -- Es geht vorüber,
-murmelte er dumpf und geduldig, es geht vorüber ...
-
-Wieder erschien ihm Benno, wie er dastand hinter seinem Stuhl, die Lehne
-in Händen, und sich wand und verteidigte.
-
-Also das wars, er komponierte eine Oper. Nein, erst war das mit George,
-wie kamen sie darauf? Ja nun, wie das so geht ... Menschen, die sich
-lange nicht sahn und vieles erlebten, wovon zu reden wäre, greifen
-vielmehr nach dem Unpersönlichen. So sprachen sie von Literatur, von
-Stefan George, und was hatte er gesagt, dieser verfluchte Benno? Er
-hatte den »Gehalt« vermißt an George. -- Da vermißte einer Gehalt am
-Marmor, dessen Eigenschaft es ist, Marmor zu sein durch und durch. --
-Georg war sprachlos.
-
-Ja, richtig, Benno bewunderte ihn, George, aber er erschütterte sein
-Herz nicht. Es fehle am Menschlichen irgendwie. Gewaltig, ja, oh
-natürlich, und er gab überhaupt alles zu, wie immer, und er sei im
-Unrecht, das wisse er wohl, aber er könne sich nicht helfen, -- und
-lobte darauf Gerhart Hauptmann. Georg staunte baß und gab zu: Michael
-Kramer, Florian Geyer und vielleicht das Friedensfest, mehr um keinen
-Preis, worauf Benno eine schmächtige Hymne sang auf das Hannele, indes
-Georg begriff und ihm auf den Kopf zusagte, daß, wenn ein Mensch zu ihm
-träte und sagte, das Menschenherz ist voll Tränen und Sehnsucht, er
-schon jubelte und schrie: _Ecce poeta!_ Oh uralte Verwirrung der
-Begriffe, denn wo Welt und Schicksal und Not und Überfeuer
-zusammengepreßt seien in eine eherne Musik der Sprache, da stehe er leer
-und dunstig. -- Kein Zentrum in ihm, das ists, murrte Georg. Vor sechs
-Jahren las ich das erste Gedicht von George, verstand ihn vor Jugend
-noch kaum, und seitdem, Jahr um Jahr, wieviel, wie vieles ist abgefallen
-und verwelkt, all die Dehmels und Hauptmanns und Wedekinds, bei denen
-man damals sich freute und meinte, es genüge, wenn da etwas sei, -- aber
-er -- und noch Hölderlin --, diese Beiden gingen immer mächtiger und
-strahlender auf wie die Sterne mit der tieferen Nacht. Die sind freilich
-nicht leicht zu tragen, aber wer sich nie mit ganzer Kraft um das Leben
-mühte, wie will der das Wahre gewinnen an der Kunst?
-
-Denn Benno, der komponierte nunmehr glückselig eine Oper. Eine
-Spieloper? Keineswegs, sondern ein stolzes Musikdrama, und gar war er
-sichtlich enttäuscht, keine glückwünschende Zustimmung zu erhalten, und
-gar endlich auf einen Text, den ein Freund oder Vetter seiner Elfe,
-Schriftsteller, hergestellt hatte aus einer Erzählung von Riehl. Bei den
-Göttern, so wars, damit nur alles zusammentreffe: Musikdrama und
-Dramatisierung eines epischen Stoffes, -- alle Notwendigkeit beim
-Teufel! Georg stand wütend auf.
-
-Du, Benno, hielt er plötzlich seine Rede aufgebrachter noch einmal, hast
-du denn alles vergessen von damals? War dir alldas etwa nur wert,
-gefühlt und gesungen zu werden? Nichts als Sentimentalität? Nun sind wir
-Männer und hätten zu zeigen, was wir gewannen, und ich, Benno, ich hab
-auch Verse gemacht und mich für einen Dichter gehalten; als ich aber
-einsah, daß es nicht das Ganze war, da verzichtete ich. Hast du,
-frommer, weicher Mensch, denn nun in Wahrheit keinen Weiser in dir für
-das Echte? Daß es nicht genügt, dies und jenes zu tun, weil es sich tun
-läßt, und es nur möglichst gut zu machen, sondern daß es die Aufgabe
-ist, auch zu lassen? zu prüfen erst und dann zuzugreifen? Da haben eine
-Menge Leute Musikdramen geschrieben, die Form des Musikdramas steht dir
-als praktische Möglichkeit leibhaft vor Augen, und sofort hast du
-vergessen, was du sehr wohl weißt -- sehr wohl, Benno, nach früherer
-Aussage! --, daß du eine Schande begehst, daß du die Musik, den reinen
-Engel, erniedrigst und entstellst, indem du sie zu dem einzigen
-verwendest, wozu sie nicht da ist: auszudrücken! Etwas auszudrücken, was
-sich auch auf andre Weise ausdrücken läßt, Geräusche der Natur, oder
-durch Handlung und Wort auf der Bühne! Oder das simpel Menschliche
-auszudrücken, Leidenschaft, Klage, alldas zufällig Tatsächliche, anstatt
-das himmelhaft Zeitlose! Aber freilich, du mußt auf das Praktische
-gerichtet sein, mußt auch Geld verdienen für deine Frau, und darum
-siehst du nichts als die Verlockung des prächtigen Librettos, und daß es
-halt Musikdramen giebt, und ergo, daß die möglich sind, und fragst wie
-der Galizier: Gott über die Welt, warum soll ich nicht? -- Und daß es an
-dir ist, alle zehntausend hundsföttischen Möglichkeiten durchzusieben
-bis auf die eine, die Notwendigkeit heißt, das -- -- ah, mein Benno,
-jetzt schwant mir etwas ganz Böses! Wenn wir dazumal einer Meinung
-gewesen sind, so waren wir doch nicht eines Herzens, und zwar meintest
-du das gleiche wie ich, aber du meintest es auf andre Weise! -- Das wäre
-des Teufels.
-
-Und ich, mußte er sich jetzt wieder fragen, bin ich eigentlich anders
-gewesen? Habe ich geprüft? Nein, bei Gott nicht! Aber wie, konnte ich
-das ebenso echt empfinden -- und doch unrecht haben? Was gab mir denn
-recht?
-
-Eine Stimme in ihm sagte: Leiden. -- Erst glaubte er, sie überhören zu
-müssen, gab aber nach: das möchte wahr sein.
-
-Und dann, jählings, als habe ihn jemand geschüttelt, so daß alles eben
-Empfundne und Gesehne von ihm abfiel wie Lumpen, stand er wieder in
-voller Glut seiner Scham, sah er am herumliegenden Abfall, wohin er
-abgeirrt war, und daß er der alte war, unabänderlich unverändert der
-alte.
-
-Eine Nebelwand vor den Augen, das ist das Leben für mich, und dahinter
-ein dünnes Licht. Was für ein Licht? Das Licht bin ich selber, ich, den
-ich suche, um den ich mich bemühe, und was mich anleuchtet, ist die
-Angst, nicht zu werden, zu verlöschen im Alltage. Früher -- habe ich
-mich da schon gesucht? Auch, ja, aber dumpf nur und kaum bewußt. Ich
-strebte, wohl, ich strebte nach einem menschlich hohen und wertvollen
-Ziel, und was ich auch vornahm, was ich betrieb --, wenn ich aus der
-Trunkenheit aufwachte, so hatt ich doch Augen für die Sterne, --
-Hölderlins und Georges Form, in sie konnte mein Leben doch eingehn und
-in der Wahrheit lebendig sein, -- oh mein Gott, daß ich dies immer
-wieder vergaß! Das Schlechte erkannt ich doch immer als schlecht, wenn
-auch nachträglich nur, und ich quälte mich dran, wollt es verleugnen,
-wand mich am Ende heraus; und das Gute -- war es mir jemals ganz gut,
-war es mir -- wirklich? Hatt ich nicht immer die Qualen der
-Unwirklichkeit, die Reue, daß selber der höchste Augenblick Augenblick
-war und verlöschen mußte, und sucht ich nicht immer nach -- nach --
-Renate? Und immer wieder vergaß ich Renate und nahm jemand anders, --
-und zuletzt, da ich zugriff wie ein Taps, so entzog sie sich selber, für
-immer, und da steh ich und starr' ins Symbol Renate, hoch und nie zu
-erreichen.
-
-Dumpf damals und im Dunkel, jetzt etwas heller, in Dämmrung: wäre das
-wahrlich der ganze Unterschied? Wäre das Hoffnung, daß langsam, aber
-doch sicher, die Helle zunähme? Daß deshalb Nächte kommen wie diese, wo
-ein guter Dämon mir Öl ins Feuer der Reue gießt?
-
-Georg wanderte auf und nieder. Augenwinkel und Schläfen brannten von
-Schlafverlangen, auch peinigte ihn die Unaufhörlichkeit des Nachtsturms,
-den er immer wieder, nachdem das Tosen der Bäume fernhin versaust war,
-heranrollen, schwellen, toben, sich im Gewipfel wälzen hörte. -- Ich
-lasse dich nicht, murmelte er sinnverloren, du segnest mich denn! O
-Gott, mein Gott, diese Einsamkeit! Und wären sie Alle hier, die mich
-jemals liebten, die Lebenden und die Toten, und könnte ihrer Aller Liebe
-sich zu einem allmächtigen Leuchtfeuer vereinen --, ich würde es wie
-einen Sternfunken klein in der Nacht sehn; meine Nacht würde Nacht
-bleiben. Niemand kann helfen, niemand, niemand, nur Gott.
-
-Und in einer Verzweiflung, stehen bleibend, die Augen schließend, stieß
-er aus seinem Unglauben die Worte: Gott, Gott, Gott, wenn du bist, gieb
-mir ein Zeichen, gieb! Laß diesen Sturm sich legen, wenn du bist, und
-ich weiß, daß ich auch einmal Ruhe finde!
-
-Danach lauschte er lange Sekunden. Der Sturm wurde schwächer, entfernte
-sich, es grollte von weitem gedämpft, wurde stiller, still. Und dann
-machte es sich wieder auf und rollte heran, Woge um Woge.
-
-Georg ließ die Arme fallen. Einen Augenblick später saß er plötzlich und
-schrieb.
-
-Mein Leiden, schrieb er, war und ist noch immer eine Art
-Cäsarenwahnsinn, nicht der Tat, sondern des Verstandes. So wie jene
-Kaiser, geboren zu einer Zeit, wo das Leben des Untertans weniger wert
-war, und erzogen zu dem Herrscherempfinden unumschränkter Gewalt über
-Leben und Tod, sich über Vorstellung und Leidenschaft hinaus zügellos
-hinreißen ließen zu den Ausführungen schrecklicher Art, Massenmord,
-Muttermord, Brandstiftung, was es auch war: so wirkte in mir ein an sich
-zügellos beschaffenes, durch unbewußte Betätigung ins Unermeßliche und
-Schamlose gesteigertes Denkvermögen. Mit ziemlich offenen Sinnen
-versehen, war mir Beobachtung, Ergreifung sowohl aller sinnlichen
-Vorgänge um mich her, wie der in Büchern erreichbaren geistiger,
-seelischer, humaner, gesellschaftlicher, natürlicher, künstlerischer
-Art, immer Vergnügen und leichte Gewohnheit. Die Fertigkeit, Bezüge
-herzustellen, von einem aufs andre, von zweien aufs dritte zu schließen,
-ein ähnliches Drittes als erhärtet und verbürgt anzusehn durch Erstes
-und Zweites, diese Fertigkeit ist nicht nur mir, ist jedem Menschen von
-Natur eigen, und ich übte sie nach Gefallen. Und das Wichtigste: eine
-unbegrenzte Ichsucht, schaurig durch Unbewußtheit vertieft, die jeden
-begegnenden Vorgang, jede Erscheinung des Lebens und noch mehr: in der
-Lektüre jede Meinung, jedes Urteil innerhalb des ganzen Bereiches des
-menschlichen Wesens nur in der einen Beziehung auf das eigene Ich, die
-Wahrscheinlichkeit des selber so handeln, denken, empfinden Könnens oder
-Wollens oder Mögens aufnahm. Alldies -- und gewiß noch andres in Menge
-mehr -- züchtete diese geistige oder nervische Leidenschaft des alles
-Denkenkönnens; des alles für -- nicht nur wahrscheinlich, möglich,
-plausibel, sondern für wahr Haltens, nicht weil es wahr, sondern weil es
-so denkbar erschien. In keinem Stoffgebiet, keiner Kunst oder
-Wissenschaft wirklich zu Hause, keiner menschlichen Weisheit, keiner
-Wesenheit wirklich auf den Grund gekommen, erregte mich vielmehr gerade
-die Leichtheit des -- scheinbar -- alles fassen, umfassen, durchschauen
-und verbinden Könnens. Es ist ein gealtertes Wort, daß jeder Mensch nur
-sich herausliest aus dem Buch, das er liest; er ist sich selber der Held
-eines jeden Romans, und sei der ein Herkules oder Cäsar Borgia.
-
-Mildernde Umstände machen die Tat ebensowenig ungeschehn, wie sie die
-Schuld aufheben können; mildernde Umstände enthalten recht eigentlich
-die Erklärung, die Anlässe der Verbrechen, machen sie verständlich,
-erkennbar. So habe ich etwa die mildernden Umstände für mich, daß ich am
-Leben bin zu einer Zeit, die ebensolche hervorbringt wie mich; Menschen,
-die zu einer Zeit ihres Lebens, beim Übergang von der Jugend zum
-Mannesalter sich im Besitz eines leicht und handlich arbeitenden
-Verstandes, offener Sinne, leidlich geschulter Logik und der oder jener
-Begabung oder Kunstfertigkeit sehen, >hochbegabt<, wie man sie nennt,
->talentiert<, ohne dabei von einer seelischen Festigkeit, einem innern
-Ausgerichtet- oder im Gleichgewichtsein, mit einem Wort: von Charakter
-zu sein, in dessen Händen allein jene Begabungen wahrhaft
-leistungsfähig, notwendig und gerecht wären. Tausend Dinge ohne
-innerstes Müssen zu tun, weil sie sich tun lassen, das ist der Fehler.
-Fertigkeiten zu haben, die das Maß der innern Bedürftigkeit übersteigen,
-wie das Angebot die Nachfrage auf dem Markt. Mit den Augen größer zu
-sein als mit dem Magen. Kein Ernst, immer Spiel. Übung der
-Geschicklichkeiten zu keinem nützlichen Zweck, sondern um der
-Geschicklichkeit willen. Grammatik Treiben am Homer. Immer jenseits der
-Grenze des Notwendigen im Elysium alles Möglichen. Keinerlei
-Beschränkung im Geistigen, Zügellosigkeit, Cäsarenwahnsinn des
-Verstandes.
-
-Und noch möchte alles das hingehn, blieb es auf sich, auf mich selber
-beschränkt. Gäbe es nicht Menschen, die bei solcher Beschaffenheit das
-beschaulichste Leben führen? Und zwar dies, teils weil das Leben sie auf
-einen Platz stellte, wo kein Handeln, also kein Mitgefühl, kein Denken
-und Sorgen für Andre von ihnen verlangt wird; teils weil sie niemals
-darauf verfallen sind, sich selbst zu erkennen. Ich aber war unzählige
-Male zu einer Zeit, wo ich nicht daran dachte, daß ich es sei:
-hineingestellt mitten in das menschliche Labyrinth des Wollens,
-Tunsollens, Unterlassens und der Schuld; bin es heute wie je mit dem
-einen Unterschied, daß ich nun weiß. Hinderte mich aber am Rechten
-damals die riesige Wucherung meiner Sinne, meines Verstandes, die mir
-alles zeigte wie ein Glück, es wahrnehmen und denken zu können, aber
-nicht rechtzeitig hineinzugreifen und auszuführen: so hemmt mich nun, da
-ich Erfahrung gewonnen habe, eben sie. Nun bin ich so belastet mit
-Wissen, wie wenn eine Schnecke ein Haus hätte, das zu schleppen ihre
-Kraft nicht ausreichte, so daß sie zwar drin hausen kann, aber es nicht
-hinbringen, wo Nahrung ist. Wußte ich früher nichts und war geblendet
-durch die Last, Wissen -- oder was ich dafür ansah -- zu erwerben -- und
-was schien mir nicht erwerbenswert? --, so bin ich nun blind ...
-
-Voll Unmut und Widerwillen schon während der letzten Sätze gegen das
-Hinschreiben, legte Georg die Feder hin und das Gesicht in die Hände. In
-diesem Augenblick ging durch die schwere Beklemmung, die ihn erfüllte,
-ein sanftes Licht. Dem gab er nach, erweicht, und dachte so in schwerer
-Nachgiebigkeit:
-
-Es ist nicht möglich, Georg, daß es nur dies ist. Es ist nicht möglich
--- denn es wäre nicht menschlich! --, daß irgend jemand so wie du sich
-im tiefsten belastet fühlen, im tiefsten unglücklich sein könnte durch
-die reine Erkenntnis seines Soseins, das Wissen um -- psychologische
-Vorgänge. Alldies ist das Allgemeine; was aber ist das Persönliche, in
-dem es sich bei dir darstellt? Was ist das Wesen?
-
-Gieb es zu, Georg, gieb es zu!
-
-Es ist die Lüge. Es ist ganz einfach. Wäre es jenes allein, so würde ich
-wie jeder Andre auch drüber hinwegkommen. Würde es bestehen lassen,
-würde suchen, es zu verarbeiten, würde aber weitergehn, würde mich
-nicht, o mein Gott, bei jedem Atemzug so gehindert fühlen am Leben. Gieb
-zu, daß es die Lüge ist! Daß du scheinst, was du nicht bist. Daß du
-nicht, so eitel gern du es möchtest, beschlossen bist in dir, unabhängig
-von den Andern und ihrem Meinen. Denn du stehst an einer offenbaren
-Stelle, du weißt dich in jedem Augenblick von einer Menge gesehn,
-bedacht, beurteilt, und was in dir Seelenstoff ist, das steht mit allem
-Seelenstoff um dich her in Beziehung, und du empfindest auch, was dein
-Verstand leugnen möchte. Du stehst an sichtbarer Stelle und lügst.
-Versetze dich in die Andern, betrachte dich selber von außen! Stelle dir
-eine Bronze vor und dich in dem Augenblick, wo du entdeckst, sie ist
-Gips und bemalt. Rede dich nicht heraus mit allfälliger höherer
-Einsicht, die hinterdrein kommen könnte. Den ersten Augenblick nimm:
-Gips und nicht Bronze! So! Weißt du nun, was du empfandest? Kannst du
-die erste Enttäuschung verwinden? Nützt es, dir einzureden, daß im
-besondern Fall Gips zweckdienlicher sein kann als das Edelmetall?
-
-Ich hab keine Kraft mehr! stöhnte Georg und stand auf. Ich kanns nicht
-mehr erwehren. Ich sehe alles ein. Aber dem wollt ich mein Herz geben,
-der mir die Kraft gäbe, es zu ändern.
-
-Da, mitten in seine Aufgelöstheit, in Unkraft hinein blühte das Antlitz
-Jason al Manachs, kaum lächelnd, weiß wie eine Narzisse, und Georg
-flüsterte staunend: Du Lieber! Sieh, auch du hast mir nicht helfen
-können! Aber du, o dies ist wohl dein Zauber! du liebst uns, du liebst
-Alle und alles, liebst, was du ansiehst, und liebst, mit wem du
-sprichst, mit unwiderstehlicher Liebe, die durchdringt und so süß und
-milde das Leben macht, solange du bei uns bist ...
-
-In diesem Augenblick kreuzten sich zwei verschiedene Wahrnehmungen in
-Georg: die eine, daß er Jason so angeredet hatte, als wäre er Jesus; und
-die andre, daß der Sturm sich gelegt hatte, ja, daß er vor langer Zeit
-schon verstummt war.
-
-Nicht ein einziger Laut war in der Nacht. Georg stand müde, erschlafft,
-dachte kummervoll seiner Anrufung des göttlichen Wesens, -- hatte Gott
-doch ein Zeichen gegeben? Der Sturm schwieg. Hatte er wieder einmal
-nicht warten können und bemerkte das Zeichen erst, als es schon welk
-geworden war, -- nein, er selber welk, es zu fühlen?
-
-Er stützte die Hände vor sich auf die Lehne des Stuhls und suchte nach
-dem Gefühl, das er hatte, als er zu Gott schrie.
-
-Was sich einstellte, war nun die Frage, was für eine Nacht dieses sei;
-und gleich die erschreckende Antwort dahinter: die Nacht vom
-Gründonnerstag zum Charfreitag.
-
-Sein Herz fing an zu klopfen. In dieser Nacht ... In dieser Stunde
-vielleicht, in dieser Nacht kniete einer am Ölberg, schrie zu Gott, und
-Alle schliefen, für die er schrie.
-
-Und nun -- er wußte nicht, wovon an die Erde hinunter gezwungen, ob von
-einem überwältigenden Schamgefühl über die Ähnlichkeit, ob von einer
-äußersten Sehnsucht, zu liegen, zu knien, widerstrebend voll
-Verzweiflung ließ er sich an dem Stuhl hinunter, kniete, ließ den Stuhl
-fahren, fiel langsam vornüber, und in dem Augenblick, wo er von Scham
-übergossen aufspringen wollte, lag er und küßte den Fußboden.
-
-Eine Sekunde später hatte er mit den Kleidern alles von sich
-geschleudert, lag im Bett und stürzte sich wie einen Stein in den
-Schlaf.
-
-
- Renate
-
->Der Tod Christi<, so las Renate in ihrem Zimmer, >bezeichnet uns das
-Größte -- nicht in seinem Wesen, aber in seinem irdischen Leben. Niemand
-ist eines so vollkommenen Todes gestorben. Darum sollst du die Tage
-seines Sterbens als die heiligsten halten im Jahr, und sie sollen ganz
-allein dem Heiland gewidmet sein.
-
->Zu dieser Versenkung deiner Seele bedarf es einer Überwindung zuvor.
-Denn es fällt der Seele nichts schwerer, als aus der Gewohnheit ihres
-Treibens von selber den Übergang in ein größeres Dasein zu finden, und
-zumal der Geist bedarf des besonderen Antriebs. Darum sollst du zwischen
-Alltag und Feiertag die Mauer einer Überwindung aufrichten und am Mittag
-des Gründonnerstags ein vollkommenes Fasten beginnen, das bis zum
-Samstag in der Frühe währt. Erst wenn es dir vermittels dieses Fastens
-gelungen sein wird, dein leibliches Dasein zu verleugnen, kann das
-seelische in dir geboren werden, das nur Liebe ist, und du --<
-
-Renate legte das Buch hin; ihre Augen flimmerten und versagten, noch
-eine Weile zuckten die Lettern der väterlichen Handschrift vor ihren
-Augen und zerflatterten im Lampenlicht; dann waren die Wimpern gefallen,
-sie saß im Dunkel.
-
-Das erstemal in ihrem Leben fühlte sie die alte Charfreitagsübung
-versagen. Der Hunger, der sie aus dem Schlaf geweckt hatte, peinigte,
-ohne daß sie etwas andres empfinden konnte als ihn, es sei denn ihr
-Frieren. Schaudernd vor Kälte, öffnete sie die Augen wieder, kniff sie,
-geblendet vom Licht, wieder zu, stand auf, ging und löschte die grell
-brennende Lampe.
-
-Nun fiel durch die halboffene Tür zum Schlafzimmer der Schein der
-verschleierten Lampe auf dem Nachttisch, und die Hälfte des Zimmers, in
-dem sie wanderte, lag im Schatten der Tür. Doch immer wieder, in die
-Nähe der Türöffnung gekommen, mußte sie anhalten und nach nebenan spähn,
-in den schmalen Raum, wo nichts war als die kleine gelbe Schleierlampe
-auf der Platte des Nachtkastens neben dem leise glänzenden Armband mit
-der Uhr, und vorne das Fußende des Bettes. Ihr war dann, als läge jemand
-krank in dem Bett, ihr unsichtbar -- Jason vielleicht, der vor Jahren
-dort gelegen, oder ihre eigene Seele, und was hier von ihr rastlos
-umging in der Nachtstille, war nur ein kranker Traum der sehr kranken.
-Lange versunken in den Anblick, zog sie dann den Schal fester um
-Schultern und Arme, machte den Blick -- so schwierig, fast wie die an
-Gedörn verhakten Zipfel eines Kleides oder Schleiers -- los von dem
-Licht und ging auf die Fenster zu, die kaum sichtbar waren im Finstern.
-
-Im Gehen fing ihr rechter Fuß mit der noch aus Italien heimgebrachten
-Sehnenentzündung sofort Feuer, obwohl sie ihn immer mit ganzer Sohle
-aufsetzte und nur leicht -- weniger ein Schmerz als eine Behinderung
-mehr zu den andern. Ah, wozu ein Glied schonen, wenn das ganze Wesen
-sich hülflos verzehrte!
-
-Und zum hundertsten Male, seit sie dies Fasten begonnen hatte, versuchte
-sie sich aufzurütteln mit dem Gedanken an ihren Vater. Was sie aber
-denken konnte, war nur, daß sie, solange er lebte, solange sie mit ihm
-Charfreitage beging, niemals auch nur einen Hauch von Hunger verspürt
-hatte, so vollkommen gesättigt, wie sie war, von dem unversieglichen, an
-diesem Tage süßer und herrlicher als alle Tage strömenden Quell seiner
-Liebe und Weisheit. Und noch die nächsten Charfreitage waren ernst und
-schön im Geleit seiner niemals gestorbenen Augen, seiner niemals
-versiegten Liebe. Heute zum ersten Mal war sie allein wie ein Tier und
-litt Hunger.
-
-Sie fror unablässig. Zuweilen hauchte sie in die Luft, um ihren Atem zu
-sehn und sich zu beweisen, daß die Nacht wirklich so kalt war, doch
-zeigte sich kaum ein dünnes Gebilde von Dunst. Nein, diese immer
-erneuten Wellen von Schauder kamen von innen! Sie ächzte fast weinend.
-Ich kann nicht mehr! Ich kann nicht mehr frieren! Senkte den Kopf und
-ging weiter.
-
-Die Stille nach dem vertosten Sturm blieb unverbrüchlich. Zuweilen
-knackte eine Diele unter ihrem Tritt; im Nebenzimmer, unermüdlicher als
-sie selber, doch gleichmäßiger, wurde bei jedem Näherkommen das feine
-Ticken der Uhr hörbar. Ein Fenster stand jetzt offen, nachdem sie es
-zehnmal geschlossen und wieder geöffnet hatte, schwankend zwischen dem
-Schauder vermeintlicher Kälte von draußen und dem Gefühl, ersticken zu
-müssen. Draußen knisterte es dann und wann. Über der See stand ein
-Frühlingsgewitter, und in Pausen regte sich dort ein dünnes Lichtzucken,
-lautlos. Oder vielleicht wars ein Blinkfeuer.
-
-Ach, sie hätte auf einem Schiff sein mögen in dieser Nacht, keinem
-großen, einem kleinen, festen Ding, das mit dem unermüdlich schlagenden
-Herzen sich durch die schwere See hinarbeitete, ein geduldiges
-Tierwesen, folgsam und standhaftig. Zu fühlen sein leises eifriges
-Ächzen, das Knacken und Dehnen seiner Glieder, und daß die schwere
-Arbeit ihm doch eine Lust war, und immer wieder ein Behagen, den Kopf
-aus der zusammengestürzten Woge zu heben, triefend, augenlos in das
-Finstre und doch mit einer Art Lächeln ...
-
-Renate erholte sich an solchen Vorstellungen minutenlang. Sie waren wie
-Streichholzflammen, an denen sie die gewölbten Handflächen wärmte,
-heftiger fröstelnd, wenn sie erloschen. Wieder und wieder durchsuchte
-sie ihr Leben nach ähnlich wärmlichen Bildern, -- ach deren gab es zu
-Hunderten, allein ihre Wärme war kraftlos, drang nicht her bis zu ihr,
-oder ein Keim Eises war drin, der, aufgehend in magischer Schnelle,
-einen Schauer von Schnee über sie wölkte. Die Stunden mit Saint-Georges
--- jede voll Ausdauer und Frieden und Versöhnlichkeit -- und in jeder
-der Keim des Unheils, des Todes, der Unseligkeit. Die Stunden der
-Friedliebenden Gesellschaft, ach alle zerstäubt und verblasen. Aus
-Magda, aus Sigurd und Esther, aus Ulrika, aus Irene -- was war aus ihnen
-geworden? Gräber, -- und wenn sie in geträumter Lebendigkeit vor Renate
-erschienen, so hatten sie eine Geducktheit an sich, als schleppten sie
-unsichtbar ihre eigenen Leichname. Hatte der Tod nicht gewütet um sie
-her? Und waren sie es am Ende, all diese Toten, die um sie her die Luft
-töteten mit ihrer Starre, und war darum kein Hauch mehr von Wärme zu
-finden? Aber Magda lebte, die liebste, und von ihr entströmte doch immer
-eine unendliche Glut ebenmäßiger Fülle.
-
-Die Müdigkeit zitterte schon in ihr, aber sie wußte, daß sie sich nur
-hinzulegen brauchte, um wacher und unseliger zu sein als zuvor. Also
-schleppte sie weiter ihren Fuß, als wäre ein Gefäß voll Gluten daran
-gebunden, das sie mit Vorsicht bewegen mußte, nichts zu verschütten. Die
-Gedanken gingen ihr aus.
-
-Wieder das Fenster schließend, bildete sie sich ein, sofort die
-Zimmerwärme zu spüren, und stand so eine Weile, die Hände leis reibend,
-vor dem dunklen Glas und dem eigenen, eben erkennbaren Widerschein
-darin, bis aus der Bewußtlosigkeit eine Stimme sie zu sich rief, die
-hinter ihr melodisch laut ward mit den Worten:
-
-»Es kommt alles nur von der Wärme und der Kälte ...«
-
-Nur wenig erschreckend, wandte sie sich um und merkte, daß sie in ihrem
-Zimmer daheim war; daß die Lampe auf dem Schreibtisch brannte -- und
-jetzt, daß in der Türöffnung zum Schlafzimmer eine nicht eben große
-Gestalt in einem rosenfarbenen Kleide stand: Ech-en-Aton, der König.
-
-Er sah ruhig umher. Sein kleines Antlitz war weiß wie Apfelblüte mit
-rosigen Hauchen; fast unsichtbar das helle Blond des Haars, die Augen
-von fast nächtiger Bläue. Der Kleidrock von glanzloser Rosenfarbe stand
-in jener rhomboiden Form, die Renate von den alten Bildern her kannte,
-unten, zwei Hände breit über den nackten geschlossenen Füßen ab, und ein
-kurzer Kragen von gleicher Farbe bedeckte Schultern, die Brust und die
-Arme. Plötzlich erschrak sie doch, da er sie ansah, sie durchdringend
-mit dem Blick, der nicht von ihrer Welt war. Aber er lächelte, und schon
-machte es sie glücklich, ihn, diesen Göttlichen, so menschenhaft zu
-sehen und das Königliche, zur Schau getragen weder in Haltung und Miene,
-nur in so unbeschreiblicher Weise vorhanden an ihm wie die Unschuld im
-Auge eines Kindes. Und wieder doch verging sie fast, als jetzt unter dem
-Mantelkragen ein lebendiger Arm zum Vorschein kam, eine zarte, längliche
-Hand sich erhob und in die weißen Falten des Vorhangs über seinem Haupte
-hineingriff. Ach, sie hätte der Samt sein mögen, jetzt!
-
-Er sagte, langsam sprechend, mit tiefer Milde:
-
-Ȁngstige dich doch nicht, Schwester! Sorge dich doch nicht um dein
-Leben, Schwester! Liebe Seele, habe Geduld! Süße Vollkommenheit, du
-darfst mir nicht zerblättern! Sei ruhig! Sei weise! Da bin ich ja! Ich
-will dich trösten! Wir wollen zusammen sein und etwas sprechen ...«
-
-Renate hatte sich so weit gewonnen, daß sie etwas sagen konnte von ihrer
-Beglücktheit und Überraschung, was er freundlich anhörte, ohne zu
-erwidern. »Setz dich nur!« sagte er dann, »ich stehe lieber; ich stehe
-gern.«
-
-Sie nahm einen Stuhl am Tisch. Seine zarte, farbige Gestalt war dem
-lichten Raume umher schon so natürlich geworden, als hätte dessen vorher
-unsichtbares Wesen nur diese Gestalt angenommen. Renate bebte fast im
-Verlangen, nur die Mildigkeit seiner Stimme wieder zu hören, die sich
-ihr einflößte wie ein himmlischer Trank, wärmend, bezaubernd und doch
-nicht berauschend. Da sprach er auch schon.
-
-»Sprechen wir vielleicht von diesen Dingen, der Wärme und der Kälte, die
-dich so bewegen. An ihnen läßt sich ja alles erklären, und um zu
-erklären, bin ich gekommen. Man muß wohl die Geduld verlieren unter den
-Menschen, wenn man nicht wie ich in die Unveränderlichkeit eingegangen
-ist. Da nahm ich unter den stillen Geschwistern deiner seit langem wahr,
-und da du nun meiner so sehr bedarfst -- sieh, da bin ich!«
-
-Renate fiel ein in sein Lächeln und löste sich darin -- ihr deuchte mit
-einem Harfenton.
-
-»Erinnern wir uns einmal daran,« begann er still, »was du gelernt hast.
-Licht und Finsternis hast du gelernt, die Urzustände.
-
-»Licht und Finsternis. Aber du wirst gleich begreifen, daß dies falsch
-sein muß, wenn du nur bedenkst, daß Nacht eine örtliche Erscheinung ist.
-Überall ist die Sonne. Nur dich verläßt sie zuzeiten.
-
-»Die Schlaflose -- immer irgendwo ist die Sonne, die alleine der
-Anbetung würdig ist.
-
-»Bedenke nun Wärme und Kälte. Es ist Winter, nicht wahr? Es stürmt bei
-dir in dem Norden, es schneit, die Sonne blickt vor, aber es ist doch
-nicht warm. Sommers aber, der Himmel ist bewölkt, Regen fällt, die Sonne
-ist nirgend, und dir ist doch warm genug, unter leichter Decke zu
-schlafen.
-
-»Oder das Wasser. Es ist Juli, die Fläche des Weihers glüht, -- du aber,
-Kühlung bedürftig, tauchst die Hände hinein, und sieh, du erfährst eitel
-Kaltes unter der Glanzhaut der Glut.
-
-»Also sieh an, du kannst dir Kälte und Wärme bereiten, wann du willst,
-Nacht und Tag aber kannst du dir nicht bereiten, ob du tausend Lampen
-entzündest oder die stärksten Mauern errichtest, denn immer wo sie sein
-will ist die Sonne.
-
-»Wärme und Kälte dagegen können überall sein zugleich, an tausend
-Stellen unter der Sonne, und was heißt das? Es heißt, daß die ganze Erde
-ein Gemisch ist von Warm und Kalt. Kannst du dir vorstellen, es gäbe ein
-ähnliches Gemisch von Dunkel und Licht? Licht mit schwarzen Stellen oder
-umgekehrt? Gewiß nicht.«
-
-Er schwieg eine Weile und schien zu bedenken, wie er fortfahren solle.
-In Renate war jedes seiner Worte eingegangen wie eine Flocke reiner
-Süßigkeit; sie war schon erfüllt davon, wußte sich aber unendlich an
-Raum und Verlangen nach mehr. Wenn der Saum seines Rockes bebte, bebte
-sie mit, -- so war ihr ganzes Wesen an das seine geschlossen.
-
-Der König fuhr fort:
-
-»Vom Leibe sprachen wir bisher und den leiblichen Wahrnehmungen, aber
-uns beschäftigt die Seele. Daß auch sie ein solches Gemisch ist, wie wir
-erkannten, das weißt du; ein Gemisch zweier Richtungen, zweier Triebe,
-die du gut und böse zu nennen gewohnt bist nach ihrer Wirkung. Da nun
-auch hier im Gebiet der Seele, einer andern Erde, nicht Nacht herrschen
-kann mit Flecken des Lichts, wie wir sahen, so muß es wohl auch das
-Kalte sein und das Warme.
-
-»Und willst du noch einen Beweis? Erinnere dich, wo warst du, bevor du
-geboren wurdest?«
-
-»In der Mutter«, sagte Renate.
-
-»Und wie war es allda?«
-
-»Warm.«
-
-»Wie also mußt du das Dasein dahier empfunden haben, als du zu ihm
-eingingst?«
-
-»Als kalt.«
-
-»Und diese Kälte an den Gliedern wie?«
-
-»Schmerzlich.«
-
-»Denn du schriest. Und was ward seitdem die Folge? Ich will es dir
-sagen: Die Folge ward ein unbegrenztes Verlangen nach Wärme, jener
-Wärme, aus der du kamst.
-
-»Ja, meine Schwester, dieses ist Lust: Wärme. Und Kälte ist alle Pein.
-Und alles was entstand, ist aus diesem Gegensatz entstanden, aus dem
-Mangel an Wärme. Alle Wissenschaft, alle Weisheit und Bildung und die
-erlauchten Geheimnisse der Kunst.
-
-»Woher aber die Seele? Wo ihr Keim, wo ihr Beginn? Dein Ahne im Norden
-hat wohl nicht viel von ihr gewußt, da er aus Schlachten und Jagden zu
-den ewigen Schlacht- und Jagdgründen einging. Aber südwärts der wärmere
-Grieche, was glaubte der? An den Hades, an sinnlose Schatten, die wesend
-nicht lebten, weshalb? Hatten sie nicht Schein von Gliedern und Sinnen,
-und hörtest du nicht, daß sie blickten und sprachen, daß sie wieder
-liebten und haßten, wenn sie -- etwas bekamen? Was? -- Blut -- das warme
-Blut. Kalt war es im Hades, eingefroren waren ihre Sinne, taub,
-abgefroren mit dem Augenblick des Sterbens und mit der Seelengeburt.
-Siehe aber, das wußte der Grieche, daß sie leben kann, die Seele, wenn
-nur Wärme vorhanden ist. Er wußte von der Seele, denn er wußte von der
-Wärme, von dem Glück seines Blutes, von dem Frühling, von Persephone und
-Demeter, von -- Dionys. Kalt, so nannten sie den Hades, und warm war
-ihnen das heitere Land, aus dem ihnen, vom Tyrsos geschlagen, tausend
-und tausend feurige Quellen sprangen im Wein. Die Andern waren noch
-nichts -- Dionysos war der seelische Gott, Schöpfer der Seelen, da er im
-Kalten die Wärme gab, Feuer der Seele, gewaltige Lust, Trunkenheit, sich
-den wärmlichen Göttern ähnlich zu fühlen.
-
-»Mein Volk wußte viel, aber dumpf. Sie ahnten die Seele, aber das Leben
-hatten sie noch nicht. Ihnen war wohl ein wenig zu heiß in der ewigen
-Sonne, und also suchten sie die Dunkelheit auf und die Kühle und liebten
-den ewigen Stein. Wie aber heißt das Wort vom Leben?«
-
-Renate sagte: »Wer an mich glaubt, der wird leben, ob er gleich stürbe.«
-
-Der König leuchtete seltsam auf, und höher erscheinend, auch die andre
-Hand hebend, sagte er wie einen Gesang:
-
-»Jesus von Nazareth, der Christus. Er kam und sagte: Hier ist mein Blut!
-Hier wohnt deine Seele. Du sollst warm sein, sprach er, dann fühlst du,
-daß eine Seele in dir ist, und du hast den Himmel auf Erden. Und: Seid
-wie die Kinder, sagte er, -- und nun -- was giebt es Wärmeres als ein
-Kind?«
-
-Es rieselte in Renate. Der König lächelte tiefer, bis das Lächeln im
-Sinnen verging, er die Lider senkte und leiser fortfuhr:
-
-»Wenn ich auf meinen Terrassen stand, im Antlitz die brennende Wüste, im
-Antlitz das große Goldbrodeln der Höhe ... Wenn alles erwarmte in mir,
-in mir erglühte der süße, der flutende Baum aus Purpur, tausendästig --
-dann wußte mein ganzes Wesen vom Scheitel bis zu den Füßen: Es ist das
-Blut!
-
-»Sie verstanden mich kaum, -- sie gehorchten nur --, wann hätten sie
-jemals verstanden? Sie zerstörten meine Stadt, sie zerstörten meine
-Bilder, aber sieh dort!« Seine Augen winkten zu seinem Bildnis hinüber.
-»Sie konnten mich nicht zerstören, und ich bin ewig.
-
-»Ach, auch Ihn, den ganz Warmen, verstanden sie nicht! Nehmet und esset,
-sagte er, und sie glaubten, sie müßten nun Menschenfresser werden und
-seinen Leib vertilgen wie den des Viehs. Wein gab er und setzte ihn
-gleich dem heiligen Blut, und sie verstanden nichts, sondern begannen
-einander totzuschlagen um der Frage willen, ob sie trinken dürften oder
-nicht.
-
-»Sie sagten: Gut und Böse und Vergebung der Sünden. Ich sage: Kalt und
-Warm.
-
-»Und wer ist gut? Der warm ist, der warm hat und jedem die Wärme gönnt,
-und für jeden die Wärme will. Für sich Wärme wollen und die eines Andern
-nehmen, -- meinst du nun, das wäre das Böse? Ach, das ist das
-Menschliche nur, der alte Trieb, die Gier nach der Wärme und nur
-Übertreibung. Dies ist nur schädlich. Alles was schädlich ist, kommt aus
-dieser Übertreibung. Nimm einem die Wärme, so schadest du ihm -- und wem
-noch? Dir. Denn woher kann Wärme allein kommen? Aus dir. Siehe noch
-einen Beweis, daß nicht Dunkel und Licht, daß Kälte und Wärme die alten
-sind und die einzigen. Denn kannst du Dunkel empfinden am hellen Tag?
-Nein, aber hast du noch nie gefroren in der Mittagsglut? Wann ist das
-gewesen? Wenn du dich schuldig fühltest. Was kommt aus dem Dunkel? Das
-Traurige, die Verlassenheit, der Gram. Das ist nichts Böses. Das ist nur
-eine Art Leiden, nur eine. Wenn du Schlechtes getan, wenn du Schaden
-angerichtet hast, dann fröstelt es dich, nicht wahr? Glaubst du, dich
-fröstelt aus Bosheit? Nein, in dir friert die dem Andern geraubte Wärme,
-und dich friert, weil du dir genommen hast, was du als Pein empfinden
-würdest, wenn man es dir nähme. Du hast nur übertrieben, hast nur Wärme
-genommen oder gedacht, sie zu bekommen, anstatt sie zu bilden. Bekamst
-du sie? Kannst du Feuer nehmen und dich daran wärmen? Ja, aber lege das
-Feuer fort, und dir ist wieder kalt.
-
-»Nun aber denke folgendes: Du liegst im Bett und dich friert. Wie kannst
-du dir helfen? Mit Kissen und Decken. Sind solche warm an sich? Befühle
-sie oben, wenn du darunter liegst und schon glühst; wie fühlen sie sich
-an? Eisigkalt. Aber so beschaffen sind sie, daß dir warm wird, --
-solchen Charakters sind sie, daß sie dir helfen, Wärme zu bilden!
-
-»Und weiter nun: Ist ein Mensch an sich kalt oder warm? Nicht das eine
-noch das andre, aber was kannst du tun? Du kannst ihn benutzen, um in
-dir Wärme zu erzeugen, und du kannst dich benutzen, ihm warm zu machen.
-Und dies ist das Leiden: nicht warm sein! nicht warm sein können!«
-
-»Ach,« sagte Renate, »das meine!« erfreut, es zu wissen. »Aber,« setzte
-sie hinzu, »dann gäbe es gar keine Bosheit?«
-
-»Wie? sie gäbe es nicht?«
-
-»Sondern nur Leiden. Nicht warm sein können.«
-
-»Vielleicht. Aber meinst du nicht, daß es eine noch fürchterlichere Art
-der Übertreibung giebt? Die Übertreibung bis zur Bosheit; das: nicht Maß
-halten können, welches ist: nicht warm sein können und auch nicht warm
-sein wollen.«
-
-»Das wäre der Teufel!«
-
-»Wörtlich, gewiß. Denn er war der Abtrünnige aus Gottes Wärme, und der
-sich Verhärtende in der Kälte, welcher trotzte in seiner Teuflischkeit,
-sich erstarrte, und übertrieb. Und was mußte er wollen in seiner
-Maßlosigkeit des nicht warm werden Wollens? Daß nirgends mehr Wärme sei,
-daß niemand mehr Wärme habe, alles erstarre, und wo er also eine Wärme
-betraf, da schleuderte er die Eislanze hinein, sie, den Zweifel am
-Warmen, den eisigen Zweifel am warmen Glauben, den fröstelnden, der um
-sich frißt wie der Frost in der Märznacht, und am Morgen schaudert dichs
-vor der ergrauten Natur. Und was ist Altern? Nicht mehr jung sein
-können, erkalten, ergrauen, ergreisen, vereisen, sterben.
-
-»Er fiel ab aus der Liebe. Was ist Liebe? Wärme zu bringen, glaubst du?
-Ach nein, sondern sie ist: Wärme zu bilden. Liebe! so ist dir warm.
-Liebe entzündet sich an der Liebe wie Licht am Licht, darum sollst du
-die Kalten nicht lieben, nicht sie, die Tausend, die Toren, die nicht
-warm sein wollen. Aber wo der Keim eines Willens zur Wärme ist, da lege
-dich über ihn mit deiner ganzen, nähre ihn, ziehe ihn gläubig groß!
-Frage nicht! Fragt auch die Sonne? Wen erwärmt sie? Der sie liebt, sonst
-keinen. Heut aber lieben sie das Kunstlicht aus den Nachtschächten der
-Erde. Was wird er, der sie liebt? Fruchtbar. Fruchtbar wird, der sie
-empfängt, der Wärme bildet aus ihr wie die Erde. Weißt du aber, ob nicht
-auch der Felsen der Einöde sie liebt und es dauert nur länger? Klagte
-nicht Memnons Säule bei Abend- und Morgenrot? Das ist die Klage der
-Welt: Oh Morgenrot, und ich werde nicht erwarmen können! Oh Abendrot,
-und ich blieb kalt!
-
-»Dies aber ist Bosheit. Die Bosheit des menschlichen Herzens. Dies ist
-der Böse, der niemandem Wärme gönnt, die er selbst abgeben müßte; der
-lieber selber erstarrt in dem Frost, nur um nicht abgeben zu müssen. Der
-immer Wärme verlangt und nicht geben will. Ach, die uralte Eisestorheit
-der Erde! Wie denn ists mit dem Sünder? Er darf bereuen und wieder in
-Wärme gelangen. In sich gehn, heißt es darum von dem Sünder; innen ist
-die Wärme zu bilden. In sich gehn, dorthin, wo es warm ist von Urbeginn,
-kann der Mörder, der Betrüger, der Seelenverkäufer, der nur Wärme für
-sich wollte und Kälte bildete, ihm kann wieder warm werden, aus innen,
-wenn er an Wärme glaubt, wenn er einsieht, daß sie sich nicht gewinnen
-läßt von außen und nicht durch Übertreibung. Bereit sein ist alles.
-Schwester, warst du nicht bereit? Denn wo ist der ewige Quell? Im
-Herzen. Und wo wohnt Gott? Im Herzen. In keinem Himmel, in keinem
-Draußen. Draußen ist kalt, und der Himmel ist kalt. Von keiner Sonne
-saugt kein Mond einen Tropfen der Wärme, er bleibt kalt, tot, erloschen,
-unfruchtbar. Glaubst du, sie erhalte von der Sonne ihr Warmes, die alte
-Erde? Warum ist denn sie fruchtbar, der Mond aber nicht? Nein, sondern
-weil ihre Beschaffenheit so ist, daß sie Wärme bilden kann, darum ist
-sie fruchtbar und nicht der Mond. Sie erschuf sich meinen ewigen Nil,
-und sie erschuf sich den warmen Menschen, sich zu bedecken mit seiner
-Wärme, sich helfen zu lassen zu ihrer Wärme im Segen des Ackers.
-
-»Nicht Gut ist, nicht Böse. Fruchtbar ist und das Unfruchtbare. Auch
-Schädliches wuchert in der fruchtbaren Erde dazu, und es hat sein Gutes
-an sich, sein warmes Leben, seine Lust an dem Licht, seine Sehnsucht
-nach Morgen, seine Angst vor dem Frost, sein Erwarmen und Erkalten,
-Erglühn und Erlöschen, sein Wachstum und seinen Tod. Es ist nicht
-unfruchtbar deshalb. Unfruchtbar allein ist das Böse; böse allein ist
-das Unfruchtbare, das nicht fruchtbar werden will, und du, meine
-Schwester, bist gut.«
-
-»Ich?« erschrak Renate. »Ich bin nicht schuld?«
-
-»Ja, woran solltest du schuld sein?«
-
-»Ich fror so ...«
-
-»Willst du denn frieren?«
-
-»Nein.«
-
-»Oder unfruchtbar sein?«
-
-»O nein!«
-
-»Also was, Schwester?«
-
-»Wie kann ich denn frieren, wenn nicht ...?«
-
-»Weil du menschlich bist, Schwester! Weil du die Geduld verloren hast!
-Geduld ist die Wärme des Einsamen. Bist du nicht vereinsamt? Hast du
-nicht geliebt? viel geliebt? Habe Geduld!«
-
-Es schien, er bereitete sich zum Gehen vor; er ließ die Hand sinken und
-zog den Mantelkragen zusammen. Renate erschauderte leise vor dem
-Augenblick, wo sie allein sein würde, und bat:
-
-»Wenn du wieder gegangen sein wirst, Bruder, werde ich dann nicht alles
-vergessen haben?«
-
-Er nickte lächelnd: »Alles.«
-
-»So tröste mich für diesen Augenblick nur! Ich will wieder Geduld haben
-nachher, aber sage mir jetzt nur: wird es noch lange dauern?«
-
-Der König schwieg eine Weile und prüfte sie mitleidvoll. Endlich sagte
-er langsam und wie mit einem Seufzer:
-
-»Morgen und ewig.«
-
-»Was willst du sagen?«
-
-»Morgen schon wirst du nicht mehr warten, o Schwester, und ewig mußt du
-noch warten.«
-
-»Wie soll ich verstehn?«
-
-»Ich meine die Wandlung. Es zieht eine Wandlung durch die Welt von ewig
-zu ewig, und immer andre Wandlungen ziehen in ihr, die sich jeweils
-vollenden und in andere münden. Eine Wandlung ist die Erde. Eine
-Wandlung ist auf Erden der Mensch. Viele Wandlungen sind das Leben des
-Menschen. Aber fürchte nichts, Schwester, du wandelst dich nie!«
-
-»Niemals?«
-
-»Niemals, Schwester, du bist das Weib. Der sich wandelt allein, ist der
-Mann. Gebärende, immer gebierst du. Das ist deine Wandellosigkeit. Sein
-ist das Töten und der Wandel. Du die Geduld, er die Ungeduld. Du die
-Ruhe, er die Unrast. Du das Opfer, er das Schwert. Du Liebe, er Haß. Du
-Seele, er Geist. Du Dienerin, er Herrscher. Er erobert die Welt, du
-nützest sie. Unzählbar seine Wandlungen, unwandelbar du. Er sündhaft, du
-ohne Sünde. Er der Zwinger, du die Bezwungene. Kain gebarst du und
-Jesus, Mörder und Sühner, Teufel und Gott. Entarte, so neigst du noch
-immer zum Guten. Torheit deine Sünde, Eitelkeit, Oberflächlichkeit,
-Nichtigkeit, Vergessenheit der Seele, Tanz in das Tier, das nur tanzen
-mag und sich zur Schau stellen. Was liegt an denen? Ewig im Kern mußt du
-gut sein. Du mußt gebären.«
-
-Renate zitterte in ahnungsvollem Schrecken, und sie flehte: »So sage mir
-eines noch, Bruder! Da wir so ungleich sind, Mann und Weib, schließen
-die Reihen sich nie?«
-
-Der König lächelte: »Sie werden sich schließen.«
-
-»Und ich, Bruder, hilf mir, ich, kann ich nichts tun?«
-
-Der König lächelte mehr und heller, während er fragte: »Was denn
-möchtest du tun?«
-
-»Kann ich mich nicht wandeln wie er?«
-
-Immer stärker lächelte der König und sagte: »Nein.«
-
-»Bruder, Bruder!« flehte Renate, »ich sehe es dir an! an deinem Lächeln
-sehe ich, daß ich etwas tun kann, daß ich etwas tun muß! Sage es mir,
-ich lasse dich nicht!«
-
-Sein Lächeln schwoll. »Ja, du mußt etwas tun. Was du immer getan hast,
-was all deine Schwestern taten, das mußt auch du tun!«
-
-»Was denn, Bruder, ach was?«
-
-»Du mußt helfen, daß er dem Ende der Wandlung näher kommt!«
-
-»Wie denn, Bruder, ach wie?«
-
-Sein Lächeln flammte ungeheuer auf und erlosch augenblicks mit dem
-letzten Worte:
-
-»Ihn gebären!«
-
-Es war dunkel. Renate fand sich auf einem Stuhl sitzend und vor sich den
-Tisch. Sie sah Lichtschein hinter einer Wand und sah, daß die Wand der
-Türflügel war, der ins Zimmer hineinstand vor ihr, und an dem vorüber
-der Lichtschein von nebenan ins Zimmer fiel und sie sah auch die Ritze
-erleuchtet zwischen Tür und Wand zwischen den Angeln. Ihr war sehr warm,
-aber ihre Müdigkeit so groß, daß sie die Augen kaum offen halten konnte,
-um ihren Weg zum Bett zu finden. Die Uhr war drei. Sie wußte nichts
-mehr. Sie entschlief.
-
-
- Zweites Kapitel
-
-
- Georg
-
-Charfreitag, sagte Georg stumpf und verständnislos vor sich hin, als er
-des Morgens gebadet und angekleidet zum Fenster trat. Der Regen fiel
-lautlos und nebelhaft, er entdeckte mit einer bitteren Wehmut das Alte,
-unter sich den Hof zwischen den Schloßflügeln, die Terrasse mit
-plätschernden Stufen, den Rasen und die altersschwarzen Dächer und
-Ochsenaugen, naß und traurig vom Regen.
-
-Das sieht traurig aus, murmelte er, weil ich traurig bin, und spürte in
-allen Gliedern die Zerschlagenheit von der schlaflosen Marter der Nacht.
-Sich wendend, gewahrte er die nächtlich beschriebenen Blätter noch offen
-daliegend, empfand Ekel und drehte sich weg. Da der Regen, dachte er
-ingrimmig, weder traurig noch heiter fällt, warum, o Himmel, warum muß
-das so sein und warum bin ich so eingerichtet, daß ich ihm Traurigkeit
-ansehe, weil mir elend zumute ist? Warum kann ich nicht sein wie der
-Regen?
-
-Charfreitag ... wiederholte er gleich darauf leise. Das erschütternde
-Wort hatte ihm schon als Kind feierlicher und fremder als jedes andre
-geklungen, und ohne seinen Sinn zu begreifen, machte es, wenn man es
-sagte, gleichsam eine Lücke in das ganze Jahr; es lag Schatten auf ihm
-fremder biblischer Erinnerungen, -- und später im Leben der niemals ganz
-zu begreifende Schauder: Die Sonne verfinsterte sich, die Erde bebte,
-die Gräber taten sich auf ...
-
-O Christus, warum bist du gestorben? Für wen, für was starbst du denn?
--- Georg suchte vergebens, dachte: Wegen des Leidens ... Nein! Wegen der
-Schuld? Ja, oder Erbsünde sagen sie, was ist Erbsünde? Nein, ist das
-wahr? Wäre das möglich? Er litt, um die Erbsünde aus der Welt zu
-schaffen, aber wir sündigen nach wie vor, und was soll denn geändert
-sein? Wir sündigen und wir leiden. O lieber Gott, wenn wir auch Sünder
-sind, ist es nicht so, daß selber der grausamste, der teuflischste von
-ihnen mit unaussprechlichem Leiden tilgt, und also was brauchte es
-Christus? Ich verstehe es nicht. Ich verstehe überhaupt nichts mehr. Es
-wird immer verworrener. Übrigens sind das Lehren, die nur die Andern aus
-seinem Leben und Sterben gezogen haben, und vielleicht haben sie alles
-gefälscht. Ich müßte nachlesen, aber ich glaube, ich habe selbst die
-Verfälschung bereits im Blut und würde ganz andres herauslesen, als was
-dasteht. -- Er grübelte weiter.
-
-Hat er nicht allen Sündern Verzeihung und Barmherzigkeit verheißen? Was
-verlangte er denn? Liebe und wahres Empfinden! Daß man sich reinige, daß
-man strebe, daß man still und einfältig sei wie die Kinder, -- aber die
-alles aufschrieben, schilderten Engel und Engelstimmen und Tauben, und
-er selber sprach vom Himmelreich so, daß man doch glauben muß an -- an
-ein Jenseits und -- -- Seine Gedanken irrten ab, die Briefe Paulus'
-durchschweifend auf der Suche nach einem haltbaren Wort, aber -- ich
-glaube, dachte er, schon Paulus hat alles in Verwirrung gebracht.
-
-Darüber endlich unwirsch geworden, mußte er heftig gähnen, empfand sich
-so müde, als ob er nicht eine Stunde geschlafen hätte, und erinnerte
-sich mit dem Gedanken an Magda, ans Frühstück, Renates.
-
-Die litt auch. Sie weinte. Es war unvorstellbar. Er wußte nur wenig von
-ihr, nur daß sie Furchtbares erlitten hatte, doch sollte sie ja ganz
-wieder gesundet sein ... Dann hatte sie eine Sehnenentzündnng am Fuß. --
-Früher, dachte Georg, hätte mich das, wenn mans mir mitteilte, ungefähr
-so betroffen, wie wenn man einem Griechen gesagt hätte, Artemis habe
-Sehnenentzündung. Sie war keine Göttin, wars nie gewesen, wars weniger
-heute als jemals, sie war hülflos, und er -- liebte er sie immer noch?
-Beinah hatte er sie doch vergessen, nun begann ihr süßes Gift wieder zu
-wirken, und er sehnte sich nach ihr, trostlos, aber er sehnte sich.
-
-Neun Monate ist es nun her, dachte er, daß Vater starb. Allein -- liebte
-sie ihn überhaupt? -- Er verbot sich diese Gedanken und empfand um so
-stärker die keimende Hoffnung.
-
-Alsbald entschloß er sich, sie zu sehn, warf einen Blick auf die Uhr,
-und erkennend, daß es eben die Zeit war, die Magda für ihr Frühstück
-angegeben hatte, machte er sich vom Anblick des Regens los und ging.
-
-
- Magda/Benno
-
-Das runde Gobelinzimmer, in dem früher gespeist wurde, jetzt der
-Frühtisch gedeckt war, erinnerte Georg beim Betreten an ein Aquarium
-infolge des Regenlichts in Glastür und Fenstern. Rieferling stand dort,
-in Zivilkleidung wie befohlen, und sagte, nachdem Georg ihm die Hand
-gedrückt hatte, es sei ein Telegramm gekommen, an ihn adressiert, und
-zog es aus der Tasche, von Birnbaum. -- Georg las: Eintreffe mit Schley
-und Kurier mittags Birnbaum.
-
-»Verstehn Sie das, Rieferling? Das ist beängstigend. Er weiß, daß ich
-nicht gestört sein will, es muß also etwas mehr als Dringendes sein.
-Kann er denn überhaupt reisen?«
-
-Der Hauptmann meinte, er habe ihn bei seinem letzten Besuch schon ganz
-wohlauf gefunden; er habe stehen und gehen können, nur Mund und linkes
-Auge seien ein wenig schief gewesen, -- wiederholend, was Georg schon
-wußte. Überdem öffnete sich die Tür, und Anna trat ein, Georg fast
-erschreckend mit Lichtheit, in einem blaß lachsfarbenen Kleid, das ihn
-an ein andres erinnerte, von einem Tage, nach dem er noch suchte,
-während er auf sie zutrat. Heiter lächelnd sah sie so frisch und leicht
-aus, daß er den Arm um sie legte und sie auf die Stirn küßte.
-
-»Nun, gut geschlafen, Georg?« fragte sie und ließ sich zum Tisch führen.
-
-»Danke, vortrefflich. Du bekommst Besuch, Anna, dein Onkel Birnbaum
-kommt mit Schley.«
-
-»Wie herrlich! Egloffstein! Egloffstein ist doch da?« Der Alte, jetzt
-völlig schief, aber mit noch vollendeter Lautlosigkeit, war hinter ihr
-eingetreten mit einem Regenkragen und einem Strauß weißer Rosen, die er
-auf einen Stuhl legte, und bediente jetzt am Tisch. Sie bat ihn, gleich
-in der Küche Bescheid zu sagen.
-
-»Was für ein hübsches Kleid du anhast, Anna!« lobte Georg, um von
-Birnbaum abzulenken, »so -- so geburtstäglich!« fand er auf der Suche
-nach einem Wort, und sie freute sich sichtlich. Ihre Kleider mache nun
-alle Renate, erzählte sie, und Georg empfand einen leichten Stich des
-Vermissens und der Erwartung.
-
-»Und du, Georg,« fragte sie nach einer Weile, mit langsamen Bewegungen,
-die Georg etwas nervös gespannt verfolgen mußte, sich mit Butter und
-Gelee aus den Dosen versorgend, die Egloffstein dicht um ihren Teller
-geschoben hatte, »wie fühlst du dich in Helenenruh?«
-
-»Ach, geärgert hab ich mich!« versetzte er möglich saftig und munter.
-
-»Schon wieder?«
-
-»Nicht nur >schon wieder<, mein Kind, sondern sogar aus demselben Grunde
-wie gestern abend!«
-
-»Ach, Georg, wie kann man so nachträglich sein!«
-
-»Nachträglich? Das verstehe ich nicht! Ach so! Als weibliches Wesen
-nimmst du die Dinge persönlich. Nein, im Gegenteil, gestern sah ich die
-Sache nicht einmal so schlimm. Sag, ist es dir nie so gegangen? Zum
-Beispiel, man lernt abends einen Menschen kennen und findet ihn
-erfreulich; am andern Morgen steht man und denkt: was war doch das für
-ein ekelhaftes Schwein? Oder man sieht im Theater ganz zufrieden ein
-Stück, und hat mans beschlafen, sieht es völlig dumm und verblasen aus.«
-
-»Oh ja, Georg! Es kann aber auch umgekehrt sein, wenigstens ists mir
-schon so gegangen mit Menschen, die ich beim Kennenlernen gar nicht
-besonders fand, und dann, am andern Morgen lächelten sie mir zu, und ich
-war froh, sie bekommen zu haben.«
-
-»Ja. Aber ihr seid auch komische Menschen, du und Renate. Sitzt da und
-sagt nicht Muck und habt doch ganz gut gewußt, wer im Recht war!«
-
-»Aber lieber Freund, der gute Benno war doch so glücklich mit seiner
-Oper!«
-
-Georg wollte zischend auffahren, beherrschte sich aber angesichts ihrer
-heiteren Blindheit. »N--nja,« bemerkte er dann, »laß du nur die
-Menschheit sich mit Mist zudecken bis an die Augen und sage: daß bloß
-keiner sie stört! sie ist ja so glücklich!«
-
-Sie lächelte kindlich. »Georg, du bist schartig heut morgen.«
-
-»Nicht nur heut morgen, mein Herz, sondern alle Tage bin ich das. Hast
-du mal drei Wochen lang mit lauter Narren und Borstigen regiert? Dann
-sei mal nicht schartig!«
-
-»Ja, du hast nun einmal kein Christentum.«
-
-»Nein, Anna,« bekräftigte er mit scharfer Betonung, »das habe ich
-freilich nicht!«
-
-»Du wirsts noch lernen.«
-
-»Meinst du? Ja, ich will dir was sagen. Als ich heut morgen erwachte,
-mußt ich mich fragen: Wozu dies und alles andre, tagein, tagaus? Weißt
-du eine Antwort? Weiß das Christentum eine? Ich fand da meine Hände zu
-voll, um nach Antworten zu greifen, aber -- -- ich muß zugeben, daß
-etwas fehlt. Rieferling, bitte, wenn Sie aufstehn wollen, Sie sind den
-ganzen Tag Ihr eigener Herr!« Er sah den Hauptmann sich erheben und
-nickte ihm zu, während Magda die Hand nach ihm ausstreckte. Nach einem
-kleinen Zaudern bat er dann noch, Georg einmal am Tage eine Minute in
-eigener Angelegenheit sprechen zu dürfen, und ging.
-
-»Versteh mich recht, Anna! Ich glaube an einen göttlichen Odem. Aber ich
-glaube, daß er an uns vorübergeht. Er ahnt gar nicht, daß wir sind.
-Unser ganzes Treiben, ja selber das tiefste Elend, und wenn wir unsern
-ganzen Leib wundenbedeckt saugen ließen mit diesen Wunden, so könnte ihn
-das um kein Haarbreit ablenken von seinem Weg durch die Welt. Wir müssen
-allein fertig werden.«
-
-»Wenn du es kannst, Georg! Aber die Andern?«
-
-»Bitte, wen meinst du? Die zum Rennen fahren und an den Kinokassen
-Spalier stehn? Oho, Anna, bist du der Meinung, daß es eine einzige
-Religion gäbe, wenn kein Leiden wäre?«
-
-»Ja, warum auch sonst, Georg, warum?«
-
-Georg schwieg im Gefühl, daß sie jeder nach einer andern Richtung
-sprächen. Er sah sie dasitzen, einen Arm flach auf dem Tischtuch,
-während der letzten Minute mit kleinen unsicheren Aufschlägen der
-gesenkten Augen, im Ganzen aber in einer Sicherheit, die fast wundervoll
-schien. Ihr Antlitz, gesammelt und getrost, schien auf geheimnisvolle
-Weise die Augen ersetzt zu haben und war voll lebendigen Ausdrucks an
-jeder Stelle. Nichts Ratloses, kaum Tastendes war in ihren Bewegungen,
-und nur genaueres Hinsehn konnte gewahren, daß sie etwa, um nach der
-Tasse zu greifen, erst den Unterarm auf den Tisch legte, dann die Finger
-ausstreckte, die Hand weiter vor schob und, den Teller daneben mit einem
-Ahngefühl seitwärts lassend, zur Tasse. Schön breit lag nun ihre Stirn
-unter dem mittwärts gescheitelten und zur Seite gestrichenen Haar,
-dessen lockere Bäusche über den Schläfen ein liebliches Kapitäl formten.
-Übrigens war es dunkler geworden und ihre ganze Erscheinung, wie Georg
-sie umfaßte, heute schöner, als sie vor Jahren anmutig gewesen war.
-
-»Nun, Georg, was denkst du?« hörte er sie fragen, erschreckt inne
-werdend, daß sie dasaß und all die Zeit nichts sah.
-
-»Wie schön aber deine Singstimme geworden ist!« sagte er liebevoll, und
-ihr Gesicht glänzte auf. »Ich bin erschrocken gestern, als ich hörte,
-wie tief sie ist!« Er fand keine Lobesworte mehr, die ihm einfältig
-erschienen, schwieg und setzte im Innern die Rede fort: Es ist die
-Stimme eines Menschen, der die nicht sieht, für die er singt. Sie will
-niemand bezaubern, sie gebärdet sich nicht, sie geht ihres geraden
-Weges, um Gottes willen.
-
-»Ja, Georg, wovon sprachen wir noch eben?« fragte sie derweil.
-
-»Religion eine Panazee für das Leiden. Und das ist mir zu wenig. Liebe
-Anna, ist Leiden das ganze Leben?«
-
-»Nach der christlichen Auffassung --«
-
-»Die ich nicht teile! Für das ganze Leben sollte sie sein, für Tun und
-Lassen, Gut und Böse und -- Sieh, da ist Benno! Guten Morgen, Benno!«
-Georg stand auf und ging dem Freund zu möglichst herzlicher Begrüßung
-entgegen. Er schien unglückliche Augen zu machen, wie stets, war aber
-munter, noch ganz rot vom Waschen, und erschöpfte sich in Verbeugungen
-bis zum Tisch.
-
-»Setz dich, Benno, iß, trink und überlege dabei den Sinn des
-Christentums.«
-
-Jedoch Benno entschuldigte sich. So früh am Morgen ...
-
-»Freilich, Benno,« mußte Georg sofort zubeißen, »über Gott und Glauben
-läßt sich immer noch abends und übermorgen nachdenken.«
-
-Benno begann langsam, von Egloffstein bedient, dem er für jede Frage und
-jedes Zureichen besonders danken mußte, zu essen, streifte Georg dann,
-der aufrecht dasaß, durch den Raum nach draußen blickend, mit einem
-unglücklichen Blick, legte die Weißbrotscheibe, ohne sie angebissen zu
-haben, auf den Teller zurück und meinte, das Christentum sei wohl
-vorwiegend eine Religion der Armen.
-
-Magda beeilte sich, zu sagen, Georg habe sich die ganzen Wochen her mit
-Geschäften geplagt und wolle nun ...
-
-»Vorwiegend!« bekräftigte Georg, ohne sie ausreden zu lassen,
-sardonisch. »Wie triffst du nur immer den Nagelkopf! Wer aber nicht arm,
-wer hingegen reich ist, wie du und ich, was macht der?«
-
-»Nun, wenn ich vorwiegend sagte, meinte ich mehr: ursprünglich.«
-
-»So. Ja, das waren allerdings die Armen, das heißt die Elenden,
-Zermalmten, Leidenden, die diese unmännliche Religion erfanden.«
-
-»Unmännlich, Georg?«
-
-»Zum Beispiel der Gemeindegesang. Singen ist eine weibliche
-Angelegenheit, Benno, hast du's nie bemerkt? Wenn ich einen Tenor sehe,
-wie er den Mund verbiegt und eitel süßen Schmelz aus sich zieht wie
-Syrup mit dem Löffel, sehe ich immer ein fettes Weib, wo er steht. Die
-Kirchen am Sonntag sieht man gefüllt mit Frauen, die ihre kleinen Seelen
-ganz süß und dumpf fühlen, wenn sie singen. Überhaupt jeder übermäßige
-Musikbetrieb -- entschuldige schon, Benno! --, aber besonders männlich
-hab ich ihn nie finden können.«
-
-Benno krümmte sich und meinte, das sei vielleicht eine große Wahrheit.
-Aber die Musik sei doch --
-
-»Ich bitte, mach mich nicht wütend, Benno, ich rede vom Singen und
-Musizieren und nicht von der Musik! Dies Hervorziehen der fühlenden
-Seele, dies Modulieren und Drehen und Drechseln, dies Preisgeben des
-innersten Wesens, gar Aufputzen und zur Schau Tragen ist auf
-abscheuliche Weise unmännlich. Musik ist nicht männlich und nicht
-weiblich, sondern göttlich, aber drei Dinge sind verschieden: Musik,
-Musik Hören und Musik Machen. Außerdem hab ich das Ganze nur
-symptomatisch gemeint.«
-
-»Ja, wie denkst du dir denn die Entstehung des Christentums? Die
-früheren Gottheiten entstanden doch nur -- gewissermaßen -- aus Furcht.«
-
-»Naturgötter, richtig, aus Naturängsten. Nun betritt einmal Rom etwa im
-zweiten Jahrhundert oder im ersten. Da hättest du es gepflastert
-gefunden mit Götterstatuen aller Völker, die sich allesamt überboten und
-infolgedessen aufhoben. Ängste gabs keine mehr, da die Menschen sicher
-in behaglichen Wohnungen saßen, und doch hatte jeder Tag, jede Stunde,
-jede Eigenschaft und fast jede Handlung ihren kleinen Gott, und zum
-größten Schaden gabs die Divi Augusti, die Gottheiten der letzten Angst,
-vor dem Wahnsinn der Kaiser nämlich, an die schon der Einfältigste nicht
-mehr glaubte, wenn sie einen struppigen Adler, wie Pater erzählt, aus
-dem Scheiterhaufen fliegen und dann verkündigen ließen, die kaiserliche
-Seele sei sichtbar zu den Göttern heimgekehrt. Übrigens da ich Walter
-Pater erwähne, fällt mir ein, daß damals besonders der Äskulapkult
-blühte, wegen gewisser Seuchen, und mir scheint, diese, die Angst vor
-Leibeskrankheiten war die letzte. So aber war damals die Religiosität
-verkommen in dem langsam verkommenden Reich des Überflusses, und damals
-erwachte, unterirdisch, das Christentum, ganz von unten anfangend, mit
-der Lehre des Leidens. Ist es eine Religion des Leidens oder nicht?«
-
-»Natürlich, Georg, aber --«
-
-»Und da haben wir wieder die Unmännlichkeit. Das Weib bekam das Leiden
-als Auftrag: sie muß gebären. Sie hatte sich abzufinden mit ihm, sie
-lernte, sich als Opfer empfinden, sie nahm das Leiden an. Das Leiden
-annehmen, ist nicht männlich, sondern männlich ist, es abwehren, es
-befeinden, es bekämpfen, es austilgen wollen. Und was taten jene vorm
-Kreuz? Sie beteten es an.«
-
-Georg verstummte, überaus erregt. -- Was, dachte er, kocht mich denn so
-auf? -- Aber schon mußte er fortfahren.
-
-»Ich hasse das Leiden, das immerhin hab ich gelernt. Sie haben sich
-innig mit ihm beschäftigt, haben es liebend hingenommen, haben gelernt,
-daß Dulden göttlich sei, daß kein süßrer Lohn des Leidens sei als im
-Dulden, anstatt daß sie anpackten und wegschafften, und sie haben
-gesagt, daß es nichts gebe als Leid, die Welt ein Abgrund des Jammers,
-sie in ihren Katakomben, und mit einem Schlag ist ihnen das ganze Leben
-dahier aus der Hand gerutscht und zu einem traurigen Anhängsel geworden,
-zu einem Blinddarm jenes Lebens, das sie das Ewige nannten.«
-
-Benno erseufzte. »Und wenn du recht hättest, Georg, so ist doch darin
-nicht die ganze christliche Lehre enthalten.«
-
-»Ja, worin denn noch? Kannst du mir sonst etwas Brauchbares zeigen?
-Brauchst du denn Christus? Sieh dich doch um in deinem Leben, und
-begegnest du ihm irgendwo, so ist Sonntag. Oder Kindtaufe, oder
-Weihnachten. Wochentags ist er nirgend.«
-
-»Aber nun verrennst du dich, Georg! Das sind doch die Menschen und nicht
-die Lehre.«
-
-Georg sprang auf und stieß den Stuhl unter den Tisch. »Ja, du, Benno,«
-rief er, geschwollen von Gift und Hitze, »du wirst mich freilich niemals
-verstehn! Was soll denn eine Religion, die bis zum Wahnwitz überhängt
-nach der einen Seite, und aus der die Menschen auf der andern Seite
-nichts herholen können für ihr tägliches Leben. Weil sie nicht aus
-wahrhaftigem Leben kam, diese Lehre, sondern aus krankem, vergiftetem,
-weil sie eine Panazee wurde, ein Allheilmittel, eine Kopfsprunganweisung
-über den Tod, weil sie, mit einem Wort, nichts anzufangen wissen mit
-ihrem Leben. Und ich, wenn ich einen rechten Glauben bekommen hätte, mir
-wärs besser ergangen.«
-
-»Meinst du das, Georg?« fragte Magda leise.
-
-Plötzlich fühlte er seine Augen heiß, es übermannte ihn, er ergriff ihre
-Hand und küßte sie lange.
-
-Dann hörte er sie sagen, ob es noch regne; sie habe ihn bitten wollen,
-sie zum Grabe zu bringen, -- und er ging zur Glastür und stand dort eine
-Weile, in den leiser fallenden Regen blickend und sich kühlend. »Ich
-glaube, es wird bald aufhören«, sagte er, sich wendend.
-
-»Hat Egloffstein«, fragte sie, »meine Sachen hereingebracht? Es muß dein
-Buch dabei sein, das mit deinen Aufzeichnungen von Hallig Hooge, ich
-wollt es dir wiedergeben.«
-
-»Ach, hast du's gelesen?« Georg sah das Buch unter dem Rosenstrauß, ging
-hin und nahm es an sich.
-
-»Noch nicht ganz. Li hat mir daraus gelesen, hauptsächlich das von
-Bogner, und ich wollte dich bitten, mir selber noch draus zu lesen.
-Vielleicht heut nachmittag, magst du?«
-
-»Aber gerne, gewiß! Ich will mich nun eben etwas regenmäßiger anziehn
-und komm dich dann holen.« Im Vorbeigehn mit der Hand über ihre Achsel
-streichend, ging er hinaus.
-
-
- Drittes Kapitel
-
-
- Magda
-
-Als Renate auf der ratlosen Suche nach Magda das Haus durchwanderte,
-befand sie sich in einer Weichheit ihres ganzen Wesens, die jeden
-Augenblick überfließen zu wollen schien. Das Hungergefühl war
-verschwunden, obwohl sie sich kraftloser in den Knieen fühlte, als sie
-von früheren Charfreitagen her sich zu erinnern glaubte. Nun wollte sie
-sich eine Weile an der Freundin halten, mit ihr, wie sie verabredet
-hatten, das Grab der Herzogin besuchen, und dann würde sie allein sein
-den Tag über, würde es können, würde vielleicht Hoffnung, Glauben,
-Zuversicht, ach, vielleicht alles von neuem schöpfen aus den ewigen
-Augen der einzig heiligen Gestalt.
-
-So öffnete sie denn die Türe des Gobelinzimmers, ohne sich zu erinnern,
-daß Magda ihr gesagt hatte, sie frühstücke dort; aber schon der erste
-Blick auf den Tisch mit Speisen, an dem Magda und Benno saßen, bereitete
-ihr kein Gefühl des Hungers, sondern eher eines des Abscheus, was sie
-denn etwas mutvoller machte.
-
-»Schade, daß du so spät kommst!« rief Magda Renate zu, sich umwendend
-nach ihr, die sie hinter sich eintreten hörte. »Georg ist eben gegangen,
-nachdem er eine kostbare Rede gehalten hatte. Wir sind noch ganz
-niedergedonnert, Benno und ich.«
-
-Renate trat, etwas geblendet vom Licht in den großen Glasscheiben ihr
-gegenüber, hinter Magdas Stuhl, über deren Schultern die Hände
-hinabreichend, die gleich ergriffen wurden, und legte eine Wange auf das
-weiche Haar unter ihr, die Augen schließend im Wunsch, so einzuschlafen.
-Aus der Ferne hörte sie so Magdas Stimme nach ihrem Nachtschlaf fragen
-und erwiderte leise: »Gar nicht! Ich hatte einen schönen Traum; er war
-unendlich lang, aber nun kann ich mich nicht mehr darauf besinnen.«
-
-Das wären die besten Träume, meinte die Freundin tröstend, und sie
-setzte sich nun an den großen runden Tisch und starrte mutlos auf ihren
-Teller und die unterschiedlichen guten Essensdinge, die ihr Ekel
-erregten, und die sie verschwommen kaum sah. Magda erklärte Egloffstein,
-daß Renate nichts zu sich nähme. Die hörte währenddes Benno sagen:
-
-»Ich glaube, er hat etwas gegen mich.« Er neigte sich beteuernd zu
-Magda. »Glauben Sie mir, ich fühle es, und ich weiß auch, von früher
-her, daß in meinem Wesen etwas sein muß, das ihn reizen kann. Er ist ja
-auch viel männlicher als ich und stärker --« schloß er bedrückt.
-
-Sie reden von Georg, dachte Renate, Magdas abwehrende Antwort nicht mehr
-verstehend, und sah ihn wie am gestrigen Abend, wo er ihr recht lärmend
-erschienen war. Und wenn er sich einmal auf den Schenkel schlug, ein
-andermal sich zurücklehnte und lachte, dann wieder in breiter Hoffart
-gleichsam erstarrte, schien ihr dieser häufige Wechsel sich auf eine
-Umgebung zu beziehn, die gar nicht da war, die er vielleicht sonst
-gewohnt sein mochte, und so, als wollte er sagen: Lockerheit!
-Ungebundenheit, ich kann mir das leisten! Und einzelne Bewegungen hatten
-sie fast erschreckend an seinen Vater erinnert, -- ja, dessen Art, nur
-nicht ganz fertig.
-
-Allein schon brannte ihr jetzt die Stirne vom Nachdenken. Sie hörte
-Magda etwas sagen, mußte jedoch fragen und hörte nun erst ihre Stimme
-von fernher näher kommen:
-
-»Manchmal fehlt es mir doch recht, daß ich ihn nicht sehen kann. Ist er
-nicht sehr verändert? Ist er nicht breiter geworden? Oder ist das
-Einbildung? Ich rede von Georg«, schloß sie leise erinnernd, als ob sie
-gefühlt hätte, daß Renate fern war.
-
-Die dachte wieder nach, was sie sagen sollte, und seine Augen vor sich
-gewahrend, bemerkte sie in halber Zerstreutheit: »Ja --, er hat ja nun
-solche Pferdeaugen.«
-
-»Pferdeaugen? wie meinst du denn das?«
-
-Renate gab sich Mühe, auseinanderzusetzen, wie sie es meine. »Früher«,
-sagte sie, »hielt ich seine Augen für grau. Nun sind sie erstaunlich
-braun geworden, dazu sehr stark, -- nicht quellend, nein, gläsern, und
-gerade bei heftigem Feuer können sie so etwas Starres haben wie die von
-Pferden, so daß die Augäpfel manchmal blitzen wie neu geschliffen oder
-stärker gewölbt. Ich weiß nicht, ob du ...«
-
-Magda, die still und in sich gebeugt zugehört hatte, fuhr jetzt empor
-und rief halblaut: »Wie war das? Bilden sich wirklich die Königsaugen?«
-Dann lachte sie leise und meinte: »Er bekommt sie schon noch einmal,
-aber er muß noch warten. Erinnerst du dich an die Augen seines Vaters?
-Königsaugen, anders lassen sie sich nicht nennen. Manche haben sie
-immer, Andre zuzeiten. Papa konnte sie machen, Klemens konnte sie haben,
-auch Bogner, wenn er erregt war. So, weißt du, zugleich kühn und
-verständig, von oben und sehr durchdringend, -- sind sie so?«
-
-Renate gab bereitwillig zu, daß sie ungefähr so wären.
-
-»Jetzt wirst du denken,« fing Magda nach einer Weile wieder an, »daß ich
-ihn verkläre, aber das tue ich wirklich nicht. Eben zum Beispiel hat er
-wieder eine halbe Stunde von Dingen geredet, von denen er gar nichts
-weiß, das ist ja nun seine Vorliebe. Ich verhalte mich dann schweigsam
-und bin vergnügt. Aber seit uns Li, als du krank warst, aus den
-Erinnerungen der Markgräfin vorgelesen hat, erinnert er mich oft so an
-den Kronprinzen Friedrich. Gar nicht im Charakter, oh, bewahre, nein,
-solch ein Hahnenfuß wie der ist Georg doch nicht gewesen! Nein, ich
-meine nur den Tod Kattes. Da gab es die plötzliche Wandlung, und nun, --
-was bei Friedrich der Katte war, das war bei Georg doch sein Vater«,
-schloß sie behutsam.
-
-»Ich weiß noch,« fing sie wieder an, »damals, als er dich besucht hatte,
-im März, da sagtest du, er wäre spottsüchtig. Armer Benno, Sie habens
-auch gefühlt. Und was sagte er noch gestern abend, Benno, von den
-Bestien, wie wars?«
-
-Benno zitierte beglückt: »Das Richtige ist, alle Menschen für Bestien zu
-halten und bloß jedem, der einem ans Herz kommt, so viel Leiden
-zuzutraun, wie man selber zu sich genommen hat.«
-
-»Zu sich genommen hat!« wiederholte sie, »herrlich! Ja, so ist er, so
-sind sie!« rief sie ganz heiß. »Von Friedrich heißt es auch, daß er ein
-solcher Menschenverächter gewesen sei, aber meinst du, den Männern wäre
-zu trauen? Die Menschen können doch niemand zu ihrem Verächter, können
-einen zu überhaupt nichts machen, wozu man nicht die Anlage hat. Das ist
-ja alles nur Selbstverachtung, weiter nichts. Es ist nur dumm, daß ich
-ihn nicht sehn kann. Alle Männer haben diese Art, auch Saint-Georges zum
-Beispiel, einmal in tiefem Ernst zu reden, -- und dann muß man raten,
-daß sie es ganz scherzhaft meinen; oder das unsinnigste Zeug, -- das
-ihnen dann wieder der tiefste Ernst ist. Und Georg, das verstehe ich
-wohl, ist solch ein Mensch, der wohl weiß, was er gelitten hat, nun aber
-viel zu hochmütig ist, um es für etwas Wichtiges zu halten, und so
-verachtet er in Bausch und Bogen das Leiden und sich und die ganze
-Menschheit. Ich versteh ihn so gut!« schloß sie triumphierend.
-
-Ihre Stimme rauschte Renate schmerzlich im Gehör. »Und was soll nun
-daraus werden?« fragte sie matt.
-
-Magda hob die Achseln und seufzte.
-
-»Vorläufig hoffentlich gar nichts!« meinte sie dann »Je weiter der Weg,
-desto besser. Du hättest nur hören sollen, wie er vom Christentum
-sprach! Daß es eine Religion der Liebe ist, scheint er noch nie
-vernommen zu haben.« Sie seufzte wieder und schüttelte sich.
-
-Renate glaubte, nun auch etwas sagen zu müssen, und brachte vor, was ihr
-einfiel: »Josef sagte einmal, ein Messer wäre auch nur da geschliffen,
-wo es seine Schneide hat, und doch sei immer das ganze Messer ein
-scharfes, geschliffenes Messer. Das übertrug er dann auf den Menschen,
--- ich weiß nun nicht mehr ...« Sie verstummte unter dem plötzlichen
-Gedanken, ein paar Minuten vorher etwas Böses getan zu haben, während
-Magda aufleuchtend einfiel: »Natürlich, so ist es ja mit Georg! Er ist
-immerfort, immerfort geschliffen worden, nur weiß ers nicht, weiß nicht,
-daß er an der Schneide geschliffen worden ist, und nach Jahren
-vielleicht, wenn er sie schon lange gebraucht hat, dann merkt ers
-plötzlich und kommt mir mit einer goldnen Erkenntnis. Ach, es ist ja das
-einzig Gute an ihm, daß er immer alles sieht und erkennt; nur was am
-Grunde liegt --, ach, dafür hat ja uns Allen ein guter Geist den Blick
-entwendet, wie wollten wir sonst leben?«
-
-Eine lange Weile war sie nun still, schien auf ihre Hände im Schoß
-hinabzublicken, doch liefen und kreuzten sich unablässige Wellen in
-ihren Zügen und machten den Mund ganz wenig zucken. Und schließlich
-begann sie mit tieferer Stimme:
-
-»Man kann doch nicht annehmen, daß es Menschen giebt, die das Schicksal
-sich aussucht wie Lasttiere, nur um ihnen immerfort aufzuladen, über
-Vernunft? Oft mußt ich das von mir denken; oft, wenn ich am Verzagen
-war, brannte es sich mir ein, denn -- wie ist das mit mir und Georg?
-Soweit ich mein Leben hinunterblicken kann, war immer nur er. Warum
-denn? Warum diese Gebundenheit an einen Menschen, für dessen Dasein sie
-gar keinen Sinn hat? Denke nur, auf Hallig Hooge sagte er, es sei ihm
-während der vergangenen Jahre oft schwer gewesen an mich zu denken, in
-einer solchen Einsamkeit sei ich ihm immer erschienen. Das war ja
-deutlich. Es hieß, daß er sich für mich kein Leben vorstellen konnte --
-ohne ihn, und deshalb war da eben für ihn nichts zu sehn. Ich lachte ihn
-ordentlich aus und erzählte ihm dies und das aus meinem Leben, wovon er
-keine Ahnung hatte, von Berlin, wo ich mich kaum retten konnte vor
-Menschen, die alle etwas von mir wollten, -- nun, das weißt du ja, aber,
-siehst du, von alledem ahnte er nicht das geringste, er wußte nichts von
-mir, gar nichts ...«
-
-Ihr Gesicht hatte stärker zu glühen begonnen, während sie das letzte
-sprach. Jetzt stand sie auf, machte einen versuchenden Schritt, senkte
-den Kopf, besann sich und setzte sich wieder.
-
-»Antworte mir nicht auf das, was ich jetzt sage«, fing sie ruhiger
-wieder an. »Vor einer halben Stunde bat ihn der Hauptmann um eine
-persönliche Unterredung, und da hatte er natürlich auch keine Ahnung,
-daß es sich um mich handeln könnte, und daß wir uns gut kennen und er
-mich oft besucht hat, um mir von Georg zu berichten. Der Hauptmann ist
-auch dumm, er geht zu Georg, um ihn zu fragen, ob er mich fragen darf,
-aber da kann er sich dann mal wundern. Nein, nein, du sollst nichts
-sagen!« rief sie lachend, da Renate ihre Hand ergriff, »ich weiß nichts,
-und wenn du nicht still bist, heirate ich ihn sicher nicht!« Verstummend
-ließ sie Renates Hand los, ihr Gesicht wurde blaß und fast spitz vor
-gesammeltem Ernst, während sie langsam und schwer sagte:
-
-»Ja, das scheint einem freilich sehr verkehrt. Alle kamen zu mir, aber
-er kam nicht, -- und muß ich nicht annehmen, daß ich ihm viel hätte
-geben können, da es doch für so Viele gereicht zu haben scheint? Und ich
-war reich an Leben und Menschen, aber Reichtum und Leben waren nicht
-sie, sondern die Gedanken an ihn, die mir Leben gaben und mich Leben
-empfinden lehrten. Und wenn ich trotzdem Leere empfand, so war auch die
-Leere von ihm. Und obgleich ich ihm nie etwas sein werde in Wahrheit,«
-schloß sie aufleuchtend mit den blinden Augen, »so will ich doch immer
-glauben, daß es gut ist, daß es hilft, daß es irgend etwas heilt, und
-daß es sein muß, alles, für mich, und für ihn, und für die Welt.«
-
-Eine halbe Minute hielt Renate es noch aus, stand dann eilig auf, sah
-einen Stuhl neben der Glastür, setzte sich darauf, legte das Gesicht in
-die Hände und weinte aus Leibeskräften.
-
-»Ja, was ist denn, was hast du denn?« hörte sie Magda fragen, »warum
-weinst du?«
-
-»Weil ich,« stammelte sie schluchzend, »weil ich vorhin gesagt habe,
-Georg hätte Pferdeaugen!«
-
-»Das ist entsetzlich!« sagte Magda.
-
-
- Georg
-
-Wozu, fragte Georg sich, als er, aus dem Frühstückszimmer
-heraufgekommen, das Buch mit den Aufzeichnungen auf seinen alten
-Schreibtisch legte, -- wozu war nun das? Wozu sagte ich das? Wozu reden
-wir das? Hat das alles nun irgendeinen Sinn, irgendeine noch so dürftige
-Fruchtbarkeit? Wird irgendwas klarer durch solche Reden, wir selbst uns
-durchsichtiger, besser, einsichtiger? Ach, so kurz ist dies Leben, und
-wir vertun es, wir verprassen -- ach -- oh du mein uralter Vers: Wer
-wüßte je das Leben recht zu fassen! Wer hat die Hälfte nicht davon
-verloren! Im Spiel, im Fieber, im Gespräch mit Toren! Ah freilich, und
-du, mein Platen, was ist denn nun dein geschliffenes Sonett mit nichts
-als seiner trüben Feststellung unserer Beschaffenheit, was ist es mehr
-wert als irgendein Frühstücksgerede! Hats dich klarer gemacht? Und wenn
-klarer, vielleicht besser? Hats dir irgendwas geholfen?
-
-Das lange Dach gegenüber glänzte regenschwarz mit den Schwellungen der
-Ochsenaugen; auf derer einem ward eine Krähe sichtbar, indem sie lautlos
-und schwerfällig im Bogen nach unten wegflog, und Georg hörte, als sie
-schon über ihm unsichtbar geworden war, ihren Schrei. Der leichte
-Schleierfall des Regens war nur vor den Fenstern drüben sichtbar;
-sichtbarer kaum als die Stille und leichte Ödheit des Sonntags, die
-überallher aus halbgeschlossenen Augen blickte.
-
-Warum war ich so aufgebracht und hitzig? Vielleicht war es wirklich
-zuviel verlangt von dem armen Benno, ahnungslos vom Schlaf aufzustehn
-und über alle Gottheiten Roms zu verhandeln.
-
-Wie schön aber sie aussah und lauschte! Ich habe ja nicht einmal Renate
-mehr vermißt. Du guter Geist, könnt ich dich halten! -- Und Renate? So
-war es immer: ich wollte Renate -- und wollte auch Esther. Wollte Renate
-und wollte Cordelia. Nun denk ich an Anna wieder, und wieder erscheint
-diese Ewige, an der ich festhänge, seit ich sie sah, und werde ich
-jemals aufhören zu schwanken, jemals die Stimme der Wahrheit hören
-können? Wer hat die Hälfte nicht davon verloren?
-
-Ja, fuhr er nachgrabend fort, noch etwas ist anders geworden. Ich sehe
-anders. Grade an Anna, wie ich sie dasitzen sah, ihre ganze Erscheinung,
-merkte ich -- wie war es nur? Umfassend -- ja, und -- wahrhaftig, es
-ist, als hätte ich früher Vergrößerungsgläser vor den Augen gehabt, so
-daß ich sie an alles ganz nah heran halten mußte, und ich sah Einzelnes
-nur und Kleines, jedoch übergroß. Sind die Gläser fort? Bin ich
-zurückgetreten, freistehend und nun das Ganze umfassend?
-
-Was ihm aber jetzt beim Aufschlagen des Buches entgegenfiel, das war der
-letzte Brief der Cornelia, in dem sie ihm mitteilte, daß sie nicht zu
-ihm zurückkehren könne, nur noch einmal kommen müsse, ihren Koffer zu
-holen. Hier also hatte er den lange vermißten hineingelegt. -- Georg
-versank über dem Anblick der Lateinschrift auf dem Umschlag, von den
-eigentümlich geworfen, ja geschleudert und achtlos aussehenden
-Schriftzügen wie stets mit dem ganzen Gegensatz ihres bestimmten und
-geordneten Wesens betroffen, -- Georg versank für Minuten in Gefühle
-wehmütiger Sehnsucht.
-
-Sie war schlank und grade; der Gang schlank und kräftig; das Haar glatt;
-die Augen rund, kindlich die Stirn, und sie war die Einfachheit selber.
-Einmal sagte sie, sie könne nicht denken. Vielleicht hatte sie nie, was
-ein Mann denken nennt, gedacht. Aber sie wußte Bescheid in allem; was
-sie äußerte, war klar; ihr Urteil war, in Wort und Wendung und Sinne
-nichts als vernünftig, sachlich, ja nüchtern, selbst wenn es die
-höchsten Dinge betraf. Nüchtern, -- ja, das war sie; von jener
-Nüchternheit, welche Hölderlin heilig nannte.
-
-Also, dachte Georg trübe, muß es wohl doch das Richtige sein, was sie
-jetzt tut? -- Dann wünschte ich nur -- o der Satan hole diese
-Verstricktheit der Welt! --, dies Tun wäre ihr vorgelegt, als sie den
-Montfort verlor, anstatt daß sie sich erst an mich hängte ... Wie lieb,
-wie sehr lieb wurde sie mir! --
-
-Montfort ... Es blieb sonderbar und kaum verständlich, was diesen
-schwarzen Kentauren zu der stillen Gesellin gezogen hatte. Sie aber war
-unter dem sengenden Gestirn zu dieser erstaunlichen Frucht glücklicher
-Klugheit und fester Süße gereift, die -- die er gekostet und verloren
-hatte; wie jene Andern ... Georg zog sich mit einem Seufzer aus seiner
-Schwermut und legte den Brief fort.
-
-Indem fiel sein Blick auf das vor ihm liegende Buch, und er öffnete es
-in der Erinnerung, grade über seine Art zu sehen darin etwas bemerkt zu
-haben. Sein Blick traf alsbald auf die Worte:
-
->Ich will mein Leben noch einmal von vorn durchdenken. Ich will aus dem
-Brunnen, Eimer um Eimer, die Vergangenheit heraufschöpfen, und aus jedem
-das Süße, das Herbe, das Giftige ziehen und einen Becher damit füllen,
-und dann will ich ihn trinken. Wohlan, wenn ich das Gift überlebe, so
-werde ich keines Todes mehr bedürfen.<
-
-Merkwürdig! habe ich das geschrieben? Warum so pompös? Warum so viel
-Geste? -- Er blätterte weiter, kopfschüttelnd, indem er sich auf den
-Rand des Schreibtisches setzte. Zuerst wurde sein Auge von dieser Stelle
-festgehalten:
-
->Im Niels Lyhne geblättert, diesem traurigsten aller Bücher. Aber was
-sehe ich da? Ich bin ein Bastard wie dieser Niels. Wir haben unedles
-Blut alle Beide und haben deshalb kein Anrecht auf jeden der beiden
-Throne, weder auf den des Lebens noch auf den der Phantasie. Usurpatoren
-des Lebens, fühlen wir in jeder Anstrengung, die wir machen, die
-Hoffnungslosigkeit aus Ursachen der Unrechtmäßigkeit. Wir -- aber ich
-habe es noch etwas schlimmer als du, denn ich weiß, was ich bin. Du,
-Niels, hast es nicht gewußt, ich aber habe dich gelesen ...<
-
-Auffahrend aus dem Hinträumen über die letzten Zeilen, fiel Georg zu
-gleicher Zeit ein, daß er etwas Bestimmtes in den Aufzeichnungen hatte
-suchen wollen, und daß Anna auf ihn wartete. Unschlüssig noch ein paar
-Blätter umwendend, sah er den Regen wieder dichter strömen, und wieder
-auf das Geschriebene gerichtet, fing sein Blick die Überschrift
->Erinnerung< auf. Darin mußte das stehn, was er suchte. Er konnte nicht
-loskommen, dachte: Anna kann warten -- und: bei dem Regen!, tastete nach
-seiner Zigarettendose und Streichhölzern, begann, schon lesend, zu
-rauchen, und las nun, fliegender Augen, in immer kälterer Erregtheit.
-
-
- Erinnerung
-
-Ich hatte eine halbe Stunde im Lehnstuhl geschlafen und hörte erwachend
-noch schlaftrunken Mathilde, die einsame Winterfliege, in der Dämmerung
-umhersummen, friedfertig mit sich selber beschäftigt. (Tante Henriette
-pflegte die Winterfliege die unsterbliche Mathilde zu nennen, oder
-einfach Mathilde.)
-
-Da erinnerte dies Summen nebst der winterlichen Dämmerung und dem
-Wärmestrom aus dem Ofen mich an etwas ähnlich Behagliches, und als ich
-suchte, fand ich mich nach einer Weile auf dem alten Sofa in meinem
-Zimmer der Pragerschen Wohnung. Die Fliege summte, es war warm und
-geheizt, ich hatte einen Roman im Schoß vom verehrten Scott, es war
-Sonntagnachmittag nach dem Essen, die Familie war in den
-Sonntagskleidern erschienen, das Tafeltuch frisch gewesen, Weingläser
-auf dem Tisch und alles freundlicher, heller als Wochentags und selten.
-Nun war alles still geworden; nur über den Flur aus der Küche tönten die
-Geräusche des abwaschenden Mädchens, und in Pausen immer wieder, schon
-lange hörbar und doch kaum gehört unterm Lesen, fernher die unendlichen
-schmetternden Roller eines Kanarienvogels.
-
-Ach, diese Behaglichkeit, -- wie alles Behagen nicht ohne einen geringen
-Zusatz von Öde! (Ungefähr so, als ob man gleichzeitig ein Durstgefühl
-hatte, nicht stark genug, um deswegen seine behagliche Lage aufzugeben,
-und auch zu unbestimmt nach was?) Und wie abgeschieden waren solche
-Stunden, was war ferner als der nächste Morgen, Schulgang und die fünf
-end- und trostlosen Stunden!
-
-Aber auch diese Wintermorgende hatten ihr mehr grausiges Behagen! Das
-frostklappernde Aufstehn im Dunkel verlor seine Peinlichkeit alsbald im
-freundlichen, sehr hellen Licht der Gashängelampe, in dem alles warm
-wurde, eng das verschattete Zimmer, und noch höre ich in jenen Minuten,
-wo ich selber still war nach den heftigen Geräuschen des Zähneputzens
-und Waschens, die tiefe Lautlosigkeit, während des Anknöpfens der
-Hosenträger, wobei die Zeit stillzustehn schien, und auch von Benno
-nebenan war -- vielleicht aus dem gleichen Grunde -- nichts zu hören, so
-daß es plötzlich war, als sei in der ganzen Wohnung kein Mensch.
-
-Es müßte einmal einer das Behagen der kleinen Dinge beschreiben, der
-allerkleinsten, jener, die jedem bekannt sind, so daß man nur daran zu
-erinnern braucht, und die doch niemand sich sagte. Jenes Empfinden etwa
--- reizvollsten Behagens ach warum nur? --, mit dem man beim Anziehn der
-Beinkleider zwischen den Schenkeln durch nach hinten faßt und das Hemd
-straff nach unten zieht, so daß man es am ganzen Rücken und auf den
-Schultern fühlt. Oder jene höchste Wonne des Erdendaseins, das reine
-Taghemd mit allen Plättfalten und seiner Frische, fertig mit allen
-Knöpfen ausgebreitet liegen zu sehn und nun über den nackten Leib zu
-streifen! Oder die nicht minder hohe, nachts mit einem brennenden Durst
-zu erwachen, ohne Licht zu machen noch die Augen auf, zum Waschtisch zu
-tappen und dann dazustehn und lechzend aus der vollen Karaffe ... Ah,
-wahrlich, nicht unfroh bin ich, das bürgerliche Dasein kennen gelernt zu
-haben! Werde ich auch jemals den Geruch von Tabaksrauch aus den Kleidern
-und der getragenen Wäsche meines Berliner Schrankes vergessen, jenen
-abscheulichen Geruch, der mir in der Erinnerung heute die ganze Welt
-versüßt?
-
-Viele behagliche Dinge fallen mir ein. Einmal begleitete ich Benno und
-seine Eltern in den Sommerferien in einen Badeort an der Ostsee, Zempin
-glaube ich, hieß es, und unvergeßlich blieben mir die stillen,
-sonneglühenden Nachmittage dort, wenn von allen Veranden und Balkonen
-das Klirren der beim Decken des Kaffeetisches in die Untertassen
-gelegten Löffel hörbar war, ein so wechselnd getöntes Klirren. Dazu
-unaufhörliches und eintöniges Hühnergegacker. An Hotelzimmer muß ich
-denken, wie sie auf einmal bewohnt aussehn, wenn eine geöffnete
-Handtasche darin steht und auf dem Tisch eine metallene Seifendose und
-die Kristallflaschen mit silbernen Deckeln liegen, und es riecht nach
-Juchten ... Ein Abend im Schlößchen fällt mir ein: Virgo saß vor einer
-meiner Vitrinen in der Hocke, nahm jeden Gegenstand heraus und hielt
-ihn, selber im Schatten hockend, gegen das Licht hoch, Irisgläser, die
-persischen Federkästen, Porzellangruppen und was es nun war, fragte
-tausenderlei und erzählte kleine Schnurren. Eine behielt ich: wie sie
-als Kind zuweilen Kuchen stahl aus dem Korb im Büfett, hinterher aber
-für jedes Stück einen oder zwei Pfennige hinlegte. Sie nahm sie aus
-einem Portemonnaie von Perlmutter, so groß wie ein Auge ...
-
-Ja, vielleicht ist es gerade die Erinnerung und sie allein, die
-dergleichen Dinge wertvoll macht, die an sich nichtig sind. Sie sind es,
-an die man sich erinnern kann. Ich versuche, mir Stunden des Glücks oder
-des Schmerzes vorzustellen, Stunden der Leidenschaft, der Erhebung
-zurückzurufen, aber wie kann ich sie leibhaft machen, da mir in diesem
-Augenblick doch jenes Feuer, jener Odem fehlt, der sie damals beseelte?
-Aber die unspürbar leisen Rhythmen innerster Bewegung, der Stille, des
-abgeschiednen Beruhens, sie läßt das gelinde Aufpochen des Fingers
-wieder schwingen, und wir nehmen sie gerne auf.
-
-Aber dies Bild, warum blieb es in mir haften? Ein sehr stiller Raum,
-sonnig bei geschlossenen Vorhängen, von dem ich übrigens nichts sehe,
-als daß er eben da ist. Ich sitze an einem Tisch, an der anstoßenden
-Seite kniet auf einem Stuhl Anna als kleines Mädchen, halb über der
-Platte liegend, und da steht ein Wasserglas und liegen weiße Bogen und
-jene wunderbaren kleinen Hefte voll mattfarbiger, undeutlicher Bildchen,
-die aneinanderhängen, -- Abziehbilder, jawohl, so hießen sie, und Anna
-und ich mühten uns ab, die ins Wasser getauchten auf reinem Papier
-festzudrücken und -- zu warten. Dies Warten war unmöglich! Immer wieder,
-mit unsäglicher Behutsamkeit mußte ein Zipfel angelüpft werden, und
-immer war es noch weiß darunter, es mußte mit dem Finger wieder Wasser
-daraufgetropft werden, der halbe Tisch schwamm, und dann -- ja, wie kann
-ich nur meine eigne Haltung, meinen eignen Ausdruck gesehen haben, mit
-dem ich den eben abgelüpften Zipfel wieder andrücke und vor Anna so tue,
-als wäre alles in Ordnung, obgleich ich doch genau sah, daß ich die
-zarte, bunte, naßglänzende Haut darunter angerissen habe ... Anna
-natürlich war die Geduld selber, und wenn sie einmal lüpfte, so kroch
-sie von oben fast unter das Papier; dabei stöhnte sie entsetzlich.
-
-Und schon überfällt mich wieder ein andres: In der Geschwindigkeit eines
-Vorbeifahrens, über drei Stufen an einer Hausecke durch die offene
-Hälfte einer Tür aus geriffeltem Glase ein Blick in einen Bierschank:
-ein Stück von einem ungestrichenen Tisch, die blanken Messingkrahnen der
-Theke und dahinter das rote Gesicht des Wirts unter einem Öldruck der
-Kaiserin; er streift von einigen Biergläsern den Schaum mit einem
-kleinen Brett ...
-
-Wann in aller Welt sah ich das jemals? Und warum in aller Welt grub es
-sich in mein Gehirn?
-
- * * * * *
-
-Oh seltsame Wege der Nerven! Einen halben Tag lang bis zum Einschlafen
-verbrachte ich gestern mit Grübeln über jener Erinnerung, umsonst. Heut
-morgen fällt mir beim Anziehn ein -- in der Stunde, wo man nichts denkt,
-und das Denken sich selbst überlassen wirkt --, daß ich in der Nacht von
-der armen Helene träumte, und sofort sehe ich mich auf der Fahrt nach
-Helenenruh an ihrem Todestag und habe jenen Blick in die Tür des
-Bierausschanks. Wie aber kam ich gestern darauf? Nun, ganz gewiß hat
-auch etwas in mir, während ich das von den Abziehbildern schrieb, an
-Helenenruh gedacht, an Helene und an ihren Tod.
-
-Ich habe nun weiter über das eigenartige Walten des Erinnerungsvermögens
-nachgesonnen, und mir ist folgendes klar geworden:
-
-In dem leider einzigen Gespräch, das ich mit Josef Montfort hatte,
-stellte er unter mehreren anderen die Behauptung auf, daß der Mensch
-nichts je Erlebtes vergäße und an alles, wenn er nur wollte, sich
-erinnern könnte. Indem ich hieran dachte, sah ich ihn mir
-gegenübersitzen, wie damals im Kaffeehaus; fiel mir sogleich die
-Erregung auf, in der ich mich damals beim Hören befand, und schon hielt
-ich wie in einer Phiole das Element, in das getaucht ein erlebtes Bild
-Erinnerungskraft behält, ohne eignes Willenszutun von uns:
-leidenschaftliche Erregung. Gleich machte ich einige Proben: Damals die
-angstvolle Erwartung auf der Fahrt nach Helenenruh bewahrte mir jenes
-Bild und noch manches andre vom Weg, der vorüberflog. Ich denke niemals
-an meinen Vater, ohne ihn in dem Augenblick am Vortage meines
-achtzehnten Geburtstages zu sehn, wo er meine Hand preßte und etwas in
-mich hineinsprach, das ich nie behielt, da ich ein Augenmensch bin. Die
-Straßen meines Schulweges, mein letztes Klassenpult, Fenster, Wände und
-Bilder des Klassenraums, alle tausendmal gesehn in der täglichen
-Angsterwartung, stehen vor mir, daß ich die kleinste Beschmutzung, die
-geringste Entstellung daran beschreiben könnte. Fast glaube ich, daß
-Angstgefühle und Zustände des unsicheren, angstvollen Wartens die
-stärkste Macht zum Einprägen von Gesichtsbildern besitzen; angstvolles
-Warten, wo wir im brennenden Verlangen nach der einen Gestalt tausend
-Dinge mit glühendem Stempel des Auges in uns pressen, nur weil wir sehen
-müssen um jeden Preis, die Augen festklammern müssen, fiebernd uns mit
-Dingen beschäftigen. So erscheinen mir doch immer, wenn ich Renates
-gedenke, nicht einmal ihre Züge, sondern die Akazienwipfel der
-Güntherstraße, im Laternenlicht halbverschattet die graue Stirnseite
-ihres Hauses und erleuchtete Fenster, von damals her, als ich dorthin
-lief, nur gepeinigt vom Verlangen ihrer Nähe. Ja, Angst und Erwartung
-sind es, die ohne unser bewußtes Zutun jenes Könnenwollen der Erinnerung
-Josef Montforts bewirken, nicht nachträglich, sondern vorwegwirkend,
-denn in solchen Zuständen _wollen_ wir sehen, obschon nicht das, _was_
-wir sehen.
-
- * * * * *
-
-Noch immer im Lauf der Tage ab und zu mit Erinnerungsdingen beschäftigt,
-mir selber unvermerkt auf der Suche nach Zuständen der Erregtheit und
-Bildern daraus, und indem ich immer die Probe machte auf das erste,
-augenblicklich hervorschnellende Bild, dachte ich an meine Corpszeit,
-und siehe da, was stellt sich mir dar? Das Speibecken in der Toilette,
-freilich immer benutzt zu Zeiten übelster Peinigung. Verfluchtes Ding!
-Daß so das Sinnlose zur Einrichtung führen konnte! Saufen in der
-Gewißheit, in der Hoffnung sogar, das Gesoffene wieder von sich zu
-geben. Der deutsche Student, vorstellbar im Bilde von Münchhausens
-halbiertem Pferd.
-
-Ich rettete mich in einen Ausblick auf Bogner, und gleich sah ich ihn in
-Renates Kapelle stehn, einen Arm gegen die Wand gestützt. Damals malte
-er seine Engel, ich war wieder einmal Renates Nähe zugerannt, wir hatten
-dann ein Gespräch in der Nacht, und -- gewiß, wir sprachen auch vom
-Tode, den Tod brachte ich in irgendeine Verbindung mit der Liebe, und da
-sagte er: nein, das sei vorläufig nichts für ihn ...
-
- * * * * *
-
-Heut sah ich Esthers Gespenst.
-
-Ich ging auf breitem Ebbestrand. Das Meer war dunkel, bewegt, nicht
-stürmisch; der Himmel bewölkt und grau. Plötzlich läuft eine Fußspur vor
-mir auf, weibliche Füße, klein, etwas breit, und wie ich mich noch
-wundere über die seltene Erscheinung, muß ich erkennen, daß nach jedem
-dritten oder vierten Schritt der rechte Fuß leicht nach innen schlägt.
-Mir stand das Herz. Esther! dachte ich nur, folgte der Spur in einer
-unseligen Versunkenheit und -- sehe sie in plötzlicher Biegung dem
-Wasser zu hineingehn und in den Wellen verschwinden.
-
-Aus der Meerflut gekommen, mir erschienen, und wieder hineingegangen.
-Esther in dem rotvioletten Kleid, unschlüssig, traurig ...
-
-Es ist natürlich die Magd gewesen. Und sie ist nicht in die See
-gegangen, sondern nur dichter an den Wellen her, zur Zeit als die Ebbe
-noch tiefer war, und als ich kam, hatte die steigende Flut die Spur
-fortgenommen.
-
-Doch was geht das mich an? Ich saß im Zimmer und sah wieder den feurigen
-Roteichenbaum jenseits des Grabens, selber neben Esther auf der Bank, in
-angstvoller Erwartung dessen, was ich tun sollte und nicht können würde,
-und Erscheinung löste sich aus Erscheinung ...
-
-Aber Esther selber entschwand bald. Die Zeit war zu lustig und hell für
-die nun so umflorte Gestalt. Noch einmal sah ich sie deutlich: ich
-selber stand auf dem kleinen Balkon vor dem Saal im Schlößchen, unten
-stand sie mit Herrn Vögeleins kleinem Neffen, warf seinen Ball zu mir
-herauf und ich ihn wieder hinunter, -- noch glänzt mir ihr lächelnd
-erhobenes Gesicht. Dann sprang ich hinunter. Sie sagte: Nun ists genug,
-kommen Sie herunter! -- und ich hatte die meines Wissens einzige
-Anwandlung von Tollkühnheit in meinem Leben und sprang ohne weiteres in
-die Tiefe, wobei ein Fuß leider zerbrach. Oh schöne Zeit, die mirs
-lohnte! Die Ferien standen nahe bevor, ich hätte nach Helenenruh fahren
-müssen, nun wars ein Vorwand zum Bleiben, ich konnte die langen Tage
-liegen und Besuche empfangen und Esther bei mir sitzen haben, und einmal
-sogar kam Renate. Leichteste Zeit! Um ins Haus Montfort gelangen zu
-können und nicht unprinzlich hüpfen zu müssen, ließ ich eine Hängematte
-außen mit violettem Samt, innen mit weißer Seide beziehn und durch die
-Ösen an beiden Enden eine vergoldete Stange schieben; dazu mietete ich
-zwei eben stellenlos gewordene Inder, Türsteher eines verkrachten
-Panoptikums, die mich zum Wagen und im Montfortschen Haus und Garten
-überall hintragen mußten. Das war einen Tag schön, dann standen sie
-überall im Wege, und ich gab das Ganze auf.
-
-Eine Ansichtskarte fällt mir ein, die Renate oder Anna von Bogner und
-Ulrika bekam, als die Beiden einmal eine Reise machten. Darauf hatte er
-sie und sich abgebildet, wie sie auf einem Stuhl sitzt und ein Loch in
-seinem Strumpfhacken stopft, den er ihr, mit dem Rücken nach ihr vor ihr
-stehend, hinhält, mit der Umschrift: Sie wird mich in die Ferse stechen!
-
-Halbe Nächte im Gespräch mit Sigurd und Benno über die ewigen Dinge.
-Leicht genug mögen sie gewesen sein, und wenn sie mir schon schwer
-waren, so war doch das Reden darüber zu leicht. Immer im Hintergrund
-aber, ob unsichtbar, war Esther, deren leises Eintreten ich immer
-erwartete, und kam es nicht oft?
-
-Als wir einmal Alle beisammen waren, fragte jemand Jason, wie es
-eigentlich komme, daß er zu allen Frauen seiner Bekanntschaft Du sage.
--- Wie kommt es dann, fragte er hinwieder, daß sie es auch sagen, sobald
-ich es einmal getan habe? -- Ach, ihr Männer, sagte er, da niemand eine
-Antwort hatte, zu meinem Zimmerofen sage ich auch Du, sind aber die
-Frauen nicht um vieles wärmender? Sie sagen gern wieder Du, wenn ich es
-sage.
-
-Es ist immer viel mehr der Duft der Worte, den man wahrnimmt, wenn Jason
-spricht, als die Worte selbst, und ich glaube, Alle empfanden wie ich in
-jenem Augenblick, daß es kühl um uns war, daß wir uns Alle kühl waren,
-und vielleicht hätten wir eine Wahrheit entdeckt, wenn nicht einer von
-andern Dingen angefangen hätte, wie das immer zu sein pflegt, wenn
-Wahrheiten vor der Tür stehen.
-
-Nun sehe ich Dora Vehm, -- was ward aus ihr? -- Ich sehe sie beim
-Krokett auf der Wiese, es war kein Spiel für Kinder, sondern lange,
-schwere Hämmer und wuchtige Kugeln. Sie aber schlug mit einer Kraft,
-Anmut und Sicherheit die großen Bälle weithin durch die Tore, gegen
-andre Kugeln, unaufhaltsam weiter ihres Wegs, daß es eine Wonne war, sie
-dabei zu sehn. Ihre Augen brannten, sie strahlte, ich sah Ägidi, der
-ruhig wie ich dabeistand, sie hatten jeder ihre Augen in der Gewalt.
-
-Seltsam genug: für einen unernsten Menschen kann ich mich nicht halten,
-ich liebe die Schwermut vielleicht mehr, als daß ich sie habe, aber wie
-geht es zu, daß fast alle Erinnerungen heiter sind, die sich beschwören
-lassen? Noch heute fiel mir ein Fetzen Papier in die Hände, leserlich
-gekritzelt darauf:
-
- Halbgöttinnen gehn am Gestade, -- das stahlblaue Meer
- Wirft Ketten von silbernen Fischen um ihre Füße.
- Salzluft bereift der roten Lippen Süße,
- Gewänder flattern farbig um sie her.
-
-Das stammt aus den ersten Tagen meines Hierseins. Renate und Magda waren
-zu Bogner gekommen, es war ein warmer, sonniger Tag, ich stand oben auf
-meinem Turm mit dem eben gefundenen Handfernrohr und sah sie am Strande
-alle Vier, Renate, Magda, Ulrika und Cornelia. Sie hatten Schuh und
-Strümpfe ausgezogen, Renate und Ulrika Magda untergefaßt, Cornelia ging
-voran in einem lichtgelben Kleid, die drei Andern hatten allesamt weiße
-Kleidröcke und bunte, gestrickte Jacken, Renate eine burgunderrote,
-Magda eine grüne, Ulrika eine violette, und ich konnte durch das
-Fernrohr feststellen, daß nur die Renates und Ulrikas aus Seide waren,
-Magdas, stets bescheiden, war Kunstseide. Noch sehe ich die Drei im Rund
-meines Tubus unten stehn und zu mir heraufwinken, flatternd, farbig,
-lachend auf dem weißen Strand vor der dunklen Wogenwand von Blau, aus
-der die Welle, um ihre rosenen Füße leckend, kleine, silberblitzende
-Fische spülte ...
-
-Meine letzte farbige Erinnerung. -- Allein warum behielt sich mir das
-Heitre so oft?
-
-Ich schrieb es wohl neulich schon auf: An Schmerzliches kann allein die
-Vernunft sich erinnern; das Gefühl kann nicht nachschaffen aus Nichts,
-was damals erglühte, so geht der Vorgang selber unter, und es bleibt nur
-das optische Bild, um so leichter, je farbiger, je brennender es war.
-
-Ja, nur die Bilder erscheinen, mondlich angestrahlt, seltsame Monde
-selber, abgeschieden vom Damals, wirkungslos ...
-
-Wenn die versunkene Stadt -- in der Nacht der Erlösung -- sich aus den
-fallenden Wassern erhebt, -- tönen die Glocken wie vormals ... Wandeln
-wie vormals die Straßen, -- und die kindlichen Spiele -- tun es wie je
-den Erwachsenen gleich.
-
-Doch es blieb ein Vermächtnis -- aus der versunkenen Jahre Gram -- auf
-den seltsam alten -- Gesichtern zurück. -- Und es beleuchtet ein fremder
-Mond -- Turm und Planet und seltsam verschnörkeltes Dach.
-
-Während rings aus dem riesigen Meere die alten -- Gestirne steigen und
-wieder schaun, -- was niemals altert. -- -- Wo keines Segels ernster
-Schatten, -- kein Vogelflug nach der düsteren Ferne strebt.
-
-Anders lächeln von Fenster und Tür -- Mädchen auf Knaben, -- und anders
-der Alten Schritt -- über die steinernen Treppen und Höfe schallt.
-
-Mädchen, die Sträuße tragen, -- atmen befremdet den Duft, der von
-gestern erzählt ...
-
-Im Schweigen der Glocken -- hören sie Alle -- ängstlich und deutlich --
-das schwellende Dröhnen -- der kommenden Flut.
-
- * * * * *
-
-Als ich heute an der offenen Türe des Kuhstalls vorüberging, fuhr ein
-unsichtbarer Arm mitten aus dem Mistgeruch auf mich zu, packte, schwang
-und stellte mich mit gewaltigem Schwung über mehr als drei Jahre hinweg
-auf den Helenenruher Wirtschaftshof, in einen Sommertag, in den Tag, wo
-ich meine Kindheit verlor.
-
-Das weiß ich heut, daß ich sie damals verlor. Der Tag wars, wo Bogner
-gekommen war, wo das mit Jason geschah, wo ich nachts in Annas Zimmer
-war. -- Noch sehe ich die gelben Orpingtonhühner auseinander stieben,
-sie erschraken vor Unkas, und da geht Unkas tappend auf die Tür seines
-Stalles zu, und ich selber stehe da und -- ich vergaß, was ich dachte,
-aber -- es scheint mir ein Vorspuk gewesen zu sein, ein Aufdämmern vor
-dem gänzlichen Erwachen. Das kam in der selben Nacht, da lag ich auf der
-Wiese am Parkrand, nicht weit von der Stelle, wo ich am Morgen gelegen
-hatte und zu mir gekommen war aus dem Sonnensieden wie aus brodelnder
-Geburt. Da lag ich am Boden und fühlte das Tragen der Erde, sonderlich
-heimatlos und kühl war mir zu Sinne, ich wußte -- ja, was wußte ich
-wohl? Daß ich nun alles wußte, das wars.
-
-Heiliges Kindheitsland, wo bist du? -- Zurecht fallen die Verse mir
-jetzt ein, die ich in Helenes Mappe fand. Als ich sie dichtend empfand,
-da dichtete Erinnerung in mir, Erinnerung an jene Nachtstunde am
-Parkrand, wo ich mich erkannte, weil ich das Weib >erkannt< hatte; wo
-meine Kindheit ein Ende nahm. Und doch, als ich diese Worte im Gedicht
-empfand, -- wie dumpf noch, wie unwissend, wie nur abgehorcht einer
-unverständlichen Geisterstimme, und freilich echter vielleicht darum,
-echter gedichtet als das meiste sonst. Heute erst weiß ich ganz.
-
-Unkas aber mit seinem tastenden Gang, die Hühner, die tafelnden Arbeiter
-im Hof: diese waren mein erster wacher Blick, meine erste Beobachtung.
-Während es dämmrig in mir selber blieb, begann ich Bilder in mich zu
-füllen unermüdlich, deren schillernde Buntheit mir das Innre magisch zu
-erhellen schien. Immer genügte die Anschauung, und sooft ich es selber
-sein mochte, an dem ich Beobachtungen machte, so genügten mir auch sie,
-und zu Erkenntnissen dehnte ich sie nicht aus. Auch das Bild Emmaus
-beobachtete ich wohl und verstand es ästhetisch genau, und mir selber in
-jener Nacht brannte das Herz vom Zuspät. Heut weiß ich seinen Sinn,
-heut, wo es zu spät geworden ist.
-
- * * * * *
-
-Doppelt erregt, von hundert Bildern seines vergangenen Lebens aus der
-Aufzählung der Erinnerungen, und von dem heftigen Gefühl, daß gleichwohl
-nicht er dies geschrieben habe, sondern ein Fremder, der erstaunlich
-viel von ihm wußte, schloß Georg aufatmend das Buch.
-
-Nein, sagte er mit Entschlossenheit, ich bin das nicht mehr. Das ist ja
-schrecklich, diese Augenjagd nach Kleinem und Kleinstem, in der
-Aufzählung mit drangeknüpften Nutzanwendungen wie hier ja ganz reizvoll,
-aber war das der Zweck des Erlebens? -- Und er sah sich selber
-herumfahren wie einen schillernden Argos mit zehntausend apokalyptischen
-Augen. Seine eigenen Augen gingen ihm über dabei, -- aber jetzt, da er
-die Lider schloß, kam etwas aus dem Dunkel; eine dunkelblaue Brust im
-Anzug, Schlips und Kragen, und nun das Gesicht seines Vaters, Bart und
-Haar, Wangen und Brauen und endlich -- Georg erbebte -- auch der Blick
-der gestorbenen Augen. Alles dies aus der wirbelnden, einzig
-beglückenden Stunde am Vortage jenes achtzehnten Geburtstages,
-eingebrannt in die Luft, um ihm jahrelang immer wieder zu erscheinen. --
--- Im Nu war das wieder verschwunden, aber Georg, schmerzlich ihm
-nachblickend, während vor seinen wiedergeöffneten Augen Fenster und Dach
-erschienen, fragte sich schwer und gebunden: Deshalb? Deshalb das
-tausendfache Schaun, damit dies gesehen wurde und haftete?
-
-Er wartete horchend, aber es kam nichts weiter, und er erhob sich nun
-hastig, ging ins Nebenzimmer, wo er mit Egons Hülfe, auf Umkleiden
-verzichtend, festere Stiefel und Gummimantel anzog, ergriff Hut und
-Schirm und eilte hinunter.
-
-
- Viertes Kapitel
-
-
- Magda/Renate
-
-Georg war, als er das Frühstückszimmer wieder betrat, zufrieden mit dem,
-was er an sich beobachten konnte. Denn nicht nur, daß er die jetzt
-anwesende Renate, weil sie mit dem Rücken am Kreuz der Glastür lehnte,
--- so daß er, selber ins Helle blickend, ihr vom Licht abgewandtes
-Gesicht nur undeutlich wahrnahm -- für Irene hielt, zumal sie die Füße
-im Stehn vorgeschoben und sich dadurch verkleinert hatte; nein, auch als
-er sie erkannte, war, was ihm aufs Herz fiel, eher eine abweisende
-Kühle, und er fand sich unangefochten. Auf seine Frage nach Irene wurde
-ihm gesagt, daß sie sich immer noch angegriffen fühle und nicht vor zehn
-Uhr zu erscheinen pflege. Renate -- er sahs -- hatte wieder geweint, und
-Georg hatte eine alte Abneigung gegen vieles oder leichtes Weinen von
-Frauen. Im Augenblick trug sie freilich einen skurrilen Ausdruck zur
-Schau, der ihr Gesicht lieblich verkleinerte, die Augen blank machte und
-etwas spitz wie die kleiner Tiere. Georg äußerte zu Anna -- im stillen
-Renates Kleid bewundernd, das von blauem Violett, in der Form dem der
-Äbte glich, mit weitem, faltenreich glänzendem Rock und engen Ärmeln,
-die bis zum Ellbogen ein schlichter Schulterkragen bedeckte --, ob sie
-nicht auch fände, die Abatissa habe Augen wie ein Wiesel heut.
-
-Über Magdas Gesicht ging ein ungemeines Glänzen, während sie, ohne die
-Augen aufzuschlagen, schwieg und fortfuhr, die Knöpfe ihres Lodenkragens
-zu schließen. Renate fing an zu lachen, drehte sich um, legte das
-Gesicht in den hochgehobenen Ellbogen und den Arm gegen die Scheibe und
-lachte so einfältig, daß Georg ungehalten wurde.
-
-»Was lacht sie denn so? Ist heut nicht Charfreitag?«
-
-»Erst Pferd und dann Wiesel, da hast du's«, sagte Anna unverständlich zu
-Renate hinüber, und indem erschien vor Georg lautlos Egloffstein, ihn
-blicklos anblinzelnd mit den ganz hellen Augen unter weißen Brauen,
-Renates Mantel und Schirm in den Händen, die er Georg überreichte. Der
-aber fand nun, ins Freie blickend, daß es nicht mehr regnete; über die
-Terrasse glitten Sonnenstrahlen. Es gab noch einen Kampf mit Renate um
-den Mantel, bis Georg ihn ihr zum Tragen überließ, da er sie und Anna zu
-führen hatte.
-
-Als Georg dann, Annas Oberarm mit der Linken umspannend, mit der Rechten
-Renates Handgelenk, seinen Arm unter dem ihren, was sie
-unbegreiflicherweise zuließ, -- als er so am Ende des Hauses die Beiden
-die Stufen hinabführte und zur Linken den Weg hinab in den Park, sich
-aufrichtend und Luft einziehend, stimmte er sich ernster, im Gedanken
-des Wegs, den sie gingen, und an den Annas Rosenstrauß ihn erinnerte.
-
-Naß, aufgeweicht, braun erstreckte sich vor ihnen der stumpfe Sandweg
-mit glänzenden Lachen an den Rasenrändern. Über die Büsche des Waldes,
-die zierlich begrünten, lief ein fröstelndes Beben. Vor ihnen, in der
-Weite der Parkflächen, standen die Bäume noch kahl und ohne Bewegung,
-während die grünen Gesträuche sich schüttelten im leichten Wind. Birken
-glänzten kalkigweiß, und stark war der Geruch all des Nassen,
-Erfrischten umher; österlich wie das Ganze selbst der eilig in
-grauweißen Wolken fahrende Himmel.
-
-Sie schritten schweigsam, langsam dem Weiher zu. Die Insel erschien,
-noch ganz schwarz, nur über dem Ufer unten grün mit Buschwerk gefleckt.
-Georg nahm die Blicke aus der Höhe des kahlen Astwerks zurück und wandte
-sie insgeheim gegen Renate.
-
-Herzbewegend schien ihm, was er nun sah: zwischen den kleinen Bögen des
-hohen Halskragens, die unterm Kinn und den Ohren nach außen gerollt
-waren wie die äußersten Kelchblätter einer Blume, kamen von innen kleine
-weiße Zungen heraus, Kelchblätter gleichfalls, und daraus stieg, und
-darin ruhte die geschlossene, feste, reiche Blüte des kleinen Haupts mit
-den ewigen Farben: Hyazinthblau und Magnolienweiß und Buchenbraun; mit
-seinem Wunder der Braue; der Sehnsucht von Engeln im Winkel des Mundes;
-dem Stolz von Byzanz in der Biegung der Nase, -- ach, Heliodora, wie war
-alldas doch festlich und schön gewesen! -- Und er bekam den Blick nicht
-los aus diesem, gradaus schauenden ihres Auges, zwischen winzigen
-Schlägen der Wimpern aus dem feuchten, gewölbten, durchblauten Kristall;
-diesem blickenden Leben, dieser sichtbar vor sich hinschauenden Seele
-aus dem magischen Haus.
-
-Dunkelgrau lag der Weiher, leicht wellenbewegt, zur Linken die schmale
-Brücke mit dem Rindengeländer; aber die Anna blieb, als er zu ihr
-einbiegen wollte, stehen, indem sie genau zu wissen schien, wohin sie
-gelangt war. So hielten auch er und Renate, wortlos, und Georg fand sich
-emporblickend leise geblendet von einem weißgelblichen Quellen im grauen
-Gestrudel des Himmels. Nicht weit davon war ein hellblaues Loch von
-unendlicher Tiefe.
-
-»Weißt du noch,« hörte er Anna sagen, »wen wir hier herausgezogen
-haben?«
-
-»Wir, Anna? -- Übrigens hast du im Leben keine edlere Tat getan«, setzte
-er mit ungewolltem Spötteln hinzu. Sie bewegte daraufhin nur leise
-verneinend den Kopf hin und her, streckte die Hand nach dem Geländer
-aus, fand es und ging allein über die leise sich wiegenden Bohlen. Auch
-Renate bewegte, da er sie ansah, ähnlich wie Magda den Kopf, machte sich
-los von ihm und ging langsam davon, den Weg am Ufer hinunter. Also
-folgte er allein über die Brücke, rasch, um Magda in den Baumgang zu
-führen, die nach Renate nicht weiter fragte. Georg bedauerte immerhin
-soviel Zartgefühl, das ihn beraubte.
-
-
- Magda
-
-Das Herz Georgs schlug an, als er aus dem Baumgang über die kleine Mulde
-hinaustrat, behutsam und so gleichsam mechanisch wie die Einlaßglocke in
-einem Hausflur, worauf er das Ausbleiben eines Mehr an Empfinden damit
-entschuldigte, daß in dem scharfen Sterben dieses Jahres die alten Tode
-zugrunde gegangen seien. Immerhin empfand er die ernsthafte
-Feierlichkeit des leicht geschlossenen Raums, über dem er blaue Segel
-taumlig über weißquellende Meere hinfliegen sah. Die kahle und nasse
-Buche gegenüber dampfte da und dort unter dem linden Feuer vereinzelter
-Strahlen; undeutlich an der Rinde erschien das dunkel metallene Schild.
-
-Es waren aber schon Menschen dagewesen. Da, wie Georg sich erinnerte,
-sein Vater bald nach Helenes Tod eine zweite Brücke hatte schlagen
-lassen, die von der Landstraße aus zu erreichen war, so fand Georg den
-Rasen unter dem Baum bedeckt mit frommen Zeichen: Sträuße, Kränze und
-Schleifen, und um den Stamm -- welch holder Einfall eines Kindes! -- war
-eine Girlande von Primeln geschlungen, -- ein jungfräulicher Gürtel des
-Frühlings. Georg teilte Anna dies halblaut mit, und sie gab ihm ihre
-Rosen, die er in den Primelkranz hing, um ihnen so einen bevorzugten
-Platz zu geben. Sie standen dann stumm einander gegenüber, getrennt von
-dem blühenden Durcheinander am Boden, auf das Magdas Blicke
-hinabgerichtet schienen wie die seinen, und wo der Geruch von Nässe
-wetteiferte mit dem herben der Stechpalmen und dem leidenschaftlichen
-der Hyazinthen. Auf einer violetten Schleife, die seltsam an Renates
-Kleidung erinnerte, entzifferte Georg die in Gold gestickten Worte: Der
-Unvergeßlichen.
-
-Der Unvergeßlichen ... Gewiß vergaß er sie niemals. Drei Jahre bald war
-sie tot, aber worauf beruhte die Anhänglichkeit dieser Menschen an die
-immer unsichtbare Gestalt? Dienerschaftsgeflüster, dachte Georg, und
-dann, daß Güte und langes Leiden wie Christus über den Wellen wandeln
-nach überall. Indem ward er des Sarges inne, der hier unter seinen Füßen
-stand. Er fühlte die Luft kühler und fröstelte.
-
-»Sind viel Blumen da?« hörte er Magda fragen.
-
-»Eine Menge.«
-
-»Voriges Jahr«, erwiderte sie, »waren es zwei Sträuße und ein Kranz. Was
-mag das bedeuten?«
-
-Georg erriet an ihrem Ausdruck, daß sie es auf ihn selbst bezog, und
-sagte leise: »Ja, die Menschen sind seltsam.«
-
-Stille. Laut schmetternd erhob ein Buchfink seine nahe Stimme, und aus
-weiter Ferne herüber war eine Amselflöte zu hören.
-
-»Sage mir, Georg,« redete ihn das Mädchen wieder an, »glaubst du je
-empfunden zu haben, daß sie nicht deine Mutter war?«
-
-Er hob die Achseln. »Wie kann ich das sagen? Ich empfand etwas. Aber ob
-ich auch, wenn sie weniger unsichtbar gewesen wäre ...«
-
-»Aber«, sagte sie, »dein Papa, das hast du doch immer gefühlt!«
-
-»Ja, Anna!« bekräftigte er überzeugt -- und schreckte zusammen. Was
-sagte er denn da? Aber wie mißverständlich hatte sie auch gefragt! --
-Noch nach einer berichtigenden Antwort suchend, sah er Magda horchend
-den Kopf anheben und hörte gleich darauf selber Stimmen und Schritte von
-Menschen. Wenig später standen sie wieder vor der Brücke.
-
-
- Renate
-
-Unweit am Ufer zur Linken, über der Flut, wo Blaues und Weißes sich
-schnell ineinanderschlang, saß eine sehr stille, violettblau gekleidete
-Gestalt, in sich versunken, -- Renate auf ihrem Mantel, den sie über die
-Bank gebreitet hatte, und von ihr ging ein Gefühl von Ernst und Trauer
-aus. Nahe über ihr flüchteten weiße gestaltlose Nebelwolken unter dem
-blauen Gewölbe, das durch vielfache Lücken schien und glänzte, und
-Strahlen wanderten lautlos golden dazwischen umher, erloschen und
-brachen an anderer Stelle mit lächelnder Sanftmut hervor. Weit und offen
-darunter das Land glänzte in Heiterkeit; Grün der Wiesen, überall zart
-erblinkend von gelben Schlüsseln; die kleine weiße Versammlung der
-Birken, unweit hinter Renate, schien dazustehn gleich Jünglingen oder
-Mädchen, die auf den Anfang der Wettspiele warten; ganz fern wirbelten
-Büsche grün und licht, und die Gruppen der schwärzlichen Bäume hatten
-nichts Struppiges mehr, sondern Weichheit und die unsichtbare
-Verschleierung ihrer Knospen. In der bewegten Stille der Lüfte regten
-sich lebhafte Vogelstimmen, zwitschernd und zuversichtlich, durch die
-lautlos weiche Geschäftigkeit der wandernden Lichtstrahlen.
-
-Ach, mein Frühling! dachte Georg und fühlte sich wieder beglückt; er
-führte wortlos die Anna über den Brückensteg und den Weg zu Renate
-hinunter, nach einer Weile erst kurz bemerkend, daß sie dort sitze.
-
-Renate blickte auf, als sie näher kamen, durch Georgs Augen streifend
-mit einem unverständlichen Blick voll Trauer und Güte. Das verwirrte ihn
-so, daß er nach einer Weile erst inne wurde, daß sie sich mit Magda
-stritt, die sich jetzt an ihn zur Entscheidung wandte. Sie müsse zur
-Generalprobe in die Stadt, und obwohl für Renate ein Vertreter bestellt
-sei, wolle sie jetzt mitkommen, und Georg sollte es verbieten, da sie
-doch ihren Fuß für den Abend schonen müsse.
-
-»Braucht sie abends ihren Fuß?« hörte Georg sich ganz freundlich fragen.
-
-»Aber ja doch! Zum Orgelspielen! Zum Pedaltreten!«
-
-Georg, nicht recht begreifend, warum er einen kleinen schneeweißen
-Eisberg in einem blauen Wasser schwimmen sah, raffte sich auf, sie zu
-überzeugen, aber der Streit schien bereits entschieden, und er konnte
-sich nun wundern, die Anna in ihrem hellroten Kleid, den Mantel am Arm,
-zwar irgendwie unsicher, aber ganz allein den Weg hinabgehen zu sehn.
-
-»Kann sie denn sehn?« fragte er ungläubig.
-
-»O ja, heute ganz gut!«
-
-»Darf ich mich zu Ihnen setzen?«
-
-»Gern!« Und Renate zog ihren Mantel, auf dem sie saß, weiter auseinander
-neben sich, denn die Bank war ganz naß.
-
-Georg schloß die Augen, erquickt vom Gefühl des Sitzens.
-
-Eine Lust schnellte jetzt in ihm auf wie ein Hund hinter der Hoftür,
-eine Begier, zu reden über irgendwas, da er sonst denken mußte, und
-schon hatte er sich an der Banklehne hin zu Renate hinübergelehnt und
-schwoll über.
-
-In diesem Augenblick glaubte Renate zum ersten Mal, seit sie ihn kannte,
-die Leibhaftigkeit Georgs, seine wirkliche Nähe zu spüren. Früher --
-wieviel ferner als alle Andern war er ihr allzeit gewesen, ein junger
-Mensch, den sie nicht verstand, fremdartigen Wesens, abgeschlossen von
-ihr. Während sie ihn sprechen hörte, stellte sich deutlich Erinnrung an
-seinen Vater ein. Was erinnerte denn so sehr an ihn? Es war -- Magda
-hatte es getroffen -- etwas Fürstliches da, eine Unbändigkeit
-und Überlegenheit. Freilich -- seine Mundwinkel hatten ein
-Verächtlichkeitszucken, das ihr zu häufig kam, als daß es ihr ganz echt
-scheinen konnte. Aber sein Auge war klar, zumal in Pausen, wenn er
-schwieg und weithin blickte; dann hatte es einen Glanz von
-Unerschrockenheit, von Stetigkeit und -- sie fühlte ein innres Erröten,
-als sie es dachte -- fast von Wärme, wenn er sich nun zu ihr wandte.
-Warum nur lärmte er so? sprach schallend laut und machte heftige Gesten?
-Ja, auch das war wie beim Vater ...
-
-»Ja, nun sehen Sie mal, teuerste Renate, da haben wir Charfreitag. Ein
-schöner Tag offenbar, ich bin ganz erstaunt. Denken Sie an, ich habe da
-drei Wochen bis über die Augen in Geschäften gesessen und nicht bemerkt,
-daß es Frühling ist. Aber so geht es mir immer. Passen Sie mal auf!« Er
-redete nun immer freier und sorgloser, in schnellender Erleichterung von
-Satz zu Satz. »Ich will Ihnen mal genau sagen, wie sich das mit mir
-verhält. Vor ungefähr vier Jahren hatte ich folgenden Traum. Ich stand
-in einem Theaterparkett, nicht wahr; auf der Bühne war ein glänzender
-Festzug, ich sollte eigentlich mitwirken, nicht wahr, aber die Menschen
-ließen mich nicht hin, und ich schrie, nicht wahr, Sie verstehn, wie das
-so ist im Traum, und ich schrie jedenfalls: Ich komme nicht hinein.
-Komisch, was, aber wir können so weise werden wie Salomo, wir träumen
-doch immer wie die Esel. Übrigens war dieser Traum eben nicht so dumm,
-barg vielmehr eine Wahrheit am tiefen Grunde, wie der Dichter sagt, und
-was meinen Sie, wer förderte sie zutage? Natürlich Ihr leider
-verstorbener Vetter Josef. Was sagte er nämlich, wie legte er es aus?
-Ganz einfach, nicht wahr, nämlich -- ich käme bei Gott nicht hinein, in
-die Gegenwart gewissermaßen, Sie verstehn, was man so >das Leben< nennt.
-Ja, Sie lächeln, Renate, aber nun ist es wahrhaftig eingetroffen. Im
-Allgemeinen und im Besondern. Soll ichs beweisen? Ich meine --, ich weiß
-ja nicht, ob es Sie --«
-
-»Sehr, Georg, sehr doch! Ich habe ja viel an Sie denken müssen, seit Sie
-Herzog sind, und --«
-
-»Das wird ein schöner Schlamassel werden, nicht wahr? Haben Sie das
-nicht gedacht?« rief Georg, bog sich nach hinten und lachte schallend.
-
-»Nicht ganz, Georg, aber daß es sehr schwer --«
-
-»Schwer? Was für'n Unsinn, Renate! Wie kann so was schwer sein? Das ist
-genau wie mit dem Dichten, meinen Sie, das wäre schwer? Der Eine kanns
-immer, der Andre kanns nie. Ich gehöre zu denen, die es nie können«,
-schloß er überzeugt.
-
-Georg schwieg. Minutenlang schwieg er, aber während dieses Schweigens
-sprach er ganz andre Worte zu ihr als im Augenblick zuvor. Er sagte,
-langsam und nachdrücklich Wort für Wort und ohne die Fürstenpose, die er
-sich angeformt hatte, ohne selber zu wissen wie; er sagte:
-
-Sieh, Renate, wie das mit mir ist! Zwischen den Menschen und mir ist
-etwas wie ein Schleier; nicht einmal Schleier, -- nur Glas,
-durchsichtig, und scheinbar ist gar nichts da, und doch ist es etwas,
-das den geraden Blick bricht, so daß er nicht eindringen kann in ihr
-Sein. Das ist die Lüge ...
-
-Hier brach er ab, dachte trocken und heiß: Warum sag ich es nicht? Warum
-leg ichs nicht einmal in eine fremde, in ihre Hand, daß sie's weiß, daß
-sie -- ja, daß sie nur etwas näher zu mir ist, als daß wir nun sitzen
-als Unbekannte und reden, was ebenso gut und was besser ungeredet
-verbliebe?
-
-Georg bemerkte, daß genug geschwiegen war, besann sich und begann von
-neuem so wie vorher.
-
-»Also ich wills Ihnen beweisen! Zum Beispiel folgendermaßen, nicht wahr,
-ich will beispielsweise reden. Sie wissen, Ihr Vetter Erasmus hat, wie
-auch früher mein Vater, und nach dem Vorgang von Abbe in Jena, die
-Einrichtung getroffen, daß die Arbeiter seines Unternehmens am Einkommen
-beteiligt sind. Nun, herrlich, nicht wahr, menschenfreundlich und
-gerecht. Und was kommt heraus? Ein jeder Arbeiter, nicht wahr, hat sein
-Stück Geld auf der Bank, ist, mit einem Wort, ein kleiner Kapitalist.
-Ist aber damit ein Übel beseitigt? das Grundübel, der Kapitalismus?
-Tausend Menschen sitzen mit Goldplomben in den Zähnen, und da giebt man
-den Übrigen auch welche, das ist die Geschichte. Ja, sehen Sie doch, der
-steifste Reaktionär könnte ja nichts Besseres tun, um der
-sozialdemokratischen Arbeiterschaft den Mund zu stopfen, denn wer satt
-hat, der ist zufrieden, das ist so alt wie Jerusalem. Ja, aber
-meinen Sie, das könnte mir passen? Da sehen Sie also, daß bei
-Menschenfreundlichkeit nichts herauskommt. Also, wie greif ichs an, wie
-komm ich hinein, da ich auf einer ganz andern Grundlage stehe?
-
-»Oder ein andres Beispiel. Ein Dichter schickt mir da seine Verse mit
-der ergebenen Bitte, ihm zum Abdruck zu verhelfen. Dummes Zeug, nicht
-wahr, das sich reimt, na, aber das ist Zufall, sie könnten ja gut sein.
-Was tu ich? Laß ich diese drucken, so kann jeder kommen, ich muß einen
-Verlag aufmachen, das geht nicht. Aber, da ich nun mal die Aufgabe habe,
-im Einzelfall den Mangel der Gemeinschaft zu erkennen, was tu ich? Ich
-denke nach, nicht wahr, über diese besondre Gemeinschaft der Dichter,
-die keinen Verleger finden, oder wenn auch, nicht genug zum Leben
-bekommen, und was fällt mir ein? Folgendes, nicht wahr? Alle Dichter
-höheren Grades, eben jene, die es am schwersten haben, tun sich zusammen
-und geben ihre Werke gemeinsam heraus. Was geschieht? Diese Werke kauft
-niemand; da sie gut sind, niemand. Was muß der Dichterverlag m. b. H.
-tun, um sich über Wasser zu halten? Muß noch andre Werke herausgeben,
-die gehn, Kunstbücher oder Schmarren oder so, was Sie wollen, mit einem
-Wort: sie müssen einen richtigen Verlag gründen, den Konkurrenzkampf
-aufnehmen, und so weiter. Können sie das? Gott bewahre, sie sind
-Dichter, sie müssen also einen Geschäftsmann an ihre Spitze stellen,
-einen Verleger, der es macht wie die Andern, und was kommt zutage? Ein
-Verleger mehr zu den alten. Oder aber, ich muß einspringen, muß den
-Verlag unterstützen --, ja -- na, da kann ich grad so gut dem Einzelnen
-helfen, der zu mir kommt, und wir drehn uns im Kreis wie die Schafe mit
-Littiti.
-
-»Oder drittens, um zum Kern der Sache zu kommen. Ein Schuldirektor
-überreicht mir in Audienz ein dickleibiges Manuskript: Umformung des
-gesamten Schulwesens. Schön, nicht wahr, des gesamten, der Kerl, denkt
-man, fängt die Sache am Grunde an. Ich fange an zu lesen, nicht wahr?
-Übrigens ein geistvoller Mann, wie Herder, nur praktischer. Also ich
-lese zwanzig Seiten und habe folgende Vision. Ich lege das Buch meinem
-Kultusministerium vor. Das sagt: Ausgezeichnet, und streicht mir die
-Hälfte weg. Die verbliebene Hälfte, nicht wahr, leg ich vor den Landtag.
-Der sagt auch ausgezeichnet und streicht wieder die Hälfte. Das
-verbliebene Viertel geht an die Schulbehörde, und da sickert es nun über
-die Inspektoren zu den Direktoren, zum Lehrkörper endlich, und allda
-wirds ein Pensum. Da sitzen in allen Klassen diese braven und unbraven
-Berufsmenschen, die fünfzig Karpfen und drei Hechte in die Schleuse der
-Versetzung zu treiben haben, und was meinen Sie nun, ist inzwischen aus
-der glorreichen Umformung meines Herders geworden?
-
-»Und da, Renate, da haben wir die Sache beim Kopf und können sie lausen.
-Hilft es irgend etwas, die Einrichtungen ändern zu wollen? Nein, die
-Menschen müssen sich ändern, und nun sagen Sie mir um Gottes willen, wie
-ändert man die?«
-
-Georg, heftig frierend, aber sonst frei, sah zu Renate auf, die sich
-langsam erhoben hatte.
-
-»Ja, möchten Sie denn nicht zugreifen, Georg, um sie zu ändern, die
-Menschen?« sagte sie leise. »Wie schön --«
-
-»Ich, Renate, ich?« Hohnlachend warf Georg sich zurück. »Ich? Ja, wie
-komm ich denn dazu? Einigermaßen sitze ich ja fest in meinem Leben, bin
-wenigstens fertig damit, aber -- hab ich mich denn je geändert? Wie hab
-ich ein Recht? Gott, sehen Sie doch, mein Vater --« Er verstummte, für
-Sekunden sprach- und gedankenlos, und sah Artaxerxes, den Schwarzen,
-über das Wasser heranziehn, plötzlich abbiegen und um Renate, die vorn
-am Ufer stand, einen weiten Bogen beschreiben, indem er leise fauchte.
-
-»Mein Vater«, fuhr Georg mit Anstrengung fort, »war ein Mann der Tat. Er
-stand nun mal auf dem Boden, auf dem er zu schaffen verstand. Ich steh
-auf einem ganz andern, von dem aus die ganze Gemeinschaft, in der wir
-leben, falsch aussieht, oder so -- warten Sie -- nun, wie wenn Menschen,
-nicht wahr, deren Natur für eine bestimmte Höhenlage, ein bestimmtes
-Klima geschaffen ist, in einer andern, höhern oder tieferen Luftschicht
-angesiedelt sind, und was sie auch anfangen, es verbiegt sich, es wächst
-verdreht, was nach unten will, nach oben, und umgekehrt, ja, es ist doch
-wahrhaftig, als säßen sie alle mit dem Wipfel im Erdboden und ließen die
-Wurzeln in die Luft starren. Kann ich sie umdrehn?
-
-»Mit einem Wort: daß ich hier sitze und Herzog bin, das ist der
-allergrößte Schwindel. Aber so geht es eben. Jahrelang habe ich nach
-diesem gestrebt und es für Glanz und Ruhm gehalten, wie der Dichter
-sagt, und nu -- was is es nu? Wie die Engländer sagten, als sie auf dem
-Brocken gewesen waren: _We have seen all the mist and missed all the
-scene._ So ist es.«
-
-Renate lächelte, und er lachte nach Kräften.
-
-Fertig damit und still geworden, sagte er nachdenklich:
-
-»Und das, Renate, das sind denn so die Dinge, von denen sich reden
-läßt.«
-
-Renate, auf ihn heruntersehend, fragte freundlich: »Und die
-eigentlichen, die wir verschweigen --?« Aber indem fiel Georg, erstarrt
-vom Erschrecken, ein: »Um Gottes willen, was war denn das eben? Das habe
-ich doch schon einmal erlebt! Nein, es war -- anders, aber -- die Worte,
-meine Worte eben --«
-
-Er verstummte, jagend nach der Erinnerung durch hundert Bildstücke
-seines Lebens, und mit einer Erleichterung endlich traf er auf Bogners
-gutes Gesicht und hörte ihn die Worte sagen: Und das sind denn wohl so
-die Dinge, von denen man reden kann. Wann? Wann? Hier, in Helenenruh, am
-Ende auf dieser Bank? Nein, in einem Zimmer war es, im Gastzimmer. --
-Georg sprang auf und starrte die Bank an, fühlte indem die Hand Renates
-an seinem Arm, sah aufblickend ihre Augen, lächelnd in einer
-beängstigend süßen Besorgnis, und stammelte eine Entschuldigung.
-
-»Haben Sie«, fragte er, »das einmal erlebt, daß man glaubt, sich an ein
-andres, ein Leben vor diesem zu erinnern? Aber nun weiß ich schon, es
-waren nur Worte Bogners, die ich eben brauchte. Vor drei Jahren -- --«
-Er brach ab. »Soll ich Sie ins Haus bringen?«
-
-»Ja, aber auf einem Umweg bitte. Wirklich, es ist nicht so schlimm für
-meinen Fuß,« bat sie, »ich möchte so gern ein wenig gehn und auch mehr
-von Ihnen hören. Sagten Sie nicht, im Besondern und Allgemeinen? Ja,
-dann müssen Sie mir schon das Allgemeine auch noch beweisen, und dann --
-dann werde ich Ihnen einen Rat geben!«
-
-»Das wäre herrlich! Also gehn wir!«
-
-Er nahm ihren Arm wie zuvor und führte sie an der Bank vorüber, weiter
-am Teich hin, um auf einen der Wege zwischen die Wiesen abzubiegen.
-
-
- Renate (Fortsetzung)
-
-Georg brachte seine Sprachmühle laut klappernd wieder in Gang.
-
-»Ich sagte, glaub ich, schon mal, daß ich fertig wäre. Das heißt, ich
-habe mich abgefunden mit dem hier, dem sogenannten Ich. Man bastelt
-überhaupt viel zuviel dran herum, weniger wäre mehr, wie immer, aber --
-nun, was ich sagen wollte: heut morgen auf einmal wach ich auf, und kaum
-daß ich merke, ich bin für diesen schönen Charfreitag mir selbst
-überlassen, was fällt mir ein? Daß ich keinen Glauben habe. Oder das
-Christentum. Ja, ganz so sehe ich das auf einmal vor mir, als hätte ich
-das versäumt. Nun sagen Sie, Renate, Ihr Vater war doch Pastor, und Sie
--- verzeihen Sie die Frage! -- Sie sind doch fromm? Ich fände wenigstens
--- es wäre schön, wenn Sie fromm wären ...«
-
-Renate, die ihn nicht ansah, fragte, etwas tonlos, wie ihm schien:
-»Warum meinen Sie das?«
-
-»Warum? Ja, erklären läßt sich das kaum ... Aber -- eine gottlose -- ich
-meine: wirklich gottlose Frau, nicht wahr, das erschiene mir schlimmer
-als eine Betrunkene. Ja, sollten nicht alle Frauen Priesterinnen sein?
-Bei den Germanen galten sie doch wenigstens als heilig, und -- auf den
-Glauben, auf den Gott käme es vielleicht weniger an als -- eben auf das
-Frommsein. Irgendwie Gottheit verwalten, einer Gottheit dienen, sei es
-Astarte, wenn sie glauben könnten an Astarte, aber -- das ist ja
-freilich, was immer fehlt: der Glaube. Und Sie -- Sie glauben aber an
-Gott?«
-
-Er war bei diesen Worten mit ihr stehen geblieben, da sie an das Gatter
-neben dem Eichenwäldchen gelangt waren. Sich los von ihm machend, trat
-sie davor, legte eine Hand darauf, und während sie über das Land
-hinzublicken schien, sah Georg von Schatten ein ganzes Heer über die
-lichten Gefilde dieser Züge fallen. Wieder und wieder wollten sie
-aufglänzen, fast sich schüttelnd darunter hervorkommen, der Mund bewegte
-sich häufig, die Winkel bebten; mit einer Anstrengung machte sie sich
-endlich frei von den inneren Vorgängen und sagte mit rauher Stimme:
-
-»Was wollten Sie denn wissen?«
-
-Etwas beschämt, dies gesehen zu haben, und beklommen, da sie seine Frage
-nicht beantwortet hatte, schwieg Georg. Indem näßte ein Tropfen seine
-Stirn, und er bemerkte, daß Land und Himmel sich verdunkelt hatten. Der
-Himmel war wieder schwer grau, auf den zum Deich ansteigenden Wiesen
-wehte das Gras heftig, schon fiel ein feuchter Schauer von oben. Georg
-hängte Renate hastig ihren Mantel um die Schultern und sagte: »Ins Haus
-kommen wir nicht mehr, aber ich weiß hier einen Unterstand!«
-
-Sie folgte stumm, scheinbar ganz willenlos am Wäldchen hinunter, bis
-Georg, in das Unterholz einbiegend, voranging, um die tropfenbehängten
-Zweige auseinander zu schlagen. Nach wenigen Schritten stand er vor
-einem riesigen Eichenstamm ohne Krone, in dem eine fast zwei Meter hohe
-Höhle in Dreieckform klaffte. Er ließ Renate eintreten, es war Raum in
-dem warmen mehligen Innern genug, daß auch er selber drin stehen konnte,
-und so standen sie eine Weile, wortlos, lauschend, wie der Regenschauer
-von hoch oben in den Wald einfiel und hier und da prasselte auf den
-jungen Blättern.
-
-Tiefer ins Innre der Höhlung tretend -- während Renate am Eingang eine
-Schulter anlehnte, ins Freie blickend --, sah Georg mit nicht geringer
-Beklommenheit in die enge Wölbung empor, die sich in der Höhe in Nacht
-verlor. Durch einen fensterartigen Spalt über ihm in der Rückwand
-sickerte Licht. Das ist eine Kapelle! dachte er, und daß er ihr nun so
-nah und in solcher Abgeschlossenheit mit ihr war wie noch nie. Ich
-glaube, ich könnte ihr gut sagen, daß ich sie liebe; Wirkung,
-irgendwelche Folgen würde es keine nach sich ziehn, und ich werde es
-auch wohl kaum tun.
-
-Unter solchen Gedanken betrachtete er den reichgeschlungenen Knoten
-ihres Haars, dessen sondres Braun an einer Stelle matt glänzte und
-heller schien in dem aus dem oberen Spalt fallenden Licht. Nur die
-Biegung ihrer Nase war ihm sichtbar und an dem kaum merklichen Auf- und
-Niedergehn der violettblauen Schultern, daß sie schwer zu atmen schien.
-Weich lag die Stille umher mit dem Regengeräusch und fernem Gezwitscher
-von Meisen.
-
-Renate sagte:
-
-»Sie sagen, daß Ihnen ein Glaube fehlt. Was ist denn das für ein Glaube,
-den Sie haben möchten?«
-
-Georg zauderte lange im Empfinden, nun ganz aus innen sprechen zu
-dürfen, und indem wurde sein Auge von einer neuen Erscheinung gefesselt.
-Das war nichts weiter als der Zweig eines Holunderstrauchs, der sich
-gegen den Eingang von draußen erstreckte. Die jungen, noch weichen, aber
-schon großen -- vielleicht erst heut, nach dem Morgenregen so groß
-gewordenen Blätter mit kleiner Zackung waren sich in einer so
-liebreichen Weise gleich, so geschwisterlich auf ähnliche Weise immer
-wieder vorhanden, und dabei so genau gemacht und so schön, so einfach
-und klar in dem Dasein, in einer verborgenen, aber merkbaren und stillen
-Aufgabe begriffen, nur ruhig schaukelnd und ungestört, wenn eines ein
-Tropfen traf, daß Georg die Augen nicht abziehn konnte von dem
-freundlichen Bild und so lange gedankenlos blieb. Endlich fing er dann
-an:
-
-»So bin ich hineingerannt in die Welt und habe immerfort ausschauen
-müssen nach allen Seiten. Was hab ich gewonnen? -- Weltanschauung -- das
-Wort will zu viel und giebt zu wenig, denn: was ist anschaun? -- Nein:
-wahres Wissen um einige wenige Dinge, um das Eins ist not, -- und ein
-tiefes ernstes Eingerichtetsein auf dies Wissen -- das möchte ich wohl.
-Ach wohl, ich habe immer gedacht, es ernst zu nehmen mit mir, aber nun
-scheint mir fast, mir -- und jedem heut, dem der Glaube fehlt, dem fehlt
-nicht er, sondern dem fehlt es irgendwie -- am Ernst.
-
-»Und dann, Renate,« fuhr er traurig fort, »dann wäre Religion nichts,
-das einem zuflösse von außen, vom Himmel, oder woher es auch sei.
-Sondern sie wäre wie eine Eigenschaft des Wesens und Lebens, wie ein
-Temperament, wie Heiterkeit oder Schwermut, und was man mit ihr
-berührte, das müßte von ihr zu fließen anfangen.«
-
-»Und das Christentum,« hörte er nach einer Weile Renates Stimme durch
-den Regenstrom, »das, glauben Sie, könnte Ihnen --«
-
-»Ich weiß ja nicht!« rief er, sie unterbrechend. »Heut morgen sprach ich
-mit Anna und Benno darüber --, aber seitdem ist mir alles so zerfallen.
-Das Christentum ist für jenseits; ich will etwas für hier. Vom Ahnenkult
-der Japaner, das fiel mir heut morgen schon ein, las ich bei Hearn, daß
-es in ihm weder einen Unterschied zwischen Religion und Ethik gebe, noch
-zwischen Ethik und Moral oder Sitte. So etwas dachte ich mir. Die
-Gesetze der Gemeinde und des Hauses, der Familie, die, sagt Hearn, seien
-die Sittenlehre des Shintoismus, und Staat und Religion, Sitte und
-Gesetz, die sind eins. Klingt das nicht wundervoll? Und weiter erinnere
-ich mich, daß er sogar sagt, das wahre Leben jedes religiösen Gesetzes
-liege in seiner Bedeutung für die Pflicht des Menschen gegen den
-Menschen; in der Lehre von Recht und Unrecht, sagt er. Das, das ist es!
-Die sittlichen Erfahrungen eines Volkes, die zu Religion geworden sind.
-Verstehen Sie mich doch, Renate, ich will keine Religion für mich,
-sondern für Alle. Sie haben ja Alle keine, wie könnte ich sonst ohne sie
-sein? Also hätte unser Volk, hätte Europa keine sittlichen Erfahrungen?
-Warum auch übernahmen wir das Christentum? Sie wurde uns eingeimpft,
-diese unsinnige Lehre vom Leiden, diese versprechende Religion, die das
-Leben nimmt, statt es zu geben. Ja, und sehen Sie dabei: sind die
-Japaner vielleicht bessere Menschen?«
-
-Er sprach, ohne noch fest zu wissen, was er sprach, immer die mattgrünen
-stillen Blätter vor Augen, deren jedes ihm mehr und mehr eine
-Offenbarung hinzuhalten schien in ihren ruhigen kleinen Götterhänden.
-Dann als er schwieg, hörte er deutlich die große Stimme der Einsamkeit
-über die niederfallende Flut.
-
-Renate hatte ihm jetzt das Gesicht zugewandt und lächelte ein wenig.
-»Ach Georg,« sagte sie dann, »ein bißchen, ein ganz klein bißchen
-erinnern Sie mich doch immer an Jules Verne.«
-
-»Ach! Aber warum denn das?«
-
-»Weil er«, erklärte sie, »zuerst eine Möglichkeit annimmt, zum Beispiel
-die, daß eine Kugel voller Menschen sich zum Mond schießen lasse. Und
-auf dieser unbewiesenen Möglichkeit baut er nun weiter, ganz
-wissenschaftlich und logisch und richtig, und alles bekommt seine
-Ordnung und wird belegt und bewiesen -- bis auf jene Möglichkeit. Und
-Sie, Georg, Sie betrachten einen Gegenstand und sagen: der ist so! Und
-auf diesem >so< bauen Sie auch weiter nach allen Regeln der Logik, und
-es hat alles seine Richtigkeit, bloß das >so<, das hat keiner bewiesen«,
-schloß sie lächelnd.
-
-»Meinen Sie wirklich?«
-
-»Ja, nannten Sie nicht das Christentum eine Religion des Leidens? Nun,
-und selbst wenn es das wäre, heute wäre, wer zwingt Sie, das
-anzunehmen?«
-
-»Sie haben recht, Renate, ich -- ich kenne es vielleicht gar nicht. Also
-habe ich unrecht? Überzeugen Sie mich doch bitte!«
-
-Sie schwieg eine Weile und schien zu warten, daß der überlaut strömende
-Regen leiser würde. Dies geschah auch bald, und Georg hörte sie
-sprechen, von ihm abgewandt, dem Wald zugewendet.
-
-Renate begann langsam, die Worte nur selten verändernd, eine
-Charfreitags-Predigt ihres Vaters zu sagen.
-
-»Wir«, sagte sie langsam, »blicken aus der Gegenwart in die
-Vergangenheit; und sehen wir dort in der Ferne Christus, im Jahre Eins
-oder Dreißig, so scheint uns dort alles anzufangen wie die Rechnung
-unserer Zeit. Es scheint, als wäre von allem, was er brachte und war,
-nichts gewesen zuvor; als ob er ein noch nie dagewesenes Neues erfunden
-habe, und wie wäre das möglich? Nur auf einem Grund läßt sich bauen,
-nichts ist neu von allen Seiten, und wie alle Andern, die uns heute ein
-völlig Neues gebracht zu haben scheinen, war er ein Erneuerer, und es
-war alles schon vorher, und nur auf seine Weise war es noch nicht.
-
-»Und ferner sieht, wer ihn von hier aus sieht, sein Leben nicht vom
-Anfang, sondern vom Ende. Vor dem Ganzen erhebt sich das Kreuz,
-überschattet das Ganze und macht sein Leben zu einem einzigen
-Stollengange des Leidens, einem Gange zum Kreuz, in der Gewißheit dieses
-Endes von Anbeginn. Die gewaltigen Worte von Golgatha, von der Vergebung
-der Sünden, vom ewigen Leben, von der Vollendung des Leidens, sie
-scheinen nunmehr das Einzige, scheinen das Gefäß, das Leben und Lehre,
-alles umschließt, und das Leben nur der Weg zu ihm, oder der Unterbau,
-der sie als Krone, als Schlußstein trägt, und es dient nur, sie zu
-erklären, zu stützen, zu vervollkommnen. So aber müßte man sie in
-Wirklichkeit sehn, als Krone und Schlußstein des Baus, aber das
-Eigentliche ist und bleibt doch der Bau und nicht seine Bekrönung.
-
-»Und so müßte man ihm nachgehn durch dieses Leben, ihm, nicht als einem
-Halbwesen, halb wirklich, halb immer symbolisch, sondern als einem
-leibhaften, glühenden, wollenden, versuchenden Menschen, der kam, um zu
-helfen, nicht um zu sterben. Der Schritt für Schritt, immer eifriger,
-immer wissender, immer liebevoller, sich steigerte in Worten und Taten,
-erst Worte gab, dann Taten -- jene, die heute die Wunder heißen -- zur
-Erhärtung, als Bürgschaft der Worte. Er, der Liebe säte und Glauben
-empfing. Der leidenschaftlich lebte, ein Dichter, kräftig packend in die
-Speichen der Sprache, dessen Rede leben sollte und brennen, der ihr
-Augen gab und Lippen und schlagende Flügel, und der also leibhaftig
-redete und stets mit den Grenzen des Ausdrucks, in den Tiefen der
-Darlegung, und so kam es dann, daß er so widersprechende Worte sagte
-wie, daß kein Stein auf dem andern bleiben werde, bis daß es alles
-geschehe, und daß auch kein Tüttel vom Gesetz verloren gehn solle, und
-er nicht gekommen sei, aufzulösen, sondern zu erfüllen. Das sagte er,
-denn die jüdische Glaubenslehre, so erstarrt sie schon Christus
-empfunden haben mag in der Verpanzerung des Gesetzes, sie war unendlich
-reich an sittlichen Forderungen, an tiefer Weisheit des täglichen
-Lebens, und wie schön an die Erde gebunden mit dem Messias, der kommen
-sollte, nicht nach dem Tod, sondern zu lebenden Menschen der Erde. Und
-es ist die wundervolle Unterscheidung der jüdischen Heilslehre, daß sie
-das goldene Zeitalter nicht in der Vergangenheit sah wie der Grieche,
-nicht im Jenseits wie der Christ und der Brahmine, sondern in einer
-leibhaften Zukunft der Menschheit.
-
-»Man kann sich wohl denken, daß auch er dies gewollt hat, und also sein
-Leben weiter sehn. Nachdem darin im Anfang alles helle gewesen war,
-überall Freude und Entgegenkommen, Dankbarkeit und Vertrauen, fing nun
-der Haß an, der immer an zweiter Stelle kommende; die Befeindung, -- und
-langsam ließ sich gewahren, wie er sich verstrickte, und daß es nicht
-genug war, gut zu sein, daß es keinen Schutz gab gegen das Mißtrauen und
-gegen die Eigentümer des Hergebrachten, die sich bedroht schienen von
-jeder Neuigkeit. Und die Ahnung ging ihm jetzt auf, daß er einmal zu
-zeugen haben werde für das Wort seines Blutes, mit dem Blut. Jedenfalls
--- in den Beschreibungen seines Lebens findet sich vom Leiden kein Wort
--- obschon vom Dulden und Geduldhaben --, bis jene Ahnung begann. Und so
-kam die Abschiedsnacht.
-
-»Jene Nacht, in der die ewigen Worte fielen, die Samenkapseln, aus denen
-das ungeheure Feld aufgehn sollte. Er war aus Jerusalem entwichen und
-kehrte zurück. Er sammelte nun seine ganze Kraft, Bürge zu stehn für die
-Lehre, und ach sehen Sie ihn nun, den zarten, glühenden Menschen, der
-sich unterfangen hatte, Alle zu ändern auf seinem Wege, sehen Sie ihn in
-der furchtbaren Stunde gewissen Todes? Nein, denken Sie jetzt an keine
-schönen Gemälde des ruhigen Abendmahls, denken Sie nicht, daß er nur,
-wie es heißt, auf Gethsemane seine Kraft verlor und Gott bat, den Kelch
-vorübergehen zu lassen! Wenn er die Kraft auch besaß, war jene im Garten
-die einzige Stunde der Angst? War da Ruhe und Gelassenheit in dem
-fremden dunklen Gastzimmer, in der sinkenden Nacht, der letzten, da
-schon das Urteil verlesen war und nur die Vollstreckung noch ausstand?
-War er nicht unendlich einsam, eine dürftige, frierende Frucht in der
-Hand des Todes? Und diese Hand war es, die nun zugriff und preßte und
-herauspreßte das Ewige, die Blutworte aus den ersten Wunden: Nehmet hin
-und esset, dies ist mein Leib!
-
-»Ja, was war denn seine Angst, und was ist denn die Angst des Sterbens?
-Vergessen zu werden, vergessen von der Welt, vergessen zu werden mit
-seinem Werk, seinem lebendigen Willen, umsonst sich zu opfern, da er die
-Menschen doch kannte, umsonst die Marter zu leiden! Und da schmolzen ihm
-nun die glühenden Worte hervor, mit denen er sie bat, zu gedenken, sie,
-die Wenigen um ihn, die er selber gezogen hatte, die er kannte, denen er
-doch vertraute, von denen sich hoffen ließ, daß ein Strahl seiner Sonne
-sich in ihre Stirnen und Herzen eingebrannt habe, und: Dies ist mein
-Blut, das für euch vergossen wird! flehte er sie an, solches tuet zu
-meinem Gedächtnis. Und in letzter Glut, sie beisammen sehend, später in
-Jahren, allein, ohne ihn, zu seinem Gedenken versammelt, geheiligt und
-entflammt durch Treue und Sehnsucht und Hoffen, sagte er auch, daß sie
-sich das Letzte trinken würden im Wein seines Blutes, wenn sie nur
-glaubten: Reinheit, Unschuld, Vergebung der Sünden.
-
-»Nicht wer ißt und wer trinkt, dem wird vergeben, sondern wer glaubt und
-wer liebt.
-
-»Was kam danach? Dann kamen die Vielen, die aufschrieben, was sie von
-ihm wußten, einfältig die Einen, die Andern klug. Sie zeichneten sein
-Leben auf, das schon lange nicht wirklich mehr war, Legende war und
-Symbol, und zu Legende und Symbol geriet ihnen nun alles, außer dem
-frommen Einen vielleicht, dem Maler, der alles noch leibhaft sah. Und
-als dann die noch Spätern kamen, die Lehrer, die Ausleger, da war nun
-alles Symbol geworden; bitterster Schmerz nur Symbol für Schmerz, das
-Leben, das Feuer, die Zweifel, die Qualen, die Wonnen, all das
-Sterbliche, was um Unsterblichkeit erst rang, ehe sie es segnete: das
-war heraus, und es blieb ein Gleichnis vom Leiden.
-
-»Was dann kam, wissen Sie, Georg.«
-
-»Kaiser Julian«, sagte Georg schwer versonnen und atmete auf. Da war es
-zu Ende. Er hatte mit Inbrunst gelauscht -- im Anfang; mit Eifer und
-Hoffnung die ganze Zeit; als es aber ein Ende nahm, blieb ihm nichts in
-der Hand, und er sagte zu sich: Botschaft -- unendlich schön, aber so
-erging es mir immer, daß ich auf das höchste entzückt und beglückt war,
-Botschaften zu hören, aber was sie niemals enthielten, war Glaube.
-
-»Kaiser Julian?« fragte Renate, sich umwendend, »warum der?«
-
-»Der letzte Christ«, erklärte Georg trübe. »Wissen Sie, was Strindberg
-von ihm sagt? >Er lebt wie ein Christ und lehrt dasselbe wie Christus,
-ist aber doch ein Christushasser.< Das ist so beschränkt, wie Strindberg
-merkwürdigerweise immer ist. Er war mir nämlich verwandt, glaube ich,
-und nicht etwa ein Christus-, sondern ein Christenhasser. Denn: mit dem
-echten Christentum, nicht wahr, das sah er, war es aus, mußte es aus
-sein, sobald es anerkannt, sobald es Staatsreligion wurde. Bis dahin war
-das Bekenntnis für seine Anhänger Gefahr gewesen, Martyrium, nicht wahr,
-und nur die Guten, nur die Echten und Gläubigen nahmen es auf sich.
-Wurde es Staatsreligion, kam es auch an die Schlechten, wurde es zur
-Formel, die es auszusprechen genügte, während es vorher Leben,
-Schicksal, Glauben und Sterben war. Also, nicht wahr, ist dieser Julian,
-der Abtrünnige, vermutlich der letzte christliche König gewesen, der gut
-war, ohne öffentliche Formel dafür, der aber annahm, es sei dieser Lehre
-besser, ausgerottet zu werden, als verbreitet. Ach, wie kam es, wie kam
-es denn, Renate? Da wurde es Zwang, nicht wahr? da wurden die Menschen
-mit Feuer und Schwert zu Christen gemacht, dann galt es für die
-alleinseligmachende Religion, und wer sich nicht selig machen lassen
-wollte, wurde gerädert, geteert und gesäckt. Ach, ist es nicht unerhört,
-daß diese, grade diese Religion der Geduld die erste unduldsame geworden
-ist?!«
-
-»Ja, Georg, aber warum sagen Sie mir das?«
-
-»Weil -- also weil sie eben unannehmbar für mich geworden ist! Da ist
-mir alles weggeglaubt, möcht ich sagen.«
-
-»Müssen Sie denn glauben?« fragte sie plötzlich.
-
-»Ja, das ist freilich die Frage! Von der bin ich ja eigentlich
-ausgegangen heut morgen. Denn -- vielleicht ists doch nur Einbildung?
-Alle Millionen Menschen, die vor mir waren, haben geglaubt und gemeint,
-glauben zu müssen. Und wenn das nun ein Irrtum war, und ich kann mich
-nur nicht entziehen?«
-
-»Das könnten Sie doch noch versuchen, Georg. Wie es scheint, kommt es
-Ihnen vor allem auf das Sittliche an, und -- ich will Ihnen sagen, was
-mein Vater lehrte. Er hatte in einer außerordentlichen Stunde Einsicht
-gewonnen in die vollkommene Ordnung der Welt; in eine ewige, alles
-lenkende Weisheit. Und nun --«
-
-»Aber kann man das lehren? Ich meine: lassen sich daraus Anweisungen
-ziehn für das Handeln, für die Gemeinschaft?«
-
-»Gewiß. Denn wer mit vollem Glauben überzeugt ist vom Walten dieser
-Weisheit, wird der sich nicht bestreben, sein Leben, seinen Teil dieser
-Weisheit mit ihr in Einklang zu bringen? In Einklang jede Tat, jedes
-Wort und jeden Gedanken?«
-
-Georg dachte lange nach und kam zu dem Schluß, daß er von solchem
-Glauben weiter entfernt wäre als von allem andern.
-
-»Aber mein Gott, Georg,« rief sie nun verzweifelt, »was ums Himmels
-willen wollen Sie denn eigentlich?«
-
-Georg erwiderte ihren fast zornigen Blick mit möglichster Festigkeit und
-sagte:
-
-»Es giebt eine Art Menschen, die ohne Glauben leben kann. Das ist
-Bogner. Er fiel mir schon ein, als Sie vom Maler Lukas sprachen. Der
-zeugende Mensch, der braucht keinen Glauben, denn aus der Zeugung brennt
-die Unsterblichkeit, und in der Unsterblichkeit thront Gott. Wie aber
-läßt sich zeugen, Renate? Auf zweierlei Weise. Im Werk und im Opfer. In
-diesem war Christus der Höchste, der sich so sehr -- sagen Sie, ob ich
-begriffen habe! -- so sehr sich als Opfer fühlte, daß jede Berührung mit
-den Menschen Liebe wurde, und das heißt Zeugen. Dazu gehört der
-grenzenlose Glaube an die Menschen, den ich nicht habe. Glaube an die
-Menschen, der ersetzt den Glauben an Gott, oder vielmehr: er ist darin.«
-
-Georg hatte nun mit ganzer Flamme gesprochen, und mit einer schnellen
-Regung der Ergriffenheit sah er Renate sich zu ihm wenden und beide
-Hände auf seine Schultern legen. »Wir wollen uns doch bemühen, Georg,
-sollte uns das nicht fruchten?«
-
-Aber schon, während sie die Worte sprach, sah sie in seine nah vor den
-ihren stehenden Augen einen Ausdruck eintreten, den sie um jeden Preis
-verhindern wollte, -- und so gab sie, vergiftet von dem Schmerz, daß sie
-das Heiligste preisgeben wollte, das sie hatte, nur um dies zu
-verdrängen, was in seine Augen gedrungen war, aber beim Sprechen doch
-Wort um Wort kämpfend und hoffend, dies, was sie gab, müsse stärker sein
-und jenes verdrängen, bis es alleine leuchte und seine Seele erhelle,
-mit der sie Mitleid hatte, -- gab sie das letzte Wort ihres Vaters vor
-seinem Sterben; sie sprach:
-
-»Das letzte Wort meines lieben Vaters war so:
-
-_»Wenn es eine ewige Seligkeit giebt, so kann ihre Erscheinung nur die
-eines unendlichen und unablässigen Staunens sein; des Staunens über die
-unerfaßliche Herrlichkeit oder die herrliche Unerfaßlichkeit Gottes, das
-ist: des ewig seligen Daseins._
-
-_»Denn sie kann, die ewige Seligkeit, in allem nur das Gegenteil unserer
-zeitlichen Unseligkeit sein. Deren Erscheinung aber ist Gewohnheit, die
-alltägliche Wiederkehr, die Wiederholung und dadurch die Abstumpfung und
-Abnutzung, ja schließlich die Ohnmächtigkeit der Empfindung. Wir sind
-immerfort sterbend._
-
-_Dort aber werden wir immerfort lebend sein. Denn wir werden Eingang
-gefunden haben in das vollkommene und unaufhörliche Sein, dessen Wesen
-Liebe ist. In der Liebe ganz sein, das ist ganz lebend sein; sie, die
-Liebe, ist die einzige Erschafferin und Erhalterin aller Dinge, die
-unendlich Frische, alles Lebendige immer wieder neu, herrlich und
-erstaunlich Machende; so wie jeder Morgen den Tag, jeder Frühling die
-Erde, -- so wie jedes tiefe Gefühl dich und die Welt immer wieder neu
-und erstaunlich macht._
-
-_»O aber wie willst du eingehen können in die ewige dorten, wenn du in
-die zeitliche Liebe hier nicht schon weit und tief eingedrungen bist!
-Und ach, so wende dich ab von jenem unsichern Sein in den schönern
-Himmeln, das du nur dein nennst in der Hoffnung, dein im Verzicht, dein
-aus deiner irdischen Kraftlosigkeit! Laß dieses eine sein dein Bemühn:
-lerne zu staunen! Lerne die mächtige Kraft der Neuheit, die
-schöpferische; lerne zu lieben, lerne zu leben! Wenn auch alles die Zeit
-daran setzt, dir immer wieder den Faden zu zerreißen, den du liebend von
-Augenblicke zu Augenblick deines Lebens legen willst: lerne ihn immer
-wieder knüpfen, verliere nie aus dem Auge seinen einzigen Schein von
-Gold, und um so süßer verlockend das Wort »von Ewigkeit zu Ewigkeit« dir
-im Herzen ertönt: sprich dagegen: »von Augenblicke zu Augenblick« knüpf
-ich und webe ich das einzige Kleid meines Lebens. Ob es Gottes Hand
-einmal aus der meinen nehmen wird, mich für immer hineinzukleiden, oder
-ob sein ganzer Sinn der ist, von mir gewoben zu werden: das ist zu
-wissen nicht not. Not ist, zu tun. In dem Tun wird die Liebe, in der
-Liebe das Wesen, in dem Wesen das Leben sein, das weder zeitlich noch
-ewig, sondern das in der Liebe ist.«_
-
-Renate verstummte. Hoffnungsvoll mit schwellender Zärtlichkeit versuchte
-sie, durch ihren Blick Georgs über ihre Schulter gerichteten Blick zu
-sich herzuwenden, und sie sagte noch, lächelnd, obwohl schaudernd im
-Ernst des Todes: »Hast du verstanden?«
-
-»Ja,« sagte Georg, »ich liebe dich!«
-
-Sie schluchzte auf. Das lange schon in ihr quellende Schluchzen brach
-haltlos über ihre Lippen, sie senkte eilig den Kopf, und nichts wissend
-von Enttäuschung, nur verzweifelt im Herzen, brach sie blindlings durch
-Buschwerk und Bäume, bis sie den Weg erreichte.
-
-Georg wagte nicht zu folgen. Das war, dachte er mit geringer Beschämung,
-falsch, -- und war es nicht trotzdem recht? Sie sah wie ein Engel aus,
-als sie sprach, und was kann man zu einem Engel, der kommt und Gott
-verbürgt und verkündet, was kann man andres sagen als: Ich liebe dich,
-Engel? -- Und so empfand ich die Worte in diesem Augenblicke, nicht
-anders.
-
-Er senkte den Kopf. Danach konnte er den Stamm nicht verlassen, ohne
-einen dankbarlich Abschied nehmenden Blick an den Holunderzweig zu
-heften, wobei er jedoch zu bemerken glaubte, daß dieser, der während der
-ganzen Zeit die kleinen graugrünen Hände mit so viel Geduld -- damit er
-erkenne, was sie hielten! -- hingestreckt hatte, sich jetzt völlig
-achtlos verhielt. Da wandte auch er sich zögernd und fand sich bald im
-Freien der Mittelallee durch das Wäldchen und in der voll einfallenden
-Mittagssonne. Ganz fern in der lichten Öffnung, in der die Wiese vor der
-Terrasse lag, sah er die kleine dunkelbläuliche Gestalt von Renate und
-ging ihr nach.
-
-
- Fünftes Kapitel
-
-
- Erasmus
-
-Renate gewann sich erst wieder, als sie schon das Rasenoval in der
-Richtung zum Hause überschritt, und gewahrte sogleich von rechts her auf
-dem unter der Terrasse einherführenden Wege drei Gestalten, langsam
-schlendernd in kleinen Abständen wie schaulustige Fremde: zwei in
-schwarzen Lodenumhängen, von denen Einer sehr groß war, der Andre
-schwarzbärtig. Der Dritte in einem glänzend braungelben Ölmantel sah
-sich um, gewahrte sie und blieb stehn, indem er mit einer leicht
-zurückfahrenden Bewegung die Hände ausstreckte.
-
-Nur flüchtig erkannte Renate in diesem Bogner. Denn sie stand,
-angewurzelt in einer betäubenden Dumpfheit, die schmerzhaft ihren Kopf
-und auch ringsum vor ihren Augen alles zusammenzog und verdunkelte,
-gespensterhaft anzusehn, da dennoch der Mittag glühte, wie eine
-Sonnenfinsternis. Und während sie inständig an der Frage nagte, wer
-jener große Mensch da vorn sei, zuckten mit blitzhafter Schnelle und
-Leichte Bilder des Tages durch sie hin: Das schmerzhaft dumpfe Sitzen
-und Reden beim Frühstück, Bennos betrübtes Gesicht; dann: wie sie auf
-der Bank gesessen hatte am Weiher, nun erleichtert, in einer süßen und
-trauervollen Hingegebenheit an das Licht und den Anblick der
-Grabesinsel, wo mehr als die eine Tote sich ausschlief. Die Wanderung
-mit Georg und ein heiliges Leichterwerden, immer leichter, ihrer Brust
-mit jedem ihrer Worte in der seltsamen Kapelle des Eichbaums. Und sie
-sah noch Georg in der Allee vor ihr stehn. Einen Augenblick später war
-all dies erloschen; sie spähte mit heißer Angst links und rechts, wohin
-sie noch entfliehn könnte, sah die Gestalten fern wie Gestalten eines
-Traumes und setzte sich jetzt schwer in Bewegung, gehend, ohne es zu
-spüren, und Schritt um Schritt mehr entleert von Bewußtsein. Sie sah die
-zwei Andern und sah sie auch nicht; sie ging auf den großen zu, auf
-Erasmus, der entgegenkam, den Hut in die Hand nehmend. Ihn starr
-anblickend fragte sie:
-
-»Heut kommst du, Erasmus?«
-
-Er erwiderte: »Es ist Charfreitag.«
-
-Renate wollte noch nicht verstehn, obwohl sie aus dem Wort auch das
-unausgesprochene hörte: Dein ernstester Tag.
-
-Warum war sein Gesicht so verzerrt? Diese furchtbare Erschöpftheit in
-den vorquellenden Augen! Und den Mund bewegte er geöffnet wie im Kauen.
-Dabei ging sie immer weiter, und er neben ihr, zur Terrasse, die Stufen
-hinauf, über die Fläche und in die offene Tür des Vogelsaals, wo sie
-dann keine Kraft mehr hatte und stehen blieb. Hier war eine kleine Tafel
-weiß gedeckt und mit Tellern am Rande. Sie mußte zu ihm aufsehn.
-
-Tropfen standen auf seiner übermäßigen Stirn. Er bemühte sich offenbar
-schwer, ruhig zu scheinen. Sie fragte:
-
-»Woher kommst du?«
-
-»Von zuhaus.«
-
-»Zu Fuß?« fragte sie wieder, um etwas noch hinauszuschieben.
-
-»Zu Fuß«, sagte er stumpf.
-
-»Dann hast du wohl Hunger?«
-
-»Ja,« sagte er gequält, »Hunger.«
-
-Sieh, da stand ein kleiner silberner Korb mit Brötchen, und sie hielt
-ihn schon und hielt ihn Diesem hin, der Hunger hatte, wie er sagte, aber
-er legte eine riesige flimmernde Hand darauf und sprach, während alles
-zu Boden fiel aus ihren plötzlich kraftlosen Händen: »Nicht danach!«
-
-Ihr Kopf sank hintenüber; die Lider fielen zu; sie hob die Hände, legte
-sie auf ihre Brust und fragte so: »Willst du?« und stöhnte.
-
-Dann fühlte sie, daß sie gehalten wurde, legte willenlos den Kopf an der
-Schulter fest, die sie fühlte, und verlor sich für Sekunden in einem
-Schluchzen der Geborgenheit. Im nächsten Augenblick hatte sie sich
-losgerissen, und sie schrie irgend etwas -- »Warte!« schrie sie, »warte
-noch! einen einzigen Augenblick!« -- und fand sich nach einer Flucht,
-von der sie nichts wußte, auf den Knieen liegend vor einem Stuhl ihres
-Zimmers, in einer Angst, einer Ratlosigkeit, einer Zerflammtheit der
-Not, in der ihr die Sinne vergingen. Sie schrie, ohne Wort, ohne Laut,
-um Hülfe nach irgendwem, sie stammelte Sinnloses: »Nicht beten! nicht
-beten! Brennen! opfern! ich kann nicht! muß es denn sein?« Und sie stand
-wieder, mitten im Zimmer, den Kopf in den Händen, wie blind.
-
-Trotzdem gewahrte sie dann ihre Schreibmappe auf dem Tisch und wußte
-gleich, daß etwas darin war. Sie hielt sie schon in der Hand, klappte
-sie auseinander und zog, ohne sich zu besinnen, aus der innersten Tasche
-jenen großen, vergessenen Brief hervor, auf dem die Hand Josefs die
-Worte geschrieben hatte, die sie erkannte: >Zu lesen nicht vor meinem
-Tode; auch dann nur bei Lebensgefahr.<
-
-Aber sie zitterte nun so, daß sie sich setzen mußte. Als nach einer Zeit
-ihre flatternden Hände sichrer geworden waren, riß sie den Umschlag auf,
-nahm einen Pack stark und schwarz beschriebener Blätter heraus und las
-dort, wo ihr der Anfang zu sein schien, die Worte: >Auszug aus meinem
-Tagebuch vom 28. März bis zum 3. April< und eine Jahreszahl. 28. März --
-das war der Todestag ihres Vaters. -- Sie las weiter den Eingang:
->Seltsame und kaum zu erwartende Begebnisse ...<, und in einer der
-nächsten Zeilen das Wort >Erasmus<.
-
-Es betraf sie, sie und ihn, da war kein Zweifel. Nun versuchte sie zu
-lesen, aber die Buchstaben tanzten vor ihren Augen bis zur Zimmerdecke
-hinauf; sie wartete, aber umsonst, und -- Nein, das muß er doch lesen!
-dachte sie und ging zur Tür. Die Tür zum Vogelsaal, die gleich dahinter
-zu liegen schien, öffnend, sah sie den Erasmus mit dem Rücken nach ihr
-stehn. Während er sich wandte, erschien neben ihr Egloffstein mit einem
-Tafelaufsatz, und sie winkte Erasmus mit den Augen. Augenblicke später
-stand sie im Klaviersaal, drückte Erasmus die Blätter in die Hand und
-sagte: »Dies mußt du lesen!«
-
-Er zuckte mit den Augen, als er die Handschrift sah.
-
-»Jetzt?« fragte er.
-
-»Jetzt! Vorlesen, bitte!« bat sie hülflos, zurückweichend, und sah ihn
-zaudernd in der Richtung der Fenstervorhänge gehn, die in der Sonne
-dunkelgelb glühten. Dort setzte er sich zwischen zweien auf einen
-Armstuhl. Sie ging ihm näher, lehnte sich ihm gegenüber an die Kante des
-Tisches und faßte sie mit den Händen, erschreckend vor ihrer Kälte.
-
-»Das kann ich nicht lesen«, sagte er, die Hand mit den Blättern sinken
-lassend.
-
-»Ach, Erasmus, du mußt aber! Handelt es nicht von dir?« Er nickte. »Und
-von mir?« Er bejahte wieder. »Dann lies!« sagte sie aufatmend und legte
-die Hände zusammen.
-
-Erasmus las.
-
->Seltsame und kaum zu erwartende Begebnisse in einem Pastorenhause.
-
-Wir kamen -- Erasmus, der in Marburg zu mir stieß, und ich -- am
-Nachmittag in B. an, von wo wir das Kirchdorf Flor in einer kleinen
-Gehstunde erreichen sollten. Es wurde ein schöner Gang. Die
-spätmärzliche Luft atmete vielfach umher, lau und gefeuchtet; auf der
-lehmig festen Straße standen noch Lachen vom Nachtregen, in denen Weißes
-und Blaues vom Himmel sich spiegelte. Dort oben war die jugendliche
-Sonne des Jahre rüstig am Werk, noch vor Abend die grauweißen Eiswälle
-des Gewölks fortzutilgen, die nun schon, weithin sichtbar nach allen
-Seiten, überall durchbrochen, davonjagten in voller Flucht. Mächtige
-Bläuen schwebten segelnd und großherzig dazwischen; die Sonne kämpfte
-rastlos. Strahlen vergoldeten das grüne Land in der Tiefe überall, und
-es dampfte. Unsern Weg entlang -- Alleen weißblühender Kirschbäume --
-schloß sich Obstgarten an Obstgarten. Das waren ganze fremdländische
-Stadtsiedlungen niedriger weißer oder rosigbehauchter Kuppeln, Städte
-von unendlicher Zartheit, Leisheit, Empfindlichkeit. Zwischen ihnen,
-kräftig und derbe, lagen Wiesenstücke und einzeln die wirklichen Häuser,
-in deren Blumenvorgärten die großen Silberkugeln den Himmel zeigten,
-andre im Sonnenfeuer lohten und blitzten, und darunter blühten Aurikeln
-und Narzissen, standen die Tulpenreihn grade in papierner Buntheit um
-die Beetränder. -- Ach Gott, sagte ich zu Erasmus, man muß zu andrer
-Zeit sterben! Und wir beklagten den toten Mann, dessen wir uns vom
-Begräbnis des Großvaters her wohltuend erinnerten. Wie er damals
-unerwartet erschien: weißhaarig und -bärtig, unter der mildesten Stirn,
-die ich sah, Augen von eisklarem Blau, tief leuchtend, mit dem
-durchbohrenden Blicke der Wahrheit, Lippen umspielt vom ruhigen Lächeln
-des Weisen: so hätte er uns hier grüßen sollen vom Zaun eines dieser
-freundlichen Gärten, Freund der Fluren, von dem es heißt:
-
- Dann sieht man zwischen Reben ihn mit Basten
- Die losen binden an die starken Schäfte,
- Die harten grünen Herlinge betasten
- Und brechen einer Ranke Überkräfte.
- Er schüttelt dann, ob er dem Wetter trutze,
- Den jungen Baum und mißt der Wolken Schieben.
- Er giebt dem Liebling einen Pfahl zum Schutze
- Und lächelt ihm, dem erste Früchte trieben.
-
-Im Dorf, das sich allgemach aus der Straße entwickelte, wars um so
-stiller, als die ganze Bewohnerschaft im Freien, in ihren Gärten oder
-vor den Türen war, schwarz gekleidete Männer und Frauen in Gruppen
-überall, leise miteinander sprechend über ihre Heckenzäune hinweg oder
-auf den Türsteinen, und auf Bänken und Treppenstufen saßen die
-reinlichen Kinder verstummt, großäugig nur nach uns blickend. Schön, wie
-hier vom Wesen des Toten letzte Flämmchen verflackerten, von bekümmerten
-Händen beschirmt. Die Hauskatzen, die sich in sonnigen Flecken an Mauern
-putzten, schienen sich unbehaglich zu fühlen, obwohl sie sich unbesorgt
-stellten. Der Lehrer vor der Schulhaustür in einem Kreise von Männern,
-barhaupt, kenntlich an seiner überhohen Stirn, ein Mann in den dreißiger
-Jahren, den wir nach dem Wege zum Pfarrhause fragten, brachte die
-allgemeine Kümmernis mit wahrer Ergriffenheit zum Ausdruck. »Ein Mann,«
-sagte er, »wie es keinen zweiten giebt. Unser aller Vater und lieber
-Freund.« Er schloß sich uns an, augenscheinlich gesprächsbedürftig, und
-begann alsbald uns auf eigentümliche Dinge vorzubereiten, die wir sehen
-würden, über die er weiter nicht mit der Sprache herauswollte. Plötzlich
-hatten wir dann, um die Ecke in eine Seitengasse geführt, die
-reizvollste kleine Barockkirche vor Augen, durch deren, den Turmhelm
-tragenden Säulenkranz Himmel und Wolken sich bewegten, und leise wankten
-die Säulen.
-
-Die Kirche lag ein wenig erhöht, vom Friedhof umgeben, den eine
-niedrige, leuchtend gelb getünchte Mauer umschloß; darüber blitzte von
-vielen Stellen her die Vergoldung schöner, altertümlicher Grabzeichen
-aus schmiedeeisernem Arabeskenwerk um ihr Kruzifix unter bogenförmigem
-Dach, und manche hatten mit starkem Blau übermalte Schilde. Zur Linken
-um die Kirchhofsmauer im Bogen führte eine alte Kastanienallee, blühend
-übersternt mit weißen und roten Kerzen, zum Pfarrhaus, von dem eine
-Seitenwand mit zwei Fenstern übereinander sichtbar war: ein
-zweistöckiger, warm gelb getünchter Bau von schlichtem Barock, wie ich
-hernach sah.
-
-Auf die Einladung des Lehrers, uns die Grabstelle zu zeigen, gingen wir
-zwischen den gleich Betten säuberlich bereiteten Gräbern voller Blumen
-hindurch; allein das für den neuen Kömmling bestimmte Grab zeigte
-naturgemäß keinen andern als den unbehaglich gähnenden Ausdruck all
-dieser Löcher aus gelbem Sand.
-
-Dafür hatten wir von ihm aus über eine nahe kleine Gittertür hinweg
-einen anmutigen Blick: im Ausschnitt einer wohl hundert Schritt langen
-Allee noch unbegrünter kleiner Kugellinden, deren Stämme durch beinah
-mannshohe grüne Hecken verbunden waren, das schmale Portal über drei
-Stufen mit sandsteinernen Bogenstücken überm Sims; darüber den leise
-vergoldeten Korb des Balkons vor der oberen Glastür, und endlich das
-gebrochene, schwarzbraune Dach, auf welches eine große und schöne,
-schneeweiße Wolke aus dem ganz reinen Blau sich eben so anmutig
-niedergesenkt hatte, daß der Lehrer davon berührt wurde und zu sprechen
-begann in einem zierlichen Vergleich mit einem Schrein oder Schiff, das
-sich auftun möchte, eine kleine Schar singender und musizierender Engel
-zu zeigen. Er fuhr fort mit gedämpfter Stimme:
-
-»Sie« -- seine Dorfleute meinend -- »glauben, daß er mit solcher Liebe
-an der Erde hing, daß er sich nun nicht losmachen kann; und sie würden
-gewiß nicht erstaunen, wenn solch ein Wunder sich zeigte, daß er mit
-himmlischen Instrumenten hinaufgelockt würde. Denn« -- er lächelte --
-»wir sind zwar gut lutherisch dahier, aber ganz vergessen ist die alte
-Lehre doch nicht. Davon zu schweigen, daß das Wunder das liebste Kind
-_jeden_ Glaubens ist.« Er verstummte, auf das schwärzliche Netzwerk der
-nächsten Lindenkuppel deutend. Die schwarze Figur einer Amsel saß darin,
-als sei sie gefangen. »Sie singt nicht,« sagte der Gute, »alle Sänger
-sind seit vorgestern völlig verstummt. Freilich, --« setzte er
-verständig hinzu, »viele sind ja noch nicht zurückgekommen, doch haben
-wir mehrere Meisenarten allein, die überwintern.«
-
-Der Erasmus nickt ernsthaft. In Naturwissenschaft ist er mir mit dem
-Lehrer weit voraus, und so mag er lange bemerkt haben, was mir entging.
-Auch zeigte alles sich so frisch, luftig, österlich! Noch, als wir den
-Lindengang hinab und vor dem Hausportal waren, mußte ich mich künstlich
-vorbereiten auf Tod und Totes. Allein -- was war nun das, was wir fanden
-im Haus?
-
-Der Papa trat uns im Hausflur entgegen, verweint, aber doch mehr
-bedrückt aussehend als schmerzlich, grüßte uns leise und führte uns
-durch ein großes und mit weißen Abgüssen von Büsten und Figuren zwischen
-den Bücherregalen feierlich heiteres Arbeitszimmer in ein um so
-einfacheres Schlafgemach, wo der Schein zweier Kerzen im verdunkelten
-Tageslicht wie mit einem Ruck alles deutlich und fest machte, --
-sonderbar genug, wie immer das Kerzenlicht am Tag nicht erhellt, sondern
-zu verdunkeln scheint. Diese beiden, wächsern und lang in hohen
-Leuchtern, brannten auf einem durch eine schwarze Decke zum Altar
-verwandelten Tisch an der Wand; zwischen ihnen das Bibelbuch, blinkend
-in Goldschnitt, vor einem glatten braunen Kreuz, ohne Heiland, jedoch,
-wie der Tisch, mit einer Girlande von Aurikeln und Primeln umwunden. Zur
-Rechten davor der Sarg zeigte offen sein bettweißes Inneres; der Deckel
-lag daneben. Links stand das Bett mit dem Toten, von dessen Antlitz mein
-Vater das Tuch fortnahm.
-
-Aber so hat von allen Toten, die ich zu sehen bekam, noch keiner
-ausgesehn am dritten Tage des Totseins. Anstatt in der wächsernen Gelbe,
-zeigte diese Stirn und das Sichtbare der Wangen sich so weiß wie das
-Haar und der Bart; weiß, durchscheinend gleich Alabaster, und die Hände
-waren ganz so. Erschreckend darin die zwei Augen; weitoffen, gefüllt mit
-stumpfem Blau, starrten sie nach oben.
-
-Ob sie nicht zu schließen seien, fragte ich nach einer Weile. Der Papa
-stand weinend und zuckte die Achseln. »Wer sagt denn, daß er tot ist?«
-murmelte er dann erschöpft. Ich fragte: »Der Arzt ...?« Er schüttelte
-den Kopf und bat uns, ihm zu folgen.
-
-Durch das Arbeitszimmer zurück führte er uns über den Flur und öffnete
-eine Tür an der Westseite des Hauses. Alle Drei standen wir da geblendet
-vor einem Raum aus Feuer und Gold; einem nicht eben großen,
-quadratischen Zimmer mit, wie ich bald wahrnahm, weißgoldenen Wänden,
-durch dessen gläserne Gartentür und das Fenster die tiefe Sonne in
-prachtvollem Strome hereinschwoll. Der Raum schien menschenleer; vor
-seiner einsam lodernden Feierlichkeit befremdete mich der Anblick von
-uns drei großen und schwarz gekleideten Eindringlingen, und ich sah die
-beiden Andern zögern, hineinzugehn. Nun blickt ich mich um, und ich
-glaube, selten etwas so Liebliches gesehen zu haben wie dies einfache
-Gemach mit weißer, leise golden getupfter Tapete, wo kleine graue
-Stahlstiche hingen, und mit goldgelben Möbeln aus den zwanziger Jahren,
-Schreibsekretär, Vitrine, Kommode und Spiegel. Ein runder Tisch im
-Kreise der Stühle trug einen Kristallkelch mit einigen Narzissen; er
-stand vor dem Sofa an der Wand, das mit einem erdbeerfarbenen
-Damaststoff bespannt war, und dessen eines Ende verdeckt war von dem
-einzigen Düsteren im Raum, einem schwarzen japanischen Wandschirm mit
-eingestickten silbernen Bambusrohren und dergleichen, auch er, wie alles
-umher, von der Verzaubrung des Lichts mit glühendem Rot überzogen. Fee
-oder Göttin, dachte ich, was für ein Wesen mag das sein, dem dieser
-Feuerschrein als Behausung dient? -- Und noch, während ich den Papa auf
-Zehen durch den Raum gehen sah, besann ich mich vergebens auf Gestalt
-und Züge einer flüchtig gesehenen Fünfzehn- oder Sechzehnjährigen mit
-Namen Renate.
-
-Indem rückte mein Vater den Wandschirm überseite und enthüllte die
-sitzende, gleich rosenhaft überflossene Gestalt eines schönen,
-anscheinend blonden Mädchens in weißem Kleid, das uns aus groß offenen,
-hyazinthblauen Augen so gläsern anstarrte, als wars eine Puppe. Den
-Erasmus sah ich zurückfahren. Es war freilich gespenstisch, sie ebenso
-hinter dem Wandschirm sitzen zu denken, wie sie nun fortfuhr, ohne
-Bewegung, ohne Blick.
-
-»Aber sie ist nicht tot?« hörte ich die Stimme meines Bruders sehr tief.
-Mein Vater verneinte stumm. Wir traten näher.
-
-Sie war schön. Untadelhaft schön. Schöner vielleicht als alles. Die
-Starrheit der Augen beeinträchtigte die Umgebung. Das Haar, nicht blond,
-sondern von einem mir unbekannten hellen Braun, war, in der Mitte
-gescheitelt, so um die hohe Stirne gelegt, daß sie ganz frei blieb, dann
-tief nach unten gezogen, wie man es auf Bildern der vierziger Jahre
-sieht, und der Adel und die Reinheit dieses Giebels von Alabaster war
-unendlich ergreifend. Das ganze, schmale Gesicht war schneeweiß und
-durchscheinend klar wie des Toten; ebenfalls das Paar der Hände und
-bloßen Unterarme, und ich hatte so sehr den Eindruck des aus allen
-Gliedern zum Herzen hineingesogenen Blutes, daß es mir dort innen
-erschien wie ein Glasgefäß, herzförmig, blutrot gefüllt; in einer Figur
-aus gesponnenem Glase.
-
-Ich rührte eine von diesen Händen an; eiskalt und steif; kaum zu
-bewegen.
-
-»Was ist mit ihr?« fragte ich. Allein statt einer Antwort vom Vater
-hörte ich das leise Klirren der Glastür und sah ihn ins Freie treten.
-Als ich mich nach Erasmus umwandte, stand er, die Hände auf die
-Tischplatte vor sich gestützt, übergebeugt, die Sitzende so starr
-anblickend wie sie ihn, ohne meiner zu achten.
-
-Meinem Vater nachgehend, sah ich ihn jetzt so hübsch in dem Garten
-stehn, auf einem bewegten Grund weißgetünchter, weißwolkiger Obstbäume,
-blühende Zweige zu Häupten, zwischen Tulpenrabatten, etwas schief
-haltend wie zumeist den von der Abendglut noch rosiger als gewöhnlich
-gefärbten Kopf, seine goldene Brille putzend mit dem Taschentuch, -- so
-hübsch, wie gesagt, so lebendig, daß ich ihm ernsthaft wünschte, als
-Pfarrer hierherzugehören, anstatt den Fabrikherrn spielen zu müssen, was
-ihm doch nie recht gelang.
-
-Ich begab mich hinaus zu ihm und wiederholte meine letzte Frage: »Was
-ist mit dem Mädchen?«
-
-Er sagte: »Seit ihr Vater tot ist, ist sie so. Er starb -- der Arzt
-sagte, daß er starb; wir waren Beide zugegen -- er starb unerwartet
-gegen Morgen. Ich wollte sie rufen, als er noch atmete; da saß sie schon
-fast wie jetzt, nur furchtbar keuchend, sonst starr. Ich mußte sie
-verlassen. Seitdem haben Beide sich nicht verändert. Nun schon den
-dritten Tag. Und«, er stockte, »ich fürchte mich, ihn zu begraben.«
-
-Ob er glaube, fragte ich, daß da Zusammenhang sei zwischen der Lebenden
-und dem Toten? Und ich wiederholte ihm die Worte des Lehrers vom
-Nichtfortkönnen des Toten.
-
-»Muß mans nicht glauben?« murmelte er gedankenlos, ich weiß nicht auf
-welchen meiner Sätze als Antwort.
-
-»Der Arzt?«
-
-Sei ratlos wie er selber.
-
-Das Verhältnis, meinte ich, von Vater und Tochter sei zweifellos sehr
-innig gewesen.
-
-»Das innigste!« Nun wurde er beredt. »Sie lebten jeder nur dem Andern
-und durch den Andern. Ihre Mutter starb ja, als sie zwei Jahre alt war.
-Mein Vater hatte ihn verstoßen. Alldas mußte sie ihm sein. Wenn du im
-Dorf fragst, wirst du Wunder erzählen hören von dem Mädchen, seiner
-Schönheit und seiner Klugheit, seiner Lieblichkeit, Güte und Würde. Er
-war einer der tiefsten Menschen, und sie wuchs ganz aus seinem Erdreich,
-in seiner Luft. Die Leute sagen: sie war sein lebendiger Segen unter
-uns. Ich hörte sie die Orgel spielen, kurz vor seinem Tod. Stelle sie
-dir vor --, eine andre Cäcilie.«
-
-»Vermutlich also«, fragte ich in plötzlicher Eingebung, »spielte auch
-dein Bruder die Orgel?«
-
-Er nickte.
-
-»So muß man«, sagte ich, »die Orgel spielen, um sie aufzuwecken.«
-
-Er sah mich verwundert an. Das sei ein Gedanke, meinte er, wie ich
-darauf komme?
-
-»Willst du spielen?« fragte er nach einer Weile.
-
-»Leider«, mußte ich bekennen, »ist mir die Orgel ganz fremd. Es müßte
-auch ein Stück sein, das der Tote kennt, ein Lieblingsstück vielleicht,
-und ich lese, wie du weißt, keine Noten.«
-
-Damit schlug ich den Lehrer vor, der wahrscheinlich Organist an der
-Kirche sei.
-
-Ich hatte mich aber noch kaum zur Türe zurückgewandt, so ereignete sich
-das Seltsame, daß die Orgel ertönte. Klar auftretende, lang gezogene
-Töne kamen herüber, andre Stimmen mischten sich präludierend herein,
-noch leise; dann mit plötzlich erschreckendem Brausen und voller Macht
-breitete sich die Kantate Bachs: Mein gläubiges Herze, frohlocke sing
-scherze! wundervoll jubelnd in die Lüfte. -- Später erfuhr ich dann, daß
-der Lehrer, dem es eingefallen war, das »Leibstück des Seligen«, wie er
-sagte, zu spielen, es freilich nicht aus unserm Gedanken heraus, sondern
-schlicht aus seiner und Aller Bedrängnis gespielt hatte.
-
-Als mein Vater und ich in die Tür traten, hatten wir die befremdliche
-Erscheinung, in der rechten Ecke des Sofas uns gegenüber -- in der
-linken saß das Mädchen -- den Erasmus sitzen zu sehn; den Arm auf der
-Rücklehne, seitwärts und zu ihr gewandt, saß er still und wie sie
-unbeweglich.
-
-Aber keine Wirkung des Orgelspiels ergab sich; nicht die geringste.
-
-Ich weiß eigentlich nicht, warum das so war. Wenn es wahr war, daß diese
-Beiden einander so verhaftet waren im Leben, daß sie sich nicht
-losreißen konnten; daß nun die Lebendige hier angeschlossen war an die
-Erstarrtheit des Todes, und der Tote angeschlossen ans innere Feuer des
-Lebens, zu einem grausamen Gleichgewicht Beide des Nichtsterbenkönnens
-und Nichtlebens, -- so mußte es einen Weg geben, das magische Band zu
-zerreißen. Magische Bande sind stark, aber zart, und allzuzart immer
-gegen das Hiesige. War die Erstarrung so tief? War sie ganz taub für die
-Welt? Sie blieb unverändert.
-
-Es dunkelte derweil. Der Choral: Nun ruhen alle Wälder legte sich wie
-ein dunklerer Strom über das schon versinkende Licht, und als er
-verstummte, hatte die schweigsame Welt sich geteilt in weite, leuchtende
-Klarheit oben, in verschattete Enge unten, wo mit bleicherem Weiß nur
-die blühenden Kuppeln noch das Licht festhielten.
-
-So ist es nun. Die Nacht kam; ich übernahm für den erschöpften Papa die
-Wache beim Toten und schreibe in mein Buch, das ich durch Lis vorahnende
-Aufmerksamkeit im Koffer fand. Wo ist Erasmus? Ein drittes Mal war ich
-eben an der Tür von Renates Zimmer, und nach wie vor fand ich ihn in der
-Ecke des Sofas, ruhig scheinbar, sitzend mit untergeschlagenen Armen,
-ihr zugewandt, die dasitzt unverändert, eine lebensgroße Puppe,
-starräugig im Dunkel.
-
-Geheimnisvolle Vorgänge fördern das Geheimnisvolle zutag. Doch war mir
-stets klar, daß in diesem riesigen und etwas ungeschlachten Leib sehr
-zarte Kräfte daheim seien. Und so wie Andre die feine Dryas das
-Blattwerk der Eiche haben zerteilen sehn, so konnte ich wohl im
-Nachtdunkel, über seine Schulter geneigt, das erschimmernde Haupt jenes
-Rätselhaften gewahren, dem es einmal sich loszumachen gelang und seine
-Kraft zu gebrauchen.
-
- * * * * *
-
-Die dritte Nacht unseres Hierseins, die fünfte seit dem Tode des alten
-Mannes. Es ist nichts verändert. Wir haben ihn nicht begraben. Selbst
-wenn ich nicht an einen Zusammenhang der zwei Menschen glaubte, dessen
-gewaltsames Zerreißen dem lebendigen Teil überaus schädlich sein könnte,
-würde ich nicht dazu raten, einen Menschen unter die Erde zu bringen,
-bevor er deutliche Zeichen des Verstorbenseins, der Verwesung von sich
-gab. Die Luft aber in diesem Haus --, sie kommt mir fast reiner als
-anderswo vor. Seitdem ich es weiß, empfinde ich lebhaft das
-Verstummtsein der redebegabten Natur, und ich habe Stunden damit
-verbracht, in der Nähe des Hauses Spatzen und Meisen zu beobachten, die
-keinen Laut hören lassen. Äußerst selten einmal ein schwaches Zirpen,
-das augenblicks erstirbt; sonst nichts. Ärzte, die wir riefen, kamen und
-gingen kopfschüttelnd: wer den Toten sah, sprach vom Mittel des
-Aderöffnens; hatte er danach auch das Mädchen beobachtet, so hüllte er
-sich in Schweigen. Der Papa ist am Rande seiner Kraft, ich selber bin
-ungewöhnlich erregt. Dies dauert bedenklich lange; kein Ende ist
-abzusehn, -- bei meinem Dämon, ist das Liebe, was dergestalt Lebendes
-und Totes zusammenschmolz, oder ist es nur Blut? Und wenn ich mich
-hineindenke: Allmächtige Dinge und andrerseits soviel Ohnmacht? Dann:
-Wie schauerlich dieser Kampf der zwei Kräfte, von denen keine die
-Oberhand gewinnt, und man glaubt sie keuchen zu hören durch die ewige
-Stille: Ich lasse dich nicht, du segnest mich denn! Und wo ist hier
-Jakob, wo der Engel? Wie lange die Nacht solchen Ringens? Wie lang zum
-Hades, Psyche, dein Weg?
-
-Und nun dazu: emsig, emsig die dritte Kraft bei ihrer Arbeit zu wissen,
-die sich hineingraben will in den Gneis. Erasmus, seltsamer Geist, der
-sich augenblicks, so bereit, als habe er nichts andres im Sinne gehabt,
-in dieser Aufgabe verfing, -- davon zu schweigen, daß kein Andrer
-vielleicht sie gesehen hätte. Solang wir hier sind, während mein Vater
-hülflos seinen Gestorbnen betrachtet, ich mich in der Landschaft
-herumtrieb, mit den Dorfleuten sprach -- die übrigens gar nicht so
-verstört scheinen, sondern vielmehr als verstünden sie sehr gut, was
-hier vorgeht --, oder ruderte auf dem Rhein, der in einer Biegung
-halbstundenweit dem Dorf nahe kommt, -- tagein und tagaus, nachtein und
-nachtaus weicht er nicht von dem Fleck, den er besetzte. Wann er
-schläft, kann ich nicht sagen. Speise nahm er erst keine; später, als
-wir Milch und Weißbrot neben ihn stellten, merkten wir nach einiger Zeit
-in Pausen einige Verminderung und konnten es auch erneuern. Der Wille,
-sagt man, tut Wunder. Und der seine, geschult seit immer, wie ich glaube
-daß er ist, muß ihm folgsamer zu Dienst sein als jedem Andern. Möchte es
-ihm dann gelingen, diese reine Seele in die seine hinüber --
-
- * * * * *
-
-Ich wurde unterbrochen. Erasmus kam ins Sterbezimmer, wo ich schreibend
-saß, augenscheinlich auf der Suche nach mir, denn er erklärte -- ganz
-ruhig übrigens, beinah sanft --, er verlasse das Haus für eine Weile und
-würde mich später um etwas zu bitten haben. Seitdem sind drei Stunden
-vorüber; auch dieser schön ersonnene Versuch ist gescheitert, aber die
-Ungewöhnlichkeit des Vorgangs macht mir ihn wert, ihn zu beschreiben.
-
-Erasmus also kehrte zurück, eine Decke in der Hand, in die er das Wesen
-hüllte, worauf er sie auf die Arme nahm und mich aufforderte, mit ihm zu
-kommen.
-
-Die Nacht war sehr kühl, sternlos, windig und feucht; vollkommen dunkel.
-Erasmus mußte die Wege in der Gegend von seinem früheren Besuche her
-kennen, denn er ging mit vollkommener Sicherheit durch das Finster, kaum
-einmal strauchelnd im aufgeweichten Boden. Da meine Augen die Gabe
-haben, besser als andre im Dunkel zu sehn, erkannte ich bald den Weg,
-der durch die Weingärten zum Rhein führen würde. Erstaunliche Einfälle,
-bei Gott, hat dieser Mensch! Physik und Metaphysik, welche von beiden,
-dacht ich, hat ihn auf diesen Gedanken gebracht, denn ich will nicht
-mehr Montfort heißen, wenn er nicht vorhat, das starre Geschöpf in den
-Rhein zu tauchen. Sie ist aus diesem Boden gewachsen, der Gedanke ist
-vernünftig, die Natur hat unbekannte Kräfte, Verbindungen, Zauber, --
-wahrhaftig, er hat recht, man muß sie in den Strom versenken, und was
-auch die Folge sein wird, Tod oder Leben, das unnatürliche Band wird
-zerreißen, und wenn er Glück hat, so gelingt es ihm, ihre Seele feurig
-aus dem Gewässer zu heben, wo er ein eisiges Bildnis versenkte. So dacht
-ich und fühlte das Kostbare der vom Rhein herüber hauchenden Luft von
-fast feuriger Kälte; reinen Odem der Erde und so ungebraucht, daß ich
-mich zurückversetzt fühlte in der Zeit um Jahrhunderte.
-
-Wir kamen ans hohe Ufer, das uns für Minuten der Mond, ein kaltes
-Halbgesicht im Gewölk, sehen ließ, dazu in der Tiefe die ruhig nachthin
-strömende Fläche, rastlos erfüllt von einem andern als dem Geiste der
-Feste, -- zu der eine schmale Treppe zwischen den Rebstöcken
-hinunterführte. Der Schattenriß eines langen Kahns war dort unten. Die
-kahlen Ufer, hügelig im verfahlten Licht, erschienen öde. Mein Bruder
-senkte seine Last auf den Boden des Nachens und legte sie, wie sie
-liegen konnte, seitwärts, worauf er zwei lange Stangen aufnahm und mir
-eine gab mit dem Bemerken, hier sei es zu tief für ihn, aber weiter
-unten im Strom eine Furt. -- Weshalb er schon jetzt seine Kleider abwarf
-und am Ufer niederlegte, erklärte er mir noch, indem er mich bat, falls
-das Mädchen zu sich kommen sollte, allein mit ihr ans Ufer zu fahren und
-ihn zu erwarten, der zu Fuß zu seinen Kleidern zurückgehen würde.
-
-Im Fahren hatte ich dann meine Freude an seiner heroischen nackten
-Gestalt, die in der Spitze des Kahns mit erhobenen Armen gleichmäßig
-einmal über das andre die Stange ins dunkle Gewässer senkte und wieder
-heraufholte. Wir stießen den Kahn in die Strömung und konnten ihn
-treiben lassen. Wir fuhren lautlos und rasch; kaum vernehmbar, von den
-Ufern her, rauschte das Wasser. Einige Minuten später hörte ich den Kiel
-auf Steinen knirschen; wir saßen fest. Erasmus sprang in die Flut und
-watete zum Ende des Kahns, wo sie bereits seine Hüfte überstieg; ich hob
-die Scheintote aus ihrer Decke, legte sie in seine Arme, sah ihn tiefer
-ins Dunkle watend versinken und sie mit ihm. Als nur noch ihr Haupt,
-bleich und wie steinern, die Fläche überragte, schienen mir anderthalb
-Jahrtausende noch nicht gewesen zu sein. Der Rhein floß durch die
-römische Provinz; wir senkten geheim ein Götterbild in den Strom,
-letzter Schutz vor den Eifernden einer neuen Lehre.
-
-Erasmus dauerte aus. Mir fielen die Augen zu, geschläfert vom
-einförmigen Gurgeln des Flusses, der lauter und lauter zu rauschen
-begann. Dann hörte ich die Arbeit des Gewaltigen durch die Jahrtausende,
-die den Schiefer benagte, furchtbar rastlos. Die Einsamkeit wuchs überm
-Strom. Es war kalt. Aber in einem Halbjahr würden diese jetzt kahlen
-Hügel überschüttet sein mit den süßen Gefäßen des Feuers, eine einzige
-Glut alles überwogt haben, brennend vom ausgeschütteten Pfeilhagel einer
-unerschöpflichen Sonne. Und hier bei mir im Strom -- -- bei
-halbgeöffneten Augen sah ich im Zenit der Nacht quellendes Licht,
-Wolkenumrisse, und jetzt in meiner Tiefe dunkel die Fläche des Stroms,
-glänzend darin eine Mannsschulter, nackt, ein dunkleres Haupt, und
-daneben das Alabastergesicht über dem Wasser. Ganz mächtig im Eisigen
-dieser Flut spürte ich da die lebendige Glut seines Leibes, seiner
-Seele, und so tief, daß es mich schauderte meiner Kühle. Rufe die
-Götter, dacht ich, Pygmalion! Ich ward fast neidisch.
-
-Ich fuhr auf, da etwas vor mir niedergelegt wurde, -- der schöne,
-leblose Leib in triefenden Kleidern, und Erasmus, erschöpft, übergeneigt
-aus dem Wasser, die Fäuste im Kahn aufgestützt, keuchte etwas wie, daß
-er sie in Blut baden möchte.
-
-In Blut. Er meinte das seine und starrte mich böse an, als ich sagte,
-daß man vor einigen tausend Jahren ein jugendliches Roß oder
-jungfräuliches Rind geopfert haben würde. Die Unselige dauerte mich
-wahrhaftig, und dieser Blutgedanke ließ mich lange nicht los, während
-wir uns stromauf stakten. Alle Zauber wohnen allein in dem Blut. Ein
-mittelalterlicher Quacksalber würde ihr längst eine Ader geschlagen
-haben und womöglich das Rechte getroffen.
-
-In der Haustür empfing uns die alte Dienerin, die von Erasmus
-verständigt sein mußte, denn sie ging uns wortlos voran bis in ein
-kleines weißes Schlafzimmer, wo sie Licht, Decken und Tücher bereit
-hatte, und wo wir sie mit der Leblosen auf ihrem Bett allein ließen.
-Erasmus frottierte sich warm, legte sich und schlief alsbald ein;
-weniger abgemattet als er und heftiger erregt machte ich mich ans
-Schreiben. Eben ist die Sonne am Aufgehn.
-
- * * * * *
-
-Fünfter (oder siebenter) Abend. Mein Vater entschloß sich, das Begräbnis
-für morgen anzusetzen. Die ganze Umgegend ist in Aufruhr, die Leute
-strömen in Scharen herbei, es kostet Mühe, sie vom Zimmer Renates
-fernzuhalten, wo unveränderlich, wie ich ihn fand am Vormittag nach
-jener Nacht, Erasmus ihr gegenüber sitzt, und sie anglüht rastlos mit
-brennenden Augen der Seele. Dieser Mensch macht mir Grauen mit seiner
-Leidenschaft. Wenn er seine Seele aushauchen könnte als eine Glutwolke
-um die Erstarrte, so würde ers tun. Armer Pygmalion, wenn sie wirklich
-erwacht und ist dann nur ein Mensch, der nichts weiß und nichts ahnt,
-was dann?
-
-Gleichfalls unwandelbar der Tote auf seinem Bett, unverwesend. Neben dem
-sitzt sein Bruder, unselig, verfallen und hülflos. Ich greife mir an den
-Kopf und frage, woher das Ende kommen soll?
-
- * * * * *
-
-Und da ist es, das Ende.
-
-Preis und Ehre dem Siegreichen! Ja, alle Ehrfurcht, mein Bruder, vor
-dir, ich hatte das nicht von dir gedacht, und sei überzeugt, ich werde
-es dir nicht vergessen!
-
-Schlafen gegangen nach Mitternacht, erwachte ich vom dumpfen Laut eines
-Falles und sah, daß die Sonne noch über den Rand der Erde nicht herauf
-sein konnte. Das seltsame Luftgrau des Morgens. Ich lausche, höre
-Bewegung unter mir im Zimmer des Toten, wo mein Vater auf einem Diwan
-schläft, springe aus dem Bett, eile treppab und treffe im Flur mit dem
-Vater zusammen. Wir öffnen die Tür; vor uns, fast daß wir über ihn
-strauchelten, liegt ein riesiger Körper, Erasmus. Und das Mädchen,
-Renate? Es ist hell genug, daß wir sehen können: sie sitzt dort, aber
-nicht wie bisher. Ihr Kopf ist vornüber geneigt, die Schläfe liegt am
-Polster der Lehne, wir treten hin zu ihr, da hören wir schon, daß sie
-atmet. Sie schläft. Ihre Hände, ihr Gesicht waren heiß, ihre Wangen
-glühten, kleine Perlen standen in der Nähe des Haars. Als die Sonne da
-war, konnten wir sehen, wie die Wangen gerötet waren: ein ganz helles,
-scharlachnes Rot, zart wie Morgenhimmel und so unschuldig wie eines
-schlafenden Kindes.
-
-Auf die Bitte meines Vaters hin hob ich sie auf und trug sie zu ihrem
-Bett, ohne daß sie erwacht wäre. Ihre Glieder waren sehr weich; sie war
-wieder schwer.
-
-Dann, mit einiger Mühe, gelang es uns, den Erasmus zu wecken, der beim
-Fortgehn dort zusammengefallen sein mußte, und ihn mit vereinten Kräften
-treppauf und zu seinem Bette zu schleppen, wo er hinfiel und schlief.
-Später am Tag sah ich ihn dort. Auch sein Gesicht glühte, erschöpft,
-schweißbedeckt, gemagert, aber umlodert von solchem Adel, daß ich mich
-abwandte.
-
-Der Tote aber verfiel so schnell, daß wir nicht genug eilen konnten, ihn
-einzusargen. Schön war noch dies: Wie jeden Morgen war der wackre Lehrer
-der erste, der anzufragen kam. Nachdem er die Schlafende gesehn,
-entfernte er sich eilig, und Minuten später hörten wir die Orgel
-überlaut _Te deum laudamus_ brausen. In die Haustür tretend, sahn wir
-den Heckengang unter den Linden von der Kirche bis nahe ans Haus gefüllt
-von knieendem Volk. Mein alter Vater winkte ihnen mit den Händen und
-weinte erschöpft auf; da brachen sie Alle in Schluchzen aus, das die
-Orgel übertönte. Mir fiel ein, daß es gut sein möchte, wenn der
-löwenhafte Zerreißer jenes Bandes auch in sich selber die alte Kette
-zerrissen hätte, die ihn solang als gefesselten Sklaven zwischen uns
-herumgehen ließ. Siehe da, der Sklave war stärker als Alle!<
-
- * * * * *
-
-Renate befand sich, als die lesende Stimme schwieg, nicht mehr an dem
-Tisch gegenüber, sondern in der entlegensten Ecke des Raums, wohin sie
-ohne ihr Zutun geraten war. Dort saß sie im Stuhl vor dem Harmonium, die
-Hände lautlos ringend auf dem Deckel, dann und wann aufblickend unter
-den Schnitten der Qual, wo in klar leuchtenden Farben ein Bildwerk hing,
-eine sitzende weibliche Gestalt in der Landschaft, an die sie umsonst
-ihr wortloses Stammeln richtete. In ihrer übermenschlichen und
-namenlosen Aufgabe begriffen, grübelte sie wieder und wiederum
-väterlichen Lehren nach, doch nicht ihm selbst, dessen Namen nicht
-einmal sie zu denken wagte; unzähligen seiner Auslegungen um den Kern
-seiner Lehre, die ihr zu einer Erkenntnis helfen sollten, und eine ewige
-Weile lang schien alles vergebens. Plötzlich sah sie Erasmus dasitzen,
-ganz still, den Kopf gesenkt, die Blätter noch in der Hand, nichts als
-ergeben, -- und mit einem zuckenden Schrecken spürte sie, daß etwas am
-Gelingen war, wie ein Ding, an dem sie würgte und knetete, oder als
-hätte das Ungeborene eben gelächelt. Und nun weiter, weiter in der
-ganzen wütenden Not und Mühsal und Verzweiflung und Zerrissenheit des
-Gebärens, wälzte sie Glied um Glied und Atemzug um Atemzug näher zum
-Leben, was herauf sollte aus dem erstickenden Schlund, -- und endlich
-mit einem reißenden Schmerzensstrom und einer sausenden Wonne zugleich,
-fuhr es, stand es, schwebte es in das Leben, und es war Demut.
-
-Glieder und Odem und Blut aus seliger Demut: ihre geborene Seele trug
-sie nun, lallend, weinend, behutsam, noch ungläubig, -- trug sie durch
-einen Raum weitoffener Leichte zu jenem Menschen hin, der da saß wie ein
-stiller Mönch, und sagte: »Mach du mich rein!« Ihre Knie beugten sich
-tiefer, ihr Nacken bog sich in dieser neuen, heiligen Wonne der
-Dienstbarkeit, ihre ausgestreckten Hände brannten von Eifer und
-Seligkeit, das reinlich erschaffene Juwel der Empfängnis hinzulegen. Und
-so lag sie wohl auf dem Boden, lächelte, weinte und sagte:
-
-»Ich will dich lieben!«
-
-
- Erasmus (Fortsetzung)
-
-Als Renate die Augen aufschlug, fühlte sie sich zuerst sehr müde. Mit
-einem schwachen Gefühl der Enttäuschung, daß sie nicht schlief,
-erinnerte sie sich, die Besinnung nicht verloren zu haben, und deutlich
-auch, daß Erasmus sie aufgehoben und davongetragen, dabei zweimal nach
-dem Weg zu ihrem Zimmer gefragt --, ja, daß sie zuerst gesagt hatte: In
-mein Zimmer! Sie hatte die Wände, das Treppenhaus an sich vorbeiziehen
-sehn, und nur war das in einer Art Starre vor sich gegangen; ihr Körper
-schien Ähnlichkeit zu haben -- und vielleicht auch die Seele, -- mit
-einem von betäubendem Schlage getroffenen Glied, das empfindungslos
-geworden ist, und sie meinte noch jetzt, ihre Hände, ihre Füße, ihren
-Kopf nicht zu fühlen. Als sie aber jedes ganz leise bewegte, war es da,
-nur äußerst leicht und entfernter als sonst. Und dies -- sie wußte es
-wohl -- diese Leichte, diese Wärme, das war alles wie damals; damals als
-er, der sie heute trug, sie zum ersten Mal aus dem Eise befreit hatte
-... Daß sie die Augen geschlossen hatte, als sie niedergelegt wurde,
-wußte sie, und bestimmt, daß sie höchstens einige Minuten geschlafen
-hatte. Nun sah sie die Fenster ihres Zimmers, das im Schatten lag, etwas
-kahles Gewipfel und den Regen, der leicht niederfiel. Es war hell
-draußen von entferntem Sonnenschein, und sie hörte Gezwitscher. Und im
-Fenster zur Linken -- sie war etwas geblendet -- befand sich ein
-menschlicher Schatten: Erasmus.
-
-Plötzlich spürte sie die Wärme, in die sie gebettet war, ja, die ihr
-ganzes Wesen erfüllte, und daß sie trotz schwerer Müdheit mit einem
-unendlichen seelischen Behagen gesättigt war. Eine von innen quellende
-Wärme, die duftete und an die wundervolle Wärme eines uralten
-Kachelofens erinnerte mit seinem Holzfeuer und vielen kleinen
-Darstellungen aus dem Leben Mosis, im heimatlichen Flor. Sie meinte,
-sich weder bewegen, noch einen Laut hervorbringen zu können, aber das
-Gewebe der Wärme, aus dem sie ganz und gar bestand, regte sich so atmend
-auf und nieder, daß sie zu fühlen glaubte, wie sie es mit ihren
-Atemzügen an sich zog und ausdehnte, und sie dachte: ich bin wie ein
-Licht.
-
-Die Helligkeit blendete nun nicht mehr, und nachdem sie ihr Auge von der
-Steppdecke, mit der sie bedeckt war, über die Wände mit ihren vielen
-kleinen, zartfarbenen Pferdebildern hatte gleiten lassen, ließ sie es an
-Erasmus haften, leicht hängen bleibend wie ein Falter.
-
-Er saß auf der Fensterbank mit einem Oberschenkel, das andre Bein leicht
-ins Zimmer gestreckt, das ihr der Tisch vor dem Sofa etwas verdeckte,
-und sah, etwas vorgebeugt, nach unten, so daß sie sein Gesicht fast ganz
-im Profil vor sich hatte. Dabei hatte seine Haltung mit dem einen auf
-den Schenkel gestemmten Arm einen Ausdruck von Ermüdung und großer
-unbewußter Würde. Und nun mit immer der gleichen Leichtheit im Bewegen
-ihres Blickes alle Linien seiner Züge nachziehend, fand sie, daß er
-sonst nicht schöner geworden war. Das Ganze schien so überaus
-unglücklich zusammengestellt; das Kinn viel zu klein, obgleich es an
-sich recht fein, ja fast zierlich gemeißelt war; die Oberlippe zu lang
-wie die Nase, die obendrein eingedrückt war; und nun erst diese zwei
-unmäßigen Buckel der Stirn über den überstarken Augäpfeln, Felsen
-gleich, die aneinandergelehnt sind, und die Einbuchtung zwischen ihnen
-war oben tief eingegraben, und dort schlug sichtbar ein Puls. Das
-mißfarbene Haar war dünn und auf der Kopfmitte gelichtet; Nacken und
-Hinterkopf, wie mit dem Beil geschlagen, zeigten eine einzige lange
-Linie. Und trotz allem diesem machte das Ganze keinen abschreckenden
-Eindruck; höchstens einen etwas furchterregend anziehenden, und es
-gefiel Renate, daß seine Lider, nicht wie bei anderen Menschen,
-klappten, sondern sich ruhig und selten nur legten und wieder hoben. Da
-war Geduld, Gelassenheit, Ruhe, und es erinnerte übrigens an Bogner.
-
-Eine Hand neben sich aufstützend, richtete Renate sich auf, im
-Bewußtsein berührt von einem sehr zarten Gefühl für diesen Menschen, und
-nun überrascht von der Leichtigkeit, mit der ihr jede Bewegung gelang.
-Ach, die schöne Wärme, die mit in Erschütterung gekommen war und nun an
-vielen Stellen zugleich quoll und verrieselte! Sie setzte sich, erfreut,
-daß es unhörbar gelang, in der Sofaecke aufrecht, und sagte dann leise
-nichts als: »Nun?«
-
-Er wandte sich, stand auf und kam an den Tisch, lächelnd mit einem
-Schatten von Besorgnis; sehr wohltuend war ihr dann das innerliche
-Dröhnen seiner Stimme, als er fragte, wie sie sich befinde, und ob sie
-etwas wünsche.
-
-»Befinden?« sagte sie, »gut. Und wünschen möcht ich gern, daß du dich
-wieder hinsetzest wie eben.«
-
-Er gehorchte lächelnd, nur daß er jetzt den Arm nicht aufstützte und
-Rücken und Hinterkopf grade an den Rahmen des Fensters legte, erhobenen
-Haupts, und diese Haltung von Stolz und Geduldigkeit gefiel Renate noch
-besser. Ich glaube, dachte sie bei sich, diesen Menschen zu lieben, ist
-das Leichteste von der Welt.
-
-Es tat ihr nun alles wohl; ihre Gedanken bewegten sich sacht, schwebend
-und doch sicher, nur war sie auf eine angenehme Weise geteilt in Nähe
-und Ferne, so daß es eng war um sie selber und alles andere fern, und
-daß sie niemals mehr als einem Gedanken zurzeit nachgeben konnte. Laut
-zu sprechen, war nicht gut möglich, aber auch nicht nötig.
-
-»Und nun, Erasmus,« bat sie nach einem Weilchen, die Augen schließend,
-»mußt du mir alles sagen. Ja, jetzt gleich. Ich will dir sagen, wie ich
-es meine.
-
-»Es giebt eine alte jüdische Legende vom Tode Mosis. Gott schickte alle
-Engel zu Moses, um ihm zu sagen, daß er sterben müsse, aber er weigerte
-sich. Da kam Gott selber und begann, ein Grab zu graben. Und während er
-dies tat, erzählte Moses dem Herrn sein Leben.«
-
-Obgleich sie wußte, daß es auf dem Ofen in Flor von diesem Vorgang keine
-Darstellung gab, sah sie deutlich die alten, dunkelgrünen Kacheln mit
-den undeutlich gepreßten Bildchen und darunter das, wo Moses am Berge
-sitzt; etwas unterhalb der langbärtige Herr tritt eben mit dem Fuß auf
-den eingestemmten Spaten.
-
-»Nicht,« fuhr sie fort, »daß ers wüßte, -- denn er wußte alles. Nicht
-daß ers wüßte, sondern daß ers einmal von Angesicht zu Angesicht
-erführe, so wie's gewesen war. Daß ers von ihm, von Mose hörte, der es
-ja gelebt. Daß er es einmal sagen könnte; einmal ihm zeigen könnte,
-sagen: Also war es ...«
-
-Erasmus löste seine Haltung, setzte sich wieder vor und sagte nach einer
-Weile, während seine Augen schwer wurden und angestrengt unter der Last
-der Stirn: »Ich muß wohl. -- Es wird schwer gehn.«
-
-»Ich will dirs abfragen«, sagte sie sanft, und er nickte langsam vor
-sich hin.
-
-»Weißt du, Erasmus, nun habe ich eben gesehn, was du hast. Ein sehr
-schönes Ohr. Aber das andre wird auch so sein. Hier --« sie zog mit dem
-Finger den Umriß in die Luft -- »hier oben ist eine sehr schön gebogene
-Schleife; dann wirds ganz eingezogen, und das Ohrläppchen ist sehr lang
-und gerundet.« Ja, wie schön, dachte sie innerlich, in einem so
-unvollkommenen Gesicht eine so vollkommene Sache; vielleicht gilt
-überhaupt nur die und das andere gar nicht! »Es ist genau,« schloß sie,
-»wie ein großes Fragezeichen, und das muß so sein.«
-
-Er hatte das Gesicht hergewandt. »Weswegen denn das?«
-
-»Na, Ohren, was tun die denn? Sie horchen, sie fragen doch immer! --
-Aber nun will ich fragen.«
-
-Nach einem langen Stillschweigen dann, während es draußen dunkler wurde
-und der Regen rauschender fiel, die kleinen Bilder an den Wänden fast
-ihre Farbe verloren, begann sie:
-
-»Erasmus, wie warst du als Junge?«
-
-Es dauerte eine Weile, bis sie ihn sagen hörte: »Zu!« und sie dachte, es
-käme noch eine Ergänzung, aber nichts.
-
-»Und als Jüngling?«
-
-»Böse.«
-
-»Und als Mann?«
-
-Er beugte sich weiter vor und sagte: »Hülflos.«
-
-»Zugeschlossen«, wiederholte sie leise. »Du durftest nicht zeigen, was
-in dir war. Oder du mußtest es heimlich tun, nicht wahr? Wenn du deiner
-Stiefmutter etwas schenken wolltest, so trugst du es in ihr Zimmer, wenn
-sie nicht darin war.«
-
-»Woher weißt du das?« fragte er erstaunt.
-
-»Ach woher! Ich weiß eben! Dann bist du auch so langsam gewesen und
-kamst immer zu spät, und Alle lachten. Da ließest du es lieber ganz
-sein. Und keiner, dachtest du, mochte dich leiden.«
-
-»Das dacht ich. Mein Vater fürchtete sich vor meinem Gesicht.«
-
-»Ja. Und mein Vater hat sich vor dem Großpapa gefürchtet, es war grad
-umgekehrt. Und dann war Josef immer da und viel leichter, nicht? In der
-Schule fielen dir die Antworten zu spät ein, und das genügte nicht. Ach,
-guter Erasmus, ich sehe deine Kindheit wie einen kleinen Stern hinter
-einer schweren Wolke. Nun wird alles besser werden.«
-
-»Als aber«, fing sie bald darauf wieder an, »Mathematik und
-Naturwissenschaften kamen, da hattest du einen guten Ofen, der wärmte,
-nicht wahr? Darin warst du Allen überlegen, und sie fingen an, dich zu
-achten. Bekamst du da Freunde?«
-
-»Erst nicht. Dann Bogner. Der hatte es ähnlich zu Hause wie ich, wenn
-auch in andrer Weise. Er machte mir Zeichnungen, und ich seine Aufgaben.
-Schließlich lief er doch weg.«
-
-»Wobei du ihm halfst. Dann kam das Examen bald, und du gingst --«
-
-»Nach Berlin. Da wollt ich allein sein.«
-
-»Lerntest du da Klemens kennen? Wie war das?«
-
-»Nicht besonders. Ich ging zuweilen in Arbeiterversammlungen. Da stand
-er einmal neben mir, und wir kamen ins Gespräch.«
-
-»So. Du kamst in Gespräche ...«
-
-»Diesmal.«
-
-»Wie lange bliebst du in Berlin?«
-
-»Bis zum Verbandsexamen. Dann war ich in Kiel. Dann in Marburg.«
-
-»Warum warst du da böse?«
-
-»Weil ich nicht wollte. Ich wollte niemand kennen, niemand nützen. Mir
-lag nur an meiner Arbeit.«
-
-»Was für eine Arbeit?«
-
-»Gewisse akustische Phänomene. Beobachtung der Schallwellen ...«
-
-»Ach,« sagte Renate verstehend, »wegen deiner Ohren! -- Was ist daraus
-geworden?«
-
-»Nichts. Als ich vor drei Jahren nach Altenrepen mußte, blieb alles
-liegen.«
-
-»Du warst ganz allein?«
-
-»Ja. Ich lief in den Wäldern herum und fluchte.«
-
-»Und dann kamst du in die Fabrik?«
-
-»Nein,« sagte er, sich abwendend, »da kam ich erst nach Flor.«
-
-Renate zitterte bis in die Füße. Nun gedachte sie erst wieder, daß es
-dieser Mensch war, dieser, der sein Wesen immer in einen furchtbaren
-Knoten geschlungen trug, und der sich einmal an ihr Leben gelegt hatte
-wie an eine Giftwunde und gesogen; im höchsten Augenblick aus allen
-Enden der Glieder zurückgesogen hatte das Gift wie ein Allmächtiger.
-Aber der Knoten blieb ungelöst und mußte zerhauen werden.
-
-Es dauerte lange Sekunden, bis sie fragen konnte: »Wie war das -- in
-Flor?«
-
-Da er abgewandt blieb, hörte sie seine Stimme undeutlich. Er könne es
-nicht sagen. Er hätte keine Worte dafür. Es sei dumpf gewesen.
-
-»Als ich wieder aufgewacht war,« sagte Renate mit mehr Sicherheit, »da
-konntest du nicht kommen und sagen: Du gehörst mir!?«
-
-Ja, wie denn? Ob sie ihm denn gehört hätte? Wenn ein Mensch ins Wasser
-fiele und ein Andrer hole ihn heraus ...
-
-»Ach, das paßt aber doch gar nicht, Erasmus! Ins Wasser springt es sich
-leicht. Dazu gehört nur Schwimmenkönnen und etwas Mut. Ins Wasser wäre
-Josef auch gesprungen.«
-
-»Vielleicht«, gestand er, »glaubte ich, du würdest mirs ansehn.«
-
-»Ja, da hattest du recht. Damals war ich blind, und nun sehe ich.«
-
-»Es hat so sein müssen.«
-
-»Und so blieben wir aneinander gebunden. Als wir uns wiedersahn in
-Altenrepen, was dachtest du da?«
-
-»Daß meinem Bruder kein Mensch widerstanden hatte.«
-
-Renate schwieg. »Viel fehlte ja nicht. Wenn er nicht zwei Schatten
-gehabt hätte ...«
-
-»Zwei, Renate?«
-
-»Zwei Schatten, dicht nebeneinander, wie wenn Licht brennt am Tag.
-Glaubst du an Doppelgänger? Ich glaube, es war einer.«
-
-»Bei Josef war alles möglich.«
-
-»Ich sagte es keinem, nicht einmal mir selber richtig. -- Und dann ging
-Josef, und du dachtest --«
-
-»Er wird bald wiederkommen.«
-
-»Ja, du glaubtest immer an alles, außer an dich.«
-
-»Er kam auch nach anderthalb Jahren.«
-
-»O das hast du gewußt?«
-
-»Ja. Es war so ein Zufall, wie sie sein müssen.«
-
-»Wann denn?«
-
-»Einmal -- du warst im Garten, mit Saint-Georges erst, dann allein. Du
-gingst zum Zaun und kamst nicht wieder. Ich sah alles vom Fenster. Dann
-mußte ich dir nachgehn. Ich wußte schon, wer da war. Und dann sah ich
-euch, wie ihr auf der Schaukel wart.«
-
-»Und als ich zum Abendessen heraufkam, warst du wie immer ...«
-
-»Du auch. Man beherrscht sich ja.«
-
-»Ja, wir Menschen sind wunderlich ... Und was kam dann?«
-
-Renate konnte nicht verstehn, was er sagte, oder ob er schwieg, denn in
-dem Augenblick brauste der Regen schallend auf, eine, zwei Sekunden
-lang, worauf er ebenso schnell sanft wurde, verhallte, und gleich darauf
-hörte sie nur lautes Tröpfeln. In der Ferne, wo sie den Himmel blau sah
-im Fenster, ging die goldene Gestalt einer Sonnenhelle wandernd einher
-und winkte nach allen Seiten, daß der Regen aufhöre. Renate mußte
-lächeln.
-
-Wenn ich nur wüßte, dachte sie, wie einer Frau zumute ist, die geboren
-hat! Auch erst so kalt und steif, wie als Erasmus mich trug, und dann so
-gewichtlos und warm?
-
-»Komm zu mir!« bat sie mit schwacher Stimme. Er kam und mußte sich auf
-den Stuhl neben ihr setzen, worauf sie seine eine Hand nahm und hielt.
-Sie war trocken, warm, beinah glühend, und sie dachte: Ach, aber die muß
-man kühlen! -- Warm, fiel ihr ein, wenn uns friert, und kühl, wenn uns
-glüht, denn er ist beides. -- Wer hatte denn das gesagt? Jason wohl, es
-klang so nach Jason. Derweil befühlte sie mit unmerklichen Drucken die
-große Gliederung dieser Hand, betrachtete auch verstohlen ihre Bildung.
-Sie war sehr derbe, die Fingernägel ganz rund, unedel -- bis auf den
-Daumen, der für sich allein aussah wie -- Renate fiel ein -- ein
-Konnetabel von Frankreich. Sie schloß nun die Hände um das ganze, große
-und gestaltete Werkzeug und fand endlich die leise Frage nach Josefs
-Tod:
-
-»Gab es nur die eine Lösung?«
-
-Es zuckte sofort in der Hand. Die Stimme des Menschen, zu dem sie
-gehörte, und den Renate neben sich kaum noch erblicken konnte, sagte:
-
-»Ja. Wenn es eine war. Immerhin -- ich bin frei geworden. Sogar mein
-Verstand --« Sie hörte ihn unbehülflich lachen.
-
-»Wie meinst du das?«
-
-»Es war alles locker geworden.« In der Hand liefen Wellen, die an ihren
-Händen zuckten und zerrten, immerfort hin und her. »Vorher war das --
-wie Gänge. Aus einem konnte man nur in den nächsten. Erst waren die
-Naturwissenschaften. Nein, erst war Josefs Mutter. Dann lange Zeit
-nichts, und das war schlimmer. Dann wie gesagt ... Dann das Studium, und
-meine Arbeit; dann Altenrepen, die Fabrik. Und du auch. Immer ein Gang
-und eine Höhle. Es war immer niedrig, ganz eng, ich konnte eben drin
-hingehn. Es war alles vorgeschrieben, und -- auch Lesen, Spaziergänge --
-das war nur, wie wenn ich die Hand hob und an der Decke kratzte.«
-
-Er schwieg -- und fuhr wieder fort mit einem Stoß.
-
-»Nun war die Decke fort. Der Himmel sah nicht herein. Der Tote sah
-herein, und wir sprachen miteinander. Erst im Traum nur. Dann auch ...
-Wir hatten uns ja sonst niemals schlecht vertragen die letzten Jahre;
-und er war allzeit großartig gewesen und trug nichts nach. Nun war auch
-immer etwas Hinterlist dabei, so wie er sonst nicht war. Und er wollte
-mir beweisen, daß ich ganz recht getan hatte. So war Josef.«
-
-Es kam nichts mehr. Renate sagte: »Weiter, Erasmus!« die Hand
-festhaltend wie ein warmes Tier, das immer davonwill.
-
-»Wir verglichen,« stieß er sich wieder vorwärts, »wir verglichen mein
-Leben und seinen Tod. Immer fehlte etwas bei mir am Gewicht. Ich dachte,
-ich würde verrückt. Wir hockten da beieinander und suchten und fanden es
-nicht.« Er stockte.
-
-»Das hat lange gedauert. Alte Begriffe sitzen sehr fest an einem. Es
-giebt so eine Konchylie, die am Bauch der Schiffe sich festsetzt und
-steinhart wird. Man muß sie mit der Axt abschlagen. Und man hat so
-gelernt: Tod muß mit Tod bezahlt werden. Aber das war locker geworden,
-und ich dachte: Stimmt das? Ein Mann hat einen andern erschlagen, und
-das Volk sagt: Gerechtigkeit! er muß auch sterben. -- Wenn nun die
-Gerechtigkeit erfüllt wird, so empfindet das Volk Genugtuung. Ich
-arbeitete so mit Schlüssen. Es empfindet Genugtuung über die
-Gerechtigkeit, und das stellt sich dar in Genugtuung über einen zweiten
-Mord. Ist das gut? Nein. Aber der getötet hatte, empfand auch
-Genugtuung. Heben die beiden sich auf? Die Algebra sagt: Minus mal Minus
-giebt Plus.
-
-»Ja, so hab ich gerechnet«, fuhr die immer mehr dröhnende Stimme fort,
-während die Hand in Renates Händen feucht wurde und klebend. »Und dann
-fiel mir ein: Gott machte an Kain ein Zeichen, und keiner durfte ihn
-anrühren. Unstet und flüchtig heißt es. Er wollte also keinen zweiten
-Mord. Er wollte, ich soll unstet leben.«
-
-Renate sagte leise: »Und dein Vater? Er hatte doch ver--«
-
-Sie endete nicht, da er seine Hand aus den ihren nahm, um eine
-abwehrende Bewegung zu machen.
-
-»Er -- ja, für sich! Aber für mich, und Josef, und die Welt? Nein,
-soweit war das schon richtig mit Gott.« Er sprang auf und stellte sich
-irgendwo im Zimmer auf, unsichtbar hinter Renate, deren Hände plötzlich
-aufatmeten.
-
-»Aber nun das mit dem unsteten Leben«, hörte sie seine Stimme verdeckt
-und sah, sich ein wenig wendend, ihn an der Wand stehn, eine Faust
-darauf und auf sie die Stirne gelegt. Sie sah wieder fort.
-
-»Wie soll man sich das vorstellen? Es war doch ein langes Leben wohl?
-Wovon lebte er denn? und wie? Immer auf der Flucht? Da dacht ich: das
-sind so menschliche Vorstellungen. Die Menschen erraten zuweilen etwas,
-es blitzt etwas auf, so das mit dem Zeichen, das Gott machte. Weiter
-wissen sie dann nicht, und das war eben das Wichtige. Er sühnte so --
-und es ging sie ja auch nichts an.«
-
-Nun sprach er schneller und immer heftiger weiter.
-
-»Ich hab das immerzu gedacht. Gerechtigkeit ist so ein irdischer
-Begriff. Er kommt vom Wert. Jedes Ding wird gleich gewogen mit einem
-zweiten, und Gerechtigkeit läßt sich kaufen. Früher kauften sie auch
-Frauen, und es giebt Länder, wo Blut mit Gold bezahlt wird. Hilf mir
-doch weiter!« stöhnte er plötzlich, und erschrocken sich umwendend sah
-sie ihn in einer seltsamen und furchtbaren Haltung vor dem Schrank, die
-Stirne ganz tief dagegen gesenkt und mit ausgebreiteten Händen auf und
-nieder gleitend an den Kanten, -- so wie ein Tier, das irr geworden ist
-von Gefangenschaft. Renate war gleich darauf bei ihm, er ließ sich
-aufrichten, legte seinen Kopf auf ihre Schulter und blieb so eine Weile.
-Plötzlich machte er sich dann los, setzte sich in Bewegung und redete
-vor sich hin, auf und ab gehend, und ohne die gesenkten Augen und den
-Kopf zu erheben; die Hände griffen dabei.
-
-»Die Rechnung stimmt eben nicht. Jedes Ding ist einzig. Das Volk denkt:
-Wenn mein Weib stirbt, nehm ich ein andres. Das hab ich immerzu gedacht.
-Kann Gott -- ich meine: wenn es einen giebt und er hat eine
-Gerechtigkeit, kann sie auch so --?
-
-»Nein. Für ihn ist alles einzig und unersetzlich. Ist das menschlich zu
-wägen? Nein, hin ist hin.
-
-»Aber dann dacht ich: kann der Mensch nicht etwas tun? Nehmen und dann
-wiedergeben, und wenns ihm auch sauer wird, ist doch keine Leistung. Was
-aber noch? Ich dachte: der Mensch kann _mehr_ tun.«
-
-Renate hatte sich auf den Stuhl am Tische gesetzt und die Hände darauf
-gefaltet. »Das hast du gedacht?« fragte sie ergriffen.
-
-»Es ergab sich so. Man muß rechnen, und man muß immer weiter denken.
-Früher, wie gesagt, war da Gang und Höhle, und so ist es mit dem Denken:
-links, rechts, rechts, links, und dann die Wand. Nein weiter: oben --
-unten ...«
-
-Stehen bleibend, sah er Renate mit jenem beschränkten und unbeholfenen
-Frageblick an, den sie kannte. »Mußtest du immer denken?« fragte sie
-behutsam. Er begann wieder zu gehn. Erst nach einer Weile rief er:
-
-»Na ja, was denn, was denn? Denken, der Mensch muß denken! Langsam kommt
-man vorwärts, und ich trat immer auf dieselbe Stelle und sah mich um. So
-muß mans machen.
-
-»Also nun das Mehr-tun. Wie fängt man das an? An den Menschen ist
-freilich immer zu tun, aber --« er brach enttäuscht ab. »Ihnen ist ja
-nicht zu helfen!«
-
-»Ich meine, versteh mich recht,« fing er gleich wieder an, »nicht auf
-meine Weise! mit meinen Mitteln! Was läßt sich denn ausrichten? Ich hab
-doch nur Geld. Was kann man machen? Wenn ich alles verteilt hätte, wenn
-ich jedem so viel gegeben hätte, ich meine jetzt: meinen Arbeitern, daß
-er so viel hatte wie ich selbst, das wäre doch ungerecht gewesen! Dann
-hätte ich doch zu wenig bekommen! Und was kann man sonst tun? Da sind
-überall die Gleise: Krankenhäuser, Pensionen, und bessere Wohnungen, und
-dergleichen --« Er schöpfte Atem. »Was ist denn damit gedient?
-
-»Man kann immer nur flicken. Das ist ja auch alles nicht der Rede wert,
-das war ja für mich alles viel zu wenig, da bin ich auch bald
-abgekommen. Ich habe einfach -- gerechnet! Ja!« schloß er mit großer
-Bestimmtheit, vor Renate stehend mit schwerem, aber fast zufriedenem
-Blick. Und nun sprach er schnell weiter:
-
-»Einem hab ich genommen, einem muß ich geben. Das Dasein hier, das ist
-ganz aufgebaut auf Zwein. Zwei machen die Zeugung, ohne die steht alles
-still. Zwei sind das Letzte. Wer Allen was tun will, der muß sein -- wie
-Christus. Ich meine: so einer kann ihnen doch nur mit der Seele helfen.
-Das ist doch klar! Ja, die Mathematik, wer die begreift, das ist eine
-göttliche Kunst! Es giebt eine Zahl darin, laß dir sagen,« redete er
-inständig, doch scheinbar ohne sie recht zu sehn, auf Renate ein, »das
-ist die Null. Die verzehnfacht jede Zahl, wenn man sie dahinter stellt.
-Ist das nicht ein Geheimnis? Wie macht sie das? Durch ein andres
-Geheimnis, nicht wahr? Null ist nämlich in der Mathematik gleich
-Unendlich!« schloß er mit ausgestrecktem Zeigefinger vor Renate hin.
-
-»Null ist gleich Unendlich. Und das Unendliche in Verbindung mit einem
-Endlichen wirkt in endlicher Weise, und mit einem Irdischen in irdischer
-Weise. Die Kraft des Unendlichen wirkt durch Verzehnfachen, Verhundert-,
-Vertausendfachen. An sich ist sie nichts, ist Null, für uns, ja für uns
-Null. Oder _x_, die Unbekannte. Null ist gleich _x_. In jeder Aufgabe,
-die sich löst, muß _x_ gleich Null sein.«
-
-Renate bemühte sich, mit dem offenen Blick des Verstehens und
-Einverständnisses an diesen, jetzt quellenden und glühenden Augen zu
-hängen, ohne doch dabei sie, die verwirrenden, richtig zu sehn; und sie
-klammerte sich an etwas, das ferne hinter ihnen, und hinter all diesem
-Sinnlosen und wieder Sinnreichen, zu dämmern schien wie ein Auge voll
-großer Vernunft.
-
-»Aber«, sprach er weiter, »wenn du nun Übertragungen vornimmst auf die
-menschlichen Zustände, so gehts wie mit allen Übertragungen des
-Göttlichen: es geht immer nur bis zu einer gewissen Grenze. Ich stand
-gleich vor einer Schranke, vor zwei Schranken, ja, und hinter jeder
-warst du!«
-
-Er rief ihr das zu -- so wie man einem etwas ins Gesicht ruft, damit er
-endlich begreift, und erst hinterher schien ihm bewußt zu werden, was
-das denn hieß, denn er brach ab, legte das Gesicht auf die Seite und
-versuchte zu lächeln, ohne Renate anzusehn, auf sehr traurige Weise. --
-Sie sagte nur: »Weiter, Erasmus!« und als hätte es nichts weiter
-gebraucht als das, war er wieder in Erregung und sprach, jedoch ohne sie
-anzusehn, gegen den Tisch:
-
-»Die eine Schranke war so. Einem Menschen hatt' ich genommen, einem
-andern mußte ich geben. Was? Das Leben. Ja, mein Gott, was solltest du
-mit meinem Leben? Damals warst du krank. Was sollte ich tun? Konnt ich
-wie damals? Wenn ich kam, liefst du weg und schriest --«
-
-Er verstummte. Sie konnte die Augen nicht offen halten, schaudernd vor
-der Erinnerung an ein Tier, an den Tiger, der ihr damals zuweilen
-Entsetzen eingeflößt hatte.
-
-»Weiter, Erasmus, weiter!« flehte sie.
-
-»Das war die eine Schranke. Die andre war das Unendliche. Wie läßt es
-sich binden? Kann man hineingehn? Ja, kannst du denken, was ich damals
-beabsichtigt, ganz ernst beabsichtigt habe?«
-
-Die Augen öffnend, fand sie die seinen wieder darauf eingestellt,
-fragend.
-
-»Ja, Erasmus,« sagte sie, in einem Blitz erratend, »du wolltest Mönch
-werden.«
-
-»In ein Kloster gehn. Aber es paßte doch gar nicht. Ich muß tätig sein.
-Was sollte ich anfangen in einer Zelle?«
-
-»Also einen andern Weg? Also zu einem Menschen? Da war wieder die
-Schranke, -- und du!« endete er unsicher.
-
-»Ich weiß«, sagte sie sanft. Aber wie weiter? Was nun?
-
-Es verging eine Zeit, und sie sah ihn nun wieder wie im Anfang auf der
-Fensterbank sitzen, nur viel erschöpfter, den Kopf angelehnt, das hagere
-Gesicht durchglüht und beperlt, ein Taschentuch in den Händen, das er
-unbewußt zusammendrückte und zog.
-
-»Erasmus,« fragte sie, »glaubst du an Gott?«
-
-»Ach,« versetzte er ablehnend, »wer kann das wissen! Man glaubt und auch
-nicht. Die meiste Zeit des Lebens geht ohne ihn hin, und eines Tages, wo
-man ihn haben müßte, ist er verloren. Ganz recht, denn das wäre was,
-sich das halbe Leben nicht um ihn kümmern, und dann plötzlich, wenn man
-ihn braucht. Er wird sich um uns auch nicht kümmern.«
-
-»Ja, aber wozu dann --« fragte sie in plötzlicher und dunkler Ahnung
-eines ablenkenden Wegs.
-
-Er setzte sich härter und gerader fest. »Wenn es einen giebt, muß er
-schon so groß sein, daß er sich um uns nicht bekümmern kann!« sagte er
-verächtlich.
-
-»Wirklich, ach! Was du nicht sagst!« rief sie entschlossen, jetzt ganz
-leicht zu reden. »Ich glaube, an dieser Stelle hättest du getrost auch
-weiter denken können.«
-
-»Wieso?«
-
-»So groß«, sagte sie, »kannst du dir Gott denken, daß er deiner nicht
-achtet. Warum dann, Erasmus, warum nicht noch um so viel größer, daß er
-deiner doch achtet? Wie wird denn die Größe bei dir gemessen? Wäre das
-nicht erst wahrhaft Größe: so groß -- und doch deiner achtend?«
-
-»Das wäre!« sagte er tief und sah sie mit Staunen an. »Das läßt sich ja
-begreifen!«
-
-»Und das Unendliche,« fragte sie voll Hast weiter und innerlich schon
-triumphierend: »wenn es das giebt, hat es einen Anfang? oder ein Ende?«
-
-»Nein.«
-
-»Kannst du also am Anfang oder Ende stehn?«
-
-»Nein.«
-
-»Also wo!«
-
-»Mitten.«
-
-»Und das Unendliche selbst, wo kann es nur sein?«
-
-»In mir.«
-
-»In dir, Erasmus, ja in dir! Der Kreis, der ewige Kreis, der du bist,
-und dessen Umlauf nirgend, und dessen Mitte allüberall ist. Wie konntest
-du denn -- ach, nun fällt mir etwas ein, es ist zum Lachen, aber höre
-nur! Neben unsrer Kleinbahn bei Flor standen in Abständen auf dem Damm
-immer Pfähle mit einem wagrechten Brett oben, wie Wegweiser, die
-senkrecht weg von der Bahn zeigten, und darauf war das mathematische
-Unendlichkeitszeichen gemalt -- so!« Sie malte mit dem Finger die
-liegende Acht in die Luft. »Und ich weiß noch, wie ich zu Papa gelaufen
-kam, als ich das Zeichen gelernt hatte, außer mir, weil da überall
-Wegweiser standen mit dem Zeichen. Hier gehts zur Unendlichkeit! nicht
-wahr? und natürlich hatten sie recht, da alle Wege in sie münden. Aber
-in Wirklichkeit: liegt es denn da draußen irgendwo, das Unendliche? Und
-sahst du nicht immer nach oben oder unten, nach draußen, um es zu
-finden? Was also hättest du tun müssen statt dessen?«
-
-Gott erhalte mir jetzt meinen Verstand, betete sie inbrünstig und nahm
-all ihren Scharfsinn zusammen, dieweil sie ihn antworten hörte: »Nach
-innen sehn!« und hinzusetzen, ungläubig: »Aber -- da war doch nichts!«
-
-»Nichts, Erasmus? Mit dir hat man seine Not! Wo, sagtest du eben, sei
-das Unendliche?«
-
-»In mir.«
-
-»Und in welcher Gestalt? göttlicher oder menschlicher?«
-
-»Menschlicher.«
-
-»Die wie aussieht, du sagtest es vorhin?«
-
-»Wie eine Null.«
-
-»Und die was tut in Verbindung mit der Zahl?«
-
-»Verzehnfacht.«
-
-»Was ist verzehnfachen? Ich meine: wie nennt man -- etwas, das
-verzehnfachen kann?«
-
-»Eine Kraft.«
-
-»Also stellt das Unendliche sich menschlich dar in einer gewaltigen
-Kraft, die verzehnfacht. Hast du einen Namen für solche Kraft, wenn du
-sie dir vorstellst?«
-
-Er zauderte. »Du meinst -- Liebeskraft.«
-
-»Ja, Erasmus, Liebeskraft, ja, das ist die Kraft des Unendlichen, durch
-die sie Wesen hat und waltet! Hast du sie nicht gehabt?«
-
-»Ich glaube ...«
-
-»Ach, du glaubst! Nun, und was tut man mit ihr?«
-
-»Man -- man soll sie anwenden.«
-
-»An wen?«
-
-»An Menschen.«
-
-»Was für einen Menschen?«
-
-»Der sie braucht.«
-
-»Kanntest du solch einen?«
-
-»Ja.«
-
-»Wer war denn das?« rief sie, fast zerrend an seiner Langsamkeit.
-
-Seine Augen verdrehten sich etwas. »Du.«
-
-»Nun? Und nun?«
-
-Er schüttelte den Kopf. »Aber -- Renate! Da ist ja wieder die Schranke.«
-
-»Nun Gott sei gelobt,« sagte sie strahlenden Auges, »das war alles, was
-ich wollte!«
-
-Da begriff er. Sie erhob sich langsam, während er auf sie zukam, und
-sagte: »Sollt ich nicht auf meine Art auch beweisen, Erasmus?«
-
-Er nahm ihre Hände und legte sie sich auf die Schultern. »Du verdrehst
-es nur so«, meinte er stockend.
-
-Plötzlich schlug ihr Herz wie im Fieber, und Müdigkeit nach der
-Anspannung des Denkens schwemmte heiß über sie hin. Sie legte einen
-Augenblick die Stirn gegen seine Schulter, stand auf einmal in ihrem
-Schlafzimmer, am Fußende des Bettes, und dachte besinnungslos nur: War
-das der Anfang -- --?
-
-Sie ging um das Bett, setzte sich auf die Decke, und in einem
-Schwindelgefühl erschien ihr Jason in ebendem Bett, auf dem sie saß, wie
-er krank darin lag vor Jahren. Sie und Magda saßen abwechselnd bei ihm
-und hörten ihn endlos aufsagen aus der Abgründigkeit seines
-Gedächtnisses.
-
-Ja, dachte sie weiter, ich muß ihn reden lassen, immer wieder, und ihn
-immer wieder auf einen andern Weg bringen, bis er sich ausgeschöpft hat.
-
-Wenn er sich ausschöpfen läßt! entgegnete unhörbar eine Stimme.
-
-Oder bis er es müde wird. Denn, setzte sie auflächelnd hinzu, außerdem
-wird noch das Leben sein, und alles --
-
-Sie vermochte nicht zu Ende zu denken, gab, verspürend, daß sie umsank,
-langsam nach, lag und zog auch die Füße herauf. Ihre Augen fielen zu,
-sie glühte und gab sich der Müdigkeit hin mit einem Seufzer der Lust.
-Noch hörte sie die Stille und draußen das unablässige Aprilgezwitscher
-der Vögel, und sie dachte in der Erinnerung Jasons:
-
-Er hat es überstanden, -- und du und ich, wir werden es auch überstehn.
--- --
-
-Damit entschlief sie. Sie fuhr aber schon Augenblicke danach mit einem
-zuckenden Schrecken empor und saß aufrecht. Sie horchte; nebenan war
-Stille. Eine halbe Minute wohl saß sie so, keinen Laut vernehmend als
-den dumpfen Schlag ihres Herzens und das ferne Klappern einer Dachrenne.
-Etwas -- mußte nebenan sein, und da sie doch die Vorstellung hatte, das
-Zimmer sei leer, dachte sie besinnungslos: er hat sich hinausgestürzt!
-mehrere Male; vor Augen das offene Fenster dort. Der Schlag ihres
-Herzens trat in ihre Kehle, sie schluckte und atmete behutsam.
-
-Und behutsam nahm sie die Füße vom Bett, dabei entdeckend, daß sie ihr
-Kleid nicht mehr anhatte und weiß war in Unterrock und Leibchen. Ihr
-fröstelte; aber in dem Augenblick, wo sie leise aufstehn und zur Tür
-gehen wollte, wußte sie, daß er dahinter stand, und rief schon:
-»Erasmus!« angstvoll blickend zur Tür, bis zu der das Fußende des Bettes
-reichte.
-
-Die ging auf, und er kam herein. Ohne sie anzusehn, kam er um das Bett
-und stürzte vor sie hin, umschlang ihren Leib, wühlte die Stirn in ihren
-Schoß, ächzte und schluchzte, auf und nieder geworfen von Stößen, daß
-sie ihn kaum zu halten vermochte. Aber sie preßte ihn an sich mit aller
-Kraft, küßte ihn, weinte und stammelte, was ihr einfiel: »Ja, ja,
-Erasmus, ja! O mein Gott, ich hab zu wenig getan, das war ja nichts, ich
-weiß, ich hab es ja gewußt! Sag mir, was ich tun soll, ich will alles
-tun! Sag doch, o sag doch!«
-
-Langsam wurde es in ihm stiller. Er hob den Kopf hoch, sah sie an mit
-unseligen Augen und sagte: »Gieb mir --«
-
-Er brachte nichts weiter heraus, setzte zwei- und dreimal zum Sprechen
-an, und indem hatte sie erraten, was er wollte, und schrie, sein Gesicht
-an die Brust drückend: »Die Kinder!«
-
-Und weiter mit immer erneutem Pressen und Küssen und an sich Drücken
-flüsterte sie in ihn hinein, jagend in Worten, von denen sie kaum wußte:
-»Die Kinder, ja, ja, ich hab es ja gewußt, nur das kann uns retten!
-Warte nur, o wart nur ein wenig, bald, bald, es geht ja schnell, und wir
-wollen gleich -- -- Erasmus! Willst du gleich? Jetzt! Heut nacht, heut,
-o ich will dich lieben!« schrie sie brennend, »ich will dich lieben wie
-Gott, und dann kommen sie, du wirst sie bald hören, das Neue, Erasmus,
-das neue Leben, das nichts weiß! Ach!« weinte sie, »wenn du nur erst
-sein Herz in mir schlagen hörst! Ach, wenn du fühlst, wie es sich
-bewegt, dann wird es ja gut werden. Dann wird es ja gut werden!«
-
-Sie hob sein Gesicht mit beiden Händen, damit er sie ansähe, strömend
-von Tränen, durch die seine Züge dunkel und verschwommen erschienen wie
-in Wasser. Aber er sah sie nicht an, er schien über ihre Schulter ins
-Leere zu starren oder in die Ferne, und so sagte er dann:
-
-»Ja. Aber -- -- und dann ...«
-
-»Was denn, Erasmus? was denn?«
-
-»Dann muß man -- es -- sagen ...«
-
-»Sagen? Was sagen, Erasmus, wem denn?«
-
-In seine Augen trat ein entsetzlicher Ausdruck von Lüsternheit, mit dem
-er flüsterte: »Mein Sohn ...«
-
-Sie erriet. Sie schrie: »Um Gottes willen, Erasmus, was willst du --«
-
-»Wenn er soweit -- ist ...«
-
-»Nein, Erasmus!« jammerte sie, »nein, nein!«
-
-»Dann will ich ihm sagen -- dein Vater -- ist --«
-
-»Nein, du tötest uns, Erasmus, nein!«
-
-»Mörder --«
-
-»Du bist es ja nicht! Lieber, Lieber! du bist es ja nicht!« klagte sie.
-
-»Und dann -- -- wenn ers -- erträgt ... Wenn -- ich -- einen Sohn --
-habe --« sagte er langsam, »der es -- erträgt, dann -- ist es gut.«
-
-Er sank an ihr nieder, erschöpft, sein Gesicht fiel auf den Bettrand,
-und sie saß leise weinend daneben, mit der Hand über sein feuchtes Haar
-streichend, und verstand, daß es so sein mußte. Es sei denn, das Leben
-selber brauchte seine Gewalt.
-
-Er stand von den Knien auf, wandte sich ab und ging zum Fenster, wo
-seine Gestalt den schmalen Raum ganz verdunkelte. Aber draußen war
-Helle, und Renate konnte aus ferner Höhe die leise Drosselstimme der
-Kindheit schlagen hören, friedfertig in Pausen, durch die Stille.
-
-Es war Charfreitag; Ostern stand bevor.
-
-
- Sechstes Kapitel
-
-
- Bogner/Klemens
-
-Georg, ergeben und hoffnungslos hinter Renate über das Rasenoval
-wandernd, sah die drei Ankömmlinge und daß Renate sich einem von ihnen
-gesellte und mit ihm die Freitreppe hinaufging. Aber mit abirrendem Auge
-erkannte er Bogner. Der streckte die Hände aus, und Georg lief eilfertig
-und fast mit einem Jauchzen der Erleichterung in die Arme, die er sich
-ausbreiten sah.
-
-Auch in Bogners Augen, als der ihn hielt und betrachtete, war eine
-tiefere Zärtlichkeit; aber Georg fühlte sich so aufgeregt und erweicht
-von dem unvermuteten Wiedersehn, daß es ihn mit Tränen bedrängte; daß
-er, für Augenblicke sprachlos, die Umgebung in Kreisen sah und innerst
-erbebend dachte, sein Vater sei wiedergekommen.
-
-Wieder aus seinen Armen gelöst, erkannte er in dem großen Fremden, mit
-dem Renate eben in der Glastür oben verschwand, Erasmus Montfort und
-gleich darauf in dem Andern, überaus Schwarzbärtigen, Klemens. Sein Bart
-war zehnmal so groß, als er ihn im Gedächtnis hatte. Er schüttelte ihm
-nun die Hand, fühlte sich aber von Bogner, der Klemens zuplinkte,
-beiseite gezogen.
-
-»Pst!« raunte er, »Achtung! Er hat keine Ahnung!«
-
-»Wer? Klemens? Wovon?«
-
-»Von Irene. Daß sie hier ist.«
-
-»Ah! So. Ja, was macht man da? Sie wird mit der Anna in Böhne sein.«
-
-»Gar nichts. Es wird sich schon zeigen.«
-
-Sie wandten sich Klemens wieder zu, und Georg fragte ihn, indem er sich
-doch wundern mußte, wie die Drei so zusammen gekommen waren, nach
-Erasmus.
-
-»Wir sind zu Fuß gekommen,« sagte Klemens, »und suchten Bogner auf, um
-uns herführen zu lassen.« Er wollte noch mehr sagen, aber ein
-Regenschauer ging so jählings über sie herunter, daß sie
-auseinanderfuhren, worauf Georg jeden bei einem Arm nahm und mit ihnen
-die Terrasse empor ins Gobelinzimmer lief. Egloffstein, immer bereit,
-hielt die Tür schon offen. Ob die Damen schon aus der Stadt zurück
-seien, fragte Georg. -- Noch nicht. -- »Um so besser, dann kriegt ihr
-ihr Frühstück! Sagen Sie auch gleich in der Küche an, Egloffstein, daß
-noch eine Gans geschlachtet wird. Ihr bleibt doch zum Essen?«
-
-Klemens zögerte höflich und schwieg, Bogner dagegen bedauerte: sein
-Mittagsmahl erwarte ihn daheim. Er hoffe aber, setzte er hinzu, Georg am
-Nachmittag bei sich zu sehn. Er wäre auch ohne die Andern gekommen, ihn
-zu bitten.
-
-Nun zwischen den Beiden sitzend, der offenen Glastür gegenüber, durch
-die er den leichten Sonnenregen auf die Terrasse niederrieseln sah,
-glaubte Georg, Klemens nach der ersten Erfreutheit der Begrüßung nicht
-in einem Zustand des Behagens zu sehn. So braun er war, schien er kaum
-recht gesund, im Innern erschöpft und außer Ordnung. Das tiefe Schwarz
-des großen Bartes und der dicken Brauen erhöhte nebst dem glatten
-Graubraun seiner Stirn das Seltsame der wassergrauen Augen. Sie hatten
-sich verhärtet, und Georg dachte, er sieht ja aus wie der Dulder
-Odysseus, der heimkommt und sich nicht zurechtfinden kann.
-
-Bogner an der andern Seite hatte übrigens nichts eben Väterliches an
-sich, sondern sich erstaunlich verjüngt. Fast vermißte Georg das lange
-Haar von Hallig Hooge an dem kurzüberschorenen Kopf. Es war dunkler
-nachgewachsen, nur der Scheitel noch leicht übergraut. Die hellen
-kleinen Augen in ihren Höhlen hatten einen fast lieblich zu nennenden
-Glanz, Fleisch und Haut über dem Skelett des Gesichts ihre frühere
-Festigkeit wieder, und brüderlich erschien nun, was Georg früher als
-väterlich empfand.
-
-»Giebt es Neues bei dir?« fragte er derweil. »Bilder? Wieviel? Nun, ich
-komme natürlich!«
-
-»Acht Bilder im ganzen,« erklärte Bogner, »die zusammen gehören.
-Allerdings mehr inner- als äußerlich, wenn du auch auf den meisten eine
-Gestalt wiederkehren sehn wirst. Fertig sind allerdings erst drei. Es
-sind Heldendarstellungen, eine heroische Symphonie könnte mans nennen.
-Von den übrigen kannst du Studien sehn.«
-
-»Wunderbar! Bekomm ich die alle geschenkt?«
-
-»Ich möchte sie«, sagte Bogner lächelnd, »der Stadt schenken,
-Altenrepen, wenn du sie annehmen willst?«
-
-»Mit tausend Freuden! Was willst du dafür?«
-
-»Das wird mir noch einfallen. Aber du mußt ihnen ein Haus baun. Höre
-einmal, was ich mir ausgedacht habe.«
-
-Und Georg hörte ihn langsam seinen Plan auseinandersetzen und sah ihn
-gleich kostbar entstehen vor seinen Augen. Einen Tempel, nicht eben
-groß, dem Andenken von Georgs Vater gewidmet. Er würde auf eine Anhöhe
-zu liegen kommen und die Form einer Sonnenblume haben, mit neun
-länglichten Blättern und einem Kuppelraum in der Mitte. Dieser würde
-leer bleiben, mit Eingängen zwischen den Blumenblättern, -- Bogner
-schwankte noch, ob er die musizierenden Engel aus Renates Kapelle, um
-einige vermehrt, darin wiederholen solle, was Georg begeisterte, da sie
-bei Renate von niemand gesehen würden. Jedenfalls sollte der Mittelraum
-nur der Sammlung und Andacht dienen. An die äußeren Enden der Blätter
-würden die Bilder kommen; an das des neunten eine Statue, oder besser
-eine Büste des Toten.
-
-Nun, Georg war Feuer und Flamme, aber Klemens murmelte einigermaßen
-grämlich etwas von »Archaisiererei«, die dabei herauskommen würde.
-Tempel, heute! Wer denn heut ein Gefühl für Tempel hätte, so daß es ein
-Gebilde der Zeit würde, zumal hier im Norden.
-
-»Ich weiß nicht,« sagte Bogner, »ob Tempel zeitliche Gebilde oder
-zeitgemäß sein können. Gott ist nicht zeitgemäß.«
-
-»Gott nicht, aber der Glaube.«
-
-»Dann müßte es mehr Götter geben als einen.«
-
-»Einen, der sich wandelt, wie die Menschheit sich wandelt.«
-
-»Die Kunst«, sagte Bogner nachdenklich, »hat meines Erachtens die
-Aufgabe, das Unwandelbare darzustellen. Sonst kämen wir zu Problemen,
-und das Problem Gottes zu lösen, kann nicht ihre Aufgabe sein.«
-
-»Aha, so, dann halten Sie auch das Tempelproblem für gelöst?«
-
-»Ich glaube. Wie das des Glaubens. Wenn im Tempel das Gläubige sich
-ausdrückt, so löst es sich mit der einfachsten Darstellung der
-architektonischen Aufgabe. Stütze und Last, Säule und Gebälk, und ewig
-bleibt, meines Empfindens, die Gestalt des Baumes. Hellas hat die uns
-empfunden, ihr Inneres läßt sich nicht ändern, aber ich bestehe durchaus
-nicht darauf, daß etwa das Kapitäl jonisch sein soll oder korinthisch.
-Das immerhin war zeitmäßig und landschaftlich griechischer Ausdruck, und
---«
-
-»Sie machen mittelalterliche Weinlaub- oder Eichenblätterkapitäle auf
-die dorische Säule? Übrigens«, schloß er in seinem ersten, bisher von
-Hitzigkeit abgelösten Tone der Grämlichkeit, »machen Sie, was Sie
-wollen.«
-
-»Du bist zänkisch!« sagte Georg nun, der mit Behagen dem Hin und Wider
-gefolgt war. »Du wirst der ganzen Architektur den Mund verbieten.«
-
-Klemens nahm Rührei von der Schüssel, die Egloffstein hinhielt, und gab
-sich Mühe, zu lächeln. Ja, er hätte schon neulich einen Architekten
-sagen hören, daß sie, die Architekten von heut, sich nur hinsetzen
-könnten und warten, da die Baukunst nicht -- wie vormals -- imstande
-sei, der Zeit einen Ausdruck zu geben.
-
-»Davon«, sagte Georg, »schreibt Victor Hugo sehr schön in Notre-Dame.
-Sonst übrigens ein albernes Buch. Völker, sagt er, haben ihre Geschichte
-in Baukunst geschrieben. Heut ist die Mannigfaltigkeit nun zu groß
-geworden. Auch hat immer eine Kunst die Oberstimme gehabt in den
-wechselnden Zeiten.«
-
-»Und welche wäre das heute? Die Dichtung? Literatur? Da redest du wieder
-aus der Vergangenheitsperspektive. Wenn du darin gesteckt und gelebt
-hättest, würdest du alles anders gesehn haben, und ganz ungenau. Du
-hebst einen Faden aus der Vergangenheit und sagst: das ist der Faden.
-Du, in deiner Abstraktion, kannst relativ sein, aber hier handelt es
-sich um Wirklichkeit, um Gegenwart, und das nötige Mittel der Relation,
-die Vergleichung, fehlt.«
-
-»Meinetwegen. Aber hat denn nicht die Baukunst einen Ausdruck für etwas
-Neues und Zeitmäßiges gefunden?«
-
-»Das Warenhaus wohl?«
-
-»Vielleicht.«
-
-»Lassen Sie das auch gelten, Bogner?« Klemens schien sich zu erleichtern
-im Wortstreit.
-
-Das Warenhaus, meinte Bogner, sei freilich kaum eine geistige
-Erscheinung.
-
-»Aber wieso?« fragte Georg. »In einem weiten Sinn als Verkehrssinnbild?«
-
-»Nun, Kaufhäuser gab es auch im Mittelalter. Das Warenhaus aber setzt
-die Dinge nur in Beziehung, ist -- ganz Fläche. Das mittelalterliche
-Kaufhaus war ein Ausdruck des ganzen kaufmännischen Geistes und --«
-
-»Ja, das bringt mich auf einen Hauptunterschied von heute und damals«,
-rief Georg. »Damals gab es nur zweierlei Bauten, Kirchen und
-Profangebäude. Die heutige Hundertfältigkeit --« Georg verstummte einen
-Augenblick, um Klemens sagen zu lassen, das ließe sich höchstens von der
-italienischen und deutschen Renaissance behaupten, -- um dann
-fortzufahren: »Immerhin wurden die Häuser früher allesamt von außen
-gebaut; sie bekamen eine Fassade, und die Räumlichkeiten wurden
-irgendwie hineingepackt. Heute dagegen ist das Wichtige das Innre, die
-Unterbringung einer bestimmten Anzahl von bestimmt gearteten --«
-
-»Na, und wo bleibt da deine Mannigfaltigkeit?« hohnlachte Klemens.
-»Worin unterscheidet sich denn eine Postdirektion von einer
-Lebensversicherung, einer Bank, einer Konsumgenossenschaft, einem
-Rathaus? Eins wie das andre eine große Verwaltungsanlage. Das ist es
-eben. Heut ist alles geistig erklügelt, was damals aus einer
-Freiwilligkeit entstand, wenn auch aus einer dumpferen.«
-
-»Und wer ist dran schuld?« rief Georg nun hitzig. »Du bist schuld! Denn
-der Staat ist es, der heut auf alles die Hand gelegt hat, und du willst
-den noch einfältigeren Sozialstaat. Nun, aber das weiß ich schon lange,
-daß die Zerrüttung überall herumprasselt.«
-
-»Ich freilich fühle die neue Grundlage.«
-
-»Schon? wo denn? Wir müssen ja immer tiefer. Jetzt kommt doch erst
-Amerika, und Taylor und die ganze Mechanisierung. Schon muß Bogner sich
-Kunstmaler nennen, damit man ihm glaubt, daß er kein Anstreicher ist,
-und der heutige Geistestyp ist der Schriftsteller.«
-
-»Das«, widersprach Bogner langsam, »kannst du so wohl nur für
-Deutschland festlegen.«
-
-»Und in Frankreich vielleicht? Da giebts ja nur Schriftsteller.«
-
-»Den _homme de lettres_, den _écrivain_ -- kaum im deutschen
-Sprachsinne. Der Franzose freilich ist immer der _artiste_, der, der
-diese Dinge macht.«
-
-»Ja, da hast du recht, und der Deutsche ist der, der sie erfindet,
-erdichtet. Form und Gehalt.«
-
-»Freilich,« sagte Klemens sardonisch, »er nennt sich Schriftsteller,
-aber selbst Rudolf Herzog hält sich für einen >Dichter< und wird auch
-gehalten.«
-
-»Womit du etwas sehr gutes Deutsches zum Ausdruck bringst. Der Deutsche,
-als Künstler, fühlt Verantwortlichkeit, nämlich gegen etwas, das über
-ihm ist und Allen. Er fühlt sich fraglos unterworfen dem namenlosen
-Zwang, ohne zu denken, und einsam. Der Schriftsteller in Frankreich ist
-öffentlich, wie der ganze Mensch dort, ist vergesellschaftet, ein
-Staatsinstrument. Racine, Corneille waren Staatsdichter.«
-
-»Und Baudelaire? Und Verlaine, Mallarmée?«
-
-»Lyriker, mein Lieber. Der Vers macht einsam. Nun, ich denke, das dürfte
-wohl doch klar sein, daß wir in Deutschland eine Art, ich will sagen
-dichterischer Menschen haben, die einzig ist. Der Franzose hat immer
-seine _gloire_, dargestellt in äußerer Ehre, und Balzac hätte alles
-hingeworfen, so groß er war, wenn er auf andre Weise den Ruhm hätte
-erlangen können, der ihm vorstrahlte. Der Poet in der Dachkammer,
-hungernd und frierend, verachtet und entzückt, das ist unsre Form.«
-
-Georg stand auf, da fertig gegessen war. Egloffstein stand schon mit
-Zigarren vor Klemens; Georg zog seine Dose und bot sie Bogner. Als sie
-alle Drei rauchten, trat er an die Glastür und dachte, es sei doch das
-Beste im Leben, sich um nichts und wieder nichts unter Männern mit
-Worten zu schlagen.
-
-Er wandte sich um. Bogner stand hinter seinem Stuhl, die Arme auf der
-Lehne. Klemens saß am Tisch, verfinsterten Gesichts, und wickelte an
-seiner Zigarre.
-
-Ob Irene nicht bald kommt? -- Und Birnbaum, dachte er beunruhigt,
-Birnbaum wollte kommen ... Georg blickte verstohlen auf die Uhr und
-fand, daß es drei Viertel eins war. Um halb drei sollte gegessen werden.
-
-Draußen war es wieder dunkel geworden, und der Regen plätscherte nach
-Kräften auf der Terrassenfläche.
-
-In diesem Augenblick -- da er sich schon nach drinnen wenden wollte mit
-einer Frage und gleichzeitig den Trieb verspürte, in den Regen hinein zu
-laufen -- gingen Haltung und Fassung mit so reißender Schnelligkeit von
-ihm, daß er nur noch mit einem ratlos haschenden Blick über die Beiden
-streifen konnte, bevor er zur Tür schritt, um den Nebenraum zu betreten.
-Dort stellte er sich ans nächste Fenster, legte die Stirn an die Scheibe
-und überließ sich dem inneren Toben.
-
-Warum, mein Gott, warum tu ich alldies? Das ist doch alles nur Krampf
-und nur Einbildung! Es sind ja ganz andere Dinge! Warum denn? Wie komm
-ich denn da hinein? Ich war mit Renate. Auf einmal erschienen die
-Andern, ich konnte mich nicht entziehn. Aber warum? Warum hab ich mich
-nicht vor ihre Füße geworfen, oder warum gestand ich ihr nicht
-wenigstens ein, was mich quält, oder daß ich in einem ganz andern Netz
-hänge, und bat sie, mich allein zu lassen oder zu helfen? Und warum
-Renate? Warum nicht Allen, dem nächsten, Bogner, Klemens? Was sind da
-für Widerstände? Renate? Daß ich sie liebe? Höllengelächter, und das
-machten wir uns zum Hindernis, statt zum Hebel? Wir? Sind Andre anders?
-Und bei Bogner, bei den Andern, was war da die Schranke? Daß ich hier
-Herzog bin? Das wäre fürchterlich. Das kann nicht sein; kann der
-innerste Grund nicht sein.
-
-Und warum denn, fing er von neuem an, warum nicht noch jetzt? Ich
-brauche ja nicht zu schreien, ich kann mich ganz ruhig zu ihnen setzen
-und sagen: Bogner ... Ihm brach die Brust von Verlangen nach ihm, aber
-schon im Wenden mußte er denken, daß doch wieder ein Hindernis da sein
-würde, und ihm fiel schon ein, daß Birnbaum sich angemeldet hatte. Er
-zog die Uhr, es war kurz vor eins, in einer Viertelstunde konnten sie
-hier sein. -- Ist, fragte er wieder, eine Viertelstunde nicht genug?
-Kann Birnbaum nicht warten? Aber nein -- nun, das sind wenigstens
-Pflichten, die kann man gelten lassen.
-
-Er fühlte sich wie mit Blut übergossen, zauderte aber wieder. -- Nun
-such ich nach Ausflüchten, dachte er wirr. Ja, Klemens hat mit sich
-selber zu tun, das sieht man ja. Und ist es mit ihm nicht dasselbe wie
-mit mir? Hier rennt er allein durch die Welt, wäre vielleicht längst
-wieder davongerannt, wenn man ihm gesagt hätte, daß sie hier ist,
-anstatt sich mit ihr zusammenzutun, um, da sie schon Beide um dasselbe
-leiden, wenigstens zusammen zu leiden. Der liebt sie auch und läßt sich
-auch hindern, wie ich. Und was, was ist denn der Grund, daß die Menschen
-sich lieben und heiraten, wenn nicht der, daß sie sich zusammen
-hinsetzen können, um von ihren Leiden zu reden, statt -- von
-Architektur.
-
-Aber wir wollen unser Leiden immer für uns allein haben. Warum sind wir
-denn so? Und hinterdrein klagen wir dann, daß wir einsam sind und keiner
-uns hilft. Oder liegt es am Leiden? Ist Leiden so, daß es allein gehabt
-sein will? Gott im Himmel, bist du es denn also, der im Leiden wohnt und
-sich nicht will teilen lassen mit jemand? Warum denn enthüllst du dich
-nie?
-
-Es blieb still; auch Georg wurde stiller. Die Fensterreihen des
-Nordflügels blitzten in der vorbrechenden Sonne auf, gewaltige Speichen
-aus Golddunst drehten sich magisch über dem Wäldchen, und stark
-leuchtende Wolkenballen quollen empor. Die naßbraune Terrasse dampfte.
-
-Georg drehte sich um nach einem Geräusch. Egloffstein ging durch den
-Saal mit einem Stoß Servietten, und Georg war nahe daran, sich zu
-schämen, weil er vielleicht die ganze Zeit nicht allein gewesen war.
-Danach zauderte er nicht länger, nebenan einzutreten.
-
-
- Klemens
-
-Dort stand jetzt Klemens an der Glastür, schräg, eine Schulter gegen den
-Rahmen gestemmt, die Hände in den Rocktaschen, löste aber seine Haltung
-bei Georgs Eintritt. Bogner saß pfeiferauchend seitwärts vom Tisch. Im
-Gefühl, freundlich zu Klemens sein zu müssen, fragte ihn Georg, wo er
-das halbe Jahr gewesen sei. In Italien, war die Antwort.
-
-»Aus besonderen Gründen?«
-
-»Keinen politischen jedenfalls.« Sich mit dem Rücken anlehnend, die Arme
-kreuzend und so ins Freie blickend, begann er nach einer Sekundenpause
-zu erzählen. Er sei gewandert, zu Fuß, wie schon einmal als junger
-Student, seine Geige im Wachstuchsack auf dem Rücken und ohne einen
-Heller Geld; allein, oder in der Gesellschaft von Bettlern, fechtenden
-Handwerkern aus Deutschland, entsprungenen oder entlassenen Sträflingen
-und dergleichen.
-
-»Komische Käuze,« sagte er, »diese deutschen Handwerksburschen. Sie
-arbeiten nur bei deutschen Meistern, kehren, wenn es irgend geht, nur
-bei deutschen Wirten ein, lernen kein Wort von der Sprache, laufen an
-allem vorüber. Höchstens daß sie ein bißchen was sehn, und wie es
-scheint, wandern sie also nur wegen der Freiheit und wegen des Wanderns.
-Unter den Bettlern hab ich manchen Freund gefunden. Da war ein armer
-Kerl in einem Asyl in Bologna, dem war sein Geld mitsamt den Papieren
-gestohlen, er lag und jammerte die ganze Nacht durch. Am andern Morgen
-nahm ich meine Geige und hab in den Höfen gespielt. Was einkam, haben
-wir redlich geteilt, und dieser Mensch wird mir bis ans Ende des Lebens
-ein Herz voll Dankbarkeit bewahren.«
-
-»Wurdest du dort für einen Italiener gehalten?«
-
-»Nur bis ich zu sprechen anfing, ich kann nicht sehr viel. Nun, aber die
-Menschen dort solltet ihr sehn! Da ist soviel natürliche Herzlichkeit,
-soviel Offenheit und Entgegenkommen, soviel Dankbarkeit und Anmut dabei!
-Soviel dort Musik gemacht wird, bleibt doch der Musiker, der Künstler
-immer geehrt, und nun -- wenn ich so am Abend in eine kleine Stadt
-marschiert kam, und auf dem Marktplatz, neben der Kirche unter den
-Kastanien die ersten Striche beim Stimmen tat, und dann so mit recht
-süßer Kantilene das Adagio aus dem Mendelssohnschen Konzert -- so weit
-hab ichs grade gebracht! -- durch die Stille und in die offenen Fenster
-zog: was das gleich Leben giebt und Hervorkommen, als fingen überall
-Wasser an zu laufen. Die Kinder kommen aus ihren Betten und drängen sich
-ans Fenster, und überall lächelnde Gesichter, und jede Frau, der man
-unterm Spiel einen feurigen Blick zuwirft, empfindet sich schön. Nun,
-und wenn das Konzert zu Ende ist, da kommen schon von der Veranda des
-Gasthauses die Honoratioren, der Pfarrer, der Herr Apotheker, und der
-Bürgermeister, und drücken mir die Hände und sind die feinsten Kenner
-und erlauben sich, mich zu einer Flasche Spumante einzuladen.« Klemens
-lachte nicht ohne Wehmut. »Ich war dann immer der Sohn des
-Kammervirtuosen _d'il rege di Prussia_, und schon damals, vor zehn
-Jahren, hielten sie mich meines Bartes wegen für einen sehr würdigen
-Mann und fragten gleich nach der Frau und den Kinderchen. Endlose
-Geschichten hab ich von denen erzählt. Die Kinderchen, das war ihre
-größte Freude, und wie oft hab ich Tränen in ihre Augen gelockt mit
-einer unendlich rührenden Erzählung von meiner jüngsten Tochter, die an
-Diphtheritis gestorben war. Wie ich sie hin und her getragen hab, und
-sie war so geduldig ...«
-
-Er lachte jetzt ganz fröhlich und sagte noch: »In Pisa, da war ein
-Schutzmann der mir zu spielen verbieten mußte, denn es gab einen
-Auflauf. Ja, das ist ein Land, da halten die elektrischen Bahnen, wenn
-einer Geige spielt. Der wartete schön, bis das Stück aus war, und dann
-entschuldigte er sich noch vielmals. Er sah auch vollkommen ein, daß ich
-für dies Stück doch noch sammeln mußte, und fast hätte er selber seine
--- Kappe hingehalten. Es war ein rührender Mensch.«
-
-Bogner und Georg lachten herzlich. Dann sah Georg, nicht ohne ein
-Gefühl, als sei dies alles nur die Vorbereitung zu etwas andrem gewesen,
-ihn seine Haltung verändern. Er nahm die frühere wieder ein, die Hände
-in die Rocktaschen bohrend, und seine undeutlichen Augen schienen ins
-Ferne eingestellt, während er sehr langsam sagte:
-
-»Ja, und dann kam doch wieder die Unrast, und ich bin über die Alpen
-gelaufen und nach Deutschland, aber da war kein Zuhause. Aber wer die
-Hände einmal in fremdes Blut getaucht hat, dem ergeht es immer wie Lady
-Macbeth; die Flecken wäscht kein Wasser herunter.«
-
-Er verstummte, nickte trübe und fuhr fort:
-
-»Dann habe ich meinen Freund Erasmus gefunden, der jetzt hier ist. Dem
-war es böse ergangen. Ich, wenn ich nachdenke, ich kann mir vorstellen,
-daß man eines Tages seinen Bruder erschlagen muß. Vater nicht, und
-Mutter nicht, auch keinen Juden und keine alte Wucherin wie der
-Raskolnikoff. Aber seit Kain muß die Möglichkeit in der Natur des Mannes
-liegen. Drei Nächte lang schüttete er mir sein Herz aus. Das war
-grauenerregend. Dieser Mensch, den ich kannte, hatte sein Leben lang
-gehungert. Wessen Leib hungert, kann stehlen, wem die Seele hungert,
-kann nicht stehlen. Er lebte noch immer, aber nun war er ein Schatten
-des Lebens geworden. Die Natur hatte ihm gegeben, daß er nicht vergessen
-konnte, was ihm je widerfahren war. Eines Tages fand er sich so behängt
-mit Vereinsamung, mit zehntausend Lieblosigkeiten, Gehässigkeiten,
-Verachtungen und Verhöhnungen bis hinunter zur ersten und letzten der
-Kindheit, daß er nicht mehr vorwärts gehn konnte. Da ballte er den
-ganzen scheußlichen Klumpen zusammen mit sich selbst und stürzte sich in
-den Schlund. So wars, und daß er noch jemand mit sich riß, war nicht
-seine Sache, sondern Anlage des Daseins. Und nun fuhr er seit jener
-Nacht, seit jener Tat, rasend wie der Fliegende Holländer, ohne Wind und
-ohne Ruder, rückwärts über das Meer seiner Leiden, weil sich die Wage
-nicht einstellen wollte. Die Wage, deren eine Schale den Jammer seines
-Lebens trug, und deren andre jenen Tod. Er hielt den Kopf des Toten in
-den Händen und fragte in die erloschenen Augen hinein abertausendmal:
-Hab ich gedurft? -- In einer Nacht bin ich mit ihm unterhalb des Wehrs
-auf dem Flusse gefahren, und wir haben gesucht bis zum Morgen. Er war
-vor dem Irrsinn und nahe daran, unter die Menschen zu laufen und sich
-auszuschrein. In den drei Nächten, die ich mit ihm verbrachte, ist mir
-das Herz grau geworden. Ich hatte auch einen Bruder.«
-
-Er verstummte und begann, mit ungelenken Schritten auf und nieder zu
-gehn. Georg dachte: Herzbruch ... bewegt von solcher Freundestreue, und
-war nahe daran, nach ihm zu fragen, als Klemens am Tisch stehn blieb,
-die Finger einer Hand daraufsetzte und sagte, Georg ansehend, doch ohne
-festen Blick: »Aber ich glaube, daß einmal geheilt werden kann, von
-Menschen, was Menschen zerbrochen haben. Da hab ich ihn denn
-hergeschleppt, zu Renate.«
-
-»Zu Renate?« entfuhr es halblaut Georg.
-
-»Zu Renate. Und wie es scheint, da sie nicht zum Vorschein kommen --« Er
-verstummte. Georg sah noch ein sehr weiches und zartes Lächeln in seinen
-Augen, im Bart aufkeimen, bevor er den Blick niederschlagen mußte.
-
-Diesen? fragte er dumpf. Das soll ihr Geschick sein?
-
-Er konnte aber, trotz der heißen Stiche in seiner Brust, erkennen, wie
-sehr wahrhaftig der Verzicht war, in den er sich eingegraben hatte, dort
-im Wald. Eine Weile noch kochte die schmerzliche Eifersucht in seiner
-Brust, derweil es ihm schien, als sei jemand -- er selber? --
-beschäftigt, dies Heiße zu blasen, damit es erkalte. Es erkaltete
-jedenfalls langsam, sank zugleich tiefer und blieb liegen als ein
-dumpfer und dunkler Klumpen angstvoller Beklommenheit, wie er sie aus
-früheren Jahren kannte. -- Damit, dachte er, Atem schöpfend, werde ich
-ein andermal fertig. Sein Mund zuckte in einem Hohngefühl über die ganze
-Verderbtheit der Welt.
-
-Als er die Augen hob, stand ihm gegenüber Egloffstein und meldete, Herr
-Dr. Birnbaum und Herr Schley warteten im Jagdzimmer. Auch Hauptmann
-Rieferling sei dort mit der Kuriermappe.
-
-So verabschiedete Georg sich von Bogner mit dem Versprechen, am
-Nachmittag zu kommen, entschuldigte sich bei Klemens und ging.
-
-
- Birnbaum
-
-Mit dem Öffnen der Tür fiel Georgs Blick auf den alten Mann, der neben
-dem, noch von Georgs Vater her am Kamin stehenden grünen und
-hochlehnigen Sessel aufrecht stand und so gewartet zu haben schien.
-Hinter ihm Schley hatte eine Hand unter seine Achsel geschoben. Er trug
-seinen langen und würdigen schwarzen Rock. Georg, der ihn vor einer
-Woche zuletzt im Bette gesehn hatte, erschrak nun über sein
-gespensthaftes Aussehn, in dem Elendigkeit stritt mit einer Erhabenheit.
-Sein Nacken war gebückt, die Wangen hingen faltig und waren zwischen
-Schnurrbart und Augen rot gesprenkelt von Adern. Die Nase dazwischen
-hing übermäßig heraus, und in den geröteten Augen -- das linke hing ab
-nach außen -- war Verwirrung. Ach, dachte Georg, das ist Saul, der bei
-der Hexe war! -- Und so verstört, daß er sich nicht einmal verbeugt!
-Oder kann er das nicht?
-
-Indessen tastete Birnbaum mit der Hand an der Brust, räusperte sich,
-machte einen Ruck zur Verbeugung und sagte heiser: »Ich bin gekommen, um
-Eure Hoheit untertänig um meine Entlassung zu bitten.«
-
-Georg zauderte. Er wollte noch sagen, was er zwanzig und hundert Mal
-gesagt hatte: Urlaub, soviel Sie wollen, aber seine Entlassung, -- um
-die der Alte, nur nicht so förmlich, schon lange gebeten hatte. Aber
-dann sah er ein, daß hier nichts mehr zu erwarten war. Eine Ruine, die
-nur noch gänzlich zerfallen konnte. Er ging auf ihn zu. Noch ehe er ein
-Wort sagen konnte, hatte der alte Mann ihn umschlungen, weinte
-bitterlich auf über seiner Schulter und klagte laut: »Ich habe ja keinen
-als dich, Georg, ich habe ja keinen als dich, aber nun kann ich nicht
-mehr!«
-
-Georg stand erschüttert von dem unbegreiflichen »keinen als dich« und
-hielt diesem Jammer stand, bis er sich von selber beruhigte. Danach
-sprach er dem Alten begütigend zu und führte ihn mit Schley zur Tür, ihm
-zuredend, daß er sich eine Weile niederlege und ausruhe. Von der Tür aus
-sah er Schley und den Hauptmann ihn durch den Raum führen, der öde und
-kahl war mit leeren Regalen und Schreibtischen, und zu dem alten Sofa,
-auf dem er früher in den Arbeitspausen geruht hatte. Augenblicke später
-fand er sich sitzend am Schreibtisch, ohne Gedanken als den: Das ist
-kein leichter Schlag! Was fang ich an ohne ihn?
-
-Erst als die Gestalt Rieferlings nahe vor ihm erschien, der die
-daliegende Unterschriftmappe mit ihren großen Löschblattbogen
-auseinanderschlug, die Feder eintunkte und ihm hinhielt, sagte er, zu
-ihm aufblickend, trübe: »Ein gesegneter Charfreitag, Rieferling, Sie
-hatten ja auch was auf dem Herzen! Wollen Sie auch weg? Dann fangen Sie
-lieber gar nicht --« Das Ende des Satzes ließ er in ein Gemurmel fallen,
-denn eben traf sein Blick auf die in zierlichen Schnörkeln stehenden
-Druckzeilen am Kopf des weißen Bogens, der vor ihm lag: Wir, durch
-Gottes Gnade Georg VIII., Großherzog -- und so weiter ...
-
-»Ich will heute nicht schreiben«, sagte er kleinmütig und legte die
-Feder hin.
-
-»Hoheit haben ja Zeit bis morgen«, sagte der Hauptmann.
-
-»Rieferling,« versetzte Georg verdrießlich, »Sie wissen immer was! Wo
-soll ich denn morgen die Zeit hernehmen? Also muß ich doch schreiben!«
-Ich grinse ja, dachte er und konnte die Augen nicht abwenden von
-Rieferlings sachtem Lächeln.
-
-Was heißt denn nun bloß von Gottes Gnaden? grübelte er nach, die Feder
-wieder zwischen den Fingern. Letzten Endes war es ja wohl Papa, von dem
-die Gnade ausging. Von Gottes Gnaden ... Es ist eine Floskel, dachte er
-noch und fand als letzte Möglichkeit die, den Kopf zu schütteln, worauf
-er begann, Bogen um Bogen an die gewohnte Stelle, über der zum Überfluß
-Rieferlings Zeigefinger leicht in die Luft kippte, und nach einem
-Überfliegen des Bogens, seinen Namen zu schreiben. Er traf dabei auf
-andre geschriebene Namen -- Ellerberg, Alsen, von Dreyling, Gewecke,
-Fuchs, Richter und mehr, immer mehr -- zwischen Druckzeilen, in denen
-von Beförderungen die Rede war, Auszeichnungen, Versetzungen in den
-Ruhestand und Erteilungen von Charakter, aber auch das jedesmalige
->Geruhen< hatte längst den letzten Hauch anfänglicher Skurrilität
-verloren. Lauter Dinge, die Zeit hatten bis morgen. Aber woher morgen
-die Zeit für sie? Merkwürdige Widersprüche, dachte er. Ist das überhaupt
-zu verstehn? Sie haben bis morgen Zeit, und morgen ist keine Zeit für
-sie da?
-
-Etwas nötigte ihn, die Augen zu erheben, und er sah Schley vor dem
-Fenster stehn. Weiter schreibend, seufzte er nun und fragte: »Kannst du
-dir denn vorstellen, wie das ohne ihn werden soll? Ist Zimmermann denn
-wenigstens eingearbeitet? Sonst kann ich von morgen an mir nur noch die
-Haare raufen. Sag etwas! Ist keine Möglichkeit vorhanden, daß es besser
-mit ihm wird?«
-
-Am Fenster lehnend begann Schley, während Georg die letzten Bogen
-versorgte, mit seiner langsamen und öligen Stimme, die Georg immer als
-überaus lindernd empfunden hatte durch die innere Ruhe, die unterhalb
-ihrer strömte:
-
-»Er will nämlich nach Palästina.«
-
-»Was! Birnbaum? Das ist das Neueste!«
-
-»Ja, das hat sich nun alles so eigentümlich zusammengedrängt. Und du
-weißt ja, Hoheit, wenn alle Türen verrammelt sind, brichts durch die
-Wand. Da ist dann kein Halten mehr. Zusammengebrochen ist er ja
-eigentlich schon, als dein Vater starb. Man sieht sowas ja nicht gleich.
-Und nun grenzte es ja lange schon an Verfolgungswahn. Dir wird das ja
-nicht unbemerkt geblieben sein. Die Arbeit verfolgte ihn nun; er hat
-glaub ich kaum noch geschlafen vor Angst, am nächsten Morgen keinen
-Gedanken mehr zu haben oder so.«
-
-Georg nickte. »Ich weiß ja. Aber ich hielt es für Einbildung, und er
-sagte selber, es sei Einbildung.«
-
-»Und dann hat er auch damals einen Brief bekommen, nach dem Attentat, --
-ja, eben von dem Sigurd Birnbaum. Seine Frau hat ihn unterm Kopfkissen
-gefunden und zeigte ihn mir. Er ist scheinbar am Tage vor dem Attentat
-geschrieben. Das meiste ist ohne Sinn und Verstand. Aber er spricht da
-viel von den internationalen Aufgaben des Judentums. Na, und das scheint
-nun eine ganz gegenteilige Wirkung gehabt zu haben. Auf einmal hat er
-sich glaub ich erinnert, wer er ist, und daß er doch immer im Grunde
-hier nur geduldet ist. Das weißt du ja auch. Er sprach auch mit mir
-darüber, -- na, sie wollen den Juden ja lange aus deiner Nähe weghaben.
-Und gestern -- gestern schickt er auf einmal zu mir, und da finde ich
-ihn in der größten Aufregung. Es war ganz jammervoll. Er wußte fast
-nicht wohin vor Angst, teils weil, wie er sagte, es jeden Augenblick zu
-spät sein könnte -- ja, mit Palästina, er hat da nun die sonderbarsten
-Vorstellungen --, teils vor dir, daß du ihn nicht weglassen würdest. Und
-auch vor sich selbst, daß er nun fahnenflüchtig würde. Ja, es ging so
-weit, daß er sich vor dir niederwerfen wollte, ich konnte ihn nicht
-anders beruhigen, als indem ich ihm versprach, ihn heut herzubringen.
-Eigentlich sollt ich ihn verteidigen. Auch daß Charfreitag ist, spielte
-eine gewisse -- ja -- eine Rolle.«
-
-»Aber diese Palästinaidee«, versuchte Georg schwermütig zu
-widersprechen, »will mir noch nicht in den Kopf. Wenn --«
-
-»Ja, Hoheit, da sehn wir das nun mal wieder. Nun klammert er sich ja an
-dich, aber -- ich darf das wohl sagen --, in Wirklichkeit wars doch
-alleine dein Vater, an dem er so gehangen hat. Der ist nun tot, und das
-ist denn so wie'n Mensch, der aus'm Stück Land weggetrieben wird und
-kriegt 'n andres dafür, das genau so ist, aber es ist doch nicht das
-alte. Ich hab nicht in seiner Haut gesteckt, aber -- heimatlos, Georg,
-heimatlos ist er doch immer gewesen. Wenn er Gefühl gehabt hat, ist er
-heimatlos gewesen!« wiederholte er erregter, »und ob das nun Galizien
-ist, wo er eigentlich herkam, oder Palästina, da ist wenig Unterschied.
-Man muß sich da mal hineindenken! Nun grad diese internationalen
-Ermahnungen, das ist es, die haben ihn eben drauf gebracht, wo die
-wirkliche Kraft des Menschen steckt. Die steckt doch im Boden, na, das
-ist doch allbekannt, oder sagen wir mal: in der Sprache. Er ist doch 'n
-fühlender Mensch gewesen, Georg, und hat er denn jemals seine richtige
-Sprache sprechen können? Wenn er gedurft hätte, er hätt es ja nicht mal
-ordentlich gekonnt! Nu fällt ihm das alles auf einmal ein, und er weiß
-doch genug vom Zionismus und all diesen Bestrebungen, und das fällt ihm
-nun ein, und daß er mit all seinem schönen Dienen vielleicht seine Kraft
-an der richtigen Stelle weggezogen hat. Es ist ja merkwürdig, es giebt
-so Menschen, die bringen es zu allem Möglichen, und dann -- auf einmal
--- drehn sie sich um und müssen alles im Stich lassen. Tilly, das war
-auch solch ein Mensch, wie Ricarda Huch das beschreibt; der wollt
-eigentlich immer nur 'n kleinen Garten haben. -- Das hat sich nun eben
-alles so zusammengezogen.«
-
-Georg schwieg und wußte nichts zu erwidern, zumal Schley lauter Dinge
-gesagt hatte, die nur in ihm selber warteten, gesagt zu werden.
-
-Augenblicke später hörte er aus dem Nebenzimmer Husten und ein Geräusch,
-und Georg winkte Schley, hinüber zu gehn. Sich im Stuhl drehend, folgte
-er ihm mit den Augen durch die Tür und blieb lange Zeit an ihr haften.
-Dann näherten sich Schritte, und von Schley geleitet, erschien wieder
-der alte Mann.
-
-Er ging jetzt wie ein Blinder, und der Blick seiner offenen Augen schien
-keine Nähe mehr wahrzunehmen. An dem Stuhl beim Kamin angelangt, wartete
-er eine Weile, ehe er sich langsam darein niederließ, worauf er sich
-aufrecht anlehnte, den Kopf nach den Fenstern gewandt. Georg sah voll
-Ehrfurcht seine Schultern bedeckt mit einem Mantel, der gewebt war aus
-Stille und Frieden. Der Ausdruck seiner Stirn, seiner Augen, all seiner
-Züge zeigte ein erstaunliches Gemisch von Stolz und -- Knechttum, wie
-Georg es empfand; den geheimnisvollen Ausdruck des Menschen, der durch
-langes Dienen zum Herrscher geworden war. So wenig königlich er
-erschien, versammelten sich doch biblische Könige großäugig hinter
-seinem Stuhl.
-
-Nachdem er ihn so eine lange Zeit hatte still sitzen sehn, fühlte Georg
-für eine kleine Weile seinen Blick mit großer Liebe auf sich gerichtet.
-Dann wandte er ihn wieder ab, und dann hörte Georg seine Stimme, die
-aber so fern herzukommen schien, wie seine Augen hingingen, und obgleich
-leise, ja kaum hörbar mitunter im Folgenden, hatte sie einen tieferen
-und volleren Klang als jemals, so daß es war, als wäre seine Brust ganz
-voll davon und begänne nur geheimnisvoll in Worten zu tönen. Seltsam
-auch war, daß er eine andre Sprache redete als die gewohnte, denn
-plötzlich war es die, die er doch höchstens über seiner Wiege gehört
-haben konnte, ohne sie noch zu verstehn, Laute und Satzbau, zerdrückt
-und verkrümmt, wie jener ewig zerdrückten und verkrümmten Menschen, die
-Georg einmal erstaunt im Getto von Konstantinopel zu sehn bekommen
-hatte. War er so halben Wegs schon zurückgekehrt, nach Galizien, der so
-spät noch nach Palästina wollte?
-
-Halb ein Murmeln und fast ein Gesang, so hörte Georg, der bald nicht
-mehr hinzusehn wagte, seine klagende Rede.
-
-»Ich will dirs nun mal sagen, Georg, damit du's weißt und dir keine
-verkehrten Gedanken machst. 'n Mensch, der nicht darf gehn in die Kirch
-und hat keine Stelle, wo er darf allein sein mit seinem Gott, der ist
-kein rechter Mensch. Und ich bin solch 'n Mensch immer gewesen. Ich hab
-'n nich abgeschworen in meinem Herzen und hab 'n doch abgeschworen mit
-meinem Handeln. Darum bin ich 'n bescholtener Mann gewesen, von 'nem
-bescholtenen Volk. Du sagst, ich hab 'n gutes Leben gehabt, auch 'ne
-Frau und auch Kinder. Und ich will ganz schweigen von deinem Vatter. Bin
-ich deshalb wohl 'n glücklicher Mensch gewesen? 'n Mensch, der nicht
-darf gehn vor die Tür, daß nicht die Andern 'n Finger aufheben un sagen:
-das ist keiner so wie wir, un: den könn' wir nicht achten? Recht haben
-gehabt die Leute mit mir, und recht haben sie überall, wenn sie die
-Stelle nicht achten, wo der Jud steht, denn er steht mit verkehrten
-Füßen. Er denkt, daß er geht nach vorn, und er geht immer nach hinten.
-Weil er geht weg von seiner wahrhaftigen Heimat. Darum muß er auch gehn
-so schnell und muß machen Fisematenten und 'n Gemeres unter die Leute,
-und ans Ziel kommt er doch nicht. Wenn er hat zugeben müssen, daß seine
-Heimat ihm zerstört worden ist, hat er doch nicht brauchen zugeben, daß
-er nicht hingeht und baut sie noch mal. Darum wird er auch nich geacht'
-von den Leuten. Das Leben ist schwer, und wer geboren is im Galuth, der
-sagt: soll ich auch müssen sterben im Galuth! Nee, Georg, aber nee, das
-will ich nu nich sagen! Da darf einer arbeiten sein Lebtag, der verdient
-sich doch bloß die Sohlen unter seine Füße, damit er eines Tages kann
-heimgehn, oder er verdient sich gor nix. Ich weiß doch, was ich weiß!
-Und wenn du kommst, Georg, und sagst zehn Mal: Nein! und sagst: ich will
-kämpfen den Kampf um 'n alten Mann, -- nun, was is 'n Jahr, und was sind
-selbst zwei Jahr für 'n Menschen, der jung ist? Und du wirst müde,
-Georg, und ich kann gehn und sitzen vor der Türe, -- ich weiß doch, was
-ich weiß ...
-
-»Wer wohnt in einem Volk, der soll auch werden wie 's Volk, der soll
-essen seine Speise und beten in seiner Kirch, auf daß er kriegt 'ne
-Sprache und vernünftige Sitten. Wer glaubt denn, daß einer Gott 'n
-Gefallen täte mit dem koscheren Essen und Stehn in der Synagoge am
-Schabbes und lesen aus 'm Buche 'ne Sprache, für die er hat keinen Sinn!
-Oder glaubst du 'n, daß Gott will reden 'ne Sprache, die der Mensch bloß
-kann reden mit ihm allein, und die Gott bloß versteht selber, und die er
-nicht zugleich kann reden mit Menschen? Wer nicht kann reden mit Gott,
-wie er will reden mit Menschen, der kann auch nicht reden mit Menschen,
-dem kommt keine Wahrheit aus 'm Herzen, und wenn er vielleicht nicht
-betrügen wird andre Leut, wird er doch betrogen haben sich selber. Denn
-er hat betrogen den Herrn um seine menschliche Sprache. Zweierlei Rede,
-das ist nix. Ich will hingehn und reden die Sprache. Ich wills
-versuchen.«
-
-Georg hörte ihn noch eine Weile murmeln, aber nun war nichts mehr zu
-verstehn. Vor seinen verdunkelten Augen verschwamm der entfernte Wald
-zwischen den Flügeln des Hauses, schwärzlich und grünlich im
-Sonnenschein, und in das gereinigte Himmelsblau hob sich eine
-schneeichte Wolke hoch wie ein schöner Berg. So saß er, kaum sich zu
-regen wagend in seiner Ergriffenheit, längere Zeit und wandte sich
-endlich. Da stand Schley, der sich vor das Gesicht des Sitzenden beugte,
-als ob er horchte. Gleich darauf hob er langsam den Kopf, auch die Hände
-und strich mit beiden Daumen behutsam über die Augen hin.
-
-Und dies Letzte enthielt so viel Feierlichkeit, daß Georg bei aller
-Erschrockenheit sich nicht zu rühren vermochte. Gestorben? dachte er
-dumpf. Hier, in diesem Augenblick gestorben?
-
-Schley legte die Hände des Toten im Schoß zusammen und wandte sich zu
-Georg um. »Heimgegangen«, sagte er einfach.
-
-Georg saß noch lange und blickte den alten Menschen an, der dort saß,
-und an dem noch keine Verschiedenheit wahrzunehmen war von Andern oder
-dem, der er selbst vor Minuten noch war. Vielleicht, daß er noch edler
-aussah; und daß seine stille Haltung auf die Länge der Zeit nicht
-natürlich mehr schien; oder daß er so gar nicht atmete in diesem Schlaf.
-
-Endlich spürte er, daß ihm schon lange die Tränen aus den Augen liefen,
-und nun weinte er hellauf, daß es ihn schüttelte. -- Danach stand er
-auf, um nachzusehn, ob Magda zurück war, und ihr Nachricht zu bringen.
-
-
- Irene
-
-Noch schwer mit Herz und Gedanken an dem Toten hangend, den er in
-dunkler Vorstellung sah wie einen gestürzten Baum, herausgebrochen aus
-seinem, Georgs, Leben, voll mit Früchten, unersetzlich an täglicher
-Leistung das Jahr durch, und überdies mit unsterblichen Blüten der
-Erinnerung -- oh die ersten Spiele der Kindheit! --, ging Georg durch
-die Räume, irgendwie in der Einbildung, die Anna im Gobelinzimmer zu
-finden. Da gewahrte er mit einem Zufallsblick durch ein Fenster -- das
-letzte im Vogelsaal, wie er nun erkannte -- Klemens auf der Terrasse
-allein, vor sich hingehend, gebeugt, die Hände auf dem Rücken, und Georg
-trat ans Fenster, klopfte und deutete mit der Hand an, daß er ins
-Gobelinzimmer ginge. Gleich darauf öffnete er die Tür. Der Raum war
-leer.
-
-Indem er aber im spiegelnden Glase des Türflügels zur Rechten den
-Widerschein des Herankommenden gewahrte, wurde die Flurtür zu seiner
-Linken geöffnet, und rückwärts gehend herein kam ein mädchenhaft
-weibliches blondes Wesen in einem hellgrünen, farbig überblümten Kleide
-mit Achselbändern und weißen Blusenärmeln, an einer Hand sehr behutsam
-hereinführend die Anna, hinter der Benno sichtbar wurde: Irene.
-
-So, dachte Georg, was mag nun kommen? -- Klemens stand da und blickte
-nur. Überdem wandte sich Irene, fuhr leise zusammen, ließ Magdas Hand
-fahren, machte zwei Schritte und schien, haften bleibend, zu schweben.
-In ihre Augen, die im kleiner gewordenen Antlitz Georg blauer schienen
-als jemals, trat ein sehr bittender Ausdruck, während ihr Kopf langsam
-nach hinten sank. Ihre eine Hand sah Georg zittern in den Falten des
-Kleides, wo sie hing wie vergessen.
-
-Klemens rührte sich nicht vom Fleck, schlug aber jetzt seinen Rock vorne
-zusammen und schloß langsam die beiden Knöpfe.
-
-»Klemens!« sagte sie endlich, und Staunen und Bitten ihrer Züge schmolz
-in ein nahezu triumphierendes Warten.
-
-»Mensch!« grollte nun Georg, »worauf wartest du noch?«
-
-Klemens sah ihn an. In seinen undeutlichen Augen erschien ein grübelndes
-Fragen, als ob er durch Georgs Erscheinung sich erinnern wollte an
-etwas, was er selber vor einer Stunde gesagt hatte. Dann setzte er sich
-in Bewegung, als ob er stürzte, umkreiste den großen Rundtisch, und
-plötzlich bückte er sich, hatte Irene auf den Armen, drehte sich wortlos
-um und trug sie um den Tisch, durch den Raum und ins Freie hinaus.
-
-Georg brachte es nicht fertig, ihm nicht nachzugehn, und in die Nähe der
-Tür folgend, sah er ihn draußen stehn, mitten auf der Terrasse. Über sie
-und Hofraum und Dächer fiel ein goldener Regen. Darin stand er kräftig
-und hielt mit erhobenen Armen die leichte grüne Gestalt in den
-tausendfach rieselnden Glanz hinauf.
-
-Georg drehte sich weg und mußte lächeln. Wieder hinsehend, fand er die
-Terrasse leer, glaubte aber die gedrungene und beschwerte Gestalt des
-Menschen mit seiner Last über eine dampfende Wiese voll Primeln gehen zu
-sehn, langsam, ein Pangott mit seiner gesicherten Beute, die er in grüne
-und rauschende Höhlen des alten Waldes zurücktrug.
-
-»Was war denn hier?« fragte Magda.
-
-Georg wußte weiter nichts zu sagen als: »Klemens.«
-
-»Ach! Wo sind sie denn nun?«
-
-»Verschwunden. Er hat sie weggetragen.«
-
-»Gott sei gelobt!«
-
-»Das sei er! Es giebt also doch noch --« Findungen in der Welt, wollte
-Georg schließen, als ihm in seinem Stuhl der Entschlafene erschien.
-
-»Aber,« sagte er leiser, »unser alter Birnbaum ist hier eben gestorben.«
-
-Sie streckte die Hand aus, gab aber keinen Laut von sich. Auch als Georg
-auf sie zutrat, um sie in die Arme zu schließen, bewegte sie sich nicht.
-
-»Das war der Letzte!« sagte sie nach einer Weile, -- wohl im Gedanken an
-andere Tote. Sie hielt die Augen geschlossen.
-
-»Ja, dann bringe mich bitte --« Sie verstummte, machte eine abwehrende
-Bewegung und sagte: »Aber ich kann ihn ja nicht sehn«, und trat weg von
-Georg.
-
-In der Tür erschien Egloffstein, zeigte sich Georg und verschwand, zur
-Meldung, daß angerichtet sei.
-
-Keiner sagte etwas. Georg sah eine einzelne Träne an den Wimpern des
-Mädchens hängen, wartete noch Sekunden und sagte dann: »Egloffstein
-meldet, daß angerichtet ist.«
-
-Da wandte sie sich zu ihm, kam mit niedergeschlagenen Augen und ließ
-sich an seine Brust ziehn. Sie blieb so lange Zeit ohne Bewegung, hob
-dann den Kopf, und Georg sah sie blind und seltsam in eine ewige Ferne
-lächeln. Sie sprach wie im Traum: »Irgendwo -- irgendwo -- sind sie Alle
-wieder beisammen.«
-
-Er ergriff ihre Hand und führte sie hinüber. --
-
-Sie aßen dann schnell und schweigsam an der für zehn Personen gedeckten
-Tafel, an der außer ihnen nur noch Benno, Schley und Rieferling
-erschienen. Georg empfand wie eine Wohltat das Fehlen Renates. Einmal
-fragte ihn Anna, ob er am Nachmittag Zeit für sie habe. Sie habe ihn ja
-eigentlich für sich eingeladen und ihn noch den Tag über kaum gesehn.
-Auf Georgs Erwiderung, daß er nur Bogner seinen Besuch versprochen habe,
-aber erst gegen Abend hingehen wolle, bat sie ihn, sie in einer kleinen
-Stunde nach dem Essen in seinem Zimmer zu erwarten und mit ihr Tee zu
-trinken; sie möchte nur vorher etwas ruhn. -- Gleich darauf wagte Benno
-eine bescheidene Frage nach einem Beisammensein mit Georg und war
-hocherfreut, daß Georg ihn gleich nach dem Essen mit sich nehmen wollte.
-
-Zwar fühlte Georg sich müde und schlafbedürftig, brachte es aber nicht
-über sich, weder Benno abschlägig zu bescheiden, noch ihn mit der Anna
-zusammen zu bitten, denn an eine stille Stunde mit ihr dachte er mit
-weicher Erwartung, -- davon abgesehn, daß sie ein Recht hatte, mit ihm
-allein zu sein. Auch sagte sie selber nichts, um Benno aufzufordern.
-
-Allein hinter den Türen saß noch der ruhige Tote, umringt von seinen
-nicht mehr geträumten Träumen, die ihn lächelnd und weinend bekränzten
-...
-
-Georg legte die Hand auf die neben ihm liegende Annas und fühlte ihre
-Finger sich schließen. Bald darauf hob sie die Tafel auf, nickte Georg
-zu und ging sicher zur Tür. Er schob seinen Arm in Bennos, schüttelte
-Schley, der sich zu verabschieden kam, die Hand, und sie gingen.
-
-
- Siebentes Kapitel
-
-
- Benno
-
-»Ach!« sagte Benno, nachdem er mit einem einzigen Schritt in die Mitte
-des Zimmers getreten war, wo er stehen blieb wie angenagelt, so lang und
-so dünne er war, die Hände zusammenlegend und so höchstüberrascht und
-beglückt umherblickend wie die Unschuld am Geburtstagstisch. »Ach! Hier
-ist ja alles wie früher! Georg! Aber das ist nicht zu glauben! Das ist
-unerhört!« Und Georg sah sein heißes und immer gerötetes Profil mit dem
-Haken der Nase, der über den zitternd hangenden Schnurrbart hinweg nach
-dem entgegengekrümmten Kinn langte, sich hin und her drehen in kleinen
-Rucken, vor Freude rundäugig, und die vorstehenden Wangenknochen bebten.
-Er erging sich in Ausrufen. »Die Vitrine! Und die japanischen Koffer!
-Und da --« Wieder mit einem Schritt stand er unter der Alabasterschale,
-die überm Sessel der Fensterecke hing, streifte sie mit zärtlich
-erhobener Hand -- »die Lampe!« -- worauf er mit einem Knie in dem Sessel
-lag vor Rembrandts Drei Bäumen, »und die alten Bilder!« Im nächsten
-Augenblick sich herumwirbelnd mit fliegendem Haar, stand er bei Georg,
-legte ihm eine Hand auf die Schulter und sagte, schmelzend vor Glück und
-Scham und kaum hörbar: »Und daß ich noch hier bei dir stehen darf? Und
-Du sagen? Und dich anrühren! Einen Herzog! Es ist unerhört!« Er
-schüttelte den Kopf, unter den Augen tausend Fältchen eines fast
-mütterlichen Lächelns.
-
-»Großherzog,« sagte Georg, »aber setz dich!«
-
-Mit einem Schwung saß er schon im Sessel, hatte, bereits fertig in
-Attitüde, die Hände im Schoß, gradsitzend mit übergelegtem Bein, und bat
-mit Kehltönen: »Und jetzt mußt du mir etwas vorlesen! Magst du nicht? Du
-hast Verse! Ich hätte dich heute morgen schon bitten wollen, aber -- da
-war alles so fremd; ich konnte mich gar nicht gewöhnen. Diese Renate
-dazu! Man sieht sie an -- -- und man ist einfach -- -- hin!« Er endete
-verlöschend und ließ den Kopf sinken wie ein sterbender Krieger.
-
-»Aber Georg,« fing er wiederum an, »du bist traurig. Ja, dieser
-herrliche Mensch ist nun auch gestorben ...«
-
-Georg sagte, daß er zwar traurig sei, deshalb aber doch Verse lesen
-könnte, wenn er nur welche hätte.
-
-»Stehn keine in dem Buch?« fragte der Enttäuschte mit einem Blick auf
-Georgs noch daliegende Aufzeichnungen.
-
-»Nein, das sind prosaische Aufzeichnungen und Aphorismen. Aber warte,
-ein Gedicht muß darin sein, aber -- es ist nicht sehr von Belang.«
-
-Georg setzte sich und begann zu blättern. »Hier! Nein, das ist es nicht.
-Nun, dann waren es zwei, -- also höre! Dies ist übrigens noch aus
-Berlin.« Er las:
-
- »Und alles dieses: Speise, Schlaf und Wein,
- Endlose Nächte, aufgebauschte Wonnen,
- Schiffe im Nebel, Irrfahrt, Einsamsein,
- Stein jeder Tag, gewälzt und dann entronnen --
-
- Jahrlange Mühsal und am Ziele Scherben,
- Verwelkte Kränze, Zweifel, Gram und Zorn,
- Versucher jeden Stoffs: Gold, Lehm und Horn:
- Und alles dies, damit wir endlich sterben.
-
- Und alles dies, daß uns wie dünnes Laub
- Das Leben hinsinkt auf ein kahles Leinen,
- Noch im Gehör, das schon erstickt und taub,
-
- Aus Meilenferne ein verlornes Weinen, --
- Dann der Erkenntnis Seufzer: Schwester, glaub,
- Es war nicht wert, zu sein, und nicht, zu scheinen.
-
-»Seltsam, es paßt ja hierher ... Aber doch eigentlich wohl kaum. Nur daß
-es vom Sterben handelt ... So, hier haben wir das andre!
-
-
- »_Hora melancolica_
-
- Langsam gehen die Dinge uns vorüber,
- Wolkig hinunter in die Ewigkeit.
- O Hades fern! es lockt mich selbst hinüber.
- O später Tag! o müdes Leid!
- Als führen wir im Wagen eingeschlossen ...
- Da draußen gleiten Bäume, Feld und Haus,
- Wohl kommt das Licht, auch Wind herbeigeflossen,
- Wir aber sehen immer nur hinaus.
- Was könnten wir denn tun in unserm Fahren?
- Wir wissen kaum, wer das Gefährt bewegt,
- Und sehen nur verständnislos seit Jahren
- Den bleichen Weg, den wir zurückgelegt.
- Was halten denn die Augen, die im Weiher
- Des Lichtes schwimmen, blanken Fischen gleich?
- Ach, stürzte einmal doch herab ein Reiher
- Und trüg uns flügelbrausend in sein Reich!
- Ins wirkliche aus unsern Wasserkreisen,
- Darum die Bäume voller Schwermut stehn.
- Wir ziehn, wir ziehn, -- so werden wir die Leisen,
- Die alles mit gekühlten Augen sehn.
- Dies Niemalstun, dies Nurgeschehenlassen,
- Dies weiche Wollen, ach, dies Ungefähr,
- Dies macht das Herz so schauerlich erblassen
- Wie treibend Schlingkraut in dem wüsten Meer.
- Mit tausend Siegeln ängstlich eingemauert,
- Wir zwingen nichts hinein in unser Herz.
- Nur jeder Flügel, der vorbeigeschauert,
- Erfüllte uns mit immer tieferm Schmerz.
- Aus hundert Schmerzen aber ward am Ende
- Nur Müdigkeit. Die Augen sinken zu;
- Sie wollen nichts mehr, die getäuschten Hände,
- Die Seele wiegt der letzte Traum von Ruh.
- Und endlich kam es so, daß wir nur gleiten.
- Genügsam wurden wir; die Blicke gehn
- Zu Wolken auf, um den Vergänglichkeiten
- Mit bitterem Begreifen nachzusehn.
- Die weicheren Gebilde in den Bahnen
- Des Äthers tun den kranken Augen wohl.
- O wo bliebst du, der Jugend trunknes Ahnen,
- Du einst unsterblich flammendes Idol:
- Wo bleibst du, Liebe, die um nichts bekümmert,
- Sich selbst vertrauend, rings Gesetze giebt,
- Die jeden Makel an sich rasch zertrümmert,
- In ihre Reinheit grenzenlos verliebt!
- Die herrscherlich, mit Augen hart und stählern,
- Mit Löwenschritten und mit Adlersgriff,
- Die mantelsausend stürmte über Tälern
- Und über Berge nach den Brüdern pfiff?
- Doch wir sind froh bei unsern Mittagsmählern,
- Und sicher trägt uns das gebauchte Schiff.
-
- Geschehen mag und gehen, was die Hände
- Nicht schufen, nur berührten fremd und blind:
- Der tatenlosen Liebe arme Spende,
- Der kleinen Hoffnung süßes Angebind.
- Vorüber ziehn die bunten Bilderwände,
- Wir schauen und vergessen, was wir sind.
- Die Dinge schweben her und gehn hinunter,
- Wahllos hinunter nach dem einen Tod.
- Und wir, ach Schwester, schwanken selbst darunter,
- Unwissend Lächelnde ins Abendrot.«
-
-Benno, steif sitzend, schwieg und sah vor sich nieder. »Das ist recht
-schön, Georg«, meinte er dann. »Aber -- besonders finde ich es nun eben
-nicht.«
-
-»Es soll ja auch gar nicht --«
-
-»Weißt du, ich liebe das eigentlich gar nicht. Das sind solche --
-Feststellungen. Die Welt ist so oder so, trübe, unbegreiflich -- --, das
-ist alles solcher Hofmannsthal. >Was frommt es, alles dies gesehen
-haben?< Nicht wahr? Das ist ja auch gar nicht deine wirkliche Meinung!
-Oder doch?«
-
-»Vielleicht nicht eben länger, als ich daran schreibe. Nun lassen wir
-das, mir liegt daran nichts, ich bin ja kein Dichter und habe also
-höchstens die Erlaubnis, zu sagen, was ich leide.«
-
-»Aber -- --, ja, Georg, ist denn das nicht die einzige Aufgabe des
-Dichters?«
-
-Georg schüttelte trübe den Kopf. »Benno, du wirst nie im Leben
-dahinterkommen. Nie im Leben! Aber wir wollen nicht wieder davon
-anfangen. Ich lese dir lieber noch einiges von den Aufzeichnungen, sie
-stammen alle aus der Zeit von Hallig Hooge, -- wenn du magst. Hier ist
-etwas über Flauberts _Education sentimentale_, magst du das? Also höre.
-
-
- »Zu Flauberts _L'éducation sentimentale_
-
-Dieses als Kunstwerk gewaltige Buch scheint mir bei fortschreitendem
-Lesen von Tag zu Tag mehr das, was der Titel, den es ursprünglich haben
-sollte, ausdrückt: >Dürre Früchte<. Es ist dürr, langweilig und von
-erschrecklicher Einfalt. Eine Menschendarstellung ohne Seele und Seelen.
-Da ist nur Dasein, nichts als um sich selber und um einander kreisende
-Daseinsgestalten, deren nüchternes Gesetz leider jeden Schein von
-firmamentaler Wirkung ausschließt. Der >Held< (der keiner ist und sein
-soll in unserm Sinne) streicht als nur Erlebender durch diese in ihrer
-Trostlosigkeit den einzigen Ausdruck von Unendlichkeit tragende Ebene
-umgetriebener Figuren wie ein lauer Windzug, ohne Bewußtsein seiner
-selbst, ohne Frage, ohne Aufblick, ohne Sterne, ohne Seele und ohne
-Geist. Was hier Seele scheinen könnte, ist nichts als eine Art
-romantischer Glorie um die Sinne. Von allem um ihn her nur ästhetisch,
-das heißt in seiner Anschauung berührt (oder -- was fast schlimmer ist
--- moralisch, das heißt an seiner bürgerlichen Existenz mit ihren
-Wünschen und Zielen, oder -- was das einfältigste ist -- an seinen
-Trieben), ist sein ganzes Sein und Tun: zu erleben, was aber nicht
-heißt, das eigene Leben mit anderen, mit Lebenserscheinungen
-durchtränken; es zu ernähren, zu entfalten, zu steigern, zu vertiefen,
-mit einem Wort: zu wandeln; sondern nur heißt: Erlebnisse sammeln; und
-so ist er selber am Ende (ich blätterte im Ende) nur ein Schrank voll
-alter, nicht einmal getragener Erlebnisse, undurchdrungen, unverirrt,
-unverzweifelt und unerhoben derselbe, als der er auf der ersten Seite
-des Buches erschien: _un jeune homme à longs cheveux et qui tenait sous
-son bras un album_, -- nur daß eben das Skizzenbuch mittlerweil voll
-wurde. Undurchdrungen also -- und deshalb ungestaltet, das heißt: ohne
-Geist --, ungewandelt also -- und deshalb ohne Innerstes, ohne Seele --,
-unberührt in beiden, die nicht vorhanden scheinen -- ist er auch: ohne
-Leid. Kein Leiden ist im ganzen Buche zu finden außer Notleiden,
-Bürgerjammer und Alltagselend. Sie arbeiten Alle sich in sich selber ab,
-wie das Eichhorn in der Radtrommel, und wenn selbst dieses das zu tun
-scheint aus Unruhe, aus mangelnder Freiheit, so fehlt ihnen selbst die
-leiseste Ahnung, daß es eine Welt geben könnte, außer der ihren.
-
-»Flaubert war augenscheinlich eine kleine Vernunft mit gewaltigen
-Kräften, ein Zwerg mit riesigen Armen, der nicht erschaffen konnte,
-sondern nur schaffen, aufbauen, von außen arbeitend, nicht von innen,
-hin- und darstellend, weil für ihn -- in seinen andern Büchern ist es
-nicht anders --, wie gezeigt, letztes Inneres -- der Gott, die Seele,
-der Geist -- nicht vorhanden waren. Mit einem Wort: Franzose, würde ich
-sagen, läge nicht auch über ihm der Schatten des Giganten, der, wenn
-auch keinen Gott, so doch einen Dämon in der Brust und einen Ätna im
-Gehirn trug: Balzac.
-
-»Dennoch, wovon auch Balzac nichts wußte, das ist: die Wandelbarkeit
-einer Seele; ist: Verändertwerden durch das Leben; ist:
-Durchsäuertwerden und Süßwerden von Leiden; ist Streben, Suchen nach dem
->wahren< Leben als dem wahren Stoffe des Daseins, das in ihm enthalten
-sei und aus ihm geläutert werde; ist Wachsen und Werden. Er kannte das
-menschliche Labyrinth in jeder Windung und Verschlingung nebst dem
-Minotaurus, aber er wußte so wenig wie Flaubert von der aus tausend
-Opferfeuern darüber aufsteigenden Säule Rauches, deren höchster und
-gereinigter Niederschlag an der gläsernen Nachtkuppel die Bilder des
-Firmamentes bildet.
-
-»Freilich: in keinem Werk aller europäischen Literaturen, weder der
-französischen noch englischen oder russischen, findet sich der in der
-deutschen immer wiederkehrende Mensch, jenes Gebilde, als dessen innere
-Form sich immer wieder jener herausheben läßt, welcher der erste war,
-Parzival. Wobei zweierlei zu bemerken ist, nämlich erstlich und weniger
-wichtig: daß Wolfram von Eschenbach den Stoff seines Gedichtes aus dem
-Französischen schöpfte, und zweitens, daß zwar immer von der >Form< des
-Franzosen, seiner Begabung dafür, seinem Bemühen darum, geredet wird,
-daß es sich aber in Wahrheit bei ihm um >formales< Bemühen und formale
-Begabung handelt, ohne Wissen von wirklicher Form. Was Parzivals
-Schicksal war: Erkennen und Wissen um eine Bestimmung, Suchen des Weges,
-das Streben nach Erlösung: Formung des Lebens ist das, Erlösung des
-eigenen Ich und der chaotischen Welt im geformten Schicksal, in der
-reinen Form. (So tappte auch dieser Wagner daneben, der nichts bilden
-konnte als einen unwandelbar >reinen Toren<.) Auch Parzival war im
-Anfang Franzose, in der Gralsburg froh, essen, trinken und schöne Dinge
-sehen zu können, und: er fragte nicht.
-
-»Parzival, (auch Simplizissimus sogar,) Faust, Wilhelm Meister, der
-Grüne Heinrich, Spittelers Prometheus, Leonhard Hagebucher, Hyperion,
-Michael Unger und tausend Unbekanntere in minder reinlicher Form
-enthalten als Gesetz, als Form allesamt den Einen und Erstgenannten:
-Parzival mit dem Panier über sich: >Wer immer strebend sich bemüht, Den
-können wir erlösen.<
-
-»Du aber, Georg Trassenberg, an Erkenntnissen Reicher, wohlweislich
-diese Dinge Zerlegender und Aufzeichnender: was bist du gewesen, und was
-bist du jetzt? In Wahrheit, bei Gott, wenn ich auch noch bis gestern ein
-armseliger Fréderic Moreau war, _qui tenait sous san bras un album_, so
-bin ich es heute nicht mehr! Und wenn es wahr ist, daß nichts kommt aus
-nichts, daß ich also nichts sein kann, wozu ich nicht zumindest den
-Stoff zuvor enthielt, das heißt: _wenn_ ich heute etwas andres sein
-kann, daß ich es -- oh meine Unschuld! -- niemals ganz war.«
-
-Benno sprang auf wie eine Stichflamme, daß die kleine Alabasterschale
-bebte und pendelte. »Ich kenne das Buch nicht, Georg,« sagte er mit
-empörter Gewißheit, »aber ich kenne Bücher, die so sind!« Georg sah,
-sich umdrehend, mit glücklicher Rührung all das lange Vertraute wieder
---, die alten Bewegungen der Aufgeregtheit, der Entrüstung, das
-Zurückwerfen des Haars, das mit einem Schritt dahin und dorthin sich
-Pflanzen, das im Nachdenken, bei fast über den Wirbel hochgedrehtem
-Handgelenk über das Stirnhaar Kämmen mit den Fingern, den
-Unglücksausdruck der Brauen, und es war eine Wohltat zugleich, alles
-Süße der Schuljahre wieder zu fühlen in der gebrochenen Stimme, ihren
-glühenden Betonungen und gezogenen Pausen der Überlegung.
-
-»Und es ist entsetzlich!« fuhr Benno nach langem, erschöpftem Dastehen
-fort. »Es ist die Fläche. Nicht die Fläche unserer Er--de -- --, die
-sich wölbt und abhängt nach den Seiten. Sondern sie ist nach oben
-gewölbt, und man kann nicht über den Rand sehn, und alles was gegen den
-Rand hinaufgeraten ist im Umherschleudern der Scheibe, das muß nach
-innen zurückfallen. Schau--er--lich!«
-
-»Fliegen mit ausgerissenen Flügeln in einer Glasschale, -- ja, das sind
-wir.«
-
-Benno schüttelte sich verneinend mit Leidenschaft. »Nein, sage das
-nicht, Georg! Ja, es giebt Stunden, wo es so scheint. Ich kenne diese
-Stunden, diese _horas melancolicas_, und sie sind -- -- entsetzlich!«
-
-»Nun, Benno, aber was heißt das?« fragte Georg behutsam. »Ich denke, du
-bist glücklich?«
-
-Benno setzte sich still und sah vor sich hin.
-
-»Du mußt mich jetzt richtig verstehen, Georg. Ich wäre ein -- --
-Ehrloser, wenn ich mich beklagen würde. Ich bin verlobt -- --, ich werde
-bald heiraten. Und sie -- -- oh, du kennst sie ja leider nicht, und sie
-ist -- -- sie ist -- wie aus Goldstaub! So leicht, so schwebend, und so
-rieselnd. Natürlich hat sie auch ihre Launen,« gestand er voll Großmut
-und Menschenkenntnis, »warum wäre sie ein Weib! A--ber -- -- -- Nein, an
-ihr liegt es nicht, nur -- -- -- Es ist alles zuviel!« schloß er, völlig
-erschöpft.
-
-»Zuviel, Benno?«
-
-»Zuviel! Ja, viel, viel, viel zuviel!« stöhnte er auf wie ein
-gebrochener Held im Theater, die Hand vor der Stirn. »Alles ist zuviel!
-Es ist kaum zu ertragen!« Er sprang auf. »Siehst du, was ist das
-Wunderbare immer wieder im Leben? Das sind die Anfänge! Nie sollte man
-hinauskommen über die Anfänge, und ich -- -- kann es nicht!!«
-
-Leider, dachte Georg, auch in deiner Musik! -- während er halblaut
-sagte: »Brentano!«
-
-»Ja, natürlich, natürlich Brentano, der hat so empfunden wie ich! Gehe
-hinaus -- -- im April! im März! an einem unverhofften Tag. Wie dich da
-alles verlockt! Der Himmel scheint wegzuschmelzen, kaum daß er nahte.
-Dich ziehts mit ihm in das Unendliche der Sonne. Eine unermeßliche
-Bangigkeit zugleich treibt dich fort, und du kommst dir vor, Georg, --
--- wie ein Schauer Schnee. Und alles Glück der Welt scheint sie doch zu
-enthalten -- -- diese Bangigkeit. Oh, du willst dich hinwerfen, du
-willst weinen, du bist aufgebrochen, -- und nun erst -- wenn du liebst!
-Georg, weißt du die Nächte nicht mehr? Die endlos stillen Straßen, die
-einsam leuchtenden Fenster, das nasse Pflaster, und der zitternde
-Stundenschlag. Und das dunkle Fenster endlich -- -- der Geliebten! Aber
--- -- Georg, das erloschene Fenster, hinter dem sie schlief, es enthält
-mehr Wonnen für das Herz, als das Zimmer selbst, wenn du es betreten
-darfst. Es ist alles zuviel! Glaube mir, Georg, es war mir eigentlich
-schon zuviel, daß ich sie kennen lernte. Als ich sie noch grüßen durfte
--- -- von weitem -- --, da schlug mir das Herz, und ich war ergriffen!!
-Nun --« sang er lieblich -- »ist alles ganz einfach geworden. Ist aber
-der magische Kreis einmal durchbrochen, was -- ist -- dann -- noch? Ihre
-Stimme hören -- ihr nachgehn von fern durch die bewegten Gassen --,
-ihren Gang zu sehen --, oh diesen Pendelschlag der Stunde ohne Ziffern!
--- ihr im Wald zu begegnen, wo sie Anemonen sucht an den Abhängen -- --,
-oh Georg, wenn ich erzählen wollte, ich habe Abenteuer erlebt -- --
-unerhört!«
-
-»Was, Benno, jetzt? Ich denke, du willst heiraten?«
-
-Benno lächelte schwermutvoll. »Ich genieße halt meine Freiheit«, sagte
-er natürlich. Dann lachte er verschämt. »Nun, Georg, so genau darfst du
-das nicht nehmen! Das Entfernte still zu genießen, wer will mirs
-verwehren? Und ich brauche das, Georg, ich brauche das. Oh sie ist lieb,
-sie ist edel, sie ist rein, aber daß ich nun täglich ihre Hand küssen
-darf, ihr Gesicht -- --, und sie über alles sprechen zu hören, -- -- zu
-sehn, daß sie ungeduldig ist und hart und -- -- das, Georg, -- -- das
-schlägt mich zu Boden!«
-
-»Und das ist, was ich dir immer sagte, Benno!« fing Georg an und stand
-auf. »Es ist schön. Es ist, so wie du es betreibst, menschlich schön und
-ergreifend, aber: es ist eine Schwäche des Lebens, verstehst du? Stark
-zu fühlen, ist noch keine Kraft, so schön es auch sein kann. Die Kraft
-ist im Bilden, in der Handlung, im Werk. Die >Intensität des Erlebens<,
-ja, so heißt es heut. Erleben, schon das Wort ist mir unleidlich. Das
-sind diese Zusammenballungen, die nachher nichts können als zerfließen.
-Erleben um des Erlebens willen, und keinerlei Wirkung fürs Leben selbst.
-Euer Handeln, euer Meinen, eure Haltung zu den Andern -- alldas bleibt
-unbeeinflußt. Ich will mich nicht besser machen, als ich bin, aber --
-auch ich habe erleben wollen, jedoch nicht -- --, um Erlebnisse zu
-fangen, sondern um meine Lebenskraft zu steigern und wegen der
-Erfahrung. Und wenn ichs zehntausendmal nicht getan habe, so tat ichs
-doch unbewußt, und zuletzt ist es alles in die eine Schleuse
-hineingeströmt. Ihr macht euch Zaubergärten von vornherein aus der Welt,
-dann brechen die wirklichen ein, und schon sind euch alle Schalmeien
-verstummt bis auf die der Trübsal. Bei dir, wie gesagt, ist es schön,
-weil es fromm ist und zart, und du zu weich und zu gütig, das Leben
-entgelten zu lassen, daß es dir deine Träume nicht hielt. Aber sieh in
-die Literatur von heut. Da wird aufgeblasen und aufgebauscht: Einssein
-mit der Geliebten, Ewigkeit der Verschmelzung, und was weiß ich, und
-kaum daß die Geliebte an ihrem Schuhband schnürt, wenn dich eben der
-göttliche Abend berauscht, so geht dir ein Meteorschwarm von Illusionen
-ins Chaos hinunter, und vom Augenblick an sind sie die Verächter, die
-tiefen Greise, die das Herz Gottes im brechenden Lächeln der Dirne
-entdecken, wo es >verreckt<. Sie rasen nach Gott durch die Welt,
-schlagen Fenster und Türen zusammen, brüllen: Ist keiner da? und dann
-endlich -- endlich lächelt ihnen die weise Hure. Die ganze Literatur ist
-nicht zum Teufel, aber zum Zuhälter gegangen, und das Großartigste ist,
-herumzustelzen, die ganze Brust bedeckt mit den Kotillonorden der
-verlorenen Illusionen. -- Diese Folgerungen -- das heißt nur diese
-zufällig zeitlichen des Zuhältertums -- ziehst du zwar nicht, Benno,
-aber im Kern ist es bei dir nicht anders. Hast du nicht immer verklärt
-und erhoben? Und bist du nicht schon getrübt und gesunken?«
-
-»Aber was soll man denn tun, Georg, was soll man denn tun?«
-
-Georg schwieg und sah nach dem Fenster. Ja, was? dachte er still. Auge
-im Auge mit einem Menschen das Leben ertragen, -- das wäre schon viel.
-»Was man tun soll, Benno? Wege giebts so viel wie Menschen. Aber -- man
-sollte vertraun. Nicht immer das Fluten sehen, >die zehntausend Spinnen
-in der Kufe<, das Getümmel der achtlosen Bestien; und die Heiligen
-darüber aus Regenbogen auch nicht. Das Leben ist kein Ballhaus, und ein
-Heiligtum auch nicht, und es wird nicht scharenweise gelebt. Gieb acht
-auf den Einzelnen! Es giebt nur Einzelne. Denen aber vertrau! Von dem
-fall nicht gleich ab, wenn er nicht augenblicks einstimmen will in deine
-Augenblickslaune. Seele kann nicht in Seele gelangen, obschon Leib in
-Leib. Leib fügt sich in Leib, und gezeugt wird aus Zweien das Eine.
-Seele in Seele, was zeugen die? Gemeinsamkeit. Wenn ich das Leben süß
-gefunden habe, so war es darin.« Ach, Cordelia! dachte Georg, und glitt
-von ihr zu der Schwester mit n, indem er sich sagte: Cornelia und
-Cordelia --: die Eine war, was die Andre, und darum verließen mich
-Beide. Eine Wiederholung nur, und ich habe es kaum gemerkt.
-
-Benno saß still da, eine Hand auf der Tischkante neben sich. Er sagte:
-
-»Du hast recht, Georg, natürlich hast du vollkommen recht. Immer hast du
-recht, und überhaupt -- ich bin ja einmal so, daß ich immer auch den
-Gegenteil vollkommen begreife, a--«
-
-»Aber,« rief Georg das Wort, das er längst kommen sah, »aber du handelst
-ja nicht danach! nach deinen Erkenntnissen! Du hängst ab nach zwei
-Seiten wie ein Gespaltener und --«
-
-Benno ließ sich nicht abschütteln, flüchtete hinter Georg ins Zimmer und
-rief, ihm unsichtbar, von dorther: »Nein, und du hast doch nicht recht!
-Ja, das Leben mag so sein, wie du sagst, aber -- -- soll es denn immer
-so bleiben? Und wer macht denn, daß es vielleicht einmal anders wird?
-Würde die Welt nicht stehen bleiben, wenn Alle so wären wie du? Wer
-sorgt für Änderung? Wir sind das, wir! Die Träumer, die Schwärmer, die
-Seher der Ferne. Haben nicht immer Dichter und Weise, sie, die Spiegel
-der Menschheit, das Bild einer Welt aufgefangen, die hinter der
-sichtbaren liegt? Wir haben die wahrhaftigen, die platonischen Gesichte!
-Wir schreiben unsere Träume mit goldenem Griffel in die rosigen Wolken,
-und wer die Schrift liest, den erfüllt sie mit Sehnsucht. Sehnsucht,
-Georg, Sehnsucht! Was helfen denn eure Feststellungen, eure
-Hofmannsthals und Georges, wo alles erstarrt ist! Ich erkenne sie ja an,
-diese Form, ich bewundere sie, aber sie ist die Giftschlange, die euch
-alles erwürgt! Wir, wir, wir, die Träumer, die Schwelgenden auf den
-unerreichbaren Gipfeln, wir --«
-
-»-- pfeifen wie die Rattenfänger, und pfeifen die Narren in den Berg!«
-rief Georg aufgebracht und hieb mit der Faust auf den Tisch. Danach
-verstummte er in plötzlicher Erschlaffung und dachte: Wozu? Er hat ja
-keinen Kern, wie soll ich ihn angreifen?
-
-»Na, lassen wirs gut sein, Benno, wir sind darin zu verschieden. Du --«
-
-»Vielleicht, Georg, -- und doch nicht. Ich verstehe dich ja, wir
-mißverstehen uns nur, ich meine genau das selbe wie du, nur --«
-
-Georg kniff schmerzlich die Lippen zu. »Hör auf, Benno, es hat keinen
-Sinn. Weißt du --, ich bin auch sehr müde. Tu mir die Liebe und laß mich
-jetzt ein bißchen allein.«
-
-»Ich gehe, Georg, ich gehe! Hättest du mir doch nur gesagt, daß du
-vielleicht lieber schlafen möchtest. Es tut mir --«
-
-Georg brüllte beinah, verstummte aber im letzten Augenblick angesichts
-dieser schmelzenden Betrübtheit, die schon die ganze Stunde schwarz sah,
-bloß weil er an ihrem Ende erklärte, müde zu sein.
-
-Benno nahm zärtlich Abschied, und Georg versprach, ihn in Bälde zu sich
-zu rufen, worauf er entfloh.
-
-
- Georg
-
-Nun bin ich bald am Ende der Kraft, dachte Georg, und fiel in den
-Sessel. Er wollte sich eilig bemühen, zu schlafen und zu vergessen. Aber
-die Lehne war rauh und heiß, er war nicht mehr gewohnt, im Sitzen zu
-schlafen, dachte, sich auf das Bett zu legen, aber -- in Kleidern? nein,
-und ausziehn? Er blickte auf die Uhr, -- nein, in einer Viertelstunde
-vielleicht kam die Anna. So rückte und drehte er sich hin und her,
-ächzte leise und meinte zu fiebern. Nicht denken, nicht denken!
-
-Und was ist es denn, was war es, was gab mir wieder das Recht, mich so
-als stärker zu fühlen und gütiger? Ist er mir verpflichtet? oder dem
-Dasein? Es ist schrecklich, aber es ist wohl so, daß jeder Gegensatz an
-dem, den wir lieben, uns mehr Ärgernis bereitet als am Fremden.
-
-Hat er nicht doch vielleicht recht? Wenn er so sprechen konnte, dies
-herausfühlen konnte aus mir: muß dann nicht doch ein quietistischer Hang
-vorhanden sein? >Geh an der Welt vorüber, es ist nichts.< Ja, was will
-ich denn? Ich verstehe mich selber nicht. Ich will ändern; aber alles,
-was ich sehe, ist, daß ich vorläufig nicht kann ...
-
-Er saß schon wieder mit offenen Augen, gewahrte nun das noch
-aufgeschlagene Buch auf dem Tische und empfand bald den Wunsch, sich
-noch einmal nachzuprüfen, oder vielmehr, sich zu beweisen, daß er recht
-hatte und nicht so war, wie Benno ihm vorwarf. Das Buch --, nun, was
-drin stand, hatte seine Erledigung gefunden, aber es enthielt doch
-Angaben über den Weg.
-
-Noch unschlüssig streckte er die Hand nach dem Buch aus, zog es langsam
-heran und begann, es auf dem Tischrande neben sich liegen lassend, zu
-blättern und zu lesen.
-
-Angehängt an das erste der Gedichte, die er Benno vorlas, fand er da:
-
->Wahr im Stoff, unwahr in der Form ist dieses Gedicht wie fast alle
-derartigen, ich meine gedanklichen, von mir. Von der ersten Zeile bis
-zur achten ist alles echt. Bei der neunten beginnt schon leise
-Verwirrung (da ich, als ich dies schrieb, noch nichts ahnte vom Tode!),
-die letzte ist eitel Lüge, das heißt nur Wahrheit des Augenblicks, der
-aus dem Schmerz die Verachtung erzeugte. Wie aber dürfte ein Gebilde,
-das dauern soll, die Prägung des Augenblicks an sich tragen? Bogner hat
-wahrlich recht mit seiner Vergiftung. Ich hob diese Verse als die
-stärksten auf aus meiner Berliner Zeit, und die war so faul, ganz so
-faul wie ein morsches Stück Holz, das leuchtet; nur im Dunkel leuchtet,
-und nur aus Miasmen.
-
-Mit achtzehn Jahren machte ich Gedichte von Heiligen: Er war schon der
-Vollendung fast ganz nah ... So konnte keine Gestalt mir großartig genug
-scheinen, in ihr meinen Seelestoff kostbar zur Darstellung zu bringen.
-Der Vollendung fast ganz nah ... ach, durch drei Jahre war selbst der
-Gedanke an einen Weg zur Vollendung unendlich fern! Auf Schritt und
-Tritt nur Griff um Griff nach dem Nächstliegenden, Ausfüllen mehr
-schlecht als recht, statt Erfüllung, -- warum zum Unheil muß mir ein
-anderer Vers jenes Alters ins Gedächtnis kommen, wenn er auch, schlimmer
-als schlimm in diesem Fall, nicht von mir ist, doch behielt ich ihn
-wohl, ob wider meinen Willen:
-
- Georg, der Trasse,
- Stürzt sich ins Leben wie ins Meer der Schwimmer,
- Drum sieht er nichts als: Masse, Masse, Masse.
-
-Ach, giebt es keine Erlösung aus diesem Klumpen von Wahrheit, der an mir
-hängt? -- Ah, ein Licht! eine süße Strophe: wer sagte sie mir noch?
-
-Richtig, Magda! An dem Morgen nach der Nacht, wo ich nicht starb,
-stellte sie mich wegen eines Briefes, den ich in der Nacht erwähnt habe,
-eines Briefes von mir an sie. Es war jener, den ich für sie bestimmt
-hatte, ihn nachher zu lesen. Ich gab ihn ihr, und sie sagte, nachdem sie
-las: was ich darin vom seefahrenden Sindbad und dem bösen Geist, den er
-schleppen mußte, geschrieben habe, erinnere sie an eine Legende, die
-Jason ihr und noch einigen Andern aus der Friedliebenden Gesellschaft
-einmal erzählt habe, und sie gab mir wieder, was sie davon behalten
-hatte. Jason hatte sie später für Renate aufgeschrieben, und so hatte A.
-die beiden Strophen daraus im Gedächtnis behalten, die mein eigenes,
-leichtes Versgedächtnis mir bewahrte. Die Legende handelte, wie mir
-schien sehr schön, von Orest, den die Eumeniden verfolgten, schlaflos,
-bis auch sie, die Verfolgerinnen einmal ruhen mußten im Schlaf:
-
- Oh Nacht und Tiefe! Draußen auf den Stufen
- Des Hauses ruht die Eumenide nun.
- Noch ist die Gottheit dringend anzurufen,
- So wird dir, was du sehntest: du wirst ruhn.
-
- Die ..... die Wölbung schwindet,
- Gestirne wandern über Wäldern fort.
- Blick hin: er steht schon längst im Winkel dort,
- Schlaf deiner Kindheit, der dich wiederfindet.
-
-Wahr, oh wahr! Wenn wir ihn wirklich finden, den Schlaf, so ist es kein
-fremder, kein erst im Augenblick mühsam aus uns erschaffener, sondern
-Kindheitsschlaf, und er ist es, der >uns wiederfindet<.<
-
-Wunderschön! dachte Georg und gähnte. Alles ganz wunderschön! Bloß --
-wie soll ich damit regieren?
-
-Immerhin, muß ich sagen, enthalten diese Dinge eine gewisse Kraft der
-Sprache und der Formung, die eigentlich nicht nur an dieser Stelle ...
-sondern auch sonst im Leben ... Seine Augen waren ihm zugefallen.
-
-Oder, fragte er noch, ist das Ganze nur ungesättigter Geschlechtstrieb?
-
-Darauf entschlief er.
-
-
- Bogner
-
-Renate stand mit Erasmus nach einem stillen und schönen Spaziergang
-durch den klaren Nachmittag der Wiesen vor Bogners jetziger Behausung,
-die im Tiefland um Böhne, ein kleines Stück unterhalb der alten
-Stadtwälle lag, bis auf ein nahes Gehöft einsam in weiter und flacher
-Gegend.
-
-Renate wußte, daß Bogner einen ehemaligen Tattersall bewohnte; das,
-wovor sie stand, war ein kleines weißgetünchtes Haus, hinter dem sich
-das flache und schwarze Dach eines mächtigen Rundbaus -- der Reitbahn --
-erhob. Auf ihr Klingeln erschien nach einiger Zeit der Maler selber, sie
-begrüßten sich hocherfreut, er führte sie in den Flur und gleich durch
-einen dahinter liegenden Gang zwischen den ehemaligen Boxen der Pferde,
-deren eine nur von einem großen und äußerst dicken braunen Rosse bewohnt
-war -- Renate kam es bekannt vor, ohne daß sie sich gleich erinnern
-konnte --, während die übrigen mit Leinwanden und dergleichen Malsachen
-vollgestellt waren, in die Reitbahn.
-
-In dem riesigen kreisrunden Raum war es noch taghell vom allseitig voll
-einflutenden Licht der breiten Fenster, die Renate für Augenblicke fast
-blendeten. Vor ihr, in der Mitte der Halle waren drei große Rechtecke,
-die nun zu Bildern wurden, Kehrseiten von aufgestellten Bildern,
-liegende Rechtecke, höher als sie selbst. Aufgespannte Leinwande waren
-im ganzen Umkreis an die Wandung gelehnt, häufig übereinander,
-hundertfach zuckend von abenteuerlicher Gestalt und lodernden Farben,
-und Renate ging hastig zwischen zweien der in flachen Winkeln
-gegeneinander gestellten Bilder und drehte sich um.
-
-Da stand sie vor einem so klirrenden Aufgebot der Phantasie, daß sie
-zurückfuhr. Sie mußte sich zusammenraffen, um die Augen auf das nächste
-der Bilder zu heften, wo ein gewaltiger Schwung hinsprengender Pferde
-sie anzog.
-
-Dieses Bild war sehr lang im Verhältnis zur Höhe. Einher vor einer drei
-Viertel der Bildhöhe füllenden Wand von schwarzem Blau flog ein Gespann
-fahler Rosse, graugelb, lebensgroß scheinend und überlebensgroß durch
-ihre Gestaltung, gewaltig an Gelenken, Hälsen und Häuptern,
-langausgestreckt im Galoppsprung. Dahinter -- kein Wagen, nur ein
-einziges Rad mit erzbeschlagenen Speichen in bräunlichem Metallglanz,
-trug die Gestalt eines fast nackten Mannes, um dessen Brustmitte
-geschlagen ein kurzes rotes Manteltuch flatterte, einen Arm und die Hand
-mit einer großen Bewegung des Lenkens ausgestreckt, mit kaum sichtbaren
-Streifen von Zügeln zu den Rossen hin. Dieses Rot des Mantels, das
-bräunliche Weiß seiner Glieder und das fahle Gelb des Gespanns war wie
-das Blau der Arenawand nicht irdisch; unbekannte Farben, entseelt vom
-Lichte dahier, innerlich verfinstert und wie getränkt mit einer tieferen
-Essenz farbigen Daseins. -- Aber Renate erschrak vor dem oberen Viertel
-des Bildes, aus dem Gesichter sie anblickten, tausend wie es schien, in
-Reihen übereinander und immer tiefer und kleiner in eine niemals endende
-Ferne hinein. Und all diese waren schändlich entstellt von Verhöhnung,
-Gelächter, Spott, Roheit, allen Lastern. Und so blickten sie alle in
-einer fleckigen Buntheit, ein wimmelndes Blumenfeld strotzender
-Abscheulichkeit. -- Jedoch unten der Held, schmalen Gesichts, das einen
-eher duldenden als tätlichen Ausdruck trug, zog ruhig dahin.
-
-Dies ganze unerhörte Schauspiel zeigte sich Renate in einem
-außerweltlichen Licht, das nicht darauffiel, sondern ihm, seinen Farben,
-nur entsickerte; in einer trotz der jagenden Fahrt gefesselten Stille;
-tosend und doch tief in Ruhigkeit; in Vereinsamung, in Entlegenheit; in
-einem so fernen Fürsichsein, daß Renate glaubte, über eine Mauer einen
-Blick in verbotene Gegend zu werfen.
-
-Endlich gesättigt fürs erste, trat sie zurück und vor das nebenstehende
-Bild hin.
-
-Hier war Kampf. Im dunkel gehaltenen Vorgrund zur Linken galoppierte auf
-einem grau geharnischten Pferde mit braunen Beinen ein schwarzgrau
-Geharnischter über einen Haufen Erschlagener schräg aus dem Bilde, statt
-des Kopfes nur einen graden Helmtopf mit Augenschlitzen auf den
-Schultern, den braunen Schaft seiner Lanze aus dem Bilde heraus
-gerichtet. Links von ihm tief in der Bildecke zusammengekauert war ein
-nackter Neger, der den Bogen spannte --, dessen Pfeil stak rechts drüben
-in der Weiche eines Sarazenen, der mit seiner reichen Kleidung nach
-hinten schlug, so daß der Pfeilschuß die Breite des Bildes überspannte.
-Den Mittelgrund nahm eine leere Aufhöhung ein, und hier war alles hell,
-weißlich und silbrig, und silbrig grüne und eisbläuliche Erscheinungen.
-Ganz hinten, klein, jagte mit lichtblauen Bannern, weißen Harnischen und
-weißen Pferden ein Reiterzug die Anhöhe herauf und jenseits wieder
-hinunter, entschwindend. Er war herausgekommen aus einem altertümlichen
-silbergrünlichen Stadttor, das vor dem dunklen Hintergrund wie vor einem
-düsteren Meere stand. Inmitten aber, wo der Raum der Anhöhe weit und
-breit frei war, kam langsam, Renate sichtbar erst jetzt, die in der
-Entferntheit kleine Gestalt des Eroberers geritten, gleich erkennbar als
-solcher. Das weiße, massive Roß in lichtblauem Geschirr bewegte sich,
-den dicken Hals angezogen, sich drehend, in einem großartigen Pomp,
-geführt von einem Pagen in Blau und Silber. Der Heros im Sattel zeigte,
-so klein er war, die Züge des Fahrers vom ersten Bild. Er schien eine
-Wolke von weißem Licht um sich zu verbreiten.
-
-Renate staunte, kaum atmend, über die Stille. Die schmetternde
-Gewaltigkeit des Vorganges vorn schmolz im Augenblick an der ruhevollen
-Erhabenheit dessen in der Mitte, dessen Feierlichkeit nun in eins klang
-für sie mit jener, in deren Schutze sie hergekommen war durch den
-sonnenstillen Charfreitag.
-
-So wagte sie sich vor das dritte Bild.
-
-In einem Sessel saß hier die Madonna auf einem kleinen Thron aus
-verschiedenartigem Marmor, schwarzem, weißem und braunem, Stufen,
-Plattform und Säulengeländer, in einem Gewand von ähnlichem schwarzem
-Blau wie das gewitterwandgleiche des ersten Bildes, gradausblickend,
-sehr still -- und plötzlich mit ihren eigenen, Renates, Zügen, den
-unheimlich entfremdeten durch dunkle Brauen und schwarzes Haar. Vor ihr
-der stehende Knabe in einem hellrötlichen Hemd, hatte ein sanft ovales
-Gesicht, von schwarzen Haarsträhnen umrahmt, leicht bräunlich, indisch,
-und die mandelförmigen Augen von lichtem Blau hielten ein zauberhaftes
-Lächeln der Stille wie eine Blume fast mit Fingern empor. Auf dem
-braunen Erdboden davor kniete ein nackter Mensch, der eine schmale Krone
-von braungoldenen Zacken niederlegte, und in den gemeißelten Gliedern,
-weiß mit bräunlichen Schatten, glaubte Renate die des Fahrenden zu
-erkennen.
-
-Und nun von beiden Seiten auf diese Gruppe zu war in schreitender
-Haltung je eine Reihe von Figuren geordnet, in Mänteln, in
-Priesterstolen, mit Tiaren, in Harnischen, in bürgerlicher Festkleidung
-des Mittelalters, Frauen dazwischen, jede behangen mit Farbigkeit, mit
-Purpur und dunklem Grün, braunem Pelz, Violett und bleichem Gelb, mit
-zaubrischem Rosa, gewässertem Blau, Rostrot, und Zimtfarbe. Und jede war
-in sich beschlossen und allein, obwohl oftmals nur ihr Gesicht, ihr
-Oberteil zwischen den Andern erschien, nachdenklich, verschollen, die
-schwer ernsten Züge umwölkt von Zeitlosigkeit, aus der sie blickten.
-
-Diese beiden Züge immer kleiner werdender Figur entfernten sich in
-ruhiger Biegung in den Hintergrund. Daselbst dehnte zu unendlich
-scheinenden Tiefen Landschaft sich aus: ein Strom, grade durchfließend
-von links nach rechts, Brücken darüber, Wälder entfernt, Gebäude. Und
-überall befanden sich und tauchten auf winzige Gestalten, Pflüger,
-Jäger, Pilgerscharen, Wandrer, Reiter, ein Hirt. Und jeder war ein in
-Kristall abgeschlossener Teil Lebens, in seinem Schicksal befangen,
-friedvoll, ein ihm Aufgetragenes ausführend, sein volles Dasein
-darstellend in diesem stillen Augenblick der Handlung, in einem kleinen
-Umkreis von Einsamkeit jeder und in einer Luft ohne Verhängnis. Ah diese
-Luft! Woher kam sie? Ganz klein in der Ferne eine niedrige Kette
-grünlich weißer Gebirgszacken war vom linken Rahmen zum rechten gespannt
-in einer atemlosen Stille; und über ihr rieselte ein morgenfarbener
-Himmel, vielleicht bläulich, vielleicht grau, mit bebenden Ahnungen von
-Licht, von Röte, von erbleichenden Sternen, und doch nichts als
-Schweigen und Hauch des unendlichen Raumes, der in Morgenluft schaudert.
-
-Renate verirrte sich völlig in diesem Bild. Augenblicke lang schien das
-immer wieder anziehende eigene Antlitz sie auf etwas Unerkennbares
-aufmerksam machen zu wollen, allein kaum beim Raten, verlor sie jede
-Besinnlichkeit über der tiefer und schauerlicher gewordenen Entseeltheit
-ihrer Züge von menschlicher Seele; als stünde sie vor blickender und
-atmender Unsterblichkeit, aus der doch in der nächsten Sekunde schon das
-menschlichste Lächeln süßer Ergebenheit wie eine Blume tauchte. -- Dann
-versuchte sie, sich durch die Mauer erstarrter Lebendigkeiten in
-Kleidern einen Weg zu bahnen, aber -- hielt hier das bläuliche Licht im
-Pflaumenschwarz einer Samtbrust, dort das knisternde Grau von Atlas, das
-braune Gold eines Harnischs sie auf --, so jetzt die tiefe
-Leidenschaftslosigkeit all dieser Züge, dieser Gegenstände haltenden
-Hände; dazu der Gedanke, daß nur feuerflüssige Leidenschaft eines
-Schöpfers diese gebildet haben könnte; daß sie deshalb so unbeirrten
-Ernstes erscheinen mußten, weil sonst Übermaß sich ergeben hätte. Nun
-aber hatten sie nur Dasein, und dieses in Ewigkeit. -- Auf einmal hatte
-sie dann doch die Reihe durchbrochen und fand sich selbst auf der
-Wanderung in der dunklen Weite, atmend die Morgenfrühe, die Einsamkeit,
-vorüber an dem stillen Fischer auf der Brücke, zu dem Hirten am
-Waldrand, zum kleinen Pflüger unter dem Eichbaum, -- und schon wieder
-fern allen diesen und bei sich selbst, sah sie jeden in seine entlegene
-Vereinsamung herversetzt aus der Oberwelt; aus mühsalvollem Leben in
-dies elysische Land, ewig fortzufahren im Tagewerk, kummerlos, in der
-zeitlosen Stunde vor Aufgang der Sonne, deren verborgene Strahlen
-niemals diese Berggipfel übersteigen würden.
-
-Sie merkte endlich eine Veränderung an ihren Augen und sah, daß es
-dunkel geworden war. Seltsam waren die eben noch deutlichen Bilder im
-nächsten Augenblick unkenntlich geworden, und mit einem Gefühl von
-Unheimlichkeit wandte sie sich um.
-
-Da standen ja Menschen! Wie? Menschen? oder Gemalte? Erscheinungen?
-Spiegelungen von -- ja, Bogner, Jason und Erasmus, die in der Nähe der
-Wand standen und etwas betrachteten. Sie vermochte nicht hinzugehn,
-nicht zu diesem Menschen, der -- jetzt erst traf sie der Schlag --, der
-dieses gemacht hatte.
-
-Jason aber kam daher, neigte sich freundlich zu ihr und gab ihr die
-Hand. Erfreut von der menschlichen Wärme darin, sagte sie leise zu
-Jason: »Freund, erkläre mir dieses!«
-
-»Dies«, sagte der bereitwillige Jason, »ist gemalt. Es ist ein Werk des
-Lebens und deshalb höher als das Leben. Hier ist nicht Wirklichkeit,
-sondern Bild. Hier ist kein Handeln, das wir kennen, hier ist kein
-körperliches, keine wahrnehmenden Sinne, und deshalb auch keine
-Beziehung, kein Schicksal, keine Verstrickungen und keinerlei Erregung.
-Könnte man derlei nachmachen mit Farbe und Pinseln? Und was käme heraus
-dabei? Dies ist wahrhaftig gemalt: andres Leben, andre Handlung, andrer
-Sinn, andre Gesetze, andere Luft und anderer Boden, der nicht sich
-betreten läßt, und Landschaft und Wesen, die wir nicht anrühren können,
-um ihnen gleich zu sein. Hier ist nichts gelöst als ein sehr einfaches
-Rätsel, nämlich das des Entfremdens. Es ist, wie wenn du einmal in den
-Himmel gelangtest, -- wie fremd müßtest du dir erst werden! Und dies ist
-des Lebendigen letzte Kraft: Schauer und Magie eines höheren Lebens
-hervorzurufen, aus dem die uns anwehende Luft uns die Witterung des
-Ewigen zuträgt.«
-
-»Es scheint sehr einfach«, murmelte Renate kaum bewußt und mußte sich
-wieder zu Bogner umwenden. Sie sah durch verschleierte Augen, daß er vor
-Erasmus stand, eine Hand auf der höheren Schulter des Freundes, der in
-der alten ruhigen Haltung, die sie kannte, den Kopf etwas gesenkt hielt
-und zuhörte, was Bogner leise mitteilte. Indem wurde Renate bewußt, daß
-jener der Anfang ihres Herzens gewesen war, -- und nun dieser das Ende
-sein sollte, und nichts erstaunte sie so sehr als die Ähnlichkeit dieser
-Beiden. Sie konnte sich bald nicht mehr halten, ging zu ihnen, die sich
-nun wandten, und sagte, jeden leise am Arme berührend, dankbar zum
-Einen, dankbar zum Andern: »Ich wußte es wohl, ihr seid Brüder! -- Ich
-habe euch lieb.«
-
-
- Achtes Kapitel
-
-
- Magda
-
-Erwachend aus schnellem und tiefem Schlummer, fand Georg sich
-eingetaucht in ein großes und schweres Gefühl der Feierlichkeit. Aller
-Munterkeit fern, und obwohl hell wach und erquickt, auch ferne von
-Frische, saß er im Stuhl, beladen mit dieser starken und sehr ernsten
-Schwere, in der auch ein traumhaftes Ziehen wogte, so als würden noch
-wie magische Tücher Schlaf und Traum aus seinen Gliedern hervorgezogen.
-Draußen mußte es sonnig sein, denn im Zimmer, das jetzt Schatten hatte,
-zeigten die Dinge sich in tiefem Glanz: die Vitrine voll farbiger
-Stücke, die goldbemalten schwarzen Koffer ihr zu Seiten mit ihren
-rötlichen Stricken, an der Wand überm Sofa die Bilder der Jugendjahre,
-das Sofa selbst und der Tisch, und im Schatten der Türnische, hinter dem
-grauen Rupfen der Bücherregale, zeigte sich für einen Augenblick das
-Zucken eines ewigen Auges.
-
-Schlaf, du magische Wand! dachte er erstaunt. Hindurchgegangen,
-entschwunden uns für Minuten, erwachen wir jenseits als Andre.
-
-Die Taschenuhr, die er zog, stand auf halb Fünf. Also konnte er kaum
-eine Viertelstunde geschlafen haben. Aber wo blieb die Anna?
-
-Er besann sich auf Geschehenes, auf Bevorstehendes. Klemens im
-Sonnenregen erschien mit der grünen Gestalt auf den Armen, -- dann der
-Tote, aufrecht im Sessel, ein Schläfer, der sich gestillt hatte am
-Leben. Nur ein leiser Schmerz ging von ihm aus, so daß es war, als ließe
-die mystische Schwere, die Georg umhüllte, keine tatsächliche sonst zu.
-Auch bewegten die wenigen Gedanken, die er erscheinen sah, sich
-gleichsam mit kleinen Schritten, leicht und gebunden wie Kinder am
-Sonntag. Was stand denn bevor? Was? -- Dieser Gedanke war zu schwer und
-ließ sich nicht heben.
-
-Georg erhob sich, trat an den Schreibtisch und blickte hinaus.
-
-Ja, es war heller Sonnenschein. Der Schatten des Südflügels bedeckte,
-wie an unzähligen Sonntagnachmittagen zuvor, den Hofraum zur Hälfte;
-Mauer und Fenster drüben erglänzten im Ausdruck der stillen
-Verlassenheit, die dem Sonntagnachmittag eigen ist überall auf der Welt;
-auf dem Dache, das, weil es höher war, sonniger schien, ruckte die
-Taubenschar, schillernd, deutlich mit ihren Schatten, und im vollen
-Leuchten vor der azurnen Himmelstiefe stand der weiße Turm mit dem
-Uhrblatt goldener Zeiger und Ziffern, der schwarzen Glocke im Innern, in
-dem luftigen Meer ein sehr stilles Riff, hinter dem die ruhige Überfahrt
-der bergichten Wolken schön vorüberglitt. Eine traumhafte Welle von
-Heimweh und Abschied ging langsam zitternd über dies hin und machte es
-um einen Hauch dunkler, ehe sie wieder verglitt.
-
-Traumhaft jetzt war auch das leise Pochen an der Tür und das Eintreten
-Annas in einem Kleid von der lavendelblauen Farbe, die sie zu lieben
-schien, nebst Egloffstein, der hinter ihr einen kleinen Tisch mit dem
-Teekessel und Geschirr hereinrollte und mit seiner sicheren und
-lautlosen Geschäftigkeit für eine Minute das Zimmer erfüllte. Dann saß
-Magda im Sessel am Fenster, in den Tassen rauchte der honigfarbene Tee,
-sie ließ die Augen umhergleiten, ihre Tasse im Schoß, und fragte mit
-lichter Stimme:
-
-»Ist noch alles wie früher, Georg? Hängt die Schale noch über mir?«
-
-»Ja, Anna.«
-
-»Und die Bilder, und der Schrank -- alles wie immer?«
-
-»Ja, Anna, aber wie sonderbar du sprichst! Als wolltest du Abschied
-nehmen.«
-
-Hierauf antwortete sie nicht, und Georg, die Tasse aus ihrer Hand
-nehmend und seine Linke statt ihrer hineinlegend, fragte, das Gesicht
-nahe am ihren: »Sprich die Wahrheit, Anna, kannst du wirklich irgend
-etwas sehn?«
-
-»Jetzt«, sagte sie ruhig, »sehe ich dein Gesicht und sogar deine Augen.
--- Sehen, wie du und Alle -- nein, Georg, das kann ich nicht. Aber es
-ist immer hell, auch an den schlechtesten Tagen, wenn ich abgespannt bin
-oder erregt. Sonst kannst du glauben, daß ich so viel sehen kann, wie
-man braucht, um allein seinen Weg zu finden. Nur zu Schatten ist alles
-geworden, aber --« sie hob seine Hand, »man kann fühlen.«
-
-Georg, dicht vor Augen ihren sacht sich bewegenden Mund, die ganzen
-Züge, offen, ausdruckbedeckt, durchspielt von innen, unendlich sinnvoll
-und beseelt um das tote Braun des einen und das lebendigere, aber
-gefleckte des andern Auges, -- er fühlte nach Sekunden, daß ihr Mund
-näher wollte zu ihm, und kam ihm entgegen. Ihre Lippen berührten sich
-behutsam und blieben so lange Zeit, ehe sie sich wieder ließen.
-
-Eine Weile später erinnerte sie ihn dann, daß er ihr noch habe vorlesen
-wollen. Er widersprach nicht, meinte aber, das Buch aufnehmend, es sei
-doch alles kaum von Belang, außer für ihn selber. Zumal da sie alles von
-Bogner Handelnde schon gelesen habe. Er wolle aber einmal zusehn, ein
-paar Worte von Bogner stünden zwischen dem Übrigen. Blätternd derweil
-hatte er bald gefunden.
-
-»Ja, dies sagte er einmal: >Die den Menschen erzeugte, und die er
-erzeugt: Natur und Kunst, diese beiden sind. Er selbst ist noch nicht.<«
-
-»Nein, Georg, was ihr euch alles ausdenkt!« rief Magda unschuldig.
-
-»Was, Anna, nimmst du uns nicht ernst? Bogner nicht ernst? Dann höre,
-was er noch sagte, hier steht es: >Der Mensch ist nur dazu da, um Natur
-in Kunst zu verwandeln.<«
-
-»Das glaub ich. Ja, so muß einer sprechen. Nur weiter!«
-
-Georg las:
-
-
- »Porzellan
- (nach einem Wort Bogners)
-
- Das ist die edle Alchymie des Leidens,
- Die, sehnlich nach des Himmels Gold, erfand
- Der Erde kräftig zartes Porzellan,
- Drin Kochendes sich kühlt, -- das dauerhaft
- Gezeigt wird Enkeln an der Ahnen Festtag.«
-
-»Davon ist aber zumindest die Hälfte von dir, Georg«, bemerkte sie
-heiter.
-
-»Aber keineswegs! Von mir ganz allein dagegen ist dies:« Er las ernst:
-
-
- »Nur tiefer
- (Im Gedächtnis Ulrika Tregiornis)
-
- Der Tote, den du liebst, an seiner Hand
- Führt er dich mit hinaus aus deiner Welt.
- Du siehst dich um. Und wie der Schleier fällt,
- Nur tiefer stehst du da in deinem Land.«
-
-»Ulrika ...« sagte sie leise. Dann: »Welch ferne, ferne Musik!«
-
-Georg ließ das Buch sinken und empfand lastender die Schwere, die auf
-ihm lag. Über der ehernen kalten Meerflut erschien wehend der grüne
-Deich mit dem einsamen Grabesblock, und das Auge der Verlassenheit erhob
-sich darüber, ohne Bewegung. Georg glaubte, nicht gleich weiterlesen zu
-dürfen, und glitt langsam in den ersten Absatz einer Niederschrift, die
-allein vor den andern ein Datum zeigte, von dem er jedoch nicht mehr
-wußte, was es bedeutete, und erst mit dem Anfang des zweiten Absatzes
-fiel es ihm ein mit dem Heimwehstich, den er bekam.
-
->Wenn deine Freundin über irgendeine Sache Tränen vergießt, und zwar in
-einem Maß, das dir unbegreiflich erscheint, und wenn du dann fragst, und
-sie sagt: Es ist nichts! oder: Ich weiß nicht warum, -- so fliehe gleich
-von ihr, denn über vier Wochen oder in einem halben Jahr wird sie dir
-oder ihr etwas Furchtbares antun, dessen Tränen sie damals ahnungsvoll
-vorausweinte.
-
-Dies gab sich mir heut zu erkennen, als Cornelia mir am Abend nach ihrer
-Rückkehr mitteilte, daß sie nicht bleiben könne. Nicht nur ihr unmäßiger
-Schmerzausbruch vor Wochen, als sie nur auf acht Tage fortzugehn mir und
-sich selber versprach, wurde mir Erinnerung, sondern diese zog noch zwei
-andere mit sich, nämlich Cordelias Verzweiflung ohne Maß und Grenzen,
-damals, als sie Theater vor mir gespielt hatte, und Annas Weinen,
-damals, als ich sie küßte.
-
-Da alles, was mit uns geschieht, aus uns geschieht, so gehört freilich
-nur ein tieferes Eingebettetsein in die eigne Natur dazu, um zu ahnen;
-und wie es scheint, sind Frauen so veranlagt.
-
-Cornelia also geht. Der Mensch hält sie fest. Dies ist auch ein
-Grundsatz über Frauen -- und nicht die schlechtesten: Gieb ihnen zu
-wählen zwischen einem Geschenk und einem Opfer, sie strecken mit
-tödlicher Gewißheit die Hand nach dem zweiten aus. Mit bis zum
-Unverstand tödlicher Gewißheit.
-
-Dieser Mensch war vor einigen Jahren dermaßen von Krankheit besessen,
-daß er einmal wochenlang hungerte, aus Unfähigkeit, in einen Laden, in
-ein Speisehaus zu treten, so daß er vom Frühstück der Zimmerwirtin
-lebte. Als er einmal ein polizeiliches Papier verloren hatte, mußte er
-und die Cornelia mit ihm jeden nur erdenklichen Fetzen, gleichviel
-welcher Größe oder welcher Farbe und gleichviel wo, im Haus, auf den
-Straßen, im Theater, aufheben und ihm zeigen, daß es nicht das verlorene
-war. Heut ist er kränker als jemals, einem Idioten ähnlicher als irgend
-etwas das sein könnte; was an ihm zu tun ist, könnte jeder Wärter gerad
-so gut und besser besorgen -- denn ein solcher wäre standhaft, während
-Cornelia sich mit verzehrt --, allein: sie muß. Ihr bricht das Herz im
-Gefühl für mich; aber sie muß.
-
-Ich habe ja wohl kein Recht, einen bittern Geschmack im Mund zu
-bekommen, -- da ich sie nicht liebe. Aber mir ist bitter. Und ist es
-nicht alter menschlicher Unverstand? In einem Heim für idiotische Kinder
-sah ich strotzend blühende junge Mädchen und Frauen sich abmühen mit
-diesen für alle Ewigkeit verdorbenen Geschöpfen, an die sich all jene
-schöne Kraft und Willigkeit sinnlos vergeudete. Ist es nicht sinnlos,
-daß, wenn hier ein Kranker ist, der ein gewisses -- sagen wir eine
-gewisse >Luft< braucht, um zu gesunden, diese einem Gesunden entzogen
-werde, der ihrer bedarf, um gesund zu bleiben? Ist nicht dies das
-erstlich Wünschenswerte: Gesundheit zu erhalten, danach erst: Krankheit
-zu heilen? (davon abgesehn, daß es in diesem Fall nicht einmal um
-Heilung geht.) Die Ärzte, soviel ich weiß, unterschreiben mir den ersten
-Satz, jene jedenfalls, die für den Kranken dazusein glauben und nicht
-für ihre Rechnung, denn wahrhaftig, wenn es Leitsatz der Menschheit
-wäre, auf die Erhaltung ihrer Gesundheit zu sehen, so könnte die Hälfte
-aller Ärzte Anwalt werden oder Pastor, um statt für Körperheil für
-Seelen- und Vermögenheil zu sorgen. --<
-
-»Willst du nicht mehr lesen?« hörte er sich, noch bevor er die letzten
-Sätze erreicht hatte, gefragt, und erwiderte, sie mit dem Blick
-überfliegend:
-
-»Etwas hätte ich dir gern vorgelesen, -- aber es ist etwas lang. Du hast
-es nicht schon gelesen? Es ist das Letzte im Buch, die Überschrift
-heißt: Ultimo, -- so habe ich es genannt, weil es damit >am letzten< mit
-mir ist. Mein letztes Wissen steckt darin, und -- ich möchte dich
-bitten, wenn ich nun lese, zu glauben, daß es -- nun, daß es sich nicht
-um Einfälle handelt, sondern daß es -- wirklich mein Äußerstes ist,
-nicht wahr, mein Letztes, die gesammelte Erfahrung von allem, was ich
-er--lebte. Es sind Wochen vergangen, während ich es schrieb, und das
-weiß ich noch, daß fast jeder Satz so langsam kam, als währte er eine
-Stunde, und wenn er dann dastand ... aber gleichviel.«
-
-Georg brach ab und schwieg. Eine Weile später begann er zu lesen.
-
-
- »Ultimo
-
- Motto: Wahrheit ist es nicht;
- es ist meine Wahrheit.
-
-
- I
-
-Wenn wir uns klar zu werden versuchen über die Wirkung eines Dinges auf
-uns, das wir schön nennen, welcher Art dasselbe auch sei -- der Natur,
-der Kunst, dem Handwerk entsprossen --, so wird die einfache Antwort
-lauten: Befriedigung.
-
-Wir fühlen da eine magische Kraft von dem Schönen ausgehend uns treffen,
-die, vom tiefsten Erstaunen zur höchsten Freude, eine mehr oder minder
-mächtige Wallung in uns erregt, als würden alle gelockerten Bestandteile
-unseres Seins durcheinander gewirbelt; als fühlten wir in diesem ersten
-Stadium der Ergriffenheit das Chaos Welt, dem wir angehören. Danach
-atmen wir auf; der Schrecken besänftigt sich, das Unglaubliche, die
-Fremdartigkeit des Schönen, wird glaublich, da die Erscheinung bleibt,
-und nun fühlen wir uns erlöst, fühlen uns geheilt, fühlen uns zufrieden.
-Das Chaos in uns, oder die Unordnung, ist wie zum Kristalle
-zusammengeschossen, und das Schöne ist der Kristall. Die Verworrenheit
-der tausend Stimmen in uns hat ihren Einklang gefunden, und das Schöne
-ist der Einklang. Und die wundervolle Ausschließlichkeit des Schönen,
-die alle andern zurückdrängt hinter seiner glückhaften Erscheinung, sie
-vollendet in uns die Gewißheit, daß die Welt zu einer Ordnung kam, zu
-einem umfassenden Sinn, einer Sammlung, einer Stille, einem Frieden.
-
-Hierin liegt mit ganzer Notwendigkeit die Folge beschlossen, daß, was
-wahrhaft schön ist, auch gut sei.
-
-
- II
-
-Gefälligkeit, dies ist die Wurzel des Schönen. Was dem Menschen gefiel,
-das taufte er schön. Nun aber hat es nichts Schönes oder Gefälliges
-gegeben, bevor der Mensch es nicht selber gemacht hätte. Wir heute sind
-wohl imstande, eine Blume, eine Färbung des Himmels -- Dinge, die früher
-auf dieser Erde vorhanden waren als der Mensch -- wohlgefällig zu
-empfinden; denn das Schöne ist heute in uns, wir besitzen es eingeboren,
-wir erkennen es, aus uns heraus, wieder. Daß dies heute so ist, kann
-einzig daran gelegen haben, daß die einstmalig unbewußte Erkenntnis des
-Schönen ganz durch uns durchging: daß wir ein Ding machten mit unserer
-eigenen Hand, das unser Gefühl für Gefälligkeit zum Ausdruck brachte.
-Wir mußten dem Gefälligen außer uns, das wir erkannten, nachahmen, was
-nachstreben heißt, nicht nachmachen, welches erst die Folge von jenem
-ist oder die Handlung als Verwirklichung jenes Empfindens. Wir mußten
-empfangen haben, gänzlich zu eigen genommen, das Empfangene durch unser
-Wesen verleiblicht haben, um es schließlich aus uns heraus zum Quellen,
-Erstehen, zu eigenem Leben zu bringen. Das Schöne -- nunmehr zum zweiten
-Mal außer uns, vor uns stehend, wieder fremd und doch unser Eigentum
-nun, beglückte uns durch sein lächelndes Dasein.
-
-
- III
-
-Es war eine Schale. Es war die einem Tierschädel nachgeahmte, aus Binsen
-geflochtene, mit Lehm verklebte, gewölbte, gerundete, geglättete erste
-Form eines Gefäßes, ein freudiges Lachen erregend, weil sie ähnlich
-geworden, weil sie rund und glatt und gefällig war, weil der Mensch sie
-gemacht hatte, nicht die Natur.
-
-Und welch unbewußtes und hierin unendliches Gefühl der Sicherheit!
-Sicherheit im Können, im nun Wiederholenkönnen, in der ganzen
-Unleugbarkeit des Gefertigten, das sich abgesondert hatte aus dem
-notvollen, angstvollen Wirrsal der Welt. Ein Maß war jetzt geschaffen,
-der Mensch hatte Maße, die sich abnehmen und anlegen ließen, und er
-konnte im Weitergang schaffender Erfindung Teile bilden an einem Ganzen,
-die unter sich einen Frieden hatten; konnte ein Ganzes zerlegen, ohne
-daß es zerfiel; er war im Besitze des Einklangs, im Besitze einer Kunst,
-ein Hundertfältiges, das ihn verwirrte, zu vereinfachen, und als ihm
-diese Einfachheit bedrohlich wurde durch Strenge, sie wieder aufzulösen
-durch die Verzierung. Er besaß nun das Schöne.
-
-Der Mensch wirkte das Schöne mit vieler Müh. Der noch keines Guten sich
-deutlich bewußt war, schon war er gut durch eine Kraft der Güte, die ihm
-aus den Händen quoll in das Werk.
-
-Gute Geister walteten schon: Vorsicht, Behutsamkeit, Besinnlichkeit und
-die Nimmermüdheit. Liebe kannte er nicht, aber liebevoll war er nun
-schon durch Geduld.
-
-Geduld, die Erhalterin seiner Mühseligkeit; Geduld, welche dann ihn
-belohnte durch das erschaffene Schönding aus seiner eigenen Hand.
-
-
- IV
-
-Heute sind wir nun fern von der Quelle, verirrt im hundertarmigen Delta
-des Stroms, am Rande des Meers. Was einmal einfach gewesen, haben wir
-bis ins Unzählbare gespalten; alles ist uns getrennt, auch das Schöne
-vom Guten, die uns nicht mehr beschlossen sind ineinander wie Vogel und
-Ei, unkenntlich, was früher gewesen; sondern die nun gegeneinander
-gerichtet stehn, die wir abwägen, die wir gar zu Feinden gemacht haben,
-daß wir sagen: das Schöne ist unnütz, aber Gutsein ist not! Und daß wir
-den einen Schönling nennen, der bei vieler Liebe zum Schönen kein Herz
-in sich habe für das, was gut ist.
-
-Doch nicht hiervon sei die Rede, sondern die Frage ist die: Wenn Beide
-einmal Eines gewesen sind, Schönes und Gutes, gleichviel denn, welches
-das Erste gewesen: müssen nicht auch die Eigenschaften des Guten die
-gleichen sein wie des Schönen, und die Wirkung die gleiche: ein
-Wohlgefallen, eine Erlösung, eine Befriedigung?
-
-Ja. -- Das Schöne, das wir erzeugten, hat die Gestalt des Werkes; das
-Gute, das wir erzeugen, hat die Gestalt der Handlung. Wohlgefällig ist
-uns das Schöne wegen des Einklangs, wegen der Ordnung, wegen der
-Beruhigung, in die uns die Welt da versetzt scheint. Wohlgefällig ist
-uns die gute Tat wegen des Einklangs, in die sie uns selber versetzte,
-wegen des Friedens, den sie über unsre Verworrenheit brachte.
-
-Verworrenheit -- die ist immer, und die ist das Böse; Einfachheit und
-Einigkeit, Klarheit, Ruhe, Frieden, die sind das Gute.
-
-Verworrenheit aber ist Leiden; Einigkeit ist das Heil, ist die Tröstung.
-
-Böses und Gutes beide, sie sind nicht in der Welt, sie sind allein in
-dem Menschen, der sie erkannte, so daß sie in ihm waren. Der an dem
-Einen litt, so daß er das Andre empfand.
-
-Uralte Verworrenheit, ewige Unruhe, das war die Welt, aus der er kam.
-Überfülle, Verschwendung, Versuche tausendfacher Gestaltung -- und das
-Streben nach Einheit: das war der Schacht, dem er endlich entstieg. Er,
-daß er es nicht leide! Daß er es in sich erleide und zu ändern willig
-werde. Er, der leiden lernte durch das Böse und sich heilen durch das
-Gute.
-
->Denn das Gute, das ich will, das tue ich nicht, sondern das Böse, das
-ich nicht will, das tue ich.<
-
-Denn seiend ist meine Verwirrtheit, das Böse, und ich tue sie allezeit,
-da ich bin; strebend aber, werdend ist das Gute. >Wollen habe ich wohl,
-aber vollbringen das Gute finde ich nicht.< (Römer 7, Vers 19 und 18.)
-
-
- V
-
-Gut zu handeln, haben wir gesehen, ist not. Wir finden die Richtschnur
-dieses Handelns unter den Worten Dessen, zu dem wir immer zurückkehren,
-seit er erschien, und es ist das Wort, von dem er selbst sagte, daß in
-ihm das Gesetz hange. Es lautet bei Matthäus:
-
->Ihr habt gehört, daß da gesagt ist: Auge um Auge, Zahn um Zahn. Ich
-aber sage euch, daß ihr nicht widerstreben sollt dem Übel, sondern, so
-dir jemand einen Streich giebt auf deinen rechten Backen, dem biete den
-andern auch dar.<
-
-Nicht begrifflich, sondern um deutlich verstanden zu werden, drückte er
-seine Lehre so gegenständlich aus; stellte zwei Menschen einander
-gegenüber und wies auf den Vorgang.
-
-So wollen wir auch, um auf den Grund der Lehre zu kommen, den Vorgang
-auseinanderfalten, damit wir zur Erkenntnis derjenigen Eigenschaft des
-Menschen kommen, aus der die Guttat entspringe.
-
-Der Vorgang hat seine Vorgeschichte. Ein Mensch schlägt einen andern;
-ein Mensch also hatte Streit, war verfeindet mit einem andern, glaubte
-sich also von dem andern ein Unrecht zugefügt, rechtete mit ihm, traf
-ihn. Aber die zum Widerschlagen erhobene Hand soll sinken. Ja, nicht nur
-dies; auch die andre Wange soll dargehalten werden zum neuen Schlage, --
-was heißt das?
-
-Es heißt: der Geschlagene soll sich besinnen. Sich besinnen aber, das
-heißt fragen: Warum ward ich geschlagen? -- Wie lautet die Antwort? Weil
-jener glaubte, ich hätte ihm unrecht getan. Habe ich das? Nein. -- Nein
--- oder vielleicht doch. Ja, vielleicht ist da ein Unrecht doch
-irgendwo. Vielleicht nicht dieses; vielleicht ein andres. Wir sind
-allzumal Sünder. Wir sind uns Alle verschuldet. -- Da wird er auch die
-andre Wange darhalten.
-
-Wie aber nennen wir die Eigenschaft, wie nennen wir die Gemütsverfassung
-eines Menschen, der imstande ist, bei geschlagener Wange solche
-Erwägungen anzustellen, zu einer solchen Einsicht zu kommen?
-
-Geduld.
-
-Geduld, o du zeugender Vater des Schönen! Geduld, o du leidende Mutter
-des Guten!
-
-
- VI
-
-Wie nun aber? Der Mensch, wie wir ihn sehn, ist nicht geduldig geraten;
-in zwei Jahrtausenden seit jener Lehre ist er nicht geduldig, ist er
-vielmehr ungeduldig geworden, so daß ihm immer das Licht unter den
-Nägeln brennt, so daß er nur schreien kann: Auge um Auge!
-
-Und gesetzt also, es träte einer auf, der hätte die heilsame Panazee,
-und die ganze Menschheit strömte zu ihm und ließe sich impfen mit
-Geduld: würde sie -- wie sie einmal beschaffen ist! --, würde sie heil
-werden und gut?
-
-Nein, sondern die Lymphe würde sich, >wie sie einmal beschaffen ist!< in
-ihr in Gift verwandeln, und die unaufhörlich zerdrückte, verschluckte,
-verbissene Ungeduld würde sie so zersetzen, daß sie am Ende zerreißen
-müßte.
-
-Sie kann -- entfernen wir jenen _deus ex machina_ wieder --, sie kann,
-wie sie einmal beschaffen ist, nicht zur Geduld kommen. In allem ist sie
-auf einer immer geschwinderen Jagd; weniger heute als jemals kann sie
-einhalten. Geduldig sein heißt zurücktreten; geduldig denken heißt
-zurückdenken: sie kann immer nur vorwärts.
-
-Dies alles aber, warum ist es denn so, und was ist der Fehler am Grunde?
-
-
- VII
-
-(Vielleicht ist der Fehler dies: Von der ganzen Menschheit ist weitaus
-die größte Mehrzahl mit sich, mit dem Leben, mit der Welt, selbst mit
-dem Leiden darin zufrieden. Vergeßlich beschaffen, würden sie ein
-andres, besser genanntes Leben, so mans ihnen verschaffte, annehmen,
-aber aus sich heraus wollen sie kein andres.
-
-Eine kleine Zahl von dem Rest hat zwar eingesehn, daß sie nicht
-zufrieden sein darf mit dem, was sie hat, und daß alles anders sein
-sollte. Wie sie aber beschaffen sind, vermögen sie sich von der
-zeitlichen Grundlage, auf der sie stehn, nicht zu entfernen; sie sehen
-nicht ein >Alles<, sehen kein Ausdemgrunde, das zu ändern wäre, sondern
-nur ein Vieles, und jeder ein Andres, und der Eine meint dieses, der
-Andre das, welches geändert werden und welches geändert auch alles
-Übrige umwandeln müßte, -- und der Erfolg ist nur Hader. Ganz wenige
-sind, die das >Alles< erkannten und die volle Unmöglichkeit dieses
-Lebens, in das wir Alle verstrickt sind.
-
-Diese stehen einsam in der Verstrickung, wissen weder sich selbst noch
-den Andern zu helfen, und wenn der Eine sich begnügt, ein System zu
-entwerfen: wie es eigentlich sein sollte, so hat der Andre nichts als
-den heiseren Nachtschrei zu Gott.)
-
-
- VIII
-
-Geduld dächte rückwärts und würde erfahren: die Schuld liegt bei mir;
-Ungeduld denkt nicht.
-
-Geduld ist stark; Ungeduld ist schwach.
-
-Geduld hat Vertrauen und glaubt der eigenen Rechtlichkeit. Schwäche ist
-Mißtrauen; sie ist Befangenheit in der uralten Verwirrung, erkennt nicht
-das Gute, dessen Sehnsucht, dessen Gebot und Kraft; sie mißtraut sich
-selbst und den Andern. Sie hat in sich keinen Halt und vermutet ihn bei
-keinem. Der Halt ist Glauben; der Anhalt ist Gott.
-
-
- IX
-
-Unzählbar in den Evangelien und Episteln sind die Worte vom Glauben.
-Lösen wir aus diesen und aus jenen, aus der Darstellung und der
-Auslegung nur die beiden heraus, die uns am tiefsten zu leuchten
-scheinen, so lautet das eine (bei Johannes im 11. Kapitel, V. 25):
-
->Ich bin die Auferstehung und das Leben; wer an mich glaubt, der wird
-leben, ob er gleich stürbe.<
-
-Und das andre (im Paulusbrief an die Römer, Kap. 3, V. 28):
-
->So halten wir nun dafür, daß der Mensch gerecht werde ohne des Gesetzes
-Werke, allein durch den Glauben.<
-
-Wie muß einmal aufgehorcht sein bei diesem Wort! Vom Glauben und
-Glaubensollen war in den Gesetzen Jehovas nichts zu lesen -- dessen
-Dasein verbürgt war, so daß es keiner Mahnung zum Daranglauben bedurfte
---, und die Götter der Griechen freuten sich ihres Daseins, aber sie
-hatten keine Satzung daraus gemacht.
-
-Ich möchte fragen: Muß nicht dieses das Neue gewesen sein, das bewog und
-anzog? War es nicht eben so, daß die alten Götter kraftlos geworden
-waren, daß sie sich erdrückt hatten durch ihre Vielzahl, daß ihre
-unhaltbar gewordene Vielfältigkeit hinlosch auf jenem Altar, wo die neue
-Flamme der Einzigkeit und der Einheit entbrannte, und an welchem
-geschrieben stand: >Dem unbekannten Gott<?
-
-Mißtrauen gegen die alten Götter bereitete dem neuen den Weg, denn die
-Menschen wollten noch glauben. So kam der Neue mit seiner
-Heilsverlockung: Wer an mich glaubt, der wird leben!
-
-Das Wort leuchtet wie keins. Seine Überzeugungskraft flammt so heraus,
-daß auch der Ungläubige sich ergriffen fühlen muß; daß er, solange er
-fühlen kann, wie all jene in ihrer Verworrenheit, ihrer Verlassenheit,
-in ihrer Ausgesetztheit in den Tod, aufbrennt in dem Verlangen,
-blindlings zu sein und zu glauben.
-
-
- X
-
-Was heißt glauben? Das griechische Wort heißt >_pisteuein_< und
->_pistis_< der Glaube. Es heißt, überzeugt sein, daß etwas so ist, wie
-es sich darstellt, und darauf vertrauen.
-
-Da aber Christus nur die Verleiblichung Gottes auf Erden war, was heißt
-glauben?
-
-Überzeugt sein und für wahr halten, daß Gott der Herr ist, der die Welt
-erschaffen hat samt allen Kreaturen und diese erhält; daß er allmächtig
-ist, allwissend, und allweise; daß von ihm alles abhängt, daß er die
-Vollkommenheit ist, die unsre Sinne nur zu fassen zu stumpf sind, in die
-wir aber dereinst eingehn werden, dieweil es versprochen wurde: >Wer an
-mich glaubt, der wird leben!<
-
-Die Worte stehn da, unmißverständlich wie etwas. _Pistis_ -- der Glaube,
-so heißt es, nicht anders. Die Menschen vertrauten, und wie ging es
-weiter?
-
-Sie waren Menschen, zwar glauben wollend, allein mißtrauisch beschaffen;
-waren Menschen, die aneinanderhingen, nicht jeder für sich allein
-glaubten, sondern in ihrer Gemeinschaft, und so -- wer beschriebe den
-ganzen Verlauf? -- ward aus dem Glauben Gesetz, das lebendige Neue
-wieder zum toten Alten, und weiterhin durch die Flucht der Gezeiten die
-Verkalkung im Ritus, im Zeremonial, in der Formalität, im großen
-Mummenschanz einer >allein seligmachenden< Kirche. Das Mißtrauen nahm
-überhand wie die Sintflut, die Schwachsinnigen konnten noch glauben, im
-Aberglauben und im Stein ihres Zeremonials; die Starken, die noch in der
-Lebendigkeit, in der Wahrheit glauben wollten, als auch in ihren Augen
-der alte Außengott, der die Erde erschaffen hatte, seine Glaubwürdigkeit
-verlor: sie wandten sich ab von dem klaren Tage ins Dunkel. Aus ihnen,
-die wir deshalb die Mystischen nennen, schlug noch einmal die
-Glaubensnot mit rasender Flamme hervor, riß Gott aus den Himmeln
-herunter und verzehrte ihn, so daß es nun hieß:
-
- Ich weiß, daß ohne mich Gott nicht ein Nu kann leben,
- Werd ich zunicht, er muß vor Not den Geist aufgeben.
-
-Gott wurde hineingezogen in die Welt, in den Menschen; er war nun in
-allem, im Stein, in der Pflanze, in jeder Pore am Leib. Die das
-glaubten, waren die Starken, die Inbrünstigen, die Feurigen, Seelischen,
-Leidenden, Strebenden, Guten. Und noch trat Luther hervor, streitbar,
-ein Held, der den Christen kriegerisch wollte, der brannte und sich
-dämpfte, und der noch einmal einen stämmigen Herrgott schuf nach dem
-Bild seiner Stämmigkeit; ein Gott, der, wie mir scheint, bald innen war,
-bald außen, widerspruchsvoll wie der Mensch selber, Luther. Da aber die
-Menschen keinerlei Widersprüche ertragen können, so bildete sich auch
-kein Luthertum, sondern ein kühler mittlerer Protestantismus, der
-vielerlei Möglichkeit offen ließ bis zum völlig Absurden einer heutigen
-Liberalität.
-
-Die Schwachen aber, die Haltbedürftigen, all die Notleidenden, Kranken
-an der Armseligkeit ihres Daseins, die Gebrochenen von Geburt an, die
-Unterdrückten, Taglöhner ihrer Hände, Sklaven der Maschine,
-Zusammengepferchte mit ihresgleichen, ohne Luft, ohne Licht, ohne Geduld
-über sich, ohne Schönheit, Enterbte, Verschnittene des ewigen Lebens:
-die sollten an einen Gott glauben können, der in ihnen ist, der sie
-selbst sind? Sie in ihrem Morast, in ihrem Ekel, ihrer Entrechtung,
-ihrer Entnervung, sie sollen Kraft haben zu sowas?
-
-Vielmehr hat der Teufel Mißtrauen sie All an der Kehle und beißt ohne
-Unterlaß hinein.
-
-
- XI
-
-Ich, der nicht glauben kann, der ich aber eine unaussprechliche
-Sehnsucht habe, mich zurechtzufinden, zum Frieden zu kommen; der ich
-diesen und jenen Weg versuchte, mein Hirn zernagte, mein Herz zerklopfte
-und überall so gierig wie ein verhungerter Wolf suchte nach der Speise
-des Lebens: ich habe allezeit eine bestimmte, wiewohl anfänglich unklare
-oder gar bewußtlose Abneigung empfunden gegen die Aufrichtung eines
-nichtpersönlichen, sondern eines in der Welt beschlossenen, aus ihr und
-durch sie, >in allem< seienden und wirkenden Gottes. Meines Wesens in
-allen Sachen der Seele oder des Herzens nach Einfachheit strebend, ja,
-zur Einfalt geneigt, war und ist mir immer die Vorstellung von Gott mit
-dem Persönlichen unauflöslich verbunden. Warum denn Glauben, warum
-Vertraun? Ist Gott nicht dieses menschenähnliche, aber ungeheure und
-unfaßliche Wesen, ist er nichts weiter als eine lebendige Kraft diesen
-und jenen Namens, so zeigt mir das Auge meiner schlichten Vernunft im
-Wechsel der Jahreszeit, im Kreislauf der Natur, in meinem eigenen Wesen
-das Walten einer solchen Kraft untrüglich an, und was brauchts da ein
-Herz, um zu glauben, was ich weiß?
-
- Erfüll davon dein Herz, so groß es ist,
- Und wenn du ganz in dem Gefühle selig bist,
- Nenn es dann, wie du willst,
- Nenns Glück, Herz, Liebe, Gott!
- Ich habe keinen Namen
- Dafür! --
-
-Ja, wie denn? Hier habe ich eine Frucht, die wie eine Birne aussieht,
-wie eine Birne schmeckt, in allen Dingen wie eine Birne geartet ist, die
-aber nicht am Birnbaum gewachsen ist, sondern am Apfelbaum. Giebt es da
-die geringste Notwendigkeit, diese Frucht einen Apfel zu nennen und
-Apfelbaum ihren Baum? Hinge Notwendigkeit nicht ab von Einzigkeit, vom
-Nichtandersseinkönnen? >Nenn es dann, wie du willst!< Ja, wenn ich die
-Wahl haben soll, so ist Gott freilich nur ein Name und also Schall und
-Rauch. >Wer darf ihn nennen?< Was heißt ein >darf<, wo alles >muß< sein
-sollte! Nun, Faust freilich wollte nur bestricken und eine Gleichheit
-vortäuschen: er, der übrigens doch wohl an einen persönlichen Gott wohl
-oder übel glauben mußte, da er dessen Widerspruch Mephistopheles mit
-Händen greifen konnte. Wer aber, nicht um zu täuschen, sondern zum
-Anschein der Wahrheit, gewisse nicht ganz begreifliche, mit Sinnen nicht
-durchaus faßliche, vorhanden scheinende, aber nicht beweisliche Kräfte
-innerhalb dieser natürlichen Grenzen göttlich nennt, -- nicht nur zur
-Unterscheidung von anderen ähnlichen Kräften und nur um einen Namen zu
-haben, sondern um einen ursächlich unterschiedenen Gott daraus
-herzustellen: der mag es tun, aber ich glaube ihm nicht, und er kann
-mich nicht verführen. Wenn gesagt worden ist, daß die Toten auferstehn
-werden, um ein ewiges Leben zu haben, so soll man mir keinen Possen
-spielen mit verweslich und unverweslich, mit geistigen Kleidern und mit
-Verwandeltwerden. Wenn im selben Evangelium, das uns das Leben des
-Gottsohnes wahrhaftig beschreiben will, Engel vom Himmel mit Botschaften
-kommen, ungläubige Priester, hoffende Mütter und einfältige Hirten zu
-belehren, so kann ich hinter diesen nicht >Glück, Herz, Liebe --
-Gefühl<, sondern nur einen himmlischen Vater gewahren, der weiß, was ich
-nicht weiß, und Kraft hat, die ich nicht habe. Jedes läßt sich mit jedem
-mischen und zusammenkneten, wozu nur ein wenig Verstand gehört; aber all
-dieses sind unfruchtbare Bemühungen und Versuche, einen Gott im Leben zu
-erhalten, der in Wahrheit lange verschieden ist.
-
-
- XII
-
-So blieben denn zwei Möglichkeiten über.
-
-Die erste wäre: Ich glaube. Das heißt: Ich bin überzeugt und ich halte
-für wahr, nicht mit meiner Vernunft, sondern mit meinem Ganzen, meinem
-vollen und ungeteilten Wesen, das immer einig waltet, welche Eigenschaft
-daran auch in diesem und jenem Augenblick die führende oder
-erschließende sein möge: halte für wahr mit aller Kraft meines Herzens
-und meines Geistes -- Gott, den Vater, den allmächtigen Schöpfer aller
-Kreaturen. _Credo quia_ -- oder wie Strindberg sagt: _etsi -- absurdum_.
-
-Auf solch einen Gott vertrauen, das heißt einer Vollkommenheit gewiß
-sein, ob sie auch über alle Fähigkeit menschlicher Wahrnehmung und
-Erkenntnisse hinausgeht; trotzdem ihrer gewiß sein und also für die
-Unvollkommenheit, die wahrnehmbar ist, für das Böse oder das Leiden die
-Hoffnung hegen voller Vertrauen, daß auch sie ihren Sinn habe nach dem
-Willen des höheren Wesens, und daß sie diesen Sinn irgendeinmal
-offenbaren, sich auflösen wird und nur noch Vollkommenheit sein. Und die
-zweite Möglichkeit wäre, dies nicht zu glauben. Es ist kein Gott, keine
-Vollkommenheit; es ist nur Unvollkommenheit, nur Leiden; dazu die Kraft,
-dieses immerhin einzusehn, die Kraft, sich hineinzufinden.
-
-Danach bliebe mein Wesen auf diese Erde beschränkt, das will sagen auf
-die Menschheit. Die Fähigkeit, mich selber und meinesgleichen zu
-ertragen, die mir dort aus meiner Gottgläubigkeit wuchs, muß nun aus mir
-selbst und aus der menschlichen Gemeinschaft erwachsen. An die Stelle
-des Glaubens träte das Sittengesetz.
-
-Und wiederum zwei Möglichkeiten dahier.
-
-Die eine, die für den Einzelnen, die Einsicht Habenden, sich nicht
-verloren geben Wollenden, der sich kräftig genug fühlt, gottlos, will
-sagen heillos zu leben. Für ihn die Worte: Geduld! und: Vertrauen! --
-Vertrauen auf den dunklen Drang, einen rechten Weg zu gehn, auf eine
-untrügliche Liebe zum Wahren und Guten, eine Kraft, von Augenblick zu
-Augenblick hintastend zu gehn; auf das Nächste allein immer gerichtet,
-das Ferne nicht zu verfehlen; eine innere Sicherheit, eine Kraft, die
-denn Langmut verleiht, Geduld zu haben mit den Menschen, wie man sie mit
-sich selber hat. Tröstlich auf solch einen Weg möge dann das schönste
-Wort leuchten, das ich fand:
-
->Wir rühmen uns auch der Trübsale, dieweil wir wissen, daß Trübsal
-Geduld bringt. Geduld aber bringt Erfahrung, Erfahrung aber bringt
-Hoffnung; Hoffnung aber läßt nicht zuschanden werden.<
-
-Da keine Vollkommenheit ist, so ist auch keine gänzliche Errettung zu
-denken. Aber von Augenblicke zu Augenblick führt der Weg der
-Geduldigkeit, und es glänzt uns der Stern der Hoffnung, daß wir nicht
-gänzlich zuschanden werden. (Römer 5, V. 3-5.)
-
-Dieses mein Weg, und dies mein Stern. Ich will es versuchen.
-
-
- XIII
-
-Welche Möglichkeit aber bliebe für Alle die, denen aus irgend Gründen
-die Einsicht verwehrt bleibt? Welche Möglichkeit für die Befangenen in
-Mißtrauen und Ungeduld? Für all die Erniedrigten, Dumpfen, Gebrochenen,
-für die Halben, Kraftlosen, Lauen, Oberflächlichen, Tanzenden; für die
-Masse, die >Welt<?
-
-Denn so mir Gott helfe: dies alles habe ich zuerst um meinetwillen
-erdacht und geschrieben; es hätte aber mir nicht eine solche Not sein
-können, es hätte nicht so sehr meine Sache sein können, wenn nur ich
-allein, wenn nicht die ganze irdische Legion in diesem Irrsal befangen
-wäre, also daß ich nur mit Bewußtsein leiden kann an etwas, das Alle, ob
-auch unbewußt, unaufhörlich erleiden. Somit, daß, wenn ich einen Weg
-suchte, ich ihn nicht suchte für mich, sondern im Auftrage gleichsam All
-derer, die nicht einmal suchen dürfen. Ach, wäre sie denn so groß und so
-unbarmherzig meine Not, wenn sie nicht Weltnot wäre und ich nur ein
-Gegenstand in dem Sturm, der ihn schüttelt!
-
-Aber mir bleibt aus dem Gefühle der Hoffnung, die ich selbst für den
-nächsten Augenblick habe, in Hinsicht der Welt nur ein ärmlicher
-Ausblick ins Fernste. Und Mißtraun und Ungeduld, denk ich, sie werden
-fressen und fressen und einmal sich selber gefressen haben ...
-
->Denn wir wissen, daß alle Kreatur sehnet sich mit uns und ängstigt sich
-immerdar.< (Römer 8, V. 22.)
-
->Da ist nicht, der gerecht sei, auch nicht einer; da ist nicht, der
-verständig sei, da ist nicht, der nach Gott frage. Sie sind alle
-abgewichen und allesamt untüchtig geworden; da ist nicht, der Gutes tue,
-auch nicht Einer. Ihr Schlund ist ein offenes Grab, mit ihren Zungen
-handeln sie trüglich. Otterngift ist unter ihren Lippen. Ihr Mund ist
-voll Fluchens und Bitterkeit; ihre Füße sind eilend, Blut zu vergießen;
-auf ihren Wegen ist eitel Schaden und Herzeleid, und den Weg des
-Friedens wissen sie nicht.< (Römer 3, V. 10-17.)
-
-Was aber ist das Gute? Es ist das heimliche Wissen der Verworrenheit,
-daß Klarheit sein sollte, und das offene Ahnen, daß Klarheit möglich
-ist. Das Gute ist das Böse, das an sich leidet, und wohlan, so wird es
-leiden, bis es sich durchgelitten hat, bis Geduld aufkeimt und Vertrauen
-wiederkehrt und endlich eine Kraft offenbar werden wird, die so göttlich
-ist unter den Menschen, daß sie ganz aussieht wie ein Gott.
-
-Ja, daß sie Gestalt und Wesen und Kraft und Namen, alles haben wird von
-Gott.
-
-Und seinen lange vergessenen Namen, vielleicht findet ihn jemand wieder,
-damit in Wahrheit auch Gott heiße, was allein göttlich ist: die
-Vollkommenheit.«
-
- * * * * *
-
-Georg schwieg. Magda saß, wie sie zugehört hatte, grade angelehnt mit
-geschlossenen Augen und bewegte sich nicht. Durch den tiefen Kummer, mit
-dem er ausgelesen hatte, fühlte er langsam das feierliche Empfinden von
-zuvor wieder durchdringen, und ein Blick durch das Fenster auf die
-besonnten Dächer und in die Klarheit des Äthers ließ es augenblicks
-schwellen wie zu einem Akkord. Gleich darauf hörte er Magda sprechen und
-schauderte leise, da er die gleichen Worte erkannte, die er von Renate
-gehört hatte, vor Mittag, dort in der Kapelle des Baums. Sie sagte:
-
-»Und um so süßer verlockend das Wort >von Ewigkeit zu Ewigkeit< dir im
-Herzen ertönt: sprich dagegen: >von Augenblicke zu Augenblick< knüpf ich
-und webe ich das einzige Kleid meines Lebens. Zu wissen ist nicht not.
-Not ist, zu tun. In dem Tun wird die Liebe, in der Liebe das Wesen, in
-dem Wesen das Leben sein, das weder zeitlich noch ewig, sondern das in
-der Liebe ist.«
-
-Sie verstummte, und um so weniger das Wort Liebe erschienen war in dem,
-was er gelesen hatte, um so tiefer fand er sich nun durch die Einsicht
-erschüttert, wie sehr die letzten gesprochenen Worte eine Ergänzung
-bildeten zu den gelesenen, fast so, als wären jene um dieser willen
-allein von ihm erdacht und geschrieben worden. Dann empfand er ein
-Glück, sie, die er am Morgen so anders, ja fast überhört hatte, noch
-einmal gesagt zu bekommen und nun besser zu verstehn. -- --
-
-Georg legte sein Buch fort. Er erhob sich dann, um, über den
-Schreibtisch gebeugt, nach draußen zu spähn, und entdeckte, als ob er
-ihr Vorhandensein geahnt hätte, auf der Terrasse Irene, Klemens und die
-Friedlichkeit, wie sie dabei waren, auf der leeren Fläche zu dritt
-spazieren zu gehn, Klemens links, die Hände auf dem Rücken, Irene
-rechts, beim Sprechen ihn anblickend, die Friedlichkeit, etwas schmal,
-in der Mitte. -- Georg setzte sich wieder und sagte:
-
-»Ein Rätsel. Unten gehn Klemens und Irene allein und sind eigentlich
-Drei, was ist das?«
-
-Sie erwiderte getrost: »Oh ja, sie werden wohl bald Kinder haben ...«
-
-Georg lachte herzlich, indem er so tat, als habe er diese Antwort
-gewünscht.
-
-»Und nun,« sagte sie, sich zurechtsetzend, »nun möchte ich noch über
-Benno mit dir sprechen«; wieder als ob sie vor einer Reise stünde und
-letzte Anordnungen treffen wolle. »Ihr werdet euch ja nun selten mehr
-sehn, und vielleicht erst in späteren Jahren wieder, denn du hast nun
-Schweres vor dir, und er geht ja nach Aachen als Kapellmeister und wird
-dort heiraten. -- Sei nachsichtig mit ihm, Georg, denke nicht bitter und
-falsch von ihm, denn er ist doch dein Freund! Er ist vielleicht keiner
-der Stärksten im Wollen und Leisten; er ist von den Wünschenden, von den
-Schwebenden einer, die von allem möchten, daß es weicht und nicht nahe
-kommt. Er wird vielleicht niemals ganz sein können in Diesem oder Jenem,
-in der Kunst nicht und nicht im Leben, auch nicht im Glück oder Unglück.
-War er nicht immer unglücklich im Hause seiner Eltern, herumgestoßen und
-herumgescholten, und saß er an seinem Klavier, so war alles vergessen
-und er selig. Oft habe ich mit ihm über seine Anlage gesprochen. Er
-sagte, am liebsten sei ihm wie in Hölderlins Wort: >Wie so selig doch
-auch mitten im Leide mir ist!< Er hat keine Anlage zum Glücklichsein.
-Alldas wollt ich dir einmal sagen. Immer schwärmt er, nicht wahr? er
-liebt alles von weitem, in farbiger Verschwommenheit, und das Wirkliche
-ist ihm zu hart. Und die Kunst auch, ich glaube, sie ist ihm viel mehr
-ein warmer Strom, in dem er glückselig treibt, als ein Stoff, den er
-verarbeiten kann.«
-
-Georg, der alles sehr gut verstand, ließ sie schweigen und weiterreden,
-da es ihr augenscheinlich wohltat.
-
-»Vor kurzem klagte er wieder, daß er heiraten will und auch nicht. Ja,
-er schwankt noch immer, aber natürlich wird er es tun« Sie lächelte. »Es
-ist ja zum Lachen, denn siehst du, es schadet ihm dabei gar nicht, daß
-seine Elfriede, wie ich höre, ein beinah lasterhaftes Geschöpf ist,
-jedenfalls leichtfertig bis zur Lasterhaftigkeit, obschon nicht voll
-Bosheit, -- die an ihm weiter nichts haben will, als einen berühmten
-Mann, und wird er das nicht --, nun, aber auch das wird ihm nicht groß
-Schaden tun. Er wird doch bald einsehn, daß sie recht hat, und er leidet
-ja eben an ganz andern Dingen. Er wird dir wohl auch vorgeträumt haben
-vom Frühling und den Anfängen und alldem, und wie es viel schöner
-gewesen ist, seiner Elfe von fern nachzugehn durch die -- hat er,
-Georg?« Sie stimmte lebhaft ein in Georgs Lachen und fuhr fort: »Aber so
-braucht er das Leben. Er muß sein Glück immer in einem Unglück haben,
-und deshalb, siehst du, darfst du ihm die Gewißheit deiner Freundschaft
-und Liebe nicht nehmen, denn -- ich weiß, Georg -- die gehören zu seinen
-Schätzen. Deren Verlust würde ihn wirklich schmerzen.«
-
-»Ich weiß, Anna, ich wußte alles, was du gesagt hast! Es ist wahr, er
-macht mich leicht unwirsch und --«
-
-»Ja, du weißt es, Georg, und nicht deshalb habe ich es gesagt, aber du
-willst dich nicht immer danach richten! -- Es wird ja auch gut sein,
-wenn ihr euch nicht so häufig seht. Kleine Verfremdungen schaden an sich
-nicht, aber sie sind wie so ein Loch in der Strumpfnaht, -- man muß sie
-gleich in Frieden lassen, sonst reißts weiter und weiter. Es ist nun mal
-so mit uns Menschen. Ein Augenblick Nähe zuviel bringt uns weiter
-auseinander als Jahre der Trennung, aber --«
-
-»Nein, Anna, was bist du doch klug geworden! Du bist ja klüger als ich!«
-
-»Siehst du wohl! Es läuft keiner so schnell, daß man ihn nicht einholen
-könnte.«
-
-»Na, das war aber Unsinn, Anna!«
-
-Sie lachte, fügte sich aber schnell wieder zum Ernst und erhob sich, die
-Hände ausstreckend. Aber in diesem Augenblick schwoll das Feierliche um
-ihn fast gewaltsam auf, erschreckend, da es jetzt von der schmalen
-blauen Gestalt ausging, die ihn ansah, ergriffen und sonderbar ruhevoll
-zugleich.
-
-»Und nun leb wohl, mein Georg!« sagte sie mit wunderlicher Festigkeit,
-»mein Amt hat nun sein Ende. Ich hab dich noch einmal gesehn und weiß,
-daß ich nun nicht mehr vonnöten bin. Ja, Georg,« sprach sie, seine Hände
-festhaltend, mit immer leidenschaftlicherer Innigkeit weiter: »du hast
-wieder einmal nichts gewußt, und für Rieferling war keine Zeit, und so
-ist er doch lieber gleich zu mir gekommen statt zu dir. Es war ja auch
-nur dumm, erst dich um Rat fragen zu wollen, ob ich mich auch ohne Augen
-getraute, einen Mann zu haben und Kinder zu kriegen -- denn das will
-ich, Georg! --, und du hättest es ja nicht gewußt! Mein lieber großer
-Junge, es werden nun bald vier Jahr, daß ich den schweren Weg mit dir
-gegangen bin. Du hast es nicht gemerkt, aber ich habe es gewußt, daß ein
-Mensch nötig war, zu hoffen und zu glauben und bei dir zu sein mit
-tausend Gedanken der Liebe, mit aller Kraft, Tag und Nacht, mit dem
-ganzen glühenden Leben. So war es, und nun ist es gut. Georg, ich weiß,
-was du nicht weißt, und ich muß nun gehn und an mich selber denken. Ich
-nehme dir nicht mein Herz. Ein Herz kann nicht verrückt werden, es
-bleibt immer, wo es von Anfang war. Aber ich kann einen guten Menschen
-wohl lieb haben und mit Geben und Nehmen das schöne Gewebe des Lebens
-zusammen mit ihm flechten. Ich will auch meine Kinder haben und mein
-Haus, Alltage und Sonntage, und all die Freuden und Schmerzen der
-Gemeinsamkeit. Lebe wohl! Unsern Abschiedskuß haben wir uns vorhin schon
-gegeben, und ich will keinen andern mehr. Wir sehn uns auch bald wieder!
-Und heut abend hörst du mich singen.«
-
-Sie brach ab, nahm ihre Hände, bevor er sie noch ganz an die Lippen
-hätte heben können, aus den seinen und ging zur Tür.
-
-Georg stand am Fenster. Noch sah er sie vor sich stehn und hörte ihre
-Stimme, die, innig und warm, doch wie eines Engels Rede gesungen hatte,
-so leidenschaftlich und so seltsam unteilhaft. Ein heißer Krampf
-schüttelte seine Brust; er glaubte, in Tränen ausbrechen zu müssen, aber
-es blieb alles still, und aus einer unermeßlichen und feiertäglichen
-Leere sagte er langsam und schwer:
-
-»Das -- war -- es.«
-
-Überdem aber hörte er ihre Stimme von der Tür her, erinnerte sich, daß
-sie noch gegenwärtig war, und fragte, da er nicht verstanden hatte: »Was
-sagst du, Anna?«
-
-»Ich sagte etwas, das ich dich schon lang hatte fragen wollen, Georg.
-Denn --« sie machte einen Schritt auf ihn zu -- »ich weiß wohl, in was
-du dich verstrickt hast, aber -- in alldem -- -- Georg, hat es dich
-nicht unsagbar glücklich gemacht, zu wissen, daß er wirklich dein Vater
-war?«
-
-»Wie -- meinst du?«
-
-Georg war zumut, als ob er sich auflöste. Oder als ob zwei Riesen, zwei
-Ungeheuer in ihm ihre verknoteten Leiber auseinanderrissen, und seine
-Glieder verschwanden ihm, sein Kopf wurde schwer wie ein Stein, er
-glaubte zu fallen, bemühte sich dabei mit brennender Heftigkeit, zu
-verstehn, was alldas heißen sollte, konnte aber nur würgen und nicht
-sprechen.
-
-Auf einmal streckte sie beide Arme nach ihm aus. »Georg!« schrie sie,
-»weißt du's denn nicht? weißt du's denn gar nicht?«
-
-Irgend etwas zerfiel lautlos in ungeheure Stücke. Er zerrieselte
-hülflos. Bäume, Büsche, Rasen, eine Gestalt wirbelten um ihn her und
-verschlangen sich; dann wurde seine Umgebung eigentümlich schief, er
-dachte: Was ist denn jetzt? spürte einen leisen Schmerz an Schulter und
-Hüfte und mit einem abscheulichen Gefühl von Übelkeit, daß er lag. Über
-ihm flog eine klägliche Stimme: Georg, wo bist du denn? Er schloß die
-Augen.
-
-Langsam quoll über die schwindende Übelkeit eine Erleichterung aus dem
-Dunkel; auch leises Wohlbehagen im Bewußtsein des tiefen Liegens. Er
-fühlte seine Hände naß, wollte sich aber die Wonne des Daliegens nicht
-stören lassen und stöhnte nur leise. Hände tasteten an seinem Gesicht,
-er faßte ermüdet danach und öffnete die Augen.
-
-In einem gewaltigen Kessel, der in ihm war, wälzten sich zwei Ströme
-herum; einer, der über alle Begriffe glücklich war, hieß: Vater; der
-andre, der schwarz und gallebitter war, hieß: Tod, und auch: Schuld.
-Plötzlich war alldas verschwunden, Georg stand auf, strauchelte aber und
-mußte sich, da er nichts andres fand, mit Hand und Schulter gegen die
-Anna stützen. Bald versuchte er, zu denken, aber die Zange griff trotz
-mehrmaligen Ansetzens nicht zu.
-
-Danach fand er sich auf einem Stuhl sitzend und vor sich das Mädchen,
-und er hielt ihre eine Hand. Leer von Gefühl zu ihr aufblickend, begann
-er zu fragen:
-
-»Sage mir ... Wer wußte dies außer mir?«
-
-Sie schwieg, bedachte sich und zählte leise sprechend auf: »Renate und
-ich; dann Bogner. Jason wohl. Virgo und ihr Mann. Das sind Alle.«
-
-»Woher?«
-
-»Von deinem Vater. Er sagte es Renate, damals, kurz bevor er starb. Wir
-glaubten Alle, daß du es wüßtest.«
-
-»So mußte es euch scheinen. Es ist sehr einfach. Und -- wer war dann
-meine Mutter?«
-
-»Jene Frau -- in dem Haus. Virgo hat ihr Bild, du mußt es ja kennen, und
-dort sah es dein Vater. Sie war seine Freundin ...«
-
-Georg fragte nicht weiter. Die Augen fielen ihm zu. Er glaubte nach
-langer Zeit eine leise Berührung auf seinem Kopf zu spüren. Als er die
-Augen wieder öffnete, war er allein.
-
-Er konnte die Augen nicht offen halten, und was er sah, bedrohte ihn mit
-einer nicht zu fassenden Angst. Was jetzt, Gott, was jetzt? -- Er
-merkte, daß er etwas Riesiges in sich hinabgedrückt hatte; wenn er daran
-rührte, würde es ihn zersprengen. Die Angst schwoll, er wollte Anna
-zurückrufen, er versuchte, sich zu ermannen, sagte: Du mußt allein
-fertig werden! -- Aber im Augenblick fand er sich schon überwältigt.
-Sein letzter Gedanke war: Bogner, und daß der ihn erwartete. Das war wie
-Bestimmung. Bogner, Bogner mußte helfen, und schon rasend vor Angst und
-Verlangen, war er an der Tür, wo er sich denn einen letzten Ruck gab, so
-ruhig er konnte, ins Nebenzimmer ging, um Mantel und Hut zu holen, wovon
-er indes nichts Bestimmtes wußte, als er es tat. Dann war er im Freien.
-
-
- Neuntes Kapitel
-
-
- Georg
-
-Georg stand vor einem jungen und niedrigen Feld Wintersaat und starrte
-besinnungslos in diese sehr lichte, zartgrüne Waldung hinein. Etwas
-Bläuliches stieg daraus auf, gewann Umriß und Dichte und ward der blinde
-Engel in sanftem Blau, der ihn blicklos ansah, und zu dem er sagte:
-
-Das wußtest du wohl: Wenn etwas mir Halt geben konnte für später, mußte
-er darin liegen, daß du jetzt gehst ...
-
-Ja, sagte sie unhörbar und lächelte, indem sie fortfuhr:
-
-Und daß ich dir Benno so dringlich ans Herz gelegt habe, das tat ich aus
-Klugheit und um dir doch etwas zu halten zu geben für das, was ich
-wegnahm ...
-
-Georg lächelte auch und sah die Gestalt sich langsam in einen blauen
-Nebel auflösen, der auf einmal der Himmel war. Der Osthimmel, fern,
-graublau, wolkenlos, -- und jenseits der Saatfelder unfern lagen die
-Häuser eines bekannten Dorfes mit ihrem kahlen Gewipfel im starken,
-glühenden Licht der tieferen Sonne. Ringsum lohte das Land, grün,
-übergoldet, schattenreich, singend von Stille.
-
-Sich umdrehend, bemerkte er jetzt, daß hinter ihm die Landstraße war und
-jenseits die Rampe von Helenenruh, und daß der Schatten des Hauses ihn
-und alles umher bedeckte. Indem ward ihm bewußt, daß er es eilig hatte,
-daß er zu Bogner wollte, zu Fuß, ja, gehen, gehen! und das Letzte, was
-er deutlich wußte, war das Hinwegwischen über etwas, das wie ein Dampf
-in ihm aufsteigen wollte. Noch nicht! murmelte er.
-
-Ihm war auf dieser Wandrung -- Wiesenpfade in unendlichen Windungen,
-über Knicktore, durch Gatter -- nichts bewußt als das kalte Lustgefühl
-des Dahingehns, unbeschwert, eifrig, blindlings, alles, das Kleinste,
-wahrnehmend in einer brennenden Gegenständlichkeit, und doch nichts;
-nichts als vielleicht noch das scharfe, geschmacklose Aus- und
-Einschlürfen der Luft beim heftigen Atmen, in der kühle und warme Wellen
-miteinander wechselten. Er stolperte oft, er wußte kaum, wohin er ging,
-er sah vor sich immer nur die bläuliche Lichtwand des ruhigen Himmels,
-atmete schnaufend vor Hast und Erregtheit und hatte all die Zeit das
-starke Empfinden des Feierlichen und eines Ziels, dem er unweigerlich
-zustreben mußte.
-
-In Wassergräben, dunklen, erschien ein beglückendes Blau; kleine Kreise
-regten sich blank, seltsam hoch über dem Blauen, auf der gläsernen
-Fläche; dick und gelb, wie aus Bernstein gedreht, standen die Knospen
-der Dotterblumen am Ranft. Er sahs und vergaß es. Der Ausdruck der
-Umzäunungen, über die er kletterte, erinnerte ihn an alles dumpf
-Vollkommene der im Freien hausenden Wesen, Dinge wie Tiere. Eine Unzahl
-von Eindrücken glaubte er beständig zu empfangen, eine Unzahl von
-Gegenständen zu sehn, die ihm etwas zu sagen hatten, aber er mußte
-vorüber, er sagte: ich weiß es längst! eh sie zu Worte gekommen waren
-und hinter ihm zurückblieben. Ihm war, als liefe er in dieser Eile durch
-sein ganzes Leben; und alles war ihm daher bekannt. So ging er,
-brennend, besinnungslos, keuchend, hielt auf einer eifrig erklommenen
-Anhöhe bei kleinen, dunkelgrünen Wacholdern, die Schatten warfen, und
-sah in der machtvollen Sonne der Abendstunde die Stadt unfern,
-ihrerseits etwas erhöht, Dächer und Türme, scharf, klar, leuchtend, die
-Alleen der alten Wälle ringsum, deren schräge, schattenlose Böschungen,
-den toten Flußarm, teils dunkel, teils rasengrün, die Ketten von Hecken
-und Zäunen, die sich schnitten, helle gewundene Wege, und alles leicht
-übertupft mit schwarzen oder lichtgekleideten Menschen, die gingen, mit
-spielenden Kindern, weidenden Pferden; und alles ohne Laut, tief
-überleuchtet und in seiner ganzen glanzvollen Offenheit eingebettet in
-Abendfriedlichkeit und in Ostern.
-
-Lange staunte er dies an. Mein! sagte er plötzlich und atmete tief. Da
-schwoll, tief in den dunkleren Süden hinein, das unendliche Wiesenland,
-wo das Auge fortgeführt wurde von immer enger zusammenrückenden
-Wäldchen, ganz kleinen Dörfern, und hinuntergezogen über den Rand in das
-verheimlichte Düster immer weiterer Länder. War es möglich, daß die nach
-allen Seiten hinuntergebogene Erde so bedeckt war mit tausendfachem
-Gelände?
-
-Hoch oben in Lüften richtete eine Woge von Glockengeläut sich auf, stand
-mächtig im Luftraum und sank langsam gleitend ins Nichts. Eine Stimme
-sagte: Charfreitag ... Und nun -- oh, welche Wehmut! -- --
-
-Nein, sagte eine andre Stimme nahe über ihm, sehr fest und
-unmißverständlich: Wenn er wirklich dein Vater war, so kannst du
-unmöglich eine Schuld haben an seinem Tode.
-
-Ist das wahr? fragte er, dumpf erschrocken über die Unumstößlichkeit des
-Satzes.
-
-Das ist völlig wahr.
-
-Ich kann es nicht glauben.
-
-Hierauf kam keine Antwort.
-
-Georg wandte sich langsam um, mußte aber schnell die Lider
-zusammendrücken und die Stirn senken, geblendet von dem riesigen
-Feuerloch der Sonne im tiefen Himmel, aus dem die goldflammenden Garben
-mit einem göttlichen Ungestüm in alle Weiten schossen, und das Land
-brannte unter ihnen in Lohe. -- Sie sinkt ja! schrie es in ihm, sie
-sinkt, und ich bin nicht fertig!
-
-Er suchte mit noch geblendeten Augen umher. Haidboden, schwärzlich, und
-Wacholder, klein, dunkel und ernst. -- Soll es hier sein? jetzt? Soll
-ich versuchen?
-
-Plötzlich erschrak er. Und so war es, begann etwas zu reden, so war
-dennoch dies immer die Aufgabe und die Bestimmung: zu werden, der ich
-nun bin, Fürst in diesem Land. Aufgabe, die ich zwar vor mir nur sah wie
-ein prunkvolles Gefäß, mich zu stillen. Und was ich auch tat, ich mußte
-in sie hineinwachsen? Und damit ich wahrhaft wüchse, all dies? all diese
-Hiebe des Schicksals, dies fast nun sinnlos Scheinende, da es nun wieder
-aufgehoben wird und umsonst war im Sinne menschlicher Zwecke? Dennoch
-voll tiefsten Sinns? Und nun heut, da ich mich hingefochten hab durch
-mich selbst -- nun auch das Siegel des Rechts, und ich darf der Sohn
-meines Vaters sein? Und dies heißt: von Gottes Gnaden?
-
-Oh, nein, nein, fort, es ist ja zu früh, viel zu früh! es muß ja noch --
-erledigt werden! Was? Bilder, ja, Bogners Bilder! Wie? Ja, wo bin ich
-denn? -- Nein, sieh, das muß Bogners Haus sein!
-
-Wenige hundert Schritte weit südlich stand ein weißer mächtiger Rundbau
-mit schwärzlichem, flach geschrägtem Dach und flacher Laterne; breite
-Fenster unter dem Dachrand flammten glühend golden. Ein kleines weißes
-Haus davor schien mit dem Rundbau zusammenzuhängen.
-
-Plötzlich hatte er sich losgerissen und lief durch wagenradbreite Pfade
-zwischen dem Haidekraut die Anhöhe hinunter, sprang über einen Graben
-und gelangte über eine triefend nasse Wiese auf den Sandweg, der wenige
-Schritte zur Rechten vor der Tür jenes kleinen Hauses endete. Es war
-durch einen kurzen verdeckten Gang mit dem Rundbau verbunden.
-
-Eine Glocke schlug hellstimmig an, als Georg die Tür aufklinkte. Drin
-war ein dämmriger Gang mit geweißten Wänden und Türen, von dem rechts
-hinten eine Treppe abzweigte, und in einer der Türen erschien eine
-weibliche Gestalt, die ihn ansah: Cornelia Ring.
-
-
- Cornelia
-
-Die dunklen, runden, klugen, gefaßten Augen. Das straff aus der Stirne
-gestrichene Haar. Die Stirn unter leisen Wellen von Kindlichkeit. Die
-Oberlippe. Die schmale und gefestigte Gestalt, die ihn wieder an die
-eines jungen Baumes mahnte. Georg war sehr erstaunt, beherrschte sich
-aber sonst.
-
-Sie kam zögernd näher, im Blick etwas Furchtsames, bis sie vor ihm
-stand; legte eine Hand auf seine linke Schulter und gegen die andre die
-Stirn. Unter ihr Gesicht blickend sah er, daß sie sich auf die Lippen
-biß, sich abmühend, zu sprechen, oder nicht zu weinen. -- Da sie dies
-leicht tat, schien es ihm das Beste, sie täte es gleich.
-
-Er legte deshalb den Arm um sie und mußte lächeln, als er gleich darauf
-spürte, was ihr eigen war: daß von dem überströmten Gesicht ein warmer
-Dunst aufstieg, wie von einem Kinde, und sehr rein.
-
-Sie machte sich los, zog -- oh die alte Bewegung! -- ihr Taschentuch aus
-dem Gürtel, indem sie sich dehnte und die Schultern anhob, trocknete ihr
-Gesicht, nahm seine Hand und führte ihn still in ein sehr kleines Gemach
-mit Bett, Tisch und Schrank.
-
-»Wohnst du hier?« fragte er. Sie nickte. »Lange schon?«
-
-»Eine Woche bald. Ich war in Altenrepen erst, aber da wagt ich nicht, zu
-dir zu kommen. Dann schrieb Bogner -- ich hatte ihm geschrieben --, ob
-ich nicht herüberkommen wollte, ihn besuchen, und es läge bei ihm alles
-drunter und drüber, -- Gott, ihn hab ich ja auch im Stich gelassen, er
-hatte nun eine Haushälterin, aber die ging plötzlich, und so viel Ärger.
-So kam ich her. Von Magda hörte ich dann, du kamst heute, und bat sie,
-dir nichts zu sagen. Da hab ich gewartet.«
-
-»Ich kam spät«, sagte Georg. »Ja -- und weshalb bist du nun hier?«
-
-Sie zuckte die Achseln. »Ich konnte nicht. Er ist zu krank. Ich hielt es
-nicht aus. Aber auch ohne das, Georg! Ich komme doch nicht los von dir.«
-
-Georg lächelte innerlich, -- sie war immer sehr einfach in Haltung und
-Erklärungen. Dabei sah er sie mit einem Ausdruck an, der ihr langsam
-sagte, daß er sie nicht liebe wie sie ihn und daß sie das wisse. Sie
-senkte den Kopf und legte wieder die Hand auf seine Schulter. Nach
-Sekunden sagte sie:
-
-»Laß mich dir wieder dienen wie vorher, und ich werde dir dankbar sein.«
-
-Georg begriff dieses stark. Lieben können genügt, dachte er, indem er
-sie an sich zog und sagte:
-
-»Du kannst im Schlößchen wohnen. Es wird gut werden. Ich habe leider
-sehr wenig Zeit. Das Beste wäre vielleicht, daß wir heiraten. Ich habe
-keine Vorliebe für Unoffenes. Du sollst kommen und gehen dürfen.«
-
-Sie hatte bereite das Gesicht erhoben und Widerstand gezeigt.
-
-»Nein, bitte, Georg, das nicht! Dazu wäre ich gar nicht geeignet. Dazu
-hätte ich --«
-
-»Der Mensch ist zu allem geeignet.«
-
-»Aber ich kann doch nicht, Georg! Ich würde ganz unglücklich sein!«
-
-»Ja, so wie Benno. Sei überzeugt: du wirst es auf irgendeine Weise.
-Möchtest du nicht Kinder haben?«
-
-»Gar nicht! Vor fünf Jahren --, ja, da wär ich gestorben für ein Kind.
-Aber nun ist das --«
-
-»Hab erst mal eins! Auch das Naturgesetz duldet keine Unterschlagungen.
-Aber das hat alles Zeit, überlegt zu werden. Wir können jede Methode
-versuchen. Wenn ich nicht so wenig Zeit hätte ...«
-
-Überdem merkte er, daß er in Dinge hineingeriet, die ihn nach unten
-zogen; daß er bei all diesem übrigens nur halb mit Bewußtsein teilnahm,
-und er machte sich los von ihr und trat an das Fenster, während ihm der
-Tote erschien, jetzt etwas in Händen, das er ihm aufdrängen wollte, und
-plötzlich Renate in ihrem violetten Kleid.
-
-Warum tu ich jetzt dieses? diese Pläne warum? Abzuschließen mit meinem
-Herzen. -- Und vielleicht: um irgend etwas zu geben. -- Plötzlich, auf
-einer Wagschale stehend, fuhr die Gestalt Renates sichtbar und mit so
-triumphierendem Schwunge nach unten, daß er die Augen erstaunt senkte.
-
-Wie? mußte er fragen, ist Cornelia so viel leichter? Freilich war die
-Andre beschwert mit einer Last von Kleinoden, die ihm ins Auge brannten,
-da er sie bedachte, und diese hier war ganz schlicht.
-
-Er trat wieder zu ihr, legte eine Hand auf ihre Stirn, sanft sie nach
-hinten drückend, küßte sie behutsam und sagte voll Liebe:
-
-»Cornelia Ring! Das bist du. Ein schöner echter Ring; mit einem schönen,
-echten Stein. Und nun sollst du dich um mein Dasein schließen, willst
-du?«
-
-Er duldete es eine Weile, daß sie ihn mit Leidenschaft in die Arme
-schloß, befreite sich dann, nickte ihr zu und bat sie, ihn zu Bogner zu
-bringen. »Ist er allein?«
-
-»Renate ist da, und ein Herr, ich glaube, ihr Vetter, und Jason. Aber
-der kam schon mit mir.«
-
-»So. Renate. Ja -- willst du mich nun --«
-
-»Ich glaube, sie sind jetzt oben. Ich bring dich ins Atelier!« sagte sie
-und ging voran. Am Ende des Flurs öffnete sie die Tür zu einem Gang, zu
-dessen Seiten die Wände der Boxen Georg erinnerten, daß dies
-ursprünglich ein Reitstall war. Die Boxen standen vollgepfropft mit
-aufgespannten Leinwanden und Zeichenbogen, aber über den oberen Rand der
-letzten rechts erhob sich, sich herwendend, der große braune und
-schwarze Kopf eines Rosses mit einem klugen, anscheinend fragenden Auge.
-
-»Lieber Gott,« sagte Georg, »das ist Unkas!«
-
-»Wußtest du denn nicht, daß er hier ist?«
-
-»Doch, doch, natürlich, da ich ihn Bogner schenkte, der reiten wollte.
-Er wurde zu alt für mich und schwerfällig; Bogner wünscht nur mäßige
-Bewegung.«
-
-Georg war schon zu dem alten Genoß in den Stand getreten, klopfte ihm
-liebevoll Hals, Bauch und die Nüstern, das Pferd schnoberte zärtlich,
-scheuerte sich an seiner Schulter und bohrte das Maul nach seiner
-Manteltasche, aber er mußte sich losmachen, fühlend, wie er übermannt
-werden würde. Das alte Pferd hatte ihn nicht vergessen, es tat seinen
-Dienst, wie es gewohnt war, hier wie bei ihm; keiner wußte, ob es litt
-in der Fremde, aber anscheinend wars nicht der Fall. Es atmete laut,
-plötzlich trat es zurück, daß der Halfter sich spannte, warf den Kopf
-hoch, zerrte und schien sehr ratlos. Schließlich feuerte es nach hinten
-aus, daß die getroffene Holzwand dröhnte.
-
-Georg wandte sich ab, und überdem wurde eine Tür geöffnet, Bogner
-streckte den Kopf hervor, griff nach Georgs Hand und zog ihn in den
-Raum.
-
-Was aber hier mit ihm vorging, war ihm nicht mehr bewußt; ein Andrer tat
-es für ihn, sein Inneres füllte ein gestaltlos sausender Regen, sonst
-nichts. Er stand lange vor Bildern, sprach, sah Bogner, sah Renate und
-den Erasmus, auch Jason, sprach auch mit ihm. Endlich hielt er einen
-Türgriff in der Hand, den er deutlich erkannte.
-
-Und nun wurde der ganze große und lichte Raum deutlich vor ihm, und
-jetzt, in einer blendenden Helle, sah er in einiger Entfernung sich
-gegenüber die drei Gestalten Bogners, Jasons und Renates in der Mitte,
-die ihm alle Drei nachblickten. Wunderbare Erscheinungen! zog es durch
-ihn; dann hielten Renates Augen ihn fest. Was für ein Ausdruck? Wollte
-sie etwas von ihm? Bewegte sie sich? -- Und während sein Wesen sich
-krampfhaft zusammenzog, drehte er sich langsam um und ging im Taumel
-hinaus.
-
-»Was ist dir?« hörte er eine Stimme und sah sich im Freien. Hier war es
-dämmrig. Er mußte sich abwenden von Cornelia, und in einem Feuerstrom
-von gewaltsamen Ahnungen sah er Renate stehn, verlockend wie eh und je,
-und in einem Hauch von Bewegung nach ihm hin, ihn anzurühren, ihn
-mitzuziehn in eine Ewigkeit neuer Anfänge, neuer Schmerzen, neuer
-Versuche, neuen Schicksals, eine Unendlichkeit des Lebens von vorn zu
-beginnen.
-
-Dies erlosch. Ihm war kalt. -- Sie wird jetzt kommen, wußte er
-plötzlich. Dorthin, wo ich warte. Es war alles ein Irrtum. Alles gilt
-nicht. Ich werde warten. So wird es geschehn.
-
-
- Die Blume
-
-Im Vorwärtsschreiten fühlte Georg sich zu Eis geronnen vom Kopf zu den
-Füßen. Übergroß schwebte sein Haupt in einer maßlosen Betäubtheit. Dann
-brauste alles, und er bewegte sich in Strömen von Leidenschaft. -- Mich
-hat sie geliebt! mich, mich, immer mich! sang er. Sie hat es nicht
-gewußt, sie ist die selige Unschuld, aber nun hat sie es erkannt, an
-einer Bewegung, einem Nichts, an meinem Ohr ... Sie kommt, ich werde
-warten!
-
-Dann stürzte es ihn haushoch hinunter. Und wenn es doch Einbildung war,
-was er gesehn hatte? Bloße Einbildung? Diese Bewegung zu ihm? Weshalb
-denn dies Unmaß von Angst und Schwindel und Ahnung? Nein, er hatte recht
-gesehn! Alles war ein Irrtum gewesen, ein Irrtum, ein Irrtum! das ganze
-Leben, alle Leiden, alles was je war, -- aber dies war Wahrheit, dies,
-seine Liebe, ihre Liebe, die allmächtigen Toren, die sich im letzten
-aller Augenblicke erkannten und weise wurden. Und er stand überm Land
-wie ein Turm; die Glocke seines Herzens schwang wie ein großer Adler und
-schrie: Ewig! Ewig!
-
-Und das war es, das, was ihn hergeführt hatte: sie sollte er hier
-finden, deshalb hatte Bogner ihn mittags gebeten, deshalb hat es ihn
-hergetrieben, zu ihr, zu ihr, die alles lösen würde, alles, all seine
-Not, alle Schuld, alles!
-
-Und nun erst begann das Leben! alles begann von vorn. --
-
-Überdem ward ihm bewußt, daß er eine Anhöhe erstiegen hatte, und er
-erkannte sie als jene, die er vor kaum einer Stunde verließ. Nur war die
-Erde jetzt mit ihrem Schatten bedeckt, und die Dämmerung sank eilig.
-Über die dunklere Ebene hinweg sah er Farben des Himmels im West,
-goldene Streifen zwischen violetten Wolkenbänken, das regnende Fallen
-rötlicher Dünste, dazwischen Ausblicke auf unendlich ferne grüne Halden,
-die verhauchten. Darüber bebte das weißliche Gold wie Inneres von Äpfeln
-im Kühlen, -- und noch höher ein tiefes Blau, gespannt wie ein Tuch,
-dehnte sich mählich verblassend über den ganzen Himmel aus, der so rein
-war wie eine Seele. -- Ach, die Hand zu tauchen in die Farben Gottes und
-ein unsterbliches Bildnis des Lebens zu malen! War es unmöglich?
-
-Die Wacholder warfen keine Schatten mehr, -- Schatten selber gleichend,
-die aufrecht gestellt waren. Ihn fröstelte. Wird sie mich finden? Ich
-muß stehn bleiben, wie soll sie mich sehen? -- Er wagte nicht, sich zum
-Hause zurückzudrehn. Nun Geduld! mahnte er sich, Geduld! Sie ist
-unterwegs, aber sie hat Zeit. Sie läßt sich Zeit, Renate läßt sich Zeit
-...
-
-Da ihm wieder die Brust schwellen wollte von Ängsten und Ungeduld,
-beschloß er, an andres zu denken, sich zu sammeln, sich abzulenken, --
-aber mit was? Was galt denn in dieser Stunde? -- Bogners Bilder, ja,
-Bogner! Bogner galt. >Nichts ist der Mensch, doch das Werk, Götter
-vollbrachtens durch ihn.< Was für ein Spruch? -- Er irrte mit Augen am
-Himmelsbogen, irgend etwas zu fassen. Da hing im Klaviersaal Bogners
-Bild ... Judith hieß sie ... das war lange her ... Damals lernte ich ihn
-kennen ... Georg dachte krampfhaft weiter. Welch ein Leben! Damals zur
-Ruhe gekommen nach schweren Stürmen. Nun wieder. Das letzte Mal? Damals
-schon mir so groß, wie war er nun erst gewachsen, ausgebreitet, beladen
-mit diesen heroischen Früchten! Heroische Früchte, ja, heroische Früchte
-...
-
-Aber weiter, weiter! was jetzt? Etwas denken! Etwas Wirkliches!
-Wirklichkeit ... Was ist wirklich? Wirklich ist nicht, was geschieht,
-sondern -- -- was? was? -- -- nicht, was geschieht, sondern -- was der
-Geist aus dem Geschehenden macht. Wie Bogners Bilder. -- Er fügte die
-Stücke des Satzes zusammen, -- ja, sie paßten.
-
-Erzitterte vor Aufregung. Da! rauschten da Schritte? Jetzt? Jetzt?
-
-Da regte sich in ihm das gewaltsam Hinabgedrückte, Verbotne; aber er
-konnte ein wenig nachgeben und sich fragen: Warum, ja warum nur erfuhr
-ich dies heut erst von Magda? Warum diese Frist von neun Monaten? In
-neun Monaten wächst ein Keim sich zum Kind aus, -- darum? -- Ach nein,
-antwortete er sich selbst und lächelte dabei: Hätte ich es schon damals
-erfahren, so hätte ich es ja nicht überlebt. -- --
-
-Ja, und nun -- was nun? -- Hier ging es nicht weiter, und um ihn blieb
-alles still.
-
-Orpheus! dachte er gequält, Orpheus! Warum Orpheus? Ach, sich nicht
-umzusehn, das war jetzt die Aufgabe! Geduld! Oh nur Geduld!
-
-Nichts ... Stille ...
-
-In diesem Augenblick, wo er nahe daran war, alles hinzuschütten und sich
-umzudrehn, fand er seine Augen angezogen von etwas zu seinen Füßen.
-
-Dort war -- seine Füße standen im Haidekraut -- eine kleine kahle Stelle
-darin, weißlich von Sand, rund, wie eine Tonsur, nicht größer als ein
-Wagenrad. Mitten darein hatte sich eine gelbe Sternblume gestellt, wie
-sie sonst im Frühherbst in dieser Gegend zu erscheinen pflegten; eine
-sehr kleine Sonnenblume schien sie, nur statt mit schwarzer mit gelber
-Mitte, ein vollkommenes Abbild der Sonne; stand da, ein kleiner Irrtum
-der Natur, aber nun entschlossen, ihn aufrechtzuerhalten. -- Georg
-atmete auf und lächelte.
-
-Überdem, da er fortfuhr, die kleine Freundin zu betrachten, die sich da
-stillschweigend zu ihm gesellt hatte, wurde alles um ihn fortgenommen,
-so daß er nur noch die Blume sah. Dastehn sah er sie, auf ihrem dünnen,
-mattgrünen Stengel; sah ihn, wie er in Abständen kleine Zweige abteilte,
-die gefiedert waren; und sah oben auf leiser Biegung des Stiels das
-kleine gelbe Antlitz sich wiegen, in der Dämmrung sternhell, in einer
-unschuldigen und demütigen Haltung, -- und Georg konnte im kleinen
-Umkreis um sie her den feinen Odem ihres Wesens und Daseins spüren, den
-sie ausatmete.
-
-Wie aber ward alles anders mit einem Mal? War es keine Blume mehr? War
-es nur eine kleine grüne Seelengestalt, die hier mit sich allein war in
-der Windstille? Warum hier? Und sehr allein, da sie nirgend hingehn
-konnte, zu keinem Wesen der Freundschaft, nachbarlos, wie sie beschaffen
-war. Aber wieder, je länger er hinsah, um so mehr ward sie Blume vor
-seinen Augen, und er konnte wiederum Neues erkennen: daß sie von allen
-Seiten gemacht war, ein lebendiges Wesen, das doch kein Hinten hatte
-noch Vorn, sondern nach überallhin war wie das Licht.
-
-Und wie er jetzt -- erzitternd -- sie erfüllt fand von einem inneren
-Frohsein, so sanftgeneigt, so in sich blickend; und daß sie ihm alles
-zeigte, was sie zu eigen hatte, ihr Nichtbemühn, ihre Unbedürftigkeit,
-ihr Wissen um jedes, was not war, -- da dachte er in einer rieselnden
-Bestürztheit noch: Sie ist gekommen -- und nicht Renate -- --
-
-Und kniete hin. Über die zarte Erscheinung geneigt, zerschmolz ihm an
-Wesen und Dasein die letzte Schranke; ging er, wie eine Flamme so
-leicht, ein in die letzte Stille und war selber nur noch ein kleines
-Gewölk von Seele vor dem kleinen Sonnenantlitz der Blüte.
-
-Georg legte das Gesicht in die Hände und weinte.
-
-Er erwachte, liegend am Boden, aus seinen Tränen, gelöst, heilig froh
-und gestillt in allen Tiefen.
-
-Heilig, heilig, ihr Tränen! sang eine neue Stimme. Die ihr euch im Kelch
-einer Pflanze gesammelt habt als reinlicher Tau, ihr seid heilig.
-Heilig, du ewige Pflanze! Unschuldige, aus dir leuchtete mir die letzte
-Unschuld der Natur; meine eigene Unschuld leuchtete mir entgegen. Ich
-habe gesündigt in meiner Verstricktheit, ich, der ich Füße empfing, zu
-gehn, Hände, um zu fassen, und ein Herz, um Gutes und Böses zu sinnen.
-Aber ich, der wie du aus dem unergründlichen Schoße stieg, ich habe
-dennoch teil an dir und an deiner Unschuldigkeit. Sieh, ich halte dich
-in der Hand, o du magischer Schlüssel, und die Riegel aller noch
-verschlossenen Erkenntnisse springen freudig auf und lassen die
-gefangenen Genien heraus in das nährende Licht. Vater, o Väterlichkeit!
-Oh sei mir väterlich, Welt, und ich will dir dienen!
-
-An den Ostrand des Himmels schien dem Liegenden sein Haupt, an den
-Westrand schienen ihm seine Füße zu stoßen, -- so lag er auf dem dunklen
-Rücken der Erde. Im Lüfteraum glitten Fanfaren. Aus Tiefen der See brach
-ein ferner, dunkler Chorgesang auf:
-
- _Aufgenommen, eingekehrt,
- Durchgeprüft und tief belehrt.
- Sohn und Sünder, Knecht und Held,
- Aufgenommen in die Welt.
- Nun behoben ist der Fluch,
- Kräftig zeigt sich jetzt der Spruch:_
-
- _In Nachtgewalten --
- In Taggewittern --
- Sich süß erhalten --
- Sich nicht verbittern!_
-
-Georg erhob sich. Es war nun fast dunkel geworden, aber der westliche
-Himmel leuchtete noch mit ganzer Reinheit. Als er sich umwandte,
-erschreckte ihn eine nahe, helle Gestalt, die noch Licht seltsam
-abzugeben schien und ohne Bewegung dort stand wie schon seit langem. Mit
-Überraschung und linder Freude erkannte er Cornelia und rief leise ihren
-Namen. Sie kam mit leicht rauschenden Schritten, als ob sie über Wasser
-ginge, durch die Stille; er konnte den besorgten Blick ihrer Augen
-erkennen und sagte, ihre Hand ergreifend:
-
-»Du hast gewartet?« -- Sie nickte.
-
-»So will ich dir sagen, was mir widerfahren ist«, sprach er sanft und
-geruhigte sein Wesen tiefer, seinen Arm in den ihren schiebend, an ihrer
-Nähe und am Anschaun des Himmels.
-
-»Einer wuchs auf, wie Alle, und fühlte sich richtig in seiner Welt.
-Einer erfuhr, daß er falsch war. Einer verzweifelte an sich, wollte
-nicht zweifeln und tat alles verkehrt. Einer erfuhr danach, daß er recht
-war. Da sah er, daß tausend Falsches zusammen gemacht hatten ein
-einziges Echtes. Ihm geschah wie Allen. Meinst du aber, ich rede von
-Bogner?« Georg lächelte. »Nein, ich rede -- wie Alle -- von mir.«
-
-Er schwieg. -- Sich umsehend nun, gewahrte er, an welch verlorener
-Stelle er hier in der Ebene stand, nicht weiter erhöht, als um einen
-Überblick zu haben. Unsichtbar, unhörbar im Nord lagerte die See; im
-Osten rauchte die Nacht. -- Er sah heimlich von der Seite Cornelias
-Profil und erkannte mit Rührung in seiner zarten Linie die Linie der
-Sternblume wieder; ja im Blick dieses dunklen Auges den süßen Blick der
-Natur: nach überallhin wie das Licht. --
-
-»Sieh,« sagte sie, die Hand erhebend, »ein schöner Stern!«
-
-Er sah ihn, nicht hoch am Himmel im Nord, der noch hell war dahinter.
-Sah dann einen zweiten, höher, entfernt zur Rechten; und einen dritten,
-wieder tiefer, weit rechts; alle Drei zusammen einsam, funkelnd im
-lichten Blau. Ihm fiel etwas ein dabei, und er sagte, auf die Sterne
-weisend:
-
-»Weißt du, woran die Drei dort mich erinnern? An Bogner und Jason und
-Renate, wie sie vorhin zusammen standen. Hast du's gesehn?«
-
-Sie nickte. Eine Weile noch blieben sie schweigsam stehn. Dann, als
-Georg schon zum Gehen bereit war, hörte er sie halblaut sagen:
-
-»Ja -- die Drei. -- Und sieh, was ich eben dachte: Bogners Kraft, und
-die Schönheit Renates, -- und Jasons Vernunft --, diese Drei sind ...«
-
-»Sind?« fragte Georg ruhig.
-
-Sie beschloß:
-
- _Unwandelbar._
-
-
- Hier enden des letzten Buches neun Kapitel oder doppelt so viele
- Stunden.
-
-
-
-
- Inhalt
-
-
-
- Siebentes Buch
-
- Erstes Kapitel
- Firmament 7
- Sternwarte 12
- Traum 30
-
- Zweites Kapitel
- Frühstück 34
- Verkleidung I 39
- Verkleidung II 45
- Fahrt 49
- Mummenschanz 53
- Ritt 58
- Ausschau 65
- Traumspiel 70
-
- Drittes Kapitel
- Theater 77
- Zelt 85
- Im Wagen 89
- Festzug 95
-
- Viertes Kapitel
- Getümmel 109
- Verspätung 117
- Heimkehr 121
-
- Fünftes Kapitel
- Heimkehr (die andre) 128
- Veranda 132
-
- Sechstes Kapitel
- Garten 142
- Kapelle 154
- Lindenallee 159
-
- Siebentes Kapitel
- Garten 171
- Haus 180
-
- Achtes Kapitel
- Masken 192
- Tempel 200
-
- Neuntes Kapitel
- Zimmer 208
- Wehr 212
- Treppenhaus 221
- Hörsaal 224
- Schlafzimmer 231
- Schlafzimmer (das andre) 234
- Sterne 242
-
- Achtes Buch
-
- Erstes Kapitel: August
- Renate an Magda 249
- Renate an Magda 250
- Aus Renates Gedächtnisbuch 252
- Cornelia Ring an Renate 266
- Renate an Cornelia Ring 267
- Irene an Renate 268
- Renate an Irene 271
- Aus Renates Buch 273
- Cornelia Ring an Renate 287
-
- Zweites Kapitel: September
- Georg an seinen Vater 290
- Magda an Dr. Birnbaum 319
- Dr. Birnbaum an Magda 321
- Renate an Dr. Birnbaum 324
- Georg an Magda 325
- Von Georgs Hand geschrieben 326
-
- Drittes Kapitel: Oktober
- Insel 354
- Aus den Papieren Georgs 364
- Renate an Saint-Georges 371
- Renate an Irene 376
- Renate an Saint-Georges 377
- Saint-Georges an Renate 381
-
- Viertes Kapitel: November
- Cornelia Ring an Magda 383
- Georg an Benno 386
- Aus den Papieren Georgs 393
-
- Fünftes Kapitel: Dezember
- Aus Georgs Papieren 420
- Georg an Benno 438
- Georg an Magda 451
- Georg an Bogner 455
-
- Sechstes Kapitel: Januar
- Cornelia an Georg 456
- Georg an Magda 456
- Georg an Benno 458
- Hallig Hooge 462
-
- Siebentes Kapitel: Februar
- Bogner an Georg 494
- Magda an Georg 495
- Georg an Magda 499
-
- Achtes Kapitel: März
- Aus Renates Gedächtnisbuch 505
- Georg an Magda 512
- Aus den Papieren Georgs 517
- Georg an Magda 528
- Jason an Renate 532
- Renate an Irene 536
-
- Neuntes Kapitel: April
- Aus den Papieren Georgs 537
- Magda an Georg 542
- Aus Renates Buch 543
- Georg an Magda 544
- Aus Renates Buch 545
-
- Neuntes Buch
-
- Erstes Kapitel
- Georg 559
- Renate 575
-
- Zweites Kapitel
- Georg 594
- Magda/Benno 596
-
- Drittes Kapitel
- Magda 607
- Georg 614
-
- Viertes Kapitel
- Magda/Renate 634
- Magda 637
- Renate 639
- Renate (Fortsetzung) 649
-
- Fünftes Kapitel
- Erasmus 666
- Erasmus (Fortsetzung) 690
-
- Sechstes Kapitel
- Bogner/Klemens 714
- Klemens 724
- Birnbaum 729
- Irene 739
-
- Siebentes Kapitel
- Benno 744
- Georg 759
- Bogner 763
-
- Achtes Kapitel
- Magda 771
-
- Neuntes Kapitel
- Georg 804
- Cornelia 808
- Die Blume 813
-
-
- Der »Helianth« wurde geschrieben in
- den Jahren 1912-20. -- Der Druck erfolgte
- in den Jahren 1917-20 in der
- Spamerschen Buchdruckerei in Leipzig
-
-
- Anmerkungen zur Transkription
-
-Offensichtliche Fehler wurden stillschweigend korrigiert. Weitere
-Korrekturen (vorher/nachher):
-
- [S. 163]:
- ... steckend bleibend. ...
- ... stecken bleibend. ...
-
- [S. 330]:
- ... Frühling liegt ihr Lächeln unter den ersten Krokus, den ...
- ... Frühling liegt ihr Lächeln unter dem ersten Krokus, den ...
-
- [S. 619]:
- ... des Zähneputzen und Waschens, die tiefe Lautlosigkeit, ...
- ... des Zähneputzens und Waschens, die tiefe Lautlosigkeit, ...
-
- [S. 653]:
- ... mit ihr berührte, das müßte von ihr an zu fließen fangen.« ...
- ... mit ihr berührte, das müßte von ihr zu fließen anfangen.« ...
-
-
-
-
-
-
-End of the Project Gutenberg EBook of Helianth. Band 3, by Albrecht Schaeffer
-
-*** END OF THIS PROJECT GUTENBERG EBOOK HELIANTH. BAND 3 ***
-
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-electronic works. See paragraph 1.E below.
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-lieu of a refund. If you received the work electronically, the person
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-Section 2. Information about the Mission of Project Gutenberg-tm
-
-Project Gutenberg-tm is synonymous with the free distribution of
-electronic works in formats readable by the widest variety of
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-exists because of the efforts of hundreds of volunteers and donations
-from people in all walks of life.
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-Volunteers and financial support to provide volunteers with the
-assistance they need are critical to reaching Project Gutenberg-tm's
-goals and ensuring that the Project Gutenberg-tm collection will
-remain freely available for generations to come. In 2001, the Project
-Gutenberg Literary Archive Foundation was created to provide a secure
-and permanent future for Project Gutenberg-tm and future
-generations. To learn more about the Project Gutenberg Literary
-Archive Foundation and how your efforts and donations can help, see
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-www.gutenberg.org Section 3. Information about the Project Gutenberg
-Literary Archive Foundation
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-The Project Gutenberg Literary Archive Foundation is a non profit
-501(c)(3) educational corporation organized under the laws of the
-state of Mississippi and granted tax exempt status by the Internal
-Revenue Service. The Foundation's EIN or federal tax identification
-number is 64-6221541. Contributions to the Project Gutenberg Literary
-Archive Foundation are tax deductible to the full extent permitted by
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-Lake City, UT 84116, (801) 596-1887. Email contact links and up to
-date contact information can be found at the Foundation's web site and
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-Section 4. Information about Donations to the Project Gutenberg
-Literary Archive Foundation
-
-Project Gutenberg-tm depends upon and cannot survive without wide
-spread public support and donations to carry out its mission of
-increasing the number of public domain and licensed works that can be
-freely distributed in machine readable form accessible by the widest
-array of equipment including outdated equipment. Many small donations
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-methods and addresses. Donations are accepted in a number of other
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-
-Professor Michael S. Hart was the originator of the Project
-Gutenberg-tm concept of a library of electronic works that could be
-freely shared with anyone. For forty years, he produced and
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