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| author | nfenwick <nfenwick@pglaf.org> | 2025-02-04 02:22:59 -0800 |
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This file was -made from scans of public domain material at Austrian -Literature Online. - - - - - - - Maria Lazar - - - - - DIE VERGIFTUNG - - - 1920 - LEIPZIG - E. P. TAL & Co., VERLAG - WIEN - - - Alle Rechte, insbesondere das der Übersetzung vorbehalten. - Copyright 1920 by E. P. Tal & Co., Verlag Leipzig und Wien. - - - - - Die Tür - - -Eine braune Holztür, glatt, mit vielen dunklen Flecken. Eine Tür wie sie -überall ist, überall ist. Eine Tür -- - -Nein, eine dunkle Macht, feindlich, glatt, mit vielen dunklen Flecken. -Das schlägt ins Gesicht, dem ganzen Körper entgegen. Eine Schicht, eine -dünne, harte Wand. - -Und da verloren sich die schmiegsamen Formen ihres Leibes. Das -Immerweitertasten ihrer Hände blieb stecken. Sie wurde platt -zusammengedrückt zu einer Fläche, einem Ding, aus dem nur der ungeheure -Schrecken herausgestiegen war und draußen stehen blieb, verwundert. - -Als sie über die Treppe des Alltagshauses ging, trat sie in die Abdrücke -der hundert geschäftigen Füße, die täglich hier vorüberliefen. - -Wieso war sie überhaupt dahergekommen? Immer daher gekommen und nur da -her, daß alles übrige draußen liegen blieb? - -Heute drang das Licht blendend durch Steine und die erstarrte Haut ihres -Leibes. Von den Blättern troff es, grell und heiß, und duftete nach dem -Blut aller, die auf der Straße gingen. Das Blau war zu tief, -zusammengedichtet aus trotzigen Kräften. - -Ach, die furchtbare Helle. Und in sie hineingelegt die Tür, mit den -dunkelbraunen Flecken. Die sich niemals, aber auch niemals einschlagen -läßt. - -Diese Tür war schon damals gewesen, als sie so klein war, daß sie den -Kopf ganz nach hinten legen mußte, um die ersten Stockfenster zu sehen. -War es die Tür aus dem Kinderzimmer heraus oder von der Küche in den -dunklen Gang, an die sie sich nicht zu hämmern traute, als man sie -einmal dort eingesperrt hatte? Die Tür, die sich nie und nie zertrümmern -läßt. - -Wievielmal schon hatte sie diese Türe geöffnet, mit Händen, die dem -eigenen Sieg nicht glauben wollen. Nur ein leichter Druck auf die Klinke --- und hatte doch immer den Mut gehabt, zu wissen, daß diese Türe einmal -verschlossen sein muß. Jedesmal hatte sie den einen gräßlichen Moment -erlebt, der heute Wahrheit geworden war -- verschlossen. - -Heute, es ist ja gar nicht heute. Das war schon immer, das hat sie ja -schon hunderttausendmal erlebt. Tritt man nicht aus der Zeit heraus, -wenn dann eine Stunde kommt, die sich einbildet, die erste zu sein. Ein -Heute, das ewig ist -- ein Schritt aus dem warmen Leben -- vielleicht -ist ihr deshalb so entsetzlich kalt. Und sie muß die Augen schließen, -während das Sonnenlicht des Tages die Wimpern versengt. - -Verschlossen -- undurchdringlich. - -Sie geht durch Straßen, wo die Nachmittagsröte die Mauern frißt. Und -weiß: Der breiten Kastanie vor seinem Fenster ist heute ein Ast -abgehauen worden. Blendend weiß bietet sich die Wunde der gierigen -Sommersonne dar. - -Sie kann nie mehr weiter tasten. Steht fest, undurchdringlich -- -verschlossen. - -Ich muß denken, sagte Ruth. Sie nahm den Brief, der in seine Tür -geklemmt war und dachte: Ein zu kleines Kouvert. Und warum macht er dem -R bei Ruth so einen Schnörkel? Eine wütende Lust überkam sie, den Brief -von sich zu werfen, irgendwohin, vielleicht in den Straßengraben. Und -dann nie mehr ... Aber sie hielt ihn fest und ging so lange, bis die -erste Dämmerung sich mit dem Staub der Großstadt mischte, der in die -Höhe stieg, langsam, leise und unerbittlich. - -Es schlug neun Uhr vom Kirchturm. Sie dachte: Mutter ist böse, wenn ich -zu spät zum Abendessen komme. Und Richard macht seine verwunderten -Augen. Ich will sie nicht ärgern. Aber ich bin nur so elend, wie sie gar -nicht wissen, daß man sein kann. - -Sie spürte den Essensgeruch der aus der Küche quoll, als die Köchin -öffnete. Und war gespannt was es gäbe, während ihr die Tränen in die -Augen traten, daß sie jetzt daran denken könne. - -Sie sah nicht auf Mutter und Bruder, während sie schweigend würgte. Sie -hörte nicht die Nörgeleien der Schwester. Sie schluckte eilig große, -trockene Bissen hinunter und fragte sich nur: Was habe ich? Sie wußte es -nicht mehr. - -Aber als sie in ihr Zimmer trat, schrie der Spiegel seinen Namen. Und -sie sah ihr Bild darin, wie sie sich den Schleier vorgebunden hatte, -bevor sie weggegangen war, heute. Die Bücher auf dem Tisch, die -vernachlässigt und zusammengeworfen waren, und die zerrissene Mappe -atmeten seinen Duft aus. Und von dem seidengelben Lampenschirm herab -träufelten in weichen Farben ihre nächtlichen Gedanken. - -Sie öffnete den Brief. Und las verächtlich seine großen Lügen. - -Der Spiegel schrie seinen Namen. Sie sah sich drinnen, wie sie sich den -Schleier vorgebunden hatte. Wird sie so nie mehr zu ihm gehen. - -Aber ja, morgen geht sie zu ihm, ganz so wie sonst. Was hat sie nur -heute. Der Brief ist ja so einfach zu verstehen. Warum soll er denn -nicht einmal verhindert sein, geschäftlich. - -Ruth las den Brief noch einmal. Die lächerliche Schlinge des R und die -kriecherische Windung des L in Liebe. - -Er lügt. Aber das macht ja nichts, das wußte sie schon immer. Und doch --- sie kann nicht mehr. - -O Gott, was ist nur geschehen? Was ist mit ihr? Durch das Fenster -strahlt die warme Sommernacht, wie eine Fülle leuchtender -Versprechungen. Die Welt ist hell. Sie war bis jetzt nur in einer -dunklen Stube. Dunkle Stühle, dunkle Flecken an der dunklen Tür. Die -Welt ist hell. Ihre Glieder, ihr armer vergessener Körper schreien nach -Licht. Sie kniet am Boden. Ihre Zähne beißen in die Tischkante, oh, daß -sie nicht aufschluchzt. - -Sie will denken. Sie weiß, daß seine Augen durch alle Mauern auf sie -sehen. Aber ihre Hand sagt nein, ihr Knie schlägt in trotzigen Stößen -auf die Diele. - -Ihr Hirn schmerzt vor Sehnsucht nach ihm, ihre Zähne beißen in die -Tischkante. - -So lange sie denkt, gehört sie ihm. Aber da ist noch etwas an ihr, das -nicht denkt. Das treibt, das schlägt, das stößt, das treibt sie zu ... - -Er stand vor dem Spiegel mit dem zu dicken Rahmen, der alles verdüsterte -und doch so hervorstach, als wolle er es nicht zugeben, daß eine -eigentümliche Frechheit von dem bespritzten Glas ausging. - - * * * * * - -Er stand vor dem Spiegel und sah aufmerksam auf seine schlecht rasierten -hageren Backen. Auf die etwas zigeunerhafte Locke, die über die Stirn -hing. Sie war nur zu licht, um wild zu sein. - -Er stand vor dem Spiegel und versuchte die Regelmäßigkeit seiner -schmalen Züge zu genießen, durch die die zu weit nach hinten liegende -Stirn durchfuhr, wie ein querer Strich in einer regelmäßigen Zeichnung. -Seine Schultern standen zu weit nach hinten, künstlich steif. Sie -wollten offen und frei erscheinen. Aber die Augen lagen tief versteckt. -Die Pupillen waren nicht in sich abgeschlossen, sie liefen über, -ausstrahlend und doch wie verirrt in das Weiße des Auges. - -Er stand vor dem Spiegel und der zusammengepreßte Mund, mit den dunklen, -schmalen Zähnen erkannte alle Schwächen der kraftlos weichen Hände, die -sich auf den Rücken legten, während die Schultern sich nach hinten -streckten, gewaltsam, künstlich. - -Als Ruth zur Tür hereinkam, saß er vor dem Pianino und spielte eine -Beethoven-Sonate. Er trat ihr entgegen mit beiden ausgestreckten Händen. --- Du kommst spät, sagte er liebenswürdig spöttisch. Aber seine Augen -blickten böse in eine Ecke des Zimmers. - -Ruth erschrak. Wie immer legte sich der süßlichherbe Geruch der Räume, -den sie nie wo anders getroffen hatte, betäubend um ihre Stirn. Sie -lachte dann: Ja, denk nur, wieso, ich bin einen verkehrten Weg gegangen. - --- Du hast nicht kommen wollen, sagte er langsam und schwer. - -Alles stand still. Das Zimmer stand still, jeder Stuhl, selbst die Uhr, -die sonst immer zu laut schnarrte. Etwas lebte nicht mehr, es war etwas -gestorben, jetzt, in dieser Minute, etwas Furchtbares war ausgesprochen -worden. - -Ruth dachte: Weinen können. Sie sah die hochmütigen Globen auf dem -Wandregal, die alle staubig waren. Und die sattgelben Minerale auf dem -unordentlichen Schreibtisch. - -Er rückte ihr den Stuhl zurecht, wie immer. Immer denselben Stuhl. - --- Aber was sagst du denn da? lachte Ruth. Es war ihr schlankes frohes -Kinderlachen, das so seltsam hinaufkletterte über die grau verschossenen -Wände, die zu hoch waren. - --- Mein Kind, sagte er, mit überschlagenen Beinen und fremden Augen, ich -habe dich seit drei Wochen nicht gesehen und heute kommst du zu spät. - --- Du mußt mir erzählen, stöhnte Ruth, alles was da war, alles was du -erlebt hast, was du gearbeitet hast. - --- Ruth, sagte er. Und sie haßte ihn. Spürte den Schnörkel in der -Schlinge des R. - -Sie sah seine weißen, kraftlosen Hände. Wußte, daß sie diese Hände -niemals vermissen könne. Seine Krawatte war zerschlissen. - -Eine heiße Welle stieg in ihr empor, würgte die Kehle. Aber sie war so -müde. Hilf mir, sagte sie. - -Vor ihr war eine große, schwere Wage. Eine Schale war voll eiserner -Gewichte, schwer und kalt. Die andere leer, ganz leer und hoch oben, -mutterseelenallein. - -Die ganze Welt war aus dem Gleichgewicht durch diese Wage. Und durch die -Disharmonie seiner Bewegungen. So wie er jetzt die Zigarre zum Munde -führte. - --- Du kannst mich eben nicht mehr aushalten, sagte er langsam. Nein, er -wußte nichts, er konnte ihr nicht helfen. - -Er erzählte ihr von seinem neuesten chemischen Experiment. Und sah sie -an, als wäre sie eine schillernde Phiole. - -Ihr Gehirn wollte mitarbeiten, aber wieder wehrten sich ihre Hände, ihre -Knie, ihr Blut dagegen. - -Die Nacht war hereingebrochen. - -Du, sagte Ruth plötzlich, als er ihr seine letzten Tage schilderte, wie -er sich elend in Gasthäusern herumgetrieben. Hör' auf. Ihre Stimme klang -hart und hell. Sie sprang auf und nahm seine Hand. Und ein grenzenloses -Mitleid, ein Schmerz, der sich selber zerbrach, lähmten ihren Atem. -- -Jetzt geh ich und komme nicht mehr. Deine Tür war verschlossen, -letztesmal. Sie war immer verschlossen. Lüg nicht! Vielleicht weißt du -es nicht. Ach, diese Kälte herinnen. Und ich liebe dich. Hörst du mich -nicht. Das ganze Zimmer hört mich ja. Die Bäume draußen hören mich. So -hör mich. - --- Ich höre, mein Kind, sagte er und sie stampfte mit dem Fuß, weil er -mein Kind sagte. - --- Du weißt, daß ich seit zwei Jahren für dich gelebt habe, fuhr sie -fort und ihre Stimme überschlug sich. Aber ich sage dir, ich spüre eine -Erschöpfung, eine Gefahr, ich bin zu voll von dir, ich kann dich nicht -mehr ertragen. O, was tust du mit mir. - --- Wohin willst du, sagte er und nahm einen Zug aus seiner Zigarre. - --- Fort, schrie Ruth. Was bin ich dir? Eine Phiole mehr für deine -Experimente. - --- Törichtes Kind, sprach er und seine Stimme war schwarz in der lauen -Nacht. Fort -- du kannst nicht mehr fort. Du warst die Phiole für mein -kostbarstes Experiment. In dir habe ich mich selber experimentiert. - -In diesem Augenblick sah Ruth vor sich auf dem Schreibtisch ein -schmales, scharf geschliffenes Messer liegen. - --- Wohin willst du, fragte er und vertrat ihr den Weg zur Türe. Du -Kleine, die du die ganze Last eines verbrauchten Lebens in dir trägst. - -Ruth roch Blut. Oder waren das seine Chemikalien. - --- Nein, sagte sie. Und ging hinaus ohne ihm die Hand zu geben. - -Im Stiegenhaus brannte grellrot elektrisches Licht. Und die Straße -lärmte. - - - - - Der Kleiderkasten - - -Ruth erwachte. Durch das Fenster stieß peinigend laut Licht. Es kam von -drüben, von der fahlgelben Hofmauer, zerbrochen und unverschämt schrill. -Es saugte die Menschen aus ihren Betten, aus ihren Häusern, ihren -Gewohnheiten. Und weil heute Sonntag war, liefen sie alle hinaus. In -eine Freiheit, die zu hell war. Daß die großen grünen Blätter schon -verdeckt lagen von Staub und zu viel erlebt haben. Wie das schmerzt. Und -alle schreien. Irgendwo wird Bier ausgeschenkt. - -Dasselbe Licht kroch über die Gegenstände ihres Zimmers, die sonst -dunkel waren. Sie traten heraus aus sich selbst, aus ihrem farblosen -Dasein und jede Kontur wurde scharf und kam weit hervor. - -Es war nicht zum Aushalten. Ruth sprang auf. Sie ließ die Jalousie -herunter und war erleichtert, als die Eisenstangen auf dem Fensterbrett -aufschlugen. Dann legte sie sich wieder in das zerwühlte Bett, -obendrauf, den Kopf weit nach hinten. - -Vor ihr stand der Kirschholzkasten. Der liebe, lichte, gerade -Kirschholzkasten. - -Tisch und Stühle und vor allem das dunkle Bücherbrett trugen noch sein -Gepräge. Sie waren immer nur dagewesen, um zu warten, daß sie zu ihm -gehe. Und wenn sie wieder kam, waren sie voll Warten für das nächstemal. -Und nur voll Warten. - -Aber der lichte Kirschholzkasten war schon früher dagewesen. Sie sah -starr auf ihn mit halbgeschlossenen Lidern. Um die anderen nicht zu -sehen. - -Der Kasten hatte etwas vom lieben Gott. Ganz bestimmt. Von dem lieben -Gott, vor dem man die Hände faltet, um zu ihm zu beten. Der einen weißen -Bart hat. Und man braucht nur brav zu sein und es kann einem gar nichts -geschehen. Er schmeckt nach Zuckerlämmchen, die zu Ostern verkauft -werden. Und auch ein bißchen verstaubt. - -Dieser liebe, breitlinige Kasten war einmal groß, so groß, daß man nicht -bis zum Schlüssel reichen konnte. Und alles war darin, was man nur -brauchte. - -Ruth bäumte sich auf. Der liebe Gott war tot. In dem lichten -Kirschholzkasten hing eine Menge dunkler Stoffe. Die rochen alle ein -wenig nach fremden Chemikalien, süßlich herb. Stundenlang war sie -gesessen, den Kopf in diesen Kleidern vergraben, um den geheimnisvollen -Duft einzusaugen. Nein, sie wird den Kasten nie mehr aufsperren können. - -Sie betrachtete mißtrauisch ihre braunen Kinderhände. Mit den kurzen -Fingern, die noch niemals etwas sein wollten und noch niemals etwas -festgehalten hatten, immer nur alles fragend betastet. Rochen sie nicht -in ihrem Innern, ganz drinnen in der Handfläche, aus den Poren heraus -nach ihm? Sie dachte an das Versinken in seinen großen, zu weißen Händen -und ihr wurde übel. Ihre widerspenstig flockigen Haare rochen ja auch -nach dort -- ist sie denn ganz von ihm durchzogen, vergiftet -- - -Sie wird ein Bad nehmen. Und sich die Haare waschen mit sehr viel Seife. -Das wird nützen. Und die Möbel heute gut abstauben, mit einem neuen -Staubtuch. - -O Gott, wenn sie nicht auf den Kasten sieht, sieht sie überall ihn, -nein, nicht ihn und auch nicht seine Augen, nur seinen Blick. Der dunkel -ist und wie ein Band sich um ihre Glieder legt. Den sie nicht versteht -und nie verstanden hat, weil er aus einem Land kommt, das sie nicht -kennt. Dessen Unkörperlichkeit sie verzweifeln ließ und dem sie nun -entflieht, von heute an. - -Es ist merkwürdig, dachte Ruth, daß ich die ganze Nacht geschlafen habe. -Es ist überhaupt merkwürdig, daß man bei einem großen Unglück doch ganz -bleibt, wie sonst. Nur alles andere wird anders. - -Und wieder sieht sie auf den hellen freundlichen Kasten. Und vergleicht -ihn mit dem lieben Gott. Sie möchte die Hände falten, ganz wie damals. -Und kann es nicht mehr. Und fürchtet sich, ganz wie damals. - -Denn da ist sie wieder, die alte Kinderangst, über die sie schon -hinweggegangen zu sein glaubte mit hochmütig erwachsenem Schritt. Die -Angst, die die Nacht fürchtet und die blasse Frühlingsdämmerung. Die -sich krümmt unter der Eintönigkeit des Mittags. Die Angst, die auf der -Schulbank hockt neben dem patzenschwarzen Tintenfaß, den strengen -Scheitel der Lehrerin streift, die nach zerkauten Federstielen schmeckt -und liniertem Papier, die Angst, die aufschreit in einsamen Nächten und -keinen Ausweg findet durch den fest verschlossenen Mund. Die von -Leichenzügen träumt und alle Pest und Hungersnot der Jugendbüchereien -durchlebt hat. - -Wer ist sie heute? Was war sie seit der Zeit, als sie in kurzen Röcken -über die Gassen lief und das Zopfband verlor? Ist sie bestohlen, -beraubt? - -Nein, Ruth wußte es, sie war mißhandelt worden. Eine zarte Hülle blieb -übrig, die leben wollte. Und was war in ihr? Was roch wie die lebendig -gewordene Wissenschaft? Was klebte an ihren Händen, in ihren Haaren, in -ihren Kleidern? Was füllte den lieben, alten Kasten? - -Da wird sie sich einer furchtbaren Gefahr bewußt: Leer werden. Leer -- -was heißt das, was ist das? Leer -- das sind die Augen in Totenschädeln. - -Sie will nach der goldenen Fülle greifen. Und das Licht kann nicht -herein und dahinter steht das Nichts, das Leere. - -Leer -- das heißt ihn verlieren, ihn verloren haben. Und die Wucht -seiner Schmerzen, die Qualen seiner Einsamkeit. - -Hoch aufgerichtet steht sie vor dem Bett. Sie sieht an sich herunter. -Bis zu den schlanken, braunen Knöcheln. Und haßt sich. - -Leer -- das ist das Stück vom Fenster hinab bis zu dem harten Pflaster. -Worauf die Menschen ihren grünen Schleim spucken und das die Hunde -beschmutzen. - -Frei sein und leer sein und weniger als elend sein -- - --- Fräulein Ruth sollen zum Frühstück kommen. -- Ruth sah das große -überkräftige Stubenmädchen mit der hohen vergnügten Stimme. Und wußte: -heute abends geht sie aus, da wartet einer unten auf sie, vielleicht der -vom letztenmal oder auch ein anderer. - --- Ruth, rief die Mutter aus dem Nebenzimmer. -- Ich komme, antwortete -sie mit einer Stimme, die voll Musik und Jubel war. - -Mutter stand in der Sonne. Und Mutter war lebendigstes Gewesensein. - - * * * * * - -Mutter ging alle Morgen nachsehen, ob das Mädchen gut aufgeräumt habe. -Sie ließ keinen Stuhl so stehen, wie diese ihn gestellt hatte. Mutter -wollte ein eigenes Haus haben, wie sie sagte. Ob dieses Haus besser war, -als alle anderen, ist nicht bestimmt. Aber daß es anders war als alle -anderen, daß es ihr eigen war und nur durchtränkt von der kindhaften -Unruhe ihrer zu langen Finger, die niemals jung gewesen sein konnten, -daß ihr Haus fremd und versperrt war allen, die nicht ihres Blutes -waren, das hatte sie erreicht. Und Ruth empfand es mit einem Stolz, der -sich selbst nicht anerkennen will. - -Mutter küßte Ruth, wie man ein Stück Eigentum küßt oder ein Stück von -sich selbst. Und Ruth fühlte die Schmerzen der vergangenen Nacht ganz -klein werden und wollte weinen. - -Mutter frühstückte nicht mit. Sie war nie imstande eine Mahlzeit durch -sitzen zu bleiben. Sie mußte immer rasch noch etwas anderes tun. - -Mutter war groß. Aber nicht groß genug für das, was sie der Welt zeigen -wollte. Deshalb schien sie fast klein. - -Und auch ihre Wohnung war groß. Aber zu klein, um sich vor allen -zurückziehen zu können. Denn das wollte sie. Deshalb waren die hohen -Räume eng und drückend. - -Als Ruth mit dem schmalen, silbernen Brotmesser das Brot schnitt, -empfand sie einen seltsamen Besitzerstolz und dachte: zuhause sein. - -Sie hatte keinen anderen Wunsch, als Mutters Kleid zwischen beide Hände -fassen zu können, ganz, ganz fest. Wie gut war es, daß Mutter immer so -alte Kleider trug. Und schon wollte sie aufspringen und Mutter alles -sagen -- - -Da kam Richard herein. Nein, sie konnte nicht. Richard war zu klug. Und -Richard war Mutters Sohn. Von so etwas konnte sie nie zu Mutter -sprechen. - -Und Martha war Mutters Tochter. Martha war häßlich und verbittert. Wenn -sie die Tür aufmachte, war das Zimmer voll Lärm. Da konnte Ruth von so -etwas doch nie zu Mutter sprechen. - -Ruth wußte nicht, daß Mutters Leben nur Enttäuschung war, die nicht -eingestanden werden durfte. Und daß Mutter so grenzenlos arm war, weil -sie nie den Mut gehabt hatte, das zu erkennen. - -Mutter war so klug, daß sie die Dinge nicht wirklich sah, sondern in -Karikatur auf dem Hintergrund ihrer Wünsche und Vorurteile. Aber sie sah -sie alle bis auf eines: Das war sie selbst. Sie wußte so wenig von ihrer -eigenen Existenz wie ein ganz kleines Kind. Und ahnte nicht, daß sie -selber auch etwas beigetragen habe in der Symphonie der Ereignisse, die -ihr enges, tiefes Dasein bildeten. - -In ihrer Jugend hatte sie nur eines gekannt: Die Pose. Die Verwandten -und Freunde, ja selbst der Kutscher ihres väterlichen Hauses sprachen -mit Handbewegungen, wie Schauspieler in ihren Rollen. Das hatten sie von -ihrem Vater gelernt. Dessen ganzes Leben ein großer Faltenwurf war. -Hinter dem steckte nichts als Jagd und Rausch und etwas Verwesung. Aber -ihre Mutter war träge. - -Sie hatte nie den Mann gefunden, den sie lieben konnte. Das wäre auch -nicht so nötig gewesen, nur hätte sie sich Zeit nehmen sollen, ihn zu -suchen. Denn nur dann hätte sie sich entwickeln können. - -Aber sie zerschnitt sich alle Möglichkeit weiterzukommen, indem sie in -früher Jugend einen Mann heiratete, der vielleicht ein Heiliger geworden -wäre, wenn sie ihn unter Menschen gelassen hätte. Denn er liebte die -Welt mit der zarten, naiven Freude junger Knaben, die an einem -Frühlingstag ein blühendes Tal durchstreifen. Aber sie hielt ihn als -Eigentum, wie ihr Vater Pferde und Bediente gehalten hatte. Sie sperrte -ihn ein in Räume, die von ihren Atemzügen übersättigt waren. Daß seine -weiche Menschlichkeit zur Seite treten mußte und sein säurenscharfer -Verstand allein ihn beherrschte. Er rechnete Tage und Monate und Jahre. -Als seine große Erfindung fast fertig war, starb er. Aber noch eine -Stunde vor seinem Tod erzählte er das Märchen vom Schneewittchen. Denn -er hatte immer Königstöchter geliebt, die eigentlich kleine Mädchen -waren und in rote Äpfel bissen. Die ein bißchen Puppentheater an sich -hatten. - -Ruth hatte Vater gegenüber ein schlechtes Gewissen. Weil Mutter alles -war, weil Mutters große, vielgliedrige Hände auf ihren Augen gelegen -waren, wenn sie zu Vaters Schreibtisch sehen wollte. - -Als sie noch ganz klein war, hatte er sie einmal in eine Konditorei -geführt. Es war ein schneidend kalter Wintertag und ein elendes -Geschäftchen in der Vorstadt. Dort kaufte er Bonbons, einen großen Sack -voll großer, dicker, gelber, malziger Bonbons. Und gab sie ihr mit dem -vergessen gütigen Lächeln, mit dem Christus das Brot an die -Zehntausenden verteilt. Da wurde sie traurig. Am Abend saß er an seinem -Schreibtisch und Mutter schalt mit der Köchin. Ruth ging in das dunkle -Vorzimmer, steckte den Kopf in seinen Winterrock und küßte, küßte das -weiche, kalte Tuch. Später sagte Richard: -- Gib mir davon. -- Sie hielt -den Sack fest zu. -- Du bist geizig, sagte Richard. -- Gib! -- Sie -preßte den Sack an sich. Da schlug er sie. Sie weinte. Er zerriß das -Papier. Aber sie kämpfte um jedes einzelne Bonbon. Und legte alle unter -ihren Kopfpolster. So war Vater. Aber Richard konnte das nie verstehen. -Und sie hatte viel Respekt vor Richard. Fast noch mehr als vor Mutter. - -Am Abend sagte Mutter: -- Warum bist du noch nicht angezogen. In einer -Stunde müssen wir im Theater sein. - -Ruth dachte an den Kleiderkasten. An den dunklen Duft, der aus ihm -herausströmen soll. Und sie empfindet das dunkle Band, das von weither -kommt und sich um alle ihre Glieder legt, schmiegt, sich einschneidet in -die furchtsame Haut. - -Und sie weiß, wenn sie das blaue Seidenkleid anzieht, ist sie morgen -wieder bei ihm. - --- Ich gehe nicht ins Theater, antwortete sie. Und blieb allein in der -Wohnung. Da geht sie aus, sich zu suchen. Sie schleicht, sie kriecht -fast durch die Zimmer. Sie betastet die Stühle mit den verbogenen Füßen, -die überflüssigen Vasen, den Samt der Vorhänge. Überall war Mutter. Und -noch Richards Bücher. Und ein paar gestopfte Handschuhe von Martha. Aber -Ruth war nirgends. - -Da überfiel sie eine Qual, die sie zu Boden schlug, sich wie ein Strick -um ihren Hals legte und würgte ... - -Mutter kam von Lohengrin und war entzückt, wie immer. Sie liebte derbe -Romantik und laute Musik. Dann sang sie den Hochzeitsmarsch mit ihrer -kräftigen Stimme. Ruth sah sie an wie eine Fremde. - -Richard war zufrieden, wie nach einer gut überstandenen Prüfung. Und -Martha jammerte, daß ihr Schal ein Loch bekommen hatte. Ruth war nur -ganz verwundert. - -Aber dann setzte sie sich auf Mutters Bett, tief hinein. Sie starrte in -das schläferige Weiß des Linnens und wünschte sich klein zu sein und -Fieber zu haben. - -Mutter sagte: -- Aber jetzt geh schlafen. Und warum bist du heute so -blaß? Was hast du denn? Geh nur schlafen und gib mir noch vorher meinen -Roman. - -Richard meinte gähnend: -- Möchte nur wissen, warum du deinen Sitz hast -verfallen lassen. So was Dummes. - -Ruth wußte nur: -- Wenn ich den Kasten aufmachen muß, werde ich -wahnsinnig. Da ist ein Abgrund drinnen, der stürzt über mich, der -erdrückt mich durch seine Leere. Und dann wissen sie alles. Oh, die -Schande. Dann bin ich ausgezogen. Nackt vor allen. Auf der Straße. Mein -Körper ist voll eiternder Wunden, oh, die Schande. - -Der liebe, lichte Kirschholzkasten stand glatt in ihrem dunklen Zimmer. - -Nach zwei Tagen sagte das Stubenmädchen: -- Wenn Fräulein Ruth nicht den -Kasten aufmachen, kann ich den grauen Mantel nicht zum Putzen tragen. - -Die Schande. - -Und Mutter sagte: -- Wenn du den Schlüssel verloren hast, lasse ich den -Schlosser holen. - -Die Schande. - -Sie weinte heraus: -- Ich will nicht. - --- Ich glaube wirklich, du bist krank, meinte Mutter. - -Aber Richard rief aus dem Nebenzimmer: -- Geh, mach dich nur nicht -interessant. - -Oh, die entsetzliche Schande. - -Und sie wird sich zwingen lassen. - -Was tut sie nur den ganzen Tag. Sie geht herum und erklärt es ihm, ihm, -zu dem sie nie mehr kommen wird. Sie macht ihm alles begreiflich, er -versteht es, er weiß es, er weiß ja alles. Wie kommt es nur, daß er ihr -so ähnlich ist. Oder sie ihm -- - -Sie nimmt zum zehntenmal ein neues Staubtuch und wischt alle Möbel ihres -Zimmers ab. Damit sein Duft doch endlich weggehe. Und wäscht sich dann -die Hände mit kochend heißem Wasser. - -Am nächsten Abend sagte die Mutter: -- Wenn du dir morgen nicht ein -anderes Kleid anziehst und den Kasten aufsperrst, so hol ich den -Schlosser. Also überleg es dir. - -Ruth stand an ihrem Fenster und sah in die schmutziglaue Sommernacht -hinunter und fühlte: Warum kann Mutter, die den Lohengrin so gern hat, -die so nobel ist, wenn Gäste kommen, so zu mir sein? Warum stehe ich -hier und schau auf eine staubige Straße, wo doch draußen die vielen -Felder sind mit den endlosen Schienen -- in die Ferne gleiten -- und -warum -- - --- Ich muß jetzt Bett machen, sagte das Stubenmädchen und zündete das -grelle elektrische Licht an. Ruth sah auf sie. Auf ihre kräftigen Arme, -die fast aus der Bluse quollen, ihre übermütig starken Hüften, ihre -brennend heißen Wangen. -- Hören sie, Agnes, sagte sie heiser und ging -ganz nahe zu ihr ... Sie waren jetzt unten, da beim Haustor und er war -dabei, o bitte, sagen Sie nicht nein, ich habe Sie ja gesehen ... Nein, -Sie müssen nicht schreien, aber sagen Sie mir doch bitte, war es der -selbe, mit dem ich Ihnen begegnet bin, damals, Sie wissen schon, wie ich -im Konzert war, aber so sagen Sie doch. -- Nein, sagte Agnes, mehr -verblüfft als verlegen. -- Aber eines, Agnes, müssen Sie mir noch sagen. -War es schön, unten jetzt, meine ich, war das schön -- Oh Gott, sagte -Agnes, nein, das ist nichts für Sie, Fräulein. -- Hören Sie, Agnes, und -Ruth kämpfte mit ihrem Atem, Sie haben so starke Arme. Agnes, liebe -Agnes, ich habe meinen Kastenschlüssel verloren. Mama ist sehr böse. -Nehmen Sie das Küchenmesser, das große, und machen Sie mir den Kasten -auf, nicht wahr, Sie tun es. Aber leise, ich geh einstweilen in das -Speisezimmer. Und kein Wort davon, Agnes, Sie verstehen. Die Kleider -hängen Sie über Nacht ins Vorzimmer, aber es darf niemand davon wissen, -und zeitlich früh wieder herein, o ja, Agnes, Sie verstehen, sie tun es -gleich -- - --- Ich verstehe schon, Fräulein Ruth, sagte Agnes mit blödem Lachen. - - - - - Die Mutter - - -Ich liebe Mutter, dachte Ruth. Kein Mensch weiß, wie groß sie ist und -stolz. Es ist schade, daß das niemand weiß. Aber ich kann es ja auch -nicht vertragen, daß sie die Türen zuwirft und durch die Zimmer läuft. -Daß sie mit dem Mädchen schreit. - -Sie flüchtete in Gärten. In kleine, engbrüstige Vorstadtgärten mit -zerrauften Büschen und wackligen Bänken. Mit großen Sandhaufen voll -schmutziger Kinder. - -Sie ging hin, weil sie dort noch niemals, niemals gewesen war. Und saß -brutheiße Sommernachmittage durch und versuchte nur an Mutter zu denken -und ihn zu vergessen. - -Denn noch immer verfolgte sie sein Blick wie ein dunkles Band, das so -weich war, wie das Innere seiner Hand, so daß man nichts wünscht, als -sich hineinlegen zu können und nichts mehr weiß von Steinen und Bergen. -Wie im Sand vor dem Meer. - -Als sie einmal so saß, den Kopf in den Händen, mitten unter -Proletarierfrauen und Ladenmädchen, setzte sich jemand ganz nahe neben -sie. Sie fühlte nur immer den Blick, das Band, wie es sich um ihre -Stirne legte und alle Nerven, den Rücken hinunter strich. Jemand sagte -zu ihr: -- Fräulein, gestatten, daß ich mich zu Ihnen setze. Neben ihr -war ein Commis voyageur mit aufgewirbelten Schnurrbartspitzchen und rot -geblümter Krawatte. Noch empfand sie den weichen Abgrund, der zu tief -war, um zu duften und sah sich doch hier unter kleinen Leuten, im -kleinen täglichen Leben, rundherum der graue Spielsand. Sie lachte ihrem -Nachbarn ins Gesicht, laut und plötzlich, daß er zurückfuhr. Dann ging -sie. Hinter ihr schimpften die Proletarierfrauen. - -Sie mußte immer von zuhause weggehen. Denn, wenn sie zuhause war, liebte -sie Mutter nicht und das war doch schon ganz unmöglich. - -Mutter sagte zu Richard: -- Man sollte doch sehen, wo das Kind sich -herumtreibt. Sonst dachte sie nicht weiter an Ruth. Nur in der Nacht -wachte sie manchmal auf und wurde unruhig. Sie meinte, das käme von -ihren angegriffenen Nerven und nahm Schlafpulver. - -Daß etwas ihr Fremdes in Ruth vorging, wußte sie. Soweit sie überhaupt -wissen konnte, was sie nicht wissen wollte. Und sie wollte nichts -wissen, was sie nicht seit ihrem zwölften Jahr kannte und besaß. Das -beleidigte sie schon durch seine bloße Existenz. - -Für sie war Ruth das Kind. Das etwas verträumte Kind, das sie unbedingt -liebte, weil es ihr Kind war, das sie bemitleidete, weil es das Kind -ihres Mannes war. Und das sie deshalb schützen zu müssen glaubte. - -Solange Ruth klein war, sagte sie mit Stolz zu allen Verwandten: -- Das -Kind wird ganz wie ich. Und Ruth war fast ebenso angesehen im Hause wie -Richard. Aber mit zehn Jahren enttäuschte sie ihre Mutter zum erstenmal. -Von da an immer wieder. - -Sie ging mit Mutter an einem naßkalten Novembertag durch die Stadt, -Einkäufe machen. Sie war traurig, weil alle Leute in den Geschäften -unfreundlich waren, die Herren dicke Tröpfchen im Bart hatten und die -Damen in zu kleinen Schuhen gingen, die sicher weh taten. Weil sie eine -erfrorene Nase hatte und einen häßlichen Hut. Deshalb dachte sie an ein -Schloß im Hochsommer und zerbrach sich den Kopf, wie sie dort -Rosensträucher und Marmorbrunnen verteilen sollte. Da kam ein Bettler. -Er war so wie alle anderen Bettler auf der Welt. Die selbe verkrüppelte -Demut, die Geschäfte macht und ihre Krücken schwingt. Schamloses Elend. -Mutter sagte: -- Gib ihm zwei Kreuzer. -- Nein, erwiderte das Kind, ich -mag nicht. -- Was, rief die Mutter entsetzt, warum? Oh, du bist -schlecht. -- Ja, sagte sie, ich bin nicht gut, ich kann alle Bettler -nicht leiden. - -Damals war Mutter sehr böse. Und Ruth sagte zuhause: -- Wenn ich alle -Bettler wirklich gern hätte, müßten sie zu mir kommen, aber ganz. Und -ich möchte ihnen nie Kreuzer schenken, aber ich mag sie gar nicht. -- Da -schlug Mutter sie und Richard und Martha waren voll Verachtung. - -Denn man mußte gut sein zuhause. Das war wie ein Dogma. Richard schenkte -jedem Bettler etwas und Martha nähte Puppenkleider für Armeleutekinder. - -Als Ruth zwölf Jahre alt war, sagte sie lächelnd zu ihren Freundinnen: --- Natürlich sind wir Juden, aber schon lang getauft, doch das macht -nichts aus. - -Als sie vierzehn Jahre alt war, erklärte sie: -- Unsere Möbel sind -häßlich. -- Ich lüge oft, nicht gern aber doch oft. -- Wenn ich ganz arm -wäre, würde ich sicher einbrechen. - -Da wußte man in der Familie: das Kind ist dumm. Man muß sie zum -Schweigen bringen, sonst macht es nichts. - -Und Ruth glaubte, daß sie dumm sei. Nur kränkte es sie gar nicht. Sie -konnte einfach nie auf die Idee kommen, anders sein zu wollen, als sie -war. Höchstens, daß sie sich wünschte, strähnenglatte blonde Haare zu -haben und eine griechische Nase. - -Hier aber war die erste große Spaltung zwischen ihr und Mutter. Denn -Mutter fühlte zu genau, wie sehr Ruth ihr Kind war, um diese -Aufrichtigkeit zu gestatten. Sie empfand es als eine Verletzung. - -Ruth sagte einmal auf jemanden: Den liebe ich, den möchte ich auf der -Stelle heiraten. Ich glaube wirklich, ich könnte mich wahnsinnig in ihn -verlieben. -- Aber schämst du dich nicht, rief die Mutter. - -Mutter schämte sich immer. Weil sie einen so unmäßigen Stolz in sich -trug. Was dieser Stolz wollte, wußte sie eigentlich selbst nicht, er -hatte etwas sinn- und zweckloses. Er erinnerte an die hohen Zimmer, die -man in den Achtzigerjahren baute, deren Größe etwas Leeres und Zugiges -an sich hat. Und die nie auszufüllen sind, weil die Kostbarkeiten, nach -denen sie verlangen, gar nicht aufgetrieben werden können. - -Das, was Mutter wollte, existierte nicht. Und deshalb war sie arm -geblieben in der Fülle ihrer zügellos reichen Empfindungen. - -Wenn Ruth in der Nacht sich im Bett aufrichtete und sie war plötzlich -ganz wer anderer als am Tage, so daß sie ihre eigenen Bewegungen mit -süßem Mitleid und verborgener Zärtlichkeit beobachtete, dann war es -genau so, wie wenn sie Mutter beim Schreibtisch sitzen sah, mit einer -Unzahl Rechnungen, bei denen sie sich fortwährend irrte und die sie doch -so genau nahm. Oder wie wenn sie einem nackten Säugling zuschaute, wie -er sinnlos mit den winzigen Füßen in die Luft strampelt. - -Mutters Reserve der Menschheit gegenüber war nur etwas rein -gedankliches, äußerlich war sie allen vollkommen ausgeliefert. Ihre -Haare steckten immer schief. Der Mund war zu voll. Die Unterlippe hing -herunter. Das war aber nicht notwendig. Es war nur, weil Mutter eben so -gar nicht verstand, in den Spiegel zu schauen. - -Ihre dunkelsehnigen Arme hätten Erdarbeit leisten sollen. Ihr kräftiger -Körper brauchte Bergluft. So daß er fast hinfällig scheinen konnte in -den Zimmern der Großstadt. - -Mutter hatte sich nicht erziehen können und deshalb ihre eigenen Kinder -nicht, weil die ihr zu ähnlich waren. Aber sie hatte einen jüngeren -Bruder, der weich und bildsamer war als Lehm. Er war Musiker, er war -Dichter, er war Maler. Und endigte als Zeichenlehrer in einer -Mittelschule. Sie hatte ihm zu viel geholfen. - -Ihre eigenen Talente hatte Mutter verschleudert. In ihrer Jugend war sie -die wildeste Tänzerin der Stadt. Und trug doch immer abgetretene Schuhe. - -Onkel Gustav wuchsen die Haare zu lang in den Nacken. Nur ein ganz klein -wenig, so daß man es bei anderen Menschen gar nicht bemerkt hätte. Aber -bei ihm schien es viel zu viel zu sein. Er wurde in der Familie verlacht -und als Narr behandelt. Und lächelte dann demütig. Ruth ging an ihm -vorbei. Sie konnte Bettler nicht leiden. - -Mutters Kommode war das interessanteste Stück im ganzen Haus. Zweimal im -Jahr wurde sie »groß« aufgeräumt. Kein Mensch durfte ins Zimmer kommen, -nur Gustav und Ruth waren zur Hilfe kommandiert. Weil Gustav so schön -die einzelnen Päckchen einwickeln und mit Spagat zusammenbinden konnte. -Und weil Ruth es lieber tat, als ins Theater gehen. Der dumpfe -Lawendelgeruch erweckte in ihr eine müde Erinnerung an Geheimnisse, die -sie einmal gekannt hatte, aber nun nie und nimmermehr erfahren durfte. - -An einem langweiligen Sonntagnachmittag mit Regentropfen rief die Mutter -Gustav und Ruth zum großen Aufräumen. Ruth kam widerwillig, sie hatte -sich stumpf geschlafen und eine fade Sattheit klebte in ihren Haaren, -die heute gar nicht unternehmungslustig um die Stirne herumstanden, -sondern schläfrig nach hinten lagen. Als Mutter die großen Schubladen -aufzog, mit ihren zu hastigen, etwas blinden Bewegungen, bekam Ruth -einen dumpfen Druck in den Kopf von starkem Lawendelgeruch und wie im -Zorn sagte sie: -- Alt. Gustav sah verwundert auf. Er hatte die -Hemdärmeln aufgestreift und seine kleine, gedrungene Gestalt, die gerne -dick sein wollte, aber nie dazu kam, weil er ja immer hungerte, war auf -dem Sprung, Mutters Wünsche zu erfüllen. Er knüpfte alle die braunen, -grauen, gelben, weißen Päckchen auf und schichtete ihren Inhalt -sorgfältig auf dem Boden hin. Ruth rührte sich nicht und sagte plötzlich -zu Mutter: -- Ich möchte Seidenpapier kaufen, weißes und einfärbige -Bänder. Nicht so in irgend ein Papier und Spagat. -- Was fällt dir ein, -das wäre viel zu teuer. -- - -Ruth verstand das nicht. Sie legte sich auf einen Teppich und wühlte wie -sonst in alten Photographien hochschöpfiger Damen und befrackter Herren -mit Zylindern. In Wickelkindbildern, wo alle immer in der gleichen Weise -auf dem Bauche liegen. Es langweilte sie. - -Gustav pfiff. Er pfiff wunderschön. - -Ruth durchstöberte Briefe, die wie gestochen aussahen auf vergilbtem -Papier. Sie suchte etwas. Sie suchte etwas, um aus der gräßlichen Leere -des Sonntagnachmittags herauszukommen. Und weil es doch ganz und gar -unmöglich war, daß die geliebte, geheimnisvolle Kommode nichts anderes -barg als dieses öde Zeug. Nein, bestimmt nicht. Nicht einmal die -Schäferinnenspieluhr kam ihr sehenswert vor oder das Stammbuch der -Urgroßmutter. - -Mutter zeigte ihnen einen Liebesbrief, den sie bekommen hatte, als sie -sechzehn Jahre alt war. Es war der Brief eines überspannten Gymnasiasten -und schloß mit Selbstmordgedanken. Mutter war sehr stolz darauf. Aber -Ruth fand ihn so überflüssig aufzuheben, wie Großvaters Brautbriefe an -Großmutter. Sie wurde zornig. Und sie bekam Angst. - -Denn da war noch mehr in dieser Kommode. Mutter log. Sie, Ruth, wußte -es. Da drinnen lag ein zerbrochenes Schicksal, ein Ruin, ein Kampf gegen -den Irrsinn. Mit dunklen Blicken sah Ruth auf den grauen Scheitel der -Mutter, wie sie eben vor ihr kniete. Sie fühlte ein kaltes, -entsetzliches Alter in ihren jungen Händen, das alles wußte, das man -nicht mehr täuschen konnte. Und ihr Mund war greisenhaft erbittert. - -Mutter staubte soeben eine graue Pappschachtel ab, die mit einem -goldenen Bändchen zusammengebunden war, als das Dienstmädchen sie rief. --- Das laß stehen, sagte sie zu Ruth und ging hinaus. Ruth warf sich auf -die Schachtel. Gustav kehrte ihr den Rücken zu. Sie streifte das Band -los, schob den Deckel weg, seine Schrift -- und der große Schnörkel bei -»Liebe«. Eine dunkle Tür tat sich auf. Sie bekam einen brennenden Schlag -auf die Hand. Und da wurde es licht, schreiend licht, grell, schmerzhaft -... - -Mutter schrie etwas, das sie nicht verstehen konnte. Und nahm die Briefe -und ging hinaus, wutentstellt. - --- Onkel Gustav, sagte Ruth ruhig und ernst und totenblaß. Von wem waren -diese Briefe? - -Gustav zitterte am ganzen Leib: -- Warum machst du solche Sachen, wenn -Mutter es verbietet. Von wem die Briefe sind. Ich weiß es wirklich -nicht, wirklich nicht. - --- Onkel Gustav, wiederholte Ruth und trat ganz nahe zu ihm hin. Du -weißt das alles. Aber wenn du es nicht sagen willst, wenn du dich nicht -traust, so werde ich es sagen: in diesen Menschen war Mutter verliebt. - -Ihre Stimme klang wie höhnende Beleidigung in dem dämmernden Zimmer. Die -Worte fielen abgehackt in das Dunkle und Mutters Rechenbücher lagen auf -dem Schreibtisch im hintersten Winkel. - --- Danach habe ich dich nicht fragen wollen. Aber eines mußt du mir -sagen, wann war es, du? -- und sie kniete neben ihm und krallte die -Finger ein in seinen willenlosen Arm -- wann? war ich damals schon groß, -wie alt, ein kleines Kind? sag, du mußt! - --- Du warst ganz klein, eben zur Welt gekommen. - -Ruth sah vor sich einen Horizont, der in gerader Richtung in die Höhe -steigt. Wo es nicht rechts gibt, nicht links, nur das Oben. Und das -Oben, der Blick, das Band, das glatte, weiche Band. - --- Weiter, sagte sie hart -- und früher? - --- Er sagte dein Schicksal voraus aus den Sternen, erzählte Gustav, der -ins Schwätzen kam, -- als Mutter dich erwartete. Deshalb ist er auch so -viel zu euch gekommen. - -Ruth empfand in sich eine graue, steinschwere Halle, die sich selbst -erdrücken wollte und nur getragen wurde durch ihre entsetzliche, hohe -Leere. Wo verschnörkelte Stühle an den Wänden standen, ganz vereinzelt -und wo etwas von ihr war, ein Hauch, ehe sie selbst noch war, und wo er -war, voll und ganz, nur daß man ihn nicht sehen konnte. Diese Halle, die -sie aus den frühen, angstvollen Dämmerstunden kannte. - --- Wann ging er weg, fragte sie kurz. -- Bald darauf. Er nahm ein Teil -von der Erfindung deines Vaters und verwendete sie für seine Zwecke. Er -hat viel damit erreicht. Aber natürlich wollte ihn dein Vater nicht mehr -sehen. Er ist übrigens von selbst nicht gekommen und -- - --- Schweig, unterbrach sie ihn. Sie fühlte sich umgeben von lauter -schwarzen, weichen Bändern und Spagatschnüren, die alle ineinander -übergingen. Fesseln, Fesseln. - -Und aus ungeheurer Tiefe heraus quillt dunkel empor eine formlose Masse. -Die sie nicht modeln darf. - -Sie ist machtlos. - --- Ruth, bat Gustav erschrocken, wenn Mutter davon erfährt. Nein, das -tust du mir nicht an. Nicht wahr, gewiß nicht. Überdies, das was du von -verliebt sagst, ist natürlich dummes Zeug. Mutter war sehr gekränkt. Er -war doch ein Freund von ihr. Auch von deinem Vater. Und er war jünger -als sie. Und überhaupt, deine Mutter war nie verliebt, überhaupt nicht. -Wie du nur so etwas sagen kannst. Du bist wirklich ein Fratz -- - --- Und du ein Esel. -- Glühende Zornestränen standen in ihren Augen. - -Sie trat an das Fenster. Unten wurden die ersten Gaslaternen angezündet. -Sie stöhnte: was kann ich Mutter geben, was kann ich ihr schenken, alles -schenken, meiner lieben, armen Mutter, Mutter, Mutter -- - -Zum Abendessen kam Mutter mit verweinten Augen. Ruths Hände wurden -eiskalt. Und eine harte Wut überkam sie. Sie haßte alle Weinenden. Nie -konnte Mutter ihr das zeigen. Nein, pfui, das war eine Schande, nein. - --- Was hast du Mutter wieder geärgert, zankte Richard über den Tisch -hinüber. - --- O nichts, erwiderte sie achselzuckend. Wenn Mama so empfindlich ist --- ich kann nichts dafür. - -Sie ging in den nächsten Tagen, in den nächsten Monaten an ihrer Mutter -vorbei, ohne sie zu sehen. Aber in den Nächten erlebte sie alle ihre -Schmerzen hundertfach wieder. Sie vergaß die eigene Sehnsucht vor der -Sehnsucht, an der Mutter litt, die eigenen Qualen vor Mutters Qualen und -ihren großen Zorn vor Mutters unsäglichem Schmerz, der ja so nicht zum -Ausdenken furchtbar sein mußte, weil er nicht wagte sich zu erkennen, -sich einzugestehen, weil Mutter täglich über den Rechenbüchern saß und -die Liebe zu ihren Kindern für ihren einzig würdigen Lebenstrieb -erklärte. Und der doch so an der Oberfläche war, daß Mutter es sie sehen -ließ, als sie weinte. Nein, deshalb mußte sie Mutter bei Tag ausweichen. -Und wieder in die kleinen Vorstadtgärten fliehen. - -Zuhause aber wurde sie unerträglich. - -Als Mutter einmal einem Gast bei Tisch eine glänzende Schilderung -Großvaters gab, der ein Kavalier war vom Scheitel bis zur Sohle, nur von -Geld habe er freilich wenig verstanden, warf Ruth ein: -- er muß ein -roher, betrunkener Mensch gewesen sein. Daß er seine Bedienten geprügelt -hat, finde ich ekelhaft und ich ärgere mich noch heute darüber, daß er -das ganze Vermögen verspielt hat. Es ist doch gräßlich unintelligent, -wenn einem fremde Pferde mehr wert sind als die eigenen Kinder. - -Und Ruth sagte, wenn Mutter Hexenglauben und Wahrsagerwesen als -Schwindel und Unsinn verdammte: -- Ich glaube bestimmt an alles -Übernatürliche -- obwohl sie überhaupt nichts glaubte und ihr Leben -nahm, wie der Tag es hinstreute, mit einem Grauen, das zu tief war, um -über sich selber nachzudenken. - -Und Ruth sagte: -- Ich gehe in die Kirche, nicht weil ich muß, sondern -damit die Leute sehen, daß wir auch Christen sind. -- Dabei ging sie -überhaupt nie zur Kirche. - -In diesen Tagen konnte sie nichts essen als altes Brot und harte, -unzerbeißbare Dinge, an denen sie sich die Kiefer wund riß. Ein -fortwährendes Übelsein drückte ihr den Magen leer. Und die große -Bosheit, die in ihr war, würgte die Kehle, zerfraß die Haut und zehrte -an den braunen Kinderhänden. - -Sie wußte nicht, ob diese Bosheit etwas ihr eigenes war. Oder ob sie sie -mitgebracht hatte aus dem Zimmer mit der braunen Holztür. Oder ob es die -Bosheit des Schicksals war, das sie zwang, Sprachrohr zu sein für ein -unterdrücktes Leben, unterdrückte Sehnsucht und unterdrückte Kraft. Nur -Sprachrohr oder war noch etwas in ihr, das ihr die Augen offen hielt mit -großen, weichen, weißen Händen. Daß sie nicht einmal blinzeln konnte und -nur die heißen Tränen brennen fühlte. - -Sie ließ von dem müden Druck der Spätsommernächte den Kopf in ihr -kleines Kissen pressen. Und sie bohrte das Gesicht hinein, um nicht -denken zu müssen. Sie sehnte sich maßlos nach einer Bonne, die sie als -dreijähriges Kind gepflegt hatte und täglich vor dem Einschlafen an -ihrem Bett gesessen war. Wenn die wieder hier sein könnte, wäre alles -besser. Sie wußte nicht mehr, wie das Mädchen ausgesehen hatte, aber sie -erinnerte sich an eine kühle, behutsame Hand und weiße Mullgardinen vor -dem Fenster. - -Wenn sie aber Mutters Stimme aus dem Nebenzimmer hörte, sagte sie -halblaut in das heißgehauchte Kissen hinein: er ist ein Schuft -- ich -liebe ihn -- er hat Vater bestohlen -- ich liebe ihn -- er hat uns -gemordet -- ich liebe ihn -- er hat unsere Zimmer trüb und drückend -gemacht und unser Leben mißtrauisch und eng -- ich liebe ihn -- er sucht -das Böse, weil das Licht ihn verlassen hat -- ich liebe ihn -- ich habe -ihn immer geliebt -- ich liebe -- - -So das Sprachrohr. Und unter dem Bett lag, staubdick geschichtet, -wehrlose Wut. - - - - - Onkel Gustav - - -Onkel Gustav war klein. Er war nur ein ganz wenig kleiner als die andern -und doch glaubte er, an ihnen hinaufsehen zu müssen. Er spielte Geige. -Um ein klein wenig schlechter, als man spielen muß, um ein helles Leben -zu haben. Er malte. Und es hätte nur eines Funkens Kraft, eines -Fußtritts Persönlichkeit bedurft und er wäre ein großer Künstler -geworden. So war er klein, sogar sehr klein. - -Ein Sprung und er hätte den Gipfel erreicht. Zu diesem Sprung kam er -nie. Und so blieb er hoch oben hängen, über dem Abgrund. Und die von -unten lachten ihn aus. - -Als Onkel Gustav drei Jahre alt war, waren es seine Zartheit, seine -rührend fragende Stimme, seine samtenen, etwas zu großen Augen, die -seine träge Mutter das erstemal in ihrem Leben lebendig machten. - -Sein Vater behandelte ihn wie einen überempfindlichen Rassehund. Die -Mutter liebte seine glänzenden Locken. Und die große Schwester stürzte -sich auf ihn in zügelloser Leidenschaft. Die vielleicht nicht ganz ihm -galt, sondern auch der Freude zu herrschen, herrschen zu dürfen über -einen andern, während ihre fordernden Finger sich krümmten unter der -Zuchtrute des väterlichen Hauses. - -Onkel Gustavs zarte, etwas bräunliche Haut hatte einen leicht verwelkten -Geruch an sich. Der angenehm war, wie der Duft ermüdeter Rosen. Und -lähmte. - -Vor dem Hause seiner Kindheit war ein tropisch üppiger Garten gewesen. -Und alles wurde verspielt. - -Gustav wußte nie, was wirklich um ihn vorging. Das teilte er mit der -Schwester. Sein Zuhause war ein Königschloß, Vater der König, Mutter die -Königin, ganz wie im Kindermärchen. Und die große Schwester erklärte ihm -die Welt. Die richtig gezeichnet war, nur mit zu langen Strichen. So daß -überall spitze Ecken waren und Anhängsel. Doch das konnte er nicht -wissen. - -Er hatte eine runde Kopfform. Eine runde, etwas kindische Nase, runde -Augen. Er geigte in weichen, abgerundeten Tönen, die nicht zu Ende -kommen wollten. Mischte auf seinen Bildern mollige, runde Wolken -ineinander und seine griechischen Vokabeln bissen eine in die andere, -immer im Kreis. - -Im Gymnasium war er durchgefallen. Vater verachtete ihn. Mutter weinte. -Die Schwester erklärte, er sei ein Künstler und die Prüfer gehören -gehenkt. - -Die Dienstboten verspotteten ihn. Seine Kameraden gingen mit ihm um wie -mit einem verwachsenen Kind. Aber er hatte einen Freund, der groß und -stark war, etwas zu klug und ganz gemein blond. Der studierte ihn genau. -Bis er mit derselben nachlässigen Gebärde die Schulbücher über den Tisch -warf, die Haare, genau wie er, etwas zu lang in den Nacken trug und eine -ebenso tolle Zusammensetzung französischer Gassenhauer pfeifen konnte. -Dann verließ er ihn. Er galt für sehr interessant. Und kam bei allen -Prüfungen durch. - -Alte Damen hatten ein unverschämtes Bedürfnis, sich Gustavs anzunehmen. -Der Kondukteur der Straßenbahn behandelte ihn mitleidig lächelnd, weil -er ihm zu viel Trinkgeld gab. - -Aber alle Hunde hatten ihn gern. Weil er nicht besser sein wollte als -sie. Er liebkoste sie wie eine fremde, seltsame Sache, der man nicht zu -nahe gehen dürfe, er respektierte sie. Als er sehr klein war, sagte er -den großen Jagdhunden seines Vaters »Sie«. Später sprach er nicht mehr -mit den Hunden. Er wußte, daß sie ihn nicht verstanden. Aber er lebte -mit ihnen und sie durften ihr eigenes Leben führen. Was ihm versagt war. -Das wußte er nicht. Sie saßen neben ihm beim Schreibtisch, wenn er -schrieb, neben ihm, wenn er aß, sie lagen neben seinem Bett. Sie hatten -alle keine Namen. Aber seine Schwester gab ihnen englische Sportsnamen. -Er konnte nichts dagegen machen. - -Junge Frauen liebten ihn plötzlich und stürmisch. Ja, sie verehrten ihn -sogar. Er sah in jeder eine Mutter Gottes. Und sie waren sein Stolz. - -Er hatte eine Schreibtischlade voll Liebesbriefen. Davon wußte die -Schwester nichts. Er hob das nicht auf aus Eitelkeit. Aber wenn er -hungrig war und erfroren, nahm er sie vor und wurde warm und glücklich. -Er lebte von dem Glauben der Frauen an ihn, der immer gar zu rasch -verflogen war. Das wußte er nicht. Als er achtzehn Jahre war, verliebte -sich eine blonde, junge Wilde in ihn. Sein Vater wollte ihn gerade durch -die Schule zwingen. Sie kam ins Haus und erklärte wutsprühend, er -brauche keine Prüfungen, er käme in die Fabrik ihres Vaters, er sei -geboren, Massen zu lenken, so wie er unlängst mit dem Werkführer -gesprochen ... - -Es gab Augenblicke in Gustavs Dasein, die wie rote Raketen emporstiegen, -leuchtend, hoch. Und dieses falsche Feuer durfte sein Leben erwärmen. -Denn er hatte ein gläubiges Herz. - -So ein Augenblick war es, als sie, die blonde, junge Wilde vor seinem -Vater stand. Sie war überflutet von einer weißgelben Märzsonne. Und -draußen schmolz der Schnee. Sie schlug mit ihrer etwas zu großen Faust -auf den Tisch, daß die Gläser klirrten und die dunklen Eichenmöbel ganz -verwundert schienen. Vater war auch ganz verwundert. Und er selbst war -so glücklich, daß er vergaß, um was es sich handelte. - -Dann war er drei Wochen verlobt. Länger ließ es die Schwester nicht zu. -Denn sie wußte ja, daß er ein großer Künstler werden würde. Und da -glaubte er es auch. Die blonde, junge Wilde heiratete später einen -Ofenröhrenfabrikanten. - -Gustav konnte nicht über die Straße gehen, ohne daß sich ein blondes -Mädel an seine Rocktaschen hing. Und er liebte sie alle. Nur wußte er -nicht, sollte er sich so benehmen, wie seine Freunde es taten oder sich -der strengen Moral der Schwester fügen. Während er sich das überlegte, -verschwand das blonde Mädel. - -Eine grobknochige Malerin hatte ihn in einer Ausstellung untergebracht, -sechs Wochen lag er in ihrem Atelier herum, als ihr erklärter Liebling. -Ihre Freundinnen stutzten seine zu langen Locken. Und ihre wilden -Umarmungen standen wie riesige Raketen auf seinem Lebenshimmel. Dann -holte ihn die Schwester. Die Malerin reiste nach Paris. - -Sein Zimmer wurde immer enger. Vater und Mutter waren tot. Das viele -Geld fort. Er wußte nie genau, wie es gekommen war. Er bastelte eine -eigene Liegestatt für seinen großen Terrier. Schrieb eine -rechtsphilosophische Abhandlung, lernte indisch. Des Abends ging er zu -seiner Schwester. Sie setzte ihm auseinander, er sei ein verfolgter -Märtyrer seiner Kunst. Sie schmiedete die schwierigsten Intriguen gegen -seine Feinde, schickte ihn zu großen Herren betteln. Schrieb Gesuche für -ihn. Er empfand ihre Geschäftigkeit angenehm um sich herumspülen, wie -lauwarmes Wasser. Und steckte die Finger hinein und spielte drinnen mit -den Zehen. Trank Limonade und hielt die Kinder auf seinem Schoß. Nach -jedem neuen Schicksalsentwurf, den sie machte, ging er lächelnd -nachhause. Seine dunkle, schmutzige Straße beleuchteten grellrote, kalte -Lichtfetzen. Und in seinem Zimmer waren Wanzen. - --- Du mußt nicht so ungeduldig sein, sagte er zu der Schwester, wenn sie -klagte und in verzweifelt großen Schritten durch das Zimmer jagte, -- -nein, schau, eigentlich sind wir -- er sagte immer wir -- stark im -Hinaufsteigen begriffen. Die Exzellenz hat mir versprochen, ich bekomme -die Violinstunden bei dem jungen Prinzen. Also, bin ich dort, dann ist -alles fertig. Ich spiele im Salon vor. Lauter Fürsten und solche Leute. -Man arrangiert ein Wohltätigkeitskonzert. Ich bin dabei. Dann kann -überhaupt niemand anderer für die Dirigentenstelle in Betracht kommen. -Setze ich dann erst meine Kompositionen durch -- du wirst schon sehen. -Überdies habe ich die größten Aussichten, daß meine Feuilletons gedruckt -werden. Ich habe zwar erst eines, aber die andern sind fertig im Kopf. -Wart' nur, nächstens bring ich dir die Zeitung. - -Eines Abends kam er bleich vor Erregung: -- Ich bin an einem technischen -Unternehmen beteiligt. Eine Riesensache. Ich darf es nicht näher sagen. -Ich glaube, ich habe auch schon eine Erfindung gemacht. Aeroplan. - -Drei Monate später hatte er sein letztes Geld verloren. Ein Zufall -verschaffte ihm eine Stelle als Zeichenlehrer in einer Provinzstadt. Die -Schwester war böse. Warum hatte er ihren Rat nicht befolgt, nicht das -Gymnasium gemacht? - -Gustav kam in eine Welt, die aus Fabrikschloten bestand und holprigen -Gassen. Grauem Nebel, einem grauen Haus, feucht riechenden Kleidern, -kaltem Rauch. Er mußte täglich eine halbe Stunde in der Früh in die -Schule gehen. Mit zerrissenen Sohlen und fadem Kaffeegeschmack. Er ging -durch eine gerade, lange Straße voll Schwerfuhrwerken mit fluchenden -Kutschern, schrillen Schulkinderschreien, Papierfetzen. Er fürchtete -sich vor seinen Vorgesetzten, wie als Kind vor den Lehrern. Er konnte -die Vorschriften so wenig erlernen, wie als Kind die Aufgaben. Er -fürchtete sich vor seinen Schülern, die ihn verachteten, weil er mit -ihnen höflich war. - -In der Stadt hieß es allgemein, er schreibe ein Drama. Ein ganz -modernes, verrücktes. Er bekam vier Liebesbriefe von höheren Töchtern. -Die er sorgfältig aufhob in der bewußten Lade. - -Die Tochter seiner Hausfrau liebte ihn. Sie war stark geschnürt und -hatte Blumen auf dem Hut, die aussahen wie von Papier. Und sie brachte -ihm täglich das Frühstück. Auch bat sie ihn, ihr Zeichnungen zu machen, -nach Photographien gewesener Liebhaber. Was er geschickt und sorgfältig -ausführte. Aber sie war nie ganz zufrieden. Er merkte es nicht. Aus der -Bluse heraus guckte färbige Unterwäsche. - -Eines Abends war er bei seinem Direktor eingeladen. Das Zimmer war zum -Ersticken rauchig. Die Frau des Direktors hatte eine hart abgerundete -Stimme. Sie sprach sehr laut. Und am meisten mit einem breitschultrigen -Mathematikprofessor. Von Gustavs Anwesenheit schien sie überhaupt nichts -zu bemerken. Gustav dachte: unangenehm, daß sie so eine weiße Haut hat. -Wie ein frisch enthülltes Denkmal. Oder Stiegen, die einen schwindeln -machen. Auch schaut sie nach allen Seiten auf einmal, als ob sie -vierfach schielte. Wie sie wohl aussieht wenn sie schläft ... Und dann -sehnte er sich nach seinem Terrier und dachte nach, ob der Ofen in -seinem Zimmer schon ausgegangen sein wird, bis er nach Hause kommt. Als -er fort ging und schlaftrunken über die dunklen Stiegen taumelte, rief -ihm die Direktorsfrau nach: -- Hallo, Sie, Herr Zeichenlehrer, oder wie -Sie heißen, vergessen Sie Ihren Hut nicht, da, gute Nacht! -- Er fühlte -einen heftigen Schlag auf das Hinterhaupt und am nächsten Morgen eilte -er sich, in die Schule zu kommen, vielleicht steht die Frau des -Direktors beim Fenster, vielleicht geht sie gerade Einkäufe machen ... -vielleicht ... - -Er erzählte den Jungen von der griechischen Kunst, daß selbst die -Dümmsten und Klotzigsten Augen und Ohren aufrissen. Er sprang über das -Reck im Turnsaal und kaufte seinem Hund eine Extrafleischportion. Er -merkte nicht, daß der Nebel ihm ins Zimmer kroch und der Ofen rauchte. - -Zu Weihnachten bat ihn der Direktor, seine Frau zu zeichnen. Er saß in -einem warmen Zimmer, mit glatten, dunklen Möbeln und loderndem Kamin. -Brand, raketenroter Brand. Vor dem Fenster der geradwegige Schulgarten, -abgerundet im Schnee. Sie saß vor ihm mit einer Handarbeit, weiß und -überreif, wie eine süße, tropische, wie eine ungekannte, ungeahnte -Frucht. Das Zimmer roch nach Mandelblüten. Und ihr Haar war schwarz und -zu glatt nach hinten gelegt. - --- Sehen Sie, sagte er, hier kann man zeichnen. Das ist doch was anderes -als zuhause, immer kalt, und wenn ich meinen Hund nicht hätte, -- es kam -ihm vor, als ob er etwas Unpassendes gesagt hätte, er wurde dunkelrot -und machte einen Strich quer durch die ersten Umrisse ihres großzügigen -Gesichtes. Sie sah ihn an, beobachtend, wie ein neues Möbelstück, ob es -brauchbar wäre. Und er dachte: nein, die hält mich nicht für groß, nein, -die hebt mich nicht in den Himmel, sie traut mir gar nichts zu, rein gar -nichts. Und sie hat recht. Einen Augenblick dachte er in glühendem Haß -an seine Schwester. Und dann: Es ist alles eins. Aber ich zeichne sie -jetzt nur einmal und dann nie mehr. Ich zeichne sie, wie sie ist, o so -ganz, wie sie ist. - -Und aus dem grauweißen Papier heraus wuchsen, Zug um Zug, unterdrückte -Entbehrung und uneingestandene Wünsche. Der bleiche Widerschein ihres -Körpers und Mandelduft. Das Gefängnisgitter ihres Kinderbettes und der -Brief, mit dem sie die Werbung ihres Mannes beantwortet hatte. Gustav -wußte alles und er, der nur sein eigenes unechtes Bild gekannt hatte und -die blonden Madonnen mit den Liebesbriefen, er sah ein Leben vor sich -und wieder aufwachen und bluten unter seinen Händen. - --- Bring dem Herrn Professor eine Schale Tee, sagte sie zu ihrem kleinen -Sohn, der etwas hervorstehende Augen hatte, wie sein Vater. Ihre Stimme -war wie Schläge gegen das Hinterhaupt. Da war die Zeichnung fertig. - -Sie wurde rot, als sie sie sah. Und sagte nur Danke. Gustav ging. - -Er traf sie das nächstemal Anfang Mai in der Dämmerung auf dem Friedhof. -Er ging gerne auf dem Friedhof spazieren mit seinem Hund. Er liebte -Zypressen und fühlte sich so seltsam unbehelligt. - -Die Blätter dufteten nach dem Sich-schon-geöffnet-haben. Die Erde auf -den offenen Gräbern war tiefschwarz. Sie kam ihm entgegen, schimmernd -und licht, wie ein ganz weites und reiches Ährenfeld in der Julisonne. -Ein Schlag auf den Hinterkopf. Er küßte ihre Hand, langsam und -vorsichtig. Sie sah auf dem Weg vor sich dicke, runde Kieselsteine. Die -hervorstehenden Augen ihres Mannes. Aber ringsum die Blätter waren grün -und zart und jung und die Erde schwarz. Sie nahm seinen weichen, -knabenhaft lockigen Kopf und küßte ihn. Große leuchtende Rakete. Und -jeder ging seines Weges. - -Am andern Tag warf ihn seine Hausfrau hinaus. Er hatte nicht beachtet, -daß ihre Tochter ihm durch nunmehr schon zwei Wochen das Frühstück nicht -brachte. Er war ein unanständiger Mensch. Und der Hund machte alles -schmutzig. Auch wollte ein anderer einziehen. - -In der Schule hatte er staatsfeindliche Reden geführt. Sein verrücktes -Drama kam ewig nicht zum Vorschein. Er ging herum wie in berauschtem -Schlaf, in einer andern Welt. Was ihm diese Welt nicht verzeihen konnte. -Er war gar nicht so dumm, wie er aussah, zum mindesten machte er keine -genügenden Dummheiten. Er zog ohne Recht die Aufmerksamkeit auf sich. -Das war unverschämt. Er beantwortete einen Backfischbrief höflich und -herzlich. Die Eltern fingen ihn auf. Die Empörung stieg. Er wurde -hinausgeworfen. - -Als er seine kleine Stube räumte mit dem zu kleinen Eisenofen, der immer -rauchte, weinte er. Er weinte, wie ein kleines Kind, hilflos und lange -mit großen Tränen, bis sein Gesicht verschwollen war und sein Denken -verdumpft. Und er schaute aus dem papierverklebten Fensterchen über -gleichgültige Dächer und Schornsteine in den grauen Nebel. Der das erste -war, was er in seinem Leben frei und allein gesehen hatte. Denn hier war -die Schwester nicht dabei gewesen. Und der fade Ruß deckte nur eine -weiße üppige Blässe, ein unendliches Ährenfeld weit, weit dahinter im -Winde. - -Er konnte nicht atmen in den letzten Tagen. In seiner Kehle saß das -Hierbleibenwollen. Er verteidigte sich gegen niemanden, er sprach mit -niemandem, er haßte niemanden, er sorgte nur für das Essen seines -Hundes. Er liebte jedes Schild den weiten Schulweg entlang. Die -Buchstaben standen schwarz und steif auf dem nicht mehr weißen -Hintergrund. - -Es war unmöglich abzureisen. Es war unmöglich zu bleiben. - -Und er sah sie nicht mehr. - -Da traf er einen erwachsenen Schüler auf der Straße, der ihn grüßte. -Einen großen, etwas dummen Menschen mit treuen Bewegungen. Er sprach mit -ihm. Und bat ihn, ihn zum Bahnhof zu begleiten. Er kaufte ein Billet. So -mußte er reisen. - -Und er sah sie nicht mehr. - -Er saß in der Bahn an einem nachtschwarzen Nachmittag, in dem stickigen -Dritter-Klasse-Kupee, zusammengepfercht mit Fabriksarbeitern und -wichtigen Kleinbürgern. Unten fror man entsetzlich in den Füßen und oben -fraß sich schmieriger Zigarrenrauch ins Gesicht, der noch den Speichel -aller der ungepflegten Münder in sich hatte. - -Gustav fühlte sich hier wieder groß. Er wußte, daß alle die Leute um ihn -herum nicht einmal ahnen konnten, welche Schmerzen er litt. Er fühlte -sein Schicksal unbändig schwer und mächtig vorne auf den Schienen -liegen. Die Lokomotive stapfte mit ihrem eisenharten Leib darüber hin. - -Eine süße Wollust betäubte ihn. Sein Vater mußte einmal eine sehr schöne -Frau geliebt haben. Und er schlief ein. - -Dann war er wieder ein kleiner, verschreckter Bettler, der zu seiner -Schwester ging und sich von ihr auszanken ließ mit harten Worten. Deren -Ungerechtigkeit er wohl kannte. Und die er nicht beantwortete. - -Er verstand nicht, sich zu ernähren. Und auch nicht, zu verhungern. So -ließ er sich in die Mittelschule der Stadt hineinprotegieren und ging -Mittwoch und Samstag zu seiner Schwester essen. Dort war er nicht mehr, -als Mutters Bruder, ein höheres Wesen, sondern trotzdem er Mutters -Bruder war, ein trauriger Narr. Man war gut mit ihm. Und Richard und -Martha wurden sehr herablassend. - -Eines Tages, als er einige Heller mehr hatte als nichts, ging er an -einer kleinen Ansichtskartenhandlung vorbei. Das ganze Fenster war voll -grellfarbiger Gebirgslandschaften, schmachtender Mädchenköpfe, -Blumenstücke, Liebesszenen. Er liebte Ansichtskarten. In seinem Zimmer -hingen immer abwechselnd sechs Stück an der nackten Wand. Nicht mehr und -nicht weniger. Mit Reißnägeln befestigt. - -Er ging in das Geschäft und unterhandelte lang mit der kleinen, blonden -Verkäuferin. Dann kaufte er ein weißes Kaninchen auf grasgrünem -Hintergrund. Obwohl er selbst es häßlich fand. - -Er kam wieder jede Woche, jeden Tag. Gisa, die kleine Verkäuferin, hatte -zu wenige und zu lichte Haare und dumme kleine Zähne, die übereinander -lagen. Sie war nicht mehr ganz jung und doch kindlich zart. Sie liebte -ihn und er fror alle Abende allein in seinem dunklen Zimmer. - -Er zeichnete Ansichtskarten für das Geschäft. Eines Abends, als sie ihm -zusah, küßte er sie auf die Stirne. Sie lehnte sich an ihn und sagte, -sie seien verlobt und ihr häuslicher Herd werde ein Paradies sein, wie -keines in der Welt. Er war erstaunt und sehr glücklich. - -Sie waren lange verlobt. Sie verehrte seinen Geist und seine Kunst und -plapperte ihm alles nach. Es kam drollig heraus, in ihrem Deutsch, das -vom Dialekt nicht ganz zu reinigen war. - -Er war glücklich. Nur konnte er zornig werden, wenn ihr Bruder, ein -Soldat, nach Wirtshaus roch und ihre Mutter wollene Strümpfe auf den -Tisch legte, auf dem eine goldene Vase mit verwelkten Gräsern stand. -Dann schlug er auf den Tisch mit der Faust. Sie weinte hysterisch und zu -laut. - -Sie hätten sicher geheiratet, wenn er das Geheimnis ihrer Verlobung -nicht doch zu zeitlich Mutter verraten hätte. Sie zog ihn vor das Grab -seines Vaters und beschwor ihn, seinen toten Eltern diese Schmach nicht -anzutun. An sein väterliches Haus zu denken. An seine Erziehung. Er floh -vor ihr. Sie ließ nicht locker. Sie holte ihn von der Schule ab, sie -lauerte des Abends auf ihn vor der Haustür. Es kam zu häßlichen Szenen -zwischen ihr und Gisa, wo er kaum die einzelnen Worte verstand und sich -fragte, ob man denn so schreien könne, ohne betrunken zu sein. - -Und Mutter siegte. Mutter war die Stärkere. Mutter war sehr stark. - -Er aber schrieb, als alles endgültig vorüber war, seinen ersten und -einzigen Brief an die Frau des Direktors. Er wollte ja nur wissen, ob -sie lebe, ob sie gesund sei, ganz gewiß gesund. Es war vielleicht ein -wunderbarer Brief. Der nie beantwortet wurde. - -Das war vor einigen Jahren. Seither führte man Gustav nicht in das -Zimmer, wenn Gäste da waren. - - * * * * * - -Ruth ging an einem staubigen Spätsommerabend durch den großen, -öffentlichen Park. Die Blätter hingen welk an den Bäumen, zu kraftlos, -um sich abzubröckeln. Und zogen alle Säfte nach unten. Während graue -Dämmerung die Wipfel drückte. - -Auf den braungelben, eisernen Klappsesseln saßen in langen Alleen -Liebespaare. Die Sesselfrau humpelte zwischen ihnen herum und -kontrollierte sie. Und jedes hatte ein Gegenüber. Das saß schon dort -seit Mai und nichts hatte sich geändert. - -Vom Kaffeehaus herüber spielte die Kapelle Ouvertüren und -Operettenlieder. Eintönig und zu rasch. Alles war hier so langsam und -müde. Runde, dunkle Holzreifen trennten den Rasen vom Weg. Aber der Kies -lag verstreut noch weit im grauen Gras. - -Ruth dachte daran, daß sie möglichst spät nach Hause kommen wollte. Daß -sie vergessen hatte, die Schuhe vom Schuster abzuholen. Daß sie ihren -neuen Koh-i-noor verloren hatte. - -Ihre Sohlen spürten, daß sie bei jedem Schritt in dem zerwühlten Sand -etwas hinter sich ließen, das dunkel war und weich und wenn man ganz -hinsah, tief hinunterging. Abgrund. Und ein chemischer Geruch aus -trübgelben Phiolen. Eine Beethovensonate, die gerade verklang und doch -lebte, obwohl sie ohne Verständnis gespielt worden war. - --- Guten Abend, Onkel Gustav, sagte Ruth, tottraurig. -- Guten Abend, -Ruth, bist du auch hier. -- Der große Terrier preßte sich dicht an -seinen rechten Fuß. - -Sie setzten sich in eine Allee, in die das gelbe Licht der Gaskandelaber -nicht mehr dringen konnte. Ruth zeichnete mit der Fußspitze in dem -bleichen Sand runde, dunkle Furchen. Sie sagte: -- Weiß Gott, wer da -heute schon ausgespuckt hat! - -Der Terrier bekam auch einen Stuhl und legte den Kopf auf Onkel Gustavs -Schulter. - -Sie dachte, es sei doch langweilig hier zu sitzen mit Onkel Gustav und -was wohl Richard dazu sagen möchte. - -Da sagte Onkel Gustav leise: -- Sie werden böse sein, wenn du zu spät -zum Abendessen kommst. - --- Ach was, jetzt bleib ich hier. Was mir schon daran liegt. -- Das -solltest du nicht tun, Ruth, sagte Onkel Gustav mit sanfter, fast -demütiger Stimme. -- Warum kränkst du Mutter in letzter Zeit so viel? - -Ruth ärgerte sich rasend über diese, seine Stimme. -- Was soll ich tun, -sagte sie hart, mir alles gefallen lassen, so wie du? - -Onkel Gustav schwieg. Dann murmelte er: -- Du hast recht. Und dann -wieder, nach einer Pause. -- Nimm dich in acht! - -Sie schämte sich für ihre Worte. Und flüsterte nur: -- Aber du. - --- Ich, Ruth, -- und sie spürte sein Lächeln durch die Dunkelheit, daß -ihr war, als könne sie nie wieder froh werden. -- Nein, mit mir ist -nichts mehr zu machen. Du mußt jetzt nichts andres sagen, Ruth, nein -wirklich nicht. Nicht heute. Vielleicht bei Tage, wenn wir uns auf der -Straße treffen oder wenn ich bei euch bin und Richard ist unverschämt -mit mir. Dann weiß ich auch nicht, was ich jetzt weiß, denn ich bin sehr -schwach. - --- Aber so reiß dich doch los, schrie Ruth, daß der Terrier erschrocken -auffuhr. - -Die Gebüsche hinter ihnen waren näher gekrochen. Legten sich ihnen fast -auf den Rücken mit all der toten Hitze, die sie den Sommer durch -verschluckt hatten. Ganz nahe. Und schwer. - --- Du mußt acht geben! wiederholte Onkel Gustav dumpf. Und ihr war, als -sähe sie dicht neben sich, in einem alten verblichenen Spiegel, ihr -eigenes Bild. Kaltes Grauen machte die Finger steif. - --- Von mir darfst du nicht sprechen, fuhr er fort. Stell dir einen -Wurzelbund vor, den die Erde ganz fest in sich hineingefressen hat. Nie -mehr herausziehen. Manchmal glaub' ich, es gibt irgendwo um mich herum -ein Fenster, wenn ich da durchsehen könnte, ich sähe alles richtig. Aber -Mutter hat das nicht zugelassen. Ich mußte alles durch ihr Fenster -sehen. Das ist nicht aus reinem Glas. Deshalb haben meine Bilder auch -etwas Verzeichnetes. Du mußt achtgeben, Ruth! Wie du mir da -entgegengekommen bist, ich bin erschrocken; du hast mir so ähnlich -geschaut, es war derselbe Rhythmus im Schritt, eigentlich kein Rhythmus. - --- Onkel Gustav, ich habe dich sehr lieb. - -Es war ganz dunkel geworden. Und die nächsten Bäume in der Allee standen -wie wachende Ungeheuer, riesengroß, verworren, unankämpfbar. - --- Ich fürchte mich, sagte Ruth in der entsetzlichen, toten -Beklommenheit. Hier, vor allem. Aber noch mehr, wenn wir weggehen. Die -Menschen drüben im Kaffeehaus bei der Musik, sie sind nur dort so glatt -und unschädlich. Wenn sie jetzt hieherkämen, sie wären wie die Räuber im -Wald, Verbrecher -- - -Sie konnte ihn nicht mehr sehen. Und er sagte keuchend, kaum hörbar: -- -Die Blätter faulen im Erdboden, damit die Wurzeln Nahrung bekommen. Die -Tiere fressen einander auf. Und die Menschen, Ruth, sind alle Mörder. -Aber unsere Nächsten -- hörst du, Ruth, hörst du, -- unsere Nächsten, -das sind unsere nächsten Mörder. Doch das darfst du Mutter niemals -sagen! - - - - - Mittagessen - - -Bevor man zu Tische ging, rückte Mutter alle Teller noch einmal zurecht -und die Stühle mit den ledergepreßten Lehnen. Dann stand alles schief. - -Ruth haßte unaufgeräumte Zimmer. Wie schmutziges Wasser, Ungeziefer, -weggeworfene Zahnstocher. Ihr war jeden Morgen übel. Sie konnte nie das -Frühstück essen. Immer empfand sie eine dumpfe Verantwortung in sich: -mach' es gut, mach' es rein, mach' es hell. Aber der Widerwille ihrer -braunen Kinderfinger, die sich weiche Öle wünschten, hinderte sie an -jedem Handgriff. Wenn das Mädchen dann aufgeräumt hatte, fand sie alles -kalt, leer und fremd. Mutter sagte: -- Warum hilfst du nie mit? -- Sie -gab mit ihren ungemessenen Bewegungen der Wohnung »den letzten -Anstrich«, wie sie es nannte. Und dann -- nun dann stand eben alles -schief. Aus den Dingen heraus kroch eine seltsame verborgene Unruhe. -Alle Ecken wurden zu lang, Ruths Gestalt zu schmal, zu knochig in den -hohen Räumen -- tastend und auch schon verzeichnet. - -Wie hatte Onkel Gustav gesagt: -- nimm dich in acht! Vor wem, vor Mutter --- vor Onkel Gustav -- dunklen Zimmern -- dämmernden Spätsommergärten -- -vor ihrem eigenen flüchtenden Spiegelbild -- vor wem? - -Was war geschehen? Mutter rückte heute die Teller zurecht. Die große -Speisezimmeruhr, mit ihrem lichtmetallisch harten Klang streckte den -langen Zeiger auf fünf bis vier Minuten vor Eins. Also genau wie immer. -Sie, Ruth, stand beim Fenster, die Zeitung in der Hand, die sie doch nie -las -- genau wie immer. - -Kann man denn da gar nichts machen? Die breite, bürgerlich grüne -Hängelampe zerschlagen, etwas in sie hineinwerfen. Am liebsten die -eigene lebendige Faust. Oder die dummen Suppenlöffel neben den -geduldigen Suppentellern. Etwas machen, das hineinfährt, wie ein Blitz, -wie ein Schrecken, wie eine Erlösung in dieses Wie-immer. - -Und sie hatte es ja nie gewußt. Sie saß dort an dem großen -Familientisch, immer an demselben Platz. Viele Jahre hindurch. Und war -klein und zart und viel zu jung -- ganz wie immer. Sie hatte es nie -gewußt. - -Als Kind hatte sie geweint in der Frühlingsdämmerung. Und sich geekelt, -wenn Mutter beim Essen über die schlechte Köchin gejammert hatte. Aber -dann kam das große, das einzige Gefühl. Noch lag der Druck der grauen -Alltäglichkeit tief in ihr eingegraben in weichem Grund. Aber hoch -darüber hinaus jauchzte eine selige Hingabe. Was sonst um sie vorging, -ließ sie ruhig, kostbar verantwortungslos ruhig. Ihr Leben war ein -Rahmen geworden, der sich fest und unwillkürlich krampfhaft um das seine -schloß, zärtlich, ohne nachdenken zu müssen, kostbar verantwortungslos. - -Wer hat ihr jetzt eine Maschine in den Kopf gesetzt? Die arbeitet und -wühlt, denkt, denkt, denkt. Aus müdem Halbdunkel herausgerissen, sieht -sie alles mit lichtgepeinigten Augen, grell, schreiend grell, laut. -Höhnend scharfe, wilde Konturen, zu lange Ecken, zu runde Bogen -- - -Es ist ein Verbrechen begangen worden. Etwas Schlimmeres. Etwas noch nie -Geschehenes. Ein Mensch hat sich verloren und sucht sich. Und weiß es -und denkt das durch, ganz durch ... - -Noch einmal ging Mutter um den Tisch und rückte die Teller zurecht und -die ledergepreßten Stühle. Und alles stand schief. - -Sie, Ruth, lehnte am Fenster. Sie wußte es. Und wußte, warum Onkel -Gustav nichts weiter geworden war, als ein trauriger Narr. Wußte, daß -sie selbst, wenn sie jetzt mithelfen wollte bei den Tellern, es genau so -machen müßte wie Mutter, so ungeschickt und doch selbstzufrieden. Daß -sie Mutters ungeduldige Nasenflügel hatte, Mutters dunkle Brauen. - -Sie fürchtet Mutter maßlos. Sie fürchtet sich. Sie möchte sich schlagen, -weil sie Mutters Kind ist. - -Onkel Gustav war da. Wie jeden Samstag. Er hatte einen Freund -mitgebracht. Der war so unscheinbar, daß Ruth ihn erst nach der Suppe -bemerkte und auch da nur, weil Mutter gar so höflich war. Man nannte ihn -von und dann etwas mit »-berg«. Gustav sagte Norbert und du. Er hatte -tadellos gepflegte Nägel und einen festgeklebten hellbraunen Scheitel. - -Richard erzählte vom Geschäft. Die geringste Kleinigkeit war wichtig und -wurde mit Aufmerksamkeit angehört. - -Draußen fällt ein grauer, dünner Regen. So sitzen jetzt an jedem -Mittagstisch die Männer und erzählen ihre Wichtigkeiten. Am Abend gehen -sie in das Kaffeehaus und erzählen sie ihren Freunden. Das ist alles. - -Onkel Gustav sollte den Kopf nicht so vorsichtig zur Seite legen. Das -ist eine Gemeinheit. Wie sagte er vorgestern: Nimm dich in acht. Das hat -er gewagt. Er hat es gewagt, sie zu durchschauen. Dumm wie er ist. Und -jetzt schielt er nur so mitleidig auf sie her. - -Sie senkt den Kopf tief über den Teller. Sinkt ganz in sich zusammen. -Und ißt irgend was, das schmeckt wie graugrüner Kohl. Ist aber etwas -anderes. Sie hört das Klappern der Bestecke und das sinnlose, etwas -faule Durcheinander der anderen über sich. So daß sie wieder fühlt, sie -ist ganz klein und krank und liegt im Nebenzimmer in Mutters riesigem -Bett. Die Tür ist offen, damit man sie schreien hört, wenn sie etwas -braucht. Sie wundert sich über das Aufschlagen der Gabeln in dem -Porzellan, das die kaum verständlichen Redebrocken drinnen begleitet. -Sie möchte schreien und etwas verlangen und traut sich doch nicht. - -Sie fragte Onkel Gustav, ob er letztesmal gut nach Hause gekommen sei. -Es war doch zu gemütlich im Park. Überdies hätte sie einen Haufen -Knochen für seinen Terrier gesammelt. Er solle sie nur vor dem Fortgehen -daran erinnern. Sie wird ihm auch ein Buch zeigen -- - -Sie fragte Martha, was die Schneiderin von ihrem neuen Kleid gesagt -habe. Ob es bald fertig sei. Und wie es aussehe so auf dem Kleiderhaken. -Ob es ihr schon ein bißchen ähnlich sehe -- - -Sie erzählte Richard, daß sein Buch, das er gestern gesucht habe, in -ihrem Zimmer liege, sie wisse selbst nicht wieso -- - -Sie bat Mutter, nicht zu vergessen, die Konzertkarten holen zu lassen -- - -Sie fragte den neuen Gast, ob er gern Kartoffelsuppe esse. Und ob er -noch Gemüse haben wolle -- - -Sie wußte: Wenn ich jetzt schweige, hört man mein Besteck allein auf dem -Teller. In was für einem häßlichen Rhythmus es darauf klopft. Gefräßig. -Deshalb muß ich reden. Alle reden. Wäre es nicht besser, man würde mit -den Füßen strampeln? - -Der neue Gast spricht von seiner Braut. Das heißt, Onkel Gustav spricht -von ihr. Aber es ist klar, daß er eine Braut hat. So jemand hat immer -eine Braut. Und dann kommt die Hochzeit mit Myrte und Schleier. - -Was ist dort oben, nahe der Decke und doch tief unten -- - -Ist es der Rauch aus Onkel Gustavs ewig ausgehender Zigarre. Aber nein, -der raucht ja doch nicht. Man ist erst bei der Mehlspeise. Große, gelbe -Patzen, glitschig in einer lichten Eiersauce. - -Nein, es ist nicht Rauch, aber grau und massig, ineinander überlaufend, -ohne Grenzen. Schwergewichtig und doch oben schwebend. Zu bleich, um es -wirklich sehen zu können. Und doch da. Verbunden mit allen Adern, allen -Sehnen, durch die Fingerspitzen hindurch -- - -Es steigt auf aus Richards kühlen, vorsichtigen Gelenken, wie er langsam -die Mehlspeise zerlegt. - -Aus den hundetreu furchtsamen Augen des Fremden. - -Aus Marthas abgetragener Samtbluse. - -Aus Onkel Gustavs rundem Rücken, aus Mutters lauten Reden. - -Es steigt auf aus ihr selbst, aus Ruth, aus ihrem farblos -schlafsuchenden Vormittag. Und dort oben ist es eng hineingefügt, -schlangenartig umwickelt von all dem anderen, festgebissen. - -Hier um den Tisch herum glaubt jeder, daß er etwas für sich ist. Richard -vor allem, der so klug ist, daß Mutter immer sagt, er muß Bankdirektor -werden oder Finanzminister. Aber das ist gar nicht wahr. Richard gehört -dazu, genau so wie alle anderen, die hier um den runden Tisch schwatzen. -Die sich ähnlicher sind als die eintönigen Ledersessel, auf denen sie -sitzen. - -Da oben ballt es sich zusammen. Viele Kleinschicksale -- ein -Kleinschicksal. - -Da oben schwingt es in einem kraftlosen Rhythmus. Selbstbewußt. In dem -selben Rhythmus, in dem man in das Geschäft geht oder in das Amt oder in -die Schule, wenn man brav gelernt hat. In dem man zum Traualtar geht, wo -man eine anständige Partie macht, in dem man Sonntags am Korso seinen -neuen Hut zeigt, in dem man sich zum Geburtstag gratuliert, in dem man -hinter dem Sarg seiner Lieben geht, in dem man ins Himmelreich hinein -trottet, in dem man -- - -Agnes zerbrach ein Glas. Ein flüchtiger Sonnenstrahl stahl sich durch -den feinen sprühenden Regen über das verschobene Tischtuch. - -Gott sei Dank. Es schadet auch nichts, daß Mutter und Martha böse -Gesichter machten. Auch nichts, daß sie drei Tage darüber unglücklich -sein werden. Gott sei Dank. - -Ruth nickte dem Herrn Norbert von -- und dann kommt etwas mit »berg«, -strahlend zu. Der brauchte doch nicht auch betrübt sein über das -zerbrochene Glas. Er sah sehr unglücklich drein. Wahrscheinlich mehr aus -Höflichkeit. Oder vielleicht wegen irgend etwas anderem. - -Diese Agnes war doch wirklich nicht salonfähig. Zu kräftig. Wenn sie bei -der Tür hereinkam, mußte eigentlich etwas umfallen in den hohen, -schmächtigen Räumen. Durch die bloße Anwesenheit ihrer saftvollen Arme. -Sicher hatte sie an den Kerl gedacht mit den aufgewirbelten, schwarzen -Schnurrbartspitzen. Der immer in der Küche steckte und den Hut nie -herunternahm. Einen riesengroßen, hellgrauen Deckel, der schief über dem -linken Ohr saß, immer ganz gleichmäßig schief über dem linken Ohr. Toll -einfach. Morgen ist Sonntag, sie geht mit ihm zum Karussel, mit -knallblauem Seidenhut und das Werkel spielt -- - -Ruth pfiff, wie man von Tisch aufstand, einen Gassenhauer und konnte -trotz Mutters Entsetzen so nicht aufhören, daß sie in ihr Zimmer lief, -um weiter zu pfeifen. Dort riß sie das Fenster auf. Die Sonne schien -hell. - -Norbert sagte mit seiner zu leisen, fast näselnden Stimme zu Gustav: -- -Deine Nichte Ruth scheint etwas -- nun -- etwas aus der Art zu schlagen. - --- Ruth? ... Gustav war ungeheuer erstaunt -- Ruth, die ist doch wie wir -alle. Er betonte das »wir« mit einer gewissen gesättigten Befriedigung. -Allerdings, sie ist sehr kindisch und ganz unreif, eigentlich viel zu -unreif für ihr Alter, denk nur, schon zwanzig Jahre. Man weiß gar nicht, -was mit ihr anfangen. Übrigens, findest du, daß sie mir ähnlich ist? -- -Nein. - - - - - Geld - - -Mutter war nicht zum Glück geboren. Aber sie hätte eine entthronte -Königin werden müssen. Und in Schmerz und Größe schwelgen. So war sie -kleinlich und mißtrauisch, zankte mit der Köchin um jeden Heller. Und -wurde dann bestohlen, wie überhaupt von allen Leuten des unteren -Standes. Weil ihre Stimme so befehlend schroff war, daß sie sie für -mächtig, Ehrerbietung fordernd und hassenswert hielten. - -Auch Ruth hielt Mutter für mächtig, für allmächtig. Sie stand himmelhoch -über den Dienstboten und Bonnen. Sie besaß die Schlüssel zum -Wäschekasten, zu jener blendenden Fülle weichen, weißen Leinens, die zu -sehen allein schon schläfrig macht wie ein zu heißes Bad. Sie besaß -jeden Silberlöffel, jede Schüssel, jedes Glas Milch so intensiv und -eigentumsdurchsättigt wie fanatische Sammler ihre Kunstschätze. Und war -daher reich in einer Dürftigkeit, die sie selber am schmerzlichsten -empfand. - -Ruth fuhr einmal als kleines Kind mit ihrer Schwester und einer Bonne in -einem Eisenbahnkupee. Es war eine Sommerfrischenreise. Da sagte Martha -mit ihrer überlegenen Stimme: -- Nein, wissen Sie, in dieses Hotel -können wir nicht gehen, da sind lauter reiche Leute. -- Ein ungeheures -Erstaunen hinderte Ruth damals am Fragen. So waren sie nicht reich? Aber -wieso, sie hungerten doch nicht? Und Mutter trug schwarze Seidenkleider; -was das nur heißen sollte? Sie glaubte, mißverstanden zu haben. - -Auch als sie schon erwachsen war, liebte sie einen Radiergummi mehr als -ihre goldene Uhr, konnte sie Festtagskleider nicht leiden und verlor -immer ihr Taschengeld. - -Geld war und blieb ihr etwas unbedingt Schmutziges. Etwas, das schon -durch tausend häßliche Hände gegangen war, über Wirtshausfußboden -rollte. Mutter besaß es in ungezählten Mengen. Es war nur ein Prinzip, -daß sie damit knauserte. Aber Martha war geizig und das war viel -schlimmer. Nur Richard war nobel. Er lächelte immer verächtlich, wenn -man von Geld sprach. - -Ruth hatte kein Gefühl für Zahlenverhältnisse. Den Unterschied zwischen -hundert, tausend, hunderttausend begriff sie so wenig, wie ein -Unmusikalischer die Differenzen in der Tonreihe. Das war ein Erbe von -Mutter. Nur daß diese es sich niemals zugeben wollte und um wenige -Heller trauerte, während sie Tausende verschleuderte. - -Aber Ruth schenkte mit Leidenschaft. Nicht aus Güte oder um anderen eine -Freude zu machen. Einen Gegenstand verschenken, heißt, ihn ganz von sich -losreißen, sich auf ewig von ihm trennen, ihn ins Ungewisse schicken. -Und das war herrlich, war Abenteuer, Tat und Befreiung. Sie gab ihre -liebste Bluse plötzlich dem Stubenmädchen und wenn eine Freundin auf -Besuch kam, war nichts im Zimmer, auch das am liebsten gehegte, sicher -vor plötzlichem Ausgestoßenwerden. - --- Es ist schade, daß man in unserer Religion keine richtigen Opfer mehr -bringt, sagte sie einmal. - -Jedes Kleid, jedes Buch, jeder Sessel ihres Zimmers waren ihr persönlich -eigen. Aber nicht im selben Sinn wie der Mutter, die alles an sich riß. -Sie gab sich den Dingen hin und füllte sie so voll mit ihren dämmernden -Gedanken, daß ihre Umgebung manchmal vernebelt wurde, übersättigt vom -eigenen Selbst. Und sie mußte plötzlich auf die Straße laufen, stöhnend -vor Sehnsucht nach dem ganz Fremden. - -Dieses Selbst in allen Dingen verschleuderte sie mit wollüstiger Freude -und Grauen. Sie war immer unbeschreiblich reich dabei. Wenn etwas sie in -Grenzen hielt, war es die Dankbarkeit der Beschenkten. Sie schämte sich -darüber. Danken war sich erniedrigen. Und ein heißer Zorn wühlte in ihr, -wenn alle anderen nicht größer waren als sie. Sie wollte das Kleinste -sein, denn sie suchte das Oben. Wie sagte doch Onkel Gustav zu seinem -Freunde: -- sehr kindisch -- und sehr unreif -- eigentlich viel zu -unreif für ihr Alter. - -Ruth bewunderte alle Menschen, die stehlen konnten. Jemandem eine Münze -aus der Geldbörse zu nehmen, war für sie ein Wagnis, ein Heldenstück, -das ihr immer unmöglich sein würde. Ein Eingriff in fremdes Reich, ein -Festnehmen von feindlichen Objekten -- schwieriger, als einen nassen -Salamander in der Hand zu halten. - -Ruth verbrachte den ganzen Sommer in den engbrüstigen Vorstadtgärten, -zwischen Ladenschwengeln, Proletarierfrauen und klebrigen Kindern. Man -konnte dieses Jahr keine Sommerfrische aufsuchen. Mutter war im Winter -krank gewesen und mußte im Frühling eine Reise machen. So war nicht -genug Geld da, noch einmal fortzufahren. - -Als Ruth zum ersten Mal davon reden hörte, daß sie heuer nicht wegfahren -müsse, hatte sie laut aufgejubelt. Aber Mutter weinte eine halbe Woche. - -Von Ruth war ein Alpdruck weggefallen. Wie eine drohende Gefahr, -unaufhaltsam näher rückend, empfand sie den ganzen Winter durch: Es -kommt ein Tag, da muß ich fort. Man zwingt mich dazu. Fort. Man reißt -mich aus meinem Zimmer. Meine Gedanken stecken noch in den Stuhlbeinen, -auf der Hauptstraße liegt etwas ganz Besonderes von mir, ich muß alle -Tage vorübergehen, meine Adern sind verwoben mit dem Himmel über unserem -Dach und dann soll ich fort. Und sie haben die Macht, mich zu zwingen. -Nein, ich liebe mein Zimmer nicht, es ist mir zu eng, zu sehr mit mir -verwachsen. Aber fortmüssen und drei Monate in einem ganz fremden Raum -sein, wo vielleicht ein pensionierter General gewohnt hat oder eine -schmutzige Frau. Und sie haben die Macht, mich zu zwingen. - -Sie wußte nicht, daß jeder Mensch mit seiner täglichen Umgebung -organisch verbunden ist. Daß ein Weiterrücken im Raum auch ein -Weiterrücken im Leben sein muß. Und doch stöhnte sie unter dem Zwang. - -Von dem Fenster seines Zimmers hatte sie einen weiten, hohen Himmel -gesehen. Mit verschwommenen Kirchtürmen. Das war ihr Horizont, ihre -Ferne, ihr Land gewesen. - - * * * * * - -Und nun saß sie in den staubgeschwängerten Vorstadtgärten. Ihre müden -Blicke wuschen den Ruß von den welkenden Blättern. Sie dachte an einen -Wald, eine grünsatte, schwelgende Fülle. Die schlank hinansteigt in -abendhelles Blau. Und sie mußte hier sein. - -Ihre Strümpfe waren grau vom Staub, ihre Schuhe alt und faltig. Neben -ihr auf der Bank erzählte ein Dienstmädchen einem anderen, sie habe -fünfzig Kronen Lohn monatlich. Wenn sie aber mehr bekäme -- sie roch -nach Schweiß. - -Im Sand lag ein vertretener Kupferkreuzer. Zwischen Kinderschaufeln und -Blechkübeln. Und es rollte ein ferner Donner. - -Ruth ekelte der Kreuzer. Sie dachte an eine durchlöcherte Hosentasche. -Aber sie konnte nicht wegsehen. Sie starrte auf den Kreuzer, bis sie ihn -doppelt sah und dann dreifach und dann vierfach und dann immer mehr, -immer mehr ... - -Eine einzige ineinander rollende Masse. Schmutzig kupfergelb. Schmeckt -wie geschmolzenes Metall. - -Ruths Schuh hatte einen Riß, quer mitten durch. Er sah wohl aus wie eine -Falte. Aber es war ein Riß. Quer mitten durch. - -Sie stand auf und ging durch die Straßen, wo die größten, üppigsten -Geschäfte waren. Schon wurden die Lichter angezündet. Gierig -aufflackernde, rote kleine Scheinwerfer. - -Ruth dachte: Über meinen Schuh geht ein Riß -- keine Falte -- über meine -Hand geht ein Riß -- ist das Schmutz -- und über mein Gesicht -- -vielleicht ist das Blut. - -Sie ging hinter einer üppigen, blonden Kokotte. Nachgezogen von ihren -wunderbaren, geraden, feinen Absätzen, die nicht einen Millimeter zu -hoch oder zu niedrig waren. Eine keuchende Lust überkam sie, das weiche, -eng anliegende Leder zu fühlen, zu streicheln, an sich zu locken. - -Das Parfüm roch betäubend nach unaufrichtigen Blumen. Ruth dachte: -- Es -ist abscheulich, aber teuer. Furchtbar teuer. Ungezählte schmierige -Kupferkreuzer. Und die lichte Flasche, auf hellrosa Seide gelegt mit der -durchsichtigen Flüssigkeit. Ich möchte sie nicht berühren. Aber teuer. -Nicht auszudenken teuer. Und ihre Schminke -- ich könnte sie niemals -darauf küssen -- ist auch so teuer, oder noch mehr. Wie ich sie -verachte. Aber die gelben Schuhe möchte ich besitzen -- - -Ein paar große, schwere Regentropfen klatschten auf das schleimige -Pflaster. In den Häusern flammten protzig die Lichter auf. Schmiegsame -Vorhänge wurden zugezogen. - -Die große Blonde ging in ein großes Haus. Über breite Stiegen mit dicken -Teppichen. Vornehme Damen kamen ihnen entgegen mit großnetzigen -Schleiern vor den Gesichtern. - -Sie gingen durch eine große Glastür. Es roch betäubend nach Seife, -dickem Parfüm, warmen Haaren. Ein Friseur. Ein schlankes junges Mädchen -in vergilbter Seidenbluse, mit zu hellem, großgewellten Schopf fragte -Ruth, was sie wünsche. Ruth antwortete automatisch was ihre Vorgängerin -sagte. Und wie diese wurde sie in eine Zelle geführt, wo ein -gelbmarmorner Waschtisch in die Wand eingelassen war. - -Eine Welle mattweißen Schaums ging über ihr Gesicht, über ihren Kopf, -über die Wurzeln der Haare. Sie empfand den Duft durch die -Scheitelknochen dringen, sich in das Hirn einfressen. Ihre Nerven -dehnten sich weich und ringförmig. Das junge Mädchen hatte schlanke -Hände mit spitzen Fingern, die nicht mehr ganz ihr eigen waren. So sehr -schmeckten sie nach tausenderlei weichen Wassern. - -Ruth dachte: -- Sie ist sicher arm. Aber sie darf den ganzen Tag hier -sein und ihre Hände sind schön und unnahbar. Am Abend geht sie nicht -nachhause. Wo sie da hingeht -- - -Die schmutzige Kupfermasse aus dem Sand war gelb geworden und lockte wie -verwischtes Gold in der marmornen Waschschüssel. - -Sie spricht nicht mit mir, -- wußte Ruth, -- weil ich ein verwaschenes -altes Kleid trage. Es ist auch zu eng, das merkt sie sicher. Wenn sie -erst den Riß über meinem Schuh sähe, oder ist es nur eine Falte? -- Ruth -schämte sich maßlos. - -In der Zelle daneben aber plauderte die große Blonde lustig darauf los -mit einem von den anderen jungen Mädchen. Sie schwatzten wie zwei -Schulfreundinnen, von denen die eine ein besseres Zeugnis bekommen hat -als die andere und sich daher etwas herausnehmen darf -- aber sie tut es -nicht viel. Die Blonde sprach immer von einem Er -- Ruth spürte, daß er -ein Monokel trug und manikürte Nägel hatte -- und die Blonde kicherte -fortwährend. Die kleine Friseurin daneben sagte immer strahlend und -bewundernd: -- Aber gnädige Frau und dann sprach man von einem Armband. -Ruth sah wieder in der marmorgelben Waschschüssel eine Fülle von -Kristallen, in denen sich das Licht brach, so daß die Farbenmenge -schwindeln machte. Sie wußte, das gibt es alles, zwei Häuser weit weg, -bei dem großen Juwelier. Ich brauche nur hinzugehen. Aber nein, ich habe -ja kein Geld -- und ein entsetzlicher Schrecken durchfuhr sie, ob sie -dem Friseur auch werde zahlen können. Sie dachte sich Unsummen aus, die -es kosten müsse, ja müsse, und getraute sich nicht, ihr abgegriffenes -Portemonnaie aus der Tasche zu ziehen. Wie der Mörder auf das -Todesurteil, wartete sie auf den Augenblick, in dem sie vor dem -glattrasierten Herrn bei der Kassa stehen mußte. - -Die Blonde daneben plapperte noch rascher und glückseliger. Ruth dachte -in ihrer Herzensangst: Herrgott, ist sie dumm. Wenn ich nur einmal in -meinem Leben so hirnverbrannt dumm sein dürfte. Ich könnte mich dann gar -nicht so fürchten vor dem geschniegelten Kerl dorten. So dumm sein -- -das hieße ausruhen. - -Sie zahlte den Preis fast weinend vor Aufregung. Drückte in die kühlen -Hände des jungen Mädchens ein fürstliches Trinkgeld. Und stürzte davon -wie ein ertappter Bettler. - -Auf der Treppe griff sie sich unter den Hut. Da war etwas Fremdes. Waren -es die kühlen, langen Nadeln, die ihr das Mädchen in den Knoten gesteckt -hatte. Waren es ihre eigenen, weichen Haare, die noch warm dufteten. Und -sie sehnte sich das Haar lösen zu können und den Kopf hineinzuwühlen. - -Nur nicht nach Hause gehen. Dort lagen Mutters Rechenbücher. Die Lampe -über dem Speisezimmertisch hatte einen fahlgrünen Schirm. Nur um Gottes -Willen nicht nach Hause. Die Gassen waren alle rot, die Schaufenster -waren rot und die Frauen in den großen Straßen hatten rote Wangen. Hier -grüßten sich alle, hier kannten sich alle und die Luft war rot und -weich. - -Zwischen den Pflastersteinen lockte es schmutzig kupfergelb. Aber in den -ledernen Handtäschchen der Damen blinkte es silberhell. In den -Geschäften lag dick geschichtet lichte Seide, wunderbares, braunrotes -Holz, fremde Blütenkelche, zarte Porzellanteller, flaumig weiche Hüte, -Diamantarmbänder ... - -Heute bemerkte Ruth, daß sie langsamer ging als alle andern Leute. Sie -fühlte einen Taumel fremder Geschäftigkeit um sich, dem sie nicht -gewachsen war. Sie suchte mitzukommen. Sie hatte doch ein Recht darauf. -Sie empfand ihre duftenden Haare in einer wilden Glückseligkeit. Sie -wollte mitkommen. Ihre Schultern schmerzten vor Müdigkeit. Quer über den -einen Schuh lief ein Riß. - -Blendend helle Buchstaben zogen sie an: Kino. Sie ging hinein, rasch, -sehr rasch, flüchtend vor den zu roten Straßen und verbarg ihre Schuhe -unter dem dunklen Sitz. - -Neben ihr dampften verschwitzte Kleider, gewürztes Essen, unreine Haare. -Das Orchester spielte Richards Lieblingswalzer. - -Der Graf kam. Er fuhr in einem Auto, fast erstickt von der Blütenfülle, -die er im Arm trug. Er hatte fabelhaft gerade, lange Beine. Und ein -glattes Gesicht, zu sehr rasiert. Der Rauch aus seiner Zigarette mußte -kostbar sein. - -Die Tochter des amerikanischen Milliardärs trug lange Korkzieherlocken -und strahlte mit blendend weißen Zähnen. Ihr Körper war schlank und frei -wie nach einem lauen, spielenden Bad. Sie kochte den Tee für sich und -den Grafen in einem bauchigen Samowar. Dieser Tee war sicher -bernsteinklar und duftete durch das Zimmer, das dumpf gemacht war mit -weißen Fellen und samtenen Vorhängen. - -Ruth liebte die Milliardärstochter. Liebte den Grafen. Schielte mit -dumpfer Wut auf das verkrümmte Ladenfräulein neben sich, das an den -Nägeln kaute und schnalzte. - -Der Freund des Grafen, ebenso glatt, ebenso wohlgebaut. Nur trug er -einen Schlapphut. War also ein Künstler. - -Das Atelier. Köstliche, großgeblümte Teppiche. Glatter weißer Marmor. -Hinter den Riesenfenstern Aussicht bis an das Meer. Sonnenaufgang. - -Der Park des Milliardärs in Rom. Eine zitternde, flimmernde, prickelnde -Blätterfülle. Kleine, schlanke Zypressen. Sonnenflecken auf der Erde, -verstreut wie flache Goldgulden. Puccini. Die Milliardärstochter reitet -auf einem Schimmel. Lange Korkzieherlocken, rechts der Graf, links sein -Freund. Hinten ein Diener. Der riecht auch nach Parfüm, wie die Blonde -heute auf der Gasse. - -In der Pause sagte Ruths Nachbarin zu jemand in der hinteren Reihe: -- -Ja, jetzt hat er halt eine Lungenentzündung. Ich komme gerade aus dem -Spital. Was soll man machen? Aber schön ist es, das Stück. - -Und Ruth dachte: -- Der Mann im Spital hat sicher sein ganzes Leben in -einer Kellerwohnung gelebt. Moder und Schweiß. Vielleicht hat er -Schuhriemen gemacht für den Grafen. Oder Zaumzeug für seine Pferde. Aber -die Milliardärstochter geht nicht in das Kino, wenn der Graf krank ist. -Obwohl sie ihn mit seinem Freund betrügt. - -Ihr schwindelte. Sie empfand einen Abgrund zwischen sich und der -Nachbarin. Zwischen sich und dem Boy, der grinsend Perolin versprengte. -Zwischen sich und dem Grafen, der eigentlich genau so aussah, wie der -Friseur an der Kasse, nur daß er so gut angezogen war. Und einen Abgrund -vor der Milliardärstochter, die genau so strahlende Zähne hatte, wie die -große Blonde. - -Nichts als Abgründe, Löcher, Klüfte, Leersein und Alleinsein. Es gibt -irgendwo ein dunkles Zimmer. Schillernde Phiolen. - -Die Musik setzte wieder ein mit jenem Auftakt, der so lange und -proletarisch vielversprechend auf den zweiten warten läßt. Nein, nicht -mehr. - -Sie ging langsam nachhause. Die Gassen waren dunkler geworden, das Licht -bleicher. Und zwischen den Pflastersteinen war nicht ein Kupferkreuzer. -Nur Schmutz. - -Über Ruths linken Schuh lief ein Riß. Es war bestimmt keine Falte, es -war ein Riß. - -Sie wünschte sich den ganzen Abend: ich möchte Seidenstrümpfe haben, wie -die Milliardärstochter und die Blonde. Und weiche, lederne Schuhe. Aber -ein anderes Gesicht. Vielleicht mein Gesicht. Oder noch ein anderes. - -Zuhause behandelte man sie mit stummer Verachtung. Sie kam nie mehr -zurecht zu den Mahlzeiten. Sie ergab sich einem sträflichen Müßiggang, -den Richard nicht vergaß, wenigstens einmal des Tages um die Ecke herum -zu erwähnen. - -Mutter schüttelte trostlos den Kopf und sagte zu Martha: -- Es nützt -alles nichts. Sie wird ganz wie Gustav, er ist nicht umsonst ihr Onkel. -Und Vater war auch so. Wie das alles zu mir kommt? - -Ruth wusch sich von nun an zehnmal des Tages die Hände mit fast zu -heißem Wasser. Sie trug es heimlich in ihr Zimmer, kannenweise. Niemand -durfte davon wissen, o Gott nein, es war etwas Unrechtes, das sie damit -tat, etwas wie stehlen. Denn wenn sie die Hände ganz tief in die -Waschschüssel steckte und das heiße Wasser durch alle Poren in sich -hineinströmen ließ, schlossen sich ihre Augen und sie fühlte sich über -Marmorstufen in ein tiefes, warmes Bad hinuntersteigen. - -Sie mißhandelte ihr Zimmer. Es war häßlich. Alte, verschnörkelte Möbel. -Ein Teppich, der nicht mehr rein zu bekommen war. Der Lampenschirm aus -zerschlissener Seide. Sie stülpte ihn verkehrt auf den Boden, rückte den -Tisch schief in eine Ecke. -- Schämst du dich nicht, wie dein Zimmer -aussieht, sagte Mutter. - -Sie stand vom Tisch auf, weil Agnes mit einem verbundenen Finger -servierte. - -Sie wollte nicht mit Mutter auf die Straße gehen, weil Mutters Mantel -schon sechs Jahre alt war. - -Sie warf Marthas mit farbiger Seide gestopfte Handschuhe in den Herd. - -Und sie schenkte Agnes ihre neuesten Schuhe. - -Es war alles gleichgültig, alles eins. Je mehr zugrunde ging, desto -besser. Wozu die Heller sparen, wenn man Tausende braucht. Dann war man -armselig und fast lächerlich, wie Mutter. Aber sie, Ruth, wollte lieber -ganz elend sein, betteln gehen. - -Die Welt lag hinter der harteckigen Wohnung. Auf den langen, gierigen -Schienen rollten die Lokomotiven. Schleppten hinten in den Waggons -glückliche Menschen in dunklen, einfachen Kleidern, deren Schnitt allein -ein Vermögen kostete. Die legten ihre wunderbaren Schuhe auf samtene -Kissen. Und dann saßen sie in hochwandigen Speisesälen und sahen hinaus -über ungemessene Entfernungen. - -Geld haben heißt weiterkommen. Weiterrücken im Raum. Und das heißt, -weiterrücken im Leben. Und sie steckte in ihrer Wohnung, eingekeilt -zwischen Mutter, Martha, Richard und jetzt auch Norbert. Denn Norbert -war sehr viel da. Mutter liebte ihn. - -Einmal ging sie Martha ein Geburtstagsgeschenk kaufen. Norbert erbot -sich, sie zu begleiten. Sie war unordentlich angezogen, in alten -Kleidern, die ihr schlecht saßen. Sie ging durch die elegantesten -Straßen. Vielleicht eben deshalb. Und weil Norbert dabei war. - -Sie traten in eine der ersten Parfümerien. -- Hier wollen sie etwas -kaufen? fragte Norbert ganz erschrocken. -- Ja, warum nicht? - -Sie wählte ein halbes Dutzend der kostbarsten Seifen. Es überstieg weit -den schmächtigen Inhalt ihres Portemonnaies. -- Ich habe mein Geld -vergessen, können Sie für mich zahlen? Norbert zahlte aus seiner -biederen Geldbörse. - -Auf der Straße sagte sie, totenbleich vor Erregung, heiser: -- Wissen -Sie, was ich da in meiner Tasche habe? Noch eine Seife, hellviolett, ich -habe sie aus dem Korb gestohlen. - --- Um Gottes Willen, aber das ist doch nicht ihr Ernst. - --- Doch, sehen Sie, hier. Ist sie nicht wunderbar. Und so weich. Die -behalte ich mir, die gehört mir, mir ganz allein. -- Fräulein Ruth, -nein, das ist nicht möglich, nein, kommen Sie, gehen wir zurück, gehen -wir. -- Gewiß nicht, ich glaube gar, Sie fürchten sich, mit mir zu -gehen? Bitte. -- Nein, aber Ruth, so etwas dürfen Sie doch nicht tun, -Herrgott, das ist ja furchtbar. -- Ach, lachte Ruth, das mache ich immer --- und fast schämte sie sich, so zu lügen. Sie hielt die Seife -krampfhaft fest mit der Hand umschlossen, daß die Schulter schmerzte. -Und war stolz darauf. Ein gieriges Habenmüssen preßte ihr die Zähne -zusammen. - -Sie gingen durch trübe, nachmittagsstille Gassen, die sonnenlos waren -und arbeitsgewohnt. Norbert sah die ganze Zeit zu Boden und war -dunkelrot. Dann stotterte er: -- Wenn Sie die Seife haben wollen und -haben müssen, Ruth, und Sie haben vielleicht kein Geld mehr -- Sie -lachte grell und höhnisch: -- Nein, wie Sie um meine Seele besorgt sind. - -Und dachte: Du kleinseliger Krämer du, du ahnungsloser. -- Lassen Sie -das, Norbert, -- fuhr sie fort, -- es steht nicht dafür. Es nützt doch -nichts. Ich habe es vom Großvater. Der hat auch alle seine Pferde -verspielt. Mutter sagt immer, mit mir nimmt es ein schlechtes Ende. Wenn -ich dann ganz heruntergekommen bin und so bettelarm, daß ich einen -grauen Lappen um den Kopf binden muß, wenn es schneit, wenn ich dann so -ganz richtig elend bin, komm ich zu Ihnen. Sie geben mir dann etwas aus -ihrer Börse, nicht wahr? -- Ich werde Ihnen immer alles geben, Fräulein -Ruth, aber Sie sollen nicht so sprechen. -- Vielleicht komme ich auch -ins Kriminal, wer kann es wissen. Aber Norbert, eines, können Sie sich -vorstellen, daß man etwas haben muß, so unbedingt haben muß, daß man -einem andern auch Böses tut, ihn umbringt, für Geld umbringt? Können Sie -sich das vorstellen, o, so sagen Sie doch. -- Ruth, Sie sind krank. -- -Warum denn? sowas steht doch alle Tage in der Zeitung und die Leute sind -gar nicht alle krank. - -Nach einer Weile sagte er noch einmal bestimmt und ohne sie anzusehen: --- Wir tragen die Seife jetzt zurück. Wenn Sie das Geld nicht nehmen -wollen. Es war ein Irrtum. - -Ruth warf die Seife einem verkrüppelten Bettler, der an der Mauer -lehnte, in den Hut und sprach im Vorübergehen: -- Er soll sich auch -einmal mit etwas Gutem waschen können. Und sie sah Norbert nicht mehr an -und gab ihm nicht die Hand zum Abschied. - -In den nächsten Tagen aber trauerte sie um das Stück Seife, wie um ein -Stück verlorene Seligkeit. Sie haßte Norbert. Einmal hatte sie es gewagt -und er hatte alles verdorben. Und warum -- weil er dumm war, grenzenlos -dumm. Sie holte lauter Detektivromane aus der Leihbibliothek und -verschlang sie. - -Sie versuchte Geld zu nehmen aus der Lade der Köchin. Aber es war wieder -ganz unmöglich. - -Sie fühlte sich umgeben von einer erstickenden Masse schmutzig gelben -Metalls. Das nach Schweiß stank und den Duft exotischer Blüten in sich -trug und ein Rauschen von seidenen Röcken. - -Marthas Kasten war immer doppelt versperrt. Sie trug die Schlüssel mit -sich in einem uralten Handtäschchen. Ruth verachtete sie deshalb. Denn -was war schon in dem Kasten, wenn man ihn aufbrechen wollte? Wäsche mit -gehäkelten Spitzen und ein paar ziemlich abgelegene Liebesbriefe. Eine -Nagelschere und ein Nähkästchen und vielleicht noch eine Photographie. -Nein, davon hätte Ruth nichts haben wollen. - -Und von Richards Sachen erst recht nicht. Die waren alle abgebürstet und -ordnungsgemäß aufgestellt. Numeriert. Vom ersten Schulzeugnis an bis zur -letzten Tagebuchseite. Denn Richard führte ein Tagebuch. Das war sehr -genau. Es standen alle Einnahmen und Ausgaben darinnen. - -Mutters Besitztümer aber steckten in vierfach verbundenen Papiersäckchen -und rochen nach Lawendel. - -Ruth wollte und mußte etwas haben. Etwas Außergewöhnliches, etwas -unsagbar Schönes, etwas Wunderbares, etwas noch nie Dagewesenes, -wenigstens noch nicht in ihren düsteren Zimmern. - -Als sie ihr nächstes Taschengeld bekam, ging sie durch die ganze Stadt -es zu suchen. Als es schon Abend war, fand sie in einer Auslage einen -Korb voll tiefroter Rosen. Festgeschlossen hingen sie schwer in den -schlanken, wiegenden Stengeln. Und die wenigen Blätter, die schon offen -waren, waren weich und dunkel in ihrem Innern, daß sie Ruths Kopf zur -Seite senken ließen und die Augen schließen. - -Sie kaufte sechs von den schönsten, strich mit den Händen über die -heißen, großen Stacheln und ging mit federnden Schritten nach Hause. - -Im Speisezimmer stand Richard unter der fahlgrünen Lampe und hielt eine -Rechnung in den Händen. Mutter lief erregt um den Tisch und Martha -stellte verdrossen die Gläser auf. - --- Was ist das Ruth, fragte Richard -- eine Rechnung für vier paar -Lederhandschuhe? Er war ganz ruhig, zog nur die Augenbrauen ungeheuer -verwundert in die Höhe. Aber seine Stimme war häßlich vor Zorn. - -Mutter rang die Hände. - --- Ich weiß nicht, sagte Ruth atemlos. -- Du weißt nicht und was hast Du -da? Was sind das für Rosen, Ruth? Du bist wohl verrückt. Du weißt nicht, -was du tust. Wie treibst du dich denn herum? - --- Laß die Rosen, sie gehören mir. - --- Dir, dir gehören sie? Ja, was gehört denn überhaupt Dir? Du stiehlst. -Du stiehlst Mutter das Geld aus der Tasche. Sollen die Handschuhe -vielleicht Dir gehören? Und diese Rosen? -- - -Ruth dachte: Er nimmt mir alles. Alles. Aber er hat eine wohlgefüllte -Geldbörse in der Tasche. Kupfergelb, silberweiß, blaue Scheine. Nur die -Rosen soll er nicht nehmen, die Rosen nicht. Wenn er wirklich danach -greift -- - -Sie war umgeben von einer schwarzen, kochenden Masse. Und erstickt griff -sie nach dem Brotmesser auf dem Tisch und schleuderte es -- - -Ein Kreischen, ein Stoßen -- - -Sie war allein in ihren Zimmer. - -Von der Straßenlaterne strömte weißgelbes Licht herein. Aber der Zorn -tanzte noch in kochend schwarzen Klumpen um sie herum, würgte die Kehle, -machte ihre Hände gierig. - -Sie fuhr hinein in die blassen Fensterscheiben. Mitten durch. - -Aus ihrer Handfläche quoll es langsam heraus, dunkelrot. Sie war ganz -ruhig. - -Aus immer mehr Stellen heraus, immer mehr. Das Blut fiel zu Boden, -langsam, in dicken Tropfen. - -Und ihre Augen wurden satt. - -Da waren irgendwo heiße, durstende Glieder, die sich zur Ruhe strecken -konnten. Und ausgekühlte Marmorbäder. Und verlöschte, grellrote Lichter. - -Zu ihren Füßen lagen viele Münzen. Kupferne, silberne, goldene. Die -rollten nicht mehr durcheinander. Die lagen ganz kalt, eine über der -anderen. - -Und das Blut fiel zu Boden, langsam, in dicken Tropfen. Und das Geld -fraß das Blut. - - - - - Gott - - -Als Ruth so klein war, daß das Kindermädchen sie sitzend auf dem Arm -trug und ihr der eigene Matrosenkragen wie eine riesige, abenteuerliche -Fläche erschien, sah sie an einem Abend ein Kreuz im Wald. In den Tannen -hing verstecktes Gewitter. Und das Kreuz wuchs aus der felsigen Erde. -Ruth fürchtete sich. - -In der Nacht nahm Mutter sie zu sich in das Bett. Am Morgen hatte sie -Fieber. Man zog ihr ein frisches, kühles Hemd an, legte sie in Mutters -riesige Polster hinein und Mutter küßte und streichelte sie. - -Wenn Ruth krank war, den ganzen Tag in Mutters Zimmer liegen durfte und -von unten herauf jede von Mutters ungeduldigen, viel zu vielen -Bewegungen beobachten konnte, war sie ganz zufrieden. Dann vergaß ihr -kleines Hirn mit den Schwierigkeiten des Tages zu kämpfen, den grell -bemalten Tapetenblumen, den Vorsprüngen auf Mutters kompliziertem -Luster, der widerhaarigen Zahnbürste. Dann legte sie ihr kleines Haupt -tief nach hinten und alle ihre kleinen Gedanken in Mutters zu große, -harte Hände. - -Mutter war groß. Mutter war allmächtig. Mutter war unfehlbar. Mutter war -gütig. Mutter war edel und -- Mutter war gekränkt, mißhandelt von aller -Welt. Deshalb wollte Ruth nicht mit den andren Kindern im Park spielen, -keinem fremden Menschen die Hand reichen, deshalb fürchtete sie sich vor -den Hunden. Weil ihre Mutter unter diesen allen leiden mußte. - -Ruth küßte im Geheimen Mutters Hausschuhe. Schluchzte die ganze Nacht -durch, wenn Mutter vergessen hatte, zuletzt an ihr Bett zu kommen. Und -starb vor würgender Sehnsucht, wenn Mutter auf acht Tage verreist war. -Aber das durfte niemand wissen. - -Richard durfte das nicht wissen, ach nein, er war ja so klug. Gewiß, er -liebte Mutter. Aber er trug alle seine Empfindungen sorgsam eingeordnet -in seiner schwarzledernen Brieftasche und zusammengepreßt wie die -Banknoten. - -Martha liebte Mutter nicht. Obwohl sie an Mutters Geburtstag am -eifrigsten den Tisch deckte. Aber alle Morgen stritt sie mit Mutter mit -einer schrillen Stimme. Zu ihren Freundinnen nannte sie Mutter nur -»sie«. - -Zu Mutter flüchtete Ruth sich, als sie die große Angst bekam vor dem -großen Gott im Himmel oben. Der gar nicht half, wenn man zu ihm betete. -Der seinen lieben, wunderbaren Sohn am Kreuz hatte verbluten lassen, der -es duldete, daß es eine Hölle gibt, während es ihm dort oben am besten -geht. Der die Menschen in den Spitälern sterben läßt und noch will, daß -man dankbar dafür ist. - -Ruth bekam eine Bonne, deren winziger Koffer voll war mit Marienbildern -und Rosenkränzen. Die führte Ruth in alle Kirchen. Sie fror stundenlang -in den kalten, zu hohen Räumen mit den dunkel nassen Mauern. Weihrauch -versperrte ihr die Kehle und der Kirchendiener hatte schmutzige -Pantoffel. Vorne am Altar war Christus gekreuzigt. Rostige Nägel -durchbohrten die Knochen. Das Blut war geronnen. Und er konnte nie und -nie herunterfallen. - -So hing er in allen Kirchen und die Menschen beteten um schönes Wetter -und Glück bei ihren Geschäften. Ach, wie arm war er. Für alle hatte er -sterben müssen, und keiner liebte ihn. - -Eines abends stritt Mutter mit Vater. Es war so ein kleiner häßlicher -Grund, daß Ruth ihn vergessen wollte, nein, nie mehr daran denken. Vater -schwieg. Mutter warf Vaters Zeichnungen auf den Boden. Vater schwieg. -Ruth schlich aus dem Zimmer. In dem kleinen Gang neben der Küche drückte -sie die Stirne an das Fenster und betete: Lieber Christus, ich habe dich -lieb. Ich bete nicht, ich will nichts von dir, ich habe dich nur lieb -... An diesem Abend kam Mutter nicht zum Gutenachtkuß. Ruth rief nicht -nach ihr. Aber sie hatte ein rotgoldenes Christusbild unter dem -Kopfkissen. - -Sie wollte Nonne werden. In der Abenddämmerung in niederen Kreuzgängen -wandeln und über das Meer schauen und Christus lieben. - -In die Messe mochte sie doch nie gehen. Wie entsetzlich war es, zu -denken, daß der fettige Geistliche da vorne das reinste Blut trank. Wenn -es auch für die ganze Welt gut war, es war eine ungeheure Grausamkeit -- -ein Verbrechen -- und daß das alle Morgen geschah ... - -Ruth besaß ein Kinderbuch, in dem opferten die Chinesen grell gemalten, -glotzäugigen Buddhas. Vor diesem Buch graute ihr. Und vor den fetten -Altären der katholischen Kirchen. - -Zu Hause aber steckte sie ihren liebsten Bleistift in den Ofen -- Opfer -für Christus. - -Dem lieben Gott versprach sie alle Tage ein Gebet mehr. Was anderes -konnte sie ihm nicht geben. Als es zu viel wurde, gab sie es überhaupt -auf. Und von dieser Stunde an stand sie nicht mehr gut mit ihm. - -Aber sie küßte den schmutzigen Steinboden im Stiegenhaus. Christus zu -liebe. - -Dann bekam sie eine andere Bonne. Mit sehr roten Wangen und gekräuselten -Haaren, die alle Nacht zwei Stunden lang mit der Brennschere bearbeitet -wurden. Diese Bonne liebte Ruth sehr. Sie erzählte ihr ungeheuer viel -von einer Baronin, die schon zweimal verheiratet war und Ruths -Schuhnummer hatte und alle Monate vier Paar Schuhe brauchte. Eines -Nachmittags führte sie Ruth zu der Baronin. Das Zimmer war voll mit -parfümiertem Rauch und schweren Teppichen. In einem Erker saß die -Baronin neben einer riesigen Palme. Sie trug einen grauseidenen -Schlafrock. Seine Falten krochen über ihre müde, duftende Haut. Sie -sprach lange mit der Bonne und liebkoste Ruths Zöpfchen. Sie schenkte -Ruth ein Bonbon. Ruth schlief diesen Abend ein, das Bonbon in der Hand, -das am nächsten Morgen als zähe Masse die kleine Faust verklebte. - -Sie schrieb den Anfangsbuchstaben des Namens der Baronin auf die -Löschblätter in allen Heften. Als die Bonne plötzlich fortgehen mußte, -weinte sie die Nacht durch. - -In einem großen Hotel liebte sie einen gazellenschönen, argentinischen -Knaben. Sie sprach nie ein Wort mit ihm, dachte gar nicht an diese -Möglichkeit. Aber sie zählte die Stunden, bis sie ihn wieder in den -Speisesaal kommen sehen könnte, neben seiner überüppigen Mutter. - -An einem lichtgoldenen Frühlingstag sah sie auf dem Markt einen Korb -weißer Hyazinthen. Kaum erblühter, strahlend weißer, schlanker -Hyazinthen. Sie hatte kein Geld. Was sollte sie tun? Sagen, daß sie -diese Hyazinthen haben mußte, sehen mußte, einatmen mußte. Nein, -niemals, so etwas spricht man nicht aus. Das ist etwas so ungehöriges, -wie die Dinge, die in den verbotenen Büchern stehen. Über so etwas -schweigt man. Und wenn es nur wäre, um nicht ausgelacht zu werden. Das -aber ist Schande und Schändung. Das ist so wie der gepeinigte Christus -an jeder Wegkreuzung. - -Im Sommer darauf bemerkte sie zum erstenmal, wie sich das saftige Grün -der Buchenblätter in die Sonnenbläue des Himmels schmiegt. Und sie -berührte schüchtern das Waldgras, das hoch und gebogen war, während auf -den Felsen die Erde duftete. -- Geh nicht in den Wald, sagte die Mutter, -dort sind Holzhauer und Schlangen. - -In diesem Sommer wuchs Ruth überraschend schnell und bekam kräftige, -braune Arme. - -Im nächsten Winter entbrannte sie in wilder Leidenschaft für Napoleon. -Der mit gekreuzten Armen über die Menschen gegangen war und sie -zertreten hatte. - -Damals war es, daß Ruth eine Macht über sich fühlte, die sie fausthart -in die Knie zwang. Und von der ihre weichen, unentwickelten Gelenke sich -in sehnsüchtiger Wollust kneten ließen. Sie wollte nicht lieben, nicht -Liebe empfangen, aber unterworfen werden. - -Im hintersten Winkel des Kleiderkastens war ein wunderliches Gemisch von -Kostbarkeiten: Eine falsche Rose, die Mutter getragen hatte als sie -einmal in das Theater ging und so besonders schön war. Gepreßte Zyklamen -aus dem Buchenwald. Das rotgoldene Christusbild. Eine Unterschrift der -Baronin aus einem Brief an die Bonne. Ein Ausschnitt aus einem -französischen Werk über Napoleon. Und das Wort Beethoven mit roter Tinte -auf die verkehrte Seite einer Visitkarte geschrieben. - -Wenn Ruth ihren Kasten zusammenräumte, wischte sie diese Dinge mit einem -Batisttaschentuch ab. Jedes war einzeln in weißes Seidenpapier gewickelt -und mit Christbaumschnüren zugebunden. Ruth rührte aber keines gerne an. -Sie fürchtete den Tag, wo ein quälendes Gewissen sie dazu trieb, alles -frisch zu ordnen und neu einzuwickeln. Sie wusch sich vorher dreimal die -Hände und fürchtete, daß ein unreiner Atemzug diese Heiligtümer -beleidigen könnte. - -Denn das alles waren Heiligtümer, nicht Erinnerungsstücke. Kleine, -nichtige Gegenstände, vollgetränkt mit dem Empfinden einer -überströmenden Liebe. Und als Christus, als die Baronin, als Napoleon -Ruth fremd geworden waren, behielten die einzelnen Dinge doch ihre -seltsame Macht. Ja, diese Macht war sogar gewachsen, wenn das Ideal tot -war. Und noch unbegreiflicher, furchteinflößender geworden. Es war -besser, man berührte diese Gegenstände nicht, ging ihnen aus dem Weg und -sperrte den Kasten zu. Wodurch allerdings auch der Schlüssel lebendig -wurde und schwer zu behandeln. - -Es kam noch vielerlei dazu. Schmächtige Seidenfransen, die sie einem -Freund Richards, einem langlockig, grobbeinigen Menschen von seinem -Kragenschoner weggeschnitten hatte. Ein weißblondes Haar der -Englischlehrerin. Und noch vieles andere. Es gibt keine Kirche, die so -viele Reliquien hat wie Ruths Kleiderkasten. - -Einmal saß Ruth bei dem Speisezimmertisch und sollte eine Schulaufgabe -machen. Mutter saß mit ihren Rechenbüchern daneben. Da kam ein -Dienstmädchen herein, die Mutter einst wegen Diebstahls hinausgeworfen -hatte. Die brachte ihr Kind. Mutter schob alle Rechenbücher beiseite und -nahm den Säugling auf den Arm und küßte und hätschelte ihn. Ruth sah -sich wieder ganz klein und der Mutter so nackt und hilflos überlassen, -wie dem lieben Gott selbst. Sie zeichnete Mutters Kopf in ihr Schulheft. - -Onkel Gustav erklärte, sie sei ein Genie. Mutter war stolz. Sie hatte in -ihrer Jugend selbst viel gemalt, große, bunte, talentierte Bilder. Man -schickte sie in eine Zeichenschule. Und dort war Hilde. - -Wenn die Sonne aufgeht, brechen alle Pflanzen aus der Erde und die -Steine werden licht. Denn das ist die große Kraft. - -Wenn Hilde in das Zimmer kam, wurde der Raum weiter und höher. Und durch -alle Muskeln zuckte Ungeduld und Sprungkraft. Denn sie besaß große -Kraft. - -Sie sehen, hieß einen Trunk frischen Wassers tun. Und vor Ruth sanken -die schwerblütigen Vorhänge der elterlichen Wohnung in einen fetzigen -Haufen zusammen. Und sie verstand, daß es wichtiger war Fensterscheiben -zu zerschlagen als einem Bettler ein paar Kreuzer zu schenken. Denn die -Sonne muß hereingelassen werden. Sie ist die große Kraft. - -Mit Hilde konnte man nicht sprechen. Ihre Nähe war grell und fast -schmerzhaft laut. Ruth flüchtete vor ihr. Alle Reliquien durften -verstauben. - -Hilde reiste nach Italien. Sie sah Hilde nicht mehr. Ein greller Funken -hatte ihr Leben grell gemacht, ganz kurz, momentan. Sie war feige und -blieb in der Dämmerung. Aber sie kannte das Licht. Und wartete. - -Während aus dem Graugelb leerer Nachmittage er herauswuchs, riesengroß -und dunkel. Und sie saß bei ihm alle Wochen, alle Tage. Und trank die -Worte abgelebter Erinnerungen, die noch leben möchten. Dumpfer -Männernächte, die ihre Kinderhände weinen machten. - -Er war ein Gott. Die Maske fiel. - -Er war ein armer Mensch. Die Maske fiel. - -Er war ein Schuft. Wird noch eine Maske fallen. - - * * * * * - -Ruth saß am Sonntag in dem großen Dom. Die Orgel spielte und vor den -brennenden Kerzen lag die Menge. - -Ruth hörte auf das ewig gleiche Thema der Orgel und wußte, daß draußen -ein eintöniger Regen fiel. Die nassen Kleider der Leute stanken in den -Weihrauch hinein. Sie saß ganz hinten, in einer dunklen Bank. Vor ihr -war eine alte Dame in schwarzem Schleier. Die betete halblaut. - -Ruth dachte: mit wem spricht sie da. Gott -- das ist eine Maske mit -gerader strenger Nase und weißem Bart. In jeder Spielwarenhandlung zu -kaufen, wenn erst Fasching ist. Christus ist tot. Gekreuzigt. Sie soll -sich nicht zum Narren halten lassen von den Reliquien hinter dem Gitter. -Das sind Masken für nichts. Ich möchte meinen Schrank verbrennen. Mutter -macht uns alle unglücklich, weil sie nicht glücklich sein kann. Das -Muttersein ist Maske. Dahinter steckt ein furchtbarer Mensch. Und die -Liebe bei der Baronin mit dem parfümierten Rauch macht Übligkeiten. Sie -soll nicht lächeln. Es ist eine Krankheit in ihr. Maske. Napoleon hat -die Welt unterworfen weil er die größte Maske trug. Alle Buchenblätter -sind faul und die weißen Hyazinthen verwelkt, verkrümmt. - -Sie zog einen Taschenspiegel aus ihrem Handtäschchen. -- Da sitze ich in -der Kirche bei der Komödie. Warum schrei ich denn nicht. O ich bin -gesittet. Und mein Gesicht ist nicht verzerrt. Ich trage ja auch meine -Maske. Aber die Augen sind furchtbar. Ich habe Angst vor mir. - -Ob Hilde auch eine Maske hat -- - -Aber er trägt viele tausend Masken. Nein, er weiß gar nicht, welches -sein wahres Gesicht sein könnte. Lauter weiche, schmiegsame Masken, -innen etwas faul. Grünbleich und müde. Ach, und sich hineinlegen können -und ausruhen ... - -Als sie aus dem Tor herausging, traf sie Onkel Gustav und Richard. Beide -zogen den Hut vor der Kirche. -- Warum tut ihr das, sagte Ruth -ärgerlich, ihr glaubt ja doch nichts. - --- Das macht man so, sagte Onkel Gustav verlegen. - --- Ruth, du bist wieder einmal dumm, erklärte Richard. - --- Aber ein Tier tut das nicht, sagte Ruth und streichelte Onkel Gustavs -namenlosen Hund. - - - - - Gute Familie - - -Martha unterrichtete in der Schule, die Norberts jüngste Schwester -besuchte. In der sie selbst ihre erste und letzte Bildung empfangen -hatte und wo Ruth einmal fast hinausgeworfen worden war, weil sie -öffentlich zu erklären wagte, vor der französischen Grammatik brauche -man den lieben Gott nicht im Gebet anzurufen. - -Mutter hatte darauf gehalten, daß ihre Töchter diese Schule besuchten -und keine andere. Es war die vornehmste Schule der Stadt, die -Bureaukratenschule. Es galt als Zeichen von Ruths Dummheit, daß sie -nicht einmal in dieser Schule gute Noten bekommen konnte. - -Ruth dachte niemals an ihre Schuljahre zurück. Sie mied den Weg, der an -der Anstalt vorbeiführte. Sie empfand schon in der Nähe des Hauses den -dumpfen Tintengeruch aller der Rehlederfleckchen, die zu besitzen dort -so streng verlangt wurde und die sie immer verlor. Französische Verben, -verwischte Diktate, alte Butterbrote, schwarze Clothschürzen mit -knallblauem Rand und das unbedingte Bedürfnis, sich auf den Tisch zu -setzen, jetzt, gerade jetzt, weil das so entsetzlich unpassend ist. - -Vor allem aber hielt sie ein wurmendes Schamgefühl zurück, wenn sie sich -an diese Zeit erinnerte. Sie wollte nicht eines sein mit dem faulen, -boshaften Fratzen, der der Mademoiselle alles nachwies, was sie in -Geschichte falsch unterrichtete, ihre gefärbten Haare bewunderte und -stundenlang darüber grübelte, was sie ihr Verletzendes sagen könne. Denn -die Mademoiselle war dumm. Es war eine Unverschämtheit, andere belehren -zu wollen, ohne klüger zu sein. Das einzige, was Ruth aus der Schule -brachte, war ein glühender Haß auf den Kardinal Richelieu. Der bestimmt -der Mademoiselle ähnlich gesehen haben mußte, ihre kaltadrige, rote -Gesichtsfarbe gehabt hatte und ihre steifglänzenden Halskragen. Damals -hatte Ruth den Haß gelernt. Nicht den hochlodernden, kämpfenden. Aber -den sich ekelnden, nagenden, den man gegen Fleischfliegen hat und Maden. -Den allerunbarmherzigsten. - -Und damals hatte Ruth die Roheit kennen gelernt, die nicht zögert, sich -selbst zu beschmutzen. Als ein Kind der Schule gestorben war, kam der -Literaturprofessor wankend in die Klasse. Er war ein kleiner, -lächerlicher Mensch mit strohgelb in die Höhe stehenden Haaren. An die -Tafel gelehnt, schluchzte er überlaut, wischte sich die Tränen ab mit -einem blauen Taschentuch, schneuzte sich -- und dazu mußte ein Mädchen -ein ganz blödsinniges Lesestück vorlesen. Da begannen alle Kinder zu -lachen. Und Ruth mit ihnen, sie zerbiß ihr Taschentuch -- er weinte ja -auch immer, wenn er von Theodor Körner sprach. - -O die viele, viele Schande, die sie dort erdulden mußte. Alle Morgen -eine Krankheit erfinden, um nicht hinzugehen. In einer Zeit, wo der -unbeugsame Kindersinn nach unbedingter Reinheit verlangt und der -geringste Schmutzfleck ratlos macht und ausliefert. - -Konnte man je wieder rein werden, wenn man in diese Schule gegangen war? -Wo alle unterdrückte Sinnlichkeit der vertrockneten Lehrerinnen unter -den Bänken wieder erwuchs, aufgezogen von der schmierigen Neugier -halbwüchsiger Kinder, die von Liebe nichts wissen dürfen. Ruth wurde -später rot, wenn sie an die Gespräche dachte, die sie mit zwölf Jahren -hören und führen mußte. Und dann wurde alles verraten. Und ein Kind -wurde ausgeschult, weil es die Tochter einer Schauspielerin war. - -Nein, an diese Schule durfte man niemals zurückdenken. Ruth wich Martha -aus, wenn sie des Morgens dorthin ging. Sie hätte sie bedauert, wenn sie -sie nicht so maßlos verachtet hätte. - -Es war ganz selbstverständlich, daß Norberts Schwester diese Schule -besuchte. - -Norbert kam nicht mehr bloß Samstag. Er kam auch Mittwoch. Jeden -Mittwoch und Samstag zum Mittagessen. Vorher spielte er noch mit Gustav -zwei Sonaten, eine neu und eine, die sie schon das letztemal gespielt -hatten. Ruth kam an diesen Tagen immer zu spät nachhause. - -Ruth verachtete Norbert. Diese Verachtung war mit einem ihr sonst -fremden Ekel untermischt. Der sich bis zur Wut steigern konnte, wenn er -sie über den Tisch herüber ansah, hundetreu und Vertraulichkeit -vortäuschend. - -Mutters Vorliebe für Norbert stieg immer mehr. Martha konnte gar nicht -aufhören, mit Norbert zu sprechen. Er gab als Mitglied seiner Kaste -etwas verächtlich Auskunft über die Familienchronik der Stadt -- aber -immer als Mitglied seiner Kaste. Martha bekam hektisch rote Wangen. Ruth -dachte: Mein Gott, wie wenn ich den Uilenspiegel von de Coster lese. -Aber da ist es nicht ein Mensch, ein Volk, eine Welt, nur eine ehemalige -Tanzstunde. - -Deshalb hatte sie Martha in den letzten Jahren beiseite liegen lassen. -Neben ihr starb eine Seele in der Sehnsucht nach dem gelobten Land. - -Eines Mittags kam ihr auf der Straße ein ältliches Fräulein entgegen, -trotz der lichten Sonne in einem langen, grauen Regenmantel. Scharfe -Nase, weltfremde Augen, unter dem Arm eine Aktentasche. Ruth dachte: -Lehrerin, die hat heute sicher ein ungezogenes Kind gequält. Vielleicht -so eines wie ich war. - -Sie ging weiter. Um die Ecke herum begegnete ihr Martha, die eben aus -der Schule kam. Sie hing sich hastig an Marthas Arm und fragte einige -ganz überflüssige Fragen. Martha antwortete mürrisch. Ruth dachte: Um -Gottes Willen, vielleicht sieht sie in ein paar Jahren so aus wie die -andere, die Lehrerin von vorher. Nein, das ist unmöglich, das darf nicht -sein. - -Derselbe glühendheiße Druck legte sich ihr zwischen die Brust, den sie -als Kind empfunden hatte, als der Arzt sagte, daß Vater sterben müsse. -Sie hatte sich in einem Kasten versteckt und schrie in sich hinein: -unmöglich. - -So ging sie heute neben Martha. Bei einem Blumenweib blieb sie stehen -und kaufte ein winziges Büschelchen Veilchen. -- Ruth, um diese -Jahreszeit. Du fängst also schon wieder so an mit dem Geld. -- Nimm sie. --- Unsinn. -- Bitte. -- Nein, könnte mir einfallen. - -Ruth hielt die Veilchen ganz tief unten. Nur nicht weinen vor Zorn. Pfui -Teufel. Und Marthas Schleier hatte ein Loch quer über die Wange hin. -Ach, was ging diese langweilige Person sie eigentlich an. Sie ließ die -Veilchen in den Rinnstein fallen, knapp bevor sie in das Haustor traten -und sprang voraus über die Stiegen. - -Dann aber schalt Mutter mit Martha kreischend laut und ungerecht. Ruth -stand im Nebenzimmer mit geballten Fäusten. Mutter schrie. Martha -schwieg. Ach, da war wieder der entsetzliche Druck, der brennende Druck --- Angst -- - -Ruth warf eine alte Porzellanvase zu Boden, daß die Splitter sprangen. -Mutter stürzte wütend herein. Sie schüttelte Ruth und stampfte mit dem -Fuß auf die Scherben. Aber sie war wieder gut mit Martha. Denn Martha -jammerte mit. - -Ruth weinte so lange, daß sie am Abend krank war und in das Bett -gesteckt wurde. Mutter brachte ihr besonders aufgegossenen Tee und -setzte sich an den Bettrand wie in alten Zeiten. Aber Ruth drehte den -Kopf weg. Das Licht schmerze sie. Plötzlich sagte sie: -- du hast Martha -nicht gern. -- Was soll das heißen? -- Du hast Martha gar nicht gerne. -Weil sie häßlich und unglücklich ist. Häßliche und unglückliche Menschen -mag man nicht. Ich liebe Martha auch nicht, o nein. Aber ich will nicht -mehr mit ihr streiten. - -Und nach einer Weile: -- Weißt du Mutter, eigentlich wünsche ich, daß -Martha auch aus dem Fenster gesprungen wäre, wie ihre verrückte Freundin -voriges Jahr. Wenn sie es heute noch tun wollte, ich glaube, ich würde -ihr helfen und -- Ruth, Mutter stand vor dem Bett, dunkelrot -- du -willst also, daß ich hinausgehe ... Nein Mutter, ich habe nur manchmal -so Angst. Aber wenn du gehen willst, gib mir etwas zu lesen, irgendein -Buch, nur etwas, was gerade auf dem Tisch liegt. -- Schillers Dramen? -- -Nein, nicht das. Wozu. Ich sage dir, heute Mittag habe ich auf der -Straße im Sonnenschein eine Frau gesehen, viel, viel schlimmer als die -Maria Stuart, bevor sie auf das Schafott geht. -- Du träumst. -- Nein, -ich habe die Augen offen, sehr weit offen -- gute Nacht Mutter. - -Ruth versuchte nicht mehr, mit Martha zu sprechen. Aber in den nächsten -Tagen vergaß Martha, als sie in das Theater ging, den Schlüssel ihres -Kastens abzuziehen. Ruth schlich in ihr Zimmer. Ihr Herz klopfte in die -Kehle hinauf. Sie verschloß die Türe. Sie dachte: jetzt mache ich etwas -Niederträchtiges, Schmutziges. Aber ich kann ihm nicht entgehen, es -geschieht von selbst, notwendig -- - -Sie fand nichts, nein, sie fand gar nichts in dem Kasten, nicht einmal -die Photographie, die sie erwartet hatte. Wozu sperrte denn Martha den -Kasten immer auch dreifach zu. Nur ein Buch lag da, in Leder -eingebunden, mit vorgedrucktem Datum, darinnen standen alle Theater, -Vergnügungen, Bälle und Tänzer. - -Ruth empfand wieder den Geruch von Gaze, Spitzen, gebranntem Haar, -Straußfedern und frischen Blumen, die alle nach Parfüm und Puder -schmeckten. Jene festliche Erregung, die die ganze Familie bis zur -Hausmeisterin hinunter beherrschte, wenn Martha mit Mutter auf einen -Ball ging. Die ihr Kinderherz nicht schlafen ließ und an rauschende -Seidenröcke denken und blonde Prinzessinnenlocken. - -Heute abends war sie mit Mutter allein beim Abendessen. Mutter sollte -erzählen. - -Mutter tat das gerne, leichthin, ohne Ruths brennendes Interesse zu -spüren. Ruth zerkrümmelte das Brot über das Tischtuch. - -Mutter sagte: -- Du brauchst nicht glauben, daß Martha immer so war, wie -sie jetzt ist. Sie ist ein armes Mädchen, aber gut. Und du bist manchmal -sehr abscheulich zu ihr, Ruth. Da ist Richard ganz anders. Er ist doch -immer so rücksichtsvoll, das hat er bei Martha am besten gezeigt. Gott, -das ist schon lange her und von so etwas spricht man lieber nicht mehr. -Überhaupt zu dir, du könntest eine Bemerkung machen -- - --- Natürlich. Ich verstehe nicht, warum du dann davon redest? Was es -schon sein wird, sie wird eben ein Kind bekommen haben. - --- Ruth, so etwas sagst du zu mir? Wie du jetzt immer sprichst. Mit wem -gehst du eigentlich um? Schon in der Schule hast du dir immer die -Minderwertigsten ausgesucht. Bei Martha war das ganz anders. Wenn du -wüßtest mit wem Martha verkehrt hat -- - --- Das hat ja auch herrliche Folgen gehabt. - --- Martha war immer nur in den besten Familien eingeladen. Die Leute -haben sich um sie gerissen. Sie war hübsch und liebenswürdig. Alle haben -ihr den Hof gemacht, wie toll. Menschen wie Norbert -- - --- O weh ... - --- Ja, das ist dir natürlich zu gut. Aber ich sage dir, Martha hat ein -schönes Leben gehabt und war glücklich. Das verdankt sie mir. - -Ruth bückte sich, um die Serviette vom Boden aufzuheben. - --- Du weißt eben gar nichts. Wenn du eine Ahnung hättest, wer Martha -heiraten wollte -- - --- Und warum hat er es nicht getan? - -Mutter erzählte von dem jungen Baron, der Martha so sehr geliebt hatte. - -Ruth dachte: Sicher hat er ihr Blumen geschenkt beim Kotillon. - -Der Baron reiste ihnen nach, einen Sommer lang. Man wohnte in den -feinsten Hotels, o, es kostete ein Vermögen. An der Ostsee. Martha trug -nur Pariser Toiletten. Am Abend saß der Baron mit ihr und Mutter bei -Champagner auf bis zwölf Uhr, jede Nacht bis zwölf -- - -Ruth dachte: Warum ist sie nicht lieber am Strand mit ihm spazieren -gegangen und hat ihn geküßt. - -Alle morgen standen Blumen auf dem Frühstückstisch. Und Martha wußte -ihre Haltung zu bewahren -- - -Ruth fragte: -- Warum? - -Aber Mutter erzählte weiter, stolz, glückselig. - -Sie waren allein in dem Bad. Ruth und Richard waren zu Hause. Der Baron -hielt Vater für einen großen Unternehmer -- - -Ruth dachte: Vaters arme Zeichnungen. - -Und dann im Herbst waren sie verlobt. -- Mutters Stimme brach fast ab. --- Ganz richtig verlobt. Natürlich geheim. Aber er kam alle Tage zum -Abendessen und war mit Richard eng befreundet. Richard hätte damals in -ein Ministerium kommen können. Ach, es war herrlich ... - -Mutter schwieg. Ruth fragte: -- Nun, und? ... Und nichts. - --- Was heißt das? - --- Die Verhältnisse. - --- Die Verhältnisse also, das heißt, daß Vater kein Unternehmer war, daß -ihr geschwindelt habt. - --- Ruth, was sagst du mir da? Mir, die ich immer dem Glück meiner Kinder -gelebt habe. Richard sollte dich hören. Ja Richard überhaupt ... Wir -fuhren zu Weihnachten in das Gebirge. Du hattest Keuchhusten. Erinnerst -du dich -- - --- Ja, da war der Tierarzt. - --- Richtig. Nun und wenn Richard nicht so energisch aufgetreten wäre. -Martha war zu jeder Dummheit bereit. Der Landtölpel -- - -Ruth sah vor sich den bärenhaft trotzigen Menschen, mit den zarten -Händen und der Bauernsprache, auf dessen Rücken sie oft genug geritten -war. - --- Mutter, das ist eine Gemeinheit. - -Richard und Martha kamen aus dem Theater nachhause. Norbert war auch -dort gewesen. Ruth hatte Norbert am Abend vorher beleidigt. Richard -sagte: -- Natürlich, du kannst immer nur rüpelhaft sein. Es ist wirklich -schade, wenn ein Mensch aus guter Familie zu uns kommt. - -Ruth sprang auf: -- Ich glaube, ihr wißt alle nicht, wer Vater war. - -Und sie drehte Vaters Photographie an der Wand um. - -Am nächsten Tag suchte Ruth ein junges Mädchen auf, dessen Verkehr ihr -von Mutter streng verboten war. Sie hatte sie in einer Nähschule kennen -gelernt. Das junge Mädchen hatte grellrote Haare, die sie zu hoch -hinaufgesteckt trug. Sie lebte mit ihrer Mutter in einem schäbigen -Vorstadthaus, aber in der Wohnung waren viele Teppiche und Erker mit -heimlichen Palmen. Sie verkehrten nur mit Offizieren. - -Ruth traf Mutter und Tochter, wie sie sich eben manikürten. Sie wurde -mit überströmender Liebenswürdigkeit empfangen. Aber sie haßte manikürte -Nägel, die rund und glatt sind, wie Klauen von Tieren. So war sie kühl, -obwohl sie sich vorgenommen hatte, herzlich zu sein. Als Bella sich an -den Toilettetisch setzte, wo die vielen silberglänzenden Schächtelchen -waren und die rote Lampe darüberhing, bekam sie eine tolle Lust, -mitzutun. Sie schmierte sich rotes, weißes, gelbes Puder vermischt über -das Gesicht, bis Bellas Mutter in einen Lachkrampf ausbrach und sie in -die Arbeit nahm. - -Als sie sich dann in dem Spiegel betrachtete, von der Seite her und -verlegen vor sich selber, war das genau so, wie wenn sie sich vor Jahren -mit Marthas Garderobe zur Jungfrau von Orleans drapiert hatte. Das war -ja herrlich, so ganz jemand anderer zu sein, als man wirklich ist. -Verlockend und spielerisch. Maske. Ein bißchen wie der liebe Gott mit -dem weißen Bart. Nur daß die Schminke rot war. - -Und alle Lampen in diesem Haus waren rot. Sie fiel Bella um den Hals und -beide tanzten durch das Zimmer. - -Dann kamen drei Herren. Zwei Offiziere und ein Theaterdirektor. Sie -saßen in einem halbdunklen Raum und tranken Tee aus winzigen Tassen. Der -Zigarettenrauch war klebrig schwer. Man konnte nicht mehr sehen, daß die -Wände überfüllt waren mit Photographien, Bilderchen nackter Engel und -trockenen Maiskolben. - -Aber es war sehr lustig. Direkt gemütlich. Ruth fühlte sich wunderbar -wohl. Sie spielte ihre Rolle, als ob sie ihr von dem liebenswürdigen -Theaterdirektor eigens einstudiert worden wäre. Eigentlich wußte sie -nicht genau, ob nicht daneben ein Orchester spiele mit kreischenden -Fiedeln und ein Boy unter ihr Perolin aufsprenge. - -Ein Leutnant mit etwas herunterhängender Unterlippe setzte sich an das -Klavier und spielte eine abscheuliche Melodie. Bella sang dazu ein -schmieriges Lied. Dann setzte sie sich auf seinen Schoß und er küßte -sie. Er hatte große, schwarzgerauchte Zähne. Ruth dachte an Norbert. -Ekelhaft. - --- Ich muß nach Hause gehen. O man war sehr betrübt darüber. -- Aber ich -komme bald wieder. Und Ruth setzte sich den Hut schief in die Stirne -hinein und quer über ihr gerötetes Gesicht. - -Auf der Straße verfolgte sie ein Mann bis in ihr Haus. - -Bei Mutter war Besuch. Eine Freundin Mutters mit drei unverheirateten -Töchtern. Die alte Frau machte eine verwunderte Bemerkung, daß Ruth so -spät abends allein nachhause käme. Die drei Schwestern schielten -eigentümlich auf den schiefsitzenden Hut. Und die Älteste öffnete den -Mund, um etwas Boshaftes zu sagen. -- Da ging Ruth aus dem Zimmer. Ihr -war ja so übel. - -Bella war glücklich. Die drei Mädchen da drinnen zankten sich alle -Morgen. Gingen dann einträchtig den ganzen Vormittag Einkäufe machen für -ihre unbedeutende Wirtschaft. Trafen bei dieser Gelegenheit Bekannte, -die sie grüßten, mit denen sie sprachen. Nie ging eine allein auf der -Gasse. Immer waren sie zu zweit oder zu dritt und gewöhnlich war die -Mutter zwischen ihnen. - -Sie warteten ihr ganzes Leben, daß einer käme. Aber einer, der vornehm -war. Eigentlich war es dasselbe wie bei der Prinzessin im Märchen. Und -sie, Ruth, wartete auch. Nur daß sie so gar nicht wußte auf was. Bella -war glücklich. Die hatte alle Tage ihren Leutnant. Aber der hatte -schwarze Zähne. - -Martha war arm. Doch sie hatte einen Gott. Der saß an erster Stelle in -einem hohen Amt. Vielleicht hatte er auch einen weißen Bart. Sie, Ruth, -hatte keinen Gott mehr. Sie war wie Gustavs namenloser Hund. Aber sie -konnte selbst eine Maske anziehen. Gott werden für Bella, für den -Leutnant, für den Theaterdirektor. Vielleicht auch für Mutter. Es war -eine Bosheit, wenn sie es nicht tat. Ach, wozu so viel denken, -überhaupt, lieber Masken tragen und ganz anders sein -- und schlafen -- -sie streckte sich lang aus in ihrem zu kleinen Bett ... - -In der Nacht träumte sie von einem breitästigen Baum voll dichter, -gelbwelkender Blätter und rosa Riesendolden. Sie stand auf der Brücke -und der Baum war weit draußen in einem dunkelglatten See. Aber hinter -ihm stieg ein Berg auf mit beschneiten Tannen und die Luft war bleich, -wie im Winter. Der Baum hing voll schwerer rosa Blütendolden. Über die -Brücke kam Mutter mit ihren gierig fordernden Bewegungen, die immer -alles haben wollten und deshalb so ungeheuer armselig waren. Hinter ihr -ging Martha in einem rosa Ballkleid. Aber die Augen waren geschlossen -und die Wangen gelb. Ruth stand auf der Brücke und sie war ganz klein, -hatte kurze weiße Socken an, ein weißes Matrosenkleid mit hellrosa -Kragen. Oben auf dem Berg begann es sicher zu schneien. Und Mutters -Haare waren weiß. - -Am nächsten Tag brachte Norbert eine Einladung seiner Mutter für die -ganze Familie. Zu einer kleinen Gesellschaft, wie er leichthin sagte. -Dabei sah er Ruth an. Ruth sagte: -- Ich gehe nicht in Gesellschaft. - -Aber nachher mußte sie gehen. Sie war die Jüngste und mußte Martha -begleiten. Das sah so am besten aus. Mutter ließ ihr Abendkleid -herrichten und kaufte Lederhandschuhe und Seidenstrümpfe. Da fand Ruth, -daß die Sache eigentlich doch dafür stehe. Sie setzte sich vergnügt auf -den Tisch und probierte die Seidenstrümpfe an. Richard kam in das -Zimmer. Mutter rief: -- Ruth, schämst du dich nicht. -- Nein du hast sie -mir ja gekauft, damit man sie sehen soll. - -Sie machte einen langen Spaziergang durch Kot und Regen und erklärte -dann, die Strümpfe seien zerrissen und schmutzig, einfach unbrauchbar. -Und sie ging ohne Seidenstrümpfe zu Norberts Eltern. - -Norberts Schwester war ein halberwachsenes Ding mit zu kurzer Oberlippe -und vornehm tiefer Stimme. Sie grinste allen Gästen zu und war -übertrieben freundlich mit einer unscheinbaren, dicklichen Freundin. Der -Salon war verschnörkelt, Gold in braunem Holz, mindestens drei -überflüssige Tische standen da und in der Ecke hing ein großer Makart. -Sonst unzählige Photographien in kostbaren Rahmen und konventionelle -Geschenksvasen. - -Ruth dachte: Ich möchte wissen, wer in diesem Raum zuhause ist. Norbert -nicht, er tut nur so, wenn er die Zigaretten anbietet. Sonst aber paßt -er noch besser an unser Klavier. Und seine Mutter auch nicht. Was für -eine proletarisch dicke Nase sie doch hat und der lose, ungebändigte -Mund -- nein, die habe ich mir ganz anders vorgestellt. Aber sein Vater -hat einen eleganten, schneeweißen Scheitel. Und das ist auch alles. - -Norberts Braut kam zu ihr und war besonders freundlich. Sie war ein -hübsches, liebes Mädchen mit gerader Nase und langen, hellgrauen Augen. -Ruth fand, daß Norbert einen sehr vernünftigen Geschmack habe. Ihr -gelblicher Spitzeneinsatz paßte wunderbar zu seiner grauen Weste. - -Ruth merkte wohl, daß man sie wie ein kleines Tier aus der Menagerie -betrachtete. Weil ihr Kleid keinen Kragen hatte und die Haare -eigenwillig um die Stirne herumstanden. Norberts Freunde schauten ihm -eigentlich alle ähnlich. Lauter Menschen, die man erst monatelang sehen -muß, um zu wissen, wie sie aussehen. Wenn man denen allen die Hände -abschneiden wollte, man könnte die einzelnen Paare durcheinander werfen -und sie wären nicht zu unterscheiden. Wie alle ihre Krawatten und -Handschuhe. Ruth lachte bei dem Gedanken und wollte gähnen. - -Da kam ein Leutnant zur Tür herein mit herabhängender Unterlippe und -dunklen Zähnen. Um Gotteswillen, was wollte der hier. Den hatte sie ja -bei Bella getroffen. Nur daß er heute im Waffenrock war und ganz frisch -rasiert. - -Er wurde mit Jubel begrüßt. Norberts Vater schüttelte ihm beide Hände. -Er lächelte nach allen Seiten auf einmal. Aber vor Ruth verbeugte er -sich dunkelrot vor Bestürzung. Sie sagte strahlend: -- Uns brauchen sie -einander nicht vorzustellen, Norbert, wir kennen uns schon. - -Ruth war nicht mehr schläfrig. Ein Interesse, daß sie erwachen gefühlt -hatte, als sie mit Bella und deren Freunden Tee trank, trieb sie unter -die Leute. Sie schwatzte. Aber dabei verfolgte sie fortwährend den -Leutnant. Er wich ihr aus. - -Man bat den Leutnant stürmisch, etwas auf dem Klavier zu begleiten. -Neueste Chansons. Norberts Braut sollte singen. Sie hatte doch so eine -entzückende, kleine Stimme. Aber er wollte heute nicht. Ruth trat vor -und sagte, liebenswürdigst lächelnd, während ihre grünen Augen -forderten: -- Du mußt -- Spielen Sie doch das von dem kleinen Hotel, Sie -wissen schon. - -Und er trat vor und spielte es. Ja, spielte, was er bei Bella gespielt -hatte, was Bella gesungen hatte. Und -- war denn das möglich? War das -möglich, daß Norberts Braut dazu sang mit ihrer zarten Mädchenstimme, -diese Worte? War es möglich, daß man rasend Beifall klatschte und -Norberts Mutter duldsam lächelte, während sein eleganter Vater sich -köstlich unterhielt? Nein, da war etwas, worüber man nachdenken mußte. - -Ruth setzte sich in eine Ecke. Gleich darauf kam der Leutnant. Er redete -schlüpfrige Dinge und nahm ihre Hand. Sie ließ ihn gewähren, sie war -interessiert, brennend interessiert. - --- Sagen Sie Herr Leutnant, singt man dieses Lied jetzt überall? -- Ja, -es ist sehr beliebt. -- Ach, ich dachte, das singt nur Bella. Es ist -abscheulich. -- Gnädiges Fräulein scheinen sehr streng zu sein. -- O -nein, ich hasse nur schlechte Musik. - -Der Leutnant redete weiter. Dinge, süß wie zerlaufener Tortenüberguß und -prickelnder Champagner. Eigentlich hatte er eine hübsche Nase und schöne -Augen mit klugen Wimpern. Wenn nur der Mund nicht so schmierig gewesen -wäre. - -Sie sprachen von dem Makartbild. Der Leutnant behauptete, in Norberts -Zimmer hänge ein noch viel schöneres. Sie möge ihm doch folgen. Nein, -dachte sie, ich bin doch zu neugierig. Und sie ging mit ihm. Aber sie -ballte die Fäuste. - -Die Gesellschaft hatte sich zerstreut. Der Leutnant führte sie durch ein -dunkles Zimmer in Norberts Zimmer. Er zündete kein Licht an. Und küßte -sie. - -Ruth dachte in der Sekunde: Norbert -- wie er mich liebt -- sein Zimmer --- die Braut -- das Lied -- also so ist das -- aber die schwarzen Zähne --- so ist das -- Dabei schlug sie dem Leutnant mit der Faust ins -Gesicht. - -Er schrie auf, halblaut. Dann flüsterte er: -- Gehen Sie, gehen Sie -rasch. -- Sie sagte: -- Grüß Gott, Herr Leutnant und ging wieder in den -Salon. Auf ihrer Hand war ein Blutfleck. Den wischte sie sorgsam ab in -einem hellblauen Seidenvorhang. Dann mischte sie sich unter die jungen -Mädchen. - -Norbert kam und legte den Arm um seine Braut. Man sprach von Musik. Ruth -sagte: -- Onkel Gustav läßt Sie grüßen. Er hat eine ganze Menge Noten -für Sie bei uns liegen lassen. Norberts Braut fragte interessiert: -- -Wer ist das? Ist das der sagenhafte Künstler, der so wunderbar Mozart -spielt und den man niemals zu sehen bekommen kann. - -Norbert war dunkelrot. Ruth sah ihn aufmerksam an und sagte: -- Er hat -heute nicht kommen können, weil er keinen reinen Kragen gehabt hat. -Übrigens ist er kein Künstler, nur Zeichenlehrer an einer Mittelschule. -Aber er ist mein Onkel. - -Norbert ging den Leutnant suchen. Er kam bestürzt wieder. Der Leutnant -habe heftiges Nasenbluten und liege auf dem Sopha in seinem Zimmer. Ruth -schlich sich an Norbert heran: -- Norbert, Sie dürfen niemanden etwas -sagen, aber ich muß mir die Hände waschen. -- Jetzt gleich? -- Ja, aber -schweigen Sie. - -Norbert führte Ruth in das Badezimmer. Sie standen sich gegenüber in dem -weißgekachelten, grellen Raum, der voll heißem Dunst war. Ihre Haare -verdeckten die grünen Augen, so dicht hingen sie in die Stirne. Sie sah -ihn an. -- Wo ist heißes Wasser, ich möchte sehr heißes Wasser. -- Hier, -aber was ist Ihnen, was haben Sie? -- Sehen Sie den Fleck da auf meiner -Hand. Ich habe mich zuvor schon in einen Vorhang gewischt: Blut ist es. -Vom Nasenbluten von ihrem Freund da. -- Ruth, nein. -- Doch, soll ich -Ihnen den Vorhang zeigen? Im Salon rechts. Er hat mich geküßt in ihrem -Zimmer und dann hat er auf einmal Nasenbluten bekommen. -- Nein. - -Er hatte sich abgewendet und seine hohe, zu gerade Gestalt wurde klein -und verschwand im feuchtschweren Dunst. Aber irgend etwas stöhnte in dem -Badezimmer. - -Ruth wusch sich die Hände mit einer Bürste, daß das Wasser sprühte. -- -Sie sollten Ihre Braut nicht solche Lieder singen lassen. - -Er schwieg. Und nach einer Weile: -- Überhaupt, was Sie für Freunde -haben. Schämen Sie sich. - -Norbert wandte sich nicht um. Sie fühlte eine warme Welle um ihre Füße -spielen, weich und kosend, die sich doch nicht traute, höher zu steigen. -Er hielt den Kopf gesenkt. Sicher war er ganz rot. Warum schlug er sie -denn nicht? - --- Norbert, schauen Sie mich doch an, ob ich auch ganz rein bin. Er -richtete seine hundetreue dunklen Augen auf sie, langsam, verzweifelnd, -ergeben. -- Auf Ihrem Schuh ist auch ein Fleck, Ruth. -- Ach, was soll -ich jetzt tun? Mich wieder beklexen? - -Er kniete nieder und putzte ihr mit einem nassen Handtuch den Schuh, -sehr sorgsam. Sie sah auf ihn herab und fühlte: immer habe ich -gewünscht, es soll mir jemand Liebesgedichte machen. Aber das ist ja -viel mehr. Und doch ist es furchtbar. Soll ich ihm sagen, daß ich den -Leutnant geschlagen habe, oder soll ich ihn küssen, auf den braven -Scheitel da -- ach, Christus, hilf mir -- - -Da war Norbert fertig und sie gingen rasch wieder in den Salon. - -Am nächsten Tag kaufte sie ein paar japanische Nelken und erwartete -Norbert vor seinem Amt. -- Ich muß Sie sprechen. -- Ruth, ich werde Sie -nach Hause begleiten. -- Dort nicht, gehen wir in ein Kaffeehaus, ich -will allein sein. -- Nein aber -- was würde Ihre Mutter sagen. -- Dann -auf Wiedersehen ... -- Halt, Ruth, so bleiben Sie doch. - -Sie gingen zusammen in ein Kaffeehaus. Er schielte ängstlich auf alle -Tische. -- Da, nehmen Sie die Nelken, sie gehören Ihnen. -- Mir, nein -ich verstehe Sie nicht, wie können Sie nur ... -- Wahrscheinlich ist das -auch nicht schicklich, aber nehmen Sie. - -Ruth sah über das nüchtern glatte Kaffeehaus, wo eben die ersten -elektrischen Flammen angezündet wurden. Und wütend dachte sie: Herrgott, -wenn ich nur eine Ahnung hätte, was ich dem Kerl habe sagen wollen. -Nein, so was Dummes. - -Sie aß drei Portionen Eis nacheinander und er sah sie schweigend an. -Dann sagte er: -- Sie müssen nicht kleinlich von mir denken, weil ich -nicht in ein Kaffeehaus gehen wollte. Aber Ihre Mutter -- und ich bin -doch auch verlobt. Aber Ruth, vielleicht wird das jetzt ganz anders -werden -- - --- Norbert, sprechen Sie nicht weiter, o bitte, gewiß nicht, Sie wollen -eine riesige Dummheit sagen -- - --- Ruth, Sie wissen doch alles -- - --- Nein, ich weiß nichts, gar nichts. Nichts, Norbert. Ich bin Ihnen -dankbar, daß Sie mir gestern den Schuh geputzt haben. Deshalb die -Nelken. Und im übrigen -- ja, im übrigen, ich wollte Sie dringend -bitten, sich Onkel Gustavs etwas mehr anzunehmen. Er hat eine schwere -Bronchitis und liegt mutterseelenallein in seiner Dachkammer. Außerdem: -er liebt Sie, weil Sie so elegant sind. Nicht wahr, Norbert, Ihr -Großvater war doch Minister -- eigentlich könnten wir jetzt die Sitzung -aufheben. - -Ruth besuchte Onkel Gustav noch an diesem Abend. Er lag in seinem -ungeglätteten Bett. Neben seinem Kopf ein Öllämpchen und auf dem Boden -davor der Hund. Der Hund war auch krank und hatte das Zimmer beschmutzt. - --- Onkel Gustav, wie kannst du das aushalten? Sie riß das Fenster auf. -Er hustete furchtbar. -- Gib doch den Hund weg, wenn er krank ist. -- -Nein Ruth, daß du so etwas sagen kannst. -- Ich verstehe überhaupt -nicht, wie man sich einen Hund halten kann. Es ist doch immer etwas -Schmieriges im Zimmer. Ein Tier, mir graut vor allen Tieren. Schau nur -die Schnauze, lang, spitz, mit den langen, spitzen Zähnen. Die ist doch -zum Beißen da. -- Ruth, weißt du, daß du mir weh tust? ... Onkel Gustav -richtete sich im Bett auf und seine großen, runden Kinderaugen glänzten -noch mehr als sonst ... Natürlich ist es nur ein Tier. Aber er hat mich -lieb. Weißt du, was das ist? O, vielleicht hast du es noch nie -gebraucht. Ich will ja auch nicht seine Schnauze haben. Aber da ist eine -große Treue neben mir, wenn ich so im Bett liege. Ein großes Gefühl. Du -glaubst ja nicht an Gott, Ruth. Ich auch nicht. Aber an ein so großes -Gefühl. Deshalb ziehe ich auch ruhig den Hut vor einer Kirche. - -Ruth sah auf die Schmutzpfütze des Hundes mitten im Zimmer und dachte: -Nein, daß Norbert sich dazu hergegeben hat mir das Blut von dem Schuh zu -wischen, mit einem Handtuch -- wie ekelhaft. - -Martha unterrichtete jeden Tag von acht bis ein Uhr die Kinder der guten -Familien. Verstimmt kam sie zum Mittagessen nach Hause. Ruth versuchte -nie mehr, mit ihr gut zu sein. Auch nicht, Mutter das Streiten mit -Martha abzugewöhnen, da hätte sie viele Vasen zerbrechen müssen. Und sie -erkannte mit schauderndem Entsetzen, daß alles Mitleid zu Verachtung -wird, wenn es der Alltag abnützt. Da hilft kein Verstehen. - -Bella suchte sie nie mehr auf. Wozu noch -- - -Norbert kam Mittwoch und Samstag zum Mittagessen. Eines Tages traf sie -ihn auf der Straße, eingehängt in seinen Freund, den Leutnant. - - - - - Brand - - -Als Ruth das nächstemal Onkel Gustav besuchte, stand ein Mensch beim -Fenster. Dessen grobe, breitästige Knochen preßten das Zimmer zusammen, -ließen die Frühdämmerung nicht herein. Und von seinem Hinterkopf hingen -die Haare kurz und strähnenglatt herunter. - -Onkel Gustav hustete so furchtbar, daß Ruth Schleim und Blut vor sich -tanzen sah. - -Als der Fremde seine ungelenk hohe Gestalt rasch umwendete, war ihr, als -fiele ein ungeheurer Knochenhaufen in sich zusammen und zersplittere auf -dem Boden, steinhart. - -Onkel Gustav hustete. Blut und Schleim. Er konnte nicht sprechen. Der -Mensch verbeugte sich linkisch hochmütig vor Ruth, murmelte etwas und -ging fort. - --- Wer war das? fragt Ruth, als Onkel Gustav wieder still und erschöpft -da lag. -- Ein Freund von mir, du kennst ihn nicht. -- Wie heißt er? -- -Thomas. -- Und noch? -- Wozu willst du das wissen? -- Ich bin eben -neugierig, warum Mutter nicht wissen darf, daß er zu dir kommt. -- Das -ist abscheulich von dir. Das sagst du nur um mich zu kränken. Jeder -Mensch darf zu mir kommen, ich bin doch kein kleines Kind ... Er begann -wieder zu husten. - --- Sei ruhig, Onkel Gustav, ich war wirklich nur neugierig. Weil er mir -gefällt, dieser dein Freund oder was er ist. -- Er ist mein Freund. -Ruth, wenn du den kennen würdest, wirklich kennen. -- Wie verhält sich -Norbert zu ihm? -- Er hat ihn noch nicht gesehen. -- Ach so ... Gustav -hustete wieder und Ruth stand auf, um fortzugehen. -- Was ist das für -ein Ungeheuer? Sie nahm eine in graue Sackleinwand gebundene -Riesenmappe, die auf dem Tisch lag. -- O weh, die hat Thomas vergessen. --- Dann wird er sie wohl holen. Ruth wollte sich wieder setzen. -- Nein, -er vergißt bestimmt ganz daran, und wenn er morgen in die Schule geht, -hat er keine Hefte. Und wieder Unannehmlichkeiten. -- Weißt du was, ich -möchte sie ihm bringen. Ich will sowieso noch spazieren gehen. -- Nein, -Ruth, das geht nicht -- Onkel Gustav richtete sich ganz entsetzt auf -- -das kannst du nicht, nein wirklich nicht, auch ist es viel zu weit, er -wohnt ganz draußen in der Vorstadt. -- Das macht mir gar nichts. - -Ruth hatte die Mappe schon unter dem Arm: -- rasch, die Adresse. Onkel -Gustav hustete und sagte dann den Namen von Mutters ehemaliger -Friseurin. Ruth lachte schrill: -- nein, mit was für Leuten du verkehrst -... und sie sprang über die Stiegen. - -Die Luft war weich und frühlingshaft schwer. Wie um Mitternacht im Mai. -Aber die kahlen Bäume waren herbstmatt und ergeben. - -Ruth lief durch die dunklen Gassen und fühlte, wie sie mit jedem Schritt -in das Ungewisse hineintrat. Das weich und nachgiebig war wie ein -verprügelter Hund. Und doch lockte und zog. - -Sie wollte den nacktsträhnigen, groben Kopf nicht berühren, nein, -niemals, o um Gotteswillen nicht. Onkel Gustavs Husten schrie ihr nach. -Ganz arme übermüdete Pferde hatten solche schwer hervorspringende -Knochen. Deren Kraft um Mitleid schreit. Während die Muskeln zu schlaff -sind, das Gerüst zu tragen. - -Nein, sie konnte nicht weiter. Eine wütende Angst hielt sie zurück, sie -könne einem Kutscher begegnen, der seine Pferde prügelt, erbarmungslos -über die steinige Straße, brüllend, schimpfend, fluchend und mit der -Peitsche. - -Nein, sie wollte nicht weiter. Wie kam sie auch dazu, einem fremden -Menschen seine Sachen in das Haus nachzutragen. Sie wird das -Mappenungeheuer in einen Straßengraben werfen. Oder doch vielleicht -zuerst hineinsehen -- ja, zuerst hineinsehen. - -Ruth ging in ein kleines Kaffeehaus, wo ein paar Dienstmänner und -Kutscher Karten spielten. Sie setzte sich in eine halbdunkle Ecke und -schämte sich. Bei einer unanständig dicken Kellnerin bestellte sie Tee. -Und war verzweifelt über die schmierig braune Marmorplatte. - -Aber die Mappe. Ein armseliger zerbissener Bleistift rollt heraus. Und -dann Schulhefte der dritten Volksschulklasse. Immer mehr Schulhefte. In -jedem beginnt die Aufgabe: Alle Haustiere ... - -Ruth schließt die Mappe. Den Bleistift steckt sie zu sich. Sie muß -Thomas seine Hefte bringen. - -Sie trat in das Ungewisse. Es wich und lockte. Und die Nacht war ganz -dunkel. - -Das einstöckig verkrochene Haus lag weit draußen, am Rand der ersten -fahlen Fabrikswiesen. Gelbrötliches Licht träufelte aus seinen niedrigen -Fenstern. Das Ungewisse war nah und furchtbar. - -Eine fremde Wohnung suchen ist entsetzlich. Wie leicht läutet man bei -fremden Menschen an und die sind dann böse. Und eigentlich war Thomas -sogar auch ein fremder Mensch. - -Ein grünblasser Proletarierbub mit abstehenden Ohren öffnete Ruth die -Türe. Es roch nach aufgewärmtem Essen. Im Zimmer war eine Nähmaschine. -Darauf eine Petroleumlampe. Ein Mensch bei der Nähmaschine, in der -Nähmaschine, ein Stück der Nähmaschine, in sie hineinverwachsen, bucklig -verkrümmt, eng. - -Ruth dachte: Wieder weg, gleich -- - -Da kam Thomas herein in blaugestreiften Hemdärmeln. Sie stotterte etwas, -dunkelrot, besinnungslos verlegen. Der blasse Bub glotzte sie an. Thomas -Schwester steckte den Kopf aus ihrem Buckel heraus. Er selbst war gar -nicht erstaunt. Sagte fast grob: danke. Sie bemerkte, daß ihm ein großer -Augenzahn fehle, daß eine schmutzige Unterhose auf dem Sessel neben ihr -lag. Ihr ekelte wild. - -Eine Stimme, die weich war, wie die laue Nacht draußen, sagte: -- -Bleiben sie doch noch ein wenig und ruhen Sie sich aus. Sie sind ja ganz -erhitzt. - -Das bucklige Ungeheuer. Ruth hätte ihr die zu langen, kranken Hände -küssen wollen. - -Thomas und sein Bruder waren hinausgegangen. Die Nähmaschine ruhte. Und -die Petroleumlampe war noch heruntergeschraubt. - -Thomas Schwester hatte stechend graue Augen mit müden Lidern. Sie sprach -von Onkel Gustav wie von einem Halbgott und fragte sehr viel. - -Ruth dachte: Der große, schwarze Kasten in der Ecke dort schaut Thomas -ähnlich. Er ist schön und mächtig, aber was da nur drinnen hängt. Ich -möchte meine Kleider nicht hineingeben. Wie es hier riecht -- nach -Baumwollstrümpfen, die nicht gewaschen werden. - -Thomas Mutter schlürfte herein. Sie hatte rote Wangen, als ob sie früher -einmal geschminkt gewesen wäre und war furchtbar häßlich. Sie begrüßte -Ruth als alte Bekannte und stellte graue Teller auf den ungedeckten -Tisch. - -Thomas kam wieder in das Zimmer und schien sehr unzufrieden, daß Ruth -noch da war. Sie sprang auf. Er begleitete sie vor die Haustüre, hinten -im Hof bellte der Hund. Sie gab ihm die Hand und ihr war, als ergreife -sie einen toten Knochen. - --- Ich danke Ihnen, sagte Thomas mit seiner zerbrochenen Stimme. -- Aber -wir müssen jetzt zu Abend essen. Unser Petroleum reicht nur bis halb -zehn. - -Sie hielt seine Hand noch fest und sah nur, wie er mit der anderen Hand -an den Hals griff, der Daumen stand eigentümlich scharf weg wie die -Klinge eines Messers. - -Ruth wußte, als sie nach Hause ging: Thomas kann als kleines Kind keine -Milch bekommen haben. Nur zähes Fleisch von wilden, geschlachteten -Tieren. Und sie sah während des Abendessens fortwährend auf Richards -Hände, die wohl noch nie ein Tier geschlachtet hatten. - -Die kleine Weißnäherin Gertrud ließ sich den ganzen Abend durch von -ihrer Mutter Ruths erste Kindheit schildern. Damals war die Friseurin -oft in das Haus gekommen, o ja und die gnädige Frau hatte Perlen, eine -endlose Kette hinunter. Ruth lag immer schon in ihrem weißlackierten -Gitterbettchen und steckte die frischgebadeten Fingerchen durch das -Netz. Und die gnädige Frau erzählte von Paris, immer von Paris, sie -hatte auch Pariser Parfüm. - -Die Wangen der alten Friseurin glänzten wie frisch geschminkt. Gertrud -fuhr mit feuchten Händen über die Tischplatte, daß große nasse Flecken -auf dem Holz zurückblieben. Thomas starrte in seinen Teller und hielt -mit aufgestützten Armen Gabel und Messer, kampfbereit. -- Was habt ihr -mit den fremden Leuten, grollte er. - -Gertrud sagte: -- Das Leben. Ihre ermüdeten Augen starrten an ihnen -vorbei. Sie empfand in diesem Augenblick: Nach Paris reisen -- in der -Bahn liegen, einen zärtlichen Atem neben sich -- genießen -- oder: ganz -klein sein und in einem weißen Gitterbett liegen mit geraden Gliedern, -die wachsen dürfen. - -Gertruds Buckel war das Nest eines Vampyrs. Brut und Beutestatt. Alle -unerlebten Träume, alle schäbigen Wirklichkeiten der Mutter steckten -darin. Thomas' Schulstunden. Und die Reißbretter des kleinen Bruders, -der in die Realschule gehen durfte und ein zufriedener Techniker werden -sollte, werden mußte. - -Aber es war noch viel mehr in Gertruds Buckel. Ihre spinnenlangen, -blauadrigen Finger nähten und trennten eigentlich gar nicht den ganzen -Tag. Sie tasteten zum Fenster hinaus über die Rücken der Vorübergehenden -nach neuem Leben. Und die schwangere Nachbarsfrau, die alle Tage sich -erbrach und heulte, daß man es genau hören konnte, trug ein Kind, dessen -Schicksale sie schon im Voraus empfand, wie ein hohes Glück. - -Gertrud schätzte den Wert ihres erwürgten Lebens wie ein Sterbender den -letzten Atem. Seligkeit war die erste Morgensonne, die ihr in den dünnen -Kaffee schien. Seligkeit der graue Tag voll wuchernder Gedanken. Sie -nähte schöne Hemden, schmeichelnd glatte, aus Leinenbatist, aus Seide. -Seligkeit, die anziehen zu dürfen. Seligkeit, alle Tage in die Schule -gehen zu dürfen und hundert schmutzige Kinder zu unterrichten, wie -Thomas. Welche Betätigung der eigenen Kraft. Wie herrlich für ihn, daß -er sie alle erhalten durfte und es dem kleinen Bruder ermöglichen, etwas -besseres zu werden -- das war Menschenglück. - -Thomas' Schulkinder saßen Nachmittage lang an Gertruds Nähmaschine. Sie -erzählte ihnen vom lieben Gott und ratterte und nähte. Die Kinder waren -zufrieden. Hier war jemand, der nichts von ihnen wollte. So streuten sie -ihr das kleine, schmutzige Leben willig in den Schoß. Das sie nicht -verstand und doch aufsaugte. - -Thomas merkte nichts davon. Er hielt Gertrud für eine Heilige. Denn sie -liebte und stützte die verkommene Mutter, den tuberkulosen Bruder. Er -wußte, daß, wenn sie eines abends nicht da wäre, die fettige -Petroleumlampe nicht mehr brennen könnte, auch nicht bis halb zehn. Und -dann wäre alles aus. - -Sie war die Liebe, und er beugte sich vor ihr. Aber er glaubte nicht an -die Liebe. Er glaubte an das Wort. - -Das Wort war in ihm und in ihm war die Welt. Sprechen können -- dann -müßte sein ungebadeter Körper rein werden. - -Er verbesserte alle Abende bis halb zehn Uhr die Schreibübungen der -Kinder. Und dann mußte das Licht gelöscht werden. Zwei bis drei Hefte -blieben noch zurück für den blassen Morgen. Aber daran war nichts zu -ändern. - -Ruth empfand es in den nächsten Tagen zum erstenmal in ihrem Leben als -peinlich mit entblößtem Hals herumzugehen. Sie legte sich einen alten -Pelz von Martha um, der nach Kampfer roch und kitzelte. Und sie dachte: -es müßte gut sein, zu wissen, daß man nie mehr im Leben einem Mann die -Hand gibt. Was das nur ist, fremde Knochen -- ach nein, entsetzlich. - -Sie wollte nie mehr zu Thomas gehen. Wegen seiner Mutter. Was für -struppige graugelbe Haare die hatte, diese Friseurin. Und dann, sie -hatte das kleine, bucklige Ungeheuer in die Welt gesetzt. Wie konnte man -so etwas verbrechen. Wenn ich Christus wäre, ich müßte zum Fenster -hinausspringen nur weil Gertrud lebt, dachte Ruth. Und ekelte sich vor -Thomas riesengroßer Zahnlücke. - -Eine Woche später war Ruth wieder bei Thomas. An dem ersten, kalten -Wintertag, der ohne Schnee war, aber ganz voll Dämmerung. Die -Nähmaschine ratterte. Thomas stand in der hintersten Ecke, bei dem -winzigen Eisenofen. Er hatte den Deckel zurückgeschlagen und die roten -Flammen verzerrten seine knochigen Züge. -- Ich komme Ihnen erzählen, -daß es Onkel Gustav sehr schlecht geht. -- So. - --- Ja ich komme Ihnen das erzählen, Sie sind doch sein Freund, oder -nicht? -- - -Thomas ging in das Nebenzimmer. Ruth dachte wütend: Eigentlich könnte -ich ja zu Norbert gehen. Gertrud blickte sich interessiert um. Da ging -Ruth ihm nach. - -In seinem Zimmer standen zwei graue Eisenbetten. Und zwei eiserne -Bücherregale. Und ein eiserner Ofen. Der Tisch war mit verschmierten -Schulbüchern verdeckt und geometrischen Zeichnungen von dem Bruder. -Nichts in diesem Raum gehörte Thomas. Nur seine eigenen massigen -Knochen. - -Er starrte an ihr vorbei mit stumpfen toten Augen. Er sieht mich nicht, -klagte Ruth, er sieht mich nicht, jubelte Ruth, er sieht mich nicht, er -sieht überhaupt nicht heraus, er sieht hinein. Und sie bemerkte, daß -sein proletarisch hoher Kopf aristokratisch lange, leidende Schläfen -hatte. - --- Was machen Sie eigentlich da, fragte Ruth und sie setzte sich auf den -Tisch, mitten in die Zeichnungen des Bruders und baumelte mit den -Beinen. Den kahlen Wintermantel knöpfte sie auf. Und sie nahm sich vor, -den stickigen Dunst ganz in sich einzusaugen und aus allen Poren -wiederzugeben, dann müßte er sie spüren. - -Thomas ging hin und her, ohne sie noch einmal anzusehen. -- Höflich sind -Sie nicht, lachte Ruth. -- Er blieb vor ihr stehen. -- Wozu auch. -Glauben Sie, ich kann nicht, wenn ich will. Aber warum. - -Ruth dachte: Ich kann die Luft herinnen doch nicht so leicht einatmen. -Sie zerdrückt mir die Lunge. Sie ist zu schwer. Schwer wie Thomas' -Knochen, oder noch schwerer, ich kann nicht und um Gotteswillen, wer -keucht, wer stöhnt da, wer erbricht sich, bin ich es selbst -- o wie -schlecht ist mir -- - --- Sie brauchen nicht zu erschrecken, sagte Thomas und setzte seine -rastlosen Wanderungen um den Tisch fort. Die Frau von unserem Nachbar -daneben erwartet ein Kind und das hören wir immer so genau. - --- Was ist noch in ihrem Zimmer, Thomas. -- Sie stand vor ihm, ihre -grünen Augen waren ganz groß geworden. - --- Was noch -- O Thomas, Sie müssen furchtbare Nächte haben. - -Da küßte er ihr die Hand mit den groben, aufgesprungenen Lippen. Ihr -graute. Sie wurde zornig. Und sie lief davon. - -Sie wollte nicht mehr zu Thomas gehen. Da sah sie ihn zwei Tage später -auf der Straße. In den frühen, toten Nachmittagsstunden. - -Sie dachte: wenn ich ihm jetzt nicht entgegenspringe, er rennt dort in -die Mauer hinein, zerschellt sich seine großen Knochen. Nein, wie er -friert. - -Sie packte ihn beim Arm. -- Thomas, grüß Gott, aber warum haben Sie -keinen Mantel, Teufel noch einmal! - -Er war ganz blau und sie wußte, ohne daß er antwortete, daß den einzigen -Mantel der Familie der kleine Bruder trug. - -Sie begleitete ihn und kombinierte: Wenn Onkel Gustav stirbt, kann -Thomas vielleicht den Wintermantel bekommen, oder ich stehle den von -Richard. Der ist so gut wattiert. Ach, wenn ich nur nicht so feig wäre, -ich müßte Onkel Gustav auch töten können, aber ich traue mich ja nicht. - -Thomas sagte: -- Mir ist gar nicht kalt, was fällt Ihnen ein. Aber man -sollte mir nicht um halb zehn Uhr das Licht wegnehmen, nein, das sollte -Mutter nicht. Und wir haben gar kein Geld mehr für nächste Woche. - -Ruth gab Gertrud ihr letztes bißchen Taschengeld. Gertrud nahm das -bißchen mit Tränen in den Augen und verklärt. - -Als Weihnachten kam, wußte Ruth nicht, was sie Thomas schenken sollte. -Sie verkaufte zwei goldene Ringe, die sie nie getragen hatte, und kaufte -ihm dafür einen wunderschönen Band Schopenhauer. Sie half heuer nicht -den Weihnachtsbaum putzen. Sie empfand zum erstenmal nicht die gespannte -Erregung vor dem wunderbaren Abend, der doch alle Jahre der gleiche -blieb. Sie empfand auch nicht, daß die Straßen anders waren als sonst, -weil so viele frohe Menschen mit Paketen durcheinanderliefen. Sie wußte -nur, daß Thomas bei der furchtbaren Kälte keinen Wintermantel besaß, daß -der Band Schopenhauer in weiches, mattbraunes Leder eingebunden war. - -Sie nahm aus ihrem Schreibtisch noch rasch eine Schachtel Briefpapier -für Gertrud und eine Rolle herrlichstes, weißes Kanzleipapier, auf das -sie einst ihre Lebensgeschichte hatte schreiben wollen, aber das war -schon lange her. Jetzt sollte es Thomas' Bruder bekommen, der immer -klagte, er habe zu wenig Papier für seine deutschen Aufsätze und die -langen mathematischen Formeln. Etwas Besseres hatte sie nicht. - -Gertrud schmückte den winzigen Weihnachtsbaum mit Silberketten vom -vorigen Jahr. Sie humpelte vergnügt in der kalten Stube herum und sang -ein Weihnachtslied. Auf dem Tisch standen noch von dem Mittagessen -Teller mit übrig gebliebenem, gelbem Brei. Ruth ging rasch in Thomas' -Zimmer. - -Er lag mit toten Augen über den Tisch hinüber, gierig, lauernd. Ruth -legte das sattbleiche Kanzleipapier neben ihn hin. - -Ein Schrei, wie ein Tier, das nach Wasser sucht: -- Ruth, das bringst Du -mir, Du weißt also, weißt alles, doch und Du glaubst daran, und noch -kein Wort, noch immer kein Wort, aber du glaubst daran -- - -Er lag vor ihr und umfaßte ihre Schenkel mit tastenden, greifenden, -packenden, schaffenden Bewegungen. Er keuchte. Seine Hände waren feucht, -er gurgelte mit halberstickter Kehle. Ruth graute und sie sagte weinend: --- nicht wahr, jetzt schreiben Sie das Buch -- und sie streichelte -seinen Kopf wie einem ganz kleinen Kind und küßte die aristokratisch -hohen Schläfen. Jetzt ganz gewiß, ganz gewiß. Ihr ekelte vor seinen -strähnig fetten Proletarierhaaren und sie streichelte seinen Kopf. - -Zuhause konnte sie das Licht der Weihnachtskerzen nicht vertragen. Die -Stimmen der Verwandten machten sie rasend. Bei Tisch sagte Richard zu -einem alten Onkel: -- gewiß ist ein rechter Künstler noch nie den -widrigen Verhältnissen unterlegen. Im Gegenteil ... - -Ruth sagte: -- wo liegt die Statistik der Untergegangenen. Ich glaube -bei der Mordstatistik im Strafgericht, nicht wahr, dort liegt das auf. - -Dann wurde ihr schlecht und sie mußte die ganze Nacht lang erbrechen. -Das Zimmer war überheizt und sie empfand nur, wie sehr Thomas diese -Nacht frieren müsse, denn sicher waren alle Kohlen für das -Weihnachtszimmer aufgegangen. Vielleicht verbrannte er das weiße -Kanzleipapier. Den Schopenhauer bekam ja Onkel Gustav, der war noch gar -nicht tot. Nur wollte sie nie mehr zu Thomas gehen, ganz gewiß nie mehr. -O, wie sie seine gierig schaffenden Hände fürchtete, grauenhaft war es -und unverschämt gegen die Natur, gegen ihren eigenen Körper. Und die -Frau daneben erbrach ja auch fortwährend, weil sie ein Kind erwartete. - -Sie bekam einen Brief von Gertrud: warum kommst Du nicht mehr? Thomas -ist krank. Sie war zornig und ging nicht hin. - -Sie bekam einen Brief von Gertrud: warum kommst Du nicht mehr? - -Da kaufte sie ein Dutzend verschiedener Federn und tiefschwarze Tinte -und ging wieder zu Thomas. Gertrud saß in der Nähmaschine und sah sie -vorwurfsvoll an: Du hättest früher achtgeben sollen, Ruth. -- Worauf? -- -Thomas liebt Dich. -- Mach Dich nicht lächerlich. -- Doch Ruth, seit Du -fortgeblieben bist, kann er nicht mehr unterrichten. Gestern hat er den -Kleinen geschlagen. Denk Dir, Thomas und schlagen, wegen irgend eines -kostbaren Papiers. -- Er hätte ihn erschlagen sollen, Ihr wißt alle -nicht, was Thomas braucht. -- Ruth, ich verstehe Dich nicht -- Gertruds -Stimme war so weich, daß Ruth mit dem Fuß darauf stampfen mußte. -- Und -denke Dir, er will plötzlich um zwei Uhr nachts Licht brennen. Aber die -Mutter hat doch kein Petroleum. Er streitet mit den Leuten in der -Schule. Seit acht Tagen war er überhaupt nicht mehr dort ... Gertrud -weinte. Ruth war ganz kalt: Gertrud, wer ist Dir lieber, Thomas oder die -Mutter, oder der Kleine? -- Das weiß ich nicht, mir sind alle drei ganz -gleich lieb. -- Dann kann ich Euch nicht helfen. -- Aber Thomas liebt -Dich. -- Du bist dumm, näh deine Hemden weiter. - -Thomas kam aus seinem Zimmer und zog Ruth an beiden Handgelenken zu sich -herein. -- Wo bist Du solange geblieben? Du hättest kommen sollen. -Nichts als Farben -- Töne, mit der Hand zu greifen -- Worte noch nicht --- Worte -- - -Sie gab ihm Tinte und Federn. Er nahm eine Feder und kratzte sich einen -tiefen Strich in die zerklüftete Hand: aus der Spitze muß es kommen, -fließen, strömen -- Gesetz -- Ruth bleib da. - -Er hielt sie fest mit beiden Armen. -- Kannst Du beten? -- Nein. -- Das -macht nichts. Bete, es darf nicht finster werden. Mutter darf das -Petroleum nicht versperren. Der Bengel darf nicht nachhause kommen. Die -Nähmaschine darf nicht rattern. So bet doch. - -Als es dunkel wurde, begleitete er sie nachhause. -- Man muß Licht -sparen ... Und wieder die Bewegung an den Hals, der Daumen steht -eigentümlich scharf weg, wie die Klinge eines Messers. - --- Siehst Du den Eckstein hinter der Straßenlaterne, die Biegung, die -rund sein soll und doch eigentlich voll Ecken ist. Spürst Du. Wie meine -Finger. Der Stein ist grau, so grau, daß unsere Augen daran sterben -müßten. Aber das gelbe Licht aus der Laterne schleicht darauf -- mein -Licht ist eigentlich größer. Und lauter Ecken, die aussehen wie -Biegungen, Rundungen. Wie wir uns täuschen. Nur die Lügen sprechen sich -leicht. Aber die Wahrheit ist furchtbar, sie ist das Wort, das war im -Anfang. Hörst Du die eisigen Pfützen, wer hat je so sprechen können. Und -unlängst in der Nacht war ich fließendes Wasser. Ich weiß, wie es tönt, -übereinander fällt, ich weiß, wie es sich berührt ... Meine Stimme ist -häßlich, vorne fehlt mir ein Zahn, ich weiß wie Dir das widersteht, -Ruth, laß, aber weißt Du, was meine Hände können, über die weißen -Flächen gleiten, nein, das ist nicht Schnee, es schneit ja heuer gar -nicht. Aber erst sollen meine Fäuste den Reichen die Fenster -einschlagen. Was machen sie bei dem elektrischen Licht. Bei dem vielen -Licht. Meine Hände können doch Mutter das Petroleum nicht stehlen, da -ist kein Mark in den Knochen. Der Hund heult die ganze Nacht im Hof und -die Frau daneben erbricht sich noch immer die ganze Nacht ... - --- Thomas, wart doch, aber wart, ich werde Dich heiraten. Was Du da von -dem Zahn gesagt hast, ist Unsinn. Ich habe nicht viel Geld, aber ein -bißchen etwas muß mir Mutter schon geben. So viel, daß wir ein halbes -Jahr, ja ein halbes Jahr schon in einem ruhigen, schönen Zimmer wohnen -können. Nur ein Badezimmer noch daneben. Und du kannst schreiben, den -ganzen Tag, auch in der Nacht. Ich werde eben im Badezimmer schlafen. -Aber warten mußt Du, wart doch, Thomas, wart nur noch ein ganz klein -wenig. - -Thomas stöhnte wie ein Pferd nach dem letzten Peitschenhieb. -- In der -Schule haben sie mich hinausgeworfen. Ich kann dem Buben das Geld für -seine Studien nicht mehr geben. Und Mutter muß leben und Gertrud, die -Arme. Und in der Nacht müssen sie alle schlafen. Da heult der Hund. - -Er fuhr Ruth mit einer wilden Bewegung an den Hals. Der Daumen stand -eigentümlich scharf weg, wie die Klinge eines Messers. Sie schrie. - --- Schweig, sagte er heiser, es ist ja nicht auf Deinem Hals. Auf meinem -ist es. Die fremde Hand. Sie würgt noch nicht, aber sie wird es tun, -sofort, gleich, jeden Moment und dann ganz. Sie würgt noch nicht. Und -doch habe ich schon einen flammend roten Streifen da vorn auf meinem -Hals. - -Ruth sah, daß alle Fenster der Wohnung dunkel waren. Und nahm Thomas mit -sich in ihr Zimmer. Der Ofen glühte. - -Thomas warf sich auf dem Teppich der Länge nach nieder und starrte mit -toten Augen in die Glut. Ruth blieb stehen und dachte: wie schön die -wilden Knochen geordnet sind, wie schlank sie liegen. Thomas sagte: -- -meine Farbe ist mehr gelb, aber nicht so gelb, wie auf dem Eckstein. - -Ruth warf sich neben ihn vor das Feuer. Er preßte sie an sich, daß sie -die Rippen brechen fühlte. Seine groben Lippen waren blutig -aufgesprungen. Schon fast zerfetzt. Der eine Vorderzahn fehlte. Zurück -um Gotteswillen. Sie riß sich los. - -Er stand vor ihr, seine Hände hingen herab. Eine große Knochenmasse, -bereit, zusammenzufallen. - --- Ruth, sagte er langsam, ich danke Dir. Es ist so viel Wärme in Deinem -Zimmer. Mich friert nicht mehr. Aus dem Mark der Knochen stößt sich die -Kraft heraus -- heute abend wird -- - -Er war schon lange fortgegangen. Ruth lag vor der erloschenen Glut auf -genau demselben Fleck, wo er gelegen war. Und stöhnte: aus dem Mark der -Knochen heraus. Thomas. Ein Kind. Von ihm ... - -Thomas ging aufrecht nachhause. Beim Abendessen teilte die Mutter vor: -Kraut und jedem sein Stück Brot. Die Petroleumlampe brannte sehr -schwach, tief heruntergeschraubt. Thomas sprach in sich hinein: heute -abend wag ich es, heute endlich. Ich habe ihnen ja noch nie etwas -weggenommen. Aber heute, das bißchen Petroleum, das werden sie mir schon -geben, können sie gar nicht verweigern. Und der Bub schiebt sein Bett -einfach herein. Aus der Straßensteinrundung heraus bricht das Wort. -Schon ist es nahe, nahe -- - --- Heute können wir zeitlich schlafen gehen, sagte die Mutter -weinerlich, überhaupt jetzt, wo der Thomas so keine Hefte mehr zu -korrigieren hat. - --- Muß ich wirklich aus der Schule heraus, fragte der blasse Bub. - --- Wird schon so sein, sagte die Mutter mürrisch. -- Warten wir es ab, -sang Gertruds milde Stimme dazwischen und ihre Augen suchten Thomas, -flehend, verzweifelnd und doch gleich wieder voll Vertrauen. - --- Was geht Ihr mich alle an, dachte Thomas, das Wort, aber ich muß erst -um Petroleum bitten. - -Wieder lag die Hand auf seinem Hals. Aber nicht mehr ein Messer mit -stumpfer Klinge. Lange Finger mit verschiebbaren Gelenken drückten sich -in die Kehle hinein. - --- Gertrud, sagte er und zog sie in eine Ecke, gib mir alles Petroleum, -was wir haben, heute Nacht, nur heute Nacht. -- Die Mutter hat den -Schlüssel. Aber ich muß mit Dir reden, ob Du uns wirklich alle zugrunde -richten willst, lieber, einziger Thomas, wenn Deine Schule -- Laß das -jetzt, ich brauche Licht. -- Die Mutter hat das Petroleum. -- Mutter gib -mir alles Petroleum. -- Geh schlafen. -- Mutter, nur heute. -- - -Die alte Friseurin grinste höhnisch: -- hab keines mehr. - -Thomas wußte, es ist nicht wahr. Und war machtlos. - --- So geh ich zu den Nachbarn. -- Die schlafen. Die Frau hat Nachmittag -ein Kind bekommen. - --- Gott ... Thomas brach auf seinem Bett zusammen. Gott war das Wort. -Und das Wort durfte nicht gesprochen werden. - -Dunkel. Der Bub schnarcht und hustet abwechselnd. Die Hand -- - -Nachtkälte kriecht durch das Fenster und Tagwärme schleicht in sie -hinein. Die Hand legt sich an die Kehle, den Daumen eigentümlich scharf -weg. - -Gertrud und die Mutter im Nebenzimmer atmen schwer. Stöhnen. Die Hand -würgt. - -Schwarz. Aber aus den Knochen heraus, aus dem zarten Mark bricht es -dunkel glühend, ächzend. Gestalt, Klang, tasten, berühren, drängen, -steigen, sich heben. Die Poren saugt es hinaus in die kalte Luft. Und -ist doch drinnen, noch im Mark, flammend rot, brennend -- - -Ach wozu liegen, tot sein. Wer kann sterben, wenn das Innerste leben -will. - -In schwarzen Ballen fällt es aus sich heraus, in blutigen Brocken. -Gedrückt von fremden, arbeitsamen Fingern. Eine brühende Masse schwelt -in den Gliedern. Kocht, brodelt und schmeißt sich nach oben -- - -daß die Haut sich dehnt der steinharten Knochen. - -Gewalt. - -Und alle schlafen -- dunkel -- - -Nein -- licht soll es werden -- licht -- hell -- grell. - -Er schleicht hinaus vor das Haus mit Katzentritten. - -Der Hund bellt -- heult -- - -Alle schlafen -- aber das Wort kann nicht schlafen -- das Wort muß leben --- lodern -- zerstören -- - -Er klettert auf die Straßenlaterne, zerschlägt sie vorsichtig, entzündet -die Fackel aus dem Schuppen, schlägt das Fenster ein -- Licht fällt in -das Haus -- das Wort fällt in das Haus und der Dichter rast durch die -dunklen Gassen. - - * * * * * - -Ruth fährt auf aus dem Schlaf. Sie trägt ein Kind im Leib. Ach nein. Die -Feuerwehr ... - - * * * * * - -Der Säugling der Nachbarin ist verbrannt. Sonst wurde alles gerettet. -Und die Teilnahme der ganzen Stadt wendet sich der Familie des -geisteskranken Volksschullehrers zu. - -Ruth besuchte Thomas mit Onkel Gustav in seiner Zelle. Er saß -zusammengekrümmt über einem leeren Papier. Seine Augen blickten nicht -mehr in sich hinein, aber hinaus und in das Leere. Und seine Knochen -waren ohne Mark. Leer. - --- Ruth, sagte er, denk bloß, alles ist verbrannt. - -Sie gingen. Onkel Gustav weinte. Ruth schwieg. Aber sie trug eine kleine -Leiche in sich, fühlte die winzigen, angstverkrümmten Knochen. - -Drei Tage später kam der blasse Bub, rot geheult. Thomas war zum Fenster -hinausgesprungen. Ruth nickte nur. Auf dem Steinpflaster liegt ein -schwerer Knochenhaufen. Zerschmettert. - --- Sei ruhig, sagte sie zu dem aufgeregten Buben, was weinst du. Schäm -dich. - - - - - Eine Mutter - - -Ruth sah einmal im dunklen Zimmer Mutter vor einer zerbrochenen Tasse -stehen. Die Scherben zerschnitten die Luft, weiß, mit scharfen Kanten. -Mutter starrte dumpf darauf hin. Ihre zerstückelten Bewegungen hingen -herunter. Und in das trübe Grau der Augen wollte das Weiße -hereinbrechen, mit scharfen Kanten. - -Das war lange her. Jetzt haßte Ruth Mutter, weil die alte Friseurin -ihren Sohn zum Brandstifter hatte werden lassen. - -Mutter steckte sie als kleines Kind punkt acht Uhr in das Bett. Dann -kaufte sie ihr Schulhefte, die viel zu breit liniert waren. Mutter -glaubte einem boshaften Dienstmädchen mehr als ihr. Mutter zwang sie -große Gläser mit gekochter Milch zu trinken, wo noch die Haut -herumschwamm. Mutter ließ sie nächtelang bei geschlossenen Fensterladen -schlafen, so daß sie glauben mußte, sie sei blind. Mutter durchblätterte -ihre Bücher, die doch ihr allein gehörten. Mutter rückte den Tisch ihres -Zimmers in die Mitte, obwohl er unbedingt an der Seite stehen mußte. -Mutter löschte das Licht, wenn es zu spät wurde. Es war ja nur ein -Zufall, daß sie nicht auch schon zum Fenster hinausgesprungen war -- - -Mutter war schuld an dem entsetzlichen Brandunglück. War auch schuld, -daß der arme Säugling elend umgekommen war. Mutter, die alle kleinen -Kinder so sehr liebte. - -Ruth sah auf Mutters langfingerige Hände. Wieso hatten die keine roten -Brandwunden. Nein, sie waren weiß und schlank, nur durch viele Falten -und Sprünge zerklüftet. Von welcher Arbeit ... - -Mutter suchte die alte Friseurin selbst auf und tröstete sie, wie sie -wortlos dasaß neben der Nähmaschine der Tochter. Ruth ging nicht mit. -Man sprach von Thomas immer wie von einem Geisteskranken. Das war eine -Unverschämtheit. - -Als Mutter nach Hause kam, hatte sie rotgeweinte Lider. Ruth stand in -einer Fensternische, tief hineingepreßt in den dunkel samtenen Vorhang. -Sie wollte schreien: -- ihr habt alle kein Recht um ihn zu trauern. Da -sagte Mutter: ich weiß schon Ruth, daß du immer mit Thomas warst. Er war -ein armer Narr. Aber du solltest dich schämen. - -Eine zorndurchschüttelte, blutende Faust -- oder ist das die Flamme -- -Thomas' Flamme -- Mutter brüllt auf. - -Onkel Gustav trug Ruth aus dem Zimmer. Riesenkraft war in seinen -willenlosen Armen, wie er sie durch den langen Gang schleppte. Er zog -sie in den Vorratsraum, wo ein Faß mit altem Kraut stand. Hier warf er -sie auf den Boden. - -Er stand vor ihr weißblaß und sehr groß. -- Ruth, weißt du, was du getan -hast. Du kannst es nicht wissen. Du hast Mutter schlagen wollen. - -Er ging hinaus und zog den Schlüssel ab. - -Ruth dachte nur: jetzt muß ich zum Fenster hinausspringen. Das ist -selbstverständlich, natürlich. Ich brauche bloß auf den Stuhl dort zu -steigen, es macht nichts, daß das eine Bein wackelt. Er trägt mich so -weit. O, und dann stürze ich. Eine breiige Masse. Aber es tut sicher -weh, furchtbar weh, furchtbar, nein, ich fürchte mich, um Gotteswillen, -ich habe ja so gräßliche Angst -- - -Sie kroch in den hintersten Winkel der Kammer. Sie bohrte den Kopf in -die Steinfliesen. Verbrecher sein. So also war es. Das heißt vor allen -Dingen ganz allein sein. Ganz allein. Aber das darf man doch nicht zu -Ende denken. Jetzt gehen die Menschen aus den Geschäften nachhause. Man -schließt die Laden so wie alle Tage. Und in den Straßen die -gleichgültige Menge. Aber sie ist allein. - -Was war nur mit dem Mann, der seine Mutter geschlagen hatte. Als Kind -hielt sie sich die Ohren zu, wenn man die Geschichte erzählte. Aber sie -weiß es doch: die Hand war aus dem Grab herausgewachsen. Man hieb sie -ab. Und sie wuchs immer wieder. Ruth sieht vor sich eine gelbe Steppe. -Und aus ihr steht graugrün heraus die Leichenhand mit entsetzten -Fingern. Oder ist das ihre Hand -- - -Sie hat nicht den Mut zu sterben. Sie wird nie den Mut haben. Aber sie -kann auch nicht leben. Denn sie kann nicht denken. So etwas kann man -doch nicht denken, immer denken, immer denken. - -Mutter kam am späten Abend mit einer flackernden Kerze und wirren -Haaren. -- Mutter, sagte Ruth mit toter Stimme, habe ich dich wirklich -geschlagen? -- Nein Ruth, dazu ist es nicht -- Mutter wenn ich dich -berührt habe, ich müßte sterben. Aber ich fürchte mich vor dem Tod. Und -ich müßte sterben. Und du müßtest mir helfen. - -Mutter kniete zu ihr nieder und küßte sie. - -Am Abend setzte sich Mutter an Ruths Bett. Aber Ruth preßte die Lider zu -in erstarrtem Entsetzen. Das Weiße in Mutters Augen war zerbrochen. So -wie einmal vor langer Zeit eine Tasse. Und wie Thomas' Stimme, wenn er -sagte: ich habe kein Licht. Ja, wie Thomas. Mutters suchender -Mittelfingerknochen war wie bei Thomas, zu kräftig. - -Überhaupt, wie kommt sie dazu, Thomas gegen die Mutter zu verteidigen. -Thomas ist gestorben, weil die Kraft in ihm nicht leben durfte. Er war -stark. Und es ist gut, daß er tot ist. Aber Mutter ist schwach und ihre -Kraft kann die Knochen nicht sprengen. Zerfrißt nur das Mark und macht -die Gelenke schwippend nachgiebig. Mutters Leben -- - -Ruth legte den Kopf in Mutters Hand und weinte. Aus den zerklüfteten -Handrinnen stieg ihr ein wohlbekannter, warmer, ein nie beachteter Atem -entgegen. - -Irgendwo liegt im Gras eine duftende Frucht. Und über das Mark des -Baumstammes preßt sich eisenhart die dürre Rinde ... - -Mutter war auch einmal ganz klein gewesen. Man hatte ihr unmäßig große -Schärpen über die weißen Kleidchen gebunden. Und sie saß in einem großen -Kinderwagen, ganz allein. - -Sie trug ihr kleines Schicksal in krampfhaft zusammengeballten Fäusten. -Und erreichte nie etwas, weil diese Fäuste immer zu schwer von dem -kleinen Körper herunterhingen. Sie gewöhnte sich an den Mißerfolg und -deshalb war ihr kein Ideal zu groß. Sie wollte Königin werden, dann -Sängerin, und dann -- o, was sie alles werden sollte. Sie trug ihr -ganzes Leben die Last von unzähligen untergegangenen Existenzen in sich. -Und ihr Vater hatte alle Pferde verspielt. - -Sie hatte einmal einen Tag, vielleicht nur eine Stunde, oder nur eine -Sekunde lang mit Ruths saugendem Blick aus sich herausgeschaut. Oder -vielleicht nur einmal den Kopf hart und eckig zur Seite geworfen, wie -Ruth es immer tat. - -Und sie hatte ihr eigenes, einziges Dasein gesucht. Dann heiratete sie. -Dann gebar sie drei Kinder. Und dann war ihr nichts mehr von sich -geblieben, als eine suchende Vergangenheit und drei neue, fremde -Menschen. - -Die alte Friseurin träumte einst davon, die erste Tänzerin der Welt zu -werden. Ihr häßlicher Sohn sprang aus dem Fenster und zerschmetterte -sich in einem Gefängnishof, ohne daß sie je verstehen konnte, warum. -Ihre mißgebildete Tochter nähte Hemden für vornehme Damen. Und nichts -war von ihr übriggeblieben als das bißchen Schminke auf den -eingefallenen Wangen, das sich nicht wegwaschen ließ. Das bißchen -Schminke. - -Und die Kinder laufen wie Diebe in die Welt hinaus. Man kann ihnen das -Eigentum nie mehr abnehmen. Denn es ist untrennbar, unkennbar verbunden -mit fremden Säften, denen man sich einmal geschenkt hat. - -Ruth wurde sehr krank. Sie lag ein paar Wochen durch mit hohem Fieber -und keuchendem Atem. Die graue Tapete ihres Zimmers wurde zu einer -einzigen, ungeheuren Ebene, in die alles hineinversank wie in einen -Moorboden. Müde und wohlig. Mutter saß Tag und Nacht an ihrem Bett mit -überwachen Augen und Teelöffeln in der Hand. Ruth dachte: wenn ich -wieder gesund bin, schenke ich Mutter das Schönste und Beste, das ich -habe. Aber sie wußte nie, was das sei und wünschte sich auch gar nicht, -bald gesund zu werden. Besser immer so liegen können. Und niemand kann -einem Vorwürfe machen. Sogar Richard brachte ihr Veilchen. - -Als sie den ersten Tag wieder fieberfrei im Bett lag und Mutter ihr die -Kissen gerade frisch gerichtet hatte, fragte sie: -- was möchtest du, -daß aus mir werden soll? Mutter sah sie erstaunt an. -- Ja, ich kann -doch nicht weiter so in den Tag hinein leben. -- Ich möchte, daß du -glücklich wirst, Ruth. -- Wie ist das? -- Du mußt froh sein und gesund -und auch heiraten. -- Weißt du Mutter, von Thomas hätte ich gerne ein -Kind bekommen. -- Aber Ruth -- Nein, nicht böse sein, Mutter, bitte, -bitte nicht. Ich möchte dir nur von Thomas erzählen, weil das so -wunderschön war. - -Ruth erzählte von Thomas' Buch, als ob sie es schon hundertmal gelesen -hätte. Mutter sagte: -- armes Kind. Und küßte sie. -- Aber du mußt jetzt -schlafen. Sie löschte das Licht aus. Ruth fragte in das Dunkel hinein: -warum arm ... - -Sie erwachte am nächsten Morgen sehr zeitlich. Mutter sagte im -Nebenzimmer zu Martha: -- wir hätten eben besser auf sie acht geben -müssen. - -Da sah Ruth hinter dem Fenster in der Frühdämmerung wieder die Hand des -Mannes aus dem Grab wachsen, der seine Mutter geschlagen hatte. Nein, es -waren viele, es waren unzählige solcher Hände. Sie sah diese Hände -draußen vor dem Fenster und wußte: im Nebenzimmer wird jetzt eine -ungeheure Schändlichkeit geflüstert. Ein Heiligtum wird besudelt. Dann -geht Mutter in die Küche zu der Köchin und Martha in die Schule. Nein, -das hatte Thomas nicht verdient. - -Sie wollte aufstehn und fliehen, weit, weit weg über sumpfige Wiesen und -Felder. In das Graue hinein. Nur Mutter nicht mehr sehen. Und in der -Kommode daneben liegen ja sorglich eingeordnet seine Briefe an Mutter. -Mutters Seele steckt auch drinnen in den gelben Phiolen. Und richtig, in -Mutters Bewegungen zerbricht sich dieselbe Disharmonie wie in seinen, -wenn er die Zigarre zum Mund führte. Wie kann Mutter es wagen, ihr Leben -bewachen zu wollen. Draußen wachsen die Hände aus den Gräbern. Aber das -Weiße in Mutters Augen ist zerbrochen. Sie kann Mutter nicht helfen. Sie -ist allein. Weiß Mutter das nicht? Die Nabelschnur, an der sie hing, ist -längst zerrissen. Arme Mutter! -- Aus allen Gräbern wachsen die -mörderischen Hände. - -Mutter sagte am Nachmittag zu Onkel Gustav: ich werde Ruths Leben von -nun an zu lenken wissen. Ich muß ihr weiter helfen. Sie ist -- Laß das, -antwortete Gustav müde. -- Das lassen? -- ja wozu bin ich denn sonst da -...? - -Und sie saß bis in die Nacht hinein und berechnete ein neues Kleid für -Ruth. Als es nach ihrer Angabe genäht war, hing Ruth es in die hinterste -Kastenecke und zog es niemals an. - - - - - Der Tod - - -Mein Thomas hat auch nicht auf mich hören wollen, sagte die alte -Friseurin weinerlich zu Mutter, während sie ihr das widerspenstige Haar -zu bändigen versuchte. - -Wie hatte Onkel Gustav einmal gesagt, in traumhafter Sommerdämmerung: -Unsere Nächsten -- das sind unsere nächsten Mörder. Und nun war die -Wirklichkeit gekommen, winterkalt und hart. Und Ruth mochte sich die -Augen mit den Fäusten zudrücken. Thomas hatte diese Wirklichkeit nie -gesehen. Deshalb hatte er an ihr zugrunde gehen dürfen. Wie gut muß es -sein, wenn alles ganz vorbei ist. Nichts mehr sehen, hören, tasten. Ihn -schließt eine Wand ab von der Welt. Und er erstickt doch nicht mehr. - -Ruth saß an einem nebligen Schneeabend allein zu Hause bei dem großen -Speisezimmertisch. Mit aufgestützten Armen. Ihre immer noch fiebermüden -Glieder wollten nicht recht gehorchen, wollten sich legen, sich -strecken, ganz ausdehnen. Durch die Fenster flimmerte gelb das Licht der -Straßenlaterne. Draußen muß viel Schnee fallen. - -Und die lebendige Uhr hinter ihr zerschneidet die Zeit, metallhart. Aber -der Kasten dort und die Stühle ringsherum rücken weit weg, fort in das -Graue, daß sich die hohen Fensterkreuze dehnen müssen. Und nichts um sie -als luftloser Abgrund. Weite. Leere. Da drinnen muß einmal eine Fliege -ertrunken sein. Über Ruths Haupt hebt sich die Decke. Ihre Füße treten -das oben. Noch saugt ihr Blick das Zimmer in sich. Noch kann ihr Blick -die Weite überwinden. Noch. Aber das Lid wird ihn verdecken. Dann ist -sie ganz allein. - -Wie Vater. Wie Thomas. - -Sie ist auch allein, wenn Mutter im Nebenzimmer mit Martha spricht. Wenn -sie Richard und Gustav auf der Straße trifft oder mit Norbert -zusammenkommt. Wenn sie einen Schutzmann nach einer Hausnummer fragt -oder nicht weiß, wieviel Trinkgeld der Kellner bekommen soll. Ach, so -allein, mit offenen Augen. Die alles sehen. - -Eine Woche später brachte man Ruth in ein Sanatorium wegen einer -Operation. Sie war sehr müde. Aber auch sehr neugierig. Sie dachte: es -ist doch unglaublich, daß man so einfach in mich hineinschneiden kann. -Und man spritzt mir etwas unter die Nase und dann bin ich nicht mehr da. -Wo ich nur sein werde. Ich muß sehr gut acht geben. - -Der Chirurg hatte ein schmales, feines Gesicht mit zu großem Kinn. Seine -Hände waren grobknochig, wie von einem Fleischhauergehilfen. Aber er zog -sich dann Gummihandschuhe an. Und seine Hände wurden zum Werkzeug, das -ineinander beißt. - -Sechs junge Ärzte standen herum wie Schachfiguren. Und Schwestern -leidend und demütig. Der Operationsraum war groß, zu licht, blitzend, -spiegelnd. Ruth sah in den schneetoten Park hinunter, auf die uralten, -schneebeladenen Bäume. Die Wintersonne stieß gegen die dicken Wolken. -Ruth empfand die kühle Verzweiflung eines Sterbenden, der einmal, im -ersten jungen Frühling dort unten gelegen sein mußte, mit zerfleischtem -Körper eingepackt in weiße Tücher. - -So wie man sie jetzt einpackte. Sie wollte schreien: Was tut ihr mit -mir? Da lag sie schon auf dem blanken Tisch: Sie spürte einen -niederträchtigen Geruch sich in die Kehle hineinfressen, dachte: Ihr -zwingt mich doch nicht -- - -Da war sie aus sich heraus gestiegen und stand neben ihrem starren -Körper. Sah sich selbst nackt und preisgegeben daliegen, sah jeden Zug -ihres Gesichtes, das sie ja gar nicht gekannt hatte. Mit geschlossenen -Lidern. Sah die strengen, furchtbar fremden Augen der Ärzte, die bloßen -sehnigen Arme des Chirurgen, die Schwestern über die Instrumente gebeugt -... - -Die weiße, glattgetünchte Wand riecht so sonderbar. Sie muß sehr hoch -sein. Man kann gar nicht an ihr hinaufsehen. Und die Gelenke sind -gefesselt, stöhnen unter eisernem Druck. Der auch von oben kommen muß. - -In den tiefblauen Himmel stößt sich ein weißer, steifer Ast. - -Neben Ruth steht eine Schwester mit bleichem Gesicht. Eine Schwester, -die sie nie gesehen hat. Ein Ast, den sie nie gesehen hat. Eine Wand, -die sie nie gesehen hat. - -Sie kann ihr Bett kaum überblicken. Dort am Fußende sitzt ja Mutter. -Ihre Bluse ist zerdrückt. Wie unangenehm. Und sie lächelt so, als ob sie -alles wüßte, genau wüßte, was sie ja gar nicht wissen kann. - -Sie ist in einer Welt, in der sie noch nie war. Sie muß einmal -Ungeheures erlebt haben. Aber hier kann man davon nichts wissen. Darum -liegt sie gefesselt an allen Gliedern, Sehnen und Gelenken, an allen -Muskeln, allen Nerven. Vielleicht hat man ihr beide Füße weggeschnitten. -Sie muß tasten. Sie kommt nicht bis dorthin. - -Mutter und die Schwester lächeln. Das ruchlose Lächeln der -Nichtverstehenden. Sie will weinen vor Zorn. Und erbricht. - -Sie liegt stumm und verzweifelt, bis sie fragt: Ist mein neues Kleid -schon gekommen? Dann gehört sie wieder der Welt, die von Mutters -Rechenbüchern beherrscht wird und Richards verwunderten Augenbrauen. -Aber irgendwo sind doch auch gelbe Phiolen und der Duft fremdartiger -Chemikalien, ätzend, zersetzend. - -Ruth saß mit Mutter an dem gedeckten Tisch mit dem rotgestickten Milieu -und den glotzäugigen Teetassen. Die Lampe brannte fetzig grün. Aber sie -war ihr dankbar. Und den Teetassen und den fetten Butterbroten, die an -Agnes kräftige Arme erinnerten. Wie das nach Alltag schmeckte. Und wie -wunderbar sicher das war, wohlig geborgen. Sie möchte sich in die -saftgrünen Vorhänge hinein verstecken und ein ganz dummes Backfischbuch -lesen, wo es nur Schulsorgen gibt und wunderbare Bräutigame. - -In der Nacht kann sie nicht schlafen. Sie liest die Zeitung bis zur -letzten Annonce. Das Zeitungsblatt schlägt eine Ecke nach oben, leckend. -Sie löscht das Licht. So müde. Das Zeitungsblatt war leckend, saugend. -Das Blatt ist eine rote, fleischige Tierzunge. Die Zunge saugt, leckt. - -Da ist nur noch die weiße, glattgetünchte Wand. Und der lange, gräßlich -arme Tierkopf, der aus ihr herauskommt. Schmal. Die Augen arm, in sich -geknechtet. Er schleckt mit schiefer, gieriger Zunge eine salzige -Flüssigkeit von der blendenden Wandfläche. Er schleckt, leckt, saugt -sich an -- - -Sonst ist nichts mehr da. Der Kopf steht in die Luft hinaus, brüllt -- - -Rechts steht ein Mann und links steht eine Frau. Ein Mann, eine Frau. -Sie hält den großen Spitalslöffel in der Hand, sieht den Mann fragend -an. Und er sagt mit unendlicher Geringschätzung: Gib. Was ist das ganze -Leben denn mehr wert als ein Schluck Wasser für ein durstiges Maul. - -Der Tierkopf schleckt -- - -Ruth saß schreiend im Bett. Mutter kam hereingestürzt. Ruth konnte nicht -sagen was ihr fehle. Daß das lange, armselige Tiermaul alles war, die -ganze Welt und immer weiter an der Wand saugen mußte. Nein, das konnte -man nicht sagen und sie ließ sich fortwährend von den anderen die -wichtigsten Zeitungsereignisse erzählen. - -Damals sehnte sie sich maßlos nach allen Menschen, die sie je gesehen -hatte, am meisten nach einem kleinen, verwachsenen Stubenmädchen, das -ihr vor Jahren Geschichten aus einem böhmischen Dorf erzählt hatte, wo -die Kinder im Hemd im Dorfteich schwammen. - -Sie bettelte sich hinter der grauesten Alltäglichkeit durch. Sie -verdurstete vor Sehnsucht, wieder in sie aufgenommen werden zu dürfen. -In eine Sphäre von Geschäftsbesen, Kaffeetassen und Nachtwächtern. Ihr -war jeder Schuhriemen wichtig. - -Norbert kam am nächsten Mittwoch. Aber ohne Onkel Gustav. Der lag wieder -elend in seiner Dachkammer. - -Norbert war avanciert in seinem Amt. Er unterstand dem Vater seiner -Braut. Alle gratulierten ihm. Ruth schüttelte ihm beide Hände. Er sah -sie an, hundetreu, traurig. - -Nach dem Essen setzte er sich in ihr Zimmer auf das kleine, wacklige -Kindersofa. Sie saß neben ihm und dachte: Warum bin ich jetzt nicht in -Australien oder auf einem großen Schiff. - --- Nicht wahr, Ruth, Sie verachten mich? ... -- Ruth sah auf. -- Nein, -warum denn? -- Weil ich avanciert bin. -- Was meinen Sie damit? -- Ach -Ruth, Sie wissen ganz gut was ich meine. - -Ruth sah in den winterblauen Nachmittag hinaus und wußte auf einmal, was -er meinte. Sie dachte: Und dann nach Australien mit einem großen Schiff. -Sonnenuntergang weit hinten im Meer und weiße, wehende Schleier. Das -wäre freilich etwas. - -Dann sah sie seine graue Weste und dachte an den Spitzeneinsatz der -Braut und mußte fast lachen. -- Nein, Norbert, sagte sie hochmütig, ich -verstehe Sie nicht. - -Aber sie sah ihn in der flimmernden Sonne eingezäunt in einer streng -gekrümmten Linie. Seine Grenze. Über die durften seine treuen Hände -nicht hinaus. Wenn er stirbt, dann wird die Linie zum Viereck und macht -Wände und ist der Sarg. - -Ruth schauderte und einen Augenblick dachte sie: Ich muß ihm helfen, -vielleicht ihn lieben. Aber sie verstand seinen beamtenbrav -geschniegelten Kopf und ekelte sich vor der schnurgeraden Scheitellinie. -Unmöglich. Da war die Grenze. - --- Wissen Sie schon, daß mein Freund, der Leutnant fast gestorben ist, -sagte Norbert. -- Nein, wieso? -- In einem Duell wegen einer -Ballettänzerin. Zwei Schüsse durch die Lunge. - -Ruth sah vor sich dicke rosa Schminke, rosa Ballettröckchen und rosa -glatte Füße. Dazwischen blutend aufgedunsen die Lunge des Leutnants. -Seine schwarzen Zähne. Das war der Tod. - -Am nächsten Tag kam die alte Friseurin heulend. Der Arzt habe gesagt, -wenn ihr Bub nicht bald in eine Anstalt käme, sei seine Tuberkulose -nicht mehr heilbar. Ruth schnitt sich mit den Nägeln in die Hände. Was -schreit sie so, Thomas ist doch schon lange tot und das kleine -Ungeheuer, die Nähmaschine ist ein Leichnam, der sich aufbläht mit den -Erlebnissen anderer. Und was will der grüne Bub vom Leben. In einer -Schreibstube geometrische Zeichnungen machen. Keiner kommt bis -Australien. - -Mutter versprach, ihr Möglichstes zu tun. Am Abend sagte Ruth -verzweifelt: -- Mutter, müssen wir denn alle sterben? - -Richard hatte sich verlobt. Mit Norberts Schwester. Ruth erinnerte sich: -aufgestülpte Nase, aristokratisch tiefe Stimme, dicke kleine Freundin. -Auch gut. Im übrigen war es ihr ziemlich gleichgültig. - -Einmal, während des Mittagessens, kam ein Mädchen, bleich, trostlos, das -Richard sprechen wollte. Ruth hatte ihr die Türe geöffnet. Richard war -bei seiner Verlobten. Das Mädchen stöhnte auf. Sie packte Ruth beim Arm: -Helfen Sie mir. Ruth sah ihr in die hübschen Kinderaugen, die voll -Tränen standen und führte sie in den Salon. - -Mutter kam dazu. Die alte Geschichte. Das Kanzleimädchen. Mutter weinte -auf und versprach fast flehend zu helfen. Aber sie müsse schweigen, um -Gottes willen. - -Als das Mädchen gegangen war, fragte Ruth: Wie willst du ihr helfen? -Mutter sagte: Geld. Und Ruth haßte sie. Sie dachte an das winzige -Geschöpf, das schon im Mutterleib erwürgt wurde von fremden Händen. -Wirklich fremden Händen -- - -Mutter weinte den ganzen Nachmittag durch: Daß sie keine Ahnung haben -konnte. -- Mir hätte er es doch sagen können, mir, immer habe ich alles -von ihm gewußt, seit er ein ganz kleiner Bub war. Da ist auch nur dieses -Frauenzimmer schuld. Aber er hat mir ja geschworen -- - -Ruth kam es lächerlich vor, daß Mutter jemals glauben konnte, Richards -Vertraute zu sein. Aber Mutters Augen waren wieder so zerbrochen. Mit -zornbebender Stimme sagte sie: -- Dazu bin ich doch da, um von euch -alles zu wissen. Ruth ging aus dem Zimmer, etwas in ihr rief: Und dann -bist du eben tot. - -Wo war Mutters Leben -- bei ihren drei Kindern, in Vaters Grab -- bei -den gelben Phiolen -- - -Ruth sagte zu Martha: -- Da bekommt Richard ein Kind und Mutter weiß es -nicht einmal. Das ist wirklich eine Schmach, aber sie wird ja alles mit -Geld gutmachen. -- Woher weißt du, daß das Kind zur Welt kommt? sagte -Martha, lehrerinnenhaft überlegen. -- Martha, du gehörst auf den -Scheiterhaufen. - -In der Nacht sah Ruth Martha auf der Straße, im Sonnenlicht, mit einem -langen grauen Regenmantel. Ernst, streng und emsig, mit toten Augen und -blauen Nägeln. - -So war sie denn von lauter Toten umgeben. Richard war ja auch tot. Er -tat nur so überlegen. Aber sein Leben lag im Leib jenes jungen Mädchens -und seine eigenen Finger erdrosselten es. - -Er steckte auch in einer Grenze, wie Norbert. Die lief weiter weg von -ihm als bei diesem, aber sie war tief eingegraben. Er verstand sieben -Sprachen. Er kannte alle Wagner-Opern. Er heiratete Norberts Schwester. -Er eroberte sich einen guten Platz in der Welt. Er hatte einen großen -Sarg. - -Ruth sehnte sich wieder unsäglich danach, tot zu sein wie Thomas. Nicht -mehr scheinlebendig. Aber nur nicht sterben. Sterben tat ja sicher -entsetzlich weh. Schon lange tot sein. Ohne denken, ohne Verantwortung -für den nächsten Tag -- - -An Onkel Gustav hatte man über Richards Verlobung ganz vergessen. Eines -Tages kam seine Hausmeisterin mit sensationslüsternen Augen. Es gehe ihm -sehr schlecht, er röchle furchtbar. - -Mutter weinte zuerst, ehe sie sich ankleidete, um hinzugehen. Ruth ging -empört in ihr Zimmer. - -Sie wollte Onkel Gustav nicht mehr sehen. Was liegt ihr überhaupt an -Onkel Gustav. Sie hat ihn immer verachtet. Sie wird sich heute nichts -vormachen, so wie Mutter. Gewiß nicht. - -Sie setzte sich an ihren Schreibtisch und versuchte eine italienische -Übersetzung zu schreiben. Ihr Geist war dabei. Aber in ihren Händen -kochte ein fremder, fieberhafter Puls. - -Durch die Fasern des Fleisches gräbt sich, stößt sich blühende -Lebenskraft. Aber ganz innen in ihrem Leib fällt etwas ab, bröckelt -etwas ab, mürb und müde. Wer preßt ihr die Brust zusammen und würgt sie, -daß sie husten muß -- Ist das Schleim und Blut -- Ist das ihre eigene -Kehle -- - -Über Ruths italienisches Übersetzungsbuch steigt wie Frühlingsatem empor -die freche Liebe der jungen Wilden, die Gustav einmal an sich reißen -wollte. Von der sie nie etwas gehört hat. Und es riecht nach faden, -blonden Madonnenhaaren, Ansichtskarten mit weißen Kaninchen. In weiter -Ferne leuchtet ein lichtes Ährenfeld im Juliwind, eine marmorbleiche -Haut. Und die alte Geige lehnt an dem rußigen Eisenofen. - -In Ruths Knochen bricht etwas. Das Mark wird zerrissen. Ein Leben -stirbt, das sie nie gekannt hat. Ein Leben, das sie mitgetragen hat in -ahnungslosen Händen. Onkel Gustav stirbt. - -Ruth steht auf in erstarrtem Entsetzen. -- Agnes, ruft sie in die Küche -hinein, singen sie nicht so laut, wir sterben heute. - -Sie geht durch die weißerstarrten Gassen. Deren grelles Gefunkel in der -Sonne schmerzt. Der Himmel ist tief dunkelblau. Onkel Gustavs höchster -Wunsch war immer, einmal nach Italien zu kommen. Der Schnee zerbricht -unter ihren Schritten. - -Vor Gustavs Haustor will sie noch umkehren. Mutter wird sicher weinen. -Richard und Martha machen traurige Gesichter. Norbert ist gewiß auch da. -Nein, es ist unmöglich hinaufzugehen. Aber da ist noch Onkel Gustavs -Hund. Sie kriecht über die Treppen. - -Onkel Gustav hat das Gesicht zur Wand gekehrt. Der Hund liegt auf seinen -Füßen. Den läßt er nicht von sich. Aber sonst kennt er niemanden. - -Ruth will die weinenden, die gefaßten, die wichtigen Gesichter nicht -sehen. Sie geht an das Fenster. Sie möchte es aufmachen. Aber sie ist -gelähmt. Auf dem Fensterbrett steht eine halbgefüllte Teetasse mit -schief abgebröckeltem Rand. Und ein rostiger Löffel. Es ist doch gut, -daß Onkel Gustav stirbt. - -Der Arzt unterhandelte mit Richard und Martha, wie man Mutter am besten -aus dem Zimmer bringen könne. Er hatte seine geschäftsmäßig traurige -Miene. Ruth wollte sich nicht umwenden. - -Die Sonne war untergegangen, draußen in ferner Ebene. - -Onkel Gustav röchelte. - -Norbert trat zu ihr: Ruth -- Lassen Sie mich. -- Aber Ruth -- So lassen -Sie mich doch, was wollen Sie von mir. Gehen Sie hin zu ihm. Legen Sie -sich auf seine Füße. Wärmen Sie ihn. - -Onkel Gustav röchelte. - -Blut und Schleim. - -Es wurde ganz dunkel. - -Mutter war von Martha weggebracht worden. Der Arzt war fort. Norbert -auch. Richard saß in einem Sessel, den Kopf in die Hände gestützt. Die -schmierige Hausmeisterin machte sich an Gustavs Bett zu schaffen. Ruth -stand unbewegbar erstarrt an dem Fenster. - -Da schrie der Hund. - -Ruth war bei Gustav. Aus seinem herabgefallenen Kiefer quoll das Blut -auf die sterbende Brust. Ruth legte die Hand darauf. In Liebe. Dann -brach sie zusammen. In Ekel ... - -Alles roch nach dem Leichenbitter, der vor Gustavs Türe stand. Auch die -Blumen in der Blumenhandlung. Mutters schwarzgerändertes Taschentuch. -Und das italienische Übersetzungsheft. Die dumpfen Kreppschleier. - -Alle sprachen lieb von Onkel Gustav. Ruth haßte alle. Nicht weil sie ihn -gemordet hatten. Aber weil sie mit ihrem bißchen kläglichen Gernehaben -protzten. Keiner kannte das große Erbarmen. Auch sie nicht mehr. Eine -Sekunde lang hatte sie es empfunden. Seither war ihr, als trügen ihre -Hände vernarbt Kreuzeswunden, mit rostigen Nägeln durchschlagen. Aber -vernarbt. - -Sie trauerte nicht. Kam nicht einmal mit zum Leichenbegängnis. Ging zur -selben Stunde mit dem namenlosen Hund spazieren. In einer blauen Bluse, -durch taubelebte, klatschende Gassen. - -Sie bürstete den Hund und fütterte ihn. Aber sie hatte eine furchtbare -Angst vor seiner langen, spitzigen Schnauze. Die dem schmalen Tiermaul -an der weißgetünchten Wand immer ähnlicher wurde. Ach Gott, wie so -ähnlich -- - -In den verständnislosen, angstvollen Augen des Hundes lag der Schmerz -einer geprügelten Welt. Und unendliche Sehnsucht. Wonach -- Nach dem -Schluck Wasser -- - -Wie einsam mußte Onkel Gustav gewesen sein. - -Ruth fürchtete sich vor den langen, spitzen Zähnen des Hundes. Er lief -ihr nach auf Schritt und Tritt. Und sie konnte ihn nicht zu den andern -zwingen. Die riefen ihn bei dem englischen Namen, den Mutter ihm gegeben -hatte. - -In der Nacht lief er winselnd vor ihrer Türe hin und her, bis sie ihn in -das Zimmer ließ. Dann schlief er in einer Ecke. Sie aber hielt die Augen -weit offen vor Grauen. Dort lag das Tier. - -Fell, gierige Zähne, saugende Zunge. - -Das Tier atmete lauter und rascher als sie. Zerstörte den Rhythmus ihres -Zimmers. Das war zum Stall geworden. - -Alle riefen den Hund bei dem englischen Namen. Er gehorchte keinem. - -Einmal riß sie ihn an dem Halsband zurück, als er aus dem Kübel trinken -wollte. Da schnappte er nach ihr. Das Blut tropfte aus drei großen, -tiefen Löchern in ihrer Hand. Ihrer schmalen, braunen, suchenden Hand. -Wie sie diese Hand liebte. Ihre Hand. Ihre glatte Menschenhand. - -Sie bekümmerte sich nicht mehr um den Hund. Er folgte niemandem und -Mutter ließ ihn vertilgen. - -An diesem Abend saßen sie alle unter der Speisezimmerlampe. Und Mutters -Rechenbücher beherrschten die Mitte. Richard sagte: -- Der arme Kerl. -Eigentlich bist du schuld an seinem Tod, Ruth. -- An Onkel Gustavs Tod? --- Nein doch, ich meine den Hund. -- Ach so. - --- Hilf mir, Richard, sagte Mutter über den Tisch herüber. Ich kenne -mich da nicht aus. -- Richard beugte sich über ihre Schulter. Dann sagte -er mit traurigem Gesicht: -- Diese Rubrik können wir jetzt streichen. -Und zog mit rotem Bleistift einen dicken Strich über eine halbe Seite. -Ruth sah oben den Namen Gustav. - -Nein, das war unmöglich, nein, das konnte man doch nicht tun, mit rotem -Bleistift, rotem Bleistift -- - -Ruth sagt noch immer: Roter Bleistift, vor sich hin. Sie geht durch -dunkle, frostdumpfe Gassen. Sie läuft. Sie fliegt. - -Jemand ist geschändet worden. Wer ist geschändet worden. Der Tod ist -geschändet worden. Christus ist am Kreuz gestorben und man betet zu ihm -um gutes Wetter. Gustav ist gestorben und man streicht die Ausgaben für -ihn mit rotem Bleistift aus dem Einschreibebuch. - -Sie will nie mehr nachhause zurück. Lieber in ein Freudenhaus. - -Wer will nicht zurück -- Ihre Glieder tragen Mutters Ungeduld und Vaters -Leiden. Richards Hochmut und Marthas Resignation geben ihr ihre -Kopfhaltung, ihre kindische Würde. Als Onkel Gustav sterben mußte, war -etwas in ihrem innersten Mark zerrissen. - -Jedes einzelne Blutgefäß spinnt einen langen Faden aus sich heraus in -Mutters Hände hinein, die ja so fremd sind, so in sich zerbrochen. Aber -eine Stimme schreit aus Ruths Kehle, die ist ganz neu. Vielleicht kommt -sie von den Obstbäumen auf den wilden Feldern, die alle in ein paar -Monaten blühen werden. - -Noch preßte die Kälte die Häuser zusammen. Und alle Menschen steckten in -wollenen Jacken, deren Farbe nicht schön war. - -Ruth kauerte tagelang vor ihrem kleinen Ofen. Ihr Körper war steif -geworden und ihr selber unbekannt. Vor diesem Ofen war Thomas an seinem -letzten Abend gelegen. Und sie selbst. Und vielleicht noch ein dritter. - -Nun ist sie müde, nicht zum Sagen müde. Sie möchte sich die Haut von den -Armen streifen. Sie möchte sich in sich hinein verkriechen und in einer -dunklen Ecke verstecken. Allein sein. Sie kennt niemanden mehr. Was -wollen alle diese von ihr, diese Lügner, die nur zum Schein ganz leben -und an hundert Stellen getötet sind. Diese heimlichen Mörder -untereinander. - -Wo ist ihre Grenze. Sie kann sie nicht erblicken. Sie späht um sich mit -leeren Augen. Wer sieht aus ihr heraus? Wer wühlt mit bleichen, -schweren, kraftlos vollen Händen in ihrem Hirn? Das alles kann sie doch -allein so ganz unmöglich verstehen. Sie ist ja jung, in ihren Zehen -federt die Sprungkraft ihrer Jahre. - -Sie möchte schon lange tot sein. Aber sie wird jetzt nicht sterben. Sie -genießt nur die süße Müdigkeit und darf sie doch nicht bis an das Ende -kosten. In ihr lebt ein Fremder, Mächtiger. Und denkt. - -So kauert sie vor dem verglühenden Ofen. Der immer weiter brennt. - - - - - Vision - - -Unter den hochkreuzigen Fenstern läuft die Straße. Die Straße, die alle -gehen müssen. Die eine Straße. Der eine Weg. - -Pferdehufe schlagen das bucklige Pflaster. Wagenräder, die in sich -zerbrechen, kratzen darüber hin. Und so viel Schuhe. Hochmütig spitze -aus weichem Leder, behäbig breite, löcherige und Holzsandalen. - -Vielleicht sind alle die Eilenden lautlos. Und nur der rohe Stein lärmt. -Poltert, rattert, zerschmettert -- in nichts. - -Die Luft war weich geworden und der Schnee schmolz in großen, brandigen -Klumpen. Strähnig schleckte er sich über die Dächer. Schwamm in den -braunen Pfützen. Die Schaufenster waren frisch gewaschen. Straßenlichter -stritten mit langer Dämmerung. - -Das war schon immer gewesen. Ruth lag vor ihrem Fenster und getraute -sich nicht, es zu öffnen. So war sie einen ganzen, langen Scharlach -hindurch einmal an den Fenstern gelegen. Als sie so klein war, daß sie -ein Fragezeichen von einem großen S nicht unterscheiden konnte. Und -beide ineinander an das trübe Fensterglas zeichnete. Als sie zu Mutter -betete und ihre Furcht vor der nahen Nacht unter erdachten Abenteuern -vergrub. - -Nun lag sie an dem Fenster und wußte: Dieses junge Mädchen wird bald ein -neues, lustig blaues Sommerkostüm bekommen. Der Mann dort schleppt die -eine Achsel schwer. Er muß viele Lasten darauf getragen haben. Warum -lebt die alte Frau noch, mit den traurigen weißen Haaren? Ob das kleine -Mädchen mit der Springschnur auch so parkmüde ist, wie sie es immer war, -nach den stundenmäßig eingeteilten Spaziergängen -- - -Sie gingen alle in einem Rhythmus. Ruth spürte das gleichmäßige -Aufschlagen der Sohlen -- jetzt -- und jetzt -- wieder -- und jetzt -- -wieder -- und jetzt. Ein Betrunkener johlte unten in dem Wirtshaus, daß -man den sauren Weingeruch heraufwirbeln fühlte. Dann das Schweigen der -Schritte -- jetzt -- und jetzt -- wieder und jetzt -- - -Bis ein Lastwagen dieses Schweigen zerbricht, so daß tausend lebendige -Splitter über den Rinnstein springen. - -Richard kommt die Straße herunter. Er trägt noch den steifen, schwarzen -Hut, wie im Winter. Er weiß nicht, daß heute Sommer ist. Daß sich alle -ungefesselten Glieder ausziehen müssen und dem durstenden Föhn anbieten. -Mutter schlägt im Nebenzimmer eine Tür zu -- - -Ruth suchte sich pfeifend ihren alten Strohhut aus einem eingekampferten -Kasten. Schlug ihn platt auf den Tisch, daß das Geflecht knirschte. Und -lief davon. Ohne Handschuhe. - -Lief durch die eine Straße. Den einen Weg. - -Wann war es das erste Mal, daß sie so gelaufen war? Daß ihre selig -gläubigen Füße sie über Tiefen springen ließen, die zwischen den -Pflastersteinen lauerten. Wann war es -- gestern -- heute -- morgen wird -es sein -- - -Die Erde ist schwanger von blühendem Leben. Und das Geborene ist tot. -Und die Luft ist schwer zu atmen vor erstickten Keimen. - -Braungrün schwimmen die Pfützen im letzten Tageslicht. Die Laternen -flimmern bloß. - -Ruth läuft den einen Weg. Die eine Straße. Es ist ja immer dieselbe -eine. Mit jedem Schritt fällt ein Stück Last von ihren schmalen -Schultern. In die tauende Erde. Aber sie kehrt nicht um, damit sie -dieses Stück in den Boden hinein zertritt. Recht fest. Nein, sie läuft -ja immer weiter. - -Ein Kutscher knallt mit der Peitsche. Ein altes Weib keift -- oder -vielleicht erzählt sie nur. Aber immer weiter, immer weiter, den einen -Weg. Die Straße ist ja furchtbar schrill, die Häuser haben so empörend -scharfe Kanten, die die Luft zerschneiden, wie aufgestellte Messer. - -Aus den offenen Fenstern fällt eine grauweiße Masse heraus. Sind das -schmutzige Leintücher -- Die wollen sie hindern am Weiterkommen auf dem -einen Weg. - -Nein, diese vielen, empörend fremden, gleichgültigen Menschen. Da -schmeißen sie die ganze Winterausdünstung auf die Straße herunter. Ihr -entgegen. Diese vielen. Und sie sucht nur den einen. - -Wer sind die alle, die sie nicht lieben darf -- Diese Holzpuppen, die es -wagen ihr Schuhe zu machen und Gesetze zu geben. Die nach Schweiß -stinken und Bier. Sie sucht den einen. - -Sie will die alle ja gar nicht kennen, die da gierig an ihr -vorbeilaufen. Sie weiß so schmerzhaft gut, was sie suchen, was sie -niemals finden. Warum weiß sie es so gut. Sie will es gar nicht wissen. -Will zu dem einen. - -Unverständige Kinder dulden stumm die Schmerzen der Eltern mit. Und -heben, aufgewachsen, die Hand gegen ihre Erzeuger. Spitze Tiermäuler -saugen die Menschenliebe von den Mittagstischen. Und Krieg liegt in den -nahen Grenzen. - -Warum weiß sie das. Sie geht nur zu dem einen. Der weiß es auch. - -Die grauen Leintücher werden immer dichter. Man sollte die kantigen -Häuser untergraben, sprengen, daß alles Geschirr aus den Fenstern -stäubt, die blumigen Suppenschüsseln, die blauen Kochtöpfe. O, wie sie -lachen wird. Mutter schlägt die Hände über dem Kopf zusammen. Aber -Thomas hätte auch gelacht. Die Grundmauern der Häusermassen sind lange -nicht so fest wie die beschmutzten Ecksteine. Aber was braucht sie das -zu wissen. Sie geht zu dem einen. Er soll es wissen. - -Man darf nicht warten bis die Häuser einfallen. Die große Fackel muß man -nehmen, Thomas' Fackel. Die liegt bereit, nicht weit weg. Lichtzüngelnde -Flammen sollen die grauen Leintücher zerfetzen. Hoch hinauf, das muß -geschehen. Sie weiß es. Nein, sie wird es nicht lange mehr wissen. Sie -läuft hin zu dem einen. Er soll es wissen. - -Da steht sie vor seinem Haus. Seine Fenster sind dunkel. Viel dunkler -als die verschwommene Straße. Und ganz leer. - -Er ist also auch heraußen. Vielleicht geht er sogar hinter ihr, neben -ihr. Sie kann nur den Kopf nicht wenden. Weil sie immer weiter gehen -muß, geradeaus. - -Ihre Hände sind heute schwer und voll und weich und weiß. Die Schultern -legen sich nach rückwärts, künstlich steif. Eine lichtbraune Locke, die -gerne zigeunerhaft sein möchte, hängt in die Stirne. - -Wie jung der Winterfrühling ist. Und wie alt die Einsamkeit. Wohin -gehen, wenn das Zimmer nur voll ist von einem selber. In den gelben -Phiolen brodelt man selbst, verdickt, kondensiert. - -Es gibt Kaffeehäuser mit rauchigen Tischen und zahllosen Zeitungen. Dort -sich niedersetzen. Die Kellnerinnen sind liebenswürdig, bedienen gerne. - -Eine dicke Brille schützt den scharfen Blick gut. Sie ist aus solidem -Fensterglas. Besser in das hohe Weinglas schauen als um sich herum. Die -Luft ist dick von grauen Leintüchern. In denen die kampfunfähigen -Glieder schon oft sich vergraben haben. - -Zwei Commis spielen Billard. Die Glücklichen. Und jeder weiß, wohin er -dann gehen wird. Die Glücklichen. - -Die Indianerhäuptlinge in den Knabenbüchern wußten auch immer wohin sie -gingen, nach den furchtbaren Schlachten. Diese Leute langweilten sich -nie. Dachten auch nie. Das hatten sie nicht notwendig. Sie lebten auf -wilden Pferden in unabsehbaren Prärien. Wehendes Gras unter licht -schwimmendem Himmel. Wo sind diese Füße -- Sechs Häuser weit weg von der -Gasse. Aber die Füße sind steif. Und der Kopf arbeitet an einem -mathematischen Problem. - -In den schmierigen Marmor des Kaffeehaustisches zeichnen schwere, -bleiche Hände tote Formeln. - -Die weiche Luft, die zugig durch den Rauch schlägt, ärgert diese -Formeln. Diese Formeln bekommen blühende Rundungen. Leberblümchen, -Primeln -- o, nein, grinsend verzerrte Buchstaben. - -Die Knochen sind sehr schwer. Aber sie sind einander wohlerzogen -angegliedert. Und bleich. Nicht roh durcheinander gebeutelt wie bei -Thomas. Zum Glück -- oder Unglück. - -Sie gehören einem Menschen an, der im Parkett des Theaters sitzt und den -Vorgängen auf der Bühne zusieht, sehr interessiert und sehr fremd. Aber -zuhause wartet kein verschlossenes Zimmer auf ihn, vor dem er Angst hat, -weil er nicht alle seine Geheimnisse kennt. - -Deshalb sehen die erlebnislosen Zuschauerblicke alles so genau, viel zu -genau und verstehen alles genau, viel zu genau, wissen alles. - -An einem Sommerabend kniete einmal ein kleines Mädchen vor dem Tisch und -biß in die Kante, daß das Holz zersplitterte. Ihre Seele lag nackt und -zitternd einsam auf einem dunklen Seziertisch vor fremden, prüfenden -Augen. Zerschnitten. Aber die Zähne zerbissen den alten Tisch. Kräftige -Zähne. Ein fremdes kleines Mädchen. - -Durch die Kaffeehaustür geht eine üppige Frauensperson. -Selbstgeschlossen in ihrer Reife. Rotblondes Haar und Lippen, die Geld -fressen wollen. Der Hut wippt zu hoch, über einer häßlichen Stirne. Ihr -nach. - -Ihr nach durch schlüpfrige Gassen und winkelige Höfe. Wie stolz sie -geht, sie ist eine Königin der Erde. Karminrot geschminkt. Alle -Königinnen sind karminrot geschminkt. - -Nicht die volle Hand berühren. Aber hinter ihr her gehen. Langsam, -kostend. - -Sie geht auf ein Haus zu mit verschlossenen Laden. Im Parterre sind -weiße Spitzenvorhänge und über dem Tor glüht brünstig die rote Laterne --- - --- Wohin will das Fräulein -- ein junger Kellner mit schwarzen Zähnen im -grünbleichen Gesicht tritt ihr entgegen. Die Zähne des Leutnants. In der -kleinen Halle stehen rote Korbsessel. - --- Entschuldigen Sie, sagte Ruth aufmerksam und langsam, ich glaube, ich -bin in ein falsches Haus geraten. Lief dort nicht jemand über die -Treppen mit zurückgelegten Schultern? -- - -Ruth fuhr mit der Straßenbahn nachhause. Im roten, lärmenden -Tabaksdunst. Ihre schmalen, braunen Hände spielten auf den Knien. Da -waren noch die Narben von dem Hundebiß. Ihre Hände. Braun. Vielleicht -auch etwas gelb von den Phiolen. - -Auf seinem Schreibtisch war einmal ein scharf geschliffenes Messer -gelegen. Das schneidet gut. Es riecht nach Blut und Chemikalien. - -Soll sie sich das Messer holen? Die zarten Adern aufschneiden? Was kann -das nützen. Von den feinsten Poren des Hirns aus durch den ganzen Körper -strömen die müden Säfte eines verbrauchten Lebens. Gift. - -Das findet kein Messer. Er hat gut experimentiert. Die Phiole brodelt. - -Ruth sieht um sich. Aber in ihren entkleidenden Blicken leuchtet eine -junge Kraft. - - - - - Abrechnung - - -Ich komme zu dir, sagte Ruth. Und seine Augen zitterten. Triumph. - -Das ganze Zimmer warf sich ihr entgegen in einer Staubwolke. Verweste -Gedanken. Sie lächelte. - --- Wie ich mich freue, daß du wieder da bist. Er drückte liebenswürdig -ihre Hände. Sie fühlte, daß sie müdbraune Handschuhe hatte. In den -Schaufenstern der Juweliere liegen Diamantarmbänder. - -Auf dem unordentlichen Schreibtisch kollern sattgelb Minerale. Wo sind -die Phiolen -- und das scharfgeschliffene Messer -- ist das Thomas' -Messer -- - --- Warum hast du die Fenster nicht offen? In den Gärten liegt Flieder. -Doch nein, laß es. - -Ruth lächelte, während sie dachte: wozu die wirren Locken -- Er könnte -genau so gut einen braven Scheitel haben wie Norbert. - -Und als er mit den großen, zerbrochenen Bewegungen die Zigarre anzündete --- wie immer -- stürzte das Gleichgewicht der Frühlingsstraßen draußen -in sich zusammen und zwischen den zersplitterten Pflastersteinen tanzte -Bella mit Thomas. Aus Mutters Kommode taumelten Briefe -- - --- Du sprichst gar nichts, sagte er. -- Du weißt alles, sagte sie. - -Dann schwiegen beide. Aber wie die Dämmerung so weit hereingekrochen -war, daß das steifbeinige Zifferblatt der Uhr verschwimmen mußte, sagte -Ruths Stimme, fremd und hell: - --- Du wartest, daß ich dir erzähle. Was soll ich dir erzählen? Es ist -nichts geschehen. Es ist etwas Ungeheures geschehen. Ich trage bis heute -die ganze Last deines verbrauchten Lebens in mir. - -Ich sehe deine weißen, mörderischen Hände. Wenn es auch dunkel ist. -Warum hast du niemals Leberblümchen mit ihnen gepflückt oder Primeln. -Stiefmütterchen, die zwischen den Bahnschwellen liegen. Warum bist du -denn immer hinter den langweiligen Bahnschranken stehen geblieben und -niemals mitgefahren in federnden Kissen. Deine Hände sind auf den weiß -gestrichenen Schranken gelegen. Noch als du ein kleiner Junge warst und -hinauf greifen mußtest. Sie haben sich nicht getraut, eure Kaninchen zu -erwürgen. Obwohl sie es so gerne getan hätten. O, du hättest es tun -sollen -- - -Aber das Weiße in Mutters Augen ist zerbrochen. Ich weiß es. - -Ich weiß jetzt alles. Und ich fühle den Zorn, der deshalb in dir tobt. -Und die blutlechzende Freude, mit der du mich wiederkommen siehst. Denn -ich bin wiedergekommen. - -Weil ich deine feigen Nächte kenne. Deine Phiolen -- - -Er war aufgesprungen und stand vor ihr, so groß und dunkel, daß die -Dämmerung bleich werden mußte und verdrängt. - -Da sank sie in sich zusammen: -- Ich liebe deine Hände. Ich liebe deine -Minerale. Ich liebe dein Gift -- dich -- - -Er beugte sich über sie, tief, erdrückend. - -Sie bäumte sich auf. Und fühlte seine kampfbereiten Muskeln. - -Er keuchte: -- und -- - -Sie neigte den Kopf: -- Ich habe mich ergeben ... - -Als sie wieder aufschaute stand er in einer Fensternische, bleicher als -die Dämmerung. Und das Zimmer war weich geworden und willenlos -ausdehnbar. Ohne Kampfkraft. - -Ruth stand auf und lächelte: -- Ich glaube, jetzt haben wir einander -nichts mehr zu sagen. - -Und sie ging durch die nachtschweren Gassen, sich badend in dem -blütenschwangeren Regen des Mai. - - - Anmerkungen zur Transkription - -Offensichtliche Fehler wurden stillschweigend korrigiert. Weitere -Änderungen sind hier aufgeführt (vorher/nachher): - - [S. 62]: - ... Wer hat ihr jetzt eine Maschine in den Kopf gesetzt. ... - ... Wer hat ihr jetzt eine Maschine in den Kopf gesetzt? ... - - [S. 62]: - ... mit licht gepeinigten Augen, grell, schreiend grell, laut. ... - ... mit lichtgepeinigten Augen, grell, schreiend grell, laut. ... - - [S. 86]: - ... hat eine wohlgefühlte Geldbörse in der Tasche. Kupfergelb, ... - ... hat eine wohlgefüllte Geldbörse in der Tasche. Kupfergelb, ... - - [S. 145]: - ... soll. Mutter sah sie erstaunt an. -- Ja, ich kann doch nicht ... - ... soll? Mutter sah sie erstaunt an. -- Ja, ich kann doch nicht ... - - - - - - -End of the Project Gutenberg EBook of Die Vergiftung, by Maria Lazar - -*** END OF THIS PROJECT GUTENBERG EBOOK DIE VERGIFTUNG *** - -***** This file should be named 62801-8.txt or 62801-8.zip ***** -This and all associated files of various formats will be found in: - http://www.gutenberg.org/6/2/8/0/62801/ - -Produced by Jens Sadowski and the Online Distributed -Proofreading Team at https://www.pgdp.net. This file was -made from scans of public domain material at Austrian -Literature Online. - -Updated editions will replace the previous one--the old editions will -be renamed. - -Creating the works from print editions not protected by U.S. copyright -law means that no one owns a United States copyright in these works, -so the Foundation (and you!) can copy and distribute it in the United -States without permission and without paying copyright -royalties. 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