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-The Project Gutenberg EBook of Die Vergiftung, by Maria Lazar
-
-This eBook is for the use of anyone anywhere in the United States and most
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-whatsoever. You may copy it, give it away or re-use it under the terms of
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-
-Title: Die Vergiftung
-
-Author: Maria Lazar
-
-Release Date: August 1, 2020 [EBook #62801]
-
-Language: German
-
-Character set encoding: ISO-8859-1
-
-*** START OF THIS PROJECT GUTENBERG EBOOK DIE VERGIFTUNG ***
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-
-Produced by Jens Sadowski and the Online Distributed
-Proofreading Team at https://www.pgdp.net. This file was
-made from scans of public domain material at Austrian
-Literature Online.
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- Maria Lazar
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- DIE VERGIFTUNG
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- 1920
- LEIPZIG - E. P. TAL & Co., VERLAG - WIEN
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- Alle Rechte, insbesondere das der Übersetzung vorbehalten.
- Copyright 1920 by E. P. Tal & Co., Verlag Leipzig und Wien.
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-
- Die Tür
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-
-Eine braune Holztür, glatt, mit vielen dunklen Flecken. Eine Tür wie sie
-überall ist, überall ist. Eine Tür --
-
-Nein, eine dunkle Macht, feindlich, glatt, mit vielen dunklen Flecken.
-Das schlägt ins Gesicht, dem ganzen Körper entgegen. Eine Schicht, eine
-dünne, harte Wand.
-
-Und da verloren sich die schmiegsamen Formen ihres Leibes. Das
-Immerweitertasten ihrer Hände blieb stecken. Sie wurde platt
-zusammengedrückt zu einer Fläche, einem Ding, aus dem nur der ungeheure
-Schrecken herausgestiegen war und draußen stehen blieb, verwundert.
-
-Als sie über die Treppe des Alltagshauses ging, trat sie in die Abdrücke
-der hundert geschäftigen Füße, die täglich hier vorüberliefen.
-
-Wieso war sie überhaupt dahergekommen? Immer daher gekommen und nur da
-her, daß alles übrige draußen liegen blieb?
-
-Heute drang das Licht blendend durch Steine und die erstarrte Haut ihres
-Leibes. Von den Blättern troff es, grell und heiß, und duftete nach dem
-Blut aller, die auf der Straße gingen. Das Blau war zu tief,
-zusammengedichtet aus trotzigen Kräften.
-
-Ach, die furchtbare Helle. Und in sie hineingelegt die Tür, mit den
-dunkelbraunen Flecken. Die sich niemals, aber auch niemals einschlagen
-läßt.
-
-Diese Tür war schon damals gewesen, als sie so klein war, daß sie den
-Kopf ganz nach hinten legen mußte, um die ersten Stockfenster zu sehen.
-War es die Tür aus dem Kinderzimmer heraus oder von der Küche in den
-dunklen Gang, an die sie sich nicht zu hämmern traute, als man sie
-einmal dort eingesperrt hatte? Die Tür, die sich nie und nie zertrümmern
-läßt.
-
-Wievielmal schon hatte sie diese Türe geöffnet, mit Händen, die dem
-eigenen Sieg nicht glauben wollen. Nur ein leichter Druck auf die Klinke
--- und hatte doch immer den Mut gehabt, zu wissen, daß diese Türe einmal
-verschlossen sein muß. Jedesmal hatte sie den einen gräßlichen Moment
-erlebt, der heute Wahrheit geworden war -- verschlossen.
-
-Heute, es ist ja gar nicht heute. Das war schon immer, das hat sie ja
-schon hunderttausendmal erlebt. Tritt man nicht aus der Zeit heraus,
-wenn dann eine Stunde kommt, die sich einbildet, die erste zu sein. Ein
-Heute, das ewig ist -- ein Schritt aus dem warmen Leben -- vielleicht
-ist ihr deshalb so entsetzlich kalt. Und sie muß die Augen schließen,
-während das Sonnenlicht des Tages die Wimpern versengt.
-
-Verschlossen -- undurchdringlich.
-
-Sie geht durch Straßen, wo die Nachmittagsröte die Mauern frißt. Und
-weiß: Der breiten Kastanie vor seinem Fenster ist heute ein Ast
-abgehauen worden. Blendend weiß bietet sich die Wunde der gierigen
-Sommersonne dar.
-
-Sie kann nie mehr weiter tasten. Steht fest, undurchdringlich --
-verschlossen.
-
-Ich muß denken, sagte Ruth. Sie nahm den Brief, der in seine Tür
-geklemmt war und dachte: Ein zu kleines Kouvert. Und warum macht er dem
-R bei Ruth so einen Schnörkel? Eine wütende Lust überkam sie, den Brief
-von sich zu werfen, irgendwohin, vielleicht in den Straßengraben. Und
-dann nie mehr ... Aber sie hielt ihn fest und ging so lange, bis die
-erste Dämmerung sich mit dem Staub der Großstadt mischte, der in die
-Höhe stieg, langsam, leise und unerbittlich.
-
-Es schlug neun Uhr vom Kirchturm. Sie dachte: Mutter ist böse, wenn ich
-zu spät zum Abendessen komme. Und Richard macht seine verwunderten
-Augen. Ich will sie nicht ärgern. Aber ich bin nur so elend, wie sie gar
-nicht wissen, daß man sein kann.
-
-Sie spürte den Essensgeruch der aus der Küche quoll, als die Köchin
-öffnete. Und war gespannt was es gäbe, während ihr die Tränen in die
-Augen traten, daß sie jetzt daran denken könne.
-
-Sie sah nicht auf Mutter und Bruder, während sie schweigend würgte. Sie
-hörte nicht die Nörgeleien der Schwester. Sie schluckte eilig große,
-trockene Bissen hinunter und fragte sich nur: Was habe ich? Sie wußte es
-nicht mehr.
-
-Aber als sie in ihr Zimmer trat, schrie der Spiegel seinen Namen. Und
-sie sah ihr Bild darin, wie sie sich den Schleier vorgebunden hatte,
-bevor sie weggegangen war, heute. Die Bücher auf dem Tisch, die
-vernachlässigt und zusammengeworfen waren, und die zerrissene Mappe
-atmeten seinen Duft aus. Und von dem seidengelben Lampenschirm herab
-träufelten in weichen Farben ihre nächtlichen Gedanken.
-
-Sie öffnete den Brief. Und las verächtlich seine großen Lügen.
-
-Der Spiegel schrie seinen Namen. Sie sah sich drinnen, wie sie sich den
-Schleier vorgebunden hatte. Wird sie so nie mehr zu ihm gehen.
-
-Aber ja, morgen geht sie zu ihm, ganz so wie sonst. Was hat sie nur
-heute. Der Brief ist ja so einfach zu verstehen. Warum soll er denn
-nicht einmal verhindert sein, geschäftlich.
-
-Ruth las den Brief noch einmal. Die lächerliche Schlinge des R und die
-kriecherische Windung des L in Liebe.
-
-Er lügt. Aber das macht ja nichts, das wußte sie schon immer. Und doch
--- sie kann nicht mehr.
-
-O Gott, was ist nur geschehen? Was ist mit ihr? Durch das Fenster
-strahlt die warme Sommernacht, wie eine Fülle leuchtender
-Versprechungen. Die Welt ist hell. Sie war bis jetzt nur in einer
-dunklen Stube. Dunkle Stühle, dunkle Flecken an der dunklen Tür. Die
-Welt ist hell. Ihre Glieder, ihr armer vergessener Körper schreien nach
-Licht. Sie kniet am Boden. Ihre Zähne beißen in die Tischkante, oh, daß
-sie nicht aufschluchzt.
-
-Sie will denken. Sie weiß, daß seine Augen durch alle Mauern auf sie
-sehen. Aber ihre Hand sagt nein, ihr Knie schlägt in trotzigen Stößen
-auf die Diele.
-
-Ihr Hirn schmerzt vor Sehnsucht nach ihm, ihre Zähne beißen in die
-Tischkante.
-
-So lange sie denkt, gehört sie ihm. Aber da ist noch etwas an ihr, das
-nicht denkt. Das treibt, das schlägt, das stößt, das treibt sie zu ...
-
-Er stand vor dem Spiegel mit dem zu dicken Rahmen, der alles verdüsterte
-und doch so hervorstach, als wolle er es nicht zugeben, daß eine
-eigentümliche Frechheit von dem bespritzten Glas ausging.
-
- * * * * *
-
-Er stand vor dem Spiegel und sah aufmerksam auf seine schlecht rasierten
-hageren Backen. Auf die etwas zigeunerhafte Locke, die über die Stirn
-hing. Sie war nur zu licht, um wild zu sein.
-
-Er stand vor dem Spiegel und versuchte die Regelmäßigkeit seiner
-schmalen Züge zu genießen, durch die die zu weit nach hinten liegende
-Stirn durchfuhr, wie ein querer Strich in einer regelmäßigen Zeichnung.
-Seine Schultern standen zu weit nach hinten, künstlich steif. Sie
-wollten offen und frei erscheinen. Aber die Augen lagen tief versteckt.
-Die Pupillen waren nicht in sich abgeschlossen, sie liefen über,
-ausstrahlend und doch wie verirrt in das Weiße des Auges.
-
-Er stand vor dem Spiegel und der zusammengepreßte Mund, mit den dunklen,
-schmalen Zähnen erkannte alle Schwächen der kraftlos weichen Hände, die
-sich auf den Rücken legten, während die Schultern sich nach hinten
-streckten, gewaltsam, künstlich.
-
-Als Ruth zur Tür hereinkam, saß er vor dem Pianino und spielte eine
-Beethoven-Sonate. Er trat ihr entgegen mit beiden ausgestreckten Händen.
--- Du kommst spät, sagte er liebenswürdig spöttisch. Aber seine Augen
-blickten böse in eine Ecke des Zimmers.
-
-Ruth erschrak. Wie immer legte sich der süßlichherbe Geruch der Räume,
-den sie nie wo anders getroffen hatte, betäubend um ihre Stirn. Sie
-lachte dann: Ja, denk nur, wieso, ich bin einen verkehrten Weg gegangen.
-
--- Du hast nicht kommen wollen, sagte er langsam und schwer.
-
-Alles stand still. Das Zimmer stand still, jeder Stuhl, selbst die Uhr,
-die sonst immer zu laut schnarrte. Etwas lebte nicht mehr, es war etwas
-gestorben, jetzt, in dieser Minute, etwas Furchtbares war ausgesprochen
-worden.
-
-Ruth dachte: Weinen können. Sie sah die hochmütigen Globen auf dem
-Wandregal, die alle staubig waren. Und die sattgelben Minerale auf dem
-unordentlichen Schreibtisch.
-
-Er rückte ihr den Stuhl zurecht, wie immer. Immer denselben Stuhl.
-
--- Aber was sagst du denn da? lachte Ruth. Es war ihr schlankes frohes
-Kinderlachen, das so seltsam hinaufkletterte über die grau verschossenen
-Wände, die zu hoch waren.
-
--- Mein Kind, sagte er, mit überschlagenen Beinen und fremden Augen, ich
-habe dich seit drei Wochen nicht gesehen und heute kommst du zu spät.
-
--- Du mußt mir erzählen, stöhnte Ruth, alles was da war, alles was du
-erlebt hast, was du gearbeitet hast.
-
--- Ruth, sagte er. Und sie haßte ihn. Spürte den Schnörkel in der
-Schlinge des R.
-
-Sie sah seine weißen, kraftlosen Hände. Wußte, daß sie diese Hände
-niemals vermissen könne. Seine Krawatte war zerschlissen.
-
-Eine heiße Welle stieg in ihr empor, würgte die Kehle. Aber sie war so
-müde. Hilf mir, sagte sie.
-
-Vor ihr war eine große, schwere Wage. Eine Schale war voll eiserner
-Gewichte, schwer und kalt. Die andere leer, ganz leer und hoch oben,
-mutterseelenallein.
-
-Die ganze Welt war aus dem Gleichgewicht durch diese Wage. Und durch die
-Disharmonie seiner Bewegungen. So wie er jetzt die Zigarre zum Munde
-führte.
-
--- Du kannst mich eben nicht mehr aushalten, sagte er langsam. Nein, er
-wußte nichts, er konnte ihr nicht helfen.
-
-Er erzählte ihr von seinem neuesten chemischen Experiment. Und sah sie
-an, als wäre sie eine schillernde Phiole.
-
-Ihr Gehirn wollte mitarbeiten, aber wieder wehrten sich ihre Hände, ihre
-Knie, ihr Blut dagegen.
-
-Die Nacht war hereingebrochen.
-
-Du, sagte Ruth plötzlich, als er ihr seine letzten Tage schilderte, wie
-er sich elend in Gasthäusern herumgetrieben. Hör' auf. Ihre Stimme klang
-hart und hell. Sie sprang auf und nahm seine Hand. Und ein grenzenloses
-Mitleid, ein Schmerz, der sich selber zerbrach, lähmten ihren Atem. --
-Jetzt geh ich und komme nicht mehr. Deine Tür war verschlossen,
-letztesmal. Sie war immer verschlossen. Lüg nicht! Vielleicht weißt du
-es nicht. Ach, diese Kälte herinnen. Und ich liebe dich. Hörst du mich
-nicht. Das ganze Zimmer hört mich ja. Die Bäume draußen hören mich. So
-hör mich.
-
--- Ich höre, mein Kind, sagte er und sie stampfte mit dem Fuß, weil er
-mein Kind sagte.
-
--- Du weißt, daß ich seit zwei Jahren für dich gelebt habe, fuhr sie
-fort und ihre Stimme überschlug sich. Aber ich sage dir, ich spüre eine
-Erschöpfung, eine Gefahr, ich bin zu voll von dir, ich kann dich nicht
-mehr ertragen. O, was tust du mit mir.
-
--- Wohin willst du, sagte er und nahm einen Zug aus seiner Zigarre.
-
--- Fort, schrie Ruth. Was bin ich dir? Eine Phiole mehr für deine
-Experimente.
-
--- Törichtes Kind, sprach er und seine Stimme war schwarz in der lauen
-Nacht. Fort -- du kannst nicht mehr fort. Du warst die Phiole für mein
-kostbarstes Experiment. In dir habe ich mich selber experimentiert.
-
-In diesem Augenblick sah Ruth vor sich auf dem Schreibtisch ein
-schmales, scharf geschliffenes Messer liegen.
-
--- Wohin willst du, fragte er und vertrat ihr den Weg zur Türe. Du
-Kleine, die du die ganze Last eines verbrauchten Lebens in dir trägst.
-
-Ruth roch Blut. Oder waren das seine Chemikalien.
-
--- Nein, sagte sie. Und ging hinaus ohne ihm die Hand zu geben.
-
-Im Stiegenhaus brannte grellrot elektrisches Licht. Und die Straße
-lärmte.
-
-
-
-
- Der Kleiderkasten
-
-
-Ruth erwachte. Durch das Fenster stieß peinigend laut Licht. Es kam von
-drüben, von der fahlgelben Hofmauer, zerbrochen und unverschämt schrill.
-Es saugte die Menschen aus ihren Betten, aus ihren Häusern, ihren
-Gewohnheiten. Und weil heute Sonntag war, liefen sie alle hinaus. In
-eine Freiheit, die zu hell war. Daß die großen grünen Blätter schon
-verdeckt lagen von Staub und zu viel erlebt haben. Wie das schmerzt. Und
-alle schreien. Irgendwo wird Bier ausgeschenkt.
-
-Dasselbe Licht kroch über die Gegenstände ihres Zimmers, die sonst
-dunkel waren. Sie traten heraus aus sich selbst, aus ihrem farblosen
-Dasein und jede Kontur wurde scharf und kam weit hervor.
-
-Es war nicht zum Aushalten. Ruth sprang auf. Sie ließ die Jalousie
-herunter und war erleichtert, als die Eisenstangen auf dem Fensterbrett
-aufschlugen. Dann legte sie sich wieder in das zerwühlte Bett,
-obendrauf, den Kopf weit nach hinten.
-
-Vor ihr stand der Kirschholzkasten. Der liebe, lichte, gerade
-Kirschholzkasten.
-
-Tisch und Stühle und vor allem das dunkle Bücherbrett trugen noch sein
-Gepräge. Sie waren immer nur dagewesen, um zu warten, daß sie zu ihm
-gehe. Und wenn sie wieder kam, waren sie voll Warten für das nächstemal.
-Und nur voll Warten.
-
-Aber der lichte Kirschholzkasten war schon früher dagewesen. Sie sah
-starr auf ihn mit halbgeschlossenen Lidern. Um die anderen nicht zu
-sehen.
-
-Der Kasten hatte etwas vom lieben Gott. Ganz bestimmt. Von dem lieben
-Gott, vor dem man die Hände faltet, um zu ihm zu beten. Der einen weißen
-Bart hat. Und man braucht nur brav zu sein und es kann einem gar nichts
-geschehen. Er schmeckt nach Zuckerlämmchen, die zu Ostern verkauft
-werden. Und auch ein bißchen verstaubt.
-
-Dieser liebe, breitlinige Kasten war einmal groß, so groß, daß man nicht
-bis zum Schlüssel reichen konnte. Und alles war darin, was man nur
-brauchte.
-
-Ruth bäumte sich auf. Der liebe Gott war tot. In dem lichten
-Kirschholzkasten hing eine Menge dunkler Stoffe. Die rochen alle ein
-wenig nach fremden Chemikalien, süßlich herb. Stundenlang war sie
-gesessen, den Kopf in diesen Kleidern vergraben, um den geheimnisvollen
-Duft einzusaugen. Nein, sie wird den Kasten nie mehr aufsperren können.
-
-Sie betrachtete mißtrauisch ihre braunen Kinderhände. Mit den kurzen
-Fingern, die noch niemals etwas sein wollten und noch niemals etwas
-festgehalten hatten, immer nur alles fragend betastet. Rochen sie nicht
-in ihrem Innern, ganz drinnen in der Handfläche, aus den Poren heraus
-nach ihm? Sie dachte an das Versinken in seinen großen, zu weißen Händen
-und ihr wurde übel. Ihre widerspenstig flockigen Haare rochen ja auch
-nach dort -- ist sie denn ganz von ihm durchzogen, vergiftet --
-
-Sie wird ein Bad nehmen. Und sich die Haare waschen mit sehr viel Seife.
-Das wird nützen. Und die Möbel heute gut abstauben, mit einem neuen
-Staubtuch.
-
-O Gott, wenn sie nicht auf den Kasten sieht, sieht sie überall ihn,
-nein, nicht ihn und auch nicht seine Augen, nur seinen Blick. Der dunkel
-ist und wie ein Band sich um ihre Glieder legt. Den sie nicht versteht
-und nie verstanden hat, weil er aus einem Land kommt, das sie nicht
-kennt. Dessen Unkörperlichkeit sie verzweifeln ließ und dem sie nun
-entflieht, von heute an.
-
-Es ist merkwürdig, dachte Ruth, daß ich die ganze Nacht geschlafen habe.
-Es ist überhaupt merkwürdig, daß man bei einem großen Unglück doch ganz
-bleibt, wie sonst. Nur alles andere wird anders.
-
-Und wieder sieht sie auf den hellen freundlichen Kasten. Und vergleicht
-ihn mit dem lieben Gott. Sie möchte die Hände falten, ganz wie damals.
-Und kann es nicht mehr. Und fürchtet sich, ganz wie damals.
-
-Denn da ist sie wieder, die alte Kinderangst, über die sie schon
-hinweggegangen zu sein glaubte mit hochmütig erwachsenem Schritt. Die
-Angst, die die Nacht fürchtet und die blasse Frühlingsdämmerung. Die
-sich krümmt unter der Eintönigkeit des Mittags. Die Angst, die auf der
-Schulbank hockt neben dem patzenschwarzen Tintenfaß, den strengen
-Scheitel der Lehrerin streift, die nach zerkauten Federstielen schmeckt
-und liniertem Papier, die Angst, die aufschreit in einsamen Nächten und
-keinen Ausweg findet durch den fest verschlossenen Mund. Die von
-Leichenzügen träumt und alle Pest und Hungersnot der Jugendbüchereien
-durchlebt hat.
-
-Wer ist sie heute? Was war sie seit der Zeit, als sie in kurzen Röcken
-über die Gassen lief und das Zopfband verlor? Ist sie bestohlen,
-beraubt?
-
-Nein, Ruth wußte es, sie war mißhandelt worden. Eine zarte Hülle blieb
-übrig, die leben wollte. Und was war in ihr? Was roch wie die lebendig
-gewordene Wissenschaft? Was klebte an ihren Händen, in ihren Haaren, in
-ihren Kleidern? Was füllte den lieben, alten Kasten?
-
-Da wird sie sich einer furchtbaren Gefahr bewußt: Leer werden. Leer --
-was heißt das, was ist das? Leer -- das sind die Augen in Totenschädeln.
-
-Sie will nach der goldenen Fülle greifen. Und das Licht kann nicht
-herein und dahinter steht das Nichts, das Leere.
-
-Leer -- das heißt ihn verlieren, ihn verloren haben. Und die Wucht
-seiner Schmerzen, die Qualen seiner Einsamkeit.
-
-Hoch aufgerichtet steht sie vor dem Bett. Sie sieht an sich herunter.
-Bis zu den schlanken, braunen Knöcheln. Und haßt sich.
-
-Leer -- das ist das Stück vom Fenster hinab bis zu dem harten Pflaster.
-Worauf die Menschen ihren grünen Schleim spucken und das die Hunde
-beschmutzen.
-
-Frei sein und leer sein und weniger als elend sein --
-
--- Fräulein Ruth sollen zum Frühstück kommen. -- Ruth sah das große
-überkräftige Stubenmädchen mit der hohen vergnügten Stimme. Und wußte:
-heute abends geht sie aus, da wartet einer unten auf sie, vielleicht der
-vom letztenmal oder auch ein anderer.
-
--- Ruth, rief die Mutter aus dem Nebenzimmer. -- Ich komme, antwortete
-sie mit einer Stimme, die voll Musik und Jubel war.
-
-Mutter stand in der Sonne. Und Mutter war lebendigstes Gewesensein.
-
- * * * * *
-
-Mutter ging alle Morgen nachsehen, ob das Mädchen gut aufgeräumt habe.
-Sie ließ keinen Stuhl so stehen, wie diese ihn gestellt hatte. Mutter
-wollte ein eigenes Haus haben, wie sie sagte. Ob dieses Haus besser war,
-als alle anderen, ist nicht bestimmt. Aber daß es anders war als alle
-anderen, daß es ihr eigen war und nur durchtränkt von der kindhaften
-Unruhe ihrer zu langen Finger, die niemals jung gewesen sein konnten,
-daß ihr Haus fremd und versperrt war allen, die nicht ihres Blutes
-waren, das hatte sie erreicht. Und Ruth empfand es mit einem Stolz, der
-sich selbst nicht anerkennen will.
-
-Mutter küßte Ruth, wie man ein Stück Eigentum küßt oder ein Stück von
-sich selbst. Und Ruth fühlte die Schmerzen der vergangenen Nacht ganz
-klein werden und wollte weinen.
-
-Mutter frühstückte nicht mit. Sie war nie imstande eine Mahlzeit durch
-sitzen zu bleiben. Sie mußte immer rasch noch etwas anderes tun.
-
-Mutter war groß. Aber nicht groß genug für das, was sie der Welt zeigen
-wollte. Deshalb schien sie fast klein.
-
-Und auch ihre Wohnung war groß. Aber zu klein, um sich vor allen
-zurückziehen zu können. Denn das wollte sie. Deshalb waren die hohen
-Räume eng und drückend.
-
-Als Ruth mit dem schmalen, silbernen Brotmesser das Brot schnitt,
-empfand sie einen seltsamen Besitzerstolz und dachte: zuhause sein.
-
-Sie hatte keinen anderen Wunsch, als Mutters Kleid zwischen beide Hände
-fassen zu können, ganz, ganz fest. Wie gut war es, daß Mutter immer so
-alte Kleider trug. Und schon wollte sie aufspringen und Mutter alles
-sagen --
-
-Da kam Richard herein. Nein, sie konnte nicht. Richard war zu klug. Und
-Richard war Mutters Sohn. Von so etwas konnte sie nie zu Mutter
-sprechen.
-
-Und Martha war Mutters Tochter. Martha war häßlich und verbittert. Wenn
-sie die Tür aufmachte, war das Zimmer voll Lärm. Da konnte Ruth von so
-etwas doch nie zu Mutter sprechen.
-
-Ruth wußte nicht, daß Mutters Leben nur Enttäuschung war, die nicht
-eingestanden werden durfte. Und daß Mutter so grenzenlos arm war, weil
-sie nie den Mut gehabt hatte, das zu erkennen.
-
-Mutter war so klug, daß sie die Dinge nicht wirklich sah, sondern in
-Karikatur auf dem Hintergrund ihrer Wünsche und Vorurteile. Aber sie sah
-sie alle bis auf eines: Das war sie selbst. Sie wußte so wenig von ihrer
-eigenen Existenz wie ein ganz kleines Kind. Und ahnte nicht, daß sie
-selber auch etwas beigetragen habe in der Symphonie der Ereignisse, die
-ihr enges, tiefes Dasein bildeten.
-
-In ihrer Jugend hatte sie nur eines gekannt: Die Pose. Die Verwandten
-und Freunde, ja selbst der Kutscher ihres väterlichen Hauses sprachen
-mit Handbewegungen, wie Schauspieler in ihren Rollen. Das hatten sie von
-ihrem Vater gelernt. Dessen ganzes Leben ein großer Faltenwurf war.
-Hinter dem steckte nichts als Jagd und Rausch und etwas Verwesung. Aber
-ihre Mutter war träge.
-
-Sie hatte nie den Mann gefunden, den sie lieben konnte. Das wäre auch
-nicht so nötig gewesen, nur hätte sie sich Zeit nehmen sollen, ihn zu
-suchen. Denn nur dann hätte sie sich entwickeln können.
-
-Aber sie zerschnitt sich alle Möglichkeit weiterzukommen, indem sie in
-früher Jugend einen Mann heiratete, der vielleicht ein Heiliger geworden
-wäre, wenn sie ihn unter Menschen gelassen hätte. Denn er liebte die
-Welt mit der zarten, naiven Freude junger Knaben, die an einem
-Frühlingstag ein blühendes Tal durchstreifen. Aber sie hielt ihn als
-Eigentum, wie ihr Vater Pferde und Bediente gehalten hatte. Sie sperrte
-ihn ein in Räume, die von ihren Atemzügen übersättigt waren. Daß seine
-weiche Menschlichkeit zur Seite treten mußte und sein säurenscharfer
-Verstand allein ihn beherrschte. Er rechnete Tage und Monate und Jahre.
-Als seine große Erfindung fast fertig war, starb er. Aber noch eine
-Stunde vor seinem Tod erzählte er das Märchen vom Schneewittchen. Denn
-er hatte immer Königstöchter geliebt, die eigentlich kleine Mädchen
-waren und in rote Äpfel bissen. Die ein bißchen Puppentheater an sich
-hatten.
-
-Ruth hatte Vater gegenüber ein schlechtes Gewissen. Weil Mutter alles
-war, weil Mutters große, vielgliedrige Hände auf ihren Augen gelegen
-waren, wenn sie zu Vaters Schreibtisch sehen wollte.
-
-Als sie noch ganz klein war, hatte er sie einmal in eine Konditorei
-geführt. Es war ein schneidend kalter Wintertag und ein elendes
-Geschäftchen in der Vorstadt. Dort kaufte er Bonbons, einen großen Sack
-voll großer, dicker, gelber, malziger Bonbons. Und gab sie ihr mit dem
-vergessen gütigen Lächeln, mit dem Christus das Brot an die
-Zehntausenden verteilt. Da wurde sie traurig. Am Abend saß er an seinem
-Schreibtisch und Mutter schalt mit der Köchin. Ruth ging in das dunkle
-Vorzimmer, steckte den Kopf in seinen Winterrock und küßte, küßte das
-weiche, kalte Tuch. Später sagte Richard: -- Gib mir davon. -- Sie hielt
-den Sack fest zu. -- Du bist geizig, sagte Richard. -- Gib! -- Sie
-preßte den Sack an sich. Da schlug er sie. Sie weinte. Er zerriß das
-Papier. Aber sie kämpfte um jedes einzelne Bonbon. Und legte alle unter
-ihren Kopfpolster. So war Vater. Aber Richard konnte das nie verstehen.
-Und sie hatte viel Respekt vor Richard. Fast noch mehr als vor Mutter.
-
-Am Abend sagte Mutter: -- Warum bist du noch nicht angezogen. In einer
-Stunde müssen wir im Theater sein.
-
-Ruth dachte an den Kleiderkasten. An den dunklen Duft, der aus ihm
-herausströmen soll. Und sie empfindet das dunkle Band, das von weither
-kommt und sich um alle ihre Glieder legt, schmiegt, sich einschneidet in
-die furchtsame Haut.
-
-Und sie weiß, wenn sie das blaue Seidenkleid anzieht, ist sie morgen
-wieder bei ihm.
-
--- Ich gehe nicht ins Theater, antwortete sie. Und blieb allein in der
-Wohnung. Da geht sie aus, sich zu suchen. Sie schleicht, sie kriecht
-fast durch die Zimmer. Sie betastet die Stühle mit den verbogenen Füßen,
-die überflüssigen Vasen, den Samt der Vorhänge. Überall war Mutter. Und
-noch Richards Bücher. Und ein paar gestopfte Handschuhe von Martha. Aber
-Ruth war nirgends.
-
-Da überfiel sie eine Qual, die sie zu Boden schlug, sich wie ein Strick
-um ihren Hals legte und würgte ...
-
-Mutter kam von Lohengrin und war entzückt, wie immer. Sie liebte derbe
-Romantik und laute Musik. Dann sang sie den Hochzeitsmarsch mit ihrer
-kräftigen Stimme. Ruth sah sie an wie eine Fremde.
-
-Richard war zufrieden, wie nach einer gut überstandenen Prüfung. Und
-Martha jammerte, daß ihr Schal ein Loch bekommen hatte. Ruth war nur
-ganz verwundert.
-
-Aber dann setzte sie sich auf Mutters Bett, tief hinein. Sie starrte in
-das schläferige Weiß des Linnens und wünschte sich klein zu sein und
-Fieber zu haben.
-
-Mutter sagte: -- Aber jetzt geh schlafen. Und warum bist du heute so
-blaß? Was hast du denn? Geh nur schlafen und gib mir noch vorher meinen
-Roman.
-
-Richard meinte gähnend: -- Möchte nur wissen, warum du deinen Sitz hast
-verfallen lassen. So was Dummes.
-
-Ruth wußte nur: -- Wenn ich den Kasten aufmachen muß, werde ich
-wahnsinnig. Da ist ein Abgrund drinnen, der stürzt über mich, der
-erdrückt mich durch seine Leere. Und dann wissen sie alles. Oh, die
-Schande. Dann bin ich ausgezogen. Nackt vor allen. Auf der Straße. Mein
-Körper ist voll eiternder Wunden, oh, die Schande.
-
-Der liebe, lichte Kirschholzkasten stand glatt in ihrem dunklen Zimmer.
-
-Nach zwei Tagen sagte das Stubenmädchen: -- Wenn Fräulein Ruth nicht den
-Kasten aufmachen, kann ich den grauen Mantel nicht zum Putzen tragen.
-
-Die Schande.
-
-Und Mutter sagte: -- Wenn du den Schlüssel verloren hast, lasse ich den
-Schlosser holen.
-
-Die Schande.
-
-Sie weinte heraus: -- Ich will nicht.
-
--- Ich glaube wirklich, du bist krank, meinte Mutter.
-
-Aber Richard rief aus dem Nebenzimmer: -- Geh, mach dich nur nicht
-interessant.
-
-Oh, die entsetzliche Schande.
-
-Und sie wird sich zwingen lassen.
-
-Was tut sie nur den ganzen Tag. Sie geht herum und erklärt es ihm, ihm,
-zu dem sie nie mehr kommen wird. Sie macht ihm alles begreiflich, er
-versteht es, er weiß es, er weiß ja alles. Wie kommt es nur, daß er ihr
-so ähnlich ist. Oder sie ihm --
-
-Sie nimmt zum zehntenmal ein neues Staubtuch und wischt alle Möbel ihres
-Zimmers ab. Damit sein Duft doch endlich weggehe. Und wäscht sich dann
-die Hände mit kochend heißem Wasser.
-
-Am nächsten Abend sagte die Mutter: -- Wenn du dir morgen nicht ein
-anderes Kleid anziehst und den Kasten aufsperrst, so hol ich den
-Schlosser. Also überleg es dir.
-
-Ruth stand an ihrem Fenster und sah in die schmutziglaue Sommernacht
-hinunter und fühlte: Warum kann Mutter, die den Lohengrin so gern hat,
-die so nobel ist, wenn Gäste kommen, so zu mir sein? Warum stehe ich
-hier und schau auf eine staubige Straße, wo doch draußen die vielen
-Felder sind mit den endlosen Schienen -- in die Ferne gleiten -- und
-warum --
-
--- Ich muß jetzt Bett machen, sagte das Stubenmädchen und zündete das
-grelle elektrische Licht an. Ruth sah auf sie. Auf ihre kräftigen Arme,
-die fast aus der Bluse quollen, ihre übermütig starken Hüften, ihre
-brennend heißen Wangen. -- Hören sie, Agnes, sagte sie heiser und ging
-ganz nahe zu ihr ... Sie waren jetzt unten, da beim Haustor und er war
-dabei, o bitte, sagen Sie nicht nein, ich habe Sie ja gesehen ... Nein,
-Sie müssen nicht schreien, aber sagen Sie mir doch bitte, war es der
-selbe, mit dem ich Ihnen begegnet bin, damals, Sie wissen schon, wie ich
-im Konzert war, aber so sagen Sie doch. -- Nein, sagte Agnes, mehr
-verblüfft als verlegen. -- Aber eines, Agnes, müssen Sie mir noch sagen.
-War es schön, unten jetzt, meine ich, war das schön -- Oh Gott, sagte
-Agnes, nein, das ist nichts für Sie, Fräulein. -- Hören Sie, Agnes, und
-Ruth kämpfte mit ihrem Atem, Sie haben so starke Arme. Agnes, liebe
-Agnes, ich habe meinen Kastenschlüssel verloren. Mama ist sehr böse.
-Nehmen Sie das Küchenmesser, das große, und machen Sie mir den Kasten
-auf, nicht wahr, Sie tun es. Aber leise, ich geh einstweilen in das
-Speisezimmer. Und kein Wort davon, Agnes, Sie verstehen. Die Kleider
-hängen Sie über Nacht ins Vorzimmer, aber es darf niemand davon wissen,
-und zeitlich früh wieder herein, o ja, Agnes, Sie verstehen, sie tun es
-gleich --
-
--- Ich verstehe schon, Fräulein Ruth, sagte Agnes mit blödem Lachen.
-
-
-
-
- Die Mutter
-
-
-Ich liebe Mutter, dachte Ruth. Kein Mensch weiß, wie groß sie ist und
-stolz. Es ist schade, daß das niemand weiß. Aber ich kann es ja auch
-nicht vertragen, daß sie die Türen zuwirft und durch die Zimmer läuft.
-Daß sie mit dem Mädchen schreit.
-
-Sie flüchtete in Gärten. In kleine, engbrüstige Vorstadtgärten mit
-zerrauften Büschen und wackligen Bänken. Mit großen Sandhaufen voll
-schmutziger Kinder.
-
-Sie ging hin, weil sie dort noch niemals, niemals gewesen war. Und saß
-brutheiße Sommernachmittage durch und versuchte nur an Mutter zu denken
-und ihn zu vergessen.
-
-Denn noch immer verfolgte sie sein Blick wie ein dunkles Band, das so
-weich war, wie das Innere seiner Hand, so daß man nichts wünscht, als
-sich hineinlegen zu können und nichts mehr weiß von Steinen und Bergen.
-Wie im Sand vor dem Meer.
-
-Als sie einmal so saß, den Kopf in den Händen, mitten unter
-Proletarierfrauen und Ladenmädchen, setzte sich jemand ganz nahe neben
-sie. Sie fühlte nur immer den Blick, das Band, wie es sich um ihre
-Stirne legte und alle Nerven, den Rücken hinunter strich. Jemand sagte
-zu ihr: -- Fräulein, gestatten, daß ich mich zu Ihnen setze. Neben ihr
-war ein Commis voyageur mit aufgewirbelten Schnurrbartspitzchen und rot
-geblümter Krawatte. Noch empfand sie den weichen Abgrund, der zu tief
-war, um zu duften und sah sich doch hier unter kleinen Leuten, im
-kleinen täglichen Leben, rundherum der graue Spielsand. Sie lachte ihrem
-Nachbarn ins Gesicht, laut und plötzlich, daß er zurückfuhr. Dann ging
-sie. Hinter ihr schimpften die Proletarierfrauen.
-
-Sie mußte immer von zuhause weggehen. Denn, wenn sie zuhause war, liebte
-sie Mutter nicht und das war doch schon ganz unmöglich.
-
-Mutter sagte zu Richard: -- Man sollte doch sehen, wo das Kind sich
-herumtreibt. Sonst dachte sie nicht weiter an Ruth. Nur in der Nacht
-wachte sie manchmal auf und wurde unruhig. Sie meinte, das käme von
-ihren angegriffenen Nerven und nahm Schlafpulver.
-
-Daß etwas ihr Fremdes in Ruth vorging, wußte sie. Soweit sie überhaupt
-wissen konnte, was sie nicht wissen wollte. Und sie wollte nichts
-wissen, was sie nicht seit ihrem zwölften Jahr kannte und besaß. Das
-beleidigte sie schon durch seine bloße Existenz.
-
-Für sie war Ruth das Kind. Das etwas verträumte Kind, das sie unbedingt
-liebte, weil es ihr Kind war, das sie bemitleidete, weil es das Kind
-ihres Mannes war. Und das sie deshalb schützen zu müssen glaubte.
-
-Solange Ruth klein war, sagte sie mit Stolz zu allen Verwandten: -- Das
-Kind wird ganz wie ich. Und Ruth war fast ebenso angesehen im Hause wie
-Richard. Aber mit zehn Jahren enttäuschte sie ihre Mutter zum erstenmal.
-Von da an immer wieder.
-
-Sie ging mit Mutter an einem naßkalten Novembertag durch die Stadt,
-Einkäufe machen. Sie war traurig, weil alle Leute in den Geschäften
-unfreundlich waren, die Herren dicke Tröpfchen im Bart hatten und die
-Damen in zu kleinen Schuhen gingen, die sicher weh taten. Weil sie eine
-erfrorene Nase hatte und einen häßlichen Hut. Deshalb dachte sie an ein
-Schloß im Hochsommer und zerbrach sich den Kopf, wie sie dort
-Rosensträucher und Marmorbrunnen verteilen sollte. Da kam ein Bettler.
-Er war so wie alle anderen Bettler auf der Welt. Die selbe verkrüppelte
-Demut, die Geschäfte macht und ihre Krücken schwingt. Schamloses Elend.
-Mutter sagte: -- Gib ihm zwei Kreuzer. -- Nein, erwiderte das Kind, ich
-mag nicht. -- Was, rief die Mutter entsetzt, warum? Oh, du bist
-schlecht. -- Ja, sagte sie, ich bin nicht gut, ich kann alle Bettler
-nicht leiden.
-
-Damals war Mutter sehr böse. Und Ruth sagte zuhause: -- Wenn ich alle
-Bettler wirklich gern hätte, müßten sie zu mir kommen, aber ganz. Und
-ich möchte ihnen nie Kreuzer schenken, aber ich mag sie gar nicht. -- Da
-schlug Mutter sie und Richard und Martha waren voll Verachtung.
-
-Denn man mußte gut sein zuhause. Das war wie ein Dogma. Richard schenkte
-jedem Bettler etwas und Martha nähte Puppenkleider für Armeleutekinder.
-
-Als Ruth zwölf Jahre alt war, sagte sie lächelnd zu ihren Freundinnen:
--- Natürlich sind wir Juden, aber schon lang getauft, doch das macht
-nichts aus.
-
-Als sie vierzehn Jahre alt war, erklärte sie: -- Unsere Möbel sind
-häßlich. -- Ich lüge oft, nicht gern aber doch oft. -- Wenn ich ganz arm
-wäre, würde ich sicher einbrechen.
-
-Da wußte man in der Familie: das Kind ist dumm. Man muß sie zum
-Schweigen bringen, sonst macht es nichts.
-
-Und Ruth glaubte, daß sie dumm sei. Nur kränkte es sie gar nicht. Sie
-konnte einfach nie auf die Idee kommen, anders sein zu wollen, als sie
-war. Höchstens, daß sie sich wünschte, strähnenglatte blonde Haare zu
-haben und eine griechische Nase.
-
-Hier aber war die erste große Spaltung zwischen ihr und Mutter. Denn
-Mutter fühlte zu genau, wie sehr Ruth ihr Kind war, um diese
-Aufrichtigkeit zu gestatten. Sie empfand es als eine Verletzung.
-
-Ruth sagte einmal auf jemanden: Den liebe ich, den möchte ich auf der
-Stelle heiraten. Ich glaube wirklich, ich könnte mich wahnsinnig in ihn
-verlieben. -- Aber schämst du dich nicht, rief die Mutter.
-
-Mutter schämte sich immer. Weil sie einen so unmäßigen Stolz in sich
-trug. Was dieser Stolz wollte, wußte sie eigentlich selbst nicht, er
-hatte etwas sinn- und zweckloses. Er erinnerte an die hohen Zimmer, die
-man in den Achtzigerjahren baute, deren Größe etwas Leeres und Zugiges
-an sich hat. Und die nie auszufüllen sind, weil die Kostbarkeiten, nach
-denen sie verlangen, gar nicht aufgetrieben werden können.
-
-Das, was Mutter wollte, existierte nicht. Und deshalb war sie arm
-geblieben in der Fülle ihrer zügellos reichen Empfindungen.
-
-Wenn Ruth in der Nacht sich im Bett aufrichtete und sie war plötzlich
-ganz wer anderer als am Tage, so daß sie ihre eigenen Bewegungen mit
-süßem Mitleid und verborgener Zärtlichkeit beobachtete, dann war es
-genau so, wie wenn sie Mutter beim Schreibtisch sitzen sah, mit einer
-Unzahl Rechnungen, bei denen sie sich fortwährend irrte und die sie doch
-so genau nahm. Oder wie wenn sie einem nackten Säugling zuschaute, wie
-er sinnlos mit den winzigen Füßen in die Luft strampelt.
-
-Mutters Reserve der Menschheit gegenüber war nur etwas rein
-gedankliches, äußerlich war sie allen vollkommen ausgeliefert. Ihre
-Haare steckten immer schief. Der Mund war zu voll. Die Unterlippe hing
-herunter. Das war aber nicht notwendig. Es war nur, weil Mutter eben so
-gar nicht verstand, in den Spiegel zu schauen.
-
-Ihre dunkelsehnigen Arme hätten Erdarbeit leisten sollen. Ihr kräftiger
-Körper brauchte Bergluft. So daß er fast hinfällig scheinen konnte in
-den Zimmern der Großstadt.
-
-Mutter hatte sich nicht erziehen können und deshalb ihre eigenen Kinder
-nicht, weil die ihr zu ähnlich waren. Aber sie hatte einen jüngeren
-Bruder, der weich und bildsamer war als Lehm. Er war Musiker, er war
-Dichter, er war Maler. Und endigte als Zeichenlehrer in einer
-Mittelschule. Sie hatte ihm zu viel geholfen.
-
-Ihre eigenen Talente hatte Mutter verschleudert. In ihrer Jugend war sie
-die wildeste Tänzerin der Stadt. Und trug doch immer abgetretene Schuhe.
-
-Onkel Gustav wuchsen die Haare zu lang in den Nacken. Nur ein ganz klein
-wenig, so daß man es bei anderen Menschen gar nicht bemerkt hätte. Aber
-bei ihm schien es viel zu viel zu sein. Er wurde in der Familie verlacht
-und als Narr behandelt. Und lächelte dann demütig. Ruth ging an ihm
-vorbei. Sie konnte Bettler nicht leiden.
-
-Mutters Kommode war das interessanteste Stück im ganzen Haus. Zweimal im
-Jahr wurde sie »groß« aufgeräumt. Kein Mensch durfte ins Zimmer kommen,
-nur Gustav und Ruth waren zur Hilfe kommandiert. Weil Gustav so schön
-die einzelnen Päckchen einwickeln und mit Spagat zusammenbinden konnte.
-Und weil Ruth es lieber tat, als ins Theater gehen. Der dumpfe
-Lawendelgeruch erweckte in ihr eine müde Erinnerung an Geheimnisse, die
-sie einmal gekannt hatte, aber nun nie und nimmermehr erfahren durfte.
-
-An einem langweiligen Sonntagnachmittag mit Regentropfen rief die Mutter
-Gustav und Ruth zum großen Aufräumen. Ruth kam widerwillig, sie hatte
-sich stumpf geschlafen und eine fade Sattheit klebte in ihren Haaren,
-die heute gar nicht unternehmungslustig um die Stirne herumstanden,
-sondern schläfrig nach hinten lagen. Als Mutter die großen Schubladen
-aufzog, mit ihren zu hastigen, etwas blinden Bewegungen, bekam Ruth
-einen dumpfen Druck in den Kopf von starkem Lawendelgeruch und wie im
-Zorn sagte sie: -- Alt. Gustav sah verwundert auf. Er hatte die
-Hemdärmeln aufgestreift und seine kleine, gedrungene Gestalt, die gerne
-dick sein wollte, aber nie dazu kam, weil er ja immer hungerte, war auf
-dem Sprung, Mutters Wünsche zu erfüllen. Er knüpfte alle die braunen,
-grauen, gelben, weißen Päckchen auf und schichtete ihren Inhalt
-sorgfältig auf dem Boden hin. Ruth rührte sich nicht und sagte plötzlich
-zu Mutter: -- Ich möchte Seidenpapier kaufen, weißes und einfärbige
-Bänder. Nicht so in irgend ein Papier und Spagat. -- Was fällt dir ein,
-das wäre viel zu teuer. --
-
-Ruth verstand das nicht. Sie legte sich auf einen Teppich und wühlte wie
-sonst in alten Photographien hochschöpfiger Damen und befrackter Herren
-mit Zylindern. In Wickelkindbildern, wo alle immer in der gleichen Weise
-auf dem Bauche liegen. Es langweilte sie.
-
-Gustav pfiff. Er pfiff wunderschön.
-
-Ruth durchstöberte Briefe, die wie gestochen aussahen auf vergilbtem
-Papier. Sie suchte etwas. Sie suchte etwas, um aus der gräßlichen Leere
-des Sonntagnachmittags herauszukommen. Und weil es doch ganz und gar
-unmöglich war, daß die geliebte, geheimnisvolle Kommode nichts anderes
-barg als dieses öde Zeug. Nein, bestimmt nicht. Nicht einmal die
-Schäferinnenspieluhr kam ihr sehenswert vor oder das Stammbuch der
-Urgroßmutter.
-
-Mutter zeigte ihnen einen Liebesbrief, den sie bekommen hatte, als sie
-sechzehn Jahre alt war. Es war der Brief eines überspannten Gymnasiasten
-und schloß mit Selbstmordgedanken. Mutter war sehr stolz darauf. Aber
-Ruth fand ihn so überflüssig aufzuheben, wie Großvaters Brautbriefe an
-Großmutter. Sie wurde zornig. Und sie bekam Angst.
-
-Denn da war noch mehr in dieser Kommode. Mutter log. Sie, Ruth, wußte
-es. Da drinnen lag ein zerbrochenes Schicksal, ein Ruin, ein Kampf gegen
-den Irrsinn. Mit dunklen Blicken sah Ruth auf den grauen Scheitel der
-Mutter, wie sie eben vor ihr kniete. Sie fühlte ein kaltes,
-entsetzliches Alter in ihren jungen Händen, das alles wußte, das man
-nicht mehr täuschen konnte. Und ihr Mund war greisenhaft erbittert.
-
-Mutter staubte soeben eine graue Pappschachtel ab, die mit einem
-goldenen Bändchen zusammengebunden war, als das Dienstmädchen sie rief.
--- Das laß stehen, sagte sie zu Ruth und ging hinaus. Ruth warf sich auf
-die Schachtel. Gustav kehrte ihr den Rücken zu. Sie streifte das Band
-los, schob den Deckel weg, seine Schrift -- und der große Schnörkel bei
-»Liebe«. Eine dunkle Tür tat sich auf. Sie bekam einen brennenden Schlag
-auf die Hand. Und da wurde es licht, schreiend licht, grell, schmerzhaft
-...
-
-Mutter schrie etwas, das sie nicht verstehen konnte. Und nahm die Briefe
-und ging hinaus, wutentstellt.
-
--- Onkel Gustav, sagte Ruth ruhig und ernst und totenblaß. Von wem waren
-diese Briefe?
-
-Gustav zitterte am ganzen Leib: -- Warum machst du solche Sachen, wenn
-Mutter es verbietet. Von wem die Briefe sind. Ich weiß es wirklich
-nicht, wirklich nicht.
-
--- Onkel Gustav, wiederholte Ruth und trat ganz nahe zu ihm hin. Du
-weißt das alles. Aber wenn du es nicht sagen willst, wenn du dich nicht
-traust, so werde ich es sagen: in diesen Menschen war Mutter verliebt.
-
-Ihre Stimme klang wie höhnende Beleidigung in dem dämmernden Zimmer. Die
-Worte fielen abgehackt in das Dunkle und Mutters Rechenbücher lagen auf
-dem Schreibtisch im hintersten Winkel.
-
--- Danach habe ich dich nicht fragen wollen. Aber eines mußt du mir
-sagen, wann war es, du? -- und sie kniete neben ihm und krallte die
-Finger ein in seinen willenlosen Arm -- wann? war ich damals schon groß,
-wie alt, ein kleines Kind? sag, du mußt!
-
--- Du warst ganz klein, eben zur Welt gekommen.
-
-Ruth sah vor sich einen Horizont, der in gerader Richtung in die Höhe
-steigt. Wo es nicht rechts gibt, nicht links, nur das Oben. Und das
-Oben, der Blick, das Band, das glatte, weiche Band.
-
--- Weiter, sagte sie hart -- und früher?
-
--- Er sagte dein Schicksal voraus aus den Sternen, erzählte Gustav, der
-ins Schwätzen kam, -- als Mutter dich erwartete. Deshalb ist er auch so
-viel zu euch gekommen.
-
-Ruth empfand in sich eine graue, steinschwere Halle, die sich selbst
-erdrücken wollte und nur getragen wurde durch ihre entsetzliche, hohe
-Leere. Wo verschnörkelte Stühle an den Wänden standen, ganz vereinzelt
-und wo etwas von ihr war, ein Hauch, ehe sie selbst noch war, und wo er
-war, voll und ganz, nur daß man ihn nicht sehen konnte. Diese Halle, die
-sie aus den frühen, angstvollen Dämmerstunden kannte.
-
--- Wann ging er weg, fragte sie kurz. -- Bald darauf. Er nahm ein Teil
-von der Erfindung deines Vaters und verwendete sie für seine Zwecke. Er
-hat viel damit erreicht. Aber natürlich wollte ihn dein Vater nicht mehr
-sehen. Er ist übrigens von selbst nicht gekommen und --
-
--- Schweig, unterbrach sie ihn. Sie fühlte sich umgeben von lauter
-schwarzen, weichen Bändern und Spagatschnüren, die alle ineinander
-übergingen. Fesseln, Fesseln.
-
-Und aus ungeheurer Tiefe heraus quillt dunkel empor eine formlose Masse.
-Die sie nicht modeln darf.
-
-Sie ist machtlos.
-
--- Ruth, bat Gustav erschrocken, wenn Mutter davon erfährt. Nein, das
-tust du mir nicht an. Nicht wahr, gewiß nicht. Überdies, das was du von
-verliebt sagst, ist natürlich dummes Zeug. Mutter war sehr gekränkt. Er
-war doch ein Freund von ihr. Auch von deinem Vater. Und er war jünger
-als sie. Und überhaupt, deine Mutter war nie verliebt, überhaupt nicht.
-Wie du nur so etwas sagen kannst. Du bist wirklich ein Fratz --
-
--- Und du ein Esel. -- Glühende Zornestränen standen in ihren Augen.
-
-Sie trat an das Fenster. Unten wurden die ersten Gaslaternen angezündet.
-Sie stöhnte: was kann ich Mutter geben, was kann ich ihr schenken, alles
-schenken, meiner lieben, armen Mutter, Mutter, Mutter --
-
-Zum Abendessen kam Mutter mit verweinten Augen. Ruths Hände wurden
-eiskalt. Und eine harte Wut überkam sie. Sie haßte alle Weinenden. Nie
-konnte Mutter ihr das zeigen. Nein, pfui, das war eine Schande, nein.
-
--- Was hast du Mutter wieder geärgert, zankte Richard über den Tisch
-hinüber.
-
--- O nichts, erwiderte sie achselzuckend. Wenn Mama so empfindlich ist
--- ich kann nichts dafür.
-
-Sie ging in den nächsten Tagen, in den nächsten Monaten an ihrer Mutter
-vorbei, ohne sie zu sehen. Aber in den Nächten erlebte sie alle ihre
-Schmerzen hundertfach wieder. Sie vergaß die eigene Sehnsucht vor der
-Sehnsucht, an der Mutter litt, die eigenen Qualen vor Mutters Qualen und
-ihren großen Zorn vor Mutters unsäglichem Schmerz, der ja so nicht zum
-Ausdenken furchtbar sein mußte, weil er nicht wagte sich zu erkennen,
-sich einzugestehen, weil Mutter täglich über den Rechenbüchern saß und
-die Liebe zu ihren Kindern für ihren einzig würdigen Lebenstrieb
-erklärte. Und der doch so an der Oberfläche war, daß Mutter es sie sehen
-ließ, als sie weinte. Nein, deshalb mußte sie Mutter bei Tag ausweichen.
-Und wieder in die kleinen Vorstadtgärten fliehen.
-
-Zuhause aber wurde sie unerträglich.
-
-Als Mutter einmal einem Gast bei Tisch eine glänzende Schilderung
-Großvaters gab, der ein Kavalier war vom Scheitel bis zur Sohle, nur von
-Geld habe er freilich wenig verstanden, warf Ruth ein: -- er muß ein
-roher, betrunkener Mensch gewesen sein. Daß er seine Bedienten geprügelt
-hat, finde ich ekelhaft und ich ärgere mich noch heute darüber, daß er
-das ganze Vermögen verspielt hat. Es ist doch gräßlich unintelligent,
-wenn einem fremde Pferde mehr wert sind als die eigenen Kinder.
-
-Und Ruth sagte, wenn Mutter Hexenglauben und Wahrsagerwesen als
-Schwindel und Unsinn verdammte: -- Ich glaube bestimmt an alles
-Übernatürliche -- obwohl sie überhaupt nichts glaubte und ihr Leben
-nahm, wie der Tag es hinstreute, mit einem Grauen, das zu tief war, um
-über sich selber nachzudenken.
-
-Und Ruth sagte: -- Ich gehe in die Kirche, nicht weil ich muß, sondern
-damit die Leute sehen, daß wir auch Christen sind. -- Dabei ging sie
-überhaupt nie zur Kirche.
-
-In diesen Tagen konnte sie nichts essen als altes Brot und harte,
-unzerbeißbare Dinge, an denen sie sich die Kiefer wund riß. Ein
-fortwährendes Übelsein drückte ihr den Magen leer. Und die große
-Bosheit, die in ihr war, würgte die Kehle, zerfraß die Haut und zehrte
-an den braunen Kinderhänden.
-
-Sie wußte nicht, ob diese Bosheit etwas ihr eigenes war. Oder ob sie sie
-mitgebracht hatte aus dem Zimmer mit der braunen Holztür. Oder ob es die
-Bosheit des Schicksals war, das sie zwang, Sprachrohr zu sein für ein
-unterdrücktes Leben, unterdrückte Sehnsucht und unterdrückte Kraft. Nur
-Sprachrohr oder war noch etwas in ihr, das ihr die Augen offen hielt mit
-großen, weichen, weißen Händen. Daß sie nicht einmal blinzeln konnte und
-nur die heißen Tränen brennen fühlte.
-
-Sie ließ von dem müden Druck der Spätsommernächte den Kopf in ihr
-kleines Kissen pressen. Und sie bohrte das Gesicht hinein, um nicht
-denken zu müssen. Sie sehnte sich maßlos nach einer Bonne, die sie als
-dreijähriges Kind gepflegt hatte und täglich vor dem Einschlafen an
-ihrem Bett gesessen war. Wenn die wieder hier sein könnte, wäre alles
-besser. Sie wußte nicht mehr, wie das Mädchen ausgesehen hatte, aber sie
-erinnerte sich an eine kühle, behutsame Hand und weiße Mullgardinen vor
-dem Fenster.
-
-Wenn sie aber Mutters Stimme aus dem Nebenzimmer hörte, sagte sie
-halblaut in das heißgehauchte Kissen hinein: er ist ein Schuft -- ich
-liebe ihn -- er hat Vater bestohlen -- ich liebe ihn -- er hat uns
-gemordet -- ich liebe ihn -- er hat unsere Zimmer trüb und drückend
-gemacht und unser Leben mißtrauisch und eng -- ich liebe ihn -- er sucht
-das Böse, weil das Licht ihn verlassen hat -- ich liebe ihn -- ich habe
-ihn immer geliebt -- ich liebe --
-
-So das Sprachrohr. Und unter dem Bett lag, staubdick geschichtet,
-wehrlose Wut.
-
-
-
-
- Onkel Gustav
-
-
-Onkel Gustav war klein. Er war nur ein ganz wenig kleiner als die andern
-und doch glaubte er, an ihnen hinaufsehen zu müssen. Er spielte Geige.
-Um ein klein wenig schlechter, als man spielen muß, um ein helles Leben
-zu haben. Er malte. Und es hätte nur eines Funkens Kraft, eines
-Fußtritts Persönlichkeit bedurft und er wäre ein großer Künstler
-geworden. So war er klein, sogar sehr klein.
-
-Ein Sprung und er hätte den Gipfel erreicht. Zu diesem Sprung kam er
-nie. Und so blieb er hoch oben hängen, über dem Abgrund. Und die von
-unten lachten ihn aus.
-
-Als Onkel Gustav drei Jahre alt war, waren es seine Zartheit, seine
-rührend fragende Stimme, seine samtenen, etwas zu großen Augen, die
-seine träge Mutter das erstemal in ihrem Leben lebendig machten.
-
-Sein Vater behandelte ihn wie einen überempfindlichen Rassehund. Die
-Mutter liebte seine glänzenden Locken. Und die große Schwester stürzte
-sich auf ihn in zügelloser Leidenschaft. Die vielleicht nicht ganz ihm
-galt, sondern auch der Freude zu herrschen, herrschen zu dürfen über
-einen andern, während ihre fordernden Finger sich krümmten unter der
-Zuchtrute des väterlichen Hauses.
-
-Onkel Gustavs zarte, etwas bräunliche Haut hatte einen leicht verwelkten
-Geruch an sich. Der angenehm war, wie der Duft ermüdeter Rosen. Und
-lähmte.
-
-Vor dem Hause seiner Kindheit war ein tropisch üppiger Garten gewesen.
-Und alles wurde verspielt.
-
-Gustav wußte nie, was wirklich um ihn vorging. Das teilte er mit der
-Schwester. Sein Zuhause war ein Königschloß, Vater der König, Mutter die
-Königin, ganz wie im Kindermärchen. Und die große Schwester erklärte ihm
-die Welt. Die richtig gezeichnet war, nur mit zu langen Strichen. So daß
-überall spitze Ecken waren und Anhängsel. Doch das konnte er nicht
-wissen.
-
-Er hatte eine runde Kopfform. Eine runde, etwas kindische Nase, runde
-Augen. Er geigte in weichen, abgerundeten Tönen, die nicht zu Ende
-kommen wollten. Mischte auf seinen Bildern mollige, runde Wolken
-ineinander und seine griechischen Vokabeln bissen eine in die andere,
-immer im Kreis.
-
-Im Gymnasium war er durchgefallen. Vater verachtete ihn. Mutter weinte.
-Die Schwester erklärte, er sei ein Künstler und die Prüfer gehören
-gehenkt.
-
-Die Dienstboten verspotteten ihn. Seine Kameraden gingen mit ihm um wie
-mit einem verwachsenen Kind. Aber er hatte einen Freund, der groß und
-stark war, etwas zu klug und ganz gemein blond. Der studierte ihn genau.
-Bis er mit derselben nachlässigen Gebärde die Schulbücher über den Tisch
-warf, die Haare, genau wie er, etwas zu lang in den Nacken trug und eine
-ebenso tolle Zusammensetzung französischer Gassenhauer pfeifen konnte.
-Dann verließ er ihn. Er galt für sehr interessant. Und kam bei allen
-Prüfungen durch.
-
-Alte Damen hatten ein unverschämtes Bedürfnis, sich Gustavs anzunehmen.
-Der Kondukteur der Straßenbahn behandelte ihn mitleidig lächelnd, weil
-er ihm zu viel Trinkgeld gab.
-
-Aber alle Hunde hatten ihn gern. Weil er nicht besser sein wollte als
-sie. Er liebkoste sie wie eine fremde, seltsame Sache, der man nicht zu
-nahe gehen dürfe, er respektierte sie. Als er sehr klein war, sagte er
-den großen Jagdhunden seines Vaters »Sie«. Später sprach er nicht mehr
-mit den Hunden. Er wußte, daß sie ihn nicht verstanden. Aber er lebte
-mit ihnen und sie durften ihr eigenes Leben führen. Was ihm versagt war.
-Das wußte er nicht. Sie saßen neben ihm beim Schreibtisch, wenn er
-schrieb, neben ihm, wenn er aß, sie lagen neben seinem Bett. Sie hatten
-alle keine Namen. Aber seine Schwester gab ihnen englische Sportsnamen.
-Er konnte nichts dagegen machen.
-
-Junge Frauen liebten ihn plötzlich und stürmisch. Ja, sie verehrten ihn
-sogar. Er sah in jeder eine Mutter Gottes. Und sie waren sein Stolz.
-
-Er hatte eine Schreibtischlade voll Liebesbriefen. Davon wußte die
-Schwester nichts. Er hob das nicht auf aus Eitelkeit. Aber wenn er
-hungrig war und erfroren, nahm er sie vor und wurde warm und glücklich.
-Er lebte von dem Glauben der Frauen an ihn, der immer gar zu rasch
-verflogen war. Das wußte er nicht. Als er achtzehn Jahre war, verliebte
-sich eine blonde, junge Wilde in ihn. Sein Vater wollte ihn gerade durch
-die Schule zwingen. Sie kam ins Haus und erklärte wutsprühend, er
-brauche keine Prüfungen, er käme in die Fabrik ihres Vaters, er sei
-geboren, Massen zu lenken, so wie er unlängst mit dem Werkführer
-gesprochen ...
-
-Es gab Augenblicke in Gustavs Dasein, die wie rote Raketen emporstiegen,
-leuchtend, hoch. Und dieses falsche Feuer durfte sein Leben erwärmen.
-Denn er hatte ein gläubiges Herz.
-
-So ein Augenblick war es, als sie, die blonde, junge Wilde vor seinem
-Vater stand. Sie war überflutet von einer weißgelben Märzsonne. Und
-draußen schmolz der Schnee. Sie schlug mit ihrer etwas zu großen Faust
-auf den Tisch, daß die Gläser klirrten und die dunklen Eichenmöbel ganz
-verwundert schienen. Vater war auch ganz verwundert. Und er selbst war
-so glücklich, daß er vergaß, um was es sich handelte.
-
-Dann war er drei Wochen verlobt. Länger ließ es die Schwester nicht zu.
-Denn sie wußte ja, daß er ein großer Künstler werden würde. Und da
-glaubte er es auch. Die blonde, junge Wilde heiratete später einen
-Ofenröhrenfabrikanten.
-
-Gustav konnte nicht über die Straße gehen, ohne daß sich ein blondes
-Mädel an seine Rocktaschen hing. Und er liebte sie alle. Nur wußte er
-nicht, sollte er sich so benehmen, wie seine Freunde es taten oder sich
-der strengen Moral der Schwester fügen. Während er sich das überlegte,
-verschwand das blonde Mädel.
-
-Eine grobknochige Malerin hatte ihn in einer Ausstellung untergebracht,
-sechs Wochen lag er in ihrem Atelier herum, als ihr erklärter Liebling.
-Ihre Freundinnen stutzten seine zu langen Locken. Und ihre wilden
-Umarmungen standen wie riesige Raketen auf seinem Lebenshimmel. Dann
-holte ihn die Schwester. Die Malerin reiste nach Paris.
-
-Sein Zimmer wurde immer enger. Vater und Mutter waren tot. Das viele
-Geld fort. Er wußte nie genau, wie es gekommen war. Er bastelte eine
-eigene Liegestatt für seinen großen Terrier. Schrieb eine
-rechtsphilosophische Abhandlung, lernte indisch. Des Abends ging er zu
-seiner Schwester. Sie setzte ihm auseinander, er sei ein verfolgter
-Märtyrer seiner Kunst. Sie schmiedete die schwierigsten Intriguen gegen
-seine Feinde, schickte ihn zu großen Herren betteln. Schrieb Gesuche für
-ihn. Er empfand ihre Geschäftigkeit angenehm um sich herumspülen, wie
-lauwarmes Wasser. Und steckte die Finger hinein und spielte drinnen mit
-den Zehen. Trank Limonade und hielt die Kinder auf seinem Schoß. Nach
-jedem neuen Schicksalsentwurf, den sie machte, ging er lächelnd
-nachhause. Seine dunkle, schmutzige Straße beleuchteten grellrote, kalte
-Lichtfetzen. Und in seinem Zimmer waren Wanzen.
-
--- Du mußt nicht so ungeduldig sein, sagte er zu der Schwester, wenn sie
-klagte und in verzweifelt großen Schritten durch das Zimmer jagte, --
-nein, schau, eigentlich sind wir -- er sagte immer wir -- stark im
-Hinaufsteigen begriffen. Die Exzellenz hat mir versprochen, ich bekomme
-die Violinstunden bei dem jungen Prinzen. Also, bin ich dort, dann ist
-alles fertig. Ich spiele im Salon vor. Lauter Fürsten und solche Leute.
-Man arrangiert ein Wohltätigkeitskonzert. Ich bin dabei. Dann kann
-überhaupt niemand anderer für die Dirigentenstelle in Betracht kommen.
-Setze ich dann erst meine Kompositionen durch -- du wirst schon sehen.
-Überdies habe ich die größten Aussichten, daß meine Feuilletons gedruckt
-werden. Ich habe zwar erst eines, aber die andern sind fertig im Kopf.
-Wart' nur, nächstens bring ich dir die Zeitung.
-
-Eines Abends kam er bleich vor Erregung: -- Ich bin an einem technischen
-Unternehmen beteiligt. Eine Riesensache. Ich darf es nicht näher sagen.
-Ich glaube, ich habe auch schon eine Erfindung gemacht. Aeroplan.
-
-Drei Monate später hatte er sein letztes Geld verloren. Ein Zufall
-verschaffte ihm eine Stelle als Zeichenlehrer in einer Provinzstadt. Die
-Schwester war böse. Warum hatte er ihren Rat nicht befolgt, nicht das
-Gymnasium gemacht?
-
-Gustav kam in eine Welt, die aus Fabrikschloten bestand und holprigen
-Gassen. Grauem Nebel, einem grauen Haus, feucht riechenden Kleidern,
-kaltem Rauch. Er mußte täglich eine halbe Stunde in der Früh in die
-Schule gehen. Mit zerrissenen Sohlen und fadem Kaffeegeschmack. Er ging
-durch eine gerade, lange Straße voll Schwerfuhrwerken mit fluchenden
-Kutschern, schrillen Schulkinderschreien, Papierfetzen. Er fürchtete
-sich vor seinen Vorgesetzten, wie als Kind vor den Lehrern. Er konnte
-die Vorschriften so wenig erlernen, wie als Kind die Aufgaben. Er
-fürchtete sich vor seinen Schülern, die ihn verachteten, weil er mit
-ihnen höflich war.
-
-In der Stadt hieß es allgemein, er schreibe ein Drama. Ein ganz
-modernes, verrücktes. Er bekam vier Liebesbriefe von höheren Töchtern.
-Die er sorgfältig aufhob in der bewußten Lade.
-
-Die Tochter seiner Hausfrau liebte ihn. Sie war stark geschnürt und
-hatte Blumen auf dem Hut, die aussahen wie von Papier. Und sie brachte
-ihm täglich das Frühstück. Auch bat sie ihn, ihr Zeichnungen zu machen,
-nach Photographien gewesener Liebhaber. Was er geschickt und sorgfältig
-ausführte. Aber sie war nie ganz zufrieden. Er merkte es nicht. Aus der
-Bluse heraus guckte färbige Unterwäsche.
-
-Eines Abends war er bei seinem Direktor eingeladen. Das Zimmer war zum
-Ersticken rauchig. Die Frau des Direktors hatte eine hart abgerundete
-Stimme. Sie sprach sehr laut. Und am meisten mit einem breitschultrigen
-Mathematikprofessor. Von Gustavs Anwesenheit schien sie überhaupt nichts
-zu bemerken. Gustav dachte: unangenehm, daß sie so eine weiße Haut hat.
-Wie ein frisch enthülltes Denkmal. Oder Stiegen, die einen schwindeln
-machen. Auch schaut sie nach allen Seiten auf einmal, als ob sie
-vierfach schielte. Wie sie wohl aussieht wenn sie schläft ... Und dann
-sehnte er sich nach seinem Terrier und dachte nach, ob der Ofen in
-seinem Zimmer schon ausgegangen sein wird, bis er nach Hause kommt. Als
-er fort ging und schlaftrunken über die dunklen Stiegen taumelte, rief
-ihm die Direktorsfrau nach: -- Hallo, Sie, Herr Zeichenlehrer, oder wie
-Sie heißen, vergessen Sie Ihren Hut nicht, da, gute Nacht! -- Er fühlte
-einen heftigen Schlag auf das Hinterhaupt und am nächsten Morgen eilte
-er sich, in die Schule zu kommen, vielleicht steht die Frau des
-Direktors beim Fenster, vielleicht geht sie gerade Einkäufe machen ...
-vielleicht ...
-
-Er erzählte den Jungen von der griechischen Kunst, daß selbst die
-Dümmsten und Klotzigsten Augen und Ohren aufrissen. Er sprang über das
-Reck im Turnsaal und kaufte seinem Hund eine Extrafleischportion. Er
-merkte nicht, daß der Nebel ihm ins Zimmer kroch und der Ofen rauchte.
-
-Zu Weihnachten bat ihn der Direktor, seine Frau zu zeichnen. Er saß in
-einem warmen Zimmer, mit glatten, dunklen Möbeln und loderndem Kamin.
-Brand, raketenroter Brand. Vor dem Fenster der geradwegige Schulgarten,
-abgerundet im Schnee. Sie saß vor ihm mit einer Handarbeit, weiß und
-überreif, wie eine süße, tropische, wie eine ungekannte, ungeahnte
-Frucht. Das Zimmer roch nach Mandelblüten. Und ihr Haar war schwarz und
-zu glatt nach hinten gelegt.
-
--- Sehen Sie, sagte er, hier kann man zeichnen. Das ist doch was anderes
-als zuhause, immer kalt, und wenn ich meinen Hund nicht hätte, -- es kam
-ihm vor, als ob er etwas Unpassendes gesagt hätte, er wurde dunkelrot
-und machte einen Strich quer durch die ersten Umrisse ihres großzügigen
-Gesichtes. Sie sah ihn an, beobachtend, wie ein neues Möbelstück, ob es
-brauchbar wäre. Und er dachte: nein, die hält mich nicht für groß, nein,
-die hebt mich nicht in den Himmel, sie traut mir gar nichts zu, rein gar
-nichts. Und sie hat recht. Einen Augenblick dachte er in glühendem Haß
-an seine Schwester. Und dann: Es ist alles eins. Aber ich zeichne sie
-jetzt nur einmal und dann nie mehr. Ich zeichne sie, wie sie ist, o so
-ganz, wie sie ist.
-
-Und aus dem grauweißen Papier heraus wuchsen, Zug um Zug, unterdrückte
-Entbehrung und uneingestandene Wünsche. Der bleiche Widerschein ihres
-Körpers und Mandelduft. Das Gefängnisgitter ihres Kinderbettes und der
-Brief, mit dem sie die Werbung ihres Mannes beantwortet hatte. Gustav
-wußte alles und er, der nur sein eigenes unechtes Bild gekannt hatte und
-die blonden Madonnen mit den Liebesbriefen, er sah ein Leben vor sich
-und wieder aufwachen und bluten unter seinen Händen.
-
--- Bring dem Herrn Professor eine Schale Tee, sagte sie zu ihrem kleinen
-Sohn, der etwas hervorstehende Augen hatte, wie sein Vater. Ihre Stimme
-war wie Schläge gegen das Hinterhaupt. Da war die Zeichnung fertig.
-
-Sie wurde rot, als sie sie sah. Und sagte nur Danke. Gustav ging.
-
-Er traf sie das nächstemal Anfang Mai in der Dämmerung auf dem Friedhof.
-Er ging gerne auf dem Friedhof spazieren mit seinem Hund. Er liebte
-Zypressen und fühlte sich so seltsam unbehelligt.
-
-Die Blätter dufteten nach dem Sich-schon-geöffnet-haben. Die Erde auf
-den offenen Gräbern war tiefschwarz. Sie kam ihm entgegen, schimmernd
-und licht, wie ein ganz weites und reiches Ährenfeld in der Julisonne.
-Ein Schlag auf den Hinterkopf. Er küßte ihre Hand, langsam und
-vorsichtig. Sie sah auf dem Weg vor sich dicke, runde Kieselsteine. Die
-hervorstehenden Augen ihres Mannes. Aber ringsum die Blätter waren grün
-und zart und jung und die Erde schwarz. Sie nahm seinen weichen,
-knabenhaft lockigen Kopf und küßte ihn. Große leuchtende Rakete. Und
-jeder ging seines Weges.
-
-Am andern Tag warf ihn seine Hausfrau hinaus. Er hatte nicht beachtet,
-daß ihre Tochter ihm durch nunmehr schon zwei Wochen das Frühstück nicht
-brachte. Er war ein unanständiger Mensch. Und der Hund machte alles
-schmutzig. Auch wollte ein anderer einziehen.
-
-In der Schule hatte er staatsfeindliche Reden geführt. Sein verrücktes
-Drama kam ewig nicht zum Vorschein. Er ging herum wie in berauschtem
-Schlaf, in einer andern Welt. Was ihm diese Welt nicht verzeihen konnte.
-Er war gar nicht so dumm, wie er aussah, zum mindesten machte er keine
-genügenden Dummheiten. Er zog ohne Recht die Aufmerksamkeit auf sich.
-Das war unverschämt. Er beantwortete einen Backfischbrief höflich und
-herzlich. Die Eltern fingen ihn auf. Die Empörung stieg. Er wurde
-hinausgeworfen.
-
-Als er seine kleine Stube räumte mit dem zu kleinen Eisenofen, der immer
-rauchte, weinte er. Er weinte, wie ein kleines Kind, hilflos und lange
-mit großen Tränen, bis sein Gesicht verschwollen war und sein Denken
-verdumpft. Und er schaute aus dem papierverklebten Fensterchen über
-gleichgültige Dächer und Schornsteine in den grauen Nebel. Der das erste
-war, was er in seinem Leben frei und allein gesehen hatte. Denn hier war
-die Schwester nicht dabei gewesen. Und der fade Ruß deckte nur eine
-weiße üppige Blässe, ein unendliches Ährenfeld weit, weit dahinter im
-Winde.
-
-Er konnte nicht atmen in den letzten Tagen. In seiner Kehle saß das
-Hierbleibenwollen. Er verteidigte sich gegen niemanden, er sprach mit
-niemandem, er haßte niemanden, er sorgte nur für das Essen seines
-Hundes. Er liebte jedes Schild den weiten Schulweg entlang. Die
-Buchstaben standen schwarz und steif auf dem nicht mehr weißen
-Hintergrund.
-
-Es war unmöglich abzureisen. Es war unmöglich zu bleiben.
-
-Und er sah sie nicht mehr.
-
-Da traf er einen erwachsenen Schüler auf der Straße, der ihn grüßte.
-Einen großen, etwas dummen Menschen mit treuen Bewegungen. Er sprach mit
-ihm. Und bat ihn, ihn zum Bahnhof zu begleiten. Er kaufte ein Billet. So
-mußte er reisen.
-
-Und er sah sie nicht mehr.
-
-Er saß in der Bahn an einem nachtschwarzen Nachmittag, in dem stickigen
-Dritter-Klasse-Kupee, zusammengepfercht mit Fabriksarbeitern und
-wichtigen Kleinbürgern. Unten fror man entsetzlich in den Füßen und oben
-fraß sich schmieriger Zigarrenrauch ins Gesicht, der noch den Speichel
-aller der ungepflegten Münder in sich hatte.
-
-Gustav fühlte sich hier wieder groß. Er wußte, daß alle die Leute um ihn
-herum nicht einmal ahnen konnten, welche Schmerzen er litt. Er fühlte
-sein Schicksal unbändig schwer und mächtig vorne auf den Schienen
-liegen. Die Lokomotive stapfte mit ihrem eisenharten Leib darüber hin.
-
-Eine süße Wollust betäubte ihn. Sein Vater mußte einmal eine sehr schöne
-Frau geliebt haben. Und er schlief ein.
-
-Dann war er wieder ein kleiner, verschreckter Bettler, der zu seiner
-Schwester ging und sich von ihr auszanken ließ mit harten Worten. Deren
-Ungerechtigkeit er wohl kannte. Und die er nicht beantwortete.
-
-Er verstand nicht, sich zu ernähren. Und auch nicht, zu verhungern. So
-ließ er sich in die Mittelschule der Stadt hineinprotegieren und ging
-Mittwoch und Samstag zu seiner Schwester essen. Dort war er nicht mehr,
-als Mutters Bruder, ein höheres Wesen, sondern trotzdem er Mutters
-Bruder war, ein trauriger Narr. Man war gut mit ihm. Und Richard und
-Martha wurden sehr herablassend.
-
-Eines Tages, als er einige Heller mehr hatte als nichts, ging er an
-einer kleinen Ansichtskartenhandlung vorbei. Das ganze Fenster war voll
-grellfarbiger Gebirgslandschaften, schmachtender Mädchenköpfe,
-Blumenstücke, Liebesszenen. Er liebte Ansichtskarten. In seinem Zimmer
-hingen immer abwechselnd sechs Stück an der nackten Wand. Nicht mehr und
-nicht weniger. Mit Reißnägeln befestigt.
-
-Er ging in das Geschäft und unterhandelte lang mit der kleinen, blonden
-Verkäuferin. Dann kaufte er ein weißes Kaninchen auf grasgrünem
-Hintergrund. Obwohl er selbst es häßlich fand.
-
-Er kam wieder jede Woche, jeden Tag. Gisa, die kleine Verkäuferin, hatte
-zu wenige und zu lichte Haare und dumme kleine Zähne, die übereinander
-lagen. Sie war nicht mehr ganz jung und doch kindlich zart. Sie liebte
-ihn und er fror alle Abende allein in seinem dunklen Zimmer.
-
-Er zeichnete Ansichtskarten für das Geschäft. Eines Abends, als sie ihm
-zusah, küßte er sie auf die Stirne. Sie lehnte sich an ihn und sagte,
-sie seien verlobt und ihr häuslicher Herd werde ein Paradies sein, wie
-keines in der Welt. Er war erstaunt und sehr glücklich.
-
-Sie waren lange verlobt. Sie verehrte seinen Geist und seine Kunst und
-plapperte ihm alles nach. Es kam drollig heraus, in ihrem Deutsch, das
-vom Dialekt nicht ganz zu reinigen war.
-
-Er war glücklich. Nur konnte er zornig werden, wenn ihr Bruder, ein
-Soldat, nach Wirtshaus roch und ihre Mutter wollene Strümpfe auf den
-Tisch legte, auf dem eine goldene Vase mit verwelkten Gräsern stand.
-Dann schlug er auf den Tisch mit der Faust. Sie weinte hysterisch und zu
-laut.
-
-Sie hätten sicher geheiratet, wenn er das Geheimnis ihrer Verlobung
-nicht doch zu zeitlich Mutter verraten hätte. Sie zog ihn vor das Grab
-seines Vaters und beschwor ihn, seinen toten Eltern diese Schmach nicht
-anzutun. An sein väterliches Haus zu denken. An seine Erziehung. Er floh
-vor ihr. Sie ließ nicht locker. Sie holte ihn von der Schule ab, sie
-lauerte des Abends auf ihn vor der Haustür. Es kam zu häßlichen Szenen
-zwischen ihr und Gisa, wo er kaum die einzelnen Worte verstand und sich
-fragte, ob man denn so schreien könne, ohne betrunken zu sein.
-
-Und Mutter siegte. Mutter war die Stärkere. Mutter war sehr stark.
-
-Er aber schrieb, als alles endgültig vorüber war, seinen ersten und
-einzigen Brief an die Frau des Direktors. Er wollte ja nur wissen, ob
-sie lebe, ob sie gesund sei, ganz gewiß gesund. Es war vielleicht ein
-wunderbarer Brief. Der nie beantwortet wurde.
-
-Das war vor einigen Jahren. Seither führte man Gustav nicht in das
-Zimmer, wenn Gäste da waren.
-
- * * * * *
-
-Ruth ging an einem staubigen Spätsommerabend durch den großen,
-öffentlichen Park. Die Blätter hingen welk an den Bäumen, zu kraftlos,
-um sich abzubröckeln. Und zogen alle Säfte nach unten. Während graue
-Dämmerung die Wipfel drückte.
-
-Auf den braungelben, eisernen Klappsesseln saßen in langen Alleen
-Liebespaare. Die Sesselfrau humpelte zwischen ihnen herum und
-kontrollierte sie. Und jedes hatte ein Gegenüber. Das saß schon dort
-seit Mai und nichts hatte sich geändert.
-
-Vom Kaffeehaus herüber spielte die Kapelle Ouvertüren und
-Operettenlieder. Eintönig und zu rasch. Alles war hier so langsam und
-müde. Runde, dunkle Holzreifen trennten den Rasen vom Weg. Aber der Kies
-lag verstreut noch weit im grauen Gras.
-
-Ruth dachte daran, daß sie möglichst spät nach Hause kommen wollte. Daß
-sie vergessen hatte, die Schuhe vom Schuster abzuholen. Daß sie ihren
-neuen Koh-i-noor verloren hatte.
-
-Ihre Sohlen spürten, daß sie bei jedem Schritt in dem zerwühlten Sand
-etwas hinter sich ließen, das dunkel war und weich und wenn man ganz
-hinsah, tief hinunterging. Abgrund. Und ein chemischer Geruch aus
-trübgelben Phiolen. Eine Beethovensonate, die gerade verklang und doch
-lebte, obwohl sie ohne Verständnis gespielt worden war.
-
--- Guten Abend, Onkel Gustav, sagte Ruth, tottraurig. -- Guten Abend,
-Ruth, bist du auch hier. -- Der große Terrier preßte sich dicht an
-seinen rechten Fuß.
-
-Sie setzten sich in eine Allee, in die das gelbe Licht der Gaskandelaber
-nicht mehr dringen konnte. Ruth zeichnete mit der Fußspitze in dem
-bleichen Sand runde, dunkle Furchen. Sie sagte: -- Weiß Gott, wer da
-heute schon ausgespuckt hat!
-
-Der Terrier bekam auch einen Stuhl und legte den Kopf auf Onkel Gustavs
-Schulter.
-
-Sie dachte, es sei doch langweilig hier zu sitzen mit Onkel Gustav und
-was wohl Richard dazu sagen möchte.
-
-Da sagte Onkel Gustav leise: -- Sie werden böse sein, wenn du zu spät
-zum Abendessen kommst.
-
--- Ach was, jetzt bleib ich hier. Was mir schon daran liegt. -- Das
-solltest du nicht tun, Ruth, sagte Onkel Gustav mit sanfter, fast
-demütiger Stimme. -- Warum kränkst du Mutter in letzter Zeit so viel?
-
-Ruth ärgerte sich rasend über diese, seine Stimme. -- Was soll ich tun,
-sagte sie hart, mir alles gefallen lassen, so wie du?
-
-Onkel Gustav schwieg. Dann murmelte er: -- Du hast recht. Und dann
-wieder, nach einer Pause. -- Nimm dich in acht!
-
-Sie schämte sich für ihre Worte. Und flüsterte nur: -- Aber du.
-
--- Ich, Ruth, -- und sie spürte sein Lächeln durch die Dunkelheit, daß
-ihr war, als könne sie nie wieder froh werden. -- Nein, mit mir ist
-nichts mehr zu machen. Du mußt jetzt nichts andres sagen, Ruth, nein
-wirklich nicht. Nicht heute. Vielleicht bei Tage, wenn wir uns auf der
-Straße treffen oder wenn ich bei euch bin und Richard ist unverschämt
-mit mir. Dann weiß ich auch nicht, was ich jetzt weiß, denn ich bin sehr
-schwach.
-
--- Aber so reiß dich doch los, schrie Ruth, daß der Terrier erschrocken
-auffuhr.
-
-Die Gebüsche hinter ihnen waren näher gekrochen. Legten sich ihnen fast
-auf den Rücken mit all der toten Hitze, die sie den Sommer durch
-verschluckt hatten. Ganz nahe. Und schwer.
-
--- Du mußt acht geben! wiederholte Onkel Gustav dumpf. Und ihr war, als
-sähe sie dicht neben sich, in einem alten verblichenen Spiegel, ihr
-eigenes Bild. Kaltes Grauen machte die Finger steif.
-
--- Von mir darfst du nicht sprechen, fuhr er fort. Stell dir einen
-Wurzelbund vor, den die Erde ganz fest in sich hineingefressen hat. Nie
-mehr herausziehen. Manchmal glaub' ich, es gibt irgendwo um mich herum
-ein Fenster, wenn ich da durchsehen könnte, ich sähe alles richtig. Aber
-Mutter hat das nicht zugelassen. Ich mußte alles durch ihr Fenster
-sehen. Das ist nicht aus reinem Glas. Deshalb haben meine Bilder auch
-etwas Verzeichnetes. Du mußt achtgeben, Ruth! Wie du mir da
-entgegengekommen bist, ich bin erschrocken; du hast mir so ähnlich
-geschaut, es war derselbe Rhythmus im Schritt, eigentlich kein Rhythmus.
-
--- Onkel Gustav, ich habe dich sehr lieb.
-
-Es war ganz dunkel geworden. Und die nächsten Bäume in der Allee standen
-wie wachende Ungeheuer, riesengroß, verworren, unankämpfbar.
-
--- Ich fürchte mich, sagte Ruth in der entsetzlichen, toten
-Beklommenheit. Hier, vor allem. Aber noch mehr, wenn wir weggehen. Die
-Menschen drüben im Kaffeehaus bei der Musik, sie sind nur dort so glatt
-und unschädlich. Wenn sie jetzt hieherkämen, sie wären wie die Räuber im
-Wald, Verbrecher --
-
-Sie konnte ihn nicht mehr sehen. Und er sagte keuchend, kaum hörbar: --
-Die Blätter faulen im Erdboden, damit die Wurzeln Nahrung bekommen. Die
-Tiere fressen einander auf. Und die Menschen, Ruth, sind alle Mörder.
-Aber unsere Nächsten -- hörst du, Ruth, hörst du, -- unsere Nächsten,
-das sind unsere nächsten Mörder. Doch das darfst du Mutter niemals
-sagen!
-
-
-
-
- Mittagessen
-
-
-Bevor man zu Tische ging, rückte Mutter alle Teller noch einmal zurecht
-und die Stühle mit den ledergepreßten Lehnen. Dann stand alles schief.
-
-Ruth haßte unaufgeräumte Zimmer. Wie schmutziges Wasser, Ungeziefer,
-weggeworfene Zahnstocher. Ihr war jeden Morgen übel. Sie konnte nie das
-Frühstück essen. Immer empfand sie eine dumpfe Verantwortung in sich:
-mach' es gut, mach' es rein, mach' es hell. Aber der Widerwille ihrer
-braunen Kinderfinger, die sich weiche Öle wünschten, hinderte sie an
-jedem Handgriff. Wenn das Mädchen dann aufgeräumt hatte, fand sie alles
-kalt, leer und fremd. Mutter sagte: -- Warum hilfst du nie mit? -- Sie
-gab mit ihren ungemessenen Bewegungen der Wohnung »den letzten
-Anstrich«, wie sie es nannte. Und dann -- nun dann stand eben alles
-schief. Aus den Dingen heraus kroch eine seltsame verborgene Unruhe.
-Alle Ecken wurden zu lang, Ruths Gestalt zu schmal, zu knochig in den
-hohen Räumen -- tastend und auch schon verzeichnet.
-
-Wie hatte Onkel Gustav gesagt: -- nimm dich in acht! Vor wem, vor Mutter
--- vor Onkel Gustav -- dunklen Zimmern -- dämmernden Spätsommergärten --
-vor ihrem eigenen flüchtenden Spiegelbild -- vor wem?
-
-Was war geschehen? Mutter rückte heute die Teller zurecht. Die große
-Speisezimmeruhr, mit ihrem lichtmetallisch harten Klang streckte den
-langen Zeiger auf fünf bis vier Minuten vor Eins. Also genau wie immer.
-Sie, Ruth, stand beim Fenster, die Zeitung in der Hand, die sie doch nie
-las -- genau wie immer.
-
-Kann man denn da gar nichts machen? Die breite, bürgerlich grüne
-Hängelampe zerschlagen, etwas in sie hineinwerfen. Am liebsten die
-eigene lebendige Faust. Oder die dummen Suppenlöffel neben den
-geduldigen Suppentellern. Etwas machen, das hineinfährt, wie ein Blitz,
-wie ein Schrecken, wie eine Erlösung in dieses Wie-immer.
-
-Und sie hatte es ja nie gewußt. Sie saß dort an dem großen
-Familientisch, immer an demselben Platz. Viele Jahre hindurch. Und war
-klein und zart und viel zu jung -- ganz wie immer. Sie hatte es nie
-gewußt.
-
-Als Kind hatte sie geweint in der Frühlingsdämmerung. Und sich geekelt,
-wenn Mutter beim Essen über die schlechte Köchin gejammert hatte. Aber
-dann kam das große, das einzige Gefühl. Noch lag der Druck der grauen
-Alltäglichkeit tief in ihr eingegraben in weichem Grund. Aber hoch
-darüber hinaus jauchzte eine selige Hingabe. Was sonst um sie vorging,
-ließ sie ruhig, kostbar verantwortungslos ruhig. Ihr Leben war ein
-Rahmen geworden, der sich fest und unwillkürlich krampfhaft um das seine
-schloß, zärtlich, ohne nachdenken zu müssen, kostbar verantwortungslos.
-
-Wer hat ihr jetzt eine Maschine in den Kopf gesetzt? Die arbeitet und
-wühlt, denkt, denkt, denkt. Aus müdem Halbdunkel herausgerissen, sieht
-sie alles mit lichtgepeinigten Augen, grell, schreiend grell, laut.
-Höhnend scharfe, wilde Konturen, zu lange Ecken, zu runde Bogen --
-
-Es ist ein Verbrechen begangen worden. Etwas Schlimmeres. Etwas noch nie
-Geschehenes. Ein Mensch hat sich verloren und sucht sich. Und weiß es
-und denkt das durch, ganz durch ...
-
-Noch einmal ging Mutter um den Tisch und rückte die Teller zurecht und
-die ledergepreßten Stühle. Und alles stand schief.
-
-Sie, Ruth, lehnte am Fenster. Sie wußte es. Und wußte, warum Onkel
-Gustav nichts weiter geworden war, als ein trauriger Narr. Wußte, daß
-sie selbst, wenn sie jetzt mithelfen wollte bei den Tellern, es genau so
-machen müßte wie Mutter, so ungeschickt und doch selbstzufrieden. Daß
-sie Mutters ungeduldige Nasenflügel hatte, Mutters dunkle Brauen.
-
-Sie fürchtet Mutter maßlos. Sie fürchtet sich. Sie möchte sich schlagen,
-weil sie Mutters Kind ist.
-
-Onkel Gustav war da. Wie jeden Samstag. Er hatte einen Freund
-mitgebracht. Der war so unscheinbar, daß Ruth ihn erst nach der Suppe
-bemerkte und auch da nur, weil Mutter gar so höflich war. Man nannte ihn
-von und dann etwas mit »-berg«. Gustav sagte Norbert und du. Er hatte
-tadellos gepflegte Nägel und einen festgeklebten hellbraunen Scheitel.
-
-Richard erzählte vom Geschäft. Die geringste Kleinigkeit war wichtig und
-wurde mit Aufmerksamkeit angehört.
-
-Draußen fällt ein grauer, dünner Regen. So sitzen jetzt an jedem
-Mittagstisch die Männer und erzählen ihre Wichtigkeiten. Am Abend gehen
-sie in das Kaffeehaus und erzählen sie ihren Freunden. Das ist alles.
-
-Onkel Gustav sollte den Kopf nicht so vorsichtig zur Seite legen. Das
-ist eine Gemeinheit. Wie sagte er vorgestern: Nimm dich in acht. Das hat
-er gewagt. Er hat es gewagt, sie zu durchschauen. Dumm wie er ist. Und
-jetzt schielt er nur so mitleidig auf sie her.
-
-Sie senkt den Kopf tief über den Teller. Sinkt ganz in sich zusammen.
-Und ißt irgend was, das schmeckt wie graugrüner Kohl. Ist aber etwas
-anderes. Sie hört das Klappern der Bestecke und das sinnlose, etwas
-faule Durcheinander der anderen über sich. So daß sie wieder fühlt, sie
-ist ganz klein und krank und liegt im Nebenzimmer in Mutters riesigem
-Bett. Die Tür ist offen, damit man sie schreien hört, wenn sie etwas
-braucht. Sie wundert sich über das Aufschlagen der Gabeln in dem
-Porzellan, das die kaum verständlichen Redebrocken drinnen begleitet.
-Sie möchte schreien und etwas verlangen und traut sich doch nicht.
-
-Sie fragte Onkel Gustav, ob er letztesmal gut nach Hause gekommen sei.
-Es war doch zu gemütlich im Park. Überdies hätte sie einen Haufen
-Knochen für seinen Terrier gesammelt. Er solle sie nur vor dem Fortgehen
-daran erinnern. Sie wird ihm auch ein Buch zeigen --
-
-Sie fragte Martha, was die Schneiderin von ihrem neuen Kleid gesagt
-habe. Ob es bald fertig sei. Und wie es aussehe so auf dem Kleiderhaken.
-Ob es ihr schon ein bißchen ähnlich sehe --
-
-Sie erzählte Richard, daß sein Buch, das er gestern gesucht habe, in
-ihrem Zimmer liege, sie wisse selbst nicht wieso --
-
-Sie bat Mutter, nicht zu vergessen, die Konzertkarten holen zu lassen --
-
-Sie fragte den neuen Gast, ob er gern Kartoffelsuppe esse. Und ob er
-noch Gemüse haben wolle --
-
-Sie wußte: Wenn ich jetzt schweige, hört man mein Besteck allein auf dem
-Teller. In was für einem häßlichen Rhythmus es darauf klopft. Gefräßig.
-Deshalb muß ich reden. Alle reden. Wäre es nicht besser, man würde mit
-den Füßen strampeln?
-
-Der neue Gast spricht von seiner Braut. Das heißt, Onkel Gustav spricht
-von ihr. Aber es ist klar, daß er eine Braut hat. So jemand hat immer
-eine Braut. Und dann kommt die Hochzeit mit Myrte und Schleier.
-
-Was ist dort oben, nahe der Decke und doch tief unten --
-
-Ist es der Rauch aus Onkel Gustavs ewig ausgehender Zigarre. Aber nein,
-der raucht ja doch nicht. Man ist erst bei der Mehlspeise. Große, gelbe
-Patzen, glitschig in einer lichten Eiersauce.
-
-Nein, es ist nicht Rauch, aber grau und massig, ineinander überlaufend,
-ohne Grenzen. Schwergewichtig und doch oben schwebend. Zu bleich, um es
-wirklich sehen zu können. Und doch da. Verbunden mit allen Adern, allen
-Sehnen, durch die Fingerspitzen hindurch --
-
-Es steigt auf aus Richards kühlen, vorsichtigen Gelenken, wie er langsam
-die Mehlspeise zerlegt.
-
-Aus den hundetreu furchtsamen Augen des Fremden.
-
-Aus Marthas abgetragener Samtbluse.
-
-Aus Onkel Gustavs rundem Rücken, aus Mutters lauten Reden.
-
-Es steigt auf aus ihr selbst, aus Ruth, aus ihrem farblos
-schlafsuchenden Vormittag. Und dort oben ist es eng hineingefügt,
-schlangenartig umwickelt von all dem anderen, festgebissen.
-
-Hier um den Tisch herum glaubt jeder, daß er etwas für sich ist. Richard
-vor allem, der so klug ist, daß Mutter immer sagt, er muß Bankdirektor
-werden oder Finanzminister. Aber das ist gar nicht wahr. Richard gehört
-dazu, genau so wie alle anderen, die hier um den runden Tisch schwatzen.
-Die sich ähnlicher sind als die eintönigen Ledersessel, auf denen sie
-sitzen.
-
-Da oben ballt es sich zusammen. Viele Kleinschicksale -- ein
-Kleinschicksal.
-
-Da oben schwingt es in einem kraftlosen Rhythmus. Selbstbewußt. In dem
-selben Rhythmus, in dem man in das Geschäft geht oder in das Amt oder in
-die Schule, wenn man brav gelernt hat. In dem man zum Traualtar geht, wo
-man eine anständige Partie macht, in dem man Sonntags am Korso seinen
-neuen Hut zeigt, in dem man sich zum Geburtstag gratuliert, in dem man
-hinter dem Sarg seiner Lieben geht, in dem man ins Himmelreich hinein
-trottet, in dem man --
-
-Agnes zerbrach ein Glas. Ein flüchtiger Sonnenstrahl stahl sich durch
-den feinen sprühenden Regen über das verschobene Tischtuch.
-
-Gott sei Dank. Es schadet auch nichts, daß Mutter und Martha böse
-Gesichter machten. Auch nichts, daß sie drei Tage darüber unglücklich
-sein werden. Gott sei Dank.
-
-Ruth nickte dem Herrn Norbert von -- und dann kommt etwas mit »berg«,
-strahlend zu. Der brauchte doch nicht auch betrübt sein über das
-zerbrochene Glas. Er sah sehr unglücklich drein. Wahrscheinlich mehr aus
-Höflichkeit. Oder vielleicht wegen irgend etwas anderem.
-
-Diese Agnes war doch wirklich nicht salonfähig. Zu kräftig. Wenn sie bei
-der Tür hereinkam, mußte eigentlich etwas umfallen in den hohen,
-schmächtigen Räumen. Durch die bloße Anwesenheit ihrer saftvollen Arme.
-Sicher hatte sie an den Kerl gedacht mit den aufgewirbelten, schwarzen
-Schnurrbartspitzen. Der immer in der Küche steckte und den Hut nie
-herunternahm. Einen riesengroßen, hellgrauen Deckel, der schief über dem
-linken Ohr saß, immer ganz gleichmäßig schief über dem linken Ohr. Toll
-einfach. Morgen ist Sonntag, sie geht mit ihm zum Karussel, mit
-knallblauem Seidenhut und das Werkel spielt --
-
-Ruth pfiff, wie man von Tisch aufstand, einen Gassenhauer und konnte
-trotz Mutters Entsetzen so nicht aufhören, daß sie in ihr Zimmer lief,
-um weiter zu pfeifen. Dort riß sie das Fenster auf. Die Sonne schien
-hell.
-
-Norbert sagte mit seiner zu leisen, fast näselnden Stimme zu Gustav: --
-Deine Nichte Ruth scheint etwas -- nun -- etwas aus der Art zu schlagen.
-
--- Ruth? ... Gustav war ungeheuer erstaunt -- Ruth, die ist doch wie wir
-alle. Er betonte das »wir« mit einer gewissen gesättigten Befriedigung.
-Allerdings, sie ist sehr kindisch und ganz unreif, eigentlich viel zu
-unreif für ihr Alter, denk nur, schon zwanzig Jahre. Man weiß gar nicht,
-was mit ihr anfangen. Übrigens, findest du, daß sie mir ähnlich ist? --
-Nein.
-
-
-
-
- Geld
-
-
-Mutter war nicht zum Glück geboren. Aber sie hätte eine entthronte
-Königin werden müssen. Und in Schmerz und Größe schwelgen. So war sie
-kleinlich und mißtrauisch, zankte mit der Köchin um jeden Heller. Und
-wurde dann bestohlen, wie überhaupt von allen Leuten des unteren
-Standes. Weil ihre Stimme so befehlend schroff war, daß sie sie für
-mächtig, Ehrerbietung fordernd und hassenswert hielten.
-
-Auch Ruth hielt Mutter für mächtig, für allmächtig. Sie stand himmelhoch
-über den Dienstboten und Bonnen. Sie besaß die Schlüssel zum
-Wäschekasten, zu jener blendenden Fülle weichen, weißen Leinens, die zu
-sehen allein schon schläfrig macht wie ein zu heißes Bad. Sie besaß
-jeden Silberlöffel, jede Schüssel, jedes Glas Milch so intensiv und
-eigentumsdurchsättigt wie fanatische Sammler ihre Kunstschätze. Und war
-daher reich in einer Dürftigkeit, die sie selber am schmerzlichsten
-empfand.
-
-Ruth fuhr einmal als kleines Kind mit ihrer Schwester und einer Bonne in
-einem Eisenbahnkupee. Es war eine Sommerfrischenreise. Da sagte Martha
-mit ihrer überlegenen Stimme: -- Nein, wissen Sie, in dieses Hotel
-können wir nicht gehen, da sind lauter reiche Leute. -- Ein ungeheures
-Erstaunen hinderte Ruth damals am Fragen. So waren sie nicht reich? Aber
-wieso, sie hungerten doch nicht? Und Mutter trug schwarze Seidenkleider;
-was das nur heißen sollte? Sie glaubte, mißverstanden zu haben.
-
-Auch als sie schon erwachsen war, liebte sie einen Radiergummi mehr als
-ihre goldene Uhr, konnte sie Festtagskleider nicht leiden und verlor
-immer ihr Taschengeld.
-
-Geld war und blieb ihr etwas unbedingt Schmutziges. Etwas, das schon
-durch tausend häßliche Hände gegangen war, über Wirtshausfußboden
-rollte. Mutter besaß es in ungezählten Mengen. Es war nur ein Prinzip,
-daß sie damit knauserte. Aber Martha war geizig und das war viel
-schlimmer. Nur Richard war nobel. Er lächelte immer verächtlich, wenn
-man von Geld sprach.
-
-Ruth hatte kein Gefühl für Zahlenverhältnisse. Den Unterschied zwischen
-hundert, tausend, hunderttausend begriff sie so wenig, wie ein
-Unmusikalischer die Differenzen in der Tonreihe. Das war ein Erbe von
-Mutter. Nur daß diese es sich niemals zugeben wollte und um wenige
-Heller trauerte, während sie Tausende verschleuderte.
-
-Aber Ruth schenkte mit Leidenschaft. Nicht aus Güte oder um anderen eine
-Freude zu machen. Einen Gegenstand verschenken, heißt, ihn ganz von sich
-losreißen, sich auf ewig von ihm trennen, ihn ins Ungewisse schicken.
-Und das war herrlich, war Abenteuer, Tat und Befreiung. Sie gab ihre
-liebste Bluse plötzlich dem Stubenmädchen und wenn eine Freundin auf
-Besuch kam, war nichts im Zimmer, auch das am liebsten gehegte, sicher
-vor plötzlichem Ausgestoßenwerden.
-
--- Es ist schade, daß man in unserer Religion keine richtigen Opfer mehr
-bringt, sagte sie einmal.
-
-Jedes Kleid, jedes Buch, jeder Sessel ihres Zimmers waren ihr persönlich
-eigen. Aber nicht im selben Sinn wie der Mutter, die alles an sich riß.
-Sie gab sich den Dingen hin und füllte sie so voll mit ihren dämmernden
-Gedanken, daß ihre Umgebung manchmal vernebelt wurde, übersättigt vom
-eigenen Selbst. Und sie mußte plötzlich auf die Straße laufen, stöhnend
-vor Sehnsucht nach dem ganz Fremden.
-
-Dieses Selbst in allen Dingen verschleuderte sie mit wollüstiger Freude
-und Grauen. Sie war immer unbeschreiblich reich dabei. Wenn etwas sie in
-Grenzen hielt, war es die Dankbarkeit der Beschenkten. Sie schämte sich
-darüber. Danken war sich erniedrigen. Und ein heißer Zorn wühlte in ihr,
-wenn alle anderen nicht größer waren als sie. Sie wollte das Kleinste
-sein, denn sie suchte das Oben. Wie sagte doch Onkel Gustav zu seinem
-Freunde: -- sehr kindisch -- und sehr unreif -- eigentlich viel zu
-unreif für ihr Alter.
-
-Ruth bewunderte alle Menschen, die stehlen konnten. Jemandem eine Münze
-aus der Geldbörse zu nehmen, war für sie ein Wagnis, ein Heldenstück,
-das ihr immer unmöglich sein würde. Ein Eingriff in fremdes Reich, ein
-Festnehmen von feindlichen Objekten -- schwieriger, als einen nassen
-Salamander in der Hand zu halten.
-
-Ruth verbrachte den ganzen Sommer in den engbrüstigen Vorstadtgärten,
-zwischen Ladenschwengeln, Proletarierfrauen und klebrigen Kindern. Man
-konnte dieses Jahr keine Sommerfrische aufsuchen. Mutter war im Winter
-krank gewesen und mußte im Frühling eine Reise machen. So war nicht
-genug Geld da, noch einmal fortzufahren.
-
-Als Ruth zum ersten Mal davon reden hörte, daß sie heuer nicht wegfahren
-müsse, hatte sie laut aufgejubelt. Aber Mutter weinte eine halbe Woche.
-
-Von Ruth war ein Alpdruck weggefallen. Wie eine drohende Gefahr,
-unaufhaltsam näher rückend, empfand sie den ganzen Winter durch: Es
-kommt ein Tag, da muß ich fort. Man zwingt mich dazu. Fort. Man reißt
-mich aus meinem Zimmer. Meine Gedanken stecken noch in den Stuhlbeinen,
-auf der Hauptstraße liegt etwas ganz Besonderes von mir, ich muß alle
-Tage vorübergehen, meine Adern sind verwoben mit dem Himmel über unserem
-Dach und dann soll ich fort. Und sie haben die Macht, mich zu zwingen.
-Nein, ich liebe mein Zimmer nicht, es ist mir zu eng, zu sehr mit mir
-verwachsen. Aber fortmüssen und drei Monate in einem ganz fremden Raum
-sein, wo vielleicht ein pensionierter General gewohnt hat oder eine
-schmutzige Frau. Und sie haben die Macht, mich zu zwingen.
-
-Sie wußte nicht, daß jeder Mensch mit seiner täglichen Umgebung
-organisch verbunden ist. Daß ein Weiterrücken im Raum auch ein
-Weiterrücken im Leben sein muß. Und doch stöhnte sie unter dem Zwang.
-
-Von dem Fenster seines Zimmers hatte sie einen weiten, hohen Himmel
-gesehen. Mit verschwommenen Kirchtürmen. Das war ihr Horizont, ihre
-Ferne, ihr Land gewesen.
-
- * * * * *
-
-Und nun saß sie in den staubgeschwängerten Vorstadtgärten. Ihre müden
-Blicke wuschen den Ruß von den welkenden Blättern. Sie dachte an einen
-Wald, eine grünsatte, schwelgende Fülle. Die schlank hinansteigt in
-abendhelles Blau. Und sie mußte hier sein.
-
-Ihre Strümpfe waren grau vom Staub, ihre Schuhe alt und faltig. Neben
-ihr auf der Bank erzählte ein Dienstmädchen einem anderen, sie habe
-fünfzig Kronen Lohn monatlich. Wenn sie aber mehr bekäme -- sie roch
-nach Schweiß.
-
-Im Sand lag ein vertretener Kupferkreuzer. Zwischen Kinderschaufeln und
-Blechkübeln. Und es rollte ein ferner Donner.
-
-Ruth ekelte der Kreuzer. Sie dachte an eine durchlöcherte Hosentasche.
-Aber sie konnte nicht wegsehen. Sie starrte auf den Kreuzer, bis sie ihn
-doppelt sah und dann dreifach und dann vierfach und dann immer mehr,
-immer mehr ...
-
-Eine einzige ineinander rollende Masse. Schmutzig kupfergelb. Schmeckt
-wie geschmolzenes Metall.
-
-Ruths Schuh hatte einen Riß, quer mitten durch. Er sah wohl aus wie eine
-Falte. Aber es war ein Riß. Quer mitten durch.
-
-Sie stand auf und ging durch die Straßen, wo die größten, üppigsten
-Geschäfte waren. Schon wurden die Lichter angezündet. Gierig
-aufflackernde, rote kleine Scheinwerfer.
-
-Ruth dachte: Über meinen Schuh geht ein Riß -- keine Falte -- über meine
-Hand geht ein Riß -- ist das Schmutz -- und über mein Gesicht --
-vielleicht ist das Blut.
-
-Sie ging hinter einer üppigen, blonden Kokotte. Nachgezogen von ihren
-wunderbaren, geraden, feinen Absätzen, die nicht einen Millimeter zu
-hoch oder zu niedrig waren. Eine keuchende Lust überkam sie, das weiche,
-eng anliegende Leder zu fühlen, zu streicheln, an sich zu locken.
-
-Das Parfüm roch betäubend nach unaufrichtigen Blumen. Ruth dachte: -- Es
-ist abscheulich, aber teuer. Furchtbar teuer. Ungezählte schmierige
-Kupferkreuzer. Und die lichte Flasche, auf hellrosa Seide gelegt mit der
-durchsichtigen Flüssigkeit. Ich möchte sie nicht berühren. Aber teuer.
-Nicht auszudenken teuer. Und ihre Schminke -- ich könnte sie niemals
-darauf küssen -- ist auch so teuer, oder noch mehr. Wie ich sie
-verachte. Aber die gelben Schuhe möchte ich besitzen --
-
-Ein paar große, schwere Regentropfen klatschten auf das schleimige
-Pflaster. In den Häusern flammten protzig die Lichter auf. Schmiegsame
-Vorhänge wurden zugezogen.
-
-Die große Blonde ging in ein großes Haus. Über breite Stiegen mit dicken
-Teppichen. Vornehme Damen kamen ihnen entgegen mit großnetzigen
-Schleiern vor den Gesichtern.
-
-Sie gingen durch eine große Glastür. Es roch betäubend nach Seife,
-dickem Parfüm, warmen Haaren. Ein Friseur. Ein schlankes junges Mädchen
-in vergilbter Seidenbluse, mit zu hellem, großgewellten Schopf fragte
-Ruth, was sie wünsche. Ruth antwortete automatisch was ihre Vorgängerin
-sagte. Und wie diese wurde sie in eine Zelle geführt, wo ein
-gelbmarmorner Waschtisch in die Wand eingelassen war.
-
-Eine Welle mattweißen Schaums ging über ihr Gesicht, über ihren Kopf,
-über die Wurzeln der Haare. Sie empfand den Duft durch die
-Scheitelknochen dringen, sich in das Hirn einfressen. Ihre Nerven
-dehnten sich weich und ringförmig. Das junge Mädchen hatte schlanke
-Hände mit spitzen Fingern, die nicht mehr ganz ihr eigen waren. So sehr
-schmeckten sie nach tausenderlei weichen Wassern.
-
-Ruth dachte: -- Sie ist sicher arm. Aber sie darf den ganzen Tag hier
-sein und ihre Hände sind schön und unnahbar. Am Abend geht sie nicht
-nachhause. Wo sie da hingeht --
-
-Die schmutzige Kupfermasse aus dem Sand war gelb geworden und lockte wie
-verwischtes Gold in der marmornen Waschschüssel.
-
-Sie spricht nicht mit mir, -- wußte Ruth, -- weil ich ein verwaschenes
-altes Kleid trage. Es ist auch zu eng, das merkt sie sicher. Wenn sie
-erst den Riß über meinem Schuh sähe, oder ist es nur eine Falte? -- Ruth
-schämte sich maßlos.
-
-In der Zelle daneben aber plauderte die große Blonde lustig darauf los
-mit einem von den anderen jungen Mädchen. Sie schwatzten wie zwei
-Schulfreundinnen, von denen die eine ein besseres Zeugnis bekommen hat
-als die andere und sich daher etwas herausnehmen darf -- aber sie tut es
-nicht viel. Die Blonde sprach immer von einem Er -- Ruth spürte, daß er
-ein Monokel trug und manikürte Nägel hatte -- und die Blonde kicherte
-fortwährend. Die kleine Friseurin daneben sagte immer strahlend und
-bewundernd: -- Aber gnädige Frau und dann sprach man von einem Armband.
-Ruth sah wieder in der marmorgelben Waschschüssel eine Fülle von
-Kristallen, in denen sich das Licht brach, so daß die Farbenmenge
-schwindeln machte. Sie wußte, das gibt es alles, zwei Häuser weit weg,
-bei dem großen Juwelier. Ich brauche nur hinzugehen. Aber nein, ich habe
-ja kein Geld -- und ein entsetzlicher Schrecken durchfuhr sie, ob sie
-dem Friseur auch werde zahlen können. Sie dachte sich Unsummen aus, die
-es kosten müsse, ja müsse, und getraute sich nicht, ihr abgegriffenes
-Portemonnaie aus der Tasche zu ziehen. Wie der Mörder auf das
-Todesurteil, wartete sie auf den Augenblick, in dem sie vor dem
-glattrasierten Herrn bei der Kassa stehen mußte.
-
-Die Blonde daneben plapperte noch rascher und glückseliger. Ruth dachte
-in ihrer Herzensangst: Herrgott, ist sie dumm. Wenn ich nur einmal in
-meinem Leben so hirnverbrannt dumm sein dürfte. Ich könnte mich dann gar
-nicht so fürchten vor dem geschniegelten Kerl dorten. So dumm sein --
-das hieße ausruhen.
-
-Sie zahlte den Preis fast weinend vor Aufregung. Drückte in die kühlen
-Hände des jungen Mädchens ein fürstliches Trinkgeld. Und stürzte davon
-wie ein ertappter Bettler.
-
-Auf der Treppe griff sie sich unter den Hut. Da war etwas Fremdes. Waren
-es die kühlen, langen Nadeln, die ihr das Mädchen in den Knoten gesteckt
-hatte. Waren es ihre eigenen, weichen Haare, die noch warm dufteten. Und
-sie sehnte sich das Haar lösen zu können und den Kopf hineinzuwühlen.
-
-Nur nicht nach Hause gehen. Dort lagen Mutters Rechenbücher. Die Lampe
-über dem Speisezimmertisch hatte einen fahlgrünen Schirm. Nur um Gottes
-Willen nicht nach Hause. Die Gassen waren alle rot, die Schaufenster
-waren rot und die Frauen in den großen Straßen hatten rote Wangen. Hier
-grüßten sich alle, hier kannten sich alle und die Luft war rot und
-weich.
-
-Zwischen den Pflastersteinen lockte es schmutzig kupfergelb. Aber in den
-ledernen Handtäschchen der Damen blinkte es silberhell. In den
-Geschäften lag dick geschichtet lichte Seide, wunderbares, braunrotes
-Holz, fremde Blütenkelche, zarte Porzellanteller, flaumig weiche Hüte,
-Diamantarmbänder ...
-
-Heute bemerkte Ruth, daß sie langsamer ging als alle andern Leute. Sie
-fühlte einen Taumel fremder Geschäftigkeit um sich, dem sie nicht
-gewachsen war. Sie suchte mitzukommen. Sie hatte doch ein Recht darauf.
-Sie empfand ihre duftenden Haare in einer wilden Glückseligkeit. Sie
-wollte mitkommen. Ihre Schultern schmerzten vor Müdigkeit. Quer über den
-einen Schuh lief ein Riß.
-
-Blendend helle Buchstaben zogen sie an: Kino. Sie ging hinein, rasch,
-sehr rasch, flüchtend vor den zu roten Straßen und verbarg ihre Schuhe
-unter dem dunklen Sitz.
-
-Neben ihr dampften verschwitzte Kleider, gewürztes Essen, unreine Haare.
-Das Orchester spielte Richards Lieblingswalzer.
-
-Der Graf kam. Er fuhr in einem Auto, fast erstickt von der Blütenfülle,
-die er im Arm trug. Er hatte fabelhaft gerade, lange Beine. Und ein
-glattes Gesicht, zu sehr rasiert. Der Rauch aus seiner Zigarette mußte
-kostbar sein.
-
-Die Tochter des amerikanischen Milliardärs trug lange Korkzieherlocken
-und strahlte mit blendend weißen Zähnen. Ihr Körper war schlank und frei
-wie nach einem lauen, spielenden Bad. Sie kochte den Tee für sich und
-den Grafen in einem bauchigen Samowar. Dieser Tee war sicher
-bernsteinklar und duftete durch das Zimmer, das dumpf gemacht war mit
-weißen Fellen und samtenen Vorhängen.
-
-Ruth liebte die Milliardärstochter. Liebte den Grafen. Schielte mit
-dumpfer Wut auf das verkrümmte Ladenfräulein neben sich, das an den
-Nägeln kaute und schnalzte.
-
-Der Freund des Grafen, ebenso glatt, ebenso wohlgebaut. Nur trug er
-einen Schlapphut. War also ein Künstler.
-
-Das Atelier. Köstliche, großgeblümte Teppiche. Glatter weißer Marmor.
-Hinter den Riesenfenstern Aussicht bis an das Meer. Sonnenaufgang.
-
-Der Park des Milliardärs in Rom. Eine zitternde, flimmernde, prickelnde
-Blätterfülle. Kleine, schlanke Zypressen. Sonnenflecken auf der Erde,
-verstreut wie flache Goldgulden. Puccini. Die Milliardärstochter reitet
-auf einem Schimmel. Lange Korkzieherlocken, rechts der Graf, links sein
-Freund. Hinten ein Diener. Der riecht auch nach Parfüm, wie die Blonde
-heute auf der Gasse.
-
-In der Pause sagte Ruths Nachbarin zu jemand in der hinteren Reihe: --
-Ja, jetzt hat er halt eine Lungenentzündung. Ich komme gerade aus dem
-Spital. Was soll man machen? Aber schön ist es, das Stück.
-
-Und Ruth dachte: -- Der Mann im Spital hat sicher sein ganzes Leben in
-einer Kellerwohnung gelebt. Moder und Schweiß. Vielleicht hat er
-Schuhriemen gemacht für den Grafen. Oder Zaumzeug für seine Pferde. Aber
-die Milliardärstochter geht nicht in das Kino, wenn der Graf krank ist.
-Obwohl sie ihn mit seinem Freund betrügt.
-
-Ihr schwindelte. Sie empfand einen Abgrund zwischen sich und der
-Nachbarin. Zwischen sich und dem Boy, der grinsend Perolin versprengte.
-Zwischen sich und dem Grafen, der eigentlich genau so aussah, wie der
-Friseur an der Kasse, nur daß er so gut angezogen war. Und einen Abgrund
-vor der Milliardärstochter, die genau so strahlende Zähne hatte, wie die
-große Blonde.
-
-Nichts als Abgründe, Löcher, Klüfte, Leersein und Alleinsein. Es gibt
-irgendwo ein dunkles Zimmer. Schillernde Phiolen.
-
-Die Musik setzte wieder ein mit jenem Auftakt, der so lange und
-proletarisch vielversprechend auf den zweiten warten läßt. Nein, nicht
-mehr.
-
-Sie ging langsam nachhause. Die Gassen waren dunkler geworden, das Licht
-bleicher. Und zwischen den Pflastersteinen war nicht ein Kupferkreuzer.
-Nur Schmutz.
-
-Über Ruths linken Schuh lief ein Riß. Es war bestimmt keine Falte, es
-war ein Riß.
-
-Sie wünschte sich den ganzen Abend: ich möchte Seidenstrümpfe haben, wie
-die Milliardärstochter und die Blonde. Und weiche, lederne Schuhe. Aber
-ein anderes Gesicht. Vielleicht mein Gesicht. Oder noch ein anderes.
-
-Zuhause behandelte man sie mit stummer Verachtung. Sie kam nie mehr
-zurecht zu den Mahlzeiten. Sie ergab sich einem sträflichen Müßiggang,
-den Richard nicht vergaß, wenigstens einmal des Tages um die Ecke herum
-zu erwähnen.
-
-Mutter schüttelte trostlos den Kopf und sagte zu Martha: -- Es nützt
-alles nichts. Sie wird ganz wie Gustav, er ist nicht umsonst ihr Onkel.
-Und Vater war auch so. Wie das alles zu mir kommt?
-
-Ruth wusch sich von nun an zehnmal des Tages die Hände mit fast zu
-heißem Wasser. Sie trug es heimlich in ihr Zimmer, kannenweise. Niemand
-durfte davon wissen, o Gott nein, es war etwas Unrechtes, das sie damit
-tat, etwas wie stehlen. Denn wenn sie die Hände ganz tief in die
-Waschschüssel steckte und das heiße Wasser durch alle Poren in sich
-hineinströmen ließ, schlossen sich ihre Augen und sie fühlte sich über
-Marmorstufen in ein tiefes, warmes Bad hinuntersteigen.
-
-Sie mißhandelte ihr Zimmer. Es war häßlich. Alte, verschnörkelte Möbel.
-Ein Teppich, der nicht mehr rein zu bekommen war. Der Lampenschirm aus
-zerschlissener Seide. Sie stülpte ihn verkehrt auf den Boden, rückte den
-Tisch schief in eine Ecke. -- Schämst du dich nicht, wie dein Zimmer
-aussieht, sagte Mutter.
-
-Sie stand vom Tisch auf, weil Agnes mit einem verbundenen Finger
-servierte.
-
-Sie wollte nicht mit Mutter auf die Straße gehen, weil Mutters Mantel
-schon sechs Jahre alt war.
-
-Sie warf Marthas mit farbiger Seide gestopfte Handschuhe in den Herd.
-
-Und sie schenkte Agnes ihre neuesten Schuhe.
-
-Es war alles gleichgültig, alles eins. Je mehr zugrunde ging, desto
-besser. Wozu die Heller sparen, wenn man Tausende braucht. Dann war man
-armselig und fast lächerlich, wie Mutter. Aber sie, Ruth, wollte lieber
-ganz elend sein, betteln gehen.
-
-Die Welt lag hinter der harteckigen Wohnung. Auf den langen, gierigen
-Schienen rollten die Lokomotiven. Schleppten hinten in den Waggons
-glückliche Menschen in dunklen, einfachen Kleidern, deren Schnitt allein
-ein Vermögen kostete. Die legten ihre wunderbaren Schuhe auf samtene
-Kissen. Und dann saßen sie in hochwandigen Speisesälen und sahen hinaus
-über ungemessene Entfernungen.
-
-Geld haben heißt weiterkommen. Weiterrücken im Raum. Und das heißt,
-weiterrücken im Leben. Und sie steckte in ihrer Wohnung, eingekeilt
-zwischen Mutter, Martha, Richard und jetzt auch Norbert. Denn Norbert
-war sehr viel da. Mutter liebte ihn.
-
-Einmal ging sie Martha ein Geburtstagsgeschenk kaufen. Norbert erbot
-sich, sie zu begleiten. Sie war unordentlich angezogen, in alten
-Kleidern, die ihr schlecht saßen. Sie ging durch die elegantesten
-Straßen. Vielleicht eben deshalb. Und weil Norbert dabei war.
-
-Sie traten in eine der ersten Parfümerien. -- Hier wollen sie etwas
-kaufen? fragte Norbert ganz erschrocken. -- Ja, warum nicht?
-
-Sie wählte ein halbes Dutzend der kostbarsten Seifen. Es überstieg weit
-den schmächtigen Inhalt ihres Portemonnaies. -- Ich habe mein Geld
-vergessen, können Sie für mich zahlen? Norbert zahlte aus seiner
-biederen Geldbörse.
-
-Auf der Straße sagte sie, totenbleich vor Erregung, heiser: -- Wissen
-Sie, was ich da in meiner Tasche habe? Noch eine Seife, hellviolett, ich
-habe sie aus dem Korb gestohlen.
-
--- Um Gottes Willen, aber das ist doch nicht ihr Ernst.
-
--- Doch, sehen Sie, hier. Ist sie nicht wunderbar. Und so weich. Die
-behalte ich mir, die gehört mir, mir ganz allein. -- Fräulein Ruth,
-nein, das ist nicht möglich, nein, kommen Sie, gehen wir zurück, gehen
-wir. -- Gewiß nicht, ich glaube gar, Sie fürchten sich, mit mir zu
-gehen? Bitte. -- Nein, aber Ruth, so etwas dürfen Sie doch nicht tun,
-Herrgott, das ist ja furchtbar. -- Ach, lachte Ruth, das mache ich immer
--- und fast schämte sie sich, so zu lügen. Sie hielt die Seife
-krampfhaft fest mit der Hand umschlossen, daß die Schulter schmerzte.
-Und war stolz darauf. Ein gieriges Habenmüssen preßte ihr die Zähne
-zusammen.
-
-Sie gingen durch trübe, nachmittagsstille Gassen, die sonnenlos waren
-und arbeitsgewohnt. Norbert sah die ganze Zeit zu Boden und war
-dunkelrot. Dann stotterte er: -- Wenn Sie die Seife haben wollen und
-haben müssen, Ruth, und Sie haben vielleicht kein Geld mehr -- Sie
-lachte grell und höhnisch: -- Nein, wie Sie um meine Seele besorgt sind.
-
-Und dachte: Du kleinseliger Krämer du, du ahnungsloser. -- Lassen Sie
-das, Norbert, -- fuhr sie fort, -- es steht nicht dafür. Es nützt doch
-nichts. Ich habe es vom Großvater. Der hat auch alle seine Pferde
-verspielt. Mutter sagt immer, mit mir nimmt es ein schlechtes Ende. Wenn
-ich dann ganz heruntergekommen bin und so bettelarm, daß ich einen
-grauen Lappen um den Kopf binden muß, wenn es schneit, wenn ich dann so
-ganz richtig elend bin, komm ich zu Ihnen. Sie geben mir dann etwas aus
-ihrer Börse, nicht wahr? -- Ich werde Ihnen immer alles geben, Fräulein
-Ruth, aber Sie sollen nicht so sprechen. -- Vielleicht komme ich auch
-ins Kriminal, wer kann es wissen. Aber Norbert, eines, können Sie sich
-vorstellen, daß man etwas haben muß, so unbedingt haben muß, daß man
-einem andern auch Böses tut, ihn umbringt, für Geld umbringt? Können Sie
-sich das vorstellen, o, so sagen Sie doch. -- Ruth, Sie sind krank. --
-Warum denn? sowas steht doch alle Tage in der Zeitung und die Leute sind
-gar nicht alle krank.
-
-Nach einer Weile sagte er noch einmal bestimmt und ohne sie anzusehen:
--- Wir tragen die Seife jetzt zurück. Wenn Sie das Geld nicht nehmen
-wollen. Es war ein Irrtum.
-
-Ruth warf die Seife einem verkrüppelten Bettler, der an der Mauer
-lehnte, in den Hut und sprach im Vorübergehen: -- Er soll sich auch
-einmal mit etwas Gutem waschen können. Und sie sah Norbert nicht mehr an
-und gab ihm nicht die Hand zum Abschied.
-
-In den nächsten Tagen aber trauerte sie um das Stück Seife, wie um ein
-Stück verlorene Seligkeit. Sie haßte Norbert. Einmal hatte sie es gewagt
-und er hatte alles verdorben. Und warum -- weil er dumm war, grenzenlos
-dumm. Sie holte lauter Detektivromane aus der Leihbibliothek und
-verschlang sie.
-
-Sie versuchte Geld zu nehmen aus der Lade der Köchin. Aber es war wieder
-ganz unmöglich.
-
-Sie fühlte sich umgeben von einer erstickenden Masse schmutzig gelben
-Metalls. Das nach Schweiß stank und den Duft exotischer Blüten in sich
-trug und ein Rauschen von seidenen Röcken.
-
-Marthas Kasten war immer doppelt versperrt. Sie trug die Schlüssel mit
-sich in einem uralten Handtäschchen. Ruth verachtete sie deshalb. Denn
-was war schon in dem Kasten, wenn man ihn aufbrechen wollte? Wäsche mit
-gehäkelten Spitzen und ein paar ziemlich abgelegene Liebesbriefe. Eine
-Nagelschere und ein Nähkästchen und vielleicht noch eine Photographie.
-Nein, davon hätte Ruth nichts haben wollen.
-
-Und von Richards Sachen erst recht nicht. Die waren alle abgebürstet und
-ordnungsgemäß aufgestellt. Numeriert. Vom ersten Schulzeugnis an bis zur
-letzten Tagebuchseite. Denn Richard führte ein Tagebuch. Das war sehr
-genau. Es standen alle Einnahmen und Ausgaben darinnen.
-
-Mutters Besitztümer aber steckten in vierfach verbundenen Papiersäckchen
-und rochen nach Lawendel.
-
-Ruth wollte und mußte etwas haben. Etwas Außergewöhnliches, etwas
-unsagbar Schönes, etwas Wunderbares, etwas noch nie Dagewesenes,
-wenigstens noch nicht in ihren düsteren Zimmern.
-
-Als sie ihr nächstes Taschengeld bekam, ging sie durch die ganze Stadt
-es zu suchen. Als es schon Abend war, fand sie in einer Auslage einen
-Korb voll tiefroter Rosen. Festgeschlossen hingen sie schwer in den
-schlanken, wiegenden Stengeln. Und die wenigen Blätter, die schon offen
-waren, waren weich und dunkel in ihrem Innern, daß sie Ruths Kopf zur
-Seite senken ließen und die Augen schließen.
-
-Sie kaufte sechs von den schönsten, strich mit den Händen über die
-heißen, großen Stacheln und ging mit federnden Schritten nach Hause.
-
-Im Speisezimmer stand Richard unter der fahlgrünen Lampe und hielt eine
-Rechnung in den Händen. Mutter lief erregt um den Tisch und Martha
-stellte verdrossen die Gläser auf.
-
--- Was ist das Ruth, fragte Richard -- eine Rechnung für vier paar
-Lederhandschuhe? Er war ganz ruhig, zog nur die Augenbrauen ungeheuer
-verwundert in die Höhe. Aber seine Stimme war häßlich vor Zorn.
-
-Mutter rang die Hände.
-
--- Ich weiß nicht, sagte Ruth atemlos. -- Du weißt nicht und was hast Du
-da? Was sind das für Rosen, Ruth? Du bist wohl verrückt. Du weißt nicht,
-was du tust. Wie treibst du dich denn herum?
-
--- Laß die Rosen, sie gehören mir.
-
--- Dir, dir gehören sie? Ja, was gehört denn überhaupt Dir? Du stiehlst.
-Du stiehlst Mutter das Geld aus der Tasche. Sollen die Handschuhe
-vielleicht Dir gehören? Und diese Rosen? --
-
-Ruth dachte: Er nimmt mir alles. Alles. Aber er hat eine wohlgefüllte
-Geldbörse in der Tasche. Kupfergelb, silberweiß, blaue Scheine. Nur die
-Rosen soll er nicht nehmen, die Rosen nicht. Wenn er wirklich danach
-greift --
-
-Sie war umgeben von einer schwarzen, kochenden Masse. Und erstickt griff
-sie nach dem Brotmesser auf dem Tisch und schleuderte es --
-
-Ein Kreischen, ein Stoßen --
-
-Sie war allein in ihren Zimmer.
-
-Von der Straßenlaterne strömte weißgelbes Licht herein. Aber der Zorn
-tanzte noch in kochend schwarzen Klumpen um sie herum, würgte die Kehle,
-machte ihre Hände gierig.
-
-Sie fuhr hinein in die blassen Fensterscheiben. Mitten durch.
-
-Aus ihrer Handfläche quoll es langsam heraus, dunkelrot. Sie war ganz
-ruhig.
-
-Aus immer mehr Stellen heraus, immer mehr. Das Blut fiel zu Boden,
-langsam, in dicken Tropfen.
-
-Und ihre Augen wurden satt.
-
-Da waren irgendwo heiße, durstende Glieder, die sich zur Ruhe strecken
-konnten. Und ausgekühlte Marmorbäder. Und verlöschte, grellrote Lichter.
-
-Zu ihren Füßen lagen viele Münzen. Kupferne, silberne, goldene. Die
-rollten nicht mehr durcheinander. Die lagen ganz kalt, eine über der
-anderen.
-
-Und das Blut fiel zu Boden, langsam, in dicken Tropfen. Und das Geld
-fraß das Blut.
-
-
-
-
- Gott
-
-
-Als Ruth so klein war, daß das Kindermädchen sie sitzend auf dem Arm
-trug und ihr der eigene Matrosenkragen wie eine riesige, abenteuerliche
-Fläche erschien, sah sie an einem Abend ein Kreuz im Wald. In den Tannen
-hing verstecktes Gewitter. Und das Kreuz wuchs aus der felsigen Erde.
-Ruth fürchtete sich.
-
-In der Nacht nahm Mutter sie zu sich in das Bett. Am Morgen hatte sie
-Fieber. Man zog ihr ein frisches, kühles Hemd an, legte sie in Mutters
-riesige Polster hinein und Mutter küßte und streichelte sie.
-
-Wenn Ruth krank war, den ganzen Tag in Mutters Zimmer liegen durfte und
-von unten herauf jede von Mutters ungeduldigen, viel zu vielen
-Bewegungen beobachten konnte, war sie ganz zufrieden. Dann vergaß ihr
-kleines Hirn mit den Schwierigkeiten des Tages zu kämpfen, den grell
-bemalten Tapetenblumen, den Vorsprüngen auf Mutters kompliziertem
-Luster, der widerhaarigen Zahnbürste. Dann legte sie ihr kleines Haupt
-tief nach hinten und alle ihre kleinen Gedanken in Mutters zu große,
-harte Hände.
-
-Mutter war groß. Mutter war allmächtig. Mutter war unfehlbar. Mutter war
-gütig. Mutter war edel und -- Mutter war gekränkt, mißhandelt von aller
-Welt. Deshalb wollte Ruth nicht mit den andren Kindern im Park spielen,
-keinem fremden Menschen die Hand reichen, deshalb fürchtete sie sich vor
-den Hunden. Weil ihre Mutter unter diesen allen leiden mußte.
-
-Ruth küßte im Geheimen Mutters Hausschuhe. Schluchzte die ganze Nacht
-durch, wenn Mutter vergessen hatte, zuletzt an ihr Bett zu kommen. Und
-starb vor würgender Sehnsucht, wenn Mutter auf acht Tage verreist war.
-Aber das durfte niemand wissen.
-
-Richard durfte das nicht wissen, ach nein, er war ja so klug. Gewiß, er
-liebte Mutter. Aber er trug alle seine Empfindungen sorgsam eingeordnet
-in seiner schwarzledernen Brieftasche und zusammengepreßt wie die
-Banknoten.
-
-Martha liebte Mutter nicht. Obwohl sie an Mutters Geburtstag am
-eifrigsten den Tisch deckte. Aber alle Morgen stritt sie mit Mutter mit
-einer schrillen Stimme. Zu ihren Freundinnen nannte sie Mutter nur
-»sie«.
-
-Zu Mutter flüchtete Ruth sich, als sie die große Angst bekam vor dem
-großen Gott im Himmel oben. Der gar nicht half, wenn man zu ihm betete.
-Der seinen lieben, wunderbaren Sohn am Kreuz hatte verbluten lassen, der
-es duldete, daß es eine Hölle gibt, während es ihm dort oben am besten
-geht. Der die Menschen in den Spitälern sterben läßt und noch will, daß
-man dankbar dafür ist.
-
-Ruth bekam eine Bonne, deren winziger Koffer voll war mit Marienbildern
-und Rosenkränzen. Die führte Ruth in alle Kirchen. Sie fror stundenlang
-in den kalten, zu hohen Räumen mit den dunkel nassen Mauern. Weihrauch
-versperrte ihr die Kehle und der Kirchendiener hatte schmutzige
-Pantoffel. Vorne am Altar war Christus gekreuzigt. Rostige Nägel
-durchbohrten die Knochen. Das Blut war geronnen. Und er konnte nie und
-nie herunterfallen.
-
-So hing er in allen Kirchen und die Menschen beteten um schönes Wetter
-und Glück bei ihren Geschäften. Ach, wie arm war er. Für alle hatte er
-sterben müssen, und keiner liebte ihn.
-
-Eines abends stritt Mutter mit Vater. Es war so ein kleiner häßlicher
-Grund, daß Ruth ihn vergessen wollte, nein, nie mehr daran denken. Vater
-schwieg. Mutter warf Vaters Zeichnungen auf den Boden. Vater schwieg.
-Ruth schlich aus dem Zimmer. In dem kleinen Gang neben der Küche drückte
-sie die Stirne an das Fenster und betete: Lieber Christus, ich habe dich
-lieb. Ich bete nicht, ich will nichts von dir, ich habe dich nur lieb
-... An diesem Abend kam Mutter nicht zum Gutenachtkuß. Ruth rief nicht
-nach ihr. Aber sie hatte ein rotgoldenes Christusbild unter dem
-Kopfkissen.
-
-Sie wollte Nonne werden. In der Abenddämmerung in niederen Kreuzgängen
-wandeln und über das Meer schauen und Christus lieben.
-
-In die Messe mochte sie doch nie gehen. Wie entsetzlich war es, zu
-denken, daß der fettige Geistliche da vorne das reinste Blut trank. Wenn
-es auch für die ganze Welt gut war, es war eine ungeheure Grausamkeit --
-ein Verbrechen -- und daß das alle Morgen geschah ...
-
-Ruth besaß ein Kinderbuch, in dem opferten die Chinesen grell gemalten,
-glotzäugigen Buddhas. Vor diesem Buch graute ihr. Und vor den fetten
-Altären der katholischen Kirchen.
-
-Zu Hause aber steckte sie ihren liebsten Bleistift in den Ofen -- Opfer
-für Christus.
-
-Dem lieben Gott versprach sie alle Tage ein Gebet mehr. Was anderes
-konnte sie ihm nicht geben. Als es zu viel wurde, gab sie es überhaupt
-auf. Und von dieser Stunde an stand sie nicht mehr gut mit ihm.
-
-Aber sie küßte den schmutzigen Steinboden im Stiegenhaus. Christus zu
-liebe.
-
-Dann bekam sie eine andere Bonne. Mit sehr roten Wangen und gekräuselten
-Haaren, die alle Nacht zwei Stunden lang mit der Brennschere bearbeitet
-wurden. Diese Bonne liebte Ruth sehr. Sie erzählte ihr ungeheuer viel
-von einer Baronin, die schon zweimal verheiratet war und Ruths
-Schuhnummer hatte und alle Monate vier Paar Schuhe brauchte. Eines
-Nachmittags führte sie Ruth zu der Baronin. Das Zimmer war voll mit
-parfümiertem Rauch und schweren Teppichen. In einem Erker saß die
-Baronin neben einer riesigen Palme. Sie trug einen grauseidenen
-Schlafrock. Seine Falten krochen über ihre müde, duftende Haut. Sie
-sprach lange mit der Bonne und liebkoste Ruths Zöpfchen. Sie schenkte
-Ruth ein Bonbon. Ruth schlief diesen Abend ein, das Bonbon in der Hand,
-das am nächsten Morgen als zähe Masse die kleine Faust verklebte.
-
-Sie schrieb den Anfangsbuchstaben des Namens der Baronin auf die
-Löschblätter in allen Heften. Als die Bonne plötzlich fortgehen mußte,
-weinte sie die Nacht durch.
-
-In einem großen Hotel liebte sie einen gazellenschönen, argentinischen
-Knaben. Sie sprach nie ein Wort mit ihm, dachte gar nicht an diese
-Möglichkeit. Aber sie zählte die Stunden, bis sie ihn wieder in den
-Speisesaal kommen sehen könnte, neben seiner überüppigen Mutter.
-
-An einem lichtgoldenen Frühlingstag sah sie auf dem Markt einen Korb
-weißer Hyazinthen. Kaum erblühter, strahlend weißer, schlanker
-Hyazinthen. Sie hatte kein Geld. Was sollte sie tun? Sagen, daß sie
-diese Hyazinthen haben mußte, sehen mußte, einatmen mußte. Nein,
-niemals, so etwas spricht man nicht aus. Das ist etwas so ungehöriges,
-wie die Dinge, die in den verbotenen Büchern stehen. Über so etwas
-schweigt man. Und wenn es nur wäre, um nicht ausgelacht zu werden. Das
-aber ist Schande und Schändung. Das ist so wie der gepeinigte Christus
-an jeder Wegkreuzung.
-
-Im Sommer darauf bemerkte sie zum erstenmal, wie sich das saftige Grün
-der Buchenblätter in die Sonnenbläue des Himmels schmiegt. Und sie
-berührte schüchtern das Waldgras, das hoch und gebogen war, während auf
-den Felsen die Erde duftete. -- Geh nicht in den Wald, sagte die Mutter,
-dort sind Holzhauer und Schlangen.
-
-In diesem Sommer wuchs Ruth überraschend schnell und bekam kräftige,
-braune Arme.
-
-Im nächsten Winter entbrannte sie in wilder Leidenschaft für Napoleon.
-Der mit gekreuzten Armen über die Menschen gegangen war und sie
-zertreten hatte.
-
-Damals war es, daß Ruth eine Macht über sich fühlte, die sie fausthart
-in die Knie zwang. Und von der ihre weichen, unentwickelten Gelenke sich
-in sehnsüchtiger Wollust kneten ließen. Sie wollte nicht lieben, nicht
-Liebe empfangen, aber unterworfen werden.
-
-Im hintersten Winkel des Kleiderkastens war ein wunderliches Gemisch von
-Kostbarkeiten: Eine falsche Rose, die Mutter getragen hatte als sie
-einmal in das Theater ging und so besonders schön war. Gepreßte Zyklamen
-aus dem Buchenwald. Das rotgoldene Christusbild. Eine Unterschrift der
-Baronin aus einem Brief an die Bonne. Ein Ausschnitt aus einem
-französischen Werk über Napoleon. Und das Wort Beethoven mit roter Tinte
-auf die verkehrte Seite einer Visitkarte geschrieben.
-
-Wenn Ruth ihren Kasten zusammenräumte, wischte sie diese Dinge mit einem
-Batisttaschentuch ab. Jedes war einzeln in weißes Seidenpapier gewickelt
-und mit Christbaumschnüren zugebunden. Ruth rührte aber keines gerne an.
-Sie fürchtete den Tag, wo ein quälendes Gewissen sie dazu trieb, alles
-frisch zu ordnen und neu einzuwickeln. Sie wusch sich vorher dreimal die
-Hände und fürchtete, daß ein unreiner Atemzug diese Heiligtümer
-beleidigen könnte.
-
-Denn das alles waren Heiligtümer, nicht Erinnerungsstücke. Kleine,
-nichtige Gegenstände, vollgetränkt mit dem Empfinden einer
-überströmenden Liebe. Und als Christus, als die Baronin, als Napoleon
-Ruth fremd geworden waren, behielten die einzelnen Dinge doch ihre
-seltsame Macht. Ja, diese Macht war sogar gewachsen, wenn das Ideal tot
-war. Und noch unbegreiflicher, furchteinflößender geworden. Es war
-besser, man berührte diese Gegenstände nicht, ging ihnen aus dem Weg und
-sperrte den Kasten zu. Wodurch allerdings auch der Schlüssel lebendig
-wurde und schwer zu behandeln.
-
-Es kam noch vielerlei dazu. Schmächtige Seidenfransen, die sie einem
-Freund Richards, einem langlockig, grobbeinigen Menschen von seinem
-Kragenschoner weggeschnitten hatte. Ein weißblondes Haar der
-Englischlehrerin. Und noch vieles andere. Es gibt keine Kirche, die so
-viele Reliquien hat wie Ruths Kleiderkasten.
-
-Einmal saß Ruth bei dem Speisezimmertisch und sollte eine Schulaufgabe
-machen. Mutter saß mit ihren Rechenbüchern daneben. Da kam ein
-Dienstmädchen herein, die Mutter einst wegen Diebstahls hinausgeworfen
-hatte. Die brachte ihr Kind. Mutter schob alle Rechenbücher beiseite und
-nahm den Säugling auf den Arm und küßte und hätschelte ihn. Ruth sah
-sich wieder ganz klein und der Mutter so nackt und hilflos überlassen,
-wie dem lieben Gott selbst. Sie zeichnete Mutters Kopf in ihr Schulheft.
-
-Onkel Gustav erklärte, sie sei ein Genie. Mutter war stolz. Sie hatte in
-ihrer Jugend selbst viel gemalt, große, bunte, talentierte Bilder. Man
-schickte sie in eine Zeichenschule. Und dort war Hilde.
-
-Wenn die Sonne aufgeht, brechen alle Pflanzen aus der Erde und die
-Steine werden licht. Denn das ist die große Kraft.
-
-Wenn Hilde in das Zimmer kam, wurde der Raum weiter und höher. Und durch
-alle Muskeln zuckte Ungeduld und Sprungkraft. Denn sie besaß große
-Kraft.
-
-Sie sehen, hieß einen Trunk frischen Wassers tun. Und vor Ruth sanken
-die schwerblütigen Vorhänge der elterlichen Wohnung in einen fetzigen
-Haufen zusammen. Und sie verstand, daß es wichtiger war Fensterscheiben
-zu zerschlagen als einem Bettler ein paar Kreuzer zu schenken. Denn die
-Sonne muß hereingelassen werden. Sie ist die große Kraft.
-
-Mit Hilde konnte man nicht sprechen. Ihre Nähe war grell und fast
-schmerzhaft laut. Ruth flüchtete vor ihr. Alle Reliquien durften
-verstauben.
-
-Hilde reiste nach Italien. Sie sah Hilde nicht mehr. Ein greller Funken
-hatte ihr Leben grell gemacht, ganz kurz, momentan. Sie war feige und
-blieb in der Dämmerung. Aber sie kannte das Licht. Und wartete.
-
-Während aus dem Graugelb leerer Nachmittage er herauswuchs, riesengroß
-und dunkel. Und sie saß bei ihm alle Wochen, alle Tage. Und trank die
-Worte abgelebter Erinnerungen, die noch leben möchten. Dumpfer
-Männernächte, die ihre Kinderhände weinen machten.
-
-Er war ein Gott. Die Maske fiel.
-
-Er war ein armer Mensch. Die Maske fiel.
-
-Er war ein Schuft. Wird noch eine Maske fallen.
-
- * * * * *
-
-Ruth saß am Sonntag in dem großen Dom. Die Orgel spielte und vor den
-brennenden Kerzen lag die Menge.
-
-Ruth hörte auf das ewig gleiche Thema der Orgel und wußte, daß draußen
-ein eintöniger Regen fiel. Die nassen Kleider der Leute stanken in den
-Weihrauch hinein. Sie saß ganz hinten, in einer dunklen Bank. Vor ihr
-war eine alte Dame in schwarzem Schleier. Die betete halblaut.
-
-Ruth dachte: mit wem spricht sie da. Gott -- das ist eine Maske mit
-gerader strenger Nase und weißem Bart. In jeder Spielwarenhandlung zu
-kaufen, wenn erst Fasching ist. Christus ist tot. Gekreuzigt. Sie soll
-sich nicht zum Narren halten lassen von den Reliquien hinter dem Gitter.
-Das sind Masken für nichts. Ich möchte meinen Schrank verbrennen. Mutter
-macht uns alle unglücklich, weil sie nicht glücklich sein kann. Das
-Muttersein ist Maske. Dahinter steckt ein furchtbarer Mensch. Und die
-Liebe bei der Baronin mit dem parfümierten Rauch macht Übligkeiten. Sie
-soll nicht lächeln. Es ist eine Krankheit in ihr. Maske. Napoleon hat
-die Welt unterworfen weil er die größte Maske trug. Alle Buchenblätter
-sind faul und die weißen Hyazinthen verwelkt, verkrümmt.
-
-Sie zog einen Taschenspiegel aus ihrem Handtäschchen. -- Da sitze ich in
-der Kirche bei der Komödie. Warum schrei ich denn nicht. O ich bin
-gesittet. Und mein Gesicht ist nicht verzerrt. Ich trage ja auch meine
-Maske. Aber die Augen sind furchtbar. Ich habe Angst vor mir.
-
-Ob Hilde auch eine Maske hat --
-
-Aber er trägt viele tausend Masken. Nein, er weiß gar nicht, welches
-sein wahres Gesicht sein könnte. Lauter weiche, schmiegsame Masken,
-innen etwas faul. Grünbleich und müde. Ach, und sich hineinlegen können
-und ausruhen ...
-
-Als sie aus dem Tor herausging, traf sie Onkel Gustav und Richard. Beide
-zogen den Hut vor der Kirche. -- Warum tut ihr das, sagte Ruth
-ärgerlich, ihr glaubt ja doch nichts.
-
--- Das macht man so, sagte Onkel Gustav verlegen.
-
--- Ruth, du bist wieder einmal dumm, erklärte Richard.
-
--- Aber ein Tier tut das nicht, sagte Ruth und streichelte Onkel Gustavs
-namenlosen Hund.
-
-
-
-
- Gute Familie
-
-
-Martha unterrichtete in der Schule, die Norberts jüngste Schwester
-besuchte. In der sie selbst ihre erste und letzte Bildung empfangen
-hatte und wo Ruth einmal fast hinausgeworfen worden war, weil sie
-öffentlich zu erklären wagte, vor der französischen Grammatik brauche
-man den lieben Gott nicht im Gebet anzurufen.
-
-Mutter hatte darauf gehalten, daß ihre Töchter diese Schule besuchten
-und keine andere. Es war die vornehmste Schule der Stadt, die
-Bureaukratenschule. Es galt als Zeichen von Ruths Dummheit, daß sie
-nicht einmal in dieser Schule gute Noten bekommen konnte.
-
-Ruth dachte niemals an ihre Schuljahre zurück. Sie mied den Weg, der an
-der Anstalt vorbeiführte. Sie empfand schon in der Nähe des Hauses den
-dumpfen Tintengeruch aller der Rehlederfleckchen, die zu besitzen dort
-so streng verlangt wurde und die sie immer verlor. Französische Verben,
-verwischte Diktate, alte Butterbrote, schwarze Clothschürzen mit
-knallblauem Rand und das unbedingte Bedürfnis, sich auf den Tisch zu
-setzen, jetzt, gerade jetzt, weil das so entsetzlich unpassend ist.
-
-Vor allem aber hielt sie ein wurmendes Schamgefühl zurück, wenn sie sich
-an diese Zeit erinnerte. Sie wollte nicht eines sein mit dem faulen,
-boshaften Fratzen, der der Mademoiselle alles nachwies, was sie in
-Geschichte falsch unterrichtete, ihre gefärbten Haare bewunderte und
-stundenlang darüber grübelte, was sie ihr Verletzendes sagen könne. Denn
-die Mademoiselle war dumm. Es war eine Unverschämtheit, andere belehren
-zu wollen, ohne klüger zu sein. Das einzige, was Ruth aus der Schule
-brachte, war ein glühender Haß auf den Kardinal Richelieu. Der bestimmt
-der Mademoiselle ähnlich gesehen haben mußte, ihre kaltadrige, rote
-Gesichtsfarbe gehabt hatte und ihre steifglänzenden Halskragen. Damals
-hatte Ruth den Haß gelernt. Nicht den hochlodernden, kämpfenden. Aber
-den sich ekelnden, nagenden, den man gegen Fleischfliegen hat und Maden.
-Den allerunbarmherzigsten.
-
-Und damals hatte Ruth die Roheit kennen gelernt, die nicht zögert, sich
-selbst zu beschmutzen. Als ein Kind der Schule gestorben war, kam der
-Literaturprofessor wankend in die Klasse. Er war ein kleiner,
-lächerlicher Mensch mit strohgelb in die Höhe stehenden Haaren. An die
-Tafel gelehnt, schluchzte er überlaut, wischte sich die Tränen ab mit
-einem blauen Taschentuch, schneuzte sich -- und dazu mußte ein Mädchen
-ein ganz blödsinniges Lesestück vorlesen. Da begannen alle Kinder zu
-lachen. Und Ruth mit ihnen, sie zerbiß ihr Taschentuch -- er weinte ja
-auch immer, wenn er von Theodor Körner sprach.
-
-O die viele, viele Schande, die sie dort erdulden mußte. Alle Morgen
-eine Krankheit erfinden, um nicht hinzugehen. In einer Zeit, wo der
-unbeugsame Kindersinn nach unbedingter Reinheit verlangt und der
-geringste Schmutzfleck ratlos macht und ausliefert.
-
-Konnte man je wieder rein werden, wenn man in diese Schule gegangen war?
-Wo alle unterdrückte Sinnlichkeit der vertrockneten Lehrerinnen unter
-den Bänken wieder erwuchs, aufgezogen von der schmierigen Neugier
-halbwüchsiger Kinder, die von Liebe nichts wissen dürfen. Ruth wurde
-später rot, wenn sie an die Gespräche dachte, die sie mit zwölf Jahren
-hören und führen mußte. Und dann wurde alles verraten. Und ein Kind
-wurde ausgeschult, weil es die Tochter einer Schauspielerin war.
-
-Nein, an diese Schule durfte man niemals zurückdenken. Ruth wich Martha
-aus, wenn sie des Morgens dorthin ging. Sie hätte sie bedauert, wenn sie
-sie nicht so maßlos verachtet hätte.
-
-Es war ganz selbstverständlich, daß Norberts Schwester diese Schule
-besuchte.
-
-Norbert kam nicht mehr bloß Samstag. Er kam auch Mittwoch. Jeden
-Mittwoch und Samstag zum Mittagessen. Vorher spielte er noch mit Gustav
-zwei Sonaten, eine neu und eine, die sie schon das letztemal gespielt
-hatten. Ruth kam an diesen Tagen immer zu spät nachhause.
-
-Ruth verachtete Norbert. Diese Verachtung war mit einem ihr sonst
-fremden Ekel untermischt. Der sich bis zur Wut steigern konnte, wenn er
-sie über den Tisch herüber ansah, hundetreu und Vertraulichkeit
-vortäuschend.
-
-Mutters Vorliebe für Norbert stieg immer mehr. Martha konnte gar nicht
-aufhören, mit Norbert zu sprechen. Er gab als Mitglied seiner Kaste
-etwas verächtlich Auskunft über die Familienchronik der Stadt -- aber
-immer als Mitglied seiner Kaste. Martha bekam hektisch rote Wangen. Ruth
-dachte: Mein Gott, wie wenn ich den Uilenspiegel von de Coster lese.
-Aber da ist es nicht ein Mensch, ein Volk, eine Welt, nur eine ehemalige
-Tanzstunde.
-
-Deshalb hatte sie Martha in den letzten Jahren beiseite liegen lassen.
-Neben ihr starb eine Seele in der Sehnsucht nach dem gelobten Land.
-
-Eines Mittags kam ihr auf der Straße ein ältliches Fräulein entgegen,
-trotz der lichten Sonne in einem langen, grauen Regenmantel. Scharfe
-Nase, weltfremde Augen, unter dem Arm eine Aktentasche. Ruth dachte:
-Lehrerin, die hat heute sicher ein ungezogenes Kind gequält. Vielleicht
-so eines wie ich war.
-
-Sie ging weiter. Um die Ecke herum begegnete ihr Martha, die eben aus
-der Schule kam. Sie hing sich hastig an Marthas Arm und fragte einige
-ganz überflüssige Fragen. Martha antwortete mürrisch. Ruth dachte: Um
-Gottes Willen, vielleicht sieht sie in ein paar Jahren so aus wie die
-andere, die Lehrerin von vorher. Nein, das ist unmöglich, das darf nicht
-sein.
-
-Derselbe glühendheiße Druck legte sich ihr zwischen die Brust, den sie
-als Kind empfunden hatte, als der Arzt sagte, daß Vater sterben müsse.
-Sie hatte sich in einem Kasten versteckt und schrie in sich hinein:
-unmöglich.
-
-So ging sie heute neben Martha. Bei einem Blumenweib blieb sie stehen
-und kaufte ein winziges Büschelchen Veilchen. -- Ruth, um diese
-Jahreszeit. Du fängst also schon wieder so an mit dem Geld. -- Nimm sie.
--- Unsinn. -- Bitte. -- Nein, könnte mir einfallen.
-
-Ruth hielt die Veilchen ganz tief unten. Nur nicht weinen vor Zorn. Pfui
-Teufel. Und Marthas Schleier hatte ein Loch quer über die Wange hin.
-Ach, was ging diese langweilige Person sie eigentlich an. Sie ließ die
-Veilchen in den Rinnstein fallen, knapp bevor sie in das Haustor traten
-und sprang voraus über die Stiegen.
-
-Dann aber schalt Mutter mit Martha kreischend laut und ungerecht. Ruth
-stand im Nebenzimmer mit geballten Fäusten. Mutter schrie. Martha
-schwieg. Ach, da war wieder der entsetzliche Druck, der brennende Druck
--- Angst --
-
-Ruth warf eine alte Porzellanvase zu Boden, daß die Splitter sprangen.
-Mutter stürzte wütend herein. Sie schüttelte Ruth und stampfte mit dem
-Fuß auf die Scherben. Aber sie war wieder gut mit Martha. Denn Martha
-jammerte mit.
-
-Ruth weinte so lange, daß sie am Abend krank war und in das Bett
-gesteckt wurde. Mutter brachte ihr besonders aufgegossenen Tee und
-setzte sich an den Bettrand wie in alten Zeiten. Aber Ruth drehte den
-Kopf weg. Das Licht schmerze sie. Plötzlich sagte sie: -- du hast Martha
-nicht gern. -- Was soll das heißen? -- Du hast Martha gar nicht gerne.
-Weil sie häßlich und unglücklich ist. Häßliche und unglückliche Menschen
-mag man nicht. Ich liebe Martha auch nicht, o nein. Aber ich will nicht
-mehr mit ihr streiten.
-
-Und nach einer Weile: -- Weißt du Mutter, eigentlich wünsche ich, daß
-Martha auch aus dem Fenster gesprungen wäre, wie ihre verrückte Freundin
-voriges Jahr. Wenn sie es heute noch tun wollte, ich glaube, ich würde
-ihr helfen und -- Ruth, Mutter stand vor dem Bett, dunkelrot -- du
-willst also, daß ich hinausgehe ... Nein Mutter, ich habe nur manchmal
-so Angst. Aber wenn du gehen willst, gib mir etwas zu lesen, irgendein
-Buch, nur etwas, was gerade auf dem Tisch liegt. -- Schillers Dramen? --
-Nein, nicht das. Wozu. Ich sage dir, heute Mittag habe ich auf der
-Straße im Sonnenschein eine Frau gesehen, viel, viel schlimmer als die
-Maria Stuart, bevor sie auf das Schafott geht. -- Du träumst. -- Nein,
-ich habe die Augen offen, sehr weit offen -- gute Nacht Mutter.
-
-Ruth versuchte nicht mehr, mit Martha zu sprechen. Aber in den nächsten
-Tagen vergaß Martha, als sie in das Theater ging, den Schlüssel ihres
-Kastens abzuziehen. Ruth schlich in ihr Zimmer. Ihr Herz klopfte in die
-Kehle hinauf. Sie verschloß die Türe. Sie dachte: jetzt mache ich etwas
-Niederträchtiges, Schmutziges. Aber ich kann ihm nicht entgehen, es
-geschieht von selbst, notwendig --
-
-Sie fand nichts, nein, sie fand gar nichts in dem Kasten, nicht einmal
-die Photographie, die sie erwartet hatte. Wozu sperrte denn Martha den
-Kasten immer auch dreifach zu. Nur ein Buch lag da, in Leder
-eingebunden, mit vorgedrucktem Datum, darinnen standen alle Theater,
-Vergnügungen, Bälle und Tänzer.
-
-Ruth empfand wieder den Geruch von Gaze, Spitzen, gebranntem Haar,
-Straußfedern und frischen Blumen, die alle nach Parfüm und Puder
-schmeckten. Jene festliche Erregung, die die ganze Familie bis zur
-Hausmeisterin hinunter beherrschte, wenn Martha mit Mutter auf einen
-Ball ging. Die ihr Kinderherz nicht schlafen ließ und an rauschende
-Seidenröcke denken und blonde Prinzessinnenlocken.
-
-Heute abends war sie mit Mutter allein beim Abendessen. Mutter sollte
-erzählen.
-
-Mutter tat das gerne, leichthin, ohne Ruths brennendes Interesse zu
-spüren. Ruth zerkrümmelte das Brot über das Tischtuch.
-
-Mutter sagte: -- Du brauchst nicht glauben, daß Martha immer so war, wie
-sie jetzt ist. Sie ist ein armes Mädchen, aber gut. Und du bist manchmal
-sehr abscheulich zu ihr, Ruth. Da ist Richard ganz anders. Er ist doch
-immer so rücksichtsvoll, das hat er bei Martha am besten gezeigt. Gott,
-das ist schon lange her und von so etwas spricht man lieber nicht mehr.
-Überhaupt zu dir, du könntest eine Bemerkung machen --
-
--- Natürlich. Ich verstehe nicht, warum du dann davon redest? Was es
-schon sein wird, sie wird eben ein Kind bekommen haben.
-
--- Ruth, so etwas sagst du zu mir? Wie du jetzt immer sprichst. Mit wem
-gehst du eigentlich um? Schon in der Schule hast du dir immer die
-Minderwertigsten ausgesucht. Bei Martha war das ganz anders. Wenn du
-wüßtest mit wem Martha verkehrt hat --
-
--- Das hat ja auch herrliche Folgen gehabt.
-
--- Martha war immer nur in den besten Familien eingeladen. Die Leute
-haben sich um sie gerissen. Sie war hübsch und liebenswürdig. Alle haben
-ihr den Hof gemacht, wie toll. Menschen wie Norbert --
-
--- O weh ...
-
--- Ja, das ist dir natürlich zu gut. Aber ich sage dir, Martha hat ein
-schönes Leben gehabt und war glücklich. Das verdankt sie mir.
-
-Ruth bückte sich, um die Serviette vom Boden aufzuheben.
-
--- Du weißt eben gar nichts. Wenn du eine Ahnung hättest, wer Martha
-heiraten wollte --
-
--- Und warum hat er es nicht getan?
-
-Mutter erzählte von dem jungen Baron, der Martha so sehr geliebt hatte.
-
-Ruth dachte: Sicher hat er ihr Blumen geschenkt beim Kotillon.
-
-Der Baron reiste ihnen nach, einen Sommer lang. Man wohnte in den
-feinsten Hotels, o, es kostete ein Vermögen. An der Ostsee. Martha trug
-nur Pariser Toiletten. Am Abend saß der Baron mit ihr und Mutter bei
-Champagner auf bis zwölf Uhr, jede Nacht bis zwölf --
-
-Ruth dachte: Warum ist sie nicht lieber am Strand mit ihm spazieren
-gegangen und hat ihn geküßt.
-
-Alle morgen standen Blumen auf dem Frühstückstisch. Und Martha wußte
-ihre Haltung zu bewahren --
-
-Ruth fragte: -- Warum?
-
-Aber Mutter erzählte weiter, stolz, glückselig.
-
-Sie waren allein in dem Bad. Ruth und Richard waren zu Hause. Der Baron
-hielt Vater für einen großen Unternehmer --
-
-Ruth dachte: Vaters arme Zeichnungen.
-
-Und dann im Herbst waren sie verlobt. -- Mutters Stimme brach fast ab.
--- Ganz richtig verlobt. Natürlich geheim. Aber er kam alle Tage zum
-Abendessen und war mit Richard eng befreundet. Richard hätte damals in
-ein Ministerium kommen können. Ach, es war herrlich ...
-
-Mutter schwieg. Ruth fragte: -- Nun, und? ... Und nichts.
-
--- Was heißt das?
-
--- Die Verhältnisse.
-
--- Die Verhältnisse also, das heißt, daß Vater kein Unternehmer war, daß
-ihr geschwindelt habt.
-
--- Ruth, was sagst du mir da? Mir, die ich immer dem Glück meiner Kinder
-gelebt habe. Richard sollte dich hören. Ja Richard überhaupt ... Wir
-fuhren zu Weihnachten in das Gebirge. Du hattest Keuchhusten. Erinnerst
-du dich --
-
--- Ja, da war der Tierarzt.
-
--- Richtig. Nun und wenn Richard nicht so energisch aufgetreten wäre.
-Martha war zu jeder Dummheit bereit. Der Landtölpel --
-
-Ruth sah vor sich den bärenhaft trotzigen Menschen, mit den zarten
-Händen und der Bauernsprache, auf dessen Rücken sie oft genug geritten
-war.
-
--- Mutter, das ist eine Gemeinheit.
-
-Richard und Martha kamen aus dem Theater nachhause. Norbert war auch
-dort gewesen. Ruth hatte Norbert am Abend vorher beleidigt. Richard
-sagte: -- Natürlich, du kannst immer nur rüpelhaft sein. Es ist wirklich
-schade, wenn ein Mensch aus guter Familie zu uns kommt.
-
-Ruth sprang auf: -- Ich glaube, ihr wißt alle nicht, wer Vater war.
-
-Und sie drehte Vaters Photographie an der Wand um.
-
-Am nächsten Tag suchte Ruth ein junges Mädchen auf, dessen Verkehr ihr
-von Mutter streng verboten war. Sie hatte sie in einer Nähschule kennen
-gelernt. Das junge Mädchen hatte grellrote Haare, die sie zu hoch
-hinaufgesteckt trug. Sie lebte mit ihrer Mutter in einem schäbigen
-Vorstadthaus, aber in der Wohnung waren viele Teppiche und Erker mit
-heimlichen Palmen. Sie verkehrten nur mit Offizieren.
-
-Ruth traf Mutter und Tochter, wie sie sich eben manikürten. Sie wurde
-mit überströmender Liebenswürdigkeit empfangen. Aber sie haßte manikürte
-Nägel, die rund und glatt sind, wie Klauen von Tieren. So war sie kühl,
-obwohl sie sich vorgenommen hatte, herzlich zu sein. Als Bella sich an
-den Toilettetisch setzte, wo die vielen silberglänzenden Schächtelchen
-waren und die rote Lampe darüberhing, bekam sie eine tolle Lust,
-mitzutun. Sie schmierte sich rotes, weißes, gelbes Puder vermischt über
-das Gesicht, bis Bellas Mutter in einen Lachkrampf ausbrach und sie in
-die Arbeit nahm.
-
-Als sie sich dann in dem Spiegel betrachtete, von der Seite her und
-verlegen vor sich selber, war das genau so, wie wenn sie sich vor Jahren
-mit Marthas Garderobe zur Jungfrau von Orleans drapiert hatte. Das war
-ja herrlich, so ganz jemand anderer zu sein, als man wirklich ist.
-Verlockend und spielerisch. Maske. Ein bißchen wie der liebe Gott mit
-dem weißen Bart. Nur daß die Schminke rot war.
-
-Und alle Lampen in diesem Haus waren rot. Sie fiel Bella um den Hals und
-beide tanzten durch das Zimmer.
-
-Dann kamen drei Herren. Zwei Offiziere und ein Theaterdirektor. Sie
-saßen in einem halbdunklen Raum und tranken Tee aus winzigen Tassen. Der
-Zigarettenrauch war klebrig schwer. Man konnte nicht mehr sehen, daß die
-Wände überfüllt waren mit Photographien, Bilderchen nackter Engel und
-trockenen Maiskolben.
-
-Aber es war sehr lustig. Direkt gemütlich. Ruth fühlte sich wunderbar
-wohl. Sie spielte ihre Rolle, als ob sie ihr von dem liebenswürdigen
-Theaterdirektor eigens einstudiert worden wäre. Eigentlich wußte sie
-nicht genau, ob nicht daneben ein Orchester spiele mit kreischenden
-Fiedeln und ein Boy unter ihr Perolin aufsprenge.
-
-Ein Leutnant mit etwas herunterhängender Unterlippe setzte sich an das
-Klavier und spielte eine abscheuliche Melodie. Bella sang dazu ein
-schmieriges Lied. Dann setzte sie sich auf seinen Schoß und er küßte
-sie. Er hatte große, schwarzgerauchte Zähne. Ruth dachte an Norbert.
-Ekelhaft.
-
--- Ich muß nach Hause gehen. O man war sehr betrübt darüber. -- Aber ich
-komme bald wieder. Und Ruth setzte sich den Hut schief in die Stirne
-hinein und quer über ihr gerötetes Gesicht.
-
-Auf der Straße verfolgte sie ein Mann bis in ihr Haus.
-
-Bei Mutter war Besuch. Eine Freundin Mutters mit drei unverheirateten
-Töchtern. Die alte Frau machte eine verwunderte Bemerkung, daß Ruth so
-spät abends allein nachhause käme. Die drei Schwestern schielten
-eigentümlich auf den schiefsitzenden Hut. Und die Älteste öffnete den
-Mund, um etwas Boshaftes zu sagen. -- Da ging Ruth aus dem Zimmer. Ihr
-war ja so übel.
-
-Bella war glücklich. Die drei Mädchen da drinnen zankten sich alle
-Morgen. Gingen dann einträchtig den ganzen Vormittag Einkäufe machen für
-ihre unbedeutende Wirtschaft. Trafen bei dieser Gelegenheit Bekannte,
-die sie grüßten, mit denen sie sprachen. Nie ging eine allein auf der
-Gasse. Immer waren sie zu zweit oder zu dritt und gewöhnlich war die
-Mutter zwischen ihnen.
-
-Sie warteten ihr ganzes Leben, daß einer käme. Aber einer, der vornehm
-war. Eigentlich war es dasselbe wie bei der Prinzessin im Märchen. Und
-sie, Ruth, wartete auch. Nur daß sie so gar nicht wußte auf was. Bella
-war glücklich. Die hatte alle Tage ihren Leutnant. Aber der hatte
-schwarze Zähne.
-
-Martha war arm. Doch sie hatte einen Gott. Der saß an erster Stelle in
-einem hohen Amt. Vielleicht hatte er auch einen weißen Bart. Sie, Ruth,
-hatte keinen Gott mehr. Sie war wie Gustavs namenloser Hund. Aber sie
-konnte selbst eine Maske anziehen. Gott werden für Bella, für den
-Leutnant, für den Theaterdirektor. Vielleicht auch für Mutter. Es war
-eine Bosheit, wenn sie es nicht tat. Ach, wozu so viel denken,
-überhaupt, lieber Masken tragen und ganz anders sein -- und schlafen --
-sie streckte sich lang aus in ihrem zu kleinen Bett ...
-
-In der Nacht träumte sie von einem breitästigen Baum voll dichter,
-gelbwelkender Blätter und rosa Riesendolden. Sie stand auf der Brücke
-und der Baum war weit draußen in einem dunkelglatten See. Aber hinter
-ihm stieg ein Berg auf mit beschneiten Tannen und die Luft war bleich,
-wie im Winter. Der Baum hing voll schwerer rosa Blütendolden. Über die
-Brücke kam Mutter mit ihren gierig fordernden Bewegungen, die immer
-alles haben wollten und deshalb so ungeheuer armselig waren. Hinter ihr
-ging Martha in einem rosa Ballkleid. Aber die Augen waren geschlossen
-und die Wangen gelb. Ruth stand auf der Brücke und sie war ganz klein,
-hatte kurze weiße Socken an, ein weißes Matrosenkleid mit hellrosa
-Kragen. Oben auf dem Berg begann es sicher zu schneien. Und Mutters
-Haare waren weiß.
-
-Am nächsten Tag brachte Norbert eine Einladung seiner Mutter für die
-ganze Familie. Zu einer kleinen Gesellschaft, wie er leichthin sagte.
-Dabei sah er Ruth an. Ruth sagte: -- Ich gehe nicht in Gesellschaft.
-
-Aber nachher mußte sie gehen. Sie war die Jüngste und mußte Martha
-begleiten. Das sah so am besten aus. Mutter ließ ihr Abendkleid
-herrichten und kaufte Lederhandschuhe und Seidenstrümpfe. Da fand Ruth,
-daß die Sache eigentlich doch dafür stehe. Sie setzte sich vergnügt auf
-den Tisch und probierte die Seidenstrümpfe an. Richard kam in das
-Zimmer. Mutter rief: -- Ruth, schämst du dich nicht. -- Nein du hast sie
-mir ja gekauft, damit man sie sehen soll.
-
-Sie machte einen langen Spaziergang durch Kot und Regen und erklärte
-dann, die Strümpfe seien zerrissen und schmutzig, einfach unbrauchbar.
-Und sie ging ohne Seidenstrümpfe zu Norberts Eltern.
-
-Norberts Schwester war ein halberwachsenes Ding mit zu kurzer Oberlippe
-und vornehm tiefer Stimme. Sie grinste allen Gästen zu und war
-übertrieben freundlich mit einer unscheinbaren, dicklichen Freundin. Der
-Salon war verschnörkelt, Gold in braunem Holz, mindestens drei
-überflüssige Tische standen da und in der Ecke hing ein großer Makart.
-Sonst unzählige Photographien in kostbaren Rahmen und konventionelle
-Geschenksvasen.
-
-Ruth dachte: Ich möchte wissen, wer in diesem Raum zuhause ist. Norbert
-nicht, er tut nur so, wenn er die Zigaretten anbietet. Sonst aber paßt
-er noch besser an unser Klavier. Und seine Mutter auch nicht. Was für
-eine proletarisch dicke Nase sie doch hat und der lose, ungebändigte
-Mund -- nein, die habe ich mir ganz anders vorgestellt. Aber sein Vater
-hat einen eleganten, schneeweißen Scheitel. Und das ist auch alles.
-
-Norberts Braut kam zu ihr und war besonders freundlich. Sie war ein
-hübsches, liebes Mädchen mit gerader Nase und langen, hellgrauen Augen.
-Ruth fand, daß Norbert einen sehr vernünftigen Geschmack habe. Ihr
-gelblicher Spitzeneinsatz paßte wunderbar zu seiner grauen Weste.
-
-Ruth merkte wohl, daß man sie wie ein kleines Tier aus der Menagerie
-betrachtete. Weil ihr Kleid keinen Kragen hatte und die Haare
-eigenwillig um die Stirne herumstanden. Norberts Freunde schauten ihm
-eigentlich alle ähnlich. Lauter Menschen, die man erst monatelang sehen
-muß, um zu wissen, wie sie aussehen. Wenn man denen allen die Hände
-abschneiden wollte, man könnte die einzelnen Paare durcheinander werfen
-und sie wären nicht zu unterscheiden. Wie alle ihre Krawatten und
-Handschuhe. Ruth lachte bei dem Gedanken und wollte gähnen.
-
-Da kam ein Leutnant zur Tür herein mit herabhängender Unterlippe und
-dunklen Zähnen. Um Gotteswillen, was wollte der hier. Den hatte sie ja
-bei Bella getroffen. Nur daß er heute im Waffenrock war und ganz frisch
-rasiert.
-
-Er wurde mit Jubel begrüßt. Norberts Vater schüttelte ihm beide Hände.
-Er lächelte nach allen Seiten auf einmal. Aber vor Ruth verbeugte er
-sich dunkelrot vor Bestürzung. Sie sagte strahlend: -- Uns brauchen sie
-einander nicht vorzustellen, Norbert, wir kennen uns schon.
-
-Ruth war nicht mehr schläfrig. Ein Interesse, daß sie erwachen gefühlt
-hatte, als sie mit Bella und deren Freunden Tee trank, trieb sie unter
-die Leute. Sie schwatzte. Aber dabei verfolgte sie fortwährend den
-Leutnant. Er wich ihr aus.
-
-Man bat den Leutnant stürmisch, etwas auf dem Klavier zu begleiten.
-Neueste Chansons. Norberts Braut sollte singen. Sie hatte doch so eine
-entzückende, kleine Stimme. Aber er wollte heute nicht. Ruth trat vor
-und sagte, liebenswürdigst lächelnd, während ihre grünen Augen
-forderten: -- Du mußt -- Spielen Sie doch das von dem kleinen Hotel, Sie
-wissen schon.
-
-Und er trat vor und spielte es. Ja, spielte, was er bei Bella gespielt
-hatte, was Bella gesungen hatte. Und -- war denn das möglich? War das
-möglich, daß Norberts Braut dazu sang mit ihrer zarten Mädchenstimme,
-diese Worte? War es möglich, daß man rasend Beifall klatschte und
-Norberts Mutter duldsam lächelte, während sein eleganter Vater sich
-köstlich unterhielt? Nein, da war etwas, worüber man nachdenken mußte.
-
-Ruth setzte sich in eine Ecke. Gleich darauf kam der Leutnant. Er redete
-schlüpfrige Dinge und nahm ihre Hand. Sie ließ ihn gewähren, sie war
-interessiert, brennend interessiert.
-
--- Sagen Sie Herr Leutnant, singt man dieses Lied jetzt überall? -- Ja,
-es ist sehr beliebt. -- Ach, ich dachte, das singt nur Bella. Es ist
-abscheulich. -- Gnädiges Fräulein scheinen sehr streng zu sein. -- O
-nein, ich hasse nur schlechte Musik.
-
-Der Leutnant redete weiter. Dinge, süß wie zerlaufener Tortenüberguß und
-prickelnder Champagner. Eigentlich hatte er eine hübsche Nase und schöne
-Augen mit klugen Wimpern. Wenn nur der Mund nicht so schmierig gewesen
-wäre.
-
-Sie sprachen von dem Makartbild. Der Leutnant behauptete, in Norberts
-Zimmer hänge ein noch viel schöneres. Sie möge ihm doch folgen. Nein,
-dachte sie, ich bin doch zu neugierig. Und sie ging mit ihm. Aber sie
-ballte die Fäuste.
-
-Die Gesellschaft hatte sich zerstreut. Der Leutnant führte sie durch ein
-dunkles Zimmer in Norberts Zimmer. Er zündete kein Licht an. Und küßte
-sie.
-
-Ruth dachte in der Sekunde: Norbert -- wie er mich liebt -- sein Zimmer
--- die Braut -- das Lied -- also so ist das -- aber die schwarzen Zähne
--- so ist das -- Dabei schlug sie dem Leutnant mit der Faust ins
-Gesicht.
-
-Er schrie auf, halblaut. Dann flüsterte er: -- Gehen Sie, gehen Sie
-rasch. -- Sie sagte: -- Grüß Gott, Herr Leutnant und ging wieder in den
-Salon. Auf ihrer Hand war ein Blutfleck. Den wischte sie sorgsam ab in
-einem hellblauen Seidenvorhang. Dann mischte sie sich unter die jungen
-Mädchen.
-
-Norbert kam und legte den Arm um seine Braut. Man sprach von Musik. Ruth
-sagte: -- Onkel Gustav läßt Sie grüßen. Er hat eine ganze Menge Noten
-für Sie bei uns liegen lassen. Norberts Braut fragte interessiert: --
-Wer ist das? Ist das der sagenhafte Künstler, der so wunderbar Mozart
-spielt und den man niemals zu sehen bekommen kann.
-
-Norbert war dunkelrot. Ruth sah ihn aufmerksam an und sagte: -- Er hat
-heute nicht kommen können, weil er keinen reinen Kragen gehabt hat.
-Übrigens ist er kein Künstler, nur Zeichenlehrer an einer Mittelschule.
-Aber er ist mein Onkel.
-
-Norbert ging den Leutnant suchen. Er kam bestürzt wieder. Der Leutnant
-habe heftiges Nasenbluten und liege auf dem Sopha in seinem Zimmer. Ruth
-schlich sich an Norbert heran: -- Norbert, Sie dürfen niemanden etwas
-sagen, aber ich muß mir die Hände waschen. -- Jetzt gleich? -- Ja, aber
-schweigen Sie.
-
-Norbert führte Ruth in das Badezimmer. Sie standen sich gegenüber in dem
-weißgekachelten, grellen Raum, der voll heißem Dunst war. Ihre Haare
-verdeckten die grünen Augen, so dicht hingen sie in die Stirne. Sie sah
-ihn an. -- Wo ist heißes Wasser, ich möchte sehr heißes Wasser. -- Hier,
-aber was ist Ihnen, was haben Sie? -- Sehen Sie den Fleck da auf meiner
-Hand. Ich habe mich zuvor schon in einen Vorhang gewischt: Blut ist es.
-Vom Nasenbluten von ihrem Freund da. -- Ruth, nein. -- Doch, soll ich
-Ihnen den Vorhang zeigen? Im Salon rechts. Er hat mich geküßt in ihrem
-Zimmer und dann hat er auf einmal Nasenbluten bekommen. -- Nein.
-
-Er hatte sich abgewendet und seine hohe, zu gerade Gestalt wurde klein
-und verschwand im feuchtschweren Dunst. Aber irgend etwas stöhnte in dem
-Badezimmer.
-
-Ruth wusch sich die Hände mit einer Bürste, daß das Wasser sprühte. --
-Sie sollten Ihre Braut nicht solche Lieder singen lassen.
-
-Er schwieg. Und nach einer Weile: -- Überhaupt, was Sie für Freunde
-haben. Schämen Sie sich.
-
-Norbert wandte sich nicht um. Sie fühlte eine warme Welle um ihre Füße
-spielen, weich und kosend, die sich doch nicht traute, höher zu steigen.
-Er hielt den Kopf gesenkt. Sicher war er ganz rot. Warum schlug er sie
-denn nicht?
-
--- Norbert, schauen Sie mich doch an, ob ich auch ganz rein bin. Er
-richtete seine hundetreue dunklen Augen auf sie, langsam, verzweifelnd,
-ergeben. -- Auf Ihrem Schuh ist auch ein Fleck, Ruth. -- Ach, was soll
-ich jetzt tun? Mich wieder beklexen?
-
-Er kniete nieder und putzte ihr mit einem nassen Handtuch den Schuh,
-sehr sorgsam. Sie sah auf ihn herab und fühlte: immer habe ich
-gewünscht, es soll mir jemand Liebesgedichte machen. Aber das ist ja
-viel mehr. Und doch ist es furchtbar. Soll ich ihm sagen, daß ich den
-Leutnant geschlagen habe, oder soll ich ihn küssen, auf den braven
-Scheitel da -- ach, Christus, hilf mir --
-
-Da war Norbert fertig und sie gingen rasch wieder in den Salon.
-
-Am nächsten Tag kaufte sie ein paar japanische Nelken und erwartete
-Norbert vor seinem Amt. -- Ich muß Sie sprechen. -- Ruth, ich werde Sie
-nach Hause begleiten. -- Dort nicht, gehen wir in ein Kaffeehaus, ich
-will allein sein. -- Nein aber -- was würde Ihre Mutter sagen. -- Dann
-auf Wiedersehen ... -- Halt, Ruth, so bleiben Sie doch.
-
-Sie gingen zusammen in ein Kaffeehaus. Er schielte ängstlich auf alle
-Tische. -- Da, nehmen Sie die Nelken, sie gehören Ihnen. -- Mir, nein
-ich verstehe Sie nicht, wie können Sie nur ... -- Wahrscheinlich ist das
-auch nicht schicklich, aber nehmen Sie.
-
-Ruth sah über das nüchtern glatte Kaffeehaus, wo eben die ersten
-elektrischen Flammen angezündet wurden. Und wütend dachte sie: Herrgott,
-wenn ich nur eine Ahnung hätte, was ich dem Kerl habe sagen wollen.
-Nein, so was Dummes.
-
-Sie aß drei Portionen Eis nacheinander und er sah sie schweigend an.
-Dann sagte er: -- Sie müssen nicht kleinlich von mir denken, weil ich
-nicht in ein Kaffeehaus gehen wollte. Aber Ihre Mutter -- und ich bin
-doch auch verlobt. Aber Ruth, vielleicht wird das jetzt ganz anders
-werden --
-
--- Norbert, sprechen Sie nicht weiter, o bitte, gewiß nicht, Sie wollen
-eine riesige Dummheit sagen --
-
--- Ruth, Sie wissen doch alles --
-
--- Nein, ich weiß nichts, gar nichts. Nichts, Norbert. Ich bin Ihnen
-dankbar, daß Sie mir gestern den Schuh geputzt haben. Deshalb die
-Nelken. Und im übrigen -- ja, im übrigen, ich wollte Sie dringend
-bitten, sich Onkel Gustavs etwas mehr anzunehmen. Er hat eine schwere
-Bronchitis und liegt mutterseelenallein in seiner Dachkammer. Außerdem:
-er liebt Sie, weil Sie so elegant sind. Nicht wahr, Norbert, Ihr
-Großvater war doch Minister -- eigentlich könnten wir jetzt die Sitzung
-aufheben.
-
-Ruth besuchte Onkel Gustav noch an diesem Abend. Er lag in seinem
-ungeglätteten Bett. Neben seinem Kopf ein Öllämpchen und auf dem Boden
-davor der Hund. Der Hund war auch krank und hatte das Zimmer beschmutzt.
-
--- Onkel Gustav, wie kannst du das aushalten? Sie riß das Fenster auf.
-Er hustete furchtbar. -- Gib doch den Hund weg, wenn er krank ist. --
-Nein Ruth, daß du so etwas sagen kannst. -- Ich verstehe überhaupt
-nicht, wie man sich einen Hund halten kann. Es ist doch immer etwas
-Schmieriges im Zimmer. Ein Tier, mir graut vor allen Tieren. Schau nur
-die Schnauze, lang, spitz, mit den langen, spitzen Zähnen. Die ist doch
-zum Beißen da. -- Ruth, weißt du, daß du mir weh tust? ... Onkel Gustav
-richtete sich im Bett auf und seine großen, runden Kinderaugen glänzten
-noch mehr als sonst ... Natürlich ist es nur ein Tier. Aber er hat mich
-lieb. Weißt du, was das ist? O, vielleicht hast du es noch nie
-gebraucht. Ich will ja auch nicht seine Schnauze haben. Aber da ist eine
-große Treue neben mir, wenn ich so im Bett liege. Ein großes Gefühl. Du
-glaubst ja nicht an Gott, Ruth. Ich auch nicht. Aber an ein so großes
-Gefühl. Deshalb ziehe ich auch ruhig den Hut vor einer Kirche.
-
-Ruth sah auf die Schmutzpfütze des Hundes mitten im Zimmer und dachte:
-Nein, daß Norbert sich dazu hergegeben hat mir das Blut von dem Schuh zu
-wischen, mit einem Handtuch -- wie ekelhaft.
-
-Martha unterrichtete jeden Tag von acht bis ein Uhr die Kinder der guten
-Familien. Verstimmt kam sie zum Mittagessen nach Hause. Ruth versuchte
-nie mehr, mit ihr gut zu sein. Auch nicht, Mutter das Streiten mit
-Martha abzugewöhnen, da hätte sie viele Vasen zerbrechen müssen. Und sie
-erkannte mit schauderndem Entsetzen, daß alles Mitleid zu Verachtung
-wird, wenn es der Alltag abnützt. Da hilft kein Verstehen.
-
-Bella suchte sie nie mehr auf. Wozu noch --
-
-Norbert kam Mittwoch und Samstag zum Mittagessen. Eines Tages traf sie
-ihn auf der Straße, eingehängt in seinen Freund, den Leutnant.
-
-
-
-
- Brand
-
-
-Als Ruth das nächstemal Onkel Gustav besuchte, stand ein Mensch beim
-Fenster. Dessen grobe, breitästige Knochen preßten das Zimmer zusammen,
-ließen die Frühdämmerung nicht herein. Und von seinem Hinterkopf hingen
-die Haare kurz und strähnenglatt herunter.
-
-Onkel Gustav hustete so furchtbar, daß Ruth Schleim und Blut vor sich
-tanzen sah.
-
-Als der Fremde seine ungelenk hohe Gestalt rasch umwendete, war ihr, als
-fiele ein ungeheurer Knochenhaufen in sich zusammen und zersplittere auf
-dem Boden, steinhart.
-
-Onkel Gustav hustete. Blut und Schleim. Er konnte nicht sprechen. Der
-Mensch verbeugte sich linkisch hochmütig vor Ruth, murmelte etwas und
-ging fort.
-
--- Wer war das? fragt Ruth, als Onkel Gustav wieder still und erschöpft
-da lag. -- Ein Freund von mir, du kennst ihn nicht. -- Wie heißt er? --
-Thomas. -- Und noch? -- Wozu willst du das wissen? -- Ich bin eben
-neugierig, warum Mutter nicht wissen darf, daß er zu dir kommt. -- Das
-ist abscheulich von dir. Das sagst du nur um mich zu kränken. Jeder
-Mensch darf zu mir kommen, ich bin doch kein kleines Kind ... Er begann
-wieder zu husten.
-
--- Sei ruhig, Onkel Gustav, ich war wirklich nur neugierig. Weil er mir
-gefällt, dieser dein Freund oder was er ist. -- Er ist mein Freund.
-Ruth, wenn du den kennen würdest, wirklich kennen. -- Wie verhält sich
-Norbert zu ihm? -- Er hat ihn noch nicht gesehen. -- Ach so ... Gustav
-hustete wieder und Ruth stand auf, um fortzugehen. -- Was ist das für
-ein Ungeheuer? Sie nahm eine in graue Sackleinwand gebundene
-Riesenmappe, die auf dem Tisch lag. -- O weh, die hat Thomas vergessen.
--- Dann wird er sie wohl holen. Ruth wollte sich wieder setzen. -- Nein,
-er vergißt bestimmt ganz daran, und wenn er morgen in die Schule geht,
-hat er keine Hefte. Und wieder Unannehmlichkeiten. -- Weißt du was, ich
-möchte sie ihm bringen. Ich will sowieso noch spazieren gehen. -- Nein,
-Ruth, das geht nicht -- Onkel Gustav richtete sich ganz entsetzt auf --
-das kannst du nicht, nein wirklich nicht, auch ist es viel zu weit, er
-wohnt ganz draußen in der Vorstadt. -- Das macht mir gar nichts.
-
-Ruth hatte die Mappe schon unter dem Arm: -- rasch, die Adresse. Onkel
-Gustav hustete und sagte dann den Namen von Mutters ehemaliger
-Friseurin. Ruth lachte schrill: -- nein, mit was für Leuten du verkehrst
-... und sie sprang über die Stiegen.
-
-Die Luft war weich und frühlingshaft schwer. Wie um Mitternacht im Mai.
-Aber die kahlen Bäume waren herbstmatt und ergeben.
-
-Ruth lief durch die dunklen Gassen und fühlte, wie sie mit jedem Schritt
-in das Ungewisse hineintrat. Das weich und nachgiebig war wie ein
-verprügelter Hund. Und doch lockte und zog.
-
-Sie wollte den nacktsträhnigen, groben Kopf nicht berühren, nein,
-niemals, o um Gotteswillen nicht. Onkel Gustavs Husten schrie ihr nach.
-Ganz arme übermüdete Pferde hatten solche schwer hervorspringende
-Knochen. Deren Kraft um Mitleid schreit. Während die Muskeln zu schlaff
-sind, das Gerüst zu tragen.
-
-Nein, sie konnte nicht weiter. Eine wütende Angst hielt sie zurück, sie
-könne einem Kutscher begegnen, der seine Pferde prügelt, erbarmungslos
-über die steinige Straße, brüllend, schimpfend, fluchend und mit der
-Peitsche.
-
-Nein, sie wollte nicht weiter. Wie kam sie auch dazu, einem fremden
-Menschen seine Sachen in das Haus nachzutragen. Sie wird das
-Mappenungeheuer in einen Straßengraben werfen. Oder doch vielleicht
-zuerst hineinsehen -- ja, zuerst hineinsehen.
-
-Ruth ging in ein kleines Kaffeehaus, wo ein paar Dienstmänner und
-Kutscher Karten spielten. Sie setzte sich in eine halbdunkle Ecke und
-schämte sich. Bei einer unanständig dicken Kellnerin bestellte sie Tee.
-Und war verzweifelt über die schmierig braune Marmorplatte.
-
-Aber die Mappe. Ein armseliger zerbissener Bleistift rollt heraus. Und
-dann Schulhefte der dritten Volksschulklasse. Immer mehr Schulhefte. In
-jedem beginnt die Aufgabe: Alle Haustiere ...
-
-Ruth schließt die Mappe. Den Bleistift steckt sie zu sich. Sie muß
-Thomas seine Hefte bringen.
-
-Sie trat in das Ungewisse. Es wich und lockte. Und die Nacht war ganz
-dunkel.
-
-Das einstöckig verkrochene Haus lag weit draußen, am Rand der ersten
-fahlen Fabrikswiesen. Gelbrötliches Licht träufelte aus seinen niedrigen
-Fenstern. Das Ungewisse war nah und furchtbar.
-
-Eine fremde Wohnung suchen ist entsetzlich. Wie leicht läutet man bei
-fremden Menschen an und die sind dann böse. Und eigentlich war Thomas
-sogar auch ein fremder Mensch.
-
-Ein grünblasser Proletarierbub mit abstehenden Ohren öffnete Ruth die
-Türe. Es roch nach aufgewärmtem Essen. Im Zimmer war eine Nähmaschine.
-Darauf eine Petroleumlampe. Ein Mensch bei der Nähmaschine, in der
-Nähmaschine, ein Stück der Nähmaschine, in sie hineinverwachsen, bucklig
-verkrümmt, eng.
-
-Ruth dachte: Wieder weg, gleich --
-
-Da kam Thomas herein in blaugestreiften Hemdärmeln. Sie stotterte etwas,
-dunkelrot, besinnungslos verlegen. Der blasse Bub glotzte sie an. Thomas
-Schwester steckte den Kopf aus ihrem Buckel heraus. Er selbst war gar
-nicht erstaunt. Sagte fast grob: danke. Sie bemerkte, daß ihm ein großer
-Augenzahn fehle, daß eine schmutzige Unterhose auf dem Sessel neben ihr
-lag. Ihr ekelte wild.
-
-Eine Stimme, die weich war, wie die laue Nacht draußen, sagte: --
-Bleiben sie doch noch ein wenig und ruhen Sie sich aus. Sie sind ja ganz
-erhitzt.
-
-Das bucklige Ungeheuer. Ruth hätte ihr die zu langen, kranken Hände
-küssen wollen.
-
-Thomas und sein Bruder waren hinausgegangen. Die Nähmaschine ruhte. Und
-die Petroleumlampe war noch heruntergeschraubt.
-
-Thomas Schwester hatte stechend graue Augen mit müden Lidern. Sie sprach
-von Onkel Gustav wie von einem Halbgott und fragte sehr viel.
-
-Ruth dachte: Der große, schwarze Kasten in der Ecke dort schaut Thomas
-ähnlich. Er ist schön und mächtig, aber was da nur drinnen hängt. Ich
-möchte meine Kleider nicht hineingeben. Wie es hier riecht -- nach
-Baumwollstrümpfen, die nicht gewaschen werden.
-
-Thomas Mutter schlürfte herein. Sie hatte rote Wangen, als ob sie früher
-einmal geschminkt gewesen wäre und war furchtbar häßlich. Sie begrüßte
-Ruth als alte Bekannte und stellte graue Teller auf den ungedeckten
-Tisch.
-
-Thomas kam wieder in das Zimmer und schien sehr unzufrieden, daß Ruth
-noch da war. Sie sprang auf. Er begleitete sie vor die Haustüre, hinten
-im Hof bellte der Hund. Sie gab ihm die Hand und ihr war, als ergreife
-sie einen toten Knochen.
-
--- Ich danke Ihnen, sagte Thomas mit seiner zerbrochenen Stimme. -- Aber
-wir müssen jetzt zu Abend essen. Unser Petroleum reicht nur bis halb
-zehn.
-
-Sie hielt seine Hand noch fest und sah nur, wie er mit der anderen Hand
-an den Hals griff, der Daumen stand eigentümlich scharf weg wie die
-Klinge eines Messers.
-
-Ruth wußte, als sie nach Hause ging: Thomas kann als kleines Kind keine
-Milch bekommen haben. Nur zähes Fleisch von wilden, geschlachteten
-Tieren. Und sie sah während des Abendessens fortwährend auf Richards
-Hände, die wohl noch nie ein Tier geschlachtet hatten.
-
-Die kleine Weißnäherin Gertrud ließ sich den ganzen Abend durch von
-ihrer Mutter Ruths erste Kindheit schildern. Damals war die Friseurin
-oft in das Haus gekommen, o ja und die gnädige Frau hatte Perlen, eine
-endlose Kette hinunter. Ruth lag immer schon in ihrem weißlackierten
-Gitterbettchen und steckte die frischgebadeten Fingerchen durch das
-Netz. Und die gnädige Frau erzählte von Paris, immer von Paris, sie
-hatte auch Pariser Parfüm.
-
-Die Wangen der alten Friseurin glänzten wie frisch geschminkt. Gertrud
-fuhr mit feuchten Händen über die Tischplatte, daß große nasse Flecken
-auf dem Holz zurückblieben. Thomas starrte in seinen Teller und hielt
-mit aufgestützten Armen Gabel und Messer, kampfbereit. -- Was habt ihr
-mit den fremden Leuten, grollte er.
-
-Gertrud sagte: -- Das Leben. Ihre ermüdeten Augen starrten an ihnen
-vorbei. Sie empfand in diesem Augenblick: Nach Paris reisen -- in der
-Bahn liegen, einen zärtlichen Atem neben sich -- genießen -- oder: ganz
-klein sein und in einem weißen Gitterbett liegen mit geraden Gliedern,
-die wachsen dürfen.
-
-Gertruds Buckel war das Nest eines Vampyrs. Brut und Beutestatt. Alle
-unerlebten Träume, alle schäbigen Wirklichkeiten der Mutter steckten
-darin. Thomas' Schulstunden. Und die Reißbretter des kleinen Bruders,
-der in die Realschule gehen durfte und ein zufriedener Techniker werden
-sollte, werden mußte.
-
-Aber es war noch viel mehr in Gertruds Buckel. Ihre spinnenlangen,
-blauadrigen Finger nähten und trennten eigentlich gar nicht den ganzen
-Tag. Sie tasteten zum Fenster hinaus über die Rücken der Vorübergehenden
-nach neuem Leben. Und die schwangere Nachbarsfrau, die alle Tage sich
-erbrach und heulte, daß man es genau hören konnte, trug ein Kind, dessen
-Schicksale sie schon im Voraus empfand, wie ein hohes Glück.
-
-Gertrud schätzte den Wert ihres erwürgten Lebens wie ein Sterbender den
-letzten Atem. Seligkeit war die erste Morgensonne, die ihr in den dünnen
-Kaffee schien. Seligkeit der graue Tag voll wuchernder Gedanken. Sie
-nähte schöne Hemden, schmeichelnd glatte, aus Leinenbatist, aus Seide.
-Seligkeit, die anziehen zu dürfen. Seligkeit, alle Tage in die Schule
-gehen zu dürfen und hundert schmutzige Kinder zu unterrichten, wie
-Thomas. Welche Betätigung der eigenen Kraft. Wie herrlich für ihn, daß
-er sie alle erhalten durfte und es dem kleinen Bruder ermöglichen, etwas
-besseres zu werden -- das war Menschenglück.
-
-Thomas' Schulkinder saßen Nachmittage lang an Gertruds Nähmaschine. Sie
-erzählte ihnen vom lieben Gott und ratterte und nähte. Die Kinder waren
-zufrieden. Hier war jemand, der nichts von ihnen wollte. So streuten sie
-ihr das kleine, schmutzige Leben willig in den Schoß. Das sie nicht
-verstand und doch aufsaugte.
-
-Thomas merkte nichts davon. Er hielt Gertrud für eine Heilige. Denn sie
-liebte und stützte die verkommene Mutter, den tuberkulosen Bruder. Er
-wußte, daß, wenn sie eines abends nicht da wäre, die fettige
-Petroleumlampe nicht mehr brennen könnte, auch nicht bis halb zehn. Und
-dann wäre alles aus.
-
-Sie war die Liebe, und er beugte sich vor ihr. Aber er glaubte nicht an
-die Liebe. Er glaubte an das Wort.
-
-Das Wort war in ihm und in ihm war die Welt. Sprechen können -- dann
-müßte sein ungebadeter Körper rein werden.
-
-Er verbesserte alle Abende bis halb zehn Uhr die Schreibübungen der
-Kinder. Und dann mußte das Licht gelöscht werden. Zwei bis drei Hefte
-blieben noch zurück für den blassen Morgen. Aber daran war nichts zu
-ändern.
-
-Ruth empfand es in den nächsten Tagen zum erstenmal in ihrem Leben als
-peinlich mit entblößtem Hals herumzugehen. Sie legte sich einen alten
-Pelz von Martha um, der nach Kampfer roch und kitzelte. Und sie dachte:
-es müßte gut sein, zu wissen, daß man nie mehr im Leben einem Mann die
-Hand gibt. Was das nur ist, fremde Knochen -- ach nein, entsetzlich.
-
-Sie wollte nie mehr zu Thomas gehen. Wegen seiner Mutter. Was für
-struppige graugelbe Haare die hatte, diese Friseurin. Und dann, sie
-hatte das kleine, bucklige Ungeheuer in die Welt gesetzt. Wie konnte man
-so etwas verbrechen. Wenn ich Christus wäre, ich müßte zum Fenster
-hinausspringen nur weil Gertrud lebt, dachte Ruth. Und ekelte sich vor
-Thomas riesengroßer Zahnlücke.
-
-Eine Woche später war Ruth wieder bei Thomas. An dem ersten, kalten
-Wintertag, der ohne Schnee war, aber ganz voll Dämmerung. Die
-Nähmaschine ratterte. Thomas stand in der hintersten Ecke, bei dem
-winzigen Eisenofen. Er hatte den Deckel zurückgeschlagen und die roten
-Flammen verzerrten seine knochigen Züge. -- Ich komme Ihnen erzählen,
-daß es Onkel Gustav sehr schlecht geht. -- So.
-
--- Ja ich komme Ihnen das erzählen, Sie sind doch sein Freund, oder
-nicht? --
-
-Thomas ging in das Nebenzimmer. Ruth dachte wütend: Eigentlich könnte
-ich ja zu Norbert gehen. Gertrud blickte sich interessiert um. Da ging
-Ruth ihm nach.
-
-In seinem Zimmer standen zwei graue Eisenbetten. Und zwei eiserne
-Bücherregale. Und ein eiserner Ofen. Der Tisch war mit verschmierten
-Schulbüchern verdeckt und geometrischen Zeichnungen von dem Bruder.
-Nichts in diesem Raum gehörte Thomas. Nur seine eigenen massigen
-Knochen.
-
-Er starrte an ihr vorbei mit stumpfen toten Augen. Er sieht mich nicht,
-klagte Ruth, er sieht mich nicht, jubelte Ruth, er sieht mich nicht, er
-sieht überhaupt nicht heraus, er sieht hinein. Und sie bemerkte, daß
-sein proletarisch hoher Kopf aristokratisch lange, leidende Schläfen
-hatte.
-
--- Was machen Sie eigentlich da, fragte Ruth und sie setzte sich auf den
-Tisch, mitten in die Zeichnungen des Bruders und baumelte mit den
-Beinen. Den kahlen Wintermantel knöpfte sie auf. Und sie nahm sich vor,
-den stickigen Dunst ganz in sich einzusaugen und aus allen Poren
-wiederzugeben, dann müßte er sie spüren.
-
-Thomas ging hin und her, ohne sie noch einmal anzusehen. -- Höflich sind
-Sie nicht, lachte Ruth. -- Er blieb vor ihr stehen. -- Wozu auch.
-Glauben Sie, ich kann nicht, wenn ich will. Aber warum.
-
-Ruth dachte: Ich kann die Luft herinnen doch nicht so leicht einatmen.
-Sie zerdrückt mir die Lunge. Sie ist zu schwer. Schwer wie Thomas'
-Knochen, oder noch schwerer, ich kann nicht und um Gotteswillen, wer
-keucht, wer stöhnt da, wer erbricht sich, bin ich es selbst -- o wie
-schlecht ist mir --
-
--- Sie brauchen nicht zu erschrecken, sagte Thomas und setzte seine
-rastlosen Wanderungen um den Tisch fort. Die Frau von unserem Nachbar
-daneben erwartet ein Kind und das hören wir immer so genau.
-
--- Was ist noch in ihrem Zimmer, Thomas. -- Sie stand vor ihm, ihre
-grünen Augen waren ganz groß geworden.
-
--- Was noch -- O Thomas, Sie müssen furchtbare Nächte haben.
-
-Da küßte er ihr die Hand mit den groben, aufgesprungenen Lippen. Ihr
-graute. Sie wurde zornig. Und sie lief davon.
-
-Sie wollte nicht mehr zu Thomas gehen. Da sah sie ihn zwei Tage später
-auf der Straße. In den frühen, toten Nachmittagsstunden.
-
-Sie dachte: wenn ich ihm jetzt nicht entgegenspringe, er rennt dort in
-die Mauer hinein, zerschellt sich seine großen Knochen. Nein, wie er
-friert.
-
-Sie packte ihn beim Arm. -- Thomas, grüß Gott, aber warum haben Sie
-keinen Mantel, Teufel noch einmal!
-
-Er war ganz blau und sie wußte, ohne daß er antwortete, daß den einzigen
-Mantel der Familie der kleine Bruder trug.
-
-Sie begleitete ihn und kombinierte: Wenn Onkel Gustav stirbt, kann
-Thomas vielleicht den Wintermantel bekommen, oder ich stehle den von
-Richard. Der ist so gut wattiert. Ach, wenn ich nur nicht so feig wäre,
-ich müßte Onkel Gustav auch töten können, aber ich traue mich ja nicht.
-
-Thomas sagte: -- Mir ist gar nicht kalt, was fällt Ihnen ein. Aber man
-sollte mir nicht um halb zehn Uhr das Licht wegnehmen, nein, das sollte
-Mutter nicht. Und wir haben gar kein Geld mehr für nächste Woche.
-
-Ruth gab Gertrud ihr letztes bißchen Taschengeld. Gertrud nahm das
-bißchen mit Tränen in den Augen und verklärt.
-
-Als Weihnachten kam, wußte Ruth nicht, was sie Thomas schenken sollte.
-Sie verkaufte zwei goldene Ringe, die sie nie getragen hatte, und kaufte
-ihm dafür einen wunderschönen Band Schopenhauer. Sie half heuer nicht
-den Weihnachtsbaum putzen. Sie empfand zum erstenmal nicht die gespannte
-Erregung vor dem wunderbaren Abend, der doch alle Jahre der gleiche
-blieb. Sie empfand auch nicht, daß die Straßen anders waren als sonst,
-weil so viele frohe Menschen mit Paketen durcheinanderliefen. Sie wußte
-nur, daß Thomas bei der furchtbaren Kälte keinen Wintermantel besaß, daß
-der Band Schopenhauer in weiches, mattbraunes Leder eingebunden war.
-
-Sie nahm aus ihrem Schreibtisch noch rasch eine Schachtel Briefpapier
-für Gertrud und eine Rolle herrlichstes, weißes Kanzleipapier, auf das
-sie einst ihre Lebensgeschichte hatte schreiben wollen, aber das war
-schon lange her. Jetzt sollte es Thomas' Bruder bekommen, der immer
-klagte, er habe zu wenig Papier für seine deutschen Aufsätze und die
-langen mathematischen Formeln. Etwas Besseres hatte sie nicht.
-
-Gertrud schmückte den winzigen Weihnachtsbaum mit Silberketten vom
-vorigen Jahr. Sie humpelte vergnügt in der kalten Stube herum und sang
-ein Weihnachtslied. Auf dem Tisch standen noch von dem Mittagessen
-Teller mit übrig gebliebenem, gelbem Brei. Ruth ging rasch in Thomas'
-Zimmer.
-
-Er lag mit toten Augen über den Tisch hinüber, gierig, lauernd. Ruth
-legte das sattbleiche Kanzleipapier neben ihn hin.
-
-Ein Schrei, wie ein Tier, das nach Wasser sucht: -- Ruth, das bringst Du
-mir, Du weißt also, weißt alles, doch und Du glaubst daran, und noch
-kein Wort, noch immer kein Wort, aber du glaubst daran --
-
-Er lag vor ihr und umfaßte ihre Schenkel mit tastenden, greifenden,
-packenden, schaffenden Bewegungen. Er keuchte. Seine Hände waren feucht,
-er gurgelte mit halberstickter Kehle. Ruth graute und sie sagte weinend:
--- nicht wahr, jetzt schreiben Sie das Buch -- und sie streichelte
-seinen Kopf wie einem ganz kleinen Kind und küßte die aristokratisch
-hohen Schläfen. Jetzt ganz gewiß, ganz gewiß. Ihr ekelte vor seinen
-strähnig fetten Proletarierhaaren und sie streichelte seinen Kopf.
-
-Zuhause konnte sie das Licht der Weihnachtskerzen nicht vertragen. Die
-Stimmen der Verwandten machten sie rasend. Bei Tisch sagte Richard zu
-einem alten Onkel: -- gewiß ist ein rechter Künstler noch nie den
-widrigen Verhältnissen unterlegen. Im Gegenteil ...
-
-Ruth sagte: -- wo liegt die Statistik der Untergegangenen. Ich glaube
-bei der Mordstatistik im Strafgericht, nicht wahr, dort liegt das auf.
-
-Dann wurde ihr schlecht und sie mußte die ganze Nacht lang erbrechen.
-Das Zimmer war überheizt und sie empfand nur, wie sehr Thomas diese
-Nacht frieren müsse, denn sicher waren alle Kohlen für das
-Weihnachtszimmer aufgegangen. Vielleicht verbrannte er das weiße
-Kanzleipapier. Den Schopenhauer bekam ja Onkel Gustav, der war noch gar
-nicht tot. Nur wollte sie nie mehr zu Thomas gehen, ganz gewiß nie mehr.
-O, wie sie seine gierig schaffenden Hände fürchtete, grauenhaft war es
-und unverschämt gegen die Natur, gegen ihren eigenen Körper. Und die
-Frau daneben erbrach ja auch fortwährend, weil sie ein Kind erwartete.
-
-Sie bekam einen Brief von Gertrud: warum kommst Du nicht mehr? Thomas
-ist krank. Sie war zornig und ging nicht hin.
-
-Sie bekam einen Brief von Gertrud: warum kommst Du nicht mehr?
-
-Da kaufte sie ein Dutzend verschiedener Federn und tiefschwarze Tinte
-und ging wieder zu Thomas. Gertrud saß in der Nähmaschine und sah sie
-vorwurfsvoll an: Du hättest früher achtgeben sollen, Ruth. -- Worauf? --
-Thomas liebt Dich. -- Mach Dich nicht lächerlich. -- Doch Ruth, seit Du
-fortgeblieben bist, kann er nicht mehr unterrichten. Gestern hat er den
-Kleinen geschlagen. Denk Dir, Thomas und schlagen, wegen irgend eines
-kostbaren Papiers. -- Er hätte ihn erschlagen sollen, Ihr wißt alle
-nicht, was Thomas braucht. -- Ruth, ich verstehe Dich nicht -- Gertruds
-Stimme war so weich, daß Ruth mit dem Fuß darauf stampfen mußte. -- Und
-denke Dir, er will plötzlich um zwei Uhr nachts Licht brennen. Aber die
-Mutter hat doch kein Petroleum. Er streitet mit den Leuten in der
-Schule. Seit acht Tagen war er überhaupt nicht mehr dort ... Gertrud
-weinte. Ruth war ganz kalt: Gertrud, wer ist Dir lieber, Thomas oder die
-Mutter, oder der Kleine? -- Das weiß ich nicht, mir sind alle drei ganz
-gleich lieb. -- Dann kann ich Euch nicht helfen. -- Aber Thomas liebt
-Dich. -- Du bist dumm, näh deine Hemden weiter.
-
-Thomas kam aus seinem Zimmer und zog Ruth an beiden Handgelenken zu sich
-herein. -- Wo bist Du solange geblieben? Du hättest kommen sollen.
-Nichts als Farben -- Töne, mit der Hand zu greifen -- Worte noch nicht
--- Worte --
-
-Sie gab ihm Tinte und Federn. Er nahm eine Feder und kratzte sich einen
-tiefen Strich in die zerklüftete Hand: aus der Spitze muß es kommen,
-fließen, strömen -- Gesetz -- Ruth bleib da.
-
-Er hielt sie fest mit beiden Armen. -- Kannst Du beten? -- Nein. -- Das
-macht nichts. Bete, es darf nicht finster werden. Mutter darf das
-Petroleum nicht versperren. Der Bengel darf nicht nachhause kommen. Die
-Nähmaschine darf nicht rattern. So bet doch.
-
-Als es dunkel wurde, begleitete er sie nachhause. -- Man muß Licht
-sparen ... Und wieder die Bewegung an den Hals, der Daumen steht
-eigentümlich scharf weg, wie die Klinge eines Messers.
-
--- Siehst Du den Eckstein hinter der Straßenlaterne, die Biegung, die
-rund sein soll und doch eigentlich voll Ecken ist. Spürst Du. Wie meine
-Finger. Der Stein ist grau, so grau, daß unsere Augen daran sterben
-müßten. Aber das gelbe Licht aus der Laterne schleicht darauf -- mein
-Licht ist eigentlich größer. Und lauter Ecken, die aussehen wie
-Biegungen, Rundungen. Wie wir uns täuschen. Nur die Lügen sprechen sich
-leicht. Aber die Wahrheit ist furchtbar, sie ist das Wort, das war im
-Anfang. Hörst Du die eisigen Pfützen, wer hat je so sprechen können. Und
-unlängst in der Nacht war ich fließendes Wasser. Ich weiß, wie es tönt,
-übereinander fällt, ich weiß, wie es sich berührt ... Meine Stimme ist
-häßlich, vorne fehlt mir ein Zahn, ich weiß wie Dir das widersteht,
-Ruth, laß, aber weißt Du, was meine Hände können, über die weißen
-Flächen gleiten, nein, das ist nicht Schnee, es schneit ja heuer gar
-nicht. Aber erst sollen meine Fäuste den Reichen die Fenster
-einschlagen. Was machen sie bei dem elektrischen Licht. Bei dem vielen
-Licht. Meine Hände können doch Mutter das Petroleum nicht stehlen, da
-ist kein Mark in den Knochen. Der Hund heult die ganze Nacht im Hof und
-die Frau daneben erbricht sich noch immer die ganze Nacht ...
-
--- Thomas, wart doch, aber wart, ich werde Dich heiraten. Was Du da von
-dem Zahn gesagt hast, ist Unsinn. Ich habe nicht viel Geld, aber ein
-bißchen etwas muß mir Mutter schon geben. So viel, daß wir ein halbes
-Jahr, ja ein halbes Jahr schon in einem ruhigen, schönen Zimmer wohnen
-können. Nur ein Badezimmer noch daneben. Und du kannst schreiben, den
-ganzen Tag, auch in der Nacht. Ich werde eben im Badezimmer schlafen.
-Aber warten mußt Du, wart doch, Thomas, wart nur noch ein ganz klein
-wenig.
-
-Thomas stöhnte wie ein Pferd nach dem letzten Peitschenhieb. -- In der
-Schule haben sie mich hinausgeworfen. Ich kann dem Buben das Geld für
-seine Studien nicht mehr geben. Und Mutter muß leben und Gertrud, die
-Arme. Und in der Nacht müssen sie alle schlafen. Da heult der Hund.
-
-Er fuhr Ruth mit einer wilden Bewegung an den Hals. Der Daumen stand
-eigentümlich scharf weg, wie die Klinge eines Messers. Sie schrie.
-
--- Schweig, sagte er heiser, es ist ja nicht auf Deinem Hals. Auf meinem
-ist es. Die fremde Hand. Sie würgt noch nicht, aber sie wird es tun,
-sofort, gleich, jeden Moment und dann ganz. Sie würgt noch nicht. Und
-doch habe ich schon einen flammend roten Streifen da vorn auf meinem
-Hals.
-
-Ruth sah, daß alle Fenster der Wohnung dunkel waren. Und nahm Thomas mit
-sich in ihr Zimmer. Der Ofen glühte.
-
-Thomas warf sich auf dem Teppich der Länge nach nieder und starrte mit
-toten Augen in die Glut. Ruth blieb stehen und dachte: wie schön die
-wilden Knochen geordnet sind, wie schlank sie liegen. Thomas sagte: --
-meine Farbe ist mehr gelb, aber nicht so gelb, wie auf dem Eckstein.
-
-Ruth warf sich neben ihn vor das Feuer. Er preßte sie an sich, daß sie
-die Rippen brechen fühlte. Seine groben Lippen waren blutig
-aufgesprungen. Schon fast zerfetzt. Der eine Vorderzahn fehlte. Zurück
-um Gotteswillen. Sie riß sich los.
-
-Er stand vor ihr, seine Hände hingen herab. Eine große Knochenmasse,
-bereit, zusammenzufallen.
-
--- Ruth, sagte er langsam, ich danke Dir. Es ist so viel Wärme in Deinem
-Zimmer. Mich friert nicht mehr. Aus dem Mark der Knochen stößt sich die
-Kraft heraus -- heute abend wird --
-
-Er war schon lange fortgegangen. Ruth lag vor der erloschenen Glut auf
-genau demselben Fleck, wo er gelegen war. Und stöhnte: aus dem Mark der
-Knochen heraus. Thomas. Ein Kind. Von ihm ...
-
-Thomas ging aufrecht nachhause. Beim Abendessen teilte die Mutter vor:
-Kraut und jedem sein Stück Brot. Die Petroleumlampe brannte sehr
-schwach, tief heruntergeschraubt. Thomas sprach in sich hinein: heute
-abend wag ich es, heute endlich. Ich habe ihnen ja noch nie etwas
-weggenommen. Aber heute, das bißchen Petroleum, das werden sie mir schon
-geben, können sie gar nicht verweigern. Und der Bub schiebt sein Bett
-einfach herein. Aus der Straßensteinrundung heraus bricht das Wort.
-Schon ist es nahe, nahe --
-
--- Heute können wir zeitlich schlafen gehen, sagte die Mutter
-weinerlich, überhaupt jetzt, wo der Thomas so keine Hefte mehr zu
-korrigieren hat.
-
--- Muß ich wirklich aus der Schule heraus, fragte der blasse Bub.
-
--- Wird schon so sein, sagte die Mutter mürrisch. -- Warten wir es ab,
-sang Gertruds milde Stimme dazwischen und ihre Augen suchten Thomas,
-flehend, verzweifelnd und doch gleich wieder voll Vertrauen.
-
--- Was geht Ihr mich alle an, dachte Thomas, das Wort, aber ich muß erst
-um Petroleum bitten.
-
-Wieder lag die Hand auf seinem Hals. Aber nicht mehr ein Messer mit
-stumpfer Klinge. Lange Finger mit verschiebbaren Gelenken drückten sich
-in die Kehle hinein.
-
--- Gertrud, sagte er und zog sie in eine Ecke, gib mir alles Petroleum,
-was wir haben, heute Nacht, nur heute Nacht. -- Die Mutter hat den
-Schlüssel. Aber ich muß mit Dir reden, ob Du uns wirklich alle zugrunde
-richten willst, lieber, einziger Thomas, wenn Deine Schule -- Laß das
-jetzt, ich brauche Licht. -- Die Mutter hat das Petroleum. -- Mutter gib
-mir alles Petroleum. -- Geh schlafen. -- Mutter, nur heute. --
-
-Die alte Friseurin grinste höhnisch: -- hab keines mehr.
-
-Thomas wußte, es ist nicht wahr. Und war machtlos.
-
--- So geh ich zu den Nachbarn. -- Die schlafen. Die Frau hat Nachmittag
-ein Kind bekommen.
-
--- Gott ... Thomas brach auf seinem Bett zusammen. Gott war das Wort.
-Und das Wort durfte nicht gesprochen werden.
-
-Dunkel. Der Bub schnarcht und hustet abwechselnd. Die Hand --
-
-Nachtkälte kriecht durch das Fenster und Tagwärme schleicht in sie
-hinein. Die Hand legt sich an die Kehle, den Daumen eigentümlich scharf
-weg.
-
-Gertrud und die Mutter im Nebenzimmer atmen schwer. Stöhnen. Die Hand
-würgt.
-
-Schwarz. Aber aus den Knochen heraus, aus dem zarten Mark bricht es
-dunkel glühend, ächzend. Gestalt, Klang, tasten, berühren, drängen,
-steigen, sich heben. Die Poren saugt es hinaus in die kalte Luft. Und
-ist doch drinnen, noch im Mark, flammend rot, brennend --
-
-Ach wozu liegen, tot sein. Wer kann sterben, wenn das Innerste leben
-will.
-
-In schwarzen Ballen fällt es aus sich heraus, in blutigen Brocken.
-Gedrückt von fremden, arbeitsamen Fingern. Eine brühende Masse schwelt
-in den Gliedern. Kocht, brodelt und schmeißt sich nach oben --
-
-daß die Haut sich dehnt der steinharten Knochen.
-
-Gewalt.
-
-Und alle schlafen -- dunkel --
-
-Nein -- licht soll es werden -- licht -- hell -- grell.
-
-Er schleicht hinaus vor das Haus mit Katzentritten.
-
-Der Hund bellt -- heult --
-
-Alle schlafen -- aber das Wort kann nicht schlafen -- das Wort muß leben
--- lodern -- zerstören --
-
-Er klettert auf die Straßenlaterne, zerschlägt sie vorsichtig, entzündet
-die Fackel aus dem Schuppen, schlägt das Fenster ein -- Licht fällt in
-das Haus -- das Wort fällt in das Haus und der Dichter rast durch die
-dunklen Gassen.
-
- * * * * *
-
-Ruth fährt auf aus dem Schlaf. Sie trägt ein Kind im Leib. Ach nein. Die
-Feuerwehr ...
-
- * * * * *
-
-Der Säugling der Nachbarin ist verbrannt. Sonst wurde alles gerettet.
-Und die Teilnahme der ganzen Stadt wendet sich der Familie des
-geisteskranken Volksschullehrers zu.
-
-Ruth besuchte Thomas mit Onkel Gustav in seiner Zelle. Er saß
-zusammengekrümmt über einem leeren Papier. Seine Augen blickten nicht
-mehr in sich hinein, aber hinaus und in das Leere. Und seine Knochen
-waren ohne Mark. Leer.
-
--- Ruth, sagte er, denk bloß, alles ist verbrannt.
-
-Sie gingen. Onkel Gustav weinte. Ruth schwieg. Aber sie trug eine kleine
-Leiche in sich, fühlte die winzigen, angstverkrümmten Knochen.
-
-Drei Tage später kam der blasse Bub, rot geheult. Thomas war zum Fenster
-hinausgesprungen. Ruth nickte nur. Auf dem Steinpflaster liegt ein
-schwerer Knochenhaufen. Zerschmettert.
-
--- Sei ruhig, sagte sie zu dem aufgeregten Buben, was weinst du. Schäm
-dich.
-
-
-
-
- Eine Mutter
-
-
-Ruth sah einmal im dunklen Zimmer Mutter vor einer zerbrochenen Tasse
-stehen. Die Scherben zerschnitten die Luft, weiß, mit scharfen Kanten.
-Mutter starrte dumpf darauf hin. Ihre zerstückelten Bewegungen hingen
-herunter. Und in das trübe Grau der Augen wollte das Weiße
-hereinbrechen, mit scharfen Kanten.
-
-Das war lange her. Jetzt haßte Ruth Mutter, weil die alte Friseurin
-ihren Sohn zum Brandstifter hatte werden lassen.
-
-Mutter steckte sie als kleines Kind punkt acht Uhr in das Bett. Dann
-kaufte sie ihr Schulhefte, die viel zu breit liniert waren. Mutter
-glaubte einem boshaften Dienstmädchen mehr als ihr. Mutter zwang sie
-große Gläser mit gekochter Milch zu trinken, wo noch die Haut
-herumschwamm. Mutter ließ sie nächtelang bei geschlossenen Fensterladen
-schlafen, so daß sie glauben mußte, sie sei blind. Mutter durchblätterte
-ihre Bücher, die doch ihr allein gehörten. Mutter rückte den Tisch ihres
-Zimmers in die Mitte, obwohl er unbedingt an der Seite stehen mußte.
-Mutter löschte das Licht, wenn es zu spät wurde. Es war ja nur ein
-Zufall, daß sie nicht auch schon zum Fenster hinausgesprungen war --
-
-Mutter war schuld an dem entsetzlichen Brandunglück. War auch schuld,
-daß der arme Säugling elend umgekommen war. Mutter, die alle kleinen
-Kinder so sehr liebte.
-
-Ruth sah auf Mutters langfingerige Hände. Wieso hatten die keine roten
-Brandwunden. Nein, sie waren weiß und schlank, nur durch viele Falten
-und Sprünge zerklüftet. Von welcher Arbeit ...
-
-Mutter suchte die alte Friseurin selbst auf und tröstete sie, wie sie
-wortlos dasaß neben der Nähmaschine der Tochter. Ruth ging nicht mit.
-Man sprach von Thomas immer wie von einem Geisteskranken. Das war eine
-Unverschämtheit.
-
-Als Mutter nach Hause kam, hatte sie rotgeweinte Lider. Ruth stand in
-einer Fensternische, tief hineingepreßt in den dunkel samtenen Vorhang.
-Sie wollte schreien: -- ihr habt alle kein Recht um ihn zu trauern. Da
-sagte Mutter: ich weiß schon Ruth, daß du immer mit Thomas warst. Er war
-ein armer Narr. Aber du solltest dich schämen.
-
-Eine zorndurchschüttelte, blutende Faust -- oder ist das die Flamme --
-Thomas' Flamme -- Mutter brüllt auf.
-
-Onkel Gustav trug Ruth aus dem Zimmer. Riesenkraft war in seinen
-willenlosen Armen, wie er sie durch den langen Gang schleppte. Er zog
-sie in den Vorratsraum, wo ein Faß mit altem Kraut stand. Hier warf er
-sie auf den Boden.
-
-Er stand vor ihr weißblaß und sehr groß. -- Ruth, weißt du, was du getan
-hast. Du kannst es nicht wissen. Du hast Mutter schlagen wollen.
-
-Er ging hinaus und zog den Schlüssel ab.
-
-Ruth dachte nur: jetzt muß ich zum Fenster hinausspringen. Das ist
-selbstverständlich, natürlich. Ich brauche bloß auf den Stuhl dort zu
-steigen, es macht nichts, daß das eine Bein wackelt. Er trägt mich so
-weit. O, und dann stürze ich. Eine breiige Masse. Aber es tut sicher
-weh, furchtbar weh, furchtbar, nein, ich fürchte mich, um Gotteswillen,
-ich habe ja so gräßliche Angst --
-
-Sie kroch in den hintersten Winkel der Kammer. Sie bohrte den Kopf in
-die Steinfliesen. Verbrecher sein. So also war es. Das heißt vor allen
-Dingen ganz allein sein. Ganz allein. Aber das darf man doch nicht zu
-Ende denken. Jetzt gehen die Menschen aus den Geschäften nachhause. Man
-schließt die Laden so wie alle Tage. Und in den Straßen die
-gleichgültige Menge. Aber sie ist allein.
-
-Was war nur mit dem Mann, der seine Mutter geschlagen hatte. Als Kind
-hielt sie sich die Ohren zu, wenn man die Geschichte erzählte. Aber sie
-weiß es doch: die Hand war aus dem Grab herausgewachsen. Man hieb sie
-ab. Und sie wuchs immer wieder. Ruth sieht vor sich eine gelbe Steppe.
-Und aus ihr steht graugrün heraus die Leichenhand mit entsetzten
-Fingern. Oder ist das ihre Hand --
-
-Sie hat nicht den Mut zu sterben. Sie wird nie den Mut haben. Aber sie
-kann auch nicht leben. Denn sie kann nicht denken. So etwas kann man
-doch nicht denken, immer denken, immer denken.
-
-Mutter kam am späten Abend mit einer flackernden Kerze und wirren
-Haaren. -- Mutter, sagte Ruth mit toter Stimme, habe ich dich wirklich
-geschlagen? -- Nein Ruth, dazu ist es nicht -- Mutter wenn ich dich
-berührt habe, ich müßte sterben. Aber ich fürchte mich vor dem Tod. Und
-ich müßte sterben. Und du müßtest mir helfen.
-
-Mutter kniete zu ihr nieder und küßte sie.
-
-Am Abend setzte sich Mutter an Ruths Bett. Aber Ruth preßte die Lider zu
-in erstarrtem Entsetzen. Das Weiße in Mutters Augen war zerbrochen. So
-wie einmal vor langer Zeit eine Tasse. Und wie Thomas' Stimme, wenn er
-sagte: ich habe kein Licht. Ja, wie Thomas. Mutters suchender
-Mittelfingerknochen war wie bei Thomas, zu kräftig.
-
-Überhaupt, wie kommt sie dazu, Thomas gegen die Mutter zu verteidigen.
-Thomas ist gestorben, weil die Kraft in ihm nicht leben durfte. Er war
-stark. Und es ist gut, daß er tot ist. Aber Mutter ist schwach und ihre
-Kraft kann die Knochen nicht sprengen. Zerfrißt nur das Mark und macht
-die Gelenke schwippend nachgiebig. Mutters Leben --
-
-Ruth legte den Kopf in Mutters Hand und weinte. Aus den zerklüfteten
-Handrinnen stieg ihr ein wohlbekannter, warmer, ein nie beachteter Atem
-entgegen.
-
-Irgendwo liegt im Gras eine duftende Frucht. Und über das Mark des
-Baumstammes preßt sich eisenhart die dürre Rinde ...
-
-Mutter war auch einmal ganz klein gewesen. Man hatte ihr unmäßig große
-Schärpen über die weißen Kleidchen gebunden. Und sie saß in einem großen
-Kinderwagen, ganz allein.
-
-Sie trug ihr kleines Schicksal in krampfhaft zusammengeballten Fäusten.
-Und erreichte nie etwas, weil diese Fäuste immer zu schwer von dem
-kleinen Körper herunterhingen. Sie gewöhnte sich an den Mißerfolg und
-deshalb war ihr kein Ideal zu groß. Sie wollte Königin werden, dann
-Sängerin, und dann -- o, was sie alles werden sollte. Sie trug ihr
-ganzes Leben die Last von unzähligen untergegangenen Existenzen in sich.
-Und ihr Vater hatte alle Pferde verspielt.
-
-Sie hatte einmal einen Tag, vielleicht nur eine Stunde, oder nur eine
-Sekunde lang mit Ruths saugendem Blick aus sich herausgeschaut. Oder
-vielleicht nur einmal den Kopf hart und eckig zur Seite geworfen, wie
-Ruth es immer tat.
-
-Und sie hatte ihr eigenes, einziges Dasein gesucht. Dann heiratete sie.
-Dann gebar sie drei Kinder. Und dann war ihr nichts mehr von sich
-geblieben, als eine suchende Vergangenheit und drei neue, fremde
-Menschen.
-
-Die alte Friseurin träumte einst davon, die erste Tänzerin der Welt zu
-werden. Ihr häßlicher Sohn sprang aus dem Fenster und zerschmetterte
-sich in einem Gefängnishof, ohne daß sie je verstehen konnte, warum.
-Ihre mißgebildete Tochter nähte Hemden für vornehme Damen. Und nichts
-war von ihr übriggeblieben als das bißchen Schminke auf den
-eingefallenen Wangen, das sich nicht wegwaschen ließ. Das bißchen
-Schminke.
-
-Und die Kinder laufen wie Diebe in die Welt hinaus. Man kann ihnen das
-Eigentum nie mehr abnehmen. Denn es ist untrennbar, unkennbar verbunden
-mit fremden Säften, denen man sich einmal geschenkt hat.
-
-Ruth wurde sehr krank. Sie lag ein paar Wochen durch mit hohem Fieber
-und keuchendem Atem. Die graue Tapete ihres Zimmers wurde zu einer
-einzigen, ungeheuren Ebene, in die alles hineinversank wie in einen
-Moorboden. Müde und wohlig. Mutter saß Tag und Nacht an ihrem Bett mit
-überwachen Augen und Teelöffeln in der Hand. Ruth dachte: wenn ich
-wieder gesund bin, schenke ich Mutter das Schönste und Beste, das ich
-habe. Aber sie wußte nie, was das sei und wünschte sich auch gar nicht,
-bald gesund zu werden. Besser immer so liegen können. Und niemand kann
-einem Vorwürfe machen. Sogar Richard brachte ihr Veilchen.
-
-Als sie den ersten Tag wieder fieberfrei im Bett lag und Mutter ihr die
-Kissen gerade frisch gerichtet hatte, fragte sie: -- was möchtest du,
-daß aus mir werden soll? Mutter sah sie erstaunt an. -- Ja, ich kann
-doch nicht weiter so in den Tag hinein leben. -- Ich möchte, daß du
-glücklich wirst, Ruth. -- Wie ist das? -- Du mußt froh sein und gesund
-und auch heiraten. -- Weißt du Mutter, von Thomas hätte ich gerne ein
-Kind bekommen. -- Aber Ruth -- Nein, nicht böse sein, Mutter, bitte,
-bitte nicht. Ich möchte dir nur von Thomas erzählen, weil das so
-wunderschön war.
-
-Ruth erzählte von Thomas' Buch, als ob sie es schon hundertmal gelesen
-hätte. Mutter sagte: -- armes Kind. Und küßte sie. -- Aber du mußt jetzt
-schlafen. Sie löschte das Licht aus. Ruth fragte in das Dunkel hinein:
-warum arm ...
-
-Sie erwachte am nächsten Morgen sehr zeitlich. Mutter sagte im
-Nebenzimmer zu Martha: -- wir hätten eben besser auf sie acht geben
-müssen.
-
-Da sah Ruth hinter dem Fenster in der Frühdämmerung wieder die Hand des
-Mannes aus dem Grab wachsen, der seine Mutter geschlagen hatte. Nein, es
-waren viele, es waren unzählige solcher Hände. Sie sah diese Hände
-draußen vor dem Fenster und wußte: im Nebenzimmer wird jetzt eine
-ungeheure Schändlichkeit geflüstert. Ein Heiligtum wird besudelt. Dann
-geht Mutter in die Küche zu der Köchin und Martha in die Schule. Nein,
-das hatte Thomas nicht verdient.
-
-Sie wollte aufstehn und fliehen, weit, weit weg über sumpfige Wiesen und
-Felder. In das Graue hinein. Nur Mutter nicht mehr sehen. Und in der
-Kommode daneben liegen ja sorglich eingeordnet seine Briefe an Mutter.
-Mutters Seele steckt auch drinnen in den gelben Phiolen. Und richtig, in
-Mutters Bewegungen zerbricht sich dieselbe Disharmonie wie in seinen,
-wenn er die Zigarre zum Mund führte. Wie kann Mutter es wagen, ihr Leben
-bewachen zu wollen. Draußen wachsen die Hände aus den Gräbern. Aber das
-Weiße in Mutters Augen ist zerbrochen. Sie kann Mutter nicht helfen. Sie
-ist allein. Weiß Mutter das nicht? Die Nabelschnur, an der sie hing, ist
-längst zerrissen. Arme Mutter! -- Aus allen Gräbern wachsen die
-mörderischen Hände.
-
-Mutter sagte am Nachmittag zu Onkel Gustav: ich werde Ruths Leben von
-nun an zu lenken wissen. Ich muß ihr weiter helfen. Sie ist -- Laß das,
-antwortete Gustav müde. -- Das lassen? -- ja wozu bin ich denn sonst da
-...?
-
-Und sie saß bis in die Nacht hinein und berechnete ein neues Kleid für
-Ruth. Als es nach ihrer Angabe genäht war, hing Ruth es in die hinterste
-Kastenecke und zog es niemals an.
-
-
-
-
- Der Tod
-
-
-Mein Thomas hat auch nicht auf mich hören wollen, sagte die alte
-Friseurin weinerlich zu Mutter, während sie ihr das widerspenstige Haar
-zu bändigen versuchte.
-
-Wie hatte Onkel Gustav einmal gesagt, in traumhafter Sommerdämmerung:
-Unsere Nächsten -- das sind unsere nächsten Mörder. Und nun war die
-Wirklichkeit gekommen, winterkalt und hart. Und Ruth mochte sich die
-Augen mit den Fäusten zudrücken. Thomas hatte diese Wirklichkeit nie
-gesehen. Deshalb hatte er an ihr zugrunde gehen dürfen. Wie gut muß es
-sein, wenn alles ganz vorbei ist. Nichts mehr sehen, hören, tasten. Ihn
-schließt eine Wand ab von der Welt. Und er erstickt doch nicht mehr.
-
-Ruth saß an einem nebligen Schneeabend allein zu Hause bei dem großen
-Speisezimmertisch. Mit aufgestützten Armen. Ihre immer noch fiebermüden
-Glieder wollten nicht recht gehorchen, wollten sich legen, sich
-strecken, ganz ausdehnen. Durch die Fenster flimmerte gelb das Licht der
-Straßenlaterne. Draußen muß viel Schnee fallen.
-
-Und die lebendige Uhr hinter ihr zerschneidet die Zeit, metallhart. Aber
-der Kasten dort und die Stühle ringsherum rücken weit weg, fort in das
-Graue, daß sich die hohen Fensterkreuze dehnen müssen. Und nichts um sie
-als luftloser Abgrund. Weite. Leere. Da drinnen muß einmal eine Fliege
-ertrunken sein. Über Ruths Haupt hebt sich die Decke. Ihre Füße treten
-das oben. Noch saugt ihr Blick das Zimmer in sich. Noch kann ihr Blick
-die Weite überwinden. Noch. Aber das Lid wird ihn verdecken. Dann ist
-sie ganz allein.
-
-Wie Vater. Wie Thomas.
-
-Sie ist auch allein, wenn Mutter im Nebenzimmer mit Martha spricht. Wenn
-sie Richard und Gustav auf der Straße trifft oder mit Norbert
-zusammenkommt. Wenn sie einen Schutzmann nach einer Hausnummer fragt
-oder nicht weiß, wieviel Trinkgeld der Kellner bekommen soll. Ach, so
-allein, mit offenen Augen. Die alles sehen.
-
-Eine Woche später brachte man Ruth in ein Sanatorium wegen einer
-Operation. Sie war sehr müde. Aber auch sehr neugierig. Sie dachte: es
-ist doch unglaublich, daß man so einfach in mich hineinschneiden kann.
-Und man spritzt mir etwas unter die Nase und dann bin ich nicht mehr da.
-Wo ich nur sein werde. Ich muß sehr gut acht geben.
-
-Der Chirurg hatte ein schmales, feines Gesicht mit zu großem Kinn. Seine
-Hände waren grobknochig, wie von einem Fleischhauergehilfen. Aber er zog
-sich dann Gummihandschuhe an. Und seine Hände wurden zum Werkzeug, das
-ineinander beißt.
-
-Sechs junge Ärzte standen herum wie Schachfiguren. Und Schwestern
-leidend und demütig. Der Operationsraum war groß, zu licht, blitzend,
-spiegelnd. Ruth sah in den schneetoten Park hinunter, auf die uralten,
-schneebeladenen Bäume. Die Wintersonne stieß gegen die dicken Wolken.
-Ruth empfand die kühle Verzweiflung eines Sterbenden, der einmal, im
-ersten jungen Frühling dort unten gelegen sein mußte, mit zerfleischtem
-Körper eingepackt in weiße Tücher.
-
-So wie man sie jetzt einpackte. Sie wollte schreien: Was tut ihr mit
-mir? Da lag sie schon auf dem blanken Tisch: Sie spürte einen
-niederträchtigen Geruch sich in die Kehle hineinfressen, dachte: Ihr
-zwingt mich doch nicht --
-
-Da war sie aus sich heraus gestiegen und stand neben ihrem starren
-Körper. Sah sich selbst nackt und preisgegeben daliegen, sah jeden Zug
-ihres Gesichtes, das sie ja gar nicht gekannt hatte. Mit geschlossenen
-Lidern. Sah die strengen, furchtbar fremden Augen der Ärzte, die bloßen
-sehnigen Arme des Chirurgen, die Schwestern über die Instrumente gebeugt
-...
-
-Die weiße, glattgetünchte Wand riecht so sonderbar. Sie muß sehr hoch
-sein. Man kann gar nicht an ihr hinaufsehen. Und die Gelenke sind
-gefesselt, stöhnen unter eisernem Druck. Der auch von oben kommen muß.
-
-In den tiefblauen Himmel stößt sich ein weißer, steifer Ast.
-
-Neben Ruth steht eine Schwester mit bleichem Gesicht. Eine Schwester,
-die sie nie gesehen hat. Ein Ast, den sie nie gesehen hat. Eine Wand,
-die sie nie gesehen hat.
-
-Sie kann ihr Bett kaum überblicken. Dort am Fußende sitzt ja Mutter.
-Ihre Bluse ist zerdrückt. Wie unangenehm. Und sie lächelt so, als ob sie
-alles wüßte, genau wüßte, was sie ja gar nicht wissen kann.
-
-Sie ist in einer Welt, in der sie noch nie war. Sie muß einmal
-Ungeheures erlebt haben. Aber hier kann man davon nichts wissen. Darum
-liegt sie gefesselt an allen Gliedern, Sehnen und Gelenken, an allen
-Muskeln, allen Nerven. Vielleicht hat man ihr beide Füße weggeschnitten.
-Sie muß tasten. Sie kommt nicht bis dorthin.
-
-Mutter und die Schwester lächeln. Das ruchlose Lächeln der
-Nichtverstehenden. Sie will weinen vor Zorn. Und erbricht.
-
-Sie liegt stumm und verzweifelt, bis sie fragt: Ist mein neues Kleid
-schon gekommen? Dann gehört sie wieder der Welt, die von Mutters
-Rechenbüchern beherrscht wird und Richards verwunderten Augenbrauen.
-Aber irgendwo sind doch auch gelbe Phiolen und der Duft fremdartiger
-Chemikalien, ätzend, zersetzend.
-
-Ruth saß mit Mutter an dem gedeckten Tisch mit dem rotgestickten Milieu
-und den glotzäugigen Teetassen. Die Lampe brannte fetzig grün. Aber sie
-war ihr dankbar. Und den Teetassen und den fetten Butterbroten, die an
-Agnes kräftige Arme erinnerten. Wie das nach Alltag schmeckte. Und wie
-wunderbar sicher das war, wohlig geborgen. Sie möchte sich in die
-saftgrünen Vorhänge hinein verstecken und ein ganz dummes Backfischbuch
-lesen, wo es nur Schulsorgen gibt und wunderbare Bräutigame.
-
-In der Nacht kann sie nicht schlafen. Sie liest die Zeitung bis zur
-letzten Annonce. Das Zeitungsblatt schlägt eine Ecke nach oben, leckend.
-Sie löscht das Licht. So müde. Das Zeitungsblatt war leckend, saugend.
-Das Blatt ist eine rote, fleischige Tierzunge. Die Zunge saugt, leckt.
-
-Da ist nur noch die weiße, glattgetünchte Wand. Und der lange, gräßlich
-arme Tierkopf, der aus ihr herauskommt. Schmal. Die Augen arm, in sich
-geknechtet. Er schleckt mit schiefer, gieriger Zunge eine salzige
-Flüssigkeit von der blendenden Wandfläche. Er schleckt, leckt, saugt
-sich an --
-
-Sonst ist nichts mehr da. Der Kopf steht in die Luft hinaus, brüllt --
-
-Rechts steht ein Mann und links steht eine Frau. Ein Mann, eine Frau.
-Sie hält den großen Spitalslöffel in der Hand, sieht den Mann fragend
-an. Und er sagt mit unendlicher Geringschätzung: Gib. Was ist das ganze
-Leben denn mehr wert als ein Schluck Wasser für ein durstiges Maul.
-
-Der Tierkopf schleckt --
-
-Ruth saß schreiend im Bett. Mutter kam hereingestürzt. Ruth konnte nicht
-sagen was ihr fehle. Daß das lange, armselige Tiermaul alles war, die
-ganze Welt und immer weiter an der Wand saugen mußte. Nein, das konnte
-man nicht sagen und sie ließ sich fortwährend von den anderen die
-wichtigsten Zeitungsereignisse erzählen.
-
-Damals sehnte sie sich maßlos nach allen Menschen, die sie je gesehen
-hatte, am meisten nach einem kleinen, verwachsenen Stubenmädchen, das
-ihr vor Jahren Geschichten aus einem böhmischen Dorf erzählt hatte, wo
-die Kinder im Hemd im Dorfteich schwammen.
-
-Sie bettelte sich hinter der grauesten Alltäglichkeit durch. Sie
-verdurstete vor Sehnsucht, wieder in sie aufgenommen werden zu dürfen.
-In eine Sphäre von Geschäftsbesen, Kaffeetassen und Nachtwächtern. Ihr
-war jeder Schuhriemen wichtig.
-
-Norbert kam am nächsten Mittwoch. Aber ohne Onkel Gustav. Der lag wieder
-elend in seiner Dachkammer.
-
-Norbert war avanciert in seinem Amt. Er unterstand dem Vater seiner
-Braut. Alle gratulierten ihm. Ruth schüttelte ihm beide Hände. Er sah
-sie an, hundetreu, traurig.
-
-Nach dem Essen setzte er sich in ihr Zimmer auf das kleine, wacklige
-Kindersofa. Sie saß neben ihm und dachte: Warum bin ich jetzt nicht in
-Australien oder auf einem großen Schiff.
-
--- Nicht wahr, Ruth, Sie verachten mich? ... -- Ruth sah auf. -- Nein,
-warum denn? -- Weil ich avanciert bin. -- Was meinen Sie damit? -- Ach
-Ruth, Sie wissen ganz gut was ich meine.
-
-Ruth sah in den winterblauen Nachmittag hinaus und wußte auf einmal, was
-er meinte. Sie dachte: Und dann nach Australien mit einem großen Schiff.
-Sonnenuntergang weit hinten im Meer und weiße, wehende Schleier. Das
-wäre freilich etwas.
-
-Dann sah sie seine graue Weste und dachte an den Spitzeneinsatz der
-Braut und mußte fast lachen. -- Nein, Norbert, sagte sie hochmütig, ich
-verstehe Sie nicht.
-
-Aber sie sah ihn in der flimmernden Sonne eingezäunt in einer streng
-gekrümmten Linie. Seine Grenze. Über die durften seine treuen Hände
-nicht hinaus. Wenn er stirbt, dann wird die Linie zum Viereck und macht
-Wände und ist der Sarg.
-
-Ruth schauderte und einen Augenblick dachte sie: Ich muß ihm helfen,
-vielleicht ihn lieben. Aber sie verstand seinen beamtenbrav
-geschniegelten Kopf und ekelte sich vor der schnurgeraden Scheitellinie.
-Unmöglich. Da war die Grenze.
-
--- Wissen Sie schon, daß mein Freund, der Leutnant fast gestorben ist,
-sagte Norbert. -- Nein, wieso? -- In einem Duell wegen einer
-Ballettänzerin. Zwei Schüsse durch die Lunge.
-
-Ruth sah vor sich dicke rosa Schminke, rosa Ballettröckchen und rosa
-glatte Füße. Dazwischen blutend aufgedunsen die Lunge des Leutnants.
-Seine schwarzen Zähne. Das war der Tod.
-
-Am nächsten Tag kam die alte Friseurin heulend. Der Arzt habe gesagt,
-wenn ihr Bub nicht bald in eine Anstalt käme, sei seine Tuberkulose
-nicht mehr heilbar. Ruth schnitt sich mit den Nägeln in die Hände. Was
-schreit sie so, Thomas ist doch schon lange tot und das kleine
-Ungeheuer, die Nähmaschine ist ein Leichnam, der sich aufbläht mit den
-Erlebnissen anderer. Und was will der grüne Bub vom Leben. In einer
-Schreibstube geometrische Zeichnungen machen. Keiner kommt bis
-Australien.
-
-Mutter versprach, ihr Möglichstes zu tun. Am Abend sagte Ruth
-verzweifelt: -- Mutter, müssen wir denn alle sterben?
-
-Richard hatte sich verlobt. Mit Norberts Schwester. Ruth erinnerte sich:
-aufgestülpte Nase, aristokratisch tiefe Stimme, dicke kleine Freundin.
-Auch gut. Im übrigen war es ihr ziemlich gleichgültig.
-
-Einmal, während des Mittagessens, kam ein Mädchen, bleich, trostlos, das
-Richard sprechen wollte. Ruth hatte ihr die Türe geöffnet. Richard war
-bei seiner Verlobten. Das Mädchen stöhnte auf. Sie packte Ruth beim Arm:
-Helfen Sie mir. Ruth sah ihr in die hübschen Kinderaugen, die voll
-Tränen standen und führte sie in den Salon.
-
-Mutter kam dazu. Die alte Geschichte. Das Kanzleimädchen. Mutter weinte
-auf und versprach fast flehend zu helfen. Aber sie müsse schweigen, um
-Gottes willen.
-
-Als das Mädchen gegangen war, fragte Ruth: Wie willst du ihr helfen?
-Mutter sagte: Geld. Und Ruth haßte sie. Sie dachte an das winzige
-Geschöpf, das schon im Mutterleib erwürgt wurde von fremden Händen.
-Wirklich fremden Händen --
-
-Mutter weinte den ganzen Nachmittag durch: Daß sie keine Ahnung haben
-konnte. -- Mir hätte er es doch sagen können, mir, immer habe ich alles
-von ihm gewußt, seit er ein ganz kleiner Bub war. Da ist auch nur dieses
-Frauenzimmer schuld. Aber er hat mir ja geschworen --
-
-Ruth kam es lächerlich vor, daß Mutter jemals glauben konnte, Richards
-Vertraute zu sein. Aber Mutters Augen waren wieder so zerbrochen. Mit
-zornbebender Stimme sagte sie: -- Dazu bin ich doch da, um von euch
-alles zu wissen. Ruth ging aus dem Zimmer, etwas in ihr rief: Und dann
-bist du eben tot.
-
-Wo war Mutters Leben -- bei ihren drei Kindern, in Vaters Grab -- bei
-den gelben Phiolen --
-
-Ruth sagte zu Martha: -- Da bekommt Richard ein Kind und Mutter weiß es
-nicht einmal. Das ist wirklich eine Schmach, aber sie wird ja alles mit
-Geld gutmachen. -- Woher weißt du, daß das Kind zur Welt kommt? sagte
-Martha, lehrerinnenhaft überlegen. -- Martha, du gehörst auf den
-Scheiterhaufen.
-
-In der Nacht sah Ruth Martha auf der Straße, im Sonnenlicht, mit einem
-langen grauen Regenmantel. Ernst, streng und emsig, mit toten Augen und
-blauen Nägeln.
-
-So war sie denn von lauter Toten umgeben. Richard war ja auch tot. Er
-tat nur so überlegen. Aber sein Leben lag im Leib jenes jungen Mädchens
-und seine eigenen Finger erdrosselten es.
-
-Er steckte auch in einer Grenze, wie Norbert. Die lief weiter weg von
-ihm als bei diesem, aber sie war tief eingegraben. Er verstand sieben
-Sprachen. Er kannte alle Wagner-Opern. Er heiratete Norberts Schwester.
-Er eroberte sich einen guten Platz in der Welt. Er hatte einen großen
-Sarg.
-
-Ruth sehnte sich wieder unsäglich danach, tot zu sein wie Thomas. Nicht
-mehr scheinlebendig. Aber nur nicht sterben. Sterben tat ja sicher
-entsetzlich weh. Schon lange tot sein. Ohne denken, ohne Verantwortung
-für den nächsten Tag --
-
-An Onkel Gustav hatte man über Richards Verlobung ganz vergessen. Eines
-Tages kam seine Hausmeisterin mit sensationslüsternen Augen. Es gehe ihm
-sehr schlecht, er röchle furchtbar.
-
-Mutter weinte zuerst, ehe sie sich ankleidete, um hinzugehen. Ruth ging
-empört in ihr Zimmer.
-
-Sie wollte Onkel Gustav nicht mehr sehen. Was liegt ihr überhaupt an
-Onkel Gustav. Sie hat ihn immer verachtet. Sie wird sich heute nichts
-vormachen, so wie Mutter. Gewiß nicht.
-
-Sie setzte sich an ihren Schreibtisch und versuchte eine italienische
-Übersetzung zu schreiben. Ihr Geist war dabei. Aber in ihren Händen
-kochte ein fremder, fieberhafter Puls.
-
-Durch die Fasern des Fleisches gräbt sich, stößt sich blühende
-Lebenskraft. Aber ganz innen in ihrem Leib fällt etwas ab, bröckelt
-etwas ab, mürb und müde. Wer preßt ihr die Brust zusammen und würgt sie,
-daß sie husten muß -- Ist das Schleim und Blut -- Ist das ihre eigene
-Kehle --
-
-Über Ruths italienisches Übersetzungsbuch steigt wie Frühlingsatem empor
-die freche Liebe der jungen Wilden, die Gustav einmal an sich reißen
-wollte. Von der sie nie etwas gehört hat. Und es riecht nach faden,
-blonden Madonnenhaaren, Ansichtskarten mit weißen Kaninchen. In weiter
-Ferne leuchtet ein lichtes Ährenfeld im Juliwind, eine marmorbleiche
-Haut. Und die alte Geige lehnt an dem rußigen Eisenofen.
-
-In Ruths Knochen bricht etwas. Das Mark wird zerrissen. Ein Leben
-stirbt, das sie nie gekannt hat. Ein Leben, das sie mitgetragen hat in
-ahnungslosen Händen. Onkel Gustav stirbt.
-
-Ruth steht auf in erstarrtem Entsetzen. -- Agnes, ruft sie in die Küche
-hinein, singen sie nicht so laut, wir sterben heute.
-
-Sie geht durch die weißerstarrten Gassen. Deren grelles Gefunkel in der
-Sonne schmerzt. Der Himmel ist tief dunkelblau. Onkel Gustavs höchster
-Wunsch war immer, einmal nach Italien zu kommen. Der Schnee zerbricht
-unter ihren Schritten.
-
-Vor Gustavs Haustor will sie noch umkehren. Mutter wird sicher weinen.
-Richard und Martha machen traurige Gesichter. Norbert ist gewiß auch da.
-Nein, es ist unmöglich hinaufzugehen. Aber da ist noch Onkel Gustavs
-Hund. Sie kriecht über die Treppen.
-
-Onkel Gustav hat das Gesicht zur Wand gekehrt. Der Hund liegt auf seinen
-Füßen. Den läßt er nicht von sich. Aber sonst kennt er niemanden.
-
-Ruth will die weinenden, die gefaßten, die wichtigen Gesichter nicht
-sehen. Sie geht an das Fenster. Sie möchte es aufmachen. Aber sie ist
-gelähmt. Auf dem Fensterbrett steht eine halbgefüllte Teetasse mit
-schief abgebröckeltem Rand. Und ein rostiger Löffel. Es ist doch gut,
-daß Onkel Gustav stirbt.
-
-Der Arzt unterhandelte mit Richard und Martha, wie man Mutter am besten
-aus dem Zimmer bringen könne. Er hatte seine geschäftsmäßig traurige
-Miene. Ruth wollte sich nicht umwenden.
-
-Die Sonne war untergegangen, draußen in ferner Ebene.
-
-Onkel Gustav röchelte.
-
-Norbert trat zu ihr: Ruth -- Lassen Sie mich. -- Aber Ruth -- So lassen
-Sie mich doch, was wollen Sie von mir. Gehen Sie hin zu ihm. Legen Sie
-sich auf seine Füße. Wärmen Sie ihn.
-
-Onkel Gustav röchelte.
-
-Blut und Schleim.
-
-Es wurde ganz dunkel.
-
-Mutter war von Martha weggebracht worden. Der Arzt war fort. Norbert
-auch. Richard saß in einem Sessel, den Kopf in die Hände gestützt. Die
-schmierige Hausmeisterin machte sich an Gustavs Bett zu schaffen. Ruth
-stand unbewegbar erstarrt an dem Fenster.
-
-Da schrie der Hund.
-
-Ruth war bei Gustav. Aus seinem herabgefallenen Kiefer quoll das Blut
-auf die sterbende Brust. Ruth legte die Hand darauf. In Liebe. Dann
-brach sie zusammen. In Ekel ...
-
-Alles roch nach dem Leichenbitter, der vor Gustavs Türe stand. Auch die
-Blumen in der Blumenhandlung. Mutters schwarzgerändertes Taschentuch.
-Und das italienische Übersetzungsheft. Die dumpfen Kreppschleier.
-
-Alle sprachen lieb von Onkel Gustav. Ruth haßte alle. Nicht weil sie ihn
-gemordet hatten. Aber weil sie mit ihrem bißchen kläglichen Gernehaben
-protzten. Keiner kannte das große Erbarmen. Auch sie nicht mehr. Eine
-Sekunde lang hatte sie es empfunden. Seither war ihr, als trügen ihre
-Hände vernarbt Kreuzeswunden, mit rostigen Nägeln durchschlagen. Aber
-vernarbt.
-
-Sie trauerte nicht. Kam nicht einmal mit zum Leichenbegängnis. Ging zur
-selben Stunde mit dem namenlosen Hund spazieren. In einer blauen Bluse,
-durch taubelebte, klatschende Gassen.
-
-Sie bürstete den Hund und fütterte ihn. Aber sie hatte eine furchtbare
-Angst vor seiner langen, spitzigen Schnauze. Die dem schmalen Tiermaul
-an der weißgetünchten Wand immer ähnlicher wurde. Ach Gott, wie so
-ähnlich --
-
-In den verständnislosen, angstvollen Augen des Hundes lag der Schmerz
-einer geprügelten Welt. Und unendliche Sehnsucht. Wonach -- Nach dem
-Schluck Wasser --
-
-Wie einsam mußte Onkel Gustav gewesen sein.
-
-Ruth fürchtete sich vor den langen, spitzen Zähnen des Hundes. Er lief
-ihr nach auf Schritt und Tritt. Und sie konnte ihn nicht zu den andern
-zwingen. Die riefen ihn bei dem englischen Namen, den Mutter ihm gegeben
-hatte.
-
-In der Nacht lief er winselnd vor ihrer Türe hin und her, bis sie ihn in
-das Zimmer ließ. Dann schlief er in einer Ecke. Sie aber hielt die Augen
-weit offen vor Grauen. Dort lag das Tier.
-
-Fell, gierige Zähne, saugende Zunge.
-
-Das Tier atmete lauter und rascher als sie. Zerstörte den Rhythmus ihres
-Zimmers. Das war zum Stall geworden.
-
-Alle riefen den Hund bei dem englischen Namen. Er gehorchte keinem.
-
-Einmal riß sie ihn an dem Halsband zurück, als er aus dem Kübel trinken
-wollte. Da schnappte er nach ihr. Das Blut tropfte aus drei großen,
-tiefen Löchern in ihrer Hand. Ihrer schmalen, braunen, suchenden Hand.
-Wie sie diese Hand liebte. Ihre Hand. Ihre glatte Menschenhand.
-
-Sie bekümmerte sich nicht mehr um den Hund. Er folgte niemandem und
-Mutter ließ ihn vertilgen.
-
-An diesem Abend saßen sie alle unter der Speisezimmerlampe. Und Mutters
-Rechenbücher beherrschten die Mitte. Richard sagte: -- Der arme Kerl.
-Eigentlich bist du schuld an seinem Tod, Ruth. -- An Onkel Gustavs Tod?
--- Nein doch, ich meine den Hund. -- Ach so.
-
--- Hilf mir, Richard, sagte Mutter über den Tisch herüber. Ich kenne
-mich da nicht aus. -- Richard beugte sich über ihre Schulter. Dann sagte
-er mit traurigem Gesicht: -- Diese Rubrik können wir jetzt streichen.
-Und zog mit rotem Bleistift einen dicken Strich über eine halbe Seite.
-Ruth sah oben den Namen Gustav.
-
-Nein, das war unmöglich, nein, das konnte man doch nicht tun, mit rotem
-Bleistift, rotem Bleistift --
-
-Ruth sagt noch immer: Roter Bleistift, vor sich hin. Sie geht durch
-dunkle, frostdumpfe Gassen. Sie läuft. Sie fliegt.
-
-Jemand ist geschändet worden. Wer ist geschändet worden. Der Tod ist
-geschändet worden. Christus ist am Kreuz gestorben und man betet zu ihm
-um gutes Wetter. Gustav ist gestorben und man streicht die Ausgaben für
-ihn mit rotem Bleistift aus dem Einschreibebuch.
-
-Sie will nie mehr nachhause zurück. Lieber in ein Freudenhaus.
-
-Wer will nicht zurück -- Ihre Glieder tragen Mutters Ungeduld und Vaters
-Leiden. Richards Hochmut und Marthas Resignation geben ihr ihre
-Kopfhaltung, ihre kindische Würde. Als Onkel Gustav sterben mußte, war
-etwas in ihrem innersten Mark zerrissen.
-
-Jedes einzelne Blutgefäß spinnt einen langen Faden aus sich heraus in
-Mutters Hände hinein, die ja so fremd sind, so in sich zerbrochen. Aber
-eine Stimme schreit aus Ruths Kehle, die ist ganz neu. Vielleicht kommt
-sie von den Obstbäumen auf den wilden Feldern, die alle in ein paar
-Monaten blühen werden.
-
-Noch preßte die Kälte die Häuser zusammen. Und alle Menschen steckten in
-wollenen Jacken, deren Farbe nicht schön war.
-
-Ruth kauerte tagelang vor ihrem kleinen Ofen. Ihr Körper war steif
-geworden und ihr selber unbekannt. Vor diesem Ofen war Thomas an seinem
-letzten Abend gelegen. Und sie selbst. Und vielleicht noch ein dritter.
-
-Nun ist sie müde, nicht zum Sagen müde. Sie möchte sich die Haut von den
-Armen streifen. Sie möchte sich in sich hinein verkriechen und in einer
-dunklen Ecke verstecken. Allein sein. Sie kennt niemanden mehr. Was
-wollen alle diese von ihr, diese Lügner, die nur zum Schein ganz leben
-und an hundert Stellen getötet sind. Diese heimlichen Mörder
-untereinander.
-
-Wo ist ihre Grenze. Sie kann sie nicht erblicken. Sie späht um sich mit
-leeren Augen. Wer sieht aus ihr heraus? Wer wühlt mit bleichen,
-schweren, kraftlos vollen Händen in ihrem Hirn? Das alles kann sie doch
-allein so ganz unmöglich verstehen. Sie ist ja jung, in ihren Zehen
-federt die Sprungkraft ihrer Jahre.
-
-Sie möchte schon lange tot sein. Aber sie wird jetzt nicht sterben. Sie
-genießt nur die süße Müdigkeit und darf sie doch nicht bis an das Ende
-kosten. In ihr lebt ein Fremder, Mächtiger. Und denkt.
-
-So kauert sie vor dem verglühenden Ofen. Der immer weiter brennt.
-
-
-
-
- Vision
-
-
-Unter den hochkreuzigen Fenstern läuft die Straße. Die Straße, die alle
-gehen müssen. Die eine Straße. Der eine Weg.
-
-Pferdehufe schlagen das bucklige Pflaster. Wagenräder, die in sich
-zerbrechen, kratzen darüber hin. Und so viel Schuhe. Hochmütig spitze
-aus weichem Leder, behäbig breite, löcherige und Holzsandalen.
-
-Vielleicht sind alle die Eilenden lautlos. Und nur der rohe Stein lärmt.
-Poltert, rattert, zerschmettert -- in nichts.
-
-Die Luft war weich geworden und der Schnee schmolz in großen, brandigen
-Klumpen. Strähnig schleckte er sich über die Dächer. Schwamm in den
-braunen Pfützen. Die Schaufenster waren frisch gewaschen. Straßenlichter
-stritten mit langer Dämmerung.
-
-Das war schon immer gewesen. Ruth lag vor ihrem Fenster und getraute
-sich nicht, es zu öffnen. So war sie einen ganzen, langen Scharlach
-hindurch einmal an den Fenstern gelegen. Als sie so klein war, daß sie
-ein Fragezeichen von einem großen S nicht unterscheiden konnte. Und
-beide ineinander an das trübe Fensterglas zeichnete. Als sie zu Mutter
-betete und ihre Furcht vor der nahen Nacht unter erdachten Abenteuern
-vergrub.
-
-Nun lag sie an dem Fenster und wußte: Dieses junge Mädchen wird bald ein
-neues, lustig blaues Sommerkostüm bekommen. Der Mann dort schleppt die
-eine Achsel schwer. Er muß viele Lasten darauf getragen haben. Warum
-lebt die alte Frau noch, mit den traurigen weißen Haaren? Ob das kleine
-Mädchen mit der Springschnur auch so parkmüde ist, wie sie es immer war,
-nach den stundenmäßig eingeteilten Spaziergängen --
-
-Sie gingen alle in einem Rhythmus. Ruth spürte das gleichmäßige
-Aufschlagen der Sohlen -- jetzt -- und jetzt -- wieder -- und jetzt --
-wieder -- und jetzt. Ein Betrunkener johlte unten in dem Wirtshaus, daß
-man den sauren Weingeruch heraufwirbeln fühlte. Dann das Schweigen der
-Schritte -- jetzt -- und jetzt -- wieder und jetzt --
-
-Bis ein Lastwagen dieses Schweigen zerbricht, so daß tausend lebendige
-Splitter über den Rinnstein springen.
-
-Richard kommt die Straße herunter. Er trägt noch den steifen, schwarzen
-Hut, wie im Winter. Er weiß nicht, daß heute Sommer ist. Daß sich alle
-ungefesselten Glieder ausziehen müssen und dem durstenden Föhn anbieten.
-Mutter schlägt im Nebenzimmer eine Tür zu --
-
-Ruth suchte sich pfeifend ihren alten Strohhut aus einem eingekampferten
-Kasten. Schlug ihn platt auf den Tisch, daß das Geflecht knirschte. Und
-lief davon. Ohne Handschuhe.
-
-Lief durch die eine Straße. Den einen Weg.
-
-Wann war es das erste Mal, daß sie so gelaufen war? Daß ihre selig
-gläubigen Füße sie über Tiefen springen ließen, die zwischen den
-Pflastersteinen lauerten. Wann war es -- gestern -- heute -- morgen wird
-es sein --
-
-Die Erde ist schwanger von blühendem Leben. Und das Geborene ist tot.
-Und die Luft ist schwer zu atmen vor erstickten Keimen.
-
-Braungrün schwimmen die Pfützen im letzten Tageslicht. Die Laternen
-flimmern bloß.
-
-Ruth läuft den einen Weg. Die eine Straße. Es ist ja immer dieselbe
-eine. Mit jedem Schritt fällt ein Stück Last von ihren schmalen
-Schultern. In die tauende Erde. Aber sie kehrt nicht um, damit sie
-dieses Stück in den Boden hinein zertritt. Recht fest. Nein, sie läuft
-ja immer weiter.
-
-Ein Kutscher knallt mit der Peitsche. Ein altes Weib keift -- oder
-vielleicht erzählt sie nur. Aber immer weiter, immer weiter, den einen
-Weg. Die Straße ist ja furchtbar schrill, die Häuser haben so empörend
-scharfe Kanten, die die Luft zerschneiden, wie aufgestellte Messer.
-
-Aus den offenen Fenstern fällt eine grauweiße Masse heraus. Sind das
-schmutzige Leintücher -- Die wollen sie hindern am Weiterkommen auf dem
-einen Weg.
-
-Nein, diese vielen, empörend fremden, gleichgültigen Menschen. Da
-schmeißen sie die ganze Winterausdünstung auf die Straße herunter. Ihr
-entgegen. Diese vielen. Und sie sucht nur den einen.
-
-Wer sind die alle, die sie nicht lieben darf -- Diese Holzpuppen, die es
-wagen ihr Schuhe zu machen und Gesetze zu geben. Die nach Schweiß
-stinken und Bier. Sie sucht den einen.
-
-Sie will die alle ja gar nicht kennen, die da gierig an ihr
-vorbeilaufen. Sie weiß so schmerzhaft gut, was sie suchen, was sie
-niemals finden. Warum weiß sie es so gut. Sie will es gar nicht wissen.
-Will zu dem einen.
-
-Unverständige Kinder dulden stumm die Schmerzen der Eltern mit. Und
-heben, aufgewachsen, die Hand gegen ihre Erzeuger. Spitze Tiermäuler
-saugen die Menschenliebe von den Mittagstischen. Und Krieg liegt in den
-nahen Grenzen.
-
-Warum weiß sie das. Sie geht nur zu dem einen. Der weiß es auch.
-
-Die grauen Leintücher werden immer dichter. Man sollte die kantigen
-Häuser untergraben, sprengen, daß alles Geschirr aus den Fenstern
-stäubt, die blumigen Suppenschüsseln, die blauen Kochtöpfe. O, wie sie
-lachen wird. Mutter schlägt die Hände über dem Kopf zusammen. Aber
-Thomas hätte auch gelacht. Die Grundmauern der Häusermassen sind lange
-nicht so fest wie die beschmutzten Ecksteine. Aber was braucht sie das
-zu wissen. Sie geht zu dem einen. Er soll es wissen.
-
-Man darf nicht warten bis die Häuser einfallen. Die große Fackel muß man
-nehmen, Thomas' Fackel. Die liegt bereit, nicht weit weg. Lichtzüngelnde
-Flammen sollen die grauen Leintücher zerfetzen. Hoch hinauf, das muß
-geschehen. Sie weiß es. Nein, sie wird es nicht lange mehr wissen. Sie
-läuft hin zu dem einen. Er soll es wissen.
-
-Da steht sie vor seinem Haus. Seine Fenster sind dunkel. Viel dunkler
-als die verschwommene Straße. Und ganz leer.
-
-Er ist also auch heraußen. Vielleicht geht er sogar hinter ihr, neben
-ihr. Sie kann nur den Kopf nicht wenden. Weil sie immer weiter gehen
-muß, geradeaus.
-
-Ihre Hände sind heute schwer und voll und weich und weiß. Die Schultern
-legen sich nach rückwärts, künstlich steif. Eine lichtbraune Locke, die
-gerne zigeunerhaft sein möchte, hängt in die Stirne.
-
-Wie jung der Winterfrühling ist. Und wie alt die Einsamkeit. Wohin
-gehen, wenn das Zimmer nur voll ist von einem selber. In den gelben
-Phiolen brodelt man selbst, verdickt, kondensiert.
-
-Es gibt Kaffeehäuser mit rauchigen Tischen und zahllosen Zeitungen. Dort
-sich niedersetzen. Die Kellnerinnen sind liebenswürdig, bedienen gerne.
-
-Eine dicke Brille schützt den scharfen Blick gut. Sie ist aus solidem
-Fensterglas. Besser in das hohe Weinglas schauen als um sich herum. Die
-Luft ist dick von grauen Leintüchern. In denen die kampfunfähigen
-Glieder schon oft sich vergraben haben.
-
-Zwei Commis spielen Billard. Die Glücklichen. Und jeder weiß, wohin er
-dann gehen wird. Die Glücklichen.
-
-Die Indianerhäuptlinge in den Knabenbüchern wußten auch immer wohin sie
-gingen, nach den furchtbaren Schlachten. Diese Leute langweilten sich
-nie. Dachten auch nie. Das hatten sie nicht notwendig. Sie lebten auf
-wilden Pferden in unabsehbaren Prärien. Wehendes Gras unter licht
-schwimmendem Himmel. Wo sind diese Füße -- Sechs Häuser weit weg von der
-Gasse. Aber die Füße sind steif. Und der Kopf arbeitet an einem
-mathematischen Problem.
-
-In den schmierigen Marmor des Kaffeehaustisches zeichnen schwere,
-bleiche Hände tote Formeln.
-
-Die weiche Luft, die zugig durch den Rauch schlägt, ärgert diese
-Formeln. Diese Formeln bekommen blühende Rundungen. Leberblümchen,
-Primeln -- o, nein, grinsend verzerrte Buchstaben.
-
-Die Knochen sind sehr schwer. Aber sie sind einander wohlerzogen
-angegliedert. Und bleich. Nicht roh durcheinander gebeutelt wie bei
-Thomas. Zum Glück -- oder Unglück.
-
-Sie gehören einem Menschen an, der im Parkett des Theaters sitzt und den
-Vorgängen auf der Bühne zusieht, sehr interessiert und sehr fremd. Aber
-zuhause wartet kein verschlossenes Zimmer auf ihn, vor dem er Angst hat,
-weil er nicht alle seine Geheimnisse kennt.
-
-Deshalb sehen die erlebnislosen Zuschauerblicke alles so genau, viel zu
-genau und verstehen alles genau, viel zu genau, wissen alles.
-
-An einem Sommerabend kniete einmal ein kleines Mädchen vor dem Tisch und
-biß in die Kante, daß das Holz zersplitterte. Ihre Seele lag nackt und
-zitternd einsam auf einem dunklen Seziertisch vor fremden, prüfenden
-Augen. Zerschnitten. Aber die Zähne zerbissen den alten Tisch. Kräftige
-Zähne. Ein fremdes kleines Mädchen.
-
-Durch die Kaffeehaustür geht eine üppige Frauensperson.
-Selbstgeschlossen in ihrer Reife. Rotblondes Haar und Lippen, die Geld
-fressen wollen. Der Hut wippt zu hoch, über einer häßlichen Stirne. Ihr
-nach.
-
-Ihr nach durch schlüpfrige Gassen und winkelige Höfe. Wie stolz sie
-geht, sie ist eine Königin der Erde. Karminrot geschminkt. Alle
-Königinnen sind karminrot geschminkt.
-
-Nicht die volle Hand berühren. Aber hinter ihr her gehen. Langsam,
-kostend.
-
-Sie geht auf ein Haus zu mit verschlossenen Laden. Im Parterre sind
-weiße Spitzenvorhänge und über dem Tor glüht brünstig die rote Laterne
---
-
--- Wohin will das Fräulein -- ein junger Kellner mit schwarzen Zähnen im
-grünbleichen Gesicht tritt ihr entgegen. Die Zähne des Leutnants. In der
-kleinen Halle stehen rote Korbsessel.
-
--- Entschuldigen Sie, sagte Ruth aufmerksam und langsam, ich glaube, ich
-bin in ein falsches Haus geraten. Lief dort nicht jemand über die
-Treppen mit zurückgelegten Schultern? --
-
-Ruth fuhr mit der Straßenbahn nachhause. Im roten, lärmenden
-Tabaksdunst. Ihre schmalen, braunen Hände spielten auf den Knien. Da
-waren noch die Narben von dem Hundebiß. Ihre Hände. Braun. Vielleicht
-auch etwas gelb von den Phiolen.
-
-Auf seinem Schreibtisch war einmal ein scharf geschliffenes Messer
-gelegen. Das schneidet gut. Es riecht nach Blut und Chemikalien.
-
-Soll sie sich das Messer holen? Die zarten Adern aufschneiden? Was kann
-das nützen. Von den feinsten Poren des Hirns aus durch den ganzen Körper
-strömen die müden Säfte eines verbrauchten Lebens. Gift.
-
-Das findet kein Messer. Er hat gut experimentiert. Die Phiole brodelt.
-
-Ruth sieht um sich. Aber in ihren entkleidenden Blicken leuchtet eine
-junge Kraft.
-
-
-
-
- Abrechnung
-
-
-Ich komme zu dir, sagte Ruth. Und seine Augen zitterten. Triumph.
-
-Das ganze Zimmer warf sich ihr entgegen in einer Staubwolke. Verweste
-Gedanken. Sie lächelte.
-
--- Wie ich mich freue, daß du wieder da bist. Er drückte liebenswürdig
-ihre Hände. Sie fühlte, daß sie müdbraune Handschuhe hatte. In den
-Schaufenstern der Juweliere liegen Diamantarmbänder.
-
-Auf dem unordentlichen Schreibtisch kollern sattgelb Minerale. Wo sind
-die Phiolen -- und das scharfgeschliffene Messer -- ist das Thomas'
-Messer --
-
--- Warum hast du die Fenster nicht offen? In den Gärten liegt Flieder.
-Doch nein, laß es.
-
-Ruth lächelte, während sie dachte: wozu die wirren Locken -- Er könnte
-genau so gut einen braven Scheitel haben wie Norbert.
-
-Und als er mit den großen, zerbrochenen Bewegungen die Zigarre anzündete
--- wie immer -- stürzte das Gleichgewicht der Frühlingsstraßen draußen
-in sich zusammen und zwischen den zersplitterten Pflastersteinen tanzte
-Bella mit Thomas. Aus Mutters Kommode taumelten Briefe --
-
--- Du sprichst gar nichts, sagte er. -- Du weißt alles, sagte sie.
-
-Dann schwiegen beide. Aber wie die Dämmerung so weit hereingekrochen
-war, daß das steifbeinige Zifferblatt der Uhr verschwimmen mußte, sagte
-Ruths Stimme, fremd und hell:
-
--- Du wartest, daß ich dir erzähle. Was soll ich dir erzählen? Es ist
-nichts geschehen. Es ist etwas Ungeheures geschehen. Ich trage bis heute
-die ganze Last deines verbrauchten Lebens in mir.
-
-Ich sehe deine weißen, mörderischen Hände. Wenn es auch dunkel ist.
-Warum hast du niemals Leberblümchen mit ihnen gepflückt oder Primeln.
-Stiefmütterchen, die zwischen den Bahnschwellen liegen. Warum bist du
-denn immer hinter den langweiligen Bahnschranken stehen geblieben und
-niemals mitgefahren in federnden Kissen. Deine Hände sind auf den weiß
-gestrichenen Schranken gelegen. Noch als du ein kleiner Junge warst und
-hinauf greifen mußtest. Sie haben sich nicht getraut, eure Kaninchen zu
-erwürgen. Obwohl sie es so gerne getan hätten. O, du hättest es tun
-sollen --
-
-Aber das Weiße in Mutters Augen ist zerbrochen. Ich weiß es.
-
-Ich weiß jetzt alles. Und ich fühle den Zorn, der deshalb in dir tobt.
-Und die blutlechzende Freude, mit der du mich wiederkommen siehst. Denn
-ich bin wiedergekommen.
-
-Weil ich deine feigen Nächte kenne. Deine Phiolen --
-
-Er war aufgesprungen und stand vor ihr, so groß und dunkel, daß die
-Dämmerung bleich werden mußte und verdrängt.
-
-Da sank sie in sich zusammen: -- Ich liebe deine Hände. Ich liebe deine
-Minerale. Ich liebe dein Gift -- dich --
-
-Er beugte sich über sie, tief, erdrückend.
-
-Sie bäumte sich auf. Und fühlte seine kampfbereiten Muskeln.
-
-Er keuchte: -- und --
-
-Sie neigte den Kopf: -- Ich habe mich ergeben ...
-
-Als sie wieder aufschaute stand er in einer Fensternische, bleicher als
-die Dämmerung. Und das Zimmer war weich geworden und willenlos
-ausdehnbar. Ohne Kampfkraft.
-
-Ruth stand auf und lächelte: -- Ich glaube, jetzt haben wir einander
-nichts mehr zu sagen.
-
-Und sie ging durch die nachtschweren Gassen, sich badend in dem
-blütenschwangeren Regen des Mai.
-
-
- Anmerkungen zur Transkription
-
-Offensichtliche Fehler wurden stillschweigend korrigiert. Weitere
-Änderungen sind hier aufgeführt (vorher/nachher):
-
- [S. 62]:
- ... Wer hat ihr jetzt eine Maschine in den Kopf gesetzt. ...
- ... Wer hat ihr jetzt eine Maschine in den Kopf gesetzt? ...
-
- [S. 62]:
- ... mit licht gepeinigten Augen, grell, schreiend grell, laut. ...
- ... mit lichtgepeinigten Augen, grell, schreiend grell, laut. ...
-
- [S. 86]:
- ... hat eine wohlgefühlte Geldbörse in der Tasche. Kupfergelb, ...
- ... hat eine wohlgefüllte Geldbörse in der Tasche. Kupfergelb, ...
-
- [S. 145]:
- ... soll. Mutter sah sie erstaunt an. -- Ja, ich kann doch nicht ...
- ... soll? Mutter sah sie erstaunt an. -- Ja, ich kann doch nicht ...
-
-
-
-
-
-
-End of the Project Gutenberg EBook of Die Vergiftung, by Maria Lazar
-
-*** END OF THIS PROJECT GUTENBERG EBOOK DIE VERGIFTUNG ***
-
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