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| author | nfenwick <nfenwick@pglaf.org> | 2025-02-04 03:45:46 -0800 |
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If you are not located in the United States, you'll have -to check the laws of the country where you are located before using this ebook. - -Title: Riesele - Geschichte eines kleinen Pferdes - -Author: Nikolaus Schwarzkopf - -Release Date: August 16, 2020 [EBook #62943] - -Language: German - -Character set encoding: UTF-8 - -*** START OF THIS PROJECT GUTENBERG EBOOK RIESELE *** - - - - -Produced by Peter Becker and the Online Distributed -Proofreading Team at https://www.pgdp.net - - - - - - +------------------------------------------------------------------+ - | Anmerkungen zur Transkription | - | | - | Gesperrter Text ist als _gesperrt_ dargestellt, Antiquaschrift | - | als ~Antiqua~. | - | Eine Liste der Änderungen befindet sich am Ende des Buchs. | - +------------------------------------------------------------------+ - - -Schwarzkopf/Riesele - -[Illustration] - - - Nikolaus Schwarzkopf - - - - - Riesele - - Geschichte eines kleinen Pferdes - - 1920 - - Georg Müller Verlag München - - -1. bis 3. Tausend - -Copyright 1920 by Georg Müller Verlag A. G., München - - - Meinen beiden Buben - Friedemann und Klaus - - - - -I - - -Trudel, die kleine, hochträchtige Stute, zog das mit frischem Gras -beladene Wägelchen den tiefgleisigen Weg nach ihrem Stalle hinan, und -der Bauer, der mit seinen drei Kindern oben auf dem Grase lag, sagte: - -„Sie hat nun Feierabend für ein paar Wochen: morgen oder übermorgen -wird sie uns ein Füllen schenken!” - -Die Kinder, zwei Buben und ein Mädchen, hüpften aus Freude darüber von -dem Wagen herab, und auch der Vater kletterte herunter, und alle vier -sprangen sie an die Radachsen und drückten und schoben, daß Trudel -nicht mehr zu ziehen brauchte und vor Freude laut aufwieherte. - -Aus dem Fenster der Wohnstube, grad überm Stalle, guckte die Bäuerin, -die Mutter der Kinder, und rief: - -„Ist's Zeit für die Trudel, soll ich kommen?” - -Sie kam auch schon die hohe Steintreppe herabgesprungen, verlor den -einen Holzschuh, stieß auch den anderen zur Treppe hinab und riß die -Stalltür auf und rannte barfuß in die kleine Scheune, frisches Stroh zu -holen. - -„Nur Geduld!” sprach der Bauer, „so eilt's wohl nicht, Katherin; ihr -Weiber seid mir allzu ängstlich besorgt um euer schweren Stunden!” - -Hühner, dreißig an der Zahl, standen aus dem Sande auf, schüttelten den -Staub aus den Federn und sahen neugierig und wie in Ehrfurcht zu der -Stute hin, der bunte Hahn krähte einmal, eine Henne kam mit ihren zehn -Küchlein aus den Halmen der Wiese, junge Enten, die im Wiesengraben -plätscherten, wackelten mühselig an den Weg, und etliche schwere Gänse -hüpften flatternd auf den Wagen, das frische Gras zu versuchen. - -Indessen wurde Trudel von acht rührigen Händen abgeschirrt, das kleine -Mädchen legte seine Hand an des Tieres schwabbelige Lippen, und diese -folgten dem Händchen in den weitgeöffneten Stall. - -Bärbel, die Kuh, deren Kalb, weil es ein vernaschtes Ding war, -seitabgebunden an seinem Stricke riß, Bärbel, die Kuh, drehte den -breiten Kopf nach der Trudel und schob zugleich das Hinterteil mit dem -schweren Euter dem blökenden Kinde zu, das heftig einstieß. - -„Mamme, der Max sauft schon wieder!” rief der rothaarige August der -Mutter zu, die mit einem Arm voll Stroh hereinkam in den Stall. - -„Laß ihn heut noch einmal saufen, den Nimmersatt, morgen ist er nicht -mehr der Jüngste im Stall, da wird er sich schämen, so vernascht zu -sein!” - -Sie zerknüllte das widerborstige Stroh und breitete es unter der -Trudel aus, und zwei Zicklein hüpften um sie her, indem sie, einen Halm -im Mäulchen, die überlangen Hinterbeine nach allen Seiten in der Luft -umherwarfen. Auch Sapperlott, der Hasenvater, kam über die sauberen -Pflastersteine des Stalles dahergehoppst, indes die alte Häsin hinten -in ihrem verdrahteten Geburtskasten hockte und ihre Zitzen einer -wimmelnden Kinderschar preisgab. Sapperlott hüpfte mitten hinein ins -neue Stroh, die Bäuerin packte ihn im Genick und warf ihn dem kleinen -Mädchen, das sich in die Krippe vor die Augen der Trudel gesetzt hatte, -in den Schoß. Aber das Kind mochte den Alten nicht und setzte ihn -hinter sich in die Krippe, und nun lief er langsam höckernd auf dem -Stein zur Bärbel hinüber, die sich nicht um ihn kümmerte. - -Die Bäuerin putzte an dem Leib der Trudel herum, das Mädchen -streichelte die lange Mähne glatt und versuchte, ein Zöpfchen zu -flechten, August und Gustav schabten an der Stalltür Dreck von den -Runkeln und warfen sie in die Futtermaschine. Mit dem Vater kamen die -Hühner, alte und junge, angelockt vom frischen Stroh, und die Enten -standen schräg hintereinandergereiht, wie das ihre Art ist, vor der -Schwelle und wackten nach ihrem Abendessen. - -Auch die Sonne guckte in den Stall; sie schob ein Brett Licht, so breit -wie die Tür, herein, das an der hinteren Wand sich emporstellte und, -da es Abend war, bis an die Decke hinaufreichte, wo ein Schwalbennest -klebte. Die Runkeln polterten in dem Kasten. - -Der Bauer brachte Gras herein, verteilte es an Kuh, Ziegen und Hasen -und sagte zu seiner Frau: - -„Na los jetzt, wenn's Zeit ist, mach das Trinken für die Trudel und -nimm Weizenkleie heut abend!” - -„Eine Mehlsuppe soll sie haben, Vatter!” - -„Meintwegen, koch ihr eine Mehlsuppe! Los, Buben, 's Federvieh -gefüttert!” - -Die Bäuerin wischte mit der Sackschürze dem Gäulchen über die -glänzenden Schenkel, trat aus dem Stall, schlüpfte treppauf in die -Holzschuhe und schlappte in die Küche, das Getränk zu kochen. Gustav -warf oben von der Treppe herab Gerste und Mais in vollen Händen -weithin, und das Federvieh schoß aus allen Winden drauf zu, laut und -gierig, und auch der Hahn tat, als könne er nicht genug bekommen, -obwohl er doch sonst gern den Anschein erweckte, daß er vom Winde lebe! - -Drüben aber in den Wiesen erging sich das Schwesterchen, tappte hierhin -und dahin, sammelte sich die großsternigen Kuhblumen, die millionenhaft -den Abhang überblühten, und das freundlich gelbe Scharbockskraut, -dessen Blüten wie kleine Sonnen zerstrahlten. Einen ganzen Arm voll -Gelb und Weiß stellte das Kind, das auch Trudel hieß, in sein -Eimerchen, ließ an dem fließenden Quellrohr, in dessen Trog ein Entlein -schwamm, Wasser ins Eimerchen laufen und hob die zarte Herrlichkeit ans -Stallfenster hinauf, daß das junge Füllen, wenn es komme, gleich einen -Gruß von ihr habe. - -Der Nachbar mähte die erste Blust seiner Wiesen vorm Hause ab, ein -gelbweißer breiter Weg schob sich in die weißübertupfte Farbenpracht, -und seine Kinder zogen aus dem niedergemähten Gras die Blumen heraus, -weil sie nicht in die Wiesen treten durften. - -Trudelchen sprang zu ihnen hin und verkündete, daß heute nacht ein -kleines Gäulchen ankommen werde. - -Die Mutter rief zum Essen, der Vater schloß die untere Stalltür, die -Schwalben kamen heim, das Federvieh schlief, die Sonne schlief, die -Blütenpracht ward überdunkelt, das Glöcklein des spitzen Kirchturmes -bimmelte sich schläfrig, das Gras duftete, ein Kohlweißling flatterte -übermüdet vorüber, da setzte sich die Familie ans Abendessen. - -Und dann sogleich wurden die Kinder ins Bett gesteckt. - -„Einen Fuchs gibt's!” sagte August leise. - -„Ein Schimmelchen!” entgegnete Gustav. - -„Ein Räppele!” lispelte Trudel. - -„Ruhig! Eingeschlafen!” flötete die Stimme der Mutter aus der Küche. - -„Wenn's ein Fuchs ist, muß es August heißen!” hub August wieder an. - -„Gustav muß es heißen ...” - -„Wenn's ein Fuchs ist?” - -Trudel kicherte: - -„Ein Räppele, nun ja, wie heißt's denn dann?” - -„Räppele!” antwortete Gustav. - -„Aber wie wird denn das große R gemacht?” - -„Ruhig! Eingeschlafen!” rief der Vater. - -Im Kirchtürmlein schlugs langsam zehn; so langsam, daß man darüber ein- -und ausschlafen konnte. Dann fing auch das fleißige Lieschen an und -schnurrte eilig und abgearbeitet seine zehn herunter. - -„Ein Schimmel?” flüsterte Gustav. - -„Ruhig! Eingeschlafen!” rief ebenso heftig Trudel. - -Und dann lispelte auch sie wieder: - -„Das große R, August, darf ich zu dir kommen, willst du mir's zeigen?” - -„Vater kommt!” stieß Gustav hervor und schlief ein. - -Die Eltern gingen im Nachbarzimmer zu Bett. - -„Mutter”, rief Trudel, „das große R, wie wird denn das gemacht?” - -„Schlaf!” sagte der Vater, „die Mutter schläft schon!” - -Gustav und August schliefen, und der eine schnarchte laut. - -„Vater”, fing nach einer Weile Trudelchen wieder an, „Vater, wie wird -das große R gemacht?” - -„Ruhig!” antwortete jetzt die Mutter, „der Vater schläft!” - -Da hatte das Kind etwas anderes zu denken ... und schlief ein. - -Jenseits vom Wiesentälchen im Birkenschlag sang eine Nachtigall; sie -und die Bäuerin wachten in der Nacht, da das Gäulchen zur Welt kam. Als -der Bauer des Morgens in den Stall trat, stand das kleine Gäulchen auf -den weitgespreizten vier Beinen im Stroh und ließ sich behaglich von -seiner Mutter lecken. - -Ein Räppchen war's, ganz schwarz, und nur auf seiner Stirn war ein -weißer Fleck, allerliebst anzusehen und gar gefällig und kleidsam! - -Die Bäuerin holte ihr Mädchen aus dem Bett, die beiden Buben sprangen -in ihren Hemdchen hinterdrein, und das Füllen streckte seinen nassen, -großen, eckigen Kopf von dem Halse der Mutter weg, den Kindern -entgegen, und das Schwesterchen ließ den Daumen im Mäulchen, ließ den -Arm um Ihrer Mutter Halse liegen und blinzelte durch die schweren -Lider, als sei es recht von dem Ankömmling enttäuscht. Die Buben -tätschelten schon an ihm herum, worüber die Pferdemutter sehr erfreut -war und ihre Augen aus dem Duster des Morgens leuchten ließ. - -Die Mutter nahm des Tierleins Kopf, schob ihn an der Pferdemutter -Zitzen, und sogleich begann der kleine Gaulmann wacker zu saugen. -Unendlich zärtlich bog die Alte ihren Kopf nach ihrem Jungen herab -und zurück, daß die Mähne die Augen verdeckte, leckte, leckte und hob -das rechte Hinterbein, daß das Junge recht bequem sein Erdendasein -beginne! Dann schob sie den Kopf wieder hochauf, spitzte die Ohren, -hälmelte an dem Gras oben in den Raufen und sah wieder zurück, hob mit -den schwabbeligen Lippen ein Bündel Heu auf und putzte damit an dem -Kleinen. Dieses ließ sich, als es sich vollgesoffen hatte, genau wie -die großen Gäule auf die Vorderknie nieder und dann zurückplumpsen ins -Stroh, und sogleich legte sich auch die Mutter nebendran und leckte -weiter. - -Die Bauern der Nachbarschaft kamen am selben Morgen, die Bäuerinnen -kamen und auch der Herr Pfarrer kam, den Säugling zu sehen. Er kannte -Trudel, die Mutter, sehr gut: sie hatte ihn schon oft übers Gebirg -gezogen in die Filialorte, wenn Glatteis war, sie hatte ihn schon oft -bei Regenwetter vom Bahnhof des Städtchens abgeholt! Was sollte er sie -in ihrem Wochenbett nicht einmal heimsuchen? - -Er war ein sehr großer Mann, der Herr Pfarrer, und als er in die -Stalltür trat, mußte er sich bücken. Der Bauer, ängstlich besorgt, der -Herr Pfarrer könne trotzdem den Kopf an die Oberschwelle stoßen, legte -vertraut, wie er mit ihm war, die Hand auf des Herren Schulter und -sagte: - -„Herr Paschtohr, geben Sie acht, daß Sie Ihren Grind nit anstoßen!” - -„Schon gut,” entgegnete der Pfarrer und dachte: Grind bräucht er grad -nit zu sagen; na, es ist aber mal so auf dem Land, 's ist nit bös -gemeint! - -Der Pfarrer freute sich gern und freute sich über das Tierlein und -über die Mutter, doch war es ihm nicht vergönnt, einen Aerger zu -verschlucken, als der Bauer den eckigen Kopf des Säuglings überaus -zärtlich untern Arm nahm, ihn, den Pfarrer, glücklich wie ein Vater -angrinste und sagte: - -„Gucke Sie doch, Herr Paschtohr, was ein goldiges Köpfle!” - -„Allerliebst!” antwortete der Pfarrer, aber er dachte bei sich: sein -Vieh hat ein Köpfle, ich, sein Pfarrer, hab nur einen Grind! - -„Segen ist in der Liebe zum Getier, nicht wahr, wie in aller Liebe?” -sprach der Bauer, und: - -„Wie in aller Liebe!” wiederholte der Pfarrer und fügte hinzu: - -„Und der liebe Gott gesegnet's einem mehr und sichtbarlicher, wenn man -sich weniger zu den Menschen wendet und mehr zum Getier und zu den -Blumen, zu den Bäumen, selbst zu dem harten Gestein! Hat das etwa keine -Ursache, Vetter Klaus?” - -„Das hat wohl seine Ursache, Herr Pfarrer, wie alles in der Welt, und -Sie wissen es wahrlich besser als ich!” - -„Warum sollte ich es besser wissen, Vetter Klaus? Ich schlage mich im -Schatten mit den Menschen herum und mit ihren dunklen Leidenschaften, -und Sie, Vetter Klaus, Sie leben und weben im Sonnenlicht, am Herzen -der Natur, die noch weit mehr das Quellrohr Gottes ist als wir -Menschen, die wir uns in schnöder Ueberschätzung Ebenbilder Gottes -nennen!” - -„Hat sich etwa die Stammutter der Pferde im Paradies vergangen? Hat sie -von einem verbotenen Apfel gegessen?” - -„Vetter Klaus, Vetter Klaus, ich weiß ganz gut, wohinaus er will, ich -kenne meine Pfarrkinder nur zu gut; aber wisse er: wenn der liebe Gott -den übrigen Geschöpfen keinen verbotenen Baum in den alltäglichen Weg -gestellt hat, so wußte er genau, was er tat!” - -„Sonst wär er nicht Gott!” - -„Ganz recht, Vetter Klaus, sonst wär er nicht Gott! Aber die -Erkenntnis, mit der er uns Menschen ausgestattet hat, -- --” - -„Die hat er den Tieren, die er mehr liebte und mehr liebt, erspart!” -warf der Bauer ein. - -„Oho! Vetter Klaus!” rief der Pfarrer, jedoch der Bauer fuhr fort: - -„Sagten Sie nicht selbst schon auf der Sonntagskanzel, daß die -Erkenntnis, die den Menschen gegeben sei, daß dieser Knochen, der den -Menschen vorgeworfen wurde, eben nichts Halbes und nichts Ganzes ist, -eben, daß er ein wirklicher Fluch ist?” - -„Vetter Klaus: Erkenntnis sei ein Fluch?!” - -„Ha, ich habe aus Euren Predigten, Herr Paschtohr, schon etwas gelernt: -und man macht sich hinterm Pflug so seine eigenen Gedanken!” - -Er nahm des Füllen Kopf an seine Brust, hob den überaus langen -Schweif der Stute hoch und trocknete damit an dem Füllen herum. Der -Pfarrer nahm eine Prise, hielt auch dem Bauern die Dose hin und sagte -freundlich lächelnd: - -„Lieber Vetter Klaus, ich habe stets das unverdorbene Urteil des -gesunden, unverbildeten Bauernverstandes zu schätzen gewußt und bin -gerade deshalb Bauernpfarrer geworden! Lassen Sie mich das so sagen, -wie ich es sage: Einst ist in einem Stalle ein Kindlein auf die Welt -gekommen, und das war Gott. Es lebte, auch da es schon Mann war, -fröhlich wie Ihr in den Tag hinein, fröhlich wie Ihr und die Vögel des -Himmels und die Lilien des Feldes und tat sonst nichts, als daß es -seinen Mitmenschen vom himmlischen Vater erzählte. Nicht viel anders -erzählte es, als wie die Vögel erzählen und die Blumen, das Wasser, das -Gras, Dein Vieh und ganz unmittelbar das kleine Füllen, das eben erst -seiner Schöpferhand entsprossen.” - -„Ja, und ich selbst, und wir selbst?” warf der Bauer ein, und der -Pfarrer fuhr fort: - -„Die Menschen freilich sind ohne Gott, haben seine Worte vielfältig -umgemünzt zu ihren verbrecherischen Zwecken, verstehen auch die Natur -nicht mehr, das Göttliche in der Natur und im eigenen kindlichen -Herzen und haben sich immer weiter von Gott entfernt, den sie nunmehr -mit ihrem Verstand zu erforschen suchen gleich der Urkraft in der -Zelle, anstatt ihn mit ihrem Herzen zu lieben! Immer ärmer, immer -unglücklicher! Schier des Teufels!” - -„Darf ich etwas fragen, Herr Paschtohr?” - -„Aber freilich”, entgegnete der Pfarrer neugierig und stolz. - -„Ist Ihnen diese Meinung eben erst in meinem Stall gekommen, will -sagen: in einem Stall? Wie sich's gehörte?” - -„Wie sich's gehörte, sagt Ihr und wollt sagen: daß die echte -Erkenntnis im Stall geboren wird, dieses kleine göttliche Kindlein der -Menschenseele ... Ja, Vetter Klaus, hier in Deinem Stall!” - -Der Pfarrer deutete in fröhlich hohem Schwung den Wiesen zu, dem -Wäldchen, den Hügelwellen, die leise zu schwingen schienen, der Sonne -und den Wolken ... - -„Sagen Sie es doch so, Herr Paschtohr: in Eurem Paradies, Vetter -Klaus!” - -„Ganz recht: in unserem Paradies, Vetter Klaus!” - -Trudel, das Mädchen, kam mit fliegenden Haaren und fliegenden -Tafelschwämmen den Weg hergesprungen und schrie schon von weitem: - -„Ich kann's, Vater, ich kann's!” - -„Was denn, was kannst denn?” - -„Das große R!” - -Es ließ seine Bücher fallen, behielt nur die Tafel in den Händen, blieb -einen Augenblick stehen und wischte mit dem Zeigefinger gar fürsorglich -und rannte dann um so rascher zum Vater. Auf der Tafel stand, von des -Lehrers Hand geschrieben, das Wort „Räppchen”, und darunter stand das -Wort von Trudels Hand ungelenk nachgemalt. - -Der Pfarrer ließ sich die Tafel geben und sagte zu dem Bauern: - -„Sehn Sie doch, Vetter, wie die Menschen von Anbeginn gierig sind nach -ihrem Fluch!” - -„Sie sind es in der Tat: der Teufel hol mir alle seine Schulmeister!” - -„Und alle seine Pfaffen dazu!” lachte der Pfarrer und ging quer über -die gemähte Wiese des Nachbars davon. - - - - -II - - -Als das Räppchen zum ersten Mal aus dem Stall gehen durfte, rannte -es unter den Händen der drei Kinder davon, feuerte aus, wie wenn es -toll wäre, und die Hühner stoben auseinander, die Gluck sträubte das -Gefieder, die Enten ordneten sich schräg hintereinander und guckten in -die Höhe, und nur die Gänse gingen vorgestreckten Halses beherzt auf -den Fremdling los, ihn mit ihren sägig bewehrten Schnäbeln zu beißen -und zu vertreiben. Jedoch das Räppchen achtete nicht ihrer Waffen, -hüpfte weiter und blieb erst stehen, wo kein Huhn und keine Gans mehr -stand, und turnte da einmal recht kräftig auf seine Vorderbeine, um mit -den dickknochigen Hinterbeinen gehörig auszufeuern und gleichsam die -ganze Flatterschar keck zum Kampf herauszufordern. - -Da es eine Pause machte und um sich guckte, ob vielleicht Gegner auf -die Walstatt gefolgt seien, drehte sich der Hahn seitab und krähte -einmal ins Birkenwäldchen, als ginge ihn dieser Bramarbas herzlich -wenig an. Die Gänse streckten die Schnäbel zusammen und schnatterten, -was sie gesehen, und machten sich lustig über den Tollpatsch, und nur -die Enten kamen gutmütig, wie sie sind, seitlich am Rande der Wiese -entlang auf das Räppchen zugewackelt, sagten aber nichts. - -Auch die drei Kinder kamen, schnalzten mit den Zungen, hielten die -Hände vor und rieben die Daumen auf den Zeigefingern. Das Räppchen -blieb stehen, bis die Kinder nur noch einen Schritt entfernt waren, -dann warf es sich behend herum und raste davon. Die kleine Trudel -begann zu weinen, und aus dem Stall erscholl das klagende Wiehern der -anderen Trudel, aber das Räppchen achtete auf nichts und lief immer -weiter, ins Dorf hinein. - -Die Bauern traten in die Türen und sahen ihm nach, die Bäuerinnen kamen -mit ihren Kochlöffeln gelaufen, alle Kinder eilten herzu, das Füllen -einzufangen. - -Er, der Säugling, konnte der Meute der Jugend nicht weiter entfliehen -und ergab sich schließlich, wieherte und streckte den zahnlosen Mund in -die Luft und schweifte das dünne Schwänzchen hin und her, bis es von -einer kleinen Hand festgehalten wurde. Die Mähne, die wie ein Besen in -die Höhe starrte, ward von Kinderhänden überstreichelt bis tief in den -Rücken. Auch die beiden Ohren wurden festgehalten und die zierlichen -Hufe, die Lippen, die Mähne, und schier wäre das ganze Kerlchen von -Kinderhänden überdeckt worden, hätte das Räppchen nicht durch einen -heftigen Ruck sich selber befreien können. Da stand gerade die kleine -Trudel vor ihm, und diese Trudel durfte ihm über die Augen fahren und -an die weiße Stirn. Mit ihr ging das Räppchen auch wieder heimzu, und -die Kinder des Dorfes strömten mit an den Stall und drangen bis in -den Stall hinein, und Katherin, die Bäuerin, hatte ihre liebe Not mit -ihnen, sie wieder hinaus zu bringen. - -Als der Bauer mit Bärbel, der Kuh, die den kleinen Pferdewagen an der -Stirn hängen hatte, gemächlich, wie es einem Kuhfuhrwerk zukommt, -den Weg herauftrottete, saßen noch einige auf der Stallschwelle und -betrachteten das kleine Füllen mit seiner Mutter, denn junge Pferde -gab's nicht alle Tage, und zudem solch ein kleines war noch nicht -gesehen worden im Dorf und nicht im Tal. - -Der Bauer war beinah böse: er wollte den kleinen Mann so früh nicht auf -die Gasse schicken, nun er seinen ersten Ausflug doch gemacht hatte, -mäßigte er seinen Groll, da er wußte, wie die gute Mutter dem Drängen -der Buben nicht hatte widerstehen können ... Er holte sich das Tierlein -heraus in die Sonne, hob zärtlich den einen der zierlichen Hufe und so -auch die anderen, und da er nicht erkennen konnte, daß das junge Horn -sich allzu sehr abgenutzt hatte, gab er dem Räppchen einen gelinden -Stoß auf die schmalen Backen und jagte es in den Stall zur Mutter. -Sofort stürzte sich der kleine Ausreißer gegen den Leib der Alten, soff -sich voll und ließ sich hinplumpsen, um sogleich einzuschlafen. - -Sapperlott, der Hasenvater, kam ganz nahe an seinen Hinterhuf -herangehopst, als wolle er jetzt schon einmal prüfen, welch tückische -Macht ihm den Aufenthalt in dem ruhigen, viel zu ruhigen Stall -vielleicht verleiden könne! Er wagte sich sehr nahe an den kleinen, -kindlich harmlosen Huf heran, er zog sogar die Oberlippe faltig in die -Höhe, er streckte selbst das Zünglein zwischen den spitzen Zähnen -hervor, ließ die langen Schnurrhaare über das Horn gleiten und drehte -sich schließlich ohne jeden Grund davon weg, um eiligst nach seinem -Drahtgitter zu hüpfen. Daselbst, so mochte es scheinen, erzählte er das -Ergebnis der Untersuchung seiner Häsin und seiner Jungmannschaft, denn -alle krabbelten plötzlich ans Gitter und staunten nach dem winzigen -Pferdehuf, der gelb wie ein Fetzen Maibutter neben der dunklen Lende -lag. „Keine Gefahr, keine Gefahr!” Die Schwalben flogen eifrig aus und -ein; plötzlich erschallte aus dem Nest ein heftiges Gezwitscher und -verstummte. Der Hasenvater schien auch jetzt den Seinen etwas zu sagen, -denn alle hoben wie auf seinen Wink die Augen von dem harmlosen Hufe -weg und hinauf an den Querbalken, wo das Nest klebte. Auch das Räppchen -regte den Kopf, als störe ihn das Gezwitscher der jungen Schwalben, -oder aber als errege es seine besondere Freude. - -Am Nachmittag kam Trudel, das Mädchen, aus der Schule und hatte an -der Stirn einen großen Kreidefleck, den es wie ein Aschermittwochmal -ängstlich hütete. Es stellte sich vor sein Räppchen und sagte: - -„Guck, das hat mir mein Lehrer gemacht!” - -Sie trug aber ein Stückchen Kreide in der Hand und machte nun dem -Mutterpferd auch eine Blesse, dann Sapperlott, dem Hasenvater, der -in der Reife seiner Jahre geduldig standhielt, dann den jungen -Geislein, die noch keine Hörner hatten, dann der Stalltür und den -zwölf Steinstufen der hohen Treppe, der Haustür, dem Küchentisch -und schließlich gar den eisernen Kochhäfen, die in Reih und Glied -hochangefüllt mit Kartoffeln auf dem kalten Herde standen. Und über -jeden Fleck malte Trudel ein großes R. - -Als die Mutter aus dem Garten, der hinterm Hause lag, hervorkam, um -den Herd zu heizen, sah sie, was ihr Mädchen gemacht hatte, und da sie -eine rechte Kindsmutter war, lachte sie über den sinnigen Unsinn und -ließ sich selber eine Blesse auf die Stirn malen. Bald qualmten die -Kartoffelhäfen, und der Schwarm des Dampfes stieg überm Herde auf, an -der dunklen Decke hin, vorüber an der Mückenleimampel, die da pendelte, -und hinaus durchs offene Fenster. - -Es geschah, daß die Buben und alle Buben des Dörfchens mit dem Namen -Räppchen nicht mehr zufrieden waren und sich auf einen anderen Namen -besannen. Während der Pausen auf dem Schulhof, während man im Badloch -zu schwimmen versuchte, plätscherte man eifrig die schönsten Namen -übers Wasser hin, und Trudel, das Kind, hatte seine liebe Not! Es -wollte sein Gäulchen „Richard” nennen, „Richardele”, aber die Buben -spotteten und hörten sie nicht einmal an! - -Da standen sie wieder beisammen, die Herrn Buben, standen mit ihren -Reifen im Stall und waren keine Minute mehr zurückzuhalten, die -Gassenbuben! - -„Na Trudelein,” sagte der eine, „solls Räppchen immer noch Richardele -heißen?” und er lachte, und alle Buben lachten mit ihm. - -„Weißt,” sprach August, „ein schwarzer Gaul kann nicht Richard heißen!” - -„Warum denn nicht?” fragte sie dagegen, „warum denn nicht?” Und sie -nahm ihr Däumchen in den Mund und schmollte. - -„Und dann, Trudel, das mußt du verstehen, das verstehst du aber noch -nicht,” so sagte ein anderer, der an einer gelben Rübe kaute, „Richard -ist doch ein Bubenname!” - -Alle lachten sie frech, und Trudel weinte laut heraus. - -„Besinn dich halt auf etwas Besseres!” - -„Wir können das Räppchen doch auch nicht Riese Goliath nennen!” meinte -August, und Gustav entgegnete: - -„Auch Siegfried sollen wir's nicht nennen, da kann sie den großen S -nicht machen und kommt wieder gelaufen!” - -„Doch, ich weiß!” warf Trudel jetzt hin, „Riese Goliath heißen wir's!” - -„Das sind ja zwei Namen, einer genügt!” - -„Gut!” entschied Gustav, „nennen wir's Riese!” - -Sie lachten schon wieder, aber Trudel griff den Namen herzhaft auf und -rief ein übers andere Mal: - -„Riese heißt es, Riesele, Riesele!” - -„Riesele!” schrien die Buben, „Rieselein, der kleine Gernegroß!” und -sie trieben ihre Reifen an und rasten mit dem Namen davon, die Wegspur -hinunter. Trudel aber holte am Brunnen eine Handvoll Wasser, trug sie -fürsorglich in den Stall, goß sie dem Gäulchen übern Kopf und sagte -immerzu: „Riesele, Riesele!” - -Alle Welt war mit dem Namen einverstanden, und das Füllchen Riesele -ward der Freund und Genosse der ganzen Dorfjugend und die stille Freude -aller Erwachsenen. - -Es lief im Dorf umher, auf den Straßen, in den Bauernhöfen, über die -Wiesen, selbst über die Felder durfte es laufen, und niemand verwehrte -es ihm. Junge Rinder und Kälber, die des Morgens in großen Scharen -auf die gemeinsame Weide getrieben wurden, ließen stillschweigend -geschehen, daß das Gäulchen sich ihnen anschloß und mitlief, ließen -geschehen, daß das Gäulchen, das freilich viel wilder war als die -Kälber, die großen Rinder, die schon fast ausgewachsen waren und schon -fast eingespannt werden konnten, anrannte und seinen Kopf in ihre -Lenden stieß, als wenn es saufen wollte! - -Die Gänse, die auch allmorgendlich gemeinsam auf die Weide auszogen, -die Gänse mußten stets gewärtig sein, daß ihre Unterhaltungen während -des Ausmarsches oder während der Heimkehr plötzlich aus einem Hof -heraus von dem Riesele gestört wurden. Zwar fürchteten sich die -Gänse keineswegs, rannten auch nicht davon, wenn der Wildfang -angetrippelt kam, aber da es doch unliebsam war, mitten im Gespräch -auseinandergerupft zu werden, so haßten die Gänse das Riesele heimlich, -und immer wieder konnte man wahrnehmen, wie einige ihrer beherztesten -die Schnäbel hoben, schnatterten, sogar laut krischen und dem -Störenfried an die Beine wollten. - -Auch die Schweine grunzten des Morgens, wenn Rinder und Gänse fort -waren auf ihrem gemeinsamen Weideplatz, und der Hirt, ein verlorener -Sohn aus Nirgendwo, war ein guter Mensch von Anbeginn und konnte das -Riesele recht leiden, weil es ein so sauberes, freundliches Kerlchen -war. Zwar die Schweine gewöhnten sich nicht an die Freiheit des -Gäulchens, verstanden sie nicht und verziehen sie deshalb auch nicht -und stoben immer wieder verscheucht auseinander, wenn sie es nur von -ferne trappeln hörten. - - - - -III - - -Natürlich stürmte es auch in den Schulhof, denn Kinder waren ja seine -besten Freunde, und es war ja selber ein Kind! Die dreiunddreißig -Schüler der kleinen Dorfschule brauchten den Freund nicht zu fürchten, -brauchten auch nicht neidisch zu sein seiner Zartheit und Sauberkeit -wegen und hegten keinerlei schlimme Absichten gegen den ausgelassenen -Gassenbuben, es sei denn, daß sie ihn für die paar Schulstunden, die -sie an Freiheit weniger hatten, doch leise beneideten. Sie hörten das -Gäulchen an den Fenstern des Schulsaales vorüberspringen und durften -nicht mit hinaus; sie sahen es am Abhang der Schulwiese grasen und -durften nicht hinaus; sie hörten aus dem Birkenwäldchen sein tolles -Wiehern, und sie durften nicht einmal „Riesele” rufen! Da mußten sie -hocken und lesen, rechnen, rechteckige Aecker zeichnen und ausrechnen, -was, wenn ein Quadratmeter eine Mark und siebenundzwanzig Pfennig -koste, was der ganze Acker wert sei! Anstatt mit dem Riesele drüber -hin zu rennen über den Acker! Da mußten sie Quadratwurzeln ausziehen, -und niemand wußte, wozu, da doch Quadratwurzeln auf keinem Acker -wuchsen, kein Unkraut waren und auch kein Kraut und was also denn -eigentlich? Da mußten sie die Preußenkönige kompagnienweise vorreiten -können und genau die Spanne Zeit abgrenzen können, die einem jeden von -ihnen und ausschließlich diesem ihre militärische Größe verdankt und -ausschließlich ihre militärische Größe, weil es offenbar eine andere -nicht gibt! - -Und draußen im Sonnenschein verjubelte das Riesele seine Jugendkraft -und durfte anstellen, was es wollte! - -Aber der Herr Lehrer, obgleich er ein Preußenfreund war, war doch kein -Ungerader! War doch so kein ganz Ungerader! - -Es kam einmal vor, daß das Riesele in seinem Uebermut ins Schulhaus -stürmte, über die vier Treppenstufen kletterte und den Hausgang -betrappelte. Das hörten Lehrer und Schüler! Da blieb weder Lehrer -noch Schüler auf dem Platz: dies Getrommel auf den Steinplatten des -Hausganges zertrampelte alle Wissenschaft, weil es ein Stückchen -Kinderweisheit war: der Preußenkönig flog in die Ecke, die -Quadratwurzel trieb Schößlinge aus dem Acker, dessen Quadratmeter so -schrecklich teuer war, ... und der Herr Lehrer sprang vom Pulte auf, -schnitt munter, schalkhaft lächelnd mit den beiden heftig ausfahrenden -Händen die Unruhe entzwei, daß die Kinder wieder auf die Sitze -herabsanken und ging auf den Zehen an die Tür und hob leise die Klinke -aus der Nase. Und wahrlich: das Riesele stieß die Tür mit dem Maule -auf, daß sie zurückknallte wider den Schrank. - -Da stand es nun, das Riesele, die buttergelben Vorderhufchen auf der -Schulschwelle, und blieb stehen! Kam nicht näher in den Saal, kam nicht -in den Saal herein! Alle Kinder standen, standen gar auf den Bänken, -hielten dem Gäulchen ihr Brot hin, riefen, kosten, -- allein, es kam -nicht näher. Es drehte einmal den Kopf zur Seite, als wolle es den -Herrn Lehrer sehen, den es offenbar fürchtete, allein, der Lehrer hielt -sich vielleicht aus sicherer Kenntnis elementar fühlender Seelen hinter -dem schwarzen Ofen verborgen! Er stieß den Zeigefinger vor, deutete auf -das Trudelchen, das Kind solle von seinem Platz aufstehen, hervortreten -und das Riesele hereinholen. Aber Trudel getraute sich nicht, und da -die Buben wild wurden und jeder das Pferdchen holen wollte, streckte -dieses seine Nase weit vor, wie wenn es niesen wolle, nieste wirklich -und nahm Reißaus! Die ganze Klasse aber stürmte hinterdrein, und für -diesen Tag war die Schule aus. - -„Ganz recht, Riesele!” sagte der Lehrer, als er sein preußisches -Geschichtsbuch ins Pult einschloß, „unsere Weisheit ist keine Einfalt -mehr und deshalb keine Weisheit mehr! Wer weise werden will, der muß -uns fliehen!” - -Am nächsten Morgen erzählte der Pfarrer den Kindern von dem kleinen -David und dem Riesen Goliath. Er erzählte da, wie der kleine David -als Hirtenbub auf den Bergwiesen sich umhertrieb, wie's just eben das -Riesele tue, wie er aber doch emsiger gewesen sei als das Riesele, wie -er gelernt habe, die Harfe spielen, wie er selber neue Lieder gesungen -habe aus seinem Herzen heraus: Lieder, wie sie vor ihm und nach ihm -kein Mensch mehr habe singen können, wie er sich zugleich geübt -habe, die Schleuder zu führen, um im Falle der Not das Vaterland zu -verteidigen, und wie er alsdann später seiner Lieder wegen dem kranken -König Saul habe singen dürfen! Wie der König ihn habe liebgewonnen -und wie er nicht mehr habe leben können ohne ihn, den Hirtenknaben, -wie dann auch wirklich die Feinde gekommen seien, und wie just er, -der Hirtenknabe, den mächtigsten der Feinde, ihren Riesen, den Riesen -Goliath, eben mit der Schleuder erlegt habe, indem er ihm einen spitzen -Stein mitten in die Stirn getrieben habe, so daß der ungeheure Kerl -umgefallen sei, um sich zu verbluten! - -„Ihr Buben!” sprach der Pfarrer, „ich frage euch: ist das nicht eine -echte Bubengeschichte? Das ist die schönste Bubengeschichte der Welt! -Oder kennt ihr eine schönere?” - -„Robinson!” rief einer; jedoch der Pfarrherr wehrte ab und antwortete: - -„Sei mir still mit deinem Robinson, mit deinem unfolgsamen Engländer!” - -„Joseph!” meinte ein anderer, „Joseph von Aegypten!” - -„Aha!” sagte darauf der Pfarrer, „und warum denn Joseph?” - -„Weil er verkauft wurde, weil er ins Gefängnis gesteckt wurde und -nachher doch König wurde!” - -„Gut, er hat gelitten und wurde erhöht!” - -„David wurde auch erhöht, David wurde auch König!” rief ein Großer -dazwischen. - -„Wurde auch König,” wiederholte der Geistliche, „David wurde auch -König, freilich, und was für einer! Aber: welcher von den beiden -gefällt dir nun am besten, der aus Aegypten, der zuerst leiden mußte, -oder der von den Fluren Bethlehems, der niemals litt und immer siegte -und sang und Flöten blies und Harfen schlug?” - -Die Kinder zischelten; aus den neun Bänken schossen die Finger wie -Pfeile gegen des Pfarrers Antlitz, und mitten in dem Gezisch schlug -plötzlich ein kleiner Mädchenkopf knallend auf die Bank: das Trudelchen -heulte laut auf und schnippste und holte den Schürzzipfel an die nassen -Augen. Der Pfarrer trat zu ihm hin, ergriff sein Händchen und sagte: - -„Was ist los, Trudel? Komm, los! Sag mir's rasch?” - -Das Kind erhob sich nicht, sondern rief mitten in seine Tränen hinein: - -„Das Riesele soll David heißen, nein, Joseph, Joseph soll es heißen!” - -„Na, wie soll's nun eigentlich heißen, Trudel?” - -Das Kind begann, aus seinen Tränen zu lachen, erhob sich, sah dem -Pfarrer über die Maßen vertraut ins Gesicht und sagte: - -„David!!” - -„David?” antwortete der Pfarrer, „es soll König werden, ohne daß es -zuvor von seinen Brüdern wäre verkauft worden; es soll sich immer nur -freuen, ohne daß es gelitten hätte! Ihr Großen dahinten: wie ist's mit -König David gewesen: hat er schließlich nicht auch sein Bündelchen zu -tragen gehabt?” - -„Aber er war doch stärker als der Riese, und ich hab's doch nicht -gewußt!” heulte Trudel. - -„Gewußt, gewußt! Trudelein! Du hast's doch selbst getauft! Und getauft -ist getauft! Oder willst du dein Gäulchen dreimal taufen lassen, wie's -dem Schalk aus Braunschweig geschah, und willst du haben, daß Riesele -gleich diesem Schalk ein Taugenichts werde und ein Tagdieb? Sei stille, -sei stille!” - -Trudel, von der Unabänderlichkeit zerschmettert, ließ sich niederfallen -und ihr Geschluchz hub stärker an. - -Da wieherte draußen das Riesele, da knallten auch schon die kleinen -Hufe wieder im Hausgang! Die ganze Klasse begann zu schreien vor -Freude, der Gustav und der August liefen an die Tür, den kleinen -Frechdachs fernzuhalten, hinauszuführen, aber dieser schlüpfte unter -ihren Händen durch zum Saal herein und schnurstracks auf das Trudelchen -zu, das bei den Kleinsten in der vordersten Bank saß. - -Diesmal, weil der Pfarrer im Saale war, zögerte das Mädchen nicht. Es -schämte sich nicht! Allein es hatte gar nicht Zeit, sich zu schämen, -sein kleines, ungestümes Herzchen hüpfte von selbst auf die Bank, nahm -das kleine, sechsjährige Körperchen mit in die Höhe, es legte die -nackten Arme um des Riesele schwarzen Hals, es küßte das Riesele auf -die weiße Blesse und riß es an der in Jugendwuchs strotzenden Mähne mit -sich fort, zur Schule hinaus und rief immerzu: - -„Dävidele, Dävidele!” - -Der Lehrer, der im Hofe auf- und abging und seinen Aufsatz auswendig -lernte, kam eiligst herein, aber die zwei Kleinen waren schon draußen. - -„Riesele hat einen sehr gesunden Drang nach -- nach -- nach, Herr -Pfarrer, nach Weisheit in sich!” meinte der Lehrer, „gestern war es -auch hier!” - -„Es weiß nicht, was es tut!” erwiderte der Pfarrer pfiffig, „ihm soll -verziehen werden! ... Uebrigens, wenn das Riesele ein Esel wäre und -nicht ein kluges Ding, ein Pferd, man könnte versucht sein, mit der -Schrift zu sagen: er kam in sein Eigentum, aber die Seinen ... Nix für -ungut, Herr Lehrer, guten Morgen!!” - - - - -IV - - -Ein Viertelstündchen abseits vom Dorf wohnte der Großbauer Michael, -der sieben Pferde und dreiundzwanzig Rinder hatte. Riesele sah einmal -vier dieser Gäule an einem mit Steinen beladenen Wagen ziehen, zwei -Peitschen knallten über ihnen, die Siele gerrten, Funken stoben aus den -Hufeisen, und dies Spiel der Kraft mochte ihm so sehr gefallen, daß es -sich den Pferden zugesellte und mit ihnen lief in den großen Hof. Sie -konnten es gut leiden, die dicken Gäule, sie drehten allesamt die Köpfe -nach ihm, sie ließen es an ihrem Trog Wasser saufen, ja, sie schoben es -förmlich zu sich in den Stall, so daß Riesele mit ihnen fressen mußte -aus ihren hohen Krippen. Ha, wie fühlte sich das Zwergfüllchen so wohl! -Die sieben Kerle standen da in Reih und Glied nebeneinander, Knechte -putzten an ihnen herum, daß die vollen Backen zu blinken anfingen, -warme Dämpfe stiegen von den breiten Rücken in die Höhe, und die -Schweife tanzten nur so! - -Riesele begann den Schweiß zu lecken, Riesele lief von dem einen zum -anderen, Riesele ließ sich von allen liebkosen und streckte den Kopf -auch den Knechten zu, die es liebreich tätschelten. Ueberallhin sprang -Riesele in dem ungeheuren Stall, schlüpfte gar durch einen schmalen -Verschlag hinüber in den Kuhstall, und die sieben Gäule drehten die -schweren Köpfe an den dicken Hälsen hinzu nach dem Verschlag, sei es, -daß sie selber gern einmal hindurchgeschlüpft wären zu den Kühen, sei -es, daß sie das Gäulchen den plumpen Milchkühen nicht gönnten. Dies -Kerlchen, -- man war selber einmal so lieblich und klein, man hätte -selbst gern solch ein Kind gezeugt, solch ein Kind sein eigen genannt --- dies Kerlchen sprang nun zwischen den Kühen herum, und keine Magd -jagte es fort! Sie standen beisammen, die Mägde, und schwatzten. - -Die Knechte gingen gar hinüber und stellten sich zu ihnen, und der -kleine Mann war nicht mehr zu sehen! Ein Hinterbein nur, ein Stück des -linken Ohres: die Gäule wurden unruhig, wieherten, rissen an ihren -Ketten, schlugen mit den Hinterhufen auf, als sei ein Bienenschwarm -über sie hergefallen. - -Da auf einmal gab's ein Geschrei: - -„Er wirft mir die Milch um!” - -Sie stoben auseinander, die Mägde, die Knechte lachten laut auf, ein -Eimer kollerte übern Steinboden, und Riesele kam in großen Sätzen durch -den Verschlag in den Pferdestall zurück. Ha, wie freuten sich die Gäule! - -Aber da stand plötzlich ein kleines Mädchen in der Tür, wagte sich -nicht näher, rief: „Riesele, Riesele,” und alle Herrlichkeit hatte -ein Ende, denn das Riesele wandte sich von den alten Gaulmännern ab -und lief zu dem Kind und lief mit dem Kind davon, ohne sich nochmals -umgeguckt zu haben. - -Es kam wieder, das Milchkind! Es kam schon am nächsten Tage wieder! -Zwei der Gäule zogen hinterm Haus den Pflug, zwei zerrten die Egge -hinterdrein, zwei trabten mit dem leeren Steinwagen den Hügel hinauf, -und der siebente, der dickste, hatte eine Fuhre Mist hinter sich hängen -und stand noch im Hof, an der Mistkaute. Dieser allein sah das Riesele -an sich vorüberspringen, sah es ohne Gruß an sich vorüberspringen, -als wenn ein Gaul, der das Unglück hat, Mist ziehen zu müssen, -deshalb keiner Achtung würdig wäre! Das eingebildete Aeffchen rannte -schnurstracks in den Pferdestall, und da es niemand zu Hause fand, -legte es sich ein Weilchen auf den Platz in der Mitte und schlief in -dem großen Bette ein, wie alle Kinder es so gerne tun! Es wachte auf, -als draußen der Mistwagen den Hof hinausratterte. Eiligst hob es sich -auf die Beine, lief hinter dem Wagen drein, kehrte aber, noch bevor -es ihn erreicht hatte, um und erblickte die Pflüger und die Egger und -rannte nun, so schnell es konnte, hinters Haus, um sich den Pflügern -zugesellen zu können. - -Schräggestellt wie ein Hund, tänzelte es nunmehr vor, neben und hinter -den schweißigen Ackergäulen einher über die frischen Schollen wie eine -flinke Meise, und seine aufstarrende Mähne bog sich schwer nach beiden -Seiten. Die Schimmel, die hinterdrein die Egge zogen, begannen zu -traben, der Knecht zerrte die Leine an und schrie unausgesetzt: „hü, -hü!”, aber die Schimmel ließen sich nicht halten und eilten voran, -wenn auch die Schollen nicht recht zereggt waren. Munter und stolz -mit hochaufgestreckten Ohren nickten indessen die Füchse, die vorm -Pfluge gingen, ihre Schar durch den harten Boden, wie wenn sie dem -Kinde hätten zeigen wollen, was für ehrenfeste Kräfte sie seien, oder -wie wenn sie ihm hätten ein gutes Beispiel geben wollen. Kein Blick -abseits, kein Schritt abseits, gleichmäßig zerrten die Lederriemen -an den Kummeten. Ja, der Knecht, der Soldat gewesen war und Sinn für -maschinenhafte Ordnung hatte, gewahrte, daß die Schritte der Füchse, -die sonst nach jedem fünften Tritt zum Gleichschritt kamen, eben -fortgesetzt gleichmäßig im Takte blieben, und da er diesen Takt von -der Kaserne her so sehr liebte, freute er sich über die Maßen wie beim -fertigen Parademarsch und sah selber bisweilen wie ein Kompagniechef -hinüber zum General, der heute sogar ein ganz junges Prinzlein aus -vielleicht höchstem Hause war. - -Als wieder einmal die Furche zu Ende war, durften die Füchse warten, -bis die Schimmel kamen, und nun stellten sich die Schimmel in dem -Abstand, der ihnen ihrer Arbeit entsprechend zukam, seitlich von -den Füchsen auf, um gleichzeitig und gleichmäßig ans andere Ende des -Ackers die Arbeit zu ziehen. Ja, auch die Schimmel hoben nun die Köpfe -und stellten die Ohren steil auf! Und wenn ihre Hufe auch nicht den -gleichen Schlag bewahren konnten, -- vielleicht weil die Egge ein -unordentliches Gezerr verursacht, -- so blieben sie doch, von der Hand -des Knechtes gelenkt, in gleichem Abstand und in gleicher Höhe. - -Riesele aber, wie es da einen einheitlichen Willen erfühlt, hüpft wie -ein abgerichteter Zirkusgaul von hinten her zwischen die vier Pferde -und marschiert nun wie an der Tete mit fröhlichem Getrippel einher und -tollt nicht mehr seitab und tänzelt nicht mehr und bockelt nicht mehr -und ist ganz Ordnung und Würde. - -Jedoch gleich am Ende der Furche, als gewendet wurde, mochte ihm etwas -anderes besser gefallen haben, und es lief vom Acker der Arbeit, dem es -ein Stückchen Schönheit eigener Art verliehen hatte, davon. - -Es lief in eine neue Schönheit hinein: ein Weizenfeld stand oben, wo -sich der Hügel hinabzu biegt, und Millionen von knallroten Mohnköpfen -leuchteten, wie wenn sie als Wolke am blauen Sommerhimmel einhergingen, -zwischen den steilen, kurzen Halmen dicht gedrängt, als stünde der -Acker in Feuer. - -Riesele rannte drauf zu. Jedoch, wie es oben war, sah es sein Dörfchen -unten, sah alle Schornsteine rauchen, -- kerzengerade ringelten sich -feine Rauchsäulen in die heiße Luft -- und dann sah es noch am anderen -Abhang eine Schafherde grasen. Der Pferch stand weiter unten im Tal, -und die Hütte des Schäfers lehnte an einem Nußbaum. - -Diese Schafherde gefiel offenbar dem Riesele am besten, es lief -deshalb zu ihr hin. Die Schafe hoben die Köpfe von der Erde auf und -drehten sie. Der Schäfer pfiff, riß, wie wenn Gott weiß welche Gefahr -gedroht hätte, die Schippe hoch, und der Hund stürzte sich heulend -Riesele entgegen, so daß dies nichts besseres tun konnte, als eiligst -umzukehren zu seinem Mohnfeld. Richtig erschreckt hatte es der garstige -Hund: es legte sich um in dem Weizen und schlief fünf Minuten. - -Es erwachte wieder, blieb aber liegen, hob den schwarzen Kopf aus dem -roten Feuer und nieste einmal kräftig in den Tag hinein. - -Sogleich, wie es geniest hatte, hörte es seine Mutter wiehern. Es -duckte sich wieder zwischen die Halme, guckte aber doch nach allen -Seiten um sich und sah schließlich den Kopf seiner Mutter oben am -Himmelsrande des Hügels aus dem Rot auftauchen, wie er eine Last, die -noch nicht zu sehen war, hinter sich hernickte. Die Mutter erschien -ganz, die Last erschien: es war der leichte, überdächelte Stuhlwagen, -den sie, wer weiß wohin, zu ziehen hatte, vielleicht den Pfarrer -abzuholen oder den Gerichtsvollzieher. - -Riesele blieb liegen und duckte den Kopf. Als aber die Mutter wieder -wieherte und nochmals, konnte es sich nicht halten und sprang auf und -ihr entgegen. - -Die Mutter aber war durchaus nicht lieb zu ihm! Sie sah mit einem -fernen Blick, der keine Liebkosung heischte, nach ihm hin, und Riesele -getraute sich deshalb gar nicht so nahe zu ihr, obwohl es Durst hatte -und gern an die Mutterbrust gestürzt wäre! Der Bauer nahm sogar die -Peitsche, die am Kummet der Trudel stak, schwang sie hoch und riß dem -Riesele die dünne Schmicke über die Ohren, daß es, obwohl die Schmicke -nicht traf, sich rasch herumwarf und heimwärts lief. - -Als es einmal stehen blieb und nach der Mutter umsah, war das Fuhrwerk -verschwunden. - -Im Stall des Großbauern brüllten etliche Kühe, deren Euter zu -schwer geworden waren, nach den Mägden. Allein Riesele hörte den -Peitschenknall und zog es vor, heimzutrippeln. Es sah sich nicht mehr -nach den Gäulen um, nicht mehr nach den kleinen Kindern und selbst -am Schulhof, wo gerade Pause war, raste es vorbei und mißachtete des -Brotes und der lauten Rufe. - -Je näher es seinem Stalle kam, um so rascher sprang es, es hörte den -Peitschenknall an den Ohren, und vielleicht vermeinte es, die Peitsche -schwebe noch über ihm wie ein Engel über Kindern ... es rannte, rannte -und sah nicht auf, nicht um, ja, der junge Mund, der schlaff nach unten -hing, füllte sich mit schaumigem Geifer, und ein weißer Fetzen troff -herab und klatschte auf den gelben Huf. - -Ein Kind stand da, sah das Riesele den Weg daherrasen; es trug in der -Hand einen irdenen Krug mit Milch und erschrak vor solcher Kindeswut -im kleinen Gäulchen und konnte nicht ausweichen und blieb stehen mitten -auf dem Weg. - -Jedoch das Riesele konnte heute nicht bei dem Kind verweilen wie sonst, -konnte überhaupt nicht achthaben auf ein Kind. Es rannte das Kind an, -daß der Milchkrug fiel, daß er zerbrach und daß die Milch sich weithin -ergoß. - -Der Schlag schreckte aber nun das Riesele auf aus seinen Träumen; es -drehte sich um, blieb einen Augenblick stehen, kam zaghaft näher an -das Kind und besah sich die Milch, die in Rinnseln dahinfloß. Einen -Augenblick nur, wohl bis es sich überzeugt hatte, daß es diese Milch -doch nicht trinken könne, besah es sich das Unglück; dann drehte -es sich wieder, schlug sich überaus leichtfertig mit dem lichten -Schwänzchen über die Hinterbacken und ging gemächlich weiter. - -Ein blütenweißer Gänserich stand da auf einem Bein und schielte zu -den Gänsefrauen, die einen Steinwurf entfernt im Sande lagen. Im -vergangenen Winter war er der einen Liebster gewesen; offenbar konnte -er nicht so rasch vergessen, als er vergessen ward, und er stand da und -träumte, und Riesele tappte auf ihn zu, daß er ganz verschreckt die -Flügel aufriß und halb flog, halb hoppste und nun, gesammelt, heftig -dem Gäulchen nachschimpfte. Die Weiber lachten ihn aus. - -Die Hühner hockten vorm Stall; sie standen auf, wie Riesele kam, und -setzten sich wieder, als hätten sie nur grüßen wollen! Sapperlott saß -auf der Schwelle und hoppste langsam zurück. Drei junge Schwalben -zwitscherten auf der nach innen aufgedrehten Tür, eifrig wie alte. - -Riesele legte sich seitab von den Hühnern an das Wässerchen, leckte, -erhob sich, ging an den Trog und versuchte mit der Zunge zu lecken wie -ein Hund und trank dann regelrecht wie ein erwachsenes Pferd. Aeußerst -stolz sahen die großen Augen rings auf das Geziefer herab, das doch -meinte, Riesele sei noch ein Brustkind! Das Wasser tat ihm gut; es -hätte schier nicht mehr aufhören mögen, zu trinken! - -Ein Fuhrwerk, mit zwei Kühen bespannt, schob sich in dem tiefgleisigen -Weg vorbei; Riesele, das großen Hunger hatte, begann aus irgendeinem -Grund, vielleicht aber auch ohne jeden Grund, hinter dem Wagen -herzulaufen, bis es die Entenschar daherkommen sah. Der Enterich, -dessen Gefieder schillerte, wie wenn er's frisch für einen Feiertag -geölt hätte, warf den Kopf rückwärts zur nächsten Ente, sagte: „wack -wack”, drehte den eitlen Kopf wieder vor, und eine Ente sagte der -anderen dieses Wort, das sicher eine mißliebige Bemerkung gegen Riesele -war, denn eine jede zog, nachdem sie gesprochen, den Unterschnabel -zurück und lachte auf diese Weise, wie es Enten tun, und wackelte -weiter. Riesele schien von diesem verschmitzten Lachen beleidigt zu -sein, tappte in die Schar, zerstreute sie und freute sich seiner Tat so -sehr, daß es in wilden Sätzen auch die Hühner aus ihrem trägen Brüten -aufjagte und wunder meinte, was für ein Held es sei! Denn es turnte -wieder an den Wassertrog, tunkte ungestüm den Kopf bis fast zur Hälfte -hinein und schüttelte die Wassertropfen nun über die Hühner hin, die -schon wieder beisammen saßen. Das schien in der Tat ein Heldenstück, -war aber keineswegs ein solches, war Not, nicht Tugend, sofern ein -Heldenstück dieser Art überhaupt Tugend sein kann. - -Riesele war größer und kräftiger als das Federvieh zusamt den Gänsen, -aber es war auch jünger! Die Gänse und die Hühner und die Enten hatten -sich ihren Lebenskreis schon lange gezogen und waren fertige Leute! -Riesele aber fing erst an, sein Leben sich zu zimmern, und es wäre -eine schöne Sache, wenn berichtet werden könnte, daß aus diesem Grund -das Federvieh, wie es reifen Leuten zukommt, die Quertreibereien des -Gäulchens geruhsam über sich hätte ergehen lassen! Man weiß indes: sie -wichen der Gewalt! - -Oft, sehr oft mußten die pflichttreuen Tiere der Gewalt dieses -Tollpatsches weichen. Ausgebreitete Hühnerflügel, flatternde Schwänze, -das Durcheinander des Entenwacks wirkten jeweils auf das Riesele -wie Disteln unter seinem Schwanz, und es geschah nicht selten, daß -die Hühner flüchten mußten, sich mühsam aufschwingen mußten auf die -Stalltür, auf die Wagenleiter, oder daß sie auf- und davongehen mußten -ins Gras, so wild gebärdete sich Riesele! Die armen Enten: sie trugen -von ihrer Stammutter her den Drang nach der Ferne im Blut, sie sahen -alltäglich ihre wild und frei gebliebenen Schwestern übers Tälchen -streichen und ins Röhricht einfallen, wo sie ihren verletzenden -Freiheitsruf immerhin lockend erschallen ließen, sie spotteten der -zahm, gesinnungstüchtig, eierlegend, aber auch schwerfällig und dick -gewordenen Hausenten, und diese, obwohl sie des Dranges nicht ledig -waren, konnten ihren plump gewordenen Körper um keinen Preis mehr in -die freien Lüfte erheben und hätten's doch so gerne getan. Hätten's -doch zu allererst deshalb so gern getan, um diesem Tunichtgut rasch -entflattern zu können und nicht mühselig und stets seines Hufs -gewärtig, aus der unbestimmten Bahn entwackeln zu müssen! Die armen -Enten! Sie haßten das Riesele sehr! - -Ganz anders verhielt es sich mit den Gänsen! Sie waren neun an der -Zahl, sie trugen das Bewußtsein ihrer Stärke in sich, sie konnten -das Riesele, wenn wirklich ein Ernstfall entstehen sollte, mit ihren -Schnäbeln und mit ihren schweren Flügeln schon dermaßen verhauen, -daß es -- der graue Gänserich ist neulich einem Kalb an die Kehle -gesprungen -- daß es gerne die Flucht ergreifen würde! Auch das Riesele -wußte das! Aber was sollten die großen Gänse Händel suchen, weil -die kleinen Enten sich nicht selber verteidigen konnten, ihre Natur -ganz und gar vergessen hatten, sich also auch nicht mehr zu retten -vermochten, wenn der Feind stärkere Kräfte ins Feld führen konnte, als -ihnen zur Verfügung standen! Törichtes Entenvolk! - -Die Peitsche, jeweils die Peitsche, mußte solchen Zwist schlichten, und -darnach vertrug man sich wieder, hielt Freundschaft und fraß aus einer -Schüssel. - -Das Schlimmste aber an all diesen Mißhelligkeiten war, daß die Kinder -immer und immer wieder einseitig und urteilslos Partei ergriffen für -den, der Hilfe am wenigsten nötig hatte, für Riesele! - -Aber es muß doch gesagt sein, daß das Geflügel auch wieder seine Freude -hatte an dem tollen Vierbein, und daß selbst die Enten sich jeweils -mehr über sich selber ärgerten, als über das Riesele! Die Enten, die -Hausenten, sind das Opfer ihrer Bequemlichkeit geworden, sie sind's nun -einmal, und wissen sich drein zu schicken! - -Die Geißen im Stall trugen auf der Stirn wie gezückte Schwerter die -beiden Hörner und blieben unbehelligt, und ihre Jungen verstanden den -Kindskopf Riesele besser als alles Geziefer und tollten mit ihm, wenn -es tollen wollte, und legten sich neben es, wenn es schlafen wollte. -Es kam oft vor, daß neben, ja dicht an und auf dem tiefschwarzen -Füllenrücken ein schneeweißes Geißlein schlief oder gar zwei, und -Sapperlott, der Hasenvater, der offenbar einen besonderen Sinn für -Farben hatte oder auch für Musik, brachte kein Auge zu und sah und -hörte nicht, was um ihn vorging, wenn Schwarz und Weiß in solcher -Eintracht beisammenlagen wie ein preußisches Fähnlein. - - - - -V - - -Noch sprang das Riesele umher ohne Zaum, ohne Zügel, ohne Halfter, -pudelnackt, wie Gott es erschaffen hatte. Trudel, das Mädchen, konnte -ihm keine Blumen anstecken, und hätte es doch so gerne getan! Gustav -und August, wenn sie es striegeln wollten, konnten es nicht festhalten -und striegelten es doch so gerne! Die Hufe, die sich gemach vom Staub -der Erde grau färbten, sollten gelb bleiben wie Maibutter, aber wer -konnte die Hufe des Tages siebenmal bürsten? Wer könnte die Mähne, die -zusehends wuchs, des Tages siebenmal strähnen, wer den Schweif, der wie -ein Mädchenzopf baumelte, richtig durchkämmen, wie sich's gehörte? - -Trudel, das Schwesterchen, setzte einmal seine Puppe auf den schmalen -Rücken des Riesele, aber das Riesele warf die Puppe von sich, indem es -mit den Vorderbeinen sich heftig gegen die Erde stemmte und den Rücken -vom Hals bis zum Schwanz wacker schüttelte. Eine Puppe freilich, eine -Puppe! - -Gustav kam zuerst auf den guten Gedanken: August mußte den Kopf -Rieseles untern Arm nehmen, mußte ihn festhalten, und Gustav hob das -Trudelchen hinauf, ganz hoch hinauf auf den Rücken und probierte -vorsichtig, ob das Tierlein auch solche Last tragen könne. Es trug sie! -Es fühlte sich offenkundig wohl mit seiner Last, es drehte den Kopf aus -Augusts Arm und reckte ihn stolz in die Höhe. Dann machte es gar einen -Schritt und noch einen, und da das alles so leicht ging, schoß es ganz -plötzlich weiter, und das Trudelchen purzelte aufs Gras herab, stand -auch schon wieder und lachte und setzte dem Ausreißer nach quer über -die Wiesen, die der zweiten Mahd entgegensahen. - -„Lauft mir mal schnell zum Sattler miteinander!” rief der Vater von der -Treppe herab, „und laßt mir dem Riesele ein Halfter anmessen!” - -„Los, zum Sattler!” schrien die Buben, „los zum Sattler!” triumphierte -das Mädchen, „und ein Sättele, ein Sättele, Vater, darf der Sattler -auch ein Sättele machen?” - -„Sättele, Sättele,” entgegnete der Vater, „was willst du mit einem -Sättele? Maidlin gehören nit aufs Sättele! Los, und nix angestellt -unterwegs!” - -Als der Sattler das Maß nahm, sagte er zu Trudel: - -„Heut kommt das Riesele in die Schul; mach einen Strich in den -Kalender!” - -„Wie lang muß es in der Schule bleiben? Ich muß acht Jahre drin -bleiben!” - -„Acht Jahre?” versetzte der Sattler, „und dann?” - -„Dann geh ich in die Stadt!” - -„Du hast's gut vor, Trudel, acht Jahre sind schnell herum! Aber das -Riesele muß sein ganzes Leben lang in der Schule bleiben!” - -„Muß es?” fragte Trudel. - -Gustav kam herbei und hielt ihr den Mund zu, denn der Polizeidiener -stand an der Straßenecke und rief etwas aus. Er rief aus, daß von -morgen ab das Betreten der Weinberge verboten sei! - -Und dann kam er schnurstracks an die Treppe des Sattlers, griff dem -Riesele in die Mähne und sagte zu den Kindern: - -„Höchste Eisenbahn, daß er sein Halfter ankriegt, der Tagdieb, sonst -hätt' ich ihn morgen gleich ins Wachtstübchen gesteckt!” - -„Sonderbare Welt das,” dachte Trudel, und die Buben dachtens auch, -„der Sattler will Riesele nicht mehr aus der Schule lassen, der -Polizeidiener will's gar ins Kittchen stecken!” - -Noch am Abend holten die vier das Halfter ab, strippten es Riesele um -den Kopf und führten es heim in den Stall, wo der Vater es neben seiner -Mutter ankettete, jedoch so kurz, daß es nicht, wie es wollte, stets an -der Mutter Zitzen saufen konnte. - -Von nun an also stand Riesele gleich den Erwachsenen im Stall. Doch -jeden Tag durfte es etliche Stunden lang, an einen Pfahl gebunden, auf -der Wiese kreisen, eng umzirkt zwar, doch immerhin draußen in einer -gewissen Freiheit. Gar oft, -- ach, wer konnte dem lieben Tierlein -gegenüber so entsetzlich streng sein? -- durfte es frei umherspringen, -wohin es wollte, und durfte seine Bubenstreiche vollbringen, die ihm -jedermann schon verzieh, bevor sie begangen waren. - -Es war indes doch die Zeit gekommen, daß die Hufe des Riesele breiter -wurden, sein Magen größer, seine Kraft heftiger, die Zeit, da es von -der Gasse genommen werden mußte in das Gehege des Zaunes. Als der -Bauer Klaus diesen Hag gegenüber der Wohnstube in die Wiesen schlug, -merkte Riesele sicher, was für ein Geschick sich da erfüllen wollte. -Trudel, die Mutter, die ohnedies an dem Gassenbuben zu wenig eigene -Freude hatte und um so mehr Kummer und Bangen ausstehen mußte, zog auf -dem kleinen Wagen selber die Pfähle herbei aus dem Birkenwald. Sie tat -es gerne, die Pferdemutter! Denn wenn Riesele jeweils, wie es seine Art -war und wie es überhaupt die Gewohnheit aller guten Kinder ist, gerne -zur Mutter, die in die Arbeit ging oder von der Arbeit heimkehrte, -hinsprang, sich ein paar Küsse zu holen, ein paar Küsse zu verschenken, -so konnte jedermann, der ein waches Auge hatte, wahrnehmen, daß -diese Liebkosungen nicht nur seltener, sondern, -- und dies war noch -ungeheuerlicher, -- daß sie weniger zärtlich wurden! Ja, es kam vor, -daß die getreue Mutter auf einen ganzen Tag fort in den Wald mußte, -schwer schaffen mußte, und am Morgen nicht einen lieben Blick, nicht -ein kurzes „Wiedersehen” bekommen hatte vor lauter „Gasse”, und daß -sie alsdann im Schweiße ihres Angesichtes auch nicht mit Wohlbehagen -und süßer Hoffnung, wie andere Mütter sie doch stets mit sich tragen -können, auf einen frohen Abend rechnen durfte. - -Solchergestalt kann es nicht wundernehmen, daß Trudel, die Stute, -den Augenblick ersehnte, da die Birkenstämme abgeladen wurden, und -es nimmt weiterhin durchaus nicht wunder, daß der Gassenbengel -wußte, worum sich's drehte, und daß er fortlief in's Weite, recht -weit von den Balken des Zuchthauses fort! Mütter wissen ja immer die -Erziehungsmaßregeln, die nicht sie über ihre Kinder verhängen, die -sie selber seinerzeit als Zwang empfunden haben, ihren Kindern recht -eindringlich und nachdrücklich hinzustellen, und etwa zu sagen: „Wart -nur, wenn der Vater heimkommt,” oder: „Wart nur, wenn du in die Schule -kommst!” Es ist ein Glück, daß sie dabei übersehen, wie sie sich selber -vor sich selber bloßstellen ... - -Da gruben Vater und Buben Löcher aus dem Wiesengrund, zwei Pfähle -ragten schon eingerammt gleich ungeheuren drohenden Gerten gegen -Riesele auf, die Gänse lachten, die jungen, frechen Hähne flogen oben -drauf und versuchten zu krähen, um das Riesele, das Reißaus nahm, zu -foppen. Riesele blieb stehen, sah sich um, schleuderte leichtsinnig die -Hufe in die Luft und lief fort! Es lief dem Dorfe zu und hörte hinten -im Armenhäuschen ein Waldhorn blasen und lief dem Waldhorn nach. - -Im Armenhaus wohnte der Schweinehirt, der einzige Mensch, der mit -dem Riesele noch nicht Freundschaft hatte. Er blies das Waldhorn! Er -wohnte da ganz allein für sich, hatte nicht Weib, nicht Kind, kein -Tierlein um sich, war aber ein Musiknarr und ein Kinderfreund, wie -es nicht viele gibt. Riesele wußte das noch nicht, wußte auch nicht, -daß der Musikant der Sauhirt war, und lief dem Liede des Waldhorns -nach und streckte den Kopf nach der niedrigen Fensterbank, ohne ihn -hineinstrecken zu können. Da sah es den Hirten, den es fürchten mußte, -vor einem Spiegel stehen und blasen und sah sein eigen Antlitz in dem -Spiegel, der schräg an der kahlen Wand hing. - -Der etwas verwucherte Mann legte sogleich das blankgeputzte Blasrohr -weg, zog den Schubkasten aus dem Tisch und griff hinein und hielt dem -Riesele ein Stückchen Zucker hin. Riesele nahm den Zucker vorsichtig -zwischen die Lippen und verschluckte ihn alsdann, und sogleich schob -ihm der Hirt ein neues Stück ins Maul und dann noch eins und noch eins! -Sie liebten sich, diese beiden! - -Der Freund nahm sein Waldhorn wieder, setzte sich auf die Fensterbank -und schmetterte einen strammgefügten Marsch an den Ohren Rieseles -vorbei, so daß es dem Tierlein ganz seltsam zumute ward. Ab und zu -hoben sich die weißgelben Hufe, bald dieser, bald jener; ab und zu hob -sich das vernaschte Maul, ab und zu erschien eben aus dem Maul die -Zungenspitze rot wie Himbeereis und verschwand wieder. - -Als aber das Gäulchen das Maul auf die Fensterbank hob und liegen ließ -und die Luft aus den kleinen Nüstern stieß, daß der Staub aufwirbelte, -da begannen die Kinder, die um es her standen, zu lachen. Der Hirt -merkte sogleich, daß dies Lachen dem Riesele peinlich war, denn er -wußte Bescheid in solchen Sachen der entzückten Seele, und er sprang -aus dem Fenster und gab dem Gäulchen wieder ein Stück Zucker, und er -griff ihm ans neue Halfter, und es folgte ihm. Die Kinder durften nicht -mit. - -Die beiden schritten dem Birkenwäldchen zu, und als sie die letzten -Häuser hinter sich hatten und keine Kinder mehr zu sehen waren, da band -der Hirt sein Waldhorn dem Riesele an den Hals und sang: - - Das Schwein, das muß gehütet sein! - Der Kastor kann es hüten! - - Der Kastor muß gehütet sein! - Der Cornel kann ihn hüten! - - Der Cornel muß gehütet sein! - Wer kann den Cornel hüten? - - Ich will mein Schwein behüten fein, - Mag seins der Kaiser hüten! - - Der Kaiser muß behütet sein! - Wer mag den Kaiser hüten? - - Sein lieber Gott behüt ihn fein! - Mög mich der meine hüten! - -Das Liedchen führte die zwei Wanderer bis ans Birkenwäldchen. Sie -legten sich nebeneinander nieder, der Hirt steckte dem Riesele -dunkelblaue Glockenblumen ins Halfter, setzte das Horn an die Lippen, -und das Riesele starrte übers Wiesentälchen hinunter an seinen -Heimatstall, wo der Bauer emsig die Balken des Gefängnisses einschlug. -Riesele hörte die Axt knallen, und der Hirt, als er das erste Lied -geendet hatte, nahm sich den zierlichen Ponykopf an die Brust, -streichelte ihn, zerrte an den Ohren, kribbelte an der Blesse herum, -strich mit den Fingern durch die Furche, die den Rücken hin die zarten -Backen teilte, und schob die Hand quer in den Pferdemund und sagte: - -„Riesele, ich weiß, was es da unten gibt! Sie werden dich einsperren, -wie sie mich eingesperrt haben, und werden's aus demselben Grund tun! -Wir sind freier wie sie, wir sind fröhlicher wie sie, und das können -sie nicht vertragen! Sie laufen, seitdem sie sich selber aus dem -Paradies vertrieben haben, mit Handschellen umher wie Sträflinge, mit -Handschellen umher wie Mausfallenhändler, und wo sich die Freiheit -regt, da schnallen sie an! Die Unfreien haben das große Wort an sich -gerissen, und sie haben es im Laufe der Jahrtausende fertig gebracht, -daß alle Menschen unfrei wurden, so unfrei, daß die wahrhaft Freien -sich ihrer Freiheit wegen verdächtig vorkommen, sich ihrer schämen, an -ihrer Freiheit straucheln, sich ihrer Freiheit fluchen und schließlich -sich ihrer Freiheit entäußern! Sich freiwillig der Freiheit entäußern, -das tun oft ganz gute Christenmenschen und meinen, das sei der höchste -Grad der Freiheit! Doch sag selbst, Bruder Riesele, wenn du jetzt aus -freiem Entschluß in deinen Hag stolzierst, so magst du zwar ein guter -Christengaul werden, bist aber trotz aller Philosophie kein freies -Geschöpf mehr! Und Geschöpf sein, das heißt noch lange nicht, wie -sie meinen: unfrei sein! Auch ums Paradies haben die Unfreien, die -Umzäunten, einen Zaun erfunden, weil sie Gott nach ihrem Bilde und -Gleichnisse formen wollten. Einen Schutzmann machten sie aus ihm, einen -Zirkusdirektor, der die Taschen voller Zucker trägt und innen, unterm -Faltenrock die allmächtige Peitsche! Nein, nein, Riesele: die wahre -Freiheit haben wir in uns, oder aber wir sind schlechter als unsere -Tiere! Bleib schön liegen, Riesele, ich bin noch nicht ganz fertig!” - -Der seltsame Sauhirt, der sicher von sich vermeinte, ein göttlicher -Eumäos zu sein, hielt inne mit seiner Rede über die Freiheit und zog -den Kopf des Riesele näher an sich, so daß das Tier die entblößte Kehle -seiner Hand darbieten mußte. Der Mann spielte mit den Fingern an dieser -Kehle, was dem Riesele erst gut gefiel, was es aber doch nicht lange -ertragen mochte. Es sprang auf; drei Johanniskäferchen schwirrten -grelleuchtend um es her, so dunkel stand der Abend schon vorm Wäldchen, -und die grünlichen Signale verwirrten es so sehr, daß es zu laufen -begann und nicht wußte, wohin es lief. - -Dem Hirten pochte das Herz: er hatte das Riesele mitgenommen, jedermann -mußte es gesehen haben, er hatte also auch die Verantwortung über das -Kind, und schließlich, wenn der Hirte des Hirten bedurft hätte, so -hätte die Gemeinde nicht ohne Recht diesen bedürftigen Schweinehirten -jener Obhut übergeben können, die er so sehr fürchtete. - -„Sie dürfen dich nicht wieder zum Verrückten machen, Cornel!” sagte er -laut in den Abend, ergriff sein Waldhorn aus dem Grase auf, setzte es -an und schmetterte seinen gradlinigen Militärmarsch übers Dorf hin, -daß sicher alles, was schon schlief, erwachte, und alles, was noch im -Stall hantierte, mit neuer Kraft sich anspornte. Er spielte ja nur, -um das Riesele wieder zu sich zu locken, aber das Riesele trabte -im Dämmerlicht weiter am Waldrand hin, fraß an den Brombeerhecken, -zauselte an herabhängenden Zweigen, und die Glühwürmchen, die aus -allen Richtungen aus dem Gras, aus den zerstreuten Heuwellen, aus den -weißdurchtupften Rosenhecken aufschossen, -- und der Heugeruch selber -und das aufdringliche Gequak der Frösche unten im Wassergraben setzten -seinem jungen Herzen so sehr zu, daß es des strammen Marsches nicht -mehr achtete und wahllos weiter lief, einerlei, wohin es kam! Ja, das -lockende Waldhorn jagte das Riesele eher weiter weg, als daß es lockte. - -Cornel, der Hirt, hing das Horn um die Schulter und begann, den Weg -hinzulaufen, den das Riesele eingeschlagen hatte. Er horchte, er legte -das Ohr auf den steinigen Boden, den Huftritt zu erlauschen, er lief -wie ein Hund, der eine Spur erschnuppert, allein er sah und hörte das -Riesele nicht. Die Sichel des Mondes spitzte überm Waldrand; kleine -Wolken rasten gegen ihren Bogen, als wollten sie geschnitten sein wie -Gras. - -Plötzlich erschallte vom Dorf herauf das Feuersignal! Ohne nachzusehen, -ob irgendwo eine Flamme oder ein heller Qualm sich zeige, wußte -Cornel genau, wem dieses Signal gelte! Es galt zuerst dem Riesele, -aber es galt nicht minder auch ihm, dem Cornel! dem Schweinehirten -der Gemeinde! Denn sie kannten ihn nicht, sie wollten ihn überhaupt -nicht kennen lernen, und sie begnügten sich damit, ihn einen Narren zu -nennen! Es galt also, auf dem Damm zu sein, da die Flut stieg! - -Stimmen erschallten vereinzelt und abgerissen aus dem Dorf herauf, das -Signal strömte zwischen dem Wald der Obstbäume, alle Hunde heulten auf, -irgendwo in einem Stall krischen ab und zu salvenweise ein paar Gänse, -wie wenn sie auch dabei sein müßten, wenn's dem Sauhirt an den Kragen -geht! - -Die Stimmen sammelten sich und verteilten sich wieder, und bald hörte -Cornel bekannte Dorfstimmen, die sich den Hohlweg heraufnäherten, und -er hatte das Riesele, das er doch verführt, noch nicht in der Hut. - -Aber da stand es ja plötzlich neben ihm! Stand da wie aus dem -Sommerabend geboren, der allhin so viel Liebe gebiert! Da stand es und -hielt einen Birkenzweig im Mäulchen, wie wenn nichts geschehen sei! - -„Hast deinen Hirten aber schön erschreckt, Riesele!” sprach er, „doch -gib ihn her, den Oelzweig des Friedens, daß wir uns gemeinsam für -den Augenblick unserer Freiheit begeben können, denn sie kommen, die -Unfreien! Mit Leuchtfackeln kommen sie, wie zu Jesu Gefangennahme, -die Freiheit zu suchen, um sie einzupferchen und sie bei Wasser und -Brot fasten zu lassen! Siehst du sie kommen mit den Lederhelmen? -Hörst du sie kommen mit den Feueräxten? Sie schlagen, wenn sie's für -nötig erachten, das Sommerhaus ihres Gottes in Stücke und schrecken -vor diesem ihrem Schreckgespenst auch nicht zurück. Verstummet, ihr -Frösche, daß sie euch nicht erschlagen! Verkriecht euch in die Erde, -ihr Käfer, der ihr entnommen seid! Nachtigall, schlag nicht heute -abend: die Menschen kommen mit ihren Mordgewehren der Schönheit und des -Friedens.” - -Riesele schien solches Gerede gerne anzuhören; es ließ seinen Kopf auf -der entblößten Schulter Cornels liegen und ging Schritt für Schritt -weiter. - -„Weißt du, wo das Wachtstübchen ist? Nein, das weißt du nicht! Aber -paß gut auf, Riesele: wenn sie deinen Freund hineinstecken werden, so -komme manchmal an die Tür! Ich will dir Brot geben von meinem Brot und -Wasser, wenn du Durst nach Freiheit hast! Ich weiß, sie sperren mich -ein paar Tage ein; aber das ist immer noch besser als das Irrenhaus! -Sie dürfen mich einsperren: ich trage das Bewußtsein eines neuen -Freundes in der Brust, der so geschickt zuhören kann und meine Lehren -versteht! Paß auf! Paß auf! Laß uns niedersetzen!” - -Cornel setzte sich, und Riesele blieb bei ihm stehen. - -Zwei Feuerwehrmänner kamen daher, plauderten miteinander, und der eine -sagte gerade: - -„Roma heißt rückwärts gelesen Amor! Amor ist aber, das steht -ausführlich in meinem Buche, der Gott der Liebe! Oh, in den großen -Städten wird fürchterlich geliebt!” - -Sie sahen vor lauter Liebe nichts und gingen vorüber. - -„Fürchterlich geliebt!” rief ihnen Cornel nach, „da habt ihr aber -recht!” - -Sie schreckten zusammen, die verträumten Feuerwehrleute, kamen dann -aber gleich beherzt herzu und sagten zugleich: - -„Da sind sie ja!” - -„Da sind wir!” erwiderte Cornel und streckte beide Hände vor, als wolle -er sie fesseln lassen. - -„Los, heim! Vor uns hermarschiert!” kommandierten die Wehrleute, und -Cornel legte den Arm auf Rieseles Hals, und so traten sie den Heimweg -an. - -„Fürchterlich geliebt ist gut!” fing Cornel an, aber die Wehrleute -gaben ihm keine Antwort und redeten von den Dickrüben, die von Hasen -zerfressen waren. - -Der Hirt wandte sich nunmehr wieder an Riesele und sagte laut, daß die -Männer es hören konnten: - -„Weder Zucker, Riesele, -- das wollte ich dir vorhin noch sagen -- -weder Zucker gab uns Gott noch Peitsche, sondern Freiheit, Freiheit. -Und das ist so gut und so viel als sich selber! Sich selber gab er uns, -mitten in den Herzschlag hinein, Riesele! Uns, das will heißen: dem -Kaiser, mir, dir, meinen Schweinen und aller Kreatur!” - -„Und aller Kreatur!” wiederholte der eine Feuerwehrmann. - -„Und aller Kreatur!” bestärkte Cornel und fuhr fort: - -„Einheit, Schönheit, Harmonie ringsum in seiner Schöpfung! Nur die -Menschen sind ihm mißraten, Riesele! Sie sind entweder zu eng oder zu -weit ausgefallen!” - -„Zu eng!” rief ein Wehrmann, und Cornel antwortete: - -„Hörst du's, Riesele, der ist zu weit geraten! Zu weit, und er möchte -deshalb weiter sein!” - -„Zu weit!” schrie der andere, und Cornel entgegnete: - -„Hörst du's, Riesele, der ist zu eng ausgefallen! Zu eng, und er -möchte deshalb enger sein! Lüge ist alles! _Eine_ Einheit in der -Mannigfaltigkeit: die Lüge; _eine_ Mannigfaltigkeit in der Einheit: -die Lüge! Sie sind aber selbst schuld, die Menschen; sie haben die -göttliche Freiheit mißverstanden, sie haben ihre natürlichen Begriffe -irgendwie verwirrt, sie sagen: deine Freiheit ist die Grenze meiner -Freiheit, und nun gehen sie aufeinander los und sagen: ‚Gewalt geht -vor Recht, und die Freiheit ist für die Narren!’ Riesele! Hörst du's, -Riesele: ich will lieber ein Narr sein, als daß ich unfrei wäre! Du -nicht auch, Riesele?” - -Das große Tor der Wachtstube öffnete sich wie von selbst. - -„Nun bist du unfrei,” sagte ein Feuerwehrmann, „und bist doch ein Narr!” - -„Nun bin ich unfrei,” entgegnete Cornel, „und bin doch frei!” - -Cornel ward hineingestoßen, indes Riesele heimtrottete. - - - - -VI - - -Von nun an also sah man das Riesele nicht mehr auf den Gassen -umhertollen. Es ward eingesperrt! Der Zaun, im Geviert vor der -Wohnstube des Bauern errichtet, war aber stets lebendig: Buben hockten -drauf, Mädchen selbst erkletterten ihn und ließen die bloßen Füße -herabbaumeln, und da er sehr fest aus dicken Balken gezimmert war, -konnte manchmal die ganze Dorfjugend auf den Balken Platz finden. Die -Buben liefen mit weitausgestreckten Armen sicher wie Seiltänzer drüber -hin, und die Erwachsenen lehnten sich an, um wie vertraute Nachbarn das -Gäulchen zu beobachten. - -Es lief da innen am Zaun entlang, biß an den Birkenrinden sich die -Lippen blutig und hälmelte spärlich an dem zertretenen Gras des -Bodens. Rundum, den Zaun entlang, war bald ein Pfad festgetrampelt, und -an den Balken nach der Wohnung zu wuchs auf einen Meter breit kein Halm -mehr. - -Die Unfreiheit schmerzte. Zwar kam niemand vorüber, der nicht dem -Riesele ein Stückchen Brot schenkte, ein Klümpchen Zucker, eine -Handvoll Klee, aber es gab doch so viele Stunden, da mußte es allein -sein und wußte nichts zu tun, als an der Rinde knuppern, als mit den -Hufen scharren. Oft legte es sich mitten in sein enges Reich und -schlief oder träumte mit offenen Augen in den blauen Himmel. - -Die Augen, die unendlich groß und unendlich dunkel und unergründlich -waren, spiegelten alsdann den Hag, die Wiesenhalme, das ferne Wäldchen -wider, als ergingen sich diese Schönheiten in der jungen Tierseele, und -Trudel konnte sich an diesem Glanze gar nicht satt sehen. Ach, so oft -schlüpfte sie durch das Gehege hinein und legte sich neben den Freund -und half ihm träumen und scharren und knuppern, wenn's nötig war. Es -geschah aber auch, daß andere Kinder ins Bereich schlüpften, um mit -Riesele im Gefängnis herumzutollen, und diese Stunden des Spiels waren -dann die wenigen Feststunden, da Riesele sein Elend vergessen konnte. - -Die Mutter Trudel mochte in sich fühlen, daß ihr Kind schon Verständnis -habe für die Arbeit, oder doch, daß nun die Zeit gekommen sei, ihm -dieses Verständnis beizubringen, und immer, wenn sie angespannt wurde, -zerrte sie an ihren Strängen nach dem Kinde hin, das freilich, seit -es eingesperrt war, mehr nach der Mutter umsah als ehedem. Ja, die -Mutter wollte sogar nicht mehr ziehen, blieb stehen und ließ sich mit -der Peitsche schlagen und stieß klagende Schreie aus und ward bei der -erzwungenen Arbeit unruhig und wirr. Der Bauer wußte ja gleich, was sie -wollte; aber er vermeinte, das Zwerggäulchen noch ein Weilchen wachsen -lassen zu sollen, bevor ihm der Ernst des Lebens könne gezeigt werden. - -Wahrscheinlich aber ist, daß die Mutterstute -- man weiß, wie Mütter -sind -- ihr Kind nicht deshalb bei sich haben wollte, daß es lerne, den -Wagen und auch den Pflug zu ziehen, sondern daß sie es nur deshalb bei -sich haben wollte, um es eben bei sich zu haben! Der Bauer Klaus ließ -also das Gäulchen vorerst noch ein Weilchen in seinem Hag und achtete -der flehentlichen Muttersorgen nicht. Der Raps war zudem reif und mußte -heimgefahren werden, im Rindenwald, gegenüber vom Birkenwäldchen, -kläpperten Eichenschäler seit drei Tagen die jungfrischen Rinden -von den Stecken, und: eine Fuhre Rinden nach dem Bahnhof im -Nachbarstädtchen bringen, das trug schon etwas ein! Da konnte man einen -Schüler nicht ohne weiteres nebenher laufen lassen! - -Riesele blieb also in seinem Gefängnis und hatte nichts zu tun als auf -die Kinder warten, bis die Schule aus war, als an der Rinde zu nagen -wie eine Maus, als den Boden zu zertrampeln wie ein Töpferlehrling. -Die Leute des Dorfes beachteten Riesele von Tag zu Tag weniger, sei -es, daß sie ihm aus irgendeinem Grund feindlich gesinnt waren, sei es, -daß sie seiner überdrüssig wurden! Wer brachte noch ein Stück Brot? -Wer ein Klümpchen Zucker? Selbst die Kinder des Hauses kamen seltener -und liefen lieber den Seifenblasen nach, die sie doch nicht erreichen -konnten, denn Seifenblasen schweben in den Himmel! - -Der Pfarrer, wenn er vorüberging, rieb wie die Kinder mit dem -Zeigefinger auf dem Daumen und ging vorüber! Der Lehrer, wenn der -vorüberging, blieb wenigstens einen Augenblick stehen, griff herein -ins Gefängnis, holte sich den willigen, ach, den der Liebe so sehr -bedürftigen Kopf des Riesele, streichelte über die Blesse, streichelte -über die warmen Augen, hob mit beiden Händen des Gäulchens volle Lippen -auseinander und befühlte die Zähne! Der Bürgermeister, der offenbar -eifersüchtig war, weil das Riesele nicht ihm gehörte, guckte immer, -wenn er in die Nähe des Hauses geriet, in irgendein Schriftstück, als -könne er nur ganz langsam lesen, und ging vorüber ohne Gruß, ohne -Blick! Vom Polizeidiener nicht zu reden! Dieser Mensch hatte Humor in -sich, hatte wiederholt mit seiner Schelle am Hag ein kleines Konzert -zusammengeläutet, hatte wiederholt mit dem Stiel seiner Schelle das -Riesele am Bauch gekitzelt: dieser Mensch wollte oder durfte, sicher, -weil der Bürgermeister eifersüchtig war, mit Riesele sich nicht mehr -abgeben! - -Nur ein Freund blieb treu, und das war Cornel, der Schweinehirt! -Er trieb, seit er aus dem Wachtstübchen wieder entlassen war, -allmorgendlich seine Schar Schweine auf einem großen Umweg an Rieseles -Hag vorüber, er kam heran, erzählte etwas, was ihn gerade erfüllte, -und das Riesele tat sich die Musik seiner Worte, deren tiefen Inhalt -es ja nicht erfassen konnte, ins Herz und bewahrte sie getreulich auf -für die leeren Stunden des Tages, da es allein sein mußte mit seiner -Armut. Oft, wenn es den Freund nicht sah, hörte es die Lieder seines -Waldhornes aus den Häusern hinter der Kirche schweben und hatte genug -der Freude für ein paar Stunden. - -Eines Morgens aber sieht der Bauer den Cornel mit seinen Schweinen vorm -Haus halten und wird über die Maßen wütend. - -„Was hältst du hier mit deinen Säuen!” fährt er ihn an, „ist mein Hof -etwa ein Weidplatz für deine Säue? Willst du machen, daß du fortkommst, -du Faulenzer! Willst du mir auch das Riesele versauen?” - -Cornel sagte nichts dagegen und trieb seine Herde, die gar nicht groß -war, den Weg hinunter, indes Riesele traurig ihm nachsah und seinen -Säuen. - -Die Gänse kamen herein, schritten überaus stolz am Gäulchen vorbei, als -wollten sie sagen: jag uns doch fort, wenn du den Mut dazu hast! und -sie schlüpften wieder hinaus in die Wiese. Die Enten kamen herein und -schritten schnurgerade auf der anderen Seite wieder hinaus. Sie hatten -nicht Eile, denn sie brauchten keine Angst zu haben vor dem Riesele, -das seine Hörner, wie man so sagt, für Enten schon genügend abgestoßen -hatte. Oft, sehr oft, wenn Riesele dalag und träumte, kamen sie -unversehens herein, setzten sich zu ihm und steckten die Schnäbel in -die Flügel zurück. Auch die Hühner kamen alsdann, die jungen, die schon -von ihren Hähnen umworben wurden, scheuten sich nicht, dem Riesele die -Haferkörner vor der Nase wegzupicken, und in ihrem Uebermut hüpften -sie sogar auf seinen immerhin breit gewordenen Rücken und streckten die -Flügel von sich. Aber der alte Hahn ging nicht mit in den Verschlag; -war seine Schar drinnen, so flog er auf den obersten Querbalken und -blieb wie ein Wächter da sitzen. - -Trudel, die Mutter, die zwischen Pflicht und Neigung anscheinend nicht -recht unterscheiden konnte wie viele Mütter und nicht wußte, was für -ihren Liebling gut war, hatte schwere Stunden auszuhalten, weil sie -sich bei der Arbeit in ihrer Sehnsucht verzehrte, sich ablenken ließ -und obendrein manchen Peitschenhieb verspüren mußte. Das eingesperrte -Riesele war doch ihr Kind! Wenn es auch ein Gassenbub gewesen, wenn es -auch noch so viel Liebe seiner Mutter verschmäht hatte: es war doch ihr -Kind! Jeden Peitschenhieb ertrug Trudel mit einem bestimmten Gefühl, -das dem Schmerz ein bißchen Süßigkeit verlieh. - -Aber diese Tage waren gezählt; Riesele durfte, als die Körnerfrüchte -in der Scheune saßen, mit hinaus! Das Wägelchen steht leer vorm Stall, -der Bauer spannt die Trudel ein, Trudel, das Mädchen, riegelt das -Gefängnis auf, die beiden Buben bringen Halfter und Leine, und nun, da -die Mutterstute so zappelig nach dem Riesele hinstarrt, streifen die -Buben das Halfter an den kleinen Kopf, schleift der Bauer die Leine ans -Halfter, klatscht Trudelchen in die Hände, und wahrhaftig, Riesele wird -seiner Mutter an den Zügel geledert! Links an den Ring des eisernen -Zaumes wird der Lederriemen eingeschlauft, und -- o Herrlichkeit! -- -sonst nichts, sonst bekommt das Kind keine Fessel und keinen Strang -und darf also nebenherlaufen wie Menschenkinder an Mutterschürzen. -Steil standen die Ohren der Stute, fromm unbeweglich ruhten die Hufe im -Sand der Geleise, züchtig hing der überaus lange Schweif nach unten, -obgleich die Mücken an den Lenden saßen und soffen. - -Aufgestiegen, ihr Buben! Trudelchen, voran, neben den Vater gehockt und -die Peitsche hinten liegen gelassen! Die Bäuerin stand oben auf der -Treppe, stützte die Fäuste in die breiten Hüften und konnte den Mund -nicht zusammenhalten vor Freude. Nicht anders als ihr erging es den -dreißig Hühnern und dem Herrn Hahn, erging es den Gänsen, den Enten -und gar dem Hasenvater, der ausnahmsweise heute Häsinnen um sich herum -hatte, unter denen sicherlich etliche seine eigenen Kinder waren. Alle -Hühner saßen auf den Balken des Hages und hielten die Köpfe zur Seite -geneigt, um besser sehen zu können. Alle Gänse standen am Gartenzaun -beisammen, und wenn sie unter sich über ein ganz fernliegendes Thema zu -diskutieren schienen, so war das eine bewußte Täuschung: ihre kurzen -Blicke zum Gespann, gerade diese ablenkenden Blicke verrieten nur -zu deutlich, was in den reduzierten Gänsehirnen vorging! Gänserich, -es gilt nicht, wenn du in deinen Federn zu picken vorgibst! Alte -Stammutter, es gilt nicht, wenn du dich mit dem Fuß am Halse kratzest, -als hättest du einen Wasserfloh! Sie kratzt sich nämlich, -- das muß -gesagt sein -- nur, um unauffällig einen Blick zum Riesele werfen -zu können! Offen neugierig und ehrlich wie immer glotzten die Enten -mit beiden Augen hinter den breiten, biederen Schnäbeln hervor, und -ihr Enterich stand ganz nahe bei Rieseles linkem Hinterbein. Überaus -zierlich lag von diesem Beinchen weg ein Schatten überm zertretenen -Weggras, aber er verkroch sich alsbald in den größeren Schatten, den -der Leib der Mutter warf, und dieser große Fleck verschlang den ganzen -Schatten Rieseles, so daß nur ein Ohr noch daraus hervorragte. - -Seht es euch an, das Riesele! Ganz Ordnung, ganz straffes Bewußtsein -von Würde und Kraft, steht es da in Erwartung der Dinge, die kommen -sollen! Keiner von den kleinen, erdgrauen Hufen, die sonst so unruhig -sind, getraut sich, zu mucken, keins der Muskelchen, die sonst in -fröhlichem Gezwitscher an ihren Knochen umherzitterten, als hätten -sie einen Kitzel im Blut, wagt sich, zu wippen, obgleich sie eben, da -die Schnaken kitzelten, doch schon einmal tanzen dürften! Kein Haar -an Mähne oder Schweif, kein Ohr, keine Lippe, nicht einmal ein Auge -untersteht sich, sich zu bewegen! Ganz Ordnung, ganz Kraft, ganz Würde, -ganz Wille zur Wohlerzogenheit und Vollendung! - -Das Riesele, dessen seelische Regungen verträumt irgendwo -umherschweiften, so, als sei dieses Stillestehen schon eine große Tat, -schrak heftig zusammen, als der Bauer hinten aus dem Wagen rief: - -„Hü, voran!” - -Es war sogleich schon einen Schritt zurück und mußte schon laufen. -Es lief, und die Mutter nahm ihren Schritt kürzer; das Riesele aber -schoß voraus. Unsanft zerrte die Leine am Halfter. Nach drei Schritten -war Riesele wieder zurück, nach drei weiteren wieder voraus. Seine -Hinterbeine blieben nicht bei der Mutter; sie wandten seitab, und der -Kopf drückte gegen den Kopf der Mutter, die gewaltsam an sich hielt. -Ja, es geschah, daß das Riesele an seiner Leine riß, die Hinterbeine -nach vorn rennen ließ, so daß die beiden Pferdeköpfe fest aneinander -standen, und die Deichsel das Riesele arg bedrohte. - -Es wäre gern wieder zurückgeturnt an seinen Platz, aber es konnte -nicht! Die Mutter durfte nicht ausweichen, weil die Leine dies nicht -zuließ (sie selber hätte in diesem Fall fünf gerade sein lassen, wie -man so sagt, und wäre dem Drängen des Kindes auf den Kleeacker gefolgt, -diese Mutter!) und so blieb sie stehen, und Mutter und Kind sahen sich -hilflos an! - -Der Weg bog auf die breite Landstraße, und das war ein Glück! - -Es darf nicht verschwiegen werden, daß Riesele zur Seite der Mutter, -als nun die breite Landstraße verführerisch genug auch noch in den -Schatten des Waldes einbog, allzusehr geneigt war, Bocksprünge zu -machen, daß der Bauer Klaus, in der Meinung, diese Tollheiten würden -schon bei der zweiten Reise aufhören, allzu nachsichtig war (Gustav -dachte ein übers andere Mal für sich: bei seinen Kindern war er nicht -so gutmütig!) und daß auch die Mutter, eingedenk der eigenen Jugend dem -Gäulchen Freiheiten gestattete, die sie (und der Bauer Klaus und noch -viele Kläuse und wohl fast alle) vom Standpunkt ihrer Wohlerzogenheit -durchaus nicht mehr Freiheit nennen konnte! - -Eichenschälholz sollte geholt werden! Es saß in einer Schneise rechtsab -von der Straße im frischentblößten Schälwald. Die Schneise war -aufgeweicht, und schmutziggelbes Wasser stand in Lachen beisammen, und -Wasserschneider, Libellen und Stechmücken umschwirrten den Schmutz. -Vereinzelt warfen alte Tannen, riesige Eichen etwas Schatten über'n -Weg, und das Riesele scheute vor den Lachen, scheute vor den Libellen, -vor den gigantischen Bäumen, selbst vor den Schatten! Die Peitsche -schwirrte auf, aber die Peitsche machte die Unruhe noch größer und -verschwand wieder. Die Mutterstute begann schließlich auch zu bockeln -und kam nicht mehr von der Stelle. - -„Wart, Bürschele!” sagte der Vater, „du kommst mir wieder einmal mit, -Holz holen, bevor du übern Zaun gucken kannst!” - -Er stieg ab; auch die Kinder stiegen ab, das Riesele ward von der Seite -seiner Mutter genommen und neben im Wald an einen Pfahl, der zwei Meter -Schälholz hielt, angebunden. Allein mußte es hier zurückbleiben, ganz -allein, so sehr die kleine und die große Trudel auch flennen mochten. -Das Fuhrwerk schob sich tiefer in den Wald hinein und blieb an der -langen, leuchtenden Schälholzreihe halten. - -Riesele sah und hörte, wie die gelben Prügel aufgeladen wurden, wie -selbst das Mädchen eifrig bei der Arbeit war und sich nicht um seinen -Freund kümmerte. Es riß an seiner Leine: sie war stark! Sie war stärker -als das Riesele, aber der eingerammte Pfahl erbarmte sich und gab nach -und fiel schließlich um, so daß der Holzstoß zusammenrutschte. Niemand -hörte den Schall! - -Riesele sieht sich noch einmal um, weiß nicht recht, soll es zu der -Mutter laufen und zu ihren Peinigern -- oder soll es heimzu rennen? Es -rennt schließlich heimzu und schleift den Eichenprügel, der an seiner -Leine hängt, hinter sich her, den Prügel, der sich seiner erbarmt und -ihm die Freiheit gegeben hatte. - -Es lief nicht die Landstraße, die es hergekommen; querfeldein lief -es wieder wie ehedem, denn der ausgetretene Weg der Ackergäule und -der Ackerkühe widerte sein ursprüngliches Gefühl an, das eigene, wenn -möglich: verbotene Wege zu gehen wünschte! - -Da lag im Schatten eines alleinstehenden Buchengesträuchs Cornel, der -Hirt, und seine Schweine grunzten weitaufgelöst im warmen Schlamm, der -von blühenden Ginsterbüschen grell durchtupft war. Cornel hatte hinterm -Ohr eine Kuckuckslichtnelke stecken und las im Buch der Droste. Wie er -das Riesele kommen sieht, stützt er sich auf und sagt: - -„Na, Riesele, heute merkst du's noch, wie dir der Knüppel zwischen -den Beinen herumfällt! Morgen schon wirst du's nicht mehr merken, und -übermorgen, -- solltest du ohne deinen Knüppel laufen, wirst du schon -schreien: ‚Wo ist mein Knüppel, wo ist mein Knüppel?’ Ade, Riesele, -ade! Wenn ich dich von dieser Freiheit befreien könnte, gern tät -ich's, Riesele, ach so gern!” - -Das Riesele trat dicht vor seinen Freund hin; er löste die Leine von -dem Eichenholz, band sie fürsorglich am Halfter oben fest und sprach -tiefernst: - -„Was nutzt es dir, Riesele, daß ich dich jetzt ganz fragwürdig frei -mache? Deinem Schicksal kannst du nicht entgehen, es sei denn, daß du -gleich am Anfang deiner Laufbahn über deinen Knüppel stolperst, das -Bein brichst und stirbst! Riesele, Riesele, soll ich dir von deinen -Voreltern erzählen, wie die einst so glücklich waren?” - -Riesele mißachtete der Worte des Freundes und lief, des Prügels ledig, -davon. - -„Will halt nicht wissen, wie seine Voreltern glücklich waren,” sagte -Cornel für sich, und zu seinen Schweinen sagte er: - -„Seht ihn euch an, er läuft dahin im Segen seiner Freiheit!” - -Als Riesele heimkam, war der Hag verschlossen, die Stalltür zugeklappt, -die Scheune verriegelt. Es wußte nicht, was es tun sollte, und da es -am liebsten in seinen Hag gegangen wäre, streckte es den Kopf zwischen -den Balken hindurch und hob das Bein, konnte aber durchaus nicht -hineingelangen in sein Gefängnis. Schließlich starrte es den Weg hin, -den es gekommen, und da auch die Gänse nicht zu Hause waren und die -Enten nicht, und nur einige Hühner im Sand badelten, lief es unter -den Schuppen, wo die kleine, überdächelte Kutsche stand, und legte -sich zwischen die Deichseln der Schere, zu dieser auf den Boden. Es -ist nicht ausgeschlossen, daß es sich hier als ein erwachsenes Pferd -fühlte, dem man die Kutsche anvertrauen kann, daß es kühne Träume -hegte! Träume, wie sie Kindern eigen, die so gerne groß wären und so -gerne einen Beruf erfüllten! - -Die Mücken umschwärmten zwar das Riesele, setzten sich aber nicht auf -sein schwarzes Fell, und als die Holzfuhrleute heimkamen, sahen sie das -Riesele also liegen und freuten sich sehr. - - - - -VII - - -Indessen gewöhnte sich Riesele an die Deichsel und durfte schließlich -überallhin mit. Eines Tages wollte ein Fremder an den Bahnhof gefahren -werden. Der Kutscherbock war zweisitzig; der feine Herr kam, wie er -Riesele sah, aus der überdächelten Chaise hervor und setzte sich neben -den Bauer Klaus, um das Riesele genau beobachten zu können. - -Es lief erst züchtig, wie wenn es ziehen würde, neben der Mutter her -und nickte gleich ihr mit dem Kopf nach unten, als sei die Last gar -nicht so leicht, wie es scheinen mochte! Aber schon gleich auf der -Landstraße riß es an seinem Halfter, schob die Hinterbeine seitaus und -machte seiner Mutter große Beschwerden. Trudel, die Mutter, ließ sich -nicht beirren und vermochte immer wieder durch gütiges Zureden, das -den Menschen leider nicht erkennbar ist, den kleinen Burschen in Zucht -zu halten. Jedoch nie lange! Trudel selbst begann aufgeregt zu werden, -man sah ihr den Angstschaum am Maule stehen. - -Als das Riesele aber wieder einmal am Halfter zerrte und gar zu bockeln -anfing, sagte der Fremde zum Bauern Klaus: - -„Würden Sie mir einmal Ihre Peitsche und Ihre Leine anvertrauen? Ich -will mal meine Kunst probieren!” - -Er schnalzte ein seltsames Gezisch mit der Zunge, und sogleich stellte -Trudel die Ohren aufrecht, und sogleich drehte der Student die großen -Augen einmal zurück nach dem Kutscherbock und lenkte die Hinterbeine -ein. - -Die Leine straffte, die Peitschenschmicke flatterte hochauf. - -„Das ist ein seltenes Feuer, Herr, woher haben Sie es?” fragte der -Fremde. - -„Die Mutter brachte mir der Jude, das Kleine ist ein Gelegenheitskind: -der Vater war bei einer Seiltänzergesellschaft!” - -„Aha! Passen Sie auf!” - -Der Fremde sprang ab, besah sich der Stute Gebiß, griff ihr an die -Muskeln des Vorderbeines und tupfte dann mit dem Zeigefinger auf ein -Plätzchen über der Kniescheibe, worauf die Haut, wie wenn eine Mücke -dasäße, leicht erzitterte. - -„Sie ist ein braver Ackergaul, nicht? Sie hat zwar Qualitäten gehabt, -ist aber in falsche Hände gekommen und hat's zu nichts gebracht! Wollen -mal beim Kleinen sehen!” - -Er nahm Rieseles Kopf in die Hände, reckte ihn wie einen Rekrutenkopf -zu sich in die Höhe, schnitt mit dem Fingernagel hinter den beiden -Ohren zwei Halbkreise, und die beiden Ohren schlugen fast aneinander. -Er tupfte an den Knien herum, und die beiden Vorderbeine knickten ein, -und fast wäre Riesele hingefallen. - -Der Fremde sah den Bauern lange an, nickte und sagte: - -„Er ist wohl auch ein toller Bruder, was? Hören Sie, verkaufen Sie mir -den Studenten, ich bezahle ihn gut!” - -„Was soll aus ihm werden, Herr?” entgegnete der Bauer, „er ist -ein einfaches Tier, das weder große Kraft noch große Arbeitslust -haben wird. Anlagen hat er, ja, aber Anlagen zum Taugenichts, zum -Guckindieluft, und da er Sternkundiger wohl nicht werden kann, muß er -in stramme Zucht genommen werden für den Wagen!” - -„Es gibt außer körperlicher Arbeit und außer der hohen Wissenschaft -noch andere Dinge in der Welt, mit denen man die Menschen beglücken -kann, mit denen man schließlich auch sein Brot verdienen kann, Dinge, -die dem grauen Alltag ferne liegen!” - -„Soll er etwa das lebendige Spielzeug werden verwöhnter Fürstenkinder, -soll er Kinderschlachten schlagen helfen auf den umhegten -Spielplätzen, vor denen wirkliche Soldaten Wache stehen? Soll er den -Kopf senken vor den Herrschaften dieser Erde, wie wenn er ein Sklave -wäre gleich den meisten unserer Mitmenschen?” - -„Die Freiheit, Herr, steckt ihm zu sehr im Blut, als daß er sich hierzu -eigne! Er soll, in Freiheit dressiert, ein großer Künstler werden zum -Heil der Menschen!” - -„Ich seh mein Gäulchen meiner Treu schon auf dem Hochseil tanzen! Nein, -nein, wollten Sie gar einen Künstler aus ihm machen, gäb ich es erst -recht nicht her. Auch in meinem Haus wird mehr gelacht als geweint.” - -Riesele schritt indes züchtig einher, da die Schmicke der Peitsche über -seinen Ohren drohte und nicht verschwinden wollte! - -Am Bahnhof stieg der Fremde aus, nahm Rieseles Köpfchen zwischen die -Hände und sagte zu ihm: - -„Wir sehen uns wieder!” und zum Bauern sagte er: - -„Glücklich sein oder glücklich machen: was dünkt Ihnen am schönsten, -Herr?” - -Der Bauer sah dem Fremden in die Augen, wußte nicht, was er sagen -sollte, und wiederholte schließlich dieselbe Frage: - -„Glücklich sein oder glücklich machen? Ja! Ja! Glücklich machen, -natürlich! Aber was ist Glück?” - -„Hahaha!” entgegnete der Fremde, „Sie gehen mir schon wieder zu weit! -Zu tief, zu tief in die Erde, zu tief an die Wurzeln! Wir Menschen des -Kaiserreichs treiben gern oben auf dem Wasser unserer Zukunft entgegen, -leben über der Erde, wo die Blumen blühen und die Vögel singen!” - -„Verstehen aber die Blumen nicht und die Vögel nicht und haben -überhaupt die Wurzeln verloren! Nicht wahr?” - -„Möglich, Herr, möglich; aber wer die Wurzel nun einmal verloren -hat, wie Sie sagen, soll dem für die kurze Zeit, da seine Blüte noch -standhält, das Glück versagt sein?” - -„Das Glück wird ihm versagt sein müssen, denn Glück bedeutet: Wurzel -haben! Aber den Schimmer soll man dem Schimmer lassen!” - -„Den Schimmer soll man dem Schimmer lassen,” wiederholte spöttisch und -nachdenklich der staunende Fremde, und fuhr dann fort: „Doch genug der -leeren Worte: ich komme nach drei Wochen wieder und werde dann das -Riesele abholen! und wie gesagt: Sie werden keinen Schaden haben bei -der Sache!” - -Als der Vater zu Hause erzählte, was ihm begegnet war, öffneten sich -die drei kleinen Mäulchen und schlossen sich schier nicht mehr an -diesem Abend. Der Vater hatte beim Militär allerhand interessante -Stückchen gesehen: der Rittmeister war ein Narr gewesen: Kerle! sagte -er oft zur Schwadron, ich bin der Teufel! Ich liebe meine Frau nicht -und meine Kinder nicht: wie soll ich etwa euch lieben? Ein vollendeter -Narr war der Rittmeister! Dazu ein Pferdenarr, der neunzehn Reitpferde -besaß und sie dressieren konnte. Im Walzertakt ritt er an zum Appell; -Schottisch auf den Hinterbeinen konnten zwei seiner Gäule flott tanzen! -Einmal erschien er mit einem Rappen, dessen Hufe vergoldet waren, zum -Appell. - -„Vergoldet?” rief das Trudelchen, das in der Mutter Schoß lag, „und die -Hufeisen, waren die auch von Gold?” - -„Die waren natürlich auch von Gold!” erwiderte der Vater und erzählte -weiter, wie dieser Rittmeister einmal in einem Zirkus ganz plötzlich, -ohne daß irgend jemand zuvor davon gewußt hätte, angeritten sei mit -einem schneeweißen Hengst, wie er nur einfach rundum geritten sei, und -wie die Menge vor Begeisterung geschrien hätte. Alles habe geschrien -„Bravo, bravo!” und er, der Vater, habe mit seinen Kameraden zuerst -geschrien und zuerst geklatscht, und nachher hätte jeder drei Tage -Urlaub bekommen und zwanzig Mark! - -„Zirkus?” sagte die Mutter, „ja, wenn Riesele in einen Zirkus soll, da -weiß ich auch Bescheid! Doch will ich heut abend nichts mehr erzählen, -ich heb meine Sach auf bis zum Sonntag! Ja, wenn's Riesele in einen -Zirkus soll, da ging ich auch mit!” - -„Ich auch, ich auch!” versetzten die Buben und knöpften schon die -Hosenträger ab, und Trudel, die schon halb geschlafen hatte, rieb sich -die Augen und flüsterte: - -„Ich auch, Mutter, gelt, ich auch?” - -„Freilich, freilich, wir alle gucken, wenn das Riesele Walzer tanzt, -oder auf dem Hochseil läuft, oder wenn es dem König sagt, wie lange er -noch zu leben habe!” - -Nun wurden alle Tage zu Sonntagen, die Buben schnitten sich Degen aus -Holz, klebten Papierhelme, gürteten farbige Bänder um den Leib, und das -Mädchen tanzte, wo immer sie ging und stand. Die Mär, daß Riesele in -den Zirkus komme, wußte bald die ganze Jugend des Dorfes. Hüpfseile, -Springreife, goldige Schnüren, Soldatengerät aller Art tauchten auf, -und auch die Alten betrachteten das Tierchen mit den Augen ihrer -Komödiantentage, wie jeder Mensch sie mit sich durchs Leben trägt. Das -ganze Dorf begann inmitten der grauen Kartoffelernte zu leuchten im -zukünftigen Glanze des kleinen Riesele, und alle sagten: - -„Er hat sein Glück gemacht!” - -„Glücklich sein, ist nicht Glück,” sagte der Bauer Klaus zum Herrn -Pfarrer, „glücklich machen, das ist Glück! Oder wie denken Sie über -diesen Fall, Herr Paschtohr?” - -„Da ist nicht viel zu denken, Freund Klaus: wer sein Glück darin -findet, daß er glücklich macht, der ist wahrlich ein kleiner Heiland!” - -Als jedoch die drei Wochen herum waren und der Fremde wieder kam, da -wollte niemand das Riesele hergeben. Die ganze Stube war voller Kinder, -aber das Riesele stampfte ungestüm in seinem Hag, als wisse es, was -geschehen solle, und als wolle es möglichst rasch fort in den Zirkus. - -Der Fremde zählte zwei lange Reihen dicker Silbermünzen auf den -eichenen Tisch, der Vater überzählte sie, indem er mit zwei Fingern auf -je zwei tupfte und sie ein bißchen höher schob, und die Mutter hielt -die Daumenspitze zwischen den Zähnen. - -Die Buben liefen hinaus, wie sie das viele Geld sahen, und die Stube -leerte sich fast. Trudel trat betrübt zur Mutter, und als die Mutter -sie auf den Arm nahm, kollerten dem Kinde die Tränen aus den Augen, und -es sagte ganz laut: - -„Jetzt verkaufen wir das Riesele, wie die Brüder den Joseph verkauft -haben um dreißig Silberlinge; da hätten wir das Riesele doch Joseph -nennen sollen, wie's noch ganz klein war!” - -Die Mutter konnte die Tränen auch nicht verbeißen, sie sah den Vater an -und sagte: - -„Dreißig Silberlinge, sind's nicht auch gerade dreißig Silberlinge, -dreißig dicke Silberstücke, und dafür hat auch Judas den Herrn -verraten!” - -„Ja, willst du das Riesele behalten?” fragte der Vater. - -„Die Kinder, die Kinder!” antwortete die Mutter, „da guck hinaus, die -Buben führen's fort!” - -„Was die Buben tun, gilt wohl nicht!” sagte der Fremde, zog seine Börse -und legte drei Zehnmarkstückchen zu dem Geld, hob das eine wieder vom -Tisch auf, reichte es dem weinenden Trudelchen und sprach: - -„Hier, Kind, ein Füchschen für dein Räppchen, und das hier gibst -du deinen Brüdern! Hier, sieh genau hin, der Mann, der da im Gold -abgebildet ist, das ist der Kaiser!” - -Das Kind betrachtete die Münze und rief zum Fenster hinaus: - -„Gustav, August, kommt herein, ihr habt goldene Kaiser bekommen!” - -Sie kamen herein, und das Riesele ging, ohne seiner Mutter Ade gesagt -zu haben, von dannen, dem Zirkus des Lebens entgegen, den sich die -Menschen eingerichtet haben. - - - - -VIII - - -Der Fremde also führte das Riesele fort aus dem Paradies, am -Buchenwäldchen vorbei in das nahe Städtchen an den Bahnhof, wo Riesele -mit seiner Mutter schon einmal gewesen war. Die Kinder kamen wieder -gelaufen, weil gerade die Schule aus war, und sie stellten sich ans -Gitter des Güterbahnhofes, wo das schwarze Gäulchen auf den Zug warten -mußte, und sie winkten ihm, da es in den Bahnwagen trat, und riefen -seinen Namen, da sie es nicht mehr sehen konnten! Riesele blieb lange -Stunden im Bahnwagen, und als es heraustreten durfte, hing vor seinen -Augen ein ungeheures Licht, das langsam an einem Pfahl in die Höhe -geleiert wurde. Nun pendelte es hoch oben, und ringsum zuckten kleinere -Lichter auf, die Sperre schnurrte zurück, und Riesele schritt hinaus -in den Abend und stapfte neben dem Manne her über eine große, flache -Wiese, einem unheimlichen Hage zu, zwischen dessen Gebälk unabsehbar -Gäule weideten, schwere Kerle, deren Köpfe sich nicht vom Grasboden -erhoben. - -Riesele brauchte nicht in einen dieser Hage; es wurde in einen Stall -geführt, der ganz weiß getüncht war. Hier verbrachte es die erste Nacht -in der Fremde. - -Gleich am Morgen kam ein Mann in einem langen, weißen Kittel, der -streichelte an dem jungen Körper herum, und dann kamen zwei andere -Männer, die legten Riesele aufs Stroh nieder, und dann spürte es einen -heftigen Stich in der linken Flanke, daß es ausgeschlagen hätte, wenn's -ihm möglich gewesen wäre. Es konnte mit keinem Muskel zucken, so fest -hielten die Männer das Riesele, und als sie es freigaben, wollte es -sich nicht bewegen, so müde war es geworden. Es lag da, eine weiße -Schnur war um seinen Leib gewickelt, und vor seinem Munde stand ein -Napf mit Milch, den es aber nicht berührte. - -Es trank indes gegen Abend doch die Milch, und am nächsten Morgen hatte -es sogar Lust, sich auf die Beine zu stellen, stellte sich auch und -fraß frischen Klee, und schon am andern Tag kam der Mann im weißen -Kittel wieder und wickelte den Verband ab. Riesele war also wieder -gesundet von einer Krankheit, die ihm zu Hause hinter seinen Bergen -sicher erspart geblieben wäre. - -Es durfte aus dem Stalle laufen, es durfte die großen Gäule besuchen -an deren Hag, es durfte den Kopf hineinstrecken zu den Großen und ward -geliebkost wie von seiner Mutter. - -Eines Tages entdeckte es in einem der letzten Hage ein Füllen, das an -der Brust seiner Mutter trank. Dieses Füllen trank noch an der Brust -seiner Mutter, obgleich es viel größer war als Riesele. Riesele wollte -durchaus nicht etwa mit ihm trinken: es hatte nur seine Freude an dem -großen Säufer und dünkte sich sehr erwachsen. Jeden Tag trieb es sich -bei Mutter und Kind umher, bis ein Wärter ihm gar die Tür aufmachte und -es hineinlaufen ließ. - -Hier im Schatten einer Mutterliebe verbrachte Riesele die nächsten -Wochen seines Lebens, bis der Winter kam. Die Mutter hatte genug Liebe -und verschenkte davon an das Riesele, soviel sie konnte, und Riesele -wuchs mächtig heran! So sehr es sich aber im Wachsen beeilte: das -kleine Mutterkind blieb größer! Es konnte seinen Kopf auf die dritte -Querstange des Hages legen, aber Riesele konnte das nicht! Riesele war -klein, Riesele war ein Zwerg gegen dieses Füllen, Riesele konnte sich -strecken, soviel es wollte, aber es blieb klein. Trotzdem, wenn es auch -kleiner war als der Säugling, so war es doch stärker als dieser, und -sein Benehmen glich viel eher dem eines gesetzten Burschen. - -Von Tag zu Tag glänzte Rieseles Haut mehr, seine Haare stellten sich -dichter, da der Winter weiß auf den nahen Bergen hockte, die Blesse -leuchtete etwas über den Augen, und in den Augen erschien ein seltener -Glanz, der alle, die kamen, über die Maßen entzückte. Zugleich schossen -die Haare des Schweifes tief hernieder und berührten fast die Hufe, die -Mähne zottelte sich in weichen Kräuselwellen am Halse herab und fiel -über die Schulterblätter, und die Stirnhaare wuchsen bis zur Blesse und -hörten auf zu wachsen! - -Rieseles Rücken blieb schmal, seine Brust wollte sich nicht breit -auseinandertun, entfaltete sich zwar, blieb aber trotzdem schmal und -zierlich. Seine Schenkel wulsteten sich nur kaum merklich hervor. -Dennoch, obwohl die Muskelstärke nicht so sehr zutage trat wie bei -Füllen, die für den Strang geboren sind, machte sich in diesem kleinen -Körper ein reges Spiel der zarten Kräfte bemerkbar, das den Kenner und -noch mehr den Menschen, der in dem Spiel der Muskeln das Leben sieht -und die Schönheit und, was alles dahinter sich versteckt, höchlich -entzücken mußte. Wenn die beiden Kinder miteinander spielten, so -tolpatschte das größere, das jüngere, hierhin und dahin, ungelenk und -steif und stieß bald an den Stangen an und rannte gegen die Mutter, und -einmal warf es sogar das Riesele um auf den Grasboden, daß dem Riesele -fast die Tränen kamen. - -Dieses aber bewegte sich ganz anders! Die geringe Last seines Körpers -schnellte, von den Vorderbeinen aufgewippt, überaus leicht und -zierlich und anmutig den Rücken hernieder in die Hinterbeine, so daß -die Vorderbeine sich fröhlich in der Luft ergingen, so daß die lange -Zottelmähne umherwirbelte, der Kopf sich aufreckte, sich vor Uebermut -schüttelte, so daß die Zähne hervorblitzten und die Ohren in der -Luft herumstachen, wie wenn sie Fliegen schlagen wollten! Die geringe -Last des Körperchens turnte in die Vorderbeine, daß die Hinterbeine -befreit waren, daß die Hinterbeine nach allen Seiten ausfeuern konnten, -als seien sie die schlimmsten Pferdebeine der Welt, daß sie aber nur -fortgesetzt und immer wieder Löcher in die kalte Herbstluft schlugen. - -Die Kraft, die sich in dem kleinen Körper regte, war durchaus nicht -klein und wollte vertobt sein! Ein Spatz, der sich aufs Geländer des -Hages setzte, eine Mücke, die heranflog, das Riesele zu stechen und von -seinem Blut zu trinken, ein verspäteter Schmetterling, der irgendwohin -flatterte und an Riesele zufällig vorbeikam, sie alle reizten des -Riesele junge Kraft wie echte Feinde, und jeweils stürzte sich der -kleine Mann auf das harmlose Tierchen los, der große Säugling tat dann -auch mit, und wenn der Spatz endlich den Hag verlassen, wenn der -Schmetterling sich weiter in die Höhe geschwungen, wenn das Bienlein -das Weite gesucht hatte vor solcher Turnierwut, so gerieten die zwei -Kleinen sich an die Köpfe und bissen sich gegenseitig in die Hälse, -in die Kinnbacken, gar in die Ohren, und sie feuerten aus, trafen -sich aber niemals! Der Säugling war ungelenk; sein Körper wartete -noch auf größeren Kräftenachschub, war aber schon für diese größeren -Kräfte einstweilen eingerichtet und stand oft breitbeinig da wie das -hölzerne Pferd der Trojaner, das auch auf allerhand Kraft warten mußte. -Riesele dagegen wußte mit sich umzugehen! Es konnte, wenn eine Fliege -an seiner Brust saß, den Brustmuskel erzittern lassen und brauchte -vor dieser Fliege nicht fortzulaufen wie sein Milchbruder! Es konnte, -wenn der Bauch juckte, den Schweif herschwingen, oder es konnte den -Kopf so weit zurückbiegen, daß es sich am Bauche schaben konnte, mit -den Zähnen beißen konnte, daß es den Vorderhuf oder auch den Hinterhuf -heben konnte und dabei nicht achtzugeben brauchte, ob es umfalle, wie -der große Kleine! Er war wirklich einmal umgefallen, der Säugling: er -wollte es dem Riesele gleichtun, wie es sich am Hinterschenkel biß, er -drehte sich da oftmals im Kreise, und der Schenkel drehte sich auch -und entlief dem Maule immer wieder im Kreise herum. Blieb endlich -das Hintergestell an seinem Platze, so reichte der Hals nicht, d. h. -gereicht hätte der Hals schon, aber er war zu steif, als daß er sich -genügend gebogen hätte. Da nun in dem zukünftigen Ackergaul offenbar -ein Stück Ehrgeiz rumorte, überspannte er den Bogen seines Halses und -knackte um. Da lag er nun! - -Diese Umbiegung, daß der Kopf sich dem Schweife näherte, war seitdem -Rieseles liebstes Spiel, und dies Spiel sah sich köstlich an: die -dünnen Rippen preßten sich am schwarzen Bäuchlein hervor wie mit -dem Silberstift getönt, der Hals erglänzte längs der Rundung, die -Mähnenspitzen ergossen sich über den gestreckten Kopf, und der ganze -Körper ruhte gefestigt in dieser Stellung wie in Erz gegossen. Da -mochte denn der braune Ehrgeiz nicht mehr von den Stangen des Hages -weggehen und schabte, ob nicht bald die ersten Zähne kommen wollten! - -Indessen: es wurde kalt, das ganze Gestüt ward abgebrochen, und Riesele -kam in einen Stall. - -Schon am zweiten Tage erschienen etliche Männer in dem Stall. Sie -besahen sich die schweren Gäule, und plötzlich kommt einer der Männer -auf Riesele zu und sagt zu den übrigen: - -„Hier, staunt: brauchen wir denn nicht auch einen Dauphin? Er ist zwar -von Haus aus ein Mädchen, aber was verschlägt's?” Er sagte das etwa -so, wie ein Theatermann einen jugendlichen Liebhaber sucht oder eine -Heldenmutter oder eine komische Alte! - -Alle kamen zu Riesele her; alle besahen, befühlten, betätschelten -Riesele, und Riesele stand da inmitten ihrer Lobpreisungen und -spielte mit den Nüstern und spürte die vielen eingehenden Blicke wie -Liebkosungen an sich umhergleiten. Seine Blesse ward gestreichelt, -seine Ohren wurden gezerrt, seine Augen wurden mit einem kleinen -Kerzenlicht beleuchtet, ob sie gesund seien, seine Lippen wurden -wiederholt auseinandergenommen, seine Zunge herausgeholt, seine Zähne -betickt mit einem blanken Schlüssel! - -Riesele und mit ihm ein überaus starker Hengst, der auffällig rot -gesprenkelt war, diese zwei mußten aus dem Stalle treten und wurden am -selben Tage fortgeführt ans Bahnhöfchen. - -Während der langen Fahrt freundeten sich die beiden Pferde an, und -der große Hengst, der seine Nüstern oben am Viehwagen hinausstrecken -konnte, was dem kleinen Riesele versagt war, schurfte mit seiner Nase -oftmals an Rieseles Hals herum, als wolle er dessen Kopf hinaufziehen -an das breite Luftloch. Aber Riesele war doch zu klein! Es legte sich -auch einmal nieder, streckte die vier Beine von sich und streckte die -Beine unendlich weit aus und wuchs zusehends. Auch den Kopf reckte es -von sich, und wenn das garstige Halsband nicht gewesen wäre, das an der -Eisenstruktur festgebunden war, so hätte Riesele ein Stündchen oder ein -Viertelstündchen geschlafen. - -Der Fuchs konnte sich nicht legen: er hatte Hufeisen an, die schon -recht glatt abgelaufen waren, und so oft er's auch versuchte, glutschte -er und schnellte vor Aufregung, vor Angst immer wieder in die Höhe. - -Ungeheure Schenkel hatte dieser Gaul! Ueber den Knien wulsteten -die Muskeln hervor wie Halbkugeln, und dann begann eine Fülle von -gestrafftem Fleisch sich hinaufzubiegen, die in ihrer Fuchsröte den -dunklern Schweif, der sehr kurz und zerfranst war, fast völlig in -sich einbettete. Beinahe etwas zu wenig dick zog der Bauch nach den -Vorderbeinen hin, gleichmäßig rund wie eine Walze, und vom rechten -Vorderbein her ästelte eine Ader, dick wie ein Bauerndaumen nach -oben und unterm Bauche her. Unten erhöhte sich das Rot zu einem -überschmutzten Weiß, das sich gegen die Brust ergoß und zwischen den -Beinen auf den stets federnden Brustmuskeln sich wieder verlor. Gerade -wie Don Quichotes Beinschienen strafften die Muskeln dieser Vorderbeine -nach unten, mehr Sehne als Muskel, von keinerlei Fettansatz verhunzt, -von keinem warzigen Auswuchs verunstaltet, und die Hufe breiteten sich -unter dem schmalen Zehengelenk, das scheinbar schwach aussah wie ein -Brückenbogenaufsatz, kurz, straff, gepackt und fast rechtwinkelig zur -Erde. Ueberaus zierlich standen diese Hufe da, kaum größer als die des -Riesele. - -Riesele aber hatte seine Freude an des Fuchses Hals! Es konnte und -durfte mit seinen Lippen über die blanke Glätte hintasten, es konnte -und durfte längshin die Rinne beschnuppern, die sich von der Brust -bis an die Backen des Kopfes erstreckte, es konnte und durfte an -der kurzen Mähne, die bald nach links, bald nach rechts äußerst -zerzauselt herabhing, mit den Lippen, mit den Zähnen, mit der Zunge gar -herumschmecken. - -Riesele merkte bald, wie der große Freund Freude hatte an den -kindlichen Schmeicheleien! Es schmarotzte auch an seinem Kopf herum: -es biß mit seinen Milchzähnchen an den festen Nüstern, es leckte -gar an die Zähne hinein, es schabte mit der Nase seitlich an die -sehnigen Backen, wo Aederchen zitterten aus Zorn über die harten -Halfterriemen, die da angeschnürt waren. Ha, wenn der Große den Kopf -herniederbog, wenn der Hals hinter den Kinnbacken sich einfältelte -wie ein Kinderkleid, ha, da boten sich dem Kleinen zwei Lichter dar, -links eins, rechts eins, zwei Börnchen lebendigen Wassers, zwei -wogende Schalen, in denen Kraft und Uebermut und Liebe und Schönheit -fluteten, daß es dem Kinde angst und bange ward und warm ums junge Herz -und bockelig vor Freude. Von der Stirn her quirlte ein angeknäulter -Haarschopf gegen die Augen, die er aber nicht verdecken konnte, und die -aufgespitzten Ohren hatten Mühe, sich aus diesem Quirle zu erheben. - -Was für eine seltsame Freude war das doch in Rieseles Herz! - -Aneinandergekoppelt schritten die zwei ungleichen Gesellen quer durch -eine große Stadt und beschlossen ihre Wanderung an einem grauen Zelt, -das neben anderen größeren Zelten auf einer Wiese stand. Kinder liefen -an gelbgestrichenen Wagen umher, lüfteten die Zelttücher und sahen -hinein, und Hunde bellten an ihnen herum, bissen aber nicht! - -Die beiden Freunde mußten ein Weilchen warten, bis sie hinein durften -ins Zelt. Sie standen vor einer Reklametafel, die ganz bedeckt war mit -buntigen Tieren, mit Pferden, Tigern, Löwen, Elefanten und mit drei -ganz kleinen Gäulchen, die Ball miteinander spielten. Sie besahen beide -diese Herrlichkeiten! Der Fuchs regte sich nicht; selbst die vielen -Kinder, die sich um sie herstellten, ließen ihn nicht aufmerken! - -Ein kleines Mädchen scheuchte mit seinem dicken Muff nach des Fuchses -Kopf, aber der Fuchs verzog keine Miene. Starr hafteten seine Augen an -den grellen Farben der Holztafel. - -Riesele aber konnte die Ruhe nicht bewahren! Sei es, daß die Kinder -das kleine Gäulchen verwirrten, da sie ohne jede Scheu seinen Hals -streichelten und seinen Rücken, sei es, daß das Kerlchen von dem, was -auf der Tafel dargestellt war, ein Ahnen hatte, eine Lust, mit den -drei Kleinen zu spielen, eine Ungeduld, hier angekoppelt sich begaffen -lassen zu müssen! - -Eine Sacktür öffnete sich! Riesele ward hineingezogen, der Fuchs kam -hinter ihm drein. Warm war's hier, es roch nach Pferden, aber auch nach -anderen Tieren! Löwen lagen hinter starken Gittern, ließen die Pranken -heraushängen und blinzelten mit den Augen. Ein alter Affe lauste sein -Junges. Und weiter hinten erst standen die Pferde! Ein Junges soff an -seiner Mutter, etliche ganz kleine Gäulchen lagen wie Geschwister auf -einem Häufchen und pflegten der Ruhe. Das Allerkleinste, viel kleiner -als Riesele, war weiß und hatte hellrote Flecken am ganzen Körper. Die -drei auf dem Häufchen sahen, ohne die Köpfe zu erheben, den Ankömmling -an. Dieser verspürte Lust, mit ihnen zu spielen, und strebte nach -ihrem Verschlag, mußte aber etwas weiter zurück in dem Stall. Der Fuchs -hatte schon seinen Platz bei vielen Gäulen gleicher Größe, doch schien -er stärker als alle. - -Es dauerte nicht lange, so gab's reges Treiben im Stall. Eine Dame -brachte den Löwen Fleisch und streichelte sie und nannte den einen -Mäuschen, den anderen Herzblatt, den dritten Rapunzel, den vierten -Kasimir Edschmid. Burschen kamen, sattelten, äußerst bunt, etliche -der großen und alle die kleinen Pferde, und eine Mannsstimme rief -irgendwoher: - -„Dahinten liegt ein Paar Schuhe; wem gehören die denn?” - -„Sind's weiße?” rief eine blecherne Frauenstimme dazwischen, und die -Mannsstimme entgegnete: - -„Nein, rote!” - -„Die sind mir!” krischen etliche Weiber, und zwei liefen durch den -Stall, die eine mit nackten Beinen, die andere ohne Bluse überm grünen -Seidenhemd. - -„Entree!” ertönte es, eine Peitsche knallte. Die Burschen, die alle -schmutzig gekleidet waren, schoben fast alle Pferde nach dem Eingang. -Die kleinen hatten grüne Lappen auf den Rücken liegen, die von -gelbglänzendem Lederzeug festgehalten wurden. Schellen rasselten an dem -Lederzeug! - -Riesele stand! Riesele streckte den Kopf vor und scharrte mit dem Huf -im Mist und riß an seiner Kette. Der Hengst lag und schnaufte. - -„Entree!” rief eine dunkle, aber hellgestellte Stimme wieder. - -Man schwang sich in die Sättel! Männer, als Empiresoldaten verkleidet, -Frauen als Empiresoldatenmädchen verkleidet, schwangen sich in die -Sättel. Lanzen ragten auf, Helme blinkten, Fähnlein hingen züchtig an -den bunten Stangen. Zwei rotgefärbte Reiherfedern schnitten quer durch -die Lanzenstangen; ganz hinten trippelte das winzige Schimmelchen, -nicht größer als solch eine Feder. - -Nein! Riesele durfte nicht mit! - -Ein Vorhang hob sich, Trompeten erschollen, der Zug schob ab ins -Entree! ... Was zurückkam, jubelte, wieherte, knirschte mit den Zähnen -vor Lust; was zurückkam, stand begierig, wieder fort zu dürfen, hinaus, -in die Manege, in die Herrlichkeit des großen Lebens, die Herren -Menschen zu ergötzen! - -„Tableau!” schrie hell die dunkle Stimme; die Pferde reckten sich schon. - -Riesele, der Fuchs, das Füllen und seine Mutter blieben zurück, sonst -niemand! Nicht einmal nach dem Vorhang durfte Riesele gehen! Was mochte -sich da draußen abspielen?! Auch der Fuchs schlief nicht, sondern sah -nach dem Vorhang. - -Sie kamen schon wieder, die Pferde; sie wurden umtätschelt von den -überaus lustig gekleideten Menschen, und eine Dame turnte auf den -Rücken ihres Gaules und legte die Wange an den Hals des Tieres und -sagte: - -„Dat war aber mal eine leckere Chose, Schatz!” - -Sie küßte das Pferd, dessen Augen rundum frohlockten. Riesele sah dies -genau. - -Ein Bursch schlug einem anderen Burschen, der eine dünne, lange Röhre -schräg vom Kopf abragen hatte, ins Genick: er purzelte. Auch der erste -purzelte, und so kamen sie auseinander, jeder zu dem Pferd, das er -zu bedienen hatte! Die Löwen wurden in ihrem Käfig hereingezogen, -die Dame, die bei ihnen am Gitter stand, trug einen Lorbeerkranz im -Haar. Sie schillerte von glänzenden Steinen wie ein Heckenrosenstrauch -im Juniregen. Ganz zuletzt erschien ein niedriggebautes arabisches -Vollblut, das trug gesenkten Kopfes einen mächtigen Eichenkranz, der -mit goldenen Schleifen durchwirkt war, um den Hals. Ein Mann im Trikot -schritt neben ihm, nahm von einem Nagel im Pfosten drei schwere, -silberne oder bleierne Ringe und streifte sie sich an die Finger. - -Ein jeder sang, pfiff oder trillerte vor sich hin; alle Tiere, die -draußen waren, sangen, pfiffen, oder trillerten vor sich hin. Was, um -des Himmels willen, mochte draußen alles geschehen sein! - -Riesele sah auf einmal dauernd zu dem Freunde hin, und auch dieser -spitzte die Ohren und starrte zu Riesele her, als wünsche auch er -Auskunft! - -Mit einem Schlage jedoch verlöschten die Lichter, Riesele legte sich -nieder und schlief ein, in Erwartung der Dinge, die seiner harrten. - - - - -IX - - -Am nächsten Morgen schon um zehn Uhr begann die Hauptprobe in der -Manege, und Riesele sowohl als auch der Fuchs, der Wallenstein genannt -ward, durften einmal an den Vorhang treten, um hineinzusehen in die -Manege und mußten dann auch wirklich hinein. Sie wurden an einen -Zeltpfahl angebunden. Ein Pferd lief dauernd an einer Leine im Kreise -herum. Unten im Sand bewegte sich manchmal etwas wie eine dünne -Schlange und blieb wieder ruhig. - -„~Changez!~” rief der Direktor, und der Gaul lief in entgegengesetzter -Richtung den Kreis der Manege. Eine Peitsche zuckte auf, warf in eine -entfernte Ecke einen Knall und sank wieder in den Sand: diese Schlange -war eine unendlich lange Peitsche! - -„Komm zu mir, Prinz!” sagte der Direktor gutmütig, äußerst gutmütig, -und der Bruder kam in die Mitte und wurde liebreich getätschelt. - -Riesele ward unruhig: es wäre auch gern im Kreise gelaufen, hierhin und -dorthin, wie der Herr Direktor es gewünscht hätten, ja, und es wäre -auch gern so geliebkost worden! - -Aber nun rief der Direktor nach anderen Pferden, und sieben an der Zahl -surrten aus dem braunsamtnen Vorhang in die Manege. Sieben Pferde, groß -das erste, klein das vierte, winzig das letzte, viel, viel kleiner als -Riesele. Sie liefen im Kreise, streng der Größe nach hintereinander. - -„~Changez!~” - -Sie schnitten mitten im Sand an der Peitsche vorbei und liefen -wieder, -- endlos schier wechselten sie die Laufrichtung. Die kleinen -Bürschlein konnten ihren Platz nicht finden, da mußte die Peitsche -helfen! Aber die Peitsche machte mehr Lärm, als sie wirklich strafte! -Sie tippte manchmal einem der Kleinen um die Ohren, um die Füße, und -sogleich wußten sie, ihre Plätze wieder zu finden. - -„Hierher, zu mir!” erschallte plötzlich die Stimme des Direktors, und -sogleich bog der Große zur Mitte, und die ganze Familie folgte ihm; da -standen alle nebeneinander, Lende an Lende. - -„Miezi, Miezi, wo steckst du denn?” - -Das Kleinste tat einen Schritt nach vorn, und im selben Augenblick -knallte die Stimme: - -„~À genoux!~” - -Alle fielen auf die Knie, mühsam zwar, doch rasch und fast gleichmäßig! -Nur Miezi kam nicht herunter. Die Peitschenspitze züngelte herbei; -trommelte an den Schienbeinen des kleinen Gäulchens umher, unausgesetzt -wie Spechtgehämmer, aber das Kleine konnte nicht herabkommen. Es sank -zur Hälfte und strauchelte und sprang wieder auf. Die Peitsche knallte -heftig. Die anderen Tiere konnten aber solange nicht auf den Knien -liegen und turnten auf. Wieder erschallte die erregte Stimme: - -„~À genoux!~” - -Glatt sanken die sechs Tiere, und Miezi blieb unterwegs hocken; die -Peitsche trommelte. - -„~À genoux, à genoux!~” trommelte die Peitsche von weit her, wo der -Direktor stand. Sie trommelte wider die Beine, wider die Knie, sie -kletterte an Miezi empor, bis an Hals und Augen, sie tickte an seine -Ohren! - -Plötzlich aber flog die Peitsche seitab in den Sand, die sechs größeren -Tiere bogen nach dem Ausgang und durften hinterm Vorhang verschwinden, -und nur Miezi blieb zurück! - -Der Direktor bekam eine kurze Lederpeitsche, einen Riemen eigentlich, -und trat zu den zwei Neulingen, zu Riesele und seinem Freund, hielt -diese Peitsche steil vor deren Augen und sagte: - -„Die Wünschelrute! Die Wünschelrute der Ordnunk, der Schönheit und -alles Glückes!” - -Er lachte dazu, und seine Augen und sein Mund verschwanden in einem -Gemisch von tiefen Falten, die wie in Leder gezogen sein Gesicht -zergeißelten. - -„~À genoux, à genoux, à genoux!~” schrie er, indes er sich -Miezi näherte, die unbeweglich stehen blieb, obwohl sie doch -lieber fortgelaufen wäre! Er faßte ihren linken Vorderfuß, ihren -Unterschenkel, bog ihn mit aller Kraft zur Erde, zog und drückte -zugleich das winzige Körperchen nach unten, das willig folgte, wenn -auch der Kopf ängstlich sich aufreckte, wie bei einem Kind, das man in -den Fluß taucht. Ganz sachte berührte schließlich das zierliche Knie -den Sand, und der Dresseur tat seine Hand weg. Jedoch sogleich federte -Miezi in die Höhe. Aeußerst in Liebe ließ er die kurze Peitsche an -seiner freien Hand herabhängen, streichelte den Unterschenkel wieder, -sagte: - -„Miezerl, Miezerl, Schnuckerl!” und bog und drückte wieder sanft und -bestimmt nach unten. Wieder setzte Miezi keinen Widerstand und sank -herab, indes ihr Kopf sich aufreckte. - -„Muß ich den Kadett wieder durch den Kakao schleifen!” knirschte der -Direktor. - -Riesele stand an seinem Balken, straff alle Muskeln angespannt, und -rührte sich nicht. Doch als Miezi wieder aufschnellte, zuckte es heftig -zusammen wie von einem Schlag erschreckt. Der Fuchs regte sich nicht; -er zerrte bisweilen an seiner Leine, um an einer Stuhllehne, die vor -ihm stand, zu knuppern. - -Der Dresseur aber nahm nun die kurze Peitsche in die andere Hand und -schlug zweimal auf Miezis Rücken. Wieder schmeichelte er, wieder bog -und drückte er den willigen Fuß zum Sande, wieder entfernte er die -helfende Hand, und Miezi sprang auf. Wieder zuckte die Peitsche auf, -aber diesmal legte sie nicht zwei Schläge auf den Rücken, sondern -klatschte an die Seiten, an die empfindlichen Seiten, und das kleine -Ding blieb stehen, ohne sich zu regen und ließ sich peitschen, und nur -die Haut zuckte erschüttert nach den Hieben. - -Riesele streckte den Kopf lang vor sich aus und schüttelte ihn. - -Die Qual in der Manege begann wieder. Diesmal wollte sich das Knie -nicht so bereitwillig beugen lassen, schien schon vor der umfassenden -Liebkosung der Hand sich wehren zu wollen und gab erst nach, als ein -Faustschlag es zwang. Die Augen des Dresseurs hoben sich von unten -herauf zu Miezis Augen, und Miezi erkannte vielleicht die vielen Ruten -in dem verhaßten Gesicht und streckte das halbgebeugte Knie wieder. -Da ließ sich der Dresseur auf seine beiden Knie herab, schlug mit der -kurzen Peitsche hinauf gegen Maul, Nase und Ohren, und das Tierchen -hob sich auf die Hinterbeine, und seine überaus kindlichen Vorderhufe -schwebten über des Dresseurs Schultern wie Trommelschlägel. Dieser -zuckte auf, als seien diese Hufe gefährlich für ihn und schleuderte das -Körperchen rücklings von sich, so daß es überstürzte und platt auf den -Rücken plumpste! - -Er stand, der Dresseur! Er schwang die kurze Peitsche hochauf, er ließ -sie niedersausen auf den sich darbietenden Leib, holte mit dem Fuße -aus und schlug den Fuß, der mit schweren Schuhen bekleidet war, dem -kleinen Gäulchen in die Rippen, daß der leichte Körper ein Stückchen -davonrutschte im Sand. Nochmals bohrte sich dieser Fuß in die Seiten, -und der Ruck, den er verursachte, ließ das Tierchen aufspringen auf -seine vier Beine. - -Schaum spritzt von dem Pferdemund gegen den Dresseur, und dieser faßt -das dünne Halfter, rafft alles Geriem zusammen in seiner großen Hand, -zerrt Miezi etwas zu sich heran, murmelt vor sich hin: - -„Junk, Junk, du hast keene Ahnunk nisch!” und faßt die Peitsche fester. -Sein Mund sprudelt über, indes er zu schlagen beginnt: - -„Ein Lama biste nisch! Nisch? biste Lama, das speecht? Nee! Nee! -Scheeler Minister!” - -Und dann, da die Hiebe rascher niedersausen, kreischt er unausgesetzt -zur Musik der Hiebe: - -„~À genoux! À genoux! À genoux!~” - -Man weiß nicht, wer die Laute schreit, ob der Mund des Dresseurs sie -klatscht, ob die Peitsche den französischen Laut zischt! - -Riesele streckte den Kopf steil in die Höhe und schrie. Der Direktor -kam daraufhin zu ihm her, ließ unterwegs die Peitsche fallen, holte aus -der Rocktasche ein Stück Zucker und hielt es Riesele hin, und indes -Riesele das Stück nahm, streichelte er über seinen Hals und sagte: - -„Recht so, recht so, du wirst einmal besser, nisch?” - -Und dann legte er seine überschweißte Wange an Rieseles Wange und sagte -liebreich: - -„Dauphäng, Dauphäng!” - -Miezi rührte sich nicht; Schaum stand vor ihrem Munde. - -„~À genoux, À genoux!~” trällert der Direktor wieder und kommt näher zu -Miezi, hebt die Peitsche auf, bückt sich, erfaßt den Unterschenkel und -läßt sich auf ein Knie nieder. - -„Rudolf herbei!” kreischt er. - -Aus der Reihe von Burschen, Männern und Mädchen, die da umherstehen und -gucken, springt einer in die Manege und wirft die Zigarette von sich. -Er trägt eine kurze Peitsche mit sich und stellt sich mit gespreizten -Beinen neben seinen Direktor und neben Miezi. - -„~À genoux!~” schreit dieser wieder, und Miezi hebt gefällig den Huf in -die hingehaltene Hand, gibt bereitwillig dem Druck und dem Zug dieser -Hand nach und senkt den vorderen Körper zur Erde herab. Jedoch, da das -Knie den Sand berührt, zuckt der Kopf auf, und das ganze Körperchen -zuckt mit. Rudolf, der Bursche, reißt einen Schlag über diesen Kopf, -daß Riesele zusammenzuckt und an seiner Leine zerrt. Umsonst, der Kopf -Miezis turnt weiter, aber das Knie ruht fest im Sand, fest in der Hand. -Einen Augenblick ruht auch der Kopf, und: - -„Brav, brav!” ruft der Direktor, „so ist's brav, Miezi!” - -Ueber des Tierchens Kopf steht ein kleiner, dreispitziger Stahl aus der -Hand Rudolfs herab. Berührt fast die Haut zwischen den Ohren! - -Festgeklemmt zwischen Hände, Peitschen, Stahl und Menschenwillen, steht -Miezi und rührt sich nicht mehr. - -Die Hand des Dresseurs will sich unten vom Schenkel lösen. - -„Miezerl, Miezerl, liab Dingele, Zuckerle gibt's, Zuckerle! So isch's -brav, liabs, so isch es liab!” - -Miezi aber wird, da die Finger sich lösen, unruhig, der Kopf stößt, -stößt in die drei Stahlspitzen, das ganze Körperchen wirft sich auf, -der Dresseur fällt um, Rudolf haut mit Fäusten drein, Miezi stürzt über -den Dresseur, wird hinweggerissen, rast, den Dreizack in der Stirn, -nach dem Ausgang, wo die Knechte stehen, und wird dort aufgefangen und -auf Armen zurückgetragen zu seinen Quälern. Rudolf reißt den Stahl aus -der Haut und steckt ihn ein, der Direktor hebt die beiden Fäuste über -sich, als schleppe er einen Felsen, und geht so auf Miezi los, und in -seinem Antlitz schwirren die Lederriemen umher. - -Ein Strömlein roten Blutes sickert Miezi über die weiße Nase herab. - -Der Direktor achtet nicht darauf, er streckt die Hände aus, Rudolf -reicht ihm die Peitsche, er flüstert für sich: - -„Immer feste druff! Immer feste druff!” Er sagt laut zu den Umstehenden: - -„Jibt man ihm seinen Hafer ~pour~ nisch?” - -Die Sklaven lächeln im Chor: - -„~Pas du tout!~” und: - -„Nur die Ruhe kann es machen!” sagt der Dresseur und nähert sich Miezi. -Er spreizt die Beine, stößt sich die Fäuste in die Hüften, beugt den -Oberkörper gegen Miezi und spuckt ihr ins Gesicht, hebt den Zeigefinger -weit übern Kopf, wirft ihn nach dem Ausgang zu und gibt Miezi einen -Tritt, daß sie etliche Schritte machen muß, und die Sklaven holen das -Tier ab in den Stall. - -Der Dresseur zieht wieder sein rotes Schnupftuch, wischt sich über die -Stirn und geht auf Riesele zu und sagt: - -„Die kleine Dame, die du eben kennen jelernt hast, meint, sie habe -jetzt ihren Willen durchjesetzt, aber sie wird erst morgen erfahren, -wie sie sich täuscht! Ich sehe es dir an, du bist von anderem Schrot -und Korn. Aber da bist du jerade recht jekommen! Und du Großer: na, wir -werden uns ooch noch zu sprechen haben!” - -Er wandte sich ab: - -„Wo stecken die Oojuste?” - -Sie sprangen vor, die Auguste, drei Stück! Der Dresseur schnalzte mit -der Zunge, sie warfen ihre leichten Körper zum salto mortale zurück und -standen auch schon wieder in Reih und Glied. - -„Auf die Hände!” schrie der Dresseur. Sie schwangen sich auf die Hände -und liefen im Kreise, die lange Peitsche schleifte hinter ihnen drein. - -„~Changez!~” Sie wechselten die Richtung. - -„Ab, gut!” - -Der Direktor wandte sich und schrie: - -„Dauphäng! Hast du das gesehen? -- Kein Schlag!” - -Er wandte sich. - -„Tierschutzverein?” rief er dann, „wer fragt?” - -Der dickste von den dreien fragte den Direktor: - -„Sind Sie im Tierschutzverein?” - -„Sind -- Sie -- im -- Tier -- schutz -- ver -- ein?” äffte der Direktor -nach, „wer wird so damlich fragen?” - -Alle drei schrien sie nun, jeder in seiner Art und mit fröhlichen -Bewegungen der Hände, der Augen, der Beine auf ihn ein: - -„Sind Sie im Tierschutzverein, Mister?” - -„Aha, natürlich! Natürlich bin ich im Tierschutzverein! Wie könnt ihr -fragen? Wißt ihr nisch, daß ich ein Freund des Kronprinzen bin?” - -„Laß doch den Kronprinzen beiseit!” flötete eine Frauenstimme aus dem -Hintergrund, und der Direktor starrte stumm nach der Stimme. - -„Immer Reklame für den Kronprinzen, der jibt dir en Dreck dafür!” - -„Iß er etwa nisch Protektor des Tierschutzvereins? -- Iß er wohl!” - -„Laß ihm doch sein Pläsier!” - -„Pläsier? Sein Pläsier schaut anders aus!” - -„Er liebt die Jagd! ... Weißt: von wegen Tierschutzverein! Aber laß -ihn aus unsrer Manege, er hat genug mit der seinen! Und zudem: uns -Kunstbagage steht wie überhaupt armen Leuten der Patriotismus der Gasse -nicht recht zu Mund!” - -„Gut, nehm ich das Warenhaus des Westens!” - -„Natürlich, nimm doch das Warenhaus des Westens!” - -„Also nochmal Aujust: Sind Sie ...” - -„Sind Sie im Tierschutzverein, Mister?” - -„Aha, natürlich! Natürlich bin ich im Tierschutzverein! Wie kannst du -fragen? Weißt du nisch, daß ich ein Freund des Kaufhauses des ...” - -„Ja, verehrter Gatte, nur heraus damit: daß ich ein Freund vom -Kaufhaus ...” - -„... also, daß ich ein Freund vom Kaufhaus des Westens ... nein! das -paßt nisch, Rosa! Das, das, das paßt nisch!” - -„Nu, dann nimm ihn, deinen Kollegen, den Kronprinzen, voran also! -Nochmals von vorn!” - -„Gut, gut, also, wir wollen nicht nochmal von vorn anfangen, -sonst machts die Madame wieder entzwei! Wenn du sagst, Oojust, -daß du Mitglied ... halt: du sagst das überhaupt nisch -vom Automobilschutzverein, du springst gleich auf deinen -Menschenschutzverein und stellst dich so hin, kuck! Diese Geste!!!” - -„Gehste mir mit deiner Geste!” krisch die Frauenstimme, „du verdirbst -mir mit deiner Kronprinzenmoral das ganze Geschäft! Ab!! Los!! Hol -wieder dein Faß, alter Diogenes und deine Laterne, wenn ihr Witze -machen wollt! Witze müssen rollen wie Erbsen aus dem Faß, müssen -Knallerbsen sein und keinen Pulvergestank verbreiten! Los, ins Faß, -alte Erbse, vertrockneter Diogenes!” - -Der Direktor lachte aufdringlich, als wolle er glauben machen, seine -Frau spaße, und dies Gespaß sei eher eine Liebkosung als ein Tadel, und -er begann, laut nach seinem Faß zu schreien und klatschte dabei heftig -in die Hände ... Das Faß rollte heran, der Dresseur verkroch sich! - - - - -X - - -Gleich am anderen Tage begannen für Riesele, das nunmehr Dauphin -genannt wurde, die Dressuren im Sande der Manege. Dauphin freute sich -darauf, war ordentlich stolz, konnte gar nicht abwarten, bis, da er -angeseilt in der Hand des Direktors seinen sicheren Halt hatte, bis die -lange Peitsche mit ihrem harmlosen Geknall den Befehl, zu marschieren, -gab! Eine Kleinigkeit, eine Leichtigkeit, ein Kinderspiel, so im Kreise -langsam und sicher zu schreiten, den Kopf ungezwungen hochzuhalten, -immer innen an den abgerundeten Bretterkasten der Barriere entlang! - -Wenn er anders laufen sollte, entgegengesetzt dieser Richtung, ha, so -trat der Direktor etwas nach hinten, was man deutlich sah, und die -Peitsche, deren Riemen da irgendwo im Sande lag, zuckte leicht auf! - -„~Changez!~” sprach dann immer der Direktor! Das war nicht mehr -mißzuverstehen! - -Fertig, Dauphin! Abgeseilt, ein Stück Zucker in den Mund, hinaus aus -der Schule, in den Stall zurück! Das war der erste Tag! - -Lang ward die Zeit bis zum nächsten Morgen, und was brachte dieser -Morgen? Nichts Neues, nichts Neues! Noch einmal und noch zum Überdrusse -oft das alte Spiel mit „~Changez!~” - -Am dritten Tage sprach der Direktor: - -„Ist die Kleine fertig? Bringt sie!” Wer kam da zu Dauphin? Die kleine -Miezi, die vor drei Wochen so verpeitscht worden war. Sie wurde vor -Dauphin gestellt, mußte also ihm gleichsam den Weg weisen, denn Dauphin -war schon nicht mehr angeseilt! Sie trippelte gar possierlich vor dem -doch größeren Dauphin her und sah nicht nach rechts, nicht nach links -... sie hatte sicher schon oft solch Leithammelspiel getrieben ... und -Dauphin brauchte nur hinter ihr dreinzumarschieren. Machte der Direktor -nur eine leise Bewegung, so wußte sie gleich, daß er nun „~Changez~” -sagen würde, und sie changierte auch schon! Das hätte Dauphin -unstreitig so glatt nicht fertiggebracht ohne sie! Aber sie trippelte -ihm zu langsam! Er konnte das nicht leiden: wiederholt setzte er den -Huf seitab nach vorn, um vielleicht selber an die Tete zu kommen, -um wenigstens zu zeigen, daß er hin wolle ... aber immer zuckte die -Peitsche auf, und Dauphin blieb gehorsam! - -Als die Lektion zu Ende war, lief Dauphin vor Freude allein nochmals -die Runde, aber der Direktor beachtete es nicht, und als er's endlich -doch beachtete, zuckte die Peitsche, und Dauphin konnte nicht schnell -genug draußen sein: Gehorsam ist das erste! - -Am vierten Tage geschah dasselbe wieder, am fünften machte Dauphin -sein Lektiönchen ganz allein und bekam zwei Stückchen Zucker. Aber -am Abend zu den Vorstellungen durfte er nicht! Zwar riß er an -seiner Kette, als er sah, wie seine Kameraden aufgeputzt wurden und -hinausgehen durften in den grellen Lichterschein, allein niemand -kümmerte sich um ihn. - -Bald kamen zu den allmorgendlichen Uebungen noch andere Pferde, auch -große, ganz große selbst, und auch der Freund Fuchs trabte eines Tages -mit Dauphin in die Manege und machte sein „~Changez~” ohne jeden Tadel. - -Er hieß Wallenstein! Ha, welch eine Wonne für Dauphin, so in der Schar -der Großen und Kleinen, inmitten, denn Dauphin war größer als Miezi -und kleiner als Wallenstein ... so in der Schar als Jüngster sein -Kunststück zeigen zu können, nicht aufzufallen, nicht überzutreten, -sich vor allen Dingen nicht vorzudrängen! sein „~Changez~” -rechtzeitig, nicht zu früh wie hinten die kleine Miezi und nicht zu -spät wie fast alle zu erkennen! Und durch nichts zu verraten, daß man -doch der Jüngste war! - -„Wallenstein und Dauphäng!” schrie dann der Direktor, und die zwei -Freunde mußten hinaus, indes die anderen weiterüben durften! - -Ach, wie bald wurden die Uebungen schwerer! Dauphin sollte erst den -linken, dann den rechten Vorderfuß auf die Barriere heben und stehen -bleiben und zu den Leuten gucken, die da saßen: Madame, Turnerinnen in -nachlässigen Lumpen, Burschen, Sklaven, Männer mit scharfen Scheiteln -und gradlinig zugeschnittenen Koteletts! Nonchalant alle mit Zigaretten -zwischen den Lippen und lächelnden Publikumsgesichtern! - -Das war nicht so leicht, wie es sich ansieht! Jedoch: keine Schläge -gab's dabei! Aber dann sollten auch die Hinterbeine auf die so schmale -Barriere! Dann mußte gegangen werden, gelaufen werden! Links eine -Peitsche, rechts eine Peitsche!! Wenn die Stunde vorüber war, wußte -Dauphin nie mehr, ob diese Peitschen ihn geschlagen hatten! Wenn diese -Stunden vorüber waren, so klopfte jeweils Dauphins Herz, der Schweiß -stand ihm in den Haaren, und der Schaum fiel in Schwaden von seinem -Munde. - -Nicht einmal vierzehn Tage dauerte es, da konnte Dauphin auf der -Barriere schreiten und laufen, wie die Peitsche es wünschte! Das war -aber durchaus kein großes Stück; das konnte Miezi fast im Schlaf. -Immerhin mußte es für Dauphin eine bedeutende Leistung sein, denn an -einem der nächsten Abende durfte er hinterm braunen Samtvorhang stehen -und durch den Spalt hineinsehen in die Menge der fröhlichen Menschen. -Ja, als er seinen Kopf einmal recht weit vorstreckte, als der Bursche, -der ihn hielt, ihn sogar einen Schritt vortreten ließ, da fingen -etliche Kinder, die da in der Nähe saßen, an zu jauchzen und zu toben: -„Da Mama, sieh dies kleine Kerlchen, eben kommt's!” - -Nein, es kam nicht! - -Am andern Tage aber geschah es, daß dem kleinen Dauphin, bevor der -Unterricht begann, ein roter Sattel aufgeschnallt wurde, ein Sättelchen -aus rotem Tuch, das von roten Bändern festgehalten wurde. So in diesem -Staat durfte es alle seine Fertigkeiten zeigen: Rundlauf mit Changez, -Beine auf Barriere und -- sich nicht vor dem Publikum fürchten, -Rundlauf auf Barriere! - -Herrjeh, herrjeh! Und am Abend geschah es wirklich: Dauphin wurde mit -den anderen Gäulen geschirrt, bekam etwas auf dem Rücken angeschnallt, -das er noch nicht kannte, und mußte am Vorhang freilich recht lange -warten, bis alle Leute vom „Tableau” aus der Manege verschwunden waren. - -Husch, hinaus! Auf die Barriere! - -Spar' deine Peitsche, Direktorle! - -„Ah, aah, aaah!” rief die Menge, und Kinder krischen: „Pause!” - -Dauphin lief rundum und schlüpfte wieder hinter den Vorhang, indes die -Leute von ihren Plätzen sich erhoben. - -Dieses Schild, das die Pause ankündigte, mußte Dauphin von nun an immer -hinaustragen. - -Aber das blieb keineswegs seine Hauptbeschäftigung, deshalb hatte -man ihn nicht eigens angekauft, wie man Kräfte für allerhand Dienste -braucht! Nein, nein! Dauphin war zu anderen Sachen auserlesen, wußte -das offenbar und trug sein Schild so gern hinaus, wie Agnes Sorma mit -dem Staubtuch einst an der Fensterbank stand. - -Es geschah, daß die kleine Miezi wieder ihren schlimmen Tag hatte! -Sie lief wie gewöhnlich am Ende der Reihe, die von einer halbgroßen -Stute namens Lore geführt wurde. Rief der Direktor: „Komm her!” so -hieß es rasch in höchster Ordnung nach der Mitte zu einschwenken und -daselbst zu Seiten des Dresseurs zu stehen, bis ein neuer Befehl kam. -Dieser neue Befehl hieß gewöhnlich -- wer wüßte das nicht schon! -- -„~à genoux!~” Beim ersten Rufen klappte alles sehr gut, und die sieben -Tiere standen Schulter an Schulter nebeneinander im verjüngten Maßstab, -Dauphin in der Mitte, Miezi am äußeren Ende. „~À genoux!~” knallte der -Befehl, und die Peitschenschmicke züngelte vor den vierzehn Knien, -bereit, ein jedes und alle zugleich zu stechen. - -Dauphin, der in diesem Stück fast noch ein Neuling war, fiel zuerst -auf die Knie und jubelte um sich her mit den Augen, ob er's vielleicht -nicht schon am besten mache? Nacheinander und mit großer Mühe sanken -die Genossen, aber die Miezi draußen kam nicht herunter! Die Peitsche -trommelte an ihren Unterschenkeln, die Stimme des Direktors stieß wie -aus Karnevalstrompeten an Dauphins Ohren vorbei und umher in allen -erregten Tonlagen: sie kam nicht nieder, und die Reihe ward unruhig und -konnte nicht länger unten bleiben. - -„Auf! An die Plätze! Die ganze Familie!” donnerte der Dresseur, und -sogleich schoß die Führerin nach der Barriere, und die übrigen folgten. - -Miezi, gänzlich verwirrt, konnte ihren Platz nicht finden, lief -neben, außer der Reihe, wollte sich erst vor Dauphin, dann hinter ihm -eindrängen, und die Peitsche knallte umher, traf Dauphin, verzögerte -seinen eiligen Schritt, und Miezi schob sich vor ihn und raste mit -voran. Die Peitsche züngelte nicht mehr, surrte vielmehr von oben herab -auf Miezis Kopf, immer heftiger, immer heftiger im rasenden Rundlauf. - -Miezi feuert nach hinten aus, trifft Dauphin an den Kinnbacken. Dieser -hat nicht Zeit, an den Schmerz zu denken, rast weiter in der wirren -Runde, stößt gar den Kopf an Miezis Backen, um sie, das unglückliche -Kind, aus der Reihe zu bringen, und im selben Augenblick springt ein -Bursch herzu, packt Miezi am Halfter und zerrt sie zurück auf ihren -Platz. - -Daselbst aber fängt für Miezi erst recht die Drangsal an. Der Bursche -rennt mit und haut unausgesetzt auf das Tierchen drein mit der kurzen -Peitsche. - -Der Führerin vorn an der Tete knirschen die Zähne, Dauphin trägt Schaum -am Munde, die lange Peitsche knallt, die kurze klatscht. - -Soll der tolle Wirbel nicht enden? Kann Miezi überhaupt noch mittollen? -Lebt sie noch? Dauphin dreht im Laufen die Augen zu ihr hin, und -sogleich schneidet die Peitschenschmicke über seine beiden Ohren. Laut -kreischt der Dresseur, was man nicht mehr verstehen kann. Oft zischt -das Wort: „So siehste aus!” - -Plötzlich aber zerreißt Dauphin die Kette; die Peitschen verlassen die -arme Miezi und stürzen sich auf Dauphin. Er spitzt nach dem Ausgang, -er sieht, wie Miezi nunmehr ohne Tadel ihren Platz innehält und sucht -auch den seinen wieder. - -„So, so, so ist's gut, so ischt's guat!” - -Des Direktors Stimme flutet in wohligem Wellenschlag durch das Zelt, -bald hoch, bald tief, wie ein Lied, ein schmeichelnder Gesang! - -„Komm her!” heißt es nun wieder. - -Die Führerin biegt ein, die Schultern reihen sich aneinander: - -„~À genoux!~” ertönt's jetzt wieder streng und roh. - -Miezi kommt nicht herunter, und Dauphin hockt auch in halber Senkung -und kommt nicht nieder. - -„Schluß!!”kreischt der Direktor, und seine Stimme zerflattert wie eine -Fahne alter Veteranen. - -„Dauphin und Miezi bleiben! Die andern ab!” - -Die Gasse am Ausgang öffnet sich, eiligst strömen die fünf Befreiten -hinaus. Er wirft die lange Peitsche von sich, der Herr Direktor, der -Bursch gibt ihm die kurze. - -Miezi torkelt; ein Schlag hält sie aufrecht! Auf ihrer Stirn scheint -die Wunde aufgebrochen zu sein: ein Strömlein Blut rinnt über die weiße -Nase. Der Direktor wendet sich an Dauphin: „Soll ich auch dich durch -den Kakao schleifen?” kreischt er. - -„Soll ich Miezi fortführen?” fragt der Bursche. Der Direktor winkt: -fort! - -„Na, und du, Proletarier, was ist denn dir in den Schädel jestiegen, -he, wat?” - -Dauphin scharrt mit dem linken Vorderfuß, der Lederriemen klatscht -darauf: „Hab' ich wat jesagt, he? Willst wohl zeigen, daß du's -jutmachen willst, Jünklink! Hast Angst vor Haue, wat?” - -Aller Augen richten sich auf Dauphin, dem anscheinend kein gutes -Stündlein bevorsteht. Ein Bursch zieht die Kappe, nimmt zwei -Zigaretten heraus, gibt eine einer Dame und zündet beide an. - -„Hast nisch ooch eene pour moi?” fragt der Direktor, und der Bursch -holt eine dritte aus der Mütze und gibt Feuer. Schweißtropfen hängen in -den Lederriemen des Direktorengesichts. Er tut ein paar Züge und wirft -die Zigarette von sich, er faßt die kurze Peitsche und spuckt nochmals -in die Hände ... - -Da geschieht ein Wunder! Am Eingang erscheint eine Frau und trägt ein -halbjähriges Kind auf den Armen. - -„Ah! Aaah Aaah!” schreit alles, was da ist in dem Zelt, alles bewegt -sich nach dem Kinde hin, und selbst der Direktor läßt die Peitsche -sinken, streckt, indes er zu Mutter und Kind geht, die Hand nach dem -Burschen, der ihm eine Zigarette gegeben, bekommt eine, zündet sie an -und nimmt das Kind auf seinen garstig tätowierten Arm. - -Trägt's in die Manege, sagt: - -„Da guck, Jochem, was eine liebes Gäulchen!” - -Und zu allen rundum sagt er: - -„Dieser Dauphin gehört meinem Jochem!” worauf der Vater des Kleinen -hinterher ruft: - -„Ich halte Sie beim Wort, Direktor!” - -„Da guck, da guck! Dauphin, verfluchtes Sauvieh, guck dir den Jochem -an!” - -Er setzt Jochem auf Dauphins Rücken, und der ganze Zirkus ist im -siebenten Himmel. Dauphin trabt einher, eine kleine Tänzerin hoppst -herbei wie ein Flugzeug, das angekurbelt ist, schwingt sich auf -Dauphins schmalen Rücken, nimmt das Kindchen auf den Schoß und reitet -so dahin, wirft's in die Luft, fängt's wieder, küßt es, drückt es an -sich und jauchzt wie die Menschen hinter den Bergen vor Freiluft und -Freude. Wer jauchzt da mit? Wer schweigt da noch? - -Dauphin, Dauphin, du hättest die Freude der Freiluft schon vergessen? - -Ha, Dauphin streckt, indes er wacker weiterläuft, den Kopf weit nach -vorn und stößt einen Schrei aus, der seltsam klingt wie eine Schalmei -aus Weiden, wie ein Hirtenlied auf der „Zeil”. - -Nur ein Viertelstündchen währt das fröhliche Zwischenspiel, die kleine -Tänzerin seilt sich an, klappst Dauphin auf den Schenkel und sagt: - -„Fort, Kleinzeug, mach' morgen deine Sache besser!” - - - - -XI - - -Dauphin machte am nächsten Tage seine Sache wieder besser, wie er -überhaupt ein gelehriger Schüler war! Allein trotz aller Gelehrigkeit, -trotz alles besten Willens geschah es sehr oft, daß Dauphin die große -und die kleine Peitsche zu verspüren hatte, und wenn die Menschen, -da er seine Errungenschaften ihnen darbot, Freude empfanden an ihm, -wenn die Kinder ihn bejubelten mit ihren kleinen Händen, so dachten -sie nur selten daran, daß hinter dieser Stellung vielleicht hundert -Geißelhiebe staken, daß dieser so überaus lustige Sprung vielleicht -tausend Geißelhiebe beansprucht hatte! „Mit Wunden ganz bedecket”, -zerschlagen, zerschunden an Leib und Seele kam Dauphin oftmals in -die fröhliche Arena, aus den Händen der Häscher, aus dem verruchten -Lederriemengesicht des Direktors in die überzuckerte freundliche Miene -des Abends angesichts der Menschen, die ergötzt sein wollten! Hundert -Stunden höchste Qual für ein Viertelstündchen Menschenbelustigung! -Hundert Stunden Erniedrigung für ein Viertelstündchen kleinfrohe -Menschenlaune! - -Trotz aller Qual behielt Dauphin doch den inneren Frieden, die Freude: -den Menschen Freude zu bereiten, sei es, daß durch eine überaus -glückliche Veranlagung seine Seele all ihre Leiden, die zur Freude der -Menschen führen sollten, leicht ertrug und leicht verwand, sei es, -daß die göttliche Meinung des Bauern Klaus: glücklich machen heiße -glücklich sein! in dieser Seele Dauphins heilsam wirkte! - -Untrüglich und jedem zugänglich, der Sinn für Seele hat, lebte ein -großes Mitleid in Dauphin, eine Lust, Leiden tragen zu helfen, Leiden -mindern zu helfen, und es muß gesagt sein, daß die meisten Schläge, -die er erhielt, freiwillige Schläge waren, indem er oft und immer -wieder die entfesselte Wut des Dresseurs von seinen Kameraden auf sich -ablenkte. - -Es fiel dem Direktor bald auf, daß alle Dressuren, die er mit Dauphin -allein vornahm, rasch und bestens sich erledigten, während die -Korporationsdressuren, anstatt durch Dauphins Mitwirkung sich zu -erleichtern, keineswegs einen Vorteil von ihm hatten. - -So kam es, daß, als Dauphin die elementarsten Begriffe der Kunst besaß, -daß er an einen Zirkus verkauft wurde, der sich einen Solisten seiner -Art eher leisten konnte. - -Als Dauphin abgeholt wurde, lag Frühlingsschnee auf den Zelten, -und Burschen gingen mit langen Stangen, an die oben quer ein Brett -genagelt war, umher und schüttelten die Schneemassen von den tief -hereinhängenden Dachzelten. Dauphin mußte, bevor er abgeführt wurde, -sein gesamtes Können vor den Augen des neuen Herrn entfalten, und vor -Eifer und Freude brach ihm der Schweiß aus allen Poren. Die Burschen, -die ihn liebgewonnen hatten, rieben ihm den Schweiß aus den Haaren, und -der neue Herr wunderte sich und fragte, ob Dauphin überhaupt so leicht -schwitze? - -„Keineswegs!” entgegnete der alte Herr, „der Eifer steckt in ihm, -es rumort überhaupt allerlei Gutes in dem Kind; er eignet sich zum -Steiger, er hat Musike im Bauch, und wenn es gut geht, bringt er's zu -was ordentlichem!” - -Auch Wallenstein, der die Elementarschule erledigt hatte, zog mit -Dauphin zusammengekoppelt fort in den größeren Zirkus, der in -der Nachbarstadt weilte. Sie fuhren nicht mit der Eisenbahn, sie -marschierten zu Fuß der Stadt entgegen, die kaum drei Stunden entfernt -lag. - -An einem Abhang pflügte ein Bauer mit zwei dicken Ackergäulen. -Wallenstein ward unruhig, drehte oft den Kopf nach der Feldarbeit und -zog leise aber stets an der Koppel, so daß Dauphin gar nicht leicht zu -gehen hatte. Was wollte er nur? Er wieherte, daß dem kleinen Dauphin -der Speichel an die Nüstern spritzte, er peitschte mit dem Schweif, er -trug die Ohren hochgestellt, und endlich geschah etwas: Wallenstein -riß so heftig an der Koppel, daß Dauphin nicht widerstehen konnte, -vielleicht auch nicht widerstehen wollte, und im Nu feuern die beiden -Freunde seitab und rasen über die Aecker den Abhang hinan in hellem -Galopp querfeldein. Der zierliche, weißgebleßte Dauphin spürte zwar -Schmerzen am Munde, aber was sind denn Schmerzen gegen Freude? eine -Wonne, mit dem starken Wallenstein auf- und davonzugehen! Er möchte -größer sein, stärker sein, hurra, er möchte den starken Wallenstein -selber noch fortreißen können, irgendwohin fort, er möchte Führer -sein, Verführer, er möchte den großen Kerl verführen zu allerlei losen -Streichen! - -Die Häscher kamen natürlich! Wallenstein wurde gepeitscht, Dauphin -nicht! Dauphin sah großäugig und neidisch zu, wie Wallenstein -angesichts der Ackergäule gepeitscht wurde, und blieb verschont! -Ordentlich mitleidig sahen die schweren Kerle aus den Augenwinkeln auf -Dauphin herab, als sei er der Verführte, als sei er nur mitgezerrt -worden und sei schuldlos wie ein Kind. - -In diesem neuen Leben gefiel es Dauphin besser als früher. Nur selten -brauchte er mit den übrigen Pferden zu exerzieren, um so öfter aber und -um so länger mußte er vor dem neuen Direktor seine Uebungen machen. -Mit großer Leichtigkeit erlernte er alles, was man von ihm verlangte: -er stellte sich auf die Hinterbeine, und es dauerte nicht lange, so -entwöhnten sich die herabhängenden Vorderbeine, lästig zu zucken, zu -schlagen und überängstlich zu tasten nach einer Stütze! Musik begann -oft zu erschallen, wenn er so stand, der Direktor fuchtelte graziös mit -den Händen in der Luft herum und summte die Melodie mit und sang dazu: - - „~L'amour est l'enfant du bohême,~ - ~Elle n'a jamais, jamais connu de loi!~” - -Heisa, wenn auch noch die Peitschenspitze an Dauphins Hinterhufen -herumzutrommeln anfing, so konnten sich diese Füße nicht mehr halten -und trippelten dahin und dorthin und erhaschten bald den Taktschlag -der Weise! Da konnte der Herr Direktor getrost seine Peitsche beiseite -werfen und näherkommen! Konnte ganz nahekommen, konnte seinen linken -Arm über Dauphins rechtes Bein, den rechten unters linke Bein schieben, -so daß seine Brust des Pferdchens Brust berührte, und: Kinder! Kinder! -habt ihr schon so etwas gesehen? Sie tanzen miteinander, sie tanzen -miteinander, der Direktor tanzt mit eurem kleinen Freunde Dauphin! - -Das vollbrachte Dauphin! Er vollbrachte, was man von ihm verlangte: er -zählte die Jahre seines jungen Lebens, und wenn er dabei sieben angab -und also log, so war das seine Lüge nicht! Er zählte die Stunden des -Tages, die Lebensjahre eines jeden Menschen, der sein Alter nicht mehr -zu wissen schien, er holte aus dem Publikum jenen Kerl heraus, der -seinen Namen „Dauphin” norddeutsch ausgesprochen hatte „Dauphäng!” Er -fand den versteckten Gänsedieb, wo immer auch er sich versteckt haben -mochte, er schoß mit dem linken Vorderfuß eine Kanone ab und mehr, er -verbeugt sich höchst manierlich vor seiner Königin! - -Kinder, Kinder, so etwas habt ihr noch nirgends gesehen! Euer Spielzeug -daheim hat eine Feder im Bauch, aber Dauphin hat eine Seele! Kein -Wunder, daß die Kinder das kleine Gäulchen mit der weißen Blesse -so gern hatten! Die Kinder des ganzen Reiches kannten ihn, liebten -ihn, träumten von ihm wie vom Weihnachtsbaum! In den Zeitungen lasen -sie über ihn, wenn er kam, wenn er gastierte, wenn er ging. An den -Plakatsäulen sahen sie ihn in hellen, fröhlichen Farben, und vergaßen -ihre Schule und ihren Mittagstisch. Wenn sie mit ihren Eltern im Zirkus -saßen, wollten sie nichts anderes sehen als Dauphin. Wenn sie die -Ställe besuchen durften, wollten sie nichts anderes sehen als Dauphin. -Väter photographierten Dauphin. Ein ganz kleines Kind kam einmal im -Stall auf Dauphin zu und sagte: „Ich heiße Tarl Tnöpfle!” - -So also sprang Dauphin Abend für Abend im Lichte der Arena umher durch -den Beifall der von ihm beglückten Menschen, bald in dieser, bald in -jener Stadt. - - - - -XII - - -Den tollsten Abend aber, zugleich den glorreichsten und -erkenntnisreichsten, erlebte Dauphin kurz vor Ausbruch des Krieges in -jener rheinischen Stadt, die sich wie eine Braut in den liebenden Arm -des Flusses schmiegt. - -Als er seine Kunst so weit beendet hatte, daß er meinte, nun müsse er -hinaus aus der feierlichen Arena, da kam der Direktor nochmals auf ihn -zu, zog ihm vor allem Volk das goldbetreßte Purpurmantelettchen aus und -nahm den weißen Husarenbüschel von seiner Stirn, so daß er schließlich -ganz nackt dastand. Vom hohen Thron herab fragte der König laut und mit -großer Handbewegung schräg nach oben, daß all seine Ringe aufblitzten: - -„Was kannst du noch, Freund Dauphin?” - -Dauphin schüttelte den Kopf. - -„Sonst kannst du nichts?” fragte schelmisch die sanfte Königin und -lächelte und schüttelte das gekrönte Haupt, als wisse sie genau, daß -Dauphin noch etwas ganz Besonderes könne, und zu ihrem hohen Gemahl -sagte sie hinüber: - -„Versprachen Sie mir nicht: Dauphin übertreffe seinen Ruf?” - -Da kam zum Glück der Direktor mit seiner Leiter, und nun fiel es dem -kleinen Gäulchen ein, daß es noch etwas könne: Es stieß heftig den -Atem durch die Nüstern, sah zu den zwei Buben, die bei einem Offizier -saßen, die es schon öfter betrachtet hatte, als spiele es nur für sie, -und schritt so seinem Direktor entgegen. Dieser stützt die Leiter auf, -und Dauphin hebt den linken Vorderfuß auf die erste Sprosse der Leiter, -dann den rechten und steigt so Sprosse um Sprosse hinauf bis zur -fünften. Nun wirft er den Kopf hoch, drückt sich ab, steht frei, fest -und stabil, ohne den Schwung der Freidressur, auf den Hinterbeinen -und marschiert so im raschwechselnden Rhythmus der volldröhnenden -Musikkapelle in allen Gangarten durch die Arena hin. (Die Kinder denken -an ihr Spielzeug, das eine Feder im Bauch hat!) - -Der Marsch bricht ab! Dauphin steht wieder auf den vier Beinen. Einen -Augenblick nur steht er so da und rennt nun im Kreise herum, toll -vor Glück, schießt nacheinander sieben Kanonen ab, auf denen der -kaiserliche Adler prangt, und rast durch den Vorhang hinaus. - -Kommt sofort wieder, läuft schnurstracks auf die beiden Buben zu, biegt -kurz ab, als habe er sich geirrt, und kniet plötzlich vor dem Thron des -Königs und der Königin nieder. - -Und nun geschieht's: Die Königin erhebt sich von ihrem Thron! Mit einem -blauen Seidentüchlein wischt sie sich über die feuchten Augen, kommt -herab zu Dauphin, beugt sich weit vor, daß ihre Gewänder steil von den -schmalen Schultern herunterfließen, daß ihre Krone fast wankt, und küßt -Dauphin auf die weiße Blesse ... - -Dauphin hört und sieht nichts mehr, hält die Augen geschlossen und -spürt diesen warmen Kuß auf der Stirn. Er reckt geschlossenen Auges den -Kopf steil in die Höhe, entblößt die Zähne von den Lippen, läßt den -Kopf niedersinken, läßt ihn tief herabsinken und weiß offenbar nicht, -was er tun soll. - -Zwar hört er allerlei Geklopf und Getick, aber er verharrt in seiner -Verzückung, und die Menschen klatschen ihm und lächeln sich an vor -Glück und Freude über das geküßte Kind. - -Als Dauphin dann doch die Augen aufschlägt, schleppen Sklaven und -Sklavenpferde den Thronsaal, ein werktägiges Balkengerüst, fort, eine -Dame hängt am Trapez, und alle Leute sehen nach der Dame! ... - -Da springt Dauphin auf und davon und schämt sich, weil er es so eilig -hat! Der Wärter empfängt ihn draußen, die Menge klatscht wieder, die -Kinder rufen nach ihm, aber der Wärter zerrt ihn an den Ohren am großen -Spiegel vorbei nach dem Stalle zu. - -Vor den Ställen stehen fünfundsechzig Pferde beisammen. Mit Ehrfurcht -in den Augen sehen sie den kleinen Dauphin kommen, lassen die Köpfe -hängen, bewegen sich nicht, heben die Augen und sehen gleich wieder -weg. Wallenstein steht auch da; er knappert mit den Zähnen am Randblech -eines Wagendaches. Dauphin schiebt sich zu ihm hin. Der Große läßt den -Kopf über den Hals des Kleinen sinken, als wolle er das Wunderkind -beschützen, und dieses reibt die Stirn an den straffen Lippen -Wallensteins: der Kuß der Königin brennt ihn! - -Der Direktor kommt herzu, gibt Dauphin ein Stück Zucker und sagt: - -„Heut Nacht darfst du bei Wallenstein schlafen!” - -Der starke Wallenstein tritt mit dem feinnervigen Künstler Dauphin in -sein Stallzelt. Sie fressen aus einer Krippe und legen sich bald zum -Schlafe nieder, und Dauphins Köpfchen ruht auf Wallensteins festem -Halse. - -Dauphin kann nicht einschlafen: er spürt den Kuß der Königin auf der -Stirn und sieht auch wohl den großen Spiegel vor Augen. Dann schläft er -doch ein Weilchen: es ist ihm, als kämen tausend Kinder zu ihm in die -Arena, als streichelten sie ihn, als küßten sie ihn alle auf denselben -Fleck der Stirn. - -Er erwacht wieder, schiebt den Kopf nach Wallensteins Ohren und reibt -dort hin und her, und Wallenstein schnarcht, hebt den Kopf und läßt ihn -wieder sinken und schnarcht weiter. - -Steif hochauf reckt Dauphin den schlanken Kopf in die stille Nacht der -Genossen und läßt die schweren Lippen von den Zähnen weghängen und die -breiten weißen Zähnchen aufleuchten. - -Am Morgen, da Dauphin, allen Schmuckes bar, zur Probe am Spiegel -vorübergeht, sieht er auf seiner Stirn sicher zum erstenmal in seinem -Leben die weiße Blesse! - -In dieser Stadt überraschte den zarten Dauphin der garstige Krieg. - - - - -XIII - - -Eines Abends fehlen bei der Vorstellung die bunten Offiziere, die -Menschen reden lauter und kargen mit Beifall. Und mitten in der -Nacht, da alles schon schläft, werden plötzlich in allen Zeltställen -die Lichter angedreht, alle Pferde werden in die Arena geführt, und -Offiziere suchen die stärksten und schönsten aus und stellen sie zu -Paaren. - -Wie Dauphin sieht, daß auch Wallenstein mit ausgemustert ist, läuft er -zu ihm hin. - -Ein Offizier aber schlägt ihm verächtlich auf die Backen, sagt: „Na -Kleiner, dich wollen wir hier lassen,” und zerrt ihn weg. Dauphin aber -möchte bei Wallenstein bleiben! Und wie die Pferde mit den Offizieren -fortziehen, läuft er nochmals zu Wallenstein hin und wird wieder -fortgejagt. - -„Fort zurück, ihr da, in den Stall!” ruft der Direktor, und Dauphin -geht in seinen Stall. Die Löwen brüllen in den Käfigen, die Affen -kratzen an ihren Holzwänden, auf dem Pflaster der Straße vorm Eingang -zum Zirkus tuten und schollern Automobile, und Pferde trappeln in -endlosen Prozessionen durch die Nacht. Das Getrappel foltert den -kleinen Dauphin. - -Morgens fand keine Probe statt. Wenn die Sacktür des Stalles sich -hob, sah Dauphin den blauen Wohnwagen des Direktors stehen. Künstler -fütterten, Künstler halfen das große Zelt abschlagen, Künstlerinnen -trugen die Schürzen der Wärter. - -Wenn Dauphin sich die übriggebliebenen sieben Pferde ansah, ward -er traurig: Keiner von ihnen wußte anzugeben, etwa wie alt er sei, -wieviel Uhr es sei, keiner konnte auf den Hinterbeinen laufen; es -waren simple, halbstarke Reitpferde für Akrobatinnen, Sklavenpferde, -Sklaven samt und sonders! Der kleine, überaus hellweiße Schimmel, -dessen Fußhaare über die Hufe gekräuselt herabhingen, der äußerst -oberflächlich in Kunst und Wissenschaft war, konnte wenigstens durch -einen Reif springen! Dauphin war sehr traurig. - -Was mochte nur los sein? Warum durfte Dauphin nicht dabei sein? - -Dauphin wurde mit seinen sieben Genossen zu zweimal Vieren -zusammengekoppelt und gleich einer Kinderschule ausgeführt. Alle -Straßen der Stadt und alle Straßen außer der Stadt waren voller -Soldaten; Regimenter marschierten dahin und dorthin und sangen, -Automobile, mit dem roten Kreuz geschmückt, rasten, hundert -hintereinander, die Hauptstraße hin, Pferde und immer wieder Pferde, -mehr Pferde als Menschen! - -Auf der Brückenrampe sah Dauphin seinen Freund Wallenstein, der -mit fünf dicken Gäulen eine riesige Kanone die Rampe hinaufzog. Als -Wallenstein Dauphin sah, wieherte er, schlug einen leichten Trab an und -zog ganz mörderisch an seinen Strängen. Welch eine Wonne mußte das sein -für ihn! - -Wie gern hätte Dauphin geholfen, mit der Kraft seiner Muskeln die -Kanone ziehen, -- er hatte in der Arena schon manche Kanone gezogen ---, aber er war an den schäbigen Rest der einstigen Zirkusherrlichkeit -gefesselt und konnte sich nicht befreien. Seine Augen wölbten sich und -bettelten: „Wallenstein!! Komm, Großer, Starker, hilf, hilf doch deinem -kleinen Freunde!” Aber der hatte keine Zeit, und Dauphin mußte zurück, -heimzu, hinter seine Sacktür. - -Täglich wurden die Acht ausgeführt. Die Sieben foppten Dauphin, rissen, -wenn er außen ging, die Koppel nach links, daß er mit den Hinterbeinen -aus dem Glied treten mußte und vom Wärter einen Schlag bekam. Wenn -er innen ging, zerrten sie sich nach den Seiten von ihm weg, daß die -Wärter meinen mußten, er, Dauphin, sei der Störenfried, der seine -Nachbarn belästige. Ging er im vorderen Glied, so wurde er gekitzelt, -ging er im hinteren, so flog ihm irgendein Pferdeschweif über die -Augen. Es geschah selbst, daß der oberflächliche Schimmel, nur um dem -Wärter darzutun, er sei belästigt worden, aufs Geratewohl nach hinten -gegen Dauphin ausfeuerte und zurücksah, und der Wärter, der seine -Pferde nicht kannte -- und besonders Dauphin nicht kannte --, sah -seitab nach den lauten Dingen der Straße, und hieb ohne weiteres immer -auf Dauphin ein. Oh, wenn Wallenstein dabei gewesen wäre! - -Eines Tages kam ein Offizier mit breiten, roten Streifen an den -Beinkleidern. Er hielt eine Zeitung in der Hand und sagte: - -„Wo ist Dauphin?” - -Dauphin wurde losgebunden und aus dem Stall geführt, und die sieben -Gesellen mußten zurückbleiben. Der Offizier strich ihm über die Ohren -und sagte: - -„Stark genug ist er schon!” - -„Er hat Qualitäten und steht auf dem Höhepunkt seiner Kraft,” -entgegnete der Direktor, und Dauphin, der die Stunde der Befreiung, -die Stunde seiner Tauglichkeit ahnte, nickte lebhaft mit dem Kopfe -und scharrte mit dem linken Vorderbein, spürte fast den stolzen -Husarenbusch, den er seit Wochen nicht mehr getragen, zwischen -seinen Ohren schwanken und streckte die Nüstern gegen des Befreiers -braunbekleidete Hand. - -„Wie alt bist du, Dauphin?” fragte der Offizier freundlich, und der -Direktor machte sein Geheimzeichen und sprach: - -„Na, sag's dem Herrn General, wie alt du bist!” - -Und Dauphin nickte siebenmal mit dem Kopfe. - -Dann sah er von der Straße her zwei Buben am blauen Wohnwagen vorbei -herzulaufen. Die Buben riefen schon von weitem: - -„Der Dauphin, der Dauphin!” und schwangen die Mützen und kamen herbei, -und Dauphin reckte den Kopf längs zu ihnen hin und zeigte seine Zähne. - -Der eine konnte Dauphin die weiße Blesse streicheln, den anderen mußte -der General heben, daß er es auch tun konnte. - -Der Große zog seine Uhr aus dem Matrosenblüslein, hielt sie Dauphin hin -und sagte: - -„Na, wieviel?” - -„Können Sie bis zwanzig zählen, Dauphin?” fragte der Kleine. - -„Geduld, Jungens!” sagte der General, und der Direktor ließ Dauphin bis -zwanzig zählen und ließ ihn die Uhr ablesen, und der Große beobachtete -genau das Geheimzeichen des Direktors. - -Dann mußte Dauphin mit den Buben übern Platz laufen, rundum, so schnell -er konnte, und dann lief er noch lange allein, da die Buben schon müde -waren und auf den im Erdboden steckengebliebenen Zeltpfählen hockten. - -Der General hob nunmehr die Sacktür, und Dauphin schlüpfte in den -Stall. Der General kam, der Direktor, der Wärter und die Buben kamen; -aber Dauphin wurde angebunden, und alle gingen wieder fort. - -Dauernd sah Dauphin nach der Sacktür, und alle seine Gefährten sahen -hin und machten große, glotzige Augen wie Kühe. - -Und siehe, gegen Abend -- Dauphin war ganz allein im Stalle -- -schlüpften die Generalsbuben herein, banden sich Dauphin los und -stürmten mit ihm, der stets zu tollen Streichen aufgelegt war, übern -Platz an den Wohnwagen, und am Wohnwagen hob ein Soldat aus einem -zweiräderigen, gelbgestrichenen Kastenwägelchen ein Kummet und schob -es Dauphin übern Kopf. In die Schere ward Dauphin eingeschoben, die -Buben sprangen auf, der Soldat sprang auf -- Dauphin hatte in der Arena -schon allerhand Wagen gezogen und sogar schon Kanonen -- und husch -gings übern Platz hin und her und rundum und dann hopp, hopp, übers -Pflaster in die Stadt hinein durch alle Straßen hin, an hunderttausend -Menschen vorbei und zur Stadt hinaus an den Fluß. Eine Wonne war's, mit -eigener Muskelkraft solche Dinge zu vollbringen! Dauphin achtete, ob -nicht der weiße Husarenbüschel an seine Ohren wedele, ob nicht seine -goldverbrämte Purpurdecke ihn jucke oder sonstwie sich bemerkbar mache. - -Eine winzige Kaserne war in die Erde gebaut, und nur die Seite, wo -Drilchsoldaten Pfeife rauchten, war zu sehen. Ueber dem Portale stand -dick in schwarzen Lettern: Fort Großherzog von Hessen! Der größere -Preußenbub bog sich zum Soldaten und sagte: - -„Nach Fort fehlt ein Komma oder ein Ausrufezeichen!” - -„Oho!” entgegnete der Soldat, „das werd' ich aber Madame sagen, daß du -nicht weißt, was ein Fort ist, und daß du gar einen gekrönten Fürsten -aus seinem Reich vertreiben willst!” - -Draußen am Fluß stellten sich die Buben im Wagen auf und nahmen Leine -und Peitsche, und der Soldat blieb sitzen. Sie schlugen Dauphin an die -Lenden, aber das tat nicht weh! Dauphin lief wie noch nie in seinem -Leben, und sein Herz flog vor ihm her. - -Drüben im Schatten trottelte die verwahrloste Kleinkinderschule. Als -Dauphin sie kaum gesehen, war sie schon hinter ihm. Dauphin wieherte -laut, was heißen konnte: - -„Schreit doch, ihr Generalsbuben, lacht doch, schlagt mich doch, tobt -euch doch aus an mir, ich bin auf dem Höhepunkt meiner physischen -Kraft!” - -Ein großer Sandplatz schob sich in den Wald hinein zu beiden Seiten -der Straße. Ein Flieger stieg hinten auf, ließ Leuchtkugeln rudelweise -in die Dämmerung fallen; Kanonen, die auf Wällen standen, richteten -ihre Rohre nach ihm, und Kommandos erschallten weithin. Infanteristen -gingen, ausgeschwärmt, durch die Gräben über die Straße, rasselten an -den Schlössern ihrer Gewehre, und viele verloren, weil sie vor dem -rasenden Dauphin förmlich flüchten mußten, in der Eile etliche ihrer -Patronenhülsen. - -Tausend Gäule -- war nicht Wallenstein dabei? -- trabten am Waldrand, -indeß Kanoniere, an langen Seilen geschultert, schwere Geschütze durch -den Sand zogen. Hinterm Wall aus dem Wald kam heftiges Geknatter, und -Dauphins Fußeisen knatterten nicht minder heftig auf der Steinstraße. - -Plötzlich stand der General da mitten auf der Straße, Dauphins Befreier! - -Dauphin rannte zu ihm hin und blieb halten. Aus seinen Nüstern stieß -sich sein Atem, sein ganzer Körper dampfte, die Adern am Kopf waren -fingerdick geschwollen: Das war die Kraft, die in ihm stak, die sich -freimachte und ihn so beglückte, so überaus beglückte! Doch plötzlich -senken sich die Lider über die jungfrohen Augen und Dauphin bricht -zusammen, kugelt auf den Rücken und streckt die vier Beine zum Himmel. - -Als er daheim im Stall wieder erwachte, fühlte er sich so von allem -Physischen befreit, daß seine Seele wie in Gedankenanflügen sich -ergehen konnte. Er, Dauphin, gehörte doch gleich Wallenstein unter die -Soldaten, in die Menge, in die körperliche Arbeit, zu den Strapazen! -Was ist Kunst, und was ist Wissenschaft, was ist selbst der Kuß einer -Königin? - -Dauphin hielt die Augen noch geschlossen, aber er sah mit diesen -seinen Augen! Er sah Soldaten schiefgebuckelt um Kanonen rennen, sah -einen Berg voller Soldaten! Ein Gebirge war statt mit Bäumen mit -Soldaten bewachsen, Soldaten sah er aus dem Erdboden aufwachsen; -Pferde schoben sich, wo sonst Wasser hinströmte, unendlich hin, und es -war ihm, als sähe er Wallenstein neben sich im Straßengraben liegen, -Wallenstein, den mächtigsten von allen. Ja wirklich, Wallenstein reckte -die vier Beine zum Himmel auf, und aus seiner Stirn, dort, wo Dauphin -von der Königin geküßt worden war, floß rotes Blut. - -Dauphin hörte deutlich schießen und tat die Augen auf. - -Der Direktor stand da bei ihm in dem fremden Stall, der Wärter rieb mit -Stroh an seinem Leib herum, der General stand da und die Buben mit den -Schulranzen, und der Kleine hatte den Daumen im Mund. - -Dauphin sprang auf, nickte, beschnupperte der Buben fröhliche -Haarbüschel und wieherte schon wieder vor Freude. Aber dann wurde er -vom Wärter fortgeführt, und es ging nicht etwa auf den Exerzierplatz, -sondern wieder zurück am blauen Wagen vorbei, durch die Sacktür in den -Stall zu den Sieben. - -Die Sieben wurden wieder spazieren geführt, und Dauphin blieb daheim. -Und Dauphin sah, solange er allein war, nach der Sacktür, ob nicht -der General käme, oder der Soldat, oder sonst ein Soldat, und niemand -kam. Der Wind wehte an der Sacktür herum, und manchmal sah Dauphin den -blauen Wohnwagen stehen. - -Die Sieben kamen zurück, und am nächsten Tage mußte Dauphin mit ins -Freie spazieren, und die Qual begann wieder und dauerte -- der Direktor -ließ sich auch nicht mehr sehen -- viele Tage lang. - -Bis wieder einmal ein Soldat in den Stall kam, der alle Pferde mit -Namen kannte und Dauphin besonders liebkoste und alles so tat, wie's -ehedem der Direktor getan hatte. Und wie er Dauphin ein Stück Zucker -hinhielt, erkannte Dauphin, daß der Soldat niemand anders war als der -Direktor selber. Da freute sich Dauphin über die Maßen und riß an -seiner Kette. Der geliebte Direktor redet in seltsam langgezogenem, -klagendem Tone allerhand mit Dauphin, was Dauphin zwar nicht ganz -verstand, was aber dennoch sehr schön und gut war, und zog dann seinen -Säbel aus der Scheide und hielt ihn Dauphin an die Augen. - -Und Dauphin bekam ein bißchen Angst vor dem blanken Stahl, wie Isaak -vor seinem Vater Abraham, streckte den Kopf ganz wagrecht vor, hob die -Nüstern und beschnupperte, freundlich aus den Augen zu ihm lächelnd, -daß der Direktor doch nicht etwa ..., dessen Hand. - -Der Direktor nahm Dauphins Kopf untern Arm und sagte: - -„Unser buntgekleidetes Künstlertum ist zu Ende, mein Lieber, und die -Kunst schlechthin wird stark angerannt werden! Aber du lieber Himmel, -was ist denn auch die Kunst, was sind denn unsere Kunststückchen, -was steckt denn dahinter? Du hast es ja durchgemacht unter meiner -Peitsche, Dauphin! Ich habe dich gepeinigt, ich habe dir die Lenden -verhauen, einmal -- ich weiß das nur zu genau -- da habe ich dich, da -du hilflos am Boden lagst und mit dem Erdball nicht spielen wolltest -oder nicht spielen konntest vor Müdigkeit, da habe ich dir mit meinen -Füßen die Weichen zertreten, nicht anders als wie der Töpfer seinen -Ton tritt, auf daß er weich werde und sich der formenden Hand füge! -Nicht anders, Dauphin! Die Schmerzen, die du unter meiner Peitsche -erduldet hast, das sind so recht die Schmerzen aller Künstler, wenn -ich, mich zu entschuldigen, so sagen darf. Ich weiß: auch bei den -anderen Künstlern ist es so! Sie gucken zwar mit Verachtung auf -unsere Kunst, auf unsere Kunststücke herab, aber sie sollten es nicht -einmal tun! Wir leiden, bis wir unsere Bocksprünge richtig vollbringen -können, nicht viel weniger als sie, die mehr begnadet sind als wir, -aber wir leiden! Und leiden muß versöhnen und muß zu Brüdern machen! -Herrjeh, bringt nicht der Dichter gleich uns sein Herz zu Markt, um -gleich uns seinen Mitmenschen eine frohe Stunde zu bereiten? Leidet er -etwa weniger, als du gelitten hast, Dauphin? Ha, sie sind schlau wie -immer, und sagen: was sind körperliche Leiden verglichen mit den Leiden -der Seele? Als ob wir keine Seele hätten, Dauphin, als ob du keine -Seele hättest! Als ob deine Seele drinnen an der Krippe zurückbleibe -wie dein Halfter, das neben am Nagel hängt! Wer wüßt' besser als ich, -Dauphin, daß du eine Seele habest! Ich habe sie malträtiert! Ich habe -den Geist, der in dir kreist, den heiligen Geist, nicht wahr, Dauphin, -den heiligen Geist in dir vergewaltigt, und das muß sich naturgemäß und -übernaturgemäß rächen! Nun stehe ich vor dir: der Sklave eines anderen -Zirkusdirektors, der mich in seine qualvolle Arena spannt! Laß gut -sein, Dauphin, laß gut sein! Oft und immer wieder habe ich mich der -Einsicht verschlossen, unsere Verrenkungen, unsere Bocksprünge seien -keine Vergewaltigungen der Natur, seien keine Widernatürlichkeiten, -die sie doch sind ... Dauphin, die sie doch sind! Geh, frage auch -die anderen Künstler, die von der hohen Fakultät, meine ich, ob sie -dir nicht recht geben? Ob sie, so frage sie, ob sie nicht lieber das -Leben, das sie so glücklich vorzutäuschen vermögen, wirklich und in -Wahrheit leben würden, leben würden, anstatt gleich uns die Maske zu -tragen, zu gestalten, was sie nicht sind, zu erfreuen, da sie freudlos -sind? ... Was soll ich mich länger noch dieser Einsicht verschließen, -jetzt, am Ende der buntgekleideten Herrlichkeit, da über uns die -Wahrheit hereinbricht, die dem größeren Direktor noch verschleiert zu -sein scheint? Menschen soll ich töten gehen! Sieh dir den Stahl an, -er soll Menschen töten! Dauphin, Dauphin: wenn das Leben ein Zirkus -wäre, so würde ich mir hier und jetzt den Stahl in die Brust stoßen! -Liebes Tierchen, leb' wohl! Ich weiß -- so heftig fühle ich es --, -ich weiß, daß ich nicht zurückkehren werde aus dieser Narrenarena! -Ich fürchte, diejenigen, die den Krieg hätten verhüten können, sind -nur Zirkusdirektoren, Dauphin, sind auch nur Zirkusdirektoren und -versündigen sich am heiligen Geist! Aber das Leben ist ja kein Zirkus, -ist ja kein Zirkus!” - -Der Direktor küßte Dauphin auf die Blesse und stürzte zum Stall hinaus. -Dauphin riß an seiner Kette! Umsonst riß Dauphin an seiner Kette! - -Den ganzen Tag und die ganze Nacht schurfte Dauphin in seinem -Verschlag umher und strebte hinaus, irgendwohin, wo Leben pochte, -mochte es Leben sein, welcher Art es wollte. - -Regentropfen prasselten auf die Zeltdecke des Stalles, unausgesetzt -strömte der Regen hernieder. Die Sieben lagen ausgestreckt in ihren -Abteilen und schliefen, und Dauphin allein wachte und hörte den -Rieselregen an. Neben seiner Krippe tropfte Wasser von der Decke -hernieder; die Tropfen zersprühten, da sie aufklatschten, und -bespritzten Dauphin. Ihn fror. Nach einigen Stunden aber hörte das -Gesumm des Regens auf, und die Sonne schnitt durch das Löchlein der -Zeltdecke, sichtbar wirbelte sich feiner Staub in den Sonnenstreifen, -und auf dem Rücken eines kleinen Schimmels lag ein greller Lichtfleck. - - - - -XIV - - -Nach einigen Tagen kam der Direktor wieder als Soldat und hatte einen -Herrn bei sich, dem Dauphin auf den ersten Blick ansah, daß er ein -gildiger Zirkusmann sei. Er gab Dauphin gleich vertraut ein Stück -Zucker, was diesem durchaus nicht schmecken wollte. Und am Abend nahm -der neue Direktor Dauphin mit sich in die Eisenbahn, und sie fuhren -eine Nacht und einen Tag lang durch unbekannte Gegenden nach Berlin. - -Wie sie da aus dem Bahnhof heraustreten, auf die Friedrichstraße, -schieben sich viele Schwadronen kleiner, magerer Pferdchen, endlos wie -die Friedrichstraße, zwischen gaffenden, jubelnden Menschenmassen hin. -Sie ziehen schwere und leichte Kanonen und sind vollauf gerüstet, wie -einst Wallenstein gerüstet war. - -Keinem dieser Gäulchen stand Dauphin an Muskelkraft nach! Dauphin -riß an seinem Zügel und wollte seinem schmeichlerischen neuen Herrn -entlaufen, wollte zu einem der Soldaten hinlaufen und wollte seinen -fleißigen Brüdern ziehen helfen. - -Dauphin schien etwas von der arbeitsreichen, uniformierten Zeit zu -ahnen und widersetzte sich auf dem Weg, solange er Russenpferdchen sah, -seinem Zirkusdirektor, so sehr er konnte. Dauphin verlor die ungeheure -Masse der Pferde nicht mehr aus dem Herzen, und noch in der Nacht zogen -sie, sichtbar seinen Augen, von Soldaten geführt, an ihm vorüber. - -Andern Tages begann wieder die Dressur; er sollte umlernen, Neues -lernen wie in seiner Jugend und hatte keinen Sinn dafür, sehnte -sich irgendwohin nach den Sielen und sah dauernd die Masse seiner -gerüsteten Brüder. - -Qualvoll waren die ersten Tage bis zur Generalprobe, morgens um zehn -Uhr. - -Dauphin steht, mit feldgrau überzogenem Helm auf dem Kopf und mit -feldgrauem Soldatenrock, der am Hals zusammengeknöpft ist, umhangen, -mit einem Tornister auf dem Rücken und einem langen Schleifsäbel zur -Seite hinterm Vorhang und sieht mit dem linken Auge in die Arena -hinüber, wo ein feldgrauer Soldat sitzt, der den Arm in einer weißen -Binde trägt. Hinten am großen Spiegel steht eine Dame und zupft ihr -steiffaltiges, weitgespreiztes Akrobatenröcklein zurecht. Dauphin -schämt sich ordentlich seines Gewandes und sieht erhöht hinter dem -Soldaten mit der Armbinde einen zweiten Feldgrauen sitzen, der vor dem -einen Auge ein schwarzes Läppchen hat. - -„Dauphin!” ruft der Direktor, und Dauphin stößt mit dem Maul den -Vorhang auseinander und tritt hinaus in die Arena. - -Herrjeh! Was sieht er da? Ringsum sind alle Plätze mit Soldaten -besetzt, einer geht an einer Krücke hinter der Manege hin und sucht -seinen Platz, einer sitzt im Fahrstuhl am Eingang, links und rechts vom -Eingang sind alle Plätze besetzt mit Männern in langen, weiß und blau -gestreiften Kitteln. Soldaten, Soldaten, ringsum Soldaten! - -Und Dauphin soll Kunststückchen machen? (Daß er sie eigens für die -Verwundeten ausnahmsweise gutmachen müßte, fällt ihm seltsamerweise -nicht ein). - -Dauphin rennt aufs Geratewohl zu ihnen hin, stellt die Vorderbeine auf -die Manege, streckt seine Zähne vor und stößt einen Schrei in die Luft, -der kein Wiehern ist. - -Sie fassen ihn, die lieben Soldaten! Sie wissen, er ist einer, der zu -ihnen gehört! - -Aber der Direktor kommt mit der Peitsche, und Dauphin muß in die Mitte, -um seine Kunststückchen zu machen. - -Doch er weiß nichts und kann nichts und steht da wie soeben vom Himmel -gefallen, ein Träumer, der tumbe klâre, der reine Tor! - -Die Peitsche, was will die Peitsche? Was will der Direktor mit seinem -Zucker? - -Dauphin läuft am Zucker vorbei, an der Peitsche vorbei, durch ihre -Schläge hin an die Manege und wird zurück geholt von maskierten -Sklaven. Und Dauphin wird öffentlich planmäßig gepeitscht und mit -seinem Helm und seinem Schleifsäbel aus der Arena fortgejagt, hinaus, -hinter den Vorhang! - -Vereinzelt lachen die Soldaten, keiner steht ihm bei: sie kennen ihn -halt nicht, ihn, den Dauphin, den von der Königin geküßten Dauphin! - -Den Soldatenfreund, den Soldatennarren! - -Nach der Vorstellung wurde Dauphin nochmals angesichts aller Pferde -geschlagen und bekam zwei Tage nichts zu fressen. - -„Bürschken!” sagte der Direktor, „wenn du mir den Sonnabend-Abend -verdirbst, bist du gerichtet!” - -Aber Dauphin freute sich entfernt seiner Schmerzen und sah hinter ihnen -eine Beschäftigung winken, irgendwo in den Sielen, die für ihn Wollust -war. - -Der Samstag-Abend kam, und Dauphin sah eine Reihe Offiziere vorn sitzen -und wußte wieder nichts und konnte nichts und ward wieder hinausgejagt. - -Und so geschah es noch zweimal, und dann sagte eines Tages der Direktor: - -„Wart, Bürschken, du kommst mir zum Militär!” - -Hätte Dauphin diese Sprache des gehaßten Direktors verstanden, so -hätte er sich sogleich auf die Hinterbeine gestellt -- denn das konnte -er -- und hätte gelacht wie eine ganze Kompagnie. - -Und siehe da, Dauphin ward beglückt: am andern Morgen kommen Soldaten, -und alle Pferde werden wieder gemustert. - -Wie die Reihe an Dauphin kommt, sagt der Offizier: - -„Den da, den zarten Mann, können Sie behalten!” - -Aber der Direktor entgegnet: - -„Wat soll ich noch mit ihm machen? Nehmen Sie ihn doch ooch mit, -er kann Handlangerdienste tun in der Kaserne. So schwach, wie er -ausschaut, ist er nisch!” - -Und Dauphin durfte bei den Soldaten stehen bleiben und wurde auch -sogleich von ihnen abgeführt. Viele Stunden lang durfte Dauphin dann in -einem Kasernenhof bei den kriegsverwendungsfähigen Pferden stehen. - -Dann ging ein Soldat mit ihm an den Bahnhof; sie fuhren wieder viele -Stunden, und dann in einer kleinen Stadt eilten sie schnurstracks auf -die Kaserne zu. - -Wie Dauphin die vielen Soldaten auf dem Kasernenhofe exerzieren sah, -streckte er, hurra! den Kopf steil hoch, ließ die schwabbeligen Lippen -hängen, daß die weißen Zähne zum Himmel aufbissen, und stieß einen -Freudenschrei aus, der durchaus kein gewöhnliches Wiehern war. Das Echo -dieses Schreies lief zwischen den hohen Bauten hin und her, und tausend -Gesichter richteten sich auf Dauphin, den Ankömmling. - -Er ward nun in einen Stall geführt zu sechs blank gefütterten -Reitpferden und bekam zu fressen, indes die Reitpferde ihm zusehen -mußten, wie er fraß. - -Ein Hauptmann kam, klatschte Dauphin auf den Schenkel, der recht feist -geworden war, und ging weiter. - -Ein Soldat schlüpfte an seinem Halse vorbei, band den Apfelschimmel -los, führte ihn hinaus, und der Hauptmann setzte sich darauf. - -So geschah es noch fünfmal, und Dauphin stand allein im Stall und -wartete auf den siebenten Hauptmann, auf „seinen” Hauptmann. Er trug -offenbar etwas wie einen hellen Schein im Herzen. - -Ein Mann kam, ein ältlicher Zivilist mit beschmutzter, abgenutzter -Dienstmütze, die einmal blau gewesen war. Eine Zigarre hing ihm schwer -aus den Lippen und qualmte. Dauphin sah gerade durch die offene Tür -über den Kasernenhof, wo, den ganzen Platz zwischen den grünen Linden -erfüllend, sechs Kompagnien in Kompagniekolonne aufgestellt waren. -Die sechs Pferde standen mit ihren Hauptleuten, hochauf die Ohren, je -in der Mitte hintereinander, und Dauphin beobachtete den beschmutzten -Zivilisten nicht weiter. - -Der aber band ihn los und führte ihn hinaus und spannte ihn kurzerhand -in ein Wägelchen, das so schmutzig war wie er selber, nahm ihn am Zaume -und führte ihn hinter sich her, irgendwohin, zum Tore hinaus. - -Kinder standen am Tore, arme, zerlumpte Kinder mit guten und schönen -Augen. Eins hielt ein rotes Glasstück vors Auge und betrachtete Dauphin. - -„Ach!” riefen sie, „der Balthasar hat ein neues Gäulchen, und was für -eins, Balthasar!” - -Und sie klatschten Dauphin auf den Schenkel, sprangen aufs Wägelchen, -und Dauphin, der schon ganz niedergeschlagen den Kopf hatte hängen -lassen, hob ihn wieder und freute sich plötzlich, da er Kinder sah, die -ihm gut waren. Er zog sie wacker fürbaß, aber sie hüpften gemach eines -nach dem andern von seinem Wagen, einige ließen Pfennige auf die Erde -fallen und liefen ans Kasernentor zurück. - -Balthasar steckte an der alten Zigarre eine neue an und ließ sie -zwischen den Lippen auf- und abpendeln. - -Ins Schlachthaus gings, ins Schlachthaus, mitten hinein ins -Schlachthaus! - -Einen halben Ochsen mußte Dauphin heimziehen, dessen hautloses Bein -seitlich aus der braunen Zeltdecke hervorragte. - -Das Bataillon rückte aus, die Straße her, Dauphin entgegen, mit -Pauken und Trompeten! Dauphin versuchte, mit einem Ruck den Kopf -steil hochzurecken; die Last hinter ihm aber war zu schwer, und er -stieß den Atem krampfhaft durch die schwabbeligen Lippen und zog die -Nüstern hoch und die Augenbrauen, um alles genau zu sehen, und ließ -den langen Schweif hin und her schwingen. Er gehörte ja auch zu denen -da! Wahrscheinlich spürte er zwischen seinen Ohren den Husarenbusch -schwanken, den er einst trug. - -Wie er am ersten Hauptmannspferd vorüberkam, sah er stolz zu ihm auf, -gleichsam, als wolle er es kameradschaftlich grüßen. - -Allein das Hauptmannspferd wandte sofort die Augen, die es im -geradeausgestellten Kopf kaum merklich herübergedreht hatte, von -Dauphin ab. Und genau so machte es das zweite Pferd und das dritte und -das vierte. - -Zum fünften sah Dauphin selber nicht mehr, ließ den Kopf tief sinken, -die Augenlider und die Ohren und den Schweif. - -Allein in Dauphins Geist strömte ein dämmerndes Gefühl, daß er sich -nicht vor diesen Gecken zu schämen brauche: er, Dauphin, der voller -Kunst stak und voller Wissenschaft und voller Weisheit, und der von -einer Königin geküßt war! - -Er nickte nach links und nach rechts und wußte schon den Weg ins -Kasernentor, wo die vielen Kinder standen. - -Einige spielten mit Pfennigen, einige hielten Kasernenbrot im Arm; alle -aber kamen sie und lachten mit dem Gäulchen und streichelten es. - -An der Küche wurde der halbe Ochse abgeladen. Köche mit aufgeschürzten -Aermeln klatschten ihre roten, fleischigen Hände auf Dauphins Rücken, -Hals und Stirn, und Dauphin schob den Kopf wagrecht vor, um diese Hände -von sich abzuschütteln. Aber die Köche lachten und liebkosten um so -mehr, weil sie meinten, das gefiele dem schwarzen Gäulchen. - -„Heut raucht aber der Balthasar ein gutes Kraut!” sagte ein Koch. - -„Das ist,” entgegnete ein anderer, „weil er ein neues Gäulchen hat!” - -Große, offene Fässer, in denen eine zähflüssige Masse an die Wände -klunkerte, wurden ausgeladen. Ein Koch griff in ein Faß, holte etwas -heraus und hielt es Dauphin hin, daß er es fresse, aber Dauphin fraß es -nicht, obgleich er Hunger hatte, und der Koch warf die Handvoll in die -Gosse. - -Dauphin mußte diese Fässer quer durch die ganze Stadt ziehen in eine -Fabrik mit vielen hohen und niedrigen Schornsteinen, wo es fürchterlich -stank. Balthasar begann in dem Gestank heftig zu niesen, nieste fünf- -oder sechsmal und stieß dabei diese Laute von sich: - -„E Zigga, e Zigga!” - -Als sie wieder in der frischen Luft waren, sagte Balthasar etwas zu -Dauphin, was diesen höchlich erfreute: - -„Das Leben ist eine Hühnerleiter!” sagte Balthasar zu Dauphin. - -Nunmehr zog Dauphin täglich den Fleischwagen, den Spülichtwagen und -noch andere Wägelchen durch die volkreiche Stadt. Man kannte ihn nicht -in dieser Stadt; niemand kannte ihn! Man blieb wohl einmal stehen, -besah sich das schwarze Gäulchen mit der weißen Blesse und ging weiter, -und nur die Kinder fanden es der Mühe wert, sich zu verweilen, mit dem -kleinen Freunde zu laufen, ihm einen Bissen Brot zu reichen oder ein -Stückchen Zucker. - -Obwohl nirgends mehr an den Mauern, an den Plakatsäulen, in den -Schaufenstern Dauphins Bild mit dem Purpurmantelettchen hing, -wußten die Kinder doch, daß das kleine Gäulchen kein gewöhnliches -Kasernentierchen war, denn sie liefen neben ihm her und beschenkten es -mit Zucker und Liebkosungen! - -O wenn Dauphin frei gewesen wäre! Wenn er ledig seiner Siele, ledig des -schweren Kummets gewesen wäre, ledig aller Mühen und Sorgen! Kinder! -Kinder! - -So aber war das Leben eine Qual, so aber wollten die klaren Augen nicht -aufblicken in den Tag, der fast stets Nacht war, und sie blieben lieber -am Erdboden haften, und die Unterlippe, die sonst so gern und so -übermütig an den Freuden der Stunde nippte, hing schlaff nach unten und -ward täglich schwerer. - -Die Hauptmannspferde bekamen bessere Kost als Dauphin, wurden täglich -gestriegelt, und ein jedes hatte einen Soldaten zur Bedienung! - -Dauphin aber stand hinten im Stall, wo kein Fenster war, keine frische -Luft und kein Licht, und sein Fressen lag oft tagelang in der Krippe, -und wenn Balthasar ein dünnes Getränk brachte, so leerte er die Krippe -zuvor nicht aus, und Dauphin fraß fast nichts als Heu. - -Auf seinem Rumpfe zeichneten sich bald die Rippen deutlich ab, und -da das schwarze Fell gänzlich von Staub und Schmutz durchsetzt -war, konnte kein Kind Freude haben, das Gäulchen zu streicheln -und liebkosend zu tätscheln. Die Mähne, ehedem ein zartwelliges -Gekräusel, ein Kindergelock und ein Fähnchen der Fröhlichkeit und -des Uebermutes, hing wie ein Bündel Haberstroh übern Hals herab und -stak zerschabt in der Fessel des Kummets. Der kotige Zügel griff durch -ihre letzten Spitzen, und wenn die Sonne auf diese Mähne schien, sah -man Staubwölkchen draus emporwirbeln wie aus einem Sofa. Die Knochen -der Hinterbacken stießen sich hervor, und Balthasar hing oft, wenn er -schwitzte, seine verschmutzte Mütze dran. Die schweren Eisen der Hufe -klapperten, die Rippen schoben sich unter der Haut hin und her. - -Balthasar redete nie ein Wort mit Dauphin, und Dauphin empfand -natürlich auch nie Lust, den mürrischen Alten etwas von seinem Können -merken zu lassen. Niemand ahnte von Dauphins Qualitäten! Nicht einmal -seinen Namen kannte man. Balthasar nicht, die Hauptleute nicht, die -übrigen Wärter nicht! Selbst die Kinder riefen ihn nicht mit seinem -Namen. - -Besaß dieser Arbeitsverwendungsfähige überhaupt noch Namen und -irgendwelche Qualität? Konnte dies arme Tierchen im Kehrichtwagen noch -etwas anderes als Sklavendienste tun? - -Es liegt klar auf der Hand, daß Dauphin sehr litt! Seine Leiden, die -anfangs rein seelischer Art waren, bogen sich, da er trotz allem -unabänderlich gern und sogar freudig schaffte, ins Körperliche um, aber -Dauphin mußte immer noch sehr leiden! Oh, wenn Dauphin sich das Leben -unter den Soldaten so vorgestellt hätte, wie gern wäre er in seiner -Arena geblieben! Er gewahrte nicht einmal, wie seine Gaben schwanden, -und das war gut! - -Einmal kamen fünf ganz junge, kleine Leutnants, aufgetakelt wie -frischgewickelte Säuglinge, aus der Regimentskammer gehüpft, streiften -weiße Handschuhe an dicke Hände an, hielten Reitpeitschen unter den -angepreßten Oberarmen und liefen an Dauphin und an Balthasar vorüber. -Da sagte Balthasar wieder einmal etwas. Er nahm sich Dauphins Ohren und -sagte: - -„Sieh, Kleiner, fünf ist gleich eins! Kriegsware! Heut Mittag -trinken sie fünfzig Flaschen Sekt, und hernach steigen sie auf die -Hühnerleiter, ganz oben hin und fangen an, auf uns herabzukotzen! -Wundert's dich, daß wir so dreckig sind? Mich wundert's nicht!” - -Dauphin freute sich über diese Rede, die er freilich nicht verstand, -wieherte und trug den Kopf höher als sonst. - -Er sah eine Kompagnie, die auf dem Bauche lag und zielte. Ein Feldwebel -schrie einen Gemeinen an: - -„Mensch! Sie wollen Feldwebel werden: werden Sie doch erst einmal -Mensch!” - -Der Angeschrieene hob den Kopf und schrie dagegen: - -„Feldwebel will ich werden!” - -An der Wache vorn am Kasernentor hielt Balthasar sein Gäulchen an, -weil er mit einem Kollegen etwas zu reden hatte. Zwei Soldaten in -Drillichzeug schleppten eine verschlossene eiserne Kiste aus dem -Stübchen, das hinter dem Wachtstübchen lag. - -„Hu, wie stinkts da drinnen!” sprach der eine. - -„Geld stinkt!” erwiderte der andere. - -„Auch die Fahnen, die dahinter stehen, stinken, Ambros!” - -„Alle Signale stinken, Willi, der Mensch aber ist frei!” - -„Frei ist der Mensch! Gewiß, aber auch er ist aus Dreck gemacht, -Ambros!” - -Zum Glück verstand Dauphin auch dieses Gespräch nicht, aber er reckte -doch den Kopf zu den beiden Geldträgern hin, weil er wieder ein bißchen -Freude an den Menschen hatte. - -Balthasars Freundlichkeit versickerte gleich wieder, und des Pferdchens -Kopf sank wieder, und seine Augen besahen die Steine, die seine Hufe -betreten mußten. - -Einmal trottete er mit dem Mistwagen im Schatten der Linden rund um -den Kasernenhof herum, indes Balthasar bei Soldaten stand, die höchst -eifrig Strohsäcke stopften. Viermal trottete Dauphin so hinterm Rücken -Balthasars vorbei, und jedesmal hörte er Balthasar nießen und seinen -Laut ausstoßen: - -„E Zigga, e Zigga!” - -Als er zum fünftenmal vorüberkam, sah er, wie einer der Soldaten dem -Balthasar eine Zigarre in den Mund steckte, ein Streichholz am Schenkel -anstrich und sagte: - -„Nun mach' dich mit deinem Räppchen aus unserem kaiserlichen Staub!” - -Die Soldaten erregten Dauphins Teilnahme fast nicht mehr. Ihr -Trommelschlag, ihre Marschmusik, ihre bunten Kleider, ihr Feldgeschrei, -das sie zwischen den Mauern ausstießen, nichts erregte Dauphins -Aufmerksamkeit. In sich gekehrt, tat er seine Pflicht, und die -Erinnerung an glanzvolle Tage verblaßte in seiner Seele. Neigung zu -Schlaf zeigte sich. - -Wenn das Fuhrwerk einmal das Weichbild der Garnison verließ und auf -Feldwege kam, begann Dauphin heftig die Luft in die Nasenlöcher zu -zerren, der Hals bog sich steil vom Kummet in die Höhe, und es ist -wahrscheinlich, daß vor seinem geistigen Auge sich die Bilder seiner -frühesten Jugend zeigten, das Glück der Einfachheit im kleinumzirkten -Leben hinter den Bergen. Alsdann ging's aber jeweils wieder zur Stadt -zurück, in die Kaserne, und die stolze Kurve des Halses sank wieder. - -Der Koch der dritten Kompagnie, der es gut mit Dauphin meinte, hielt -ihm oft eine Handvoll Kartoffeln unter die Nase, aber Dauphin wollte -sich nicht gerne öffentlich mit Kartoffeln füttern lassen und biß nur -selten an, wenn er nicht gerade ganz großen Hunger hatte, und oft -geschah es, daß der Koch ihm die weichen Kartoffeln in die Nüstern -stumpfte. Da schreckte Dauphin wie aus Träumen auf, ließ entsetzt die -Kartoffeln fallen und sah den Spatzen zu, die sogleich sich drüber -hermachten und zwilchten und zankten, bis alles aufgefressen war. - -Auch die Kinder umjubelten Dauphin immer seltener und schließlich -gar nicht mehr. Ja, es kam so weit, daß sie, wenn sie ihn bei seinem -Balthasar sahen, zu rufen begannen: - -„E Zigga! e Zigga!” als ob dieser Laut Dauphins neuer Name gewesen -wäre, Dauphins Soldatenname! - - - - -XV - - -Einmal aber geschah dies: Dauphin trottelte so auf dem Pflaster hin -durch den Schatten und hört plötzlich seinen wirklichen Namen rufen: - -„Dauphin!” - -Er reißt den Kopf hoch, -- spürt er nicht den Husarenschweif zwischen -den Ohren schwanken? --, stößt kümmerlich, aber voller Ungeduld die -Luft aus den Lippen und biegt den Kopf zurück und sieht um sich. - -Wieder ruft jemand: - -„Dauphin!” - -Auf einem mit alten Schuhen hoch beladenen Wagen vorm offenen Tor der -„Kammer” steht ein Soldat, hält einen Stiefel in der Hand und ruft -„Dauphin”. Der Soldat lacht laut und ruft etwas, kommt aber nicht, und -Dauphin trottelt weiter, indeß Balthasar zu dem Soldaten zurückguckt -und auch weitergeht. Dauphin aber läßt den Kopf nicht mehr sinken und -reißt die Augen weit auf und strengt sich an, die Ohren hoch zu halten. -Er spürt, wie er mit dem Kopfe heftig nickt, den Husarenbusch wirklich -an die Ohren wedeln, er sieht nach den Rippen, die wie Faßreifen um -seinen Bauch liegen, und sieht ein goldbordiertes Purpurmantelettchen. -Das sieht er ganz gewiß! Und er hört die liebe Stimme seines ersten -Direktors. Dauphin bleibt plötzlich stehen. Balthasar guckt zurück, was -heißen soll: „Na los!”, aber Dauphin bleibt stehen und nickt mit dem -Kopfe heftig auf und ab. - -„Los!” kreischt Balthasar neben der Zigarre heraus und klatscht in die -Hände, wartet einen Augenblick, kommt zurück, nimmt Dauphin am Zügel -und will ihn mit sich ziehen. - -Aber Dauphin hebt keinen Fuß und läßt sich nicht so mir nichts dir -nichts fortzerren. - -Der Soldat auf dem Schuhwagen lacht, sieben Bäume weit entfernt, und -wirft einen Stiefel nach Dauphin, der aber nicht trifft, und ruft: - -„Ganz recht, Schwammbruder, das hast du nicht nötig!” - -„Wer ist Dauphin?” fragt Balthasar den Soldaten neben der Zigarre -heraus und stützt die Fäuste in die Hüften, und der Soldat erzählt -allerhand von Dauphin, indeß Dauphin mit dem Kopfe nickt und auch schon -mit dem linken Vorderfuße krampfhaft scharrt. - -„So, so, so!” sagt Balthasar, daß die Zigarre zwischen den Lippen -tanzt, und gibt ihm einen gelinden, freundlichen Handschlag auf den -Schenkel, worauf Dauphin anzieht und den Kopf sinken läßt und mit -seinem Spülicht zum Tor hinausgeht. - -Balthasar sagt kein Wort und ist still wie immer und hat die Hände auf -dem Rücken liegen wie immer. - -Am Horizonte des tierischen, vom Leide erregten Bewußtseins aber -schnitt weiterhin gleich einer Sternschnuppe die Erinnerung an große -Tage vorbei. Die Kinder vorm Kasernentor hatten Dauphins wirklichen -Namen noch nicht vernommen, und Balthasar schritt wortlos neben -Dauphins Kopfe. Niemand hatte seither Dauphin erkannt. Niemand wußte -oder ahnte, wen er da eigentlich vor sich hatte. - -Im Fortnicken berührte Dauphin bisweilen, wie er sonst nie getan, mit -seinem Maule des Mannes schmutzigen Aermel; dauernd knapperte er an -seinem Zaum herum, der ihm viel zu groß war, den Gott weiß welcher -Klepper schon zerkaut hatte! - -Sie hielten an einem Wirtshaus an, und Balthasar, der noch nie ein -Wirtshaus aufgesucht hatte, ließ Dauphin mit seinem Wagen in den -Schatten der Gartenbäume treten, die da in Reih und Glied, noch -ziemlich jung, aufwuchsen, und trat in das Haus. - -Nebenan saßen an einem Tisch zwei Arbeiter und vesperten. - -Dauphin sah in einem von innen verhängten Schaufenster sein Bild und -zog den Wagen sogleich hin, um sich näher zu betrachten. - -Richtig, die Blesse! Die Blesse auf der Stirne leuchtete förmlich -aus der dunkeln Scheibe: der Kuß der Königin, die Erinnerung an den -glorreichen Tag Dauphins. - -Und nun begann Dauphin sich wieder zu recken, ward größer, und -seine Haut umstraffte die Rippen, und seine Augen füllten sich wie -Königslogen in zwei erhabenen Halbkugeln mit jungem Glanz. - -Er sah sich um: Es machte den Eindruck, als sähe er nach seinem ersten -Direktor oder nach der Königin. Er sah, wie Kinder am Zaune des -Biergartens gleich Soldaten exerzierten und sangen: „Wer will unter -die Soldaten”, und: „Büblein, wirst du ein Rekrut”. - -Da streckte Dauphin den Kopf wagrecht von sich und wieherte durch die -breiten Nüstern und entblößte die Zähne, schüttelte den Kopf in der -Längsachse und stieß seinen Freudenschrei aus, den alle hören mußten. - -Die Kinder hörten das auch, und Dauphin nickte heftig mit dem Kopfe und -scharrte mit dem linken Vorderfuß, daß alle Kinder zu ihm hinkamen. -Rasend nickte Dauphin mit dem Kopfe und scharrte dann so heftig mit dem -linken Vorderfuß, daß der Kies auf- und davonsprühte. - -Die Kinder kamen auf den richtigen Gedanken und begannen mit Dauphin zu -plaudern. - -„Hast du Hunger?” Dauphin nickte. - -„Hast du Durst? Dann beiß in die Wurst! Kannst du Bier trinken?” - -Dauphin konnte alles, jawohl ihr Kinder, warum etwa nicht?! - -Ein Bübchen lief zu den vespernden Arbeitern, kletterte, so klein war -es noch, auf einen Stuhl, wischte mit den Händen in den Bierkringeln -herum, die von den Gläsern dalagen, und kam zurück. Es hielt sein -bierbefeuchtetes Händchen Dauphin an die Nase, und Dauphin, dem das -ungeheuer Spaß machte, -- es war so fröhlich wie früher im Zirkus --, -nieste dreimal hintereinander. - -Hellauf lachten die Kinder. - -Dauphin spürte deutlich den Husarenbusch zwischen den Ohren. - -Er sah in den Spiegel, aber den Husarenbusch sah er nicht: der war ihm -abgenommen worden, den hatte man ihm soeben abgenommen! - -Und etwas seitab sah er, als die Arbeiter gerade fortgingen, eine -Leiter stehen, die vor der Stalltür ziemlich steil zum Heuschober -hinaufgelegt war. - -Da wußte Dauphin, was nun kommen müsse, denn hinter der Leiter sah -seine Seele auch seinen geliebten Direktor stehen: Nun müsse das große, -halsbrechende Kunststück kommen, das allen Zuschauern, -- wißt ihr's -noch, ihr lauten Kinder? --, den Atem nahm. - -Er zog sein Wägelchen hin und trat mit dem linken Vorderfuß auf die -erste Sprosse der Leiter. - -Da sahen die Kinder, daß das kluge Pferdchen von seinen Strängen sehr -beengt war, und sie spannten es aus. - -Wie nun Dauphin frei aus den Sielen tritt, wird's ihm ganz leicht -zumute. Er hebt die Beine auf die erste und die zweite und dann das -linke Vorderbein gar auf die dritte Sprosse. - -Und wie Dauphin sich gerade abdrücken will, um frei aufrecht zu stehen, -kommt der Balthasar aus dem Wirtshaus, und die Kinder zerstieben -zwischen den Bäumen hinaus auf die Straße. - -Da läßt Dauphin die Beine langsam von der Leiter hinab und wird -eingespannt, und es geht in die Fabrik mit den hohen und niedrigen -Schornsteinen. Ganz fröhlich trottet Dauphin hinter Balthasar drein ... - -Unterwegs sagt Balthasar wieder einmal etwas zu Dauphin! Er sagt: - -„Ich weiß genau, was du willst, Zirkusmann: zur Leiter willst du -hinauf, zur Hühnerleiter! Willst über mich hinaus und schließlich auch -von oben auf mich herabkotzen! Aber ich will dir schon helfen, wenn's -auf mich ankommt!” - -Als sie ins Kasernentor eingebogen waren, schritt Balthasar quer übern -Kies, der wie gefrorene Tränen dalag, auf die Kammer zu. - -Dauphin stellte die Ohren, um vielleicht wieder seinen Namen rufen zu -hören, der Hals schweifte steil auf, am linken Vorderbein erzitterte -eine Muskel. - -Gar nicht lange verweilte Balthasar in der Kammer; der Feldwebel kommt -mit ihm heraus, und trägt in der Hand eine Peitsche, die anscheinend -für schwere Artillerie bestimmt ist, gibt sie Balthasar, und sie treten -zu Dauphin her. - -„Wie ist er sonst im Dienst?” fragt der Feldwebel, und Balthasar -entgegnet: - -„Zirkus, Zirkus! Der Zirkus steckt ihm noch im Kopf!” - -Jedoch der Feldwebel nimmt dem Alten die Peitsche wieder ab, schlägt -ihm leichthin auf die Achsel und sagt: - -„Wenn's sonst nichts ist: uns allen steckt der Zirkus noch im Kopf, -Balzer, los, vertragt euch miteinander! Wir haben halt allerhand -Kostgänger!” - -Sie vertrugen sich noch über zwei Jahre! - -Ewig dasselbe spielte sich in Dauphins Umgebung ab: Menschen kamen, -wurden entmenscht, für den Tod uniformiert, mit dem Tode vielgestaltig -ausgestattet, gingen hell bekränzt irgendwohin, den Tod bringen, kamen -nicht mehr oder kamen, vom Tode gestreift und gezeichnet, wieder -zurück. Menschen fluchten ihres Daseins, wenn sie knirschend auf dem -Angesichte lagen und den Kies zwischen den Zähnen zerbissen, um sich -vor dem Zuchthaus zu bewahren. Männer fielen und schnellten wieder auf -wie an Schnüren aufgereiht, und das Kommando schwirrte über sie her wie -Säbelstreiche. Frauen und Kinder standen außen hinter dem Gitter und -sahen zu und weinten ob der Erniedrigung. Wenn Dauphin Kinder weinen -sah, ließ er den Hals noch tiefer sinken, so daß das weite Kummet fast -herabgleitete auf das Tränental. Schaum troff hernieder aus seinem -hungrigen Maul. - -Ein Frühling kam, und die Kinder sangen nicht und spielten nicht -Ringelreihen auf den Plätzen! Die Vögel sangen in den Büschen, aber -die Platzpatronen auf den Schießständen verschlangen den Vogelruf! Die -Blumen blühten an den Rainen, aber die jungen Mädchen kamen nicht, -sie zu pflücken! Die Fleischfuhren wurden leichter, die Spülichtfuhren -schwerer. Der Gesang der Glocken verstummte, und nur ein jämmerliches -Gestammel blieb übrig! Keine Fahne flog mehr über die Dächer, und -die Straßen füllten sich mit Krüppeln. Die Schreie erregter Generale -tobten um die Stadt, und in allen Häusern weinten Frauen und Kinder! -Leichenzüge schlängelten sich in den winkeligen Straßen. Aus den -Spülichtfässern zog Balthasar Brotreste und Knochen und aß daran. - -Ein Sommer kam, und die Leichenzüge begegneten sich an den Portalen der -Friedhöfe! Hauptleute schrien Siege aus, aber die Soldaten stimmten -nicht mit ein und wandten die Augen zu Boden! Immer noch lagen Männer -mit grauen Bärten vor jugendlichen Gecken im Staub und bissen an den -Kieseln des Jammertales! Der Sommer kam, und die Ernte blieb im Regen -sitzen, weil die Frauen zermürbt waren von der schrecklichen Arbeit -und weil die Kühe müde waren von der schrecklichen Arbeit! Eine Kuh -schlappte, wo früher zwei Pferde galoppierten. - -Ein Herbst kam, und Soldaten wurden korporalschaftsweise in das -vergitterte Haus geführt, weil sie zu Hause ihre Ernte einbringen -wollten anstatt tagelang zu üben, wie man den Herrn Leutnant grüßt! -Kinder stürmten ans Rathaus der Stadt und schrien um Brot. Da Soldaten -Maschinengewehre herbeibrachten statt Brot, liefen die Kinder wieder -heim. Unheimlich mehrten sich die Verstümmelten! Die Soldaten standen -beisammen und redeten leise. Balthasar blieb bei ihnen stehen; sie -hefteten ihm ihre eisernen Kreuze an! Balthasar ließ sich's gefallen, -und als er auf der Brust keinen Platz mehr hatte und auf dem Rücken -auch nicht, da zog er Dauphin in die Schar der Soldaten, und sie -banden Dauphin ein eisernes Kreuz über die Stirn, daß es gerade in die -weiße Blesse hing. - -Ein Offizier geht vorüber, sieht genau, was da geschieht, schwenkt -seitab und nestelt die klingenden Ehrenzeichen von seiner wattierten -Brust. Und sogleich rennen bewaffnete Kameraden herzu, umstellen die -Schar und führen sie samt Balthasar ins vergitterte Haus. - -Dem kleinen Dauphin reißt man das Kreuz von der Stirn, tritt ihn in -die Seiten und stößt ihn gegen die Mitte des Hofes, wo er hinstürzt in -den scharfen Kies. Er erhebt sich wieder von selbst, Blut sickert aus -seinen Knien, er trottelt seinem Stalle zu und zieht das Wägelchen an -einem Strang hinter sich her. Ein anderer Balthasar kommt zu ihm an -den Stall, ein junger, starker Kerl, der statt des rechten Auges eine -eingefältelte Narbe in der Höhle hat. - -Er trägt Balthasars Mütze: er raucht Zigaretten, er fängt gleich am -ersten Tage an, Dauphin zu striegeln, putzt die Krippe aus und mistet -und schmiert Dauphins Hufe mit Schmalz, das er aus der Küche der -Offiziere brachte. Die Herren Feldwebel beginnen auf einmal Dauphin zu -kennen, streicheln sein reinliches Fell, rufen ihn Maxel und lassen -ihre Kinder auf ihm reiten. Selbst Offiziere kommen im Stall zu Dauphin -her; wenn sie mit dem neuen Herrn irgend etwas Wichtiges geredet haben, -ziehen sie ihre Handschuhe an und tätscheln seine festlich sauberen -Backen und tätscheln auch ohne Handschuhe. Etliche sagen zu dem -einäugigen Herrn „Du” und stecken ihre Zigaretten an der seinen an. - -Da zieht Dauphin eines Tages sein Wägelchen übern Hof, und tausende von -Soldaten haben sich hier versammelt, wirr durcheinander, hochgerüstet, -und auf den Dächern steigen rote Fahnen in die Höhe, die Soldaten -stürmen aufs Wägelchen zu, reißen rote Bänder heraus, rote Fetzen, -schwingen sie und stecken sich kleine Rosetten in die Knopflöcher. -Dauphin wird vielfach rot bewimpelt, und ein Rosettchen baumelt in der -Blesse und in den Zöpfen der glänzenden Mähne. - -Tische werden aufgestellt, auf die Tische wird ein Tisch geschoben, und -der Einäugige steigt hinauf und beginnt mit weithin schallender Stimme, -daß zwischen den Mauern ein Echo wach wird, seine Rede zu halten. - -Als er sagte, der deutsche Kronprinz müsse einem süddeutschen Schuster -in Erziehung gegeben werden, da löste sich ein Soldat, der schon oft zu -Dauphin hergesehen hatte, aus seiner Umgebung und kam zu ihm. Er legte -den Arm um den festlich geschmückten Hals des Tieres und flüsterte ihm -in die gespitzten Ohren: - -„Dauphin, Dauphin! Ist's das Mißgeschick aller Dauphins, daß sie -zu Schustern in die Lehre kommen müssen? Auch du bist nach deiner -Glanzzeit in rauhe Wirklichkeit verstoßen worden, aber du hast keine -Schuld an deinem Geschick!” - -Hände wurden gen Himmel ausgestreckt, Schreie wuchsen wie Bergzüge -hinan, vereinzelt krachten Schüsse gegen die kalten Wolken. Ein Wind -hub an; manche Sätze des Redners waren unverstehbar, manche deutlich zu -hören: - -„Als das Bübchen vierzehn Jahre alt war, versprach ihm sein -kaiserlicher Papa: wenn du dereinst wirst dreißig sein, darfst du -an der Spitze meiner Truppen ~au milieu de mes troupes~ in Paris -einziehen!” - -„Hörst du's, Dauphin? Denkst du an den Kuß der Königin, wie auch du an -der Spitze unserer, ach, so fröhlichmachenden Truppe durch die Arena -triumphiertest? Keine Menschen mußten unsertwegen sterben, und manche -vergrämte Seele hat sich an uns wieder gesund gefreut! Weißt du's -noch, Dauphin?” - -Dauphin stand entzückt da, und der Geist, der aus den Soldaten -aufbegehrte, riß den seinen mit sich fort. Er streckte den Kopf -hochauf, er entblößte die Zähne, er scharrte mit dem linken Vorderfuß, -und die Kiesel schwirrten den Soldaten, die um ihn standen, ins -Gesicht. Sie wußten, daß das Gäulchen sich nicht gut anders freuen -konnte und ertrugen die Kiesel, und einer reichte ihm ein Stück Zucker -hin. Dauphin schüttelte plötzlich den Kopf und nickte mit dem Kopfe, -und der Soldat, der ihn vom Zirkus her kannte, besänftigte seine -Freude, indem er ihm sachte über die Blesse strich. - -„Auf Vater und Mutter schießen!” schrie der Redner und wiederholte: -„Auf Vater und Mutter schießen!” - -„Auf Vater und Mutter schießen!” tobte die ganze Versammlung, und -Dauphin, in dessen Herz unter allerlei Unrat noch mehr Natur lebte -als in vielen Menschenherzen, stellte sich plötzlich, als sei dieses -verruchte Wort der Weckruf seiner tiefsten Erlebnisse, all seiner -Freuden, all seiner Schmerzen, auf die Hinterbeine und stieß einen -klagenden Laut zum Himmel. - -„Das unvernünftige Tier,” rief der Redner, „seht, seht, es bäumt sich -auf angesichts solcher Schändlichkeiten! Die Natur, die Natur bricht -über jene herein, weil wir selber jene Unnatur nicht gerichtet haben! -Und nun werden wir, weil wir's nicht getan haben, mitgerichtet werden! -Seht dem Junker, der uns peitschte, hier in Berlin, in Straßburg, in -Köln, in Regensburg und in Stuttgart, seht ihm in die Augen! Was seht -ihr da? ... Das Tier!!” - -„Das Tier!!” krischen die Mannschaften, und das Echo wollte nicht enden. - -„Nein!” begann der Redner wieder, „nicht das Tier! Nicht das Tier!” - -„Den Teufel” schrie einer. „Den Teufel!” erwiderten etliche. - -„Ja, den Teufel! Den Bösen! Das Böse! Den Feind des Guten! Den Feind -der Menschheit, den Feind alles Menschlichen! Sie kommen mit dem -Mordgewehr zur Taufe! Mit vierzehn Jahren stehen sie als Leutnant -auf dem Kasernenhof, den sie zeitlebens nicht mehr verlassen! -Menschen dressieren, Menschen schikanieren, drangsalieren, von -Kasernengeneration zu Kasernengeneration! Die Peitsche, die Peitsche -über das deutsche Volk! Sie wollen Frankreich vernichten, England -an Zeppelinen verankern, lichten und im Ozean draußen niederlassen! -Kaiser, Könige, Fürsten aller Schattierungen ließen sich von ihnen -und von ihren Hohenzollern ihren Glanz und ihre Macht garantieren und -verschrieben sich und ihre Landeskinder ihrem Blutwahn! Hohen Zoll -zahlten wir ihnen und ihren Hohenzollern! Ihre Namen kann man nicht -aussprechen, man zerbricht sich die Zunge! Die meisten endigen auf ow! -O W! O weh!! rufe ich aus, o weh!! gutes deutsches Volk! Herrliches -Volk des Gemüts, des Herzens, armes, zerschundenes Volk, gekreuzigtes -Volk! Und doch wieder: Törichtes Volk! Dummes Volk! Was gingst du nur -zu gern in ihre Schützengräben! Der dich so gleich hineinjagte, hat -von jeher das Wort verachtet! Diese Diplomaten -- das ist ein echtes -Hohenzollernwort -- verdarben uns den Braten! Uns, uns, Männern des -Schwertes! Was ließest du dich so leicht betören!” - -Der Einäugige hielt inne und fuhr dann fort: - -„Aber Revolution ist Tat!: Auf! Auf, zur Revolution!” - -Er riß sein Seitengewehr heraus, schwang es in die Luft, deutete nach -der Fahne, die auf dem Hauptgebäude flatterte, und schrie: - -„Schwarz, weiß, rot! Was daran junkerisch ist, schwarz und weiß, -das reißt ab! Was übrig bleibt, sei unsere Fahne: Das Rot der wahren -Freiheit ... Versteht mich nicht falsch: Das Rot der befreiten -Menschenliebe, die Farbe unseres Blutes, des Lebens, des heiligen -Geistes, der in Flammen über uns kommen möge! Auf zur Tat! Auf zur -befreienden Tat!” - -Der Einäugige sprang von dem Tisch herab, und nun folgten ihm alle zum -Tor hinaus, und auch Dauphin lief mit. - -Am Kasernentor aber sieht Dauphin Balthasar, und Balthasar zieht das -Gäulchen aus dem begeisterten Soldatenknäul und nimmt es wieder zurück -in seinen neuen Alltag. - -Jedoch dieser neue Alltag blieb wie der alte. Was ging Balthasar die -Revolution an? Kehricht, Spülicht, ab und zu ein duftendes Pfuhl! -Mit Fleisch versehen, mag sich, wer will! Ganze Länder gibt's, die -sich nicht wollen revolutionieren lassen: was braucht Balthasar eine -Revolution? - -Dauphin aber, dem die Revolution also nicht bessere Zeiten zu bringen -schien, hatte unverhofft Glück! - - - - -XVI - - -Er stand am Ladenfenster eines Herrenschneiders und träumte in das -helle Glas. Weil er letzter Tage schon öfter dagestanden, indeß der -Balthasar drinnen im Laden weilte, sah er mehr nach den goldenen -Buchstaben des Schneidernamens als nach seiner Blesse. - -Plötzlich schollern schwerste Räder übers Pflaster der Straße, -erschreckt sieht Dauphin um und sieht wuchtige Kanonen daherkommen, -von wuchtigen Pferden gezogen. Maskiert sind Pferde und Kanonen, mit -Schmutz beschmiert, mit Oelfarben aller Art, und die Kanoniere sitzen -oben, und ihre Köpfe hängen tief auf die Knie herab, und auch die -Gäule schreiten müde dahin. Wenn ganz einmal einer der Soldaten den -Kopf hochträgt und die Augen in die Zuschauer sinken läßt, sieht -man unendliche Traurigkeit in diesen Augen, und die Menschen, die da -stehen, gehen heim und verwinden die Tränen. - -In der Ladentür steht Balthasar bei dem Schneidermeister und hat eine -dunkle Weste an, die mit weißen Reihfäden allerlustigst durchsprenkelt -ist, und über die gelblichen Hemdsärmel hängt das Metermaß. - -Dauphin hat keine Ruhe mehr. Den Balthasar konnte er kaum erkennen, -wollte ihn vielleicht auch nicht recht erkennen, und als er wieder im -Laden verschwunden war, zog Dauphin sein Wägelchen an und zog es neben -einer gestutzten Abwehrkanone her, die mit vier Füchsen bespannt war. -Der Lärm der schweren Geschütze verschlang natürlich das Gekläpper des -Wägelchens vollauf, und Balthasar merkte nichts. - -Als die versunkenen Kanoniere erst weit draußen vor der Stadt den -kleinen Abenteurer neben sich entdeckten, stiegen sie ab und banden ihn -kurzerhand, ohne zu beachten, wie sehr er widerstrebte, an den nächsten -Apfelbaum, der am Wege stand. Sie liefen eiligst ihrem Fuhrwerk, das -unterdessen nicht halten konnte, nach und sprangen auf, und Dauphin -flehte die, die unausgesetzt an ihm vorüberzogen, um Erbarmen an, daß -sie ihn doch seiner Fessel entledigen und mitnehmen sollten. Und weil -Soldaten sich auf die Pferdesprache manchmal recht gut verstehen, wenn -sie wollen, geschah es, daß einer sich von seinem Protzkasten schwang -und Dauphins Fessel löste und auch die Stränge des Wagens loskettete. -Just im selben Augenblick, als Dauphin ausreißen wollte in die -unsichere Freiheit des Nichtmehrganzjungen, da stand Balthasar hinter -ihm und kettete die Stränge wieder ein, drehte das kleine Fuhrwerk -stadtwärts, und Dauphin ließ den Kopf wieder hängen, denn er schämte -sich vor den großen Gäulen sehr. - -In die Kaserne ging's! - -„Noch ein Weilchen Geduld, feiner Herr!” sprach Balthasar zu Hause, -„die Hühnerleiter ist zwar schon herumgedreht: was unten war, ist -heute oben, aber wir müssen nicht tollkühn sein und uns noch einen Tag -gedulden können!” - -Dieser Tag kam nach drei Tagen! - -Balthasar trug einen neuen Anzug, einen schwarzen, steifen Hut und -einen Spazierstock mit Silberkrücke. Dauphin ward nicht eingespannt, -sondern durfte, nur mit dem Halfter bekleidet, an dem ein Lederriemen -hing, mitgehen. Sie machten Halt in einer Wirtschaft der Stadt, und -Dauphin ward in einen Stall geschoben, wo noch drei große Gäule -standen, die vor Hunger stampften. - -Kaum war Balthasar in der Wirtschaft verschwunden, so kamen zwei -Burschen in den Stall, banden eilig den kleinen Dauphin los und -führten ihn durch ein Hintertürchen -- Dauphin verstand es wohl, sich -zu bücken -- davon. - -Die drei Burschen liefen querfeldein und kamen nach einer Stunde auf -einem großen Platze an, wo anscheinend der ganze Zug, der gestern -durch die Stadt sich träg und ermattet hingeschlängelt, aufgelöst sich -ausbreitete. - -Da gab's offenbar etwas Neues! Dauphin reckte den vom Joch befreiten -Hals mit glorreichem Schwunge in die Höhe, um nicht übersehen -zu werden, denn er war doch daran gewöhnt, geachtet und sogar -ausgezeichnet zu sein! - -Kannte Dauphin nicht einen dieser dicken Kerle da? Hatte er nicht -mit einem dieser roten Hengste einst sogar Freundschaft? Er zerrte -an seiner Leine, und einer der Füchse legte seinen starken Hals über -Dauphins Mähne ... Dauphin wibberte, indeß er so in dieser Liebkosung -verharrte, am Heu eines Protzkastens, fraß nicht, hälmelte nur so und -war seit langer Zeit wieder einmal durchaus beglückt! - -Bauern, die Dauphin schon oft neben müden Kühen durch die Stadt hatte -schlendern sehen, ergingen sich zwischen den abgeschirrten Pferden, -rieben die Hände aneinander und lachten sich an und guckten den starken -Gäulen in die aufgerissenen Mäuler. Dauphin hätte sich nicht so von -jedermann in den Mund gucken lassen! - -Seine zwei Begleiter hatten's eilig! Ein Judenbübchen, kaum fünfzehn -Jahre alt, kam auf sie zu, klatschte Dauphin auf den Schenkel, trat -aber wieder rasch beiseite, als fürchte er sich vor den Zweien. Es -legte die eine Hand vorsichtig auf seine Mütze, die sonderbare Wülste -hatte, als verhülle sie einen verbeulten Kopf. - -„Na, willst du nicht anbeißen?” fragte der eine von Dauphins -Begleitern, und der andere fügte gleich hinzu: - -„Kannst ihn billig haben!” - -„Der Fuchs hier,” antwortete das Judenbübchen, „kostet fünfundsiebzig -Mark!” - -Es zog aus seiner tiefen Innentasche ein Pfund Butter und stülpte die -Mütze seines Kopfes und hielt in der Mütze den beiden zehn reinweiße -Eier vor die Nasen. Der Knabe sah sogleich, daß sie's zufrieden seien -und sagte, indem er ihnen seine Kostbarkeiten überreichte und die Leine -ergriff: - -„Emma heißt sie doch, gelt?” - -Der eine steckte die Butter in seine Innentasche, der andere kippte am -Wagenrad ein Ei auf, und beide sagten sie zugleich: - -„Emma! Freilich, wie denn sonst!” - -Auch der andere schlug ein Ei auf, und während der Judenknabe das -Gäulchen schon fortführte, flogen die Eierschalen um ihre Ohren, aber -sie beide achteten nicht darauf! - -Sie entfernten sich weiter von der Stadt, überschritten die Brücke, -die Dauphin noch nie überschritten hatte, und kamen auf eine -Landstraße, die links und rechts mit alten Apfelbäumen bestellt war. An -einem Steinhaufen mußte Dauphin stehen bleiben, und der Knabe schwang -sich auf seinen Rücken. - -Heisa! Heisa! Ein Kind auf Dauphins Rücken, draußen in der Freiheit, -unter Apfelbäumen, zwischen Aeckern und Wiesen! In leichtem Trab lief -er dahin über die Steinstraße, ledig der Siele, ledig der Stadt, ledig -des mürrischen Balthasar! - -Ein Apfel hing allein auf einem Baum: der Knabe stieg ab, warf mit -einem Stecken in die Krone, der Stecken blieb hängen, der Apfel fiel, -und der Knabe gab den Apfel dem Gäulchen, das auf einmal wieder einen -Namen hatte! - -„Will Emma auch ein Stück Brot?” - -Jawohl, Emma will auch ein Stück Brot! - -Aber Emma will auch den Knaben wieder auf ihrem starken Rücken tragen! -Am nächsten Steinhaufen blieb Emma wieder stehen, und der Knabe -schwang sich wieder bäuchlings auf den schmalen Pferderücken, und der -Pferderücken schwebte nur so dahin, einer ungewissen Zukunft entgegen! - -Die große Glocke der Stadtkirche flutete hinterdrein, und als das -Gewoge nicht mehr zu hören war, verzögerte Emma den Schritt! Schweiß -stand auf ihrer Haut. Durchs nächste Dorf führte der Knabe sein -Tierchen an der Leine, und hinterm Dorf stieg er nicht wieder auf, und -der Schweiß verkroch sich wieder. - -Ein Gebirge hob sich aus der Ebene auf, und in den Fichtenspitzen des -Bergkammes schwang sich ein leiser Wind. Die Sonne senkte sich gerade -in diese zart bewegte Ruhe, und der Knabe sprach und deutete: - -„Siehst du, Emma, dort oben hinter diesem Buckel ist unsere Heimat! -Gehst du gerne mit? Du sollst es gut bei uns haben! Weißt, wir haben -noch richtigen Hafer! Bei uns kannst du dich richtig erholen, da wird -dein Wasserbauch verschwinden und die Faßreifen hier, und deine Backen -werden sich füllen und deine Augen: zeig mal deine Augen! Aha! das ist -eine Kleinigkeit für dich, die werden glänzen wie die Sonne am Berge -Garizim! Zu schaffen ist ja nicht viel bei uns: du gehörst übrigens -mir, und wenn sie dich einspannen wollen zu Dreckarbeiten, so werd ich -auch ein Wörtchen mitzureden haben! Es ist ja richtig: wir haben einen -Stall voll Kinder, und die Dienstboten bleiben nicht lang bei uns; aber -bist du etwa ein Dienstbote? Nein, Emma, du bist kein Dienstbote! Und -unter uns gesagt: Dienstboten sollte es fortan überhaupt nicht mehr -geben!” - -Gänse ergingen sich, Schweine grunzten im Chausseegraben, eine -Dreschmaschine brummte irgendwo, und man sah sie nicht. - -An all diesen Herrlichkeiten raste Emma vorüber, ohne verweilen zu -wollen, und der Weg führte, wie sie wünschte, den Berg hinan, der Sonne -entgegen! Die Sonne versank vollends, der Weg führte wieder talab, ein -Dörflein hockte unten beisammen wie eine Hühnerschar. Im Dorf stand ein -neues Haus neben der Kirche, beschattet von der Kirche: das Schulhaus -natürlich, und hundert Kinder rasten an die Gitterstäbe, als Emma kam. -Aber der Knabe hielt nicht an und eilte, ins Vaterhaus zu kommen, das -am Ende der Straße in Fachwerk leuchtete. - -„Vater, Vater!” rief der Knabe in den Hof, „Hans im Glück ist -heimgekehrt! Komm rasch heraus und sieh, was ich dir bringe für die -Butter und für die Eier!” - -Die Mutter erschien, schlug die Hände überm Kopf zusammen, drei kleine -Kinder wackelten herzu, vier größere rissen das Hoftor auf und warfen -ihre Schulbücher in die Ecke, und dann kam auch der Vater mit dem -Federhalter hinterm Ohr, und in das Gejubel der Kinder streckte sich -seine sonore, hastige Stimme: - -„Uebermorgen, Sigmund, ist sie tausend Mark wert unter Brüdern!” - -Emma stand sehr erregt da, sah sich nach allen Seiten um, musterte -besonders die Kinder und freute sich, daß nacheinander alle, und drei -auf einmal sich auf ihren Rücken setzten. - -„Tausend Mark unter Brüdern,” entgegnete Sigmund, „aber Emma wird nicht -wieder verkauft! Emma gehört mir!” - -„Und mir! Und mir!” krischen die Kleinsten durcheinander, und der Vater -sagte: - -„Versteht sich, Sigmund, daß er dir gehört!” - -„Und wenn du ihn verkaufen solltest: nicht unter tausend Mark, und -diese tausend Mark für mich auf die Kasse!” - -„Versteht sich! Futtergeld abgerechnet!” - -„Versteht sich!” erwiderte Sigmund und führte sein Gäulchen in den -Stall des Vaters. Ein altes, ausgemergeltes Kühlein drehte gar -freundlich den Kopf nach Emma und schien ihn nicht mehr wegwenden zu -wollen! Sigmund fing an zu putzen und striegelte Emma blitzblank. Diese -schüttelte sich einmal der ganzen Länge nach vom Halse bis zum Schweif -und schien über die Maßen beglückt zu sein. - -Am nächsten Morgen wurde das Kühlein geholt, und am Abend kamen zwei -Kälber in den Stall. Emma, die den ganzen Tag über mit den Kindern und -mit allen Kindern des Dorfes auf den herbstlichen Wiesen umhergetollt -war, wie sie's seit ihrer Jugend nicht mehr getan, traf am Abend die -beiden Milchkälber neben sich und mußte sehen, wie die acht Kinder -sich eher mit diesen Neulingen beschäftigten als mit ihr. Denn die -Neulinge waren noch so jugendlich, daß sie ihre Milch nicht aus der -Schüssel trinken wollten, und daß sie also aus Flaschen mit Gumminapf -trinken mußten. - -Sie blieben nur eine Nacht im Stall, die Milchkinder, wurden geholt, -und Emma war allein. Emma durfte ein Wägelchen ziehen, das kleiner und -leichter war als das Kasernenwägelchen. Zum nächsten Dorf gings, an -den Bahnhof! Ein Sack Grieß wurde aufgeladen, und diesen Sack zog Emma -heim. Es ging am selben Tag nochmals an diesen Bahnhof, und diesmal -gab's eine Kiste Zucker und ein Faß Marmelade. - -Doch siehe! Ein Militärzug rauschte heran, und Sigmund stellte sich -an die Sperre, indes Emma an der Straße stehen mußte. Sogleich -waren Kinder um sie her. Aber die Kinder blieben nicht lange bei -ihr, denn die Straße her kamen etwa zwanzig Soldaten zu vieren im -Gleichschritt mit fliegenden Mänteln und pfiffen. Als sie an dem -Wägelchen vorüberschritten, löste sich einer aus dem Glied, blieb einen -Augenblick stehen und stürzte sich dann mit weitgeöffneten Armen auf -das Gäulchen und schrie: - -„Riesele! Riesele!” - -Die Kameraden hörten auf zu pfeifen, der Trupp verwirrte auseinander, -und der eine Soldat rief unausgesetzt: - -„Freut euch mit mir, ich habe mein Riesele wiedergefunden, das verloren -war!” - -Alle umstellten sie Riesele, alle grinsten vor fröhlichem Lachen, alle -legten die schweren Hände auf Rieseles Rücken! Etliche spannten schon -aus, das Kummet flog auf das Marmeladenfaß, und jetzt erst kam Sigmund -und schrie und tobte: - -„Mein Gäulchen, mein Gäulchen! Tausend Mark ist es wert unter Brüdern!” - -„Die Revolution hebt auch den Hilfsdienst auf, Gustav,” sagte ein -Feldwebel, „du nimmst dein Riesele mit heim, wohin es gehört!” - -„Tausend Mark! Tausend Mark!” schrie Sigmund. - -Gustav zog seinen Geldbeutel, leerte ihn in die Hand und zählte; er -hatte noch vierundzwanzig Mark und siebenzig Pfennige. - -„Hier hast du die Barschaft eines geschlagenen Soldaten!” - -Sigmund weinte heftig; Kinder kamen hinzu und viele Erwachsene, und -niemand hatte gegen das Wort des Soldaten etwas einzuwenden. Die -Soldaten aber zogen alle ihre Geldbeutel, und jeder gab dem Sigmund -noch einen Markschein, so daß dieser die Lippen vorwulstete, das Geld -einsteckte und sich getrost vor sein Wägelchen spannte und schließlich -zu schmunzeln begann. - -Riesele aber zog mit. Es hatte den Handel still über sich ergehen -lassen und wohl dem alten, längst vergessenen, trauten Laute sich -hingegeben, ohne der süßen Dinge gedenken zu können, die sich an diesen -Namen hefteten. Da es ausgeschirrt wurde, mochten zudem allerlei -zukunftsfrohe Bilder das verträumte Herz beschlichen haben, das auch -ohne Künstlerschaft stets zu einem Abenteuer bereit war! Der alte -Name Riesele aber brauchte nicht lange in dem zerquälten Kinderherzen -umherzuirren, bis er sich selber wiederfand, denn die Jugend ist -alleweil der ewige Nährboden der Seele. - -Der Soldatentrupp nahm Riesele in seine Mitte und schob sich weiter -die Landstraße hin. Man sang, man pfiff; einer trommelte geräuschvoll -ins Land hinein, und Riesele trappte inmitten einer Herrlichkeit, die -es noch nicht durchkostet hatte. In den Dörfern kamen Kinder, ritten -eine Strecke auf Rieseles Rücken und liefen wieder zurück. Junge -Mädchen kamen, hingen sich den Soldaten in die Arme, ließen sich küssen -und lachten und sangen mit, hell, wie Kinder singen, und ihre Stimmen -drangen Riesele ins Herz, als gehörten sie dorthin! - -Keines ging, ohne Riesele gestreichelt zu haben, und viele schenkten -ihm etwas: ein Stück Zucker, einen Bissen Brot, eine Handvoll Gras, das -sie in der Eile neben an den Wiesen abrissen! Eines dieser Mädchen, das -besonders übermütig sein mochte, ließ sich sogar auf Rieseles Rücken -heben, als wär es selber noch ein Kind und ritt so eine gute Strecke -mit. - -Ehrenpforten taten sich auf, da der Trupp weiter ins Land kam, schwarz -gekleidete Bürgermeister standen auf Balkonen und sprachen Gedichte von -Schiller, und Riesele nahm alles ruhig und ernst entgegen. Rote Bänder -flatterten wieder an seinen Schläfen, und der Hals reckte sich, und die -Ohren spitzten fast so hoch als die der Soldaten. - -Eine alte Frau sah zum Fenster heraus, schlug, da sie die heimkehrenden -Soldaten sah, die Arme überm Kopf zusammen und schrie wild hinaus. - -Indessen wurde noch an diesem Abend der Trupp kleiner und kleiner, -und als man sich zum Schlafen anschickte, waren nur noch sieben Mann -beisammen und Riesele. Sie schliefen in einem warmen Stall. Sie -schliefen auch am nächsten Abend wieder in einem warmen Stall. Am -folgenden Tag aber stiegen sie in die Eisenbahn; und nun gings rasch -dahin, rechts die Ebenen, links das Gebirge, über einen Fluß, über -Bäche, zu den zwiebeligen Kirchtürmen, und man stieg aus an einem -Bahnhöfchen, das Riesele schon einmal gesehen hatte. Etliche Soldaten -blieben zurück, zwei stiegen aus. - -Nun wanderten die drei die Bergstraße hinan, wo Riesele alles schon -gesehen hatte. Das Birkenwäldchen hob sich in den blauen Himmel, die -Wiesen dehnten sich hin, und viele Kühe weideten den letzten Wuchs -ab. Am Eingang des Dorfes prangten wie überall grüne Fichtenkränze, -Tafeln mit Sprüchen, die noch im Kaiserreich geboren waren, und rote -Papierfetzen flatterten hin und her, durchzittert von bangen Hoffnungen -um die bessere Zukunft. - -Ha, eben, wie Riesele den Weg links einbog nach dem Mutterhaus, ging -etwas in seiner Seele vor: es blieb stehen! Es hob langsam den Kopf, es -pendelte die Ohrenspitzen gegeneinander, es entblößte die Zähne, und -nun begann es zu rennen, daß Gustav nur mit Mühe ihm folgen konnte. - -Auf den Steinstufen der hohen Treppe saß die Familie des Bauern Klaus: -er, der Bauer, Katherin, seine Frau, der rothaarige August und Trudel, -die ein großes Mädchen geworden war. Sie tranken aus weiten tönernen -Schalen ihre Abendmilch und aßen weißes Brot, das dick mit Butter -bestrichen war. - -Als sie erkannten, wer da heimkehrte, liefen sie von der Treppe herab, -eine Schale zerklirrte in Scherben, und mitten auf dem Weg fielen -sich alle nacheinander um den Hals, und auch Riesele ward geherzt und -verstohlen geküßt. Als der Bauer sich überzeugt hatte, daß die beiden -Zurückgekehrten unverletzt und gesund vor ihm standen, nahm er seine -Frau an der Hand und führte die Seinen heim. - - - - -XVII - - -In dem Heimathause Rieseles hatte sich nicht viel verändert. Trudel, -die Mutter, stand noch im Stall, eine Kuh ihr zur Seite, zwei Ziegen -meckerten hinten, ein Hasenvater hoppste an seinen vernachlässigten -Jungen vorbei, die Schwalbennester prangten in vergilbendem Rot, auf -der Stallschwelle saßen Hühner mit ihrem Hahn, Enten wackelten einher, -die Gänse erzählten sich die Neuigkeiten der Zeit, und das fleißige -Lieschen schnurrte dünn und abgearbeitet die Stunden aus der Stube -herunter in den Stall. - -Die Mutter Trudel war alt und mager geworden, und es dauerte etliche -Tage, bis sie sich ihres Kindes erinnern konnte. Riesele, im ganzen -etwas schmächtiger gebaut als die Mutter, strotzte von Jugendkraft, -und es kam dem Bauern Klaus gleich am ersten Tag der Gedanke, die alte -Trudel irgendwie zu verkaufen und Riesele ihren Dienst versehen zu -lassen. - -Seltsamerweise war die ganze Familie mit diesem Plane gleich -einverstanden, und auf der Straße sagten die Leute: - -„Na Klaus, jetzt wirst du die Alte abschaffen!” - -Es gab sich Gelegenheit, sie nicht einem Pferdehändler, auch nicht -einem Roßschlächter überantworten zu müssen, indem ein Bäuerlein des -Dorfes sie um ein Geringes erstand und sie neben sein schwaches Kühlein -spannte. - -Die Hauptarbeit des Jahres war geschafft, als Riesele frischen Mutes -in die heimatlichen Siele trat. Am ersten Tag ließ sich Gustav von -seinem Bruder August ins Städtchen zu seinem Meister fahren, wo er das -Wagnerhandwerk erlernen wollte; und am Abend trabte Riesele nochmals -hinunter, den Gustav wieder abzuholen! - -Jeder Schritt, den Riesele tat, war Freude; jeder Atemzug war Freude! -Das Birkenwäldchen drüben, das mächtig in die Höhe geschossen war, goß -Freude in Rieseles Seele; das leere Feld goß Freude in seine Seele! -Die kahlen Obstbäume, die wie abgearbeitete alte Männer den Hang -hinan standen, als mühten sie sich, hinaufzukommen, als wollten sie -jederzeit niedersinken auf ihren ausgebreiteten Schattenteppich, sie -erfüllten die Seele des Gäulchens mit Freude! Das Wässerlein rieselte -nicht größer, nicht kleiner, nicht lauter, nicht leiser inmitten der -Wiesen, und war so hell und so klar wie ehemals, ließ sich auf den -letzten Grund gucken und verheimlichte nichts von seinem Wesen, und gab -bereitwillig und munter schwatzend dem Riesele, wenn dieses über das -Brückelchen stapfte, den Schattenriß seines Kopfes wieder. Welch eine -Freude tat das Wässerlein in Rieseles Herz, wenn es die weiße Blesse -schimmern ließ! - -Als Riesele am Abend mit dem Wagnergesellen heimkehrte, kamen ihm schon -ein paar Kinder entgegen, setzten sich zu den Burschen aufs Wägel, und -zu Hause hinter den Fensterscheiben winkte Trudel, das Mädchen, das ein -blaues Band im Krönchen seiner Haare trug, und öffnete das Fenster und -hörte nicht auf zu singen. Es kam sogar heraus zu Riesele, liebkoste es -und sprach: - -„Aber wo sind deine goldenen Hufe, Riesele, wo sind sie denn geblieben? -Ich für mein Teil, wenn ich fortzöge in ein Märchenland wie du, ich -käme nicht heim ohne goldene Schuhe!” - -„Geh du lieber gar nicht fort!” sagte Gustav, „sonst kann es geschehen, -daß du barfuß wiederkehrst, denn der Krieg macht Deutschland zum -Aschenbrödel der Welt!” - -Gustav schirrte Riesele ab; am rechten Brustbein hatte das Kummet -der Mutter, das dem Riesele zu weit war, eine Wunde aufgeschürft, die -Trudel mit essigsaurer Tonerde sofort auswusch. Sie sang dazu das Lied -von den drei Lilien, und Riesele spürte keinen Schmerz und trat in -seinen Stall und legte sich. - -Ueber Nacht schneite es ein wenig. Am andren Morgen bekam Riesele vom -Sattler ein weiches Unterkummet an, und nun zog es den Wagen in den -Fichtenwald. Der Bauer saß oben und klapperte mit der Peitsche in -die kalte Morgenluft, und immer fiel der Knall in den weiß beladenen -Fichtenwald und kam zurück und traf niemals Rieseles Ohren! - -Hat Riesele je einen solchen Wald gesehen? Die Stämme stehen zu -tausenden im Lot nebeneinander, versinken nach der Tiefe zu im -Dunkeln, die saftgrünen Aeste hängen breit herab übern Weg, und ihr -Schnee bedroht Mensch und Tier, sich zu nahe an sein Geheimnis zu -wagen! Unendlich schier senkt sich der dicht ineinander verwucherte -Fichtenwald ins Tal hinab, steigt wieder empor und verliert sich ins -Weite. Hie und da bricht eine Schneelast vom Zweig und zerstäubt, denn -die Sonne stochert durch die brüchigen Wolken. - -Als Riesele an einer Lichtung stehen bleibt, wo der Bauer kleine -Fichten schlägt, da ballt sich das Düster zusammen und flieht in großen -Fetzen über den weißen Hang hinan, und die Sonne greift in langen -Strichen durchs Düster zwischen den grünweißen Fichten. Von den Spitzen -herab tropft das Schneewasser, schneidet durch das Sonnenlicht und -jauchzt tiefblau auf für ein Sekündchen. Was hängt, zittert und quirlt -aus seiner Unruhe alle Farben dieser Erde, und entblößt die Schönheit -der Sonne und ihre Seele. Rasch sinken die Schneemassen hernieder, die -tiefhängenden Schalen heben sich der Sonne entgegen und lassen den -Schnee über die Ränder gleiten, und behalten tausend Wassertropfen -an den grünen Nadeln, in denen die Sonne ihr Geheimnis millionenfach -offenbart. - -Geblendet von der schillernden Farbenpracht, läßt Riesele hin und -wieder die Lider sich über die großen Augen herabwölben und hebt sie -sogleich wieder, die Pracht in sich einzutrinken und keinen Tropfen zu -verlieren! Der Duft der Fichten mischt sich drein; die frisch umgehauen -wurden, strömen ihr aufgeritztes Blut umher, und Riesele saugt diesen -würzigen Duft durch die weiten Nüstern in sich ein. - -Der Wagen ist schwer beladen, ein leichter Dampf schwebt über dem -kleinen Pferderücken, als der Bahnhof sichtbar wird! Aber Kinder sind -da, Kinder! Sie schreiten neben Riesele drein und rufen: - -„Weihnachten, Weihnachten!” und es ist, als freue sich auch das -Riesele auf Weihnachten, und als freuten sich auch die erschlagenen -Fichten ihres frühen Todes, da sie für das Glück der Kinder sterben -durften ... - -Oft und jeden Tag fast mußte Riesele diesen Weg wieder machen und mußte -Christbäume an den Bahnhof fahren. - -Indeß wurde es kälter, und das Wasser, das über den Wiesen stand, -ward zu Eis. Die Kinder warfen ihre Schlittschuhe über die Schultern -und gingen, die Hände in den Hosentaschen, hinaus und schnallten die -Schlittschuhe an und fegten über die glatte Fläche, hielten die Arme -seitab und die roten Nasen hochauf. - -Riesele durfte auch zu den Kindern! Der Bauer Klaus brach das Eis, um -es in die Brauerei des Städtchens zu fahren, und Riesele durfte lange -neben der Eisfläche stehen und gucken, und die Kinder kamen zu ihm, -wärmten ihre Hände an seinem Leib und unter seiner Rückendecke und -umstanden das liebe Gäulchen wie die Stadtkinder den Maronimann. - -Was mußte Riesele nicht alles schaffen in der stillen Winterszeit! - -War etwa der Herr Doktor aus dem Nachbardorf zu holen: wer anders als -Riesele hätte das so eilig besorgen können? Weilte der Herr Amtsrichter -im Dorf, und er wollte, nachdem er am Abend noch ein dunkles Geschäft -erledigt hatte, samt der schweren Tasche, die das dunkle Geschäft -verhüllte, rasch an den Bahnhof gebracht werden: wer anders als -Riesele, und wer diskreter als Riesele hätte den Herrn Amtsrichter über -den Berg gezogen? - -Sollte der Herr Pastor ins Gebirg hinauf, und Glatteis klebte an den -Steinen, oder der Schnee sauste, vom Nordwind zerpeitscht, hernieder: -wer anders als Riesele wäre mit dem Herrn Pastor durch Nacht und Wind -gestürmt, zu denen, die es eilig hatten auf dem Weg zu ihrem ewigen -Glück? - -Weihnachten kam und die Neujahrsnacht! In dieser Nacht betrat Cornel, -der Schweinehirt, den Stall und setzte sich vor Riesele auf dessen -steinerne Krippe und sprach: - -„Ich will dir Prosit Neujahr sagen, Riesele, alter Freund! Nichts weiß -ich von dir aus deiner Zeit der Fremde! Nur eine schlimme Spur von der -Menschen Hand trägst du an deiner Seite, die ich erkennen kann: sie -haben dir das Geheiligte der Irdischkeit entrissen, um mehr Arbeit von -dir, um größere Freude an dir haben zu können. Sie ließen nicht zu, daß -du jemals Mutter werdest! Sie, die sich Krone der Schöpfung nennen, -treiben Raubbau mit Gottes Angesicht, wo immer sie es antreffen. Zum -Glück, ach ja, zum Glück werden sie ja von Tag zu Tag blinder für die -Herrlichkeiten der Schöpfung, wie zu des alten Noe Zeiten! Damals kam -die gewaltige Sintflut von oben herab über die Menschen! Später, als -sie wieder alles vergessen, aber nichts gelernt hatten, da schickte -Gott sogar seinen eigenen Sohn herunter, sie zu erlösen von ihren -Narreteien und von ihrer Vernichtungswut gegen Gott! Das war doch wohl -das letzte Mittel, das gegen sie zur Verfügung stand: Gott selber kam -und -- erlöste sie nicht! Riesele, Riesele! Sei froh, daß du kein -Mensch bist! Kein Gott könnte dich erlösen! Aber du könntest dich -auch nicht selber erlösen, Riesele, wenn du ein Mensch wärst, obwohl -du alsdann doch den Ekel an dir und die Sehnsucht nach Erlösung in -dir trügest! Siehe, ihr lieber Gott hat sie sich selber überlassen, -da er offenbar nicht wußte, was geschehen sollte! Nun, was haben sie -getan? Aus sich heraus, aus ihrer famosen Freiheit haben sie eine neue -Sintflut geboren, eine Sintglut aus Blut und Eisen! Aber auch diese -Flut war nicht schrecklich genug, sie zu bessern, nicht groß genug, -sie zu vertilgen, und nun stehen sie, zu Stahl geworden, wieder da -und wissen nicht, was jetzt geschehen soll! Frieden! kreischen sie, -überdrüssig des Stahles, an allen Ecken und Enden der Welt! Weißt du, -Riesele, was das ist: Frieden? Und wann erst wieder Frieden werden wird -auf Erden, wann der liebe Gott wieder sichtbarlich -- freilich nicht -mehr in Gestalt der Menschen -- auf Erden wandeln wird, wann, wann, -Riesele? Ich will es dir sagen, denn ich weiß es: wenn die Zeiten der -Menschen abgelaufen sein werden! Dann und nicht eher! - -Soll ich dir sagen, was mir neulich unser Pastor, den du gut kennst, -den du noch aus deiner Jugendzeit kennst, was der zu mir sprach? Er -sprach, und er ist ein weiser Mann und hat das Herz auf dem rechten -Fleck: - -„Pfaffen herbei!” hat er gesagt, „Hohenzollernsches Brimborium herbei! -Diesem Geschlecht kann die Hölle nicht heiß genug gemacht werden!” So -hat er gesagt, aber er irrt gewaltig! ... Er ist keiner von jenen, die -er herbeiwünscht, er verwünscht alle Peitschen, die über die Menschheit -geschwungen werden: ja, Pfaffen seiner Art ließe ich mir noch gelten, -aber er ist gar kein Pfaffe! - -Einst, Riesele, wollte ich dir erzählen, wie die Menschen sich die -Tiere zu Haustieren machten, und ich will es dir jetzt rasch erzählen! - -Als die Menschen noch so einfach und noch so gut waren wie die Tiere, -lebten deine Vorfahren frei und fröhlich draußen in den großen -Wiesengärten, die sich endlos über die Erde erstrecken. Sie lebten -vereinzelt, zu zweien und in großen Herden, sie fraßen das Gras vom -Erdboden, sonnten sich und pflegten der Minne. Sie lebten der Liebe -wegen. War im Winter die Erde überschneit, so scharrten sie mit breiten -Hufen das Gras bloß und warteten auf bessere Zeiten. Feinde lauerten -manchmal auf die Jungen, auf die Mütter, auf die starken Väter. -Blutgierige Raubtiere brachen aus den Hecken, aus den Wäldern hervor, -sprangen geschickt an ihre Kehlen und soffen ihr Blut. - -Nicht minder geschickt aber wußten die Pferde sich zu verteidigen. -Schon lange, bevor der Feind zur Stelle sein konnte, hörten sie -ihn mit den hochgestellten Ohren, sahen sie ihn mit den großklaren -Augen im Kreise schleichen, und nun ordneten sie sich eiligst in der -Runde, streckten die Köpfe nach innen, daß die bewehrten Hinterbeine -nach außen im Kreise standen, und nun, wenn der Feind es wagte, -heranzukommen, feuerten diese Hufe gegen ihn aus, daß er kein -Plätzchen, keine Lücke fand, anzugreifen. - -Da kam der Mensch! Erst schleuderte er aus dem Hinterhalt die -schwersten Steine in die Herde, dann schoß er Pfeile ab aus weiter -Entfernung, das Fleisch der Pferde zu essen, da er ringsum in der Natur -nicht genug fand und es den Blutsaugern ähnlich machen wollte. - -An einem Fluß hing seine Hütte halb im Wasser; sein Feld erstreckte -sich den Wald entlang, seine Frauen und seine Kinder wuschelten im -Schilfrohr und nahmen den Kiebitzen und den Enten die Eier aus den -Nestern und stachen die Fische aus dem Wasser. Mühsam, ja, mühsam -warfen sie die Schollen der Erde um, daß neues Korn um so besser -wachsen konnte, und sie sahen die starken Pferde in göttlicher Freiheit -auf den Wiesen umhertollen und kamen, gedankenreich, wie sie sind, -darauf, diese Pferde einzufangen und vor die rohe Pflugschar zu -spannen. Mit einem großen Seil mußten sie das erste Pferd eingefangen -haben. Es ward an den Pfahl gebunden, es ward mit Rindshautriemen -gezügelt, alsdann zog es mit Leichtigkeit den Pflug! Zur Regenzeit -stand es unter einem Dach, zur Winterszeit in einem warmen Stall. Gab -es dem Menschen seine Kraft, so erhielt es dafür ein reichliches Futter -und brauchte besonders im kalten Winter nicht das spärliche Gras aus -dem Schnee zu scharren. - -Durch ein Loch in der Lehmwand seines Stalles sah es seine Kameraden -draußen in der Kälte des Winters nach dem spärlichen Grase scharren, -indeß es selber seine warme Suppe nicht ganz verzehren konnte. Da kam -sein Herr herein, sattelte es, nahm das lange Seil, schwang sich auf -des Pferdes Rücken, und nun galoppierten die zwei keck den vielen -Kameraden entgegen, mitten in sie hinein, der Mensch schleuderte das -Seil und fing sich ein zweites Pferd, das mit heim in den warmen Stall -gehen mußte. - -Möglich, Riesele, daß noch andere Pferde nachkamen, freiwillig ihrer -Freiheit sich begaben für das bißchen Wärme, für das bißchen Futter! - -Wie gesagt, Riesele, Freiheit tauschten sie für die Bedürfnisse des -Bauches und für die Bequemlichkeit! Ich für mein Teil und du nicht -minder, Riesele, wir wären nicht in die Falle gegangen, wir wären -draußen geblieben, denn auch der garstige Winter ist schön, wie alle -Natur in jeglichem Zustand schön ist, wie jeder Mensch, der sich -natürlich gibt, und das Herz, das hier nicht recht Bescheid weiß, lebt -nur halb und weiß nicht, was vollkommene Freude ist! - -Die Menschen haben die Verbindung verloren mit der großen Natur allhin -gleich dem Wasser der Pfütze, das steht, stockt, stinkt und nicht zum -Meere kann und des Meeres Pulsschlag verloren hat. - -Gut, gut, Riesele: das Geschöpf ist in sich gut und will seinem -Mitgeschöpf behilflich sein! Aber der Mensch unterjochte die Tiere, -erfand die Peitsche, rottete viele gänzlich aus und machte auch den -Mitmenschen sich zum Haustier. Das ist die Wurzel alles Elends in der -Welt! Die Freiheit wurde ausgerottet, und was da übrig blieb, -- der -Pastor hat recht! -- das ist reif für den Schürhaken der Hölle! - -Wer spielt die größte Rolle in diesem Menschengezücht? Wer? Der Bauch! -Ha, sie haben so viele Erfindungen gemacht, sie haben sich mit Leib -und Seele der Chemie verschrieben und von der Natur entfernt: wenn die -Chemie doch wenigstens ein Kernchen Radium zu präparieren verstünde für -den Bauch, für den Magen, für den absoluten Souverän der Menschen, daß -ein ganzes Geschlecht davon seine Kräfte beziehen könnte, der Freiheit -zu fröhnen und der Minne! Ha, sie überfressen sich und sagen: das ist -unmenschlich und tierisch! Sie wollen das Tier im Menschen überwinden, -hörst du's, Riesele! sie wollen das Tier im Menschen überwinden und -wissen nicht einmal mehr, daß das Tier keusch ist! Diese raffinierten -Bösewichter des Weltkriegs wissen überhaupt nichts mehr vom Guten! -Wer könnte uns erlösen? Wollen wir's einmal mit dem Gotte in unserer -Brust versuchen, der von uns verlangt, daß wir in Minne das Gute tun -und sonst gar nichts? Wollen wir's versuchen? Wir zwei, wir wollen uns -freiwillig der Gemeinschaft verschreiben und sie erlösen helfen, wenn -dies möglich ist! Wir wollen die Verirrten lieben, weil wir Mitleid -mit ihnen haben, die Hungrigen speisen, die Kranken besuchen, die -Gefangenen erlösen, o Gott, o Gott, Riesele: lieben wollen wir, lieben! -Wir wollen helfen, glücklich machen, wir wollen uns freiwillig in Minne -unserer Freiheit begeben, Riesele, Apostel der Freiheit werden, daß -Gott für unsere armen Mitmenschen in uns wirksam werde!” - -Es schlug zwölf, als Cornel seine lange Rede beendet hatte, Schüsse -krachten im Tal umher, das Geknall vorlauter Feuerfrösche hüpfte -zwischen den Revolverschlägen umher, und junge Stimmen riefen das neue -Jahr ein, das wie jedes seiner Vorgänger den Menschen das Glück und -reichen Segen bringen sollte ... - - - - -XVIII - - -Als der Frühling kam, erwachte in dem Dorf sogleich die alte -Fröhlichkeit wieder. Die Kinder sangen auf den Gassen, sie besuchten -Riesele, sie liefen neben ihm drein, sie schenkten ihm Zucker und -gutes Brot, denn an solcherlei Dingen fehlte es in dem Gebirgsdörfchen -nicht. Sie steckten ihm die ersten Blumen ins Halfter, ganze Ketten von -Löwenzahn schoben sie ihm übers Kummet, und sie riefen seinen Namen auf -Weg und Steg. - -Die Burschen suchten in den Wiesen nach den schönsten Blumen, banden -Sträuße und stellten sie ihren Liebsten vor die Fenster. Des Abends -saßen sie bis tief in die Nacht auf den steinernen Haustreppen -bei den Mädchen, erzählten vom verruchten Krieg und boten mitten -im Schlachtengeheul ihre liebenden Herzen preis und spielten die -Ziehharmonika, die alle Vertraulichkeiten des Herzens so trefflich zu -sagen versteht, und sangen jene alten Lieder wieder, die unmittelbar -von Herz zu Herz gehen. Die Mädchen kannten schier diese Lieder nicht -mehr. Zoten aus Deutschlands eckigem Wasserkopf, Zoten aus Deutschlands -fettem Bierherzen hatten sie schon lange vorm Krieg hart bedrängt -und verdrängt! Die Küsse, die man zu diesen Zoten gab oder nahm, -verwundeten, die Küsse, die man zu den alten Volksliedern gab oder -nahm, heilten! In den Scheunen wurde getanzt. - -Da stand irgendwo ein kleines Geschöpf, konnte zwar nicht mitsingen, -konnte auch nicht mittanzen und noch viel weniger mitküssen, stand da -und legte sich nicht um und schloß die hellen Augen nicht und hatte das -kleine Herz so voll ungestümer Sehnsüchte nach Menschenliebe! Da stand -es und riß an seiner Kette, die nicht aus Löwenzahn gefertigt war, und -scharrte mit dem linken Vorderfuß und nickte mit dem Kopfe und blieb -immer wieder allein! Zwar war es müde von des Tages Last und Arbeit, -zwar ging sein Atem schwer, aber die Augen blieben nicht geschlossen, -und der Kopf reckte sich immer wieder aus dem Stroh empor. - -Das Riesele führte also tagsüber den Mist auf die Aecker, kehrte heim, -holte den Pflug und die leichte Egge und zog sie auf einer Schleife -hinaus. Als es aber vor dem Pfluge eingespannt war und die Schollen -aufwerfen sollte, da war seine Kraft zu schwach. Der rothaarige Gustav -begann zu fluchen, wie wenn er ein Feldwebel wäre, schnitt sogar neben -am Waldrand eine Gerte ab und schlug auf Riesele drein, bis er sich -überzeugt hatte, daß sein Räppchen nicht aus böser Absicht den Pflug -nicht zog! Der Bauer Klaus holte die alte Trudel, die jeweils den Acker -wenn auch mühsam durchpflügt hatte, und spannte Mutter und Tochter -nebeneinander, und die Schollen stürzten wacker um. - -Ha, wie gingen dem Gäulchen die Nüstern auf, als die frische Erde zu -duften begann, die den Winter ausstrahlte und den Frühling behielt und -neuen Frühling aus der Sonne trank! Wärme und Kraft stiegen aus den -Schollen, und die Dohlen kamen von den kahlen Bäumen heruntergeflogen -und die zierlichen Bachstelzen, ganze Schwärme von Staren, ein -Ungeziefer zu picken oder ein verbummeltes Samenkorn! - -Dann mußte Riesele mit der Mutter ein Stündchen am Wege stehen, Gustav -stapfte mit großen Schritten über die dampfende Erde und streute -in mächtigen Bogen den Weizen aus, der im Fallen knisterte und im -Auffliegen, als sehne er sich nach dem weichen Schoß, weithin in die -gleichmäßig nebeneinandergezeilten Furchen. Riesele fraß neben der -Mutter unterdessen das kaum ersproßte Gras des Weges ab, und die -Stränge mit dem Sellscheit schleiften hinter ihnen drein. - -„Famos, Riesele!” rief Cornel, der mit seinen Schweinen vorüberzog. - -In langen gelben Bändern blühte der Raps, und der Wind warf in breiten -Schwaden den würzigen Honigduft herüber, und die Bienen summten drüber -her. - -Der Weizen sproßte, das Korn schoß auf, die Weinstöcke streckten ihre -grünen Fähnchen heraus, und alles, was unten wuchs, ward von den -kugeligen Apfelbäumen überblüht und von den aufstrebenden Birnbäumen, -und der Blütenjubel sprang hügelauf, hügelab im Tal einher, und niemand -war, der sich nicht freute! Kaum ein Tag verging, ohne daß Riesele -nicht irgendwie geschmückt worden wäre von Trudel oder von den andern -Kindern des Dorfes. Einmal flatterte schier eine ganze Woche lang ein -lila Bändchen an seinem Halfter, und niemand wußte, wer es angesteckt -hatte! - -O, wenn Riesele Zeit gehabt hätte, wie ehedem mit den Kindern -umherzutollen! Aber es mußte schaffen, solange der Tag währte, und -schaffen war schließlich auch ein Spiel! Es zog den Wagen hinaus, -und auf der Leiter glänzte die scharfe Sense; der Gustav schlug den -würzigen Klee um und lud ihn auf, und Riesele zog ihn heim, daß die -Kuh, die Geißen, die Hasen und schließlich auch die Gänse und die -bequemen Enten etwas zu fressen hatten und das Riesele auch! - -Es mußte den armen Kindern helfen, seinen Freunden, wo immer es konnte. -Sah es, daß ein Kind eine Last Futter auf dem Kopfe heimschleppte, so -mußte das Kind seine Last auf des Pferdchens Wagen legen und durfte -vielleicht sogar noch selber aufsteigen! Wollten sie, die Kinder, ins -Nachbardorf an den Bahnhof, und Riesele hatte dortselbst auch etwas -zu besorgen, -- was schon manchmal mitten in der eiligsten Feldarbeit -vorkam, -- so hieß es kurzerhand wie beim Militär: aufsitzen! Und wenn -die Eisenbahn einmal keine Verspätung hatte, und schon hinterdrein -gerannt kam, als hätte der Kommunalverband etwas übrig fürs Zügle, wer -war schließlich doch zuerst am Bahnhof? - -Welch eine Kraft bändigte das kleine Riesele in seinen dünnen Beinchen, -wenn's was zu helfen gab! - -Eines Abends erwachte hinten im Armenhaus auch ein anderes Lied -wieder und schwebte in breiten Flügelschlägen übers Dorf hin. Einmal -erwacht, wollte dieses Waldhorn wahrlich nicht mehr schlafen gehen und -kam jeden Abend und oft unter Tag, wenn Cornel nicht gerade auf den -Feldern des Großbauern schaffte. Vielleicht rief dieses Waldhorn ganz -frühe Jugenderinnerungen in Riesele wach, vielleicht auch die viel -näher liegenden Vorstellungen aus dem buntgekleideten Künstlerleben -im Zirkus, aber es nähme durchaus nicht wunder, wenn auch ohne all -diese Erinnerungen die empfindsame Pferdeseele in ihrem geruhigen -Gleichgewicht beeinträchtigt worden wäre! Lag Riesele im Stall und -ruhte sich aus nach des Tages Mühen, so sprang es sogleich auf, wenn -Cornels Waldhorn ertönte, so bockelte sein Blut in allen Pulsen, -so regten sich alle Muskeln, die draußen in der Welt für irgendein -Kunststück zugestutzt worden waren: der linke Vorderfuß scharrte, der -Kopf nickte, die Knie versuchten, sich zu beugen, die Hinterbeine -strafften sich, als sollten sie die Last des Körpers in sich aufnehmen! - -Ging Riesele an den Strängen, und das Waldhorn schwebte heran, so -fing es an zu tänzeln, mochte die Last noch so schwer sein. Die Ohren -stellten sich, die Nüstern weiteten sich und witterten den Tönen nach, -der lange Schweif peitschte hin und her, als schwärmten Bremsen an -seinen Lenden. Das Kummet begann an dem Halse zu zerren, weil der Hals -steil aufragte, das kindliche Spiel der Muskeln trat deutlich aus dem -Ebenmaß der Glieder hervor, und die Räder des Wagens schnitten über die -Geleise. - -Dem Bauern Klaus und seinen Kindern konnte dies Gebahren nicht -entgehen, und da sie vermuteten, daß Riesele draußen in der Fremde für -allerhand Kunststückchen abgerichtet worden sei, so ließen sie ihm -diese seine Freude und erfreuten sich selber daran, und wiederholt -sagte der Bauer zu allen, die sich darüber aufhielten: - -„Wir wollen fröhlich miteinander unser schweres Tagwerk vollbringen und -unseren Vater preisen, der mit uns ist!” - -Und Riesele war voll der Lieder seines Freundes Cornel und trug sie mit -sich durch sein arbeitsreiches Leben wie die Lieder der Lerchen, die -aus dem Himmelsblau über es herabfielen, wie die Lieder der Blumen, -die allhin läuteten, der Wälder, der Winde, der Wolken, und seine -unentwegte Fröhlichkeit verschenkte Feiertag und Glück, wohin es auch -kam, denn es war ja selber ein Lied draußen in dem großen Jubelruf der -Natur. - - * * * * * - -Die Geschichte ist aus. Der Erzähler sah das Riesele zum erstenmal, als -er am ersten Ferientag, noch voll vom Staub der Stadt, mit seiner Frau -und seinen Kindern hinter den Bergen aus dem Bahnhof trat. Inmitten -einer großen Menschenmenge schwang sich just im selben Augenblick eine -buntgekleidete Dame in kurzem weitfaltigem Röckchen auf einen Schimmel, -der im Kreise raste, und blieb aufrecht stehen und hielt einen Reif -über sich und hoppste auf dem breiten Pferderücken von einem Fuße auf -den andern. - -Seine Buben aber sahen zuerst das schwarze Gäulchen seitab stehen und -rannten zu ihm hin und streichelten es. - -Und auf einmal beginnt die kleine Gesellschaft zu rennen, und das -Gäulchen schießt wie toll mitten in die Menge hinein, daß alles vor -solcher Wut auseinanderstiebt und Platz macht. Der Erzähler dachte, -seine Buben hätten das Tierchen etwa gefoppt, aber das war nicht so. Er -hört, wie die bunte Dame einen Schrei ausstößt, herzzerreißend schier, -wie Frauen ja schreien können, sieht sie vom Schimmel hüpfen, sieht sie -auf das Räppchen losstürmen und sieht sie umarmen und küssen und immer -wieder küssen. - -„Dauphin, Dauphin!” ruft sie, breitet die Arme weit aus, spreizt die -Finger und schreit: - -„Da guck, mein Schatz, Granaten hab' ich gedreht, Granaten! Und du?” - -Die Leute sind bestürzt und kommen näher hinzu zu diesem seltsamen -Wiedersehen, das sie sich alle nicht erklären können. Die Dame aber -verlor sich in ihrer Freude oder in ihrem Schmerz gänzlich und sagte, -ohne sich um die Menschen zu kümmern: - -„Mein Bräutigam, Dauphinettele, weißt du, mein König, dein König, er -ist der einzige König, der gefallen ist!” - -Man schwieg ringsum; man sah bestürzt zu der so fröhlich gekleideten -Frau und schwieg irgendwie gerührt. Die Frau aber nahm das Gäulchen von -seinem Wagen weg, band ihm ein Seil ans Halfter, und siehe da: sogleich -beginnt dies, wie wenn's gar nicht anders sein könnte, im Kreise zu -trippeln und nickt mit dem Kopf und niest vor Freude. Die Umstehenden, -die das Räppchen kannten, jubelten ihm zu, und ein Bursche, dem es -offenbar gehörte, kam aus dem Bahnhof gerannt mit einer schweren Rolle -Stacheldraht auf den Schultern, ließ den Draht fallen und trat zur -Dame in den Kreis, um auch dabei zu sein. - -„Komm her, mein Schatz!” befahl die Dame, und sogleich kam das Tierchen -zu ihr und scharrte auch schon mit dem linken Vorderhuf. - -„~À genoux!~” schrie sie nun, aber sie schrie es nicht zum zweitenmal, -denn sie küßte das Kerlchen schon wieder auf seine weiße Blesse und -sagte dann zu ihm und zu dem Bauernburschen: - -„Geh heim in deinen Sonnenschein, Sonnenschein du! Nimm mich mit, nimm -mich mit!” - -Es geschah, daß der Erzähler und seine Familie, die Buben links und -rechts beim kleinen Gaul, mit dem Bauernburschen und mit der bunten -Dame gemeinschaftlich den Berg hinanschritten, und daß er mit seiner -Familie in den Stall zum Bauern Klaus kam und daselbst ganz oben im -Dachstübchen Wohnung nahm bis zum letzten Ferientag. Die Dame hatte es -nicht so gut und mußte schon am nächsten Tag mit ihrer Seiltänzertruppe -weiterziehn! - -Riesele schloß rasch Freundschaft mit den beiden Buben und machte sie -dem Fräulein Trudel, dem Herrn Gustav, dem Herrn August, sowie allen -Dorfkindern ebenso rasch zu Freunden, aber auch allen Erwachsenen und -allen Tieren und dem Wald, den Wiesen, dem rauhen Bergwind und der -lieben Frau Sonne. - -Als der Großbauer Michael seine riesigen Erbsenfelder einerntete, stand -das ganze Dorf auf den Aeckern, Buben und Mädchen, Männer und Frauen -kunterbunt durcheinander, weithin in langen Reihen aufgelöst, und auch -der Erzähler befehligte eine Rotte und führte sein Büchlein zwischen -den Knöpfen des Rockes gleich dem Herrn Lehrer und gleich dem Herrn -Pastor und gleich Cornel, dem geliebten Sauhirten. Hättet sehen sollen, -wie hochbeladen das Riesele die Maschensäcke auf seinem Wägelchen -liegen hatte! Hättet sehen sollen, wie die Stadtbuben Friedemann und -Klaus im Schweiß ihres Angesichtes mit diesem Fuhrwerk unausgesetzt an -den Bahnhof eilten und wieder kamen und aufluden! - -Ach Gott, als die Ferien zu Ende waren, wollte der kleine Klaus das -Riesele mitnehmen in die graue Stadt! - -Der Erzähler aber, der Vater, anstatt das Riesele zu kaufen, setzte -sich, wenn er müd vom Dienst war, des Abends hin und schrieb für seine -Buben die Geschichte ausführlich nieder, freilich auch für andere Buben -und für andere Leute, und im nächsten Jahr, wenn die Ferien beginnen, -wird er, wenn's möglich ist, wieder zum Bauern Klaus hinter die Berge -gehen, dessen Brot zu genießen, dessen Arbeit zu teilen, dessen Sonne -einzuheimsen und manch wackeres Wort. - - - - -Nikolaus Schwarzkopf - -Maria vom Rheine - -Erzählung - -_Wilhelm Schäfer_ schreibt in den „Rheinlanden”: Ich preise dieses -Buch als eine seltene Dichtung. Wenn einmal die Literaturgeschichte -den Mut finden wird, auch in unserer grauenvollen Zeit nach Blüten zu -suchen, wird diese Erzählung sicherlich einen der reizvollsten Funde -darstellen. Ich muß gestehen, ein paarmal dachte ich an den herrlichen -„Taugenichts” von Eichendorff, so bilderbunt und romantisch läuft diese -Erzählung dahin, die von einem Steinbild an einer rheinischen Kirche -ins Mittelalter abschwenkt, um mit dem Schicksal des Steinbildes wieder -in der Gegenwart zu schließen. - -_Hans Benzmann_ in „Das neue Deutschland”: Es gibt Dichtungen, die so -fein sind, die so in allem den Leser und seine Seele hinnehmen, ihn so -im tiefsten beglücken, daß er nichts anderes über sie sagen mag: Lest -alle sie, sie waren mir ein Erlebnis und schenkten mir ein vollkommenes -Selbstvergessen, sie werden euch wie mir unvergeßlich sein. - - -Georg Müller Verlag München - - - - -Nikolaus Schwarzkopf - -Mathias Grünewald - -Ein Büchlein für Kinder Gottes - -Wie der Untertitel sagt: Kein Buch der Kunstwissenschaft oder -der Kunstgeschichte, kein „gelehrtes Buch”, kein Buch für den -„Kunstkenner”! Ein Buch vom Menschen und für den Menschen, ein Buch -von der Seele, ein Buch der tiefinnersten Dinge, der positiven, -gottfröhlichen Kindschaft, jenseits aller Konfessionalität. Wer dieses -Büchlein gelesen hat, wer den Ueberschwang der göttlichen Malerseele -des Meisters Mathias in sich verspürt, nachgefühlt, wer sich warm -gelesen an diesen Flammenzeichen der einfachsten Gottesnähe in uns, -tief in uns, dem wird der Meister und alle Kunst schlechthin ein neues -Zeichen sein, die Schuhe zu lösen an diesem heiligen Ort. Der wird -seiner Seele leichter folgen können, wenn sie zurückstrebt ins gelobte -Land der Gotteskindschaft und Gottesnähe. - - -Georg Müller Verlag München - - -Druck von Mänicke und Jahn in Rudolstadt - - - - - +----------------------------------------------------------------+ - | Anmerkungen zur Transkription | - | | - | Inkonsistenzen wurden beibehalten, wenn beide Schreibweisen | - | gebräuchlich waren, wie: | - | | - | allzusehr -- allzu sehr | - | anderen -- andern | - | ging's -- gings | - | indes -- indeß | - | soll's -- solls | - | trottelt -- trottet | - | über'n -- übern | - | Weideplatz -- Weidplatz | - | | - | Interpunktion wurde ohne Erwähnung korrigiert. | - | Im Text wurden folgende Änderungen vorgenommen: | - | | - | S. 7 „tiefgeleisigen” in „tiefgleisigen” geändert. | - | S. 15 „mirs” in „mir's” geändert. | - | S. 36 „wirs” in „wir's” geändert. | - | S. 37 „allmorgentlich” in „allmorgendlich” geändert. | - | S. 77 „im Schweiße ihres Ansichtes” in „im Schweiße ihres | - | Angesichtes” geändert. | - | S. 80 „neben aus dem Maul” in „eben aus dem Maul” geändert. | - | S. 99 „allmorgentlich” in „allmorgendlich” geändert. | - | S. 123 „wenns” in „wenn's” geändert. | - | S. 138 „Henst” in „Hengst” geändert. | - | S. 153 „auf den Kien” in „auf den Knien” geändert. | - | S. 171 „allmorgentlichen” in „allmorgendlichen” geändert. | - | S. 182 „hintenher” in „hinterher” geändert. | - | S. 233 „nießen, nießte” in „niesen, nieste” geändert. | - | S. 240 „nießen” in „niesen” geändert. | - | S. 291 „aufgeschurft” in „aufgeschürft” geändert. | - | mehrfach „A genoux” in „À genoux” geändert. | - | | - +----------------------------------------------------------------+ - - - - - -End of the Project Gutenberg EBook of Riesele, by Nikolaus Schwarzkopf - -*** END OF THIS PROJECT GUTENBERG EBOOK RIESELE *** - -***** This file should be named 62943-0.txt or 62943-0.zip ***** -This and all associated files of various formats will be found in: - http://www.gutenberg.org/6/2/9/4/62943/ - -Produced by Peter Becker and the Online Distributed -Proofreading Team at https://www.pgdp.net - -Updated editions will replace the previous one--the old editions will -be renamed. - -Creating the works from print editions not protected by U.S. copyright -law means that no one owns a United States copyright in these works, -so the Foundation (and you!) can copy and distribute it in the United -States without permission and without paying copyright -royalties. 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Redistribution is subject to the -trademark license, especially commercial redistribution. - -START: FULL LICENSE - -THE FULL PROJECT GUTENBERG LICENSE -PLEASE READ THIS BEFORE YOU DISTRIBUTE OR USE THIS WORK - -To protect the Project Gutenberg-tm mission of promoting the free -distribution of electronic works, by using or distributing this work -(or any other work associated in any way with the phrase "Project -Gutenberg"), you agree to comply with all the terms of the Full -Project Gutenberg-tm License available with this file or online at -www.gutenberg.org/license. - -Section 1. General Terms of Use and Redistributing Project -Gutenberg-tm electronic works - -1.A. By reading or using any part of this Project Gutenberg-tm -electronic work, you indicate that you have read, understand, agree to -and accept all the terms of this license and intellectual property -(trademark/copyright) agreement. 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You may copy it, give it away or re-use it under the terms of -the Project Gutenberg License included with this eBook or online at -www.gutenberg.org. If you are not located in the United States, you'll have -to check the laws of the country where you are located before using this ebook. - -Title: Riesele - Geschichte eines kleinen Pferdes - -Author: Nikolaus Schwarzkopf - -Release Date: August 16, 2020 [EBook #62943] - -Language: German - -Character set encoding: UTF-8 - -*** START OF THIS PROJECT GUTENBERG EBOOK RIESELE *** - - - - -Produced by Peter Becker and the Online Distributed -Proofreading Team at https://www.pgdp.net - - - - - - -</pre> - - - -<p class="center big140">Schwarzkopf/Riesele</p> - -<div class="figcenter b6" style="width: 80px;"> -<img src="images/signet.png" width="80" height="101" alt="" /> -</div> - - - -<p class="pagebreak center big160">Nikolaus Schwarzkopf</p> - - - - -<h1 class="nopagebreak">Riesele</h1> - -<p class="center big140">Geschichte eines kleinen Pferdes</p> - -<p class="center p6 big120">1920</p> - -<p class="center big120">Georg Müller Verlag München -</p> - - - -<p class="pagebreak center p10">1. bis 3. Tausend</p> - -<p class="center">Copyright 1920 by Georg Müller Verlag A. G., München</p> - -<p><span class="pagenum"><a name="Seite_5" id="Seite_5">[S. 5]</a></span></p> - - -<p class="pagebreak center p6 big140"> -Meinen beiden Buben<br /> -Friedemann und Klaus<br /> -</p> - - -<p class="pagebreak"><span class="pagenum"><a name="Seite_7" id="Seite_7">[S. 7]</a></span></p> - - - - -<h2>I</h2> - - -<p>Trudel, die kleine, hochträchtige -Stute, zog das mit frischem Gras -beladene Wägelchen den tiefgleisigen -Weg nach ihrem Stalle hinan, -und der Bauer, der mit seinen drei -Kindern oben auf dem Grase lag, -sagte:</p> - -<p>„Sie hat nun Feierabend für ein paar -Wochen: morgen oder übermorgen -wird sie uns ein Füllen schenken!”</p> - -<p>Die Kinder, zwei Buben und ein -Mädchen, hüpften aus Freude darüber -von dem Wagen herab, und auch der -Vater kletterte herunter, und alle vier -sprangen sie an die Radachsen und drückten -und schoben, daß Trudel nicht mehr -zu ziehen brauchte und vor Freude laut -aufwieherte.</p> - -<p>Aus dem Fenster der Wohnstube,<span class="pagenum"><a name="Seite_8" id="Seite_8">[S. 8]</a></span> -grad überm Stalle, guckte die Bäuerin, -die Mutter der Kinder, und rief:</p> - -<p>„Ist's Zeit für die Trudel, soll ich -kommen?”</p> - -<p>Sie kam auch schon die hohe Steintreppe -herabgesprungen, verlor den einen -Holzschuh, stieß auch den anderen zur -Treppe hinab und riß die Stalltür auf -und rannte barfuß in die kleine Scheune, -frisches Stroh zu holen.</p> - -<p>„Nur Geduld!” sprach der Bauer, -„so eilt's wohl nicht, Katherin; ihr -Weiber seid mir allzu ängstlich besorgt -um euer schweren Stunden!”</p> - -<p>Hühner, dreißig an der Zahl, standen -aus dem Sande auf, schüttelten den -Staub aus den Federn und sahen neugierig -und wie in Ehrfurcht zu der Stute -hin, der bunte Hahn krähte einmal, eine -Henne kam mit ihren zehn Küchlein aus -den Halmen der Wiese, junge Enten, die -im Wiesengraben plätscherten, wackelten -mühselig an den Weg, und etliche -schwere Gänse hüpften flatternd auf<span class="pagenum"><a name="Seite_9" id="Seite_9">[S. 9]</a></span> -den Wagen, das frische Gras zu versuchen.</p> - -<p>Indessen wurde Trudel von acht rührigen -Händen abgeschirrt, das kleine -Mädchen legte seine Hand an des Tieres -schwabbelige Lippen, und diese folgten -dem Händchen in den weitgeöffneten -Stall.</p> - -<p>Bärbel, die Kuh, deren Kalb, weil -es ein vernaschtes Ding war, seitabgebunden -an seinem Stricke riß, Bärbel, -die Kuh, drehte den breiten Kopf nach -der Trudel und schob zugleich das Hinterteil -mit dem schweren Euter dem blökenden -Kinde zu, das heftig einstieß.</p> - -<p>„Mamme, der Max sauft schon wieder!” -rief der rothaarige August der -Mutter zu, die mit einem Arm voll Stroh -hereinkam in den Stall.</p> - -<p>„Laß ihn heut noch einmal saufen, -den Nimmersatt, morgen ist er nicht -mehr der Jüngste im Stall, da wird er -sich schämen, so vernascht zu sein!”</p> - -<p>Sie zerknüllte das widerborstige<span class="pagenum"><a name="Seite_10" id="Seite_10">[S. 10]</a></span> -Stroh und breitete es unter der Trudel -aus, und zwei Zicklein hüpften um sie -her, indem sie, einen Halm im Mäulchen, -die überlangen Hinterbeine nach -allen Seiten in der Luft umherwarfen. -Auch Sapperlott, der Hasenvater, kam -über die sauberen Pflastersteine des -Stalles dahergehoppst, indes die alte -Häsin hinten in ihrem verdrahteten Geburtskasten -hockte und ihre Zitzen einer -wimmelnden Kinderschar preisgab. -Sapperlott hüpfte mitten hinein ins -neue Stroh, die Bäuerin packte ihn im -Genick und warf ihn dem kleinen Mädchen, -das sich in die Krippe vor die -Augen der Trudel gesetzt hatte, in den -Schoß. Aber das Kind mochte den -Alten nicht und setzte ihn hinter sich in -die Krippe, und nun lief er langsam -höckernd auf dem Stein zur Bärbel hinüber, -die sich nicht um ihn kümmerte.</p> - -<p>Die Bäuerin putzte an dem Leib der -Trudel herum, das Mädchen streichelte -die lange Mähne glatt und versuchte,<span class="pagenum"><a name="Seite_11" id="Seite_11">[S. 11]</a></span> -ein Zöpfchen zu flechten, August und -Gustav schabten an der Stalltür Dreck -von den Runkeln und warfen sie in die -Futtermaschine. Mit dem Vater kamen -die Hühner, alte und junge, angelockt -vom frischen Stroh, und die Enten standen -schräg hintereinandergereiht, wie -das ihre Art ist, vor der Schwelle und -wackten nach ihrem Abendessen.</p> - -<p>Auch die Sonne guckte in den Stall; -sie schob ein Brett Licht, so breit wie -die Tür, herein, das an der hinteren -Wand sich emporstellte und, da es -Abend war, bis an die Decke hinaufreichte, -wo ein Schwalbennest klebte. -Die Runkeln polterten in dem Kasten.</p> - -<p>Der Bauer brachte Gras herein, verteilte -es an Kuh, Ziegen und Hasen -und sagte zu seiner Frau:</p> - -<p>„Na los jetzt, wenn's Zeit ist, mach -das Trinken für die Trudel und nimm -Weizenkleie heut abend!”</p> - -<p>„Eine Mehlsuppe soll sie haben, Vatter!”</p> - -<p><span class="pagenum"><a name="Seite_12" id="Seite_12">[S. 12]</a></span> - -„Meintwegen, koch ihr eine Mehlsuppe! -Los, Buben, 's Federvieh gefüttert!”</p> - -<p>Die Bäuerin wischte mit der Sackschürze -dem Gäulchen über die glänzenden -Schenkel, trat aus dem Stall, -schlüpfte treppauf in die Holzschuhe und -schlappte in die Küche, das Getränk zu -kochen. Gustav warf oben von der Treppe -herab Gerste und Mais in vollen -Händen weithin, und das Federvieh -schoß aus allen Winden drauf zu, laut -und gierig, und auch der Hahn tat, als -könne er nicht genug bekommen, obwohl -er doch sonst gern den Anschein erweckte, -daß er vom Winde lebe!</p> - -<p>Drüben aber in den Wiesen erging -sich das Schwesterchen, tappte hierhin -und dahin, sammelte sich die großsternigen -Kuhblumen, die millionenhaft den -Abhang überblühten, und das freundlich -gelbe Scharbockskraut, dessen Blüten -wie kleine Sonnen zerstrahlten. Einen -ganzen Arm voll Gelb und Weiß stellte<span class="pagenum"><a name="Seite_13" id="Seite_13">[S. 13]</a></span> -das Kind, das auch Trudel hieß, in -sein Eimerchen, ließ an dem fließenden -Quellrohr, in dessen Trog ein Entlein -schwamm, Wasser ins Eimerchen laufen -und hob die zarte Herrlichkeit ans -Stallfenster hinauf, daß das junge Füllen, -wenn es komme, gleich einen Gruß -von ihr habe.</p> - -<p>Der Nachbar mähte die erste Blust -seiner Wiesen vorm Hause ab, ein gelbweißer -breiter Weg schob sich in die -weißübertupfte Farbenpracht, und seine -Kinder zogen aus dem niedergemähten -Gras die Blumen heraus, weil sie nicht -in die Wiesen treten durften.</p> - -<p>Trudelchen sprang zu ihnen hin und -verkündete, daß heute nacht ein kleines -Gäulchen ankommen werde.</p> - -<p>Die Mutter rief zum Essen, der Vater -schloß die untere Stalltür, die Schwalben -kamen heim, das Federvieh schlief, -die Sonne schlief, die Blütenpracht -ward überdunkelt, das Glöcklein des -spitzen Kirchturmes bimmelte sich schläfrig,<span class="pagenum"><a name="Seite_14" id="Seite_14">[S. 14]</a></span> -das Gras duftete, ein Kohlweißling -flatterte übermüdet vorüber, da setzte -sich die Familie ans Abendessen.</p> - -<p>Und dann sogleich wurden die Kinder -ins Bett gesteckt.</p> - -<p>„Einen Fuchs gibt's!” sagte August -leise.</p> - -<p>„Ein Schimmelchen!” entgegnete -Gustav.</p> - -<p>„Ein Räppele!” lispelte Trudel.</p> - -<p>„Ruhig! Eingeschlafen!” flötete die -Stimme der Mutter aus der Küche.</p> - -<p>„Wenn's ein Fuchs ist, muß es August -heißen!” hub August wieder an.</p> - -<p>„Gustav muß es heißen ...”</p> - -<p>„Wenn's ein Fuchs ist?”</p> - -<p>Trudel kicherte:</p> - -<p>„Ein Räppele, nun ja, wie heißt's -denn dann?”</p> - -<p>„Räppele!” antwortete Gustav.</p> - -<p>„Aber wie wird denn das große R -gemacht?”</p> - -<p>„Ruhig! Eingeschlafen!” rief der -Vater.</p> - -<p><span class="pagenum"><a name="Seite_15" id="Seite_15">[S. 15]</a></span> - -Im Kirchtürmlein schlugs langsam -zehn; so langsam, daß man darüber ein- -und ausschlafen konnte. Dann fing auch -das fleißige Lieschen an und schnurrte -eilig und abgearbeitet seine zehn herunter.</p> - -<p>„Ein Schimmel?” flüsterte Gustav.</p> - -<p>„Ruhig! Eingeschlafen!” rief ebenso -heftig Trudel.</p> - -<p>Und dann lispelte auch sie wieder:</p> - -<p>„Das große R, August, darf ich -zu dir kommen, willst du mir's zeigen?”</p> - -<p>„Vater kommt!” stieß Gustav hervor -und schlief ein.</p> - -<p>Die Eltern gingen im Nachbarzimmer -zu Bett.</p> - -<p>„Mutter”, rief Trudel, „das große R, -wie wird denn das gemacht?”</p> - -<p>„Schlaf!” sagte der Vater, „die Mutter -schläft schon!”</p> - -<p>Gustav und August schliefen, und der -eine schnarchte laut.</p> - -<p>„Vater”, fing nach einer Weile Trudelchen<span class="pagenum"><a name="Seite_16" id="Seite_16">[S. 16]</a></span> -wieder an, „Vater, wie wird -das große R gemacht?”</p> - -<p>„Ruhig!” antwortete jetzt die Mutter, -„der Vater schläft!”</p> - -<p>Da hatte das Kind etwas anderes -zu denken ... und schlief ein.</p> - -<p>Jenseits vom Wiesentälchen im Birkenschlag -sang eine Nachtigall; sie und -die Bäuerin wachten in der Nacht, da -das Gäulchen zur Welt kam. Als der -Bauer des Morgens in den Stall trat, -stand das kleine Gäulchen auf den weitgespreizten -vier Beinen im Stroh und -ließ sich behaglich von seiner Mutter -lecken.</p> - -<p>Ein Räppchen war's, ganz schwarz, -und nur auf seiner Stirn war ein weißer -Fleck, allerliebst anzusehen und gar gefällig -und kleidsam!</p> - -<p>Die Bäuerin holte ihr Mädchen aus -dem Bett, die beiden Buben sprangen -in ihren Hemdchen hinterdrein, und das -Füllen streckte seinen nassen, großen, -eckigen Kopf von dem Halse der Mutter<span class="pagenum"><a name="Seite_17" id="Seite_17">[S. 17]</a></span> -weg, den Kindern entgegen, und das -Schwesterchen ließ den Daumen im -Mäulchen, ließ den Arm um Ihrer -Mutter Halse liegen und blinzelte durch -die schweren Lider, als sei es recht von -dem Ankömmling enttäuscht. Die Buben -tätschelten schon an ihm herum, -worüber die Pferdemutter sehr erfreut -war und ihre Augen aus dem Duster -des Morgens leuchten ließ.</p> - -<p>Die Mutter nahm des Tierleins -Kopf, schob ihn an der Pferdemutter -Zitzen, und sogleich begann der kleine -Gaulmann wacker zu saugen. Unendlich -zärtlich bog die Alte ihren Kopf nach -ihrem Jungen herab und zurück, daß die -Mähne die Augen verdeckte, leckte, leckte -und hob das rechte Hinterbein, daß das -Junge recht bequem sein Erdendasein -beginne! Dann schob sie den Kopf wieder -hochauf, spitzte die Ohren, hälmelte -an dem Gras oben in den Raufen und -sah wieder zurück, hob mit den schwabbeligen -Lippen ein Bündel Heu auf und<span class="pagenum"><a name="Seite_18" id="Seite_18">[S. 18]</a></span> -putzte damit an dem Kleinen. Dieses -ließ sich, als es sich vollgesoffen hatte, -genau wie die großen Gäule auf die -Vorderknie nieder und dann zurückplumpsen -ins Stroh, und sogleich legte -sich auch die Mutter nebendran und -leckte weiter.</p> - -<p>Die Bauern der Nachbarschaft kamen -am selben Morgen, die Bäuerinnen -kamen und auch der Herr Pfarrer kam, -den Säugling zu sehen. Er kannte Trudel, -die Mutter, sehr gut: sie hatte ihn -schon oft übers Gebirg gezogen in die -Filialorte, wenn Glatteis war, sie hatte -ihn schon oft bei Regenwetter vom -Bahnhof des Städtchens abgeholt! -Was sollte er sie in ihrem Wochenbett -nicht einmal heimsuchen?</p> - -<p>Er war ein sehr großer Mann, der -Herr Pfarrer, und als er in die Stalltür -trat, mußte er sich bücken. Der Bauer, -ängstlich besorgt, der Herr Pfarrer könne -trotzdem den Kopf an die Oberschwelle -stoßen, legte vertraut, wie er mit ihm<span class="pagenum"><a name="Seite_19" id="Seite_19">[S. 19]</a></span> -war, die Hand auf des Herren Schulter -und sagte:</p> - -<p>„Herr Paschtohr, geben Sie acht, daß -Sie Ihren Grind nit anstoßen!”</p> - -<p>„Schon gut,” entgegnete der Pfarrer -und dachte: Grind bräucht er grad nit -zu sagen; na, es ist aber mal so auf dem -Land, 's ist nit bös gemeint!</p> - -<p>Der Pfarrer freute sich gern und -freute sich über das Tierlein und über -die Mutter, doch war es ihm nicht -vergönnt, einen Aerger zu verschlucken, -als der Bauer den eckigen Kopf des -Säuglings überaus zärtlich untern -Arm nahm, ihn, den Pfarrer, glücklich -wie ein Vater angrinste und -sagte:</p> - -<p>„Gucke Sie doch, Herr Paschtohr, -was ein goldiges Köpfle!”</p> - -<p>„Allerliebst!” antwortete der Pfarrer, -aber er dachte bei sich: sein Vieh hat ein -Köpfle, ich, sein Pfarrer, hab nur einen -Grind!</p> - -<p>„Segen ist in der Liebe zum Getier,<span class="pagenum"><a name="Seite_20" id="Seite_20">[S. 20]</a></span> -nicht wahr, wie in aller Liebe?” sprach -der Bauer, und:</p> - -<p>„Wie in aller Liebe!” wiederholte -der Pfarrer und fügte hinzu:</p> - -<p>„Und der liebe Gott gesegnet's einem -mehr und sichtbarlicher, wenn man sich -weniger zu den Menschen wendet und -mehr zum Getier und zu den Blumen, -zu den Bäumen, selbst zu dem harten -Gestein! Hat das etwa keine Ursache, -Vetter Klaus?”</p> - -<p>„Das hat wohl seine Ursache, Herr -Pfarrer, wie alles in der Welt, und -Sie wissen es wahrlich besser als ich!”</p> - -<p>„Warum sollte ich es besser wissen, -Vetter Klaus? Ich schlage mich im -Schatten mit den Menschen herum und -mit ihren dunklen Leidenschaften, und -Sie, Vetter Klaus, Sie leben und weben -im Sonnenlicht, am Herzen der Natur, -die noch weit mehr das Quellrohr -Gottes ist als wir Menschen, die wir -uns in schnöder Ueberschätzung Ebenbilder -Gottes nennen!”</p> - -<p><span class="pagenum"><a name="Seite_21" id="Seite_21">[S. 21]</a></span> - -„Hat sich etwa die Stammutter der -Pferde im Paradies vergangen? Hat -sie von einem verbotenen Apfel gegessen?”</p> - -<p>„Vetter Klaus, Vetter Klaus, ich -weiß ganz gut, wohinaus er will, ich -kenne meine Pfarrkinder nur zu gut; aber -wisse er: wenn der liebe Gott den übrigen -Geschöpfen keinen verbotenen -Baum in den alltäglichen Weg gestellt -hat, so wußte er genau, was er tat!”</p> - -<p>„Sonst wär er nicht Gott!”</p> - -<p>„Ganz recht, Vetter Klaus, sonst wär -er nicht Gott! Aber die Erkenntnis, mit -der er uns Menschen ausgestattet -hat, — —”</p> - -<p>„Die hat er den Tieren, die er mehr -liebte und mehr liebt, erspart!” warf -der Bauer ein.</p> - -<p>„Oho! Vetter Klaus!” rief der Pfarrer, -jedoch der Bauer fuhr fort:</p> - -<p>„Sagten Sie nicht selbst schon auf -der Sonntagskanzel, daß die Erkenntnis, -die den Menschen gegeben sei, daß<span class="pagenum"><a name="Seite_22" id="Seite_22">[S. 22]</a></span> -dieser Knochen, der den Menschen vorgeworfen -wurde, eben nichts Halbes -und nichts Ganzes ist, eben, daß er ein -wirklicher Fluch ist?”</p> - -<p>„Vetter Klaus: Erkenntnis sei ein -Fluch?!”</p> - -<p>„Ha, ich habe aus Euren Predigten, -Herr Paschtohr, schon etwas gelernt: -und man macht sich hinterm Pflug so -seine eigenen Gedanken!”</p> - -<p>Er nahm des Füllen Kopf an seine -Brust, hob den überaus langen Schweif -der Stute hoch und trocknete damit an -dem Füllen herum. Der Pfarrer nahm -eine Prise, hielt auch dem Bauern die -Dose hin und sagte freundlich lächelnd:</p> - -<p>„Lieber Vetter Klaus, ich habe -stets das unverdorbene Urteil des gesunden, -unverbildeten Bauernverstandes -zu schätzen gewußt und bin gerade -deshalb Bauernpfarrer geworden! -Lassen Sie mich das so sagen, wie ich -es sage: Einst ist in einem Stalle ein -Kindlein auf die Welt gekommen, und<span class="pagenum"><a name="Seite_23" id="Seite_23">[S. 23]</a></span> -das war Gott. Es lebte, auch da es -schon Mann war, fröhlich wie Ihr in -den Tag hinein, fröhlich wie Ihr und -die Vögel des Himmels und die Lilien -des Feldes und tat sonst nichts, als daß -es seinen Mitmenschen vom himmlischen -Vater erzählte. Nicht viel anders -erzählte es, als wie die Vögel erzählen -und die Blumen, das Wasser, das Gras, -Dein Vieh und ganz unmittelbar das -kleine Füllen, das eben erst seiner Schöpferhand -entsprossen.”</p> - -<p>„Ja, und ich selbst, und wir selbst?” -warf der Bauer ein, und der Pfarrer -fuhr fort:</p> - -<p>„Die Menschen freilich sind ohne -Gott, haben seine Worte vielfältig -umgemünzt zu ihren verbrecherischen -Zwecken, verstehen auch die Natur nicht -mehr, das Göttliche in der Natur und -im eigenen kindlichen Herzen und haben -sich immer weiter von Gott entfernt, -den sie nunmehr mit ihrem Verstand zu -erforschen suchen gleich der Urkraft in<span class="pagenum"><a name="Seite_24" id="Seite_24">[S. 24]</a></span> -der Zelle, anstatt ihn mit ihrem Herzen -zu lieben! Immer ärmer, immer unglücklicher! -Schier des Teufels!”</p> - -<p>„Darf ich etwas fragen, Herr Paschtohr?”</p> - -<p>„Aber freilich”, entgegnete der Pfarrer -neugierig und stolz.</p> - -<p>„Ist Ihnen diese Meinung eben erst -in meinem Stall gekommen, will sagen: -in einem Stall? Wie sich's gehörte?”</p> - -<p>„Wie sich's gehörte, sagt Ihr und -wollt sagen: daß die echte Erkenntnis -im Stall geboren wird, dieses kleine -göttliche Kindlein der Menschenseele -... Ja, Vetter Klaus, hier in Deinem -Stall!”</p> - -<p>Der Pfarrer deutete in fröhlich hohem -Schwung den Wiesen zu, dem Wäldchen, -den Hügelwellen, die leise zu -schwingen schienen, der Sonne und den -Wolken ...</p> - -<p>„Sagen Sie es doch so, Herr Paschtohr: -in Eurem Paradies, Vetter -Klaus!”</p> - -<p><span class="pagenum"><a name="Seite_25" id="Seite_25">[S. 25]</a></span> - -„Ganz recht: in unserem Paradies, -Vetter Klaus!”</p> - -<p>Trudel, das Mädchen, kam mit fliegenden -Haaren und fliegenden Tafelschwämmen -den Weg hergesprungen -und schrie schon von weitem:</p> - -<p>„Ich kann's, Vater, ich kann's!”</p> - -<p>„Was denn, was kannst denn?”</p> - -<p>„Das große R!”</p> - -<p>Es ließ seine Bücher fallen, behielt -nur die Tafel in den Händen, blieb -einen Augenblick stehen und wischte -mit dem Zeigefinger gar fürsorglich -und rannte dann um so rascher zum -Vater. Auf der Tafel stand, von des -Lehrers Hand geschrieben, das Wort -„Räppchen”, und darunter stand das -Wort von Trudels Hand ungelenk -nachgemalt.</p> - -<p>Der Pfarrer ließ sich die Tafel geben -und sagte zu dem Bauern:</p> - -<p>„Sehn Sie doch, Vetter, wie die -Menschen von Anbeginn gierig sind -nach ihrem Fluch!”</p> - -<p><span class="pagenum"><a name="Seite_26" id="Seite_26">[S. 26]</a></span> - -„Sie sind es in der Tat: der Teufel -hol mir alle seine Schulmeister!”</p> - -<p>„Und alle seine Pfaffen dazu!” lachte -der Pfarrer und ging quer über die gemähte -Wiese des Nachbars davon.</p> - -<hr class="chap" /> - -<p class="pagebreak"><span class="pagenum"><a name="Seite_27" id="Seite_27">[S. 27]</a></span></p> - - - - -<h2>II</h2> - - -<p>Als das Räppchen zum ersten Mal -aus dem Stall gehen durfte, rannte -es unter den Händen der drei Kinder -davon, feuerte aus, wie wenn es toll -wäre, und die Hühner stoben auseinander, -die Gluck sträubte das Gefieder, -die Enten ordneten sich schräg hintereinander -und guckten in die Höhe, und -nur die Gänse gingen vorgestreckten -Halses beherzt auf den Fremdling los, -ihn mit ihren sägig bewehrten Schnäbeln -zu beißen und zu vertreiben. Jedoch -das Räppchen achtete nicht ihrer -Waffen, hüpfte weiter und blieb erst -stehen, wo kein Huhn und keine Gans -mehr stand, und turnte da einmal recht -kräftig auf seine Vorderbeine, um mit -den dickknochigen Hinterbeinen gehörig -auszufeuern und gleichsam die ganze<span class="pagenum"><a name="Seite_28" id="Seite_28">[S. 28]</a></span> -Flatterschar keck zum Kampf herauszufordern.</p> - -<p>Da es eine Pause machte und um sich -guckte, ob vielleicht Gegner auf die Walstatt -gefolgt seien, drehte sich der Hahn -seitab und krähte einmal ins Birkenwäldchen, -als ginge ihn dieser Bramarbas -herzlich wenig an. Die Gänse streckten -die Schnäbel zusammen und schnatterten, -was sie gesehen, und machten sich -lustig über den Tollpatsch, und nur die -Enten kamen gutmütig, wie sie sind, seitlich -am Rande der Wiese entlang auf -das Räppchen zugewackelt, sagten aber -nichts.</p> - -<p>Auch die drei Kinder kamen, schnalzten -mit den Zungen, hielten die Hände -vor und rieben die Daumen auf den Zeigefingern. -Das Räppchen blieb stehen, bis -die Kinder nur noch einen Schritt entfernt -waren, dann warf es sich behend -herum und raste davon. Die kleine Trudel -begann zu weinen, und aus dem -Stall erscholl das klagende Wiehern<span class="pagenum"><a name="Seite_29" id="Seite_29">[S. 29]</a></span> -der anderen Trudel, aber das Räppchen -achtete auf nichts und lief immer weiter, -ins Dorf hinein.</p> - -<p>Die Bauern traten in die Türen und -sahen ihm nach, die Bäuerinnen kamen -mit ihren Kochlöffeln gelaufen, alle -Kinder eilten herzu, das Füllen einzufangen.</p> - -<p>Er, der Säugling, konnte der Meute -der Jugend nicht weiter entfliehen und -ergab sich schließlich, wieherte und -streckte den zahnlosen Mund in die Luft -und schweifte das dünne Schwänzchen -hin und her, bis es von einer kleinen -Hand festgehalten wurde. Die Mähne, -die wie ein Besen in die Höhe starrte, -ward von Kinderhänden überstreichelt -bis tief in den Rücken. Auch die beiden -Ohren wurden festgehalten und die zierlichen -Hufe, die Lippen, die Mähne, und -schier wäre das ganze Kerlchen von -Kinderhänden überdeckt worden, hätte -das Räppchen nicht durch einen heftigen -Ruck sich selber befreien können. Da<span class="pagenum"><a name="Seite_30" id="Seite_30">[S. 30]</a></span> -stand gerade die kleine Trudel vor ihm, -und diese Trudel durfte ihm über die -Augen fahren und an die weiße Stirn. -Mit ihr ging das Räppchen auch wieder -heimzu, und die Kinder des Dorfes -strömten mit an den Stall und drangen -bis in den Stall hinein, und Katherin, -die Bäuerin, hatte ihre liebe Not mit -ihnen, sie wieder hinaus zu bringen.</p> - -<p>Als der Bauer mit Bärbel, der Kuh, -die den kleinen Pferdewagen an der -Stirn hängen hatte, gemächlich, wie es -einem Kuhfuhrwerk zukommt, den Weg -herauftrottete, saßen noch einige auf der -Stallschwelle und betrachteten das -kleine Füllen mit seiner Mutter, denn -junge Pferde gab's nicht alle Tage, und -zudem solch ein kleines war noch nicht -gesehen worden im Dorf und nicht im -Tal.</p> - -<p>Der Bauer war beinah böse: er wollte -den kleinen Mann so früh nicht auf die -Gasse schicken, nun er seinen ersten Ausflug -doch gemacht hatte, mäßigte er<span class="pagenum"><a name="Seite_31" id="Seite_31">[S. 31]</a></span> -seinen Groll, da er wußte, wie die gute -Mutter dem Drängen der Buben nicht -hatte widerstehen können ... Er holte -sich das Tierlein heraus in die Sonne, -hob zärtlich den einen der zierlichen Hufe -und so auch die anderen, und da er nicht -erkennen konnte, daß das junge Horn -sich allzu sehr abgenutzt hatte, gab er -dem Räppchen einen gelinden Stoß auf -die schmalen Backen und jagte es in den -Stall zur Mutter. Sofort stürzte sich -der kleine Ausreißer gegen den Leib der -Alten, soff sich voll und ließ sich hinplumpsen, -um sogleich einzuschlafen.</p> - -<p>Sapperlott, der Hasenvater, kam ganz -nahe an seinen Hinterhuf herangehopst, -als wolle er jetzt schon einmal -prüfen, welch tückische Macht ihm den -Aufenthalt in dem ruhigen, viel zu ruhigen -Stall vielleicht verleiden könne! -Er wagte sich sehr nahe an den kleinen, -kindlich harmlosen Huf heran, er zog sogar -die Oberlippe faltig in die Höhe, er -streckte selbst das Zünglein zwischen den<span class="pagenum"><a name="Seite_32" id="Seite_32">[S. 32]</a></span> -spitzen Zähnen hervor, ließ die langen -Schnurrhaare über das Horn gleiten -und drehte sich schließlich ohne jeden -Grund davon weg, um eiligst nach seinem -Drahtgitter zu hüpfen. Daselbst, -so mochte es scheinen, erzählte er das -Ergebnis der Untersuchung seiner Häsin -und seiner Jungmannschaft, denn alle -krabbelten plötzlich ans Gitter und -staunten nach dem winzigen Pferdehuf, -der gelb wie ein Fetzen Maibutter neben -der dunklen Lende lag. „Keine Gefahr, -keine Gefahr!” Die Schwalben flogen -eifrig aus und ein; plötzlich erschallte -aus dem Nest ein heftiges Gezwitscher -und verstummte. Der Hasenvater schien -auch jetzt den Seinen etwas zu sagen, -denn alle hoben wie auf seinen Wink -die Augen von dem harmlosen Hufe weg -und hinauf an den Querbalken, wo das -Nest klebte. Auch das Räppchen regte -den Kopf, als störe ihn das Gezwitscher -der jungen Schwalben, oder aber als -errege es seine besondere Freude.</p> - -<p><span class="pagenum"><a name="Seite_33" id="Seite_33">[S. 33]</a></span> - -Am Nachmittag kam Trudel, das -Mädchen, aus der Schule und hatte an -der Stirn einen großen Kreidefleck, den -es wie ein Aschermittwochmal ängstlich -hütete. Es stellte sich vor sein Räppchen -und sagte:</p> - -<p>„Guck, das hat mir mein Lehrer gemacht!”</p> - -<p>Sie trug aber ein Stückchen Kreide -in der Hand und machte nun dem -Mutterpferd auch eine Blesse, dann -Sapperlott, dem Hasenvater, der in der -Reife seiner Jahre geduldig standhielt, -dann den jungen Geislein, die noch -keine Hörner hatten, dann der Stalltür -und den zwölf Steinstufen der hohen -Treppe, der Haustür, dem Küchentisch -und schließlich gar den eisernen Kochhäfen, -die in Reih und Glied hochangefüllt -mit Kartoffeln auf dem kalten -Herde standen. Und über jeden Fleck -malte Trudel ein großes R.</p> - -<p>Als die Mutter aus dem Garten, der -hinterm Hause lag, hervorkam, um den<span class="pagenum"><a name="Seite_34" id="Seite_34">[S. 34]</a></span> -Herd zu heizen, sah sie, was ihr Mädchen -gemacht hatte, und da sie eine -rechte Kindsmutter war, lachte sie über -den sinnigen Unsinn und ließ sich selber -eine Blesse auf die Stirn malen. Bald -qualmten die Kartoffelhäfen, und der -Schwarm des Dampfes stieg überm -Herde auf, an der dunklen Decke hin, -vorüber an der Mückenleimampel, die -da pendelte, und hinaus durchs offene -Fenster.</p> - -<p>Es geschah, daß die Buben und alle -Buben des Dörfchens mit dem Namen -Räppchen nicht mehr zufrieden waren -und sich auf einen anderen Namen besannen. -Während der Pausen auf dem -Schulhof, während man im Badloch -zu schwimmen versuchte, plätscherte -man eifrig die schönsten Namen übers -Wasser hin, und Trudel, das Kind, -hatte seine liebe Not! Es wollte sein -Gäulchen „Richard” nennen, „Richardele”, -aber die Buben spotteten und -hörten sie nicht einmal an!</p> - -<p><span class="pagenum"><a name="Seite_35" id="Seite_35">[S. 35]</a></span> - -Da standen sie wieder beisammen, -die Herrn Buben, standen mit ihren -Reifen im Stall und waren keine Minute -mehr zurückzuhalten, die Gassenbuben!</p> - -<p>„Na Trudelein,” sagte der eine, „solls -Räppchen immer noch Richardele heißen?” -und er lachte, und alle Buben -lachten mit ihm.</p> - -<p>„Weißt,” sprach August, „ein schwarzer -Gaul kann nicht Richard heißen!”</p> - -<p>„Warum denn nicht?” fragte sie dagegen, -„warum denn nicht?” Und sie -nahm ihr Däumchen in den Mund und -schmollte.</p> - -<p>„Und dann, Trudel, das mußt du -verstehen, das verstehst du aber noch -nicht,” so sagte ein anderer, der an einer -gelben Rübe kaute, „Richard ist doch -ein Bubenname!”</p> - -<p>Alle lachten sie frech, und Trudel -weinte laut heraus.</p> - -<p>„Besinn dich halt auf etwas Besseres!”</p> - -<p><span class="pagenum"><a name="Seite_36" id="Seite_36">[S. 36]</a></span> - -„Wir können das Räppchen doch -auch nicht Riese Goliath nennen!” -meinte August, und Gustav entgegnete:</p> - -<p>„Auch Siegfried sollen wir's nicht -nennen, da kann sie den großen S nicht -machen und kommt wieder gelaufen!”</p> - -<p>„Doch, ich weiß!” warf Trudel jetzt -hin, „Riese Goliath heißen wir's!”</p> - -<p>„Das sind ja zwei Namen, einer -genügt!”</p> - -<p>„Gut!” entschied Gustav, „nennen -wir's Riese!”</p> - -<p>Sie lachten schon wieder, aber Trudel -griff den Namen herzhaft auf und rief -ein übers andere Mal:</p> - -<p>„Riese heißt es, Riesele, Riesele!”</p> - -<p>„Riesele!” schrien die Buben, „Rieselein, -der kleine Gernegroß!” und sie -trieben ihre Reifen an und rasten mit -dem Namen davon, die Wegspur hinunter. -Trudel aber holte am Brunnen -eine Handvoll Wasser, trug sie fürsorglich -in den Stall, goß sie dem Gäulchen<span class="pagenum"><a name="Seite_37" id="Seite_37">[S. 37]</a></span> -übern Kopf und sagte immerzu: „Riesele, -Riesele!”</p> - -<p>Alle Welt war mit dem Namen einverstanden, -und das Füllchen Riesele -ward der Freund und Genosse der ganzen -Dorfjugend und die stille Freude -aller Erwachsenen.</p> - -<p>Es lief im Dorf umher, auf den Straßen, -in den Bauernhöfen, über die Wiesen, -selbst über die Felder durfte es -laufen, und niemand verwehrte es ihm. -Junge Rinder und Kälber, die des -Morgens in großen Scharen auf die -gemeinsame Weide getrieben wurden, -ließen stillschweigend geschehen, daß -das Gäulchen sich ihnen anschloß und -mitlief, ließen geschehen, daß das Gäulchen, -das freilich viel wilder war als -die Kälber, die großen Rinder, die schon -fast ausgewachsen waren und schon -fast eingespannt werden konnten, anrannte -und seinen Kopf in ihre Lenden -stieß, als wenn es saufen wollte!</p> - -<p>Die Gänse, die auch allmorgendlich<span class="pagenum"><a name="Seite_38" id="Seite_38">[S. 38]</a></span> -gemeinsam auf die Weide auszogen, -die Gänse mußten stets gewärtig sein, -daß ihre Unterhaltungen während des -Ausmarsches oder während der Heimkehr -plötzlich aus einem Hof heraus -von dem Riesele gestört wurden. Zwar -fürchteten sich die Gänse keineswegs, -rannten auch nicht davon, wenn der -Wildfang angetrippelt kam, aber da es -doch unliebsam war, mitten im Gespräch -auseinandergerupft zu werden, -so haßten die Gänse das Riesele heimlich, -und immer wieder konnte man -wahrnehmen, wie einige ihrer beherztesten -die Schnäbel hoben, schnatterten, -sogar laut krischen und dem Störenfried -an die Beine wollten.</p> - -<p>Auch die Schweine grunzten des -Morgens, wenn Rinder und Gänse fort -waren auf ihrem gemeinsamen Weideplatz, -und der Hirt, ein verlorener Sohn -aus Nirgendwo, war ein guter Mensch -von Anbeginn und konnte das Riesele -recht leiden, weil es ein so sauberes,<span class="pagenum"><a name="Seite_39" id="Seite_39">[S. 39]</a></span> -freundliches Kerlchen war. Zwar die -Schweine gewöhnten sich nicht an die -Freiheit des Gäulchens, verstanden sie -nicht und verziehen sie deshalb auch -nicht und stoben immer wieder verscheucht -auseinander, wenn sie es nur -von ferne trappeln hörten.</p> - -<hr class="chap" /> - -<p class="pagebreak"><span class="pagenum"><a name="Seite_40" id="Seite_40">[S. 40]</a></span></p> - - - - -<h2>III</h2> - - -<p>Natürlich stürmte es auch in den -Schulhof, denn Kinder waren ja -seine besten Freunde, und es war ja selber -ein Kind! Die dreiunddreißig Schüler -der kleinen Dorfschule brauchten den -Freund nicht zu fürchten, brauchten -auch nicht neidisch zu sein seiner Zartheit -und Sauberkeit wegen und hegten -keinerlei schlimme Absichten gegen den -ausgelassenen Gassenbuben, es sei denn, -daß sie ihn für die paar Schulstunden, -die sie an Freiheit weniger hatten, doch -leise beneideten. Sie hörten das Gäulchen -an den Fenstern des Schulsaales -vorüberspringen und durften nicht mit -hinaus; sie sahen es am Abhang der -Schulwiese grasen und durften nicht -hinaus; sie hörten aus dem Birkenwäldchen -sein tolles Wiehern, und sie<span class="pagenum"><a name="Seite_41" id="Seite_41">[S. 41]</a></span> -durften nicht einmal „Riesele” rufen! -Da mußten sie hocken und lesen, rechnen, -rechteckige Aecker zeichnen und ausrechnen, -was, wenn ein Quadratmeter -eine Mark und siebenundzwanzig Pfennig -koste, was der ganze Acker wert sei! -Anstatt mit dem Riesele drüber hin zu -rennen über den Acker! Da mußten sie -Quadratwurzeln ausziehen, und niemand -wußte, wozu, da doch Quadratwurzeln -auf keinem Acker wuchsen, kein -Unkraut waren und auch kein Kraut -und was also denn eigentlich? Da mußten -sie die Preußenkönige kompagnienweise -vorreiten können und genau die -Spanne Zeit abgrenzen können, die -einem jeden von ihnen und ausschließlich -diesem ihre militärische Größe verdankt -und ausschließlich ihre militärische -Größe, weil es offenbar eine andere -nicht gibt!</p> - -<p>Und draußen im Sonnenschein verjubelte -das Riesele seine Jugendkraft -und durfte anstellen, was es wollte!</p> - -<p><span class="pagenum"><a name="Seite_42" id="Seite_42">[S. 42]</a></span> - -Aber der Herr Lehrer, obgleich er ein -Preußenfreund war, war doch kein -Ungerader! War doch so kein ganz Ungerader!</p> - -<p>Es kam einmal vor, daß das Riesele -in seinem Uebermut ins Schulhaus -stürmte, über die vier Treppenstufen -kletterte und den Hausgang betrappelte. -Das hörten Lehrer und Schüler! Da -blieb weder Lehrer noch Schüler auf -dem Platz: dies Getrommel auf den -Steinplatten des Hausganges zertrampelte -alle Wissenschaft, weil es ein -Stückchen Kinderweisheit war: der -Preußenkönig flog in die Ecke, die Quadratwurzel -trieb Schößlinge aus dem -Acker, dessen Quadratmeter so schrecklich -teuer war, ... und der Herr Lehrer -sprang vom Pulte auf, schnitt munter, -schalkhaft lächelnd mit den beiden heftig -ausfahrenden Händen die Unruhe entzwei, -daß die Kinder wieder auf die -Sitze herabsanken und ging auf den -Zehen an die Tür und hob leise die<span class="pagenum"><a name="Seite_43" id="Seite_43">[S. 43]</a></span> -Klinke aus der Nase. Und wahrlich: -das Riesele stieß die Tür mit dem Maule -auf, daß sie zurückknallte wider den -Schrank.</p> - -<p>Da stand es nun, das Riesele, die -buttergelben Vorderhufchen auf der -Schulschwelle, und blieb stehen! Kam -nicht näher in den Saal, kam nicht in -den Saal herein! Alle Kinder standen, -standen gar auf den Bänken, hielten dem -Gäulchen ihr Brot hin, riefen, kosten, — -allein, es kam nicht näher. Es drehte -einmal den Kopf zur Seite, als wolle -es den Herrn Lehrer sehen, den es offenbar -fürchtete, allein, der Lehrer hielt sich -vielleicht aus sicherer Kenntnis elementar -fühlender Seelen hinter dem schwarzen -Ofen verborgen! Er stieß den Zeigefinger -vor, deutete auf das Trudelchen, -das Kind solle von seinem Platz aufstehen, -hervortreten und das Riesele -hereinholen. Aber Trudel getraute sich -nicht, und da die Buben wild wurden -und jeder das Pferdchen holen wollte,<span class="pagenum"><a name="Seite_44" id="Seite_44">[S. 44]</a></span> -streckte dieses seine Nase weit vor, wie -wenn es niesen wolle, nieste wirklich und -nahm Reißaus! Die ganze Klasse aber -stürmte hinterdrein, und für diesen Tag -war die Schule aus.</p> - -<p>„Ganz recht, Riesele!” sagte der -Lehrer, als er sein preußisches Geschichtsbuch -ins Pult einschloß, „unsere -Weisheit ist keine Einfalt mehr -und deshalb keine Weisheit mehr! -Wer weise werden will, der muß uns -fliehen!”</p> - -<p>Am nächsten Morgen erzählte der -Pfarrer den Kindern von dem kleinen -David und dem Riesen Goliath. Er erzählte -da, wie der kleine David als Hirtenbub -auf den Bergwiesen sich umhertrieb, -wie's just eben das Riesele tue, wie -er aber doch emsiger gewesen sei als das -Riesele, wie er gelernt habe, die Harfe -spielen, wie er selber neue Lieder gesungen -habe aus seinem Herzen heraus: -Lieder, wie sie vor ihm und nach ihm -kein Mensch mehr habe singen können,<span class="pagenum"><a name="Seite_45" id="Seite_45">[S. 45]</a></span> -wie er sich zugleich geübt habe, die -Schleuder zu führen, um im Falle der -Not das Vaterland zu verteidigen, und -wie er alsdann später seiner Lieder wegen -dem kranken König Saul habe singen -dürfen! Wie der König ihn habe liebgewonnen -und wie er nicht mehr habe -leben können ohne ihn, den Hirtenknaben, -wie dann auch wirklich die -Feinde gekommen seien, und wie just er, -der Hirtenknabe, den mächtigsten der -Feinde, ihren Riesen, den Riesen Goliath, -eben mit der Schleuder erlegt -habe, indem er ihm einen spitzen Stein -mitten in die Stirn getrieben habe, so -daß der ungeheure Kerl umgefallen sei, -um sich zu verbluten!</p> - -<p>„Ihr Buben!” sprach der Pfarrer, -„ich frage euch: ist das nicht eine echte -Bubengeschichte? Das ist die schönste -Bubengeschichte der Welt! Oder kennt -ihr eine schönere?”</p> - -<p>„Robinson!” rief einer; jedoch der -Pfarrherr wehrte ab und antwortete:</p> - -<p><span class="pagenum"><a name="Seite_46" id="Seite_46">[S. 46]</a></span> - -„Sei mir still mit deinem Robinson, -mit deinem unfolgsamen Engländer!”</p> - -<p>„Joseph!” meinte ein anderer, „Joseph -von Aegypten!”</p> - -<p>„Aha!” sagte darauf der Pfarrer, -„und warum denn Joseph?”</p> - -<p>„Weil er verkauft wurde, weil er ins -Gefängnis gesteckt wurde und nachher -doch König wurde!”</p> - -<p>„Gut, er hat gelitten und wurde erhöht!”</p> - -<p>„David wurde auch erhöht, David -wurde auch König!” rief ein Großer -dazwischen.</p> - -<p>„Wurde auch König,” wiederholte -der Geistliche, „David wurde auch -König, freilich, und was für einer! -Aber: welcher von den beiden gefällt -dir nun am besten, der aus Aegypten, -der zuerst leiden mußte, oder der von -den Fluren Bethlehems, der niemals -litt und immer siegte und sang und -Flöten blies und Harfen schlug?”</p> - -<p>Die Kinder zischelten; aus den neun<span class="pagenum"><a name="Seite_47" id="Seite_47">[S. 47]</a></span> -Bänken schossen die Finger wie Pfeile -gegen des Pfarrers Antlitz, und mitten -in dem Gezisch schlug plötzlich ein -kleiner Mädchenkopf knallend auf die -Bank: das Trudelchen heulte laut auf -und schnippste und holte den Schürzzipfel -an die nassen Augen. Der Pfarrer -trat zu ihm hin, ergriff sein Händchen -und sagte:</p> - -<p>„Was ist los, Trudel? Komm, los! -Sag mir's rasch?”</p> - -<p>Das Kind erhob sich nicht, sondern -rief mitten in seine Tränen hinein:</p> - -<p>„Das Riesele soll David heißen, nein, -Joseph, Joseph soll es heißen!”</p> - -<p>„Na, wie soll's nun eigentlich heißen, -Trudel?”</p> - -<p>Das Kind begann, aus seinen Tränen -zu lachen, erhob sich, sah dem Pfarrer -über die Maßen vertraut ins Gesicht -und sagte:</p> - -<p>„David!!”</p> - -<p>„David?” antwortete der Pfarrer, -„es soll König werden, ohne daß es zuvor<span class="pagenum"><a name="Seite_48" id="Seite_48">[S. 48]</a></span> -von seinen Brüdern wäre verkauft -worden; es soll sich immer nur freuen, -ohne daß es gelitten hätte! Ihr Großen -dahinten: wie ist's mit König David -gewesen: hat er schließlich nicht auch -sein Bündelchen zu tragen gehabt?”</p> - -<p>„Aber er war doch stärker als der -Riese, und ich hab's doch nicht gewußt!” -heulte Trudel.</p> - -<p>„Gewußt, gewußt! Trudelein! Du -hast's doch selbst getauft! Und getauft -ist getauft! Oder willst du dein Gäulchen -dreimal taufen lassen, wie's dem -Schalk aus Braunschweig geschah, -und willst du haben, daß Riesele -gleich diesem Schalk ein Taugenichts -werde und ein Tagdieb? Sei stille, sei -stille!”</p> - -<p>Trudel, von der Unabänderlichkeit -zerschmettert, ließ sich niederfallen und -ihr Geschluchz hub stärker an.</p> - -<p>Da wieherte draußen das Riesele, da -knallten auch schon die kleinen Hufe -wieder im Hausgang! Die ganze Klasse<span class="pagenum"><a name="Seite_49" id="Seite_49">[S. 49]</a></span> -begann zu schreien vor Freude, der Gustav -und der August liefen an die Tür, -den kleinen Frechdachs fernzuhalten, -hinauszuführen, aber dieser schlüpfte -unter ihren Händen durch zum Saal -herein und schnurstracks auf das Trudelchen -zu, das bei den Kleinsten in der vordersten -Bank saß.</p> - -<p>Diesmal, weil der Pfarrer im Saale -war, zögerte das Mädchen nicht. Es -schämte sich nicht! Allein es hatte gar -nicht Zeit, sich zu schämen, sein kleines, -ungestümes Herzchen hüpfte von selbst -auf die Bank, nahm das kleine, sechsjährige -Körperchen mit in die Höhe, -es legte die nackten Arme um des Riesele -schwarzen Hals, es küßte das Riesele -auf die weiße Blesse und riß es an der -in Jugendwuchs strotzenden Mähne -mit sich fort, zur Schule hinaus und -rief immerzu:</p> - -<p>„Dävidele, Dävidele!”</p> - -<p>Der Lehrer, der im Hofe auf- und abging -und seinen Aufsatz auswendig<span class="pagenum"><a name="Seite_50" id="Seite_50">[S. 50]</a></span> -lernte, kam eiligst herein, aber die zwei -Kleinen waren schon draußen.</p> - -<p>„Riesele hat einen sehr gesunden -Drang nach — nach — nach, Herr -Pfarrer, nach Weisheit in sich!” meinte -der Lehrer, „gestern war es auch hier!”</p> - -<p>„Es weiß nicht, was es tut!” erwiderte -der Pfarrer pfiffig, „ihm soll verziehen -werden! ... Uebrigens, wenn -das Riesele ein Esel wäre und nicht ein -kluges Ding, ein Pferd, man könnte versucht -sein, mit der Schrift zu sagen: er -kam in sein Eigentum, aber die Seinen -... Nix für ungut, Herr Lehrer, guten -Morgen!!”</p> - -<hr class="chap" /> - -<p class="pagebreak"><span class="pagenum"><a name="Seite_51" id="Seite_51">[S. 51]</a></span></p> - - - - -<h2>IV</h2> - - -<p>Ein Viertelstündchen abseits vom -Dorf wohnte der Großbauer Michael, -der sieben Pferde und dreiundzwanzig -Rinder hatte. Riesele sah einmal -vier dieser Gäule an einem mit -Steinen beladenen Wagen ziehen, zwei -Peitschen knallten über ihnen, die Siele -gerrten, Funken stoben aus den Hufeisen, -und dies Spiel der Kraft mochte ihm -so sehr gefallen, daß es sich den Pferden -zugesellte und mit ihnen lief in den -großen Hof. Sie konnten es gut leiden, -die dicken Gäule, sie drehten allesamt -die Köpfe nach ihm, sie ließen es an -ihrem Trog Wasser saufen, ja, sie schoben -es förmlich zu sich in den Stall, so -daß Riesele mit ihnen fressen mußte aus -ihren hohen Krippen. Ha, wie fühlte -sich das Zwergfüllchen so wohl! Die<span class="pagenum"><a name="Seite_52" id="Seite_52">[S. 52]</a></span> -sieben Kerle standen da in Reih und -Glied nebeneinander, Knechte putzten -an ihnen herum, daß die vollen -Backen zu blinken anfingen, warme -Dämpfe stiegen von den breiten Rücken -in die Höhe, und die Schweife tanzten -nur so!</p> - -<p>Riesele begann den Schweiß zu lecken, -Riesele lief von dem einen zum anderen, -Riesele ließ sich von allen liebkosen und -streckte den Kopf auch den Knechten -zu, die es liebreich tätschelten. Ueberallhin -sprang Riesele in dem ungeheuren -Stall, schlüpfte gar durch einen schmalen -Verschlag hinüber in den Kuhstall, -und die sieben Gäule drehten die schweren -Köpfe an den dicken Hälsen hinzu -nach dem Verschlag, sei es, daß sie selber -gern einmal hindurchgeschlüpft wären -zu den Kühen, sei es, daß sie das Gäulchen -den plumpen Milchkühen nicht -gönnten. Dies Kerlchen, — man war -selber einmal so lieblich und klein, man -hätte selbst gern solch ein Kind gezeugt,<span class="pagenum"><a name="Seite_53" id="Seite_53">[S. 53]</a></span> -solch ein Kind sein eigen genannt — -dies Kerlchen sprang nun zwischen den -Kühen herum, und keine Magd jagte -es fort! Sie standen beisammen, die -Mägde, und schwatzten.</p> - -<p>Die Knechte gingen gar hinüber und -stellten sich zu ihnen, und der kleine -Mann war nicht mehr zu sehen! Ein -Hinterbein nur, ein Stück des linken -Ohres: die Gäule wurden unruhig, -wieherten, rissen an ihren Ketten, schlugen -mit den Hinterhufen auf, als sei ein -Bienenschwarm über sie hergefallen.</p> - -<p>Da auf einmal gab's ein Geschrei:</p> - -<p>„Er wirft mir die Milch um!”</p> - -<p>Sie stoben auseinander, die Mägde, -die Knechte lachten laut auf, ein Eimer -kollerte übern Steinboden, und Riesele -kam in großen Sätzen durch den Verschlag -in den Pferdestall zurück. Ha, -wie freuten sich die Gäule!</p> - -<p>Aber da stand plötzlich ein kleines -Mädchen in der Tür, wagte sich nicht -näher, rief: „Riesele, Riesele,” und alle<span class="pagenum"><a name="Seite_54" id="Seite_54">[S. 54]</a></span> -Herrlichkeit hatte ein Ende, denn das -Riesele wandte sich von den alten Gaulmännern -ab und lief zu dem Kind und -lief mit dem Kind davon, ohne sich nochmals -umgeguckt zu haben.</p> - -<p>Es kam wieder, das Milchkind! Es -kam schon am nächsten Tage wieder! -Zwei der Gäule zogen hinterm Haus -den Pflug, zwei zerrten die Egge hinterdrein, -zwei trabten mit dem leeren Steinwagen -den Hügel hinauf, und der siebente, -der dickste, hatte eine Fuhre Mist -hinter sich hängen und stand noch im -Hof, an der Mistkaute. Dieser allein sah -das Riesele an sich vorüberspringen, sah -es ohne Gruß an sich vorüberspringen, -als wenn ein Gaul, der das Unglück hat, -Mist ziehen zu müssen, deshalb keiner -Achtung würdig wäre! Das eingebildete -Aeffchen rannte schnurstracks in den -Pferdestall, und da es niemand zu Hause -fand, legte es sich ein Weilchen auf den -Platz in der Mitte und schlief in dem -großen Bette ein, wie alle Kinder es so<span class="pagenum"><a name="Seite_55" id="Seite_55">[S. 55]</a></span> -gerne tun! Es wachte auf, als draußen -der Mistwagen den Hof hinausratterte. -Eiligst hob es sich auf die Beine, lief -hinter dem Wagen drein, kehrte aber, -noch bevor es ihn erreicht hatte, um und -erblickte die Pflüger und die Egger und -rannte nun, so schnell es konnte, hinters -Haus, um sich den Pflügern zugesellen -zu können.</p> - -<p>Schräggestellt wie ein Hund, tänzelte -es nunmehr vor, neben und hinter den -schweißigen Ackergäulen einher über die -frischen Schollen wie eine flinke Meise, -und seine aufstarrende Mähne bog sich -schwer nach beiden Seiten. Die Schimmel, -die hinterdrein die Egge zogen, begannen -zu traben, der Knecht zerrte die -Leine an und schrie unausgesetzt: „hü, -hü!”, aber die Schimmel ließen sich nicht -halten und eilten voran, wenn auch die -Schollen nicht recht zereggt waren. -Munter und stolz mit hochaufgestreckten -Ohren nickten indessen die Füchse, die -vorm Pfluge gingen, ihre Schar durch<span class="pagenum"><a name="Seite_56" id="Seite_56">[S. 56]</a></span> -den harten Boden, wie wenn sie dem -Kinde hätten zeigen wollen, was für -ehrenfeste Kräfte sie seien, oder wie -wenn sie ihm hätten ein gutes Beispiel -geben wollen. Kein Blick abseits, kein -Schritt abseits, gleichmäßig zerrten die -Lederriemen an den Kummeten. Ja, -der Knecht, der Soldat gewesen war -und Sinn für maschinenhafte Ordnung -hatte, gewahrte, daß die Schritte der -Füchse, die sonst nach jedem fünften -Tritt zum Gleichschritt kamen, eben -fortgesetzt gleichmäßig im Takte blieben, -und da er diesen Takt von der Kaserne -her so sehr liebte, freute er sich über die -Maßen wie beim fertigen Parademarsch -und sah selber bisweilen wie ein Kompagniechef -hinüber zum General, der -heute sogar ein ganz junges Prinzlein -aus vielleicht höchstem Hause war.</p> - -<p>Als wieder einmal die Furche zu Ende -war, durften die Füchse warten, bis die -Schimmel kamen, und nun stellten sich -die Schimmel in dem Abstand, der<span class="pagenum"><a name="Seite_57" id="Seite_57">[S. 57]</a></span> -ihnen ihrer Arbeit entsprechend zukam, -seitlich von den Füchsen auf, um gleichzeitig -und gleichmäßig ans andere Ende -des Ackers die Arbeit zu ziehen. Ja, -auch die Schimmel hoben nun die -Köpfe und stellten die Ohren steil auf! -Und wenn ihre Hufe auch nicht den -gleichen Schlag bewahren konnten, — -vielleicht weil die Egge ein unordentliches -Gezerr verursacht, — so blieben -sie doch, von der Hand des Knechtes -gelenkt, in gleichem Abstand und in -gleicher Höhe.</p> - -<p>Riesele aber, wie es da einen einheitlichen -Willen erfühlt, hüpft wie ein -abgerichteter Zirkusgaul von hinten her -zwischen die vier Pferde und marschiert -nun wie an der Tete mit fröhlichem -Getrippel einher und tollt nicht mehr -seitab und tänzelt nicht mehr und bockelt -nicht mehr und ist ganz Ordnung und -Würde.</p> - -<p>Jedoch gleich am Ende der Furche, -als gewendet wurde, mochte ihm etwas<span class="pagenum"><a name="Seite_58" id="Seite_58">[S. 58]</a></span> -anderes besser gefallen haben, und es -lief vom Acker der Arbeit, dem es ein -Stückchen Schönheit eigener Art verliehen -hatte, davon.</p> - -<p>Es lief in eine neue Schönheit hinein: -ein Weizenfeld stand oben, wo sich der -Hügel hinabzu biegt, und Millionen -von knallroten Mohnköpfen leuchteten, -wie wenn sie als Wolke am blauen -Sommerhimmel einhergingen, zwischen -den steilen, kurzen Halmen dicht -gedrängt, als stünde der Acker in Feuer.</p> - -<p>Riesele rannte drauf zu. Jedoch, wie -es oben war, sah es sein Dörfchen -unten, sah alle Schornsteine rauchen, — -kerzengerade ringelten sich feine Rauchsäulen -in die heiße Luft — und dann -sah es noch am anderen Abhang eine -Schafherde grasen. Der Pferch stand -weiter unten im Tal, und die Hütte des -Schäfers lehnte an einem Nußbaum.</p> - -<p>Diese Schafherde gefiel offenbar -dem Riesele am besten, es lief deshalb -zu ihr hin. Die Schafe hoben die Köpfe<span class="pagenum"><a name="Seite_59" id="Seite_59">[S. 59]</a></span> -von der Erde auf und drehten sie. Der -Schäfer pfiff, riß, wie wenn Gott -weiß welche Gefahr gedroht hätte, die -Schippe hoch, und der Hund stürzte -sich heulend Riesele entgegen, so daß dies -nichts besseres tun konnte, als eiligst -umzukehren zu seinem Mohnfeld. Richtig -erschreckt hatte es der garstige Hund: -es legte sich um in dem Weizen und -schlief fünf Minuten.</p> - -<p>Es erwachte wieder, blieb aber liegen, -hob den schwarzen Kopf aus dem roten -Feuer und nieste einmal kräftig in den -Tag hinein.</p> - -<p>Sogleich, wie es geniest hatte, hörte -es seine Mutter wiehern. Es duckte sich -wieder zwischen die Halme, guckte aber -doch nach allen Seiten um sich und -sah schließlich den Kopf seiner Mutter -oben am Himmelsrande des Hügels -aus dem Rot auftauchen, wie er eine -Last, die noch nicht zu sehen war, hinter -sich hernickte. Die Mutter erschien ganz, -die Last erschien: es war der leichte,<span class="pagenum"><a name="Seite_60" id="Seite_60">[S. 60]</a></span> -überdächelte Stuhlwagen, den sie, wer -weiß wohin, zu ziehen hatte, vielleicht -den Pfarrer abzuholen oder den Gerichtsvollzieher.</p> - -<p>Riesele blieb liegen und duckte den -Kopf. Als aber die Mutter wieder wieherte -und nochmals, konnte es sich nicht -halten und sprang auf und ihr entgegen.</p> - -<p>Die Mutter aber war durchaus nicht -lieb zu ihm! Sie sah mit einem fernen -Blick, der keine Liebkosung heischte, -nach ihm hin, und Riesele getraute sich -deshalb gar nicht so nahe zu ihr, obwohl -es Durst hatte und gern an die -Mutterbrust gestürzt wäre! Der Bauer -nahm sogar die Peitsche, die am Kummet -der Trudel stak, schwang sie hoch -und riß dem Riesele die dünne Schmicke -über die Ohren, daß es, obwohl die -Schmicke nicht traf, sich rasch herumwarf -und heimwärts lief.</p> - -<p>Als es einmal stehen blieb und nach -der Mutter umsah, war das Fuhrwerk -verschwunden.</p> - -<p><span class="pagenum"><a name="Seite_61" id="Seite_61">[S. 61]</a></span> - -Im Stall des Großbauern brüllten -etliche Kühe, deren Euter zu schwer -geworden waren, nach den Mägden. -Allein Riesele hörte den Peitschenknall -und zog es vor, heimzutrippeln. Es sah -sich nicht mehr nach den Gäulen um, -nicht mehr nach den kleinen Kindern -und selbst am Schulhof, wo gerade -Pause war, raste es vorbei und mißachtete -des Brotes und der lauten Rufe.</p> - -<p>Je näher es seinem Stalle kam, um -so rascher sprang es, es hörte den Peitschenknall -an den Ohren, und vielleicht -vermeinte es, die Peitsche schwebe noch -über ihm wie ein Engel über Kindern -... es rannte, rannte und sah nicht auf, -nicht um, ja, der junge Mund, der -schlaff nach unten hing, füllte sich mit -schaumigem Geifer, und ein weißer -Fetzen troff herab und klatschte auf den -gelben Huf.</p> - -<p>Ein Kind stand da, sah das Riesele -den Weg daherrasen; es trug in der -Hand einen irdenen Krug mit Milch<span class="pagenum"><a name="Seite_62" id="Seite_62">[S. 62]</a></span> -und erschrak vor solcher Kindeswut im -kleinen Gäulchen und konnte nicht ausweichen -und blieb stehen mitten auf -dem Weg.</p> - -<p>Jedoch das Riesele konnte heute nicht -bei dem Kind verweilen wie sonst, -konnte überhaupt nicht achthaben auf -ein Kind. Es rannte das Kind an, daß -der Milchkrug fiel, daß er zerbrach und -daß die Milch sich weithin ergoß.</p> - -<p>Der Schlag schreckte aber nun das -Riesele auf aus seinen Träumen; es -drehte sich um, blieb einen Augenblick -stehen, kam zaghaft näher an das Kind -und besah sich die Milch, die in Rinnseln -dahinfloß. Einen Augenblick nur, -wohl bis es sich überzeugt hatte, daß -es diese Milch doch nicht trinken könne, -besah es sich das Unglück; dann drehte -es sich wieder, schlug sich überaus leichtfertig -mit dem lichten Schwänzchen -über die Hinterbacken und ging gemächlich -weiter.</p> - -<p>Ein blütenweißer Gänserich stand da<span class="pagenum"><a name="Seite_63" id="Seite_63">[S. 63]</a></span> -auf einem Bein und schielte zu den -Gänsefrauen, die einen Steinwurf entfernt -im Sande lagen. Im vergangenen -Winter war er der einen Liebster gewesen; -offenbar konnte er nicht so rasch -vergessen, als er vergessen ward, und er -stand da und träumte, und Riesele tappte -auf ihn zu, daß er ganz verschreckt die -Flügel aufriß und halb flog, halb -hoppste und nun, gesammelt, heftig -dem Gäulchen nachschimpfte. Die -Weiber lachten ihn aus.</p> - -<p>Die Hühner hockten vorm Stall; -sie standen auf, wie Riesele kam, und -setzten sich wieder, als hätten sie nur -grüßen wollen! Sapperlott saß auf der -Schwelle und hoppste langsam zurück. -Drei junge Schwalben zwitscherten auf -der nach innen aufgedrehten Tür, eifrig -wie alte.</p> - -<p>Riesele legte sich seitab von den -Hühnern an das Wässerchen, leckte, erhob -sich, ging an den Trog und versuchte -mit der Zunge zu lecken wie ein<span class="pagenum"><a name="Seite_64" id="Seite_64">[S. 64]</a></span> -Hund und trank dann regelrecht wie ein -erwachsenes Pferd. Aeußerst stolz sahen -die großen Augen rings auf das Geziefer -herab, das doch meinte, Riesele -sei noch ein Brustkind! Das Wasser tat -ihm gut; es hätte schier nicht mehr aufhören -mögen, zu trinken!</p> - -<p>Ein Fuhrwerk, mit zwei Kühen bespannt, -schob sich in dem tiefgleisigen -Weg vorbei; Riesele, das großen Hunger -hatte, begann aus irgendeinem Grund, -vielleicht aber auch ohne jeden Grund, -hinter dem Wagen herzulaufen, bis es -die Entenschar daherkommen sah. Der -Enterich, dessen Gefieder schillerte, wie -wenn er's frisch für einen Feiertag geölt -hätte, warf den Kopf rückwärts zur -nächsten Ente, sagte: „wack wack”, -drehte den eitlen Kopf wieder vor, und -eine Ente sagte der anderen dieses Wort, -das sicher eine mißliebige Bemerkung -gegen Riesele war, denn eine jede zog, -nachdem sie gesprochen, den Unterschnabel -zurück und lachte auf diese<span class="pagenum"><a name="Seite_65" id="Seite_65">[S. 65]</a></span> -Weise, wie es Enten tun, und wackelte -weiter. Riesele schien von diesem verschmitzten -Lachen beleidigt zu sein, -tappte in die Schar, zerstreute sie und -freute sich seiner Tat so sehr, daß es in -wilden Sätzen auch die Hühner aus -ihrem trägen Brüten aufjagte und -wunder meinte, was für ein Held es sei! -Denn es turnte wieder an den Wassertrog, -tunkte ungestüm den Kopf bis fast -zur Hälfte hinein und schüttelte die -Wassertropfen nun über die Hühner hin, -die schon wieder beisammen saßen. Das -schien in der Tat ein Heldenstück, war -aber keineswegs ein solches, war Not, -nicht Tugend, sofern ein Heldenstück -dieser Art überhaupt Tugend sein kann.</p> - -<p>Riesele war größer und kräftiger als -das Federvieh zusamt den Gänsen, aber -es war auch jünger! Die Gänse und die -Hühner und die Enten hatten sich ihren -Lebenskreis schon lange gezogen und -waren fertige Leute! Riesele aber fing -erst an, sein Leben sich zu zimmern, und<span class="pagenum"><a name="Seite_66" id="Seite_66">[S. 66]</a></span> -es wäre eine schöne Sache, wenn berichtet -werden könnte, daß aus diesem -Grund das Federvieh, wie es reifen -Leuten zukommt, die Quertreibereien -des Gäulchens geruhsam über sich hätte -ergehen lassen! Man weiß indes: sie -wichen der Gewalt!</p> - -<p>Oft, sehr oft mußten die pflichttreuen -Tiere der Gewalt dieses Tollpatsches -weichen. Ausgebreitete Hühnerflügel, -flatternde Schwänze, das Durcheinander -des Entenwacks wirkten jeweils -auf das Riesele wie Disteln unter seinem -Schwanz, und es geschah nicht selten, -daß die Hühner flüchten mußten, sich -mühsam aufschwingen mußten auf die -Stalltür, auf die Wagenleiter, oder daß -sie auf- und davongehen mußten ins -Gras, so wild gebärdete sich Riesele! -Die armen Enten: sie trugen von ihrer -Stammutter her den Drang nach der -Ferne im Blut, sie sahen alltäglich ihre -wild und frei gebliebenen Schwestern -übers Tälchen streichen und ins Röhricht<span class="pagenum"><a name="Seite_67" id="Seite_67">[S. 67]</a></span> -einfallen, wo sie ihren verletzenden -Freiheitsruf immerhin lockend erschallen -ließen, sie spotteten der zahm, gesinnungstüchtig, -eierlegend, aber auch -schwerfällig und dick gewordenen Hausenten, -und diese, obwohl sie des Dranges -nicht ledig waren, konnten ihren plump -gewordenen Körper um keinen Preis -mehr in die freien Lüfte erheben und -hätten's doch so gerne getan. Hätten's -doch zu allererst deshalb so gern getan, -um diesem Tunichtgut rasch entflattern -zu können und nicht mühselig und stets -seines Hufs gewärtig, aus der unbestimmten -Bahn entwackeln zu müssen! -Die armen Enten! Sie haßten das -Riesele sehr!</p> - -<p>Ganz anders verhielt es sich mit den -Gänsen! Sie waren neun an der Zahl, -sie trugen das Bewußtsein ihrer Stärke -in sich, sie konnten das Riesele, wenn -wirklich ein Ernstfall entstehen sollte, -mit ihren Schnäbeln und mit ihren -schweren Flügeln schon dermaßen verhauen,<span class="pagenum"><a name="Seite_68" id="Seite_68">[S. 68]</a></span> -daß es — der graue Gänserich -ist neulich einem Kalb an die Kehle gesprungen -— daß es gerne die Flucht ergreifen -würde! Auch das Riesele wußte -das! Aber was sollten die großen Gänse -Händel suchen, weil die kleinen Enten -sich nicht selber verteidigen konnten, ihre -Natur ganz und gar vergessen hatten, -sich also auch nicht mehr zu retten vermochten, -wenn der Feind stärkere Kräfte -ins Feld führen konnte, als ihnen zur -Verfügung standen! Törichtes Entenvolk!</p> - -<p>Die Peitsche, jeweils die Peitsche, -mußte solchen Zwist schlichten, und -darnach vertrug man sich wieder, -hielt Freundschaft und fraß aus einer -Schüssel.</p> - -<p>Das Schlimmste aber an all diesen -Mißhelligkeiten war, daß die Kinder -immer und immer wieder einseitig und -urteilslos Partei ergriffen für den, der -Hilfe am wenigsten nötig hatte, für -Riesele!</p> - -<p><span class="pagenum"><a name="Seite_69" id="Seite_69">[S. 69]</a></span> - -Aber es muß doch gesagt sein, daß -das Geflügel auch wieder seine Freude -hatte an dem tollen Vierbein, und daß -selbst die Enten sich jeweils mehr über -sich selber ärgerten, als über das Riesele! -Die Enten, die Hausenten, sind das -Opfer ihrer Bequemlichkeit geworden, -sie sind's nun einmal, und wissen sich -drein zu schicken!</p> - -<p>Die Geißen im Stall trugen auf der -Stirn wie gezückte Schwerter die beiden -Hörner und blieben unbehelligt, und -ihre Jungen verstanden den Kindskopf -Riesele besser als alles Geziefer und -tollten mit ihm, wenn es tollen wollte, -und legten sich neben es, wenn es schlafen -wollte. Es kam oft vor, daß neben, -ja dicht an und auf dem tiefschwarzen -Füllenrücken ein schneeweißes Geißlein -schlief oder gar zwei, und Sapperlott, -der Hasenvater, der offenbar einen besonderen -Sinn für Farben hatte oder -auch für Musik, brachte kein Auge zu -und sah und hörte nicht, was um ihn<span class="pagenum"><a name="Seite_70" id="Seite_70">[S. 70]</a></span> -vorging, wenn Schwarz und Weiß in -solcher Eintracht beisammenlagen wie -ein preußisches Fähnlein.</p> - -<hr class="chap" /> - -<p class="pagebreak"><span class="pagenum"><a name="Seite_71" id="Seite_71">[S. 71]</a></span></p> - - - - -<h2>V</h2> - - -<p>Noch sprang das Riesele umher ohne -Zaum, ohne Zügel, ohne Halfter, -pudelnackt, wie Gott es erschaffen hatte. -Trudel, das Mädchen, konnte ihm keine -Blumen anstecken, und hätte es doch so -gerne getan! Gustav und August, wenn -sie es striegeln wollten, konnten es nicht -festhalten und striegelten es doch so -gerne! Die Hufe, die sich gemach vom -Staub der Erde grau färbten, sollten -gelb bleiben wie Maibutter, aber wer -konnte die Hufe des Tages siebenmal -bürsten? Wer könnte die Mähne, die -zusehends wuchs, des Tages siebenmal -strähnen, wer den Schweif, der wie ein -Mädchenzopf baumelte, richtig durchkämmen, -wie sich's gehörte?</p> - -<p>Trudel, das Schwesterchen, setzte -einmal seine Puppe auf den schmalen<span class="pagenum"><a name="Seite_72" id="Seite_72">[S. 72]</a></span> -Rücken des Riesele, aber das Riesele -warf die Puppe von sich, indem es mit -den Vorderbeinen sich heftig gegen die -Erde stemmte und den Rücken vom Hals -bis zum Schwanz wacker schüttelte. -Eine Puppe freilich, eine Puppe!</p> - -<p>Gustav kam zuerst auf den guten Gedanken: -August mußte den Kopf Rieseles -untern Arm nehmen, mußte ihn -festhalten, und Gustav hob das Trudelchen -hinauf, ganz hoch hinauf auf den -Rücken und probierte vorsichtig, ob das -Tierlein auch solche Last tragen könne. -Es trug sie! Es fühlte sich offenkundig -wohl mit seiner Last, es drehte den -Kopf aus Augusts Arm und reckte ihn -stolz in die Höhe. Dann machte es gar -einen Schritt und noch einen, und da -das alles so leicht ging, schoß es ganz -plötzlich weiter, und das Trudelchen -purzelte aufs Gras herab, stand auch -schon wieder und lachte und setzte dem -Ausreißer nach quer über die Wiesen, -die der zweiten Mahd entgegensahen.</p> - -<p><span class="pagenum"><a name="Seite_73" id="Seite_73">[S. 73]</a></span> - -„Lauft mir mal schnell zum Sattler -miteinander!” rief der Vater von der -Treppe herab, „und laßt mir dem Riesele -ein Halfter anmessen!”</p> - -<p>„Los, zum Sattler!” schrien die Buben, -„los zum Sattler!” triumphierte -das Mädchen, „und ein Sättele, ein -Sättele, Vater, darf der Sattler auch -ein Sättele machen?”</p> - -<p>„Sättele, Sättele,” entgegnete der -Vater, „was willst du mit einem Sättele? -Maidlin gehören nit aufs Sättele! -Los, und nix angestellt unterwegs!”</p> - -<p>Als der Sattler das Maß nahm, -sagte er zu Trudel:</p> - -<p>„Heut kommt das Riesele in die -Schul; mach einen Strich in den Kalender!”</p> - -<p>„Wie lang muß es in der Schule -bleiben? Ich muß acht Jahre drin -bleiben!”</p> - -<p>„Acht Jahre?” versetzte der Sattler, -„und dann?”</p> - -<p>„Dann geh ich in die Stadt!”</p> - -<p><span class="pagenum"><a name="Seite_74" id="Seite_74">[S. 74]</a></span> - -„Du hast's gut vor, Trudel, acht -Jahre sind schnell herum! Aber das -Riesele muß sein ganzes Leben lang in -der Schule bleiben!”</p> - -<p>„Muß es?” fragte Trudel.</p> - -<p>Gustav kam herbei und hielt ihr den -Mund zu, denn der Polizeidiener stand -an der Straßenecke und rief etwas aus. -Er rief aus, daß von morgen ab das -Betreten der Weinberge verboten sei!</p> - -<p>Und dann kam er schnurstracks an -die Treppe des Sattlers, griff dem Riesele -in die Mähne und sagte zu den -Kindern:</p> - -<p>„Höchste Eisenbahn, daß er sein Halfter -ankriegt, der Tagdieb, sonst hätt' ich -ihn morgen gleich ins Wachtstübchen -gesteckt!”</p> - -<p>„Sonderbare Welt das,” dachte -Trudel, und die Buben dachtens auch, -„der Sattler will Riesele nicht mehr -aus der Schule lassen, der Polizeidiener -will's gar ins Kittchen stecken!”</p> - -<p>Noch am Abend holten die vier das<span class="pagenum"><a name="Seite_75" id="Seite_75">[S. 75]</a></span> -Halfter ab, strippten es Riesele um den -Kopf und führten es heim in den Stall, -wo der Vater es neben seiner Mutter -ankettete, jedoch so kurz, daß es nicht, -wie es wollte, stets an der Mutter Zitzen -saufen konnte.</p> - -<p>Von nun an also stand Riesele gleich -den Erwachsenen im Stall. Doch jeden -Tag durfte es etliche Stunden lang, an -einen Pfahl gebunden, auf der Wiese -kreisen, eng umzirkt zwar, doch immerhin -draußen in einer gewissen Freiheit. -Gar oft, — ach, wer konnte dem lieben -Tierlein gegenüber so entsetzlich streng -sein? — durfte es frei umherspringen, -wohin es wollte, und durfte seine Bubenstreiche -vollbringen, die ihm jedermann -schon verzieh, bevor sie begangen -waren.</p> - -<p>Es war indes doch die Zeit gekommen, -daß die Hufe des Riesele breiter -wurden, sein Magen größer, seine Kraft -heftiger, die Zeit, da es von der Gasse -genommen werden mußte in das Gehege<span class="pagenum"><a name="Seite_76" id="Seite_76">[S. 76]</a></span> -des Zaunes. Als der Bauer Klaus -diesen Hag gegenüber der Wohnstube -in die Wiesen schlug, merkte Riesele -sicher, was für ein Geschick sich da erfüllen -wollte. Trudel, die Mutter, die -ohnedies an dem Gassenbuben zu wenig -eigene Freude hatte und um so mehr -Kummer und Bangen ausstehen mußte, -zog auf dem kleinen Wagen selber die -Pfähle herbei aus dem Birkenwald. -Sie tat es gerne, die Pferdemutter! -Denn wenn Riesele jeweils, wie es seine -Art war und wie es überhaupt die Gewohnheit -aller guten Kinder ist, gerne -zur Mutter, die in die Arbeit ging oder -von der Arbeit heimkehrte, hinsprang, -sich ein paar Küsse zu holen, ein paar -Küsse zu verschenken, so konnte jedermann, -der ein waches Auge hatte, wahrnehmen, -daß diese Liebkosungen nicht -nur seltener, sondern, — und dies war -noch ungeheuerlicher, — daß sie weniger -zärtlich wurden! Ja, es kam vor, daß -die getreue Mutter auf einen ganzen<span class="pagenum"><a name="Seite_77" id="Seite_77">[S. 77]</a></span> -Tag fort in den Wald mußte, schwer -schaffen mußte, und am Morgen nicht -einen lieben Blick, nicht ein kurzes -„Wiedersehen” bekommen hatte vor -lauter „Gasse”, und daß sie alsdann im -Schweiße ihres Angesichtes auch nicht -mit Wohlbehagen und süßer Hoffnung, -wie andere Mütter sie doch stets mit sich -tragen können, auf einen frohen Abend -rechnen durfte.</p> - -<p>Solchergestalt kann es nicht wundernehmen, -daß Trudel, die Stute, den -Augenblick ersehnte, da die Birkenstämme -abgeladen wurden, und es -nimmt weiterhin durchaus nicht wunder, -daß der Gassenbengel wußte, worum -sich's drehte, und daß er fortlief in's -Weite, recht weit von den Balken des -Zuchthauses fort! Mütter wissen ja -immer die Erziehungsmaßregeln, die -nicht sie über ihre Kinder verhängen, -die sie selber seinerzeit als Zwang empfunden -haben, ihren Kindern recht eindringlich -und nachdrücklich hinzustellen,<span class="pagenum"><a name="Seite_78" id="Seite_78">[S. 78]</a></span> -und etwa zu sagen: „Wart nur, -wenn der Vater heimkommt,” oder: -„Wart nur, wenn du in die Schule -kommst!” Es ist ein Glück, daß sie dabei -übersehen, wie sie sich selber vor sich -selber bloßstellen ...</p> - -<p>Da gruben Vater und Buben Löcher -aus dem Wiesengrund, zwei Pfähle -ragten schon eingerammt gleich ungeheuren -drohenden Gerten gegen Riesele -auf, die Gänse lachten, die jungen, -frechen Hähne flogen oben drauf und -versuchten zu krähen, um das Riesele, -das Reißaus nahm, zu foppen. Riesele -blieb stehen, sah sich um, schleuderte -leichtsinnig die Hufe in die Luft und lief -fort! Es lief dem Dorfe zu und hörte -hinten im Armenhäuschen ein Waldhorn -blasen und lief dem Waldhorn -nach.</p> - -<p>Im Armenhaus wohnte der Schweinehirt, -der einzige Mensch, der mit dem -Riesele noch nicht Freundschaft hatte. -Er blies das Waldhorn! Er wohnte da<span class="pagenum"><a name="Seite_79" id="Seite_79">[S. 79]</a></span> -ganz allein für sich, hatte nicht Weib, -nicht Kind, kein Tierlein um sich, war -aber ein Musiknarr und ein Kinderfreund, -wie es nicht viele gibt. Riesele -wußte das noch nicht, wußte auch nicht, -daß der Musikant der Sauhirt war, -und lief dem Liede des Waldhorns nach -und streckte den Kopf nach der niedrigen -Fensterbank, ohne ihn hineinstrecken -zu können. Da sah es den Hirten, den -es fürchten mußte, vor einem Spiegel -stehen und blasen und sah sein eigen -Antlitz in dem Spiegel, der schräg an -der kahlen Wand hing.</p> - -<p>Der etwas verwucherte Mann legte -sogleich das blankgeputzte Blasrohr -weg, zog den Schubkasten aus dem -Tisch und griff hinein und hielt dem Riesele -ein Stückchen Zucker hin. Riesele -nahm den Zucker vorsichtig zwischen die -Lippen und verschluckte ihn alsdann, -und sogleich schob ihm der Hirt ein neues -Stück ins Maul und dann noch eins und -noch eins! Sie liebten sich, diese beiden!</p> - -<p><span class="pagenum"><a name="Seite_80" id="Seite_80">[S. 80]</a></span> - -Der Freund nahm sein Waldhorn -wieder, setzte sich auf die Fensterbank -und schmetterte einen strammgefügten -Marsch an den Ohren Rieseles vorbei, -so daß es dem Tierlein ganz seltsam zumute -ward. Ab und zu hoben sich die -weißgelben Hufe, bald dieser, bald jener; -ab und zu hob sich das vernaschte Maul, -ab und zu erschien eben aus dem Maul -die Zungenspitze rot wie Himbeereis und -verschwand wieder.</p> - -<p>Als aber das Gäulchen das Maul -auf die Fensterbank hob und liegen ließ -und die Luft aus den kleinen Nüstern -stieß, daß der Staub aufwirbelte, da -begannen die Kinder, die um es her -standen, zu lachen. Der Hirt merkte sogleich, -daß dies Lachen dem Riesele peinlich -war, denn er wußte Bescheid in -solchen Sachen der entzückten Seele, -und er sprang aus dem Fenster und gab -dem Gäulchen wieder ein Stück Zucker, -und er griff ihm ans neue Halfter, und es -folgte ihm. Die Kinder durften nicht mit.</p> - -<p><span class="pagenum"><a name="Seite_81" id="Seite_81">[S. 81]</a></span> - -Die beiden schritten dem Birkenwäldchen -zu, und als sie die letzten Häuser -hinter sich hatten und keine Kinder mehr -zu sehen waren, da band der Hirt sein -Waldhorn dem Riesele an den Hals -und sang:</p> - -<div class="poem"><div class="stanza"> -<span class="i0">Das Schwein, das muß gehütet sein!<br /></span> -<span class="i0">Der Kastor kann es hüten!<br /></span> -</div><div class="stanza"> -<span class="i0">Der Kastor muß gehütet sein!<br /></span> -<span class="i0">Der Cornel kann ihn hüten!<br /></span> -</div><div class="stanza"> -<span class="i0">Der Cornel muß gehütet sein!<br /></span> -<span class="i0">Wer kann den Cornel hüten?<br /></span> -</div><div class="stanza"> -<span class="i0">Ich will mein Schwein behüten fein,<br /></span> -<span class="i0">Mag seins der Kaiser hüten!<br /></span> -</div><div class="stanza"> -<span class="i0">Der Kaiser muß behütet sein!<br /></span> -<span class="i0">Wer mag den Kaiser hüten?<br /></span> -</div><div class="stanza"> -<span class="i0">Sein lieber Gott behüt ihn fein!<br /></span> -<span class="i0">Mög mich der meine hüten!<br /></span> -</div></div> - -<p><span class="pagenum"><a name="Seite_82" id="Seite_82">[S. 82]</a></span> - -Das Liedchen führte die zwei Wanderer -bis ans Birkenwäldchen. Sie legten -sich nebeneinander nieder, der Hirt -steckte dem Riesele dunkelblaue Glockenblumen -ins Halfter, setzte das Horn an -die Lippen, und das Riesele starrte übers -Wiesentälchen hinunter an seinen Heimatstall, -wo der Bauer emsig die Balken -des Gefängnisses einschlug. Riesele -hörte die Axt knallen, und der Hirt, als -er das erste Lied geendet hatte, nahm -sich den zierlichen Ponykopf an die -Brust, streichelte ihn, zerrte an den -Ohren, kribbelte an der Blesse herum, -strich mit den Fingern durch die Furche, -die den Rücken hin die zarten Backen -teilte, und schob die Hand quer in den -Pferdemund und sagte:</p> - -<p>„Riesele, ich weiß, was es da unten -gibt! Sie werden dich einsperren, wie -sie mich eingesperrt haben, und werden's -aus demselben Grund tun! Wir sind -freier wie sie, wir sind fröhlicher wie sie, -und das können sie nicht vertragen! Sie<span class="pagenum"><a name="Seite_83" id="Seite_83">[S. 83]</a></span> -laufen, seitdem sie sich selber aus dem -Paradies vertrieben haben, mit Handschellen -umher wie Sträflinge, mit -Handschellen umher wie Mausfallenhändler, -und wo sich die Freiheit regt, -da schnallen sie an! Die Unfreien haben -das große Wort an sich gerissen, und sie -haben es im Laufe der Jahrtausende -fertig gebracht, daß alle Menschen unfrei -wurden, so unfrei, daß die wahrhaft -Freien sich ihrer Freiheit wegen verdächtig -vorkommen, sich ihrer schämen, -an ihrer Freiheit straucheln, sich ihrer -Freiheit fluchen und schließlich sich ihrer -Freiheit entäußern! Sich freiwillig der -Freiheit entäußern, das tun oft ganz -gute Christenmenschen und meinen, das -sei der höchste Grad der Freiheit! Doch -sag selbst, Bruder Riesele, wenn du -jetzt aus freiem Entschluß in deinen -Hag stolzierst, so magst du zwar ein guter -Christengaul werden, bist aber trotz aller -Philosophie kein freies Geschöpf mehr! -Und Geschöpf sein, das heißt noch lange<span class="pagenum"><a name="Seite_84" id="Seite_84">[S. 84]</a></span> -nicht, wie sie meinen: unfrei sein! Auch -ums Paradies haben die Unfreien, die -Umzäunten, einen Zaun erfunden, weil -sie Gott nach ihrem Bilde und Gleichnisse -formen wollten. Einen Schutzmann -machten sie aus ihm, einen Zirkusdirektor, -der die Taschen voller Zucker -trägt und innen, unterm Faltenrock die -allmächtige Peitsche! Nein, nein, Riesele: -die wahre Freiheit haben wir in -uns, oder aber wir sind schlechter als -unsere Tiere! Bleib schön liegen, Riesele, -ich bin noch nicht ganz fertig!”</p> - -<p>Der seltsame Sauhirt, der sicher von -sich vermeinte, ein göttlicher Eumäos -zu sein, hielt inne mit seiner Rede über -die Freiheit und zog den Kopf des Riesele -näher an sich, so daß das Tier die -entblößte Kehle seiner Hand darbieten -mußte. Der Mann spielte mit den Fingern -an dieser Kehle, was dem Riesele -erst gut gefiel, was es aber doch nicht -lange ertragen mochte. Es sprang auf; -drei Johanniskäferchen schwirrten<span class="pagenum"><a name="Seite_85" id="Seite_85">[S. 85]</a></span> -grelleuchtend um es her, so dunkel stand -der Abend schon vorm Wäldchen, und -die grünlichen Signale verwirrten es so -sehr, daß es zu laufen begann und nicht -wußte, wohin es lief.</p> - -<p>Dem Hirten pochte das Herz: er hatte -das Riesele mitgenommen, jedermann -mußte es gesehen haben, er hatte also -auch die Verantwortung über das Kind, -und schließlich, wenn der Hirte des Hirten -bedurft hätte, so hätte die Gemeinde -nicht ohne Recht diesen bedürftigen -Schweinehirten jener Obhut übergeben -können, die er so sehr fürchtete.</p> - -<p>„Sie dürfen dich nicht wieder zum -Verrückten machen, Cornel!” sagte er -laut in den Abend, ergriff sein Waldhorn -aus dem Grase auf, setzte es an -und schmetterte seinen gradlinigen -Militärmarsch übers Dorf hin, daß -sicher alles, was schon schlief, erwachte, -und alles, was noch im Stall hantierte, -mit neuer Kraft sich anspornte. Er spielte -ja nur, um das Riesele wieder zu sich zu<span class="pagenum"><a name="Seite_86" id="Seite_86">[S. 86]</a></span> -locken, aber das Riesele trabte im Dämmerlicht -weiter am Waldrand hin, fraß -an den Brombeerhecken, zauselte an herabhängenden -Zweigen, und die Glühwürmchen, -die aus allen Richtungen -aus dem Gras, aus den zerstreuten -Heuwellen, aus den weißdurchtupften -Rosenhecken aufschossen, — und der -Heugeruch selber und das aufdringliche -Gequak der Frösche unten im Wassergraben -setzten seinem jungen Herzen so -sehr zu, daß es des strammen Marsches -nicht mehr achtete und wahllos weiter -lief, einerlei, wohin es kam! Ja, das -lockende Waldhorn jagte das Riesele -eher weiter weg, als daß es lockte.</p> - -<p>Cornel, der Hirt, hing das Horn um -die Schulter und begann, den Weg -hinzulaufen, den das Riesele eingeschlagen -hatte. Er horchte, er legte das Ohr -auf den steinigen Boden, den Huftritt -zu erlauschen, er lief wie ein Hund, der -eine Spur erschnuppert, allein er sah -und hörte das Riesele nicht. Die Sichel<span class="pagenum"><a name="Seite_87" id="Seite_87">[S. 87]</a></span> -des Mondes spitzte überm Waldrand; -kleine Wolken rasten gegen ihren Bogen, -als wollten sie geschnitten sein wie -Gras.</p> - -<p>Plötzlich erschallte vom Dorf herauf -das Feuersignal! Ohne nachzusehen, ob -irgendwo eine Flamme oder ein heller -Qualm sich zeige, wußte Cornel genau, -wem dieses Signal gelte! Es galt zuerst -dem Riesele, aber es galt nicht -minder auch ihm, dem Cornel! dem -Schweinehirten der Gemeinde! Denn -sie kannten ihn nicht, sie wollten ihn -überhaupt nicht kennen lernen, und sie -begnügten sich damit, ihn einen Narren -zu nennen! Es galt also, auf dem Damm -zu sein, da die Flut stieg!</p> - -<p>Stimmen erschallten vereinzelt und -abgerissen aus dem Dorf herauf, das -Signal strömte zwischen dem Wald -der Obstbäume, alle Hunde heulten -auf, irgendwo in einem Stall krischen -ab und zu salvenweise ein paar Gänse, -wie wenn sie auch dabei sein müßten,<span class="pagenum"><a name="Seite_88" id="Seite_88">[S. 88]</a></span> -wenn's dem Sauhirt an den Kragen -geht!</p> - -<p>Die Stimmen sammelten sich und -verteilten sich wieder, und bald hörte -Cornel bekannte Dorfstimmen, die sich -den Hohlweg heraufnäherten, und er -hatte das Riesele, das er doch verführt, -noch nicht in der Hut.</p> - -<p>Aber da stand es ja plötzlich neben -ihm! Stand da wie aus dem Sommerabend -geboren, der allhin so viel Liebe -gebiert! Da stand es und hielt einen -Birkenzweig im Mäulchen, wie wenn -nichts geschehen sei!</p> - -<p>„Hast deinen Hirten aber schön erschreckt, -Riesele!” sprach er, „doch gib -ihn her, den Oelzweig des Friedens, -daß wir uns gemeinsam für den Augenblick -unserer Freiheit begeben können, -denn sie kommen, die Unfreien! Mit -Leuchtfackeln kommen sie, wie zu Jesu -Gefangennahme, die Freiheit zu suchen, -um sie einzupferchen und sie bei Wasser -und Brot fasten zu lassen! Siehst du sie<span class="pagenum"><a name="Seite_89" id="Seite_89">[S. 89]</a></span> -kommen mit den Lederhelmen? Hörst -du sie kommen mit den Feueräxten? Sie -schlagen, wenn sie's für nötig erachten, -das Sommerhaus ihres Gottes in -Stücke und schrecken vor diesem ihrem -Schreckgespenst auch nicht zurück. Verstummet, -ihr Frösche, daß sie euch nicht -erschlagen! Verkriecht euch in die Erde, -ihr Käfer, der ihr entnommen seid! -Nachtigall, schlag nicht heute abend: -die Menschen kommen mit ihren Mordgewehren -der Schönheit und des Friedens.”</p> - -<p>Riesele schien solches Gerede gerne -anzuhören; es ließ seinen Kopf auf der -entblößten Schulter Cornels liegen und -ging Schritt für Schritt weiter.</p> - -<p>„Weißt du, wo das Wachtstübchen -ist? Nein, das weißt du nicht! Aber -paß gut auf, Riesele: wenn sie deinen -Freund hineinstecken werden, so komme -manchmal an die Tür! Ich will dir -Brot geben von meinem Brot und -Wasser, wenn du Durst nach Freiheit<span class="pagenum"><a name="Seite_90" id="Seite_90">[S. 90]</a></span> -hast! Ich weiß, sie sperren mich ein paar -Tage ein; aber das ist immer noch besser -als das Irrenhaus! Sie dürfen mich -einsperren: ich trage das Bewußtsein -eines neuen Freundes in der Brust, der -so geschickt zuhören kann und meine -Lehren versteht! Paß auf! Paß auf! -Laß uns niedersetzen!”</p> - -<p>Cornel setzte sich, und Riesele blieb -bei ihm stehen.</p> - -<p>Zwei Feuerwehrmänner kamen daher, -plauderten miteinander, und der -eine sagte gerade:</p> - -<p>„Roma heißt rückwärts gelesen Amor! -Amor ist aber, das steht ausführlich in -meinem Buche, der Gott der Liebe! Oh, -in den großen Städten wird fürchterlich -geliebt!”</p> - -<p>Sie sahen vor lauter Liebe nichts und -gingen vorüber.</p> - -<p>„Fürchterlich geliebt!” rief ihnen -Cornel nach, „da habt ihr aber -recht!”</p> - -<p>Sie schreckten zusammen, die verträumten<span class="pagenum"><a name="Seite_91" id="Seite_91">[S. 91]</a></span> -Feuerwehrleute, kamen dann -aber gleich beherzt herzu und sagten zugleich:</p> - -<p>„Da sind sie ja!”</p> - -<p>„Da sind wir!” erwiderte Cornel und -streckte beide Hände vor, als wolle er -sie fesseln lassen.</p> - -<p>„Los, heim! Vor uns hermarschiert!” -kommandierten die Wehrleute, und -Cornel legte den Arm auf Rieseles Hals, -und so traten sie den Heimweg an.</p> - -<p>„Fürchterlich geliebt ist gut!” fing -Cornel an, aber die Wehrleute gaben ihm -keine Antwort und redeten von den Dickrüben, -die von Hasen zerfressen waren.</p> - -<p>Der Hirt wandte sich nunmehr wieder -an Riesele und sagte laut, daß die -Männer es hören konnten:</p> - -<p>„Weder Zucker, Riesele, — das wollte -ich dir vorhin noch sagen — weder -Zucker gab uns Gott noch Peitsche, -sondern Freiheit, Freiheit. Und das ist -so gut und so viel als sich selber! Sich -selber gab er uns, mitten in den Herzschlag<span class="pagenum"><a name="Seite_92" id="Seite_92">[S. 92]</a></span> -hinein, Riesele! Uns, das will -heißen: dem Kaiser, mir, dir, meinen -Schweinen und aller Kreatur!”</p> - -<p>„Und aller Kreatur!” wiederholte der -eine Feuerwehrmann.</p> - -<p>„Und aller Kreatur!” bestärkte Cornel -und fuhr fort:</p> - -<p>„Einheit, Schönheit, Harmonie -ringsum in seiner Schöpfung! Nur die -Menschen sind ihm mißraten, Riesele! -Sie sind entweder zu eng oder zu weit -ausgefallen!”</p> - -<p>„Zu eng!” rief ein Wehrmann, und -Cornel antwortete:</p> - -<p>„Hörst du's, Riesele, der ist zu weit -geraten! Zu weit, und er möchte deshalb -weiter sein!”</p> - -<p>„Zu weit!” schrie der andere, und -Cornel entgegnete:</p> - -<p>„Hörst du's, Riesele, der ist zu eng -ausgefallen! Zu eng, und er möchte deshalb -enger sein! Lüge ist alles! <em class="gesperrt">Eine</em> -Einheit in der Mannigfaltigkeit: die -Lüge; <em class="gesperrt">eine</em> Mannigfaltigkeit in der<span class="pagenum"><a name="Seite_93" id="Seite_93">[S. 93]</a></span> -Einheit: die Lüge! Sie sind aber selbst -schuld, die Menschen; sie haben die -göttliche Freiheit mißverstanden, sie -haben ihre natürlichen Begriffe irgendwie -verwirrt, sie sagen: deine Freiheit -ist die Grenze meiner Freiheit, und nun -gehen sie aufeinander los und sagen: -‚Gewalt geht vor Recht, und die Freiheit -ist für die Narren!’ Riesele! Hörst -du's, Riesele: ich will lieber ein Narr -sein, als daß ich unfrei wäre! Du nicht -auch, Riesele?”</p> - -<p>Das große Tor der Wachtstube öffnete -sich wie von selbst.</p> - -<p>„Nun bist du unfrei,” sagte ein Feuerwehrmann, -„und bist doch ein Narr!”</p> - -<p>„Nun bin ich unfrei,” entgegnete -Cornel, „und bin doch frei!”</p> - -<p>Cornel ward hineingestoßen, indes -Riesele heimtrottete.</p> - -<hr class="chap" /> - -<p class="pagebreak"><span class="pagenum"><a name="Seite_94" id="Seite_94">[S. 94]</a></span></p> - - - - -<h2>VI</h2> - - -<p>Von nun an also sah man das Riesele -nicht mehr auf den Gassen umhertollen. -Es ward eingesperrt! Der -Zaun, im Geviert vor der Wohnstube -des Bauern errichtet, war aber stets lebendig: -Buben hockten drauf, Mädchen -selbst erkletterten ihn und ließen die bloßen -Füße herabbaumeln, und da er sehr -fest aus dicken Balken gezimmert war, -konnte manchmal die ganze Dorfjugend -auf den Balken Platz finden. Die Buben -liefen mit weitausgestreckten Armen -sicher wie Seiltänzer drüber hin, und -die Erwachsenen lehnten sich an, um -wie vertraute Nachbarn das Gäulchen -zu beobachten.</p> - -<p>Es lief da innen am Zaun entlang, -biß an den Birkenrinden sich die Lippen -blutig und hälmelte spärlich an dem<span class="pagenum"><a name="Seite_95" id="Seite_95">[S. 95]</a></span> -zertretenen Gras des Bodens. Rundum, -den Zaun entlang, war bald ein Pfad -festgetrampelt, und an den Balken nach -der Wohnung zu wuchs auf einen Meter -breit kein Halm mehr.</p> - -<p>Die Unfreiheit schmerzte. Zwar kam -niemand vorüber, der nicht dem Riesele -ein Stückchen Brot schenkte, ein Klümpchen -Zucker, eine Handvoll Klee, aber -es gab doch so viele Stunden, da mußte -es allein sein und wußte nichts zu tun, -als an der Rinde knuppern, als mit den -Hufen scharren. Oft legte es sich mitten -in sein enges Reich und schlief oder -träumte mit offenen Augen in den blauen -Himmel.</p> - -<p>Die Augen, die unendlich groß und -unendlich dunkel und unergründlich -waren, spiegelten alsdann den Hag, die -Wiesenhalme, das ferne Wäldchen -wider, als ergingen sich diese Schönheiten -in der jungen Tierseele, und Trudel -konnte sich an diesem Glanze gar nicht -satt sehen. Ach, so oft schlüpfte sie durch<span class="pagenum"><a name="Seite_96" id="Seite_96">[S. 96]</a></span> -das Gehege hinein und legte sich neben -den Freund und half ihm träumen und -scharren und knuppern, wenn's nötig -war. Es geschah aber auch, daß andere -Kinder ins Bereich schlüpften, um mit -Riesele im Gefängnis herumzutollen, -und diese Stunden des Spiels waren -dann die wenigen Feststunden, da Riesele -sein Elend vergessen konnte.</p> - -<p>Die Mutter Trudel mochte in sich -fühlen, daß ihr Kind schon Verständnis -habe für die Arbeit, oder doch, daß nun -die Zeit gekommen sei, ihm dieses Verständnis -beizubringen, und immer, wenn -sie angespannt wurde, zerrte sie an ihren -Strängen nach dem Kinde hin, das -freilich, seit es eingesperrt war, mehr -nach der Mutter umsah als ehedem. -Ja, die Mutter wollte sogar nicht mehr -ziehen, blieb stehen und ließ sich mit der -Peitsche schlagen und stieß klagende -Schreie aus und ward bei der erzwungenen -Arbeit unruhig und wirr. Der Bauer -wußte ja gleich, was sie wollte; aber er<span class="pagenum"><a name="Seite_97" id="Seite_97">[S. 97]</a></span> -vermeinte, das Zwerggäulchen noch ein -Weilchen wachsen lassen zu sollen, bevor -ihm der Ernst des Lebens könne gezeigt -werden.</p> - -<p>Wahrscheinlich aber ist, daß die -Mutterstute — man weiß, wie Mütter -sind — ihr Kind nicht deshalb bei sich -haben wollte, daß es lerne, den Wagen -und auch den Pflug zu ziehen, sondern -daß sie es nur deshalb bei sich haben -wollte, um es eben bei sich zu haben! -Der Bauer Klaus ließ also das Gäulchen -vorerst noch ein Weilchen in seinem -Hag und achtete der flehentlichen Muttersorgen -nicht. Der Raps war zudem -reif und mußte heimgefahren werden, -im Rindenwald, gegenüber vom Birkenwäldchen, -kläpperten Eichenschäler seit -drei Tagen die jungfrischen Rinden von -den Stecken, und: eine Fuhre Rinden -nach dem Bahnhof im Nachbarstädtchen -bringen, das trug schon etwas ein! -Da konnte man einen Schüler nicht -ohne weiteres nebenher laufen lassen!</p> - -<p><span class="pagenum"><a name="Seite_98" id="Seite_98">[S. 98]</a></span> - -Riesele blieb also in seinem Gefängnis -und hatte nichts zu tun als auf die -Kinder warten, bis die Schule aus war, -als an der Rinde zu nagen wie eine -Maus, als den Boden zu zertrampeln -wie ein Töpferlehrling. Die Leute des -Dorfes beachteten Riesele von Tag zu -Tag weniger, sei es, daß sie ihm aus -irgendeinem Grund feindlich gesinnt -waren, sei es, daß sie seiner überdrüssig -wurden! Wer brachte noch ein Stück -Brot? Wer ein Klümpchen Zucker? -Selbst die Kinder des Hauses kamen -seltener und liefen lieber den Seifenblasen -nach, die sie doch nicht erreichen -konnten, denn Seifenblasen schweben -in den Himmel!</p> - -<p>Der Pfarrer, wenn er vorüberging, -rieb wie die Kinder mit dem Zeigefinger -auf dem Daumen und ging vorüber! -Der Lehrer, wenn der vorüberging, -blieb wenigstens einen Augenblick stehen, -griff herein ins Gefängnis, holte sich -den willigen, ach, den der Liebe so sehr<span class="pagenum"><a name="Seite_99" id="Seite_99">[S. 99]</a></span> -bedürftigen Kopf des Riesele, streichelte -über die Blesse, streichelte über die warmen -Augen, hob mit beiden Händen -des Gäulchens volle Lippen auseinander -und befühlte die Zähne! Der -Bürgermeister, der offenbar eifersüchtig -war, weil das Riesele nicht ihm gehörte, -guckte immer, wenn er in die Nähe des -Hauses geriet, in irgendein Schriftstück, -als könne er nur ganz langsam lesen, und -ging vorüber ohne Gruß, ohne Blick! -Vom Polizeidiener nicht zu reden! Dieser -Mensch hatte Humor in sich, hatte -wiederholt mit seiner Schelle am Hag -ein kleines Konzert zusammengeläutet, -hatte wiederholt mit dem Stiel seiner -Schelle das Riesele am Bauch gekitzelt: -dieser Mensch wollte oder durfte, sicher, -weil der Bürgermeister eifersüchtig war, -mit Riesele sich nicht mehr abgeben!</p> - -<p>Nur ein Freund blieb treu, und das -war Cornel, der Schweinehirt! Er trieb, -seit er aus dem Wachtstübchen wieder -entlassen war, allmorgendlich seine<span class="pagenum"><a name="Seite_100" id="Seite_100">[S. 100]</a></span> -Schar Schweine auf einem großen -Umweg an Rieseles Hag vorüber, er -kam heran, erzählte etwas, was ihn gerade -erfüllte, und das Riesele tat sich die -Musik seiner Worte, deren tiefen Inhalt -es ja nicht erfassen konnte, ins Herz -und bewahrte sie getreulich auf für die -leeren Stunden des Tages, da es allein -sein mußte mit seiner Armut. Oft, wenn -es den Freund nicht sah, hörte es die -Lieder seines Waldhornes aus den -Häusern hinter der Kirche schweben -und hatte genug der Freude für ein paar -Stunden.</p> - -<p>Eines Morgens aber sieht der Bauer -den Cornel mit seinen Schweinen vorm -Haus halten und wird über die Maßen -wütend.</p> - -<p>„Was hältst du hier mit deinen -Säuen!” fährt er ihn an, „ist mein Hof -etwa ein Weidplatz für deine Säue? -Willst du machen, daß du fortkommst, -du Faulenzer! Willst du mir auch das -Riesele versauen?”</p> - -<p><span class="pagenum"><a name="Seite_101" id="Seite_101">[S. 101]</a></span> - -Cornel sagte nichts dagegen und trieb -seine Herde, die gar nicht groß war, den -Weg hinunter, indes Riesele traurig -ihm nachsah und seinen Säuen.</p> - -<p>Die Gänse kamen herein, schritten -überaus stolz am Gäulchen vorbei, als -wollten sie sagen: jag uns doch fort, -wenn du den Mut dazu hast! und sie -schlüpften wieder hinaus in die Wiese. -Die Enten kamen herein und schritten -schnurgerade auf der anderen Seite -wieder hinaus. Sie hatten nicht Eile, -denn sie brauchten keine Angst zu haben -vor dem Riesele, das seine Hörner, wie -man so sagt, für Enten schon genügend -abgestoßen hatte. Oft, sehr oft, wenn -Riesele dalag und träumte, kamen sie -unversehens herein, setzten sich zu ihm -und steckten die Schnäbel in die Flügel -zurück. Auch die Hühner kamen alsdann, -die jungen, die schon von ihren Hähnen -umworben wurden, scheuten sich nicht, -dem Riesele die Haferkörner vor der -Nase wegzupicken, und in ihrem Uebermut<span class="pagenum"><a name="Seite_102" id="Seite_102">[S. 102]</a></span> -hüpften sie sogar auf seinen immerhin -breit gewordenen Rücken und streckten -die Flügel von sich. Aber der alte -Hahn ging nicht mit in den Verschlag; -war seine Schar drinnen, so flog er auf -den obersten Querbalken und blieb wie -ein Wächter da sitzen.</p> - -<p>Trudel, die Mutter, die zwischen -Pflicht und Neigung anscheinend nicht -recht unterscheiden konnte wie viele -Mütter und nicht wußte, was für ihren -Liebling gut war, hatte schwere Stunden -auszuhalten, weil sie sich bei der -Arbeit in ihrer Sehnsucht verzehrte, sich -ablenken ließ und obendrein manchen -Peitschenhieb verspüren mußte. Das -eingesperrte Riesele war doch ihr Kind! -Wenn es auch ein Gassenbub gewesen, -wenn es auch noch so viel Liebe seiner -Mutter verschmäht hatte: es war doch -ihr Kind! Jeden Peitschenhieb ertrug -Trudel mit einem bestimmten Gefühl, -das dem Schmerz ein bißchen Süßigkeit -verlieh.</p> - -<p><span class="pagenum"><a name="Seite_103" id="Seite_103">[S. 103]</a></span> - -Aber diese Tage waren gezählt; Riesele -durfte, als die Körnerfrüchte in der -Scheune saßen, mit hinaus! Das Wägelchen -steht leer vorm Stall, der Bauer -spannt die Trudel ein, Trudel, das -Mädchen, riegelt das Gefängnis auf, -die beiden Buben bringen Halfter und -Leine, und nun, da die Mutterstute so -zappelig nach dem Riesele hinstarrt, -streifen die Buben das Halfter an den -kleinen Kopf, schleift der Bauer die Leine -ans Halfter, klatscht Trudelchen in die -Hände, und wahrhaftig, Riesele wird -seiner Mutter an den Zügel geledert! -Links an den Ring des eisernen Zaumes -wird der Lederriemen eingeschlauft, und -— o Herrlichkeit! — sonst nichts, sonst -bekommt das Kind keine Fessel und -keinen Strang und darf also nebenherlaufen -wie Menschenkinder an Mutterschürzen. -Steil standen die Ohren der -Stute, fromm unbeweglich ruhten die -Hufe im Sand der Geleise, züchtig hing -der überaus lange Schweif nach unten,<span class="pagenum"><a name="Seite_104" id="Seite_104">[S. 104]</a></span> -obgleich die Mücken an den Lenden -saßen und soffen.</p> - -<p>Aufgestiegen, ihr Buben! Trudelchen, -voran, neben den Vater gehockt und die -Peitsche hinten liegen gelassen! Die -Bäuerin stand oben auf der Treppe, -stützte die Fäuste in die breiten Hüften -und konnte den Mund nicht zusammenhalten -vor Freude. Nicht anders als ihr -erging es den dreißig Hühnern und dem -Herrn Hahn, erging es den Gänsen, den -Enten und gar dem Hasenvater, der ausnahmsweise -heute Häsinnen um sich -herum hatte, unter denen sicherlich etliche -seine eigenen Kinder waren. Alle -Hühner saßen auf den Balken des Hages -und hielten die Köpfe zur Seite geneigt, -um besser sehen zu können. Alle Gänse -standen am Gartenzaun beisammen, -und wenn sie unter sich über ein ganz -fernliegendes Thema zu diskutieren -schienen, so war das eine bewußte Täuschung: -ihre kurzen Blicke zum Gespann, -gerade diese ablenkenden Blicke verrieten<span class="pagenum"><a name="Seite_105" id="Seite_105">[S. 105]</a></span> -nur zu deutlich, was in den reduzierten -Gänsehirnen vorging! Gänserich, es -gilt nicht, wenn du in deinen Federn -zu picken vorgibst! Alte Stammutter, -es gilt nicht, wenn du dich mit dem -Fuß am Halse kratzest, als hättest du -einen Wasserfloh! Sie kratzt sich nämlich, -— das muß gesagt sein — nur, um -unauffällig einen Blick zum Riesele -werfen zu können! Offen neugierig und -ehrlich wie immer glotzten die Enten -mit beiden Augen hinter den breiten, -biederen Schnäbeln hervor, und ihr -Enterich stand ganz nahe bei Rieseles -linkem Hinterbein. Überaus zierlich lag -von diesem Beinchen weg ein Schatten -überm zertretenen Weggras, aber er -verkroch sich alsbald in den größeren -Schatten, den der Leib der Mutter -warf, und dieser große Fleck verschlang -den ganzen Schatten Rieseles, so daß -nur ein Ohr noch daraus hervorragte.</p> - -<p>Seht es euch an, das Riesele! Ganz -Ordnung, ganz straffes Bewußtsein<span class="pagenum"><a name="Seite_106" id="Seite_106">[S. 106]</a></span> -von Würde und Kraft, steht es da in -Erwartung der Dinge, die kommen -sollen! Keiner von den kleinen, erdgrauen -Hufen, die sonst so unruhig sind, -getraut sich, zu mucken, keins der Muskelchen, -die sonst in fröhlichem Gezwitscher -an ihren Knochen umherzitterten, -als hätten sie einen Kitzel im Blut, wagt -sich, zu wippen, obgleich sie eben, da -die Schnaken kitzelten, doch schon einmal -tanzen dürften! Kein Haar an -Mähne oder Schweif, kein Ohr, keine -Lippe, nicht einmal ein Auge untersteht -sich, sich zu bewegen! Ganz Ordnung, -ganz Kraft, ganz Würde, ganz Wille -zur Wohlerzogenheit und Vollendung!</p> - -<p>Das Riesele, dessen seelische Regungen -verträumt irgendwo umherschweiften, -so, als sei dieses Stillestehen schon eine -große Tat, schrak heftig zusammen, als -der Bauer hinten aus dem Wagen rief:</p> - -<p>„Hü, voran!”</p> - -<p>Es war sogleich schon einen Schritt -zurück und mußte schon laufen. Es lief,<span class="pagenum"><a name="Seite_107" id="Seite_107">[S. 107]</a></span> -und die Mutter nahm ihren Schritt -kürzer; das Riesele aber schoß voraus. -Unsanft zerrte die Leine am Halfter. -Nach drei Schritten war Riesele wieder -zurück, nach drei weiteren wieder -voraus. Seine Hinterbeine blieben nicht -bei der Mutter; sie wandten seitab, und -der Kopf drückte gegen den Kopf der -Mutter, die gewaltsam an sich hielt. -Ja, es geschah, daß das Riesele an seiner -Leine riß, die Hinterbeine nach vorn -rennen ließ, so daß die beiden Pferdeköpfe -fest aneinander standen, und die -Deichsel das Riesele arg bedrohte.</p> - -<p>Es wäre gern wieder zurückgeturnt -an seinen Platz, aber es konnte nicht! -Die Mutter durfte nicht ausweichen, -weil die Leine dies nicht zuließ (sie selber -hätte in diesem Fall fünf gerade sein -lassen, wie man so sagt, und wäre dem -Drängen des Kindes auf den Kleeacker -gefolgt, diese Mutter!) und so blieb sie -stehen, und Mutter und Kind sahen sich -hilflos an!</p> - -<p><span class="pagenum"><a name="Seite_108" id="Seite_108">[S. 108]</a></span> - -Der Weg bog auf die breite Landstraße, -und das war ein Glück!</p> - -<p>Es darf nicht verschwiegen werden, -daß Riesele zur Seite der Mutter, als -nun die breite Landstraße verführerisch -genug auch noch in den Schatten des -Waldes einbog, allzusehr geneigt war, -Bocksprünge zu machen, daß der Bauer -Klaus, in der Meinung, diese Tollheiten -würden schon bei der zweiten Reise aufhören, -allzu nachsichtig war (Gustav -dachte ein übers andere Mal für sich: -bei seinen Kindern war er nicht so gutmütig!) -und daß auch die Mutter, eingedenk -der eigenen Jugend dem Gäulchen -Freiheiten gestattete, die sie (und -der Bauer Klaus und noch viele Kläuse -und wohl fast alle) vom Standpunkt -ihrer Wohlerzogenheit durchaus nicht -mehr Freiheit nennen konnte!</p> - -<p>Eichenschälholz sollte geholt werden! -Es saß in einer Schneise rechtsab von -der Straße im frischentblößten Schälwald. -Die Schneise war aufgeweicht,<span class="pagenum"><a name="Seite_109" id="Seite_109">[S. 109]</a></span> -und schmutziggelbes Wasser stand in -Lachen beisammen, und Wasserschneider, -Libellen und Stechmücken umschwirrten -den Schmutz. Vereinzelt -warfen alte Tannen, riesige Eichen etwas -Schatten über'n Weg, und das -Riesele scheute vor den Lachen, scheute -vor den Libellen, vor den gigantischen -Bäumen, selbst vor den Schatten! Die -Peitsche schwirrte auf, aber die Peitsche -machte die Unruhe noch größer und verschwand -wieder. Die Mutterstute begann -schließlich auch zu bockeln und kam -nicht mehr von der Stelle.</p> - -<p>„Wart, Bürschele!” sagte der Vater, -„du kommst mir wieder einmal mit, Holz -holen, bevor du übern Zaun gucken -kannst!”</p> - -<p>Er stieg ab; auch die Kinder stiegen -ab, das Riesele ward von der Seite seiner -Mutter genommen und neben im -Wald an einen Pfahl, der zwei Meter -Schälholz hielt, angebunden. Allein -mußte es hier zurückbleiben, ganz allein,<span class="pagenum"><a name="Seite_110" id="Seite_110">[S. 110]</a></span> -so sehr die kleine und die große Trudel -auch flennen mochten. Das Fuhrwerk -schob sich tiefer in den Wald hinein -und blieb an der langen, leuchtenden -Schälholzreihe halten.</p> - -<p>Riesele sah und hörte, wie die gelben -Prügel aufgeladen wurden, wie selbst -das Mädchen eifrig bei der Arbeit war -und sich nicht um seinen Freund kümmerte. -Es riß an seiner Leine: sie war -stark! Sie war stärker als das Riesele, -aber der eingerammte Pfahl erbarmte -sich und gab nach und fiel schließlich um, -so daß der Holzstoß zusammenrutschte. -Niemand hörte den Schall!</p> - -<p>Riesele sieht sich noch einmal um, -weiß nicht recht, soll es zu der Mutter -laufen und zu ihren Peinigern — oder -soll es heimzu rennen? Es rennt schließlich -heimzu und schleift den Eichenprügel, -der an seiner Leine hängt, hinter -sich her, den Prügel, der sich seiner erbarmt -und ihm die Freiheit gegeben -hatte.</p> - -<p><span class="pagenum"><a name="Seite_111" id="Seite_111">[S. 111]</a></span> - -Es lief nicht die Landstraße, die es -hergekommen; querfeldein lief es wieder -wie ehedem, denn der ausgetretene Weg -der Ackergäule und der Ackerkühe widerte -sein ursprüngliches Gefühl an, das -eigene, wenn möglich: verbotene Wege -zu gehen wünschte!</p> - -<p>Da lag im Schatten eines alleinstehenden -Buchengesträuchs Cornel, der -Hirt, und seine Schweine grunzten weitaufgelöst -im warmen Schlamm, der von -blühenden Ginsterbüschen grell durchtupft -war. Cornel hatte hinterm Ohr -eine Kuckuckslichtnelke stecken und las -im Buch der Droste. Wie er das Riesele -kommen sieht, stützt er sich auf und sagt:</p> - -<p>„Na, Riesele, heute merkst du's noch, -wie dir der Knüppel zwischen den Beinen -herumfällt! Morgen schon wirst -du's nicht mehr merken, und übermorgen, -— solltest du ohne deinen Knüppel -laufen, wirst du schon schreien: ‚Wo -ist mein Knüppel, wo ist mein Knüppel?’ -Ade, Riesele, ade! Wenn ich dich von<span class="pagenum"><a name="Seite_112" id="Seite_112">[S. 112]</a></span> -dieser Freiheit befreien könnte, gern tät -ich's, Riesele, ach so gern!”</p> - -<p>Das Riesele trat dicht vor seinen -Freund hin; er löste die Leine von dem -Eichenholz, band sie fürsorglich am -Halfter oben fest und sprach tiefernst:</p> - -<p>„Was nutzt es dir, Riesele, daß ich -dich jetzt ganz fragwürdig frei mache? -Deinem Schicksal kannst du nicht entgehen, -es sei denn, daß du gleich am -Anfang deiner Laufbahn über deinen -Knüppel stolperst, das Bein brichst und -stirbst! Riesele, Riesele, soll ich dir von -deinen Voreltern erzählen, wie die einst -so glücklich waren?”</p> - -<p>Riesele mißachtete der Worte des -Freundes und lief, des Prügels ledig, -davon.</p> - -<p>„Will halt nicht wissen, wie seine -Voreltern glücklich waren,” sagte Cornel -für sich, und zu seinen Schweinen -sagte er:</p> - -<p>„Seht ihn euch an, er läuft dahin im -Segen seiner Freiheit!”</p> - -<p><span class="pagenum"><a name="Seite_113" id="Seite_113">[S. 113]</a></span> - -Als Riesele heimkam, war der Hag -verschlossen, die Stalltür zugeklappt, -die Scheune verriegelt. Es wußte nicht, -was es tun sollte, und da es am liebsten -in seinen Hag gegangen wäre, streckte -es den Kopf zwischen den Balken hindurch -und hob das Bein, konnte aber -durchaus nicht hineingelangen in sein -Gefängnis. Schließlich starrte es den -Weg hin, den es gekommen, und da -auch die Gänse nicht zu Hause waren -und die Enten nicht, und nur einige -Hühner im Sand badelten, lief es unter -den Schuppen, wo die kleine, überdächelte -Kutsche stand, und legte sich -zwischen die Deichseln der Schere, zu -dieser auf den Boden. Es ist nicht ausgeschlossen, -daß es sich hier als ein erwachsenes -Pferd fühlte, dem man die -Kutsche anvertrauen kann, daß es kühne -Träume hegte! Träume, wie sie Kindern -eigen, die so gerne groß wären und so -gerne einen Beruf erfüllten!</p> - -<p>Die Mücken umschwärmten zwar<span class="pagenum"><a name="Seite_114" id="Seite_114">[S. 114]</a></span> -das Riesele, setzten sich aber nicht auf -sein schwarzes Fell, und als die Holzfuhrleute -heimkamen, sahen sie das Riesele -also liegen und freuten sich sehr.</p> - -<hr class="chap" /> - -<p class="pagebreak"><span class="pagenum"><a name="Seite_115" id="Seite_115">[S. 115]</a></span></p> - - - - -<h2>VII</h2> - - -<p>Indessen gewöhnte sich Riesele an die -Deichsel und durfte schließlich überallhin -mit. Eines Tages wollte ein Fremder -an den Bahnhof gefahren werden. -Der Kutscherbock war zweisitzig; der -feine Herr kam, wie er Riesele sah, aus -der überdächelten Chaise hervor und -setzte sich neben den Bauer Klaus, um -das Riesele genau beobachten zu können.</p> - -<p>Es lief erst züchtig, wie wenn es ziehen -würde, neben der Mutter her und nickte -gleich ihr mit dem Kopf nach unten, als -sei die Last gar nicht so leicht, wie es -scheinen mochte! Aber schon gleich auf -der Landstraße riß es an seinem Halfter, -schob die Hinterbeine seitaus und machte -seiner Mutter große Beschwerden. Trudel, -die Mutter, ließ sich nicht beirren -und vermochte immer wieder durch gütiges<span class="pagenum"><a name="Seite_116" id="Seite_116">[S. 116]</a></span> -Zureden, das den Menschen leider -nicht erkennbar ist, den kleinen Burschen -in Zucht zu halten. Jedoch nie lange! -Trudel selbst begann aufgeregt zu werden, -man sah ihr den Angstschaum am -Maule stehen.</p> - -<p>Als das Riesele aber wieder einmal am -Halfter zerrte und gar zu bockeln anfing, -sagte der Fremde zum Bauern Klaus:</p> - -<p>„Würden Sie mir einmal Ihre Peitsche -und Ihre Leine anvertrauen? Ich -will mal meine Kunst probieren!”</p> - -<p>Er schnalzte ein seltsames Gezisch -mit der Zunge, und sogleich stellte Trudel -die Ohren aufrecht, und sogleich -drehte der Student die großen Augen -einmal zurück nach dem Kutscherbock -und lenkte die Hinterbeine ein.</p> - -<p>Die Leine straffte, die Peitschenschmicke -flatterte hochauf.</p> - -<p>„Das ist ein seltenes Feuer, Herr, woher -haben Sie es?” fragte der Fremde.</p> - -<p>„Die Mutter brachte mir der Jude, -das Kleine ist ein Gelegenheitskind: der<span class="pagenum"><a name="Seite_117" id="Seite_117">[S. 117]</a></span> -Vater war bei einer Seiltänzergesellschaft!”</p> - -<p>„Aha! Passen Sie auf!”</p> - -<p>Der Fremde sprang ab, besah sich -der Stute Gebiß, griff ihr an die Muskeln -des Vorderbeines und tupfte dann -mit dem Zeigefinger auf ein Plätzchen -über der Kniescheibe, worauf die Haut, -wie wenn eine Mücke dasäße, leicht erzitterte.</p> - -<p>„Sie ist ein braver Ackergaul, nicht? -Sie hat zwar Qualitäten gehabt, ist -aber in falsche Hände gekommen und -hat's zu nichts gebracht! Wollen mal -beim Kleinen sehen!”</p> - -<p>Er nahm Rieseles Kopf in die Hände, -reckte ihn wie einen Rekrutenkopf zu -sich in die Höhe, schnitt mit dem Fingernagel -hinter den beiden Ohren zwei -Halbkreise, und die beiden Ohren -schlugen fast aneinander. Er tupfte an -den Knien herum, und die beiden Vorderbeine -knickten ein, und fast wäre Riesele -hingefallen.</p> - -<p><span class="pagenum"><a name="Seite_118" id="Seite_118">[S. 118]</a></span> - -Der Fremde sah den Bauern lange -an, nickte und sagte:</p> - -<p>„Er ist wohl auch ein toller Bruder, -was? Hören Sie, verkaufen Sie mir -den Studenten, ich bezahle ihn gut!”</p> - -<p>„Was soll aus ihm werden, Herr?” -entgegnete der Bauer, „er ist ein einfaches -Tier, das weder große Kraft noch -große Arbeitslust haben wird. Anlagen -hat er, ja, aber Anlagen zum Taugenichts, -zum Guckindieluft, und da er -Sternkundiger wohl nicht werden -kann, muß er in stramme Zucht genommen -werden für den Wagen!”</p> - -<p>„Es gibt außer körperlicher Arbeit -und außer der hohen Wissenschaft noch -andere Dinge in der Welt, mit denen -man die Menschen beglücken kann, mit -denen man schließlich auch sein Brot -verdienen kann, Dinge, die dem grauen -Alltag ferne liegen!”</p> - -<p>„Soll er etwa das lebendige Spielzeug -werden verwöhnter Fürstenkinder, -soll er Kinderschlachten schlagen helfen<span class="pagenum"><a name="Seite_119" id="Seite_119">[S. 119]</a></span> -auf den umhegten Spielplätzen, vor denen -wirkliche Soldaten Wache stehen? -Soll er den Kopf senken vor den Herrschaften -dieser Erde, wie wenn er ein -Sklave wäre gleich den meisten unserer -Mitmenschen?”</p> - -<p>„Die Freiheit, Herr, steckt ihm zu sehr -im Blut, als daß er sich hierzu eigne! Er -soll, in Freiheit dressiert, ein großer -Künstler werden zum Heil der Menschen!”</p> - -<p>„Ich seh mein Gäulchen meiner Treu -schon auf dem Hochseil tanzen! Nein, -nein, wollten Sie gar einen Künstler -aus ihm machen, gäb ich es erst recht -nicht her. Auch in meinem Haus wird -mehr gelacht als geweint.”</p> - -<p>Riesele schritt indes züchtig einher, -da die Schmicke der Peitsche über seinen -Ohren drohte und nicht verschwinden -wollte!</p> - -<p>Am Bahnhof stieg der Fremde aus, -nahm Rieseles Köpfchen zwischen die -Hände und sagte zu ihm:</p> - -<p><span class="pagenum"><a name="Seite_120" id="Seite_120">[S. 120]</a></span> - -„Wir sehen uns wieder!” und zum -Bauern sagte er:</p> - -<p>„Glücklich sein oder glücklich machen: -was dünkt Ihnen am schönsten, -Herr?”</p> - -<p>Der Bauer sah dem Fremden in die -Augen, wußte nicht, was er sagen sollte, -und wiederholte schließlich dieselbe -Frage:</p> - -<p>„Glücklich sein oder glücklich machen? -Ja! Ja! Glücklich machen, natürlich! -Aber was ist Glück?”</p> - -<p>„Hahaha!” entgegnete der Fremde, -„Sie gehen mir schon wieder zu weit! -Zu tief, zu tief in die Erde, zu tief an die -Wurzeln! Wir Menschen des Kaiserreichs -treiben gern oben auf dem Wasser -unserer Zukunft entgegen, leben über -der Erde, wo die Blumen blühen und -die Vögel singen!”</p> - -<p>„Verstehen aber die Blumen nicht -und die Vögel nicht und haben überhaupt -die Wurzeln verloren! Nicht -wahr?”</p> - -<p><span class="pagenum"><a name="Seite_121" id="Seite_121">[S. 121]</a></span> - -„Möglich, Herr, möglich; aber wer -die Wurzel nun einmal verloren hat, -wie Sie sagen, soll dem für die kurze -Zeit, da seine Blüte noch standhält, das -Glück versagt sein?”</p> - -<p>„Das Glück wird ihm versagt sein -müssen, denn Glück bedeutet: Wurzel -haben! Aber den Schimmer soll man -dem Schimmer lassen!”</p> - -<p>„Den Schimmer soll man dem -Schimmer lassen,” wiederholte spöttisch -und nachdenklich der staunende -Fremde, und fuhr dann fort: „Doch -genug der leeren Worte: ich komme -nach drei Wochen wieder und werde -dann das Riesele abholen! und wie gesagt: -Sie werden keinen Schaden haben -bei der Sache!”</p> - -<p>Als der Vater zu Hause erzählte, was -ihm begegnet war, öffneten sich die drei -kleinen Mäulchen und schlossen sich -schier nicht mehr an diesem Abend. Der -Vater hatte beim Militär allerhand interessante -Stückchen gesehen: der Rittmeister<span class="pagenum"><a name="Seite_122" id="Seite_122">[S. 122]</a></span> -war ein Narr gewesen: Kerle! -sagte er oft zur Schwadron, ich bin der -Teufel! Ich liebe meine Frau nicht und -meine Kinder nicht: wie soll ich etwa -euch lieben? Ein vollendeter Narr war -der Rittmeister! Dazu ein Pferdenarr, -der neunzehn Reitpferde besaß und sie -dressieren konnte. Im Walzertakt ritt -er an zum Appell; Schottisch auf den -Hinterbeinen konnten zwei seiner Gäule -flott tanzen! Einmal erschien er mit -einem Rappen, dessen Hufe vergoldet -waren, zum Appell.</p> - -<p>„Vergoldet?” rief das Trudelchen, -das in der Mutter Schoß lag, „und die -Hufeisen, waren die auch von Gold?”</p> - -<p>„Die waren natürlich auch von -Gold!” erwiderte der Vater und erzählte -weiter, wie dieser Rittmeister einmal in -einem Zirkus ganz plötzlich, ohne daß -irgend jemand zuvor davon gewußt -hätte, angeritten sei mit einem schneeweißen -Hengst, wie er nur einfach rundum -geritten sei, und wie die Menge vor<span class="pagenum"><a name="Seite_123" id="Seite_123">[S. 123]</a></span> -Begeisterung geschrien hätte. Alles habe -geschrien „Bravo, bravo!” und er, der -Vater, habe mit seinen Kameraden zuerst -geschrien und zuerst geklatscht, und -nachher hätte jeder drei Tage Urlaub -bekommen und zwanzig Mark!</p> - -<p>„Zirkus?” sagte die Mutter, „ja, wenn -Riesele in einen Zirkus soll, da weiß ich -auch Bescheid! Doch will ich heut -abend nichts mehr erzählen, ich heb -meine Sach auf bis zum Sonntag! -Ja, wenn's Riesele in einen Zirkus soll, -da ging ich auch mit!”</p> - -<p>„Ich auch, ich auch!” versetzten die -Buben und knöpften schon die Hosenträger -ab, und Trudel, die schon halb -geschlafen hatte, rieb sich die Augen und -flüsterte:</p> - -<p>„Ich auch, Mutter, gelt, ich auch?”</p> - -<p>„Freilich, freilich, wir alle gucken, -wenn das Riesele Walzer tanzt, oder -auf dem Hochseil läuft, oder wenn es -dem König sagt, wie lange er noch zu -leben habe!”</p> - -<p><span class="pagenum"><a name="Seite_124" id="Seite_124">[S. 124]</a></span> - -Nun wurden alle Tage zu Sonntagen, -die Buben schnitten sich Degen -aus Holz, klebten Papierhelme, gürteten -farbige Bänder um den Leib, und das -Mädchen tanzte, wo immer sie ging -und stand. Die Mär, daß Riesele in den -Zirkus komme, wußte bald die ganze -Jugend des Dorfes. Hüpfseile, Springreife, -goldige Schnüren, Soldatengerät -aller Art tauchten auf, und auch die Alten -betrachteten das Tierchen mit den Augen -ihrer Komödiantentage, wie jeder -Mensch sie mit sich durchs Leben trägt. -Das ganze Dorf begann inmitten der -grauen Kartoffelernte zu leuchten im zukünftigen -Glanze des kleinen Riesele, -und alle sagten:</p> - -<p>„Er hat sein Glück gemacht!”</p> - -<p>„Glücklich sein, ist nicht Glück,” sagte -der Bauer Klaus zum Herrn Pfarrer, -„glücklich machen, das ist Glück! Oder -wie denken Sie über diesen Fall, Herr -Paschtohr?”</p> - -<p>„Da ist nicht viel zu denken, Freund<span class="pagenum"><a name="Seite_125" id="Seite_125">[S. 125]</a></span> -Klaus: wer sein Glück darin findet, daß -er glücklich macht, der ist wahrlich ein -kleiner Heiland!”</p> - -<p>Als jedoch die drei Wochen herum -waren und der Fremde wieder kam, da -wollte niemand das Riesele hergeben. -Die ganze Stube war voller Kinder, -aber das Riesele stampfte ungestüm in -seinem Hag, als wisse es, was geschehen -solle, und als wolle es möglichst rasch -fort in den Zirkus.</p> - -<p>Der Fremde zählte zwei lange Reihen -dicker Silbermünzen auf den eichenen -Tisch, der Vater überzählte sie, indem -er mit zwei Fingern auf je zwei tupfte -und sie ein bißchen höher schob, und die -Mutter hielt die Daumenspitze zwischen -den Zähnen.</p> - -<p>Die Buben liefen hinaus, wie sie das -viele Geld sahen, und die Stube leerte -sich fast. Trudel trat betrübt zur Mutter, -und als die Mutter sie auf den Arm -nahm, kollerten dem Kinde die Tränen -aus den Augen, und es sagte ganz laut:</p> - -<p><span class="pagenum"><a name="Seite_126" id="Seite_126">[S. 126]</a></span> - -„Jetzt verkaufen wir das Riesele, wie -die Brüder den Joseph verkauft haben -um dreißig Silberlinge; da hätten wir -das Riesele doch Joseph nennen sollen, -wie's noch ganz klein war!”</p> - -<p>Die Mutter konnte die Tränen auch -nicht verbeißen, sie sah den Vater an -und sagte:</p> - -<p>„Dreißig Silberlinge, sind's nicht -auch gerade dreißig Silberlinge, dreißig -dicke Silberstücke, und dafür hat auch -Judas den Herrn verraten!”</p> - -<p>„Ja, willst du das Riesele behalten?” -fragte der Vater.</p> - -<p>„Die Kinder, die Kinder!” antwortete -die Mutter, „da guck hinaus, die Buben -führen's fort!”</p> - -<p>„Was die Buben tun, gilt wohl -nicht!” sagte der Fremde, zog seine -Börse und legte drei Zehnmarkstückchen -zu dem Geld, hob das eine wieder vom -Tisch auf, reichte es dem weinenden -Trudelchen und sprach:</p> - -<p>„Hier, Kind, ein Füchschen für dein<span class="pagenum"><a name="Seite_127" id="Seite_127">[S. 127]</a></span> -Räppchen, und das hier gibst du deinen -Brüdern! Hier, sieh genau hin, der -Mann, der da im Gold abgebildet ist, -das ist der Kaiser!”</p> - -<p>Das Kind betrachtete die Münze -und rief zum Fenster hinaus:</p> - -<p>„Gustav, August, kommt herein, ihr -habt goldene Kaiser bekommen!”</p> - -<p>Sie kamen herein, und das Riesele -ging, ohne seiner Mutter Ade gesagt zu -haben, von dannen, dem Zirkus des Lebens -entgegen, den sich die Menschen -eingerichtet haben.</p> - -<hr class="chap" /> - -<p class="pagebreak"><span class="pagenum"><a name="Seite_128" id="Seite_128">[S. 128]</a></span></p> - - - - -<h2>VIII</h2> - - -<p>Der Fremde also führte das Riesele -fort aus dem Paradies, am Buchenwäldchen -vorbei in das nahe -Städtchen an den Bahnhof, wo Riesele -mit seiner Mutter schon einmal gewesen -war. Die Kinder kamen wieder gelaufen, -weil gerade die Schule aus war, und -sie stellten sich ans Gitter des Güterbahnhofes, -wo das schwarze Gäulchen -auf den Zug warten mußte, und sie -winkten ihm, da es in den Bahnwagen -trat, und riefen seinen Namen, da sie es -nicht mehr sehen konnten! Riesele blieb -lange Stunden im Bahnwagen, und -als es heraustreten durfte, hing vor -seinen Augen ein ungeheures Licht, das -langsam an einem Pfahl in die Höhe -geleiert wurde. Nun pendelte es hoch -oben, und ringsum zuckten kleinere Lichter<span class="pagenum"><a name="Seite_129" id="Seite_129">[S. 129]</a></span> -auf, die Sperre schnurrte zurück, und -Riesele schritt hinaus in den Abend und -stapfte neben dem Manne her über eine -große, flache Wiese, einem unheimlichen -Hage zu, zwischen dessen Gebälk unabsehbar -Gäule weideten, schwere Kerle, -deren Köpfe sich nicht vom Grasboden -erhoben.</p> - -<p>Riesele brauchte nicht in einen dieser -Hage; es wurde in einen Stall geführt, -der ganz weiß getüncht war. Hier verbrachte -es die erste Nacht in der Fremde.</p> - -<p>Gleich am Morgen kam ein Mann -in einem langen, weißen Kittel, der -streichelte an dem jungen Körper herum, -und dann kamen zwei andere Männer, -die legten Riesele aufs Stroh nieder, -und dann spürte es einen heftigen Stich -in der linken Flanke, daß es ausgeschlagen -hätte, wenn's ihm möglich gewesen -wäre. Es konnte mit keinem Muskel -zucken, so fest hielten die Männer das -Riesele, und als sie es freigaben, wollte -es sich nicht bewegen, so müde war es<span class="pagenum"><a name="Seite_130" id="Seite_130">[S. 130]</a></span> -geworden. Es lag da, eine weiße Schnur -war um seinen Leib gewickelt, und vor -seinem Munde stand ein Napf mit -Milch, den es aber nicht berührte.</p> - -<p>Es trank indes gegen Abend doch -die Milch, und am nächsten Morgen -hatte es sogar Lust, sich auf die Beine -zu stellen, stellte sich auch und fraß -frischen Klee, und schon am andern -Tag kam der Mann im weißen Kittel -wieder und wickelte den Verband ab. -Riesele war also wieder gesundet von -einer Krankheit, die ihm zu Hause hinter -seinen Bergen sicher erspart geblieben -wäre.</p> - -<p>Es durfte aus dem Stalle laufen, es -durfte die großen Gäule besuchen an -deren Hag, es durfte den Kopf hineinstrecken -zu den Großen und ward geliebkost -wie von seiner Mutter.</p> - -<p>Eines Tages entdeckte es in einem -der letzten Hage ein Füllen, das an der -Brust seiner Mutter trank. Dieses Füllen -trank noch an der Brust seiner Mutter,<span class="pagenum"><a name="Seite_131" id="Seite_131">[S. 131]</a></span> -obgleich es viel größer war als Riesele. -Riesele wollte durchaus nicht etwa mit -ihm trinken: es hatte nur seine Freude -an dem großen Säufer und dünkte sich -sehr erwachsen. Jeden Tag trieb es sich -bei Mutter und Kind umher, bis ein -Wärter ihm gar die Tür aufmachte und -es hineinlaufen ließ.</p> - -<p>Hier im Schatten einer Mutterliebe -verbrachte Riesele die nächsten Wochen -seines Lebens, bis der Winter kam. -Die Mutter hatte genug Liebe und -verschenkte davon an das Riesele, soviel -sie konnte, und Riesele wuchs mächtig -heran! So sehr es sich aber im Wachsen -beeilte: das kleine Mutterkind blieb -größer! Es konnte seinen Kopf auf die -dritte Querstange des Hages legen, aber -Riesele konnte das nicht! Riesele war -klein, Riesele war ein Zwerg gegen dieses -Füllen, Riesele konnte sich strecken, soviel -es wollte, aber es blieb klein. Trotzdem, -wenn es auch kleiner war als der Säugling, -so war es doch stärker als dieser,<span class="pagenum"><a name="Seite_132" id="Seite_132">[S. 132]</a></span> -und sein Benehmen glich viel eher dem -eines gesetzten Burschen.</p> - -<p>Von Tag zu Tag glänzte Rieseles -Haut mehr, seine Haare stellten sich -dichter, da der Winter weiß auf den -nahen Bergen hockte, die Blesse leuchtete -etwas über den Augen, und in den Augen -erschien ein seltener Glanz, der alle, die -kamen, über die Maßen entzückte. Zugleich -schossen die Haare des Schweifes -tief hernieder und berührten fast die -Hufe, die Mähne zottelte sich in weichen -Kräuselwellen am Halse herab und fiel -über die Schulterblätter, und die Stirnhaare -wuchsen bis zur Blesse und hörten -auf zu wachsen!</p> - -<p>Rieseles Rücken blieb schmal, seine -Brust wollte sich nicht breit auseinandertun, -entfaltete sich zwar, blieb aber -trotzdem schmal und zierlich. Seine -Schenkel wulsteten sich nur kaum merklich -hervor. Dennoch, obwohl die Muskelstärke -nicht so sehr zutage trat wie bei -Füllen, die für den Strang geboren sind,<span class="pagenum"><a name="Seite_133" id="Seite_133">[S. 133]</a></span> -machte sich in diesem kleinen Körper ein -reges Spiel der zarten Kräfte bemerkbar, -das den Kenner und noch mehr den -Menschen, der in dem Spiel der Muskeln -das Leben sieht und die Schönheit -und, was alles dahinter sich versteckt, -höchlich entzücken mußte. Wenn die -beiden Kinder miteinander spielten, so -tolpatschte das größere, das jüngere, -hierhin und dahin, ungelenk und steif -und stieß bald an den Stangen an und -rannte gegen die Mutter, und einmal -warf es sogar das Riesele um auf den -Grasboden, daß dem Riesele fast die -Tränen kamen.</p> - -<p>Dieses aber bewegte sich ganz anders! -Die geringe Last seines Körpers schnellte, -von den Vorderbeinen aufgewippt, überaus -leicht und zierlich und anmutig den -Rücken hernieder in die Hinterbeine, so -daß die Vorderbeine sich fröhlich in der -Luft ergingen, so daß die lange Zottelmähne -umherwirbelte, der Kopf sich -aufreckte, sich vor Uebermut schüttelte,<span class="pagenum"><a name="Seite_134" id="Seite_134">[S. 134]</a></span> -so daß die Zähne hervorblitzten und die -Ohren in der Luft herumstachen, wie -wenn sie Fliegen schlagen wollten! Die -geringe Last des Körperchens turnte in -die Vorderbeine, daß die Hinterbeine -befreit waren, daß die Hinterbeine nach -allen Seiten ausfeuern konnten, als -seien sie die schlimmsten Pferdebeine der -Welt, daß sie aber nur fortgesetzt und -immer wieder Löcher in die kalte Herbstluft -schlugen.</p> - -<p>Die Kraft, die sich in dem kleinen -Körper regte, war durchaus nicht klein -und wollte vertobt sein! Ein Spatz, der -sich aufs Geländer des Hages setzte, eine -Mücke, die heranflog, das Riesele zu -stechen und von seinem Blut zu trinken, -ein verspäteter Schmetterling, der -irgendwohin flatterte und an Riesele -zufällig vorbeikam, sie alle reizten des -Riesele junge Kraft wie echte Feinde, -und jeweils stürzte sich der kleine Mann -auf das harmlose Tierchen los, der große -Säugling tat dann auch mit, und wenn<span class="pagenum"><a name="Seite_135" id="Seite_135">[S. 135]</a></span> -der Spatz endlich den Hag verlassen, -wenn der Schmetterling sich weiter in -die Höhe geschwungen, wenn das Bienlein -das Weite gesucht hatte vor solcher -Turnierwut, so gerieten die zwei Kleinen -sich an die Köpfe und bissen sich -gegenseitig in die Hälse, in die Kinnbacken, -gar in die Ohren, und sie feuerten -aus, trafen sich aber niemals! Der -Säugling war ungelenk; sein Körper -wartete noch auf größeren Kräftenachschub, -war aber schon für diese größeren -Kräfte einstweilen eingerichtet und -stand oft breitbeinig da wie das hölzerne -Pferd der Trojaner, das auch auf allerhand -Kraft warten mußte. Riesele dagegen -wußte mit sich umzugehen! Es -konnte, wenn eine Fliege an seiner Brust -saß, den Brustmuskel erzittern lassen und -brauchte vor dieser Fliege nicht fortzulaufen -wie sein Milchbruder! Es konnte, -wenn der Bauch juckte, den Schweif -herschwingen, oder es konnte den Kopf -so weit zurückbiegen, daß es sich am<span class="pagenum"><a name="Seite_136" id="Seite_136">[S. 136]</a></span> -Bauche schaben konnte, mit den Zähnen -beißen konnte, daß es den Vorderhuf -oder auch den Hinterhuf heben konnte -und dabei nicht achtzugeben brauchte, -ob es umfalle, wie der große Kleine! -Er war wirklich einmal umgefallen, der -Säugling: er wollte es dem Riesele -gleichtun, wie es sich am Hinterschenkel -biß, er drehte sich da oftmals im Kreise, -und der Schenkel drehte sich auch und -entlief dem Maule immer wieder im -Kreise herum. Blieb endlich das Hintergestell -an seinem Platze, so reichte der -Hals nicht, d. h. gereicht hätte der Hals -schon, aber er war zu steif, als daß er -sich genügend gebogen hätte. Da nun -in dem zukünftigen Ackergaul offenbar -ein Stück Ehrgeiz rumorte, überspannte -er den Bogen seines Halses und knackte -um. Da lag er nun!</p> - -<p>Diese Umbiegung, daß der Kopf sich -dem Schweife näherte, war seitdem -Rieseles liebstes Spiel, und dies Spiel -sah sich köstlich an: die dünnen Rippen<span class="pagenum"><a name="Seite_137" id="Seite_137">[S. 137]</a></span> -preßten sich am schwarzen Bäuchlein -hervor wie mit dem Silberstift getönt, -der Hals erglänzte längs der Rundung, -die Mähnenspitzen ergossen sich über -den gestreckten Kopf, und der ganze -Körper ruhte gefestigt in dieser Stellung -wie in Erz gegossen. Da mochte -denn der braune Ehrgeiz nicht mehr -von den Stangen des Hages weggehen -und schabte, ob nicht bald die ersten -Zähne kommen wollten!</p> - -<p>Indessen: es wurde kalt, das ganze -Gestüt ward abgebrochen, und Riesele -kam in einen Stall.</p> - -<p>Schon am zweiten Tage erschienen -etliche Männer in dem Stall. Sie besahen -sich die schweren Gäule, und -plötzlich kommt einer der Männer auf -Riesele zu und sagt zu den übrigen:</p> - -<p>„Hier, staunt: brauchen wir denn -nicht auch einen Dauphin? Er ist zwar -von Haus aus ein Mädchen, aber was -verschlägt's?” Er sagte das etwa so, -wie ein Theatermann einen jugendlichen<span class="pagenum"><a name="Seite_138" id="Seite_138">[S. 138]</a></span> -Liebhaber sucht oder eine Heldenmutter -oder eine komische Alte!</p> - -<p>Alle kamen zu Riesele her; alle besahen, -befühlten, betätschelten Riesele, -und Riesele stand da inmitten ihrer -Lobpreisungen und spielte mit den -Nüstern und spürte die vielen eingehenden -Blicke wie Liebkosungen an -sich umhergleiten. Seine Blesse ward -gestreichelt, seine Ohren wurden gezerrt, -seine Augen wurden mit einem kleinen -Kerzenlicht beleuchtet, ob sie gesund -seien, seine Lippen wurden wiederholt -auseinandergenommen, seine Zunge herausgeholt, -seine Zähne betickt mit einem -blanken Schlüssel!</p> - -<p>Riesele und mit ihm ein überaus -starker Hengst, der auffällig rot gesprenkelt -war, diese zwei mußten aus dem -Stalle treten und wurden am selben -Tage fortgeführt ans Bahnhöfchen.</p> - -<p>Während der langen Fahrt freundeten -sich die beiden Pferde an, und der -große Hengst, der seine Nüstern oben<span class="pagenum"><a name="Seite_139" id="Seite_139">[S. 139]</a></span> -am Viehwagen hinausstrecken konnte, -was dem kleinen Riesele versagt war, -schurfte mit seiner Nase oftmals an -Rieseles Hals herum, als wolle er dessen -Kopf hinaufziehen an das breite Luftloch. -Aber Riesele war doch zu klein! -Es legte sich auch einmal nieder, streckte -die vier Beine von sich und streckte die -Beine unendlich weit aus und wuchs -zusehends. Auch den Kopf reckte es von -sich, und wenn das garstige Halsband -nicht gewesen wäre, das an der Eisenstruktur -festgebunden war, so hätte -Riesele ein Stündchen oder ein Viertelstündchen -geschlafen.</p> - -<p>Der Fuchs konnte sich nicht legen: -er hatte Hufeisen an, die schon recht -glatt abgelaufen waren, und so oft er's -auch versuchte, glutschte er und schnellte -vor Aufregung, vor Angst immer wieder -in die Höhe.</p> - -<p>Ungeheure Schenkel hatte dieser -Gaul! Ueber den Knien wulsteten die -Muskeln hervor wie Halbkugeln, und<span class="pagenum"><a name="Seite_140" id="Seite_140">[S. 140]</a></span> -dann begann eine Fülle von gestrafftem -Fleisch sich hinaufzubiegen, die in ihrer -Fuchsröte den dunklern Schweif, der -sehr kurz und zerfranst war, fast völlig -in sich einbettete. Beinahe etwas zu -wenig dick zog der Bauch nach den -Vorderbeinen hin, gleichmäßig rund -wie eine Walze, und vom rechten Vorderbein -her ästelte eine Ader, dick wie -ein Bauerndaumen nach oben und -unterm Bauche her. Unten erhöhte sich -das Rot zu einem überschmutzten Weiß, -das sich gegen die Brust ergoß und -zwischen den Beinen auf den stets federnden -Brustmuskeln sich wieder verlor. -Gerade wie Don Quichotes Beinschienen -strafften die Muskeln dieser Vorderbeine -nach unten, mehr Sehne als -Muskel, von keinerlei Fettansatz verhunzt, -von keinem warzigen Auswuchs -verunstaltet, und die Hufe breiteten sich -unter dem schmalen Zehengelenk, das -scheinbar schwach aussah wie ein -Brückenbogenaufsatz, kurz, straff, gepackt<span class="pagenum"><a name="Seite_141" id="Seite_141">[S. 141]</a></span> -und fast rechtwinkelig zur Erde. -Ueberaus zierlich standen diese Hufe da, -kaum größer als die des Riesele.</p> - -<p>Riesele aber hatte seine Freude an des -Fuchses Hals! Es konnte und durfte -mit seinen Lippen über die blanke Glätte -hintasten, es konnte und durfte längshin -die Rinne beschnuppern, die sich von -der Brust bis an die Backen des Kopfes -erstreckte, es konnte und durfte an der -kurzen Mähne, die bald nach links, bald -nach rechts äußerst zerzauselt herabhing, -mit den Lippen, mit den Zähnen, mit -der Zunge gar herumschmecken.</p> - -<p>Riesele merkte bald, wie der große -Freund Freude hatte an den kindlichen -Schmeicheleien! Es schmarotzte auch -an seinem Kopf herum: es biß mit seinen -Milchzähnchen an den festen Nüstern, -es leckte gar an die Zähne hinein, es -schabte mit der Nase seitlich an die -sehnigen Backen, wo Aederchen zitterten -aus Zorn über die harten Halfterriemen, -die da angeschnürt waren. Ha, wenn<span class="pagenum"><a name="Seite_142" id="Seite_142">[S. 142]</a></span> -der Große den Kopf herniederbog, -wenn der Hals hinter den Kinnbacken -sich einfältelte wie ein Kinderkleid, ha, -da boten sich dem Kleinen zwei Lichter -dar, links eins, rechts eins, zwei Börnchen -lebendigen Wassers, zwei wogende -Schalen, in denen Kraft und Uebermut -und Liebe und Schönheit fluteten, daß -es dem Kinde angst und bange ward -und warm ums junge Herz und bockelig -vor Freude. Von der Stirn her quirlte -ein angeknäulter Haarschopf gegen die -Augen, die er aber nicht verdecken konnte, -und die aufgespitzten Ohren hatten -Mühe, sich aus diesem Quirle zu erheben.</p> - -<p>Was für eine seltsame Freude war -das doch in Rieseles Herz!</p> - -<p>Aneinandergekoppelt schritten die -zwei ungleichen Gesellen quer durch -eine große Stadt und beschlossen ihre -Wanderung an einem grauen Zelt, das -neben anderen größeren Zelten auf einer -Wiese stand. Kinder liefen an gelbgestrichenen<span class="pagenum"><a name="Seite_143" id="Seite_143">[S. 143]</a></span> -Wagen umher, lüfteten die -Zelttücher und sahen hinein, und Hunde -bellten an ihnen herum, bissen aber -nicht!</p> - -<p>Die beiden Freunde mußten ein Weilchen -warten, bis sie hinein durften ins -Zelt. Sie standen vor einer Reklametafel, -die ganz bedeckt war mit buntigen -Tieren, mit Pferden, Tigern, Löwen, -Elefanten und mit drei ganz kleinen -Gäulchen, die Ball miteinander spielten. -Sie besahen beide diese Herrlichkeiten! -Der Fuchs regte sich nicht; selbst die -vielen Kinder, die sich um sie herstellten, -ließen ihn nicht aufmerken!</p> - -<p>Ein kleines Mädchen scheuchte mit -seinem dicken Muff nach des Fuchses -Kopf, aber der Fuchs verzog keine -Miene. Starr hafteten seine Augen an -den grellen Farben der Holztafel.</p> - -<p>Riesele aber konnte die Ruhe nicht -bewahren! Sei es, daß die Kinder das -kleine Gäulchen verwirrten, da sie ohne -jede Scheu seinen Hals streichelten und<span class="pagenum"><a name="Seite_144" id="Seite_144">[S. 144]</a></span> -seinen Rücken, sei es, daß das Kerlchen -von dem, was auf der Tafel dargestellt -war, ein Ahnen hatte, eine Lust, mit den -drei Kleinen zu spielen, eine Ungeduld, -hier angekoppelt sich begaffen lassen zu -müssen!</p> - -<p>Eine Sacktür öffnete sich! Riesele -ward hineingezogen, der Fuchs kam -hinter ihm drein. Warm war's hier, es -roch nach Pferden, aber auch nach anderen -Tieren! Löwen lagen hinter starken -Gittern, ließen die Pranken heraushängen -und blinzelten mit den Augen. -Ein alter Affe lauste sein Junges. Und -weiter hinten erst standen die Pferde! -Ein Junges soff an seiner Mutter, etliche -ganz kleine Gäulchen lagen wie Geschwister -auf einem Häufchen und pflegten -der Ruhe. Das Allerkleinste, viel -kleiner als Riesele, war weiß und hatte -hellrote Flecken am ganzen Körper. Die -drei auf dem Häufchen sahen, ohne die -Köpfe zu erheben, den Ankömmling an. -Dieser verspürte Lust, mit ihnen zu spielen,<span class="pagenum"><a name="Seite_145" id="Seite_145">[S. 145]</a></span> -und strebte nach ihrem Verschlag, -mußte aber etwas weiter zurück in dem -Stall. Der Fuchs hatte schon seinen -Platz bei vielen Gäulen gleicher Größe, -doch schien er stärker als alle.</p> - -<p>Es dauerte nicht lange, so gab's reges -Treiben im Stall. Eine Dame brachte -den Löwen Fleisch und streichelte sie und -nannte den einen Mäuschen, den anderen -Herzblatt, den dritten Rapunzel, den -vierten Kasimir Edschmid. Burschen -kamen, sattelten, äußerst bunt, etliche -der großen und alle die kleinen Pferde, -und eine Mannsstimme rief irgendwoher:</p> - -<p>„Dahinten liegt ein Paar Schuhe; -wem gehören die denn?”</p> - -<p>„Sind's weiße?” rief eine blecherne -Frauenstimme dazwischen, und die -Mannsstimme entgegnete:</p> - -<p>„Nein, rote!”</p> - -<p>„Die sind mir!” krischen etliche Weiber, -und zwei liefen durch den Stall, -die eine mit nackten Beinen, die andere<span class="pagenum"><a name="Seite_146" id="Seite_146">[S. 146]</a></span> -ohne Bluse überm grünen Seidenhemd.</p> - -<p>„Entree!” ertönte es, eine Peitsche -knallte. Die Burschen, die alle schmutzig -gekleidet waren, schoben fast alle Pferde -nach dem Eingang. Die kleinen hatten -grüne Lappen auf den Rücken liegen, -die von gelbglänzendem Lederzeug festgehalten -wurden. Schellen rasselten an -dem Lederzeug!</p> - -<p>Riesele stand! Riesele streckte den Kopf -vor und scharrte mit dem Huf im Mist -und riß an seiner Kette. Der Hengst lag -und schnaufte.</p> - -<p>„Entree!” rief eine dunkle, aber hellgestellte -Stimme wieder.</p> - -<p>Man schwang sich in die Sättel! -Männer, als Empiresoldaten verkleidet, -Frauen als Empiresoldatenmädchen -verkleidet, schwangen sich in die -Sättel. Lanzen ragten auf, Helme blinkten, -Fähnlein hingen züchtig an den -bunten Stangen. Zwei rotgefärbte -Reiherfedern schnitten quer durch die<span class="pagenum"><a name="Seite_147" id="Seite_147">[S. 147]</a></span> -Lanzenstangen; ganz hinten trippelte -das winzige Schimmelchen, nicht größer -als solch eine Feder.</p> - -<p>Nein! Riesele durfte nicht mit!</p> - -<p>Ein Vorhang hob sich, Trompeten -erschollen, der Zug schob ab ins Entree! -... Was zurückkam, jubelte, wieherte, -knirschte mit den Zähnen vor Lust; was -zurückkam, stand begierig, wieder fort -zu dürfen, hinaus, in die Manege, in -die Herrlichkeit des großen Lebens, die -Herren Menschen zu ergötzen!</p> - -<p>„Tableau!” schrie hell die dunkle -Stimme; die Pferde reckten sich schon.</p> - -<p>Riesele, der Fuchs, das Füllen und -seine Mutter blieben zurück, sonst niemand! -Nicht einmal nach dem Vorhang -durfte Riesele gehen! Was mochte -sich da draußen abspielen?! Auch der -Fuchs schlief nicht, sondern sah nach -dem Vorhang.</p> - -<p>Sie kamen schon wieder, die Pferde; -sie wurden umtätschelt von den überaus -lustig gekleideten Menschen, und eine<span class="pagenum"><a name="Seite_148" id="Seite_148">[S. 148]</a></span> -Dame turnte auf den Rücken ihres -Gaules und legte die Wange an den -Hals des Tieres und sagte:</p> - -<p>„Dat war aber mal eine leckere Chose, -Schatz!”</p> - -<p>Sie küßte das Pferd, dessen Augen -rundum frohlockten. Riesele sah dies -genau.</p> - -<p>Ein Bursch schlug einem anderen -Burschen, der eine dünne, lange Röhre -schräg vom Kopf abragen hatte, ins Genick: -er purzelte. Auch der erste purzelte, -und so kamen sie auseinander, jeder zu -dem Pferd, das er zu bedienen hatte! -Die Löwen wurden in ihrem Käfig hereingezogen, -die Dame, die bei ihnen am -Gitter stand, trug einen Lorbeerkranz -im Haar. Sie schillerte von glänzenden -Steinen wie ein Heckenrosenstrauch im -Juniregen. Ganz zuletzt erschien ein -niedriggebautes arabisches Vollblut, -das trug gesenkten Kopfes einen mächtigen -Eichenkranz, der mit goldenen -Schleifen durchwirkt war, um den Hals.<span class="pagenum"><a name="Seite_149" id="Seite_149">[S. 149]</a></span> -Ein Mann im Trikot schritt neben ihm, -nahm von einem Nagel im Pfosten -drei schwere, silberne oder bleierne Ringe -und streifte sie sich an die Finger.</p> - -<p>Ein jeder sang, pfiff oder trillerte vor -sich hin; alle Tiere, die draußen waren, -sangen, pfiffen, oder trillerten vor sich -hin. Was, um des Himmels willen, -mochte draußen alles geschehen sein!</p> - -<p>Riesele sah auf einmal dauernd zu -dem Freunde hin, und auch dieser spitzte -die Ohren und starrte zu Riesele her, als -wünsche auch er Auskunft!</p> - -<p>Mit einem Schlage jedoch verlöschten -die Lichter, Riesele legte sich nieder -und schlief ein, in Erwartung der Dinge, -die seiner harrten.</p> - -<hr class="chap" /> - -<p class="pagebreak"><span class="pagenum"><a name="Seite_150" id="Seite_150">[S. 150]</a></span></p> - - - - -<h2>IX</h2> - - -<p>Am nächsten Morgen schon um zehn -Uhr begann die Hauptprobe in der -Manege, und Riesele sowohl als auch -der Fuchs, der Wallenstein genannt -ward, durften einmal an den Vorhang -treten, um hineinzusehen in die Manege -und mußten dann auch wirklich hinein. -Sie wurden an einen Zeltpfahl angebunden. -Ein Pferd lief dauernd an einer -Leine im Kreise herum. Unten im Sand -bewegte sich manchmal etwas wie eine -dünne Schlange und blieb wieder ruhig.</p> - -<p>„<span class="antiqua">Changez!</span>” rief der Direktor, und der -Gaul lief in entgegengesetzter Richtung -den Kreis der Manege. Eine Peitsche -zuckte auf, warf in eine entfernte Ecke -einen Knall und sank wieder in den -Sand: diese Schlange war eine unendlich -lange Peitsche!</p> - -<p><span class="pagenum"><a name="Seite_151" id="Seite_151">[S. 151]</a></span> - -„Komm zu mir, Prinz!” sagte der -Direktor gutmütig, äußerst gutmütig, -und der Bruder kam in die Mitte und -wurde liebreich getätschelt.</p> - -<p>Riesele ward unruhig: es wäre auch -gern im Kreise gelaufen, hierhin und -dorthin, wie der Herr Direktor es gewünscht -hätten, ja, und es wäre auch -gern so geliebkost worden!</p> - -<p>Aber nun rief der Direktor nach anderen -Pferden, und sieben an der Zahl -surrten aus dem braunsamtnen Vorhang -in die Manege. Sieben Pferde, -groß das erste, klein das vierte, winzig -das letzte, viel, viel kleiner als Riesele. -Sie liefen im Kreise, streng der Größe -nach hintereinander.</p> - -<p>„<span class="antiqua">Changez!</span>”</p> - -<p>Sie schnitten mitten im Sand an -der Peitsche vorbei und liefen wieder, -— endlos schier wechselten sie die Laufrichtung. -Die kleinen Bürschlein konnten -ihren Platz nicht finden, da mußte -die Peitsche helfen! Aber die Peitsche<span class="pagenum"><a name="Seite_152" id="Seite_152">[S. 152]</a></span> -machte mehr Lärm, als sie wirklich -strafte! Sie tippte manchmal einem der -Kleinen um die Ohren, um die Füße, -und sogleich wußten sie, ihre Plätze -wieder zu finden.</p> - -<p>„Hierher, zu mir!” erschallte plötzlich -die Stimme des Direktors, und sogleich -bog der Große zur Mitte, und die ganze -Familie folgte ihm; da standen alle -nebeneinander, Lende an Lende.</p> - -<p>„Miezi, Miezi, wo steckst du denn?”</p> - -<p>Das Kleinste tat einen Schritt nach -vorn, und im selben Augenblick knallte -die Stimme:</p> - -<p>„<span class="antiqua">À genoux!</span>”</p> - -<p>Alle fielen auf die Knie, mühsam -zwar, doch rasch und fast gleichmäßig! -Nur Miezi kam nicht herunter. Die -Peitschenspitze züngelte herbei; trommelte -an den Schienbeinen des kleinen -Gäulchens umher, unausgesetzt wie -Spechtgehämmer, aber das Kleine -konnte nicht herabkommen. Es sank zur -Hälfte und strauchelte und sprang wieder<span class="pagenum"><a name="Seite_153" id="Seite_153">[S. 153]</a></span> -auf. Die Peitsche knallte heftig. Die -anderen Tiere konnten aber solange -nicht auf den Knien liegen und turnten -auf. Wieder erschallte die erregte -Stimme:</p> - -<p>„<span class="antiqua">À genoux!</span>”</p> - -<p>Glatt sanken die sechs Tiere, und -Miezi blieb unterwegs hocken; die -Peitsche trommelte.</p> - -<p>„<span class="antiqua">À genoux, à genoux!</span>” trommelte die -Peitsche von weit her, wo der Direktor -stand. Sie trommelte wider die Beine, -wider die Knie, sie kletterte an Miezi -empor, bis an Hals und Augen, sie tickte -an seine Ohren!</p> - -<p>Plötzlich aber flog die Peitsche seitab -in den Sand, die sechs größeren -Tiere bogen nach dem Ausgang und -durften hinterm Vorhang verschwinden, -und nur Miezi blieb zurück!</p> - -<p>Der Direktor bekam eine kurze Lederpeitsche, -einen Riemen eigentlich, und -trat zu den zwei Neulingen, zu Riesele -und seinem Freund, hielt diese<span class="pagenum"><a name="Seite_154" id="Seite_154">[S. 154]</a></span> -Peitsche steil vor deren Augen und -sagte:</p> - -<p>„Die Wünschelrute! Die Wünschelrute -der Ordnunk, der Schönheit und -alles Glückes!”</p> - -<p>Er lachte dazu, und seine Augen und -sein Mund verschwanden in einem Gemisch -von tiefen Falten, die wie in Leder -gezogen sein Gesicht zergeißelten.</p> - -<p>„<span class="antiqua">À genoux, à genoux, à genoux!</span>” schrie -er, indes er sich Miezi näherte, die unbeweglich -stehen blieb, obwohl sie doch -lieber fortgelaufen wäre! Er faßte ihren -linken Vorderfuß, ihren Unterschenkel, -bog ihn mit aller Kraft zur Erde, zog -und drückte zugleich das winzige Körperchen -nach unten, das willig folgte, -wenn auch der Kopf ängstlich sich aufreckte, -wie bei einem Kind, das man in -den Fluß taucht. Ganz sachte berührte -schließlich das zierliche Knie den Sand, -und der Dresseur tat seine Hand weg. -Jedoch sogleich federte Miezi in die -Höhe. Aeußerst in Liebe ließ er die kurze<span class="pagenum"><a name="Seite_155" id="Seite_155">[S. 155]</a></span> -Peitsche an seiner freien Hand herabhängen, -streichelte den Unterschenkel -wieder, sagte:</p> - -<p>„Miezerl, Miezerl, Schnuckerl!” und -bog und drückte wieder sanft und bestimmt -nach unten. Wieder setzte Miezi -keinen Widerstand und sank herab, indes -ihr Kopf sich aufreckte.</p> - -<p>„Muß ich den Kadett wieder durch -den Kakao schleifen!” knirschte der -Direktor.</p> - -<p>Riesele stand an seinem Balken, straff -alle Muskeln angespannt, und rührte -sich nicht. Doch als Miezi wieder aufschnellte, -zuckte es heftig zusammen wie -von einem Schlag erschreckt. Der Fuchs -regte sich nicht; er zerrte bisweilen an -seiner Leine, um an einer Stuhllehne, -die vor ihm stand, zu knuppern.</p> - -<p>Der Dresseur aber nahm nun die -kurze Peitsche in die andere Hand und -schlug zweimal auf Miezis Rücken. -Wieder schmeichelte er, wieder bog und -drückte er den willigen Fuß zum Sande,<span class="pagenum"><a name="Seite_156" id="Seite_156">[S. 156]</a></span> -wieder entfernte er die helfende Hand, -und Miezi sprang auf. Wieder zuckte -die Peitsche auf, aber diesmal legte sie -nicht zwei Schläge auf den Rücken, -sondern klatschte an die Seiten, an die -empfindlichen Seiten, und das kleine -Ding blieb stehen, ohne sich zu regen -und ließ sich peitschen, und nur die Haut -zuckte erschüttert nach den Hieben.</p> - -<p>Riesele streckte den Kopf lang vor sich -aus und schüttelte ihn.</p> - -<p>Die Qual in der Manege begann wieder. -Diesmal wollte sich das Knie nicht -so bereitwillig beugen lassen, schien schon -vor der umfassenden Liebkosung der -Hand sich wehren zu wollen und gab -erst nach, als ein Faustschlag es zwang. -Die Augen des Dresseurs hoben sich von -unten herauf zu Miezis Augen, und -Miezi erkannte vielleicht die vielen Ruten -in dem verhaßten Gesicht und streckte -das halbgebeugte Knie wieder. Da ließ -sich der Dresseur auf seine beiden Knie -herab, schlug mit der kurzen Peitsche<span class="pagenum"><a name="Seite_157" id="Seite_157">[S. 157]</a></span> -hinauf gegen Maul, Nase und Ohren, -und das Tierchen hob sich auf die Hinterbeine, -und seine überaus kindlichen -Vorderhufe schwebten über des Dresseurs -Schultern wie Trommelschlägel. -Dieser zuckte auf, als seien diese Hufe -gefährlich für ihn und schleuderte das -Körperchen rücklings von sich, so daß -es überstürzte und platt auf den Rücken -plumpste!</p> - -<p>Er stand, der Dresseur! Er schwang -die kurze Peitsche hochauf, er ließ sie -niedersausen auf den sich darbietenden -Leib, holte mit dem Fuße aus und -schlug den Fuß, der mit schweren -Schuhen bekleidet war, dem kleinen -Gäulchen in die Rippen, daß der leichte -Körper ein Stückchen davonrutschte -im Sand. Nochmals bohrte sich dieser -Fuß in die Seiten, und der Ruck, den -er verursachte, ließ das Tierchen aufspringen -auf seine vier Beine.</p> - -<p>Schaum spritzt von dem Pferdemund -gegen den Dresseur, und dieser<span class="pagenum"><a name="Seite_158" id="Seite_158">[S. 158]</a></span> -faßt das dünne Halfter, rafft alles Geriem -zusammen in seiner großen Hand, -zerrt Miezi etwas zu sich heran, murmelt -vor sich hin:</p> - -<p>„Junk, Junk, du hast keene Ahnunk -nisch!” und faßt die Peitsche fester. Sein -Mund sprudelt über, indes er zu schlagen -beginnt:</p> - -<p>„Ein Lama biste nisch! Nisch? biste -Lama, das speecht? Nee! Nee! Scheeler -Minister!”</p> - -<p>Und dann, da die Hiebe rascher niedersausen, -kreischt er unausgesetzt zur Musik der Hiebe:</p> - -<p>„<span class="antiqua">À genoux! À genoux! À genoux!</span>”</p> - -<p>Man weiß nicht, wer die Laute -schreit, ob der Mund des Dresseurs -sie klatscht, ob die Peitsche den französischen -Laut zischt!</p> - -<p>Riesele streckte den Kopf steil in die -Höhe und schrie. Der Direktor kam daraufhin -zu ihm her, ließ unterwegs die -Peitsche fallen, holte aus der Rocktasche -ein Stück Zucker und hielt es Riesele<span class="pagenum"><a name="Seite_159" id="Seite_159">[S. 159]</a></span> -hin, und indes Riesele das Stück nahm, -streichelte er über seinen Hals und -sagte:</p> - -<p>„Recht so, recht so, du wirst einmal -besser, nisch?”</p> - -<p>Und dann legte er seine überschweißte -Wange an Rieseles Wange und sagte -liebreich:</p> - -<p>„Dauphäng, Dauphäng!”</p> - -<p>Miezi rührte sich nicht; Schaum -stand vor ihrem Munde.</p> - -<p>„<span class="antiqua">À genoux, À genoux!</span>” trällert der -Direktor wieder und kommt näher zu -Miezi, hebt die Peitsche auf, bückt sich, -erfaßt den Unterschenkel und läßt sich -auf ein Knie nieder.</p> - -<p>„Rudolf herbei!” kreischt er.</p> - -<p>Aus der Reihe von Burschen, Männern -und Mädchen, die da umherstehen -und gucken, springt einer in die Manege -und wirft die Zigarette von sich. Er -trägt eine kurze Peitsche mit sich und -stellt sich mit gespreizten Beinen neben -seinen Direktor und neben Miezi.</p> - -<p><span class="pagenum"><a name="Seite_160" id="Seite_160">[S. 160]</a></span> - -„<span class="antiqua">À genoux!</span>” schreit dieser wieder, und -Miezi hebt gefällig den Huf in die hingehaltene -Hand, gibt bereitwillig dem -Druck und dem Zug dieser Hand nach -und senkt den vorderen Körper zur Erde -herab. Jedoch, da das Knie den Sand -berührt, zuckt der Kopf auf, und das -ganze Körperchen zuckt mit. Rudolf, -der Bursche, reißt einen Schlag über -diesen Kopf, daß Riesele zusammenzuckt -und an seiner Leine zerrt. Umsonst, -der Kopf Miezis turnt weiter, aber das -Knie ruht fest im Sand, fest in der -Hand. Einen Augenblick ruht auch der -Kopf, und:</p> - -<p>„Brav, brav!” ruft der Direktor, „so -ist's brav, Miezi!”</p> - -<p>Ueber des Tierchens Kopf steht ein -kleiner, dreispitziger Stahl aus der Hand -Rudolfs herab. Berührt fast die Haut -zwischen den Ohren!</p> - -<p>Festgeklemmt zwischen Hände, Peitschen, -Stahl und Menschenwillen, steht -Miezi und rührt sich nicht mehr.</p> - -<p><span class="pagenum"><a name="Seite_161" id="Seite_161">[S. 161]</a></span> - -Die Hand des Dresseurs will sich -unten vom Schenkel lösen.</p> - -<p>„Miezerl, Miezerl, liab Dingele, -Zuckerle gibt's, Zuckerle! So isch's brav, -liabs, so isch es liab!”</p> - -<p>Miezi aber wird, da die Finger sich -lösen, unruhig, der Kopf stößt, stößt in -die drei Stahlspitzen, das ganze Körperchen -wirft sich auf, der Dresseur fällt -um, Rudolf haut mit Fäusten drein, -Miezi stürzt über den Dresseur, wird -hinweggerissen, rast, den Dreizack in der -Stirn, nach dem Ausgang, wo die -Knechte stehen, und wird dort aufgefangen -und auf Armen zurückgetragen -zu seinen Quälern. Rudolf reißt den -Stahl aus der Haut und steckt ihn ein, -der Direktor hebt die beiden Fäuste über -sich, als schleppe er einen Felsen, und -geht so auf Miezi los, und in seinem -Antlitz schwirren die Lederriemen umher.</p> - -<p>Ein Strömlein roten Blutes sickert -Miezi über die weiße Nase herab.</p> - -<p><span class="pagenum"><a name="Seite_162" id="Seite_162">[S. 162]</a></span> - -Der Direktor achtet nicht darauf, -er streckt die Hände aus, Rudolf reicht -ihm die Peitsche, er flüstert für sich:</p> - -<p>„Immer feste druff! Immer feste -druff!” Er sagt laut zu den Umstehenden:</p> - -<p>„Jibt man ihm seinen Hafer <span class="antiqua">pour</span> -nisch?”</p> - -<p>Die Sklaven lächeln im Chor:</p> - -<p>„<span class="antiqua">Pas du tout!</span>” und:</p> - -<p>„Nur die Ruhe kann es machen!” -sagt der Dresseur und nähert sich Miezi. -Er spreizt die Beine, stößt sich die Fäuste -in die Hüften, beugt den Oberkörper -gegen Miezi und spuckt ihr ins Gesicht, -hebt den Zeigefinger weit übern -Kopf, wirft ihn nach dem Ausgang zu -und gibt Miezi einen Tritt, daß sie etliche -Schritte machen muß, und die Sklaven -holen das Tier ab in den Stall.</p> - -<p>Der Dresseur zieht wieder sein rotes -Schnupftuch, wischt sich über die -Stirn und geht auf Riesele zu und sagt:</p> - -<p>„Die kleine Dame, die du eben kennen -jelernt hast, meint, sie habe jetzt ihren<span class="pagenum"><a name="Seite_163" id="Seite_163">[S. 163]</a></span> -Willen durchjesetzt, aber sie wird erst -morgen erfahren, wie sie sich täuscht! -Ich sehe es dir an, du bist von anderem -Schrot und Korn. Aber da bist du jerade -recht jekommen! Und du Großer: -na, wir werden uns ooch noch zu sprechen -haben!”</p> - -<p>Er wandte sich ab:</p> - -<p>„Wo stecken die Oojuste?”</p> - -<p>Sie sprangen vor, die Auguste, drei -Stück! Der Dresseur schnalzte mit der -Zunge, sie warfen ihre leichten Körper -zum salto mortale zurück und standen -auch schon wieder in Reih und Glied.</p> - -<p>„Auf die Hände!” schrie der Dresseur. -Sie schwangen sich auf die Hände und -liefen im Kreise, die lange Peitsche -schleifte hinter ihnen drein.</p> - -<p>„<span class="antiqua">Changez!</span>” Sie wechselten die Richtung.</p> - -<p>„Ab, gut!”</p> - -<p>Der Direktor wandte sich und schrie:</p> - -<p>„Dauphäng! Hast du das gesehen? -— Kein Schlag!”</p> - -<p><span class="pagenum"><a name="Seite_164" id="Seite_164">[S. 164]</a></span> - -Er wandte sich.</p> - -<p>„Tierschutzverein?” rief er dann, „wer -fragt?”</p> - -<p>Der dickste von den dreien fragte den -Direktor:</p> - -<p>„Sind Sie im Tierschutzverein?”</p> - -<p>„Sind — Sie — im — Tier — -schutz — ver — ein?” äffte der Direktor -nach, „wer wird so damlich fragen?”</p> - -<p>Alle drei schrien sie nun, jeder in seiner -Art und mit fröhlichen Bewegungen der -Hände, der Augen, der Beine auf ihn ein:</p> - -<p>„Sind Sie im Tierschutzverein, Mister?”</p> - -<p>„Aha, natürlich! Natürlich bin ich -im Tierschutzverein! Wie könnt ihr fragen? -Wißt ihr nisch, daß ich ein Freund -des Kronprinzen bin?”</p> - -<p>„Laß doch den Kronprinzen beiseit!” -flötete eine Frauenstimme aus dem Hintergrund, -und der Direktor starrte stumm -nach der Stimme.</p> - -<p>„Immer Reklame für den Kronprinzen, -der jibt dir en Dreck dafür!”</p> - -<p><span class="pagenum"><a name="Seite_165" id="Seite_165">[S. 165]</a></span> - -„Iß er etwa nisch Protektor des Tierschutzvereins? -— Iß er wohl!”</p> - -<p>„Laß ihm doch sein Pläsier!”</p> - -<p>„Pläsier? Sein Pläsier schaut anders -aus!”</p> - -<p>„Er liebt die Jagd! ... Weißt: von -wegen Tierschutzverein! Aber laß ihn -aus unsrer Manege, er hat genug mit -der seinen! Und zudem: uns Kunstbagage -steht wie überhaupt armen Leuten -der Patriotismus der Gasse nicht recht -zu Mund!”</p> - -<p>„Gut, nehm ich das Warenhaus des -Westens!”</p> - -<p>„Natürlich, nimm doch das Warenhaus des Westens!”</p> - -<p>„Also nochmal Aujust: Sind Sie ...”</p> - -<p>„Sind Sie im Tierschutzverein, Mister?”</p> - -<p>„Aha, natürlich! Natürlich bin ich -im Tierschutzverein! Wie kannst du fragen? -Weißt du nisch, daß ich ein Freund -des Kaufhauses des ...”</p> - -<p>„Ja, verehrter Gatte, nur heraus<span class="pagenum"><a name="Seite_166" id="Seite_166">[S. 166]</a></span> -damit: daß ich ein Freund vom Kaufhaus -...”</p> - -<p>„... also, daß ich ein Freund vom -Kaufhaus des Westens ... nein! das -paßt nisch, Rosa! Das, das, das paßt -nisch!”</p> - -<p>„Nu, dann nimm ihn, deinen Kollegen, -den Kronprinzen, voran also! -Nochmals von vorn!”</p> - -<p>„Gut, gut, also, wir wollen nicht -nochmal von vorn anfangen, sonst -machts die Madame wieder entzwei! -Wenn du sagst, Oojust, daß du Mitglied -... halt: du sagst das überhaupt -nisch vom Automobilschutzverein, du -springst gleich auf deinen Menschenschutzverein -und stellst dich so hin, kuck! -Diese Geste!!!”</p> - -<p>„Gehste mir mit deiner Geste!” krisch -die Frauenstimme, „du verdirbst mir -mit deiner Kronprinzenmoral das ganze -Geschäft! Ab!! Los!! Hol wieder dein -Faß, alter Diogenes und deine Laterne, -wenn ihr Witze machen wollt! Witze<span class="pagenum"><a name="Seite_167" id="Seite_167">[S. 167]</a></span> -müssen rollen wie Erbsen aus dem Faß, -müssen Knallerbsen sein und keinen Pulvergestank -verbreiten! Los, ins Faß, -alte Erbse, vertrockneter Diogenes!”</p> - -<p>Der Direktor lachte aufdringlich, als -wolle er glauben machen, seine Frau -spaße, und dies Gespaß sei eher eine -Liebkosung als ein Tadel, und er begann, -laut nach seinem Faß zu schreien und -klatschte dabei heftig in die Hände ... -Das Faß rollte heran, der Dresseur verkroch -sich!</p> - -<hr class="chap" /> - -<p class="pagebreak"><span class="pagenum"><a name="Seite_168" id="Seite_168">[S. 168]</a></span></p> - - - - -<h2>X</h2> - - -<p>Gleich am anderen Tage begannen -für Riesele, das nunmehr Dauphin -genannt wurde, die Dressuren im Sande -der Manege. Dauphin freute sich darauf, -war ordentlich stolz, konnte gar -nicht abwarten, bis, da er angeseilt in -der Hand des Direktors seinen sicheren -Halt hatte, bis die lange Peitsche mit -ihrem harmlosen Geknall den Befehl, zu -marschieren, gab! Eine Kleinigkeit, eine -Leichtigkeit, ein Kinderspiel, so im Kreise -langsam und sicher zu schreiten, den -Kopf ungezwungen hochzuhalten, immer -innen an den abgerundeten Bretterkasten -der Barriere entlang!</p> - -<p>Wenn er anders laufen sollte, entgegengesetzt -dieser Richtung, ha, so trat -der Direktor etwas nach hinten, was -man deutlich sah, und die Peitsche, deren<span class="pagenum"><a name="Seite_169" id="Seite_169">[S. 169]</a></span> -Riemen da irgendwo im Sande lag, -zuckte leicht auf!</p> - -<p>„<span class="antiqua">Changez!</span>” sprach dann immer der -Direktor! Das war nicht mehr mißzuverstehen!</p> - -<p>Fertig, Dauphin! Abgeseilt, ein Stück -Zucker in den Mund, hinaus aus der -Schule, in den Stall zurück! Das war -der erste Tag!</p> - -<p>Lang ward die Zeit bis zum nächsten -Morgen, und was brachte dieser Morgen? -Nichts Neues, nichts Neues! -Noch einmal und noch zum Überdrusse -oft das alte Spiel mit „<span class="antiqua">Changez!</span>”</p> - -<p>Am dritten Tage sprach der Direktor:</p> - -<p>„Ist die Kleine fertig? Bringt sie!” -Wer kam da zu Dauphin? Die kleine -Miezi, die vor drei Wochen so verpeitscht -worden war. Sie wurde vor -Dauphin gestellt, mußte also ihm gleichsam -den Weg weisen, denn Dauphin -war schon nicht mehr angeseilt! Sie -trippelte gar possierlich vor dem doch -größeren Dauphin her und sah nicht<span class="pagenum"><a name="Seite_170" id="Seite_170">[S. 170]</a></span> -nach rechts, nicht nach links ... sie hatte -sicher schon oft solch Leithammelspiel -getrieben ... und Dauphin brauchte nur -hinter ihr dreinzumarschieren. Machte -der Direktor nur eine leise Bewegung, -so wußte sie gleich, daß er nun „<span class="antiqua">Changez</span>” -sagen würde, und sie changierte auch -schon! Das hätte Dauphin unstreitig so -glatt nicht fertiggebracht ohne sie! Aber -sie trippelte ihm zu langsam! Er konnte -das nicht leiden: wiederholt setzte er den -Huf seitab nach vorn, um vielleicht selber -an die Tete zu kommen, um wenigstens -zu zeigen, daß er hin wolle ... aber -immer zuckte die Peitsche auf, und Dauphin -blieb gehorsam!</p> - -<p>Als die Lektion zu Ende war, lief -Dauphin vor Freude allein nochmals -die Runde, aber der Direktor beachtete -es nicht, und als er's endlich doch beachtete, -zuckte die Peitsche, und Dauphin -konnte nicht schnell genug draußen -sein: Gehorsam ist das erste!</p> - -<p>Am vierten Tage geschah dasselbe<span class="pagenum"><a name="Seite_171" id="Seite_171">[S. 171]</a></span> -wieder, am fünften machte Dauphin -sein Lektiönchen ganz allein und bekam -zwei Stückchen Zucker. Aber am Abend -zu den Vorstellungen durfte er nicht! -Zwar riß er an seiner Kette, als er sah, -wie seine Kameraden aufgeputzt wurden -und hinausgehen durften in den -grellen Lichterschein, allein niemand -kümmerte sich um ihn.</p> - -<p>Bald kamen zu den allmorgendlichen -Uebungen noch andere Pferde, auch -große, ganz große selbst, und auch der -Freund Fuchs trabte eines Tages mit -Dauphin in die Manege und machte -sein „<span class="antiqua">Changez</span>” ohne jeden Tadel.</p> - -<p>Er hieß Wallenstein! Ha, welch eine -Wonne für Dauphin, so in der Schar -der Großen und Kleinen, inmitten, denn -Dauphin war größer als Miezi und -kleiner als Wallenstein ... so in der -Schar als Jüngster sein Kunststück -zeigen zu können, nicht aufzufallen, nicht -überzutreten, sich vor allen Dingen nicht -vorzudrängen! sein „<span class="antiqua">Changez</span>” rechtzeitig,<span class="pagenum"><a name="Seite_172" id="Seite_172">[S. 172]</a></span> -nicht zu früh wie hinten die -kleine Miezi und nicht zu spät wie fast -alle zu erkennen! Und durch nichts zu -verraten, daß man doch der Jüngste -war!</p> - -<p>„Wallenstein und Dauphäng!” schrie -dann der Direktor, und die zwei Freunde -mußten hinaus, indes die anderen -weiterüben durften!</p> - -<p>Ach, wie bald wurden die Uebungen -schwerer! Dauphin sollte erst den linken, -dann den rechten Vorderfuß auf -die Barriere heben und stehen bleiben -und zu den Leuten gucken, die da saßen: -Madame, Turnerinnen in nachlässigen -Lumpen, Burschen, Sklaven, Männer -mit scharfen Scheiteln und gradlinig -zugeschnittenen Koteletts! Nonchalant -alle mit Zigaretten zwischen den Lippen -und lächelnden Publikumsgesichtern!</p> - -<p>Das war nicht so leicht, wie es sich ansieht! -Jedoch: keine Schläge gab's dabei! -Aber dann sollten auch die Hinterbeine -auf die so schmale Barriere! Dann<span class="pagenum"><a name="Seite_173" id="Seite_173">[S. 173]</a></span> -mußte gegangen werden, gelaufen werden! -Links eine Peitsche, rechts eine -Peitsche!! Wenn die Stunde vorüber -war, wußte Dauphin nie mehr, ob diese -Peitschen ihn geschlagen hatten! Wenn -diese Stunden vorüber waren, so klopfte -jeweils Dauphins Herz, der Schweiß -stand ihm in den Haaren, und der -Schaum fiel in Schwaden von seinem -Munde.</p> - -<p>Nicht einmal vierzehn Tage dauerte -es, da konnte Dauphin auf der Barriere -schreiten und laufen, wie die Peitsche es -wünschte! Das war aber durchaus kein -großes Stück; das konnte Miezi fast im -Schlaf. Immerhin mußte es für Dauphin -eine bedeutende Leistung sein, denn -an einem der nächsten Abende durfte er -hinterm braunen Samtvorhang stehen -und durch den Spalt hineinsehen in die -Menge der fröhlichen Menschen. Ja, -als er seinen Kopf einmal recht weit vorstreckte, -als der Bursche, der ihn hielt, -ihn sogar einen Schritt vortreten ließ,<span class="pagenum"><a name="Seite_174" id="Seite_174">[S. 174]</a></span> -da fingen etliche Kinder, die da in der -Nähe saßen, an zu jauchzen und zu -toben: „Da Mama, sieh dies kleine Kerlchen, -eben kommt's!”</p> - -<p>Nein, es kam nicht!</p> - -<p>Am andern Tage aber geschah es, -daß dem kleinen Dauphin, bevor der -Unterricht begann, ein roter Sattel aufgeschnallt -wurde, ein Sättelchen aus -rotem Tuch, das von roten Bändern -festgehalten wurde. So in diesem Staat -durfte es alle seine Fertigkeiten zeigen: -Rundlauf mit Changez, Beine auf Barriere -und — sich nicht vor dem Publikum -fürchten, Rundlauf auf Barriere!</p> - -<p>Herrjeh, herrjeh! Und am Abend geschah -es wirklich: Dauphin wurde mit -den anderen Gäulen geschirrt, bekam -etwas auf dem Rücken angeschnallt, das -er noch nicht kannte, und mußte am -Vorhang freilich recht lange warten, -bis alle Leute vom „Tableau” aus der -Manege verschwunden waren.</p> - -<p>Husch, hinaus! Auf die Barriere!</p> - -<p><span class="pagenum"><a name="Seite_175" id="Seite_175">[S. 175]</a></span> - -Spar' deine Peitsche, Direktorle!</p> - -<p>„Ah, aah, aaah!” rief die Menge, und -Kinder krischen: „Pause!”</p> - -<p>Dauphin lief rundum und schlüpfte -wieder hinter den Vorhang, indes die -Leute von ihren Plätzen sich erhoben.</p> - -<p>Dieses Schild, das die Pause ankündigte, -mußte Dauphin von nun an -immer hinaustragen.</p> - -<p>Aber das blieb keineswegs seine -Hauptbeschäftigung, deshalb hatte man -ihn nicht eigens angekauft, wie man -Kräfte für allerhand Dienste braucht! -Nein, nein! Dauphin war zu anderen -Sachen auserlesen, wußte das offenbar -und trug sein Schild so gern hinaus, -wie Agnes Sorma mit dem Staubtuch -einst an der Fensterbank stand.</p> - -<p>Es geschah, daß die kleine Miezi wieder -ihren schlimmen Tag hatte! Sie lief -wie gewöhnlich am Ende der Reihe, -die von einer halbgroßen Stute namens -Lore geführt wurde. Rief der Direktor: -„Komm her!” so hieß es rasch in höchster<span class="pagenum"><a name="Seite_176" id="Seite_176">[S. 176]</a></span> -Ordnung nach der Mitte zu einschwenken -und daselbst zu Seiten des -Dresseurs zu stehen, bis ein neuer Befehl -kam. Dieser neue Befehl hieß gewöhnlich -— wer wüßte das nicht schon! -— „<span class="antiqua">à genoux!</span>” Beim ersten Rufen -klappte alles sehr gut, und die sieben -Tiere standen Schulter an Schulter -nebeneinander im verjüngten Maßstab, -Dauphin in der Mitte, Miezi am äußeren -Ende. „<span class="antiqua">À genoux!</span>” knallte der Befehl, -und die Peitschenschmicke züngelte -vor den vierzehn Knien, bereit, ein jedes -und alle zugleich zu stechen.</p> - -<p>Dauphin, der in diesem Stück fast -noch ein Neuling war, fiel zuerst auf die -Knie und jubelte um sich her mit den -Augen, ob er's vielleicht nicht schon am -besten mache? Nacheinander und mit -großer Mühe sanken die Genossen, aber -die Miezi draußen kam nicht herunter! -Die Peitsche trommelte an ihren Unterschenkeln, -die Stimme des Direktors -stieß wie aus Karnevalstrompeten an<span class="pagenum"><a name="Seite_177" id="Seite_177">[S. 177]</a></span> -Dauphins Ohren vorbei und umher in -allen erregten Tonlagen: sie kam nicht -nieder, und die Reihe ward unruhig und -konnte nicht länger unten bleiben.</p> - -<p>„Auf! An die Plätze! Die ganze Familie!” -donnerte der Dresseur, und sogleich -schoß die Führerin nach der Barriere, -und die übrigen folgten.</p> - -<p>Miezi, gänzlich verwirrt, konnte -ihren Platz nicht finden, lief neben, -außer der Reihe, wollte sich erst vor -Dauphin, dann hinter ihm eindrängen, -und die Peitsche knallte umher, -traf Dauphin, verzögerte seinen eiligen -Schritt, und Miezi schob sich vor ihn -und raste mit voran. Die Peitsche züngelte -nicht mehr, surrte vielmehr von -oben herab auf Miezis Kopf, immer -heftiger, immer heftiger im rasenden -Rundlauf.</p> - -<p>Miezi feuert nach hinten aus, trifft -Dauphin an den Kinnbacken. Dieser -hat nicht Zeit, an den Schmerz zu denken, -rast weiter in der wirren Runde,<span class="pagenum"><a name="Seite_178" id="Seite_178">[S. 178]</a></span> -stößt gar den Kopf an Miezis Backen, -um sie, das unglückliche Kind, aus der -Reihe zu bringen, und im selben Augenblick -springt ein Bursch herzu, packt -Miezi am Halfter und zerrt sie zurück -auf ihren Platz.</p> - -<p>Daselbst aber fängt für Miezi erst -recht die Drangsal an. Der Bursche -rennt mit und haut unausgesetzt auf das -Tierchen drein mit der kurzen Peitsche.</p> - -<p>Der Führerin vorn an der Tete knirschen -die Zähne, Dauphin trägt Schaum -am Munde, die lange Peitsche knallt, -die kurze klatscht.</p> - -<p>Soll der tolle Wirbel nicht enden? -Kann Miezi überhaupt noch mittollen? -Lebt sie noch? Dauphin dreht im Laufen -die Augen zu ihr hin, und sogleich schneidet -die Peitschenschmicke über seine beiden -Ohren. Laut kreischt der Dresseur, -was man nicht mehr verstehen kann. -Oft zischt das Wort: „So siehste aus!”</p> - -<p>Plötzlich aber zerreißt Dauphin die -Kette; die Peitschen verlassen die arme<span class="pagenum"><a name="Seite_179" id="Seite_179">[S. 179]</a></span> -Miezi und stürzen sich auf Dauphin. -Er spitzt nach dem Ausgang, er sieht, -wie Miezi nunmehr ohne Tadel ihren -Platz innehält und sucht auch den seinen -wieder.</p> - -<p>„So, so, so ist's gut, so ischt's guat!”</p> - -<p>Des Direktors Stimme flutet in wohligem -Wellenschlag durch das Zelt, -bald hoch, bald tief, wie ein Lied, ein -schmeichelnder Gesang!</p> - -<p>„Komm her!” heißt es nun wieder.</p> - -<p>Die Führerin biegt ein, die Schultern -reihen sich aneinander:</p> - -<p>„<span class="antiqua">À genoux!</span>” ertönt's jetzt wieder streng -und roh.</p> - -<p>Miezi kommt nicht herunter, und -Dauphin hockt auch in halber Senkung -und kommt nicht nieder.</p> - -<p>„Schluß!!”kreischt der Direktor, und -seine Stimme zerflattert wie eine Fahne -alter Veteranen.</p> - -<p>„Dauphin und Miezi bleiben! Die -andern ab!”</p> - -<p>Die Gasse am Ausgang öffnet sich,<span class="pagenum"><a name="Seite_180" id="Seite_180">[S. 180]</a></span> -eiligst strömen die fünf Befreiten hinaus. -Er wirft die lange Peitsche von -sich, der Herr Direktor, der Bursch gibt -ihm die kurze.</p> - -<p>Miezi torkelt; ein Schlag hält sie -aufrecht! Auf ihrer Stirn scheint die -Wunde aufgebrochen zu sein: ein -Strömlein Blut rinnt über die weiße -Nase. Der Direktor wendet sich an -Dauphin: „Soll ich auch dich durch -den Kakao schleifen?” kreischt er.</p> - -<p>„Soll ich Miezi fortführen?” fragt -der Bursche. Der Direktor winkt: fort!</p> - -<p>„Na, und du, Proletarier, was ist -denn dir in den Schädel jestiegen, he, -wat?”</p> - -<p>Dauphin scharrt mit dem linken -Vorderfuß, der Lederriemen klatscht -darauf: „Hab' ich wat jesagt, he? Willst -wohl zeigen, daß du's jutmachen willst, -Jünklink! Hast Angst vor Haue, wat?”</p> - -<p>Aller Augen richten sich auf Dauphin, -dem anscheinend kein gutes Stündlein -bevorsteht. Ein Bursch zieht die Kappe,<span class="pagenum"><a name="Seite_181" id="Seite_181">[S. 181]</a></span> -nimmt zwei Zigaretten heraus, gibt eine -einer Dame und zündet beide an.</p> - -<p>„Hast nisch ooch eene pour moi?” -fragt der Direktor, und der Bursch holt -eine dritte aus der Mütze und gibt -Feuer. Schweißtropfen hängen in den -Lederriemen des Direktorengesichts. Er -tut ein paar Züge und wirft die Zigarette -von sich, er faßt die kurze Peitsche -und spuckt nochmals in die Hände -...</p> - -<p>Da geschieht ein Wunder! Am Eingang -erscheint eine Frau und trägt ein -halbjähriges Kind auf den Armen.</p> - -<p>„Ah! Aaah Aaah!” schreit alles, was -da ist in dem Zelt, alles bewegt sich nach -dem Kinde hin, und selbst der Direktor -läßt die Peitsche sinken, streckt, indes er -zu Mutter und Kind geht, die Hand -nach dem Burschen, der ihm eine Zigarette -gegeben, bekommt eine, zündet sie -an und nimmt das Kind auf seinen -garstig tätowierten Arm.</p> - -<p>Trägt's in die Manege, sagt:</p> - -<p><span class="pagenum"><a name="Seite_182" id="Seite_182">[S. 182]</a></span> - -„Da guck, Jochem, was eine liebes -Gäulchen!”</p> - -<p>Und zu allen rundum sagt er:</p> - -<p>„Dieser Dauphin gehört meinem -Jochem!” worauf der Vater des Kleinen -hinterher ruft:</p> - -<p>„Ich halte Sie beim Wort, Direktor!”</p> - -<p>„Da guck, da guck! Dauphin, verfluchtes -Sauvieh, guck dir den Jochem -an!”</p> - -<p>Er setzt Jochem auf Dauphins Rücken, -und der ganze Zirkus ist im siebenten -Himmel. Dauphin trabt einher, eine -kleine Tänzerin hoppst herbei wie ein -Flugzeug, das angekurbelt ist, schwingt -sich auf Dauphins schmalen Rücken, -nimmt das Kindchen auf den Schoß -und reitet so dahin, wirft's in die Luft, -fängt's wieder, küßt es, drückt es an sich -und jauchzt wie die Menschen hinter -den Bergen vor Freiluft und Freude. -Wer jauchzt da mit? Wer schweigt da -noch?</p> - -<p><span class="pagenum"><a name="Seite_183" id="Seite_183">[S. 183]</a></span> - -Dauphin, Dauphin, du hättest die -Freude der Freiluft schon vergessen?</p> - -<p>Ha, Dauphin streckt, indes er wacker -weiterläuft, den Kopf weit nach vorn -und stößt einen Schrei aus, der seltsam -klingt wie eine Schalmei aus Weiden, -wie ein Hirtenlied auf der „Zeil”.</p> - -<p>Nur ein Viertelstündchen währt das -fröhliche Zwischenspiel, die kleine Tänzerin -seilt sich an, klappst Dauphin auf -den Schenkel und sagt:</p> - -<p>„Fort, Kleinzeug, mach' morgen deine -Sache besser!”</p> - -<hr class="chap" /> - -<p class="pagebreak"><span class="pagenum"><a name="Seite_184" id="Seite_184">[S. 184]</a></span></p> - - - - -<h2>XI</h2> - - -<p>Dauphin machte am nächsten Tage -seine Sache wieder besser, wie er -überhaupt ein gelehriger Schüler war! -Allein trotz aller Gelehrigkeit, trotz alles -besten Willens geschah es sehr oft, -daß Dauphin die große und die kleine -Peitsche zu verspüren hatte, und wenn -die Menschen, da er seine Errungenschaften -ihnen darbot, Freude empfanden -an ihm, wenn die Kinder ihn bejubelten -mit ihren kleinen Händen, so -dachten sie nur selten daran, daß hinter -dieser Stellung vielleicht hundert Geißelhiebe -staken, daß dieser so überaus -lustige Sprung vielleicht tausend Geißelhiebe -beansprucht hatte! „Mit Wunden -ganz bedecket”, zerschlagen, zerschunden -an Leib und Seele kam Dauphin -oftmals in die fröhliche Arena, aus<span class="pagenum"><a name="Seite_185" id="Seite_185">[S. 185]</a></span> -den Händen der Häscher, aus dem verruchten -Lederriemengesicht des Direktors -in die überzuckerte freundliche -Miene des Abends angesichts der Menschen, -die ergötzt sein wollten! Hundert -Stunden höchste Qual für ein Viertelstündchen -Menschenbelustigung! Hundert -Stunden Erniedrigung für ein -Viertelstündchen kleinfrohe Menschenlaune!</p> - -<p>Trotz aller Qual behielt Dauphin -doch den inneren Frieden, die Freude: -den Menschen Freude zu bereiten, sei es, -daß durch eine überaus glückliche Veranlagung -seine Seele all ihre Leiden, die -zur Freude der Menschen führen sollten, -leicht ertrug und leicht verwand, -sei es, daß die göttliche Meinung des -Bauern Klaus: glücklich machen heiße -glücklich sein! in dieser Seele Dauphins -heilsam wirkte!</p> - -<p>Untrüglich und jedem zugänglich, der -Sinn für Seele hat, lebte ein großes -Mitleid in Dauphin, eine Lust, Leiden<span class="pagenum"><a name="Seite_186" id="Seite_186">[S. 186]</a></span> -tragen zu helfen, Leiden mindern zu -helfen, und es muß gesagt sein, daß die -meisten Schläge, die er erhielt, freiwillige -Schläge waren, indem er oft -und immer wieder die entfesselte Wut -des Dresseurs von seinen Kameraden -auf sich ablenkte.</p> - -<p>Es fiel dem Direktor bald auf, daß -alle Dressuren, die er mit Dauphin allein -vornahm, rasch und bestens sich erledigten, -während die Korporationsdressuren, -anstatt durch Dauphins Mitwirkung -sich zu erleichtern, keineswegs einen -Vorteil von ihm hatten.</p> - -<p>So kam es, daß, als Dauphin die -elementarsten Begriffe der Kunst besaß, -daß er an einen Zirkus verkauft wurde, -der sich einen Solisten seiner Art eher -leisten konnte.</p> - -<p>Als Dauphin abgeholt wurde, lag -Frühlingsschnee auf den Zelten, und -Burschen gingen mit langen Stangen, -an die oben quer ein Brett genagelt war, -umher und schüttelten die Schneemassen<span class="pagenum"><a name="Seite_187" id="Seite_187">[S. 187]</a></span> -von den tief hereinhängenden Dachzelten. -Dauphin mußte, bevor er abgeführt -wurde, sein gesamtes Können vor den -Augen des neuen Herrn entfalten, und -vor Eifer und Freude brach ihm der -Schweiß aus allen Poren. Die Burschen, -die ihn liebgewonnen hatten, rieben -ihm den Schweiß aus den Haaren, -und der neue Herr wunderte sich und -fragte, ob Dauphin überhaupt so leicht -schwitze?</p> - -<p>„Keineswegs!” entgegnete der alte -Herr, „der Eifer steckt in ihm, es rumort -überhaupt allerlei Gutes in dem Kind; -er eignet sich zum Steiger, er hat Musike -im Bauch, und wenn es gut geht, bringt -er's zu was ordentlichem!”</p> - -<p>Auch Wallenstein, der die Elementarschule -erledigt hatte, zog mit Dauphin -zusammengekoppelt fort in den größeren -Zirkus, der in der Nachbarstadt weilte. -Sie fuhren nicht mit der Eisenbahn, sie -marschierten zu Fuß der Stadt entgegen, -die kaum drei Stunden entfernt lag.</p> - -<p><span class="pagenum"><a name="Seite_188" id="Seite_188">[S. 188]</a></span> - -An einem Abhang pflügte ein Bauer -mit zwei dicken Ackergäulen. Wallenstein -ward unruhig, drehte oft den Kopf -nach der Feldarbeit und zog leise aber -stets an der Koppel, so daß Dauphin gar -nicht leicht zu gehen hatte. Was wollte -er nur? Er wieherte, daß dem kleinen -Dauphin der Speichel an die Nüstern -spritzte, er peitschte mit dem Schweif, er -trug die Ohren hochgestellt, und endlich -geschah etwas: Wallenstein riß so -heftig an der Koppel, daß Dauphin -nicht widerstehen konnte, vielleicht auch -nicht widerstehen wollte, und im Nu -feuern die beiden Freunde seitab und -rasen über die Aecker den Abhang hinan -in hellem Galopp querfeldein. Der zierliche, -weißgebleßte Dauphin spürte -zwar Schmerzen am Munde, aber was -sind denn Schmerzen gegen Freude? -eine Wonne, mit dem starken Wallenstein -auf- und davonzugehen! Er möchte -größer sein, stärker sein, hurra, er möchte -den starken Wallenstein selber noch fortreißen<span class="pagenum"><a name="Seite_189" id="Seite_189">[S. 189]</a></span> -können, irgendwohin fort, er -möchte Führer sein, Verführer, er -möchte den großen Kerl verführen zu -allerlei losen Streichen!</p> - -<p>Die Häscher kamen natürlich! Wallenstein -wurde gepeitscht, Dauphin -nicht! Dauphin sah großäugig und -neidisch zu, wie Wallenstein angesichts -der Ackergäule gepeitscht wurde, und -blieb verschont! Ordentlich mitleidig -sahen die schweren Kerle aus den Augenwinkeln -auf Dauphin herab, als sei er -der Verführte, als sei er nur mitgezerrt -worden und sei schuldlos wie ein Kind.</p> - -<p>In diesem neuen Leben gefiel es Dauphin -besser als früher. Nur selten -brauchte er mit den übrigen Pferden zu -exerzieren, um so öfter aber und um so -länger mußte er vor dem neuen Direktor -seine Uebungen machen. Mit großer -Leichtigkeit erlernte er alles, was man -von ihm verlangte: er stellte sich auf die -Hinterbeine, und es dauerte nicht lange, -so entwöhnten sich die herabhängenden<span class="pagenum"><a name="Seite_190" id="Seite_190">[S. 190]</a></span> -Vorderbeine, lästig zu zucken, zu schlagen -und überängstlich zu tasten nach -einer Stütze! Musik begann oft zu erschallen, -wenn er so stand, der Direktor -fuchtelte graziös mit den Händen in der -Luft herum und summte die Melodie -mit und sang dazu:</p> - -<div class="poem"><div class="stanza"> -<span class="i0">„<span class="antiqua">L'amour est l'enfant du bohême,</span><br /></span> -<span class="i0"><span class="antiqua">Elle n'a jamais, jamais connu de loi!</span>”<br /></span> -</div></div> - -<p>Heisa, wenn auch noch die Peitschenspitze -an Dauphins Hinterhufen herumzutrommeln -anfing, so konnten sich diese -Füße nicht mehr halten und trippelten -dahin und dorthin und erhaschten bald -den Taktschlag der Weise! Da konnte -der Herr Direktor getrost seine Peitsche -beiseite werfen und näherkommen! -Konnte ganz nahekommen, konnte seinen -linken Arm über Dauphins rechtes -Bein, den rechten unters linke Bein -schieben, so daß seine Brust des Pferdchens -Brust berührte, und: Kinder! -Kinder! habt ihr schon so etwas gesehen?<span class="pagenum"><a name="Seite_191" id="Seite_191">[S. 191]</a></span> -Sie tanzen miteinander, sie tanzen -miteinander, der Direktor tanzt mit -eurem kleinen Freunde Dauphin!</p> - -<p>Das vollbrachte Dauphin! Er vollbrachte, -was man von ihm verlangte: -er zählte die Jahre seines jungen Lebens, -und wenn er dabei sieben angab -und also log, so war das seine Lüge -nicht! Er zählte die Stunden des Tages, -die Lebensjahre eines jeden Menschen, -der sein Alter nicht mehr zu wissen -schien, er holte aus dem Publikum -jenen Kerl heraus, der seinen Namen -„Dauphin” norddeutsch ausgesprochen -hatte „Dauphäng!” Er fand den -versteckten Gänsedieb, wo immer auch -er sich versteckt haben mochte, er schoß -mit dem linken Vorderfuß eine Kanone -ab und mehr, er verbeugt sich höchst -manierlich vor seiner Königin!</p> - -<p>Kinder, Kinder, so etwas habt ihr -noch nirgends gesehen! Euer Spielzeug -daheim hat eine Feder im Bauch, aber -Dauphin hat eine Seele! Kein Wunder,<span class="pagenum"><a name="Seite_192" id="Seite_192">[S. 192]</a></span> -daß die Kinder das kleine Gäulchen -mit der weißen Blesse so gern hatten! -Die Kinder des ganzen Reiches -kannten ihn, liebten ihn, träumten von -ihm wie vom Weihnachtsbaum! In -den Zeitungen lasen sie über ihn, wenn -er kam, wenn er gastierte, wenn er ging. -An den Plakatsäulen sahen sie ihn in -hellen, fröhlichen Farben, und vergaßen -ihre Schule und ihren Mittagstisch. -Wenn sie mit ihren Eltern im Zirkus -saßen, wollten sie nichts anderes sehen -als Dauphin. Wenn sie die Ställe besuchen -durften, wollten sie nichts anderes -sehen als Dauphin. Väter photographierten -Dauphin. Ein ganz kleines -Kind kam einmal im Stall auf Dauphin -zu und sagte: „Ich heiße Tarl -Tnöpfle!”</p> - -<p>So also sprang Dauphin Abend für -Abend im Lichte der Arena umher durch -den Beifall der von ihm beglückten -Menschen, bald in dieser, bald in jener -Stadt.</p> - -<hr class="chap" /> - -<p class="pagebreak"><span class="pagenum"><a name="Seite_193" id="Seite_193">[S. 193]</a></span></p> - - - - -<h2>XII</h2> - - -<p>Den tollsten Abend aber, zugleich den -glorreichsten und erkenntnisreichsten, -erlebte Dauphin kurz vor Ausbruch -des Krieges in jener rheinischen Stadt, -die sich wie eine Braut in den liebenden -Arm des Flusses schmiegt.</p> - -<p>Als er seine Kunst so weit beendet -hatte, daß er meinte, nun müsse er hinaus -aus der feierlichen Arena, da kam -der Direktor nochmals auf ihn zu, zog -ihm vor allem Volk das goldbetreßte -Purpurmantelettchen aus und nahm -den weißen Husarenbüschel von seiner -Stirn, so daß er schließlich ganz nackt -dastand. Vom hohen Thron herab -fragte der König laut und mit großer -Handbewegung schräg nach oben, daß -all seine Ringe aufblitzten:</p> - -<p>„Was kannst du noch, Freund Dauphin?”</p> - -<p><span class="pagenum"><a name="Seite_194" id="Seite_194">[S. 194]</a></span> - -Dauphin schüttelte den Kopf.</p> - -<p>„Sonst kannst du nichts?” fragte -schelmisch die sanfte Königin und lächelte -und schüttelte das gekrönte Haupt, -als wisse sie genau, daß Dauphin noch -etwas ganz Besonderes könne, und zu -ihrem hohen Gemahl sagte sie hinüber:</p> - -<p>„Versprachen Sie mir nicht: Dauphin -übertreffe seinen Ruf?”</p> - -<p>Da kam zum Glück der Direktor mit -seiner Leiter, und nun fiel es dem kleinen -Gäulchen ein, daß es noch etwas -könne: Es stieß heftig den Atem durch -die Nüstern, sah zu den zwei Buben, -die bei einem Offizier saßen, die es schon -öfter betrachtet hatte, als spiele es nur -für sie, und schritt so seinem Direktor -entgegen. Dieser stützt die Leiter auf, -und Dauphin hebt den linken Vorderfuß -auf die erste Sprosse der Leiter, -dann den rechten und steigt so Sprosse -um Sprosse hinauf bis zur fünften. -Nun wirft er den Kopf hoch, drückt -sich ab, steht frei, fest und stabil, ohne<span class="pagenum"><a name="Seite_195" id="Seite_195">[S. 195]</a></span> -den Schwung der Freidressur, auf den -Hinterbeinen und marschiert so im raschwechselnden -Rhythmus der volldröhnenden -Musikkapelle in allen Gangarten -durch die Arena hin. (Die Kinder -denken an ihr Spielzeug, das eine Feder -im Bauch hat!)</p> - -<p>Der Marsch bricht ab! Dauphin -steht wieder auf den vier Beinen. Einen -Augenblick nur steht er so da und rennt -nun im Kreise herum, toll vor Glück, -schießt nacheinander sieben Kanonen -ab, auf denen der kaiserliche Adler -prangt, und rast durch den Vorhang -hinaus.</p> - -<p>Kommt sofort wieder, läuft schnurstracks -auf die beiden Buben zu, biegt -kurz ab, als habe er sich geirrt, und kniet -plötzlich vor dem Thron des Königs -und der Königin nieder.</p> - -<p>Und nun geschieht's: Die Königin erhebt -sich von ihrem Thron! Mit einem -blauen Seidentüchlein wischt sie sich -über die feuchten Augen, kommt herab<span class="pagenum"><a name="Seite_196" id="Seite_196">[S. 196]</a></span> -zu Dauphin, beugt sich weit vor, daß -ihre Gewänder steil von den schmalen -Schultern herunterfließen, daß ihre -Krone fast wankt, und küßt Dauphin -auf die weiße Blesse ...</p> - -<p>Dauphin hört und sieht nichts mehr, -hält die Augen geschlossen und spürt -diesen warmen Kuß auf der Stirn. Er -reckt geschlossenen Auges den Kopf steil -in die Höhe, entblößt die Zähne von den -Lippen, läßt den Kopf niedersinken, -läßt ihn tief herabsinken und weiß offenbar -nicht, was er tun soll.</p> - -<p>Zwar hört er allerlei Geklopf und -Getick, aber er verharrt in seiner Verzückung, -und die Menschen klatschen -ihm und lächeln sich an vor Glück und -Freude über das geküßte Kind.</p> - -<p>Als Dauphin dann doch die Augen -aufschlägt, schleppen Sklaven und -Sklavenpferde den Thronsaal, ein werktägiges -Balkengerüst, fort, eine Dame -hängt am Trapez, und alle Leute sehen -nach der Dame! ...</p> - -<p><span class="pagenum"><a name="Seite_197" id="Seite_197">[S. 197]</a></span> - -Da springt Dauphin auf und davon -und schämt sich, weil er es so eilig hat! -Der Wärter empfängt ihn draußen, die -Menge klatscht wieder, die Kinder rufen -nach ihm, aber der Wärter zerrt ihn -an den Ohren am großen Spiegel vorbei -nach dem Stalle zu.</p> - -<p>Vor den Ställen stehen fünfundsechzig -Pferde beisammen. Mit Ehrfurcht -in den Augen sehen sie den kleinen Dauphin -kommen, lassen die Köpfe hängen, -bewegen sich nicht, heben die Augen -und sehen gleich wieder weg. Wallenstein -steht auch da; er knappert mit den -Zähnen am Randblech eines Wagendaches. -Dauphin schiebt sich zu ihm -hin. Der Große läßt den Kopf über den -Hals des Kleinen sinken, als wolle er -das Wunderkind beschützen, und dieses -reibt die Stirn an den straffen Lippen -Wallensteins: der Kuß der Königin -brennt ihn!</p> - -<p>Der Direktor kommt herzu, gibt -Dauphin ein Stück Zucker und sagt:</p> - -<p><span class="pagenum"><a name="Seite_198" id="Seite_198">[S. 198]</a></span> - -„Heut Nacht darfst du bei Wallenstein -schlafen!”</p> - -<p>Der starke Wallenstein tritt mit dem -feinnervigen Künstler Dauphin in sein -Stallzelt. Sie fressen aus einer Krippe -und legen sich bald zum Schlafe nieder, -und Dauphins Köpfchen ruht auf -Wallensteins festem Halse.</p> - -<p>Dauphin kann nicht einschlafen: er -spürt den Kuß der Königin auf der -Stirn und sieht auch wohl den großen -Spiegel vor Augen. Dann schläft er -doch ein Weilchen: es ist ihm, als kämen -tausend Kinder zu ihm in die Arena, -als streichelten sie ihn, als küßten sie ihn -alle auf denselben Fleck der Stirn.</p> - -<p>Er erwacht wieder, schiebt den Kopf -nach Wallensteins Ohren und reibt -dort hin und her, und Wallenstein -schnarcht, hebt den Kopf und läßt ihn -wieder sinken und schnarcht weiter.</p> - -<p>Steif hochauf reckt Dauphin den -schlanken Kopf in die stille Nacht der -Genossen und läßt die schweren Lippen<span class="pagenum"><a name="Seite_199" id="Seite_199">[S. 199]</a></span> -von den Zähnen weghängen und -die breiten weißen Zähnchen aufleuchten.</p> - -<p>Am Morgen, da Dauphin, allen -Schmuckes bar, zur Probe am Spiegel -vorübergeht, sieht er auf seiner Stirn -sicher zum erstenmal in seinem Leben die -weiße Blesse!</p> - -<p>In dieser Stadt überraschte den zarten -Dauphin der garstige Krieg.</p> - -<hr class="chap" /> - -<p class="pagebreak"><span class="pagenum"><a name="Seite_200" id="Seite_200">[S. 200]</a></span></p> - - - - -<h2>XIII</h2> - - -<p>Eines Abends fehlen bei der Vorstellung -die bunten Offiziere, die -Menschen reden lauter und kargen mit -Beifall. Und mitten in der Nacht, da -alles schon schläft, werden plötzlich in -allen Zeltställen die Lichter angedreht, -alle Pferde werden in die Arena geführt, -und Offiziere suchen die stärksten und -schönsten aus und stellen sie zu Paaren.</p> - -<p>Wie Dauphin sieht, daß auch Wallenstein -mit ausgemustert ist, läuft er zu -ihm hin.</p> - -<p>Ein Offizier aber schlägt ihm verächtlich -auf die Backen, sagt: „Na -Kleiner, dich wollen wir hier lassen,” -und zerrt ihn weg. Dauphin aber möchte -bei Wallenstein bleiben! Und wie die -Pferde mit den Offizieren fortziehen,<span class="pagenum"><a name="Seite_201" id="Seite_201">[S. 201]</a></span> -läuft er nochmals zu Wallenstein hin -und wird wieder fortgejagt.</p> - -<p>„Fort zurück, ihr da, in den Stall!” -ruft der Direktor, und Dauphin geht in -seinen Stall. Die Löwen brüllen in den -Käfigen, die Affen kratzen an ihren Holzwänden, -auf dem Pflaster der Straße -vorm Eingang zum Zirkus tuten und -schollern Automobile, und Pferde trappeln -in endlosen Prozessionen durch die -Nacht. Das Getrappel foltert den -kleinen Dauphin.</p> - -<p>Morgens fand keine Probe statt. -Wenn die Sacktür des Stalles sich -hob, sah Dauphin den blauen Wohnwagen -des Direktors stehen. Künstler -fütterten, Künstler halfen das große -Zelt abschlagen, Künstlerinnen trugen -die Schürzen der Wärter.</p> - -<p>Wenn Dauphin sich die übriggebliebenen -sieben Pferde ansah, ward er -traurig: Keiner von ihnen wußte anzugeben, -etwa wie alt er sei, wieviel Uhr -es sei, keiner konnte auf den Hinterbeinen<span class="pagenum"><a name="Seite_202" id="Seite_202">[S. 202]</a></span> -laufen; es waren simple, halbstarke -Reitpferde für Akrobatinnen, Sklavenpferde, -Sklaven samt und sonders! Der -kleine, überaus hellweiße Schimmel, -dessen Fußhaare über die Hufe gekräuselt -herabhingen, der äußerst oberflächlich -in Kunst und Wissenschaft war, -konnte wenigstens durch einen Reif -springen! Dauphin war sehr traurig.</p> - -<p>Was mochte nur los sein? Warum -durfte Dauphin nicht dabei sein?</p> - -<p>Dauphin wurde mit seinen sieben -Genossen zu zweimal Vieren zusammengekoppelt -und gleich einer Kinderschule -ausgeführt. Alle Straßen der Stadt -und alle Straßen außer der Stadt waren -voller Soldaten; Regimenter marschierten -dahin und dorthin und sangen, -Automobile, mit dem roten Kreuz -geschmückt, rasten, hundert hintereinander, -die Hauptstraße hin, Pferde und -immer wieder Pferde, mehr Pferde als -Menschen!</p> - -<p>Auf der Brückenrampe sah Dauphin<span class="pagenum"><a name="Seite_203" id="Seite_203">[S. 203]</a></span> -seinen Freund Wallenstein, der mit -fünf dicken Gäulen eine riesige Kanone -die Rampe hinaufzog. Als Wallenstein -Dauphin sah, wieherte er, schlug einen -leichten Trab an und zog ganz mörderisch -an seinen Strängen. Welch eine -Wonne mußte das sein für ihn!</p> - -<p>Wie gern hätte Dauphin geholfen, -mit der Kraft seiner Muskeln die Kanone -ziehen, — er hatte in der Arena -schon manche Kanone gezogen —, aber -er war an den schäbigen Rest der einstigen -Zirkusherrlichkeit gefesselt und -konnte sich nicht befreien. Seine Augen -wölbten sich und bettelten: „Wallenstein!! -Komm, Großer, Starker, hilf, -hilf doch deinem kleinen Freunde!” Aber -der hatte keine Zeit, und Dauphin mußte -zurück, heimzu, hinter seine Sacktür.</p> - -<p>Täglich wurden die Acht ausgeführt. -Die Sieben foppten Dauphin, rissen, -wenn er außen ging, die Koppel nach -links, daß er mit den Hinterbeinen aus -dem Glied treten mußte und vom Wärter<span class="pagenum"><a name="Seite_204" id="Seite_204">[S. 204]</a></span> -einen Schlag bekam. Wenn er innen -ging, zerrten sie sich nach den Seiten -von ihm weg, daß die Wärter meinen -mußten, er, Dauphin, sei der Störenfried, -der seine Nachbarn belästige. -Ging er im vorderen Glied, so wurde -er gekitzelt, ging er im hinteren, so flog -ihm irgendein Pferdeschweif über die -Augen. Es geschah selbst, daß der oberflächliche -Schimmel, nur um dem -Wärter darzutun, er sei belästigt worden, -aufs Geratewohl nach hinten gegen -Dauphin ausfeuerte und zurücksah, -und der Wärter, der seine Pferde nicht -kannte — und besonders Dauphin nicht -kannte —, sah seitab nach den lauten -Dingen der Straße, und hieb ohne weiteres -immer auf Dauphin ein. Oh, wenn -Wallenstein dabei gewesen wäre!</p> - -<p>Eines Tages kam ein Offizier mit -breiten, roten Streifen an den Beinkleidern. -Er hielt eine Zeitung in der -Hand und sagte:</p> - -<p>„Wo ist Dauphin?”</p> - -<p><span class="pagenum"><a name="Seite_205" id="Seite_205">[S. 205]</a></span> - -Dauphin wurde losgebunden und aus -dem Stall geführt, und die sieben Gesellen -mußten zurückbleiben. Der Offizier -strich ihm über die Ohren und sagte:</p> - -<p>„Stark genug ist er schon!”</p> - -<p>„Er hat Qualitäten und steht auf -dem Höhepunkt seiner Kraft,” entgegnete -der Direktor, und Dauphin, der -die Stunde der Befreiung, die Stunde -seiner Tauglichkeit ahnte, nickte lebhaft -mit dem Kopfe und scharrte mit dem -linken Vorderbein, spürte fast den stolzen -Husarenbusch, den er seit Wochen -nicht mehr getragen, zwischen seinen -Ohren schwanken und streckte die Nüstern -gegen des Befreiers braunbekleidete -Hand.</p> - -<p>„Wie alt bist du, Dauphin?” fragte -der Offizier freundlich, und der Direktor -machte sein Geheimzeichen und sprach:</p> - -<p>„Na, sag's dem Herrn General, wie -alt du bist!”</p> - -<p>Und Dauphin nickte siebenmal mit -dem Kopfe.</p> - -<p><span class="pagenum"><a name="Seite_206" id="Seite_206">[S. 206]</a></span> - -Dann sah er von der Straße her -zwei Buben am blauen Wohnwagen -vorbei herzulaufen. Die Buben riefen -schon von weitem:</p> - -<p>„Der Dauphin, der Dauphin!” und -schwangen die Mützen und kamen herbei, -und Dauphin reckte den Kopf längs -zu ihnen hin und zeigte seine Zähne.</p> - -<p>Der eine konnte Dauphin die weiße -Blesse streicheln, den anderen mußte der -General heben, daß er es auch tun -konnte.</p> - -<p>Der Große zog seine Uhr aus dem -Matrosenblüslein, hielt sie Dauphin -hin und sagte:</p> - -<p>„Na, wieviel?”</p> - -<p>„Können Sie bis zwanzig zählen, -Dauphin?” fragte der Kleine.</p> - -<p>„Geduld, Jungens!” sagte der General, -und der Direktor ließ Dauphin -bis zwanzig zählen und ließ ihn die -Uhr ablesen, und der Große beobachtete -genau das Geheimzeichen des Direktors.</p> - -<p><span class="pagenum"><a name="Seite_207" id="Seite_207">[S. 207]</a></span> - -Dann mußte Dauphin mit den Buben -übern Platz laufen, rundum, so -schnell er konnte, und dann lief er noch -lange allein, da die Buben schon müde -waren und auf den im Erdboden steckengebliebenen -Zeltpfählen hockten.</p> - -<p>Der General hob nunmehr die Sacktür, -und Dauphin schlüpfte in den Stall. -Der General kam, der Direktor, der -Wärter und die Buben kamen; aber -Dauphin wurde angebunden, und alle -gingen wieder fort.</p> - -<p>Dauernd sah Dauphin nach der -Sacktür, und alle seine Gefährten sahen -hin und machten große, glotzige Augen -wie Kühe.</p> - -<p>Und siehe, gegen Abend — Dauphin -war ganz allein im Stalle — schlüpften -die Generalsbuben herein, banden sich -Dauphin los und stürmten mit ihm, der -stets zu tollen Streichen aufgelegt war, -übern Platz an den Wohnwagen, und -am Wohnwagen hob ein Soldat aus -einem zweiräderigen, gelbgestrichenen<span class="pagenum"><a name="Seite_208" id="Seite_208">[S. 208]</a></span> -Kastenwägelchen ein Kummet und -schob es Dauphin übern Kopf. In die -Schere ward Dauphin eingeschoben, -die Buben sprangen auf, der Soldat -sprang auf — Dauphin hatte in der -Arena schon allerhand Wagen gezogen -und sogar schon Kanonen — und husch -gings übern Platz hin und her und rundum -und dann hopp, hopp, übers Pflaster -in die Stadt hinein durch alle Straßen -hin, an hunderttausend Menschen -vorbei und zur Stadt hinaus an den -Fluß. Eine Wonne war's, mit eigener -Muskelkraft solche Dinge zu vollbringen! -Dauphin achtete, ob nicht der -weiße Husarenbüschel an seine Ohren -wedele, ob nicht seine goldverbrämte -Purpurdecke ihn jucke oder sonstwie sich -bemerkbar mache.</p> - -<p>Eine winzige Kaserne war in die Erde -gebaut, und nur die Seite, wo Drilchsoldaten -Pfeife rauchten, war zu sehen. -Ueber dem Portale stand dick in schwarzen -Lettern: Fort Großherzog von<span class="pagenum"><a name="Seite_209" id="Seite_209">[S. 209]</a></span> -Hessen! Der größere Preußenbub bog -sich zum Soldaten und sagte:</p> - -<p>„Nach Fort fehlt ein Komma oder -ein Ausrufezeichen!”</p> - -<p>„Oho!” entgegnete der Soldat, „das -werd' ich aber Madame sagen, daß du -nicht weißt, was ein Fort ist, und daß -du gar einen gekrönten Fürsten aus seinem -Reich vertreiben willst!”</p> - -<p>Draußen am Fluß stellten sich die -Buben im Wagen auf und nahmen -Leine und Peitsche, und der Soldat -blieb sitzen. Sie schlugen Dauphin an -die Lenden, aber das tat nicht weh! -Dauphin lief wie noch nie in seinem -Leben, und sein Herz flog vor ihm -her.</p> - -<p>Drüben im Schatten trottelte die verwahrloste -Kleinkinderschule. Als Dauphin -sie kaum gesehen, war sie schon -hinter ihm. Dauphin wieherte laut, was -heißen konnte:</p> - -<p>„Schreit doch, ihr Generalsbuben, -lacht doch, schlagt mich doch, tobt euch<span class="pagenum"><a name="Seite_210" id="Seite_210">[S. 210]</a></span> -doch aus an mir, ich bin auf dem Höhepunkt -meiner physischen Kraft!”</p> - -<p>Ein großer Sandplatz schob sich in -den Wald hinein zu beiden Seiten der -Straße. Ein Flieger stieg hinten auf, -ließ Leuchtkugeln rudelweise in die -Dämmerung fallen; Kanonen, die auf -Wällen standen, richteten ihre Rohre -nach ihm, und Kommandos erschallten -weithin. Infanteristen gingen, ausgeschwärmt, -durch die Gräben über die -Straße, rasselten an den Schlössern ihrer -Gewehre, und viele verloren, weil sie -vor dem rasenden Dauphin förmlich -flüchten mußten, in der Eile etliche ihrer -Patronenhülsen.</p> - -<p>Tausend Gäule — war nicht Wallenstein -dabei? — trabten am Waldrand, -indeß Kanoniere, an langen Seilen geschultert, -schwere Geschütze durch den -Sand zogen. Hinterm Wall aus dem -Wald kam heftiges Geknatter, und -Dauphins Fußeisen knatterten nicht -minder heftig auf der Steinstraße.</p> - -<p><span class="pagenum"><a name="Seite_211" id="Seite_211">[S. 211]</a></span> - -Plötzlich stand der General da mitten -auf der Straße, Dauphins Befreier!</p> - -<p>Dauphin rannte zu ihm hin und blieb -halten. Aus seinen Nüstern stieß sich -sein Atem, sein ganzer Körper dampfte, -die Adern am Kopf waren fingerdick -geschwollen: Das war die Kraft, die -in ihm stak, die sich freimachte und ihn -so beglückte, so überaus beglückte! Doch -plötzlich senken sich die Lider über die -jungfrohen Augen und Dauphin bricht -zusammen, kugelt auf den Rücken und -streckt die vier Beine zum Himmel.</p> - -<p>Als er daheim im Stall wieder erwachte, -fühlte er sich so von allem Physischen -befreit, daß seine Seele wie in Gedankenanflügen -sich ergehen konnte. Er, -Dauphin, gehörte doch gleich Wallenstein -unter die Soldaten, in die Menge, -in die körperliche Arbeit, zu den Strapazen! -Was ist Kunst, und was ist -Wissenschaft, was ist selbst der Kuß -einer Königin?</p> - -<p>Dauphin hielt die Augen noch geschlossen,<span class="pagenum"><a name="Seite_212" id="Seite_212">[S. 212]</a></span> -aber er sah mit diesen seinen -Augen! Er sah Soldaten schiefgebuckelt -um Kanonen rennen, sah einen Berg -voller Soldaten! Ein Gebirge war statt -mit Bäumen mit Soldaten bewachsen, -Soldaten sah er aus dem Erdboden -aufwachsen; Pferde schoben sich, wo -sonst Wasser hinströmte, unendlich hin, -und es war ihm, als sähe er Wallenstein -neben sich im Straßengraben liegen, -Wallenstein, den mächtigsten von allen. -Ja wirklich, Wallenstein reckte die vier -Beine zum Himmel auf, und aus seiner -Stirn, dort, wo Dauphin von der Königin -geküßt worden war, floß rotes Blut.</p> - -<p>Dauphin hörte deutlich schießen und -tat die Augen auf.</p> - -<p>Der Direktor stand da bei ihm in dem -fremden Stall, der Wärter rieb mit -Stroh an seinem Leib herum, der General -stand da und die Buben mit den -Schulranzen, und der Kleine hatte den -Daumen im Mund.</p> - -<p>Dauphin sprang auf, nickte, beschnupperte<span class="pagenum"><a name="Seite_213" id="Seite_213">[S. 213]</a></span> -der Buben fröhliche Haarbüschel -und wieherte schon wieder vor -Freude. Aber dann wurde er vom Wärter -fortgeführt, und es ging nicht etwa -auf den Exerzierplatz, sondern wieder -zurück am blauen Wagen vorbei, durch -die Sacktür in den Stall zu den Sieben.</p> - -<p>Die Sieben wurden wieder spazieren -geführt, und Dauphin blieb daheim. -Und Dauphin sah, solange er allein -war, nach der Sacktür, ob nicht der -General käme, oder der Soldat, oder -sonst ein Soldat, und niemand kam. -Der Wind wehte an der Sacktür herum, -und manchmal sah Dauphin den -blauen Wohnwagen stehen.</p> - -<p>Die Sieben kamen zurück, und am -nächsten Tage mußte Dauphin mit ins -Freie spazieren, und die Qual begann -wieder und dauerte — der Direktor ließ -sich auch nicht mehr sehen — viele Tage -lang.</p> - -<p>Bis wieder einmal ein Soldat in den -Stall kam, der alle Pferde mit Namen<span class="pagenum"><a name="Seite_214" id="Seite_214">[S. 214]</a></span> -kannte und Dauphin besonders liebkoste -und alles so tat, wie's ehedem der Direktor -getan hatte. Und wie er Dauphin -ein Stück Zucker hinhielt, erkannte Dauphin, -daß der Soldat niemand anders -war als der Direktor selber. Da freute -sich Dauphin über die Maßen und riß -an seiner Kette. Der geliebte Direktor -redet in seltsam langgezogenem, klagendem -Tone allerhand mit Dauphin, was -Dauphin zwar nicht ganz verstand, was -aber dennoch sehr schön und gut war, -und zog dann seinen Säbel aus der -Scheide und hielt ihn Dauphin an die -Augen.</p> - -<p>Und Dauphin bekam ein bißchen -Angst vor dem blanken Stahl, wie Isaak -vor seinem Vater Abraham, streckte den -Kopf ganz wagrecht vor, hob die Nüstern -und beschnupperte, freundlich aus -den Augen zu ihm lächelnd, daß der Direktor -doch nicht etwa ..., dessen Hand.</p> - -<p>Der Direktor nahm Dauphins Kopf -untern Arm und sagte:</p> - -<p><span class="pagenum"><a name="Seite_215" id="Seite_215">[S. 215]</a></span> - -„Unser buntgekleidetes Künstlertum -ist zu Ende, mein Lieber, und die Kunst -schlechthin wird stark angerannt werden! -Aber du lieber Himmel, was ist -denn auch die Kunst, was sind denn -unsere Kunststückchen, was steckt denn -dahinter? Du hast es ja durchgemacht -unter meiner Peitsche, Dauphin! Ich -habe dich gepeinigt, ich habe dir die -Lenden verhauen, einmal — ich weiß -das nur zu genau — da habe ich dich, -da du hilflos am Boden lagst und mit -dem Erdball nicht spielen wolltest oder -nicht spielen konntest vor Müdigkeit, da -habe ich dir mit meinen Füßen die Weichen -zertreten, nicht anders als wie der -Töpfer seinen Ton tritt, auf daß er weich -werde und sich der formenden Hand -füge! Nicht anders, Dauphin! Die -Schmerzen, die du unter meiner Peitsche -erduldet hast, das sind so recht die -Schmerzen aller Künstler, wenn ich, -mich zu entschuldigen, so sagen darf. -Ich weiß: auch bei den anderen Künstlern<span class="pagenum"><a name="Seite_216" id="Seite_216">[S. 216]</a></span> -ist es so! Sie gucken zwar mit Verachtung -auf unsere Kunst, auf unsere -Kunststücke herab, aber sie sollten es nicht -einmal tun! Wir leiden, bis wir unsere -Bocksprünge richtig vollbringen können, -nicht viel weniger als sie, die mehr -begnadet sind als wir, aber wir leiden! -Und leiden muß versöhnen und muß zu -Brüdern machen! Herrjeh, bringt nicht -der Dichter gleich uns sein Herz zu -Markt, um gleich uns seinen Mitmenschen -eine frohe Stunde zu bereiten? -Leidet er etwa weniger, als du gelitten -hast, Dauphin? Ha, sie sind schlau wie -immer, und sagen: was sind körperliche -Leiden verglichen mit den Leiden der -Seele? Als ob wir keine Seele hätten, -Dauphin, als ob du keine Seele hättest! -Als ob deine Seele drinnen an der -Krippe zurückbleibe wie dein Halfter, -das neben am Nagel hängt! Wer wüßt' -besser als ich, Dauphin, daß du eine -Seele habest! Ich habe sie malträtiert! -Ich habe den Geist, der in dir kreist, den<span class="pagenum"><a name="Seite_217" id="Seite_217">[S. 217]</a></span> -heiligen Geist, nicht wahr, Dauphin, -den heiligen Geist in dir vergewaltigt, -und das muß sich naturgemäß und -übernaturgemäß rächen! Nun stehe ich -vor dir: der Sklave eines anderen Zirkusdirektors, -der mich in seine qualvolle -Arena spannt! Laß gut sein, Dauphin, -laß gut sein! Oft und immer wieder -habe ich mich der Einsicht verschlossen, -unsere Verrenkungen, unsere Bocksprünge -seien keine Vergewaltigungen -der Natur, seien keine Widernatürlichkeiten, -die sie doch sind ... Dauphin, -die sie doch sind! Geh, frage auch die -anderen Künstler, die von der hohen -Fakultät, meine ich, ob sie dir nicht recht -geben? Ob sie, so frage sie, ob sie nicht -lieber das Leben, das sie so glücklich -vorzutäuschen vermögen, wirklich und -in Wahrheit leben würden, leben würden, -anstatt gleich uns die Maske zu -tragen, zu gestalten, was sie nicht sind, -zu erfreuen, da sie freudlos sind? ... -Was soll ich mich länger noch dieser<span class="pagenum"><a name="Seite_218" id="Seite_218">[S. 218]</a></span> -Einsicht verschließen, jetzt, am Ende der -buntgekleideten Herrlichkeit, da über -uns die Wahrheit hereinbricht, die dem -größeren Direktor noch verschleiert zu -sein scheint? Menschen soll ich töten -gehen! Sieh dir den Stahl an, er soll -Menschen töten! Dauphin, Dauphin: -wenn das Leben ein Zirkus wäre, so -würde ich mir hier und jetzt den Stahl -in die Brust stoßen! Liebes Tierchen, -leb' wohl! Ich weiß — so heftig fühle -ich es —, ich weiß, daß ich nicht zurückkehren -werde aus dieser Narrenarena! -Ich fürchte, diejenigen, die den Krieg -hätten verhüten können, sind nur Zirkusdirektoren, -Dauphin, sind auch nur Zirkusdirektoren -und versündigen sich am -heiligen Geist! Aber das Leben ist ja -kein Zirkus, ist ja kein Zirkus!”</p> - -<p>Der Direktor küßte Dauphin auf die -Blesse und stürzte zum Stall hinaus. -Dauphin riß an seiner Kette! Umsonst -riß Dauphin an seiner Kette!</p> - -<p>Den ganzen Tag und die ganze Nacht<span class="pagenum"><a name="Seite_219" id="Seite_219">[S. 219]</a></span> -schurfte Dauphin in seinem Verschlag -umher und strebte hinaus, irgendwohin, -wo Leben pochte, mochte es Leben -sein, welcher Art es wollte.</p> - -<p>Regentropfen prasselten auf die Zeltdecke -des Stalles, unausgesetzt strömte -der Regen hernieder. Die Sieben lagen -ausgestreckt in ihren Abteilen und schliefen, -und Dauphin allein wachte und -hörte den Rieselregen an. Neben seiner -Krippe tropfte Wasser von der Decke -hernieder; die Tropfen zersprühten, da -sie aufklatschten, und bespritzten Dauphin. -Ihn fror. Nach einigen Stunden -aber hörte das Gesumm des Regens -auf, und die Sonne schnitt durch das -Löchlein der Zeltdecke, sichtbar wirbelte -sich feiner Staub in den Sonnenstreifen, -und auf dem Rücken eines kleinen -Schimmels lag ein greller Lichtfleck.</p> - -<hr class="chap" /> - -<p class="pagebreak"><span class="pagenum"><a name="Seite_220" id="Seite_220">[S. 220]</a></span></p> - - - - -<h2>XIV</h2> - - -<p>Nach einigen Tagen kam der Direktor -wieder als Soldat und hatte -einen Herrn bei sich, dem Dauphin auf -den ersten Blick ansah, daß er ein gildiger -Zirkusmann sei. Er gab Dauphin -gleich vertraut ein Stück Zucker, was -diesem durchaus nicht schmecken wollte. -Und am Abend nahm der neue Direktor -Dauphin mit sich in die Eisenbahn, -und sie fuhren eine Nacht und -einen Tag lang durch unbekannte Gegenden -nach Berlin.</p> - -<p>Wie sie da aus dem Bahnhof heraustreten, -auf die Friedrichstraße, schieben -sich viele Schwadronen kleiner, -magerer Pferdchen, endlos wie die -Friedrichstraße, zwischen gaffenden, jubelnden -Menschenmassen hin. Sie ziehen<span class="pagenum"><a name="Seite_221" id="Seite_221">[S. 221]</a></span> -schwere und leichte Kanonen und -sind vollauf gerüstet, wie einst Wallenstein -gerüstet war.</p> - -<p>Keinem dieser Gäulchen stand Dauphin -an Muskelkraft nach! Dauphin -riß an seinem Zügel und wollte seinem -schmeichlerischen neuen Herrn entlaufen, -wollte zu einem der Soldaten hinlaufen -und wollte seinen fleißigen Brüdern -ziehen helfen.</p> - -<p>Dauphin schien etwas von der arbeitsreichen, -uniformierten Zeit zu ahnen -und widersetzte sich auf dem Weg, -solange er Russenpferdchen sah, seinem -Zirkusdirektor, so sehr er konnte. Dauphin -verlor die ungeheure Masse der -Pferde nicht mehr aus dem Herzen, und -noch in der Nacht zogen sie, sichtbar -seinen Augen, von Soldaten geführt, an -ihm vorüber.</p> - -<p>Andern Tages begann wieder die -Dressur; er sollte umlernen, Neues lernen -wie in seiner Jugend und hatte -keinen Sinn dafür, sehnte sich irgendwohin<span class="pagenum"><a name="Seite_222" id="Seite_222">[S. 222]</a></span> -nach den Sielen und sah dauernd -die Masse seiner gerüsteten Brüder.</p> - -<p>Qualvoll waren die ersten Tage bis -zur Generalprobe, morgens um zehn -Uhr.</p> - -<p>Dauphin steht, mit feldgrau überzogenem -Helm auf dem Kopf und mit -feldgrauem Soldatenrock, der am Hals -zusammengeknöpft ist, umhangen, mit -einem Tornister auf dem Rücken und -einem langen Schleifsäbel zur Seite -hinterm Vorhang und sieht mit dem -linken Auge in die Arena hinüber, wo -ein feldgrauer Soldat sitzt, der den -Arm in einer weißen Binde trägt. Hinten -am großen Spiegel steht eine -Dame und zupft ihr steiffaltiges, weitgespreiztes -Akrobatenröcklein zurecht. -Dauphin schämt sich ordentlich seines -Gewandes und sieht erhöht hinter -dem Soldaten mit der Armbinde einen -zweiten Feldgrauen sitzen, der vor dem -einen Auge ein schwarzes Läppchen -hat.</p> - -<p><span class="pagenum"><a name="Seite_223" id="Seite_223">[S. 223]</a></span> - -„Dauphin!” ruft der Direktor, und -Dauphin stößt mit dem Maul den Vorhang -auseinander und tritt hinaus in -die Arena.</p> - -<p>Herrjeh! Was sieht er da? Ringsum -sind alle Plätze mit Soldaten besetzt, -einer geht an einer Krücke hinter der -Manege hin und sucht seinen Platz, einer -sitzt im Fahrstuhl am Eingang, links und -rechts vom Eingang sind alle Plätze besetzt -mit Männern in langen, weiß und -blau gestreiften Kitteln. Soldaten, Soldaten, -ringsum Soldaten!</p> - -<p>Und Dauphin soll Kunststückchen -machen? (Daß er sie eigens für die Verwundeten -ausnahmsweise gutmachen -müßte, fällt ihm seltsamerweise nicht -ein).</p> - -<p>Dauphin rennt aufs Geratewohl zu -ihnen hin, stellt die Vorderbeine auf die -Manege, streckt seine Zähne vor und -stößt einen Schrei in die Luft, der kein -Wiehern ist.</p> - -<p>Sie fassen ihn, die lieben Soldaten!<span class="pagenum"><a name="Seite_224" id="Seite_224">[S. 224]</a></span> -Sie wissen, er ist einer, der zu ihnen gehört!</p> - -<p>Aber der Direktor kommt mit der -Peitsche, und Dauphin muß in die -Mitte, um seine Kunststückchen zu -machen.</p> - -<p>Doch er weiß nichts und kann nichts -und steht da wie soeben vom Himmel -gefallen, ein Träumer, der tumbe klâre, -der reine Tor!</p> - -<p>Die Peitsche, was will die Peitsche? -Was will der Direktor mit seinem -Zucker?</p> - -<p>Dauphin läuft am Zucker vorbei, -an der Peitsche vorbei, durch ihre -Schläge hin an die Manege und wird -zurück geholt von maskierten Sklaven. -Und Dauphin wird öffentlich -planmäßig gepeitscht und mit seinem -Helm und seinem Schleifsäbel aus der -Arena fortgejagt, hinaus, hinter den -Vorhang!</p> - -<p>Vereinzelt lachen die Soldaten, keiner -steht ihm bei: sie kennen ihn halt nicht,<span class="pagenum"><a name="Seite_225" id="Seite_225">[S. 225]</a></span> -ihn, den Dauphin, den von der Königin -geküßten Dauphin!</p> - -<p>Den Soldatenfreund, den Soldatennarren!</p> - -<p>Nach der Vorstellung wurde Dauphin -nochmals angesichts aller Pferde -geschlagen und bekam zwei Tage nichts -zu fressen.</p> - -<p>„Bürschken!” sagte der Direktor, -„wenn du mir den Sonnabend-Abend -verdirbst, bist du gerichtet!”</p> - -<p>Aber Dauphin freute sich entfernt -seiner Schmerzen und sah hinter ihnen -eine Beschäftigung winken, irgendwo -in den Sielen, die für ihn Wollust war.</p> - -<p>Der Samstag-Abend kam, und Dauphin -sah eine Reihe Offiziere vorn sitzen -und wußte wieder nichts und konnte -nichts und ward wieder hinausgejagt.</p> - -<p>Und so geschah es noch zweimal, und -dann sagte eines Tages der Direktor:</p> - -<p>„Wart, Bürschken, du kommst mir -zum Militär!”</p> - -<p>Hätte Dauphin diese Sprache des<span class="pagenum"><a name="Seite_226" id="Seite_226">[S. 226]</a></span> -gehaßten Direktors verstanden, so hätte -er sich sogleich auf die Hinterbeine gestellt -— denn das konnte er — und hätte -gelacht wie eine ganze Kompagnie.</p> - -<p>Und siehe da, Dauphin ward beglückt: -am andern Morgen kommen -Soldaten, und alle Pferde werden wieder -gemustert.</p> - -<p>Wie die Reihe an Dauphin kommt, -sagt der Offizier:</p> - -<p>„Den da, den zarten Mann, können -Sie behalten!”</p> - -<p>Aber der Direktor entgegnet:</p> - -<p>„Wat soll ich noch mit ihm machen? -Nehmen Sie ihn doch ooch mit, er -kann Handlangerdienste tun in der Kaserne. -So schwach, wie er ausschaut, -ist er nisch!”</p> - -<p>Und Dauphin durfte bei den Soldaten -stehen bleiben und wurde auch -sogleich von ihnen abgeführt. Viele -Stunden lang durfte Dauphin dann -in einem Kasernenhof bei den kriegsverwendungsfähigen -Pferden stehen.</p> - -<p><span class="pagenum"><a name="Seite_227" id="Seite_227">[S. 227]</a></span> - -Dann ging ein Soldat mit ihm an -den Bahnhof; sie fuhren wieder viele -Stunden, und dann in einer kleinen -Stadt eilten sie schnurstracks auf die -Kaserne zu.</p> - -<p>Wie Dauphin die vielen Soldaten -auf dem Kasernenhofe exerzieren sah, -streckte er, hurra! den Kopf steil hoch, -ließ die schwabbeligen Lippen hängen, -daß die weißen Zähne zum Himmel -aufbissen, und stieß einen Freudenschrei -aus, der durchaus kein gewöhnliches -Wiehern war. Das Echo dieses -Schreies lief zwischen den hohen Bauten -hin und her, und tausend Gesichter -richteten sich auf Dauphin, den Ankömmling.</p> - -<p>Er ward nun in einen Stall geführt -zu sechs blank gefütterten Reitpferden -und bekam zu fressen, indes die Reitpferde -ihm zusehen mußten, wie er fraß.</p> - -<p>Ein Hauptmann kam, klatschte Dauphin -auf den Schenkel, der recht feist -geworden war, und ging weiter.</p> - -<p><span class="pagenum"><a name="Seite_228" id="Seite_228">[S. 228]</a></span> - -Ein Soldat schlüpfte an seinem Halse -vorbei, band den Apfelschimmel los, -führte ihn hinaus, und der Hauptmann -setzte sich darauf.</p> - -<p>So geschah es noch fünfmal, und -Dauphin stand allein im Stall und -wartete auf den siebenten Hauptmann, -auf „seinen” Hauptmann. Er trug offenbar -etwas wie einen hellen Schein im -Herzen.</p> - -<p>Ein Mann kam, ein ältlicher Zivilist -mit beschmutzter, abgenutzter Dienstmütze, -die einmal blau gewesen war. -Eine Zigarre hing ihm schwer aus den -Lippen und qualmte. Dauphin sah gerade -durch die offene Tür über den Kasernenhof, -wo, den ganzen Platz zwischen -den grünen Linden erfüllend, sechs -Kompagnien in Kompagniekolonne -aufgestellt waren. Die sechs Pferde -standen mit ihren Hauptleuten, hochauf -die Ohren, je in der Mitte hintereinander, -und Dauphin beobachtete den -beschmutzten Zivilisten nicht weiter.</p> - -<p><span class="pagenum"><a name="Seite_229" id="Seite_229">[S. 229]</a></span> - -Der aber band ihn los und führte -ihn hinaus und spannte ihn kurzerhand -in ein Wägelchen, das so schmutzig -war wie er selber, nahm ihn am Zaume -und führte ihn hinter sich her, irgendwohin, -zum Tore hinaus.</p> - -<p>Kinder standen am Tore, arme, zerlumpte -Kinder mit guten und schönen -Augen. Eins hielt ein rotes Glasstück -vors Auge und betrachtete Dauphin.</p> - -<p>„Ach!” riefen sie, „der Balthasar -hat ein neues Gäulchen, und was für -eins, Balthasar!”</p> - -<p>Und sie klatschten Dauphin auf den -Schenkel, sprangen aufs Wägelchen, -und Dauphin, der schon ganz niedergeschlagen -den Kopf hatte hängen lassen, -hob ihn wieder und freute sich plötzlich, -da er Kinder sah, die ihm gut waren. -Er zog sie wacker fürbaß, aber sie hüpften -gemach eines nach dem andern von -seinem Wagen, einige ließen Pfennige -auf die Erde fallen und liefen ans Kasernentor -zurück.</p> - -<p><span class="pagenum"><a name="Seite_230" id="Seite_230">[S. 230]</a></span> - -Balthasar steckte an der alten Zigarre -eine neue an und ließ sie zwischen den -Lippen auf- und abpendeln.</p> - -<p>Ins Schlachthaus gings, ins -Schlachthaus, mitten hinein ins -Schlachthaus!</p> - -<p>Einen halben Ochsen mußte Dauphin -heimziehen, dessen hautloses Bein -seitlich aus der braunen Zeltdecke hervorragte.</p> - -<p>Das Bataillon rückte aus, die Straße -her, Dauphin entgegen, mit Pauken -und Trompeten! Dauphin versuchte, -mit einem Ruck den Kopf steil hochzurecken; -die Last hinter ihm aber war zu -schwer, und er stieß den Atem krampfhaft -durch die schwabbeligen Lippen -und zog die Nüstern hoch und die -Augenbrauen, um alles genau zu sehen, -und ließ den langen Schweif hin und -her schwingen. Er gehörte ja auch zu -denen da! Wahrscheinlich spürte er -zwischen seinen Ohren den Husarenbusch -schwanken, den er einst trug.</p> - -<p><span class="pagenum"><a name="Seite_231" id="Seite_231">[S. 231]</a></span> - -Wie er am ersten Hauptmannspferd -vorüberkam, sah er stolz zu ihm auf, -gleichsam, als wolle er es kameradschaftlich -grüßen.</p> - -<p>Allein das Hauptmannspferd wandte -sofort die Augen, die es im geradeausgestellten -Kopf kaum merklich herübergedreht -hatte, von Dauphin ab. Und -genau so machte es das zweite Pferd -und das dritte und das vierte.</p> - -<p>Zum fünften sah Dauphin selber -nicht mehr, ließ den Kopf tief sinken, -die Augenlider und die Ohren und den -Schweif.</p> - -<p>Allein in Dauphins Geist strömte ein -dämmerndes Gefühl, daß er sich nicht -vor diesen Gecken zu schämen brauche: -er, Dauphin, der voller Kunst stak und -voller Wissenschaft und voller Weisheit, -und der von einer Königin geküßt -war!</p> - -<p>Er nickte nach links und nach rechts -und wußte schon den Weg ins Kasernentor, -wo die vielen Kinder standen.</p> - -<p><span class="pagenum"><a name="Seite_232" id="Seite_232">[S. 232]</a></span> - -Einige spielten mit Pfennigen, einige -hielten Kasernenbrot im Arm; alle aber -kamen sie und lachten mit dem Gäulchen -und streichelten es.</p> - -<p>An der Küche wurde der halbe Ochse -abgeladen. Köche mit aufgeschürzten -Aermeln klatschten ihre roten, fleischigen -Hände auf Dauphins Rücken, Hals -und Stirn, und Dauphin schob den -Kopf wagrecht vor, um diese Hände -von sich abzuschütteln. Aber die Köche -lachten und liebkosten um so mehr, weil -sie meinten, das gefiele dem schwarzen -Gäulchen.</p> - -<p>„Heut raucht aber der Balthasar ein -gutes Kraut!” sagte ein Koch.</p> - -<p>„Das ist,” entgegnete ein anderer, -„weil er ein neues Gäulchen hat!”</p> - -<p>Große, offene Fässer, in denen eine -zähflüssige Masse an die Wände klunkerte, -wurden ausgeladen. Ein Koch -griff in ein Faß, holte etwas heraus und -hielt es Dauphin hin, daß er es fresse, -aber Dauphin fraß es nicht, obgleich er<span class="pagenum"><a name="Seite_233" id="Seite_233">[S. 233]</a></span> -Hunger hatte, und der Koch warf die -Handvoll in die Gosse.</p> - -<p>Dauphin mußte diese Fässer quer -durch die ganze Stadt ziehen in eine -Fabrik mit vielen hohen und niedrigen -Schornsteinen, wo es fürchterlich stank. -Balthasar begann in dem Gestank heftig -zu niesen, nieste fünf- oder sechsmal -und stieß dabei diese Laute von -sich:</p> - -<p>„E Zigga, e Zigga!”</p> - -<p>Als sie wieder in der frischen Luft -waren, sagte Balthasar etwas zu Dauphin, -was diesen höchlich erfreute:</p> - -<p>„Das Leben ist eine Hühnerleiter!” -sagte Balthasar zu Dauphin.</p> - -<p>Nunmehr zog Dauphin täglich den -Fleischwagen, den Spülichtwagen und -noch andere Wägelchen durch die volkreiche -Stadt. Man kannte ihn nicht in -dieser Stadt; niemand kannte ihn! -Man blieb wohl einmal stehen, besah -sich das schwarze Gäulchen mit der -weißen Blesse und ging weiter, und<span class="pagenum"><a name="Seite_234" id="Seite_234">[S. 234]</a></span> -nur die Kinder fanden es der Mühe -wert, sich zu verweilen, mit dem kleinen -Freunde zu laufen, ihm einen Bissen -Brot zu reichen oder ein Stückchen -Zucker.</p> - -<p>Obwohl nirgends mehr an den -Mauern, an den Plakatsäulen, in den -Schaufenstern Dauphins Bild mit dem -Purpurmantelettchen hing, wußten die -Kinder doch, daß das kleine Gäulchen -kein gewöhnliches Kasernentierchen -war, denn sie liefen neben ihm her und -beschenkten es mit Zucker und Liebkosungen!</p> - -<p>O wenn Dauphin frei gewesen wäre! -Wenn er ledig seiner Siele, ledig des -schweren Kummets gewesen wäre, ledig -aller Mühen und Sorgen! Kinder! -Kinder!</p> - -<p>So aber war das Leben eine Qual, -so aber wollten die klaren Augen nicht -aufblicken in den Tag, der fast stets -Nacht war, und sie blieben lieber am -Erdboden haften, und die Unterlippe,<span class="pagenum"><a name="Seite_235" id="Seite_235">[S. 235]</a></span> -die sonst so gern und so übermütig an -den Freuden der Stunde nippte, hing -schlaff nach unten und ward täglich -schwerer.</p> - -<p>Die Hauptmannspferde bekamen bessere -Kost als Dauphin, wurden täglich -gestriegelt, und ein jedes hatte einen -Soldaten zur Bedienung!</p> - -<p>Dauphin aber stand hinten im Stall, -wo kein Fenster war, keine frische Luft -und kein Licht, und sein Fressen lag oft -tagelang in der Krippe, und wenn -Balthasar ein dünnes Getränk brachte, -so leerte er die Krippe zuvor nicht aus, -und Dauphin fraß fast nichts als Heu.</p> - -<p>Auf seinem Rumpfe zeichneten sich -bald die Rippen deutlich ab, und da -das schwarze Fell gänzlich von Staub -und Schmutz durchsetzt war, konnte -kein Kind Freude haben, das Gäulchen -zu streicheln und liebkosend zu -tätscheln. Die Mähne, ehedem ein -zartwelliges Gekräusel, ein Kindergelock -und ein Fähnchen der Fröhlichkeit<span class="pagenum"><a name="Seite_236" id="Seite_236">[S. 236]</a></span> -und des Uebermutes, hing wie ein Bündel -Haberstroh übern Hals herab und -stak zerschabt in der Fessel des Kummets. -Der kotige Zügel griff durch ihre -letzten Spitzen, und wenn die Sonne -auf diese Mähne schien, sah man -Staubwölkchen draus emporwirbeln -wie aus einem Sofa. Die Knochen der -Hinterbacken stießen sich hervor, und -Balthasar hing oft, wenn er schwitzte, -seine verschmutzte Mütze dran. Die -schweren Eisen der Hufe klapperten, -die Rippen schoben sich unter der Haut -hin und her.</p> - -<p>Balthasar redete nie ein Wort mit -Dauphin, und Dauphin empfand natürlich -auch nie Lust, den mürrischen -Alten etwas von seinem Können merken -zu lassen. Niemand ahnte von -Dauphins Qualitäten! Nicht einmal -seinen Namen kannte man. Balthasar -nicht, die Hauptleute nicht, die übrigen -Wärter nicht! Selbst die Kinder riefen -ihn nicht mit seinem Namen.</p> - -<p><span class="pagenum"><a name="Seite_237" id="Seite_237">[S. 237]</a></span> - -Besaß dieser Arbeitsverwendungsfähige -überhaupt noch Namen und irgendwelche -Qualität? Konnte dies arme -Tierchen im Kehrichtwagen noch -etwas anderes als Sklavendienste tun?</p> - -<p>Es liegt klar auf der Hand, daß Dauphin -sehr litt! Seine Leiden, die anfangs -rein seelischer Art waren, bogen -sich, da er trotz allem unabänderlich -gern und sogar freudig schaffte, ins -Körperliche um, aber Dauphin mußte -immer noch sehr leiden! Oh, wenn Dauphin -sich das Leben unter den Soldaten -so vorgestellt hätte, wie gern wäre -er in seiner Arena geblieben! Er gewahrte -nicht einmal, wie seine Gaben -schwanden, und das war gut!</p> - -<p>Einmal kamen fünf ganz junge, kleine -Leutnants, aufgetakelt wie frischgewickelte -Säuglinge, aus der Regimentskammer -gehüpft, streiften weiße Handschuhe -an dicke Hände an, hielten Reitpeitschen -unter den angepreßten Oberarmen -und liefen an Dauphin und an<span class="pagenum"><a name="Seite_238" id="Seite_238">[S. 238]</a></span> -Balthasar vorüber. Da sagte Balthasar -wieder einmal etwas. Er nahm sich -Dauphins Ohren und sagte:</p> - -<p>„Sieh, Kleiner, fünf ist gleich eins! -Kriegsware! Heut Mittag trinken sie -fünfzig Flaschen Sekt, und hernach -steigen sie auf die Hühnerleiter, ganz -oben hin und fangen an, auf uns herabzukotzen! -Wundert's dich, daß wir so -dreckig sind? Mich wundert's nicht!”</p> - -<p>Dauphin freute sich über diese Rede, -die er freilich nicht verstand, wieherte -und trug den Kopf höher als sonst.</p> - -<p>Er sah eine Kompagnie, die auf dem -Bauche lag und zielte. Ein Feldwebel -schrie einen Gemeinen an:</p> - -<p>„Mensch! Sie wollen Feldwebel -werden: werden Sie doch erst einmal -Mensch!”</p> - -<p>Der Angeschrieene hob den Kopf und -schrie dagegen:</p> - -<p>„Feldwebel will ich werden!”</p> - -<p>An der Wache vorn am Kasernentor -hielt Balthasar sein Gäulchen an,<span class="pagenum"><a name="Seite_239" id="Seite_239">[S. 239]</a></span> -weil er mit einem Kollegen etwas zu -reden hatte. Zwei Soldaten in Drillichzeug -schleppten eine verschlossene eiserne -Kiste aus dem Stübchen, das hinter dem -Wachtstübchen lag.</p> - -<p>„Hu, wie stinkts da drinnen!” sprach -der eine.</p> - -<p>„Geld stinkt!” erwiderte der andere.</p> - -<p>„Auch die Fahnen, die dahinter -stehen, stinken, Ambros!”</p> - -<p>„Alle Signale stinken, Willi, der -Mensch aber ist frei!”</p> - -<p>„Frei ist der Mensch! Gewiß, aber -auch er ist aus Dreck gemacht, Ambros!”</p> - -<p>Zum Glück verstand Dauphin auch -dieses Gespräch nicht, aber er reckte -doch den Kopf zu den beiden Geldträgern -hin, weil er wieder ein bißchen -Freude an den Menschen hatte.</p> - -<p>Balthasars Freundlichkeit versickerte -gleich wieder, und des Pferdchens Kopf -sank wieder, und seine Augen besahen -die Steine, die seine Hufe betreten -mußten.</p> - -<p><span class="pagenum"><a name="Seite_240" id="Seite_240">[S. 240]</a></span> - -Einmal trottete er mit dem Mistwagen -im Schatten der Linden rund -um den Kasernenhof herum, indes -Balthasar bei Soldaten stand, die -höchst eifrig Strohsäcke stopften. Viermal -trottete Dauphin so hinterm Rücken -Balthasars vorbei, und jedesmal hörte -er Balthasar nießen und seinen Laut -ausstoßen:</p> - -<p>„E Zigga, e Zigga!”</p> - -<p>Als er zum fünftenmal vorüberkam, -sah er, wie einer der Soldaten dem -Balthasar eine Zigarre in den Mund -steckte, ein Streichholz am Schenkel anstrich -und sagte:</p> - -<p>„Nun mach' dich mit deinem Räppchen -aus unserem kaiserlichen Staub!”</p> - -<p>Die Soldaten erregten Dauphins -Teilnahme fast nicht mehr. Ihr Trommelschlag, -ihre Marschmusik, ihre bunten -Kleider, ihr Feldgeschrei, das sie -zwischen den Mauern ausstießen, nichts -erregte Dauphins Aufmerksamkeit. In -sich gekehrt, tat er seine Pflicht, und die<span class="pagenum"><a name="Seite_241" id="Seite_241">[S. 241]</a></span> -Erinnerung an glanzvolle Tage verblaßte -in seiner Seele. Neigung zu -Schlaf zeigte sich.</p> - -<p>Wenn das Fuhrwerk einmal das -Weichbild der Garnison verließ und -auf Feldwege kam, begann Dauphin -heftig die Luft in die Nasenlöcher zu -zerren, der Hals bog sich steil vom Kummet -in die Höhe, und es ist wahrscheinlich, -daß vor seinem geistigen Auge sich -die Bilder seiner frühesten Jugend zeigten, -das Glück der Einfachheit im kleinumzirkten -Leben hinter den Bergen. Alsdann -ging's aber jeweils wieder zur -Stadt zurück, in die Kaserne, und die -stolze Kurve des Halses sank wieder.</p> - -<p>Der Koch der dritten Kompagnie, -der es gut mit Dauphin meinte, hielt -ihm oft eine Handvoll Kartoffeln unter -die Nase, aber Dauphin wollte sich -nicht gerne öffentlich mit Kartoffeln -füttern lassen und biß nur selten an, -wenn er nicht gerade ganz großen Hunger -hatte, und oft geschah es, daß der<span class="pagenum"><a name="Seite_242" id="Seite_242">[S. 242]</a></span> -Koch ihm die weichen Kartoffeln in die -Nüstern stumpfte. Da schreckte Dauphin -wie aus Träumen auf, ließ entsetzt -die Kartoffeln fallen und sah den Spatzen -zu, die sogleich sich drüber hermachten -und zwilchten und zankten, bis alles -aufgefressen war.</p> - -<p>Auch die Kinder umjubelten Dauphin -immer seltener und schließlich gar -nicht mehr. Ja, es kam so weit, daß sie, -wenn sie ihn bei seinem Balthasar sahen, -zu rufen begannen:</p> - -<p>„E Zigga! e Zigga!” als ob dieser -Laut Dauphins neuer Name gewesen -wäre, Dauphins Soldatenname!</p> - -<hr class="chap" /> - -<p class="pagebreak"><span class="pagenum"><a name="Seite_243" id="Seite_243">[S. 243]</a></span></p> - - - - -<h2>XV</h2> - - -<p>Einmal aber geschah dies: Dauphin -trottelte so auf dem Pflaster -hin durch den Schatten und hört plötzlich -seinen wirklichen Namen rufen:</p> - -<p>„Dauphin!”</p> - -<p>Er reißt den Kopf hoch, — spürt er -nicht den Husarenschweif zwischen den -Ohren schwanken? —, stößt kümmerlich, -aber voller Ungeduld die Luft aus -den Lippen und biegt den Kopf zurück -und sieht um sich.</p> - -<p>Wieder ruft jemand:</p> - -<p>„Dauphin!”</p> - -<p>Auf einem mit alten Schuhen hoch -beladenen Wagen vorm offenen Tor -der „Kammer” steht ein Soldat, hält -einen Stiefel in der Hand und ruft -„Dauphin”. Der Soldat lacht laut und -ruft etwas, kommt aber nicht, und Dauphin<span class="pagenum"><a name="Seite_244" id="Seite_244">[S. 244]</a></span> -trottelt weiter, indeß Balthasar zu -dem Soldaten zurückguckt und auch -weitergeht. Dauphin aber läßt den -Kopf nicht mehr sinken und reißt die -Augen weit auf und strengt sich an, die -Ohren hoch zu halten. Er spürt, wie er -mit dem Kopfe heftig nickt, den Husarenbusch -wirklich an die Ohren wedeln, -er sieht nach den Rippen, die wie -Faßreifen um seinen Bauch liegen, und -sieht ein goldbordiertes Purpurmantelettchen. -Das sieht er ganz gewiß! Und -er hört die liebe Stimme seines ersten -Direktors. Dauphin bleibt plötzlich stehen. -Balthasar guckt zurück, was heißen -soll: „Na los!”, aber Dauphin -bleibt stehen und nickt mit dem Kopfe -heftig auf und ab.</p> - -<p>„Los!” kreischt Balthasar neben der -Zigarre heraus und klatscht in die Hände, -wartet einen Augenblick, kommt zurück, -nimmt Dauphin am Zügel und will ihn -mit sich ziehen.</p> - -<p>Aber Dauphin hebt keinen Fuß und<span class="pagenum"><a name="Seite_245" id="Seite_245">[S. 245]</a></span> -läßt sich nicht so mir nichts dir nichts -fortzerren.</p> - -<p>Der Soldat auf dem Schuhwagen -lacht, sieben Bäume weit entfernt, und -wirft einen Stiefel nach Dauphin, der -aber nicht trifft, und ruft:</p> - -<p>„Ganz recht, Schwammbruder, das -hast du nicht nötig!”</p> - -<p>„Wer ist Dauphin?” fragt Balthasar -den Soldaten neben der Zigarre -heraus und stützt die Fäuste in die -Hüften, und der Soldat erzählt allerhand -von Dauphin, indeß Dauphin -mit dem Kopfe nickt und auch schon -mit dem linken Vorderfuße krampfhaft -scharrt.</p> - -<p>„So, so, so!” sagt Balthasar, daß -die Zigarre zwischen den Lippen tanzt, -und gibt ihm einen gelinden, freundlichen -Handschlag auf den Schenkel, -worauf Dauphin anzieht und den Kopf -sinken läßt und mit seinem Spülicht -zum Tor hinausgeht.</p> - -<p>Balthasar sagt kein Wort und ist<span class="pagenum"><a name="Seite_246" id="Seite_246">[S. 246]</a></span> -still wie immer und hat die Hände auf -dem Rücken liegen wie immer.</p> - -<p>Am Horizonte des tierischen, vom -Leide erregten Bewußtseins aber schnitt -weiterhin gleich einer Sternschnuppe -die Erinnerung an große Tage vorbei. -Die Kinder vorm Kasernentor hatten -Dauphins wirklichen Namen noch -nicht vernommen, und Balthasar schritt -wortlos neben Dauphins Kopfe. Niemand -hatte seither Dauphin erkannt. -Niemand wußte oder ahnte, wen er da -eigentlich vor sich hatte.</p> - -<p>Im Fortnicken berührte Dauphin -bisweilen, wie er sonst nie getan, mit -seinem Maule des Mannes schmutzigen -Aermel; dauernd knapperte er an -seinem Zaum herum, der ihm viel zu -groß war, den Gott weiß welcher Klepper -schon zerkaut hatte!</p> - -<p>Sie hielten an einem Wirtshaus an, -und Balthasar, der noch nie ein Wirtshaus -aufgesucht hatte, ließ Dauphin -mit seinem Wagen in den Schatten der<span class="pagenum"><a name="Seite_247" id="Seite_247">[S. 247]</a></span> -Gartenbäume treten, die da in Reih -und Glied, noch ziemlich jung, aufwuchsen, -und trat in das Haus.</p> - -<p>Nebenan saßen an einem Tisch zwei -Arbeiter und vesperten.</p> - -<p>Dauphin sah in einem von innen -verhängten Schaufenster sein Bild und -zog den Wagen sogleich hin, um sich -näher zu betrachten.</p> - -<p>Richtig, die Blesse! Die Blesse auf -der Stirne leuchtete förmlich aus der -dunkeln Scheibe: der Kuß der Königin, -die Erinnerung an den glorreichen Tag -Dauphins.</p> - -<p>Und nun begann Dauphin sich wieder -zu recken, ward größer, und seine -Haut umstraffte die Rippen, und seine -Augen füllten sich wie Königslogen in -zwei erhabenen Halbkugeln mit jungem -Glanz.</p> - -<p>Er sah sich um: Es machte den Eindruck, -als sähe er nach seinem ersten Direktor -oder nach der Königin. Er sah, -wie Kinder am Zaune des Biergartens<span class="pagenum"><a name="Seite_248" id="Seite_248">[S. 248]</a></span> -gleich Soldaten exerzierten und sangen: -„Wer will unter die Soldaten”, und: -„Büblein, wirst du ein Rekrut”.</p> - -<p>Da streckte Dauphin den Kopf wagrecht -von sich und wieherte durch die -breiten Nüstern und entblößte die Zähne, -schüttelte den Kopf in der Längsachse -und stieß seinen Freudenschrei aus, den -alle hören mußten.</p> - -<p>Die Kinder hörten das auch, und -Dauphin nickte heftig mit dem Kopfe -und scharrte mit dem linken Vorderfuß, -daß alle Kinder zu ihm hinkamen. -Rasend nickte Dauphin mit dem Kopfe -und scharrte dann so heftig mit dem -linken Vorderfuß, daß der Kies auf- und -davonsprühte.</p> - -<p>Die Kinder kamen auf den richtigen -Gedanken und begannen mit Dauphin -zu plaudern.</p> - -<p>„Hast du Hunger?” Dauphin nickte.</p> - -<p>„Hast du Durst? Dann beiß in die -Wurst! Kannst du Bier trinken?”</p> - -<p><span class="pagenum"><a name="Seite_249" id="Seite_249">[S. 249]</a></span> - -Dauphin konnte alles, jawohl ihr -Kinder, warum etwa nicht?!</p> - -<p>Ein Bübchen lief zu den vespernden -Arbeitern, kletterte, so klein war es noch, -auf einen Stuhl, wischte mit den Händen -in den Bierkringeln herum, die von -den Gläsern dalagen, und kam zurück. -Es hielt sein bierbefeuchtetes Händchen -Dauphin an die Nase, und Dauphin, -dem das ungeheuer Spaß machte, — -es war so fröhlich wie früher im Zirkus -—, nieste dreimal hintereinander.</p> - -<p>Hellauf lachten die Kinder.</p> - -<p>Dauphin spürte deutlich den Husarenbusch -zwischen den Ohren.</p> - -<p>Er sah in den Spiegel, aber den Husarenbusch -sah er nicht: der war ihm -abgenommen worden, den hatte man -ihm soeben abgenommen!</p> - -<p>Und etwas seitab sah er, als die Arbeiter -gerade fortgingen, eine Leiter stehen, -die vor der Stalltür ziemlich steil -zum Heuschober hinaufgelegt war.</p> - -<p>Da wußte Dauphin, was nun kommen<span class="pagenum"><a name="Seite_250" id="Seite_250">[S. 250]</a></span> -müsse, denn hinter der Leiter sah -seine Seele auch seinen geliebten Direktor -stehen: Nun müsse das große, halsbrechende -Kunststück kommen, das allen -Zuschauern, — wißt ihr's noch, ihr -lauten Kinder? —, den Atem nahm.</p> - -<p>Er zog sein Wägelchen hin und trat -mit dem linken Vorderfuß auf die erste -Sprosse der Leiter.</p> - -<p>Da sahen die Kinder, daß das kluge -Pferdchen von seinen Strängen sehr -beengt war, und sie spannten es aus.</p> - -<p>Wie nun Dauphin frei aus den Sielen -tritt, wird's ihm ganz leicht zumute. -Er hebt die Beine auf die erste und die -zweite und dann das linke Vorderbein -gar auf die dritte Sprosse.</p> - -<p>Und wie Dauphin sich gerade abdrücken -will, um frei aufrecht zu stehen, -kommt der Balthasar aus dem Wirtshaus, -und die Kinder zerstieben zwischen -den Bäumen hinaus auf die -Straße.</p> - -<p>Da läßt Dauphin die Beine langsam<span class="pagenum"><a name="Seite_251" id="Seite_251">[S. 251]</a></span> -von der Leiter hinab und wird eingespannt, -und es geht in die Fabrik mit den -hohen und niedrigen Schornsteinen. -Ganz fröhlich trottet Dauphin hinter -Balthasar drein ...</p> - -<p>Unterwegs sagt Balthasar wieder -einmal etwas zu Dauphin! Er sagt:</p> - -<p>„Ich weiß genau, was du willst, -Zirkusmann: zur Leiter willst du hinauf, -zur Hühnerleiter! Willst über mich -hinaus und schließlich auch von oben -auf mich herabkotzen! Aber ich will dir -schon helfen, wenn's auf mich ankommt!”</p> - -<p>Als sie ins Kasernentor eingebogen -waren, schritt Balthasar quer übern -Kies, der wie gefrorene Tränen dalag, -auf die Kammer zu.</p> - -<p>Dauphin stellte die Ohren, um vielleicht -wieder seinen Namen rufen zu -hören, der Hals schweifte steil auf, am -linken Vorderbein erzitterte eine Muskel.</p> - -<p>Gar nicht lange verweilte Balthasar -in der Kammer; der Feldwebel kommt<span class="pagenum"><a name="Seite_252" id="Seite_252">[S. 252]</a></span> -mit ihm heraus, und trägt in der -Hand eine Peitsche, die anscheinend für -schwere Artillerie bestimmt ist, gibt sie -Balthasar, und sie treten zu Dauphin her.</p> - -<p>„Wie ist er sonst im Dienst?” fragt -der Feldwebel, und Balthasar entgegnet:</p> - -<p>„Zirkus, Zirkus! Der Zirkus steckt ihm -noch im Kopf!”</p> - -<p>Jedoch der Feldwebel nimmt dem -Alten die Peitsche wieder ab, schlägt -ihm leichthin auf die Achsel und sagt:</p> - -<p>„Wenn's sonst nichts ist: uns allen -steckt der Zirkus noch im Kopf, Balzer, -los, vertragt euch miteinander! Wir -haben halt allerhand Kostgänger!”</p> - -<p>Sie vertrugen sich noch über zwei -Jahre!</p> - -<p>Ewig dasselbe spielte sich in Dauphins -Umgebung ab: Menschen kamen, -wurden entmenscht, für den Tod uniformiert, -mit dem Tode vielgestaltig -ausgestattet, gingen hell bekränzt irgendwohin, -den Tod bringen, kamen nicht<span class="pagenum"><a name="Seite_253" id="Seite_253">[S. 253]</a></span> -mehr oder kamen, vom Tode gestreift -und gezeichnet, wieder zurück. Menschen -fluchten ihres Daseins, wenn sie -knirschend auf dem Angesichte lagen und -den Kies zwischen den Zähnen zerbissen, -um sich vor dem Zuchthaus zu bewahren. -Männer fielen und schnellten wieder -auf wie an Schnüren aufgereiht, -und das Kommando schwirrte über sie -her wie Säbelstreiche. Frauen und Kinder -standen außen hinter dem Gitter -und sahen zu und weinten ob der Erniedrigung. -Wenn Dauphin Kinder -weinen sah, ließ er den Hals noch tiefer -sinken, so daß das weite Kummet fast herabgleitete -auf das Tränental. Schaum -troff hernieder aus seinem hungrigen -Maul.</p> - -<p>Ein Frühling kam, und die Kinder -sangen nicht und spielten nicht Ringelreihen -auf den Plätzen! Die Vögel sangen -in den Büschen, aber die Platzpatronen -auf den Schießständen verschlangen -den Vogelruf! Die Blumen<span class="pagenum"><a name="Seite_254" id="Seite_254">[S. 254]</a></span> -blühten an den Rainen, aber die jungen -Mädchen kamen nicht, sie zu pflücken! -Die Fleischfuhren wurden leichter, die -Spülichtfuhren schwerer. Der Gesang -der Glocken verstummte, und nur ein -jämmerliches Gestammel blieb übrig! -Keine Fahne flog mehr über die Dächer, -und die Straßen füllten sich mit Krüppeln. -Die Schreie erregter Generale tobten -um die Stadt, und in allen Häusern -weinten Frauen und Kinder! Leichenzüge -schlängelten sich in den winkeligen -Straßen. Aus den Spülichtfässern zog -Balthasar Brotreste und Knochen und -aß daran.</p> - -<p>Ein Sommer kam, und die Leichenzüge -begegneten sich an den Portalen -der Friedhöfe! Hauptleute schrien -Siege aus, aber die Soldaten stimmten -nicht mit ein und wandten die Augen -zu Boden! Immer noch lagen Männer -mit grauen Bärten vor jugendlichen -Gecken im Staub und bissen an den -Kieseln des Jammertales! Der Sommer<span class="pagenum"><a name="Seite_255" id="Seite_255">[S. 255]</a></span> -kam, und die Ernte blieb im Regen -sitzen, weil die Frauen zermürbt waren -von der schrecklichen Arbeit und weil die -Kühe müde waren von der schrecklichen -Arbeit! Eine Kuh schlappte, wo früher -zwei Pferde galoppierten.</p> - -<p>Ein Herbst kam, und Soldaten wurden -korporalschaftsweise in das vergitterte -Haus geführt, weil sie zu Hause -ihre Ernte einbringen wollten anstatt -tagelang zu üben, wie man den Herrn -Leutnant grüßt! Kinder stürmten ans -Rathaus der Stadt und schrien um -Brot. Da Soldaten Maschinengewehre -herbeibrachten statt Brot, liefen die -Kinder wieder heim. Unheimlich mehrten -sich die Verstümmelten! Die Soldaten -standen beisammen und redeten -leise. Balthasar blieb bei ihnen stehen; -sie hefteten ihm ihre eisernen Kreuze an! -Balthasar ließ sich's gefallen, und als -er auf der Brust keinen Platz mehr hatte -und auf dem Rücken auch nicht, da -zog er Dauphin in die Schar der Soldaten,<span class="pagenum"><a name="Seite_256" id="Seite_256">[S. 256]</a></span> -und sie banden Dauphin ein eisernes -Kreuz über die Stirn, daß es -gerade in die weiße Blesse hing.</p> - -<p>Ein Offizier geht vorüber, sieht genau, -was da geschieht, schwenkt seitab -und nestelt die klingenden Ehrenzeichen -von seiner wattierten Brust. Und sogleich -rennen bewaffnete Kameraden -herzu, umstellen die Schar und führen -sie samt Balthasar ins vergitterte Haus.</p> - -<p>Dem kleinen Dauphin reißt man das -Kreuz von der Stirn, tritt ihn in die -Seiten und stößt ihn gegen die Mitte -des Hofes, wo er hinstürzt in den -scharfen Kies. Er erhebt sich wieder -von selbst, Blut sickert aus seinen Knien, -er trottelt seinem Stalle zu und zieht -das Wägelchen an einem Strang hinter -sich her. Ein anderer Balthasar -kommt zu ihm an den Stall, ein junger, -starker Kerl, der statt des rechten Auges -eine eingefältelte Narbe in der Höhle -hat.</p> - -<p>Er trägt Balthasars Mütze: er raucht<span class="pagenum"><a name="Seite_257" id="Seite_257">[S. 257]</a></span> -Zigaretten, er fängt gleich am ersten -Tage an, Dauphin zu striegeln, putzt -die Krippe aus und mistet und schmiert -Dauphins Hufe mit Schmalz, das er -aus der Küche der Offiziere brachte. -Die Herren Feldwebel beginnen auf -einmal Dauphin zu kennen, streicheln -sein reinliches Fell, rufen ihn Maxel -und lassen ihre Kinder auf ihm reiten. -Selbst Offiziere kommen im Stall zu -Dauphin her; wenn sie mit dem neuen -Herrn irgend etwas Wichtiges geredet -haben, ziehen sie ihre Handschuhe an -und tätscheln seine festlich sauberen -Backen und tätscheln auch ohne Handschuhe. -Etliche sagen zu dem einäugigen -Herrn „Du” und stecken ihre Zigaretten -an der seinen an.</p> - -<p>Da zieht Dauphin eines Tages sein -Wägelchen übern Hof, und tausende -von Soldaten haben sich hier versammelt, -wirr durcheinander, hochgerüstet, -und auf den Dächern steigen rote Fahnen -in die Höhe, die Soldaten stürmen<span class="pagenum"><a name="Seite_258" id="Seite_258">[S. 258]</a></span> -aufs Wägelchen zu, reißen rote Bänder -heraus, rote Fetzen, schwingen sie -und stecken sich kleine Rosetten in die -Knopflöcher. Dauphin wird vielfach -rot bewimpelt, und ein Rosettchen baumelt -in der Blesse und in den Zöpfen der -glänzenden Mähne.</p> - -<p>Tische werden aufgestellt, auf die -Tische wird ein Tisch geschoben, und -der Einäugige steigt hinauf und beginnt -mit weithin schallender Stimme, daß -zwischen den Mauern ein Echo wach -wird, seine Rede zu halten.</p> - -<p>Als er sagte, der deutsche Kronprinz -müsse einem süddeutschen Schuster in -Erziehung gegeben werden, da löste sich -ein Soldat, der schon oft zu Dauphin -hergesehen hatte, aus seiner Umgebung -und kam zu ihm. Er legte den Arm um -den festlich geschmückten Hals des -Tieres und flüsterte ihm in die gespitzten -Ohren:</p> - -<p>„Dauphin, Dauphin! Ist's das -Mißgeschick aller Dauphins, daß sie zu<span class="pagenum"><a name="Seite_259" id="Seite_259">[S. 259]</a></span> -Schustern in die Lehre kommen müssen? -Auch du bist nach deiner Glanzzeit -in rauhe Wirklichkeit verstoßen worden, -aber du hast keine Schuld an deinem -Geschick!”</p> - -<p>Hände wurden gen Himmel ausgestreckt, -Schreie wuchsen wie Bergzüge -hinan, vereinzelt krachten Schüsse gegen -die kalten Wolken. Ein Wind hub -an; manche Sätze des Redners waren -unverstehbar, manche deutlich zu hören:</p> - -<p>„Als das Bübchen vierzehn Jahre -alt war, versprach ihm sein kaiserlicher -Papa: wenn du dereinst wirst dreißig -sein, darfst du an der Spitze meiner -Truppen <span class="antiqua">au milieu de mes troupes</span> in -Paris einziehen!”</p> - -<p>„Hörst du's, Dauphin? Denkst du an -den Kuß der Königin, wie auch du an -der Spitze unserer, ach, so fröhlichmachenden -Truppe durch die Arena -triumphiertest? Keine Menschen mußten -unsertwegen sterben, und manche -vergrämte Seele hat sich an uns wieder<span class="pagenum"><a name="Seite_260" id="Seite_260">[S. 260]</a></span> -gesund gefreut! Weißt du's noch, Dauphin?”</p> - -<p>Dauphin stand entzückt da, und der -Geist, der aus den Soldaten aufbegehrte, -riß den seinen mit sich fort. Er -streckte den Kopf hochauf, er entblößte -die Zähne, er scharrte mit dem linken -Vorderfuß, und die Kiesel schwirrten -den Soldaten, die um ihn standen, ins -Gesicht. Sie wußten, daß das Gäulchen -sich nicht gut anders freuen konnte und -ertrugen die Kiesel, und einer reichte -ihm ein Stück Zucker hin. Dauphin -schüttelte plötzlich den Kopf und nickte -mit dem Kopfe, und der Soldat, der -ihn vom Zirkus her kannte, besänftigte -seine Freude, indem er ihm sachte über -die Blesse strich.</p> - -<p>„Auf Vater und Mutter schießen!” -schrie der Redner und wiederholte: -„Auf Vater und Mutter schießen!”</p> - -<p>„Auf Vater und Mutter schießen!” -tobte die ganze Versammlung, und -Dauphin, in dessen Herz unter allerlei<span class="pagenum"><a name="Seite_261" id="Seite_261">[S. 261]</a></span> -Unrat noch mehr Natur lebte als in -vielen Menschenherzen, stellte sich plötzlich, -als sei dieses verruchte Wort der -Weckruf seiner tiefsten Erlebnisse, all seiner -Freuden, all seiner Schmerzen, auf -die Hinterbeine und stieß einen klagenden -Laut zum Himmel.</p> - -<p>„Das unvernünftige Tier,” rief der -Redner, „seht, seht, es bäumt sich auf -angesichts solcher Schändlichkeiten! -Die Natur, die Natur bricht über jene -herein, weil wir selber jene Unnatur -nicht gerichtet haben! Und nun werden -wir, weil wir's nicht getan haben, mitgerichtet -werden! Seht dem Junker, -der uns peitschte, hier in Berlin, in -Straßburg, in Köln, in Regensburg -und in Stuttgart, seht ihm in die Augen! -Was seht ihr da? ... Das Tier!!”</p> - -<p>„Das Tier!!” krischen die Mannschaften, -und das Echo wollte nicht -enden.</p> - -<p>„Nein!” begann der Redner wieder, -„nicht das Tier! Nicht das Tier!”</p> - -<p><span class="pagenum"><a name="Seite_262" id="Seite_262">[S. 262]</a></span> - -„Den Teufel” schrie einer. „Den -Teufel!” erwiderten etliche.</p> - -<p>„Ja, den Teufel! Den Bösen! Das -Böse! Den Feind des Guten! Den -Feind der Menschheit, den Feind alles -Menschlichen! Sie kommen mit dem -Mordgewehr zur Taufe! Mit vierzehn -Jahren stehen sie als Leutnant auf dem -Kasernenhof, den sie zeitlebens nicht -mehr verlassen! Menschen dressieren, -Menschen schikanieren, drangsalieren, -von Kasernengeneration zu Kasernengeneration! -Die Peitsche, die Peitsche -über das deutsche Volk! Sie wollen -Frankreich vernichten, England an -Zeppelinen verankern, lichten und im -Ozean draußen niederlassen! Kaiser, -Könige, Fürsten aller Schattierungen -ließen sich von ihnen und von ihren Hohenzollern -ihren Glanz und ihre Macht -garantieren und verschrieben sich und -ihre Landeskinder ihrem Blutwahn! -Hohen Zoll zahlten wir ihnen und ihren -Hohenzollern! Ihre Namen kann man<span class="pagenum"><a name="Seite_263" id="Seite_263">[S. 263]</a></span> -nicht aussprechen, man zerbricht sich -die Zunge! Die meisten endigen auf ow! -O W! O weh!! rufe ich aus, o weh!! -gutes deutsches Volk! Herrliches Volk -des Gemüts, des Herzens, armes, zerschundenes -Volk, gekreuzigtes Volk! -Und doch wieder: Törichtes Volk! -Dummes Volk! Was gingst du nur zu -gern in ihre Schützengräben! Der dich -so gleich hineinjagte, hat von jeher das -Wort verachtet! Diese Diplomaten — -das ist ein echtes Hohenzollernwort — -verdarben uns den Braten! Uns, uns, -Männern des Schwertes! Was ließest -du dich so leicht betören!”</p> - -<p>Der Einäugige hielt inne und fuhr -dann fort:</p> - -<p>„Aber Revolution ist Tat!: Auf! Auf, -zur Revolution!”</p> - -<p>Er riß sein Seitengewehr heraus, -schwang es in die Luft, deutete nach der -Fahne, die auf dem Hauptgebäude -flatterte, und schrie:</p> - -<p>„Schwarz, weiß, rot! Was daran<span class="pagenum"><a name="Seite_264" id="Seite_264">[S. 264]</a></span> -junkerisch ist, schwarz und weiß, das -reißt ab! Was übrig bleibt, sei unsere -Fahne: Das Rot der wahren Freiheit ... -Versteht mich nicht falsch: Das Rot -der befreiten Menschenliebe, die Farbe -unseres Blutes, des Lebens, des heiligen -Geistes, der in Flammen über uns -kommen möge! Auf zur Tat! Auf zur -befreienden Tat!”</p> - -<p>Der Einäugige sprang von dem Tisch -herab, und nun folgten ihm alle zum -Tor hinaus, und auch Dauphin lief -mit.</p> - -<p>Am Kasernentor aber sieht Dauphin -Balthasar, und Balthasar zieht das -Gäulchen aus dem begeisterten Soldatenknäul -und nimmt es wieder zurück -in seinen neuen Alltag.</p> - -<p>Jedoch dieser neue Alltag blieb wie -der alte. Was ging Balthasar die Revolution -an? Kehricht, Spülicht, ab -und zu ein duftendes Pfuhl! Mit Fleisch -versehen, mag sich, wer will! Ganze -Länder gibt's, die sich nicht wollen revolutionieren<span class="pagenum"><a name="Seite_265" id="Seite_265">[S. 265]</a></span> -lassen: was braucht Balthasar -eine Revolution?</p> - -<p>Dauphin aber, dem die Revolution -also nicht bessere Zeiten zu bringen -schien, hatte unverhofft Glück!</p> - -<hr class="chap" /> - -<p class="pagebreak"><span class="pagenum"><a name="Seite_266" id="Seite_266">[S. 266]</a></span></p> - - - - -<h2>XVI</h2> - - -<p>Er stand am Ladenfenster eines Herrenschneiders -und träumte in das -helle Glas. Weil er letzter Tage schon -öfter dagestanden, indeß der Balthasar -drinnen im Laden weilte, sah er mehr -nach den goldenen Buchstaben des -Schneidernamens als nach seiner Blesse.</p> - -<p>Plötzlich schollern schwerste Räder -übers Pflaster der Straße, erschreckt -sieht Dauphin um und sieht wuchtige -Kanonen daherkommen, von wuchtigen -Pferden gezogen. Maskiert sind -Pferde und Kanonen, mit Schmutz beschmiert, -mit Oelfarben aller Art, und -die Kanoniere sitzen oben, und ihre -Köpfe hängen tief auf die Knie herab, -und auch die Gäule schreiten müde dahin. -Wenn ganz einmal einer der Soldaten -den Kopf hochträgt und die Augen<span class="pagenum"><a name="Seite_267" id="Seite_267">[S. 267]</a></span> -in die Zuschauer sinken läßt, sieht -man unendliche Traurigkeit in diesen -Augen, und die Menschen, die da stehen, -gehen heim und verwinden die -Tränen.</p> - -<p>In der Ladentür steht Balthasar bei -dem Schneidermeister und hat eine -dunkle Weste an, die mit weißen Reihfäden -allerlustigst durchsprenkelt ist, -und über die gelblichen Hemdsärmel -hängt das Metermaß.</p> - -<p>Dauphin hat keine Ruhe mehr. Den -Balthasar konnte er kaum erkennen, -wollte ihn vielleicht auch nicht recht -erkennen, und als er wieder im Laden -verschwunden war, zog Dauphin sein -Wägelchen an und zog es neben einer -gestutzten Abwehrkanone her, die mit -vier Füchsen bespannt war. Der Lärm -der schweren Geschütze verschlang natürlich -das Gekläpper des Wägelchens -vollauf, und Balthasar merkte -nichts.</p> - -<p>Als die versunkenen Kanoniere erst<span class="pagenum"><a name="Seite_268" id="Seite_268">[S. 268]</a></span> -weit draußen vor der Stadt den kleinen -Abenteurer neben sich entdeckten, stiegen -sie ab und banden ihn kurzerhand, ohne -zu beachten, wie sehr er widerstrebte, -an den nächsten Apfelbaum, der am -Wege stand. Sie liefen eiligst ihrem -Fuhrwerk, das unterdessen nicht halten -konnte, nach und sprangen auf, und -Dauphin flehte die, die unausgesetzt an -ihm vorüberzogen, um Erbarmen an, -daß sie ihn doch seiner Fessel entledigen -und mitnehmen sollten. Und weil Soldaten -sich auf die Pferdesprache manchmal -recht gut verstehen, wenn sie wollen, -geschah es, daß einer sich von seinem -Protzkasten schwang und Dauphins -Fessel löste und auch die Stränge -des Wagens loskettete. Just im selben -Augenblick, als Dauphin ausreißen -wollte in die unsichere Freiheit des -Nichtmehrganzjungen, da stand Balthasar -hinter ihm und kettete die Stränge -wieder ein, drehte das kleine Fuhrwerk -stadtwärts, und Dauphin ließ den<span class="pagenum"><a name="Seite_269" id="Seite_269">[S. 269]</a></span> -Kopf wieder hängen, denn er schämte -sich vor den großen Gäulen sehr.</p> - -<p>In die Kaserne ging's!</p> - -<p>„Noch ein Weilchen Geduld, feiner -Herr!” sprach Balthasar zu Hause, „die -Hühnerleiter ist zwar schon herumgedreht: -was unten war, ist heute oben, -aber wir müssen nicht tollkühn sein und -uns noch einen Tag gedulden können!”</p> - -<p>Dieser Tag kam nach drei Tagen!</p> - -<p>Balthasar trug einen neuen Anzug, -einen schwarzen, steifen Hut und einen -Spazierstock mit Silberkrücke. Dauphin -ward nicht eingespannt, sondern -durfte, nur mit dem Halfter bekleidet, -an dem ein Lederriemen hing, mitgehen. -Sie machten Halt in einer Wirtschaft -der Stadt, und Dauphin ward in einen -Stall geschoben, wo noch drei große -Gäule standen, die vor Hunger stampften.</p> - -<p>Kaum war Balthasar in der Wirtschaft -verschwunden, so kamen zwei -Burschen in den Stall, banden eilig<span class="pagenum"><a name="Seite_270" id="Seite_270">[S. 270]</a></span> -den kleinen Dauphin los und führten -ihn durch ein Hintertürchen — Dauphin -verstand es wohl, sich zu bücken -— davon.</p> - -<p>Die drei Burschen liefen querfeldein -und kamen nach einer Stunde auf einem -großen Platze an, wo anscheinend der -ganze Zug, der gestern durch die Stadt -sich träg und ermattet hingeschlängelt, -aufgelöst sich ausbreitete.</p> - -<p>Da gab's offenbar etwas Neues! -Dauphin reckte den vom Joch befreiten -Hals mit glorreichem Schwunge in die -Höhe, um nicht übersehen zu werden, -denn er war doch daran gewöhnt, geachtet -und sogar ausgezeichnet zu sein!</p> - -<p>Kannte Dauphin nicht einen dieser -dicken Kerle da? Hatte er nicht mit einem -dieser roten Hengste einst sogar Freundschaft? -Er zerrte an seiner Leine, und -einer der Füchse legte seinen starken Hals -über Dauphins Mähne ... Dauphin -wibberte, indeß er so in dieser Liebkosung -verharrte, am Heu eines Protzkastens,<span class="pagenum"><a name="Seite_271" id="Seite_271">[S. 271]</a></span> -fraß nicht, hälmelte nur so und -war seit langer Zeit wieder einmal durchaus -beglückt!</p> - -<p>Bauern, die Dauphin schon oft neben -müden Kühen durch die Stadt -hatte schlendern sehen, ergingen sich -zwischen den abgeschirrten Pferden, -rieben die Hände aneinander und lachten -sich an und guckten den starken Gäulen -in die aufgerissenen Mäuler. Dauphin -hätte sich nicht so von jedermann -in den Mund gucken lassen!</p> - -<p>Seine zwei Begleiter hatten's eilig! -Ein Judenbübchen, kaum fünfzehn -Jahre alt, kam auf sie zu, klatschte Dauphin -auf den Schenkel, trat aber wieder -rasch beiseite, als fürchte er sich vor -den Zweien. Es legte die eine Hand -vorsichtig auf seine Mütze, die sonderbare -Wülste hatte, als verhülle sie einen -verbeulten Kopf.</p> - -<p>„Na, willst du nicht anbeißen?” -fragte der eine von Dauphins Begleitern, -und der andere fügte gleich hinzu:</p> - -<p><span class="pagenum"><a name="Seite_272" id="Seite_272">[S. 272]</a></span> - -„Kannst ihn billig haben!”</p> - -<p>„Der Fuchs hier,” antwortete das -Judenbübchen, „kostet fünfundsiebzig -Mark!”</p> - -<p>Es zog aus seiner tiefen Innentasche -ein Pfund Butter und stülpte die Mütze -seines Kopfes und hielt in der Mütze -den beiden zehn reinweiße Eier vor die -Nasen. Der Knabe sah sogleich, daß -sie's zufrieden seien und sagte, indem er -ihnen seine Kostbarkeiten überreichte -und die Leine ergriff:</p> - -<p>„Emma heißt sie doch, gelt?”</p> - -<p>Der eine steckte die Butter in seine -Innentasche, der andere kippte am -Wagenrad ein Ei auf, und beide sagten -sie zugleich:</p> - -<p>„Emma! Freilich, wie denn sonst!”</p> - -<p>Auch der andere schlug ein Ei auf, -und während der Judenknabe das -Gäulchen schon fortführte, flogen die -Eierschalen um ihre Ohren, aber sie -beide achteten nicht darauf!</p> - -<p>Sie entfernten sich weiter von der<span class="pagenum"><a name="Seite_273" id="Seite_273">[S. 273]</a></span> -Stadt, überschritten die Brücke, die -Dauphin noch nie überschritten hatte, -und kamen auf eine Landstraße, die -links und rechts mit alten Apfelbäumen -bestellt war. An einem Steinhaufen -mußte Dauphin stehen bleiben, und der -Knabe schwang sich auf seinen Rücken.</p> - -<p>Heisa! Heisa! Ein Kind auf Dauphins -Rücken, draußen in der Freiheit, -unter Apfelbäumen, zwischen Aeckern -und Wiesen! In leichtem Trab lief er -dahin über die Steinstraße, ledig der -Siele, ledig der Stadt, ledig des mürrischen -Balthasar!</p> - -<p>Ein Apfel hing allein auf einem -Baum: der Knabe stieg ab, warf mit -einem Stecken in die Krone, der Stecken -blieb hängen, der Apfel fiel, und der -Knabe gab den Apfel dem Gäulchen, -das auf einmal wieder einen Namen -hatte!</p> - -<p>„Will Emma auch ein Stück Brot?”</p> - -<p>Jawohl, Emma will auch ein Stück -Brot!</p> - -<p><span class="pagenum"><a name="Seite_274" id="Seite_274">[S. 274]</a></span> - -Aber Emma will auch den Knaben -wieder auf ihrem starken Rücken tragen! -Am nächsten Steinhaufen blieb -Emma wieder stehen, und der Knabe -schwang sich wieder bäuchlings auf -den schmalen Pferderücken, und der -Pferderücken schwebte nur so dahin, -einer ungewissen Zukunft entgegen!</p> - -<p>Die große Glocke der Stadtkirche -flutete hinterdrein, und als das Gewoge -nicht mehr zu hören war, verzögerte -Emma den Schritt! Schweiß -stand auf ihrer Haut. Durchs nächste -Dorf führte der Knabe sein Tierchen an -der Leine, und hinterm Dorf stieg er -nicht wieder auf, und der Schweiß verkroch -sich wieder.</p> - -<p>Ein Gebirge hob sich aus der Ebene -auf, und in den Fichtenspitzen des Bergkammes -schwang sich ein leiser Wind. -Die Sonne senkte sich gerade in diese -zart bewegte Ruhe, und der Knabe -sprach und deutete:</p> - -<p>„Siehst du, Emma, dort oben hinter<span class="pagenum"><a name="Seite_275" id="Seite_275">[S. 275]</a></span> -diesem Buckel ist unsere Heimat! -Gehst du gerne mit? Du sollst es gut -bei uns haben! Weißt, wir haben noch -richtigen Hafer! Bei uns kannst du dich -richtig erholen, da wird dein Wasserbauch -verschwinden und die Faßreifen -hier, und deine Backen werden sich füllen -und deine Augen: zeig mal deine -Augen! Aha! das ist eine Kleinigkeit -für dich, die werden glänzen wie die -Sonne am Berge Garizim! Zu schaffen -ist ja nicht viel bei uns: du gehörst -übrigens mir, und wenn sie dich einspannen -wollen zu Dreckarbeiten, so -werd ich auch ein Wörtchen mitzureden -haben! Es ist ja richtig: wir haben -einen Stall voll Kinder, und die Dienstboten -bleiben nicht lang bei uns; aber -bist du etwa ein Dienstbote? Nein, -Emma, du bist kein Dienstbote! Und -unter uns gesagt: Dienstboten sollte es -fortan überhaupt nicht mehr geben!”</p> - -<p>Gänse ergingen sich, Schweine -grunzten im Chausseegraben, eine<span class="pagenum"><a name="Seite_276" id="Seite_276">[S. 276]</a></span> -Dreschmaschine brummte irgendwo, -und man sah sie nicht.</p> - -<p>An all diesen Herrlichkeiten raste Emma -vorüber, ohne verweilen zu wollen, -und der Weg führte, wie sie wünschte, -den Berg hinan, der Sonne entgegen! -Die Sonne versank vollends, der Weg -führte wieder talab, ein Dörflein hockte -unten beisammen wie eine Hühnerschar. -Im Dorf stand ein neues Haus neben -der Kirche, beschattet von der Kirche: -das Schulhaus natürlich, und hundert -Kinder rasten an die Gitterstäbe, als -Emma kam. Aber der Knabe hielt nicht -an und eilte, ins Vaterhaus zu kommen, -das am Ende der Straße in Fachwerk -leuchtete.</p> - -<p>„Vater, Vater!” rief der Knabe in -den Hof, „Hans im Glück ist heimgekehrt! -Komm rasch heraus und sieh, -was ich dir bringe für die Butter und -für die Eier!”</p> - -<p>Die Mutter erschien, schlug die Hände -überm Kopf zusammen, drei kleine<span class="pagenum"><a name="Seite_277" id="Seite_277">[S. 277]</a></span> -Kinder wackelten herzu, vier größere rissen -das Hoftor auf und warfen ihre -Schulbücher in die Ecke, und dann kam -auch der Vater mit dem Federhalter -hinterm Ohr, und in das Gejubel der -Kinder streckte sich seine sonore, hastige -Stimme:</p> - -<p>„Uebermorgen, Sigmund, ist sie tausend -Mark wert unter Brüdern!”</p> - -<p>Emma stand sehr erregt da, sah sich -nach allen Seiten um, musterte besonders -die Kinder und freute sich, daß -nacheinander alle, und drei auf einmal -sich auf ihren Rücken setzten.</p> - -<p>„Tausend Mark unter Brüdern,” -entgegnete Sigmund, „aber Emma -wird nicht wieder verkauft! Emma gehört -mir!”</p> - -<p>„Und mir! Und mir!” krischen die -Kleinsten durcheinander, und der Vater -sagte:</p> - -<p>„Versteht sich, Sigmund, daß er dir -gehört!”</p> - -<p>„Und wenn du ihn verkaufen solltest:<span class="pagenum"><a name="Seite_278" id="Seite_278">[S. 278]</a></span> -nicht unter tausend Mark, und diese -tausend Mark für mich auf die Kasse!”</p> - -<p>„Versteht sich! Futtergeld abgerechnet!”</p> - -<p>„Versteht sich!” erwiderte Sigmund -und führte sein Gäulchen in den Stall -des Vaters. Ein altes, ausgemergeltes -Kühlein drehte gar freundlich den Kopf -nach Emma und schien ihn nicht mehr -wegwenden zu wollen! Sigmund fing -an zu putzen und striegelte Emma blitzblank. -Diese schüttelte sich einmal der -ganzen Länge nach vom Halse bis zum -Schweif und schien über die Maßen -beglückt zu sein.</p> - -<p>Am nächsten Morgen wurde das -Kühlein geholt, und am Abend kamen -zwei Kälber in den Stall. Emma, die -den ganzen Tag über mit den Kindern -und mit allen Kindern des Dorfes auf -den herbstlichen Wiesen umhergetollt -war, wie sie's seit ihrer Jugend nicht -mehr getan, traf am Abend die beiden -Milchkälber neben sich und mußte<span class="pagenum"><a name="Seite_279" id="Seite_279">[S. 279]</a></span> -sehen, wie die acht Kinder sich eher mit -diesen Neulingen beschäftigten als mit -ihr. Denn die Neulinge waren noch so -jugendlich, daß sie ihre Milch nicht aus -der Schüssel trinken wollten, und daß -sie also aus Flaschen mit Gumminapf -trinken mußten.</p> - -<p>Sie blieben nur eine Nacht im Stall, -die Milchkinder, wurden geholt, und -Emma war allein. Emma durfte ein -Wägelchen ziehen, das kleiner und leichter -war als das Kasernenwägelchen. -Zum nächsten Dorf gings, an den Bahnhof! -Ein Sack Grieß wurde aufgeladen, -und diesen Sack zog Emma heim. Es -ging am selben Tag nochmals an diesen -Bahnhof, und diesmal gab's eine Kiste -Zucker und ein Faß Marmelade.</p> - -<p>Doch siehe! Ein Militärzug rauschte -heran, und Sigmund stellte sich an die -Sperre, indes Emma an der Straße -stehen mußte. Sogleich waren Kinder -um sie her. Aber die Kinder blieben nicht -lange bei ihr, denn die Straße her kamen<span class="pagenum"><a name="Seite_280" id="Seite_280">[S. 280]</a></span> -etwa zwanzig Soldaten zu vieren im -Gleichschritt mit fliegenden Mänteln -und pfiffen. Als sie an dem Wägelchen -vorüberschritten, löste sich einer aus dem -Glied, blieb einen Augenblick stehen und -stürzte sich dann mit weitgeöffneten -Armen auf das Gäulchen und schrie:</p> - -<p>„Riesele! Riesele!”</p> - -<p>Die Kameraden hörten auf zu pfeifen, -der Trupp verwirrte auseinander, und -der eine Soldat rief unausgesetzt:</p> - -<p>„Freut euch mit mir, ich habe mein -Riesele wiedergefunden, das verloren -war!”</p> - -<p>Alle umstellten sie Riesele, alle grinsten -vor fröhlichem Lachen, alle legten die -schweren Hände auf Rieseles Rücken! -Etliche spannten schon aus, das Kummet -flog auf das Marmeladenfaß, und -jetzt erst kam Sigmund und schrie und -tobte:</p> - -<p>„Mein Gäulchen, mein Gäulchen! -Tausend Mark ist es wert unter Brüdern!”</p> - -<p><span class="pagenum"><a name="Seite_281" id="Seite_281">[S. 281]</a></span> - -„Die Revolution hebt auch den Hilfsdienst -auf, Gustav,” sagte ein Feldwebel, -„du nimmst dein Riesele mit heim, -wohin es gehört!”</p> - -<p>„Tausend Mark! Tausend Mark!” -schrie Sigmund.</p> - -<p>Gustav zog seinen Geldbeutel, leerte -ihn in die Hand und zählte; er hatte -noch vierundzwanzig Mark und siebenzig -Pfennige.</p> - -<p>„Hier hast du die Barschaft eines geschlagenen -Soldaten!”</p> - -<p>Sigmund weinte heftig; Kinder kamen -hinzu und viele Erwachsene, und -niemand hatte gegen das Wort des -Soldaten etwas einzuwenden. Die -Soldaten aber zogen alle ihre Geldbeutel, -und jeder gab dem Sigmund -noch einen Markschein, so daß dieser -die Lippen vorwulstete, das Geld einsteckte -und sich getrost vor sein Wägelchen -spannte und schließlich zu schmunzeln -begann.</p> - -<p>Riesele aber zog mit. Es hatte den<span class="pagenum"><a name="Seite_282" id="Seite_282">[S. 282]</a></span> -Handel still über sich ergehen lassen und -wohl dem alten, längst vergessenen, -trauten Laute sich hingegeben, ohne der -süßen Dinge gedenken zu können, die -sich an diesen Namen hefteten. Da es -ausgeschirrt wurde, mochten zudem -allerlei zukunftsfrohe Bilder das verträumte -Herz beschlichen haben, das -auch ohne Künstlerschaft stets zu einem -Abenteuer bereit war! Der alte Name -Riesele aber brauchte nicht lange in dem -zerquälten Kinderherzen umherzuirren, -bis er sich selber wiederfand, denn die -Jugend ist alleweil der ewige Nährboden -der Seele.</p> - -<p>Der Soldatentrupp nahm Riesele in -seine Mitte und schob sich weiter die -Landstraße hin. Man sang, man pfiff; -einer trommelte geräuschvoll ins Land -hinein, und Riesele trappte inmitten einer -Herrlichkeit, die es noch nicht durchkostet -hatte. In den Dörfern kamen -Kinder, ritten eine Strecke auf Rieseles -Rücken und liefen wieder zurück. Junge<span class="pagenum"><a name="Seite_283" id="Seite_283">[S. 283]</a></span> -Mädchen kamen, hingen sich den Soldaten -in die Arme, ließen sich küssen und -lachten und sangen mit, hell, wie Kinder -singen, und ihre Stimmen drangen -Riesele ins Herz, als gehörten sie dorthin!</p> - -<p>Keines ging, ohne Riesele gestreichelt -zu haben, und viele schenkten ihm etwas: -ein Stück Zucker, einen Bissen -Brot, eine Handvoll Gras, das sie in -der Eile neben an den Wiesen abrissen! -Eines dieser Mädchen, das besonders -übermütig sein mochte, ließ sich sogar -auf Rieseles Rücken heben, als wär es -selber noch ein Kind und ritt so eine -gute Strecke mit.</p> - -<p>Ehrenpforten taten sich auf, da der -Trupp weiter ins Land kam, schwarz -gekleidete Bürgermeister standen auf -Balkonen und sprachen Gedichte von -Schiller, und Riesele nahm alles ruhig -und ernst entgegen. Rote Bänder flatterten -wieder an seinen Schläfen, und -der Hals reckte sich, und die Ohren<span class="pagenum"><a name="Seite_284" id="Seite_284">[S. 284]</a></span> -spitzten fast so hoch als die der Soldaten.</p> - -<p>Eine alte Frau sah zum Fenster heraus, -schlug, da sie die heimkehrenden -Soldaten sah, die Arme überm Kopf -zusammen und schrie wild hinaus.</p> - -<p>Indessen wurde noch an diesem -Abend der Trupp kleiner und kleiner, -und als man sich zum Schlafen anschickte, -waren nur noch sieben Mann beisammen -und Riesele. Sie schliefen in -einem warmen Stall. Sie schliefen auch -am nächsten Abend wieder in einem -warmen Stall. Am folgenden Tag aber -stiegen sie in die Eisenbahn; und nun -gings rasch dahin, rechts die Ebenen, -links das Gebirge, über einen Fluß, -über Bäche, zu den zwiebeligen Kirchtürmen, -und man stieg aus an einem -Bahnhöfchen, das Riesele schon einmal -gesehen hatte. Etliche Soldaten -blieben zurück, zwei stiegen aus.</p> - -<p>Nun wanderten die drei die Bergstraße -hinan, wo Riesele alles schon gesehen<span class="pagenum"><a name="Seite_285" id="Seite_285">[S. 285]</a></span> -hatte. Das Birkenwäldchen hob -sich in den blauen Himmel, die Wiesen -dehnten sich hin, und viele Kühe weideten -den letzten Wuchs ab. Am Eingang -des Dorfes prangten wie überall -grüne Fichtenkränze, Tafeln mit Sprüchen, -die noch im Kaiserreich geboren -waren, und rote Papierfetzen flatterten -hin und her, durchzittert von bangen -Hoffnungen um die bessere Zukunft.</p> - -<p>Ha, eben, wie Riesele den Weg links -einbog nach dem Mutterhaus, ging etwas -in seiner Seele vor: es blieb stehen! -Es hob langsam den Kopf, es pendelte -die Ohrenspitzen gegeneinander, es entblößte -die Zähne, und nun begann es -zu rennen, daß Gustav nur mit Mühe -ihm folgen konnte.</p> - -<p>Auf den Steinstufen der hohen Treppe -saß die Familie des Bauern Klaus: -er, der Bauer, Katherin, seine Frau, der -rothaarige August und Trudel, die ein -großes Mädchen geworden war. Sie -tranken aus weiten tönernen Schalen<span class="pagenum"><a name="Seite_286" id="Seite_286">[S. 286]</a></span> -ihre Abendmilch und aßen weißes Brot, -das dick mit Butter bestrichen war.</p> - -<p>Als sie erkannten, wer da heimkehrte, -liefen sie von der Treppe herab, eine -Schale zerklirrte in Scherben, und mitten -auf dem Weg fielen sich alle nacheinander -um den Hals, und auch Riesele -ward geherzt und verstohlen geküßt. -Als der Bauer sich überzeugt hatte, daß -die beiden Zurückgekehrten unverletzt -und gesund vor ihm standen, nahm er -seine Frau an der Hand und führte die -Seinen heim.</p> - -<hr class="chap" /> - -<p class="pagebreak"><span class="pagenum"><a name="Seite_287" id="Seite_287">[S. 287]</a></span></p> - - - - -<h2>XVII</h2> - - -<p>In dem Heimathause Rieseles hatte -sich nicht viel verändert. Trudel, die -Mutter, stand noch im Stall, eine Kuh -ihr zur Seite, zwei Ziegen meckerten -hinten, ein Hasenvater hoppste an seinen -vernachlässigten Jungen vorbei, die -Schwalbennester prangten in vergilbendem -Rot, auf der Stallschwelle saßen -Hühner mit ihrem Hahn, Enten -wackelten einher, die Gänse erzählten -sich die Neuigkeiten der Zeit, und das -fleißige Lieschen schnurrte dünn und -abgearbeitet die Stunden aus der Stube -herunter in den Stall.</p> - -<p>Die Mutter Trudel war alt und mager -geworden, und es dauerte etliche -Tage, bis sie sich ihres Kindes erinnern -konnte. Riesele, im ganzen etwas -schmächtiger gebaut als die Mutter,<span class="pagenum"><a name="Seite_288" id="Seite_288">[S. 288]</a></span> -strotzte von Jugendkraft, und es kam -dem Bauern Klaus gleich am ersten -Tag der Gedanke, die alte Trudel irgendwie -zu verkaufen und Riesele ihren -Dienst versehen zu lassen.</p> - -<p>Seltsamerweise war die ganze Familie -mit diesem Plane gleich einverstanden, -und auf der Straße sagten die -Leute:</p> - -<p>„Na Klaus, jetzt wirst du die Alte -abschaffen!”</p> - -<p>Es gab sich Gelegenheit, sie nicht -einem Pferdehändler, auch nicht einem -Roßschlächter überantworten zu müssen, -indem ein Bäuerlein des Dorfes -sie um ein Geringes erstand und sie neben -sein schwaches Kühlein spannte.</p> - -<p>Die Hauptarbeit des Jahres war geschafft, -als Riesele frischen Mutes in -die heimatlichen Siele trat. Am ersten -Tag ließ sich Gustav von seinem Bruder -August ins Städtchen zu seinem -Meister fahren, wo er das Wagnerhandwerk -erlernen wollte; und am<span class="pagenum"><a name="Seite_289" id="Seite_289">[S. 289]</a></span> -Abend trabte Riesele nochmals hinunter, -den Gustav wieder abzuholen!</p> - -<p>Jeder Schritt, den Riesele tat, war -Freude; jeder Atemzug war Freude! Das -Birkenwäldchen drüben, das mächtig -in die Höhe geschossen war, goß Freude -in Rieseles Seele; das leere Feld goß -Freude in seine Seele! Die kahlen Obstbäume, -die wie abgearbeitete alte -Männer den Hang hinan standen, als -mühten sie sich, hinaufzukommen, als -wollten sie jederzeit niedersinken auf -ihren ausgebreiteten Schattenteppich, -sie erfüllten die Seele des Gäulchens -mit Freude! Das Wässerlein rieselte -nicht größer, nicht kleiner, nicht lauter, -nicht leiser inmitten der Wiesen, und -war so hell und so klar wie ehemals, -ließ sich auf den letzten Grund gucken -und verheimlichte nichts von seinem -Wesen, und gab bereitwillig und munter -schwatzend dem Riesele, wenn dieses -über das Brückelchen stapfte, den -Schattenriß seines Kopfes wieder.<span class="pagenum"><a name="Seite_290" id="Seite_290">[S. 290]</a></span> -Welch eine Freude tat das Wässerlein -in Rieseles Herz, wenn es die weiße -Blesse schimmern ließ!</p> - -<p>Als Riesele am Abend mit dem Wagnergesellen -heimkehrte, kamen ihm schon -ein paar Kinder entgegen, setzten sich -zu den Burschen aufs Wägel, und zu -Hause hinter den Fensterscheiben winkte -Trudel, das Mädchen, das ein blaues -Band im Krönchen seiner Haare trug, -und öffnete das Fenster und hörte nicht -auf zu singen. Es kam sogar heraus zu -Riesele, liebkoste es und sprach:</p> - -<p>„Aber wo sind deine goldenen Hufe, -Riesele, wo sind sie denn geblieben? Ich -für mein Teil, wenn ich fortzöge in ein -Märchenland wie du, ich käme nicht -heim ohne goldene Schuhe!”</p> - -<p>„Geh du lieber gar nicht fort!” sagte -Gustav, „sonst kann es geschehen, daß -du barfuß wiederkehrst, denn der Krieg -macht Deutschland zum Aschenbrödel -der Welt!”</p> - -<p>Gustav schirrte Riesele ab; am rechten<span class="pagenum"><a name="Seite_291" id="Seite_291">[S. 291]</a></span> -Brustbein hatte das Kummet der -Mutter, das dem Riesele zu weit war, -eine Wunde aufgeschürft, die Trudel -mit essigsaurer Tonerde sofort auswusch. -Sie sang dazu das Lied von -den drei Lilien, und Riesele spürte keinen -Schmerz und trat in seinen Stall -und legte sich.</p> - -<p>Ueber Nacht schneite es ein wenig. -Am andren Morgen bekam Riesele -vom Sattler ein weiches Unterkummet -an, und nun zog es den Wagen in den -Fichtenwald. Der Bauer saß oben und -klapperte mit der Peitsche in die kalte -Morgenluft, und immer fiel der Knall -in den weiß beladenen Fichtenwald und -kam zurück und traf niemals Rieseles -Ohren!</p> - -<p>Hat Riesele je einen solchen Wald -gesehen? Die Stämme stehen zu tausenden -im Lot nebeneinander, versinken -nach der Tiefe zu im Dunkeln, die saftgrünen -Aeste hängen breit herab übern -Weg, und ihr Schnee bedroht Mensch<span class="pagenum"><a name="Seite_292" id="Seite_292">[S. 292]</a></span> -und Tier, sich zu nahe an sein Geheimnis -zu wagen! Unendlich schier senkt -sich der dicht ineinander verwucherte -Fichtenwald ins Tal hinab, steigt wieder -empor und verliert sich ins Weite. -Hie und da bricht eine Schneelast vom -Zweig und zerstäubt, denn die Sonne -stochert durch die brüchigen Wolken.</p> - -<p>Als Riesele an einer Lichtung stehen -bleibt, wo der Bauer kleine Fichten -schlägt, da ballt sich das Düster zusammen -und flieht in großen Fetzen über -den weißen Hang hinan, und die Sonne -greift in langen Strichen durchs Düster -zwischen den grünweißen Fichten. -Von den Spitzen herab tropft das -Schneewasser, schneidet durch das -Sonnenlicht und jauchzt tiefblau auf -für ein Sekündchen. Was hängt, zittert -und quirlt aus seiner Unruhe alle -Farben dieser Erde, und entblößt die -Schönheit der Sonne und ihre Seele. -Rasch sinken die Schneemassen hernieder, -die tiefhängenden Schalen heben<span class="pagenum"><a name="Seite_293" id="Seite_293">[S. 293]</a></span> -sich der Sonne entgegen und lassen den -Schnee über die Ränder gleiten, und -behalten tausend Wassertropfen an -den grünen Nadeln, in denen die -Sonne ihr Geheimnis millionenfach -offenbart.</p> - -<p>Geblendet von der schillernden Farbenpracht, -läßt Riesele hin und wieder -die Lider sich über die großen Augen -herabwölben und hebt sie sogleich wieder, -die Pracht in sich einzutrinken und -keinen Tropfen zu verlieren! Der Duft -der Fichten mischt sich drein; die frisch -umgehauen wurden, strömen ihr aufgeritztes -Blut umher, und Riesele saugt -diesen würzigen Duft durch die weiten -Nüstern in sich ein.</p> - -<p>Der Wagen ist schwer beladen, ein -leichter Dampf schwebt über dem kleinen -Pferderücken, als der Bahnhof -sichtbar wird! Aber Kinder sind da, -Kinder! Sie schreiten neben Riesele -drein und rufen:</p> - -<p>„Weihnachten, Weihnachten!” und<span class="pagenum"><a name="Seite_294" id="Seite_294">[S. 294]</a></span> -es ist, als freue sich auch das Riesele auf -Weihnachten, und als freuten sich auch -die erschlagenen Fichten ihres frühen -Todes, da sie für das Glück der Kinder -sterben durften ...</p> - -<p>Oft und jeden Tag fast mußte Riesele -diesen Weg wieder machen und -mußte Christbäume an den Bahnhof -fahren.</p> - -<p>Indeß wurde es kälter, und das -Wasser, das über den Wiesen stand, -ward zu Eis. Die Kinder warfen ihre -Schlittschuhe über die Schultern und -gingen, die Hände in den Hosentaschen, -hinaus und schnallten die Schlittschuhe -an und fegten über die glatte Fläche, -hielten die Arme seitab und die roten -Nasen hochauf.</p> - -<p>Riesele durfte auch zu den Kindern! -Der Bauer Klaus brach das Eis, um -es in die Brauerei des Städtchens zu -fahren, und Riesele durfte lange neben -der Eisfläche stehen und gucken, und -die Kinder kamen zu ihm, wärmten ihre<span class="pagenum"><a name="Seite_295" id="Seite_295">[S. 295]</a></span> -Hände an seinem Leib und unter seiner -Rückendecke und umstanden das liebe -Gäulchen wie die Stadtkinder den -Maronimann.</p> - -<p>Was mußte Riesele nicht alles schaffen -in der stillen Winterszeit!</p> - -<p>War etwa der Herr Doktor aus dem -Nachbardorf zu holen: wer anders als -Riesele hätte das so eilig besorgen können? -Weilte der Herr Amtsrichter im -Dorf, und er wollte, nachdem er am -Abend noch ein dunkles Geschäft erledigt -hatte, samt der schweren Tasche, -die das dunkle Geschäft verhüllte, rasch -an den Bahnhof gebracht werden: wer -anders als Riesele, und wer diskreter -als Riesele hätte den Herrn Amtsrichter -über den Berg gezogen?</p> - -<p>Sollte der Herr Pastor ins Gebirg -hinauf, und Glatteis klebte an den -Steinen, oder der Schnee sauste, vom -Nordwind zerpeitscht, hernieder: wer -anders als Riesele wäre mit dem Herrn -Pastor durch Nacht und Wind gestürmt,<span class="pagenum"><a name="Seite_296" id="Seite_296">[S. 296]</a></span> -zu denen, die es eilig hatten auf -dem Weg zu ihrem ewigen Glück?</p> - -<p>Weihnachten kam und die Neujahrsnacht! -In dieser Nacht betrat Cornel, -der Schweinehirt, den Stall und setzte -sich vor Riesele auf dessen steinerne -Krippe und sprach:</p> - -<p>„Ich will dir Prosit Neujahr sagen, -Riesele, alter Freund! Nichts weiß ich -von dir aus deiner Zeit der Fremde! -Nur eine schlimme Spur von der Menschen -Hand trägst du an deiner Seite, -die ich erkennen kann: sie haben dir das -Geheiligte der Irdischkeit entrissen, um -mehr Arbeit von dir, um größere Freude -an dir haben zu können. Sie ließen nicht -zu, daß du jemals Mutter werdest! Sie, -die sich Krone der Schöpfung nennen, -treiben Raubbau mit Gottes Angesicht, -wo immer sie es antreffen. Zum Glück, -ach ja, zum Glück werden sie ja von -Tag zu Tag blinder für die Herrlichkeiten -der Schöpfung, wie zu des alten -Noe Zeiten! Damals kam die gewaltige<span class="pagenum"><a name="Seite_297" id="Seite_297">[S. 297]</a></span> -Sintflut von oben herab über die Menschen! -Später, als sie wieder alles vergessen, -aber nichts gelernt hatten, da -schickte Gott sogar seinen eigenen Sohn -herunter, sie zu erlösen von ihren Narreteien -und von ihrer Vernichtungswut -gegen Gott! Das war doch wohl das -letzte Mittel, das gegen sie zur Verfügung -stand: Gott selber kam und — -erlöste sie nicht! Riesele, Riesele! Sei -froh, daß du kein Mensch bist! Kein -Gott könnte dich erlösen! Aber du könntest -dich auch nicht selber erlösen, Riesele, -wenn du ein Mensch wärst, obwohl -du alsdann doch den Ekel an dir -und die Sehnsucht nach Erlösung in -dir trügest! Siehe, ihr lieber Gott hat -sie sich selber überlassen, da er offenbar -nicht wußte, was geschehen sollte! -Nun, was haben sie getan? Aus sich -heraus, aus ihrer famosen Freiheit haben -sie eine neue Sintflut geboren, eine -Sintglut aus Blut und Eisen! Aber -auch diese Flut war nicht schrecklich<span class="pagenum"><a name="Seite_298" id="Seite_298">[S. 298]</a></span> -genug, sie zu bessern, nicht groß genug, -sie zu vertilgen, und nun stehen sie, zu -Stahl geworden, wieder da und wissen -nicht, was jetzt geschehen soll! Frieden! -kreischen sie, überdrüssig des Stahles, -an allen Ecken und Enden der -Welt! Weißt du, Riesele, was das ist: -Frieden? Und wann erst wieder Frieden -werden wird auf Erden, wann der liebe -Gott wieder sichtbarlich — freilich -nicht mehr in Gestalt der Menschen — -auf Erden wandeln wird, wann, wann, -Riesele? Ich will es dir sagen, denn ich -weiß es: wenn die Zeiten der Menschen -abgelaufen sein werden! Dann und -nicht eher!</p> - -<p>Soll ich dir sagen, was mir neulich -unser Pastor, den du gut kennst, den du -noch aus deiner Jugendzeit kennst, was -der zu mir sprach? Er sprach, und er ist -ein weiser Mann und hat das Herz auf -dem rechten Fleck:</p> - -<p>„Pfaffen herbei!” hat er gesagt, -„Hohenzollernsches Brimborium herbei!<span class="pagenum"><a name="Seite_299" id="Seite_299">[S. 299]</a></span> -Diesem Geschlecht kann die Hölle -nicht heiß genug gemacht werden!” So -hat er gesagt, aber er irrt gewaltig! ... -Er ist keiner von jenen, die er herbeiwünscht, -er verwünscht alle Peitschen, -die über die Menschheit geschwungen -werden: ja, Pfaffen seiner Art ließe ich -mir noch gelten, aber er ist gar kein -Pfaffe!</p> - -<p>Einst, Riesele, wollte ich dir erzählen, -wie die Menschen sich die Tiere zu Haustieren -machten, und ich will es dir jetzt -rasch erzählen!</p> - -<p>Als die Menschen noch so einfach -und noch so gut waren wie die Tiere, -lebten deine Vorfahren frei und fröhlich -draußen in den großen Wiesengärten, -die sich endlos über die Erde erstrecken. -Sie lebten vereinzelt, zu zweien und in -großen Herden, sie fraßen das Gras -vom Erdboden, sonnten sich und pflegten -der Minne. Sie lebten der Liebe -wegen. War im Winter die Erde überschneit, -so scharrten sie mit breiten Hufen<span class="pagenum"><a name="Seite_300" id="Seite_300">[S. 300]</a></span> -das Gras bloß und warteten auf -bessere Zeiten. Feinde lauerten manchmal -auf die Jungen, auf die Mütter, -auf die starken Väter. Blutgierige -Raubtiere brachen aus den Hecken, aus -den Wäldern hervor, sprangen geschickt -an ihre Kehlen und soffen ihr -Blut.</p> - -<p>Nicht minder geschickt aber wußten -die Pferde sich zu verteidigen. Schon -lange, bevor der Feind zur Stelle sein -konnte, hörten sie ihn mit den hochgestellten -Ohren, sahen sie ihn mit den -großklaren Augen im Kreise schleichen, -und nun ordneten sie sich eiligst in der -Runde, streckten die Köpfe nach innen, -daß die bewehrten Hinterbeine nach -außen im Kreise standen, und nun, -wenn der Feind es wagte, heranzukommen, -feuerten diese Hufe gegen ihn aus, -daß er kein Plätzchen, keine Lücke fand, -anzugreifen.</p> - -<p>Da kam der Mensch! Erst schleuderte -er aus dem Hinterhalt die schwersten<span class="pagenum"><a name="Seite_301" id="Seite_301">[S. 301]</a></span> -Steine in die Herde, dann schoß er -Pfeile ab aus weiter Entfernung, das -Fleisch der Pferde zu essen, da er ringsum -in der Natur nicht genug fand und -es den Blutsaugern ähnlich machen -wollte.</p> - -<p>An einem Fluß hing seine Hütte halb -im Wasser; sein Feld erstreckte sich den -Wald entlang, seine Frauen und seine -Kinder wuschelten im Schilfrohr und -nahmen den Kiebitzen und den Enten -die Eier aus den Nestern und stachen -die Fische aus dem Wasser. Mühsam, -ja, mühsam warfen sie die Schollen der -Erde um, daß neues Korn um so besser -wachsen konnte, und sie sahen die starken -Pferde in göttlicher Freiheit auf den -Wiesen umhertollen und kamen, gedankenreich, -wie sie sind, darauf, diese -Pferde einzufangen und vor die rohe -Pflugschar zu spannen. Mit einem großen -Seil mußten sie das erste Pferd eingefangen -haben. Es ward an den Pfahl -gebunden, es ward mit Rindshautriemen<span class="pagenum"><a name="Seite_302" id="Seite_302">[S. 302]</a></span> -gezügelt, alsdann zog es mit Leichtigkeit -den Pflug! Zur Regenzeit stand -es unter einem Dach, zur Winterszeit -in einem warmen Stall. Gab es dem -Menschen seine Kraft, so erhielt es dafür -ein reichliches Futter und brauchte -besonders im kalten Winter nicht das -spärliche Gras aus dem Schnee zu -scharren.</p> - -<p>Durch ein Loch in der Lehmwand -seines Stalles sah es seine Kameraden -draußen in der Kälte des Winters nach -dem spärlichen Grase scharren, indeß -es selber seine warme Suppe nicht ganz -verzehren konnte. Da kam sein Herr -herein, sattelte es, nahm das lange Seil, -schwang sich auf des Pferdes Rücken, -und nun galoppierten die zwei keck den -vielen Kameraden entgegen, mitten in -sie hinein, der Mensch schleuderte das -Seil und fing sich ein zweites Pferd, -das mit heim in den warmen Stall gehen -mußte.</p> - -<p>Möglich, Riesele, daß noch andere<span class="pagenum"><a name="Seite_303" id="Seite_303">[S. 303]</a></span> -Pferde nachkamen, freiwillig ihrer Freiheit -sich begaben für das bißchen -Wärme, für das bißchen Futter!</p> - -<p>Wie gesagt, Riesele, Freiheit tauschten -sie für die Bedürfnisse des Bauches und -für die Bequemlichkeit! Ich für mein -Teil und du nicht minder, Riesele, wir -wären nicht in die Falle gegangen, wir -wären draußen geblieben, denn auch -der garstige Winter ist schön, wie alle -Natur in jeglichem Zustand schön ist, -wie jeder Mensch, der sich natürlich -gibt, und das Herz, das hier nicht recht -Bescheid weiß, lebt nur halb und weiß -nicht, was vollkommene Freude ist!</p> - -<p>Die Menschen haben die Verbindung -verloren mit der großen Natur allhin -gleich dem Wasser der Pfütze, das steht, -stockt, stinkt und nicht zum Meere kann -und des Meeres Pulsschlag verloren -hat.</p> - -<p>Gut, gut, Riesele: das Geschöpf ist -in sich gut und will seinem Mitgeschöpf -behilflich sein! Aber der Mensch unterjochte<span class="pagenum"><a name="Seite_304" id="Seite_304">[S. 304]</a></span> -die Tiere, erfand die Peitsche, -rottete viele gänzlich aus und machte -auch den Mitmenschen sich zum Haustier. -Das ist die Wurzel alles Elends -in der Welt! Die Freiheit wurde ausgerottet, -und was da übrig blieb, — der -Pastor hat recht! — das ist reif für den -Schürhaken der Hölle!</p> - -<p>Wer spielt die größte Rolle in diesem -Menschengezücht? Wer? Der Bauch! -Ha, sie haben so viele Erfindungen gemacht, -sie haben sich mit Leib und Seele -der Chemie verschrieben und von der -Natur entfernt: wenn die Chemie doch -wenigstens ein Kernchen Radium zu -präparieren verstünde für den Bauch, -für den Magen, für den absoluten Souverän -der Menschen, daß ein ganzes -Geschlecht davon seine Kräfte beziehen -könnte, der Freiheit zu fröhnen und der -Minne! Ha, sie überfressen sich und sagen: -das ist unmenschlich und tierisch! -Sie wollen das Tier im Menschen -überwinden, hörst du's, Riesele! sie<span class="pagenum"><a name="Seite_305" id="Seite_305">[S. 305]</a></span> -wollen das Tier im Menschen überwinden -und wissen nicht einmal mehr, -daß das Tier keusch ist! Diese raffinierten -Bösewichter des Weltkriegs wissen -überhaupt nichts mehr vom Guten! -Wer könnte uns erlösen? Wollen wir's -einmal mit dem Gotte in unserer Brust -versuchen, der von uns verlangt, daß -wir in Minne das Gute tun und sonst -gar nichts? Wollen wir's versuchen? -Wir zwei, wir wollen uns freiwillig -der Gemeinschaft verschreiben und sie -erlösen helfen, wenn dies möglich ist! -Wir wollen die Verirrten lieben, weil -wir Mitleid mit ihnen haben, die Hungrigen -speisen, die Kranken besuchen, -die Gefangenen erlösen, o Gott, o -Gott, Riesele: lieben wollen wir, lieben! -Wir wollen helfen, glücklich machen, -wir wollen uns freiwillig in Minne -unserer Freiheit begeben, Riesele, Apostel -der Freiheit werden, daß Gott für -unsere armen Mitmenschen in uns wirksam -werde!”</p> - -<p><span class="pagenum"><a name="Seite_306" id="Seite_306">[S. 306]</a></span> - -Es schlug zwölf, als Cornel seine -lange Rede beendet hatte, Schüsse -krachten im Tal umher, das Geknall -vorlauter Feuerfrösche hüpfte zwischen -den Revolverschlägen umher, und junge -Stimmen riefen das neue Jahr ein, das -wie jedes seiner Vorgänger den Menschen -das Glück und reichen Segen -bringen sollte ...</p> - -<hr class="chap" /> - -<p class="pagebreak"><span class="pagenum"><a name="Seite_307" id="Seite_307">[S. 307]</a></span></p> - - - - -<h2>XVIII</h2> - - -<p>Als der Frühling kam, erwachte in -dem Dorf sogleich die alte Fröhlichkeit -wieder. Die Kinder sangen auf den -Gassen, sie besuchten Riesele, sie liefen -neben ihm drein, sie schenkten ihm Zucker -und gutes Brot, denn an solcherlei -Dingen fehlte es in dem Gebirgsdörfchen -nicht. Sie steckten ihm die ersten -Blumen ins Halfter, ganze Ketten von -Löwenzahn schoben sie ihm übers -Kummet, und sie riefen seinen Namen -auf Weg und Steg.</p> - -<p>Die Burschen suchten in den Wiesen -nach den schönsten Blumen, banden -Sträuße und stellten sie ihren Liebsten -vor die Fenster. Des Abends saßen sie -bis tief in die Nacht auf den steinernen -Haustreppen bei den Mädchen, erzählten -vom verruchten Krieg und boten<span class="pagenum"><a name="Seite_308" id="Seite_308">[S. 308]</a></span> -mitten im Schlachtengeheul ihre liebenden -Herzen preis und spielten die Ziehharmonika, -die alle Vertraulichkeiten -des Herzens so trefflich zu sagen versteht, -und sangen jene alten Lieder wieder, -die unmittelbar von Herz zu Herz -gehen. Die Mädchen kannten schier -diese Lieder nicht mehr. Zoten aus -Deutschlands eckigem Wasserkopf, Zoten -aus Deutschlands fettem Bierherzen -hatten sie schon lange vorm Krieg hart -bedrängt und verdrängt! Die Küsse, die -man zu diesen Zoten gab oder nahm, -verwundeten, die Küsse, die man zu den -alten Volksliedern gab oder nahm, heilten! -In den Scheunen wurde getanzt.</p> - -<p>Da stand irgendwo ein kleines Geschöpf, -konnte zwar nicht mitsingen, -konnte auch nicht mittanzen und noch -viel weniger mitküssen, stand da und -legte sich nicht um und schloß die hellen -Augen nicht und hatte das kleine Herz -so voll ungestümer Sehnsüchte nach -Menschenliebe! Da stand es und riß an<span class="pagenum"><a name="Seite_309" id="Seite_309">[S. 309]</a></span> -seiner Kette, die nicht aus Löwenzahn -gefertigt war, und scharrte mit dem -linken Vorderfuß und nickte mit dem -Kopfe und blieb immer wieder allein! -Zwar war es müde von des Tages Last -und Arbeit, zwar ging sein Atem schwer, -aber die Augen blieben nicht geschlossen, -und der Kopf reckte sich immer wieder -aus dem Stroh empor.</p> - -<p>Das Riesele führte also tagsüber den -Mist auf die Aecker, kehrte heim, holte -den Pflug und die leichte Egge und zog -sie auf einer Schleife hinaus. Als es -aber vor dem Pfluge eingespannt war -und die Schollen aufwerfen sollte, da -war seine Kraft zu schwach. Der rothaarige -Gustav begann zu fluchen, wie -wenn er ein Feldwebel wäre, schnitt sogar -neben am Waldrand eine Gerte ab -und schlug auf Riesele drein, bis er sich -überzeugt hatte, daß sein Räppchen -nicht aus böser Absicht den Pflug nicht -zog! Der Bauer Klaus holte die alte -Trudel, die jeweils den Acker wenn auch<span class="pagenum"><a name="Seite_310" id="Seite_310">[S. 310]</a></span> -mühsam durchpflügt hatte, und spannte -Mutter und Tochter nebeneinander, -und die Schollen stürzten wacker um.</p> - -<p>Ha, wie gingen dem Gäulchen die -Nüstern auf, als die frische Erde zu -duften begann, die den Winter ausstrahlte -und den Frühling behielt und -neuen Frühling aus der Sonne trank! -Wärme und Kraft stiegen aus den -Schollen, und die Dohlen kamen von -den kahlen Bäumen heruntergeflogen -und die zierlichen Bachstelzen, ganze -Schwärme von Staren, ein Ungeziefer -zu picken oder ein verbummeltes Samenkorn!</p> - -<p>Dann mußte Riesele mit der Mutter -ein Stündchen am Wege stehen, Gustav -stapfte mit großen Schritten über -die dampfende Erde und streute in -mächtigen Bogen den Weizen aus, der -im Fallen knisterte und im Auffliegen, -als sehne er sich nach dem weichen -Schoß, weithin in die gleichmäßig -nebeneinandergezeilten Furchen. Riesele<span class="pagenum"><a name="Seite_311" id="Seite_311">[S. 311]</a></span> -fraß neben der Mutter unterdessen -das kaum ersproßte Gras des Weges -ab, und die Stränge mit dem Sellscheit -schleiften hinter ihnen drein.</p> - -<p>„Famos, Riesele!” rief Cornel, der -mit seinen Schweinen vorüberzog.</p> - -<p>In langen gelben Bändern blühte -der Raps, und der Wind warf in breiten -Schwaden den würzigen Honigduft -herüber, und die Bienen summten drüber -her.</p> - -<p>Der Weizen sproßte, das Korn schoß -auf, die Weinstöcke streckten ihre grünen -Fähnchen heraus, und alles, was unten -wuchs, ward von den kugeligen Apfelbäumen -überblüht und von den aufstrebenden -Birnbäumen, und der Blütenjubel -sprang hügelauf, hügelab im Tal -einher, und niemand war, der sich nicht -freute! Kaum ein Tag verging, ohne -daß Riesele nicht irgendwie geschmückt -worden wäre von Trudel oder von den -andern Kindern des Dorfes. Einmal -flatterte schier eine ganze Woche lang<span class="pagenum"><a name="Seite_312" id="Seite_312">[S. 312]</a></span> -ein lila Bändchen an seinem Halfter, und -niemand wußte, wer es angesteckt hatte!</p> - -<p>O, wenn Riesele Zeit gehabt hätte, -wie ehedem mit den Kindern umherzutollen! -Aber es mußte schaffen, solange -der Tag währte, und schaffen war -schließlich auch ein Spiel! Es zog den -Wagen hinaus, und auf der Leiter glänzte -die scharfe Sense; der Gustav schlug -den würzigen Klee um und lud ihn auf, -und Riesele zog ihn heim, daß die Kuh, -die Geißen, die Hasen und schließlich -auch die Gänse und die bequemen Enten -etwas zu fressen hatten und das Riesele -auch!</p> - -<p>Es mußte den armen Kindern helfen, -seinen Freunden, wo immer es konnte. -Sah es, daß ein Kind eine Last Futter -auf dem Kopfe heimschleppte, so mußte -das Kind seine Last auf des Pferdchens -Wagen legen und durfte vielleicht sogar -noch selber aufsteigen! Wollten sie, -die Kinder, ins Nachbardorf an den -Bahnhof, und Riesele hatte dortselbst<span class="pagenum"><a name="Seite_313" id="Seite_313">[S. 313]</a></span> -auch etwas zu besorgen, — was schon -manchmal mitten in der eiligsten Feldarbeit -vorkam, — so hieß es kurzerhand -wie beim Militär: aufsitzen! Und wenn -die Eisenbahn einmal keine Verspätung -hatte, und schon hinterdrein gerannt -kam, als hätte der Kommunalverband -etwas übrig fürs Zügle, wer war schließlich -doch zuerst am Bahnhof?</p> - -<p>Welch eine Kraft bändigte das kleine -Riesele in seinen dünnen Beinchen, -wenn's was zu helfen gab!</p> - -<p>Eines Abends erwachte hinten im -Armenhaus auch ein anderes Lied wieder -und schwebte in breiten Flügelschlägen -übers Dorf hin. Einmal erwacht, -wollte dieses Waldhorn wahrlich nicht -mehr schlafen gehen und kam jeden -Abend und oft unter Tag, wenn Cornel -nicht gerade auf den Feldern des -Großbauern schaffte. Vielleicht rief -dieses Waldhorn ganz frühe Jugenderinnerungen -in Riesele wach, vielleicht -auch die viel näher liegenden Vorstellungen<span class="pagenum"><a name="Seite_314" id="Seite_314">[S. 314]</a></span> -aus dem buntgekleideten Künstlerleben -im Zirkus, aber es nähme durchaus -nicht wunder, wenn auch ohne all -diese Erinnerungen die empfindsame -Pferdeseele in ihrem geruhigen Gleichgewicht -beeinträchtigt worden wäre! -Lag Riesele im Stall und ruhte sich aus -nach des Tages Mühen, so sprang es -sogleich auf, wenn Cornels Waldhorn -ertönte, so bockelte sein Blut in allen -Pulsen, so regten sich alle Muskeln, die -draußen in der Welt für irgendein -Kunststück zugestutzt worden waren: -der linke Vorderfuß scharrte, der Kopf -nickte, die Knie versuchten, sich zu beugen, -die Hinterbeine strafften sich, als -sollten sie die Last des Körpers in sich -aufnehmen!</p> - -<p>Ging Riesele an den Strängen, und -das Waldhorn schwebte heran, so fing -es an zu tänzeln, mochte die Last noch -so schwer sein. Die Ohren stellten sich, -die Nüstern weiteten sich und witterten -den Tönen nach, der lange Schweif<span class="pagenum"><a name="Seite_315" id="Seite_315">[S. 315]</a></span> -peitschte hin und her, als schwärmten -Bremsen an seinen Lenden. Das Kummet -begann an dem Halse zu zerren, -weil der Hals steil aufragte, das kindliche -Spiel der Muskeln trat deutlich -aus dem Ebenmaß der Glieder hervor, -und die Räder des Wagens schnitten -über die Geleise.</p> - -<p>Dem Bauern Klaus und seinen Kindern -konnte dies Gebahren nicht entgehen, -und da sie vermuteten, daß Riesele -draußen in der Fremde für allerhand -Kunststückchen abgerichtet worden -sei, so ließen sie ihm diese seine -Freude und erfreuten sich selber daran, -und wiederholt sagte der Bauer zu allen, -die sich darüber aufhielten:</p> - -<p>„Wir wollen fröhlich miteinander -unser schweres Tagwerk vollbringen -und unseren Vater preisen, der mit uns -ist!”</p> - -<p>Und Riesele war voll der Lieder seines -Freundes Cornel und trug sie mit -sich durch sein arbeitsreiches Leben wie<span class="pagenum"><a name="Seite_316" id="Seite_316">[S. 316]</a></span> -die Lieder der Lerchen, die aus dem -Himmelsblau über es herabfielen, wie -die Lieder der Blumen, die allhin läuteten, -der Wälder, der Winde, der -Wolken, und seine unentwegte Fröhlichkeit -verschenkte Feiertag und Glück, -wohin es auch kam, denn es war ja selber -ein Lied draußen in dem großen -Jubelruf der Natur.</p> - -<hr class="tb" /> - -<p>Die Geschichte ist aus. Der Erzähler -sah das Riesele zum erstenmal, als er -am ersten Ferientag, noch voll vom -Staub der Stadt, mit seiner Frau und -seinen Kindern hinter den Bergen aus -dem Bahnhof trat. Inmitten einer großen -Menschenmenge schwang sich just -im selben Augenblick eine buntgekleidete -Dame in kurzem weitfaltigem Röckchen -auf einen Schimmel, der im Kreise raste, -und blieb aufrecht stehen und hielt einen -Reif über sich und hoppste auf dem<span class="pagenum"><a name="Seite_317" id="Seite_317">[S. 317]</a></span> -breiten Pferderücken von einem Fuße -auf den andern.</p> - -<p>Seine Buben aber sahen zuerst das -schwarze Gäulchen seitab stehen und -rannten zu ihm hin und streichelten es.</p> - -<p>Und auf einmal beginnt die kleine -Gesellschaft zu rennen, und das Gäulchen -schießt wie toll mitten in die Menge -hinein, daß alles vor solcher Wut -auseinanderstiebt und Platz macht. Der -Erzähler dachte, seine Buben hätten -das Tierchen etwa gefoppt, aber das -war nicht so. Er hört, wie die bunte -Dame einen Schrei ausstößt, herzzerreißend -schier, wie Frauen ja schreien -können, sieht sie vom Schimmel hüpfen, -sieht sie auf das Räppchen losstürmen -und sieht sie umarmen und küssen und -immer wieder küssen.</p> - -<p>„Dauphin, Dauphin!” ruft sie, breitet -die Arme weit aus, spreizt die Finger -und schreit:</p> - -<p>„Da guck, mein Schatz, Granaten -hab' ich gedreht, Granaten! Und du?”</p> - -<p><span class="pagenum"><a name="Seite_318" id="Seite_318">[S. 318]</a></span> - -Die Leute sind bestürzt und kommen -näher hinzu zu diesem seltsamen Wiedersehen, -das sie sich alle nicht erklären -können. Die Dame aber verlor sich in -ihrer Freude oder in ihrem Schmerz -gänzlich und sagte, ohne sich um die -Menschen zu kümmern:</p> - -<p>„Mein Bräutigam, Dauphinettele, -weißt du, mein König, dein König, er -ist der einzige König, der gefallen ist!”</p> - -<p>Man schwieg ringsum; man sah bestürzt -zu der so fröhlich gekleideten Frau -und schwieg irgendwie gerührt. Die -Frau aber nahm das Gäulchen von -seinem Wagen weg, band ihm ein Seil -ans Halfter, und siehe da: sogleich beginnt -dies, wie wenn's gar nicht anders -sein könnte, im Kreise zu trippeln und -nickt mit dem Kopf und niest vor Freude. -Die Umstehenden, die das Räppchen -kannten, jubelten ihm zu, und ein Bursche, -dem es offenbar gehörte, kam aus -dem Bahnhof gerannt mit einer schweren -Rolle Stacheldraht auf den Schultern,<span class="pagenum"><a name="Seite_319" id="Seite_319">[S. 319]</a></span> -ließ den Draht fallen und trat zur -Dame in den Kreis, um auch dabei zu -sein.</p> - -<p>„Komm her, mein Schatz!” befahl -die Dame, und sogleich kam das Tierchen -zu ihr und scharrte auch schon mit -dem linken Vorderhuf.</p> - -<p>„<span class="antiqua">À genoux!</span>” schrie sie nun, aber sie -schrie es nicht zum zweitenmal, denn sie -küßte das Kerlchen schon wieder auf -seine weiße Blesse und sagte dann zu -ihm und zu dem Bauernburschen:</p> - -<p>„Geh heim in deinen Sonnenschein, -Sonnenschein du! Nimm mich mit, -nimm mich mit!”</p> - -<p>Es geschah, daß der Erzähler und -seine Familie, die Buben links und rechts -beim kleinen Gaul, mit dem Bauernburschen -und mit der bunten Dame gemeinschaftlich -den Berg hinanschritten, -und daß er mit seiner Familie in den -Stall zum Bauern Klaus kam und daselbst -ganz oben im Dachstübchen Wohnung -nahm bis zum letzten Ferientag.<span class="pagenum"><a name="Seite_320" id="Seite_320">[S. 320]</a></span> -Die Dame hatte es nicht so gut und -mußte schon am nächsten Tag mit ihrer -Seiltänzertruppe weiterziehn!</p> - -<p>Riesele schloß rasch Freundschaft mit -den beiden Buben und machte sie dem -Fräulein Trudel, dem Herrn Gustav, -dem Herrn August, sowie allen Dorfkindern -ebenso rasch zu Freunden, aber -auch allen Erwachsenen und allen Tieren -und dem Wald, den Wiesen, dem -rauhen Bergwind und der lieben Frau -Sonne.</p> - -<p>Als der Großbauer Michael seine -riesigen Erbsenfelder einerntete, stand -das ganze Dorf auf den Aeckern, Buben -und Mädchen, Männer und Frauen -kunterbunt durcheinander, weithin in -langen Reihen aufgelöst, und auch der -Erzähler befehligte eine Rotte und -führte sein Büchlein zwischen den -Knöpfen des Rockes gleich dem Herrn -Lehrer und gleich dem Herrn Pastor -und gleich Cornel, dem geliebten Sauhirten. -Hättet sehen sollen, wie hochbeladen<span class="pagenum"><a name="Seite_321" id="Seite_321">[S. 321]</a></span> -das Riesele die Maschensäcke auf -seinem Wägelchen liegen hatte! Hättet -sehen sollen, wie die Stadtbuben Friedemann -und Klaus im Schweiß ihres -Angesichtes mit diesem Fuhrwerk unausgesetzt -an den Bahnhof eilten und -wieder kamen und aufluden!</p> - -<p>Ach Gott, als die Ferien zu Ende -waren, wollte der kleine Klaus das -Riesele mitnehmen in die graue Stadt!</p> - -<p>Der Erzähler aber, der Vater, anstatt -das Riesele zu kaufen, setzte sich, wenn -er müd vom Dienst war, des Abends -hin und schrieb für seine Buben die -Geschichte ausführlich nieder, freilich -auch für andere Buben und für andere -Leute, und im nächsten Jahr, wenn die -Ferien beginnen, wird er, wenn's möglich -ist, wieder zum Bauern Klaus hinter -die Berge gehen, dessen Brot zu genießen, -dessen Arbeit zu teilen, dessen -Sonne einzuheimsen und manch wackeres -Wort.</p> - -<hr class="chap" /> - -<p class="pagebreak"><span class="pagenum"><a name="Seite_323" id="Seite_323">[S. 323]</a></span></p> - - - - -<h2 title="Werbung">Nikolaus Schwarzkopf</h2> - -<p class="center big160">Maria vom Rheine</p> - -<p class="center big120">Erzählung</p> - -<p><em class="gesperrt">Wilhelm Schäfer</em> schreibt in den „Rheinlanden”: Ich -preise dieses Buch als eine seltene Dichtung. Wenn einmal -die Literaturgeschichte den Mut finden wird, auch -in unserer grauenvollen Zeit nach Blüten zu suchen, -wird diese Erzählung sicherlich einen der reizvollsten -Funde darstellen. Ich muß gestehen, ein paarmal dachte -ich an den herrlichen „Taugenichts” von Eichendorff, so -bilderbunt und romantisch läuft diese Erzählung dahin, -die von einem Steinbild an einer rheinischen Kirche ins -Mittelalter abschwenkt, um mit dem Schicksal des Steinbildes -wieder in der Gegenwart zu schließen.</p> - -<p><em class="gesperrt">Hans Benzmann</em> in „Das neue Deutschland”: Es -gibt Dichtungen, die so fein sind, die so in allem den -Leser und seine Seele hinnehmen, ihn so im tiefsten beglücken, -daß er nichts anderes über sie sagen mag: Lest -alle sie, sie waren mir ein Erlebnis und schenkten mir -ein vollkommenes Selbstvergessen, sie werden euch wie -mir unvergeßlich sein.</p> - - -<p class="center big120">Georg Müller Verlag München</p> - -<hr class="chap" /> - -<p class="pagebreak"><span class="pagenum"><a name="Seite_324" id="Seite_324">[S. 324]</a></span></p> - - - - -<p class="center big140">Nikolaus Schwarzkopf</p> - -<p class="center big160">Mathias Grünewald</p> - -<p class="center big120">Ein Büchlein für Kinder Gottes</p> - -<p>Wie der Untertitel sagt: Kein Buch der Kunstwissenschaft -oder der Kunstgeschichte, kein -„gelehrtes Buch”, kein Buch für den „Kunstkenner”! -Ein Buch vom Menschen und für -den Menschen, ein Buch von der Seele, ein -Buch der tiefinnersten Dinge, der positiven, -gottfröhlichen Kindschaft, jenseits aller Konfessionalität. -Wer dieses Büchlein gelesen hat, -wer den Ueberschwang der göttlichen Malerseele -des Meisters Mathias in sich verspürt, -nachgefühlt, wer sich warm gelesen an diesen -Flammenzeichen der einfachsten Gottesnähe in -uns, tief in uns, dem wird der Meister und -alle Kunst schlechthin ein neues Zeichen sein, -die Schuhe zu lösen an diesem heiligen Ort. -Der wird seiner Seele leichter folgen können, -wenn sie zurückstrebt ins gelobte Land der -Gotteskindschaft und Gottesnähe.</p> - - -<p class="center big120">Georg Müller Verlag München</p> - - -<p class="center">Druck von Mänicke und Jahn in Rudolstadt</p> - - - - -<div class="transnote pagebreak"> -<h2>Anmerkungen zur Transkription</h2> - -Inkonsistenzen wurden beibehalten, wenn beide Schreibweisen -gebräuchlich waren, wie: - -<ul class="index"> -<li>allzusehr — allzu sehr</li> -<li>anderen — andern</li> -<li>ging's — gings</li> -<li>indes — indeß</li> -<li>soll's — solls</li> -<li>trottelt — trottet</li> -<li>über'n — übern</li> -<li>Weideplatz — Weidplatz</li> -</ul> - -Interpunktion wurde ohne Erwähnung korrigiert. -Im Text wurden folgende Änderungen vorgenommen: - -<ul class="index"> -<li>S. 7 „tiefgeleisigen” in „tiefgleisigen” geändert.</li> -<li>S. 15 „mirs” in „mir's” geändert.</li> -<li>S. 36 „wirs” in „wir's” geändert.</li> -<li>S. 37 „allmorgentlich” in „allmorgendlich” geändert.</li> -<li>S. 77 „im Schweiße ihres Ansichtes” in „im Schweiße ihres Angesichtes” geändert.</li> -<li>S. 80 „neben aus dem Maul” in „eben aus dem Maul” geändert.</li> -<li>S. 99 „allmorgentlich” in „allmorgendlich” geändert.</li> -<li>S. 123 „wenns” in „wenn's” geändert.</li> -<li>S. 138 „Henst” in „Hengst” geändert.</li> -<li>S. 153 „auf den Kien” in „auf den Knien” geändert.</li> -<li>S. 171 „allmorgentlichen” in „allmorgendlichen” geändert.</li> -<li>S. 182 „hintenher” in „hinterher” geändert.</li> -<li>S. 233 „nießen, nießte” in „niesen, nieste” geändert.</li> -<li>S. 240 „nießen” in „niesen” geändert.</li> -<li>S. 291 „aufgeschurft” in „aufgeschürft” geändert.</li> -<li>mehrfach „A genoux” in „À genoux” geändert.</li> -</ul> - - -</div> - - - - - - - - -<pre> - - - - - -End of the Project Gutenberg EBook of Riesele, by Nikolaus Schwarzkopf - -*** END OF THIS PROJECT GUTENBERG EBOOK RIESELE *** - -***** This file should be named 62943-h.htm or 62943-h.zip ***** -This and all associated files of various formats will be found in: - http://www.gutenberg.org/6/2/9/4/62943/ - -Produced by Peter Becker and the Online Distributed -Proofreading Team at https://www.pgdp.net - -Updated editions will replace the previous one--the old editions will -be renamed. - -Creating the works from print editions not protected by U.S. copyright -law means that no one owns a United States copyright in these works, -so the Foundation (and you!) can copy and distribute it in the United -States without permission and without paying copyright -royalties. 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