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-The Project Gutenberg EBook of Riesele, by Nikolaus Schwarzkopf
-
-This eBook is for the use of anyone anywhere in the United States and most
-other parts of the world at no cost and with almost no restrictions
-whatsoever. You may copy it, give it away or re-use it under the terms of
-the Project Gutenberg License included with this eBook or online at
-www.gutenberg.org. If you are not located in the United States, you'll have
-to check the laws of the country where you are located before using this ebook.
-
-Title: Riesele
- Geschichte eines kleinen Pferdes
-
-Author: Nikolaus Schwarzkopf
-
-Release Date: August 16, 2020 [EBook #62943]
-
-Language: German
-
-Character set encoding: UTF-8
-
-*** START OF THIS PROJECT GUTENBERG EBOOK RIESELE ***
-
-
-
-
-Produced by Peter Becker and the Online Distributed
-Proofreading Team at https://www.pgdp.net
-
-
-
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- +------------------------------------------------------------------+
- | Anmerkungen zur Transkription |
- | |
- | Gesperrter Text ist als _gesperrt_ dargestellt, Antiquaschrift |
- | als ~Antiqua~. |
- | Eine Liste der Änderungen befindet sich am Ende des Buchs. |
- +------------------------------------------------------------------+
-
-
-Schwarzkopf/Riesele
-
-[Illustration]
-
-
- Nikolaus Schwarzkopf
-
-
-
-
- Riesele
-
- Geschichte eines kleinen Pferdes
-
- 1920
-
- Georg Müller Verlag München
-
-
-1. bis 3. Tausend
-
-Copyright 1920 by Georg Müller Verlag A. G., München
-
-
- Meinen beiden Buben
- Friedemann und Klaus
-
-
-
-
-I
-
-
-Trudel, die kleine, hochträchtige Stute, zog das mit frischem Gras
-beladene Wägelchen den tiefgleisigen Weg nach ihrem Stalle hinan, und
-der Bauer, der mit seinen drei Kindern oben auf dem Grase lag, sagte:
-
-„Sie hat nun Feierabend für ein paar Wochen: morgen oder übermorgen
-wird sie uns ein Füllen schenken!”
-
-Die Kinder, zwei Buben und ein Mädchen, hüpften aus Freude darüber von
-dem Wagen herab, und auch der Vater kletterte herunter, und alle vier
-sprangen sie an die Radachsen und drückten und schoben, daß Trudel
-nicht mehr zu ziehen brauchte und vor Freude laut aufwieherte.
-
-Aus dem Fenster der Wohnstube, grad überm Stalle, guckte die Bäuerin,
-die Mutter der Kinder, und rief:
-
-„Ist's Zeit für die Trudel, soll ich kommen?”
-
-Sie kam auch schon die hohe Steintreppe herabgesprungen, verlor den
-einen Holzschuh, stieß auch den anderen zur Treppe hinab und riß die
-Stalltür auf und rannte barfuß in die kleine Scheune, frisches Stroh zu
-holen.
-
-„Nur Geduld!” sprach der Bauer, „so eilt's wohl nicht, Katherin; ihr
-Weiber seid mir allzu ängstlich besorgt um euer schweren Stunden!”
-
-Hühner, dreißig an der Zahl, standen aus dem Sande auf, schüttelten den
-Staub aus den Federn und sahen neugierig und wie in Ehrfurcht zu der
-Stute hin, der bunte Hahn krähte einmal, eine Henne kam mit ihren zehn
-Küchlein aus den Halmen der Wiese, junge Enten, die im Wiesengraben
-plätscherten, wackelten mühselig an den Weg, und etliche schwere Gänse
-hüpften flatternd auf den Wagen, das frische Gras zu versuchen.
-
-Indessen wurde Trudel von acht rührigen Händen abgeschirrt, das kleine
-Mädchen legte seine Hand an des Tieres schwabbelige Lippen, und diese
-folgten dem Händchen in den weitgeöffneten Stall.
-
-Bärbel, die Kuh, deren Kalb, weil es ein vernaschtes Ding war,
-seitabgebunden an seinem Stricke riß, Bärbel, die Kuh, drehte den
-breiten Kopf nach der Trudel und schob zugleich das Hinterteil mit dem
-schweren Euter dem blökenden Kinde zu, das heftig einstieß.
-
-„Mamme, der Max sauft schon wieder!” rief der rothaarige August der
-Mutter zu, die mit einem Arm voll Stroh hereinkam in den Stall.
-
-„Laß ihn heut noch einmal saufen, den Nimmersatt, morgen ist er nicht
-mehr der Jüngste im Stall, da wird er sich schämen, so vernascht zu
-sein!”
-
-Sie zerknüllte das widerborstige Stroh und breitete es unter der
-Trudel aus, und zwei Zicklein hüpften um sie her, indem sie, einen Halm
-im Mäulchen, die überlangen Hinterbeine nach allen Seiten in der Luft
-umherwarfen. Auch Sapperlott, der Hasenvater, kam über die sauberen
-Pflastersteine des Stalles dahergehoppst, indes die alte Häsin hinten
-in ihrem verdrahteten Geburtskasten hockte und ihre Zitzen einer
-wimmelnden Kinderschar preisgab. Sapperlott hüpfte mitten hinein ins
-neue Stroh, die Bäuerin packte ihn im Genick und warf ihn dem kleinen
-Mädchen, das sich in die Krippe vor die Augen der Trudel gesetzt hatte,
-in den Schoß. Aber das Kind mochte den Alten nicht und setzte ihn
-hinter sich in die Krippe, und nun lief er langsam höckernd auf dem
-Stein zur Bärbel hinüber, die sich nicht um ihn kümmerte.
-
-Die Bäuerin putzte an dem Leib der Trudel herum, das Mädchen
-streichelte die lange Mähne glatt und versuchte, ein Zöpfchen zu
-flechten, August und Gustav schabten an der Stalltür Dreck von den
-Runkeln und warfen sie in die Futtermaschine. Mit dem Vater kamen die
-Hühner, alte und junge, angelockt vom frischen Stroh, und die Enten
-standen schräg hintereinandergereiht, wie das ihre Art ist, vor der
-Schwelle und wackten nach ihrem Abendessen.
-
-Auch die Sonne guckte in den Stall; sie schob ein Brett Licht, so breit
-wie die Tür, herein, das an der hinteren Wand sich emporstellte und,
-da es Abend war, bis an die Decke hinaufreichte, wo ein Schwalbennest
-klebte. Die Runkeln polterten in dem Kasten.
-
-Der Bauer brachte Gras herein, verteilte es an Kuh, Ziegen und Hasen
-und sagte zu seiner Frau:
-
-„Na los jetzt, wenn's Zeit ist, mach das Trinken für die Trudel und
-nimm Weizenkleie heut abend!”
-
-„Eine Mehlsuppe soll sie haben, Vatter!”
-
-„Meintwegen, koch ihr eine Mehlsuppe! Los, Buben, 's Federvieh
-gefüttert!”
-
-Die Bäuerin wischte mit der Sackschürze dem Gäulchen über die
-glänzenden Schenkel, trat aus dem Stall, schlüpfte treppauf in die
-Holzschuhe und schlappte in die Küche, das Getränk zu kochen. Gustav
-warf oben von der Treppe herab Gerste und Mais in vollen Händen
-weithin, und das Federvieh schoß aus allen Winden drauf zu, laut und
-gierig, und auch der Hahn tat, als könne er nicht genug bekommen,
-obwohl er doch sonst gern den Anschein erweckte, daß er vom Winde lebe!
-
-Drüben aber in den Wiesen erging sich das Schwesterchen, tappte hierhin
-und dahin, sammelte sich die großsternigen Kuhblumen, die millionenhaft
-den Abhang überblühten, und das freundlich gelbe Scharbockskraut,
-dessen Blüten wie kleine Sonnen zerstrahlten. Einen ganzen Arm voll
-Gelb und Weiß stellte das Kind, das auch Trudel hieß, in sein
-Eimerchen, ließ an dem fließenden Quellrohr, in dessen Trog ein Entlein
-schwamm, Wasser ins Eimerchen laufen und hob die zarte Herrlichkeit ans
-Stallfenster hinauf, daß das junge Füllen, wenn es komme, gleich einen
-Gruß von ihr habe.
-
-Der Nachbar mähte die erste Blust seiner Wiesen vorm Hause ab, ein
-gelbweißer breiter Weg schob sich in die weißübertupfte Farbenpracht,
-und seine Kinder zogen aus dem niedergemähten Gras die Blumen heraus,
-weil sie nicht in die Wiesen treten durften.
-
-Trudelchen sprang zu ihnen hin und verkündete, daß heute nacht ein
-kleines Gäulchen ankommen werde.
-
-Die Mutter rief zum Essen, der Vater schloß die untere Stalltür, die
-Schwalben kamen heim, das Federvieh schlief, die Sonne schlief, die
-Blütenpracht ward überdunkelt, das Glöcklein des spitzen Kirchturmes
-bimmelte sich schläfrig, das Gras duftete, ein Kohlweißling flatterte
-übermüdet vorüber, da setzte sich die Familie ans Abendessen.
-
-Und dann sogleich wurden die Kinder ins Bett gesteckt.
-
-„Einen Fuchs gibt's!” sagte August leise.
-
-„Ein Schimmelchen!” entgegnete Gustav.
-
-„Ein Räppele!” lispelte Trudel.
-
-„Ruhig! Eingeschlafen!” flötete die Stimme der Mutter aus der Küche.
-
-„Wenn's ein Fuchs ist, muß es August heißen!” hub August wieder an.
-
-„Gustav muß es heißen ...”
-
-„Wenn's ein Fuchs ist?”
-
-Trudel kicherte:
-
-„Ein Räppele, nun ja, wie heißt's denn dann?”
-
-„Räppele!” antwortete Gustav.
-
-„Aber wie wird denn das große R gemacht?”
-
-„Ruhig! Eingeschlafen!” rief der Vater.
-
-Im Kirchtürmlein schlugs langsam zehn; so langsam, daß man darüber ein-
-und ausschlafen konnte. Dann fing auch das fleißige Lieschen an und
-schnurrte eilig und abgearbeitet seine zehn herunter.
-
-„Ein Schimmel?” flüsterte Gustav.
-
-„Ruhig! Eingeschlafen!” rief ebenso heftig Trudel.
-
-Und dann lispelte auch sie wieder:
-
-„Das große R, August, darf ich zu dir kommen, willst du mir's zeigen?”
-
-„Vater kommt!” stieß Gustav hervor und schlief ein.
-
-Die Eltern gingen im Nachbarzimmer zu Bett.
-
-„Mutter”, rief Trudel, „das große R, wie wird denn das gemacht?”
-
-„Schlaf!” sagte der Vater, „die Mutter schläft schon!”
-
-Gustav und August schliefen, und der eine schnarchte laut.
-
-„Vater”, fing nach einer Weile Trudelchen wieder an, „Vater, wie wird
-das große R gemacht?”
-
-„Ruhig!” antwortete jetzt die Mutter, „der Vater schläft!”
-
-Da hatte das Kind etwas anderes zu denken ... und schlief ein.
-
-Jenseits vom Wiesentälchen im Birkenschlag sang eine Nachtigall; sie
-und die Bäuerin wachten in der Nacht, da das Gäulchen zur Welt kam. Als
-der Bauer des Morgens in den Stall trat, stand das kleine Gäulchen auf
-den weitgespreizten vier Beinen im Stroh und ließ sich behaglich von
-seiner Mutter lecken.
-
-Ein Räppchen war's, ganz schwarz, und nur auf seiner Stirn war ein
-weißer Fleck, allerliebst anzusehen und gar gefällig und kleidsam!
-
-Die Bäuerin holte ihr Mädchen aus dem Bett, die beiden Buben sprangen
-in ihren Hemdchen hinterdrein, und das Füllen streckte seinen nassen,
-großen, eckigen Kopf von dem Halse der Mutter weg, den Kindern
-entgegen, und das Schwesterchen ließ den Daumen im Mäulchen, ließ den
-Arm um Ihrer Mutter Halse liegen und blinzelte durch die schweren
-Lider, als sei es recht von dem Ankömmling enttäuscht. Die Buben
-tätschelten schon an ihm herum, worüber die Pferdemutter sehr erfreut
-war und ihre Augen aus dem Duster des Morgens leuchten ließ.
-
-Die Mutter nahm des Tierleins Kopf, schob ihn an der Pferdemutter
-Zitzen, und sogleich begann der kleine Gaulmann wacker zu saugen.
-Unendlich zärtlich bog die Alte ihren Kopf nach ihrem Jungen herab
-und zurück, daß die Mähne die Augen verdeckte, leckte, leckte und hob
-das rechte Hinterbein, daß das Junge recht bequem sein Erdendasein
-beginne! Dann schob sie den Kopf wieder hochauf, spitzte die Ohren,
-hälmelte an dem Gras oben in den Raufen und sah wieder zurück, hob mit
-den schwabbeligen Lippen ein Bündel Heu auf und putzte damit an dem
-Kleinen. Dieses ließ sich, als es sich vollgesoffen hatte, genau wie
-die großen Gäule auf die Vorderknie nieder und dann zurückplumpsen ins
-Stroh, und sogleich legte sich auch die Mutter nebendran und leckte
-weiter.
-
-Die Bauern der Nachbarschaft kamen am selben Morgen, die Bäuerinnen
-kamen und auch der Herr Pfarrer kam, den Säugling zu sehen. Er kannte
-Trudel, die Mutter, sehr gut: sie hatte ihn schon oft übers Gebirg
-gezogen in die Filialorte, wenn Glatteis war, sie hatte ihn schon oft
-bei Regenwetter vom Bahnhof des Städtchens abgeholt! Was sollte er sie
-in ihrem Wochenbett nicht einmal heimsuchen?
-
-Er war ein sehr großer Mann, der Herr Pfarrer, und als er in die
-Stalltür trat, mußte er sich bücken. Der Bauer, ängstlich besorgt, der
-Herr Pfarrer könne trotzdem den Kopf an die Oberschwelle stoßen, legte
-vertraut, wie er mit ihm war, die Hand auf des Herren Schulter und
-sagte:
-
-„Herr Paschtohr, geben Sie acht, daß Sie Ihren Grind nit anstoßen!”
-
-„Schon gut,” entgegnete der Pfarrer und dachte: Grind bräucht er grad
-nit zu sagen; na, es ist aber mal so auf dem Land, 's ist nit bös
-gemeint!
-
-Der Pfarrer freute sich gern und freute sich über das Tierlein und
-über die Mutter, doch war es ihm nicht vergönnt, einen Aerger zu
-verschlucken, als der Bauer den eckigen Kopf des Säuglings überaus
-zärtlich untern Arm nahm, ihn, den Pfarrer, glücklich wie ein Vater
-angrinste und sagte:
-
-„Gucke Sie doch, Herr Paschtohr, was ein goldiges Köpfle!”
-
-„Allerliebst!” antwortete der Pfarrer, aber er dachte bei sich: sein
-Vieh hat ein Köpfle, ich, sein Pfarrer, hab nur einen Grind!
-
-„Segen ist in der Liebe zum Getier, nicht wahr, wie in aller Liebe?”
-sprach der Bauer, und:
-
-„Wie in aller Liebe!” wiederholte der Pfarrer und fügte hinzu:
-
-„Und der liebe Gott gesegnet's einem mehr und sichtbarlicher, wenn man
-sich weniger zu den Menschen wendet und mehr zum Getier und zu den
-Blumen, zu den Bäumen, selbst zu dem harten Gestein! Hat das etwa keine
-Ursache, Vetter Klaus?”
-
-„Das hat wohl seine Ursache, Herr Pfarrer, wie alles in der Welt, und
-Sie wissen es wahrlich besser als ich!”
-
-„Warum sollte ich es besser wissen, Vetter Klaus? Ich schlage mich im
-Schatten mit den Menschen herum und mit ihren dunklen Leidenschaften,
-und Sie, Vetter Klaus, Sie leben und weben im Sonnenlicht, am Herzen
-der Natur, die noch weit mehr das Quellrohr Gottes ist als wir
-Menschen, die wir uns in schnöder Ueberschätzung Ebenbilder Gottes
-nennen!”
-
-„Hat sich etwa die Stammutter der Pferde im Paradies vergangen? Hat sie
-von einem verbotenen Apfel gegessen?”
-
-„Vetter Klaus, Vetter Klaus, ich weiß ganz gut, wohinaus er will, ich
-kenne meine Pfarrkinder nur zu gut; aber wisse er: wenn der liebe Gott
-den übrigen Geschöpfen keinen verbotenen Baum in den alltäglichen Weg
-gestellt hat, so wußte er genau, was er tat!”
-
-„Sonst wär er nicht Gott!”
-
-„Ganz recht, Vetter Klaus, sonst wär er nicht Gott! Aber die
-Erkenntnis, mit der er uns Menschen ausgestattet hat, -- --”
-
-„Die hat er den Tieren, die er mehr liebte und mehr liebt, erspart!”
-warf der Bauer ein.
-
-„Oho! Vetter Klaus!” rief der Pfarrer, jedoch der Bauer fuhr fort:
-
-„Sagten Sie nicht selbst schon auf der Sonntagskanzel, daß die
-Erkenntnis, die den Menschen gegeben sei, daß dieser Knochen, der den
-Menschen vorgeworfen wurde, eben nichts Halbes und nichts Ganzes ist,
-eben, daß er ein wirklicher Fluch ist?”
-
-„Vetter Klaus: Erkenntnis sei ein Fluch?!”
-
-„Ha, ich habe aus Euren Predigten, Herr Paschtohr, schon etwas gelernt:
-und man macht sich hinterm Pflug so seine eigenen Gedanken!”
-
-Er nahm des Füllen Kopf an seine Brust, hob den überaus langen
-Schweif der Stute hoch und trocknete damit an dem Füllen herum. Der
-Pfarrer nahm eine Prise, hielt auch dem Bauern die Dose hin und sagte
-freundlich lächelnd:
-
-„Lieber Vetter Klaus, ich habe stets das unverdorbene Urteil des
-gesunden, unverbildeten Bauernverstandes zu schätzen gewußt und bin
-gerade deshalb Bauernpfarrer geworden! Lassen Sie mich das so sagen,
-wie ich es sage: Einst ist in einem Stalle ein Kindlein auf die Welt
-gekommen, und das war Gott. Es lebte, auch da es schon Mann war,
-fröhlich wie Ihr in den Tag hinein, fröhlich wie Ihr und die Vögel des
-Himmels und die Lilien des Feldes und tat sonst nichts, als daß es
-seinen Mitmenschen vom himmlischen Vater erzählte. Nicht viel anders
-erzählte es, als wie die Vögel erzählen und die Blumen, das Wasser, das
-Gras, Dein Vieh und ganz unmittelbar das kleine Füllen, das eben erst
-seiner Schöpferhand entsprossen.”
-
-„Ja, und ich selbst, und wir selbst?” warf der Bauer ein, und der
-Pfarrer fuhr fort:
-
-„Die Menschen freilich sind ohne Gott, haben seine Worte vielfältig
-umgemünzt zu ihren verbrecherischen Zwecken, verstehen auch die Natur
-nicht mehr, das Göttliche in der Natur und im eigenen kindlichen
-Herzen und haben sich immer weiter von Gott entfernt, den sie nunmehr
-mit ihrem Verstand zu erforschen suchen gleich der Urkraft in der
-Zelle, anstatt ihn mit ihrem Herzen zu lieben! Immer ärmer, immer
-unglücklicher! Schier des Teufels!”
-
-„Darf ich etwas fragen, Herr Paschtohr?”
-
-„Aber freilich”, entgegnete der Pfarrer neugierig und stolz.
-
-„Ist Ihnen diese Meinung eben erst in meinem Stall gekommen, will
-sagen: in einem Stall? Wie sich's gehörte?”
-
-„Wie sich's gehörte, sagt Ihr und wollt sagen: daß die echte
-Erkenntnis im Stall geboren wird, dieses kleine göttliche Kindlein der
-Menschenseele ... Ja, Vetter Klaus, hier in Deinem Stall!”
-
-Der Pfarrer deutete in fröhlich hohem Schwung den Wiesen zu, dem
-Wäldchen, den Hügelwellen, die leise zu schwingen schienen, der Sonne
-und den Wolken ...
-
-„Sagen Sie es doch so, Herr Paschtohr: in Eurem Paradies, Vetter
-Klaus!”
-
-„Ganz recht: in unserem Paradies, Vetter Klaus!”
-
-Trudel, das Mädchen, kam mit fliegenden Haaren und fliegenden
-Tafelschwämmen den Weg hergesprungen und schrie schon von weitem:
-
-„Ich kann's, Vater, ich kann's!”
-
-„Was denn, was kannst denn?”
-
-„Das große R!”
-
-Es ließ seine Bücher fallen, behielt nur die Tafel in den Händen, blieb
-einen Augenblick stehen und wischte mit dem Zeigefinger gar fürsorglich
-und rannte dann um so rascher zum Vater. Auf der Tafel stand, von des
-Lehrers Hand geschrieben, das Wort „Räppchen”, und darunter stand das
-Wort von Trudels Hand ungelenk nachgemalt.
-
-Der Pfarrer ließ sich die Tafel geben und sagte zu dem Bauern:
-
-„Sehn Sie doch, Vetter, wie die Menschen von Anbeginn gierig sind nach
-ihrem Fluch!”
-
-„Sie sind es in der Tat: der Teufel hol mir alle seine Schulmeister!”
-
-„Und alle seine Pfaffen dazu!” lachte der Pfarrer und ging quer über
-die gemähte Wiese des Nachbars davon.
-
-
-
-
-II
-
-
-Als das Räppchen zum ersten Mal aus dem Stall gehen durfte, rannte
-es unter den Händen der drei Kinder davon, feuerte aus, wie wenn es
-toll wäre, und die Hühner stoben auseinander, die Gluck sträubte das
-Gefieder, die Enten ordneten sich schräg hintereinander und guckten in
-die Höhe, und nur die Gänse gingen vorgestreckten Halses beherzt auf
-den Fremdling los, ihn mit ihren sägig bewehrten Schnäbeln zu beißen
-und zu vertreiben. Jedoch das Räppchen achtete nicht ihrer Waffen,
-hüpfte weiter und blieb erst stehen, wo kein Huhn und keine Gans mehr
-stand, und turnte da einmal recht kräftig auf seine Vorderbeine, um mit
-den dickknochigen Hinterbeinen gehörig auszufeuern und gleichsam die
-ganze Flatterschar keck zum Kampf herauszufordern.
-
-Da es eine Pause machte und um sich guckte, ob vielleicht Gegner auf
-die Walstatt gefolgt seien, drehte sich der Hahn seitab und krähte
-einmal ins Birkenwäldchen, als ginge ihn dieser Bramarbas herzlich
-wenig an. Die Gänse streckten die Schnäbel zusammen und schnatterten,
-was sie gesehen, und machten sich lustig über den Tollpatsch, und nur
-die Enten kamen gutmütig, wie sie sind, seitlich am Rande der Wiese
-entlang auf das Räppchen zugewackelt, sagten aber nichts.
-
-Auch die drei Kinder kamen, schnalzten mit den Zungen, hielten die
-Hände vor und rieben die Daumen auf den Zeigefingern. Das Räppchen
-blieb stehen, bis die Kinder nur noch einen Schritt entfernt waren,
-dann warf es sich behend herum und raste davon. Die kleine Trudel
-begann zu weinen, und aus dem Stall erscholl das klagende Wiehern der
-anderen Trudel, aber das Räppchen achtete auf nichts und lief immer
-weiter, ins Dorf hinein.
-
-Die Bauern traten in die Türen und sahen ihm nach, die Bäuerinnen kamen
-mit ihren Kochlöffeln gelaufen, alle Kinder eilten herzu, das Füllen
-einzufangen.
-
-Er, der Säugling, konnte der Meute der Jugend nicht weiter entfliehen
-und ergab sich schließlich, wieherte und streckte den zahnlosen Mund in
-die Luft und schweifte das dünne Schwänzchen hin und her, bis es von
-einer kleinen Hand festgehalten wurde. Die Mähne, die wie ein Besen in
-die Höhe starrte, ward von Kinderhänden überstreichelt bis tief in den
-Rücken. Auch die beiden Ohren wurden festgehalten und die zierlichen
-Hufe, die Lippen, die Mähne, und schier wäre das ganze Kerlchen von
-Kinderhänden überdeckt worden, hätte das Räppchen nicht durch einen
-heftigen Ruck sich selber befreien können. Da stand gerade die kleine
-Trudel vor ihm, und diese Trudel durfte ihm über die Augen fahren und
-an die weiße Stirn. Mit ihr ging das Räppchen auch wieder heimzu, und
-die Kinder des Dorfes strömten mit an den Stall und drangen bis in
-den Stall hinein, und Katherin, die Bäuerin, hatte ihre liebe Not mit
-ihnen, sie wieder hinaus zu bringen.
-
-Als der Bauer mit Bärbel, der Kuh, die den kleinen Pferdewagen an der
-Stirn hängen hatte, gemächlich, wie es einem Kuhfuhrwerk zukommt,
-den Weg herauftrottete, saßen noch einige auf der Stallschwelle und
-betrachteten das kleine Füllen mit seiner Mutter, denn junge Pferde
-gab's nicht alle Tage, und zudem solch ein kleines war noch nicht
-gesehen worden im Dorf und nicht im Tal.
-
-Der Bauer war beinah böse: er wollte den kleinen Mann so früh nicht auf
-die Gasse schicken, nun er seinen ersten Ausflug doch gemacht hatte,
-mäßigte er seinen Groll, da er wußte, wie die gute Mutter dem Drängen
-der Buben nicht hatte widerstehen können ... Er holte sich das Tierlein
-heraus in die Sonne, hob zärtlich den einen der zierlichen Hufe und so
-auch die anderen, und da er nicht erkennen konnte, daß das junge Horn
-sich allzu sehr abgenutzt hatte, gab er dem Räppchen einen gelinden
-Stoß auf die schmalen Backen und jagte es in den Stall zur Mutter.
-Sofort stürzte sich der kleine Ausreißer gegen den Leib der Alten, soff
-sich voll und ließ sich hinplumpsen, um sogleich einzuschlafen.
-
-Sapperlott, der Hasenvater, kam ganz nahe an seinen Hinterhuf
-herangehopst, als wolle er jetzt schon einmal prüfen, welch tückische
-Macht ihm den Aufenthalt in dem ruhigen, viel zu ruhigen Stall
-vielleicht verleiden könne! Er wagte sich sehr nahe an den kleinen,
-kindlich harmlosen Huf heran, er zog sogar die Oberlippe faltig in die
-Höhe, er streckte selbst das Zünglein zwischen den spitzen Zähnen
-hervor, ließ die langen Schnurrhaare über das Horn gleiten und drehte
-sich schließlich ohne jeden Grund davon weg, um eiligst nach seinem
-Drahtgitter zu hüpfen. Daselbst, so mochte es scheinen, erzählte er das
-Ergebnis der Untersuchung seiner Häsin und seiner Jungmannschaft, denn
-alle krabbelten plötzlich ans Gitter und staunten nach dem winzigen
-Pferdehuf, der gelb wie ein Fetzen Maibutter neben der dunklen Lende
-lag. „Keine Gefahr, keine Gefahr!” Die Schwalben flogen eifrig aus und
-ein; plötzlich erschallte aus dem Nest ein heftiges Gezwitscher und
-verstummte. Der Hasenvater schien auch jetzt den Seinen etwas zu sagen,
-denn alle hoben wie auf seinen Wink die Augen von dem harmlosen Hufe
-weg und hinauf an den Querbalken, wo das Nest klebte. Auch das Räppchen
-regte den Kopf, als störe ihn das Gezwitscher der jungen Schwalben,
-oder aber als errege es seine besondere Freude.
-
-Am Nachmittag kam Trudel, das Mädchen, aus der Schule und hatte an
-der Stirn einen großen Kreidefleck, den es wie ein Aschermittwochmal
-ängstlich hütete. Es stellte sich vor sein Räppchen und sagte:
-
-„Guck, das hat mir mein Lehrer gemacht!”
-
-Sie trug aber ein Stückchen Kreide in der Hand und machte nun dem
-Mutterpferd auch eine Blesse, dann Sapperlott, dem Hasenvater, der
-in der Reife seiner Jahre geduldig standhielt, dann den jungen
-Geislein, die noch keine Hörner hatten, dann der Stalltür und den
-zwölf Steinstufen der hohen Treppe, der Haustür, dem Küchentisch
-und schließlich gar den eisernen Kochhäfen, die in Reih und Glied
-hochangefüllt mit Kartoffeln auf dem kalten Herde standen. Und über
-jeden Fleck malte Trudel ein großes R.
-
-Als die Mutter aus dem Garten, der hinterm Hause lag, hervorkam, um
-den Herd zu heizen, sah sie, was ihr Mädchen gemacht hatte, und da sie
-eine rechte Kindsmutter war, lachte sie über den sinnigen Unsinn und
-ließ sich selber eine Blesse auf die Stirn malen. Bald qualmten die
-Kartoffelhäfen, und der Schwarm des Dampfes stieg überm Herde auf, an
-der dunklen Decke hin, vorüber an der Mückenleimampel, die da pendelte,
-und hinaus durchs offene Fenster.
-
-Es geschah, daß die Buben und alle Buben des Dörfchens mit dem Namen
-Räppchen nicht mehr zufrieden waren und sich auf einen anderen Namen
-besannen. Während der Pausen auf dem Schulhof, während man im Badloch
-zu schwimmen versuchte, plätscherte man eifrig die schönsten Namen
-übers Wasser hin, und Trudel, das Kind, hatte seine liebe Not! Es
-wollte sein Gäulchen „Richard” nennen, „Richardele”, aber die Buben
-spotteten und hörten sie nicht einmal an!
-
-Da standen sie wieder beisammen, die Herrn Buben, standen mit ihren
-Reifen im Stall und waren keine Minute mehr zurückzuhalten, die
-Gassenbuben!
-
-„Na Trudelein,” sagte der eine, „solls Räppchen immer noch Richardele
-heißen?” und er lachte, und alle Buben lachten mit ihm.
-
-„Weißt,” sprach August, „ein schwarzer Gaul kann nicht Richard heißen!”
-
-„Warum denn nicht?” fragte sie dagegen, „warum denn nicht?” Und sie
-nahm ihr Däumchen in den Mund und schmollte.
-
-„Und dann, Trudel, das mußt du verstehen, das verstehst du aber noch
-nicht,” so sagte ein anderer, der an einer gelben Rübe kaute, „Richard
-ist doch ein Bubenname!”
-
-Alle lachten sie frech, und Trudel weinte laut heraus.
-
-„Besinn dich halt auf etwas Besseres!”
-
-„Wir können das Räppchen doch auch nicht Riese Goliath nennen!” meinte
-August, und Gustav entgegnete:
-
-„Auch Siegfried sollen wir's nicht nennen, da kann sie den großen S
-nicht machen und kommt wieder gelaufen!”
-
-„Doch, ich weiß!” warf Trudel jetzt hin, „Riese Goliath heißen wir's!”
-
-„Das sind ja zwei Namen, einer genügt!”
-
-„Gut!” entschied Gustav, „nennen wir's Riese!”
-
-Sie lachten schon wieder, aber Trudel griff den Namen herzhaft auf und
-rief ein übers andere Mal:
-
-„Riese heißt es, Riesele, Riesele!”
-
-„Riesele!” schrien die Buben, „Rieselein, der kleine Gernegroß!” und
-sie trieben ihre Reifen an und rasten mit dem Namen davon, die Wegspur
-hinunter. Trudel aber holte am Brunnen eine Handvoll Wasser, trug sie
-fürsorglich in den Stall, goß sie dem Gäulchen übern Kopf und sagte
-immerzu: „Riesele, Riesele!”
-
-Alle Welt war mit dem Namen einverstanden, und das Füllchen Riesele
-ward der Freund und Genosse der ganzen Dorfjugend und die stille Freude
-aller Erwachsenen.
-
-Es lief im Dorf umher, auf den Straßen, in den Bauernhöfen, über die
-Wiesen, selbst über die Felder durfte es laufen, und niemand verwehrte
-es ihm. Junge Rinder und Kälber, die des Morgens in großen Scharen
-auf die gemeinsame Weide getrieben wurden, ließen stillschweigend
-geschehen, daß das Gäulchen sich ihnen anschloß und mitlief, ließen
-geschehen, daß das Gäulchen, das freilich viel wilder war als die
-Kälber, die großen Rinder, die schon fast ausgewachsen waren und schon
-fast eingespannt werden konnten, anrannte und seinen Kopf in ihre
-Lenden stieß, als wenn es saufen wollte!
-
-Die Gänse, die auch allmorgendlich gemeinsam auf die Weide auszogen,
-die Gänse mußten stets gewärtig sein, daß ihre Unterhaltungen während
-des Ausmarsches oder während der Heimkehr plötzlich aus einem Hof
-heraus von dem Riesele gestört wurden. Zwar fürchteten sich die
-Gänse keineswegs, rannten auch nicht davon, wenn der Wildfang
-angetrippelt kam, aber da es doch unliebsam war, mitten im Gespräch
-auseinandergerupft zu werden, so haßten die Gänse das Riesele heimlich,
-und immer wieder konnte man wahrnehmen, wie einige ihrer beherztesten
-die Schnäbel hoben, schnatterten, sogar laut krischen und dem
-Störenfried an die Beine wollten.
-
-Auch die Schweine grunzten des Morgens, wenn Rinder und Gänse fort
-waren auf ihrem gemeinsamen Weideplatz, und der Hirt, ein verlorener
-Sohn aus Nirgendwo, war ein guter Mensch von Anbeginn und konnte das
-Riesele recht leiden, weil es ein so sauberes, freundliches Kerlchen
-war. Zwar die Schweine gewöhnten sich nicht an die Freiheit des
-Gäulchens, verstanden sie nicht und verziehen sie deshalb auch nicht
-und stoben immer wieder verscheucht auseinander, wenn sie es nur von
-ferne trappeln hörten.
-
-
-
-
-III
-
-
-Natürlich stürmte es auch in den Schulhof, denn Kinder waren ja seine
-besten Freunde, und es war ja selber ein Kind! Die dreiunddreißig
-Schüler der kleinen Dorfschule brauchten den Freund nicht zu fürchten,
-brauchten auch nicht neidisch zu sein seiner Zartheit und Sauberkeit
-wegen und hegten keinerlei schlimme Absichten gegen den ausgelassenen
-Gassenbuben, es sei denn, daß sie ihn für die paar Schulstunden, die
-sie an Freiheit weniger hatten, doch leise beneideten. Sie hörten das
-Gäulchen an den Fenstern des Schulsaales vorüberspringen und durften
-nicht mit hinaus; sie sahen es am Abhang der Schulwiese grasen und
-durften nicht hinaus; sie hörten aus dem Birkenwäldchen sein tolles
-Wiehern, und sie durften nicht einmal „Riesele” rufen! Da mußten sie
-hocken und lesen, rechnen, rechteckige Aecker zeichnen und ausrechnen,
-was, wenn ein Quadratmeter eine Mark und siebenundzwanzig Pfennig
-koste, was der ganze Acker wert sei! Anstatt mit dem Riesele drüber
-hin zu rennen über den Acker! Da mußten sie Quadratwurzeln ausziehen,
-und niemand wußte, wozu, da doch Quadratwurzeln auf keinem Acker
-wuchsen, kein Unkraut waren und auch kein Kraut und was also denn
-eigentlich? Da mußten sie die Preußenkönige kompagnienweise vorreiten
-können und genau die Spanne Zeit abgrenzen können, die einem jeden von
-ihnen und ausschließlich diesem ihre militärische Größe verdankt und
-ausschließlich ihre militärische Größe, weil es offenbar eine andere
-nicht gibt!
-
-Und draußen im Sonnenschein verjubelte das Riesele seine Jugendkraft
-und durfte anstellen, was es wollte!
-
-Aber der Herr Lehrer, obgleich er ein Preußenfreund war, war doch kein
-Ungerader! War doch so kein ganz Ungerader!
-
-Es kam einmal vor, daß das Riesele in seinem Uebermut ins Schulhaus
-stürmte, über die vier Treppenstufen kletterte und den Hausgang
-betrappelte. Das hörten Lehrer und Schüler! Da blieb weder Lehrer
-noch Schüler auf dem Platz: dies Getrommel auf den Steinplatten des
-Hausganges zertrampelte alle Wissenschaft, weil es ein Stückchen
-Kinderweisheit war: der Preußenkönig flog in die Ecke, die
-Quadratwurzel trieb Schößlinge aus dem Acker, dessen Quadratmeter so
-schrecklich teuer war, ... und der Herr Lehrer sprang vom Pulte auf,
-schnitt munter, schalkhaft lächelnd mit den beiden heftig ausfahrenden
-Händen die Unruhe entzwei, daß die Kinder wieder auf die Sitze
-herabsanken und ging auf den Zehen an die Tür und hob leise die Klinke
-aus der Nase. Und wahrlich: das Riesele stieß die Tür mit dem Maule
-auf, daß sie zurückknallte wider den Schrank.
-
-Da stand es nun, das Riesele, die buttergelben Vorderhufchen auf der
-Schulschwelle, und blieb stehen! Kam nicht näher in den Saal, kam nicht
-in den Saal herein! Alle Kinder standen, standen gar auf den Bänken,
-hielten dem Gäulchen ihr Brot hin, riefen, kosten, -- allein, es kam
-nicht näher. Es drehte einmal den Kopf zur Seite, als wolle es den
-Herrn Lehrer sehen, den es offenbar fürchtete, allein, der Lehrer hielt
-sich vielleicht aus sicherer Kenntnis elementar fühlender Seelen hinter
-dem schwarzen Ofen verborgen! Er stieß den Zeigefinger vor, deutete auf
-das Trudelchen, das Kind solle von seinem Platz aufstehen, hervortreten
-und das Riesele hereinholen. Aber Trudel getraute sich nicht, und da
-die Buben wild wurden und jeder das Pferdchen holen wollte, streckte
-dieses seine Nase weit vor, wie wenn es niesen wolle, nieste wirklich
-und nahm Reißaus! Die ganze Klasse aber stürmte hinterdrein, und für
-diesen Tag war die Schule aus.
-
-„Ganz recht, Riesele!” sagte der Lehrer, als er sein preußisches
-Geschichtsbuch ins Pult einschloß, „unsere Weisheit ist keine Einfalt
-mehr und deshalb keine Weisheit mehr! Wer weise werden will, der muß
-uns fliehen!”
-
-Am nächsten Morgen erzählte der Pfarrer den Kindern von dem kleinen
-David und dem Riesen Goliath. Er erzählte da, wie der kleine David
-als Hirtenbub auf den Bergwiesen sich umhertrieb, wie's just eben das
-Riesele tue, wie er aber doch emsiger gewesen sei als das Riesele, wie
-er gelernt habe, die Harfe spielen, wie er selber neue Lieder gesungen
-habe aus seinem Herzen heraus: Lieder, wie sie vor ihm und nach ihm
-kein Mensch mehr habe singen können, wie er sich zugleich geübt
-habe, die Schleuder zu führen, um im Falle der Not das Vaterland zu
-verteidigen, und wie er alsdann später seiner Lieder wegen dem kranken
-König Saul habe singen dürfen! Wie der König ihn habe liebgewonnen
-und wie er nicht mehr habe leben können ohne ihn, den Hirtenknaben,
-wie dann auch wirklich die Feinde gekommen seien, und wie just er,
-der Hirtenknabe, den mächtigsten der Feinde, ihren Riesen, den Riesen
-Goliath, eben mit der Schleuder erlegt habe, indem er ihm einen spitzen
-Stein mitten in die Stirn getrieben habe, so daß der ungeheure Kerl
-umgefallen sei, um sich zu verbluten!
-
-„Ihr Buben!” sprach der Pfarrer, „ich frage euch: ist das nicht eine
-echte Bubengeschichte? Das ist die schönste Bubengeschichte der Welt!
-Oder kennt ihr eine schönere?”
-
-„Robinson!” rief einer; jedoch der Pfarrherr wehrte ab und antwortete:
-
-„Sei mir still mit deinem Robinson, mit deinem unfolgsamen Engländer!”
-
-„Joseph!” meinte ein anderer, „Joseph von Aegypten!”
-
-„Aha!” sagte darauf der Pfarrer, „und warum denn Joseph?”
-
-„Weil er verkauft wurde, weil er ins Gefängnis gesteckt wurde und
-nachher doch König wurde!”
-
-„Gut, er hat gelitten und wurde erhöht!”
-
-„David wurde auch erhöht, David wurde auch König!” rief ein Großer
-dazwischen.
-
-„Wurde auch König,” wiederholte der Geistliche, „David wurde auch
-König, freilich, und was für einer! Aber: welcher von den beiden
-gefällt dir nun am besten, der aus Aegypten, der zuerst leiden mußte,
-oder der von den Fluren Bethlehems, der niemals litt und immer siegte
-und sang und Flöten blies und Harfen schlug?”
-
-Die Kinder zischelten; aus den neun Bänken schossen die Finger wie
-Pfeile gegen des Pfarrers Antlitz, und mitten in dem Gezisch schlug
-plötzlich ein kleiner Mädchenkopf knallend auf die Bank: das Trudelchen
-heulte laut auf und schnippste und holte den Schürzzipfel an die nassen
-Augen. Der Pfarrer trat zu ihm hin, ergriff sein Händchen und sagte:
-
-„Was ist los, Trudel? Komm, los! Sag mir's rasch?”
-
-Das Kind erhob sich nicht, sondern rief mitten in seine Tränen hinein:
-
-„Das Riesele soll David heißen, nein, Joseph, Joseph soll es heißen!”
-
-„Na, wie soll's nun eigentlich heißen, Trudel?”
-
-Das Kind begann, aus seinen Tränen zu lachen, erhob sich, sah dem
-Pfarrer über die Maßen vertraut ins Gesicht und sagte:
-
-„David!!”
-
-„David?” antwortete der Pfarrer, „es soll König werden, ohne daß es
-zuvor von seinen Brüdern wäre verkauft worden; es soll sich immer nur
-freuen, ohne daß es gelitten hätte! Ihr Großen dahinten: wie ist's mit
-König David gewesen: hat er schließlich nicht auch sein Bündelchen zu
-tragen gehabt?”
-
-„Aber er war doch stärker als der Riese, und ich hab's doch nicht
-gewußt!” heulte Trudel.
-
-„Gewußt, gewußt! Trudelein! Du hast's doch selbst getauft! Und getauft
-ist getauft! Oder willst du dein Gäulchen dreimal taufen lassen, wie's
-dem Schalk aus Braunschweig geschah, und willst du haben, daß Riesele
-gleich diesem Schalk ein Taugenichts werde und ein Tagdieb? Sei stille,
-sei stille!”
-
-Trudel, von der Unabänderlichkeit zerschmettert, ließ sich niederfallen
-und ihr Geschluchz hub stärker an.
-
-Da wieherte draußen das Riesele, da knallten auch schon die kleinen
-Hufe wieder im Hausgang! Die ganze Klasse begann zu schreien vor
-Freude, der Gustav und der August liefen an die Tür, den kleinen
-Frechdachs fernzuhalten, hinauszuführen, aber dieser schlüpfte unter
-ihren Händen durch zum Saal herein und schnurstracks auf das Trudelchen
-zu, das bei den Kleinsten in der vordersten Bank saß.
-
-Diesmal, weil der Pfarrer im Saale war, zögerte das Mädchen nicht. Es
-schämte sich nicht! Allein es hatte gar nicht Zeit, sich zu schämen,
-sein kleines, ungestümes Herzchen hüpfte von selbst auf die Bank, nahm
-das kleine, sechsjährige Körperchen mit in die Höhe, es legte die
-nackten Arme um des Riesele schwarzen Hals, es küßte das Riesele auf
-die weiße Blesse und riß es an der in Jugendwuchs strotzenden Mähne mit
-sich fort, zur Schule hinaus und rief immerzu:
-
-„Dävidele, Dävidele!”
-
-Der Lehrer, der im Hofe auf- und abging und seinen Aufsatz auswendig
-lernte, kam eiligst herein, aber die zwei Kleinen waren schon draußen.
-
-„Riesele hat einen sehr gesunden Drang nach -- nach -- nach, Herr
-Pfarrer, nach Weisheit in sich!” meinte der Lehrer, „gestern war es
-auch hier!”
-
-„Es weiß nicht, was es tut!” erwiderte der Pfarrer pfiffig, „ihm soll
-verziehen werden! ... Uebrigens, wenn das Riesele ein Esel wäre und
-nicht ein kluges Ding, ein Pferd, man könnte versucht sein, mit der
-Schrift zu sagen: er kam in sein Eigentum, aber die Seinen ... Nix für
-ungut, Herr Lehrer, guten Morgen!!”
-
-
-
-
-IV
-
-
-Ein Viertelstündchen abseits vom Dorf wohnte der Großbauer Michael,
-der sieben Pferde und dreiundzwanzig Rinder hatte. Riesele sah einmal
-vier dieser Gäule an einem mit Steinen beladenen Wagen ziehen, zwei
-Peitschen knallten über ihnen, die Siele gerrten, Funken stoben aus den
-Hufeisen, und dies Spiel der Kraft mochte ihm so sehr gefallen, daß es
-sich den Pferden zugesellte und mit ihnen lief in den großen Hof. Sie
-konnten es gut leiden, die dicken Gäule, sie drehten allesamt die Köpfe
-nach ihm, sie ließen es an ihrem Trog Wasser saufen, ja, sie schoben es
-förmlich zu sich in den Stall, so daß Riesele mit ihnen fressen mußte
-aus ihren hohen Krippen. Ha, wie fühlte sich das Zwergfüllchen so wohl!
-Die sieben Kerle standen da in Reih und Glied nebeneinander, Knechte
-putzten an ihnen herum, daß die vollen Backen zu blinken anfingen,
-warme Dämpfe stiegen von den breiten Rücken in die Höhe, und die
-Schweife tanzten nur so!
-
-Riesele begann den Schweiß zu lecken, Riesele lief von dem einen zum
-anderen, Riesele ließ sich von allen liebkosen und streckte den Kopf
-auch den Knechten zu, die es liebreich tätschelten. Ueberallhin sprang
-Riesele in dem ungeheuren Stall, schlüpfte gar durch einen schmalen
-Verschlag hinüber in den Kuhstall, und die sieben Gäule drehten die
-schweren Köpfe an den dicken Hälsen hinzu nach dem Verschlag, sei es,
-daß sie selber gern einmal hindurchgeschlüpft wären zu den Kühen, sei
-es, daß sie das Gäulchen den plumpen Milchkühen nicht gönnten. Dies
-Kerlchen, -- man war selber einmal so lieblich und klein, man hätte
-selbst gern solch ein Kind gezeugt, solch ein Kind sein eigen genannt
--- dies Kerlchen sprang nun zwischen den Kühen herum, und keine Magd
-jagte es fort! Sie standen beisammen, die Mägde, und schwatzten.
-
-Die Knechte gingen gar hinüber und stellten sich zu ihnen, und der
-kleine Mann war nicht mehr zu sehen! Ein Hinterbein nur, ein Stück des
-linken Ohres: die Gäule wurden unruhig, wieherten, rissen an ihren
-Ketten, schlugen mit den Hinterhufen auf, als sei ein Bienenschwarm
-über sie hergefallen.
-
-Da auf einmal gab's ein Geschrei:
-
-„Er wirft mir die Milch um!”
-
-Sie stoben auseinander, die Mägde, die Knechte lachten laut auf, ein
-Eimer kollerte übern Steinboden, und Riesele kam in großen Sätzen durch
-den Verschlag in den Pferdestall zurück. Ha, wie freuten sich die Gäule!
-
-Aber da stand plötzlich ein kleines Mädchen in der Tür, wagte sich
-nicht näher, rief: „Riesele, Riesele,” und alle Herrlichkeit hatte
-ein Ende, denn das Riesele wandte sich von den alten Gaulmännern ab
-und lief zu dem Kind und lief mit dem Kind davon, ohne sich nochmals
-umgeguckt zu haben.
-
-Es kam wieder, das Milchkind! Es kam schon am nächsten Tage wieder!
-Zwei der Gäule zogen hinterm Haus den Pflug, zwei zerrten die Egge
-hinterdrein, zwei trabten mit dem leeren Steinwagen den Hügel hinauf,
-und der siebente, der dickste, hatte eine Fuhre Mist hinter sich hängen
-und stand noch im Hof, an der Mistkaute. Dieser allein sah das Riesele
-an sich vorüberspringen, sah es ohne Gruß an sich vorüberspringen,
-als wenn ein Gaul, der das Unglück hat, Mist ziehen zu müssen,
-deshalb keiner Achtung würdig wäre! Das eingebildete Aeffchen rannte
-schnurstracks in den Pferdestall, und da es niemand zu Hause fand,
-legte es sich ein Weilchen auf den Platz in der Mitte und schlief in
-dem großen Bette ein, wie alle Kinder es so gerne tun! Es wachte auf,
-als draußen der Mistwagen den Hof hinausratterte. Eiligst hob es sich
-auf die Beine, lief hinter dem Wagen drein, kehrte aber, noch bevor
-es ihn erreicht hatte, um und erblickte die Pflüger und die Egger und
-rannte nun, so schnell es konnte, hinters Haus, um sich den Pflügern
-zugesellen zu können.
-
-Schräggestellt wie ein Hund, tänzelte es nunmehr vor, neben und hinter
-den schweißigen Ackergäulen einher über die frischen Schollen wie eine
-flinke Meise, und seine aufstarrende Mähne bog sich schwer nach beiden
-Seiten. Die Schimmel, die hinterdrein die Egge zogen, begannen zu
-traben, der Knecht zerrte die Leine an und schrie unausgesetzt: „hü,
-hü!”, aber die Schimmel ließen sich nicht halten und eilten voran,
-wenn auch die Schollen nicht recht zereggt waren. Munter und stolz
-mit hochaufgestreckten Ohren nickten indessen die Füchse, die vorm
-Pfluge gingen, ihre Schar durch den harten Boden, wie wenn sie dem
-Kinde hätten zeigen wollen, was für ehrenfeste Kräfte sie seien, oder
-wie wenn sie ihm hätten ein gutes Beispiel geben wollen. Kein Blick
-abseits, kein Schritt abseits, gleichmäßig zerrten die Lederriemen
-an den Kummeten. Ja, der Knecht, der Soldat gewesen war und Sinn für
-maschinenhafte Ordnung hatte, gewahrte, daß die Schritte der Füchse,
-die sonst nach jedem fünften Tritt zum Gleichschritt kamen, eben
-fortgesetzt gleichmäßig im Takte blieben, und da er diesen Takt von
-der Kaserne her so sehr liebte, freute er sich über die Maßen wie beim
-fertigen Parademarsch und sah selber bisweilen wie ein Kompagniechef
-hinüber zum General, der heute sogar ein ganz junges Prinzlein aus
-vielleicht höchstem Hause war.
-
-Als wieder einmal die Furche zu Ende war, durften die Füchse warten,
-bis die Schimmel kamen, und nun stellten sich die Schimmel in dem
-Abstand, der ihnen ihrer Arbeit entsprechend zukam, seitlich von
-den Füchsen auf, um gleichzeitig und gleichmäßig ans andere Ende des
-Ackers die Arbeit zu ziehen. Ja, auch die Schimmel hoben nun die Köpfe
-und stellten die Ohren steil auf! Und wenn ihre Hufe auch nicht den
-gleichen Schlag bewahren konnten, -- vielleicht weil die Egge ein
-unordentliches Gezerr verursacht, -- so blieben sie doch, von der Hand
-des Knechtes gelenkt, in gleichem Abstand und in gleicher Höhe.
-
-Riesele aber, wie es da einen einheitlichen Willen erfühlt, hüpft wie
-ein abgerichteter Zirkusgaul von hinten her zwischen die vier Pferde
-und marschiert nun wie an der Tete mit fröhlichem Getrippel einher und
-tollt nicht mehr seitab und tänzelt nicht mehr und bockelt nicht mehr
-und ist ganz Ordnung und Würde.
-
-Jedoch gleich am Ende der Furche, als gewendet wurde, mochte ihm etwas
-anderes besser gefallen haben, und es lief vom Acker der Arbeit, dem es
-ein Stückchen Schönheit eigener Art verliehen hatte, davon.
-
-Es lief in eine neue Schönheit hinein: ein Weizenfeld stand oben, wo
-sich der Hügel hinabzu biegt, und Millionen von knallroten Mohnköpfen
-leuchteten, wie wenn sie als Wolke am blauen Sommerhimmel einhergingen,
-zwischen den steilen, kurzen Halmen dicht gedrängt, als stünde der
-Acker in Feuer.
-
-Riesele rannte drauf zu. Jedoch, wie es oben war, sah es sein Dörfchen
-unten, sah alle Schornsteine rauchen, -- kerzengerade ringelten sich
-feine Rauchsäulen in die heiße Luft -- und dann sah es noch am anderen
-Abhang eine Schafherde grasen. Der Pferch stand weiter unten im Tal,
-und die Hütte des Schäfers lehnte an einem Nußbaum.
-
-Diese Schafherde gefiel offenbar dem Riesele am besten, es lief
-deshalb zu ihr hin. Die Schafe hoben die Köpfe von der Erde auf und
-drehten sie. Der Schäfer pfiff, riß, wie wenn Gott weiß welche Gefahr
-gedroht hätte, die Schippe hoch, und der Hund stürzte sich heulend
-Riesele entgegen, so daß dies nichts besseres tun konnte, als eiligst
-umzukehren zu seinem Mohnfeld. Richtig erschreckt hatte es der garstige
-Hund: es legte sich um in dem Weizen und schlief fünf Minuten.
-
-Es erwachte wieder, blieb aber liegen, hob den schwarzen Kopf aus dem
-roten Feuer und nieste einmal kräftig in den Tag hinein.
-
-Sogleich, wie es geniest hatte, hörte es seine Mutter wiehern. Es
-duckte sich wieder zwischen die Halme, guckte aber doch nach allen
-Seiten um sich und sah schließlich den Kopf seiner Mutter oben am
-Himmelsrande des Hügels aus dem Rot auftauchen, wie er eine Last, die
-noch nicht zu sehen war, hinter sich hernickte. Die Mutter erschien
-ganz, die Last erschien: es war der leichte, überdächelte Stuhlwagen,
-den sie, wer weiß wohin, zu ziehen hatte, vielleicht den Pfarrer
-abzuholen oder den Gerichtsvollzieher.
-
-Riesele blieb liegen und duckte den Kopf. Als aber die Mutter wieder
-wieherte und nochmals, konnte es sich nicht halten und sprang auf und
-ihr entgegen.
-
-Die Mutter aber war durchaus nicht lieb zu ihm! Sie sah mit einem
-fernen Blick, der keine Liebkosung heischte, nach ihm hin, und Riesele
-getraute sich deshalb gar nicht so nahe zu ihr, obwohl es Durst hatte
-und gern an die Mutterbrust gestürzt wäre! Der Bauer nahm sogar die
-Peitsche, die am Kummet der Trudel stak, schwang sie hoch und riß dem
-Riesele die dünne Schmicke über die Ohren, daß es, obwohl die Schmicke
-nicht traf, sich rasch herumwarf und heimwärts lief.
-
-Als es einmal stehen blieb und nach der Mutter umsah, war das Fuhrwerk
-verschwunden.
-
-Im Stall des Großbauern brüllten etliche Kühe, deren Euter zu
-schwer geworden waren, nach den Mägden. Allein Riesele hörte den
-Peitschenknall und zog es vor, heimzutrippeln. Es sah sich nicht mehr
-nach den Gäulen um, nicht mehr nach den kleinen Kindern und selbst
-am Schulhof, wo gerade Pause war, raste es vorbei und mißachtete des
-Brotes und der lauten Rufe.
-
-Je näher es seinem Stalle kam, um so rascher sprang es, es hörte den
-Peitschenknall an den Ohren, und vielleicht vermeinte es, die Peitsche
-schwebe noch über ihm wie ein Engel über Kindern ... es rannte, rannte
-und sah nicht auf, nicht um, ja, der junge Mund, der schlaff nach unten
-hing, füllte sich mit schaumigem Geifer, und ein weißer Fetzen troff
-herab und klatschte auf den gelben Huf.
-
-Ein Kind stand da, sah das Riesele den Weg daherrasen; es trug in der
-Hand einen irdenen Krug mit Milch und erschrak vor solcher Kindeswut
-im kleinen Gäulchen und konnte nicht ausweichen und blieb stehen mitten
-auf dem Weg.
-
-Jedoch das Riesele konnte heute nicht bei dem Kind verweilen wie sonst,
-konnte überhaupt nicht achthaben auf ein Kind. Es rannte das Kind an,
-daß der Milchkrug fiel, daß er zerbrach und daß die Milch sich weithin
-ergoß.
-
-Der Schlag schreckte aber nun das Riesele auf aus seinen Träumen; es
-drehte sich um, blieb einen Augenblick stehen, kam zaghaft näher an
-das Kind und besah sich die Milch, die in Rinnseln dahinfloß. Einen
-Augenblick nur, wohl bis es sich überzeugt hatte, daß es diese Milch
-doch nicht trinken könne, besah es sich das Unglück; dann drehte
-es sich wieder, schlug sich überaus leichtfertig mit dem lichten
-Schwänzchen über die Hinterbacken und ging gemächlich weiter.
-
-Ein blütenweißer Gänserich stand da auf einem Bein und schielte zu
-den Gänsefrauen, die einen Steinwurf entfernt im Sande lagen. Im
-vergangenen Winter war er der einen Liebster gewesen; offenbar konnte
-er nicht so rasch vergessen, als er vergessen ward, und er stand da und
-träumte, und Riesele tappte auf ihn zu, daß er ganz verschreckt die
-Flügel aufriß und halb flog, halb hoppste und nun, gesammelt, heftig
-dem Gäulchen nachschimpfte. Die Weiber lachten ihn aus.
-
-Die Hühner hockten vorm Stall; sie standen auf, wie Riesele kam, und
-setzten sich wieder, als hätten sie nur grüßen wollen! Sapperlott saß
-auf der Schwelle und hoppste langsam zurück. Drei junge Schwalben
-zwitscherten auf der nach innen aufgedrehten Tür, eifrig wie alte.
-
-Riesele legte sich seitab von den Hühnern an das Wässerchen, leckte,
-erhob sich, ging an den Trog und versuchte mit der Zunge zu lecken wie
-ein Hund und trank dann regelrecht wie ein erwachsenes Pferd. Aeußerst
-stolz sahen die großen Augen rings auf das Geziefer herab, das doch
-meinte, Riesele sei noch ein Brustkind! Das Wasser tat ihm gut; es
-hätte schier nicht mehr aufhören mögen, zu trinken!
-
-Ein Fuhrwerk, mit zwei Kühen bespannt, schob sich in dem tiefgleisigen
-Weg vorbei; Riesele, das großen Hunger hatte, begann aus irgendeinem
-Grund, vielleicht aber auch ohne jeden Grund, hinter dem Wagen
-herzulaufen, bis es die Entenschar daherkommen sah. Der Enterich,
-dessen Gefieder schillerte, wie wenn er's frisch für einen Feiertag
-geölt hätte, warf den Kopf rückwärts zur nächsten Ente, sagte: „wack
-wack”, drehte den eitlen Kopf wieder vor, und eine Ente sagte der
-anderen dieses Wort, das sicher eine mißliebige Bemerkung gegen Riesele
-war, denn eine jede zog, nachdem sie gesprochen, den Unterschnabel
-zurück und lachte auf diese Weise, wie es Enten tun, und wackelte
-weiter. Riesele schien von diesem verschmitzten Lachen beleidigt zu
-sein, tappte in die Schar, zerstreute sie und freute sich seiner Tat so
-sehr, daß es in wilden Sätzen auch die Hühner aus ihrem trägen Brüten
-aufjagte und wunder meinte, was für ein Held es sei! Denn es turnte
-wieder an den Wassertrog, tunkte ungestüm den Kopf bis fast zur Hälfte
-hinein und schüttelte die Wassertropfen nun über die Hühner hin, die
-schon wieder beisammen saßen. Das schien in der Tat ein Heldenstück,
-war aber keineswegs ein solches, war Not, nicht Tugend, sofern ein
-Heldenstück dieser Art überhaupt Tugend sein kann.
-
-Riesele war größer und kräftiger als das Federvieh zusamt den Gänsen,
-aber es war auch jünger! Die Gänse und die Hühner und die Enten hatten
-sich ihren Lebenskreis schon lange gezogen und waren fertige Leute!
-Riesele aber fing erst an, sein Leben sich zu zimmern, und es wäre
-eine schöne Sache, wenn berichtet werden könnte, daß aus diesem Grund
-das Federvieh, wie es reifen Leuten zukommt, die Quertreibereien des
-Gäulchens geruhsam über sich hätte ergehen lassen! Man weiß indes: sie
-wichen der Gewalt!
-
-Oft, sehr oft mußten die pflichttreuen Tiere der Gewalt dieses
-Tollpatsches weichen. Ausgebreitete Hühnerflügel, flatternde Schwänze,
-das Durcheinander des Entenwacks wirkten jeweils auf das Riesele
-wie Disteln unter seinem Schwanz, und es geschah nicht selten, daß
-die Hühner flüchten mußten, sich mühsam aufschwingen mußten auf die
-Stalltür, auf die Wagenleiter, oder daß sie auf- und davongehen mußten
-ins Gras, so wild gebärdete sich Riesele! Die armen Enten: sie trugen
-von ihrer Stammutter her den Drang nach der Ferne im Blut, sie sahen
-alltäglich ihre wild und frei gebliebenen Schwestern übers Tälchen
-streichen und ins Röhricht einfallen, wo sie ihren verletzenden
-Freiheitsruf immerhin lockend erschallen ließen, sie spotteten der
-zahm, gesinnungstüchtig, eierlegend, aber auch schwerfällig und dick
-gewordenen Hausenten, und diese, obwohl sie des Dranges nicht ledig
-waren, konnten ihren plump gewordenen Körper um keinen Preis mehr in
-die freien Lüfte erheben und hätten's doch so gerne getan. Hätten's
-doch zu allererst deshalb so gern getan, um diesem Tunichtgut rasch
-entflattern zu können und nicht mühselig und stets seines Hufs
-gewärtig, aus der unbestimmten Bahn entwackeln zu müssen! Die armen
-Enten! Sie haßten das Riesele sehr!
-
-Ganz anders verhielt es sich mit den Gänsen! Sie waren neun an der
-Zahl, sie trugen das Bewußtsein ihrer Stärke in sich, sie konnten
-das Riesele, wenn wirklich ein Ernstfall entstehen sollte, mit ihren
-Schnäbeln und mit ihren schweren Flügeln schon dermaßen verhauen,
-daß es -- der graue Gänserich ist neulich einem Kalb an die Kehle
-gesprungen -- daß es gerne die Flucht ergreifen würde! Auch das Riesele
-wußte das! Aber was sollten die großen Gänse Händel suchen, weil
-die kleinen Enten sich nicht selber verteidigen konnten, ihre Natur
-ganz und gar vergessen hatten, sich also auch nicht mehr zu retten
-vermochten, wenn der Feind stärkere Kräfte ins Feld führen konnte, als
-ihnen zur Verfügung standen! Törichtes Entenvolk!
-
-Die Peitsche, jeweils die Peitsche, mußte solchen Zwist schlichten, und
-darnach vertrug man sich wieder, hielt Freundschaft und fraß aus einer
-Schüssel.
-
-Das Schlimmste aber an all diesen Mißhelligkeiten war, daß die Kinder
-immer und immer wieder einseitig und urteilslos Partei ergriffen für
-den, der Hilfe am wenigsten nötig hatte, für Riesele!
-
-Aber es muß doch gesagt sein, daß das Geflügel auch wieder seine Freude
-hatte an dem tollen Vierbein, und daß selbst die Enten sich jeweils
-mehr über sich selber ärgerten, als über das Riesele! Die Enten, die
-Hausenten, sind das Opfer ihrer Bequemlichkeit geworden, sie sind's nun
-einmal, und wissen sich drein zu schicken!
-
-Die Geißen im Stall trugen auf der Stirn wie gezückte Schwerter die
-beiden Hörner und blieben unbehelligt, und ihre Jungen verstanden den
-Kindskopf Riesele besser als alles Geziefer und tollten mit ihm, wenn
-es tollen wollte, und legten sich neben es, wenn es schlafen wollte.
-Es kam oft vor, daß neben, ja dicht an und auf dem tiefschwarzen
-Füllenrücken ein schneeweißes Geißlein schlief oder gar zwei, und
-Sapperlott, der Hasenvater, der offenbar einen besonderen Sinn für
-Farben hatte oder auch für Musik, brachte kein Auge zu und sah und
-hörte nicht, was um ihn vorging, wenn Schwarz und Weiß in solcher
-Eintracht beisammenlagen wie ein preußisches Fähnlein.
-
-
-
-
-V
-
-
-Noch sprang das Riesele umher ohne Zaum, ohne Zügel, ohne Halfter,
-pudelnackt, wie Gott es erschaffen hatte. Trudel, das Mädchen, konnte
-ihm keine Blumen anstecken, und hätte es doch so gerne getan! Gustav
-und August, wenn sie es striegeln wollten, konnten es nicht festhalten
-und striegelten es doch so gerne! Die Hufe, die sich gemach vom Staub
-der Erde grau färbten, sollten gelb bleiben wie Maibutter, aber wer
-konnte die Hufe des Tages siebenmal bürsten? Wer könnte die Mähne, die
-zusehends wuchs, des Tages siebenmal strähnen, wer den Schweif, der wie
-ein Mädchenzopf baumelte, richtig durchkämmen, wie sich's gehörte?
-
-Trudel, das Schwesterchen, setzte einmal seine Puppe auf den schmalen
-Rücken des Riesele, aber das Riesele warf die Puppe von sich, indem es
-mit den Vorderbeinen sich heftig gegen die Erde stemmte und den Rücken
-vom Hals bis zum Schwanz wacker schüttelte. Eine Puppe freilich, eine
-Puppe!
-
-Gustav kam zuerst auf den guten Gedanken: August mußte den Kopf
-Rieseles untern Arm nehmen, mußte ihn festhalten, und Gustav hob das
-Trudelchen hinauf, ganz hoch hinauf auf den Rücken und probierte
-vorsichtig, ob das Tierlein auch solche Last tragen könne. Es trug sie!
-Es fühlte sich offenkundig wohl mit seiner Last, es drehte den Kopf aus
-Augusts Arm und reckte ihn stolz in die Höhe. Dann machte es gar einen
-Schritt und noch einen, und da das alles so leicht ging, schoß es ganz
-plötzlich weiter, und das Trudelchen purzelte aufs Gras herab, stand
-auch schon wieder und lachte und setzte dem Ausreißer nach quer über
-die Wiesen, die der zweiten Mahd entgegensahen.
-
-„Lauft mir mal schnell zum Sattler miteinander!” rief der Vater von der
-Treppe herab, „und laßt mir dem Riesele ein Halfter anmessen!”
-
-„Los, zum Sattler!” schrien die Buben, „los zum Sattler!” triumphierte
-das Mädchen, „und ein Sättele, ein Sättele, Vater, darf der Sattler
-auch ein Sättele machen?”
-
-„Sättele, Sättele,” entgegnete der Vater, „was willst du mit einem
-Sättele? Maidlin gehören nit aufs Sättele! Los, und nix angestellt
-unterwegs!”
-
-Als der Sattler das Maß nahm, sagte er zu Trudel:
-
-„Heut kommt das Riesele in die Schul; mach einen Strich in den
-Kalender!”
-
-„Wie lang muß es in der Schule bleiben? Ich muß acht Jahre drin
-bleiben!”
-
-„Acht Jahre?” versetzte der Sattler, „und dann?”
-
-„Dann geh ich in die Stadt!”
-
-„Du hast's gut vor, Trudel, acht Jahre sind schnell herum! Aber das
-Riesele muß sein ganzes Leben lang in der Schule bleiben!”
-
-„Muß es?” fragte Trudel.
-
-Gustav kam herbei und hielt ihr den Mund zu, denn der Polizeidiener
-stand an der Straßenecke und rief etwas aus. Er rief aus, daß von
-morgen ab das Betreten der Weinberge verboten sei!
-
-Und dann kam er schnurstracks an die Treppe des Sattlers, griff dem
-Riesele in die Mähne und sagte zu den Kindern:
-
-„Höchste Eisenbahn, daß er sein Halfter ankriegt, der Tagdieb, sonst
-hätt' ich ihn morgen gleich ins Wachtstübchen gesteckt!”
-
-„Sonderbare Welt das,” dachte Trudel, und die Buben dachtens auch,
-„der Sattler will Riesele nicht mehr aus der Schule lassen, der
-Polizeidiener will's gar ins Kittchen stecken!”
-
-Noch am Abend holten die vier das Halfter ab, strippten es Riesele um
-den Kopf und führten es heim in den Stall, wo der Vater es neben seiner
-Mutter ankettete, jedoch so kurz, daß es nicht, wie es wollte, stets an
-der Mutter Zitzen saufen konnte.
-
-Von nun an also stand Riesele gleich den Erwachsenen im Stall. Doch
-jeden Tag durfte es etliche Stunden lang, an einen Pfahl gebunden, auf
-der Wiese kreisen, eng umzirkt zwar, doch immerhin draußen in einer
-gewissen Freiheit. Gar oft, -- ach, wer konnte dem lieben Tierlein
-gegenüber so entsetzlich streng sein? -- durfte es frei umherspringen,
-wohin es wollte, und durfte seine Bubenstreiche vollbringen, die ihm
-jedermann schon verzieh, bevor sie begangen waren.
-
-Es war indes doch die Zeit gekommen, daß die Hufe des Riesele breiter
-wurden, sein Magen größer, seine Kraft heftiger, die Zeit, da es von
-der Gasse genommen werden mußte in das Gehege des Zaunes. Als der
-Bauer Klaus diesen Hag gegenüber der Wohnstube in die Wiesen schlug,
-merkte Riesele sicher, was für ein Geschick sich da erfüllen wollte.
-Trudel, die Mutter, die ohnedies an dem Gassenbuben zu wenig eigene
-Freude hatte und um so mehr Kummer und Bangen ausstehen mußte, zog auf
-dem kleinen Wagen selber die Pfähle herbei aus dem Birkenwald. Sie tat
-es gerne, die Pferdemutter! Denn wenn Riesele jeweils, wie es seine Art
-war und wie es überhaupt die Gewohnheit aller guten Kinder ist, gerne
-zur Mutter, die in die Arbeit ging oder von der Arbeit heimkehrte,
-hinsprang, sich ein paar Küsse zu holen, ein paar Küsse zu verschenken,
-so konnte jedermann, der ein waches Auge hatte, wahrnehmen, daß
-diese Liebkosungen nicht nur seltener, sondern, -- und dies war noch
-ungeheuerlicher, -- daß sie weniger zärtlich wurden! Ja, es kam vor,
-daß die getreue Mutter auf einen ganzen Tag fort in den Wald mußte,
-schwer schaffen mußte, und am Morgen nicht einen lieben Blick, nicht
-ein kurzes „Wiedersehen” bekommen hatte vor lauter „Gasse”, und daß
-sie alsdann im Schweiße ihres Angesichtes auch nicht mit Wohlbehagen
-und süßer Hoffnung, wie andere Mütter sie doch stets mit sich tragen
-können, auf einen frohen Abend rechnen durfte.
-
-Solchergestalt kann es nicht wundernehmen, daß Trudel, die Stute,
-den Augenblick ersehnte, da die Birkenstämme abgeladen wurden, und
-es nimmt weiterhin durchaus nicht wunder, daß der Gassenbengel
-wußte, worum sich's drehte, und daß er fortlief in's Weite, recht
-weit von den Balken des Zuchthauses fort! Mütter wissen ja immer die
-Erziehungsmaßregeln, die nicht sie über ihre Kinder verhängen, die
-sie selber seinerzeit als Zwang empfunden haben, ihren Kindern recht
-eindringlich und nachdrücklich hinzustellen, und etwa zu sagen: „Wart
-nur, wenn der Vater heimkommt,” oder: „Wart nur, wenn du in die Schule
-kommst!” Es ist ein Glück, daß sie dabei übersehen, wie sie sich selber
-vor sich selber bloßstellen ...
-
-Da gruben Vater und Buben Löcher aus dem Wiesengrund, zwei Pfähle
-ragten schon eingerammt gleich ungeheuren drohenden Gerten gegen
-Riesele auf, die Gänse lachten, die jungen, frechen Hähne flogen oben
-drauf und versuchten zu krähen, um das Riesele, das Reißaus nahm, zu
-foppen. Riesele blieb stehen, sah sich um, schleuderte leichtsinnig die
-Hufe in die Luft und lief fort! Es lief dem Dorfe zu und hörte hinten
-im Armenhäuschen ein Waldhorn blasen und lief dem Waldhorn nach.
-
-Im Armenhaus wohnte der Schweinehirt, der einzige Mensch, der mit
-dem Riesele noch nicht Freundschaft hatte. Er blies das Waldhorn! Er
-wohnte da ganz allein für sich, hatte nicht Weib, nicht Kind, kein
-Tierlein um sich, war aber ein Musiknarr und ein Kinderfreund, wie
-es nicht viele gibt. Riesele wußte das noch nicht, wußte auch nicht,
-daß der Musikant der Sauhirt war, und lief dem Liede des Waldhorns
-nach und streckte den Kopf nach der niedrigen Fensterbank, ohne ihn
-hineinstrecken zu können. Da sah es den Hirten, den es fürchten mußte,
-vor einem Spiegel stehen und blasen und sah sein eigen Antlitz in dem
-Spiegel, der schräg an der kahlen Wand hing.
-
-Der etwas verwucherte Mann legte sogleich das blankgeputzte Blasrohr
-weg, zog den Schubkasten aus dem Tisch und griff hinein und hielt dem
-Riesele ein Stückchen Zucker hin. Riesele nahm den Zucker vorsichtig
-zwischen die Lippen und verschluckte ihn alsdann, und sogleich schob
-ihm der Hirt ein neues Stück ins Maul und dann noch eins und noch eins!
-Sie liebten sich, diese beiden!
-
-Der Freund nahm sein Waldhorn wieder, setzte sich auf die Fensterbank
-und schmetterte einen strammgefügten Marsch an den Ohren Rieseles
-vorbei, so daß es dem Tierlein ganz seltsam zumute ward. Ab und zu
-hoben sich die weißgelben Hufe, bald dieser, bald jener; ab und zu hob
-sich das vernaschte Maul, ab und zu erschien eben aus dem Maul die
-Zungenspitze rot wie Himbeereis und verschwand wieder.
-
-Als aber das Gäulchen das Maul auf die Fensterbank hob und liegen ließ
-und die Luft aus den kleinen Nüstern stieß, daß der Staub aufwirbelte,
-da begannen die Kinder, die um es her standen, zu lachen. Der Hirt
-merkte sogleich, daß dies Lachen dem Riesele peinlich war, denn er
-wußte Bescheid in solchen Sachen der entzückten Seele, und er sprang
-aus dem Fenster und gab dem Gäulchen wieder ein Stück Zucker, und er
-griff ihm ans neue Halfter, und es folgte ihm. Die Kinder durften nicht
-mit.
-
-Die beiden schritten dem Birkenwäldchen zu, und als sie die letzten
-Häuser hinter sich hatten und keine Kinder mehr zu sehen waren, da band
-der Hirt sein Waldhorn dem Riesele an den Hals und sang:
-
- Das Schwein, das muß gehütet sein!
- Der Kastor kann es hüten!
-
- Der Kastor muß gehütet sein!
- Der Cornel kann ihn hüten!
-
- Der Cornel muß gehütet sein!
- Wer kann den Cornel hüten?
-
- Ich will mein Schwein behüten fein,
- Mag seins der Kaiser hüten!
-
- Der Kaiser muß behütet sein!
- Wer mag den Kaiser hüten?
-
- Sein lieber Gott behüt ihn fein!
- Mög mich der meine hüten!
-
-Das Liedchen führte die zwei Wanderer bis ans Birkenwäldchen. Sie
-legten sich nebeneinander nieder, der Hirt steckte dem Riesele
-dunkelblaue Glockenblumen ins Halfter, setzte das Horn an die Lippen,
-und das Riesele starrte übers Wiesentälchen hinunter an seinen
-Heimatstall, wo der Bauer emsig die Balken des Gefängnisses einschlug.
-Riesele hörte die Axt knallen, und der Hirt, als er das erste Lied
-geendet hatte, nahm sich den zierlichen Ponykopf an die Brust,
-streichelte ihn, zerrte an den Ohren, kribbelte an der Blesse herum,
-strich mit den Fingern durch die Furche, die den Rücken hin die zarten
-Backen teilte, und schob die Hand quer in den Pferdemund und sagte:
-
-„Riesele, ich weiß, was es da unten gibt! Sie werden dich einsperren,
-wie sie mich eingesperrt haben, und werden's aus demselben Grund tun!
-Wir sind freier wie sie, wir sind fröhlicher wie sie, und das können
-sie nicht vertragen! Sie laufen, seitdem sie sich selber aus dem
-Paradies vertrieben haben, mit Handschellen umher wie Sträflinge, mit
-Handschellen umher wie Mausfallenhändler, und wo sich die Freiheit
-regt, da schnallen sie an! Die Unfreien haben das große Wort an sich
-gerissen, und sie haben es im Laufe der Jahrtausende fertig gebracht,
-daß alle Menschen unfrei wurden, so unfrei, daß die wahrhaft Freien
-sich ihrer Freiheit wegen verdächtig vorkommen, sich ihrer schämen, an
-ihrer Freiheit straucheln, sich ihrer Freiheit fluchen und schließlich
-sich ihrer Freiheit entäußern! Sich freiwillig der Freiheit entäußern,
-das tun oft ganz gute Christenmenschen und meinen, das sei der höchste
-Grad der Freiheit! Doch sag selbst, Bruder Riesele, wenn du jetzt aus
-freiem Entschluß in deinen Hag stolzierst, so magst du zwar ein guter
-Christengaul werden, bist aber trotz aller Philosophie kein freies
-Geschöpf mehr! Und Geschöpf sein, das heißt noch lange nicht, wie
-sie meinen: unfrei sein! Auch ums Paradies haben die Unfreien, die
-Umzäunten, einen Zaun erfunden, weil sie Gott nach ihrem Bilde und
-Gleichnisse formen wollten. Einen Schutzmann machten sie aus ihm, einen
-Zirkusdirektor, der die Taschen voller Zucker trägt und innen, unterm
-Faltenrock die allmächtige Peitsche! Nein, nein, Riesele: die wahre
-Freiheit haben wir in uns, oder aber wir sind schlechter als unsere
-Tiere! Bleib schön liegen, Riesele, ich bin noch nicht ganz fertig!”
-
-Der seltsame Sauhirt, der sicher von sich vermeinte, ein göttlicher
-Eumäos zu sein, hielt inne mit seiner Rede über die Freiheit und zog
-den Kopf des Riesele näher an sich, so daß das Tier die entblößte Kehle
-seiner Hand darbieten mußte. Der Mann spielte mit den Fingern an dieser
-Kehle, was dem Riesele erst gut gefiel, was es aber doch nicht lange
-ertragen mochte. Es sprang auf; drei Johanniskäferchen schwirrten
-grelleuchtend um es her, so dunkel stand der Abend schon vorm Wäldchen,
-und die grünlichen Signale verwirrten es so sehr, daß es zu laufen
-begann und nicht wußte, wohin es lief.
-
-Dem Hirten pochte das Herz: er hatte das Riesele mitgenommen, jedermann
-mußte es gesehen haben, er hatte also auch die Verantwortung über das
-Kind, und schließlich, wenn der Hirte des Hirten bedurft hätte, so
-hätte die Gemeinde nicht ohne Recht diesen bedürftigen Schweinehirten
-jener Obhut übergeben können, die er so sehr fürchtete.
-
-„Sie dürfen dich nicht wieder zum Verrückten machen, Cornel!” sagte er
-laut in den Abend, ergriff sein Waldhorn aus dem Grase auf, setzte es
-an und schmetterte seinen gradlinigen Militärmarsch übers Dorf hin,
-daß sicher alles, was schon schlief, erwachte, und alles, was noch im
-Stall hantierte, mit neuer Kraft sich anspornte. Er spielte ja nur,
-um das Riesele wieder zu sich zu locken, aber das Riesele trabte
-im Dämmerlicht weiter am Waldrand hin, fraß an den Brombeerhecken,
-zauselte an herabhängenden Zweigen, und die Glühwürmchen, die aus
-allen Richtungen aus dem Gras, aus den zerstreuten Heuwellen, aus den
-weißdurchtupften Rosenhecken aufschossen, -- und der Heugeruch selber
-und das aufdringliche Gequak der Frösche unten im Wassergraben setzten
-seinem jungen Herzen so sehr zu, daß es des strammen Marsches nicht
-mehr achtete und wahllos weiter lief, einerlei, wohin es kam! Ja, das
-lockende Waldhorn jagte das Riesele eher weiter weg, als daß es lockte.
-
-Cornel, der Hirt, hing das Horn um die Schulter und begann, den Weg
-hinzulaufen, den das Riesele eingeschlagen hatte. Er horchte, er legte
-das Ohr auf den steinigen Boden, den Huftritt zu erlauschen, er lief
-wie ein Hund, der eine Spur erschnuppert, allein er sah und hörte das
-Riesele nicht. Die Sichel des Mondes spitzte überm Waldrand; kleine
-Wolken rasten gegen ihren Bogen, als wollten sie geschnitten sein wie
-Gras.
-
-Plötzlich erschallte vom Dorf herauf das Feuersignal! Ohne nachzusehen,
-ob irgendwo eine Flamme oder ein heller Qualm sich zeige, wußte
-Cornel genau, wem dieses Signal gelte! Es galt zuerst dem Riesele,
-aber es galt nicht minder auch ihm, dem Cornel! dem Schweinehirten
-der Gemeinde! Denn sie kannten ihn nicht, sie wollten ihn überhaupt
-nicht kennen lernen, und sie begnügten sich damit, ihn einen Narren zu
-nennen! Es galt also, auf dem Damm zu sein, da die Flut stieg!
-
-Stimmen erschallten vereinzelt und abgerissen aus dem Dorf herauf, das
-Signal strömte zwischen dem Wald der Obstbäume, alle Hunde heulten auf,
-irgendwo in einem Stall krischen ab und zu salvenweise ein paar Gänse,
-wie wenn sie auch dabei sein müßten, wenn's dem Sauhirt an den Kragen
-geht!
-
-Die Stimmen sammelten sich und verteilten sich wieder, und bald hörte
-Cornel bekannte Dorfstimmen, die sich den Hohlweg heraufnäherten, und
-er hatte das Riesele, das er doch verführt, noch nicht in der Hut.
-
-Aber da stand es ja plötzlich neben ihm! Stand da wie aus dem
-Sommerabend geboren, der allhin so viel Liebe gebiert! Da stand es und
-hielt einen Birkenzweig im Mäulchen, wie wenn nichts geschehen sei!
-
-„Hast deinen Hirten aber schön erschreckt, Riesele!” sprach er, „doch
-gib ihn her, den Oelzweig des Friedens, daß wir uns gemeinsam für
-den Augenblick unserer Freiheit begeben können, denn sie kommen, die
-Unfreien! Mit Leuchtfackeln kommen sie, wie zu Jesu Gefangennahme,
-die Freiheit zu suchen, um sie einzupferchen und sie bei Wasser und
-Brot fasten zu lassen! Siehst du sie kommen mit den Lederhelmen?
-Hörst du sie kommen mit den Feueräxten? Sie schlagen, wenn sie's für
-nötig erachten, das Sommerhaus ihres Gottes in Stücke und schrecken
-vor diesem ihrem Schreckgespenst auch nicht zurück. Verstummet, ihr
-Frösche, daß sie euch nicht erschlagen! Verkriecht euch in die Erde,
-ihr Käfer, der ihr entnommen seid! Nachtigall, schlag nicht heute
-abend: die Menschen kommen mit ihren Mordgewehren der Schönheit und des
-Friedens.”
-
-Riesele schien solches Gerede gerne anzuhören; es ließ seinen Kopf auf
-der entblößten Schulter Cornels liegen und ging Schritt für Schritt
-weiter.
-
-„Weißt du, wo das Wachtstübchen ist? Nein, das weißt du nicht! Aber
-paß gut auf, Riesele: wenn sie deinen Freund hineinstecken werden, so
-komme manchmal an die Tür! Ich will dir Brot geben von meinem Brot und
-Wasser, wenn du Durst nach Freiheit hast! Ich weiß, sie sperren mich
-ein paar Tage ein; aber das ist immer noch besser als das Irrenhaus!
-Sie dürfen mich einsperren: ich trage das Bewußtsein eines neuen
-Freundes in der Brust, der so geschickt zuhören kann und meine Lehren
-versteht! Paß auf! Paß auf! Laß uns niedersetzen!”
-
-Cornel setzte sich, und Riesele blieb bei ihm stehen.
-
-Zwei Feuerwehrmänner kamen daher, plauderten miteinander, und der eine
-sagte gerade:
-
-„Roma heißt rückwärts gelesen Amor! Amor ist aber, das steht
-ausführlich in meinem Buche, der Gott der Liebe! Oh, in den großen
-Städten wird fürchterlich geliebt!”
-
-Sie sahen vor lauter Liebe nichts und gingen vorüber.
-
-„Fürchterlich geliebt!” rief ihnen Cornel nach, „da habt ihr aber
-recht!”
-
-Sie schreckten zusammen, die verträumten Feuerwehrleute, kamen dann
-aber gleich beherzt herzu und sagten zugleich:
-
-„Da sind sie ja!”
-
-„Da sind wir!” erwiderte Cornel und streckte beide Hände vor, als wolle
-er sie fesseln lassen.
-
-„Los, heim! Vor uns hermarschiert!” kommandierten die Wehrleute, und
-Cornel legte den Arm auf Rieseles Hals, und so traten sie den Heimweg
-an.
-
-„Fürchterlich geliebt ist gut!” fing Cornel an, aber die Wehrleute
-gaben ihm keine Antwort und redeten von den Dickrüben, die von Hasen
-zerfressen waren.
-
-Der Hirt wandte sich nunmehr wieder an Riesele und sagte laut, daß die
-Männer es hören konnten:
-
-„Weder Zucker, Riesele, -- das wollte ich dir vorhin noch sagen --
-weder Zucker gab uns Gott noch Peitsche, sondern Freiheit, Freiheit.
-Und das ist so gut und so viel als sich selber! Sich selber gab er uns,
-mitten in den Herzschlag hinein, Riesele! Uns, das will heißen: dem
-Kaiser, mir, dir, meinen Schweinen und aller Kreatur!”
-
-„Und aller Kreatur!” wiederholte der eine Feuerwehrmann.
-
-„Und aller Kreatur!” bestärkte Cornel und fuhr fort:
-
-„Einheit, Schönheit, Harmonie ringsum in seiner Schöpfung! Nur die
-Menschen sind ihm mißraten, Riesele! Sie sind entweder zu eng oder zu
-weit ausgefallen!”
-
-„Zu eng!” rief ein Wehrmann, und Cornel antwortete:
-
-„Hörst du's, Riesele, der ist zu weit geraten! Zu weit, und er möchte
-deshalb weiter sein!”
-
-„Zu weit!” schrie der andere, und Cornel entgegnete:
-
-„Hörst du's, Riesele, der ist zu eng ausgefallen! Zu eng, und er
-möchte deshalb enger sein! Lüge ist alles! _Eine_ Einheit in der
-Mannigfaltigkeit: die Lüge; _eine_ Mannigfaltigkeit in der Einheit:
-die Lüge! Sie sind aber selbst schuld, die Menschen; sie haben die
-göttliche Freiheit mißverstanden, sie haben ihre natürlichen Begriffe
-irgendwie verwirrt, sie sagen: deine Freiheit ist die Grenze meiner
-Freiheit, und nun gehen sie aufeinander los und sagen: ‚Gewalt geht
-vor Recht, und die Freiheit ist für die Narren!’ Riesele! Hörst du's,
-Riesele: ich will lieber ein Narr sein, als daß ich unfrei wäre! Du
-nicht auch, Riesele?”
-
-Das große Tor der Wachtstube öffnete sich wie von selbst.
-
-„Nun bist du unfrei,” sagte ein Feuerwehrmann, „und bist doch ein Narr!”
-
-„Nun bin ich unfrei,” entgegnete Cornel, „und bin doch frei!”
-
-Cornel ward hineingestoßen, indes Riesele heimtrottete.
-
-
-
-
-VI
-
-
-Von nun an also sah man das Riesele nicht mehr auf den Gassen
-umhertollen. Es ward eingesperrt! Der Zaun, im Geviert vor der
-Wohnstube des Bauern errichtet, war aber stets lebendig: Buben hockten
-drauf, Mädchen selbst erkletterten ihn und ließen die bloßen Füße
-herabbaumeln, und da er sehr fest aus dicken Balken gezimmert war,
-konnte manchmal die ganze Dorfjugend auf den Balken Platz finden. Die
-Buben liefen mit weitausgestreckten Armen sicher wie Seiltänzer drüber
-hin, und die Erwachsenen lehnten sich an, um wie vertraute Nachbarn das
-Gäulchen zu beobachten.
-
-Es lief da innen am Zaun entlang, biß an den Birkenrinden sich die
-Lippen blutig und hälmelte spärlich an dem zertretenen Gras des
-Bodens. Rundum, den Zaun entlang, war bald ein Pfad festgetrampelt, und
-an den Balken nach der Wohnung zu wuchs auf einen Meter breit kein Halm
-mehr.
-
-Die Unfreiheit schmerzte. Zwar kam niemand vorüber, der nicht dem
-Riesele ein Stückchen Brot schenkte, ein Klümpchen Zucker, eine
-Handvoll Klee, aber es gab doch so viele Stunden, da mußte es allein
-sein und wußte nichts zu tun, als an der Rinde knuppern, als mit den
-Hufen scharren. Oft legte es sich mitten in sein enges Reich und
-schlief oder träumte mit offenen Augen in den blauen Himmel.
-
-Die Augen, die unendlich groß und unendlich dunkel und unergründlich
-waren, spiegelten alsdann den Hag, die Wiesenhalme, das ferne Wäldchen
-wider, als ergingen sich diese Schönheiten in der jungen Tierseele, und
-Trudel konnte sich an diesem Glanze gar nicht satt sehen. Ach, so oft
-schlüpfte sie durch das Gehege hinein und legte sich neben den Freund
-und half ihm träumen und scharren und knuppern, wenn's nötig war. Es
-geschah aber auch, daß andere Kinder ins Bereich schlüpften, um mit
-Riesele im Gefängnis herumzutollen, und diese Stunden des Spiels waren
-dann die wenigen Feststunden, da Riesele sein Elend vergessen konnte.
-
-Die Mutter Trudel mochte in sich fühlen, daß ihr Kind schon Verständnis
-habe für die Arbeit, oder doch, daß nun die Zeit gekommen sei, ihm
-dieses Verständnis beizubringen, und immer, wenn sie angespannt wurde,
-zerrte sie an ihren Strängen nach dem Kinde hin, das freilich, seit
-es eingesperrt war, mehr nach der Mutter umsah als ehedem. Ja, die
-Mutter wollte sogar nicht mehr ziehen, blieb stehen und ließ sich mit
-der Peitsche schlagen und stieß klagende Schreie aus und ward bei der
-erzwungenen Arbeit unruhig und wirr. Der Bauer wußte ja gleich, was sie
-wollte; aber er vermeinte, das Zwerggäulchen noch ein Weilchen wachsen
-lassen zu sollen, bevor ihm der Ernst des Lebens könne gezeigt werden.
-
-Wahrscheinlich aber ist, daß die Mutterstute -- man weiß, wie Mütter
-sind -- ihr Kind nicht deshalb bei sich haben wollte, daß es lerne, den
-Wagen und auch den Pflug zu ziehen, sondern daß sie es nur deshalb bei
-sich haben wollte, um es eben bei sich zu haben! Der Bauer Klaus ließ
-also das Gäulchen vorerst noch ein Weilchen in seinem Hag und achtete
-der flehentlichen Muttersorgen nicht. Der Raps war zudem reif und mußte
-heimgefahren werden, im Rindenwald, gegenüber vom Birkenwäldchen,
-kläpperten Eichenschäler seit drei Tagen die jungfrischen Rinden
-von den Stecken, und: eine Fuhre Rinden nach dem Bahnhof im
-Nachbarstädtchen bringen, das trug schon etwas ein! Da konnte man einen
-Schüler nicht ohne weiteres nebenher laufen lassen!
-
-Riesele blieb also in seinem Gefängnis und hatte nichts zu tun als auf
-die Kinder warten, bis die Schule aus war, als an der Rinde zu nagen
-wie eine Maus, als den Boden zu zertrampeln wie ein Töpferlehrling.
-Die Leute des Dorfes beachteten Riesele von Tag zu Tag weniger, sei
-es, daß sie ihm aus irgendeinem Grund feindlich gesinnt waren, sei es,
-daß sie seiner überdrüssig wurden! Wer brachte noch ein Stück Brot?
-Wer ein Klümpchen Zucker? Selbst die Kinder des Hauses kamen seltener
-und liefen lieber den Seifenblasen nach, die sie doch nicht erreichen
-konnten, denn Seifenblasen schweben in den Himmel!
-
-Der Pfarrer, wenn er vorüberging, rieb wie die Kinder mit dem
-Zeigefinger auf dem Daumen und ging vorüber! Der Lehrer, wenn der
-vorüberging, blieb wenigstens einen Augenblick stehen, griff herein
-ins Gefängnis, holte sich den willigen, ach, den der Liebe so sehr
-bedürftigen Kopf des Riesele, streichelte über die Blesse, streichelte
-über die warmen Augen, hob mit beiden Händen des Gäulchens volle Lippen
-auseinander und befühlte die Zähne! Der Bürgermeister, der offenbar
-eifersüchtig war, weil das Riesele nicht ihm gehörte, guckte immer,
-wenn er in die Nähe des Hauses geriet, in irgendein Schriftstück, als
-könne er nur ganz langsam lesen, und ging vorüber ohne Gruß, ohne
-Blick! Vom Polizeidiener nicht zu reden! Dieser Mensch hatte Humor in
-sich, hatte wiederholt mit seiner Schelle am Hag ein kleines Konzert
-zusammengeläutet, hatte wiederholt mit dem Stiel seiner Schelle das
-Riesele am Bauch gekitzelt: dieser Mensch wollte oder durfte, sicher,
-weil der Bürgermeister eifersüchtig war, mit Riesele sich nicht mehr
-abgeben!
-
-Nur ein Freund blieb treu, und das war Cornel, der Schweinehirt!
-Er trieb, seit er aus dem Wachtstübchen wieder entlassen war,
-allmorgendlich seine Schar Schweine auf einem großen Umweg an Rieseles
-Hag vorüber, er kam heran, erzählte etwas, was ihn gerade erfüllte,
-und das Riesele tat sich die Musik seiner Worte, deren tiefen Inhalt
-es ja nicht erfassen konnte, ins Herz und bewahrte sie getreulich auf
-für die leeren Stunden des Tages, da es allein sein mußte mit seiner
-Armut. Oft, wenn es den Freund nicht sah, hörte es die Lieder seines
-Waldhornes aus den Häusern hinter der Kirche schweben und hatte genug
-der Freude für ein paar Stunden.
-
-Eines Morgens aber sieht der Bauer den Cornel mit seinen Schweinen vorm
-Haus halten und wird über die Maßen wütend.
-
-„Was hältst du hier mit deinen Säuen!” fährt er ihn an, „ist mein Hof
-etwa ein Weidplatz für deine Säue? Willst du machen, daß du fortkommst,
-du Faulenzer! Willst du mir auch das Riesele versauen?”
-
-Cornel sagte nichts dagegen und trieb seine Herde, die gar nicht groß
-war, den Weg hinunter, indes Riesele traurig ihm nachsah und seinen
-Säuen.
-
-Die Gänse kamen herein, schritten überaus stolz am Gäulchen vorbei, als
-wollten sie sagen: jag uns doch fort, wenn du den Mut dazu hast! und
-sie schlüpften wieder hinaus in die Wiese. Die Enten kamen herein und
-schritten schnurgerade auf der anderen Seite wieder hinaus. Sie hatten
-nicht Eile, denn sie brauchten keine Angst zu haben vor dem Riesele,
-das seine Hörner, wie man so sagt, für Enten schon genügend abgestoßen
-hatte. Oft, sehr oft, wenn Riesele dalag und träumte, kamen sie
-unversehens herein, setzten sich zu ihm und steckten die Schnäbel in
-die Flügel zurück. Auch die Hühner kamen alsdann, die jungen, die schon
-von ihren Hähnen umworben wurden, scheuten sich nicht, dem Riesele die
-Haferkörner vor der Nase wegzupicken, und in ihrem Uebermut hüpften
-sie sogar auf seinen immerhin breit gewordenen Rücken und streckten die
-Flügel von sich. Aber der alte Hahn ging nicht mit in den Verschlag;
-war seine Schar drinnen, so flog er auf den obersten Querbalken und
-blieb wie ein Wächter da sitzen.
-
-Trudel, die Mutter, die zwischen Pflicht und Neigung anscheinend nicht
-recht unterscheiden konnte wie viele Mütter und nicht wußte, was für
-ihren Liebling gut war, hatte schwere Stunden auszuhalten, weil sie
-sich bei der Arbeit in ihrer Sehnsucht verzehrte, sich ablenken ließ
-und obendrein manchen Peitschenhieb verspüren mußte. Das eingesperrte
-Riesele war doch ihr Kind! Wenn es auch ein Gassenbub gewesen, wenn es
-auch noch so viel Liebe seiner Mutter verschmäht hatte: es war doch ihr
-Kind! Jeden Peitschenhieb ertrug Trudel mit einem bestimmten Gefühl,
-das dem Schmerz ein bißchen Süßigkeit verlieh.
-
-Aber diese Tage waren gezählt; Riesele durfte, als die Körnerfrüchte
-in der Scheune saßen, mit hinaus! Das Wägelchen steht leer vorm Stall,
-der Bauer spannt die Trudel ein, Trudel, das Mädchen, riegelt das
-Gefängnis auf, die beiden Buben bringen Halfter und Leine, und nun, da
-die Mutterstute so zappelig nach dem Riesele hinstarrt, streifen die
-Buben das Halfter an den kleinen Kopf, schleift der Bauer die Leine ans
-Halfter, klatscht Trudelchen in die Hände, und wahrhaftig, Riesele wird
-seiner Mutter an den Zügel geledert! Links an den Ring des eisernen
-Zaumes wird der Lederriemen eingeschlauft, und -- o Herrlichkeit! --
-sonst nichts, sonst bekommt das Kind keine Fessel und keinen Strang
-und darf also nebenherlaufen wie Menschenkinder an Mutterschürzen.
-Steil standen die Ohren der Stute, fromm unbeweglich ruhten die Hufe im
-Sand der Geleise, züchtig hing der überaus lange Schweif nach unten,
-obgleich die Mücken an den Lenden saßen und soffen.
-
-Aufgestiegen, ihr Buben! Trudelchen, voran, neben den Vater gehockt und
-die Peitsche hinten liegen gelassen! Die Bäuerin stand oben auf der
-Treppe, stützte die Fäuste in die breiten Hüften und konnte den Mund
-nicht zusammenhalten vor Freude. Nicht anders als ihr erging es den
-dreißig Hühnern und dem Herrn Hahn, erging es den Gänsen, den Enten
-und gar dem Hasenvater, der ausnahmsweise heute Häsinnen um sich herum
-hatte, unter denen sicherlich etliche seine eigenen Kinder waren. Alle
-Hühner saßen auf den Balken des Hages und hielten die Köpfe zur Seite
-geneigt, um besser sehen zu können. Alle Gänse standen am Gartenzaun
-beisammen, und wenn sie unter sich über ein ganz fernliegendes Thema zu
-diskutieren schienen, so war das eine bewußte Täuschung: ihre kurzen
-Blicke zum Gespann, gerade diese ablenkenden Blicke verrieten nur
-zu deutlich, was in den reduzierten Gänsehirnen vorging! Gänserich,
-es gilt nicht, wenn du in deinen Federn zu picken vorgibst! Alte
-Stammutter, es gilt nicht, wenn du dich mit dem Fuß am Halse kratzest,
-als hättest du einen Wasserfloh! Sie kratzt sich nämlich, -- das muß
-gesagt sein -- nur, um unauffällig einen Blick zum Riesele werfen
-zu können! Offen neugierig und ehrlich wie immer glotzten die Enten
-mit beiden Augen hinter den breiten, biederen Schnäbeln hervor, und
-ihr Enterich stand ganz nahe bei Rieseles linkem Hinterbein. Überaus
-zierlich lag von diesem Beinchen weg ein Schatten überm zertretenen
-Weggras, aber er verkroch sich alsbald in den größeren Schatten, den
-der Leib der Mutter warf, und dieser große Fleck verschlang den ganzen
-Schatten Rieseles, so daß nur ein Ohr noch daraus hervorragte.
-
-Seht es euch an, das Riesele! Ganz Ordnung, ganz straffes Bewußtsein
-von Würde und Kraft, steht es da in Erwartung der Dinge, die kommen
-sollen! Keiner von den kleinen, erdgrauen Hufen, die sonst so unruhig
-sind, getraut sich, zu mucken, keins der Muskelchen, die sonst in
-fröhlichem Gezwitscher an ihren Knochen umherzitterten, als hätten
-sie einen Kitzel im Blut, wagt sich, zu wippen, obgleich sie eben, da
-die Schnaken kitzelten, doch schon einmal tanzen dürften! Kein Haar
-an Mähne oder Schweif, kein Ohr, keine Lippe, nicht einmal ein Auge
-untersteht sich, sich zu bewegen! Ganz Ordnung, ganz Kraft, ganz Würde,
-ganz Wille zur Wohlerzogenheit und Vollendung!
-
-Das Riesele, dessen seelische Regungen verträumt irgendwo
-umherschweiften, so, als sei dieses Stillestehen schon eine große Tat,
-schrak heftig zusammen, als der Bauer hinten aus dem Wagen rief:
-
-„Hü, voran!”
-
-Es war sogleich schon einen Schritt zurück und mußte schon laufen.
-Es lief, und die Mutter nahm ihren Schritt kürzer; das Riesele aber
-schoß voraus. Unsanft zerrte die Leine am Halfter. Nach drei Schritten
-war Riesele wieder zurück, nach drei weiteren wieder voraus. Seine
-Hinterbeine blieben nicht bei der Mutter; sie wandten seitab, und der
-Kopf drückte gegen den Kopf der Mutter, die gewaltsam an sich hielt.
-Ja, es geschah, daß das Riesele an seiner Leine riß, die Hinterbeine
-nach vorn rennen ließ, so daß die beiden Pferdeköpfe fest aneinander
-standen, und die Deichsel das Riesele arg bedrohte.
-
-Es wäre gern wieder zurückgeturnt an seinen Platz, aber es konnte
-nicht! Die Mutter durfte nicht ausweichen, weil die Leine dies nicht
-zuließ (sie selber hätte in diesem Fall fünf gerade sein lassen, wie
-man so sagt, und wäre dem Drängen des Kindes auf den Kleeacker gefolgt,
-diese Mutter!) und so blieb sie stehen, und Mutter und Kind sahen sich
-hilflos an!
-
-Der Weg bog auf die breite Landstraße, und das war ein Glück!
-
-Es darf nicht verschwiegen werden, daß Riesele zur Seite der Mutter,
-als nun die breite Landstraße verführerisch genug auch noch in den
-Schatten des Waldes einbog, allzusehr geneigt war, Bocksprünge zu
-machen, daß der Bauer Klaus, in der Meinung, diese Tollheiten würden
-schon bei der zweiten Reise aufhören, allzu nachsichtig war (Gustav
-dachte ein übers andere Mal für sich: bei seinen Kindern war er nicht
-so gutmütig!) und daß auch die Mutter, eingedenk der eigenen Jugend dem
-Gäulchen Freiheiten gestattete, die sie (und der Bauer Klaus und noch
-viele Kläuse und wohl fast alle) vom Standpunkt ihrer Wohlerzogenheit
-durchaus nicht mehr Freiheit nennen konnte!
-
-Eichenschälholz sollte geholt werden! Es saß in einer Schneise rechtsab
-von der Straße im frischentblößten Schälwald. Die Schneise war
-aufgeweicht, und schmutziggelbes Wasser stand in Lachen beisammen, und
-Wasserschneider, Libellen und Stechmücken umschwirrten den Schmutz.
-Vereinzelt warfen alte Tannen, riesige Eichen etwas Schatten über'n
-Weg, und das Riesele scheute vor den Lachen, scheute vor den Libellen,
-vor den gigantischen Bäumen, selbst vor den Schatten! Die Peitsche
-schwirrte auf, aber die Peitsche machte die Unruhe noch größer und
-verschwand wieder. Die Mutterstute begann schließlich auch zu bockeln
-und kam nicht mehr von der Stelle.
-
-„Wart, Bürschele!” sagte der Vater, „du kommst mir wieder einmal mit,
-Holz holen, bevor du übern Zaun gucken kannst!”
-
-Er stieg ab; auch die Kinder stiegen ab, das Riesele ward von der Seite
-seiner Mutter genommen und neben im Wald an einen Pfahl, der zwei Meter
-Schälholz hielt, angebunden. Allein mußte es hier zurückbleiben, ganz
-allein, so sehr die kleine und die große Trudel auch flennen mochten.
-Das Fuhrwerk schob sich tiefer in den Wald hinein und blieb an der
-langen, leuchtenden Schälholzreihe halten.
-
-Riesele sah und hörte, wie die gelben Prügel aufgeladen wurden, wie
-selbst das Mädchen eifrig bei der Arbeit war und sich nicht um seinen
-Freund kümmerte. Es riß an seiner Leine: sie war stark! Sie war stärker
-als das Riesele, aber der eingerammte Pfahl erbarmte sich und gab nach
-und fiel schließlich um, so daß der Holzstoß zusammenrutschte. Niemand
-hörte den Schall!
-
-Riesele sieht sich noch einmal um, weiß nicht recht, soll es zu der
-Mutter laufen und zu ihren Peinigern -- oder soll es heimzu rennen? Es
-rennt schließlich heimzu und schleift den Eichenprügel, der an seiner
-Leine hängt, hinter sich her, den Prügel, der sich seiner erbarmt und
-ihm die Freiheit gegeben hatte.
-
-Es lief nicht die Landstraße, die es hergekommen; querfeldein lief
-es wieder wie ehedem, denn der ausgetretene Weg der Ackergäule und
-der Ackerkühe widerte sein ursprüngliches Gefühl an, das eigene, wenn
-möglich: verbotene Wege zu gehen wünschte!
-
-Da lag im Schatten eines alleinstehenden Buchengesträuchs Cornel, der
-Hirt, und seine Schweine grunzten weitaufgelöst im warmen Schlamm, der
-von blühenden Ginsterbüschen grell durchtupft war. Cornel hatte hinterm
-Ohr eine Kuckuckslichtnelke stecken und las im Buch der Droste. Wie er
-das Riesele kommen sieht, stützt er sich auf und sagt:
-
-„Na, Riesele, heute merkst du's noch, wie dir der Knüppel zwischen
-den Beinen herumfällt! Morgen schon wirst du's nicht mehr merken, und
-übermorgen, -- solltest du ohne deinen Knüppel laufen, wirst du schon
-schreien: ‚Wo ist mein Knüppel, wo ist mein Knüppel?’ Ade, Riesele,
-ade! Wenn ich dich von dieser Freiheit befreien könnte, gern tät
-ich's, Riesele, ach so gern!”
-
-Das Riesele trat dicht vor seinen Freund hin; er löste die Leine von
-dem Eichenholz, band sie fürsorglich am Halfter oben fest und sprach
-tiefernst:
-
-„Was nutzt es dir, Riesele, daß ich dich jetzt ganz fragwürdig frei
-mache? Deinem Schicksal kannst du nicht entgehen, es sei denn, daß du
-gleich am Anfang deiner Laufbahn über deinen Knüppel stolperst, das
-Bein brichst und stirbst! Riesele, Riesele, soll ich dir von deinen
-Voreltern erzählen, wie die einst so glücklich waren?”
-
-Riesele mißachtete der Worte des Freundes und lief, des Prügels ledig,
-davon.
-
-„Will halt nicht wissen, wie seine Voreltern glücklich waren,” sagte
-Cornel für sich, und zu seinen Schweinen sagte er:
-
-„Seht ihn euch an, er läuft dahin im Segen seiner Freiheit!”
-
-Als Riesele heimkam, war der Hag verschlossen, die Stalltür zugeklappt,
-die Scheune verriegelt. Es wußte nicht, was es tun sollte, und da es
-am liebsten in seinen Hag gegangen wäre, streckte es den Kopf zwischen
-den Balken hindurch und hob das Bein, konnte aber durchaus nicht
-hineingelangen in sein Gefängnis. Schließlich starrte es den Weg hin,
-den es gekommen, und da auch die Gänse nicht zu Hause waren und die
-Enten nicht, und nur einige Hühner im Sand badelten, lief es unter
-den Schuppen, wo die kleine, überdächelte Kutsche stand, und legte
-sich zwischen die Deichseln der Schere, zu dieser auf den Boden. Es
-ist nicht ausgeschlossen, daß es sich hier als ein erwachsenes Pferd
-fühlte, dem man die Kutsche anvertrauen kann, daß es kühne Träume
-hegte! Träume, wie sie Kindern eigen, die so gerne groß wären und so
-gerne einen Beruf erfüllten!
-
-Die Mücken umschwärmten zwar das Riesele, setzten sich aber nicht auf
-sein schwarzes Fell, und als die Holzfuhrleute heimkamen, sahen sie das
-Riesele also liegen und freuten sich sehr.
-
-
-
-
-VII
-
-
-Indessen gewöhnte sich Riesele an die Deichsel und durfte schließlich
-überallhin mit. Eines Tages wollte ein Fremder an den Bahnhof gefahren
-werden. Der Kutscherbock war zweisitzig; der feine Herr kam, wie er
-Riesele sah, aus der überdächelten Chaise hervor und setzte sich neben
-den Bauer Klaus, um das Riesele genau beobachten zu können.
-
-Es lief erst züchtig, wie wenn es ziehen würde, neben der Mutter her
-und nickte gleich ihr mit dem Kopf nach unten, als sei die Last gar
-nicht so leicht, wie es scheinen mochte! Aber schon gleich auf der
-Landstraße riß es an seinem Halfter, schob die Hinterbeine seitaus und
-machte seiner Mutter große Beschwerden. Trudel, die Mutter, ließ sich
-nicht beirren und vermochte immer wieder durch gütiges Zureden, das
-den Menschen leider nicht erkennbar ist, den kleinen Burschen in Zucht
-zu halten. Jedoch nie lange! Trudel selbst begann aufgeregt zu werden,
-man sah ihr den Angstschaum am Maule stehen.
-
-Als das Riesele aber wieder einmal am Halfter zerrte und gar zu bockeln
-anfing, sagte der Fremde zum Bauern Klaus:
-
-„Würden Sie mir einmal Ihre Peitsche und Ihre Leine anvertrauen? Ich
-will mal meine Kunst probieren!”
-
-Er schnalzte ein seltsames Gezisch mit der Zunge, und sogleich stellte
-Trudel die Ohren aufrecht, und sogleich drehte der Student die großen
-Augen einmal zurück nach dem Kutscherbock und lenkte die Hinterbeine
-ein.
-
-Die Leine straffte, die Peitschenschmicke flatterte hochauf.
-
-„Das ist ein seltenes Feuer, Herr, woher haben Sie es?” fragte der
-Fremde.
-
-„Die Mutter brachte mir der Jude, das Kleine ist ein Gelegenheitskind:
-der Vater war bei einer Seiltänzergesellschaft!”
-
-„Aha! Passen Sie auf!”
-
-Der Fremde sprang ab, besah sich der Stute Gebiß, griff ihr an die
-Muskeln des Vorderbeines und tupfte dann mit dem Zeigefinger auf ein
-Plätzchen über der Kniescheibe, worauf die Haut, wie wenn eine Mücke
-dasäße, leicht erzitterte.
-
-„Sie ist ein braver Ackergaul, nicht? Sie hat zwar Qualitäten gehabt,
-ist aber in falsche Hände gekommen und hat's zu nichts gebracht! Wollen
-mal beim Kleinen sehen!”
-
-Er nahm Rieseles Kopf in die Hände, reckte ihn wie einen Rekrutenkopf
-zu sich in die Höhe, schnitt mit dem Fingernagel hinter den beiden
-Ohren zwei Halbkreise, und die beiden Ohren schlugen fast aneinander.
-Er tupfte an den Knien herum, und die beiden Vorderbeine knickten ein,
-und fast wäre Riesele hingefallen.
-
-Der Fremde sah den Bauern lange an, nickte und sagte:
-
-„Er ist wohl auch ein toller Bruder, was? Hören Sie, verkaufen Sie mir
-den Studenten, ich bezahle ihn gut!”
-
-„Was soll aus ihm werden, Herr?” entgegnete der Bauer, „er ist
-ein einfaches Tier, das weder große Kraft noch große Arbeitslust
-haben wird. Anlagen hat er, ja, aber Anlagen zum Taugenichts, zum
-Guckindieluft, und da er Sternkundiger wohl nicht werden kann, muß er
-in stramme Zucht genommen werden für den Wagen!”
-
-„Es gibt außer körperlicher Arbeit und außer der hohen Wissenschaft
-noch andere Dinge in der Welt, mit denen man die Menschen beglücken
-kann, mit denen man schließlich auch sein Brot verdienen kann, Dinge,
-die dem grauen Alltag ferne liegen!”
-
-„Soll er etwa das lebendige Spielzeug werden verwöhnter Fürstenkinder,
-soll er Kinderschlachten schlagen helfen auf den umhegten
-Spielplätzen, vor denen wirkliche Soldaten Wache stehen? Soll er den
-Kopf senken vor den Herrschaften dieser Erde, wie wenn er ein Sklave
-wäre gleich den meisten unserer Mitmenschen?”
-
-„Die Freiheit, Herr, steckt ihm zu sehr im Blut, als daß er sich hierzu
-eigne! Er soll, in Freiheit dressiert, ein großer Künstler werden zum
-Heil der Menschen!”
-
-„Ich seh mein Gäulchen meiner Treu schon auf dem Hochseil tanzen! Nein,
-nein, wollten Sie gar einen Künstler aus ihm machen, gäb ich es erst
-recht nicht her. Auch in meinem Haus wird mehr gelacht als geweint.”
-
-Riesele schritt indes züchtig einher, da die Schmicke der Peitsche über
-seinen Ohren drohte und nicht verschwinden wollte!
-
-Am Bahnhof stieg der Fremde aus, nahm Rieseles Köpfchen zwischen die
-Hände und sagte zu ihm:
-
-„Wir sehen uns wieder!” und zum Bauern sagte er:
-
-„Glücklich sein oder glücklich machen: was dünkt Ihnen am schönsten,
-Herr?”
-
-Der Bauer sah dem Fremden in die Augen, wußte nicht, was er sagen
-sollte, und wiederholte schließlich dieselbe Frage:
-
-„Glücklich sein oder glücklich machen? Ja! Ja! Glücklich machen,
-natürlich! Aber was ist Glück?”
-
-„Hahaha!” entgegnete der Fremde, „Sie gehen mir schon wieder zu weit!
-Zu tief, zu tief in die Erde, zu tief an die Wurzeln! Wir Menschen des
-Kaiserreichs treiben gern oben auf dem Wasser unserer Zukunft entgegen,
-leben über der Erde, wo die Blumen blühen und die Vögel singen!”
-
-„Verstehen aber die Blumen nicht und die Vögel nicht und haben
-überhaupt die Wurzeln verloren! Nicht wahr?”
-
-„Möglich, Herr, möglich; aber wer die Wurzel nun einmal verloren
-hat, wie Sie sagen, soll dem für die kurze Zeit, da seine Blüte noch
-standhält, das Glück versagt sein?”
-
-„Das Glück wird ihm versagt sein müssen, denn Glück bedeutet: Wurzel
-haben! Aber den Schimmer soll man dem Schimmer lassen!”
-
-„Den Schimmer soll man dem Schimmer lassen,” wiederholte spöttisch und
-nachdenklich der staunende Fremde, und fuhr dann fort: „Doch genug der
-leeren Worte: ich komme nach drei Wochen wieder und werde dann das
-Riesele abholen! und wie gesagt: Sie werden keinen Schaden haben bei
-der Sache!”
-
-Als der Vater zu Hause erzählte, was ihm begegnet war, öffneten sich
-die drei kleinen Mäulchen und schlossen sich schier nicht mehr an
-diesem Abend. Der Vater hatte beim Militär allerhand interessante
-Stückchen gesehen: der Rittmeister war ein Narr gewesen: Kerle! sagte
-er oft zur Schwadron, ich bin der Teufel! Ich liebe meine Frau nicht
-und meine Kinder nicht: wie soll ich etwa euch lieben? Ein vollendeter
-Narr war der Rittmeister! Dazu ein Pferdenarr, der neunzehn Reitpferde
-besaß und sie dressieren konnte. Im Walzertakt ritt er an zum Appell;
-Schottisch auf den Hinterbeinen konnten zwei seiner Gäule flott tanzen!
-Einmal erschien er mit einem Rappen, dessen Hufe vergoldet waren, zum
-Appell.
-
-„Vergoldet?” rief das Trudelchen, das in der Mutter Schoß lag, „und die
-Hufeisen, waren die auch von Gold?”
-
-„Die waren natürlich auch von Gold!” erwiderte der Vater und erzählte
-weiter, wie dieser Rittmeister einmal in einem Zirkus ganz plötzlich,
-ohne daß irgend jemand zuvor davon gewußt hätte, angeritten sei mit
-einem schneeweißen Hengst, wie er nur einfach rundum geritten sei, und
-wie die Menge vor Begeisterung geschrien hätte. Alles habe geschrien
-„Bravo, bravo!” und er, der Vater, habe mit seinen Kameraden zuerst
-geschrien und zuerst geklatscht, und nachher hätte jeder drei Tage
-Urlaub bekommen und zwanzig Mark!
-
-„Zirkus?” sagte die Mutter, „ja, wenn Riesele in einen Zirkus soll, da
-weiß ich auch Bescheid! Doch will ich heut abend nichts mehr erzählen,
-ich heb meine Sach auf bis zum Sonntag! Ja, wenn's Riesele in einen
-Zirkus soll, da ging ich auch mit!”
-
-„Ich auch, ich auch!” versetzten die Buben und knöpften schon die
-Hosenträger ab, und Trudel, die schon halb geschlafen hatte, rieb sich
-die Augen und flüsterte:
-
-„Ich auch, Mutter, gelt, ich auch?”
-
-„Freilich, freilich, wir alle gucken, wenn das Riesele Walzer tanzt,
-oder auf dem Hochseil läuft, oder wenn es dem König sagt, wie lange er
-noch zu leben habe!”
-
-Nun wurden alle Tage zu Sonntagen, die Buben schnitten sich Degen aus
-Holz, klebten Papierhelme, gürteten farbige Bänder um den Leib, und das
-Mädchen tanzte, wo immer sie ging und stand. Die Mär, daß Riesele in
-den Zirkus komme, wußte bald die ganze Jugend des Dorfes. Hüpfseile,
-Springreife, goldige Schnüren, Soldatengerät aller Art tauchten auf,
-und auch die Alten betrachteten das Tierchen mit den Augen ihrer
-Komödiantentage, wie jeder Mensch sie mit sich durchs Leben trägt. Das
-ganze Dorf begann inmitten der grauen Kartoffelernte zu leuchten im
-zukünftigen Glanze des kleinen Riesele, und alle sagten:
-
-„Er hat sein Glück gemacht!”
-
-„Glücklich sein, ist nicht Glück,” sagte der Bauer Klaus zum Herrn
-Pfarrer, „glücklich machen, das ist Glück! Oder wie denken Sie über
-diesen Fall, Herr Paschtohr?”
-
-„Da ist nicht viel zu denken, Freund Klaus: wer sein Glück darin
-findet, daß er glücklich macht, der ist wahrlich ein kleiner Heiland!”
-
-Als jedoch die drei Wochen herum waren und der Fremde wieder kam, da
-wollte niemand das Riesele hergeben. Die ganze Stube war voller Kinder,
-aber das Riesele stampfte ungestüm in seinem Hag, als wisse es, was
-geschehen solle, und als wolle es möglichst rasch fort in den Zirkus.
-
-Der Fremde zählte zwei lange Reihen dicker Silbermünzen auf den
-eichenen Tisch, der Vater überzählte sie, indem er mit zwei Fingern auf
-je zwei tupfte und sie ein bißchen höher schob, und die Mutter hielt
-die Daumenspitze zwischen den Zähnen.
-
-Die Buben liefen hinaus, wie sie das viele Geld sahen, und die Stube
-leerte sich fast. Trudel trat betrübt zur Mutter, und als die Mutter
-sie auf den Arm nahm, kollerten dem Kinde die Tränen aus den Augen, und
-es sagte ganz laut:
-
-„Jetzt verkaufen wir das Riesele, wie die Brüder den Joseph verkauft
-haben um dreißig Silberlinge; da hätten wir das Riesele doch Joseph
-nennen sollen, wie's noch ganz klein war!”
-
-Die Mutter konnte die Tränen auch nicht verbeißen, sie sah den Vater an
-und sagte:
-
-„Dreißig Silberlinge, sind's nicht auch gerade dreißig Silberlinge,
-dreißig dicke Silberstücke, und dafür hat auch Judas den Herrn
-verraten!”
-
-„Ja, willst du das Riesele behalten?” fragte der Vater.
-
-„Die Kinder, die Kinder!” antwortete die Mutter, „da guck hinaus, die
-Buben führen's fort!”
-
-„Was die Buben tun, gilt wohl nicht!” sagte der Fremde, zog seine Börse
-und legte drei Zehnmarkstückchen zu dem Geld, hob das eine wieder vom
-Tisch auf, reichte es dem weinenden Trudelchen und sprach:
-
-„Hier, Kind, ein Füchschen für dein Räppchen, und das hier gibst
-du deinen Brüdern! Hier, sieh genau hin, der Mann, der da im Gold
-abgebildet ist, das ist der Kaiser!”
-
-Das Kind betrachtete die Münze und rief zum Fenster hinaus:
-
-„Gustav, August, kommt herein, ihr habt goldene Kaiser bekommen!”
-
-Sie kamen herein, und das Riesele ging, ohne seiner Mutter Ade gesagt
-zu haben, von dannen, dem Zirkus des Lebens entgegen, den sich die
-Menschen eingerichtet haben.
-
-
-
-
-VIII
-
-
-Der Fremde also führte das Riesele fort aus dem Paradies, am
-Buchenwäldchen vorbei in das nahe Städtchen an den Bahnhof, wo Riesele
-mit seiner Mutter schon einmal gewesen war. Die Kinder kamen wieder
-gelaufen, weil gerade die Schule aus war, und sie stellten sich ans
-Gitter des Güterbahnhofes, wo das schwarze Gäulchen auf den Zug warten
-mußte, und sie winkten ihm, da es in den Bahnwagen trat, und riefen
-seinen Namen, da sie es nicht mehr sehen konnten! Riesele blieb lange
-Stunden im Bahnwagen, und als es heraustreten durfte, hing vor seinen
-Augen ein ungeheures Licht, das langsam an einem Pfahl in die Höhe
-geleiert wurde. Nun pendelte es hoch oben, und ringsum zuckten kleinere
-Lichter auf, die Sperre schnurrte zurück, und Riesele schritt hinaus
-in den Abend und stapfte neben dem Manne her über eine große, flache
-Wiese, einem unheimlichen Hage zu, zwischen dessen Gebälk unabsehbar
-Gäule weideten, schwere Kerle, deren Köpfe sich nicht vom Grasboden
-erhoben.
-
-Riesele brauchte nicht in einen dieser Hage; es wurde in einen Stall
-geführt, der ganz weiß getüncht war. Hier verbrachte es die erste Nacht
-in der Fremde.
-
-Gleich am Morgen kam ein Mann in einem langen, weißen Kittel, der
-streichelte an dem jungen Körper herum, und dann kamen zwei andere
-Männer, die legten Riesele aufs Stroh nieder, und dann spürte es einen
-heftigen Stich in der linken Flanke, daß es ausgeschlagen hätte, wenn's
-ihm möglich gewesen wäre. Es konnte mit keinem Muskel zucken, so fest
-hielten die Männer das Riesele, und als sie es freigaben, wollte es
-sich nicht bewegen, so müde war es geworden. Es lag da, eine weiße
-Schnur war um seinen Leib gewickelt, und vor seinem Munde stand ein
-Napf mit Milch, den es aber nicht berührte.
-
-Es trank indes gegen Abend doch die Milch, und am nächsten Morgen hatte
-es sogar Lust, sich auf die Beine zu stellen, stellte sich auch und
-fraß frischen Klee, und schon am andern Tag kam der Mann im weißen
-Kittel wieder und wickelte den Verband ab. Riesele war also wieder
-gesundet von einer Krankheit, die ihm zu Hause hinter seinen Bergen
-sicher erspart geblieben wäre.
-
-Es durfte aus dem Stalle laufen, es durfte die großen Gäule besuchen
-an deren Hag, es durfte den Kopf hineinstrecken zu den Großen und ward
-geliebkost wie von seiner Mutter.
-
-Eines Tages entdeckte es in einem der letzten Hage ein Füllen, das an
-der Brust seiner Mutter trank. Dieses Füllen trank noch an der Brust
-seiner Mutter, obgleich es viel größer war als Riesele. Riesele wollte
-durchaus nicht etwa mit ihm trinken: es hatte nur seine Freude an dem
-großen Säufer und dünkte sich sehr erwachsen. Jeden Tag trieb es sich
-bei Mutter und Kind umher, bis ein Wärter ihm gar die Tür aufmachte und
-es hineinlaufen ließ.
-
-Hier im Schatten einer Mutterliebe verbrachte Riesele die nächsten
-Wochen seines Lebens, bis der Winter kam. Die Mutter hatte genug Liebe
-und verschenkte davon an das Riesele, soviel sie konnte, und Riesele
-wuchs mächtig heran! So sehr es sich aber im Wachsen beeilte: das
-kleine Mutterkind blieb größer! Es konnte seinen Kopf auf die dritte
-Querstange des Hages legen, aber Riesele konnte das nicht! Riesele war
-klein, Riesele war ein Zwerg gegen dieses Füllen, Riesele konnte sich
-strecken, soviel es wollte, aber es blieb klein. Trotzdem, wenn es auch
-kleiner war als der Säugling, so war es doch stärker als dieser, und
-sein Benehmen glich viel eher dem eines gesetzten Burschen.
-
-Von Tag zu Tag glänzte Rieseles Haut mehr, seine Haare stellten sich
-dichter, da der Winter weiß auf den nahen Bergen hockte, die Blesse
-leuchtete etwas über den Augen, und in den Augen erschien ein seltener
-Glanz, der alle, die kamen, über die Maßen entzückte. Zugleich schossen
-die Haare des Schweifes tief hernieder und berührten fast die Hufe, die
-Mähne zottelte sich in weichen Kräuselwellen am Halse herab und fiel
-über die Schulterblätter, und die Stirnhaare wuchsen bis zur Blesse und
-hörten auf zu wachsen!
-
-Rieseles Rücken blieb schmal, seine Brust wollte sich nicht breit
-auseinandertun, entfaltete sich zwar, blieb aber trotzdem schmal und
-zierlich. Seine Schenkel wulsteten sich nur kaum merklich hervor.
-Dennoch, obwohl die Muskelstärke nicht so sehr zutage trat wie bei
-Füllen, die für den Strang geboren sind, machte sich in diesem kleinen
-Körper ein reges Spiel der zarten Kräfte bemerkbar, das den Kenner und
-noch mehr den Menschen, der in dem Spiel der Muskeln das Leben sieht
-und die Schönheit und, was alles dahinter sich versteckt, höchlich
-entzücken mußte. Wenn die beiden Kinder miteinander spielten, so
-tolpatschte das größere, das jüngere, hierhin und dahin, ungelenk und
-steif und stieß bald an den Stangen an und rannte gegen die Mutter, und
-einmal warf es sogar das Riesele um auf den Grasboden, daß dem Riesele
-fast die Tränen kamen.
-
-Dieses aber bewegte sich ganz anders! Die geringe Last seines Körpers
-schnellte, von den Vorderbeinen aufgewippt, überaus leicht und
-zierlich und anmutig den Rücken hernieder in die Hinterbeine, so daß
-die Vorderbeine sich fröhlich in der Luft ergingen, so daß die lange
-Zottelmähne umherwirbelte, der Kopf sich aufreckte, sich vor Uebermut
-schüttelte, so daß die Zähne hervorblitzten und die Ohren in der
-Luft herumstachen, wie wenn sie Fliegen schlagen wollten! Die geringe
-Last des Körperchens turnte in die Vorderbeine, daß die Hinterbeine
-befreit waren, daß die Hinterbeine nach allen Seiten ausfeuern konnten,
-als seien sie die schlimmsten Pferdebeine der Welt, daß sie aber nur
-fortgesetzt und immer wieder Löcher in die kalte Herbstluft schlugen.
-
-Die Kraft, die sich in dem kleinen Körper regte, war durchaus nicht
-klein und wollte vertobt sein! Ein Spatz, der sich aufs Geländer des
-Hages setzte, eine Mücke, die heranflog, das Riesele zu stechen und von
-seinem Blut zu trinken, ein verspäteter Schmetterling, der irgendwohin
-flatterte und an Riesele zufällig vorbeikam, sie alle reizten des
-Riesele junge Kraft wie echte Feinde, und jeweils stürzte sich der
-kleine Mann auf das harmlose Tierchen los, der große Säugling tat dann
-auch mit, und wenn der Spatz endlich den Hag verlassen, wenn der
-Schmetterling sich weiter in die Höhe geschwungen, wenn das Bienlein
-das Weite gesucht hatte vor solcher Turnierwut, so gerieten die zwei
-Kleinen sich an die Köpfe und bissen sich gegenseitig in die Hälse,
-in die Kinnbacken, gar in die Ohren, und sie feuerten aus, trafen
-sich aber niemals! Der Säugling war ungelenk; sein Körper wartete
-noch auf größeren Kräftenachschub, war aber schon für diese größeren
-Kräfte einstweilen eingerichtet und stand oft breitbeinig da wie das
-hölzerne Pferd der Trojaner, das auch auf allerhand Kraft warten mußte.
-Riesele dagegen wußte mit sich umzugehen! Es konnte, wenn eine Fliege
-an seiner Brust saß, den Brustmuskel erzittern lassen und brauchte
-vor dieser Fliege nicht fortzulaufen wie sein Milchbruder! Es konnte,
-wenn der Bauch juckte, den Schweif herschwingen, oder es konnte den
-Kopf so weit zurückbiegen, daß es sich am Bauche schaben konnte, mit
-den Zähnen beißen konnte, daß es den Vorderhuf oder auch den Hinterhuf
-heben konnte und dabei nicht achtzugeben brauchte, ob es umfalle, wie
-der große Kleine! Er war wirklich einmal umgefallen, der Säugling: er
-wollte es dem Riesele gleichtun, wie es sich am Hinterschenkel biß, er
-drehte sich da oftmals im Kreise, und der Schenkel drehte sich auch
-und entlief dem Maule immer wieder im Kreise herum. Blieb endlich
-das Hintergestell an seinem Platze, so reichte der Hals nicht, d. h.
-gereicht hätte der Hals schon, aber er war zu steif, als daß er sich
-genügend gebogen hätte. Da nun in dem zukünftigen Ackergaul offenbar
-ein Stück Ehrgeiz rumorte, überspannte er den Bogen seines Halses und
-knackte um. Da lag er nun!
-
-Diese Umbiegung, daß der Kopf sich dem Schweife näherte, war seitdem
-Rieseles liebstes Spiel, und dies Spiel sah sich köstlich an: die
-dünnen Rippen preßten sich am schwarzen Bäuchlein hervor wie mit
-dem Silberstift getönt, der Hals erglänzte längs der Rundung, die
-Mähnenspitzen ergossen sich über den gestreckten Kopf, und der ganze
-Körper ruhte gefestigt in dieser Stellung wie in Erz gegossen. Da
-mochte denn der braune Ehrgeiz nicht mehr von den Stangen des Hages
-weggehen und schabte, ob nicht bald die ersten Zähne kommen wollten!
-
-Indessen: es wurde kalt, das ganze Gestüt ward abgebrochen, und Riesele
-kam in einen Stall.
-
-Schon am zweiten Tage erschienen etliche Männer in dem Stall. Sie
-besahen sich die schweren Gäule, und plötzlich kommt einer der Männer
-auf Riesele zu und sagt zu den übrigen:
-
-„Hier, staunt: brauchen wir denn nicht auch einen Dauphin? Er ist zwar
-von Haus aus ein Mädchen, aber was verschlägt's?” Er sagte das etwa
-so, wie ein Theatermann einen jugendlichen Liebhaber sucht oder eine
-Heldenmutter oder eine komische Alte!
-
-Alle kamen zu Riesele her; alle besahen, befühlten, betätschelten
-Riesele, und Riesele stand da inmitten ihrer Lobpreisungen und
-spielte mit den Nüstern und spürte die vielen eingehenden Blicke wie
-Liebkosungen an sich umhergleiten. Seine Blesse ward gestreichelt,
-seine Ohren wurden gezerrt, seine Augen wurden mit einem kleinen
-Kerzenlicht beleuchtet, ob sie gesund seien, seine Lippen wurden
-wiederholt auseinandergenommen, seine Zunge herausgeholt, seine Zähne
-betickt mit einem blanken Schlüssel!
-
-Riesele und mit ihm ein überaus starker Hengst, der auffällig rot
-gesprenkelt war, diese zwei mußten aus dem Stalle treten und wurden am
-selben Tage fortgeführt ans Bahnhöfchen.
-
-Während der langen Fahrt freundeten sich die beiden Pferde an, und
-der große Hengst, der seine Nüstern oben am Viehwagen hinausstrecken
-konnte, was dem kleinen Riesele versagt war, schurfte mit seiner Nase
-oftmals an Rieseles Hals herum, als wolle er dessen Kopf hinaufziehen
-an das breite Luftloch. Aber Riesele war doch zu klein! Es legte sich
-auch einmal nieder, streckte die vier Beine von sich und streckte die
-Beine unendlich weit aus und wuchs zusehends. Auch den Kopf reckte es
-von sich, und wenn das garstige Halsband nicht gewesen wäre, das an der
-Eisenstruktur festgebunden war, so hätte Riesele ein Stündchen oder ein
-Viertelstündchen geschlafen.
-
-Der Fuchs konnte sich nicht legen: er hatte Hufeisen an, die schon
-recht glatt abgelaufen waren, und so oft er's auch versuchte, glutschte
-er und schnellte vor Aufregung, vor Angst immer wieder in die Höhe.
-
-Ungeheure Schenkel hatte dieser Gaul! Ueber den Knien wulsteten
-die Muskeln hervor wie Halbkugeln, und dann begann eine Fülle von
-gestrafftem Fleisch sich hinaufzubiegen, die in ihrer Fuchsröte den
-dunklern Schweif, der sehr kurz und zerfranst war, fast völlig in
-sich einbettete. Beinahe etwas zu wenig dick zog der Bauch nach den
-Vorderbeinen hin, gleichmäßig rund wie eine Walze, und vom rechten
-Vorderbein her ästelte eine Ader, dick wie ein Bauerndaumen nach
-oben und unterm Bauche her. Unten erhöhte sich das Rot zu einem
-überschmutzten Weiß, das sich gegen die Brust ergoß und zwischen den
-Beinen auf den stets federnden Brustmuskeln sich wieder verlor. Gerade
-wie Don Quichotes Beinschienen strafften die Muskeln dieser Vorderbeine
-nach unten, mehr Sehne als Muskel, von keinerlei Fettansatz verhunzt,
-von keinem warzigen Auswuchs verunstaltet, und die Hufe breiteten sich
-unter dem schmalen Zehengelenk, das scheinbar schwach aussah wie ein
-Brückenbogenaufsatz, kurz, straff, gepackt und fast rechtwinkelig zur
-Erde. Ueberaus zierlich standen diese Hufe da, kaum größer als die des
-Riesele.
-
-Riesele aber hatte seine Freude an des Fuchses Hals! Es konnte und
-durfte mit seinen Lippen über die blanke Glätte hintasten, es konnte
-und durfte längshin die Rinne beschnuppern, die sich von der Brust
-bis an die Backen des Kopfes erstreckte, es konnte und durfte an
-der kurzen Mähne, die bald nach links, bald nach rechts äußerst
-zerzauselt herabhing, mit den Lippen, mit den Zähnen, mit der Zunge gar
-herumschmecken.
-
-Riesele merkte bald, wie der große Freund Freude hatte an den
-kindlichen Schmeicheleien! Es schmarotzte auch an seinem Kopf herum:
-es biß mit seinen Milchzähnchen an den festen Nüstern, es leckte
-gar an die Zähne hinein, es schabte mit der Nase seitlich an die
-sehnigen Backen, wo Aederchen zitterten aus Zorn über die harten
-Halfterriemen, die da angeschnürt waren. Ha, wenn der Große den Kopf
-herniederbog, wenn der Hals hinter den Kinnbacken sich einfältelte
-wie ein Kinderkleid, ha, da boten sich dem Kleinen zwei Lichter dar,
-links eins, rechts eins, zwei Börnchen lebendigen Wassers, zwei
-wogende Schalen, in denen Kraft und Uebermut und Liebe und Schönheit
-fluteten, daß es dem Kinde angst und bange ward und warm ums junge Herz
-und bockelig vor Freude. Von der Stirn her quirlte ein angeknäulter
-Haarschopf gegen die Augen, die er aber nicht verdecken konnte, und die
-aufgespitzten Ohren hatten Mühe, sich aus diesem Quirle zu erheben.
-
-Was für eine seltsame Freude war das doch in Rieseles Herz!
-
-Aneinandergekoppelt schritten die zwei ungleichen Gesellen quer durch
-eine große Stadt und beschlossen ihre Wanderung an einem grauen Zelt,
-das neben anderen größeren Zelten auf einer Wiese stand. Kinder liefen
-an gelbgestrichenen Wagen umher, lüfteten die Zelttücher und sahen
-hinein, und Hunde bellten an ihnen herum, bissen aber nicht!
-
-Die beiden Freunde mußten ein Weilchen warten, bis sie hinein durften
-ins Zelt. Sie standen vor einer Reklametafel, die ganz bedeckt war mit
-buntigen Tieren, mit Pferden, Tigern, Löwen, Elefanten und mit drei
-ganz kleinen Gäulchen, die Ball miteinander spielten. Sie besahen beide
-diese Herrlichkeiten! Der Fuchs regte sich nicht; selbst die vielen
-Kinder, die sich um sie herstellten, ließen ihn nicht aufmerken!
-
-Ein kleines Mädchen scheuchte mit seinem dicken Muff nach des Fuchses
-Kopf, aber der Fuchs verzog keine Miene. Starr hafteten seine Augen an
-den grellen Farben der Holztafel.
-
-Riesele aber konnte die Ruhe nicht bewahren! Sei es, daß die Kinder
-das kleine Gäulchen verwirrten, da sie ohne jede Scheu seinen Hals
-streichelten und seinen Rücken, sei es, daß das Kerlchen von dem, was
-auf der Tafel dargestellt war, ein Ahnen hatte, eine Lust, mit den
-drei Kleinen zu spielen, eine Ungeduld, hier angekoppelt sich begaffen
-lassen zu müssen!
-
-Eine Sacktür öffnete sich! Riesele ward hineingezogen, der Fuchs kam
-hinter ihm drein. Warm war's hier, es roch nach Pferden, aber auch nach
-anderen Tieren! Löwen lagen hinter starken Gittern, ließen die Pranken
-heraushängen und blinzelten mit den Augen. Ein alter Affe lauste sein
-Junges. Und weiter hinten erst standen die Pferde! Ein Junges soff an
-seiner Mutter, etliche ganz kleine Gäulchen lagen wie Geschwister auf
-einem Häufchen und pflegten der Ruhe. Das Allerkleinste, viel kleiner
-als Riesele, war weiß und hatte hellrote Flecken am ganzen Körper. Die
-drei auf dem Häufchen sahen, ohne die Köpfe zu erheben, den Ankömmling
-an. Dieser verspürte Lust, mit ihnen zu spielen, und strebte nach
-ihrem Verschlag, mußte aber etwas weiter zurück in dem Stall. Der Fuchs
-hatte schon seinen Platz bei vielen Gäulen gleicher Größe, doch schien
-er stärker als alle.
-
-Es dauerte nicht lange, so gab's reges Treiben im Stall. Eine Dame
-brachte den Löwen Fleisch und streichelte sie und nannte den einen
-Mäuschen, den anderen Herzblatt, den dritten Rapunzel, den vierten
-Kasimir Edschmid. Burschen kamen, sattelten, äußerst bunt, etliche
-der großen und alle die kleinen Pferde, und eine Mannsstimme rief
-irgendwoher:
-
-„Dahinten liegt ein Paar Schuhe; wem gehören die denn?”
-
-„Sind's weiße?” rief eine blecherne Frauenstimme dazwischen, und die
-Mannsstimme entgegnete:
-
-„Nein, rote!”
-
-„Die sind mir!” krischen etliche Weiber, und zwei liefen durch den
-Stall, die eine mit nackten Beinen, die andere ohne Bluse überm grünen
-Seidenhemd.
-
-„Entree!” ertönte es, eine Peitsche knallte. Die Burschen, die alle
-schmutzig gekleidet waren, schoben fast alle Pferde nach dem Eingang.
-Die kleinen hatten grüne Lappen auf den Rücken liegen, die von
-gelbglänzendem Lederzeug festgehalten wurden. Schellen rasselten an dem
-Lederzeug!
-
-Riesele stand! Riesele streckte den Kopf vor und scharrte mit dem Huf
-im Mist und riß an seiner Kette. Der Hengst lag und schnaufte.
-
-„Entree!” rief eine dunkle, aber hellgestellte Stimme wieder.
-
-Man schwang sich in die Sättel! Männer, als Empiresoldaten verkleidet,
-Frauen als Empiresoldatenmädchen verkleidet, schwangen sich in die
-Sättel. Lanzen ragten auf, Helme blinkten, Fähnlein hingen züchtig an
-den bunten Stangen. Zwei rotgefärbte Reiherfedern schnitten quer durch
-die Lanzenstangen; ganz hinten trippelte das winzige Schimmelchen,
-nicht größer als solch eine Feder.
-
-Nein! Riesele durfte nicht mit!
-
-Ein Vorhang hob sich, Trompeten erschollen, der Zug schob ab ins
-Entree! ... Was zurückkam, jubelte, wieherte, knirschte mit den Zähnen
-vor Lust; was zurückkam, stand begierig, wieder fort zu dürfen, hinaus,
-in die Manege, in die Herrlichkeit des großen Lebens, die Herren
-Menschen zu ergötzen!
-
-„Tableau!” schrie hell die dunkle Stimme; die Pferde reckten sich schon.
-
-Riesele, der Fuchs, das Füllen und seine Mutter blieben zurück, sonst
-niemand! Nicht einmal nach dem Vorhang durfte Riesele gehen! Was mochte
-sich da draußen abspielen?! Auch der Fuchs schlief nicht, sondern sah
-nach dem Vorhang.
-
-Sie kamen schon wieder, die Pferde; sie wurden umtätschelt von den
-überaus lustig gekleideten Menschen, und eine Dame turnte auf den
-Rücken ihres Gaules und legte die Wange an den Hals des Tieres und
-sagte:
-
-„Dat war aber mal eine leckere Chose, Schatz!”
-
-Sie küßte das Pferd, dessen Augen rundum frohlockten. Riesele sah dies
-genau.
-
-Ein Bursch schlug einem anderen Burschen, der eine dünne, lange Röhre
-schräg vom Kopf abragen hatte, ins Genick: er purzelte. Auch der erste
-purzelte, und so kamen sie auseinander, jeder zu dem Pferd, das er
-zu bedienen hatte! Die Löwen wurden in ihrem Käfig hereingezogen,
-die Dame, die bei ihnen am Gitter stand, trug einen Lorbeerkranz im
-Haar. Sie schillerte von glänzenden Steinen wie ein Heckenrosenstrauch
-im Juniregen. Ganz zuletzt erschien ein niedriggebautes arabisches
-Vollblut, das trug gesenkten Kopfes einen mächtigen Eichenkranz, der
-mit goldenen Schleifen durchwirkt war, um den Hals. Ein Mann im Trikot
-schritt neben ihm, nahm von einem Nagel im Pfosten drei schwere,
-silberne oder bleierne Ringe und streifte sie sich an die Finger.
-
-Ein jeder sang, pfiff oder trillerte vor sich hin; alle Tiere, die
-draußen waren, sangen, pfiffen, oder trillerten vor sich hin. Was, um
-des Himmels willen, mochte draußen alles geschehen sein!
-
-Riesele sah auf einmal dauernd zu dem Freunde hin, und auch dieser
-spitzte die Ohren und starrte zu Riesele her, als wünsche auch er
-Auskunft!
-
-Mit einem Schlage jedoch verlöschten die Lichter, Riesele legte sich
-nieder und schlief ein, in Erwartung der Dinge, die seiner harrten.
-
-
-
-
-IX
-
-
-Am nächsten Morgen schon um zehn Uhr begann die Hauptprobe in der
-Manege, und Riesele sowohl als auch der Fuchs, der Wallenstein genannt
-ward, durften einmal an den Vorhang treten, um hineinzusehen in die
-Manege und mußten dann auch wirklich hinein. Sie wurden an einen
-Zeltpfahl angebunden. Ein Pferd lief dauernd an einer Leine im Kreise
-herum. Unten im Sand bewegte sich manchmal etwas wie eine dünne
-Schlange und blieb wieder ruhig.
-
-„~Changez!~” rief der Direktor, und der Gaul lief in entgegengesetzter
-Richtung den Kreis der Manege. Eine Peitsche zuckte auf, warf in eine
-entfernte Ecke einen Knall und sank wieder in den Sand: diese Schlange
-war eine unendlich lange Peitsche!
-
-„Komm zu mir, Prinz!” sagte der Direktor gutmütig, äußerst gutmütig,
-und der Bruder kam in die Mitte und wurde liebreich getätschelt.
-
-Riesele ward unruhig: es wäre auch gern im Kreise gelaufen, hierhin und
-dorthin, wie der Herr Direktor es gewünscht hätten, ja, und es wäre
-auch gern so geliebkost worden!
-
-Aber nun rief der Direktor nach anderen Pferden, und sieben an der Zahl
-surrten aus dem braunsamtnen Vorhang in die Manege. Sieben Pferde, groß
-das erste, klein das vierte, winzig das letzte, viel, viel kleiner als
-Riesele. Sie liefen im Kreise, streng der Größe nach hintereinander.
-
-„~Changez!~”
-
-Sie schnitten mitten im Sand an der Peitsche vorbei und liefen
-wieder, -- endlos schier wechselten sie die Laufrichtung. Die kleinen
-Bürschlein konnten ihren Platz nicht finden, da mußte die Peitsche
-helfen! Aber die Peitsche machte mehr Lärm, als sie wirklich strafte!
-Sie tippte manchmal einem der Kleinen um die Ohren, um die Füße, und
-sogleich wußten sie, ihre Plätze wieder zu finden.
-
-„Hierher, zu mir!” erschallte plötzlich die Stimme des Direktors, und
-sogleich bog der Große zur Mitte, und die ganze Familie folgte ihm; da
-standen alle nebeneinander, Lende an Lende.
-
-„Miezi, Miezi, wo steckst du denn?”
-
-Das Kleinste tat einen Schritt nach vorn, und im selben Augenblick
-knallte die Stimme:
-
-„~À genoux!~”
-
-Alle fielen auf die Knie, mühsam zwar, doch rasch und fast gleichmäßig!
-Nur Miezi kam nicht herunter. Die Peitschenspitze züngelte herbei;
-trommelte an den Schienbeinen des kleinen Gäulchens umher, unausgesetzt
-wie Spechtgehämmer, aber das Kleine konnte nicht herabkommen. Es sank
-zur Hälfte und strauchelte und sprang wieder auf. Die Peitsche knallte
-heftig. Die anderen Tiere konnten aber solange nicht auf den Knien
-liegen und turnten auf. Wieder erschallte die erregte Stimme:
-
-„~À genoux!~”
-
-Glatt sanken die sechs Tiere, und Miezi blieb unterwegs hocken; die
-Peitsche trommelte.
-
-„~À genoux, à genoux!~” trommelte die Peitsche von weit her, wo der
-Direktor stand. Sie trommelte wider die Beine, wider die Knie, sie
-kletterte an Miezi empor, bis an Hals und Augen, sie tickte an seine
-Ohren!
-
-Plötzlich aber flog die Peitsche seitab in den Sand, die sechs größeren
-Tiere bogen nach dem Ausgang und durften hinterm Vorhang verschwinden,
-und nur Miezi blieb zurück!
-
-Der Direktor bekam eine kurze Lederpeitsche, einen Riemen eigentlich,
-und trat zu den zwei Neulingen, zu Riesele und seinem Freund, hielt
-diese Peitsche steil vor deren Augen und sagte:
-
-„Die Wünschelrute! Die Wünschelrute der Ordnunk, der Schönheit und
-alles Glückes!”
-
-Er lachte dazu, und seine Augen und sein Mund verschwanden in einem
-Gemisch von tiefen Falten, die wie in Leder gezogen sein Gesicht
-zergeißelten.
-
-„~À genoux, à genoux, à genoux!~” schrie er, indes er sich
-Miezi näherte, die unbeweglich stehen blieb, obwohl sie doch
-lieber fortgelaufen wäre! Er faßte ihren linken Vorderfuß, ihren
-Unterschenkel, bog ihn mit aller Kraft zur Erde, zog und drückte
-zugleich das winzige Körperchen nach unten, das willig folgte, wenn
-auch der Kopf ängstlich sich aufreckte, wie bei einem Kind, das man in
-den Fluß taucht. Ganz sachte berührte schließlich das zierliche Knie
-den Sand, und der Dresseur tat seine Hand weg. Jedoch sogleich federte
-Miezi in die Höhe. Aeußerst in Liebe ließ er die kurze Peitsche an
-seiner freien Hand herabhängen, streichelte den Unterschenkel wieder,
-sagte:
-
-„Miezerl, Miezerl, Schnuckerl!” und bog und drückte wieder sanft und
-bestimmt nach unten. Wieder setzte Miezi keinen Widerstand und sank
-herab, indes ihr Kopf sich aufreckte.
-
-„Muß ich den Kadett wieder durch den Kakao schleifen!” knirschte der
-Direktor.
-
-Riesele stand an seinem Balken, straff alle Muskeln angespannt, und
-rührte sich nicht. Doch als Miezi wieder aufschnellte, zuckte es heftig
-zusammen wie von einem Schlag erschreckt. Der Fuchs regte sich nicht;
-er zerrte bisweilen an seiner Leine, um an einer Stuhllehne, die vor
-ihm stand, zu knuppern.
-
-Der Dresseur aber nahm nun die kurze Peitsche in die andere Hand und
-schlug zweimal auf Miezis Rücken. Wieder schmeichelte er, wieder bog
-und drückte er den willigen Fuß zum Sande, wieder entfernte er die
-helfende Hand, und Miezi sprang auf. Wieder zuckte die Peitsche auf,
-aber diesmal legte sie nicht zwei Schläge auf den Rücken, sondern
-klatschte an die Seiten, an die empfindlichen Seiten, und das kleine
-Ding blieb stehen, ohne sich zu regen und ließ sich peitschen, und nur
-die Haut zuckte erschüttert nach den Hieben.
-
-Riesele streckte den Kopf lang vor sich aus und schüttelte ihn.
-
-Die Qual in der Manege begann wieder. Diesmal wollte sich das Knie
-nicht so bereitwillig beugen lassen, schien schon vor der umfassenden
-Liebkosung der Hand sich wehren zu wollen und gab erst nach, als ein
-Faustschlag es zwang. Die Augen des Dresseurs hoben sich von unten
-herauf zu Miezis Augen, und Miezi erkannte vielleicht die vielen Ruten
-in dem verhaßten Gesicht und streckte das halbgebeugte Knie wieder.
-Da ließ sich der Dresseur auf seine beiden Knie herab, schlug mit der
-kurzen Peitsche hinauf gegen Maul, Nase und Ohren, und das Tierchen
-hob sich auf die Hinterbeine, und seine überaus kindlichen Vorderhufe
-schwebten über des Dresseurs Schultern wie Trommelschlägel. Dieser
-zuckte auf, als seien diese Hufe gefährlich für ihn und schleuderte das
-Körperchen rücklings von sich, so daß es überstürzte und platt auf den
-Rücken plumpste!
-
-Er stand, der Dresseur! Er schwang die kurze Peitsche hochauf, er ließ
-sie niedersausen auf den sich darbietenden Leib, holte mit dem Fuße
-aus und schlug den Fuß, der mit schweren Schuhen bekleidet war, dem
-kleinen Gäulchen in die Rippen, daß der leichte Körper ein Stückchen
-davonrutschte im Sand. Nochmals bohrte sich dieser Fuß in die Seiten,
-und der Ruck, den er verursachte, ließ das Tierchen aufspringen auf
-seine vier Beine.
-
-Schaum spritzt von dem Pferdemund gegen den Dresseur, und dieser faßt
-das dünne Halfter, rafft alles Geriem zusammen in seiner großen Hand,
-zerrt Miezi etwas zu sich heran, murmelt vor sich hin:
-
-„Junk, Junk, du hast keene Ahnunk nisch!” und faßt die Peitsche fester.
-Sein Mund sprudelt über, indes er zu schlagen beginnt:
-
-„Ein Lama biste nisch! Nisch? biste Lama, das speecht? Nee! Nee!
-Scheeler Minister!”
-
-Und dann, da die Hiebe rascher niedersausen, kreischt er unausgesetzt
-zur Musik der Hiebe:
-
-„~À genoux! À genoux! À genoux!~”
-
-Man weiß nicht, wer die Laute schreit, ob der Mund des Dresseurs sie
-klatscht, ob die Peitsche den französischen Laut zischt!
-
-Riesele streckte den Kopf steil in die Höhe und schrie. Der Direktor
-kam daraufhin zu ihm her, ließ unterwegs die Peitsche fallen, holte aus
-der Rocktasche ein Stück Zucker und hielt es Riesele hin, und indes
-Riesele das Stück nahm, streichelte er über seinen Hals und sagte:
-
-„Recht so, recht so, du wirst einmal besser, nisch?”
-
-Und dann legte er seine überschweißte Wange an Rieseles Wange und sagte
-liebreich:
-
-„Dauphäng, Dauphäng!”
-
-Miezi rührte sich nicht; Schaum stand vor ihrem Munde.
-
-„~À genoux, À genoux!~” trällert der Direktor wieder und kommt näher zu
-Miezi, hebt die Peitsche auf, bückt sich, erfaßt den Unterschenkel und
-läßt sich auf ein Knie nieder.
-
-„Rudolf herbei!” kreischt er.
-
-Aus der Reihe von Burschen, Männern und Mädchen, die da umherstehen und
-gucken, springt einer in die Manege und wirft die Zigarette von sich.
-Er trägt eine kurze Peitsche mit sich und stellt sich mit gespreizten
-Beinen neben seinen Direktor und neben Miezi.
-
-„~À genoux!~” schreit dieser wieder, und Miezi hebt gefällig den Huf in
-die hingehaltene Hand, gibt bereitwillig dem Druck und dem Zug dieser
-Hand nach und senkt den vorderen Körper zur Erde herab. Jedoch, da das
-Knie den Sand berührt, zuckt der Kopf auf, und das ganze Körperchen
-zuckt mit. Rudolf, der Bursche, reißt einen Schlag über diesen Kopf,
-daß Riesele zusammenzuckt und an seiner Leine zerrt. Umsonst, der Kopf
-Miezis turnt weiter, aber das Knie ruht fest im Sand, fest in der Hand.
-Einen Augenblick ruht auch der Kopf, und:
-
-„Brav, brav!” ruft der Direktor, „so ist's brav, Miezi!”
-
-Ueber des Tierchens Kopf steht ein kleiner, dreispitziger Stahl aus der
-Hand Rudolfs herab. Berührt fast die Haut zwischen den Ohren!
-
-Festgeklemmt zwischen Hände, Peitschen, Stahl und Menschenwillen, steht
-Miezi und rührt sich nicht mehr.
-
-Die Hand des Dresseurs will sich unten vom Schenkel lösen.
-
-„Miezerl, Miezerl, liab Dingele, Zuckerle gibt's, Zuckerle! So isch's
-brav, liabs, so isch es liab!”
-
-Miezi aber wird, da die Finger sich lösen, unruhig, der Kopf stößt,
-stößt in die drei Stahlspitzen, das ganze Körperchen wirft sich auf,
-der Dresseur fällt um, Rudolf haut mit Fäusten drein, Miezi stürzt über
-den Dresseur, wird hinweggerissen, rast, den Dreizack in der Stirn,
-nach dem Ausgang, wo die Knechte stehen, und wird dort aufgefangen und
-auf Armen zurückgetragen zu seinen Quälern. Rudolf reißt den Stahl aus
-der Haut und steckt ihn ein, der Direktor hebt die beiden Fäuste über
-sich, als schleppe er einen Felsen, und geht so auf Miezi los, und in
-seinem Antlitz schwirren die Lederriemen umher.
-
-Ein Strömlein roten Blutes sickert Miezi über die weiße Nase herab.
-
-Der Direktor achtet nicht darauf, er streckt die Hände aus, Rudolf
-reicht ihm die Peitsche, er flüstert für sich:
-
-„Immer feste druff! Immer feste druff!” Er sagt laut zu den Umstehenden:
-
-„Jibt man ihm seinen Hafer ~pour~ nisch?”
-
-Die Sklaven lächeln im Chor:
-
-„~Pas du tout!~” und:
-
-„Nur die Ruhe kann es machen!” sagt der Dresseur und nähert sich Miezi.
-Er spreizt die Beine, stößt sich die Fäuste in die Hüften, beugt den
-Oberkörper gegen Miezi und spuckt ihr ins Gesicht, hebt den Zeigefinger
-weit übern Kopf, wirft ihn nach dem Ausgang zu und gibt Miezi einen
-Tritt, daß sie etliche Schritte machen muß, und die Sklaven holen das
-Tier ab in den Stall.
-
-Der Dresseur zieht wieder sein rotes Schnupftuch, wischt sich über die
-Stirn und geht auf Riesele zu und sagt:
-
-„Die kleine Dame, die du eben kennen jelernt hast, meint, sie habe
-jetzt ihren Willen durchjesetzt, aber sie wird erst morgen erfahren,
-wie sie sich täuscht! Ich sehe es dir an, du bist von anderem Schrot
-und Korn. Aber da bist du jerade recht jekommen! Und du Großer: na, wir
-werden uns ooch noch zu sprechen haben!”
-
-Er wandte sich ab:
-
-„Wo stecken die Oojuste?”
-
-Sie sprangen vor, die Auguste, drei Stück! Der Dresseur schnalzte mit
-der Zunge, sie warfen ihre leichten Körper zum salto mortale zurück und
-standen auch schon wieder in Reih und Glied.
-
-„Auf die Hände!” schrie der Dresseur. Sie schwangen sich auf die Hände
-und liefen im Kreise, die lange Peitsche schleifte hinter ihnen drein.
-
-„~Changez!~” Sie wechselten die Richtung.
-
-„Ab, gut!”
-
-Der Direktor wandte sich und schrie:
-
-„Dauphäng! Hast du das gesehen? -- Kein Schlag!”
-
-Er wandte sich.
-
-„Tierschutzverein?” rief er dann, „wer fragt?”
-
-Der dickste von den dreien fragte den Direktor:
-
-„Sind Sie im Tierschutzverein?”
-
-„Sind -- Sie -- im -- Tier -- schutz -- ver -- ein?” äffte der Direktor
-nach, „wer wird so damlich fragen?”
-
-Alle drei schrien sie nun, jeder in seiner Art und mit fröhlichen
-Bewegungen der Hände, der Augen, der Beine auf ihn ein:
-
-„Sind Sie im Tierschutzverein, Mister?”
-
-„Aha, natürlich! Natürlich bin ich im Tierschutzverein! Wie könnt ihr
-fragen? Wißt ihr nisch, daß ich ein Freund des Kronprinzen bin?”
-
-„Laß doch den Kronprinzen beiseit!” flötete eine Frauenstimme aus dem
-Hintergrund, und der Direktor starrte stumm nach der Stimme.
-
-„Immer Reklame für den Kronprinzen, der jibt dir en Dreck dafür!”
-
-„Iß er etwa nisch Protektor des Tierschutzvereins? -- Iß er wohl!”
-
-„Laß ihm doch sein Pläsier!”
-
-„Pläsier? Sein Pläsier schaut anders aus!”
-
-„Er liebt die Jagd! ... Weißt: von wegen Tierschutzverein! Aber laß
-ihn aus unsrer Manege, er hat genug mit der seinen! Und zudem: uns
-Kunstbagage steht wie überhaupt armen Leuten der Patriotismus der Gasse
-nicht recht zu Mund!”
-
-„Gut, nehm ich das Warenhaus des Westens!”
-
-„Natürlich, nimm doch das Warenhaus des Westens!”
-
-„Also nochmal Aujust: Sind Sie ...”
-
-„Sind Sie im Tierschutzverein, Mister?”
-
-„Aha, natürlich! Natürlich bin ich im Tierschutzverein! Wie kannst du
-fragen? Weißt du nisch, daß ich ein Freund des Kaufhauses des ...”
-
-„Ja, verehrter Gatte, nur heraus damit: daß ich ein Freund vom
-Kaufhaus ...”
-
-„... also, daß ich ein Freund vom Kaufhaus des Westens ... nein! das
-paßt nisch, Rosa! Das, das, das paßt nisch!”
-
-„Nu, dann nimm ihn, deinen Kollegen, den Kronprinzen, voran also!
-Nochmals von vorn!”
-
-„Gut, gut, also, wir wollen nicht nochmal von vorn anfangen,
-sonst machts die Madame wieder entzwei! Wenn du sagst, Oojust,
-daß du Mitglied ... halt: du sagst das überhaupt nisch
-vom Automobilschutzverein, du springst gleich auf deinen
-Menschenschutzverein und stellst dich so hin, kuck! Diese Geste!!!”
-
-„Gehste mir mit deiner Geste!” krisch die Frauenstimme, „du verdirbst
-mir mit deiner Kronprinzenmoral das ganze Geschäft! Ab!! Los!! Hol
-wieder dein Faß, alter Diogenes und deine Laterne, wenn ihr Witze
-machen wollt! Witze müssen rollen wie Erbsen aus dem Faß, müssen
-Knallerbsen sein und keinen Pulvergestank verbreiten! Los, ins Faß,
-alte Erbse, vertrockneter Diogenes!”
-
-Der Direktor lachte aufdringlich, als wolle er glauben machen, seine
-Frau spaße, und dies Gespaß sei eher eine Liebkosung als ein Tadel, und
-er begann, laut nach seinem Faß zu schreien und klatschte dabei heftig
-in die Hände ... Das Faß rollte heran, der Dresseur verkroch sich!
-
-
-
-
-X
-
-
-Gleich am anderen Tage begannen für Riesele, das nunmehr Dauphin
-genannt wurde, die Dressuren im Sande der Manege. Dauphin freute sich
-darauf, war ordentlich stolz, konnte gar nicht abwarten, bis, da er
-angeseilt in der Hand des Direktors seinen sicheren Halt hatte, bis die
-lange Peitsche mit ihrem harmlosen Geknall den Befehl, zu marschieren,
-gab! Eine Kleinigkeit, eine Leichtigkeit, ein Kinderspiel, so im Kreise
-langsam und sicher zu schreiten, den Kopf ungezwungen hochzuhalten,
-immer innen an den abgerundeten Bretterkasten der Barriere entlang!
-
-Wenn er anders laufen sollte, entgegengesetzt dieser Richtung, ha, so
-trat der Direktor etwas nach hinten, was man deutlich sah, und die
-Peitsche, deren Riemen da irgendwo im Sande lag, zuckte leicht auf!
-
-„~Changez!~” sprach dann immer der Direktor! Das war nicht mehr
-mißzuverstehen!
-
-Fertig, Dauphin! Abgeseilt, ein Stück Zucker in den Mund, hinaus aus
-der Schule, in den Stall zurück! Das war der erste Tag!
-
-Lang ward die Zeit bis zum nächsten Morgen, und was brachte dieser
-Morgen? Nichts Neues, nichts Neues! Noch einmal und noch zum Überdrusse
-oft das alte Spiel mit „~Changez!~”
-
-Am dritten Tage sprach der Direktor:
-
-„Ist die Kleine fertig? Bringt sie!” Wer kam da zu Dauphin? Die kleine
-Miezi, die vor drei Wochen so verpeitscht worden war. Sie wurde vor
-Dauphin gestellt, mußte also ihm gleichsam den Weg weisen, denn Dauphin
-war schon nicht mehr angeseilt! Sie trippelte gar possierlich vor dem
-doch größeren Dauphin her und sah nicht nach rechts, nicht nach links
-... sie hatte sicher schon oft solch Leithammelspiel getrieben ... und
-Dauphin brauchte nur hinter ihr dreinzumarschieren. Machte der Direktor
-nur eine leise Bewegung, so wußte sie gleich, daß er nun „~Changez~”
-sagen würde, und sie changierte auch schon! Das hätte Dauphin
-unstreitig so glatt nicht fertiggebracht ohne sie! Aber sie trippelte
-ihm zu langsam! Er konnte das nicht leiden: wiederholt setzte er den
-Huf seitab nach vorn, um vielleicht selber an die Tete zu kommen,
-um wenigstens zu zeigen, daß er hin wolle ... aber immer zuckte die
-Peitsche auf, und Dauphin blieb gehorsam!
-
-Als die Lektion zu Ende war, lief Dauphin vor Freude allein nochmals
-die Runde, aber der Direktor beachtete es nicht, und als er's endlich
-doch beachtete, zuckte die Peitsche, und Dauphin konnte nicht schnell
-genug draußen sein: Gehorsam ist das erste!
-
-Am vierten Tage geschah dasselbe wieder, am fünften machte Dauphin
-sein Lektiönchen ganz allein und bekam zwei Stückchen Zucker. Aber
-am Abend zu den Vorstellungen durfte er nicht! Zwar riß er an
-seiner Kette, als er sah, wie seine Kameraden aufgeputzt wurden und
-hinausgehen durften in den grellen Lichterschein, allein niemand
-kümmerte sich um ihn.
-
-Bald kamen zu den allmorgendlichen Uebungen noch andere Pferde, auch
-große, ganz große selbst, und auch der Freund Fuchs trabte eines Tages
-mit Dauphin in die Manege und machte sein „~Changez~” ohne jeden Tadel.
-
-Er hieß Wallenstein! Ha, welch eine Wonne für Dauphin, so in der Schar
-der Großen und Kleinen, inmitten, denn Dauphin war größer als Miezi
-und kleiner als Wallenstein ... so in der Schar als Jüngster sein
-Kunststück zeigen zu können, nicht aufzufallen, nicht überzutreten,
-sich vor allen Dingen nicht vorzudrängen! sein „~Changez~”
-rechtzeitig, nicht zu früh wie hinten die kleine Miezi und nicht zu
-spät wie fast alle zu erkennen! Und durch nichts zu verraten, daß man
-doch der Jüngste war!
-
-„Wallenstein und Dauphäng!” schrie dann der Direktor, und die zwei
-Freunde mußten hinaus, indes die anderen weiterüben durften!
-
-Ach, wie bald wurden die Uebungen schwerer! Dauphin sollte erst den
-linken, dann den rechten Vorderfuß auf die Barriere heben und stehen
-bleiben und zu den Leuten gucken, die da saßen: Madame, Turnerinnen in
-nachlässigen Lumpen, Burschen, Sklaven, Männer mit scharfen Scheiteln
-und gradlinig zugeschnittenen Koteletts! Nonchalant alle mit Zigaretten
-zwischen den Lippen und lächelnden Publikumsgesichtern!
-
-Das war nicht so leicht, wie es sich ansieht! Jedoch: keine Schläge
-gab's dabei! Aber dann sollten auch die Hinterbeine auf die so schmale
-Barriere! Dann mußte gegangen werden, gelaufen werden! Links eine
-Peitsche, rechts eine Peitsche!! Wenn die Stunde vorüber war, wußte
-Dauphin nie mehr, ob diese Peitschen ihn geschlagen hatten! Wenn diese
-Stunden vorüber waren, so klopfte jeweils Dauphins Herz, der Schweiß
-stand ihm in den Haaren, und der Schaum fiel in Schwaden von seinem
-Munde.
-
-Nicht einmal vierzehn Tage dauerte es, da konnte Dauphin auf der
-Barriere schreiten und laufen, wie die Peitsche es wünschte! Das war
-aber durchaus kein großes Stück; das konnte Miezi fast im Schlaf.
-Immerhin mußte es für Dauphin eine bedeutende Leistung sein, denn an
-einem der nächsten Abende durfte er hinterm braunen Samtvorhang stehen
-und durch den Spalt hineinsehen in die Menge der fröhlichen Menschen.
-Ja, als er seinen Kopf einmal recht weit vorstreckte, als der Bursche,
-der ihn hielt, ihn sogar einen Schritt vortreten ließ, da fingen
-etliche Kinder, die da in der Nähe saßen, an zu jauchzen und zu toben:
-„Da Mama, sieh dies kleine Kerlchen, eben kommt's!”
-
-Nein, es kam nicht!
-
-Am andern Tage aber geschah es, daß dem kleinen Dauphin, bevor der
-Unterricht begann, ein roter Sattel aufgeschnallt wurde, ein Sättelchen
-aus rotem Tuch, das von roten Bändern festgehalten wurde. So in diesem
-Staat durfte es alle seine Fertigkeiten zeigen: Rundlauf mit Changez,
-Beine auf Barriere und -- sich nicht vor dem Publikum fürchten,
-Rundlauf auf Barriere!
-
-Herrjeh, herrjeh! Und am Abend geschah es wirklich: Dauphin wurde mit
-den anderen Gäulen geschirrt, bekam etwas auf dem Rücken angeschnallt,
-das er noch nicht kannte, und mußte am Vorhang freilich recht lange
-warten, bis alle Leute vom „Tableau” aus der Manege verschwunden waren.
-
-Husch, hinaus! Auf die Barriere!
-
-Spar' deine Peitsche, Direktorle!
-
-„Ah, aah, aaah!” rief die Menge, und Kinder krischen: „Pause!”
-
-Dauphin lief rundum und schlüpfte wieder hinter den Vorhang, indes die
-Leute von ihren Plätzen sich erhoben.
-
-Dieses Schild, das die Pause ankündigte, mußte Dauphin von nun an immer
-hinaustragen.
-
-Aber das blieb keineswegs seine Hauptbeschäftigung, deshalb hatte
-man ihn nicht eigens angekauft, wie man Kräfte für allerhand Dienste
-braucht! Nein, nein! Dauphin war zu anderen Sachen auserlesen, wußte
-das offenbar und trug sein Schild so gern hinaus, wie Agnes Sorma mit
-dem Staubtuch einst an der Fensterbank stand.
-
-Es geschah, daß die kleine Miezi wieder ihren schlimmen Tag hatte!
-Sie lief wie gewöhnlich am Ende der Reihe, die von einer halbgroßen
-Stute namens Lore geführt wurde. Rief der Direktor: „Komm her!” so
-hieß es rasch in höchster Ordnung nach der Mitte zu einschwenken und
-daselbst zu Seiten des Dresseurs zu stehen, bis ein neuer Befehl kam.
-Dieser neue Befehl hieß gewöhnlich -- wer wüßte das nicht schon! --
-„~à genoux!~” Beim ersten Rufen klappte alles sehr gut, und die sieben
-Tiere standen Schulter an Schulter nebeneinander im verjüngten Maßstab,
-Dauphin in der Mitte, Miezi am äußeren Ende. „~À genoux!~” knallte der
-Befehl, und die Peitschenschmicke züngelte vor den vierzehn Knien,
-bereit, ein jedes und alle zugleich zu stechen.
-
-Dauphin, der in diesem Stück fast noch ein Neuling war, fiel zuerst
-auf die Knie und jubelte um sich her mit den Augen, ob er's vielleicht
-nicht schon am besten mache? Nacheinander und mit großer Mühe sanken
-die Genossen, aber die Miezi draußen kam nicht herunter! Die Peitsche
-trommelte an ihren Unterschenkeln, die Stimme des Direktors stieß wie
-aus Karnevalstrompeten an Dauphins Ohren vorbei und umher in allen
-erregten Tonlagen: sie kam nicht nieder, und die Reihe ward unruhig und
-konnte nicht länger unten bleiben.
-
-„Auf! An die Plätze! Die ganze Familie!” donnerte der Dresseur, und
-sogleich schoß die Führerin nach der Barriere, und die übrigen folgten.
-
-Miezi, gänzlich verwirrt, konnte ihren Platz nicht finden, lief
-neben, außer der Reihe, wollte sich erst vor Dauphin, dann hinter ihm
-eindrängen, und die Peitsche knallte umher, traf Dauphin, verzögerte
-seinen eiligen Schritt, und Miezi schob sich vor ihn und raste mit
-voran. Die Peitsche züngelte nicht mehr, surrte vielmehr von oben herab
-auf Miezis Kopf, immer heftiger, immer heftiger im rasenden Rundlauf.
-
-Miezi feuert nach hinten aus, trifft Dauphin an den Kinnbacken. Dieser
-hat nicht Zeit, an den Schmerz zu denken, rast weiter in der wirren
-Runde, stößt gar den Kopf an Miezis Backen, um sie, das unglückliche
-Kind, aus der Reihe zu bringen, und im selben Augenblick springt ein
-Bursch herzu, packt Miezi am Halfter und zerrt sie zurück auf ihren
-Platz.
-
-Daselbst aber fängt für Miezi erst recht die Drangsal an. Der Bursche
-rennt mit und haut unausgesetzt auf das Tierchen drein mit der kurzen
-Peitsche.
-
-Der Führerin vorn an der Tete knirschen die Zähne, Dauphin trägt Schaum
-am Munde, die lange Peitsche knallt, die kurze klatscht.
-
-Soll der tolle Wirbel nicht enden? Kann Miezi überhaupt noch mittollen?
-Lebt sie noch? Dauphin dreht im Laufen die Augen zu ihr hin, und
-sogleich schneidet die Peitschenschmicke über seine beiden Ohren. Laut
-kreischt der Dresseur, was man nicht mehr verstehen kann. Oft zischt
-das Wort: „So siehste aus!”
-
-Plötzlich aber zerreißt Dauphin die Kette; die Peitschen verlassen die
-arme Miezi und stürzen sich auf Dauphin. Er spitzt nach dem Ausgang,
-er sieht, wie Miezi nunmehr ohne Tadel ihren Platz innehält und sucht
-auch den seinen wieder.
-
-„So, so, so ist's gut, so ischt's guat!”
-
-Des Direktors Stimme flutet in wohligem Wellenschlag durch das Zelt,
-bald hoch, bald tief, wie ein Lied, ein schmeichelnder Gesang!
-
-„Komm her!” heißt es nun wieder.
-
-Die Führerin biegt ein, die Schultern reihen sich aneinander:
-
-„~À genoux!~” ertönt's jetzt wieder streng und roh.
-
-Miezi kommt nicht herunter, und Dauphin hockt auch in halber Senkung
-und kommt nicht nieder.
-
-„Schluß!!”kreischt der Direktor, und seine Stimme zerflattert wie eine
-Fahne alter Veteranen.
-
-„Dauphin und Miezi bleiben! Die andern ab!”
-
-Die Gasse am Ausgang öffnet sich, eiligst strömen die fünf Befreiten
-hinaus. Er wirft die lange Peitsche von sich, der Herr Direktor, der
-Bursch gibt ihm die kurze.
-
-Miezi torkelt; ein Schlag hält sie aufrecht! Auf ihrer Stirn scheint
-die Wunde aufgebrochen zu sein: ein Strömlein Blut rinnt über die weiße
-Nase. Der Direktor wendet sich an Dauphin: „Soll ich auch dich durch
-den Kakao schleifen?” kreischt er.
-
-„Soll ich Miezi fortführen?” fragt der Bursche. Der Direktor winkt:
-fort!
-
-„Na, und du, Proletarier, was ist denn dir in den Schädel jestiegen,
-he, wat?”
-
-Dauphin scharrt mit dem linken Vorderfuß, der Lederriemen klatscht
-darauf: „Hab' ich wat jesagt, he? Willst wohl zeigen, daß du's
-jutmachen willst, Jünklink! Hast Angst vor Haue, wat?”
-
-Aller Augen richten sich auf Dauphin, dem anscheinend kein gutes
-Stündlein bevorsteht. Ein Bursch zieht die Kappe, nimmt zwei
-Zigaretten heraus, gibt eine einer Dame und zündet beide an.
-
-„Hast nisch ooch eene pour moi?” fragt der Direktor, und der Bursch
-holt eine dritte aus der Mütze und gibt Feuer. Schweißtropfen hängen in
-den Lederriemen des Direktorengesichts. Er tut ein paar Züge und wirft
-die Zigarette von sich, er faßt die kurze Peitsche und spuckt nochmals
-in die Hände ...
-
-Da geschieht ein Wunder! Am Eingang erscheint eine Frau und trägt ein
-halbjähriges Kind auf den Armen.
-
-„Ah! Aaah Aaah!” schreit alles, was da ist in dem Zelt, alles bewegt
-sich nach dem Kinde hin, und selbst der Direktor läßt die Peitsche
-sinken, streckt, indes er zu Mutter und Kind geht, die Hand nach dem
-Burschen, der ihm eine Zigarette gegeben, bekommt eine, zündet sie an
-und nimmt das Kind auf seinen garstig tätowierten Arm.
-
-Trägt's in die Manege, sagt:
-
-„Da guck, Jochem, was eine liebes Gäulchen!”
-
-Und zu allen rundum sagt er:
-
-„Dieser Dauphin gehört meinem Jochem!” worauf der Vater des Kleinen
-hinterher ruft:
-
-„Ich halte Sie beim Wort, Direktor!”
-
-„Da guck, da guck! Dauphin, verfluchtes Sauvieh, guck dir den Jochem
-an!”
-
-Er setzt Jochem auf Dauphins Rücken, und der ganze Zirkus ist im
-siebenten Himmel. Dauphin trabt einher, eine kleine Tänzerin hoppst
-herbei wie ein Flugzeug, das angekurbelt ist, schwingt sich auf
-Dauphins schmalen Rücken, nimmt das Kindchen auf den Schoß und reitet
-so dahin, wirft's in die Luft, fängt's wieder, küßt es, drückt es an
-sich und jauchzt wie die Menschen hinter den Bergen vor Freiluft und
-Freude. Wer jauchzt da mit? Wer schweigt da noch?
-
-Dauphin, Dauphin, du hättest die Freude der Freiluft schon vergessen?
-
-Ha, Dauphin streckt, indes er wacker weiterläuft, den Kopf weit nach
-vorn und stößt einen Schrei aus, der seltsam klingt wie eine Schalmei
-aus Weiden, wie ein Hirtenlied auf der „Zeil”.
-
-Nur ein Viertelstündchen währt das fröhliche Zwischenspiel, die kleine
-Tänzerin seilt sich an, klappst Dauphin auf den Schenkel und sagt:
-
-„Fort, Kleinzeug, mach' morgen deine Sache besser!”
-
-
-
-
-XI
-
-
-Dauphin machte am nächsten Tage seine Sache wieder besser, wie er
-überhaupt ein gelehriger Schüler war! Allein trotz aller Gelehrigkeit,
-trotz alles besten Willens geschah es sehr oft, daß Dauphin die große
-und die kleine Peitsche zu verspüren hatte, und wenn die Menschen,
-da er seine Errungenschaften ihnen darbot, Freude empfanden an ihm,
-wenn die Kinder ihn bejubelten mit ihren kleinen Händen, so dachten
-sie nur selten daran, daß hinter dieser Stellung vielleicht hundert
-Geißelhiebe staken, daß dieser so überaus lustige Sprung vielleicht
-tausend Geißelhiebe beansprucht hatte! „Mit Wunden ganz bedecket”,
-zerschlagen, zerschunden an Leib und Seele kam Dauphin oftmals in
-die fröhliche Arena, aus den Händen der Häscher, aus dem verruchten
-Lederriemengesicht des Direktors in die überzuckerte freundliche Miene
-des Abends angesichts der Menschen, die ergötzt sein wollten! Hundert
-Stunden höchste Qual für ein Viertelstündchen Menschenbelustigung!
-Hundert Stunden Erniedrigung für ein Viertelstündchen kleinfrohe
-Menschenlaune!
-
-Trotz aller Qual behielt Dauphin doch den inneren Frieden, die Freude:
-den Menschen Freude zu bereiten, sei es, daß durch eine überaus
-glückliche Veranlagung seine Seele all ihre Leiden, die zur Freude der
-Menschen führen sollten, leicht ertrug und leicht verwand, sei es,
-daß die göttliche Meinung des Bauern Klaus: glücklich machen heiße
-glücklich sein! in dieser Seele Dauphins heilsam wirkte!
-
-Untrüglich und jedem zugänglich, der Sinn für Seele hat, lebte ein
-großes Mitleid in Dauphin, eine Lust, Leiden tragen zu helfen, Leiden
-mindern zu helfen, und es muß gesagt sein, daß die meisten Schläge,
-die er erhielt, freiwillige Schläge waren, indem er oft und immer
-wieder die entfesselte Wut des Dresseurs von seinen Kameraden auf sich
-ablenkte.
-
-Es fiel dem Direktor bald auf, daß alle Dressuren, die er mit Dauphin
-allein vornahm, rasch und bestens sich erledigten, während die
-Korporationsdressuren, anstatt durch Dauphins Mitwirkung sich zu
-erleichtern, keineswegs einen Vorteil von ihm hatten.
-
-So kam es, daß, als Dauphin die elementarsten Begriffe der Kunst besaß,
-daß er an einen Zirkus verkauft wurde, der sich einen Solisten seiner
-Art eher leisten konnte.
-
-Als Dauphin abgeholt wurde, lag Frühlingsschnee auf den Zelten,
-und Burschen gingen mit langen Stangen, an die oben quer ein Brett
-genagelt war, umher und schüttelten die Schneemassen von den tief
-hereinhängenden Dachzelten. Dauphin mußte, bevor er abgeführt wurde,
-sein gesamtes Können vor den Augen des neuen Herrn entfalten, und vor
-Eifer und Freude brach ihm der Schweiß aus allen Poren. Die Burschen,
-die ihn liebgewonnen hatten, rieben ihm den Schweiß aus den Haaren, und
-der neue Herr wunderte sich und fragte, ob Dauphin überhaupt so leicht
-schwitze?
-
-„Keineswegs!” entgegnete der alte Herr, „der Eifer steckt in ihm,
-es rumort überhaupt allerlei Gutes in dem Kind; er eignet sich zum
-Steiger, er hat Musike im Bauch, und wenn es gut geht, bringt er's zu
-was ordentlichem!”
-
-Auch Wallenstein, der die Elementarschule erledigt hatte, zog mit
-Dauphin zusammengekoppelt fort in den größeren Zirkus, der in
-der Nachbarstadt weilte. Sie fuhren nicht mit der Eisenbahn, sie
-marschierten zu Fuß der Stadt entgegen, die kaum drei Stunden entfernt
-lag.
-
-An einem Abhang pflügte ein Bauer mit zwei dicken Ackergäulen.
-Wallenstein ward unruhig, drehte oft den Kopf nach der Feldarbeit und
-zog leise aber stets an der Koppel, so daß Dauphin gar nicht leicht zu
-gehen hatte. Was wollte er nur? Er wieherte, daß dem kleinen Dauphin
-der Speichel an die Nüstern spritzte, er peitschte mit dem Schweif, er
-trug die Ohren hochgestellt, und endlich geschah etwas: Wallenstein
-riß so heftig an der Koppel, daß Dauphin nicht widerstehen konnte,
-vielleicht auch nicht widerstehen wollte, und im Nu feuern die beiden
-Freunde seitab und rasen über die Aecker den Abhang hinan in hellem
-Galopp querfeldein. Der zierliche, weißgebleßte Dauphin spürte zwar
-Schmerzen am Munde, aber was sind denn Schmerzen gegen Freude? eine
-Wonne, mit dem starken Wallenstein auf- und davonzugehen! Er möchte
-größer sein, stärker sein, hurra, er möchte den starken Wallenstein
-selber noch fortreißen können, irgendwohin fort, er möchte Führer
-sein, Verführer, er möchte den großen Kerl verführen zu allerlei losen
-Streichen!
-
-Die Häscher kamen natürlich! Wallenstein wurde gepeitscht, Dauphin
-nicht! Dauphin sah großäugig und neidisch zu, wie Wallenstein
-angesichts der Ackergäule gepeitscht wurde, und blieb verschont!
-Ordentlich mitleidig sahen die schweren Kerle aus den Augenwinkeln auf
-Dauphin herab, als sei er der Verführte, als sei er nur mitgezerrt
-worden und sei schuldlos wie ein Kind.
-
-In diesem neuen Leben gefiel es Dauphin besser als früher. Nur selten
-brauchte er mit den übrigen Pferden zu exerzieren, um so öfter aber und
-um so länger mußte er vor dem neuen Direktor seine Uebungen machen.
-Mit großer Leichtigkeit erlernte er alles, was man von ihm verlangte:
-er stellte sich auf die Hinterbeine, und es dauerte nicht lange, so
-entwöhnten sich die herabhängenden Vorderbeine, lästig zu zucken, zu
-schlagen und überängstlich zu tasten nach einer Stütze! Musik begann
-oft zu erschallen, wenn er so stand, der Direktor fuchtelte graziös mit
-den Händen in der Luft herum und summte die Melodie mit und sang dazu:
-
- „~L'amour est l'enfant du bohême,~
- ~Elle n'a jamais, jamais connu de loi!~”
-
-Heisa, wenn auch noch die Peitschenspitze an Dauphins Hinterhufen
-herumzutrommeln anfing, so konnten sich diese Füße nicht mehr halten
-und trippelten dahin und dorthin und erhaschten bald den Taktschlag
-der Weise! Da konnte der Herr Direktor getrost seine Peitsche beiseite
-werfen und näherkommen! Konnte ganz nahekommen, konnte seinen linken
-Arm über Dauphins rechtes Bein, den rechten unters linke Bein schieben,
-so daß seine Brust des Pferdchens Brust berührte, und: Kinder! Kinder!
-habt ihr schon so etwas gesehen? Sie tanzen miteinander, sie tanzen
-miteinander, der Direktor tanzt mit eurem kleinen Freunde Dauphin!
-
-Das vollbrachte Dauphin! Er vollbrachte, was man von ihm verlangte: er
-zählte die Jahre seines jungen Lebens, und wenn er dabei sieben angab
-und also log, so war das seine Lüge nicht! Er zählte die Stunden des
-Tages, die Lebensjahre eines jeden Menschen, der sein Alter nicht mehr
-zu wissen schien, er holte aus dem Publikum jenen Kerl heraus, der
-seinen Namen „Dauphin” norddeutsch ausgesprochen hatte „Dauphäng!” Er
-fand den versteckten Gänsedieb, wo immer auch er sich versteckt haben
-mochte, er schoß mit dem linken Vorderfuß eine Kanone ab und mehr, er
-verbeugt sich höchst manierlich vor seiner Königin!
-
-Kinder, Kinder, so etwas habt ihr noch nirgends gesehen! Euer Spielzeug
-daheim hat eine Feder im Bauch, aber Dauphin hat eine Seele! Kein
-Wunder, daß die Kinder das kleine Gäulchen mit der weißen Blesse
-so gern hatten! Die Kinder des ganzen Reiches kannten ihn, liebten
-ihn, träumten von ihm wie vom Weihnachtsbaum! In den Zeitungen lasen
-sie über ihn, wenn er kam, wenn er gastierte, wenn er ging. An den
-Plakatsäulen sahen sie ihn in hellen, fröhlichen Farben, und vergaßen
-ihre Schule und ihren Mittagstisch. Wenn sie mit ihren Eltern im Zirkus
-saßen, wollten sie nichts anderes sehen als Dauphin. Wenn sie die
-Ställe besuchen durften, wollten sie nichts anderes sehen als Dauphin.
-Väter photographierten Dauphin. Ein ganz kleines Kind kam einmal im
-Stall auf Dauphin zu und sagte: „Ich heiße Tarl Tnöpfle!”
-
-So also sprang Dauphin Abend für Abend im Lichte der Arena umher durch
-den Beifall der von ihm beglückten Menschen, bald in dieser, bald in
-jener Stadt.
-
-
-
-
-XII
-
-
-Den tollsten Abend aber, zugleich den glorreichsten und
-erkenntnisreichsten, erlebte Dauphin kurz vor Ausbruch des Krieges in
-jener rheinischen Stadt, die sich wie eine Braut in den liebenden Arm
-des Flusses schmiegt.
-
-Als er seine Kunst so weit beendet hatte, daß er meinte, nun müsse er
-hinaus aus der feierlichen Arena, da kam der Direktor nochmals auf ihn
-zu, zog ihm vor allem Volk das goldbetreßte Purpurmantelettchen aus und
-nahm den weißen Husarenbüschel von seiner Stirn, so daß er schließlich
-ganz nackt dastand. Vom hohen Thron herab fragte der König laut und mit
-großer Handbewegung schräg nach oben, daß all seine Ringe aufblitzten:
-
-„Was kannst du noch, Freund Dauphin?”
-
-Dauphin schüttelte den Kopf.
-
-„Sonst kannst du nichts?” fragte schelmisch die sanfte Königin und
-lächelte und schüttelte das gekrönte Haupt, als wisse sie genau, daß
-Dauphin noch etwas ganz Besonderes könne, und zu ihrem hohen Gemahl
-sagte sie hinüber:
-
-„Versprachen Sie mir nicht: Dauphin übertreffe seinen Ruf?”
-
-Da kam zum Glück der Direktor mit seiner Leiter, und nun fiel es dem
-kleinen Gäulchen ein, daß es noch etwas könne: Es stieß heftig den
-Atem durch die Nüstern, sah zu den zwei Buben, die bei einem Offizier
-saßen, die es schon öfter betrachtet hatte, als spiele es nur für sie,
-und schritt so seinem Direktor entgegen. Dieser stützt die Leiter auf,
-und Dauphin hebt den linken Vorderfuß auf die erste Sprosse der Leiter,
-dann den rechten und steigt so Sprosse um Sprosse hinauf bis zur
-fünften. Nun wirft er den Kopf hoch, drückt sich ab, steht frei, fest
-und stabil, ohne den Schwung der Freidressur, auf den Hinterbeinen
-und marschiert so im raschwechselnden Rhythmus der volldröhnenden
-Musikkapelle in allen Gangarten durch die Arena hin. (Die Kinder denken
-an ihr Spielzeug, das eine Feder im Bauch hat!)
-
-Der Marsch bricht ab! Dauphin steht wieder auf den vier Beinen. Einen
-Augenblick nur steht er so da und rennt nun im Kreise herum, toll
-vor Glück, schießt nacheinander sieben Kanonen ab, auf denen der
-kaiserliche Adler prangt, und rast durch den Vorhang hinaus.
-
-Kommt sofort wieder, läuft schnurstracks auf die beiden Buben zu, biegt
-kurz ab, als habe er sich geirrt, und kniet plötzlich vor dem Thron des
-Königs und der Königin nieder.
-
-Und nun geschieht's: Die Königin erhebt sich von ihrem Thron! Mit einem
-blauen Seidentüchlein wischt sie sich über die feuchten Augen, kommt
-herab zu Dauphin, beugt sich weit vor, daß ihre Gewänder steil von den
-schmalen Schultern herunterfließen, daß ihre Krone fast wankt, und küßt
-Dauphin auf die weiße Blesse ...
-
-Dauphin hört und sieht nichts mehr, hält die Augen geschlossen und
-spürt diesen warmen Kuß auf der Stirn. Er reckt geschlossenen Auges den
-Kopf steil in die Höhe, entblößt die Zähne von den Lippen, läßt den
-Kopf niedersinken, läßt ihn tief herabsinken und weiß offenbar nicht,
-was er tun soll.
-
-Zwar hört er allerlei Geklopf und Getick, aber er verharrt in seiner
-Verzückung, und die Menschen klatschen ihm und lächeln sich an vor
-Glück und Freude über das geküßte Kind.
-
-Als Dauphin dann doch die Augen aufschlägt, schleppen Sklaven und
-Sklavenpferde den Thronsaal, ein werktägiges Balkengerüst, fort, eine
-Dame hängt am Trapez, und alle Leute sehen nach der Dame! ...
-
-Da springt Dauphin auf und davon und schämt sich, weil er es so eilig
-hat! Der Wärter empfängt ihn draußen, die Menge klatscht wieder, die
-Kinder rufen nach ihm, aber der Wärter zerrt ihn an den Ohren am großen
-Spiegel vorbei nach dem Stalle zu.
-
-Vor den Ställen stehen fünfundsechzig Pferde beisammen. Mit Ehrfurcht
-in den Augen sehen sie den kleinen Dauphin kommen, lassen die Köpfe
-hängen, bewegen sich nicht, heben die Augen und sehen gleich wieder
-weg. Wallenstein steht auch da; er knappert mit den Zähnen am Randblech
-eines Wagendaches. Dauphin schiebt sich zu ihm hin. Der Große läßt den
-Kopf über den Hals des Kleinen sinken, als wolle er das Wunderkind
-beschützen, und dieses reibt die Stirn an den straffen Lippen
-Wallensteins: der Kuß der Königin brennt ihn!
-
-Der Direktor kommt herzu, gibt Dauphin ein Stück Zucker und sagt:
-
-„Heut Nacht darfst du bei Wallenstein schlafen!”
-
-Der starke Wallenstein tritt mit dem feinnervigen Künstler Dauphin in
-sein Stallzelt. Sie fressen aus einer Krippe und legen sich bald zum
-Schlafe nieder, und Dauphins Köpfchen ruht auf Wallensteins festem
-Halse.
-
-Dauphin kann nicht einschlafen: er spürt den Kuß der Königin auf der
-Stirn und sieht auch wohl den großen Spiegel vor Augen. Dann schläft er
-doch ein Weilchen: es ist ihm, als kämen tausend Kinder zu ihm in die
-Arena, als streichelten sie ihn, als küßten sie ihn alle auf denselben
-Fleck der Stirn.
-
-Er erwacht wieder, schiebt den Kopf nach Wallensteins Ohren und reibt
-dort hin und her, und Wallenstein schnarcht, hebt den Kopf und läßt ihn
-wieder sinken und schnarcht weiter.
-
-Steif hochauf reckt Dauphin den schlanken Kopf in die stille Nacht der
-Genossen und läßt die schweren Lippen von den Zähnen weghängen und die
-breiten weißen Zähnchen aufleuchten.
-
-Am Morgen, da Dauphin, allen Schmuckes bar, zur Probe am Spiegel
-vorübergeht, sieht er auf seiner Stirn sicher zum erstenmal in seinem
-Leben die weiße Blesse!
-
-In dieser Stadt überraschte den zarten Dauphin der garstige Krieg.
-
-
-
-
-XIII
-
-
-Eines Abends fehlen bei der Vorstellung die bunten Offiziere, die
-Menschen reden lauter und kargen mit Beifall. Und mitten in der
-Nacht, da alles schon schläft, werden plötzlich in allen Zeltställen
-die Lichter angedreht, alle Pferde werden in die Arena geführt, und
-Offiziere suchen die stärksten und schönsten aus und stellen sie zu
-Paaren.
-
-Wie Dauphin sieht, daß auch Wallenstein mit ausgemustert ist, läuft er
-zu ihm hin.
-
-Ein Offizier aber schlägt ihm verächtlich auf die Backen, sagt: „Na
-Kleiner, dich wollen wir hier lassen,” und zerrt ihn weg. Dauphin aber
-möchte bei Wallenstein bleiben! Und wie die Pferde mit den Offizieren
-fortziehen, läuft er nochmals zu Wallenstein hin und wird wieder
-fortgejagt.
-
-„Fort zurück, ihr da, in den Stall!” ruft der Direktor, und Dauphin
-geht in seinen Stall. Die Löwen brüllen in den Käfigen, die Affen
-kratzen an ihren Holzwänden, auf dem Pflaster der Straße vorm Eingang
-zum Zirkus tuten und schollern Automobile, und Pferde trappeln in
-endlosen Prozessionen durch die Nacht. Das Getrappel foltert den
-kleinen Dauphin.
-
-Morgens fand keine Probe statt. Wenn die Sacktür des Stalles sich
-hob, sah Dauphin den blauen Wohnwagen des Direktors stehen. Künstler
-fütterten, Künstler halfen das große Zelt abschlagen, Künstlerinnen
-trugen die Schürzen der Wärter.
-
-Wenn Dauphin sich die übriggebliebenen sieben Pferde ansah, ward
-er traurig: Keiner von ihnen wußte anzugeben, etwa wie alt er sei,
-wieviel Uhr es sei, keiner konnte auf den Hinterbeinen laufen; es
-waren simple, halbstarke Reitpferde für Akrobatinnen, Sklavenpferde,
-Sklaven samt und sonders! Der kleine, überaus hellweiße Schimmel,
-dessen Fußhaare über die Hufe gekräuselt herabhingen, der äußerst
-oberflächlich in Kunst und Wissenschaft war, konnte wenigstens durch
-einen Reif springen! Dauphin war sehr traurig.
-
-Was mochte nur los sein? Warum durfte Dauphin nicht dabei sein?
-
-Dauphin wurde mit seinen sieben Genossen zu zweimal Vieren
-zusammengekoppelt und gleich einer Kinderschule ausgeführt. Alle
-Straßen der Stadt und alle Straßen außer der Stadt waren voller
-Soldaten; Regimenter marschierten dahin und dorthin und sangen,
-Automobile, mit dem roten Kreuz geschmückt, rasten, hundert
-hintereinander, die Hauptstraße hin, Pferde und immer wieder Pferde,
-mehr Pferde als Menschen!
-
-Auf der Brückenrampe sah Dauphin seinen Freund Wallenstein, der
-mit fünf dicken Gäulen eine riesige Kanone die Rampe hinaufzog. Als
-Wallenstein Dauphin sah, wieherte er, schlug einen leichten Trab an und
-zog ganz mörderisch an seinen Strängen. Welch eine Wonne mußte das sein
-für ihn!
-
-Wie gern hätte Dauphin geholfen, mit der Kraft seiner Muskeln die
-Kanone ziehen, -- er hatte in der Arena schon manche Kanone gezogen
---, aber er war an den schäbigen Rest der einstigen Zirkusherrlichkeit
-gefesselt und konnte sich nicht befreien. Seine Augen wölbten sich und
-bettelten: „Wallenstein!! Komm, Großer, Starker, hilf, hilf doch deinem
-kleinen Freunde!” Aber der hatte keine Zeit, und Dauphin mußte zurück,
-heimzu, hinter seine Sacktür.
-
-Täglich wurden die Acht ausgeführt. Die Sieben foppten Dauphin, rissen,
-wenn er außen ging, die Koppel nach links, daß er mit den Hinterbeinen
-aus dem Glied treten mußte und vom Wärter einen Schlag bekam. Wenn
-er innen ging, zerrten sie sich nach den Seiten von ihm weg, daß die
-Wärter meinen mußten, er, Dauphin, sei der Störenfried, der seine
-Nachbarn belästige. Ging er im vorderen Glied, so wurde er gekitzelt,
-ging er im hinteren, so flog ihm irgendein Pferdeschweif über die
-Augen. Es geschah selbst, daß der oberflächliche Schimmel, nur um dem
-Wärter darzutun, er sei belästigt worden, aufs Geratewohl nach hinten
-gegen Dauphin ausfeuerte und zurücksah, und der Wärter, der seine
-Pferde nicht kannte -- und besonders Dauphin nicht kannte --, sah
-seitab nach den lauten Dingen der Straße, und hieb ohne weiteres immer
-auf Dauphin ein. Oh, wenn Wallenstein dabei gewesen wäre!
-
-Eines Tages kam ein Offizier mit breiten, roten Streifen an den
-Beinkleidern. Er hielt eine Zeitung in der Hand und sagte:
-
-„Wo ist Dauphin?”
-
-Dauphin wurde losgebunden und aus dem Stall geführt, und die sieben
-Gesellen mußten zurückbleiben. Der Offizier strich ihm über die Ohren
-und sagte:
-
-„Stark genug ist er schon!”
-
-„Er hat Qualitäten und steht auf dem Höhepunkt seiner Kraft,”
-entgegnete der Direktor, und Dauphin, der die Stunde der Befreiung,
-die Stunde seiner Tauglichkeit ahnte, nickte lebhaft mit dem Kopfe
-und scharrte mit dem linken Vorderbein, spürte fast den stolzen
-Husarenbusch, den er seit Wochen nicht mehr getragen, zwischen
-seinen Ohren schwanken und streckte die Nüstern gegen des Befreiers
-braunbekleidete Hand.
-
-„Wie alt bist du, Dauphin?” fragte der Offizier freundlich, und der
-Direktor machte sein Geheimzeichen und sprach:
-
-„Na, sag's dem Herrn General, wie alt du bist!”
-
-Und Dauphin nickte siebenmal mit dem Kopfe.
-
-Dann sah er von der Straße her zwei Buben am blauen Wohnwagen vorbei
-herzulaufen. Die Buben riefen schon von weitem:
-
-„Der Dauphin, der Dauphin!” und schwangen die Mützen und kamen herbei,
-und Dauphin reckte den Kopf längs zu ihnen hin und zeigte seine Zähne.
-
-Der eine konnte Dauphin die weiße Blesse streicheln, den anderen mußte
-der General heben, daß er es auch tun konnte.
-
-Der Große zog seine Uhr aus dem Matrosenblüslein, hielt sie Dauphin hin
-und sagte:
-
-„Na, wieviel?”
-
-„Können Sie bis zwanzig zählen, Dauphin?” fragte der Kleine.
-
-„Geduld, Jungens!” sagte der General, und der Direktor ließ Dauphin bis
-zwanzig zählen und ließ ihn die Uhr ablesen, und der Große beobachtete
-genau das Geheimzeichen des Direktors.
-
-Dann mußte Dauphin mit den Buben übern Platz laufen, rundum, so schnell
-er konnte, und dann lief er noch lange allein, da die Buben schon müde
-waren und auf den im Erdboden steckengebliebenen Zeltpfählen hockten.
-
-Der General hob nunmehr die Sacktür, und Dauphin schlüpfte in den
-Stall. Der General kam, der Direktor, der Wärter und die Buben kamen;
-aber Dauphin wurde angebunden, und alle gingen wieder fort.
-
-Dauernd sah Dauphin nach der Sacktür, und alle seine Gefährten sahen
-hin und machten große, glotzige Augen wie Kühe.
-
-Und siehe, gegen Abend -- Dauphin war ganz allein im Stalle --
-schlüpften die Generalsbuben herein, banden sich Dauphin los und
-stürmten mit ihm, der stets zu tollen Streichen aufgelegt war, übern
-Platz an den Wohnwagen, und am Wohnwagen hob ein Soldat aus einem
-zweiräderigen, gelbgestrichenen Kastenwägelchen ein Kummet und schob
-es Dauphin übern Kopf. In die Schere ward Dauphin eingeschoben, die
-Buben sprangen auf, der Soldat sprang auf -- Dauphin hatte in der Arena
-schon allerhand Wagen gezogen und sogar schon Kanonen -- und husch
-gings übern Platz hin und her und rundum und dann hopp, hopp, übers
-Pflaster in die Stadt hinein durch alle Straßen hin, an hunderttausend
-Menschen vorbei und zur Stadt hinaus an den Fluß. Eine Wonne war's, mit
-eigener Muskelkraft solche Dinge zu vollbringen! Dauphin achtete, ob
-nicht der weiße Husarenbüschel an seine Ohren wedele, ob nicht seine
-goldverbrämte Purpurdecke ihn jucke oder sonstwie sich bemerkbar mache.
-
-Eine winzige Kaserne war in die Erde gebaut, und nur die Seite, wo
-Drilchsoldaten Pfeife rauchten, war zu sehen. Ueber dem Portale stand
-dick in schwarzen Lettern: Fort Großherzog von Hessen! Der größere
-Preußenbub bog sich zum Soldaten und sagte:
-
-„Nach Fort fehlt ein Komma oder ein Ausrufezeichen!”
-
-„Oho!” entgegnete der Soldat, „das werd' ich aber Madame sagen, daß du
-nicht weißt, was ein Fort ist, und daß du gar einen gekrönten Fürsten
-aus seinem Reich vertreiben willst!”
-
-Draußen am Fluß stellten sich die Buben im Wagen auf und nahmen Leine
-und Peitsche, und der Soldat blieb sitzen. Sie schlugen Dauphin an die
-Lenden, aber das tat nicht weh! Dauphin lief wie noch nie in seinem
-Leben, und sein Herz flog vor ihm her.
-
-Drüben im Schatten trottelte die verwahrloste Kleinkinderschule. Als
-Dauphin sie kaum gesehen, war sie schon hinter ihm. Dauphin wieherte
-laut, was heißen konnte:
-
-„Schreit doch, ihr Generalsbuben, lacht doch, schlagt mich doch, tobt
-euch doch aus an mir, ich bin auf dem Höhepunkt meiner physischen
-Kraft!”
-
-Ein großer Sandplatz schob sich in den Wald hinein zu beiden Seiten
-der Straße. Ein Flieger stieg hinten auf, ließ Leuchtkugeln rudelweise
-in die Dämmerung fallen; Kanonen, die auf Wällen standen, richteten
-ihre Rohre nach ihm, und Kommandos erschallten weithin. Infanteristen
-gingen, ausgeschwärmt, durch die Gräben über die Straße, rasselten an
-den Schlössern ihrer Gewehre, und viele verloren, weil sie vor dem
-rasenden Dauphin förmlich flüchten mußten, in der Eile etliche ihrer
-Patronenhülsen.
-
-Tausend Gäule -- war nicht Wallenstein dabei? -- trabten am Waldrand,
-indeß Kanoniere, an langen Seilen geschultert, schwere Geschütze durch
-den Sand zogen. Hinterm Wall aus dem Wald kam heftiges Geknatter, und
-Dauphins Fußeisen knatterten nicht minder heftig auf der Steinstraße.
-
-Plötzlich stand der General da mitten auf der Straße, Dauphins Befreier!
-
-Dauphin rannte zu ihm hin und blieb halten. Aus seinen Nüstern stieß
-sich sein Atem, sein ganzer Körper dampfte, die Adern am Kopf waren
-fingerdick geschwollen: Das war die Kraft, die in ihm stak, die sich
-freimachte und ihn so beglückte, so überaus beglückte! Doch plötzlich
-senken sich die Lider über die jungfrohen Augen und Dauphin bricht
-zusammen, kugelt auf den Rücken und streckt die vier Beine zum Himmel.
-
-Als er daheim im Stall wieder erwachte, fühlte er sich so von allem
-Physischen befreit, daß seine Seele wie in Gedankenanflügen sich
-ergehen konnte. Er, Dauphin, gehörte doch gleich Wallenstein unter die
-Soldaten, in die Menge, in die körperliche Arbeit, zu den Strapazen!
-Was ist Kunst, und was ist Wissenschaft, was ist selbst der Kuß einer
-Königin?
-
-Dauphin hielt die Augen noch geschlossen, aber er sah mit diesen
-seinen Augen! Er sah Soldaten schiefgebuckelt um Kanonen rennen, sah
-einen Berg voller Soldaten! Ein Gebirge war statt mit Bäumen mit
-Soldaten bewachsen, Soldaten sah er aus dem Erdboden aufwachsen;
-Pferde schoben sich, wo sonst Wasser hinströmte, unendlich hin, und es
-war ihm, als sähe er Wallenstein neben sich im Straßengraben liegen,
-Wallenstein, den mächtigsten von allen. Ja wirklich, Wallenstein reckte
-die vier Beine zum Himmel auf, und aus seiner Stirn, dort, wo Dauphin
-von der Königin geküßt worden war, floß rotes Blut.
-
-Dauphin hörte deutlich schießen und tat die Augen auf.
-
-Der Direktor stand da bei ihm in dem fremden Stall, der Wärter rieb mit
-Stroh an seinem Leib herum, der General stand da und die Buben mit den
-Schulranzen, und der Kleine hatte den Daumen im Mund.
-
-Dauphin sprang auf, nickte, beschnupperte der Buben fröhliche
-Haarbüschel und wieherte schon wieder vor Freude. Aber dann wurde er
-vom Wärter fortgeführt, und es ging nicht etwa auf den Exerzierplatz,
-sondern wieder zurück am blauen Wagen vorbei, durch die Sacktür in den
-Stall zu den Sieben.
-
-Die Sieben wurden wieder spazieren geführt, und Dauphin blieb daheim.
-Und Dauphin sah, solange er allein war, nach der Sacktür, ob nicht
-der General käme, oder der Soldat, oder sonst ein Soldat, und niemand
-kam. Der Wind wehte an der Sacktür herum, und manchmal sah Dauphin den
-blauen Wohnwagen stehen.
-
-Die Sieben kamen zurück, und am nächsten Tage mußte Dauphin mit ins
-Freie spazieren, und die Qual begann wieder und dauerte -- der Direktor
-ließ sich auch nicht mehr sehen -- viele Tage lang.
-
-Bis wieder einmal ein Soldat in den Stall kam, der alle Pferde mit
-Namen kannte und Dauphin besonders liebkoste und alles so tat, wie's
-ehedem der Direktor getan hatte. Und wie er Dauphin ein Stück Zucker
-hinhielt, erkannte Dauphin, daß der Soldat niemand anders war als der
-Direktor selber. Da freute sich Dauphin über die Maßen und riß an
-seiner Kette. Der geliebte Direktor redet in seltsam langgezogenem,
-klagendem Tone allerhand mit Dauphin, was Dauphin zwar nicht ganz
-verstand, was aber dennoch sehr schön und gut war, und zog dann seinen
-Säbel aus der Scheide und hielt ihn Dauphin an die Augen.
-
-Und Dauphin bekam ein bißchen Angst vor dem blanken Stahl, wie Isaak
-vor seinem Vater Abraham, streckte den Kopf ganz wagrecht vor, hob die
-Nüstern und beschnupperte, freundlich aus den Augen zu ihm lächelnd,
-daß der Direktor doch nicht etwa ..., dessen Hand.
-
-Der Direktor nahm Dauphins Kopf untern Arm und sagte:
-
-„Unser buntgekleidetes Künstlertum ist zu Ende, mein Lieber, und die
-Kunst schlechthin wird stark angerannt werden! Aber du lieber Himmel,
-was ist denn auch die Kunst, was sind denn unsere Kunststückchen,
-was steckt denn dahinter? Du hast es ja durchgemacht unter meiner
-Peitsche, Dauphin! Ich habe dich gepeinigt, ich habe dir die Lenden
-verhauen, einmal -- ich weiß das nur zu genau -- da habe ich dich, da
-du hilflos am Boden lagst und mit dem Erdball nicht spielen wolltest
-oder nicht spielen konntest vor Müdigkeit, da habe ich dir mit meinen
-Füßen die Weichen zertreten, nicht anders als wie der Töpfer seinen
-Ton tritt, auf daß er weich werde und sich der formenden Hand füge!
-Nicht anders, Dauphin! Die Schmerzen, die du unter meiner Peitsche
-erduldet hast, das sind so recht die Schmerzen aller Künstler, wenn
-ich, mich zu entschuldigen, so sagen darf. Ich weiß: auch bei den
-anderen Künstlern ist es so! Sie gucken zwar mit Verachtung auf
-unsere Kunst, auf unsere Kunststücke herab, aber sie sollten es nicht
-einmal tun! Wir leiden, bis wir unsere Bocksprünge richtig vollbringen
-können, nicht viel weniger als sie, die mehr begnadet sind als wir,
-aber wir leiden! Und leiden muß versöhnen und muß zu Brüdern machen!
-Herrjeh, bringt nicht der Dichter gleich uns sein Herz zu Markt, um
-gleich uns seinen Mitmenschen eine frohe Stunde zu bereiten? Leidet er
-etwa weniger, als du gelitten hast, Dauphin? Ha, sie sind schlau wie
-immer, und sagen: was sind körperliche Leiden verglichen mit den Leiden
-der Seele? Als ob wir keine Seele hätten, Dauphin, als ob du keine
-Seele hättest! Als ob deine Seele drinnen an der Krippe zurückbleibe
-wie dein Halfter, das neben am Nagel hängt! Wer wüßt' besser als ich,
-Dauphin, daß du eine Seele habest! Ich habe sie malträtiert! Ich habe
-den Geist, der in dir kreist, den heiligen Geist, nicht wahr, Dauphin,
-den heiligen Geist in dir vergewaltigt, und das muß sich naturgemäß und
-übernaturgemäß rächen! Nun stehe ich vor dir: der Sklave eines anderen
-Zirkusdirektors, der mich in seine qualvolle Arena spannt! Laß gut
-sein, Dauphin, laß gut sein! Oft und immer wieder habe ich mich der
-Einsicht verschlossen, unsere Verrenkungen, unsere Bocksprünge seien
-keine Vergewaltigungen der Natur, seien keine Widernatürlichkeiten,
-die sie doch sind ... Dauphin, die sie doch sind! Geh, frage auch
-die anderen Künstler, die von der hohen Fakultät, meine ich, ob sie
-dir nicht recht geben? Ob sie, so frage sie, ob sie nicht lieber das
-Leben, das sie so glücklich vorzutäuschen vermögen, wirklich und in
-Wahrheit leben würden, leben würden, anstatt gleich uns die Maske zu
-tragen, zu gestalten, was sie nicht sind, zu erfreuen, da sie freudlos
-sind? ... Was soll ich mich länger noch dieser Einsicht verschließen,
-jetzt, am Ende der buntgekleideten Herrlichkeit, da über uns die
-Wahrheit hereinbricht, die dem größeren Direktor noch verschleiert zu
-sein scheint? Menschen soll ich töten gehen! Sieh dir den Stahl an,
-er soll Menschen töten! Dauphin, Dauphin: wenn das Leben ein Zirkus
-wäre, so würde ich mir hier und jetzt den Stahl in die Brust stoßen!
-Liebes Tierchen, leb' wohl! Ich weiß -- so heftig fühle ich es --,
-ich weiß, daß ich nicht zurückkehren werde aus dieser Narrenarena!
-Ich fürchte, diejenigen, die den Krieg hätten verhüten können, sind
-nur Zirkusdirektoren, Dauphin, sind auch nur Zirkusdirektoren und
-versündigen sich am heiligen Geist! Aber das Leben ist ja kein Zirkus,
-ist ja kein Zirkus!”
-
-Der Direktor küßte Dauphin auf die Blesse und stürzte zum Stall hinaus.
-Dauphin riß an seiner Kette! Umsonst riß Dauphin an seiner Kette!
-
-Den ganzen Tag und die ganze Nacht schurfte Dauphin in seinem
-Verschlag umher und strebte hinaus, irgendwohin, wo Leben pochte,
-mochte es Leben sein, welcher Art es wollte.
-
-Regentropfen prasselten auf die Zeltdecke des Stalles, unausgesetzt
-strömte der Regen hernieder. Die Sieben lagen ausgestreckt in ihren
-Abteilen und schliefen, und Dauphin allein wachte und hörte den
-Rieselregen an. Neben seiner Krippe tropfte Wasser von der Decke
-hernieder; die Tropfen zersprühten, da sie aufklatschten, und
-bespritzten Dauphin. Ihn fror. Nach einigen Stunden aber hörte das
-Gesumm des Regens auf, und die Sonne schnitt durch das Löchlein der
-Zeltdecke, sichtbar wirbelte sich feiner Staub in den Sonnenstreifen,
-und auf dem Rücken eines kleinen Schimmels lag ein greller Lichtfleck.
-
-
-
-
-XIV
-
-
-Nach einigen Tagen kam der Direktor wieder als Soldat und hatte einen
-Herrn bei sich, dem Dauphin auf den ersten Blick ansah, daß er ein
-gildiger Zirkusmann sei. Er gab Dauphin gleich vertraut ein Stück
-Zucker, was diesem durchaus nicht schmecken wollte. Und am Abend nahm
-der neue Direktor Dauphin mit sich in die Eisenbahn, und sie fuhren
-eine Nacht und einen Tag lang durch unbekannte Gegenden nach Berlin.
-
-Wie sie da aus dem Bahnhof heraustreten, auf die Friedrichstraße,
-schieben sich viele Schwadronen kleiner, magerer Pferdchen, endlos wie
-die Friedrichstraße, zwischen gaffenden, jubelnden Menschenmassen hin.
-Sie ziehen schwere und leichte Kanonen und sind vollauf gerüstet, wie
-einst Wallenstein gerüstet war.
-
-Keinem dieser Gäulchen stand Dauphin an Muskelkraft nach! Dauphin
-riß an seinem Zügel und wollte seinem schmeichlerischen neuen Herrn
-entlaufen, wollte zu einem der Soldaten hinlaufen und wollte seinen
-fleißigen Brüdern ziehen helfen.
-
-Dauphin schien etwas von der arbeitsreichen, uniformierten Zeit zu
-ahnen und widersetzte sich auf dem Weg, solange er Russenpferdchen sah,
-seinem Zirkusdirektor, so sehr er konnte. Dauphin verlor die ungeheure
-Masse der Pferde nicht mehr aus dem Herzen, und noch in der Nacht zogen
-sie, sichtbar seinen Augen, von Soldaten geführt, an ihm vorüber.
-
-Andern Tages begann wieder die Dressur; er sollte umlernen, Neues
-lernen wie in seiner Jugend und hatte keinen Sinn dafür, sehnte
-sich irgendwohin nach den Sielen und sah dauernd die Masse seiner
-gerüsteten Brüder.
-
-Qualvoll waren die ersten Tage bis zur Generalprobe, morgens um zehn
-Uhr.
-
-Dauphin steht, mit feldgrau überzogenem Helm auf dem Kopf und mit
-feldgrauem Soldatenrock, der am Hals zusammengeknöpft ist, umhangen,
-mit einem Tornister auf dem Rücken und einem langen Schleifsäbel zur
-Seite hinterm Vorhang und sieht mit dem linken Auge in die Arena
-hinüber, wo ein feldgrauer Soldat sitzt, der den Arm in einer weißen
-Binde trägt. Hinten am großen Spiegel steht eine Dame und zupft ihr
-steiffaltiges, weitgespreiztes Akrobatenröcklein zurecht. Dauphin
-schämt sich ordentlich seines Gewandes und sieht erhöht hinter dem
-Soldaten mit der Armbinde einen zweiten Feldgrauen sitzen, der vor dem
-einen Auge ein schwarzes Läppchen hat.
-
-„Dauphin!” ruft der Direktor, und Dauphin stößt mit dem Maul den
-Vorhang auseinander und tritt hinaus in die Arena.
-
-Herrjeh! Was sieht er da? Ringsum sind alle Plätze mit Soldaten
-besetzt, einer geht an einer Krücke hinter der Manege hin und sucht
-seinen Platz, einer sitzt im Fahrstuhl am Eingang, links und rechts vom
-Eingang sind alle Plätze besetzt mit Männern in langen, weiß und blau
-gestreiften Kitteln. Soldaten, Soldaten, ringsum Soldaten!
-
-Und Dauphin soll Kunststückchen machen? (Daß er sie eigens für die
-Verwundeten ausnahmsweise gutmachen müßte, fällt ihm seltsamerweise
-nicht ein).
-
-Dauphin rennt aufs Geratewohl zu ihnen hin, stellt die Vorderbeine auf
-die Manege, streckt seine Zähne vor und stößt einen Schrei in die Luft,
-der kein Wiehern ist.
-
-Sie fassen ihn, die lieben Soldaten! Sie wissen, er ist einer, der zu
-ihnen gehört!
-
-Aber der Direktor kommt mit der Peitsche, und Dauphin muß in die Mitte,
-um seine Kunststückchen zu machen.
-
-Doch er weiß nichts und kann nichts und steht da wie soeben vom Himmel
-gefallen, ein Träumer, der tumbe klâre, der reine Tor!
-
-Die Peitsche, was will die Peitsche? Was will der Direktor mit seinem
-Zucker?
-
-Dauphin läuft am Zucker vorbei, an der Peitsche vorbei, durch ihre
-Schläge hin an die Manege und wird zurück geholt von maskierten
-Sklaven. Und Dauphin wird öffentlich planmäßig gepeitscht und mit
-seinem Helm und seinem Schleifsäbel aus der Arena fortgejagt, hinaus,
-hinter den Vorhang!
-
-Vereinzelt lachen die Soldaten, keiner steht ihm bei: sie kennen ihn
-halt nicht, ihn, den Dauphin, den von der Königin geküßten Dauphin!
-
-Den Soldatenfreund, den Soldatennarren!
-
-Nach der Vorstellung wurde Dauphin nochmals angesichts aller Pferde
-geschlagen und bekam zwei Tage nichts zu fressen.
-
-„Bürschken!” sagte der Direktor, „wenn du mir den Sonnabend-Abend
-verdirbst, bist du gerichtet!”
-
-Aber Dauphin freute sich entfernt seiner Schmerzen und sah hinter ihnen
-eine Beschäftigung winken, irgendwo in den Sielen, die für ihn Wollust
-war.
-
-Der Samstag-Abend kam, und Dauphin sah eine Reihe Offiziere vorn sitzen
-und wußte wieder nichts und konnte nichts und ward wieder hinausgejagt.
-
-Und so geschah es noch zweimal, und dann sagte eines Tages der Direktor:
-
-„Wart, Bürschken, du kommst mir zum Militär!”
-
-Hätte Dauphin diese Sprache des gehaßten Direktors verstanden, so
-hätte er sich sogleich auf die Hinterbeine gestellt -- denn das konnte
-er -- und hätte gelacht wie eine ganze Kompagnie.
-
-Und siehe da, Dauphin ward beglückt: am andern Morgen kommen Soldaten,
-und alle Pferde werden wieder gemustert.
-
-Wie die Reihe an Dauphin kommt, sagt der Offizier:
-
-„Den da, den zarten Mann, können Sie behalten!”
-
-Aber der Direktor entgegnet:
-
-„Wat soll ich noch mit ihm machen? Nehmen Sie ihn doch ooch mit,
-er kann Handlangerdienste tun in der Kaserne. So schwach, wie er
-ausschaut, ist er nisch!”
-
-Und Dauphin durfte bei den Soldaten stehen bleiben und wurde auch
-sogleich von ihnen abgeführt. Viele Stunden lang durfte Dauphin dann in
-einem Kasernenhof bei den kriegsverwendungsfähigen Pferden stehen.
-
-Dann ging ein Soldat mit ihm an den Bahnhof; sie fuhren wieder viele
-Stunden, und dann in einer kleinen Stadt eilten sie schnurstracks auf
-die Kaserne zu.
-
-Wie Dauphin die vielen Soldaten auf dem Kasernenhofe exerzieren sah,
-streckte er, hurra! den Kopf steil hoch, ließ die schwabbeligen Lippen
-hängen, daß die weißen Zähne zum Himmel aufbissen, und stieß einen
-Freudenschrei aus, der durchaus kein gewöhnliches Wiehern war. Das Echo
-dieses Schreies lief zwischen den hohen Bauten hin und her, und tausend
-Gesichter richteten sich auf Dauphin, den Ankömmling.
-
-Er ward nun in einen Stall geführt zu sechs blank gefütterten
-Reitpferden und bekam zu fressen, indes die Reitpferde ihm zusehen
-mußten, wie er fraß.
-
-Ein Hauptmann kam, klatschte Dauphin auf den Schenkel, der recht feist
-geworden war, und ging weiter.
-
-Ein Soldat schlüpfte an seinem Halse vorbei, band den Apfelschimmel
-los, führte ihn hinaus, und der Hauptmann setzte sich darauf.
-
-So geschah es noch fünfmal, und Dauphin stand allein im Stall und
-wartete auf den siebenten Hauptmann, auf „seinen” Hauptmann. Er trug
-offenbar etwas wie einen hellen Schein im Herzen.
-
-Ein Mann kam, ein ältlicher Zivilist mit beschmutzter, abgenutzter
-Dienstmütze, die einmal blau gewesen war. Eine Zigarre hing ihm schwer
-aus den Lippen und qualmte. Dauphin sah gerade durch die offene Tür
-über den Kasernenhof, wo, den ganzen Platz zwischen den grünen Linden
-erfüllend, sechs Kompagnien in Kompagniekolonne aufgestellt waren.
-Die sechs Pferde standen mit ihren Hauptleuten, hochauf die Ohren, je
-in der Mitte hintereinander, und Dauphin beobachtete den beschmutzten
-Zivilisten nicht weiter.
-
-Der aber band ihn los und führte ihn hinaus und spannte ihn kurzerhand
-in ein Wägelchen, das so schmutzig war wie er selber, nahm ihn am Zaume
-und führte ihn hinter sich her, irgendwohin, zum Tore hinaus.
-
-Kinder standen am Tore, arme, zerlumpte Kinder mit guten und schönen
-Augen. Eins hielt ein rotes Glasstück vors Auge und betrachtete Dauphin.
-
-„Ach!” riefen sie, „der Balthasar hat ein neues Gäulchen, und was für
-eins, Balthasar!”
-
-Und sie klatschten Dauphin auf den Schenkel, sprangen aufs Wägelchen,
-und Dauphin, der schon ganz niedergeschlagen den Kopf hatte hängen
-lassen, hob ihn wieder und freute sich plötzlich, da er Kinder sah, die
-ihm gut waren. Er zog sie wacker fürbaß, aber sie hüpften gemach eines
-nach dem andern von seinem Wagen, einige ließen Pfennige auf die Erde
-fallen und liefen ans Kasernentor zurück.
-
-Balthasar steckte an der alten Zigarre eine neue an und ließ sie
-zwischen den Lippen auf- und abpendeln.
-
-Ins Schlachthaus gings, ins Schlachthaus, mitten hinein ins
-Schlachthaus!
-
-Einen halben Ochsen mußte Dauphin heimziehen, dessen hautloses Bein
-seitlich aus der braunen Zeltdecke hervorragte.
-
-Das Bataillon rückte aus, die Straße her, Dauphin entgegen, mit
-Pauken und Trompeten! Dauphin versuchte, mit einem Ruck den Kopf
-steil hochzurecken; die Last hinter ihm aber war zu schwer, und er
-stieß den Atem krampfhaft durch die schwabbeligen Lippen und zog die
-Nüstern hoch und die Augenbrauen, um alles genau zu sehen, und ließ
-den langen Schweif hin und her schwingen. Er gehörte ja auch zu denen
-da! Wahrscheinlich spürte er zwischen seinen Ohren den Husarenbusch
-schwanken, den er einst trug.
-
-Wie er am ersten Hauptmannspferd vorüberkam, sah er stolz zu ihm auf,
-gleichsam, als wolle er es kameradschaftlich grüßen.
-
-Allein das Hauptmannspferd wandte sofort die Augen, die es im
-geradeausgestellten Kopf kaum merklich herübergedreht hatte, von
-Dauphin ab. Und genau so machte es das zweite Pferd und das dritte und
-das vierte.
-
-Zum fünften sah Dauphin selber nicht mehr, ließ den Kopf tief sinken,
-die Augenlider und die Ohren und den Schweif.
-
-Allein in Dauphins Geist strömte ein dämmerndes Gefühl, daß er sich
-nicht vor diesen Gecken zu schämen brauche: er, Dauphin, der voller
-Kunst stak und voller Wissenschaft und voller Weisheit, und der von
-einer Königin geküßt war!
-
-Er nickte nach links und nach rechts und wußte schon den Weg ins
-Kasernentor, wo die vielen Kinder standen.
-
-Einige spielten mit Pfennigen, einige hielten Kasernenbrot im Arm; alle
-aber kamen sie und lachten mit dem Gäulchen und streichelten es.
-
-An der Küche wurde der halbe Ochse abgeladen. Köche mit aufgeschürzten
-Aermeln klatschten ihre roten, fleischigen Hände auf Dauphins Rücken,
-Hals und Stirn, und Dauphin schob den Kopf wagrecht vor, um diese Hände
-von sich abzuschütteln. Aber die Köche lachten und liebkosten um so
-mehr, weil sie meinten, das gefiele dem schwarzen Gäulchen.
-
-„Heut raucht aber der Balthasar ein gutes Kraut!” sagte ein Koch.
-
-„Das ist,” entgegnete ein anderer, „weil er ein neues Gäulchen hat!”
-
-Große, offene Fässer, in denen eine zähflüssige Masse an die Wände
-klunkerte, wurden ausgeladen. Ein Koch griff in ein Faß, holte etwas
-heraus und hielt es Dauphin hin, daß er es fresse, aber Dauphin fraß es
-nicht, obgleich er Hunger hatte, und der Koch warf die Handvoll in die
-Gosse.
-
-Dauphin mußte diese Fässer quer durch die ganze Stadt ziehen in eine
-Fabrik mit vielen hohen und niedrigen Schornsteinen, wo es fürchterlich
-stank. Balthasar begann in dem Gestank heftig zu niesen, nieste fünf-
-oder sechsmal und stieß dabei diese Laute von sich:
-
-„E Zigga, e Zigga!”
-
-Als sie wieder in der frischen Luft waren, sagte Balthasar etwas zu
-Dauphin, was diesen höchlich erfreute:
-
-„Das Leben ist eine Hühnerleiter!” sagte Balthasar zu Dauphin.
-
-Nunmehr zog Dauphin täglich den Fleischwagen, den Spülichtwagen und
-noch andere Wägelchen durch die volkreiche Stadt. Man kannte ihn nicht
-in dieser Stadt; niemand kannte ihn! Man blieb wohl einmal stehen,
-besah sich das schwarze Gäulchen mit der weißen Blesse und ging weiter,
-und nur die Kinder fanden es der Mühe wert, sich zu verweilen, mit dem
-kleinen Freunde zu laufen, ihm einen Bissen Brot zu reichen oder ein
-Stückchen Zucker.
-
-Obwohl nirgends mehr an den Mauern, an den Plakatsäulen, in den
-Schaufenstern Dauphins Bild mit dem Purpurmantelettchen hing,
-wußten die Kinder doch, daß das kleine Gäulchen kein gewöhnliches
-Kasernentierchen war, denn sie liefen neben ihm her und beschenkten es
-mit Zucker und Liebkosungen!
-
-O wenn Dauphin frei gewesen wäre! Wenn er ledig seiner Siele, ledig des
-schweren Kummets gewesen wäre, ledig aller Mühen und Sorgen! Kinder!
-Kinder!
-
-So aber war das Leben eine Qual, so aber wollten die klaren Augen nicht
-aufblicken in den Tag, der fast stets Nacht war, und sie blieben lieber
-am Erdboden haften, und die Unterlippe, die sonst so gern und so
-übermütig an den Freuden der Stunde nippte, hing schlaff nach unten und
-ward täglich schwerer.
-
-Die Hauptmannspferde bekamen bessere Kost als Dauphin, wurden täglich
-gestriegelt, und ein jedes hatte einen Soldaten zur Bedienung!
-
-Dauphin aber stand hinten im Stall, wo kein Fenster war, keine frische
-Luft und kein Licht, und sein Fressen lag oft tagelang in der Krippe,
-und wenn Balthasar ein dünnes Getränk brachte, so leerte er die Krippe
-zuvor nicht aus, und Dauphin fraß fast nichts als Heu.
-
-Auf seinem Rumpfe zeichneten sich bald die Rippen deutlich ab, und
-da das schwarze Fell gänzlich von Staub und Schmutz durchsetzt
-war, konnte kein Kind Freude haben, das Gäulchen zu streicheln
-und liebkosend zu tätscheln. Die Mähne, ehedem ein zartwelliges
-Gekräusel, ein Kindergelock und ein Fähnchen der Fröhlichkeit und
-des Uebermutes, hing wie ein Bündel Haberstroh übern Hals herab und
-stak zerschabt in der Fessel des Kummets. Der kotige Zügel griff durch
-ihre letzten Spitzen, und wenn die Sonne auf diese Mähne schien, sah
-man Staubwölkchen draus emporwirbeln wie aus einem Sofa. Die Knochen
-der Hinterbacken stießen sich hervor, und Balthasar hing oft, wenn er
-schwitzte, seine verschmutzte Mütze dran. Die schweren Eisen der Hufe
-klapperten, die Rippen schoben sich unter der Haut hin und her.
-
-Balthasar redete nie ein Wort mit Dauphin, und Dauphin empfand
-natürlich auch nie Lust, den mürrischen Alten etwas von seinem Können
-merken zu lassen. Niemand ahnte von Dauphins Qualitäten! Nicht einmal
-seinen Namen kannte man. Balthasar nicht, die Hauptleute nicht, die
-übrigen Wärter nicht! Selbst die Kinder riefen ihn nicht mit seinem
-Namen.
-
-Besaß dieser Arbeitsverwendungsfähige überhaupt noch Namen und
-irgendwelche Qualität? Konnte dies arme Tierchen im Kehrichtwagen noch
-etwas anderes als Sklavendienste tun?
-
-Es liegt klar auf der Hand, daß Dauphin sehr litt! Seine Leiden, die
-anfangs rein seelischer Art waren, bogen sich, da er trotz allem
-unabänderlich gern und sogar freudig schaffte, ins Körperliche um, aber
-Dauphin mußte immer noch sehr leiden! Oh, wenn Dauphin sich das Leben
-unter den Soldaten so vorgestellt hätte, wie gern wäre er in seiner
-Arena geblieben! Er gewahrte nicht einmal, wie seine Gaben schwanden,
-und das war gut!
-
-Einmal kamen fünf ganz junge, kleine Leutnants, aufgetakelt wie
-frischgewickelte Säuglinge, aus der Regimentskammer gehüpft, streiften
-weiße Handschuhe an dicke Hände an, hielten Reitpeitschen unter den
-angepreßten Oberarmen und liefen an Dauphin und an Balthasar vorüber.
-Da sagte Balthasar wieder einmal etwas. Er nahm sich Dauphins Ohren und
-sagte:
-
-„Sieh, Kleiner, fünf ist gleich eins! Kriegsware! Heut Mittag
-trinken sie fünfzig Flaschen Sekt, und hernach steigen sie auf die
-Hühnerleiter, ganz oben hin und fangen an, auf uns herabzukotzen!
-Wundert's dich, daß wir so dreckig sind? Mich wundert's nicht!”
-
-Dauphin freute sich über diese Rede, die er freilich nicht verstand,
-wieherte und trug den Kopf höher als sonst.
-
-Er sah eine Kompagnie, die auf dem Bauche lag und zielte. Ein Feldwebel
-schrie einen Gemeinen an:
-
-„Mensch! Sie wollen Feldwebel werden: werden Sie doch erst einmal
-Mensch!”
-
-Der Angeschrieene hob den Kopf und schrie dagegen:
-
-„Feldwebel will ich werden!”
-
-An der Wache vorn am Kasernentor hielt Balthasar sein Gäulchen an,
-weil er mit einem Kollegen etwas zu reden hatte. Zwei Soldaten in
-Drillichzeug schleppten eine verschlossene eiserne Kiste aus dem
-Stübchen, das hinter dem Wachtstübchen lag.
-
-„Hu, wie stinkts da drinnen!” sprach der eine.
-
-„Geld stinkt!” erwiderte der andere.
-
-„Auch die Fahnen, die dahinter stehen, stinken, Ambros!”
-
-„Alle Signale stinken, Willi, der Mensch aber ist frei!”
-
-„Frei ist der Mensch! Gewiß, aber auch er ist aus Dreck gemacht,
-Ambros!”
-
-Zum Glück verstand Dauphin auch dieses Gespräch nicht, aber er reckte
-doch den Kopf zu den beiden Geldträgern hin, weil er wieder ein bißchen
-Freude an den Menschen hatte.
-
-Balthasars Freundlichkeit versickerte gleich wieder, und des Pferdchens
-Kopf sank wieder, und seine Augen besahen die Steine, die seine Hufe
-betreten mußten.
-
-Einmal trottete er mit dem Mistwagen im Schatten der Linden rund um
-den Kasernenhof herum, indes Balthasar bei Soldaten stand, die höchst
-eifrig Strohsäcke stopften. Viermal trottete Dauphin so hinterm Rücken
-Balthasars vorbei, und jedesmal hörte er Balthasar nießen und seinen
-Laut ausstoßen:
-
-„E Zigga, e Zigga!”
-
-Als er zum fünftenmal vorüberkam, sah er, wie einer der Soldaten dem
-Balthasar eine Zigarre in den Mund steckte, ein Streichholz am Schenkel
-anstrich und sagte:
-
-„Nun mach' dich mit deinem Räppchen aus unserem kaiserlichen Staub!”
-
-Die Soldaten erregten Dauphins Teilnahme fast nicht mehr. Ihr
-Trommelschlag, ihre Marschmusik, ihre bunten Kleider, ihr Feldgeschrei,
-das sie zwischen den Mauern ausstießen, nichts erregte Dauphins
-Aufmerksamkeit. In sich gekehrt, tat er seine Pflicht, und die
-Erinnerung an glanzvolle Tage verblaßte in seiner Seele. Neigung zu
-Schlaf zeigte sich.
-
-Wenn das Fuhrwerk einmal das Weichbild der Garnison verließ und auf
-Feldwege kam, begann Dauphin heftig die Luft in die Nasenlöcher zu
-zerren, der Hals bog sich steil vom Kummet in die Höhe, und es ist
-wahrscheinlich, daß vor seinem geistigen Auge sich die Bilder seiner
-frühesten Jugend zeigten, das Glück der Einfachheit im kleinumzirkten
-Leben hinter den Bergen. Alsdann ging's aber jeweils wieder zur Stadt
-zurück, in die Kaserne, und die stolze Kurve des Halses sank wieder.
-
-Der Koch der dritten Kompagnie, der es gut mit Dauphin meinte, hielt
-ihm oft eine Handvoll Kartoffeln unter die Nase, aber Dauphin wollte
-sich nicht gerne öffentlich mit Kartoffeln füttern lassen und biß nur
-selten an, wenn er nicht gerade ganz großen Hunger hatte, und oft
-geschah es, daß der Koch ihm die weichen Kartoffeln in die Nüstern
-stumpfte. Da schreckte Dauphin wie aus Träumen auf, ließ entsetzt die
-Kartoffeln fallen und sah den Spatzen zu, die sogleich sich drüber
-hermachten und zwilchten und zankten, bis alles aufgefressen war.
-
-Auch die Kinder umjubelten Dauphin immer seltener und schließlich
-gar nicht mehr. Ja, es kam so weit, daß sie, wenn sie ihn bei seinem
-Balthasar sahen, zu rufen begannen:
-
-„E Zigga! e Zigga!” als ob dieser Laut Dauphins neuer Name gewesen
-wäre, Dauphins Soldatenname!
-
-
-
-
-XV
-
-
-Einmal aber geschah dies: Dauphin trottelte so auf dem Pflaster hin
-durch den Schatten und hört plötzlich seinen wirklichen Namen rufen:
-
-„Dauphin!”
-
-Er reißt den Kopf hoch, -- spürt er nicht den Husarenschweif zwischen
-den Ohren schwanken? --, stößt kümmerlich, aber voller Ungeduld die
-Luft aus den Lippen und biegt den Kopf zurück und sieht um sich.
-
-Wieder ruft jemand:
-
-„Dauphin!”
-
-Auf einem mit alten Schuhen hoch beladenen Wagen vorm offenen Tor der
-„Kammer” steht ein Soldat, hält einen Stiefel in der Hand und ruft
-„Dauphin”. Der Soldat lacht laut und ruft etwas, kommt aber nicht, und
-Dauphin trottelt weiter, indeß Balthasar zu dem Soldaten zurückguckt
-und auch weitergeht. Dauphin aber läßt den Kopf nicht mehr sinken und
-reißt die Augen weit auf und strengt sich an, die Ohren hoch zu halten.
-Er spürt, wie er mit dem Kopfe heftig nickt, den Husarenbusch wirklich
-an die Ohren wedeln, er sieht nach den Rippen, die wie Faßreifen um
-seinen Bauch liegen, und sieht ein goldbordiertes Purpurmantelettchen.
-Das sieht er ganz gewiß! Und er hört die liebe Stimme seines ersten
-Direktors. Dauphin bleibt plötzlich stehen. Balthasar guckt zurück, was
-heißen soll: „Na los!”, aber Dauphin bleibt stehen und nickt mit dem
-Kopfe heftig auf und ab.
-
-„Los!” kreischt Balthasar neben der Zigarre heraus und klatscht in die
-Hände, wartet einen Augenblick, kommt zurück, nimmt Dauphin am Zügel
-und will ihn mit sich ziehen.
-
-Aber Dauphin hebt keinen Fuß und läßt sich nicht so mir nichts dir
-nichts fortzerren.
-
-Der Soldat auf dem Schuhwagen lacht, sieben Bäume weit entfernt, und
-wirft einen Stiefel nach Dauphin, der aber nicht trifft, und ruft:
-
-„Ganz recht, Schwammbruder, das hast du nicht nötig!”
-
-„Wer ist Dauphin?” fragt Balthasar den Soldaten neben der Zigarre
-heraus und stützt die Fäuste in die Hüften, und der Soldat erzählt
-allerhand von Dauphin, indeß Dauphin mit dem Kopfe nickt und auch schon
-mit dem linken Vorderfuße krampfhaft scharrt.
-
-„So, so, so!” sagt Balthasar, daß die Zigarre zwischen den Lippen
-tanzt, und gibt ihm einen gelinden, freundlichen Handschlag auf den
-Schenkel, worauf Dauphin anzieht und den Kopf sinken läßt und mit
-seinem Spülicht zum Tor hinausgeht.
-
-Balthasar sagt kein Wort und ist still wie immer und hat die Hände auf
-dem Rücken liegen wie immer.
-
-Am Horizonte des tierischen, vom Leide erregten Bewußtseins aber
-schnitt weiterhin gleich einer Sternschnuppe die Erinnerung an große
-Tage vorbei. Die Kinder vorm Kasernentor hatten Dauphins wirklichen
-Namen noch nicht vernommen, und Balthasar schritt wortlos neben
-Dauphins Kopfe. Niemand hatte seither Dauphin erkannt. Niemand wußte
-oder ahnte, wen er da eigentlich vor sich hatte.
-
-Im Fortnicken berührte Dauphin bisweilen, wie er sonst nie getan, mit
-seinem Maule des Mannes schmutzigen Aermel; dauernd knapperte er an
-seinem Zaum herum, der ihm viel zu groß war, den Gott weiß welcher
-Klepper schon zerkaut hatte!
-
-Sie hielten an einem Wirtshaus an, und Balthasar, der noch nie ein
-Wirtshaus aufgesucht hatte, ließ Dauphin mit seinem Wagen in den
-Schatten der Gartenbäume treten, die da in Reih und Glied, noch
-ziemlich jung, aufwuchsen, und trat in das Haus.
-
-Nebenan saßen an einem Tisch zwei Arbeiter und vesperten.
-
-Dauphin sah in einem von innen verhängten Schaufenster sein Bild und
-zog den Wagen sogleich hin, um sich näher zu betrachten.
-
-Richtig, die Blesse! Die Blesse auf der Stirne leuchtete förmlich
-aus der dunkeln Scheibe: der Kuß der Königin, die Erinnerung an den
-glorreichen Tag Dauphins.
-
-Und nun begann Dauphin sich wieder zu recken, ward größer, und
-seine Haut umstraffte die Rippen, und seine Augen füllten sich wie
-Königslogen in zwei erhabenen Halbkugeln mit jungem Glanz.
-
-Er sah sich um: Es machte den Eindruck, als sähe er nach seinem ersten
-Direktor oder nach der Königin. Er sah, wie Kinder am Zaune des
-Biergartens gleich Soldaten exerzierten und sangen: „Wer will unter
-die Soldaten”, und: „Büblein, wirst du ein Rekrut”.
-
-Da streckte Dauphin den Kopf wagrecht von sich und wieherte durch die
-breiten Nüstern und entblößte die Zähne, schüttelte den Kopf in der
-Längsachse und stieß seinen Freudenschrei aus, den alle hören mußten.
-
-Die Kinder hörten das auch, und Dauphin nickte heftig mit dem Kopfe und
-scharrte mit dem linken Vorderfuß, daß alle Kinder zu ihm hinkamen.
-Rasend nickte Dauphin mit dem Kopfe und scharrte dann so heftig mit dem
-linken Vorderfuß, daß der Kies auf- und davonsprühte.
-
-Die Kinder kamen auf den richtigen Gedanken und begannen mit Dauphin zu
-plaudern.
-
-„Hast du Hunger?” Dauphin nickte.
-
-„Hast du Durst? Dann beiß in die Wurst! Kannst du Bier trinken?”
-
-Dauphin konnte alles, jawohl ihr Kinder, warum etwa nicht?!
-
-Ein Bübchen lief zu den vespernden Arbeitern, kletterte, so klein war
-es noch, auf einen Stuhl, wischte mit den Händen in den Bierkringeln
-herum, die von den Gläsern dalagen, und kam zurück. Es hielt sein
-bierbefeuchtetes Händchen Dauphin an die Nase, und Dauphin, dem das
-ungeheuer Spaß machte, -- es war so fröhlich wie früher im Zirkus --,
-nieste dreimal hintereinander.
-
-Hellauf lachten die Kinder.
-
-Dauphin spürte deutlich den Husarenbusch zwischen den Ohren.
-
-Er sah in den Spiegel, aber den Husarenbusch sah er nicht: der war ihm
-abgenommen worden, den hatte man ihm soeben abgenommen!
-
-Und etwas seitab sah er, als die Arbeiter gerade fortgingen, eine
-Leiter stehen, die vor der Stalltür ziemlich steil zum Heuschober
-hinaufgelegt war.
-
-Da wußte Dauphin, was nun kommen müsse, denn hinter der Leiter sah
-seine Seele auch seinen geliebten Direktor stehen: Nun müsse das große,
-halsbrechende Kunststück kommen, das allen Zuschauern, -- wißt ihr's
-noch, ihr lauten Kinder? --, den Atem nahm.
-
-Er zog sein Wägelchen hin und trat mit dem linken Vorderfuß auf die
-erste Sprosse der Leiter.
-
-Da sahen die Kinder, daß das kluge Pferdchen von seinen Strängen sehr
-beengt war, und sie spannten es aus.
-
-Wie nun Dauphin frei aus den Sielen tritt, wird's ihm ganz leicht
-zumute. Er hebt die Beine auf die erste und die zweite und dann das
-linke Vorderbein gar auf die dritte Sprosse.
-
-Und wie Dauphin sich gerade abdrücken will, um frei aufrecht zu stehen,
-kommt der Balthasar aus dem Wirtshaus, und die Kinder zerstieben
-zwischen den Bäumen hinaus auf die Straße.
-
-Da läßt Dauphin die Beine langsam von der Leiter hinab und wird
-eingespannt, und es geht in die Fabrik mit den hohen und niedrigen
-Schornsteinen. Ganz fröhlich trottet Dauphin hinter Balthasar drein ...
-
-Unterwegs sagt Balthasar wieder einmal etwas zu Dauphin! Er sagt:
-
-„Ich weiß genau, was du willst, Zirkusmann: zur Leiter willst du
-hinauf, zur Hühnerleiter! Willst über mich hinaus und schließlich auch
-von oben auf mich herabkotzen! Aber ich will dir schon helfen, wenn's
-auf mich ankommt!”
-
-Als sie ins Kasernentor eingebogen waren, schritt Balthasar quer übern
-Kies, der wie gefrorene Tränen dalag, auf die Kammer zu.
-
-Dauphin stellte die Ohren, um vielleicht wieder seinen Namen rufen zu
-hören, der Hals schweifte steil auf, am linken Vorderbein erzitterte
-eine Muskel.
-
-Gar nicht lange verweilte Balthasar in der Kammer; der Feldwebel kommt
-mit ihm heraus, und trägt in der Hand eine Peitsche, die anscheinend
-für schwere Artillerie bestimmt ist, gibt sie Balthasar, und sie treten
-zu Dauphin her.
-
-„Wie ist er sonst im Dienst?” fragt der Feldwebel, und Balthasar
-entgegnet:
-
-„Zirkus, Zirkus! Der Zirkus steckt ihm noch im Kopf!”
-
-Jedoch der Feldwebel nimmt dem Alten die Peitsche wieder ab, schlägt
-ihm leichthin auf die Achsel und sagt:
-
-„Wenn's sonst nichts ist: uns allen steckt der Zirkus noch im Kopf,
-Balzer, los, vertragt euch miteinander! Wir haben halt allerhand
-Kostgänger!”
-
-Sie vertrugen sich noch über zwei Jahre!
-
-Ewig dasselbe spielte sich in Dauphins Umgebung ab: Menschen kamen,
-wurden entmenscht, für den Tod uniformiert, mit dem Tode vielgestaltig
-ausgestattet, gingen hell bekränzt irgendwohin, den Tod bringen, kamen
-nicht mehr oder kamen, vom Tode gestreift und gezeichnet, wieder
-zurück. Menschen fluchten ihres Daseins, wenn sie knirschend auf dem
-Angesichte lagen und den Kies zwischen den Zähnen zerbissen, um sich
-vor dem Zuchthaus zu bewahren. Männer fielen und schnellten wieder auf
-wie an Schnüren aufgereiht, und das Kommando schwirrte über sie her wie
-Säbelstreiche. Frauen und Kinder standen außen hinter dem Gitter und
-sahen zu und weinten ob der Erniedrigung. Wenn Dauphin Kinder weinen
-sah, ließ er den Hals noch tiefer sinken, so daß das weite Kummet fast
-herabgleitete auf das Tränental. Schaum troff hernieder aus seinem
-hungrigen Maul.
-
-Ein Frühling kam, und die Kinder sangen nicht und spielten nicht
-Ringelreihen auf den Plätzen! Die Vögel sangen in den Büschen, aber
-die Platzpatronen auf den Schießständen verschlangen den Vogelruf! Die
-Blumen blühten an den Rainen, aber die jungen Mädchen kamen nicht,
-sie zu pflücken! Die Fleischfuhren wurden leichter, die Spülichtfuhren
-schwerer. Der Gesang der Glocken verstummte, und nur ein jämmerliches
-Gestammel blieb übrig! Keine Fahne flog mehr über die Dächer, und
-die Straßen füllten sich mit Krüppeln. Die Schreie erregter Generale
-tobten um die Stadt, und in allen Häusern weinten Frauen und Kinder!
-Leichenzüge schlängelten sich in den winkeligen Straßen. Aus den
-Spülichtfässern zog Balthasar Brotreste und Knochen und aß daran.
-
-Ein Sommer kam, und die Leichenzüge begegneten sich an den Portalen der
-Friedhöfe! Hauptleute schrien Siege aus, aber die Soldaten stimmten
-nicht mit ein und wandten die Augen zu Boden! Immer noch lagen Männer
-mit grauen Bärten vor jugendlichen Gecken im Staub und bissen an den
-Kieseln des Jammertales! Der Sommer kam, und die Ernte blieb im Regen
-sitzen, weil die Frauen zermürbt waren von der schrecklichen Arbeit
-und weil die Kühe müde waren von der schrecklichen Arbeit! Eine Kuh
-schlappte, wo früher zwei Pferde galoppierten.
-
-Ein Herbst kam, und Soldaten wurden korporalschaftsweise in das
-vergitterte Haus geführt, weil sie zu Hause ihre Ernte einbringen
-wollten anstatt tagelang zu üben, wie man den Herrn Leutnant grüßt!
-Kinder stürmten ans Rathaus der Stadt und schrien um Brot. Da Soldaten
-Maschinengewehre herbeibrachten statt Brot, liefen die Kinder wieder
-heim. Unheimlich mehrten sich die Verstümmelten! Die Soldaten standen
-beisammen und redeten leise. Balthasar blieb bei ihnen stehen; sie
-hefteten ihm ihre eisernen Kreuze an! Balthasar ließ sich's gefallen,
-und als er auf der Brust keinen Platz mehr hatte und auf dem Rücken
-auch nicht, da zog er Dauphin in die Schar der Soldaten, und sie
-banden Dauphin ein eisernes Kreuz über die Stirn, daß es gerade in die
-weiße Blesse hing.
-
-Ein Offizier geht vorüber, sieht genau, was da geschieht, schwenkt
-seitab und nestelt die klingenden Ehrenzeichen von seiner wattierten
-Brust. Und sogleich rennen bewaffnete Kameraden herzu, umstellen die
-Schar und führen sie samt Balthasar ins vergitterte Haus.
-
-Dem kleinen Dauphin reißt man das Kreuz von der Stirn, tritt ihn in
-die Seiten und stößt ihn gegen die Mitte des Hofes, wo er hinstürzt in
-den scharfen Kies. Er erhebt sich wieder von selbst, Blut sickert aus
-seinen Knien, er trottelt seinem Stalle zu und zieht das Wägelchen an
-einem Strang hinter sich her. Ein anderer Balthasar kommt zu ihm an
-den Stall, ein junger, starker Kerl, der statt des rechten Auges eine
-eingefältelte Narbe in der Höhle hat.
-
-Er trägt Balthasars Mütze: er raucht Zigaretten, er fängt gleich am
-ersten Tage an, Dauphin zu striegeln, putzt die Krippe aus und mistet
-und schmiert Dauphins Hufe mit Schmalz, das er aus der Küche der
-Offiziere brachte. Die Herren Feldwebel beginnen auf einmal Dauphin zu
-kennen, streicheln sein reinliches Fell, rufen ihn Maxel und lassen
-ihre Kinder auf ihm reiten. Selbst Offiziere kommen im Stall zu Dauphin
-her; wenn sie mit dem neuen Herrn irgend etwas Wichtiges geredet haben,
-ziehen sie ihre Handschuhe an und tätscheln seine festlich sauberen
-Backen und tätscheln auch ohne Handschuhe. Etliche sagen zu dem
-einäugigen Herrn „Du” und stecken ihre Zigaretten an der seinen an.
-
-Da zieht Dauphin eines Tages sein Wägelchen übern Hof, und tausende von
-Soldaten haben sich hier versammelt, wirr durcheinander, hochgerüstet,
-und auf den Dächern steigen rote Fahnen in die Höhe, die Soldaten
-stürmen aufs Wägelchen zu, reißen rote Bänder heraus, rote Fetzen,
-schwingen sie und stecken sich kleine Rosetten in die Knopflöcher.
-Dauphin wird vielfach rot bewimpelt, und ein Rosettchen baumelt in der
-Blesse und in den Zöpfen der glänzenden Mähne.
-
-Tische werden aufgestellt, auf die Tische wird ein Tisch geschoben, und
-der Einäugige steigt hinauf und beginnt mit weithin schallender Stimme,
-daß zwischen den Mauern ein Echo wach wird, seine Rede zu halten.
-
-Als er sagte, der deutsche Kronprinz müsse einem süddeutschen Schuster
-in Erziehung gegeben werden, da löste sich ein Soldat, der schon oft zu
-Dauphin hergesehen hatte, aus seiner Umgebung und kam zu ihm. Er legte
-den Arm um den festlich geschmückten Hals des Tieres und flüsterte ihm
-in die gespitzten Ohren:
-
-„Dauphin, Dauphin! Ist's das Mißgeschick aller Dauphins, daß sie
-zu Schustern in die Lehre kommen müssen? Auch du bist nach deiner
-Glanzzeit in rauhe Wirklichkeit verstoßen worden, aber du hast keine
-Schuld an deinem Geschick!”
-
-Hände wurden gen Himmel ausgestreckt, Schreie wuchsen wie Bergzüge
-hinan, vereinzelt krachten Schüsse gegen die kalten Wolken. Ein Wind
-hub an; manche Sätze des Redners waren unverstehbar, manche deutlich zu
-hören:
-
-„Als das Bübchen vierzehn Jahre alt war, versprach ihm sein
-kaiserlicher Papa: wenn du dereinst wirst dreißig sein, darfst du
-an der Spitze meiner Truppen ~au milieu de mes troupes~ in Paris
-einziehen!”
-
-„Hörst du's, Dauphin? Denkst du an den Kuß der Königin, wie auch du an
-der Spitze unserer, ach, so fröhlichmachenden Truppe durch die Arena
-triumphiertest? Keine Menschen mußten unsertwegen sterben, und manche
-vergrämte Seele hat sich an uns wieder gesund gefreut! Weißt du's
-noch, Dauphin?”
-
-Dauphin stand entzückt da, und der Geist, der aus den Soldaten
-aufbegehrte, riß den seinen mit sich fort. Er streckte den Kopf
-hochauf, er entblößte die Zähne, er scharrte mit dem linken Vorderfuß,
-und die Kiesel schwirrten den Soldaten, die um ihn standen, ins
-Gesicht. Sie wußten, daß das Gäulchen sich nicht gut anders freuen
-konnte und ertrugen die Kiesel, und einer reichte ihm ein Stück Zucker
-hin. Dauphin schüttelte plötzlich den Kopf und nickte mit dem Kopfe,
-und der Soldat, der ihn vom Zirkus her kannte, besänftigte seine
-Freude, indem er ihm sachte über die Blesse strich.
-
-„Auf Vater und Mutter schießen!” schrie der Redner und wiederholte:
-„Auf Vater und Mutter schießen!”
-
-„Auf Vater und Mutter schießen!” tobte die ganze Versammlung, und
-Dauphin, in dessen Herz unter allerlei Unrat noch mehr Natur lebte
-als in vielen Menschenherzen, stellte sich plötzlich, als sei dieses
-verruchte Wort der Weckruf seiner tiefsten Erlebnisse, all seiner
-Freuden, all seiner Schmerzen, auf die Hinterbeine und stieß einen
-klagenden Laut zum Himmel.
-
-„Das unvernünftige Tier,” rief der Redner, „seht, seht, es bäumt sich
-auf angesichts solcher Schändlichkeiten! Die Natur, die Natur bricht
-über jene herein, weil wir selber jene Unnatur nicht gerichtet haben!
-Und nun werden wir, weil wir's nicht getan haben, mitgerichtet werden!
-Seht dem Junker, der uns peitschte, hier in Berlin, in Straßburg, in
-Köln, in Regensburg und in Stuttgart, seht ihm in die Augen! Was seht
-ihr da? ... Das Tier!!”
-
-„Das Tier!!” krischen die Mannschaften, und das Echo wollte nicht enden.
-
-„Nein!” begann der Redner wieder, „nicht das Tier! Nicht das Tier!”
-
-„Den Teufel” schrie einer. „Den Teufel!” erwiderten etliche.
-
-„Ja, den Teufel! Den Bösen! Das Böse! Den Feind des Guten! Den Feind
-der Menschheit, den Feind alles Menschlichen! Sie kommen mit dem
-Mordgewehr zur Taufe! Mit vierzehn Jahren stehen sie als Leutnant
-auf dem Kasernenhof, den sie zeitlebens nicht mehr verlassen!
-Menschen dressieren, Menschen schikanieren, drangsalieren, von
-Kasernengeneration zu Kasernengeneration! Die Peitsche, die Peitsche
-über das deutsche Volk! Sie wollen Frankreich vernichten, England
-an Zeppelinen verankern, lichten und im Ozean draußen niederlassen!
-Kaiser, Könige, Fürsten aller Schattierungen ließen sich von ihnen
-und von ihren Hohenzollern ihren Glanz und ihre Macht garantieren und
-verschrieben sich und ihre Landeskinder ihrem Blutwahn! Hohen Zoll
-zahlten wir ihnen und ihren Hohenzollern! Ihre Namen kann man nicht
-aussprechen, man zerbricht sich die Zunge! Die meisten endigen auf ow!
-O W! O weh!! rufe ich aus, o weh!! gutes deutsches Volk! Herrliches
-Volk des Gemüts, des Herzens, armes, zerschundenes Volk, gekreuzigtes
-Volk! Und doch wieder: Törichtes Volk! Dummes Volk! Was gingst du nur
-zu gern in ihre Schützengräben! Der dich so gleich hineinjagte, hat
-von jeher das Wort verachtet! Diese Diplomaten -- das ist ein echtes
-Hohenzollernwort -- verdarben uns den Braten! Uns, uns, Männern des
-Schwertes! Was ließest du dich so leicht betören!”
-
-Der Einäugige hielt inne und fuhr dann fort:
-
-„Aber Revolution ist Tat!: Auf! Auf, zur Revolution!”
-
-Er riß sein Seitengewehr heraus, schwang es in die Luft, deutete nach
-der Fahne, die auf dem Hauptgebäude flatterte, und schrie:
-
-„Schwarz, weiß, rot! Was daran junkerisch ist, schwarz und weiß,
-das reißt ab! Was übrig bleibt, sei unsere Fahne: Das Rot der wahren
-Freiheit ... Versteht mich nicht falsch: Das Rot der befreiten
-Menschenliebe, die Farbe unseres Blutes, des Lebens, des heiligen
-Geistes, der in Flammen über uns kommen möge! Auf zur Tat! Auf zur
-befreienden Tat!”
-
-Der Einäugige sprang von dem Tisch herab, und nun folgten ihm alle zum
-Tor hinaus, und auch Dauphin lief mit.
-
-Am Kasernentor aber sieht Dauphin Balthasar, und Balthasar zieht das
-Gäulchen aus dem begeisterten Soldatenknäul und nimmt es wieder zurück
-in seinen neuen Alltag.
-
-Jedoch dieser neue Alltag blieb wie der alte. Was ging Balthasar die
-Revolution an? Kehricht, Spülicht, ab und zu ein duftendes Pfuhl!
-Mit Fleisch versehen, mag sich, wer will! Ganze Länder gibt's, die
-sich nicht wollen revolutionieren lassen: was braucht Balthasar eine
-Revolution?
-
-Dauphin aber, dem die Revolution also nicht bessere Zeiten zu bringen
-schien, hatte unverhofft Glück!
-
-
-
-
-XVI
-
-
-Er stand am Ladenfenster eines Herrenschneiders und träumte in das
-helle Glas. Weil er letzter Tage schon öfter dagestanden, indeß der
-Balthasar drinnen im Laden weilte, sah er mehr nach den goldenen
-Buchstaben des Schneidernamens als nach seiner Blesse.
-
-Plötzlich schollern schwerste Räder übers Pflaster der Straße,
-erschreckt sieht Dauphin um und sieht wuchtige Kanonen daherkommen,
-von wuchtigen Pferden gezogen. Maskiert sind Pferde und Kanonen, mit
-Schmutz beschmiert, mit Oelfarben aller Art, und die Kanoniere sitzen
-oben, und ihre Köpfe hängen tief auf die Knie herab, und auch die
-Gäule schreiten müde dahin. Wenn ganz einmal einer der Soldaten den
-Kopf hochträgt und die Augen in die Zuschauer sinken läßt, sieht
-man unendliche Traurigkeit in diesen Augen, und die Menschen, die da
-stehen, gehen heim und verwinden die Tränen.
-
-In der Ladentür steht Balthasar bei dem Schneidermeister und hat eine
-dunkle Weste an, die mit weißen Reihfäden allerlustigst durchsprenkelt
-ist, und über die gelblichen Hemdsärmel hängt das Metermaß.
-
-Dauphin hat keine Ruhe mehr. Den Balthasar konnte er kaum erkennen,
-wollte ihn vielleicht auch nicht recht erkennen, und als er wieder im
-Laden verschwunden war, zog Dauphin sein Wägelchen an und zog es neben
-einer gestutzten Abwehrkanone her, die mit vier Füchsen bespannt war.
-Der Lärm der schweren Geschütze verschlang natürlich das Gekläpper des
-Wägelchens vollauf, und Balthasar merkte nichts.
-
-Als die versunkenen Kanoniere erst weit draußen vor der Stadt den
-kleinen Abenteurer neben sich entdeckten, stiegen sie ab und banden ihn
-kurzerhand, ohne zu beachten, wie sehr er widerstrebte, an den nächsten
-Apfelbaum, der am Wege stand. Sie liefen eiligst ihrem Fuhrwerk, das
-unterdessen nicht halten konnte, nach und sprangen auf, und Dauphin
-flehte die, die unausgesetzt an ihm vorüberzogen, um Erbarmen an, daß
-sie ihn doch seiner Fessel entledigen und mitnehmen sollten. Und weil
-Soldaten sich auf die Pferdesprache manchmal recht gut verstehen, wenn
-sie wollen, geschah es, daß einer sich von seinem Protzkasten schwang
-und Dauphins Fessel löste und auch die Stränge des Wagens loskettete.
-Just im selben Augenblick, als Dauphin ausreißen wollte in die
-unsichere Freiheit des Nichtmehrganzjungen, da stand Balthasar hinter
-ihm und kettete die Stränge wieder ein, drehte das kleine Fuhrwerk
-stadtwärts, und Dauphin ließ den Kopf wieder hängen, denn er schämte
-sich vor den großen Gäulen sehr.
-
-In die Kaserne ging's!
-
-„Noch ein Weilchen Geduld, feiner Herr!” sprach Balthasar zu Hause,
-„die Hühnerleiter ist zwar schon herumgedreht: was unten war, ist
-heute oben, aber wir müssen nicht tollkühn sein und uns noch einen Tag
-gedulden können!”
-
-Dieser Tag kam nach drei Tagen!
-
-Balthasar trug einen neuen Anzug, einen schwarzen, steifen Hut und
-einen Spazierstock mit Silberkrücke. Dauphin ward nicht eingespannt,
-sondern durfte, nur mit dem Halfter bekleidet, an dem ein Lederriemen
-hing, mitgehen. Sie machten Halt in einer Wirtschaft der Stadt, und
-Dauphin ward in einen Stall geschoben, wo noch drei große Gäule
-standen, die vor Hunger stampften.
-
-Kaum war Balthasar in der Wirtschaft verschwunden, so kamen zwei
-Burschen in den Stall, banden eilig den kleinen Dauphin los und
-führten ihn durch ein Hintertürchen -- Dauphin verstand es wohl, sich
-zu bücken -- davon.
-
-Die drei Burschen liefen querfeldein und kamen nach einer Stunde auf
-einem großen Platze an, wo anscheinend der ganze Zug, der gestern
-durch die Stadt sich träg und ermattet hingeschlängelt, aufgelöst sich
-ausbreitete.
-
-Da gab's offenbar etwas Neues! Dauphin reckte den vom Joch befreiten
-Hals mit glorreichem Schwunge in die Höhe, um nicht übersehen
-zu werden, denn er war doch daran gewöhnt, geachtet und sogar
-ausgezeichnet zu sein!
-
-Kannte Dauphin nicht einen dieser dicken Kerle da? Hatte er nicht
-mit einem dieser roten Hengste einst sogar Freundschaft? Er zerrte
-an seiner Leine, und einer der Füchse legte seinen starken Hals über
-Dauphins Mähne ... Dauphin wibberte, indeß er so in dieser Liebkosung
-verharrte, am Heu eines Protzkastens, fraß nicht, hälmelte nur so und
-war seit langer Zeit wieder einmal durchaus beglückt!
-
-Bauern, die Dauphin schon oft neben müden Kühen durch die Stadt hatte
-schlendern sehen, ergingen sich zwischen den abgeschirrten Pferden,
-rieben die Hände aneinander und lachten sich an und guckten den starken
-Gäulen in die aufgerissenen Mäuler. Dauphin hätte sich nicht so von
-jedermann in den Mund gucken lassen!
-
-Seine zwei Begleiter hatten's eilig! Ein Judenbübchen, kaum fünfzehn
-Jahre alt, kam auf sie zu, klatschte Dauphin auf den Schenkel, trat
-aber wieder rasch beiseite, als fürchte er sich vor den Zweien. Es
-legte die eine Hand vorsichtig auf seine Mütze, die sonderbare Wülste
-hatte, als verhülle sie einen verbeulten Kopf.
-
-„Na, willst du nicht anbeißen?” fragte der eine von Dauphins
-Begleitern, und der andere fügte gleich hinzu:
-
-„Kannst ihn billig haben!”
-
-„Der Fuchs hier,” antwortete das Judenbübchen, „kostet fünfundsiebzig
-Mark!”
-
-Es zog aus seiner tiefen Innentasche ein Pfund Butter und stülpte die
-Mütze seines Kopfes und hielt in der Mütze den beiden zehn reinweiße
-Eier vor die Nasen. Der Knabe sah sogleich, daß sie's zufrieden seien
-und sagte, indem er ihnen seine Kostbarkeiten überreichte und die Leine
-ergriff:
-
-„Emma heißt sie doch, gelt?”
-
-Der eine steckte die Butter in seine Innentasche, der andere kippte am
-Wagenrad ein Ei auf, und beide sagten sie zugleich:
-
-„Emma! Freilich, wie denn sonst!”
-
-Auch der andere schlug ein Ei auf, und während der Judenknabe das
-Gäulchen schon fortführte, flogen die Eierschalen um ihre Ohren, aber
-sie beide achteten nicht darauf!
-
-Sie entfernten sich weiter von der Stadt, überschritten die Brücke,
-die Dauphin noch nie überschritten hatte, und kamen auf eine
-Landstraße, die links und rechts mit alten Apfelbäumen bestellt war. An
-einem Steinhaufen mußte Dauphin stehen bleiben, und der Knabe schwang
-sich auf seinen Rücken.
-
-Heisa! Heisa! Ein Kind auf Dauphins Rücken, draußen in der Freiheit,
-unter Apfelbäumen, zwischen Aeckern und Wiesen! In leichtem Trab lief
-er dahin über die Steinstraße, ledig der Siele, ledig der Stadt, ledig
-des mürrischen Balthasar!
-
-Ein Apfel hing allein auf einem Baum: der Knabe stieg ab, warf mit
-einem Stecken in die Krone, der Stecken blieb hängen, der Apfel fiel,
-und der Knabe gab den Apfel dem Gäulchen, das auf einmal wieder einen
-Namen hatte!
-
-„Will Emma auch ein Stück Brot?”
-
-Jawohl, Emma will auch ein Stück Brot!
-
-Aber Emma will auch den Knaben wieder auf ihrem starken Rücken tragen!
-Am nächsten Steinhaufen blieb Emma wieder stehen, und der Knabe
-schwang sich wieder bäuchlings auf den schmalen Pferderücken, und der
-Pferderücken schwebte nur so dahin, einer ungewissen Zukunft entgegen!
-
-Die große Glocke der Stadtkirche flutete hinterdrein, und als das
-Gewoge nicht mehr zu hören war, verzögerte Emma den Schritt! Schweiß
-stand auf ihrer Haut. Durchs nächste Dorf führte der Knabe sein
-Tierchen an der Leine, und hinterm Dorf stieg er nicht wieder auf, und
-der Schweiß verkroch sich wieder.
-
-Ein Gebirge hob sich aus der Ebene auf, und in den Fichtenspitzen des
-Bergkammes schwang sich ein leiser Wind. Die Sonne senkte sich gerade
-in diese zart bewegte Ruhe, und der Knabe sprach und deutete:
-
-„Siehst du, Emma, dort oben hinter diesem Buckel ist unsere Heimat!
-Gehst du gerne mit? Du sollst es gut bei uns haben! Weißt, wir haben
-noch richtigen Hafer! Bei uns kannst du dich richtig erholen, da wird
-dein Wasserbauch verschwinden und die Faßreifen hier, und deine Backen
-werden sich füllen und deine Augen: zeig mal deine Augen! Aha! das ist
-eine Kleinigkeit für dich, die werden glänzen wie die Sonne am Berge
-Garizim! Zu schaffen ist ja nicht viel bei uns: du gehörst übrigens
-mir, und wenn sie dich einspannen wollen zu Dreckarbeiten, so werd ich
-auch ein Wörtchen mitzureden haben! Es ist ja richtig: wir haben einen
-Stall voll Kinder, und die Dienstboten bleiben nicht lang bei uns; aber
-bist du etwa ein Dienstbote? Nein, Emma, du bist kein Dienstbote! Und
-unter uns gesagt: Dienstboten sollte es fortan überhaupt nicht mehr
-geben!”
-
-Gänse ergingen sich, Schweine grunzten im Chausseegraben, eine
-Dreschmaschine brummte irgendwo, und man sah sie nicht.
-
-An all diesen Herrlichkeiten raste Emma vorüber, ohne verweilen zu
-wollen, und der Weg führte, wie sie wünschte, den Berg hinan, der Sonne
-entgegen! Die Sonne versank vollends, der Weg führte wieder talab, ein
-Dörflein hockte unten beisammen wie eine Hühnerschar. Im Dorf stand ein
-neues Haus neben der Kirche, beschattet von der Kirche: das Schulhaus
-natürlich, und hundert Kinder rasten an die Gitterstäbe, als Emma kam.
-Aber der Knabe hielt nicht an und eilte, ins Vaterhaus zu kommen, das
-am Ende der Straße in Fachwerk leuchtete.
-
-„Vater, Vater!” rief der Knabe in den Hof, „Hans im Glück ist
-heimgekehrt! Komm rasch heraus und sieh, was ich dir bringe für die
-Butter und für die Eier!”
-
-Die Mutter erschien, schlug die Hände überm Kopf zusammen, drei kleine
-Kinder wackelten herzu, vier größere rissen das Hoftor auf und warfen
-ihre Schulbücher in die Ecke, und dann kam auch der Vater mit dem
-Federhalter hinterm Ohr, und in das Gejubel der Kinder streckte sich
-seine sonore, hastige Stimme:
-
-„Uebermorgen, Sigmund, ist sie tausend Mark wert unter Brüdern!”
-
-Emma stand sehr erregt da, sah sich nach allen Seiten um, musterte
-besonders die Kinder und freute sich, daß nacheinander alle, und drei
-auf einmal sich auf ihren Rücken setzten.
-
-„Tausend Mark unter Brüdern,” entgegnete Sigmund, „aber Emma wird nicht
-wieder verkauft! Emma gehört mir!”
-
-„Und mir! Und mir!” krischen die Kleinsten durcheinander, und der Vater
-sagte:
-
-„Versteht sich, Sigmund, daß er dir gehört!”
-
-„Und wenn du ihn verkaufen solltest: nicht unter tausend Mark, und
-diese tausend Mark für mich auf die Kasse!”
-
-„Versteht sich! Futtergeld abgerechnet!”
-
-„Versteht sich!” erwiderte Sigmund und führte sein Gäulchen in den
-Stall des Vaters. Ein altes, ausgemergeltes Kühlein drehte gar
-freundlich den Kopf nach Emma und schien ihn nicht mehr wegwenden zu
-wollen! Sigmund fing an zu putzen und striegelte Emma blitzblank. Diese
-schüttelte sich einmal der ganzen Länge nach vom Halse bis zum Schweif
-und schien über die Maßen beglückt zu sein.
-
-Am nächsten Morgen wurde das Kühlein geholt, und am Abend kamen zwei
-Kälber in den Stall. Emma, die den ganzen Tag über mit den Kindern und
-mit allen Kindern des Dorfes auf den herbstlichen Wiesen umhergetollt
-war, wie sie's seit ihrer Jugend nicht mehr getan, traf am Abend die
-beiden Milchkälber neben sich und mußte sehen, wie die acht Kinder
-sich eher mit diesen Neulingen beschäftigten als mit ihr. Denn die
-Neulinge waren noch so jugendlich, daß sie ihre Milch nicht aus der
-Schüssel trinken wollten, und daß sie also aus Flaschen mit Gumminapf
-trinken mußten.
-
-Sie blieben nur eine Nacht im Stall, die Milchkinder, wurden geholt,
-und Emma war allein. Emma durfte ein Wägelchen ziehen, das kleiner und
-leichter war als das Kasernenwägelchen. Zum nächsten Dorf gings, an
-den Bahnhof! Ein Sack Grieß wurde aufgeladen, und diesen Sack zog Emma
-heim. Es ging am selben Tag nochmals an diesen Bahnhof, und diesmal
-gab's eine Kiste Zucker und ein Faß Marmelade.
-
-Doch siehe! Ein Militärzug rauschte heran, und Sigmund stellte sich
-an die Sperre, indes Emma an der Straße stehen mußte. Sogleich
-waren Kinder um sie her. Aber die Kinder blieben nicht lange bei
-ihr, denn die Straße her kamen etwa zwanzig Soldaten zu vieren im
-Gleichschritt mit fliegenden Mänteln und pfiffen. Als sie an dem
-Wägelchen vorüberschritten, löste sich einer aus dem Glied, blieb einen
-Augenblick stehen und stürzte sich dann mit weitgeöffneten Armen auf
-das Gäulchen und schrie:
-
-„Riesele! Riesele!”
-
-Die Kameraden hörten auf zu pfeifen, der Trupp verwirrte auseinander,
-und der eine Soldat rief unausgesetzt:
-
-„Freut euch mit mir, ich habe mein Riesele wiedergefunden, das verloren
-war!”
-
-Alle umstellten sie Riesele, alle grinsten vor fröhlichem Lachen, alle
-legten die schweren Hände auf Rieseles Rücken! Etliche spannten schon
-aus, das Kummet flog auf das Marmeladenfaß, und jetzt erst kam Sigmund
-und schrie und tobte:
-
-„Mein Gäulchen, mein Gäulchen! Tausend Mark ist es wert unter Brüdern!”
-
-„Die Revolution hebt auch den Hilfsdienst auf, Gustav,” sagte ein
-Feldwebel, „du nimmst dein Riesele mit heim, wohin es gehört!”
-
-„Tausend Mark! Tausend Mark!” schrie Sigmund.
-
-Gustav zog seinen Geldbeutel, leerte ihn in die Hand und zählte; er
-hatte noch vierundzwanzig Mark und siebenzig Pfennige.
-
-„Hier hast du die Barschaft eines geschlagenen Soldaten!”
-
-Sigmund weinte heftig; Kinder kamen hinzu und viele Erwachsene, und
-niemand hatte gegen das Wort des Soldaten etwas einzuwenden. Die
-Soldaten aber zogen alle ihre Geldbeutel, und jeder gab dem Sigmund
-noch einen Markschein, so daß dieser die Lippen vorwulstete, das Geld
-einsteckte und sich getrost vor sein Wägelchen spannte und schließlich
-zu schmunzeln begann.
-
-Riesele aber zog mit. Es hatte den Handel still über sich ergehen
-lassen und wohl dem alten, längst vergessenen, trauten Laute sich
-hingegeben, ohne der süßen Dinge gedenken zu können, die sich an diesen
-Namen hefteten. Da es ausgeschirrt wurde, mochten zudem allerlei
-zukunftsfrohe Bilder das verträumte Herz beschlichen haben, das auch
-ohne Künstlerschaft stets zu einem Abenteuer bereit war! Der alte
-Name Riesele aber brauchte nicht lange in dem zerquälten Kinderherzen
-umherzuirren, bis er sich selber wiederfand, denn die Jugend ist
-alleweil der ewige Nährboden der Seele.
-
-Der Soldatentrupp nahm Riesele in seine Mitte und schob sich weiter
-die Landstraße hin. Man sang, man pfiff; einer trommelte geräuschvoll
-ins Land hinein, und Riesele trappte inmitten einer Herrlichkeit, die
-es noch nicht durchkostet hatte. In den Dörfern kamen Kinder, ritten
-eine Strecke auf Rieseles Rücken und liefen wieder zurück. Junge
-Mädchen kamen, hingen sich den Soldaten in die Arme, ließen sich küssen
-und lachten und sangen mit, hell, wie Kinder singen, und ihre Stimmen
-drangen Riesele ins Herz, als gehörten sie dorthin!
-
-Keines ging, ohne Riesele gestreichelt zu haben, und viele schenkten
-ihm etwas: ein Stück Zucker, einen Bissen Brot, eine Handvoll Gras, das
-sie in der Eile neben an den Wiesen abrissen! Eines dieser Mädchen, das
-besonders übermütig sein mochte, ließ sich sogar auf Rieseles Rücken
-heben, als wär es selber noch ein Kind und ritt so eine gute Strecke
-mit.
-
-Ehrenpforten taten sich auf, da der Trupp weiter ins Land kam, schwarz
-gekleidete Bürgermeister standen auf Balkonen und sprachen Gedichte von
-Schiller, und Riesele nahm alles ruhig und ernst entgegen. Rote Bänder
-flatterten wieder an seinen Schläfen, und der Hals reckte sich, und die
-Ohren spitzten fast so hoch als die der Soldaten.
-
-Eine alte Frau sah zum Fenster heraus, schlug, da sie die heimkehrenden
-Soldaten sah, die Arme überm Kopf zusammen und schrie wild hinaus.
-
-Indessen wurde noch an diesem Abend der Trupp kleiner und kleiner,
-und als man sich zum Schlafen anschickte, waren nur noch sieben Mann
-beisammen und Riesele. Sie schliefen in einem warmen Stall. Sie
-schliefen auch am nächsten Abend wieder in einem warmen Stall. Am
-folgenden Tag aber stiegen sie in die Eisenbahn; und nun gings rasch
-dahin, rechts die Ebenen, links das Gebirge, über einen Fluß, über
-Bäche, zu den zwiebeligen Kirchtürmen, und man stieg aus an einem
-Bahnhöfchen, das Riesele schon einmal gesehen hatte. Etliche Soldaten
-blieben zurück, zwei stiegen aus.
-
-Nun wanderten die drei die Bergstraße hinan, wo Riesele alles schon
-gesehen hatte. Das Birkenwäldchen hob sich in den blauen Himmel, die
-Wiesen dehnten sich hin, und viele Kühe weideten den letzten Wuchs
-ab. Am Eingang des Dorfes prangten wie überall grüne Fichtenkränze,
-Tafeln mit Sprüchen, die noch im Kaiserreich geboren waren, und rote
-Papierfetzen flatterten hin und her, durchzittert von bangen Hoffnungen
-um die bessere Zukunft.
-
-Ha, eben, wie Riesele den Weg links einbog nach dem Mutterhaus, ging
-etwas in seiner Seele vor: es blieb stehen! Es hob langsam den Kopf, es
-pendelte die Ohrenspitzen gegeneinander, es entblößte die Zähne, und
-nun begann es zu rennen, daß Gustav nur mit Mühe ihm folgen konnte.
-
-Auf den Steinstufen der hohen Treppe saß die Familie des Bauern Klaus:
-er, der Bauer, Katherin, seine Frau, der rothaarige August und Trudel,
-die ein großes Mädchen geworden war. Sie tranken aus weiten tönernen
-Schalen ihre Abendmilch und aßen weißes Brot, das dick mit Butter
-bestrichen war.
-
-Als sie erkannten, wer da heimkehrte, liefen sie von der Treppe herab,
-eine Schale zerklirrte in Scherben, und mitten auf dem Weg fielen
-sich alle nacheinander um den Hals, und auch Riesele ward geherzt und
-verstohlen geküßt. Als der Bauer sich überzeugt hatte, daß die beiden
-Zurückgekehrten unverletzt und gesund vor ihm standen, nahm er seine
-Frau an der Hand und führte die Seinen heim.
-
-
-
-
-XVII
-
-
-In dem Heimathause Rieseles hatte sich nicht viel verändert. Trudel,
-die Mutter, stand noch im Stall, eine Kuh ihr zur Seite, zwei Ziegen
-meckerten hinten, ein Hasenvater hoppste an seinen vernachlässigten
-Jungen vorbei, die Schwalbennester prangten in vergilbendem Rot, auf
-der Stallschwelle saßen Hühner mit ihrem Hahn, Enten wackelten einher,
-die Gänse erzählten sich die Neuigkeiten der Zeit, und das fleißige
-Lieschen schnurrte dünn und abgearbeitet die Stunden aus der Stube
-herunter in den Stall.
-
-Die Mutter Trudel war alt und mager geworden, und es dauerte etliche
-Tage, bis sie sich ihres Kindes erinnern konnte. Riesele, im ganzen
-etwas schmächtiger gebaut als die Mutter, strotzte von Jugendkraft,
-und es kam dem Bauern Klaus gleich am ersten Tag der Gedanke, die alte
-Trudel irgendwie zu verkaufen und Riesele ihren Dienst versehen zu
-lassen.
-
-Seltsamerweise war die ganze Familie mit diesem Plane gleich
-einverstanden, und auf der Straße sagten die Leute:
-
-„Na Klaus, jetzt wirst du die Alte abschaffen!”
-
-Es gab sich Gelegenheit, sie nicht einem Pferdehändler, auch nicht
-einem Roßschlächter überantworten zu müssen, indem ein Bäuerlein des
-Dorfes sie um ein Geringes erstand und sie neben sein schwaches Kühlein
-spannte.
-
-Die Hauptarbeit des Jahres war geschafft, als Riesele frischen Mutes
-in die heimatlichen Siele trat. Am ersten Tag ließ sich Gustav von
-seinem Bruder August ins Städtchen zu seinem Meister fahren, wo er das
-Wagnerhandwerk erlernen wollte; und am Abend trabte Riesele nochmals
-hinunter, den Gustav wieder abzuholen!
-
-Jeder Schritt, den Riesele tat, war Freude; jeder Atemzug war Freude!
-Das Birkenwäldchen drüben, das mächtig in die Höhe geschossen war, goß
-Freude in Rieseles Seele; das leere Feld goß Freude in seine Seele!
-Die kahlen Obstbäume, die wie abgearbeitete alte Männer den Hang
-hinan standen, als mühten sie sich, hinaufzukommen, als wollten sie
-jederzeit niedersinken auf ihren ausgebreiteten Schattenteppich, sie
-erfüllten die Seele des Gäulchens mit Freude! Das Wässerlein rieselte
-nicht größer, nicht kleiner, nicht lauter, nicht leiser inmitten der
-Wiesen, und war so hell und so klar wie ehemals, ließ sich auf den
-letzten Grund gucken und verheimlichte nichts von seinem Wesen, und gab
-bereitwillig und munter schwatzend dem Riesele, wenn dieses über das
-Brückelchen stapfte, den Schattenriß seines Kopfes wieder. Welch eine
-Freude tat das Wässerlein in Rieseles Herz, wenn es die weiße Blesse
-schimmern ließ!
-
-Als Riesele am Abend mit dem Wagnergesellen heimkehrte, kamen ihm schon
-ein paar Kinder entgegen, setzten sich zu den Burschen aufs Wägel, und
-zu Hause hinter den Fensterscheiben winkte Trudel, das Mädchen, das ein
-blaues Band im Krönchen seiner Haare trug, und öffnete das Fenster und
-hörte nicht auf zu singen. Es kam sogar heraus zu Riesele, liebkoste es
-und sprach:
-
-„Aber wo sind deine goldenen Hufe, Riesele, wo sind sie denn geblieben?
-Ich für mein Teil, wenn ich fortzöge in ein Märchenland wie du, ich
-käme nicht heim ohne goldene Schuhe!”
-
-„Geh du lieber gar nicht fort!” sagte Gustav, „sonst kann es geschehen,
-daß du barfuß wiederkehrst, denn der Krieg macht Deutschland zum
-Aschenbrödel der Welt!”
-
-Gustav schirrte Riesele ab; am rechten Brustbein hatte das Kummet
-der Mutter, das dem Riesele zu weit war, eine Wunde aufgeschürft, die
-Trudel mit essigsaurer Tonerde sofort auswusch. Sie sang dazu das Lied
-von den drei Lilien, und Riesele spürte keinen Schmerz und trat in
-seinen Stall und legte sich.
-
-Ueber Nacht schneite es ein wenig. Am andren Morgen bekam Riesele vom
-Sattler ein weiches Unterkummet an, und nun zog es den Wagen in den
-Fichtenwald. Der Bauer saß oben und klapperte mit der Peitsche in
-die kalte Morgenluft, und immer fiel der Knall in den weiß beladenen
-Fichtenwald und kam zurück und traf niemals Rieseles Ohren!
-
-Hat Riesele je einen solchen Wald gesehen? Die Stämme stehen zu
-tausenden im Lot nebeneinander, versinken nach der Tiefe zu im
-Dunkeln, die saftgrünen Aeste hängen breit herab übern Weg, und ihr
-Schnee bedroht Mensch und Tier, sich zu nahe an sein Geheimnis zu
-wagen! Unendlich schier senkt sich der dicht ineinander verwucherte
-Fichtenwald ins Tal hinab, steigt wieder empor und verliert sich ins
-Weite. Hie und da bricht eine Schneelast vom Zweig und zerstäubt, denn
-die Sonne stochert durch die brüchigen Wolken.
-
-Als Riesele an einer Lichtung stehen bleibt, wo der Bauer kleine
-Fichten schlägt, da ballt sich das Düster zusammen und flieht in großen
-Fetzen über den weißen Hang hinan, und die Sonne greift in langen
-Strichen durchs Düster zwischen den grünweißen Fichten. Von den Spitzen
-herab tropft das Schneewasser, schneidet durch das Sonnenlicht und
-jauchzt tiefblau auf für ein Sekündchen. Was hängt, zittert und quirlt
-aus seiner Unruhe alle Farben dieser Erde, und entblößt die Schönheit
-der Sonne und ihre Seele. Rasch sinken die Schneemassen hernieder, die
-tiefhängenden Schalen heben sich der Sonne entgegen und lassen den
-Schnee über die Ränder gleiten, und behalten tausend Wassertropfen
-an den grünen Nadeln, in denen die Sonne ihr Geheimnis millionenfach
-offenbart.
-
-Geblendet von der schillernden Farbenpracht, läßt Riesele hin und
-wieder die Lider sich über die großen Augen herabwölben und hebt sie
-sogleich wieder, die Pracht in sich einzutrinken und keinen Tropfen zu
-verlieren! Der Duft der Fichten mischt sich drein; die frisch umgehauen
-wurden, strömen ihr aufgeritztes Blut umher, und Riesele saugt diesen
-würzigen Duft durch die weiten Nüstern in sich ein.
-
-Der Wagen ist schwer beladen, ein leichter Dampf schwebt über dem
-kleinen Pferderücken, als der Bahnhof sichtbar wird! Aber Kinder sind
-da, Kinder! Sie schreiten neben Riesele drein und rufen:
-
-„Weihnachten, Weihnachten!” und es ist, als freue sich auch das
-Riesele auf Weihnachten, und als freuten sich auch die erschlagenen
-Fichten ihres frühen Todes, da sie für das Glück der Kinder sterben
-durften ...
-
-Oft und jeden Tag fast mußte Riesele diesen Weg wieder machen und mußte
-Christbäume an den Bahnhof fahren.
-
-Indeß wurde es kälter, und das Wasser, das über den Wiesen stand,
-ward zu Eis. Die Kinder warfen ihre Schlittschuhe über die Schultern
-und gingen, die Hände in den Hosentaschen, hinaus und schnallten die
-Schlittschuhe an und fegten über die glatte Fläche, hielten die Arme
-seitab und die roten Nasen hochauf.
-
-Riesele durfte auch zu den Kindern! Der Bauer Klaus brach das Eis, um
-es in die Brauerei des Städtchens zu fahren, und Riesele durfte lange
-neben der Eisfläche stehen und gucken, und die Kinder kamen zu ihm,
-wärmten ihre Hände an seinem Leib und unter seiner Rückendecke und
-umstanden das liebe Gäulchen wie die Stadtkinder den Maronimann.
-
-Was mußte Riesele nicht alles schaffen in der stillen Winterszeit!
-
-War etwa der Herr Doktor aus dem Nachbardorf zu holen: wer anders als
-Riesele hätte das so eilig besorgen können? Weilte der Herr Amtsrichter
-im Dorf, und er wollte, nachdem er am Abend noch ein dunkles Geschäft
-erledigt hatte, samt der schweren Tasche, die das dunkle Geschäft
-verhüllte, rasch an den Bahnhof gebracht werden: wer anders als
-Riesele, und wer diskreter als Riesele hätte den Herrn Amtsrichter über
-den Berg gezogen?
-
-Sollte der Herr Pastor ins Gebirg hinauf, und Glatteis klebte an den
-Steinen, oder der Schnee sauste, vom Nordwind zerpeitscht, hernieder:
-wer anders als Riesele wäre mit dem Herrn Pastor durch Nacht und Wind
-gestürmt, zu denen, die es eilig hatten auf dem Weg zu ihrem ewigen
-Glück?
-
-Weihnachten kam und die Neujahrsnacht! In dieser Nacht betrat Cornel,
-der Schweinehirt, den Stall und setzte sich vor Riesele auf dessen
-steinerne Krippe und sprach:
-
-„Ich will dir Prosit Neujahr sagen, Riesele, alter Freund! Nichts weiß
-ich von dir aus deiner Zeit der Fremde! Nur eine schlimme Spur von der
-Menschen Hand trägst du an deiner Seite, die ich erkennen kann: sie
-haben dir das Geheiligte der Irdischkeit entrissen, um mehr Arbeit von
-dir, um größere Freude an dir haben zu können. Sie ließen nicht zu, daß
-du jemals Mutter werdest! Sie, die sich Krone der Schöpfung nennen,
-treiben Raubbau mit Gottes Angesicht, wo immer sie es antreffen. Zum
-Glück, ach ja, zum Glück werden sie ja von Tag zu Tag blinder für die
-Herrlichkeiten der Schöpfung, wie zu des alten Noe Zeiten! Damals kam
-die gewaltige Sintflut von oben herab über die Menschen! Später, als
-sie wieder alles vergessen, aber nichts gelernt hatten, da schickte
-Gott sogar seinen eigenen Sohn herunter, sie zu erlösen von ihren
-Narreteien und von ihrer Vernichtungswut gegen Gott! Das war doch wohl
-das letzte Mittel, das gegen sie zur Verfügung stand: Gott selber kam
-und -- erlöste sie nicht! Riesele, Riesele! Sei froh, daß du kein
-Mensch bist! Kein Gott könnte dich erlösen! Aber du könntest dich
-auch nicht selber erlösen, Riesele, wenn du ein Mensch wärst, obwohl
-du alsdann doch den Ekel an dir und die Sehnsucht nach Erlösung in
-dir trügest! Siehe, ihr lieber Gott hat sie sich selber überlassen,
-da er offenbar nicht wußte, was geschehen sollte! Nun, was haben sie
-getan? Aus sich heraus, aus ihrer famosen Freiheit haben sie eine neue
-Sintflut geboren, eine Sintglut aus Blut und Eisen! Aber auch diese
-Flut war nicht schrecklich genug, sie zu bessern, nicht groß genug,
-sie zu vertilgen, und nun stehen sie, zu Stahl geworden, wieder da
-und wissen nicht, was jetzt geschehen soll! Frieden! kreischen sie,
-überdrüssig des Stahles, an allen Ecken und Enden der Welt! Weißt du,
-Riesele, was das ist: Frieden? Und wann erst wieder Frieden werden wird
-auf Erden, wann der liebe Gott wieder sichtbarlich -- freilich nicht
-mehr in Gestalt der Menschen -- auf Erden wandeln wird, wann, wann,
-Riesele? Ich will es dir sagen, denn ich weiß es: wenn die Zeiten der
-Menschen abgelaufen sein werden! Dann und nicht eher!
-
-Soll ich dir sagen, was mir neulich unser Pastor, den du gut kennst,
-den du noch aus deiner Jugendzeit kennst, was der zu mir sprach? Er
-sprach, und er ist ein weiser Mann und hat das Herz auf dem rechten
-Fleck:
-
-„Pfaffen herbei!” hat er gesagt, „Hohenzollernsches Brimborium herbei!
-Diesem Geschlecht kann die Hölle nicht heiß genug gemacht werden!” So
-hat er gesagt, aber er irrt gewaltig! ... Er ist keiner von jenen, die
-er herbeiwünscht, er verwünscht alle Peitschen, die über die Menschheit
-geschwungen werden: ja, Pfaffen seiner Art ließe ich mir noch gelten,
-aber er ist gar kein Pfaffe!
-
-Einst, Riesele, wollte ich dir erzählen, wie die Menschen sich die
-Tiere zu Haustieren machten, und ich will es dir jetzt rasch erzählen!
-
-Als die Menschen noch so einfach und noch so gut waren wie die Tiere,
-lebten deine Vorfahren frei und fröhlich draußen in den großen
-Wiesengärten, die sich endlos über die Erde erstrecken. Sie lebten
-vereinzelt, zu zweien und in großen Herden, sie fraßen das Gras vom
-Erdboden, sonnten sich und pflegten der Minne. Sie lebten der Liebe
-wegen. War im Winter die Erde überschneit, so scharrten sie mit breiten
-Hufen das Gras bloß und warteten auf bessere Zeiten. Feinde lauerten
-manchmal auf die Jungen, auf die Mütter, auf die starken Väter.
-Blutgierige Raubtiere brachen aus den Hecken, aus den Wäldern hervor,
-sprangen geschickt an ihre Kehlen und soffen ihr Blut.
-
-Nicht minder geschickt aber wußten die Pferde sich zu verteidigen.
-Schon lange, bevor der Feind zur Stelle sein konnte, hörten sie
-ihn mit den hochgestellten Ohren, sahen sie ihn mit den großklaren
-Augen im Kreise schleichen, und nun ordneten sie sich eiligst in der
-Runde, streckten die Köpfe nach innen, daß die bewehrten Hinterbeine
-nach außen im Kreise standen, und nun, wenn der Feind es wagte,
-heranzukommen, feuerten diese Hufe gegen ihn aus, daß er kein
-Plätzchen, keine Lücke fand, anzugreifen.
-
-Da kam der Mensch! Erst schleuderte er aus dem Hinterhalt die
-schwersten Steine in die Herde, dann schoß er Pfeile ab aus weiter
-Entfernung, das Fleisch der Pferde zu essen, da er ringsum in der Natur
-nicht genug fand und es den Blutsaugern ähnlich machen wollte.
-
-An einem Fluß hing seine Hütte halb im Wasser; sein Feld erstreckte
-sich den Wald entlang, seine Frauen und seine Kinder wuschelten im
-Schilfrohr und nahmen den Kiebitzen und den Enten die Eier aus den
-Nestern und stachen die Fische aus dem Wasser. Mühsam, ja, mühsam
-warfen sie die Schollen der Erde um, daß neues Korn um so besser
-wachsen konnte, und sie sahen die starken Pferde in göttlicher Freiheit
-auf den Wiesen umhertollen und kamen, gedankenreich, wie sie sind,
-darauf, diese Pferde einzufangen und vor die rohe Pflugschar zu
-spannen. Mit einem großen Seil mußten sie das erste Pferd eingefangen
-haben. Es ward an den Pfahl gebunden, es ward mit Rindshautriemen
-gezügelt, alsdann zog es mit Leichtigkeit den Pflug! Zur Regenzeit
-stand es unter einem Dach, zur Winterszeit in einem warmen Stall. Gab
-es dem Menschen seine Kraft, so erhielt es dafür ein reichliches Futter
-und brauchte besonders im kalten Winter nicht das spärliche Gras aus
-dem Schnee zu scharren.
-
-Durch ein Loch in der Lehmwand seines Stalles sah es seine Kameraden
-draußen in der Kälte des Winters nach dem spärlichen Grase scharren,
-indeß es selber seine warme Suppe nicht ganz verzehren konnte. Da kam
-sein Herr herein, sattelte es, nahm das lange Seil, schwang sich auf
-des Pferdes Rücken, und nun galoppierten die zwei keck den vielen
-Kameraden entgegen, mitten in sie hinein, der Mensch schleuderte das
-Seil und fing sich ein zweites Pferd, das mit heim in den warmen Stall
-gehen mußte.
-
-Möglich, Riesele, daß noch andere Pferde nachkamen, freiwillig ihrer
-Freiheit sich begaben für das bißchen Wärme, für das bißchen Futter!
-
-Wie gesagt, Riesele, Freiheit tauschten sie für die Bedürfnisse des
-Bauches und für die Bequemlichkeit! Ich für mein Teil und du nicht
-minder, Riesele, wir wären nicht in die Falle gegangen, wir wären
-draußen geblieben, denn auch der garstige Winter ist schön, wie alle
-Natur in jeglichem Zustand schön ist, wie jeder Mensch, der sich
-natürlich gibt, und das Herz, das hier nicht recht Bescheid weiß, lebt
-nur halb und weiß nicht, was vollkommene Freude ist!
-
-Die Menschen haben die Verbindung verloren mit der großen Natur allhin
-gleich dem Wasser der Pfütze, das steht, stockt, stinkt und nicht zum
-Meere kann und des Meeres Pulsschlag verloren hat.
-
-Gut, gut, Riesele: das Geschöpf ist in sich gut und will seinem
-Mitgeschöpf behilflich sein! Aber der Mensch unterjochte die Tiere,
-erfand die Peitsche, rottete viele gänzlich aus und machte auch den
-Mitmenschen sich zum Haustier. Das ist die Wurzel alles Elends in der
-Welt! Die Freiheit wurde ausgerottet, und was da übrig blieb, -- der
-Pastor hat recht! -- das ist reif für den Schürhaken der Hölle!
-
-Wer spielt die größte Rolle in diesem Menschengezücht? Wer? Der Bauch!
-Ha, sie haben so viele Erfindungen gemacht, sie haben sich mit Leib
-und Seele der Chemie verschrieben und von der Natur entfernt: wenn die
-Chemie doch wenigstens ein Kernchen Radium zu präparieren verstünde für
-den Bauch, für den Magen, für den absoluten Souverän der Menschen, daß
-ein ganzes Geschlecht davon seine Kräfte beziehen könnte, der Freiheit
-zu fröhnen und der Minne! Ha, sie überfressen sich und sagen: das ist
-unmenschlich und tierisch! Sie wollen das Tier im Menschen überwinden,
-hörst du's, Riesele! sie wollen das Tier im Menschen überwinden und
-wissen nicht einmal mehr, daß das Tier keusch ist! Diese raffinierten
-Bösewichter des Weltkriegs wissen überhaupt nichts mehr vom Guten!
-Wer könnte uns erlösen? Wollen wir's einmal mit dem Gotte in unserer
-Brust versuchen, der von uns verlangt, daß wir in Minne das Gute tun
-und sonst gar nichts? Wollen wir's versuchen? Wir zwei, wir wollen uns
-freiwillig der Gemeinschaft verschreiben und sie erlösen helfen, wenn
-dies möglich ist! Wir wollen die Verirrten lieben, weil wir Mitleid
-mit ihnen haben, die Hungrigen speisen, die Kranken besuchen, die
-Gefangenen erlösen, o Gott, o Gott, Riesele: lieben wollen wir, lieben!
-Wir wollen helfen, glücklich machen, wir wollen uns freiwillig in Minne
-unserer Freiheit begeben, Riesele, Apostel der Freiheit werden, daß
-Gott für unsere armen Mitmenschen in uns wirksam werde!”
-
-Es schlug zwölf, als Cornel seine lange Rede beendet hatte, Schüsse
-krachten im Tal umher, das Geknall vorlauter Feuerfrösche hüpfte
-zwischen den Revolverschlägen umher, und junge Stimmen riefen das neue
-Jahr ein, das wie jedes seiner Vorgänger den Menschen das Glück und
-reichen Segen bringen sollte ...
-
-
-
-
-XVIII
-
-
-Als der Frühling kam, erwachte in dem Dorf sogleich die alte
-Fröhlichkeit wieder. Die Kinder sangen auf den Gassen, sie besuchten
-Riesele, sie liefen neben ihm drein, sie schenkten ihm Zucker und
-gutes Brot, denn an solcherlei Dingen fehlte es in dem Gebirgsdörfchen
-nicht. Sie steckten ihm die ersten Blumen ins Halfter, ganze Ketten von
-Löwenzahn schoben sie ihm übers Kummet, und sie riefen seinen Namen auf
-Weg und Steg.
-
-Die Burschen suchten in den Wiesen nach den schönsten Blumen, banden
-Sträuße und stellten sie ihren Liebsten vor die Fenster. Des Abends
-saßen sie bis tief in die Nacht auf den steinernen Haustreppen
-bei den Mädchen, erzählten vom verruchten Krieg und boten mitten
-im Schlachtengeheul ihre liebenden Herzen preis und spielten die
-Ziehharmonika, die alle Vertraulichkeiten des Herzens so trefflich zu
-sagen versteht, und sangen jene alten Lieder wieder, die unmittelbar
-von Herz zu Herz gehen. Die Mädchen kannten schier diese Lieder nicht
-mehr. Zoten aus Deutschlands eckigem Wasserkopf, Zoten aus Deutschlands
-fettem Bierherzen hatten sie schon lange vorm Krieg hart bedrängt
-und verdrängt! Die Küsse, die man zu diesen Zoten gab oder nahm,
-verwundeten, die Küsse, die man zu den alten Volksliedern gab oder
-nahm, heilten! In den Scheunen wurde getanzt.
-
-Da stand irgendwo ein kleines Geschöpf, konnte zwar nicht mitsingen,
-konnte auch nicht mittanzen und noch viel weniger mitküssen, stand da
-und legte sich nicht um und schloß die hellen Augen nicht und hatte das
-kleine Herz so voll ungestümer Sehnsüchte nach Menschenliebe! Da stand
-es und riß an seiner Kette, die nicht aus Löwenzahn gefertigt war, und
-scharrte mit dem linken Vorderfuß und nickte mit dem Kopfe und blieb
-immer wieder allein! Zwar war es müde von des Tages Last und Arbeit,
-zwar ging sein Atem schwer, aber die Augen blieben nicht geschlossen,
-und der Kopf reckte sich immer wieder aus dem Stroh empor.
-
-Das Riesele führte also tagsüber den Mist auf die Aecker, kehrte heim,
-holte den Pflug und die leichte Egge und zog sie auf einer Schleife
-hinaus. Als es aber vor dem Pfluge eingespannt war und die Schollen
-aufwerfen sollte, da war seine Kraft zu schwach. Der rothaarige Gustav
-begann zu fluchen, wie wenn er ein Feldwebel wäre, schnitt sogar neben
-am Waldrand eine Gerte ab und schlug auf Riesele drein, bis er sich
-überzeugt hatte, daß sein Räppchen nicht aus böser Absicht den Pflug
-nicht zog! Der Bauer Klaus holte die alte Trudel, die jeweils den Acker
-wenn auch mühsam durchpflügt hatte, und spannte Mutter und Tochter
-nebeneinander, und die Schollen stürzten wacker um.
-
-Ha, wie gingen dem Gäulchen die Nüstern auf, als die frische Erde zu
-duften begann, die den Winter ausstrahlte und den Frühling behielt und
-neuen Frühling aus der Sonne trank! Wärme und Kraft stiegen aus den
-Schollen, und die Dohlen kamen von den kahlen Bäumen heruntergeflogen
-und die zierlichen Bachstelzen, ganze Schwärme von Staren, ein
-Ungeziefer zu picken oder ein verbummeltes Samenkorn!
-
-Dann mußte Riesele mit der Mutter ein Stündchen am Wege stehen, Gustav
-stapfte mit großen Schritten über die dampfende Erde und streute
-in mächtigen Bogen den Weizen aus, der im Fallen knisterte und im
-Auffliegen, als sehne er sich nach dem weichen Schoß, weithin in die
-gleichmäßig nebeneinandergezeilten Furchen. Riesele fraß neben der
-Mutter unterdessen das kaum ersproßte Gras des Weges ab, und die
-Stränge mit dem Sellscheit schleiften hinter ihnen drein.
-
-„Famos, Riesele!” rief Cornel, der mit seinen Schweinen vorüberzog.
-
-In langen gelben Bändern blühte der Raps, und der Wind warf in breiten
-Schwaden den würzigen Honigduft herüber, und die Bienen summten drüber
-her.
-
-Der Weizen sproßte, das Korn schoß auf, die Weinstöcke streckten ihre
-grünen Fähnchen heraus, und alles, was unten wuchs, ward von den
-kugeligen Apfelbäumen überblüht und von den aufstrebenden Birnbäumen,
-und der Blütenjubel sprang hügelauf, hügelab im Tal einher, und niemand
-war, der sich nicht freute! Kaum ein Tag verging, ohne daß Riesele
-nicht irgendwie geschmückt worden wäre von Trudel oder von den andern
-Kindern des Dorfes. Einmal flatterte schier eine ganze Woche lang ein
-lila Bändchen an seinem Halfter, und niemand wußte, wer es angesteckt
-hatte!
-
-O, wenn Riesele Zeit gehabt hätte, wie ehedem mit den Kindern
-umherzutollen! Aber es mußte schaffen, solange der Tag währte, und
-schaffen war schließlich auch ein Spiel! Es zog den Wagen hinaus,
-und auf der Leiter glänzte die scharfe Sense; der Gustav schlug den
-würzigen Klee um und lud ihn auf, und Riesele zog ihn heim, daß die
-Kuh, die Geißen, die Hasen und schließlich auch die Gänse und die
-bequemen Enten etwas zu fressen hatten und das Riesele auch!
-
-Es mußte den armen Kindern helfen, seinen Freunden, wo immer es konnte.
-Sah es, daß ein Kind eine Last Futter auf dem Kopfe heimschleppte, so
-mußte das Kind seine Last auf des Pferdchens Wagen legen und durfte
-vielleicht sogar noch selber aufsteigen! Wollten sie, die Kinder, ins
-Nachbardorf an den Bahnhof, und Riesele hatte dortselbst auch etwas
-zu besorgen, -- was schon manchmal mitten in der eiligsten Feldarbeit
-vorkam, -- so hieß es kurzerhand wie beim Militär: aufsitzen! Und wenn
-die Eisenbahn einmal keine Verspätung hatte, und schon hinterdrein
-gerannt kam, als hätte der Kommunalverband etwas übrig fürs Zügle, wer
-war schließlich doch zuerst am Bahnhof?
-
-Welch eine Kraft bändigte das kleine Riesele in seinen dünnen Beinchen,
-wenn's was zu helfen gab!
-
-Eines Abends erwachte hinten im Armenhaus auch ein anderes Lied
-wieder und schwebte in breiten Flügelschlägen übers Dorf hin. Einmal
-erwacht, wollte dieses Waldhorn wahrlich nicht mehr schlafen gehen und
-kam jeden Abend und oft unter Tag, wenn Cornel nicht gerade auf den
-Feldern des Großbauern schaffte. Vielleicht rief dieses Waldhorn ganz
-frühe Jugenderinnerungen in Riesele wach, vielleicht auch die viel
-näher liegenden Vorstellungen aus dem buntgekleideten Künstlerleben
-im Zirkus, aber es nähme durchaus nicht wunder, wenn auch ohne all
-diese Erinnerungen die empfindsame Pferdeseele in ihrem geruhigen
-Gleichgewicht beeinträchtigt worden wäre! Lag Riesele im Stall und
-ruhte sich aus nach des Tages Mühen, so sprang es sogleich auf, wenn
-Cornels Waldhorn ertönte, so bockelte sein Blut in allen Pulsen,
-so regten sich alle Muskeln, die draußen in der Welt für irgendein
-Kunststück zugestutzt worden waren: der linke Vorderfuß scharrte, der
-Kopf nickte, die Knie versuchten, sich zu beugen, die Hinterbeine
-strafften sich, als sollten sie die Last des Körpers in sich aufnehmen!
-
-Ging Riesele an den Strängen, und das Waldhorn schwebte heran, so
-fing es an zu tänzeln, mochte die Last noch so schwer sein. Die Ohren
-stellten sich, die Nüstern weiteten sich und witterten den Tönen nach,
-der lange Schweif peitschte hin und her, als schwärmten Bremsen an
-seinen Lenden. Das Kummet begann an dem Halse zu zerren, weil der Hals
-steil aufragte, das kindliche Spiel der Muskeln trat deutlich aus dem
-Ebenmaß der Glieder hervor, und die Räder des Wagens schnitten über die
-Geleise.
-
-Dem Bauern Klaus und seinen Kindern konnte dies Gebahren nicht
-entgehen, und da sie vermuteten, daß Riesele draußen in der Fremde für
-allerhand Kunststückchen abgerichtet worden sei, so ließen sie ihm
-diese seine Freude und erfreuten sich selber daran, und wiederholt
-sagte der Bauer zu allen, die sich darüber aufhielten:
-
-„Wir wollen fröhlich miteinander unser schweres Tagwerk vollbringen und
-unseren Vater preisen, der mit uns ist!”
-
-Und Riesele war voll der Lieder seines Freundes Cornel und trug sie mit
-sich durch sein arbeitsreiches Leben wie die Lieder der Lerchen, die
-aus dem Himmelsblau über es herabfielen, wie die Lieder der Blumen,
-die allhin läuteten, der Wälder, der Winde, der Wolken, und seine
-unentwegte Fröhlichkeit verschenkte Feiertag und Glück, wohin es auch
-kam, denn es war ja selber ein Lied draußen in dem großen Jubelruf der
-Natur.
-
- * * * * *
-
-Die Geschichte ist aus. Der Erzähler sah das Riesele zum erstenmal, als
-er am ersten Ferientag, noch voll vom Staub der Stadt, mit seiner Frau
-und seinen Kindern hinter den Bergen aus dem Bahnhof trat. Inmitten
-einer großen Menschenmenge schwang sich just im selben Augenblick eine
-buntgekleidete Dame in kurzem weitfaltigem Röckchen auf einen Schimmel,
-der im Kreise raste, und blieb aufrecht stehen und hielt einen Reif
-über sich und hoppste auf dem breiten Pferderücken von einem Fuße auf
-den andern.
-
-Seine Buben aber sahen zuerst das schwarze Gäulchen seitab stehen und
-rannten zu ihm hin und streichelten es.
-
-Und auf einmal beginnt die kleine Gesellschaft zu rennen, und das
-Gäulchen schießt wie toll mitten in die Menge hinein, daß alles vor
-solcher Wut auseinanderstiebt und Platz macht. Der Erzähler dachte,
-seine Buben hätten das Tierchen etwa gefoppt, aber das war nicht so. Er
-hört, wie die bunte Dame einen Schrei ausstößt, herzzerreißend schier,
-wie Frauen ja schreien können, sieht sie vom Schimmel hüpfen, sieht sie
-auf das Räppchen losstürmen und sieht sie umarmen und küssen und immer
-wieder küssen.
-
-„Dauphin, Dauphin!” ruft sie, breitet die Arme weit aus, spreizt die
-Finger und schreit:
-
-„Da guck, mein Schatz, Granaten hab' ich gedreht, Granaten! Und du?”
-
-Die Leute sind bestürzt und kommen näher hinzu zu diesem seltsamen
-Wiedersehen, das sie sich alle nicht erklären können. Die Dame aber
-verlor sich in ihrer Freude oder in ihrem Schmerz gänzlich und sagte,
-ohne sich um die Menschen zu kümmern:
-
-„Mein Bräutigam, Dauphinettele, weißt du, mein König, dein König, er
-ist der einzige König, der gefallen ist!”
-
-Man schwieg ringsum; man sah bestürzt zu der so fröhlich gekleideten
-Frau und schwieg irgendwie gerührt. Die Frau aber nahm das Gäulchen von
-seinem Wagen weg, band ihm ein Seil ans Halfter, und siehe da: sogleich
-beginnt dies, wie wenn's gar nicht anders sein könnte, im Kreise zu
-trippeln und nickt mit dem Kopf und niest vor Freude. Die Umstehenden,
-die das Räppchen kannten, jubelten ihm zu, und ein Bursche, dem es
-offenbar gehörte, kam aus dem Bahnhof gerannt mit einer schweren Rolle
-Stacheldraht auf den Schultern, ließ den Draht fallen und trat zur
-Dame in den Kreis, um auch dabei zu sein.
-
-„Komm her, mein Schatz!” befahl die Dame, und sogleich kam das Tierchen
-zu ihr und scharrte auch schon mit dem linken Vorderhuf.
-
-„~À genoux!~” schrie sie nun, aber sie schrie es nicht zum zweitenmal,
-denn sie küßte das Kerlchen schon wieder auf seine weiße Blesse und
-sagte dann zu ihm und zu dem Bauernburschen:
-
-„Geh heim in deinen Sonnenschein, Sonnenschein du! Nimm mich mit, nimm
-mich mit!”
-
-Es geschah, daß der Erzähler und seine Familie, die Buben links und
-rechts beim kleinen Gaul, mit dem Bauernburschen und mit der bunten
-Dame gemeinschaftlich den Berg hinanschritten, und daß er mit seiner
-Familie in den Stall zum Bauern Klaus kam und daselbst ganz oben im
-Dachstübchen Wohnung nahm bis zum letzten Ferientag. Die Dame hatte es
-nicht so gut und mußte schon am nächsten Tag mit ihrer Seiltänzertruppe
-weiterziehn!
-
-Riesele schloß rasch Freundschaft mit den beiden Buben und machte sie
-dem Fräulein Trudel, dem Herrn Gustav, dem Herrn August, sowie allen
-Dorfkindern ebenso rasch zu Freunden, aber auch allen Erwachsenen und
-allen Tieren und dem Wald, den Wiesen, dem rauhen Bergwind und der
-lieben Frau Sonne.
-
-Als der Großbauer Michael seine riesigen Erbsenfelder einerntete, stand
-das ganze Dorf auf den Aeckern, Buben und Mädchen, Männer und Frauen
-kunterbunt durcheinander, weithin in langen Reihen aufgelöst, und auch
-der Erzähler befehligte eine Rotte und führte sein Büchlein zwischen
-den Knöpfen des Rockes gleich dem Herrn Lehrer und gleich dem Herrn
-Pastor und gleich Cornel, dem geliebten Sauhirten. Hättet sehen sollen,
-wie hochbeladen das Riesele die Maschensäcke auf seinem Wägelchen
-liegen hatte! Hättet sehen sollen, wie die Stadtbuben Friedemann und
-Klaus im Schweiß ihres Angesichtes mit diesem Fuhrwerk unausgesetzt an
-den Bahnhof eilten und wieder kamen und aufluden!
-
-Ach Gott, als die Ferien zu Ende waren, wollte der kleine Klaus das
-Riesele mitnehmen in die graue Stadt!
-
-Der Erzähler aber, der Vater, anstatt das Riesele zu kaufen, setzte
-sich, wenn er müd vom Dienst war, des Abends hin und schrieb für seine
-Buben die Geschichte ausführlich nieder, freilich auch für andere Buben
-und für andere Leute, und im nächsten Jahr, wenn die Ferien beginnen,
-wird er, wenn's möglich ist, wieder zum Bauern Klaus hinter die Berge
-gehen, dessen Brot zu genießen, dessen Arbeit zu teilen, dessen Sonne
-einzuheimsen und manch wackeres Wort.
-
-
-
-
-Nikolaus Schwarzkopf
-
-Maria vom Rheine
-
-Erzählung
-
-_Wilhelm Schäfer_ schreibt in den „Rheinlanden”: Ich preise dieses
-Buch als eine seltene Dichtung. Wenn einmal die Literaturgeschichte
-den Mut finden wird, auch in unserer grauenvollen Zeit nach Blüten zu
-suchen, wird diese Erzählung sicherlich einen der reizvollsten Funde
-darstellen. Ich muß gestehen, ein paarmal dachte ich an den herrlichen
-„Taugenichts” von Eichendorff, so bilderbunt und romantisch läuft diese
-Erzählung dahin, die von einem Steinbild an einer rheinischen Kirche
-ins Mittelalter abschwenkt, um mit dem Schicksal des Steinbildes wieder
-in der Gegenwart zu schließen.
-
-_Hans Benzmann_ in „Das neue Deutschland”: Es gibt Dichtungen, die so
-fein sind, die so in allem den Leser und seine Seele hinnehmen, ihn so
-im tiefsten beglücken, daß er nichts anderes über sie sagen mag: Lest
-alle sie, sie waren mir ein Erlebnis und schenkten mir ein vollkommenes
-Selbstvergessen, sie werden euch wie mir unvergeßlich sein.
-
-
-Georg Müller Verlag München
-
-
-
-
-Nikolaus Schwarzkopf
-
-Mathias Grünewald
-
-Ein Büchlein für Kinder Gottes
-
-Wie der Untertitel sagt: Kein Buch der Kunstwissenschaft oder
-der Kunstgeschichte, kein „gelehrtes Buch”, kein Buch für den
-„Kunstkenner”! Ein Buch vom Menschen und für den Menschen, ein Buch
-von der Seele, ein Buch der tiefinnersten Dinge, der positiven,
-gottfröhlichen Kindschaft, jenseits aller Konfessionalität. Wer dieses
-Büchlein gelesen hat, wer den Ueberschwang der göttlichen Malerseele
-des Meisters Mathias in sich verspürt, nachgefühlt, wer sich warm
-gelesen an diesen Flammenzeichen der einfachsten Gottesnähe in uns,
-tief in uns, dem wird der Meister und alle Kunst schlechthin ein neues
-Zeichen sein, die Schuhe zu lösen an diesem heiligen Ort. Der wird
-seiner Seele leichter folgen können, wenn sie zurückstrebt ins gelobte
-Land der Gotteskindschaft und Gottesnähe.
-
-
-Georg Müller Verlag München
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-Druck von Mänicke und Jahn in Rudolstadt
-
-
-
-
- +----------------------------------------------------------------+
- | Anmerkungen zur Transkription |
- | |
- | Inkonsistenzen wurden beibehalten, wenn beide Schreibweisen |
- | gebräuchlich waren, wie: |
- | |
- | allzusehr -- allzu sehr |
- | anderen -- andern |
- | ging's -- gings |
- | indes -- indeß |
- | soll's -- solls |
- | trottelt -- trottet |
- | über'n -- übern |
- | Weideplatz -- Weidplatz |
- | |
- | Interpunktion wurde ohne Erwähnung korrigiert. |
- | Im Text wurden folgende Änderungen vorgenommen: |
- | |
- | S. 7 „tiefgeleisigen” in „tiefgleisigen” geändert. |
- | S. 15 „mirs” in „mir's” geändert. |
- | S. 36 „wirs” in „wir's” geändert. |
- | S. 37 „allmorgentlich” in „allmorgendlich” geändert. |
- | S. 77 „im Schweiße ihres Ansichtes” in „im Schweiße ihres |
- | Angesichtes” geändert. |
- | S. 80 „neben aus dem Maul” in „eben aus dem Maul” geändert. |
- | S. 99 „allmorgentlich” in „allmorgendlich” geändert. |
- | S. 123 „wenns” in „wenn's” geändert. |
- | S. 138 „Henst” in „Hengst” geändert. |
- | S. 153 „auf den Kien” in „auf den Knien” geändert. |
- | S. 171 „allmorgentlichen” in „allmorgendlichen” geändert. |
- | S. 182 „hintenher” in „hinterher” geändert. |
- | S. 233 „nießen, nießte” in „niesen, nieste” geändert. |
- | S. 240 „nießen” in „niesen” geändert. |
- | S. 291 „aufgeschurft” in „aufgeschürft” geändert. |
- | mehrfach „A genoux” in „À genoux” geändert. |
- | |
- +----------------------------------------------------------------+
-
-
-
-
-
-End of the Project Gutenberg EBook of Riesele, by Nikolaus Schwarzkopf
-
-*** END OF THIS PROJECT GUTENBERG EBOOK RIESELE ***
-
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-
-<pre>
-
-The Project Gutenberg EBook of Riesele, by Nikolaus Schwarzkopf
-
-This eBook is for the use of anyone anywhere in the United States and most
-other parts of the world at no cost and with almost no restrictions
-whatsoever. You may copy it, give it away or re-use it under the terms of
-the Project Gutenberg License included with this eBook or online at
-www.gutenberg.org. If you are not located in the United States, you'll have
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-
-Title: Riesele
- Geschichte eines kleinen Pferdes
-
-Author: Nikolaus Schwarzkopf
-
-Release Date: August 16, 2020 [EBook #62943]
-
-Language: German
-
-Character set encoding: UTF-8
-
-*** START OF THIS PROJECT GUTENBERG EBOOK RIESELE ***
-
-
-
-
-Produced by Peter Becker and the Online Distributed
-Proofreading Team at https://www.pgdp.net
-
-
-
-
-
-
-</pre>
-
-
-
-<p class="center big140">Schwarzkopf/Riesele</p>
-
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-</div>
-
-
-
-<p class="pagebreak center big160">Nikolaus Schwarzkopf</p>
-
-
-
-
-<h1 class="nopagebreak">Riesele</h1>
-
-<p class="center big140">Geschichte eines kleinen Pferdes</p>
-
-<p class="center p6 big120">1920</p>
-
-<p class="center big120">Georg Müller Verlag München
-</p>
-
-
-
-<p class="pagebreak center p10">1. bis 3. Tausend</p>
-
-<p class="center">Copyright 1920 by Georg Müller Verlag A. G., München</p>
-
-<p><span class="pagenum"><a name="Seite_5" id="Seite_5">[S. 5]</a></span></p>
-
-
-<p class="pagebreak center p6 big140">
-Meinen beiden Buben<br />
-Friedemann und Klaus<br />
-</p>
-
-
-<p class="pagebreak"><span class="pagenum"><a name="Seite_7" id="Seite_7">[S. 7]</a></span></p>
-
-
-
-
-<h2>I</h2>
-
-
-<p>Trudel, die kleine, hochträchtige
-Stute, zog das mit frischem Gras
-beladene Wägelchen den tiefgleisigen
-Weg nach ihrem Stalle hinan,
-und der Bauer, der mit seinen drei
-Kindern oben auf dem Grase lag,
-sagte:</p>
-
-<p>„Sie hat nun Feierabend für ein paar
-Wochen: morgen oder übermorgen
-wird sie uns ein Füllen schenken!”</p>
-
-<p>Die Kinder, zwei Buben und ein
-Mädchen, hüpften aus Freude darüber
-von dem Wagen herab, und auch der
-Vater kletterte herunter, und alle vier
-sprangen sie an die Radachsen und drückten
-und schoben, daß Trudel nicht mehr
-zu ziehen brauchte und vor Freude laut
-aufwieherte.</p>
-
-<p>Aus dem Fenster der Wohnstube,<span class="pagenum"><a name="Seite_8" id="Seite_8">[S. 8]</a></span>
-grad überm Stalle, guckte die Bäuerin,
-die Mutter der Kinder, und rief:</p>
-
-<p>„Ist's Zeit für die Trudel, soll ich
-kommen?”</p>
-
-<p>Sie kam auch schon die hohe Steintreppe
-herabgesprungen, verlor den einen
-Holzschuh, stieß auch den anderen zur
-Treppe hinab und riß die Stalltür auf
-und rannte barfuß in die kleine Scheune,
-frisches Stroh zu holen.</p>
-
-<p>„Nur Geduld!” sprach der Bauer,
-„so eilt's wohl nicht, Katherin; ihr
-Weiber seid mir allzu ängstlich besorgt
-um euer schweren Stunden!”</p>
-
-<p>Hühner, dreißig an der Zahl, standen
-aus dem Sande auf, schüttelten den
-Staub aus den Federn und sahen neugierig
-und wie in Ehrfurcht zu der Stute
-hin, der bunte Hahn krähte einmal, eine
-Henne kam mit ihren zehn Küchlein aus
-den Halmen der Wiese, junge Enten, die
-im Wiesengraben plätscherten, wackelten
-mühselig an den Weg, und etliche
-schwere Gänse hüpften flatternd auf<span class="pagenum"><a name="Seite_9" id="Seite_9">[S. 9]</a></span>
-den Wagen, das frische Gras zu versuchen.</p>
-
-<p>Indessen wurde Trudel von acht rührigen
-Händen abgeschirrt, das kleine
-Mädchen legte seine Hand an des Tieres
-schwabbelige Lippen, und diese folgten
-dem Händchen in den weitgeöffneten
-Stall.</p>
-
-<p>Bärbel, die Kuh, deren Kalb, weil
-es ein vernaschtes Ding war, seitabgebunden
-an seinem Stricke riß, Bärbel,
-die Kuh, drehte den breiten Kopf nach
-der Trudel und schob zugleich das Hinterteil
-mit dem schweren Euter dem blökenden
-Kinde zu, das heftig einstieß.</p>
-
-<p>„Mamme, der Max sauft schon wieder!”
-rief der rothaarige August der
-Mutter zu, die mit einem Arm voll Stroh
-hereinkam in den Stall.</p>
-
-<p>„Laß ihn heut noch einmal saufen,
-den Nimmersatt, morgen ist er nicht
-mehr der Jüngste im Stall, da wird er
-sich schämen, so vernascht zu sein!”</p>
-
-<p>Sie zerknüllte das widerborstige<span class="pagenum"><a name="Seite_10" id="Seite_10">[S. 10]</a></span>
-Stroh und breitete es unter der Trudel
-aus, und zwei Zicklein hüpften um sie
-her, indem sie, einen Halm im Mäulchen,
-die überlangen Hinterbeine nach
-allen Seiten in der Luft umherwarfen.
-Auch Sapperlott, der Hasenvater, kam
-über die sauberen Pflastersteine des
-Stalles dahergehoppst, indes die alte
-Häsin hinten in ihrem verdrahteten Geburtskasten
-hockte und ihre Zitzen einer
-wimmelnden Kinderschar preisgab.
-Sapperlott hüpfte mitten hinein ins
-neue Stroh, die Bäuerin packte ihn im
-Genick und warf ihn dem kleinen Mädchen,
-das sich in die Krippe vor die
-Augen der Trudel gesetzt hatte, in den
-Schoß. Aber das Kind mochte den
-Alten nicht und setzte ihn hinter sich in
-die Krippe, und nun lief er langsam
-höckernd auf dem Stein zur Bärbel hinüber,
-die sich nicht um ihn kümmerte.</p>
-
-<p>Die Bäuerin putzte an dem Leib der
-Trudel herum, das Mädchen streichelte
-die lange Mähne glatt und versuchte,<span class="pagenum"><a name="Seite_11" id="Seite_11">[S. 11]</a></span>
-ein Zöpfchen zu flechten, August und
-Gustav schabten an der Stalltür Dreck
-von den Runkeln und warfen sie in die
-Futtermaschine. Mit dem Vater kamen
-die Hühner, alte und junge, angelockt
-vom frischen Stroh, und die Enten standen
-schräg hintereinandergereiht, wie
-das ihre Art ist, vor der Schwelle und
-wackten nach ihrem Abendessen.</p>
-
-<p>Auch die Sonne guckte in den Stall;
-sie schob ein Brett Licht, so breit wie
-die Tür, herein, das an der hinteren
-Wand sich emporstellte und, da es
-Abend war, bis an die Decke hinaufreichte,
-wo ein Schwalbennest klebte.
-Die Runkeln polterten in dem Kasten.</p>
-
-<p>Der Bauer brachte Gras herein, verteilte
-es an Kuh, Ziegen und Hasen
-und sagte zu seiner Frau:</p>
-
-<p>„Na los jetzt, wenn's Zeit ist, mach
-das Trinken für die Trudel und nimm
-Weizenkleie heut abend!”</p>
-
-<p>„Eine Mehlsuppe soll sie haben, Vatter!”</p>
-
-<p><span class="pagenum"><a name="Seite_12" id="Seite_12">[S. 12]</a></span>
-
-„Meintwegen, koch ihr eine Mehlsuppe!
-Los, Buben, 's Federvieh gefüttert!”</p>
-
-<p>Die Bäuerin wischte mit der Sackschürze
-dem Gäulchen über die glänzenden
-Schenkel, trat aus dem Stall,
-schlüpfte treppauf in die Holzschuhe und
-schlappte in die Küche, das Getränk zu
-kochen. Gustav warf oben von der Treppe
-herab Gerste und Mais in vollen
-Händen weithin, und das Federvieh
-schoß aus allen Winden drauf zu, laut
-und gierig, und auch der Hahn tat, als
-könne er nicht genug bekommen, obwohl
-er doch sonst gern den Anschein erweckte,
-daß er vom Winde lebe!</p>
-
-<p>Drüben aber in den Wiesen erging
-sich das Schwesterchen, tappte hierhin
-und dahin, sammelte sich die großsternigen
-Kuhblumen, die millionenhaft den
-Abhang überblühten, und das freundlich
-gelbe Scharbockskraut, dessen Blüten
-wie kleine Sonnen zerstrahlten. Einen
-ganzen Arm voll Gelb und Weiß stellte<span class="pagenum"><a name="Seite_13" id="Seite_13">[S. 13]</a></span>
-das Kind, das auch Trudel hieß, in
-sein Eimerchen, ließ an dem fließenden
-Quellrohr, in dessen Trog ein Entlein
-schwamm, Wasser ins Eimerchen laufen
-und hob die zarte Herrlichkeit ans
-Stallfenster hinauf, daß das junge Füllen,
-wenn es komme, gleich einen Gruß
-von ihr habe.</p>
-
-<p>Der Nachbar mähte die erste Blust
-seiner Wiesen vorm Hause ab, ein gelbweißer
-breiter Weg schob sich in die
-weißübertupfte Farbenpracht, und seine
-Kinder zogen aus dem niedergemähten
-Gras die Blumen heraus, weil sie nicht
-in die Wiesen treten durften.</p>
-
-<p>Trudelchen sprang zu ihnen hin und
-verkündete, daß heute nacht ein kleines
-Gäulchen ankommen werde.</p>
-
-<p>Die Mutter rief zum Essen, der Vater
-schloß die untere Stalltür, die Schwalben
-kamen heim, das Federvieh schlief,
-die Sonne schlief, die Blütenpracht
-ward überdunkelt, das Glöcklein des
-spitzen Kirchturmes bimmelte sich schläfrig,<span class="pagenum"><a name="Seite_14" id="Seite_14">[S. 14]</a></span>
-das Gras duftete, ein Kohlweißling
-flatterte übermüdet vorüber, da setzte
-sich die Familie ans Abendessen.</p>
-
-<p>Und dann sogleich wurden die Kinder
-ins Bett gesteckt.</p>
-
-<p>„Einen Fuchs gibt's!” sagte August
-leise.</p>
-
-<p>„Ein Schimmelchen!” entgegnete
-Gustav.</p>
-
-<p>„Ein Räppele!” lispelte Trudel.</p>
-
-<p>„Ruhig! Eingeschlafen!” flötete die
-Stimme der Mutter aus der Küche.</p>
-
-<p>„Wenn's ein Fuchs ist, muß es August
-heißen!” hub August wieder an.</p>
-
-<p>„Gustav muß es heißen ...”</p>
-
-<p>„Wenn's ein Fuchs ist?”</p>
-
-<p>Trudel kicherte:</p>
-
-<p>„Ein Räppele, nun ja, wie heißt's
-denn dann?”</p>
-
-<p>„Räppele!” antwortete Gustav.</p>
-
-<p>„Aber wie wird denn das große R
-gemacht?”</p>
-
-<p>„Ruhig! Eingeschlafen!” rief der
-Vater.</p>
-
-<p><span class="pagenum"><a name="Seite_15" id="Seite_15">[S. 15]</a></span>
-
-Im Kirchtürmlein schlugs langsam
-zehn; so langsam, daß man darüber ein-
-und ausschlafen konnte. Dann fing auch
-das fleißige Lieschen an und schnurrte
-eilig und abgearbeitet seine zehn herunter.</p>
-
-<p>„Ein Schimmel?” flüsterte Gustav.</p>
-
-<p>„Ruhig! Eingeschlafen!” rief ebenso
-heftig Trudel.</p>
-
-<p>Und dann lispelte auch sie wieder:</p>
-
-<p>„Das große R, August, darf ich
-zu dir kommen, willst du mir's zeigen?”</p>
-
-<p>„Vater kommt!” stieß Gustav hervor
-und schlief ein.</p>
-
-<p>Die Eltern gingen im Nachbarzimmer
-zu Bett.</p>
-
-<p>„Mutter”, rief Trudel, „das große R,
-wie wird denn das gemacht?”</p>
-
-<p>„Schlaf!” sagte der Vater, „die Mutter
-schläft schon!”</p>
-
-<p>Gustav und August schliefen, und der
-eine schnarchte laut.</p>
-
-<p>„Vater”, fing nach einer Weile Trudelchen<span class="pagenum"><a name="Seite_16" id="Seite_16">[S. 16]</a></span>
-wieder an, „Vater, wie wird
-das große R gemacht?”</p>
-
-<p>„Ruhig!” antwortete jetzt die Mutter,
-„der Vater schläft!”</p>
-
-<p>Da hatte das Kind etwas anderes
-zu denken ... und schlief ein.</p>
-
-<p>Jenseits vom Wiesentälchen im Birkenschlag
-sang eine Nachtigall; sie und
-die Bäuerin wachten in der Nacht, da
-das Gäulchen zur Welt kam. Als der
-Bauer des Morgens in den Stall trat,
-stand das kleine Gäulchen auf den weitgespreizten
-vier Beinen im Stroh und
-ließ sich behaglich von seiner Mutter
-lecken.</p>
-
-<p>Ein Räppchen war's, ganz schwarz,
-und nur auf seiner Stirn war ein weißer
-Fleck, allerliebst anzusehen und gar gefällig
-und kleidsam!</p>
-
-<p>Die Bäuerin holte ihr Mädchen aus
-dem Bett, die beiden Buben sprangen
-in ihren Hemdchen hinterdrein, und das
-Füllen streckte seinen nassen, großen,
-eckigen Kopf von dem Halse der Mutter<span class="pagenum"><a name="Seite_17" id="Seite_17">[S. 17]</a></span>
-weg, den Kindern entgegen, und das
-Schwesterchen ließ den Daumen im
-Mäulchen, ließ den Arm um Ihrer
-Mutter Halse liegen und blinzelte durch
-die schweren Lider, als sei es recht von
-dem Ankömmling enttäuscht. Die Buben
-tätschelten schon an ihm herum,
-worüber die Pferdemutter sehr erfreut
-war und ihre Augen aus dem Duster
-des Morgens leuchten ließ.</p>
-
-<p>Die Mutter nahm des Tierleins
-Kopf, schob ihn an der Pferdemutter
-Zitzen, und sogleich begann der kleine
-Gaulmann wacker zu saugen. Unendlich
-zärtlich bog die Alte ihren Kopf nach
-ihrem Jungen herab und zurück, daß die
-Mähne die Augen verdeckte, leckte, leckte
-und hob das rechte Hinterbein, daß das
-Junge recht bequem sein Erdendasein
-beginne! Dann schob sie den Kopf wieder
-hochauf, spitzte die Ohren, hälmelte
-an dem Gras oben in den Raufen und
-sah wieder zurück, hob mit den schwabbeligen
-Lippen ein Bündel Heu auf und<span class="pagenum"><a name="Seite_18" id="Seite_18">[S. 18]</a></span>
-putzte damit an dem Kleinen. Dieses
-ließ sich, als es sich vollgesoffen hatte,
-genau wie die großen Gäule auf die
-Vorderknie nieder und dann zurückplumpsen
-ins Stroh, und sogleich legte
-sich auch die Mutter nebendran und
-leckte weiter.</p>
-
-<p>Die Bauern der Nachbarschaft kamen
-am selben Morgen, die Bäuerinnen
-kamen und auch der Herr Pfarrer kam,
-den Säugling zu sehen. Er kannte Trudel,
-die Mutter, sehr gut: sie hatte ihn
-schon oft übers Gebirg gezogen in die
-Filialorte, wenn Glatteis war, sie hatte
-ihn schon oft bei Regenwetter vom
-Bahnhof des Städtchens abgeholt!
-Was sollte er sie in ihrem Wochenbett
-nicht einmal heimsuchen?</p>
-
-<p>Er war ein sehr großer Mann, der
-Herr Pfarrer, und als er in die Stalltür
-trat, mußte er sich bücken. Der Bauer,
-ängstlich besorgt, der Herr Pfarrer könne
-trotzdem den Kopf an die Oberschwelle
-stoßen, legte vertraut, wie er mit ihm<span class="pagenum"><a name="Seite_19" id="Seite_19">[S. 19]</a></span>
-war, die Hand auf des Herren Schulter
-und sagte:</p>
-
-<p>„Herr Paschtohr, geben Sie acht, daß
-Sie Ihren Grind nit anstoßen!”</p>
-
-<p>„Schon gut,” entgegnete der Pfarrer
-und dachte: Grind bräucht er grad nit
-zu sagen; na, es ist aber mal so auf dem
-Land, 's ist nit bös gemeint!</p>
-
-<p>Der Pfarrer freute sich gern und
-freute sich über das Tierlein und über
-die Mutter, doch war es ihm nicht
-vergönnt, einen Aerger zu verschlucken,
-als der Bauer den eckigen Kopf des
-Säuglings überaus zärtlich untern
-Arm nahm, ihn, den Pfarrer, glücklich
-wie ein Vater angrinste und
-sagte:</p>
-
-<p>„Gucke Sie doch, Herr Paschtohr,
-was ein goldiges Köpfle!”</p>
-
-<p>„Allerliebst!” antwortete der Pfarrer,
-aber er dachte bei sich: sein Vieh hat ein
-Köpfle, ich, sein Pfarrer, hab nur einen
-Grind!</p>
-
-<p>„Segen ist in der Liebe zum Getier,<span class="pagenum"><a name="Seite_20" id="Seite_20">[S. 20]</a></span>
-nicht wahr, wie in aller Liebe?” sprach
-der Bauer, und:</p>
-
-<p>„Wie in aller Liebe!” wiederholte
-der Pfarrer und fügte hinzu:</p>
-
-<p>„Und der liebe Gott gesegnet's einem
-mehr und sichtbarlicher, wenn man sich
-weniger zu den Menschen wendet und
-mehr zum Getier und zu den Blumen,
-zu den Bäumen, selbst zu dem harten
-Gestein! Hat das etwa keine Ursache,
-Vetter Klaus?”</p>
-
-<p>„Das hat wohl seine Ursache, Herr
-Pfarrer, wie alles in der Welt, und
-Sie wissen es wahrlich besser als ich!”</p>
-
-<p>„Warum sollte ich es besser wissen,
-Vetter Klaus? Ich schlage mich im
-Schatten mit den Menschen herum und
-mit ihren dunklen Leidenschaften, und
-Sie, Vetter Klaus, Sie leben und weben
-im Sonnenlicht, am Herzen der Natur,
-die noch weit mehr das Quellrohr
-Gottes ist als wir Menschen, die wir
-uns in schnöder Ueberschätzung Ebenbilder
-Gottes nennen!”</p>
-
-<p><span class="pagenum"><a name="Seite_21" id="Seite_21">[S. 21]</a></span>
-
-„Hat sich etwa die Stammutter der
-Pferde im Paradies vergangen? Hat
-sie von einem verbotenen Apfel gegessen?”</p>
-
-<p>„Vetter Klaus, Vetter Klaus, ich
-weiß ganz gut, wohinaus er will, ich
-kenne meine Pfarrkinder nur zu gut; aber
-wisse er: wenn der liebe Gott den übrigen
-Geschöpfen keinen verbotenen
-Baum in den alltäglichen Weg gestellt
-hat, so wußte er genau, was er tat!”</p>
-
-<p>„Sonst wär er nicht Gott!”</p>
-
-<p>„Ganz recht, Vetter Klaus, sonst wär
-er nicht Gott! Aber die Erkenntnis, mit
-der er uns Menschen ausgestattet
-hat, &mdash; &mdash;”</p>
-
-<p>„Die hat er den Tieren, die er mehr
-liebte und mehr liebt, erspart!” warf
-der Bauer ein.</p>
-
-<p>„Oho! Vetter Klaus!” rief der Pfarrer,
-jedoch der Bauer fuhr fort:</p>
-
-<p>„Sagten Sie nicht selbst schon auf
-der Sonntagskanzel, daß die Erkenntnis,
-die den Menschen gegeben sei, daß<span class="pagenum"><a name="Seite_22" id="Seite_22">[S. 22]</a></span>
-dieser Knochen, der den Menschen vorgeworfen
-wurde, eben nichts Halbes
-und nichts Ganzes ist, eben, daß er ein
-wirklicher Fluch ist?”</p>
-
-<p>„Vetter Klaus: Erkenntnis sei ein
-Fluch?!”</p>
-
-<p>„Ha, ich habe aus Euren Predigten,
-Herr Paschtohr, schon etwas gelernt:
-und man macht sich hinterm Pflug so
-seine eigenen Gedanken!”</p>
-
-<p>Er nahm des Füllen Kopf an seine
-Brust, hob den überaus langen Schweif
-der Stute hoch und trocknete damit an
-dem Füllen herum. Der Pfarrer nahm
-eine Prise, hielt auch dem Bauern die
-Dose hin und sagte freundlich lächelnd:</p>
-
-<p>„Lieber Vetter Klaus, ich habe
-stets das unverdorbene Urteil des gesunden,
-unverbildeten Bauernverstandes
-zu schätzen gewußt und bin gerade
-deshalb Bauernpfarrer geworden!
-Lassen Sie mich das so sagen, wie ich
-es sage: Einst ist in einem Stalle ein
-Kindlein auf die Welt gekommen, und<span class="pagenum"><a name="Seite_23" id="Seite_23">[S. 23]</a></span>
-das war Gott. Es lebte, auch da es
-schon Mann war, fröhlich wie Ihr in
-den Tag hinein, fröhlich wie Ihr und
-die Vögel des Himmels und die Lilien
-des Feldes und tat sonst nichts, als daß
-es seinen Mitmenschen vom himmlischen
-Vater erzählte. Nicht viel anders
-erzählte es, als wie die Vögel erzählen
-und die Blumen, das Wasser, das Gras,
-Dein Vieh und ganz unmittelbar das
-kleine Füllen, das eben erst seiner Schöpferhand
-entsprossen.”</p>
-
-<p>„Ja, und ich selbst, und wir selbst?”
-warf der Bauer ein, und der Pfarrer
-fuhr fort:</p>
-
-<p>„Die Menschen freilich sind ohne
-Gott, haben seine Worte vielfältig
-umgemünzt zu ihren verbrecherischen
-Zwecken, verstehen auch die Natur nicht
-mehr, das Göttliche in der Natur und
-im eigenen kindlichen Herzen und haben
-sich immer weiter von Gott entfernt,
-den sie nunmehr mit ihrem Verstand zu
-erforschen suchen gleich der Urkraft in<span class="pagenum"><a name="Seite_24" id="Seite_24">[S. 24]</a></span>
-der Zelle, anstatt ihn mit ihrem Herzen
-zu lieben! Immer ärmer, immer unglücklicher!
-Schier des Teufels!”</p>
-
-<p>„Darf ich etwas fragen, Herr Paschtohr?”</p>
-
-<p>„Aber freilich”, entgegnete der Pfarrer
-neugierig und stolz.</p>
-
-<p>„Ist Ihnen diese Meinung eben erst
-in meinem Stall gekommen, will sagen:
-in einem Stall? Wie sich's gehörte?”</p>
-
-<p>„Wie sich's gehörte, sagt Ihr und
-wollt sagen: daß die echte Erkenntnis
-im Stall geboren wird, dieses kleine
-göttliche Kindlein der Menschenseele
-... Ja, Vetter Klaus, hier in Deinem
-Stall!”</p>
-
-<p>Der Pfarrer deutete in fröhlich hohem
-Schwung den Wiesen zu, dem Wäldchen,
-den Hügelwellen, die leise zu
-schwingen schienen, der Sonne und den
-Wolken ...</p>
-
-<p>„Sagen Sie es doch so, Herr Paschtohr:
-in Eurem Paradies, Vetter
-Klaus!”</p>
-
-<p><span class="pagenum"><a name="Seite_25" id="Seite_25">[S. 25]</a></span>
-
-„Ganz recht: in unserem Paradies,
-Vetter Klaus!”</p>
-
-<p>Trudel, das Mädchen, kam mit fliegenden
-Haaren und fliegenden Tafelschwämmen
-den Weg hergesprungen
-und schrie schon von weitem:</p>
-
-<p>„Ich kann's, Vater, ich kann's!”</p>
-
-<p>„Was denn, was kannst denn?”</p>
-
-<p>„Das große R!”</p>
-
-<p>Es ließ seine Bücher fallen, behielt
-nur die Tafel in den Händen, blieb
-einen Augenblick stehen und wischte
-mit dem Zeigefinger gar fürsorglich
-und rannte dann um so rascher zum
-Vater. Auf der Tafel stand, von des
-Lehrers Hand geschrieben, das Wort
-„Räppchen”, und darunter stand das
-Wort von Trudels Hand ungelenk
-nachgemalt.</p>
-
-<p>Der Pfarrer ließ sich die Tafel geben
-und sagte zu dem Bauern:</p>
-
-<p>„Sehn Sie doch, Vetter, wie die
-Menschen von Anbeginn gierig sind
-nach ihrem Fluch!”</p>
-
-<p><span class="pagenum"><a name="Seite_26" id="Seite_26">[S. 26]</a></span>
-
-„Sie sind es in der Tat: der Teufel
-hol mir alle seine Schulmeister!”</p>
-
-<p>„Und alle seine Pfaffen dazu!” lachte
-der Pfarrer und ging quer über die gemähte
-Wiese des Nachbars davon.</p>
-
-<hr class="chap" />
-
-<p class="pagebreak"><span class="pagenum"><a name="Seite_27" id="Seite_27">[S. 27]</a></span></p>
-
-
-
-
-<h2>II</h2>
-
-
-<p>Als das Räppchen zum ersten Mal
-aus dem Stall gehen durfte, rannte
-es unter den Händen der drei Kinder
-davon, feuerte aus, wie wenn es toll
-wäre, und die Hühner stoben auseinander,
-die Gluck sträubte das Gefieder,
-die Enten ordneten sich schräg hintereinander
-und guckten in die Höhe, und
-nur die Gänse gingen vorgestreckten
-Halses beherzt auf den Fremdling los,
-ihn mit ihren sägig bewehrten Schnäbeln
-zu beißen und zu vertreiben. Jedoch
-das Räppchen achtete nicht ihrer
-Waffen, hüpfte weiter und blieb erst
-stehen, wo kein Huhn und keine Gans
-mehr stand, und turnte da einmal recht
-kräftig auf seine Vorderbeine, um mit
-den dickknochigen Hinterbeinen gehörig
-auszufeuern und gleichsam die ganze<span class="pagenum"><a name="Seite_28" id="Seite_28">[S. 28]</a></span>
-Flatterschar keck zum Kampf herauszufordern.</p>
-
-<p>Da es eine Pause machte und um sich
-guckte, ob vielleicht Gegner auf die Walstatt
-gefolgt seien, drehte sich der Hahn
-seitab und krähte einmal ins Birkenwäldchen,
-als ginge ihn dieser Bramarbas
-herzlich wenig an. Die Gänse streckten
-die Schnäbel zusammen und schnatterten,
-was sie gesehen, und machten sich
-lustig über den Tollpatsch, und nur die
-Enten kamen gutmütig, wie sie sind, seitlich
-am Rande der Wiese entlang auf
-das Räppchen zugewackelt, sagten aber
-nichts.</p>
-
-<p>Auch die drei Kinder kamen, schnalzten
-mit den Zungen, hielten die Hände
-vor und rieben die Daumen auf den Zeigefingern.
-Das Räppchen blieb stehen, bis
-die Kinder nur noch einen Schritt entfernt
-waren, dann warf es sich behend
-herum und raste davon. Die kleine Trudel
-begann zu weinen, und aus dem
-Stall erscholl das klagende Wiehern<span class="pagenum"><a name="Seite_29" id="Seite_29">[S. 29]</a></span>
-der anderen Trudel, aber das Räppchen
-achtete auf nichts und lief immer weiter,
-ins Dorf hinein.</p>
-
-<p>Die Bauern traten in die Türen und
-sahen ihm nach, die Bäuerinnen kamen
-mit ihren Kochlöffeln gelaufen, alle
-Kinder eilten herzu, das Füllen einzufangen.</p>
-
-<p>Er, der Säugling, konnte der Meute
-der Jugend nicht weiter entfliehen und
-ergab sich schließlich, wieherte und
-streckte den zahnlosen Mund in die Luft
-und schweifte das dünne Schwänzchen
-hin und her, bis es von einer kleinen
-Hand festgehalten wurde. Die Mähne,
-die wie ein Besen in die Höhe starrte,
-ward von Kinderhänden überstreichelt
-bis tief in den Rücken. Auch die beiden
-Ohren wurden festgehalten und die zierlichen
-Hufe, die Lippen, die Mähne, und
-schier wäre das ganze Kerlchen von
-Kinderhänden überdeckt worden, hätte
-das Räppchen nicht durch einen heftigen
-Ruck sich selber befreien können. Da<span class="pagenum"><a name="Seite_30" id="Seite_30">[S. 30]</a></span>
-stand gerade die kleine Trudel vor ihm,
-und diese Trudel durfte ihm über die
-Augen fahren und an die weiße Stirn.
-Mit ihr ging das Räppchen auch wieder
-heimzu, und die Kinder des Dorfes
-strömten mit an den Stall und drangen
-bis in den Stall hinein, und Katherin,
-die Bäuerin, hatte ihre liebe Not mit
-ihnen, sie wieder hinaus zu bringen.</p>
-
-<p>Als der Bauer mit Bärbel, der Kuh,
-die den kleinen Pferdewagen an der
-Stirn hängen hatte, gemächlich, wie es
-einem Kuhfuhrwerk zukommt, den Weg
-herauftrottete, saßen noch einige auf der
-Stallschwelle und betrachteten das
-kleine Füllen mit seiner Mutter, denn
-junge Pferde gab's nicht alle Tage, und
-zudem solch ein kleines war noch nicht
-gesehen worden im Dorf und nicht im
-Tal.</p>
-
-<p>Der Bauer war beinah böse: er wollte
-den kleinen Mann so früh nicht auf die
-Gasse schicken, nun er seinen ersten Ausflug
-doch gemacht hatte, mäßigte er<span class="pagenum"><a name="Seite_31" id="Seite_31">[S. 31]</a></span>
-seinen Groll, da er wußte, wie die gute
-Mutter dem Drängen der Buben nicht
-hatte widerstehen können ... Er holte
-sich das Tierlein heraus in die Sonne,
-hob zärtlich den einen der zierlichen Hufe
-und so auch die anderen, und da er nicht
-erkennen konnte, daß das junge Horn
-sich allzu sehr abgenutzt hatte, gab er
-dem Räppchen einen gelinden Stoß auf
-die schmalen Backen und jagte es in den
-Stall zur Mutter. Sofort stürzte sich
-der kleine Ausreißer gegen den Leib der
-Alten, soff sich voll und ließ sich hinplumpsen,
-um sogleich einzuschlafen.</p>
-
-<p>Sapperlott, der Hasenvater, kam ganz
-nahe an seinen Hinterhuf herangehopst,
-als wolle er jetzt schon einmal
-prüfen, welch tückische Macht ihm den
-Aufenthalt in dem ruhigen, viel zu ruhigen
-Stall vielleicht verleiden könne!
-Er wagte sich sehr nahe an den kleinen,
-kindlich harmlosen Huf heran, er zog sogar
-die Oberlippe faltig in die Höhe, er
-streckte selbst das Zünglein zwischen den<span class="pagenum"><a name="Seite_32" id="Seite_32">[S. 32]</a></span>
-spitzen Zähnen hervor, ließ die langen
-Schnurrhaare über das Horn gleiten
-und drehte sich schließlich ohne jeden
-Grund davon weg, um eiligst nach seinem
-Drahtgitter zu hüpfen. Daselbst,
-so mochte es scheinen, erzählte er das
-Ergebnis der Untersuchung seiner Häsin
-und seiner Jungmannschaft, denn alle
-krabbelten plötzlich ans Gitter und
-staunten nach dem winzigen Pferdehuf,
-der gelb wie ein Fetzen Maibutter neben
-der dunklen Lende lag. „Keine Gefahr,
-keine Gefahr!” Die Schwalben flogen
-eifrig aus und ein; plötzlich erschallte
-aus dem Nest ein heftiges Gezwitscher
-und verstummte. Der Hasenvater schien
-auch jetzt den Seinen etwas zu sagen,
-denn alle hoben wie auf seinen Wink
-die Augen von dem harmlosen Hufe weg
-und hinauf an den Querbalken, wo das
-Nest klebte. Auch das Räppchen regte
-den Kopf, als störe ihn das Gezwitscher
-der jungen Schwalben, oder aber als
-errege es seine besondere Freude.</p>
-
-<p><span class="pagenum"><a name="Seite_33" id="Seite_33">[S. 33]</a></span>
-
-Am Nachmittag kam Trudel, das
-Mädchen, aus der Schule und hatte an
-der Stirn einen großen Kreidefleck, den
-es wie ein Aschermittwochmal ängstlich
-hütete. Es stellte sich vor sein Räppchen
-und sagte:</p>
-
-<p>„Guck, das hat mir mein Lehrer gemacht!”</p>
-
-<p>Sie trug aber ein Stückchen Kreide
-in der Hand und machte nun dem
-Mutterpferd auch eine Blesse, dann
-Sapperlott, dem Hasenvater, der in der
-Reife seiner Jahre geduldig standhielt,
-dann den jungen Geislein, die noch
-keine Hörner hatten, dann der Stalltür
-und den zwölf Steinstufen der hohen
-Treppe, der Haustür, dem Küchentisch
-und schließlich gar den eisernen Kochhäfen,
-die in Reih und Glied hochangefüllt
-mit Kartoffeln auf dem kalten
-Herde standen. Und über jeden Fleck
-malte Trudel ein großes R.</p>
-
-<p>Als die Mutter aus dem Garten, der
-hinterm Hause lag, hervorkam, um den<span class="pagenum"><a name="Seite_34" id="Seite_34">[S. 34]</a></span>
-Herd zu heizen, sah sie, was ihr Mädchen
-gemacht hatte, und da sie eine
-rechte Kindsmutter war, lachte sie über
-den sinnigen Unsinn und ließ sich selber
-eine Blesse auf die Stirn malen. Bald
-qualmten die Kartoffelhäfen, und der
-Schwarm des Dampfes stieg überm
-Herde auf, an der dunklen Decke hin,
-vorüber an der Mückenleimampel, die
-da pendelte, und hinaus durchs offene
-Fenster.</p>
-
-<p>Es geschah, daß die Buben und alle
-Buben des Dörfchens mit dem Namen
-Räppchen nicht mehr zufrieden waren
-und sich auf einen anderen Namen besannen.
-Während der Pausen auf dem
-Schulhof, während man im Badloch
-zu schwimmen versuchte, plätscherte
-man eifrig die schönsten Namen übers
-Wasser hin, und Trudel, das Kind,
-hatte seine liebe Not! Es wollte sein
-Gäulchen „Richard” nennen, „Richardele”,
-aber die Buben spotteten und
-hörten sie nicht einmal an!</p>
-
-<p><span class="pagenum"><a name="Seite_35" id="Seite_35">[S. 35]</a></span>
-
-Da standen sie wieder beisammen,
-die Herrn Buben, standen mit ihren
-Reifen im Stall und waren keine Minute
-mehr zurückzuhalten, die Gassenbuben!</p>
-
-<p>„Na Trudelein,” sagte der eine, „solls
-Räppchen immer noch Richardele heißen?”
-und er lachte, und alle Buben
-lachten mit ihm.</p>
-
-<p>„Weißt,” sprach August, „ein schwarzer
-Gaul kann nicht Richard heißen!”</p>
-
-<p>„Warum denn nicht?” fragte sie dagegen,
-„warum denn nicht?” Und sie
-nahm ihr Däumchen in den Mund und
-schmollte.</p>
-
-<p>„Und dann, Trudel, das mußt du
-verstehen, das verstehst du aber noch
-nicht,” so sagte ein anderer, der an einer
-gelben Rübe kaute, „Richard ist doch
-ein Bubenname!”</p>
-
-<p>Alle lachten sie frech, und Trudel
-weinte laut heraus.</p>
-
-<p>„Besinn dich halt auf etwas Besseres!”</p>
-
-<p><span class="pagenum"><a name="Seite_36" id="Seite_36">[S. 36]</a></span>
-
-„Wir können das Räppchen doch
-auch nicht Riese Goliath nennen!”
-meinte August, und Gustav entgegnete:</p>
-
-<p>„Auch Siegfried sollen wir's nicht
-nennen, da kann sie den großen S nicht
-machen und kommt wieder gelaufen!”</p>
-
-<p>„Doch, ich weiß!” warf Trudel jetzt
-hin, „Riese Goliath heißen wir's!”</p>
-
-<p>„Das sind ja zwei Namen, einer
-genügt!”</p>
-
-<p>„Gut!” entschied Gustav, „nennen
-wir's Riese!”</p>
-
-<p>Sie lachten schon wieder, aber Trudel
-griff den Namen herzhaft auf und rief
-ein übers andere Mal:</p>
-
-<p>„Riese heißt es, Riesele, Riesele!”</p>
-
-<p>„Riesele!” schrien die Buben, „Rieselein,
-der kleine Gernegroß!” und sie
-trieben ihre Reifen an und rasten mit
-dem Namen davon, die Wegspur hinunter.
-Trudel aber holte am Brunnen
-eine Handvoll Wasser, trug sie fürsorglich
-in den Stall, goß sie dem Gäulchen<span class="pagenum"><a name="Seite_37" id="Seite_37">[S. 37]</a></span>
-übern Kopf und sagte immerzu: „Riesele,
-Riesele!”</p>
-
-<p>Alle Welt war mit dem Namen einverstanden,
-und das Füllchen Riesele
-ward der Freund und Genosse der ganzen
-Dorfjugend und die stille Freude
-aller Erwachsenen.</p>
-
-<p>Es lief im Dorf umher, auf den Straßen,
-in den Bauernhöfen, über die Wiesen,
-selbst über die Felder durfte es
-laufen, und niemand verwehrte es ihm.
-Junge Rinder und Kälber, die des
-Morgens in großen Scharen auf die
-gemeinsame Weide getrieben wurden,
-ließen stillschweigend geschehen, daß
-das Gäulchen sich ihnen anschloß und
-mitlief, ließen geschehen, daß das Gäulchen,
-das freilich viel wilder war als
-die Kälber, die großen Rinder, die schon
-fast ausgewachsen waren und schon
-fast eingespannt werden konnten, anrannte
-und seinen Kopf in ihre Lenden
-stieß, als wenn es saufen wollte!</p>
-
-<p>Die Gänse, die auch allmorgendlich<span class="pagenum"><a name="Seite_38" id="Seite_38">[S. 38]</a></span>
-gemeinsam auf die Weide auszogen,
-die Gänse mußten stets gewärtig sein,
-daß ihre Unterhaltungen während des
-Ausmarsches oder während der Heimkehr
-plötzlich aus einem Hof heraus
-von dem Riesele gestört wurden. Zwar
-fürchteten sich die Gänse keineswegs,
-rannten auch nicht davon, wenn der
-Wildfang angetrippelt kam, aber da es
-doch unliebsam war, mitten im Gespräch
-auseinandergerupft zu werden,
-so haßten die Gänse das Riesele heimlich,
-und immer wieder konnte man
-wahrnehmen, wie einige ihrer beherztesten
-die Schnäbel hoben, schnatterten,
-sogar laut krischen und dem Störenfried
-an die Beine wollten.</p>
-
-<p>Auch die Schweine grunzten des
-Morgens, wenn Rinder und Gänse fort
-waren auf ihrem gemeinsamen Weideplatz,
-und der Hirt, ein verlorener Sohn
-aus Nirgendwo, war ein guter Mensch
-von Anbeginn und konnte das Riesele
-recht leiden, weil es ein so sauberes,<span class="pagenum"><a name="Seite_39" id="Seite_39">[S. 39]</a></span>
-freundliches Kerlchen war. Zwar die
-Schweine gewöhnten sich nicht an die
-Freiheit des Gäulchens, verstanden sie
-nicht und verziehen sie deshalb auch
-nicht und stoben immer wieder verscheucht
-auseinander, wenn sie es nur
-von ferne trappeln hörten.</p>
-
-<hr class="chap" />
-
-<p class="pagebreak"><span class="pagenum"><a name="Seite_40" id="Seite_40">[S. 40]</a></span></p>
-
-
-
-
-<h2>III</h2>
-
-
-<p>Natürlich stürmte es auch in den
-Schulhof, denn Kinder waren ja
-seine besten Freunde, und es war ja selber
-ein Kind! Die dreiunddreißig Schüler
-der kleinen Dorfschule brauchten den
-Freund nicht zu fürchten, brauchten
-auch nicht neidisch zu sein seiner Zartheit
-und Sauberkeit wegen und hegten
-keinerlei schlimme Absichten gegen den
-ausgelassenen Gassenbuben, es sei denn,
-daß sie ihn für die paar Schulstunden,
-die sie an Freiheit weniger hatten, doch
-leise beneideten. Sie hörten das Gäulchen
-an den Fenstern des Schulsaales
-vorüberspringen und durften nicht mit
-hinaus; sie sahen es am Abhang der
-Schulwiese grasen und durften nicht
-hinaus; sie hörten aus dem Birkenwäldchen
-sein tolles Wiehern, und sie<span class="pagenum"><a name="Seite_41" id="Seite_41">[S. 41]</a></span>
-durften nicht einmal „Riesele” rufen!
-Da mußten sie hocken und lesen, rechnen,
-rechteckige Aecker zeichnen und ausrechnen,
-was, wenn ein Quadratmeter
-eine Mark und siebenundzwanzig Pfennig
-koste, was der ganze Acker wert sei!
-Anstatt mit dem Riesele drüber hin zu
-rennen über den Acker! Da mußten sie
-Quadratwurzeln ausziehen, und niemand
-wußte, wozu, da doch Quadratwurzeln
-auf keinem Acker wuchsen, kein
-Unkraut waren und auch kein Kraut
-und was also denn eigentlich? Da mußten
-sie die Preußenkönige kompagnienweise
-vorreiten können und genau die
-Spanne Zeit abgrenzen können, die
-einem jeden von ihnen und ausschließlich
-diesem ihre militärische Größe verdankt
-und ausschließlich ihre militärische
-Größe, weil es offenbar eine andere
-nicht gibt!</p>
-
-<p>Und draußen im Sonnenschein verjubelte
-das Riesele seine Jugendkraft
-und durfte anstellen, was es wollte!</p>
-
-<p><span class="pagenum"><a name="Seite_42" id="Seite_42">[S. 42]</a></span>
-
-Aber der Herr Lehrer, obgleich er ein
-Preußenfreund war, war doch kein
-Ungerader! War doch so kein ganz Ungerader!</p>
-
-<p>Es kam einmal vor, daß das Riesele
-in seinem Uebermut ins Schulhaus
-stürmte, über die vier Treppenstufen
-kletterte und den Hausgang betrappelte.
-Das hörten Lehrer und Schüler! Da
-blieb weder Lehrer noch Schüler auf
-dem Platz: dies Getrommel auf den
-Steinplatten des Hausganges zertrampelte
-alle Wissenschaft, weil es ein
-Stückchen Kinderweisheit war: der
-Preußenkönig flog in die Ecke, die Quadratwurzel
-trieb Schößlinge aus dem
-Acker, dessen Quadratmeter so schrecklich
-teuer war, ... und der Herr Lehrer
-sprang vom Pulte auf, schnitt munter,
-schalkhaft lächelnd mit den beiden heftig
-ausfahrenden Händen die Unruhe entzwei,
-daß die Kinder wieder auf die
-Sitze herabsanken und ging auf den
-Zehen an die Tür und hob leise die<span class="pagenum"><a name="Seite_43" id="Seite_43">[S. 43]</a></span>
-Klinke aus der Nase. Und wahrlich:
-das Riesele stieß die Tür mit dem Maule
-auf, daß sie zurückknallte wider den
-Schrank.</p>
-
-<p>Da stand es nun, das Riesele, die
-buttergelben Vorderhufchen auf der
-Schulschwelle, und blieb stehen! Kam
-nicht näher in den Saal, kam nicht in
-den Saal herein! Alle Kinder standen,
-standen gar auf den Bänken, hielten dem
-Gäulchen ihr Brot hin, riefen, kosten, &mdash;
-allein, es kam nicht näher. Es drehte
-einmal den Kopf zur Seite, als wolle
-es den Herrn Lehrer sehen, den es offenbar
-fürchtete, allein, der Lehrer hielt sich
-vielleicht aus sicherer Kenntnis elementar
-fühlender Seelen hinter dem schwarzen
-Ofen verborgen! Er stieß den Zeigefinger
-vor, deutete auf das Trudelchen,
-das Kind solle von seinem Platz aufstehen,
-hervortreten und das Riesele
-hereinholen. Aber Trudel getraute sich
-nicht, und da die Buben wild wurden
-und jeder das Pferdchen holen wollte,<span class="pagenum"><a name="Seite_44" id="Seite_44">[S. 44]</a></span>
-streckte dieses seine Nase weit vor, wie
-wenn es niesen wolle, nieste wirklich und
-nahm Reißaus! Die ganze Klasse aber
-stürmte hinterdrein, und für diesen Tag
-war die Schule aus.</p>
-
-<p>„Ganz recht, Riesele!” sagte der
-Lehrer, als er sein preußisches Geschichtsbuch
-ins Pult einschloß, „unsere
-Weisheit ist keine Einfalt mehr
-und deshalb keine Weisheit mehr!
-Wer weise werden will, der muß uns
-fliehen!”</p>
-
-<p>Am nächsten Morgen erzählte der
-Pfarrer den Kindern von dem kleinen
-David und dem Riesen Goliath. Er erzählte
-da, wie der kleine David als Hirtenbub
-auf den Bergwiesen sich umhertrieb,
-wie's just eben das Riesele tue, wie
-er aber doch emsiger gewesen sei als das
-Riesele, wie er gelernt habe, die Harfe
-spielen, wie er selber neue Lieder gesungen
-habe aus seinem Herzen heraus:
-Lieder, wie sie vor ihm und nach ihm
-kein Mensch mehr habe singen können,<span class="pagenum"><a name="Seite_45" id="Seite_45">[S. 45]</a></span>
-wie er sich zugleich geübt habe, die
-Schleuder zu führen, um im Falle der
-Not das Vaterland zu verteidigen, und
-wie er alsdann später seiner Lieder wegen
-dem kranken König Saul habe singen
-dürfen! Wie der König ihn habe liebgewonnen
-und wie er nicht mehr habe
-leben können ohne ihn, den Hirtenknaben,
-wie dann auch wirklich die
-Feinde gekommen seien, und wie just er,
-der Hirtenknabe, den mächtigsten der
-Feinde, ihren Riesen, den Riesen Goliath,
-eben mit der Schleuder erlegt
-habe, indem er ihm einen spitzen Stein
-mitten in die Stirn getrieben habe, so
-daß der ungeheure Kerl umgefallen sei,
-um sich zu verbluten!</p>
-
-<p>„Ihr Buben!” sprach der Pfarrer,
-„ich frage euch: ist das nicht eine echte
-Bubengeschichte? Das ist die schönste
-Bubengeschichte der Welt! Oder kennt
-ihr eine schönere?”</p>
-
-<p>„Robinson!” rief einer; jedoch der
-Pfarrherr wehrte ab und antwortete:</p>
-
-<p><span class="pagenum"><a name="Seite_46" id="Seite_46">[S. 46]</a></span>
-
-„Sei mir still mit deinem Robinson,
-mit deinem unfolgsamen Engländer!”</p>
-
-<p>„Joseph!” meinte ein anderer, „Joseph
-von Aegypten!”</p>
-
-<p>„Aha!” sagte darauf der Pfarrer,
-„und warum denn Joseph?”</p>
-
-<p>„Weil er verkauft wurde, weil er ins
-Gefängnis gesteckt wurde und nachher
-doch König wurde!”</p>
-
-<p>„Gut, er hat gelitten und wurde erhöht!”</p>
-
-<p>„David wurde auch erhöht, David
-wurde auch König!” rief ein Großer
-dazwischen.</p>
-
-<p>„Wurde auch König,” wiederholte
-der Geistliche, „David wurde auch
-König, freilich, und was für einer!
-Aber: welcher von den beiden gefällt
-dir nun am besten, der aus Aegypten,
-der zuerst leiden mußte, oder der von
-den Fluren Bethlehems, der niemals
-litt und immer siegte und sang und
-Flöten blies und Harfen schlug?”</p>
-
-<p>Die Kinder zischelten; aus den neun<span class="pagenum"><a name="Seite_47" id="Seite_47">[S. 47]</a></span>
-Bänken schossen die Finger wie Pfeile
-gegen des Pfarrers Antlitz, und mitten
-in dem Gezisch schlug plötzlich ein
-kleiner Mädchenkopf knallend auf die
-Bank: das Trudelchen heulte laut auf
-und schnippste und holte den Schürzzipfel
-an die nassen Augen. Der Pfarrer
-trat zu ihm hin, ergriff sein Händchen
-und sagte:</p>
-
-<p>„Was ist los, Trudel? Komm, los!
-Sag mir's rasch?”</p>
-
-<p>Das Kind erhob sich nicht, sondern
-rief mitten in seine Tränen hinein:</p>
-
-<p>„Das Riesele soll David heißen, nein,
-Joseph, Joseph soll es heißen!”</p>
-
-<p>„Na, wie soll's nun eigentlich heißen,
-Trudel?”</p>
-
-<p>Das Kind begann, aus seinen Tränen
-zu lachen, erhob sich, sah dem Pfarrer
-über die Maßen vertraut ins Gesicht
-und sagte:</p>
-
-<p>„David!!”</p>
-
-<p>„David?” antwortete der Pfarrer,
-„es soll König werden, ohne daß es zuvor<span class="pagenum"><a name="Seite_48" id="Seite_48">[S. 48]</a></span>
-von seinen Brüdern wäre verkauft
-worden; es soll sich immer nur freuen,
-ohne daß es gelitten hätte! Ihr Großen
-dahinten: wie ist's mit König David
-gewesen: hat er schließlich nicht auch
-sein Bündelchen zu tragen gehabt?”</p>
-
-<p>„Aber er war doch stärker als der
-Riese, und ich hab's doch nicht gewußt!”
-heulte Trudel.</p>
-
-<p>„Gewußt, gewußt! Trudelein! Du
-hast's doch selbst getauft! Und getauft
-ist getauft! Oder willst du dein Gäulchen
-dreimal taufen lassen, wie's dem
-Schalk aus Braunschweig geschah,
-und willst du haben, daß Riesele
-gleich diesem Schalk ein Taugenichts
-werde und ein Tagdieb? Sei stille, sei
-stille!”</p>
-
-<p>Trudel, von der Unabänderlichkeit
-zerschmettert, ließ sich niederfallen und
-ihr Geschluchz hub stärker an.</p>
-
-<p>Da wieherte draußen das Riesele, da
-knallten auch schon die kleinen Hufe
-wieder im Hausgang! Die ganze Klasse<span class="pagenum"><a name="Seite_49" id="Seite_49">[S. 49]</a></span>
-begann zu schreien vor Freude, der Gustav
-und der August liefen an die Tür,
-den kleinen Frechdachs fernzuhalten,
-hinauszuführen, aber dieser schlüpfte
-unter ihren Händen durch zum Saal
-herein und schnurstracks auf das Trudelchen
-zu, das bei den Kleinsten in der vordersten
-Bank saß.</p>
-
-<p>Diesmal, weil der Pfarrer im Saale
-war, zögerte das Mädchen nicht. Es
-schämte sich nicht! Allein es hatte gar
-nicht Zeit, sich zu schämen, sein kleines,
-ungestümes Herzchen hüpfte von selbst
-auf die Bank, nahm das kleine, sechsjährige
-Körperchen mit in die Höhe,
-es legte die nackten Arme um des Riesele
-schwarzen Hals, es küßte das Riesele
-auf die weiße Blesse und riß es an der
-in Jugendwuchs strotzenden Mähne
-mit sich fort, zur Schule hinaus und
-rief immerzu:</p>
-
-<p>„Dävidele, Dävidele!”</p>
-
-<p>Der Lehrer, der im Hofe auf- und abging
-und seinen Aufsatz auswendig<span class="pagenum"><a name="Seite_50" id="Seite_50">[S. 50]</a></span>
-lernte, kam eiligst herein, aber die zwei
-Kleinen waren schon draußen.</p>
-
-<p>„Riesele hat einen sehr gesunden
-Drang nach &mdash; nach &mdash; nach, Herr
-Pfarrer, nach Weisheit in sich!” meinte
-der Lehrer, „gestern war es auch hier!”</p>
-
-<p>„Es weiß nicht, was es tut!” erwiderte
-der Pfarrer pfiffig, „ihm soll verziehen
-werden! ... Uebrigens, wenn
-das Riesele ein Esel wäre und nicht ein
-kluges Ding, ein Pferd, man könnte versucht
-sein, mit der Schrift zu sagen: er
-kam in sein Eigentum, aber die Seinen
-... Nix für ungut, Herr Lehrer, guten
-Morgen!!”</p>
-
-<hr class="chap" />
-
-<p class="pagebreak"><span class="pagenum"><a name="Seite_51" id="Seite_51">[S. 51]</a></span></p>
-
-
-
-
-<h2>IV</h2>
-
-
-<p>Ein Viertelstündchen abseits vom
-Dorf wohnte der Großbauer Michael,
-der sieben Pferde und dreiundzwanzig
-Rinder hatte. Riesele sah einmal
-vier dieser Gäule an einem mit
-Steinen beladenen Wagen ziehen, zwei
-Peitschen knallten über ihnen, die Siele
-gerrten, Funken stoben aus den Hufeisen,
-und dies Spiel der Kraft mochte ihm
-so sehr gefallen, daß es sich den Pferden
-zugesellte und mit ihnen lief in den
-großen Hof. Sie konnten es gut leiden,
-die dicken Gäule, sie drehten allesamt
-die Köpfe nach ihm, sie ließen es an
-ihrem Trog Wasser saufen, ja, sie schoben
-es förmlich zu sich in den Stall, so
-daß Riesele mit ihnen fressen mußte aus
-ihren hohen Krippen. Ha, wie fühlte
-sich das Zwergfüllchen so wohl! Die<span class="pagenum"><a name="Seite_52" id="Seite_52">[S. 52]</a></span>
-sieben Kerle standen da in Reih und
-Glied nebeneinander, Knechte putzten
-an ihnen herum, daß die vollen
-Backen zu blinken anfingen, warme
-Dämpfe stiegen von den breiten Rücken
-in die Höhe, und die Schweife tanzten
-nur so!</p>
-
-<p>Riesele begann den Schweiß zu lecken,
-Riesele lief von dem einen zum anderen,
-Riesele ließ sich von allen liebkosen und
-streckte den Kopf auch den Knechten
-zu, die es liebreich tätschelten. Ueberallhin
-sprang Riesele in dem ungeheuren
-Stall, schlüpfte gar durch einen schmalen
-Verschlag hinüber in den Kuhstall,
-und die sieben Gäule drehten die schweren
-Köpfe an den dicken Hälsen hinzu
-nach dem Verschlag, sei es, daß sie selber
-gern einmal hindurchgeschlüpft wären
-zu den Kühen, sei es, daß sie das Gäulchen
-den plumpen Milchkühen nicht
-gönnten. Dies Kerlchen, &mdash; man war
-selber einmal so lieblich und klein, man
-hätte selbst gern solch ein Kind gezeugt,<span class="pagenum"><a name="Seite_53" id="Seite_53">[S. 53]</a></span>
-solch ein Kind sein eigen genannt &mdash;
-dies Kerlchen sprang nun zwischen den
-Kühen herum, und keine Magd jagte
-es fort! Sie standen beisammen, die
-Mägde, und schwatzten.</p>
-
-<p>Die Knechte gingen gar hinüber und
-stellten sich zu ihnen, und der kleine
-Mann war nicht mehr zu sehen! Ein
-Hinterbein nur, ein Stück des linken
-Ohres: die Gäule wurden unruhig,
-wieherten, rissen an ihren Ketten, schlugen
-mit den Hinterhufen auf, als sei ein
-Bienenschwarm über sie hergefallen.</p>
-
-<p>Da auf einmal gab's ein Geschrei:</p>
-
-<p>„Er wirft mir die Milch um!”</p>
-
-<p>Sie stoben auseinander, die Mägde,
-die Knechte lachten laut auf, ein Eimer
-kollerte übern Steinboden, und Riesele
-kam in großen Sätzen durch den Verschlag
-in den Pferdestall zurück. Ha,
-wie freuten sich die Gäule!</p>
-
-<p>Aber da stand plötzlich ein kleines
-Mädchen in der Tür, wagte sich nicht
-näher, rief: „Riesele, Riesele,” und alle<span class="pagenum"><a name="Seite_54" id="Seite_54">[S. 54]</a></span>
-Herrlichkeit hatte ein Ende, denn das
-Riesele wandte sich von den alten Gaulmännern
-ab und lief zu dem Kind und
-lief mit dem Kind davon, ohne sich nochmals
-umgeguckt zu haben.</p>
-
-<p>Es kam wieder, das Milchkind! Es
-kam schon am nächsten Tage wieder!
-Zwei der Gäule zogen hinterm Haus
-den Pflug, zwei zerrten die Egge hinterdrein,
-zwei trabten mit dem leeren Steinwagen
-den Hügel hinauf, und der siebente,
-der dickste, hatte eine Fuhre Mist
-hinter sich hängen und stand noch im
-Hof, an der Mistkaute. Dieser allein sah
-das Riesele an sich vorüberspringen, sah
-es ohne Gruß an sich vorüberspringen,
-als wenn ein Gaul, der das Unglück hat,
-Mist ziehen zu müssen, deshalb keiner
-Achtung würdig wäre! Das eingebildete
-Aeffchen rannte schnurstracks in den
-Pferdestall, und da es niemand zu Hause
-fand, legte es sich ein Weilchen auf den
-Platz in der Mitte und schlief in dem
-großen Bette ein, wie alle Kinder es so<span class="pagenum"><a name="Seite_55" id="Seite_55">[S. 55]</a></span>
-gerne tun! Es wachte auf, als draußen
-der Mistwagen den Hof hinausratterte.
-Eiligst hob es sich auf die Beine, lief
-hinter dem Wagen drein, kehrte aber,
-noch bevor es ihn erreicht hatte, um und
-erblickte die Pflüger und die Egger und
-rannte nun, so schnell es konnte, hinters
-Haus, um sich den Pflügern zugesellen
-zu können.</p>
-
-<p>Schräggestellt wie ein Hund, tänzelte
-es nunmehr vor, neben und hinter den
-schweißigen Ackergäulen einher über die
-frischen Schollen wie eine flinke Meise,
-und seine aufstarrende Mähne bog sich
-schwer nach beiden Seiten. Die Schimmel,
-die hinterdrein die Egge zogen, begannen
-zu traben, der Knecht zerrte die
-Leine an und schrie unausgesetzt: „hü,
-hü!”, aber die Schimmel ließen sich nicht
-halten und eilten voran, wenn auch die
-Schollen nicht recht zereggt waren.
-Munter und stolz mit hochaufgestreckten
-Ohren nickten indessen die Füchse, die
-vorm Pfluge gingen, ihre Schar durch<span class="pagenum"><a name="Seite_56" id="Seite_56">[S. 56]</a></span>
-den harten Boden, wie wenn sie dem
-Kinde hätten zeigen wollen, was für
-ehrenfeste Kräfte sie seien, oder wie
-wenn sie ihm hätten ein gutes Beispiel
-geben wollen. Kein Blick abseits, kein
-Schritt abseits, gleichmäßig zerrten die
-Lederriemen an den Kummeten. Ja,
-der Knecht, der Soldat gewesen war
-und Sinn für maschinenhafte Ordnung
-hatte, gewahrte, daß die Schritte der
-Füchse, die sonst nach jedem fünften
-Tritt zum Gleichschritt kamen, eben
-fortgesetzt gleichmäßig im Takte blieben,
-und da er diesen Takt von der Kaserne
-her so sehr liebte, freute er sich über die
-Maßen wie beim fertigen Parademarsch
-und sah selber bisweilen wie ein Kompagniechef
-hinüber zum General, der
-heute sogar ein ganz junges Prinzlein
-aus vielleicht höchstem Hause war.</p>
-
-<p>Als wieder einmal die Furche zu Ende
-war, durften die Füchse warten, bis die
-Schimmel kamen, und nun stellten sich
-die Schimmel in dem Abstand, der<span class="pagenum"><a name="Seite_57" id="Seite_57">[S. 57]</a></span>
-ihnen ihrer Arbeit entsprechend zukam,
-seitlich von den Füchsen auf, um gleichzeitig
-und gleichmäßig ans andere Ende
-des Ackers die Arbeit zu ziehen. Ja,
-auch die Schimmel hoben nun die
-Köpfe und stellten die Ohren steil auf!
-Und wenn ihre Hufe auch nicht den
-gleichen Schlag bewahren konnten, &mdash;
-vielleicht weil die Egge ein unordentliches
-Gezerr verursacht, &mdash; so blieben
-sie doch, von der Hand des Knechtes
-gelenkt, in gleichem Abstand und in
-gleicher Höhe.</p>
-
-<p>Riesele aber, wie es da einen einheitlichen
-Willen erfühlt, hüpft wie ein
-abgerichteter Zirkusgaul von hinten her
-zwischen die vier Pferde und marschiert
-nun wie an der Tete mit fröhlichem
-Getrippel einher und tollt nicht mehr
-seitab und tänzelt nicht mehr und bockelt
-nicht mehr und ist ganz Ordnung und
-Würde.</p>
-
-<p>Jedoch gleich am Ende der Furche,
-als gewendet wurde, mochte ihm etwas<span class="pagenum"><a name="Seite_58" id="Seite_58">[S. 58]</a></span>
-anderes besser gefallen haben, und es
-lief vom Acker der Arbeit, dem es ein
-Stückchen Schönheit eigener Art verliehen
-hatte, davon.</p>
-
-<p>Es lief in eine neue Schönheit hinein:
-ein Weizenfeld stand oben, wo sich der
-Hügel hinabzu biegt, und Millionen
-von knallroten Mohnköpfen leuchteten,
-wie wenn sie als Wolke am blauen
-Sommerhimmel einhergingen, zwischen
-den steilen, kurzen Halmen dicht
-gedrängt, als stünde der Acker in Feuer.</p>
-
-<p>Riesele rannte drauf zu. Jedoch, wie
-es oben war, sah es sein Dörfchen
-unten, sah alle Schornsteine rauchen, &mdash;
-kerzengerade ringelten sich feine Rauchsäulen
-in die heiße Luft &mdash; und dann
-sah es noch am anderen Abhang eine
-Schafherde grasen. Der Pferch stand
-weiter unten im Tal, und die Hütte des
-Schäfers lehnte an einem Nußbaum.</p>
-
-<p>Diese Schafherde gefiel offenbar
-dem Riesele am besten, es lief deshalb
-zu ihr hin. Die Schafe hoben die Köpfe<span class="pagenum"><a name="Seite_59" id="Seite_59">[S. 59]</a></span>
-von der Erde auf und drehten sie. Der
-Schäfer pfiff, riß, wie wenn Gott
-weiß welche Gefahr gedroht hätte, die
-Schippe hoch, und der Hund stürzte
-sich heulend Riesele entgegen, so daß dies
-nichts besseres tun konnte, als eiligst
-umzukehren zu seinem Mohnfeld. Richtig
-erschreckt hatte es der garstige Hund:
-es legte sich um in dem Weizen und
-schlief fünf Minuten.</p>
-
-<p>Es erwachte wieder, blieb aber liegen,
-hob den schwarzen Kopf aus dem roten
-Feuer und nieste einmal kräftig in den
-Tag hinein.</p>
-
-<p>Sogleich, wie es geniest hatte, hörte
-es seine Mutter wiehern. Es duckte sich
-wieder zwischen die Halme, guckte aber
-doch nach allen Seiten um sich und
-sah schließlich den Kopf seiner Mutter
-oben am Himmelsrande des Hügels
-aus dem Rot auftauchen, wie er eine
-Last, die noch nicht zu sehen war, hinter
-sich hernickte. Die Mutter erschien ganz,
-die Last erschien: es war der leichte,<span class="pagenum"><a name="Seite_60" id="Seite_60">[S. 60]</a></span>
-überdächelte Stuhlwagen, den sie, wer
-weiß wohin, zu ziehen hatte, vielleicht
-den Pfarrer abzuholen oder den Gerichtsvollzieher.</p>
-
-<p>Riesele blieb liegen und duckte den
-Kopf. Als aber die Mutter wieder wieherte
-und nochmals, konnte es sich nicht
-halten und sprang auf und ihr entgegen.</p>
-
-<p>Die Mutter aber war durchaus nicht
-lieb zu ihm! Sie sah mit einem fernen
-Blick, der keine Liebkosung heischte,
-nach ihm hin, und Riesele getraute sich
-deshalb gar nicht so nahe zu ihr, obwohl
-es Durst hatte und gern an die
-Mutterbrust gestürzt wäre! Der Bauer
-nahm sogar die Peitsche, die am Kummet
-der Trudel stak, schwang sie hoch
-und riß dem Riesele die dünne Schmicke
-über die Ohren, daß es, obwohl die
-Schmicke nicht traf, sich rasch herumwarf
-und heimwärts lief.</p>
-
-<p>Als es einmal stehen blieb und nach
-der Mutter umsah, war das Fuhrwerk
-verschwunden.</p>
-
-<p><span class="pagenum"><a name="Seite_61" id="Seite_61">[S. 61]</a></span>
-
-Im Stall des Großbauern brüllten
-etliche Kühe, deren Euter zu schwer
-geworden waren, nach den Mägden.
-Allein Riesele hörte den Peitschenknall
-und zog es vor, heimzutrippeln. Es sah
-sich nicht mehr nach den Gäulen um,
-nicht mehr nach den kleinen Kindern
-und selbst am Schulhof, wo gerade
-Pause war, raste es vorbei und mißachtete
-des Brotes und der lauten Rufe.</p>
-
-<p>Je näher es seinem Stalle kam, um
-so rascher sprang es, es hörte den Peitschenknall
-an den Ohren, und vielleicht
-vermeinte es, die Peitsche schwebe noch
-über ihm wie ein Engel über Kindern
-... es rannte, rannte und sah nicht auf,
-nicht um, ja, der junge Mund, der
-schlaff nach unten hing, füllte sich mit
-schaumigem Geifer, und ein weißer
-Fetzen troff herab und klatschte auf den
-gelben Huf.</p>
-
-<p>Ein Kind stand da, sah das Riesele
-den Weg daherrasen; es trug in der
-Hand einen irdenen Krug mit Milch<span class="pagenum"><a name="Seite_62" id="Seite_62">[S. 62]</a></span>
-und erschrak vor solcher Kindeswut im
-kleinen Gäulchen und konnte nicht ausweichen
-und blieb stehen mitten auf
-dem Weg.</p>
-
-<p>Jedoch das Riesele konnte heute nicht
-bei dem Kind verweilen wie sonst,
-konnte überhaupt nicht achthaben auf
-ein Kind. Es rannte das Kind an, daß
-der Milchkrug fiel, daß er zerbrach und
-daß die Milch sich weithin ergoß.</p>
-
-<p>Der Schlag schreckte aber nun das
-Riesele auf aus seinen Träumen; es
-drehte sich um, blieb einen Augenblick
-stehen, kam zaghaft näher an das Kind
-und besah sich die Milch, die in Rinnseln
-dahinfloß. Einen Augenblick nur,
-wohl bis es sich überzeugt hatte, daß
-es diese Milch doch nicht trinken könne,
-besah es sich das Unglück; dann drehte
-es sich wieder, schlug sich überaus leichtfertig
-mit dem lichten Schwänzchen
-über die Hinterbacken und ging gemächlich
-weiter.</p>
-
-<p>Ein blütenweißer Gänserich stand da<span class="pagenum"><a name="Seite_63" id="Seite_63">[S. 63]</a></span>
-auf einem Bein und schielte zu den
-Gänsefrauen, die einen Steinwurf entfernt
-im Sande lagen. Im vergangenen
-Winter war er der einen Liebster gewesen;
-offenbar konnte er nicht so rasch
-vergessen, als er vergessen ward, und er
-stand da und träumte, und Riesele tappte
-auf ihn zu, daß er ganz verschreckt die
-Flügel aufriß und halb flog, halb
-hoppste und nun, gesammelt, heftig
-dem Gäulchen nachschimpfte. Die
-Weiber lachten ihn aus.</p>
-
-<p>Die Hühner hockten vorm Stall;
-sie standen auf, wie Riesele kam, und
-setzten sich wieder, als hätten sie nur
-grüßen wollen! Sapperlott saß auf der
-Schwelle und hoppste langsam zurück.
-Drei junge Schwalben zwitscherten auf
-der nach innen aufgedrehten Tür, eifrig
-wie alte.</p>
-
-<p>Riesele legte sich seitab von den
-Hühnern an das Wässerchen, leckte, erhob
-sich, ging an den Trog und versuchte
-mit der Zunge zu lecken wie ein<span class="pagenum"><a name="Seite_64" id="Seite_64">[S. 64]</a></span>
-Hund und trank dann regelrecht wie ein
-erwachsenes Pferd. Aeußerst stolz sahen
-die großen Augen rings auf das Geziefer
-herab, das doch meinte, Riesele
-sei noch ein Brustkind! Das Wasser tat
-ihm gut; es hätte schier nicht mehr aufhören
-mögen, zu trinken!</p>
-
-<p>Ein Fuhrwerk, mit zwei Kühen bespannt,
-schob sich in dem tiefgleisigen
-Weg vorbei; Riesele, das großen Hunger
-hatte, begann aus irgendeinem Grund,
-vielleicht aber auch ohne jeden Grund,
-hinter dem Wagen herzulaufen, bis es
-die Entenschar daherkommen sah. Der
-Enterich, dessen Gefieder schillerte, wie
-wenn er's frisch für einen Feiertag geölt
-hätte, warf den Kopf rückwärts zur
-nächsten Ente, sagte: „wack wack”,
-drehte den eitlen Kopf wieder vor, und
-eine Ente sagte der anderen dieses Wort,
-das sicher eine mißliebige Bemerkung
-gegen Riesele war, denn eine jede zog,
-nachdem sie gesprochen, den Unterschnabel
-zurück und lachte auf diese<span class="pagenum"><a name="Seite_65" id="Seite_65">[S. 65]</a></span>
-Weise, wie es Enten tun, und wackelte
-weiter. Riesele schien von diesem verschmitzten
-Lachen beleidigt zu sein,
-tappte in die Schar, zerstreute sie und
-freute sich seiner Tat so sehr, daß es in
-wilden Sätzen auch die Hühner aus
-ihrem trägen Brüten aufjagte und
-wunder meinte, was für ein Held es sei!
-Denn es turnte wieder an den Wassertrog,
-tunkte ungestüm den Kopf bis fast
-zur Hälfte hinein und schüttelte die
-Wassertropfen nun über die Hühner hin,
-die schon wieder beisammen saßen. Das
-schien in der Tat ein Heldenstück, war
-aber keineswegs ein solches, war Not,
-nicht Tugend, sofern ein Heldenstück
-dieser Art überhaupt Tugend sein kann.</p>
-
-<p>Riesele war größer und kräftiger als
-das Federvieh zusamt den Gänsen, aber
-es war auch jünger! Die Gänse und die
-Hühner und die Enten hatten sich ihren
-Lebenskreis schon lange gezogen und
-waren fertige Leute! Riesele aber fing
-erst an, sein Leben sich zu zimmern, und<span class="pagenum"><a name="Seite_66" id="Seite_66">[S. 66]</a></span>
-es wäre eine schöne Sache, wenn berichtet
-werden könnte, daß aus diesem
-Grund das Federvieh, wie es reifen
-Leuten zukommt, die Quertreibereien
-des Gäulchens geruhsam über sich hätte
-ergehen lassen! Man weiß indes: sie
-wichen der Gewalt!</p>
-
-<p>Oft, sehr oft mußten die pflichttreuen
-Tiere der Gewalt dieses Tollpatsches
-weichen. Ausgebreitete Hühnerflügel,
-flatternde Schwänze, das Durcheinander
-des Entenwacks wirkten jeweils
-auf das Riesele wie Disteln unter seinem
-Schwanz, und es geschah nicht selten,
-daß die Hühner flüchten mußten, sich
-mühsam aufschwingen mußten auf die
-Stalltür, auf die Wagenleiter, oder daß
-sie auf- und davongehen mußten ins
-Gras, so wild gebärdete sich Riesele!
-Die armen Enten: sie trugen von ihrer
-Stammutter her den Drang nach der
-Ferne im Blut, sie sahen alltäglich ihre
-wild und frei gebliebenen Schwestern
-übers Tälchen streichen und ins Röhricht<span class="pagenum"><a name="Seite_67" id="Seite_67">[S. 67]</a></span>
-einfallen, wo sie ihren verletzenden
-Freiheitsruf immerhin lockend erschallen
-ließen, sie spotteten der zahm, gesinnungstüchtig,
-eierlegend, aber auch
-schwerfällig und dick gewordenen Hausenten,
-und diese, obwohl sie des Dranges
-nicht ledig waren, konnten ihren plump
-gewordenen Körper um keinen Preis
-mehr in die freien Lüfte erheben und
-hätten's doch so gerne getan. Hätten's
-doch zu allererst deshalb so gern getan,
-um diesem Tunichtgut rasch entflattern
-zu können und nicht mühselig und stets
-seines Hufs gewärtig, aus der unbestimmten
-Bahn entwackeln zu müssen!
-Die armen Enten! Sie haßten das
-Riesele sehr!</p>
-
-<p>Ganz anders verhielt es sich mit den
-Gänsen! Sie waren neun an der Zahl,
-sie trugen das Bewußtsein ihrer Stärke
-in sich, sie konnten das Riesele, wenn
-wirklich ein Ernstfall entstehen sollte,
-mit ihren Schnäbeln und mit ihren
-schweren Flügeln schon dermaßen verhauen,<span class="pagenum"><a name="Seite_68" id="Seite_68">[S. 68]</a></span>
-daß es &mdash; der graue Gänserich
-ist neulich einem Kalb an die Kehle gesprungen
-&mdash; daß es gerne die Flucht ergreifen
-würde! Auch das Riesele wußte
-das! Aber was sollten die großen Gänse
-Händel suchen, weil die kleinen Enten
-sich nicht selber verteidigen konnten, ihre
-Natur ganz und gar vergessen hatten,
-sich also auch nicht mehr zu retten vermochten,
-wenn der Feind stärkere Kräfte
-ins Feld führen konnte, als ihnen zur
-Verfügung standen! Törichtes Entenvolk!</p>
-
-<p>Die Peitsche, jeweils die Peitsche,
-mußte solchen Zwist schlichten, und
-darnach vertrug man sich wieder,
-hielt Freundschaft und fraß aus einer
-Schüssel.</p>
-
-<p>Das Schlimmste aber an all diesen
-Mißhelligkeiten war, daß die Kinder
-immer und immer wieder einseitig und
-urteilslos Partei ergriffen für den, der
-Hilfe am wenigsten nötig hatte, für
-Riesele!</p>
-
-<p><span class="pagenum"><a name="Seite_69" id="Seite_69">[S. 69]</a></span>
-
-Aber es muß doch gesagt sein, daß
-das Geflügel auch wieder seine Freude
-hatte an dem tollen Vierbein, und daß
-selbst die Enten sich jeweils mehr über
-sich selber ärgerten, als über das Riesele!
-Die Enten, die Hausenten, sind das
-Opfer ihrer Bequemlichkeit geworden,
-sie sind's nun einmal, und wissen sich
-drein zu schicken!</p>
-
-<p>Die Geißen im Stall trugen auf der
-Stirn wie gezückte Schwerter die beiden
-Hörner und blieben unbehelligt, und
-ihre Jungen verstanden den Kindskopf
-Riesele besser als alles Geziefer und
-tollten mit ihm, wenn es tollen wollte,
-und legten sich neben es, wenn es schlafen
-wollte. Es kam oft vor, daß neben,
-ja dicht an und auf dem tiefschwarzen
-Füllenrücken ein schneeweißes Geißlein
-schlief oder gar zwei, und Sapperlott,
-der Hasenvater, der offenbar einen besonderen
-Sinn für Farben hatte oder
-auch für Musik, brachte kein Auge zu
-und sah und hörte nicht, was um ihn<span class="pagenum"><a name="Seite_70" id="Seite_70">[S. 70]</a></span>
-vorging, wenn Schwarz und Weiß in
-solcher Eintracht beisammenlagen wie
-ein preußisches Fähnlein.</p>
-
-<hr class="chap" />
-
-<p class="pagebreak"><span class="pagenum"><a name="Seite_71" id="Seite_71">[S. 71]</a></span></p>
-
-
-
-
-<h2>V</h2>
-
-
-<p>Noch sprang das Riesele umher ohne
-Zaum, ohne Zügel, ohne Halfter,
-pudelnackt, wie Gott es erschaffen hatte.
-Trudel, das Mädchen, konnte ihm keine
-Blumen anstecken, und hätte es doch so
-gerne getan! Gustav und August, wenn
-sie es striegeln wollten, konnten es nicht
-festhalten und striegelten es doch so
-gerne! Die Hufe, die sich gemach vom
-Staub der Erde grau färbten, sollten
-gelb bleiben wie Maibutter, aber wer
-konnte die Hufe des Tages siebenmal
-bürsten? Wer könnte die Mähne, die
-zusehends wuchs, des Tages siebenmal
-strähnen, wer den Schweif, der wie ein
-Mädchenzopf baumelte, richtig durchkämmen,
-wie sich's gehörte?</p>
-
-<p>Trudel, das Schwesterchen, setzte
-einmal seine Puppe auf den schmalen<span class="pagenum"><a name="Seite_72" id="Seite_72">[S. 72]</a></span>
-Rücken des Riesele, aber das Riesele
-warf die Puppe von sich, indem es mit
-den Vorderbeinen sich heftig gegen die
-Erde stemmte und den Rücken vom Hals
-bis zum Schwanz wacker schüttelte.
-Eine Puppe freilich, eine Puppe!</p>
-
-<p>Gustav kam zuerst auf den guten Gedanken:
-August mußte den Kopf Rieseles
-untern Arm nehmen, mußte ihn
-festhalten, und Gustav hob das Trudelchen
-hinauf, ganz hoch hinauf auf den
-Rücken und probierte vorsichtig, ob das
-Tierlein auch solche Last tragen könne.
-Es trug sie! Es fühlte sich offenkundig
-wohl mit seiner Last, es drehte den
-Kopf aus Augusts Arm und reckte ihn
-stolz in die Höhe. Dann machte es gar
-einen Schritt und noch einen, und da
-das alles so leicht ging, schoß es ganz
-plötzlich weiter, und das Trudelchen
-purzelte aufs Gras herab, stand auch
-schon wieder und lachte und setzte dem
-Ausreißer nach quer über die Wiesen,
-die der zweiten Mahd entgegensahen.</p>
-
-<p><span class="pagenum"><a name="Seite_73" id="Seite_73">[S. 73]</a></span>
-
-„Lauft mir mal schnell zum Sattler
-miteinander!” rief der Vater von der
-Treppe herab, „und laßt mir dem Riesele
-ein Halfter anmessen!”</p>
-
-<p>„Los, zum Sattler!” schrien die Buben,
-„los zum Sattler!” triumphierte
-das Mädchen, „und ein Sättele, ein
-Sättele, Vater, darf der Sattler auch
-ein Sättele machen?”</p>
-
-<p>„Sättele, Sättele,” entgegnete der
-Vater, „was willst du mit einem Sättele?
-Maidlin gehören nit aufs Sättele!
-Los, und nix angestellt unterwegs!”</p>
-
-<p>Als der Sattler das Maß nahm,
-sagte er zu Trudel:</p>
-
-<p>„Heut kommt das Riesele in die
-Schul; mach einen Strich in den Kalender!”</p>
-
-<p>„Wie lang muß es in der Schule
-bleiben? Ich muß acht Jahre drin
-bleiben!”</p>
-
-<p>„Acht Jahre?” versetzte der Sattler,
-„und dann?”</p>
-
-<p>„Dann geh ich in die Stadt!”</p>
-
-<p><span class="pagenum"><a name="Seite_74" id="Seite_74">[S. 74]</a></span>
-
-„Du hast's gut vor, Trudel, acht
-Jahre sind schnell herum! Aber das
-Riesele muß sein ganzes Leben lang in
-der Schule bleiben!”</p>
-
-<p>„Muß es?” fragte Trudel.</p>
-
-<p>Gustav kam herbei und hielt ihr den
-Mund zu, denn der Polizeidiener stand
-an der Straßenecke und rief etwas aus.
-Er rief aus, daß von morgen ab das
-Betreten der Weinberge verboten sei!</p>
-
-<p>Und dann kam er schnurstracks an
-die Treppe des Sattlers, griff dem Riesele
-in die Mähne und sagte zu den
-Kindern:</p>
-
-<p>„Höchste Eisenbahn, daß er sein Halfter
-ankriegt, der Tagdieb, sonst hätt' ich
-ihn morgen gleich ins Wachtstübchen
-gesteckt!”</p>
-
-<p>„Sonderbare Welt das,” dachte
-Trudel, und die Buben dachtens auch,
-„der Sattler will Riesele nicht mehr
-aus der Schule lassen, der Polizeidiener
-will's gar ins Kittchen stecken!”</p>
-
-<p>Noch am Abend holten die vier das<span class="pagenum"><a name="Seite_75" id="Seite_75">[S. 75]</a></span>
-Halfter ab, strippten es Riesele um den
-Kopf und führten es heim in den Stall,
-wo der Vater es neben seiner Mutter
-ankettete, jedoch so kurz, daß es nicht,
-wie es wollte, stets an der Mutter Zitzen
-saufen konnte.</p>
-
-<p>Von nun an also stand Riesele gleich
-den Erwachsenen im Stall. Doch jeden
-Tag durfte es etliche Stunden lang, an
-einen Pfahl gebunden, auf der Wiese
-kreisen, eng umzirkt zwar, doch immerhin
-draußen in einer gewissen Freiheit.
-Gar oft, &mdash; ach, wer konnte dem lieben
-Tierlein gegenüber so entsetzlich streng
-sein? &mdash; durfte es frei umherspringen,
-wohin es wollte, und durfte seine Bubenstreiche
-vollbringen, die ihm jedermann
-schon verzieh, bevor sie begangen
-waren.</p>
-
-<p>Es war indes doch die Zeit gekommen,
-daß die Hufe des Riesele breiter
-wurden, sein Magen größer, seine Kraft
-heftiger, die Zeit, da es von der Gasse
-genommen werden mußte in das Gehege<span class="pagenum"><a name="Seite_76" id="Seite_76">[S. 76]</a></span>
-des Zaunes. Als der Bauer Klaus
-diesen Hag gegenüber der Wohnstube
-in die Wiesen schlug, merkte Riesele
-sicher, was für ein Geschick sich da erfüllen
-wollte. Trudel, die Mutter, die
-ohnedies an dem Gassenbuben zu wenig
-eigene Freude hatte und um so mehr
-Kummer und Bangen ausstehen mußte,
-zog auf dem kleinen Wagen selber die
-Pfähle herbei aus dem Birkenwald.
-Sie tat es gerne, die Pferdemutter!
-Denn wenn Riesele jeweils, wie es seine
-Art war und wie es überhaupt die Gewohnheit
-aller guten Kinder ist, gerne
-zur Mutter, die in die Arbeit ging oder
-von der Arbeit heimkehrte, hinsprang,
-sich ein paar Küsse zu holen, ein paar
-Küsse zu verschenken, so konnte jedermann,
-der ein waches Auge hatte, wahrnehmen,
-daß diese Liebkosungen nicht
-nur seltener, sondern, &mdash; und dies war
-noch ungeheuerlicher, &mdash; daß sie weniger
-zärtlich wurden! Ja, es kam vor, daß
-die getreue Mutter auf einen ganzen<span class="pagenum"><a name="Seite_77" id="Seite_77">[S. 77]</a></span>
-Tag fort in den Wald mußte, schwer
-schaffen mußte, und am Morgen nicht
-einen lieben Blick, nicht ein kurzes
-„Wiedersehen” bekommen hatte vor
-lauter „Gasse”, und daß sie alsdann im
-Schweiße ihres Angesichtes auch nicht
-mit Wohlbehagen und süßer Hoffnung,
-wie andere Mütter sie doch stets mit sich
-tragen können, auf einen frohen Abend
-rechnen durfte.</p>
-
-<p>Solchergestalt kann es nicht wundernehmen,
-daß Trudel, die Stute, den
-Augenblick ersehnte, da die Birkenstämme
-abgeladen wurden, und es
-nimmt weiterhin durchaus nicht wunder,
-daß der Gassenbengel wußte, worum
-sich's drehte, und daß er fortlief in's
-Weite, recht weit von den Balken des
-Zuchthauses fort! Mütter wissen ja
-immer die Erziehungsmaßregeln, die
-nicht sie über ihre Kinder verhängen,
-die sie selber seinerzeit als Zwang empfunden
-haben, ihren Kindern recht eindringlich
-und nachdrücklich hinzustellen,<span class="pagenum"><a name="Seite_78" id="Seite_78">[S. 78]</a></span>
-und etwa zu sagen: „Wart nur,
-wenn der Vater heimkommt,” oder:
-„Wart nur, wenn du in die Schule
-kommst!” Es ist ein Glück, daß sie dabei
-übersehen, wie sie sich selber vor sich
-selber bloßstellen ...</p>
-
-<p>Da gruben Vater und Buben Löcher
-aus dem Wiesengrund, zwei Pfähle
-ragten schon eingerammt gleich ungeheuren
-drohenden Gerten gegen Riesele
-auf, die Gänse lachten, die jungen,
-frechen Hähne flogen oben drauf und
-versuchten zu krähen, um das Riesele,
-das Reißaus nahm, zu foppen. Riesele
-blieb stehen, sah sich um, schleuderte
-leichtsinnig die Hufe in die Luft und lief
-fort! Es lief dem Dorfe zu und hörte
-hinten im Armenhäuschen ein Waldhorn
-blasen und lief dem Waldhorn
-nach.</p>
-
-<p>Im Armenhaus wohnte der Schweinehirt,
-der einzige Mensch, der mit dem
-Riesele noch nicht Freundschaft hatte.
-Er blies das Waldhorn! Er wohnte da<span class="pagenum"><a name="Seite_79" id="Seite_79">[S. 79]</a></span>
-ganz allein für sich, hatte nicht Weib,
-nicht Kind, kein Tierlein um sich, war
-aber ein Musiknarr und ein Kinderfreund,
-wie es nicht viele gibt. Riesele
-wußte das noch nicht, wußte auch nicht,
-daß der Musikant der Sauhirt war,
-und lief dem Liede des Waldhorns nach
-und streckte den Kopf nach der niedrigen
-Fensterbank, ohne ihn hineinstrecken
-zu können. Da sah es den Hirten, den
-es fürchten mußte, vor einem Spiegel
-stehen und blasen und sah sein eigen
-Antlitz in dem Spiegel, der schräg an
-der kahlen Wand hing.</p>
-
-<p>Der etwas verwucherte Mann legte
-sogleich das blankgeputzte Blasrohr
-weg, zog den Schubkasten aus dem
-Tisch und griff hinein und hielt dem Riesele
-ein Stückchen Zucker hin. Riesele
-nahm den Zucker vorsichtig zwischen die
-Lippen und verschluckte ihn alsdann,
-und sogleich schob ihm der Hirt ein neues
-Stück ins Maul und dann noch eins und
-noch eins! Sie liebten sich, diese beiden!</p>
-
-<p><span class="pagenum"><a name="Seite_80" id="Seite_80">[S. 80]</a></span>
-
-Der Freund nahm sein Waldhorn
-wieder, setzte sich auf die Fensterbank
-und schmetterte einen strammgefügten
-Marsch an den Ohren Rieseles vorbei,
-so daß es dem Tierlein ganz seltsam zumute
-ward. Ab und zu hoben sich die
-weißgelben Hufe, bald dieser, bald jener;
-ab und zu hob sich das vernaschte Maul,
-ab und zu erschien eben aus dem Maul
-die Zungenspitze rot wie Himbeereis und
-verschwand wieder.</p>
-
-<p>Als aber das Gäulchen das Maul
-auf die Fensterbank hob und liegen ließ
-und die Luft aus den kleinen Nüstern
-stieß, daß der Staub aufwirbelte, da
-begannen die Kinder, die um es her
-standen, zu lachen. Der Hirt merkte sogleich,
-daß dies Lachen dem Riesele peinlich
-war, denn er wußte Bescheid in
-solchen Sachen der entzückten Seele,
-und er sprang aus dem Fenster und gab
-dem Gäulchen wieder ein Stück Zucker,
-und er griff ihm ans neue Halfter, und es
-folgte ihm. Die Kinder durften nicht mit.</p>
-
-<p><span class="pagenum"><a name="Seite_81" id="Seite_81">[S. 81]</a></span>
-
-Die beiden schritten dem Birkenwäldchen
-zu, und als sie die letzten Häuser
-hinter sich hatten und keine Kinder mehr
-zu sehen waren, da band der Hirt sein
-Waldhorn dem Riesele an den Hals
-und sang:</p>
-
-<div class="poem"><div class="stanza">
-<span class="i0">Das Schwein, das muß gehütet sein!<br /></span>
-<span class="i0">Der Kastor kann es hüten!<br /></span>
-</div><div class="stanza">
-<span class="i0">Der Kastor muß gehütet sein!<br /></span>
-<span class="i0">Der Cornel kann ihn hüten!<br /></span>
-</div><div class="stanza">
-<span class="i0">Der Cornel muß gehütet sein!<br /></span>
-<span class="i0">Wer kann den Cornel hüten?<br /></span>
-</div><div class="stanza">
-<span class="i0">Ich will mein Schwein behüten fein,<br /></span>
-<span class="i0">Mag seins der Kaiser hüten!<br /></span>
-</div><div class="stanza">
-<span class="i0">Der Kaiser muß behütet sein!<br /></span>
-<span class="i0">Wer mag den Kaiser hüten?<br /></span>
-</div><div class="stanza">
-<span class="i0">Sein lieber Gott behüt ihn fein!<br /></span>
-<span class="i0">Mög mich der meine hüten!<br /></span>
-</div></div>
-
-<p><span class="pagenum"><a name="Seite_82" id="Seite_82">[S. 82]</a></span>
-
-Das Liedchen führte die zwei Wanderer
-bis ans Birkenwäldchen. Sie legten
-sich nebeneinander nieder, der Hirt
-steckte dem Riesele dunkelblaue Glockenblumen
-ins Halfter, setzte das Horn an
-die Lippen, und das Riesele starrte übers
-Wiesentälchen hinunter an seinen Heimatstall,
-wo der Bauer emsig die Balken
-des Gefängnisses einschlug. Riesele
-hörte die Axt knallen, und der Hirt, als
-er das erste Lied geendet hatte, nahm
-sich den zierlichen Ponykopf an die
-Brust, streichelte ihn, zerrte an den
-Ohren, kribbelte an der Blesse herum,
-strich mit den Fingern durch die Furche,
-die den Rücken hin die zarten Backen
-teilte, und schob die Hand quer in den
-Pferdemund und sagte:</p>
-
-<p>„Riesele, ich weiß, was es da unten
-gibt! Sie werden dich einsperren, wie
-sie mich eingesperrt haben, und werden's
-aus demselben Grund tun! Wir sind
-freier wie sie, wir sind fröhlicher wie sie,
-und das können sie nicht vertragen! Sie<span class="pagenum"><a name="Seite_83" id="Seite_83">[S. 83]</a></span>
-laufen, seitdem sie sich selber aus dem
-Paradies vertrieben haben, mit Handschellen
-umher wie Sträflinge, mit
-Handschellen umher wie Mausfallenhändler,
-und wo sich die Freiheit regt,
-da schnallen sie an! Die Unfreien haben
-das große Wort an sich gerissen, und sie
-haben es im Laufe der Jahrtausende
-fertig gebracht, daß alle Menschen unfrei
-wurden, so unfrei, daß die wahrhaft
-Freien sich ihrer Freiheit wegen verdächtig
-vorkommen, sich ihrer schämen,
-an ihrer Freiheit straucheln, sich ihrer
-Freiheit fluchen und schließlich sich ihrer
-Freiheit entäußern! Sich freiwillig der
-Freiheit entäußern, das tun oft ganz
-gute Christenmenschen und meinen, das
-sei der höchste Grad der Freiheit! Doch
-sag selbst, Bruder Riesele, wenn du
-jetzt aus freiem Entschluß in deinen
-Hag stolzierst, so magst du zwar ein guter
-Christengaul werden, bist aber trotz aller
-Philosophie kein freies Geschöpf mehr!
-Und Geschöpf sein, das heißt noch lange<span class="pagenum"><a name="Seite_84" id="Seite_84">[S. 84]</a></span>
-nicht, wie sie meinen: unfrei sein! Auch
-ums Paradies haben die Unfreien, die
-Umzäunten, einen Zaun erfunden, weil
-sie Gott nach ihrem Bilde und Gleichnisse
-formen wollten. Einen Schutzmann
-machten sie aus ihm, einen Zirkusdirektor,
-der die Taschen voller Zucker
-trägt und innen, unterm Faltenrock die
-allmächtige Peitsche! Nein, nein, Riesele:
-die wahre Freiheit haben wir in
-uns, oder aber wir sind schlechter als
-unsere Tiere! Bleib schön liegen, Riesele,
-ich bin noch nicht ganz fertig!”</p>
-
-<p>Der seltsame Sauhirt, der sicher von
-sich vermeinte, ein göttlicher Eumäos
-zu sein, hielt inne mit seiner Rede über
-die Freiheit und zog den Kopf des Riesele
-näher an sich, so daß das Tier die
-entblößte Kehle seiner Hand darbieten
-mußte. Der Mann spielte mit den Fingern
-an dieser Kehle, was dem Riesele
-erst gut gefiel, was es aber doch nicht
-lange ertragen mochte. Es sprang auf;
-drei Johanniskäferchen schwirrten<span class="pagenum"><a name="Seite_85" id="Seite_85">[S. 85]</a></span>
-grelleuchtend um es her, so dunkel stand
-der Abend schon vorm Wäldchen, und
-die grünlichen Signale verwirrten es so
-sehr, daß es zu laufen begann und nicht
-wußte, wohin es lief.</p>
-
-<p>Dem Hirten pochte das Herz: er hatte
-das Riesele mitgenommen, jedermann
-mußte es gesehen haben, er hatte also
-auch die Verantwortung über das Kind,
-und schließlich, wenn der Hirte des Hirten
-bedurft hätte, so hätte die Gemeinde
-nicht ohne Recht diesen bedürftigen
-Schweinehirten jener Obhut übergeben
-können, die er so sehr fürchtete.</p>
-
-<p>„Sie dürfen dich nicht wieder zum
-Verrückten machen, Cornel!” sagte er
-laut in den Abend, ergriff sein Waldhorn
-aus dem Grase auf, setzte es an
-und schmetterte seinen gradlinigen
-Militärmarsch übers Dorf hin, daß
-sicher alles, was schon schlief, erwachte,
-und alles, was noch im Stall hantierte,
-mit neuer Kraft sich anspornte. Er spielte
-ja nur, um das Riesele wieder zu sich zu<span class="pagenum"><a name="Seite_86" id="Seite_86">[S. 86]</a></span>
-locken, aber das Riesele trabte im Dämmerlicht
-weiter am Waldrand hin, fraß
-an den Brombeerhecken, zauselte an herabhängenden
-Zweigen, und die Glühwürmchen,
-die aus allen Richtungen
-aus dem Gras, aus den zerstreuten
-Heuwellen, aus den weißdurchtupften
-Rosenhecken aufschossen, &mdash; und der
-Heugeruch selber und das aufdringliche
-Gequak der Frösche unten im Wassergraben
-setzten seinem jungen Herzen so
-sehr zu, daß es des strammen Marsches
-nicht mehr achtete und wahllos weiter
-lief, einerlei, wohin es kam! Ja, das
-lockende Waldhorn jagte das Riesele
-eher weiter weg, als daß es lockte.</p>
-
-<p>Cornel, der Hirt, hing das Horn um
-die Schulter und begann, den Weg
-hinzulaufen, den das Riesele eingeschlagen
-hatte. Er horchte, er legte das Ohr
-auf den steinigen Boden, den Huftritt
-zu erlauschen, er lief wie ein Hund, der
-eine Spur erschnuppert, allein er sah
-und hörte das Riesele nicht. Die Sichel<span class="pagenum"><a name="Seite_87" id="Seite_87">[S. 87]</a></span>
-des Mondes spitzte überm Waldrand;
-kleine Wolken rasten gegen ihren Bogen,
-als wollten sie geschnitten sein wie
-Gras.</p>
-
-<p>Plötzlich erschallte vom Dorf herauf
-das Feuersignal! Ohne nachzusehen, ob
-irgendwo eine Flamme oder ein heller
-Qualm sich zeige, wußte Cornel genau,
-wem dieses Signal gelte! Es galt zuerst
-dem Riesele, aber es galt nicht
-minder auch ihm, dem Cornel! dem
-Schweinehirten der Gemeinde! Denn
-sie kannten ihn nicht, sie wollten ihn
-überhaupt nicht kennen lernen, und sie
-begnügten sich damit, ihn einen Narren
-zu nennen! Es galt also, auf dem Damm
-zu sein, da die Flut stieg!</p>
-
-<p>Stimmen erschallten vereinzelt und
-abgerissen aus dem Dorf herauf, das
-Signal strömte zwischen dem Wald
-der Obstbäume, alle Hunde heulten
-auf, irgendwo in einem Stall krischen
-ab und zu salvenweise ein paar Gänse,
-wie wenn sie auch dabei sein müßten,<span class="pagenum"><a name="Seite_88" id="Seite_88">[S. 88]</a></span>
-wenn's dem Sauhirt an den Kragen
-geht!</p>
-
-<p>Die Stimmen sammelten sich und
-verteilten sich wieder, und bald hörte
-Cornel bekannte Dorfstimmen, die sich
-den Hohlweg heraufnäherten, und er
-hatte das Riesele, das er doch verführt,
-noch nicht in der Hut.</p>
-
-<p>Aber da stand es ja plötzlich neben
-ihm! Stand da wie aus dem Sommerabend
-geboren, der allhin so viel Liebe
-gebiert! Da stand es und hielt einen
-Birkenzweig im Mäulchen, wie wenn
-nichts geschehen sei!</p>
-
-<p>„Hast deinen Hirten aber schön erschreckt,
-Riesele!” sprach er, „doch gib
-ihn her, den Oelzweig des Friedens,
-daß wir uns gemeinsam für den Augenblick
-unserer Freiheit begeben können,
-denn sie kommen, die Unfreien! Mit
-Leuchtfackeln kommen sie, wie zu Jesu
-Gefangennahme, die Freiheit zu suchen,
-um sie einzupferchen und sie bei Wasser
-und Brot fasten zu lassen! Siehst du sie<span class="pagenum"><a name="Seite_89" id="Seite_89">[S. 89]</a></span>
-kommen mit den Lederhelmen? Hörst
-du sie kommen mit den Feueräxten? Sie
-schlagen, wenn sie's für nötig erachten,
-das Sommerhaus ihres Gottes in
-Stücke und schrecken vor diesem ihrem
-Schreckgespenst auch nicht zurück. Verstummet,
-ihr Frösche, daß sie euch nicht
-erschlagen! Verkriecht euch in die Erde,
-ihr Käfer, der ihr entnommen seid!
-Nachtigall, schlag nicht heute abend:
-die Menschen kommen mit ihren Mordgewehren
-der Schönheit und des Friedens.”</p>
-
-<p>Riesele schien solches Gerede gerne
-anzuhören; es ließ seinen Kopf auf der
-entblößten Schulter Cornels liegen und
-ging Schritt für Schritt weiter.</p>
-
-<p>„Weißt du, wo das Wachtstübchen
-ist? Nein, das weißt du nicht! Aber
-paß gut auf, Riesele: wenn sie deinen
-Freund hineinstecken werden, so komme
-manchmal an die Tür! Ich will dir
-Brot geben von meinem Brot und
-Wasser, wenn du Durst nach Freiheit<span class="pagenum"><a name="Seite_90" id="Seite_90">[S. 90]</a></span>
-hast! Ich weiß, sie sperren mich ein paar
-Tage ein; aber das ist immer noch besser
-als das Irrenhaus! Sie dürfen mich
-einsperren: ich trage das Bewußtsein
-eines neuen Freundes in der Brust, der
-so geschickt zuhören kann und meine
-Lehren versteht! Paß auf! Paß auf!
-Laß uns niedersetzen!”</p>
-
-<p>Cornel setzte sich, und Riesele blieb
-bei ihm stehen.</p>
-
-<p>Zwei Feuerwehrmänner kamen daher,
-plauderten miteinander, und der
-eine sagte gerade:</p>
-
-<p>„Roma heißt rückwärts gelesen Amor!
-Amor ist aber, das steht ausführlich in
-meinem Buche, der Gott der Liebe! Oh,
-in den großen Städten wird fürchterlich
-geliebt!”</p>
-
-<p>Sie sahen vor lauter Liebe nichts und
-gingen vorüber.</p>
-
-<p>„Fürchterlich geliebt!” rief ihnen
-Cornel nach, „da habt ihr aber
-recht!”</p>
-
-<p>Sie schreckten zusammen, die verträumten<span class="pagenum"><a name="Seite_91" id="Seite_91">[S. 91]</a></span>
-Feuerwehrleute, kamen dann
-aber gleich beherzt herzu und sagten zugleich:</p>
-
-<p>„Da sind sie ja!”</p>
-
-<p>„Da sind wir!” erwiderte Cornel und
-streckte beide Hände vor, als wolle er
-sie fesseln lassen.</p>
-
-<p>„Los, heim! Vor uns hermarschiert!”
-kommandierten die Wehrleute, und
-Cornel legte den Arm auf Rieseles Hals,
-und so traten sie den Heimweg an.</p>
-
-<p>„Fürchterlich geliebt ist gut!” fing
-Cornel an, aber die Wehrleute gaben ihm
-keine Antwort und redeten von den Dickrüben,
-die von Hasen zerfressen waren.</p>
-
-<p>Der Hirt wandte sich nunmehr wieder
-an Riesele und sagte laut, daß die
-Männer es hören konnten:</p>
-
-<p>„Weder Zucker, Riesele, &mdash; das wollte
-ich dir vorhin noch sagen &mdash; weder
-Zucker gab uns Gott noch Peitsche,
-sondern Freiheit, Freiheit. Und das ist
-so gut und so viel als sich selber! Sich
-selber gab er uns, mitten in den Herzschlag<span class="pagenum"><a name="Seite_92" id="Seite_92">[S. 92]</a></span>
-hinein, Riesele! Uns, das will
-heißen: dem Kaiser, mir, dir, meinen
-Schweinen und aller Kreatur!”</p>
-
-<p>„Und aller Kreatur!” wiederholte der
-eine Feuerwehrmann.</p>
-
-<p>„Und aller Kreatur!” bestärkte Cornel
-und fuhr fort:</p>
-
-<p>„Einheit, Schönheit, Harmonie
-ringsum in seiner Schöpfung! Nur die
-Menschen sind ihm mißraten, Riesele!
-Sie sind entweder zu eng oder zu weit
-ausgefallen!”</p>
-
-<p>„Zu eng!” rief ein Wehrmann, und
-Cornel antwortete:</p>
-
-<p>„Hörst du's, Riesele, der ist zu weit
-geraten! Zu weit, und er möchte deshalb
-weiter sein!”</p>
-
-<p>„Zu weit!” schrie der andere, und
-Cornel entgegnete:</p>
-
-<p>„Hörst du's, Riesele, der ist zu eng
-ausgefallen! Zu eng, und er möchte deshalb
-enger sein! Lüge ist alles! <em class="gesperrt">Eine</em>
-Einheit in der Mannigfaltigkeit: die
-Lüge; <em class="gesperrt">eine</em> Mannigfaltigkeit in der<span class="pagenum"><a name="Seite_93" id="Seite_93">[S. 93]</a></span>
-Einheit: die Lüge! Sie sind aber selbst
-schuld, die Menschen; sie haben die
-göttliche Freiheit mißverstanden, sie
-haben ihre natürlichen Begriffe irgendwie
-verwirrt, sie sagen: deine Freiheit
-ist die Grenze meiner Freiheit, und nun
-gehen sie aufeinander los und sagen:
-‚Gewalt geht vor Recht, und die Freiheit
-ist für die Narren!’ Riesele! Hörst
-du's, Riesele: ich will lieber ein Narr
-sein, als daß ich unfrei wäre! Du nicht
-auch, Riesele?”</p>
-
-<p>Das große Tor der Wachtstube öffnete
-sich wie von selbst.</p>
-
-<p>„Nun bist du unfrei,” sagte ein Feuerwehrmann,
-„und bist doch ein Narr!”</p>
-
-<p>„Nun bin ich unfrei,” entgegnete
-Cornel, „und bin doch frei!”</p>
-
-<p>Cornel ward hineingestoßen, indes
-Riesele heimtrottete.</p>
-
-<hr class="chap" />
-
-<p class="pagebreak"><span class="pagenum"><a name="Seite_94" id="Seite_94">[S. 94]</a></span></p>
-
-
-
-
-<h2>VI</h2>
-
-
-<p>Von nun an also sah man das Riesele
-nicht mehr auf den Gassen umhertollen.
-Es ward eingesperrt! Der
-Zaun, im Geviert vor der Wohnstube
-des Bauern errichtet, war aber stets lebendig:
-Buben hockten drauf, Mädchen
-selbst erkletterten ihn und ließen die bloßen
-Füße herabbaumeln, und da er sehr
-fest aus dicken Balken gezimmert war,
-konnte manchmal die ganze Dorfjugend
-auf den Balken Platz finden. Die Buben
-liefen mit weitausgestreckten Armen
-sicher wie Seiltänzer drüber hin, und
-die Erwachsenen lehnten sich an, um
-wie vertraute Nachbarn das Gäulchen
-zu beobachten.</p>
-
-<p>Es lief da innen am Zaun entlang,
-biß an den Birkenrinden sich die Lippen
-blutig und hälmelte spärlich an dem<span class="pagenum"><a name="Seite_95" id="Seite_95">[S. 95]</a></span>
-zertretenen Gras des Bodens. Rundum,
-den Zaun entlang, war bald ein Pfad
-festgetrampelt, und an den Balken nach
-der Wohnung zu wuchs auf einen Meter
-breit kein Halm mehr.</p>
-
-<p>Die Unfreiheit schmerzte. Zwar kam
-niemand vorüber, der nicht dem Riesele
-ein Stückchen Brot schenkte, ein Klümpchen
-Zucker, eine Handvoll Klee, aber
-es gab doch so viele Stunden, da mußte
-es allein sein und wußte nichts zu tun,
-als an der Rinde knuppern, als mit den
-Hufen scharren. Oft legte es sich mitten
-in sein enges Reich und schlief oder
-träumte mit offenen Augen in den blauen
-Himmel.</p>
-
-<p>Die Augen, die unendlich groß und
-unendlich dunkel und unergründlich
-waren, spiegelten alsdann den Hag, die
-Wiesenhalme, das ferne Wäldchen
-wider, als ergingen sich diese Schönheiten
-in der jungen Tierseele, und Trudel
-konnte sich an diesem Glanze gar nicht
-satt sehen. Ach, so oft schlüpfte sie durch<span class="pagenum"><a name="Seite_96" id="Seite_96">[S. 96]</a></span>
-das Gehege hinein und legte sich neben
-den Freund und half ihm träumen und
-scharren und knuppern, wenn's nötig
-war. Es geschah aber auch, daß andere
-Kinder ins Bereich schlüpften, um mit
-Riesele im Gefängnis herumzutollen,
-und diese Stunden des Spiels waren
-dann die wenigen Feststunden, da Riesele
-sein Elend vergessen konnte.</p>
-
-<p>Die Mutter Trudel mochte in sich
-fühlen, daß ihr Kind schon Verständnis
-habe für die Arbeit, oder doch, daß nun
-die Zeit gekommen sei, ihm dieses Verständnis
-beizubringen, und immer, wenn
-sie angespannt wurde, zerrte sie an ihren
-Strängen nach dem Kinde hin, das
-freilich, seit es eingesperrt war, mehr
-nach der Mutter umsah als ehedem.
-Ja, die Mutter wollte sogar nicht mehr
-ziehen, blieb stehen und ließ sich mit der
-Peitsche schlagen und stieß klagende
-Schreie aus und ward bei der erzwungenen
-Arbeit unruhig und wirr. Der Bauer
-wußte ja gleich, was sie wollte; aber er<span class="pagenum"><a name="Seite_97" id="Seite_97">[S. 97]</a></span>
-vermeinte, das Zwerggäulchen noch ein
-Weilchen wachsen lassen zu sollen, bevor
-ihm der Ernst des Lebens könne gezeigt
-werden.</p>
-
-<p>Wahrscheinlich aber ist, daß die
-Mutterstute &mdash; man weiß, wie Mütter
-sind &mdash; ihr Kind nicht deshalb bei sich
-haben wollte, daß es lerne, den Wagen
-und auch den Pflug zu ziehen, sondern
-daß sie es nur deshalb bei sich haben
-wollte, um es eben bei sich zu haben!
-Der Bauer Klaus ließ also das Gäulchen
-vorerst noch ein Weilchen in seinem
-Hag und achtete der flehentlichen Muttersorgen
-nicht. Der Raps war zudem
-reif und mußte heimgefahren werden,
-im Rindenwald, gegenüber vom Birkenwäldchen,
-kläpperten Eichenschäler seit
-drei Tagen die jungfrischen Rinden von
-den Stecken, und: eine Fuhre Rinden
-nach dem Bahnhof im Nachbarstädtchen
-bringen, das trug schon etwas ein!
-Da konnte man einen Schüler nicht
-ohne weiteres nebenher laufen lassen!</p>
-
-<p><span class="pagenum"><a name="Seite_98" id="Seite_98">[S. 98]</a></span>
-
-Riesele blieb also in seinem Gefängnis
-und hatte nichts zu tun als auf die
-Kinder warten, bis die Schule aus war,
-als an der Rinde zu nagen wie eine
-Maus, als den Boden zu zertrampeln
-wie ein Töpferlehrling. Die Leute des
-Dorfes beachteten Riesele von Tag zu
-Tag weniger, sei es, daß sie ihm aus
-irgendeinem Grund feindlich gesinnt
-waren, sei es, daß sie seiner überdrüssig
-wurden! Wer brachte noch ein Stück
-Brot? Wer ein Klümpchen Zucker?
-Selbst die Kinder des Hauses kamen
-seltener und liefen lieber den Seifenblasen
-nach, die sie doch nicht erreichen
-konnten, denn Seifenblasen schweben
-in den Himmel!</p>
-
-<p>Der Pfarrer, wenn er vorüberging,
-rieb wie die Kinder mit dem Zeigefinger
-auf dem Daumen und ging vorüber!
-Der Lehrer, wenn der vorüberging,
-blieb wenigstens einen Augenblick stehen,
-griff herein ins Gefängnis, holte sich
-den willigen, ach, den der Liebe so sehr<span class="pagenum"><a name="Seite_99" id="Seite_99">[S. 99]</a></span>
-bedürftigen Kopf des Riesele, streichelte
-über die Blesse, streichelte über die warmen
-Augen, hob mit beiden Händen
-des Gäulchens volle Lippen auseinander
-und befühlte die Zähne! Der
-Bürgermeister, der offenbar eifersüchtig
-war, weil das Riesele nicht ihm gehörte,
-guckte immer, wenn er in die Nähe des
-Hauses geriet, in irgendein Schriftstück,
-als könne er nur ganz langsam lesen, und
-ging vorüber ohne Gruß, ohne Blick!
-Vom Polizeidiener nicht zu reden! Dieser
-Mensch hatte Humor in sich, hatte
-wiederholt mit seiner Schelle am Hag
-ein kleines Konzert zusammengeläutet,
-hatte wiederholt mit dem Stiel seiner
-Schelle das Riesele am Bauch gekitzelt:
-dieser Mensch wollte oder durfte, sicher,
-weil der Bürgermeister eifersüchtig war,
-mit Riesele sich nicht mehr abgeben!</p>
-
-<p>Nur ein Freund blieb treu, und das
-war Cornel, der Schweinehirt! Er trieb,
-seit er aus dem Wachtstübchen wieder
-entlassen war, allmorgendlich seine<span class="pagenum"><a name="Seite_100" id="Seite_100">[S. 100]</a></span>
-Schar Schweine auf einem großen
-Umweg an Rieseles Hag vorüber, er
-kam heran, erzählte etwas, was ihn gerade
-erfüllte, und das Riesele tat sich die
-Musik seiner Worte, deren tiefen Inhalt
-es ja nicht erfassen konnte, ins Herz
-und bewahrte sie getreulich auf für die
-leeren Stunden des Tages, da es allein
-sein mußte mit seiner Armut. Oft, wenn
-es den Freund nicht sah, hörte es die
-Lieder seines Waldhornes aus den
-Häusern hinter der Kirche schweben
-und hatte genug der Freude für ein paar
-Stunden.</p>
-
-<p>Eines Morgens aber sieht der Bauer
-den Cornel mit seinen Schweinen vorm
-Haus halten und wird über die Maßen
-wütend.</p>
-
-<p>„Was hältst du hier mit deinen
-Säuen!” fährt er ihn an, „ist mein Hof
-etwa ein Weidplatz für deine Säue?
-Willst du machen, daß du fortkommst,
-du Faulenzer! Willst du mir auch das
-Riesele versauen?”</p>
-
-<p><span class="pagenum"><a name="Seite_101" id="Seite_101">[S. 101]</a></span>
-
-Cornel sagte nichts dagegen und trieb
-seine Herde, die gar nicht groß war, den
-Weg hinunter, indes Riesele traurig
-ihm nachsah und seinen Säuen.</p>
-
-<p>Die Gänse kamen herein, schritten
-überaus stolz am Gäulchen vorbei, als
-wollten sie sagen: jag uns doch fort,
-wenn du den Mut dazu hast! und sie
-schlüpften wieder hinaus in die Wiese.
-Die Enten kamen herein und schritten
-schnurgerade auf der anderen Seite
-wieder hinaus. Sie hatten nicht Eile,
-denn sie brauchten keine Angst zu haben
-vor dem Riesele, das seine Hörner, wie
-man so sagt, für Enten schon genügend
-abgestoßen hatte. Oft, sehr oft, wenn
-Riesele dalag und träumte, kamen sie
-unversehens herein, setzten sich zu ihm
-und steckten die Schnäbel in die Flügel
-zurück. Auch die Hühner kamen alsdann,
-die jungen, die schon von ihren Hähnen
-umworben wurden, scheuten sich nicht,
-dem Riesele die Haferkörner vor der
-Nase wegzupicken, und in ihrem Uebermut<span class="pagenum"><a name="Seite_102" id="Seite_102">[S. 102]</a></span>
-hüpften sie sogar auf seinen immerhin
-breit gewordenen Rücken und streckten
-die Flügel von sich. Aber der alte
-Hahn ging nicht mit in den Verschlag;
-war seine Schar drinnen, so flog er auf
-den obersten Querbalken und blieb wie
-ein Wächter da sitzen.</p>
-
-<p>Trudel, die Mutter, die zwischen
-Pflicht und Neigung anscheinend nicht
-recht unterscheiden konnte wie viele
-Mütter und nicht wußte, was für ihren
-Liebling gut war, hatte schwere Stunden
-auszuhalten, weil sie sich bei der
-Arbeit in ihrer Sehnsucht verzehrte, sich
-ablenken ließ und obendrein manchen
-Peitschenhieb verspüren mußte. Das
-eingesperrte Riesele war doch ihr Kind!
-Wenn es auch ein Gassenbub gewesen,
-wenn es auch noch so viel Liebe seiner
-Mutter verschmäht hatte: es war doch
-ihr Kind! Jeden Peitschenhieb ertrug
-Trudel mit einem bestimmten Gefühl,
-das dem Schmerz ein bißchen Süßigkeit
-verlieh.</p>
-
-<p><span class="pagenum"><a name="Seite_103" id="Seite_103">[S. 103]</a></span>
-
-Aber diese Tage waren gezählt; Riesele
-durfte, als die Körnerfrüchte in der
-Scheune saßen, mit hinaus! Das Wägelchen
-steht leer vorm Stall, der Bauer
-spannt die Trudel ein, Trudel, das
-Mädchen, riegelt das Gefängnis auf,
-die beiden Buben bringen Halfter und
-Leine, und nun, da die Mutterstute so
-zappelig nach dem Riesele hinstarrt,
-streifen die Buben das Halfter an den
-kleinen Kopf, schleift der Bauer die Leine
-ans Halfter, klatscht Trudelchen in die
-Hände, und wahrhaftig, Riesele wird
-seiner Mutter an den Zügel geledert!
-Links an den Ring des eisernen Zaumes
-wird der Lederriemen eingeschlauft, und
-&mdash; o Herrlichkeit! &mdash; sonst nichts, sonst
-bekommt das Kind keine Fessel und
-keinen Strang und darf also nebenherlaufen
-wie Menschenkinder an Mutterschürzen.
-Steil standen die Ohren der
-Stute, fromm unbeweglich ruhten die
-Hufe im Sand der Geleise, züchtig hing
-der überaus lange Schweif nach unten,<span class="pagenum"><a name="Seite_104" id="Seite_104">[S. 104]</a></span>
-obgleich die Mücken an den Lenden
-saßen und soffen.</p>
-
-<p>Aufgestiegen, ihr Buben! Trudelchen,
-voran, neben den Vater gehockt und die
-Peitsche hinten liegen gelassen! Die
-Bäuerin stand oben auf der Treppe,
-stützte die Fäuste in die breiten Hüften
-und konnte den Mund nicht zusammenhalten
-vor Freude. Nicht anders als ihr
-erging es den dreißig Hühnern und dem
-Herrn Hahn, erging es den Gänsen, den
-Enten und gar dem Hasenvater, der ausnahmsweise
-heute Häsinnen um sich
-herum hatte, unter denen sicherlich etliche
-seine eigenen Kinder waren. Alle
-Hühner saßen auf den Balken des Hages
-und hielten die Köpfe zur Seite geneigt,
-um besser sehen zu können. Alle Gänse
-standen am Gartenzaun beisammen,
-und wenn sie unter sich über ein ganz
-fernliegendes Thema zu diskutieren
-schienen, so war das eine bewußte Täuschung:
-ihre kurzen Blicke zum Gespann,
-gerade diese ablenkenden Blicke verrieten<span class="pagenum"><a name="Seite_105" id="Seite_105">[S. 105]</a></span>
-nur zu deutlich, was in den reduzierten
-Gänsehirnen vorging! Gänserich, es
-gilt nicht, wenn du in deinen Federn
-zu picken vorgibst! Alte Stammutter,
-es gilt nicht, wenn du dich mit dem
-Fuß am Halse kratzest, als hättest du
-einen Wasserfloh! Sie kratzt sich nämlich,
-&mdash; das muß gesagt sein &mdash; nur, um
-unauffällig einen Blick zum Riesele
-werfen zu können! Offen neugierig und
-ehrlich wie immer glotzten die Enten
-mit beiden Augen hinter den breiten,
-biederen Schnäbeln hervor, und ihr
-Enterich stand ganz nahe bei Rieseles
-linkem Hinterbein. Überaus zierlich lag
-von diesem Beinchen weg ein Schatten
-überm zertretenen Weggras, aber er
-verkroch sich alsbald in den größeren
-Schatten, den der Leib der Mutter
-warf, und dieser große Fleck verschlang
-den ganzen Schatten Rieseles, so daß
-nur ein Ohr noch daraus hervorragte.</p>
-
-<p>Seht es euch an, das Riesele! Ganz
-Ordnung, ganz straffes Bewußtsein<span class="pagenum"><a name="Seite_106" id="Seite_106">[S. 106]</a></span>
-von Würde und Kraft, steht es da in
-Erwartung der Dinge, die kommen
-sollen! Keiner von den kleinen, erdgrauen
-Hufen, die sonst so unruhig sind,
-getraut sich, zu mucken, keins der Muskelchen,
-die sonst in fröhlichem Gezwitscher
-an ihren Knochen umherzitterten,
-als hätten sie einen Kitzel im Blut, wagt
-sich, zu wippen, obgleich sie eben, da
-die Schnaken kitzelten, doch schon einmal
-tanzen dürften! Kein Haar an
-Mähne oder Schweif, kein Ohr, keine
-Lippe, nicht einmal ein Auge untersteht
-sich, sich zu bewegen! Ganz Ordnung,
-ganz Kraft, ganz Würde, ganz Wille
-zur Wohlerzogenheit und Vollendung!</p>
-
-<p>Das Riesele, dessen seelische Regungen
-verträumt irgendwo umherschweiften,
-so, als sei dieses Stillestehen schon eine
-große Tat, schrak heftig zusammen, als
-der Bauer hinten aus dem Wagen rief:</p>
-
-<p>„Hü, voran!”</p>
-
-<p>Es war sogleich schon einen Schritt
-zurück und mußte schon laufen. Es lief,<span class="pagenum"><a name="Seite_107" id="Seite_107">[S. 107]</a></span>
-und die Mutter nahm ihren Schritt
-kürzer; das Riesele aber schoß voraus.
-Unsanft zerrte die Leine am Halfter.
-Nach drei Schritten war Riesele wieder
-zurück, nach drei weiteren wieder
-voraus. Seine Hinterbeine blieben nicht
-bei der Mutter; sie wandten seitab, und
-der Kopf drückte gegen den Kopf der
-Mutter, die gewaltsam an sich hielt.
-Ja, es geschah, daß das Riesele an seiner
-Leine riß, die Hinterbeine nach vorn
-rennen ließ, so daß die beiden Pferdeköpfe
-fest aneinander standen, und die
-Deichsel das Riesele arg bedrohte.</p>
-
-<p>Es wäre gern wieder zurückgeturnt
-an seinen Platz, aber es konnte nicht!
-Die Mutter durfte nicht ausweichen,
-weil die Leine dies nicht zuließ (sie selber
-hätte in diesem Fall fünf gerade sein
-lassen, wie man so sagt, und wäre dem
-Drängen des Kindes auf den Kleeacker
-gefolgt, diese Mutter!) und so blieb sie
-stehen, und Mutter und Kind sahen sich
-hilflos an!</p>
-
-<p><span class="pagenum"><a name="Seite_108" id="Seite_108">[S. 108]</a></span>
-
-Der Weg bog auf die breite Landstraße,
-und das war ein Glück!</p>
-
-<p>Es darf nicht verschwiegen werden,
-daß Riesele zur Seite der Mutter, als
-nun die breite Landstraße verführerisch
-genug auch noch in den Schatten des
-Waldes einbog, allzusehr geneigt war,
-Bocksprünge zu machen, daß der Bauer
-Klaus, in der Meinung, diese Tollheiten
-würden schon bei der zweiten Reise aufhören,
-allzu nachsichtig war (Gustav
-dachte ein übers andere Mal für sich:
-bei seinen Kindern war er nicht so gutmütig!)
-und daß auch die Mutter, eingedenk
-der eigenen Jugend dem Gäulchen
-Freiheiten gestattete, die sie (und
-der Bauer Klaus und noch viele Kläuse
-und wohl fast alle) vom Standpunkt
-ihrer Wohlerzogenheit durchaus nicht
-mehr Freiheit nennen konnte!</p>
-
-<p>Eichenschälholz sollte geholt werden!
-Es saß in einer Schneise rechtsab von
-der Straße im frischentblößten Schälwald.
-Die Schneise war aufgeweicht,<span class="pagenum"><a name="Seite_109" id="Seite_109">[S. 109]</a></span>
-und schmutziggelbes Wasser stand in
-Lachen beisammen, und Wasserschneider,
-Libellen und Stechmücken umschwirrten
-den Schmutz. Vereinzelt
-warfen alte Tannen, riesige Eichen etwas
-Schatten über'n Weg, und das
-Riesele scheute vor den Lachen, scheute
-vor den Libellen, vor den gigantischen
-Bäumen, selbst vor den Schatten! Die
-Peitsche schwirrte auf, aber die Peitsche
-machte die Unruhe noch größer und verschwand
-wieder. Die Mutterstute begann
-schließlich auch zu bockeln und kam
-nicht mehr von der Stelle.</p>
-
-<p>„Wart, Bürschele!” sagte der Vater,
-„du kommst mir wieder einmal mit, Holz
-holen, bevor du übern Zaun gucken
-kannst!”</p>
-
-<p>Er stieg ab; auch die Kinder stiegen
-ab, das Riesele ward von der Seite seiner
-Mutter genommen und neben im
-Wald an einen Pfahl, der zwei Meter
-Schälholz hielt, angebunden. Allein
-mußte es hier zurückbleiben, ganz allein,<span class="pagenum"><a name="Seite_110" id="Seite_110">[S. 110]</a></span>
-so sehr die kleine und die große Trudel
-auch flennen mochten. Das Fuhrwerk
-schob sich tiefer in den Wald hinein
-und blieb an der langen, leuchtenden
-Schälholzreihe halten.</p>
-
-<p>Riesele sah und hörte, wie die gelben
-Prügel aufgeladen wurden, wie selbst
-das Mädchen eifrig bei der Arbeit war
-und sich nicht um seinen Freund kümmerte.
-Es riß an seiner Leine: sie war
-stark! Sie war stärker als das Riesele,
-aber der eingerammte Pfahl erbarmte
-sich und gab nach und fiel schließlich um,
-so daß der Holzstoß zusammenrutschte.
-Niemand hörte den Schall!</p>
-
-<p>Riesele sieht sich noch einmal um,
-weiß nicht recht, soll es zu der Mutter
-laufen und zu ihren Peinigern &mdash; oder
-soll es heimzu rennen? Es rennt schließlich
-heimzu und schleift den Eichenprügel,
-der an seiner Leine hängt, hinter
-sich her, den Prügel, der sich seiner erbarmt
-und ihm die Freiheit gegeben
-hatte.</p>
-
-<p><span class="pagenum"><a name="Seite_111" id="Seite_111">[S. 111]</a></span>
-
-Es lief nicht die Landstraße, die es
-hergekommen; querfeldein lief es wieder
-wie ehedem, denn der ausgetretene Weg
-der Ackergäule und der Ackerkühe widerte
-sein ursprüngliches Gefühl an, das
-eigene, wenn möglich: verbotene Wege
-zu gehen wünschte!</p>
-
-<p>Da lag im Schatten eines alleinstehenden
-Buchengesträuchs Cornel, der
-Hirt, und seine Schweine grunzten weitaufgelöst
-im warmen Schlamm, der von
-blühenden Ginsterbüschen grell durchtupft
-war. Cornel hatte hinterm Ohr
-eine Kuckuckslichtnelke stecken und las
-im Buch der Droste. Wie er das Riesele
-kommen sieht, stützt er sich auf und sagt:</p>
-
-<p>„Na, Riesele, heute merkst du's noch,
-wie dir der Knüppel zwischen den Beinen
-herumfällt! Morgen schon wirst
-du's nicht mehr merken, und übermorgen,
-&mdash; solltest du ohne deinen Knüppel
-laufen, wirst du schon schreien: ‚Wo
-ist mein Knüppel, wo ist mein Knüppel?’
-Ade, Riesele, ade! Wenn ich dich von<span class="pagenum"><a name="Seite_112" id="Seite_112">[S. 112]</a></span>
-dieser Freiheit befreien könnte, gern tät
-ich's, Riesele, ach so gern!”</p>
-
-<p>Das Riesele trat dicht vor seinen
-Freund hin; er löste die Leine von dem
-Eichenholz, band sie fürsorglich am
-Halfter oben fest und sprach tiefernst:</p>
-
-<p>„Was nutzt es dir, Riesele, daß ich
-dich jetzt ganz fragwürdig frei mache?
-Deinem Schicksal kannst du nicht entgehen,
-es sei denn, daß du gleich am
-Anfang deiner Laufbahn über deinen
-Knüppel stolperst, das Bein brichst und
-stirbst! Riesele, Riesele, soll ich dir von
-deinen Voreltern erzählen, wie die einst
-so glücklich waren?”</p>
-
-<p>Riesele mißachtete der Worte des
-Freundes und lief, des Prügels ledig,
-davon.</p>
-
-<p>„Will halt nicht wissen, wie seine
-Voreltern glücklich waren,” sagte Cornel
-für sich, und zu seinen Schweinen
-sagte er:</p>
-
-<p>„Seht ihn euch an, er läuft dahin im
-Segen seiner Freiheit!”</p>
-
-<p><span class="pagenum"><a name="Seite_113" id="Seite_113">[S. 113]</a></span>
-
-Als Riesele heimkam, war der Hag
-verschlossen, die Stalltür zugeklappt,
-die Scheune verriegelt. Es wußte nicht,
-was es tun sollte, und da es am liebsten
-in seinen Hag gegangen wäre, streckte
-es den Kopf zwischen den Balken hindurch
-und hob das Bein, konnte aber
-durchaus nicht hineingelangen in sein
-Gefängnis. Schließlich starrte es den
-Weg hin, den es gekommen, und da
-auch die Gänse nicht zu Hause waren
-und die Enten nicht, und nur einige
-Hühner im Sand badelten, lief es unter
-den Schuppen, wo die kleine, überdächelte
-Kutsche stand, und legte sich
-zwischen die Deichseln der Schere, zu
-dieser auf den Boden. Es ist nicht ausgeschlossen,
-daß es sich hier als ein erwachsenes
-Pferd fühlte, dem man die
-Kutsche anvertrauen kann, daß es kühne
-Träume hegte! Träume, wie sie Kindern
-eigen, die so gerne groß wären und so
-gerne einen Beruf erfüllten!</p>
-
-<p>Die Mücken umschwärmten zwar<span class="pagenum"><a name="Seite_114" id="Seite_114">[S. 114]</a></span>
-das Riesele, setzten sich aber nicht auf
-sein schwarzes Fell, und als die Holzfuhrleute
-heimkamen, sahen sie das Riesele
-also liegen und freuten sich sehr.</p>
-
-<hr class="chap" />
-
-<p class="pagebreak"><span class="pagenum"><a name="Seite_115" id="Seite_115">[S. 115]</a></span></p>
-
-
-
-
-<h2>VII</h2>
-
-
-<p>Indessen gewöhnte sich Riesele an die
-Deichsel und durfte schließlich überallhin
-mit. Eines Tages wollte ein Fremder
-an den Bahnhof gefahren werden.
-Der Kutscherbock war zweisitzig; der
-feine Herr kam, wie er Riesele sah, aus
-der überdächelten Chaise hervor und
-setzte sich neben den Bauer Klaus, um
-das Riesele genau beobachten zu können.</p>
-
-<p>Es lief erst züchtig, wie wenn es ziehen
-würde, neben der Mutter her und nickte
-gleich ihr mit dem Kopf nach unten, als
-sei die Last gar nicht so leicht, wie es
-scheinen mochte! Aber schon gleich auf
-der Landstraße riß es an seinem Halfter,
-schob die Hinterbeine seitaus und machte
-seiner Mutter große Beschwerden. Trudel,
-die Mutter, ließ sich nicht beirren
-und vermochte immer wieder durch gütiges<span class="pagenum"><a name="Seite_116" id="Seite_116">[S. 116]</a></span>
-Zureden, das den Menschen leider
-nicht erkennbar ist, den kleinen Burschen
-in Zucht zu halten. Jedoch nie lange!
-Trudel selbst begann aufgeregt zu werden,
-man sah ihr den Angstschaum am
-Maule stehen.</p>
-
-<p>Als das Riesele aber wieder einmal am
-Halfter zerrte und gar zu bockeln anfing,
-sagte der Fremde zum Bauern Klaus:</p>
-
-<p>„Würden Sie mir einmal Ihre Peitsche
-und Ihre Leine anvertrauen? Ich
-will mal meine Kunst probieren!”</p>
-
-<p>Er schnalzte ein seltsames Gezisch
-mit der Zunge, und sogleich stellte Trudel
-die Ohren aufrecht, und sogleich
-drehte der Student die großen Augen
-einmal zurück nach dem Kutscherbock
-und lenkte die Hinterbeine ein.</p>
-
-<p>Die Leine straffte, die Peitschenschmicke
-flatterte hochauf.</p>
-
-<p>„Das ist ein seltenes Feuer, Herr, woher
-haben Sie es?” fragte der Fremde.</p>
-
-<p>„Die Mutter brachte mir der Jude,
-das Kleine ist ein Gelegenheitskind: der<span class="pagenum"><a name="Seite_117" id="Seite_117">[S. 117]</a></span>
-Vater war bei einer Seiltänzergesellschaft!”</p>
-
-<p>„Aha! Passen Sie auf!”</p>
-
-<p>Der Fremde sprang ab, besah sich
-der Stute Gebiß, griff ihr an die Muskeln
-des Vorderbeines und tupfte dann
-mit dem Zeigefinger auf ein Plätzchen
-über der Kniescheibe, worauf die Haut,
-wie wenn eine Mücke dasäße, leicht erzitterte.</p>
-
-<p>„Sie ist ein braver Ackergaul, nicht?
-Sie hat zwar Qualitäten gehabt, ist
-aber in falsche Hände gekommen und
-hat's zu nichts gebracht! Wollen mal
-beim Kleinen sehen!”</p>
-
-<p>Er nahm Rieseles Kopf in die Hände,
-reckte ihn wie einen Rekrutenkopf zu
-sich in die Höhe, schnitt mit dem Fingernagel
-hinter den beiden Ohren zwei
-Halbkreise, und die beiden Ohren
-schlugen fast aneinander. Er tupfte an
-den Knien herum, und die beiden Vorderbeine
-knickten ein, und fast wäre Riesele
-hingefallen.</p>
-
-<p><span class="pagenum"><a name="Seite_118" id="Seite_118">[S. 118]</a></span>
-
-Der Fremde sah den Bauern lange
-an, nickte und sagte:</p>
-
-<p>„Er ist wohl auch ein toller Bruder,
-was? Hören Sie, verkaufen Sie mir
-den Studenten, ich bezahle ihn gut!”</p>
-
-<p>„Was soll aus ihm werden, Herr?”
-entgegnete der Bauer, „er ist ein einfaches
-Tier, das weder große Kraft noch
-große Arbeitslust haben wird. Anlagen
-hat er, ja, aber Anlagen zum Taugenichts,
-zum Guckindieluft, und da er
-Sternkundiger wohl nicht werden
-kann, muß er in stramme Zucht genommen
-werden für den Wagen!”</p>
-
-<p>„Es gibt außer körperlicher Arbeit
-und außer der hohen Wissenschaft noch
-andere Dinge in der Welt, mit denen
-man die Menschen beglücken kann, mit
-denen man schließlich auch sein Brot
-verdienen kann, Dinge, die dem grauen
-Alltag ferne liegen!”</p>
-
-<p>„Soll er etwa das lebendige Spielzeug
-werden verwöhnter Fürstenkinder,
-soll er Kinderschlachten schlagen helfen<span class="pagenum"><a name="Seite_119" id="Seite_119">[S. 119]</a></span>
-auf den umhegten Spielplätzen, vor denen
-wirkliche Soldaten Wache stehen?
-Soll er den Kopf senken vor den Herrschaften
-dieser Erde, wie wenn er ein
-Sklave wäre gleich den meisten unserer
-Mitmenschen?”</p>
-
-<p>„Die Freiheit, Herr, steckt ihm zu sehr
-im Blut, als daß er sich hierzu eigne! Er
-soll, in Freiheit dressiert, ein großer
-Künstler werden zum Heil der Menschen!”</p>
-
-<p>„Ich seh mein Gäulchen meiner Treu
-schon auf dem Hochseil tanzen! Nein,
-nein, wollten Sie gar einen Künstler
-aus ihm machen, gäb ich es erst recht
-nicht her. Auch in meinem Haus wird
-mehr gelacht als geweint.”</p>
-
-<p>Riesele schritt indes züchtig einher,
-da die Schmicke der Peitsche über seinen
-Ohren drohte und nicht verschwinden
-wollte!</p>
-
-<p>Am Bahnhof stieg der Fremde aus,
-nahm Rieseles Köpfchen zwischen die
-Hände und sagte zu ihm:</p>
-
-<p><span class="pagenum"><a name="Seite_120" id="Seite_120">[S. 120]</a></span>
-
-„Wir sehen uns wieder!” und zum
-Bauern sagte er:</p>
-
-<p>„Glücklich sein oder glücklich machen:
-was dünkt Ihnen am schönsten,
-Herr?”</p>
-
-<p>Der Bauer sah dem Fremden in die
-Augen, wußte nicht, was er sagen sollte,
-und wiederholte schließlich dieselbe
-Frage:</p>
-
-<p>„Glücklich sein oder glücklich machen?
-Ja! Ja! Glücklich machen, natürlich!
-Aber was ist Glück?”</p>
-
-<p>„Hahaha!” entgegnete der Fremde,
-„Sie gehen mir schon wieder zu weit!
-Zu tief, zu tief in die Erde, zu tief an die
-Wurzeln! Wir Menschen des Kaiserreichs
-treiben gern oben auf dem Wasser
-unserer Zukunft entgegen, leben über
-der Erde, wo die Blumen blühen und
-die Vögel singen!”</p>
-
-<p>„Verstehen aber die Blumen nicht
-und die Vögel nicht und haben überhaupt
-die Wurzeln verloren! Nicht
-wahr?”</p>
-
-<p><span class="pagenum"><a name="Seite_121" id="Seite_121">[S. 121]</a></span>
-
-„Möglich, Herr, möglich; aber wer
-die Wurzel nun einmal verloren hat,
-wie Sie sagen, soll dem für die kurze
-Zeit, da seine Blüte noch standhält, das
-Glück versagt sein?”</p>
-
-<p>„Das Glück wird ihm versagt sein
-müssen, denn Glück bedeutet: Wurzel
-haben! Aber den Schimmer soll man
-dem Schimmer lassen!”</p>
-
-<p>„Den Schimmer soll man dem
-Schimmer lassen,” wiederholte spöttisch
-und nachdenklich der staunende
-Fremde, und fuhr dann fort: „Doch
-genug der leeren Worte: ich komme
-nach drei Wochen wieder und werde
-dann das Riesele abholen! und wie gesagt:
-Sie werden keinen Schaden haben
-bei der Sache!”</p>
-
-<p>Als der Vater zu Hause erzählte, was
-ihm begegnet war, öffneten sich die drei
-kleinen Mäulchen und schlossen sich
-schier nicht mehr an diesem Abend. Der
-Vater hatte beim Militär allerhand interessante
-Stückchen gesehen: der Rittmeister<span class="pagenum"><a name="Seite_122" id="Seite_122">[S. 122]</a></span>
-war ein Narr gewesen: Kerle!
-sagte er oft zur Schwadron, ich bin der
-Teufel! Ich liebe meine Frau nicht und
-meine Kinder nicht: wie soll ich etwa
-euch lieben? Ein vollendeter Narr war
-der Rittmeister! Dazu ein Pferdenarr,
-der neunzehn Reitpferde besaß und sie
-dressieren konnte. Im Walzertakt ritt
-er an zum Appell; Schottisch auf den
-Hinterbeinen konnten zwei seiner Gäule
-flott tanzen! Einmal erschien er mit
-einem Rappen, dessen Hufe vergoldet
-waren, zum Appell.</p>
-
-<p>„Vergoldet?” rief das Trudelchen,
-das in der Mutter Schoß lag, „und die
-Hufeisen, waren die auch von Gold?”</p>
-
-<p>„Die waren natürlich auch von
-Gold!” erwiderte der Vater und erzählte
-weiter, wie dieser Rittmeister einmal in
-einem Zirkus ganz plötzlich, ohne daß
-irgend jemand zuvor davon gewußt
-hätte, angeritten sei mit einem schneeweißen
-Hengst, wie er nur einfach rundum
-geritten sei, und wie die Menge vor<span class="pagenum"><a name="Seite_123" id="Seite_123">[S. 123]</a></span>
-Begeisterung geschrien hätte. Alles habe
-geschrien „Bravo, bravo!” und er, der
-Vater, habe mit seinen Kameraden zuerst
-geschrien und zuerst geklatscht, und
-nachher hätte jeder drei Tage Urlaub
-bekommen und zwanzig Mark!</p>
-
-<p>„Zirkus?” sagte die Mutter, „ja, wenn
-Riesele in einen Zirkus soll, da weiß ich
-auch Bescheid! Doch will ich heut
-abend nichts mehr erzählen, ich heb
-meine Sach auf bis zum Sonntag!
-Ja, wenn's Riesele in einen Zirkus soll,
-da ging ich auch mit!”</p>
-
-<p>„Ich auch, ich auch!” versetzten die
-Buben und knöpften schon die Hosenträger
-ab, und Trudel, die schon halb
-geschlafen hatte, rieb sich die Augen und
-flüsterte:</p>
-
-<p>„Ich auch, Mutter, gelt, ich auch?”</p>
-
-<p>„Freilich, freilich, wir alle gucken,
-wenn das Riesele Walzer tanzt, oder
-auf dem Hochseil läuft, oder wenn es
-dem König sagt, wie lange er noch zu
-leben habe!”</p>
-
-<p><span class="pagenum"><a name="Seite_124" id="Seite_124">[S. 124]</a></span>
-
-Nun wurden alle Tage zu Sonntagen,
-die Buben schnitten sich Degen
-aus Holz, klebten Papierhelme, gürteten
-farbige Bänder um den Leib, und das
-Mädchen tanzte, wo immer sie ging
-und stand. Die Mär, daß Riesele in den
-Zirkus komme, wußte bald die ganze
-Jugend des Dorfes. Hüpfseile, Springreife,
-goldige Schnüren, Soldatengerät
-aller Art tauchten auf, und auch die Alten
-betrachteten das Tierchen mit den Augen
-ihrer Komödiantentage, wie jeder
-Mensch sie mit sich durchs Leben trägt.
-Das ganze Dorf begann inmitten der
-grauen Kartoffelernte zu leuchten im zukünftigen
-Glanze des kleinen Riesele,
-und alle sagten:</p>
-
-<p>„Er hat sein Glück gemacht!”</p>
-
-<p>„Glücklich sein, ist nicht Glück,” sagte
-der Bauer Klaus zum Herrn Pfarrer,
-„glücklich machen, das ist Glück! Oder
-wie denken Sie über diesen Fall, Herr
-Paschtohr?”</p>
-
-<p>„Da ist nicht viel zu denken, Freund<span class="pagenum"><a name="Seite_125" id="Seite_125">[S. 125]</a></span>
-Klaus: wer sein Glück darin findet, daß
-er glücklich macht, der ist wahrlich ein
-kleiner Heiland!”</p>
-
-<p>Als jedoch die drei Wochen herum
-waren und der Fremde wieder kam, da
-wollte niemand das Riesele hergeben.
-Die ganze Stube war voller Kinder,
-aber das Riesele stampfte ungestüm in
-seinem Hag, als wisse es, was geschehen
-solle, und als wolle es möglichst rasch
-fort in den Zirkus.</p>
-
-<p>Der Fremde zählte zwei lange Reihen
-dicker Silbermünzen auf den eichenen
-Tisch, der Vater überzählte sie, indem
-er mit zwei Fingern auf je zwei tupfte
-und sie ein bißchen höher schob, und die
-Mutter hielt die Daumenspitze zwischen
-den Zähnen.</p>
-
-<p>Die Buben liefen hinaus, wie sie das
-viele Geld sahen, und die Stube leerte
-sich fast. Trudel trat betrübt zur Mutter,
-und als die Mutter sie auf den Arm
-nahm, kollerten dem Kinde die Tränen
-aus den Augen, und es sagte ganz laut:</p>
-
-<p><span class="pagenum"><a name="Seite_126" id="Seite_126">[S. 126]</a></span>
-
-„Jetzt verkaufen wir das Riesele, wie
-die Brüder den Joseph verkauft haben
-um dreißig Silberlinge; da hätten wir
-das Riesele doch Joseph nennen sollen,
-wie's noch ganz klein war!”</p>
-
-<p>Die Mutter konnte die Tränen auch
-nicht verbeißen, sie sah den Vater an
-und sagte:</p>
-
-<p>„Dreißig Silberlinge, sind's nicht
-auch gerade dreißig Silberlinge, dreißig
-dicke Silberstücke, und dafür hat auch
-Judas den Herrn verraten!”</p>
-
-<p>„Ja, willst du das Riesele behalten?”
-fragte der Vater.</p>
-
-<p>„Die Kinder, die Kinder!” antwortete
-die Mutter, „da guck hinaus, die Buben
-führen's fort!”</p>
-
-<p>„Was die Buben tun, gilt wohl
-nicht!” sagte der Fremde, zog seine
-Börse und legte drei Zehnmarkstückchen
-zu dem Geld, hob das eine wieder vom
-Tisch auf, reichte es dem weinenden
-Trudelchen und sprach:</p>
-
-<p>„Hier, Kind, ein Füchschen für dein<span class="pagenum"><a name="Seite_127" id="Seite_127">[S. 127]</a></span>
-Räppchen, und das hier gibst du deinen
-Brüdern! Hier, sieh genau hin, der
-Mann, der da im Gold abgebildet ist,
-das ist der Kaiser!”</p>
-
-<p>Das Kind betrachtete die Münze
-und rief zum Fenster hinaus:</p>
-
-<p>„Gustav, August, kommt herein, ihr
-habt goldene Kaiser bekommen!”</p>
-
-<p>Sie kamen herein, und das Riesele
-ging, ohne seiner Mutter Ade gesagt zu
-haben, von dannen, dem Zirkus des Lebens
-entgegen, den sich die Menschen
-eingerichtet haben.</p>
-
-<hr class="chap" />
-
-<p class="pagebreak"><span class="pagenum"><a name="Seite_128" id="Seite_128">[S. 128]</a></span></p>
-
-
-
-
-<h2>VIII</h2>
-
-
-<p>Der Fremde also führte das Riesele
-fort aus dem Paradies, am Buchenwäldchen
-vorbei in das nahe
-Städtchen an den Bahnhof, wo Riesele
-mit seiner Mutter schon einmal gewesen
-war. Die Kinder kamen wieder gelaufen,
-weil gerade die Schule aus war, und
-sie stellten sich ans Gitter des Güterbahnhofes,
-wo das schwarze Gäulchen
-auf den Zug warten mußte, und sie
-winkten ihm, da es in den Bahnwagen
-trat, und riefen seinen Namen, da sie es
-nicht mehr sehen konnten! Riesele blieb
-lange Stunden im Bahnwagen, und
-als es heraustreten durfte, hing vor
-seinen Augen ein ungeheures Licht, das
-langsam an einem Pfahl in die Höhe
-geleiert wurde. Nun pendelte es hoch
-oben, und ringsum zuckten kleinere Lichter<span class="pagenum"><a name="Seite_129" id="Seite_129">[S. 129]</a></span>
-auf, die Sperre schnurrte zurück, und
-Riesele schritt hinaus in den Abend und
-stapfte neben dem Manne her über eine
-große, flache Wiese, einem unheimlichen
-Hage zu, zwischen dessen Gebälk unabsehbar
-Gäule weideten, schwere Kerle,
-deren Köpfe sich nicht vom Grasboden
-erhoben.</p>
-
-<p>Riesele brauchte nicht in einen dieser
-Hage; es wurde in einen Stall geführt,
-der ganz weiß getüncht war. Hier verbrachte
-es die erste Nacht in der Fremde.</p>
-
-<p>Gleich am Morgen kam ein Mann
-in einem langen, weißen Kittel, der
-streichelte an dem jungen Körper herum,
-und dann kamen zwei andere Männer,
-die legten Riesele aufs Stroh nieder,
-und dann spürte es einen heftigen Stich
-in der linken Flanke, daß es ausgeschlagen
-hätte, wenn's ihm möglich gewesen
-wäre. Es konnte mit keinem Muskel
-zucken, so fest hielten die Männer das
-Riesele, und als sie es freigaben, wollte
-es sich nicht bewegen, so müde war es<span class="pagenum"><a name="Seite_130" id="Seite_130">[S. 130]</a></span>
-geworden. Es lag da, eine weiße Schnur
-war um seinen Leib gewickelt, und vor
-seinem Munde stand ein Napf mit
-Milch, den es aber nicht berührte.</p>
-
-<p>Es trank indes gegen Abend doch
-die Milch, und am nächsten Morgen
-hatte es sogar Lust, sich auf die Beine
-zu stellen, stellte sich auch und fraß
-frischen Klee, und schon am andern
-Tag kam der Mann im weißen Kittel
-wieder und wickelte den Verband ab.
-Riesele war also wieder gesundet von
-einer Krankheit, die ihm zu Hause hinter
-seinen Bergen sicher erspart geblieben
-wäre.</p>
-
-<p>Es durfte aus dem Stalle laufen, es
-durfte die großen Gäule besuchen an
-deren Hag, es durfte den Kopf hineinstrecken
-zu den Großen und ward geliebkost
-wie von seiner Mutter.</p>
-
-<p>Eines Tages entdeckte es in einem
-der letzten Hage ein Füllen, das an der
-Brust seiner Mutter trank. Dieses Füllen
-trank noch an der Brust seiner Mutter,<span class="pagenum"><a name="Seite_131" id="Seite_131">[S. 131]</a></span>
-obgleich es viel größer war als Riesele.
-Riesele wollte durchaus nicht etwa mit
-ihm trinken: es hatte nur seine Freude
-an dem großen Säufer und dünkte sich
-sehr erwachsen. Jeden Tag trieb es sich
-bei Mutter und Kind umher, bis ein
-Wärter ihm gar die Tür aufmachte und
-es hineinlaufen ließ.</p>
-
-<p>Hier im Schatten einer Mutterliebe
-verbrachte Riesele die nächsten Wochen
-seines Lebens, bis der Winter kam.
-Die Mutter hatte genug Liebe und
-verschenkte davon an das Riesele, soviel
-sie konnte, und Riesele wuchs mächtig
-heran! So sehr es sich aber im Wachsen
-beeilte: das kleine Mutterkind blieb
-größer! Es konnte seinen Kopf auf die
-dritte Querstange des Hages legen, aber
-Riesele konnte das nicht! Riesele war
-klein, Riesele war ein Zwerg gegen dieses
-Füllen, Riesele konnte sich strecken, soviel
-es wollte, aber es blieb klein. Trotzdem,
-wenn es auch kleiner war als der Säugling,
-so war es doch stärker als dieser,<span class="pagenum"><a name="Seite_132" id="Seite_132">[S. 132]</a></span>
-und sein Benehmen glich viel eher dem
-eines gesetzten Burschen.</p>
-
-<p>Von Tag zu Tag glänzte Rieseles
-Haut mehr, seine Haare stellten sich
-dichter, da der Winter weiß auf den
-nahen Bergen hockte, die Blesse leuchtete
-etwas über den Augen, und in den Augen
-erschien ein seltener Glanz, der alle, die
-kamen, über die Maßen entzückte. Zugleich
-schossen die Haare des Schweifes
-tief hernieder und berührten fast die
-Hufe, die Mähne zottelte sich in weichen
-Kräuselwellen am Halse herab und fiel
-über die Schulterblätter, und die Stirnhaare
-wuchsen bis zur Blesse und hörten
-auf zu wachsen!</p>
-
-<p>Rieseles Rücken blieb schmal, seine
-Brust wollte sich nicht breit auseinandertun,
-entfaltete sich zwar, blieb aber
-trotzdem schmal und zierlich. Seine
-Schenkel wulsteten sich nur kaum merklich
-hervor. Dennoch, obwohl die Muskelstärke
-nicht so sehr zutage trat wie bei
-Füllen, die für den Strang geboren sind,<span class="pagenum"><a name="Seite_133" id="Seite_133">[S. 133]</a></span>
-machte sich in diesem kleinen Körper ein
-reges Spiel der zarten Kräfte bemerkbar,
-das den Kenner und noch mehr den
-Menschen, der in dem Spiel der Muskeln
-das Leben sieht und die Schönheit
-und, was alles dahinter sich versteckt,
-höchlich entzücken mußte. Wenn die
-beiden Kinder miteinander spielten, so
-tolpatschte das größere, das jüngere,
-hierhin und dahin, ungelenk und steif
-und stieß bald an den Stangen an und
-rannte gegen die Mutter, und einmal
-warf es sogar das Riesele um auf den
-Grasboden, daß dem Riesele fast die
-Tränen kamen.</p>
-
-<p>Dieses aber bewegte sich ganz anders!
-Die geringe Last seines Körpers schnellte,
-von den Vorderbeinen aufgewippt, überaus
-leicht und zierlich und anmutig den
-Rücken hernieder in die Hinterbeine, so
-daß die Vorderbeine sich fröhlich in der
-Luft ergingen, so daß die lange Zottelmähne
-umherwirbelte, der Kopf sich
-aufreckte, sich vor Uebermut schüttelte,<span class="pagenum"><a name="Seite_134" id="Seite_134">[S. 134]</a></span>
-so daß die Zähne hervorblitzten und die
-Ohren in der Luft herumstachen, wie
-wenn sie Fliegen schlagen wollten! Die
-geringe Last des Körperchens turnte in
-die Vorderbeine, daß die Hinterbeine
-befreit waren, daß die Hinterbeine nach
-allen Seiten ausfeuern konnten, als
-seien sie die schlimmsten Pferdebeine der
-Welt, daß sie aber nur fortgesetzt und
-immer wieder Löcher in die kalte Herbstluft
-schlugen.</p>
-
-<p>Die Kraft, die sich in dem kleinen
-Körper regte, war durchaus nicht klein
-und wollte vertobt sein! Ein Spatz, der
-sich aufs Geländer des Hages setzte, eine
-Mücke, die heranflog, das Riesele zu
-stechen und von seinem Blut zu trinken,
-ein verspäteter Schmetterling, der
-irgendwohin flatterte und an Riesele
-zufällig vorbeikam, sie alle reizten des
-Riesele junge Kraft wie echte Feinde,
-und jeweils stürzte sich der kleine Mann
-auf das harmlose Tierchen los, der große
-Säugling tat dann auch mit, und wenn<span class="pagenum"><a name="Seite_135" id="Seite_135">[S. 135]</a></span>
-der Spatz endlich den Hag verlassen,
-wenn der Schmetterling sich weiter in
-die Höhe geschwungen, wenn das Bienlein
-das Weite gesucht hatte vor solcher
-Turnierwut, so gerieten die zwei Kleinen
-sich an die Köpfe und bissen sich
-gegenseitig in die Hälse, in die Kinnbacken,
-gar in die Ohren, und sie feuerten
-aus, trafen sich aber niemals! Der
-Säugling war ungelenk; sein Körper
-wartete noch auf größeren Kräftenachschub,
-war aber schon für diese größeren
-Kräfte einstweilen eingerichtet und
-stand oft breitbeinig da wie das hölzerne
-Pferd der Trojaner, das auch auf allerhand
-Kraft warten mußte. Riesele dagegen
-wußte mit sich umzugehen! Es
-konnte, wenn eine Fliege an seiner Brust
-saß, den Brustmuskel erzittern lassen und
-brauchte vor dieser Fliege nicht fortzulaufen
-wie sein Milchbruder! Es konnte,
-wenn der Bauch juckte, den Schweif
-herschwingen, oder es konnte den Kopf
-so weit zurückbiegen, daß es sich am<span class="pagenum"><a name="Seite_136" id="Seite_136">[S. 136]</a></span>
-Bauche schaben konnte, mit den Zähnen
-beißen konnte, daß es den Vorderhuf
-oder auch den Hinterhuf heben konnte
-und dabei nicht achtzugeben brauchte,
-ob es umfalle, wie der große Kleine!
-Er war wirklich einmal umgefallen, der
-Säugling: er wollte es dem Riesele
-gleichtun, wie es sich am Hinterschenkel
-biß, er drehte sich da oftmals im Kreise,
-und der Schenkel drehte sich auch und
-entlief dem Maule immer wieder im
-Kreise herum. Blieb endlich das Hintergestell
-an seinem Platze, so reichte der
-Hals nicht, d. h. gereicht hätte der Hals
-schon, aber er war zu steif, als daß er
-sich genügend gebogen hätte. Da nun
-in dem zukünftigen Ackergaul offenbar
-ein Stück Ehrgeiz rumorte, überspannte
-er den Bogen seines Halses und knackte
-um. Da lag er nun!</p>
-
-<p>Diese Umbiegung, daß der Kopf sich
-dem Schweife näherte, war seitdem
-Rieseles liebstes Spiel, und dies Spiel
-sah sich köstlich an: die dünnen Rippen<span class="pagenum"><a name="Seite_137" id="Seite_137">[S. 137]</a></span>
-preßten sich am schwarzen Bäuchlein
-hervor wie mit dem Silberstift getönt,
-der Hals erglänzte längs der Rundung,
-die Mähnenspitzen ergossen sich über
-den gestreckten Kopf, und der ganze
-Körper ruhte gefestigt in dieser Stellung
-wie in Erz gegossen. Da mochte
-denn der braune Ehrgeiz nicht mehr
-von den Stangen des Hages weggehen
-und schabte, ob nicht bald die ersten
-Zähne kommen wollten!</p>
-
-<p>Indessen: es wurde kalt, das ganze
-Gestüt ward abgebrochen, und Riesele
-kam in einen Stall.</p>
-
-<p>Schon am zweiten Tage erschienen
-etliche Männer in dem Stall. Sie besahen
-sich die schweren Gäule, und
-plötzlich kommt einer der Männer auf
-Riesele zu und sagt zu den übrigen:</p>
-
-<p>„Hier, staunt: brauchen wir denn
-nicht auch einen Dauphin? Er ist zwar
-von Haus aus ein Mädchen, aber was
-verschlägt's?” Er sagte das etwa so,
-wie ein Theatermann einen jugendlichen<span class="pagenum"><a name="Seite_138" id="Seite_138">[S. 138]</a></span>
-Liebhaber sucht oder eine Heldenmutter
-oder eine komische Alte!</p>
-
-<p>Alle kamen zu Riesele her; alle besahen,
-befühlten, betätschelten Riesele,
-und Riesele stand da inmitten ihrer
-Lobpreisungen und spielte mit den
-Nüstern und spürte die vielen eingehenden
-Blicke wie Liebkosungen an
-sich umhergleiten. Seine Blesse ward
-gestreichelt, seine Ohren wurden gezerrt,
-seine Augen wurden mit einem kleinen
-Kerzenlicht beleuchtet, ob sie gesund
-seien, seine Lippen wurden wiederholt
-auseinandergenommen, seine Zunge herausgeholt,
-seine Zähne betickt mit einem
-blanken Schlüssel!</p>
-
-<p>Riesele und mit ihm ein überaus
-starker Hengst, der auffällig rot gesprenkelt
-war, diese zwei mußten aus dem
-Stalle treten und wurden am selben
-Tage fortgeführt ans Bahnhöfchen.</p>
-
-<p>Während der langen Fahrt freundeten
-sich die beiden Pferde an, und der
-große Hengst, der seine Nüstern oben<span class="pagenum"><a name="Seite_139" id="Seite_139">[S. 139]</a></span>
-am Viehwagen hinausstrecken konnte,
-was dem kleinen Riesele versagt war,
-schurfte mit seiner Nase oftmals an
-Rieseles Hals herum, als wolle er dessen
-Kopf hinaufziehen an das breite Luftloch.
-Aber Riesele war doch zu klein!
-Es legte sich auch einmal nieder, streckte
-die vier Beine von sich und streckte die
-Beine unendlich weit aus und wuchs
-zusehends. Auch den Kopf reckte es von
-sich, und wenn das garstige Halsband
-nicht gewesen wäre, das an der Eisenstruktur
-festgebunden war, so hätte
-Riesele ein Stündchen oder ein Viertelstündchen
-geschlafen.</p>
-
-<p>Der Fuchs konnte sich nicht legen:
-er hatte Hufeisen an, die schon recht
-glatt abgelaufen waren, und so oft er's
-auch versuchte, glutschte er und schnellte
-vor Aufregung, vor Angst immer wieder
-in die Höhe.</p>
-
-<p>Ungeheure Schenkel hatte dieser
-Gaul! Ueber den Knien wulsteten die
-Muskeln hervor wie Halbkugeln, und<span class="pagenum"><a name="Seite_140" id="Seite_140">[S. 140]</a></span>
-dann begann eine Fülle von gestrafftem
-Fleisch sich hinaufzubiegen, die in ihrer
-Fuchsröte den dunklern Schweif, der
-sehr kurz und zerfranst war, fast völlig
-in sich einbettete. Beinahe etwas zu
-wenig dick zog der Bauch nach den
-Vorderbeinen hin, gleichmäßig rund
-wie eine Walze, und vom rechten Vorderbein
-her ästelte eine Ader, dick wie
-ein Bauerndaumen nach oben und
-unterm Bauche her. Unten erhöhte sich
-das Rot zu einem überschmutzten Weiß,
-das sich gegen die Brust ergoß und
-zwischen den Beinen auf den stets federnden
-Brustmuskeln sich wieder verlor.
-Gerade wie Don Quichotes Beinschienen
-strafften die Muskeln dieser Vorderbeine
-nach unten, mehr Sehne als
-Muskel, von keinerlei Fettansatz verhunzt,
-von keinem warzigen Auswuchs
-verunstaltet, und die Hufe breiteten sich
-unter dem schmalen Zehengelenk, das
-scheinbar schwach aussah wie ein
-Brückenbogenaufsatz, kurz, straff, gepackt<span class="pagenum"><a name="Seite_141" id="Seite_141">[S. 141]</a></span>
-und fast rechtwinkelig zur Erde.
-Ueberaus zierlich standen diese Hufe da,
-kaum größer als die des Riesele.</p>
-
-<p>Riesele aber hatte seine Freude an des
-Fuchses Hals! Es konnte und durfte
-mit seinen Lippen über die blanke Glätte
-hintasten, es konnte und durfte längshin
-die Rinne beschnuppern, die sich von
-der Brust bis an die Backen des Kopfes
-erstreckte, es konnte und durfte an der
-kurzen Mähne, die bald nach links, bald
-nach rechts äußerst zerzauselt herabhing,
-mit den Lippen, mit den Zähnen, mit
-der Zunge gar herumschmecken.</p>
-
-<p>Riesele merkte bald, wie der große
-Freund Freude hatte an den kindlichen
-Schmeicheleien! Es schmarotzte auch
-an seinem Kopf herum: es biß mit seinen
-Milchzähnchen an den festen Nüstern,
-es leckte gar an die Zähne hinein, es
-schabte mit der Nase seitlich an die
-sehnigen Backen, wo Aederchen zitterten
-aus Zorn über die harten Halfterriemen,
-die da angeschnürt waren. Ha, wenn<span class="pagenum"><a name="Seite_142" id="Seite_142">[S. 142]</a></span>
-der Große den Kopf herniederbog,
-wenn der Hals hinter den Kinnbacken
-sich einfältelte wie ein Kinderkleid, ha,
-da boten sich dem Kleinen zwei Lichter
-dar, links eins, rechts eins, zwei Börnchen
-lebendigen Wassers, zwei wogende
-Schalen, in denen Kraft und Uebermut
-und Liebe und Schönheit fluteten, daß
-es dem Kinde angst und bange ward
-und warm ums junge Herz und bockelig
-vor Freude. Von der Stirn her quirlte
-ein angeknäulter Haarschopf gegen die
-Augen, die er aber nicht verdecken konnte,
-und die aufgespitzten Ohren hatten
-Mühe, sich aus diesem Quirle zu erheben.</p>
-
-<p>Was für eine seltsame Freude war
-das doch in Rieseles Herz!</p>
-
-<p>Aneinandergekoppelt schritten die
-zwei ungleichen Gesellen quer durch
-eine große Stadt und beschlossen ihre
-Wanderung an einem grauen Zelt, das
-neben anderen größeren Zelten auf einer
-Wiese stand. Kinder liefen an gelbgestrichenen<span class="pagenum"><a name="Seite_143" id="Seite_143">[S. 143]</a></span>
-Wagen umher, lüfteten die
-Zelttücher und sahen hinein, und Hunde
-bellten an ihnen herum, bissen aber
-nicht!</p>
-
-<p>Die beiden Freunde mußten ein Weilchen
-warten, bis sie hinein durften ins
-Zelt. Sie standen vor einer Reklametafel,
-die ganz bedeckt war mit buntigen
-Tieren, mit Pferden, Tigern, Löwen,
-Elefanten und mit drei ganz kleinen
-Gäulchen, die Ball miteinander spielten.
-Sie besahen beide diese Herrlichkeiten!
-Der Fuchs regte sich nicht; selbst die
-vielen Kinder, die sich um sie herstellten,
-ließen ihn nicht aufmerken!</p>
-
-<p>Ein kleines Mädchen scheuchte mit
-seinem dicken Muff nach des Fuchses
-Kopf, aber der Fuchs verzog keine
-Miene. Starr hafteten seine Augen an
-den grellen Farben der Holztafel.</p>
-
-<p>Riesele aber konnte die Ruhe nicht
-bewahren! Sei es, daß die Kinder das
-kleine Gäulchen verwirrten, da sie ohne
-jede Scheu seinen Hals streichelten und<span class="pagenum"><a name="Seite_144" id="Seite_144">[S. 144]</a></span>
-seinen Rücken, sei es, daß das Kerlchen
-von dem, was auf der Tafel dargestellt
-war, ein Ahnen hatte, eine Lust, mit den
-drei Kleinen zu spielen, eine Ungeduld,
-hier angekoppelt sich begaffen lassen zu
-müssen!</p>
-
-<p>Eine Sacktür öffnete sich! Riesele
-ward hineingezogen, der Fuchs kam
-hinter ihm drein. Warm war's hier, es
-roch nach Pferden, aber auch nach anderen
-Tieren! Löwen lagen hinter starken
-Gittern, ließen die Pranken heraushängen
-und blinzelten mit den Augen.
-Ein alter Affe lauste sein Junges. Und
-weiter hinten erst standen die Pferde!
-Ein Junges soff an seiner Mutter, etliche
-ganz kleine Gäulchen lagen wie Geschwister
-auf einem Häufchen und pflegten
-der Ruhe. Das Allerkleinste, viel
-kleiner als Riesele, war weiß und hatte
-hellrote Flecken am ganzen Körper. Die
-drei auf dem Häufchen sahen, ohne die
-Köpfe zu erheben, den Ankömmling an.
-Dieser verspürte Lust, mit ihnen zu spielen,<span class="pagenum"><a name="Seite_145" id="Seite_145">[S. 145]</a></span>
-und strebte nach ihrem Verschlag,
-mußte aber etwas weiter zurück in dem
-Stall. Der Fuchs hatte schon seinen
-Platz bei vielen Gäulen gleicher Größe,
-doch schien er stärker als alle.</p>
-
-<p>Es dauerte nicht lange, so gab's reges
-Treiben im Stall. Eine Dame brachte
-den Löwen Fleisch und streichelte sie und
-nannte den einen Mäuschen, den anderen
-Herzblatt, den dritten Rapunzel, den
-vierten Kasimir Edschmid. Burschen
-kamen, sattelten, äußerst bunt, etliche
-der großen und alle die kleinen Pferde,
-und eine Mannsstimme rief irgendwoher:</p>
-
-<p>„Dahinten liegt ein Paar Schuhe;
-wem gehören die denn?”</p>
-
-<p>„Sind's weiße?” rief eine blecherne
-Frauenstimme dazwischen, und die
-Mannsstimme entgegnete:</p>
-
-<p>„Nein, rote!”</p>
-
-<p>„Die sind mir!” krischen etliche Weiber,
-und zwei liefen durch den Stall,
-die eine mit nackten Beinen, die andere<span class="pagenum"><a name="Seite_146" id="Seite_146">[S. 146]</a></span>
-ohne Bluse überm grünen Seidenhemd.</p>
-
-<p>„Entree!” ertönte es, eine Peitsche
-knallte. Die Burschen, die alle schmutzig
-gekleidet waren, schoben fast alle Pferde
-nach dem Eingang. Die kleinen hatten
-grüne Lappen auf den Rücken liegen,
-die von gelbglänzendem Lederzeug festgehalten
-wurden. Schellen rasselten an
-dem Lederzeug!</p>
-
-<p>Riesele stand! Riesele streckte den Kopf
-vor und scharrte mit dem Huf im Mist
-und riß an seiner Kette. Der Hengst lag
-und schnaufte.</p>
-
-<p>„Entree!” rief eine dunkle, aber hellgestellte
-Stimme wieder.</p>
-
-<p>Man schwang sich in die Sättel!
-Männer, als Empiresoldaten verkleidet,
-Frauen als Empiresoldatenmädchen
-verkleidet, schwangen sich in die
-Sättel. Lanzen ragten auf, Helme blinkten,
-Fähnlein hingen züchtig an den
-bunten Stangen. Zwei rotgefärbte
-Reiherfedern schnitten quer durch die<span class="pagenum"><a name="Seite_147" id="Seite_147">[S. 147]</a></span>
-Lanzenstangen; ganz hinten trippelte
-das winzige Schimmelchen, nicht größer
-als solch eine Feder.</p>
-
-<p>Nein! Riesele durfte nicht mit!</p>
-
-<p>Ein Vorhang hob sich, Trompeten
-erschollen, der Zug schob ab ins Entree!
-... Was zurückkam, jubelte, wieherte,
-knirschte mit den Zähnen vor Lust; was
-zurückkam, stand begierig, wieder fort
-zu dürfen, hinaus, in die Manege, in
-die Herrlichkeit des großen Lebens, die
-Herren Menschen zu ergötzen!</p>
-
-<p>„Tableau!” schrie hell die dunkle
-Stimme; die Pferde reckten sich schon.</p>
-
-<p>Riesele, der Fuchs, das Füllen und
-seine Mutter blieben zurück, sonst niemand!
-Nicht einmal nach dem Vorhang
-durfte Riesele gehen! Was mochte
-sich da draußen abspielen?! Auch der
-Fuchs schlief nicht, sondern sah nach
-dem Vorhang.</p>
-
-<p>Sie kamen schon wieder, die Pferde;
-sie wurden umtätschelt von den überaus
-lustig gekleideten Menschen, und eine<span class="pagenum"><a name="Seite_148" id="Seite_148">[S. 148]</a></span>
-Dame turnte auf den Rücken ihres
-Gaules und legte die Wange an den
-Hals des Tieres und sagte:</p>
-
-<p>„Dat war aber mal eine leckere Chose,
-Schatz!”</p>
-
-<p>Sie küßte das Pferd, dessen Augen
-rundum frohlockten. Riesele sah dies
-genau.</p>
-
-<p>Ein Bursch schlug einem anderen
-Burschen, der eine dünne, lange Röhre
-schräg vom Kopf abragen hatte, ins Genick:
-er purzelte. Auch der erste purzelte,
-und so kamen sie auseinander, jeder zu
-dem Pferd, das er zu bedienen hatte!
-Die Löwen wurden in ihrem Käfig hereingezogen,
-die Dame, die bei ihnen am
-Gitter stand, trug einen Lorbeerkranz
-im Haar. Sie schillerte von glänzenden
-Steinen wie ein Heckenrosenstrauch im
-Juniregen. Ganz zuletzt erschien ein
-niedriggebautes arabisches Vollblut,
-das trug gesenkten Kopfes einen mächtigen
-Eichenkranz, der mit goldenen
-Schleifen durchwirkt war, um den Hals.<span class="pagenum"><a name="Seite_149" id="Seite_149">[S. 149]</a></span>
-Ein Mann im Trikot schritt neben ihm,
-nahm von einem Nagel im Pfosten
-drei schwere, silberne oder bleierne Ringe
-und streifte sie sich an die Finger.</p>
-
-<p>Ein jeder sang, pfiff oder trillerte vor
-sich hin; alle Tiere, die draußen waren,
-sangen, pfiffen, oder trillerten vor sich
-hin. Was, um des Himmels willen,
-mochte draußen alles geschehen sein!</p>
-
-<p>Riesele sah auf einmal dauernd zu
-dem Freunde hin, und auch dieser spitzte
-die Ohren und starrte zu Riesele her, als
-wünsche auch er Auskunft!</p>
-
-<p>Mit einem Schlage jedoch verlöschten
-die Lichter, Riesele legte sich nieder
-und schlief ein, in Erwartung der Dinge,
-die seiner harrten.</p>
-
-<hr class="chap" />
-
-<p class="pagebreak"><span class="pagenum"><a name="Seite_150" id="Seite_150">[S. 150]</a></span></p>
-
-
-
-
-<h2>IX</h2>
-
-
-<p>Am nächsten Morgen schon um zehn
-Uhr begann die Hauptprobe in der
-Manege, und Riesele sowohl als auch
-der Fuchs, der Wallenstein genannt
-ward, durften einmal an den Vorhang
-treten, um hineinzusehen in die Manege
-und mußten dann auch wirklich hinein.
-Sie wurden an einen Zeltpfahl angebunden.
-Ein Pferd lief dauernd an einer
-Leine im Kreise herum. Unten im Sand
-bewegte sich manchmal etwas wie eine
-dünne Schlange und blieb wieder ruhig.</p>
-
-<p>„<span class="antiqua">Changez!</span>” rief der Direktor, und der
-Gaul lief in entgegengesetzter Richtung
-den Kreis der Manege. Eine Peitsche
-zuckte auf, warf in eine entfernte Ecke
-einen Knall und sank wieder in den
-Sand: diese Schlange war eine unendlich
-lange Peitsche!</p>
-
-<p><span class="pagenum"><a name="Seite_151" id="Seite_151">[S. 151]</a></span>
-
-„Komm zu mir, Prinz!” sagte der
-Direktor gutmütig, äußerst gutmütig,
-und der Bruder kam in die Mitte und
-wurde liebreich getätschelt.</p>
-
-<p>Riesele ward unruhig: es wäre auch
-gern im Kreise gelaufen, hierhin und
-dorthin, wie der Herr Direktor es gewünscht
-hätten, ja, und es wäre auch
-gern so geliebkost worden!</p>
-
-<p>Aber nun rief der Direktor nach anderen
-Pferden, und sieben an der Zahl
-surrten aus dem braunsamtnen Vorhang
-in die Manege. Sieben Pferde,
-groß das erste, klein das vierte, winzig
-das letzte, viel, viel kleiner als Riesele.
-Sie liefen im Kreise, streng der Größe
-nach hintereinander.</p>
-
-<p>„<span class="antiqua">Changez!</span>”</p>
-
-<p>Sie schnitten mitten im Sand an
-der Peitsche vorbei und liefen wieder,
-&mdash; endlos schier wechselten sie die Laufrichtung.
-Die kleinen Bürschlein konnten
-ihren Platz nicht finden, da mußte
-die Peitsche helfen! Aber die Peitsche<span class="pagenum"><a name="Seite_152" id="Seite_152">[S. 152]</a></span>
-machte mehr Lärm, als sie wirklich
-strafte! Sie tippte manchmal einem der
-Kleinen um die Ohren, um die Füße,
-und sogleich wußten sie, ihre Plätze
-wieder zu finden.</p>
-
-<p>„Hierher, zu mir!” erschallte plötzlich
-die Stimme des Direktors, und sogleich
-bog der Große zur Mitte, und die ganze
-Familie folgte ihm; da standen alle
-nebeneinander, Lende an Lende.</p>
-
-<p>„Miezi, Miezi, wo steckst du denn?”</p>
-
-<p>Das Kleinste tat einen Schritt nach
-vorn, und im selben Augenblick knallte
-die Stimme:</p>
-
-<p>„<span class="antiqua">À genoux!</span>”</p>
-
-<p>Alle fielen auf die Knie, mühsam
-zwar, doch rasch und fast gleichmäßig!
-Nur Miezi kam nicht herunter. Die
-Peitschenspitze züngelte herbei; trommelte
-an den Schienbeinen des kleinen
-Gäulchens umher, unausgesetzt wie
-Spechtgehämmer, aber das Kleine
-konnte nicht herabkommen. Es sank zur
-Hälfte und strauchelte und sprang wieder<span class="pagenum"><a name="Seite_153" id="Seite_153">[S. 153]</a></span>
-auf. Die Peitsche knallte heftig. Die
-anderen Tiere konnten aber solange
-nicht auf den Knien liegen und turnten
-auf. Wieder erschallte die erregte
-Stimme:</p>
-
-<p>„<span class="antiqua">À genoux!</span>”</p>
-
-<p>Glatt sanken die sechs Tiere, und
-Miezi blieb unterwegs hocken; die
-Peitsche trommelte.</p>
-
-<p>„<span class="antiqua">À genoux, à genoux!</span>” trommelte die
-Peitsche von weit her, wo der Direktor
-stand. Sie trommelte wider die Beine,
-wider die Knie, sie kletterte an Miezi
-empor, bis an Hals und Augen, sie tickte
-an seine Ohren!</p>
-
-<p>Plötzlich aber flog die Peitsche seitab
-in den Sand, die sechs größeren
-Tiere bogen nach dem Ausgang und
-durften hinterm Vorhang verschwinden,
-und nur Miezi blieb zurück!</p>
-
-<p>Der Direktor bekam eine kurze Lederpeitsche,
-einen Riemen eigentlich, und
-trat zu den zwei Neulingen, zu Riesele
-und seinem Freund, hielt diese<span class="pagenum"><a name="Seite_154" id="Seite_154">[S. 154]</a></span>
-Peitsche steil vor deren Augen und
-sagte:</p>
-
-<p>„Die Wünschelrute! Die Wünschelrute
-der Ordnunk, der Schönheit und
-alles Glückes!”</p>
-
-<p>Er lachte dazu, und seine Augen und
-sein Mund verschwanden in einem Gemisch
-von tiefen Falten, die wie in Leder
-gezogen sein Gesicht zergeißelten.</p>
-
-<p>„<span class="antiqua">À genoux, à genoux, à genoux!</span>” schrie
-er, indes er sich Miezi näherte, die unbeweglich
-stehen blieb, obwohl sie doch
-lieber fortgelaufen wäre! Er faßte ihren
-linken Vorderfuß, ihren Unterschenkel,
-bog ihn mit aller Kraft zur Erde, zog
-und drückte zugleich das winzige Körperchen
-nach unten, das willig folgte,
-wenn auch der Kopf ängstlich sich aufreckte,
-wie bei einem Kind, das man in
-den Fluß taucht. Ganz sachte berührte
-schließlich das zierliche Knie den Sand,
-und der Dresseur tat seine Hand weg.
-Jedoch sogleich federte Miezi in die
-Höhe. Aeußerst in Liebe ließ er die kurze<span class="pagenum"><a name="Seite_155" id="Seite_155">[S. 155]</a></span>
-Peitsche an seiner freien Hand herabhängen,
-streichelte den Unterschenkel
-wieder, sagte:</p>
-
-<p>„Miezerl, Miezerl, Schnuckerl!” und
-bog und drückte wieder sanft und bestimmt
-nach unten. Wieder setzte Miezi
-keinen Widerstand und sank herab, indes
-ihr Kopf sich aufreckte.</p>
-
-<p>„Muß ich den Kadett wieder durch
-den Kakao schleifen!” knirschte der
-Direktor.</p>
-
-<p>Riesele stand an seinem Balken, straff
-alle Muskeln angespannt, und rührte
-sich nicht. Doch als Miezi wieder aufschnellte,
-zuckte es heftig zusammen wie
-von einem Schlag erschreckt. Der Fuchs
-regte sich nicht; er zerrte bisweilen an
-seiner Leine, um an einer Stuhllehne,
-die vor ihm stand, zu knuppern.</p>
-
-<p>Der Dresseur aber nahm nun die
-kurze Peitsche in die andere Hand und
-schlug zweimal auf Miezis Rücken.
-Wieder schmeichelte er, wieder bog und
-drückte er den willigen Fuß zum Sande,<span class="pagenum"><a name="Seite_156" id="Seite_156">[S. 156]</a></span>
-wieder entfernte er die helfende Hand,
-und Miezi sprang auf. Wieder zuckte
-die Peitsche auf, aber diesmal legte sie
-nicht zwei Schläge auf den Rücken,
-sondern klatschte an die Seiten, an die
-empfindlichen Seiten, und das kleine
-Ding blieb stehen, ohne sich zu regen
-und ließ sich peitschen, und nur die Haut
-zuckte erschüttert nach den Hieben.</p>
-
-<p>Riesele streckte den Kopf lang vor sich
-aus und schüttelte ihn.</p>
-
-<p>Die Qual in der Manege begann wieder.
-Diesmal wollte sich das Knie nicht
-so bereitwillig beugen lassen, schien schon
-vor der umfassenden Liebkosung der
-Hand sich wehren zu wollen und gab
-erst nach, als ein Faustschlag es zwang.
-Die Augen des Dresseurs hoben sich von
-unten herauf zu Miezis Augen, und
-Miezi erkannte vielleicht die vielen Ruten
-in dem verhaßten Gesicht und streckte
-das halbgebeugte Knie wieder. Da ließ
-sich der Dresseur auf seine beiden Knie
-herab, schlug mit der kurzen Peitsche<span class="pagenum"><a name="Seite_157" id="Seite_157">[S. 157]</a></span>
-hinauf gegen Maul, Nase und Ohren,
-und das Tierchen hob sich auf die Hinterbeine,
-und seine überaus kindlichen
-Vorderhufe schwebten über des Dresseurs
-Schultern wie Trommelschlägel.
-Dieser zuckte auf, als seien diese Hufe
-gefährlich für ihn und schleuderte das
-Körperchen rücklings von sich, so daß
-es überstürzte und platt auf den Rücken
-plumpste!</p>
-
-<p>Er stand, der Dresseur! Er schwang
-die kurze Peitsche hochauf, er ließ sie
-niedersausen auf den sich darbietenden
-Leib, holte mit dem Fuße aus und
-schlug den Fuß, der mit schweren
-Schuhen bekleidet war, dem kleinen
-Gäulchen in die Rippen, daß der leichte
-Körper ein Stückchen davonrutschte
-im Sand. Nochmals bohrte sich dieser
-Fuß in die Seiten, und der Ruck, den
-er verursachte, ließ das Tierchen aufspringen
-auf seine vier Beine.</p>
-
-<p>Schaum spritzt von dem Pferdemund
-gegen den Dresseur, und dieser<span class="pagenum"><a name="Seite_158" id="Seite_158">[S. 158]</a></span>
-faßt das dünne Halfter, rafft alles Geriem
-zusammen in seiner großen Hand,
-zerrt Miezi etwas zu sich heran, murmelt
-vor sich hin:</p>
-
-<p>„Junk, Junk, du hast keene Ahnunk
-nisch!” und faßt die Peitsche fester. Sein
-Mund sprudelt über, indes er zu schlagen
-beginnt:</p>
-
-<p>„Ein Lama biste nisch! Nisch? biste
-Lama, das speecht? Nee! Nee! Scheeler
-Minister!”</p>
-
-<p>Und dann, da die Hiebe rascher niedersausen,
-kreischt er unausgesetzt zur Musik der Hiebe:</p>
-
-<p>„<span class="antiqua">À genoux! À genoux! À genoux!</span>”</p>
-
-<p>Man weiß nicht, wer die Laute
-schreit, ob der Mund des Dresseurs
-sie klatscht, ob die Peitsche den französischen
-Laut zischt!</p>
-
-<p>Riesele streckte den Kopf steil in die
-Höhe und schrie. Der Direktor kam daraufhin
-zu ihm her, ließ unterwegs die
-Peitsche fallen, holte aus der Rocktasche
-ein Stück Zucker und hielt es Riesele<span class="pagenum"><a name="Seite_159" id="Seite_159">[S. 159]</a></span>
-hin, und indes Riesele das Stück nahm,
-streichelte er über seinen Hals und
-sagte:</p>
-
-<p>„Recht so, recht so, du wirst einmal
-besser, nisch?”</p>
-
-<p>Und dann legte er seine überschweißte
-Wange an Rieseles Wange und sagte
-liebreich:</p>
-
-<p>„Dauphäng, Dauphäng!”</p>
-
-<p>Miezi rührte sich nicht; Schaum
-stand vor ihrem Munde.</p>
-
-<p>„<span class="antiqua">À genoux, À genoux!</span>” trällert der
-Direktor wieder und kommt näher zu
-Miezi, hebt die Peitsche auf, bückt sich,
-erfaßt den Unterschenkel und läßt sich
-auf ein Knie nieder.</p>
-
-<p>„Rudolf herbei!” kreischt er.</p>
-
-<p>Aus der Reihe von Burschen, Männern
-und Mädchen, die da umherstehen
-und gucken, springt einer in die Manege
-und wirft die Zigarette von sich. Er
-trägt eine kurze Peitsche mit sich und
-stellt sich mit gespreizten Beinen neben
-seinen Direktor und neben Miezi.</p>
-
-<p><span class="pagenum"><a name="Seite_160" id="Seite_160">[S. 160]</a></span>
-
-„<span class="antiqua">À genoux!</span>” schreit dieser wieder, und
-Miezi hebt gefällig den Huf in die hingehaltene
-Hand, gibt bereitwillig dem
-Druck und dem Zug dieser Hand nach
-und senkt den vorderen Körper zur Erde
-herab. Jedoch, da das Knie den Sand
-berührt, zuckt der Kopf auf, und das
-ganze Körperchen zuckt mit. Rudolf,
-der Bursche, reißt einen Schlag über
-diesen Kopf, daß Riesele zusammenzuckt
-und an seiner Leine zerrt. Umsonst,
-der Kopf Miezis turnt weiter, aber das
-Knie ruht fest im Sand, fest in der
-Hand. Einen Augenblick ruht auch der
-Kopf, und:</p>
-
-<p>„Brav, brav!” ruft der Direktor, „so
-ist's brav, Miezi!”</p>
-
-<p>Ueber des Tierchens Kopf steht ein
-kleiner, dreispitziger Stahl aus der Hand
-Rudolfs herab. Berührt fast die Haut
-zwischen den Ohren!</p>
-
-<p>Festgeklemmt zwischen Hände, Peitschen,
-Stahl und Menschenwillen, steht
-Miezi und rührt sich nicht mehr.</p>
-
-<p><span class="pagenum"><a name="Seite_161" id="Seite_161">[S. 161]</a></span>
-
-Die Hand des Dresseurs will sich
-unten vom Schenkel lösen.</p>
-
-<p>„Miezerl, Miezerl, liab Dingele,
-Zuckerle gibt's, Zuckerle! So isch's brav,
-liabs, so isch es liab!”</p>
-
-<p>Miezi aber wird, da die Finger sich
-lösen, unruhig, der Kopf stößt, stößt in
-die drei Stahlspitzen, das ganze Körperchen
-wirft sich auf, der Dresseur fällt
-um, Rudolf haut mit Fäusten drein,
-Miezi stürzt über den Dresseur, wird
-hinweggerissen, rast, den Dreizack in der
-Stirn, nach dem Ausgang, wo die
-Knechte stehen, und wird dort aufgefangen
-und auf Armen zurückgetragen
-zu seinen Quälern. Rudolf reißt den
-Stahl aus der Haut und steckt ihn ein,
-der Direktor hebt die beiden Fäuste über
-sich, als schleppe er einen Felsen, und
-geht so auf Miezi los, und in seinem
-Antlitz schwirren die Lederriemen umher.</p>
-
-<p>Ein Strömlein roten Blutes sickert
-Miezi über die weiße Nase herab.</p>
-
-<p><span class="pagenum"><a name="Seite_162" id="Seite_162">[S. 162]</a></span>
-
-Der Direktor achtet nicht darauf,
-er streckt die Hände aus, Rudolf reicht
-ihm die Peitsche, er flüstert für sich:</p>
-
-<p>„Immer feste druff! Immer feste
-druff!” Er sagt laut zu den Umstehenden:</p>
-
-<p>„Jibt man ihm seinen Hafer <span class="antiqua">pour</span>
-nisch?”</p>
-
-<p>Die Sklaven lächeln im Chor:</p>
-
-<p>„<span class="antiqua">Pas du tout!</span>” und:</p>
-
-<p>„Nur die Ruhe kann es machen!”
-sagt der Dresseur und nähert sich Miezi.
-Er spreizt die Beine, stößt sich die Fäuste
-in die Hüften, beugt den Oberkörper
-gegen Miezi und spuckt ihr ins Gesicht,
-hebt den Zeigefinger weit übern
-Kopf, wirft ihn nach dem Ausgang zu
-und gibt Miezi einen Tritt, daß sie etliche
-Schritte machen muß, und die Sklaven
-holen das Tier ab in den Stall.</p>
-
-<p>Der Dresseur zieht wieder sein rotes
-Schnupftuch, wischt sich über die
-Stirn und geht auf Riesele zu und sagt:</p>
-
-<p>„Die kleine Dame, die du eben kennen
-jelernt hast, meint, sie habe jetzt ihren<span class="pagenum"><a name="Seite_163" id="Seite_163">[S. 163]</a></span>
-Willen durchjesetzt, aber sie wird erst
-morgen erfahren, wie sie sich täuscht!
-Ich sehe es dir an, du bist von anderem
-Schrot und Korn. Aber da bist du jerade
-recht jekommen! Und du Großer:
-na, wir werden uns ooch noch zu sprechen
-haben!”</p>
-
-<p>Er wandte sich ab:</p>
-
-<p>„Wo stecken die Oojuste?”</p>
-
-<p>Sie sprangen vor, die Auguste, drei
-Stück! Der Dresseur schnalzte mit der
-Zunge, sie warfen ihre leichten Körper
-zum salto mortale zurück und standen
-auch schon wieder in Reih und Glied.</p>
-
-<p>„Auf die Hände!” schrie der Dresseur.
-Sie schwangen sich auf die Hände und
-liefen im Kreise, die lange Peitsche
-schleifte hinter ihnen drein.</p>
-
-<p>„<span class="antiqua">Changez!</span>” Sie wechselten die Richtung.</p>
-
-<p>„Ab, gut!”</p>
-
-<p>Der Direktor wandte sich und schrie:</p>
-
-<p>„Dauphäng! Hast du das gesehen?
-&mdash; Kein Schlag!”</p>
-
-<p><span class="pagenum"><a name="Seite_164" id="Seite_164">[S. 164]</a></span>
-
-Er wandte sich.</p>
-
-<p>„Tierschutzverein?” rief er dann, „wer
-fragt?”</p>
-
-<p>Der dickste von den dreien fragte den
-Direktor:</p>
-
-<p>„Sind Sie im Tierschutzverein?”</p>
-
-<p>„Sind &mdash; Sie &mdash; im &mdash; Tier &mdash;
-schutz &mdash; ver &mdash; ein?” äffte der Direktor
-nach, „wer wird so damlich fragen?”</p>
-
-<p>Alle drei schrien sie nun, jeder in seiner
-Art und mit fröhlichen Bewegungen der
-Hände, der Augen, der Beine auf ihn ein:</p>
-
-<p>„Sind Sie im Tierschutzverein, Mister?”</p>
-
-<p>„Aha, natürlich! Natürlich bin ich
-im Tierschutzverein! Wie könnt ihr fragen?
-Wißt ihr nisch, daß ich ein Freund
-des Kronprinzen bin?”</p>
-
-<p>„Laß doch den Kronprinzen beiseit!”
-flötete eine Frauenstimme aus dem Hintergrund,
-und der Direktor starrte stumm
-nach der Stimme.</p>
-
-<p>„Immer Reklame für den Kronprinzen,
-der jibt dir en Dreck dafür!”</p>
-
-<p><span class="pagenum"><a name="Seite_165" id="Seite_165">[S. 165]</a></span>
-
-„Iß er etwa nisch Protektor des Tierschutzvereins?
-&mdash; Iß er wohl!”</p>
-
-<p>„Laß ihm doch sein Pläsier!”</p>
-
-<p>„Pläsier? Sein Pläsier schaut anders
-aus!”</p>
-
-<p>„Er liebt die Jagd! ... Weißt: von
-wegen Tierschutzverein! Aber laß ihn
-aus unsrer Manege, er hat genug mit
-der seinen! Und zudem: uns Kunstbagage
-steht wie überhaupt armen Leuten
-der Patriotismus der Gasse nicht recht
-zu Mund!”</p>
-
-<p>„Gut, nehm ich das Warenhaus des
-Westens!”</p>
-
-<p>„Natürlich, nimm doch das Warenhaus des Westens!”</p>
-
-<p>„Also nochmal Aujust: Sind Sie ...”</p>
-
-<p>„Sind Sie im Tierschutzverein, Mister?”</p>
-
-<p>„Aha, natürlich! Natürlich bin ich
-im Tierschutzverein! Wie kannst du fragen?
-Weißt du nisch, daß ich ein Freund
-des Kaufhauses des ...”</p>
-
-<p>„Ja, verehrter Gatte, nur heraus<span class="pagenum"><a name="Seite_166" id="Seite_166">[S. 166]</a></span>
-damit: daß ich ein Freund vom Kaufhaus
-...”</p>
-
-<p>„... also, daß ich ein Freund vom
-Kaufhaus des Westens ... nein! das
-paßt nisch, Rosa! Das, das, das paßt
-nisch!”</p>
-
-<p>„Nu, dann nimm ihn, deinen Kollegen,
-den Kronprinzen, voran also!
-Nochmals von vorn!”</p>
-
-<p>„Gut, gut, also, wir wollen nicht
-nochmal von vorn anfangen, sonst
-machts die Madame wieder entzwei!
-Wenn du sagst, Oojust, daß du Mitglied
-... halt: du sagst das überhaupt
-nisch vom Automobilschutzverein, du
-springst gleich auf deinen Menschenschutzverein
-und stellst dich so hin, kuck!
-Diese Geste!!!”</p>
-
-<p>„Gehste mir mit deiner Geste!” krisch
-die Frauenstimme, „du verdirbst mir
-mit deiner Kronprinzenmoral das ganze
-Geschäft! Ab!! Los!! Hol wieder dein
-Faß, alter Diogenes und deine Laterne,
-wenn ihr Witze machen wollt! Witze<span class="pagenum"><a name="Seite_167" id="Seite_167">[S. 167]</a></span>
-müssen rollen wie Erbsen aus dem Faß,
-müssen Knallerbsen sein und keinen Pulvergestank
-verbreiten! Los, ins Faß,
-alte Erbse, vertrockneter Diogenes!”</p>
-
-<p>Der Direktor lachte aufdringlich, als
-wolle er glauben machen, seine Frau
-spaße, und dies Gespaß sei eher eine
-Liebkosung als ein Tadel, und er begann,
-laut nach seinem Faß zu schreien und
-klatschte dabei heftig in die Hände ...
-Das Faß rollte heran, der Dresseur verkroch
-sich!</p>
-
-<hr class="chap" />
-
-<p class="pagebreak"><span class="pagenum"><a name="Seite_168" id="Seite_168">[S. 168]</a></span></p>
-
-
-
-
-<h2>X</h2>
-
-
-<p>Gleich am anderen Tage begannen
-für Riesele, das nunmehr Dauphin
-genannt wurde, die Dressuren im Sande
-der Manege. Dauphin freute sich darauf,
-war ordentlich stolz, konnte gar
-nicht abwarten, bis, da er angeseilt in
-der Hand des Direktors seinen sicheren
-Halt hatte, bis die lange Peitsche mit
-ihrem harmlosen Geknall den Befehl, zu
-marschieren, gab! Eine Kleinigkeit, eine
-Leichtigkeit, ein Kinderspiel, so im Kreise
-langsam und sicher zu schreiten, den
-Kopf ungezwungen hochzuhalten, immer
-innen an den abgerundeten Bretterkasten
-der Barriere entlang!</p>
-
-<p>Wenn er anders laufen sollte, entgegengesetzt
-dieser Richtung, ha, so trat
-der Direktor etwas nach hinten, was
-man deutlich sah, und die Peitsche, deren<span class="pagenum"><a name="Seite_169" id="Seite_169">[S. 169]</a></span>
-Riemen da irgendwo im Sande lag,
-zuckte leicht auf!</p>
-
-<p>„<span class="antiqua">Changez!</span>” sprach dann immer der
-Direktor! Das war nicht mehr mißzuverstehen!</p>
-
-<p>Fertig, Dauphin! Abgeseilt, ein Stück
-Zucker in den Mund, hinaus aus der
-Schule, in den Stall zurück! Das war
-der erste Tag!</p>
-
-<p>Lang ward die Zeit bis zum nächsten
-Morgen, und was brachte dieser Morgen?
-Nichts Neues, nichts Neues!
-Noch einmal und noch zum Überdrusse
-oft das alte Spiel mit „<span class="antiqua">Changez!</span>”</p>
-
-<p>Am dritten Tage sprach der Direktor:</p>
-
-<p>„Ist die Kleine fertig? Bringt sie!”
-Wer kam da zu Dauphin? Die kleine
-Miezi, die vor drei Wochen so verpeitscht
-worden war. Sie wurde vor
-Dauphin gestellt, mußte also ihm gleichsam
-den Weg weisen, denn Dauphin
-war schon nicht mehr angeseilt! Sie
-trippelte gar possierlich vor dem doch
-größeren Dauphin her und sah nicht<span class="pagenum"><a name="Seite_170" id="Seite_170">[S. 170]</a></span>
-nach rechts, nicht nach links ... sie hatte
-sicher schon oft solch Leithammelspiel
-getrieben ... und Dauphin brauchte nur
-hinter ihr dreinzumarschieren. Machte
-der Direktor nur eine leise Bewegung,
-so wußte sie gleich, daß er nun „<span class="antiqua">Changez</span>”
-sagen würde, und sie changierte auch
-schon! Das hätte Dauphin unstreitig so
-glatt nicht fertiggebracht ohne sie! Aber
-sie trippelte ihm zu langsam! Er konnte
-das nicht leiden: wiederholt setzte er den
-Huf seitab nach vorn, um vielleicht selber
-an die Tete zu kommen, um wenigstens
-zu zeigen, daß er hin wolle ... aber
-immer zuckte die Peitsche auf, und Dauphin
-blieb gehorsam!</p>
-
-<p>Als die Lektion zu Ende war, lief
-Dauphin vor Freude allein nochmals
-die Runde, aber der Direktor beachtete
-es nicht, und als er's endlich doch beachtete,
-zuckte die Peitsche, und Dauphin
-konnte nicht schnell genug draußen
-sein: Gehorsam ist das erste!</p>
-
-<p>Am vierten Tage geschah dasselbe<span class="pagenum"><a name="Seite_171" id="Seite_171">[S. 171]</a></span>
-wieder, am fünften machte Dauphin
-sein Lektiönchen ganz allein und bekam
-zwei Stückchen Zucker. Aber am Abend
-zu den Vorstellungen durfte er nicht!
-Zwar riß er an seiner Kette, als er sah,
-wie seine Kameraden aufgeputzt wurden
-und hinausgehen durften in den
-grellen Lichterschein, allein niemand
-kümmerte sich um ihn.</p>
-
-<p>Bald kamen zu den allmorgendlichen
-Uebungen noch andere Pferde, auch
-große, ganz große selbst, und auch der
-Freund Fuchs trabte eines Tages mit
-Dauphin in die Manege und machte
-sein „<span class="antiqua">Changez</span>” ohne jeden Tadel.</p>
-
-<p>Er hieß Wallenstein! Ha, welch eine
-Wonne für Dauphin, so in der Schar
-der Großen und Kleinen, inmitten, denn
-Dauphin war größer als Miezi und
-kleiner als Wallenstein ... so in der
-Schar als Jüngster sein Kunststück
-zeigen zu können, nicht aufzufallen, nicht
-überzutreten, sich vor allen Dingen nicht
-vorzudrängen! sein „<span class="antiqua">Changez</span>” rechtzeitig,<span class="pagenum"><a name="Seite_172" id="Seite_172">[S. 172]</a></span>
-nicht zu früh wie hinten die
-kleine Miezi und nicht zu spät wie fast
-alle zu erkennen! Und durch nichts zu
-verraten, daß man doch der Jüngste
-war!</p>
-
-<p>„Wallenstein und Dauphäng!” schrie
-dann der Direktor, und die zwei Freunde
-mußten hinaus, indes die anderen
-weiterüben durften!</p>
-
-<p>Ach, wie bald wurden die Uebungen
-schwerer! Dauphin sollte erst den linken,
-dann den rechten Vorderfuß auf
-die Barriere heben und stehen bleiben
-und zu den Leuten gucken, die da saßen:
-Madame, Turnerinnen in nachlässigen
-Lumpen, Burschen, Sklaven, Männer
-mit scharfen Scheiteln und gradlinig
-zugeschnittenen Koteletts! Nonchalant
-alle mit Zigaretten zwischen den Lippen
-und lächelnden Publikumsgesichtern!</p>
-
-<p>Das war nicht so leicht, wie es sich ansieht!
-Jedoch: keine Schläge gab's dabei!
-Aber dann sollten auch die Hinterbeine
-auf die so schmale Barriere! Dann<span class="pagenum"><a name="Seite_173" id="Seite_173">[S. 173]</a></span>
-mußte gegangen werden, gelaufen werden!
-Links eine Peitsche, rechts eine
-Peitsche!! Wenn die Stunde vorüber
-war, wußte Dauphin nie mehr, ob diese
-Peitschen ihn geschlagen hatten! Wenn
-diese Stunden vorüber waren, so klopfte
-jeweils Dauphins Herz, der Schweiß
-stand ihm in den Haaren, und der
-Schaum fiel in Schwaden von seinem
-Munde.</p>
-
-<p>Nicht einmal vierzehn Tage dauerte
-es, da konnte Dauphin auf der Barriere
-schreiten und laufen, wie die Peitsche es
-wünschte! Das war aber durchaus kein
-großes Stück; das konnte Miezi fast im
-Schlaf. Immerhin mußte es für Dauphin
-eine bedeutende Leistung sein, denn
-an einem der nächsten Abende durfte er
-hinterm braunen Samtvorhang stehen
-und durch den Spalt hineinsehen in die
-Menge der fröhlichen Menschen. Ja,
-als er seinen Kopf einmal recht weit vorstreckte,
-als der Bursche, der ihn hielt,
-ihn sogar einen Schritt vortreten ließ,<span class="pagenum"><a name="Seite_174" id="Seite_174">[S. 174]</a></span>
-da fingen etliche Kinder, die da in der
-Nähe saßen, an zu jauchzen und zu
-toben: „Da Mama, sieh dies kleine Kerlchen,
-eben kommt's!”</p>
-
-<p>Nein, es kam nicht!</p>
-
-<p>Am andern Tage aber geschah es,
-daß dem kleinen Dauphin, bevor der
-Unterricht begann, ein roter Sattel aufgeschnallt
-wurde, ein Sättelchen aus
-rotem Tuch, das von roten Bändern
-festgehalten wurde. So in diesem Staat
-durfte es alle seine Fertigkeiten zeigen:
-Rundlauf mit Changez, Beine auf Barriere
-und &mdash; sich nicht vor dem Publikum
-fürchten, Rundlauf auf Barriere!</p>
-
-<p>Herrjeh, herrjeh! Und am Abend geschah
-es wirklich: Dauphin wurde mit
-den anderen Gäulen geschirrt, bekam
-etwas auf dem Rücken angeschnallt, das
-er noch nicht kannte, und mußte am
-Vorhang freilich recht lange warten,
-bis alle Leute vom „Tableau” aus der
-Manege verschwunden waren.</p>
-
-<p>Husch, hinaus! Auf die Barriere!</p>
-
-<p><span class="pagenum"><a name="Seite_175" id="Seite_175">[S. 175]</a></span>
-
-Spar' deine Peitsche, Direktorle!</p>
-
-<p>„Ah, aah, aaah!” rief die Menge, und
-Kinder krischen: „Pause!”</p>
-
-<p>Dauphin lief rundum und schlüpfte
-wieder hinter den Vorhang, indes die
-Leute von ihren Plätzen sich erhoben.</p>
-
-<p>Dieses Schild, das die Pause ankündigte,
-mußte Dauphin von nun an
-immer hinaustragen.</p>
-
-<p>Aber das blieb keineswegs seine
-Hauptbeschäftigung, deshalb hatte man
-ihn nicht eigens angekauft, wie man
-Kräfte für allerhand Dienste braucht!
-Nein, nein! Dauphin war zu anderen
-Sachen auserlesen, wußte das offenbar
-und trug sein Schild so gern hinaus,
-wie Agnes Sorma mit dem Staubtuch
-einst an der Fensterbank stand.</p>
-
-<p>Es geschah, daß die kleine Miezi wieder
-ihren schlimmen Tag hatte! Sie lief
-wie gewöhnlich am Ende der Reihe,
-die von einer halbgroßen Stute namens
-Lore geführt wurde. Rief der Direktor:
-„Komm her!” so hieß es rasch in höchster<span class="pagenum"><a name="Seite_176" id="Seite_176">[S. 176]</a></span>
-Ordnung nach der Mitte zu einschwenken
-und daselbst zu Seiten des
-Dresseurs zu stehen, bis ein neuer Befehl
-kam. Dieser neue Befehl hieß gewöhnlich
-&mdash; wer wüßte das nicht schon!
-&mdash; „<span class="antiqua">à genoux!</span>” Beim ersten Rufen
-klappte alles sehr gut, und die sieben
-Tiere standen Schulter an Schulter
-nebeneinander im verjüngten Maßstab,
-Dauphin in der Mitte, Miezi am äußeren
-Ende. „<span class="antiqua">À genoux!</span>” knallte der Befehl,
-und die Peitschenschmicke züngelte
-vor den vierzehn Knien, bereit, ein jedes
-und alle zugleich zu stechen.</p>
-
-<p>Dauphin, der in diesem Stück fast
-noch ein Neuling war, fiel zuerst auf die
-Knie und jubelte um sich her mit den
-Augen, ob er's vielleicht nicht schon am
-besten mache? Nacheinander und mit
-großer Mühe sanken die Genossen, aber
-die Miezi draußen kam nicht herunter!
-Die Peitsche trommelte an ihren Unterschenkeln,
-die Stimme des Direktors
-stieß wie aus Karnevalstrompeten an<span class="pagenum"><a name="Seite_177" id="Seite_177">[S. 177]</a></span>
-Dauphins Ohren vorbei und umher in
-allen erregten Tonlagen: sie kam nicht
-nieder, und die Reihe ward unruhig und
-konnte nicht länger unten bleiben.</p>
-
-<p>„Auf! An die Plätze! Die ganze Familie!”
-donnerte der Dresseur, und sogleich
-schoß die Führerin nach der Barriere,
-und die übrigen folgten.</p>
-
-<p>Miezi, gänzlich verwirrt, konnte
-ihren Platz nicht finden, lief neben,
-außer der Reihe, wollte sich erst vor
-Dauphin, dann hinter ihm eindrängen,
-und die Peitsche knallte umher,
-traf Dauphin, verzögerte seinen eiligen
-Schritt, und Miezi schob sich vor ihn
-und raste mit voran. Die Peitsche züngelte
-nicht mehr, surrte vielmehr von
-oben herab auf Miezis Kopf, immer
-heftiger, immer heftiger im rasenden
-Rundlauf.</p>
-
-<p>Miezi feuert nach hinten aus, trifft
-Dauphin an den Kinnbacken. Dieser
-hat nicht Zeit, an den Schmerz zu denken,
-rast weiter in der wirren Runde,<span class="pagenum"><a name="Seite_178" id="Seite_178">[S. 178]</a></span>
-stößt gar den Kopf an Miezis Backen,
-um sie, das unglückliche Kind, aus der
-Reihe zu bringen, und im selben Augenblick
-springt ein Bursch herzu, packt
-Miezi am Halfter und zerrt sie zurück
-auf ihren Platz.</p>
-
-<p>Daselbst aber fängt für Miezi erst
-recht die Drangsal an. Der Bursche
-rennt mit und haut unausgesetzt auf das
-Tierchen drein mit der kurzen Peitsche.</p>
-
-<p>Der Führerin vorn an der Tete knirschen
-die Zähne, Dauphin trägt Schaum
-am Munde, die lange Peitsche knallt,
-die kurze klatscht.</p>
-
-<p>Soll der tolle Wirbel nicht enden?
-Kann Miezi überhaupt noch mittollen?
-Lebt sie noch? Dauphin dreht im Laufen
-die Augen zu ihr hin, und sogleich schneidet
-die Peitschenschmicke über seine beiden
-Ohren. Laut kreischt der Dresseur,
-was man nicht mehr verstehen kann.
-Oft zischt das Wort: „So siehste aus!”</p>
-
-<p>Plötzlich aber zerreißt Dauphin die
-Kette; die Peitschen verlassen die arme<span class="pagenum"><a name="Seite_179" id="Seite_179">[S. 179]</a></span>
-Miezi und stürzen sich auf Dauphin.
-Er spitzt nach dem Ausgang, er sieht,
-wie Miezi nunmehr ohne Tadel ihren
-Platz innehält und sucht auch den seinen
-wieder.</p>
-
-<p>„So, so, so ist's gut, so ischt's guat!”</p>
-
-<p>Des Direktors Stimme flutet in wohligem
-Wellenschlag durch das Zelt,
-bald hoch, bald tief, wie ein Lied, ein
-schmeichelnder Gesang!</p>
-
-<p>„Komm her!” heißt es nun wieder.</p>
-
-<p>Die Führerin biegt ein, die Schultern
-reihen sich aneinander:</p>
-
-<p>„<span class="antiqua">À genoux!</span>” ertönt's jetzt wieder streng
-und roh.</p>
-
-<p>Miezi kommt nicht herunter, und
-Dauphin hockt auch in halber Senkung
-und kommt nicht nieder.</p>
-
-<p>„Schluß!!”kreischt der Direktor, und
-seine Stimme zerflattert wie eine Fahne
-alter Veteranen.</p>
-
-<p>„Dauphin und Miezi bleiben! Die
-andern ab!”</p>
-
-<p>Die Gasse am Ausgang öffnet sich,<span class="pagenum"><a name="Seite_180" id="Seite_180">[S. 180]</a></span>
-eiligst strömen die fünf Befreiten hinaus.
-Er wirft die lange Peitsche von
-sich, der Herr Direktor, der Bursch gibt
-ihm die kurze.</p>
-
-<p>Miezi torkelt; ein Schlag hält sie
-aufrecht! Auf ihrer Stirn scheint die
-Wunde aufgebrochen zu sein: ein
-Strömlein Blut rinnt über die weiße
-Nase. Der Direktor wendet sich an
-Dauphin: „Soll ich auch dich durch
-den Kakao schleifen?” kreischt er.</p>
-
-<p>„Soll ich Miezi fortführen?” fragt
-der Bursche. Der Direktor winkt: fort!</p>
-
-<p>„Na, und du, Proletarier, was ist
-denn dir in den Schädel jestiegen, he,
-wat?”</p>
-
-<p>Dauphin scharrt mit dem linken
-Vorderfuß, der Lederriemen klatscht
-darauf: „Hab' ich wat jesagt, he? Willst
-wohl zeigen, daß du's jutmachen willst,
-Jünklink! Hast Angst vor Haue, wat?”</p>
-
-<p>Aller Augen richten sich auf Dauphin,
-dem anscheinend kein gutes Stündlein
-bevorsteht. Ein Bursch zieht die Kappe,<span class="pagenum"><a name="Seite_181" id="Seite_181">[S. 181]</a></span>
-nimmt zwei Zigaretten heraus, gibt eine
-einer Dame und zündet beide an.</p>
-
-<p>„Hast nisch ooch eene pour moi?”
-fragt der Direktor, und der Bursch holt
-eine dritte aus der Mütze und gibt
-Feuer. Schweißtropfen hängen in den
-Lederriemen des Direktorengesichts. Er
-tut ein paar Züge und wirft die Zigarette
-von sich, er faßt die kurze Peitsche
-und spuckt nochmals in die Hände
-...</p>
-
-<p>Da geschieht ein Wunder! Am Eingang
-erscheint eine Frau und trägt ein
-halbjähriges Kind auf den Armen.</p>
-
-<p>„Ah! Aaah Aaah!” schreit alles, was
-da ist in dem Zelt, alles bewegt sich nach
-dem Kinde hin, und selbst der Direktor
-läßt die Peitsche sinken, streckt, indes er
-zu Mutter und Kind geht, die Hand
-nach dem Burschen, der ihm eine Zigarette
-gegeben, bekommt eine, zündet sie
-an und nimmt das Kind auf seinen
-garstig tätowierten Arm.</p>
-
-<p>Trägt's in die Manege, sagt:</p>
-
-<p><span class="pagenum"><a name="Seite_182" id="Seite_182">[S. 182]</a></span>
-
-„Da guck, Jochem, was eine liebes
-Gäulchen!”</p>
-
-<p>Und zu allen rundum sagt er:</p>
-
-<p>„Dieser Dauphin gehört meinem
-Jochem!” worauf der Vater des Kleinen
-hinterher ruft:</p>
-
-<p>„Ich halte Sie beim Wort, Direktor!”</p>
-
-<p>„Da guck, da guck! Dauphin, verfluchtes
-Sauvieh, guck dir den Jochem
-an!”</p>
-
-<p>Er setzt Jochem auf Dauphins Rücken,
-und der ganze Zirkus ist im siebenten
-Himmel. Dauphin trabt einher, eine
-kleine Tänzerin hoppst herbei wie ein
-Flugzeug, das angekurbelt ist, schwingt
-sich auf Dauphins schmalen Rücken,
-nimmt das Kindchen auf den Schoß
-und reitet so dahin, wirft's in die Luft,
-fängt's wieder, küßt es, drückt es an sich
-und jauchzt wie die Menschen hinter
-den Bergen vor Freiluft und Freude.
-Wer jauchzt da mit? Wer schweigt da
-noch?</p>
-
-<p><span class="pagenum"><a name="Seite_183" id="Seite_183">[S. 183]</a></span>
-
-Dauphin, Dauphin, du hättest die
-Freude der Freiluft schon vergessen?</p>
-
-<p>Ha, Dauphin streckt, indes er wacker
-weiterläuft, den Kopf weit nach vorn
-und stößt einen Schrei aus, der seltsam
-klingt wie eine Schalmei aus Weiden,
-wie ein Hirtenlied auf der „Zeil”.</p>
-
-<p>Nur ein Viertelstündchen währt das
-fröhliche Zwischenspiel, die kleine Tänzerin
-seilt sich an, klappst Dauphin auf
-den Schenkel und sagt:</p>
-
-<p>„Fort, Kleinzeug, mach' morgen deine
-Sache besser!”</p>
-
-<hr class="chap" />
-
-<p class="pagebreak"><span class="pagenum"><a name="Seite_184" id="Seite_184">[S. 184]</a></span></p>
-
-
-
-
-<h2>XI</h2>
-
-
-<p>Dauphin machte am nächsten Tage
-seine Sache wieder besser, wie er
-überhaupt ein gelehriger Schüler war!
-Allein trotz aller Gelehrigkeit, trotz alles
-besten Willens geschah es sehr oft,
-daß Dauphin die große und die kleine
-Peitsche zu verspüren hatte, und wenn
-die Menschen, da er seine Errungenschaften
-ihnen darbot, Freude empfanden
-an ihm, wenn die Kinder ihn bejubelten
-mit ihren kleinen Händen, so
-dachten sie nur selten daran, daß hinter
-dieser Stellung vielleicht hundert Geißelhiebe
-staken, daß dieser so überaus
-lustige Sprung vielleicht tausend Geißelhiebe
-beansprucht hatte! „Mit Wunden
-ganz bedecket”, zerschlagen, zerschunden
-an Leib und Seele kam Dauphin
-oftmals in die fröhliche Arena, aus<span class="pagenum"><a name="Seite_185" id="Seite_185">[S. 185]</a></span>
-den Händen der Häscher, aus dem verruchten
-Lederriemengesicht des Direktors
-in die überzuckerte freundliche
-Miene des Abends angesichts der Menschen,
-die ergötzt sein wollten! Hundert
-Stunden höchste Qual für ein Viertelstündchen
-Menschenbelustigung! Hundert
-Stunden Erniedrigung für ein
-Viertelstündchen kleinfrohe Menschenlaune!</p>
-
-<p>Trotz aller Qual behielt Dauphin
-doch den inneren Frieden, die Freude:
-den Menschen Freude zu bereiten, sei es,
-daß durch eine überaus glückliche Veranlagung
-seine Seele all ihre Leiden, die
-zur Freude der Menschen führen sollten,
-leicht ertrug und leicht verwand,
-sei es, daß die göttliche Meinung des
-Bauern Klaus: glücklich machen heiße
-glücklich sein! in dieser Seele Dauphins
-heilsam wirkte!</p>
-
-<p>Untrüglich und jedem zugänglich, der
-Sinn für Seele hat, lebte ein großes
-Mitleid in Dauphin, eine Lust, Leiden<span class="pagenum"><a name="Seite_186" id="Seite_186">[S. 186]</a></span>
-tragen zu helfen, Leiden mindern zu
-helfen, und es muß gesagt sein, daß die
-meisten Schläge, die er erhielt, freiwillige
-Schläge waren, indem er oft
-und immer wieder die entfesselte Wut
-des Dresseurs von seinen Kameraden
-auf sich ablenkte.</p>
-
-<p>Es fiel dem Direktor bald auf, daß
-alle Dressuren, die er mit Dauphin allein
-vornahm, rasch und bestens sich erledigten,
-während die Korporationsdressuren,
-anstatt durch Dauphins Mitwirkung
-sich zu erleichtern, keineswegs einen
-Vorteil von ihm hatten.</p>
-
-<p>So kam es, daß, als Dauphin die
-elementarsten Begriffe der Kunst besaß,
-daß er an einen Zirkus verkauft wurde,
-der sich einen Solisten seiner Art eher
-leisten konnte.</p>
-
-<p>Als Dauphin abgeholt wurde, lag
-Frühlingsschnee auf den Zelten, und
-Burschen gingen mit langen Stangen,
-an die oben quer ein Brett genagelt war,
-umher und schüttelten die Schneemassen<span class="pagenum"><a name="Seite_187" id="Seite_187">[S. 187]</a></span>
-von den tief hereinhängenden Dachzelten.
-Dauphin mußte, bevor er abgeführt
-wurde, sein gesamtes Können vor den
-Augen des neuen Herrn entfalten, und
-vor Eifer und Freude brach ihm der
-Schweiß aus allen Poren. Die Burschen,
-die ihn liebgewonnen hatten, rieben
-ihm den Schweiß aus den Haaren,
-und der neue Herr wunderte sich und
-fragte, ob Dauphin überhaupt so leicht
-schwitze?</p>
-
-<p>„Keineswegs!” entgegnete der alte
-Herr, „der Eifer steckt in ihm, es rumort
-überhaupt allerlei Gutes in dem Kind;
-er eignet sich zum Steiger, er hat Musike
-im Bauch, und wenn es gut geht, bringt
-er's zu was ordentlichem!”</p>
-
-<p>Auch Wallenstein, der die Elementarschule
-erledigt hatte, zog mit Dauphin
-zusammengekoppelt fort in den größeren
-Zirkus, der in der Nachbarstadt weilte.
-Sie fuhren nicht mit der Eisenbahn, sie
-marschierten zu Fuß der Stadt entgegen,
-die kaum drei Stunden entfernt lag.</p>
-
-<p><span class="pagenum"><a name="Seite_188" id="Seite_188">[S. 188]</a></span>
-
-An einem Abhang pflügte ein Bauer
-mit zwei dicken Ackergäulen. Wallenstein
-ward unruhig, drehte oft den Kopf
-nach der Feldarbeit und zog leise aber
-stets an der Koppel, so daß Dauphin gar
-nicht leicht zu gehen hatte. Was wollte
-er nur? Er wieherte, daß dem kleinen
-Dauphin der Speichel an die Nüstern
-spritzte, er peitschte mit dem Schweif, er
-trug die Ohren hochgestellt, und endlich
-geschah etwas: Wallenstein riß so
-heftig an der Koppel, daß Dauphin
-nicht widerstehen konnte, vielleicht auch
-nicht widerstehen wollte, und im Nu
-feuern die beiden Freunde seitab und
-rasen über die Aecker den Abhang hinan
-in hellem Galopp querfeldein. Der zierliche,
-weißgebleßte Dauphin spürte
-zwar Schmerzen am Munde, aber was
-sind denn Schmerzen gegen Freude?
-eine Wonne, mit dem starken Wallenstein
-auf- und davonzugehen! Er möchte
-größer sein, stärker sein, hurra, er möchte
-den starken Wallenstein selber noch fortreißen<span class="pagenum"><a name="Seite_189" id="Seite_189">[S. 189]</a></span>
-können, irgendwohin fort, er
-möchte Führer sein, Verführer, er
-möchte den großen Kerl verführen zu
-allerlei losen Streichen!</p>
-
-<p>Die Häscher kamen natürlich! Wallenstein
-wurde gepeitscht, Dauphin
-nicht! Dauphin sah großäugig und
-neidisch zu, wie Wallenstein angesichts
-der Ackergäule gepeitscht wurde, und
-blieb verschont! Ordentlich mitleidig
-sahen die schweren Kerle aus den Augenwinkeln
-auf Dauphin herab, als sei er
-der Verführte, als sei er nur mitgezerrt
-worden und sei schuldlos wie ein Kind.</p>
-
-<p>In diesem neuen Leben gefiel es Dauphin
-besser als früher. Nur selten
-brauchte er mit den übrigen Pferden zu
-exerzieren, um so öfter aber und um so
-länger mußte er vor dem neuen Direktor
-seine Uebungen machen. Mit großer
-Leichtigkeit erlernte er alles, was man
-von ihm verlangte: er stellte sich auf die
-Hinterbeine, und es dauerte nicht lange,
-so entwöhnten sich die herabhängenden<span class="pagenum"><a name="Seite_190" id="Seite_190">[S. 190]</a></span>
-Vorderbeine, lästig zu zucken, zu schlagen
-und überängstlich zu tasten nach
-einer Stütze! Musik begann oft zu erschallen,
-wenn er so stand, der Direktor
-fuchtelte graziös mit den Händen in der
-Luft herum und summte die Melodie
-mit und sang dazu:</p>
-
-<div class="poem"><div class="stanza">
-<span class="i0">„<span class="antiqua">L'amour est l'enfant du bohême,</span><br /></span>
-<span class="i0"><span class="antiqua">Elle n'a jamais, jamais connu de loi!</span>”<br /></span>
-</div></div>
-
-<p>Heisa, wenn auch noch die Peitschenspitze
-an Dauphins Hinterhufen herumzutrommeln
-anfing, so konnten sich diese
-Füße nicht mehr halten und trippelten
-dahin und dorthin und erhaschten bald
-den Taktschlag der Weise! Da konnte
-der Herr Direktor getrost seine Peitsche
-beiseite werfen und näherkommen!
-Konnte ganz nahekommen, konnte seinen
-linken Arm über Dauphins rechtes
-Bein, den rechten unters linke Bein
-schieben, so daß seine Brust des Pferdchens
-Brust berührte, und: Kinder!
-Kinder! habt ihr schon so etwas gesehen?<span class="pagenum"><a name="Seite_191" id="Seite_191">[S. 191]</a></span>
-Sie tanzen miteinander, sie tanzen
-miteinander, der Direktor tanzt mit
-eurem kleinen Freunde Dauphin!</p>
-
-<p>Das vollbrachte Dauphin! Er vollbrachte,
-was man von ihm verlangte:
-er zählte die Jahre seines jungen Lebens,
-und wenn er dabei sieben angab
-und also log, so war das seine Lüge
-nicht! Er zählte die Stunden des Tages,
-die Lebensjahre eines jeden Menschen,
-der sein Alter nicht mehr zu wissen
-schien, er holte aus dem Publikum
-jenen Kerl heraus, der seinen Namen
-„Dauphin” norddeutsch ausgesprochen
-hatte „Dauphäng!” Er fand den
-versteckten Gänsedieb, wo immer auch
-er sich versteckt haben mochte, er schoß
-mit dem linken Vorderfuß eine Kanone
-ab und mehr, er verbeugt sich höchst
-manierlich vor seiner Königin!</p>
-
-<p>Kinder, Kinder, so etwas habt ihr
-noch nirgends gesehen! Euer Spielzeug
-daheim hat eine Feder im Bauch, aber
-Dauphin hat eine Seele! Kein Wunder,<span class="pagenum"><a name="Seite_192" id="Seite_192">[S. 192]</a></span>
-daß die Kinder das kleine Gäulchen
-mit der weißen Blesse so gern hatten!
-Die Kinder des ganzen Reiches
-kannten ihn, liebten ihn, träumten von
-ihm wie vom Weihnachtsbaum! In
-den Zeitungen lasen sie über ihn, wenn
-er kam, wenn er gastierte, wenn er ging.
-An den Plakatsäulen sahen sie ihn in
-hellen, fröhlichen Farben, und vergaßen
-ihre Schule und ihren Mittagstisch.
-Wenn sie mit ihren Eltern im Zirkus
-saßen, wollten sie nichts anderes sehen
-als Dauphin. Wenn sie die Ställe besuchen
-durften, wollten sie nichts anderes
-sehen als Dauphin. Väter photographierten
-Dauphin. Ein ganz kleines
-Kind kam einmal im Stall auf Dauphin
-zu und sagte: „Ich heiße Tarl
-Tnöpfle!”</p>
-
-<p>So also sprang Dauphin Abend für
-Abend im Lichte der Arena umher durch
-den Beifall der von ihm beglückten
-Menschen, bald in dieser, bald in jener
-Stadt.</p>
-
-<hr class="chap" />
-
-<p class="pagebreak"><span class="pagenum"><a name="Seite_193" id="Seite_193">[S. 193]</a></span></p>
-
-
-
-
-<h2>XII</h2>
-
-
-<p>Den tollsten Abend aber, zugleich den
-glorreichsten und erkenntnisreichsten,
-erlebte Dauphin kurz vor Ausbruch
-des Krieges in jener rheinischen Stadt,
-die sich wie eine Braut in den liebenden
-Arm des Flusses schmiegt.</p>
-
-<p>Als er seine Kunst so weit beendet
-hatte, daß er meinte, nun müsse er hinaus
-aus der feierlichen Arena, da kam
-der Direktor nochmals auf ihn zu, zog
-ihm vor allem Volk das goldbetreßte
-Purpurmantelettchen aus und nahm
-den weißen Husarenbüschel von seiner
-Stirn, so daß er schließlich ganz nackt
-dastand. Vom hohen Thron herab
-fragte der König laut und mit großer
-Handbewegung schräg nach oben, daß
-all seine Ringe aufblitzten:</p>
-
-<p>„Was kannst du noch, Freund Dauphin?”</p>
-
-<p><span class="pagenum"><a name="Seite_194" id="Seite_194">[S. 194]</a></span>
-
-Dauphin schüttelte den Kopf.</p>
-
-<p>„Sonst kannst du nichts?” fragte
-schelmisch die sanfte Königin und lächelte
-und schüttelte das gekrönte Haupt,
-als wisse sie genau, daß Dauphin noch
-etwas ganz Besonderes könne, und zu
-ihrem hohen Gemahl sagte sie hinüber:</p>
-
-<p>„Versprachen Sie mir nicht: Dauphin
-übertreffe seinen Ruf?”</p>
-
-<p>Da kam zum Glück der Direktor mit
-seiner Leiter, und nun fiel es dem kleinen
-Gäulchen ein, daß es noch etwas
-könne: Es stieß heftig den Atem durch
-die Nüstern, sah zu den zwei Buben,
-die bei einem Offizier saßen, die es schon
-öfter betrachtet hatte, als spiele es nur
-für sie, und schritt so seinem Direktor
-entgegen. Dieser stützt die Leiter auf,
-und Dauphin hebt den linken Vorderfuß
-auf die erste Sprosse der Leiter,
-dann den rechten und steigt so Sprosse
-um Sprosse hinauf bis zur fünften.
-Nun wirft er den Kopf hoch, drückt
-sich ab, steht frei, fest und stabil, ohne<span class="pagenum"><a name="Seite_195" id="Seite_195">[S. 195]</a></span>
-den Schwung der Freidressur, auf den
-Hinterbeinen und marschiert so im raschwechselnden
-Rhythmus der volldröhnenden
-Musikkapelle in allen Gangarten
-durch die Arena hin. (Die Kinder
-denken an ihr Spielzeug, das eine Feder
-im Bauch hat!)</p>
-
-<p>Der Marsch bricht ab! Dauphin
-steht wieder auf den vier Beinen. Einen
-Augenblick nur steht er so da und rennt
-nun im Kreise herum, toll vor Glück,
-schießt nacheinander sieben Kanonen
-ab, auf denen der kaiserliche Adler
-prangt, und rast durch den Vorhang
-hinaus.</p>
-
-<p>Kommt sofort wieder, läuft schnurstracks
-auf die beiden Buben zu, biegt
-kurz ab, als habe er sich geirrt, und kniet
-plötzlich vor dem Thron des Königs
-und der Königin nieder.</p>
-
-<p>Und nun geschieht's: Die Königin erhebt
-sich von ihrem Thron! Mit einem
-blauen Seidentüchlein wischt sie sich
-über die feuchten Augen, kommt herab<span class="pagenum"><a name="Seite_196" id="Seite_196">[S. 196]</a></span>
-zu Dauphin, beugt sich weit vor, daß
-ihre Gewänder steil von den schmalen
-Schultern herunterfließen, daß ihre
-Krone fast wankt, und küßt Dauphin
-auf die weiße Blesse ...</p>
-
-<p>Dauphin hört und sieht nichts mehr,
-hält die Augen geschlossen und spürt
-diesen warmen Kuß auf der Stirn. Er
-reckt geschlossenen Auges den Kopf steil
-in die Höhe, entblößt die Zähne von den
-Lippen, läßt den Kopf niedersinken,
-läßt ihn tief herabsinken und weiß offenbar
-nicht, was er tun soll.</p>
-
-<p>Zwar hört er allerlei Geklopf und
-Getick, aber er verharrt in seiner Verzückung,
-und die Menschen klatschen
-ihm und lächeln sich an vor Glück und
-Freude über das geküßte Kind.</p>
-
-<p>Als Dauphin dann doch die Augen
-aufschlägt, schleppen Sklaven und
-Sklavenpferde den Thronsaal, ein werktägiges
-Balkengerüst, fort, eine Dame
-hängt am Trapez, und alle Leute sehen
-nach der Dame! ...</p>
-
-<p><span class="pagenum"><a name="Seite_197" id="Seite_197">[S. 197]</a></span>
-
-Da springt Dauphin auf und davon
-und schämt sich, weil er es so eilig hat!
-Der Wärter empfängt ihn draußen, die
-Menge klatscht wieder, die Kinder rufen
-nach ihm, aber der Wärter zerrt ihn
-an den Ohren am großen Spiegel vorbei
-nach dem Stalle zu.</p>
-
-<p>Vor den Ställen stehen fünfundsechzig
-Pferde beisammen. Mit Ehrfurcht
-in den Augen sehen sie den kleinen Dauphin
-kommen, lassen die Köpfe hängen,
-bewegen sich nicht, heben die Augen
-und sehen gleich wieder weg. Wallenstein
-steht auch da; er knappert mit den
-Zähnen am Randblech eines Wagendaches.
-Dauphin schiebt sich zu ihm
-hin. Der Große läßt den Kopf über den
-Hals des Kleinen sinken, als wolle er
-das Wunderkind beschützen, und dieses
-reibt die Stirn an den straffen Lippen
-Wallensteins: der Kuß der Königin
-brennt ihn!</p>
-
-<p>Der Direktor kommt herzu, gibt
-Dauphin ein Stück Zucker und sagt:</p>
-
-<p><span class="pagenum"><a name="Seite_198" id="Seite_198">[S. 198]</a></span>
-
-„Heut Nacht darfst du bei Wallenstein
-schlafen!”</p>
-
-<p>Der starke Wallenstein tritt mit dem
-feinnervigen Künstler Dauphin in sein
-Stallzelt. Sie fressen aus einer Krippe
-und legen sich bald zum Schlafe nieder,
-und Dauphins Köpfchen ruht auf
-Wallensteins festem Halse.</p>
-
-<p>Dauphin kann nicht einschlafen: er
-spürt den Kuß der Königin auf der
-Stirn und sieht auch wohl den großen
-Spiegel vor Augen. Dann schläft er
-doch ein Weilchen: es ist ihm, als kämen
-tausend Kinder zu ihm in die Arena,
-als streichelten sie ihn, als küßten sie ihn
-alle auf denselben Fleck der Stirn.</p>
-
-<p>Er erwacht wieder, schiebt den Kopf
-nach Wallensteins Ohren und reibt
-dort hin und her, und Wallenstein
-schnarcht, hebt den Kopf und läßt ihn
-wieder sinken und schnarcht weiter.</p>
-
-<p>Steif hochauf reckt Dauphin den
-schlanken Kopf in die stille Nacht der
-Genossen und läßt die schweren Lippen<span class="pagenum"><a name="Seite_199" id="Seite_199">[S. 199]</a></span>
-von den Zähnen weghängen und
-die breiten weißen Zähnchen aufleuchten.</p>
-
-<p>Am Morgen, da Dauphin, allen
-Schmuckes bar, zur Probe am Spiegel
-vorübergeht, sieht er auf seiner Stirn
-sicher zum erstenmal in seinem Leben die
-weiße Blesse!</p>
-
-<p>In dieser Stadt überraschte den zarten
-Dauphin der garstige Krieg.</p>
-
-<hr class="chap" />
-
-<p class="pagebreak"><span class="pagenum"><a name="Seite_200" id="Seite_200">[S. 200]</a></span></p>
-
-
-
-
-<h2>XIII</h2>
-
-
-<p>Eines Abends fehlen bei der Vorstellung
-die bunten Offiziere, die
-Menschen reden lauter und kargen mit
-Beifall. Und mitten in der Nacht, da
-alles schon schläft, werden plötzlich in
-allen Zeltställen die Lichter angedreht,
-alle Pferde werden in die Arena geführt,
-und Offiziere suchen die stärksten und
-schönsten aus und stellen sie zu Paaren.</p>
-
-<p>Wie Dauphin sieht, daß auch Wallenstein
-mit ausgemustert ist, läuft er zu
-ihm hin.</p>
-
-<p>Ein Offizier aber schlägt ihm verächtlich
-auf die Backen, sagt: „Na
-Kleiner, dich wollen wir hier lassen,”
-und zerrt ihn weg. Dauphin aber möchte
-bei Wallenstein bleiben! Und wie die
-Pferde mit den Offizieren fortziehen,<span class="pagenum"><a name="Seite_201" id="Seite_201">[S. 201]</a></span>
-läuft er nochmals zu Wallenstein hin
-und wird wieder fortgejagt.</p>
-
-<p>„Fort zurück, ihr da, in den Stall!”
-ruft der Direktor, und Dauphin geht in
-seinen Stall. Die Löwen brüllen in den
-Käfigen, die Affen kratzen an ihren Holzwänden,
-auf dem Pflaster der Straße
-vorm Eingang zum Zirkus tuten und
-schollern Automobile, und Pferde trappeln
-in endlosen Prozessionen durch die
-Nacht. Das Getrappel foltert den
-kleinen Dauphin.</p>
-
-<p>Morgens fand keine Probe statt.
-Wenn die Sacktür des Stalles sich
-hob, sah Dauphin den blauen Wohnwagen
-des Direktors stehen. Künstler
-fütterten, Künstler halfen das große
-Zelt abschlagen, Künstlerinnen trugen
-die Schürzen der Wärter.</p>
-
-<p>Wenn Dauphin sich die übriggebliebenen
-sieben Pferde ansah, ward er
-traurig: Keiner von ihnen wußte anzugeben,
-etwa wie alt er sei, wieviel Uhr
-es sei, keiner konnte auf den Hinterbeinen<span class="pagenum"><a name="Seite_202" id="Seite_202">[S. 202]</a></span>
-laufen; es waren simple, halbstarke
-Reitpferde für Akrobatinnen, Sklavenpferde,
-Sklaven samt und sonders! Der
-kleine, überaus hellweiße Schimmel,
-dessen Fußhaare über die Hufe gekräuselt
-herabhingen, der äußerst oberflächlich
-in Kunst und Wissenschaft war,
-konnte wenigstens durch einen Reif
-springen! Dauphin war sehr traurig.</p>
-
-<p>Was mochte nur los sein? Warum
-durfte Dauphin nicht dabei sein?</p>
-
-<p>Dauphin wurde mit seinen sieben
-Genossen zu zweimal Vieren zusammengekoppelt
-und gleich einer Kinderschule
-ausgeführt. Alle Straßen der Stadt
-und alle Straßen außer der Stadt waren
-voller Soldaten; Regimenter marschierten
-dahin und dorthin und sangen,
-Automobile, mit dem roten Kreuz
-geschmückt, rasten, hundert hintereinander,
-die Hauptstraße hin, Pferde und
-immer wieder Pferde, mehr Pferde als
-Menschen!</p>
-
-<p>Auf der Brückenrampe sah Dauphin<span class="pagenum"><a name="Seite_203" id="Seite_203">[S. 203]</a></span>
-seinen Freund Wallenstein, der mit
-fünf dicken Gäulen eine riesige Kanone
-die Rampe hinaufzog. Als Wallenstein
-Dauphin sah, wieherte er, schlug einen
-leichten Trab an und zog ganz mörderisch
-an seinen Strängen. Welch eine
-Wonne mußte das sein für ihn!</p>
-
-<p>Wie gern hätte Dauphin geholfen,
-mit der Kraft seiner Muskeln die Kanone
-ziehen, &mdash; er hatte in der Arena
-schon manche Kanone gezogen &mdash;, aber
-er war an den schäbigen Rest der einstigen
-Zirkusherrlichkeit gefesselt und
-konnte sich nicht befreien. Seine Augen
-wölbten sich und bettelten: „Wallenstein!!
-Komm, Großer, Starker, hilf,
-hilf doch deinem kleinen Freunde!” Aber
-der hatte keine Zeit, und Dauphin mußte
-zurück, heimzu, hinter seine Sacktür.</p>
-
-<p>Täglich wurden die Acht ausgeführt.
-Die Sieben foppten Dauphin, rissen,
-wenn er außen ging, die Koppel nach
-links, daß er mit den Hinterbeinen aus
-dem Glied treten mußte und vom Wärter<span class="pagenum"><a name="Seite_204" id="Seite_204">[S. 204]</a></span>
-einen Schlag bekam. Wenn er innen
-ging, zerrten sie sich nach den Seiten
-von ihm weg, daß die Wärter meinen
-mußten, er, Dauphin, sei der Störenfried,
-der seine Nachbarn belästige.
-Ging er im vorderen Glied, so wurde
-er gekitzelt, ging er im hinteren, so flog
-ihm irgendein Pferdeschweif über die
-Augen. Es geschah selbst, daß der oberflächliche
-Schimmel, nur um dem
-Wärter darzutun, er sei belästigt worden,
-aufs Geratewohl nach hinten gegen
-Dauphin ausfeuerte und zurücksah,
-und der Wärter, der seine Pferde nicht
-kannte &mdash; und besonders Dauphin nicht
-kannte &mdash;, sah seitab nach den lauten
-Dingen der Straße, und hieb ohne weiteres
-immer auf Dauphin ein. Oh, wenn
-Wallenstein dabei gewesen wäre!</p>
-
-<p>Eines Tages kam ein Offizier mit
-breiten, roten Streifen an den Beinkleidern.
-Er hielt eine Zeitung in der
-Hand und sagte:</p>
-
-<p>„Wo ist Dauphin?”</p>
-
-<p><span class="pagenum"><a name="Seite_205" id="Seite_205">[S. 205]</a></span>
-
-Dauphin wurde losgebunden und aus
-dem Stall geführt, und die sieben Gesellen
-mußten zurückbleiben. Der Offizier
-strich ihm über die Ohren und sagte:</p>
-
-<p>„Stark genug ist er schon!”</p>
-
-<p>„Er hat Qualitäten und steht auf
-dem Höhepunkt seiner Kraft,” entgegnete
-der Direktor, und Dauphin, der
-die Stunde der Befreiung, die Stunde
-seiner Tauglichkeit ahnte, nickte lebhaft
-mit dem Kopfe und scharrte mit dem
-linken Vorderbein, spürte fast den stolzen
-Husarenbusch, den er seit Wochen
-nicht mehr getragen, zwischen seinen
-Ohren schwanken und streckte die Nüstern
-gegen des Befreiers braunbekleidete
-Hand.</p>
-
-<p>„Wie alt bist du, Dauphin?” fragte
-der Offizier freundlich, und der Direktor
-machte sein Geheimzeichen und sprach:</p>
-
-<p>„Na, sag's dem Herrn General, wie
-alt du bist!”</p>
-
-<p>Und Dauphin nickte siebenmal mit
-dem Kopfe.</p>
-
-<p><span class="pagenum"><a name="Seite_206" id="Seite_206">[S. 206]</a></span>
-
-Dann sah er von der Straße her
-zwei Buben am blauen Wohnwagen
-vorbei herzulaufen. Die Buben riefen
-schon von weitem:</p>
-
-<p>„Der Dauphin, der Dauphin!” und
-schwangen die Mützen und kamen herbei,
-und Dauphin reckte den Kopf längs
-zu ihnen hin und zeigte seine Zähne.</p>
-
-<p>Der eine konnte Dauphin die weiße
-Blesse streicheln, den anderen mußte der
-General heben, daß er es auch tun
-konnte.</p>
-
-<p>Der Große zog seine Uhr aus dem
-Matrosenblüslein, hielt sie Dauphin
-hin und sagte:</p>
-
-<p>„Na, wieviel?”</p>
-
-<p>„Können Sie bis zwanzig zählen,
-Dauphin?” fragte der Kleine.</p>
-
-<p>„Geduld, Jungens!” sagte der General,
-und der Direktor ließ Dauphin
-bis zwanzig zählen und ließ ihn die
-Uhr ablesen, und der Große beobachtete
-genau das Geheimzeichen des Direktors.</p>
-
-<p><span class="pagenum"><a name="Seite_207" id="Seite_207">[S. 207]</a></span>
-
-Dann mußte Dauphin mit den Buben
-übern Platz laufen, rundum, so
-schnell er konnte, und dann lief er noch
-lange allein, da die Buben schon müde
-waren und auf den im Erdboden steckengebliebenen
-Zeltpfählen hockten.</p>
-
-<p>Der General hob nunmehr die Sacktür,
-und Dauphin schlüpfte in den Stall.
-Der General kam, der Direktor, der
-Wärter und die Buben kamen; aber
-Dauphin wurde angebunden, und alle
-gingen wieder fort.</p>
-
-<p>Dauernd sah Dauphin nach der
-Sacktür, und alle seine Gefährten sahen
-hin und machten große, glotzige Augen
-wie Kühe.</p>
-
-<p>Und siehe, gegen Abend &mdash; Dauphin
-war ganz allein im Stalle &mdash; schlüpften
-die Generalsbuben herein, banden sich
-Dauphin los und stürmten mit ihm, der
-stets zu tollen Streichen aufgelegt war,
-übern Platz an den Wohnwagen, und
-am Wohnwagen hob ein Soldat aus
-einem zweiräderigen, gelbgestrichenen<span class="pagenum"><a name="Seite_208" id="Seite_208">[S. 208]</a></span>
-Kastenwägelchen ein Kummet und
-schob es Dauphin übern Kopf. In die
-Schere ward Dauphin eingeschoben,
-die Buben sprangen auf, der Soldat
-sprang auf &mdash; Dauphin hatte in der
-Arena schon allerhand Wagen gezogen
-und sogar schon Kanonen &mdash; und husch
-gings übern Platz hin und her und rundum
-und dann hopp, hopp, übers Pflaster
-in die Stadt hinein durch alle Straßen
-hin, an hunderttausend Menschen
-vorbei und zur Stadt hinaus an den
-Fluß. Eine Wonne war's, mit eigener
-Muskelkraft solche Dinge zu vollbringen!
-Dauphin achtete, ob nicht der
-weiße Husarenbüschel an seine Ohren
-wedele, ob nicht seine goldverbrämte
-Purpurdecke ihn jucke oder sonstwie sich
-bemerkbar mache.</p>
-
-<p>Eine winzige Kaserne war in die Erde
-gebaut, und nur die Seite, wo Drilchsoldaten
-Pfeife rauchten, war zu sehen.
-Ueber dem Portale stand dick in schwarzen
-Lettern: Fort Großherzog von<span class="pagenum"><a name="Seite_209" id="Seite_209">[S. 209]</a></span>
-Hessen! Der größere Preußenbub bog
-sich zum Soldaten und sagte:</p>
-
-<p>„Nach Fort fehlt ein Komma oder
-ein Ausrufezeichen!”</p>
-
-<p>„Oho!” entgegnete der Soldat, „das
-werd' ich aber Madame sagen, daß du
-nicht weißt, was ein Fort ist, und daß
-du gar einen gekrönten Fürsten aus seinem
-Reich vertreiben willst!”</p>
-
-<p>Draußen am Fluß stellten sich die
-Buben im Wagen auf und nahmen
-Leine und Peitsche, und der Soldat
-blieb sitzen. Sie schlugen Dauphin an
-die Lenden, aber das tat nicht weh!
-Dauphin lief wie noch nie in seinem
-Leben, und sein Herz flog vor ihm
-her.</p>
-
-<p>Drüben im Schatten trottelte die verwahrloste
-Kleinkinderschule. Als Dauphin
-sie kaum gesehen, war sie schon
-hinter ihm. Dauphin wieherte laut, was
-heißen konnte:</p>
-
-<p>„Schreit doch, ihr Generalsbuben,
-lacht doch, schlagt mich doch, tobt euch<span class="pagenum"><a name="Seite_210" id="Seite_210">[S. 210]</a></span>
-doch aus an mir, ich bin auf dem Höhepunkt
-meiner physischen Kraft!”</p>
-
-<p>Ein großer Sandplatz schob sich in
-den Wald hinein zu beiden Seiten der
-Straße. Ein Flieger stieg hinten auf,
-ließ Leuchtkugeln rudelweise in die
-Dämmerung fallen; Kanonen, die auf
-Wällen standen, richteten ihre Rohre
-nach ihm, und Kommandos erschallten
-weithin. Infanteristen gingen, ausgeschwärmt,
-durch die Gräben über die
-Straße, rasselten an den Schlössern ihrer
-Gewehre, und viele verloren, weil sie
-vor dem rasenden Dauphin förmlich
-flüchten mußten, in der Eile etliche ihrer
-Patronenhülsen.</p>
-
-<p>Tausend Gäule &mdash; war nicht Wallenstein
-dabei? &mdash; trabten am Waldrand,
-indeß Kanoniere, an langen Seilen geschultert,
-schwere Geschütze durch den
-Sand zogen. Hinterm Wall aus dem
-Wald kam heftiges Geknatter, und
-Dauphins Fußeisen knatterten nicht
-minder heftig auf der Steinstraße.</p>
-
-<p><span class="pagenum"><a name="Seite_211" id="Seite_211">[S. 211]</a></span>
-
-Plötzlich stand der General da mitten
-auf der Straße, Dauphins Befreier!</p>
-
-<p>Dauphin rannte zu ihm hin und blieb
-halten. Aus seinen Nüstern stieß sich
-sein Atem, sein ganzer Körper dampfte,
-die Adern am Kopf waren fingerdick
-geschwollen: Das war die Kraft, die
-in ihm stak, die sich freimachte und ihn
-so beglückte, so überaus beglückte! Doch
-plötzlich senken sich die Lider über die
-jungfrohen Augen und Dauphin bricht
-zusammen, kugelt auf den Rücken und
-streckt die vier Beine zum Himmel.</p>
-
-<p>Als er daheim im Stall wieder erwachte,
-fühlte er sich so von allem Physischen
-befreit, daß seine Seele wie in Gedankenanflügen
-sich ergehen konnte. Er,
-Dauphin, gehörte doch gleich Wallenstein
-unter die Soldaten, in die Menge,
-in die körperliche Arbeit, zu den Strapazen!
-Was ist Kunst, und was ist
-Wissenschaft, was ist selbst der Kuß
-einer Königin?</p>
-
-<p>Dauphin hielt die Augen noch geschlossen,<span class="pagenum"><a name="Seite_212" id="Seite_212">[S. 212]</a></span>
-aber er sah mit diesen seinen
-Augen! Er sah Soldaten schiefgebuckelt
-um Kanonen rennen, sah einen Berg
-voller Soldaten! Ein Gebirge war statt
-mit Bäumen mit Soldaten bewachsen,
-Soldaten sah er aus dem Erdboden
-aufwachsen; Pferde schoben sich, wo
-sonst Wasser hinströmte, unendlich hin,
-und es war ihm, als sähe er Wallenstein
-neben sich im Straßengraben liegen,
-Wallenstein, den mächtigsten von allen.
-Ja wirklich, Wallenstein reckte die vier
-Beine zum Himmel auf, und aus seiner
-Stirn, dort, wo Dauphin von der Königin
-geküßt worden war, floß rotes Blut.</p>
-
-<p>Dauphin hörte deutlich schießen und
-tat die Augen auf.</p>
-
-<p>Der Direktor stand da bei ihm in dem
-fremden Stall, der Wärter rieb mit
-Stroh an seinem Leib herum, der General
-stand da und die Buben mit den
-Schulranzen, und der Kleine hatte den
-Daumen im Mund.</p>
-
-<p>Dauphin sprang auf, nickte, beschnupperte<span class="pagenum"><a name="Seite_213" id="Seite_213">[S. 213]</a></span>
-der Buben fröhliche Haarbüschel
-und wieherte schon wieder vor
-Freude. Aber dann wurde er vom Wärter
-fortgeführt, und es ging nicht etwa
-auf den Exerzierplatz, sondern wieder
-zurück am blauen Wagen vorbei, durch
-die Sacktür in den Stall zu den Sieben.</p>
-
-<p>Die Sieben wurden wieder spazieren
-geführt, und Dauphin blieb daheim.
-Und Dauphin sah, solange er allein
-war, nach der Sacktür, ob nicht der
-General käme, oder der Soldat, oder
-sonst ein Soldat, und niemand kam.
-Der Wind wehte an der Sacktür herum,
-und manchmal sah Dauphin den
-blauen Wohnwagen stehen.</p>
-
-<p>Die Sieben kamen zurück, und am
-nächsten Tage mußte Dauphin mit ins
-Freie spazieren, und die Qual begann
-wieder und dauerte &mdash; der Direktor ließ
-sich auch nicht mehr sehen &mdash; viele Tage
-lang.</p>
-
-<p>Bis wieder einmal ein Soldat in den
-Stall kam, der alle Pferde mit Namen<span class="pagenum"><a name="Seite_214" id="Seite_214">[S. 214]</a></span>
-kannte und Dauphin besonders liebkoste
-und alles so tat, wie's ehedem der Direktor
-getan hatte. Und wie er Dauphin
-ein Stück Zucker hinhielt, erkannte Dauphin,
-daß der Soldat niemand anders
-war als der Direktor selber. Da freute
-sich Dauphin über die Maßen und riß
-an seiner Kette. Der geliebte Direktor
-redet in seltsam langgezogenem, klagendem
-Tone allerhand mit Dauphin, was
-Dauphin zwar nicht ganz verstand, was
-aber dennoch sehr schön und gut war,
-und zog dann seinen Säbel aus der
-Scheide und hielt ihn Dauphin an die
-Augen.</p>
-
-<p>Und Dauphin bekam ein bißchen
-Angst vor dem blanken Stahl, wie Isaak
-vor seinem Vater Abraham, streckte den
-Kopf ganz wagrecht vor, hob die Nüstern
-und beschnupperte, freundlich aus
-den Augen zu ihm lächelnd, daß der Direktor
-doch nicht etwa ..., dessen Hand.</p>
-
-<p>Der Direktor nahm Dauphins Kopf
-untern Arm und sagte:</p>
-
-<p><span class="pagenum"><a name="Seite_215" id="Seite_215">[S. 215]</a></span>
-
-„Unser buntgekleidetes Künstlertum
-ist zu Ende, mein Lieber, und die Kunst
-schlechthin wird stark angerannt werden!
-Aber du lieber Himmel, was ist
-denn auch die Kunst, was sind denn
-unsere Kunststückchen, was steckt denn
-dahinter? Du hast es ja durchgemacht
-unter meiner Peitsche, Dauphin! Ich
-habe dich gepeinigt, ich habe dir die
-Lenden verhauen, einmal &mdash; ich weiß
-das nur zu genau &mdash; da habe ich dich,
-da du hilflos am Boden lagst und mit
-dem Erdball nicht spielen wolltest oder
-nicht spielen konntest vor Müdigkeit, da
-habe ich dir mit meinen Füßen die Weichen
-zertreten, nicht anders als wie der
-Töpfer seinen Ton tritt, auf daß er weich
-werde und sich der formenden Hand
-füge! Nicht anders, Dauphin! Die
-Schmerzen, die du unter meiner Peitsche
-erduldet hast, das sind so recht die
-Schmerzen aller Künstler, wenn ich,
-mich zu entschuldigen, so sagen darf.
-Ich weiß: auch bei den anderen Künstlern<span class="pagenum"><a name="Seite_216" id="Seite_216">[S. 216]</a></span>
-ist es so! Sie gucken zwar mit Verachtung
-auf unsere Kunst, auf unsere
-Kunststücke herab, aber sie sollten es nicht
-einmal tun! Wir leiden, bis wir unsere
-Bocksprünge richtig vollbringen können,
-nicht viel weniger als sie, die mehr
-begnadet sind als wir, aber wir leiden!
-Und leiden muß versöhnen und muß zu
-Brüdern machen! Herrjeh, bringt nicht
-der Dichter gleich uns sein Herz zu
-Markt, um gleich uns seinen Mitmenschen
-eine frohe Stunde zu bereiten?
-Leidet er etwa weniger, als du gelitten
-hast, Dauphin? Ha, sie sind schlau wie
-immer, und sagen: was sind körperliche
-Leiden verglichen mit den Leiden der
-Seele? Als ob wir keine Seele hätten,
-Dauphin, als ob du keine Seele hättest!
-Als ob deine Seele drinnen an der
-Krippe zurückbleibe wie dein Halfter,
-das neben am Nagel hängt! Wer wüßt'
-besser als ich, Dauphin, daß du eine
-Seele habest! Ich habe sie malträtiert!
-Ich habe den Geist, der in dir kreist, den<span class="pagenum"><a name="Seite_217" id="Seite_217">[S. 217]</a></span>
-heiligen Geist, nicht wahr, Dauphin,
-den heiligen Geist in dir vergewaltigt,
-und das muß sich naturgemäß und
-übernaturgemäß rächen! Nun stehe ich
-vor dir: der Sklave eines anderen Zirkusdirektors,
-der mich in seine qualvolle
-Arena spannt! Laß gut sein, Dauphin,
-laß gut sein! Oft und immer wieder
-habe ich mich der Einsicht verschlossen,
-unsere Verrenkungen, unsere Bocksprünge
-seien keine Vergewaltigungen
-der Natur, seien keine Widernatürlichkeiten,
-die sie doch sind ... Dauphin,
-die sie doch sind! Geh, frage auch die
-anderen Künstler, die von der hohen
-Fakultät, meine ich, ob sie dir nicht recht
-geben? Ob sie, so frage sie, ob sie nicht
-lieber das Leben, das sie so glücklich
-vorzutäuschen vermögen, wirklich und
-in Wahrheit leben würden, leben würden,
-anstatt gleich uns die Maske zu
-tragen, zu gestalten, was sie nicht sind,
-zu erfreuen, da sie freudlos sind? ...
-Was soll ich mich länger noch dieser<span class="pagenum"><a name="Seite_218" id="Seite_218">[S. 218]</a></span>
-Einsicht verschließen, jetzt, am Ende der
-buntgekleideten Herrlichkeit, da über
-uns die Wahrheit hereinbricht, die dem
-größeren Direktor noch verschleiert zu
-sein scheint? Menschen soll ich töten
-gehen! Sieh dir den Stahl an, er soll
-Menschen töten! Dauphin, Dauphin:
-wenn das Leben ein Zirkus wäre, so
-würde ich mir hier und jetzt den Stahl
-in die Brust stoßen! Liebes Tierchen,
-leb' wohl! Ich weiß &mdash; so heftig fühle
-ich es &mdash;, ich weiß, daß ich nicht zurückkehren
-werde aus dieser Narrenarena!
-Ich fürchte, diejenigen, die den Krieg
-hätten verhüten können, sind nur Zirkusdirektoren,
-Dauphin, sind auch nur Zirkusdirektoren
-und versündigen sich am
-heiligen Geist! Aber das Leben ist ja
-kein Zirkus, ist ja kein Zirkus!”</p>
-
-<p>Der Direktor küßte Dauphin auf die
-Blesse und stürzte zum Stall hinaus.
-Dauphin riß an seiner Kette! Umsonst
-riß Dauphin an seiner Kette!</p>
-
-<p>Den ganzen Tag und die ganze Nacht<span class="pagenum"><a name="Seite_219" id="Seite_219">[S. 219]</a></span>
-schurfte Dauphin in seinem Verschlag
-umher und strebte hinaus, irgendwohin,
-wo Leben pochte, mochte es Leben
-sein, welcher Art es wollte.</p>
-
-<p>Regentropfen prasselten auf die Zeltdecke
-des Stalles, unausgesetzt strömte
-der Regen hernieder. Die Sieben lagen
-ausgestreckt in ihren Abteilen und schliefen,
-und Dauphin allein wachte und
-hörte den Rieselregen an. Neben seiner
-Krippe tropfte Wasser von der Decke
-hernieder; die Tropfen zersprühten, da
-sie aufklatschten, und bespritzten Dauphin.
-Ihn fror. Nach einigen Stunden
-aber hörte das Gesumm des Regens
-auf, und die Sonne schnitt durch das
-Löchlein der Zeltdecke, sichtbar wirbelte
-sich feiner Staub in den Sonnenstreifen,
-und auf dem Rücken eines kleinen
-Schimmels lag ein greller Lichtfleck.</p>
-
-<hr class="chap" />
-
-<p class="pagebreak"><span class="pagenum"><a name="Seite_220" id="Seite_220">[S. 220]</a></span></p>
-
-
-
-
-<h2>XIV</h2>
-
-
-<p>Nach einigen Tagen kam der Direktor
-wieder als Soldat und hatte
-einen Herrn bei sich, dem Dauphin auf
-den ersten Blick ansah, daß er ein gildiger
-Zirkusmann sei. Er gab Dauphin
-gleich vertraut ein Stück Zucker, was
-diesem durchaus nicht schmecken wollte.
-Und am Abend nahm der neue Direktor
-Dauphin mit sich in die Eisenbahn,
-und sie fuhren eine Nacht und
-einen Tag lang durch unbekannte Gegenden
-nach Berlin.</p>
-
-<p>Wie sie da aus dem Bahnhof heraustreten,
-auf die Friedrichstraße, schieben
-sich viele Schwadronen kleiner,
-magerer Pferdchen, endlos wie die
-Friedrichstraße, zwischen gaffenden, jubelnden
-Menschenmassen hin. Sie ziehen<span class="pagenum"><a name="Seite_221" id="Seite_221">[S. 221]</a></span>
-schwere und leichte Kanonen und
-sind vollauf gerüstet, wie einst Wallenstein
-gerüstet war.</p>
-
-<p>Keinem dieser Gäulchen stand Dauphin
-an Muskelkraft nach! Dauphin
-riß an seinem Zügel und wollte seinem
-schmeichlerischen neuen Herrn entlaufen,
-wollte zu einem der Soldaten hinlaufen
-und wollte seinen fleißigen Brüdern
-ziehen helfen.</p>
-
-<p>Dauphin schien etwas von der arbeitsreichen,
-uniformierten Zeit zu ahnen
-und widersetzte sich auf dem Weg,
-solange er Russenpferdchen sah, seinem
-Zirkusdirektor, so sehr er konnte. Dauphin
-verlor die ungeheure Masse der
-Pferde nicht mehr aus dem Herzen, und
-noch in der Nacht zogen sie, sichtbar
-seinen Augen, von Soldaten geführt, an
-ihm vorüber.</p>
-
-<p>Andern Tages begann wieder die
-Dressur; er sollte umlernen, Neues lernen
-wie in seiner Jugend und hatte
-keinen Sinn dafür, sehnte sich irgendwohin<span class="pagenum"><a name="Seite_222" id="Seite_222">[S. 222]</a></span>
-nach den Sielen und sah dauernd
-die Masse seiner gerüsteten Brüder.</p>
-
-<p>Qualvoll waren die ersten Tage bis
-zur Generalprobe, morgens um zehn
-Uhr.</p>
-
-<p>Dauphin steht, mit feldgrau überzogenem
-Helm auf dem Kopf und mit
-feldgrauem Soldatenrock, der am Hals
-zusammengeknöpft ist, umhangen, mit
-einem Tornister auf dem Rücken und
-einem langen Schleifsäbel zur Seite
-hinterm Vorhang und sieht mit dem
-linken Auge in die Arena hinüber, wo
-ein feldgrauer Soldat sitzt, der den
-Arm in einer weißen Binde trägt. Hinten
-am großen Spiegel steht eine
-Dame und zupft ihr steiffaltiges, weitgespreiztes
-Akrobatenröcklein zurecht.
-Dauphin schämt sich ordentlich seines
-Gewandes und sieht erhöht hinter
-dem Soldaten mit der Armbinde einen
-zweiten Feldgrauen sitzen, der vor dem
-einen Auge ein schwarzes Läppchen
-hat.</p>
-
-<p><span class="pagenum"><a name="Seite_223" id="Seite_223">[S. 223]</a></span>
-
-„Dauphin!” ruft der Direktor, und
-Dauphin stößt mit dem Maul den Vorhang
-auseinander und tritt hinaus in
-die Arena.</p>
-
-<p>Herrjeh! Was sieht er da? Ringsum
-sind alle Plätze mit Soldaten besetzt,
-einer geht an einer Krücke hinter der
-Manege hin und sucht seinen Platz, einer
-sitzt im Fahrstuhl am Eingang, links und
-rechts vom Eingang sind alle Plätze besetzt
-mit Männern in langen, weiß und
-blau gestreiften Kitteln. Soldaten, Soldaten,
-ringsum Soldaten!</p>
-
-<p>Und Dauphin soll Kunststückchen
-machen? (Daß er sie eigens für die Verwundeten
-ausnahmsweise gutmachen
-müßte, fällt ihm seltsamerweise nicht
-ein).</p>
-
-<p>Dauphin rennt aufs Geratewohl zu
-ihnen hin, stellt die Vorderbeine auf die
-Manege, streckt seine Zähne vor und
-stößt einen Schrei in die Luft, der kein
-Wiehern ist.</p>
-
-<p>Sie fassen ihn, die lieben Soldaten!<span class="pagenum"><a name="Seite_224" id="Seite_224">[S. 224]</a></span>
-Sie wissen, er ist einer, der zu ihnen gehört!</p>
-
-<p>Aber der Direktor kommt mit der
-Peitsche, und Dauphin muß in die
-Mitte, um seine Kunststückchen zu
-machen.</p>
-
-<p>Doch er weiß nichts und kann nichts
-und steht da wie soeben vom Himmel
-gefallen, ein Träumer, der tumbe klâre,
-der reine Tor!</p>
-
-<p>Die Peitsche, was will die Peitsche?
-Was will der Direktor mit seinem
-Zucker?</p>
-
-<p>Dauphin läuft am Zucker vorbei,
-an der Peitsche vorbei, durch ihre
-Schläge hin an die Manege und wird
-zurück geholt von maskierten Sklaven.
-Und Dauphin wird öffentlich
-planmäßig gepeitscht und mit seinem
-Helm und seinem Schleifsäbel aus der
-Arena fortgejagt, hinaus, hinter den
-Vorhang!</p>
-
-<p>Vereinzelt lachen die Soldaten, keiner
-steht ihm bei: sie kennen ihn halt nicht,<span class="pagenum"><a name="Seite_225" id="Seite_225">[S. 225]</a></span>
-ihn, den Dauphin, den von der Königin
-geküßten Dauphin!</p>
-
-<p>Den Soldatenfreund, den Soldatennarren!</p>
-
-<p>Nach der Vorstellung wurde Dauphin
-nochmals angesichts aller Pferde
-geschlagen und bekam zwei Tage nichts
-zu fressen.</p>
-
-<p>„Bürschken!” sagte der Direktor,
-„wenn du mir den Sonnabend-Abend
-verdirbst, bist du gerichtet!”</p>
-
-<p>Aber Dauphin freute sich entfernt
-seiner Schmerzen und sah hinter ihnen
-eine Beschäftigung winken, irgendwo
-in den Sielen, die für ihn Wollust war.</p>
-
-<p>Der Samstag-Abend kam, und Dauphin
-sah eine Reihe Offiziere vorn sitzen
-und wußte wieder nichts und konnte
-nichts und ward wieder hinausgejagt.</p>
-
-<p>Und so geschah es noch zweimal, und
-dann sagte eines Tages der Direktor:</p>
-
-<p>„Wart, Bürschken, du kommst mir
-zum Militär!”</p>
-
-<p>Hätte Dauphin diese Sprache des<span class="pagenum"><a name="Seite_226" id="Seite_226">[S. 226]</a></span>
-gehaßten Direktors verstanden, so hätte
-er sich sogleich auf die Hinterbeine gestellt
-&mdash; denn das konnte er &mdash; und hätte
-gelacht wie eine ganze Kompagnie.</p>
-
-<p>Und siehe da, Dauphin ward beglückt:
-am andern Morgen kommen
-Soldaten, und alle Pferde werden wieder
-gemustert.</p>
-
-<p>Wie die Reihe an Dauphin kommt,
-sagt der Offizier:</p>
-
-<p>„Den da, den zarten Mann, können
-Sie behalten!”</p>
-
-<p>Aber der Direktor entgegnet:</p>
-
-<p>„Wat soll ich noch mit ihm machen?
-Nehmen Sie ihn doch ooch mit, er
-kann Handlangerdienste tun in der Kaserne.
-So schwach, wie er ausschaut,
-ist er nisch!”</p>
-
-<p>Und Dauphin durfte bei den Soldaten
-stehen bleiben und wurde auch
-sogleich von ihnen abgeführt. Viele
-Stunden lang durfte Dauphin dann
-in einem Kasernenhof bei den kriegsverwendungsfähigen
-Pferden stehen.</p>
-
-<p><span class="pagenum"><a name="Seite_227" id="Seite_227">[S. 227]</a></span>
-
-Dann ging ein Soldat mit ihm an
-den Bahnhof; sie fuhren wieder viele
-Stunden, und dann in einer kleinen
-Stadt eilten sie schnurstracks auf die
-Kaserne zu.</p>
-
-<p>Wie Dauphin die vielen Soldaten
-auf dem Kasernenhofe exerzieren sah,
-streckte er, hurra! den Kopf steil hoch,
-ließ die schwabbeligen Lippen hängen,
-daß die weißen Zähne zum Himmel
-aufbissen, und stieß einen Freudenschrei
-aus, der durchaus kein gewöhnliches
-Wiehern war. Das Echo dieses
-Schreies lief zwischen den hohen Bauten
-hin und her, und tausend Gesichter
-richteten sich auf Dauphin, den Ankömmling.</p>
-
-<p>Er ward nun in einen Stall geführt
-zu sechs blank gefütterten Reitpferden
-und bekam zu fressen, indes die Reitpferde
-ihm zusehen mußten, wie er fraß.</p>
-
-<p>Ein Hauptmann kam, klatschte Dauphin
-auf den Schenkel, der recht feist
-geworden war, und ging weiter.</p>
-
-<p><span class="pagenum"><a name="Seite_228" id="Seite_228">[S. 228]</a></span>
-
-Ein Soldat schlüpfte an seinem Halse
-vorbei, band den Apfelschimmel los,
-führte ihn hinaus, und der Hauptmann
-setzte sich darauf.</p>
-
-<p>So geschah es noch fünfmal, und
-Dauphin stand allein im Stall und
-wartete auf den siebenten Hauptmann,
-auf „seinen” Hauptmann. Er trug offenbar
-etwas wie einen hellen Schein im
-Herzen.</p>
-
-<p>Ein Mann kam, ein ältlicher Zivilist
-mit beschmutzter, abgenutzter Dienstmütze,
-die einmal blau gewesen war.
-Eine Zigarre hing ihm schwer aus den
-Lippen und qualmte. Dauphin sah gerade
-durch die offene Tür über den Kasernenhof,
-wo, den ganzen Platz zwischen
-den grünen Linden erfüllend, sechs
-Kompagnien in Kompagniekolonne
-aufgestellt waren. Die sechs Pferde
-standen mit ihren Hauptleuten, hochauf
-die Ohren, je in der Mitte hintereinander,
-und Dauphin beobachtete den
-beschmutzten Zivilisten nicht weiter.</p>
-
-<p><span class="pagenum"><a name="Seite_229" id="Seite_229">[S. 229]</a></span>
-
-Der aber band ihn los und führte
-ihn hinaus und spannte ihn kurzerhand
-in ein Wägelchen, das so schmutzig
-war wie er selber, nahm ihn am Zaume
-und führte ihn hinter sich her, irgendwohin,
-zum Tore hinaus.</p>
-
-<p>Kinder standen am Tore, arme, zerlumpte
-Kinder mit guten und schönen
-Augen. Eins hielt ein rotes Glasstück
-vors Auge und betrachtete Dauphin.</p>
-
-<p>„Ach!” riefen sie, „der Balthasar
-hat ein neues Gäulchen, und was für
-eins, Balthasar!”</p>
-
-<p>Und sie klatschten Dauphin auf den
-Schenkel, sprangen aufs Wägelchen,
-und Dauphin, der schon ganz niedergeschlagen
-den Kopf hatte hängen lassen,
-hob ihn wieder und freute sich plötzlich,
-da er Kinder sah, die ihm gut waren.
-Er zog sie wacker fürbaß, aber sie hüpften
-gemach eines nach dem andern von
-seinem Wagen, einige ließen Pfennige
-auf die Erde fallen und liefen ans Kasernentor
-zurück.</p>
-
-<p><span class="pagenum"><a name="Seite_230" id="Seite_230">[S. 230]</a></span>
-
-Balthasar steckte an der alten Zigarre
-eine neue an und ließ sie zwischen den
-Lippen auf- und abpendeln.</p>
-
-<p>Ins Schlachthaus gings, ins
-Schlachthaus, mitten hinein ins
-Schlachthaus!</p>
-
-<p>Einen halben Ochsen mußte Dauphin
-heimziehen, dessen hautloses Bein
-seitlich aus der braunen Zeltdecke hervorragte.</p>
-
-<p>Das Bataillon rückte aus, die Straße
-her, Dauphin entgegen, mit Pauken
-und Trompeten! Dauphin versuchte,
-mit einem Ruck den Kopf steil hochzurecken;
-die Last hinter ihm aber war zu
-schwer, und er stieß den Atem krampfhaft
-durch die schwabbeligen Lippen
-und zog die Nüstern hoch und die
-Augenbrauen, um alles genau zu sehen,
-und ließ den langen Schweif hin und
-her schwingen. Er gehörte ja auch zu
-denen da! Wahrscheinlich spürte er
-zwischen seinen Ohren den Husarenbusch
-schwanken, den er einst trug.</p>
-
-<p><span class="pagenum"><a name="Seite_231" id="Seite_231">[S. 231]</a></span>
-
-Wie er am ersten Hauptmannspferd
-vorüberkam, sah er stolz zu ihm auf,
-gleichsam, als wolle er es kameradschaftlich
-grüßen.</p>
-
-<p>Allein das Hauptmannspferd wandte
-sofort die Augen, die es im geradeausgestellten
-Kopf kaum merklich herübergedreht
-hatte, von Dauphin ab. Und
-genau so machte es das zweite Pferd
-und das dritte und das vierte.</p>
-
-<p>Zum fünften sah Dauphin selber
-nicht mehr, ließ den Kopf tief sinken,
-die Augenlider und die Ohren und den
-Schweif.</p>
-
-<p>Allein in Dauphins Geist strömte ein
-dämmerndes Gefühl, daß er sich nicht
-vor diesen Gecken zu schämen brauche:
-er, Dauphin, der voller Kunst stak und
-voller Wissenschaft und voller Weisheit,
-und der von einer Königin geküßt
-war!</p>
-
-<p>Er nickte nach links und nach rechts
-und wußte schon den Weg ins Kasernentor,
-wo die vielen Kinder standen.</p>
-
-<p><span class="pagenum"><a name="Seite_232" id="Seite_232">[S. 232]</a></span>
-
-Einige spielten mit Pfennigen, einige
-hielten Kasernenbrot im Arm; alle aber
-kamen sie und lachten mit dem Gäulchen
-und streichelten es.</p>
-
-<p>An der Küche wurde der halbe Ochse
-abgeladen. Köche mit aufgeschürzten
-Aermeln klatschten ihre roten, fleischigen
-Hände auf Dauphins Rücken, Hals
-und Stirn, und Dauphin schob den
-Kopf wagrecht vor, um diese Hände
-von sich abzuschütteln. Aber die Köche
-lachten und liebkosten um so mehr, weil
-sie meinten, das gefiele dem schwarzen
-Gäulchen.</p>
-
-<p>„Heut raucht aber der Balthasar ein
-gutes Kraut!” sagte ein Koch.</p>
-
-<p>„Das ist,” entgegnete ein anderer,
-„weil er ein neues Gäulchen hat!”</p>
-
-<p>Große, offene Fässer, in denen eine
-zähflüssige Masse an die Wände klunkerte,
-wurden ausgeladen. Ein Koch
-griff in ein Faß, holte etwas heraus und
-hielt es Dauphin hin, daß er es fresse,
-aber Dauphin fraß es nicht, obgleich er<span class="pagenum"><a name="Seite_233" id="Seite_233">[S. 233]</a></span>
-Hunger hatte, und der Koch warf die
-Handvoll in die Gosse.</p>
-
-<p>Dauphin mußte diese Fässer quer
-durch die ganze Stadt ziehen in eine
-Fabrik mit vielen hohen und niedrigen
-Schornsteinen, wo es fürchterlich stank.
-Balthasar begann in dem Gestank heftig
-zu niesen, nieste fünf- oder sechsmal
-und stieß dabei diese Laute von
-sich:</p>
-
-<p>„E Zigga, e Zigga!”</p>
-
-<p>Als sie wieder in der frischen Luft
-waren, sagte Balthasar etwas zu Dauphin,
-was diesen höchlich erfreute:</p>
-
-<p>„Das Leben ist eine Hühnerleiter!”
-sagte Balthasar zu Dauphin.</p>
-
-<p>Nunmehr zog Dauphin täglich den
-Fleischwagen, den Spülichtwagen und
-noch andere Wägelchen durch die volkreiche
-Stadt. Man kannte ihn nicht in
-dieser Stadt; niemand kannte ihn!
-Man blieb wohl einmal stehen, besah
-sich das schwarze Gäulchen mit der
-weißen Blesse und ging weiter, und<span class="pagenum"><a name="Seite_234" id="Seite_234">[S. 234]</a></span>
-nur die Kinder fanden es der Mühe
-wert, sich zu verweilen, mit dem kleinen
-Freunde zu laufen, ihm einen Bissen
-Brot zu reichen oder ein Stückchen
-Zucker.</p>
-
-<p>Obwohl nirgends mehr an den
-Mauern, an den Plakatsäulen, in den
-Schaufenstern Dauphins Bild mit dem
-Purpurmantelettchen hing, wußten die
-Kinder doch, daß das kleine Gäulchen
-kein gewöhnliches Kasernentierchen
-war, denn sie liefen neben ihm her und
-beschenkten es mit Zucker und Liebkosungen!</p>
-
-<p>O wenn Dauphin frei gewesen wäre!
-Wenn er ledig seiner Siele, ledig des
-schweren Kummets gewesen wäre, ledig
-aller Mühen und Sorgen! Kinder!
-Kinder!</p>
-
-<p>So aber war das Leben eine Qual,
-so aber wollten die klaren Augen nicht
-aufblicken in den Tag, der fast stets
-Nacht war, und sie blieben lieber am
-Erdboden haften, und die Unterlippe,<span class="pagenum"><a name="Seite_235" id="Seite_235">[S. 235]</a></span>
-die sonst so gern und so übermütig an
-den Freuden der Stunde nippte, hing
-schlaff nach unten und ward täglich
-schwerer.</p>
-
-<p>Die Hauptmannspferde bekamen bessere
-Kost als Dauphin, wurden täglich
-gestriegelt, und ein jedes hatte einen
-Soldaten zur Bedienung!</p>
-
-<p>Dauphin aber stand hinten im Stall,
-wo kein Fenster war, keine frische Luft
-und kein Licht, und sein Fressen lag oft
-tagelang in der Krippe, und wenn
-Balthasar ein dünnes Getränk brachte,
-so leerte er die Krippe zuvor nicht aus,
-und Dauphin fraß fast nichts als Heu.</p>
-
-<p>Auf seinem Rumpfe zeichneten sich
-bald die Rippen deutlich ab, und da
-das schwarze Fell gänzlich von Staub
-und Schmutz durchsetzt war, konnte
-kein Kind Freude haben, das Gäulchen
-zu streicheln und liebkosend zu
-tätscheln. Die Mähne, ehedem ein
-zartwelliges Gekräusel, ein Kindergelock
-und ein Fähnchen der Fröhlichkeit<span class="pagenum"><a name="Seite_236" id="Seite_236">[S. 236]</a></span>
-und des Uebermutes, hing wie ein Bündel
-Haberstroh übern Hals herab und
-stak zerschabt in der Fessel des Kummets.
-Der kotige Zügel griff durch ihre
-letzten Spitzen, und wenn die Sonne
-auf diese Mähne schien, sah man
-Staubwölkchen draus emporwirbeln
-wie aus einem Sofa. Die Knochen der
-Hinterbacken stießen sich hervor, und
-Balthasar hing oft, wenn er schwitzte,
-seine verschmutzte Mütze dran. Die
-schweren Eisen der Hufe klapperten,
-die Rippen schoben sich unter der Haut
-hin und her.</p>
-
-<p>Balthasar redete nie ein Wort mit
-Dauphin, und Dauphin empfand natürlich
-auch nie Lust, den mürrischen
-Alten etwas von seinem Können merken
-zu lassen. Niemand ahnte von
-Dauphins Qualitäten! Nicht einmal
-seinen Namen kannte man. Balthasar
-nicht, die Hauptleute nicht, die übrigen
-Wärter nicht! Selbst die Kinder riefen
-ihn nicht mit seinem Namen.</p>
-
-<p><span class="pagenum"><a name="Seite_237" id="Seite_237">[S. 237]</a></span>
-
-Besaß dieser Arbeitsverwendungsfähige
-überhaupt noch Namen und irgendwelche
-Qualität? Konnte dies arme
-Tierchen im Kehrichtwagen noch
-etwas anderes als Sklavendienste tun?</p>
-
-<p>Es liegt klar auf der Hand, daß Dauphin
-sehr litt! Seine Leiden, die anfangs
-rein seelischer Art waren, bogen
-sich, da er trotz allem unabänderlich
-gern und sogar freudig schaffte, ins
-Körperliche um, aber Dauphin mußte
-immer noch sehr leiden! Oh, wenn Dauphin
-sich das Leben unter den Soldaten
-so vorgestellt hätte, wie gern wäre
-er in seiner Arena geblieben! Er gewahrte
-nicht einmal, wie seine Gaben
-schwanden, und das war gut!</p>
-
-<p>Einmal kamen fünf ganz junge, kleine
-Leutnants, aufgetakelt wie frischgewickelte
-Säuglinge, aus der Regimentskammer
-gehüpft, streiften weiße Handschuhe
-an dicke Hände an, hielten Reitpeitschen
-unter den angepreßten Oberarmen
-und liefen an Dauphin und an<span class="pagenum"><a name="Seite_238" id="Seite_238">[S. 238]</a></span>
-Balthasar vorüber. Da sagte Balthasar
-wieder einmal etwas. Er nahm sich
-Dauphins Ohren und sagte:</p>
-
-<p>„Sieh, Kleiner, fünf ist gleich eins!
-Kriegsware! Heut Mittag trinken sie
-fünfzig Flaschen Sekt, und hernach
-steigen sie auf die Hühnerleiter, ganz
-oben hin und fangen an, auf uns herabzukotzen!
-Wundert's dich, daß wir so
-dreckig sind? Mich wundert's nicht!”</p>
-
-<p>Dauphin freute sich über diese Rede,
-die er freilich nicht verstand, wieherte
-und trug den Kopf höher als sonst.</p>
-
-<p>Er sah eine Kompagnie, die auf dem
-Bauche lag und zielte. Ein Feldwebel
-schrie einen Gemeinen an:</p>
-
-<p>„Mensch! Sie wollen Feldwebel
-werden: werden Sie doch erst einmal
-Mensch!”</p>
-
-<p>Der Angeschrieene hob den Kopf und
-schrie dagegen:</p>
-
-<p>„Feldwebel will ich werden!”</p>
-
-<p>An der Wache vorn am Kasernentor
-hielt Balthasar sein Gäulchen an,<span class="pagenum"><a name="Seite_239" id="Seite_239">[S. 239]</a></span>
-weil er mit einem Kollegen etwas zu
-reden hatte. Zwei Soldaten in Drillichzeug
-schleppten eine verschlossene eiserne
-Kiste aus dem Stübchen, das hinter dem
-Wachtstübchen lag.</p>
-
-<p>„Hu, wie stinkts da drinnen!” sprach
-der eine.</p>
-
-<p>„Geld stinkt!” erwiderte der andere.</p>
-
-<p>„Auch die Fahnen, die dahinter
-stehen, stinken, Ambros!”</p>
-
-<p>„Alle Signale stinken, Willi, der
-Mensch aber ist frei!”</p>
-
-<p>„Frei ist der Mensch! Gewiß, aber
-auch er ist aus Dreck gemacht, Ambros!”</p>
-
-<p>Zum Glück verstand Dauphin auch
-dieses Gespräch nicht, aber er reckte
-doch den Kopf zu den beiden Geldträgern
-hin, weil er wieder ein bißchen
-Freude an den Menschen hatte.</p>
-
-<p>Balthasars Freundlichkeit versickerte
-gleich wieder, und des Pferdchens Kopf
-sank wieder, und seine Augen besahen
-die Steine, die seine Hufe betreten
-mußten.</p>
-
-<p><span class="pagenum"><a name="Seite_240" id="Seite_240">[S. 240]</a></span>
-
-Einmal trottete er mit dem Mistwagen
-im Schatten der Linden rund
-um den Kasernenhof herum, indes
-Balthasar bei Soldaten stand, die
-höchst eifrig Strohsäcke stopften. Viermal
-trottete Dauphin so hinterm Rücken
-Balthasars vorbei, und jedesmal hörte
-er Balthasar nießen und seinen Laut
-ausstoßen:</p>
-
-<p>„E Zigga, e Zigga!”</p>
-
-<p>Als er zum fünftenmal vorüberkam,
-sah er, wie einer der Soldaten dem
-Balthasar eine Zigarre in den Mund
-steckte, ein Streichholz am Schenkel anstrich
-und sagte:</p>
-
-<p>„Nun mach' dich mit deinem Räppchen
-aus unserem kaiserlichen Staub!”</p>
-
-<p>Die Soldaten erregten Dauphins
-Teilnahme fast nicht mehr. Ihr Trommelschlag,
-ihre Marschmusik, ihre bunten
-Kleider, ihr Feldgeschrei, das sie
-zwischen den Mauern ausstießen, nichts
-erregte Dauphins Aufmerksamkeit. In
-sich gekehrt, tat er seine Pflicht, und die<span class="pagenum"><a name="Seite_241" id="Seite_241">[S. 241]</a></span>
-Erinnerung an glanzvolle Tage verblaßte
-in seiner Seele. Neigung zu
-Schlaf zeigte sich.</p>
-
-<p>Wenn das Fuhrwerk einmal das
-Weichbild der Garnison verließ und
-auf Feldwege kam, begann Dauphin
-heftig die Luft in die Nasenlöcher zu
-zerren, der Hals bog sich steil vom Kummet
-in die Höhe, und es ist wahrscheinlich,
-daß vor seinem geistigen Auge sich
-die Bilder seiner frühesten Jugend zeigten,
-das Glück der Einfachheit im kleinumzirkten
-Leben hinter den Bergen. Alsdann
-ging's aber jeweils wieder zur
-Stadt zurück, in die Kaserne, und die
-stolze Kurve des Halses sank wieder.</p>
-
-<p>Der Koch der dritten Kompagnie,
-der es gut mit Dauphin meinte, hielt
-ihm oft eine Handvoll Kartoffeln unter
-die Nase, aber Dauphin wollte sich
-nicht gerne öffentlich mit Kartoffeln
-füttern lassen und biß nur selten an,
-wenn er nicht gerade ganz großen Hunger
-hatte, und oft geschah es, daß der<span class="pagenum"><a name="Seite_242" id="Seite_242">[S. 242]</a></span>
-Koch ihm die weichen Kartoffeln in die
-Nüstern stumpfte. Da schreckte Dauphin
-wie aus Träumen auf, ließ entsetzt
-die Kartoffeln fallen und sah den Spatzen
-zu, die sogleich sich drüber hermachten
-und zwilchten und zankten, bis alles
-aufgefressen war.</p>
-
-<p>Auch die Kinder umjubelten Dauphin
-immer seltener und schließlich gar
-nicht mehr. Ja, es kam so weit, daß sie,
-wenn sie ihn bei seinem Balthasar sahen,
-zu rufen begannen:</p>
-
-<p>„E Zigga! e Zigga!” als ob dieser
-Laut Dauphins neuer Name gewesen
-wäre, Dauphins Soldatenname!</p>
-
-<hr class="chap" />
-
-<p class="pagebreak"><span class="pagenum"><a name="Seite_243" id="Seite_243">[S. 243]</a></span></p>
-
-
-
-
-<h2>XV</h2>
-
-
-<p>Einmal aber geschah dies: Dauphin
-trottelte so auf dem Pflaster
-hin durch den Schatten und hört plötzlich
-seinen wirklichen Namen rufen:</p>
-
-<p>„Dauphin!”</p>
-
-<p>Er reißt den Kopf hoch, &mdash; spürt er
-nicht den Husarenschweif zwischen den
-Ohren schwanken? &mdash;, stößt kümmerlich,
-aber voller Ungeduld die Luft aus
-den Lippen und biegt den Kopf zurück
-und sieht um sich.</p>
-
-<p>Wieder ruft jemand:</p>
-
-<p>„Dauphin!”</p>
-
-<p>Auf einem mit alten Schuhen hoch
-beladenen Wagen vorm offenen Tor
-der „Kammer” steht ein Soldat, hält
-einen Stiefel in der Hand und ruft
-„Dauphin”. Der Soldat lacht laut und
-ruft etwas, kommt aber nicht, und Dauphin<span class="pagenum"><a name="Seite_244" id="Seite_244">[S. 244]</a></span>
-trottelt weiter, indeß Balthasar zu
-dem Soldaten zurückguckt und auch
-weitergeht. Dauphin aber läßt den
-Kopf nicht mehr sinken und reißt die
-Augen weit auf und strengt sich an, die
-Ohren hoch zu halten. Er spürt, wie er
-mit dem Kopfe heftig nickt, den Husarenbusch
-wirklich an die Ohren wedeln,
-er sieht nach den Rippen, die wie
-Faßreifen um seinen Bauch liegen, und
-sieht ein goldbordiertes Purpurmantelettchen.
-Das sieht er ganz gewiß! Und
-er hört die liebe Stimme seines ersten
-Direktors. Dauphin bleibt plötzlich stehen.
-Balthasar guckt zurück, was heißen
-soll: „Na los!”, aber Dauphin
-bleibt stehen und nickt mit dem Kopfe
-heftig auf und ab.</p>
-
-<p>„Los!” kreischt Balthasar neben der
-Zigarre heraus und klatscht in die Hände,
-wartet einen Augenblick, kommt zurück,
-nimmt Dauphin am Zügel und will ihn
-mit sich ziehen.</p>
-
-<p>Aber Dauphin hebt keinen Fuß und<span class="pagenum"><a name="Seite_245" id="Seite_245">[S. 245]</a></span>
-läßt sich nicht so mir nichts dir nichts
-fortzerren.</p>
-
-<p>Der Soldat auf dem Schuhwagen
-lacht, sieben Bäume weit entfernt, und
-wirft einen Stiefel nach Dauphin, der
-aber nicht trifft, und ruft:</p>
-
-<p>„Ganz recht, Schwammbruder, das
-hast du nicht nötig!”</p>
-
-<p>„Wer ist Dauphin?” fragt Balthasar
-den Soldaten neben der Zigarre
-heraus und stützt die Fäuste in die
-Hüften, und der Soldat erzählt allerhand
-von Dauphin, indeß Dauphin
-mit dem Kopfe nickt und auch schon
-mit dem linken Vorderfuße krampfhaft
-scharrt.</p>
-
-<p>„So, so, so!” sagt Balthasar, daß
-die Zigarre zwischen den Lippen tanzt,
-und gibt ihm einen gelinden, freundlichen
-Handschlag auf den Schenkel,
-worauf Dauphin anzieht und den Kopf
-sinken läßt und mit seinem Spülicht
-zum Tor hinausgeht.</p>
-
-<p>Balthasar sagt kein Wort und ist<span class="pagenum"><a name="Seite_246" id="Seite_246">[S. 246]</a></span>
-still wie immer und hat die Hände auf
-dem Rücken liegen wie immer.</p>
-
-<p>Am Horizonte des tierischen, vom
-Leide erregten Bewußtseins aber schnitt
-weiterhin gleich einer Sternschnuppe
-die Erinnerung an große Tage vorbei.
-Die Kinder vorm Kasernentor hatten
-Dauphins wirklichen Namen noch
-nicht vernommen, und Balthasar schritt
-wortlos neben Dauphins Kopfe. Niemand
-hatte seither Dauphin erkannt.
-Niemand wußte oder ahnte, wen er da
-eigentlich vor sich hatte.</p>
-
-<p>Im Fortnicken berührte Dauphin
-bisweilen, wie er sonst nie getan, mit
-seinem Maule des Mannes schmutzigen
-Aermel; dauernd knapperte er an
-seinem Zaum herum, der ihm viel zu
-groß war, den Gott weiß welcher Klepper
-schon zerkaut hatte!</p>
-
-<p>Sie hielten an einem Wirtshaus an,
-und Balthasar, der noch nie ein Wirtshaus
-aufgesucht hatte, ließ Dauphin
-mit seinem Wagen in den Schatten der<span class="pagenum"><a name="Seite_247" id="Seite_247">[S. 247]</a></span>
-Gartenbäume treten, die da in Reih
-und Glied, noch ziemlich jung, aufwuchsen,
-und trat in das Haus.</p>
-
-<p>Nebenan saßen an einem Tisch zwei
-Arbeiter und vesperten.</p>
-
-<p>Dauphin sah in einem von innen
-verhängten Schaufenster sein Bild und
-zog den Wagen sogleich hin, um sich
-näher zu betrachten.</p>
-
-<p>Richtig, die Blesse! Die Blesse auf
-der Stirne leuchtete förmlich aus der
-dunkeln Scheibe: der Kuß der Königin,
-die Erinnerung an den glorreichen Tag
-Dauphins.</p>
-
-<p>Und nun begann Dauphin sich wieder
-zu recken, ward größer, und seine
-Haut umstraffte die Rippen, und seine
-Augen füllten sich wie Königslogen in
-zwei erhabenen Halbkugeln mit jungem
-Glanz.</p>
-
-<p>Er sah sich um: Es machte den Eindruck,
-als sähe er nach seinem ersten Direktor
-oder nach der Königin. Er sah,
-wie Kinder am Zaune des Biergartens<span class="pagenum"><a name="Seite_248" id="Seite_248">[S. 248]</a></span>
-gleich Soldaten exerzierten und sangen:
-„Wer will unter die Soldaten”, und:
-„Büblein, wirst du ein Rekrut”.</p>
-
-<p>Da streckte Dauphin den Kopf wagrecht
-von sich und wieherte durch die
-breiten Nüstern und entblößte die Zähne,
-schüttelte den Kopf in der Längsachse
-und stieß seinen Freudenschrei aus, den
-alle hören mußten.</p>
-
-<p>Die Kinder hörten das auch, und
-Dauphin nickte heftig mit dem Kopfe
-und scharrte mit dem linken Vorderfuß,
-daß alle Kinder zu ihm hinkamen.
-Rasend nickte Dauphin mit dem Kopfe
-und scharrte dann so heftig mit dem
-linken Vorderfuß, daß der Kies auf- und
-davonsprühte.</p>
-
-<p>Die Kinder kamen auf den richtigen
-Gedanken und begannen mit Dauphin
-zu plaudern.</p>
-
-<p>„Hast du Hunger?” Dauphin nickte.</p>
-
-<p>„Hast du Durst? Dann beiß in die
-Wurst! Kannst du Bier trinken?”</p>
-
-<p><span class="pagenum"><a name="Seite_249" id="Seite_249">[S. 249]</a></span>
-
-Dauphin konnte alles, jawohl ihr
-Kinder, warum etwa nicht?!</p>
-
-<p>Ein Bübchen lief zu den vespernden
-Arbeitern, kletterte, so klein war es noch,
-auf einen Stuhl, wischte mit den Händen
-in den Bierkringeln herum, die von
-den Gläsern dalagen, und kam zurück.
-Es hielt sein bierbefeuchtetes Händchen
-Dauphin an die Nase, und Dauphin,
-dem das ungeheuer Spaß machte, &mdash;
-es war so fröhlich wie früher im Zirkus
-&mdash;, nieste dreimal hintereinander.</p>
-
-<p>Hellauf lachten die Kinder.</p>
-
-<p>Dauphin spürte deutlich den Husarenbusch
-zwischen den Ohren.</p>
-
-<p>Er sah in den Spiegel, aber den Husarenbusch
-sah er nicht: der war ihm
-abgenommen worden, den hatte man
-ihm soeben abgenommen!</p>
-
-<p>Und etwas seitab sah er, als die Arbeiter
-gerade fortgingen, eine Leiter stehen,
-die vor der Stalltür ziemlich steil
-zum Heuschober hinaufgelegt war.</p>
-
-<p>Da wußte Dauphin, was nun kommen<span class="pagenum"><a name="Seite_250" id="Seite_250">[S. 250]</a></span>
-müsse, denn hinter der Leiter sah
-seine Seele auch seinen geliebten Direktor
-stehen: Nun müsse das große, halsbrechende
-Kunststück kommen, das allen
-Zuschauern, &mdash; wißt ihr's noch, ihr
-lauten Kinder? &mdash;, den Atem nahm.</p>
-
-<p>Er zog sein Wägelchen hin und trat
-mit dem linken Vorderfuß auf die erste
-Sprosse der Leiter.</p>
-
-<p>Da sahen die Kinder, daß das kluge
-Pferdchen von seinen Strängen sehr
-beengt war, und sie spannten es aus.</p>
-
-<p>Wie nun Dauphin frei aus den Sielen
-tritt, wird's ihm ganz leicht zumute.
-Er hebt die Beine auf die erste und die
-zweite und dann das linke Vorderbein
-gar auf die dritte Sprosse.</p>
-
-<p>Und wie Dauphin sich gerade abdrücken
-will, um frei aufrecht zu stehen,
-kommt der Balthasar aus dem Wirtshaus,
-und die Kinder zerstieben zwischen
-den Bäumen hinaus auf die
-Straße.</p>
-
-<p>Da läßt Dauphin die Beine langsam<span class="pagenum"><a name="Seite_251" id="Seite_251">[S. 251]</a></span>
-von der Leiter hinab und wird eingespannt,
-und es geht in die Fabrik mit den
-hohen und niedrigen Schornsteinen.
-Ganz fröhlich trottet Dauphin hinter
-Balthasar drein ...</p>
-
-<p>Unterwegs sagt Balthasar wieder
-einmal etwas zu Dauphin! Er sagt:</p>
-
-<p>„Ich weiß genau, was du willst,
-Zirkusmann: zur Leiter willst du hinauf,
-zur Hühnerleiter! Willst über mich
-hinaus und schließlich auch von oben
-auf mich herabkotzen! Aber ich will dir
-schon helfen, wenn's auf mich ankommt!”</p>
-
-<p>Als sie ins Kasernentor eingebogen
-waren, schritt Balthasar quer übern
-Kies, der wie gefrorene Tränen dalag,
-auf die Kammer zu.</p>
-
-<p>Dauphin stellte die Ohren, um vielleicht
-wieder seinen Namen rufen zu
-hören, der Hals schweifte steil auf, am
-linken Vorderbein erzitterte eine Muskel.</p>
-
-<p>Gar nicht lange verweilte Balthasar
-in der Kammer; der Feldwebel kommt<span class="pagenum"><a name="Seite_252" id="Seite_252">[S. 252]</a></span>
-mit ihm heraus, und trägt in der
-Hand eine Peitsche, die anscheinend für
-schwere Artillerie bestimmt ist, gibt sie
-Balthasar, und sie treten zu Dauphin her.</p>
-
-<p>„Wie ist er sonst im Dienst?” fragt
-der Feldwebel, und Balthasar entgegnet:</p>
-
-<p>„Zirkus, Zirkus! Der Zirkus steckt ihm
-noch im Kopf!”</p>
-
-<p>Jedoch der Feldwebel nimmt dem
-Alten die Peitsche wieder ab, schlägt
-ihm leichthin auf die Achsel und sagt:</p>
-
-<p>„Wenn's sonst nichts ist: uns allen
-steckt der Zirkus noch im Kopf, Balzer,
-los, vertragt euch miteinander! Wir
-haben halt allerhand Kostgänger!”</p>
-
-<p>Sie vertrugen sich noch über zwei
-Jahre!</p>
-
-<p>Ewig dasselbe spielte sich in Dauphins
-Umgebung ab: Menschen kamen,
-wurden entmenscht, für den Tod uniformiert,
-mit dem Tode vielgestaltig
-ausgestattet, gingen hell bekränzt irgendwohin,
-den Tod bringen, kamen nicht<span class="pagenum"><a name="Seite_253" id="Seite_253">[S. 253]</a></span>
-mehr oder kamen, vom Tode gestreift
-und gezeichnet, wieder zurück. Menschen
-fluchten ihres Daseins, wenn sie
-knirschend auf dem Angesichte lagen und
-den Kies zwischen den Zähnen zerbissen,
-um sich vor dem Zuchthaus zu bewahren.
-Männer fielen und schnellten wieder
-auf wie an Schnüren aufgereiht,
-und das Kommando schwirrte über sie
-her wie Säbelstreiche. Frauen und Kinder
-standen außen hinter dem Gitter
-und sahen zu und weinten ob der Erniedrigung.
-Wenn Dauphin Kinder
-weinen sah, ließ er den Hals noch tiefer
-sinken, so daß das weite Kummet fast herabgleitete
-auf das Tränental. Schaum
-troff hernieder aus seinem hungrigen
-Maul.</p>
-
-<p>Ein Frühling kam, und die Kinder
-sangen nicht und spielten nicht Ringelreihen
-auf den Plätzen! Die Vögel sangen
-in den Büschen, aber die Platzpatronen
-auf den Schießständen verschlangen
-den Vogelruf! Die Blumen<span class="pagenum"><a name="Seite_254" id="Seite_254">[S. 254]</a></span>
-blühten an den Rainen, aber die jungen
-Mädchen kamen nicht, sie zu pflücken!
-Die Fleischfuhren wurden leichter, die
-Spülichtfuhren schwerer. Der Gesang
-der Glocken verstummte, und nur ein
-jämmerliches Gestammel blieb übrig!
-Keine Fahne flog mehr über die Dächer,
-und die Straßen füllten sich mit Krüppeln.
-Die Schreie erregter Generale tobten
-um die Stadt, und in allen Häusern
-weinten Frauen und Kinder! Leichenzüge
-schlängelten sich in den winkeligen
-Straßen. Aus den Spülichtfässern zog
-Balthasar Brotreste und Knochen und
-aß daran.</p>
-
-<p>Ein Sommer kam, und die Leichenzüge
-begegneten sich an den Portalen
-der Friedhöfe! Hauptleute schrien
-Siege aus, aber die Soldaten stimmten
-nicht mit ein und wandten die Augen
-zu Boden! Immer noch lagen Männer
-mit grauen Bärten vor jugendlichen
-Gecken im Staub und bissen an den
-Kieseln des Jammertales! Der Sommer<span class="pagenum"><a name="Seite_255" id="Seite_255">[S. 255]</a></span>
-kam, und die Ernte blieb im Regen
-sitzen, weil die Frauen zermürbt waren
-von der schrecklichen Arbeit und weil die
-Kühe müde waren von der schrecklichen
-Arbeit! Eine Kuh schlappte, wo früher
-zwei Pferde galoppierten.</p>
-
-<p>Ein Herbst kam, und Soldaten wurden
-korporalschaftsweise in das vergitterte
-Haus geführt, weil sie zu Hause
-ihre Ernte einbringen wollten anstatt
-tagelang zu üben, wie man den Herrn
-Leutnant grüßt! Kinder stürmten ans
-Rathaus der Stadt und schrien um
-Brot. Da Soldaten Maschinengewehre
-herbeibrachten statt Brot, liefen die
-Kinder wieder heim. Unheimlich mehrten
-sich die Verstümmelten! Die Soldaten
-standen beisammen und redeten
-leise. Balthasar blieb bei ihnen stehen;
-sie hefteten ihm ihre eisernen Kreuze an!
-Balthasar ließ sich's gefallen, und als
-er auf der Brust keinen Platz mehr hatte
-und auf dem Rücken auch nicht, da
-zog er Dauphin in die Schar der Soldaten,<span class="pagenum"><a name="Seite_256" id="Seite_256">[S. 256]</a></span>
-und sie banden Dauphin ein eisernes
-Kreuz über die Stirn, daß es
-gerade in die weiße Blesse hing.</p>
-
-<p>Ein Offizier geht vorüber, sieht genau,
-was da geschieht, schwenkt seitab
-und nestelt die klingenden Ehrenzeichen
-von seiner wattierten Brust. Und sogleich
-rennen bewaffnete Kameraden
-herzu, umstellen die Schar und führen
-sie samt Balthasar ins vergitterte Haus.</p>
-
-<p>Dem kleinen Dauphin reißt man das
-Kreuz von der Stirn, tritt ihn in die
-Seiten und stößt ihn gegen die Mitte
-des Hofes, wo er hinstürzt in den
-scharfen Kies. Er erhebt sich wieder
-von selbst, Blut sickert aus seinen Knien,
-er trottelt seinem Stalle zu und zieht
-das Wägelchen an einem Strang hinter
-sich her. Ein anderer Balthasar
-kommt zu ihm an den Stall, ein junger,
-starker Kerl, der statt des rechten Auges
-eine eingefältelte Narbe in der Höhle
-hat.</p>
-
-<p>Er trägt Balthasars Mütze: er raucht<span class="pagenum"><a name="Seite_257" id="Seite_257">[S. 257]</a></span>
-Zigaretten, er fängt gleich am ersten
-Tage an, Dauphin zu striegeln, putzt
-die Krippe aus und mistet und schmiert
-Dauphins Hufe mit Schmalz, das er
-aus der Küche der Offiziere brachte.
-Die Herren Feldwebel beginnen auf
-einmal Dauphin zu kennen, streicheln
-sein reinliches Fell, rufen ihn Maxel
-und lassen ihre Kinder auf ihm reiten.
-Selbst Offiziere kommen im Stall zu
-Dauphin her; wenn sie mit dem neuen
-Herrn irgend etwas Wichtiges geredet
-haben, ziehen sie ihre Handschuhe an
-und tätscheln seine festlich sauberen
-Backen und tätscheln auch ohne Handschuhe.
-Etliche sagen zu dem einäugigen
-Herrn „Du” und stecken ihre Zigaretten
-an der seinen an.</p>
-
-<p>Da zieht Dauphin eines Tages sein
-Wägelchen übern Hof, und tausende
-von Soldaten haben sich hier versammelt,
-wirr durcheinander, hochgerüstet,
-und auf den Dächern steigen rote Fahnen
-in die Höhe, die Soldaten stürmen<span class="pagenum"><a name="Seite_258" id="Seite_258">[S. 258]</a></span>
-aufs Wägelchen zu, reißen rote Bänder
-heraus, rote Fetzen, schwingen sie
-und stecken sich kleine Rosetten in die
-Knopflöcher. Dauphin wird vielfach
-rot bewimpelt, und ein Rosettchen baumelt
-in der Blesse und in den Zöpfen der
-glänzenden Mähne.</p>
-
-<p>Tische werden aufgestellt, auf die
-Tische wird ein Tisch geschoben, und
-der Einäugige steigt hinauf und beginnt
-mit weithin schallender Stimme, daß
-zwischen den Mauern ein Echo wach
-wird, seine Rede zu halten.</p>
-
-<p>Als er sagte, der deutsche Kronprinz
-müsse einem süddeutschen Schuster in
-Erziehung gegeben werden, da löste sich
-ein Soldat, der schon oft zu Dauphin
-hergesehen hatte, aus seiner Umgebung
-und kam zu ihm. Er legte den Arm um
-den festlich geschmückten Hals des
-Tieres und flüsterte ihm in die gespitzten
-Ohren:</p>
-
-<p>„Dauphin, Dauphin! Ist's das
-Mißgeschick aller Dauphins, daß sie zu<span class="pagenum"><a name="Seite_259" id="Seite_259">[S. 259]</a></span>
-Schustern in die Lehre kommen müssen?
-Auch du bist nach deiner Glanzzeit
-in rauhe Wirklichkeit verstoßen worden,
-aber du hast keine Schuld an deinem
-Geschick!”</p>
-
-<p>Hände wurden gen Himmel ausgestreckt,
-Schreie wuchsen wie Bergzüge
-hinan, vereinzelt krachten Schüsse gegen
-die kalten Wolken. Ein Wind hub
-an; manche Sätze des Redners waren
-unverstehbar, manche deutlich zu hören:</p>
-
-<p>„Als das Bübchen vierzehn Jahre
-alt war, versprach ihm sein kaiserlicher
-Papa: wenn du dereinst wirst dreißig
-sein, darfst du an der Spitze meiner
-Truppen <span class="antiqua">au milieu de mes troupes</span> in
-Paris einziehen!”</p>
-
-<p>„Hörst du's, Dauphin? Denkst du an
-den Kuß der Königin, wie auch du an
-der Spitze unserer, ach, so fröhlichmachenden
-Truppe durch die Arena
-triumphiertest? Keine Menschen mußten
-unsertwegen sterben, und manche
-vergrämte Seele hat sich an uns wieder<span class="pagenum"><a name="Seite_260" id="Seite_260">[S. 260]</a></span>
-gesund gefreut! Weißt du's noch, Dauphin?”</p>
-
-<p>Dauphin stand entzückt da, und der
-Geist, der aus den Soldaten aufbegehrte,
-riß den seinen mit sich fort. Er
-streckte den Kopf hochauf, er entblößte
-die Zähne, er scharrte mit dem linken
-Vorderfuß, und die Kiesel schwirrten
-den Soldaten, die um ihn standen, ins
-Gesicht. Sie wußten, daß das Gäulchen
-sich nicht gut anders freuen konnte und
-ertrugen die Kiesel, und einer reichte
-ihm ein Stück Zucker hin. Dauphin
-schüttelte plötzlich den Kopf und nickte
-mit dem Kopfe, und der Soldat, der
-ihn vom Zirkus her kannte, besänftigte
-seine Freude, indem er ihm sachte über
-die Blesse strich.</p>
-
-<p>„Auf Vater und Mutter schießen!”
-schrie der Redner und wiederholte:
-„Auf Vater und Mutter schießen!”</p>
-
-<p>„Auf Vater und Mutter schießen!”
-tobte die ganze Versammlung, und
-Dauphin, in dessen Herz unter allerlei<span class="pagenum"><a name="Seite_261" id="Seite_261">[S. 261]</a></span>
-Unrat noch mehr Natur lebte als in
-vielen Menschenherzen, stellte sich plötzlich,
-als sei dieses verruchte Wort der
-Weckruf seiner tiefsten Erlebnisse, all seiner
-Freuden, all seiner Schmerzen, auf
-die Hinterbeine und stieß einen klagenden
-Laut zum Himmel.</p>
-
-<p>„Das unvernünftige Tier,” rief der
-Redner, „seht, seht, es bäumt sich auf
-angesichts solcher Schändlichkeiten!
-Die Natur, die Natur bricht über jene
-herein, weil wir selber jene Unnatur
-nicht gerichtet haben! Und nun werden
-wir, weil wir's nicht getan haben, mitgerichtet
-werden! Seht dem Junker,
-der uns peitschte, hier in Berlin, in
-Straßburg, in Köln, in Regensburg
-und in Stuttgart, seht ihm in die Augen!
-Was seht ihr da? ... Das Tier!!”</p>
-
-<p>„Das Tier!!” krischen die Mannschaften,
-und das Echo wollte nicht
-enden.</p>
-
-<p>„Nein!” begann der Redner wieder,
-„nicht das Tier! Nicht das Tier!”</p>
-
-<p><span class="pagenum"><a name="Seite_262" id="Seite_262">[S. 262]</a></span>
-
-„Den Teufel” schrie einer. „Den
-Teufel!” erwiderten etliche.</p>
-
-<p>„Ja, den Teufel! Den Bösen! Das
-Böse! Den Feind des Guten! Den
-Feind der Menschheit, den Feind alles
-Menschlichen! Sie kommen mit dem
-Mordgewehr zur Taufe! Mit vierzehn
-Jahren stehen sie als Leutnant auf dem
-Kasernenhof, den sie zeitlebens nicht
-mehr verlassen! Menschen dressieren,
-Menschen schikanieren, drangsalieren,
-von Kasernengeneration zu Kasernengeneration!
-Die Peitsche, die Peitsche
-über das deutsche Volk! Sie wollen
-Frankreich vernichten, England an
-Zeppelinen verankern, lichten und im
-Ozean draußen niederlassen! Kaiser,
-Könige, Fürsten aller Schattierungen
-ließen sich von ihnen und von ihren Hohenzollern
-ihren Glanz und ihre Macht
-garantieren und verschrieben sich und
-ihre Landeskinder ihrem Blutwahn!
-Hohen Zoll zahlten wir ihnen und ihren
-Hohenzollern! Ihre Namen kann man<span class="pagenum"><a name="Seite_263" id="Seite_263">[S. 263]</a></span>
-nicht aussprechen, man zerbricht sich
-die Zunge! Die meisten endigen auf ow!
-O W! O weh!! rufe ich aus, o weh!!
-gutes deutsches Volk! Herrliches Volk
-des Gemüts, des Herzens, armes, zerschundenes
-Volk, gekreuzigtes Volk!
-Und doch wieder: Törichtes Volk!
-Dummes Volk! Was gingst du nur zu
-gern in ihre Schützengräben! Der dich
-so gleich hineinjagte, hat von jeher das
-Wort verachtet! Diese Diplomaten &mdash;
-das ist ein echtes Hohenzollernwort &mdash;
-verdarben uns den Braten! Uns, uns,
-Männern des Schwertes! Was ließest
-du dich so leicht betören!”</p>
-
-<p>Der Einäugige hielt inne und fuhr
-dann fort:</p>
-
-<p>„Aber Revolution ist Tat!: Auf! Auf,
-zur Revolution!”</p>
-
-<p>Er riß sein Seitengewehr heraus,
-schwang es in die Luft, deutete nach der
-Fahne, die auf dem Hauptgebäude
-flatterte, und schrie:</p>
-
-<p>„Schwarz, weiß, rot! Was daran<span class="pagenum"><a name="Seite_264" id="Seite_264">[S. 264]</a></span>
-junkerisch ist, schwarz und weiß, das
-reißt ab! Was übrig bleibt, sei unsere
-Fahne: Das Rot der wahren Freiheit ...
-Versteht mich nicht falsch: Das Rot
-der befreiten Menschenliebe, die Farbe
-unseres Blutes, des Lebens, des heiligen
-Geistes, der in Flammen über uns
-kommen möge! Auf zur Tat! Auf zur
-befreienden Tat!”</p>
-
-<p>Der Einäugige sprang von dem Tisch
-herab, und nun folgten ihm alle zum
-Tor hinaus, und auch Dauphin lief
-mit.</p>
-
-<p>Am Kasernentor aber sieht Dauphin
-Balthasar, und Balthasar zieht das
-Gäulchen aus dem begeisterten Soldatenknäul
-und nimmt es wieder zurück
-in seinen neuen Alltag.</p>
-
-<p>Jedoch dieser neue Alltag blieb wie
-der alte. Was ging Balthasar die Revolution
-an? Kehricht, Spülicht, ab
-und zu ein duftendes Pfuhl! Mit Fleisch
-versehen, mag sich, wer will! Ganze
-Länder gibt's, die sich nicht wollen revolutionieren<span class="pagenum"><a name="Seite_265" id="Seite_265">[S. 265]</a></span>
-lassen: was braucht Balthasar
-eine Revolution?</p>
-
-<p>Dauphin aber, dem die Revolution
-also nicht bessere Zeiten zu bringen
-schien, hatte unverhofft Glück!</p>
-
-<hr class="chap" />
-
-<p class="pagebreak"><span class="pagenum"><a name="Seite_266" id="Seite_266">[S. 266]</a></span></p>
-
-
-
-
-<h2>XVI</h2>
-
-
-<p>Er stand am Ladenfenster eines Herrenschneiders
-und träumte in das
-helle Glas. Weil er letzter Tage schon
-öfter dagestanden, indeß der Balthasar
-drinnen im Laden weilte, sah er mehr
-nach den goldenen Buchstaben des
-Schneidernamens als nach seiner Blesse.</p>
-
-<p>Plötzlich schollern schwerste Räder
-übers Pflaster der Straße, erschreckt
-sieht Dauphin um und sieht wuchtige
-Kanonen daherkommen, von wuchtigen
-Pferden gezogen. Maskiert sind
-Pferde und Kanonen, mit Schmutz beschmiert,
-mit Oelfarben aller Art, und
-die Kanoniere sitzen oben, und ihre
-Köpfe hängen tief auf die Knie herab,
-und auch die Gäule schreiten müde dahin.
-Wenn ganz einmal einer der Soldaten
-den Kopf hochträgt und die Augen<span class="pagenum"><a name="Seite_267" id="Seite_267">[S. 267]</a></span>
-in die Zuschauer sinken läßt, sieht
-man unendliche Traurigkeit in diesen
-Augen, und die Menschen, die da stehen,
-gehen heim und verwinden die
-Tränen.</p>
-
-<p>In der Ladentür steht Balthasar bei
-dem Schneidermeister und hat eine
-dunkle Weste an, die mit weißen Reihfäden
-allerlustigst durchsprenkelt ist,
-und über die gelblichen Hemdsärmel
-hängt das Metermaß.</p>
-
-<p>Dauphin hat keine Ruhe mehr. Den
-Balthasar konnte er kaum erkennen,
-wollte ihn vielleicht auch nicht recht
-erkennen, und als er wieder im Laden
-verschwunden war, zog Dauphin sein
-Wägelchen an und zog es neben einer
-gestutzten Abwehrkanone her, die mit
-vier Füchsen bespannt war. Der Lärm
-der schweren Geschütze verschlang natürlich
-das Gekläpper des Wägelchens
-vollauf, und Balthasar merkte
-nichts.</p>
-
-<p>Als die versunkenen Kanoniere erst<span class="pagenum"><a name="Seite_268" id="Seite_268">[S. 268]</a></span>
-weit draußen vor der Stadt den kleinen
-Abenteurer neben sich entdeckten, stiegen
-sie ab und banden ihn kurzerhand, ohne
-zu beachten, wie sehr er widerstrebte,
-an den nächsten Apfelbaum, der am
-Wege stand. Sie liefen eiligst ihrem
-Fuhrwerk, das unterdessen nicht halten
-konnte, nach und sprangen auf, und
-Dauphin flehte die, die unausgesetzt an
-ihm vorüberzogen, um Erbarmen an,
-daß sie ihn doch seiner Fessel entledigen
-und mitnehmen sollten. Und weil Soldaten
-sich auf die Pferdesprache manchmal
-recht gut verstehen, wenn sie wollen,
-geschah es, daß einer sich von seinem
-Protzkasten schwang und Dauphins
-Fessel löste und auch die Stränge
-des Wagens loskettete. Just im selben
-Augenblick, als Dauphin ausreißen
-wollte in die unsichere Freiheit des
-Nichtmehrganzjungen, da stand Balthasar
-hinter ihm und kettete die Stränge
-wieder ein, drehte das kleine Fuhrwerk
-stadtwärts, und Dauphin ließ den<span class="pagenum"><a name="Seite_269" id="Seite_269">[S. 269]</a></span>
-Kopf wieder hängen, denn er schämte
-sich vor den großen Gäulen sehr.</p>
-
-<p>In die Kaserne ging's!</p>
-
-<p>„Noch ein Weilchen Geduld, feiner
-Herr!” sprach Balthasar zu Hause, „die
-Hühnerleiter ist zwar schon herumgedreht:
-was unten war, ist heute oben,
-aber wir müssen nicht tollkühn sein und
-uns noch einen Tag gedulden können!”</p>
-
-<p>Dieser Tag kam nach drei Tagen!</p>
-
-<p>Balthasar trug einen neuen Anzug,
-einen schwarzen, steifen Hut und einen
-Spazierstock mit Silberkrücke. Dauphin
-ward nicht eingespannt, sondern
-durfte, nur mit dem Halfter bekleidet,
-an dem ein Lederriemen hing, mitgehen.
-Sie machten Halt in einer Wirtschaft
-der Stadt, und Dauphin ward in einen
-Stall geschoben, wo noch drei große
-Gäule standen, die vor Hunger stampften.</p>
-
-<p>Kaum war Balthasar in der Wirtschaft
-verschwunden, so kamen zwei
-Burschen in den Stall, banden eilig<span class="pagenum"><a name="Seite_270" id="Seite_270">[S. 270]</a></span>
-den kleinen Dauphin los und führten
-ihn durch ein Hintertürchen &mdash; Dauphin
-verstand es wohl, sich zu bücken
-&mdash; davon.</p>
-
-<p>Die drei Burschen liefen querfeldein
-und kamen nach einer Stunde auf einem
-großen Platze an, wo anscheinend der
-ganze Zug, der gestern durch die Stadt
-sich träg und ermattet hingeschlängelt,
-aufgelöst sich ausbreitete.</p>
-
-<p>Da gab's offenbar etwas Neues!
-Dauphin reckte den vom Joch befreiten
-Hals mit glorreichem Schwunge in die
-Höhe, um nicht übersehen zu werden,
-denn er war doch daran gewöhnt, geachtet
-und sogar ausgezeichnet zu sein!</p>
-
-<p>Kannte Dauphin nicht einen dieser
-dicken Kerle da? Hatte er nicht mit einem
-dieser roten Hengste einst sogar Freundschaft?
-Er zerrte an seiner Leine, und
-einer der Füchse legte seinen starken Hals
-über Dauphins Mähne ... Dauphin
-wibberte, indeß er so in dieser Liebkosung
-verharrte, am Heu eines Protzkastens,<span class="pagenum"><a name="Seite_271" id="Seite_271">[S. 271]</a></span>
-fraß nicht, hälmelte nur so und
-war seit langer Zeit wieder einmal durchaus
-beglückt!</p>
-
-<p>Bauern, die Dauphin schon oft neben
-müden Kühen durch die Stadt
-hatte schlendern sehen, ergingen sich
-zwischen den abgeschirrten Pferden,
-rieben die Hände aneinander und lachten
-sich an und guckten den starken Gäulen
-in die aufgerissenen Mäuler. Dauphin
-hätte sich nicht so von jedermann
-in den Mund gucken lassen!</p>
-
-<p>Seine zwei Begleiter hatten's eilig!
-Ein Judenbübchen, kaum fünfzehn
-Jahre alt, kam auf sie zu, klatschte Dauphin
-auf den Schenkel, trat aber wieder
-rasch beiseite, als fürchte er sich vor
-den Zweien. Es legte die eine Hand
-vorsichtig auf seine Mütze, die sonderbare
-Wülste hatte, als verhülle sie einen
-verbeulten Kopf.</p>
-
-<p>„Na, willst du nicht anbeißen?”
-fragte der eine von Dauphins Begleitern,
-und der andere fügte gleich hinzu:</p>
-
-<p><span class="pagenum"><a name="Seite_272" id="Seite_272">[S. 272]</a></span>
-
-„Kannst ihn billig haben!”</p>
-
-<p>„Der Fuchs hier,” antwortete das
-Judenbübchen, „kostet fünfundsiebzig
-Mark!”</p>
-
-<p>Es zog aus seiner tiefen Innentasche
-ein Pfund Butter und stülpte die Mütze
-seines Kopfes und hielt in der Mütze
-den beiden zehn reinweiße Eier vor die
-Nasen. Der Knabe sah sogleich, daß
-sie's zufrieden seien und sagte, indem er
-ihnen seine Kostbarkeiten überreichte
-und die Leine ergriff:</p>
-
-<p>„Emma heißt sie doch, gelt?”</p>
-
-<p>Der eine steckte die Butter in seine
-Innentasche, der andere kippte am
-Wagenrad ein Ei auf, und beide sagten
-sie zugleich:</p>
-
-<p>„Emma! Freilich, wie denn sonst!”</p>
-
-<p>Auch der andere schlug ein Ei auf,
-und während der Judenknabe das
-Gäulchen schon fortführte, flogen die
-Eierschalen um ihre Ohren, aber sie
-beide achteten nicht darauf!</p>
-
-<p>Sie entfernten sich weiter von der<span class="pagenum"><a name="Seite_273" id="Seite_273">[S. 273]</a></span>
-Stadt, überschritten die Brücke, die
-Dauphin noch nie überschritten hatte,
-und kamen auf eine Landstraße, die
-links und rechts mit alten Apfelbäumen
-bestellt war. An einem Steinhaufen
-mußte Dauphin stehen bleiben, und der
-Knabe schwang sich auf seinen Rücken.</p>
-
-<p>Heisa! Heisa! Ein Kind auf Dauphins
-Rücken, draußen in der Freiheit,
-unter Apfelbäumen, zwischen Aeckern
-und Wiesen! In leichtem Trab lief er
-dahin über die Steinstraße, ledig der
-Siele, ledig der Stadt, ledig des mürrischen
-Balthasar!</p>
-
-<p>Ein Apfel hing allein auf einem
-Baum: der Knabe stieg ab, warf mit
-einem Stecken in die Krone, der Stecken
-blieb hängen, der Apfel fiel, und der
-Knabe gab den Apfel dem Gäulchen,
-das auf einmal wieder einen Namen
-hatte!</p>
-
-<p>„Will Emma auch ein Stück Brot?”</p>
-
-<p>Jawohl, Emma will auch ein Stück
-Brot!</p>
-
-<p><span class="pagenum"><a name="Seite_274" id="Seite_274">[S. 274]</a></span>
-
-Aber Emma will auch den Knaben
-wieder auf ihrem starken Rücken tragen!
-Am nächsten Steinhaufen blieb
-Emma wieder stehen, und der Knabe
-schwang sich wieder bäuchlings auf
-den schmalen Pferderücken, und der
-Pferderücken schwebte nur so dahin,
-einer ungewissen Zukunft entgegen!</p>
-
-<p>Die große Glocke der Stadtkirche
-flutete hinterdrein, und als das Gewoge
-nicht mehr zu hören war, verzögerte
-Emma den Schritt! Schweiß
-stand auf ihrer Haut. Durchs nächste
-Dorf führte der Knabe sein Tierchen an
-der Leine, und hinterm Dorf stieg er
-nicht wieder auf, und der Schweiß verkroch
-sich wieder.</p>
-
-<p>Ein Gebirge hob sich aus der Ebene
-auf, und in den Fichtenspitzen des Bergkammes
-schwang sich ein leiser Wind.
-Die Sonne senkte sich gerade in diese
-zart bewegte Ruhe, und der Knabe
-sprach und deutete:</p>
-
-<p>„Siehst du, Emma, dort oben hinter<span class="pagenum"><a name="Seite_275" id="Seite_275">[S. 275]</a></span>
-diesem Buckel ist unsere Heimat!
-Gehst du gerne mit? Du sollst es gut
-bei uns haben! Weißt, wir haben noch
-richtigen Hafer! Bei uns kannst du dich
-richtig erholen, da wird dein Wasserbauch
-verschwinden und die Faßreifen
-hier, und deine Backen werden sich füllen
-und deine Augen: zeig mal deine
-Augen! Aha! das ist eine Kleinigkeit
-für dich, die werden glänzen wie die
-Sonne am Berge Garizim! Zu schaffen
-ist ja nicht viel bei uns: du gehörst
-übrigens mir, und wenn sie dich einspannen
-wollen zu Dreckarbeiten, so
-werd ich auch ein Wörtchen mitzureden
-haben! Es ist ja richtig: wir haben
-einen Stall voll Kinder, und die Dienstboten
-bleiben nicht lang bei uns; aber
-bist du etwa ein Dienstbote? Nein,
-Emma, du bist kein Dienstbote! Und
-unter uns gesagt: Dienstboten sollte es
-fortan überhaupt nicht mehr geben!”</p>
-
-<p>Gänse ergingen sich, Schweine
-grunzten im Chausseegraben, eine<span class="pagenum"><a name="Seite_276" id="Seite_276">[S. 276]</a></span>
-Dreschmaschine brummte irgendwo,
-und man sah sie nicht.</p>
-
-<p>An all diesen Herrlichkeiten raste Emma
-vorüber, ohne verweilen zu wollen,
-und der Weg führte, wie sie wünschte,
-den Berg hinan, der Sonne entgegen!
-Die Sonne versank vollends, der Weg
-führte wieder talab, ein Dörflein hockte
-unten beisammen wie eine Hühnerschar.
-Im Dorf stand ein neues Haus neben
-der Kirche, beschattet von der Kirche:
-das Schulhaus natürlich, und hundert
-Kinder rasten an die Gitterstäbe, als
-Emma kam. Aber der Knabe hielt nicht
-an und eilte, ins Vaterhaus zu kommen,
-das am Ende der Straße in Fachwerk
-leuchtete.</p>
-
-<p>„Vater, Vater!” rief der Knabe in
-den Hof, „Hans im Glück ist heimgekehrt!
-Komm rasch heraus und sieh,
-was ich dir bringe für die Butter und
-für die Eier!”</p>
-
-<p>Die Mutter erschien, schlug die Hände
-überm Kopf zusammen, drei kleine<span class="pagenum"><a name="Seite_277" id="Seite_277">[S. 277]</a></span>
-Kinder wackelten herzu, vier größere rissen
-das Hoftor auf und warfen ihre
-Schulbücher in die Ecke, und dann kam
-auch der Vater mit dem Federhalter
-hinterm Ohr, und in das Gejubel der
-Kinder streckte sich seine sonore, hastige
-Stimme:</p>
-
-<p>„Uebermorgen, Sigmund, ist sie tausend
-Mark wert unter Brüdern!”</p>
-
-<p>Emma stand sehr erregt da, sah sich
-nach allen Seiten um, musterte besonders
-die Kinder und freute sich, daß
-nacheinander alle, und drei auf einmal
-sich auf ihren Rücken setzten.</p>
-
-<p>„Tausend Mark unter Brüdern,”
-entgegnete Sigmund, „aber Emma
-wird nicht wieder verkauft! Emma gehört
-mir!”</p>
-
-<p>„Und mir! Und mir!” krischen die
-Kleinsten durcheinander, und der Vater
-sagte:</p>
-
-<p>„Versteht sich, Sigmund, daß er dir
-gehört!”</p>
-
-<p>„Und wenn du ihn verkaufen solltest:<span class="pagenum"><a name="Seite_278" id="Seite_278">[S. 278]</a></span>
-nicht unter tausend Mark, und diese
-tausend Mark für mich auf die Kasse!”</p>
-
-<p>„Versteht sich! Futtergeld abgerechnet!”</p>
-
-<p>„Versteht sich!” erwiderte Sigmund
-und führte sein Gäulchen in den Stall
-des Vaters. Ein altes, ausgemergeltes
-Kühlein drehte gar freundlich den Kopf
-nach Emma und schien ihn nicht mehr
-wegwenden zu wollen! Sigmund fing
-an zu putzen und striegelte Emma blitzblank.
-Diese schüttelte sich einmal der
-ganzen Länge nach vom Halse bis zum
-Schweif und schien über die Maßen
-beglückt zu sein.</p>
-
-<p>Am nächsten Morgen wurde das
-Kühlein geholt, und am Abend kamen
-zwei Kälber in den Stall. Emma, die
-den ganzen Tag über mit den Kindern
-und mit allen Kindern des Dorfes auf
-den herbstlichen Wiesen umhergetollt
-war, wie sie's seit ihrer Jugend nicht
-mehr getan, traf am Abend die beiden
-Milchkälber neben sich und mußte<span class="pagenum"><a name="Seite_279" id="Seite_279">[S. 279]</a></span>
-sehen, wie die acht Kinder sich eher mit
-diesen Neulingen beschäftigten als mit
-ihr. Denn die Neulinge waren noch so
-jugendlich, daß sie ihre Milch nicht aus
-der Schüssel trinken wollten, und daß
-sie also aus Flaschen mit Gumminapf
-trinken mußten.</p>
-
-<p>Sie blieben nur eine Nacht im Stall,
-die Milchkinder, wurden geholt, und
-Emma war allein. Emma durfte ein
-Wägelchen ziehen, das kleiner und leichter
-war als das Kasernenwägelchen.
-Zum nächsten Dorf gings, an den Bahnhof!
-Ein Sack Grieß wurde aufgeladen,
-und diesen Sack zog Emma heim. Es
-ging am selben Tag nochmals an diesen
-Bahnhof, und diesmal gab's eine Kiste
-Zucker und ein Faß Marmelade.</p>
-
-<p>Doch siehe! Ein Militärzug rauschte
-heran, und Sigmund stellte sich an die
-Sperre, indes Emma an der Straße
-stehen mußte. Sogleich waren Kinder
-um sie her. Aber die Kinder blieben nicht
-lange bei ihr, denn die Straße her kamen<span class="pagenum"><a name="Seite_280" id="Seite_280">[S. 280]</a></span>
-etwa zwanzig Soldaten zu vieren im
-Gleichschritt mit fliegenden Mänteln
-und pfiffen. Als sie an dem Wägelchen
-vorüberschritten, löste sich einer aus dem
-Glied, blieb einen Augenblick stehen und
-stürzte sich dann mit weitgeöffneten
-Armen auf das Gäulchen und schrie:</p>
-
-<p>„Riesele! Riesele!”</p>
-
-<p>Die Kameraden hörten auf zu pfeifen,
-der Trupp verwirrte auseinander, und
-der eine Soldat rief unausgesetzt:</p>
-
-<p>„Freut euch mit mir, ich habe mein
-Riesele wiedergefunden, das verloren
-war!”</p>
-
-<p>Alle umstellten sie Riesele, alle grinsten
-vor fröhlichem Lachen, alle legten die
-schweren Hände auf Rieseles Rücken!
-Etliche spannten schon aus, das Kummet
-flog auf das Marmeladenfaß, und
-jetzt erst kam Sigmund und schrie und
-tobte:</p>
-
-<p>„Mein Gäulchen, mein Gäulchen!
-Tausend Mark ist es wert unter Brüdern!”</p>
-
-<p><span class="pagenum"><a name="Seite_281" id="Seite_281">[S. 281]</a></span>
-
-„Die Revolution hebt auch den Hilfsdienst
-auf, Gustav,” sagte ein Feldwebel,
-„du nimmst dein Riesele mit heim,
-wohin es gehört!”</p>
-
-<p>„Tausend Mark! Tausend Mark!”
-schrie Sigmund.</p>
-
-<p>Gustav zog seinen Geldbeutel, leerte
-ihn in die Hand und zählte; er hatte
-noch vierundzwanzig Mark und siebenzig
-Pfennige.</p>
-
-<p>„Hier hast du die Barschaft eines geschlagenen
-Soldaten!”</p>
-
-<p>Sigmund weinte heftig; Kinder kamen
-hinzu und viele Erwachsene, und
-niemand hatte gegen das Wort des
-Soldaten etwas einzuwenden. Die
-Soldaten aber zogen alle ihre Geldbeutel,
-und jeder gab dem Sigmund
-noch einen Markschein, so daß dieser
-die Lippen vorwulstete, das Geld einsteckte
-und sich getrost vor sein Wägelchen
-spannte und schließlich zu schmunzeln
-begann.</p>
-
-<p>Riesele aber zog mit. Es hatte den<span class="pagenum"><a name="Seite_282" id="Seite_282">[S. 282]</a></span>
-Handel still über sich ergehen lassen und
-wohl dem alten, längst vergessenen,
-trauten Laute sich hingegeben, ohne der
-süßen Dinge gedenken zu können, die
-sich an diesen Namen hefteten. Da es
-ausgeschirrt wurde, mochten zudem
-allerlei zukunftsfrohe Bilder das verträumte
-Herz beschlichen haben, das
-auch ohne Künstlerschaft stets zu einem
-Abenteuer bereit war! Der alte Name
-Riesele aber brauchte nicht lange in dem
-zerquälten Kinderherzen umherzuirren,
-bis er sich selber wiederfand, denn die
-Jugend ist alleweil der ewige Nährboden
-der Seele.</p>
-
-<p>Der Soldatentrupp nahm Riesele in
-seine Mitte und schob sich weiter die
-Landstraße hin. Man sang, man pfiff;
-einer trommelte geräuschvoll ins Land
-hinein, und Riesele trappte inmitten einer
-Herrlichkeit, die es noch nicht durchkostet
-hatte. In den Dörfern kamen
-Kinder, ritten eine Strecke auf Rieseles
-Rücken und liefen wieder zurück. Junge<span class="pagenum"><a name="Seite_283" id="Seite_283">[S. 283]</a></span>
-Mädchen kamen, hingen sich den Soldaten
-in die Arme, ließen sich küssen und
-lachten und sangen mit, hell, wie Kinder
-singen, und ihre Stimmen drangen
-Riesele ins Herz, als gehörten sie dorthin!</p>
-
-<p>Keines ging, ohne Riesele gestreichelt
-zu haben, und viele schenkten ihm etwas:
-ein Stück Zucker, einen Bissen
-Brot, eine Handvoll Gras, das sie in
-der Eile neben an den Wiesen abrissen!
-Eines dieser Mädchen, das besonders
-übermütig sein mochte, ließ sich sogar
-auf Rieseles Rücken heben, als wär es
-selber noch ein Kind und ritt so eine
-gute Strecke mit.</p>
-
-<p>Ehrenpforten taten sich auf, da der
-Trupp weiter ins Land kam, schwarz
-gekleidete Bürgermeister standen auf
-Balkonen und sprachen Gedichte von
-Schiller, und Riesele nahm alles ruhig
-und ernst entgegen. Rote Bänder flatterten
-wieder an seinen Schläfen, und
-der Hals reckte sich, und die Ohren<span class="pagenum"><a name="Seite_284" id="Seite_284">[S. 284]</a></span>
-spitzten fast so hoch als die der Soldaten.</p>
-
-<p>Eine alte Frau sah zum Fenster heraus,
-schlug, da sie die heimkehrenden
-Soldaten sah, die Arme überm Kopf
-zusammen und schrie wild hinaus.</p>
-
-<p>Indessen wurde noch an diesem
-Abend der Trupp kleiner und kleiner,
-und als man sich zum Schlafen anschickte,
-waren nur noch sieben Mann beisammen
-und Riesele. Sie schliefen in
-einem warmen Stall. Sie schliefen auch
-am nächsten Abend wieder in einem
-warmen Stall. Am folgenden Tag aber
-stiegen sie in die Eisenbahn; und nun
-gings rasch dahin, rechts die Ebenen,
-links das Gebirge, über einen Fluß,
-über Bäche, zu den zwiebeligen Kirchtürmen,
-und man stieg aus an einem
-Bahnhöfchen, das Riesele schon einmal
-gesehen hatte. Etliche Soldaten
-blieben zurück, zwei stiegen aus.</p>
-
-<p>Nun wanderten die drei die Bergstraße
-hinan, wo Riesele alles schon gesehen<span class="pagenum"><a name="Seite_285" id="Seite_285">[S. 285]</a></span>
-hatte. Das Birkenwäldchen hob
-sich in den blauen Himmel, die Wiesen
-dehnten sich hin, und viele Kühe weideten
-den letzten Wuchs ab. Am Eingang
-des Dorfes prangten wie überall
-grüne Fichtenkränze, Tafeln mit Sprüchen,
-die noch im Kaiserreich geboren
-waren, und rote Papierfetzen flatterten
-hin und her, durchzittert von bangen
-Hoffnungen um die bessere Zukunft.</p>
-
-<p>Ha, eben, wie Riesele den Weg links
-einbog nach dem Mutterhaus, ging etwas
-in seiner Seele vor: es blieb stehen!
-Es hob langsam den Kopf, es pendelte
-die Ohrenspitzen gegeneinander, es entblößte
-die Zähne, und nun begann es
-zu rennen, daß Gustav nur mit Mühe
-ihm folgen konnte.</p>
-
-<p>Auf den Steinstufen der hohen Treppe
-saß die Familie des Bauern Klaus:
-er, der Bauer, Katherin, seine Frau, der
-rothaarige August und Trudel, die ein
-großes Mädchen geworden war. Sie
-tranken aus weiten tönernen Schalen<span class="pagenum"><a name="Seite_286" id="Seite_286">[S. 286]</a></span>
-ihre Abendmilch und aßen weißes Brot,
-das dick mit Butter bestrichen war.</p>
-
-<p>Als sie erkannten, wer da heimkehrte,
-liefen sie von der Treppe herab, eine
-Schale zerklirrte in Scherben, und mitten
-auf dem Weg fielen sich alle nacheinander
-um den Hals, und auch Riesele
-ward geherzt und verstohlen geküßt.
-Als der Bauer sich überzeugt hatte, daß
-die beiden Zurückgekehrten unverletzt
-und gesund vor ihm standen, nahm er
-seine Frau an der Hand und führte die
-Seinen heim.</p>
-
-<hr class="chap" />
-
-<p class="pagebreak"><span class="pagenum"><a name="Seite_287" id="Seite_287">[S. 287]</a></span></p>
-
-
-
-
-<h2>XVII</h2>
-
-
-<p>In dem Heimathause Rieseles hatte
-sich nicht viel verändert. Trudel, die
-Mutter, stand noch im Stall, eine Kuh
-ihr zur Seite, zwei Ziegen meckerten
-hinten, ein Hasenvater hoppste an seinen
-vernachlässigten Jungen vorbei, die
-Schwalbennester prangten in vergilbendem
-Rot, auf der Stallschwelle saßen
-Hühner mit ihrem Hahn, Enten
-wackelten einher, die Gänse erzählten
-sich die Neuigkeiten der Zeit, und das
-fleißige Lieschen schnurrte dünn und
-abgearbeitet die Stunden aus der Stube
-herunter in den Stall.</p>
-
-<p>Die Mutter Trudel war alt und mager
-geworden, und es dauerte etliche
-Tage, bis sie sich ihres Kindes erinnern
-konnte. Riesele, im ganzen etwas
-schmächtiger gebaut als die Mutter,<span class="pagenum"><a name="Seite_288" id="Seite_288">[S. 288]</a></span>
-strotzte von Jugendkraft, und es kam
-dem Bauern Klaus gleich am ersten
-Tag der Gedanke, die alte Trudel irgendwie
-zu verkaufen und Riesele ihren
-Dienst versehen zu lassen.</p>
-
-<p>Seltsamerweise war die ganze Familie
-mit diesem Plane gleich einverstanden,
-und auf der Straße sagten die
-Leute:</p>
-
-<p>„Na Klaus, jetzt wirst du die Alte
-abschaffen!”</p>
-
-<p>Es gab sich Gelegenheit, sie nicht
-einem Pferdehändler, auch nicht einem
-Roßschlächter überantworten zu müssen,
-indem ein Bäuerlein des Dorfes
-sie um ein Geringes erstand und sie neben
-sein schwaches Kühlein spannte.</p>
-
-<p>Die Hauptarbeit des Jahres war geschafft,
-als Riesele frischen Mutes in
-die heimatlichen Siele trat. Am ersten
-Tag ließ sich Gustav von seinem Bruder
-August ins Städtchen zu seinem
-Meister fahren, wo er das Wagnerhandwerk
-erlernen wollte; und am<span class="pagenum"><a name="Seite_289" id="Seite_289">[S. 289]</a></span>
-Abend trabte Riesele nochmals hinunter,
-den Gustav wieder abzuholen!</p>
-
-<p>Jeder Schritt, den Riesele tat, war
-Freude; jeder Atemzug war Freude! Das
-Birkenwäldchen drüben, das mächtig
-in die Höhe geschossen war, goß Freude
-in Rieseles Seele; das leere Feld goß
-Freude in seine Seele! Die kahlen Obstbäume,
-die wie abgearbeitete alte
-Männer den Hang hinan standen, als
-mühten sie sich, hinaufzukommen, als
-wollten sie jederzeit niedersinken auf
-ihren ausgebreiteten Schattenteppich,
-sie erfüllten die Seele des Gäulchens
-mit Freude! Das Wässerlein rieselte
-nicht größer, nicht kleiner, nicht lauter,
-nicht leiser inmitten der Wiesen, und
-war so hell und so klar wie ehemals,
-ließ sich auf den letzten Grund gucken
-und verheimlichte nichts von seinem
-Wesen, und gab bereitwillig und munter
-schwatzend dem Riesele, wenn dieses
-über das Brückelchen stapfte, den
-Schattenriß seines Kopfes wieder.<span class="pagenum"><a name="Seite_290" id="Seite_290">[S. 290]</a></span>
-Welch eine Freude tat das Wässerlein
-in Rieseles Herz, wenn es die weiße
-Blesse schimmern ließ!</p>
-
-<p>Als Riesele am Abend mit dem Wagnergesellen
-heimkehrte, kamen ihm schon
-ein paar Kinder entgegen, setzten sich
-zu den Burschen aufs Wägel, und zu
-Hause hinter den Fensterscheiben winkte
-Trudel, das Mädchen, das ein blaues
-Band im Krönchen seiner Haare trug,
-und öffnete das Fenster und hörte nicht
-auf zu singen. Es kam sogar heraus zu
-Riesele, liebkoste es und sprach:</p>
-
-<p>„Aber wo sind deine goldenen Hufe,
-Riesele, wo sind sie denn geblieben? Ich
-für mein Teil, wenn ich fortzöge in ein
-Märchenland wie du, ich käme nicht
-heim ohne goldene Schuhe!”</p>
-
-<p>„Geh du lieber gar nicht fort!” sagte
-Gustav, „sonst kann es geschehen, daß
-du barfuß wiederkehrst, denn der Krieg
-macht Deutschland zum Aschenbrödel
-der Welt!”</p>
-
-<p>Gustav schirrte Riesele ab; am rechten<span class="pagenum"><a name="Seite_291" id="Seite_291">[S. 291]</a></span>
-Brustbein hatte das Kummet der
-Mutter, das dem Riesele zu weit war,
-eine Wunde aufgeschürft, die Trudel
-mit essigsaurer Tonerde sofort auswusch.
-Sie sang dazu das Lied von
-den drei Lilien, und Riesele spürte keinen
-Schmerz und trat in seinen Stall
-und legte sich.</p>
-
-<p>Ueber Nacht schneite es ein wenig.
-Am andren Morgen bekam Riesele
-vom Sattler ein weiches Unterkummet
-an, und nun zog es den Wagen in den
-Fichtenwald. Der Bauer saß oben und
-klapperte mit der Peitsche in die kalte
-Morgenluft, und immer fiel der Knall
-in den weiß beladenen Fichtenwald und
-kam zurück und traf niemals Rieseles
-Ohren!</p>
-
-<p>Hat Riesele je einen solchen Wald
-gesehen? Die Stämme stehen zu tausenden
-im Lot nebeneinander, versinken
-nach der Tiefe zu im Dunkeln, die saftgrünen
-Aeste hängen breit herab übern
-Weg, und ihr Schnee bedroht Mensch<span class="pagenum"><a name="Seite_292" id="Seite_292">[S. 292]</a></span>
-und Tier, sich zu nahe an sein Geheimnis
-zu wagen! Unendlich schier senkt
-sich der dicht ineinander verwucherte
-Fichtenwald ins Tal hinab, steigt wieder
-empor und verliert sich ins Weite.
-Hie und da bricht eine Schneelast vom
-Zweig und zerstäubt, denn die Sonne
-stochert durch die brüchigen Wolken.</p>
-
-<p>Als Riesele an einer Lichtung stehen
-bleibt, wo der Bauer kleine Fichten
-schlägt, da ballt sich das Düster zusammen
-und flieht in großen Fetzen über
-den weißen Hang hinan, und die Sonne
-greift in langen Strichen durchs Düster
-zwischen den grünweißen Fichten.
-Von den Spitzen herab tropft das
-Schneewasser, schneidet durch das
-Sonnenlicht und jauchzt tiefblau auf
-für ein Sekündchen. Was hängt, zittert
-und quirlt aus seiner Unruhe alle
-Farben dieser Erde, und entblößt die
-Schönheit der Sonne und ihre Seele.
-Rasch sinken die Schneemassen hernieder,
-die tiefhängenden Schalen heben<span class="pagenum"><a name="Seite_293" id="Seite_293">[S. 293]</a></span>
-sich der Sonne entgegen und lassen den
-Schnee über die Ränder gleiten, und
-behalten tausend Wassertropfen an
-den grünen Nadeln, in denen die
-Sonne ihr Geheimnis millionenfach
-offenbart.</p>
-
-<p>Geblendet von der schillernden Farbenpracht,
-läßt Riesele hin und wieder
-die Lider sich über die großen Augen
-herabwölben und hebt sie sogleich wieder,
-die Pracht in sich einzutrinken und
-keinen Tropfen zu verlieren! Der Duft
-der Fichten mischt sich drein; die frisch
-umgehauen wurden, strömen ihr aufgeritztes
-Blut umher, und Riesele saugt
-diesen würzigen Duft durch die weiten
-Nüstern in sich ein.</p>
-
-<p>Der Wagen ist schwer beladen, ein
-leichter Dampf schwebt über dem kleinen
-Pferderücken, als der Bahnhof
-sichtbar wird! Aber Kinder sind da,
-Kinder! Sie schreiten neben Riesele
-drein und rufen:</p>
-
-<p>„Weihnachten, Weihnachten!” und<span class="pagenum"><a name="Seite_294" id="Seite_294">[S. 294]</a></span>
-es ist, als freue sich auch das Riesele auf
-Weihnachten, und als freuten sich auch
-die erschlagenen Fichten ihres frühen
-Todes, da sie für das Glück der Kinder
-sterben durften ...</p>
-
-<p>Oft und jeden Tag fast mußte Riesele
-diesen Weg wieder machen und
-mußte Christbäume an den Bahnhof
-fahren.</p>
-
-<p>Indeß wurde es kälter, und das
-Wasser, das über den Wiesen stand,
-ward zu Eis. Die Kinder warfen ihre
-Schlittschuhe über die Schultern und
-gingen, die Hände in den Hosentaschen,
-hinaus und schnallten die Schlittschuhe
-an und fegten über die glatte Fläche,
-hielten die Arme seitab und die roten
-Nasen hochauf.</p>
-
-<p>Riesele durfte auch zu den Kindern!
-Der Bauer Klaus brach das Eis, um
-es in die Brauerei des Städtchens zu
-fahren, und Riesele durfte lange neben
-der Eisfläche stehen und gucken, und
-die Kinder kamen zu ihm, wärmten ihre<span class="pagenum"><a name="Seite_295" id="Seite_295">[S. 295]</a></span>
-Hände an seinem Leib und unter seiner
-Rückendecke und umstanden das liebe
-Gäulchen wie die Stadtkinder den
-Maronimann.</p>
-
-<p>Was mußte Riesele nicht alles schaffen
-in der stillen Winterszeit!</p>
-
-<p>War etwa der Herr Doktor aus dem
-Nachbardorf zu holen: wer anders als
-Riesele hätte das so eilig besorgen können?
-Weilte der Herr Amtsrichter im
-Dorf, und er wollte, nachdem er am
-Abend noch ein dunkles Geschäft erledigt
-hatte, samt der schweren Tasche,
-die das dunkle Geschäft verhüllte, rasch
-an den Bahnhof gebracht werden: wer
-anders als Riesele, und wer diskreter
-als Riesele hätte den Herrn Amtsrichter
-über den Berg gezogen?</p>
-
-<p>Sollte der Herr Pastor ins Gebirg
-hinauf, und Glatteis klebte an den
-Steinen, oder der Schnee sauste, vom
-Nordwind zerpeitscht, hernieder: wer
-anders als Riesele wäre mit dem Herrn
-Pastor durch Nacht und Wind gestürmt,<span class="pagenum"><a name="Seite_296" id="Seite_296">[S. 296]</a></span>
-zu denen, die es eilig hatten auf
-dem Weg zu ihrem ewigen Glück?</p>
-
-<p>Weihnachten kam und die Neujahrsnacht!
-In dieser Nacht betrat Cornel,
-der Schweinehirt, den Stall und setzte
-sich vor Riesele auf dessen steinerne
-Krippe und sprach:</p>
-
-<p>„Ich will dir Prosit Neujahr sagen,
-Riesele, alter Freund! Nichts weiß ich
-von dir aus deiner Zeit der Fremde!
-Nur eine schlimme Spur von der Menschen
-Hand trägst du an deiner Seite,
-die ich erkennen kann: sie haben dir das
-Geheiligte der Irdischkeit entrissen, um
-mehr Arbeit von dir, um größere Freude
-an dir haben zu können. Sie ließen nicht
-zu, daß du jemals Mutter werdest! Sie,
-die sich Krone der Schöpfung nennen,
-treiben Raubbau mit Gottes Angesicht,
-wo immer sie es antreffen. Zum Glück,
-ach ja, zum Glück werden sie ja von
-Tag zu Tag blinder für die Herrlichkeiten
-der Schöpfung, wie zu des alten
-Noe Zeiten! Damals kam die gewaltige<span class="pagenum"><a name="Seite_297" id="Seite_297">[S. 297]</a></span>
-Sintflut von oben herab über die Menschen!
-Später, als sie wieder alles vergessen,
-aber nichts gelernt hatten, da
-schickte Gott sogar seinen eigenen Sohn
-herunter, sie zu erlösen von ihren Narreteien
-und von ihrer Vernichtungswut
-gegen Gott! Das war doch wohl das
-letzte Mittel, das gegen sie zur Verfügung
-stand: Gott selber kam und &mdash;
-erlöste sie nicht! Riesele, Riesele! Sei
-froh, daß du kein Mensch bist! Kein
-Gott könnte dich erlösen! Aber du könntest
-dich auch nicht selber erlösen, Riesele,
-wenn du ein Mensch wärst, obwohl
-du alsdann doch den Ekel an dir
-und die Sehnsucht nach Erlösung in
-dir trügest! Siehe, ihr lieber Gott hat
-sie sich selber überlassen, da er offenbar
-nicht wußte, was geschehen sollte!
-Nun, was haben sie getan? Aus sich
-heraus, aus ihrer famosen Freiheit haben
-sie eine neue Sintflut geboren, eine
-Sintglut aus Blut und Eisen! Aber
-auch diese Flut war nicht schrecklich<span class="pagenum"><a name="Seite_298" id="Seite_298">[S. 298]</a></span>
-genug, sie zu bessern, nicht groß genug,
-sie zu vertilgen, und nun stehen sie, zu
-Stahl geworden, wieder da und wissen
-nicht, was jetzt geschehen soll! Frieden!
-kreischen sie, überdrüssig des Stahles,
-an allen Ecken und Enden der
-Welt! Weißt du, Riesele, was das ist:
-Frieden? Und wann erst wieder Frieden
-werden wird auf Erden, wann der liebe
-Gott wieder sichtbarlich &mdash; freilich
-nicht mehr in Gestalt der Menschen &mdash;
-auf Erden wandeln wird, wann, wann,
-Riesele? Ich will es dir sagen, denn ich
-weiß es: wenn die Zeiten der Menschen
-abgelaufen sein werden! Dann und
-nicht eher!</p>
-
-<p>Soll ich dir sagen, was mir neulich
-unser Pastor, den du gut kennst, den du
-noch aus deiner Jugendzeit kennst, was
-der zu mir sprach? Er sprach, und er ist
-ein weiser Mann und hat das Herz auf
-dem rechten Fleck:</p>
-
-<p>„Pfaffen herbei!” hat er gesagt,
-„Hohenzollernsches Brimborium herbei!<span class="pagenum"><a name="Seite_299" id="Seite_299">[S. 299]</a></span>
-Diesem Geschlecht kann die Hölle
-nicht heiß genug gemacht werden!” So
-hat er gesagt, aber er irrt gewaltig! ...
-Er ist keiner von jenen, die er herbeiwünscht,
-er verwünscht alle Peitschen,
-die über die Menschheit geschwungen
-werden: ja, Pfaffen seiner Art ließe ich
-mir noch gelten, aber er ist gar kein
-Pfaffe!</p>
-
-<p>Einst, Riesele, wollte ich dir erzählen,
-wie die Menschen sich die Tiere zu Haustieren
-machten, und ich will es dir jetzt
-rasch erzählen!</p>
-
-<p>Als die Menschen noch so einfach
-und noch so gut waren wie die Tiere,
-lebten deine Vorfahren frei und fröhlich
-draußen in den großen Wiesengärten,
-die sich endlos über die Erde erstrecken.
-Sie lebten vereinzelt, zu zweien und in
-großen Herden, sie fraßen das Gras
-vom Erdboden, sonnten sich und pflegten
-der Minne. Sie lebten der Liebe
-wegen. War im Winter die Erde überschneit,
-so scharrten sie mit breiten Hufen<span class="pagenum"><a name="Seite_300" id="Seite_300">[S. 300]</a></span>
-das Gras bloß und warteten auf
-bessere Zeiten. Feinde lauerten manchmal
-auf die Jungen, auf die Mütter,
-auf die starken Väter. Blutgierige
-Raubtiere brachen aus den Hecken, aus
-den Wäldern hervor, sprangen geschickt
-an ihre Kehlen und soffen ihr
-Blut.</p>
-
-<p>Nicht minder geschickt aber wußten
-die Pferde sich zu verteidigen. Schon
-lange, bevor der Feind zur Stelle sein
-konnte, hörten sie ihn mit den hochgestellten
-Ohren, sahen sie ihn mit den
-großklaren Augen im Kreise schleichen,
-und nun ordneten sie sich eiligst in der
-Runde, streckten die Köpfe nach innen,
-daß die bewehrten Hinterbeine nach
-außen im Kreise standen, und nun,
-wenn der Feind es wagte, heranzukommen,
-feuerten diese Hufe gegen ihn aus,
-daß er kein Plätzchen, keine Lücke fand,
-anzugreifen.</p>
-
-<p>Da kam der Mensch! Erst schleuderte
-er aus dem Hinterhalt die schwersten<span class="pagenum"><a name="Seite_301" id="Seite_301">[S. 301]</a></span>
-Steine in die Herde, dann schoß er
-Pfeile ab aus weiter Entfernung, das
-Fleisch der Pferde zu essen, da er ringsum
-in der Natur nicht genug fand und
-es den Blutsaugern ähnlich machen
-wollte.</p>
-
-<p>An einem Fluß hing seine Hütte halb
-im Wasser; sein Feld erstreckte sich den
-Wald entlang, seine Frauen und seine
-Kinder wuschelten im Schilfrohr und
-nahmen den Kiebitzen und den Enten
-die Eier aus den Nestern und stachen
-die Fische aus dem Wasser. Mühsam,
-ja, mühsam warfen sie die Schollen der
-Erde um, daß neues Korn um so besser
-wachsen konnte, und sie sahen die starken
-Pferde in göttlicher Freiheit auf den
-Wiesen umhertollen und kamen, gedankenreich,
-wie sie sind, darauf, diese
-Pferde einzufangen und vor die rohe
-Pflugschar zu spannen. Mit einem großen
-Seil mußten sie das erste Pferd eingefangen
-haben. Es ward an den Pfahl
-gebunden, es ward mit Rindshautriemen<span class="pagenum"><a name="Seite_302" id="Seite_302">[S. 302]</a></span>
-gezügelt, alsdann zog es mit Leichtigkeit
-den Pflug! Zur Regenzeit stand
-es unter einem Dach, zur Winterszeit
-in einem warmen Stall. Gab es dem
-Menschen seine Kraft, so erhielt es dafür
-ein reichliches Futter und brauchte
-besonders im kalten Winter nicht das
-spärliche Gras aus dem Schnee zu
-scharren.</p>
-
-<p>Durch ein Loch in der Lehmwand
-seines Stalles sah es seine Kameraden
-draußen in der Kälte des Winters nach
-dem spärlichen Grase scharren, indeß
-es selber seine warme Suppe nicht ganz
-verzehren konnte. Da kam sein Herr
-herein, sattelte es, nahm das lange Seil,
-schwang sich auf des Pferdes Rücken,
-und nun galoppierten die zwei keck den
-vielen Kameraden entgegen, mitten in
-sie hinein, der Mensch schleuderte das
-Seil und fing sich ein zweites Pferd,
-das mit heim in den warmen Stall gehen
-mußte.</p>
-
-<p>Möglich, Riesele, daß noch andere<span class="pagenum"><a name="Seite_303" id="Seite_303">[S. 303]</a></span>
-Pferde nachkamen, freiwillig ihrer Freiheit
-sich begaben für das bißchen
-Wärme, für das bißchen Futter!</p>
-
-<p>Wie gesagt, Riesele, Freiheit tauschten
-sie für die Bedürfnisse des Bauches und
-für die Bequemlichkeit! Ich für mein
-Teil und du nicht minder, Riesele, wir
-wären nicht in die Falle gegangen, wir
-wären draußen geblieben, denn auch
-der garstige Winter ist schön, wie alle
-Natur in jeglichem Zustand schön ist,
-wie jeder Mensch, der sich natürlich
-gibt, und das Herz, das hier nicht recht
-Bescheid weiß, lebt nur halb und weiß
-nicht, was vollkommene Freude ist!</p>
-
-<p>Die Menschen haben die Verbindung
-verloren mit der großen Natur allhin
-gleich dem Wasser der Pfütze, das steht,
-stockt, stinkt und nicht zum Meere kann
-und des Meeres Pulsschlag verloren
-hat.</p>
-
-<p>Gut, gut, Riesele: das Geschöpf ist
-in sich gut und will seinem Mitgeschöpf
-behilflich sein! Aber der Mensch unterjochte<span class="pagenum"><a name="Seite_304" id="Seite_304">[S. 304]</a></span>
-die Tiere, erfand die Peitsche,
-rottete viele gänzlich aus und machte
-auch den Mitmenschen sich zum Haustier.
-Das ist die Wurzel alles Elends
-in der Welt! Die Freiheit wurde ausgerottet,
-und was da übrig blieb, &mdash; der
-Pastor hat recht! &mdash; das ist reif für den
-Schürhaken der Hölle!</p>
-
-<p>Wer spielt die größte Rolle in diesem
-Menschengezücht? Wer? Der Bauch!
-Ha, sie haben so viele Erfindungen gemacht,
-sie haben sich mit Leib und Seele
-der Chemie verschrieben und von der
-Natur entfernt: wenn die Chemie doch
-wenigstens ein Kernchen Radium zu
-präparieren verstünde für den Bauch,
-für den Magen, für den absoluten Souverän
-der Menschen, daß ein ganzes
-Geschlecht davon seine Kräfte beziehen
-könnte, der Freiheit zu fröhnen und der
-Minne! Ha, sie überfressen sich und sagen:
-das ist unmenschlich und tierisch!
-Sie wollen das Tier im Menschen
-überwinden, hörst du's, Riesele! sie<span class="pagenum"><a name="Seite_305" id="Seite_305">[S. 305]</a></span>
-wollen das Tier im Menschen überwinden
-und wissen nicht einmal mehr,
-daß das Tier keusch ist! Diese raffinierten
-Bösewichter des Weltkriegs wissen
-überhaupt nichts mehr vom Guten!
-Wer könnte uns erlösen? Wollen wir's
-einmal mit dem Gotte in unserer Brust
-versuchen, der von uns verlangt, daß
-wir in Minne das Gute tun und sonst
-gar nichts? Wollen wir's versuchen?
-Wir zwei, wir wollen uns freiwillig
-der Gemeinschaft verschreiben und sie
-erlösen helfen, wenn dies möglich ist!
-Wir wollen die Verirrten lieben, weil
-wir Mitleid mit ihnen haben, die Hungrigen
-speisen, die Kranken besuchen,
-die Gefangenen erlösen, o Gott, o
-Gott, Riesele: lieben wollen wir, lieben!
-Wir wollen helfen, glücklich machen,
-wir wollen uns freiwillig in Minne
-unserer Freiheit begeben, Riesele, Apostel
-der Freiheit werden, daß Gott für
-unsere armen Mitmenschen in uns wirksam
-werde!”</p>
-
-<p><span class="pagenum"><a name="Seite_306" id="Seite_306">[S. 306]</a></span>
-
-Es schlug zwölf, als Cornel seine
-lange Rede beendet hatte, Schüsse
-krachten im Tal umher, das Geknall
-vorlauter Feuerfrösche hüpfte zwischen
-den Revolverschlägen umher, und junge
-Stimmen riefen das neue Jahr ein, das
-wie jedes seiner Vorgänger den Menschen
-das Glück und reichen Segen
-bringen sollte ...</p>
-
-<hr class="chap" />
-
-<p class="pagebreak"><span class="pagenum"><a name="Seite_307" id="Seite_307">[S. 307]</a></span></p>
-
-
-
-
-<h2>XVIII</h2>
-
-
-<p>Als der Frühling kam, erwachte in
-dem Dorf sogleich die alte Fröhlichkeit
-wieder. Die Kinder sangen auf den
-Gassen, sie besuchten Riesele, sie liefen
-neben ihm drein, sie schenkten ihm Zucker
-und gutes Brot, denn an solcherlei
-Dingen fehlte es in dem Gebirgsdörfchen
-nicht. Sie steckten ihm die ersten
-Blumen ins Halfter, ganze Ketten von
-Löwenzahn schoben sie ihm übers
-Kummet, und sie riefen seinen Namen
-auf Weg und Steg.</p>
-
-<p>Die Burschen suchten in den Wiesen
-nach den schönsten Blumen, banden
-Sträuße und stellten sie ihren Liebsten
-vor die Fenster. Des Abends saßen sie
-bis tief in die Nacht auf den steinernen
-Haustreppen bei den Mädchen, erzählten
-vom verruchten Krieg und boten<span class="pagenum"><a name="Seite_308" id="Seite_308">[S. 308]</a></span>
-mitten im Schlachtengeheul ihre liebenden
-Herzen preis und spielten die Ziehharmonika,
-die alle Vertraulichkeiten
-des Herzens so trefflich zu sagen versteht,
-und sangen jene alten Lieder wieder,
-die unmittelbar von Herz zu Herz
-gehen. Die Mädchen kannten schier
-diese Lieder nicht mehr. Zoten aus
-Deutschlands eckigem Wasserkopf, Zoten
-aus Deutschlands fettem Bierherzen
-hatten sie schon lange vorm Krieg hart
-bedrängt und verdrängt! Die Küsse, die
-man zu diesen Zoten gab oder nahm,
-verwundeten, die Küsse, die man zu den
-alten Volksliedern gab oder nahm, heilten!
-In den Scheunen wurde getanzt.</p>
-
-<p>Da stand irgendwo ein kleines Geschöpf,
-konnte zwar nicht mitsingen,
-konnte auch nicht mittanzen und noch
-viel weniger mitküssen, stand da und
-legte sich nicht um und schloß die hellen
-Augen nicht und hatte das kleine Herz
-so voll ungestümer Sehnsüchte nach
-Menschenliebe! Da stand es und riß an<span class="pagenum"><a name="Seite_309" id="Seite_309">[S. 309]</a></span>
-seiner Kette, die nicht aus Löwenzahn
-gefertigt war, und scharrte mit dem
-linken Vorderfuß und nickte mit dem
-Kopfe und blieb immer wieder allein!
-Zwar war es müde von des Tages Last
-und Arbeit, zwar ging sein Atem schwer,
-aber die Augen blieben nicht geschlossen,
-und der Kopf reckte sich immer wieder
-aus dem Stroh empor.</p>
-
-<p>Das Riesele führte also tagsüber den
-Mist auf die Aecker, kehrte heim, holte
-den Pflug und die leichte Egge und zog
-sie auf einer Schleife hinaus. Als es
-aber vor dem Pfluge eingespannt war
-und die Schollen aufwerfen sollte, da
-war seine Kraft zu schwach. Der rothaarige
-Gustav begann zu fluchen, wie
-wenn er ein Feldwebel wäre, schnitt sogar
-neben am Waldrand eine Gerte ab
-und schlug auf Riesele drein, bis er sich
-überzeugt hatte, daß sein Räppchen
-nicht aus böser Absicht den Pflug nicht
-zog! Der Bauer Klaus holte die alte
-Trudel, die jeweils den Acker wenn auch<span class="pagenum"><a name="Seite_310" id="Seite_310">[S. 310]</a></span>
-mühsam durchpflügt hatte, und spannte
-Mutter und Tochter nebeneinander,
-und die Schollen stürzten wacker um.</p>
-
-<p>Ha, wie gingen dem Gäulchen die
-Nüstern auf, als die frische Erde zu
-duften begann, die den Winter ausstrahlte
-und den Frühling behielt und
-neuen Frühling aus der Sonne trank!
-Wärme und Kraft stiegen aus den
-Schollen, und die Dohlen kamen von
-den kahlen Bäumen heruntergeflogen
-und die zierlichen Bachstelzen, ganze
-Schwärme von Staren, ein Ungeziefer
-zu picken oder ein verbummeltes Samenkorn!</p>
-
-<p>Dann mußte Riesele mit der Mutter
-ein Stündchen am Wege stehen, Gustav
-stapfte mit großen Schritten über
-die dampfende Erde und streute in
-mächtigen Bogen den Weizen aus, der
-im Fallen knisterte und im Auffliegen,
-als sehne er sich nach dem weichen
-Schoß, weithin in die gleichmäßig
-nebeneinandergezeilten Furchen. Riesele<span class="pagenum"><a name="Seite_311" id="Seite_311">[S. 311]</a></span>
-fraß neben der Mutter unterdessen
-das kaum ersproßte Gras des Weges
-ab, und die Stränge mit dem Sellscheit
-schleiften hinter ihnen drein.</p>
-
-<p>„Famos, Riesele!” rief Cornel, der
-mit seinen Schweinen vorüberzog.</p>
-
-<p>In langen gelben Bändern blühte
-der Raps, und der Wind warf in breiten
-Schwaden den würzigen Honigduft
-herüber, und die Bienen summten drüber
-her.</p>
-
-<p>Der Weizen sproßte, das Korn schoß
-auf, die Weinstöcke streckten ihre grünen
-Fähnchen heraus, und alles, was unten
-wuchs, ward von den kugeligen Apfelbäumen
-überblüht und von den aufstrebenden
-Birnbäumen, und der Blütenjubel
-sprang hügelauf, hügelab im Tal
-einher, und niemand war, der sich nicht
-freute! Kaum ein Tag verging, ohne
-daß Riesele nicht irgendwie geschmückt
-worden wäre von Trudel oder von den
-andern Kindern des Dorfes. Einmal
-flatterte schier eine ganze Woche lang<span class="pagenum"><a name="Seite_312" id="Seite_312">[S. 312]</a></span>
-ein lila Bändchen an seinem Halfter, und
-niemand wußte, wer es angesteckt hatte!</p>
-
-<p>O, wenn Riesele Zeit gehabt hätte,
-wie ehedem mit den Kindern umherzutollen!
-Aber es mußte schaffen, solange
-der Tag währte, und schaffen war
-schließlich auch ein Spiel! Es zog den
-Wagen hinaus, und auf der Leiter glänzte
-die scharfe Sense; der Gustav schlug
-den würzigen Klee um und lud ihn auf,
-und Riesele zog ihn heim, daß die Kuh,
-die Geißen, die Hasen und schließlich
-auch die Gänse und die bequemen Enten
-etwas zu fressen hatten und das Riesele
-auch!</p>
-
-<p>Es mußte den armen Kindern helfen,
-seinen Freunden, wo immer es konnte.
-Sah es, daß ein Kind eine Last Futter
-auf dem Kopfe heimschleppte, so mußte
-das Kind seine Last auf des Pferdchens
-Wagen legen und durfte vielleicht sogar
-noch selber aufsteigen! Wollten sie,
-die Kinder, ins Nachbardorf an den
-Bahnhof, und Riesele hatte dortselbst<span class="pagenum"><a name="Seite_313" id="Seite_313">[S. 313]</a></span>
-auch etwas zu besorgen, &mdash; was schon
-manchmal mitten in der eiligsten Feldarbeit
-vorkam, &mdash; so hieß es kurzerhand
-wie beim Militär: aufsitzen! Und wenn
-die Eisenbahn einmal keine Verspätung
-hatte, und schon hinterdrein gerannt
-kam, als hätte der Kommunalverband
-etwas übrig fürs Zügle, wer war schließlich
-doch zuerst am Bahnhof?</p>
-
-<p>Welch eine Kraft bändigte das kleine
-Riesele in seinen dünnen Beinchen,
-wenn's was zu helfen gab!</p>
-
-<p>Eines Abends erwachte hinten im
-Armenhaus auch ein anderes Lied wieder
-und schwebte in breiten Flügelschlägen
-übers Dorf hin. Einmal erwacht,
-wollte dieses Waldhorn wahrlich nicht
-mehr schlafen gehen und kam jeden
-Abend und oft unter Tag, wenn Cornel
-nicht gerade auf den Feldern des
-Großbauern schaffte. Vielleicht rief
-dieses Waldhorn ganz frühe Jugenderinnerungen
-in Riesele wach, vielleicht
-auch die viel näher liegenden Vorstellungen<span class="pagenum"><a name="Seite_314" id="Seite_314">[S. 314]</a></span>
-aus dem buntgekleideten Künstlerleben
-im Zirkus, aber es nähme durchaus
-nicht wunder, wenn auch ohne all
-diese Erinnerungen die empfindsame
-Pferdeseele in ihrem geruhigen Gleichgewicht
-beeinträchtigt worden wäre!
-Lag Riesele im Stall und ruhte sich aus
-nach des Tages Mühen, so sprang es
-sogleich auf, wenn Cornels Waldhorn
-ertönte, so bockelte sein Blut in allen
-Pulsen, so regten sich alle Muskeln, die
-draußen in der Welt für irgendein
-Kunststück zugestutzt worden waren:
-der linke Vorderfuß scharrte, der Kopf
-nickte, die Knie versuchten, sich zu beugen,
-die Hinterbeine strafften sich, als
-sollten sie die Last des Körpers in sich
-aufnehmen!</p>
-
-<p>Ging Riesele an den Strängen, und
-das Waldhorn schwebte heran, so fing
-es an zu tänzeln, mochte die Last noch
-so schwer sein. Die Ohren stellten sich,
-die Nüstern weiteten sich und witterten
-den Tönen nach, der lange Schweif<span class="pagenum"><a name="Seite_315" id="Seite_315">[S. 315]</a></span>
-peitschte hin und her, als schwärmten
-Bremsen an seinen Lenden. Das Kummet
-begann an dem Halse zu zerren,
-weil der Hals steil aufragte, das kindliche
-Spiel der Muskeln trat deutlich
-aus dem Ebenmaß der Glieder hervor,
-und die Räder des Wagens schnitten
-über die Geleise.</p>
-
-<p>Dem Bauern Klaus und seinen Kindern
-konnte dies Gebahren nicht entgehen,
-und da sie vermuteten, daß Riesele
-draußen in der Fremde für allerhand
-Kunststückchen abgerichtet worden
-sei, so ließen sie ihm diese seine
-Freude und erfreuten sich selber daran,
-und wiederholt sagte der Bauer zu allen,
-die sich darüber aufhielten:</p>
-
-<p>„Wir wollen fröhlich miteinander
-unser schweres Tagwerk vollbringen
-und unseren Vater preisen, der mit uns
-ist!”</p>
-
-<p>Und Riesele war voll der Lieder seines
-Freundes Cornel und trug sie mit
-sich durch sein arbeitsreiches Leben wie<span class="pagenum"><a name="Seite_316" id="Seite_316">[S. 316]</a></span>
-die Lieder der Lerchen, die aus dem
-Himmelsblau über es herabfielen, wie
-die Lieder der Blumen, die allhin läuteten,
-der Wälder, der Winde, der
-Wolken, und seine unentwegte Fröhlichkeit
-verschenkte Feiertag und Glück,
-wohin es auch kam, denn es war ja selber
-ein Lied draußen in dem großen
-Jubelruf der Natur.</p>
-
-<hr class="tb" />
-
-<p>Die Geschichte ist aus. Der Erzähler
-sah das Riesele zum erstenmal, als er
-am ersten Ferientag, noch voll vom
-Staub der Stadt, mit seiner Frau und
-seinen Kindern hinter den Bergen aus
-dem Bahnhof trat. Inmitten einer großen
-Menschenmenge schwang sich just
-im selben Augenblick eine buntgekleidete
-Dame in kurzem weitfaltigem Röckchen
-auf einen Schimmel, der im Kreise raste,
-und blieb aufrecht stehen und hielt einen
-Reif über sich und hoppste auf dem<span class="pagenum"><a name="Seite_317" id="Seite_317">[S. 317]</a></span>
-breiten Pferderücken von einem Fuße
-auf den andern.</p>
-
-<p>Seine Buben aber sahen zuerst das
-schwarze Gäulchen seitab stehen und
-rannten zu ihm hin und streichelten es.</p>
-
-<p>Und auf einmal beginnt die kleine
-Gesellschaft zu rennen, und das Gäulchen
-schießt wie toll mitten in die Menge
-hinein, daß alles vor solcher Wut
-auseinanderstiebt und Platz macht. Der
-Erzähler dachte, seine Buben hätten
-das Tierchen etwa gefoppt, aber das
-war nicht so. Er hört, wie die bunte
-Dame einen Schrei ausstößt, herzzerreißend
-schier, wie Frauen ja schreien
-können, sieht sie vom Schimmel hüpfen,
-sieht sie auf das Räppchen losstürmen
-und sieht sie umarmen und küssen und
-immer wieder küssen.</p>
-
-<p>„Dauphin, Dauphin!” ruft sie, breitet
-die Arme weit aus, spreizt die Finger
-und schreit:</p>
-
-<p>„Da guck, mein Schatz, Granaten
-hab' ich gedreht, Granaten! Und du?”</p>
-
-<p><span class="pagenum"><a name="Seite_318" id="Seite_318">[S. 318]</a></span>
-
-Die Leute sind bestürzt und kommen
-näher hinzu zu diesem seltsamen Wiedersehen,
-das sie sich alle nicht erklären
-können. Die Dame aber verlor sich in
-ihrer Freude oder in ihrem Schmerz
-gänzlich und sagte, ohne sich um die
-Menschen zu kümmern:</p>
-
-<p>„Mein Bräutigam, Dauphinettele,
-weißt du, mein König, dein König, er
-ist der einzige König, der gefallen ist!”</p>
-
-<p>Man schwieg ringsum; man sah bestürzt
-zu der so fröhlich gekleideten Frau
-und schwieg irgendwie gerührt. Die
-Frau aber nahm das Gäulchen von
-seinem Wagen weg, band ihm ein Seil
-ans Halfter, und siehe da: sogleich beginnt
-dies, wie wenn's gar nicht anders
-sein könnte, im Kreise zu trippeln und
-nickt mit dem Kopf und niest vor Freude.
-Die Umstehenden, die das Räppchen
-kannten, jubelten ihm zu, und ein Bursche,
-dem es offenbar gehörte, kam aus
-dem Bahnhof gerannt mit einer schweren
-Rolle Stacheldraht auf den Schultern,<span class="pagenum"><a name="Seite_319" id="Seite_319">[S. 319]</a></span>
-ließ den Draht fallen und trat zur
-Dame in den Kreis, um auch dabei zu
-sein.</p>
-
-<p>„Komm her, mein Schatz!” befahl
-die Dame, und sogleich kam das Tierchen
-zu ihr und scharrte auch schon mit
-dem linken Vorderhuf.</p>
-
-<p>„<span class="antiqua">À genoux!</span>” schrie sie nun, aber sie
-schrie es nicht zum zweitenmal, denn sie
-küßte das Kerlchen schon wieder auf
-seine weiße Blesse und sagte dann zu
-ihm und zu dem Bauernburschen:</p>
-
-<p>„Geh heim in deinen Sonnenschein,
-Sonnenschein du! Nimm mich mit,
-nimm mich mit!”</p>
-
-<p>Es geschah, daß der Erzähler und
-seine Familie, die Buben links und rechts
-beim kleinen Gaul, mit dem Bauernburschen
-und mit der bunten Dame gemeinschaftlich
-den Berg hinanschritten,
-und daß er mit seiner Familie in den
-Stall zum Bauern Klaus kam und daselbst
-ganz oben im Dachstübchen Wohnung
-nahm bis zum letzten Ferientag.<span class="pagenum"><a name="Seite_320" id="Seite_320">[S. 320]</a></span>
-Die Dame hatte es nicht so gut und
-mußte schon am nächsten Tag mit ihrer
-Seiltänzertruppe weiterziehn!</p>
-
-<p>Riesele schloß rasch Freundschaft mit
-den beiden Buben und machte sie dem
-Fräulein Trudel, dem Herrn Gustav,
-dem Herrn August, sowie allen Dorfkindern
-ebenso rasch zu Freunden, aber
-auch allen Erwachsenen und allen Tieren
-und dem Wald, den Wiesen, dem
-rauhen Bergwind und der lieben Frau
-Sonne.</p>
-
-<p>Als der Großbauer Michael seine
-riesigen Erbsenfelder einerntete, stand
-das ganze Dorf auf den Aeckern, Buben
-und Mädchen, Männer und Frauen
-kunterbunt durcheinander, weithin in
-langen Reihen aufgelöst, und auch der
-Erzähler befehligte eine Rotte und
-führte sein Büchlein zwischen den
-Knöpfen des Rockes gleich dem Herrn
-Lehrer und gleich dem Herrn Pastor
-und gleich Cornel, dem geliebten Sauhirten.
-Hättet sehen sollen, wie hochbeladen<span class="pagenum"><a name="Seite_321" id="Seite_321">[S. 321]</a></span>
-das Riesele die Maschensäcke auf
-seinem Wägelchen liegen hatte! Hättet
-sehen sollen, wie die Stadtbuben Friedemann
-und Klaus im Schweiß ihres
-Angesichtes mit diesem Fuhrwerk unausgesetzt
-an den Bahnhof eilten und
-wieder kamen und aufluden!</p>
-
-<p>Ach Gott, als die Ferien zu Ende
-waren, wollte der kleine Klaus das
-Riesele mitnehmen in die graue Stadt!</p>
-
-<p>Der Erzähler aber, der Vater, anstatt
-das Riesele zu kaufen, setzte sich, wenn
-er müd vom Dienst war, des Abends
-hin und schrieb für seine Buben die
-Geschichte ausführlich nieder, freilich
-auch für andere Buben und für andere
-Leute, und im nächsten Jahr, wenn die
-Ferien beginnen, wird er, wenn's möglich
-ist, wieder zum Bauern Klaus hinter
-die Berge gehen, dessen Brot zu genießen,
-dessen Arbeit zu teilen, dessen
-Sonne einzuheimsen und manch wackeres
-Wort.</p>
-
-<hr class="chap" />
-
-<p class="pagebreak"><span class="pagenum"><a name="Seite_323" id="Seite_323">[S. 323]</a></span></p>
-
-
-
-
-<h2 title="Werbung">Nikolaus Schwarzkopf</h2>
-
-<p class="center big160">Maria vom Rheine</p>
-
-<p class="center big120">Erzählung</p>
-
-<p><em class="gesperrt">Wilhelm Schäfer</em> schreibt in den „Rheinlanden”: Ich
-preise dieses Buch als eine seltene Dichtung. Wenn einmal
-die Literaturgeschichte den Mut finden wird, auch
-in unserer grauenvollen Zeit nach Blüten zu suchen,
-wird diese Erzählung sicherlich einen der reizvollsten
-Funde darstellen. Ich muß gestehen, ein paarmal dachte
-ich an den herrlichen „Taugenichts” von Eichendorff, so
-bilderbunt und romantisch läuft diese Erzählung dahin,
-die von einem Steinbild an einer rheinischen Kirche ins
-Mittelalter abschwenkt, um mit dem Schicksal des Steinbildes
-wieder in der Gegenwart zu schließen.</p>
-
-<p><em class="gesperrt">Hans Benzmann</em> in „Das neue Deutschland”: Es
-gibt Dichtungen, die so fein sind, die so in allem den
-Leser und seine Seele hinnehmen, ihn so im tiefsten beglücken,
-daß er nichts anderes über sie sagen mag: Lest
-alle sie, sie waren mir ein Erlebnis und schenkten mir
-ein vollkommenes Selbstvergessen, sie werden euch wie
-mir unvergeßlich sein.</p>
-
-
-<p class="center big120">Georg Müller Verlag München</p>
-
-<hr class="chap" />
-
-<p class="pagebreak"><span class="pagenum"><a name="Seite_324" id="Seite_324">[S. 324]</a></span></p>
-
-
-
-
-<p class="center big140">Nikolaus Schwarzkopf</p>
-
-<p class="center big160">Mathias Grünewald</p>
-
-<p class="center big120">Ein Büchlein für Kinder Gottes</p>
-
-<p>Wie der Untertitel sagt: Kein Buch der Kunstwissenschaft
-oder der Kunstgeschichte, kein
-„gelehrtes Buch”, kein Buch für den „Kunstkenner”!
-Ein Buch vom Menschen und für
-den Menschen, ein Buch von der Seele, ein
-Buch der tiefinnersten Dinge, der positiven,
-gottfröhlichen Kindschaft, jenseits aller Konfessionalität.
-Wer dieses Büchlein gelesen hat,
-wer den Ueberschwang der göttlichen Malerseele
-des Meisters Mathias in sich verspürt,
-nachgefühlt, wer sich warm gelesen an diesen
-Flammenzeichen der einfachsten Gottesnähe in
-uns, tief in uns, dem wird der Meister und
-alle Kunst schlechthin ein neues Zeichen sein,
-die Schuhe zu lösen an diesem heiligen Ort.
-Der wird seiner Seele leichter folgen können,
-wenn sie zurückstrebt ins gelobte Land der
-Gotteskindschaft und Gottesnähe.</p>
-
-
-<p class="center big120">Georg Müller Verlag München</p>
-
-
-<p class="center">Druck von Mänicke und Jahn in Rudolstadt</p>
-
-
-
-
-<div class="transnote pagebreak">
-<h2>Anmerkungen zur Transkription</h2>
-
-Inkonsistenzen wurden beibehalten, wenn beide Schreibweisen
-gebräuchlich waren, wie:
-
-<ul class="index">
-<li>allzusehr &mdash; allzu sehr</li>
-<li>anderen &mdash; andern</li>
-<li>ging's &mdash; gings</li>
-<li>indes &mdash; indeß</li>
-<li>soll's &mdash; solls</li>
-<li>trottelt &mdash; trottet</li>
-<li>über'n &mdash; übern</li>
-<li>Weideplatz &mdash; Weidplatz</li>
-</ul>
-
-Interpunktion wurde ohne Erwähnung korrigiert.
-Im Text wurden folgende Änderungen vorgenommen:
-
-<ul class="index">
-<li>S. 7 „tiefgeleisigen” in „tiefgleisigen” geändert.</li>
-<li>S. 15 „mirs” in „mir's” geändert.</li>
-<li>S. 36 „wirs” in „wir's” geändert.</li>
-<li>S. 37 „allmorgentlich” in „allmorgendlich” geändert.</li>
-<li>S. 77 „im Schweiße ihres Ansichtes” in „im Schweiße ihres Angesichtes” geändert.</li>
-<li>S. 80 „neben aus dem Maul” in „eben aus dem Maul” geändert.</li>
-<li>S. 99 „allmorgentlich” in „allmorgendlich” geändert.</li>
-<li>S. 123 „wenns” in „wenn's” geändert.</li>
-<li>S. 138 „Henst” in „Hengst” geändert.</li>
-<li>S. 153 „auf den Kien” in „auf den Knien” geändert.</li>
-<li>S. 171 „allmorgentlichen” in „allmorgendlichen” geändert.</li>
-<li>S. 182 „hintenher” in „hinterher” geändert.</li>
-<li>S. 233 „nießen, nießte” in „niesen, nieste” geändert.</li>
-<li>S. 240 „nießen” in „niesen” geändert.</li>
-<li>S. 291 „aufgeschurft” in „aufgeschürft” geändert.</li>
-<li>mehrfach „A genoux” in „À genoux” geändert.</li>
-</ul>
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-End of the Project Gutenberg EBook of Riesele, by Nikolaus Schwarzkopf
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-*** END OF THIS PROJECT GUTENBERG EBOOK RIESELE ***
-
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