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-Project Gutenberg's Hier Zensur - wer dort?, by Heinrich Hubert Houben
-
-This eBook is for the use of anyone anywhere in the United States and most
-other parts of the world at no cost and with almost no restrictions
-whatsoever. You may copy it, give it away or re-use it under the terms of
-the Project Gutenberg License included with this eBook or online at
-www.gutenberg.org. If you are not located in the United States, you'll have
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-
-Title: Hier Zensur - wer dort?
- Antworten von gestern auf Fragen von heute
-
-Author: Heinrich Hubert Houben
-
-Illustrator: Thomas Theodor Heine
-
-Release Date: November 13, 2020 [EBook #63744]
-
-Language: German
-
-Character set encoding: UTF-8
-
-*** START OF THIS PROJECT GUTENBERG EBOOK HIER ZENSUR - WER DORT? ***
-
-
-
-
-Produced by The Online Distributed Proofreading Team at
-https://www.pgdp.net
-
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- Anmerkungen zur Transkription
-
-
- Das Original ist in Fraktur gesetzt. Im Original gesperrter Text
- ist _so ausgezeichnet_. Im Original in Antiqua gesetzter Text ist
- ~so markiert~. Im Original fetter Text ist =so dargestellt=. Die
- Auszeichnung ^{en} bezeichnet hochgestellten Text.
-
- Weitere Anmerkungen zur Transkription befinden sich am Ende des
- Buches.
-
-
-
-
- H. H. Houben
-
- Hier Zensur -- wer dort?
-
- Antworten von gestern
- auf Fragen von heute
-
- Mit Umschlagbild von
-
- Th. Th. Heine
-
- [Illustration]
-
- Leipzig · F. A. Brockhaus · 1918
-
- [Illustration]
-
-
-
-
-Dieses Büchlein ist ein Auszug aus einem gleichnamigen größeren Werk,
-das später im selben Verlag erscheinen wird.
-
-Als _Fortsetzung_ folgt ein ebenfalls in sich abgeschlossenes
-Bändchen von gleichem Umfang und gleichem Preis unter dem Titel:
-»=Biedermaier-Zensur=«, das folgende Kapitel enthalten wird:
-
-1. Friedenshoffnungen und -enttäuschungen. 2. Metternich »karlsbadert«.
-3. Friedrich von Gentz als Zensor. Eine Komödie in 1 Vorspiel
-und 5 Akten. 4. »Es soll der Sänger mit dem König gehn.« 5. Der
-Musterstaat Preußen. 6. Aus den Memoiren eines Berliner Zensors. 7.
-Redaktionsgeheimnisse. 8. Zensurstriche und -streiche. 9. Biedermaier
-vor und hinter den Kulissen. 10. Franz Grillparzer -- ein besonderes
-Kapitel.
-
-
-Copyright 1918 by F. A. Brockhaus, Leipzig.
-
-
-
-
-Vorwort.
-
-
-Der Kampf der Literatur mit der Zensur, wie sie ehemals in
-deutschen Landen betrieben wurde, ist der ewige Widerstreit zweier
-Weltanschauungen, der Kampf des Lichtes gegen die Finsternis, der
-Aufklärung gegen den Obskurantismus. Der unselige Krieg, der in der
-ganzen »Kulturwelt« soviel längst überwundenes Menschliche, allzu
-Menschliche wieder lebendig machte, hat auch diesen uralten Zwist aufs
-neue entfesselt. »_Hier Zensur!_« ertönt's heute allüberall, wo ein
-neues Werk der Literatur -- oder auch nur der Druckerpresse -- zum
-Lichte drängt, im Vaterland, in Feindesland und in Neutralien. Mit
-allgemeinen Redensarten für oder wider ist da nichts geholfen. Die
-unbestechlichen Tatsachen haben diesen Kampf zu entscheiden, in dem
-Fürsten und Völker, die Götter, Helden und Don Quichotes unserer Kultur
-eine merkwürdig wechselnde Rolle als Sieger und Besiegte spielen.
-
-»_Wer dort?_« Wer sind diese Leute, die vor dem Richterstuhl
-des Zensors als Angeklagte zu stehen pflegten, und was waren
-ihre Verbrechen? Diese Frage soll mein Büchlein beantworten. Die
-»gute, alte Zeit« hängt es in farbenlustigen Miniaturbildern und
-ernsthaft-schwarzen Schattenrissen an die Wand. Da purzelt höfische
-und militärische, politische, religiöse und moralische Zensur nur
-so übereinander. Ehrlichen Gewissenskonflikt höhnt herausfordernder
-Übermut, das Recht des Staates, der Allgemeinheit, und das der
-Persönlichkeit übertrumpfen einander in Gewalttaten oder diplomatischen
-Listen, stolze Gelassenheit triumphiert über stichflammende
-Leidenschaft, und diese Hahnenkämpfe auf Leben und Tod werden anmutig
-unterbrochen durch kurieuse Begebenheiten, groteske Saltomortales und
-unfreiwillige Humore verblüffendster Art. Zuletzt kommt dann immer das
-große Messer und befördert alle die geschwollenen Kämme in den großen
-Kochtopf der Geschichte.
-
-Vielleicht daß ein Blick in das, was _gestern_ war, uns stärkt, im
-_Heute_ durchzuhalten. Daher der Untertitel meines Buches: »_Antworten
-von gestern auf Fragen von heute_.«
-
- Prof. ~Dr.~ _H. H. Houben_.
-
- _Leipzig_,
- zu Anfang des fünften Weltkriegsjahres.
-
-
-
-
-Inhalt.
-
-
- Seite
-
- 1. Friedrichs des Großen königliche Freiheit 5
-
- 2. Kaiser Josephs II. Zensurreform 30
-
- 3. Des gottseligen Herrn Ministers von Wöllner
- Blumen-, Frucht- und Dornenstücke 47
-
- 4. An der Wiege des Theaterzensors 84
-
- 5. Die Furcht vor der Revolution 101
-
- 6. Der Kampf gegen die Klassiker 118
-
- 7. Kleine Kulissengeheimnisse der Theaterzensur 135
-
- 8. Im Banne Napoleons 143
-
- 9. Ein Opfer der Zensur 165
-
- 10. Bürokratie und Militarismus 178
-
- Nachweis der wichtigsten Quellenschriften 208
-
-
-
-
-1. Friedrichs des Großen königliche Freiheit.
-
- »Die Religionen Musen alle Tolleriret werden und Mus
- der Fiskal nuhr das auge darauf haben das Keine der
- andern abruch Tuhe, den hier mus jeder nach Seiner
- Fasson Selich werden.«
-
- Erlaß Friedrichs II. vom 23. Juli 1740.
-
-
-Vom Ursprung der Zensur.
-
-Die Zensur, die Prüfung von Druckschriften _vor_ ihrem Erscheinen im
-Buchhandel, ist eine Erfindung der geistlichen Machthaber zu Ende des
-15. Jahrhunderts. Die Buchdruckerkunst hatte dem geknechteten Gedanken
-befreiende Flügel verliehen. Nachträgliche Verbote schon gedruckter
-und verbreiteter Bücher konnten deren Wirkung nicht mehr ersticken;
-also mußte man die Quellen selbst zu erfassen und einzudämmen suchen,
-ehe sie erquickend und befruchtend -- nach Ansicht der geistlichen
-Kulturträger vergiftend und verheerend -- ins Freie hinaussprudelten.
-
-Dem Kurfürsten Berthold von Mainz gebührt der zweifelhafte Ruhm, 1486
-in seinem Sprengel die erste Zensurbehörde eingerichtet zu haben;
-Exkommunikation und schwere Geldstrafe bedrohten jeden, der ein Buch
-druckte oder auch nur las, dem die geistliche Behörde nicht ihre
-Genehmigung (~Imprimatur~, d. h. es werde gedruckt) gegeben hatte, und
-die Päpste beeilten sich, diese nützliche Einrichtung durch Erlasse
-und Konzilienbeschlüsse in der ganzen katholischen Christenheit
-zur Geltung zu bringen. Papst Leo X., der die Kosten zum Bau der
-Peterskirche durch den Handel mit Ablaßzetteln bestritt und dadurch
-den Anstoß zur Reformation gab, erließ noch 1515 ein allgemeines
-Zensuredikt, zwei Jahre bevor Luther seine Thesen an die Schloßkirche
-zu Wittenberg heftete, und in dem damit ausbrechenden, Jahrhunderte
-dauernden Kulturkampf war die Zensur, die Unterdrückung aller
-ketzerischen Schriften und die Verfolgung ihrer Verfasser und Drucker,
-eine der wirksamsten und immer rücksichtsloser gehandhabten Waffen der
-klerikalen Heerscharen, ihrer geistlichen und weltlichen Bannerträger.
-
-
-Politische Zensur.
-
-Allmählich wucherte die Zensur auch auf das politische Gebiet hinüber.
-In Brandenburg-Preußen führte der Große Kurfürst sie 1654 ein; sie
-richtete sich aber zunächst nur gegen theologische Schriften. Der erste
-Preußenkönig, Friedrich I. (1701--1713), dehnte sie 1703, während des
-spanischen Erbfolgekrieges, auf politische Bücher aus, »so den Statum
-publicum und die in Krieg verwickelten Potentaten betreffen«. Die
-politische Zensur darf daher als eine Begleiterscheinung kriegerischer
-Verwicklungen bezeichnet werden. Preußische Zeitungen wurden schon im
-17. Jahrhundert durch besondere Zensoren beaufsichtigt.
-
-1708 ernannte Friedrich I. die Berliner Sozietät der Wissenschaften,
-die Vorläuferin der Akademie, zur obersten brandenburgischen
-Zensurbehörde. Sie hatte alle »politischen und die Zeit-Geschichte
-enthaltenden alß gelahrten zur Literatur und Scientien gehörigen
-Schriften« zu prüfen und alles zu verbieten, »worin der Ehre Gottes
-und der Würdigkeit der christlichen Religion zu nahe getretten
-und dieselben einigermaßen verletzet« wurden und was »wider die
-gesunde Moral oder auch ärgerliche und der christlichen Ehrbarkeit
-zuwiderlauffende Dinge« enthielt; ebenso alles, worin »von der
-Regierung oder hohen Obrigkeit insgemein verächtlich und verfänglich
-geredet, oder in Absicht auf dieselbe gefährliche Principia insinuiret
-oder zur Unruhe und Zerrüttungen in geist- und weltlichen Stande
-abziehlende Sätze eingestreuet« waren oder wodurch der Respekt gegen
-die »höchsten Häubter«, die Ehre und das Interesse des Königs, seines
-Hauses oder seiner zufälligen Verbündeten verletzt wurde.
-
-Von einer einheitlichen Gesetzgebung für alle brandenburg-preußischen
-Staaten war man aber noch weit entfernt. Für das Herzogtum Magdeburg
-z. B. besaß die Universität Halle seit 1697 die Zensurhoheit, und
-mehrfache Versuche, die damit verbundenen beträchtlichen Einkünfte der
-Berliner Akademie zuzuwenden, stießen auf heftigen und erfolgreichen
-Widerstand der Hallenser Professoren. Auch ihre eigene Zensurfreiheit
-wollten sie sich nicht nehmen lassen. Da aber die politischen
-Schriften, die von der Universität ausgingen, den Fürsten allmählich
-unbequem zu werden begannen, wurde 1720 ihre Druckfreiheit in einem
-Punkte beschränkt: das Rechtsverhältnis zwischen dem Kaiser und den
-Reichsständen durfte in Universitätsschriften, Doktordissertationen
-usw., überhaupt nicht mehr erörtert, höchstens berichtweise dargelegt
-werden. Um dieselbe Zeit verbot Friedrich Wilhelm I. einem Kriegsrat
-von Happe in Halle, jemals wieder Bücher drucken zu lassen, mit den
-freundlichen Worten: »Werdet ihr es euch dennoch unterstehn, wil ich
-euch aufhengen und eure Schriften durch den Büttel verbrennen lassen«.
-
-Genau so wie die geistlichen Fürsten hatten auch die weltlichen es
-bald gelernt, sich der gefährlichen Erörterung ihrer Rechte durch
-Zensurverbote zu entledigen.
-
-
-Das tapfere Generaldirektorium.
-
-Bald genügten die bisherigen Verordnungen über politische und religiöse
-Schriften nicht mehr. Von 1716 bis 1731 wurden in Preußen nur neun
-Bücher verboten. Vom kaiserlichen Hof in Wien und besonders von Rußland
-liefen Beschwerden ein, und am 20. September 1732 befahl Friedrich
-Wilhelm, daß alle Schriften, »in welchen Unser und Unserer hohen
-Alliirten Interesse versiren möchte«, nicht nur »durch verordnete
-tüchtige Censores approbiret«, sondern außerdem noch, nebst dem Urteil
-des Zensors, dem Kabinettsministerium in Berlin eingesandt werden
-sollten.
-
-Gegen gotteslästerliche Schriften war der fromme König besonders
-empfindlich. Als im Jahre 1737 eine anonyme satirische Komödie
-der Frau Gottsched, »Die Pietisterey im Fischbein-Rocke«, seinen
-heftigsten Unwillen erregte, entwarf der Minister von Cocceji ein
-erstes allgemeines Zensuredikt. Eine Verordnung des Königs vom 19.
-März bestimmte ferner, daß im Berliner Packhof von auswärts ankommende
-Bücher nicht eher ausgeliefert werden dürften, bis der Generalfiskal
-ein Verzeichnis davon erhalten und die Einfuhr genehmigt habe.
-
-Dieser damals in Österreich schon längst üblichen Ausdehnung der Zensur
-auf alle im Lande gedruckten oder von auswärts eingeführten Schriften
-widersetzte sich aber das Generaldirektorium, die damalige preußische
-Verwaltungsbehörde, so nachdrücklich, daß Coccejis Zensuredikt,
-obgleich es schon gedruckt war, zurückgezogen und die Verfügung des
-Königs auf theologische Schriften beschränkt wurde. »Das Bücherwesen«,
-erklärte das Generaldirektorium, »hat seit der Reformation in ganz
-Deutschland, nicht weniger in allen civilisirten Landen freien Lauf
-gehabt, wodurch die Gelehrsamkeit zu sehr hohem Grade gestiegen ist,
-in welchem wir sie heut zu Tage sehen. Wollte nun diese Freiheit durch
-dergleichen Ordre in Ihro Majestät Landen eingeschränkt werden, so
-würden die Gelehrten hiedurch nicht allein sehr niedergeschlagen, und
-der Buchhandel gänzlich zu Grunde gerichtet werden, sondern auch die
-Barbarei und Unwissenheit, welche Ihro Majestät glorwürdigste Vorfahren
-mit so vieler Mühe und Kosten vertrieben, auf's Neue, zum größten
-Praejudiz der gegenwärtigen und zukünftigen Zeit überhand nehmen.«
-
-
-»Gazetten dürfen nicht geniret werden.«
-
-Dies vielzitierte Wort Friedrichs des Großen, der am 31. Mai 1740 seine
-Regierung antrat, findet sich in einem Schreiben des Kabinettsministers
-Grafen Podewils vom 5. Juni 1740 an den Kriegsminister, das lautete:
-
-»Sr. Königl. Mayestät haben mir nach auffgehobener Taffel allergnädigst
-befohlen des Königl. Etats undt Krieges Ministri H. von Thulemeier
-Excellenz in höchst Deroselben Nahmen zu eröffnen, daß dem hiesigen
-Berlinschen Zeitungs Schreiber eine unumbschränckte Freyheit gelaßen
-werden soll in dem articul von Berlin von demjenigen was anizo
-hieselbst vorgehet zu schreiben was er will, ohne daß solches censiret
-werden soll, weil, wie höchst Deroselben Worthe waren, ein solches
-Dieselbe divertiren, dagegen aber auch so denn frembde Ministri sich
-nicht würden beschweren können, wenn in den hiesigen Zeitungen hin
-undt wieder Passagen anzutreffen, so ihnen misfallen könten. Ich nahm
-mir zwar die Freyheit darauff zu regeriren, daß der Rußische Hoff über
-dieses Sujet sehr pointilleux wäre, Sr. Königl. Mayestät erwiederten
-aber daß Gazetten wenn sie interessant seyn solten nicht geniret werden
-müsten; welches Sr. Königl. Mayestät allergnädigsten Befehl zu folge
-hiedurch gehorsahmst melden sollen.«
-
-Gegen diese Liberalität des neuen Herrn hatte Herr von Podewils selbst
-gewichtige Bedenken, und auch der Kriegsminister von Thulemeyer,
-der damalige Chef der Zeitungszensur, machte dazu die vorsichtige
-Randbemerkung: »Wegen des articuls von Berlin ist dieses indistincte zu
-observiren wegen auswärtiger Puissancen aber ~cum grano salis~ und mit
-guter Behuetsamkeit.«
-
-
-Ein zweifelhafter Fortschritt.
-
-Unter »Zeitungen« verstand König Friedrich nichts anderes als die
-einzelnen Nummern der seit 1721 dreimal wöchentlich erscheinenden
-»Berlinischen Privilegirten (später Vossischen) Zeitung«, der einzigen,
-die damals in Berlin bestand. Die ihr jetzt gewährte Zensurfreiheit
-bezog sich aber durchaus nur auf den lokalen Teil. Das war immerhin
-ein Fortschritt, denn nun durfte sich der Berichterstatter doch wieder
-getrauen, Nachrichten über das Leben am königlichen Hofe zu bringen,
-was Friedrichs Vorgänger sich stets sehr ungnädig verbeten hatte, so
-daß die Zeitungsleser über ausländische Potentaten stets weit mehr
-erfuhren denn über ihren eigenen Herrn.
-
-Andererseits war der russische Gesandte über alles, was die Zeitung
-von Rußland erzählte, stets »ungemein sensibel«, so daß schon
-Friedrich Wilhelm I. 1724 dem Verleger Rüdiger befohlen hatte, keine
-noch so unbedeutende selbständige Nachricht über das Zarenreich mehr
-zu bringen; nur was der russische Gesandte selbst einsandte, durfte
-gedruckt werden. Gab man nun, so meinte der junge König, den eigenen
-Hof den Lokalreportern preis, so konnte sich auch der russische nicht
-mehr beklagen.
-
-Im übrigen stand die Zeitung nach wie vor unter Zensur, die nach dem
-Tode Thulemeyers der Kriegsrat von Ilgen übernahm, und bald zeigte
-sich, daß es auch mit der »unumbschränkten Freiheit« des lokalen Teils
-nicht weit her war. Schon im September wurde die Zeitung strenge
-ermahnt, die ihr »erlaubete Freyheit mit mehrer Ueberlegung und
-Behutsamkeit zu gebrauchen ... wiedrigen Falls nachdrückliche Ahntung
-zu gewärtigen« sei. Der Zensor von Ilgen hielt sich zwar an des Königs
-Befehl und strich im lokalen Teil nichts, aber die nachträgliche
-»Ahntung« konnte weit unangenehmer werden als die strengste Zensur,
-die den Verleger wenigstens von der Verantwortlichkeit für die
-zensierten Artikel befreite. Weder der König noch die Minister oder
-das Generaldirektorium waren an Öffentlichkeit der politischen
-Vorgänge oder auch nur der staatlichen Personalien gewöhnt, und als
-schon im Dezember 1740 der erste Schlesische Krieg begann, wurde
-die Zeitungsredaktion sehr bald aus dem Traume ihrer vermeintlichen
-Zensurfreiheit aufgerüttelt. Über die wichtigsten Tagesvorgänge in
-Schlesien usw. durfte sie nichts bringen ohne den ausdrücklichen
-Auftrag des Etatsministers.
-
-
-Mit königlicher Freiheit.
-
-Nicht viel bessere Erfahrungen machte der Verleger Ambrosius Haude, der
-vom 30. Juni 1740 an in den »Berlinischen Nachrichten von Staats- und
-gelehrten Sachen« (der späteren »Spenerschen Zeitung«) der »Vossischen«
-eine gefährliche Konkurrenz entgegenstellte.
-
-Haude war ein literarischer Vertrauensmann des jungen Fürsten. Als
-der strenge Vater die Bibliothek des Sohnes in einem Tapetenschrank
-entdeckte und verkaufen ließ, hatte Haude sie erstanden und in einem
-Hinterzimmer seines Buchladens aufgestellt, wo nun der Kronprinz
-verbotener Lektüre in Ruhe frönen konnte. Der Lohn dafür war jetzt
-ein Privileg zur Herausgabe einer deutschen und einer französischen
-Zeitung; die letztere, das »~Journal de Berlin~«, bestand nur ein Jahr.
-
-Zunächst erfreute sich Haude tatsächlich völliger Zensurfreiheit. Da
-niemand wußte, wieweit das ihm vom König gewährte Privileg ging, wagte
-man sich an ihn nicht heran. Als aber im Dezember 1740 die Kriegszensur
-einsetzte und der Verleger der »Vossischen« sich beschwerte, daß der
-Zensor ihm Artikel streiche, die in dem Konkurrenzblatt ungehindert
-erschienen, fragte man Haude nach seiner Konzession, und da er nichts
-Schriftliches vorweisen konnte, wurde ihm am 31. Dezember befohlen, in
-seinen beiden Blättern »von Seiner Königl^{en} Mt. höchsten affairen
-und Angelegenheiten, von nun-an, weiter nicht das geringste, es habe
-Nahmen wie es immer wolle«, ohne Zensur zu drucken.
-
-Mit der »unumbschränkten Freiheit« auch nur des lokalen Teils der
-Berliner Zeitungen war es also schon im Dezember 1740 gründlich vorbei.
-Haude sperrte sich zwar noch eine Weile, aber als man ihm mit Verlust
-seines Privilegs drohte, blieb ihm nichts übrig, als sich der Zensur
-Ilgens zu unterwerfen.
-
-Schon am 9. Juli 1743 machte dann der König selbst diesem unklaren
-Zustand ein Ende, indem er die drei Jahre zuvor verliehene
-Zensurfreiheit zurücknahm und die Gazetten nicht eher mehr zum Druck
-zu geben befahl, »bis selbige vorher durch einen vernünftigen Mann
-censiret und approbiret worden seynd«.
-
-Kriegsrat von Ilgen übte also die Zensur weiter, bis er 1750 wegen
-mangelnder Aufmerksamkeit seines Amtes entsetzt und durch einen
-strengeren Herrn, den Geh. Rat Vockerodt, abgelöst wurde.
-
-Bis Ende 1742 hatte die »Spenersche Zeitung« den Wahlspruch »Wahrheit
-und Freiheit« geführt, von Beginn des folgenden Jahres ab erschien sie
-nur noch »Mit königlicher Freiheit«. Das sollte jedenfalls heißen »mit
-königlichem Privilegium«, klang aber jetzt wie Ironie.
-
-
-Die Berliner Zeitungen unter Friedrich II.
-
-Man darf es nicht allzu tragisch nehmen, daß Friedrich der Große mit
-der Tagespresse genau so willkürlich umsprang wie nur irgendein Despot.
-Die damaligen Zeitungen waren nichts weiter als Nachrichtenblätter
-und strebten noch kaum danach, sich aus dieser Niederung zu erheben.
-Die Geheimdiplomatie war noch die alleinige Lenkerin der Staaten, und
-bei den häufigen kriegerischen Verwicklungen war es eine Vorbedingung
-des Sieges, die Karten verdeckt zu halten. Die Berichte der Berliner
-Zeitungen über die beiden ersten Schlesischen Kriege stammten fast
-nur aus dem Hauptquartier, besonders die »Schreiben eines Preußischen
-Offiziers«; meist hatte der König selbst sie verfaßt oder wenigstens
-durchgesehen. Durch diese königliche Berichterstattung wurden die
-Berliner Zeitungen zum erstenmal wichtige Quellen für die gesamte
-europäische Presse. Was Friedrichs nächsten Zwecken widersprach oder
-seine Pläne verraten konnte, wurde nach dem Gebot der Kriegszensur
-unnachsichtig unterdrückt. Man fahndete auf die Verbreiter falscher und
-flauer Kriegsgerüchte, und fremde Zeitungen, die mit Tatarennachrichten
-die Stimmung verdarben, wurden verboten.
-
-Im übrigen wurden noch keine Partei- und Überzeugungskämpfe in den
-Berliner Zeitungen ausgefochten. Der Verleger Haude hatte in seinem
-Blatte zuerst den Artikel »Von gelehrten Sachen« eingerichtet; die
-»Vossische« begann erst 1748 diesem Vorbild zögernd zu folgen,
-übertrumpfte dann aber die Konkurrentin bald dadurch, daß sie 1749
-Lessing als Mitarbeiter gewann; eine nur kurze Episode, die aber den
-Beginn der schöpferischen literarischen Kritik in Berlin nicht nur,
-sondern in der deutschen Literatur überhaupt bedeutete.
-
-Im Jahre 1744 beschwerte sich Haude einmal, daß der Kriegsrat von
-Ilgen ihm jede tadelnde Kritik eines Buches verbiete, wodurch sich das
-Feuilleton seines Blattes lächerlich machen müsse, und es scheint, daß
-der König den Eifer des Zensors ein wenig gedämpft hat. Von sonstigen
-Zensurgefechten der Zeitungsschreiber in den vierziger Jahren melden
-die Akten aber nichts, woraus sich von selbst ergibt, daß sich das
-Fähnlein der damaligen Journalisten nicht sonderlich herausfordernd,
-angriffslustig und neuerungssüchtig erwiesen hat.
-
-Auch das Feuilleton der damaligen Berliner Blätter bot nur einen
-kümmerlich matten Abglanz vom Geist der Zeit, der sich dagegen in
-der Buchliteratur und den schon ziemlich zahlreichen Wochen- und
-Monatsschriften seinem innersten Wesen nach offenbarte.
-
-
-Das Zeitalter der Aufklärung.
-
-Das Jahrhundert Friedrichs des Großen nennt sich das der Aufklärung.
-Nicht als ob der preußische König diesen Stempel seiner Zeit gewaltsam
-aufgedrückt hätte. Ihr Gepräge schuf sich, unabhängig von ihm, aus der
-geistigen Kraft der Nation. Ihm gebührt aber das Verdienst, dieser
-kulturellen Flut keinen Damm entgegengesetzt, sondern ihr freien Lauf
-gelassen zu haben.
-
-Das Wesen der Aufklärung liegt in ihrem Kampf um Gott. Es wurzelte
-in religionsphilosophischen Problemen und griff erst allmählich auch
-auf das Verhältnis des Menschen zum Staat und zur Obrigkeit hinüber.
-Die sich hieraus entspinnenden Kämpfe gehören aber einem spätern
-Zeitalter an. Wenn daher Friedrich in politischen Fragen keine Duldung
-abweichender Meinungen kannte, so versündigte er sich damit noch nicht
-am Geist seiner Zeit, der nur nach Aufklärung in theologischer Hinsicht
-verlangte.
-
-Im ersten Jahrzehnt seiner Regierung war sich der junge König, der
-selbst die bittere Qual geistiger Knechtschaft unter der brutalen Faust
-seines gewalttätigen Vaters bis zum Äußersten gekostet hatte, über
-seine Haltung gegenüber dem Geist seiner Zeit noch nicht klar, was
-seine hin- und hertastenden ersten Zensurverfügungen zeigen.
-
-
-Das Zensuredikt von 1749.
-
-Unterm 11. Mai 1749 erschien in Preußen ein »Edikt wegen der
-wiederhergestellten Censur derer in Königlichen Landen herauskommenden
-Bücher und Schriften, wie auch wegen des Debits ärgerlicher Bücher, so
-außerhalb Landes verleget werden«.
-
-Der König, so heißt es in der Einleitung, »habe höchst mißfällig
-wahrgenommen, daß verschiedene scandaleuse theils wider die Religion,
-theils wider die Sitten anlaufende Bücher und Schriften in Unseren
-Landen verfertiget, verleget und debitiret werden«. Um diesem »Unwesen«
-abzuhelfen und »die ehemalige seit einiger Zeit in Abgang gekommene
-Bücher-Censur wiederum herzustellen«, werde nunmehr in Berlin eine
-Zensurkommission eingesetzt, die »alle Bücher und Schriften, die in
-Unseren sämmtlichen Landen verfertiget und gedruckt werden, oder die
-Unsere Unterthanen außerhalb Landes drucken lassen wollen«, vor dem
-Druck zu genehmigen habe.
-
-Zensurfrei waren nur die Schriften der Akademie der Wissenschaften.
-Was in Universitätsstädten erschien (mit Ausnahme politischer
-Schriften), mußte die Universität selbst durch die in Betracht
-kommenden Fakultäten auf eigene Gefahr zensieren lassen. Politische
-Schriften, die den »~Statum publicum~« des Deutschen Reiches oder des
-preußischen Königshauses und »die Gerechtsame« Preußens betrafen oder
-bei denen »auswärtige Puissancen und Reichsstände interessiret sind«,
-unterstanden ohne Ausnahme dem »Departement derer auswärtigen Sachen«.
-»Bloße Carmina« schließlich konnte, wenn keine Universität am Orte war,
-die Landes-Provinzialregierung oder die städtische Ortsbehörde zum
-Druck freigeben.
-
-Im übrigen sollte »nicht das Geringste« ohne vorherige Genehmigung
-gedruckt werden. Auf Umgehung der Zensur stand eine Strafe von 100
-Talern. Ebensowenig durften die Buchhändler »scandaleuse und anstößige«
-Bücher von auswärts kommen lassen und verkaufen; konnten sie ihre
-Ahnungslosigkeit nicht beschwören, so hatten sie ihre Unvorsichtigkeit
-in jedem Fall mit 10 Talern Strafe zu büßen.
-
-
-Die gekränkten »Schulbedienten«.
-
-Der Ruhm, Friedrichs des Großen Zensuredikt veranlaßt zu haben, gebührt
-hauptsächlich den Berliner Schulmeistern.
-
-Seit dem 2. Januar 1749 gab der Verleger der »Vossischen Zeitung«,
-Christian Friedrich Voß, der Schwiegersohn Rüdigers, eine Zeitschrift
-»Der Wahrsager« heraus, die der Redakteur der »Vossischen«, Christlob
-Mylius, zum größten Teil selbst schrieb. Zu ihren Mitarbeitern gehörte
-auch Lessing.
-
-Das 7. Stück des »Wahrsagers« vom 13. Februar 1749 brachte nun einen
-sehr amüsanten Aufsatz, der gegen Schule und Lehrerschaft heftige
-Angriffe voll Spott und Ironie enthielt, und prompt lief eine
-Beschwerde einiger Berliner »Schulbedienten« ein, die darüber Klage
-führten, daß in diesem Aufsatz »der Schulstand ziemlich durchgenommen
-und lächerlich gemachet werde, welches ihn bei der ohnehin boshaften
-Jugend zum Despekt gereichte und aus der nöthigen Autorität setzte«.
-
-Der ~Adjunctus fisci~ Kornmann beschied also den Verleger zu sich.
-Dieser erklärte, der inkriminierte Aufsatz habe nicht »vernünftige
-Schulleute attaquiren« wollen; übrigens »gäbe es auch dergleichen, wie
-sie in dem Stück charakterisiret wären«. In Zukunft versprach Voß,
-seine Zeitschrift »allenfalls moderater« einzurichten.
-
-Aber acht Tage später brachte das 9. Stück des »Wahrsagers« eine
-Plauderei über Hahnreie, worin Kornmann die versprochene Mäßigung
-vermißte. Er setzte daher einen Bericht an das Ministerium auf; in dem
-letzten Stück geschehe »bei einer satyrischen Materie gewisser Straßen
-in Berlin Erwähnung, welche Leuten, so sich mit dergleichen Schriften
-amüsiren, leicht Gelegenheit giebet, allerhand Applicationes zu machen,
-anderer Folgen, so daraus entstehen könnten, nicht zu gedenken«.
-
-Der Etatsminister von Bismarck fragte daraufhin beim Großkanzler von
-Cocceji an, »da so viele Misbräuche vorgehen, wie noch kürzlich mit
-denen Schriften des de La Mettrie geschehen«, ob nicht ein Zensor
-einzusetzen sei. Cocceji stimmte zu: am 7. März 1749 wurde dem Verleger
-anbefohlen, Anstößiges im »Wahrsager« zu vermeiden, und am selben Tage
-schlugen Cocceji, Bismarck und Danckelmann dem Könige die Bestellung
-eines Zensors vor, »ohne dessen Approbation nicht das geringste zum
-Druck befördert werden dürfe«.
-
-Am 16. März billigte eine Kabinettsorder des Königs den Vorschlag,
-verfügte aber zugleich, »Druck und Debit« des »Wahrsagers« sofort zu
-verbieten, ein Befehl, der um so auffälliger war, als die Minister
-diesen Vorschlag gar nicht gemacht hatten. Die Minister beeilten sich
-auch nicht, dem Befehl Folge zu leisten, denn das Verbot wurde erst
-zwei Monate später ausgefertigt -- wenige Tage nachdem der Verleger das
-Blatt mit dem 20. Stück vom 15. Mai hatte eingehen lassen.
-
-Vielleicht hatten die Minister gehofft, den König mittlerweile noch
-umstimmen zu können; aber dieser stand damals unter dem Einfluß des
-vorhin erwähnten französischen Philosophen Lamettrie, der seiner
-polemischen und satirischen Schriften wegen aus Frankreich und Holland
-hatte flüchten müssen und in Berlin als Vorleser des Königs ein Asyl
-gefunden hatte. Auch ihn hatte der »Wahrsager« in dem Aufsatz über das
-Schulwesen heftig mitgenommen, und der Ausländer, der unter Friedrichs
-blinder Vorliebe für alles Französische in Preußen Preßfreiheit genoß,
-die er in seinem Vaterland nicht hatte finden können, entblödete
-sich nicht, seinen königlichen Gönner gegen die einheimische Presse
-scharfzumachen. Die Beschwerde der Berliner »Schulbedienten« bot ihm
-dazu die willkommene Handhabe, die er geschickt zu benutzen wußte, um
-seinen Widersacher Mylius mundtot zu machen.
-
-Der Berliner Schriftsteller und Verleger Friedrich Nicolai, der
-Freund Lessings, versichert dagegen, die treibende Kraft beim Erlaß
-des Zensuredikts sei der zelotische Probst Süßmilch gewesen, der
-nachdrücklich gegen die vielgelesenen Schriften des »berüchtigten«
-Aufklärers Edelmann vorgehen wollte. Dieser freigeistige Polterer
-hatte sich 1749 in Berlin niedergelassen und bald eine große Gemeinde
-um sich versammelt; der König ließ ihn gewähren, da sich Edelmann
-verpflichtet hatte, nichts mehr zu schreiben, und es gelang den
-orthodoxen Hetzern auch nicht, das räudige Schaf aus ihrer Hürde zu
-entfernen.
-
-
-Die erste Berliner Zensurkommission.
-
-Wer waren nun die Männer, denen Friedrich der Große 1749 die oberste
-Zensurgewalt anvertraute?
-
-Als der König am 16. März die Anstellung eines Zensors guthieß,
-bestimmte er ausdrücklich, »daß ein ganz vernünftiger Mann zu solcher
-Censur ausgesuchet und bestellet werden soll, der eben nicht alle
-Kleinigkeiten und Bagatelles releviret und aufmutzet«. Aber die
-Minister, vor allem wohl der Großkanzler Cocceji, der schon 1737 eine
-strenge Zensur hatte einführen wollen, legten den königlichen Willen in
-ihrem Sinne aus und bildeten die Zensurkommission aus vier Männern, von
-denen allen kaum zu erwarten war, daß sie ihr Amt im friderizianischen
-Geiste ausüben würden, deren Wahl aber doch der König genehmigte.
-
-Die juristischen Schriften sollte der Geheime Tribunalsrat Buchholtz
-überwachen, die historischen der französische Prediger und
-Konsistorialrat Poloutier, die philosophischen der Kirchenrat und
-Prediger ~Dr.~ Elsner und die theologischen der vorhin genannte Probst
-und Konsistorialrat Joh. Peter Süßmilch. Die medizinischen Werke
-waren gar nicht erwähnt; ihre Zensur besorgte schon seit 1709 das
-Oberkollegium medicum.
-
-Ein Jurist also und drei Theologen. Im Stil der Zeit war demnach
-auch diese Zensurkommission des freigeistigen Königs eine vorwiegend
-theologische. Über das, was wider die Religion und die guten Sitten
-verstieß, hatten Prediger und Konsistorialräte zu entscheiden. Nur die
-juristische Literatur erfreute sich der Aufsicht eines Fachgelehrten.
-
-
-Der verwunderte Zensor.
-
-Von nachhaltiger Wirkung ist aber dieses Zensuredikt nie gewesen. Der
-persönlichen Initiative des Königs war es nicht entsprungen, und seine
-ministeriellen Ratgeber merkten wohl bald, daß sie mit einer allzu
-bürokratischen Auslegung des Gesetzes wenig Beifall bei ihm fanden. So
-war es, nach Nicolais Versicherung, bald vergessen, und statt seiner
-entwickelte sich in Preußen eine beispiellose Preßfreiheit, die für
-den Aufschwung der deutschen Literatur von unberechenbarem Einfluß
-war. Schriften, die nirgendwo in Deutschland offen verkauft werden
-durften, vor allem solche philosophischer und theologischer Art,
-die den erfolgreichen Kampf des Zeitalters der Aufklärung gegen die
-Orthodoxie führten, wurden in Berlin nicht beanstandet, zum Teil dort
-verlegt, und es fiel bald niemandem mehr ein, die Zensurbehörde auch
-nur um Erlaubnis zu fragen. Sah sich schließlich auf das Drängen eines
-Angebers hin der Generalfiskal veranlaßt, einen Verleger zu maßregeln,
-so schlug der König das Verfahren meist nieder. Im Jahre 1763 war
-die Zahl der (seit 1716!) verbotenen Bücher noch nicht auf über 26
-gestiegen.
-
-Als Friedrich Nicolai im Jahre 1759 den damaligen Zensor der
-philosophischen Schriften, ~Dr.~ Heinius, ersuchte, die Zensur der
-berühmten »Literaturbriefe« zu übernehmen, die Nicolai mit Lessing,
-Mendelssohn und Abbt 1761--1767 herausgab, war der Zensor höchst
-überrascht, daß einmal jemand etwas wolle zensieren lassen, was »ihm
-lange nicht vorgekommen« sei. Die »Literaturbriefe«, dann desselben
-Herausgebers »Allgemeine Deutsche Bibliothek«, die von 1765--1792
-ungehindert in Berlin erscheinen konnte, und seit 1783 Gedike und
-Biesters »Berlinische Monatsschrift«, die den großen Philosophen Kant
-zu ihren Mitarbeitern zählte, sind die bedeutendsten der zahlreichen
-kritischen Zeitschriften, die unter Friedrichs des Großen Regierung
-emporblühten und, trotz seiner persönlichen Abneigung gegen alles
-deutsche Schrifttum, der machtvollen Entwicklung der deutschen
-Literatur bahnbrechend vorgearbeitet haben.
-
-
-Wie Friedrich II. gegen die österreichische Jesuitenzensur ein Exempel
-statuierte.
-
-Wie wenig Friedrich trotz seines Zensurediktes gewillt war, die
-fanatische Verfolgung aller Denk- und Redefreiheit, wie sie namentlich
-in Österreich ausgeübt wurde, mitzumachen, zeigt ein köstlicher
-Streich, den er 1750 den dortigen Jesuiten spielte.
-
-Der König traf im Jahre 1750 im Schloßgarten von Sanssouci einen jungen
-Mann, dessen fremdartige Tracht ihm auffiel. Er ließ sich mit ihm in
-ein Gespräch ein und erfuhr, daß er einen Reformierten aus Ungarn vor
-sich habe, der in Frankfurt an der Oder Theologie studiert hatte und
-vor der Heimreise noch die Residenz des Königs sehen wollte. Friedrich
-fand an dem jungen Manne so viel Wohlgefallen, daß er ihm nahelegte, in
-seinen Staaten zu bleiben, und ihn daselbst zu versorgen versprach. Der
-Kandidat lehnte diesen Vorschlag seiner Familienverhältnisse wegen ab.
-Nun forderte ihn der König auf, sich eine andere Gnade zu erbitten, und
-als der Kandidat meinte, er wisse nicht, was er verlangen solle, fragte
-Friedrich, überrascht durch diese seltene Bescheidenheit, ob er ihm
-denn nicht irgendeinen Gefallen erweisen könne?
-
-»Ich habe mir«, antwortete nun der Theologe, »verschiedene
-philosophische und theologische Werke gekauft, die in Österreich
-verboten sind. Die Jesuiten werden sie mir wegnehmen, sobald ich in
-Wien eintreffe. Wollten nun Eure Majestät mir diese Bücher --«
-
-»Nehme Er seine Bücher«, unterbrach ihn Friedrich, »in Gottes Namen
-mit, kauf' Er sich noch dazu, was Er denkt, das in Wien recht verboten
-ist, und was Er nur immer brauchen kann. Hört Er? Und wenn sie Ihm in
-Wien die Bücher wegnehmen wollen, so sag' Er nur, ich habe sie Ihm
-geschenkt. Darauf werden die Herren Patres wohl nicht viel achten, das
-schadet aber nichts. Laß Er sich die Bücher nur nehmen, geh' Er aber
-dann gleich zu meinem Gesandten und erzähl' Er ihm die ganze Geschichte
-und was ich Ihm gesagt habe. Hernach geh' Er in den vornehmsten Gasthof
-und leb' Er recht kostbar. Er muß aber täglich wenigstens einen Dukaten
-verzehren, und bleib' Er so lange, bis sie Ihm die Bücher wieder in's
-Haus schicken.«
-
-Der König ging darauf ins Schloß, kehrte aber bald nachher zu dem
-Kandidaten zurück und übergab ihm ein Blatt Papier, das die Worte
-enthielt: »Gut, um auf Unsere Kosten in Wien zu leben. Friedrich.«
-Dieses Blatt sollte er in Wien dem preußischen Gesandten übergeben und
-sich im übrigen genau nach der erhaltenen Vorschrift benehmen. Außerdem
-versprach der König, ihm die beste Pfarre in Ungarn zu verschaffen;
-dann entließ er den jungen Theologen, Hedheßi war sein Name, in Gnaden,
-ihm Glück auf die Reise wünschend.
-
-Hedheßi kaufte so viel verbotene Bücher zusammen, als er vermochte,
-und reiste nach Hause. Vor den Linien Wiens wurden seine Bücher
-beschlagnahmt. Er wandte sich also an den preußischen Gesandten, um
-seine Bücher zurückzuverlangen.
-
-Der Gesandte, bereits vom König gehörig instruiert, ließ den Theologen
-in den ersten Gasthof der Residenz führen und berichtete über den Stand
-der Sache nach Berlin. Plötzlich erging aus dem Kabinett des Königs der
-Befehl, die Bibliothek der Jesuiten in Breslau zu versiegeln und mit
-Wachen zu besetzen.
-
-Die bestürzten Jesuiten in Breslau forschten vergebens nach der Ursache
-der königlichen Ungnade und sandten, um das Gewitter abzuleiten, eine
-Deputation nach Potsdam. Friedrich ließ die Abgeordneten vier Wochen
-auf eine Audienz warten, während welcher Zeit der junge Hedheßi in
-Wien nach der königlichen Vorschrift lebte. Endlich ließ sie der König
-vor, verwies sie aber an seinen Gesandten in Wien und bat sie, ihn den
-dortigen Bücherrevisoren zu empfehlen.
-
-Die frommen Väter verstanden diesen Wink ebensowenig wie ihre Brüder
-in Breslau. Diese sandten eine andere Deputation nach Wien, um hier
-endlich die dringend notwendige Aufklärung zu erlangen. Aber der
-preußische Gesandte in Wien, an den sich die Abgeordneten wandten,
-bedauerte, ihnen keinen Aufschluß erteilen zu können; nur so nebenher
-warf er die Bemerkung hin, es sei hier ein junger Mann, dem die
-Jesuiten eine Kiste mit Büchern weggenommen hätten.
-
-Nun ging den Abgeordneten plötzlich ein Licht auf. Sie eilten zu
-ihren Kollegen, und ehe eine Stunde verging, erhielt Hedheßi die
-konfiszierten Bücher zurück. Auch beeilten sich die Herren, seine teure
-Zeche zu bezahlen.
-
-Mit leichterem Herzen gingen sie jetzt wieder nach Potsdam, um ihre
-Bitte zu erneuern. Friedrich empfing sie diesmal freundlich, übergab
-ihnen einen Kabinettsbefehl, der die Wiedereröffnung der versiegelten
-Bibliothek anordnete, und ein Schreiben an den Pater Rektor in Breslau,
-des Inhalts, daß das Kollegium zu Breslau dafür einstehen müsse, wenn
-die Reformierten in Ungarn wegen dieser Sache gekränkt würden und
-Hedheßi nicht die beste Pfarre in seiner Heimat erhalte.
-
-Und es geschah, wie der König wünschte.
-
-
-Wenn die Katze nicht zu Hause ist ...
-
-Länger als drei Jahre waren die »Literaturbriefe« unter
-vorschriftsmäßiger Zensur ungestört erschienen, als sie plötzlich am
-18. März 1762 kurzerhand für jetzt und künftig verboten wurden und der
-Generalfiskal Geheimer Rat Uhden den Auftrag erhielt, dem Herausgeber
-den Prozeß zu machen.
-
-Um die Gründe des Verbots zu erfahren, begab sich Nicolai sogleich zu
-Uhden, der ihm sonst wohlgewogen, aber in Amtssachen ein unparteiischer
-und strenger Richter war, konnte von ihm jedoch nichts anderes erfahren
-als die Versicherung: »Man wisse sehr wohl, was für höchst strafbare
-und unverzeihliche Sachen in den ›Literaturbriefen‹ enthalten seien.«
-Nicht wenig betroffen war allerdings der Generalfiskal, als ihm Nicolai
-die Zensurbogen vorwies; unter diesen Umständen, meinte er, habe der
-Herausgeber nichts zu befürchten; den Verfasser der verbrecherischen
-Aufsätze »werde man aber zu finden wissen«.
-
-Auf den nächsten Tag war auch schon einer der Hauptmitarbeiter der
-Zeitschrift, der Philosoph Moses Mendelssohn, vorgeladen, ein sanfter
-und ruhiger Mann, dem es aber nicht an Charakterfestigkeit fehlte, wo
-es auf Standhaftigkeit ankam. Zwischen ihm und dem Generalfiskal, der
-den jüdischen Philosophen noch gar nicht kannte und den Eintretenden
-mit finsterer Amtsmiene empfing, entwickelte sich nun folgendes
-Gespräch:
-
-_Uhden_: »Hör' Er! Wie kann Er sich unterstehen, wider Christen zu
-schreiben?«
-
-_Mendelssohn_: »Wenn ich mit Christen Kegel spiele, so werfe ich alle
-Neune, wenn ich kann.«
-
-_Uhden_: »Untersteht Er sich zu spotten? Weiß Er wohl, mit wem Er
-redet?«
-
-_Mendelssohn_: »O ja! Ich stehe vor dem Herrn Geheimen Rat und
-Generalfiskal Uhden, vor einem gerechten Manne.«
-
-_Uhden_: »Ich frage Ihn noch einmal: Wer hat Ihm erlaubt, wider einen
-Christen, und noch dazu wider einen Hofprediger, zu schreiben?«
-
-_Mendelssohn_: »Ich muß nochmal wiederholen, und wahrlich ohne allen
-Spott: Wenn ich mit einem Christen Kegel schiebe, wäre es auch ein
-Hofprediger, so werfe ich alle Neune, wenn ich kann. Das Kegelspiel ist
-eine Erholung für den Leib, wie die Schriftstellerei eine Erholung für
-meinen Geist ist; jeder welcher schreibt, macht es so gut wie er immer
-kann. Übrigens wüßte ich nicht, daß ich je wider einen Hofprediger noch
-einen andern Prediger geschrieben hätte.«
-
-_Uhden_: »Oh! ich merke, Er will leugnen; man wird Ihm schon die Künste
-abfragen. Er hat wider die christliche Religion geschrieben.«
-
-_Mendelssohn_: »Wer Ihnen dieses gesagt hat, hat Ihnen eine große
-Unwahrheit gesagt.«
-
-_Uhden_: »Leugne Er nur nicht! Man weiß es schon besser. Dies ist wider
-das Judenprivilegium. Er hat den Schutz verwirkt.«
-
-_Mendelssohn_: »Ach, ich habe hier keinen Schutz zu verwirken. Ich habe
-kein Privilegium; ich bin Buchhalter bei dem Schutzjuden Bernhard.«
-
-_Uhden_: »Desto schlimmer! Die geringste Strafe für seinen Frevel wird
-sein, daß man Ihn aus dem Lande weiset.«
-
-_Mendelssohn_: »Wenn man mich gehen heißt, so werde ich gehen. Ich habe
-mich nie den Gesetzen widersetzen wollen; und der Gewalt kann ich mich
-noch weniger widersetzen.« ...
-
-Mittlerweile hörte Nicolai, der Staatsrat sei der Urheber des Verbotes
-gewesen, und durch den Geheimrat von Podewils, der das Protokoll der
-Staatsratssitzung geführt, die »Literaturbriefe« gelesen und die
-Haltlosigkeit der übereilten Maßregel sofort erkannt hatte, erfuhr er
-den genauern Zusammenhang:
-
-Ein Vielschreiber namens Justi hatte sich für die scharfe Kritik eines
-seiner Bücher in den »Literaturbriefen« dadurch gerächt, daß er die
-Zeitschrift denunzierte, ein Jude habe darin in einem Aufsatz wider
-den Hofprediger Cramer in Kopenhagen die Gottheit Christi bestritten
-und außerdem durch ein freches Urteil über ein Werk des Königs, die
-»~Poésies diverses~«, eine Majestätsbeleidigung begangen. Justi,
-der später wegen Unterschleife Festungsstrafe erhielt, war durch
-die Protektion des königlichen Leibarztes ~Dr.~ Eller soeben nach
-Berlin gekommen und galt als ein großer Chemiker, der das verfallene
-preußische Bergwerkswesen wieder in Flor bringen sollte. Der Anzeige
-dieses Mannes hatte der Staatsrat blindlings Glauben geschenkt. Dem
-damaligen Großkanzler von Jariges, der sich um deutsche Literatur nie
-bekümmert hatte, war zudem die Denunziation höchst gelegen gewesen:
-Manche freie Äußerung des Königs selbst über Religion hatte er mit
-stiller Entrüstung hören müssen und an der dadurch eingerissenen
-allgemeinen Urteilsfreiheit in religiösen Dingen längst heftigen
-Anstoß genommen. Jetzt war die Gelegenheit günstig: der König, der
-»dergleichen Sachen zu leicht zu nehmen pflegte«, weilte im Felde -- es
-war die Zeit des Siebenjährigen Krieges --, jetzt ließ sich über den
-Kopf des Philosophen von Sanssouci hinweg durch eine drakonische Strafe
-dem einreißenden Mißbrauch Einhalt tun. In diesem Sinne hatte er dem
-Staatsrat die Sache vorgetragen und ohne Widerspruch das Verbot der
-»Literaturbriefe« durchgesetzt.
-
-Justis Denunziation war aber eine doppelte Lüge: einmal hatte nicht
-Mendelssohn, sondern Lessing den Aufsatz gegen des Hofpredigers Cramer
-Wochenschrift, den »Nordischen Aufseher«, geschrieben und dabei nichts
-weiter gesagt, als daß Cramers Vorstellung von der Person Christi
-sozinianisch sei, eine noch heute in den Unitariern fortbestehende,
-sektirerische Auffassung, die der göttlichen Verehrung Christi keinen
-Abbruch tat. Die Kritik über Friedrichs des Großen »~Poésies diverses~«
-im 6. Bande der »Literaturbriefe« dagegen hatte Mendelssohn allerdings
-geschrieben, aber sie enthielt so wenig eine Majestätsbeleidigung, daß
-der König selbst sie mit Zufriedenheit gelesen hatte!
-
-Nach dieser Aufklärung war es für Nicolai leicht, die Aufhebung des
-Verbotes zu erwirken; er machte eine Eingabe an den Staatsrat, bei der
-ihm der eigene Sohn des Generalfiskals, der für Musik und Literatur
-lebhaft interessierte Kammergerichtsrat Uhden, durch Einfügung etlicher
-kräftiger Sprüchlein über das leichtsinnige Vorgehen der Behörde
-unterstützte; gleichzeitig beschwerte sich der Zensor ~Dr.~ Heinius
-über die Nichtachtung der von ihm ausgeübten Zensur, und vier Tage nach
-dem Verbot waren die »Literaturbriefe« wieder freigegeben.
-
-Der Vorfall hatte wenigstens das eine Gute, daß der Lärm, den er
-erregte, manche Leute auf die neuere deutsche Literatur aufmerksam
-machte, um die sie sich nach dem Beispiel des Königs bisher wenig oder
-gar nicht gekümmert hatten. Denn es war allerdings merkwürdig, daß,
-nachdem die »Literaturbriefe« schon bis in den 13. Band fortgesetzt
-waren und in der deutschen gelehrten Welt nicht wenig Aufsehen gemacht
-hatten, dennoch die damaligen preußischen Staatsminister nebst dem
-Generalfiskal weder von der Existenz noch von der Bedeutung der
-Zeitschrift eine Ahnung hatten!
-
-
-Was dem einen recht ist ...
-
-Der Berlinische Kalender für das Jahr 1771 brachte zwölf Blätter
-von Chodowiecki, die Szenen aus dem »Don Quichote« darstellten. Das
-Titelkupfer zu diesem Bande bildete ein Porträt Josephs II.
-
-In dieser zufälligen Zusammenstellung witterte man in Wien eine
-Verhöhnung des Kaisers, und die dortige Zensurbehörde beschwerte sich
-dieserhalb beim König von Preußen. Der aber dachte nicht daran, gegen
-die Herausgeber einzuschreiten; um die Wiener von der Grundlosigkeit
-ihres Verdachtes zu überzeugen, befahl er vielmehr, für die Bilder des
-nächsten Kalenderjahrgangs ein noch viel lächerlicheres Thema zu nehmen
-und -- sein eigenes Porträt voranzustellen.
-
-Chodowiecki wählte Ariosts »Rasenden Roland«, und Daniel Berger stach
-des Königs Bildnis dazu.
-
-
-Neuordnung der preußischen Zensur 1772.
-
-Die geschilderten Vorfälle zeigen, daß die preußische Zensur auch nach
-dem Gesetz von 1749 allmählich wieder »in Abgang« gekommen war, sicher
-aber ohne sonderliche Strenge durchgeführt wurde. Nicht anders ging es
-mit der neuen Auflage des Zensurediktes, die 1772 ans Licht trat.
-
-Auch dies neue »Circular« vom 1. Juni 1772 beklagte, daß die alten
-Vorschriften »mehrfach hintangesetzt« worden seien; außerdem seien
-die alten Zensoren gestorben. Die Ernennung der neuen regelte es
-zunächst. Die historischen Schriften hatte der Geheime Finanzrat Kahle
-zu zensieren, der dieses Amt schon seit einigen Jahren versah; die
-juristischen sollte von jetzt an der Geh. Tribunalsrat Stuck, die
-theologischen der freisinnige Oberkonsistorialrat Teller, und die
-philosophischen der Professor der Ritterakademie Sulzer beaufsichtigen.
-
-Die Wahl der Persönlichkeiten zeigt, wo Friedrich hinaus wollte: unter
-den vier Männern ist nur noch _ein_ Konsistorialrat, und die übrigen
-drei, besonders der angesehene Philosoph und Ästhetiker Sulzer, sind
-Sachverständige, jeder auf seinem Gebiet. So nahm Friedrich 1772 der
-Zensurkommission ihren vorwiegend geistlichen Charakter und schuf eine
-_Fachzensur_.
-
-Außerdem ist dieses neue Zensuredikt ein charakteristischer Spiegel der
-literarischen Bewegung der Zeit.
-
-Die schöne Literatur war in dem Edikt von 1749 nur durch die »Carmina«
-vertreten gewesen; jetzt fand auch die Masse der »kleinen Schriften:
-Carmina, Wochenschriften, gelehrte Zeitungen, ökonomische Schriften
-und alle andere kleine Piecen«, Berücksichtigung; sie sollten, wenn
-sie nicht zu den Büchern gehörten, die den vier Zensoren vorgelegt
-werden mußten, von der Landesregierung oder den Magistraten begutachtet
-werden, in Universitätsstädten von der Universität. Nur Berlin machte
-eine Ausnahme: hier hatte der »historische Zensor« auch diese kleinen
-Schriften zu begutachten.
-
-Und schließlich wurden jetzt in das Zensuredikt auch die Zeitungen mit
-aufgenommen, deren Zahl seit 1749 stattlich gewachsen war. Die Zensur
-der »teutschen und französischen Zeitungen« hatte der Geheime Rat von
-Beausobre unter der Direktion des Auswärtigen Amtes zu besorgen; sie
-war ihm schon vor siebzehn Jahren übertragen worden. Außerhalb Berlins
-sollte die Zeitungszensur von der Regierung oder den Justizkollegien
-erledigt werden; wenn diese Behörden nicht am Orte waren, hatten sie
-einen Vertreter zu stellen.
-
-Die bessere Organisation verlangte aber auch mehr Aufwand. Daher wurden
-jetzt die Zensurgebühren eingeführt; außer einem Freiexemplar des
-geprüften Buches, auf das den Zensoren schon seit 1749 ein Anspruch
-zustand, durften sie von 1772 an zwei Groschen für den Druckbogen
-berechnen.
-
-Das erweiterte Edikt von 1772 schärfte den Zensoren noch ein, daß
-»Unsere Allergnädigste Absicht keineswegs dahingerichtet ist, eine
-anständige und ernsthafte Untersuchung der Wahrheit zu hindern, sondern
-nur vornehmlich demjenigen zu steuern, was den allgemeinen Grundsätzen
-der Religion und sowohl moralischer als bürgerlicher Ordnung entgegen
-ist«.
-
-Dieser Grundsatz, der auch von spätern, ganz anders gehandhabten
-preußischen Zensuredikten übernommen wurde, blieb bis zum Tode des
-großen Königs die Richtschnur der preußischen Zensur. In einem Befehl
-an die theologische Fakultät in Halle vom 7. Februar 1780 erklärte
-Friedrich geradezu, daß »die den Schriftstellern ohnedem äußerst
-lästige Zensur soviel als möglich eingeschränkt werden sollte, wann
-wider Religion und Sitten nichts vorkommt«.
-
-
-Kleine Ursachen -- große Wirkungen.
-
-Wenn Nicolai recht hat, ging auch dieses erneuerte Zensuredikt von
-1772 nicht auf den eigenen Willen des Königs zurück, sondern auf die
-ängstliche Betriebsamkeit seiner Ratgeber. Die einfältige preußische
-Dichterin Anna Luise Karschin soll die schuldige Ursache dazu gewesen
-sein. »Die Frau Karschinn«, erzählt Nicolai, »hatte in einem gedruckten
-Gedichte die erste Teilung Polens erwähnt, welche damals schon genugsam
-bekannt, aber noch nicht offiziell angezeigt war. Dem Ministerium
-mochte dieses wohl nicht angenehm seyn, aber der Minister von Fürst,
-bekanntlich ein sehr ängstlicher Mann, welcher sich vor dem Könige
-sehr fürchtete, glaubte der Sache durch ein geschwind zu machendes
-Zensuredikt abzuhelfen, damit, wenn der König je von dem Gedicht der
-Frau Karschinn etwas erführe und dem Ministerium darüber einen Vorwurf
-machte, man ihm gleich sagen könnte, es sey schon Remedur geschehen.
-Wirklich war auch das Edikt so geschwind gemacht, daß man verschiedenes
-Nöthige darin vergaß und verschiedenes sehr unbestimmt ausdrückte.«
-
-
-Friedrich und die »Bullenbeißer«.
-
-Geradezu vorbildlich ist Friedrich der Große im Punkte der
-»Majestätsbeleidigungen«. Zwar hatte er am 24. Dezember 1752 ein unter
-dem Pseudonym ~Dr.~ Akakia (~Dr.~ Harmlos) erschienenes Pamphlet
-Voltaires durch den Henker auf den öffentlichen Plätzen Berlins
-verbrennen lassen, obgleich der Verfasser, seit zwei Jahren Gast des
-zuerst von ihm so überschwenglich verherrlichten Königs, noch in den
-Mauern der Stadt weilte. Aber diese Maßregel war nicht von kleinlicher
-Empfindlichkeit verfügt, sondern Voltaire hatte durch seine Hinterlist,
-Rachsucht, Treulosigkeit und Habgier die Langmut des Königs schon bis
-zum äußersten herausgefordert; jene Schrift war zudem eine blutige
-Verhöhnung der von Friedrich gegründeten Akademie der Wissenschaften
-und ihres Präsidenten Maupertuis; und obendrein hatte sich Voltaire die
-Druckerlaubnis durch eine freche Fälschung verschafft.
-
-Nachdem dann diese Koryphäe der französischen Literatur auf drastische
-Weise aus Preußen hinauskomplimentiert war, legte sich Friedrichs
-begreifliche Erregung bald, und als Voltaire aus sicherer französischer
-Hut eine persönliche Schmähschrift gegen ihn losließ, schrieb der
-Angegriffene am 23. Oktober 1753 voll überlegenen Humors an seinen
-Ministerresidenten George Keith in Paris: »Jeder im öffentlichen Leben
-stehende Mann muß der Kritik, der Satire, ja oft genug der Verleumdung
-als Zielscheibe dienen. Jeder, der einen Staat regiert hat, sei es
-als Minister, als General oder als König, hat Sticheleien zu ertragen
-gehabt; es wäre mir also sehr unangenehm, wenn ich der einzige sein
-sollte, dem dieses Schicksal erspart bliebe. Ich verlange weder eine
-Widerlegung des Buches noch die Bestrafung des Verfassers, sondern habe
-es mit großer Gemütsruhe gelesen und sogar einigen Freunden mitgeteilt.«
-
-Im Lauf der Jahre nahm dieser königliche Gleichmut gegen persönliche
-Angriffe jeder Art nur zu. Zahllos sind die Schmähschriften, die gegen
-Friedrich erschienen und sogar von dem Verleger seiner eigenen Werke,
-dem Buchhändler Pitra in Berlin, verkauft wurden. Der König ignorierte
-sie und gab einmal seinen darüber aufgebrachten Beamten den Rat, nicht
-alle »Sottisen«, die geschrieben würden, auf ihn zu beziehen.
-
-Mit Voltaire hatte er sich so weit wieder versöhnt, daß ein lebhafter
-Briefwechsel fortbestand; in einem dieser Briefe an den Franzosen
-vom 2. März 1772 schrieb er -- vielleicht in Erinnerung an die
-Akakia-Episode --: »Ich denke über die Satire, wie Epiktet: ›Sagt man
-was Böses von Dir, und ist es wahr, so bessere Dich; sind es Lügen, so
-lache darüber.‹ Ich bin mit der Zeit ein gutes Postpferd geworden, lege
-meine Stazion zurück und bekümmere mich nicht um die Bullenbeißer, die
-auf der Landstraße bellen.«
-
-
-Exemplarische Strafe.
-
-Die Langmut des großen Königs gegen Majestätsverbrechen stand oft in
-drastischem Gegensatz zu der Empfindlichkeit der Behörden, die, just so
-wie heute, auch damals bei jedem herben Tadel ihrer Amtshandlungen zum
-Kadi liefen.
-
-Einmal gab ihnen der alte Fritz eine kräftige Lehre. Als man einen
-Bürger bei ihm verklagte, weil er Gott, Se. Majestät und den
-Stadtmagistrat gelästert habe, verfügte er:
-
-»Daß der Arrestant Gott gelästert hat, ist ein Beweis, daß er ihn nicht
-kennet; daß er mich gelästert hat, vergebe ich ihm; daß er aber einen
-edlen Rat gelästert hat, dafür soll er exemplarisch bestraft werden und
-auf eine -- halbe Stunde nach Spandau kommen.«
-
-
-Niedriger hängen!
-
-Wie schlagfertig überlegen Friedrich der Große selbst Angriffen gegen
-seine Regierungshandlungen auch ohne Verbot zu begegnen wußte, zeigt
-eine Anekdote, die ein Augenzeuge, der früher in Berlin, später in
-Upsala wirkende Kapellmeister Heffner, erzählt:
-
-Im Jahre 1781 hatte der König die Kaffeeregie eingeführt, um dem
-übermäßigen Verbrauch dieser Auslandsware zugunsten der einheimischen
-Bierproduktion zu steuern, eine Maßregel, die das Volk sehr erregte;
-denn nicht nur in Sachsen, sondern auch in Preußen zog man schon damals
-ein Schälchen Kaffee der Biersuppe vor, mit der Friedrich selbst noch
-groß gezogen worden war.
-
-Eines Tages kam der alte Fritz mit seinem Heiducken die Jägerstraße
-heraufgeritten und bemerkte in der Nähe des Schlosses, auf dem
-Werderschen Markt, einen großen Auflauf. Man drängte sich um ein hoch
-an der Mauer angeschlagenes Papier, aber nur die Nächsten konnten
-erkennen, was es bedeutete. Bei der Annäherung des Königs flogen die
-Mützen herunter, man gaffte ihn mit verlegenen und erschrockenen Mienen
-an und wich beiseite. Aber niemand wagte ein Wort zu sagen. Der König
-schickte nun seinen Begleiter näher, um zu erfahren, was los sei.
-Bald kam der Heiduck ebenfalls verlegen lächelnd wieder und wollte
-nicht recht mit der Sprache heraus: »Sie haben etwas auf Ew. Majestät
-angeschlagen ...«
-
-Nun ritt der König dicht heran und sah, daß eine Karikatur auf ihn
-selbst dort hing: In höchst kläglicher Positur saß er auf einem
-Fußschemel, hielt zwischen den Beinen eine Kaffeemühle, und während
-die eine Hand emsig mahlte, griff die andere gierig nach jeder
-herausfallenden Bohne.
-
-Sobald der alte Fritz die Bedeutung der Karikatur erkannt hatte, winkte
-er mit der Hand und rief: »Hängt es doch niedriger, daß die Leute sich
-nicht den Hals ausrecken müssen!«
-
-Kaum waren die Worte gefallen, als ein allgemeiner Jubel ausbrach. Man
-riß das Bild herab und in Stücke, die Jungen warfen die Mützen in die
-Luft, und unter allgemeinem »Vivat der alte Fritz!« ritt der König
-langsam von dannen.
-
-
-Was heißt Aufklärung?
-
-Diese Frage stellte Oberkonsistorialrat Zöllner im Dezemberheft der
-»Berlinischen Monatsschrift« 1783. Mendelssohn und Kant beantworteten
-sie; Mendelssohn im September, Kant im Dezember 1784.
-
-Kants Aufsatz begann mit der vielzitierten Definition:
-
-»Aufklärung ist der Ausgang des Menschen aus seiner selbst
-verschuldeten Unmündigkeit. Unmündigkeit ist das Unvermögen, sich
-seines Verstandes ohne Leitung eines andern zu bedienen. ... ~Sapere
-aude!~ Habe Muth, Dich Deines _eigenen_ Verstandes zu bedienen! ist
-also der Wahlspruch der Aufklärung.
-
-»Zu dieser Aufklärung aber wird nichts erfordert als Freiheit; und zwar
-die unschädlichste unter Allem, was nur Freiheit heißen mag, nämlich
-die: von seiner Vernunft in allen Stücken _öffentlichen_ Gebrauch zu
-machen ... Ich verstehe aber unter dem öffentlichen Gebrauche seiner
-eigenen Vernunft denjenigen, den Jemand als _Gelehrter_ von ihr vor dem
-ganzen Publicum der _Leserwelt_ macht.«
-
-Kant verlangte für den Offizier das Recht, über Fehler im Kriegsdienste
-Anmerkungen zu machen, für den Bürger, über die Ungerechtigkeit der
-ihm auferlegten Lasten öffentlich seine Gedanken zu äußern; für den
-Geistlichen, seine sorgfältig geprüften und wohlmeinenden Gedanken über
-das Fehlerhafte des Symbols der Kirche oder über bessere Einrichtung
-des Religions- und Kirchenwesens dem Publikum mitzuteilen.
-
-
-Kants Huldigung vor Friedrich.
-
-Die Frage: Leben wir jetzt in einem aufgeklärten Zeitalter?
-beantwortete Kant in dem vorhin erwähnten Aufsatz aus dem Jahre 1784
-kurzweg mit: Nein, wohl aber in einem Zeitalter der Aufklärung. Es
-fehle noch viel, daß sich die Menschen in Religionsdingen ihres eigenen
-Verstandes bedienten, aber der Hindernisse der Unmündigkeit würden doch
-weniger. »In diesem Betracht ist dieses Zeitalter das Zeitalter der
-Aufklärung, oder das _Jahrhundert Friedrichs_.«
-
-Ebenso, führte Kant weiter aus, müsse der Untertan der Gesetzgebung
-gegenüber öffentlichen Gebrauch von seiner Vernunft machen dürfen und
-seine Gedanken darüber mit freimütiger Kritik der Welt öffentlich
-vorlegen, »davon wir ein glänzendes Beispiel haben, wodurch noch kein
-Monarch demjenigen vorging, welchen wir verehren«.
-
-
-Die Kehrseite der Medaille.
-
-Obgleich sich aber Preußen unter Friedrich dem Großen fast völliger
-Preßfreiheit erfreute, darf doch nicht vergessen werden, daß diese
-Freiheit keine gesetzliche, sondern eine durchaus _willkürliche_, eine
-mit königlicher Erlaubnis ungesetzliche war.
-
-»~Il pense en philosophe et so conduit en roi~« (er denkt als Philosoph
-und handelt als König -- soll heißen: als Despot), schrieb einmal der
-französische Philosoph Jean Jacques Rousseau unter ein Bild Friedrichs;
-und als sein pädagogischer Roman »Emile« (1762) vom Pariser Parlament
-für gottlos erklärt, im Hofe des Justizpalastes zerrissen und verbrannt
-wurde und dem Verfasser die Häscher auf den Fersen waren, flüchtete
-selbst er in Friedrichs Schutz, in den damals preußischen Kanton
-Neuchâtel.
-
-Jenes vieldeutige Wort Rousseaus gilt in gewissem Sinne auch für
-Friedrichs Behandlung der Zensur. Friedrich der Große ist und bleibt
-der Schöpfer auch der preußischen Zensurgesetze; er selbst handhabte
-sie nur so freimütig und ging so willkürlich über sie hinweg, daß ihre
-tatsächlichen Schärfen den Zeitgenossen gar nicht zum Bewußtsein kamen;
-um so empfindlicher aber der nächsten Generation, als nach seinem Tode
-(1786) ein andrer Geist in Preußen zur Herrschaft gelangte.
-
-
-
-
-2. Kaiser Josephs II. Zensurreform.
-
- Ach, was ich Armer streute,
- Fiel auf ein wüstes Land;
- Dein Walten büß' ich heute,
- Du zweiter Ferdinand,
-
- Du hast dem Licht gewehret,
- Du hast die Luft verdumpft,
- Östreichs Gefild verheeret,
- Das keiner mehr entsumpft.
-
- _D. F. Strauß_, Kaiser Joseph im Sterben. 1859.
-
-
-Eine Kaiserin der Zensur.
-
-Es ist genugsam bekannt, welch heftige, unversöhnliche Feindin der
-religiösen Aufklärung die deutsche Kaiserin Maria Theresia (1717--1780)
-war und mit welch harter Unduldsamkeit sie alles verfolgte, was Macht
-und Ansehen der katholischen Kirche und ihrer Diener verletzen konnte.
-Mit »Inquisition und Mission« führte sie gleich ihren Vorgängern die
-Gegenreformation in den österreichischen Erblanden durch, und die
-Pflege der kulturellen Güter sah sie am liebsten ausschließlich in der
-Hut der Jesuiten.
-
-Die Kaiserin ärgerte sich wohl gelegentlich, wenn einer der
-Hoftheologen und Beichtväter seine Bücherrazzia bis in den kaiserlichen
-Palast ausdehnte und jagte den allzu Dreisten davon; auch hob sie wohl
-einmal das Verbot eines Buches auf, wenn sie selbst es gelesen und gut
-gefunden hatte. Aber für die Schmach der geistigen Knechtschaft, in
-der sie ihre Völker hielt, hatte sie keine Empfindung. Der beschränkte
-Untertanenverstand hatte das auf Treu und Glauben hinzunehmen,
-was ihm von einer über alle Zweifel erhabenen, von Jesuiten
-beherrschten Regierung als allein seligmachend verkündigt wurde. Die
-Absperrmaßregeln gegen die im Reich, besonders in Preußen, herrschende
-Cholera der Aufklärung waren großzügig organisiert -- kein Wunder,
-daß Österreichs geistige Entwicklung um Jahrhunderte zurückblieb. An
-der schönen blauen Donau nahm man an dem Aufschwung des deutschen
-Schrifttums so wenig Anteil, daß man noch zur Zeit der großen Kaiserin
-diejenigen verlachte, die sich, statt des einheimischen Dialektes, der
-hochdeutschen Schriftsprache, des »lutherisch Deutsch« bedienten.
-Noch im Jahre 1780 war, wie Friedrich Nicolai versichert, auf der
-Universität Innsbruck ein Werk wie Jöchers Gelehrten-Lexikon, das
-1750/51 erschien, nicht einmal dem Namen nach bekannt, und ein Mann wie
-Joseph von Sonnenfels, der Reformator des österreichischen Schrifttums,
-bewarb sich vergeblich um eine Stellung, weil er seiner hochdeutschen
-Aussprache wegen als Protestant und überhaupt als verdächtig galt.
-
-
-Jesuitenzensur in Wien.
-
-Die wirksamste Waffe in der Hand des Protestantismus war von jeher das
-Buch; ihm galt deshalb der glühende Haß der geistlichen Machthaber.
-Seit 1623 war die Wiener Universität unter Verwaltung der Jesuiten,
-ihnen lag auch fast die gesamte Bücherzensur ob, und ohne ihre
-Genehmigung durfte in Österreich nichts gedruckt und kein fremdes Buch
-verbreitet werden. Gegen die katholische Kirche oder ihre Vertreter
-durfte infolgedessen nichts, gegen die Ketzer alles geschrieben werden.
-Wissenschaftliche Werke hatten keinen Anspruch auf mildere Behandlung.
-Noch im Jahre 1750, versichert Sonnenfels, konnte es Stand und Glück
-kosten, wenn man sich anmerken ließ, in einem Buche wie Montesquieus
-»~Esprit des lois~« geblättert zu haben.
-
-Die Verfasser protestantischer und antikatholischer Schriften erwartete
-Verbannung und Kerker. Schon der Besitz lutherischer, ketzerischer,
-überhaupt unkatholischer Schriften war aufs strengste verpönt; sie
-standen außerhalb allen Eigentumsrechtes, jeder Geistliche durfte
-sie konfiszieren, wo er sie fand, jeder Privatmann war bei Strafe
-verpflichtet, anzugeben, wo immer er sie gesehen hatte. Wer ein
-Buch kaufte, mußte es innerhalb vier Wochen seinem Pfarrer zur
-Prüfung vorlegen, sonst erhielt er 3 Gulden Strafe, die sich im
-Wiederholungsfall empfindlich steigerte. Ein Drittel der Strafgelder
-fiel dem Denunzianten zu; daher stand die niederträchtigste Spionage
-in voller Blüte. Haussuchungen waren an der Tagesordnung. Die
-Koffer der Reisenden wurden auf den Zollämtern durchsucht, alle
-bedenklichen Bücher weggenommen, verbotene verbrannt. Verkleidete
-Beamte der geistlichen Bücherpolizei besuchten als harmlose Kunden die
-Buchläden, schlichen sich in das Vertrauen der Händler und drangen in
-sie, ihnen verbotene Bücher zu verschaffen; ließen die Buchhändler
-sich überreden, so entdeckten sich die Spitzel als Polizisten,
-beschlagnahmten die Werke und nahmen die Verkäufer in Strafe.
-
-
-Das Allerheiligste.
-
-Als die Kaiserin Maria Theresia eines Tages gerade am Spieltisch saß,
-wurde ihr durch eine vertraute Kammerfrau, die Mutter der bekannten
-Dichterin Caroline Pichler, Hofrat von Sonnenfels gemeldet, der sie
-dringend in Zensurangelegenheiten zu sprechen wünschte. Ungemein
-lebhaft, wie die Kaiserin noch in ihren letzten Tagen war, eilte sie
-nach wenigen Minuten ins Vorzimmer, strich sich mit den Fingern Haube
-und Haar aus dem Gesicht, und heftig die Karten drehend fragte sie den
-Besucher:
-
-»Nun, was ist's denn? Sekieren sie Ihn schon wieder? Hat Er etwas gegen
-uns geschrieben? Das ist Ihm von Herzen verziehen. Ein echter Patriot
-muß wohl manchmal ungeduldig werden; ich weiß aber schon, wie Er's
-meint. Oder gegen die Religion? Er ist ja kein Narr. Oder gegen die
-guten Sitten? Das glaube ich nicht; Er ist ja kein Saumagen. Aber wenn
-Er etwas gegen die Minister geschrieben hat, ja mein lieber Sonnenfels,
-dann muß Er sich selber heraushauen; da kann ich Ihm nicht helfen. Ich
-habe Ihn oft genug gewarnt.«
-
-Damit machte die Kaiserin kehrt und eilte wieder an ihren Spieltisch
-zurück.
-
-
-Van Swieten und die Zensurhofkommission.
-
-1745 wurde der Holländer Gerard van Swieten (1700--1772) als Leibarzt
-der Kaiserin nach Wien berufen. Er war ein frommer Katholik, aber
-ein Gegner der Jesuiten und vor allem ein strenger Vertreter der
-Wissenschaft, dem der geistige Aufschwung Österreichs unendlich viel
-zu verdanken hat. Auf seinem eigensten Gebiete gewann er schnell Raum,
-denn die praktische Kunst des Arztes war ja die einzige, die die
-Jesuiten nicht übten; er gewann berühmte Ärzte für Wien und wurde der
-Begründer der dortigen medizinischen Schule.
-
-Daß die Geistlichkeit anatomische Lehrbücher der unvermeidlichen
-»Nuditäten« wegen verbot, hörte nun gänzlich auf. Bald aber dehnte
-Swieten seine kraftvolle Reformarbeit auf das ganze geistige
-Leben Österreichs aus und stieß nun überall auf die Schranke der
-geistlichen Zensur. Unerschrocken nahm er den Kampf gegen sie auf.
-Der Übermut seiner Gegner selbst drückte ihm die siegreiche Waffe
-in die Hand: als die geistliche Behörde sich anmaßte, sogar den
-Reichshofrat ihrer Zensur zu unterstellen, setzte es van Swieten bei
-der Kaiserin durch, daß die Prüfung zunächst der philosophischen
-und historischen Werke der Universität abgenommen und besonderen
-Zensurkommissionen in Wien und in den Provinzen anvertraut wurde. Von
-1753 an mußten auch alle zum Druck bestimmten Manuskripte der unterdes
-gebildeten Bücherzensurhofkommission in Wien und nicht mehr den
-Jesuiten der Universität vorgelegt werden, und die bisherige völlige
-Zensurfreiheit der geistlichen Orden für ihre eigenen theologischen
-und philosophischen Schriften wurde aufgehoben -- eine gewaltige
-Kraftprobe van Swietens, die der späteren josephinischen Reform mächtig
-vorarbeitete.
-
-An die Spitze dieser Wiener Zensurkommission trat 1759 van Swieten
-selbst. Sie war jetzt eine rein staatliche Behörde, aber die Hälfte
-ihrer Mitglieder bestand noch aus Geistlichen; zwar wurden diese nicht
-mehr vom Jesuitenorden, sondern von der Kaiserin im Einverständnis mit
-dem Erzbischof gewählt, und seit 1764 war kein Jesuit mehr darunter,
-aber den persönlichen Einfluß des Ordens auf die fromme Fürstin
-vermochte auch van Swieten nicht völlig auszuschalten.
-
-Auch konnte er sich auf seinem heftig angefochtenen Posten nur dadurch
-halten, daß er gegen alles, was der Religion, dem Staate, den Sitten
-und überhaupt der »guten Denkungsart« gefährlich erschien, fast ebenso
-unduldsam vorging wie seine geistlichen Gegner. Noch 1759 wurden alle
-Buchbinder angewiesen, jedes ihnen anvertraute Buch vor dem Einbinden
-ihrem Seelsorger vorzulegen, und der Katalog der verbotenen Bücher
-(»~Catalogus librorum prohibitorum~«), der von 1765 bis 1780 in
-mehreren Ausgaben erschien, ist alles eher denn ein Ruhmesdenkmal für
-seine Zeit.
-
-Swieten lagen nur die »nützlichen Bücher« der Fachwissenschaft wahrhaft
-am Herzen. Deshalb setzte er, den Jesuiten zum Trotz, 1753 die Freigabe
-von Montesquieus »~Esprit des lois~« durch, und des Weihbischofs von
-Hontheim (Febronius) Buch über die rechtmäßige Gewalt der römischen
-Päpste wurde nach langjährigem, erbittertem Kampf wenigstens in
-den Händen der Gelehrten geduldet. Aber van Swieten selbst verbot
-zahlreiche Schriften von Rousseau und Voltaire, von Maupertuis und
-Lamettrie, Thomas Hobbes und Christian Thomasius, von Crébillon und
-Fielding, Boccaccio und Sterne, Swift und Holberg, den Macchiavell
-und Ariosts »~Rime satire~«, Grimmelshausens »Simplizissimus« und
-»Vogelnest« und Rollenhagens »Froschmäusler«, Philander von Sittewalds
-»Gesichte« und Reuters »Schelmuffsky« und von Erzeugnissen der
-neu aufblühenden deutschen Literatur Albrecht von Hallers »Kleine
-Schriften« und Gedichte von Joh. Christ. Günther, Wielands »Idris«,
-»Agathon« und »Sieg der Natur« nebst seiner französischen Übersetzung,
-die Leipziger und Göttinger Musenalmanache, Mendelssohns »Phädon oder
-über die Unsterblichkeit der Seele« und die Schriften Lessings von 1753.
-
-Gegen van Swietens übertriebene Strenge einzuschreiten, war eine der
-ersten Regierungshandlungen des Kaisers Joseph nach seiner Erhebung zum
-Mitregenten seiner Mutter (1765).
-
-
-Wien und Rom.
-
-Wie engherzig und despotisch van Swieten als Zensor seine Urteile ganz
-nach seinen persönlichen Ansichten fällte, darüber berichtet Friedrich
-Nicolai in seiner »Beschreibung einer Reise durch Deutschland und die
-Schweiz« die bezeichnende Anekdote:
-
-»Als mein sel. Freund Meinhard, dessen vortreffliche Versuche über
-die italiänischen Dichter allgemein berühmt sind, mit dem Hrn. Grafen
-Moltke nach Wien kam, wurden ihm, wie allen Fremden, seine Bücher
-weggenommen. Es waren darunter die Opere di Macchiavello und der Emile
-des Rousseau. Hierüber entstand der größte Lärm, daß sich jemand
-unterstanden hätte, diese Bücher einzuführen. Meinhard gieng selbst zum
-Freyherrn von Swieten, um ihn nur zu bitten, daß die Bücher versiegelt
-und an der Gränze ihm wieder ausgeliefert werden möchten. Aber er
-erhielt ganz trocken zur Antwort: Die Bücher wären schon verbrannt;
-und ›es wäre eine Schande, daß jemand sich unterstände, ein Buch wie
-den Macchiavell in die Hände zu nehmen‹. Meinhard wollte wenigstens
-den Emile vertheidigen, aber die Antwort war: ›Reden Sie mir nicht von
-Rousseau! Der ist ein schlechtes Subjekt!‹ Und nun kam ein so heftiges
-Schelten auf Rousseau als den verderblichsten Menschen, daß der gute
-Meinhard, der ohnedieß leicht ängstlich ward, sogleich das Zimmer
-verließ.
-
-»Indessen fand Meinhard bey seiner Abreise nach Italien unvermuthet
-zu Klagenfurt einen Macchiavell, der ihm, ob es gleich eine schlechte
-Ausgabe war, großes Vergnügen machte, da Macchiavell, wegen der
-Zierlichkeit seiner Schreibart, einer der Lieblingsschriftsteller
-meines Freundes war. Als er nach Rom kam, wurden seine Bücher wieder
-angehalten. Er gieng deshalb den folgenden Tag zum Sekretar des
-Magister Palatii, der ein Dominikaner war. Dieser gab ihm die Bücher
-sogleich zurük. Er setzte hinzu: ›Es sind einige verbotene darunter.
-Aber Sie sind ein Gelehrter, und zu verständig, als daß Sie dieselben
-öffentlich zeigen und sich und mir Verdruß machen sollten. Da Sie so
-gut italiänisch sprechen, so merke ich wohl, daß Sie den Macchiavell
-fleißig studirt haben. Aber Sie haben eine gar schlechte Ausgabe
-davon. Suchen Sie die beste zu bekommen; sie ist --.‹ Hier nannte der
-Dominikaner gerade die Ausgabe, die in Wien verbrannt worden war.«
-
-
-Kaiserliche Handbillette.
-
-Nach van Swietens Tode 1772 fiel die Zensur bald in ihre alten Übel
-zurück, und der Klerus gewann in der Kommission wieder das Übergewicht.
-Der neue Präsident der Zensurhofkommission stand den mit frischer
-Keckheit auftretenden Anmaßungen der Geistlichkeit hilflos gegenüber,
-und so konnte es nicht fehlen, daß die Jesuiten, obgleich ihr Orden
-1773 auch in Österreich aufgelöst wurde, verstärkten Einfluß auf den
-Gang der Zensurgeschäfte gewannen. Besaßen sie doch noch immer das Ohr
-der Kaiserin, der jetzt ein energischer Berater wie van Swieten fehlte.
-Hatte ein Jesuit oder sonst ein Betbruder, erzählt Nicolai, an einem
-Buche Ärgernis genommen, so steckte er sich hinter eine Kammerfrau
-der Fürstin; er zeigte ihr etliche mit Rotstift angestrichene Stellen
-des Buches, die anstößig erscheinen konnten, und die Kammerfrau legte
-sie der Kaiserin vor. Auf den Zusammenhang des Textes wurde keine
-Rücksicht genommen, und ein kaiserliches Handbillett verfügte kurzweg
-das Verbot.
-
-
-Das Verbot des Katalogs verbotener Bücher.
-
-Statt vor der anstößigen unmoralischen, kirchenfeindlichen und
-gotteslästerlichen Literatur zu warnen, war der seit 1765 in mehreren
-Ausgaben bei verschiedenen Verlegern erscheinende Katalog der
-verbotenen Bücher gerade ein Führer zu diesen unsauberen Quellen
-geworden und wurde von Liebhabern und Sammlern besonders erotischer
-Literatur niederster Sorte fleißig benutzt. Zu dieser Erkenntnis kam
-im Jahre 1777 endlich auch die Zensurhofkommission und zog daraus die
-einzig richtige Konsequenz: der Katalog der verbotenen Bücher wurde nun
-selbst auf den Index gesetzt.
-
-
-Der Thronfolger.
-
-Es ist das Schicksal aller Thronfolger, daß sich die Hoffnung der
-Unzufriedenen an sie klammert und die Enttäuschungen wie aufgescheuchte
-Dohlen ihren Thron umflattern. Mit welcher Gloriole umgaben die
-deutschen Idealisten die Lichtgestalt des Sohnes, der im Schatten
-seiner großen Mutter heranwuchs! Man wußte, daß Kaiser Joseph ein
-unbedingter Verfechter des Deutschtums in Österreich war, daß er
-deutsche Bücher las und in schaler Hofgesellschaft eine Gruppe
-der Geistigen zu sammeln suchte. Je rücksichtsloser Friedrich der
-Große seiner Verachtung der deutschen Literatur Ausdruck gab, um so
-inbrünstiger erwartete man von dem jungen Kaiser den Werderuf zu einem
-neuen perikleischen Zeitalter.
-
-
-Der Gnadenpfennig.
-
-Dem Mißverständnis von der literarischen Mission des jungen Kaisers
-huldigte keiner so begeistert wie der Sänger des »Messias«, Klopstock,
-und bei ihm verdichtete sich dieser Glaube zu einem großzügigen »Plan
-zur Beförderung der Wissenschaften in Deutschland«, der, ohne die
-steifen Formen einer Akademie anzunehmen, die freigebige Unterstützung
-deutscher Gelehrter und Schriftsteller durch den Deutschen Kaiser zum
-Ziele hatte. Auch ein Finanzprojekt spielte mit hinein: der unerhörte
-gesetzlich begünstigte Nachdruck, der in Wien mit außerösterreichischen
-Büchern getrieben wurde, schädigte die deutschen Autoren empfindlich,
-Lessings »Hamburgische Dramaturgie« war daran zugrunde gegangen. Diese
-»Nachdruckerbande«, wie Lessing sich ausdrückte, sollte beseitigt,
-dafür aber als Entschädigung unter Josephs Schutz in Wien eine
-Reichsdruckerei begründet und darin Werke der deutschen Literatur
-zum Vorteil ihrer Verfasser gedruckt werden; »unglaubliche Summen«,
-versicherte Gleim, sollten dadurch ins Land kommen.
-
-Durch einen diplomatischen Freund sandte Klopstock 1767 diese Anregung
-nach Wien. Zugleich aber auch das Manuskript einer Widmung an Kaiser
-Joseph, die der »Hermanns Schlacht«, seinem neuesten Werk, einem
-»Bardiet für die Schaubühne«, vorangestellt werden sollte. Die Naivetät
-des Messiassängers hat etwas Rührendes; er stellte allen Ernstes an
-Joseph das Ansinnen: nimmst du meine Widmung an, so verpflichtest du
-dich damit auch, den beigefügten literarisch-sozialen Plan auszuführen!
-
-Klopstocks Entwurf kam dem Kaiser nie vor Augen, er verschwand in
-den Akten des Staatskanzlers Fürst Kaunitz, nur die Widmung gelangte
-an ihre Adresse. Aber der deutsche Dichter würde aus allen seinen
-Himmeln gestürzt sein, wenn er geahnt hätte, wie geringschätzig diese
-Angelegenheit an höchster Stelle behandelt wurde. Joseph fragte seinen
-Kanzler, was er tun solle und ob vor allem der Text der Widmung
-nichts Anstößiges enthalte. Fürst Kaunitz erwiderte, dergleichen
-Dedikationen entsprängen gewöhnlich aus eigennützigen Absichten, auch
-gehöre das Werk gar nicht zur »nützlichsten Wissenschaft«. Da aber
-Klopstock in Deutschland große Achtung genieße und ein enthusiastisches
-Publikum habe, sei die Sache als ein »ersprießlicher Einfluß in
-Staatsangelegenheiten« zu betrachten, und man könne deshalb wohl eine
-goldene Kette oder Medaille daranwenden. Auf keinen Fall aber dürfe
-in der Widmung die darin enthaltene Spitze gegen Friedrich den Großen
-wegen seiner Verleugnung deutscher Literatur stehenbleiben, weil
-dadurch »der auch für andere Souveräne zu tragenden Achtung zunahe
-getreten werde«.
-
-Daraufhin nahm der Kaiser auf rein amtlichem Wege die Widmung an
-und schenkte dem Dichter als »Gnadenpfennig« sein Medaillonporträt
-in Brillanten. Im übrigen aber hatte dieser Akt für Klopstock keine
-weiteren Folgen, als daß er sich der Zensur des Kaisers, der damals
-noch seinen Zeitgenossen Friedrich bewunderte, ausgesetzt hatte und
-sich ihr wohl oder übel unterwerfen mußte. Denn er gab sich noch
-lange der Täuschung hin, daß der Kaiser schließlich doch seinen Plan
-durchführen werde.
-
-
-Josephinismus.
-
-Der Vorfall mit Klopstock ist bezeichnend: es fiel Joseph nie ein, sich
-als Gönner der deutschen Literatur aufzuspielen. So sehr er Friedrich
-den Großen verehrte, über den Verse drechselnden König lächelte er
-nur, und Gelehrte, die Bücher schrieben, galten ihm als gewinnsüchtige
-Geschäftsleute. Für das »Federvieh« hatte er wenig übrig, und in
-verdrießlicher Stimmung nannte er den Buchhandel »ebenbürtig dem
-Käsehandel«. Daß ihn Aloys Blumauers Travestierung der »Aeneide«
-höchlichst belustigte, richtet seinen Geschmack. Ebenso wie seine
-Mutter begünstigte er den Büchernachdruck, weil dadurch zum Nutzen
-der heimischen Industrie viel Geld umgesetzt wurde, und als er seine
-Grundregeln für die Zensurreform entwarf, war sein oberster Leitsatz:
-Besser, daß ein paar schlechte Bücher unter die Leute kommen, als daß
-durch übertriebenen Zwang ein »wesentlicher Handlungszweig« lahmgelegt
-wird. Den Volkswohlstand zu fördern, war nach dem Siebenjährigen
-Krieg die Losung der österreichischen Regierung. Wissenschaft und
-Kunst um ihrer selbst willen zu schützen, kam Joseph gar nicht in den
-Sinn, er hatte durchaus praktisch-politische Ziele: Vereinfachung
-der Regierungsgeschäfte durch Zentralisation und Gleichmäßigkeit,
-Entlastung der Beamten, Verminderung ihrer Zahl und damit Ersparnis an
-Gehältern, Förderung der einheimischen Industrie auf allen Gebieten
-und die dafür notwendige Hebung der Volksbildung. Mit gerechtem Neid
-sah Joseph das Emporblühen der protestantischen Nachbarstaaten,
-besonders Preußens. Gesunde Aufklärung und religiöse Toleranz, das sah
-er, machten unzählige wirtschaftliche Kräfte frei, die bisher durch
-veraltete, von der Kirche eifersüchtig gehütete Gesetze verkümmert
-waren. Diese Kräfte sollten nun mit einem Schlag geweckt werden. Wenn
-er zu diesem Zweck den Kampf aufnahm gegen Privilegien des Adels und
-der Kirche, gegen Standesvorurteile und Aberglauben, Kurpfuscher und
-Alchimisten, Teufelsaustreiber und Geisterbeschwörer und den ganzen
-mittelalterlichen Spuk, der sich in Kirchen- und Klosterwinkeln unter
-religiösem Gewande hartnäckig zu erhalten wußte, so war die bisher
-verfehmte Aufklärung, die Errungenschaft der Naturwissenschaft und
-Philosophie, seine gegebene Bundesgenossin. Die geistliche Zensur hatte
-sie bisher des Landes verwiesen; also mußte die Zensur geändert werden.
-Nicht um der schönen Augen der deutschen Schriftsteller und Dichter
-willen, sondern aus rein praktischen Erwägungen.
-
-Daß die Literatur selbst durch diese freiere Regung des geistigen
-Lebens unendlich viel gewann, darüber hat Joseph sich niemals
-weiterdenkenden Betrachtungen hingegeben. Das war ein Verdienst, das
-seiner Politik ohne, vielleicht gegen ihren Willen in den Schoß fiel.
-
-
-Zensurreform in Österreich.
-
-Nach dem Tode seiner Mutter (29. Nov. 1780) fühlte sich Joseph frei von
-den drückenden Fesseln, die er bis dahin als guter Sohn getragen hatte,
-und sofort ging er daran, den dumpfen Geistesbann zu lösen, der wie ein
-Dornröschenschlaf Österreich gefangenhielt.
-
-Zunächst hob er die bisherigen Zensurkommissionen auf und ersetzte sie
-durch eine einzige Bücherzensur-Hauptkommission in Wien. Ihr übergab
-er die von ihm selbst entworfenen »Grundregeln zur Bestimmung einer
-ordentlichen künftigen Bücherzensur«, und am 13. Oktober 1781 erschien
-ein neues Zensurgesetz.
-
-Verboten sollte nach des Kaisers Willen nur mehr das sein, was
-»unsittliche Auftritte und ungereimte Zoten« enthielt, die katholische
-und überhaupt die christliche Religion systematisch verfolgte und
-lächerlich machte oder den Staat und den Landesfürsten »geradezu auf
-eine gar anstößige Art« angriff. Im übrigen aber sollte der Grundsatz
-gelten: »Kritiken, wenn es nur keine Schmähschriften sind, sie mögen
-nun treffen wen sie wollen, vom Landesfürsten bis zum Untersten,
-sollen, besonders wenn der Verfasser seinen Namen dazu drucken läßt und
-sich also für die Wahrheit der Sache dadurch als Bürgen dargestellt,
-nicht verboten werden, da es jedem Wahrheitliebenden eine Freude sein
-muß, wenn ihm solche auf diesem Wege zukommt.«
-
-Mit dem, was der »große Haufen« oder »schwache Köpfe« lesen, bestimmte
-Joseph, soll man streng, um so nachsichtiger aber mit gelehrten Werken
-sein, die nur »schon bereiteten Gemütern« und »standhafteren Seelen« in
-die Hände kommen. Einzelner anstößiger Stellen wegen braucht man also
-wissenschaftliche Werke und Zeitschriften nicht zu verbieten.
-
-Der bisherige Katalog verbotener Bücher wurde einer gründlichen
-Revision unterzogen. Zahlreiche hervorragende Schriften von Abbt,
-Basedow, Bernis, Bodmer, G. A. Bürger, Chesterfield, Goethe, Haller,
-Home, Jacobi, Moses Mendelssohn, Schroeckh, Süßmilch, Zimmermann,
-Yorick (Sterne) und anderen wurden nun endlich aus der Haft entlassen.
-Was man bisher nur Gelehrten oder Protestanten »~erga schedam~« (gegen
-besondern Erlaubnisschein) zu lesen gab, wurde alles freigegeben; die
-unbedingt verbotenen Werke wurden einer nochmaligen Zensur unterworfen
-und daraufhin ein neuer Katalog der verbotenen Bücher angefertigt.
-
-Was verboten blieb oder neu verboten wurde, sollte jetzt nicht mehr
-vernichtet, sondern in die Bibliotheken eingestellt werden, so daß
-es Gelehrten »~erga schedam~« zugänglich blieb. Protestantische
-Religionsbücher zu kirchlichen Zwecken durften frei verkauft werden;
-das galt auch für unkatholische Volksliteratur, Erbauungsbücher,
-Hauspostillen und dergleichen, in den Landesteilen wie Ungarn und
-Schlesien, wo der Protestantismus geduldet war; in Österreich
-selbst und den Provinzen, wo der Katholizismus noch die einzige
-staatlich anerkannte Religion war, durfte solche Volksliteratur der
-andersgläubigen Bevölkerung wenigstens »~erga schedam~« geliefert
-werden. Auch diese Beschränkung wurde bald darauf beseitigt.
-
-
-Kaiser Josephs Volkszensur.
-
-Für die Zensur der in den Erblanden zum Druck kommenden Manuskripte
-erfand Joseph eine Neuerung, die seinen Scharfsinn ins hellste Licht
-setzt und mit sicherer Hand den Lebensnerv des ganzen Zensurproblems
-berührt; sie befreite die ängstliche, um Amt und Brot besorgte
-Bürokratie von einem Teil ihrer Verantwortung und schuf neben
-ihr einen weiten Areopag gänzlich unabhängiger Männer, die keine
-Berufszensoren waren, auch nicht von Staats wegen ernannt, sondern --
-_von den Schriftstellern selbst gewählt_ wurden!
-
-Kein Manuskript, so bestimmte Josephs Gesetz, soll von der
-Zensurbehörde zur Prüfung angenommen werden, wenn es nicht schon
-eine Bescheinigung irgendeines sachkundigen Gelehrten oder einer
-angesehenen Persönlichkeit mitbringt, die bekundet, daß in dem neuen
-Werk nichts gegen die guten Sitten, die Religion und die Landesgesetze
-enthalten, »dasselbe demnach dem gesunden Verstande angemessen«
-ist. Diesen seinen Vorzensor konnte sich jeder Schriftsteller unter
-seinen Freunden und Gönnern suchen, er konnte auch mehrere in
-Anspruch nehmen, wenn ihm die Ansicht des ersten nicht behagte, und
-da diese freigewählten Zensoren keinerlei Verantwortung traf, war
-die Unbefangenheit ihres Urteils gesichert. So verwandelte Joseph
-die bisherige ausschließliche Beamtenzensur in eine Art Volkszensur,
-denn das Urteil eines unabhängigen, angesehenen Mannes konnte auf die
-entscheidende Zensurbehörde nicht ohne Einfluß sein. Er wies damit auf
-einen Ausweg aus der Sackgasse der Zensur hin, der zu einer Lösung des
-ganzen Problems führen konnte, leider aber von spätern Gesetzgebern nie
-betreten worden ist.
-
-
-»Wen's juckt, der kratze sich!«
-
-Einen sympathischen Zug hatte Joseph mit seinem großen Zeitgenossen
-Friedrich II. gemeinsam: er besaß eine sehr geringe Empfindlichkeit
-im Punkte der Majestätsbeleidigungen. »Ich habe eine heile Haut,«
-pflegte er zu sagen, »wen's juckt, der kratze sich!« Nicht nach
-dem vorschnellen Urteil der Broschürenschreiber, sondern auf Grund
-seiner Handlungen hoffte er beurteilt zu werden, und als er 1780
-den lutherischen Historiker M. I. Schmid als Direktor des Hof- und
-Staatsarchivs nach Wien berief, legte er ihm dringend nahe, in seinen
-Geschichtswerken niemanden zu schonen, am wenigsten ihn selbst.
-»Die Fehler meiner Vorfahren und meine eigenen sollen die Nachwelt
-belehren«, war sein Wahlspruch. Als man ihn einmal auf eine eben
-erschienene neue Schmähschrift gegen ihn aufmerksam machte, antwortete
-er: »Es ist mir gleich, ob man Gutes oder Schlimmes von mir spricht;
-dem einen wird sie gefallen, dem andern mißfallen. Wenn man sich nur
-selbst nichts vorzuwerfen hat. Die innere Ruhe ist ein Gut, das man
-nicht nehmen und geben kann.«
-
-
-Ein Zensurgespräch zwischen Kaiser und Erzbischof.
-
-Gleichzeitig mit dem neuen Zensurgesetz erschien Josephs berühmtes
-Toleranzedikt, das den Protestanten und nichtunierten Griechen freie
-Religionsübung in allen Ländern des Kaiserstaates zusicherte. Dies
-und die übrige reformatorische Tätigkeit des Kaisers, die Aufhebung
-zahlreicher Klöster, die Auflösung der Orden, die sich keiner
-gemeinnützigen Tätigkeit widmeten, die Bevorzugung der Weltpriester
-usw. veranlaßte den Papst Pius VI., 1782 persönlich nach Wien zu
-kommen, um Einspruch zu erheben. Dieses Ereignis rief eine Fülle von
-Schriften hervor, deren meist anonyme Verfasser die ihnen soeben erst
-gewährte größere Meinungsfreiheit weidlich ausnützten. Zahlreiche
-dieser Broschüren unter dem Titel »Was ist der Papst?«, »Was ist die
-Kirche?«, »Was ist der Teufel?« usw. ließen an Deutlichkeit dessen,
-was man bisher in Österreich-Ungarn nie hatte sagen, geschweige denn
-drucken dürfen, nichts zu wünschen übrig; die meisten wurden sogleich
-auch ins Ungarische übersetzt. Der Erzbischof von Calocza, Baron
-Patachich, hoffte daher beim Kaiser Joseph Verständnis für seine und
-der Geistlichkeit Entrüstung über diese massenhaften Auswüchse der
-Preßfreiheit zu finden. Bei dieser Audienz entwickelte sich folgendes
-Gespräch:
-
-_Kaiser_: »Nun itzt wird hier auch allerley geschrieben und die Leute
-fangen an freyer und aufgeklärter zu dencken und zu schreiben.«
-
-_Erzbischof_ (mit aufgehobenen Händen): »Ach du lieber Gott! ja
-leider wird nur mehr als zu viel geschrieben, und ich bitte E. M. um
-Gottes willen diesem Frevel einhalt zu thun, durch den selbst Ew. M.
-geheiligte Person gemißbraucht wird.«
-
-_Kaiser_: »Ey warum -- lesen Sie die brochuren die heraus kommen?«
-
-_Erzbischof_: »Ich lese sie alle und muß sie kraft meines Amtes lesen,
-damit ich sehe, ob denn diese Leute auch etwas Neues sagen und ob die
-Gefahr, in die solche Schriftsteller die Kirche setzen, von würklichen
-Folgen seyn kann.«
-
-_Kaiser_: »Man muß schon die Leute reden lassen, verschonen sie doch
-mich auch nicht, sie haben ja gar auch ein Buch herausgegeben, wo sie
-mich mit Luthern zusammensetzten -- haben Sie das auch gelesen?«
-
-_Erzbischof_: »Ach ja wohl -- habe ichs gelesen und bin erstaunt, wie
-sich der Verfasser so entsetzlich an Ew. M. vergehen kann. Der Tittel
-ist schon Majestät beleidigend, ›Kaiser Joseph und Luther‹; dann
-erzählt er alles, was Luther in seinem sogenannten Reformations-Wercke
-gethan hat, nennt ihn durch das ganze Buch ~NB.~ den seligen Luther und
-endlich schließt er damit: so weit sey der sel. Luther gekommen, nun
-wäre es Kaiser Joseph aufgehoben, das vollends auszuführen, was jener
-angefangen oder nur zum Theil vollbracht habe.«
-
-_Kaiser_: »Ich habe aber das Buch in die Censur geschickt, und man hat
-mir gesagt, daß nichts unanständiges darinn sey.«
-
-_Erzbischof_: »Das ists eben Ew. Majestät, die Censur --«
-
-_Kaiser_: »Ja aber ich habe es der Theologischen Fakultät und besonders
-dem Rautenstrauch [Abt von Braunau], der doch ein geschickter Mann in
-theologischen Sachen seyn soll, geschickt.«
-
-_Erzbischof_ (mit Achselzucken): »Ja eben das ist das Unglück, ich will
-den Prälat Rautenstrauch nicht verachten, aber --«
-
-_Kaiser_: »Ja, wenn _diese_ Leute es nicht verstehen, da kann ich mir
-weiter nicht helfen.«
-
-»Danach wurde«, meldet der Berichterstatter, »der Discours auf etwas
-anderes gelenckt und weiter dem Erzbischof mit vieler Höflichkeit die
-Gelegenheit benommen, von dieser Materie wieder anzufangen.«
-
-
-Preßfreiheit in Wien.
-
-Im Mai 1786 ging Joseph noch einen Schritt weiter. Mehrfach war es
-vorgekommen, daß Drucker statt der Handschrift den schon abgesetzten
-Text an die Zensurbehörde geschickt hatten. Das erschien dem Kaiser
-überaus praktisch: ein gedruckter Text las sich besser als eine
-schlechte Handschrift, und der Verleger gewann dadurch Zeit, er konnte
-schneller mit einem neuen Buche erscheinen und bessere Geschäfte
-machen. Aus diesen rein praktischen Erwägungen heraus erlaubte der
-Kaiser jetzt den Wiener Verlegern, ihre Bücher auf eigene Gefahr
-drucken zu lassen. Das erste fertige Exemplar aber mußte der
-Zensur eingereicht, und vor der Genehmigung durfte das Werk nicht
-ausgegeben werden. Wurde es dann von der Zensur verboten, so mußte der
-Drucker für jedes dennoch im Inland verbreitete Exemplar 50 Gulden
-Strafe zahlen. Ursprünglich wollte Joseph dieses Vergehen sogar mit
-körperlicher Züchtigung ahnden, was ihm aber der damalige Präsident der
-Zensurhofkommission auszureden wußte.
-
-Tatsächlich schuf Joseph durch diese Verfügung einen Zustand, der einer
-Preßfreiheit sehr nahe kam. Denn nun erst kam den Schriftstellern die
-frühere Bestimmung zugute, daß ein sonst nützliches Werk einzelner
-anstößiger Stellen wegen nicht verboten werden durfte; sie konnten
-sich also manches zu drucken getrauen, was in der Handschrift von dem
-ängstlichen Zensor zweifellos getilgt worden wäre. Und wenn wider
-Erwarten ein Buch dem Verbot verfiel, durfte es zwar in Österreich
-nicht verbreitet werden; die schon gedruckte Auflage blieb aber
-Eigentum des Verlegers, und nach dem Ausland durfte er sie ungehindert
-verkaufen. Für Bücher, die nur im Ausland verbreitet wurden, hatten
-also die österreichischen Schriftsteller völlige Preßfreiheit.
-Verantwortlich blieben sie natürlich immer für die strafrechtlichen
-Folgen ihrer Werke, wie ja Preßfreiheit niemals und nirgends mit
-Gesetzlosigkeit zu verwechseln ist.
-
-
-Das Ende der Wiener Preßfreiheit.
-
-Drei Jahre dauerte die Wiener Preßfreiheit, dann machte ein Federstrich
-Josephs ihr wieder ein Ende.
-
-Unlautere Elemente hatten sie arg mißbraucht, und die Fälle, daß
-Bücher umliefen, die der Zensurbehörde gar nicht vorgelegt worden
-waren, mehrten sich. Die Masse der schnell fertigen Skribenten, der
-Wiener »Büchelschreiber«, die Tagesfragen in seichten Broschüren
-erörterten, widerte den Kaiser an; besonders verhaßt waren ihm die
-zahllosen anonymen und pseudonymen Machwerke dieser Art, ohne daß er
-sich jedoch entschließen konnte, ihnen völlig den Garaus zu machen; es
-waren immerhin etliche »nützliche« Schriften darunter, deren Verfasser
-einleuchtende Gründe für die Verschweigung ihres Namens beibrachten.
-
-Ob der ungeduldige Reformator, der niemals die Ernte seiner
-Aussaat mit Ruhe erwarten konnte, unter der Enttäuschung über den
-mangelnden Aufschwung des österreichischen Schrifttums litt? Diese
-sentimentale Note klingt bei ihm nie wieder, wie sich seine nüchternen
-Zweckmäßigkeitsgründe ja auch niemals zu hoffnungsvollen Verheißungen
-gesteigert hatten. Verbittert war er gewiß durch so manche Fehlschläge
-seiner Politik, und der Beginn der Französischen Revolution machte
-auf ihn einen um so tieferen Eindruck, als er schon an der Krankheit
-hinsiechte, der er am 20. Februar 1790 erlag.
-
-In dieser Verfassung beherrschten ihn die gereizten Stimmungen
-des Augenblicks mehr als je, und die plötzliche Zurücknahme der
-Preßfreiheit von 1786 kostete ihn um so weniger Überwindung, als er
-sich, das steht nach den Zensurakten fest, 1789 ihrer überhaupt nicht
-mehr entsann, sich ihrer kulturellen Bedeutung also wohl nie bewußt
-geworden war! Zur größten Bestürzung der Zensurkommission erging er
-sich Ende 1789 in Entscheidungen despotischer Willkür und mußte erst
-auf die von ihm selbst geschaffenen Gesetze hingewiesen werden. Die
-Zeit war aber schon vorüber, wo der Geist der josephinischen Reform
-in seinen Beamten einen festen Rückhalt gefunden hatte. Sie gingen
-auf die plötzliche Laune des Kaisers bereitwilligst ein, sprachen ihm
-von Büchern, die »die Grundfeste aller Religion, aller Sittlichkeit,
-aller gesellschaftlichen Ordnung untergraben, die Bande aller Staaten,
-aller Nationen aufzulösen fähig sind« und von der »Pflicht gegen die
-Menschheit«, der Verbreitung solcher Bücher nach Möglichkeit Einhalt zu
-tun. Daraufhin erfolgte im Dezember 1789 des Kaisers neue Verfügung:
-
-Von jetzt ab darf kein Manuskript mehr ohne vorherige Zensur gedruckt
-werden. Für jedes in Umlauf gebrachte Exemplar einer unzensierten
-Druckschrift ist wie bisher eine Strafe von 50 Gulden festgesetzt,
-im Wiederholungsfall tritt Schließung des Geschäftes hinzu. Wer
-aber unzensierte Bücher ins Ausland sendet, wird außerdem mit einer
-körperlichen Strafe belegt!
-
-So bricht dieser Kitzel mittelalterlicher Gewaltherrschaft, der
-Trieb zu körperlicher Züchtigung, wie eine Jahre hindurch ehrlich
-unterdrückte Leidenschaft in Josephs letzter Zensurverfügung wieder
-durch. Obendrein wurde am 20. Januar 1790 der gesamte Hausierhandel mit
-Büchern schlankweg verboten.
-
-Dieser plötzliche Rückschritt zeigt, daß bereits ein anderer als der
-frühere josephinische Geist in Österreich wieder mächtig zu werden
-begann; die gleichzeitige Reaktion in Preußen wird darauf nicht
-ohne Einfluß gewesen sein. Zehn Jahre hatte der freigegebene Kampf
-gegen die Kirche sich als trefflicher Blitzableiter aller Opposition
-erwiesen: jetzt war seine Kraft erschöpft, und gegen die aus dem Westen
-anstürmende Flut der Revolution mußten in Eile neue Dämme aufgeworfen
-werden. Bisher hatte Joseph die österreichischen Schriftsteller ihre
-schärfsten Pfeile ungehindert ins Ausland verschießen lassen, wenn
-nur die Ruhe des Kaiserstaates nicht gestört wurde; in der Abwehr
-der Revolution fühlte sich plötzlich auch Österreich mit dem Ausland
-solidarisch. Nach kurzer Zeit übernahm es sogar die Führung in diesem
-Kampfe und wußte sie fast ein halbes Jahrhundert lang zu behaupten.
-
-
-Der letzte Rest ...
-
-Ein hohes Verdienst der Zensurreform Josephs ist schließlich noch, daß
-sie das Recht des Privateigentums wieder anerkannte, der Polizei und
-Geistlichkeit die Schwelle des Privathauses zu achten befahl und damit
-die niederträchtige Spionage nach verbotenen Büchern beseitigte. In
-seinen Grundregeln hatte der Kaiser mit derben Worten den unwürdigen
-Gebrauch gebrandmarkt, »jedem Reisenden, jedem Inländer, der nur
-von seinen Landgütern in eine Stadt kömmt, alle seine Truhen und
-Bett-Säcke zu durchsuchen, um entweder ein Buch zum Verbrennen zu
-finden oder ein hier noch nicht bekanntes zu censuriren«, und wenn
-auch das Zensurgesetz selbst keine ausdrückliche Bestimmung darüber
-enthielt, so beschränkte der Wille des Kaisers von da ab die Vollmacht
-der Zensurbehörden auf den öffentlichen Bücherhandel. Verbotene
-Bücher waren von nun an in den Händen ihrer rechtmäßigen Besitzer und
-im Koffer der Reisenden unantastbar, wenn sie nicht als Handelsware
-dienten, und verfielen erst wieder der Beschlagnahme, wenn sie
-öffentlich weiterverkauft werden sollten.
-
-Diese Bestimmung ist die _einzige_ von Josephs Zensurreform, die _auf
-die Dauer_ bestehen blieb. Alle übrigen wurden bald nach seinem Tode
-ebenso geräuschlos wie gründlich beseitigt, als die Furcht vor der
-Revolution über die Regierungen ganz Europas hereinbrach.
-
-
-
-
-3. Des gottseligen Herrn Ministers von Wöllner Blumen-, Frucht- und
-Dornenstücke.
-
- _Visitator._
-
- Oeffnet die Coffers. Ihr habt doch nichts contrebandes
- geladen? Gegen die Kirche? den Staat? Nichts von
- französischem Gut?
-
- _Goethe-Schiller_, »_Xenien_«. (1797.)
-
-
-Preßfreiheit und Preßfrechheit.
-
-Ganz anders als unter Friedrich dem Großen pfiff der Wind unter
-seinem Nachfolger Friedrich Wilhelm II. (1786--1797), nach dessen
-Regierungsantritt es bereits in Frankreich bedenklich zu kriseln
-begann. Unter dem Einfluß seines bigotten Justiz- und Kultusministers
-von Wöllner, der den freisinnigen Minister von Zedlitz abgelöst hatte,
-erließ der neue Herr zunächst das Religionsedikt vom 9. Juli 1788, das
-der friderizianischen Aufklärung den Krieg bis zum Äußersten ansagte
-und die auch den morschen Staatsgebäuden gefährliche Aufklärung mit
-Stumpf und Stiel ausrotten sollte.
-
-Gegen dieses mit dem Geist des Protestantismus unvereinbare
-Religionsedikt lehnten sich sogar fünf Mitglieder des Oberkonsistoriums
-auf; der ehrwürdige Propst Spalding an der Nikolaikirche und Propst
-Teller an St. Petri dankten seinetwegen ab, und die gesamte Presse
-machte heftig dagegen mobil. Um ihr den Mund zu stopfen, sahen der
-König und Wöllner kein anderes Mittel als ein neues Zensurgesetz,
-dessen Bearbeitung am 10. September 1788 dem Großkanzler von Carmer mit
-folgenden Worten aufgetragen wurde:
-
-»Da Ich auch vernehme, daß die Preßfreiheit in Berlin in Preßfrechheit
-ausartet, und die Bücher-Censur völlig eingeschlafen ist, mithin gegen
-das Religions Edict allerlei aufrührerische Schriften gedruckt werden,
-so habt ihr gegen den Buchdrucker und Buchhändler sofort ~fiscum~ zu
-excitiren, und Mir übrigens Vorschläge zu thun, wie die Büchercensur
-auf einen bessern Fuß eingerichtet werden kann. Ich will Meinen
-Unterthanen alle erlaubte Freiheit gern accordiren; aber Ich will auch
-zugleich Ordnung im Lande haben, welche durch die Zügellosigkeit der
-jetzt sogenannten Aufklärer, die sich über alles wegsetzen, gar sehr
-gelitten hatt.«
-
-Durch diese Kabinettsorder Friedrich Wilhelms II. ist der Gleichklang
-»Preßfreiheit -- Preßfrechheit« geflügelt geworden.
-
-
-Das »Erneuerte Censur-Edict« von 1788.
-
-Neue Besen kehren gut. Schon zwei Monate später war das befohlene
-Zensurgesetz fertig und wurde am 19. Dezember 1788 vom Könige
-unterzeichnet. Es ist schon dadurch von besonderer Bedeutung, daß es
-bis 1819 gültig und darüber hinaus von vorbildlicher Wirkung blieb,
-obgleich das berüchtigte Religionsedikt, dessen dornenvollen Weg es
-ebnen sollte, 1797 wieder aufgehoben wurde.
-
-Dieses erneuerte Zensuredikt erkannte zwar »die großen und
-mannigfaltigen Vortheile einer gemäßigten und wohlgeordneten
-Preßfreyheit zur Ausbreitung der Wissenschaften und aller
-gemeinnützigen Kenntnisse« an und wollte ebenfalls »keinesweges eine
-anständige, ernsthafte und bescheidene Untersuchung der Wahrheit
-hindern oder sonst den Schriftstellern irgend einen unnützen und
-lästigen Zwang auflegen«. Der Vorbehalt »bescheiden« ist neu,
-Friedrichs Zensurgesetz von 1772 führt ihn noch nicht, und er gehört
-von jetzt an zum regelmäßigen Wortschatz solcher Verfügungen.
-
-Aber eine »gänzliche Ungebundenheit der Presse«, klagt der
-Gesetzgeber, werde »besonders in den sogenannten Volksschriften
-häufig von unbesonnenen oder gar boßhaften Schriftstellern mißbraucht
-zur Verbreitung gemeinschädlicher praktischer Irrthümer über die
-wichtigsten Angelegenheiten der Menschen, zum Verderbniß der Sitten
-durch schlüpfrige Bilder und lockende Darstellungen des Lasters,
-zum hämischen Spott und boßhaften Tadel öffentlicher Anstalten und
-Verfügungen, und zur Befriedigung niedriger Privat-Leidenschaften, der
-Verläumdung, des Neides und der Rachgier, welche die Ruhe guter und
-nützlicher Staatsbürger stöhren, auch ihre Achtung vor dem Publiko
-kränken«.
-
-Um solchen Männern, denen es nicht um die Wahrheit zu tun sei,
-sondern die nur aus Gewinnsucht oder aus andern Nebenabsichten die
-Schriftstellerei ausübten, das Handwerk zu legen, sei es nötig,
-das ganze Literaturgewerbe der öffentlichen Aufsicht und Leitung
-des Staates zu unterstellen, um allem zu steuern, »was wider die
-allgemeinen Grundsätze der Religion, wider den Staat, und sowohl
-moralischer als bürgerlicher Ordnung entgegen ist, oder zur Kränkung
-der persönlichen Ehre und des guten Namens anderer abzielet«. Daher
-dürfe kein Buch ohne Erlaubnis der Zensur gedruckt oder verkauft werden.
-
-Die Ausübung der Zensur wurde jetzt nicht mehr einer besonderen
-Kommission und bestimmten Personen anvertraut, was sich schon
-früher als unpraktisch erwiesen hatte, sondern ganzen Kollegien,
-die ihrerseits einen Zensor stellen mußten. Die Zensur der
-theologischen und philosophischen Schriften wurde den Konsistorien,
-die der juristischen dem Kammergericht bzw. den Regierungen und
-Landesjustizkollegien, die der medizinischen den jeweiligen
-Medizinalkollegien und die der staatswissenschaftlichen Schriften dem
-Departement des Äußern übertragen.
-
-Die Zensur der schönen Literatur (»Wochen- und Monatsschriften
-vermischten Inhalts, gelehrte Zeitungen, oeconomische Aufsätze,
-Romane, Schauspiele und andere kleine Schriften«) blieb Aufgabe der
-Universitäten oder der Landesjustizkollegien; letztere hatten wie
-bisher auch die Verantwortung für die politischen Zeitungen, die nur in
-Berlin ebenfalls dem Departement des Äußern unterstanden. Da außerhalb
-des lokalen Teils der Inhalt der Provinzzeitungen damals noch ganz von
-dem der Berliner abhing, war also durch die Berliner Zensur auch die
-preußische Provinzpresse besorgt und aufgehoben.
-
-
-Die Wöllnersche Note.
-
-Man pflegt gemeinhin das »Erneuerte Censur-Edict« mit dem berüchtigten
-Religionsedikt in einen Topf zu werfen und beide mit dem Namen des
-Ministers Wöllner zu bezeichnen, den Friedrich der Große mit den
-Worten charakterisiert hatte: »Der Wöllner ist ein betrügerischer und
-intriganter Pfaffe, weiter nichts.« So lautete eine der lapidaren
-Randbemerkungen des Königs an einem Gesuch der Familie Itzenplitz, die
-1765 für ihren bisherigen Hauslehrer, jetzigen Schwiegersohn Wöllner
-den Adel erbeten hatte. Es war eine der ersten Regierungshandlungen
-Friedrich Wilhelms II., seinem Günstling diese Standeserhöhung zu
-gewähren.
-
-Daß der Wortlaut des Zensurediktes von 1788 nicht von Wöllner stammt,
-sondern von dem berühmten damaligen Juristen Svarez, dem Reformator
-des gesamten preußischen Justizwesens, berichtete schon Fr. Nicolai
-in seinen »Gedanken über die Verbesserung der Einrichtung der Censur«
-1801; ihm gestand auch Svarez zu, daß er, »da er die Sache nicht
-ändern konnte«, sie wenigstens durch Weglassung und ungenaue Fassung
-einiger Paragraphen zu mildern gesucht habe, »um einer günstigen
-Auslegung Platz zu lassen«. Damit gab er indirekt Wöllners bestimmenden
-Einfluß zu, der sich ja auch aus der ganzen Sachlage von selbst ergab.
-Zweifellos bildet die gemäßigte Form des Zensurediktes, wie Svarez'
-Biograph Stölzel sagt, »einen scharfen Kontrast zu der gereizten,
-wenig objektiven Sprache des Religionsediktes. Dort redet Svarez, hier
-Wöllner«. Auch die Gründlichkeit des neuen Gesetzes verrät überall die
-sorgsam überlegte Arbeit eines erfahrenen Juristen.
-
-Aber war das Edikt von 1788 wirklich nur eine »Erneuerung« der
-Zensurvorschriften Friedrichs des Großen? »Wenn man's so hört, möcht's
-leidlich scheinen.« Aber wenn man die Einzelheiten genau betrachtet,
-fallen doch mehrere sehr wichtige Änderungen auf.
-
-Daß in der moralisierenden Einleitung, durch deren schlechten Stil
-ein Wöllnerscher eigener Entwurf durchzuschimmern scheint, dem
-erst aufwachsenden selbständigen Schriftstellerberuf noch keine
-Existenzberechtigung zugestanden wird, ist nur ein Zeichen der Zeit.
-Über dieses »Gewerbe« dachte der alte Fritz kaum anders. Aber die
-neue Verfügung rüttelte an einer der Grundfesten seines Gesetzes von
-1772, indem sie die Zensur der wichtigsten aller Disziplinen, der
-philosophischen, dem Fachgelehrten wieder entzog und den Konsistorien
-überwies, also die unter Friedrich durchgesetzte Fachzensur zum
-wesentlichen Teil wieder in eine geistliche Zensur verwandelte. Diese
-Neuerung war zweifellos die am tiefsten einschneidende.
-
-Es finden sich aber noch andere. Die Zensurfreiheit der Akademiker
-blieb zwar bestehen, aber sie wurde jetzt beschränkt auf Schriften
-»über Gegenstände derjenigen Classe, bei welcher sie angesetzt sind«,
-galt also nur mehr für die Fachschriften. Wenn sich demnach etwa ein
-Mediziner der Akademie auf das Gebiet der Philosophie oder Religion
-verirrte, war er keineswegs mehr immun, sondern hatte sich über diesen
-Schritt vom Wege wie jeder andere vor der Zensur des zuständigen
-Kollegiums zu verantworten.
-
-Die »historischen Schriften« des alten Zensurgesetzes nennt das
-erneuerte überhaupt nicht mehr. Aber vergessen waren sie nicht,
-sondern ganz unauffällig in einen andern Paragraphen geschoben:
-neben den politischen mußten jetzt auch »alle in die Reichs- und
-Staatengeschichte einschlagenden Schriften« dem auswärtigen Departement
-vorgelegt werden. Man wollte jetzt auch die Literatur schärfer
-beaufsichtigen, die unter dem Gewande der Geschichte oft sehr unbequeme
-Politik trieb.
-
-Aus diesen sehr bedeutenden Verschärfungen des Zensurediktes von 1788
-klingt die Wöllnersche Note deutlich hervor, und wenn die unkritische
-öffentliche Meinung den bigotten Minister zum Vater auch des
-Zensurediktes machte, so sollten ihr die nächsten Ereignisse doppelt
-recht geben: denn nicht der Wortlaut macht die Schärfe eines Gesetzes,
-sondern seine Anwendung.
-
-
-Prometheus.
-
- Prometheus hatte kaum herab in Erdennacht
- Den Quell des Lichts, der Wärm' und alles Lebens,
- Das Feuer, vom Olymp gebracht,
- Sieh, da verbrannte sich -- denn Warnen war vergebens --
- Manch dummes Jüngelchen die Faust aus Unbedacht.
- Mein Gott! Was für Geschrei erhuben
- Nicht da so manches dummen Buben
- Erzdummer Papa,
- Erzdumme Mama,
- Erzdumme Leibs- und Seelenamme!
- Welch Gänsegeschnatter die Klerisei,
- Welch Truthahngekoller die Polizei! --
-
- Ist's weise, daß man dich verdamme,
- Gebenedeite Gottesflamme,
- Allfreie Denk- und Druckerei?
-
- _Gottfried August Bürger._ 1789.
-
-
-Die gehörige Bescheidenheit.
-
-Einer der ersten, die das Recht des Königs, für die »ursprüngliche
-Reinigkeit« der Religion zu sorgen, nachdrücklich bestritten,
-war ein in Berlin lebender Hamburger, ~Dr.~ Würzer, der in seinen
-»Bemerkungen über das preußische Religions-Edict nebst einem Anhang
-über Preßfreiheit« (Berlin, 1788) jede Einwirkung des Staates auf
-die Entwicklung der Religion und jede Maßregel gegen die Aufklärung
-als unzulässig nachwies und auch an dem Stil des Ediktes, an seinen
-Ausdrücken »Dreistigkeit und Unverschämtheit«, scharfe Kritik übte.
-
-Er wurde verhaftet und vom Kammergericht zu sechs Wochen Gefängnis
-verurteilt, aber nicht seiner theologischen Überzeugung wegen, sondern
-weil er diese nicht mit der »gehörigen Bescheidenheit« vorgetragen
-und die Achtung vor dem Monarchen verletzt habe. Er hatte es nämlich
-gewagt, seine Streitschrift dem Könige zu widmen und ihm ein Exemplar
-zu überschicken.
-
-
-Das Kammergericht gegen Wöllner.
-
-Von der erhofften heilsamen Wirkung des neuen Zensurgesetzes war
-Wöllner sehr bald bitter enttäuscht, denn die jetzt mit der Zensur
-beauftragten Kollegien, sogar die Konsistorien, arbeiteten ihm wenig
-zu Dank. Er sorgte deshalb mehrfach durch Kabinettsorders, die der
-König meist ungelesen zu unterzeichnen pflegte, dafür, daß über seine
-Auslegung des Zensurediktes und die von ihm bezweckte Anwendung kein
-Zweifel mehr bestehen konnte.
-
-Zur bessern Kontrolle der Rechtgläubigkeit hatte König Friedrich
-Wilhelm II. die Einführung eines allgemeinen Landeskatechismus
-befohlen, die bei der Geistlichkeit auf ebenso starken Widerstand
-stieß wie das Religionsedikt. Eine in Züllichau erschienene anonyme
-Abhandlung war _für_ den Landeskatechismus eingetreten, und der
-Berliner Prediger Gebhard schrieb eine Entgegnung darauf, die vom
-Berliner Oberkonsistorium die Druckerlaubnis erhielt. Kaum aber war sie
-erschienen, so verbot Wöllner als Chef des geistlichen Departements dem
-Verleger Joh. Christ. Unger den Verkauf der Gebhardschen Schrift bei
-100 Dukaten Strafe für jedes Exemplar. Außerdem erhielt der schuldige
-Zensor, der Oberkonsistorialrat Zöllner, einen derben Verweis, weil
-er eine »Scharteke« zugelassen habe, die die geplante Einführung des
-Landeskatechismus als unnötig, unnütz und sogar schädlich bezeichnete,
-also einen sträflichen Tadel landesherrlicher Verordnungen und wenig
-Achtung vor königlichen Befehlen enthalte.
-
-Wer zahlte nun dem Verleger seine Unkosten zurück? Daß die Zensoren
-selbst sich so gröblich irren konnten, hatte der Gesetzgeber nicht
-vorgesehen. Wöllner riet dem Verleger ironisch, er möge sich an
-Verfasser und Zensor halten, und Unger folgte seinem Rat, wohl
-um über diese noch mehrfach zu befürchtende Streitfrage eine
-Gerichtsentscheidung herbeizuführen.
-
-Aufs neue bewährte das preußische Kammergericht seinen alten Ruf
-unbestechlicher Gerechtigkeit. Die Klage gegen den Verfasser nahm es
-gar nicht an, da dieser ja sein Buch ordnungsgemäß der Zensur vorgelegt
-hatte, und die Klage gegen den Zensor wies es kostenpflichtig ab.
-Die Kritik auch schon bestehender, »von der Regierung beliebter«
-Staatseinrichtungen, so erklärte es in seiner Urteilsbegründung,
-sei nicht nur Recht, sondern Pflicht jedes, der sich zu Belehrungen
-der Staatsmänner berufen glaube, sonst würden »alle Kompendien der
-Staatswissenschaft unter die verbotenen Bücher, und Plato, Montesquieu
-und Thomasius unter die Staatsverbrecher gehören«. Wenn jemals über
-Gesetze und öffentliche Anstalten mit Nutzen geschrieben werden könne,
-so sei es gewiß zu der Zeit, da sie eben entworfen würden. Zöllner
-habe deshalb als Zensor nur seine Pflicht erfüllt und verdiene statt
-eines Tadels »_öffentlichen Dank_, daß er ohne Nebenabsichten, als ein
-gewissenhafter und verständiger Staatsdiener, seine Stimme gegeben,
-und so viel an ihm ist, die Rechte der Vernunft und die mit ihnen
-verbundene Ehre der Preußischen Regierung aufrecht erhalten« habe.
-Protokollführer bei dieser denkwürdigen Sitzung des Kammergerichts war
-der damalige Referendar Wilhelm von Humboldt.
-
-
-Die Grenzen der Wirksamkeit des Staates.
-
-Vorfälle dieser Art waren es, die einen Augen- und Ohrenzeugen des
-Unger-Zöllnerschen Prozesses, eben jenen Referendar am Kammergericht
-Wilhelm von Humboldt, mit einem so starken Ekel gegen alle
-Vielregiererei erfüllten, daß er im Sommer darauf dem preußischen
-Staate den Dienst aufsagte, um sich einem freien Schriftstellerleben
-innerlichster Arbeit und geistigster Selbsterziehung hinzugeben. Seine
-Mittel erlaubten ihm das. Die Entwicklung der eigenen Individualität,
-das hatte ihn seine kurze Beschäftigung an der Staatsmaschine
-gelehrt, ist unmöglich ohne die ungebundenste Freiheit. Diese ist
-daher das ursprüngliche Recht, das Naturrecht des Menschen, ohne
-die er sein Ziel, sich selbst in seiner Eigentümlichkeit voll und
-ganz zu entwickeln, nicht erreichen kann. Der Staat aber tötet die
-Individualität, schwächt die Energie, die Haupttugend des Menschen, und
-hindert durch die Gleichmachung aller den einzelnen an der Erfüllung
-seiner individuellen Bestimmung.
-
-Deshalb soll der Staat nur soweit bestehen, als er schlechterdings
-nicht zu entbehren ist. Er hat die »Sicherstellung der Bürger gegen
-sich selbst und gegen auswärtige Feinde« zu besorgen, im übrigen
-aber sich aller Maßregeln zu enthalten, die mit jener Aufgabe nicht
-unmittelbar zusammenhängen. Jeder weitere Versuch, »direkt oder
-indirekt auf die Sitten und den Charakter der Nation« einzuwirken,
-durch Beaufsichtigung der Erziehung, der Religion, der Ehe, des »freien
-Untersuchungsgeistes« usw., liegt außerhalb der Wirksamkeit des Staates
-und muß daher abgelehnt werden. Jede aufdringliche Sorgfalt des Staates
-für das »positive Wohl« der Bürger kann den einzelnen nur schädigen.
-Wieviel Raum in diesem Idealstaat für ein Wöllnersches Religionsedikt
-oder die Zensur übrigblieb, ergibt sich von selbst. »Wer Dinge äußert«,
-lautete eine der wichtigsten Thesen Humboldts, »oder Handlungen
-vornimmt, welche das Gewissen oder die Sittlichkeit des andern
-beleidigen, mag allerdings unmoralisch handeln, allein, so fern er sich
-keine Zudringlichkeit zu Schulden kommen läßt, kränkt er kein Recht.«
-Und nur darauf kommt es an.
-
-Gedanken dieser Art bestürmten Humboldt, den Freund Georg Forsters,
-im Herbst des Jahres 1791, während der Posaunenchor der Französischen
-Revolution über den Rhein herübertönte. Er entwickelte sie in einem
-Briefe, der im Januar 1792 in der »Berlinischen Monatsschrift« erschien
-und zu einem lebhaften Meinungsaustausch mit dem Humboldt nahestehenden
-Reichsfreiherrn Karl von Dalberg führte, dem damaligen kurfürstlich
-mainzischen Statthalter zu Erfurt und späteren Kurfürsten von Mainz,
-der ebenfalls von dem Fieber der Vielregiererei ergriffen war. So
-entstand Humboldts erste größere Schrift »Ideen zu einem Versuch, die
-Gränzen der Wirksamkeit des Staats zu bestimmen«. Mehrere Kapitel
-daraus erschienen noch in der »Berlinischen Monatsschrift« 1792 (Stück
-10--12), ein anderes in Schillers »Thalia« (Heft 5). Das Ganze aber
-wurde erst ein halbes Jahrhundert später, 1851, aus Humboldts Nachlaß
-veröffentlicht, und das kam folgendermaßen:
-
-Humboldt brannte darauf, seine Streitschrift gegen Absolutismus und
-Wöllnerschen Despotismus so schnell wie möglich herauszugeben, und
-sie sollte in Berlin gedruckt werden. Am 12. September 1792 aber
-mußte er dem Freunde Schiller melden: »Der eine Censor verweigerte
-sein Imprimatur ganz, der andere hat es zwar ertheilt, allein nicht
-ohne Besorgnis, daß er [genau so wie der Konsistorialrat Zoellner]
-deshalb noch künftig in Anspruch genommen werden könne. Da ich nun alle
-Weitläufigkeiten dieser Art in den Tod hasse, so bin ich entschlossen,
-die Schrift außerhalb drucken zu lassen.« Der geschäftskundige Schiller
-sollte einen Verleger ausfindig machen und, wie Humboldt wünschte, eine
-Vorrede dazu schreiben, da es ihm besonders wertvoll erschien, wenn ein
-Mann von Schillers Geist, »ohne vorhergehendes eigentliches Studium
-dieser Materien, und also von ganz anderen, neuen und originellen
-Gesichtspunkten ausgehend, diesen Gegenstand behandelte«.
-
-Der Verlag Göschen, an den sich Schiller wandte, lehnte ab. Dadurch
-verzögerte sich der Druck, und als Schiller im Januar 1793 einen
-andern Verleger gefunden hatte, war Humboldt über den Wert seiner
-Schrift unsicher geworden. Die letzten Ereignisse der Französischen
-Revolution, die Verurteilung und Hinrichtung Ludwigs XVI. und seiner
-Gemahlin am 17. bzw. 21. Januar 1793, hatten den ausgelassenen Tanz
-der Deutschen um den französischen Freiheitsbaum auf furchtbare Weise
-unterbrochen. Humboldt, der, wie Graf Stolberg sich ausdrückte,
-bis dahin »von dem Gifthauche des Genius der Zeit getroffen« war,
-verfiel plötzlich in eine Krisis, die zu einem starken Wandel seiner
-politischen Ansichten führen sollte. Innerhalb dieser Krisis mit einer
-Schrift hervorzutreten, zu der er sich schon nicht mehr ganz bekennen
-konnte, widerstrebte ihm. Erst wollte er sie ändern; dann schob er die
-Veröffentlichung weit hinaus, und später verbarg er dies Zeugnis seines
-jugendlichen Sturms und Drangs sorgfältig im Schreibtisch.
-
-So hat in diesem Falle der Berliner Zensor die Rolle der Vorsehung
-gespielt und die weitere Entwicklung Wilhelm von Humboldts entscheidend
-beeinflußt. Die damals unterdrückte Schrift entsprach der Wöllnerschen
-Forderung der »Bescheidenheit« keineswegs und hätte ihren Verfasser
-vielleicht wieder mit dem Kammergericht in Beziehung gebracht,
-aber nicht als Beisitzer, sondern als Angeklagten. Außerdem ist es
-bei aller Ehrlichkeit des jungen Staatsmanns doch wohl fraglich,
-ob ihm die Neuorientierung so leicht gefallen wäre, wenn er sich
-durch das Erscheinen jener Schrift auf ein so radikales Programm
-öffentlich festgelegt hätte. Gerade er hätte schwerlich so leicht den
-Selbstvorwurf haben abschütteln können, daß das gedruckte Wort mehr als
-anderes verpflichtet.
-
-
-Die Immediat-Examinationskommission von 1791.
-
-Bei Wöllners Charakter war nicht zu erwarten, daß ihn der unzweideutige
-Spruch des Kammergerichts zur Selbsteinkehr bewogen hätte. Wenn die
-vom Gesetzgeber bestellten Behörden ihres Amtes nicht in dem erhofften
-Sinne walteten, so mußten andere Mittel gefunden werden. Und darum war
-er nicht verlegen. Die reaktionäre Kraft des Zensurediktes hatte sich
-unerwarteterweise als nicht stark genug erwiesen; also mußte ihm mit
-ergänzenden Verfügungen nachgeholfen werden.
-
-Dem so wenig verläßlichen Berliner Oberkonsistorium wurde am 14. Mai
-1791 eine von ihm unabhängige geistliche Prüfungs- und Aufsichtsbehörde
-auf die Nase gesetzt, die Immediat-Examinationskommission, die die
-Prüfung der Pfarramtskandidaten nach einem einheitlichen Schema regeln
-sollte. Ihre Mitglieder waren der Oberkonsistorialrat Silberschlag,
-der Prediger an der Berliner Georgenkirche Woltersdorf, der frühere
-Breslauer Prediger, jetzige Oberkonsistorialrat Hermes und der
-Geh. Konsistorialrat Hillmer, vier »elende, aus aller Wissenschaft
-herausfallende Männer, die der Wöllnerschen Verwaltung die verdiente
-Verachtung zuzogen«. Hermes (1731--1807) hatte die neue scharfe
-Prüfungsordnung für die Kandidaten der Theologie ausgearbeitet und
-ebenso den neuen Landeskatechismus, der vom Abt Henke »eine Frucht
-der Unwissenheit« genannt und auch bald wieder außer Gebrauch gesetzt
-wurde. Hillmer (1756--1831), ehemaliger Oberlehrer ebenfalls in
-Breslau, ein Mann ohne jede wissenschaftliche Leistung, hatte durch
-seine mystischen Neigungen das Vertrauen des Königs gewonnen; er war
-der Haupthahn unter den vieren, der geborene Großinquisitor, und bald
-die rechte Hand Wöllners. Nach Silberschlags baldigem Tode wurde der
-etwas gemäßigtere Oberkonsistorialrat Hecker sein Nachfolger.
-
-Diese geistliche Prüfungskommission erhielt aber noch einen zweiten
-Auftrag: ihr oder vielmehr ihren beiden besonders zuverlässigen
-Mitgliedern Hillmer und Hermes übertrug eine Kabinettsorder vom 1.
-September 1791 auch die Zensur aller theologischen und moralischen
-Schriften, da sich »die bisherigen Bücherzensoren [also das
-Konsistorium!] an das Censuredikt gar nicht gekehrt, sondern viel zu
-leichtsinnig verfahren« seien. Eine Berufungsinstanz gegen diese neue
-Zensurbehörde gab es überhaupt nicht.
-
-Das war Wöllners Antwort auf das Urteil des Kammergerichts im Falle
-Unger gegen Zöllner.
-
-
-Schärfere Anziehung der Zensurschraube.
-
-Der ehemalige Oberlehrer Hillmer war aber mit seinem neuen Amte
-keineswegs zufrieden. Mit der strengeren Zensur theologischer und
-moralischer Schriften, die nur Gelehrten in die Hände kamen, versprach
-der Kampf gegen die Aufklärung wenig Erfolg. Viel gefährlicher waren
-die Zeitschriften, die durch ihren volkstümlichen und unterhaltenden
-Charakter einen großen Leserkreis besaßen und Mitarbeiter aller
-Parteien und Geistesrichtungen, auch der radikalsten, zu Wort kommen
-ließen. Schon am 14. Oktober stellte er also dem Könige vor, »daß
-grade diese Monats-, Zeit- und Gelegenheitsschriften von allen Classen
-und Ständen des Volks am meisten gelesen werden, und durch diese Art
-Schriften der Religion, der Ruhe und guter Ordnung in Deutschland
-wie in Frankreich mehr als durch größere theologische und moralische
-Werke geschadet« werde, und erbat für sich und seinen Kollegen
-Hermes die Ausübung der Zensur über »alle Monatsschriften, Zeit- und
-Gelegenheitsschriften, Bibliotheken, Pädagogischen Schriften und alle
-dergleichen Broschüren, philosophischen und moralischen Inhalts«. Am
-19. Oktober wurde dieser Antrag genehmigt, und sämtliche Buchhändler
-Berlins erhielten die Anweisung, alle derartigen Schriften von nun an
-dem Herrn Geheimen Konsistorialrat Gottlob Friedrich Hillmer zur Zensur
-einzureichen.
-
-
-Literaturflucht aus Berlin.
-
-Diejenigen, die es anging, wußten nun Bescheid, und die beiden
-Zeitschriften, die Hillmer am ersten im Auge gehabt haben dürfte,
-verließen fluchtartig die preußische Hauptstadt.
-
-Kurz nach seinem Regierungsantritt hatte Friedrich Wilhelm II. den
-Herausgebern der »Berlinischen Monatsschrift« für ein Exemplar
-ihrer Zeitschrift mit dem Wunsche gedankt, daß »ihre gemeinnützigen
-Bemühungen um Aufklärung und Philosophie recht viel Gutes stiften«
-möchten (13. Dez. 1786), Wöllner selbst hatte es nicht verschmäht, ihr
-1787 einen Beitrag (über nachgelassene Handschriften Friedrichs des
-Großen) zu geben, und noch 1790, bei dem plötzlichen Aufstieg des neuen
-Ministers, war sein Bildnis, von Berger gestochen, darin erschienen.
-
-Jetzt (Januar 1792) verlegten Gedike und Biester, beide Mitglieder der
-Akademie der Wissenschaften, den Druck ihres Blattes, das Kant und
-Fichte, Gleim und Ramler, F. A. Wolf und die Brüder Humboldt, Heyne und
-Garve, J. H. Voß, Fr. Schlegel und Adam Müller, Justus Möser und Moses
-Mendelssohn zu seinen Mitarbeitern zählte, nach Jena (bei Joh. Mich.
-Mauke), von Juli 1793 an nach Dessau (bei H. Heybruch, Hoffürstl. Hof-
-und Regierungs-Buchdrucker). Als Verleger zeichnete aber nach wie vor
-die Haude- und Spenersche Buchhandlung in Berlin.
-
-Nicolai, der seine »Allgemeine deutsche Bibliothek« als Schriftsteller
-und Buchhändler in einer Person bisher selbst redigiert und verlegt,
-aber sie schon seit 1775 auswärts hatte drucken lassen, nahm am
-12. März 1792 (im Vorwort zum 2. Stück des 106. Bandes) gerührten
-Abschied von seinen Lesern und trat mit Beginn dieses Jahres seine
-Zeitschrift, die früher gleichfalls Wöllner zu ihren Mitarbeitern
-zählen durfte, dem Hamburger Buchhändler Bohn ab, der sie in seiner
-Universitätsbuchhandlung in Kiel, also auf dänischem Boden unter
-dortiger Preßfreiheit, weiter erscheinen ließ. Über den Grund des
-Verlags- und Redaktionswechsels drückte sich Nicolai sehr diplomatisch
-aus: infolge seiner augenblicklichen »Lage« könne er dem Blatte nicht
-mehr so nützlich sein wie bisher. Nur der Schluß deutete vorsichtig
-auf den geistigen Luftwechsel Preußens hin: die »Morgenröthe der
-Aufklärung, die über Deutschland aufgegangen«, könne nie ganz
-verdunkelt werden; zwar könne wohl ein Nebel vor ihr aufsteigen, aber
-die Sonne werde ihn wieder zerstreuen. Erst 1801, als er die Bibliothek
-aufs neue übernahm, schilderte er in der Vorrede, welcher Verfolgungen
-wegen er sie 1792 hatte aufgeben müssen.
-
-Diesem Beispiel der beiden weitverbreiteten Zeitschriften folgten bald
-noch andere Verleger. Anfang 1793 wollte der Generalsuperintendent
-Ewald in Dessau eine Monatsschrift »Urania; für Kopf und Herz« im
-Verlag der Frankeschen Buchhandlung in Berlin herausgeben. Das erste
-Heft sollte u. a. eine Abhandlung von Lavater über die Vielseitigkeit
-Gottes enthalten. Der Berliner Zensor, die Firma Hillmer und Hermes,
-verbot aber den Druck mit der Begründung: Lavater habe »nicht die
-rechte Meinung von Gott«. Daraufhin erschien die Zeitschrift bei der
-Kgl. privil. Helwingschen Hofbuchhandlung in Hannover, ohne von der
-dortigen Zensur angefochten zu werden. Erstaunlich ist nur, daß die
-beiden Verleger es wagten, im Anzeigenteil (Umschlag) des Februarheftes
-der »Berlinischen Monatsschrift« diesen Verlagswechsel bekanntzumachen
-und ausdrücklich mit der »strengen Berliner theologischen Zensur« zu
-begründen.
-
-
-Rückgang des Druckgewerbes in Preußen.
-
-Die naturgemäße Folge dieser Strenge war ein starker Rückgang des
-Berliner Druckereigewerbes, das sich in den letzten Jahrzehnten
-sehr bedeutend entwickelt und Berlin zu einem Hauptstapelplatz des
-Buchhandels erhoben hatte. Ein Gutachten der Kurmärkischen Kammer vom
-2. August 1794, das der Willkürherrschaft der neuen Zensoren Hillmer
-und Genossen energisch zuleibe ging, lieferte dafür unanfechtbare
-Zahlen. Es stellte fest, daß im Jahre 1788 81 Druckpressen in Berlin
-im Gange waren; fünf Jahre später war ihre Zahl auf 67 gesunken.
-Und während bei Erlaß des Zensurediktes noch 6--700 Personen vom
-Druckgewerbe lebten, war die Zahl der Druckereiarbeiter 1795 auf 150
-gefallen! Diese Verödung der preußischen Druckereien schädigte den
-Staatssäckel ganz empfindlich, und der Fehlbetrag in der Steuerkasse
-sollte sich allemal als das wirksamste Argument gegen eine weitere
-Anziehung der Zensurschraube erweisen.
-
-
-Theologische Zensurblüten.
-
-Das vorhin erwähnte Gutachten der Kurmärkischen Kammer aus dem Jahre
-1794 führte auch eine Reihe von Fällen an, die das sinnlose Gebaren der
-neuen Berliner Inquisition drastisch brandmarkten.
-
-Der Sprachforscher Professor Heynatz aus Frankfurt a. O. hatte in einer
-Abhandlung erwähnt, daß »viele Philologen die Stelle des 1. Joh. V. 7
-für unächt« hielten. Dieser textkritischen Bemerkung wegen wurde der
-Druck seiner Abhandlung untersagt!
-
-Das »Journal für Gemeingeist« brachte einen Aufsatz: »Darf ein
-Protestant die Vertilgung des Katholizismus wünschen?« Die
-Druckerlaubnis dafür wurde nur unter der Bedingung gegeben, daß eine
-längere Anmerkung des Zensors mit aufgenommen würde. Dagegen hatte der
-Verfasser nichts einzuwenden, aber der Zensor bestand darauf, daß die
-Fußnote so abgedruckt werde, als ob sie vom Autor selbst stamme; ihre
-wahre Herkunft durfte nicht gemeldet werden!
-
-Selbst der fromme Prediger und Dichter Ludwig Theobul Kosegarten in
-Schwedisch-Pommern war den Mitgliedern der Immediat-Prüfungskommission
-noch nicht kirchlich genug. Als er 1794 in Berlin Predigten drucken
-ließ, unterstand sich der Zensor, Stellen, die ihm nicht paßten,
-auszustreichen und andere dafür einzusetzen!
-
-Unter diesen Umständen war es begreiflich, wenn die Berliner
-Buchhändler 1794 beantragten, die Zensoren Hermes und Hillmer »in die
-eigentlichen Schranken des Censur-Edicts« zurückzuweisen und sie selbst
-»bei Veränderung der Censur-Gesetze mit ihrer Nothdurft zu hören«.
-
-
-Kants Zusammenstoß mit der preußischen Zensur.
-
-Obgleich die »Berlinische Monatsschrift« in Jena gedruckt wurde,
-gab sie doch unbeabsichtigterweise Anlaß zu einem Vorfall, der dem
-Wöllnerschen System die Krone aufsetzte.
-
-Der bedeutendste ihrer Mitarbeiter, der Königsberger Philosoph Kant,
-schrieb in eben den Monaten, da die Berliner Zionswächter auf das
-Pack der Aufklärer mit Keulen dreinzuschlagen begannen, eine Folge
-von Aufsätzen, die 1793 vereint unter dem Titel »Religion innerhalb
-der Grenzen der bloßen Vernunft« erschienen und in der Geschichte der
-Religionsphilosophie Epoche machten.
-
-Einzeln sollten sie vorher in dem Organ Biesters gedruckt werden.
-Obgleich nun die Monatsschrift gar nicht mehr der Berliner, sondern
-Sachsen-Weimarischer Zensur unterlag, bestand Kant darauf, daß seine
-Beiträge der neuen Berliner Zensurbehörde unterbreitet würden, da er
-jeden Schein »literarischer Schleichwege« vermeiden wollte.
-
-Wie die Immediat-Prüfungskommission ihm gesinnt war, ahnte er wohl
-nicht; sogleich nach ihrer Einsetzung hatte eines der vier Mitglieder,
-der Prediger Woltersdorf, den Antrag gestellt, dem freimütigen
-Philosophen das Schreiben überhaupt zu verbieten! Von dieser
-Zensurbehörde war also für Kant wenig Gutes zu erwarten.
-
-Gegen den ersten Aufsatz »Über das radikale Böse in der menschlichen
-Natur« hatte Hillmer nichts einzuwenden, da »doch nur tief denkende
-Gelehrte« die Kantschen Schriften läsen; er erschien im April 1792.
-
-Unglücklicherweise brachte aber das nächste Heft der Monatsschrift
-unter dem Titel Ȇber die Pflicht der Ergebung, in Zeiten wann die
-Wahrheit verfolgt wird« einen anonymen Beitrag, der nichts weniger
-als ein energischer Angriff gegen die neue Organisation der Berliner
-Zensur war! Er gab sich als eine »Predigt (über 2. Tim. 4, 17),
-gehalten in England unter König Jakob II.«, und auch in mancherlei
-Anmerkungen wurde die Fiktion durchgeführt, als ob diese Predigt
-wahrscheinlich von dem »berühmten Tillotson« zu König Jakobs Zeiten
-gehalten worden sei, der »eine wahre Inquisition, ~the court of high
-commission~«, errichtete und »sechs Bischöfe, welche ihm Vorstellungen
-machten, in den Tower setzen ließ«. Die Beziehung auf die preußische
-Immediat-Prüfungs-Kommission und den Protest der fünf Konsistorialräte
-gegen das Religionsedikt war gar zu durchsichtig, und wenn der Prediger
-gegen den geistlichen Despotismus, »den ärgsten Feind der Wahrheit«
-wetterte, so wußte gewiß jeder preußische Leser, gegen wen sich das
-schwere Geschütz seiner apokalyptischen Worte richtete.
-
-Die Berliner Zensoren verstanden jedenfalls nur zu wohl, was hier mit
-dem »großen Drachen« der Apokalypse gemeint war, und als unmittelbar
-darauf Kants zweite Abhandlung »Von dem Kampfe des guten Princips
-mit dem bösen, um die Herrschaft über den Menschen« vorgelegt wurde,
-versagte Hillmer im Einverständnis mit seinem Kollegen von der
-Theologie, Hermes, am 14. Juni die Druckerlaubnis.
-
-Der Herausgeber der »Monatsschrift« aber war ein streitbarer Mann.
-Biester verlangte zunächst von Hermes Aufklärung darüber, wieso der
-Kantsche Aufsatz gegen das Zensuredikt von 1788 verstoße. Hermes
-dagegen berief sich auf das Religionsedikt, das für theologische
-Schriften maßgebend sei; im übrigen verlange man von ihm wohl nicht,
-»mit einem Schriftsteller es auszumachen, auf welcher Seite, bei
-verschiedenen Meinungen, Wahrheit sei«.
-
-Damit ließ sich Biester nicht abfertigen; am 20. Juni protestierte
-er in einer umfangreichen Beschwerde energisch gegen die Anwendung
-des Religionsediktes in Zensurfragen, verlangte zu wissen, ob etwa
-neue, geheime Zensurverfügungen erlassen seien, die also keine
-Rechtsverbindlichkeit hätten, legte mit Scharfsinn und Ironie die
-Willkür der jetzigen Zensoren dar und bat aufs neue um Druckerlaubnis
-für den Kantschen Aufsatz. Für einen preußischen Beamten -- Biester
-war Vorsteher der Königlichen Bibliothek und seit 1788 Mitglied
-der Berliner Akademie -- war dieser freimütige Protest ein nicht
-alltäglicher Akt des »Mannesstolzes vor Königsthronen«.
-
-Biester würde unter den Mitgliedern des Ministeriums gewiß
-Bundesgenossen gefunden haben, wenn nicht gerade damals eine scharfe
-Kabinettsorder des Königs vom 21. Februar ebendieses Jahres noch auf
-den freisinnigsten Gemütern gelastet hätte. Mit seiner Vermutung einer
-neuerdings erfolgten oder doch wenigstens vom Könige erstrebten
-Verschärfung der Zensur hatte ja Biester nicht so unrecht. Aber das war
-Staatsgeheimnis! Also wurde seine Beschwerde am 2. Juli 1792 kurzweg
-abgewiesen.
-
-Kant zog deshalb sein Manuskript zurück. Nur der erste Akt dieser
-Zensurkomödie war damit zu Ende; der zweite spielte zwei Jahre später.
-
-
-Ein Wink aus Österreich.
-
-Mit der zu dieser Zeit geplanten abermaligen Verschärfung der
-preußischen Zensur hatte es folgende Bewandtnis:
-
-Am 3. Dezember 1791 hatte sich Kaiser Leopold II., der Bruder der
-damals schon in Lebensgefahr schwebenden französischen Königin Maria
-Antoinette, veranlaßt gefühlt, allen Reichsständen zur Erhaltung der
-öffentlichen Ruhe und zum Schutz der gegenwärtigen Verfassung vor dem
-Umsturz eine strengere Handhabung der Zensur zu empfehlen.
-
-Friedrich Wilhelm II. übergab am 3. und 4. Februar die kaiserliche
-Warnung seinem Staatsministerium zu sorgfältigster Überlegung,
-denn auch in Preußen habe das Übel aufrührerischer Schriften so um
-sich gegriffen, »daß am Ende die äußerste Rigoueur und Leib- und
-Lebensstrafen nöthig sein werden, um boshafte Schriftsteller, Drucker
-und Verleger im Zaum gebührender Ordnung zu halten«. Die Zensoren
-seien zu größter Schärfe anzuhalten, besonders seitens des geistlichen
-Departements, da »schriftstellerische Aufklärer unter den Theologicis«
-den meisten Schaden anrichteten. Strengste Beaufsichtigung aller
-Druckereien und Buchhandlungen durch besondere »Polizei-Anstalten«
-sei erforderlich, und der Druck unzulässiger Schriften solle »bei
-zehnjähriger Vestungs-Arbeit« verboten werden! Alles, was an Büchern
-nach Preußen hereinkomme, dürfe in den Buchläden nicht eher verkauft
-werden, als bis die Zensur es erlaube. Einwände, als ob der Buchhandel
-dadurch leiden würde, seien hinfällig; dem Übel müsse gesteuert werden,
-»wenn auch der Buchhandel zu Grunde ginge«.
-
-Also eine völlige Absage sogar an das eigene Zensuredikt von 1788,
-das wenigstens noch einige Rücksicht auf das »dem Staate so nützliche
-Gewerbe der Druckerei und des Buchhandels« zur Pflicht gemacht hatte.
-Von Leibesstrafen war in den Zensurgesetzen Friedrichs des Großen nie
-die Rede gewesen; wohl aber in der letzten Zensurverfügung Kaiser
-Josephs vom Dezember 1789. Dieses Beispiel Österreichs übertrumpfte
-Preußen noch: im Dunstkreise Wöllners steigerte sich die Leibesstrafe
-zu »Leib- und Lebensstrafen« und zu »zehnjähriger Vestungs-Arbeit«!
-Und auch gegen die Büchereinfuhr von auswärts sollte jetzt das alte
-österreichische Abwehrmittel nachgeahmt werden: jedes fremde Buch
-sollte erst die preußische Zensur passieren, ehe es in Preußen verkauft
-werden durfte. Bisher hatte man das dem Takt und Risiko der Buchhändler
-überlassen, wie ja, entsprechend dem Stand des gesamten Buchwesens,
-Preußen in seinen Edikten immer das Hauptgewicht auf den Druck neuer
-Bücher, die Zensur der Manuskripte legte, Österreich dagegen, wo die
-literarische Industrie mit Ausnahme des Nachdrucks nur vegetierte, auf
-die Büchereinfuhr von außen.
-
-
-Preußens Ehrenrettung durch sein Ministerium.
-
-Das preußische Ministerium kam durch die Kgl. Kabinettsorder in nicht
-geringe Verlegenheit. Die einzelnen Departements, die jedes für sich
-berieten, hatten von aufrührerischen Gesinnungen in Preußen »noch nicht
-die mindeste Spur oder Neigung bemerkt« und ihr Gesamtbericht vom 17.
-Februar wurde, statt einer Anklage, das denkbar rühmlichste Zeugnis
-für die vaterländische Gesinnung ihrer Landsleute: Preußen habe sich
-stets durch »pflichtvolle Treue, Liebe und Verehrung des Landesherrn«
-ausgezeichnet, in Fällen öffentlicher Not durch willigste Aufopferung
-von Leben und Vermögen den »musterhaftesten Patriotismus« bewiesen,
-und das »Exempel der in Aufruhr befangenen Völker« werde auf diese
-Nation daher »nie die geringste Würkung haben«. Zur Aufrechterhaltung
-der Religiosität, meinten sie, reichten die bestehenden Gesetze
-völlig aus, »ohne die rechtmäßige Denk- und Gewissens-Freiheit zu
-unterdrücken«, und die »nach dem Charakter der Literatur und Menschheit
-unvermeidlichen kritischen Untersuchungen dieser und jener der
-Religion beigemischten nicht wesentlichen Streitigkeit« hätten auf die
-»allgemeine Religiösität des Volkes keinen Einfluß«. Wolle man aber von
-jetzt an auch die Büchereinfuhr der Zensur unterwerfen, die jährlich
-etwa 6000 verschiedene, »zum Theil weitläuftige« Werke betrage,
-so sei dazu ein neuer Stab von Mitarbeitern nötig, eine besondere
-Zensurkommission oder, wie das Justizministerium sich ausdrückte,
-»ein ganzes Heer besoldeter Censoren«. Minister von der Reck erklärte
-geradezu, das müsse »den Banquerut aller Buchhändler zur nothwendigen
-Folge haben«.
-
-Mit dieser Ehrenrettung Preußens kam das Ministerium beim Könige aber
-übel an! Schon vier Tage später erhielt es eine Kabinettsorder vom
-21. Februar 1792, die den Ministern vorwarf, daß sie den Aufklärern
-das Wort redeten. Es sei gewiß ein Glück, wenn »die bisherigen von
-so vielen Geistlichen und andern Aufklärern so dreiste unternommenen
-Verfälschungen der alten reinen christlichen Religion«, die das
-Ministerium als außerwesentliche Untersuchungen beschönige, die
-allgemeine Religiosität noch nicht geschädigt hätten. Dies Glück könne
-aber nicht mehr lange dauern, wenn »hier nicht zeitig genug kräftige
-Maßregel genommen würden«, stehe doch jedermann »das traurige Exempel
-jenes großen Staates« vor Augen, »wo der Keim der unglücklichen
-Revolution in jenen Religionsspöttern zu suchen ist, die noch jetzt von
-der bethörten Nation im Grabe vergöttert werden«!
-
-Es kam zwar ganz anders, als es die ungnädige Kabinettsorder bestimmte.
-Aber es ist menschlich verständlich, wenn die Staatsminister jetzt im
-Falle Kant durch Parteinahme für den Philosophen den König und seinen
-bösen Geist Wöllner nicht noch mehr reizen wollten. Wenn Kant den Druck
-seines Aufsatzes wünschte, standen ihm ja neben der »Berlinischen
-Monatsschrift« viele Wege offen. Sie zogen es daher vor, der Sache den
-Lauf zu lassen, den sie nach dem ausgesprochenen Willen des Königs nun
-einmal nehmen sollte.
-
-
-»Äußerst gefährliche und übelgesinnte Leute.«
-
-Trotz des z. T. sehr ungnädigen Tones der Kabinettsorder vom 21.
-Februar 1792 hatten die preußischen Staatsminister durch einmütiges
-Zusammenhalten einen vollständigen Sieg gegen Wöllner und seine
-Kreaturen erfochten.
-
-Unter anderm hatte der König am 4. Februar befohlen, die »Gothaische
-Gelehrte Zeitung« und die »Jenaische Allgemeine Literaturzeitung« in
-ganz Preußen sofort zu verbieten, »weil diese beiden Blätter sich
-bisher vorzügliche Freiheiten gegen hiesige, sowohl als in andern
-Ländern gemachte Einrichtungen erlaubt« hätten.
-
-Diesem Befehl aber widersetzten sich die Staatsminister wie ein Mann!
-Die Gothaer Zeitung hatte offenbar in Berlin wenig Leser und fand
-daher nur schwachen Schutz; für die Jenaer Literaturzeitung trat aber
-das Ministerium mit einer bewundernswerten Entschiedenheit in die
-Schranken, denn die lasen sie alle! Eine Tatsache, die nicht nur diesen
-Männern zum Ruhme gereicht, sondern auch ein schlagender Beweis ist für
-den Umschwung, der in den letzten dreißig Jahren, seit dem Erscheinen
-der dem preußischen Ministerium völlig unbekannt gebliebenen »Briefe,
-die neueste Literatur betreffend« (1761--67), mit ebendieser Literatur
-vor sich gegangen war.
-
-Das Generaldirektorium erklärte am 7. Februar, es habe in beiden
-Blättern »noch nie etwas befunden, was der wahren Christl. Religiösität
-oder der Sicherheit und Ruhe des Staates nachtheilig, und zu Empörung
-und Aufruhr beförderlich wäre«, ein deutlicher Hinweis auf die
-Beschränkungen, die das bestehende Zensurgesetz solchen Verboten
-auferlegte; der königliche Befehl hatte sie willkürlich überschritten!
-Zu einem die Herausgeber beider Blätter kränkenden Verbot läge keine
-»billige und gerechte Ursache« vor. Im Gegenteil, sie beschäftigten
-sich »mit dem besten und wichtigsten Theile der ganzen Literatur, wären
-mit vorzüglicher Gründlichkeit, Einsicht und Unpartheilichkeit verfaßt,
-und wären die vollständigste, angenehmste und am meisten belehrende
-Lektüre aller Gelehrten, Geschäftsmänner und Freunde der Literatur«.
-
-Das Justizministerium gab am nächsten Tag zu Protokoll, die
-Literaturzeitung enthalte »freilich in einigen Recensionen Anpreisungen
-sogenannter chimerischer Menschen-Rechte«, man habe aber nichts darin
-gefunden, was der preußischen Staatsverfassung nachteilig oder für den
-König beleidigend sein könne. Sollten sich etwa »Kgl. Bediente« durch
-»zuweilen unglimpfliche Urtheile« darin gekränkt fühlen, so könne man
-doch ihretwegen das Blatt nicht dem ganzen Publikum entziehen; sie
-müßten sich eben mit dem Bewußtsein ihrer Tadellosigkeit trösten und
-hätten ja dann das öffentliche Urteil nicht zu scheuen.
-
-Im gleichen Sinne äußerte sich dann das gesamte Staatsministerium am
-17. Februar, und mit dem Erfolg, daß der Jenaischen Literaturzeitung
-gar nichts zuleide geschah. Das Ministerium, das die letztere so eifrig
-in Schutz nehme, müsse aber auch, so lautete die Antwort des Königs vom
-21., »dafür sorgen, daß nichts unzulässiges darin gedruckt werde, bei
-Strafe der Konfiskation und des unausbleiblichen Verbots derselben,
-weil S. K. M. bekannt ist, daß die Direkteurs derselben äußerst
-gefährliche und übelgesinnte Leute sind«. Diese »Direkteurs« aber waren
-der angesehene Weimarer Schriftsteller Bertuch, der Philologe Schütz
-und der berühmte Arzt Hufeland, der damals in Jena lebte und 1798 eine
-der vornehmsten Zierden der -- Berliner Akademie der Wissenschaften
-wurde.
-
-Die Herausgeber der Literaturzeitung erhielten durch den
-Berliner Hofpostmeister und den Grenzpostmeister in Halle nur
-eine freundschaftliche Verwarnung, »nichts dem Preußischen Staat
-nachtheiliges« aufzunehmen und »bei dem Debit in hiesigen Landen
-vorsichtig zu Werke zu gehen«, und hatten alle Ursache, sich beim
-Ministerium für die »erhabene Protektion« zu bedanken.
-
-Nur die »Gothaische Gelehrte Zeitung« mußte daran glauben, weil sich
-ihrer niemand energisch angenommen hatte.
-
-
-Zensur und -- Bierkonsum.
-
-Daß der Humor auch der immer grämlicher werdenden Zensur nicht untreu
-wurde, zeigt ein scherzhafter Vorfall, von dem der berühmte Philologe
-Friedrich August Wolf, damals in Halle, an den Herausgeber der
-»Jenaischen Literaturzeitung«, den Kollegen Schütz in Jena, am 21.
-Februar 1792 berichtete.
-
-Die »Gothaische Gelehrte Zeitung« war in ganz Preußen verboten, also
-auch in Halle, aber nicht im nahen Passendorf jenseits der Saale,
-das damals zu Kursachsen gehörte. Hier, wo die Hallenser Burschen
-seit altersher manche Bierschlacht zu schlagen liebten, legte deshalb
-ein spekulativer Wirt namens Währmann gleich mehrere Exemplare des
-verbotenen Blattes »bei sein Merseburger Bier« auf, »um mehr Gäste
-hinauszuziehen«. »Barkhausen«, schreibt Wolf, »will daher in seinem
-nächsten Berichte als Stadtpräsident auf meinen Rath mit einfließen
-lassen, daß die hiesige Bier-Consumtion seit den Tagen des Verbots
-der Gothaer Zeitung beträchtlich zum Nachtheil der Stadt gefallen
-sei, indem die Bier trinkenden studiosi und Un-studiosi, zumal die
-studiosi noch studentes, weit häufiger als sonst die sächsischen Dörfer
-besuchten, weil dort neben dem Biere auch Gothaische Zeitungen zu haben
-wären.«
-
-Ob der Stadtpräsident von Halle den Spaß wirklich von Stapel ließ, ist
-nicht überliefert; aber Wolf »steht dafür, daß er ausgeführt werden
-soll«.
-
-
-Die Büchereinfuhr.
-
-Der Sieg, den 1792 die Besonnenheit des preußischen Ministeriums über
-den blinden Eifer des Königs und seiner Ratgeber davontrug, beschränkte
-sich aber nicht auf die Freigabe der Jenaer Literaturzeitung. Auch
-der andere, tiefer einschneidende Befehl, daß künftig die gesamte
-ausländische Büchereinfuhr einer besondern Zensur unterworfen werden
-müsse, fiel vor den Bedenken der Minister lautlos in die Versenkung.
-
-Der König wunderte sich zwar »äußerst«, daß man offenbar »den Flor
-des Buchhandels auf den Verkauf unzulässiger Schriften gründen
-wolle«, und meinte, es sei eben Sache der Herren Minister, die
-Schwierigkeiten einer neuen Maßregel zu heben, da er selbst doch
-unmöglich »das Detail vorschreiben« könne. Aber er bestand nicht mehr
-auf seinem Willen. Die »zehnjährige Vestungs-Arbeit« und die »Leib-
-und Lebensstrafen« verschwanden wie eine schöne Fata Morgana vor den
-Augen der Großinquisitoren, und der ganze umfangreiche Aktenwechsel
-hatte nur folgendes Gesamtergebnis: die »Gothaische Gelehrte Zeitung«
-blieb das eigentliche Opfer; außerdem wurden durch ein Rundschreiben
-die »Bülletins«, die handschriftlichen Zeitungen, die noch immer von
-kleinen Beamten unter Ausnützung ihres amtlichen Wissens verbreitet
-und bis dahin von keinem aufmerksamer gelesen wurden als vom -- Könige
-selbst, trotz ihrer Indiskretionen über sein nicht unanfechtbares
-Privatleben, bei Festungshaft verboten. Im übrigen begnügte man
-sich damit, allen Behörden die strengste Befolgung des Zensuredikts
-einzuschärfen und allen Übeltätern die Anwendung der »gesetzlichen
-Strafen mit äußerster Rigueur« anzudrohen.
-
-Diese -- orthographisch berichtigte! -- Redewendung war das einzige,
-was der entsprechende Erlaß des Ministeriums vom 28. Februar 1792
-aus dem stachlichten Teil der Kabinettsorder vom 21. übernahm, aber
-zugleich durch das Festhalten an den »gesetzlichen Strafen« sorgfältig
-abzustumpfen wußte.
-
-
-Ein ehrsamer Buchhändler.
-
-Wie heftig sich das Ministerium gegen eine Zensur der Büchereinfuhr
-sträubte, zeigt noch viel drastischer ein anderer Vorfall. Ein Jahr
-später erlaubte sich ein Buchhändler namens Ferdinand Oehmigke
-in einem »~Promemoria~« darüber Klage zu führen, welche Masse
-»modischer Schriften« gegen Religion und Untertanentreue nach Preußen
-eingeschwärzt würde; als ehrsamer Buchhändler, der jeden Gewinn »auf
-Unkosten der Religion, der wahren Verehrung des Monarchen, der guten
-Sitten und also der allgemeinen Glückseligkeit« verabscheue, könne er
-diese »unverantwortliche Volksverführung« nicht ruhig mit ansehen.
-Zwar würden die ankommenden Bücherpakete auf dem Packhof von einem
-Akzisebeamten einer flüchtigen Durchsicht unterworfen; aber was _in_
-den Büchern stehe, ob die Verleger nicht falsche Titelblätter einzögen,
-auswärts gedruckte Verlagswerke als Kommissionsgut einführten, in
-erlaubten Büchern die Druckbogen verbotener verbärgen und was solcher
-Praktiken mehr seien, das könne nur ein -- »geübter, mit den gehörigen
-Befehlen versehener Buchhändler« beurteilen. Zu diesem saubern Geschäft
-gestatte er sich, »gegen ein billiges Gehalt« seine Dienste anzubieten.
-
-Hillmer fand, daß der Vorschlag Oehmigkes nähere Erwägung sehr
-verdiene. Er tappte dabei aber ganz übel in die Nesseln. Das
-Ministerium lehnte das »unbesonnene und gewinnsüchtige Projekt des
-Oehmigke«, der selbst »bei seinem Metier keinen rechten Fortgang«
-gehabt habe, mit heftigster Entrüstung ab; das Departement des
-Auswärtigen nannte es sogar »unter aller Kritik« und meinte, der Mann
-müsse »die ganze Unwürdigkeit seiner Vorschläge einsehen und fühlen«,
-und das Generaldirektorium wies ohne weitere Begründung »den Oehmigke
-mit diesen seinen Anträgen ein für allemal zur Ruhe«.
-
-
-Die Maßregelung Kants.
-
-Nach seiner bösen Erfahrung mit der Berliner Zensurbehörde 1792 wollte
-Kant nun seine unterdes vollendeten vier religionsphilosophischen
-Aufsätze als Buch erscheinen lassen. Der Berliner Zensor hatte den
-strittigen Aufsatz ein Werk der »biblischen Theologie« genannt und
-deshalb seinen Kollegen Hermes dabei zu Rate gezogen. Kant fragte also
-der Vorsicht halber zunächst die theologische Fakultät: Maßt ihr euch
-an, mein Buch zu zensieren? Die Königsberger Theologen bedankten sich
-aber und verwiesen ihn an die philosophische Fakultät, die auch ohne
-Zögern das Imprimatur erteilte.
-
-So konnte die »Religion innerhalb der Grenzen der bloßen Vernunft«
-Ostern 1793 bei Nicolovius in Königsberg erscheinen. Schon ein Jahr
-später machte sich eine zweite Auflage nötig, obgleich sofort zwei
-Nachdrucker den Erfolg des Buches ausgebeutet hatten.
-
-In der Vorrede seines Werkes hatte Kant einen Vorstoß gegen die
-»Kritik, die Gewalt hat«, gegen die geistliche Zensur, gewagt und
-den »Bücher richtenden Theologen«, der nur für das Heil der Seelen,
-nicht für das der Wissenschaft Sorge trage, auf dem Felde der
-letzteren nur Zerstörung anrichte und sich wohl gar auch in die
-Astronomie, Erdgeschichte und andere Dinge einmischen wolle, sehr
-energisch abgeschüttelt. Hermes und Hillmer verstanden den Wink.
-Aber den widerspenstigen Philosophen mußte ja bald sein Schicksal
-ereilen. Der Kampf des Ministeriums Wöllner gegen die Lehrfreiheit
-der Universitäten sollte eben auf der ganzen Linie beginnen. Die
-»Neologen«, wie man die aufgeklärten Theologen nannte, wurden aufs
-nachdrücklichste verwarnt, Geistliche, Schul- und Universitätslehrer
-mußten sich schriftlich verpflichten, weder in- noch außerhalb der
-Unterrichtsstunden, weder mündlich noch schriftlich, weder direkt
-noch indirekt etwas gegen die Hl. Schrift, gegen die christliche
-Religion und gegen die landesherrlichen Anordnungen und Verfügungen
-in Religions- und Kirchenwesen vorzubringen, und Hermes und Hillmer
-erhielten den Auftrag, die Rechtgläubigkeit der Schulen, Gymnasien und
-theologischen Fakultäten einer scharfen Prüfung zu unterwerfen. In
-Halle, der »Pflanzschule der irrgläubigen Geistlichen«, warfen die
-Studenten den beiden apostolischen Gesandten die Fenster ein, so daß
-sie schleunigst wieder verdufteten. Eine Untersuchung des Skandals
-endete ohne Ergebnis, und die theologische Fakultät verteidigte
-mit Nachdruck, Geschick und Erfolg ihre Lehrfreiheit. Dann kam
-Königsberg an die Reihe, und am 1. Oktober 1794 erhielt der Mann,
-der der Immediat-Prüfungskommission längst ein Dorn im Auge war, der
-siebzigjährige Kant, eine Kabinettsorder, deren Wirkung hier durch
-keine Textkürzung beeinträchtigt werden soll:
-
- Von Gottes Gnaden Friedrich Wilhelm, König von Preußen
- usw. usw.
-
- Unsern gnädigen Gruß zuvor!
- Würdiger und hochgelahrter lieber Getreuer!
-
- Unsere höchste Person hat schon seit geraumer Zeit mit großem
- Mißfallen ersehen, wie Ihr Eure Philosophie zur Entstellung
- und Herabwürdigung mancher Haupt- und Grundlehren der Heiligen
- Schrift und des Christentums mißbraucht; wie Ihr dieses
- namentlich in Eurem Buch: »Religion innerhalb der Grenzen der
- bloßen Vernunft«, desgleichen in andern kleineren Abhandlungen
- getan habt. Wir haben uns zu Euch eines bessern versehen; da
- Ihr selbst einsehen müsset, wie unverantwortlich Ihr dadurch
- gegen Eure Pflicht, als Lehrer der Jugend, und gegen unsere,
- Euch sehr wohlbekannten, landesväterlichen Absichten handelt.
- Wir verlangen des ehesten Eure gewissenhafteste Verantwortung,
- und gewärtigen uns von Euch, bei Vermeidung unserer höchsten
- Ungnade, daß Ihr Euch künftighin nichts dergleichen werdet
- zuschulden kommen lassen, sondern vielmehr, Eurer Pflicht
- gemäß, Euer Ansehen und Eure Talente dazu anwenden, daß unsere
- landesväterliche Intention je mehr und mehr erreicht werde,
- widrigenfalls Ihr Euch, bei fortgesetzter Renitenz, unfehlbar
- unangenehmer Verfügungen zu gewärtigen habt.
-
- Sind Euch mit Gnade gewogen.
-
- Auf Seiner Königl. Majestät allergnädigsten Spezialbefehl
-
- Berlin, den 1. Oktober 1794.
-
- _Wöllner._
-
-Das genügte Wöllner noch nicht; er ließ außerdem am 14. Oktober 1795
-den Gebrauch des Kantschen Buches auf preußischen Universitäten »Ein
-für allemal« verbieten.
-
-Kant ließ die Kabinettsorder nicht ohne Erwiderung. In würdiger Weise,
-die von dem Ton jener Order merkbar absticht, rechtfertigte er sich
-gegen den Vorwurf des Mißbrauchs und der Pflichtwidrigkeit; doch zog
-er die unvermeidliche Folgerung und versprach feierlich »als Ew.
-Königl. Maj. getreuester Unterthan«, sich fernerhin aller öffentlichen
-Vorträge über Religion in Vorlesungen und Schriften zu enthalten, ein
-Versprechen, das seine akademische und schriftstellerische Tätigkeit
-in den letzten kostbaren Jahren seines Lebens in bedauerlichster Weise
-lahmlegte und die Nachwelt unwiederbringlich um die Früchte dieser
-Tätigkeit gebracht hat.
-
-
-Die Akademie schweigt.
-
-All diese Vorgänge drängen die Frage auf: War denn »kein Dalberg
-da«, der es gewagt hätte, seine gewichtige Stimme gegen diesen
-täppischen Obskurantismus zu erheben? Wo blieb der vornehmste Hort
-der Geistesschätze der Nation, die Akademie der Wissenschaften? Was
-erwartete sie für sich, wenn sie einen Mann wie Kant, der seit 1786 ihr
-Mitglied war, so mißhandeln ließ?
-
-Die Geschichte der Akademie weiß nichts von flammenden Protesten, die
-sich gegen die Willkürherrschaft der Dunkelmänner erhoben hätten. Die
-Akademie seufzte zwar selbst unter dem Joche Wöllners, der sich als ihr
-Kurator aufspielte, aber kein Widerspruch wurde laut. Man hatte mit der
-bestehenden Gewalt einen schimpflichen Baseler Frieden geschlossen.
-»Mit Händen kann man es hier greifen,« sagt der Biograph der Akademie,
-Adolf Harnack, »daß diesen Teller, Engel, Zoellner bei allem
-Tugendgerede das thatkräftige Pflichtgefühl und bei allem ›Fortschritt‹
-das begeisternde und führende Ideal fehlte. Nicht nur ihre Ästhetik,
-mit der im Jahre 1796 die Xenien abrechneten, auch ihr Patriotismus und
-ihre Weltanschauung war bankerott.«
-
-Nur im vertraulichen Kreise der »Philosophischen Gesellschaft«, zu der
-sich etliche Akademiemitglieder wie Biester, Dohm, Spalding, Engel mit
-Nicolai und andern im Bedürfnis geselliger Anregung allwöchentlich
-zusammenfanden, pflegte man noch bei sorgfältig verschlossenen Türen
-frei von der Leber weg zu reden. In den Hallen der Akademie aber war
-das freie Wort erstorben, und in der Vorsicht, die der bessere Teil der
-Tapferkeit ist, wagten sich die würdigen Herren erst an eine Kritik des
-Wöllnerschen Regimes, als der »verabscheute Mann« gestürzt war.
-
-
-Ein Zensurerlebnis des Philosophen Fichte.
-
-Einer nur erhob seine Stimme, ein junger Kandidat der Theologie, dessen
-Name gern mit dem seines Zeitgenossen Wilhelm von Humboldt genannt wird
-und hier vor allem mit ihm zusammenstimmt, da beide Männer zu gleicher
-Zeit im selben Ideenwirbel umgetrieben wurden, Johann Gottlieb Fichte.
-
-Auch er hatte schon sein persönliches Zensurerlebnis hinter sich. Im
-Sommer 1791 war er als mittelloser Mensch nach Königsberg gekommen und
-hatte dort sein erstes Buch geschrieben: »Versuch einer Kritik aller
-Offenbarung«, das, als es Ostern 1792 ohne Namen des Verfassers in der
-Heimat Kants erschien, allgemein für dessen Werk gehalten wurde, so daß
-Kant durch eine öffentliche Erklärung die wahre Urheberschaft enthüllen
-mußte. Der Königsberger Philosoph hatte an dieser Schrift nur so weit
-teilgenommen, daß er sie im Manuskript gelesen und dem ihm befreundeten
-Verleger Hartung empfohlen hatte.
-
-Hartung wollte das Buch in Halle, der »Pflanzschule der irrgläubigen
-Geistlichen«, drucken lassen. Dort sollte es auch die Zensur passieren.
-Dekan der theologischen Fakultät war aber zufällig einer der dortigen
-Pietisten, der Professor Joh. Ludwig Schulze, kein großes Kirchenlicht,
-und dieser verweigerte als derzeitiger Zensor das Imprimatur. Er
-beanstandete eine der Hauptthesen der Schrift: Daß der Beweis für die
-Göttlichkeit einer Offenbarung nicht durch die Berufung auf die dabei
-geschehenen Wunder geführt werden dürfe, sondern daß einzig aus dem
-Inhalte derselben darüber entschieden werden könne -- ein Satz, der
-heute längst zu den selbstverständlichen Voraussetzungen theologischer
-Forschung gehört.
-
-Vergebens erklärte Fichte, sein Buch gehöre vor die philosophische
-Fakultät. Die theologische hatte ihr Urteil gesprochen, und dabei blieb
-es.
-
-Schon sollte das Manuskript im Auslande gedruckt werden, als der
-Wechsel des theologischen Dekanats in Halle die Schwierigkeit
-beseitigte. An die Stelle Schulzes trat Professor Knapp, der trotz
-seiner Orthodoxie das Recht der freien Forschung anerkannte und dem
-Erstlingswerk Fichtes ohne Anstand die Druckerlaubnis gab.
-
-Ein Jahr nach Erscheinen verschaffte die Schrift ihrem Verfasser den
-Ruf als Professor der Philosophie nach Jena.
-
-
-Zurückforderung der Denkfreiheit.
-
-Dieses persönliche Erlebnis gehörte dazu, um in der Seele Fichtes die
-flammende Entrüstung zu entfachen, die aus seiner nächsten Schrift
-emporlodert. Wieder sandte er sie anonym in die Welt, in der Vorrede
-aber erklärte er, sich jedem nennen zu wollen, der sich ernsthaft
-über das Thema des Büchleins mit ihm auseinanderzusetzen wünsche.
-»Zurückforderung der Denkfreiheit von den Fürsten Europens, die sie
-bisher unterdrückten. Eine Rede. Heliopolis, im letzten Jahre der
-alten Finsternis« (1793), so lautete der Titel dieses Manifestes, das
-wie der helle Schrei eines jungen Falken schrill zum Himmel stieg und
-den mühsam verhaltenen Ingrimm aller, die sich geknechtet fühlten, in
-glühende Worte faßte.
-
-Wie sein Zeitgenosse Humboldt steht Fichte ganz auf dem Boden des
-Naturrechts: der Staat ist nur Mittel zum Zweck, dem Menschen sein
-ursprüngliches Recht zu sichern oder wiederzuverschaffen. Er ist ein
-Notstaat, wie sich Fichte später einmal ausdrückte, und der Zweck
-der Regierung ist, die Regierung überflüssig zu machen. Während aber
-der künftige Staatsmann Humboldt diese Grundsätze in der gemessenen,
-zum Teil trockenen Sprache des Philosophen vorträgt, ist der junge
-Philosoph ganz Temperament und flackernde Empörung. Es ist die
-eindringlichste, aufwühlendste »Rede an die deutsche Nation«, die
-Fichte je gehalten hat, auch wenn ihr die Wirkung versagt blieb, die
-der eifernde Patriot später auf dem Katheder der Berliner Akademie in
-dem von den Franzosen besetzten Berlin erzielte. Fast die ganze Rede
-ist eine einzige Apostrophe an die Fürsten und Völker. »Glückseligkeit
-erwarten wir nicht aus eurer Hand,« ruft er den ersteren zu, »wir
-wissen es ja, daß ihr Menschen seyd -- wir erwarten Beschützung und
-Rückgabe unserer Rechte, die ihr uns doch wohl nur aus Irrtum nahmt ...
-Fürst, du hast kein Recht, unsere Denkfreiheit zu unterdrücken: und
-wozu du kein Recht hast, das mußt du nie thun, und wenn um dich herum
-die Welten untergehen, und du mit deinem Volke unter ihren Trümmern
-begraben werden solltest. Für die Trümmer der Welten, für dich, und
-für uns unter den Trümmern wird der sorgen, der uns die Rechte gab, die
-du respectirtest ...
-
-»Und besonders ihr alle, die ihr Kräfte dazu habt, kündigt doch
-jenem ersten Vorurtheile, woraus alle unsere Uebel folgen, jener
-giftigen Quelle alles unseres Elendes, jenem Satze: daß es die
-Bestimmung des Fürsten sey, für unsere _Glückseligkeit_ zu wachen, den
-unversöhnlichsten Krieg an; verfolgt ihn in alle die Schlupfwinkel,
-durch das ganze System unseres Wissens, in die er sich versteckt hat,
-bis er von der Erde vertilgt und zur Hölle zurückgekehrt sey, daher er
-kam.«
-
-Und zu einer Zeit, da die deutschen und österreichischen Heere gegen
-die französische Republik im Kampfe lagen, beschwört er die Völker:
-»Alles, alles gebt hin, nur nicht die Denkfreiheit. Immer gebt eure
-Söhne in die wilde Schlacht, um sich mit Menschen zu würgen, die sie
-nie beleidigten, oder von Seuchen entweder aufgezehrt zu werden, oder
-sie in eure friedlichen Wohnungen als eine Beute mit zurückzubringen;
-immer entreißt euer letztes Stückchen Brot dem hungernden Kinde und
-gebt es dem Hunde des Günstlings -- gebt, gebt alles hin; nur dieses
-vom Himmel abstammende Palladium der Menschheit, dieses Unterpfand,
-daß ihr noch ein anderes Loos bevorstehe, als dulden, tragen und
-zerknirscht werden, -- nur dieses behauptet. Die künftigen Generationen
-möchten schrecklich von euch zurückfordern, was euch zur Ueberlieferung
-an sie von euren Vätern übergeben wurde. Wären diese so feige gewesen
-als ihr -- ständet ihr dann nicht noch immer unter der entehrendsten
-Geistes- und Leibes-Sklaverei eines geistlichen Despoten? Unter
-blutigen Kämpfen errangen jene, was ihr nur durch ein wenig Festigkeit
-behaupten könnt.«
-
-Solche Worte mochten den neuen preußischen Machthabern sonderbar
-in die Ohren klingen, und wenn Wöllner sie gelesen hat, wird er
-mehr als einmal drohend die Faust gegen den kühnen Ankläger geballt
-haben. Besonders bei der Aufforderung an die Völker: »Ruft es in
-jedem Tone euren Fürsten in die Ohren, bis sie es hören, daß ihr euch
-die Denkfreiheit nicht werdet nehmen lassen, und beweist ihnen die
-Zuverlässigkeit dieser Versicherung durch euer Betragen. Lasset euch
-nicht durch die Furcht des Vorwurfs der Unbescheidenheit abschrecken.
-Gegen was könntet ihr denn unbescheiden seyn? Gegen das Gold und die
-Diamanten an der Krone, gegen den Purpur am Kleide eures Fürsten; nicht
--- gegen ihn.«
-
-Während sich Fichtes übrige Rede in pathetischen Allgemeinheiten
-erschöpfte, traf dieser Pfeil das Wöllnersche Zensuredikt mitten ins
-Herz.
-
-
-Ein preußischer Index verbotener Bücher.
-
-Der Ingrimm der Examinationskommission gegen das preußische Ministerium
-nach der Niederlage von 1792 ist begreiflich. Aber Rom ist nicht in
-einem Tage erbaut. Hillmer und Genossen ließen nicht locker und kamen
-immer wieder auf die gefährliche Büchereinfuhr zurück.
-
-Am 5. März 1794 verlangten sie, um angeblich der Einführung auswärts
-gedruckter Verlagswerke der Berliner Verleger zu steuern, daß
-letztere halbjährlich ein genaues Verzeichnis ihrer Verlags- und
-Kommissionsartikel einreichen und auf Verlangen der Kommission
-jede Schrift zur Durchsicht vorlegen müßten gegen unbeschädigte
-Rückerstattung.
-
-Diese Anregung fiel beim König auf fruchtbaren Boden; er hatte
-offenbar unterdes die österreichischen Zensureinrichtungen »durchaus
-studiert, mit heißem Bemüh'n«, und am 17. April befahl er, über den
-gestellten Antrag hinausgehend, dem Großkanzler von Carmer, von der
-Examinationskommission »ungesäumt eine Liste von allen solchen Büchern
-und Schriften« zu verlangen, die »schädliche Principia wider den Staat
-und die Religion« enthielten. Es sollte also ein ~Catalogus librorum
-prohibitorum~ nach österreichischem Muster hergestellt werden!
-
-Den Großkanzler beehrte der König zugleich mit der ganzen Verantwortung
-für die strengste Ausübung dieser Zensur. Carmer aber erklärte, er
-habe »weder Zeit noch Kenntnis genug, alle herauskommenden Schriften
-und Journale selbst zu lesen und zu beurtheilen«, und wußte sich nicht
-anders zu helfen, als daß er in einem sehr scharfen Zirkular vom 26.
-April 1794 die Verantwortung für die Zensur der eingeführten Bücher den
-Buchhändlern selbst aufhalste. Diese aber erklärten gleichfalls, zur
-Prüfung aller eingeführten Bücher hätten sie weder Zeit noch Kenntnis;
-wie könnten sie sich ein Urteil über Dinge anmaßen, über die sich oft
-die »gelehrten Censoren und ganze Kollegia« nicht einig seien! Wie
-könnten sie den Gelehrten vorschreiben wollen, was sie zu lesen hätten!
-Das müsse zu einem »gründlichen Umsturz des Buchhandels« und zum Ruin
-ihrer Familien führen.
-
-Das Generaldirektorium, dem Carmer auch einen Teil der Verantwortung
-zuschieben wollte, bedankte sich ebenfalls energisch dafür und
-erklärte obendrein, weder mit dem Zensuredikt noch mit dem seit dem
-5. Februar d. J. eingeführten Allgemeinen Preußischen Landrecht lasse
-sich vereinbaren, »daß es künftig lediglich von dem Gutbefinden der
-angeordneten theologischen Examinations-Kommission abhangen soll,
-welche Bücher im Lande zu verbieten und ohne weitere Umstände zu
-konfisciren« seien. Es wollte also von einem preußischen Index durchaus
-nichts wissen.
-
-Dem Gesamtministerium wurde infolgedessen die Entscheidung schwer, und
-die Sache schleppte sich bis in den Winter hinein. Am 16. Dezember
-mahnte die Examinationskommission. Das Generaldirektorium war aber
-noch immer von der »äußersten Schädlichkeit und Zwecklosigkeit der
-beabsichtigten strengen Maßregeln« überzeugt, und ein ausführliches
-Gutachten der Kurmärkischen Kammer hatte es darin nur noch bestärkt.
-
-Gleichwohl beschloß der Staatsrat am 23. März 1795 »auf Vortrag des H.
-Geh. Oberjustizraths Suarez«, dem Antrag der Examinationskommission
-zuzustimmen. Den Herren Hillmer und Hermes wurde aber zugleich
-bedeutet, die Buchhandlungen »nicht ohne Noth und allzuhäufig« mit
-Anforderungen verdächtig erscheinender Bücher zu »belästigen« und für
-die »prompte und unbeschädigte Zurückgabe« zu sorgen.
-
-Und der geplante Index? Von ihm berichten die Akten weiter nichts!
-Indem der Staatsrat trotz seines Widerstrebens auf den Antrag der
-Examinationskommission einging, stopfte er ihr vorerst den Mund. Durch
-wohlüberlegtes Nachgeben in der weniger wichtigen Sache, wenn diese
-auch für den Buchhandel sehr lästig war, wußte er, ebenso wie zwei
-Jahre vorher, das Hauptübel, die Zensur des gesamten Buchwesens durch
-die Examinationskommission, stillschweigend zu beseitigen; von dem
-Index, den sie herstellen sollte, verlautete kein Wort mehr!
-
-Ein Jahr später raffte sich die Kommission nochmals zu einem Vorstoß
-auf; sie verlangte abermalige Verschärfung der Zensur und Erhöhung der
-Strafen; Wöllner unterstützte ihr Gesuch nachdrücklich. Aber seine Uhr
-begann schon abzulaufen, und das Ministerium hüllte sich auch diesem
-neuen Attentat gegenüber in beredtes Schweigen.
-
-
-Das Verbot der »Allgemeinen deutschen Bibliothek« in Preußen 1794.
-
-Gleichzeitig mit der versuchten Einführung eines Index spielte sich
-noch ein anderes Ereignis ab, das viel Staub aufwirbelte und Hunderte
-von Aktenseiten mit Gutachten füllte.
-
-Im Jahre 1794 vergriff sich die Examinationskommission an der »Neuen
-Allgemeinen deutschen Bibliothek«, die seit zwei Jahren in Kiel verlegt
-wurde. Dieselbe Kabinettsorder, die die Aufstellung eines Index befahl,
-verbot auch jene in Berlin noch immer am meisten gelesene Zeitschrift
-»als ein gefährliches Buch gegen die christliche Religion«, und zwar,
-da keinerlei Einschränkung ausgesprochen wurde, nach österreichischem
-Muster für Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft! Eine Stelle im 8. Band
-(I. Stück, S. 88) soll der Anlaß des Verbots gewesen sein. Hier wurde
-die Auferstehung verstorbener Menschen beim Tode Jesus' als eine von
-Matthäus leichtgläubig untergeschobene Anekdote erklärt.
-
-Das Verbot der »Allgemeinen deutschen Bibliothek« verursachte aber
-einen Sturmlauf von Protesten, wie ihn aus gleichem Anlaß das
-Ministerium wohl noch nicht erlebt hatte. Zunächst erklärte der
-Buchhändler Joh. Friedr. Hartknoch in Riga seinem Berliner Kommissionär
-Friedr. Vieweg d. Ä., wenn dies Verbot nicht zurückgezogen werde,
-breche er alle Beziehungen über Preußen ab; er werde sich dann seinen
-ganzen Bücherbedarf über Braunschweig und Lübeck verschreiben, wo
-ihn keine Zensur behellige, und außerdem in Berlin nie wieder etwas
-drucken lassen. Er und seine Kunden, die zum »aufgeklärtesten« Publikum
-gehörten, ließen sich so etwas nicht gefallen, und andere würden wohl
-seinem Beispiel folgen.
-
-Vieweg wandte sich nun mit einer ausführlichen Beschwerde an das
-Ministerium, wies nach, daß die preußische Post von seinem Geschäft
-allein 3000 Taler jährlich einnehme und durch Verschärfung der
-Zensurgesetze der ganze preußische Buchhandel zugrunde gehen müsse.
-Nicolai belegte diese Prophezeiung mit wirksamem Zahlenmaterial und
-sang ein bewegliches Klagelied: Was solle er jetzt mit seinen Vorräten
-der von ihm verlegten alten Jahrgänge anfangen, die er gerade im Preise
-herabgesetzt habe? Der neue Verleger schulde ihm noch 5000 Taler der
-Kaufsumme, die er unter diesen Umständen verlieren müsse.
-
-Die Halleschen Buchhändler versicherten ebenfalls, das Verbot »eines
-der besten und gangbarsten Bücher« sei der Ruin ihres Gewerbes, und die
-Kurmärkische Kammer, die das Generaldirektorium mit einem Gutachten
-beauftragt hatte, machte sich alle diese Beweisgründe zu eigen. Am
-wenigsten sei das Verbot der früher mit preußischer Zensur erschienenen
-Bände zu rechtfertigen, an denen übrigens Wöllner selbst mitgearbeitet
-hatte. Die von Wöllner gereizte Hallesche Universität sprach sich durch
-ihren Direktor Klein gleichfalls gegen das Verbot aus.
-
-Am 27. Februar schloß sich das Generaldirektorium dem Gutachten der
-Kurmärkischen Kammer vollständig an, und am 31. März beantragte der
-gesamte Staatsrat die Aufhebung des Verbots. Der jetzige Verleger Bohn
-habe sich erboten, »künftighin bei der theologischen Recension alle
-den hiesigen Landesgesetzen angemessene Vorsicht und Behutsamkeit
-gebrauchen zu wollen«.
-
-Abermals triumphierte das Ministerium. Am 1. April 1795 hob der König
-das Verbot auf, unter der Bedingung, daß »künftig in keiner einzigen
-Abhandlung das Mindeste gegen die christliche Religion oder den Staat
-oder die guten Sitten« enthalten sein dürfe. Nicolai trage dafür die
-Verantwortung.
-
-Nicolai lehnte natürlich schleunigst die ihm aufgeladene Verantwortung
-für eine Zeitschrift, auf die er keinen Einfluß mehr hatte, ab. Das
-Ministerium begnügte sich aber, die Eingabe beim Staatsrat zirkulieren
-zu lassen und ohne weitere Verfügung zu den Akten zu geben.
-
-Nicolais Vorsicht war begründet: Schon ein Jahr später gab die
-»Allgemeine deutsche Bibliothek« abermals zu theologischen Klagen
-Anlaß. Sogleich erhielt er ein von Hillmer entworfenes königliches
-Reskript, das ihn an seine »angelobte Pflicht« erinnerte und ein neues
-Verbot in Aussicht stellte.
-
-Die Sache verlief aber im Sande, denn die Tage der
-Examinationskommission waren bereits gezählt.
-
-
-Eine Fabel.
-
- Vor etwa achtzig, neunzig Jahren,
- Vielleicht sind's hundert oder mehr,
- Als alle Thiere hin und her
- Noch hochgelahrt und aufgekläret waren,
- Wie jetzt die Menschen ohngefähr;
- -- Sie schrieben und _lectür_-ten sehr,
- Die Widder waren die _Scribenten_,
- Die andern: _Leser_ und _Studenten_,
- Und _Censor_ war: der Brummelbär --
-
- Da kam man ~supplicando~ ein:
- »Es sei unschicklich und sei klein,
- Um seine Worte und Gedanken
- Erst mit dem Brummelbär zu zanken,
- Gedanken müßten zollfrei sein!«
- Der Löwe sperrt den Bären ein,
- Und that den Spruch: »Die edle Schreiberei
- Sei künftig völlig frank und frei!«
-
- Der schöne Spruch war kaum gesprochen,
- So war auch Deich und Damm gebrochen.
- Die klügern Widder schwiegen still,
- Laut aber wurden Frosch und Crocodil,
- Seekälber, Scorpionen, Füchse,
- Kreuzspinnen, Paviane, Lüchse,
- Kauz, Natter, Fledermaus und Staar,
- Und Esel mit dem langen Ohr etc. etc.
- Die schrieben alle nun und lieferten Tractate;
- Vom Zipperlein und von dem Staate,
- Vom Luftballon und vom Altar,
- Und wußten's alles auf ein Haar,
- Bewiesen's alles sonnenklar,
- Und rührten durcheinander gar,
- Daß es ein Brei und Gräuel war.
-
- Der Löwe gieng mit sich zu Rathe
- Und schüttelte den Kopf und sprach:
- »Die besseren Gedanken kommen nach:
- Ich rechnete, aus angestammtem Triebe,
- Auf Edelsinn und Wahrheitliebe --
-
- Sie waren es nicht werth, die Sudler, klein und groß,
- _Macht doch den Bären wieder los_!«
-
- _Matthias Claudius._
-
-
-Der König und der Adler. Keine Fabel.
-
-Das obige reaktionäre Gedicht von Matthias Claudius, dem biedern
-Wandsbecker Boten, erschien am 3. Oktober 1795 in der »Hamburger
-neuen Zeitung«. Prompt gab darauf im selben Blatt am 28. Oktober der
-freisinnige und streitbare Homerübersetzer Johann Heinrich Voß, der
-erbitterte Feind aller Dunkelmänner, seine Antwort: »Der König und der
-Adler. Keine Fabel.« Der Uhu läßt durch ein Käuzlein den Hahn beim
-Könige der Vogelwelt, dem Adler, verklagen:
-
- Wann noch dein wohlbeherrschter Staat,
- Nach sanftem Thun gewohnter That,
- Sanft schläft und träumet und verdauet,
- Und unser Nachtlied früh und spat ...
- Den Frommen, welcher wacht, erbauet;
- Schnell kräht uns der Illuminat
- Die Sonn' empor, um aufzuklären,
- Und Ruh und Andacht uns zu stören:
- Fink, Lerche, Schwalb' und Meis' empören
- Gefild' und Wald in freien Chören;
- Man kann sein eigen Wort nicht hören!
- Die tolle Rotte spricht gar Hohn
- Der mystischen Religion ...
- Ja, König, strafst du nicht, so drohn ...
- So drohn dem Münster und dem Staat
- Aufruhr, Empörung, Hochverrath ...
- Die Nachtigall singt ohne Scheu
- Am hellen Tag' Aufklärungslieder;
- Daß ohne Scheu das Waldgefieder
- Aufklärung nachsingt hin und wieder.
- Aufklärung? nein Aufklärerei! ...
- Herr König, laß dir doch gefallen:
- (Wir Kauz' und Eulen flehn gesamt!)
- Dem Hahn und seinen Schreiern allen,
- Die immerfort Aufklärung hallen,
- Zum Bändiger, im Censoramt
- Den frommen Uhu zu bestallen!
-
- Der Adler that, als hört' er nicht,
- Und sah ins junge Morgenlicht.
-
-In Vossens »Lyrischen Gedichten« (1802) hat sich diese Fabel zu einem
-Epos von fünf Fabeln ausgewachsen, das dem Oberkonsistorialrat Spalding
-gewidmet ist. Der Uhu und sein Nachtgevögel lassen sich durch die
-vornehme Verachtung des Adlers nicht von ihrer finstern Wühlarbeit
-abschrecken; mit allen Mitteln suchen sie die lichtfrohen Anhänger des
-Königs zu sich herüberzuziehen, und es gelingt ihnen schließlich sogar,
-den kecken Hahn zu ihrer »nachtfrohen Münsterklerisei« zu bekehren. Nun
-glauben sie gewonnen Spiel zu haben, bis sie schließlich sehen müssen,
-daß sich der Sonnenaufgang darum nicht um einen Augenblick verspätet:
-
- Die hehre Himmelssonne gehet
- Unwandelbar die große Bahn,
- Sorglos ob krächzet oder krähet
- Auf seinem Mist ein Hühnerhahn ...
- Nicht lehrt der Hahn die Sonn' aufgehn;
- Nein, Sonnenaufgang lehrt ihn krähn.
-
-
-Licht und Sonnenschein.
-
-Ein marokkanischer Kaiser verbannte einmal alle Lichtzieher, Lampen-
-und Ölverkäufer aus seinem Lande.
-
-»Wozu brauchen meine Sklaven zu sehen? Dies verdirbt ihnen nur die
-Augen« -- sagte er.
-
-»Aber was wird es dir helfen?« erwiderte sein Wesir; »kannst du die
-Sonne auslöschen und den Mond verdunkeln? Scheinen sie nicht von
-selbst?«
-
- _Christian August Fischer_, »Politische Fabeln«. 1796.
-
-
-Götzendämmerung.
-
-Es liegt eine poetische Gerechtigkeit darin, daß der Minister Wöllner
-über eben das stürzte, was so vielen aufrechten Männern das Rückgrat
-hatte brechen sollen.
-
-Als er sich nach dem Tode Friedrich Wilhelms II. (16. Nov. 1797)
-herausnahm, das verhängnisvolle Religionsedikt nochmals einzuschärfen,
-kam er bei dem Thronfolger übel an. Eine scharfe, vom Geheimrat
-Mencken, dem Großvater des Fürsten Bismarck, entworfene Kabinettsorder
-vom 11. Januar 1798 bedeutete ihn, daß die Religion »Sache des Herzens,
-des Gefühls und der eigenen Überzeugung sein und bleiben« müsse und
-nicht »durch methodischen Zwang zu einem gedankenlosen Plapperwerk
-herabgewürdigt« werden dürfe. »Vernunft und Philosophie«, so lauteten
-die wahrhaft königlichen Worte, »müssen ihre unzertrennlichen
-Gefährten sein, dann wird sie durch sich selbst feststehen, ohne
-die Autorität derer zu bedürfen, die es sich anmaßen wollen, ihre
-Lehrsätze künftigen Jahrhunderten aufzudringen, und den Nachkommen
-vorzuschreiben, wie sie zu jederzeit denken sollen.«
-
-Schon im Dezember 1797 war die Examinationskommission nebst allen
-ihren jüngeren Schwestern in den Provinzen aufgehoben und das
-Oberkonsistorium wieder in seine alten Rechte eingesetzt worden, und am
-11. März 1798 erhielt auch Wöllner seine Entlassung. Hermes und Hillmer
-wurden mit 500 Taler Pension (statt 2000 Taler Gehalt) abgefunden, und
-Minister von der Schulenburg gab ihnen das Abgangszeugnis, daß sie
-»in ihren bisherigen Verhältnissen nichts geleistet hätten und auch
-fernerhin keinen Nutzen bringen würden«.
-
-
-Kants Schlußwort.
-
-Durch den Tod des Königs fühlte sich Kant von seinem Schweigegelöbnis
-befreit; in diesem Sinne waren seine Worte »als Ew. Maj. getreuester
-Unterthan« ein wohlüberlegter Vorbehalt gewesen. Mit dem ganzen
-Aufgebot seines Scharfsinns untersuchte er nun in einem neuen Buche
-»Der Streit der Facultäten« (Königsberg 1798) das Verhältnis der
-Theologie zur Philosophie, der Kirche zur modernen Wissenschaft, und
-als Beispiel einer falschen Bekämpfung der Philosophie erzählte er in
-der Vorrede seinen Zusammenstoß mit der preußischen Zensur im Jahre
-1792 und seine Maßregelung zwei Jahre später. Die Kabinettsorder des
-Königs und seine Antwort druckte er wörtlich ab und errichtete so der
-Regierung Friedrich Wilhelms II. und seines Günstlings Wöllner den
-verdienten Pranger. »In seinem systematischen Denken«, sagt Wilhelm
-Dilthey und nach ihm E. Fromm, »gelangte erst mit dieser Arbeit der
-im Jahre 1792 begonnene Streit zum Abschluß. Preßfreiheit hat Kant --
-trotz Fichtes Vorgang -- nicht verlangt. Die Censur solle bestehen
-bleiben, aber sie sollte zu einer Funktion des Universitäts-Organismus
-als der obersten wissenschaftlichen Körperschaft erhoben und so zum
-Nutzen der Wissenschaft und des Kulturfortschrittes der Willkür der
-Verwaltung und den theologischen Vorurtheilen entzogen werden.«
-
-
-
-
-4. An der Wiege des Theaterzensors.
-
-
-Der Schrei nach der Theaterzensur.
-
-Es ist nützlich, daran zu erinnern, daß nicht zuerst die Behörden
-die Zensurpolizei ins Theater riefen, sondern -- die deutschen
-Schriftsteller. Der erste bedeutende Literarhistoriker, Daniel
-Morhof (1639--1691), hat das zweifelhafte Verdienst, die Einsetzung
-von Personen gefordert zu haben, »ohne deren Bewilligung kein Stück
-aufgeführt werden sollte«. Allerdings war die deutsche Bühne damals
-durch die Zügellosigkeit der Stegreifkomödie so verwildert, daß
-alle Tugendwächter sich davor bekreuzigen durften. Die deutsche
-Sprache und Literatur drückte sich noch als Aschenbrödel zaghaft im
-Lande herum; kein Wunder, daß sie verwahrlost war. Fürsten und Adel
-würdigten in der Regel nur die italienische und französische Komödie
-ihres Besuches; das 1742 als Theater eingerichtete Hofballhaus in
-Wien, das spätere Burgtheater, war bis 1776 fast nur ausländischen
-Schauspielergesellschaften vorbehalten.
-
-Für das Volk der deutschen Kaiserstadt waren die »ordinari Comödie«
-am Kärntner Tor, dem eigentlichen Stadttheater, und die übrigen
-Harlekinaden der Vorstadtbühnen gut genug. Die kaiserliche Regierung
-schenkte dieser niedern Art Volksbelustigung noch keine Aufmerksamkeit,
-während sich die berüchtigten Tierhetzen des kaiserlichen Schutzes
-rühmen durften; wenn sie die Abgaben der Theaterunternehmer pünktlich
-hereinbekam, überließ sie der Stadtbehörde die Sorge dafür, daß es
-nicht allzu wild dort zuging. Von einer vorhergehenden Prüfung der dort
-gespielten burlesken Komödien konnte schon deshalb keine Rede sein,
-weil diese Stücke zum größten Teil extemporiert und nicht, wie die
-»regelmäßigen« Schauspiele der fremden Komödianten, niedergeschrieben
-oder gar gedruckt wurden. Das galt besonders von den Reden der lustigen
-Person, des ursprünglich italienischen Arlecchino, den der Schauspieler
-Stranitzky (seit 1708 in Wien) in Charakter und Tracht eines
-dummdreisten salzburger Bauern namens Hanswurst neu zu gestalten wußte.
-Seine unkontrollierbaren, der zufälligen Situation entspringenden
-Späße und schlagfertigen Einfälle pflegten auf die Theaterbesucher der
-Wiener Vorstädte die größte Anziehungskraft auszuüben.
-
-Nun begab es sich im Oktober 1737 zu Leipzig an der Pleiße, daß
-der biedere Magister Gottsched durch die Schauspielerin Caroline
-Neuberin dem gottlosen Hanswurst, der stets die Lacher auf seiner
-Seite hatte und keine regelmäßige Komödie nach dem Vorbild der Alten
-und der Franzosen aufkommen ließ, ~coram publico~ den Prozeß machen
-und ihn auf der Neuberschen Bühne wie einen Mörder und Strauchdieb
-~in effigie~ verbrennen ließ. Die Gottschedianer, die Mehrzahl der
-damaligen Intelligenz, zogen nun allesamt wacker gegen Hanswursten
-zu Felde, und es war Wasser auf ihre Mühle, als Maria Theresia 1752
-gebot, keine andern Komödien zu spielen, »als die aus dem frantzösisch
-oder wällisch, oder spanisch theatri herkommen«, und alle »hiesigen
-compositionen« zu unterdrücken; »wann aber einige gute doch wären von
-weiskern [einem Wiener Komiker], sollten sie ehender genau durchlesen
-werden und keine ~equivoques~ noch schmutzige Worte darinnen gestattet
-werden«.
-
-Damit wurde das gesamte Bühnenrepertoire Wiens der schon bestehenden
-Bücherzensur unterstellt, denn die »regelmäßigen« Stücke wurden vorher
-gedruckt; die Erlaubnis zum Druck war zugleich auch die zur Aufführung.
-
-
-Verbot der extemporierten Komödie.
-
-Geholfen war aber mit dieser gewaltsamen Einführung der regelmäßigen
-Komödie noch nicht viel; die Possenreißer, die zeitlebens durch ihre
-Improvisationen geglänzt hatten, ließen sich so leicht nicht ihr
-Spiel verderben, in dieser oder jener Gestalt kam der alte Hanswurst
-immer wieder zum Vorschein, und gegen seine Extempores gab es keine
-Präventivzensur, nur Repressivmaßregeln: der mit der Theaterinspektion
-beauftragte Beamte konnte allzu »verdächtige und grobe Redensarten«
-zur Anzeige bringen, die Schauspieler bestrafen und ungeziemende
-Vorstellungen nachträglich verbieten.
-
-Die Gottschedianer aber ließen nicht locker. Einer von ihnen, Heinrich
-von Engelschall, forderte 1760, »daß kein Wort von einem Schauspieler
-auf der Bühne gesprochen werde, das nicht in dem vorher gänzlich
-schriftlich abgefaßten und zur Censur eingereichten Stücke befindlich
-sei«. Nicht nur, was Religion, Staat und gute Sitte beleidige, müsse
-verboten werden, sondern das Schlechte an und für sich, um den guten
-Geschmack zu bilden. Also moralische und ästhetische Zensur zugleich.
-
-Diese Bestrebungen führte Joseph von Sonnenfels zum Siege. Mit
-ehrlicher Leidenschaft zog er in seiner Zeitschrift »Der Mann ohne
-Vorurteil« (1765 f.) und in seinen »Briefen über die wienerische
-Schaubühne« (1768) gegen die »Sittenlosigkeit und Unanständigkeit,
-diese Schandflecken der Schaubühne und Nationalsitten« zu Felde;
-er beschwor den Kaiser, das deutsche Theater als das eigentliche
-Nationaltheater »der Gegenwart des Hofes und des gesitteten Theiles
-der Nation würdig zu machen«, und erreichte durch hartnäckigen Eifer
-und Freimut sein Ziel: 1769 wurde von Kaiser Joseph, dem Mitregenten
-seiner Mutter Maria Theresia, die extemporierte Komödie endgültig
-verboten; alle früher erlaubten Stücke wurden einer nochmaligen
-Prüfung unterzogen, und neue Stücke mußten vor der Aufführung in zwei
-Abschriften eingereicht werden. Damit verschwand der alte Hanswurst von
-der Bildfläche.
-
-
-Der erste Theaterzensor.
-
-Der war Sonnenfels selbst. Am 15. März 1770 wurde er zum Theaterzensor
-ernannt, erhielt eine Instruktion und sollte nun alles streichen,
-»was die Religion, den Staat im mindesten beleidiget oder auch
-offenbarer Unsinn und Grobheit, folglich des Theaters einer Haupt- und
-Residenzstadt unwürdig ist«.
-
-Er sollte aber an seinem neuen, von ihm selbst erfundenen Amt wenig
-Freude erleben. Sein Fall ist schon typisch. Lessing, der über
-Gottscheds moralische Entrüstung gelacht und in seiner »Hamburgischen
-Dramaturgie« den Harlekin zu retten versucht hatte, schüttelte den Kopf
-auch zu des Österreichers »allzu strengem Eifer gegen das Burleske«.
-Als er das am 25. Oktober 1770 an seine Braut Eva König schrieb, ahnte
-er noch nicht, daß der erste Theaterzensor bereits ausgelitten hatte.
-Der Unglückswurm hatte ein Stück erlaubt, worin ein Sultan seiner
-Schönen sein Schnupftuch reicht. Erst mußte das bedenkliche Tuch durch
-einen Spiegel ersetzt werden; nach der dritten Aufführung aber wurde
-die ganze Komödie verboten, und Sonnenfels erhielt am 13. Oktober
-seinen Abschied. Obendrein hatte er sich in den sieben Monaten seiner
-Regierung zu einem kleinen Tyrannen ausgewachsen, der »gar niemanden
-neben sich leiden« mochte.
-
-Sonnenfels ist der vorwitzige Zauberlehrling, und das Theater wurde die
-Geister nicht mehr los, die er gerufen hatte.
-
-
-Die notwendigen Eigenschaften eines Zensors.
-
-Sonnenfels' Nachfolger war der um die Hebung des österreichischen
-Schulwesens hochverdiente Regierungsrat Franz Karl Hägelin. Wen muß
-nicht ein Schauer heiliger Ehrfurcht überlaufen, wenn er hört: dieser
-Mann war Rat der niederösterreichischen Regierung, im Nebenamte
-vierzig Jahre lang Bücherzensor hauptsächlich für schöne Literatur,
-und außerdem von 1770 bis Ende 1804, also fünfunddreißig Jahre lang
-Theaterzensor, ohne daß ihm für diese Tätigkeit je ein Pfennig Gehalt
-gezahlt wurde! Ihm unterstand das Repertoire aller Bühnen Wiens,
-obendrein hatte er die Anschlagzettel der Tierhetzen und Feuerwerke zu
-überwachen, und zeitweilig mußten ihm alle Theater Österreichs ihre
-Manuskripte einreichen! Was ist mehr zu bewundern: die märchenhafte
-Selbstlosigkeit dieses Mannes oder die Dauerhaftigkeit seiner geistigen
-Konstitution, die länger als ein Menschenalter den Kelch der Literatur
-bis zur untersten Hefe auskostete?!
-
-Dabei nahm Hägelin sein Amt keineswegs leicht. Über alle von ihm
-gelesenen Stücke verfaßte er ausführliche Gutachten, die den Majestäten
-selbst vor Augen kamen. Er war zwar ein eifernder Katholik, aber
-doch nicht ohne eine gewisse Unbefangenheit, hatte er doch Wielands
-»Deutschem Merkur«, dem »Deutschen Museum« und den Schriften des Barons
-von Archenholz, des Geschichtschreibers des Siebenjährigen Krieges,
-den Weg nach Österreich geebnet. Er war jeder Willkür abhold, besaß
-wenigstens den Willen zum Verständnis, sogar einen grimmigen Humor,
-wenn »ein geübter Verhunzer aller beinschrötigen Theatralprodukte«
-als »Bearbeiter« eines klassischen Stückes es gar zu toll getrieben
-hatte, und stellte an die Persönlichkeit eines Zensors die höchsten
-Anforderungen, die er einmal in die Formeln zusammenfaßte:
-
-»Ein Censor muß viele Belesenheit, eine bescheidene Urtheilskraft,
-historische Kenntnisse alter und neuer Gelehrsamkeit, eine gute
-philosophische Kritik, Geschmack um den Ton eines Authors zu bestimmen
-und hauptsächlich keine insulirte Wissenschaft seines sonstigen Amtes,
-sondern eine hinlängliche Kenntnis von der Verwandtschaft zwischen den
-Wissenschaften besitzen, um zu wissen, was ein Satz für einen Einfluß
-auf die Wahrheiten einer andern Disciplin haben kann. Der Author
-erscheint vor seinem Richterstuhl ohne Vertreter, der Censor muß also
-seine vorgefaßten eigenen Systeme einen Augenblick auf die Seite legen
-können und den Author mit Billigkeit behandeln und wohl unterscheiden
-können, ob seine Sätze bloß irrig oder auch zugleich schädlich sein
-können.«
-
-Man kann nicht gerade sagen, daß diese kluge Erkenntnis Hägelins von
-der Schwierigkeit seiner Aufgabe später der Leitsatz bei Handhabung der
-Zensur, im besonderen der österreichischen, geworden wäre. Im Gegenteil!
-
-
-Die Schaubühne als moralische Anstalt.
-
-Zu seinem fünfundzwanzigjährigen Jubiläum als Theaterzensor verfaßte
-Hägelin eine ausführliche Denkschrift über dies Metier, eine Art
-Katechismus für alle Zensoren der Gegenwart und Zukunft, worin er mit
-Scharfsinn die tausend Rücksichten, Vorsichten und Nachsichten darlegt,
-von denen ein Zensor nach dem Herzen Gottes auszugehen hat, um den oft
-so versteckten Fußangeln der Frivolität, des politischen und religiösen
-Nihilismus eines Dichters zu entgehen. Manche seiner Gesichtspunkte
-haben sich zu den weiter unten folgenden Anekdoten verdichtet. Hier
-seien nur einige Leitsätze jener Denkschrift, des Ergebnisses einer
-fünfundzwanzigjährigen Erfahrung, skizziert:
-
-Die Zensur darf keineswegs in steinernen Gesetzestafeln erstarren,
-vielmehr sind zeitliche und örtliche Umstände für ihr Urteil
-entscheidend. Dieser an sich ganz einleuchtende Grundsatz diente nur
-meist zur Ausdehnung der Verbote, statt zu ihrer Aufhebung. Geschmack
-ist Sache der Kritik [Bravo!], aber doch auch des Zensors »insoweit,
-als er das Schickliche, das Anständige und Vernunftmäßige in Absicht
-auf die Sitten selbst und das Konventionelle oder auch das natürliche
-und politische Decorum, welches widersinnige, den Wohlstand [soll
-heißen: Anstand] verlezende Ungereimtheiten verabscheuet, angehet«.
-Auch das ästhetisch Schöne kann unmoralisch sein. Das Theater ist eine
-Schule des guten Geschmacks, aber ebenso der guten Sitten. Das Trauer-
-oder Lustspiel bezweckt »die Beförderung der Tugenden des Willens
-oder des Verstandes«. Jede Fabel, d. i. Handlung, eines Dramas hat
-ihre Moral so gut wie eine äsopische Fabel, und da der Eindruck von
-der Bühne her viel stärker ist als aus der Lektüre, muß diese Moral,
-wenn sie nicht verderblich wirken soll, stets so sein, daß die Tugend
-liebenswürdig, das Laster verabscheuenswert erscheint. Erstere darf
-nie scheitern, letzteres nie triumphieren. Ein »ungeahndetes Laster«
-widerspricht der »moralischen und poetischen Gerechtigkeit« und ist nur
-der »Modephilosophie« eigen. Wenn also Stoff oder Moral eines Stückes
-gegen Religion, Staatsverfassung oder Sitte verstößt, »mithin im Grunde
-fehlerhaft ist«, kann es nicht aufgeführt werden.
-
-Der Dialog mußte sich daher durchaus auf das beschränken, was in einer
-»gesitteten, wohlerzogenen Gesellschaft« ohne Anstoß gesagt werden
-konnte. Alles, was irgendwie zweideutig klang, wurde beseitigt, und der
-Zensor hatte auch bei der Vorstellung darauf zu achten, daß nicht etwa
-der Schauspieler durch Pausen, Pantomimen oder Extempores in harmlose
-Worte Zweideutigkeiten hineinbrachte. Schon damals also herrschte in
-Wien die vollendete »Komtessenästhetik«, über die Heinrich Laube, der
-erfolgreiche Burgtheaterdirektor, sich so oft ärgern mußte.
-
-Hägelin hatte Schillers Abhandlung von 1784, »Die Schaubühne als
-moralische Anstalt betrachtet«, nicht ohne Nutzanwendung gelesen; aber
-über die Kluft zwischen dem moralisch und ästhetisch Schönen kam er
-ebensowenig wie Sonnenfels hinweg, und der von ihm ausgearbeitete,
-in seiner Wirkung noch heute nicht erschöpfte Zensorenkatechismus
-lief auf die gleiche Losung hinaus, die hundert Jahre vorher der
-Wiener Barfüßermönch und berühmte Kanzelredner Abraham a Santa Clara
-ausgegeben hatte: »Die Komödien und Schauspiel hat man aufbracht, damit
-die Tugenden erlernt und die Laster sollen gemeidet werden.« Punktum!
-
-
-Keine Religion auf der Bühne!
-
-Ebenso engherzig wie in moralischer Beziehung war man im Punkte der
-Religion, besonders der katholischen. Religiöse Gegenstände, erklärte
-Hägelin, sind überhaupt kein Stoff theatralischer Vorstellungen;
-die Religion ist zu erhaben und kann durch das profane Theater nur
-herabgewürdigt werden. Keine Priestergestalt vom Papst herunter bis zum
-geringsten Klosterangehörigen durfte auf der Wiener Bühne erscheinen;
-ein Pastor wurde in einen Küster, Magister oder Rektor verwandelt.
-Selbst Eremiten und Klausner waren nur erlaubt, wenn »ihre Handlung
-ernsthaft« war, ohne jedoch religiös zu sein, und ihre Kleidung
-nichts Kirchliches an sich hatte. Gegen »Vertreter der türkischen
-und heidnischen Religion« hatte man nichts einzuwenden, nur durften
-sie natürlich nicht wie Satiren auf die christliche Geistlichkeit
-wirken. Die Geschichte der Juden durfte nach den Daten des Alten
-Testaments dramatisiert werden, soweit »ihre Handlungen aus natürlichen
-Triebfedern entsprungen sind«.
-
-Im Dialog waren alle Ausdrücke biblischer, katechetischer oder
-hierarchischer Herkunft verboten. Man durfte nicht sagen »alt wie
-Methusalem«, sondern nur »alt wie Nestor«, nicht »weise wie Salomo«,
-sondern »weise wie Solon«, nicht »stumm wie Loths Salzsäule«, sondern
-»stumm wie ein Fisch«, nicht »fett wie ein Dompropst«, sondern »fett
-wie ein reicher Pächter«. (Die Rücksicht auf die Agrarier kannte man
-damals offenbar noch nicht!) Selbst »Bileams Esel« war vom Theater
-verbannt! Das Wort fromm sollte möglichst vermieden werden; Heilige
-durfte es auf der Bühne gar nicht geben, nur Verklärte, und statt in
-den Himmel kam man nur in das Paradies. Man durfte nicht beichten,
-sondern nur bekennen, kein »~Te Deum~«, sondern nur »Loblieder«
-singen, nicht in der Bibel lesen, nur in einem Buch. Für Aberglauben
-mußte man Irrwahn sagen, und an Dinge wie Aufklärung durfte man
-nicht erinnern. Selbst das Wort Sünde mußte durch andere Wendungen
-ersetzt werden. Für Todsünde sagte man »schweres Verbrechen«. Anrufe
-Christi und der Heiligen waren streng verboten, und fromme Seufzer wie
-»allmächtiger ewiger Gott!« deshalb verpönt, weil dem Zuhörer »gleich
-auch die Fortsetzung des Kirchengebetes ›Himmlischer Vater‹ etc. dabei
-einfallen« könne!
-
-
-Joseph II. und die Theaterzensur.
-
-Kaiser Joseph übertrug seine liberalen Grundsätze über Bücherzensur
-keineswegs auf das Theater. Auch er behandelte es als eine Anstalt
-für sich, der andere Grundsätze frommten. Wenn er auch die polemische
-Literatur über religiöse Fragen freigab -- auf der Bühne wollte er
-nichts davon hören; aber er war konsequent und verbot ebenso die
-geistlichen Spiele, mit denen der Klerus an kirchlichen Festtagen das
-Volk zu erbauen pflegte.
-
-In moralischer Beziehung stand er gleichfalls noch ganz unter dem
-Einfluß seiner sittenstrengen Mutter Maria Theresia. Kaiser Joseph
-hat das große Verdienst, das bisher an Unternehmer und ausländische
-Schauspielertruppen verpachtete Burgtheater 1776 in ein deutsches Hof-
-und Nationaltheater umgewandelt zu haben, aber er befreite das deutsche
-Schauspiel doch nicht aus den Ketten, die ihm der Theaterzensor
-umgelegt hatte. Seine Zensurreformen setzten ja überhaupt erst nach dem
-Tode seiner Mutter ein. Die Übernahme des Theaters »in Regie des Hofes«
-gab dem Wiener Bühnenwesen in sozialer und künstlerischer Hinsicht
-einen gewaltigen Aufschwung, und die endliche Alleinherrschaft des
-deutschen Schauspiels auf dem Hoftheater sicherte den Siegeszug der
-hochdeutschen Sprache, die bis dahin in Wien als »lutherisch Deutsch«
-verachtet war. Aber die ästhetisch-moralische Neuorientierung, die
-gerade jetzt, bei der Morgenröte unseres klassischen Zeitalters,
-notwendig wurde, unternahm Joseph II. nicht. Wenn, wie Heinrich
-Laube erzählt, das neubegründete Hof- und Nationaltheater 1776 keine
-Bibliothek anlegen konnte, weil die noch in aller Schärfe bestehende
-Bücherzensur nicht einmal das Lesen zahlreicher Stücke erlaubte, so
-machte Josephs neues Preßgesetz von 1780 diesem unwürdigen Zustand
-zwar ein Ende. Die Theaterzensur wurde von jetzt ab ausschließlich von
-der Wiener Zensurhofkommission ausgeübt, und die Revision des Katalogs
-der früher verbotenen Bücher gab auch eine Masse älterer Stücke frei.
-Die Tortur im Gerichtsverfahren schaffte der Kaiser ab, und die
-Todesstrafe schränkte er ein; vor dem Richterstuhle des Theaterzensors
-dagegen wurde die Anwendung beider Mittel von Jahr zu Jahr beliebter.
-So kam es, daß schon unter Josephs Regierung die Werke unserer großen
-Klassiker, wenn man sie nicht kurzweg mit dem Zensurschwert vom Leben
-zum Tode brachte, mit all den Daumschrauben und spanischen Stiefeln
-gefoltert wurden, die gerade die Wiener Theaterzensur zum Gespött der
-Welt machen sollten, leider aber auch in Deutschland, besonders auf den
-Hoftheatern, als nachahmenswertes Beispiel Geltung gewannen.
-
-
-Das vierte Gebot.
-
-Klingers »Zwillinge«, die 1776 in einem Hamburger Preisausschreiben
-gekrönt wurden, kamen am 11. Januar 1777 auf dem Burgtheater zur
-Aufführung, wurden aber am nächsten Tage durch Allerhöchsten Befehl
-verboten, »für jetzt und für alle Zukunft«! Den Schauspieler Lange
-beschenkte zwar Kaiser Joseph für sein treffliches Spiel mit 100
-Dukaten, erklärte ihm aber zugleich, dies Stück enthalte gar zu
-viel gegen das vierte Gebot, das er in Ehren halten müsse. Am 2.
-Juli schrieb Regierungsrat Gebler an Friedrich Nicolai, der Kaiser
-selbst habe nicht nur dieses Drama Klingers, sondern überhaupt »alle
-dergleichen gräßliche, unsinnvolle Shäkespearischen Nachäffungen
-künftig« auf dem Theater verboten.
-
-Das Konkurrenzstück zu den »Zwillingen«, »Julius von Tarent« von
-Leisewitz, das ebenso wie Klingers Werk einen Brudermord behandelt,
-durfte erst am 15. November 1785 gegeben werden; es stand bis 1780 im
-Katalog der verbotenen Bücher.
-
-
-Schauspielerzensur.
-
-Kaiser Joseph hatte dem neuen Burgtheater von 1776 eine
-Art republikanischer Verfassung gegeben: ein Ausschuß von
-Theatermitgliedern selbst, Männern und Frauen, sollte über Auswahl
-der Stücke, Besetzung der Rollen usw. beraten und seine Beschlüsse
-der obersten Direktion vorlegen. Die Protokollführung und die damit
-verbundenen Geschäfte besorgten die sogenannten »Wöchner«, die von
-der Versammlung der Kollegen gewählten Regisseure, die wöchentlich
-abwechselten.
-
-Diese Einrichtung hatte aber nur dreizehn Jahre Bestand; die Kabalen
-der Herren und Damen untereinander führten zu endlosen Streitigkeiten,
-und der Ausschuß wurde 1789 noch vom Kaiser selbst beseitigt.
-
-Auch die Literatur hat dieser Schauspielerrepublik nichts zu verdanken,
-denn der literarische Ehrgeiz dieser k. k. Hofschauspieler ging nur
-darauf aus, dem Zensor vorzuarbeiten und nichts in Vorschlag zu
-bringen, was ihnen höheren Orts Vorwürfe hätte eintragen können.
-Statt mit allem, sonst so verschwenderisch vorhandenen Pathos für
-jede neue literarische Regung einzutreten, waren es, noch bevor der
-Zensor seines Amtes waltete, die Schauspieler, die über die politische
-Harmlosigkeit der aufzuführenden Stücke wachten, menschliche Schwächen
-gekrönter Personen vom Dichter nicht behandelt sehen wollten, ja sogar
-Stoffe der deutschen Geschichte »für ein gutes deutsches Theater nicht
-passend« fanden und diese von Shakespeare beeinflußte Vorliebe der
-Dramatiker nicht als eine Bereicherung, sondern als eine Verarmung der
-Theaterliteratur bezeichneten! Auch sie fügten sich all den Gesetzen
-des damaligen Zensurkatechismus, und es ist kein Fall bekannt geworden,
-daß ihr künstlerisches Gewissen einmal gegen den Stachel geleckt hätte.
-Im Gegenteil! Ausgerechnet die damaligen Schauspieler gingen besonders
-scharf mit den moralischen Qualitäten eines von ihnen beurteilten
-Stückes ins Gericht. So lehnten sie einmal ein Schauspiel »Nanis« mit
-der Begründung ab, »die Zensur könne niemals ein Weib auf der Bühne
-leiden, die ohne Scheu bekennt, wie sehr sie ihren Mann haßt und ihren
-Liebhaber liebt«.
-
-Entsprechend hieß es auch in dem von diesem Schauspielerausschuß 1778
-bearbeiteten »Organisationsstatut«, daß der Geschmack nicht durch
-»Mißgeburten« schwankend gemacht werden dürfe und kein Stück anzunehmen
-sei, »so dem _System_ widerspricht, wenn auch irgend ein Financier eine
-gute Einnahme davon prognosticirte«. Es gab also schon vor dem späteren
-Staatskanzler Fürsten Metternich ein »System«, und die »Mißgeburten«
-waren vorwiegend die Stücke, die sich als klassische Literaturwerke
-durch ein Jahrhundert durchgesetzt haben.
-
-
-»Traurige Auftritte.«
-
-Shakespeares »Romeo und Julia« wurde von den Schauspielern des
-Burgtheaters am 2. Juli 1777 vom Repertoire entfernt, mit der
-Begründung: die Kaiserin wolle keine Stücke, »worin Leichenbegängnisse,
-Kirchhöfe, Todtengruften und solche traurige Auftritte vorkommen«. Die
-erste Aufführung in der Umgestaltung des Shakespeareschen Stoffes von
-C. F. Weiße hatte am 12. September 1772 stattgefunden.
-
-
-Der Teufelsbanner.
-
-Shakespeares »Zähmung der Widerspenstigen« wurde 1782 unter dem
-Titel »Die bezähmte Widerbellerin oder Gaßner der Zweite« von Schink
-frei bearbeitet und dem Hofburgtheater eingereicht. Gaßner hieß
-ein berüchtigter österreichischer Teufelsbanner, und die Handlung
-begab sich dementsprechend in Wien und dem benachbarten Nußdorf.
-Petrucchio hatte sich in einen Hauptmann von Gaßner verwandelt! Der
-Schauspieler Müller lobte als »Wöchner« die Bearbeitung; sie habe »die
-Hauptcharaktere beibehalten, das Langweilige glücklich herausgeworfen
-(!), die Handlung wahrscheinlicher gemacht, die Wortspiele weggelassen
-und weniger sentenzirt«. Aber er war doch gegen die Aufführung, da das
-Stück der Moralität nachteilig sei!
-
-Shakespeares unsterbliches Lustspiel gelangte erst am 19. März 1838
-unter dem Titel »Die Widerspenstige« aufs Burgtheater.
-
-
-Der dumme Engel.
-
-In seiner Zensurdenkschrift erklärte Hägelin den »Doktor Faust«
-von dem Wiener Dramatiker C. F. Weidmann für unzulässig, nicht
-nur weil überhaupt darin ein Engel auftrat, der eigentlich, wie
-alle himmlischen, »durch übernatürliche Gnadenmittel gestärkten«
-Personen, für das Burgtheater tabu war, sondern weil dieser Engel
-»viel weniger Verstand in seinen Reden wider den Verführer zeigte,
-als Mephistopheles, der viel mehr Witz in seinen Gegengründen für das
-Laster« entwickelte.
-
-
-Die Mannheimer »Räuber«.
-
-Bekannt ist, wie Schiller als Regimentsmedicus auf der Karlsschule
-in Stuttgart seine »Räuber« schrieb, und der Intendant Heribert von
-Dalberg in Mannheim das Erstlingswerk des Dichters am 13. Januar 1782
-zur Aufführung brachte.
-
-So freimütig und vorurteilslos, wie diese Initiative erwarten läßt, war
-aber Dalberg keineswegs; vielmehr mußte Schiller mit Rücksicht auf den
-kurfürstlichen Hof sein Stück einer strengen Zensur unterwerfen und
-sich selbst zu einer Umarbeitung bereitfinden, die als die Mannheimer
-Theaterbearbeitung der »Räuber« auch im Druck erschien.
-
-Der Dichter hatte die Szenenfolge vereinfacht und mit Rücksicht auf
-den zu erwartenden »Unverstand der Gallerie« vieles gestrichen; des
-katholischen Hofes wegen mußte der die Räuber zur Übergabe auffordernde
-Pater in eine Magistratsperson verwandelt werden und Pastor Moser
-ganz fortfallen; in den Räuberszenen selbst wurde vieles gekürzt und
-gemildert, besonders die »räsonnirenden« Monologe Karls; sogar das
-Räuberlied mußte fortbleiben. Die stärkste Umgestaltung hatte der
-Schluß zu erleiden: Franz Moor erhängt sich nicht mehr an der bekannten
-Hutschnur, sondern wird von den Räubern gefangen; sie halten über ihn
-Gericht, werfen ihn in den Turm, in dem der alte Vater hat umkommen
-sollen, und reinigen sich dadurch gewissermaßen von ihrer eigenen
-Schuld.
-
-Auf Dalbergs Verlangen mußte Amalie sich selbst töten, statt als echte
-Räuberbraut von ihrem Geliebten Karl Moor erstochen zu werden, eine
-Änderung, die Schiller aber bei aller Nachgiebigkeit gegen Dalberg
-in der Druckausgabe der Bearbeitung nicht beibehielt. Außerdem wurde
-die ganze Handlung aus der Zeit des Siebenjährigen Krieges in die des
-ewigen Landfriedens, also nach 1495, verlegt, die »Räuber« mußten
-dementsprechend im Ritter-, statt im Rokokokostüm gegeben und alle
-zeitgeschichtlichen und politischen Anspielungen diesem veränderten
-Milieu angepaßt werden.
-
-Und wozu sich schließlich der Dichter selbst nicht bequemen wollte,
-das änderte der Intendant eigenmächtig. Alles »Unschickliche« wurde
-beseitigt. Hatte bei Schiller Franz der Amalie gedroht: »Meine Mätresse
-sollst du werden, daß die Weiber mit Fingern auf dich deuten«, so hieß
-es nun bei Dalberg in lächerlicher Entstellung: »Ich will dich so
-mißhandeln, daß die Weiber mit Fingern auf dich deuten.« Und sogar den
-epigrammatisch wuchtigen Schluß »Dem Mann kann geholfen werden« hat
-Dalbergs Hand nicht verschont, sondern durch leere Breite abgeschwächt:
-»Dem Mann kann geholfen werden -- Er führe mich vor den Richter -- ein
-Glücklicher mehr. (Sonnen-Untergang.) Ich sterbe groß durch eine solche
-That! und vielleicht Verzeihung vom Himmel durch diese That!«
-
-
-Herzogliche Zensur.
-
-Der Uraufführung der »Räuber« in Mannheim hatte Schiller selbst
-beigewohnt; ohne Urlaub hatte er sich aus Stuttgart fortgestohlen.
-Dieser Verstoß gegen die Disziplin der Karlsschule war dem Herzog von
-Württemberg verraten worden.
-
-War Herzog Karl auch großsinnig genug, die Aufführung der »Räuber«
-hinter seinem Rücken nicht gerade als ein unerhörtes Verbrechen zu
-betrachten, und auf den durch ganz Deutschland widerhallenden Erfolg
-eines seiner Karlsschüler wohl auch ein wenig stolz, so ging ihm doch
-die militärische Zucht über alles, und neben einem vierzehntägigen
-Arrest erhielt der Dichter den strengen Befehl, _nichts mehr außer
-medizinischen Arbeiten zu schreiben oder drucken zu lassen_ und jeden
-Verkehr mit dem »Auslande« zu meiden.
-
-Diese Präventivzensur, die der Herzog von Württemberg über Schillers
-noch ungeborene Geisteskinder ausübte, zwang den Dichter zu seiner
-tollkühnen Flucht aus Stuttgart, die bei seiner militärischen Stellung
-und dem jähzornigen Charakter des Herzogs auf Leben oder Tod ging. Am
-22. September 1782 führte er sie in Begleitung seines Jugendfreundes
-Andreas Streicher glücklich aus.
-
-
-Die »Räuber« in Wien.
-
-Welche Schwierigkeiten ein in jedem Nerv so revolutionäres Stück wie
-Schillers »Räuber« in Wien zu überwinden hatte, ist leicht zu ermessen.
-Auf das Burgtheater kamen sie überhaupt erst 1850 durch Heinrich Laubes
-Energie; auf den kleineren Theatern hatte der Zensor sie gelegentlich
-schon früher passieren lassen. Aber in welcher Vermummung! Ihre
-Wiener Erstaufführung erlebten sie 1784, also zwei Jahre nach der
-Mannheimer Uraufführung, auf dem Kärntnertortheater, wo sonst meist
-Hofoper, Ballett und Singspiel heimisch waren. Der Lustspieldichter
-Rautenstrauch hatte Schillers Erstling »bearbeitet« und mit Rücksicht
-auf das vierte Gebot den Vater Moor in einen -- Oheim verwandelt!
-Der »Oheimmord«, über den Karl Moor im vierten Akt bei Öffnung des
-Hungerturmes schaudert, muß eine erschütternde Wirkung gehabt haben!
-»Schweizer, so ist noch kein Sterblicher geehrt worden, wie du: räche
-meinen -- Oheim!«
-
-Nur in dieser und ähnlichen Verballhornungen durften die »Räuber« bis
-1850 auf den Wiener Nebenbühnen erscheinen.
-
-Außerdem wimmelte das Stück von Dingen, die nie an das Ohr eines
-gesitteten Wiener Theaterbesuchers dringen durften. Das Renommieren der
-Räuber mit ihren Schandtaten im Nonnenkloster, ihre Blasphemien, die
-Anklagen Karl Moors gegen Gott und die Welt waren unbedingt verboten.
-»Gott«, so bestimmte der Zensurkatechismus, »darf als Urheber der Natur
-nie zum Urheber des Übels gemacht werden«; Flüche und Verwünschungen
-mußten entsprechend gemildert werden, und Ausdrücke wie Sackerment usw.
-waren strengstens verpönt.
-
-
-Der »verplümickte« Schiller.
-
-Schlimmer noch als Rautenstrauch wirtschaftete mit den »Räubern« der
-Berliner Theaterdichter Karl Plümicke. Er degradierte Franz Moor zu
-einem Halbbruder Karls, die tote Gräfin von Moor mußte sich dieserhalb
-einen Ehebruch zuschieben lassen, und Karl Moor fiel durch den Dolch
-Schweizers. In dieser Verbesserung gingen die »Räuber« am 1. Januar
-1783 über die Bretter des Doebbelinschen Theaters zu Berlin.
-
-Ein anderer Bearbeiter namens Thomas trieb es noch ärger. Er brachte
-die Tragödie zu einem gemütlichen Ende: Nur Franz Moor war und blieb
-tot; den Vater, Amalie, Schweizer, Karl, alle ließ er am Leben, Karl
-und die Räuber umkehren, Amalie mit ihrem Geliebten glücklich werden,
-den Alten ins Kloster gehen und die übrigen in die weite Welt. An
-diesem beruhigenden Ausgang sollen sich die Biederleute in Stralsund
-und Rostock weidlich ergötzt haben. In Danzig aber legte sich die
-Polizei ins Mittel und verbot die »Räuber« als ein »unmoralisches,
-sittenbeleidigendes Stück«.
-
-
-Ein Leipziger Zwischenspiel der »Räuber«.
-
-In Leipzig, berichtet der Schillerbiograph Brahm, ereignete es sich,
-daß, während man auf der Bühne die »Räuber« spielte -- die dortige
-Uraufführung fand am 20. September 1782 statt --, in der Stadt sowohl
-wie im Theater Kollegen des Schufterle feste Griffe in fremdes Eigentum
-taten, »welches natürlich viel Gerede verursachte und den dortigen
-Magistrat bewog, die fernere Aufführung des Stücks zu verbieten«.
-
-Der Schauspieler Anschütz versichert sogar, daß sich in Leipzig
-einmal eine Anzahl Studenten, »im Enthusiasmus über diese wilde
-Dichterphantasie«, nach den böhmischen Wäldern aufgemacht habe, um nach
-dem Vorbilde dieses »Carl Moor« eine leibhaftige Räuberbande zu bilden.
-
-
-Aus Anstandsrücksichten.
-
-»Die Verschwörung des Fiesco zu Genua. Ein republikanisches
-Trauerspiel« erschien in Wien zuerst auf dem Kärntnertortheater
-am 11. Januar 1784 und stand mit vollem Titel am 1. Dezember 1787
-auf dem Anschlagzettel des Burgtheaters; nur der Name des Dichters
-fehlte. Man hatte nach Angabe des Zensors nur »einige wenige
-Korrekturen« angebracht; aber schon bei der zweiten Aufführung
-mußte die unglückliche Bertha, Verrinas geschändete Tochter, »aus
-Anstandsrücksichten« ganz wegbleiben.
-
-Zwei verliebte Personen, heißt es in Hägelins Denkschrift von 1795,
-dürfen nie miteinander allein das Theater verlassen; deshalb wurde in
-dem Stück »Das Landmädchen, oder Weiberlist geht über alles«, »den
-beiden Verliebten, die sich am Ende des Stücks in ein Haus begeben, um
-ihre Heyrath richtig zu stellen, ein Prokurator beygegeben«.
-
-
-Amerikanische Beziehungen.
-
-Eines der großen Siegesfeste des bürgerlichen Schauspiels ist der 15.
-April 1784: da fand auf dem Mannheimer Nationaltheater in Anwesenheit
-des Dichters die Uraufführung von »Kabale und Liebe« statt. Iffland
-spielte den Sekretär Wurm.
-
-Im benachbarten Frankfurt hatte die Theatergesellschaft des
-Direktors Großmann das neue Werk Schillers schon zwei Tage vorher
-herausgebracht, ohne bei der Mangelhaftigkeit der Truppe einen
-sonderlichen Erfolg damit zu erzielen. Der stellte sich dort erst
-ein, als der Dichter selbst nach Frankfurt kam und Iffland am 3. Mai
-die Rolle des Kammerdieners spielte. Großmann hatte vorher die ganze
-Kammerdienerszene im 2. Akt, diesen erschütternden Protest gegen die
-Willkürherrschaft und den schmählichen Untertanenhandel deutscher
-Duodezfürsten -- die nicht allzu weit von Frankfurt residierten --,
-gestrichen, und Schiller hatte seine liebe Not, Ifflands neue Rolle mit
-»Wegwerfung aller amerikanischen Beziehungen« wiedereinzufügen.
-
-
-Mätresse und Kammerdiener.
-
-Auf das Wiener Burgtheater gelangte »Kabale und Liebe« erst 1807, denn
-eine fürstliche Mätresse, so heißt es in Hägelins Zensurkatechismus,
-»ist anstößig, also das ganze Stück nicht zulässig, außer das vitiose
-würde weggeschafft.« Die Mätresse war aber nicht allein das Anstößige;
-die Kammerdienerszene war natürlich auf dem Wiener Hoftheater vollends
-unmöglich. Schon der Ausdruck »Tyrannei« war dort verboten! Im
-Privattheater an der Wieden hatte man 1788 eine Aufführung zugelassen;
-die Scheu vor der Kammerdienerszene hielt auf der Burg aber bis 1807
-vor.
-
-
-Die Moral des »König Lear«.
-
-Shakespeares »König Lear« war auf dem Wiener Burgtheater am 29. Januar
-1780 in einer Bearbeitung von Schröder und Bock gegeben worden; die
-Originalfassung wurde dort nicht geduldet. Warum? Regierungsrat Hägelin
-führt in seiner Denkschrift von 1795 die Fabel dieser Tragödie und ihre
-Moral als Beispiel verwerflicher Stücke folgendermaßen an:
-
-»Der König Lear, ein wohlthätiger Vater, legt seine Krone bey Lebzeiten
-in die Hände zwoer undanckbarer Töchter nieder, welche ihn verstoßen
-und im äußersten Elende schmachten lassen, bis ihm die dritte Tochter
-Cordelia zu Hilfe kömmt und ihn rettet. Die Moral dieses Stückes ist,
-daß ein Regent bey Lebzeiten die Krone an seine Nachfolger nicht
-abtretten soll, weil er Gefahr läuft, für seine Wohlthat mit Undanck
-belohnt und mißhandelt zu werden.«
-
-Und dabei war dieser Hägelin noch ein verhältnismäßig aufgeklärter Mann!
-
-
-Die Wiener Putzmacherinnen.
-
-Ausdrücke, die ein »sinnliches Laster« andeuteten, wie Kuppler,
-durften auf der Bühne nur in »ernstem und strafendem Tone« fallen,
-daher allenfalls im Trauerspiel, aber nicht im Lustspiel. Allen
-Gelegenheitsmachern war ihr Geschäft auf der Bühne gründlich verdorben,
-denn ein Frauenzimmer durfte in einem Theaterstück nie in »sträfliche
-Anträge« willigen, höchstens scheinbar, um den Liebhaber zu beschämen,
-und das Publikum mußte über diese pädagogische Absicht vom Dichter
-rechtzeitig beruhigt werden. »Heurathsstifter und Unterhändler
-unsträflicher Liebschaften« aber, sagt Hägelin, sind erlaubt, »nur auf
-die Putzhändlerinnen muß Acht gegeben werden.«
-
-Die Wiener Putzmacherinnen besaßen offenbar im »Einfädeln« eine ganz
-besondere Gewandtheit.
-
-
-Schutz der Ehe!
-
-Ehekonflikte, die nicht beizulegen waren, durfte es nach Vorschrift
-der Zensur auf Wiener Theatern nicht geben; die Ehe mußte auch auf der
-Bühne geschützt werden, da »dem Staat an der Erhaltung rechtmäßiger
-Ehen und Geburten viel gelegen ist«. »Philosophische Winkelehen«
-konnten nach Hägelins Denkschrift nie Stoff in Wien aufzuführender
-Stücke sein, »besonders wenn sie als gegründet in dem Naturrecht
-approbirt würden«. Von »wilden Ehen« durfte überhaupt nicht die Rede
-sein. Stücke mit Ehebrecherinnen waren nach Hägelins Denkschrift ebenso
-streng verboten wie die mit Mätressen. Schon das Wort »Ehebruch« war
-verpönt.
-
-Verliebte mußten vor Ende des Stückes »stets gesetzmäßig« verbunden
-werden, und zwar durch Notare; denn von kirchlicher Trauung durfte
-wieder nichts gesagt werden, da das Sakrament der Ehe als zu heilig für
-die Bühne galt.
-
-
-Die Hinrichtung auf der Bühne.
-
-Im Jahre 1792 führte das Landstraßer Theater in Wien eine »Maria
-Stuart« von dem Räuberromanschriftsteller C. H. Spieß auf, und »um
-dieses vortreffliche Stück noch interessanter zu machen«, wurde »die
-Enthauptung der Königin von Schottland öffentlich auf dem Theater
-exekutiert«! 1795 aber dekretierte Hägelin: Das moderne Theater
-»darf nie mit Blut befleckt werden«. Denn zwei Jahre vorher war jene
-Vorstadttheaterromantik furchtbare Wirklichkeit geworden: Maria
-Antoinette, die Tochter Maria Theresias, die Tante des Kaisers Franz,
-starb auf der Guillotine.
-
-Auch für die Theatergeschichte bedeutete die Französische Revolution
-eine neue Epoche, denn von jetzt an hatte sich die Theaterzensur nicht
-nur nach der moralischen und religiösen Seite, sondern vor allem nach
-der politischen hin zu orientieren.
-
-
-
-
-5. Die Furcht vor der Revolution.
-
- »Man sagte mir, Spanien habe Preßfreiheit und ich
- könnte, natürlich unter Aufsicht von zwei, drei
- Zensoren, schreiben, was mir beliebte, wenn es nur
- nicht gegen den Staat wäre, oder gegen den Hof, gegen
- die Kirche, gegen die guten Sitten und schlechte
- Beamte, gegen privilegirte Tänzerinnen usw.«
-
- _Beaumarchais_, »Figaros Hochzeit«. V, 3.
-
-
-»Ein toller Tag.«
-
-Am 27. April 1784 -- zwölf Tage nach der Uraufführung von Schillers
-»Kabale und Liebe« in Mannheim -- ging über die Bretter des ~Théâtre
-français~ zu Paris ein Lustspiel, dessen Zensurschicksal bereits
-seit drei Jahren die Bevölkerung der französischen Hauptstadt
-belustigt und aufgeregt hatte, »Figaros Hochzeit oder ein toller
-Tag« von Beaumarchais. Gerade die Spitzen der Gesellschaft, Prinzen
-und Herzöge, Minister und Fürstinnen, bahnten in wahnsinniger
-Verblendung einem Stück den Weg, das durch seine blutige Verspottung
-des Adels der gefährlichste Feind ihrer Standesinteressen war und als
-die literarische Ouvertüre der fünf Jahre später hereinbrechenden
-Französischen Revolution bezeichnet werden darf. Das ahnten weder
-der Dichter noch die ihm behilfliche verrottete Gesellschaft, nur
-König Ludwig XVI. erkannte, wie einer der deutschen Übersetzer des
-Lustspiels, Franz Dingelstedt, sagt, »in Figaros Scheermesser das
-erste, ferne Wetterleuchten der Guillotine«. Die endlich durchgesetzte
-Aufführung ist eines der sensationellsten Ereignisse der französischen
-Theatergeschichte; selbst der Dichter meinte: »Das Tollste am Tollen
-Tag bleibt sein Erfolg.«
-
-Diesseits des Rheines nahm man hauptsächlich an der übermütigen
-Frivolität des Stückes Anstoß, die doch nur ein getreues Abbild ihrer
-Zeit war. Kaiser Joseph verbot in einem Handschreiben vom 31. Januar
-1785 die Aufführung, und die Wiener lernten den »Tollen Tag« erst in
-der wundervollen musikalischen Verkleidung kennen, die Mozart ihm in
-seiner Oper »~Le nozze di Figaro~« gegeben hat. Erst am 14. September
-1802 gelangte auch das Lustspiel, in entsprechender Bearbeitung von
-Jünger, auf das Burgtheater.
-
-Auch in München wußte die maßgebende Geistlichkeit die Aufführung zu
-hintertreiben; in Mannheim dagegen, der zweiten Residenz des Kurfürsten
-von Pfalzbayern, ging es noch 1785 in Anwesenheit Karl Theodors mit dem
-aus Schillers Biographie bekannten Schauspieler Beck in der Titelrolle
-in Szene. Der sonst so allmächtige Beichtvater des Kurfürsten, Pater
-Frank, soll, wie der berühmte Schauspieler Iffland erzählt, warnend
-an das Münchener Verbot erinnert, der Kurfürst aber gelacht und
-geantwortet haben: »Das hat hier in Mannheim nichts zu sagen!« Er
-selbst zeichnete bei der Aufführung Stück und Schauspieler durch lauten
-Beifall aus.
-
-Die Zeitgenossen Karl Theodors aber teilten seine Sorglosigkeit nicht,
-sondern suchten zunächst durch drakonische Zensurgesetze gegen die rote
-Sturmflut einen Damm aufzuwerfen. Nur einige charakteristische Episoden
-aus diesem Abwehrkampfe können hier gestreift werden.
-
-
-Verschärfung der Berliner Zeitungszensur.
-
-Die Zeitungszensur war in den ersten Jahren nach dem Regierungsantritt
-Friedrich Wilhelms II. ganz beim alten geblieben, denn das Ministerium
-des Äußern, dem sie unterstand, wahrte dem Chef des geistlichen
-Departements Wöllner gegenüber seine Selbständigkeit. Da die Minister
-noch im Februar 1792 überzeugt waren, daß die Französische Revolution
-in Preußen kein Wässerlein trüben würde, hatten sie auch keinen Drang
-gefühlt, den harmlosen Berliner Zeitungen trotz der alles umstürzenden
-Nachrichten, die sie pflichtschuldigst bringen mußten, genauer auf
-die Finger zu sehen. Noch am 12. Juli 1791, als der im Zensurdienst
-ergraute Geheimrat Marconnay seinen Abschied nahm und den Zeitungen
-als sein Nachfolger der Geh. Legationsrat Renfner vorgestellt wurde,
-hatten die Minister es ausdrücklich abgelehnt, sich selbst außer in
-»zweifelhaften Fällen« mit der Zeitungszensur zu befassen.
-
-Da fiel die Warnung aus Wien vom 3. Dezember 1791 (vgl. S. 63)
-plötzlich wie ein schwerer Stein in den idyllisch-glatten Spiegel
-behaglicher Sicherheit, und den preußischen Ministern erschien es nun
-doch an der Zeit, durch sichtbare Regierungsakte zu zeigen, daß sie
-hinter der österreichischen Staatsklugheit nicht zurückstanden, wenn
-auch ihre eigene noch keineswegs so düster gefärbt war wie jene.
-
-Zunächst sprachen sie am 5. Januar 1792 den Wunsch aus, von allen in
-Preußen gelesenen in- und ausländischen Zeitungen ein -- Freiexemplar
-zu erhalten, um sich darüber zu unterrichten, »wie die öffentlichen
-Ereignisse in den Landeszeitungen bekannt gemacht würden«. Aber da war
-guter Rat im wahrsten Sinne des Wortes teuer! Denn wer sollte ihnen
-diese Freiexemplare liefern? Die Post versandte die bei ihr bestellten
-auswärtigen Zeitungen an die Abonnenten, und ein Generalabonnement
-auf alle diese Blätter kostete ein Heidengeld, das in keinem Etat
-vorgesehen war. Für den französischen »Moniteur« zahlte man damals
-bei der Post jährlich 30, für englische Blätter sogar 70 Taler. Der
-Generalpostmeister konnte also den Ministern nicht helfen.
-
-Als sich aber nun im Anschluß an die kaiserliche Warnung der
-Schriftwechsel mit dem ängstlich gewordenen Könige entspann, sahen die
-Minister, daß sie auch im Punkt der Zeitungszensur etwas tun mußten,
-und sie erließen am 28. Februar an die Berliner Blätter den Befehl,
-»mit größter Schärfe alle aufrührerischen Artikel zu unterdrücken und
-die Verbreitung aller revolutionären Grundsätze zu verhindern«.
-
-Das hatte zunächst für die Berliner Zeitungsverleger eine finanzielle
-Folge. Dem Legationsrat Renfner wuchs jetzt die Arbeit über den Kopf;
-er mußte den ganzen Tag bis spät am Abend zur Verfügung stehen,
-wenn er, wie das Ministerium gefordert hatte, »bei eigener schwerer
-Verantwortung« für den Inhalt der Zeitungen bürgen sollte. Ohne eine
-Entschädigung, meinte er, sei das nicht zu machen. Bisher war die
-Zeitungszensur gebührenfrei gewesen.
-
-Die beiden Berliner Zeitungsverleger, die Vossische und die
-Haude-Spenersche Buchhandlung, sahen denn auch die »Billigkeit« seines
-Anspruchs ein und verstanden sich dazu, vom 1. August 1792 ab die
-Bemühungen des vielgeplagten Zensors mit einem jährlichen Honorar von
-100 Talern zu belohnen. Für diesen Beweis ihrer »Resignation« sprach
-ihnen das Ministerium wie billig seine besondere Zufriedenheit aus.
-
-Dies Entgegenkommen kam die Verleger teuer zu stehen, denn das
-Ministerium nahm statt des kleinen Fingers die ganze Hand. Auf ihre
-Erklärung, daß sie dieses Honorar mit Rücksicht auf die »gegenwärtigen
-Zeitläufte« nur dem jetzigen Zensor zahlen würden, nicht aber seinem
-Nachfolger, antwortete man ihnen, sie allein zögen ja den Gewinn
-aus ihren Zeitungen, sie hätten deshalb auch in Zukunft dieselbe
-Zensurgebühr zu entrichten.
-
-
-Die werdende Journalistik.
-
-Waren denn die Berliner Zeitungen so stark mit »aufrührerischen
-Artikeln« gefüllt, daß die Mahnung des Ministeriums begründet war?
-
-Etwas Farbe hatten die Blätter unterdes tatsächlich angenommen. Die
-Weltgeschichte mußte sich ja doch in ihnen widerspiegeln, und wenn der
-Horizont in Flammen stand, mußte schließlich ein roter Widerschein auch
-auf Preußen fallen. Wie konnte _der_ dabei gleichgültiger, trockener
-Chronist bleiben, der am ersten dazu veranlagt ist, den elektrischen
-Strom neuen Lebens zu empfinden, der werdende Journalist? Der eine
-wollte löschen helfen, der andere auch schüren, und wenn die deutsche
-Presse auch noch nichts von Leitartikeln wußte, in denen sich eine
-öffentliche Meinung kundgab oder auch nur die private des Redakteurs,
-die sich für die öffentliche hielt, so konnte es doch nicht fehlen, daß
-die Art der Berichterstattung besonders über die Pariser Ereignisse
-allmählich einen eigenen Ton annahm, der in der Tat die Musik machte.
-Über die Berichterstattung im alten Nachrichtenstil ging man noch
-nicht hinaus, aber der Zensor Renfner hatte schon seine liebe Not mit
-allerhand versteckten Anmerkungen, »Anspielungen« und »Seitenblicken«,
-die sich der Zeitungsschreiber von ehedem nie herausgenommen. So
-entfesselte der Geist der Revolution eigentlich erst den selbständigen
-Journalismus, den der deutsche Zeitungsleser bis dahin noch nicht
-gekannt hatte, und unter der Regierung Friedrich Wilhelms II. gewannen
-die Zeitungen trotz aller dämpfenden Bestimmungen eine Bedeutung, die
-sie unter Friedrich dem Großen, auch bei geringerer Unfreiheit, nie
-hätten erringen können, es sei denn, daß der König, in Voraussicht
-der Zukunft, sie als die Pioniere einer großzügigen nationalen Politik
-hätte brauchen wollen, was seinem unnahbaren und selbstsichern
-Souveränitätsgefühl aber ganz fernlag.
-
-Von den Berliner Zeitungen nahm die »Spenersche« am stärksten jenen
-Ton an, und schon am 24. Februar 1793 mußte sie sich darüber von dem
-nun aufmerksamer und strenger werdenden Ministerium energisch den
-Text lesen lassen. Der Ton der Pariser Artikel, hieß es, lasse sich
-besonders seit der »schrecklichen Verurtheilungs-Epoche des Königs von
-Frankreich« mit den »Gesinnungen eines treuen Preußischen Untertans
-schwer vereinbaren« und steche auffallend ab von dem »wärmeren,
-biederen Ton, durch den sich die Vossische Zeitung bei den jetzigen
-Umständen auszeichne«. Zensurstriche allein könnten daran nichts
-ändern, die Redaktion habe daher streng darauf zu sehen, daß »von nun
-an die _ganze Stimmung_ jener Artikel umgeändert werde«. Sonst werde
-man das Privilegium »sichereren Händen« anvertrauen.
-
-
-Die erste ministerielle Zeitung in Preußen.
-
-Mit der Zensur allein sei es nicht getan, hatte das Ministerium im
-Februar 1793 der »Spenerschen Zeitung« erklärt, die »ganze Stimmung«
-des Blattes müsse eine andere werden. Da sich aber diese Stimmung bei
-andern nicht erzwingen ließ, kam man 1794 auf den Einfall, sie selbst
-zu erzeugen. Der Geh. Legationsrat le Coq hatte den Vorschlag gemacht,
-eine ministerielle Zeitung herauszugeben, und in ihrer Herzensangst
-gingen die Minister sogleich darauf ein; früher hatten sie solche Pläne
-immer zurückgewiesen.
-
-Ein Verleger war zur Stelle; der Hofbuchdrucker Decker besaß schon
-lange ein Privileg zu einer französischen Zeitung, ohne es bisher
-ausgenutzt zu haben. Das war doppelt willkommen, denn so konnte man
-den guten Geist Preußens auch in das französisch sprechende Ausland
-hinüberleiten, und alle Diplomaten mußten sich ja um solch eine in
-ihrer Umgangssprache geschriebene preußische Kabinettszeitung reißen.
-
-Vom Januar 1794 an erschien also in Berlin die »~Gazette françoise de
-Berlin. Avec approbation et privilège du Roi~«, und zwar fünfmal in
-der Woche. Bisher hatte man noch jedem Berliner Verleger abgeschlagen,
-mit seinem Blatte mehr als dreimal wöchentlich herauszukommen, und
-zwar lediglich aus Bequemlichkeit, weil die Zensur dem Ministerium zu
-einer fast »unerträglichen« Last geworden war, worauf »billig Rücksicht
-genommen werden sollte«. Jetzt sah die erstaunte Reichshauptstadt auf
-einmal fast jeden Tag eine neue Nummer der preußischen Amtszeitung
-erscheinen.
-
-Die Verleger der »Vossischen« und »Spenerschen« wurden über diesen
-Vorzug natürlich unwirsch und beschwerten sich. Erst sagte man ihnen:
-Ihr könnt ja auch fünfmal in der Woche herauskommen! Aber dieses
-ungeheure Anwachsen der Zensurarbeit schreckte doch zuletzt ab, und
-man kam dann friedlich überein, vom 1. April ab auch das ministerielle
-Blatt -- auf drei Nummern die Woche zu beschränken.
-
-Die Konkurrenz sorgte weiter dafür, daß die sonstigen sehr unbequemen
-Vorzüge des Hofblattes paralysiert wurden. Dieses brachte eine Fülle
-offizieller Mitteilungen aus allen Departements des Ministeriums,
-Kriegsnachrichten von der preußischen Armee, die damals mit den
-Österreichern gegen das revolutionäre Frankreich im Felde stand,
-Meldungen von Ernennungen und Auszeichnungen, die einen wesentlichen
-Teil des Stadtgesprächs beherrschten -- alles Dinge, mit denen die
-andern Zeitungen traurig hinterherhinken mußten. Also beschwerte
-man sich auch darüber, und richtig wurde jetzt durch die ziellose
-Gutmütigkeit des Ministeriums, das keinem königlichen Privileg zunahe
-treten wollte, dieses ganze amtliche Material vom Juli 1794 an _allen_
-Berliner Zeitungen zugestellt.
-
-Damit war natürlich dem ministeriellen Blatte jeder Anreiz genommen,
-es siechte kümmerlich dahin und mußte schon Ende 1797 sein Erscheinen
-einstellen.
-
-
-Ein verblüffender Erfolg.
-
-Das vorschnelle klägliche Ende der amtlichen »~Gazette françoise de
-Berlin~« hatte noch einen besondern Grund, der drastisch zeigt, welch
-unglückliche Hand das preußische Ministerium schon damals in der
-Behandlung der Presse bewies.
-
-Es hatte sich so ehrliche Mühe gegeben, der Forderung des Königs Genüge
-zu tun und allen aufrührerischen Geist aus den Berliner Zeitungen
-zu entfernen. Was hatte es zu diesem Zweck in den letzten Jahren
-nicht alles verfügt: Nicht weniger als 26 Freiexemplare mußten die
-Berliner Verleger von ihren Blättern liefern, und man hatte es wirklich
-durchgesetzt, daß auch alle Provinzzeitungen regelmäßig zur Kontrolle
-eingereicht wurden. Die Minister lasen sich an all dem schlechten
-Druck auf Löschpapier fast die Augen blind, es regnete Verwarnungen
-und Drohungen, und besonders der alte Graf Finckenstein, der noch ganz
-in friderizianisch-absolutistischer Weltanschauung lebte, überbot
-sich in strengen Maßregeln. Selbst die Inserate unterlagen seit 1788
-noch einer besonderen Zensur der Polizei. Durch die Gründung der
-»Gazette« war ein regelrechtes Preßbureau entstanden, das die Berliner
-Blätter mit wichtigen politischen Mitteilungen versorgte. So lieferte
-es alle Nachrichten über den Aufstand in Polen nach dessen zweiter
-Teilung, dafür durfte aber nichts Selbständiges aus andern Quellen
-über die polnischen Angelegenheiten gedruckt werden. In den Pariser
-Artikeln wurden unermüdlich alle »Neben-Reflexionen und Raisonnements«
-gestrichen, und die Zeitungen mußten sich durchaus auf die »Darstellung
-bloßer That-Sachen« beschränken. Die »General- und Spezialpardons«,
-die das Ausland preußischen Deserteuren zusicherte, durften nicht
-mitgeteilt werden, ebensowenig die Beschreibung republikanischer Feste,
-bei denen »im Namen der Weltgeschichte die Verdienste der französischen
-Nation um die Menschheit« gefeiert wurden. Alle Notizen über Aufstände,
-besonders über militärische Revolten wie die Meuterei der englischen
-Matrosen 1797 waren strengstens verboten, ebenso die über die Ankunft
-und Abreise der Kuriere, weil dies »für den Königl. Dienst« nachteilig
-sei, und selbst fremde Gesandten durften nichts mehr in die Zeitungen
-einrücken lassen ohne besondere Genehmigung des Ministeriums.
-
-Und das Resultat all dieser krampfhaften Bemühungen? Dem Könige
-mochten seine willigen Beamten zu Dank arbeiten, _einem_ aber genügten
-sie damit noch lange nicht: dem Kaiser von Rußland! Im Oktober 1797
-schmetterte die Minister die plötzliche Nachricht nieder, daß ihre
-Sorgenkinder, die so streng behüteten Berliner Tageszeitungen und die
-»Berlinische Monatsschrift«, samt und sonders in Rußland verboten
-seien! Und die preußische Amtszeitung, das Fähnlein der preußischen
-Aufrechten, stand in der Reihe der Kolleginnen mit am russischen
-Pranger! Die »~Gazette françoise~« scheint aber jenseits des Niemen
-die meisten Leser gehabt zu haben und war dadurch »beinahe gänzlich
-ruiniert«.
-
-Den Anlaß des Verbotes konnte niemand ergründen, am wenigsten -- wie
-üblich -- der preußische Gesandte in Petersburg. Von jeher war ja
-Rußland über jede deutsche Preßnotiz »ungemein sensibel« gewesen, und
-das revolutionäre Schauspiel in Frankreich hatte seine Empfindsamkeit
-zur Hysterie gesteigert. Vergebens suchten die Minister nach einem
-plausibeln Grund des Verbotes. Sie dachten nicht mehr an ihr eigenes
-Wort, daß ja die Zensur allein, die Ausmerzung jeder kleinen
-Anzüglichkeit, das Verbot alles Anstößigen und dergleichen Flickarbeit,
-nicht Rot in Weiß verwandeln konnte, daß die ursprüngliche Färbung
-trotz allem noch durchschimmerte. Die ganze »Stimmung« der Berliner
-Presse war es eben, die dem Kaiser der Russen zuwider geworden war.
-
-
-Lichte Augenblicke.
-
-Ab und zu in dieser Zeit der Bedrängnis dämmerte den betrübten
-Lohgerbern an der Spree so etwas wie die Erkenntnis, daß sie dem
-Kinde glichen, das in der hohlen Hand das Meer ausschöpfen zu können
-wähnt. Dem blinden Eifer des alten Ministers von Finckenstein trat
-sein eigener Amtskollege Graf Haugwitz entgegen, und am 12. Juli 1797
-erklärte ihm das Generaldirektorium geradezu: »Überhaupt glauben
-wir nicht, daß in einer solchen weit getriebenen Einschränkung der
-Preßfreiheit das wahre Mittel liege, um revolutionäre Bewegungen
-und gefährliche Nachfolge der darunter gegebenen üblen Beispiele
-benachbarter Nationen zu hintertreiben.«
-
-Und als ein Jahr später der Graf von der Schulenburg von dem neuen
-Herrn mit der Leitung der geheimen Polizei betraut wurde und davon
-fabelte, den revolutionären Skribenten durch Bestechung einen goldenen
-Maulkorb umhängen zu wollen, bekannte sich das preußische Ministerium
-in völliger Zerknirschung zu dem reumütigen Glauben, daß all sein
-Bemühen nur dann Erfolg verspreche, »wenn Männer von anerkannten
-Talenten, von bewährter Moral, _aus eigner inniger Ueberzeugung_,
-als Schriftsteller wider Revolutionen und wider revolutionaire Greuel
-aufträten«.
-
-Man vergaß nur eine Kleinigkeit, diese guten Elemente, die gewiß
-vorhanden waren, freizumachen und durch soziale Reformen von Staats
-wegen die »gute Stimmung« zu erzeugen, die man gern der Presse als
-Schminke aufgelegt hätte. So wirkt diese weise Erkenntnis wie eine
-Leuchtrakete am dunkeln Nachthimmel und ist es bis heute geblieben.
-
-
-Die Jagd auf die Bulletinschreiber.
-
-Wie machtlos die regierende Gewalt der Presse gegenüber war, zeigte
-nichts deutlicher als das Scheitern aller Bemühungen, die geschriebenen
-Zeitungen zu vertilgen, mit denen sich kleine Beamte eine Nebeneinnahme
-zu verschaffen wußten.
-
-1792 war die Bulletinschreiberei aufs strengste untersagt worden.
-Aber man hatte, um unnötiges Aufsehen zu vermeiden, diesen Befehl
-nicht veröffentlicht, sondern nur durch ein Rundschreiben allen
-amtlichen Stellen mitgeteilt, wo die Verfasser dieser »Bülletins« an
-irgendeinem staubigen Aktentisch zu sitzen pflegten, alles sammelten,
-was ihnen an offiziellen Brocken erreichbar war, und dieses Gemisch von
-Vertraulichem und längst Bekanntem zu Korrespondenzen besonders für
-Hamburger Blätter verarbeiteten.
-
-Mit jenem Verbot glaubte man das Handwerk mit Stumpf und Stiel
-ausgerottet zu haben. Aber 1794 blühte es wie nie zuvor, denn die
-strengere Zensur des gedruckten Wortes machte ja das geschriebene
-um so wertvoller! Das ganz Automatische dieser Erscheinung wollten
-aber die Minister nicht einsehen, und statt auf der einen Seite die
-Zügel lockerer zu lassen, verdoppelten sie nun ihren Eifer auch auf
-der andern. Eine vollständige Detektivkomödie wurde in Szene gesetzt,
-um diese kleinen Zeilenschreiber dingfest zu machen. Es gab zwar
-schon so etwas wie ein Postgeheimnis, das störte aber den Postmeister
-Seegebarth nicht, unverdrossen alle ihm verdächtig erscheinenden
-Briefe, vor allem die nach Hamburg gerichteten, zu erbrechen,
-aufmerksam zu lesen und, wenn ein Indizium vorlag, freudestrahlend dem
-Ministerium zu unterbreiten. Als man schließlich einen der Verbrecher
-erwischte -- er hieß Woltersdorf und war schon 1791 mit drei Tagen
-Gefängnis bestraft worden, weil er zu melden sich erdreistet hatte,
-die Französische Nationalversammlung wolle dem König Ludwig und seiner
-Gemahlin den Prozeß machen --, entpuppte er sich als Hofagent des
-Herzogs von Mecklenburg, und die Geheimräte in Neustrelitz nahmen
-ihn so energisch in Schutz, daß man zufrieden war, als er versprach,
-sein Korrespondenzeln zu lassen. Auch hatte er mit verblüffender
-Dreistigkeit gefordert, wenn man ihm verwehre, sein Brot auf diese
-»redliche und anständige Weise« zu erwerben, so möge man ihm gefälligst
-eine Anstellung mit auskömmlichem Gehalt geben, da er als kläglichst
-besoldeter »Prokurator« seine Familie nicht ernähren könne.
-
-Aber die Hetzjagd ging weiter. Die 100 Taler, die der »Hamburgische
-Korrespondent« für diese Berliner Berichte ausgeworfen hatte, wollte
-sich nun ein armes zweiundzwanzigjähriges Magisterlein der Philosophie
-namens Stein verdienen. Bald hatte das Falkenauge des Postmeisters
-durch Handschriftenvergleichung auch dies herausgebracht. Aber Stein
-fand wieder Nachfolger, und wenn man sie beim Kragen nahm, versicherte
-jeder hoch und teuer, von dem Verbot keine Ahnung gehabt zu haben;
-und das Gegenteil konnten ihm die Minister nie beweisen! So kamen die
-Übeltäter mit einem Verweis davon -- und alles blieb hübsch wie zuvor.
-
-
-Die Bildung des kleinen Mannes.
-
-Was die Literatur von Leopolds Sohn und Nachfolger, Kaiser Franz II.,
-dem letzten deutschen Kaiser (bis 1806), zu erwarten hatte, brachte
-gleich zu Anfang der neuen Regierung ein Gutachten des Polizeiministers
-Grafen von Pergen klassisch zum Ausdruck. 1793 hatte der angesehene
-Schriftsteller Joh. Bapt. von Alxinger die »Österreichische
-Monatsschrift« begründet, die im Sinne der Josephinischen Aufklärung
-arbeitete und mit großer Kühnheit gegen die bald einreißende
-Jakobinerriecherei und deren Werkzeuge, Spione und Denunzianten,
-kämpfte.
-
-Bald sah sich der Polizeiminister veranlaßt, auf die häufige
-Darstellung von »Revolutionsgeschichten« in dieser Zeitschrift
-aufmerksam zu machen, »wodurch das Publicum mit der Idee von
-Staatsumwälzungen familiarisiret und demselben einleuchtend gemacht
-werden soll, daß Revoluzionen von jeher entstanden sind und daß sie
-nicht das Werk von Aufklärern und geheimen Orden waren, sondern von
-Menschen aller Klassen, und selbst von der Geistlichkeit vorbereitet
-und zu Stande gebracht worden sind«.
-
-Bei dieser Gelegenheit entwickelte Graf Pergen über den Wert der so
-viel gerühmten »Aufklärung« eine Ansicht, die zugleich als ein Programm
-der eben begonnenen Regierung des Kaisers Franz bezeichnet werden darf.
-
-»Die Erfahrung hat gelehrt,« so heißt es in diesem Aktenstück,
-»daß Brochurenaufklärung bisher sicher mehr geschadet, als genützt
-habe, weil durch solche einer Klasse von Menschen, die von allen
-Kenntnißen entblößt ist, die vorausgehen müssen, um die Dinge im
-Zusammenhange zu sehen, eine Menge unverdaute Begriffe über Religion,
-Menschenrechte und Menschenglück beygebracht worden sind, die nun in
-den Köpfen derselben eine gräßliche Verwirrung anrichten ... _Die
-Bildung der untern Klassen muß verhältnismäßig mit ihrem Stande und
-ihrer Bestimmung seyn._ Wenn der gemeine Mann einen einfachen, auf
-das Herz wirkenden Religionsunterricht erhält, wenn ihm von den
-wissenschaftlichen Kenntnissen nur dasjenige beygebracht wird, was ihm
-in seinem Geschäftsbetriebe zur Beförderung seines bürgerlichen Glücks
-brauchbar und nützlich ist, so ist er für seine Sphäre aufgeklärt,
-und diese Aufklärung ist heilsam für ihn, vortheilhaft für den Staat;
-wird hingegen der gemeine Mann mit Dingen beschäftiget, welche in das
-Spekulative der Religion und Philosophie einschlagen, so verwirren sich
-seine Begriffe, er giebt sich mit unnützen Grübeleyen ab, wünscht sich
-in eine höhere Klasse aufzuschwingen, wird für sich selbst unglücklich
-und für den Staat gefährlich. _Höhere Kenntnisse sollen also nur für
-jene seyn, welche vermöge ihres Standes bestimmt sind, andere zu
-leiten_, und diese können und sollen ohne Beschränkung aufgeklärt
-werden, und je mehr sie aufgeklärt werden, desto vollkommenere
-brauchbarere Menschen werden sie seyn und desto besser wird sich die
-Staatsverwaltung hiebey befinden.« ...
-
-Schon im Juni 1794 mußte die »Österreichische Monatsschrift«
-eingehen. Ihre Redakteure Alxinger und Schreyvogel sahen keine andere
-Möglichkeit, wenn sie sich nicht als »Jakobiner« den schwersten
-Verfolgungen aussetzen wollten.
-
-
-Das österreichische Zensurgesetz von 1795.
-
-Februar 1795 erschien in Österreich ein neues Zensurgesetz, das in
-allem genau das Gegenteil dessen bestimmte, was Josephs Preßreform an
-kulturellen Fortschritten ausgezeichnet hatte.
-
-Nicht das mindeste durfte mehr ohne vorschriftsmäßige Zensur gedruckt
-werden, weder Buch noch Zeitung, weder Lied noch Gebet, Einblattdruck
-oder Kupferstich, weder Erstdruck noch neue Auflage eines bisher
-erlaubten Buches. Wer sich dagegen verging, wurde sofort mit Verlust
-des Gewerbes gemaßregelt, außerdem mußte er für jedes verbreitete
-Exemplar einer unzensierten Druckschrift 50 Gulden Strafe zahlen.
-War er dazu nicht imstande, so durfte er jeden Gulden -- mit einem
-Tage Gefängnis absitzen! Ein Buchdrucker oder Verleger brauchte also
-nur durch ein Versehen einige hundert Exemplare eines unzensierten
-Liedes zu verbreiten, und er hatte, wenn er ein armer Teufel war,
-lebenslängliche Haft verwirkt! Handelte es sich gar um 1000 Exemplare
-oder mehr, so ergab diese lichtvolle Rechnung etliche hundert Jahre
-Gefängnis!
-
-Da Lieder, Gebete, Kriegsnachrichten, überhaupt die ganze
-Einblattliteratur häufig durch Hausierer so schnell vertrieben wurden,
-daß der Arm des Gesetzes sie nicht mehr erreichte, blieb der gesamte
-Hausierhandel mit Drucksachen verboten, und auf Übertretung dieser
-Bestimmung wurde Zuchthausstrafe gesetzt.
-
-Jede Ausrede oder Entschuldigung für irgendeine Verfehlung gegen das
-Zensurgesetz wurde von vornherein als ungültig abgewiesen; mildernde
-Umstände gab es in keinem Fall! Auch galt bei Umgehung der Zensur
-keinerlei Unterschied zwischen einem Andachtsbuch und etwa einer
-unsittlichen Schrift; für den Inhalt der nicht zensierten Drucksache
-hatten sich Verfasser, Verleger, Drucker oder Verbreiter »nach dem
-Grade der Anstößigkeit« noch besonders zu verantworten. Ebensowenig
-wie in Österreich selbst durfte ein k. k. Untertan irgend etwas ohne
-Zustimmung der einheimischen Zensur im Ausland drucken lassen.
-
-Die freie Wahl eines Vorzensors durch den Schriftsteller, wie sie
-Kaiser Joseph eingeführt hatte, wurde durch dieses Gesetz von 1795
-ausdrücklich abgeschafft. Ein Zensor durfte überhaupt kein Manuskript
-mehr selbst empfangen oder gar genehmigen; dies geschah ausschließlich
-durch ein neugebildetes Revisionsamt, das mit anonymen Zensoren
-arbeitete. Jeder Versuch, den Zensor irgendeines Buches festzustellen,
-sich ihm zu nähern, um Beschleunigung zu bitten oder gar zu
-beeinflussen, war verboten. Jeder sollte, so hieß es, die Entscheidung
-»ruhig abwarten, sich ihr ohne Widerrede fügen« und sich besonders
-hüten vor aller »Verunglimpfung der Zensoren oder des Revisionsamtes,
-welche allerdings nach dem Grade des Frevels geahndet werden würde«.
-Das Revisionsamt war also unfehlbar; von irgendeinem Berufungsrecht war
-von jetzt an nicht mehr die Rede!
-
-Und diese beispiellose Knebelung der Geistesfreiheit, die nicht dem
-finstersten Mittelalter, sondern dem goldenen Zeitalter der deutschen
-Klassiker angehört, nannte sich noch obendrein »eine Zusammenfassung
-der in verschiedenen Zeiten, unter verschiedenen Regierungen ergangenen
-Verordnungen«, also auch der Josephinischen!
-
-
-Hägelins Denkschrift über die Zensur.
-
-Eine bürokratische Ausgeburt der Furcht vor der Revolution, die zu
-jener Zeit die Regierungen ergriff, ist auch Hägelins mehrfach erwähnte
-Denkschrift über die Zensur, und ihr Entstehungsjahr 1795 macht es
-begreiflich, daß neben der Religion und Moral die Politik darin die
-Hauptrolle spielt.
-
-Alles, was gegen die monarchische Regierungsform oder die ständische
-Verfassung Österreichs Stimmung machte, war nicht nur im Leben, sondern
-auch auf der Bühne streng verboten. Das schließe, meint Hägelin,
-große Helden, Heerführer und Politiker des Altertums nicht vom Drama
-aus, aber Stoffe wie der Tod Cäsars, Brutus, die Vertreibung des
-Tarquinius usw. seien natürlich unmöglich. Im besonderen seien alle
-Begebenheiten der vaterländischen Geschichte, deren »Ausschlag diesen
-Regenten nachtheilig sei«, nicht zu dulden. Widerstand gegen die hohe
-Obrigkeit auf der Bühne verherrlicht -- das fehlte gerade! Tyrannei,
-Despotismus waren überhaupt keine Ausdrücke auf einem Theater, auf dem
-man nicht einmal über die verschiedenen Regierungsformen debattieren
-oder gar einer andern als der monarchischen Vorzüge einräumen durfte.
-Ausfälle gegen Regenten, bestehende Gesetze oder ganze Stände,
-»besonders die höheren«, waren ebenso unstatthaft; ließ sich das, was
-man gegen sie auf dem Herzen hatte, im Zusammenhang des ganzen Stücks
-schlechterdings nicht ganz unterdrücken, so mußte es wenigstens durch
-ein eingeschobenes »Manchmal« gemildert werden.
-
-Völlig unantastbar war der Adel auf der Bühne Österreichs. Zwar
-durften einige adelige Personen im Stücke mitspielen, aber sie durften
-nichts verüben, was ihren Stand bloßstellte. Die Wörter Adel, Kavalier
-usw. sollten überhaupt möglichst vermieden werden. Zwischen dem
-adeligen Gutsherrn und seinen Tagelöhnern gab es keine Gegensätze;
-von Unterdrückung der Untertanen, Übermut der Junker, Schädigung des
-bäuerlichen Grundbesitzes durch das uneingeschränkte Jagdrecht, von
-Bauernschinderei seitens der Gutsherren »oder sogar der Beamten« wußte
-man in diesem paradiesischen Theaterstaat nichts. Ebensowenig von
-Menschenrechten und Menschenwürde, diesen Erfindungen der Revolution
-und der »Modephilosophie«, die nur darauf ausgehe, mit der Religion
-»die jetzigen Verfassungen entbehrlich zu machen«. Berüchtigte Wörter
-wie Freiheit und Gleichheit wurden unbarmherzig gestrichen, selbst
-wenn die Schriftsteller gegen diese modernen Begriffe polemisierten,
-denn das sei, erklärt Hägelin, ein beliebtes Mittel, um »die Ohren des
-Publikums mit denselben zu familiarisieren«. Daß von den revolutionären
-Tagesereignissen nicht einmal andeutungsweise die Rede sein durfte,
-versteht sich von selbst.
-
-Außer dem Adel und der Geistlichkeit beanspruchte der staatserhaltende
-Militärstand auf der Bühne besondere Schonung wegen des »~point
-d'honneur~«. Die Uniformen mußten »ideal« sein, niemals »kennbaren
-inländischen Regimentern« angehören, und »höhere Oberoffiziere«,
-überhaupt »Männer gesetzten Alters«, durften nie »Helden verliebter
-Streiche und anderer Ausgelassenheiten« sein. Mit den jüngeren
-Leutnants nahm man es offenbar nicht so genau. Die nach dem Alter und
-seiner Leistungsfähigkeit abgestufte Moral ist eine besonders köstliche
-Blüte dieser Zensurbürokratie. Vor allem aber durfte nichts vorkommen,
-was »den gemeinen Mann vom Militärdienst abschrecken könnte oder es
-müßte nach Umständen zureichend widerlegt werden«!
-
-Der Verfasser dieser Denkschrift, Hägelin, besaß eine fast
-abergläubische Furcht vor der Wirkung einer Anstalt, der er doch
-selbst fast seine ganze Lebensarbeit gewidmet hat, und er gab ihr oft
-unfreiwillig komischen Ausdruck. »Das Theater«, sagt er einmal, »ist
-das wahre ~vehiculum~, wodurch die Modephilosophie ihre Grundsätze in
-Umlauf zu bringen sucht, denn ihre Absicht ist Verminderung der Kirchen
-und Vermehrung der Theater, wenn auch das Kammergut dieser oder jener
-Stadt dadurch leiden müßte«!
-
-
-»Es lebe die -- Fröhlichkeit!«
-
-In der Oper »Don Juan« waren seit der Französischen Revolution die
-Verse:
-
- Es lebe die Freiheit,
- Die Freiheit soll leben!
-
-auf allen österreichischen Bühnen von der Zensur verpönt; nur die
-genehmigte Variante durfte gesungen werden:
-
- Es lebe die Fröhlichkeit,
- Die Fröhlichkeit soll leben!
-
-Auf dem Hoftheater in Darmstadt ließ man später statt der »Freiheit«
-die »Zufriedenheit« leben.
-
-
-Die Polizei als Zensurbehörde.
-
-Der Greifraum des österreichischen Zensurgesetzes von 1795 schien
-aber nicht zu genügen; er wurde in den nächsten Jahren noch stattlich
-erweitert. 1798 verbot man glattweg alle Lesekabinette, die Kaiser
-Joseph gegründet hatte, dann die Leihbibliotheken und das Auflegen
-literarischer Journale und anderer Flugschriften in den Kaffeehäusern.
-Von der einheimischen Zensur verworfene Manuskripte durften andern
-nicht mitgeteilt, ja »mit Gefahr weiterer Ausbreitung« nicht einmal
-aufbewahrt werden! Und schließlich schritt man dazu, die Ausübung der
-Bücherzensur, die bis 1791 die Bücher-Zensurhofkommission, dann die
-Hofkanzlei und das Revisionsamt besorgt hatten, nebst der Theaterzensur
-der Polizei zu übertragen.
-
-Schon 1793 hatte der Polizeiminister Graf Pergen diesen Vorschlag
-gemacht, weil die Polizei am leichtesten in der Lage sei »zu
-beurteilen, ob in gewissen Augenblicken eine Schrift schädlich oder
-unschädlich sei«; im September 1801 erst wurde er von Kaiser Franz
-genehmigt und damit die Literatur einer Behörde überantwortet, die auf
-diesem neuen Wirkungsfeld eine traurige Berühmtheit erlangen sollte.
-
-Es dürfte angebracht sein, sich die Regierungsjahre dieser
-bürokratischen Despoten, die von da an fast ein halbes Jahrhundert
-das Schicksal der Literatur in Österreich souverän bestimmten, zu
-merken. Der Polizeiminister Graf Pergen selbst regierte bis 1804; sein
-Vizepräsident und Nachfolger Freiherr von Sumerau bis 20. Juli 1808.
-Von da an bis 5. März 1813 war Freiherr von Haager Vizepräsident und
-bis 1. August 1816 Präsident der »Polizei- und Zensurhofstelle«.
-
-Ihm folgte am 15. Mai 1817 der seit zwei Jahren amtierende
-Vizepräsident Graf Sedlnitzky, der bis zum März 1848 ein literarisches
-Schreckensregiment führte, das mit dem zugleich einsetzenden
-»System« des Ministers Metternich der Geschichte jener Zeit seinen
-unauslöschlichen Stempel aufgedrückt hat. Sein Name wurde bald
-»geflügelt«, er bedeutete wie der Metternichs einen Begriff, und
-der ganze Haß der geknechteten Literatur heftete sich mit Recht an
-seine Fersen. Doch darf er, wie der Wiener Literarhistoriker Karl
-Glossy hervorgehoben hat, nicht als der eigentliche Begründer des
-Geistesdruckes in Österreich in Anspruch genommen werden; dieser Ruhm
-gebührt dem Grafen von Pergen. Sedlnitzky aber wurde der Nero dieser
-Polizeicäsaren.
-
-Die Polizei begann ihre Wirksamkeit damit, daß sie, ganz nach
-Josephinischem Muster, eine Rezensurierungskommission einsetzte, aber
-nicht etwa um verbotene Bücher dem Verkehr zurückzugeben, sondern um
-bisher erlaubte zu verbieten, und sie arbeitete mit solchem Erfolg,
-daß sie innerhalb zweier Jahre nicht weniger als 2500 unter Joseph
-II. unbeanstandete Druckwerke auf den jetzt ins Ungeheuerliche
-anschwellenden Index setzte. In den folgenden Jahrzehnten wuchs die
-Zahl der verbotenen Bücher derart, daß die Polizei selbst den Plan
-einer übersichtlichen Katalogisierung der anstößigen Literatur als
-übermenschliche Riesenarbeit aufgeben mußte.
-
-
-Das Kunstideal des Kaisers Franz.
-
-Seit Errichtung der Polizeidiktatur schnitt die Zensur dem
-Schrifttum immer tiefer ins Fleisch. Schon Hägelins Denkschrift
-über die Theaterzensur hatte besonders beliebte Stoffe der damaligen
-Literatur, wie Femgerichte, Ausübung des Faustrechts usw., als
-bedenklich bezeichnet. Am 22. August 1799 befahl Kaiser Franz, alle
-»Nachrichten von geheimen Verbrüderungen, Ritterromane, Geister- und
-Betrügergeschichten« ohne weiteres zu verbieten, um »die Köpfe nicht
-mit Ideen aus der Romanwelt anzufüllen, die Einbildungskraft nicht zu
-überspannen und dem Geiste keine falsche Richtung zu geben«.
-
-Auf Veranlassung des Polizeiministers wurden zwei Jahre später
-(22. Dezember 1801) in dieses Verbot auch ausdrücklich alle
-Ritterschauspiele, die damals besonders die Volkstheater füllten, als
-Ausgeburt barbarischer und anarchischer Zeiten einbezogen.
-
-Die tollste Ausgeburt dieser Polizeiherrschaft ist aber das
-Generalverbot gewisser Romane, das Kaiser Franz am 18. März 1806
-erließ. Es richtete sich
-
-1. gegen »alle schwärmerischen Liebesromane, die zu einer den gesunden
-Menschenverstand tötenden Empfindelei führen«;
-
-2. gegen alle »Genieromane, die für Wildfänge einnehmen, deren
-Kraftgenie die bürgerlichen Verhältnisse durchbricht«;
-
-3. gegen alle »Gespenster-, Räuber- und Ritterromane, die Roheit und
-Unglauben erzeugen«; und
-
-4. gegen »die ganze Gattung, welcher man im verächtlichen Sinne den
-Namen Roman beilegt«, eine Kautschukbestimmung, die der albernsten
-Willkür freieste Hand ließ.
-
-Ausgenommen von diesem Verbot wurden alle »Schriften, die im Gewande
-des Romans ganze Wissenschaften abhandeln, moralische Vorlesungen
-anbringen, Länder-, Völker-, Natur- und Kunstkenntnisse verbreiten,
-eine tiefe Kenntnis der menschlichen Natur verraten, das sittliche
-Leben mit Rührung und Bekehrung des Lesers in einem lebhaften Vortrag
-darstellen oder mit Witz und Laune die Torheiten und Laster der
-Menschen züchtigen«.
-
-Das also war das künstlerische Ideal des Kaisers Franz, wenn dabei
-von Kunst überhaupt noch die Rede sein kann. Es war nur ein wenig --
-um ein Jahrhundert etwa -- veraltet und auch insofern originell, als
-es die Schonung des »gesunden Menschenverstandes« anbefahl, der doch
-sonst, als ein Götze der bösen Aufklärung, in Österreich längst auf der
-kulturellen Verlustliste stand.
-
-
-
-
-6. Der Kampf gegen die Klassiker.
-
-
-Die Wiener Scharfmacher.
-
-Schon ein Jahr vor dem österreichischen Zensurgesetz vom 22.
-Februar 1795 war die neue scharfe Richtung von der Theaterbehörde
-verkündet worden. Am 24. August 1794 hatte die Obersthofdirektion des
-Burgtheaters an die deutschen Autoren einen Aufruf erlassen, der zur
-Einsendung neuer Stücke ermunterte. Vor zwei Dingen aber sollten sich
-die Schriftsteller hüten:
-
-»1. Wird nie ein Stück angenommen werden, _das den guten Sitten zuwider
-ist_, welche durch das Theater befördert, nicht umgestürzt werden
-müssen.
-
-»2. Wird jedes Schauspiel verworfen, das _anstößige politische
-Grundsätze predigt_, und _auch nur von ferne_ dahin zielet, die
-heiligen Bande zu zerreißen, welche die Bürger an den Staat binden.«
-
-Ein kaiserliches Hofdekret vom 5. Februar 1795 hatte dann nochmals
-darauf hingewiesen, daß »auf dem Theater, dieser Schule der guten
-Sitten, der Tugend und des Patriotismus, alles vermieden werden müsse,
-was die guten Sitten beleidigen oder sonst gefährliche Grundsätze in
-Rücksicht auf gute Ordnung und das Wohl des Staates verbreiten könnte«.
-
-Die unmittelbaren Folgen dieser verschärften Theaterzensur bezeichnet
-der Wiener Schauspieler Anschütz trefflich mit den Worten: »Man
-organisirte ein überängstliches Polizeiwesen und als dessen nächsten
-Ausfluß eine doppelt strenge, völlig unerbittliche Censur, welche
-platte und frivole Schaustellungen ungehindert passiren ließ,
-dagegen aber größere und geistreiche Werke in der empörendsten Weise
-verschnitt, verstümmelte, vom ämtlichen Standpunct bearbeitete und am
-liebsten ganz von der Bühne ausschloß, denn gerade die vorzüglichsten
-Geister der Nation, die Classiker, wurden als die verhaßten
-Vertreter jener gefürchteten Ideen verpönt, welche die Schrecken der
-französischen Revolution hervorgerufen haben sollen.«
-
-
-Eine Maßregelung Lessings.
-
-Der Dichter der »Minna von Barnhelm« und der »Emilia Galotti« stand
-zu Kaiser Josephs Zeiten zu Wien in hohem Ansehen, und als er sich im
-Mai 1775 einige Wochen dort aufhielt, wurde er, wie Staatsrat Gebler
-an Nicolai in Berlin schrieb, »mit solcher Distinktion« behandelt,
-wie »noch nie ein deutscher Gelehrter, und das von unseren Souverains
-anzufangen bis auf das allgemeine Publikum«.
-
-Durch seine Polemik gegen die orthodoxe Theologie und durch seinen
-»Nathan« hatte er es aber dann mit dem offiziellen Wien so arg
-verschüttet, daß die Direktion des Burgtheaters 1795 einen Beitrag
-zum Wolfenbütteler Lessingdenkmal verweigerte, weil dieser Dichter
-»mit seinen Schriften sowohl wider Religion als wider die souveräne
-Staatsverfassung so schlechte und irrige Lehren seinen allerorten
-verbreiteten Schülern hinterlassen habe«.
-
-Da jedoch die Direktion schon 1791 den Beitrag versprochen hatte,
-verfügte Kaiser Franz, daß es dabei zu verbleiben und das Burgtheater
-100 Dukaten zu zahlen habe.
-
-
-Der sittlich entrüstete Schauspieler.
-
-Für kurze Zeit, von Oktober 1797 bis Januar 1799, war auch der
-meerschweinchenhaft fruchtbare Dramatiker August von Kotzebue
-Theatersekretär der Wiener Hofburg und besorgte als solcher die
-dramaturgischen Geschäfte. Da er es bekanntlich mit der Moral
-nicht so genau nahm, hatte er ohne Bedenken Goethes Lustspiel »Die
-Mitschuldigen« aufs Repertoire gesetzt. Am 30. Januar 1799 sollte es
-gegeben werden.
-
-In diesen Wochen aber hatte Kotzebue auf seinen Dramaturgenposten
-verzichtet, war als »Dichter des Hoftheaters« auf Lebenszeit
-pensioniert worden, und ein neuer Schauspielerausschuß hatte wieder die
-Leitung der Burg übernommen. Zu diesem gehörte der berühmte Künstler
-Brockmann. Ihm war Goethes übermütiges Jugendlustspiel ein Greuel; es
-sei »zu niedrig, voll Zoten, und man könne es auf keinem Hoftheater
-geben«, erklärte er. Daraufhin ließ der Schauspielerausschuß noch am
-Tage der Aufführung, mittag 12 Uhr, die schon aushängenden Zettel
-entfernen und zog das Stück zurück.
-
-»Die Mitschuldigen« haben auch nie die Bretter der Burg betreten.
-1815 noch versuchte Schreyvogel, sie einzuschwärzen, aber seine der
-Zensurbehörde eingereichte Bearbeitung kam mit einem ausdrücklichen
-Verbot versehen wieder an ihn zurück.
-
-
-Wallenstein im Militärstaat.
-
-Schiller vollendete seine Wallenstein-Trilogie im Jahre 1799 und
-brachte sie im nächsten Winter auf der Weimarer Hofbühne zur ersten
-Darstellung.
-
-Nach Weimar war das von Iffland dirigierte Kgl. Schauspielhaus in
-Berlin das erste Theater, das den »Wallenstein« aufnahm. Aber nur die
-»Piccolomini« und »Wallensteins Tod«, nicht das »Lager«, an das sich
-Iffland nicht herantraute. Das Kgl. Theater unterstand damals keiner
-Zensur, und Iffland hütete sich wohl, etwas zu unternehmen, was die
-Einsetzung einer besonderen Zensurbehörde hätte veranlassen können.
-
-Nach Rücksprache mit »mehreren bedeutenden Männern« setzte er also dem
-Dichter auseinander, es sei bedenklich, »in einem militärischen Staate
-ein Stück zu geben, wo über die Art und Folgen eines großen stehenden
-Heeres so treffende Dinge, in so hinreißender Sprache gesagt werden.
-Es kann gefährlich seyn oder doch leicht gemißdeutet werden, wenn die
-Möglichkeit, daß eine Armee in Masse deliberirt, ob sie sich da oder
-dorthin schicken lassen soll und will, anschaulich dargestellt wird.«
-
-Er habe deshalb den Ausfall des Vorspiels mit den zu hohen Kosten
-begründet, auf die Gefahr hin, dieses »platten Grundes« wegen getadelt
-zu werden. Zugleich beschwor er Schiller hoch und teuer, ja nichts von
-dem wahren Grund zu verraten, da sonst der »schreibselige Pöbel« alle
-»Broschüren« mit der Notiz überschwemmen werde, »Wallensteins Lager«
-sei aus politischen Gründen in Berlin unterdrückt worden.
-
-Schiller antwortete darauf kurz und schlagend: »Das Skandal wird
-genommen und nicht gegeben«; doch versetzte er sich in Ifflands
-heikle Lage, deren Erschwerung seine und die gesamte zeitgenössische
-Dichtung hätte schädigen können, und gab sich mit der Aufführung
-der beiden andern Teile zufrieden. Am 18. Februar 1799 gingen »Die
-Piccolomini«, am 17. Mai »Wallensteins Tod« über die Bretter des Kgl.
-Schauspielhauses.
-
-Erst vier Jahre später waren die Bedenken gegen »Wallensteins Lager«
-geschwunden; am 28. November 1803 durfte es seinen Siegeslauf endlich
-auch in Berlin beginnen, ohne daß von einer bedenklichen Wirkung
-etwas verlautet hätte. Im Gegenteil! Vor der Schlacht bei Jena mußte
-»Wallensteins Lager« immer wiederholt werden, weil die Berliner sich im
-Absingen des Reiterliedes gar nicht genug tun konnten.
-
-
-Der empfindliche Konsistorialpräsident.
-
-Im dem Örtchen Lauchstädt, wo bekanntlich unter Goethes Theaterleitung
-das Weimarer Ensemble die sommerlichen Badegäste mit theatralischen
-Belustigungen zu unterhalten pflegte, hatte man »Wallenstein« im Juli
-1799 gegeben, eine Aufführung, die nach des Hofrats Kirms Bericht an
-Schiller »von Halle und besonders von Leipzig eine Menge Gelehrte und
-Ungelehrte nach Lauchstädt in Bewegung gesetzt« hatte.
-
-Als man aber 1800 die Aufführung wiederholen wollte, verbot sie der
-Kanzler des noch zu Kursachsen gehörenden Stifts Merseburg, wenn nicht
-»der Pfaffe herausgelassen« werde. »Man hat sich in Dresden darüber
-beklagt,« schrieb der Schauspieler Heinrich Becker an Schiller,
-»daß man in Lauchstädt einen Ordensgeistlichen im vorigen Sommer
-auf das Theater gebracht, welcher von den Soldaten verspottet und
-unter Drohungen fortgebracht wäre: welches der jetzt dirigirende
-Consistorial-President sehr Uebel aufgenommen hat.«
-
-Derselbe Kanzler verbot im selben Jahr mit Rücksicht auf die zarten
-Nerven der Lauchstädter Badegäste auch die »Räuber«.
-
-
-Die gestrichene Freiheit.
-
-Als man auf dem Wiener Burgtheater 1794 Schillers »Verschwörung des
-Fiesco« wiederholte, machte sie eine so »widrige Sensation«, daß
-Hägelin in seiner mehrfach genannten Denkschrift von 1795 sehr bestimmt
-erklärte, dies werde der veränderten Zeitumstände wegen »künftig
-unterlassen«, denn »Freiheit und Gleichheit sind Wörter, mit denen
-nicht zu spaßen ist«.
-
-Am 21. März 1800 ließ man das Stück unter dem harmloseren Titel
-»Fiesco« wieder zu. Die Aufführung ist schon dadurch denkwürdig, daß
-bei ihr der Name Schiller zum ersten Male auf dem Theaterzettel der
-Burg genannt wurde. Der Theatersekretär Escherich hatte aber durch
-eine »Bearbeitung« in sechs Aufzügen dafür gesorgt, daß die Polizei
-nichts mehr zu beanstanden hatte. Fiesco war von allen politischen
-Anstößigkeiten gereinigt, sogar vieles in der Fabel geändert. Das
-»Haupt der Verschwörung«, Fiesco, war nur mehr »Graf von Lavagna«, und
-die »Verschworenen« und »Mißvergnügten« waren in harmlose »Edle von
-Genua« verwandelt. Man fand sogar im ganzen Stück das Wort Freiheit
-nicht mehr, und am Ende mußte die deutsche Garde des Dogen Andreas
-Doria ihn vom Tode retten. Selbst der Zensor Hägelin besaß Verstand
-genug, sich über diese Verballhornungen lustig zu machen.
-
-Nach viermaliger Aufführung wurde aber auch diese Bearbeitung vom
-Polizeipräsidenten als »nicht geeignet« vom Repertoire abgesetzt und
-erst 1807, nach der neuen Verpachtung der Hoftheater, mit abermaligen
-Änderungen wieder zugelassen.
-
-
-Die Polizeifliege.
-
-Der Bearbeiter des »Fiesco«, Escherich, war Adjunkt der Zensurbehörde.
-Der Wiener Dichter Jos. Fr. Edler von Retzer, der selbst eine Zeitlang
-bei der Bücherzensur beschäftigt war, nannte ihn in Briefen an Nicolai
-(15. Juni 1802 und 31. Aug. 1803) eine »Polizeifliege«, ein »thätiges
-Werkzeug der Obscuranten und unwissenden Bücherbeschauer auf der
-Hauptmaut in Wien«. Dieser Tölpel wurde 1802 zusammen mit Joseph
-Schreyvogel zum Burgtheatersekretär ernannt, und seinem irrsinnigen
-Rotstift fielen vor allem Schillers Meisterwerke zum Opfer, so daß
-seinem Kollegen Schreyvogel eine Lebensaufgabe daraus erwuchs, diese
-schauderhafte Patina nach und nach wieder von ihnen zu entfernen.
-
-
-Das Gebet der Jungfrau.
-
-Schillers »Jungfrau von Orleans« wurde am 27. Januar 1802 auf dem
-Burgtheater gegeben, aber unter dem Titel »Johanna d'Arc«, den
-schon das Wort Jungfrau erschien aus religiösen oder sittlichen
-Gründen anstößig, ohne Namen des Autors und, wie »Fiesco«, in einer
-sechsaktigen Bearbeitung (der Monolog war Akt 1) des berüchtigten
-Escherich, der, wie selbst Hägelin meinte, »Personen und Stellen
-geändert, manche Blätter und Passagen ausgestrichen, Lücken
-ausgeflickt und alles getan hatte, um ein anderes Stück herzustellen«.
-Sein Machwerk erschien sogar im Druck. Selbst der damalige
-Polizeiminister soll darüber so empört gewesen sein, daß er es nur
-unter dem Namen des Bearbeiters aufgeführt sehen wollte, was aber
-Escherich zu verhindern wußte. Daß man Schillers Namen verschwieg, war
-daher wohl mehr ein Akt wohlwollender Rücksicht.
-
-In dieser Escherichschen Verhunzung waren Frankreich und England fast
-gar nicht mehr genannt; Karl VII., jetzt nur noch König Karl, regierte
-nicht Frankreich, sondern ein »Reich« im Monde, die Engländer hießen
-nur die »Inselbewohner« und waren auch nicht mehr »frech«, sondern
-»kühn«. Der Bearbeiter fürchtete jedenfalls, durch Erinnerung an alte
-Konflikte die Friedensverhandlungen zu stören, die damals gerade
-zwischen beiden Ländern im Gange waren und am 25. März zum Frieden von
-Amiens führten. Auch der um sein Leben bettelnde Walliser Montgomery
-fiel nicht mehr dem Schwert der Jungfrau, sondern dem Rotstift des
-Zensors zum Opfer.
-
-Isabeau war nicht mehr des Königs Mutter, sondern nur seine auch
-sonst von allen sittlichen Makeln gereinigte Schwester, und ihre
-Treulosigkeit gegen den Bruder wurde sogar dadurch »motiviert«, daß er
-sich einmal »am Haupt der Schwester« vergangen habe.
-
-Noch weniger als eine unnatürliche Mutter durfte sich eine Mätresse
-auf dem Hoftheater zeigen. Also wurde des Königs Geliebte Agnes Sorel
-in seine rechtmäßige Gemahlin verwandelt, und Herzog von Burgund wurde
-nicht mehr, wie es »Herrenrecht zu Arras« ist, zum Kuß auf die Stirn,
-sondern nur zum Handkuß bei der jetzt rechtmäßigen Königin zugelassen.
-Im 3. Akt wurde Johanna zwar noch durch den König geadelt, aber »Du
-sollst die Lilie im Wappen tragen« wäre gar zuviel Ehre für ein
-Bauernmädchen gewesen; dieser Vers blieb also fort.
-
-Der sterbende Talbot vermachte auch die Welt nicht mehr dem
-»Narrenkönig«, sondern dem Narrenfürsten, und die Verse Dunois' an
-Talbots Leiche:
-
- Erst jetzo, Sire, begrüß ich euch als König!
- Die Krone zitterte auf euerm Haupt,
- Solang' ein Geist in diesem Körper lebte,
-
-waren gestrichen.
-
-Der Bastard Dunois war in einen »Prinzen Louis, Vetter des Königs«,
-verwandelt; nach Hägelins Zensurdenkschrift mußte ja das Wort Bastard
-vermieden und im Notfall durch »Wechselbalg« ersetzt werden. Erzbischof
-und Bischöfe waren ganz verschwunden und ihre Reden andern Personen in
-den Mund gelegt.
-
-Den Feinden war Johanna kein Blendwerk mehr des »Teufels«, höchstens
-des »Satans«, selbst der derbe Talbot nannte sie einen »jungfräulichen
-Satan«, und von »Ketzerei« war nicht mehr die Rede, nur von
-»Irrglauben«; die Heldin wurde auch nicht mehr »verflucht«, nur noch
-»verwünscht«.
-
-Die Mutter Gottes, die in Johannas Leben die entscheidende Rolle
-spielt, war ganz beseitigt; nicht die »Königin des Himmels«, die
-»Heilige« erschien der Jungfrau im Schlaf und gab ihr Fahne und Schwert
-zur Befreiung ihres Vaterlandes von der englischen Knechtschaft in die
-Hand, sondern eine anonyme »Lichtgestalt«. Johanna betete nicht mehr:
-
- Wärst du nimmer mir erschienen,
- Hohe Himmelskönigin,
-
-sondern:
-
- Hoher Geist der Schäferin,
-
-und ihre Fahne zeigte nicht das Bild der Heiligen, »die über einer
-Erdenkugel schwebt«, sondern nur einen roten Saum. Johanna selbst war
-kein »heilig«, nur noch ein »himmlisch Mädchen« oder eine »würdige
-Prophetin«, und der Krönungszug in Reims mit seinem geistlichen Pomp
-war völlig abgesagt. Der Schlachtruf: »Gott und die Jungfrau!« lautete
-jetzt: »Der Himmel und das Recht.«
-
-Außerdem waren alle romantischen Ausschweifungen wie die Erscheinung
-des schwarzen Ritters beseitigt; ebenso die ganze Köhlerszene.
-
-»Schiller stand damals auf der Höhe seines Ruhmes«, sagt Heinrich
-Laube. »Er lebte nur noch zwei Jahre und einige Monate, und in solchem
-Augenblicke hatte das Nationaltheater den Mut, ein neues Stück von ihm
-so umzuändern, seinen Namen wegzustreichen und eine große Tragödie von
-ihm so aufzuführen, daß er gar keinen Teil daran zu haben schien und
-sicherlich auch nicht das kleinste Honorar dafür erhielt, denn ein
-gedrucktes Stück war vogelfrei für die Bühnen!« --
-
-»Johanna d'Arc« mißfiel übrigens in dieser Bearbeitung den Wienern sehr
-und wurde im Frühjahr 1802 nur fünfmal gegeben; dann verschwand sie für
-achtzehn Jahre vom Repertoire des Burgtheaters. Erst 1820 durfte die
-richtige »Jungfrau von Orleans« dort erscheinen.
-
-
-Die Dresdener »Jungfrau«.
-
-Nicht ganz so schlimm, aber ähnlich erging es der »Jungfrau von
-Orleans« auf dem Hoftheater zu Dresden, das der Hofmarschall von
-Racknitz leitete. Die dortige Erstaufführung fand am 26. Januar 1802
-statt, und Schillers Freund Körner berichtete darüber am folgenden Tage:
-
-»Die Veränderungen waren zahllos und von einer Art, die Du kaum
-errathen solltest ... Racknitz hatte die anstößigen Stellen nur
-angestrichen, und die Schauspieler, besonders Opitz, hatten andere
-Lesarten substituirt (!). Nur einige Beispiele: Jungfrau erinnerte
-zu sehr an Jungfrau Maria, daher war der Titel ›Johanna d'Arc‹, und
-anstatt: ›Gott und die Jungfrau‹ hieß es: ›Tod den Feinden, Sieg den
-Franken!‹ -- ›Vor diesen fränkischen Weichlingen zu fliehen?‹ hätte
-den französischen Gesandten beleidigen können; es hieß also: ›vor
-dieser Handvoll Feinde‹. -- Für Gott wurde Himmel, für Teufel: böser
-Geist gesagt. -- Agnes hatte _Freundschaft_ für den König, und in dem
-2ten Gebete hieß es anstatt Deiner Agnes Liebe: Deines Volkes Liebe
-... Sonderbar war indessen, daß der Prinz Anton und die Prinzessin
-Maria Anna, Schwester des Churfürsten, gedruckte Exemplare mitgenommen
-hatten, worin sie oft nachlasen.«
-
-
-»Ein unmoralisches, höchst gefährliches Theaterstück.«
-
-Jahre hindurch hatte man Schillers »Räuber« auf den kleineren Theatern
-Wiens ihr Wesen treiben lassen, selbst die Furcht vor der Revolution
-hatte vor diesem Meisterwerk die Segel gestrichen. Natürlich waren nur
-die früheren, von der Zensur genehmigten Bearbeitungen erlaubt. 1804
-wurde Freiherr von Sumerau Präsident der Polizei- und Zensurhofstelle,
-und eine seiner ersten Regierungshandlungen war ein kategorisches
-Verbot der »Räuber«, die, wie er am 31. August 1805 zu Protokoll gab,
-»als ein unmoralisches, alle Bande der Gesellschaft auflösendes, höchst
-gefährliches Theaterstück, weder nach der Idee des Verfassers noch in
-irgendeiner Umarbeitung zur theatralischen Vorstellung geeignet« seien.
-
-Kurz vor seiner Amtsentsetzung (20. Juli 1808) aber steckte er ein Loch
-zurück. Die adligen Unternehmer, die seit 1807 das Hoftheater, das
-Kärntnertortheater und das an der Wien gepachtet hatten, ließen im Juni
-1808 das Stück neu bearbeiten und baten dringend um die Erlaubnis zur
-Aufführung, »da vorzüglich bei der jetzt eingetretenen Sommerzeit für
-gute und interessante Spektakel gesorgt werden muß«. Dieser Notschrei
-der Kavaliere machte Eindruck. Zwar habe sich »von jeher die allgemeine
-Stimme gegen diese Jugendarbeit Schillers erhoben«, antwortete Sumerau
-am 13. Juli, aber er sei doch einem Versuch nicht abgeneigt, »ob dieses
-Stück nicht einen widrigen Eindruck auf das Publikum zurücklasse«.
-Einige Änderungen wurden noch verlangt, der Titel in »Carl Moor«
-verwandelt, und in dieser Gestalt das Stück erlaubt.
-
-Von einem »widrigen Eindruck« der »Räuber« melden die Akten der
-Polizeihofstelle nichts, und der Versuch wurde ebenfalls auf der
-Leopoldstädter und Josefstädter Bühne gemacht, ohne daß die Ruhe der
-Kaiserstadt dadurch gestört wurde.
-
-
-»Franz heißt die Canaille?«
-
-Diese Frage des Räubers Schweizer an seinen Kollegen Roller, als sie
-den Absagebrief des »zuckersüßen Brüderchens« Franz Moor an Karl lesen,
-war während der Regierung des Kaisers Franz in Wien streng verboten,
-denn, meinte der Zensor, »das könnte als eine Anspielung auf Se.
-Majestät den Kaiser genommen werden«!
-
-
-Tells Geschoß.
-
-Bei der Weimarer Erstaufführung des »Wilhelm Tell« am 17. März 1804
-war der ganze fünfte Akt gestrichen, »weil wir des Kaisermords nicht
-erwähnen wollten«, wie Schiller an seinen Freund Körner schrieb. Das
-war zweifellos auf Wunsch Goethes geschehen, der bekanntlich in einem
-späteren Gespräch mit Eckermann (16. März 1831) die Gegenüberstellung
-Tells und Joseph Parricidas als eine »kaum begreifliche«
-Geschmacklosigkeit bezeichnete und auf weibliche Einflüsse
-zurückführte. Aber auch die vier ersten Akte waren stark verkürzt,
-viele Personen in wenige verwandelt und zahlreiche »schwierige und
-bedenkliche Stellen« fortgelassen.
-
-Die erste Berliner Aufführung fand am 4. Juli desselben Jahres statt.
-Iffland wollte aber nicht nur die Parricida-Szenen, sondern auch
-den großen Monolog Tells im 4. Akt, »Durch diese hohle Gasse muß
-er kommen«, gestrichen sehen. Dem aber widersetzte sich Schiller
-nachdrücklich. Außerdem fand Iffland noch drei andere Textstellen
-bedenklich, und der Dichter ließ sich überreden, sie nach dem Wunsche
-des ängstlichen Theaterdirektors zu ändern, obgleich er meinte, ein
-Sujet wie Tell müsse notwendig gewisse Saiten berühren, »welche nicht
-jedem gut ins Ohr klingen«.
-
-In der großen Rede Stauffachers im 2. Akt (2. Szene) wurden die Verse
-»Wenn der Gedrückte nirgends Recht kann finden« bis »Der Güter höchstes
-dürfen wir verteid'gen Gegen Gewalt« abgeschwächt:
-
- Wenn es zum letzten, äußersten gekommen,
- Wenn rohe Willkür alles Recht zertritt,
- Wenn kein Gesetz mehr hilft, dann hilft Natur,
- Das altererbte dürfen wir beschützen
- Gegen Gewalt.
-
-In der Unterhaltung Tells mit seinem Sohne Walther (3. Akt, 2. Szene)
-wurde das ganze Frag- und Antwortspiel, daß Land und Wild und Strom und
-Meer alles dem Könige oder dem Bischof gehöre, das Volk aber nicht den
-Segen seiner Arbeit genieße, gestrichen und durch die sinnlosen Verse
-ersetzt:
-
- Das Land ist frei und offen wie der Himmel,
- Doch die's bewohnen sind in große Dörfer
- Mit Mauern eingesperrt. Sie nennen's Städte.
-
-Und in der letzten Vision des sterbenden Attinghausen, der den
-Entscheidungskampf zwischen Adel und Bauerntum vorhersagt, wurde dieser
-Gegensatz der Stände vorsichtig verwischt. Es hieß nicht mehr:
-
- des Adels Blüte fällt,
- Es hebt die Freiheit siegend ihre Fahne,
-
-sondern:
-
- errungen ist der Sieg,
- Hoch triumphierend schwebt die Landesfahne.
-
-
-Das Verbot des »Fidelio«.
-
-Selbst Beethovens unsterblicher »Fidelio« entging vor seiner
-Uraufführung nicht dem Zensurverbot! Ein spanischer Minister, der sein
-Amt zur Befriedigung persönlicher Rache mißbrauchte, und wenn er auch
-aus dem sechzehnten Jahrhundert stammte -- das hätte ja die Achtung der
-guten Wiener vor den k. k. Hof- und Staatsbeamten untergraben können!
-Erst als der Verfasser des Textbuches und damalige Hoftheatersekretär
-Joseph Sonnleithner darauf hinwies, daß der Missetäter ja bestraft,
-und »durch den Hof« bestraft werde, und der Heroismus der weiblichen
-Tugend dadurch um so heller strahle, ließ sich der Polizeipräsident von
-Sumerau »nach einiger Abänderung der grellsten Szenen« erweichen, und
-die Aufführung durfte am 20. November 1805 im Theater an der Wien vor
-sich gehen.
-
-Sieben Tage vorher hatten die Franzosen Wien besetzt, und auf das
-Parterre der französischen Offiziere machte dies Hohelied der
-Gattentreue wenig Eindruck. Der europäische Erfolg des »Fidelio« setzte
-erst 1814 ein, als Beethoven sein Meisterwerk neu bearbeitet hatte.
-
-
-Der Sohn als Neffe.
-
-1807 gelang es endlich den neuen Pächtern der drei Haupttheater
-Wiens, dem Zensor die Erlaubnis zur Aufführung von Schillers »Kabale
-und Liebe« abzuzwingen. Aber welche Mißhandlung hatte sich Schillers
-Meisterwerk gefallen lassen müssen! Wieder war ein Theatersekretär,
-diesmal Joseph Sonnleithner, darüber gekommen. »Die derben Stellen,«
-schrieb Fürst Esterhazy am 30. September an den Polizeipräsidenten,
-»welche sich Schiller in seinen späteren Lebensjahren selbst nicht mehr
-erlaubt haben würde, sind, darf ich sagen, ebensosehr aus Rücksicht
-auf den Dichter selbst, als auf den Ton der Sittlichkeit überhaupt
-weggelassen«. Die »Behutsamkeit« des Bearbeiters ging aber der Polizei
-noch immer nicht weit genug, vielmehr verlangte Herr von Sumerau, daß
-noch »manche allzu grelle Tiraden, in welche der Dichter teils das
-religiöse, teils das sittliche Gefühl beleidigende Ausdrücke legte,
-entweder ausgemerzt oder gemildert und [mit Rücksicht auf das vierte
-Gebot] der Vater des Majors in einen Oheim verwandelt werden möchte«!
-Und so geschah es: aus dem Sohn des Präsidenten wurde der Neffe, und
-die Wiener Witzbolde Castelli und Bauernfeld erzählten gern von der
-überwältigenden Wirkung des Ausrufs Ferdinands: »Es gibt eine Gegend in
-meinem Herzen, wo das Wort -- Onkel noch nie gehört wurde!« Diese allzu
-lächerlichen Stellen waren aber gestrichen.
-
-Ein so niederträchtiger Präsident durfte ebenfalls nicht auf
-dem Burgtheater erscheinen; man hätte ja am Ende dabei an den
-Polizeipräsidenten denken können! Er wurde daher in einen »Vizedom«
-(~Vicedominus~ = Statthalter) verwandelt, und aus dem Hofmarschall
-von Kalb wurde ein märchenhafter »Obergarderobemeister«, wobei es
-dann nicht minder schön klang, wenn Ferdinand am Anfang des 4. Aktes
-wütend in die Szene hineinrief: »War kein Obergarderobemeister da?«
-Oberhofmeister, Bürgermeister und ähnliche respektable Leute pflegten,
-wie August Klingemann erzählt, zu protestieren, wenn Leute ihres
-Ranges auf der Bühne nicht mit den höchsten Tugenden und Verdiensten
-ausgestattet waren; daher mußten der Zensor oder der Bearbeiter
-derartige Phantasiechargen erfinden. Der Zensor scheint aber selbst für
-den Humor dieser Änderung nicht ohne Verständnis gewesen zu sein; sie
-brachte ihn in so gute Laune, daß er den Obergarderobemeister durch
-den Sohn oder vielmehr Neffen des Präsidenten nicht, wie Schiller
-vorschreibt, »mein Allervortrefflichster« anreden ließ, sondern »mein
-Allerwertester«!
-
-Lady Milford schwebte ebenfalls völlig in der Luft; die Bezeichnung
-»Favoritin des Fürsten« mußte natürlich fallen, und damit auch jede
-Stelle des Textes, die ihr Verhältnis zum Fürsten näher bezeichnete,
-vor allem die Kammerdienerszene. Daß Serenissimus »von einer britischen
-Fürstin Erbarmen gegen sein deutsches Volk lernen« solle, wie es in dem
-Billett der Lady an den Fürsten im 4. Akt heißt, war ebenfalls nicht
-erlaubt.
-
-Das reizendste aber war, daß der schuftige Sekretär Wurm in der letzten
-Abrechnungsszene, als er seinen Spießgesellen, den Vizedom, preisgibt,
-diesen keineswegs, wie der Dichter will, als »Kameraden« behandeln,
-als Bube titulieren und ihm in blutigem Galgenhumor auf die Schulter
-klopfen durfte, sondern auch da noch den schuldigen Respekt vor dem
-Vorgesetzten und der Standesperson zu wahren hatte, demnach alle jene
-groben Verstöße gegen die gute Lebensart fallen mußten!
-
-So zugerichtet erschien »Kabale und Liebe« am 23. Juli 1808 zum ersten
-Male auf dem k. k. Hofburgtheater, und dieser Unsinn wurde bis 1848
-geduldet!
-
-
-Die unglückliche »königlich spanische Familie«.
-
-Im Herbst 1808 hatte der Hofschauspieler Krüger den in Wien noch nicht
-zugelassenen »Don Carlos« »bearbeitet« und wollte ihn zu seinem Benefiz
-auf dem Theater an der Wien geben. Der Vizepräsident der Polizei von
-Haager aber erhob Einwände, weil »das Verhältnis des Prinzen zum König,
-seinem Vater, einige entfernte Ähnlichkeit mit den letzten Ereignissen
-in Spanien« habe, wo Karl IV. und sein Sohn Ferdinand VII. um die
-Krone kämpften, bis sie Napoleon beide an die Luft setzte und seinen
-Bruder Joseph zum König von Spanien erhob. Hier standen also nicht nur
-das vierte Gebot, sondern auch die wandelbaren »Zeitumstände« einer
-Aufführung im Wege, und selbst der freiheitliche Minister Graf Stadion
-meinte, daß man es »dem unglücklichen Zustande der königlich spanischen
-Familie schuldig sei, selbe nicht zum Gegenstand von Beziehungen zu
-machen, die zwar keineswegs in dem Stück selbst liegen, bei der durch
-die letzten Ereignisse in Spanien veranlaßten Stimmung des Publikums
-aber doch schwer zu vermeiden sein würden«.
-
-Am 14. Mai 1809 aber zogen die Franzosen in Wien ein, denen die
-»königlich spanische Familie« Hekuba war, und während ihrer Herrschaft
-bis zum November wurde gerade »Don Carlos« die einzige Novität des
-Burgtheaters. Am 23. August 1809 erfolgte die erste Aufführung.
-
-Ohne Änderungen aber hatte die einheimische Zensur ihn doch nicht
-passieren lassen. Der Großinquisitor war gestrichen; aus dem
-Beichtvater Domingo war ein gleichgültiger »Höfling Don Antonio Perez«
-geworden, eine Änderung, die Schiller selbst für das Hamburger Theater
-gemacht hatte, die Rolle des ebenfalls gestrichenen Herzogs Alba
-wurde, so gut es ging, mit der jenes Höflings zusammengezogen, und
-Carlos durfte beileibe nicht in seine Stiefmutter verliebt sein. Jede
-Andeutung davon war noch unter Laubes Direktion streng untersagt!
-
-
-Geßler das Karnickel.
-
-Schillers »Wilhelm Tell« kam erst 1827 aufs Burgtheater, dagegen schon
-am 30. Mai 1810 aufs Theater an der Wien, das 1814 bis 1817 eine
-Art Filiale der Burg war. Der Schauspieler Wilhelm Grüner hatte die
-Bearbeitung übernommen. Wes Geistes Kind sie war, ergibt sich aus dem
-Gutachten des Zensors von Haager vom 12. Dezember 1809: »Österreich
-wird gar nicht erwähnt, und kein Schatten fällt auf den Kaiser, sondern
-alles wird der Tyranei des Vogts Geßler zugeschrieben.«
-
-Schon Hägelin hatte den Schweizerheld Wilhelm Tell und jede Empörung
-einer Eidgenossenschaft gegen das österreichische Zepter zu den Stoffen
-gezählt, die seitens der Zensur nicht zu dulden seien. Daß man 1809
-ein Stück, worin der Widerstand gegen die hohe Obrigkeit als ein Akt
-gerechter Selbsthilfe verherrlicht wurde, nicht mehr schroff ablehnte,
-war immerhin ein Fortschritt. Im übrigen aber hatte sich der Bearbeiter
-Grüner streng an Hägelins Vorschrift gehalten, die besagte: »Nie darf
-eine Schuld an den Mängeln der Militärverwaltung auf den Landesfürsten
-oder den Dienst selbst fallen.« Stets mußte, genau so wie in der hohen
-Politik, ein Untergebener das Karnickel sein. Der vierte und letzte Akt
-schloß mit Geßlers Tod.
-
-Auch Grüners Bearbeitung wurde nicht sofort genehmigt, da man auf der
-Bühne nicht gern an Länder erinnern ließ, die Österreich einst besessen
-und später verloren hatte und da »die neuesten Ereignisse in Tirol zu
-gewissen peinlichen Rückerinnerungen Anlaß« gaben. Erst Graf Palffys
-hartnäckiges Drängen erzielte im März 1810 die Freigabe des Stückes.
-
-
-Isabellas Ahnungen.
-
-Gegen Schillers »Braut von Messina« hatte der Wiener Zensor im Januar
-1804 nichts weiter einzuwenden, als daß das Innere einer Kirche auf
-dem Theater nicht vorgestellt werden könne, sondern diese in eine
-Familiengruft wie in »Romeo und Julia« umzuwandeln sei. Dennoch verbot
-der Polizeipräsident die Aufführung.
-
-Als die Tragödie endlich zum 23. Januar 1810 freigegeben wurde,
-mußten die Worte »Kirche« und »Kloster« in »Tempel« und »Eiland« (!)
-verwandelt werden, und im 4. Aufzug mußte Isabella statt
-
- So haltet ihr mir Wort, ihr Himmelsmächte!
-
-ausrufen:
-
- So haltet ihr mir Wort, ihr Ahndungen!
-
-Denn, sagte schon Hägelins Zensurkatechismus von 1795, an der Vorsehung
-darf nur dann gezweifelt werden, wenn die handelnde Person sich selbst
-korrigiert oder von andern widerlegt wird!
-
-
-»Egmont« in Wien.
-
-Zu den klassischen Werken, welche die Kavalierdirektion des Wiener
-Burgtheaters der Polizei abzutrotzen wußte, gehörte auch Goethes
-»Egmont«, der am 24. Mai 1810 seine dortige Uraufführung erlebte.
-1795 hatte Hägelin die Rebellion der Vereinigten Niederlande als
-unzulässig auf dem Burgtheater bezeichnet. 1810 endlich erklärte die
-k. k. Hof- und Staatskanzlei (Graf Metternich), daß gegen »Egmont«
-keine Bedenken bestünden. Jedoch mußten die Worte »Franzosen«, »wälsche
-Hunde«, »wälsche Majestät« und »vierzehn neue Bischofsmützen« ersetzt
-werden durch die Ausdrücke »der Feind«, »die fremden Hunde«, »welsche
-Regierung« und »vierzehn neue Kirchenvorsteher« (!). Und statt der
-»Freiheit« mußten die unruhigen Bürger Brüssels die »Freundschaft«
-leben lassen!
-
-
-Wallensteins Reinigung.
-
-Gleich nach Erscheinen des »Wallenstein« machte sich der Wiener
-Zensurbeamte und berüchtigte »Verhunzer« zahlreicher Klassiker,
-Escherich, auch an eine »Bearbeitung« dieses Werkes. Aber selbst
-ihm gelang es nicht, den widerspenstigen Stoff nach dem gewohnten
-Zensurrezept zurechtzuschneidern, denn den Hauptanstoß konnte auch er
-nicht beseitigen. Alle Begebenheiten der vaterländischen Geschichte,
-deren »Ausschlag diesen Regenten nachtheilig ist«, jede Empörung
-gegen einen Regenten überhaupt, war ja nach den Grundsätzen der
-Burgtheaterzensur ausgeschlossen. Die »höhere Entscheidung« fiel denn
-auch ablehnend aus. Ebenso ging es 1810, als die Hoftheaterdirektion
-nur die »Piccolomini« der Zensur einreichte. Graf Metternich, der
-spätere allmächtige Minister, erklärte seitens der geheimen Hof- und
-Staatskanzlei, das Stück sei »keineswegs zur öffentlichen Darstellung
-geeignet«.
-
-Erst am 1. April 1814 durfte Schillers Meisterwerk »in die Kürze
-gezogen und für einen Abend eingerichtet von H. W-r« auf dem
-Burgtheater erscheinen, nachdem Hofrat Friedrich Gentz, die rechte Hand
-Metternichs, das »von allen anstößigen Stellen gereinigte« Trauerspiel
-noch einmal durchgesiebt und am 9. Februar zu Protokoll gegeben hatte,
-daß man in politischer Hinsicht »gegen keine _einzelnen_ Stellen des
-Stückes« in dieser Fassung mehr etwas erinnern könne. Die Bedenken
-gegen das Ganze waren also auch jetzt nicht völlig beseitigt.
-
-Das Vorspiel »Wallensteins Lager« aber war der Kapuzinerpredigt wegen
-von Wiener Bühnen bis 1848 ausgeschlossen.
-
-
-Maria Stuart -- Maria Antoinette.
-
-Als Schillers »Maria Stuart« 1801 erschien, wurde sie in Österreich
-sofort verboten, aber der Intelligenz »~erga schedam~« (gegen
-persönlichen Erlaubnisschein) zur Lektüre gestattet; in den
-»Gesammelten Werken« des Dichters beanstandete man sie nicht weiter.
-
-Die Hinrichtung eines gekrönten Hauptes und die religiösen Elemente
-des letzten Aktes schlossen Schillers Drama vom damaligen Wiener
-Hofburgtheater natürlich aus.
-
-In Prag wagte man sich gleichwohl schon am 17. Juni 1804 an die
-Aufführung, und zwar nach einer Bearbeitung, die auch das Dresdener
-Hoftheater angenommen hatte. Als aber daraufhin 1805 der Wiener
-Polizeipräsident von Sumerau die Aufführung auch für Wien befürwortete,
-stieß er auf den energischen Widerstand des Kaisers.
-
-Die »Theater-Unternehmungs-Gesellschaft« streckte aber ihre Hände
-auch nach »Maria Stuart« aus. Der Leiter des deutschen Schauspiels,
-Graf Palffy, kam in immer erneuten Eingaben auf dieses Werk zurück.
-Der Zensor von Haager sogar befürwortete die Aufführung, obgleich
-die Hinrichtung Marias »an ein ähnliches unglückliches Ereignis der
-jüngsten Vergangenheit« erinnere.
-
-Doch der Kaiser blieb unzugänglich: an das Schicksal seiner Tante
-Maria Antoinette wollte er nicht gemahnt sein. Haager wurde geradezu
-beredt in der Verteidigung Schillers; die Haupttendenz des Stückes,
-legte er 1812 dem Kaiser dar, könne zwar nicht verwischt werden, Marias
-leichtsinniges Leben, die Geschichte ihrer vielen Männer und Liebhaber
-komme zur Sprache, aber sie sei »ganz Reue und Ergebung und sterbe
-auf dem Schafott als ein Opfer der neidischen und herrschsüchtigen
-Elisabeth«; »die in katholischen Ländern nicht zuzulassenden, sehr
-verwerflichen Szenen, wo sie kurz vor ihrem Tode beichtet«, seien
-leicht zu beseitigen.
-
-Aber dreimal, 1810, 1812 und 1813, lehnte der Kaiser ab. Da versammelte
-der Wiener Kongreß in der österreichischen Hauptstadt »beinahe alles,
-was Europa Großes und Glänzendes enthält«; das fremde Publikum
-verlangte »Spektakel, die eines so außerordentlichen Zeitpunktes doch
-nicht ganz unwürdig seien«; die Finanzen des Hoftheaters waren aber so
-herunter, daß Graf Palffy, seit März dieses Jahres alleiniger Pächter,
-vor dem Ruin stand; in einer beweglichen Eingabe vom 25. September 1814
-legte er seine mißliche Lage dem Kaiser dar und bat um die Freigabe
-einer ganzen Reihe von Stücken, die »die Strenge der Zensurnormalien«
-bisher verboten hatte. Darunter war »Maria Stuart«, und am 20. Oktober
-gestattete endlich Kaiser Franz die Aufführung der Tragödie unter
-der Bedingung, »daß alle in diesem dramatischen Werke vorkommenden
-Anstößigkeiten sorgfältig gehoben und durchaus gestrichen werden«.
-
-Daraufhin ging »Maria Stuart« am 29. Dezember 1814 in der Prager
-Bearbeitung auf dem Wiener Burgtheater zum ersten Male in Szene, volle
-vierzehn Jahre nach ihrer Uraufführung in Weimar.
-
-
-
-
-7. Kleine Kulissengeheimnisse der Theaterzensur.
-
-
-Die lästigen Autoren.
-
-»Felix, oder: Die Laune des Zufalls« hieß ein Manuskript, das
-ein unbekannter Autor im Jahre 1802 der Wiener Zensur für die
-Leopoldstädter Bühne einreichte. Da es beanstandet wurde, ließ sich
-der Verfasser die Mühe nicht verdrießen, es nach dem polizeilichen
-Sittenkodex umzuarbeiten.
-
-In neuer Aufmachung unterbreitete er es zum zweiten Male dem Zensor,
-und dieser -- jedenfalls der alte Hägelin -- gab es seiner vorgesetzten
-Behörde mit dem charakteristischen Stoßseufzer weiter: »Es ist ein
-Jammer, was die Zensur in solchen Fällen von hier befindlichen Autoren
-für Plagen auszustehen hat, weil diese jungen Leute ein kleines Geld
-sich verdienen wollen.«
-
-
-Anständigere Eselsohren.
-
-Ausdrücke wie Ehebruch, Hörner tragen usw., die »keusche und gesittete
-Ohren« beleidigen konnten, mußten auf dem Wiener Burgtheater
-fortfallen. 1802 wurde in einem romantisch-komischen Singspiel »Das
-Zauberschwert« auf Verlangen der Zensur »das Hirschgeweih, das der
-Autor dem Knappen Pitschili gegeben hatte, in anständigere Eselsohren
-verwandelt«.
-
-
-Ein falscher Reim.
-
-Von dem Freiherrn von Haager, der seit 1803 Hofrat, später
-Präsident der Polizei- und Zensurhofstelle in Wien war, erzählt der
-österreichische Humorist Castelli: Er war so übel nicht, aber er
-hatte seine eigenen kleinen Marotten. So durfte unter ihm der Ausruf
-»O Gott!« nur auf den Hoftheatern gesprochen werden; in Stücken der
-Vorstadtbühnen wurde der liebe Herrgott immer gestrichen und dafür »O
-Himmel!« hingeschrieben. Am spaßigsten nahmen sich solche Korrekturen
-an Stellen aus, die gereimt waren. Da hieß es z. B. in einem Drama
-Castellis:
-
- Treibe nicht mit Heil'gem Spott,
- Und bedenk', es lebt ein Gott!
-
-Der Zensor verbesserte kaltblütig:
-
- Und bedenk', es lebt ein Himmel!
-
-
-Ein Feind der Zweideutigkeiten.
-
-Der gute alte Haager war auch, und gewiß mit vollem Recht, ein Feind
-aller Zweideutigkeiten. Wo er eine witterte, suchte er ihr mindestens
-ein Mäntelchen umzuhängen; er tat das aber meist so ungeschickt, daß
-dadurch eine größere Zweideutigkeit zum Vorschein kam. So änderte er z.
-B. »Sie besitzt einen weißen üppigen Busen« um in »Sie ist vorne sehr
-schön gebaut«.
-
-Selbst Anmerkungen des Soufflierbuchs, die nur den Schauspieler
-betrafen und gar nicht gesprochen wurden, verletzten oft sein
-Zartgefühl; so litt er nie die Worte: »Er küßt sie«, sondern
-verbesserte dafür stets: »Er gibt ihr einen Kuß.«
-
-
-Ottokar, Attila und Napoleon.
-
-Als nach dem unglücklichen Frieden von Preßburg (26. Dez. 1805) die
-Franzosen aus Wien abgezogen waren, schrieb der Hofschauspieler Ziegler
-ein Stück »Thekla, die Wienerin«, das den Kampf Kaiser Rudolfs von
-Habsburg gegen König Ottokar von Böhmen im Jahre 1278 zum Gegenstand
-hatte.
-
-Die Aufführung wurde aber am 30. April 1806 auf Geheiß des Kaisers
-verboten, aus Furcht, die französische Botschaft könne in dem gehässig
-geschilderten Ottokar und seinen Böhmen eine Anspielung auf Napoleon
-und die Franzosen sehen.
-
-Erst drei Jahre später, als Österreich aufs neue den Krieg gegen
-Frankreich erklärt hatte (9. April 1809), wurde die Aufführung im
-Burgtheater gestattet.
-
-Derselben Angst fiel 1807 Zacharias Werners »Attila« zum Opfer,
-obgleich der Dichter sein Ehrenwort gab, daß er dabei nicht im
-entferntesten an Napoleon gedacht habe. Erst nach völliger Umarbeitung
-durfte es Ende 1809 gegeben werden, da der Zensor Armbruster jetzt
-versichern konnte, »daß man auch an den Haaren keine Parallele
-herziehen könne«.
-
-
-»So kriegt man die Luise.«
-
-»Mord und Totschlag, oder: So kriegt man die Luise«, so lautete der
-ulkige Titel eines Lustspiels, das ein Wiener Theater aufführen wollte,
-just nachdem sich eben Napoleon mit der Tochter des Kaisers Franz, der
-Erzherzogin Maria Luise, verlobt hatte. Die Hochzeit fand am 1. April
-1810 statt. Natürlich wurde das Stückchen verboten.
-
-Kurz vorher war es Kotzebue mit seinem Stück »Sorge ohne Not« ebenso
-ergangen, nur daß hier der Zensor auf eigene Gefahr den Staatsmann
-gespielt und die Erstaufführung am 11. Januar 1810 erlaubt hatte. »Wer
-der Urheber der unglücklichen Zeiten sei, darüber kann kein Zweifel
-herrschen«, meinte er, und die Mißstimmung gegen den ehrgeizigen und
-unersättlichen Weltstürmer müsse von Staats wegen mit allen Mitteln
-geschürt werden. Dieses ausnahmsweise intelligente Urteil bekam ihm
-aber schlecht: er erhielt einen scharfen Verweis, und das Stück mußte
-sofort vom Spielplan verschwinden.
-
-Von jetzt an durfte auch in Österreich von Napoleon nur mit der größten
-Hochachtung gesprochen werden. An dieser Courtoisie hielt man dort
-fest, solange Kaiser Franz lebte, und was irgendwie Erinnerungen an
-Napoleon weckte, mußte sich auf die heftigsten offenen und mehr noch
-versteckten Widerstände gefaßt machen. Das sollte vor allem Franz
-Grillparzer, Österreichs größter Dichter, erfahren, als er 1823 »König
-Ottokars Glück und Ende« dem Burgtheater einreichte.
-
-
-Spiel bringt Gefahr.
-
-Am 13. Dezember 1810 wurde Hamburg nebst Bremen, Lübeck, Oldenburg und
-einem Teil von Hannover dem französischen Kaiserreich einverleibt, und
-die Willkür des Feindes schaltete nun auch in den Hansestädten nach
-Belieben. Vor allem in Hamburg vollführte Marschall Davoust ein wahres
-Schreckensregiment.
-
-Während dieser Zeit brachte das Hamburger Stadttheater ein Stück »Spiel
-bringt Gefahr« von F. L. W. Meyer aus Bramstedt. Darin kam ein Lied auf
-das Kartenspiel vor, dessen Schlußvers lautete:
-
- Und alles erbeutet der Bube!
-
-Ein Denunziant benachrichtigte nun die französische Behörde, mit dem
-»Buben« sei keineswegs die Spielkarte, sondern -- der Kaiser Napoleon
-gemeint! Daraufhin wurde der Theaterdirektor Herzfeld sogleich zur
-Verantwortung gezogen, und aus diesem nun doppelt gefährlichen Spiel
-befreite ihn nur die Versicherung: das Lied sei extemporiert gewesen.
-
-
-Die Kontinentalsperre.
-
-Seit jenem Vorfall hatte die französische Behörde ein scharfes Auge
-auf das Hamburger Theater. Schon der Name eines mißliebigen Autors
-genügte, um seine Stücke vom Repertoire zu streichen. Worte wie
-Vaterland, Freiheit, Tyrann, Unterdrückung usw. wurden nicht mehr
-geduldet, wo sie auch vorkamen; mit besonderer Sorgfalt aber tilgte der
-französische Zensor jede Erwähnung der Mächte, mit denen Frankreich
-damals im Kriege lag, vor allem Englands, gegen das Napoleon die
-Kontinentalsperre erklärt hatte. Obgleich Schiller eine »Jungfrau von
-Orleans« geschrieben hatte, wurde seine »Maria Stuart« ganz verbannt,
-weil sie in England spielte. Kotzebues »Brief aus Cadix« mußte nun »aus
-Marseille« kommen, und seine »Indianer in England« wurden nach Irland
-übergesiedelt.
-
-
-Der unmoralische Theodor Körner.
-
-Körners Lustspiel in Alexandrinern »Die Braut« kam am 17. Januar 1812
-auf dem Burgtheater zur Aufführung, brachte aber dem Vizepräsidenten
-der Polizei- und Zensurhofstelle von Haager als verantwortlichem Zensor
-eine heftige Rüge ein. Kaiser Franz erklärte, es genüge nicht, wenn
-anstößige Stellen gestrichen würden, sondern es sei »weit wichtiger,
-Stücke zu verhindern, deren ganze Tendenz unmoralisch sei, und in denen
-die ehrwürdigsten Verhältnisse, z. B. zwischen Eltern und Kindern,
-wie dies in der neuen Piece ›Die Braut‹ geschehe, herabgewürdigt und
-lächerlich gemacht würden«.
-
-Als Haager am 4. März ganz bescheiden und »unmaßgeblich« darauf
-remonstrierte, kam er vom Regen in die Traufe: der Kaiser verbot
-das Stück ausdrücklich mit der bösen Note, er habe sich von der
-Zensurstelle »ein richtigeres Urteil über den Wert dieses Stückes
-versprochen«.
-
-
-Ein Theaterskandal in Wien.
-
-Die schärfste Aufmerksamkeit der Zensur verhinderte gleichwohl nicht,
-daß in einer mit Politik so geladenen Zeit wie dem Jahre 1812 dieser
-Explosivstoff auch ins Theater drang und in der heißen Stimmung des
-Publikums unversehens zündete.
-
-Seit der Zeit Maria Theresias war Voltaires »Mahomet« auf dem
-Burgtheater mehrfach aufgeführt worden, ohne irgendwie Anstoß zu
-erregen, denn Mahomet war ja ein »Pfaffe heidnischer Religionen«, die
-der Zensor der Willkür des Dichters preiszugeben pflegte, wenn darin
-nicht etwa Anspielungen auf das Christentum wie Fußangeln verborgen
-lagen.
-
-Nachdem Goethe, um seine Weimarer Schauspieler an die Verssprache zu
-gewöhnen, 1799 das Werk Voltaires in meisterhafte deutsche Jamben
-übertragen hatte, war diese Neuschöpfung ebenfalls vom Burgtheater
-übernommen worden, und im April 1812 fiel es der Leitung des Theaters
-an der Wien plötzlich ein, das Stück aufs Repertoire zu setzen.
-
-Das nichtsnutzige Publikum sah aber nun in dem Helden Voltaires nur
-immer Napoleon und belohnte jeden Vers, der auf die Gegenwart zu passen
-schien, mit stürmischem Beifall. Welchem lebenden Dichter hätte auch
-der Zensor Worte erlaubt wie die Frage Sopirs in dem Voltaireschen
-Stück:
-
- Und jeder muthige Betrüger dürfte
- Den Menschen eine Kette geben? Er
- Hat zu betrügen Recht, wenn er mit Größe
- Betrügt?
-
-Und bei der Anklage gegen Mahomet:
-
- Auf deinen Lippen schallt der Friede, doch
- Dein Herz weiß nichts davon
-
-schien die Bühne zum Tribunal zu werden. Die Worte verursachten eine
-politische Demonstration, wie man sie in jenen heiligen Hallen, wo man
-die Rache nicht kennen wollte, noch nicht erlebt hatte.
-
-Glücklicherweise stand an diesem Abend die Loge des französischen
-Gesandten leer.
-
-In Paris wurde zur selben Zeit Voltaires »Mahomet« tagtäglich unter den
-Augen Napoleons gegeben.
-
-
-Die schöne Luise.
-
-Pius Alexander Wolffs Schauspiel »Preciosa« wurde 1812 in Berlin
-verboten, weil statt harmloser Zigeunerromantik eine »wirkliche
-Räuberbande« darin ihr Wesen trieb und damals gerade in der Umgegend
-Berlins eine 130 Köpfe zählende Mordbrennerbande gefangen worden
-war, unter der die Hauptbrandstifterin, die »schöne Luise, die
-aus Kinderfett Brandlichter machte«, wegen ihrer Schönheit und
-verbrecherischen Naivetät die größte Neugier erregte. Iffland hatte als
-Leiter des Kgl. Schauspielhauses deshalb nicht gewagt, selbst über die
-Aufnahme des Stücks zu entscheiden, sondern es der Zensur eingereicht,
-die die Aufführung nicht erlaubte.
-
-Diesmal gereichte das Zensurverbot dem davon betroffenen Werk zum
-Glück, denn erst später schrieb Carl Maria von Weber dazu die Musik,
-die auch den Text unsterblich machte, der sonst längst vergessen wäre.
-In dieser Vertonung fand die erste Aufführung der »Preciosa« auf dem
-Berliner Hoftheater am 14. März 1821 statt.
-
-
-Gefährliches Spielzeug.
-
-In einem Stück »Fehlgeschossen« von Costenoble, das am 12. Oktober
-1812 auf dem Theater an der Wien aufgeführt wurde, zeigt ein Drechsler
-Kindern Spielzeug und erläutert es ihnen mit den Worten: »Hier ein
-Hase, dort ein gesternter General.« Diese Worte wurden von einem
-»Geheimagenten« beanstandet und mußten daraufhin gestrichen werden.
-
-
-Das »jüngste Gericht« ohne Jesus.
-
-Als der Komponist Ludwig Spohr am 21. Januar 1813 in Wien sein
-Oratorium »Das jüngste Gericht« aufführte, wurden die Namen Jesus und
-Maria im Personenverzeichnis beanstandet. Nach langen Verhandlungen
-wurde der Druck des Textes nur mit Auslassung jener Namen erlaubt.
-Spohr gab sich damit zufrieden, weil sich jeder Leser aus dem Inhalt
-leicht die fehlenden Namen ergänzen konnte.
-
-
-Vaterländische Schauspiele.
-
-Sofort nach dem Abzug der Franzosen aus Berlin und dem Einmarsch
-der Russen Anfang März 1813 reichte Achim von Arnim dem Berliner
-Hoftheater ein vaterländisches Schauspiel »Die Vertreibung der Spanier
-aus Wesel im Jahre 1629« zur Aufführung ein; bei der Aktualität des
-Stoffes durch die neue erlösende Wendung des europäischen Krieges drang
-er natürlich auf baldige Aufführung.
-
-Mit vaterländischen Schauspielen wußte man aber damals in Berlin
-ebensowenig anzufangen wie in Wien. Heinrich von Kleists »Prinz
-Friedrich von Homburg« und seine »Hermannsschlacht« existierten für
-die Bühne nicht. Wie konnte Arnim da Besseres für sich und sein
-Stück erhoffen! Iffland als Direktor des Theaters wagte auch keinen
-selbständigen Entschluß, sondern fragte erst die den abwesenden
-Staatskanzler vertretende Oberregierungskommission, ob sie nichts
-dagegen habe. Wider Erwarten erteilte die Kommission die Erlaubnis, da
-dem Stück »historische Wahrheit« zugrunde liege, obgleich »allerdings
-Anspielungen auf die Bedrängnisse vorkämen, welche Deutschland und
-Preußen von den Franzosen erlitten« habe. Dennoch konnte Iffland nicht
-das Herz fassen, das Werk aufzuführen.
-
-Auch in Wien, wo Clemens Brentano sich dafür verwandte, drang es nicht
-durch, obgleich es schon der Zensor in der Mache gehabt hatte. Die
-Zensurhofstelle hatte dabei allerhand lustige Änderungen vorgenommen,
-von denen Brentano am 5. April 1814 dem Freunde Arnim einige verriet.
-Eine Szene, in der von Brutus, dem Mörder Cäsars, die Rede war, wurde
-ganz gestrichen. »Was wird der Mensch in der Sklaverei, ein rechtes
-Vieh« hieß es in einem andern Auftritt; diese echt Arnimsche derbe
-Wendung ging dem Wiener Zensor wider die Haare; er schrieb dafür die
-hochtrabenden Worte hin: »Wie sinket die Würde der Menschheit unter
-eisernem Scepter.« Und den burschikosen Vergleich: »Sie ist so dumm wie
-ein Ochs« hatte der höfliche Mann auch nicht zugelassen, sondern die
-letzten drei Worte einfach gestrichen.
-
-
-»Auf der Alm, da gibt's ka Sünd.«
-
-In einer Posse: »Die Pantoffelmacherin« von Told wurde bei der
-Aufführung auf einem Wiener Theater die Gräfin von Molkenflur in eine
-»Frau von«, der Edle von Wiesenklee in einen bürgerlichen Wiesenklee
-umgetauft, und in einer Gesangstrophe änderte der Zensor die Verse
-eines Mädchens:
-
- Und spricht dann nach der Jagd
- Der Jager bei mir ein,
-
-folgendermaßen um:
-
- Und spricht wohl öfters unter Tags
- A Gamsel (!!) bei mir ein.
-
-
-Das Madonnenbild.
-
-Oehlenschlägers vielgespielter »Correggio« wurde in Wien verboten, weil
-darin ein Madonnenbild vorkommt.
-
-Auf Empfehlung des Zensors von Haager entschied der Kaiser am 8.
-Dezember 1814: »Wenn in dem Trauerspiele ›Correggio‹ dem Bilde,
-welches dieser malt, eine bestimmte profane Benennung, z. B. aus der
-fabelhaften Götterlehre, gegeben wird; wenn alle Anspielungen auf
-Maria, Johannes, Magdalena, und überhaupt auf Bilder der Heiligen, wie
-auch der Altar in der Eiche vor der Hütte des Einsiedlers wegbleiben,
-und wenn Äußerungen, wie z. B. Jesus, Maria, Mutter Gottes, vor dem
-schönen Bilde der Magdalena knien und beten usw. gestrichen werden, so
-kann die Aufführung des Stückes gestattet werden.«
-
-Der Altar wurde dementsprechend auf ein kleines Bild reduziert, das
-Knien und Beten in »andächtige Betrachtung« verwandelt, die Namen Jesus
-und Maria durch gleichgültige Ausrufe und das Madonnenbild durch das --
-der Familie des Malers ersetzt! Nun stand der Aufführung nichts mehr im
-Wege; sie fand am 30. August 1815 statt.
-
-
-»Ein König darf nicht lächerlich gemacht werden.«
-
-Der österreichische Humorist Castelli hatte für ein Wiener
-Possentheater einen travestierten Lear geschrieben. Die Zensur
-verbot aber die Aufführung mit der Begründung, ein König dürfe nicht
-lächerlich gemacht werden.
-
-
-
-
-8. Im Banne Napoleons.
-
- »Im Kriege erträgt man die rohe Gewalt, so gut man
- kann, man fühlt sich wohl physisch und ökonomisch
- verletzt, aber nicht mehr moralisch.«
-
- _Goethe_, Aus meinem Leben. III, 12.
-
-
-Napoleon und die Presse.
-
-Die Wirksamkeit der Presse hat keiner besser zu würdigen gewußt als
-Napoleon. Auf seinem politischen Schachbrett vertraten die Zeitungen
-mindestens die Schar der Bauern. Das Wort Preßfreiheit, das er als
-Konsul oft im Munde führte, war allerdings nur eine Redensart, ein
-Aushängeschild, das er rücksichtslos beiseite warf, als er auf der
-Höhe seiner Macht stand, und wohin er als Eroberer seinen Fuß setzte,
-behandelte er die gegnerischen Blätter wie eroberte Geschütze, die
-man einfach umkehrt und gegen ihre früheren Besitzer abfeuern läßt.
-Wehe dem Schriftsteller oder Verleger, der dabei auch nur mit der
-Wimper gezuckt hätte! Das Schicksal des Nürnberger Buchhändlers Palm,
-den Napoleon als den Verleger und mutmaßlichen Mitverfasser der
-Schrift »Deutschland in seiner tiefen Erniedrigung« am 26. August 1806
-erschießen ließ, stand als warnendes Blutmal vor aller Augen. Ein
-Federstrich des Kaisers beseitigte im Jahre 1810 sämtliche politischen
-Zeitungen Badens bis auf eine, ebenso in Frankfurt; als er im Dezember
-1810 Hamburg seinem Reiche einverleibte, mußten neun Zeitungen dort ihr
-Erscheinen einstellen. Was übrigblieb, wurde einfach in französische
-Blätter verwandelt oder mußte taktfest einstimmen in den Posaunenchor,
-den er dirigierte. Durch die geknebelte Presse diskreditierte er
-seine Feinde, hob er seine Soldaten in den Himmel, fälschte er die
-Kriegsberichte, daß selbst aus der Schlacht bei Leipzig ein großer
-Sieg der französischen Waffen wurde, und ließ er vor allem über sich
-selbst des Lobes unendliche Fluten ergießen. Wie zahllose Völker
-Europas, zwang er auch die öffentliche Meinung mit brutaler Gewalt zur
-Bundesgenossin, und diese Hilfstruppen wußte er mit genialem Geschick
-immer da einzusetzen, wo er sie brauchte.
-
-In diesem Sinne bedeutete für ihn die Presse in der Tat die »fünfte
-Großmacht«, wenn ihm auch dieses oft zitierte Wort mit Unrecht
-zugeschrieben wird.
-
-
-Presse und Regierung in Deutschland.
-
-Von dieser Großmachtstellung der Presse waren aber die deutschen
-Regierungen jener Zeit noch wenig überzeugt, und Napoleon mußte
-auch hierin ihr Lehrmeister werden. Den deutschen Behörden galt die
-Presse immer noch als ein Pech, mit dem man sich besudelte, wenn man
-es anfaßte. Sie war das ~enfant terrible~, für das nur die Rute gut
-war, um sein vorlautes Dreinreden zu zügeln. Am liebsten hätte man
-ihm überhaupt den Mund verstopft, denn es lebte ja durch und für die
-Öffentlichkeit, die man haßte. Das Mysterium der Staatsregierung
-vollzog sich hinter einem dichten Vorhang; statt ihn ab und zu
-hochzuziehen, um die schaugierige Menge wenigstens durch ein lebendes
-Bild zu befriedigen, wurde jeder als Hochverräter behandelt, der es
-wagte, den Vorhang mit dreister Hand zu lüften.
-
-Das ungeheuer umfangreiche Aktenmaterial, das über die Behandlung
-der Presse in den Kriegsjahren 1806 bis 1815 verschrieben wurde, hat
-vor allem _ein_ Kennzeichen: der übelste bürokratische Ton feiert
-darin wahre Orgien. Alle diese meist hohen Beamten arbeiteten ihren
-Vorgesetzten immer zu Dank, wenn sie in jeder Wendung ihres Konzeptes
-der tiefsten Verachtung der Presse und ihrer dienstbaren Geister,
-mochten sie auch Arndt oder Schleiermacher oder Görres heißen,
-kräftigsten Ausdruck liehen und an den Leuten der Feder ihr trauriges
-Mütchen kühlten. Dieser Schriftwechsel der Minister unter sich ist eine
-Sammlung vollendeter Verbalinjurien ersten Ranges.
-
-Von einer auch nur notdürftigen Versorgung der Presse mit Nachrichten
-war nicht die Rede. Was über die politischen Ereignisse, die Maßregeln
-und Ziele der Regierungen durchsickerte, wurde im Haarsieb der Zensur
-zu einem winzigen Häuflein Staub zerrieben. Die damaligen Zeitungen
-sind daher die allerkläglichsten Meilenzeiger der deutschen Geschichte.
-Nur das Ausland überließ man den Journalisten als fette Weide, und
-da es zu jener Zeit in Frankreich am lebhaftesten zuging, so war die
-deutsche Presse durch eine fehlerhafte geistige Rationierung längst
-mit französischem Geiste durchsetzt, ehe dieser durch Napoleon eine
-politische Gefahr für Deutschland wurde.
-
-So kann es nicht Wunder nehmen, daß die völlig unorganisierte, jedes
-nationalen Haltes entbehrende deutsche Presse jener Gefahr hilflos
-gegenüberstand und vor ihrem Ansturm kläglich die Waffen streckte.
-
-
-»Ruhe ist die erste Bürgerpflicht!«
-
-Die Schlacht bei Jena hatte am 14. Oktober 1806 Preußens Niederlage
-entschieden. Vier Tage später klebte in den Straßen Berlins der
-bekannte Anschlagzettel, der mit den Worten begann:
-
-»Der König hat eine Bataille verlohren. Jetzt ist Ruhe die erste
-Bürgerpflicht.«
-
-Der Gouverneur der preußischen Hauptstadt, der diese Worte prägte, Graf
-von der Schulenburg-Kehnert, besaß aber selbst diese Ruhe nicht und
-flüchtete mit der Regierung und dem königlichen Hof nach Ostpreußen
-in den Schutz des russischen Verbündeten. Auch der bisherige Berliner
-Zeitungszensor Renfner, der schon seit 1792, der Zeit Wöllners, dieses
-Amt verwaltete, hatte sich dorthin in Sicherheit gebracht.
-
-Schulenburgs Nachfolger Fürst Hatzfeld gab nun die Losung aus: »Unsere
-Aussichten müssen sich nicht über dasjenige entfernen, was in unsern
-Mauern vorgeht!« Dafür sorgten dann schon die Franzosen, die am 24.
-Oktober in Berlin einrückten.
-
-
-Im Dienst des Feindes.
-
-In den vom Feinde eroberten Provinzen Preußens herrschten nun das
-fremde Gesetz und die Willkür des Siegers. Getreu seiner Gewohnheit,
-sich in erster Reihe aller Organe des öffentlichen Lebens zu
-versichern, riß er in Berlin sofort die Zensur aller Drucksachen
-an sich. Schon am 27. Oktober, dem Tage des Einzugs Napoleons,
-ließ der französische Kommandant von Berlin, Hulin, dem Zensor für
-historisch-politische Schriften melden, daß die politische Zensur
-nunmehr von der französischen Behörde ausgeübt werde. Zwei Tage später
-beschied der französische Kommissar Baron Bignon, der schon 1801--04
-Geschäftsträger in Berlin gewesen war, das Terrain also gut kannte,
-die Herausgeber der beiden politischen Tageszeitungen zu sich, um sie
-zu instruieren. Worin diese »Instruktion« bestand, zeigte sich bald;
-die Zeitungen waren von jetzt an in fremdem Dienst: sie brachten
-die Lüge von dem begeisterten Empfang Napoleons durch die Berliner
-Bürgerschaft, druckten die Bulletins der Großen Armee wortgetreu ab,
-verherrlichten die Waffentaten »unserer siegreichen [französischen]
-Truppen«, verspotteten das preußische Militär und erniedrigten sich
-sogar zu verleumderischen Angriffen gegen König und Königin, die als
-Feinde Napoleons jetzt auch ihre Feinde sein mußten. Der geradezu im
-Solde der Franzosen stehende täglich erscheinende »Neue Telegraph«
-von Hofrat ~Dr.~ K. J. Lange (ehemals Davison) durfte es unter dem
-Gelächter der französischen Kavaliere wagen, der Königin Luise ein
-Verhältnis zu Kaiser Alexander anzudichten. Diese Haltung der Berliner
-Presse, die sogar nach dem Wiederabzug der Franzosen noch eine Weile
-die gleiche blieb, verziehen ihr der König und die preußischen
-Patrioten nie; Graf Alexander von Dohna war der Meinung, die Zeitungen
-hätten lieber eingehen müssen, als »Schmähungen auf die vaterländische
-Regierung« aufzunehmen. Noch 1814 brachte er als Gouverneur in
-Königsberg diese sklavische Nachgiebigkeit der Berliner Presse in
-peinlichste Erinnerung (vgl. S. 202).
-
-
-Französische Zensur.
-
-Baron Bignon übte die Zensur der Zeitungen und politischen Schriften
-mit großer Sorgfalt selbst aus. Artikel, die ihm nicht paßten, schnitt
-er aus den Korrekturabzügen heraus; die Abzüge mußten außerdem am
-Erscheinungstage der betreffenden Nummer an ihn zurückgegeben werden,
-so daß Redakteure und Verleger nicht einmal Beweisstücke in Händen
-behielten für das, was ihnen die französische Zensur zumutete.
-
-Von allen neu erscheinenden Schriften mußten regelmäßig Verzeichnisse
-vorgelegt werden. Politische Schriften, soweit Bignon sie nicht selbst
-zensierte, übergab er dem Prediger an der französischen Kirche,
-Hauchecorne, der ihm schon früher befreundet war und sich dieser
-Tätigkeit mehr als willig unterzog. Nur was harmlos erschien, wurde den
-bisherigen Zensoren zugestellt.
-
-
-Krieg und Moral.
-
-Was nicht parierte, wurde beseitigt. Der von August von Kotzebue und
-Garlieb Merkel 1804 begründete »Freimüthige«, der bis zuletzt seinem
-Namen Ehre zu machen wagte, stellte unmittelbar vor der Ankunft
-der Franzosen sein Erscheinen ein. Erst im Januar 1808 wurde er
-fortgesetzt, aber schon im Februar stand sein jetziger Herausgeber
-August Kuhn unter Polizeiaufsicht, und im März traf ihn wegen eines
-Artikels »Nemesis« ein neues Verbot. Von April 1808 ab durfte er wieder
-erscheinen und bewahrte auch jetzt noch in allem, was den preußischen
-Staat betraf, eine tapfere patriotische Haltung.
-
-Ein anderes Unterhaltungsblatt, der von Professor Theodor Heinsius
-herausgegebene »Preußische Hausfreund«, verschwand am 5. Februar 1807
-plötzlich von der Bildfläche und durfte sich erst nach dem Abzug der
-Franzosen wieder hervortrauen. Am 6. Februar 1807 wurde außerdem der
-Herausgeber Heinsius aus dem Bette heraus verhaftet und vierzehn Tage
-lang auf die Hausvogtei gesetzt. General Clarke soll in einer Schrift
-über Moral, die Heinsius herausgeben wollte, »aufregende Tendenzen«
-entdeckt und dem Verfasser erklärt haben: »Ach was Moral, was soll
-die im Kriege?« Jedenfalls handelte es sich um einen Aufsatz für den
-»Hausfreund«, wie auch Gubitz berichtet. Clarke verbot die Fortsetzung,
-warnte Heinsius vor Aussprüchen, die den französischen Behörden
-unangenehm seien, und ließ ihn auch nach seiner Freilassung durch die
-Polizei überwachen.
-
-Eines aber darf man der französischen Gewaltherrschaft nachrühmen: um
-_un_politische Dinge kümmerte sie sich nicht. Auch waren die Franzosen
-für Witz und Satire viel leichter zugänglich als die meist grämliche
-preußische Behörde. Der Kommandant Hulin, der ebenso wie General Clarke
-auf alle Drucksachen ein scharfes Auge hatte, ließ eine boshafte
-Karikatur auf den Herausgeber des franzosendienerischen »Telegraphen«
-unbeanstandet; als sie eine zweite Auflage erlebte, forderte er zwar
-dem Künstler die Platten ab, gab sie aber nach drei Wochen ohne weitere
-Vorschriften zurück.
-
-Bezeichnend ist auch, daß unter dem französischen Regiment in
-Berlin das erste dortige Leseinstitut errichtet wurde, wo 200--300
-Zeitungen offenlagen. Da konnte sich auch der mißtrauischste Berliner
-überzeugen, daß fast die gesamte deutsche Presse sich glücklich
-schätzte, unter den glorreichen Feldzeichen Napoleons für die Freiheit
-der Nationen und den Sieg der »Kultur« über die »Barbarei« zu fechten.
-
-
-Fichte als Zensor.
-
-Die rücksichtslose Fälschung der öffentlichen Meinung durch die
-Franzosen und die ihrer Gewalt preisgegebene deutsche Presse hatte
-endlich der preußischen Regierung zu denken gegeben: es mußte etwas
-geschehen, es galt gegen dies vom Feinde verbreitete Giftgas eine
-Schutzmaske zu finden. Das einzige Blatt aber, das sich noch im
-vaterländischen Machtbereich befand, war die »Königsberger Hartungsche
-Zeitung«, und selbst diese konnte sich dem französischen Einfluß nicht
-ganz entziehen. Sie mußte doch melden, was jenseits der Kampffront
-vor sich ging, und dafür hatte sie keine andern Quellen, als die
-französisch sich räuspernden Berliner Zeitungen. Auch verfügte man in
-der Provinz damals nicht über geschulte und selbständig arbeitende
-journalistische Kräfte, denn der politische Teil der preußischen
-Provinzpresse war nur immer aus den Blättern der Hauptstadt
-»zusammengetragen« worden; eigene politische Nachrichten -- von
-Leitartikeln war ja damals überhaupt noch keine Rede -- erlaubte die
-Zensur nicht. So hatte bisher der Berliner Zensor auch die Königsberger
-Zeitung vorsichtig an der Leine gehalten -- kein Wunder, daß sie,
-plötzlich und unvorbereitet sich selbst und dem grundlosen Element
-überlassen, noch keine kunstgerechten Schwimmbewegungen machen konnte.
-Also mußte ihr zunächst ein neuer Zensor gesetzt werden, und dazu erkor
-man keinen Geringeren als den Philosophen Fichte.
-
-Seitdem durch den Atheismusstreit Fichtes Stellung als Professor
-der Philosophie in Jena unhaltbar geworden war, hatte er sich 1799
-in Berlin niedergelassen, wo ihn König Friedrich Wilhelm III.
-unangefochten ließ. »Gedeckt vor den Bannstrahlen der Priester und den
-Steinigungen der Gläubigen« hielt er hier im Winter 1804/05 Vorträge
-über die »Grundzüge des gegenwärtigen Zeitalters« vor einem zahlreichen
-und auserlesenen Hörerkreis; im folgenden Sommer ging er als Professor
-an die jetzt preußisch gewordene Universität Erlangen, kehrte aber
-im nächsten Semester wieder nach Berlin zurück, um den bevorstehenden
-Ereignissen näher zu sein. So hatte ihn das Kriegsgewitter dort
-überrascht, und mit den preußischen Flüchtlingen war er nach der
-Schlacht bei Jena nach Königsberg gekommen.
-
-Hier begann man eben mit großem Nachdruck eine gründliche Reform der
-Universität, und auf Drängen des damaligen Konsistorialrats Nicolovius
-wurde auch Fichte dort angestellt. Er sollte aber nicht nur als Dozent
-wirken, sondern daneben besonders darauf achten, daß in der dortigen
-Zeitung »die Nachrichten von den Kriegs- und andern öffentlichen
-Begebenheiten nicht in einem verführerischen, den Patriotismus
-niederschlagenden Ton erzählt«, vielmehr »alle Anlässe, um den Mut der
-Untertanen zu beleben, gehörig benutzt« würden.
-
-Durch diese Heranziehung Fichtes fühlte sich aber der bisherige
-Königsberger Zensor tief gekränkt. Wenn auch die Provinzblätter
-Politisches immer nur aus der klar geläuterten Quelle der Berliner
-Zeitungen schöpfen durften, so gab es doch in jeder mit einem
-Regierungsapparat versehenen Stadt immer noch einen besondern Zensor,
-der jenen Stoff noch einmal filtrierte; der lokale Teil und die
-Inserate waren ja sowieso hinzugekommen. Das Zensoramt in Königsberg
-hatte bisher der Polizeidirektor Kriminalrat Brand durchaus zur
-Zufriedenheit seiner Vorgesetzten verwaltet. Nun aber erklärte dieser,
-er bedanke sich schönstens dafür, in Zukunft nur noch die Inserate
-beaufsichtigen zu sollen, da wolle er schon lieber mit der Zensur
-überhaupt nichts mehr zu tun haben. Fichte aber lehnte die alleinige
-Verantwortung nachdrücklich ab; daraufhin bestimmte der Oberpräsident
-von Auerswald, daß der Polizeipräsident trotz seines Widerwillens
-»sowohl die Intelligenzblätter als auch die Zeitungsavertissements«
-(die Bekanntmachungen) entweder selbst zu zensieren oder durch einen
-Polizeibeamten zensieren zu lassen habe, da »dem Professor Fichte die
-das Censurwesen betreffenden Gesetzesbestimmungen und Vorschriften
-nicht bekannt« seien. Fichte führte also daneben die höhere politische
-Zensur, wie sie vordem in Berlin geübt worden war, dessen Zeitungen
-jetzt »unter den insidiösen Einflüssen des Feindes« standen.
-
-
-Zivil- und Militärzensur.
-
-Fichtes Konflikt mit einem sich zurückgesetzt fühlenden Polizeidirektor
-war aber nicht der einzige, der dem Philosophen während seiner
-Zensortätigkeit beschieden war. Peinlicher und nachhaltiger war
-sein Zusammenprall mit der Militärgewalt, die in Königsberg der
-Generalgouverneur von Rüchel vertrat. Diesem Mann paßte Fichtes
-Tätigkeit ganz und gar nicht. Er vermißte an ihm die nötige
-»militärisch-politische« Sachkenntnis, und dieser Zivilist hatte noch
-dazu die Dreistigkeit, an offiziellen Aufsätzen, die der Königsberger
-Zeitung von der Adjutantur geliefert wurden, Kritik zu üben: die einen
-wies er überhaupt zurück, und andern gab er nur das Imprimatur, wenn
-der Generalgouverneur das kraft seines Amtes energisch verlangte.
-Schließlich riß diesem die militärisch kurze Geduld, er entzog Fichten
-Ende Februar 1807 die Aufsicht über die Zeitung und setzte an Stelle
-der bisherigen Zivilzensur eine ausschließliche Militärzensur.
-
-Der Augenblick dazu war allerdings nicht eben glücklich gewählt. In der
-Hartungschen Zeitung war am 19. Februar ein Artikel über die Schlacht
-bei Eylau erschienen, der die höchste Entrüstung des Königs erregte.
-Auerswald untersuchte den Vorfall, und da stellte sich heraus: der
-vom König beanstandete Artikel stammte -- von Rüchel selbst. Fichte
-hatte ihn als Zensor gestrichen, war aber gegen den Generalgouverneur
-machtlos gewesen.
-
-
-Die Hebung der »Königsberger Hartungschen Zeitung«.
-
-Die Schlacht bei Eylau hatte die Hoffnungen der Patrioten neu belebt,
-man erwartete nachdrückliche Hilfe von den Russen und wagte wieder
-der nächsten Zukunft mit klarer Überlegung ihrer Forderungen an die
-Staatsverwaltung entgegenzusehen. Hardenberg, der in Memel beim Könige
-weilte und am 26. April wieder als Minister die Staatsgeschäfte
-übernahm, hatte schon in einer Denkschrift vom 3. März »größere
-Rücksicht auf die öffentliche Meinung und Bearbeitung derselben
-durch zweckmäßige Publizistik« empfohlen. Er konnte dabei nur das
-Königsberger Blatt im Auge haben, und im Mai 1806 verhandelte er mit
-dem Oberpräsidenten, wie die Hartungsche Zeitung »durch interessantere
-und besser stilisierte Aufsätze« zu »heben« sei. In Auerswalds Antwort
-kommt der durch Fichtes Tätigkeit veranlaßte Zwist zwischen Zivil-
-und Militärgewalt zum deutlichsten Ausdruck. Die Zeitung, erklärte der
-Oberpräsident geradeheraus, sei nur dadurch so heruntergekommen, daß
-der Generalgouverneur darauf bestehe, daß alle von ihm gelieferten
-Kriegsnachrichten unverändert aufgenommen würden; ebenso schalte und
-walte er mit allen übrigen ihm vorgelegten Nachrichten ganz nach
-Belieben. Von der Adjutantur aber könne man weder »genaue historische
-Kritik« noch »sorgfältige Aufmerksamkeit auf richtigen Ausdruck und
-Stil« fordern; dazu hätten die dort beschäftigten Herren natürlich
-keine Zeit. Das dringende Bedürfnis, zuverlässige Kriegsberichte dem
-Publikum »in lesbaren Aufsätzen« zu bieten, liege allerdings vor.
-Dazu müsse man aber beim preußischen und beim russischen Armeekorps
-geschickte Berichterstatter (»Bulletinschreiber«) auswählen, die nur
-der Zensur des Hauptquartiers unterständen, nicht aber der »Einwirkung
-des Generalgouvernements«. Die örtliche Zensur möge man dann wieder
-Fichte anvertrauen, der besonders die Radamontaden der feindlichen
-Bulletinschreiber niedriger hängen und »die Stimmung des Volkes zur
-Ausdauer und Verstärkung der Vaterlandsliebe zu erheben« suchen solle.
-Heute, wo wir unter ähnlichen Verhältnissen leben und die großzügige
-Organisation der amtlichen militärischen Berichterstattung täglich wie
-ein zauberhaftes Uhrwerk ablaufen sehen, können wir erst ganz ermessen,
-in welcher Rat- und Hilflosigkeit man sich vor hundert Jahren diesem
-Problem gegenüber befand.
-
-
-Scharnhorst als Kriegsberichterstatter.
-
-In jenem Mai des Jahres 1806 machte man denn auch mit der »Hebung«
-der Hartungschen Zeitung schon einen vielversprechenden Anfang. Am
-11. Mai begannen darin die durch vier Nummern laufenden »Bemerkungen
-über das 58. Bulletin der großen Armee von der Schlacht bei Eylau«,
-die den üblen Eindruck des früheren Berichtes von Rüchel wieder
-gutmachen sollten. Der anonyme Verfasser dieser Darstellung war ein
-schon damals, wie die Redaktion dazu bemerkte, »berühmter militärischer
-Schriftsteller«, der noch dazu durch sein Eingreifen die glückliche
-Wendung der Schlacht bei Eylau selbst herbeigeführt hatte, der Oberst
-von Scharnhorst.
-
-Zu einer Fortsetzung dieses Hebungsversuchs kam es aber leider nicht.
-Nach der Schlacht bei Friedland am 14. Juni rückten die Franzosen auch
-in Königsberg ein, Regierung und Armee flüchteten weiter nach Osten,
-und am 13. Juni hatte auch Fichte auf dem Reitpferd des Freundes
-Nicolovius die Stadt verlassen, um über Memel nach Kopenhagen zu
-entkommen.
-
-
-Schurkenstreich eines Zensors.
-
-Auch nach dem schmachvollen Frieden von Tilsit (7./9. Juli 1807), der
-Preußen die Hälfte seiner Länder raubte, mußte sich König Friedrich
-Wilhelm noch anderthalb Jahre die Besetzung seiner Hauptstadt gefallen
-lassen. Der Gouverneur Clarke wurde 1807 französischer Kriegsminister;
-sein Nachfolger wurde Marschall Davoust, der Sieger von Auerstädt,
-der bald nachher als Eroberer von Hamburg durch seine unmenschliche
-Härte seinem Namen ein unauslöschliches Brandmal aufdrückte. Hulins
-Nachfolger als Kommandant wurde Marschall Soult. Bignon blieb auf
-seinem Posten, und da er für Kunst und Literatur Verständnis hatte,
-konnten die Berliner Literaten noch von Glück sagen, vor allem der
-junge Lehrer der Holzschneidekunst an der Berliner Akademie, Gubitz,
-den damals die Empörung über Schmähungen Preußens durch seine eigenen
-Landsleute zum Schriftsteller machte.
-
-Mit dem Verbot solcher Schriften, die gegen die preußische Regierung
-loszogen, hatte es die französische Behörde natürlich nicht so eilig,
-wie wenn es sich um ihr eigenes Interesse handelte. So konnte im
-Frühjahr 1808 ein Pamphlet »Gallerie preußischer Charaktere«, das
-heftige Angriffe, ja Schmähungen gegen preußische Staatsmänner und
-Generale enthielt, in 6000 Exemplaren verbreitet werden, ehe die
-Beschlagnahme der Restauflage von 500 Exemplaren erfolgte. Die »Neuen
-Feuerbrände« vom Kriegsrat von Cölln, eine Zeitschrift ähnlicher
-Tendenz, wurden von Bignons Handlanger, Prediger Hauchecorne, anfangs
-verboten, als sich aber der Herausgeber zur Fortlassung einiger
-Aufsätze verstand, wieder erlaubt.
-
-Gegen diese Cöllnschen »Feuerbrände« richtete nun Gubitz eine
-Zeitschrift »Das Vaterland«, die Preußens Sache mit Wärme verfocht
-und »in geziemender Anständigkeit«, wie Gubitz selbst meint,
-manches sagte, was die Franzosen nicht angenehm berührte. Durch die
-Niedertracht des Predigers Hauchecorne hätte sie ihren Herausgeber
-beinahe auf den Sandhaufen gebracht.
-
-Am 11. Mai 1808 wurde Gubitz morgens zwischen 6 und 7 Uhr verhaftet
-und auf die Kommandantur geschafft. Dort legte man ihm einige aus
-dem Zusammenhang gerissene Sätze seiner Zeitschrift vor, die schwere
-Beleidigungen des Kaisers und des französischen Heeres enthalten
-sollten. So schien es wenigstens nach der Übersetzung, die der
-biedere Hauchecorne von jenen Stellen geliefert hatte; das war seine
-Rache dafür, daß Gubitz einmal unverblümt seine Meinung über die
-Zensorentätigkeit des Predigers, der geborener Preuße war, gesagt hatte.
-
-Die Lage des Angeklagten schien verzweifelt. Denn wie sollte er der
-französischen Behörde die Fälschungen Hauchecornes klarmachen? Da kam
-ihm ein glücklicher Zufall zu Hilfe. Der neue Kommandant Marschall
-Soult, der wohl kurzen Prozeß mit ihm gemacht haben würde, war noch
-nicht zur Stelle, und Bignon vertrat ihn; als dieser den Namen Gubitz
-hörte, erinnerte er sich, Holzschnitte des jungen Künstlers gesehen zu
-haben, die ihm ein alter Kunstfreund Christian von Mecheln nach Paris
-geschickt hatte; und eben, als das Verhör begann, trat wie gerufen
-jener Herr von Mecheln ins Zimmer, der Gubitzens Gönner war und Bignon
-nun ohne Mühe von der Fälschung seines Vertrauensmannes Hauchecorne
-überzeugte.
-
-Am Mittag des Tages war Gubitz schon wieder entlassen, wenn auch
-nicht freigesprochen. Das französische Militärgericht verurteilte ihn
-schließlich zu sechs Wochen Hausvogtei, von denen er aber nur vier
-tageweise und in gelinder Haft absaß. Der glückliche Zufall und das
-Wohlwollen des Kunstfreundes Bignon hatten ihm das Leben gerettet.
-
-
-Der Philosoph Fichte unter Zensur.
-
-Merkwürdigerweise blieb ein Mann von den wachsamen französischen
-Behörden ganz unbehelligt, obgleich er es wagte, mitten im Lager
-des Feindes eine öffentliche Philippika gegen den Welteroberer zu
-schleudern, wie sie kühner und eindringlicher nie gehalten wurde.
-
-Nach dem Frieden von Tilsit war der Philosoph Fichte aus Kopenhagen
-nach Berlin zurückgekehrt; neben Schleiermacher, dem großen Philologen
-Wolf und dem Staatsrechtlehrer Schmalz bildete er den vierten
-Grundpfeiler der neu zu errichtenden Berliner Universität, und am
-13. Dezember 1807 begann er eine Fortsetzung der Vorlesungen über
-die »Grundzüge des gegenwärtigen Zeitalters«, wie er sie schon im
-Winter 1804/05 in Berlin gehalten hatte. Wie anders aber war diese
-Gegenwart! Jetzt zogen, wenn er Sonntagvormittags den runden Saal
-des Akademiegebäudes Unter den Linden betrat, unter den Fenstern
-französische Trommler auf Wache, und in der schon ganz akademischen
-Zuhörerschaft zeigte man mit Fingern auf die anwesenden französischen
-Aufpasser. Das schreckte den Redner nicht; in schlaflosen Nächten
-trat ihm wohl das blutige Schicksal Palms warnend vor die Seele; aber
-er überwand diese Schwäche und führte seine vierzehn Vorlesungen mit
-erhabenem Mut zu Ende. Als »Fichtes Reden an die deutsche Nation« sind
-sie eines der heiligen Bücher seines Volkes geworden, und selbst ein
-Meister des rhetorischen Stils, Friedrich von Gentz, zollte ihnen seine
-Bewunderung mit den Worten: »So groß, tief und stolz hat fast noch
-niemand von der deutschen Nation gesprochen.«
-
-Ob die französischen Aufpasser nicht begriffen, daß diese Reden die
-edelsten Kräfte des Deutschtums gegen die fremde Gewaltherrschaft mobil
-machten? Nur der »Moniteur« meldete einmal, ein berühmter deutscher
-Philosoph in Berlin halte Vorträge über Verbesserung der Erziehung
--- das war die einzige Notiz, die man auf französischer Seite davon
-nahm, und auch als die Reden im Druck erschienen, legten die Franzosen
-ihrer Verbreitung nichts in den Weg. Die einzige Behörde, die ihnen
-verhängnisvoll wurde, war -- das preußische Oberkonsistorium, dessen
-Zensur sie als philosophische Schrift unterlagen.
-
-»Um keine Zeit zu verlieren, deutsche Denkweise zu erneuern und zu
-bilden«, und um etwaigen falschen Auslegungen des gesprochenen Wortes
-vorzubeugen, ließ Fichte seine Reden einzeln sogleich drucken. Als
-er die erste zur Zensur vorlegte, erhielt er den kühl bürokratischen
-Bescheid: man könne sich auf einzelne Hefte nicht einlassen. Das
-Konsistorium hatte es also mit der Verbreitung deutscher Denkweise
-in der besetzten Landeshauptstadt nicht so eilig; es wollte erst
-die Tendenz der ganzen Schrift beurteilen können, um darnach
-zu entscheiden, ob sie nicht vor »eine andere«, die politische
-Zensurstelle gehöre, und beantragte sogar bei der Polizeidirektion,
-»die Vorlesung selbst durch einen Deputierten näher beachten zu lassen«!
-
-Der zweiten und dritten Rede gab es gleichwohl ohne weiteres die
-Druckerlaubnis; der wahre Grund zum Verbot der ersten waren also
-Bedenken gegen den Inhalt, die auch in Randbemerkungen zum Manuskript
-angedeutet waren. Daraufhin beschwerte sich Fichte am 2. Januar 1808
-nachdrücklich beim Minister von Beyme, legte ihm das Manuskript der
-ersten Rede mit den Randstrichen des Zensors vor und schrieb dazu:
-»Was soll aus freier Geisteserregung, was soll aus Erweckung eines
-deutschen Sinnes und Muthes erst alsdann werden, wenn _solche_ Censoren
-uns bevormunden? Ich weiß recht gut, was ich wage; ich weiß, daß ebenso
-wie Palm ein Blei mich tödten kann; aber dies ist es nicht, was ich
-fürchte, und für den Zweck, den ich habe, würde ich gern auch sterben.
-Ueber diese Rücksichten hinweg soll man nun noch mit den kindischen
-Bedenklichkeiten, den kopflosen Auslegungen und der verzagten Politik
-solcher Censoren Rücksprache nehmen?«
-
-Dieser Protest half aber nichts, die erste Rede blieb zunächst
-ungedruckt und wurde erst genehmigt, nachdem Fichte »einige Änderungen«
-gemacht hatte.
-
-Niemand würde es dem ehrenwerten Konsistorium verdenken, wenn es
-die Verantwortung für Äußerungen abgelehnt hätte, die ihm ernste
-Ungelegenheiten seitens der französischen Regierung zuziehen konnten.
-Solche Bedenken lagen aber tatsächlich gar nicht vor, sondern die
-kleinlichste Kirchturmpolitik gab wieder einmal den Ausschlag. Der
-Änderungen, die Fichte machen mußte, waren nur zwei: einmal sprach
-er von der »Schwäche der Regierung«, was sich nur auf die preußische
-beziehen konnte; um diesen Tadel zu verwischen, setzte er statt der
-Einzahl die Mehrzahl »Regierungen«! Und statt des Satzes: »Diese
-Bande also waren es, durch deren Zerreißung der Staat zu Grunde ging«
--- womit wieder nur Preußen gemeint war -- mußte er jetzt, völlig
-unbestimmt, schreiben: »Bande solcher Art waren es, die irgendwo
-gänzlich zerrissen, und durch deren Zerreißung das gemeine Wesen sich
-auflöste«!
-
-Die Angst vor den Franzosen veranlaßte aber das Konsistorium, die achte
-Rede Fichtes der Oberregierungskommission vorzulegen. Was ihr darin
-besonders gefährlich schien, hat sich nicht mehr feststellen lassen.
-Aber sogar die nicht eben tapfere Regierungskommission hatte kein
-Bedenken dagegen.
-
-Derselben Kommission legte dann das Konsistorium auch die erste und
-letzte Rede zur eigenen Rückendeckung vor. In der letzten milderte
-Fichte zwei nicht näher bekannte Stellen; gegen die Änderung einer
-dritten aber sträubte er sich und rief dabei den Freiherrn vom Stein
-zu Hilfe. Ob es nach dem Kriege »jemals uns wieder wohlgehen soll,«
-so hatte er geschrieben, »dies hängt ganz allein von uns ab, und es
-wird sicherlich nie wieder irgend ein Wohlsein an uns kommen, wenn
-wir nicht selbst es uns verschaffen«. Diese gefährliche Drohung einer
-Selbsthilfe wollte auch die Regierungskommission nicht durchlassen;
-Fichte setzte also auf Steins Rat den abschwächenden Nachsatz hinzu:
-»und insbesondre, wenn nicht jeder Einzelne unter uns in seiner Weise
-tut und wirket, als ob er allein sei, und als ob lediglich auf ihm das
-Heil der künftigen Geschlechter beruhe«. Damit war das Kapitol wieder
-einmal gerettet!
-
-Als schließlich auch die erste Rede freigegeben wurde, füllte der Text
-nicht die dazu leer gelassenen 48 Seiten. Die so entstandene Lücke
-stopfte deshalb Fichte mit einigen Abschnitten aus älteren Arbeiten,
-die schon gedruckt oder von der Zensur genehmigt waren; er verglich
-darin die »Große Schreibe- und Preßfreiheit in Machiavells Zeitalter«
-mit der Gegenwart, geißelte die Zensoren, die alles Neue, was sie nicht
-sogleich zu fassen vermögen, als verborgenes Gift unterdrücken, »um
-ganz sicher zu gehen«, und bestritt ihre Befugnis, »irgend einem Tone
-deswegen zu verwehren, laut zu werden, weil er an _ihre_ Ohren fremd
-und paradox anschlägt«. So bildeten diese einleitenden, den Leser
-zunächst befremdenden Fragmente eine feine Satire auf das, was er
-selbst mit diesem seinem Buche erlebt hatte.
-
-
-Fichtes verlorene »Rede an die deutsche Nation«.
-
-Mit den Zensurschwierigkeiten, die das preußische Oberkonsistorium
-Fichtes »Reden an die deutsche Nation« bereitete, ist aber dessen
-Wirksamkeit bei der Herausgabe jenes Buches keineswegs erschöpft.
-Es kam noch schlimmer! Der unverantwortlichen Nachlässigkeit dieser
-Zensurbehörde verdanken wir es, daß die dreizehnte der Fichteschen
-Reden in ihrem ursprünglichen Wortlaut unwiderruflich verlorenging!
-Statt ihrer erschien nur eine »Inhaltsangabe der dreizehnten Rede« mit
-folgender Anmerkung des Verfassers:
-
-»Nachdem ich eine Reihe von Wochen die Handschrift dieser dreizehnten
-Rede, die bei meiner Zensurbehörde eingereicht war, zurückerwartet
-hatte, erhalte ich endlich statt derselben das folgende Schreiben:
-
- ›Das Manuscript der dreizehnten Rede des Herrn Professor Fichte
- ist, nachdem derselben schon das Imprimatur ertheilt worden,
- durch irgend einen Zufall verlohren gegangen, und hat aller
- Bemühungen ohnerachtet nicht wieder aufgefunden werden können.
-
- ›Um nun den Verleger etc. Reimer beim Abdruck nicht
- aufzuhalten, ersuche ich des Herrn Professor Fichte Wohlgeboren
- diese Rede aus Ihren Heften zu ergänzen, und mir zum Imprimatur
- zuzuschicken.
-
- ›Berlin, den 13. April 1808.
-
- _v. Scheve_.‹
-
-»Das, was dieses Schreiben unter Heften verstehen mag, halte ich nicht,
-und was etwa bei der Ausarbeitung des Textes auf Nebenblättern angelegt
-und vorbereitet war, wurde bei einer in dieser Zeit vorgefallenen
-Veränderung der Wohnung den Flammen übergeben. Ich war darum
-genöthiget, darauf zu bestehen, daß die Handschrift, die verlohren seyn
--- nicht sollte, wieder herbeigeschafft würde. Dieses ist, wie man
-versichert hat, auch durch das sorgfältigste Nachsuchen nicht möglich
-gewesen; es ist wenigstens nicht geschehen, und ich habe die Lücke
-ausfüllen müssen, wie ich gekonnt.
-
-»Indem ich zu meiner eigenen Rechtfertigung genöthigt bin, diesen
-Vorfall zur Kunde des auswärtigen Publikums zu bringen, bitte ich
-jedoch dasselbe, zu glauben, daß die Erscheinungen, die man sowohl in
-dem Vorfalle selbst, als in dem obenstehenden Schreiben darüber finden
-dürfte, allhier bei uns keinesweges allgemeine Sitte sind, sondern
-daß dieser Vorfall nur eine höchst seltene, und vielleicht nie also
-da gewesene Ausnahme macht, und daß sich erwarten läßt, es werden
-Vorkehrungen getroffen werden, damit ein solcher Fall nicht wieder
-eintreten könne.«
-
-Dieses ironische Zeugnis, daß derlei Vorfälle »allhier bei uns
-keinesweges allgemeine Sitte« seien, läßt darauf schließen, daß Fichte
-selbst nicht recht an den unglücklichen »Zufall« glaubte, und um
-nicht weiter von den »kindlichen Bedenklichkeiten« dieser Berliner
-Zensurbehörde abhängig zu sein, bat er in einem Schreiben vom 2.
-Mai 1808 die Oberregierungskommission, die Zensur seiner notdürftig
-wiederhergestellten dreizehnten Rede »einer andern zuverlässigen
-Behörde« zu übertragen. Vor allem fürchtete er, das Konsistorium
-werde jene es selbst bloßstellende Anmerkung unterdrücken wollen. Das
-bestätigte sich auch durchaus. Die Regierungskommission betraute zwar
-keine andere Behörde, wohl aber einen andern Zensor mit der Aufgabe,
-und dieser, der sonst liberale und patriotische Propst Hanstein, wollte
-ebenfalls den Abdruck der Anmerkung mit dem Brief des Chefpräsidenten
-von Scheve nicht zulassen, da »sie weder in das Fach der Philosophie
-noch in das der Religion einschlüge«! Fichte milderte zwar die
-kränkendsten und beleidigendsten Stellen der Anmerkung, aber auf dem
-wörtlichen Abdruck des den Vorfall so »leichtnehmenden« Briefes bestand
-er, und die Regierungskommission ließ ihn gewähren.
-
-Der Vorfall veranlaßte den Philosophen ferner, beim Minister von Beyme
-die gesetzliche Aufhebung aller Zensur über nichtoffizielle Schriften
-in Anregung zu bringen, damit in Zukunft keine Behörde mehr, sondern
-nur immer Verfasser oder Verleger zur Verantwortung gezogen werden
-könnten. Beyme war mit diesem Vorschlag, den er selbst schon 1802
-gemacht hatte, völlig einverstanden, aber seine Hoffnung, daß »die
-wiederauflebende Regierung in Berlin« mit einer solchen Maßregel »den
-Geist bezeichnen« werde, »der künftig sie beherrschen soll«, erfüllte
-sich nicht.
-
-
-Preußische Zensurreform 1808.
-
-Am 5. Dezember 1808 verließen endlich die französischen
-Verwaltungsbeamten Berlin, und schon begann die einheimische
-Gesetzgebungsmaschine wieder ihren Lauf. Die von den Franzosen
-entlassenen Zensoren Polizeipräsident Büsching und Finanzrat von Hüttel
-traten ihr Amt wieder an, und das erste Opfer der wiederkehrenden
-Ordnung war der Dichter der »Undine«, Fouqué, der zur Feier des
-Abmarschs der Franzosen ein »Gespräch zweier preußischer Edelleute«
-geschrieben hatte, das den Vorschlag einer unter Führung des Adels zu
-errichtenden Landwehr enthielt; es war schon gedruckt, durfte aber erst
-1813 ausgegeben werden, als die Landwehr durch königliche Verordnung
-bereits geschaffen war.
-
-Durch die schon am 24. November 1808 verfügte Neuorganisation der
-gesamten preußischen Staatsverwaltung war auch die Zensurbehörde
-wesentlich umgestaltet worden. Die stürmische Zeit hatte eine Flut
-politischer Literatur aufgewühlt, und bei jeder Drucksache fragte
-man seitens der Behörde zuallererst: politisch oder unpolitisch?
-In diese beiden großen Gruppen schied man also jetzt die gesamte
-Literatur und überwies jede einer besondern Behörde als oberster
-Instanz. Die Beaufsichtigung der politischen Schriften einschließlich
-der politischen Zeitungen verblieb wie bisher dem Ministerium des
-Auswärtigen; an dessen Spitze stand Minister von der Goltz, der
-Nachfolger und wieder Vorgänger Hardenbergs; unter ihm führte die
-Zensurgeschäfte der Sektionschef Geh. Staatsrat Küster, und als
-Zensoren arbeiteten der Geh. Finanzrat von Hüttel und für die Zeitungen
-der Geh. Kriegsrat Himly.
-
-Die ganze Masse der nichtpolitischen Literatur wurde dem Ministerium
-des Innern und der Polizei zugewiesen, und zwar dessen erster Sektion,
-der Abteilung für Kultus und öffentlichen Unterricht. Die Kollegien,
-die bisher, jedes selbständig, die Zensur geübt hatten (Konsistorium,
-Kammergericht, Medizinalkollegium und Polizei), schaltete man durch
-diese Vereinheitlichung stillschweigend aus, ließ sie aber einstweilen
-noch weiter amtieren; nur hatten sie jetzt in schwierigen Fällen die
-Akten der Kultusabteilung zur Beschlußfassung vorzulegen.
-
-Diese sinngemäße Neuerung schien um so wertvoller, als der jetzige
-Minister des Innern, Graf Alexander von Dohna, ein freisinniger,
-überlegener Kopf war, und an die Spitze der Kultusabteilung auf des
-Freiherrn vom Stein Empfehlung am 20. Februar 1809 kein Geringerer als
-Wilhelm von Humboldt trat, der von 1801 bis 1808 in Rom die preußische
-Diplomatie glänzend vertreten hatte. Hier kam also einmal der richtige
-Mann an die richtige Stelle, und für die liebevoll schonende Behandlung
-literarischer Werte schienen nun alle Vorbedingungen gegeben zu sein.
-
-
-Humboldt als Zensor.
-
-Humboldt war von der Überzeugung durchdrungen, daß »uneingeschränkte
-Zensurfreiheit das einzig richtige Prinzip« sei, unter gesetzmäßiger
-Verantwortlichkeit des Verfassers bzw. des Verlegers oder Druckers, und
-daß man »sich diesem Grundsatz mit der Zeit immer mehr und mehr nähern«
-müsse. Für Preußen schien ihm aber diese Zeit noch nicht gekommen. Der
-Hochflut von Schmähungen gegen Staat und König in zahllosen anonymen
-Flugschriften vaterlandsloser, franzosenfreundlicher Gesellen müsse
-man steuern, ebenso den Besserwissern, die »ohne wahre Kenntniß der
-politischen Lage, wenn auch aus patriotischer Gesinnung«, ohne Beruf
-dazu und ungefragt, ihre Staatsrezepte veröffentlichten. Das Bewußtsein
-der eigenen Verantwortlichkeit wirke nicht »abmahnend« genug, da man
-zu sehr »an gelinde und sanfte Maßregeln gewöhnt« sei. Die Zensur der
-politischen Schriften, die der Minister des Äußern von der Goltz ihm
-sofort antrug, traute er sich selbst nicht einmal zu; die könne immer
-nur ein wirkliches Mitglied des Auswärtigen Amtes führen, das über die
-gegenwärtige Lage genau unterrichtet sei; eine bindende Instruktion
-für die Zensur sei ja ein Unding, da sie »nach Maßgabe der Zeiten und
-Umstände bald mehr, bald weniger strenge sein müsse«.
-
-Bei dieser schwebenden, immerfort wechselnden Lage der Zensur wußte
-auch Humboldt keinen andern Rat, als sich bis auf weiteres an das
-Wöllnersche Zensuredikt von 1788 zu halten und sich bei der »in
-diesen unbestimmten Grenzen gewährten Freiheit« der Beurteilung »den
-allgemeinen und jedesmaligen besondern Verhältnissen des Staates mit
-Gewissenhaftigkeit und Einsicht anzupassen«. Er verlangte also von
-den Zensoren gerade das, was sie niemals leisten konnten. Er empfahl
-zwar seinen Untergebenen, das alte Zensuredikt »liberal« zu handhaben,
-dabei sollten sie aber die »Mittelstraße« einhalten, die »nirgend so
-sehr als bei der Zensur in jetziger Zeit nothwendig« sei, Vorschriften,
-die lauter erleuchtete, einem Humboldt kongeniale »Geschäftsmänner«
-voraussetzten, nicht aber Durchschnittsintelligenzen, auf die sich die
-Staatsmaschine einstellen muß.
-
-Während seiner kurzen Amtsdauer konnte sich auch Humboldt selbst
-bei Behandlung der Einzelfälle von der ängstlichen Befangenheit des
-Neulings nicht freimachen. Der Berliner Polizeipräsident Büsching,
-der die Verantwortung für die periodischen Schriften, die Flug- und
-Gelegenheitsliteratur, den polizeilichen Teil der Zeitungen und die
-Inserate hatte, scheint seinem neuen Vorgesetzten nicht zu Dank
-gearbeitet zu haben; er wurde Anfang April 1809 durch Justus Gruner,
-den bekannten Patrioten und Freund Arndts, ersetzt. Ihm empfahl
-Humboldt, die Zeitungen und Intelligenzblätter schärfer, die von
-»wohlbekannten und bewährten Verfassern« herausgegebenen Zeitschriften
-wie die »Berlinische Monatsschrift« nach andern Grundsätzen zu
-zensieren. Die Vorrechte der Universitäten und der Akademie wollte er
-nicht antasten, aber daß die »Berlinische Monatsschrift«, weil ihr
-Herausgeber Biester und die Mehrzahl ihrer Mitarbeiter Mitglieder der
-Akademie waren, Zensurfreiheit habe, wollte er nicht anerkennen; erst
-nach langen Verhandlungen gestand er Biester die Selbstzensur seines
-Blattes zu.
-
-Auch Humboldts Zensurentscheidungen unterschieden sich nicht eben von
-denen seiner Vorgänger und Nachfolger. Der Zensor vom Auswärtigen
-Amt von Hüttel legte ihm ein neues Buch des fruchtbaren Publizisten
-Friedrich Buchholz vor, »Ideen einer arithmetischen Staatskunst«,
-worin Humboldt allerhand Stellen beanstandete. »Es giebt keine
-gefährlichere Classe in der Gesellschaft« als die Bankiers, hatte
-Buchholz geschrieben; »so allgemein« gesagt, sei das anstößig, erklärte
-Humboldt. Der Ausdruck »Schmutz« von einer »Achtung verdienenden
-Arbeit wie dem Ackerbau« könne »nicht geduldet« werden, und ein
-»revolutionärer Zustand« mußte auf seinen Befehl in einen »unsichern«
-verwandelt werden.
-
-Ein anderer Vorfall zeigt, in welchem Kleinkram sich auch ein
-Humboldt in seiner Eigenschaft als Zensor erschöpfte. Ein Graf Kameke
-veröffentlichte ein Buch über Pferdezucht unter dem barocken Titel »Der
-Hengst, wie er sein sollte, ein Gegenstück zu Elisa, oder das Weib,
-wie es sein sollte«. Das Buch »Elisa«, ein Produkt der Aufklärung,
-hatte seinerzeit ein gewisses Aufsehen erregt; der Hinweis darauf war
-also nur ein Reklamestück des Grafen Kameke oder seines Verlegers.
-Die »Gesellschaft der Freunde der Wahrheit« hatte gegen diese
-Gegenüberstellung von Weib und Hengst öffentlich protestiert, und auch
-Humboldt, der spätere Verfasser der »Briefe an eine Freundin«, fand
-sie begreiflicherweise unpassend. Obgleich er nun stets hervorhob,
-daß die Zensur »keine Rezension« sei, ließ er dem Zensor, der sich an
-dem geschmacklosen Titel nicht gestoßen hatte, dem Kammergerichtsrat
-Müller, einen Verweis erteilen. Der Kammergerichtspräsident von
-Kircheisen wollte aber darüber keine Belehrung annehmen. Die Folge war,
-daß Humboldt, der es mit dem Minister Dohna für »auffallend unpassend«
-empfand, daß das Kammergericht unter anderm auch die schöne Literatur
-beaufsichtigte, diesem Kollegium die Zensur überhaupt nahm und sie am
-31. Mai 1809 dem oben erwähnten Professor und kgl. Bibliothekar Biester
-übertrug.
-
-Trotz solcher Strenge gelang es aber auch Humboldt nicht, den immer
-empfindlicher und ängstlicher werdenden König zufriedenzustellen, und
-er sorgte daher schnell dafür, dies ärgerliche Amt wieder loszuwerden.
-Am 29. April 1810 reichte er sein Abschiedsgesuch ein und wurde am 14.
-Juni als Gesandter nach Wien versetzt.
-
-
-Kleists Ode auf den Wiedereinzug des Königs in Berlin.
-
-Auf die Rückkehr des königlichen Hofes mußten die Berliner noch ein
-volles Jahr warten, denn die französischen Besatzungstruppen waren
-noch keineswegs ganz aus Preußen zurückgezogen, und auch als der
-König endlich am 23. Dezember 1809 von Königsberg wieder nach Berlin
-übersiedelte, geschah dies nur, um dem mißtrauischen Napoleon einen
-Beweis des Vertrauens zu geben.
-
-Das bevorstehende Ereignis begeisterte den Dichter Heinrich von Kleist
-zu seiner prächtigen Ode:
-
- Was blickst Du doch zu Boden schweigend nieder,
- Durch ein Portal siegprangend eingeführt,
-
-und er wollte dieses Gedicht im Frühjahr 1809 in Berlin als Flugblatt
-drucken lassen. Der neue Polizeipräsident Gruner mußte aber am 24.
-April das Imprimatur verweigern.
-
- Blick auf, o Herr! Du kehrst als Sieger wieder,
- Wie hoch auch jener Cäsar triumphirt --
-
-dieser Hinweis auf Napoleon war zu gefährlich, und ebenso die Andeutung
-der dritten Strophe von einer künftigen neuen Erhebung Preußens gegen
-das französische Sklavenjoch:
-
- Und müßt' auch selbst noch auf der Hauptstadt Thürmen,
- Der Kampf sich für das heil'ge Recht erneu'n.
-
-Erst anderthalb Jahre später wagte Gruner die Druckerlaubnis für
-das Gedicht zu erteilen; es erschien am 5. Oktober 1810 in Kleists
-»Berliner Abendblättern«.
-
-
-Friedrich Schlegels »Gelübde«.
-
-Ebenfalls zu Anfang des Jahres 1809 dichtete Friedrich Schlegel sein
-»Gelübde«:
-
- Es sey mein Herz und Blut geweiht,
- Dich Vaterland zu retten.
- Wohlan, es gilt, du seyst befreit;
- Wir sprengen deine Ketten!
- Nicht fürder soll die arge That,
- Des Fremdlings Übermuth, Verrath,
- In deinem Schooß sich betten.
- usw.
-
-Die Verse bildeten den Schluß der Sammlung »Gedichte« von Friedrich
-Schlegel, die unmittelbar darauf bei J. E. Hitzig in Berlin erschien.
-Der zuständige Zensor scheint keinen Anstoß daran genommen zu haben,
-und das Buch wurde schon ausgegeben, als der Polizeipräsident Gruner
-dahinterkam und schleunigst aus den noch vorhandenen Exemplaren das
-bedenkliche Schlußblatt (S. 387 f.) und zugleich das verräterische
-Inhaltsverzeichnis entfernen ließ. Ein Teil der Bücher war aber schon
-nach Leipzig geschafft worden und entging dieser Verstümmelung.
-
-
-Schicksale eines Kriegsliedes.
-
-Während Preußen, blutend an Haupt und Gliedern, noch zähneknirschend
-das Joch der französischen Sklaverei tragen mußte, raffte sich
-Österreich zu neuem Widerstande auf. Am 9. April 1809 erklärte es
-Napoleon abermals den Krieg. Zu diesem Anlaß schrieb der Wiener Dichter
-Ignaz Franz Castelli sein »Kriegslied für die österreichische Armee«:
-
- Hinaus, hinaus, mit frohem Muth!
- Hinaus in's Feld der Ehre,
- Damit der Feinde Übermuth
- Nicht uns'rer Brüder Hab' und Gut
- Und unser Land verheere ...
-
-und so weiter in lauterstem Patriotismus.
-
-Die Verse gingen in zahllosen Abschriften von Hand zu Hand, und um sie
-drucken zu lassen, legte sie Castelli der Zensurstelle vor. Als er nach
-einiger Zeit persönlich aufs Amt ging, um sein Manuskript abzuholen,
-erhielt er es zurück mit dem Vermerk: »Kann gedruckt werden, wenn der
-erste Schuß geschehen sein wird.«
-
-Auf dem Heimwege traf er einen Freund, der ihm ein soeben gekauftes
--- gedrucktes und mit dem Namen des Dichters unterzeichnetes Exemplar
-ebenjenes Kriegsliedes überreichte.
-
-Ein zweiter Zensor hatte einem Fabrikanten, der eine Abschrift der
-Verse eingereicht hatte, die Erlaubnis zum Druck gegeben, die sein
-Kollege dem Dichter selbst fürs erste verweigerte!
-
-Kurz darauf ließ Erzherzog Karl Castellis Gedicht in mehreren
-Hunderttausend Exemplaren drucken und unter seine Soldaten verteilen.
-Als infolgedessen Abdrücke davon bei österreichischen Gefangenen
-gefunden wurden, erklärte Napoleon den Verfasser in die Acht, und
-dieser hätte das Schicksal Palms erlitten, wenn er dem Allgewaltigen in
-die Hände gefallen wäre.
-
-
-
-
-9. Ein Opfer der Zensur.
-
-
-Hardenbergs Maske.
-
-Napoleons zweiter Einzug in Wien schon am 13. Mai 1809, sein
-entscheidender Sieg bei Wagram am 5. und 6. Juli und der Friede zu
-Schönbrunn am 14. Oktober, der Österreich über 100000 Quadratkilometer
-seines Landes kostete, war für das gedemütigte Preußen eine
-nachdrückliche Warnung, sich so gut es ging auf den Trümmern der
-Vergangenheit wieder einzurichten und alles zu vermeiden, was aufs
-neue den Zorn des übermächtigen Korsen herausfordern konnte. Die
-Preßfreiheit war auch in Frankreich längst nur eine falsche Flagge;
-sie wurde jetzt eingezogen, indem Napoleon am 5. Februar 1810 die
-Zensur wieder einführte und ein großzügiges Generaldirektorium für
-die Buchdruckereien und den Buchhandel errichtete, mit dem Grafen
-Pourtales an der Spitze, zahllosen Zensoren, geheimen Instruktionen
-usw. Da Preußen seine Empfindlichkeit gegenüber vorlauten Skribenten
-ausgiebig erfahren hatte, befürchtete es nicht mit Unrecht von diesem
-französischen Generaldirektorium eine noch schärfere Beaufsichtigung
-der Presse.
-
-Am 10. Juni 1810 trat Hardenberg, von Napoleon gnädig geduldet,
-wieder an die Spitze des Ministeriums, und nun vollendete sich die
-übermenschliche Arbeit des Neubaus des preußischen Staates, die Steins
-und Hardenbergs Namen unsterblich gemacht hat.
-
-Die herrschende Aufregung, das trotz des Friedens gespannte Verhältnis
-zu den Franzosen und das immer wache Mißtrauen Napoleons durch freie
-Meinungsäußerung noch zu verschärfen, glaubte Hardenberg nicht wagen
-zu können, und daher ging er sogleich an eine neue Einrichtung der
-Zensur. Die Abteilung des Kultus mußte die Zensur der nichtpolitischen
-Schriften an die andere Sektion im Ministerium des Innern, die Polizei,
-wieder abgeben, und wo auch nur die Spur einer Kritik an den jetzigen
-Staatsumwälzungen vorlag, trug der Sektionschef Sack persönlich die
-Verantwortung. Hardenberg bescherte dem Volke zwar am 2. November
-1810 die Gewerbefreiheit, aber die Begründung neuer Zeitungen nahm er
-ausdrücklich davon aus. Denn am 3. August hatte Napoleon befohlen,
-daß in jedem Departement des Kaiserreichs nur noch _eine_ politische
-Zeitung erscheinen dürfe, und die Erwartung ausgesprochen, daß alle
-seine Verbündeten ebenso verfahren würden. Gehörte Preußen auch nicht
-gerade zu den Rheinbundfürsten, so hütete es sich doch, den Wünschen
-des Kaisers ausdrücklich zuwiderzuhandeln, bemühte sich vielmehr, den
-»Großmogul« bei guter Laune zu halten. Ihm mit der rächenden Waffe
-entgegenzutreten, dazu war die Kraft noch gelähmt, dazu bedurfte
-man noch einiger Jahre beschämender Neutralität, die wohl oder übel
-den anwedelt, der die Macht hat. Dieser kommenden Freiheitsstunde
-arbeiteten rettende Mächte in vorsichtiger Stille entgegen.
-
-Ohne schärfste Überwachung der gesamten einheimischen Literatur ging
-es da nicht ab, und so mußte sich notgedrungen Hardenbergs Strenge
-gegen diejenigen wenden, deren heißblütiger Patriotismus das Schwert
-gegen den Gewaltherrscher je eher je lieber wieder ergriffen hätte.
-Ein unseliges Geschick wollte es, daß auch einer der größten deutschen
-Dichter, Heinrich von Kleist, zu diesen jetzt Verfemten gehörte.
-
-
-Kleists »Abendblätter«.
-
-Kleist hatte nach seiner Übersiedlung nach Berlin im Frühjahr 1810
-freudige Aufnahme bei der dortigen Patriotengruppe gefunden, die
-vorwiegend aus Adligen bestand. Minister von Altenstein, Steins
-erster Nachfolger, begünstigte ihn, und der Königin Luise durfte er
-zu ihrem Geburtstag am 10. März ein Huldigungsgedicht überreichen.
-Vielleicht dieser hohen Protektion verdankte er die Erlaubnis, mit
-seinem Freunde Adam Müller eine Berliner Tageszeitung herauszugeben,
-die vom 1. Oktober 1810 ab wochentäglich erschien. Im Format fast eines
-Gebetbuches und nur vier Seiten die Nummer. Dennoch ein aussichtsvolles
-Unternehmen, denn ein täglich erscheinendes Blatt war damals in
-Preußens Hauptstadt etwas völlig Neues.
-
-Und die Zeitung machte Glück, wenn sie auch nach Wilhelm Grimms
-Ausdruck nur ein »ideales Wurstblatt« war. Täglich erscheinend, war
-sie mit neuen Nachrichten schneller zur Stelle als die schwerfällige
-Konkurrenz; sie pflegte Kunst und Theater, die von jener fast ganz
-vernachlässigt wurden, und führte in Prosa und Epigrammen eine
-schneidige Kritik. Ein lokales Ereignis war außerdem, daß die
-»Abendblätter« die ersten Berliner städtischen Polizeiberichte
-brachten, die der damalige Polizeipräsident Gruner selbst lieferte.
-
-So schien sich zum erstenmal dem rast- und glücklos umhergetriebenen
-Dichter eine freundlich-sichere Zufluchtsstätte in behaglicher
-literarischer Arbeit zu öffnen.
-
-
-Die Zensur der »Abendblätter«.
-
-Als unpolitisches Blatt unterlagen die »Abendblätter« nach der neuesten
-Vorschrift der Aufsicht des Ministeriums des Innern und der Polizei,
-und ihr eigener Mitarbeiter, Polizeipräsident Gruner, führte die
-Zensur. Die politische Harmlosigkeit war aber nur eine wohlüberlegte
-Täuschung, um der Zensur des Kriegsrats Himly vom Auswärtigen Amt zu
-entgehen, und die beiden Herausgeber wiegten sich in der trügerischen
-Hoffnung, diese Maske nach und nach lüften zu können. Das merkte Himly
-natürlich sofort, und bald war Kleists Zeitung der Zankapfel der beiden
-gleichgeordneten Behörden.
-
-So töricht war natürlich auch der Patriot Kleist nicht, in seinem
-Winkelblättchen Napoleon den Krieg zu erklären. Aber daß man ihn
-geradezu zum Bundesgenossen des Übermütigen, zur Schonung der
-Rheinbundpolitiker und der ihm verhaßten vaterlandslosen Gesellen
-preßte, hatte er nicht erwartet und ebensowenig geahnt, welcher
-Stacheldrahtverhau von Rücksichten ihn von allen Seiten beengen würde.
-Nach der Besiegung Preußens und Österreichs ruhten damals die Kämpfe
-in Mitteleuropa. Nur die Spanier und Portugiesen erwehrten sich
-hartnäckig des französischen Eindringlings, der sie zur Teilnahme
-am Krieg gegen England zwingen wollte. Die Rollen sind heute etwas
-anders verteilt -- das System aber ist das alte. Gegen England führte
-Napoleon den unblutigen Krieg der Kontinentalsperre, um die »Freiheit
-der Meere« -- ein altes napoleonisches Schlagwort -- zu ertrotzen, ein
-Ziel, das wir hoffentlich besser erreichen als der Korse vor hundert
-Jahren. Ein großzügiger Pressefeldzug, dessen Schliche heute John
-Bull besser versteht als der deutsche Michel, ging nebenher, und die
-gesamte Journalistik Europas, soweit die Staaten von der Gnade des
-französischen Kaisers abhingen oder sich um sein Lächeln bemühten,
-mußten ihn mitmachen. Brachte nun Kleist eine noch so kleine Notiz
-über Verluste der Franzosen in Spanien -- flugs beschwerte sich der
-französische Gesandte beim Minister des Äußern von der Goltz, und die
-»Abendblätter« wurden verwarnt, sich aller Politik zu enthalten, und
-mußten sich gleich den beiden andern Berliner Zeitungen bequemen,
-des »Moniteur« offizielle französische Lügenpost von lauter Siegen
-aufzunehmen. Kein günstiges Wort über England durfte fallen, mit dem
-die preußischen Patrioten im gemeinsamen Kampf gegen Napoleon damals
-sympathisierten. Schon jede nicht feindliche Erwähnung Britanniens
-wurde vom Berliner Zensor gestrichen. Die Kontinentalsperre und die
-Vernichtung aller englischen Kolonialwaren auf dem gesamten Festlande
-hatten die Preise für Kaffee, Tee, Zucker usw. genau so wie heute ins
-Ungemessene gesteigert; auch das sollte der deutsche Michel wunderschön
-finden, und wenigstens in Preußen durfte keine Klage, kein satirischer
-Scherz darüber laut werden, dafür sorgte der Rotstift des Zensors.
-Manche Anzüglichkeiten dieser Art schlüpften dennoch durch; Kleist
-und seine Mitarbeiter lernten bald die Kunst, zwischen den Zeilen zu
--- schreiben, woraus sich in den folgenden Jahrzehnten ein besonderer
-Zensurstil entwickelte, und auch der wachsamste Zensor hat seine
-schwachen Stunden.
-
-Nicht einmal über die Französische Revolution durften preußische
-Politiker ihre Meinung sagen, denn Napoleon war ja der große Sohn jener
-Umwälzung. 1793 hatte Friedrich von Gentz das Werk »~Reflections on
-the Revolution in France~« von Edmund Burke, einem heftigen Gegner
-der Revolution, übersetzt und war darüber selbst aus einem Saulus ein
-Paulus, ein Anhänger des Bestehenden, geworden. Jetzt, 1810, durfte an
-solche Dinge nicht erinnert werden.
-
-Auf diese Extratouren in der äußern Politik hätten die »Abendblätter«
-zur Not verzichten können, wenn auch Patrioten wie Kleist es schwer
-übers Herz brachten, da Liebe oder nur Duldung zu heucheln, wo -- nach
-dem Dichter der »Hermannsschlacht« -- Haß ihr Amt war und ihre Tugend
-Rache! Weit verhängnisvoller aber wurden für Kleist die Zusammenstöße
-mit Hardenberg als dem auch für die innere Politik verantwortlichen
-Staatsmanne.
-
-
-Die Neuorientierung 1810.
-
-Neuorientierung war 1810 auch in der innern Politik die Losung des
-Tages. Aber damals ging sie etwas tiefer, als sie heute, trotz
-Parlamentarismus und ähnlichen Schlagwörtern, überhaupt noch gehen
-kann. Die Leibeigenschaft, die in den ländlichen Bezirken noch
-vorherrschte, wurde beseitigt, der Bauer von Hörigkeit und Frondienst
-befreit und der Adel eines Teils seiner Vorrechte beraubt, um dem
-tüchtigen Bürgertum freie Bahn zu schaffen; die Städte und Gemeinden
-erhielten Selbstverwaltung, wodurch der alte Beamtenstaat aufgehoben
-und der Begriff des Staatsbürgertums erst lebendig wurde. Die
-Verwaltung bis hinauf zu den Ministerien, die bis dahin noch nicht
-in Fachministerien geschieden waren, wurde von der Wurzel aus neu
-organisiert und die innerpolitische Verfassung Preußens nach dem
-Entwurf des Freiherrn vom Stein völlig reformiert. Hardenberg war vor
-allem die schwierige finanzpolitische Lösung des Verwaltungsproblems
-vorbehalten, und er führte sie glänzend durch. Auch damals waren
-ungezählte Milliarden aufzubringen, zum großen Teil zur Bezahlung
-der ungeheuern Kriegskontributionen, die Napoleons Übermut dem
-geschwächten Preußen abpreßte. Welche Steuerbuketts regneten damals
-auf die verarmte Bürgerschaft herab! Grundsteuer, Gewerbesteuer,
-Luxussteuer, Konsumtionssteuer -- niemand war vor dem Klingelbeutel
-des Fiskus sicher. Die geistlichen Güter wurden säkularisiert, Domänen
-verkauft, und durch diese beispiellose neue Steuerorganisation gelang
-es wirklich, den Staatsbankerott, den Österreich erlitten hatte,
-von Preußen abzuwenden und den französischen Usurpator an weiteren
-Übergriffen zu verhindern.
-
-Der Adel aber murrte über seine Entrechtung, der Grundbesitz jammerte
-über seine Vernichtung, das Militär knirschte mit den Zähnen über die
-allzu lange Geduld des obersten Kriegsherrn. Hardenbergs Finanzedikt
-vom 27. Oktober 1810 hatte obendrein den Beginn einer Parlamentisierung
-verheißen, eine »zweckmäßig eingerichtete Repräsentation«, und da
-seine sämtlichen Reformen den freihändlerisch-liberalen Geist des
-englischen Nationalökonomen Adam Smith atmeten, des Begründers der
-modernen Nationalökonomie, so führte er sie durch im notgedrungenen
-Einverständnis zwar mit seinem königlichen Herrn, aber im schärfsten
-Gegensatz zu denen, die sich als die Paladine des Thrones zu betrachten
-gewöhnt waren.
-
-
-Adam Müller -- Kleists Verhängnis.
-
-In diese innerpolitischen Kämpfe griff nun Kleist als Herausgeber der
-»Abendblätter« ein. Er selbst schrieb nicht eigentlich politische
-Leitartikel. Das besorgte Adam Müller, und dieser stand mit seiner
-Überzeugung ganz auf Seiten der starr konservativen Elemente, deren
-Weltanschauung der Oberstleutnant von Ompteda, auch ein Mitarbeiter
-der »Abendblätter«, einmal dahin formulierte: »Wenn Voltaire sehr früh
-in die Bastille gesetzt und darin vergessen, Rousseau von Frau von
-Warens in einem Narrenhospitale versorgt und Basedow im Schuldturme
-festgehalten worden wäre, sähe es höchst wahrscheinlich in Frankreich,
-Deutschland und dem übrigen Europa ganz anders, und besser aus.« Zwei
-politische Richtungen bekämpften damals einander bis aufs Blut; die
-eine, die Preußen als ausgesprochenen Agrarstaat erhalten wollte;
-die andere, die nach dem neuen Evangelium Adam Smiths Freihandel,
-freie Konkurrenz und ungehemmteste Entwicklung aller wirtschaftlichen
-Kräfte ohne Vorrechte und Monopole als Losung des modernen Weltbürgers
-ausgaben. Hardenbergs Finanzreform empfand die preußische Junkerpartei,
-der Adel, die Agrarier und das Militär, als eine unmittelbare
-Fortsetzung der Französischen Revolution. Dagegen aufzutreten hielten
-sie für ihre vaterländische Pflicht; das Ansehen des altpreußischen
-Königtums glaubten sie durch diese Neuorientierung erschüttert; ihm
-auch gegen den Willen des Herrschers die Treue zu halten, waren sie
-fest entschlossen. Müller aber fühlte sich als der literarische
-Vertreter dieser Partei, und in den »Abendblättern« dachte er diesen
-Kampf auszufechten. Bald stand er in heller Opposition gegen den
-Staatskanzler und mußte der neugegründeten Zeitung und seinem Freunde
-Kleist zum Verhängnis werden.
-
-
-Die Opposition gegen Hardenberg.
-
-Hardenbergs Lage war die der heutigen Regierung. Das Staatsgebäude
-sollte, ohne vollständig niedergerissen zu werden, ein neues Fundament
-erhalten. Eine Erschütterung konnte katastrophale Folgen haben.
-Ruhe innen und außen schien unbedingte Notwendigkeit. Der neue
-Weg war einmal beschritten, die Reform auf dem Marsche, der König
-hatte sein Jawort dazu gegeben. Eine öffentliche Debatte über das
-schon Beschlossene konnte nur verwirren; von einer vorberatenden
-Mitarbeit irgendwelcher Volksvertreter war ja in Ermangelung jeder
-parlamentarischen Form überhaupt nicht die Rede, und Zeitungen,
-die eine ausgesprochene Parteipolitik trieben, wozu sich jetzt die
-angeblich unpolitischen »Abendblätter« anschickten, waren eine zu neue
-Erscheinung, als daß eine ernsthafte Auseinandersetzung mit ihnen in
-Frage gekommen wäre.
-
-Nach einigen vorbereitenden Plänkeleien nahm Adam Müller in einem
-Aufsatz »Vom Nationalcredit« (Nr. 41 der »Abendblätter« vom 16.
-November) den Kampf gegen das Finanzedikt mit aller Schärfe auf, und
-Gruner ließ den Artikel unbeanstandet durch. Sofort (18. November)
-erhielt sein Vorgesetzter im Ministerium des Innern, Geh. Rat
-Sack, eine von Hardenberg selbst entworfene Kabinettsorder, die
-ihm persönlich die strengste Zensur derartiger Blätter, Zeit- und
-Flugschriften, auferlegte, die »so allgemein vom Publikum gelesen«
-würden; es gäbe jetzt nichts Schädlicheres, als wenn durch »dergleichen
-hingeworfene ganz unreife Aufsätze« Mißtrauen gegen die Maßregeln der
-Regierung erweckt werde; dem bisherigen Zensor scheine die richtige
-Beurteilung dafür zu mangeln, daß solche Artikel in den »Abendblättern«
-»gar sehr am unrechten Orte« seien.
-
-
-Heinrich von Kleist und die Würde der Presse.
-
-Wohin seines Freundes Polemik gegen den allmächtigen Minister führen
-mußte, sah Kleist deutlich voraus. Ließ er Müller noch einmal in jenem
-Sinne zu Worte kommen, so war das Schicksal der »Abendblätter« und
-damit sein eigenes besiegelt. Er stand aufs neue vor dem Nichts, denn
-was ihm seine Dichtungen eintrugen, reichte kaum aus, seinen Barbier
-zu bezahlen. Seine starken Gegenwartsstücke, »Prinz Friedrich von
-Homburg« und »Die Hermannsschlacht«, lagen fertig in seinem Pult;
-aber kein Theaterdirektor und kein Verleger wagten sich daran, die
-Zensur hätte diesen Überschwang des Patriotismus mit allen Mitteln
-niedergehalten. Das Recht zu leben nahm der Dichter aber noch für sich
-in Anspruch, und dazu sollten ihm die »Abendblätter« dienen. Hier
-vollzog sich nun eine psychologische Wendung, die der für ihren Helden
-eintretenden Kleistforschung immer einige Verlegenheit bereiten wird.
-Zweifellos waren die Auffassungen von der Würde der Presse damals noch
-sehr primitiv; das mag jeden andern vielleicht entschuldigen, aber auch
-Kleist? Kurzum, er wußte sich, um den Bestand der »Abendblätter« zu
-sichern, nicht anders zu helfen, als daß er sein Blatt der Regierung
-als offizielles Organ antrug. Hardenberg erklärte sich zu einer nicht
-näher bezeichneten Unterstützung bereit, wenn das Blatt »zweckmäßig«
-geleitet werde. Was er darunter verstand, war klar: völliges Aufgeben
-aller Selbständigkeit und unbedingtes Eintreten für die Regierung.
-
-Für diese Aufgabe seiner Selbständigkeit wollte Kleist den offiziellen
-Charakter seiner Zeitung öffentlich anerkannt sehen. Dagegen wieder
-sträubte sich Hardenberg, der als kluger Staatsmann wußte, daß die
-»Liebe des freien Mannes« ganz anders wirkt als die des erwiesenen
-journalistischen Söldners. Die Verhandlungen darüber zogen sich zwei
-Monate hin. Kleist duldete, daß die Regierung seine Zeitung mit
-offiziellen Beiträgen überschwemmte, und mußte sich gefallen lassen,
-daß die Zensur in dieser Zeit mehr als die Hälfte aller seiner Artikel
-strich. Dabei konnte er es sich doch nicht versagen, eine verschleierte
-Opposition fortzusetzen, jetzt unter der Maske des Lobes, wofür ihm
-Hardenberg schwerlich Dank wußte.
-
-Dennoch kam ihm dieser so weit entgegen, daß er allen ministeriellen
-Departements empfahl, die »Abendblätter« mit amtlichen Nachrichten zu
-versehen. Aber er hatte mehr versprochen, als er halten konnte, und war
-sich der rechtlichen Konsequenz dieses Schrittes offenbar selbst nicht
-bewußt gewesen.
-
-
-Eine Zensurverfügung gegen Kleists »Abendblätter«.
-
-Sobald Kleists »Abendblätter« durch ministerielle Beiträge
-innerpolitischer Art offen unterstützt wurden, traten sie in
-Konkurrenz mit den beiden andern politischen Berliner Tageszeitungen,
-die ein unantastbares Privileg besaßen. Die privilegierten Zeitungen
-schlugen denn auch sofort Lärm, als Kleist am Ende des ersten Quartals
-die politische Neugestaltung seines Blattes voreilig bekanntmachte. Der
-Zensor Himly nahm sich ihrer pflichtgemäß an, und die Verhandlungen
-mit Hardenberg liefen urplötzlich auf das Gegenteil dessen hinaus,
-was Kleist nach den ebenso vorschnellen Versicherungen des Kanzlers
-hatte erwarten dürfen: am 29. Dezember 1810 wurde ihm die Aufnahme
-politischer Originalartikel ein für allemal untersagt! Man verwies
-ihn ausschließlich auf das, was die »Vossische« und »Spenersche« an
-politischem Material unter ordungsgemäßer Zensur Himlys bringen würden.
-
-Die Verzweiflung Kleists über dieses Fehlschlagen seiner Hoffnungen
-ist begreiflich. Sein Blatt war dadurch tatsächlich schon ruiniert.
-Womit sollte er einen neuen Leserkreis gewinnen? Den früheren hatte er
-zum größten Teil eingebüßt mit dem Augenblick, als er die Spalten der
-»Abendblätter« Hardenberg zur Verfügung stellte; selbst den nächsten
-Freunden war ihre Haltung »verächtlich« geworden, ihr Kredit war dahin,
-und ihr Absatz hatte so stark nachgelassen, daß es Mühe kostete, sie
-für das zweite Quartal bei einem andern Verleger unterzubringen; der
-erste, Hitzig, hatte schleunigst seine Hand davon abgezogen, als sie
-keinen Gewinn mehr versprachen.
-
-
-Die Vernichtung der »Berliner Abendblätter«.
-
-Aber konnte Kleist, wenn ihm die äußere und innere Politik
-verschlossen war, aus den »Abendblättern« nicht wenigstens ein gutes
-Unterhaltungsblatt schaffen? Auch dieses hat ihm Hardenberg unmöglich
-gemacht! Läßt sich in politischer Beziehung des Staatskanzlers Vorgehen
-begreifen -- entschieden ins Unrecht setzte er sich dadurch, daß
-er den »Abendblättern« auch das weite allgemein kulturelle Gebiet
-der Kunst, Literatur und Wissenschaft verschloß, auf dem sie sich
-erfolgreich hätten betätigen können. Es sollte auch in diesen Dingen
-keine Ansicht laut werden, die den gerade an maßgebender Stelle
-herrschenden widerstritt. Kleist aber und seine Freunde gehörten zu
-den Pechvögeln, denen es nun einmal nicht gegeben ist, ihren Flug dem
-gerade herrschenden Winde anzupassen.
-
-Zu der damaligen innern Reform Preußens gehörte die Neueinrichtung
-der Volksschule nach dem System Pestalozzis. Kleist und seine
-Standesgenossen waren keine Freunde des Schweizer Pädagogen; ihr
-aristokratisches Empfinden sträubte sich gegen sein internationales
-Gleichheitssystem und verlangte im Gegensatz dazu nationale und
-individuelle Erziehung. Solche Probleme hätten sich, sollte man
-meinen, doch wohl öffentlich erörtern lassen. Weit gefehlt! Die
-Zensur duldete das nicht. Ein erster Artikel von Adam Müller über die
-neu gegründete Berliner Universität hatte sogleich den heftigsten
-Anstoß erregt -- Grund genug für den Zensor, auch diese Debatte zu
-verbieten. Kleist und seine Freunde glaubten bei der Besetzung der
-Lehrstühle ein Wort mitreden zu dürfen -- man schloß ihnen den Mund.
-Ein Nachruf auf den 1810 in München gestorbenen Physiker Ritter wurde
-gestrichen, denn die Regierung empfand es als einen unbequemen Vorwurf,
-wenn der Wahrheit gemäß gesagt werden mußte, daß Ritter einer von
-den geborenen Preußen war, die wie Winckelmann, Herder, Fernow und
-andere im Vaterlande nichts gegolten und dem Ausland ihre Dienste
-hatten widmen müssen. Die Leitung der Berliner Kunstakademie konnte
-den Romantikern der »Abendblätter« wenig gefallen; flugs gehörte auch
-dieses Thema zu den verpönten. Schlechterdings überall stießen sie
-auf ein ~Noli me tangere~, und selbst eine alberne Lokalnachricht
-über eine Studentenschlägerei brachte sie in Konflikt mit der
-Universitätsverwaltung; es half ihnen nichts, daß die Notiz aus dem
-Büro des Polizeipräsidenten selbst stammte, sie hatten den Nachteil.
-
-
-»Rad und Wagenschmiere.«
-
-Ihren Höhepunkt erreichte diese Gewaltherrschaft der unmittelbar von
-Hardenberg beeinflußten Zensur bei Behandlung der Theaterkritik. An
-der Spitze des Berliner Hoftheaters stand noch immer Iffland, gegen
-dessen ganze Richtung die Romantiker und Patrioten aus ästhetischen und
-Standesrücksichten Front machten. Kleist war obendrein gegen Iffland
-persönlich gereizt, da er nicht einmal sein »Käthchen von Heilbronn«
-aufführte; strenge Objektivität von einem Dichter in solcher Lage zu
-verlangen, ist eine übermenschliche Forderung. Gegen Iffland führten
-also die »Abendblätter« einen lustigen Kleinkrieg mit Ernst und
-Satire. In dem Punkte sind alle Theaterdirektoren empfindlich und
-ebensowenig objektiv. Zufällig kam es am 26. November 1810 bei der
-zweiten Aufführung von Weigls »Schweizerfamilie« zu einem solennen
-Theaterskandal; die Darstellerin der Hauptrolle paßte einer Klique von
-Offizieren nicht. Auch Kleist hatte sich in diesem Sinne ausgesprochen,
-was sein gutes Recht war. Die Vorstellung wurde durch laute
-Mißfallensäußerungen unterbrochen. Iffland beschwerte sich, drohte mit
-Abdankung; eine Untersuchung des Vorfalls hatte den Erfolg, daß etliche
-der militärischen Kunstenthusiasten aus der Stadt verwiesen wurden --
-gewiß ein warnendes Exempel, denn die Herren wohnten in Charlottenburg!
-Die »Abendblätter« aber waren wieder das »Karnickel«. Ob Iffland, der
-sich bei seinem früheren persönlichen Konflikt mit Kleist wegen des
-»Käthchens von Heilbronn« tadellos gegen den Dichter benommen hat, zu
-der Maßregelung der »Abendblätter« selbst den Anstoß gab, ist nicht
-erwiesen, liegt aber nahe und wäre menschlich verständlich, hatte
-er doch schon 1803 das Verbot aller Theaterkritiken gefordert, dem
-sich der Zensor Renfner mit Recht widersetzte. Nicht verständlich
-aber ist, daß die Zensurbehörde 1810 seiner Empörung nicht den
-nötigen Dämpfer aufsetzte, sondern im Gegenteil seine Sache zur ihren
-machte und unmittelbar darauf, Anfang Dezember, der Zeitung Kleists
-und -- des bessern Aussehens wegen -- auch dem ganz ungefährlichen
-Unterhaltungsblatt »Der Freimüthige« die weitere Führung der Berliner
-Theaterkritik ein für allemal untersagte! Unter Hardenbergs Regime
-duldete man es also nicht, daß ein Journalist und Dichter wie Kleist
-über die Führung des Königlichen Hoftheaters eine andere Meinung hatte
-als der amtierende Theaterdirektor selbst! Arnim hatte gewiß nicht
-unrecht, wenn er den Witz machte, Iffland und Hardenberg hingen »wie
-Rad und Wagenschmiere« zusammen. Drei Jahre später stellte derselbe
-Iffland wieder den Antrag, alle Kritiken über Neuaufführungen bis nach
-der dritten Vorstellung zu verbieten. Diesmal aber erhielt er die
-Antwort, das widerstreite »der Freiheit des Urteilens«. Aber 1810 ließ
-man sich um diese Freiheit des Urteils noch keine grauen Haare wachsen,
-sondern hing dem unbequemen Kritiker einfach den Maulkorb um und fragte
-nicht danach, ob durch solch ein radikales Verbot eine Zeitung wie die
-»Abendblätter« und mit ihr der Herausgeber zugrunde gingen.
-
-
-Kleists Ende.
-
-Und mit ihr der Herausgeber! Davon ist nichts abzuwaschen! Daß Kleist
-völlig mittellos war, steht fest. Das einzige Unternehmen, durch das er
-sich über Wasser halten konnte, brach zusammen. In seiner Verzweiflung
-verlangte er vom Staatskanzler Entschädigung für die Zugrunderichtung
-der »Abendblätter«; die Verhandlungen darüber unter Vermittlung des
-ebenfalls über ihn aufgebrachten Regierungsrats Friedrich von Raumer,
-des bekannten Historikers, der später selbst sehr viel von der Zensur
-auszustehen hatte, gehören zu den unerfreulichsten Momenten in Kleists
-Leben. Der Stil, mit dem man solche Gesuche aufsetzt, war Kleist nicht
-gegeben. Er erreichte natürlich nichts. Ende März 1811 stellten die
-»Abendblätter« ihr Erscheinen ein, und sieben Monate später fand man
-ihren Herausgeber mit durchschossener Schläfe dort, wo heute -- am
-kleinen Wannsee bei Berlin -- sein Grab eine heilige Stätte geworden
-ist.
-
-Der Fall Kleist steht durch die Bedeutung seines Opfers und die
-Tragik seines Abschlusses vereinzelt da. Aber nur dadurch! Denn er
-war leider der Anfang eines ganzen Systems. Man mag zur Romantik und
-selbst zu Kleists Poesie stehen wie man will, das eine läßt sich
-nicht bestreiten: die »Abendblätter« waren ein ernsthafter Versuch,
-mit bescheidenen äußeren Mitteln in Berlin ein populäres Blatt zu
-begründen, das die Weltanschauung einer modernen Literaturbewegung
-zum Ausdruck brachte und zugleich das Organ einer politischen Partei
-sein wollte. Der Versuch wäre gelungen, er hatte vom ersten Tage an
-einen kaum erwarteten großen Erfolg. Die preußische Zensur erstickte
-ihn durch ihre unfaßbare Willkür. Das literarische Sündenregister
-der preußischen Zensur setzt damit vielversprechend ein und erreicht
-bis 1848 eine erschreckende Länge. Was war die Folge? Die Berliner
-Zeitschriftenliteratur sank auf einen Tiefstand, der durch nichts zu
-unterbieten war. Der schale Witz und die persönliche Skandalsucht
-wurden Trumpf in der dortigen Presse, nur auf solchem von der Zensur
-bereiteten Boden konnte eine Giftpflanze wie der berühmte Humorist
-Saphir gedeihen, dieser Revolverjournalist ~par excellence~, der in
-den zwanziger Jahren dort Triumphe feierte und den Geschmack für ein
-Menschenalter verdorben hat. Auf diese Weise vernichtete die Literatur
-sich schließlich selbst, und der Zensor konnte ruhig schlafen!
-
-
-Die Verherrlichung des Selbstmords.
-
-Noch der tote Kleist sollte der Zensurbehörde eine Verfügung des Königs
-bringen.
-
-Der Berliner Kriegsrat Peguilhen, dem Kleist und seine Freundin
-einige Besorgungen aufgetragen, spielte sich als Freund und
-Testamentsvollstrecker des Dichters auf und veröffentlichte in der
-»Vossischen Zeitung« eine alberne Verherrlichung des Selbstmordes
-Kleists. Darauf erließ der König am 27. November 1811 eine
-Kabinettsorder, worin es hieß:
-
-»Wenn es jedem, dessen sittliches Gefühl erstorben ist, freystehen
-soll, seine verkehrten Ansichten in Blättern, die in jedermanns Hände
-kommen, laut und mit anmaßender Verachtung Besserdenkender zu predigen;
-so werden alle Bemühungen, Religiosität und Sittlichkeit im Volke
-neu zu beleben, vergeblich seyn, indem der Glaube an das einstimmige
-Zeugnis jedes unverdorbenen Herzens verdächtig gemacht, das moralische
-Urtheil verwirrt, und die Kraft des Volkes im innersten Lebenskeime
-vergiftet werden.«
-
-Der König befahl daher, diese seine Meinung gehörigen Orts aufs
-nachdrücklichste einzuschärfen, »damit überhaupt bey der Aufsicht auf
-die öffentlichen Blätter, der Mißbrauch derselben zur Verbreitung der
-Immoralität aufs sorgfältigste verhütet werde«, und dem Zensor der
-Zeitung einen ernstlichen Verweis zu erteilen. Außerdem befahl er, die
-Schrift über den Tod Kleists, die Peguilhen gleichzeitig angekündigt
-hatte, nicht zum Druck zu verstatten. -- Sie erschien denn auch damals
-nicht, sondern wurde erst zweiundsechzig Jahre später veröffentlicht.
-
-
-
-
-10. Bürokratie und Militarismus.
-
- Ach, Herr! Gesegn' uns Wein und Brot,
- Und schlage den Napoleon tot,
- Durch uns und mit uns, Amen!
-
- Altes Soldatenlied.
-
-
-Die Flucht der Patrioten.
-
-Das Jahr 1812 ist das am tiefsten beschämende der Geschichte Preußens.
-Am 24. Februar mußte der König mit Napoleon ein förmliches Bündnis
-schließen und ebenso wie Österreich zu dem bevorstehenden Feldzug
-gegen Rußland Hilfstruppen stellen. Im Mai versammelten sich die
-deutschen Fürsten in Dresden zur Huldigung vor dem Imperator; dann kam
-dieser als gefeierter Gast seines »allergetreuesten Bundesgenossen«
-nach Berlin, und starke französische Besatzungen in der Hauptstadt
-und in den Festungen sorgten dafür, daß auch nach dem Durchzug der
-französischen Truppen nach Rußland kein Wort des Mißfallens laut wurde.
-Den neuen Minister der höheren Polizei, den reaktionären Fürsten zu
-Sayn-Wittgenstein, Oberkammerherrn des Königs, und den ebenfalls neuen
-Minister des Innern, von Schuckmann, hatte sich der französische
-Gesandte selbst ausgesucht. Der »Moniteur« allein gab in Preußen den
-Ton an, und von den deutschen Fürsten hatte nur Herzog Karl August den
-Mut, sich zu verbitten, daß französische Lügen in preußischen Zeitungen
-als Nachrichten aus Weimar umgingen.
-
-Nebst andern Patrioten wie Gneisenau und Clausewitz hatte auch
-Gruner sofort nach dem Bündnis mit Frankreich sein Amt niedergelegt
-und war nach Österreich gegangen, wo er mit dem Freiherrn vom
-Stein den geheimen Minenkrieg und die Erhebung Deutschlands gegen
-Napoleon organisierte und vor allem die literarische Offensive durch
-Flugschriften und Aufrufe vorbereitete.
-
-
-Der Umschwung.
-
-Gruners Nachfolger seit dem 10. März 1812 wurde der Kurator des
-Büros im Staatskanzleramte, Geh. Staatsrat Friedrich von Bülow, ein
-Verwandter und damaliger Vertrauter Hardenbergs; Himly führte jetzt die
-Zensur der historisch-politischen Schriften, und der Geh. Legationsrat
-Jordan verwaltete mit großer Strenge die Zensur der Zeitungen. Als
-er am 22. Januar 1813 mit dem Könige, der sich bei dem beginnenden
-Umschwung den Fängen der Franzosen entzog, nach Breslau abging, wurde
-wieder der seit 1792 bewährte Staatsrat Renfner sein Nachfolger. Auch
-dieser sorgte nach dem Willen des abwesenden Staatskanzlers und der
-ihn vertretenden Oberregierungskommission mit von der Goltz an der
-Spitze dafür, daß durch keine Entgleisung der öffentlichen Aussprache
-das gute Verhältnis zu den Franzosen getrübt wurde. Alle französischen
-Siegesbulletins mußten die Berliner Zeitungsleser über sich ergehen
-lassen, von dem Strafgericht, das in Rußland über Napoleon hereinbrach,
-erzählten nur durchgeschmuggelte Privatnachrichten und Gerüchte,
-das grausige Elend des Rückzugs der großen Armee aus Rußland trat
-den Berlinern erst leibhaftig vor Augen, als die zerlumpten Reste
-durch die Stadt fluteten, den Brand von Moskau und ähnliche Vorfälle
-kannte man nur in französischer Beleuchtung, und die Nachricht von
-der Konvention von Tauroggen (30. Dezember) ließ die Berliner Zensur
-erst am 19. Januar durch, zugleich mit der Nachricht von der Absetzung
-des Generals von York und der strengen Verleugnung seiner Tat durch
-den König. Schleiermacher, der schon von der Ungültigkeit erzwungener
-Verträge zu predigen begann, wurde noch am 3. Januar 1813 unter
-Aufsicht gestellt. Der Aufruf zur Bildung von Freiwilligenkorps vom
-3. Februar durfte in Berlin erst am 9. Februar, später als in den
-märkischen Provinzblättern, erscheinen, und daß schon am 20. Februar
-vereinzelte Kosaken von der Armee Tschernyscheffs in den Straßen
-Berlins als Befreier bejubelt wurden, mußten die Zeitungen völlig
-verschweigen, denn noch war ja eine starke französische Besatzung
-in der Stadt, und der französische Kommandant von Berlin, Augereau,
-und der Gesandtschaftssekretär Le Fèvre, der Vertreter St. Marsans,
-hätten am liebsten jede Nachricht über militärische Vorgänge wörtlich
-vorgeschrieben, was selbst dem pflichteifrigen Renfner etwas stark
-schien.
-
-In der Nacht vom 3. zum 4. März rückten endlich die Franzosen ab,
-und am andern Tage begann der Einmarsch der Russen. Die preußischen
-Behörden, unter denen sich kein York befand, hielten sich aber in
-subalterner Gewissenhaftigkeit noch immer streng an ihre Instruktion,
-alle Feindseligkeiten gegen Frankreich sorgfältig zu vermeiden, so daß
-heißblütige Patrioten wie Gneisenau kaum an sich halten konnten. Arndts
-im Februar verfaßtes und in Königsberg gedrucktes Flugblatt »Aufruf an
-die Deutschen zum gemeinschaftlichen Kampfe gegen die Franzosen« durfte
-Anfang März in Berlin noch nicht nachgedruckt werden, denn der Anschluß
-Preußens an Rußland wurde ja erst durch den »Aufruf an mein Volk« am
-20. März amtlich kundgemacht.
-
-
-Worauf die Kosaken reiten.
-
-1813 berichtete eine Zeitung -- nach andern ein Schulbuch -- von den
-Kosaken: »Sie reiten auf kleinen unansehnlichen Pferden.« Ein Zensor in
-Breslau strich die beiden Adjektiva, die ihm jedenfalls mit dem Ansehen
-der jetzigen Bundesgenossen unverträglich schienen, und so erfuhr die
-Welt die große Neuigkeit, daß die Kosaken nicht auf Eseln, Kamelen oder
-Stecken ritten, sondern auf Pferden.
-
-
-Der »Preußische Correspondent«.
-
-Bei dem trostlosen Zustand der Berliner Presse, an dem das politische
-Chaos ein gut Teil Schuld trug, war es dem Militärgouvernement höchst
-willkommen, daß aus dem Kreise der preußischen Patrioten ein neues
-Zeitungsunternehmen erwuchs, dessen Leitung der angesehene Historiker
-Niebuhr und dessen Verlag die Realschulbuchhandlung von Reimer
-übernahm, und noch ehe das offizielle Jawort des Staatskanzlers vorlag,
-genehmigte es die Herausgabe des »Preußischen Correspondenten«, der am
-2. April 1813 »einfach und mit Würde zu dem Volke von dessen heiligsten
-Interessen« zu reden begann. Niebuhr sah seine Aufgabe darin, »die
-Überzeugung von der Notwendigkeit eines Volkskrieges im äußersten Sinne
-des Wortes täglich zu nähren, den Haß gegen die Franzosen zu mehren und
-über die allgemeine Politik ein gesundes Urteil zu bewirken«.
-
-»Die Freiheit der Rede und der Schrift ist uns wiedergegeben«,
-frohlockte Niebuhr im Leitartikel der ersten Nummer. Das sollte sich
-sehr bald als eine gewaltige Hyperbel erweisen. Renfner erlaubte
-sich sogar Änderungen an den Kriegsberichten aus dem Hauptquartier,
-die Gneisenau selbst schrieb, so daß dieser schon bald mit ihrer
-Entziehung drohte. Einer dieser Kriegsberichte von Gneisenau (26.
-April) beschuldigte auf Grund von französischen Feldpostbriefen die
-Berliner Bankiers hochverräterischer Beziehungen zum Feinde. Als darauf
-die »Vossische« ihre Abonnenten von der Hochfinanz in Schutz nahm,
-verhinderte Renfner (2. Mai) die Fortsetzung der Polemik.
-
-Unter seinem Nachfolger von Schultz wurde das Verhältnis zwischen
-Redaktion und Zensor auch nicht besser; der Albdruck des
-Waffenstillstandes lastete auf dem »Preußischen Correspondenten«
-naturgemäß noch stärker, und als erst der temperamentvolle
-Schleiermacher am 25. Juni dessen Leitung übernahm, kam es zwischen ihm
-und den Behörden über Fragen mehr der innern als der äußern Politik
-zu Konflikten, die an Schärfe den Zusammenstoß Heinrich von Kleists
-mit Hardenberg noch weit übertrafen. Der »Correspondent« ist nach den
-»Abendblättern« die zweite Berliner oder preußische Zeitung, in der
-sich die Umrißlinien einer werdenden politischen Partei, hier eines
-konservativen Liberalismus, deutlich abzeichneten, und die Regierung
-war keineswegs gewillt, solche neuen Machtgruppen aufkommen zu lassen.
-
-
-Schleiermachers Hochverrat.
-
-Am 14. Juli 1813 sprach der »Preußische Correspondent« von Gerüchten
-über einen Friedenskongreß, der in Prag zusammengetreten sei und auch
-wirklich stattfand. Die Anhänger eines schnellen Friedensschlusses
-warnte er, sich nicht vorschnell zu freuen, und die Gegner, darob nicht
-zu verzweifeln. Die Ansicht der letztern Partei, zu der Schleiermacher
-selbst gehörte, gehe dahin, daß Preußen, »um zu einem würdigen Zustande
-zu gelangen«, noch einer »ungeheuern Kraftentwicklung« und Deutschland
-im allgemeinen noch »großer entscheidender Ereignisse« bedürfe, die
-»den Grund zu einer künftigen Form legen« müßten. Denn, so schrieb
-Schleiermacher wörtlich, »was sich Deutschland von einer Verfassung
-versprechen kann, welche durch die Willkür sich durchkreuzender
-diplomatischer Verhandlungen begründet wäre, das wissen wir seit dem
-westphälischen Frieden, der Deutschland zerstörte, indem er es neu zu
-bilden glaubte«. Unter dem »würdigen Zustand« Preußens, das ja schon
-eine feste »Form« hatte, verstand er die völlige Unabhängigkeit von
-Napoleon, und das schwierige Problem der »künftigen Form« Deutschlands
-beschäftigte ein Jahr später den Wiener Kongreß. Diese Fragen durften
-wohl dem Redakteur eines politischen Blattes einigermaßen am Herzen
-liegen. Schleiermacher beruhigte nun die Gegner eines vorschnellen
-Friedens mit der Versicherung, ihre »allgemein verbreitete« Ansicht
-werde »gewiß auch bei den Friedensverhandlungen eine Stimme haben«;
-er meinte damit: dieser oder jener der beteiligten Diplomaten werde
-wohl auch so denken. Und wenn auch, erklärte er zuletzt, ein Friede
-geschlossen werde, den man noch nicht als »den wahren Anfang einer
-neuen Ordnung der Dinge ansehen« könne, so müsse man ihn eben »nach den
-Principien eines Waffenstillstandes beurteilen« und alle Vorteile, die
-er gewähre, gehörig benutzen.
-
-Am 15. Juli erklärte das Auswärtige Amt Schleiermachers Äußerungen
-als »unbefugte anmaßende vorgreifende Urteile einer Privatperson
-über künftige Resultate« des Friedenskongresses; die »absprechende
-Zurückweisung ›Diplomatischer Verhandlungen‹ und die ›Berufung auf
-eine allgemein verbreitete Ansicht, die bei den Friedensverhandlungen
-eine Stimme haben werde‹, die Entgegenstellung der Begriffe:
-›einzelne Mächte‹ und ›Deutschland und Preußen‹,« gebe eine »Tendenz
-pflichtwidriger Eigenmacht und Willkür zu erkennen. Der Ton und die
-Tendenz mancher Schriftsteller und ihrer Anhänger, zusammengehalten
-mit gleichzeitigen verwegenen Vorgängen, deuten auf ein Streben jener
-Personen, ihre Eigenmacht und Willkür an die Stelle der rechtmäßigen
-Macht und Autorität zu setzen.« Das Auswärtige Amt glaube daher nach
-dem Grundsatz verfahren zu müssen: »den Keimen zu widerstehen« (was
-wohl eine Übersetzung des Ovidischen »~Principiis obsta~« sein sollte!)
-und berichtete darüber an Hardenberg.
-
-Daraufhin befahl der König am 17., Schleiermacher sofort seines
-Predigtamtes zu entsetzen und binnen 48 Stunden über Schwedisch-Pommern
-ins Ausland abzuschieben!
-
-Diese Strenge hielt aber Hardenberg offenbar für übertrieben; er wußte
-den König umzustimmen, und so wurde die schon fertige Kabinettsorder
-dahin gemildert, daß dem Herausgeber des »Preußischen Correspondenten«
-sein Benehmen »ernstlich verwiesen« und ihm bedeutet wurde, eine
-Wiederholung desselben werde »aufs nachdrücklichste und mit unfehlbarem
-Verlust seiner Dienststelle geahndet werden«.
-
-Am 19. mußte Schleiermacher vor dem Minister des Innern von Schuckmann
-erscheinen, und dieser »bedeutete« ihm laut Protokoll, der betreffende
-Artikel »verkündige die Notwendigkeit einer Umwälzung der preußischen
-Staatsform durch gewaltsame Ereignisse und enthalte die Anmaßung des
-Zeitungsschreibers, die Schritte der Regierung öffentlich meistern und
-leiten zu wollen, um sie diesem Ziele entgegenzuführen«. Das sei nach
-dem Landrecht nichts geringeres als _Hochverrat_!
-
-Schleiermacher verteidigte sich ausführlich schriftlich mit großem
-Scharfsinn und schlagender Dialektik gegen die unsinnige Auslegung
-seines Artikels. Aber seine »Nase« hatte er weg, und dabei blieb es.
-»Ich habe aber alles sehr lustig abgeschüttelt«, schrieb er sechs
-Jahre später an seinen Freund Arndt, als auch dieser ein Demagog sein
-sollte, »und halte mir die Sache nur noch als einen Schinken in Salz«.
-Und über die Szene bei Schuckmann berichtete er, dieser habe zwar
-erst »mit seiner ganzen Bärenhaftigkeit aufgetatzt«, sei dann aber im
-Gespräch mit ihm so »gekirrt« worden, »daß er hernach ordentlich mit
-dem Maulkorb herumging«. »Es gibt wohl keine ärgere Erbärmlichkeit für
-einen König,« fügte er hinzu, »als solche Schnippchen in der Tasche zu
-schlagen, und darum kann man sie ihm ja wohl gönnen.«
-
-
-Reformation und Revolution.
-
-Kurz vor dem Verfahren gegen Schleiermacher war in Berlin bei Hitzig
-eine kleine Broschüre erschienen »Zur politischen Reformation«. Sie
-bezeichnete als die schlimmsten Folgen der Französischen Revolution
-die »absolute Souverainität, Maschineneinrichtung der Staatsverwaltung
-und Conscription«. Der biedere Zensor Himly selbst hatte sie zum
-Druck genehmigt, denn er sagte sich: Preußen hat durch Hardenbergs
-Finanzedikt vom 27. Oktober 1810 schon eine Nationalrepräsentation
-eingeleitet, will also keine absolute Souveränität;
-Maschineneinrichtung läßt sich dem preußischen Staat ebenfalls nicht
-vorwerfen, und Konskription kennt er nicht; also geht die Tendenz der
-Schrift gegen Frankreich und seine Gewaltherrschaft in deutschen Landen.
-
-Am 5. Juli aber kam der Polizeiminister Fürst Wittgenstein darüber.
-Der sah in dem Büchlein nur die deutlich ausgesprochene Absicht,
-»die monarchische Regierungsform, wie sie in dem preußischen Staat
-eingeführt ist, aufzuheben und dem Volke wesentlichen Anteil an der
-Verwaltung und recht eigentlich eine Mitregierung einzuräumen«. Man
-brauche nur den Ausdruck »Reformation« in »Revolution« umzuändern, dann
-habe man den Sinn und Zweck des Schriftchens am richtigsten erfaßt.
-Wolle es doch sogar die Sprache »revolutionieren« und die Ausdrücke
-abschaffen, »womit seit länger als tausend Jahren die Untertanen die
-schuldige Ehrfurcht gegen ihre Regenten an den Tag zu legen gewohnt
-sind«. Genau so seien auch die französischen Jakobiner vorgegangen.
-
-Jetzt lag es klar zutage: dieses zunehmende dreiste Verlangen nach
-Nationalrepräsentation noch während des Krieges war nichts anderes als
-die Folge des unseligen Landsturmedikts, das ja das ganze Volk zur
-Verteidigung des Staates aufgerufen hatte! Das unvorsichtige Wort des
-Fürsten Kaunitz zu Kaiser Joseph II. von dem ganzen »Volk in Waffen«,
-das an Majestät dem Kaiser ebenbürtig sei, war furchtbar lebendig
-geworden. Die gefährliche Phrase von einem »Volksheer« brauchte ja
-selbst ein Mann wie der General von Clausewitz, der mit Scharnhorst
-die ostpreußische Landwehr ins Leben gerufen hatte. Von da bis zur
-Regierung des Staates durch ebendieses Volk war nur ein Schritt! Und
-hatte nicht der Deutschrusse Kotzebue in seinem »Russisch-deutschen
-Volksblatt«, das er von Ende März bis Ende Juni 1813 in Berlin
-herausgab, im Anschluß an jene Broschüre schon die künftige Verfassung
-Preußens entworfen? Ein Oberhaus wollte er eingerichtet sehen aus
-den deutschen Fürsten, und ihm gegenüber ein Unterhaus, das aus den
-»freien deutschen Männer des Landsturms« zu bilden sei! Diese Projekte
-galt es »in den Keimen« zu ersticken.
-
-Daß Fürst Wittgenstein so dachte, bestätigt der Briefwechsel
-zwischen Gneisenau und Clausewitz. Darnach waren sowohl Wittgenstein
-wie Polizeipräsident Le Coq und von Bülow der Überzeugung, das
-Landsturmedikt sei revolutionär, stürze die Verfassung um und führe
-»zu völliger Anarchie und Umsturz des Thrones«. Und ebenjenes anonyme
-Büchlein »Zur politischen Reformation« wurde der Anlaß, daß der
-Oberkammerherr jetzt auch den König zu seiner Ansicht zu bekehren
-wußte. Am 17. Juli, als Friedrich Wilhelm III. die Kabinettsorder
-gegen Schleiermacher unterzeichnete, verfügte er auch die Aufhebung
-des bisher gebildeten Berliner Landsturms. Die Formation des
-Landsturms überhaupt wurde »nunmehr als vollendet« bezeichnet, er
-sollte nur noch eine Reserve der Landwehr sein, seine Selbständigkeit
-wurde ihm völlig genommen und er nicht nur den ihm vorgesetzten
-Kommandanten, sondern allenthalben »den Polizeiobrigkeiten des Orts
-oder Bezirks« unterstellt. Auch seine aus Zivilpersonen gewählten
-»Schutzdeputationen« wurden beseitigt, und gleich hinterher, am 21.
-Juli, eine Verordnung gegen den Mißbrauch der Landsturmwaffe erlassen,
-als ob es sich um eine Räuberbande gehandelt hätte.
-
-Dieser 17. Juli ist daher als ein ~dies ater~ in der Geschichte
-Preußens zu betrachten, denn er bezeichnete den ersten entschiedenen
-Schritt auf dem Wege der Reaktion, auf dem der König von da an,
-begleitet von seinem allmächtigen Oberkammerherrn und Polizeiminister,
-zeitlebens hartnäckig weiterging.
-
-
-Engelsturz.
-
-Noch zwei Männer in Preußen hatten Anlaß, in ihrem Kalender den 17.
-Juli 1813 mit schwarzer Tinte anzumalen: die beiden Zensoren Himly und
-von Schultz. Ersterer hatte durch die Druckerlaubnis der Flugschrift
-»Zur politischen Reformation« auch nach Hardenbergs Urteil »alles
-Vertrauen als Censor politischer Schriften verloren« und wurde am
-selben Tage zu anderer Verwendung seines Amtes enthoben.
-
-Schlimmer erging es dem Zensor von Schultz wegen des »Preußischen
-Correspondenten«; dieses Mannes Zensorlaufbahn scheint damit
-ihr wohlverdientes Ende gefunden zu haben. Ihn stürzte nicht die
-bloße Tatsache, daß er den Artikel Schleiermachers über den Prager
-Friedenskongreß hatte durchschlüpfen lassen, sondern die nachträgliche
-freche Entschuldigung, daß er dies »zu Erreichung eines großen, auf das
-Wohl des Staats gerichteten Zwecks absichtlich« getan habe; er wollte
-damit »auf die Gefahr persönlicher Verantwortung einen materiellen,
-unzweideutigen Beweis von der eigentlichen Tendenz gewisser
-Verbindungen vor Augen bringen, um dadurch womöglich zu kräftigen
-Maßregeln gegen Thron und Land verderbliche Anschläge Veranlassung zu
-geben«! Diese niederträchtige Dienstbeflissenheit ließ auch Hardenberg
-nur als das gelten, was sie war: eine faule Ausrede, denn jenen
-»großen« Zweck hätte er ja durch Vorweisung des Korrekturbogens schon
-erreichen können.
-
-Und noch ein dritter war von dem Engelsturz am 17. Juli keineswegs
-erbaut: der Polizeipräsident Le Coq, denn Hardenberg übertrug
-nunmehr ihm trotz seines Sträubens interimistisch die gesamte Zensur
-der Berliner Zeitungen sowie der historisch-politischen Flug- und
-Zeitschriften.
-
-
-Schleiermachers Obstruktion.
-
-Der neue Zensor Le Coq las den »Preußischen Correspondenten« mit
-besonderer Aufmerksamkeit und mit offenbarer Voreingenommenheit gegen
-dessen Herausgeber. Nach seiner Versicherung hörte Schleiermacher auch
-nach der ihm gewordenen Zurechtweisung nicht auf, sich durch anstößige
-Äußerungen »gegen den Wert der diesseitigen Verfassung, wie gegen
-das Ansehen der königlichen Regierung und deren Maßregeln vor andern
-auszuzeichnen«, und schon am 2. August stellte er den Antrag, die
-Zeitung ganz zu verbieten. Hardenberg ging darauf nicht ein. Gründe zu
-nachdrücklicherem Vorgehen fanden sich bald.
-
-Am 12. August erklärte Österreich an Napoleon den Krieg, und das
-diesen Schritt begründende, von Friedrich von Gentz verfaßte glänzende
-Manifest des Kaisers bedachte Schleiermacher in Nr. 86 vom 28. August
-mit hohem Lobe. Er brauchte dabei in dem der Zensur vorgelegten
-Text die Wendung: »Die Gesinnung, welche sich hier ausspreche, sei,
-wenn man wolle in einer Art Gegensatz gegen die königliche, die
-wahrhaft kaiserliche.« Denn, so hieß es weiter, »dem Kaiser gebührt
-eine Mehrheit von Staaten, die sich in ihren innern Bestrebungen
-sehr unterscheiden können, mit gleicher ruhiger Liebe zu umfassen«.
-Zweifellos brauchte Schleiermacher die Worte Kaiser und König hier
-gewissermaßen als Quantitätsbegriffe, aber ebenso zweifellos war er
-sich des zweideutigen Klangs dieser Wendung voll bewußt. Sie ist eine
-frühe Probe des später aufkommenden Zensurstils, dessen Meister der
-witzige, oft boshafte Schleiermacher geworden wäre. Le Coq übertrug
-denn auch den begrifflichen Gegensatz sofort auf die Personen, den
-Kaiser von Österreich und den König von Preußen -- also »grober Anstoß
-gegen des Königs Maj. Allerh. Autorität«! Und da der »Correspondent«
-ihm auch weiterhin Ärger verursachte, sogar Ausfälle gegen die
-Zensur wagte, gegen »die krankhafte Wachsamkeit über alles was durch
-Druck der Welt mitgetheilt werden soll«, so forderte Le Coq am 25.
-September in einem geharnischten Schriftstück von Schleiermacher
-eine strengere Befolgung der Zensurinstruktion. Das Gesetz erlaube
-jedem, seine Einwendungen gegen Regierungsmaßregeln dem Oberhaupt
-des Staates oder den Vorgesetzten der Departements anzuzeigen; eine
-»weit umher cirkulierende politische Zeitung« der Residenz sei dazu
-nicht der Ort! Nur die Redaktion des »Correspondenten« gebe zu steten
-»Berichtigungen« seitens der Zensur Anlaß und beantworte diese statt
-mit größerer Vorsicht nur mit »ungegründeten Klagen über Beschränkung
-der Preßfreiheit«.
-
-Schleiermacher antwortete darauf nicht weniger entschieden, nicht
-die Redaktion, sondern der Zensor habe für die Beobachtung der
-Zensurinstruktion zu sorgen, und auch nicht durch »Berichtigungen«, wie
-sich Le Coq auszudrücken beliebe, sondern nur durch »Streichungen«.
-Der Vorwurf, als ob er »ein eigenes Vergnügen daran fände, etwas
-vorlegen zu lassen, was gestrichen werden« müsse, sei ehrenrührig,
-und er verlange dafür Beweise. Er lasse in fremden Aufsätzen manches
-stehen, was er selbst, »um die Freude eines recht reinen Censurbogens
-zu genießen«, nicht schreiben würde, auch wenn es nicht anstößig sei;
-er rechtfertige sich dann bei seinen »nicht bezahlten«, sondern nur
-»gefälligen« Korrespondenten durch Vorlegung des Zensurbogens und denke
-das auch weiter so zu halten. Auch verstehe er nicht, warum sich Le
-Coq darüber beklage: »Das Verhältnis zwischen Schriftsteller und Censor
-auf diesem Gebiet ist wie ein Handel, bei welchem es einmal üblich ist,
-vorzuschlagen und zu dingen.«
-
-Zum Schluß bedankte er sich noch mit schneidender Ironie für den
-Hinweis auf das Gesetz; Le Coq möge ihm aber lieber eine andere Stelle
-des Gesetzes nachweisen, die der Zensurbehörde das Recht gebe, Verweise
-zu erteilen und Drohungen zu erlassen, denn diesen »Ton« habe er nicht
-ohne Befremden in des Polizeipräsidenten geehrter Zuschrift gefunden.
-Sollte eine solche Gesetzesstelle nicht existieren, so möge Le Coq
-diese Schlußbemerkung gefälligst als einen Gebrauch der Freiheit
-betrachten, die das von ihm selbst erwähnte Gesetz zugestehe. Jeder
-Satz des Briefes verrät die innere Genugtuung des Schreibers, die
-überlegene Schärfe und Geschmeidigkeit seines Stils den Gegner fühlen
-zu lassen.
-
-Auf diese vollendete Kriegserklärung konnte die Antwort nicht
-ausbleiben. Le Coq legte den Briefwechsel dem Staatskanzler vor, um für
-den schon bekannten »Geist der Anmaßung und Renitenz« Schleiermachers
-einen neuen Beweis zu bieten, und ersuchte um eine nachdrückliche
-Zurückweisung des Widerspenstigen »in die Schranken der Ordnung und des
-Gehorsams«. Diesem Verlangen kam Hardenberg mit ungewöhnlicher Schärfe
-nach und verwies Schleiermacher nun seinerseits den »unpassenden Ton«
-seines Briefes: »Sie scheinen darin ganz vergessen zu haben, daß Sie
-dem St.-R. Le Coq Achtung schuldig sind, und daß es Ihnen in keiner
-Hinsicht gebührt, sich seinen Verfügungen zu widersetzen ... Sie
-haben hierzu als Volkslehrer eine doppelte Verpflichtung und sind
-doppelt straffällig, wenn Sie derselben entgegenhandeln.« Für diesmal
-wolle er es bei der Zurechtweisung bewendet sein lassen, warne ihn
-aber ernstlich, »sich künftig bescheidner gegen Königl. Behörden zu
-betragen, widrigenfalls« usw.
-
-Von der Achtung, die der Polizeipräsident einem Manne wie
-Schleiermacher schuldig sei, war dabei nicht die Rede.
-
-Schleiermacher nahm auch diese »staatskanzlerische Nase« nicht ohne
-Widerspruch entgegen, sondern antwortete sehr kühl und fest: Er habe
-seinerseits Ursache genug gehabt, sich über den unangemessenen Ton
-des Le Coqschen Schreibens zu beschweren, habe aber den Kanzler, der
-»jetzt mehr als je mit den wichtigsten Angelegenheiten nicht nur des
-preußischen Staates, sondern des gesamten Europa beschäftigt« sei, mit
-dieser »Kleinigkeit« nicht behelligen wollen. Nun das aber durch Le
-Coq geschehen sei, müsse er bitten, der Kanzler wolle jenen zum Beweis
-oder zur Zurücknahme der ihm gemachten Beschuldigungen veranlassen, da
-der gewöhnliche Weg der Injurienklage dem Polizeipräsidenten gegenüber
-nicht offen stehe.
-
-Hardenberg gab diese kühne Antwort stillschweigend zu den Akten.
-Einer nochmaligen groben Ansprache des Polizeipräsidenten ging aber
-Schleiermacher aus dem Wege, indem er am 1. Oktober die Redaktion an
-Achim von Arnim abgab. So war es ihm nicht vergönnt, als Journalist ein
-Geschichtschreiber des glorreichen Oktobermonats zu werden.
-
-
-Se. Heiligkeit der Kurialstil.
-
-Im Jahre 1810 war -- auch ein Ergebnis der Neuorientierung dieses
-Jahres -- der altehrwürdige Kurialstil im amtlichen preußischen Verkehr
-abgeschafft worden. Das bot den »Züllichauer wöchentlichen Nachrichten«
-vom 29. August 1813 Anlaß, folgende köstliche Anekdote aus dem Jahre
-1800 zu erzählen:
-
-»Ein witziger Berliner erhielt zwei Gerichtsvorladungen auf einmal; die
-eine beschied ihn vor das Kammergericht in Berlin, die andere am selben
-Tage vor die Kammer zu Küstrin. Beide begannen in der damals üblichen
-Form mit den Worten: ›Wir Friedrich Wilhelm von Gottes Gnaden‹ usw.
-
-»Der Geladene erschien weder da noch dort, und als er dieserhalb zur
-Rechenschaft gezogen wurde, antwortete er:
-
-›Ew. Kgl. Majestät zu Berlin haben mir allergnädigst befohlen, daß
-ich vor allerhöchst demselben erscheinen soll, aber Ew. Kgl. Maj.
-in Küstrin haben auch geruhet, mich zu gleicher Zeit vor sich zu
-bescheiden. Da aber in der Mathematik der Satz feststeht, daß ein
-Objekt, welches von zwei gleichstarken Kräften in demselben Zeitraum
-nach zwei entgegengesetzten Richtungen angezogen wird, im Ruhestand
-verbleibt, so bin auch ich im Stande der Ruhe verblieben.‹«
-
-Die Gerichtskollegien von 1800 mußten über den Scherz so lachen, daß
-sie sich nicht einmal zu einem Verweis aufraffen konnten. Anders die
-Berliner Zensurbehörde im Jahre 1813. Am 27. September erklärte der
-Kriegsrat Himly, jetzt Zensor der Provinzzeitungen, der Abdruck dieser
-Anekdote habe in »ruhigen Zeiten wohl Rüge verdient, da Einrichtungen,
-die noch vor wenigen Jahren gegolten haben, der öffentlichen
-Verspottung doch wohl noch entzogen bleiben sollten«, und der Geh.
-Staatsrat von Raumer war ganz mit ihm einer »erleuchteten« Meinung, daß
-der Scherz »besser ungedruckt geblieben« wäre. Die Züllichauer Zeitung
-erhielt darob eine »Ermahnung«.
-
-Nicht einmal über abgeschnittene Zöpfe durfte man also seine Glossen
-machen, und zu solchen bürokratischen Heldentaten hatte die Berliner
-Zensurbehörde noch Zeit und Sammlung drei Wochen vor der Völkerschlacht
-bei Leipzig!
-
-
-Das Dankgebet nach der Leipziger Schlacht.
-
-Ein »Augenzeuge« hatte in einem Brief geschildert, wie Fürst
-Schwarzenberg am 19. Oktober 1813 den drei auf dem Monarchenhügel
-versammelten verbündeten Fürsten die Siegesnachricht überbrachte.
-Kaiser Franz stieg sogleich vom Pferde und kniete zum Gebet nieder;
-alle übrigen Anwesenden folgten seinem Beispiel. »Bewunderungswürdig
-war es,« setzte der von seiner eigenen Schilderung ergriffene
-Berichterstatter hinzu, »daß die zügelfreien Pferde während dieser
-imposanten Feierlichkeit ohne einen Hufschlag zu tun, ruhig neben ihren
-Reitern standen.«
-
-Dieser Brief war in der »Brünner Zeitung« gedruckt worden, und am 13.
-Januar 1814 brachte ihn auch die »Vossische«. Die Redaktion freute sich
-gewiß der höchst stimmungsvollen Szene, Schmok würde von »Brillanten«
-gesprochen haben, und sie war auch zweifellos ganz nach dem Herzen des
-Zensors Le Coq.
-
-Wie bestürzt mag er gewesen sein, als ihm gerade diese zarte
-Reporterlyrik einen ziemlich derben Verweis zuzog. Hardenberg fand
-nämlich, daß jene rührende Schlußwendung das Gepräge der »Ironie« an
-sich trage, und warnte den Zensor, in ein offizielles Blatt nicht
-Erzählungen aufzunehmen, »die bei einem großen Teile des Publikums nur
-gar zu leicht zu satirischen Bemerkungen Anlaß geben«.
-
-Verwunderlich ist, daß Hardenberg nicht lieber auf die Unrichtigkeit
-der Tatsache selbst aufmerksam machte, von der er im Hauptquartier,
-wo er weilte, hätte Kenntnis haben oder doch leicht erhalten können.
-Die ganze Episode ist bekanntlich von den Historikern als ein Märchen
-bezeichnet worden.
-
-
-Das »System der Mäßigung«.
-
-Solange Napoleon in Deutschland allmächtig war und Preußen wohl oder
-übel für die Unantastbarkeit seines ihm gewaltsam aufgedrungenen
-Verbündeten einstehen mußte, blieb ihm nichts anderes übrig, als alle
-Angriffe gegen den Unüberwindlichen zu unterdrücken. Als aber der
-Schlachtendonner des 18. Oktobers den Nimbus des Korsen zerstört hatte,
-verlangte das Empfinden des Volkes, das doch die Kosten des Krieges
-mit Gut und Blut zu zahlen hatte, die Vogelfreiheit des Gegners.
-Statt diesem gerechten Empfinden nachzugeben, versteifte man sich
-seitens der preußischen Regierung auch jetzt noch auf ein »System der
-Mäßigung«, das mit einer lächerlichen Konsequenz innegehalten wurde.
-Eine schlimmere Beleidigung als die Schlacht bei Leipzig konnte wohl
-schwerlich das bitterste deutsche Libell dem gestürzten Franzosenkaiser
-zufügen.
-
-Die Berliner Zensurbehörde dachte anders. Noch am 20. Dezember
-1813 erließ sie eine neue Warnung gegen alle eingeführte
-Flugschriftenliteratur, die natürlich zum vorwiegenden Teil an dem
-gestürzten Feinde ihr Mütchen kühlte, und die Lektüre dieser ins
-Ungemessene wachsenden Druckschriften betrieb der gute Renfner immer
-noch so, als ob Napoleon leibhaftig hinter der Tür stände.
-
-Ein so heftiger Napoleonfeind wie Arndt mußte ihm daher manches
-zu schaffen machen. Dieser »~écrivain infatigable~« ließ ja kaum
-einen Monat verstreichen, ohne immer neue Literaturgranaten auf
-den zurückweichenden Gegner zu schleudern. Arndts Flugschrift »Das
-preußische Volk und Heer im Jahre 1813« ließ Renfner im Dezember 1813
-»gern und willig« durch, »obgleich der Schwung der letzten Seiten wohl
-hätte gemildert werden können«. Seine »wütende Einleitung« aber zu den
-»Betrachtungen über das Concordat« von dem Russen Uwaroff überschritt
-nach Renfners Urteil »alle Grenzen« und wurde verboten, denn Arndt
-hatte darin Napoleon den »großen Virtuosen der Lüge« genannt. Arndts
-politisches Programm »Der Rhein, Teutschlands Strom, aber nicht
-Teutschlands Grenze« kam dem Zensor zwar reichlich »überspannt« vor,
-denn es forderte kurzerhand die Vorschiebung der Grenze Deutschlands
-»soweit die deutsche Zunge klingt«, bis zu den Ardennen, den Vogesen
-und dem Jura, und die Herausgabe Elsaß-Lothringens, Forderungen, auf
-denen leider die Diplomaten des Wiener Kongresses zu unserm heutigen
-Leidwesen nicht bestanden. Da aber diese »excentrischen Vorschläge mit
-ziemlicher Bescheidenheit« vorgetragen seien, gab Renfner im Januar
-1814 die Schrift zum Verkauf frei.
-
-Die Feder aber fiel ihm vor Schreck aus der Hand (»~la plume tombe des
-mains~«), als er Arndts »Kurze und wahrhaftige Erzählung von Napoleon
-Bonapartens verderblichen Anschlägen« (anonym: Germanien 1813) las, und
-der unauslöschliche Haß, den die gleichzeitige Schrift »über Volkshaß
-und über den Gebrauch einer fremden Sprache« gegen die Franzosen und
-ihre Sprache predigte, paßte allerdings wenig zur Proklamation der noch
-immer unentschlossen am Rhein stehenden Verbündeten vom 2. Dezember
-1813, die Frankreich »groß, stark und glücklich« wünschte, weil es eine
-der »Hauptgrundlagen des europäischen Staatsgebäudes« sei.
-
-Beide Schriften wurden nach Vorschlag Renfners am 31. Januar 1814 durch
-Hardenberg selbst verboten, weil sie im diametralen Widerspruch standen
-zu dem »System der Mäßigung«, das die Alliierten zur Schau trugen.
-
-Ebenso erging es im Februar 1814 dem 3. Teil des Werkes »Geist der
-Zeit«, worin Arndt mit dem ganzen Pathos seiner volkstümlichen
-Beredsamkeit alles heraussprudelte, was er über Napoleons Verbrechen
-an der Menschheit und über die unmögliche Versöhnung Deutschlands mit
-Frankreich auf dem Herzen hatte. Der erste Teil dieses Werkes war 1806
-in Dänemark, bei Hammerich in Altona, ohne Angabe eines Verlegers
-erschienen, der zweite Teil 1808 in Schweden, wo sich Arndt vor den
-Häschern Napoleons verborgen hielt. Den dritten hatte Reimer 1813 in
-Berlin verlegt, ebenso eine 2. Auflage des zweiten Teils, beide unter
-der Druckfirma Th. Boosey in London, denn die Berliner Zensur würde nie
-die Erlaubnis dazu gegeben haben.
-
-
-Die Schonung Napoleons.
-
-Für die Schonung Napoleons seitens der Zensur auch während der
-Befreiungskriege waren hauptsächlich drei Gründe maßgebend. Für
-einen Mann, der einmal -- ob legitim oder illegitim -- den Purpur
-getragen, verlangte das Kartell der Fürsten Europas Achtung unter allen
-Umständen; er war und blieb ein gekröntes Haupt, dessen Verunglimpfung
-auch nicht als Ausnahmefall zugelassen werden durfte. »Der Teufel,
-wenngleich ein Höllenfürst, bleibt doch immer ein Souverain«, spottete
-Kotzebue in seinen »Politischen Flugblättern«. Obendrein war Napoleon
-durch seine Heirat mit der Erzherzogin Marie Luise der Schwiegersohn
-des Kaisers Franz, eines der erlauchten Verbündeten. Daher hatte auch
-die österreichische Regierung noch nach Wiederbeginn des Krieges alle
-»erniedrigenden Ausfälle« gegen Napoleon verboten.
-
-Der zweite Grund war ernster politischer Art: solange man noch hoffte,
-mit dem Kaiser von Frankreich zu einem Frieden zu kommen, wollte man
-ihn nicht reizen.
-
-Zum dritten war man auch nach seiner Verbannung nach Elba von der
-Furcht nicht frei, er werde wiederkommen, und die Tatsachen schienen
-ja diesem Bedenken recht zu geben. Die deutschen Regierungen rechneten
-also auch nach der Schlacht bei Leipzig mit der Möglichkeit, noch
-einmal die Gnade des Siegers anrufen zu müssen. Es ist Deutschland
-wahrlich schwer gemacht worden, sich im Vertrauen auf seine Kraft
-dauernd zu befestigen.
-
-Von diesen drei Gründen vermochte den ersten auch die Geschichte
-niemals aus der Welt zu schaffen. Der Schwiegervater Napoleons, Kaiser
-Franz von Österreich, regierte ja noch bis 1835, und bis zu seinem
-Tode wenigstens ist dieser allerhöchsten Verwandtschaft seitens der
-Zensur in Deutschland stets mit rührendem Zartgefühl Rücksicht getragen
-worden.
-
-
-Fremder Götzendienst.
-
-Genau so wie Arndt erging es den übrigen Patrioten, die ihrem
-Temperament nicht die von der Zensur verlangte »Mäßigung« auferlegen
-konnten. Der Vorsteher der Berliner Blindenanstalt, Professor August
-Zeune, schickte einem Vortrag über das Nibelungenlied, das er als
-geeigneten Ersatz für die überschätzte französische Literatur empfahl,
-eine Einleitung voll »Feuerbrände und Congrevescher Raketen« gegen
-die »Rotte Kora«, das französische Volk, voraus, in der er ebenso wie
-Arndt die Verbannung der französischen Sitte und Sprache, die völlige
-Abschaffung des »Fremden Götzendienstes« forderte. Die deutsche
-Nachahmung der Franzosen erklärte Zeune aus unserer Unkenntnis der
-wahren Geschichte Frankreichs, der Bestechung deutscher Gelehrten durch
-Ludwig XIV., der verkehrten Erziehung Friedrichs des Großen durch einen
-französischen Hofmeister und »aus der Sucht gewisser hoher Stände,
-über das Volk erhaben zu sein«. »In diesem Kapitel«, heißt es in dem
-Zensururteil Renfners, »werden nun wieder die Vornehmen, oder wie sie
-Herr Zeune nennt, die Vornehmtuer nach Gebühr abgekanzelt.« Der Titel
-Herr ist in diesen Akten immer ironisch gemeint, soweit es sich um
-Bürgerliche handelt.
-
-Als Zeune seinen Vortrag auf Wunsch seiner Zuhörer, Männer und
-Frauen, herausgeben wollte, verweigerte Renfner die Erlaubnis; nach
-seiner Instruktion, versicherte er, könne kein »einziger Satz dieser
-Vorlesung« gedruckt werden. Auch sein Versuch, den Vortrag unter dem
-Titel »Der Rheinstrom, Deutschlands Weinstrom, nicht Deutschlands
-Rainstrom« durchzuschmuggeln, scheiterte an der Wachsamkeit Renfners,
-der im Februar 1814 über das Manuskript folgendes Urteil fällte:
-
-»Unter diesem verschrobenen Titel wollte der Prof. Zeune den größten
-Teil seiner schon vorhin abgewiesenen Vorlesungen zu Markte bringen,
-das alte Frankreich zerstückeln, halb Europa zu Deutschland schlagen,
-die Unabhängigkeit mehrerer benachbarten Staaten beeinträchtigen und
-nach Gewohnheit auf alles, was französisch ist, derb losschimpfen. Da
-dieser unberufene Schriftsteller noch ganz neuerlich schwere politische
-Sünden auf sich geladen hat und deshalb von Polizei wegen in strengen
-Anspruch genommen worden, so war ich desto mehr befugt, ihn auch
-diesmal wieder zur Ruhe zu verweisen. Es ist schlechterdings kein
-Auskommen mit ihm.«
-
-Und wie wütete Renfners Rotstift in der massenhaften patriotischen
-Lyrik, in der sich der deutsche Zorn mehr oder weniger gelenk austobte!
-Überall müssen Strophen voll »rasender Schimpfworte« gegen Napoleon
-gestrichen werden. Kein Wunder, daß da nur unangetastet blieb, was
-nach Renfners eigenem Urteil »matt, seicht und unschuldig« war. Sogar
-der Dichter der »Urania«, Tiedge, wurde mit seinen »Denkmalen der
-Zeit« von Renfner im Januar 1814 abgewiesen, obgleich sie, wie der
-Zensor selbst zugab, bewundernswerte Stücke enthielten, die das Lob
-des Königs von Preußen und Deutschlands mit patriotischem Schwung
-sangen; in einigen Gedichten aber flammte eine so heftige Empörung
-(»~une rage furibonde~«) gegen Napoleon und Frankreich, daß Renfner
-die Druckerlaubnis versagte. Statt ihrer gab er dem Dichter den
-ironischen Rat, sich mit diesen hübschen Sächelchen, die er gegen den
-Schwiegersohn des Kaisers Franz auf dem Herzen habe, nach -- Österreich
-zu wenden! Sie erschienen im selben Jahr zu Leipzig bei J. F. Hartknoch.
-
-Soviel ist gewiß: Lissauers »Haßgesang« wäre mit Zustimmung Renfners
-nicht gedruckt worden.
-
-
-Der Schneider Kakadu.
-
-Wo der tiefe Ernst patriotischer Männer ironisch verächtliche Ablehnung
-fand, wie sollte sich da der Übermut des Humors oder gar der Satire
-hervorwagen! Im Januar 1814 fand Renfner unter den ihm vorgelegten
-Schriften eine in Leipzig gedruckte »Apologie Napoleons des Großen«,
-voll »Gelehrsamkeit und Witz in Menge«, wie er selbst zugestand; auch
-mußte er »herzlich« darüber lachen, aber zum Verkauf wagte er sie nicht
-freizugeben, und den Druck eines Liederspiels »Politisches Quodlibet«,
-das bereits in Hannover zwei Auflagen erlebt hatte, verbot er im
-Februar hauptsächlich deswegen, weil Napoleon darin die Arie »Ich bin
-der Schneider Kakadu« zu singen hatte.
-
-
-Die europäische Barbierstube.
-
-Ebenso philisterhaft behandelte man die politischen Karikaturen,
-die schon seit dem Frühjahr 1813 wie Mücken nach dem Gewitter
-zahlreich zum Vorschein kamen und natürlich nur _ein_ Stichblatt
-hatten: Napoleon. Zunächst durften sie nicht »Sitte und sittliche
-Würde« verletzen, »soweit nämlich«, wie Polizeipräsident Le Coq
-einmal vorsichtig zugab, »der Begriff der letzteren nicht in zu
-weiter Ausdehnung gegen die Natur einer _jeden_ Karikatur als solcher
-gerichtet sein dürfte«. Vor allem aber durften sie durch keinerlei
-»Attribute« irgendwelche Fürstlichkeiten kenntlich machen, auch nicht
-»feindliche Souveraine«.
-
-Da war u. a. eine Karikatur erschienen, die den Titel »Die europäische
-Barbierstube« führte: Napoleon wird, auf einem Stuhl sitzend, rasiert;
-die Messerklinge trägt die Aufschrift 1813 und das blutige Rasiertuch
-die Namen Culm, Katzbach, Leipzig und Dennewitz; einer der drei
-Barbiere hält den Kunden auf dem Stuhle fest, der andere schlägt
-Schaum, und der dritte rasiert. Die drei trugen Offiziersuniform
-ohne weitere Abzeichen, und sogar jede persönliche Ähnlichkeit war
-vermieden. Nur Napoleon war erkennbar. Das Publikum aber verstand den
-Spaß und hatte bald heraus: die erste der drei Figuren ist Kaiser
-Franz, die zweite Kaiser Alexander und die dritte König Friedrich
-Wilhelm, also »die allerhöchsten Personen der verbündeten Monarchen«.
-
-Diese »bloße Vermutung« genügte dem Berliner Polizeipräsidenten, die
-Karikatur sofort überall wegnehmen und »unverzüglich« _verbrennen_
-zu lassen! Der Minister von der Goltz billigte das höchlichst; er
-wollte zwar nicht alle politischen Karikaturen glattweg verbieten,
-»des möglichen Mißbrauchs wegen« und um »die Teilnahme des Publikums
-an den Anstrengungen, welche die Pflicht in der gegenwärtigen Zeit
-erfordert«, zu erhalten. Le Coq möge nur weiter mit größter Vorsicht
-zensieren und alles unterdrücken, was Deutungen wie die obige zulasse.
-»Die geheiligten Personen der verbündeten Souveraine« dürften
-selbstverständlich »nicht anders als auf eine dem Ernst, der Würde und
-der Ehrfurcht angemessene Art bildlich dargestellt werden.«
-
-Für einen Künstler muß dieser ängstliche Zustand sehr anregend gewesen
-sein! Bedarf es einer andern Erklärung dafür, daß es damals in
-Deutschland noch keine Karikaturisten gab? Sie wären jedenfalls alle
-nach Spandau gekommen. Mit Ausnahme etlicher Blätter Schadows ist denn
-auch der künstlerische Ertrag jener Zeit an Zerrbildern gleich Null.
-
-
-Projektenmacher.
-
-Leute wie Arndt, Zeune und Genossen waren nach dem Urteil der damaligen
-Zensur lauter »Projektenmacher«, die der allein zuständigen Regierung
-ins Handwerk pfuschten, statt in bescheidener Demut zu erwarten, welche
-Zukunft ihnen von der unübertrefflichen Weisheit der Staatslenker
-von 1806 zugedacht war. Ein Kammergerichtsrat Willmanns forderte in
-einem Aufsatz »Über die natürlichen Grenzen Frankreichs«, ebenso wie
-Arndt, daß die Grenzen Deutschlands so weit vorgerückt würden, als
-deutsch gesprochen wurde. Renfner setzte ein beredtes Ausrufungszeichen
-dazu und meldete: »Ich habe ihm mein Imprimatur versagt und zur
-Antwort erteilt, daß, da die Absichten der verbündeten Mächte über
-die Bestimmung der künftigen Grenzen Deutschlands noch nicht bekannt
-sind, es ein Vorgriff sein würde, dieserhalb öffentlich Grundsätze
-aufzustellen, die vielleicht nicht genehmigt werden dürften«!
-
-Aus einer Ode des Gymnasialkonrektors Pudor zu Marienwerder strich
-er eine »boshafte Strophe, die das französische Volk zur Entthronung
-Napoleons mit Wut aufforderte«, und aus einem Lied, das er selbst als
-»echt patriotisch und auch artig gedichtet« rezensierte, die Verse, die
-»den Deutschen die Wiedereroberung vom Elsaß zusagten«.
-
-Ein preußischer Offizier Karl Müller wollte ein strategisches Werk
-»Über Dijon nach Paris und weiter« veröffentlichen. Darüber hatte
-natürlich das Militärgouvernement zu entscheiden. Aber am Schluß
-»verstieg« sich der Verfasser auch in die hohe Politik; er wollte
-aus dem Stromgebiet der Rhône einen unabhängigen Staat gebildet, das
-Kaisertum in Frankreich abgeschafft und die Bourbons wiedereingesetzt
-sehen. »Es versteht sich,« erklärte Renfner im Februar 1814, »daß ich
-diesen ganzen zweiten Abschnitt verstoßen mußte.«
-
-Noch hartnäckiger untersagte man im Jahre 1814 die öffentliche
-Erörterung der bevorstehenden Teilung Sachsens. Ehe sie erfolgte,
-sollte die Presse darüber schweigen, und nachdem sie entschieden war,
-erst recht. Und doch hätte das deutsche Volk damals mehr als je
-das moralische Recht gehabt, nicht nur Friedens-, sondern geradezu
-Kriegsziele ins Auge zu fassen und ein Wort darüber mitzureden.
-
-
-Zensurfiliale in Königsberg.
-
-Mit den Russen war seit dem Frühjahr 1813 auch die Flut mehr oder
-weniger wertvoller patriotischer Volksliteratur nach Berlin gekommen,
-die in Rußland und Ostpreußen zur Mobilmachung des Volkes entstanden
-und verbreitet worden war. In Petersburg und dann in Königsberg
-hatte ja der Freiherr vom Stein sein literarisches Hauptquartier
-aufgeschlagen, und Arndt hatte ihm gleichsam als literarischer
-Marschall gedient, um mit dem »Zorn der freien Rede« in Liedern,
-Aufrufen, Flugschriften und Pamphleten den schwelenden Haß gegen den
-Erbfeind zur freien lodernden Flamme aufzuschüren.
-
-Die Mehrzahl dieser aus dem Osten eingeführten Kriegsliteratur, die
-jetzt vor allem üppig aufschoß, wo der Augenblick gekommen schien, sich
-an dem endlich verblutenden, verhaßten Feinde mit Spott und Hohn zu
-rächen, war mit russischer Zensur gedruckt worden, und das preußische
-Militärgouvernement der Lande zwischen der russischen Grenze und der
-Weichsel hatte gerne seinen Segen dazu gegeben, denn zur Bekämpfung
-Napoleons schien ihm mit Recht jede, nur einigermaßen anständige Waffe
-willkommen. Darin hielt das Militär es ganz mit Arndt, der schon 1811
-gesungen hatte:
-
- Zusammen braust das deutsche Wort
- Und weht die fremden Buben fort
- Im Schlachtendonnerwetter
- Wie Herbstwind dürre Blätter.
-
-Der Berliner Zensurbehörde aber konnte der eingedruckte russische
-Zensurstempel keineswegs imponieren. Und obendrein sprach es ja aller
-bürokratischen Gepflogenheit Hohn, wenn sich da in Königsberg eine
-besondere Zensurbehörde aufgetan hatte, die nach eigenem Ermessen
-schaltete und waltete. Nach Wiederaufnahme der Verbindung zwischen
-Ostpreußen und der Hauptstadt war es die höchste Zeit, daß dieser Not-
-und Ausnahmezustand aufhörte und der Berliner Amtsschimmel wieder
-allein den Zensurkarren zu ziehen hatte.
-
-Die Militärs waren mit der Entziehung ihrer eigenen Zensurrechte
-keineswegs einverstanden und begriffen ebensowenig, warum noch immer --
-dem Buchstaben getreu -- Bücher verboten bleiben sollten, die man nur
-den französischen Gewalthabern zuliebe mit dem Interdikt belegt hatte.
-Daraus entwickelte sich zwischen ihnen und den ängstlichen Bürokraten
-und Diplomaten in Berlin ein ebenso hartnäckiger wie amüsanter
-amtlicher Federkrieg, zu dem vor allem die Schriften von Arndt und
-Kotzebue immer neuen Anlaß boten, und dem auch die Schlacht bei Leipzig
-kein Ende machte.
-
-
-Arndts »Historisches Taschenbuch«.
-
-Zu den von Rußland hereingekommenen patriotischen Schriften gehörte
-auch Arndts »Historisches Taschenbuch für das Jahr 1813«, sechs Kapitel
-aus seiner »teutschen Geschichte«, die erst zwei Jahre später erschien.
-Er hatte es in Petersburg mit dortiger Zensur drucken lassen und sogar
-der Kaiserin gewidmet. Als er dann am 22. Januar 1813 in Königsberg
-eintraf und Stein als russischer Zivilgouverneur zahlreiche Schriften
-des Freundes hier drucken und verteilen ließ, übernahm der Verleger
-Nicolovius den Verkauf des Taschenbuchs in Deutschland. Er versah
-die Exemplare mit einem neuen Titelblatt, setzte seine Firma und, da
-sich die Ausgabe des »gehemmten Postenlaufes« wegen verspätete, die
-Jahreszahl 1814 darauf und ließ sie von Leipzig aus versenden. So kamen
-einige davon auch nach Berlin, wo sie als von auswärts eingeführte
-historisch-politische Schrift dem Zensor Renfner vorgelegt werden
-mußten.
-
-Arndt war damals noch Schwede, seine Heimat Rügen wurde ja erst 1815 an
-Preußen abgetreten, und er erstarb keineswegs in Ehrfurcht vor allen
-Hohenzollernfürsten. So war er in diesem Taschenbuch mit Friedrich dem
-Großen wegen seines »Buhlens« mit dem Franzosentum scharf ins Gericht
-gegangen, hatte ihn gar kurzweg einen Franzosen-»Affen« genannt --
-Grund genug, daß nicht nur der Berliner Zensor Renfner die Schrift als
-»sträflich« bezeichnete, sondern sich der Minister des Auswärtigen von
-der Goltz und sein Staatsrat von Raumer persönlich damit beschäftigten.
-
-Die beiden Herren stellten daraus »die schändlichsten und empörendsten
-Schmähungen wider das heilige Andenken des großen Königs« zusammen;
-Goltz fand die Tatsache des Verlags durch die Königsberger Firma,
-»wenn es nicht klar zu Tage läge, allen Glauben übersteigend«,
-verfügte die sofortige Beschlagnahme und verlangte entschieden,
-daß die ostpreußische Regierung den schuldigen Zensor seines Amtes
-entsetze oder, wenn der Verleger ohne Zensur habe drucken lassen, das
-Zensuredikt von 1788 gegen diesen im voller Schärfe zur Anwendung
-bringe. Ihm schien »die Wurzel des Übels tiefer zu liegen und mit neuen
-schädlichen Keimen und Sprossen zu drohen«, und er hielt es daher sogar
-für notwendig, das Buch dem Staatskanzler Hardenberg vorzulegen, damit
-dieser imstande sei, »den bösen Principien in ihren ersten Fäden zu
-widerstehen«. Voll tiefer Entrüstung schrieb er am 14. Januar 1814 an
-Hardenberg: »Erwägt man den diametralen Widerspruch, in welchem diese
-freche Verunglimpfung der Manen Friedrichs mit dem hohen Königlichen
-Wort vom 17. März 1813: ›Erinnert euch an den großen Friedrich‹ stehet,
-auf welches erhabene Wort so herrliche Taten geschehen sind; erwägt man
-ferner, daß die preußische Nation frei von dem bösen Symptom ist, die
-Manen ihrer Heroen zu verunglimpfen oder auch nur diese Verunglimpfung
-zu gestatten, und auf diese Weise durch Undank gegen die Vorwelt
-und gegen verehrte Manen den Undank gegen den lebenden Herrscher
-vorzubereiten; erwägt man, daß Arndt, der Verf. der Verunglimpfung,
-vielleicht ebensowenig irgend einer der Regierungen Teutschlands, als
-der preuß. Regierung angehört und vielmehr unter dem gemißbrauchten
-ehrwürdigen Namen eines Teutschen, nach Gründung irgend einer, von
-seinem Einfluß beseelten Willkür strebt, erwägt man endlich, daß
-dieser Arndt ein talentvoller Mann ist, der in seiner Schrift ݆ber
-das Preußische Volk und Heer‹, unter einigen tadelnswerten Zügen, viel
-Vortreffliches und der Überlieferung auf die Nachwelt Würdiges gesagt
-hat; so wird die Frage interessant, ob eigener böser Wille, eigne
-Verkehrtheit und Schmähsucht des Verf. und zugleich eine unbegreifliche
-historische Kurzsichtigkeit desselben, die in Preußens ruhmvoller Zeit
-unter Friedrich den Keim des preuß. Ruhms in der gegenwärtigen Zeit
-nicht zu finden weiß, oder ob vielmehr äußere Impulsion ihn antreibt,
-in diesem unwürdigen, frevelnden Ton zu schreiben.«
-
-Der hämische Hinweis des Ministers auf die deutsch-patriotische
-Tätigkeit des Ausländers, das Mißtrauen gegen seine Motive und der
-Verdacht, daß er ein Werkzeug in der Hand einer fremden Macht sei,
-den Namen eines Deutschen mißbrauche (!) und nach revolutionärer
-Willkür strebe, sind schon weitere Vorboten der Reaktion, die nach den
-Befreiungskriegen mit voller Macht einsetzte.
-
-Hardenberg mußte nach dieser beschwörenden Ansprache wohl oder übel
-die Sache weiterverfolgen. Der Verleger Nicolovius hatte das Buch
-Arndts gar nicht gelesen, berief sich auf die Petersburger Zensur und
-den Freiherrn vom Stein, der mit Arndt in seinem Hause gewohnt hatte,
-und meinte sehr kühl, einem Historiker müsse ein freies Urteil erlaubt
-sein; stimme es mit den Ansichten »anderer« nicht überein, so werde es
-schon Widerspruch finden; nur so könne die Geschichte »Wahrheit als
-Haupterforderniß« erhalten.
-
-Ganz andere Saiten aber zog das Militärgouvernement von Zastrow und
-von Dohna auf. Es wies zunächst darauf hin, daß Arndt an zahlreichen
-Stellen seines Buches Friedrichs II. »mit dem höchsten Lobe« gedenke,
-daß sein Tadel des Königs auch in andern, nicht verbotenen Schriften
-erhoben werde, und daß dieser Tadel obendrein durchaus berechtigt und
-»von der Nation tief gefühlt« worden sei. Die Nachfolger Friedrichs
-hätten »die traurigen Folgen« seiner Franzosenschwärmerei »öffentlich
-anerkannt und angelegentlich dahin gestrebt, dem großen dadurch
-entstandenen Übel entgegenzuwirken«. Nicht durch »Irreligiösität und
-Vorliebe für die Franzosen, sondern gerade im Gegenteil durch eine
-heilsame Rückkehr zum Bessern, durch allgemein wieder reggewordenen
-[religiösen] Sinn und ganz allgemein verbreiteten Haß gegen die
-Franzosen« habe die Nation im letzten Jahr so außerordentliche Dinge
-geleistet.
-
-Hardenberg erbat sich daraufhin vom Minister von der Goltz ein Exemplar
-des Taschenbuchs. Was weiter daraus wurde, darüber besagen die Akten
-nichts. Der Staatskanzler war damals mit den verbündeten Heeren auf dem
-Wege nach Paris und wird die Sache aus dem Auge verloren haben. Goltz
-aber dürfte der Aufforderung Hardenbergs gar nicht nachgekommen sein.
-Sein Verhalten in dem gleichzeitig spielenden Fall Kotzebue läßt das
-mit Sicherheit annehmen.
-
-
-»Noch Jemands Reise-Abentheuer.«
-
-Ebenso wie Arndts »Historischem Taschenbuch« ging es zur selben Zeit
-auch der heroischen Tragi-Komödie »Noch Jemands Reise-Abentheuer«,
-worin in lustigen Versen die Abenteuer Noch Jemands (d. i. Napoleons)
-und seines Mameluken verspottet waren. Ihr Verfasser war der
-unermüdliche Kotzebue, der darin die Taten der Russen und Preußen
-verherrlicht und den Patriotismus des Volkes angeregt zu haben glaubte,
-wie er dies in zahllosen andern Possen, Komödien und Flugschriften
-mit großem Geschick und Erfolg getan hatte. Im übrigen war er der
-Überzeugung: »Das Ungeheuer Napoleon ist ein so verabscheuungswürdiger
-Gegenstand, daß, so lange unsere Monarchen noch im Krieg gegen ihn
-begriffen sind, die Feder sowohl als das Schwert sich alles gegen
-denjenigen erlauben darf, der sich mit Schwert und Feder so oft Alles
-gegen uns erlaubt hat.«
-
-Kotzebue, der damals in Königsberg als russischer Generalkonsul lebte,
-hoffte mit jener Tragi-Komödie eine »Auszeichnung« verdient zu haben;
-statt dessen wurde ihm von Berlin eine »Beleidigung« zuteil, denn der
-Minister von der Goltz nannte sein Opus ein »Pasquill« und verfügte am
-14. Januar 1814 dessen Verbot mit der Begründung: »Schmähungen sind mit
-der eigenen Würde einer großen, gerechten Sache nicht vereinbar.«
-
-Dieses Pasquill nun hatte in Reval und Riga eine doppelte
-russische Zensur passiert und war schließlich vom Königsberger
-Militärgouvernement ausdrücklich genehmigt worden. Daraufhin hatte der
-Verleger Nicolovius unbedenklich 500 Exemplare nach Berlin gesandt.
-
-Der Minister lief denn auch mit seinem Verbot bei dem Königsberger
-Militärgouvernement sehr übel an. Dieses erwiderte in demselben
-Schreiben vom 30. Januar 1814, das Arndts »Historisches Taschenbuch«
-in Schutz nahm, sehr scharf, daß derlei Verbote von Schriften, die »in
-Rußland und dem jetzt befreiten Deutschland« herausgekommen seien,
-im Publikum »eine tief gekränkte und beunruhigte Stimmung so wie
-die höchste Indignation gegen die Urheber dieses neuen Geistes und
-Preßzwanges hervorgebracht« und außerdem die russische Behörde bereits
-zu der »gehässigen Bemerkung« veranlaßt hätten, dieses Verfahren
-deute wahrscheinlich auf eine Änderung des politischen Systems hin!
-Die gesamte Nation verlange mit Recht, daß man nicht in Berlin alles,
-»was zur Belebung des guten Geistes gereichen könne, als Verbrechen
-verfolge«! Sei doch gerade von Berlin während der französischen
-Besetzung »fast jede unwahre, vergiftende, das Königl. Haus und die
-Nation herabwürdigende Darstellung ganz ungehindert« ausgegangen. Das
-Militärgouvernement ersuche daher den Staatskanzler, den Minister
-anzuweisen, »von einem solchen Verfahren abzustehen« und den Verkauf
-aller Schriften zu gestatten, die mit Zensur in den Staaten der
-verbündeten Mächte gedruckt würden.
-
-Hardenberg verfügte daraufhin am 11. März die Freigabe der
-Kotzebueschen Schrift. Dieses Dementi und die scharfe Kritik des über
-die Haltung der Berliner Presse während der Okkupationszeit noch immer
-tief empörten Grafen Dohna an der Amtsführung des Ministers von der
-Goltz ärgerten letzteren so sehr, daß er es wagte, den Befehl des
-Staatskanzlers der Behörde in Königsberg einfach nicht mitzuteilen!
-
-
-Das »Liedlein nach der Leipziger Schlacht«.
-
-Hatte da zur Feier der Leipziger Völkerschlacht ein anonymer
-Verskünstler, wahrscheinlich ein damaliger »Feldgrauer«, in oder
-um Königsberg, ein kräftiges Liedlein gedichtet, das durch seinen
-volksmäßigen Ton in Verbindung mit einer bekannten Melodie bald auf
-allen Etappenstraßen des preußisch-russischen Heeres gesungen wurde. Es
-hub an:
-
- Es ritt ein Reiter wohl aus Paris. Trarah!
- Aus vollen Backen ins Horn er blies. Trarah!
- Er eignete fremde Taten sich an
- Und pries nur sich selber den Tatenmann.
- Trarah! Trarah! Trarah!
-
-und glossierte so in vierzehn Strophen den Feldzug Napoleons nach
-Rußland, die klägliche Rückkehr der großen Armee und die endgültige
-Niederlage des Korsen bei Leipzig. 8000 Mann Landsturm hatten es unter
-Begleitung von Kriegsmusik gesungen, als die Kaiserin von Rußland auf
-der Straße von Braunsberg nach Mülhausen vorüberfuhr, und es hatte der
-Kaiserin, einer ehemaligen Prinzeß von Baden, so gut gefallen, daß
-sie bald mehrere Strophen auswendig konnte und die sie begrüßenden
-Landesdeputierten bat, ihr doch ja mehrere Exemplare des Textes zu
-verschaffen. Daraufhin war dies »Liedlein nach der Leipziger Schlacht«
-in Königsberg mit Zensur des dortigen Militärgouvernements gedruckt
-worden, und das Militärgouvernement in Pommern war eben im Begriff,
-gleichfalls einige hundert Exemplare davon herstellen zu lassen, als
-der Minister von der Goltz am 26. Januar 1814 fand, daß der Text des
-Liedes »wider eigene Würde und wider allen Anstand« verstoße, und dem
-Ostpreußischen Regierungspräsidenten den Auftrag gab, den Königsberger
-Zensor »über die richtigen Grundsätze von Anstand und Würde zu
-instruieren«! Ebenso erklärte der Zensor Renfner das Gedicht für
-»äußerst unanständig«.
-
-Es wird ewig unerfindlich bleiben, was in den lustigen Versen das
-Anstandsgefühl des Grafen so sehr verletzte. Nicht die geringste
-Unanständigkeit ist darin; Napoleon wird ein einziges Mal »das Untier«
-genannt, und die derbste Strophe des Liedes lautet:
-
- Des Krieges Sichel er ruchlos wetzt. Ei! Ei!
- Die Niemens Welle den Fuß ihm netzt. Ei! Ei!
- Hoch trug er die Nas', als hin er ging,
- Doch bald erfroren die Nas' ihm hing.
- Ei! Ei! Ei! Ei! Ei! Ei!
-
-In Königsberg war man ob jener Berliner Verfügung denn auch nicht
-wenig verblüfft. Das dortige Militärgouvernement von Zastrow und
-von Dohna legte den Sachverhalt mit einer höchst ironischen Wendung
-dem Staatskanzler von Hardenberg vor. Das Militärgouvernement von
-Pommern erklärte ebenfalls, hier müsse wohl ein Mißverständnis
-vorliegen: das Lied enthalte seines Erachtens nichts Anstößiges und
-Bedenkliches, gehöre vielmehr zu den Liedern, die, der Fassungskraft
-und dem Geschmack des Volkes angemessen, bei diesem eine »heitere und
-enthusiastische Stimmung« erzeugten, deren es »bei den fortwirkenden
-enormen Anstrengungen noch sehr bedürfe«. Auch das Militärgouvernement
-von Schlesien fand die Maßregel »kleinlich«.
-
-Graf von der Goltz aber blieb auch hier hartnäckig bei seiner Meinung
-und antwortete dem Militärgouvernement, das Lied sei »wegen der
-Schimpfworte und andrer Anstößigkeiten verwerflich befunden worden«.
-Vielleicht habe man, fügte er hinzu, in Pommern einen andern Text, oder
-man könne mit »einigen wesentlichen« Veränderungen »etwas Besseres«
-daraus machen; dann möge man ihm den »verbesserten Entwurf« gefälligst
-einsenden. Dieser redaktionelle Auftrag kam dem Militärgouverneur
-Stutterheim und dem pommerschen Zivilgouverneur Beyme doch wohl allzu
-komisch vor; sie legten ihn ohne Antwort ~ad acta~ und ließen die
-Soldaten das »Liedlein nach der Leipziger Schlacht« weiter so singen,
-wie der Dichter es in einer glücklichen Stunde hinausgeschmettert hatte.
-
-
-Hardenberg für eine liberalere Zensur.
-
-Als Hardenberg am 11. März 1814 die Rücknahme des Verbots von Kotzebues
-»Noch Jemands Reise-Abentheuer« verfügte, gab er dem Minister des
-Auswärtigen von der Goltz zugleich genauere Anweisung, wie er die
-Zensur künftig gehandhabt wissen wollte. »Der Zensor«, erklärte er,
-»kann immerhin sein Imprimatur denjenigen Schriften erteilen, welche
-die Nation von den Kunstgriffen unterrichten, durch welche es dem
-Kaiser der Franzosen gelang, sein Reich zu der gehabten monumentalen
-Größe zu erheben, die wir erlebt haben, und so können auch ohne
-Bedenken solche Schriften die Censur passieren, bei welchen der
-Verf. die Absicht hat, seinen Zeitgenossen ein Gemälde derjenigen
-Begebenheiten und Ereignisse zu liefern, durch welche das franz. System
-in einem gehässigen Lichte gezeigt wird, gleichviel ob die Darstellung
-in einen satirischen, ironischen oder ernsten Vortrag eingekleidet ist,
-worauf um so weniger ein besonderes Gewicht in dem Augenblick gelegt
-zu werden braucht, wo wir uns mit Frankreich in einem offenen Krieg
-befinden.«
-
-Dem Königsberger Militärgouvernement hatte er am Tage zuvor die
-Versicherung gegeben, daß er die Berliner Zensurbehörde zu einer
-»liberalen und dem Geiste der Zeit und den Umständen angemessenen«
-Beurteilung der ihr vorgelegten Schriften angewiesen habe.
-
-Hardenberg irrte sich aber gründlich, wenn er annahm, das Ministerium
-des Auswärtigen werde daraufhin »das Weitere verfügen«. Herr von der
-Goltz übte vielmehr »passive Resistenz«; er verschwieg nicht nur dem
-Königsberger Militärgouvernement die Freigabe der Schrift Kotzebues,
-sondern auch den obigen Befehl, den er allerdings auf sein Ressort
-allein beziehen durfte, und beschränkte seinen nach Königsberg
-gesandten »Extract« aus dem Schreiben Hardenbergs auf den Passus
-von der Unstatthaftigkeit einer dortigen eigenmächtigen Zensur! Und
-auch in der Folge waren er und der Zensor Renfner weit entfernt, in
-ihrer Strenge nachzulassen; Renfner erlaubte sich sogar Schriften
-zu beanstanden, die mit Hardenbergs Genehmigung oder auf seinen
-ausdrücklichen Wunsch entstanden waren.
-
-
-Zwei Randbemerkungen des Grafen Dohna.
-
-Obgleich sich Hardenberg gegenüber den franzosenfeindlichen
-Druckschriften der Auffassung des Königsberger Militärgouvernements im
-wesentlichen anschloß -- in _einem_ Punkte konnte er ihm nicht recht
-geben: die Einheitlichkeit der Zensur wurde unterbrochen, wenn man
-sich, wie von der Goltz sich ausdrückte, in Königsberg »anmaßte«, eine
-besondere Zensurbehörde zu etablieren. Seiner beruhigenden Versicherung
-einer künftigen liberaleren Zensur vom 10. März 1814 schickte er
-deshalb die Bemerkung vorauf, daß die Zensur aller verlegten oder
-eingeführten historisch-politischen Schriften ausschließlich Sache
-einer einzigen Behörde, nämlich des Auswärtigen Departements in
-Berlin sei. Auf die Streitfragen im einzelnen ging er dabei nicht
-ein, darüber gab er ja dem Minister des Auswärtigen am nächsten Tag
-genauere Anweisung. Graf Dohna, der letzteres nicht wissen konnte und
-auch keinerlei Andeutung darüber erhielt, faßte daher das Schreiben
-des Staatskanzlers als eine absichtliche Umgehung des eigentlichen
-Streitfalles auf und schrieb unwirsch an den Rand:
-
- »Die Antwort auf die aufgestellten Fragen -- pfiffige Anstalt
- zur Verdunkelung.«
-
-Und als nun Minister von der Goltz am 1. Mai aus der Verfügung
-Hardenbergs vom 11. März den unvollständigen »Extract« nach
-Königsberg sandte, der sich aber wohlweislich auf den Passus über die
-Unstatthaftigkeit einer besonderen Königsberger Zensur beschränkte,
-von der Freigabe der Kotzebueschen Schrift aber kein Wort verriet, sah
-sich Dohna in seinem Verdacht bestärkt, und in dunkler Vorahnung der
-kommenden Reaktionszeit setzte er eigenhändig die Worte darunter:
-
- »Einführung eines möglichst unwürdigen Preßzwanges und
- Zerreißung des Ressorts der Militär-Gouvernements. Fürs erste
- ~ad acta~.«
-
-
-Blücher über Zensur.
-
-Nach der Flucht Napoleons von Elba (Februar 1815) wollte Friedrich
-Förster, der Freund Körners, ein Sonett »Blücher bei der Nachricht von
-der Heimkehr Napoleons von Elba« in der »Spenerschen Zeitung« drucken
-lassen; der Zensor Renfner strich es. Förster beschwerte sich bei
-Blücher selbst und bat um seine Vermittlung. Aber dieser antwortete:
-
-»Ne, mit die Censoren hier mag ich mir nich befassen; über die hat der
-Teufel Gewalt. Packen Sie man Ihre Schriften ein und nehmen Sie sie mit
-nach Paris; _da_ hab' ich zu befehlen, hier nicht.«
-
-So geschah es; sobald die Verbündeten in die französische Hauptstadt
-eingerückt waren, erschien das Sonett in der »Teutschen Feldzeitung
-aus Paris«, die jedenfalls von Förster selbst redigiert wurde, aber
-eingehen mußte, als der Polizeiminister von Wittgenstein im November
-1815 die Aufsicht über die Tagespresse übernahm und damit die
-schlimmste Reaktion gegen alle freiheitlichen Bestrebungen in Preußen
-einsetzte.
-
- * * * * *
-
-Die Zensur trat jetzt in ihre eigentliche Blütezeit. Dieser Fülle der
-Erscheinungen widmet sich das zweite Bändchen:
-
-»_Biedermaier-Zensur_«.
-
-
-
-
-Nachweis der wichtigsten Quellenschriften.
-
-
- 1. Die Biographien Friedrichs II. von Preuß und Koser;
- Consentius, F. d. Gr. u. die Zeitungszensur (»Preuß.
- Jahrbücher« 1904); Buchholtz, Vossische Zeitung;
- Consentius, Der Wahrsager; Hesse, Preuß. Preßgesetzgebung;
- Wiesner, Denkwürdigkeiten d. österr. Censur; Nicolai in der
- »Neuen berlin. Monatsschrift« 1807; Nicolai, Gedanken über
- die Verbesserung etc. der Censur 1801; Alexis Herbstreise
- durch Skandinavien.
-
- 2. W. Müller, Sonnenfels; Fournier, Swieten als Zensor;
- Nicolai, Reise durch Deutschland u. d. Schweiz; Wiesner, a.
- a. O.; Gnau, Die Zensur unter Joseph II.; Gragger in der
- »Ungar. Rundschau« 1912.
-
- 3. Hesse, a. a. O.; Stölzel, Svarez; Prozeß des Buchdruckers
- Unger gegen Zöllner 1791; Nicolais »Allg. deutsche
- Bibliothek«; W. v. Humboldt's Ideen etc., hrsg. v. Cauer;
- Schlesier, Erinnerungen an Humboldt; Haym, Humboldt;
- Dilthey im »Archiv f. Gesch. d. Philosophie« 1890; Fromm,
- Kant u. d. preuß. Zensur; Kapp im »Archiv f. Gesch.
- des deutschen Buchhandels« Bd. V; Schrader, Gesch. der
- Friedrichs-Universität Halle; Schütz, Darstellung s.
- Lebens; Kant, Streit der Fakultäten; Harnack, Gesch. d.
- Berliner Akademie d. Wiss.; Fichte, Zurückforderung d.
- Denkfreiheit; Fichtes Leben u. literar. Briefwechsel.
-
- 4. Müller, Sonnenfels; Glossy im Grillparzer-Jahrbuch VII,
- XVII u. XXV; Schreyvogels Tagebücher; Wlassack, Chronik d.
- k. k. Hof-Burgtheaters; Brahm, Schiller; Schillers Briefe.
-
- 5. Iffland, Über meine theatr. Laufbahn; Glossy, a. a. O.;
- Consentius, Die Berliner Zeitungen während d. französ.
- Revolution (»Preuß. Jahrbücher« 1904); Buchholtz, a. a. O.;
- Schreyvogel, a. a. O.; Wiesner, a. a. O.; L. A. Frankl,
- Erinnerungen.
-
- 6. Wlassack, a. a. O.; Anschütz, Erinnerungen; Schreyvogel,
- a. a. O.; Teichmanns Literar. Nachlaß; Urlichs, Briefe
- an Schiller; Stauf v. d. March in der »Hilfe« 1913;
- Grillparzer-Jahrbuch VII u. XXV; Laube, Burgtheater; A. v.
- Weilen in der Festschrift für Kelle; Gragger, a. a. O.;
- Briefwechsel Schiller--Körner; L. A. Frankl, a. a. O.;
- Klingemann, Kunst u. Natur.
-
- 7. Grillparzer-Jahrbuch IX u. XXV; Castelli, Memoiren meines
- Lebens; F. L. Schmidt, Denkwürdigkeiten; Teichmann, a. a.
- O.; Karoline Bauer, Bühnenleben; Steig, Achim von Arnim;
- Frankl, a. a. O.; Bauernfeld, Alt- u. Neu-Wien; Kaiser,
- Unter 15 Theaterdirektoren.
-
- 8. Salomon, Gesch. des deutschen Zeitungswesens; Buchholtz, a.
- a. O.; Czygan, Zur Geschichte der Tagesliteratur während
- d. Freiheitskriege; Bassewitz, Kurmark Brandenburg;
- Gubitz, Erlebnisse; Czygan in den »Forschungen z.
- brandenburg. u. preuß. Geschichte«, Bd. XXI; Geiger,
- Berlin; H. Prutz in der Beilage zur »Allgem. Zeitung«
- 1893; Hagen, Schenkendorfs Leben; Czygan im »Euphorion«,
- Bd. XIII u. XIX; Goedeke, Grundriß; Fichte, Reden an
- die deutsche Nation 1808, neue Ausgabe von Leser 1908;
- Briefwechsel Gentz--Adam Müller; Köpke, Gründung der Kgl.
- Friedrich-Wilhelms-Universität zu Berlin; Varnhagen,
- Denkwürdigkeiten; Lehmann in den Sitzungsberichten d.
- K. Ges. d. Wiss. zu Göttingen 1895; Granier in der
- Sonntagsbeil. der »Voss. Ztg.« 1905; Gebhardt, W. v.
- Humboldt als Staatsmann; Humboldt, Ges. Schriften; Kleists
- Werke, hrsg. von Schmidt, Steig u. Minde-Pouet; Chamissos
- Briefe; Castelli, Memoiren.
-
- 9. Steig, H. v. Kleists Berliner Kämpfe; Czygan, Zur Gesch. d.
- Tagesliteratur etc.
-
- 10. Czygan, Zur Gesch. d. Tagesliteratur etc.; P. Hassel in der
- »Zs. f. Preuß. Gesch. u. Länderkunde« 1875; Dreyhaus in den
- »Forsch. z. brandenburg. u. preuß. Geschichte«, Bd. 22; Aus
- Schleiermachers Leben; Preuß. Gesetzessammlung; Salomon, a.
- a. O.
-
-
-F. A. Brockhaus, Leipzig.
-
-
-
-
- Weitere Anmerkungen zur Transkription
-
-
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- Hier Zensur &ndash; wer dort?, by Heinrich Hubert Houben&mdash;A Project Gutenberg eBook
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- </head>
-<body>
-
-
-<pre>
-
-Project Gutenberg's Hier Zensur - wer dort?, by Heinrich Hubert Houben
-
-This eBook is for the use of anyone anywhere in the United States and most
-other parts of the world at no cost and with almost no restrictions
-whatsoever. You may copy it, give it away or re-use it under the terms of
-the Project Gutenberg License included with this eBook or online at
-www.gutenberg.org. If you are not located in the United States, you'll have
-to check the laws of the country where you are located before using this ebook.
-
-Title: Hier Zensur - wer dort?
- Antworten von gestern auf Fragen von heute
-
-Author: Heinrich Hubert Houben
-
-Illustrator: Thomas Theodor Heine
-
-Release Date: November 13, 2020 [EBook #63744]
-
-Language: German
-
-Character set encoding: UTF-8
-
-*** START OF THIS PROJECT GUTENBERG EBOOK HIER ZENSUR - WER DORT? ***
-
-
-
-
-Produced by The Online Distributed Proofreading Team at
-https://www.pgdp.net
-
-
-
-
-
-
-</pre>
-
-
-<div class="transnote">
-<p class="h2">Anmerkungen zur Transkription</p>
-
-<p>Das Original ist in Fraktur gesetzt.
-Im Original gesperrter Text ist <em class="gesperrt">so ausgezeichnet</em>.
-Im Original in Antiqua gesetzter Text ist <em class="antiqua">so markiert</em>.</p>
-
-<p>Weitere Anmerkungen zur Transkription befinden sich
-am <a href="#tnextra">Ende des Buches</a>.</p></div>
-
-<div class="figcenter" id="cover">
- <img src="images/cover.jpg" alt="Cover" />
-</div>
-
-<div class="chapter">
-<p class="h2">
-H. H. Houben
-</p>
-<h1>Hier Zensur &ndash; wer dort?</h1>
-<p class="center">
-Antworten von gestern<br />
-auf Fragen von heute</p>
-<p class="center smaller">
-Mit Umschlagbild von</p>
-<p class="center">
-Th. Th. Heine</p>
-<div class="figcenter" id="signet">
- <img src="images/signet.jpg" alt="Signet" />
-</div>
-<p class="center p2">
-Leipzig · F. A. Brockhaus · 1918
-</p>
-<div class="figcenter" id="zensor">
- <img src="images/zensor.jpg" alt="Zensurstempel" />
-</div>
-
-<hr class="chap" />
-</div>
-
-<div class="chapter letter">
-<p>Dieses Büchlein ist ein Auszug aus einem gleichnamigen größeren
-Werk, das später im selben Verlag erscheinen wird.</p>
-
-<p>Als <em class="gesperrt">Fortsetzung</em> folgt ein ebenfalls in sich abgeschlossenes Bändchen
-von gleichem Umfang und gleichem Preis unter dem Titel:
-»<b>Biedermaier-Zensur</b>«, das folgende Kapitel enthalten wird:</p>
-
-<p>1. Friedenshoffnungen und -enttäuschungen. 2. Metternich »karlsbadert«.
-3. Friedrich von Gentz als Zensor. Eine Komödie in 1 Vorspiel
-und 5 Akten. 4. »Es soll der Sänger mit dem König gehn.«
-5. Der Musterstaat Preußen. 6. Aus den Memoiren eines Berliner
-Zensors. 7. Redaktionsgeheimnisse. 8. Zensurstriche und -streiche.
-9. Biedermaier vor und hinter den Kulissen. 10. Franz Grillparzer &ndash;
-ein besonderes Kapitel.</p>
-
-<p class="center p2">Copyright 1918 by F. A. Brockhaus, Leipzig.</p>
-<hr class="chap" />
-</div>
-
-<div class="chapter">
-<p><span class="pagenum"><a id="Seite_3"></a>[3]</span></p>
-
-<h2 class="nobreak" id="Vorwort">Vorwort.</h2>
-</div>
-
-<p>Der Kampf der Literatur mit der Zensur, wie sie ehemals
-in deutschen Landen betrieben wurde, ist der ewige Widerstreit
-zweier Weltanschauungen, der Kampf des Lichtes gegen die
-Finsternis, der Aufklärung gegen den Obskurantismus. Der
-unselige Krieg, der in der ganzen »Kulturwelt« soviel längst
-überwundenes Menschliche, allzu Menschliche wieder lebendig
-machte, hat auch diesen uralten Zwist aufs neue entfesselt.
-»<em class="gesperrt">Hier Zensur!</em>« ertönt's heute allüberall, wo ein neues Werk
-der Literatur &ndash; oder auch nur der Druckerpresse &ndash; zum Lichte
-drängt, im Vaterland, in Feindesland und in Neutralien. Mit
-allgemeinen Redensarten für oder wider ist da nichts geholfen.
-Die unbestechlichen Tatsachen haben diesen Kampf zu entscheiden,
-in dem Fürsten und Völker, die Götter, Helden und Don
-Quichotes unserer Kultur eine merkwürdig wechselnde Rolle
-als Sieger und Besiegte spielen.</p>
-
-<p>»<em class="gesperrt">Wer dort?</em>« Wer sind diese Leute, die vor dem Richterstuhl
-des Zensors als Angeklagte zu stehen pflegten, und was
-waren ihre Verbrechen? Diese Frage soll mein Büchlein beantworten.
-Die »gute, alte Zeit« hängt es in farbenlustigen
-Miniaturbildern und ernsthaft-schwarzen Schattenrissen an die
-Wand. Da purzelt höfische und militärische, politische,
-religiöse und moralische Zensur nur so übereinander. Ehrlichen
-Gewissenskonflikt höhnt herausfordernder Übermut, das Recht des
-Staates, der Allgemeinheit, und das der Persönlichkeit übertrumpfen
-einander in Gewalttaten oder diplomatischen Listen,
-stolze Gelassenheit triumphiert über stichflammende Leidenschaft,
-und diese Hahnenkämpfe auf Leben und Tod werden anmutig
-unterbrochen durch kurieuse Begebenheiten, groteske Saltomortales
-und unfreiwillige Humore verblüffendster Art. Zuletzt kommt
-dann immer das große Messer und befördert alle die geschwollenen
-Kämme in den großen Kochtopf der Geschichte.</p>
-
-<p>Vielleicht daß ein Blick in das, was <em class="gesperrt">gestern</em> war, uns
-stärkt, im <em class="gesperrt">Heute</em> durchzuhalten. Daher der Untertitel meines
-Buches: »<em class="gesperrt">Antworten von gestern auf Fragen von heute</em>.«</p>
-
-<p class="right">
-Prof. <em class="antiqua">Dr.</em> <em class="gesperrt">H. H. Houben</em>.</p>
-<div class="left">
-<p class="center"><em class="gesperrt">Leipzig</em>,<br />
-<span class="smaller">zu Anfang des fünften Weltkriegsjahres.</span>
-</p>
-</div>
-<hr class="chap" />
-
-<div class="chapter">
-<p><span class="pagenum"><a id="Seite_4"></a>[4]</span></p>
-
-<h2 class="nobreak" id="Inhalt">Inhalt.</h2>
-</div>
-
-<table summary="Inhalt">
-<tr>
-<td colspan="2"></td><td class="tdr">Seite</td>
-</tr>
-<tr>
-<td class="tdrt">1.</td><td class="tdl">Friedrichs des Großen königliche Freiheit</td>
- <td class="tdr"><a href="#kap01">5</a></td>
-</tr>
-<tr>
-<td class="tdrt">2.</td><td class="tdl">Kaiser Josephs II. Zensurreform</td>
- <td class="tdr"><a href="#kap02">30</a></td>
-</tr>
-<tr>
-<td class="tdrt">3.</td><td class="tdl">Des gottseligen Herrn Ministers von Wöllner
-Blumen-, Frucht- und Dornenstücke</td>
- <td class="tdr"><a href="#kap03">47</a></td>
-</tr>
-<tr>
-<td class="tdrt">4.</td><td class="tdl">An der Wiege des Theaterzensors</td>
- <td class="tdr"><a href="#kap04">84</a></td>
-</tr>
-<tr>
-<td class="tdrt">5.</td><td class="tdl">Die Furcht vor der Revolution</td>
- <td class="tdr"><a href="#kap05">101</a></td>
-</tr>
-<tr>
-<td class="tdrt">6.</td><td class="tdl">Der Kampf gegen die Klassiker</td>
- <td class="tdr"><a href="#kap06">118</a></td>
-</tr>
-<tr>
-<td class="tdrt">7.</td><td class="tdl">Kleine Kulissengeheimnisse der Theaterzensur</td>
- <td class="tdr"><a href="#kap07">135</a></td>
-</tr>
-<tr>
-<td class="tdrt">8.</td><td class="tdl">Im Banne Napoleons</td>
- <td class="tdr"><a href="#kap08">143</a></td>
-</tr>
-<tr>
-<td class="tdrt">9.</td><td class="tdl">Ein Opfer der Zensur</td>
- <td class="tdr"><a href="#kap09">165</a></td>
-</tr>
-<tr>
-<td class="tdr">10.</td><td class="tdl">Bürokratie und Militarismus</td>
- <td class="tdr"><a href="#kap10">178</a></td>
-</tr>
-<tr>
-<td></td><td class="tdl">Nachweis der wichtigsten Quellenschriften</td>
- <td class="tdr"><a href="#bibliographie">208</a></td>
-</tr>
-</table>
-<hr class="chap" />
-
-<div class="chapter">
-<p><span class="pagenum"><a id="Seite_5"></a>[5]</span></p>
-
-<h2 class="nobreak" id="kap01">1. Friedrichs des Großen königliche Freiheit.</h2>
-</div>
-
-<div class="epigraph">
-
-<p>»Die Religionen Musen alle Tolleriret
-werden und Mus der Fiskal nuhr das auge
-darauf haben das Keine der andern abruch
-Tuhe, den hier mus jeder nach Seiner Fasson
-Selich werden.«</p>
-
-<p class="right">
-Erlaß Friedrichs II. vom 23. Juli 1740.
-</p>
-</div>
-
-<h3>Vom Ursprung der Zensur.</h3>
-
-<p>Die Zensur, die Prüfung von Druckschriften <em class="gesperrt">vor</em> ihrem Erscheinen
-im Buchhandel, ist eine Erfindung der geistlichen Machthaber
-zu Ende des 15. Jahrhunderts. Die Buchdruckerkunst hatte
-dem geknechteten Gedanken befreiende Flügel verliehen. Nachträgliche
-Verbote schon gedruckter und verbreiteter Bücher konnten
-deren Wirkung nicht mehr ersticken; also mußte man die Quellen
-selbst zu erfassen und einzudämmen suchen, ehe sie erquickend
-und befruchtend &ndash; nach Ansicht der geistlichen Kulturträger vergiftend
-und verheerend &ndash; ins Freie hinaussprudelten.</p>
-
-<p>Dem Kurfürsten Berthold von Mainz gebührt der zweifelhafte
-Ruhm, 1486 in seinem Sprengel die erste Zensurbehörde
-eingerichtet zu haben; Exkommunikation und schwere Geldstrafe
-bedrohten jeden, der ein Buch druckte oder auch nur las, dem
-die geistliche Behörde nicht ihre Genehmigung (<em class="antiqua">Imprimatur</em>,
-d. h. es werde gedruckt) gegeben hatte, und die Päpste beeilten
-sich, diese nützliche Einrichtung durch Erlasse und Konzilienbeschlüsse
-in der ganzen katholischen Christenheit zur Geltung
-zu bringen. Papst Leo X., der die Kosten zum Bau der
-Peterskirche durch den Handel mit Ablaßzetteln bestritt und
-dadurch den Anstoß zur Reformation gab, erließ noch 1515
-ein allgemeines Zensuredikt, zwei Jahre bevor Luther seine
-Thesen an die Schloßkirche zu Wittenberg heftete, und in dem
-damit ausbrechenden, Jahrhunderte dauernden Kulturkampf war
-die Zensur, die Unterdrückung aller ketzerischen Schriften und
-die Verfolgung ihrer Verfasser und Drucker, eine der wirksamsten
-und immer rücksichtsloser gehandhabten Waffen der klerikalen
-Heerscharen, ihrer geistlichen und weltlichen Bannerträger.</p>
-
-<p><span class="pagenum"><a id="Seite_6"></a>[6]</span></p>
-
-<h3>Politische Zensur.</h3>
-
-<p>Allmählich wucherte die Zensur auch auf das politische Gebiet
-hinüber. In Brandenburg-Preußen führte der Große
-Kurfürst sie 1654 ein; sie richtete sich aber zunächst nur gegen
-theologische Schriften. Der erste Preußenkönig, Friedrich I.
-(1701&ndash;1713), dehnte sie 1703, während des spanischen Erbfolgekrieges,
-auf politische Bücher aus, »so den Statum publicum
-und die in Krieg verwickelten Potentaten betreffen«. Die politische
-Zensur darf daher als eine Begleiterscheinung kriegerischer Verwicklungen
-bezeichnet werden. Preußische Zeitungen wurden schon
-im 17. Jahrhundert durch besondere Zensoren beaufsichtigt.</p>
-
-<p>1708 ernannte Friedrich I. die Berliner Sozietät der Wissenschaften,
-die Vorläuferin der Akademie, zur obersten brandenburgischen
-Zensurbehörde. Sie hatte alle »politischen und die
-Zeit-Geschichte enthaltenden alß gelahrten zur Literatur und
-Scientien gehörigen Schriften« zu prüfen und alles zu verbieten,
-»worin der Ehre Gottes und der Würdigkeit der christlichen
-Religion zu nahe getretten und dieselben einigermaßen
-verletzet« wurden und was »wider die gesunde Moral oder
-auch ärgerliche und der christlichen Ehrbarkeit zuwiderlauffende
-Dinge« enthielt; ebenso alles, worin »von der Regierung oder
-hohen Obrigkeit insgemein verächtlich und verfänglich geredet,
-oder in Absicht auf dieselbe gefährliche Principia insinuiret
-oder zur Unruhe und Zerrüttungen in geist- und weltlichen
-Stande abziehlende Sätze eingestreuet« waren oder wodurch der
-Respekt gegen die »höchsten Häubter«, die Ehre und das
-Interesse des Königs, seines Hauses oder seiner zufälligen Verbündeten
-verletzt wurde.</p>
-
-<p>Von einer einheitlichen Gesetzgebung für alle brandenburg-preußischen
-Staaten war man aber noch weit entfernt. Für
-das Herzogtum Magdeburg z. B. besaß die Universität Halle
-seit 1697 die Zensurhoheit, und mehrfache Versuche, die damit
-verbundenen beträchtlichen Einkünfte der Berliner Akademie
-zuzuwenden, stießen auf heftigen und erfolgreichen Widerstand
-der Hallenser Professoren. Auch ihre eigene Zensurfreiheit
-wollten sie sich nicht nehmen lassen. Da aber die politischen
-Schriften, die von der Universität ausgingen, den Fürsten allmählich
-unbequem zu werden begannen, wurde 1720 ihre<span class="pagenum"><a id="Seite_7"></a>[7]</span>
-Druckfreiheit in einem Punkte beschränkt: das Rechtsverhältnis
-zwischen dem Kaiser und den Reichsständen durfte in Universitätsschriften,
-Doktordissertationen usw., überhaupt nicht mehr erörtert,
-höchstens berichtweise dargelegt werden. Um dieselbe
-Zeit verbot Friedrich Wilhelm I. einem Kriegsrat von Happe
-in Halle, jemals wieder Bücher drucken zu lassen, mit den
-freundlichen Worten: »Werdet ihr es euch dennoch unterstehn,
-wil ich euch aufhengen und eure Schriften durch den Büttel
-verbrennen lassen«.</p>
-
-<p>Genau so wie die geistlichen Fürsten hatten auch die weltlichen
-es bald gelernt, sich der gefährlichen Erörterung ihrer
-Rechte durch Zensurverbote zu entledigen.</p>
-
-<h3>Das tapfere Generaldirektorium.</h3>
-
-<p>Bald genügten die bisherigen Verordnungen über politische
-und religiöse Schriften nicht mehr. Von 1716 bis 1731
-wurden in Preußen nur neun Bücher verboten. Vom kaiserlichen
-Hof in Wien und besonders von Rußland liefen Beschwerden
-ein, und am 20. September 1732 befahl Friedrich
-Wilhelm, daß alle Schriften, »in welchen Unser und Unserer
-hohen Alliirten Interesse versiren möchte«, nicht nur »durch
-verordnete tüchtige Censores approbiret«, sondern außerdem
-noch, nebst dem Urteil des Zensors, dem Kabinettsministerium
-in Berlin eingesandt werden sollten.</p>
-
-<p>Gegen gotteslästerliche Schriften war der fromme König
-besonders empfindlich. Als im Jahre 1737 eine anonyme satirische
-Komödie der Frau Gottsched, »Die Pietisterey im Fischbein-Rocke«,
-seinen heftigsten Unwillen erregte, entwarf der Minister
-von Cocceji ein erstes allgemeines Zensuredikt. Eine Verordnung
-des Königs vom 19. März bestimmte ferner, daß im
-Berliner Packhof von auswärts ankommende Bücher nicht eher
-ausgeliefert werden dürften, bis der Generalfiskal ein Verzeichnis
-davon erhalten und die Einfuhr genehmigt habe.</p>
-
-<p>Dieser damals in Österreich schon längst üblichen Ausdehnung
-der Zensur auf alle im Lande gedruckten oder von
-auswärts eingeführten Schriften widersetzte sich aber das Generaldirektorium,
-die damalige preußische Verwaltungsbehörde, so<span class="pagenum"><a id="Seite_8"></a>[8]</span>
-nachdrücklich, daß Coccejis Zensuredikt, obgleich es schon gedruckt
-war, zurückgezogen und die Verfügung des Königs auf
-theologische Schriften beschränkt wurde. »Das Bücherwesen«,
-erklärte das Generaldirektorium, »hat seit der Reformation in
-ganz Deutschland, nicht weniger in allen civilisirten Landen
-freien Lauf gehabt, wodurch die Gelehrsamkeit zu sehr hohem
-Grade gestiegen ist, in welchem wir sie heut zu Tage sehen.
-Wollte nun diese Freiheit durch dergleichen Ordre in Ihro
-Majestät Landen eingeschränkt werden, so würden die Gelehrten
-hiedurch nicht allein sehr niedergeschlagen, und der Buchhandel
-gänzlich zu Grunde gerichtet werden, sondern auch die Barbarei
-und Unwissenheit, welche Ihro Majestät glorwürdigste Vorfahren
-mit so vieler Mühe und Kosten vertrieben, auf's Neue, zum
-größten Praejudiz der gegenwärtigen und zukünftigen Zeit
-überhand nehmen.«</p>
-
-<h3>»Gazetten dürfen nicht geniret werden.«</h3>
-
-<p>Dies vielzitierte Wort Friedrichs des Großen, der am
-31. Mai 1740 seine Regierung antrat, findet sich in einem
-Schreiben des Kabinettsministers Grafen Podewils vom 5. Juni
-1740 an den Kriegsminister, das lautete:</p>
-
-<p>»Sr. Königl. Mayestät haben mir nach auffgehobener Taffel
-allergnädigst befohlen des Königl. Etats undt Krieges Ministri
-H. von Thulemeier Excellenz in höchst Deroselben Nahmen zu
-eröffnen, daß dem hiesigen Berlinschen Zeitungs Schreiber eine
-unumbschränckte Freyheit gelaßen werden soll in dem articul
-von Berlin von demjenigen was anizo hieselbst vorgehet zu
-schreiben was er will, ohne daß solches censiret werden soll,
-weil, wie höchst Deroselben Worthe waren, ein solches Dieselbe
-divertiren, dagegen aber auch so denn frembde Ministri sich
-nicht würden beschweren können, wenn in den hiesigen Zeitungen
-hin undt wieder Passagen anzutreffen, so ihnen misfallen könten.
-Ich nahm mir zwar die Freyheit darauff zu regeriren,
-daß der Rußische Hoff über dieses Sujet sehr pointilleux wäre,
-Sr. Königl. Mayestät erwiederten aber daß Gazetten wenn sie
-interessant seyn solten nicht geniret werden müsten; welches
-Sr. Königl. Mayestät allergnädigsten Befehl zu folge hiedurch
-gehorsahmst melden sollen.«</p>
-
-<p><span class="pagenum"><a id="Seite_9"></a>[9]</span></p>
-
-<p>Gegen diese Liberalität des neuen Herrn hatte Herr von
-Podewils selbst gewichtige Bedenken, und auch der Kriegsminister
-von Thulemeyer, der damalige Chef der Zeitungszensur,
-machte dazu die vorsichtige Randbemerkung: »Wegen
-des articuls von Berlin ist dieses indistincte zu observiren
-wegen auswärtiger Puissancen aber <em class="antiqua">cum grano salis</em> und mit
-guter Behuetsamkeit.«</p>
-
-<h3>Ein zweifelhafter Fortschritt.</h3>
-
-<p>Unter »Zeitungen« verstand König Friedrich nichts anderes
-als die einzelnen Nummern der seit 1721 dreimal wöchentlich
-erscheinenden »Berlinischen Privilegirten (später Vossischen)
-Zeitung«, der einzigen, die damals in Berlin bestand. Die
-ihr jetzt gewährte Zensurfreiheit bezog sich aber durchaus nur
-auf den lokalen Teil. Das war immerhin ein Fortschritt,
-denn nun durfte sich der Berichterstatter doch wieder getrauen,
-Nachrichten über das Leben am königlichen Hofe zu bringen,
-was Friedrichs Vorgänger sich stets sehr ungnädig verbeten
-hatte, so daß die Zeitungsleser über ausländische Potentaten
-stets weit mehr erfuhren denn über ihren eigenen Herrn.</p>
-
-<p>Andererseits war der russische Gesandte über alles, was die
-Zeitung von Rußland erzählte, stets »ungemein sensibel«, so
-daß schon Friedrich Wilhelm I. 1724 dem Verleger Rüdiger
-befohlen hatte, keine noch so unbedeutende selbständige Nachricht
-über das Zarenreich mehr zu bringen; nur was der russische
-Gesandte selbst einsandte, durfte gedruckt werden. Gab man nun,
-so meinte der junge König, den eigenen Hof den Lokalreportern
-preis, so konnte sich auch der russische nicht mehr beklagen.</p>
-
-<p>Im übrigen stand die Zeitung nach wie vor unter Zensur,
-die nach dem Tode Thulemeyers der Kriegsrat von Ilgen
-übernahm, und bald zeigte sich, daß es auch mit der »unumbschränkten
-Freiheit« des lokalen Teils nicht weit her war.
-Schon im September wurde die Zeitung strenge ermahnt, die
-ihr »erlaubete Freyheit mit mehrer Ueberlegung und Behutsamkeit
-zu gebrauchen … wiedrigen Falls nachdrückliche Ahntung
-zu gewärtigen« sei. Der Zensor von Ilgen hielt sich zwar
-an des Königs Befehl und strich im lokalen Teil nichts, aber
-die nachträgliche »Ahntung« konnte weit unangenehmer werden<span class="pagenum"><a id="Seite_10"></a>[10]</span>
-als die strengste Zensur, die den Verleger wenigstens von der
-Verantwortlichkeit für die zensierten Artikel befreite. Weder der
-König noch die Minister oder das Generaldirektorium waren
-an Öffentlichkeit der politischen Vorgänge oder auch nur der
-staatlichen Personalien gewöhnt, und als schon im Dezember
-1740 der erste Schlesische Krieg begann, wurde die Zeitungsredaktion
-sehr bald aus dem Traume ihrer vermeintlichen
-Zensurfreiheit aufgerüttelt. Über die wichtigsten Tagesvorgänge
-in Schlesien usw. durfte sie nichts bringen ohne den ausdrücklichen
-Auftrag des Etatsministers.</p>
-
-<h3>Mit königlicher Freiheit.</h3>
-
-<p>Nicht viel bessere Erfahrungen machte der Verleger Ambrosius
-Haude, der vom 30. Juni 1740 an in den »Berlinischen
-Nachrichten von Staats- und gelehrten Sachen« (der späteren
-»Spenerschen Zeitung«) der »Vossischen« eine gefährliche Konkurrenz
-entgegenstellte.</p>
-
-<p>Haude war ein literarischer Vertrauensmann des jungen
-Fürsten. Als der strenge Vater die Bibliothek des Sohnes
-in einem Tapetenschrank entdeckte und verkaufen ließ, hatte
-Haude sie erstanden und in einem Hinterzimmer seines Buchladens
-aufgestellt, wo nun der Kronprinz verbotener Lektüre in
-Ruhe frönen konnte. Der Lohn dafür war jetzt ein Privileg
-zur Herausgabe einer deutschen und einer französischen Zeitung;
-die letztere, das »<em class="antiqua">Journal de Berlin</em>«, bestand nur ein Jahr.</p>
-
-<p>Zunächst erfreute sich Haude tatsächlich völliger Zensurfreiheit.
-Da niemand wußte, wieweit das ihm vom König gewährte
-Privileg ging, wagte man sich an ihn nicht heran. Als
-aber im Dezember 1740 die Kriegszensur einsetzte und der
-Verleger der »Vossischen« sich beschwerte, daß der Zensor ihm
-Artikel streiche, die in dem Konkurrenzblatt ungehindert erschienen,
-fragte man Haude nach seiner Konzession, und da er
-nichts Schriftliches vorweisen konnte, wurde ihm am 31. Dezember
-befohlen, in seinen beiden Blättern »von Seiner Königl<sup>en</sup>
-Mt. höchsten affairen und Angelegenheiten, von nun-an, weiter
-nicht das geringste, es habe Nahmen wie es immer wolle«,
-ohne Zensur zu drucken.</p>
-
-<p><span class="pagenum"><a id="Seite_11"></a>[11]</span></p>
-
-<p>Mit der »unumbschränkten Freiheit« auch nur des lokalen
-Teils der Berliner Zeitungen war es also schon im Dezember
-1740 gründlich vorbei. Haude sperrte sich zwar noch eine
-Weile, aber als man ihm mit Verlust seines Privilegs drohte,
-blieb ihm nichts übrig, als sich der Zensur Ilgens zu unterwerfen.</p>
-
-<p>Schon am 9. Juli 1743 machte dann der König selbst
-diesem unklaren Zustand ein Ende, indem er die drei Jahre zuvor
-verliehene Zensurfreiheit zurücknahm und die Gazetten nicht eher
-mehr zum Druck zu geben befahl, »bis selbige vorher durch einen
-vernünftigen Mann censiret und approbiret worden seynd«.</p>
-
-<p>Kriegsrat von Ilgen übte also die Zensur weiter, bis er
-1750 wegen mangelnder Aufmerksamkeit seines Amtes entsetzt
-und durch einen strengeren Herrn, den Geh. Rat Vockerodt, abgelöst
-wurde.</p>
-
-<p>Bis Ende 1742 hatte die »Spenersche Zeitung« den
-Wahlspruch »Wahrheit und Freiheit« geführt, von Beginn des
-folgenden Jahres ab erschien sie nur noch »Mit königlicher
-Freiheit«. Das sollte jedenfalls heißen »mit königlichem Privilegium«,
-klang aber jetzt wie Ironie.</p>
-
-<h3>Die Berliner Zeitungen unter Friedrich II.</h3>
-
-<p>Man darf es nicht allzu tragisch nehmen, daß Friedrich
-der Große mit der Tagespresse genau so willkürlich umsprang
-wie nur irgendein Despot. Die damaligen Zeitungen waren
-nichts weiter als Nachrichtenblätter und strebten noch kaum danach,
-sich aus dieser Niederung zu erheben. Die Geheimdiplomatie
-war noch die alleinige Lenkerin der Staaten, und
-bei den häufigen kriegerischen Verwicklungen war es eine Vorbedingung
-des Sieges, die Karten verdeckt zu halten. Die Berichte
-der Berliner Zeitungen über die beiden ersten Schlesischen
-Kriege stammten fast nur aus dem Hauptquartier, besonders
-die »Schreiben eines Preußischen Offiziers«; meist hatte der
-König selbst sie verfaßt oder wenigstens durchgesehen. Durch
-diese königliche Berichterstattung wurden die Berliner Zeitungen
-zum erstenmal wichtige Quellen für die gesamte europäische
-Presse. Was Friedrichs nächsten Zwecken widersprach oder
-seine Pläne verraten konnte, wurde nach dem Gebot der Kriegszensur<span class="pagenum"><a id="Seite_12"></a>[12]</span>
-unnachsichtig unterdrückt. Man fahndete auf die Verbreiter
-falscher und flauer Kriegsgerüchte, und fremde Zeitungen, die mit
-Tatarennachrichten die Stimmung verdarben, wurden verboten.</p>
-
-<p>Im übrigen wurden noch keine Partei- und Überzeugungskämpfe
-in den Berliner Zeitungen ausgefochten. Der Verleger
-Haude hatte in seinem Blatte zuerst den Artikel »Von gelehrten
-Sachen« eingerichtet; die »Vossische« begann erst 1748
-diesem Vorbild zögernd zu folgen, übertrumpfte dann aber die
-Konkurrentin bald dadurch, daß sie 1749 Lessing als Mitarbeiter
-gewann; eine nur kurze Episode, die aber den Beginn
-der schöpferischen literarischen Kritik in Berlin nicht nur, sondern
-in der deutschen Literatur überhaupt bedeutete.</p>
-
-<p>Im Jahre 1744 beschwerte sich Haude einmal, daß der
-Kriegsrat von Ilgen ihm jede tadelnde Kritik eines Buches
-verbiete, wodurch sich das Feuilleton seines Blattes lächerlich
-machen müsse, und es scheint, daß der König den Eifer des
-Zensors ein wenig gedämpft hat. Von sonstigen Zensurgefechten
-der Zeitungsschreiber in den vierziger Jahren melden
-die Akten aber nichts, woraus sich von selbst ergibt, daß sich
-das Fähnlein der damaligen Journalisten nicht sonderlich herausfordernd,
-angriffslustig und neuerungssüchtig erwiesen hat.</p>
-
-<p>Auch das Feuilleton der damaligen Berliner Blätter bot nur
-einen kümmerlich matten Abglanz vom Geist der Zeit, der sich dagegen
-in der Buchliteratur und den schon ziemlich zahlreichen Wochen-
-und Monatsschriften seinem innersten Wesen nach offenbarte.</p>
-
-<h3>Das Zeitalter der Aufklärung.</h3>
-
-<p>Das Jahrhundert Friedrichs des Großen nennt sich das der
-Aufklärung. Nicht als ob der preußische König diesen Stempel
-seiner Zeit gewaltsam aufgedrückt hätte. Ihr Gepräge schuf
-sich, unabhängig von ihm, aus der geistigen Kraft der Nation.
-Ihm gebührt aber das Verdienst, dieser kulturellen Flut keinen
-Damm entgegengesetzt, sondern ihr freien Lauf gelassen zu haben.</p>
-
-<p>Das Wesen der Aufklärung liegt in ihrem Kampf um
-Gott. Es wurzelte in religionsphilosophischen Problemen und
-griff erst allmählich auch auf das Verhältnis des Menschen
-zum Staat und zur Obrigkeit hinüber. Die sich hieraus entspinnenden
-Kämpfe gehören aber einem spätern Zeitalter an.<span class="pagenum"><a id="Seite_13"></a>[13]</span>
-Wenn daher Friedrich in politischen Fragen keine Duldung abweichender
-Meinungen kannte, so versündigte er sich damit noch
-nicht am Geist seiner Zeit, der nur nach Aufklärung in theologischer
-Hinsicht verlangte.</p>
-
-<p>Im ersten Jahrzehnt seiner Regierung war sich der junge
-König, der selbst die bittere Qual geistiger Knechtschaft unter
-der brutalen Faust seines gewalttätigen Vaters bis zum Äußersten
-gekostet hatte, über seine Haltung gegenüber dem Geist
-seiner Zeit noch nicht klar, was seine hin- und hertastenden
-ersten Zensurverfügungen zeigen.</p>
-
-<h3>Das Zensuredikt von 1749.</h3>
-
-<p>Unterm 11. Mai 1749 erschien in Preußen ein »Edikt
-wegen der wiederhergestellten Censur derer in Königlichen Landen
-herauskommenden Bücher und Schriften, wie auch wegen des
-Debits ärgerlicher Bücher, so außerhalb Landes verleget werden«.</p>
-
-<p>Der König, so heißt es in der Einleitung, »habe höchst mißfällig
-wahrgenommen, daß verschiedene scandaleuse theils wider die
-Religion, theils wider die Sitten anlaufende Bücher und Schriften
-in Unseren Landen verfertiget, verleget und debitiret werden«. Um
-diesem »Unwesen« abzuhelfen und »die ehemalige seit einiger Zeit in
-Abgang gekommene Bücher-Censur wiederum herzustellen«, werde
-nunmehr in Berlin eine Zensurkommission eingesetzt, die »alle
-Bücher und Schriften, die in Unseren sämmtlichen Landen verfertiget
-und gedruckt werden, oder die Unsere Unterthanen außerhalb Landes
-drucken lassen wollen«, vor dem Druck zu genehmigen habe.</p>
-
-<p>Zensurfrei waren nur die Schriften der Akademie der
-Wissenschaften. Was in Universitätsstädten erschien (mit Ausnahme
-politischer Schriften), mußte die Universität selbst durch
-die in Betracht kommenden Fakultäten auf eigene Gefahr zensieren
-lassen. Politische Schriften, die den »<em class="antiqua">Statum publicum</em>«
-des Deutschen Reiches oder des preußischen Königshauses und
-»die Gerechtsame« Preußens betrafen oder bei denen »auswärtige
-Puissancen und Reichsstände interessiret sind«, unterstanden
-ohne Ausnahme dem »Departement derer auswärtigen
-Sachen«. »Bloße Carmina« schließlich konnte, wenn keine Universität
-am Orte war, die Landes-Provinzialregierung oder
-die städtische Ortsbehörde zum Druck freigeben.</p>
-
-<p><span class="pagenum"><a id="Seite_14"></a>[14]</span></p>
-
-<p>Im übrigen sollte »nicht das Geringste« ohne vorherige
-Genehmigung gedruckt werden. Auf Umgehung der Zensur
-stand eine Strafe von 100 Talern. Ebensowenig durften die
-Buchhändler »scandaleuse und anstößige« Bücher von auswärts
-kommen lassen und verkaufen; konnten sie ihre Ahnungslosigkeit
-nicht beschwören, so hatten sie ihre Unvorsichtigkeit in jedem Fall
-mit 10 Talern Strafe zu büßen.</p>
-
-<h3>Die gekränkten »Schulbedienten«.</h3>
-
-<p>Der Ruhm, Friedrichs des Großen Zensuredikt veranlaßt
-zu haben, gebührt hauptsächlich den Berliner Schulmeistern.</p>
-
-<p>Seit dem 2. Januar 1749 gab der Verleger der »Vossischen
-Zeitung«, Christian Friedrich Voß, der Schwiegersohn Rüdigers,
-eine Zeitschrift »Der Wahrsager« heraus, die der Redakteur
-der »Vossischen«, Christlob Mylius, zum größten Teil selbst
-schrieb. Zu ihren Mitarbeitern gehörte auch Lessing.</p>
-
-<p>Das 7. Stück des »Wahrsagers« vom 13. Februar 1749
-brachte nun einen sehr amüsanten Aufsatz, der gegen Schule
-und Lehrerschaft heftige Angriffe voll Spott und Ironie enthielt,
-und prompt lief eine Beschwerde einiger Berliner »Schulbedienten«
-ein, die darüber Klage führten, daß in diesem Aufsatz
-»der Schulstand ziemlich durchgenommen und lächerlich
-gemachet werde, welches ihn bei der ohnehin boshaften Jugend
-zum Despekt gereichte und aus der nöthigen Autorität setzte«.</p>
-
-<p>Der <em class="antiqua">Adjunctus fisci</em> Kornmann beschied also den Verleger
-zu sich. Dieser erklärte, der inkriminierte Aufsatz habe nicht »vernünftige
-Schulleute attaquiren« wollen; übrigens »gäbe es auch
-dergleichen, wie sie in dem Stück charakterisiret wären«. In Zukunft
-versprach Voß, seine Zeitschrift »allenfalls moderater« einzurichten.</p>
-
-<p>Aber acht Tage später brachte das 9. Stück des »Wahrsagers«
-eine Plauderei über Hahnreie, worin Kornmann die versprochene
-Mäßigung vermißte. Er setzte daher einen Bericht an das
-Ministerium auf; in dem letzten Stück geschehe »bei einer
-satyrischen Materie gewisser Straßen in Berlin Erwähnung,
-welche Leuten, so sich mit dergleichen Schriften amüsiren, leicht
-Gelegenheit giebet, allerhand Applicationes zu machen, anderer
-Folgen, so daraus entstehen könnten, nicht zu gedenken«.</p>
-
-<p><span class="pagenum"><a id="Seite_15"></a>[15]</span></p>
-
-<p>Der Etatsminister von Bismarck fragte daraufhin beim
-Großkanzler von Cocceji an, »da so viele Misbräuche vorgehen,
-wie noch kürzlich mit denen Schriften des de La Mettrie
-geschehen«, ob nicht ein Zensor einzusetzen sei. Cocceji stimmte
-zu: am 7. März 1749 wurde dem Verleger anbefohlen, Anstößiges
-im »Wahrsager« zu vermeiden, und am selben Tage
-schlugen Cocceji, Bismarck und Danckelmann dem Könige die
-Bestellung eines Zensors vor, »ohne dessen Approbation nicht
-das geringste zum Druck befördert werden dürfe«.</p>
-
-<p>Am 16. März billigte eine Kabinettsorder des Königs den
-Vorschlag, verfügte aber zugleich, »Druck und Debit« des
-»Wahrsagers« sofort zu verbieten, ein Befehl, der um so auffälliger
-war, als die Minister diesen Vorschlag gar nicht gemacht
-hatten. Die Minister beeilten sich auch nicht, dem Befehl
-Folge zu leisten, denn das Verbot wurde erst zwei Monate
-später ausgefertigt &ndash; wenige Tage nachdem der Verleger das
-Blatt mit dem 20. Stück vom 15. Mai hatte eingehen lassen.</p>
-
-<p>Vielleicht hatten die Minister gehofft, den König mittlerweile
-noch umstimmen zu können; aber dieser stand damals unter
-dem Einfluß des vorhin erwähnten französischen Philosophen
-Lamettrie, der seiner polemischen und satirischen Schriften
-wegen aus Frankreich und Holland hatte flüchten müssen und
-in Berlin als Vorleser des Königs ein Asyl gefunden hatte.
-Auch ihn hatte der »Wahrsager« in dem Aufsatz über das
-Schulwesen heftig mitgenommen, und der Ausländer, der unter
-Friedrichs blinder Vorliebe für alles Französische in Preußen
-Preßfreiheit genoß, die er in seinem Vaterland nicht hatte
-finden können, entblödete sich nicht, seinen königlichen Gönner
-gegen die einheimische Presse scharfzumachen. Die Beschwerde
-der Berliner »Schulbedienten« bot ihm dazu die willkommene
-Handhabe, die er geschickt zu benutzen wußte, um seinen Widersacher
-Mylius mundtot zu machen.</p>
-
-<p>Der Berliner Schriftsteller und Verleger Friedrich Nicolai,
-der Freund Lessings, versichert dagegen, die treibende Kraft beim
-Erlaß des Zensuredikts sei der zelotische Probst Süßmilch gewesen,
-der nachdrücklich gegen die vielgelesenen Schriften des
-»berüchtigten« Aufklärers Edelmann vorgehen wollte. Dieser
-freigeistige Polterer hatte sich 1749 in Berlin niedergelassen<span class="pagenum"><a id="Seite_16"></a>[16]</span>
-und bald eine große Gemeinde um sich versammelt; der König
-ließ ihn gewähren, da sich Edelmann verpflichtet hatte, nichts
-mehr zu schreiben, und es gelang den orthodoxen Hetzern auch
-nicht, das räudige Schaf aus ihrer Hürde zu entfernen.</p>
-
-<h3>Die erste Berliner Zensurkommission.</h3>
-
-<p>Wer waren nun die Männer, denen Friedrich der Große
-1749 die oberste Zensurgewalt anvertraute?</p>
-
-<p>Als der König am 16. März die Anstellung eines Zensors
-guthieß, bestimmte er ausdrücklich, »daß ein ganz vernünftiger
-Mann zu solcher Censur ausgesuchet und bestellet werden soll, der
-eben nicht alle Kleinigkeiten und Bagatelles releviret und aufmutzet«.
-Aber die Minister, vor allem wohl der Großkanzler Cocceji, der
-schon 1737 eine strenge Zensur hatte einführen wollen, legten
-den königlichen Willen in ihrem Sinne aus und bildeten die
-Zensurkommission aus vier Männern, von denen allen kaum zu
-erwarten war, daß sie ihr Amt im friderizianischen Geiste ausüben
-würden, deren Wahl aber doch der König genehmigte.</p>
-
-<p>Die juristischen Schriften sollte der Geheime Tribunalsrat
-Buchholtz überwachen, die historischen der französische Prediger
-und Konsistorialrat Poloutier, die philosophischen der Kirchenrat
-und Prediger <em class="antiqua">Dr.</em> Elsner und die theologischen der vorhin genannte
-Probst und Konsistorialrat Joh. Peter Süßmilch. Die
-medizinischen Werke waren gar nicht erwähnt; ihre Zensur
-besorgte schon seit 1709 das Oberkollegium medicum.</p>
-
-<p>Ein Jurist also und drei Theologen. Im Stil der Zeit
-war demnach auch diese Zensurkommission des freigeistigen Königs
-eine vorwiegend theologische. Über das, was wider die Religion
-und die guten Sitten verstieß, hatten Prediger und Konsistorialräte
-zu entscheiden. Nur die juristische Literatur erfreute sich
-der Aufsicht eines Fachgelehrten.</p>
-
-<h3>Der verwunderte Zensor.</h3>
-
-<p>Von nachhaltiger Wirkung ist aber dieses Zensuredikt nie
-gewesen. Der persönlichen Initiative des Königs war es nicht
-entsprungen, und seine ministeriellen Ratgeber merkten wohl bald,
-daß sie mit einer allzu bürokratischen Auslegung des Gesetzes
-wenig Beifall bei ihm fanden. So war es, nach Nicolais Versicherung,
-bald vergessen, und statt seiner entwickelte sich in Preußen<span class="pagenum"><a id="Seite_17"></a>[17]</span>
-eine beispiellose Preßfreiheit, die für den Aufschwung der deutschen
-Literatur von unberechenbarem Einfluß war. Schriften,
-die nirgendwo in Deutschland offen verkauft werden durften,
-vor allem solche philosophischer und theologischer Art, die den
-erfolgreichen Kampf des Zeitalters der Aufklärung gegen die Orthodoxie
-führten, wurden in Berlin nicht beanstandet, zum Teil
-dort verlegt, und es fiel bald niemandem mehr ein, die Zensurbehörde
-auch nur um Erlaubnis zu fragen. Sah sich schließlich
-auf das Drängen eines Angebers hin der Generalfiskal
-veranlaßt, einen Verleger zu maßregeln, so schlug der König das
-Verfahren meist nieder. Im Jahre 1763 war die Zahl der
-(seit 1716!) verbotenen Bücher noch nicht auf über 26 gestiegen.</p>
-
-<p>Als Friedrich Nicolai im Jahre 1759 den damaligen
-Zensor der philosophischen Schriften, <em class="antiqua">Dr.</em> Heinius, ersuchte, die
-Zensur der berühmten »Literaturbriefe« zu übernehmen, die
-Nicolai mit Lessing, Mendelssohn und Abbt 1761&ndash;1767
-herausgab, war der Zensor höchst überrascht, daß einmal jemand
-etwas wolle zensieren lassen, was »ihm lange nicht vorgekommen«
-sei. Die »Literaturbriefe«, dann desselben Herausgebers »Allgemeine
-Deutsche Bibliothek«, die von 1765&ndash;1792 ungehindert
-in Berlin erscheinen konnte, und seit 1783 Gedike und Biesters
-»Berlinische Monatsschrift«, die den großen Philosophen Kant
-zu ihren Mitarbeitern zählte, sind die bedeutendsten der zahlreichen
-kritischen Zeitschriften, die unter Friedrichs des Großen
-Regierung emporblühten und, trotz seiner persönlichen Abneigung
-gegen alles deutsche Schrifttum, der machtvollen Entwicklung
-der deutschen Literatur bahnbrechend vorgearbeitet haben.</p>
-
-<h3>Wie Friedrich II. gegen die österreichische Jesuitenzensur
-ein Exempel statuierte.</h3>
-
-<p>Wie wenig Friedrich trotz seines Zensurediktes gewillt war,
-die fanatische Verfolgung aller Denk- und Redefreiheit, wie sie
-namentlich in Österreich ausgeübt wurde, mitzumachen, zeigt
-ein köstlicher Streich, den er 1750 den dortigen Jesuiten spielte.</p>
-
-<p>Der König traf im Jahre 1750 im Schloßgarten von
-Sanssouci einen jungen Mann, dessen fremdartige Tracht ihm
-auffiel. Er ließ sich mit ihm in ein Gespräch ein und erfuhr,
-daß er einen Reformierten aus Ungarn vor sich habe,<span class="pagenum"><a id="Seite_18"></a>[18]</span>
-der in Frankfurt an der Oder Theologie studiert hatte und vor
-der Heimreise noch die Residenz des Königs sehen wollte.
-Friedrich fand an dem jungen Manne so viel Wohlgefallen,
-daß er ihm nahelegte, in seinen Staaten zu bleiben, und ihn
-daselbst zu versorgen versprach. Der Kandidat lehnte diesen
-Vorschlag seiner Familienverhältnisse wegen ab. Nun forderte
-ihn der König auf, sich eine andere Gnade zu erbitten, und als
-der Kandidat meinte, er wisse nicht, was er verlangen solle,
-fragte Friedrich, überrascht durch diese seltene Bescheidenheit, ob
-er ihm denn nicht irgendeinen Gefallen erweisen könne?</p>
-
-<p>»Ich habe mir«, antwortete nun der Theologe, »verschiedene
-philosophische und theologische Werke gekauft, die in Österreich
-verboten sind. Die Jesuiten werden sie mir wegnehmen, sobald
-ich in Wien eintreffe. Wollten nun Eure Majestät mir
-diese Bücher&nbsp;&ndash;«</p>
-
-<p>»Nehme Er seine Bücher«, unterbrach ihn Friedrich, »in
-Gottes Namen mit, kauf' Er sich noch dazu, was Er denkt,
-das in Wien recht verboten ist, und was Er nur immer brauchen
-kann. Hört Er? Und wenn sie Ihm in Wien die Bücher
-wegnehmen wollen, so sag' Er nur, ich habe sie Ihm geschenkt.
-Darauf werden die Herren Patres wohl nicht viel achten, das
-schadet aber nichts. Laß Er sich die Bücher nur nehmen, geh'
-Er aber dann gleich zu meinem Gesandten und erzähl' Er ihm
-die ganze Geschichte und was ich Ihm gesagt habe. Hernach geh'
-Er in den vornehmsten Gasthof und leb' Er recht kostbar. Er
-muß aber täglich wenigstens einen Dukaten verzehren, und bleib'
-Er so lange, bis sie Ihm die Bücher wieder in's Haus schicken.«</p>
-
-<p>Der König ging darauf ins Schloß, kehrte aber bald nachher
-zu dem Kandidaten zurück und übergab ihm ein Blatt Papier,
-das die Worte enthielt: »Gut, um auf Unsere Kosten in Wien
-zu leben. Friedrich.« Dieses Blatt sollte er in Wien dem
-preußischen Gesandten übergeben und sich im übrigen genau
-nach der erhaltenen Vorschrift benehmen. Außerdem versprach der
-König, ihm die beste Pfarre in Ungarn zu verschaffen; dann
-entließ er den jungen Theologen, Hedheßi war sein Name, in
-Gnaden, ihm Glück auf die Reise wünschend.</p>
-
-<p>Hedheßi kaufte so viel verbotene Bücher zusammen, als er
-vermochte, und reiste nach Hause. Vor den Linien Wiens<span class="pagenum"><a id="Seite_19"></a>[19]</span>
-wurden seine Bücher beschlagnahmt. Er wandte sich also an
-den preußischen Gesandten, um seine Bücher zurückzuverlangen.</p>
-
-<p>Der Gesandte, bereits vom König gehörig instruiert, ließ
-den Theologen in den ersten Gasthof der Residenz führen und
-berichtete über den Stand der Sache nach Berlin. Plötzlich erging
-aus dem Kabinett des Königs der Befehl, die Bibliothek
-der Jesuiten in Breslau zu versiegeln und mit Wachen zu
-besetzen.</p>
-
-<p>Die bestürzten Jesuiten in Breslau forschten vergebens nach
-der Ursache der königlichen Ungnade und sandten, um das Gewitter
-abzuleiten, eine Deputation nach Potsdam. Friedrich ließ die
-Abgeordneten vier Wochen auf eine Audienz warten, während
-welcher Zeit der junge Hedheßi in Wien nach der königlichen
-Vorschrift lebte. Endlich ließ sie der König vor, verwies sie
-aber an seinen Gesandten in Wien und bat sie, ihn den dortigen
-Bücherrevisoren zu empfehlen.</p>
-
-<p>Die frommen Väter verstanden diesen Wink ebensowenig
-wie ihre Brüder in Breslau. Diese sandten eine andere Deputation
-nach Wien, um hier endlich die dringend notwendige
-Aufklärung zu erlangen. Aber der preußische Gesandte in Wien,
-an den sich die Abgeordneten wandten, bedauerte, ihnen keinen
-Aufschluß erteilen zu können; nur so nebenher warf er die
-Bemerkung hin, es sei hier ein junger Mann, dem die Jesuiten
-eine Kiste mit Büchern weggenommen hätten.</p>
-
-<p>Nun ging den Abgeordneten plötzlich ein Licht auf. Sie
-eilten zu ihren Kollegen, und ehe eine Stunde verging, erhielt
-Hedheßi die konfiszierten Bücher zurück. Auch beeilten sich die
-Herren, seine teure Zeche zu bezahlen.</p>
-
-<p>Mit leichterem Herzen gingen sie jetzt wieder nach Potsdam,
-um ihre Bitte zu erneuern. Friedrich empfing sie diesmal
-freundlich, übergab ihnen einen Kabinettsbefehl, der die
-Wiedereröffnung der versiegelten Bibliothek anordnete, und ein
-Schreiben an den Pater Rektor in Breslau, des Inhalts, daß
-das Kollegium zu Breslau dafür einstehen müsse, wenn die
-Reformierten in Ungarn wegen dieser Sache gekränkt würden
-und Hedheßi nicht die beste Pfarre in seiner Heimat erhalte.</p>
-
-<p>Und es geschah, wie der König wünschte.</p>
-
-<p><span class="pagenum"><a id="Seite_20"></a>[20]</span></p>
-
-<h3>Wenn die Katze nicht zu Hause ist&nbsp;…</h3>
-
-<p>Länger als drei Jahre waren die »Literaturbriefe« unter
-vorschriftsmäßiger Zensur ungestört erschienen, als sie plötzlich
-am 18. März 1762 kurzerhand für jetzt und künftig verboten
-wurden und der Generalfiskal Geheimer Rat Uhden den Auftrag
-erhielt, dem Herausgeber den Prozeß zu machen.</p>
-
-<p>Um die Gründe des Verbots zu erfahren, begab sich Nicolai
-sogleich zu Uhden, der ihm sonst wohlgewogen, aber in Amtssachen
-ein unparteiischer und strenger Richter war, konnte von
-ihm jedoch nichts anderes erfahren als die Versicherung:
-»Man wisse sehr wohl, was für höchst strafbare und unverzeihliche
-Sachen in den ›Literaturbriefen‹ enthalten seien.«
-Nicht wenig betroffen war allerdings der Generalfiskal, als ihm
-Nicolai die Zensurbogen vorwies; unter diesen Umständen, meinte
-er, habe der Herausgeber nichts zu befürchten; den Verfasser der
-verbrecherischen Aufsätze »werde man aber zu finden wissen«.</p>
-
-<p>Auf den nächsten Tag war auch schon einer der Hauptmitarbeiter
-der Zeitschrift, der Philosoph Moses Mendelssohn,
-vorgeladen, ein sanfter und ruhiger Mann, dem es aber nicht
-an Charakterfestigkeit fehlte, wo es auf Standhaftigkeit ankam.
-Zwischen ihm und dem Generalfiskal, der den jüdischen Philosophen
-noch gar nicht kannte und den Eintretenden mit finsterer
-Amtsmiene empfing, entwickelte sich nun folgendes Gespräch:</p>
-
-<p><em class="gesperrt">Uhden</em>: »Hör' Er! Wie kann Er sich unterstehen, wider
-Christen zu schreiben?«</p>
-
-<p><em class="gesperrt">Mendelssohn</em>: »Wenn ich mit Christen Kegel spiele, so
-werfe ich alle Neune, wenn ich kann.«</p>
-
-<p><em class="gesperrt">Uhden</em>: »Untersteht Er sich zu spotten? Weiß Er wohl,
-mit wem Er redet?«</p>
-
-<p><em class="gesperrt">Mendelssohn</em>: »O ja! Ich stehe vor dem Herrn Geheimen
-Rat und Generalfiskal Uhden, vor einem gerechten Manne.«</p>
-
-<p><em class="gesperrt">Uhden</em>: »Ich frage Ihn noch einmal: Wer hat Ihm erlaubt,
-wider einen Christen, und noch dazu wider einen Hofprediger,
-zu schreiben?«</p>
-
-<p><em class="gesperrt">Mendelssohn</em>: »Ich muß nochmal wiederholen, und
-wahrlich ohne allen Spott: Wenn ich mit einem Christen Kegel
-schiebe, wäre es auch ein Hofprediger, so werfe ich alle Neune,
-wenn ich kann. Das Kegelspiel ist eine Erholung für den<span class="pagenum"><a id="Seite_21"></a>[21]</span>
-Leib, wie die Schriftstellerei eine Erholung für meinen Geist
-ist; jeder welcher schreibt, macht es so gut wie er immer
-kann. Übrigens wüßte ich nicht, daß ich je wider einen Hofprediger
-noch einen andern Prediger geschrieben hätte.«</p>
-
-<p><em class="gesperrt">Uhden</em>: »Oh! ich merke, Er will leugnen; man wird Ihm
-schon die Künste abfragen. Er hat wider die christliche Religion
-geschrieben.«</p>
-
-<p><em class="gesperrt">Mendelssohn</em>: »Wer Ihnen dieses gesagt hat, hat Ihnen
-eine große Unwahrheit gesagt.«</p>
-
-<p><em class="gesperrt">Uhden</em>: »Leugne Er nur nicht! Man weiß es schon
-besser. Dies ist wider das Judenprivilegium. Er hat den
-Schutz verwirkt.«</p>
-
-<p><em class="gesperrt">Mendelssohn</em>: »Ach, ich habe hier keinen Schutz zu verwirken.
-Ich habe kein Privilegium; ich bin Buchhalter bei
-dem Schutzjuden Bernhard.«</p>
-
-<p><em class="gesperrt">Uhden</em>: »Desto schlimmer! Die geringste Strafe für
-seinen Frevel wird sein, daß man Ihn aus dem Lande weiset.«</p>
-
-<p><em class="gesperrt">Mendelssohn</em>: »Wenn man mich gehen heißt, so werde
-ich gehen. Ich habe mich nie den Gesetzen widersetzen wollen;
-und der Gewalt kann ich mich noch weniger widersetzen.«&nbsp;…</p>
-
-<p>Mittlerweile hörte Nicolai, der Staatsrat sei der Urheber
-des Verbotes gewesen, und durch den Geheimrat von Podewils,
-der das Protokoll der Staatsratssitzung geführt, die »Literaturbriefe«
-gelesen und die Haltlosigkeit der übereilten Maßregel
-sofort erkannt hatte, erfuhr er den genauern Zusammenhang:</p>
-
-<p>Ein Vielschreiber namens Justi hatte sich für die scharfe
-Kritik eines seiner Bücher in den »Literaturbriefen« dadurch
-gerächt, daß er die Zeitschrift denunzierte, ein Jude habe darin
-in einem Aufsatz wider den Hofprediger Cramer in Kopenhagen
-die Gottheit Christi bestritten und außerdem durch ein freches
-Urteil über ein Werk des Königs, die »<em class="antiqua">Poésies diverses</em>«,
-eine Majestätsbeleidigung begangen. Justi, der später wegen
-Unterschleife Festungsstrafe erhielt, war durch die Protektion
-des königlichen Leibarztes <em class="antiqua">Dr.</em> Eller soeben nach Berlin gekommen
-und galt als ein großer Chemiker, der das verfallene
-preußische Bergwerkswesen wieder in Flor bringen sollte. Der
-Anzeige dieses Mannes hatte der Staatsrat blindlings Glauben
-geschenkt. Dem damaligen Großkanzler von Jariges, der sich<span class="pagenum"><a id="Seite_22"></a>[22]</span>
-um deutsche Literatur nie bekümmert hatte, war zudem die
-Denunziation höchst gelegen gewesen: Manche freie Äußerung
-des Königs selbst über Religion hatte er mit stiller Entrüstung
-hören müssen und an der dadurch eingerissenen allgemeinen Urteilsfreiheit
-in religiösen Dingen längst heftigen Anstoß genommen.
-Jetzt war die Gelegenheit günstig: der König, der
-»dergleichen Sachen zu leicht zu nehmen pflegte«, weilte im
-Felde &ndash; es war die Zeit des Siebenjährigen Krieges&nbsp;&ndash;, jetzt
-ließ sich über den Kopf des Philosophen von Sanssouci hinweg
-durch eine drakonische Strafe dem einreißenden Mißbrauch Einhalt
-tun. In diesem Sinne hatte er dem Staatsrat die Sache
-vorgetragen und ohne Widerspruch das Verbot der »Literaturbriefe«
-durchgesetzt.</p>
-
-<p>Justis Denunziation war aber eine doppelte Lüge: einmal
-hatte nicht Mendelssohn, sondern Lessing den Aufsatz gegen
-des Hofpredigers Cramer Wochenschrift, den »Nordischen Aufseher«,
-geschrieben und dabei nichts weiter gesagt, als daß
-Cramers Vorstellung von der Person Christi sozinianisch sei,
-eine noch heute in den Unitariern fortbestehende, sektirerische
-Auffassung, die der göttlichen Verehrung Christi keinen Abbruch
-tat. Die Kritik über Friedrichs des Großen »<em class="antiqua">Poésies diverses</em>«
-im 6. Bande der »Literaturbriefe« dagegen hatte Mendelssohn
-allerdings geschrieben, aber sie enthielt so wenig eine
-Majestätsbeleidigung, daß der König selbst sie mit Zufriedenheit
-gelesen hatte!</p>
-
-<p>Nach dieser Aufklärung war es für Nicolai leicht, die
-Aufhebung des Verbotes zu erwirken; er machte eine Eingabe
-an den Staatsrat, bei der ihm der eigene Sohn des Generalfiskals,
-der für Musik und Literatur lebhaft interessierte Kammergerichtsrat
-Uhden, durch Einfügung etlicher kräftiger Sprüchlein
-über das leichtsinnige Vorgehen der Behörde unterstützte; gleichzeitig
-beschwerte sich der Zensor <em class="antiqua">Dr.</em> Heinius über die Nichtachtung
-der von ihm ausgeübten Zensur, und vier Tage nach
-dem Verbot waren die »Literaturbriefe« wieder freigegeben.</p>
-
-<p>Der Vorfall hatte wenigstens das eine Gute, daß der
-Lärm, den er erregte, manche Leute auf die neuere deutsche
-Literatur aufmerksam machte, um die sie sich nach dem Beispiel
-des Königs bisher wenig oder gar nicht gekümmert hatten.<span class="pagenum"><a id="Seite_23"></a>[23]</span>
-Denn es war allerdings merkwürdig, daß, nachdem die »Literaturbriefe«
-schon bis in den 13. Band fortgesetzt waren und
-in der deutschen gelehrten Welt nicht wenig Aufsehen gemacht
-hatten, dennoch die damaligen preußischen Staatsminister nebst
-dem Generalfiskal weder von der Existenz noch von der Bedeutung
-der Zeitschrift eine Ahnung hatten!</p>
-
-<h3>Was dem einen recht ist&nbsp;…</h3>
-
-<p>Der Berlinische Kalender für das Jahr 1771 brachte
-zwölf Blätter von Chodowiecki, die Szenen aus dem »Don
-Quichote« darstellten. Das Titelkupfer zu diesem Bande bildete
-ein Porträt Josephs II.</p>
-
-<p>In dieser zufälligen Zusammenstellung witterte man in
-Wien eine Verhöhnung des Kaisers, und die dortige Zensurbehörde
-beschwerte sich dieserhalb beim König von Preußen.
-Der aber dachte nicht daran, gegen die Herausgeber einzuschreiten;
-um die Wiener von der Grundlosigkeit ihres Verdachtes
-zu überzeugen, befahl er vielmehr, für die Bilder des
-nächsten Kalenderjahrgangs ein noch viel lächerlicheres Thema
-zu nehmen und &ndash; sein eigenes Porträt voranzustellen.</p>
-
-<p>Chodowiecki wählte Ariosts »Rasenden Roland«, und Daniel
-Berger stach des Königs Bildnis dazu.</p>
-
-<h3>Neuordnung der preußischen Zensur 1772.</h3>
-
-<p>Die geschilderten Vorfälle zeigen, daß die preußische Zensur
-auch nach dem Gesetz von 1749 allmählich wieder »in Abgang«
-gekommen war, sicher aber ohne sonderliche Strenge durchgeführt
-wurde. Nicht anders ging es mit der neuen Auflage
-des Zensurediktes, die 1772 ans Licht trat.</p>
-
-<p>Auch dies neue »Circular« vom 1. Juni 1772 beklagte,
-daß die alten Vorschriften »mehrfach hintangesetzt« worden
-seien; außerdem seien die alten Zensoren gestorben. Die Ernennung
-der neuen regelte es zunächst. Die historischen
-Schriften hatte der Geheime Finanzrat Kahle zu zensieren, der
-dieses Amt schon seit einigen Jahren versah; die juristischen
-sollte von jetzt an der Geh. Tribunalsrat Stuck, die theologischen
-der freisinnige Oberkonsistorialrat Teller, und die philosophischen
-der Professor der Ritterakademie Sulzer beaufsichtigen.</p>
-
-<p><span class="pagenum"><a id="Seite_24"></a>[24]</span></p>
-
-<p>Die Wahl der Persönlichkeiten zeigt, wo Friedrich hinaus
-wollte: unter den vier Männern ist nur noch <em class="gesperrt">ein</em> Konsistorialrat,
-und die übrigen drei, besonders der angesehene Philosoph
-und Ästhetiker Sulzer, sind Sachverständige, jeder auf seinem
-Gebiet. So nahm Friedrich 1772 der Zensurkommission ihren
-vorwiegend geistlichen Charakter und schuf eine <em class="gesperrt">Fachzensur</em>.</p>
-
-<p>Außerdem ist dieses neue Zensuredikt ein charakteristischer
-Spiegel der literarischen Bewegung der Zeit.</p>
-
-<p>Die schöne Literatur war in dem Edikt von 1749 nur
-durch die »Carmina« vertreten gewesen; jetzt fand auch die
-Masse der »kleinen Schriften: Carmina, Wochenschriften, gelehrte
-Zeitungen, ökonomische Schriften und alle andere kleine
-Piecen«, Berücksichtigung; sie sollten, wenn sie nicht zu den
-Büchern gehörten, die den vier Zensoren vorgelegt werden
-mußten, von der Landesregierung oder den Magistraten begutachtet
-werden, in Universitätsstädten von der Universität. Nur
-Berlin machte eine Ausnahme: hier hatte der »historische Zensor«
-auch diese kleinen Schriften zu begutachten.</p>
-
-<p>Und schließlich wurden jetzt in das Zensuredikt auch die
-Zeitungen mit aufgenommen, deren Zahl seit 1749 stattlich
-gewachsen war. Die Zensur der »teutschen und französischen
-Zeitungen« hatte der Geheime Rat von Beausobre unter der
-Direktion des Auswärtigen Amtes zu besorgen; sie war ihm
-schon vor siebzehn Jahren übertragen worden. Außerhalb
-Berlins sollte die Zeitungszensur von der Regierung oder den
-Justizkollegien erledigt werden; wenn diese Behörden nicht am
-Orte waren, hatten sie einen Vertreter zu stellen.</p>
-
-<p>Die bessere Organisation verlangte aber auch mehr Aufwand.
-Daher wurden jetzt die Zensurgebühren eingeführt;
-außer einem Freiexemplar des geprüften Buches, auf das den
-Zensoren schon seit 1749 ein Anspruch zustand, durften sie
-von 1772 an zwei Groschen für den Druckbogen berechnen.</p>
-
-<p>Das erweiterte Edikt von 1772 schärfte den Zensoren noch
-ein, daß »Unsere Allergnädigste Absicht keineswegs dahingerichtet
-ist, eine anständige und ernsthafte Untersuchung der Wahrheit
-zu hindern, sondern nur vornehmlich demjenigen zu steuern,
-was den allgemeinen Grundsätzen der Religion und sowohl
-moralischer als bürgerlicher Ordnung entgegen ist«.</p>
-
-<p><span class="pagenum"><a id="Seite_25"></a>[25]</span></p>
-
-<p>Dieser Grundsatz, der auch von spätern, ganz anders gehandhabten
-preußischen Zensuredikten übernommen wurde, blieb
-bis zum Tode des großen Königs die Richtschnur der preußischen
-Zensur. In einem Befehl an die theologische Fakultät in Halle
-vom 7. Februar 1780 erklärte Friedrich geradezu, daß »die
-den Schriftstellern ohnedem äußerst lästige Zensur soviel als
-möglich eingeschränkt werden sollte, wann wider Religion und
-Sitten nichts vorkommt«.</p>
-
-<h3>Kleine Ursachen &ndash; große Wirkungen.</h3>
-
-<p>Wenn Nicolai recht hat, ging auch dieses erneuerte Zensuredikt
-von 1772 nicht auf den eigenen Willen des Königs zurück,
-sondern auf die ängstliche Betriebsamkeit seiner Ratgeber.
-Die einfältige preußische Dichterin Anna Luise Karschin soll
-die schuldige Ursache dazu gewesen sein. »Die Frau Karschinn«,
-erzählt Nicolai, »hatte in einem gedruckten Gedichte die erste
-Teilung Polens erwähnt, welche damals schon genugsam bekannt,
-aber noch nicht offiziell angezeigt war. Dem Ministerium
-mochte dieses wohl nicht angenehm seyn, aber der
-Minister von Fürst, bekanntlich ein sehr ängstlicher Mann,
-welcher sich vor dem Könige sehr fürchtete, glaubte der Sache
-durch ein geschwind zu machendes Zensuredikt abzuhelfen, damit,
-wenn der König je von dem Gedicht der Frau Karschinn
-etwas erführe und dem Ministerium darüber einen Vorwurf
-machte, man ihm gleich sagen könnte, es sey schon Remedur
-geschehen. Wirklich war auch das Edikt so geschwind gemacht,
-daß man verschiedenes Nöthige darin vergaß und verschiedenes
-sehr unbestimmt ausdrückte.«</p>
-
-<h3>Friedrich und die »Bullenbeißer«.</h3>
-
-<p>Geradezu vorbildlich ist Friedrich der Große im Punkte
-der »Majestätsbeleidigungen«. Zwar hatte er am 24. Dezember
-1752 ein unter dem Pseudonym <em class="antiqua">Dr.</em> Akakia (<em class="antiqua">Dr.</em> Harmlos)
-erschienenes Pamphlet Voltaires durch den Henker auf den
-öffentlichen Plätzen Berlins verbrennen lassen, obgleich der Verfasser,
-seit zwei Jahren Gast des zuerst von ihm so überschwenglich
-verherrlichten Königs, noch in den Mauern der
-Stadt weilte. Aber diese Maßregel war nicht von kleinlicher<span class="pagenum"><a id="Seite_26"></a>[26]</span>
-Empfindlichkeit verfügt, sondern Voltaire hatte durch seine
-Hinterlist, Rachsucht, Treulosigkeit und Habgier die Langmut
-des Königs schon bis zum äußersten herausgefordert; jene
-Schrift war zudem eine blutige Verhöhnung der von Friedrich
-gegründeten Akademie der Wissenschaften und ihres Präsidenten
-Maupertuis; und obendrein hatte sich Voltaire die Druckerlaubnis
-durch eine freche Fälschung verschafft.</p>
-
-<p>Nachdem dann diese Koryphäe der französischen Literatur
-auf drastische Weise aus Preußen hinauskomplimentiert war,
-legte sich Friedrichs begreifliche Erregung bald, und als Voltaire
-aus sicherer französischer Hut eine persönliche Schmähschrift
-gegen ihn losließ, schrieb der Angegriffene am 23. Oktober
-1753 voll überlegenen Humors an seinen Ministerresidenten
-George Keith in Paris: »Jeder im öffentlichen Leben
-stehende Mann muß der Kritik, der Satire, ja oft genug der
-Verleumdung als Zielscheibe dienen. Jeder, der einen Staat
-regiert hat, sei es als Minister, als General oder als König,
-hat Sticheleien zu ertragen gehabt; es wäre mir also sehr unangenehm,
-wenn ich der einzige sein sollte, dem dieses Schicksal
-erspart bliebe. Ich verlange weder eine Widerlegung des Buches
-noch die Bestrafung des Verfassers, sondern habe es mit großer
-Gemütsruhe gelesen und sogar einigen Freunden mitgeteilt.«</p>
-
-<p>Im Lauf der Jahre nahm dieser königliche Gleichmut gegen
-persönliche Angriffe jeder Art nur zu. Zahllos sind die
-Schmähschriften, die gegen Friedrich erschienen und sogar von
-dem Verleger seiner eigenen Werke, dem Buchhändler Pitra in
-Berlin, verkauft wurden. Der König ignorierte sie und gab
-einmal seinen darüber aufgebrachten Beamten den Rat, nicht
-alle »Sottisen«, die geschrieben würden, auf ihn zu beziehen.</p>
-
-<p>Mit Voltaire hatte er sich so weit wieder versöhnt, daß ein
-lebhafter Briefwechsel fortbestand; in einem dieser Briefe an
-den Franzosen vom 2. März 1772 schrieb er &ndash; vielleicht in
-Erinnerung an die Akakia-Episode&nbsp;&ndash;: »Ich denke über die
-Satire, wie Epiktet: ›Sagt man was Böses von Dir, und
-ist es wahr, so bessere Dich; sind es Lügen, so lache darüber.‹
-Ich bin mit der Zeit ein gutes Postpferd geworden, lege meine
-Stazion zurück und bekümmere mich nicht um die Bullenbeißer,
-die auf der Landstraße bellen.«</p>
-
-<p><span class="pagenum"><a id="Seite_27"></a>[27]</span></p>
-
-<h3>Exemplarische Strafe.</h3>
-
-<p>Die Langmut des großen Königs gegen Majestätsverbrechen
-stand oft in drastischem Gegensatz zu der Empfindlichkeit der
-Behörden, die, just so wie heute, auch damals bei jedem herben
-Tadel ihrer Amtshandlungen zum Kadi liefen.</p>
-
-<p>Einmal gab ihnen der alte Fritz eine kräftige Lehre. Als man
-einen Bürger bei ihm verklagte, weil er Gott, Se. Majestät
-und den Stadtmagistrat gelästert habe, verfügte er:</p>
-
-<p>»Daß der Arrestant Gott gelästert hat, ist ein Beweis,
-daß er ihn nicht kennet; daß er mich gelästert hat, vergebe ich
-ihm; daß er aber einen edlen Rat gelästert hat, dafür soll er
-exemplarisch bestraft werden und auf eine &ndash; halbe Stunde
-nach Spandau kommen.«</p>
-
-<h3>Niedriger hängen!</h3>
-
-<p>Wie schlagfertig überlegen Friedrich der Große selbst Angriffen
-gegen seine Regierungshandlungen auch ohne Verbot zu
-begegnen wußte, zeigt eine Anekdote, die ein Augenzeuge, der
-früher in Berlin, später in Upsala wirkende Kapellmeister
-Heffner, erzählt:</p>
-
-<p>Im Jahre 1781 hatte der König die Kaffeeregie eingeführt,
-um dem übermäßigen Verbrauch dieser Auslandsware zugunsten
-der einheimischen Bierproduktion zu steuern, eine Maßregel, die
-das Volk sehr erregte; denn nicht nur in Sachsen, sondern auch
-in Preußen zog man schon damals ein Schälchen Kaffee der Biersuppe
-vor, mit der Friedrich selbst noch groß gezogen worden war.</p>
-
-<p>Eines Tages kam der alte Fritz mit seinem Heiducken
-die Jägerstraße heraufgeritten und bemerkte in der Nähe des
-Schlosses, auf dem Werderschen Markt, einen großen Auflauf.
-Man drängte sich um ein hoch an der Mauer angeschlagenes
-Papier, aber nur die Nächsten konnten erkennen, was es bedeutete.
-Bei der Annäherung des Königs flogen die Mützen
-herunter, man gaffte ihn mit verlegenen und erschrockenen
-Mienen an und wich beiseite. Aber niemand wagte ein Wort
-zu sagen. Der König schickte nun seinen Begleiter näher, um
-zu erfahren, was los sei. Bald kam der Heiduck ebenfalls
-verlegen lächelnd wieder und wollte nicht recht mit der Sprache
-heraus: »Sie haben etwas auf Ew. Majestät angeschlagen&nbsp;…«</p>
-
-<p><span class="pagenum"><a id="Seite_28"></a>[28]</span></p>
-
-<p>Nun ritt der König dicht heran und sah, daß eine Karikatur
-auf ihn selbst dort hing: In höchst kläglicher Positur saß
-er auf einem Fußschemel, hielt zwischen den Beinen eine Kaffeemühle,
-und während die eine Hand emsig mahlte, griff die
-andere gierig nach jeder herausfallenden Bohne.</p>
-
-<p>Sobald der alte Fritz die Bedeutung der Karikatur erkannt
-hatte, winkte er mit der Hand und rief: »Hängt es doch
-niedriger, daß die Leute sich nicht den Hals ausrecken müssen!«</p>
-
-<p>Kaum waren die Worte gefallen, als ein allgemeiner Jubel
-ausbrach. Man riß das Bild herab und in Stücke, die Jungen
-warfen die Mützen in die Luft, und unter allgemeinem »Vivat
-der alte Fritz!« ritt der König langsam von dannen.</p>
-
-<h3>Was heißt Aufklärung?</h3>
-
-<p>Diese Frage stellte Oberkonsistorialrat Zöllner im Dezemberheft
-der »Berlinischen Monatsschrift« 1783. Mendelssohn
-und Kant beantworteten sie; Mendelssohn im September, Kant
-im Dezember 1784.</p>
-
-<p>Kants Aufsatz begann mit der vielzitierten Definition:</p>
-
-<p>»Aufklärung ist der Ausgang des Menschen aus seiner selbst
-verschuldeten Unmündigkeit. Unmündigkeit ist das Unvermögen,
-sich seines Verstandes ohne Leitung eines andern zu bedienen.
-… <em class="antiqua">Sapere aude!</em> Habe Muth, Dich Deines <em class="gesperrt">eigenen</em>
-Verstandes zu bedienen! ist also der Wahlspruch der Aufklärung.</p>
-
-<p>»Zu dieser Aufklärung aber wird nichts erfordert als Freiheit;
-und zwar die unschädlichste unter Allem, was nur Freiheit
-heißen mag, nämlich die: von seiner Vernunft in allen
-Stücken <em class="gesperrt">öffentlichen</em> Gebrauch zu machen … Ich verstehe
-aber unter dem öffentlichen Gebrauche seiner eigenen Vernunft
-denjenigen, den Jemand als <em class="gesperrt">Gelehrter</em> von ihr vor
-dem ganzen Publicum der <em class="gesperrt">Leserwelt</em> macht.«</p>
-
-<p>Kant verlangte für den Offizier das Recht, über Fehler
-im Kriegsdienste Anmerkungen zu machen, für den Bürger,
-über die Ungerechtigkeit der ihm auferlegten Lasten öffentlich
-seine Gedanken zu äußern; für den Geistlichen, seine sorgfältig
-geprüften und wohlmeinenden Gedanken über das Fehlerhafte
-des Symbols der Kirche oder über bessere Einrichtung des
-Religions- und Kirchenwesens dem Publikum mitzuteilen.</p>
-
-<p><span class="pagenum"><a id="Seite_29"></a>[29]</span></p>
-
-<h3>Kants Huldigung vor Friedrich.</h3>
-
-<p>Die Frage: Leben wir jetzt in einem aufgeklärten Zeitalter?
-beantwortete Kant in dem vorhin erwähnten Aufsatz aus
-dem Jahre 1784 kurzweg mit: Nein, wohl aber in einem
-Zeitalter der Aufklärung. Es fehle noch viel, daß sich die
-Menschen in Religionsdingen ihres eigenen Verstandes bedienten,
-aber der Hindernisse der Unmündigkeit würden doch weniger.
-»In diesem Betracht ist dieses Zeitalter das Zeitalter der Aufklärung,
-oder das <em class="gesperrt">Jahrhundert Friedrichs</em>.«</p>
-
-<p>Ebenso, führte Kant weiter aus, müsse der Untertan der
-Gesetzgebung gegenüber öffentlichen Gebrauch von seiner Vernunft
-machen dürfen und seine Gedanken darüber mit freimütiger
-Kritik der Welt öffentlich vorlegen, »davon wir ein
-glänzendes Beispiel haben, wodurch noch kein Monarch demjenigen
-vorging, welchen wir verehren«.</p>
-
-<h3>Die Kehrseite der Medaille.</h3>
-
-<p>Obgleich sich aber Preußen unter Friedrich dem Großen fast
-völliger Preßfreiheit erfreute, darf doch nicht vergessen werden,
-daß diese Freiheit keine gesetzliche, sondern eine durchaus <em class="gesperrt">willkürliche</em>,
-eine mit königlicher Erlaubnis ungesetzliche war.</p>
-
-<p>»<em class="antiqua">Il pense en philosophe et so conduit en roi</em>« (er
-denkt als Philosoph und handelt als König &ndash; soll heißen:
-als Despot), schrieb einmal der französische Philosoph Jean
-Jacques Rousseau unter ein Bild Friedrichs; und als sein
-pädagogischer Roman »Emile« (1762) vom Pariser Parlament
-für gottlos erklärt, im Hofe des Justizpalastes zerrissen und
-verbrannt wurde und dem Verfasser die Häscher auf den Fersen
-waren, flüchtete selbst er in Friedrichs Schutz, in den damals
-preußischen Kanton Neuchâtel.</p>
-
-<p>Jenes vieldeutige Wort Rousseaus gilt in gewissem Sinne
-auch für Friedrichs Behandlung der Zensur. Friedrich der Große
-ist und bleibt der Schöpfer auch der preußischen Zensurgesetze;
-er selbst handhabte sie nur so freimütig und ging so willkürlich
-über sie hinweg, daß ihre tatsächlichen Schärfen den Zeitgenossen
-gar nicht zum Bewußtsein kamen; um so empfindlicher
-aber der nächsten Generation, als nach seinem Tode (1786)
-ein andrer Geist in Preußen zur Herrschaft gelangte.</p>
-<hr class="chap" />
-
-<div class="chapter">
-<p><span class="pagenum"><a id="Seite_30"></a>[30]</span></p>
-
-<h2 class="nobreak" id="kap02">2. Kaiser Josephs II. Zensurreform.</h2>
-</div>
-
-<div class="epigraph">
-<div class="poetry">
- <div class="stanza">
- <div class="verse indent0">Ach, was ich Armer streute,</div>
- <div class="verse indent0">Fiel auf ein wüstes Land;</div>
- <div class="verse indent0">Dein Walten büß' ich heute,</div>
- <div class="verse indent0">Du zweiter Ferdinand,</div>
- </div>
- <div class="stanza">
- <div class="verse indent0">Du hast dem Licht gewehret,</div>
- <div class="verse indent0">Du hast die Luft verdumpft,</div>
- <div class="verse indent0">Östreichs Gefild verheeret,</div>
- <div class="verse indent0">Das keiner mehr entsumpft.</div>
- </div>
-</div>
-
-<p class="right">
-<em class="gesperrt">D. F. Strauß</em>, Kaiser Joseph im Sterben. 1859.
-</p>
-</div>
-
-<h3>Eine Kaiserin der Zensur.</h3>
-
-<p>Es ist genugsam bekannt, welch heftige, unversöhnliche
-Feindin der religiösen Aufklärung die deutsche Kaiserin Maria
-Theresia (1717&ndash;1780) war und mit welch harter Unduldsamkeit
-sie alles verfolgte, was Macht und Ansehen der katholischen
-Kirche und ihrer Diener verletzen konnte. Mit »Inquisition
-und Mission« führte sie gleich ihren Vorgängern die
-Gegenreformation in den österreichischen Erblanden durch, und
-die Pflege der kulturellen Güter sah sie am liebsten ausschließlich
-in der Hut der Jesuiten.</p>
-
-<p>Die Kaiserin ärgerte sich wohl gelegentlich, wenn einer der
-Hoftheologen und Beichtväter seine Bücherrazzia bis in den kaiserlichen
-Palast ausdehnte und jagte den allzu Dreisten davon;
-auch hob sie wohl einmal das Verbot eines Buches auf, wenn
-sie selbst es gelesen und gut gefunden hatte. Aber für die
-Schmach der geistigen Knechtschaft, in der sie ihre Völker
-hielt, hatte sie keine Empfindung. Der beschränkte Untertanenverstand
-hatte das auf Treu und Glauben hinzunehmen, was
-ihm von einer über alle Zweifel erhabenen, von Jesuiten beherrschten
-Regierung als allein seligmachend verkündigt wurde.
-Die Absperrmaßregeln gegen die im Reich, besonders in Preußen,
-herrschende Cholera der Aufklärung waren großzügig organisiert
-&ndash; kein Wunder, daß Österreichs geistige Entwicklung um
-Jahrhunderte zurückblieb. An der schönen blauen Donau nahm
-man an dem Aufschwung des deutschen Schrifttums so wenig
-Anteil, daß man noch zur Zeit der großen Kaiserin diejenigen
-verlachte, die sich, statt des einheimischen Dialektes, der hochdeutschen
-Schriftsprache, des »lutherisch Deutsch« bedienten.<span class="pagenum"><a id="Seite_31"></a>[31]</span>
-Noch im Jahre 1780 war, wie Friedrich Nicolai versichert, auf
-der Universität Innsbruck ein Werk wie Jöchers Gelehrten-Lexikon,
-das 1750/51 erschien, nicht einmal dem Namen nach bekannt,
-und ein Mann wie Joseph von Sonnenfels, der Reformator
-des österreichischen Schrifttums, bewarb sich vergeblich
-um eine Stellung, weil er seiner hochdeutschen Aussprache
-wegen als Protestant und überhaupt als verdächtig galt.</p>
-
-<h3>Jesuitenzensur in Wien.</h3>
-
-<p>Die wirksamste Waffe in der Hand des Protestantismus
-war von jeher das Buch; ihm galt deshalb der glühende Haß
-der geistlichen Machthaber. Seit 1623 war die Wiener Universität
-unter Verwaltung der Jesuiten, ihnen lag auch fast
-die gesamte Bücherzensur ob, und ohne ihre Genehmigung durfte
-in Österreich nichts gedruckt und kein fremdes Buch verbreitet
-werden. Gegen die katholische Kirche oder ihre Vertreter durfte
-infolgedessen nichts, gegen die Ketzer alles geschrieben werden.
-Wissenschaftliche Werke hatten keinen Anspruch auf mildere Behandlung.
-Noch im Jahre 1750, versichert Sonnenfels, konnte es
-Stand und Glück kosten, wenn man sich anmerken ließ, in einem
-Buche wie Montesquieus »<em class="antiqua">Esprit des lois</em>« geblättert zu haben.</p>
-
-<p>Die Verfasser protestantischer und antikatholischer Schriften
-erwartete Verbannung und Kerker. Schon der Besitz lutherischer,
-ketzerischer, überhaupt unkatholischer Schriften war aufs
-strengste verpönt; sie standen außerhalb allen Eigentumsrechtes,
-jeder Geistliche durfte sie konfiszieren, wo er sie fand, jeder
-Privatmann war bei Strafe verpflichtet, anzugeben, wo immer
-er sie gesehen hatte. Wer ein Buch kaufte, mußte es innerhalb
-vier Wochen seinem Pfarrer zur Prüfung vorlegen, sonst
-erhielt er 3 Gulden Strafe, die sich im Wiederholungsfall
-empfindlich steigerte. Ein Drittel der Strafgelder fiel dem
-Denunzianten zu; daher stand die niederträchtigste Spionage in
-voller Blüte. Haussuchungen waren an der Tagesordnung. Die
-Koffer der Reisenden wurden auf den Zollämtern durchsucht,
-alle bedenklichen Bücher weggenommen, verbotene verbrannt. Verkleidete
-Beamte der geistlichen Bücherpolizei besuchten als harmlose
-Kunden die Buchläden, schlichen sich in das Vertrauen
-der Händler und drangen in sie, ihnen verbotene Bücher zu<span class="pagenum"><a id="Seite_32"></a>[32]</span>
-verschaffen; ließen die Buchhändler sich überreden, so entdeckten
-sich die Spitzel als Polizisten, beschlagnahmten die Werke und
-nahmen die Verkäufer in Strafe.</p>
-
-<h3>Das Allerheiligste.</h3>
-
-<p>Als die Kaiserin Maria Theresia eines Tages gerade am
-Spieltisch saß, wurde ihr durch eine vertraute Kammerfrau, die
-Mutter der bekannten Dichterin Caroline Pichler, Hofrat von
-Sonnenfels gemeldet, der sie dringend in Zensurangelegenheiten
-zu sprechen wünschte. Ungemein lebhaft, wie die Kaiserin noch in
-ihren letzten Tagen war, eilte sie nach wenigen Minuten ins Vorzimmer,
-strich sich mit den Fingern Haube und Haar aus dem
-Gesicht, und heftig die Karten drehend fragte sie den Besucher:</p>
-
-<p>»Nun, was ist's denn? Sekieren sie Ihn schon wieder?
-Hat Er etwas gegen uns geschrieben? Das ist Ihm von Herzen
-verziehen. Ein echter Patriot muß wohl manchmal ungeduldig
-werden; ich weiß aber schon, wie Er's meint. Oder gegen die
-Religion? Er ist ja kein Narr. Oder gegen die guten Sitten?
-Das glaube ich nicht; Er ist ja kein Saumagen. Aber wenn
-Er etwas gegen die Minister geschrieben hat, ja mein lieber
-Sonnenfels, dann muß Er sich selber heraushauen; da kann
-ich Ihm nicht helfen. Ich habe Ihn oft genug gewarnt.«</p>
-
-<p>Damit machte die Kaiserin kehrt und eilte wieder an ihren
-Spieltisch zurück.</p>
-
-<h3>Van Swieten und die Zensurhofkommission.</h3>
-
-<p>1745 wurde der Holländer Gerard van Swieten (1700&ndash;1772)
-als Leibarzt der Kaiserin nach Wien berufen. Er war ein
-frommer Katholik, aber ein Gegner der Jesuiten und vor allem
-ein strenger Vertreter der Wissenschaft, dem der geistige Aufschwung
-Österreichs unendlich viel zu verdanken hat. Auf
-seinem eigensten Gebiete gewann er schnell Raum, denn die
-praktische Kunst des Arztes war ja die einzige, die die Jesuiten
-nicht übten; er gewann berühmte Ärzte für Wien und wurde
-der Begründer der dortigen medizinischen Schule.</p>
-
-<p>Daß die Geistlichkeit anatomische Lehrbücher der unvermeidlichen
-»Nuditäten« wegen verbot, hörte nun gänzlich auf. Bald
-aber dehnte Swieten seine kraftvolle Reformarbeit auf das<span class="pagenum"><a id="Seite_33"></a>[33]</span>
-ganze geistige Leben Österreichs aus und stieß nun überall auf
-die Schranke der geistlichen Zensur. Unerschrocken nahm er
-den Kampf gegen sie auf. Der Übermut seiner Gegner selbst
-drückte ihm die siegreiche Waffe in die Hand: als die geistliche
-Behörde sich anmaßte, sogar den Reichshofrat ihrer Zensur zu
-unterstellen, setzte es van Swieten bei der Kaiserin durch, daß
-die Prüfung zunächst der philosophischen und historischen Werke
-der Universität abgenommen und besonderen Zensurkommissionen
-in Wien und in den Provinzen anvertraut wurde. Von 1753
-an mußten auch alle zum Druck bestimmten Manuskripte der
-unterdes gebildeten Bücherzensurhofkommission in Wien und
-nicht mehr den Jesuiten der Universität vorgelegt werden, und
-die bisherige völlige Zensurfreiheit der geistlichen Orden für
-ihre eigenen theologischen und philosophischen Schriften wurde
-aufgehoben &ndash; eine gewaltige Kraftprobe van Swietens, die
-der späteren josephinischen Reform mächtig vorarbeitete.</p>
-
-<p>An die Spitze dieser Wiener Zensurkommission trat 1759
-van Swieten selbst. Sie war jetzt eine rein staatliche Behörde,
-aber die Hälfte ihrer Mitglieder bestand noch aus Geistlichen;
-zwar wurden diese nicht mehr vom Jesuitenorden, sondern von
-der Kaiserin im Einverständnis mit dem Erzbischof gewählt,
-und seit 1764 war kein Jesuit mehr darunter, aber den persönlichen
-Einfluß des Ordens auf die fromme Fürstin vermochte
-auch van Swieten nicht völlig auszuschalten.</p>
-
-<p>Auch konnte er sich auf seinem heftig angefochtenen Posten
-nur dadurch halten, daß er gegen alles, was der Religion,
-dem Staate, den Sitten und überhaupt der »guten Denkungsart«
-gefährlich erschien, fast ebenso unduldsam vorging wie
-seine geistlichen Gegner. Noch 1759 wurden alle Buchbinder
-angewiesen, jedes ihnen anvertraute Buch vor dem Einbinden
-ihrem Seelsorger vorzulegen, und der Katalog der verbotenen
-Bücher (»<em class="antiqua">Catalogus librorum prohibitorum</em>«), der von 1765
-bis 1780 in mehreren Ausgaben erschien, ist alles eher denn
-ein Ruhmesdenkmal für seine Zeit.</p>
-
-<p>Swieten lagen nur die »nützlichen Bücher« der Fachwissenschaft
-wahrhaft am Herzen. Deshalb setzte er, den Jesuiten
-zum Trotz, 1753 die Freigabe von Montesquieus »<em class="antiqua">Esprit
-des lois</em>« durch, und des Weihbischofs von Hontheim (Febronius)<span class="pagenum"><a id="Seite_34"></a>[34]</span>
-Buch über die rechtmäßige Gewalt der römischen Päpste wurde
-nach langjährigem, erbittertem Kampf wenigstens in den Händen
-der Gelehrten geduldet. Aber van Swieten selbst verbot
-zahlreiche Schriften von Rousseau und Voltaire, von Maupertuis
-und Lamettrie, Thomas Hobbes und Christian Thomasius, von
-Crébillon und Fielding, Boccaccio und Sterne, Swift und Holberg,
-den Macchiavell und Ariosts »<em class="antiqua">Rime satire</em>«, Grimmelshausens
-»Simplizissimus« und »Vogelnest« und Rollenhagens »Froschmäusler«,
-Philander von Sittewalds »Gesichte« und Reuters
-»Schelmuffsky« und von Erzeugnissen der neu aufblühenden
-deutschen Literatur Albrecht von Hallers »Kleine Schriften«
-und Gedichte von Joh. Christ. Günther, Wielands »Idris«,
-»Agathon« und »Sieg der Natur« nebst seiner französischen
-Übersetzung, die Leipziger und Göttinger Musenalmanache,
-Mendelssohns »Phädon oder über die Unsterblichkeit der Seele«
-und die Schriften Lessings von 1753.</p>
-
-<p>Gegen van Swietens übertriebene Strenge einzuschreiten,
-war eine der ersten Regierungshandlungen des Kaisers Joseph
-nach seiner Erhebung zum Mitregenten seiner Mutter (1765).</p>
-
-<h3>Wien und Rom.</h3>
-
-<p>Wie engherzig und despotisch van Swieten als Zensor seine
-Urteile ganz nach seinen persönlichen Ansichten fällte, darüber
-berichtet Friedrich Nicolai in seiner »Beschreibung einer Reise
-durch Deutschland und die Schweiz« die bezeichnende Anekdote:</p>
-
-<p>»Als mein sel. Freund Meinhard, dessen vortreffliche Versuche
-über die italiänischen Dichter allgemein berühmt sind,
-mit dem Hrn. Grafen Moltke nach Wien kam, wurden ihm,
-wie allen Fremden, seine Bücher weggenommen. Es waren
-darunter die Opere di Macchiavello und der Emile des Rousseau.
-Hierüber entstand der größte Lärm, daß sich jemand
-unterstanden hätte, diese Bücher einzuführen. Meinhard gieng
-selbst zum Freyherrn von Swieten, um ihn nur zu bitten, daß
-die Bücher versiegelt und an der Gränze ihm wieder ausgeliefert
-werden möchten. Aber er erhielt ganz trocken zur Antwort:
-Die Bücher wären schon verbrannt; und ›es wäre eine Schande,
-daß jemand sich unterstände, ein Buch wie den Macchiavell
-in die Hände zu nehmen‹. Meinhard wollte wenigstens den<span class="pagenum"><a id="Seite_35"></a>[35]</span>
-Emile vertheidigen, aber die Antwort war: ›Reden Sie mir
-nicht von Rousseau! Der ist ein schlechtes Subjekt!‹ Und nun
-kam ein so heftiges Schelten auf Rousseau als den verderblichsten
-Menschen, daß der gute Meinhard, der ohnedieß leicht
-ängstlich ward, sogleich das Zimmer verließ.</p>
-
-<p>»Indessen fand Meinhard bey seiner Abreise nach Italien
-unvermuthet zu Klagenfurt einen Macchiavell, der ihm, ob es
-gleich eine schlechte Ausgabe war, großes Vergnügen machte,
-da Macchiavell, wegen der Zierlichkeit seiner Schreibart, einer
-der Lieblingsschriftsteller meines Freundes war. Als er nach
-Rom kam, wurden seine Bücher wieder angehalten. Er gieng
-deshalb den folgenden Tag zum Sekretar des Magister Palatii,
-der ein Dominikaner war. Dieser gab ihm die Bücher sogleich zurük.
-Er setzte hinzu: ›Es sind einige verbotene darunter. Aber Sie
-sind ein Gelehrter, und zu verständig, als daß Sie dieselben
-öffentlich zeigen und sich und mir Verdruß machen sollten.
-Da Sie so gut italiänisch sprechen, so merke ich wohl, daß
-Sie den Macchiavell fleißig studirt haben. Aber Sie haben
-eine gar schlechte Ausgabe davon. Suchen Sie die beste zu
-bekommen; sie ist&nbsp;&ndash;.‹ Hier nannte der Dominikaner gerade
-die Ausgabe, die in Wien verbrannt worden war.«</p>
-
-<h3>Kaiserliche Handbillette.</h3>
-
-<p>Nach van Swietens Tode 1772 fiel die Zensur bald in
-ihre alten Übel zurück, und der Klerus gewann in der Kommission
-wieder das Übergewicht. Der neue Präsident der Zensurhofkommission
-stand den mit frischer Keckheit auftretenden Anmaßungen
-der Geistlichkeit hilflos gegenüber, und so konnte es
-nicht fehlen, daß die Jesuiten, obgleich ihr Orden 1773 auch
-in Österreich aufgelöst wurde, verstärkten Einfluß auf den Gang
-der Zensurgeschäfte gewannen. Besaßen sie doch noch immer
-das Ohr der Kaiserin, der jetzt ein energischer Berater wie
-van Swieten fehlte. Hatte ein Jesuit oder sonst ein Betbruder,
-erzählt Nicolai, an einem Buche Ärgernis genommen, so steckte
-er sich hinter eine Kammerfrau der Fürstin; er zeigte ihr
-etliche mit Rotstift angestrichene Stellen des Buches, die anstößig
-erscheinen konnten, und die Kammerfrau legte sie der
-Kaiserin vor. Auf den Zusammenhang des Textes wurde<span class="pagenum"><a id="Seite_36"></a>[36]</span>
-keine Rücksicht genommen, und ein kaiserliches Handbillett verfügte
-kurzweg das Verbot.</p>
-
-<h3>Das Verbot des Katalogs verbotener Bücher.</h3>
-
-<p>Statt vor der anstößigen unmoralischen, kirchenfeindlichen
-und gotteslästerlichen Literatur zu warnen, war der seit 1765
-in mehreren Ausgaben bei verschiedenen Verlegern erscheinende
-Katalog der verbotenen Bücher gerade ein Führer zu diesen
-unsauberen Quellen geworden und wurde von Liebhabern und
-Sammlern besonders erotischer Literatur niederster Sorte fleißig
-benutzt. Zu dieser Erkenntnis kam im Jahre 1777 endlich
-auch die Zensurhofkommission und zog daraus die einzig richtige
-Konsequenz: der Katalog der verbotenen Bücher wurde nun
-selbst auf den Index gesetzt.</p>
-
-<h3>Der Thronfolger.</h3>
-
-<p>Es ist das Schicksal aller Thronfolger, daß sich die Hoffnung
-der Unzufriedenen an sie klammert und die Enttäuschungen
-wie aufgescheuchte Dohlen ihren Thron umflattern. Mit welcher
-Gloriole umgaben die deutschen Idealisten die Lichtgestalt
-des Sohnes, der im Schatten seiner großen Mutter heranwuchs!
-Man wußte, daß Kaiser Joseph ein unbedingter Verfechter
-des Deutschtums in Österreich war, daß er deutsche
-Bücher las und in schaler Hofgesellschaft eine Gruppe der
-Geistigen zu sammeln suchte. Je rücksichtsloser Friedrich der
-Große seiner Verachtung der deutschen Literatur Ausdruck gab,
-um so inbrünstiger erwartete man von dem jungen Kaiser den
-Werderuf zu einem neuen perikleischen Zeitalter.</p>
-
-<h3>Der Gnadenpfennig.</h3>
-
-<p>Dem Mißverständnis von der literarischen Mission des
-jungen Kaisers huldigte keiner so begeistert wie der Sänger des
-»Messias«, Klopstock, und bei ihm verdichtete sich dieser Glaube
-zu einem großzügigen »Plan zur Beförderung der Wissenschaften
-in Deutschland«, der, ohne die steifen Formen einer
-Akademie anzunehmen, die freigebige Unterstützung deutscher Gelehrter
-und Schriftsteller durch den Deutschen Kaiser zum Ziele
-hatte. Auch ein Finanzprojekt spielte mit hinein: der unerhörte<span class="pagenum"><a id="Seite_37"></a>[37]</span>
-gesetzlich begünstigte Nachdruck, der in Wien mit außerösterreichischen
-Büchern getrieben wurde, schädigte die deutschen
-Autoren empfindlich, Lessings »Hamburgische Dramaturgie«
-war daran zugrunde gegangen. Diese »Nachdruckerbande«,
-wie Lessing sich ausdrückte, sollte beseitigt, dafür aber als Entschädigung
-unter Josephs Schutz in Wien eine Reichsdruckerei
-begründet und darin Werke der deutschen Literatur zum Vorteil
-ihrer Verfasser gedruckt werden; »unglaubliche Summen«, versicherte
-Gleim, sollten dadurch ins Land kommen.</p>
-
-<p>Durch einen diplomatischen Freund sandte Klopstock 1767
-diese Anregung nach Wien. Zugleich aber auch das Manuskript
-einer Widmung an Kaiser Joseph, die der »Hermanns
-Schlacht«, seinem neuesten Werk, einem »Bardiet für die Schaubühne«,
-vorangestellt werden sollte. Die Naivetät des Messiassängers
-hat etwas Rührendes; er stellte allen Ernstes an Joseph
-das Ansinnen: nimmst du meine Widmung an, so verpflichtest du dich
-damit auch, den beigefügten literarisch-sozialen Plan auszuführen!</p>
-
-<p>Klopstocks Entwurf kam dem Kaiser nie vor Augen, er
-verschwand in den Akten des Staatskanzlers Fürst Kaunitz,
-nur die Widmung gelangte an ihre Adresse. Aber der deutsche
-Dichter würde aus allen seinen Himmeln gestürzt sein, wenn
-er geahnt hätte, wie geringschätzig diese Angelegenheit an höchster
-Stelle behandelt wurde. Joseph fragte seinen Kanzler,
-was er tun solle und ob vor allem der Text der Widmung
-nichts Anstößiges enthalte. Fürst Kaunitz erwiderte, dergleichen
-Dedikationen entsprängen gewöhnlich aus eigennützigen Absichten,
-auch gehöre das Werk gar nicht zur »nützlichsten Wissenschaft«.
-Da aber Klopstock in Deutschland große Achtung genieße und
-ein enthusiastisches Publikum habe, sei die Sache als ein »ersprießlicher
-Einfluß in Staatsangelegenheiten« zu betrachten,
-und man könne deshalb wohl eine goldene Kette oder Medaille
-daranwenden. Auf keinen Fall aber dürfe in der Widmung
-die darin enthaltene Spitze gegen Friedrich den Großen wegen
-seiner Verleugnung deutscher Literatur stehenbleiben, weil dadurch
-»der auch für andere Souveräne zu tragenden Achtung
-zunahe getreten werde«.</p>
-
-<p>Daraufhin nahm der Kaiser auf rein amtlichem Wege die
-Widmung an und schenkte dem Dichter als »Gnadenpfennig«<span class="pagenum"><a id="Seite_38"></a>[38]</span>
-sein Medaillonporträt in Brillanten. Im übrigen aber hatte
-dieser Akt für Klopstock keine weiteren Folgen, als daß er sich
-der Zensur des Kaisers, der damals noch seinen Zeitgenossen
-Friedrich bewunderte, ausgesetzt hatte und sich ihr wohl oder übel
-unterwerfen mußte. Denn er gab sich noch lange der Täuschung
-hin, daß der Kaiser schließlich doch seinen Plan durchführen werde.</p>
-
-<h3>Josephinismus.</h3>
-
-<p>Der Vorfall mit Klopstock ist bezeichnend: es fiel Joseph nie
-ein, sich als Gönner der deutschen Literatur aufzuspielen. So
-sehr er Friedrich den Großen verehrte, über den Verse drechselnden
-König lächelte er nur, und Gelehrte, die Bücher schrieben,
-galten ihm als gewinnsüchtige Geschäftsleute. Für das »Federvieh«
-hatte er wenig übrig, und in verdrießlicher Stimmung
-nannte er den Buchhandel »ebenbürtig dem Käsehandel«. Daß
-ihn Aloys Blumauers Travestierung der »Aeneide« höchlichst belustigte,
-richtet seinen Geschmack. Ebenso wie seine Mutter
-begünstigte er den Büchernachdruck, weil dadurch zum Nutzen
-der heimischen Industrie viel Geld umgesetzt wurde, und als er
-seine Grundregeln für die Zensurreform entwarf, war sein
-oberster Leitsatz: Besser, daß ein paar schlechte Bücher unter
-die Leute kommen, als daß durch übertriebenen Zwang ein
-»wesentlicher Handlungszweig« lahmgelegt wird. Den Volkswohlstand
-zu fördern, war nach dem Siebenjährigen Krieg die
-Losung der österreichischen Regierung. Wissenschaft und Kunst
-um ihrer selbst willen zu schützen, kam Joseph gar nicht in
-den Sinn, er hatte durchaus praktisch-politische Ziele: Vereinfachung
-der Regierungsgeschäfte durch Zentralisation und
-Gleichmäßigkeit, Entlastung der Beamten, Verminderung ihrer
-Zahl und damit Ersparnis an Gehältern, Förderung der einheimischen
-Industrie auf allen Gebieten und die dafür notwendige
-Hebung der Volksbildung. Mit gerechtem Neid sah
-Joseph das Emporblühen der protestantischen Nachbarstaaten,
-besonders Preußens. Gesunde Aufklärung und religiöse Toleranz,
-das sah er, machten unzählige wirtschaftliche Kräfte frei, die
-bisher durch veraltete, von der Kirche eifersüchtig gehütete Gesetze
-verkümmert waren. Diese Kräfte sollten nun mit einem
-Schlag geweckt werden. Wenn er zu diesem Zweck den Kampf<span class="pagenum"><a id="Seite_39"></a>[39]</span>
-aufnahm gegen Privilegien des Adels und der Kirche, gegen
-Standesvorurteile und Aberglauben, Kurpfuscher und Alchimisten,
-Teufelsaustreiber und Geisterbeschwörer und den ganzen
-mittelalterlichen Spuk, der sich in Kirchen- und Klosterwinkeln
-unter religiösem Gewande hartnäckig zu erhalten wußte, so war
-die bisher verfehmte Aufklärung, die Errungenschaft der Naturwissenschaft
-und Philosophie, seine gegebene Bundesgenossin.
-Die geistliche Zensur hatte sie bisher des Landes verwiesen;
-also mußte die Zensur geändert werden. Nicht um der schönen
-Augen der deutschen Schriftsteller und Dichter willen, sondern
-aus rein praktischen Erwägungen.</p>
-
-<p>Daß die Literatur selbst durch diese freiere Regung des
-geistigen Lebens unendlich viel gewann, darüber hat Joseph sich
-niemals weiterdenkenden Betrachtungen hingegeben. Das war
-ein Verdienst, das seiner Politik ohne, vielleicht gegen ihren
-Willen in den Schoß fiel.</p>
-
-<h3>Zensurreform in Österreich.</h3>
-
-<p>Nach dem Tode seiner Mutter (29. Nov. 1780) fühlte sich
-Joseph frei von den drückenden Fesseln, die er bis dahin als
-guter Sohn getragen hatte, und sofort ging er daran, den
-dumpfen Geistesbann zu lösen, der wie ein Dornröschenschlaf
-Österreich gefangenhielt.</p>
-
-<p>Zunächst hob er die bisherigen Zensurkommissionen auf und
-ersetzte sie durch eine einzige Bücherzensur-Hauptkommission in
-Wien. Ihr übergab er die von ihm selbst entworfenen »Grundregeln
-zur Bestimmung einer ordentlichen künftigen Bücherzensur«,
-und am 13. Oktober 1781 erschien ein neues Zensurgesetz.</p>
-
-<p>Verboten sollte nach des Kaisers Willen nur mehr das sein,
-was »unsittliche Auftritte und ungereimte Zoten« enthielt, die
-katholische und überhaupt die christliche Religion systematisch verfolgte
-und lächerlich machte oder den Staat und den Landesfürsten
-»geradezu auf eine gar anstößige Art« angriff. Im
-übrigen aber sollte der Grundsatz gelten: »Kritiken, wenn es
-nur keine Schmähschriften sind, sie mögen nun treffen wen sie
-wollen, vom Landesfürsten bis zum Untersten, sollen, besonders
-wenn der Verfasser seinen Namen dazu drucken läßt und sich also
-für die Wahrheit der Sache dadurch als Bürgen dargestellt,<span class="pagenum"><a id="Seite_40"></a>[40]</span>
-nicht verboten werden, da es jedem Wahrheitliebenden eine Freude
-sein muß, wenn ihm solche auf diesem Wege zukommt.«</p>
-
-<p>Mit dem, was der »große Haufen« oder »schwache Köpfe«
-lesen, bestimmte Joseph, soll man streng, um so nachsichtiger
-aber mit gelehrten Werken sein, die nur »schon bereiteten Gemütern«
-und »standhafteren Seelen« in die Hände kommen.
-Einzelner anstößiger Stellen wegen braucht man also wissenschaftliche
-Werke und Zeitschriften nicht zu verbieten.</p>
-
-<p>Der bisherige Katalog verbotener Bücher wurde einer gründlichen
-Revision unterzogen. Zahlreiche hervorragende Schriften
-von Abbt, Basedow, Bernis, Bodmer, G. A. Bürger, Chesterfield,
-Goethe, Haller, Home, Jacobi, Moses Mendelssohn,
-Schroeckh, Süßmilch, Zimmermann, Yorick (Sterne) und anderen
-wurden nun endlich aus der Haft entlassen. Was man bisher
-nur Gelehrten oder Protestanten »<em class="antiqua">erga schedam</em>« (gegen besondern
-Erlaubnisschein) zu lesen gab, wurde alles freigegeben;
-die unbedingt verbotenen Werke wurden einer nochmaligen Zensur
-unterworfen und daraufhin ein neuer Katalog der verbotenen
-Bücher angefertigt.</p>
-
-<p>Was verboten blieb oder neu verboten wurde, sollte jetzt
-nicht mehr vernichtet, sondern in die Bibliotheken eingestellt
-werden, so daß es Gelehrten »<em class="antiqua">erga schedam</em>« zugänglich
-blieb. Protestantische Religionsbücher zu kirchlichen Zwecken
-durften frei verkauft werden; das galt auch für unkatholische
-Volksliteratur, Erbauungsbücher, Hauspostillen und dergleichen,
-in den Landesteilen wie Ungarn und Schlesien, wo der Protestantismus
-geduldet war; in Österreich selbst und den Provinzen,
-wo der Katholizismus noch die einzige staatlich anerkannte
-Religion war, durfte solche Volksliteratur der andersgläubigen
-Bevölkerung wenigstens »<em class="antiqua">erga schedam</em>« geliefert
-werden. Auch diese Beschränkung wurde bald darauf beseitigt.</p>
-
-<h3>Kaiser Josephs Volkszensur.</h3>
-
-<p>Für die Zensur der in den Erblanden zum Druck kommenden
-Manuskripte erfand Joseph eine Neuerung, die seinen
-Scharfsinn ins hellste Licht setzt und mit sicherer Hand den
-Lebensnerv des ganzen Zensurproblems berührt; sie befreite die
-ängstliche, um Amt und Brot besorgte Bürokratie von einem<span class="pagenum"><a id="Seite_41"></a>[41]</span>
-Teil ihrer Verantwortung und schuf neben ihr einen weiten
-Areopag gänzlich unabhängiger Männer, die keine Berufszensoren
-waren, auch nicht von Staats wegen ernannt, sondern
-&ndash; <em class="gesperrt">von den Schriftstellern selbst gewählt</em> wurden!</p>
-
-<p>Kein Manuskript, so bestimmte Josephs Gesetz, soll von
-der Zensurbehörde zur Prüfung angenommen werden, wenn es
-nicht schon eine Bescheinigung irgendeines sachkundigen Gelehrten
-oder einer angesehenen Persönlichkeit mitbringt, die bekundet,
-daß in dem neuen Werk nichts gegen die guten Sitten, die
-Religion und die Landesgesetze enthalten, »dasselbe demnach dem
-gesunden Verstande angemessen« ist. Diesen seinen Vorzensor
-konnte sich jeder Schriftsteller unter seinen Freunden und Gönnern
-suchen, er konnte auch mehrere in Anspruch nehmen, wenn ihm
-die Ansicht des ersten nicht behagte, und da diese freigewählten
-Zensoren keinerlei Verantwortung traf, war die Unbefangenheit
-ihres Urteils gesichert. So verwandelte Joseph die bisherige
-ausschließliche Beamtenzensur in eine Art Volkszensur, denn
-das Urteil eines unabhängigen, angesehenen Mannes konnte auf
-die entscheidende Zensurbehörde nicht ohne Einfluß sein. Er
-wies damit auf einen Ausweg aus der Sackgasse der Zensur
-hin, der zu einer Lösung des ganzen Problems führen konnte,
-leider aber von spätern Gesetzgebern nie betreten worden ist.</p>
-
-<h3>»Wen's juckt, der kratze sich!«</h3>
-
-<p>Einen sympathischen Zug hatte Joseph mit seinem großen
-Zeitgenossen Friedrich II. gemeinsam: er besaß eine sehr geringe
-Empfindlichkeit im Punkte der Majestätsbeleidigungen. »Ich
-habe eine heile Haut,« pflegte er zu sagen, »wen's juckt, der
-kratze sich!« Nicht nach dem vorschnellen Urteil der Broschürenschreiber,
-sondern auf Grund seiner Handlungen hoffte er beurteilt
-zu werden, und als er 1780 den lutherischen Historiker
-M. I. Schmid als Direktor des Hof- und Staatsarchivs nach
-Wien berief, legte er ihm dringend nahe, in seinen Geschichtswerken
-niemanden zu schonen, am wenigsten ihn selbst. »Die
-Fehler meiner Vorfahren und meine eigenen sollen die Nachwelt
-belehren«, war sein Wahlspruch. Als man ihn einmal
-auf eine eben erschienene neue Schmähschrift gegen ihn aufmerksam
-machte, antwortete er: »Es ist mir gleich, ob man<span class="pagenum"><a id="Seite_42"></a>[42]</span>
-Gutes oder Schlimmes von mir spricht; dem einen wird sie
-gefallen, dem andern mißfallen. Wenn man sich nur selbst
-nichts vorzuwerfen hat. Die innere Ruhe ist ein Gut, das
-man nicht nehmen und geben kann.«</p>
-
-<h3>Ein Zensurgespräch zwischen Kaiser und Erzbischof.</h3>
-
-<p>Gleichzeitig mit dem neuen Zensurgesetz erschien Josephs
-berühmtes Toleranzedikt, das den Protestanten und nichtunierten
-Griechen freie Religionsübung in allen Ländern des Kaiserstaates
-zusicherte. Dies und die übrige reformatorische Tätigkeit
-des Kaisers, die Aufhebung zahlreicher Klöster, die Auflösung
-der Orden, die sich keiner gemeinnützigen Tätigkeit
-widmeten, die Bevorzugung der Weltpriester usw. veranlaßte
-den Papst Pius VI., 1782 persönlich nach Wien zu kommen, um
-Einspruch zu erheben. Dieses Ereignis rief eine Fülle von
-Schriften hervor, deren meist anonyme Verfasser die ihnen soeben
-erst gewährte größere Meinungsfreiheit weidlich ausnützten.
-Zahlreiche dieser Broschüren unter dem Titel »Was ist der Papst?«,
-»Was ist die Kirche?«, »Was ist der Teufel?« usw. ließen an
-Deutlichkeit dessen, was man bisher in Österreich-Ungarn nie
-hatte sagen, geschweige denn drucken dürfen, nichts zu wünschen
-übrig; die meisten wurden sogleich auch ins Ungarische übersetzt.
-Der Erzbischof von Calocza, Baron Patachich, hoffte daher beim
-Kaiser Joseph Verständnis für seine und der Geistlichkeit Entrüstung
-über diese massenhaften Auswüchse der Preßfreiheit zu
-finden. Bei dieser Audienz entwickelte sich folgendes Gespräch:</p>
-
-<p><em class="gesperrt">Kaiser</em>: »Nun itzt wird hier auch allerley geschrieben und die
-Leute fangen an freyer und aufgeklärter zu dencken und zu schreiben.«</p>
-
-<p><em class="gesperrt">Erzbischof</em> (mit aufgehobenen Händen): »Ach du lieber
-Gott! ja leider wird nur mehr als zu viel geschrieben, und ich
-bitte E. M. um Gottes willen diesem Frevel einhalt zu thun,
-durch den selbst Ew. M. geheiligte Person gemißbraucht wird.«</p>
-
-<p><em class="gesperrt">Kaiser</em>: »Ey warum &ndash; lesen Sie die brochuren die
-heraus kommen?«</p>
-
-<p><em class="gesperrt">Erzbischof</em>: »Ich lese sie alle und muß sie kraft meines
-Amtes lesen, damit ich sehe, ob denn diese Leute auch etwas
-Neues sagen und ob die Gefahr, in die solche Schriftsteller die
-Kirche setzen, von würklichen Folgen seyn kann.«</p>
-
-<p><span class="pagenum"><a id="Seite_43"></a>[43]</span></p>
-
-<p><em class="gesperrt">Kaiser</em>: »Man muß schon die Leute reden lassen, verschonen
-sie doch mich auch nicht, sie haben ja gar auch ein
-Buch herausgegeben, wo sie mich mit Luthern zusammensetzten
-&ndash; haben Sie das auch gelesen?«</p>
-
-<p><em class="gesperrt">Erzbischof</em>: »Ach ja wohl &ndash; habe ichs gelesen und bin
-erstaunt, wie sich der Verfasser so entsetzlich an Ew. M. vergehen
-kann. Der Tittel ist schon Majestät beleidigend, ›Kaiser
-Joseph und Luther‹; dann erzählt er alles, was Luther in
-seinem sogenannten Reformations-Wercke gethan hat, nennt ihn
-durch das ganze Buch <em class="antiqua">NB.</em> den seligen Luther und endlich
-schließt er damit: so weit sey der sel. Luther gekommen, nun
-wäre es Kaiser Joseph aufgehoben, das vollends auszuführen,
-was jener angefangen oder nur zum Theil vollbracht habe.«</p>
-
-<p><em class="gesperrt">Kaiser</em>: »Ich habe aber das Buch in die Censur geschickt,
-und man hat mir gesagt, daß nichts unanständiges darinn sey.«</p>
-
-<p><em class="gesperrt">Erzbischof</em>: »Das ists eben Ew. Majestät, die Censur&nbsp;&ndash;«</p>
-
-<p><em class="gesperrt">Kaiser</em>: »Ja aber ich habe es der Theologischen Fakultät
-und besonders dem Rautenstrauch [Abt von Braunau], der doch
-ein geschickter Mann in theologischen Sachen seyn soll, geschickt.«</p>
-
-<p><em class="gesperrt">Erzbischof</em> (mit Achselzucken): »Ja eben das ist das Unglück,
-ich will den Prälat Rautenstrauch nicht verachten, aber&nbsp;&ndash;«</p>
-
-<p><em class="gesperrt">Kaiser</em>: »Ja, wenn <em class="gesperrt">diese</em> Leute es nicht verstehen, da
-kann ich mir weiter nicht helfen.«</p>
-
-<p>»Danach wurde«, meldet der Berichterstatter, »der Discours auf
-etwas anderes gelenckt und weiter dem Erzbischof mit vieler Höflichkeit
-die Gelegenheit benommen, von dieser Materie wieder anzufangen.«</p>
-
-<h3>Preßfreiheit in Wien.</h3>
-
-<p>Im Mai 1786 ging Joseph noch einen Schritt weiter.
-Mehrfach war es vorgekommen, daß Drucker statt der Handschrift
-den schon abgesetzten Text an die Zensurbehörde geschickt
-hatten. Das erschien dem Kaiser überaus praktisch: ein gedruckter
-Text las sich besser als eine schlechte Handschrift, und
-der Verleger gewann dadurch Zeit, er konnte schneller mit einem
-neuen Buche erscheinen und bessere Geschäfte machen. Aus
-diesen rein praktischen Erwägungen heraus erlaubte der Kaiser
-jetzt den Wiener Verlegern, ihre Bücher auf eigene Gefahr
-drucken zu lassen. Das erste fertige Exemplar aber mußte der<span class="pagenum"><a id="Seite_44"></a>[44]</span>
-Zensur eingereicht, und vor der Genehmigung durfte das Werk
-nicht ausgegeben werden. Wurde es dann von der Zensur verboten,
-so mußte der Drucker für jedes dennoch im Inland verbreitete
-Exemplar 50 Gulden Strafe zahlen. Ursprünglich
-wollte Joseph dieses Vergehen sogar mit körperlicher Züchtigung
-ahnden, was ihm aber der damalige Präsident der Zensurhofkommission
-auszureden wußte.</p>
-
-<p>Tatsächlich schuf Joseph durch diese Verfügung einen Zustand,
-der einer Preßfreiheit sehr nahe kam. Denn nun erst
-kam den Schriftstellern die frühere Bestimmung zugute, daß ein
-sonst nützliches Werk einzelner anstößiger Stellen wegen nicht
-verboten werden durfte; sie konnten sich also manches zu drucken
-getrauen, was in der Handschrift von dem ängstlichen Zensor
-zweifellos getilgt worden wäre. Und wenn wider Erwarten ein
-Buch dem Verbot verfiel, durfte es zwar in Österreich nicht
-verbreitet werden; die schon gedruckte Auflage blieb aber Eigentum
-des Verlegers, und nach dem Ausland durfte er sie ungehindert
-verkaufen. Für Bücher, die nur im Ausland verbreitet wurden,
-hatten also die österreichischen Schriftsteller völlige Preßfreiheit.
-Verantwortlich blieben sie natürlich immer für die strafrechtlichen
-Folgen ihrer Werke, wie ja Preßfreiheit niemals und
-nirgends mit Gesetzlosigkeit zu verwechseln ist.</p>
-
-<h3>Das Ende der Wiener Preßfreiheit.</h3>
-
-<p>Drei Jahre dauerte die Wiener Preßfreiheit, dann machte
-ein Federstrich Josephs ihr wieder ein Ende.</p>
-
-<p>Unlautere Elemente hatten sie arg mißbraucht, und die
-Fälle, daß Bücher umliefen, die der Zensurbehörde gar nicht
-vorgelegt worden waren, mehrten sich. Die Masse der schnell
-fertigen Skribenten, der Wiener »Büchelschreiber«, die Tagesfragen
-in seichten Broschüren erörterten, widerte den Kaiser an;
-besonders verhaßt waren ihm die zahllosen anonymen und pseudonymen
-Machwerke dieser Art, ohne daß er sich jedoch entschließen
-konnte, ihnen völlig den Garaus zu machen; es waren immerhin
-etliche »nützliche« Schriften darunter, deren Verfasser einleuchtende
-Gründe für die Verschweigung ihres Namens beibrachten.</p>
-
-<p>Ob der ungeduldige Reformator, der niemals die Ernte
-seiner Aussaat mit Ruhe erwarten konnte, unter der Enttäuschung<span class="pagenum"><a id="Seite_45"></a>[45]</span>
-über den mangelnden Aufschwung des österreichischen
-Schrifttums litt? Diese sentimentale Note klingt bei ihm
-nie wieder, wie sich seine nüchternen Zweckmäßigkeitsgründe ja
-auch niemals zu hoffnungsvollen Verheißungen gesteigert hatten.
-Verbittert war er gewiß durch so manche Fehlschläge seiner
-Politik, und der Beginn der Französischen Revolution machte
-auf ihn einen um so tieferen Eindruck, als er schon an der
-Krankheit hinsiechte, der er am 20. Februar 1790 erlag.</p>
-
-<p>In dieser Verfassung beherrschten ihn die gereizten Stimmungen
-des Augenblicks mehr als je, und die plötzliche Zurücknahme
-der Preßfreiheit von 1786 kostete ihn um so weniger
-Überwindung, als er sich, das steht nach den Zensurakten fest,
-1789 ihrer überhaupt nicht mehr entsann, sich ihrer kulturellen
-Bedeutung also wohl nie bewußt geworden war! Zur größten
-Bestürzung der Zensurkommission erging er sich Ende 1789 in
-Entscheidungen despotischer Willkür und mußte erst auf die von
-ihm selbst geschaffenen Gesetze hingewiesen werden. Die Zeit
-war aber schon vorüber, wo der Geist der josephinischen Reform
-in seinen Beamten einen festen Rückhalt gefunden hatte. Sie
-gingen auf die plötzliche Laune des Kaisers bereitwilligst ein,
-sprachen ihm von Büchern, die »die Grundfeste aller Religion,
-aller Sittlichkeit, aller gesellschaftlichen Ordnung untergraben,
-die Bande aller Staaten, aller Nationen aufzulösen fähig sind«
-und von der »Pflicht gegen die Menschheit«, der Verbreitung
-solcher Bücher nach Möglichkeit Einhalt zu tun. Daraufhin
-erfolgte im Dezember 1789 des Kaisers neue Verfügung:</p>
-
-<p>Von jetzt ab darf kein Manuskript mehr ohne vorherige Zensur
-gedruckt werden. Für jedes in Umlauf gebrachte Exemplar
-einer unzensierten Druckschrift ist wie bisher eine Strafe von
-50 Gulden festgesetzt, im Wiederholungsfall tritt Schließung des
-Geschäftes hinzu. Wer aber unzensierte Bücher ins Ausland
-sendet, wird außerdem mit einer körperlichen Strafe belegt!</p>
-
-<p>So bricht dieser Kitzel mittelalterlicher Gewaltherrschaft, der
-Trieb zu körperlicher Züchtigung, wie eine Jahre hindurch ehrlich
-unterdrückte Leidenschaft in Josephs letzter Zensurverfügung
-wieder durch. Obendrein wurde am 20. Januar 1790 der
-gesamte Hausierhandel mit Büchern schlankweg verboten.</p>
-
-<p>Dieser plötzliche Rückschritt zeigt, daß bereits ein anderer als<span class="pagenum"><a id="Seite_46"></a>[46]</span>
-der frühere josephinische Geist in Österreich wieder mächtig zu
-werden begann; die gleichzeitige Reaktion in Preußen wird darauf
-nicht ohne Einfluß gewesen sein. Zehn Jahre hatte der freigegebene
-Kampf gegen die Kirche sich als trefflicher Blitzableiter aller Opposition
-erwiesen: jetzt war seine Kraft erschöpft, und gegen die aus
-dem Westen anstürmende Flut der Revolution mußten in Eile
-neue Dämme aufgeworfen werden. Bisher hatte Joseph die österreichischen
-Schriftsteller ihre schärfsten Pfeile ungehindert ins Ausland
-verschießen lassen, wenn nur die Ruhe des Kaiserstaates
-nicht gestört wurde; in der Abwehr der Revolution fühlte sich
-plötzlich auch Österreich mit dem Ausland solidarisch. Nach
-kurzer Zeit übernahm es sogar die Führung in diesem Kampfe
-und wußte sie fast ein halbes Jahrhundert lang zu behaupten.</p>
-
-<h3>Der letzte Rest&nbsp;…</h3>
-
-<p>Ein hohes Verdienst der Zensurreform Josephs ist schließlich
-noch, daß sie das Recht des Privateigentums wieder anerkannte,
-der Polizei und Geistlichkeit die Schwelle des Privathauses
-zu achten befahl und damit die niederträchtige Spionage
-nach verbotenen Büchern beseitigte. In seinen Grundregeln
-hatte der Kaiser mit derben Worten den unwürdigen Gebrauch
-gebrandmarkt, »jedem Reisenden, jedem Inländer, der nur von
-seinen Landgütern in eine Stadt kömmt, alle seine Truhen und
-Bett-Säcke zu durchsuchen, um entweder ein Buch zum Verbrennen
-zu finden oder ein hier noch nicht bekanntes zu censuriren«,
-und wenn auch das Zensurgesetz selbst keine ausdrückliche
-Bestimmung darüber enthielt, so beschränkte der Wille des
-Kaisers von da ab die Vollmacht der Zensurbehörden auf den
-öffentlichen Bücherhandel. Verbotene Bücher waren von nun
-an in den Händen ihrer rechtmäßigen Besitzer und im Koffer
-der Reisenden unantastbar, wenn sie nicht als Handelsware
-dienten, und verfielen erst wieder der Beschlagnahme, wenn sie
-öffentlich weiterverkauft werden sollten.</p>
-
-<p>Diese Bestimmung ist die <em class="gesperrt">einzige</em> von Josephs Zensurreform,
-die <em class="gesperrt">auf die Dauer</em> bestehen blieb. Alle übrigen
-wurden bald nach seinem Tode ebenso geräuschlos wie gründlich
-beseitigt, als die Furcht vor der Revolution über die Regierungen
-ganz Europas hereinbrach.</p>
-<hr class="chap" />
-
-<div class="chapter">
-<p><span class="pagenum"><a id="Seite_47"></a>[47]</span></p>
-
-<h2 class="nobreak" id="kap03">3. Des gottseligen Herrn Ministers von
-Wöllner Blumen-, Frucht- und Dornenstücke.</h2>
-</div>
-
-<div class="epigraph">
-
-<p class="center"><em class="gesperrt">Visitator.</em></p>
-
-<p>Oeffnet die Coffers. Ihr habt doch nichts contrebandes geladen?
-Gegen die Kirche? den Staat? Nichts von französischem Gut?</p>
-
-<p class="right">
-<em class="gesperrt">Goethe-Schiller</em>, »<em class="gesperrt">Xenien</em>«. (1797.)
-</p></div>
-
-<h3>Preßfreiheit und Preßfrechheit.</h3>
-
-<p>Ganz anders als unter Friedrich dem Großen pfiff der
-Wind unter seinem Nachfolger Friedrich Wilhelm II. (1786&ndash;1797),
-nach dessen Regierungsantritt es bereits in Frankreich
-bedenklich zu kriseln begann. Unter dem Einfluß seines
-bigotten Justiz- und Kultusministers von Wöllner, der den
-freisinnigen Minister von Zedlitz abgelöst hatte, erließ der neue
-Herr zunächst das Religionsedikt vom 9. Juli 1788, das der
-friderizianischen Aufklärung den Krieg bis zum Äußersten ansagte
-und die auch den morschen Staatsgebäuden gefährliche
-Aufklärung mit Stumpf und Stiel ausrotten sollte.</p>
-
-<p>Gegen dieses mit dem Geist des Protestantismus unvereinbare
-Religionsedikt lehnten sich sogar fünf Mitglieder des Oberkonsistoriums
-auf; der ehrwürdige Propst Spalding an der
-Nikolaikirche und Propst Teller an St. Petri dankten seinetwegen
-ab, und die gesamte Presse machte heftig dagegen mobil.
-Um ihr den Mund zu stopfen, sahen der König und Wöllner
-kein anderes Mittel als ein neues Zensurgesetz, dessen Bearbeitung
-am 10. September 1788 dem Großkanzler von
-Carmer mit folgenden Worten aufgetragen wurde:</p>
-
-<p>»Da Ich auch vernehme, daß die Preßfreiheit in Berlin
-in Preßfrechheit ausartet, und die Bücher-Censur völlig eingeschlafen
-ist, mithin gegen das Religions Edict allerlei aufrührerische
-Schriften gedruckt werden, so habt ihr gegen den
-Buchdrucker und Buchhändler sofort <em class="antiqua">fiscum</em> zu excitiren, und
-Mir übrigens Vorschläge zu thun, wie die Büchercensur auf
-einen bessern Fuß eingerichtet werden kann. Ich will Meinen
-Unterthanen alle erlaubte Freiheit gern accordiren; aber Ich<span class="pagenum"><a id="Seite_48"></a>[48]</span>
-will auch zugleich Ordnung im Lande haben, welche durch die
-Zügellosigkeit der jetzt sogenannten Aufklärer, die sich über
-alles wegsetzen, gar sehr gelitten hatt.«</p>
-
-<p>Durch diese Kabinettsorder Friedrich Wilhelms II. ist der
-Gleichklang »Preßfreiheit &ndash; Preßfrechheit« geflügelt geworden.</p>
-
-<h3>Das »Erneuerte Censur-Edict« von 1788.</h3>
-
-<p>Neue Besen kehren gut. Schon zwei Monate später war
-das befohlene Zensurgesetz fertig und wurde am 19. Dezember
-1788 vom Könige unterzeichnet. Es ist schon dadurch von besonderer
-Bedeutung, daß es bis 1819 gültig und darüber hinaus
-von vorbildlicher Wirkung blieb, obgleich das berüchtigte
-Religionsedikt, dessen dornenvollen Weg es ebnen sollte, 1797
-wieder aufgehoben wurde.</p>
-
-<p>Dieses erneuerte Zensuredikt erkannte zwar »die großen
-und mannigfaltigen Vortheile einer gemäßigten und wohlgeordneten
-Preßfreyheit zur Ausbreitung der Wissenschaften und
-aller gemeinnützigen Kenntnisse« an und wollte ebenfalls »keinesweges
-eine anständige, ernsthafte und bescheidene Untersuchung
-der Wahrheit hindern oder sonst den Schriftstellern irgend einen
-unnützen und lästigen Zwang auflegen«. Der Vorbehalt »bescheiden«
-ist neu, Friedrichs Zensurgesetz von 1772 führt ihn
-noch nicht, und er gehört von jetzt an zum regelmäßigen Wortschatz
-solcher Verfügungen.</p>
-
-<p>Aber eine »gänzliche Ungebundenheit der Presse«, klagt der
-Gesetzgeber, werde »besonders in den sogenannten Volksschriften
-häufig von unbesonnenen oder gar boßhaften Schriftstellern mißbraucht
-zur Verbreitung gemeinschädlicher praktischer Irrthümer
-über die wichtigsten Angelegenheiten der Menschen, zum Verderbniß
-der Sitten durch schlüpfrige Bilder und lockende Darstellungen
-des Lasters, zum hämischen Spott und boßhaften
-Tadel öffentlicher Anstalten und Verfügungen, und zur Befriedigung
-niedriger Privat-Leidenschaften, der Verläumdung, des
-Neides und der Rachgier, welche die Ruhe guter und nützlicher
-Staatsbürger stöhren, auch ihre Achtung vor dem Publiko
-kränken«.</p>
-
-<p>Um solchen Männern, denen es nicht um die Wahrheit zu
-tun sei, sondern die nur aus Gewinnsucht oder aus andern<span class="pagenum"><a id="Seite_49"></a>[49]</span>
-Nebenabsichten die Schriftstellerei ausübten, das Handwerk zu
-legen, sei es nötig, das ganze Literaturgewerbe der öffentlichen
-Aufsicht und Leitung des Staates zu unterstellen, um allem zu
-steuern, »was wider die allgemeinen Grundsätze der Religion,
-wider den Staat, und sowohl moralischer als bürgerlicher Ordnung
-entgegen ist, oder zur Kränkung der persönlichen Ehre
-und des guten Namens anderer abzielet«. Daher dürfe kein
-Buch ohne Erlaubnis der Zensur gedruckt oder verkauft werden.</p>
-
-<p>Die Ausübung der Zensur wurde jetzt nicht mehr einer besonderen
-Kommission und bestimmten Personen anvertraut, was
-sich schon früher als unpraktisch erwiesen hatte, sondern ganzen
-Kollegien, die ihrerseits einen Zensor stellen mußten. Die
-Zensur der theologischen und philosophischen Schriften wurde
-den Konsistorien, die der juristischen dem Kammergericht bzw.
-den Regierungen und Landesjustizkollegien, die der medizinischen
-den jeweiligen Medizinalkollegien und die der staatswissenschaftlichen
-Schriften dem Departement des Äußern übertragen.</p>
-
-<p>Die Zensur der schönen Literatur (»Wochen- und Monatsschriften
-vermischten Inhalts, gelehrte Zeitungen, oeconomische
-Aufsätze, Romane, Schauspiele und andere kleine Schriften«)
-blieb Aufgabe der Universitäten oder der Landesjustizkollegien;
-letztere hatten wie bisher auch die Verantwortung für die politischen
-Zeitungen, die nur in Berlin ebenfalls dem Departement
-des Äußern unterstanden. Da außerhalb des lokalen
-Teils der Inhalt der Provinzzeitungen damals noch ganz von
-dem der Berliner abhing, war also durch die Berliner Zensur
-auch die preußische Provinzpresse besorgt und aufgehoben.</p>
-
-<h3>Die Wöllnersche Note.</h3>
-
-<p>Man pflegt gemeinhin das »Erneuerte Censur-Edict« mit
-dem berüchtigten Religionsedikt in einen Topf zu werfen und
-beide mit dem Namen des Ministers Wöllner zu bezeichnen,
-den Friedrich der Große mit den Worten charakterisiert hatte:
-»Der Wöllner ist ein betrügerischer und intriganter Pfaffe,
-weiter nichts.« So lautete eine der lapidaren Randbemerkungen
-des Königs an einem Gesuch der Familie Itzenplitz, die 1765
-für ihren bisherigen Hauslehrer, jetzigen Schwiegersohn Wöllner
-den Adel erbeten hatte. Es war eine der ersten Regierungshandlungen<span class="pagenum"><a id="Seite_50"></a>[50]</span>
-Friedrich Wilhelms II., seinem Günstling diese
-Standeserhöhung zu gewähren.</p>
-
-<p>Daß der Wortlaut des Zensurediktes von 1788 nicht von
-Wöllner stammt, sondern von dem berühmten damaligen Juristen
-Svarez, dem Reformator des gesamten preußischen Justizwesens,
-berichtete schon Fr. Nicolai in seinen »Gedanken über die Verbesserung
-der Einrichtung der Censur« 1801; ihm gestand
-auch Svarez zu, daß er, »da er die Sache nicht ändern konnte«,
-sie wenigstens durch Weglassung und ungenaue Fassung einiger
-Paragraphen zu mildern gesucht habe, »um einer günstigen
-Auslegung Platz zu lassen«. Damit gab er indirekt Wöllners
-bestimmenden Einfluß zu, der sich ja auch aus der ganzen
-Sachlage von selbst ergab. Zweifellos bildet die gemäßigte
-Form des Zensurediktes, wie Svarez' Biograph Stölzel sagt,
-»einen scharfen Kontrast zu der gereizten, wenig objektiven Sprache
-des Religionsediktes. Dort redet Svarez, hier Wöllner«. Auch
-die Gründlichkeit des neuen Gesetzes verrät überall die sorgsam
-überlegte Arbeit eines erfahrenen Juristen.</p>
-
-<p>Aber war das Edikt von 1788 wirklich nur eine »Erneuerung«
-der Zensurvorschriften Friedrichs des Großen?
-»Wenn man's so hört, möcht's leidlich scheinen.« Aber wenn
-man die Einzelheiten genau betrachtet, fallen doch mehrere sehr
-wichtige Änderungen auf.</p>
-
-<p>Daß in der moralisierenden Einleitung, durch deren schlechten
-Stil ein Wöllnerscher eigener Entwurf durchzuschimmern
-scheint, dem erst aufwachsenden selbständigen Schriftstellerberuf
-noch keine Existenzberechtigung zugestanden wird, ist nur ein
-Zeichen der Zeit. Über dieses »Gewerbe« dachte der alte Fritz
-kaum anders. Aber die neue Verfügung rüttelte an einer der
-Grundfesten seines Gesetzes von 1772, indem sie die Zensur
-der wichtigsten aller Disziplinen, der philosophischen, dem Fachgelehrten
-wieder entzog und den Konsistorien überwies, also
-die unter Friedrich durchgesetzte Fachzensur zum wesentlichen
-Teil wieder in eine geistliche Zensur verwandelte. Diese Neuerung
-war zweifellos die am tiefsten einschneidende.</p>
-
-<p>Es finden sich aber noch andere. Die Zensurfreiheit der
-Akademiker blieb zwar bestehen, aber sie wurde jetzt beschränkt
-auf Schriften »über Gegenstände derjenigen Classe, bei welcher<span class="pagenum"><a id="Seite_51"></a>[51]</span>
-sie angesetzt sind«, galt also nur mehr für die Fachschriften.
-Wenn sich demnach etwa ein Mediziner der Akademie auf das
-Gebiet der Philosophie oder Religion verirrte, war er keineswegs
-mehr immun, sondern hatte sich über diesen Schritt vom Wege
-wie jeder andere vor der Zensur des zuständigen Kollegiums
-zu verantworten.</p>
-
-<p>Die »historischen Schriften« des alten Zensurgesetzes nennt
-das erneuerte überhaupt nicht mehr. Aber vergessen waren sie
-nicht, sondern ganz unauffällig in einen andern Paragraphen
-geschoben: neben den politischen mußten jetzt auch »alle in die
-Reichs- und Staatengeschichte einschlagenden Schriften« dem
-auswärtigen Departement vorgelegt werden. Man wollte jetzt
-auch die Literatur schärfer beaufsichtigen, die unter dem Gewande
-der Geschichte oft sehr unbequeme Politik trieb.</p>
-
-<p>Aus diesen sehr bedeutenden Verschärfungen des Zensurediktes
-von 1788 klingt die Wöllnersche Note deutlich hervor,
-und wenn die unkritische öffentliche Meinung den bigotten Minister
-zum Vater auch des Zensurediktes machte, so sollten ihr die
-nächsten Ereignisse doppelt recht geben: denn nicht der Wortlaut
-macht die Schärfe eines Gesetzes, sondern seine Anwendung.</p>
-
-<h3>Prometheus.</h3>
-
-<div class="poetry-container">
-<div class="poetry">
- <div class="stanza">
- <div class="verse indent0">Prometheus hatte kaum herab in Erdennacht</div>
- <div class="verse indent0">Den Quell des Lichts, der Wärm' und alles Lebens,</div>
- <div class="verse indent0">Das Feuer, vom Olymp gebracht,</div>
- <div class="verse indent0">Sieh, da verbrannte sich &ndash; denn Warnen war vergebens&nbsp;&ndash;</div>
- <div class="verse indent0">Manch dummes Jüngelchen die Faust aus Unbedacht.</div>
- <div class="verse indent0">Mein Gott! Was für Geschrei erhuben</div>
- <div class="verse indent0">Nicht da so manches dummen Buben</div>
- <div class="verse indent0">Erzdummer Papa,</div>
- <div class="verse indent0">Erzdumme Mama,</div>
- <div class="verse indent0">Erzdumme Leibs- und Seelenamme!</div>
- <div class="verse indent0">Welch Gänsegeschnatter die Klerisei,</div>
- <div class="verse indent0">Welch Truthahngekoller die Polizei!&nbsp;&ndash;</div>
- </div>
- <div class="stanza">
- <div class="verse indent0">Ist's weise, daß man dich verdamme,</div>
- <div class="verse indent0">Gebenedeite Gottesflamme,</div>
- <div class="verse indent0">Allfreie Denk- und Druckerei?</div>
- </div>
-</div>
-</div>
-
-<p class="right">
-<em class="gesperrt">Gottfried August Bürger.</em> 1789.
-</p>
-
-<h3>Die gehörige Bescheidenheit.</h3>
-
-<p>Einer der ersten, die das Recht des Königs, für die »ursprüngliche
-Reinigkeit« der Religion zu sorgen, nachdrücklich<span class="pagenum"><a id="Seite_52"></a>[52]</span>
-bestritten, war ein in Berlin lebender Hamburger, <em class="antiqua">Dr.</em> Würzer,
-der in seinen »Bemerkungen über das preußische Religions-Edict
-nebst einem Anhang über Preßfreiheit« (Berlin, 1788) jede
-Einwirkung des Staates auf die Entwicklung der Religion und
-jede Maßregel gegen die Aufklärung als unzulässig nachwies
-und auch an dem Stil des Ediktes, an seinen Ausdrücken
-»Dreistigkeit und Unverschämtheit«, scharfe Kritik übte.</p>
-
-<p>Er wurde verhaftet und vom Kammergericht zu sechs Wochen
-Gefängnis verurteilt, aber nicht seiner theologischen Überzeugung
-wegen, sondern weil er diese nicht mit der »gehörigen Bescheidenheit«
-vorgetragen und die Achtung vor dem Monarchen verletzt
-habe. Er hatte es nämlich gewagt, seine Streitschrift dem
-Könige zu widmen und ihm ein Exemplar zu überschicken.</p>
-
-<h3>Das Kammergericht gegen Wöllner.</h3>
-
-<p>Von der erhofften heilsamen Wirkung des neuen Zensurgesetzes
-war Wöllner sehr bald bitter enttäuscht, denn die jetzt
-mit der Zensur beauftragten Kollegien, sogar die Konsistorien,
-arbeiteten ihm wenig zu Dank. Er sorgte deshalb mehrfach
-durch Kabinettsorders, die der König meist ungelesen zu unterzeichnen
-pflegte, dafür, daß über seine Auslegung des Zensurediktes
-und die von ihm bezweckte Anwendung kein Zweifel
-mehr bestehen konnte.</p>
-
-<p>Zur bessern Kontrolle der Rechtgläubigkeit hatte König
-Friedrich Wilhelm II. die Einführung eines allgemeinen Landeskatechismus
-befohlen, die bei der Geistlichkeit auf ebenso starken
-Widerstand stieß wie das Religionsedikt. Eine in Züllichau
-erschienene anonyme Abhandlung war <em class="gesperrt">für</em> den Landeskatechismus
-eingetreten, und der Berliner Prediger Gebhard schrieb
-eine Entgegnung darauf, die vom Berliner Oberkonsistorium
-die Druckerlaubnis erhielt. Kaum aber war sie erschienen, so
-verbot Wöllner als Chef des geistlichen Departements dem
-Verleger Joh. Christ. Unger den Verkauf der Gebhardschen
-Schrift bei 100 Dukaten Strafe für jedes Exemplar. Außerdem
-erhielt der schuldige Zensor, der Oberkonsistorialrat Zöllner,
-einen derben Verweis, weil er eine »Scharteke« zugelassen
-habe, die die geplante Einführung des Landeskatechismus als
-unnötig, unnütz und sogar schädlich bezeichnete, also einen<span class="pagenum"><a id="Seite_53"></a>[53]</span>
-sträflichen Tadel landesherrlicher Verordnungen und wenig
-Achtung vor königlichen Befehlen enthalte.</p>
-
-<p>Wer zahlte nun dem Verleger seine Unkosten zurück? Daß
-die Zensoren selbst sich so gröblich irren konnten, hatte der
-Gesetzgeber nicht vorgesehen. Wöllner riet dem Verleger ironisch,
-er möge sich an Verfasser und Zensor halten, und Unger folgte
-seinem Rat, wohl um über diese noch mehrfach zu befürchtende
-Streitfrage eine Gerichtsentscheidung herbeizuführen.</p>
-
-<p>Aufs neue bewährte das preußische Kammergericht seinen
-alten Ruf unbestechlicher Gerechtigkeit. Die Klage gegen den
-Verfasser nahm es gar nicht an, da dieser ja sein Buch ordnungsgemäß
-der Zensur vorgelegt hatte, und die Klage gegen
-den Zensor wies es kostenpflichtig ab. Die Kritik auch schon
-bestehender, »von der Regierung beliebter« Staatseinrichtungen,
-so erklärte es in seiner Urteilsbegründung, sei nicht nur Recht,
-sondern Pflicht jedes, der sich zu Belehrungen der Staatsmänner
-berufen glaube, sonst würden »alle Kompendien der
-Staatswissenschaft unter die verbotenen Bücher, und Plato,
-Montesquieu und Thomasius unter die Staatsverbrecher gehören«.
-Wenn jemals über Gesetze und öffentliche Anstalten
-mit Nutzen geschrieben werden könne, so sei es gewiß zu der
-Zeit, da sie eben entworfen würden. Zöllner habe deshalb als
-Zensor nur seine Pflicht erfüllt und verdiene statt eines Tadels
-»<em class="gesperrt">öffentlichen Dank</em>, daß er ohne Nebenabsichten, als ein
-gewissenhafter und verständiger Staatsdiener, seine Stimme gegeben,
-und so viel an ihm ist, die Rechte der Vernunft und
-die mit ihnen verbundene Ehre der Preußischen Regierung aufrecht
-erhalten« habe. Protokollführer bei dieser denkwürdigen
-Sitzung des Kammergerichts war der damalige Referendar
-Wilhelm von Humboldt.</p>
-
-<h3>Die Grenzen der Wirksamkeit des Staates.</h3>
-
-<p>Vorfälle dieser Art waren es, die einen Augen- und Ohrenzeugen
-des Unger-Zöllnerschen Prozesses, eben jenen Referendar
-am Kammergericht Wilhelm von Humboldt, mit einem so starken
-Ekel gegen alle Vielregiererei erfüllten, daß er im Sommer
-darauf dem preußischen Staate den Dienst aufsagte, um sich
-einem freien Schriftstellerleben innerlichster Arbeit und geistigster<span class="pagenum"><a id="Seite_54"></a>[54]</span>
-Selbsterziehung hinzugeben. Seine Mittel erlaubten ihm das.
-Die Entwicklung der eigenen Individualität, das hatte ihn seine
-kurze Beschäftigung an der Staatsmaschine gelehrt, ist unmöglich
-ohne die ungebundenste Freiheit. Diese ist daher das ursprüngliche
-Recht, das Naturrecht des Menschen, ohne die er
-sein Ziel, sich selbst in seiner Eigentümlichkeit voll und ganz
-zu entwickeln, nicht erreichen kann. Der Staat aber tötet die
-Individualität, schwächt die Energie, die Haupttugend des
-Menschen, und hindert durch die Gleichmachung aller den einzelnen
-an der Erfüllung seiner individuellen Bestimmung.</p>
-
-<p>Deshalb soll der Staat nur soweit bestehen, als er schlechterdings
-nicht zu entbehren ist. Er hat die »Sicherstellung der
-Bürger gegen sich selbst und gegen auswärtige Feinde« zu besorgen,
-im übrigen aber sich aller Maßregeln zu enthalten, die
-mit jener Aufgabe nicht unmittelbar zusammenhängen. Jeder
-weitere Versuch, »direkt oder indirekt auf die Sitten und den
-Charakter der Nation« einzuwirken, durch Beaufsichtigung der
-Erziehung, der Religion, der Ehe, des »freien Untersuchungsgeistes«
-usw., liegt außerhalb der Wirksamkeit des Staates und
-muß daher abgelehnt werden. Jede aufdringliche Sorgfalt des
-Staates für das »positive Wohl« der Bürger kann den einzelnen
-nur schädigen. Wieviel Raum in diesem Idealstaat
-für ein Wöllnersches Religionsedikt oder die Zensur übrigblieb,
-ergibt sich von selbst. »Wer Dinge äußert«, lautete eine der
-wichtigsten Thesen Humboldts, »oder Handlungen vornimmt,
-welche das Gewissen oder die Sittlichkeit des andern beleidigen,
-mag allerdings unmoralisch handeln, allein, so fern er sich keine
-Zudringlichkeit zu Schulden kommen läßt, kränkt er kein Recht.«
-Und nur darauf kommt es an.</p>
-
-<p>Gedanken dieser Art bestürmten Humboldt, den Freund
-Georg Forsters, im Herbst des Jahres 1791, während der
-Posaunenchor der Französischen Revolution über den Rhein herübertönte.
-Er entwickelte sie in einem Briefe, der im Januar
-1792 in der »Berlinischen Monatsschrift« erschien und zu
-einem lebhaften Meinungsaustausch mit dem Humboldt nahestehenden
-Reichsfreiherrn Karl von Dalberg führte, dem damaligen
-kurfürstlich mainzischen Statthalter zu Erfurt und
-späteren Kurfürsten von Mainz, der ebenfalls von dem Fieber<span class="pagenum"><a id="Seite_55"></a>[55]</span>
-der Vielregiererei ergriffen war. So entstand Humboldts erste
-größere Schrift »Ideen zu einem Versuch, die Gränzen der
-Wirksamkeit des Staats zu bestimmen«. Mehrere Kapitel
-daraus erschienen noch in der »Berlinischen Monatsschrift«
-1792 (Stück 10&ndash;12), ein anderes in Schillers »Thalia«
-(Heft 5). Das Ganze aber wurde erst ein halbes Jahrhundert
-später, 1851, aus Humboldts Nachlaß veröffentlicht, und das
-kam folgendermaßen:</p>
-
-<p>Humboldt brannte darauf, seine Streitschrift gegen Absolutismus
-und Wöllnerschen Despotismus so schnell wie möglich
-herauszugeben, und sie sollte in Berlin gedruckt werden. Am
-12. September 1792 aber mußte er dem Freunde Schiller
-melden: »Der eine Censor verweigerte sein Imprimatur ganz,
-der andere hat es zwar ertheilt, allein nicht ohne Besorgnis,
-daß er [genau so wie der Konsistorialrat Zoellner] deshalb noch
-künftig in Anspruch genommen werden könne. Da ich nun
-alle Weitläufigkeiten dieser Art in den Tod hasse, so bin ich
-entschlossen, die Schrift außerhalb drucken zu lassen.« Der geschäftskundige
-Schiller sollte einen Verleger ausfindig machen
-und, wie Humboldt wünschte, eine Vorrede dazu schreiben, da
-es ihm besonders wertvoll erschien, wenn ein Mann von
-Schillers Geist, »ohne vorhergehendes eigentliches Studium
-dieser Materien, und also von ganz anderen, neuen und originellen
-Gesichtspunkten ausgehend, diesen Gegenstand behandelte«.</p>
-
-<p>Der Verlag Göschen, an den sich Schiller wandte, lehnte
-ab. Dadurch verzögerte sich der Druck, und als Schiller im
-Januar 1793 einen andern Verleger gefunden hatte, war
-Humboldt über den Wert seiner Schrift unsicher geworden.
-Die letzten Ereignisse der Französischen Revolution, die Verurteilung
-und Hinrichtung Ludwigs XVI. und seiner Gemahlin am
-17. bzw. 21. Januar 1793, hatten den ausgelassenen Tanz
-der Deutschen um den französischen Freiheitsbaum auf furchtbare
-Weise unterbrochen. Humboldt, der, wie Graf Stolberg
-sich ausdrückte, bis dahin »von dem Gifthauche des Genius
-der Zeit getroffen« war, verfiel plötzlich in eine Krisis, die zu
-einem starken Wandel seiner politischen Ansichten führen sollte.
-Innerhalb dieser Krisis mit einer Schrift hervorzutreten, zu
-der er sich schon nicht mehr ganz bekennen konnte, widerstrebte<span class="pagenum"><a id="Seite_56"></a>[56]</span>
-ihm. Erst wollte er sie ändern; dann schob er die Veröffentlichung
-weit hinaus, und später verbarg er dies Zeugnis seines jugendlichen
-Sturms und Drangs sorgfältig im Schreibtisch.</p>
-
-<p>So hat in diesem Falle der Berliner Zensor die Rolle der
-Vorsehung gespielt und die weitere Entwicklung Wilhelm von
-Humboldts entscheidend beeinflußt. Die damals unterdrückte
-Schrift entsprach der Wöllnerschen Forderung der »Bescheidenheit«
-keineswegs und hätte ihren Verfasser vielleicht wieder mit
-dem Kammergericht in Beziehung gebracht, aber nicht als Beisitzer,
-sondern als Angeklagten. Außerdem ist es bei aller Ehrlichkeit
-des jungen Staatsmanns doch wohl fraglich, ob ihm
-die Neuorientierung so leicht gefallen wäre, wenn er sich durch
-das Erscheinen jener Schrift auf ein so radikales Programm
-öffentlich festgelegt hätte. Gerade er hätte schwerlich so leicht
-den Selbstvorwurf haben abschütteln können, daß das gedruckte
-Wort mehr als anderes verpflichtet.</p>
-
-<h3>Die Immediat-Examinationskommission von 1791.</h3>
-
-<p>Bei Wöllners Charakter war nicht zu erwarten, daß ihn
-der unzweideutige Spruch des Kammergerichts zur Selbsteinkehr
-bewogen hätte. Wenn die vom Gesetzgeber bestellten Behörden
-ihres Amtes nicht in dem erhofften Sinne walteten, so mußten
-andere Mittel gefunden werden. Und darum war er nicht verlegen.
-Die reaktionäre Kraft des Zensurediktes hatte sich unerwarteterweise
-als nicht stark genug erwiesen; also mußte ihm
-mit ergänzenden Verfügungen nachgeholfen werden.</p>
-
-<p>Dem so wenig verläßlichen Berliner Oberkonsistorium wurde
-am 14. Mai 1791 eine von ihm unabhängige geistliche Prüfungs-
-und Aufsichtsbehörde auf die Nase gesetzt, die Immediat-Examinationskommission,
-die die Prüfung der Pfarramtskandidaten
-nach einem einheitlichen Schema regeln sollte. Ihre
-Mitglieder waren der Oberkonsistorialrat Silberschlag, der Prediger
-an der Berliner Georgenkirche Woltersdorf, der frühere
-Breslauer Prediger, jetzige Oberkonsistorialrat Hermes und der
-Geh. Konsistorialrat Hillmer, vier »elende, aus aller Wissenschaft
-herausfallende Männer, die der Wöllnerschen Verwaltung die
-verdiente Verachtung zuzogen«. Hermes (1731&ndash;1807) hatte
-die neue scharfe Prüfungsordnung für die Kandidaten der Theologie<span class="pagenum"><a id="Seite_57"></a>[57]</span>
-ausgearbeitet und ebenso den neuen Landeskatechismus, der
-vom Abt Henke »eine Frucht der Unwissenheit« genannt und auch
-bald wieder außer Gebrauch gesetzt wurde. Hillmer (1756&ndash;1831),
-ehemaliger Oberlehrer ebenfalls in Breslau, ein Mann ohne jede
-wissenschaftliche Leistung, hatte durch seine mystischen Neigungen
-das Vertrauen des Königs gewonnen; er war der Haupthahn
-unter den vieren, der geborene Großinquisitor, und bald die rechte
-Hand Wöllners. Nach Silberschlags baldigem Tode wurde der
-etwas gemäßigtere Oberkonsistorialrat Hecker sein Nachfolger.</p>
-
-<p>Diese geistliche Prüfungskommission erhielt aber noch einen
-zweiten Auftrag: ihr oder vielmehr ihren beiden besonders zuverlässigen
-Mitgliedern Hillmer und Hermes übertrug eine
-Kabinettsorder vom 1. September 1791 auch die Zensur aller
-theologischen und moralischen Schriften, da sich »die bisherigen
-Bücherzensoren [also das Konsistorium!] an das Censuredikt
-gar nicht gekehrt, sondern viel zu leichtsinnig verfahren« seien.
-Eine Berufungsinstanz gegen diese neue Zensurbehörde gab es
-überhaupt nicht.</p>
-
-<p>Das war Wöllners Antwort auf das Urteil des Kammergerichts
-im Falle Unger gegen Zöllner.</p>
-
-<h3>Schärfere Anziehung der Zensurschraube.</h3>
-
-<p>Der ehemalige Oberlehrer Hillmer war aber mit seinem
-neuen Amte keineswegs zufrieden. Mit der strengeren Zensur
-theologischer und moralischer Schriften, die nur Gelehrten in
-die Hände kamen, versprach der Kampf gegen die Aufklärung
-wenig Erfolg. Viel gefährlicher waren die Zeitschriften, die
-durch ihren volkstümlichen und unterhaltenden Charakter einen
-großen Leserkreis besaßen und Mitarbeiter aller Parteien und
-Geistesrichtungen, auch der radikalsten, zu Wort kommen ließen.
-Schon am 14. Oktober stellte er also dem Könige vor, »daß
-grade diese Monats-, Zeit- und Gelegenheitsschriften von allen
-Classen und Ständen des Volks am meisten gelesen werden,
-und durch diese Art Schriften der Religion, der Ruhe und
-guter Ordnung in Deutschland wie in Frankreich mehr als
-durch größere theologische und moralische Werke geschadet«
-werde, und erbat für sich und seinen Kollegen Hermes die Ausübung
-der Zensur über »alle Monatsschriften, Zeit- und Gelegenheitsschriften,<span class="pagenum"><a id="Seite_58"></a>[58]</span>
-Bibliotheken, Pädagogischen Schriften und
-alle dergleichen Broschüren, philosophischen und moralischen
-Inhalts«. Am 19. Oktober wurde dieser Antrag genehmigt,
-und sämtliche Buchhändler Berlins erhielten die Anweisung, alle
-derartigen Schriften von nun an dem Herrn Geheimen Konsistorialrat
-Gottlob Friedrich Hillmer zur Zensur einzureichen.</p>
-
-<h3>Literaturflucht aus Berlin.</h3>
-
-<p>Diejenigen, die es anging, wußten nun Bescheid, und die
-beiden Zeitschriften, die Hillmer am ersten im Auge gehabt
-haben dürfte, verließen fluchtartig die preußische Hauptstadt.</p>
-
-<p>Kurz nach seinem Regierungsantritt hatte Friedrich Wilhelm
-II. den Herausgebern der »Berlinischen Monatsschrift«
-für ein Exemplar ihrer Zeitschrift mit dem Wunsche gedankt,
-daß »ihre gemeinnützigen Bemühungen um Aufklärung und
-Philosophie recht viel Gutes stiften« möchten (13. Dez. 1786),
-Wöllner selbst hatte es nicht verschmäht, ihr 1787 einen Beitrag
-(über nachgelassene Handschriften Friedrichs des Großen)
-zu geben, und noch 1790, bei dem plötzlichen Aufstieg des
-neuen Ministers, war sein Bildnis, von Berger gestochen,
-darin erschienen.</p>
-
-<p>Jetzt (Januar 1792) verlegten Gedike und Biester, beide
-Mitglieder der Akademie der Wissenschaften, den Druck ihres
-Blattes, das Kant und Fichte, Gleim und Ramler, F. A. Wolf
-und die Brüder Humboldt, Heyne und Garve, J. H. Voß,
-Fr. Schlegel und Adam Müller, Justus Möser und Moses
-Mendelssohn zu seinen Mitarbeitern zählte, nach Jena (bei
-Joh. Mich. Mauke), von Juli 1793 an nach Dessau (bei
-H. Heybruch, Hoffürstl. Hof- und Regierungs-Buchdrucker).
-Als Verleger zeichnete aber nach wie vor die Haude- und
-Spenersche Buchhandlung in Berlin.</p>
-
-<p>Nicolai, der seine »Allgemeine deutsche Bibliothek« als
-Schriftsteller und Buchhändler in einer Person bisher selbst
-redigiert und verlegt, aber sie schon seit 1775 auswärts hatte
-drucken lassen, nahm am 12. März 1792 (im Vorwort zum
-2. Stück des 106. Bandes) gerührten Abschied von seinen Lesern
-und trat mit Beginn dieses Jahres seine Zeitschrift, die früher
-gleichfalls Wöllner zu ihren Mitarbeitern zählen durfte, dem<span class="pagenum"><a id="Seite_59"></a>[59]</span>
-Hamburger Buchhändler Bohn ab, der sie in seiner Universitätsbuchhandlung
-in Kiel, also auf dänischem Boden unter dortiger
-Preßfreiheit, weiter erscheinen ließ. Über den Grund des Verlags-
-und Redaktionswechsels drückte sich Nicolai sehr diplomatisch
-aus: infolge seiner augenblicklichen »Lage« könne er
-dem Blatte nicht mehr so nützlich sein wie bisher. Nur der
-Schluß deutete vorsichtig auf den geistigen Luftwechsel Preußens
-hin: die »Morgenröthe der Aufklärung, die über Deutschland
-aufgegangen«, könne nie ganz verdunkelt werden; zwar könne
-wohl ein Nebel vor ihr aufsteigen, aber die Sonne werde ihn
-wieder zerstreuen. Erst 1801, als er die Bibliothek aufs neue
-übernahm, schilderte er in der Vorrede, welcher Verfolgungen
-wegen er sie 1792 hatte aufgeben müssen.</p>
-
-<p>Diesem Beispiel der beiden weitverbreiteten Zeitschriften
-folgten bald noch andere Verleger. Anfang 1793 wollte der
-Generalsuperintendent Ewald in Dessau eine Monatsschrift
-»Urania; für Kopf und Herz« im Verlag der Frankeschen
-Buchhandlung in Berlin herausgeben. Das erste Heft sollte
-u. a. eine Abhandlung von Lavater über die Vielseitigkeit
-Gottes enthalten. Der Berliner Zensor, die Firma Hillmer
-und Hermes, verbot aber den Druck mit der Begründung:
-Lavater habe »nicht die rechte Meinung von Gott«. Daraufhin
-erschien die Zeitschrift bei der Kgl. privil. Helwingschen
-Hofbuchhandlung in Hannover, ohne von der dortigen Zensur
-angefochten zu werden. Erstaunlich ist nur, daß die beiden
-Verleger es wagten, im Anzeigenteil (Umschlag) des Februarheftes
-der »Berlinischen Monatsschrift« diesen Verlagswechsel
-bekanntzumachen und ausdrücklich mit der »strengen Berliner
-theologischen Zensur« zu begründen.</p>
-
-<h3>Rückgang des Druckgewerbes in Preußen.</h3>
-
-<p>Die naturgemäße Folge dieser Strenge war ein starker
-Rückgang des Berliner Druckereigewerbes, das sich in den
-letzten Jahrzehnten sehr bedeutend entwickelt und Berlin zu
-einem Hauptstapelplatz des Buchhandels erhoben hatte. Ein
-Gutachten der Kurmärkischen Kammer vom 2. August 1794,
-das der Willkürherrschaft der neuen Zensoren Hillmer und
-Genossen energisch zuleibe ging, lieferte dafür unanfechtbare<span class="pagenum"><a id="Seite_60"></a>[60]</span>
-Zahlen. Es stellte fest, daß im Jahre 1788 81 Druckpressen
-in Berlin im Gange waren; fünf Jahre später war
-ihre Zahl auf 67 gesunken. Und während bei Erlaß des
-Zensurediktes noch 6&ndash;700 Personen vom Druckgewerbe lebten,
-war die Zahl der Druckereiarbeiter 1795 auf 150 gefallen!
-Diese Verödung der preußischen Druckereien schädigte den Staatssäckel
-ganz empfindlich, und der Fehlbetrag in der Steuerkasse
-sollte sich allemal als das wirksamste Argument gegen eine
-weitere Anziehung der Zensurschraube erweisen.</p>
-
-<h3>Theologische Zensurblüten.</h3>
-
-<p>Das vorhin erwähnte Gutachten der Kurmärkischen Kammer
-aus dem Jahre 1794 führte auch eine Reihe von Fällen an,
-die das sinnlose Gebaren der neuen Berliner Inquisition drastisch
-brandmarkten.</p>
-
-<p>Der Sprachforscher Professor Heynatz aus Frankfurt a. O.
-hatte in einer Abhandlung erwähnt, daß »viele Philologen die
-Stelle des 1. Joh. V. 7 für unächt« hielten. Dieser textkritischen
-Bemerkung wegen wurde der Druck seiner Abhandlung untersagt!</p>
-
-<p>Das »Journal für Gemeingeist« brachte einen Aufsatz:
-»Darf ein Protestant die Vertilgung des Katholizismus wünschen?«
-Die Druckerlaubnis dafür wurde nur unter der Bedingung
-gegeben, daß eine längere Anmerkung des Zensors
-mit aufgenommen würde. Dagegen hatte der Verfasser nichts
-einzuwenden, aber der Zensor bestand darauf, daß die Fußnote
-so abgedruckt werde, als ob sie vom Autor selbst stamme; ihre
-wahre Herkunft durfte nicht gemeldet werden!</p>
-
-<p>Selbst der fromme Prediger und Dichter Ludwig Theobul
-Kosegarten in Schwedisch-Pommern war den Mitgliedern der
-Immediat-Prüfungskommission noch nicht kirchlich genug. Als
-er 1794 in Berlin Predigten drucken ließ, unterstand sich der
-Zensor, Stellen, die ihm nicht paßten, auszustreichen und andere
-dafür einzusetzen!</p>
-
-<p>Unter diesen Umständen war es begreiflich, wenn die Berliner
-Buchhändler 1794 beantragten, die Zensoren Hermes und
-Hillmer »in die eigentlichen Schranken des Censur-Edicts«
-zurückzuweisen und sie selbst »bei Veränderung der Censur-Gesetze
-mit ihrer Nothdurft zu hören«.</p>
-
-<p><span class="pagenum"><a id="Seite_61"></a>[61]</span></p>
-
-<h3>Kants Zusammenstoß mit der preußischen Zensur.</h3>
-
-<p>Obgleich die »Berlinische Monatsschrift« in Jena gedruckt
-wurde, gab sie doch unbeabsichtigterweise Anlaß zu einem Vorfall,
-der dem Wöllnerschen System die Krone aufsetzte.</p>
-
-<p>Der bedeutendste ihrer Mitarbeiter, der Königsberger Philosoph
-Kant, schrieb in eben den Monaten, da die Berliner Zionswächter
-auf das Pack der Aufklärer mit Keulen dreinzuschlagen
-begannen, eine Folge von Aufsätzen, die 1793 vereint unter
-dem Titel »Religion innerhalb der Grenzen der bloßen Vernunft«
-erschienen und in der Geschichte der Religionsphilosophie
-Epoche machten.</p>
-
-<p>Einzeln sollten sie vorher in dem Organ Biesters gedruckt
-werden. Obgleich nun die Monatsschrift gar nicht mehr der
-Berliner, sondern Sachsen-Weimarischer Zensur unterlag, bestand
-Kant darauf, daß seine Beiträge der neuen Berliner
-Zensurbehörde unterbreitet würden, da er jeden Schein »literarischer
-Schleichwege« vermeiden wollte.</p>
-
-<p>Wie die Immediat-Prüfungskommission ihm gesinnt war,
-ahnte er wohl nicht; sogleich nach ihrer Einsetzung hatte eines
-der vier Mitglieder, der Prediger Woltersdorf, den Antrag
-gestellt, dem freimütigen Philosophen das Schreiben überhaupt
-zu verbieten! Von dieser Zensurbehörde war also für Kant wenig
-Gutes zu erwarten.</p>
-
-<p>Gegen den ersten Aufsatz »Über das radikale Böse in der
-menschlichen Natur« hatte Hillmer nichts einzuwenden, da »doch
-nur tief denkende Gelehrte« die Kantschen Schriften läsen; er
-erschien im April 1792.</p>
-
-<p>Unglücklicherweise brachte aber das nächste Heft der Monatsschrift
-unter dem Titel Ȇber die Pflicht der Ergebung, in
-Zeiten wann die Wahrheit verfolgt wird« einen anonymen Beitrag,
-der nichts weniger als ein energischer Angriff gegen die
-neue Organisation der Berliner Zensur war! Er gab sich als
-eine »Predigt (über 2. Tim. 4, 17), gehalten in England unter
-König Jakob II.«, und auch in mancherlei Anmerkungen wurde
-die Fiktion durchgeführt, als ob diese Predigt wahrscheinlich
-von dem »berühmten Tillotson« zu König Jakobs Zeiten gehalten
-worden sei, der »eine wahre Inquisition, <em class="antiqua">the court of
-high commission</em>«, errichtete und »sechs Bischöfe, welche ihm<span class="pagenum"><a id="Seite_62"></a>[62]</span>
-Vorstellungen machten, in den Tower setzen ließ«. Die Beziehung
-auf die preußische Immediat-Prüfungs-Kommission und
-den Protest der fünf Konsistorialräte gegen das Religionsedikt
-war gar zu durchsichtig, und wenn der Prediger gegen den
-geistlichen Despotismus, »den ärgsten Feind der Wahrheit«
-wetterte, so wußte gewiß jeder preußische Leser, gegen wen sich
-das schwere Geschütz seiner apokalyptischen Worte richtete.</p>
-
-<p>Die Berliner Zensoren verstanden jedenfalls nur zu wohl,
-was hier mit dem »großen Drachen« der Apokalypse gemeint
-war, und als unmittelbar darauf Kants zweite Abhandlung
-»Von dem Kampfe des guten Princips mit dem bösen, um
-die Herrschaft über den Menschen« vorgelegt wurde, versagte
-Hillmer im Einverständnis mit seinem Kollegen von der Theologie,
-Hermes, am 14. Juni die Druckerlaubnis.</p>
-
-<p>Der Herausgeber der »Monatsschrift« aber war ein streitbarer
-Mann. Biester verlangte zunächst von Hermes Aufklärung
-darüber, wieso der Kantsche Aufsatz gegen das Zensuredikt von
-1788 verstoße. Hermes dagegen berief sich auf das Religionsedikt,
-das für theologische Schriften maßgebend sei; im übrigen
-verlange man von ihm wohl nicht, »mit einem Schriftsteller
-es auszumachen, auf welcher Seite, bei verschiedenen Meinungen,
-Wahrheit sei«.</p>
-
-<p>Damit ließ sich Biester nicht abfertigen; am 20. Juni
-protestierte er in einer umfangreichen Beschwerde energisch gegen
-die Anwendung des Religionsediktes in Zensurfragen, verlangte
-zu wissen, ob etwa neue, geheime Zensurverfügungen erlassen
-seien, die also keine Rechtsverbindlichkeit hätten, legte mit
-Scharfsinn und Ironie die Willkür der jetzigen Zensoren dar
-und bat aufs neue um Druckerlaubnis für den Kantschen Aufsatz.
-Für einen preußischen Beamten &ndash; Biester war Vorsteher
-der Königlichen Bibliothek und seit 1788 Mitglied der
-Berliner Akademie &ndash; war dieser freimütige Protest ein nicht
-alltäglicher Akt des »Mannesstolzes vor Königsthronen«.</p>
-
-<p>Biester würde unter den Mitgliedern des Ministeriums gewiß
-Bundesgenossen gefunden haben, wenn nicht gerade damals
-eine scharfe Kabinettsorder des Königs vom 21. Februar ebendieses
-Jahres noch auf den freisinnigsten Gemütern gelastet
-hätte. Mit seiner Vermutung einer neuerdings erfolgten oder<span class="pagenum"><a id="Seite_63"></a>[63]</span>
-doch wenigstens vom Könige erstrebten Verschärfung der Zensur
-hatte ja Biester nicht so unrecht. Aber das war Staatsgeheimnis!
-Also wurde seine Beschwerde am 2. Juli 1792
-kurzweg abgewiesen.</p>
-
-<p>Kant zog deshalb sein Manuskript zurück. Nur der erste
-Akt dieser Zensurkomödie war damit zu Ende; der zweite spielte
-zwei Jahre später.</p>
-
-<h3>Ein Wink aus Österreich.</h3>
-
-<p>Mit der zu dieser Zeit geplanten abermaligen Verschärfung
-der preußischen Zensur hatte es folgende Bewandtnis:</p>
-
-<p>Am 3. Dezember 1791 hatte sich Kaiser Leopold II., der
-Bruder der damals schon in Lebensgefahr schwebenden französischen
-Königin Maria Antoinette, veranlaßt gefühlt, allen
-Reichsständen zur Erhaltung der öffentlichen Ruhe und zum
-Schutz der gegenwärtigen Verfassung vor dem Umsturz eine
-strengere Handhabung der Zensur zu empfehlen.</p>
-
-<p>Friedrich Wilhelm II. übergab am 3. und 4. Februar die
-kaiserliche Warnung seinem Staatsministerium zu sorgfältigster
-Überlegung, denn auch in Preußen habe das Übel aufrührerischer
-Schriften so um sich gegriffen, »daß am Ende die
-äußerste Rigoueur und Leib- und Lebensstrafen nöthig sein werden,
-um boshafte Schriftsteller, Drucker und Verleger im Zaum
-gebührender Ordnung zu halten«. Die Zensoren seien zu
-größter Schärfe anzuhalten, besonders seitens des geistlichen
-Departements, da »schriftstellerische Aufklärer unter den Theologicis«
-den meisten Schaden anrichteten. Strengste Beaufsichtigung
-aller Druckereien und Buchhandlungen durch besondere
-»Polizei-Anstalten« sei erforderlich, und der Druck unzulässiger
-Schriften solle »bei zehnjähriger Vestungs-Arbeit« verboten werden!
-Alles, was an Büchern nach Preußen hereinkomme,
-dürfe in den Buchläden nicht eher verkauft werden, als bis die
-Zensur es erlaube. Einwände, als ob der Buchhandel dadurch
-leiden würde, seien hinfällig; dem Übel müsse gesteuert werden,
-»wenn auch der Buchhandel zu Grunde ginge«.</p>
-
-<p>Also eine völlige Absage sogar an das eigene Zensuredikt
-von 1788, das wenigstens noch einige Rücksicht auf das »dem
-Staate so nützliche Gewerbe der Druckerei und des Buchhandels«<span class="pagenum"><a id="Seite_64"></a>[64]</span>
-zur Pflicht gemacht hatte. Von Leibesstrafen war in
-den Zensurgesetzen Friedrichs des Großen nie die Rede gewesen;
-wohl aber in der letzten Zensurverfügung Kaiser Josephs vom
-Dezember 1789. Dieses Beispiel Österreichs übertrumpfte
-Preußen noch: im Dunstkreise Wöllners steigerte sich die Leibesstrafe
-zu »Leib- und Lebensstrafen« und zu »zehnjähriger Vestungs-Arbeit«!
-Und auch gegen die Büchereinfuhr von auswärts
-sollte jetzt das alte österreichische Abwehrmittel nachgeahmt
-werden: jedes fremde Buch sollte erst die preußische Zensur
-passieren, ehe es in Preußen verkauft werden durfte. Bisher
-hatte man das dem Takt und Risiko der Buchhändler überlassen,
-wie ja, entsprechend dem Stand des gesamten Buchwesens,
-Preußen in seinen Edikten immer das Hauptgewicht auf
-den Druck neuer Bücher, die Zensur der Manuskripte legte,
-Österreich dagegen, wo die literarische Industrie mit Ausnahme
-des Nachdrucks nur vegetierte, auf die Büchereinfuhr von außen.</p>
-
-<h3>Preußens Ehrenrettung durch sein Ministerium.</h3>
-
-<p>Das preußische Ministerium kam durch die Kgl. Kabinettsorder
-in nicht geringe Verlegenheit. Die einzelnen Departements,
-die jedes für sich berieten, hatten von aufrührerischen
-Gesinnungen in Preußen »noch nicht die mindeste Spur oder
-Neigung bemerkt« und ihr Gesamtbericht vom 17. Februar
-wurde, statt einer Anklage, das denkbar rühmlichste Zeugnis
-für die vaterländische Gesinnung ihrer Landsleute: Preußen
-habe sich stets durch »pflichtvolle Treue, Liebe und Verehrung
-des Landesherrn« ausgezeichnet, in Fällen öffentlicher Not durch
-willigste Aufopferung von Leben und Vermögen den »musterhaftesten
-Patriotismus« bewiesen, und das »Exempel der in
-Aufruhr befangenen Völker« werde auf diese Nation daher
-»nie die geringste Würkung haben«. Zur Aufrechterhaltung
-der Religiosität, meinten sie, reichten die bestehenden Gesetze
-völlig aus, »ohne die rechtmäßige Denk- und Gewissens-Freiheit
-zu unterdrücken«, und die »nach dem Charakter der Literatur
-und Menschheit unvermeidlichen kritischen Untersuchungen dieser
-und jener der Religion beigemischten nicht wesentlichen Streitigkeit«
-hätten auf die »allgemeine Religiösität des Volkes keinen
-Einfluß«. Wolle man aber von jetzt an auch die Büchereinfuhr<span class="pagenum"><a id="Seite_65"></a>[65]</span>
-der Zensur unterwerfen, die jährlich etwa 6000 verschiedene,
-»zum Theil weitläuftige« Werke betrage, so sei dazu
-ein neuer Stab von Mitarbeitern nötig, eine besondere Zensurkommission
-oder, wie das Justizministerium sich ausdrückte,
-»ein ganzes Heer besoldeter Censoren«. Minister von der Reck
-erklärte geradezu, das müsse »den Banquerut aller Buchhändler
-zur nothwendigen Folge haben«.</p>
-
-<p>Mit dieser Ehrenrettung Preußens kam das Ministerium
-beim Könige aber übel an! Schon vier Tage später erhielt
-es eine Kabinettsorder vom 21. Februar 1792, die den Ministern
-vorwarf, daß sie den Aufklärern das Wort redeten.
-Es sei gewiß ein Glück, wenn »die bisherigen von so vielen
-Geistlichen und andern Aufklärern so dreiste unternommenen
-Verfälschungen der alten reinen christlichen Religion«, die das
-Ministerium als außerwesentliche Untersuchungen beschönige, die
-allgemeine Religiosität noch nicht geschädigt hätten. Dies Glück
-könne aber nicht mehr lange dauern, wenn »hier nicht zeitig
-genug kräftige Maßregel genommen würden«, stehe doch jedermann
-»das traurige Exempel jenes großen Staates« vor Augen,
-»wo der Keim der unglücklichen Revolution in jenen Religionsspöttern
-zu suchen ist, die noch jetzt von der bethörten Nation
-im Grabe vergöttert werden«!</p>
-
-<p>Es kam zwar ganz anders, als es die ungnädige Kabinettsorder
-bestimmte. Aber es ist menschlich verständlich, wenn
-die Staatsminister jetzt im Falle Kant durch Parteinahme für
-den Philosophen den König und seinen bösen Geist Wöllner
-nicht noch mehr reizen wollten. Wenn Kant den Druck seines
-Aufsatzes wünschte, standen ihm ja neben der »Berlinischen
-Monatsschrift« viele Wege offen. Sie zogen es daher vor,
-der Sache den Lauf zu lassen, den sie nach dem ausgesprochenen
-Willen des Königs nun einmal nehmen sollte.</p>
-
-<h3>»Äußerst gefährliche und übelgesinnte Leute.«</h3>
-
-<p>Trotz des z. T. sehr ungnädigen Tones der Kabinettsorder
-vom 21. Februar 1792 hatten die preußischen Staatsminister
-durch einmütiges Zusammenhalten einen vollständigen
-Sieg gegen Wöllner und seine Kreaturen erfochten.</p>
-
-<p>Unter anderm hatte der König am 4. Februar befohlen,<span class="pagenum"><a id="Seite_66"></a>[66]</span>
-die »Gothaische Gelehrte Zeitung« und die »Jenaische Allgemeine
-Literaturzeitung« in ganz Preußen sofort zu verbieten, »weil diese
-beiden Blätter sich bisher vorzügliche Freiheiten gegen hiesige, sowohl
-als in andern Ländern gemachte Einrichtungen erlaubt« hätten.</p>
-
-<p>Diesem Befehl aber widersetzten sich die Staatsminister wie
-ein Mann! Die Gothaer Zeitung hatte offenbar in Berlin
-wenig Leser und fand daher nur schwachen Schutz; für die
-Jenaer Literaturzeitung trat aber das Ministerium mit einer
-bewundernswerten Entschiedenheit in die Schranken, denn die
-lasen sie alle! Eine Tatsache, die nicht nur diesen Männern
-zum Ruhme gereicht, sondern auch ein schlagender Beweis ist
-für den Umschwung, der in den letzten dreißig Jahren, seit
-dem Erscheinen der dem preußischen Ministerium völlig unbekannt
-gebliebenen »Briefe, die neueste Literatur betreffend«
-(1761&ndash;67), mit ebendieser Literatur vor sich gegangen war.</p>
-
-<p>Das Generaldirektorium erklärte am 7. Februar, es habe
-in beiden Blättern »noch nie etwas befunden, was der wahren
-Christl. Religiösität oder der Sicherheit und Ruhe des Staates
-nachtheilig, und zu Empörung und Aufruhr beförderlich wäre«,
-ein deutlicher Hinweis auf die Beschränkungen, die das bestehende
-Zensurgesetz solchen Verboten auferlegte; der königliche Befehl hatte
-sie willkürlich überschritten! Zu einem die Herausgeber beider
-Blätter kränkenden Verbot läge keine »billige und gerechte Ursache«
-vor. Im Gegenteil, sie beschäftigten sich »mit dem besten
-und wichtigsten Theile der ganzen Literatur, wären mit vorzüglicher
-Gründlichkeit, Einsicht und Unpartheilichkeit verfaßt, und wären
-die vollständigste, angenehmste und am meisten belehrende Lektüre
-aller Gelehrten, Geschäftsmänner und Freunde der Literatur«.</p>
-
-<p>Das Justizministerium gab am nächsten Tag zu Protokoll,
-die Literaturzeitung enthalte »freilich in einigen Recensionen
-Anpreisungen sogenannter chimerischer Menschen-Rechte«, man
-habe aber nichts darin gefunden, was der preußischen Staatsverfassung
-nachteilig oder für den König beleidigend sein könne.
-Sollten sich etwa »Kgl. Bediente« durch »zuweilen unglimpfliche
-Urtheile« darin gekränkt fühlen, so könne man doch ihretwegen
-das Blatt nicht dem ganzen Publikum entziehen; sie müßten
-sich eben mit dem Bewußtsein ihrer Tadellosigkeit trösten und
-hätten ja dann das öffentliche Urteil nicht zu scheuen.</p>
-
-<p><span class="pagenum"><a id="Seite_67"></a>[67]</span></p>
-
-<p>Im gleichen Sinne äußerte sich dann das gesamte Staatsministerium
-am 17. Februar, und mit dem Erfolg, daß der
-Jenaischen Literaturzeitung gar nichts zuleide geschah. Das
-Ministerium, das die letztere so eifrig in Schutz nehme, müsse aber
-auch, so lautete die Antwort des Königs vom 21., »dafür
-sorgen, daß nichts unzulässiges darin gedruckt werde, bei Strafe
-der Konfiskation und des unausbleiblichen Verbots derselben,
-weil S. K. M. bekannt ist, daß die Direkteurs derselben äußerst
-gefährliche und übelgesinnte Leute sind«. Diese »Direkteurs«
-aber waren der angesehene Weimarer Schriftsteller Bertuch, der
-Philologe Schütz und der berühmte Arzt Hufeland, der damals
-in Jena lebte und 1798 eine der vornehmsten Zierden der
-&ndash; Berliner Akademie der Wissenschaften wurde.</p>
-
-<p>Die Herausgeber der Literaturzeitung erhielten durch den
-Berliner Hofpostmeister und den Grenzpostmeister in Halle nur
-eine freundschaftliche Verwarnung, »nichts dem Preußischen
-Staat nachtheiliges« aufzunehmen und »bei dem Debit in
-hiesigen Landen vorsichtig zu Werke zu gehen«, und hatten
-alle Ursache, sich beim Ministerium für die »erhabene Protektion«
-zu bedanken.</p>
-
-<p>Nur die »Gothaische Gelehrte Zeitung« mußte daran
-glauben, weil sich ihrer niemand energisch angenommen hatte.</p>
-
-<h3>Zensur und &ndash; Bierkonsum.</h3>
-
-<p>Daß der Humor auch der immer grämlicher werdenden
-Zensur nicht untreu wurde, zeigt ein scherzhafter Vorfall, von
-dem der berühmte Philologe Friedrich August Wolf, damals in
-Halle, an den Herausgeber der »Jenaischen Literaturzeitung«,
-den Kollegen Schütz in Jena, am 21. Februar 1792 berichtete.</p>
-
-<p>Die »Gothaische Gelehrte Zeitung« war in ganz Preußen
-verboten, also auch in Halle, aber nicht im nahen Passendorf
-jenseits der Saale, das damals zu Kursachsen gehörte. Hier,
-wo die Hallenser Burschen seit altersher manche Bierschlacht zu
-schlagen liebten, legte deshalb ein spekulativer Wirt namens
-Währmann gleich mehrere Exemplare des verbotenen Blattes
-»bei sein Merseburger Bier« auf, »um mehr Gäste hinauszuziehen«.
-»Barkhausen«, schreibt Wolf, »will daher in seinem
-nächsten Berichte als Stadtpräsident auf meinen Rath mit<span class="pagenum"><a id="Seite_68"></a>[68]</span>
-einfließen lassen, daß die hiesige Bier-Consumtion seit den Tagen
-des Verbots der Gothaer Zeitung beträchtlich zum Nachtheil
-der Stadt gefallen sei, indem die Bier trinkenden studiosi und
-Un-studiosi, zumal die studiosi noch studentes, weit häufiger
-als sonst die sächsischen Dörfer besuchten, weil dort neben dem
-Biere auch Gothaische Zeitungen zu haben wären.«</p>
-
-<p>Ob der Stadtpräsident von Halle den Spaß wirklich von
-Stapel ließ, ist nicht überliefert; aber Wolf »steht dafür, daß
-er ausgeführt werden soll«.</p>
-
-<h3>Die Büchereinfuhr.</h3>
-
-<p>Der Sieg, den 1792 die Besonnenheit des preußischen
-Ministeriums über den blinden Eifer des Königs und seiner
-Ratgeber davontrug, beschränkte sich aber nicht auf die Freigabe
-der Jenaer Literaturzeitung. Auch der andere, tiefer einschneidende
-Befehl, daß künftig die gesamte ausländische Büchereinfuhr
-einer besondern Zensur unterworfen werden müsse, fiel
-vor den Bedenken der Minister lautlos in die Versenkung.</p>
-
-<p>Der König wunderte sich zwar »äußerst«, daß man offenbar
-»den Flor des Buchhandels auf den Verkauf unzulässiger
-Schriften gründen wolle«, und meinte, es sei eben Sache der
-Herren Minister, die Schwierigkeiten einer neuen Maßregel zu
-heben, da er selbst doch unmöglich »das Detail vorschreiben«
-könne. Aber er bestand nicht mehr auf seinem Willen. Die
-»zehnjährige Vestungs-Arbeit« und die »Leib- und Lebensstrafen«
-verschwanden wie eine schöne Fata Morgana vor den Augen
-der Großinquisitoren, und der ganze umfangreiche Aktenwechsel
-hatte nur folgendes Gesamtergebnis: die »Gothaische Gelehrte
-Zeitung« blieb das eigentliche Opfer; außerdem wurden durch
-ein Rundschreiben die »Bülletins«, die handschriftlichen Zeitungen,
-die noch immer von kleinen Beamten unter Ausnützung
-ihres amtlichen Wissens verbreitet und bis dahin von keinem
-aufmerksamer gelesen wurden als vom &ndash; Könige selbst, trotz
-ihrer Indiskretionen über sein nicht unanfechtbares Privatleben,
-bei Festungshaft verboten. Im übrigen begnügte man sich damit,
-allen Behörden die strengste Befolgung des Zensuredikts
-einzuschärfen und allen Übeltätern die Anwendung der »gesetzlichen
-Strafen mit äußerster Rigueur« anzudrohen.</p>
-
-<p><span class="pagenum"><a id="Seite_69"></a>[69]</span></p>
-
-<p>Diese &ndash; orthographisch berichtigte! &ndash; Redewendung war
-das einzige, was der entsprechende Erlaß des Ministeriums
-vom 28. Februar 1792 aus dem stachlichten Teil der Kabinettsorder
-vom 21. übernahm, aber zugleich durch das Festhalten
-an den »gesetzlichen Strafen« sorgfältig abzustumpfen wußte.</p>
-
-<h3>Ein ehrsamer Buchhändler.</h3>
-
-<p>Wie heftig sich das Ministerium gegen eine Zensur der
-Büchereinfuhr sträubte, zeigt noch viel drastischer ein anderer
-Vorfall. Ein Jahr später erlaubte sich ein Buchhändler namens
-Ferdinand Oehmigke in einem »<em class="antiqua">Promemoria</em>« darüber Klage
-zu führen, welche Masse »modischer Schriften« gegen Religion
-und Untertanentreue nach Preußen eingeschwärzt würde; als ehrsamer
-Buchhändler, der jeden Gewinn »auf Unkosten der Religion,
-der wahren Verehrung des Monarchen, der guten Sitten
-und also der allgemeinen Glückseligkeit« verabscheue, könne er
-diese »unverantwortliche Volksverführung« nicht ruhig mit ansehen.
-Zwar würden die ankommenden Bücherpakete auf dem
-Packhof von einem Akzisebeamten einer flüchtigen Durchsicht
-unterworfen; aber was <em class="gesperrt">in</em> den Büchern stehe, ob die Verleger
-nicht falsche Titelblätter einzögen, auswärts gedruckte Verlagswerke
-als Kommissionsgut einführten, in erlaubten Büchern die
-Druckbogen verbotener verbärgen und was solcher Praktiken
-mehr seien, das könne nur ein &ndash; »geübter, mit den gehörigen
-Befehlen versehener Buchhändler« beurteilen. Zu diesem saubern
-Geschäft gestatte er sich, »gegen ein billiges Gehalt«
-seine Dienste anzubieten.</p>
-
-<p>Hillmer fand, daß der Vorschlag Oehmigkes nähere Erwägung
-sehr verdiene. Er tappte dabei aber ganz übel in die
-Nesseln. Das Ministerium lehnte das »unbesonnene und gewinnsüchtige
-Projekt des Oehmigke«, der selbst »bei seinem
-Metier keinen rechten Fortgang« gehabt habe, mit heftigster
-Entrüstung ab; das Departement des Auswärtigen nannte es
-sogar »unter aller Kritik« und meinte, der Mann müsse »die
-ganze Unwürdigkeit seiner Vorschläge einsehen und fühlen«,
-und das Generaldirektorium wies ohne weitere Begründung
-»den Oehmigke mit diesen seinen Anträgen ein für allemal
-zur Ruhe«.</p>
-
-<p><span class="pagenum"><a id="Seite_70"></a>[70]</span></p>
-
-<h3>Die Maßregelung Kants.</h3>
-
-<p>Nach seiner bösen Erfahrung mit der Berliner Zensurbehörde
-1792 wollte Kant nun seine unterdes vollendeten vier
-religionsphilosophischen Aufsätze als Buch erscheinen lassen.
-Der Berliner Zensor hatte den strittigen Aufsatz ein Werk der
-»biblischen Theologie« genannt und deshalb seinen Kollegen
-Hermes dabei zu Rate gezogen. Kant fragte also der Vorsicht
-halber zunächst die theologische Fakultät: Maßt ihr euch an,
-mein Buch zu zensieren? Die Königsberger Theologen bedankten
-sich aber und verwiesen ihn an die philosophische Fakultät,
-die auch ohne Zögern das Imprimatur erteilte.</p>
-
-<p>So konnte die »Religion innerhalb der Grenzen der bloßen
-Vernunft« Ostern 1793 bei Nicolovius in Königsberg erscheinen.
-Schon ein Jahr später machte sich eine zweite Auflage
-nötig, obgleich sofort zwei Nachdrucker den Erfolg des Buches
-ausgebeutet hatten.</p>
-
-<p>In der Vorrede seines Werkes hatte Kant einen Vorstoß
-gegen die »Kritik, die Gewalt hat«, gegen die geistliche Zensur,
-gewagt und den »Bücher richtenden Theologen«, der nur für
-das Heil der Seelen, nicht für das der Wissenschaft Sorge
-trage, auf dem Felde der letzteren nur Zerstörung anrichte und
-sich wohl gar auch in die Astronomie, Erdgeschichte und andere
-Dinge einmischen wolle, sehr energisch abgeschüttelt. Hermes
-und Hillmer verstanden den Wink. Aber den widerspenstigen
-Philosophen mußte ja bald sein Schicksal ereilen. Der Kampf
-des Ministeriums Wöllner gegen die Lehrfreiheit der Universitäten
-sollte eben auf der ganzen Linie beginnen. Die »Neologen«,
-wie man die aufgeklärten Theologen nannte, wurden
-aufs nachdrücklichste verwarnt, Geistliche, Schul- und Universitätslehrer
-mußten sich schriftlich verpflichten, weder in- noch
-außerhalb der Unterrichtsstunden, weder mündlich noch schriftlich,
-weder direkt noch indirekt etwas gegen die Hl. Schrift,
-gegen die christliche Religion und gegen die landesherrlichen
-Anordnungen und Verfügungen in Religions- und Kirchenwesen
-vorzubringen, und Hermes und Hillmer erhielten den Auftrag,
-die Rechtgläubigkeit der Schulen, Gymnasien und theologischen
-Fakultäten einer scharfen Prüfung zu unterwerfen. In Halle,
-der »Pflanzschule der irrgläubigen Geistlichen«, warfen die<span class="pagenum"><a id="Seite_71"></a>[71]</span>
-Studenten den beiden apostolischen Gesandten die Fenster ein,
-so daß sie schleunigst wieder verdufteten. Eine Untersuchung
-des Skandals endete ohne Ergebnis, und die theologische Fakultät
-verteidigte mit Nachdruck, Geschick und Erfolg ihre Lehrfreiheit.
-Dann kam Königsberg an die Reihe, und am 1. Oktober
-1794 erhielt der Mann, der der Immediat-Prüfungskommission
-längst ein Dorn im Auge war, der siebzigjährige
-Kant, eine Kabinettsorder, deren Wirkung hier durch keine Textkürzung
-beeinträchtigt werden soll:</p>
-
-<div class="letter">
-<p class="center">
-Von Gottes Gnaden Friedrich Wilhelm, König von Preußen<br />
-usw. usw.</p>
-<p class="center">
-Unsern gnädigen Gruß zuvor!<br />
-Würdiger und hochgelahrter lieber Getreuer!
-</p>
-
-<p>Unsere höchste Person hat schon seit geraumer Zeit mit großem
-Mißfallen ersehen, wie Ihr Eure Philosophie zur Entstellung und
-Herabwürdigung mancher Haupt- und Grundlehren der Heiligen
-Schrift und des Christentums mißbraucht; wie Ihr dieses namentlich
-in Eurem Buch: »Religion innerhalb der Grenzen der bloßen
-Vernunft«, desgleichen in andern kleineren Abhandlungen getan
-habt. Wir haben uns zu Euch eines bessern versehen; da Ihr
-selbst einsehen müsset, wie unverantwortlich Ihr dadurch gegen
-Eure Pflicht, als Lehrer der Jugend, und gegen unsere, Euch sehr
-wohlbekannten, landesväterlichen Absichten handelt. Wir verlangen
-des ehesten Eure gewissenhafteste Verantwortung, und gewärtigen
-uns von Euch, bei Vermeidung unserer höchsten Ungnade, daß
-Ihr Euch künftighin nichts dergleichen werdet zuschulden kommen
-lassen, sondern vielmehr, Eurer Pflicht gemäß, Euer Ansehen und
-Eure Talente dazu anwenden, daß unsere landesväterliche Intention
-je mehr und mehr erreicht werde, widrigenfalls Ihr Euch, bei
-fortgesetzter Renitenz, unfehlbar unangenehmer Verfügungen zu
-gewärtigen habt.</p>
-
-<p>Sind Euch mit Gnade gewogen.</p>
-
-<p class="center">
-Auf Seiner Königl. Majestät allergnädigsten Spezialbefehl
-</p>
-<p>
-Berlin, den 1. Oktober 1794.</p>
-<p class="right">
-<em class="gesperrt">Wöllner.</em>
-</p></div>
-
-<p>Das genügte Wöllner noch nicht; er ließ außerdem am
-14. Oktober 1795 den Gebrauch des Kantschen Buches auf
-preußischen Universitäten »Ein für allemal« verbieten.</p>
-
-<p>Kant ließ die Kabinettsorder nicht ohne Erwiderung. In
-würdiger Weise, die von dem Ton jener Order merkbar absticht,
-rechtfertigte er sich gegen den Vorwurf des Mißbrauchs
-und der Pflichtwidrigkeit; doch zog er die unvermeidliche Folgerung
-und versprach feierlich »als Ew. Königl. Maj. getreuester<span class="pagenum"><a id="Seite_72"></a>[72]</span>
-Unterthan«, sich fernerhin aller öffentlichen Vorträge
-über Religion in Vorlesungen und Schriften zu enthalten, ein
-Versprechen, das seine akademische und schriftstellerische Tätigkeit
-in den letzten kostbaren Jahren seines Lebens in bedauerlichster
-Weise lahmlegte und die Nachwelt unwiederbringlich um
-die Früchte dieser Tätigkeit gebracht hat.</p>
-
-<h3>Die Akademie schweigt.</h3>
-
-<p>All diese Vorgänge drängen die Frage auf: War denn
-»kein Dalberg da«, der es gewagt hätte, seine gewichtige
-Stimme gegen diesen täppischen Obskurantismus zu erheben?
-Wo blieb der vornehmste Hort der Geistesschätze der Nation,
-die Akademie der Wissenschaften? Was erwartete sie für sich,
-wenn sie einen Mann wie Kant, der seit 1786 ihr Mitglied
-war, so mißhandeln ließ?</p>
-
-<p>Die Geschichte der Akademie weiß nichts von flammenden
-Protesten, die sich gegen die Willkürherrschaft der Dunkelmänner
-erhoben hätten. Die Akademie seufzte zwar selbst unter dem
-Joche Wöllners, der sich als ihr Kurator aufspielte, aber kein
-Widerspruch wurde laut. Man hatte mit der bestehenden Gewalt
-einen schimpflichen Baseler Frieden geschlossen. »Mit
-Händen kann man es hier greifen,« sagt der Biograph der
-Akademie, Adolf Harnack, »daß diesen Teller, Engel, Zoellner
-bei allem Tugendgerede das thatkräftige Pflichtgefühl und bei
-allem ›Fortschritt‹ das begeisternde und führende Ideal fehlte.
-Nicht nur ihre Ästhetik, mit der im Jahre 1796 die Xenien
-abrechneten, auch ihr Patriotismus und ihre Weltanschauung
-war bankerott.«</p>
-
-<p>Nur im vertraulichen Kreise der »Philosophischen Gesellschaft«,
-zu der sich etliche Akademiemitglieder wie Biester,
-Dohm, Spalding, Engel mit Nicolai und andern im Bedürfnis
-geselliger Anregung allwöchentlich zusammenfanden, pflegte
-man noch bei sorgfältig verschlossenen Türen frei von der Leber
-weg zu reden. In den Hallen der Akademie aber war das
-freie Wort erstorben, und in der Vorsicht, die der bessere Teil
-der Tapferkeit ist, wagten sich die würdigen Herren erst an
-eine Kritik des Wöllnerschen Regimes, als der »verabscheute
-Mann« gestürzt war.</p>
-
-<p><span class="pagenum"><a id="Seite_73"></a>[73]</span></p>
-
-<h3>Ein Zensurerlebnis des Philosophen Fichte.</h3>
-
-<p>Einer nur erhob seine Stimme, ein junger Kandidat der
-Theologie, dessen Name gern mit dem seines Zeitgenossen
-Wilhelm von Humboldt genannt wird und hier vor allem mit
-ihm zusammenstimmt, da beide Männer zu gleicher Zeit im
-selben Ideenwirbel umgetrieben wurden, Johann Gottlieb Fichte.</p>
-
-<p>Auch er hatte schon sein persönliches Zensurerlebnis hinter
-sich. Im Sommer 1791 war er als mittelloser Mensch nach
-Königsberg gekommen und hatte dort sein erstes Buch geschrieben:
-»Versuch einer Kritik aller Offenbarung«, das, als
-es Ostern 1792 ohne Namen des Verfassers in der Heimat
-Kants erschien, allgemein für dessen Werk gehalten wurde, so
-daß Kant durch eine öffentliche Erklärung die wahre Urheberschaft
-enthüllen mußte. Der Königsberger Philosoph hatte an
-dieser Schrift nur so weit teilgenommen, daß er sie im Manuskript
-gelesen und dem ihm befreundeten Verleger Hartung
-empfohlen hatte.</p>
-
-<p>Hartung wollte das Buch in Halle, der »Pflanzschule der
-irrgläubigen Geistlichen«, drucken lassen. Dort sollte es auch
-die Zensur passieren. Dekan der theologischen Fakultät war
-aber zufällig einer der dortigen Pietisten, der Professor Joh.
-Ludwig Schulze, kein großes Kirchenlicht, und dieser verweigerte
-als derzeitiger Zensor das Imprimatur. Er beanstandete
-eine der Hauptthesen der Schrift: Daß der Beweis für die
-Göttlichkeit einer Offenbarung nicht durch die Berufung auf
-die dabei geschehenen Wunder geführt werden dürfe, sondern
-daß einzig aus dem Inhalte derselben darüber entschieden werden
-könne &ndash; ein Satz, der heute längst zu den selbstverständlichen
-Voraussetzungen theologischer Forschung gehört.</p>
-
-<p>Vergebens erklärte Fichte, sein Buch gehöre vor die philosophische
-Fakultät. Die theologische hatte ihr Urteil gesprochen,
-und dabei blieb es.</p>
-
-<p>Schon sollte das Manuskript im Auslande gedruckt werden,
-als der Wechsel des theologischen Dekanats in Halle die Schwierigkeit
-beseitigte. An die Stelle Schulzes trat Professor Knapp,
-der trotz seiner Orthodoxie das Recht der freien Forschung anerkannte
-und dem Erstlingswerk Fichtes ohne Anstand die Druckerlaubnis
-gab.</p>
-
-<p><span class="pagenum"><a id="Seite_74"></a>[74]</span></p>
-
-<p>Ein Jahr nach Erscheinen verschaffte die Schrift ihrem
-Verfasser den Ruf als Professor der Philosophie nach Jena.</p>
-
-<h3>Zurückforderung der Denkfreiheit.</h3>
-
-<p>Dieses persönliche Erlebnis gehörte dazu, um in der Seele
-Fichtes die flammende Entrüstung zu entfachen, die aus seiner
-nächsten Schrift emporlodert. Wieder sandte er sie anonym
-in die Welt, in der Vorrede aber erklärte er, sich jedem nennen
-zu wollen, der sich ernsthaft über das Thema des Büchleins
-mit ihm auseinanderzusetzen wünsche. »Zurückforderung der
-Denkfreiheit von den Fürsten Europens, die sie bisher unterdrückten.
-Eine Rede. Heliopolis, im letzten Jahre der alten
-Finsternis« (1793), so lautete der Titel dieses Manifestes, das
-wie der helle Schrei eines jungen Falken schrill zum Himmel
-stieg und den mühsam verhaltenen Ingrimm aller, die sich
-geknechtet fühlten, in glühende Worte faßte.</p>
-
-<p>Wie sein Zeitgenosse Humboldt steht Fichte ganz auf dem
-Boden des Naturrechts: der Staat ist nur Mittel zum Zweck,
-dem Menschen sein ursprüngliches Recht zu sichern oder wiederzuverschaffen.
-Er ist ein Notstaat, wie sich Fichte später einmal
-ausdrückte, und der Zweck der Regierung ist, die Regierung
-überflüssig zu machen. Während aber der künftige Staatsmann
-Humboldt diese Grundsätze in der gemessenen, zum Teil
-trockenen Sprache des Philosophen vorträgt, ist der junge Philosoph
-ganz Temperament und flackernde Empörung. Es ist
-die eindringlichste, aufwühlendste »Rede an die deutsche Nation«,
-die Fichte je gehalten hat, auch wenn ihr die Wirkung versagt
-blieb, die der eifernde Patriot später auf dem Katheder der
-Berliner Akademie in dem von den Franzosen besetzten Berlin
-erzielte. Fast die ganze Rede ist eine einzige Apostrophe an
-die Fürsten und Völker. »Glückseligkeit erwarten wir nicht
-aus eurer Hand,« ruft er den ersteren zu, »wir wissen es ja,
-daß ihr Menschen seyd &ndash; wir erwarten Beschützung und
-Rückgabe unserer Rechte, die ihr uns doch wohl nur aus Irrtum
-nahmt … Fürst, du hast kein Recht, unsere Denkfreiheit
-zu unterdrücken: und wozu du kein Recht hast, das mußt
-du nie thun, und wenn um dich herum die Welten untergehen,
-und du mit deinem Volke unter ihren Trümmern begraben<span class="pagenum"><a id="Seite_75"></a>[75]</span>
-werden solltest. Für die Trümmer der Welten, für
-dich, und für uns unter den Trümmern wird der sorgen, der
-uns die Rechte gab, die du respectirtest&nbsp;…</p>
-
-<p>»Und besonders ihr alle, die ihr Kräfte dazu habt, kündigt
-doch jenem ersten Vorurtheile, woraus alle unsere Uebel folgen,
-jener giftigen Quelle alles unseres Elendes, jenem Satze: daß
-es die Bestimmung des Fürsten sey, für unsere <em class="gesperrt">Glückseligkeit</em>
-zu wachen, den unversöhnlichsten Krieg an; verfolgt ihn
-in alle die Schlupfwinkel, durch das ganze System unseres
-Wissens, in die er sich versteckt hat, bis er von der Erde vertilgt
-und zur Hölle zurückgekehrt sey, daher er kam.«</p>
-
-<p>Und zu einer Zeit, da die deutschen und österreichischen
-Heere gegen die französische Republik im Kampfe lagen, beschwört
-er die Völker: »Alles, alles gebt hin, nur nicht die
-Denkfreiheit. Immer gebt eure Söhne in die wilde Schlacht,
-um sich mit Menschen zu würgen, die sie nie beleidigten, oder
-von Seuchen entweder aufgezehrt zu werden, oder sie in eure
-friedlichen Wohnungen als eine Beute mit zurückzubringen;
-immer entreißt euer letztes Stückchen Brot dem hungernden
-Kinde und gebt es dem Hunde des Günstlings &ndash; gebt, gebt
-alles hin; nur dieses vom Himmel abstammende Palladium der
-Menschheit, dieses Unterpfand, daß ihr noch ein anderes Loos
-bevorstehe, als dulden, tragen und zerknirscht werden, &ndash; nur
-dieses behauptet. Die künftigen Generationen möchten schrecklich
-von euch zurückfordern, was euch zur Ueberlieferung an
-sie von euren Vätern übergeben wurde. Wären diese so feige
-gewesen als ihr &ndash; ständet ihr dann nicht noch immer unter
-der entehrendsten Geistes- und Leibes-Sklaverei eines geistlichen
-Despoten? Unter blutigen Kämpfen errangen jene, was ihr
-nur durch ein wenig Festigkeit behaupten könnt.«</p>
-
-<p>Solche Worte mochten den neuen preußischen Machthabern
-sonderbar in die Ohren klingen, und wenn Wöllner sie gelesen
-hat, wird er mehr als einmal drohend die Faust gegen
-den kühnen Ankläger geballt haben. Besonders bei der Aufforderung
-an die Völker: »Ruft es in jedem Tone euren
-Fürsten in die Ohren, bis sie es hören, daß ihr euch die
-Denkfreiheit nicht werdet nehmen lassen, und beweist ihnen die
-Zuverlässigkeit dieser Versicherung durch euer Betragen. Lasset<span class="pagenum"><a id="Seite_76"></a>[76]</span>
-euch nicht durch die Furcht des Vorwurfs der Unbescheidenheit
-abschrecken. Gegen was könntet ihr denn unbescheiden seyn?
-Gegen das Gold und die Diamanten an der Krone, gegen den
-Purpur am Kleide eures Fürsten; nicht &ndash; gegen ihn.«</p>
-
-<p>Während sich Fichtes übrige Rede in pathetischen Allgemeinheiten
-erschöpfte, traf dieser Pfeil das Wöllnersche Zensuredikt
-mitten ins Herz.</p>
-
-<h3>Ein preußischer Index verbotener Bücher.</h3>
-
-<p>Der Ingrimm der Examinationskommission gegen das preußische
-Ministerium nach der Niederlage von 1792 ist begreiflich.
-Aber Rom ist nicht in einem Tage erbaut. Hillmer
-und Genossen ließen nicht locker und kamen immer wieder auf
-die gefährliche Büchereinfuhr zurück.</p>
-
-<p>Am 5. März 1794 verlangten sie, um angeblich der Einführung
-auswärts gedruckter Verlagswerke der Berliner Verleger
-zu steuern, daß letztere halbjährlich ein genaues Verzeichnis
-ihrer Verlags- und Kommissionsartikel einreichen und auf
-Verlangen der Kommission jede Schrift zur Durchsicht vorlegen
-müßten gegen unbeschädigte Rückerstattung.</p>
-
-<p>Diese Anregung fiel beim König auf fruchtbaren Boden;
-er hatte offenbar unterdes die österreichischen Zensureinrichtungen
-»durchaus studiert, mit heißem Bemüh'n«, und am 17. April
-befahl er, über den gestellten Antrag hinausgehend, dem Großkanzler
-von Carmer, von der Examinationskommission »ungesäumt
-eine Liste von allen solchen Büchern und Schriften« zu
-verlangen, die »schädliche Principia wider den Staat und die
-Religion« enthielten. Es sollte also ein <em class="antiqua">Catalogus librorum
-prohibitorum</em> nach österreichischem Muster hergestellt werden!</p>
-
-<p>Den Großkanzler beehrte der König zugleich mit der ganzen
-Verantwortung für die strengste Ausübung dieser Zensur. Carmer
-aber erklärte, er habe »weder Zeit noch Kenntnis genug, alle
-herauskommenden Schriften und Journale selbst zu lesen und
-zu beurtheilen«, und wußte sich nicht anders zu helfen, als daß
-er in einem sehr scharfen Zirkular vom 26. April 1794
-die Verantwortung für die Zensur der eingeführten Bücher
-den Buchhändlern selbst aufhalste. Diese aber erklärten gleichfalls,
-zur Prüfung aller eingeführten Bücher hätten sie weder<span class="pagenum"><a id="Seite_77"></a>[77]</span>
-Zeit noch Kenntnis; wie könnten sie sich ein Urteil über Dinge
-anmaßen, über die sich oft die »gelehrten Censoren und ganze
-Kollegia« nicht einig seien! Wie könnten sie den Gelehrten
-vorschreiben wollen, was sie zu lesen hätten! Das müsse zu
-einem »gründlichen Umsturz des Buchhandels« und zum Ruin
-ihrer Familien führen.</p>
-
-<p>Das Generaldirektorium, dem Carmer auch einen Teil der
-Verantwortung zuschieben wollte, bedankte sich ebenfalls energisch
-dafür und erklärte obendrein, weder mit dem Zensuredikt
-noch mit dem seit dem 5. Februar d. J. eingeführten Allgemeinen
-Preußischen Landrecht lasse sich vereinbaren, »daß es künftig
-lediglich von dem Gutbefinden der angeordneten theologischen
-Examinations-Kommission abhangen soll, welche Bücher im Lande
-zu verbieten und ohne weitere Umstände zu konfisciren« seien. Es
-wollte also von einem preußischen Index durchaus nichts wissen.</p>
-
-<p>Dem Gesamtministerium wurde infolgedessen die Entscheidung
-schwer, und die Sache schleppte sich bis in den Winter
-hinein. Am 16. Dezember mahnte die Examinationskommission.
-Das Generaldirektorium war aber noch immer von der »äußersten
-Schädlichkeit und Zwecklosigkeit der beabsichtigten strengen
-Maßregeln« überzeugt, und ein ausführliches Gutachten der
-Kurmärkischen Kammer hatte es darin nur noch bestärkt.</p>
-
-<p>Gleichwohl beschloß der Staatsrat am 23. März 1795
-»auf Vortrag des H. Geh. Oberjustizraths Suarez«, dem Antrag
-der Examinationskommission zuzustimmen. Den Herren
-Hillmer und Hermes wurde aber zugleich bedeutet, die Buchhandlungen
-»nicht ohne Noth und allzuhäufig« mit Anforderungen
-verdächtig erscheinender Bücher zu »belästigen« und für
-die »prompte und unbeschädigte Zurückgabe« zu sorgen.</p>
-
-<p>Und der geplante Index? Von ihm berichten die Akten
-weiter nichts! Indem der Staatsrat trotz seines Widerstrebens
-auf den Antrag der Examinationskommission einging, stopfte
-er ihr vorerst den Mund. Durch wohlüberlegtes Nachgeben in
-der weniger wichtigen Sache, wenn diese auch für den Buchhandel
-sehr lästig war, wußte er, ebenso wie zwei Jahre vorher,
-das Hauptübel, die Zensur des gesamten Buchwesens durch
-die Examinationskommission, stillschweigend zu beseitigen; von
-dem Index, den sie herstellen sollte, verlautete kein Wort mehr!</p>
-
-<p><span class="pagenum"><a id="Seite_78"></a>[78]</span></p>
-
-<p>Ein Jahr später raffte sich die Kommission nochmals zu
-einem Vorstoß auf; sie verlangte abermalige Verschärfung der
-Zensur und Erhöhung der Strafen; Wöllner unterstützte ihr
-Gesuch nachdrücklich. Aber seine Uhr begann schon abzulaufen, und
-das Ministerium hüllte sich auch diesem neuen Attentat gegenüber
-in beredtes Schweigen.</p>
-
-<h3>Das Verbot der »Allgemeinen deutschen Bibliothek«
-in Preußen 1794.</h3>
-
-<p>Gleichzeitig mit der versuchten Einführung eines Index
-spielte sich noch ein anderes Ereignis ab, das viel Staub aufwirbelte
-und Hunderte von Aktenseiten mit Gutachten füllte.</p>
-
-<p>Im Jahre 1794 vergriff sich die Examinationskommission
-an der »Neuen Allgemeinen deutschen Bibliothek«, die seit zwei
-Jahren in Kiel verlegt wurde. Dieselbe Kabinettsorder, die
-die Aufstellung eines Index befahl, verbot auch jene in Berlin
-noch immer am meisten gelesene Zeitschrift »als ein gefährliches
-Buch gegen die christliche Religion«, und zwar, da
-keinerlei Einschränkung ausgesprochen wurde, nach österreichischem
-Muster für Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft! Eine
-Stelle im 8.&nbsp;Band (I.&nbsp;Stück, S.&nbsp;88) soll der Anlaß des Verbots
-gewesen sein. Hier wurde die Auferstehung verstorbener
-Menschen beim Tode Jesus' als eine von Matthäus leichtgläubig
-untergeschobene Anekdote erklärt.</p>
-
-<p>Das Verbot der »Allgemeinen deutschen Bibliothek« verursachte
-aber einen Sturmlauf von Protesten, wie ihn aus
-gleichem Anlaß das Ministerium wohl noch nicht erlebt hatte.
-Zunächst erklärte der Buchhändler Joh. Friedr. Hartknoch in
-Riga seinem Berliner Kommissionär Friedr. Vieweg d. Ä.,
-wenn dies Verbot nicht zurückgezogen werde, breche er alle Beziehungen
-über Preußen ab; er werde sich dann seinen ganzen
-Bücherbedarf über Braunschweig und Lübeck verschreiben, wo
-ihn keine Zensur behellige, und außerdem in Berlin nie wieder
-etwas drucken lassen. Er und seine Kunden, die zum »aufgeklärtesten«
-Publikum gehörten, ließen sich so etwas nicht gefallen,
-und andere würden wohl seinem Beispiel folgen.</p>
-
-<p>Vieweg wandte sich nun mit einer ausführlichen Beschwerde
-an das Ministerium, wies nach, daß die preußische Post von<span class="pagenum"><a id="Seite_79"></a>[79]</span>
-seinem Geschäft allein 3000 Taler jährlich einnehme und durch
-Verschärfung der Zensurgesetze der ganze preußische Buchhandel
-zugrunde gehen müsse. Nicolai belegte diese Prophezeiung
-mit wirksamem Zahlenmaterial und sang ein bewegliches Klagelied:
-Was solle er jetzt mit seinen Vorräten der von ihm verlegten
-alten Jahrgänge anfangen, die er gerade im Preise herabgesetzt
-habe? Der neue Verleger schulde ihm noch 5000 Taler
-der Kaufsumme, die er unter diesen Umständen verlieren müsse.</p>
-
-<p>Die Halleschen Buchhändler versicherten ebenfalls, das Verbot
-»eines der besten und gangbarsten Bücher« sei der Ruin
-ihres Gewerbes, und die Kurmärkische Kammer, die das Generaldirektorium
-mit einem Gutachten beauftragt hatte, machte
-sich alle diese Beweisgründe zu eigen. Am wenigsten sei das
-Verbot der früher mit preußischer Zensur erschienenen Bände
-zu rechtfertigen, an denen übrigens Wöllner selbst mitgearbeitet
-hatte. Die von Wöllner gereizte Hallesche Universität sprach sich
-durch ihren Direktor Klein gleichfalls gegen das Verbot aus.</p>
-
-<p>Am 27. Februar schloß sich das Generaldirektorium dem
-Gutachten der Kurmärkischen Kammer vollständig an, und am
-31. März beantragte der gesamte Staatsrat die Aufhebung des
-Verbots. Der jetzige Verleger Bohn habe sich erboten, »künftighin
-bei der theologischen Recension alle den hiesigen Landesgesetzen
-angemessene Vorsicht und Behutsamkeit gebrauchen zu wollen«.</p>
-
-<p>Abermals triumphierte das Ministerium. Am 1. April
-1795 hob der König das Verbot auf, unter der Bedingung,
-daß »künftig in keiner einzigen Abhandlung das Mindeste gegen
-die christliche Religion oder den Staat oder die guten Sitten«
-enthalten sein dürfe. Nicolai trage dafür die Verantwortung.</p>
-
-<p>Nicolai lehnte natürlich schleunigst die ihm aufgeladene
-Verantwortung für eine Zeitschrift, auf die er keinen Einfluß
-mehr hatte, ab. Das Ministerium begnügte sich aber, die Eingabe
-beim Staatsrat zirkulieren zu lassen und ohne weitere
-Verfügung zu den Akten zu geben.</p>
-
-<p>Nicolais Vorsicht war begründet: Schon ein Jahr später
-gab die »Allgemeine deutsche Bibliothek« abermals zu theologischen
-Klagen Anlaß. Sogleich erhielt er ein von Hillmer
-entworfenes königliches Reskript, das ihn an seine »angelobte
-Pflicht« erinnerte und ein neues Verbot in Aussicht stellte.</p>
-
-<p><span class="pagenum"><a id="Seite_80"></a>[80]</span></p>
-
-<p>Die Sache verlief aber im Sande, denn die Tage der
-Examinationskommission waren bereits gezählt.</p>
-
-<h3>Eine Fabel.</h3>
-
-<div class="poetry-container">
-<div class="poetry">
- <div class="stanza">
- <div class="verse indent0">Vor etwa achtzig, neunzig Jahren,</div>
- <div class="verse indent2">Vielleicht sind's hundert oder mehr,</div>
- <div class="verse indent2">Als alle Thiere hin und her</div>
- <div class="verse indent0">Noch hochgelahrt und aufgekläret waren,</div>
- <div class="verse indent2">Wie jetzt die Menschen ohngefähr;</div>
- <div class="verse indent0">&ndash; Sie schrieben und <em class="gesperrt">lectür</em>-ten sehr,</div>
- <div class="verse indent0">Die Widder waren die <em class="gesperrt">Scribenten</em>,</div>
- <div class="verse indent0">Die andern: <em class="gesperrt">Leser</em> und <em class="gesperrt">Studenten</em>,</div>
- <div class="verse indent2">Und <em class="gesperrt">Censor</em> war: der Brummelbär&nbsp;&ndash;</div>
- </div>
- <div class="stanza">
- <div class="verse indent2">Da kam man <em class="antiqua">supplicando</em> ein:</div>
- <div class="verse indent0">»Es sei unschicklich und sei klein,</div>
- <div class="verse indent0">Um seine Worte und Gedanken</div>
- <div class="verse indent0">Erst mit dem Brummelbär zu zanken,</div>
- <div class="verse indent2">Gedanken müßten zollfrei sein!«</div>
- <div class="verse indent2">Der Löwe sperrt den Bären ein,</div>
- <div class="verse indent0">Und that den Spruch: »Die edle Schreiberei</div>
- <div class="verse indent0">Sei künftig völlig frank und frei!«</div>
- </div>
- <div class="stanza">
- <div class="verse indent2">Der schöne Spruch war kaum gesprochen,</div>
- <div class="verse indent2">So war auch Deich und Damm gebrochen.</div>
- <div class="verse indent0">Die klügern Widder schwiegen still,</div>
- <div class="verse indent0">Laut aber wurden Frosch und Crocodil,</div>
- <div class="verse indent0">Seekälber, Scorpionen, Füchse,</div>
- <div class="verse indent0">Kreuzspinnen, Paviane, Lüchse,</div>
- <div class="verse indent0">Kauz, Natter, Fledermaus und Staar,</div>
- <div class="verse indent0">Und Esel mit dem langen Ohr etc. etc.</div>
- <div class="verse indent0">Die schrieben alle nun und lieferten Tractate;</div>
- <div class="verse indent0">Vom Zipperlein und von dem Staate,</div>
- <div class="verse indent0">Vom Luftballon und vom Altar,</div>
- <div class="verse indent0">Und wußten's alles auf ein Haar,</div>
- <div class="verse indent0">Bewiesen's alles sonnenklar,</div>
- <div class="verse indent0">Und rührten durcheinander gar,</div>
- <div class="verse indent0">Daß es ein Brei und Gräuel war.</div>
- </div>
- <div class="stanza">
- <div class="verse indent0">Der Löwe gieng mit sich zu Rathe</div>
- <div class="verse indent2">Und schüttelte den Kopf und sprach:</div>
- <div class="verse indent2">»Die besseren Gedanken kommen nach:</div>
- <div class="verse indent0">Ich rechnete, aus angestammtem Triebe,</div>
- <div class="verse indent0">Auf Edelsinn und Wahrheitliebe&nbsp;&ndash;</div>
- </div>
- <div class="stanza">
- <div class="verse indent2">Sie waren es nicht werth, die Sudler, klein und groß,</div>
- <div class="verse indent0"><em class="gesperrt">Macht doch den Bären wieder los</em>!«</div>
- </div>
-</div>
-</div>
-
-<p class="right">
-<em class="gesperrt">Matthias Claudius.</em>
-</p>
-
-<p><span class="pagenum"><a id="Seite_81"></a>[81]</span></p>
-
-<h3>Der König und der Adler. Keine Fabel.</h3>
-
-<p>Das obige reaktionäre Gedicht von Matthias Claudius,
-dem biedern Wandsbecker Boten, erschien am 3. Oktober 1795
-in der »Hamburger neuen Zeitung«. Prompt gab darauf im
-selben Blatt am 28. Oktober der freisinnige und streitbare Homerübersetzer
-Johann Heinrich Voß, der erbitterte Feind aller Dunkelmänner,
-seine Antwort: »Der König und der Adler. Keine
-Fabel.« Der Uhu läßt durch ein Käuzlein den Hahn beim
-Könige der Vogelwelt, dem Adler, verklagen:</p>
-
-<div class="poetry-container">
-<div class="poetry">
- <div class="stanza">
- <div class="verse indent0">Wann noch dein wohlbeherrschter Staat,</div>
- <div class="verse indent0">Nach sanftem Thun gewohnter That,</div>
- <div class="verse indent0">Sanft schläft und träumet und verdauet,</div>
- <div class="verse indent0">Und unser Nachtlied früh und spat&nbsp;…</div>
- <div class="verse indent0">Den Frommen, welcher wacht, erbauet;</div>
- <div class="verse indent0">Schnell kräht uns der Illuminat</div>
- <div class="verse indent0">Die Sonn' empor, um aufzuklären,</div>
- <div class="verse indent0">Und Ruh und Andacht uns zu stören:</div>
- <div class="verse indent0">Fink, Lerche, Schwalb' und Meis' empören</div>
- <div class="verse indent0">Gefild' und Wald in freien Chören;</div>
- <div class="verse indent0">Man kann sein eigen Wort nicht hören!</div>
- <div class="verse indent0">Die tolle Rotte spricht gar Hohn</div>
- <div class="verse indent0">Der mystischen Religion&nbsp;…</div>
- <div class="verse indent0">Ja, König, strafst du nicht, so drohn&nbsp;…</div>
- <div class="verse indent0">So drohn dem Münster und dem Staat</div>
- <div class="verse indent0">Aufruhr, Empörung, Hochverrath&nbsp;…</div>
- <div class="verse indent0">Die Nachtigall singt ohne Scheu</div>
- <div class="verse indent0">Am hellen Tag' Aufklärungslieder;</div>
- <div class="verse indent0">Daß ohne Scheu das Waldgefieder</div>
- <div class="verse indent0">Aufklärung nachsingt hin und wieder.</div>
- <div class="verse indent0">Aufklärung? nein Aufklärerei!&nbsp;…</div>
- <div class="verse indent0">Herr König, laß dir doch gefallen:</div>
- <div class="verse indent0">(Wir Kauz' und Eulen flehn gesamt!)</div>
- <div class="verse indent0">Dem Hahn und seinen Schreiern allen,</div>
- <div class="verse indent0">Die immerfort Aufklärung hallen,</div>
- <div class="verse indent0">Zum Bändiger, im Censoramt</div>
- <div class="verse indent0">Den frommen Uhu zu bestallen!</div>
- </div>
- <div class="stanza">
- <div class="verse indent2">Der Adler that, als hört' er nicht,</div>
- <div class="verse indent0">Und sah ins junge Morgenlicht.</div>
- </div>
-</div>
-</div>
-
-<p>In Vossens »Lyrischen Gedichten« (1802) hat sich diese
-Fabel zu einem Epos von fünf Fabeln ausgewachsen, das dem
-Oberkonsistorialrat Spalding gewidmet ist. Der Uhu und sein
-Nachtgevögel lassen sich durch die vornehme Verachtung des<span class="pagenum"><a id="Seite_82"></a>[82]</span>
-Adlers nicht von ihrer finstern Wühlarbeit abschrecken; mit
-allen Mitteln suchen sie die lichtfrohen Anhänger des Königs
-zu sich herüberzuziehen, und es gelingt ihnen schließlich sogar,
-den kecken Hahn zu ihrer »nachtfrohen Münsterklerisei« zu bekehren.
-Nun glauben sie gewonnen Spiel zu haben, bis sie
-schließlich sehen müssen, daß sich der Sonnenaufgang darum
-nicht um einen Augenblick verspätet:</p>
-
-<div class="poetry-container">
-<div class="poetry">
- <div class="stanza">
- <div class="verse indent0">Die hehre Himmelssonne gehet</div>
- <div class="verse indent0">Unwandelbar die große Bahn,</div>
- <div class="verse indent0">Sorglos ob krächzet oder krähet</div>
- <div class="verse indent0">Auf seinem Mist ein Hühnerhahn&nbsp;…</div>
- <div class="verse indent2">Nicht lehrt der Hahn die Sonn' aufgehn;</div>
- <div class="verse indent0">Nein, Sonnenaufgang lehrt ihn krähn.</div>
- </div>
-</div>
-</div>
-
-<h3>Licht und Sonnenschein.</h3>
-
-<p>Ein marokkanischer Kaiser verbannte einmal alle Lichtzieher,
-Lampen- und Ölverkäufer aus seinem Lande.</p>
-
-<p>»Wozu brauchen meine Sklaven zu sehen? Dies verdirbt
-ihnen nur die Augen« &ndash; sagte er.</p>
-
-<p>»Aber was wird es dir helfen?« erwiderte sein Wesir;
-»kannst du die Sonne auslöschen und den Mond verdunkeln?
-Scheinen sie nicht von selbst?«</p>
-
-<p class="right">
-<em class="gesperrt">Christian August Fischer</em>, »Politische Fabeln«. 1796.
-</p>
-
-<h3>Götzendämmerung.</h3>
-
-<p>Es liegt eine poetische Gerechtigkeit darin, daß der Minister
-Wöllner über eben das stürzte, was so vielen aufrechten
-Männern das Rückgrat hatte brechen sollen.</p>
-
-<p>Als er sich nach dem Tode Friedrich Wilhelms II. (16. Nov.
-1797) herausnahm, das verhängnisvolle Religionsedikt nochmals
-einzuschärfen, kam er bei dem Thronfolger übel an.
-Eine scharfe, vom Geheimrat Mencken, dem Großvater des
-Fürsten Bismarck, entworfene Kabinettsorder vom 11. Januar
-1798 bedeutete ihn, daß die Religion »Sache des Herzens,
-des Gefühls und der eigenen Überzeugung sein und bleiben«
-müsse und nicht »durch methodischen Zwang zu einem gedankenlosen
-Plapperwerk herabgewürdigt« werden dürfe. »Vernunft
-und Philosophie«, so lauteten die wahrhaft königlichen Worte,<span class="pagenum"><a id="Seite_83"></a>[83]</span>
-»müssen ihre unzertrennlichen Gefährten sein, dann wird sie
-durch sich selbst feststehen, ohne die Autorität derer zu bedürfen,
-die es sich anmaßen wollen, ihre Lehrsätze künftigen Jahrhunderten
-aufzudringen, und den Nachkommen vorzuschreiben,
-wie sie zu jederzeit denken sollen.«</p>
-
-<p>Schon im Dezember 1797 war die Examinationskommission
-nebst allen ihren jüngeren Schwestern in den Provinzen
-aufgehoben und das Oberkonsistorium wieder in seine alten
-Rechte eingesetzt worden, und am 11. März 1798 erhielt auch
-Wöllner seine Entlassung. Hermes und Hillmer wurden mit
-500 Taler Pension (statt 2000 Taler Gehalt) abgefunden, und
-Minister von der Schulenburg gab ihnen das Abgangszeugnis,
-daß sie »in ihren bisherigen Verhältnissen nichts geleistet hätten
-und auch fernerhin keinen Nutzen bringen würden«.</p>
-
-<h3>Kants Schlußwort.</h3>
-
-<p>Durch den Tod des Königs fühlte sich Kant von seinem
-Schweigegelöbnis befreit; in diesem Sinne waren seine Worte
-»als Ew. Maj. getreuester Unterthan« ein wohlüberlegter Vorbehalt
-gewesen. Mit dem ganzen Aufgebot seines Scharfsinns
-untersuchte er nun in einem neuen Buche »Der Streit der
-Facultäten« (Königsberg 1798) das Verhältnis der Theologie
-zur Philosophie, der Kirche zur modernen Wissenschaft, und als
-Beispiel einer falschen Bekämpfung der Philosophie erzählte er
-in der Vorrede seinen Zusammenstoß mit der preußischen Zensur
-im Jahre 1792 und seine Maßregelung zwei Jahre später.
-Die Kabinettsorder des Königs und seine Antwort druckte er
-wörtlich ab und errichtete so der Regierung Friedrich Wilhelms II.
-und seines Günstlings Wöllner den verdienten Pranger. »In
-seinem systematischen Denken«, sagt Wilhelm Dilthey und nach
-ihm E. Fromm, »gelangte erst mit dieser Arbeit der im
-Jahre 1792 begonnene Streit zum Abschluß. Preßfreiheit hat
-Kant &ndash; trotz Fichtes Vorgang &ndash; nicht verlangt. Die Censur
-solle bestehen bleiben, aber sie sollte zu einer Funktion des
-Universitäts-Organismus als der obersten wissenschaftlichen
-Körperschaft erhoben und so zum Nutzen der Wissenschaft und
-des Kulturfortschrittes der Willkür der Verwaltung und den
-theologischen Vorurtheilen entzogen werden.«</p>
-<hr class="chap" />
-
-<div class="chapter">
-<p><span class="pagenum"><a id="Seite_84"></a>[84]</span></p>
-
-<h2 class="nobreak" id="kap04">4. An der Wiege des Theaterzensors.</h2>
-</div>
-
-<h3>Der Schrei nach der Theaterzensur.</h3>
-
-<p>Es ist nützlich, daran zu erinnern, daß nicht zuerst die
-Behörden die Zensurpolizei ins Theater riefen, sondern &ndash; die
-deutschen Schriftsteller. Der erste bedeutende Literarhistoriker,
-Daniel Morhof (1639&ndash;1691), hat das zweifelhafte Verdienst,
-die Einsetzung von Personen gefordert zu haben, »ohne deren
-Bewilligung kein Stück aufgeführt werden sollte«. Allerdings
-war die deutsche Bühne damals durch die Zügellosigkeit der
-Stegreifkomödie so verwildert, daß alle Tugendwächter sich davor
-bekreuzigen durften. Die deutsche Sprache und Literatur
-drückte sich noch als Aschenbrödel zaghaft im Lande herum;
-kein Wunder, daß sie verwahrlost war. Fürsten und Adel
-würdigten in der Regel nur die italienische und französische
-Komödie ihres Besuches; das 1742 als Theater eingerichtete
-Hofballhaus in Wien, das spätere Burgtheater, war bis 1776
-fast nur ausländischen Schauspielergesellschaften vorbehalten.</p>
-
-<p>Für das Volk der deutschen Kaiserstadt waren die »ordinari
-Comödie« am Kärntner Tor, dem eigentlichen Stadttheater,
-und die übrigen Harlekinaden der Vorstadtbühnen gut genug.
-Die kaiserliche Regierung schenkte dieser niedern Art Volksbelustigung
-noch keine Aufmerksamkeit, während sich die berüchtigten
-Tierhetzen des kaiserlichen Schutzes rühmen durften; wenn
-sie die Abgaben der Theaterunternehmer pünktlich hereinbekam,
-überließ sie der Stadtbehörde die Sorge dafür, daß es nicht
-allzu wild dort zuging. Von einer vorhergehenden Prüfung
-der dort gespielten burlesken Komödien konnte schon deshalb keine
-Rede sein, weil diese Stücke zum größten Teil extemporiert und
-nicht, wie die »regelmäßigen« Schauspiele der fremden Komödianten,
-niedergeschrieben oder gar gedruckt wurden. Das galt
-besonders von den Reden der lustigen Person, des ursprünglich
-italienischen Arlecchino, den der Schauspieler Stranitzky (seit 1708
-in Wien) in Charakter und Tracht eines dummdreisten salzburger
-Bauern namens Hanswurst neu zu gestalten wußte. Seine<span class="pagenum"><a id="Seite_85"></a>[85]</span>
-unkontrollierbaren, der zufälligen Situation entspringenden Späße
-und schlagfertigen Einfälle pflegten auf die Theaterbesucher der
-Wiener Vorstädte die größte Anziehungskraft auszuüben.</p>
-
-<p>Nun begab es sich im Oktober 1737 zu Leipzig an der
-Pleiße, daß der biedere Magister Gottsched durch die Schauspielerin
-Caroline Neuberin dem gottlosen Hanswurst, der stets
-die Lacher auf seiner Seite hatte und keine regelmäßige Komödie
-nach dem Vorbild der Alten und der Franzosen aufkommen
-ließ, <em class="antiqua">coram publico</em> den Prozeß machen und ihn auf der
-Neuberschen Bühne wie einen Mörder und Strauchdieb <em class="antiqua">in effigie</em>
-verbrennen ließ. Die Gottschedianer, die Mehrzahl der damaligen
-Intelligenz, zogen nun allesamt wacker gegen Hanswursten
-zu Felde, und es war Wasser auf ihre Mühle, als
-Maria Theresia 1752 gebot, keine andern Komödien zu spielen,
-»als die aus dem frantzösisch oder wällisch, oder spanisch theatri
-herkommen«, und alle »hiesigen compositionen« zu unterdrücken;
-»wann aber einige gute doch wären von weiskern [einem Wiener
-Komiker], sollten sie ehender genau durchlesen werden und keine
-<em class="antiqua">equivoques</em> noch schmutzige Worte darinnen gestattet werden«.</p>
-
-<p>Damit wurde das gesamte Bühnenrepertoire Wiens der
-schon bestehenden Bücherzensur unterstellt, denn die »regelmäßigen«
-Stücke wurden vorher gedruckt; die Erlaubnis zum
-Druck war zugleich auch die zur Aufführung.</p>
-
-<h3>Verbot der extemporierten Komödie.</h3>
-
-<p>Geholfen war aber mit dieser gewaltsamen Einführung der
-regelmäßigen Komödie noch nicht viel; die Possenreißer, die zeitlebens
-durch ihre Improvisationen geglänzt hatten, ließen sich
-so leicht nicht ihr Spiel verderben, in dieser oder jener Gestalt
-kam der alte Hanswurst immer wieder zum Vorschein, und
-gegen seine Extempores gab es keine Präventivzensur, nur Repressivmaßregeln:
-der mit der Theaterinspektion beauftragte Beamte
-konnte allzu »verdächtige und grobe Redensarten« zur
-Anzeige bringen, die Schauspieler bestrafen und ungeziemende
-Vorstellungen nachträglich verbieten.</p>
-
-<p>Die Gottschedianer aber ließen nicht locker. Einer von
-ihnen, Heinrich von Engelschall, forderte 1760, »daß kein
-Wort von einem Schauspieler auf der Bühne gesprochen werde,<span class="pagenum"><a id="Seite_86"></a>[86]</span>
-das nicht in dem vorher gänzlich schriftlich abgefaßten und zur
-Censur eingereichten Stücke befindlich sei«. Nicht nur, was
-Religion, Staat und gute Sitte beleidige, müsse verboten werden,
-sondern das Schlechte an und für sich, um den guten Geschmack
-zu bilden. Also moralische und ästhetische Zensur zugleich.</p>
-
-<p>Diese Bestrebungen führte Joseph von Sonnenfels zum
-Siege. Mit ehrlicher Leidenschaft zog er in seiner Zeitschrift
-»Der Mann ohne Vorurteil« (1765 f.) und in seinen »Briefen
-über die wienerische Schaubühne« (1768) gegen die »Sittenlosigkeit
-und Unanständigkeit, diese Schandflecken der Schaubühne
-und Nationalsitten« zu Felde; er beschwor den Kaiser,
-das deutsche Theater als das eigentliche Nationaltheater »der
-Gegenwart des Hofes und des gesitteten Theiles der Nation
-würdig zu machen«, und erreichte durch hartnäckigen Eifer und
-Freimut sein Ziel: 1769 wurde von Kaiser Joseph, dem Mitregenten
-seiner Mutter Maria Theresia, die extemporierte Komödie
-endgültig verboten; alle früher erlaubten Stücke wurden
-einer nochmaligen Prüfung unterzogen, und neue Stücke mußten
-vor der Aufführung in zwei Abschriften eingereicht werden. Damit
-verschwand der alte Hanswurst von der Bildfläche.</p>
-
-<h3>Der erste Theaterzensor.</h3>
-
-<p>Der war Sonnenfels selbst. Am 15. März 1770 wurde
-er zum Theaterzensor ernannt, erhielt eine Instruktion und sollte
-nun alles streichen, »was die Religion, den Staat im mindesten
-beleidiget oder auch offenbarer Unsinn und Grobheit, folglich
-des Theaters einer Haupt- und Residenzstadt unwürdig ist«.</p>
-
-<p>Er sollte aber an seinem neuen, von ihm selbst erfundenen
-Amt wenig Freude erleben. Sein Fall ist schon typisch. Lessing,
-der über Gottscheds moralische Entrüstung gelacht und in seiner
-»Hamburgischen Dramaturgie« den Harlekin zu retten versucht
-hatte, schüttelte den Kopf auch zu des Österreichers »allzu
-strengem Eifer gegen das Burleske«. Als er das am 25. Oktober
-1770 an seine Braut Eva König schrieb, ahnte er noch
-nicht, daß der erste Theaterzensor bereits ausgelitten hatte. Der
-Unglückswurm hatte ein Stück erlaubt, worin ein Sultan seiner
-Schönen sein Schnupftuch reicht. Erst mußte das bedenkliche
-Tuch durch einen Spiegel ersetzt werden; nach der dritten Aufführung<span class="pagenum"><a id="Seite_87"></a>[87]</span>
-aber wurde die ganze Komödie verboten, und Sonnenfels
-erhielt am 13. Oktober seinen Abschied. Obendrein hatte er sich
-in den sieben Monaten seiner Regierung zu einem kleinen Tyrannen
-ausgewachsen, der »gar niemanden neben sich leiden« mochte.</p>
-
-<p>Sonnenfels ist der vorwitzige Zauberlehrling, und das
-Theater wurde die Geister nicht mehr los, die er gerufen hatte.</p>
-
-<h3>Die notwendigen Eigenschaften eines Zensors.</h3>
-
-<p>Sonnenfels' Nachfolger war der um die Hebung des österreichischen
-Schulwesens hochverdiente Regierungsrat Franz Karl
-Hägelin. Wen muß nicht ein Schauer heiliger Ehrfurcht überlaufen,
-wenn er hört: dieser Mann war Rat der niederösterreichischen
-Regierung, im Nebenamte vierzig Jahre lang Bücherzensor
-hauptsächlich für schöne Literatur, und außerdem von
-1770 bis Ende 1804, also fünfunddreißig Jahre lang Theaterzensor,
-ohne daß ihm für diese Tätigkeit je ein Pfennig Gehalt
-gezahlt wurde! Ihm unterstand das Repertoire aller
-Bühnen Wiens, obendrein hatte er die Anschlagzettel der Tierhetzen
-und Feuerwerke zu überwachen, und zeitweilig mußten
-ihm alle Theater Österreichs ihre Manuskripte einreichen! Was
-ist mehr zu bewundern: die märchenhafte Selbstlosigkeit dieses
-Mannes oder die Dauerhaftigkeit seiner geistigen Konstitution,
-die länger als ein Menschenalter den Kelch der Literatur bis
-zur untersten Hefe auskostete?!</p>
-
-<p>Dabei nahm Hägelin sein Amt keineswegs leicht. Über
-alle von ihm gelesenen Stücke verfaßte er ausführliche Gutachten,
-die den Majestäten selbst vor Augen kamen. Er war
-zwar ein eifernder Katholik, aber doch nicht ohne eine gewisse
-Unbefangenheit, hatte er doch Wielands »Deutschem Merkur«,
-dem »Deutschen Museum« und den Schriften des Barons von
-Archenholz, des Geschichtschreibers des Siebenjährigen Krieges,
-den Weg nach Österreich geebnet. Er war jeder Willkür abhold,
-besaß wenigstens den Willen zum Verständnis, sogar einen
-grimmigen Humor, wenn »ein geübter Verhunzer aller beinschrötigen
-Theatralprodukte« als »Bearbeiter« eines klassischen
-Stückes es gar zu toll getrieben hatte, und stellte an die
-Persönlichkeit eines Zensors die höchsten Anforderungen, die er
-einmal in die Formeln zusammenfaßte:</p>
-
-<p><span class="pagenum"><a id="Seite_88"></a>[88]</span></p>
-
-<p>»Ein Censor muß viele Belesenheit, eine bescheidene Urtheilskraft,
-historische Kenntnisse alter und neuer Gelehrsamkeit,
-eine gute philosophische Kritik, Geschmack um den Ton eines
-Authors zu bestimmen und hauptsächlich keine insulirte Wissenschaft
-seines sonstigen Amtes, sondern eine hinlängliche Kenntnis
-von der Verwandtschaft zwischen den Wissenschaften besitzen, um
-zu wissen, was ein Satz für einen Einfluß auf die Wahrheiten
-einer andern Disciplin haben kann. Der Author erscheint
-vor seinem Richterstuhl ohne Vertreter, der Censor muß also
-seine vorgefaßten eigenen Systeme einen Augenblick auf die
-Seite legen können und den Author mit Billigkeit behandeln
-und wohl unterscheiden können, ob seine Sätze bloß irrig oder
-auch zugleich schädlich sein können.«</p>
-
-<p>Man kann nicht gerade sagen, daß diese kluge Erkenntnis
-Hägelins von der Schwierigkeit seiner Aufgabe später der Leitsatz
-bei Handhabung der Zensur, im besonderen der österreichischen,
-geworden wäre. Im Gegenteil!</p>
-
-<h3>Die Schaubühne als moralische Anstalt.</h3>
-
-<p>Zu seinem fünfundzwanzigjährigen Jubiläum als Theaterzensor
-verfaßte Hägelin eine ausführliche Denkschrift über dies
-Metier, eine Art Katechismus für alle Zensoren der Gegenwart
-und Zukunft, worin er mit Scharfsinn die tausend Rücksichten,
-Vorsichten und Nachsichten darlegt, von denen ein Zensor
-nach dem Herzen Gottes auszugehen hat, um den oft so versteckten
-Fußangeln der Frivolität, des politischen und religiösen
-Nihilismus eines Dichters zu entgehen. Manche seiner Gesichtspunkte
-haben sich zu den weiter unten folgenden Anekdoten
-verdichtet. Hier seien nur einige Leitsätze jener Denkschrift,
-des Ergebnisses einer fünfundzwanzigjährigen Erfahrung, skizziert:</p>
-
-<p>Die Zensur darf keineswegs in steinernen Gesetzestafeln erstarren,
-vielmehr sind zeitliche und örtliche Umstände für ihr
-Urteil entscheidend. Dieser an sich ganz einleuchtende Grundsatz
-diente nur meist zur Ausdehnung der Verbote, statt zu ihrer
-Aufhebung. Geschmack ist Sache der Kritik [Bravo!], aber doch
-auch des Zensors »insoweit, als er das Schickliche, das Anständige
-und Vernunftmäßige in Absicht auf die Sitten selbst
-und das Konventionelle oder auch das natürliche und politische<span class="pagenum"><a id="Seite_89"></a>[89]</span>
-Decorum, welches widersinnige, den Wohlstand [soll heißen: Anstand]
-verlezende Ungereimtheiten verabscheuet, angehet«. Auch
-das ästhetisch Schöne kann unmoralisch sein. Das Theater ist
-eine Schule des guten Geschmacks, aber ebenso der guten Sitten.
-Das Trauer- oder Lustspiel bezweckt »die Beförderung der
-Tugenden des Willens oder des Verstandes«. Jede Fabel,
-d. i. Handlung, eines Dramas hat ihre Moral so gut wie eine
-äsopische Fabel, und da der Eindruck von der Bühne her viel
-stärker ist als aus der Lektüre, muß diese Moral, wenn sie
-nicht verderblich wirken soll, stets so sein, daß die Tugend
-liebenswürdig, das Laster verabscheuenswert erscheint. Erstere
-darf nie scheitern, letzteres nie triumphieren. Ein »ungeahndetes
-Laster« widerspricht der »moralischen und poetischen Gerechtigkeit«
-und ist nur der »Modephilosophie« eigen. Wenn also
-Stoff oder Moral eines Stückes gegen Religion, Staatsverfassung
-oder Sitte verstößt, »mithin im Grunde fehlerhaft ist«,
-kann es nicht aufgeführt werden.</p>
-
-<p>Der Dialog mußte sich daher durchaus auf das beschränken,
-was in einer »gesitteten, wohlerzogenen Gesellschaft« ohne Anstoß
-gesagt werden konnte. Alles, was irgendwie zweideutig
-klang, wurde beseitigt, und der Zensor hatte auch bei der
-Vorstellung darauf zu achten, daß nicht etwa der Schauspieler
-durch Pausen, Pantomimen oder Extempores in harmlose
-Worte Zweideutigkeiten hineinbrachte. Schon damals also
-herrschte in Wien die vollendete »Komtessenästhetik«, über die
-Heinrich Laube, der erfolgreiche Burgtheaterdirektor, sich so oft
-ärgern mußte.</p>
-
-<p>Hägelin hatte Schillers Abhandlung von 1784, »Die Schaubühne
-als moralische Anstalt betrachtet«, nicht ohne Nutzanwendung
-gelesen; aber über die Kluft zwischen dem moralisch
-und ästhetisch Schönen kam er ebensowenig wie Sonnenfels hinweg,
-und der von ihm ausgearbeitete, in seiner Wirkung noch
-heute nicht erschöpfte Zensorenkatechismus lief auf die gleiche
-Losung hinaus, die hundert Jahre vorher der Wiener Barfüßermönch
-und berühmte Kanzelredner Abraham a Santa Clara
-ausgegeben hatte: »Die Komödien und Schauspiel hat man
-aufbracht, damit die Tugenden erlernt und die Laster sollen
-gemeidet werden.« Punktum!</p>
-
-<p><span class="pagenum"><a id="Seite_90"></a>[90]</span></p>
-
-<h3>Keine Religion auf der Bühne!</h3>
-
-<p>Ebenso engherzig wie in moralischer Beziehung war man
-im Punkte der Religion, besonders der katholischen. Religiöse
-Gegenstände, erklärte Hägelin, sind überhaupt kein Stoff theatralischer
-Vorstellungen; die Religion ist zu erhaben und kann
-durch das profane Theater nur herabgewürdigt werden. Keine
-Priestergestalt vom Papst herunter bis zum geringsten Klosterangehörigen
-durfte auf der Wiener Bühne erscheinen; ein Pastor
-wurde in einen Küster, Magister oder Rektor verwandelt. Selbst
-Eremiten und Klausner waren nur erlaubt, wenn »ihre Handlung
-ernsthaft« war, ohne jedoch religiös zu sein, und ihre
-Kleidung nichts Kirchliches an sich hatte. Gegen »Vertreter
-der türkischen und heidnischen Religion« hatte man nichts einzuwenden,
-nur durften sie natürlich nicht wie Satiren auf die
-christliche Geistlichkeit wirken. Die Geschichte der Juden durfte
-nach den Daten des Alten Testaments dramatisiert werden, soweit
-»ihre Handlungen aus natürlichen Triebfedern entsprungen sind«.</p>
-
-<p>Im Dialog waren alle Ausdrücke biblischer, katechetischer
-oder hierarchischer Herkunft verboten. Man durfte nicht sagen
-»alt wie Methusalem«, sondern nur »alt wie Nestor«, nicht
-»weise wie Salomo«, sondern »weise wie Solon«, nicht »stumm
-wie Loths Salzsäule«, sondern »stumm wie ein Fisch«, nicht
-»fett wie ein Dompropst«, sondern »fett wie ein reicher Pächter«.
-(Die Rücksicht auf die Agrarier kannte man damals offenbar
-noch nicht!) Selbst »Bileams Esel« war vom Theater
-verbannt! Das Wort fromm sollte möglichst vermieden werden;
-Heilige durfte es auf der Bühne gar nicht geben, nur Verklärte,
-und statt in den Himmel kam man nur in das Paradies.
-Man durfte nicht beichten, sondern nur bekennen, kein »<em class="antiqua">Te
-Deum</em>«, sondern nur »Loblieder« singen, nicht in der Bibel
-lesen, nur in einem Buch. Für Aberglauben mußte man Irrwahn
-sagen, und an Dinge wie Aufklärung durfte man nicht
-erinnern. Selbst das Wort Sünde mußte durch andere Wendungen
-ersetzt werden. Für Todsünde sagte man »schweres
-Verbrechen«. Anrufe Christi und der Heiligen waren streng verboten,
-und fromme Seufzer wie »allmächtiger ewiger Gott!«
-deshalb verpönt, weil dem Zuhörer »gleich auch die Fortsetzung des
-Kirchengebetes ›Himmlischer Vater‹ etc. dabei einfallen« könne!</p>
-
-<p><span class="pagenum"><a id="Seite_91"></a>[91]</span></p>
-
-<h3>Joseph II. und die Theaterzensur.</h3>
-
-<p>Kaiser Joseph übertrug seine liberalen Grundsätze über
-Bücherzensur keineswegs auf das Theater. Auch er behandelte
-es als eine Anstalt für sich, der andere Grundsätze frommten.
-Wenn er auch die polemische Literatur über religiöse Fragen
-freigab &ndash; auf der Bühne wollte er nichts davon hören; aber er
-war konsequent und verbot ebenso die geistlichen Spiele, mit denen
-der Klerus an kirchlichen Festtagen das Volk zu erbauen pflegte.</p>
-
-<p>In moralischer Beziehung stand er gleichfalls noch ganz
-unter dem Einfluß seiner sittenstrengen Mutter Maria Theresia.
-Kaiser Joseph hat das große Verdienst, das bisher an Unternehmer
-und ausländische Schauspielertruppen verpachtete Burgtheater
-1776 in ein deutsches Hof- und Nationaltheater umgewandelt
-zu haben, aber er befreite das deutsche Schauspiel
-doch nicht aus den Ketten, die ihm der Theaterzensor umgelegt
-hatte. Seine Zensurreformen setzten ja überhaupt erst nach
-dem Tode seiner Mutter ein. Die Übernahme des Theaters
-»in Regie des Hofes« gab dem Wiener Bühnenwesen in sozialer
-und künstlerischer Hinsicht einen gewaltigen Aufschwung, und
-die endliche Alleinherrschaft des deutschen Schauspiels auf dem
-Hoftheater sicherte den Siegeszug der hochdeutschen Sprache, die
-bis dahin in Wien als »lutherisch Deutsch« verachtet war.
-Aber die ästhetisch-moralische Neuorientierung, die gerade jetzt,
-bei der Morgenröte unseres klassischen Zeitalters, notwendig
-wurde, unternahm Joseph II. nicht. Wenn, wie Heinrich Laube
-erzählt, das neubegründete Hof- und Nationaltheater 1776 keine
-Bibliothek anlegen konnte, weil die noch in aller Schärfe bestehende
-Bücherzensur nicht einmal das Lesen zahlreicher Stücke erlaubte,
-so machte Josephs neues Preßgesetz von 1780 diesem unwürdigen
-Zustand zwar ein Ende. Die Theaterzensur wurde von jetzt ab
-ausschließlich von der Wiener Zensurhofkommission ausgeübt, und
-die Revision des Katalogs der früher verbotenen Bücher gab
-auch eine Masse älterer Stücke frei. Die Tortur im Gerichtsverfahren
-schaffte der Kaiser ab, und die Todesstrafe schränkte
-er ein; vor dem Richterstuhle des Theaterzensors dagegen wurde
-die Anwendung beider Mittel von Jahr zu Jahr beliebter. So
-kam es, daß schon unter Josephs Regierung die Werke unserer
-großen Klassiker, wenn man sie nicht kurzweg mit dem Zensurschwert<span class="pagenum"><a id="Seite_92"></a>[92]</span>
-vom Leben zum Tode brachte, mit all den Daumschrauben
-und spanischen Stiefeln gefoltert wurden, die gerade
-die Wiener Theaterzensur zum Gespött der Welt machen sollten,
-leider aber auch in Deutschland, besonders auf den Hoftheatern,
-als nachahmenswertes Beispiel Geltung gewannen.</p>
-
-<h3>Das vierte Gebot.</h3>
-
-<p>Klingers »Zwillinge«, die 1776 in einem Hamburger Preisausschreiben
-gekrönt wurden, kamen am 11. Januar 1777 auf
-dem Burgtheater zur Aufführung, wurden aber am nächsten
-Tage durch Allerhöchsten Befehl verboten, »für jetzt und für
-alle Zukunft«! Den Schauspieler Lange beschenkte zwar Kaiser
-Joseph für sein treffliches Spiel mit 100 Dukaten, erklärte ihm
-aber zugleich, dies Stück enthalte gar zu viel gegen das vierte
-Gebot, das er in Ehren halten müsse. Am 2. Juli schrieb
-Regierungsrat Gebler an Friedrich Nicolai, der Kaiser selbst
-habe nicht nur dieses Drama Klingers, sondern überhaupt »alle
-dergleichen gräßliche, unsinnvolle Shäkespearischen Nachäffungen
-künftig« auf dem Theater verboten.</p>
-
-<p>Das Konkurrenzstück zu den »Zwillingen«, »Julius von
-Tarent« von Leisewitz, das ebenso wie Klingers Werk einen
-Brudermord behandelt, durfte erst am 15. November 1785 gegeben
-werden; es stand bis 1780 im Katalog der verbotenen
-Bücher.</p>
-
-<h3>Schauspielerzensur.</h3>
-
-<p>Kaiser Joseph hatte dem neuen Burgtheater von 1776 eine
-Art republikanischer Verfassung gegeben: ein Ausschuß von
-Theatermitgliedern selbst, Männern und Frauen, sollte über
-Auswahl der Stücke, Besetzung der Rollen usw. beraten und
-seine Beschlüsse der obersten Direktion vorlegen. Die Protokollführung
-und die damit verbundenen Geschäfte besorgten die sogenannten
-»Wöchner«, die von der Versammlung der Kollegen
-gewählten Regisseure, die wöchentlich abwechselten.</p>
-
-<p>Diese Einrichtung hatte aber nur dreizehn Jahre Bestand;
-die Kabalen der Herren und Damen untereinander führten zu
-endlosen Streitigkeiten, und der Ausschuß wurde 1789 noch
-vom Kaiser selbst beseitigt.</p>
-
-<p><span class="pagenum"><a id="Seite_93"></a>[93]</span></p>
-
-<p>Auch die Literatur hat dieser Schauspielerrepublik nichts zu
-verdanken, denn der literarische Ehrgeiz dieser k. k. Hofschauspieler
-ging nur darauf aus, dem Zensor vorzuarbeiten und
-nichts in Vorschlag zu bringen, was ihnen höheren Orts Vorwürfe
-hätte eintragen können. Statt mit allem, sonst so verschwenderisch
-vorhandenen Pathos für jede neue literarische
-Regung einzutreten, waren es, noch bevor der Zensor seines
-Amtes waltete, die Schauspieler, die über die politische Harmlosigkeit
-der aufzuführenden Stücke wachten, menschliche Schwächen
-gekrönter Personen vom Dichter nicht behandelt sehen wollten,
-ja sogar Stoffe der deutschen Geschichte »für ein gutes deutsches
-Theater nicht passend« fanden und diese von Shakespeare beeinflußte
-Vorliebe der Dramatiker nicht als eine Bereicherung,
-sondern als eine Verarmung der Theaterliteratur bezeichneten!
-Auch sie fügten sich all den Gesetzen des damaligen Zensurkatechismus,
-und es ist kein Fall bekannt geworden, daß ihr
-künstlerisches Gewissen einmal gegen den Stachel geleckt hätte.
-Im Gegenteil! Ausgerechnet die damaligen Schauspieler gingen
-besonders scharf mit den moralischen Qualitäten eines von ihnen
-beurteilten Stückes ins Gericht. So lehnten sie einmal ein
-Schauspiel »Nanis« mit der Begründung ab, »die Zensur
-könne niemals ein Weib auf der Bühne leiden, die ohne Scheu
-bekennt, wie sehr sie ihren Mann haßt und ihren Liebhaber liebt«.</p>
-
-<p>Entsprechend hieß es auch in dem von diesem Schauspielerausschuß
-1778 bearbeiteten »Organisationsstatut«, daß der Geschmack
-nicht durch »Mißgeburten« schwankend gemacht werden
-dürfe und kein Stück anzunehmen sei, »so dem <em class="gesperrt">System</em> widerspricht,
-wenn auch irgend ein Financier eine gute Einnahme
-davon prognosticirte«. Es gab also schon vor dem späteren
-Staatskanzler Fürsten Metternich ein »System«, und die »Mißgeburten«
-waren vorwiegend die Stücke, die sich als klassische
-Literaturwerke durch ein Jahrhundert durchgesetzt haben.</p>
-
-<h3>»Traurige Auftritte.«</h3>
-
-<p>Shakespeares »Romeo und Julia« wurde von den Schauspielern
-des Burgtheaters am 2. Juli 1777 vom Repertoire
-entfernt, mit der Begründung: die Kaiserin wolle keine Stücke,
-»worin Leichenbegängnisse, Kirchhöfe, Todtengruften und solche<span class="pagenum"><a id="Seite_94"></a>[94]</span>
-traurige Auftritte vorkommen«. Die erste Aufführung in der
-Umgestaltung des Shakespeareschen Stoffes von C. F. Weiße
-hatte am 12. September 1772 stattgefunden.</p>
-
-<h3>Der Teufelsbanner.</h3>
-
-<p>Shakespeares »Zähmung der Widerspenstigen« wurde 1782
-unter dem Titel »Die bezähmte Widerbellerin oder Gaßner der
-Zweite« von Schink frei bearbeitet und dem Hofburgtheater eingereicht.
-Gaßner hieß ein berüchtigter österreichischer Teufelsbanner,
-und die Handlung begab sich dementsprechend in Wien
-und dem benachbarten Nußdorf. Petrucchio hatte sich in einen
-Hauptmann von Gaßner verwandelt! Der Schauspieler Müller
-lobte als »Wöchner« die Bearbeitung; sie habe »die Hauptcharaktere
-beibehalten, das Langweilige glücklich herausgeworfen (!),
-die Handlung wahrscheinlicher gemacht, die Wortspiele weggelassen
-und weniger sentenzirt«. Aber er war doch gegen
-die Aufführung, da das Stück der Moralität nachteilig sei!</p>
-
-<p>Shakespeares unsterbliches Lustspiel gelangte erst am 19. März
-1838 unter dem Titel »Die Widerspenstige« aufs Burgtheater.</p>
-
-<h3>Der dumme Engel.</h3>
-
-<p>In seiner Zensurdenkschrift erklärte Hägelin den »Doktor
-Faust« von dem Wiener Dramatiker C. F. Weidmann für unzulässig,
-nicht nur weil überhaupt darin ein Engel auftrat,
-der eigentlich, wie alle himmlischen, »durch übernatürliche
-Gnadenmittel gestärkten« Personen, für das Burgtheater tabu
-war, sondern weil dieser Engel »viel weniger Verstand in seinen
-Reden wider den Verführer zeigte, als Mephistopheles, der viel
-mehr Witz in seinen Gegengründen für das Laster« entwickelte.</p>
-
-<h3>Die Mannheimer »Räuber«.</h3>
-
-<p>Bekannt ist, wie Schiller als Regimentsmedicus auf der
-Karlsschule in Stuttgart seine »Räuber« schrieb, und der Intendant
-Heribert von Dalberg in Mannheim das Erstlingswerk
-des Dichters am 13. Januar 1782 zur Aufführung brachte.</p>
-
-<p>So freimütig und vorurteilslos, wie diese Initiative erwarten
-läßt, war aber Dalberg keineswegs; vielmehr mußte
-Schiller mit Rücksicht auf den kurfürstlichen Hof sein Stück
-einer strengen Zensur unterwerfen und sich selbst zu einer Umarbeitung<span class="pagenum"><a id="Seite_95"></a>[95]</span>
-bereitfinden, die als die Mannheimer Theaterbearbeitung
-der »Räuber« auch im Druck erschien.</p>
-
-<p>Der Dichter hatte die Szenenfolge vereinfacht und mit
-Rücksicht auf den zu erwartenden »Unverstand der Gallerie«
-vieles gestrichen; des katholischen Hofes wegen mußte der die
-Räuber zur Übergabe auffordernde Pater in eine Magistratsperson
-verwandelt werden und Pastor Moser ganz fortfallen;
-in den Räuberszenen selbst wurde vieles gekürzt und gemildert,
-besonders die »räsonnirenden« Monologe Karls; sogar das
-Räuberlied mußte fortbleiben. Die stärkste Umgestaltung hatte
-der Schluß zu erleiden: Franz Moor erhängt sich nicht mehr
-an der bekannten Hutschnur, sondern wird von den Räubern
-gefangen; sie halten über ihn Gericht, werfen ihn in den Turm,
-in dem der alte Vater hat umkommen sollen, und reinigen sich
-dadurch gewissermaßen von ihrer eigenen Schuld.</p>
-
-<p>Auf Dalbergs Verlangen mußte Amalie sich selbst töten,
-statt als echte Räuberbraut von ihrem Geliebten Karl Moor
-erstochen zu werden, eine Änderung, die Schiller aber bei aller
-Nachgiebigkeit gegen Dalberg in der Druckausgabe der Bearbeitung
-nicht beibehielt. Außerdem wurde die ganze Handlung
-aus der Zeit des Siebenjährigen Krieges in die des
-ewigen Landfriedens, also nach 1495, verlegt, die »Räuber«
-mußten dementsprechend im Ritter-, statt im Rokokokostüm gegeben
-und alle zeitgeschichtlichen und politischen Anspielungen
-diesem veränderten Milieu angepaßt werden.</p>
-
-<p>Und wozu sich schließlich der Dichter selbst nicht bequemen
-wollte, das änderte der Intendant eigenmächtig. Alles »Unschickliche«
-wurde beseitigt. Hatte bei Schiller Franz der Amalie
-gedroht: »Meine Mätresse sollst du werden, daß die Weiber
-mit Fingern auf dich deuten«, so hieß es nun bei Dalberg in
-lächerlicher Entstellung: »Ich will dich so mißhandeln, daß die
-Weiber mit Fingern auf dich deuten.« Und sogar den epigrammatisch
-wuchtigen Schluß »Dem Mann kann geholfen
-werden« hat Dalbergs Hand nicht verschont, sondern durch leere
-Breite abgeschwächt: »Dem Mann kann geholfen werden &ndash; Er
-führe mich vor den Richter &ndash; ein Glücklicher mehr. (Sonnen-Untergang.)
-Ich sterbe groß durch eine solche That! und vielleicht
-Verzeihung vom Himmel durch diese That!«</p>
-
-<p><span class="pagenum"><a id="Seite_96"></a>[96]</span></p>
-
-<h3>Herzogliche Zensur.</h3>
-
-<p>Der Uraufführung der »Räuber« in Mannheim hatte
-Schiller selbst beigewohnt; ohne Urlaub hatte er sich aus
-Stuttgart fortgestohlen. Dieser Verstoß gegen die Disziplin der
-Karlsschule war dem Herzog von Württemberg verraten worden.</p>
-
-<p>War Herzog Karl auch großsinnig genug, die Aufführung
-der »Räuber« hinter seinem Rücken nicht gerade als ein unerhörtes
-Verbrechen zu betrachten, und auf den durch ganz
-Deutschland widerhallenden Erfolg eines seiner Karlsschüler wohl
-auch ein wenig stolz, so ging ihm doch die militärische Zucht über
-alles, und neben einem vierzehntägigen Arrest erhielt der Dichter
-den strengen Befehl, <em class="gesperrt">nichts mehr außer medizinischen
-Arbeiten zu schreiben oder drucken zu lassen</em> und jeden
-Verkehr mit dem »Auslande« zu meiden.</p>
-
-<p>Diese Präventivzensur, die der Herzog von Württemberg
-über Schillers noch ungeborene Geisteskinder ausübte, zwang
-den Dichter zu seiner tollkühnen Flucht aus Stuttgart, die bei
-seiner militärischen Stellung und dem jähzornigen Charakter
-des Herzogs auf Leben oder Tod ging. Am 22. September
-1782 führte er sie in Begleitung seines Jugendfreundes Andreas
-Streicher glücklich aus.</p>
-
-<h3>Die »Räuber« in Wien.</h3>
-
-<p>Welche Schwierigkeiten ein in jedem Nerv so revolutionäres
-Stück wie Schillers »Räuber« in Wien zu überwinden hatte,
-ist leicht zu ermessen. Auf das Burgtheater kamen sie überhaupt
-erst 1850 durch Heinrich Laubes Energie; auf den kleineren
-Theatern hatte der Zensor sie gelegentlich schon früher passieren
-lassen. Aber in welcher Vermummung! Ihre Wiener Erstaufführung
-erlebten sie 1784, also zwei Jahre nach der Mannheimer
-Uraufführung, auf dem Kärntnertortheater, wo sonst meist Hofoper,
-Ballett und Singspiel heimisch waren. Der Lustspieldichter
-Rautenstrauch hatte Schillers Erstling »bearbeitet« und
-mit Rücksicht auf das vierte Gebot den Vater Moor in einen
-&ndash; Oheim verwandelt! Der »Oheimmord«, über den Karl Moor
-im vierten Akt bei Öffnung des Hungerturmes schaudert, muß
-eine erschütternde Wirkung gehabt haben! »Schweizer, so ist noch
-kein Sterblicher geehrt worden, wie du: räche meinen &ndash; Oheim!«</p>
-
-<p><span class="pagenum"><a id="Seite_97"></a>[97]</span></p>
-
-<p>Nur in dieser und ähnlichen Verballhornungen durften die
-»Räuber« bis 1850 auf den Wiener Nebenbühnen erscheinen.</p>
-
-<p>Außerdem wimmelte das Stück von Dingen, die nie an
-das Ohr eines gesitteten Wiener Theaterbesuchers dringen durften.
-Das Renommieren der Räuber mit ihren Schandtaten im
-Nonnenkloster, ihre Blasphemien, die Anklagen Karl Moors
-gegen Gott und die Welt waren unbedingt verboten. »Gott«,
-so bestimmte der Zensurkatechismus, »darf als Urheber der
-Natur nie zum Urheber des Übels gemacht werden«; Flüche
-und Verwünschungen mußten entsprechend gemildert werden, und
-Ausdrücke wie Sackerment usw. waren strengstens verpönt.</p>
-
-<h3>Der »verplümickte« Schiller.</h3>
-
-<p>Schlimmer noch als Rautenstrauch wirtschaftete mit den
-»Räubern« der Berliner Theaterdichter Karl Plümicke. Er degradierte
-Franz Moor zu einem Halbbruder Karls, die tote Gräfin
-von Moor mußte sich dieserhalb einen Ehebruch zuschieben lassen,
-und Karl Moor fiel durch den Dolch Schweizers. In dieser
-Verbesserung gingen die »Räuber« am 1. Januar 1783 über
-die Bretter des Doebbelinschen Theaters zu Berlin.</p>
-
-<p>Ein anderer Bearbeiter namens Thomas trieb es noch
-ärger. Er brachte die Tragödie zu einem gemütlichen Ende:
-Nur Franz Moor war und blieb tot; den Vater, Amalie,
-Schweizer, Karl, alle ließ er am Leben, Karl und die Räuber
-umkehren, Amalie mit ihrem Geliebten glücklich werden, den
-Alten ins Kloster gehen und die übrigen in die weite Welt.
-An diesem beruhigenden Ausgang sollen sich die Biederleute in
-Stralsund und Rostock weidlich ergötzt haben. In Danzig aber
-legte sich die Polizei ins Mittel und verbot die »Räuber« als
-ein »unmoralisches, sittenbeleidigendes Stück«.</p>
-
-<h3>Ein Leipziger Zwischenspiel der »Räuber«.</h3>
-
-<p>In Leipzig, berichtet der Schillerbiograph Brahm, ereignete
-es sich, daß, während man auf der Bühne die »Räuber«
-spielte &ndash; die dortige Uraufführung fand am 20. September
-1782 statt&nbsp;&ndash;, in der Stadt sowohl wie im Theater Kollegen
-des Schufterle feste Griffe in fremdes Eigentum taten, »welches
-natürlich viel Gerede verursachte und den dortigen Magistrat
-bewog, die fernere Aufführung des Stücks zu verbieten«.</p>
-
-<p><span class="pagenum"><a id="Seite_98"></a>[98]</span></p>
-
-<p>Der Schauspieler Anschütz versichert sogar, daß sich in
-Leipzig einmal eine Anzahl Studenten, »im Enthusiasmus über
-diese wilde Dichterphantasie«, nach den böhmischen Wäldern
-aufgemacht habe, um nach dem Vorbilde dieses »Carl Moor«
-eine leibhaftige Räuberbande zu bilden.</p>
-
-<h3>Aus Anstandsrücksichten.</h3>
-
-<p>»Die Verschwörung des Fiesco zu Genua. Ein republikanisches
-Trauerspiel« erschien in Wien zuerst auf dem Kärntnertortheater
-am 11. Januar 1784 und stand mit vollem Titel
-am 1. Dezember 1787 auf dem Anschlagzettel des Burgtheaters;
-nur der Name des Dichters fehlte. Man hatte nach Angabe des
-Zensors nur »einige wenige Korrekturen« angebracht; aber schon
-bei der zweiten Aufführung mußte die unglückliche Bertha, Verrinas
-geschändete Tochter, »aus Anstandsrücksichten« ganz wegbleiben.</p>
-
-<p>Zwei verliebte Personen, heißt es in Hägelins Denkschrift
-von 1795, dürfen nie miteinander allein das Theater verlassen;
-deshalb wurde in dem Stück »Das Landmädchen, oder
-Weiberlist geht über alles«, »den beiden Verliebten, die sich
-am Ende des Stücks in ein Haus begeben, um ihre Heyrath
-richtig zu stellen, ein Prokurator beygegeben«.</p>
-
-<h3>Amerikanische Beziehungen.</h3>
-
-<p>Eines der großen Siegesfeste des bürgerlichen Schauspiels
-ist der 15. April 1784: da fand auf dem Mannheimer Nationaltheater
-in Anwesenheit des Dichters die Uraufführung von
-»Kabale und Liebe« statt. Iffland spielte den Sekretär Wurm.</p>
-
-<p>Im benachbarten Frankfurt hatte die Theatergesellschaft des
-Direktors Großmann das neue Werk Schillers schon zwei Tage
-vorher herausgebracht, ohne bei der Mangelhaftigkeit der Truppe
-einen sonderlichen Erfolg damit zu erzielen. Der stellte sich
-dort erst ein, als der Dichter selbst nach Frankfurt kam und
-Iffland am 3. Mai die Rolle des Kammerdieners spielte. Großmann
-hatte vorher die ganze Kammerdienerszene im 2. Akt,
-diesen erschütternden Protest gegen die Willkürherrschaft und
-den schmählichen Untertanenhandel deutscher Duodezfürsten &ndash;
-die nicht allzu weit von Frankfurt residierten&nbsp;&ndash;, gestrichen, und
-Schiller hatte seine liebe Not, Ifflands neue Rolle mit »Wegwerfung
-aller amerikanischen Beziehungen« wiedereinzufügen.</p>
-
-<p><span class="pagenum"><a id="Seite_99"></a>[99]</span></p>
-
-<h3>Mätresse und Kammerdiener.</h3>
-
-<p>Auf das Wiener Burgtheater gelangte »Kabale und Liebe«
-erst 1807, denn eine fürstliche Mätresse, so heißt es in
-Hägelins Zensurkatechismus, »ist anstößig, also das ganze Stück
-nicht zulässig, außer das vitiose würde weggeschafft.« Die
-Mätresse war aber nicht allein das Anstößige; die Kammerdienerszene
-war natürlich auf dem Wiener Hoftheater vollends
-unmöglich. Schon der Ausdruck »Tyrannei« war dort verboten!
-Im Privattheater an der Wieden hatte man 1788 eine
-Aufführung zugelassen; die Scheu vor der Kammerdienerszene
-hielt auf der Burg aber bis 1807 vor.</p>
-
-<h3>Die Moral des »König Lear«.</h3>
-
-<p>Shakespeares »König Lear« war auf dem Wiener Burgtheater
-am 29. Januar 1780 in einer Bearbeitung von Schröder
-und Bock gegeben worden; die Originalfassung wurde dort
-nicht geduldet. Warum? Regierungsrat Hägelin führt in
-seiner Denkschrift von 1795 die Fabel dieser Tragödie und
-ihre Moral als Beispiel verwerflicher Stücke folgendermaßen an:</p>
-
-<p>»Der König Lear, ein wohlthätiger Vater, legt seine Krone
-bey Lebzeiten in die Hände zwoer undanckbarer Töchter nieder,
-welche ihn verstoßen und im äußersten Elende schmachten lassen,
-bis ihm die dritte Tochter Cordelia zu Hilfe kömmt und ihn
-rettet. Die Moral dieses Stückes ist, daß ein Regent bey Lebzeiten
-die Krone an seine Nachfolger nicht abtretten soll, weil
-er Gefahr läuft, für seine Wohlthat mit Undanck belohnt und
-mißhandelt zu werden.«</p>
-
-<p>Und dabei war dieser Hägelin noch ein verhältnismäßig
-aufgeklärter Mann!</p>
-
-<h3>Die Wiener Putzmacherinnen.</h3>
-
-<p>Ausdrücke, die ein »sinnliches Laster« andeuteten, wie
-Kuppler, durften auf der Bühne nur in »ernstem und strafendem
-Tone« fallen, daher allenfalls im Trauerspiel, aber nicht
-im Lustspiel. Allen Gelegenheitsmachern war ihr Geschäft auf
-der Bühne gründlich verdorben, denn ein Frauenzimmer durfte
-in einem Theaterstück nie in »sträfliche Anträge« willigen,
-höchstens scheinbar, um den Liebhaber zu beschämen, und das<span class="pagenum"><a id="Seite_100"></a>[100]</span>
-Publikum mußte über diese pädagogische Absicht vom Dichter
-rechtzeitig beruhigt werden. »Heurathsstifter und Unterhändler
-unsträflicher Liebschaften« aber, sagt Hägelin, sind erlaubt, »nur
-auf die Putzhändlerinnen muß Acht gegeben werden.«</p>
-
-<p>Die Wiener Putzmacherinnen besaßen offenbar im »Einfädeln«
-eine ganz besondere Gewandtheit.</p>
-
-<h3>Schutz der Ehe!</h3>
-
-<p>Ehekonflikte, die nicht beizulegen waren, durfte es nach
-Vorschrift der Zensur auf Wiener Theatern nicht geben; die
-Ehe mußte auch auf der Bühne geschützt werden, da »dem
-Staat an der Erhaltung rechtmäßiger Ehen und Geburten viel
-gelegen ist«. »Philosophische Winkelehen« konnten nach Hägelins
-Denkschrift nie Stoff in Wien aufzuführender Stücke sein, »besonders
-wenn sie als gegründet in dem Naturrecht approbirt
-würden«. Von »wilden Ehen« durfte überhaupt nicht die Rede
-sein. Stücke mit Ehebrecherinnen waren nach Hägelins Denkschrift
-ebenso streng verboten wie die mit Mätressen. Schon
-das Wort »Ehebruch« war verpönt.</p>
-
-<p>Verliebte mußten vor Ende des Stückes »stets gesetzmäßig«
-verbunden werden, und zwar durch Notare; denn von kirchlicher
-Trauung durfte wieder nichts gesagt werden, da das Sakrament
-der Ehe als zu heilig für die Bühne galt.</p>
-
-<h3>Die Hinrichtung auf der Bühne.</h3>
-
-<p>Im Jahre 1792 führte das Landstraßer Theater in Wien eine
-»Maria Stuart« von dem Räuberromanschriftsteller C. H. Spieß
-auf, und »um dieses vortreffliche Stück noch interessanter zu machen«,
-wurde »die Enthauptung der Königin von Schottland öffentlich auf
-dem Theater exekutiert«! 1795 aber dekretierte Hägelin: Das
-moderne Theater »darf nie mit Blut befleckt werden«. Denn zwei
-Jahre vorher war jene Vorstadttheaterromantik furchtbare Wirklichkeit
-geworden: Maria Antoinette, die Tochter Maria Theresias,
-die Tante des Kaisers Franz, starb auf der Guillotine.</p>
-
-<p>Auch für die Theatergeschichte bedeutete die Französische Revolution
-eine neue Epoche, denn von jetzt an hatte sich die
-Theaterzensur nicht nur nach der moralischen und religiösen
-Seite, sondern vor allem nach der politischen hin zu orientieren.</p>
-<hr class="chap" />
-
-<div class="chapter">
-<p><span class="pagenum"><a id="Seite_101"></a>[101]</span></p>
-
-<h2 class="nobreak" id="kap05">5. Die Furcht vor der Revolution.</h2>
-</div>
-
-<div class="epigraph">
-
-<p>»Man sagte mir, Spanien habe Preßfreiheit und ich könnte,
-natürlich unter Aufsicht von zwei, drei Zensoren, schreiben,
-was mir beliebte, wenn es nur nicht gegen den Staat wäre,
-oder gegen den Hof, gegen die Kirche, gegen die guten Sitten
-und schlechte Beamte, gegen privilegirte Tänzerinnen usw.«</p>
-
-<p class="right">
-<em class="gesperrt">Beaumarchais</em>, »Figaros Hochzeit«. V, 3.
-</p></div>
-
-<h3>»Ein toller Tag.«</h3>
-
-<p>Am 27. April 1784 &ndash; zwölf Tage nach der Uraufführung
-von Schillers »Kabale und Liebe« in Mannheim &ndash; ging über
-die Bretter des <em class="antiqua">Théâtre français</em> zu Paris ein Lustspiel, dessen
-Zensurschicksal bereits seit drei Jahren die Bevölkerung der
-französischen Hauptstadt belustigt und aufgeregt hatte, »Figaros
-Hochzeit oder ein toller Tag« von Beaumarchais. Gerade die
-Spitzen der Gesellschaft, Prinzen und Herzöge, Minister und
-Fürstinnen, bahnten in wahnsinniger Verblendung einem Stück den
-Weg, das durch seine blutige Verspottung des Adels der gefährlichste
-Feind ihrer Standesinteressen war und als die literarische
-Ouvertüre der fünf Jahre später hereinbrechenden Französischen
-Revolution bezeichnet werden darf. Das ahnten weder der
-Dichter noch die ihm behilfliche verrottete Gesellschaft, nur König
-Ludwig XVI. erkannte, wie einer der deutschen Übersetzer des
-Lustspiels, Franz Dingelstedt, sagt, »in Figaros Scheermesser
-das erste, ferne Wetterleuchten der Guillotine«. Die endlich
-durchgesetzte Aufführung ist eines der sensationellsten Ereignisse
-der französischen Theatergeschichte; selbst der Dichter meinte:
-»Das Tollste am Tollen Tag bleibt sein Erfolg.«</p>
-
-<p>Diesseits des Rheines nahm man hauptsächlich an der übermütigen
-Frivolität des Stückes Anstoß, die doch nur ein getreues
-Abbild ihrer Zeit war. Kaiser Joseph verbot in einem
-Handschreiben vom 31. Januar 1785 die Aufführung, und die
-Wiener lernten den »Tollen Tag« erst in der wundervollen
-musikalischen Verkleidung kennen, die Mozart ihm in seiner Oper
-»<em class="antiqua">Le nozze di Figaro</em>« gegeben hat. Erst am 14. September<span class="pagenum"><a id="Seite_102"></a>[102]</span>
-1802 gelangte auch das Lustspiel, in entsprechender Bearbeitung
-von Jünger, auf das Burgtheater.</p>
-
-<p>Auch in München wußte die maßgebende Geistlichkeit die
-Aufführung zu hintertreiben; in Mannheim dagegen, der zweiten
-Residenz des Kurfürsten von Pfalzbayern, ging es noch 1785
-in Anwesenheit Karl Theodors mit dem aus Schillers Biographie
-bekannten Schauspieler Beck in der Titelrolle in Szene.
-Der sonst so allmächtige Beichtvater des Kurfürsten, Pater
-Frank, soll, wie der berühmte Schauspieler Iffland erzählt,
-warnend an das Münchener Verbot erinnert, der Kurfürst aber
-gelacht und geantwortet haben: »Das hat hier in Mannheim
-nichts zu sagen!« Er selbst zeichnete bei der Aufführung Stück
-und Schauspieler durch lauten Beifall aus.</p>
-
-<p>Die Zeitgenossen Karl Theodors aber teilten seine Sorglosigkeit
-nicht, sondern suchten zunächst durch drakonische Zensurgesetze
-gegen die rote Sturmflut einen Damm aufzuwerfen.
-Nur einige charakteristische Episoden aus diesem Abwehrkampfe
-können hier gestreift werden.</p>
-
-<h3>Verschärfung der Berliner Zeitungszensur.</h3>
-
-<p>Die Zeitungszensur war in den ersten Jahren nach dem
-Regierungsantritt Friedrich Wilhelms II. ganz beim alten geblieben,
-denn das Ministerium des Äußern, dem sie unterstand,
-wahrte dem Chef des geistlichen Departements Wöllner
-gegenüber seine Selbständigkeit. Da die Minister noch im
-Februar 1792 überzeugt waren, daß die Französische Revolution
-in Preußen kein Wässerlein trüben würde, hatten sie auch keinen
-Drang gefühlt, den harmlosen Berliner Zeitungen trotz der
-alles umstürzenden Nachrichten, die sie pflichtschuldigst bringen
-mußten, genauer auf die Finger zu sehen. Noch am 12. Juli
-1791, als der im Zensurdienst ergraute Geheimrat Marconnay
-seinen Abschied nahm und den Zeitungen als sein Nachfolger
-der Geh. Legationsrat Renfner vorgestellt wurde, hatten die
-Minister es ausdrücklich abgelehnt, sich selbst außer in »zweifelhaften
-Fällen« mit der Zeitungszensur zu befassen.</p>
-
-<p>Da fiel die Warnung aus Wien vom 3. Dezember 1791
-(vgl. S.&nbsp;<a href="#Seite_63">63</a>) plötzlich wie ein schwerer Stein in den idyllisch-glatten
-Spiegel behaglicher Sicherheit, und den preußischen<span class="pagenum"><a id="Seite_103"></a>[103]</span>
-Ministern erschien es nun doch an der Zeit, durch sichtbare
-Regierungsakte zu zeigen, daß sie hinter der österreichischen
-Staatsklugheit nicht zurückstanden, wenn auch ihre eigene noch
-keineswegs so düster gefärbt war wie jene.</p>
-
-<p>Zunächst sprachen sie am 5. Januar 1792 den Wunsch
-aus, von allen in Preußen gelesenen in- und ausländischen
-Zeitungen ein &ndash; Freiexemplar zu erhalten, um sich darüber zu
-unterrichten, »wie die öffentlichen Ereignisse in den Landeszeitungen
-bekannt gemacht würden«. Aber da war guter Rat
-im wahrsten Sinne des Wortes teuer! Denn wer sollte ihnen
-diese Freiexemplare liefern? Die Post versandte die bei ihr
-bestellten auswärtigen Zeitungen an die Abonnenten, und ein
-Generalabonnement auf alle diese Blätter kostete ein Heidengeld,
-das in keinem Etat vorgesehen war. Für den französischen
-»Moniteur« zahlte man damals bei der Post jährlich
-30, für englische Blätter sogar 70 Taler. Der Generalpostmeister
-konnte also den Ministern nicht helfen.</p>
-
-<p>Als sich aber nun im Anschluß an die kaiserliche Warnung
-der Schriftwechsel mit dem ängstlich gewordenen Könige entspann,
-sahen die Minister, daß sie auch im Punkt der Zeitungszensur
-etwas tun mußten, und sie erließen am 28. Februar
-an die Berliner Blätter den Befehl, »mit größter Schärfe alle
-aufrührerischen Artikel zu unterdrücken und die Verbreitung aller
-revolutionären Grundsätze zu verhindern«.</p>
-
-<p>Das hatte zunächst für die Berliner Zeitungsverleger eine finanzielle
-Folge. Dem Legationsrat Renfner wuchs jetzt die Arbeit über
-den Kopf; er mußte den ganzen Tag bis spät am Abend zur Verfügung
-stehen, wenn er, wie das Ministerium gefordert hatte, »bei
-eigener schwerer Verantwortung« für den Inhalt der Zeitungen
-bürgen sollte. Ohne eine Entschädigung, meinte er, sei das nicht
-zu machen. Bisher war die Zeitungszensur gebührenfrei gewesen.</p>
-
-<p>Die beiden Berliner Zeitungsverleger, die Vossische und die
-Haude-Spenersche Buchhandlung, sahen denn auch die »Billigkeit«
-seines Anspruchs ein und verstanden sich dazu, vom
-1. August 1792 ab die Bemühungen des vielgeplagten Zensors
-mit einem jährlichen Honorar von 100 Talern zu belohnen.
-Für diesen Beweis ihrer »Resignation« sprach ihnen das Ministerium
-wie billig seine besondere Zufriedenheit aus.</p>
-
-<p><span class="pagenum"><a id="Seite_104"></a>[104]</span></p>
-
-<p>Dies Entgegenkommen kam die Verleger teuer zu stehen,
-denn das Ministerium nahm statt des kleinen Fingers die ganze
-Hand. Auf ihre Erklärung, daß sie dieses Honorar mit Rücksicht
-auf die »gegenwärtigen Zeitläufte« nur dem jetzigen Zensor
-zahlen würden, nicht aber seinem Nachfolger, antwortete man
-ihnen, sie allein zögen ja den Gewinn aus ihren Zeitungen,
-sie hätten deshalb auch in Zukunft dieselbe Zensurgebühr zu
-entrichten.</p>
-
-<h3>Die werdende Journalistik.</h3>
-
-<p>Waren denn die Berliner Zeitungen so stark mit »aufrührerischen
-Artikeln« gefüllt, daß die Mahnung des Ministeriums
-begründet war?</p>
-
-<p>Etwas Farbe hatten die Blätter unterdes tatsächlich angenommen.
-Die Weltgeschichte mußte sich ja doch in ihnen
-widerspiegeln, und wenn der Horizont in Flammen stand,
-mußte schließlich ein roter Widerschein auch auf Preußen fallen.
-Wie konnte <em class="gesperrt">der</em> dabei gleichgültiger, trockener Chronist bleiben,
-der am ersten dazu veranlagt ist, den elektrischen Strom neuen
-Lebens zu empfinden, der werdende Journalist? Der eine wollte
-löschen helfen, der andere auch schüren, und wenn die deutsche
-Presse auch noch nichts von Leitartikeln wußte, in denen sich
-eine öffentliche Meinung kundgab oder auch nur die private
-des Redakteurs, die sich für die öffentliche hielt, so konnte es
-doch nicht fehlen, daß die Art der Berichterstattung besonders
-über die Pariser Ereignisse allmählich einen eigenen Ton annahm,
-der in der Tat die Musik machte. Über die Berichterstattung
-im alten Nachrichtenstil ging man noch nicht hinaus,
-aber der Zensor Renfner hatte schon seine liebe Not mit allerhand
-versteckten Anmerkungen, »Anspielungen« und »Seitenblicken«,
-die sich der Zeitungsschreiber von ehedem nie herausgenommen.
-So entfesselte der Geist der Revolution eigentlich
-erst den selbständigen Journalismus, den der deutsche Zeitungsleser
-bis dahin noch nicht gekannt hatte, und unter der
-Regierung Friedrich Wilhelms II. gewannen die Zeitungen trotz
-aller dämpfenden Bestimmungen eine Bedeutung, die sie unter
-Friedrich dem Großen, auch bei geringerer Unfreiheit, nie hätten
-erringen können, es sei denn, daß der König, in Voraussicht<span class="pagenum"><a id="Seite_105"></a>[105]</span>
-der Zukunft, sie als die Pioniere einer großzügigen nationalen
-Politik hätte brauchen wollen, was seinem unnahbaren und
-selbstsichern Souveränitätsgefühl aber ganz fernlag.</p>
-
-<p>Von den Berliner Zeitungen nahm die »Spenersche« am
-stärksten jenen Ton an, und schon am 24. Februar 1793 mußte
-sie sich darüber von dem nun aufmerksamer und strenger werdenden
-Ministerium energisch den Text lesen lassen. Der Ton der
-Pariser Artikel, hieß es, lasse sich besonders seit der »schrecklichen
-Verurtheilungs-Epoche des Königs von Frankreich« mit den
-»Gesinnungen eines treuen Preußischen Untertans schwer vereinbaren«
-und steche auffallend ab von dem »wärmeren, biederen Ton,
-durch den sich die Vossische Zeitung bei den jetzigen Umständen
-auszeichne«. Zensurstriche allein könnten daran nichts ändern,
-die Redaktion habe daher streng darauf zu sehen, daß »von nun an
-die <em class="gesperrt">ganze Stimmung</em> jener Artikel umgeändert werde«. Sonst
-werde man das Privilegium »sichereren Händen« anvertrauen.</p>
-
-<h3>Die erste ministerielle Zeitung in Preußen.</h3>
-
-<p>Mit der Zensur allein sei es nicht getan, hatte das Ministerium
-im Februar 1793 der »Spenerschen Zeitung« erklärt,
-die »ganze Stimmung« des Blattes müsse eine andere werden.
-Da sich aber diese Stimmung bei andern nicht erzwingen ließ,
-kam man 1794 auf den Einfall, sie selbst zu erzeugen. Der
-Geh. Legationsrat le Coq hatte den Vorschlag gemacht, eine
-ministerielle Zeitung herauszugeben, und in ihrer Herzensangst
-gingen die Minister sogleich darauf ein; früher hatten sie solche
-Pläne immer zurückgewiesen.</p>
-
-<p>Ein Verleger war zur Stelle; der Hofbuchdrucker Decker
-besaß schon lange ein Privileg zu einer französischen Zeitung,
-ohne es bisher ausgenutzt zu haben. Das war doppelt willkommen,
-denn so konnte man den guten Geist Preußens auch
-in das französisch sprechende Ausland hinüberleiten, und alle
-Diplomaten mußten sich ja um solch eine in ihrer Umgangssprache
-geschriebene preußische Kabinettszeitung reißen.</p>
-
-<p>Vom Januar 1794 an erschien also in Berlin die »<em class="antiqua">Gazette
-françoise de Berlin. Avec approbation et privilège du
-Roi</em>«, und zwar fünfmal in der Woche. Bisher hatte man
-noch jedem Berliner Verleger abgeschlagen, mit seinem Blatte<span class="pagenum"><a id="Seite_106"></a>[106]</span>
-mehr als dreimal wöchentlich herauszukommen, und zwar lediglich
-aus Bequemlichkeit, weil die Zensur dem Ministerium zu
-einer fast »unerträglichen« Last geworden war, worauf »billig
-Rücksicht genommen werden sollte«. Jetzt sah die erstaunte
-Reichshauptstadt auf einmal fast jeden Tag eine neue Nummer
-der preußischen Amtszeitung erscheinen.</p>
-
-<p>Die Verleger der »Vossischen« und »Spenerschen« wurden
-über diesen Vorzug natürlich unwirsch und beschwerten sich.
-Erst sagte man ihnen: Ihr könnt ja auch fünfmal in der
-Woche herauskommen! Aber dieses ungeheure Anwachsen der
-Zensurarbeit schreckte doch zuletzt ab, und man kam dann friedlich
-überein, vom 1. April ab auch das ministerielle Blatt &ndash;
-auf drei Nummern die Woche zu beschränken.</p>
-
-<p>Die Konkurrenz sorgte weiter dafür, daß die sonstigen sehr
-unbequemen Vorzüge des Hofblattes paralysiert wurden. Dieses
-brachte eine Fülle offizieller Mitteilungen aus allen Departements
-des Ministeriums, Kriegsnachrichten von der preußischen
-Armee, die damals mit den Österreichern gegen das revolutionäre
-Frankreich im Felde stand, Meldungen von Ernennungen und
-Auszeichnungen, die einen wesentlichen Teil des Stadtgesprächs
-beherrschten &ndash; alles Dinge, mit denen die andern Zeitungen
-traurig hinterherhinken mußten. Also beschwerte man sich auch
-darüber, und richtig wurde jetzt durch die ziellose Gutmütigkeit
-des Ministeriums, das keinem königlichen Privileg zunahe treten
-wollte, dieses ganze amtliche Material vom Juli 1794 an
-<em class="gesperrt">allen</em> Berliner Zeitungen zugestellt.</p>
-
-<p>Damit war natürlich dem ministeriellen Blatte jeder Anreiz
-genommen, es siechte kümmerlich dahin und mußte schon
-Ende 1797 sein Erscheinen einstellen.</p>
-
-<h3>Ein verblüffender Erfolg.</h3>
-
-<p>Das vorschnelle klägliche Ende der amtlichen »<em class="antiqua">Gazette
-françoise de Berlin</em>« hatte noch einen besondern Grund,
-der drastisch zeigt, welch unglückliche Hand das preußische Ministerium
-schon damals in der Behandlung der Presse bewies.</p>
-
-<p>Es hatte sich so ehrliche Mühe gegeben, der Forderung des
-Königs Genüge zu tun und allen aufrührerischen Geist aus
-den Berliner Zeitungen zu entfernen. Was hatte es zu diesem<span class="pagenum"><a id="Seite_107"></a>[107]</span>
-Zweck in den letzten Jahren nicht alles verfügt: Nicht weniger
-als 26 Freiexemplare mußten die Berliner Verleger von ihren
-Blättern liefern, und man hatte es wirklich durchgesetzt, daß
-auch alle Provinzzeitungen regelmäßig zur Kontrolle eingereicht
-wurden. Die Minister lasen sich an all dem schlechten Druck
-auf Löschpapier fast die Augen blind, es regnete Verwarnungen
-und Drohungen, und besonders der alte Graf Finckenstein, der
-noch ganz in friderizianisch-absolutistischer Weltanschauung lebte,
-überbot sich in strengen Maßregeln. Selbst die Inserate unterlagen
-seit 1788 noch einer besonderen Zensur der Polizei.
-Durch die Gründung der »Gazette« war ein regelrechtes Preßbureau
-entstanden, das die Berliner Blätter mit wichtigen politischen
-Mitteilungen versorgte. So lieferte es alle Nachrichten
-über den Aufstand in Polen nach dessen zweiter Teilung, dafür
-durfte aber nichts Selbständiges aus andern Quellen über
-die polnischen Angelegenheiten gedruckt werden. In den Pariser
-Artikeln wurden unermüdlich alle »Neben-Reflexionen und Raisonnements«
-gestrichen, und die Zeitungen mußten sich durchaus
-auf die »Darstellung bloßer That-Sachen« beschränken. Die
-»General- und Spezialpardons«, die das Ausland preußischen
-Deserteuren zusicherte, durften nicht mitgeteilt werden, ebensowenig
-die Beschreibung republikanischer Feste, bei denen »im
-Namen der Weltgeschichte die Verdienste der französischen Nation
-um die Menschheit« gefeiert wurden. Alle Notizen über Aufstände,
-besonders über militärische Revolten wie die Meuterei
-der englischen Matrosen 1797 waren strengstens verboten, ebenso
-die über die Ankunft und Abreise der Kuriere, weil dies »für
-den Königl. Dienst« nachteilig sei, und selbst fremde Gesandten
-durften nichts mehr in die Zeitungen einrücken lassen ohne besondere
-Genehmigung des Ministeriums.</p>
-
-<p>Und das Resultat all dieser krampfhaften Bemühungen?
-Dem Könige mochten seine willigen Beamten zu Dank arbeiten,
-<em class="gesperrt">einem</em> aber genügten sie damit noch lange nicht: dem Kaiser
-von Rußland! Im Oktober 1797 schmetterte die Minister die
-plötzliche Nachricht nieder, daß ihre Sorgenkinder, die so streng
-behüteten Berliner Tageszeitungen und die »Berlinische Monatsschrift«,
-samt und sonders in Rußland verboten seien! Und
-die preußische Amtszeitung, das Fähnlein der preußischen Aufrechten,<span class="pagenum"><a id="Seite_108"></a>[108]</span>
-stand in der Reihe der Kolleginnen mit am russischen
-Pranger! Die »<em class="antiqua">Gazette françoise</em>« scheint aber jenseits des
-Niemen die meisten Leser gehabt zu haben und war dadurch
-»beinahe gänzlich ruiniert«.</p>
-
-<p>Den Anlaß des Verbotes konnte niemand ergründen, am
-wenigsten &ndash; wie üblich &ndash; der preußische Gesandte in Petersburg.
-Von jeher war ja Rußland über jede deutsche Preßnotiz
-»ungemein sensibel« gewesen, und das revolutionäre Schauspiel
-in Frankreich hatte seine Empfindsamkeit zur Hysterie gesteigert.
-Vergebens suchten die Minister nach einem plausibeln
-Grund des Verbotes. Sie dachten nicht mehr an ihr eigenes
-Wort, daß ja die Zensur allein, die Ausmerzung jeder kleinen
-Anzüglichkeit, das Verbot alles Anstößigen und dergleichen Flickarbeit,
-nicht Rot in Weiß verwandeln konnte, daß die ursprüngliche
-Färbung trotz allem noch durchschimmerte. Die ganze
-»Stimmung« der Berliner Presse war es eben, die dem Kaiser
-der Russen zuwider geworden war.</p>
-
-<h3>Lichte Augenblicke.</h3>
-
-<p>Ab und zu in dieser Zeit der Bedrängnis dämmerte den
-betrübten Lohgerbern an der Spree so etwas wie die Erkenntnis,
-daß sie dem Kinde glichen, das in der hohlen Hand das Meer
-ausschöpfen zu können wähnt. Dem blinden Eifer des alten
-Ministers von Finckenstein trat sein eigener Amtskollege Graf
-Haugwitz entgegen, und am 12. Juli 1797 erklärte ihm das
-Generaldirektorium geradezu: Ȇberhaupt glauben wir nicht,
-daß in einer solchen weit getriebenen Einschränkung der Preßfreiheit
-das wahre Mittel liege, um revolutionäre Bewegungen
-und gefährliche Nachfolge der darunter gegebenen üblen Beispiele
-benachbarter Nationen zu hintertreiben.«</p>
-
-<p>Und als ein Jahr später der Graf von der Schulenburg
-von dem neuen Herrn mit der Leitung der geheimen Polizei
-betraut wurde und davon fabelte, den revolutionären Skribenten
-durch Bestechung einen goldenen Maulkorb umhängen zu wollen,
-bekannte sich das preußische Ministerium in völliger Zerknirschung
-zu dem reumütigen Glauben, daß all sein Bemühen
-nur dann Erfolg verspreche, »wenn Männer von anerkannten
-Talenten, von bewährter Moral, <em class="gesperrt">aus eigner inniger Ueberzeugung</em>,<span class="pagenum"><a id="Seite_109"></a>[109]</span>
-als Schriftsteller wider Revolutionen und wider revolutionaire
-Greuel aufträten«.</p>
-
-<p>Man vergaß nur eine Kleinigkeit, diese guten Elemente,
-die gewiß vorhanden waren, freizumachen und durch soziale
-Reformen von Staats wegen die »gute Stimmung« zu erzeugen,
-die man gern der Presse als Schminke aufgelegt hätte.
-So wirkt diese weise Erkenntnis wie eine Leuchtrakete am
-dunkeln Nachthimmel und ist es bis heute geblieben.</p>
-
-<h3>Die Jagd auf die Bulletinschreiber.</h3>
-
-<p>Wie machtlos die regierende Gewalt der Presse gegenüber
-war, zeigte nichts deutlicher als das Scheitern aller Bemühungen,
-die geschriebenen Zeitungen zu vertilgen, mit denen sich kleine
-Beamte eine Nebeneinnahme zu verschaffen wußten.</p>
-
-<p>1792 war die Bulletinschreiberei aufs strengste untersagt
-worden. Aber man hatte, um unnötiges Aufsehen zu vermeiden,
-diesen Befehl nicht veröffentlicht, sondern nur durch ein
-Rundschreiben allen amtlichen Stellen mitgeteilt, wo die Verfasser
-dieser »Bülletins« an irgendeinem staubigen Aktentisch
-zu sitzen pflegten, alles sammelten, was ihnen an offiziellen
-Brocken erreichbar war, und dieses Gemisch von Vertraulichem
-und längst Bekanntem zu Korrespondenzen besonders für Hamburger
-Blätter verarbeiteten.</p>
-
-<p>Mit jenem Verbot glaubte man das Handwerk mit Stumpf
-und Stiel ausgerottet zu haben. Aber 1794 blühte es wie nie
-zuvor, denn die strengere Zensur des gedruckten Wortes machte
-ja das geschriebene um so wertvoller! Das ganz Automatische
-dieser Erscheinung wollten aber die Minister nicht einsehen, und
-statt auf der einen Seite die Zügel lockerer zu lassen, verdoppelten
-sie nun ihren Eifer auch auf der andern. Eine vollständige
-Detektivkomödie wurde in Szene gesetzt, um diese kleinen
-Zeilenschreiber dingfest zu machen. Es gab zwar schon so
-etwas wie ein Postgeheimnis, das störte aber den Postmeister
-Seegebarth nicht, unverdrossen alle ihm verdächtig erscheinenden
-Briefe, vor allem die nach Hamburg gerichteten, zu erbrechen,
-aufmerksam zu lesen und, wenn ein Indizium vorlag, freudestrahlend
-dem Ministerium zu unterbreiten. Als man schließlich
-einen der Verbrecher erwischte &ndash; er hieß Woltersdorf und<span class="pagenum"><a id="Seite_110"></a>[110]</span>
-war schon 1791 mit drei Tagen Gefängnis bestraft worden,
-weil er zu melden sich erdreistet hatte, die Französische Nationalversammlung
-wolle dem König Ludwig und seiner Gemahlin
-den Prozeß machen&nbsp;&ndash;, entpuppte er sich als Hofagent des
-Herzogs von Mecklenburg, und die Geheimräte in Neustrelitz
-nahmen ihn so energisch in Schutz, daß man zufrieden war,
-als er versprach, sein Korrespondenzeln zu lassen. Auch hatte
-er mit verblüffender Dreistigkeit gefordert, wenn man ihm verwehre,
-sein Brot auf diese »redliche und anständige Weise« zu
-erwerben, so möge man ihm gefälligst eine Anstellung mit auskömmlichem
-Gehalt geben, da er als kläglichst besoldeter »Prokurator«
-seine Familie nicht ernähren könne.</p>
-
-<p>Aber die Hetzjagd ging weiter. Die 100 Taler, die der
-»Hamburgische Korrespondent« für diese Berliner Berichte ausgeworfen
-hatte, wollte sich nun ein armes zweiundzwanzigjähriges
-Magisterlein der Philosophie namens Stein verdienen.
-Bald hatte das Falkenauge des Postmeisters durch Handschriftenvergleichung
-auch dies herausgebracht. Aber Stein fand wieder
-Nachfolger, und wenn man sie beim Kragen nahm, versicherte
-jeder hoch und teuer, von dem Verbot keine Ahnung gehabt zu
-haben; und das Gegenteil konnten ihm die Minister nie beweisen!
-So kamen die Übeltäter mit einem Verweis davon &ndash;
-und alles blieb hübsch wie zuvor.</p>
-
-<h3>Die Bildung des kleinen Mannes.</h3>
-
-<p>Was die Literatur von Leopolds Sohn und Nachfolger,
-Kaiser Franz II., dem letzten deutschen Kaiser (bis 1806), zu
-erwarten hatte, brachte gleich zu Anfang der neuen Regierung
-ein Gutachten des Polizeiministers Grafen von Pergen klassisch
-zum Ausdruck. 1793 hatte der angesehene Schriftsteller Joh.
-Bapt. von Alxinger die »Österreichische Monatsschrift« begründet,
-die im Sinne der Josephinischen Aufklärung arbeitete
-und mit großer Kühnheit gegen die bald einreißende Jakobinerriecherei
-und deren Werkzeuge, Spione und Denunzianten, kämpfte.</p>
-
-<p>Bald sah sich der Polizeiminister veranlaßt, auf die häufige
-Darstellung von »Revolutionsgeschichten« in dieser Zeitschrift
-aufmerksam zu machen, »wodurch das Publicum mit der Idee
-von Staatsumwälzungen familiarisiret und demselben einleuchtend<span class="pagenum"><a id="Seite_111"></a>[111]</span>
-gemacht werden soll, daß Revoluzionen von jeher entstanden
-sind und daß sie nicht das Werk von Aufklärern und geheimen
-Orden waren, sondern von Menschen aller Klassen, und selbst von
-der Geistlichkeit vorbereitet und zu Stande gebracht worden sind«.</p>
-
-<p>Bei dieser Gelegenheit entwickelte Graf Pergen über den
-Wert der so viel gerühmten »Aufklärung« eine Ansicht, die
-zugleich als ein Programm der eben begonnenen Regierung des
-Kaisers Franz bezeichnet werden darf.</p>
-
-<p>»Die Erfahrung hat gelehrt,« so heißt es in diesem Aktenstück,
-»daß Brochurenaufklärung bisher sicher mehr geschadet,
-als genützt habe, weil durch solche einer Klasse von Menschen,
-die von allen Kenntnißen entblößt ist, die vorausgehen müssen,
-um die Dinge im Zusammenhange zu sehen, eine Menge unverdaute
-Begriffe über Religion, Menschenrechte und Menschenglück
-beygebracht worden sind, die nun in den Köpfen derselben
-eine gräßliche Verwirrung anrichten … <em class="gesperrt">Die Bildung der
-untern Klassen muß verhältnismäßig mit ihrem Stande
-und ihrer Bestimmung seyn.</em> Wenn der gemeine Mann einen
-einfachen, auf das Herz wirkenden Religionsunterricht erhält, wenn
-ihm von den wissenschaftlichen Kenntnissen nur dasjenige beygebracht
-wird, was ihm in seinem Geschäftsbetriebe zur Beförderung
-seines bürgerlichen Glücks brauchbar und nützlich ist, so ist er für
-seine Sphäre aufgeklärt, und diese Aufklärung ist heilsam für ihn,
-vortheilhaft für den Staat; wird hingegen der gemeine Mann mit
-Dingen beschäftiget, welche in das Spekulative der Religion und
-Philosophie einschlagen, so verwirren sich seine Begriffe, er giebt
-sich mit unnützen Grübeleyen ab, wünscht sich in eine höhere Klasse
-aufzuschwingen, wird für sich selbst unglücklich und für den Staat
-gefährlich. <em class="gesperrt">Höhere Kenntnisse sollen also nur für jene
-seyn, welche vermöge ihres Standes bestimmt sind,
-andere zu leiten</em>, und diese können und sollen ohne Beschränkung
-aufgeklärt werden, und je mehr sie aufgeklärt werden,
-desto vollkommenere brauchbarere Menschen werden sie seyn und
-desto besser wird sich die Staatsverwaltung hiebey befinden.«&nbsp;…</p>
-
-<p>Schon im Juni 1794 mußte die »Österreichische Monatsschrift«
-eingehen. Ihre Redakteure Alxinger und Schreyvogel
-sahen keine andere Möglichkeit, wenn sie sich nicht als »Jakobiner«
-den schwersten Verfolgungen aussetzen wollten.</p>
-
-<p><span class="pagenum"><a id="Seite_112"></a>[112]</span></p>
-
-<h3>Das österreichische Zensurgesetz von 1795.</h3>
-
-<p>Februar 1795 erschien in Österreich ein neues Zensurgesetz,
-das in allem genau das Gegenteil dessen bestimmte, was Josephs
-Preßreform an kulturellen Fortschritten ausgezeichnet hatte.</p>
-
-<p>Nicht das mindeste durfte mehr ohne vorschriftsmäßige
-Zensur gedruckt werden, weder Buch noch Zeitung, weder Lied
-noch Gebet, Einblattdruck oder Kupferstich, weder Erstdruck noch
-neue Auflage eines bisher erlaubten Buches. Wer sich dagegen
-verging, wurde sofort mit Verlust des Gewerbes gemaßregelt,
-außerdem mußte er für jedes verbreitete Exemplar einer unzensierten
-Druckschrift 50 Gulden Strafe zahlen. War er dazu
-nicht imstande, so durfte er jeden Gulden &ndash; mit einem Tage
-Gefängnis absitzen! Ein Buchdrucker oder Verleger brauchte also
-nur durch ein Versehen einige hundert Exemplare eines unzensierten
-Liedes zu verbreiten, und er hatte, wenn er ein armer
-Teufel war, lebenslängliche Haft verwirkt! Handelte es sich gar
-um 1000 Exemplare oder mehr, so ergab diese lichtvolle Rechnung
-etliche hundert Jahre Gefängnis!</p>
-
-<p>Da Lieder, Gebete, Kriegsnachrichten, überhaupt die ganze
-Einblattliteratur häufig durch Hausierer so schnell vertrieben
-wurden, daß der Arm des Gesetzes sie nicht mehr erreichte,
-blieb der gesamte Hausierhandel mit Drucksachen verboten, und
-auf Übertretung dieser Bestimmung wurde Zuchthausstrafe gesetzt.</p>
-
-<p>Jede Ausrede oder Entschuldigung für irgendeine Verfehlung
-gegen das Zensurgesetz wurde von vornherein als ungültig
-abgewiesen; mildernde Umstände gab es in keinem Fall!
-Auch galt bei Umgehung der Zensur keinerlei Unterschied zwischen
-einem Andachtsbuch und etwa einer unsittlichen Schrift; für den
-Inhalt der nicht zensierten Drucksache hatten sich Verfasser, Verleger,
-Drucker oder Verbreiter »nach dem Grade der Anstößigkeit«
-noch besonders zu verantworten. Ebensowenig wie in
-Österreich selbst durfte ein k. k. Untertan irgend etwas ohne
-Zustimmung der einheimischen Zensur im Ausland drucken lassen.</p>
-
-<p>Die freie Wahl eines Vorzensors durch den Schriftsteller,
-wie sie Kaiser Joseph eingeführt hatte, wurde durch dieses Gesetz
-von 1795 ausdrücklich abgeschafft. Ein Zensor durfte überhaupt
-kein Manuskript mehr selbst empfangen oder gar genehmigen;
-dies geschah ausschließlich durch ein neugebildetes<span class="pagenum"><a id="Seite_113"></a>[113]</span>
-Revisionsamt, das mit anonymen Zensoren arbeitete. Jeder
-Versuch, den Zensor irgendeines Buches festzustellen, sich ihm
-zu nähern, um Beschleunigung zu bitten oder gar zu beeinflussen,
-war verboten. Jeder sollte, so hieß es, die Entscheidung »ruhig
-abwarten, sich ihr ohne Widerrede fügen« und sich besonders
-hüten vor aller »Verunglimpfung der Zensoren oder des Revisionsamtes,
-welche allerdings nach dem Grade des Frevels
-geahndet werden würde«. Das Revisionsamt war also unfehlbar;
-von irgendeinem Berufungsrecht war von jetzt an
-nicht mehr die Rede!</p>
-
-<p>Und diese beispiellose Knebelung der Geistesfreiheit, die
-nicht dem finstersten Mittelalter, sondern dem goldenen Zeitalter
-der deutschen Klassiker angehört, nannte sich noch obendrein
-»eine Zusammenfassung der in verschiedenen Zeiten, unter
-verschiedenen Regierungen ergangenen Verordnungen«, also auch
-der Josephinischen!</p>
-
-<h3>Hägelins Denkschrift über die Zensur.</h3>
-
-<p>Eine bürokratische Ausgeburt der Furcht vor der Revolution,
-die zu jener Zeit die Regierungen ergriff, ist auch Hägelins
-mehrfach erwähnte Denkschrift über die Zensur, und ihr Entstehungsjahr
-1795 macht es begreiflich, daß neben der Religion
-und Moral die Politik darin die Hauptrolle spielt.</p>
-
-<p>Alles, was gegen die monarchische Regierungsform oder
-die ständische Verfassung Österreichs Stimmung machte, war
-nicht nur im Leben, sondern auch auf der Bühne streng verboten.
-Das schließe, meint Hägelin, große Helden, Heerführer
-und Politiker des Altertums nicht vom Drama aus, aber
-Stoffe wie der Tod Cäsars, Brutus, die Vertreibung des Tarquinius
-usw. seien natürlich unmöglich. Im besonderen seien
-alle Begebenheiten der vaterländischen Geschichte, deren »Ausschlag
-diesen Regenten nachtheilig sei«, nicht zu dulden. Widerstand
-gegen die hohe Obrigkeit auf der Bühne verherrlicht &ndash;
-das fehlte gerade! Tyrannei, Despotismus waren überhaupt
-keine Ausdrücke auf einem Theater, auf dem man nicht einmal
-über die verschiedenen Regierungsformen debattieren oder gar
-einer andern als der monarchischen Vorzüge einräumen durfte.
-Ausfälle gegen Regenten, bestehende Gesetze oder ganze Stände,<span class="pagenum"><a id="Seite_114"></a>[114]</span>
-»besonders die höheren«, waren ebenso unstatthaft; ließ sich
-das, was man gegen sie auf dem Herzen hatte, im Zusammenhang
-des ganzen Stücks schlechterdings nicht ganz unterdrücken,
-so mußte es wenigstens durch ein eingeschobenes »Manchmal«
-gemildert werden.</p>
-
-<p>Völlig unantastbar war der Adel auf der Bühne Österreichs.
-Zwar durften einige adelige Personen im Stücke mitspielen,
-aber sie durften nichts verüben, was ihren Stand bloßstellte.
-Die Wörter Adel, Kavalier usw. sollten überhaupt
-möglichst vermieden werden. Zwischen dem adeligen Gutsherrn
-und seinen Tagelöhnern gab es keine Gegensätze; von Unterdrückung
-der Untertanen, Übermut der Junker, Schädigung des
-bäuerlichen Grundbesitzes durch das uneingeschränkte Jagdrecht,
-von Bauernschinderei seitens der Gutsherren »oder sogar der Beamten«
-wußte man in diesem paradiesischen Theaterstaat nichts.
-Ebensowenig von Menschenrechten und Menschenwürde, diesen
-Erfindungen der Revolution und der »Modephilosophie«, die
-nur darauf ausgehe, mit der Religion »die jetzigen Verfassungen
-entbehrlich zu machen«. Berüchtigte Wörter wie Freiheit und
-Gleichheit wurden unbarmherzig gestrichen, selbst wenn die
-Schriftsteller gegen diese modernen Begriffe polemisierten, denn
-das sei, erklärt Hägelin, ein beliebtes Mittel, um »die Ohren
-des Publikums mit denselben zu familiarisieren«. Daß von
-den revolutionären Tagesereignissen nicht einmal andeutungsweise
-die Rede sein durfte, versteht sich von selbst.</p>
-
-<p>Außer dem Adel und der Geistlichkeit beanspruchte der staatserhaltende
-Militärstand auf der Bühne besondere Schonung
-wegen des »<em class="antiqua">point d'honneur</em>«. Die Uniformen mußten »ideal«
-sein, niemals »kennbaren inländischen Regimentern« angehören,
-und »höhere Oberoffiziere«, überhaupt »Männer gesetzten
-Alters«, durften nie »Helden verliebter Streiche und anderer
-Ausgelassenheiten« sein. Mit den jüngeren Leutnants nahm
-man es offenbar nicht so genau. Die nach dem Alter und
-seiner Leistungsfähigkeit abgestufte Moral ist eine besonders köstliche
-Blüte dieser Zensurbürokratie. Vor allem aber durfte
-nichts vorkommen, was »den gemeinen Mann vom Militärdienst
-abschrecken könnte oder es müßte nach Umständen zureichend
-widerlegt werden«!</p>
-
-<p><span class="pagenum"><a id="Seite_115"></a>[115]</span></p>
-
-<p>Der Verfasser dieser Denkschrift, Hägelin, besaß eine fast
-abergläubische Furcht vor der Wirkung einer Anstalt, der er doch
-selbst fast seine ganze Lebensarbeit gewidmet hat, und er gab ihr
-oft unfreiwillig komischen Ausdruck. »Das Theater«, sagt er einmal,
-»ist das wahre <em class="antiqua">vehiculum</em>, wodurch die Modephilosophie
-ihre Grundsätze in Umlauf zu bringen sucht, denn ihre Absicht ist
-Verminderung der Kirchen und Vermehrung der Theater, wenn auch
-das Kammergut dieser oder jener Stadt dadurch leiden müßte«!</p>
-
-<h3>»Es lebe die &ndash; Fröhlichkeit!«</h3>
-
-<p>In der Oper »Don Juan« waren seit der Französischen
-Revolution die Verse:</p>
-
-<div class="poetry-container">
-<div class="poetry">
- <div class="stanza">
- <div class="verse indent0">Es lebe die Freiheit,</div>
- <div class="verse indent0">Die Freiheit soll leben!</div>
- </div>
-</div>
-</div>
-
-<p class="noind">auf allen österreichischen Bühnen von der Zensur verpönt; nur
-die genehmigte Variante durfte gesungen werden:</p>
-
-<div class="poetry-container">
-<div class="poetry">
- <div class="stanza">
- <div class="verse indent0">Es lebe die Fröhlichkeit,</div>
- <div class="verse indent0">Die Fröhlichkeit soll leben!</div>
- </div>
-</div>
-</div>
-
-<p>Auf dem Hoftheater in Darmstadt ließ man später statt
-der »Freiheit« die »Zufriedenheit« leben.</p>
-
-<h3>Die Polizei als Zensurbehörde.</h3>
-
-<p>Der Greifraum des österreichischen Zensurgesetzes von 1795
-schien aber nicht zu genügen; er wurde in den nächsten Jahren
-noch stattlich erweitert. 1798 verbot man glattweg alle Lesekabinette,
-die Kaiser Joseph gegründet hatte, dann die Leihbibliotheken
-und das Auflegen literarischer Journale und anderer
-Flugschriften in den Kaffeehäusern. Von der einheimischen Zensur
-verworfene Manuskripte durften andern nicht mitgeteilt, ja »mit
-Gefahr weiterer Ausbreitung« nicht einmal aufbewahrt werden!
-Und schließlich schritt man dazu, die Ausübung der Bücherzensur,
-die bis 1791 die Bücher-Zensurhofkommission, dann die
-Hofkanzlei und das Revisionsamt besorgt hatten, nebst der
-Theaterzensur der Polizei zu übertragen.</p>
-
-<p>Schon 1793 hatte der Polizeiminister Graf Pergen diesen
-Vorschlag gemacht, weil die Polizei am leichtesten in der Lage
-sei »zu beurteilen, ob in gewissen Augenblicken eine Schrift
-schädlich oder unschädlich sei«; im September 1801 erst wurde<span class="pagenum"><a id="Seite_116"></a>[116]</span>
-er von Kaiser Franz genehmigt und damit die Literatur einer
-Behörde überantwortet, die auf diesem neuen Wirkungsfeld eine
-traurige Berühmtheit erlangen sollte.</p>
-
-<p>Es dürfte angebracht sein, sich die Regierungsjahre dieser
-bürokratischen Despoten, die von da an fast ein halbes Jahrhundert
-das Schicksal der Literatur in Österreich souverän bestimmten,
-zu merken. Der Polizeiminister Graf Pergen selbst
-regierte bis 1804; sein Vizepräsident und Nachfolger Freiherr
-von Sumerau bis 20. Juli 1808. Von da an bis 5. März
-1813 war Freiherr von Haager Vizepräsident und bis 1. August
-1816 Präsident der »Polizei- und Zensurhofstelle«.</p>
-
-<p>Ihm folgte am 15. Mai 1817 der seit zwei Jahren
-amtierende Vizepräsident Graf Sedlnitzky, der bis zum März 1848
-ein literarisches Schreckensregiment führte, das mit dem zugleich
-einsetzenden »System« des Ministers Metternich der Geschichte
-jener Zeit seinen unauslöschlichen Stempel aufgedrückt hat.
-Sein Name wurde bald »geflügelt«, er bedeutete wie der Metternichs
-einen Begriff, und der ganze Haß der geknechteten Literatur
-heftete sich mit Recht an seine Fersen. Doch darf er, wie der
-Wiener Literarhistoriker Karl Glossy hervorgehoben hat, nicht
-als der eigentliche Begründer des Geistesdruckes in Österreich in
-Anspruch genommen werden; dieser Ruhm gebührt dem Grafen von
-Pergen. Sedlnitzky aber wurde der Nero dieser Polizeicäsaren.</p>
-
-<p>Die Polizei begann ihre Wirksamkeit damit, daß sie, ganz
-nach Josephinischem Muster, eine Rezensurierungskommission
-einsetzte, aber nicht etwa um verbotene Bücher dem Verkehr
-zurückzugeben, sondern um bisher erlaubte zu verbieten, und sie
-arbeitete mit solchem Erfolg, daß sie innerhalb zweier Jahre
-nicht weniger als 2500 unter Joseph II. unbeanstandete Druckwerke
-auf den jetzt ins Ungeheuerliche anschwellenden Index
-setzte. In den folgenden Jahrzehnten wuchs die Zahl der verbotenen
-Bücher derart, daß die Polizei selbst den Plan einer
-übersichtlichen Katalogisierung der anstößigen Literatur als übermenschliche
-Riesenarbeit aufgeben mußte.</p>
-
-<h3>Das Kunstideal des Kaisers Franz.</h3>
-
-<p>Seit Errichtung der Polizeidiktatur schnitt die Zensur dem
-Schrifttum immer tiefer ins Fleisch. Schon Hägelins Denkschrift<span class="pagenum"><a id="Seite_117"></a>[117]</span>
-über die Theaterzensur hatte besonders beliebte Stoffe
-der damaligen Literatur, wie Femgerichte, Ausübung des Faustrechts
-usw., als bedenklich bezeichnet. Am 22. August 1799
-befahl Kaiser Franz, alle »Nachrichten von geheimen Verbrüderungen,
-Ritterromane, Geister- und Betrügergeschichten«
-ohne weiteres zu verbieten, um »die Köpfe nicht mit Ideen aus
-der Romanwelt anzufüllen, die Einbildungskraft nicht zu überspannen
-und dem Geiste keine falsche Richtung zu geben«.</p>
-
-<p>Auf Veranlassung des Polizeiministers wurden zwei Jahre
-später (22. Dezember 1801) in dieses Verbot auch ausdrücklich
-alle Ritterschauspiele, die damals besonders die Volkstheater füllten,
-als Ausgeburt barbarischer und anarchischer Zeiten einbezogen.</p>
-
-<p>Die tollste Ausgeburt dieser Polizeiherrschaft ist aber das
-Generalverbot gewisser Romane, das Kaiser Franz am 18. März
-1806 erließ. Es richtete sich</p>
-
-<p>1. gegen »alle schwärmerischen Liebesromane, die zu einer
-den gesunden Menschenverstand tötenden Empfindelei führen«;</p>
-
-<p>2. gegen alle »Genieromane, die für Wildfänge einnehmen,
-deren Kraftgenie die bürgerlichen Verhältnisse durchbricht«;</p>
-
-<p>3. gegen alle »Gespenster-, Räuber- und Ritterromane, die
-Roheit und Unglauben erzeugen«; und</p>
-
-<p>4. gegen »die ganze Gattung, welcher man im verächtlichen
-Sinne den Namen Roman beilegt«, eine Kautschukbestimmung,
-die der albernsten Willkür freieste Hand ließ.</p>
-
-<p>Ausgenommen von diesem Verbot wurden alle »Schriften,
-die im Gewande des Romans ganze Wissenschaften abhandeln,
-moralische Vorlesungen anbringen, Länder-, Völker-, Natur- und
-Kunstkenntnisse verbreiten, eine tiefe Kenntnis der menschlichen
-Natur verraten, das sittliche Leben mit Rührung und Bekehrung
-des Lesers in einem lebhaften Vortrag darstellen oder mit Witz
-und Laune die Torheiten und Laster der Menschen züchtigen«.</p>
-
-<p>Das also war das künstlerische Ideal des Kaisers Franz,
-wenn dabei von Kunst überhaupt noch die Rede sein kann. Es
-war nur ein wenig &ndash; um ein Jahrhundert etwa &ndash; veraltet
-und auch insofern originell, als es die Schonung des »gesunden
-Menschenverstandes« anbefahl, der doch sonst, als ein Götze der
-bösen Aufklärung, in Österreich längst auf der kulturellen Verlustliste
-stand.</p>
-<hr class="chap" />
-
-<div class="chapter">
-<p><span class="pagenum"><a id="Seite_118"></a>[118]</span></p>
-
-<h2 class="nobreak" id="kap06">6. Der Kampf gegen die Klassiker.</h2>
-</div>
-
-<h3>Die Wiener Scharfmacher.</h3>
-
-<p>Schon ein Jahr vor dem österreichischen Zensurgesetz vom
-22. Februar 1795 war die neue scharfe Richtung von der
-Theaterbehörde verkündet worden. Am 24. August 1794 hatte
-die Obersthofdirektion des Burgtheaters an die deutschen Autoren
-einen Aufruf erlassen, der zur Einsendung neuer Stücke ermunterte.
-Vor zwei Dingen aber sollten sich die Schriftsteller hüten:</p>
-
-<p>»1. Wird nie ein Stück angenommen werden, <em class="gesperrt">das den
-guten Sitten zuwider ist</em>, welche durch das Theater befördert,
-nicht umgestürzt werden müssen.</p>
-
-<p>»2. Wird jedes Schauspiel verworfen, das <em class="gesperrt">anstößige
-politische Grundsätze predigt</em>, und <em class="gesperrt">auch nur von
-ferne</em> dahin zielet, die heiligen Bande zu zerreißen, welche
-die Bürger an den Staat binden.«</p>
-
-<p>Ein kaiserliches Hofdekret vom 5. Februar 1795 hatte
-dann nochmals darauf hingewiesen, daß »auf dem Theater,
-dieser Schule der guten Sitten, der Tugend und des Patriotismus,
-alles vermieden werden müsse, was die guten Sitten
-beleidigen oder sonst gefährliche Grundsätze in Rücksicht auf
-gute Ordnung und das Wohl des Staates verbreiten könnte«.</p>
-
-<p>Die unmittelbaren Folgen dieser verschärften Theaterzensur
-bezeichnet der Wiener Schauspieler Anschütz trefflich mit den
-Worten: »Man organisirte ein überängstliches Polizeiwesen
-und als dessen nächsten Ausfluß eine doppelt strenge, völlig
-unerbittliche Censur, welche platte und frivole Schaustellungen
-ungehindert passiren ließ, dagegen aber größere und geistreiche
-Werke in der empörendsten Weise verschnitt, verstümmelte, vom
-ämtlichen Standpunct bearbeitete und am liebsten ganz von der
-Bühne ausschloß, denn gerade die vorzüglichsten Geister der
-Nation, die Classiker, wurden als die verhaßten Vertreter jener
-gefürchteten Ideen verpönt, welche die Schrecken der französischen
-Revolution hervorgerufen haben sollen.«</p>
-
-<p><span class="pagenum"><a id="Seite_119"></a>[119]</span></p>
-
-<h3>Eine Maßregelung Lessings.</h3>
-
-<p>Der Dichter der »Minna von Barnhelm« und der »Emilia
-Galotti« stand zu Kaiser Josephs Zeiten zu Wien in hohem
-Ansehen, und als er sich im Mai 1775 einige Wochen dort
-aufhielt, wurde er, wie Staatsrat Gebler an Nicolai in Berlin
-schrieb, »mit solcher Distinktion« behandelt, wie »noch nie ein
-deutscher Gelehrter, und das von unseren Souverains anzufangen
-bis auf das allgemeine Publikum«.</p>
-
-<p>Durch seine Polemik gegen die orthodoxe Theologie und
-durch seinen »Nathan« hatte er es aber dann mit dem offiziellen
-Wien so arg verschüttet, daß die Direktion des Burgtheaters
-1795 einen Beitrag zum Wolfenbütteler Lessingdenkmal verweigerte,
-weil dieser Dichter »mit seinen Schriften sowohl
-wider Religion als wider die souveräne Staatsverfassung so
-schlechte und irrige Lehren seinen allerorten verbreiteten Schülern
-hinterlassen habe«.</p>
-
-<p>Da jedoch die Direktion schon 1791 den Beitrag versprochen
-hatte, verfügte Kaiser Franz, daß es dabei zu verbleiben
-und das Burgtheater 100 Dukaten zu zahlen habe.</p>
-
-<h3>Der sittlich entrüstete Schauspieler.</h3>
-
-<p>Für kurze Zeit, von Oktober 1797 bis Januar 1799,
-war auch der meerschweinchenhaft fruchtbare Dramatiker August
-von Kotzebue Theatersekretär der Wiener Hofburg und besorgte
-als solcher die dramaturgischen Geschäfte. Da er es bekanntlich
-mit der Moral nicht so genau nahm, hatte er ohne Bedenken
-Goethes Lustspiel »Die Mitschuldigen« aufs Repertoire
-gesetzt. Am 30. Januar 1799 sollte es gegeben werden.</p>
-
-<p>In diesen Wochen aber hatte Kotzebue auf seinen Dramaturgenposten
-verzichtet, war als »Dichter des Hoftheaters« auf
-Lebenszeit pensioniert worden, und ein neuer Schauspielerausschuß
-hatte wieder die Leitung der Burg übernommen. Zu
-diesem gehörte der berühmte Künstler Brockmann. Ihm war
-Goethes übermütiges Jugendlustspiel ein Greuel; es sei »zu
-niedrig, voll Zoten, und man könne es auf keinem Hoftheater
-geben«, erklärte er. Daraufhin ließ der Schauspielerausschuß
-noch am Tage der Aufführung, mittag 12 Uhr, die schon
-aushängenden Zettel entfernen und zog das Stück zurück.</p>
-
-<p><span class="pagenum"><a id="Seite_120"></a>[120]</span></p>
-
-<p>»Die Mitschuldigen« haben auch nie die Bretter der Burg
-betreten. 1815 noch versuchte Schreyvogel, sie einzuschwärzen,
-aber seine der Zensurbehörde eingereichte Bearbeitung kam mit
-einem ausdrücklichen Verbot versehen wieder an ihn zurück.</p>
-
-<h3>Wallenstein im Militärstaat.</h3>
-
-<p>Schiller vollendete seine Wallenstein-Trilogie im Jahre 1799
-und brachte sie im nächsten Winter auf der Weimarer Hofbühne
-zur ersten Darstellung.</p>
-
-<p>Nach Weimar war das von Iffland dirigierte Kgl. Schauspielhaus
-in Berlin das erste Theater, das den »Wallenstein«
-aufnahm. Aber nur die »Piccolomini« und »Wallensteins
-Tod«, nicht das »Lager«, an das sich Iffland nicht herantraute.
-Das Kgl. Theater unterstand damals keiner Zensur, und
-Iffland hütete sich wohl, etwas zu unternehmen, was die Einsetzung
-einer besonderen Zensurbehörde hätte veranlassen können.</p>
-
-<p>Nach Rücksprache mit »mehreren bedeutenden Männern«
-setzte er also dem Dichter auseinander, es sei bedenklich, »in
-einem militärischen Staate ein Stück zu geben, wo über die
-Art und Folgen eines großen stehenden Heeres so treffende Dinge,
-in so hinreißender Sprache gesagt werden. Es kann gefährlich
-seyn oder doch leicht gemißdeutet werden, wenn die Möglichkeit,
-daß eine Armee in Masse deliberirt, ob sie sich da oder
-dorthin schicken lassen soll und will, anschaulich dargestellt wird.«</p>
-
-<p>Er habe deshalb den Ausfall des Vorspiels mit den zu
-hohen Kosten begründet, auf die Gefahr hin, dieses »platten
-Grundes« wegen getadelt zu werden. Zugleich beschwor er
-Schiller hoch und teuer, ja nichts von dem wahren Grund zu
-verraten, da sonst der »schreibselige Pöbel« alle »Broschüren«
-mit der Notiz überschwemmen werde, »Wallensteins Lager« sei
-aus politischen Gründen in Berlin unterdrückt worden.</p>
-
-<p>Schiller antwortete darauf kurz und schlagend: »Das
-Skandal wird genommen und nicht gegeben«; doch versetzte er
-sich in Ifflands heikle Lage, deren Erschwerung seine und die
-gesamte zeitgenössische Dichtung hätte schädigen können, und
-gab sich mit der Aufführung der beiden andern Teile zufrieden.
-Am 18. Februar 1799 gingen »Die Piccolomini«, am 17. Mai
-»Wallensteins Tod« über die Bretter des Kgl. Schauspielhauses.</p>
-
-<p><span class="pagenum"><a id="Seite_121"></a>[121]</span></p>
-
-<p>Erst vier Jahre später waren die Bedenken gegen »Wallensteins
-Lager« geschwunden; am 28. November 1803 durfte es
-seinen Siegeslauf endlich auch in Berlin beginnen, ohne daß
-von einer bedenklichen Wirkung etwas verlautet hätte. Im
-Gegenteil! Vor der Schlacht bei Jena mußte »Wallensteins
-Lager« immer wiederholt werden, weil die Berliner sich im
-Absingen des Reiterliedes gar nicht genug tun konnten.</p>
-
-<h3>Der empfindliche Konsistorialpräsident.</h3>
-
-<p>Im dem Örtchen Lauchstädt, wo bekanntlich unter Goethes
-Theaterleitung das Weimarer Ensemble die sommerlichen Badegäste
-mit theatralischen Belustigungen zu unterhalten pflegte,
-hatte man »Wallenstein« im Juli 1799 gegeben, eine Aufführung,
-die nach des Hofrats Kirms Bericht an Schiller »von
-Halle und besonders von Leipzig eine Menge Gelehrte und
-Ungelehrte nach Lauchstädt in Bewegung gesetzt« hatte.</p>
-
-<p>Als man aber 1800 die Aufführung wiederholen wollte,
-verbot sie der Kanzler des noch zu Kursachsen gehörenden
-Stifts Merseburg, wenn nicht »der Pfaffe herausgelassen«
-werde. »Man hat sich in Dresden darüber beklagt,« schrieb
-der Schauspieler Heinrich Becker an Schiller, »daß man in
-Lauchstädt einen Ordensgeistlichen im vorigen Sommer auf das
-Theater gebracht, welcher von den Soldaten verspottet und unter
-Drohungen fortgebracht wäre: welches der jetzt dirigirende
-Consistorial-President sehr Uebel aufgenommen hat.«</p>
-
-<p>Derselbe Kanzler verbot im selben Jahr mit Rücksicht auf
-die zarten Nerven der Lauchstädter Badegäste auch die »Räuber«.</p>
-
-<h3>Die gestrichene Freiheit.</h3>
-
-<p>Als man auf dem Wiener Burgtheater 1794 Schillers
-»Verschwörung des Fiesco« wiederholte, machte sie eine so »widrige
-Sensation«, daß Hägelin in seiner mehrfach genannten Denkschrift
-von 1795 sehr bestimmt erklärte, dies werde der veränderten
-Zeitumstände wegen »künftig unterlassen«, denn »Freiheit
-und Gleichheit sind Wörter, mit denen nicht zu spaßen ist«.</p>
-
-<p>Am 21. März 1800 ließ man das Stück unter dem harmloseren
-Titel »Fiesco« wieder zu. Die Aufführung ist schon
-dadurch denkwürdig, daß bei ihr der Name Schiller zum ersten<span class="pagenum"><a id="Seite_122"></a>[122]</span>
-Male auf dem Theaterzettel der Burg genannt wurde. Der
-Theatersekretär Escherich hatte aber durch eine »Bearbeitung«
-in sechs Aufzügen dafür gesorgt, daß die Polizei nichts mehr
-zu beanstanden hatte. Fiesco war von allen politischen Anstößigkeiten
-gereinigt, sogar vieles in der Fabel geändert. Das
-»Haupt der Verschwörung«, Fiesco, war nur mehr »Graf von
-Lavagna«, und die »Verschworenen« und »Mißvergnügten«
-waren in harmlose »Edle von Genua« verwandelt. Man fand
-sogar im ganzen Stück das Wort Freiheit nicht mehr, und am
-Ende mußte die deutsche Garde des Dogen Andreas Doria ihn
-vom Tode retten. Selbst der Zensor Hägelin besaß Verstand
-genug, sich über diese Verballhornungen lustig zu machen.</p>
-
-<p>Nach viermaliger Aufführung wurde aber auch diese Bearbeitung
-vom Polizeipräsidenten als »nicht geeignet« vom Repertoire
-abgesetzt und erst 1807, nach der neuen Verpachtung
-der Hoftheater, mit abermaligen Änderungen wieder zugelassen.</p>
-
-<h3>Die Polizeifliege.</h3>
-
-<p>Der Bearbeiter des »Fiesco«, Escherich, war Adjunkt der
-Zensurbehörde. Der Wiener Dichter Jos. Fr. Edler von Retzer,
-der selbst eine Zeitlang bei der Bücherzensur beschäftigt war,
-nannte ihn in Briefen an Nicolai (15. Juni 1802 und 31. Aug.
-1803) eine »Polizeifliege«, ein »thätiges Werkzeug der Obscuranten
-und unwissenden Bücherbeschauer auf der Hauptmaut in Wien«.
-Dieser Tölpel wurde 1802 zusammen mit Joseph Schreyvogel
-zum Burgtheatersekretär ernannt, und seinem irrsinnigen Rotstift
-fielen vor allem Schillers Meisterwerke zum Opfer, so daß seinem
-Kollegen Schreyvogel eine Lebensaufgabe daraus erwuchs, diese
-schauderhafte Patina nach und nach wieder von ihnen zu entfernen.</p>
-
-<h3>Das Gebet der Jungfrau.</h3>
-
-<p>Schillers »Jungfrau von Orleans« wurde am 27. Januar
-1802 auf dem Burgtheater gegeben, aber unter dem Titel
-»Johanna d'Arc«, den schon das Wort Jungfrau erschien
-aus religiösen oder sittlichen Gründen anstößig, ohne Namen
-des Autors und, wie »Fiesco«, in einer sechsaktigen Bearbeitung
-(der Monolog war Akt 1) des berüchtigten Escherich, der, wie
-selbst Hägelin meinte, »Personen und Stellen geändert, manche<span class="pagenum"><a id="Seite_123"></a>[123]</span>
-Blätter und Passagen ausgestrichen, Lücken ausgeflickt und alles
-getan hatte, um ein anderes Stück herzustellen«. Sein Machwerk
-erschien sogar im Druck. Selbst der damalige Polizeiminister
-soll darüber so empört gewesen sein, daß er es nur unter
-dem Namen des Bearbeiters aufgeführt sehen wollte, was aber
-Escherich zu verhindern wußte. Daß man Schillers Namen verschwieg,
-war daher wohl mehr ein Akt wohlwollender Rücksicht.</p>
-
-<p>In dieser Escherichschen Verhunzung waren Frankreich und
-England fast gar nicht mehr genannt; Karl VII., jetzt nur
-noch König Karl, regierte nicht Frankreich, sondern ein »Reich«
-im Monde, die Engländer hießen nur die »Inselbewohner«
-und waren auch nicht mehr »frech«, sondern »kühn«. Der
-Bearbeiter fürchtete jedenfalls, durch Erinnerung an alte Konflikte
-die Friedensverhandlungen zu stören, die damals gerade
-zwischen beiden Ländern im Gange waren und am 25. März
-zum Frieden von Amiens führten. Auch der um sein Leben
-bettelnde Walliser Montgomery fiel nicht mehr dem Schwert
-der Jungfrau, sondern dem Rotstift des Zensors zum Opfer.</p>
-
-<p>Isabeau war nicht mehr des Königs Mutter, sondern nur seine
-auch sonst von allen sittlichen Makeln gereinigte Schwester, und ihre
-Treulosigkeit gegen den Bruder wurde sogar dadurch »motiviert«,
-daß er sich einmal »am Haupt der Schwester« vergangen habe.</p>
-
-<p>Noch weniger als eine unnatürliche Mutter durfte sich eine
-Mätresse auf dem Hoftheater zeigen. Also wurde des Königs
-Geliebte Agnes Sorel in seine rechtmäßige Gemahlin verwandelt,
-und Herzog von Burgund wurde nicht mehr, wie es »Herrenrecht
-zu Arras« ist, zum Kuß auf die Stirn, sondern nur
-zum Handkuß bei der jetzt rechtmäßigen Königin zugelassen.
-Im 3. Akt wurde Johanna zwar noch durch den König geadelt,
-aber »Du sollst die Lilie im Wappen tragen« wäre gar zuviel
-Ehre für ein Bauernmädchen gewesen; dieser Vers blieb also fort.</p>
-
-<p>Der sterbende Talbot vermachte auch die Welt nicht mehr
-dem »Narrenkönig«, sondern dem Narrenfürsten, und die Verse
-Dunois' an Talbots Leiche:</p>
-
-<div class="poetry-container">
-<div class="poetry">
- <div class="stanza">
- <div class="verse indent0">Erst jetzo, Sire, begrüß ich euch als König!</div>
- <div class="verse indent0">Die Krone zitterte auf euerm Haupt,</div>
- <div class="verse indent0">Solang' ein Geist in diesem Körper lebte,</div>
- </div>
-</div>
-</div>
-
-<p class="noind">waren gestrichen.</p>
-
-<p><span class="pagenum"><a id="Seite_124"></a>[124]</span></p>
-
-<p>Der Bastard Dunois war in einen »Prinzen Louis, Vetter
-des Königs«, verwandelt; nach Hägelins Zensurdenkschrift mußte
-ja das Wort Bastard vermieden und im Notfall durch »Wechselbalg«
-ersetzt werden. Erzbischof und Bischöfe waren ganz verschwunden
-und ihre Reden andern Personen in den Mund gelegt.</p>
-
-<p>Den Feinden war Johanna kein Blendwerk mehr des
-»Teufels«, höchstens des »Satans«, selbst der derbe Talbot
-nannte sie einen »jungfräulichen Satan«, und von »Ketzerei«
-war nicht mehr die Rede, nur von »Irrglauben«; die Heldin
-wurde auch nicht mehr »verflucht«, nur noch »verwünscht«.</p>
-
-<p>Die Mutter Gottes, die in Johannas Leben die entscheidende
-Rolle spielt, war ganz beseitigt; nicht die »Königin des Himmels«,
-die »Heilige« erschien der Jungfrau im Schlaf und
-gab ihr Fahne und Schwert zur Befreiung ihres Vaterlandes
-von der englischen Knechtschaft in die Hand, sondern eine
-anonyme »Lichtgestalt«. Johanna betete nicht mehr:</p>
-
-<div class="poetry-container">
-<div class="poetry">
- <div class="stanza">
- <div class="verse indent0">Wärst du nimmer mir erschienen,</div>
- <div class="verse indent0">Hohe Himmelskönigin,</div>
- </div>
-</div>
-</div>
-
-<p class="noind">sondern:</p>
-
-<div class="poetry-container">
-<div class="poetry">
- <div class="stanza">
- <div class="verse indent0">Hoher Geist der Schäferin,</div>
- </div>
-</div>
-</div>
-
-<p class="noind">und ihre Fahne zeigte nicht das Bild der Heiligen, »die über
-einer Erdenkugel schwebt«, sondern nur einen roten Saum.
-Johanna selbst war kein »heilig«, nur noch ein »himmlisch
-Mädchen« oder eine »würdige Prophetin«, und der Krönungszug
-in Reims mit seinem geistlichen Pomp war völlig abgesagt.
-Der Schlachtruf: »Gott und die Jungfrau!« lautete
-jetzt: »Der Himmel und das Recht.«</p>
-
-<p>Außerdem waren alle romantischen Ausschweifungen wie die
-Erscheinung des schwarzen Ritters beseitigt; ebenso die ganze
-Köhlerszene.</p>
-
-<p>»Schiller stand damals auf der Höhe seines Ruhmes«,
-sagt Heinrich Laube. »Er lebte nur noch zwei Jahre und
-einige Monate, und in solchem Augenblicke hatte das Nationaltheater
-den Mut, ein neues Stück von ihm so umzuändern,
-seinen Namen wegzustreichen und eine große Tragödie von ihm
-so aufzuführen, daß er gar keinen Teil daran zu haben schien
-und sicherlich auch nicht das kleinste Honorar dafür erhielt,
-denn ein gedrucktes Stück war vogelfrei für die Bühnen!«&nbsp;&ndash;</p>
-
-<p><span class="pagenum"><a id="Seite_125"></a>[125]</span></p>
-
-<p>»Johanna d'Arc« mißfiel übrigens in dieser Bearbeitung
-den Wienern sehr und wurde im Frühjahr 1802 nur fünfmal
-gegeben; dann verschwand sie für achtzehn Jahre vom Repertoire
-des Burgtheaters. Erst 1820 durfte die richtige »Jungfrau
-von Orleans« dort erscheinen.</p>
-
-<h3>Die Dresdener »Jungfrau«.</h3>
-
-<p>Nicht ganz so schlimm, aber ähnlich erging es der »Jungfrau
-von Orleans« auf dem Hoftheater zu Dresden, das der
-Hofmarschall von Racknitz leitete. Die dortige Erstaufführung
-fand am 26. Januar 1802 statt, und Schillers Freund Körner
-berichtete darüber am folgenden Tage:</p>
-
-<p>»Die Veränderungen waren zahllos und von einer Art,
-die Du kaum errathen solltest … Racknitz hatte die anstößigen
-Stellen nur angestrichen, und die Schauspieler, besonders Opitz,
-hatten andere Lesarten substituirt (!). Nur einige Beispiele:
-Jungfrau erinnerte zu sehr an Jungfrau Maria, daher war
-der Titel ›Johanna d'Arc‹, und anstatt: ›Gott und die Jungfrau‹
-hieß es: ›Tod den Feinden, Sieg den Franken!‹ &ndash;
-›Vor diesen fränkischen Weichlingen zu fliehen?‹ hätte den
-französischen Gesandten beleidigen können; es hieß also: ›vor
-dieser Handvoll Feinde‹. &ndash; Für Gott wurde Himmel, für
-Teufel: böser Geist gesagt. &ndash; Agnes hatte <em class="gesperrt">Freundschaft</em>
-für den König, und in dem 2ten Gebete hieß es anstatt Deiner
-Agnes Liebe: Deines Volkes Liebe … Sonderbar war indessen,
-daß der Prinz Anton und die Prinzessin Maria Anna,
-Schwester des Churfürsten, gedruckte Exemplare mitgenommen
-hatten, worin sie oft nachlasen.«</p>
-
-<h3>»Ein unmoralisches, höchst gefährliches Theaterstück.«</h3>
-
-<p>Jahre hindurch hatte man Schillers »Räuber« auf den
-kleineren Theatern Wiens ihr Wesen treiben lassen, selbst die
-Furcht vor der Revolution hatte vor diesem Meisterwerk die
-Segel gestrichen. Natürlich waren nur die früheren, von der
-Zensur genehmigten Bearbeitungen erlaubt. 1804 wurde Freiherr
-von Sumerau Präsident der Polizei- und Zensurhofstelle,
-und eine seiner ersten Regierungshandlungen war ein kategorisches
-Verbot der »Räuber«, die, wie er am 31. August 1805 zu<span class="pagenum"><a id="Seite_126"></a>[126]</span>
-Protokoll gab, »als ein unmoralisches, alle Bande der Gesellschaft
-auflösendes, höchst gefährliches Theaterstück, weder nach
-der Idee des Verfassers noch in irgendeiner Umarbeitung zur
-theatralischen Vorstellung geeignet« seien.</p>
-
-<p>Kurz vor seiner Amtsentsetzung (20. Juli 1808) aber steckte
-er ein Loch zurück. Die adligen Unternehmer, die seit 1807
-das Hoftheater, das Kärntnertortheater und das an der Wien
-gepachtet hatten, ließen im Juni 1808 das Stück neu bearbeiten
-und baten dringend um die Erlaubnis zur Aufführung,
-»da vorzüglich bei der jetzt eingetretenen Sommerzeit für gute
-und interessante Spektakel gesorgt werden muß«. Dieser Notschrei
-der Kavaliere machte Eindruck. Zwar habe sich »von
-jeher die allgemeine Stimme gegen diese Jugendarbeit Schillers
-erhoben«, antwortete Sumerau am 13. Juli, aber er sei doch
-einem Versuch nicht abgeneigt, »ob dieses Stück nicht einen
-widrigen Eindruck auf das Publikum zurücklasse«. Einige
-Änderungen wurden noch verlangt, der Titel in »Carl Moor«
-verwandelt, und in dieser Gestalt das Stück erlaubt.</p>
-
-<p>Von einem »widrigen Eindruck« der »Räuber« melden die
-Akten der Polizeihofstelle nichts, und der Versuch wurde ebenfalls
-auf der Leopoldstädter und Josefstädter Bühne gemacht,
-ohne daß die Ruhe der Kaiserstadt dadurch gestört wurde.</p>
-
-<h3>»Franz heißt die Canaille?«</h3>
-
-<p>Diese Frage des Räubers Schweizer an seinen Kollegen
-Roller, als sie den Absagebrief des »zuckersüßen Brüderchens«
-Franz Moor an Karl lesen, war während der Regierung des
-Kaisers Franz in Wien streng verboten, denn, meinte der
-Zensor, »das könnte als eine Anspielung auf Se. Majestät den
-Kaiser genommen werden«!</p>
-
-<h3>Tells Geschoß.</h3>
-
-<p>Bei der Weimarer Erstaufführung des »Wilhelm Tell«
-am 17. März 1804 war der ganze fünfte Akt gestrichen, »weil
-wir des Kaisermords nicht erwähnen wollten«, wie Schiller an
-seinen Freund Körner schrieb. Das war zweifellos auf Wunsch
-Goethes geschehen, der bekanntlich in einem späteren Gespräch
-mit Eckermann (16. März 1831) die Gegenüberstellung Tells<span class="pagenum"><a id="Seite_127"></a>[127]</span>
-und Joseph Parricidas als eine »kaum begreifliche« Geschmacklosigkeit
-bezeichnete und auf weibliche Einflüsse zurückführte.
-Aber auch die vier ersten Akte waren stark verkürzt, viele Personen
-in wenige verwandelt und zahlreiche »schwierige und bedenkliche
-Stellen« fortgelassen.</p>
-
-<p>Die erste Berliner Aufführung fand am 4. Juli desselben
-Jahres statt. Iffland wollte aber nicht nur die Parricida-Szenen,
-sondern auch den großen Monolog Tells im 4. Akt,
-»Durch diese hohle Gasse muß er kommen«, gestrichen sehen.
-Dem aber widersetzte sich Schiller nachdrücklich. Außerdem
-fand Iffland noch drei andere Textstellen bedenklich, und der
-Dichter ließ sich überreden, sie nach dem Wunsche des ängstlichen
-Theaterdirektors zu ändern, obgleich er meinte, ein Sujet
-wie Tell müsse notwendig gewisse Saiten berühren, »welche
-nicht jedem gut ins Ohr klingen«.</p>
-
-<p>In der großen Rede Stauffachers im 2. Akt (2. Szene)
-wurden die Verse »Wenn der Gedrückte nirgends Recht kann
-finden« bis »Der Güter höchstes dürfen wir verteid'gen Gegen
-Gewalt« abgeschwächt:</p>
-
-<div class="poetry-container">
-<div class="poetry">
- <div class="stanza">
- <div class="verse indent0">Wenn es zum letzten, äußersten gekommen,</div>
- <div class="verse indent0">Wenn rohe Willkür alles Recht zertritt,</div>
- <div class="verse indent0">Wenn kein Gesetz mehr hilft, dann hilft Natur,</div>
- <div class="verse indent0">Das altererbte dürfen wir beschützen</div>
- <div class="verse indent0">Gegen Gewalt.</div>
- </div>
-</div>
-</div>
-
-<p>In der Unterhaltung Tells mit seinem Sohne Walther
-(3. Akt, 2. Szene) wurde das ganze Frag- und Antwortspiel,
-daß Land und Wild und Strom und Meer alles dem Könige
-oder dem Bischof gehöre, das Volk aber nicht den Segen seiner
-Arbeit genieße, gestrichen und durch die sinnlosen Verse ersetzt:</p>
-
-<div class="poetry-container">
-<div class="poetry">
- <div class="stanza">
- <div class="verse indent0">Das Land ist frei und offen wie der Himmel,</div>
- <div class="verse indent0">Doch die's bewohnen sind in große Dörfer</div>
- <div class="verse indent0">Mit Mauern eingesperrt. Sie nennen's Städte.</div>
- </div>
-</div>
-</div>
-
-<p>Und in der letzten Vision des sterbenden Attinghausen, der
-den Entscheidungskampf zwischen Adel und Bauerntum vorhersagt,
-wurde dieser Gegensatz der Stände vorsichtig verwischt.
-Es hieß nicht mehr:</p>
-
-<div class="poetry-container">
-<div class="poetry">
- <div class="stanza">
- <div class="verse indent22">des Adels Blüte fällt,</div>
- <div class="verse indent0">Es hebt die Freiheit siegend ihre Fahne,</div>
- </div>
-</div>
-</div>
-<p><span class="pagenum"><a id="Seite_128"></a>[128]</span></p>
-<p class="noind">sondern:</p>
-
-<div class="poetry-container">
-<div class="poetry">
- <div class="stanza">
- <div class="verse indent22">errungen ist der Sieg,</div>
- <div class="verse indent0">Hoch triumphierend schwebt die Landesfahne.</div>
- </div>
-</div>
-</div>
-
-<h3>Das Verbot des »Fidelio«.</h3>
-
-<p>Selbst Beethovens unsterblicher »Fidelio« entging vor seiner
-Uraufführung nicht dem Zensurverbot! Ein spanischer Minister,
-der sein Amt zur Befriedigung persönlicher Rache mißbrauchte,
-und wenn er auch aus dem sechzehnten Jahrhundert stammte
-&ndash; das hätte ja die Achtung der guten Wiener vor den k. k.
-Hof- und Staatsbeamten untergraben können! Erst als der
-Verfasser des Textbuches und damalige Hoftheatersekretär Joseph
-Sonnleithner darauf hinwies, daß der Missetäter ja bestraft,
-und »durch den Hof« bestraft werde, und der Heroismus der
-weiblichen Tugend dadurch um so heller strahle, ließ sich der
-Polizeipräsident von Sumerau »nach einiger Abänderung der
-grellsten Szenen« erweichen, und die Aufführung durfte am
-20. November 1805 im Theater an der Wien vor sich gehen.</p>
-
-<p>Sieben Tage vorher hatten die Franzosen Wien besetzt,
-und auf das Parterre der französischen Offiziere machte dies
-Hohelied der Gattentreue wenig Eindruck. Der europäische
-Erfolg des »Fidelio« setzte erst 1814 ein, als Beethoven sein
-Meisterwerk neu bearbeitet hatte.</p>
-
-<h3>Der Sohn als Neffe.</h3>
-
-<p>1807 gelang es endlich den neuen Pächtern der drei
-Haupttheater Wiens, dem Zensor die Erlaubnis zur Aufführung
-von Schillers »Kabale und Liebe« abzuzwingen. Aber welche
-Mißhandlung hatte sich Schillers Meisterwerk gefallen lassen
-müssen! Wieder war ein Theatersekretär, diesmal Joseph
-Sonnleithner, darüber gekommen. »Die derben Stellen,« schrieb
-Fürst Esterhazy am 30. September an den Polizeipräsidenten,
-»welche sich Schiller in seinen späteren Lebensjahren selbst
-nicht mehr erlaubt haben würde, sind, darf ich sagen, ebensosehr
-aus Rücksicht auf den Dichter selbst, als auf den Ton
-der Sittlichkeit überhaupt weggelassen«. Die »Behutsamkeit«
-des Bearbeiters ging aber der Polizei noch immer nicht weit
-genug, vielmehr verlangte Herr von Sumerau, daß noch »manche
-allzu grelle Tiraden, in welche der Dichter teils das religiöse,<span class="pagenum"><a id="Seite_129"></a>[129]</span>
-teils das sittliche Gefühl beleidigende Ausdrücke legte, entweder
-ausgemerzt oder gemildert und [mit Rücksicht auf das vierte
-Gebot] der Vater des Majors in einen Oheim verwandelt werden
-möchte«! Und so geschah es: aus dem Sohn des Präsidenten
-wurde der Neffe, und die Wiener Witzbolde Castelli
-und Bauernfeld erzählten gern von der überwältigenden Wirkung
-des Ausrufs Ferdinands: »Es gibt eine Gegend in meinem
-Herzen, wo das Wort &ndash; Onkel noch nie gehört wurde!«
-Diese allzu lächerlichen Stellen waren aber gestrichen.</p>
-
-<p>Ein so niederträchtiger Präsident durfte ebenfalls nicht auf
-dem Burgtheater erscheinen; man hätte ja am Ende dabei an
-den Polizeipräsidenten denken können! Er wurde daher in einen
-»Vizedom« (<em class="antiqua">Vicedominus</em> = Statthalter) verwandelt, und aus
-dem Hofmarschall von Kalb wurde ein märchenhafter »Obergarderobemeister«,
-wobei es dann nicht minder schön klang,
-wenn Ferdinand am Anfang des 4. Aktes wütend in die
-Szene hineinrief: »War kein Obergarderobemeister da?« Oberhofmeister,
-Bürgermeister und ähnliche respektable Leute pflegten,
-wie August Klingemann erzählt, zu protestieren, wenn Leute
-ihres Ranges auf der Bühne nicht mit den höchsten Tugenden
-und Verdiensten ausgestattet waren; daher mußten der Zensor
-oder der Bearbeiter derartige Phantasiechargen erfinden. Der
-Zensor scheint aber selbst für den Humor dieser Änderung
-nicht ohne Verständnis gewesen zu sein; sie brachte ihn in so
-gute Laune, daß er den Obergarderobemeister durch den Sohn
-oder vielmehr Neffen des Präsidenten nicht, wie Schiller vorschreibt,
-»mein Allervortrefflichster« anreden ließ, sondern »mein
-Allerwertester«!</p>
-
-<p>Lady Milford schwebte ebenfalls völlig in der Luft; die
-Bezeichnung »Favoritin des Fürsten« mußte natürlich fallen,
-und damit auch jede Stelle des Textes, die ihr Verhältnis
-zum Fürsten näher bezeichnete, vor allem die Kammerdienerszene.
-Daß Serenissimus »von einer britischen Fürstin Erbarmen
-gegen sein deutsches Volk lernen« solle, wie es in dem
-Billett der Lady an den Fürsten im 4. Akt heißt, war ebenfalls
-nicht erlaubt.</p>
-
-<p>Das reizendste aber war, daß der schuftige Sekretär Wurm
-in der letzten Abrechnungsszene, als er seinen Spießgesellen,<span class="pagenum"><a id="Seite_130"></a>[130]</span>
-den Vizedom, preisgibt, diesen keineswegs, wie der Dichter will,
-als »Kameraden« behandeln, als Bube titulieren und ihm in
-blutigem Galgenhumor auf die Schulter klopfen durfte, sondern
-auch da noch den schuldigen Respekt vor dem Vorgesetzten und
-der Standesperson zu wahren hatte, demnach alle jene groben
-Verstöße gegen die gute Lebensart fallen mußten!</p>
-
-<p>So zugerichtet erschien »Kabale und Liebe« am 23. Juli
-1808 zum ersten Male auf dem k. k. Hofburgtheater, und
-dieser Unsinn wurde bis 1848 geduldet!</p>
-
-<h3>Die unglückliche »königlich spanische Familie«.</h3>
-
-<p>Im Herbst 1808 hatte der Hofschauspieler Krüger den in
-Wien noch nicht zugelassenen »Don Carlos« »bearbeitet« und
-wollte ihn zu seinem Benefiz auf dem Theater an der Wien
-geben. Der Vizepräsident der Polizei von Haager aber erhob
-Einwände, weil »das Verhältnis des Prinzen zum König,
-seinem Vater, einige entfernte Ähnlichkeit mit den letzten Ereignissen
-in Spanien« habe, wo Karl IV. und sein Sohn
-Ferdinand VII. um die Krone kämpften, bis sie Napoleon beide
-an die Luft setzte und seinen Bruder Joseph zum König von
-Spanien erhob. Hier standen also nicht nur das vierte Gebot,
-sondern auch die wandelbaren »Zeitumstände« einer Aufführung
-im Wege, und selbst der freiheitliche Minister Graf
-Stadion meinte, daß man es »dem unglücklichen Zustande der
-königlich spanischen Familie schuldig sei, selbe nicht zum Gegenstand
-von Beziehungen zu machen, die zwar keineswegs in dem
-Stück selbst liegen, bei der durch die letzten Ereignisse in
-Spanien veranlaßten Stimmung des Publikums aber doch
-schwer zu vermeiden sein würden«.</p>
-
-<p>Am 14. Mai 1809 aber zogen die Franzosen in Wien
-ein, denen die »königlich spanische Familie« Hekuba war, und
-während ihrer Herrschaft bis zum November wurde gerade
-»Don Carlos« die einzige Novität des Burgtheaters. Am
-23. August 1809 erfolgte die erste Aufführung.</p>
-
-<p>Ohne Änderungen aber hatte die einheimische Zensur ihn
-doch nicht passieren lassen. Der Großinquisitor war gestrichen;
-aus dem Beichtvater Domingo war ein gleichgültiger »Höfling
-Don Antonio Perez« geworden, eine Änderung, die Schiller<span class="pagenum"><a id="Seite_131"></a>[131]</span>
-selbst für das Hamburger Theater gemacht hatte, die Rolle des
-ebenfalls gestrichenen Herzogs Alba wurde, so gut es ging,
-mit der jenes Höflings zusammengezogen, und Carlos durfte
-beileibe nicht in seine Stiefmutter verliebt sein. Jede Andeutung
-davon war noch unter Laubes Direktion streng untersagt!</p>
-
-<h3>Geßler das Karnickel.</h3>
-
-<p>Schillers »Wilhelm Tell« kam erst 1827 aufs Burgtheater,
-dagegen schon am 30. Mai 1810 aufs Theater an der
-Wien, das 1814 bis 1817 eine Art Filiale der Burg war.
-Der Schauspieler Wilhelm Grüner hatte die Bearbeitung übernommen.
-Wes Geistes Kind sie war, ergibt sich aus dem
-Gutachten des Zensors von Haager vom 12. Dezember 1809:
-»Österreich wird gar nicht erwähnt, und kein Schatten fällt
-auf den Kaiser, sondern alles wird der Tyranei des Vogts
-Geßler zugeschrieben.«</p>
-
-<p>Schon Hägelin hatte den Schweizerheld Wilhelm Tell und
-jede Empörung einer Eidgenossenschaft gegen das österreichische
-Zepter zu den Stoffen gezählt, die seitens der Zensur nicht zu
-dulden seien. Daß man 1809 ein Stück, worin der Widerstand
-gegen die hohe Obrigkeit als ein Akt gerechter Selbsthilfe verherrlicht
-wurde, nicht mehr schroff ablehnte, war immerhin ein
-Fortschritt. Im übrigen aber hatte sich der Bearbeiter Grüner
-streng an Hägelins Vorschrift gehalten, die besagte: »Nie darf
-eine Schuld an den Mängeln der Militärverwaltung auf den
-Landesfürsten oder den Dienst selbst fallen.« Stets mußte, genau
-so wie in der hohen Politik, ein Untergebener das Karnickel
-sein. Der vierte und letzte Akt schloß mit Geßlers Tod.</p>
-
-<p>Auch Grüners Bearbeitung wurde nicht sofort genehmigt,
-da man auf der Bühne nicht gern an Länder erinnern ließ,
-die Österreich einst besessen und später verloren hatte und da
-»die neuesten Ereignisse in Tirol zu gewissen peinlichen Rückerinnerungen
-Anlaß« gaben. Erst Graf Palffys hartnäckiges
-Drängen erzielte im März 1810 die Freigabe des Stückes.</p>
-
-<h3>Isabellas Ahnungen.</h3>
-
-<p>Gegen Schillers »Braut von Messina« hatte der Wiener
-Zensor im Januar 1804 nichts weiter einzuwenden, als daß<span class="pagenum"><a id="Seite_132"></a>[132]</span>
-das Innere einer Kirche auf dem Theater nicht vorgestellt
-werden könne, sondern diese in eine Familiengruft wie in
-»Romeo und Julia« umzuwandeln sei. Dennoch verbot der
-Polizeipräsident die Aufführung.</p>
-
-<p>Als die Tragödie endlich zum 23. Januar 1810 freigegeben
-wurde, mußten die Worte »Kirche« und »Kloster« in
-»Tempel« und »Eiland« (!) verwandelt werden, und im 4. Aufzug
-mußte Isabella statt</p>
-
-<div class="poetry-container">
-<div class="poetry">
- <div class="stanza">
- <div class="verse indent0">So haltet ihr mir Wort, ihr Himmelsmächte!</div>
- </div>
-</div>
-</div>
-
-<p class="noind">ausrufen:</p>
-
-<div class="poetry-container">
-<div class="poetry">
- <div class="stanza">
- <div class="verse indent0">So haltet ihr mir Wort, ihr Ahndungen!</div>
- </div>
-</div>
-</div>
-
-<p>Denn, sagte schon Hägelins Zensurkatechismus von 1795,
-an der Vorsehung darf nur dann gezweifelt werden, wenn
-die handelnde Person sich selbst korrigiert oder von andern
-widerlegt wird!</p>
-
-<h3>»Egmont« in Wien.</h3>
-
-<p>Zu den klassischen Werken, welche die Kavalierdirektion des
-Wiener Burgtheaters der Polizei abzutrotzen wußte, gehörte auch
-Goethes »Egmont«, der am 24. Mai 1810 seine dortige Uraufführung
-erlebte. 1795 hatte Hägelin die Rebellion der Vereinigten
-Niederlande als unzulässig auf dem Burgtheater bezeichnet.
-1810 endlich erklärte die k. k. Hof- und Staatskanzlei (Graf
-Metternich), daß gegen »Egmont« keine Bedenken bestünden. Jedoch
-mußten die Worte »Franzosen«, »wälsche Hunde«, »wälsche
-Majestät« und »vierzehn neue Bischofsmützen« ersetzt werden
-durch die Ausdrücke »der Feind«, »die fremden Hunde«, »welsche
-Regierung« und »vierzehn neue Kirchenvorsteher« (!). Und statt
-der »Freiheit« mußten die unruhigen Bürger Brüssels die
-»Freundschaft« leben lassen!</p>
-
-<h3>Wallensteins Reinigung.</h3>
-
-<p>Gleich nach Erscheinen des »Wallenstein« machte sich der
-Wiener Zensurbeamte und berüchtigte »Verhunzer« zahlreicher
-Klassiker, Escherich, auch an eine »Bearbeitung« dieses Werkes.
-Aber selbst ihm gelang es nicht, den widerspenstigen Stoff nach
-dem gewohnten Zensurrezept zurechtzuschneidern, denn den Hauptanstoß
-konnte auch er nicht beseitigen. Alle Begebenheiten der<span class="pagenum"><a id="Seite_133"></a>[133]</span>
-vaterländischen Geschichte, deren »Ausschlag diesen Regenten
-nachtheilig ist«, jede Empörung gegen einen Regenten überhaupt,
-war ja nach den Grundsätzen der Burgtheaterzensur
-ausgeschlossen. Die »höhere Entscheidung« fiel denn auch ablehnend
-aus. Ebenso ging es 1810, als die Hoftheaterdirektion
-nur die »Piccolomini« der Zensur einreichte. Graf Metternich,
-der spätere allmächtige Minister, erklärte seitens der geheimen
-Hof- und Staatskanzlei, das Stück sei »keineswegs zur öffentlichen
-Darstellung geeignet«.</p>
-
-<p>Erst am 1. April 1814 durfte Schillers Meisterwerk »in
-die Kürze gezogen und für einen Abend eingerichtet von H. W-r«
-auf dem Burgtheater erscheinen, nachdem Hofrat Friedrich Gentz,
-die rechte Hand Metternichs, das »von allen anstößigen Stellen
-gereinigte« Trauerspiel noch einmal durchgesiebt und am 9. Februar
-zu Protokoll gegeben hatte, daß man in politischer Hinsicht
-»gegen keine <em class="gesperrt">einzelnen</em> Stellen des Stückes« in dieser
-Fassung mehr etwas erinnern könne. Die Bedenken gegen das
-Ganze waren also auch jetzt nicht völlig beseitigt.</p>
-
-<p>Das Vorspiel »Wallensteins Lager« aber war der Kapuzinerpredigt
-wegen von Wiener Bühnen bis 1848 ausgeschlossen.</p>
-
-<h3>Maria Stuart &ndash; Maria Antoinette.</h3>
-
-<p>Als Schillers »Maria Stuart« 1801 erschien, wurde sie
-in Österreich sofort verboten, aber der Intelligenz »<em class="antiqua">erga
-schedam</em>« (gegen persönlichen Erlaubnisschein) zur Lektüre gestattet;
-in den »Gesammelten Werken« des Dichters beanstandete
-man sie nicht weiter.</p>
-
-<p>Die Hinrichtung eines gekrönten Hauptes und die religiösen
-Elemente des letzten Aktes schlossen Schillers Drama vom damaligen
-Wiener Hofburgtheater natürlich aus.</p>
-
-<p>In Prag wagte man sich gleichwohl schon am 17. Juni
-1804 an die Aufführung, und zwar nach einer Bearbeitung,
-die auch das Dresdener Hoftheater angenommen hatte. Als
-aber daraufhin 1805 der Wiener Polizeipräsident von Sumerau
-die Aufführung auch für Wien befürwortete, stieß er auf den
-energischen Widerstand des Kaisers.</p>
-
-<p>Die »Theater-Unternehmungs-Gesellschaft« streckte aber ihre
-Hände auch nach »Maria Stuart« aus. Der Leiter des<span class="pagenum"><a id="Seite_134"></a>[134]</span>
-deutschen Schauspiels, Graf Palffy, kam in immer erneuten
-Eingaben auf dieses Werk zurück. Der Zensor von Haager
-sogar befürwortete die Aufführung, obgleich die Hinrichtung
-Marias »an ein ähnliches unglückliches Ereignis der jüngsten
-Vergangenheit« erinnere.</p>
-
-<p>Doch der Kaiser blieb unzugänglich: an das Schicksal seiner
-Tante Maria Antoinette wollte er nicht gemahnt sein. Haager
-wurde geradezu beredt in der Verteidigung Schillers; die Haupttendenz
-des Stückes, legte er 1812 dem Kaiser dar, könne
-zwar nicht verwischt werden, Marias leichtsinniges Leben, die
-Geschichte ihrer vielen Männer und Liebhaber komme zur
-Sprache, aber sie sei »ganz Reue und Ergebung und sterbe
-auf dem Schafott als ein Opfer der neidischen und herrschsüchtigen
-Elisabeth«; »die in katholischen Ländern nicht zuzulassenden,
-sehr verwerflichen Szenen, wo sie kurz vor ihrem
-Tode beichtet«, seien leicht zu beseitigen.</p>
-
-<p>Aber dreimal, 1810, 1812 und 1813, lehnte der Kaiser
-ab. Da versammelte der Wiener Kongreß in der österreichischen
-Hauptstadt »beinahe alles, was Europa Großes und Glänzendes
-enthält«; das fremde Publikum verlangte »Spektakel, die
-eines so außerordentlichen Zeitpunktes doch nicht ganz unwürdig
-seien«; die Finanzen des Hoftheaters waren aber so herunter,
-daß Graf Palffy, seit März dieses Jahres alleiniger Pächter,
-vor dem Ruin stand; in einer beweglichen Eingabe vom
-25. September 1814 legte er seine mißliche Lage dem Kaiser
-dar und bat um die Freigabe einer ganzen Reihe von Stücken,
-die »die Strenge der Zensurnormalien« bisher verboten hatte.
-Darunter war »Maria Stuart«, und am 20. Oktober gestattete
-endlich Kaiser Franz die Aufführung der Tragödie unter der
-Bedingung, »daß alle in diesem dramatischen Werke vorkommenden
-Anstößigkeiten sorgfältig gehoben und durchaus gestrichen
-werden«.</p>
-
-<p>Daraufhin ging »Maria Stuart« am 29. Dezember 1814
-in der Prager Bearbeitung auf dem Wiener Burgtheater zum
-ersten Male in Szene, volle vierzehn Jahre nach ihrer Uraufführung
-in Weimar.</p>
-<hr class="chap" />
-
-<div class="chapter">
-<p><span class="pagenum"><a id="Seite_135"></a>[135]</span></p>
-
-<h2 class="nobreak" id="kap07">7. Kleine Kulissengeheimnisse der Theaterzensur.</h2>
-</div>
-
-<h3>Die lästigen Autoren.</h3>
-
-<p>»Felix, oder: Die Laune des Zufalls« hieß ein Manuskript,
-das ein unbekannter Autor im Jahre 1802 der Wiener Zensur
-für die Leopoldstädter Bühne einreichte. Da es beanstandet
-wurde, ließ sich der Verfasser die Mühe nicht verdrießen, es
-nach dem polizeilichen Sittenkodex umzuarbeiten.</p>
-
-<p>In neuer Aufmachung unterbreitete er es zum zweiten Male
-dem Zensor, und dieser &ndash; jedenfalls der alte Hägelin &ndash; gab
-es seiner vorgesetzten Behörde mit dem charakteristischen Stoßseufzer
-weiter: »Es ist ein Jammer, was die Zensur in solchen
-Fällen von hier befindlichen Autoren für Plagen auszustehen hat,
-weil diese jungen Leute ein kleines Geld sich verdienen wollen.«</p>
-
-<h3>Anständigere Eselsohren.</h3>
-
-<p>Ausdrücke wie Ehebruch, Hörner tragen usw., die »keusche
-und gesittete Ohren« beleidigen konnten, mußten auf dem
-Wiener Burgtheater fortfallen. 1802 wurde in einem romantisch-komischen
-Singspiel »Das Zauberschwert« auf Verlangen
-der Zensur »das Hirschgeweih, das der Autor dem Knappen
-Pitschili gegeben hatte, in anständigere Eselsohren verwandelt«.</p>
-
-<h3>Ein falscher Reim.</h3>
-
-<p>Von dem Freiherrn von Haager, der seit 1803 Hofrat,
-später Präsident der Polizei- und Zensurhofstelle in Wien war,
-erzählt der österreichische Humorist Castelli: Er war so übel
-nicht, aber er hatte seine eigenen kleinen Marotten. So durfte
-unter ihm der Ausruf »O Gott!« nur auf den Hoftheatern
-gesprochen werden; in Stücken der Vorstadtbühnen wurde der
-liebe Herrgott immer gestrichen und dafür »O Himmel!« hingeschrieben.
-Am spaßigsten nahmen sich solche Korrekturen an
-Stellen aus, die gereimt waren. Da hieß es z. B. in einem
-Drama Castellis:</p>
-
-<p><span class="pagenum"><a id="Seite_136"></a>[136]</span></p>
-
-<div class="poetry-container">
-<div class="poetry">
- <div class="stanza">
- <div class="verse indent0">Treibe nicht mit Heil'gem Spott,</div>
- <div class="verse indent0">Und bedenk', es lebt ein Gott!</div>
- </div>
-</div>
-</div>
-
-<p class="noind">Der Zensor verbesserte kaltblütig:</p>
-
-<div class="poetry-container">
-<div class="poetry">
- <div class="stanza">
- <div class="verse indent0">Und bedenk', es lebt ein Himmel!</div>
- </div>
-</div>
-</div>
-
-<h3>Ein Feind der Zweideutigkeiten.</h3>
-
-<p>Der gute alte Haager war auch, und gewiß mit vollem
-Recht, ein Feind aller Zweideutigkeiten. Wo er eine witterte,
-suchte er ihr mindestens ein Mäntelchen umzuhängen; er tat
-das aber meist so ungeschickt, daß dadurch eine größere Zweideutigkeit
-zum Vorschein kam. So änderte er z. B. »Sie
-besitzt einen weißen üppigen Busen« um in »Sie ist vorne
-sehr schön gebaut«.</p>
-
-<p>Selbst Anmerkungen des Soufflierbuchs, die nur den Schauspieler
-betrafen und gar nicht gesprochen wurden, verletzten oft
-sein Zartgefühl; so litt er nie die Worte: »Er küßt sie«,
-sondern verbesserte dafür stets: »Er gibt ihr einen Kuß.«</p>
-
-<h3>Ottokar, Attila und Napoleon.</h3>
-
-<p>Als nach dem unglücklichen Frieden von Preßburg (26. Dez.
-1805) die Franzosen aus Wien abgezogen waren, schrieb der
-Hofschauspieler Ziegler ein Stück »Thekla, die Wienerin«, das
-den Kampf Kaiser Rudolfs von Habsburg gegen König Ottokar
-von Böhmen im Jahre 1278 zum Gegenstand hatte.</p>
-
-<p>Die Aufführung wurde aber am 30. April 1806 auf Geheiß
-des Kaisers verboten, aus Furcht, die französische Botschaft
-könne in dem gehässig geschilderten Ottokar und seinen
-Böhmen eine Anspielung auf Napoleon und die Franzosen sehen.</p>
-
-<p>Erst drei Jahre später, als Österreich aufs neue den Krieg
-gegen Frankreich erklärt hatte (9. April 1809), wurde die Aufführung
-im Burgtheater gestattet.</p>
-
-<p>Derselben Angst fiel 1807 Zacharias Werners »Attila«
-zum Opfer, obgleich der Dichter sein Ehrenwort gab, daß er
-dabei nicht im entferntesten an Napoleon gedacht habe. Erst
-nach völliger Umarbeitung durfte es Ende 1809 gegeben werden,
-da der Zensor Armbruster jetzt versichern konnte, »daß
-man auch an den Haaren keine Parallele herziehen könne«.</p>
-
-<p><span class="pagenum"><a id="Seite_137"></a>[137]</span></p>
-
-<h3>»So kriegt man die Luise.«</h3>
-
-<p>»Mord und Totschlag, oder: So kriegt man die Luise«,
-so lautete der ulkige Titel eines Lustspiels, das ein Wiener
-Theater aufführen wollte, just nachdem sich eben Napoleon mit
-der Tochter des Kaisers Franz, der Erzherzogin Maria Luise,
-verlobt hatte. Die Hochzeit fand am 1. April 1810 statt.
-Natürlich wurde das Stückchen verboten.</p>
-
-<p>Kurz vorher war es Kotzebue mit seinem Stück »Sorge
-ohne Not« ebenso ergangen, nur daß hier der Zensor auf
-eigene Gefahr den Staatsmann gespielt und die Erstaufführung
-am 11. Januar 1810 erlaubt hatte. »Wer der Urheber der
-unglücklichen Zeiten sei, darüber kann kein Zweifel herrschen«,
-meinte er, und die Mißstimmung gegen den ehrgeizigen und unersättlichen
-Weltstürmer müsse von Staats wegen mit allen Mitteln
-geschürt werden. Dieses ausnahmsweise intelligente Urteil bekam
-ihm aber schlecht: er erhielt einen scharfen Verweis, und das
-Stück mußte sofort vom Spielplan verschwinden.</p>
-
-<p>Von jetzt an durfte auch in Österreich von Napoleon nur
-mit der größten Hochachtung gesprochen werden. An dieser
-Courtoisie hielt man dort fest, solange Kaiser Franz lebte,
-und was irgendwie Erinnerungen an Napoleon weckte, mußte
-sich auf die heftigsten offenen und mehr noch versteckten Widerstände
-gefaßt machen. Das sollte vor allem Franz Grillparzer,
-Österreichs größter Dichter, erfahren, als er 1823 »König
-Ottokars Glück und Ende« dem Burgtheater einreichte.</p>
-
-<h3>Spiel bringt Gefahr.</h3>
-
-<p>Am 13. Dezember 1810 wurde Hamburg nebst Bremen,
-Lübeck, Oldenburg und einem Teil von Hannover dem französischen
-Kaiserreich einverleibt, und die Willkür des Feindes
-schaltete nun auch in den Hansestädten nach Belieben. Vor
-allem in Hamburg vollführte Marschall Davoust ein wahres
-Schreckensregiment.</p>
-
-<p>Während dieser Zeit brachte das Hamburger Stadttheater
-ein Stück »Spiel bringt Gefahr« von F. L. W. Meyer aus
-Bramstedt. Darin kam ein Lied auf das Kartenspiel vor,
-dessen Schlußvers lautete:</p>
-
-<div class="poetry-container">
-<div class="poetry">
- <div class="stanza">
- <div class="verse indent0">Und alles erbeutet der Bube!</div>
- </div>
-</div>
-</div>
-<p><span class="pagenum"><a id="Seite_138"></a>[138]</span></p>
-<p>Ein Denunziant benachrichtigte nun die französische Behörde,
-mit dem »Buben« sei keineswegs die Spielkarte, sondern
-&ndash; der Kaiser Napoleon gemeint! Daraufhin wurde der
-Theaterdirektor Herzfeld sogleich zur Verantwortung gezogen, und
-aus diesem nun doppelt gefährlichen Spiel befreite ihn nur die
-Versicherung: das Lied sei extemporiert gewesen.</p>
-
-<h3>Die Kontinentalsperre.</h3>
-
-<p>Seit jenem Vorfall hatte die französische Behörde ein
-scharfes Auge auf das Hamburger Theater. Schon der Name
-eines mißliebigen Autors genügte, um seine Stücke vom Repertoire
-zu streichen. Worte wie Vaterland, Freiheit, Tyrann,
-Unterdrückung usw. wurden nicht mehr geduldet, wo sie auch
-vorkamen; mit besonderer Sorgfalt aber tilgte der französische
-Zensor jede Erwähnung der Mächte, mit denen Frankreich damals
-im Kriege lag, vor allem Englands, gegen das Napoleon
-die Kontinentalsperre erklärt hatte. Obgleich Schiller eine
-»Jungfrau von Orleans« geschrieben hatte, wurde seine »Maria
-Stuart« ganz verbannt, weil sie in England spielte. Kotzebues
-»Brief aus Cadix« mußte nun »aus Marseille« kommen, und
-seine »Indianer in England« wurden nach Irland übergesiedelt.</p>
-
-<h3>Der unmoralische Theodor Körner.</h3>
-
-<p>Körners Lustspiel in Alexandrinern »Die Braut« kam am
-17. Januar 1812 auf dem Burgtheater zur Aufführung, brachte
-aber dem Vizepräsidenten der Polizei- und Zensurhofstelle
-von Haager als verantwortlichem Zensor eine heftige Rüge ein.
-Kaiser Franz erklärte, es genüge nicht, wenn anstößige Stellen
-gestrichen würden, sondern es sei »weit wichtiger, Stücke zu
-verhindern, deren ganze Tendenz unmoralisch sei, und in denen
-die ehrwürdigsten Verhältnisse, z. B. zwischen Eltern und Kindern,
-wie dies in der neuen Piece ›Die Braut‹ geschehe, herabgewürdigt
-und lächerlich gemacht würden«.</p>
-
-<p>Als Haager am 4. März ganz bescheiden und »unmaßgeblich«
-darauf remonstrierte, kam er vom Regen in die Traufe:
-der Kaiser verbot das Stück ausdrücklich mit der bösen Note,
-er habe sich von der Zensurstelle »ein richtigeres Urteil über
-den Wert dieses Stückes versprochen«.</p>
-
-<p><span class="pagenum"><a id="Seite_139"></a>[139]</span></p>
-
-<h3>Ein Theaterskandal in Wien.</h3>
-
-<p>Die schärfste Aufmerksamkeit der Zensur verhinderte gleichwohl
-nicht, daß in einer mit Politik so geladenen Zeit wie dem
-Jahre 1812 dieser Explosivstoff auch ins Theater drang und
-in der heißen Stimmung des Publikums unversehens zündete.</p>
-
-<p>Seit der Zeit Maria Theresias war Voltaires »Mahomet«
-auf dem Burgtheater mehrfach aufgeführt worden, ohne irgendwie
-Anstoß zu erregen, denn Mahomet war ja ein »Pfaffe
-heidnischer Religionen«, die der Zensor der Willkür des Dichters
-preiszugeben pflegte, wenn darin nicht etwa Anspielungen auf
-das Christentum wie Fußangeln verborgen lagen.</p>
-
-<p>Nachdem Goethe, um seine Weimarer Schauspieler an die
-Verssprache zu gewöhnen, 1799 das Werk Voltaires in meisterhafte
-deutsche Jamben übertragen hatte, war diese Neuschöpfung
-ebenfalls vom Burgtheater übernommen worden, und im April
-1812 fiel es der Leitung des Theaters an der Wien plötzlich
-ein, das Stück aufs Repertoire zu setzen.</p>
-
-<p>Das nichtsnutzige Publikum sah aber nun in dem Helden
-Voltaires nur immer Napoleon und belohnte jeden Vers, der
-auf die Gegenwart zu passen schien, mit stürmischem Beifall.
-Welchem lebenden Dichter hätte auch der Zensor Worte erlaubt
-wie die Frage Sopirs in dem Voltaireschen Stück:</p>
-
-<div class="poetry-container">
-<div class="poetry">
- <div class="stanza">
- <div class="verse indent0">Und jeder muthige Betrüger dürfte</div>
- <div class="verse indent0">Den Menschen eine Kette geben? Er</div>
- <div class="verse indent0">Hat zu betrügen Recht, wenn er mit Größe</div>
- <div class="verse indent0">Betrügt?</div>
- </div>
-</div>
-</div>
-
-<p class="noind">Und bei der Anklage gegen Mahomet:</p>
-
-<div class="poetry-container">
-<div class="poetry">
- <div class="stanza">
- <div class="verse indent0">Auf deinen Lippen schallt der Friede, doch</div>
- <div class="verse indent0">Dein Herz weiß nichts davon</div>
- </div>
-</div>
-</div>
-
-<p class="noind">schien die Bühne zum Tribunal zu werden. Die Worte verursachten
-eine politische Demonstration, wie man sie in jenen
-heiligen Hallen, wo man die Rache nicht kennen wollte, noch
-nicht erlebt hatte.</p>
-
-<p>Glücklicherweise stand an diesem Abend die Loge des französischen
-Gesandten leer.</p>
-
-<p>In Paris wurde zur selben Zeit Voltaires »Mahomet«
-tagtäglich unter den Augen Napoleons gegeben.</p>
-
-<p><span class="pagenum"><a id="Seite_140"></a>[140]</span></p>
-
-<h3>Die schöne Luise.</h3>
-
-<p>Pius Alexander Wolffs Schauspiel »Preciosa« wurde 1812
-in Berlin verboten, weil statt harmloser Zigeunerromantik eine
-»wirkliche Räuberbande« darin ihr Wesen trieb und damals
-gerade in der Umgegend Berlins eine 130 Köpfe zählende Mordbrennerbande
-gefangen worden war, unter der die Hauptbrandstifterin,
-die »schöne Luise, die aus Kinderfett Brandlichter
-machte«, wegen ihrer Schönheit und verbrecherischen Naivetät
-die größte Neugier erregte. Iffland hatte als Leiter des Kgl.
-Schauspielhauses deshalb nicht gewagt, selbst über die Aufnahme
-des Stücks zu entscheiden, sondern es der Zensur eingereicht,
-die die Aufführung nicht erlaubte.</p>
-
-<p>Diesmal gereichte das Zensurverbot dem davon betroffenen
-Werk zum Glück, denn erst später schrieb Carl Maria von Weber
-dazu die Musik, die auch den Text unsterblich machte, der
-sonst längst vergessen wäre. In dieser Vertonung fand die
-erste Aufführung der »Preciosa« auf dem Berliner Hoftheater
-am 14. März 1821 statt.</p>
-
-<h3>Gefährliches Spielzeug.</h3>
-
-<p>In einem Stück »Fehlgeschossen« von Costenoble, das am
-12. Oktober 1812 auf dem Theater an der Wien aufgeführt
-wurde, zeigt ein Drechsler Kindern Spielzeug und erläutert es
-ihnen mit den Worten: »Hier ein Hase, dort ein gesternter
-General.« Diese Worte wurden von einem »Geheimagenten«
-beanstandet und mußten daraufhin gestrichen werden.</p>
-
-<h3>Das »jüngste Gericht« ohne Jesus.</h3>
-
-<p>Als der Komponist Ludwig Spohr am 21. Januar 1813
-in Wien sein Oratorium »Das jüngste Gericht« aufführte,
-wurden die Namen Jesus und Maria im Personenverzeichnis
-beanstandet. Nach langen Verhandlungen wurde der Druck
-des Textes nur mit Auslassung jener Namen erlaubt. Spohr
-gab sich damit zufrieden, weil sich jeder Leser aus dem Inhalt
-leicht die fehlenden Namen ergänzen konnte.</p>
-
-<h3>Vaterländische Schauspiele.</h3>
-
-<p>Sofort nach dem Abzug der Franzosen aus Berlin und
-dem Einmarsch der Russen Anfang März 1813 reichte Achim<span class="pagenum"><a id="Seite_141"></a>[141]</span>
-von Arnim dem Berliner Hoftheater ein vaterländisches Schauspiel
-»Die Vertreibung der Spanier aus Wesel im Jahre 1629«
-zur Aufführung ein; bei der Aktualität des Stoffes durch die
-neue erlösende Wendung des europäischen Krieges drang er
-natürlich auf baldige Aufführung.</p>
-
-<p>Mit vaterländischen Schauspielen wußte man aber damals
-in Berlin ebensowenig anzufangen wie in Wien. Heinrich von
-Kleists »Prinz Friedrich von Homburg« und seine »Hermannsschlacht«
-existierten für die Bühne nicht. Wie konnte Arnim
-da Besseres für sich und sein Stück erhoffen! Iffland als
-Direktor des Theaters wagte auch keinen selbständigen Entschluß,
-sondern fragte erst die den abwesenden Staatskanzler
-vertretende Oberregierungskommission, ob sie nichts dagegen
-habe. Wider Erwarten erteilte die Kommission die Erlaubnis,
-da dem Stück »historische Wahrheit« zugrunde liege, obgleich
-»allerdings Anspielungen auf die Bedrängnisse vorkämen, welche
-Deutschland und Preußen von den Franzosen erlitten« habe.
-Dennoch konnte Iffland nicht das Herz fassen, das Werk aufzuführen.</p>
-
-<p>Auch in Wien, wo Clemens Brentano sich dafür verwandte,
-drang es nicht durch, obgleich es schon der Zensor in
-der Mache gehabt hatte. Die Zensurhofstelle hatte dabei allerhand
-lustige Änderungen vorgenommen, von denen Brentano
-am 5. April 1814 dem Freunde Arnim einige verriet. Eine
-Szene, in der von Brutus, dem Mörder Cäsars, die Rede
-war, wurde ganz gestrichen. »Was wird der Mensch in der
-Sklaverei, ein rechtes Vieh« hieß es in einem andern Auftritt;
-diese echt Arnimsche derbe Wendung ging dem Wiener Zensor
-wider die Haare; er schrieb dafür die hochtrabenden Worte hin:
-»Wie sinket die Würde der Menschheit unter eisernem Scepter.«
-Und den burschikosen Vergleich: »Sie ist so dumm wie ein
-Ochs« hatte der höfliche Mann auch nicht zugelassen, sondern
-die letzten drei Worte einfach gestrichen.</p>
-
-<h3>»Auf der Alm, da gibt's ka Sünd.«</h3>
-
-<p>In einer Posse: »Die Pantoffelmacherin« von Told wurde
-bei der Aufführung auf einem Wiener Theater die Gräfin
-von Molkenflur in eine »Frau von«, der Edle von Wiesenklee<span class="pagenum"><a id="Seite_142"></a>[142]</span>
-in einen bürgerlichen Wiesenklee umgetauft, und in einer Gesangstrophe
-änderte der Zensor die Verse eines Mädchens:</p>
-
-<div class="poetry-container">
-<div class="poetry">
- <div class="stanza">
- <div class="verse indent0">Und spricht dann nach der Jagd</div>
- <div class="verse indent0">Der Jager bei mir ein,</div>
- </div>
-</div>
-</div>
-
-<p class="noind">folgendermaßen um:</p>
-
-<div class="poetry-container">
-<div class="poetry">
- <div class="stanza">
- <div class="verse indent0">Und spricht wohl öfters unter Tags</div>
- <div class="verse indent0">A Gamsel (!!) bei mir ein.</div>
- </div>
-</div>
-</div>
-
-<h3>Das Madonnenbild.</h3>
-
-<p>Oehlenschlägers vielgespielter »Correggio« wurde in Wien
-verboten, weil darin ein Madonnenbild vorkommt.</p>
-
-<p>Auf Empfehlung des Zensors von Haager entschied der
-Kaiser am 8. Dezember 1814: »Wenn in dem Trauerspiele
-›Correggio‹ dem Bilde, welches dieser malt, eine bestimmte
-profane Benennung, z. B. aus der fabelhaften Götterlehre, gegeben
-wird; wenn alle Anspielungen auf Maria, Johannes,
-Magdalena, und überhaupt auf Bilder der Heiligen, wie auch
-der Altar in der Eiche vor der Hütte des Einsiedlers wegbleiben,
-und wenn Äußerungen, wie z. B. Jesus, Maria, Mutter
-Gottes, vor dem schönen Bilde der Magdalena knien und
-beten usw. gestrichen werden, so kann die Aufführung des
-Stückes gestattet werden.«</p>
-
-<p>Der Altar wurde dementsprechend auf ein kleines Bild
-reduziert, das Knien und Beten in »andächtige Betrachtung«
-verwandelt, die Namen Jesus und Maria durch gleichgültige
-Ausrufe und das Madonnenbild durch das &ndash; der Familie des
-Malers ersetzt! Nun stand der Aufführung nichts mehr im
-Wege; sie fand am 30. August 1815 statt.</p>
-
-<h3>»Ein König darf nicht lächerlich gemacht werden.«</h3>
-
-<p>Der österreichische Humorist Castelli hatte für ein Wiener
-Possentheater einen travestierten Lear geschrieben. Die Zensur
-verbot aber die Aufführung mit der Begründung, ein König
-dürfe nicht lächerlich gemacht werden.</p>
-<hr class="chap" />
-
-<div class="chapter">
-<p><span class="pagenum"><a id="Seite_143"></a>[143]</span></p>
-
-<h2 class="nobreak" id="kap08">8. Im Banne Napoleons.</h2>
-</div>
-
-<div class="epigraph">
-
-<p>»Im Kriege erträgt man die rohe Gewalt, so gut man
-kann, man fühlt sich wohl physisch und ökonomisch verletzt,
-aber nicht mehr moralisch.«</p>
-
-<p class="right">
-<em class="gesperrt">Goethe</em>, Aus meinem Leben. III, 12.
-</p></div>
-
-<h3>Napoleon und die Presse.</h3>
-
-<p>Die Wirksamkeit der Presse hat keiner besser zu würdigen
-gewußt als Napoleon. Auf seinem politischen Schachbrett vertraten
-die Zeitungen mindestens die Schar der Bauern. Das
-Wort Preßfreiheit, das er als Konsul oft im Munde führte, war
-allerdings nur eine Redensart, ein Aushängeschild, das er rücksichtslos
-beiseite warf, als er auf der Höhe seiner Macht stand,
-und wohin er als Eroberer seinen Fuß setzte, behandelte er die
-gegnerischen Blätter wie eroberte Geschütze, die man einfach
-umkehrt und gegen ihre früheren Besitzer abfeuern läßt. Wehe
-dem Schriftsteller oder Verleger, der dabei auch nur mit der
-Wimper gezuckt hätte! Das Schicksal des Nürnberger Buchhändlers
-Palm, den Napoleon als den Verleger und mutmaßlichen
-Mitverfasser der Schrift »Deutschland in seiner tiefen
-Erniedrigung« am 26. August 1806 erschießen ließ, stand als
-warnendes Blutmal vor aller Augen. Ein Federstrich des
-Kaisers beseitigte im Jahre 1810 sämtliche politischen Zeitungen
-Badens bis auf eine, ebenso in Frankfurt; als er im Dezember
-1810 Hamburg seinem Reiche einverleibte, mußten neun Zeitungen
-dort ihr Erscheinen einstellen. Was übrigblieb, wurde
-einfach in französische Blätter verwandelt oder mußte taktfest
-einstimmen in den Posaunenchor, den er dirigierte. Durch die
-geknebelte Presse diskreditierte er seine Feinde, hob er seine
-Soldaten in den Himmel, fälschte er die Kriegsberichte, daß
-selbst aus der Schlacht bei Leipzig ein großer Sieg der französischen
-Waffen wurde, und ließ er vor allem über sich selbst
-des Lobes unendliche Fluten ergießen. Wie zahllose Völker
-Europas, zwang er auch die öffentliche Meinung mit brutaler<span class="pagenum"><a id="Seite_144"></a>[144]</span>
-Gewalt zur Bundesgenossin, und diese Hilfstruppen wußte er
-mit genialem Geschick immer da einzusetzen, wo er sie brauchte.</p>
-
-<p>In diesem Sinne bedeutete für ihn die Presse in der Tat
-die »fünfte Großmacht«, wenn ihm auch dieses oft zitierte
-Wort mit Unrecht zugeschrieben wird.</p>
-
-<h3>Presse und Regierung in Deutschland.</h3>
-
-<p>Von dieser Großmachtstellung der Presse waren aber die
-deutschen Regierungen jener Zeit noch wenig überzeugt, und
-Napoleon mußte auch hierin ihr Lehrmeister werden. Den
-deutschen Behörden galt die Presse immer noch als ein Pech,
-mit dem man sich besudelte, wenn man es anfaßte. Sie war
-das <em class="antiqua">enfant terrible</em>, für das nur die Rute gut war, um sein
-vorlautes Dreinreden zu zügeln. Am liebsten hätte man ihm
-überhaupt den Mund verstopft, denn es lebte ja durch und für
-die Öffentlichkeit, die man haßte. Das Mysterium der Staatsregierung
-vollzog sich hinter einem dichten Vorhang; statt ihn ab
-und zu hochzuziehen, um die schaugierige Menge wenigstens durch
-ein lebendes Bild zu befriedigen, wurde jeder als Hochverräter
-behandelt, der es wagte, den Vorhang mit dreister Hand zu lüften.</p>
-
-<p>Das ungeheuer umfangreiche Aktenmaterial, das über die
-Behandlung der Presse in den Kriegsjahren 1806 bis 1815
-verschrieben wurde, hat vor allem <em class="gesperrt">ein</em> Kennzeichen: der übelste
-bürokratische Ton feiert darin wahre Orgien. Alle diese meist
-hohen Beamten arbeiteten ihren Vorgesetzten immer zu Dank,
-wenn sie in jeder Wendung ihres Konzeptes der tiefsten Verachtung
-der Presse und ihrer dienstbaren Geister, mochten sie
-auch Arndt oder Schleiermacher oder Görres heißen, kräftigsten
-Ausdruck liehen und an den Leuten der Feder ihr trauriges
-Mütchen kühlten. Dieser Schriftwechsel der Minister unter sich
-ist eine Sammlung vollendeter Verbalinjurien ersten Ranges.</p>
-
-<p>Von einer auch nur notdürftigen Versorgung der Presse mit
-Nachrichten war nicht die Rede. Was über die politischen Ereignisse,
-die Maßregeln und Ziele der Regierungen durchsickerte,
-wurde im Haarsieb der Zensur zu einem winzigen Häuflein
-Staub zerrieben. Die damaligen Zeitungen sind daher die
-allerkläglichsten Meilenzeiger der deutschen Geschichte. Nur das
-Ausland überließ man den Journalisten als fette Weide, und<span class="pagenum"><a id="Seite_145"></a>[145]</span>
-da es zu jener Zeit in Frankreich am lebhaftesten zuging, so
-war die deutsche Presse durch eine fehlerhafte geistige Rationierung
-längst mit französischem Geiste durchsetzt, ehe dieser
-durch Napoleon eine politische Gefahr für Deutschland wurde.</p>
-
-<p>So kann es nicht Wunder nehmen, daß die völlig unorganisierte,
-jedes nationalen Haltes entbehrende deutsche Presse
-jener Gefahr hilflos gegenüberstand und vor ihrem Ansturm
-kläglich die Waffen streckte.</p>
-
-<h3>»Ruhe ist die erste Bürgerpflicht!«</h3>
-
-<p>Die Schlacht bei Jena hatte am 14. Oktober 1806 Preußens
-Niederlage entschieden. Vier Tage später klebte in den Straßen
-Berlins der bekannte Anschlagzettel, der mit den Worten begann:</p>
-
-<p>»Der König hat eine Bataille verlohren. Jetzt ist Ruhe
-die erste Bürgerpflicht.«</p>
-
-<p>Der Gouverneur der preußischen Hauptstadt, der diese
-Worte prägte, Graf von der Schulenburg-Kehnert, besaß aber
-selbst diese Ruhe nicht und flüchtete mit der Regierung und
-dem königlichen Hof nach Ostpreußen in den Schutz des russischen
-Verbündeten. Auch der bisherige Berliner Zeitungszensor
-Renfner, der schon seit 1792, der Zeit Wöllners, dieses Amt
-verwaltete, hatte sich dorthin in Sicherheit gebracht.</p>
-
-<p>Schulenburgs Nachfolger Fürst Hatzfeld gab nun die Losung
-aus: »Unsere Aussichten müssen sich nicht über dasjenige entfernen,
-was in unsern Mauern vorgeht!« Dafür sorgten dann
-schon die Franzosen, die am 24. Oktober in Berlin einrückten.</p>
-
-<h3>Im Dienst des Feindes.</h3>
-
-<p>In den vom Feinde eroberten Provinzen Preußens herrschten
-nun das fremde Gesetz und die Willkür des Siegers. Getreu
-seiner Gewohnheit, sich in erster Reihe aller Organe des öffentlichen
-Lebens zu versichern, riß er in Berlin sofort die Zensur
-aller Drucksachen an sich. Schon am 27. Oktober, dem Tage
-des Einzugs Napoleons, ließ der französische Kommandant von
-Berlin, Hulin, dem Zensor für historisch-politische Schriften
-melden, daß die politische Zensur nunmehr von der französischen
-Behörde ausgeübt werde. Zwei Tage später beschied der französische
-Kommissar Baron Bignon, der schon 1801&ndash;04 Geschäftsträger<span class="pagenum"><a id="Seite_146"></a>[146]</span>
-in Berlin gewesen war, das Terrain also gut
-kannte, die Herausgeber der beiden politischen Tageszeitungen
-zu sich, um sie zu instruieren. Worin diese »Instruktion« bestand,
-zeigte sich bald; die Zeitungen waren von jetzt an in
-fremdem Dienst: sie brachten die Lüge von dem begeisterten
-Empfang Napoleons durch die Berliner Bürgerschaft, druckten
-die Bulletins der Großen Armee wortgetreu ab, verherrlichten
-die Waffentaten »unserer siegreichen [französischen] Truppen«,
-verspotteten das preußische Militär und erniedrigten sich sogar
-zu verleumderischen Angriffen gegen König und Königin, die
-als Feinde Napoleons jetzt auch ihre Feinde sein mußten. Der
-geradezu im Solde der Franzosen stehende täglich erscheinende
-»Neue Telegraph« von Hofrat <em class="antiqua">Dr.</em> K. J. Lange (ehemals Davison)
-durfte es unter dem Gelächter der französischen Kavaliere
-wagen, der Königin Luise ein Verhältnis zu Kaiser Alexander
-anzudichten. Diese Haltung der Berliner Presse, die sogar nach
-dem Wiederabzug der Franzosen noch eine Weile die gleiche
-blieb, verziehen ihr der König und die preußischen Patrioten nie;
-Graf Alexander von Dohna war der Meinung, die Zeitungen
-hätten lieber eingehen müssen, als »Schmähungen auf die vaterländische
-Regierung« aufzunehmen. Noch 1814 brachte er als
-Gouverneur in Königsberg diese sklavische Nachgiebigkeit der
-Berliner Presse in peinlichste Erinnerung (vgl. S.&nbsp;<a href="#Seite_202">202</a>).</p>
-
-<h3>Französische Zensur.</h3>
-
-<p>Baron Bignon übte die Zensur der Zeitungen und politischen
-Schriften mit großer Sorgfalt selbst aus. Artikel, die
-ihm nicht paßten, schnitt er aus den Korrekturabzügen heraus;
-die Abzüge mußten außerdem am Erscheinungstage der betreffenden
-Nummer an ihn zurückgegeben werden, so daß Redakteure
-und Verleger nicht einmal Beweisstücke in Händen behielten für
-das, was ihnen die französische Zensur zumutete.</p>
-
-<p>Von allen neu erscheinenden Schriften mußten regelmäßig Verzeichnisse
-vorgelegt werden. Politische Schriften, soweit Bignon
-sie nicht selbst zensierte, übergab er dem Prediger an der französischen
-Kirche, Hauchecorne, der ihm schon früher befreundet
-war und sich dieser Tätigkeit mehr als willig unterzog. Nur
-was harmlos erschien, wurde den bisherigen Zensoren zugestellt.</p>
-
-<p><span class="pagenum"><a id="Seite_147"></a>[147]</span></p>
-
-<h3>Krieg und Moral.</h3>
-
-<p>Was nicht parierte, wurde beseitigt. Der von August von
-Kotzebue und Garlieb Merkel 1804 begründete »Freimüthige«,
-der bis zuletzt seinem Namen Ehre zu machen wagte, stellte
-unmittelbar vor der Ankunft der Franzosen sein Erscheinen ein.
-Erst im Januar 1808 wurde er fortgesetzt, aber schon im
-Februar stand sein jetziger Herausgeber August Kuhn unter
-Polizeiaufsicht, und im März traf ihn wegen eines Artikels
-»Nemesis« ein neues Verbot. Von April 1808 ab durfte er
-wieder erscheinen und bewahrte auch jetzt noch in allem, was
-den preußischen Staat betraf, eine tapfere patriotische Haltung.</p>
-
-<p>Ein anderes Unterhaltungsblatt, der von Professor Theodor
-Heinsius herausgegebene »Preußische Hausfreund«, verschwand
-am 5. Februar 1807 plötzlich von der Bildfläche und durfte sich
-erst nach dem Abzug der Franzosen wieder hervortrauen. Am
-6. Februar 1807 wurde außerdem der Herausgeber Heinsius
-aus dem Bette heraus verhaftet und vierzehn Tage lang auf
-die Hausvogtei gesetzt. General Clarke soll in einer Schrift
-über Moral, die Heinsius herausgeben wollte, »aufregende Tendenzen«
-entdeckt und dem Verfasser erklärt haben: »Ach was
-Moral, was soll die im Kriege?« Jedenfalls handelte es sich um
-einen Aufsatz für den »Hausfreund«, wie auch Gubitz berichtet.
-Clarke verbot die Fortsetzung, warnte Heinsius vor Aussprüchen,
-die den französischen Behörden unangenehm seien, und ließ ihn
-auch nach seiner Freilassung durch die Polizei überwachen.</p>
-
-<p>Eines aber darf man der französischen Gewaltherrschaft
-nachrühmen: um <em class="gesperrt">un</em>politische Dinge kümmerte sie sich nicht.
-Auch waren die Franzosen für Witz und Satire viel leichter zugänglich
-als die meist grämliche preußische Behörde. Der Kommandant
-Hulin, der ebenso wie General Clarke auf alle Drucksachen
-ein scharfes Auge hatte, ließ eine boshafte Karikatur
-auf den Herausgeber des franzosendienerischen »Telegraphen«
-unbeanstandet; als sie eine zweite Auflage erlebte, forderte er
-zwar dem Künstler die Platten ab, gab sie aber nach drei
-Wochen ohne weitere Vorschriften zurück.</p>
-
-<p>Bezeichnend ist auch, daß unter dem französischen Regiment
-in Berlin das erste dortige Leseinstitut errichtet wurde, wo
-200&ndash;300 Zeitungen offenlagen. Da konnte sich auch der mißtrauischste<span class="pagenum"><a id="Seite_148"></a>[148]</span>
-Berliner überzeugen, daß fast die gesamte deutsche
-Presse sich glücklich schätzte, unter den glorreichen Feldzeichen
-Napoleons für die Freiheit der Nationen und den Sieg der
-»Kultur« über die »Barbarei« zu fechten.</p>
-
-<h3>Fichte als Zensor.</h3>
-
-<p>Die rücksichtslose Fälschung der öffentlichen Meinung durch
-die Franzosen und die ihrer Gewalt preisgegebene deutsche
-Presse hatte endlich der preußischen Regierung zu denken gegeben:
-es mußte etwas geschehen, es galt gegen dies vom Feinde
-verbreitete Giftgas eine Schutzmaske zu finden. Das einzige
-Blatt aber, das sich noch im vaterländischen Machtbereich befand,
-war die »Königsberger Hartungsche Zeitung«, und selbst
-diese konnte sich dem französischen Einfluß nicht ganz entziehen.
-Sie mußte doch melden, was jenseits der Kampffront vor sich
-ging, und dafür hatte sie keine andern Quellen, als die französisch
-sich räuspernden Berliner Zeitungen. Auch verfügte man
-in der Provinz damals nicht über geschulte und selbständig
-arbeitende journalistische Kräfte, denn der politische Teil der
-preußischen Provinzpresse war nur immer aus den Blättern der
-Hauptstadt »zusammengetragen« worden; eigene politische Nachrichten
-&ndash; von Leitartikeln war ja damals überhaupt noch keine
-Rede &ndash; erlaubte die Zensur nicht. So hatte bisher der Berliner
-Zensor auch die Königsberger Zeitung vorsichtig an der
-Leine gehalten &ndash; kein Wunder, daß sie, plötzlich und unvorbereitet
-sich selbst und dem grundlosen Element überlassen, noch
-keine kunstgerechten Schwimmbewegungen machen konnte. Also
-mußte ihr zunächst ein neuer Zensor gesetzt werden, und dazu
-erkor man keinen Geringeren als den Philosophen Fichte.</p>
-
-<p>Seitdem durch den Atheismusstreit Fichtes Stellung als
-Professor der Philosophie in Jena unhaltbar geworden war,
-hatte er sich 1799 in Berlin niedergelassen, wo ihn König
-Friedrich Wilhelm III. unangefochten ließ. »Gedeckt vor den
-Bannstrahlen der Priester und den Steinigungen der Gläubigen«
-hielt er hier im Winter 1804/05 Vorträge über die »Grundzüge
-des gegenwärtigen Zeitalters« vor einem zahlreichen und
-auserlesenen Hörerkreis; im folgenden Sommer ging er als
-Professor an die jetzt preußisch gewordene Universität Erlangen,<span class="pagenum"><a id="Seite_149"></a>[149]</span>
-kehrte aber im nächsten Semester wieder nach Berlin zurück,
-um den bevorstehenden Ereignissen näher zu sein. So hatte
-ihn das Kriegsgewitter dort überrascht, und mit den preußischen
-Flüchtlingen war er nach der Schlacht bei Jena nach Königsberg
-gekommen.</p>
-
-<p>Hier begann man eben mit großem Nachdruck eine gründliche
-Reform der Universität, und auf Drängen des damaligen
-Konsistorialrats Nicolovius wurde auch Fichte dort angestellt.
-Er sollte aber nicht nur als Dozent wirken, sondern daneben
-besonders darauf achten, daß in der dortigen Zeitung »die
-Nachrichten von den Kriegs- und andern öffentlichen Begebenheiten
-nicht in einem verführerischen, den Patriotismus niederschlagenden
-Ton erzählt«, vielmehr »alle Anlässe, um den Mut
-der Untertanen zu beleben, gehörig benutzt« würden.</p>
-
-<p>Durch diese Heranziehung Fichtes fühlte sich aber der bisherige
-Königsberger Zensor tief gekränkt. Wenn auch die Provinzblätter
-Politisches immer nur aus der klar geläuterten
-Quelle der Berliner Zeitungen schöpfen durften, so gab es doch
-in jeder mit einem Regierungsapparat versehenen Stadt immer
-noch einen besondern Zensor, der jenen Stoff noch einmal
-filtrierte; der lokale Teil und die Inserate waren ja sowieso
-hinzugekommen. Das Zensoramt in Königsberg hatte bisher
-der Polizeidirektor Kriminalrat Brand durchaus zur Zufriedenheit
-seiner Vorgesetzten verwaltet. Nun aber erklärte dieser,
-er bedanke sich schönstens dafür, in Zukunft nur noch die Inserate
-beaufsichtigen zu sollen, da wolle er schon lieber mit der
-Zensur überhaupt nichts mehr zu tun haben. Fichte aber lehnte
-die alleinige Verantwortung nachdrücklich ab; daraufhin bestimmte
-der Oberpräsident von Auerswald, daß der Polizeipräsident
-trotz seines Widerwillens »sowohl die Intelligenzblätter
-als auch die Zeitungsavertissements« (die Bekanntmachungen)
-entweder selbst zu zensieren oder durch einen Polizeibeamten zensieren
-zu lassen habe, da »dem Professor Fichte die das Censurwesen
-betreffenden Gesetzesbestimmungen und Vorschriften nicht
-bekannt« seien. Fichte führte also daneben die höhere politische
-Zensur, wie sie vordem in Berlin geübt worden war, dessen
-Zeitungen jetzt »unter den insidiösen Einflüssen des Feindes«
-standen.</p>
-
-<p><span class="pagenum"><a id="Seite_150"></a>[150]</span></p>
-
-<h3>Zivil- und Militärzensur.</h3>
-
-<p>Fichtes Konflikt mit einem sich zurückgesetzt fühlenden Polizeidirektor
-war aber nicht der einzige, der dem Philosophen während
-seiner Zensortätigkeit beschieden war. Peinlicher und nachhaltiger
-war sein Zusammenprall mit der Militärgewalt, die in
-Königsberg der Generalgouverneur von Rüchel vertrat. Diesem
-Mann paßte Fichtes Tätigkeit ganz und gar nicht. Er vermißte
-an ihm die nötige »militärisch-politische« Sachkenntnis,
-und dieser Zivilist hatte noch dazu die Dreistigkeit, an offiziellen
-Aufsätzen, die der Königsberger Zeitung von der Adjutantur
-geliefert wurden, Kritik zu üben: die einen wies er überhaupt
-zurück, und andern gab er nur das Imprimatur, wenn der
-Generalgouverneur das kraft seines Amtes energisch verlangte.
-Schließlich riß diesem die militärisch kurze Geduld, er entzog Fichten
-Ende Februar 1807 die Aufsicht über die Zeitung und setzte an
-Stelle der bisherigen Zivilzensur eine ausschließliche Militärzensur.</p>
-
-<p>Der Augenblick dazu war allerdings nicht eben glücklich gewählt.
-In der Hartungschen Zeitung war am 19. Februar ein
-Artikel über die Schlacht bei Eylau erschienen, der die höchste
-Entrüstung des Königs erregte. Auerswald untersuchte den Vorfall,
-und da stellte sich heraus: der vom König beanstandete Artikel
-stammte &ndash; von Rüchel selbst. Fichte hatte ihn als Zensor gestrichen,
-war aber gegen den Generalgouverneur machtlos gewesen.</p>
-
-<h3>Die Hebung der »Königsberger Hartungschen Zeitung«.</h3>
-
-<p>Die Schlacht bei Eylau hatte die Hoffnungen der Patrioten
-neu belebt, man erwartete nachdrückliche Hilfe von den Russen
-und wagte wieder der nächsten Zukunft mit klarer Überlegung
-ihrer Forderungen an die Staatsverwaltung entgegenzusehen.
-Hardenberg, der in Memel beim Könige weilte und am
-26. April wieder als Minister die Staatsgeschäfte übernahm,
-hatte schon in einer Denkschrift vom 3. März »größere Rücksicht
-auf die öffentliche Meinung und Bearbeitung derselben
-durch zweckmäßige Publizistik« empfohlen. Er konnte dabei nur
-das Königsberger Blatt im Auge haben, und im Mai 1806
-verhandelte er mit dem Oberpräsidenten, wie die Hartungsche
-Zeitung »durch interessantere und besser stilisierte Aufsätze« zu
-»heben« sei. In Auerswalds Antwort kommt der durch Fichtes<span class="pagenum"><a id="Seite_151"></a>[151]</span>
-Tätigkeit veranlaßte Zwist zwischen Zivil- und Militärgewalt
-zum deutlichsten Ausdruck. Die Zeitung, erklärte der Oberpräsident
-geradeheraus, sei nur dadurch so heruntergekommen,
-daß der Generalgouverneur darauf bestehe, daß alle von ihm
-gelieferten Kriegsnachrichten unverändert aufgenommen würden;
-ebenso schalte und walte er mit allen übrigen ihm vorgelegten
-Nachrichten ganz nach Belieben. Von der Adjutantur aber
-könne man weder »genaue historische Kritik« noch »sorgfältige
-Aufmerksamkeit auf richtigen Ausdruck und Stil« fordern; dazu
-hätten die dort beschäftigten Herren natürlich keine Zeit. Das
-dringende Bedürfnis, zuverlässige Kriegsberichte dem Publikum
-»in lesbaren Aufsätzen« zu bieten, liege allerdings vor. Dazu
-müsse man aber beim preußischen und beim russischen Armeekorps
-geschickte Berichterstatter (»Bulletinschreiber«) auswählen, die nur
-der Zensur des Hauptquartiers unterständen, nicht aber der
-»Einwirkung des Generalgouvernements«. Die örtliche Zensur
-möge man dann wieder Fichte anvertrauen, der besonders die
-Radamontaden der feindlichen Bulletinschreiber niedriger hängen
-und »die Stimmung des Volkes zur Ausdauer und Verstärkung
-der Vaterlandsliebe zu erheben« suchen solle. Heute, wo wir
-unter ähnlichen Verhältnissen leben und die großzügige Organisation
-der amtlichen militärischen Berichterstattung täglich wie
-ein zauberhaftes Uhrwerk ablaufen sehen, können wir erst ganz
-ermessen, in welcher Rat- und Hilflosigkeit man sich vor hundert
-Jahren diesem Problem gegenüber befand.</p>
-
-<h3>Scharnhorst als Kriegsberichterstatter.</h3>
-
-<p>In jenem Mai des Jahres 1806 machte man denn auch
-mit der »Hebung« der Hartungschen Zeitung schon einen vielversprechenden
-Anfang. Am 11. Mai begannen darin die durch
-vier Nummern laufenden »Bemerkungen über das 58. Bulletin
-der großen Armee von der Schlacht bei Eylau«, die den üblen
-Eindruck des früheren Berichtes von Rüchel wieder gutmachen
-sollten. Der anonyme Verfasser dieser Darstellung war ein
-schon damals, wie die Redaktion dazu bemerkte, »berühmter
-militärischer Schriftsteller«, der noch dazu durch sein Eingreifen
-die glückliche Wendung der Schlacht bei Eylau selbst herbeigeführt
-hatte, der Oberst von Scharnhorst.</p>
-
-<p><span class="pagenum"><a id="Seite_152"></a>[152]</span></p>
-
-<p>Zu einer Fortsetzung dieses Hebungsversuchs kam es aber
-leider nicht. Nach der Schlacht bei Friedland am 14. Juni
-rückten die Franzosen auch in Königsberg ein, Regierung und
-Armee flüchteten weiter nach Osten, und am 13. Juni hatte auch
-Fichte auf dem Reitpferd des Freundes Nicolovius die Stadt
-verlassen, um über Memel nach Kopenhagen zu entkommen.</p>
-
-<h3>Schurkenstreich eines Zensors.</h3>
-
-<p>Auch nach dem schmachvollen Frieden von Tilsit (7./9. Juli
-1807), der Preußen die Hälfte seiner Länder raubte, mußte
-sich König Friedrich Wilhelm noch anderthalb Jahre die Besetzung
-seiner Hauptstadt gefallen lassen. Der Gouverneur
-Clarke wurde 1807 französischer Kriegsminister; sein Nachfolger
-wurde Marschall Davoust, der Sieger von Auerstädt, der
-bald nachher als Eroberer von Hamburg durch seine unmenschliche
-Härte seinem Namen ein unauslöschliches Brandmal aufdrückte.
-Hulins Nachfolger als Kommandant wurde Marschall
-Soult. Bignon blieb auf seinem Posten, und da er für Kunst
-und Literatur Verständnis hatte, konnten die Berliner Literaten
-noch von Glück sagen, vor allem der junge Lehrer der Holzschneidekunst
-an der Berliner Akademie, Gubitz, den damals die
-Empörung über Schmähungen Preußens durch seine eigenen
-Landsleute zum Schriftsteller machte.</p>
-
-<p>Mit dem Verbot solcher Schriften, die gegen die preußische
-Regierung loszogen, hatte es die französische Behörde natürlich
-nicht so eilig, wie wenn es sich um ihr eigenes Interesse
-handelte. So konnte im Frühjahr 1808 ein Pamphlet »Gallerie
-preußischer Charaktere«, das heftige Angriffe, ja Schmähungen
-gegen preußische Staatsmänner und Generale enthielt, in
-6000 Exemplaren verbreitet werden, ehe die Beschlagnahme der
-Restauflage von 500 Exemplaren erfolgte. Die »Neuen Feuerbrände«
-vom Kriegsrat von Cölln, eine Zeitschrift ähnlicher
-Tendenz, wurden von Bignons Handlanger, Prediger Hauchecorne,
-anfangs verboten, als sich aber der Herausgeber zur
-Fortlassung einiger Aufsätze verstand, wieder erlaubt.</p>
-
-<p>Gegen diese Cöllnschen »Feuerbrände« richtete nun Gubitz
-eine Zeitschrift »Das Vaterland«, die Preußens Sache mit
-Wärme verfocht und »in geziemender Anständigkeit«, wie Gubitz<span class="pagenum"><a id="Seite_153"></a>[153]</span>
-selbst meint, manches sagte, was die Franzosen nicht angenehm
-berührte. Durch die Niedertracht des Predigers Hauchecorne
-hätte sie ihren Herausgeber beinahe auf den Sandhaufen gebracht.</p>
-
-<p>Am 11. Mai 1808 wurde Gubitz morgens zwischen 6 und
-7 Uhr verhaftet und auf die Kommandantur geschafft. Dort
-legte man ihm einige aus dem Zusammenhang gerissene Sätze
-seiner Zeitschrift vor, die schwere Beleidigungen des Kaisers
-und des französischen Heeres enthalten sollten. So schien es
-wenigstens nach der Übersetzung, die der biedere Hauchecorne
-von jenen Stellen geliefert hatte; das war seine Rache dafür,
-daß Gubitz einmal unverblümt seine Meinung über die Zensorentätigkeit
-des Predigers, der geborener Preuße war, gesagt hatte.</p>
-
-<p>Die Lage des Angeklagten schien verzweifelt. Denn wie
-sollte er der französischen Behörde die Fälschungen Hauchecornes
-klarmachen? Da kam ihm ein glücklicher Zufall zu Hilfe.
-Der neue Kommandant Marschall Soult, der wohl kurzen Prozeß
-mit ihm gemacht haben würde, war noch nicht zur Stelle, und
-Bignon vertrat ihn; als dieser den Namen Gubitz hörte, erinnerte
-er sich, Holzschnitte des jungen Künstlers gesehen zu
-haben, die ihm ein alter Kunstfreund Christian von Mecheln
-nach Paris geschickt hatte; und eben, als das Verhör begann,
-trat wie gerufen jener Herr von Mecheln ins Zimmer, der
-Gubitzens Gönner war und Bignon nun ohne Mühe von der
-Fälschung seines Vertrauensmannes Hauchecorne überzeugte.</p>
-
-<p>Am Mittag des Tages war Gubitz schon wieder entlassen,
-wenn auch nicht freigesprochen. Das französische Militärgericht
-verurteilte ihn schließlich zu sechs Wochen Hausvogtei, von
-denen er aber nur vier tageweise und in gelinder Haft absaß.
-Der glückliche Zufall und das Wohlwollen des Kunstfreundes
-Bignon hatten ihm das Leben gerettet.</p>
-
-<h3>Der Philosoph Fichte unter Zensur.</h3>
-
-<p>Merkwürdigerweise blieb ein Mann von den wachsamen
-französischen Behörden ganz unbehelligt, obgleich er es wagte,
-mitten im Lager des Feindes eine öffentliche Philippika gegen
-den Welteroberer zu schleudern, wie sie kühner und eindringlicher
-nie gehalten wurde.</p>
-
-<p><span class="pagenum"><a id="Seite_154"></a>[154]</span></p>
-
-<p>Nach dem Frieden von Tilsit war der Philosoph Fichte aus
-Kopenhagen nach Berlin zurückgekehrt; neben Schleiermacher,
-dem großen Philologen Wolf und dem Staatsrechtlehrer Schmalz
-bildete er den vierten Grundpfeiler der neu zu errichtenden
-Berliner Universität, und am 13. Dezember 1807 begann er
-eine Fortsetzung der Vorlesungen über die »Grundzüge des
-gegenwärtigen Zeitalters«, wie er sie schon im Winter 1804/05
-in Berlin gehalten hatte. Wie anders aber war diese Gegenwart!
-Jetzt zogen, wenn er Sonntagvormittags den runden
-Saal des Akademiegebäudes Unter den Linden betrat, unter den
-Fenstern französische Trommler auf Wache, und in der schon
-ganz akademischen Zuhörerschaft zeigte man mit Fingern auf
-die anwesenden französischen Aufpasser. Das schreckte den
-Redner nicht; in schlaflosen Nächten trat ihm wohl das blutige
-Schicksal Palms warnend vor die Seele; aber er überwand
-diese Schwäche und führte seine vierzehn Vorlesungen mit erhabenem
-Mut zu Ende. Als »Fichtes Reden an die deutsche
-Nation« sind sie eines der heiligen Bücher seines Volkes geworden,
-und selbst ein Meister des rhetorischen Stils, Friedrich
-von Gentz, zollte ihnen seine Bewunderung mit den Worten:
-»So groß, tief und stolz hat fast noch niemand von der deutschen
-Nation gesprochen.«</p>
-
-<p>Ob die französischen Aufpasser nicht begriffen, daß diese
-Reden die edelsten Kräfte des Deutschtums gegen die fremde
-Gewaltherrschaft mobil machten? Nur der »Moniteur« meldete
-einmal, ein berühmter deutscher Philosoph in Berlin halte Vorträge
-über Verbesserung der Erziehung &ndash; das war die einzige
-Notiz, die man auf französischer Seite davon nahm, und
-auch als die Reden im Druck erschienen, legten die Franzosen
-ihrer Verbreitung nichts in den Weg. Die einzige Behörde,
-die ihnen verhängnisvoll wurde, war &ndash; das preußische Oberkonsistorium,
-dessen Zensur sie als philosophische Schrift unterlagen.</p>
-
-<p>»Um keine Zeit zu verlieren, deutsche Denkweise zu erneuern
-und zu bilden«, und um etwaigen falschen Auslegungen
-des gesprochenen Wortes vorzubeugen, ließ Fichte seine Reden
-einzeln sogleich drucken. Als er die erste zur Zensur vorlegte,
-erhielt er den kühl bürokratischen Bescheid: man könne sich auf
-einzelne Hefte nicht einlassen. Das Konsistorium hatte es also<span class="pagenum"><a id="Seite_155"></a>[155]</span>
-mit der Verbreitung deutscher Denkweise in der besetzten Landeshauptstadt
-nicht so eilig; es wollte erst die Tendenz der ganzen
-Schrift beurteilen können, um darnach zu entscheiden, ob sie
-nicht vor »eine andere«, die politische Zensurstelle gehöre, und
-beantragte sogar bei der Polizeidirektion, »die Vorlesung selbst
-durch einen Deputierten näher beachten zu lassen«!</p>
-
-<p>Der zweiten und dritten Rede gab es gleichwohl ohne
-weiteres die Druckerlaubnis; der wahre Grund zum Verbot der
-ersten waren also Bedenken gegen den Inhalt, die auch in
-Randbemerkungen zum Manuskript angedeutet waren. Daraufhin
-beschwerte sich Fichte am 2. Januar 1808 nachdrücklich
-beim Minister von Beyme, legte ihm das Manuskript der ersten
-Rede mit den Randstrichen des Zensors vor und schrieb dazu:
-»Was soll aus freier Geisteserregung, was soll aus Erweckung
-eines deutschen Sinnes und Muthes erst alsdann werden, wenn
-<em class="gesperrt">solche</em> Censoren uns bevormunden? Ich weiß recht gut, was
-ich wage; ich weiß, daß ebenso wie Palm ein Blei mich tödten
-kann; aber dies ist es nicht, was ich fürchte, und für den
-Zweck, den ich habe, würde ich gern auch sterben. Ueber diese
-Rücksichten hinweg soll man nun noch mit den kindischen Bedenklichkeiten,
-den kopflosen Auslegungen und der verzagten
-Politik solcher Censoren Rücksprache nehmen?«</p>
-
-<p>Dieser Protest half aber nichts, die erste Rede blieb zunächst
-ungedruckt und wurde erst genehmigt, nachdem Fichte
-»einige Änderungen« gemacht hatte.</p>
-
-<p>Niemand würde es dem ehrenwerten Konsistorium verdenken,
-wenn es die Verantwortung für Äußerungen abgelehnt hätte,
-die ihm ernste Ungelegenheiten seitens der französischen Regierung
-zuziehen konnten. Solche Bedenken lagen aber tatsächlich
-gar nicht vor, sondern die kleinlichste Kirchturmpolitik gab wieder
-einmal den Ausschlag. Der Änderungen, die Fichte machen
-mußte, waren nur zwei: einmal sprach er von der »Schwäche
-der Regierung«, was sich nur auf die preußische beziehen konnte;
-um diesen Tadel zu verwischen, setzte er statt der Einzahl die
-Mehrzahl »Regierungen«! Und statt des Satzes: »Diese
-Bande also waren es, durch deren Zerreißung der Staat zu
-Grunde ging« &ndash; womit wieder nur Preußen gemeint war &ndash;
-mußte er jetzt, völlig unbestimmt, schreiben: »Bande solcher Art<span class="pagenum"><a id="Seite_156"></a>[156]</span>
-waren es, die irgendwo gänzlich zerrissen, und durch deren Zerreißung
-das gemeine Wesen sich auflöste«!</p>
-
-<p>Die Angst vor den Franzosen veranlaßte aber das
-Konsistorium, die achte Rede Fichtes der Oberregierungskommission
-vorzulegen. Was ihr darin besonders gefährlich
-schien, hat sich nicht mehr feststellen lassen. Aber sogar die
-nicht eben tapfere Regierungskommission hatte kein Bedenken
-dagegen.</p>
-
-<p>Derselben Kommission legte dann das Konsistorium auch
-die erste und letzte Rede zur eigenen Rückendeckung vor. In
-der letzten milderte Fichte zwei nicht näher bekannte Stellen;
-gegen die Änderung einer dritten aber sträubte er sich und rief
-dabei den Freiherrn vom Stein zu Hilfe. Ob es nach dem
-Kriege »jemals uns wieder wohlgehen soll,« so hatte er geschrieben,
-»dies hängt ganz allein von uns ab, und es wird
-sicherlich nie wieder irgend ein Wohlsein an uns kommen, wenn
-wir nicht selbst es uns verschaffen«. Diese gefährliche Drohung
-einer Selbsthilfe wollte auch die Regierungskommission nicht
-durchlassen; Fichte setzte also auf Steins Rat den abschwächenden
-Nachsatz hinzu: »und insbesondre, wenn nicht jeder Einzelne
-unter uns in seiner Weise tut und wirket, als ob er allein
-sei, und als ob lediglich auf ihm das Heil der künftigen
-Geschlechter beruhe«. Damit war das Kapitol wieder einmal
-gerettet!</p>
-
-<p>Als schließlich auch die erste Rede freigegeben wurde, füllte
-der Text nicht die dazu leer gelassenen 48 Seiten. Die so
-entstandene Lücke stopfte deshalb Fichte mit einigen Abschnitten
-aus älteren Arbeiten, die schon gedruckt oder von der Zensur
-genehmigt waren; er verglich darin die »Große Schreibe- und
-Preßfreiheit in Machiavells Zeitalter« mit der Gegenwart,
-geißelte die Zensoren, die alles Neue, was sie nicht sogleich zu
-fassen vermögen, als verborgenes Gift unterdrücken, »um ganz
-sicher zu gehen«, und bestritt ihre Befugnis, »irgend einem
-Tone deswegen zu verwehren, laut zu werden, weil er an <em class="gesperrt">ihre</em>
-Ohren fremd und paradox anschlägt«. So bildeten diese einleitenden,
-den Leser zunächst befremdenden Fragmente eine feine
-Satire auf das, was er selbst mit diesem seinem Buche erlebt
-hatte.</p>
-
-<p><span class="pagenum"><a id="Seite_157"></a>[157]</span></p>
-
-<h3>Fichtes verlorene »Rede an die deutsche Nation«.</h3>
-
-<p>Mit den Zensurschwierigkeiten, die das preußische Oberkonsistorium
-Fichtes »Reden an die deutsche Nation« bereitete,
-ist aber dessen Wirksamkeit bei der Herausgabe jenes Buches
-keineswegs erschöpft. Es kam noch schlimmer! Der unverantwortlichen
-Nachlässigkeit dieser Zensurbehörde verdanken wir es,
-daß die dreizehnte der Fichteschen Reden in ihrem ursprünglichen
-Wortlaut unwiderruflich verlorenging! Statt ihrer erschien
-nur eine »Inhaltsangabe der dreizehnten Rede« mit
-folgender Anmerkung des Verfassers:</p>
-
-<p>»Nachdem ich eine Reihe von Wochen die Handschrift dieser
-dreizehnten Rede, die bei meiner Zensurbehörde eingereicht war,
-zurückerwartet hatte, erhalte ich endlich statt derselben das
-folgende Schreiben:</p>
-
-<div class="letter">
-
-<p>›Das Manuscript der dreizehnten Rede des Herrn Professor
-Fichte ist, nachdem derselben schon das Imprimatur
-ertheilt worden, durch irgend einen Zufall verlohren gegangen,
-und hat aller Bemühungen ohnerachtet nicht wieder
-aufgefunden werden können.</p>
-
-<p>›Um nun den Verleger etc. Reimer beim Abdruck nicht
-aufzuhalten, ersuche ich des Herrn Professor Fichte Wohlgeboren
-diese Rede aus Ihren Heften zu ergänzen, und
-mir zum Imprimatur zuzuschicken.</p>
-
-<p>›Berlin, den 13. April 1808.</p>
-
-<p class="right">
-<em class="gesperrt">v. Scheve</em>.‹
-</p></div>
-
-<p>»Das, was dieses Schreiben unter Heften verstehen mag,
-halte ich nicht, und was etwa bei der Ausarbeitung des Textes
-auf Nebenblättern angelegt und vorbereitet war, wurde bei einer
-in dieser Zeit vorgefallenen Veränderung der Wohnung den
-Flammen übergeben. Ich war darum genöthiget, darauf zu
-bestehen, daß die Handschrift, die verlohren seyn &ndash; nicht sollte,
-wieder herbeigeschafft würde. Dieses ist, wie man versichert
-hat, auch durch das sorgfältigste Nachsuchen nicht möglich gewesen;
-es ist wenigstens nicht geschehen, und ich habe die Lücke
-ausfüllen müssen, wie ich gekonnt.</p>
-
-<p>»Indem ich zu meiner eigenen Rechtfertigung genöthigt bin,
-diesen Vorfall zur Kunde des auswärtigen Publikums zu bringen,
-bitte ich jedoch dasselbe, zu glauben, daß die Erscheinungen,<span class="pagenum"><a id="Seite_158"></a>[158]</span>
-die man sowohl in dem Vorfalle selbst, als in dem obenstehenden
-Schreiben darüber finden dürfte, allhier bei uns keinesweges
-allgemeine Sitte sind, sondern daß dieser Vorfall nur
-eine höchst seltene, und vielleicht nie also da gewesene Ausnahme
-macht, und daß sich erwarten läßt, es werden Vorkehrungen
-getroffen werden, damit ein solcher Fall nicht wieder
-eintreten könne.«</p>
-
-<p>Dieses ironische Zeugnis, daß derlei Vorfälle »allhier bei
-uns keinesweges allgemeine Sitte« seien, läßt darauf schließen,
-daß Fichte selbst nicht recht an den unglücklichen »Zufall«
-glaubte, und um nicht weiter von den »kindlichen Bedenklichkeiten«
-dieser Berliner Zensurbehörde abhängig zu sein, bat er
-in einem Schreiben vom 2. Mai 1808 die Oberregierungskommission,
-die Zensur seiner notdürftig wiederhergestellten dreizehnten
-Rede »einer andern zuverlässigen Behörde« zu übertragen.
-Vor allem fürchtete er, das Konsistorium werde jene es
-selbst bloßstellende Anmerkung unterdrücken wollen. Das bestätigte
-sich auch durchaus. Die Regierungskommission betraute
-zwar keine andere Behörde, wohl aber einen andern Zensor mit
-der Aufgabe, und dieser, der sonst liberale und patriotische
-Propst Hanstein, wollte ebenfalls den Abdruck der Anmerkung
-mit dem Brief des Chefpräsidenten von Scheve nicht zulassen,
-da »sie weder in das Fach der Philosophie noch in das der
-Religion einschlüge«! Fichte milderte zwar die kränkendsten
-und beleidigendsten Stellen der Anmerkung, aber auf dem
-wörtlichen Abdruck des den Vorfall so »leichtnehmenden«
-Briefes bestand er, und die Regierungskommission ließ ihn
-gewähren.</p>
-
-<p>Der Vorfall veranlaßte den Philosophen ferner, beim Minister
-von Beyme die gesetzliche Aufhebung aller Zensur über
-nichtoffizielle Schriften in Anregung zu bringen, damit in
-Zukunft keine Behörde mehr, sondern nur immer Verfasser oder
-Verleger zur Verantwortung gezogen werden könnten. Beyme
-war mit diesem Vorschlag, den er selbst schon 1802 gemacht
-hatte, völlig einverstanden, aber seine Hoffnung, daß »die
-wiederauflebende Regierung in Berlin« mit einer solchen Maßregel
-»den Geist bezeichnen« werde, »der künftig sie beherrschen
-soll«, erfüllte sich nicht.</p>
-
-<p><span class="pagenum"><a id="Seite_159"></a>[159]</span></p>
-
-<h3>Preußische Zensurreform 1808.</h3>
-
-<p>Am 5. Dezember 1808 verließen endlich die französischen
-Verwaltungsbeamten Berlin, und schon begann die einheimische
-Gesetzgebungsmaschine wieder ihren Lauf. Die von den Franzosen
-entlassenen Zensoren Polizeipräsident Büsching und Finanzrat
-von Hüttel traten ihr Amt wieder an, und das erste Opfer
-der wiederkehrenden Ordnung war der Dichter der »Undine«,
-Fouqué, der zur Feier des Abmarschs der Franzosen ein
-»Gespräch zweier preußischer Edelleute« geschrieben hatte, das
-den Vorschlag einer unter Führung des Adels zu errichtenden
-Landwehr enthielt; es war schon gedruckt, durfte aber erst
-1813 ausgegeben werden, als die Landwehr durch königliche
-Verordnung bereits geschaffen war.</p>
-
-<p>Durch die schon am 24. November 1808 verfügte Neuorganisation
-der gesamten preußischen Staatsverwaltung war
-auch die Zensurbehörde wesentlich umgestaltet worden. Die
-stürmische Zeit hatte eine Flut politischer Literatur aufgewühlt,
-und bei jeder Drucksache fragte man seitens der Behörde zuallererst:
-politisch oder unpolitisch? In diese beiden großen
-Gruppen schied man also jetzt die gesamte Literatur und überwies
-jede einer besondern Behörde als oberster Instanz. Die
-Beaufsichtigung der politischen Schriften einschließlich der
-politischen Zeitungen verblieb wie bisher dem Ministerium
-des Auswärtigen; an dessen Spitze stand Minister von der
-Goltz, der Nachfolger und wieder Vorgänger Hardenbergs;
-unter ihm führte die Zensurgeschäfte der Sektionschef Geh.
-Staatsrat Küster, und als Zensoren arbeiteten der Geh.
-Finanzrat von Hüttel und für die Zeitungen der Geh. Kriegsrat
-Himly.</p>
-
-<p>Die ganze Masse der nichtpolitischen Literatur wurde dem
-Ministerium des Innern und der Polizei zugewiesen, und zwar
-dessen erster Sektion, der Abteilung für Kultus und öffentlichen
-Unterricht. Die Kollegien, die bisher, jedes selbständig, die
-Zensur geübt hatten (Konsistorium, Kammergericht, Medizinalkollegium
-und Polizei), schaltete man durch diese Vereinheitlichung
-stillschweigend aus, ließ sie aber einstweilen noch weiter amtieren;
-nur hatten sie jetzt in schwierigen Fällen die Akten der Kultusabteilung
-zur Beschlußfassung vorzulegen.</p>
-
-<p><span class="pagenum"><a id="Seite_160"></a>[160]</span></p>
-
-<p>Diese sinngemäße Neuerung schien um so wertvoller, als
-der jetzige Minister des Innern, Graf Alexander von Dohna,
-ein freisinniger, überlegener Kopf war, und an die Spitze der
-Kultusabteilung auf des Freiherrn vom Stein Empfehlung am
-20. Februar 1809 kein Geringerer als Wilhelm von Humboldt
-trat, der von 1801 bis 1808 in Rom die preußische Diplomatie
-glänzend vertreten hatte. Hier kam also einmal der
-richtige Mann an die richtige Stelle, und für die liebevoll
-schonende Behandlung literarischer Werte schienen nun alle Vorbedingungen
-gegeben zu sein.</p>
-
-<h3>Humboldt als Zensor.</h3>
-
-<p>Humboldt war von der Überzeugung durchdrungen, daß
-»uneingeschränkte Zensurfreiheit das einzig richtige Prinzip«
-sei, unter gesetzmäßiger Verantwortlichkeit des Verfassers bzw.
-des Verlegers oder Druckers, und daß man »sich diesem Grundsatz
-mit der Zeit immer mehr und mehr nähern« müsse. Für
-Preußen schien ihm aber diese Zeit noch nicht gekommen. Der
-Hochflut von Schmähungen gegen Staat und König in zahllosen
-anonymen Flugschriften vaterlandsloser, franzosenfreundlicher
-Gesellen müsse man steuern, ebenso den Besserwissern,
-die »ohne wahre Kenntniß der politischen Lage, wenn auch aus
-patriotischer Gesinnung«, ohne Beruf dazu und ungefragt, ihre
-Staatsrezepte veröffentlichten. Das Bewußtsein der eigenen
-Verantwortlichkeit wirke nicht »abmahnend« genug, da man zu
-sehr »an gelinde und sanfte Maßregeln gewöhnt« sei. Die
-Zensur der politischen Schriften, die der Minister des Äußern
-von der Goltz ihm sofort antrug, traute er sich selbst nicht einmal
-zu; die könne immer nur ein wirkliches Mitglied des Auswärtigen
-Amtes führen, das über die gegenwärtige Lage genau
-unterrichtet sei; eine bindende Instruktion für die Zensur sei
-ja ein Unding, da sie »nach Maßgabe der Zeiten und Umstände
-bald mehr, bald weniger strenge sein müsse«.</p>
-
-<p>Bei dieser schwebenden, immerfort wechselnden Lage der
-Zensur wußte auch Humboldt keinen andern Rat, als sich bis
-auf weiteres an das Wöllnersche Zensuredikt von 1788 zu
-halten und sich bei der »in diesen unbestimmten Grenzen gewährten
-Freiheit« der Beurteilung »den allgemeinen und jedesmaligen<span class="pagenum"><a id="Seite_161"></a>[161]</span>
-besondern Verhältnissen des Staates mit Gewissenhaftigkeit
-und Einsicht anzupassen«. Er verlangte also von
-den Zensoren gerade das, was sie niemals leisten konnten. Er
-empfahl zwar seinen Untergebenen, das alte Zensuredikt »liberal«
-zu handhaben, dabei sollten sie aber die »Mittelstraße« einhalten,
-die »nirgend so sehr als bei der Zensur in jetziger
-Zeit nothwendig« sei, Vorschriften, die lauter erleuchtete, einem
-Humboldt kongeniale »Geschäftsmänner« voraussetzten, nicht
-aber Durchschnittsintelligenzen, auf die sich die Staatsmaschine
-einstellen muß.</p>
-
-<p>Während seiner kurzen Amtsdauer konnte sich auch Humboldt
-selbst bei Behandlung der Einzelfälle von der ängstlichen
-Befangenheit des Neulings nicht freimachen. Der Berliner
-Polizeipräsident Büsching, der die Verantwortung für die periodischen
-Schriften, die Flug- und Gelegenheitsliteratur, den
-polizeilichen Teil der Zeitungen und die Inserate hatte, scheint
-seinem neuen Vorgesetzten nicht zu Dank gearbeitet zu haben;
-er wurde Anfang April 1809 durch Justus Gruner, den bekannten
-Patrioten und Freund Arndts, ersetzt. Ihm empfahl
-Humboldt, die Zeitungen und Intelligenzblätter schärfer, die
-von »wohlbekannten und bewährten Verfassern« herausgegebenen
-Zeitschriften wie die »Berlinische Monatsschrift« nach andern
-Grundsätzen zu zensieren. Die Vorrechte der Universitäten und
-der Akademie wollte er nicht antasten, aber daß die »Berlinische
-Monatsschrift«, weil ihr Herausgeber Biester und die Mehrzahl
-ihrer Mitarbeiter Mitglieder der Akademie waren, Zensurfreiheit
-habe, wollte er nicht anerkennen; erst nach langen Verhandlungen
-gestand er Biester die Selbstzensur seines Blattes zu.</p>
-
-<p>Auch Humboldts Zensurentscheidungen unterschieden sich nicht
-eben von denen seiner Vorgänger und Nachfolger. Der Zensor
-vom Auswärtigen Amt von Hüttel legte ihm ein neues Buch
-des fruchtbaren Publizisten Friedrich Buchholz vor, »Ideen einer
-arithmetischen Staatskunst«, worin Humboldt allerhand Stellen
-beanstandete. »Es giebt keine gefährlichere Classe in der Gesellschaft«
-als die Bankiers, hatte Buchholz geschrieben; »so
-allgemein« gesagt, sei das anstößig, erklärte Humboldt. Der
-Ausdruck »Schmutz« von einer »Achtung verdienenden Arbeit
-wie dem Ackerbau« könne »nicht geduldet« werden, und ein<span class="pagenum"><a id="Seite_162"></a>[162]</span>
-»revolutionärer Zustand« mußte auf seinen Befehl in einen
-»unsichern« verwandelt werden.</p>
-
-<p>Ein anderer Vorfall zeigt, in welchem Kleinkram sich auch
-ein Humboldt in seiner Eigenschaft als Zensor erschöpfte. Ein
-Graf Kameke veröffentlichte ein Buch über Pferdezucht unter
-dem barocken Titel »Der Hengst, wie er sein sollte, ein Gegenstück
-zu Elisa, oder das Weib, wie es sein sollte«. Das Buch
-»Elisa«, ein Produkt der Aufklärung, hatte seinerzeit ein gewisses
-Aufsehen erregt; der Hinweis darauf war also nur ein
-Reklamestück des Grafen Kameke oder seines Verlegers. Die
-»Gesellschaft der Freunde der Wahrheit« hatte gegen diese
-Gegenüberstellung von Weib und Hengst öffentlich protestiert,
-und auch Humboldt, der spätere Verfasser der »Briefe an eine
-Freundin«, fand sie begreiflicherweise unpassend. Obgleich er
-nun stets hervorhob, daß die Zensur »keine Rezension« sei, ließ
-er dem Zensor, der sich an dem geschmacklosen Titel nicht gestoßen
-hatte, dem Kammergerichtsrat Müller, einen Verweis
-erteilen. Der Kammergerichtspräsident von Kircheisen wollte
-aber darüber keine Belehrung annehmen. Die Folge war, daß
-Humboldt, der es mit dem Minister Dohna für »auffallend
-unpassend« empfand, daß das Kammergericht unter anderm auch
-die schöne Literatur beaufsichtigte, diesem Kollegium die Zensur
-überhaupt nahm und sie am 31. Mai 1809 dem oben erwähnten
-Professor und kgl. Bibliothekar Biester übertrug.</p>
-
-<p>Trotz solcher Strenge gelang es aber auch Humboldt nicht,
-den immer empfindlicher und ängstlicher werdenden König zufriedenzustellen,
-und er sorgte daher schnell dafür, dies ärgerliche
-Amt wieder loszuwerden. Am 29. April 1810 reichte
-er sein Abschiedsgesuch ein und wurde am 14. Juni als Gesandter
-nach Wien versetzt.</p>
-
-<h3>Kleists Ode auf den Wiedereinzug des Königs in
-Berlin.</h3>
-
-<p>Auf die Rückkehr des königlichen Hofes mußten die Berliner
-noch ein volles Jahr warten, denn die französischen Besatzungstruppen
-waren noch keineswegs ganz aus Preußen zurückgezogen,
-und auch als der König endlich am 23. Dezember
-1809 von Königsberg wieder nach Berlin übersiedelte, geschah<span class="pagenum"><a id="Seite_163"></a>[163]</span>
-dies nur, um dem mißtrauischen Napoleon einen Beweis des
-Vertrauens zu geben.</p>
-
-<p>Das bevorstehende Ereignis begeisterte den Dichter Heinrich
-von Kleist zu seiner prächtigen Ode:</p>
-
-<div class="poetry-container">
-<div class="poetry">
- <div class="stanza">
- <div class="verse indent0">Was blickst Du doch zu Boden schweigend nieder,</div>
- <div class="verse indent2">Durch ein Portal siegprangend eingeführt,</div>
- </div>
-</div>
-</div>
-
-<p class="noind">und er wollte dieses Gedicht im Frühjahr 1809 in Berlin als
-Flugblatt drucken lassen. Der neue Polizeipräsident Gruner
-mußte aber am 24. April das Imprimatur verweigern.</p>
-
-<div class="poetry-container">
-<div class="poetry">
- <div class="stanza">
- <div class="verse indent0">Blick auf, o Herr! Du kehrst als Sieger wieder,</div>
- <div class="verse indent0">Wie hoch auch jener Cäsar triumphirt&nbsp;&ndash;</div>
- </div>
-</div>
-</div>
-
-<p class="noind">dieser Hinweis auf Napoleon war zu gefährlich, und ebenso
-die Andeutung der dritten Strophe von einer künftigen neuen
-Erhebung Preußens gegen das französische Sklavenjoch:</p>
-
-<div class="poetry-container">
-<div class="poetry">
- <div class="stanza">
- <div class="verse indent0">Und müßt' auch selbst noch auf der Hauptstadt Thürmen,</div>
- <div class="verse indent0">Der Kampf sich für das heil'ge Recht erneu'n.</div>
- </div>
-</div>
-</div>
-
-<p>Erst anderthalb Jahre später wagte Gruner die Druckerlaubnis
-für das Gedicht zu erteilen; es erschien am 5. Oktober
-1810 in Kleists »Berliner Abendblättern«.</p>
-
-<h3>Friedrich Schlegels »Gelübde«.</h3>
-
-<p>Ebenfalls zu Anfang des Jahres 1809 dichtete Friedrich
-Schlegel sein »Gelübde«:</p>
-
-<div class="poetry-container">
-<div class="poetry">
- <div class="stanza">
- <div class="verse indent0">Es sey mein Herz und Blut geweiht,</div>
- <div class="verse indent0">Dich Vaterland zu retten.</div>
- <div class="verse indent0">Wohlan, es gilt, du seyst befreit;</div>
- <div class="verse indent0">Wir sprengen deine Ketten!</div>
- <div class="verse indent0">Nicht fürder soll die arge That,</div>
- <div class="verse indent0">Des Fremdlings Übermuth, Verrath,</div>
- <div class="verse indent0">In deinem Schooß sich betten.</div>
- <div class="verse indent14">usw.</div>
- </div>
-</div>
-</div>
-
-<p>Die Verse bildeten den Schluß der Sammlung »Gedichte«
-von Friedrich Schlegel, die unmittelbar darauf bei J. E. Hitzig in
-Berlin erschien. Der zuständige Zensor scheint keinen Anstoß daran
-genommen zu haben, und das Buch wurde schon ausgegeben,
-als der Polizeipräsident Gruner dahinterkam und schleunigst<span class="pagenum"><a id="Seite_164"></a>[164]</span>
-aus den noch vorhandenen Exemplaren das bedenkliche Schlußblatt
-(S.&nbsp;387&nbsp;f.) und zugleich das verräterische Inhaltsverzeichnis
-entfernen ließ. Ein Teil der Bücher war aber schon
-nach Leipzig geschafft worden und entging dieser Verstümmelung.</p>
-
-<h3>Schicksale eines Kriegsliedes.</h3>
-
-<p>Während Preußen, blutend an Haupt und Gliedern, noch
-zähneknirschend das Joch der französischen Sklaverei tragen
-mußte, raffte sich Österreich zu neuem Widerstande auf. Am
-9. April 1809 erklärte es Napoleon abermals den Krieg. Zu
-diesem Anlaß schrieb der Wiener Dichter Ignaz Franz Castelli
-sein »Kriegslied für die österreichische Armee«:</p>
-
-<div class="poetry-container">
-<div class="poetry">
- <div class="stanza">
- <div class="verse indent0">Hinaus, hinaus, mit frohem Muth!</div>
- <div class="verse indent4">Hinaus in's Feld der Ehre,</div>
- <div class="verse indent0">Damit der Feinde Übermuth</div>
- <div class="verse indent0">Nicht uns'rer Brüder Hab' und Gut</div>
- <div class="verse indent4">Und unser Land verheere&nbsp;…</div>
- </div>
-</div>
-</div>
-
-<p class="noind">und so weiter in lauterstem Patriotismus.</p>
-
-<p>Die Verse gingen in zahllosen Abschriften von Hand zu
-Hand, und um sie drucken zu lassen, legte sie Castelli der
-Zensurstelle vor. Als er nach einiger Zeit persönlich aufs Amt
-ging, um sein Manuskript abzuholen, erhielt er es zurück mit
-dem Vermerk: »Kann gedruckt werden, wenn der erste Schuß
-geschehen sein wird.«</p>
-
-<p>Auf dem Heimwege traf er einen Freund, der ihm ein
-soeben gekauftes &ndash; gedrucktes und mit dem Namen des Dichters
-unterzeichnetes Exemplar ebenjenes Kriegsliedes überreichte.</p>
-
-<p>Ein zweiter Zensor hatte einem Fabrikanten, der eine Abschrift
-der Verse eingereicht hatte, die Erlaubnis zum Druck
-gegeben, die sein Kollege dem Dichter selbst fürs erste verweigerte!</p>
-
-<p>Kurz darauf ließ Erzherzog Karl Castellis Gedicht in
-mehreren Hunderttausend Exemplaren drucken und unter seine
-Soldaten verteilen. Als infolgedessen Abdrücke davon bei österreichischen
-Gefangenen gefunden wurden, erklärte Napoleon den
-Verfasser in die Acht, und dieser hätte das Schicksal Palms
-erlitten, wenn er dem Allgewaltigen in die Hände gefallen wäre.</p>
-<hr class="chap" />
-
-<div class="chapter">
-<p><span class="pagenum"><a id="Seite_165"></a>[165]</span></p>
-
-<h2 class="nobreak" id="kap09">9. Ein Opfer der Zensur.</h2>
-</div>
-
-<h3>Hardenbergs Maske.</h3>
-
-<p>Napoleons zweiter Einzug in Wien schon am 13. Mai 1809,
-sein entscheidender Sieg bei Wagram am 5. und 6. Juli und
-der Friede zu Schönbrunn am 14. Oktober, der Österreich über
-100000 Quadratkilometer seines Landes kostete, war für das
-gedemütigte Preußen eine nachdrückliche Warnung, sich so gut
-es ging auf den Trümmern der Vergangenheit wieder einzurichten
-und alles zu vermeiden, was aufs neue den Zorn
-des übermächtigen Korsen herausfordern konnte. Die Preßfreiheit
-war auch in Frankreich längst nur eine falsche Flagge;
-sie wurde jetzt eingezogen, indem Napoleon am 5. Februar 1810
-die Zensur wieder einführte und ein großzügiges Generaldirektorium
-für die Buchdruckereien und den Buchhandel errichtete,
-mit dem Grafen Pourtales an der Spitze, zahllosen Zensoren,
-geheimen Instruktionen usw. Da Preußen seine Empfindlichkeit
-gegenüber vorlauten Skribenten ausgiebig erfahren hatte,
-befürchtete es nicht mit Unrecht von diesem französischen Generaldirektorium
-eine noch schärfere Beaufsichtigung der Presse.</p>
-
-<p>Am 10. Juni 1810 trat Hardenberg, von Napoleon gnädig
-geduldet, wieder an die Spitze des Ministeriums, und nun vollendete
-sich die übermenschliche Arbeit des Neubaus des preußischen
-Staates, die Steins und Hardenbergs Namen unsterblich
-gemacht hat.</p>
-
-<p>Die herrschende Aufregung, das trotz des Friedens gespannte
-Verhältnis zu den Franzosen und das immer wache Mißtrauen
-Napoleons durch freie Meinungsäußerung noch zu verschärfen,
-glaubte Hardenberg nicht wagen zu können, und daher ging er
-sogleich an eine neue Einrichtung der Zensur. Die Abteilung des
-Kultus mußte die Zensur der nichtpolitischen Schriften an die
-andere Sektion im Ministerium des Innern, die Polizei, wieder
-abgeben, und wo auch nur die Spur einer Kritik an den jetzigen
-Staatsumwälzungen vorlag, trug der Sektionschef Sack persönlich
-die Verantwortung. Hardenberg bescherte dem Volke zwar am<span class="pagenum"><a id="Seite_166"></a>[166]</span>
-2. November 1810 die Gewerbefreiheit, aber die Begründung
-neuer Zeitungen nahm er ausdrücklich davon aus. Denn am
-3. August hatte Napoleon befohlen, daß in jedem Departement
-des Kaiserreichs nur noch <em class="gesperrt">eine</em> politische Zeitung erscheinen
-dürfe, und die Erwartung ausgesprochen, daß alle seine Verbündeten
-ebenso verfahren würden. Gehörte Preußen auch nicht
-gerade zu den Rheinbundfürsten, so hütete es sich doch, den
-Wünschen des Kaisers ausdrücklich zuwiderzuhandeln, bemühte
-sich vielmehr, den »Großmogul« bei guter Laune zu halten.
-Ihm mit der rächenden Waffe entgegenzutreten, dazu war die
-Kraft noch gelähmt, dazu bedurfte man noch einiger Jahre beschämender
-Neutralität, die wohl oder übel den anwedelt, der
-die Macht hat. Dieser kommenden Freiheitsstunde arbeiteten
-rettende Mächte in vorsichtiger Stille entgegen.</p>
-
-<p>Ohne schärfste Überwachung der gesamten einheimischen Literatur
-ging es da nicht ab, und so mußte sich notgedrungen
-Hardenbergs Strenge gegen diejenigen wenden, deren heißblütiger
-Patriotismus das Schwert gegen den Gewaltherrscher je eher
-je lieber wieder ergriffen hätte. Ein unseliges Geschick wollte
-es, daß auch einer der größten deutschen Dichter, Heinrich von
-Kleist, zu diesen jetzt Verfemten gehörte.</p>
-
-<h3>Kleists »Abendblätter«.</h3>
-
-<p>Kleist hatte nach seiner Übersiedlung nach Berlin im Frühjahr
-1810 freudige Aufnahme bei der dortigen Patriotengruppe
-gefunden, die vorwiegend aus Adligen bestand. Minister von
-Altenstein, Steins erster Nachfolger, begünstigte ihn, und der
-Königin Luise durfte er zu ihrem Geburtstag am 10. März
-ein Huldigungsgedicht überreichen. Vielleicht dieser hohen Protektion
-verdankte er die Erlaubnis, mit seinem Freunde Adam
-Müller eine Berliner Tageszeitung herauszugeben, die vom
-1. Oktober 1810 ab wochentäglich erschien. Im Format fast
-eines Gebetbuches und nur vier Seiten die Nummer. Dennoch
-ein aussichtsvolles Unternehmen, denn ein täglich erscheinendes
-Blatt war damals in Preußens Hauptstadt etwas völlig
-Neues.</p>
-
-<p>Und die Zeitung machte Glück, wenn sie auch nach Wilhelm
-Grimms Ausdruck nur ein »ideales Wurstblatt« war.<span class="pagenum"><a id="Seite_167"></a>[167]</span>
-Täglich erscheinend, war sie mit neuen Nachrichten schneller zur
-Stelle als die schwerfällige Konkurrenz; sie pflegte Kunst und
-Theater, die von jener fast ganz vernachlässigt wurden, und
-führte in Prosa und Epigrammen eine schneidige Kritik. Ein
-lokales Ereignis war außerdem, daß die »Abendblätter« die ersten
-Berliner städtischen Polizeiberichte brachten, die der damalige
-Polizeipräsident Gruner selbst lieferte.</p>
-
-<p>So schien sich zum erstenmal dem rast- und glücklos umhergetriebenen
-Dichter eine freundlich-sichere Zufluchtsstätte in behaglicher
-literarischer Arbeit zu öffnen.</p>
-
-<h3>Die Zensur der »Abendblätter«.</h3>
-
-<p>Als unpolitisches Blatt unterlagen die »Abendblätter« nach
-der neuesten Vorschrift der Aufsicht des Ministeriums des Innern
-und der Polizei, und ihr eigener Mitarbeiter, Polizeipräsident
-Gruner, führte die Zensur. Die politische Harmlosigkeit war
-aber nur eine wohlüberlegte Täuschung, um der Zensur des
-Kriegsrats Himly vom Auswärtigen Amt zu entgehen, und die
-beiden Herausgeber wiegten sich in der trügerischen Hoffnung,
-diese Maske nach und nach lüften zu können. Das merkte
-Himly natürlich sofort, und bald war Kleists Zeitung der
-Zankapfel der beiden gleichgeordneten Behörden.</p>
-
-<p>So töricht war natürlich auch der Patriot Kleist nicht, in
-seinem Winkelblättchen Napoleon den Krieg zu erklären. Aber
-daß man ihn geradezu zum Bundesgenossen des Übermütigen,
-zur Schonung der Rheinbundpolitiker und der ihm verhaßten
-vaterlandslosen Gesellen preßte, hatte er nicht erwartet und
-ebensowenig geahnt, welcher Stacheldrahtverhau von Rücksichten
-ihn von allen Seiten beengen würde. Nach der Besiegung
-Preußens und Österreichs ruhten damals die Kämpfe in Mitteleuropa.
-Nur die Spanier und Portugiesen erwehrten sich
-hartnäckig des französischen Eindringlings, der sie zur Teilnahme
-am Krieg gegen England zwingen wollte. Die Rollen
-sind heute etwas anders verteilt &ndash; das System aber ist das
-alte. Gegen England führte Napoleon den unblutigen Krieg
-der Kontinentalsperre, um die »Freiheit der Meere« &ndash; ein
-altes napoleonisches Schlagwort &ndash; zu ertrotzen, ein Ziel, das
-wir hoffentlich besser erreichen als der Korse vor hundert Jahren.<span class="pagenum"><a id="Seite_168"></a>[168]</span>
-Ein großzügiger Pressefeldzug, dessen Schliche heute John Bull
-besser versteht als der deutsche Michel, ging nebenher, und die
-gesamte Journalistik Europas, soweit die Staaten von der
-Gnade des französischen Kaisers abhingen oder sich um sein
-Lächeln bemühten, mußten ihn mitmachen. Brachte nun Kleist
-eine noch so kleine Notiz über Verluste der Franzosen in Spanien
-&ndash; flugs beschwerte sich der französische Gesandte beim Minister
-des Äußern von der Goltz, und die »Abendblätter« wurden
-verwarnt, sich aller Politik zu enthalten, und mußten sich
-gleich den beiden andern Berliner Zeitungen bequemen, des
-»Moniteur« offizielle französische Lügenpost von lauter Siegen
-aufzunehmen. Kein günstiges Wort über England durfte fallen,
-mit dem die preußischen Patrioten im gemeinsamen Kampf gegen
-Napoleon damals sympathisierten. Schon jede nicht feindliche Erwähnung
-Britanniens wurde vom Berliner Zensor gestrichen. Die
-Kontinentalsperre und die Vernichtung aller englischen Kolonialwaren
-auf dem gesamten Festlande hatten die Preise für Kaffee,
-Tee, Zucker usw. genau so wie heute ins Ungemessene gesteigert;
-auch das sollte der deutsche Michel wunderschön finden,
-und wenigstens in Preußen durfte keine Klage, kein satirischer
-Scherz darüber laut werden, dafür sorgte der Rotstift des
-Zensors. Manche Anzüglichkeiten dieser Art schlüpften dennoch
-durch; Kleist und seine Mitarbeiter lernten bald die Kunst,
-zwischen den Zeilen zu &ndash; schreiben, woraus sich in den folgenden
-Jahrzehnten ein besonderer Zensurstil entwickelte, und
-auch der wachsamste Zensor hat seine schwachen Stunden.</p>
-
-<p>Nicht einmal über die Französische Revolution durften
-preußische Politiker ihre Meinung sagen, denn Napoleon war
-ja der große Sohn jener Umwälzung. 1793 hatte Friedrich
-von Gentz das Werk »<em class="antiqua">Reflections on the Revolution in
-France</em>« von Edmund Burke, einem heftigen Gegner der Revolution,
-übersetzt und war darüber selbst aus einem Saulus
-ein Paulus, ein Anhänger des Bestehenden, geworden. Jetzt,
-1810, durfte an solche Dinge nicht erinnert werden.</p>
-
-<p>Auf diese Extratouren in der äußern Politik hätten die
-»Abendblätter« zur Not verzichten können, wenn auch Patrioten
-wie Kleist es schwer übers Herz brachten, da Liebe oder nur
-Duldung zu heucheln, wo &ndash; nach dem Dichter der »Hermannsschlacht«<span class="pagenum"><a id="Seite_169"></a>[169]</span>
-&ndash; Haß ihr Amt war und ihre Tugend Rache!
-Weit verhängnisvoller aber wurden für Kleist die Zusammenstöße
-mit Hardenberg als dem auch für die innere Politik verantwortlichen
-Staatsmanne.</p>
-
-<h3>Die Neuorientierung 1810.</h3>
-
-<p>Neuorientierung war 1810 auch in der innern Politik die
-Losung des Tages. Aber damals ging sie etwas tiefer, als
-sie heute, trotz Parlamentarismus und ähnlichen Schlagwörtern,
-überhaupt noch gehen kann. Die Leibeigenschaft, die in den
-ländlichen Bezirken noch vorherrschte, wurde beseitigt, der Bauer
-von Hörigkeit und Frondienst befreit und der Adel eines Teils
-seiner Vorrechte beraubt, um dem tüchtigen Bürgertum freie
-Bahn zu schaffen; die Städte und Gemeinden erhielten Selbstverwaltung,
-wodurch der alte Beamtenstaat aufgehoben und der
-Begriff des Staatsbürgertums erst lebendig wurde. Die Verwaltung
-bis hinauf zu den Ministerien, die bis dahin noch
-nicht in Fachministerien geschieden waren, wurde von der Wurzel
-aus neu organisiert und die innerpolitische Verfassung Preußens
-nach dem Entwurf des Freiherrn vom Stein völlig reformiert.
-Hardenberg war vor allem die schwierige finanzpolitische Lösung
-des Verwaltungsproblems vorbehalten, und er führte sie
-glänzend durch. Auch damals waren ungezählte Milliarden
-aufzubringen, zum großen Teil zur Bezahlung der ungeheuern
-Kriegskontributionen, die Napoleons Übermut dem geschwächten
-Preußen abpreßte. Welche Steuerbuketts regneten damals auf
-die verarmte Bürgerschaft herab! Grundsteuer, Gewerbesteuer,
-Luxussteuer, Konsumtionssteuer &ndash; niemand war vor dem
-Klingelbeutel des Fiskus sicher. Die geistlichen Güter wurden
-säkularisiert, Domänen verkauft, und durch diese beispiellose
-neue Steuerorganisation gelang es wirklich, den Staatsbankerott,
-den Österreich erlitten hatte, von Preußen abzuwenden und den
-französischen Usurpator an weiteren Übergriffen zu verhindern.</p>
-
-<p>Der Adel aber murrte über seine Entrechtung, der Grundbesitz
-jammerte über seine Vernichtung, das Militär knirschte
-mit den Zähnen über die allzu lange Geduld des obersten
-Kriegsherrn. Hardenbergs Finanzedikt vom 27. Oktober 1810
-hatte obendrein den Beginn einer Parlamentisierung verheißen,<span class="pagenum"><a id="Seite_170"></a>[170]</span>
-eine »zweckmäßig eingerichtete Repräsentation«, und da seine
-sämtlichen Reformen den freihändlerisch-liberalen Geist des englischen
-Nationalökonomen Adam Smith atmeten, des Begründers
-der modernen Nationalökonomie, so führte er sie durch im notgedrungenen
-Einverständnis zwar mit seinem königlichen Herrn,
-aber im schärfsten Gegensatz zu denen, die sich als die Paladine
-des Thrones zu betrachten gewöhnt waren.</p>
-
-<h3>Adam Müller &ndash; Kleists Verhängnis.</h3>
-
-<p>In diese innerpolitischen Kämpfe griff nun Kleist als Herausgeber
-der »Abendblätter« ein. Er selbst schrieb nicht eigentlich
-politische Leitartikel. Das besorgte Adam Müller, und dieser
-stand mit seiner Überzeugung ganz auf Seiten der starr konservativen
-Elemente, deren Weltanschauung der Oberstleutnant
-von Ompteda, auch ein Mitarbeiter der »Abendblätter«, einmal
-dahin formulierte: »Wenn Voltaire sehr früh in die Bastille
-gesetzt und darin vergessen, Rousseau von Frau von Warens
-in einem Narrenhospitale versorgt und Basedow im Schuldturme
-festgehalten worden wäre, sähe es höchst wahrscheinlich in Frankreich,
-Deutschland und dem übrigen Europa ganz anders, und
-besser aus.« Zwei politische Richtungen bekämpften damals
-einander bis aufs Blut; die eine, die Preußen als ausgesprochenen
-Agrarstaat erhalten wollte; die andere, die nach dem
-neuen Evangelium Adam Smiths Freihandel, freie Konkurrenz
-und ungehemmteste Entwicklung aller wirtschaftlichen Kräfte
-ohne Vorrechte und Monopole als Losung des modernen Weltbürgers
-ausgaben. Hardenbergs Finanzreform empfand die
-preußische Junkerpartei, der Adel, die Agrarier und das Militär,
-als eine unmittelbare Fortsetzung der Französischen Revolution.
-Dagegen aufzutreten hielten sie für ihre vaterländische
-Pflicht; das Ansehen des altpreußischen Königtums glaubten sie
-durch diese Neuorientierung erschüttert; ihm auch gegen den
-Willen des Herrschers die Treue zu halten, waren sie fest entschlossen.
-Müller aber fühlte sich als der literarische Vertreter
-dieser Partei, und in den »Abendblättern« dachte er diesen
-Kampf auszufechten. Bald stand er in heller Opposition gegen
-den Staatskanzler und mußte der neugegründeten Zeitung und
-seinem Freunde Kleist zum Verhängnis werden.</p>
-
-<p><span class="pagenum"><a id="Seite_171"></a>[171]</span></p>
-
-<h3>Die Opposition gegen Hardenberg.</h3>
-
-<p>Hardenbergs Lage war die der heutigen Regierung. Das
-Staatsgebäude sollte, ohne vollständig niedergerissen zu werden,
-ein neues Fundament erhalten. Eine Erschütterung konnte
-katastrophale Folgen haben. Ruhe innen und außen schien unbedingte
-Notwendigkeit. Der neue Weg war einmal beschritten,
-die Reform auf dem Marsche, der König hatte sein Jawort
-dazu gegeben. Eine öffentliche Debatte über das schon Beschlossene
-konnte nur verwirren; von einer vorberatenden Mitarbeit
-irgendwelcher Volksvertreter war ja in Ermangelung
-jeder parlamentarischen Form überhaupt nicht die Rede, und
-Zeitungen, die eine ausgesprochene Parteipolitik trieben, wozu
-sich jetzt die angeblich unpolitischen »Abendblätter« anschickten,
-waren eine zu neue Erscheinung, als daß eine ernsthafte Auseinandersetzung
-mit ihnen in Frage gekommen wäre.</p>
-
-<p>Nach einigen vorbereitenden Plänkeleien nahm Adam Müller
-in einem Aufsatz »Vom Nationalcredit« (Nr. 41 der »Abendblätter«
-vom 16. November) den Kampf gegen das Finanzedikt
-mit aller Schärfe auf, und Gruner ließ den Artikel unbeanstandet
-durch. Sofort (18. November) erhielt sein Vorgesetzter
-im Ministerium des Innern, Geh. Rat Sack, eine von
-Hardenberg selbst entworfene Kabinettsorder, die ihm persönlich
-die strengste Zensur derartiger Blätter, Zeit- und Flugschriften,
-auferlegte, die »so allgemein vom Publikum gelesen« würden;
-es gäbe jetzt nichts Schädlicheres, als wenn durch »dergleichen
-hingeworfene ganz unreife Aufsätze« Mißtrauen gegen die Maßregeln
-der Regierung erweckt werde; dem bisherigen Zensor scheine
-die richtige Beurteilung dafür zu mangeln, daß solche Artikel in
-den »Abendblättern« »gar sehr am unrechten Orte« seien.</p>
-
-<h3>Heinrich von Kleist und die Würde der Presse.</h3>
-
-<p>Wohin seines Freundes Polemik gegen den allmächtigen
-Minister führen mußte, sah Kleist deutlich voraus. Ließ er
-Müller noch einmal in jenem Sinne zu Worte kommen, so
-war das Schicksal der »Abendblätter« und damit sein eigenes
-besiegelt. Er stand aufs neue vor dem Nichts, denn was ihm
-seine Dichtungen eintrugen, reichte kaum aus, seinen Barbier
-zu bezahlen. Seine starken Gegenwartsstücke, »Prinz Friedrich<span class="pagenum"><a id="Seite_172"></a>[172]</span>
-von Homburg« und »Die Hermannsschlacht«, lagen fertig in seinem
-Pult; aber kein Theaterdirektor und kein Verleger wagten sich
-daran, die Zensur hätte diesen Überschwang des Patriotismus
-mit allen Mitteln niedergehalten. Das Recht zu leben nahm
-der Dichter aber noch für sich in Anspruch, und dazu sollten ihm
-die »Abendblätter« dienen. Hier vollzog sich nun eine psychologische
-Wendung, die der für ihren Helden eintretenden Kleistforschung
-immer einige Verlegenheit bereiten wird. Zweifellos
-waren die Auffassungen von der Würde der Presse damals noch
-sehr primitiv; das mag jeden andern vielleicht entschuldigen,
-aber auch Kleist? Kurzum, er wußte sich, um den Bestand
-der »Abendblätter« zu sichern, nicht anders zu helfen, als daß
-er sein Blatt der Regierung als offizielles Organ antrug.
-Hardenberg erklärte sich zu einer nicht näher bezeichneten Unterstützung
-bereit, wenn das Blatt »zweckmäßig« geleitet werde.
-Was er darunter verstand, war klar: völliges Aufgeben aller
-Selbständigkeit und unbedingtes Eintreten für die Regierung.</p>
-
-<p>Für diese Aufgabe seiner Selbständigkeit wollte Kleist
-den offiziellen Charakter seiner Zeitung öffentlich anerkannt
-sehen. Dagegen wieder sträubte sich Hardenberg, der als kluger
-Staatsmann wußte, daß die »Liebe des freien Mannes« ganz
-anders wirkt als die des erwiesenen journalistischen Söldners.
-Die Verhandlungen darüber zogen sich zwei Monate hin. Kleist
-duldete, daß die Regierung seine Zeitung mit offiziellen Beiträgen
-überschwemmte, und mußte sich gefallen lassen, daß die
-Zensur in dieser Zeit mehr als die Hälfte aller seiner Artikel
-strich. Dabei konnte er es sich doch nicht versagen, eine verschleierte
-Opposition fortzusetzen, jetzt unter der Maske des
-Lobes, wofür ihm Hardenberg schwerlich Dank wußte.</p>
-
-<p>Dennoch kam ihm dieser so weit entgegen, daß er allen
-ministeriellen Departements empfahl, die »Abendblätter« mit
-amtlichen Nachrichten zu versehen. Aber er hatte mehr versprochen,
-als er halten konnte, und war sich der rechtlichen
-Konsequenz dieses Schrittes offenbar selbst nicht bewußt gewesen.</p>
-
-<h3>Eine Zensurverfügung gegen Kleists »Abendblätter«.</h3>
-
-<p>Sobald Kleists »Abendblätter« durch ministerielle Beiträge
-innerpolitischer Art offen unterstützt wurden, traten sie in Konkurrenz<span class="pagenum"><a id="Seite_173"></a>[173]</span>
-mit den beiden andern politischen Berliner Tageszeitungen,
-die ein unantastbares Privileg besaßen. Die privilegierten
-Zeitungen schlugen denn auch sofort Lärm, als Kleist
-am Ende des ersten Quartals die politische Neugestaltung seines
-Blattes voreilig bekanntmachte. Der Zensor Himly nahm sich ihrer
-pflichtgemäß an, und die Verhandlungen mit Hardenberg liefen
-urplötzlich auf das Gegenteil dessen hinaus, was Kleist nach
-den ebenso vorschnellen Versicherungen des Kanzlers hatte erwarten
-dürfen: am 29. Dezember 1810 wurde ihm die Aufnahme
-politischer Originalartikel ein für allemal untersagt!
-Man verwies ihn ausschließlich auf das, was die »Vossische«
-und »Spenersche« an politischem Material unter ordungsgemäßer
-Zensur Himlys bringen würden.</p>
-
-<p>Die Verzweiflung Kleists über dieses Fehlschlagen seiner
-Hoffnungen ist begreiflich. Sein Blatt war dadurch tatsächlich
-schon ruiniert. Womit sollte er einen neuen Leserkreis gewinnen?
-Den früheren hatte er zum größten Teil eingebüßt
-mit dem Augenblick, als er die Spalten der »Abendblätter«
-Hardenberg zur Verfügung stellte; selbst den nächsten Freunden
-war ihre Haltung »verächtlich« geworden, ihr Kredit
-war dahin, und ihr Absatz hatte so stark nachgelassen, daß
-es Mühe kostete, sie für das zweite Quartal bei einem
-andern Verleger unterzubringen; der erste, Hitzig, hatte schleunigst
-seine Hand davon abgezogen, als sie keinen Gewinn mehr
-versprachen.</p>
-
-<h3>Die Vernichtung der »Berliner Abendblätter«.</h3>
-
-<p>Aber konnte Kleist, wenn ihm die äußere und innere Politik
-verschlossen war, aus den »Abendblättern« nicht wenigstens
-ein gutes Unterhaltungsblatt schaffen? Auch dieses hat ihm
-Hardenberg unmöglich gemacht! Läßt sich in politischer Beziehung
-des Staatskanzlers Vorgehen begreifen &ndash; entschieden
-ins Unrecht setzte er sich dadurch, daß er den »Abendblättern«
-auch das weite allgemein kulturelle Gebiet der Kunst, Literatur
-und Wissenschaft verschloß, auf dem sie sich erfolgreich hätten
-betätigen können. Es sollte auch in diesen Dingen keine Ansicht
-laut werden, die den gerade an maßgebender Stelle herrschenden
-widerstritt. Kleist aber und seine Freunde gehörten<span class="pagenum"><a id="Seite_174"></a>[174]</span>
-zu den Pechvögeln, denen es nun einmal nicht gegeben ist,
-ihren Flug dem gerade herrschenden Winde anzupassen.</p>
-
-<p>Zu der damaligen innern Reform Preußens gehörte die Neueinrichtung
-der Volksschule nach dem System Pestalozzis. Kleist
-und seine Standesgenossen waren keine Freunde des Schweizer
-Pädagogen; ihr aristokratisches Empfinden sträubte sich gegen
-sein internationales Gleichheitssystem und verlangte im Gegensatz
-dazu nationale und individuelle Erziehung. Solche Probleme
-hätten sich, sollte man meinen, doch wohl öffentlich erörtern
-lassen. Weit gefehlt! Die Zensur duldete das nicht.
-Ein erster Artikel von Adam Müller über die neu gegründete
-Berliner Universität hatte sogleich den heftigsten Anstoß erregt &ndash;
-Grund genug für den Zensor, auch diese Debatte zu verbieten.
-Kleist und seine Freunde glaubten bei der Besetzung der Lehrstühle
-ein Wort mitreden zu dürfen &ndash; man schloß ihnen den
-Mund. Ein Nachruf auf den 1810 in München gestorbenen
-Physiker Ritter wurde gestrichen, denn die Regierung empfand
-es als einen unbequemen Vorwurf, wenn der Wahrheit gemäß
-gesagt werden mußte, daß Ritter einer von den geborenen
-Preußen war, die wie Winckelmann, Herder, Fernow und andere
-im Vaterlande nichts gegolten und dem Ausland ihre Dienste
-hatten widmen müssen. Die Leitung der Berliner Kunstakademie
-konnte den Romantikern der »Abendblätter« wenig gefallen;
-flugs gehörte auch dieses Thema zu den verpönten. Schlechterdings
-überall stießen sie auf ein <em class="antiqua">Noli me tangere</em>, und selbst
-eine alberne Lokalnachricht über eine Studentenschlägerei brachte
-sie in Konflikt mit der Universitätsverwaltung; es half ihnen
-nichts, daß die Notiz aus dem Büro des Polizeipräsidenten
-selbst stammte, sie hatten den Nachteil.</p>
-
-<h3>»Rad und Wagenschmiere.«</h3>
-
-<p>Ihren Höhepunkt erreichte diese Gewaltherrschaft der unmittelbar
-von Hardenberg beeinflußten Zensur bei Behandlung
-der Theaterkritik. An der Spitze des Berliner Hoftheaters
-stand noch immer Iffland, gegen dessen ganze Richtung die
-Romantiker und Patrioten aus ästhetischen und Standesrücksichten
-Front machten. Kleist war obendrein gegen Iffland persönlich
-gereizt, da er nicht einmal sein »Käthchen von Heilbronn«<span class="pagenum"><a id="Seite_175"></a>[175]</span>
-aufführte; strenge Objektivität von einem Dichter in solcher
-Lage zu verlangen, ist eine übermenschliche Forderung. Gegen
-Iffland führten also die »Abendblätter« einen lustigen Kleinkrieg
-mit Ernst und Satire. In dem Punkte sind alle Theaterdirektoren
-empfindlich und ebensowenig objektiv. Zufällig kam
-es am 26. November 1810 bei der zweiten Aufführung von
-Weigls »Schweizerfamilie« zu einem solennen Theaterskandal;
-die Darstellerin der Hauptrolle paßte einer Klique von Offizieren
-nicht. Auch Kleist hatte sich in diesem Sinne ausgesprochen,
-was sein gutes Recht war. Die Vorstellung wurde
-durch laute Mißfallensäußerungen unterbrochen. Iffland beschwerte
-sich, drohte mit Abdankung; eine Untersuchung des Vorfalls
-hatte den Erfolg, daß etliche der militärischen Kunstenthusiasten
-aus der Stadt verwiesen wurden &ndash; gewiß ein
-warnendes Exempel, denn die Herren wohnten in Charlottenburg!
-Die »Abendblätter« aber waren wieder das »Karnickel«.
-Ob Iffland, der sich bei seinem früheren persönlichen Konflikt
-mit Kleist wegen des »Käthchens von Heilbronn« tadellos gegen
-den Dichter benommen hat, zu der Maßregelung der »Abendblätter«
-selbst den Anstoß gab, ist nicht erwiesen, liegt aber
-nahe und wäre menschlich verständlich, hatte er doch schon 1803
-das Verbot aller Theaterkritiken gefordert, dem sich der Zensor
-Renfner mit Recht widersetzte. Nicht verständlich aber ist, daß
-die Zensurbehörde 1810 seiner Empörung nicht den nötigen
-Dämpfer aufsetzte, sondern im Gegenteil seine Sache zur ihren
-machte und unmittelbar darauf, Anfang Dezember, der Zeitung
-Kleists und &ndash; des bessern Aussehens wegen &ndash; auch dem
-ganz ungefährlichen Unterhaltungsblatt »Der Freimüthige« die
-weitere Führung der Berliner Theaterkritik ein für allemal
-untersagte! Unter Hardenbergs Regime duldete man es also
-nicht, daß ein Journalist und Dichter wie Kleist über die
-Führung des Königlichen Hoftheaters eine andere Meinung hatte
-als der amtierende Theaterdirektor selbst! Arnim hatte gewiß
-nicht unrecht, wenn er den Witz machte, Iffland und Hardenberg
-hingen »wie Rad und Wagenschmiere« zusammen. Drei
-Jahre später stellte derselbe Iffland wieder den Antrag, alle
-Kritiken über Neuaufführungen bis nach der dritten Vorstellung
-zu verbieten. Diesmal aber erhielt er die Antwort, das widerstreite<span class="pagenum"><a id="Seite_176"></a>[176]</span>
-»der Freiheit des Urteilens«. Aber 1810 ließ man
-sich um diese Freiheit des Urteils noch keine grauen Haare
-wachsen, sondern hing dem unbequemen Kritiker einfach den
-Maulkorb um und fragte nicht danach, ob durch solch ein radikales
-Verbot eine Zeitung wie die »Abendblätter« und mit
-ihr der Herausgeber zugrunde gingen.</p>
-
-<h3>Kleists Ende.</h3>
-
-<p>Und mit ihr der Herausgeber! Davon ist nichts abzuwaschen!
-Daß Kleist völlig mittellos war, steht fest. Das
-einzige Unternehmen, durch das er sich über Wasser halten
-konnte, brach zusammen. In seiner Verzweiflung verlangte er
-vom Staatskanzler Entschädigung für die Zugrunderichtung der
-»Abendblätter«; die Verhandlungen darüber unter Vermittlung
-des ebenfalls über ihn aufgebrachten Regierungsrats Friedrich
-von Raumer, des bekannten Historikers, der später selbst sehr
-viel von der Zensur auszustehen hatte, gehören zu den unerfreulichsten
-Momenten in Kleists Leben. Der Stil, mit dem
-man solche Gesuche aufsetzt, war Kleist nicht gegeben. Er erreichte
-natürlich nichts. Ende März 1811 stellten die »Abendblätter«
-ihr Erscheinen ein, und sieben Monate später fand
-man ihren Herausgeber mit durchschossener Schläfe dort, wo
-heute &ndash; am kleinen Wannsee bei Berlin &ndash; sein Grab eine
-heilige Stätte geworden ist.</p>
-
-<p>Der Fall Kleist steht durch die Bedeutung seines Opfers
-und die Tragik seines Abschlusses vereinzelt da. Aber nur dadurch!
-Denn er war leider der Anfang eines ganzen Systems.
-Man mag zur Romantik und selbst zu Kleists Poesie stehen
-wie man will, das eine läßt sich nicht bestreiten: die »Abendblätter«
-waren ein ernsthafter Versuch, mit bescheidenen äußeren
-Mitteln in Berlin ein populäres Blatt zu begründen, das die
-Weltanschauung einer modernen Literaturbewegung zum Ausdruck
-brachte und zugleich das Organ einer politischen Partei
-sein wollte. Der Versuch wäre gelungen, er hatte vom ersten
-Tage an einen kaum erwarteten großen Erfolg. Die preußische
-Zensur erstickte ihn durch ihre unfaßbare Willkür. Das literarische
-Sündenregister der preußischen Zensur setzt damit vielversprechend
-ein und erreicht bis 1848 eine erschreckende Länge.<span class="pagenum"><a id="Seite_177"></a>[177]</span>
-Was war die Folge? Die Berliner Zeitschriftenliteratur sank
-auf einen Tiefstand, der durch nichts zu unterbieten war. Der
-schale Witz und die persönliche Skandalsucht wurden Trumpf
-in der dortigen Presse, nur auf solchem von der Zensur bereiteten
-Boden konnte eine Giftpflanze wie der berühmte Humorist
-Saphir gedeihen, dieser Revolverjournalist <em class="antiqua">par excellence</em>, der
-in den zwanziger Jahren dort Triumphe feierte und den Geschmack
-für ein Menschenalter verdorben hat. Auf diese Weise
-vernichtete die Literatur sich schließlich selbst, und der Zensor
-konnte ruhig schlafen!</p>
-
-<h3>Die Verherrlichung des Selbstmords.</h3>
-
-<p>Noch der tote Kleist sollte der Zensurbehörde eine Verfügung
-des Königs bringen.</p>
-
-<p>Der Berliner Kriegsrat Peguilhen, dem Kleist und seine
-Freundin einige Besorgungen aufgetragen, spielte sich als Freund
-und Testamentsvollstrecker des Dichters auf und veröffentlichte
-in der »Vossischen Zeitung« eine alberne Verherrlichung des
-Selbstmordes Kleists. Darauf erließ der König am 27. November
-1811 eine Kabinettsorder, worin es hieß:</p>
-
-<p>»Wenn es jedem, dessen sittliches Gefühl erstorben ist,
-freystehen soll, seine verkehrten Ansichten in Blättern, die in
-jedermanns Hände kommen, laut und mit anmaßender Verachtung
-Besserdenkender zu predigen; so werden alle Bemühungen,
-Religiosität und Sittlichkeit im Volke neu zu beleben, vergeblich
-seyn, indem der Glaube an das einstimmige Zeugnis jedes
-unverdorbenen Herzens verdächtig gemacht, das moralische Urtheil
-verwirrt, und die Kraft des Volkes im innersten Lebenskeime
-vergiftet werden.«</p>
-
-<p>Der König befahl daher, diese seine Meinung gehörigen
-Orts aufs nachdrücklichste einzuschärfen, »damit überhaupt bey
-der Aufsicht auf die öffentlichen Blätter, der Mißbrauch derselben
-zur Verbreitung der Immoralität aufs sorgfältigste verhütet
-werde«, und dem Zensor der Zeitung einen ernstlichen Verweis
-zu erteilen. Außerdem befahl er, die Schrift über den Tod
-Kleists, die Peguilhen gleichzeitig angekündigt hatte, nicht zum
-Druck zu verstatten. &ndash; Sie erschien denn auch damals nicht,
-sondern wurde erst zweiundsechzig Jahre später veröffentlicht.</p>
-<hr class="chap" />
-
-<div class="chapter">
-<p><span class="pagenum"><a id="Seite_178"></a>[178]</span></p>
-
-<h2 class="nobreak" id="kap10">10. Bürokratie und Militarismus.</h2>
-</div>
-
-<div class="epigraph">
-<div class="poetry">
- <div class="stanza">
- <div class="verse indent0">Ach, Herr! Gesegn' uns Wein und Brot,</div>
- <div class="verse indent0">Und schlage den Napoleon tot,</div>
- <div class="verse indent0">Durch uns und mit uns, Amen!</div>
- </div>
-</div>
-
-<p class="right">
-Altes Soldatenlied.
-</p>
-</div>
-
-<h3>Die Flucht der Patrioten.</h3>
-
-<p>Das Jahr 1812 ist das am tiefsten beschämende der Geschichte
-Preußens. Am 24. Februar mußte der König mit
-Napoleon ein förmliches Bündnis schließen und ebenso wie
-Österreich zu dem bevorstehenden Feldzug gegen Rußland Hilfstruppen
-stellen. Im Mai versammelten sich die deutschen
-Fürsten in Dresden zur Huldigung vor dem Imperator; dann
-kam dieser als gefeierter Gast seines »allergetreuesten Bundesgenossen«
-nach Berlin, und starke französische Besatzungen in
-der Hauptstadt und in den Festungen sorgten dafür, daß auch
-nach dem Durchzug der französischen Truppen nach Rußland
-kein Wort des Mißfallens laut wurde. Den neuen Minister der
-höheren Polizei, den reaktionären Fürsten zu Sayn-Wittgenstein,
-Oberkammerherrn des Königs, und den ebenfalls neuen Minister
-des Innern, von Schuckmann, hatte sich der französische Gesandte
-selbst ausgesucht. Der »Moniteur« allein gab in Preußen den
-Ton an, und von den deutschen Fürsten hatte nur Herzog Karl
-August den Mut, sich zu verbitten, daß französische Lügen in
-preußischen Zeitungen als Nachrichten aus Weimar umgingen.</p>
-
-<p>Nebst andern Patrioten wie Gneisenau und Clausewitz
-hatte auch Gruner sofort nach dem Bündnis mit Frankreich
-sein Amt niedergelegt und war nach Österreich gegangen, wo
-er mit dem Freiherrn vom Stein den geheimen Minenkrieg und
-die Erhebung Deutschlands gegen Napoleon organisierte und vor
-allem die literarische Offensive durch Flugschriften und Aufrufe
-vorbereitete.</p>
-
-<h3>Der Umschwung.</h3>
-
-<p>Gruners Nachfolger seit dem 10. März 1812 wurde der
-Kurator des Büros im Staatskanzleramte, Geh. Staatsrat<span class="pagenum"><a id="Seite_179"></a>[179]</span>
-Friedrich von Bülow, ein Verwandter und damaliger Vertrauter
-Hardenbergs; Himly führte jetzt die Zensur der historisch-politischen
-Schriften, und der Geh. Legationsrat Jordan verwaltete
-mit großer Strenge die Zensur der Zeitungen. Als
-er am 22. Januar 1813 mit dem Könige, der sich bei dem
-beginnenden Umschwung den Fängen der Franzosen entzog,
-nach Breslau abging, wurde wieder der seit 1792 bewährte
-Staatsrat Renfner sein Nachfolger. Auch dieser sorgte nach
-dem Willen des abwesenden Staatskanzlers und der ihn vertretenden
-Oberregierungskommission mit von der Goltz an der
-Spitze dafür, daß durch keine Entgleisung der öffentlichen Aussprache
-das gute Verhältnis zu den Franzosen getrübt wurde.
-Alle französischen Siegesbulletins mußten die Berliner Zeitungsleser
-über sich ergehen lassen, von dem Strafgericht, das in
-Rußland über Napoleon hereinbrach, erzählten nur durchgeschmuggelte
-Privatnachrichten und Gerüchte, das grausige
-Elend des Rückzugs der großen Armee aus Rußland trat den
-Berlinern erst leibhaftig vor Augen, als die zerlumpten Reste
-durch die Stadt fluteten, den Brand von Moskau und ähnliche
-Vorfälle kannte man nur in französischer Beleuchtung, und die
-Nachricht von der Konvention von Tauroggen (30. Dezember)
-ließ die Berliner Zensur erst am 19. Januar durch, zugleich
-mit der Nachricht von der Absetzung des Generals von York
-und der strengen Verleugnung seiner Tat durch den König.
-Schleiermacher, der schon von der Ungültigkeit erzwungener Verträge
-zu predigen begann, wurde noch am 3. Januar 1813
-unter Aufsicht gestellt. Der Aufruf zur Bildung von Freiwilligenkorps
-vom 3. Februar durfte in Berlin erst am
-9. Februar, später als in den märkischen Provinzblättern, erscheinen,
-und daß schon am 20. Februar vereinzelte Kosaken
-von der Armee Tschernyscheffs in den Straßen Berlins als
-Befreier bejubelt wurden, mußten die Zeitungen völlig verschweigen,
-denn noch war ja eine starke französische Besatzung
-in der Stadt, und der französische Kommandant von Berlin,
-Augereau, und der Gesandtschaftssekretär Le Fèvre, der Vertreter
-St. Marsans, hätten am liebsten jede Nachricht über
-militärische Vorgänge wörtlich vorgeschrieben, was selbst dem
-pflichteifrigen Renfner etwas stark schien.</p>
-
-<p><span class="pagenum"><a id="Seite_180"></a>[180]</span></p>
-
-<p>In der Nacht vom 3. zum 4. März rückten endlich die
-Franzosen ab, und am andern Tage begann der Einmarsch
-der Russen. Die preußischen Behörden, unter denen sich kein
-York befand, hielten sich aber in subalterner Gewissenhaftigkeit
-noch immer streng an ihre Instruktion, alle Feindseligkeiten
-gegen Frankreich sorgfältig zu vermeiden, so daß heißblütige
-Patrioten wie Gneisenau kaum an sich halten konnten. Arndts
-im Februar verfaßtes und in Königsberg gedrucktes Flugblatt
-»Aufruf an die Deutschen zum gemeinschaftlichen Kampfe gegen
-die Franzosen« durfte Anfang März in Berlin noch nicht nachgedruckt
-werden, denn der Anschluß Preußens an Rußland
-wurde ja erst durch den »Aufruf an mein Volk« am 20. März
-amtlich kundgemacht.</p>
-
-<h3>Worauf die Kosaken reiten.</h3>
-
-<p>1813 berichtete eine Zeitung &ndash; nach andern ein Schulbuch
-&ndash; von den Kosaken: »Sie reiten auf kleinen unansehnlichen
-Pferden.« Ein Zensor in Breslau strich die beiden Adjektiva,
-die ihm jedenfalls mit dem Ansehen der jetzigen Bundesgenossen
-unverträglich schienen, und so erfuhr die Welt die
-große Neuigkeit, daß die Kosaken nicht auf Eseln, Kamelen
-oder Stecken ritten, sondern auf Pferden.</p>
-
-<h3>Der »Preußische Correspondent«.</h3>
-
-<p>Bei dem trostlosen Zustand der Berliner Presse, an dem
-das politische Chaos ein gut Teil Schuld trug, war es dem
-Militärgouvernement höchst willkommen, daß aus dem Kreise
-der preußischen Patrioten ein neues Zeitungsunternehmen erwuchs,
-dessen Leitung der angesehene Historiker Niebuhr und
-dessen Verlag die Realschulbuchhandlung von Reimer übernahm,
-und noch ehe das offizielle Jawort des Staatskanzlers vorlag,
-genehmigte es die Herausgabe des »Preußischen Correspondenten«,
-der am 2. April 1813 »einfach und mit Würde zu dem
-Volke von dessen heiligsten Interessen« zu reden begann. Niebuhr
-sah seine Aufgabe darin, »die Überzeugung von der Notwendigkeit
-eines Volkskrieges im äußersten Sinne des Wortes täglich
-zu nähren, den Haß gegen die Franzosen zu mehren und über
-die allgemeine Politik ein gesundes Urteil zu bewirken«.</p>
-
-<p><span class="pagenum"><a id="Seite_181"></a>[181]</span></p>
-
-<p>»Die Freiheit der Rede und der Schrift ist uns wiedergegeben«,
-frohlockte Niebuhr im Leitartikel der ersten Nummer.
-Das sollte sich sehr bald als eine gewaltige Hyperbel erweisen.
-Renfner erlaubte sich sogar Änderungen an den Kriegsberichten
-aus dem Hauptquartier, die Gneisenau selbst schrieb, so daß
-dieser schon bald mit ihrer Entziehung drohte. Einer dieser
-Kriegsberichte von Gneisenau (26. April) beschuldigte auf Grund
-von französischen Feldpostbriefen die Berliner Bankiers hochverräterischer
-Beziehungen zum Feinde. Als darauf die »Vossische«
-ihre Abonnenten von der Hochfinanz in Schutz nahm,
-verhinderte Renfner (2. Mai) die Fortsetzung der Polemik.</p>
-
-<p>Unter seinem Nachfolger von Schultz wurde das Verhältnis
-zwischen Redaktion und Zensor auch nicht besser; der Albdruck
-des Waffenstillstandes lastete auf dem »Preußischen Correspondenten«
-naturgemäß noch stärker, und als erst der temperamentvolle
-Schleiermacher am 25. Juni dessen Leitung übernahm,
-kam es zwischen ihm und den Behörden über Fragen mehr
-der innern als der äußern Politik zu Konflikten, die an Schärfe
-den Zusammenstoß Heinrich von Kleists mit Hardenberg noch
-weit übertrafen. Der »Correspondent« ist nach den »Abendblättern«
-die zweite Berliner oder preußische Zeitung, in der
-sich die Umrißlinien einer werdenden politischen Partei, hier
-eines konservativen Liberalismus, deutlich abzeichneten, und die
-Regierung war keineswegs gewillt, solche neuen Machtgruppen
-aufkommen zu lassen.</p>
-
-<h3>Schleiermachers Hochverrat.</h3>
-
-<p>Am 14. Juli 1813 sprach der »Preußische Correspondent«
-von Gerüchten über einen Friedenskongreß, der in Prag zusammengetreten
-sei und auch wirklich stattfand. Die Anhänger
-eines schnellen Friedensschlusses warnte er, sich nicht vorschnell
-zu freuen, und die Gegner, darob nicht zu verzweifeln. Die
-Ansicht der letztern Partei, zu der Schleiermacher selbst gehörte,
-gehe dahin, daß Preußen, »um zu einem würdigen Zustande
-zu gelangen«, noch einer »ungeheuern Kraftentwicklung« und
-Deutschland im allgemeinen noch »großer entscheidender Ereignisse«
-bedürfe, die »den Grund zu einer künftigen Form
-legen« müßten. Denn, so schrieb Schleiermacher wörtlich, »was<span class="pagenum"><a id="Seite_182"></a>[182]</span>
-sich Deutschland von einer Verfassung versprechen kann, welche
-durch die Willkür sich durchkreuzender diplomatischer Verhandlungen
-begründet wäre, das wissen wir seit dem westphälischen
-Frieden, der Deutschland zerstörte, indem er es neu zu bilden
-glaubte«. Unter dem »würdigen Zustand« Preußens, das ja
-schon eine feste »Form« hatte, verstand er die völlige Unabhängigkeit
-von Napoleon, und das schwierige Problem der
-»künftigen Form« Deutschlands beschäftigte ein Jahr später
-den Wiener Kongreß. Diese Fragen durften wohl dem Redakteur
-eines politischen Blattes einigermaßen am Herzen liegen.
-Schleiermacher beruhigte nun die Gegner eines vorschnellen
-Friedens mit der Versicherung, ihre »allgemein verbreitete«
-Ansicht werde »gewiß auch bei den Friedensverhandlungen eine
-Stimme haben«; er meinte damit: dieser oder jener der beteiligten
-Diplomaten werde wohl auch so denken. Und wenn
-auch, erklärte er zuletzt, ein Friede geschlossen werde, den man
-noch nicht als »den wahren Anfang einer neuen Ordnung der
-Dinge ansehen« könne, so müsse man ihn eben »nach den
-Principien eines Waffenstillstandes beurteilen« und alle Vorteile,
-die er gewähre, gehörig benutzen.</p>
-
-<p>Am 15. Juli erklärte das Auswärtige Amt Schleiermachers
-Äußerungen als »unbefugte anmaßende vorgreifende Urteile
-einer Privatperson über künftige Resultate« des Friedenskongresses;
-die »absprechende Zurückweisung ›Diplomatischer
-Verhandlungen‹ und die ›Berufung auf eine allgemein verbreitete
-Ansicht, die bei den Friedensverhandlungen eine Stimme
-haben werde‹, die Entgegenstellung der Begriffe: ›einzelne
-Mächte‹ und ›Deutschland und Preußen‹,« gebe eine »Tendenz
-pflichtwidriger Eigenmacht und Willkür zu erkennen. Der
-Ton und die Tendenz mancher Schriftsteller und ihrer Anhänger,
-zusammengehalten mit gleichzeitigen verwegenen Vorgängen,
-deuten auf ein Streben jener Personen, ihre Eigenmacht
-und Willkür an die Stelle der rechtmäßigen Macht und
-Autorität zu setzen.« Das Auswärtige Amt glaube daher nach
-dem Grundsatz verfahren zu müssen: »den Keimen zu widerstehen«
-(was wohl eine Übersetzung des Ovidischen »<em class="antiqua">Principiis
-obsta</em>« sein sollte!) und berichtete darüber an Hardenberg.</p>
-
-<p>Daraufhin befahl der König am 17., Schleiermacher sofort<span class="pagenum"><a id="Seite_183"></a>[183]</span>
-seines Predigtamtes zu entsetzen und binnen 48 Stunden über
-Schwedisch-Pommern ins Ausland abzuschieben!</p>
-
-<p>Diese Strenge hielt aber Hardenberg offenbar für übertrieben;
-er wußte den König umzustimmen, und so wurde die
-schon fertige Kabinettsorder dahin gemildert, daß dem Herausgeber
-des »Preußischen Correspondenten« sein Benehmen »ernstlich
-verwiesen« und ihm bedeutet wurde, eine Wiederholung
-desselben werde »aufs nachdrücklichste und mit unfehlbarem
-Verlust seiner Dienststelle geahndet werden«.</p>
-
-<p>Am 19. mußte Schleiermacher vor dem Minister des Innern
-von Schuckmann erscheinen, und dieser »bedeutete« ihm laut
-Protokoll, der betreffende Artikel »verkündige die Notwendigkeit
-einer Umwälzung der preußischen Staatsform durch gewaltsame
-Ereignisse und enthalte die Anmaßung des Zeitungsschreibers,
-die Schritte der Regierung öffentlich meistern und leiten zu
-wollen, um sie diesem Ziele entgegenzuführen«. Das sei nach
-dem Landrecht nichts geringeres als <em class="gesperrt">Hochverrat</em>!</p>
-
-<p>Schleiermacher verteidigte sich ausführlich schriftlich mit
-großem Scharfsinn und schlagender Dialektik gegen die unsinnige
-Auslegung seines Artikels. Aber seine »Nase« hatte er weg,
-und dabei blieb es. »Ich habe aber alles sehr lustig abgeschüttelt«,
-schrieb er sechs Jahre später an seinen Freund Arndt,
-als auch dieser ein Demagog sein sollte, »und halte mir die
-Sache nur noch als einen Schinken in Salz«. Und über die
-Szene bei Schuckmann berichtete er, dieser habe zwar erst »mit
-seiner ganzen Bärenhaftigkeit aufgetatzt«, sei dann aber im
-Gespräch mit ihm so »gekirrt« worden, »daß er hernach ordentlich
-mit dem Maulkorb herumging«. »Es gibt wohl keine
-ärgere Erbärmlichkeit für einen König,« fügte er hinzu, »als
-solche Schnippchen in der Tasche zu schlagen, und darum kann
-man sie ihm ja wohl gönnen.«</p>
-
-<h3>Reformation und Revolution.</h3>
-
-<p>Kurz vor dem Verfahren gegen Schleiermacher war in
-Berlin bei Hitzig eine kleine Broschüre erschienen »Zur politischen
-Reformation«. Sie bezeichnete als die schlimmsten
-Folgen der Französischen Revolution die »absolute Souverainität,
-Maschineneinrichtung der Staatsverwaltung und Conscription«.<span class="pagenum"><a id="Seite_184"></a>[184]</span>
-Der biedere Zensor Himly selbst hatte sie zum Druck genehmigt,
-denn er sagte sich: Preußen hat durch Hardenbergs Finanzedikt
-vom 27. Oktober 1810 schon eine Nationalrepräsentation eingeleitet,
-will also keine absolute Souveränität; Maschineneinrichtung
-läßt sich dem preußischen Staat ebenfalls nicht
-vorwerfen, und Konskription kennt er nicht; also geht die Tendenz
-der Schrift gegen Frankreich und seine Gewaltherrschaft
-in deutschen Landen.</p>
-
-<p>Am 5. Juli aber kam der Polizeiminister Fürst Wittgenstein
-darüber. Der sah in dem Büchlein nur die deutlich
-ausgesprochene Absicht, »die monarchische Regierungsform, wie
-sie in dem preußischen Staat eingeführt ist, aufzuheben und
-dem Volke wesentlichen Anteil an der Verwaltung und recht
-eigentlich eine Mitregierung einzuräumen«. Man brauche nur
-den Ausdruck »Reformation« in »Revolution« umzuändern,
-dann habe man den Sinn und Zweck des Schriftchens am
-richtigsten erfaßt. Wolle es doch sogar die Sprache »revolutionieren«
-und die Ausdrücke abschaffen, »womit seit länger
-als tausend Jahren die Untertanen die schuldige Ehrfurcht
-gegen ihre Regenten an den Tag zu legen gewohnt sind«.
-Genau so seien auch die französischen Jakobiner vorgegangen.</p>
-
-<p>Jetzt lag es klar zutage: dieses zunehmende dreiste Verlangen
-nach Nationalrepräsentation noch während des Krieges
-war nichts anderes als die Folge des unseligen Landsturmedikts,
-das ja das ganze Volk zur Verteidigung des Staates
-aufgerufen hatte! Das unvorsichtige Wort des Fürsten Kaunitz
-zu Kaiser Joseph II. von dem ganzen »Volk in Waffen«, das
-an Majestät dem Kaiser ebenbürtig sei, war furchtbar lebendig
-geworden. Die gefährliche Phrase von einem »Volksheer«
-brauchte ja selbst ein Mann wie der General von Clausewitz,
-der mit Scharnhorst die ostpreußische Landwehr ins Leben gerufen
-hatte. Von da bis zur Regierung des Staates durch ebendieses
-Volk war nur ein Schritt! Und hatte nicht der Deutschrusse
-Kotzebue in seinem »Russisch-deutschen Volksblatt«, das er von
-Ende März bis Ende Juni 1813 in Berlin herausgab, im Anschluß
-an jene Broschüre schon die künftige Verfassung Preußens
-entworfen? Ein Oberhaus wollte er eingerichtet sehen aus den
-deutschen Fürsten, und ihm gegenüber ein Unterhaus, das aus<span class="pagenum"><a id="Seite_185"></a>[185]</span>
-den »freien deutschen Männer des Landsturms« zu bilden sei!
-Diese Projekte galt es »in den Keimen« zu ersticken.</p>
-
-<p>Daß Fürst Wittgenstein so dachte, bestätigt der Briefwechsel
-zwischen Gneisenau und Clausewitz. Darnach waren sowohl
-Wittgenstein wie Polizeipräsident Le Coq und von Bülow der
-Überzeugung, das Landsturmedikt sei revolutionär, stürze die
-Verfassung um und führe »zu völliger Anarchie und Umsturz
-des Thrones«. Und ebenjenes anonyme Büchlein »Zur politischen
-Reformation« wurde der Anlaß, daß der Oberkammerherr
-jetzt auch den König zu seiner Ansicht zu bekehren wußte.
-Am 17. Juli, als Friedrich Wilhelm III. die Kabinettsorder
-gegen Schleiermacher unterzeichnete, verfügte er auch die Aufhebung
-des bisher gebildeten Berliner Landsturms. Die Formation
-des Landsturms überhaupt wurde »nunmehr als vollendet«
-bezeichnet, er sollte nur noch eine Reserve der Landwehr sein,
-seine Selbständigkeit wurde ihm völlig genommen und er nicht
-nur den ihm vorgesetzten Kommandanten, sondern allenthalben
-»den Polizeiobrigkeiten des Orts oder Bezirks« unterstellt.
-Auch seine aus Zivilpersonen gewählten »Schutzdeputationen«
-wurden beseitigt, und gleich hinterher, am 21. Juli, eine Verordnung
-gegen den Mißbrauch der Landsturmwaffe erlassen, als
-ob es sich um eine Räuberbande gehandelt hätte.</p>
-
-<p>Dieser 17. Juli ist daher als ein <em class="antiqua">dies ater</em> in der Geschichte
-Preußens zu betrachten, denn er bezeichnete den ersten
-entschiedenen Schritt auf dem Wege der Reaktion, auf dem
-der König von da an, begleitet von seinem allmächtigen Oberkammerherrn
-und Polizeiminister, zeitlebens hartnäckig weiterging.</p>
-
-<h3>Engelsturz.</h3>
-
-<p>Noch zwei Männer in Preußen hatten Anlaß, in ihrem
-Kalender den 17. Juli 1813 mit schwarzer Tinte anzumalen:
-die beiden Zensoren Himly und von Schultz. Ersterer hatte
-durch die Druckerlaubnis der Flugschrift »Zur politischen Reformation«
-auch nach Hardenbergs Urteil »alles Vertrauen als
-Censor politischer Schriften verloren« und wurde am selben
-Tage zu anderer Verwendung seines Amtes enthoben.</p>
-
-<p>Schlimmer erging es dem Zensor von Schultz wegen des
-»Preußischen Correspondenten«; dieses Mannes Zensorlaufbahn<span class="pagenum"><a id="Seite_186"></a>[186]</span>
-scheint damit ihr wohlverdientes Ende gefunden zu haben.
-Ihn stürzte nicht die bloße Tatsache, daß er den Artikel
-Schleiermachers über den Prager Friedenskongreß hatte durchschlüpfen
-lassen, sondern die nachträgliche freche Entschuldigung,
-daß er dies »zu Erreichung eines großen, auf das Wohl des
-Staats gerichteten Zwecks absichtlich« getan habe; er wollte
-damit »auf die Gefahr persönlicher Verantwortung einen materiellen,
-unzweideutigen Beweis von der eigentlichen Tendenz
-gewisser Verbindungen vor Augen bringen, um dadurch womöglich
-zu kräftigen Maßregeln gegen Thron und Land verderbliche Anschläge
-Veranlassung zu geben«! Diese niederträchtige Dienstbeflissenheit
-ließ auch Hardenberg nur als das gelten, was sie
-war: eine faule Ausrede, denn jenen »großen« Zweck hätte er
-ja durch Vorweisung des Korrekturbogens schon erreichen können.</p>
-
-<p>Und noch ein dritter war von dem Engelsturz am 17. Juli
-keineswegs erbaut: der Polizeipräsident Le Coq, denn Hardenberg
-übertrug nunmehr ihm trotz seines Sträubens interimistisch
-die gesamte Zensur der Berliner Zeitungen sowie der historisch-politischen
-Flug- und Zeitschriften.</p>
-
-<h3>Schleiermachers Obstruktion.</h3>
-
-<p>Der neue Zensor Le Coq las den »Preußischen Correspondenten«
-mit besonderer Aufmerksamkeit und mit offenbarer Voreingenommenheit
-gegen dessen Herausgeber. Nach seiner Versicherung
-hörte Schleiermacher auch nach der ihm gewordenen
-Zurechtweisung nicht auf, sich durch anstößige Äußerungen »gegen
-den Wert der diesseitigen Verfassung, wie gegen das Ansehen
-der königlichen Regierung und deren Maßregeln vor andern
-auszuzeichnen«, und schon am 2. August stellte er den Antrag,
-die Zeitung ganz zu verbieten. Hardenberg ging darauf nicht
-ein. Gründe zu nachdrücklicherem Vorgehen fanden sich bald.</p>
-
-<p>Am 12. August erklärte Österreich an Napoleon den Krieg,
-und das diesen Schritt begründende, von Friedrich von Gentz
-verfaßte glänzende Manifest des Kaisers bedachte Schleiermacher
-in Nr. 86 vom 28. August mit hohem Lobe. Er brauchte
-dabei in dem der Zensur vorgelegten Text die Wendung:
-»Die Gesinnung, welche sich hier ausspreche, sei, wenn man
-wolle in einer Art Gegensatz gegen die königliche, die wahrhaft<span class="pagenum"><a id="Seite_187"></a>[187]</span>
-kaiserliche.« Denn, so hieß es weiter, »dem Kaiser gebührt
-eine Mehrheit von Staaten, die sich in ihren innern Bestrebungen
-sehr unterscheiden können, mit gleicher ruhiger Liebe
-zu umfassen«. Zweifellos brauchte Schleiermacher die Worte
-Kaiser und König hier gewissermaßen als Quantitätsbegriffe,
-aber ebenso zweifellos war er sich des zweideutigen Klangs
-dieser Wendung voll bewußt. Sie ist eine frühe Probe des
-später aufkommenden Zensurstils, dessen Meister der witzige,
-oft boshafte Schleiermacher geworden wäre. Le Coq übertrug
-denn auch den begrifflichen Gegensatz sofort auf die Personen,
-den Kaiser von Österreich und den König von Preußen &ndash;
-also »grober Anstoß gegen des Königs Maj. Allerh. Autorität«!
-Und da der »Correspondent« ihm auch weiterhin Ärger verursachte,
-sogar Ausfälle gegen die Zensur wagte, gegen »die
-krankhafte Wachsamkeit über alles was durch Druck der Welt
-mitgetheilt werden soll«, so forderte Le Coq am 25. September
-in einem geharnischten Schriftstück von Schleiermacher eine
-strengere Befolgung der Zensurinstruktion. Das Gesetz erlaube
-jedem, seine Einwendungen gegen Regierungsmaßregeln dem
-Oberhaupt des Staates oder den Vorgesetzten der Departements
-anzuzeigen; eine »weit umher cirkulierende politische Zeitung«
-der Residenz sei dazu nicht der Ort! Nur die Redaktion des »Correspondenten«
-gebe zu steten »Berichtigungen« seitens der Zensur
-Anlaß und beantworte diese statt mit größerer Vorsicht nur mit
-»ungegründeten Klagen über Beschränkung der Preßfreiheit«.</p>
-
-<p>Schleiermacher antwortete darauf nicht weniger entschieden,
-nicht die Redaktion, sondern der Zensor habe für die Beobachtung
-der Zensurinstruktion zu sorgen, und auch nicht durch
-»Berichtigungen«, wie sich Le Coq auszudrücken beliebe, sondern
-nur durch »Streichungen«. Der Vorwurf, als ob er
-»ein eigenes Vergnügen daran fände, etwas vorlegen zu
-lassen, was gestrichen werden« müsse, sei ehrenrührig, und er
-verlange dafür Beweise. Er lasse in fremden Aufsätzen manches
-stehen, was er selbst, »um die Freude eines recht reinen
-Censurbogens zu genießen«, nicht schreiben würde, auch wenn
-es nicht anstößig sei; er rechtfertige sich dann bei seinen »nicht
-bezahlten«, sondern nur »gefälligen« Korrespondenten durch
-Vorlegung des Zensurbogens und denke das auch weiter so zu<span class="pagenum"><a id="Seite_188"></a>[188]</span>
-halten. Auch verstehe er nicht, warum sich Le Coq darüber
-beklage: »Das Verhältnis zwischen Schriftsteller und Censor
-auf diesem Gebiet ist wie ein Handel, bei welchem es einmal
-üblich ist, vorzuschlagen und zu dingen.«</p>
-
-<p>Zum Schluß bedankte er sich noch mit schneidender Ironie
-für den Hinweis auf das Gesetz; Le Coq möge ihm aber
-lieber eine andere Stelle des Gesetzes nachweisen, die der
-Zensurbehörde das Recht gebe, Verweise zu erteilen und
-Drohungen zu erlassen, denn diesen »Ton« habe er nicht ohne
-Befremden in des Polizeipräsidenten geehrter Zuschrift gefunden.
-Sollte eine solche Gesetzesstelle nicht existieren, so möge Le Coq
-diese Schlußbemerkung gefälligst als einen Gebrauch der Freiheit
-betrachten, die das von ihm selbst erwähnte Gesetz zugestehe.
-Jeder Satz des Briefes verrät die innere Genugtuung
-des Schreibers, die überlegene Schärfe und Geschmeidigkeit
-seines Stils den Gegner fühlen zu lassen.</p>
-
-<p>Auf diese vollendete Kriegserklärung konnte die Antwort
-nicht ausbleiben. Le Coq legte den Briefwechsel dem Staatskanzler
-vor, um für den schon bekannten »Geist der Anmaßung
-und Renitenz« Schleiermachers einen neuen Beweis zu bieten,
-und ersuchte um eine nachdrückliche Zurückweisung des Widerspenstigen
-»in die Schranken der Ordnung und des Gehorsams«.
-Diesem Verlangen kam Hardenberg mit ungewöhnlicher
-Schärfe nach und verwies Schleiermacher nun seinerseits
-den »unpassenden Ton« seines Briefes: »Sie scheinen darin
-ganz vergessen zu haben, daß Sie dem St.-R. Le Coq Achtung
-schuldig sind, und daß es Ihnen in keiner Hinsicht gebührt,
-sich seinen Verfügungen zu widersetzen … Sie haben hierzu
-als Volkslehrer eine doppelte Verpflichtung und sind doppelt
-straffällig, wenn Sie derselben entgegenhandeln.« Für diesmal
-wolle er es bei der Zurechtweisung bewendet sein lassen, warne
-ihn aber ernstlich, »sich künftig bescheidner gegen Königl. Behörden
-zu betragen, widrigenfalls« usw.</p>
-
-<p>Von der Achtung, die der Polizeipräsident einem Manne
-wie Schleiermacher schuldig sei, war dabei nicht die Rede.</p>
-
-<p>Schleiermacher nahm auch diese »staatskanzlerische Nase«
-nicht ohne Widerspruch entgegen, sondern antwortete sehr kühl
-und fest: Er habe seinerseits Ursache genug gehabt, sich über<span class="pagenum"><a id="Seite_189"></a>[189]</span>
-den unangemessenen Ton des Le Coqschen Schreibens zu beschweren,
-habe aber den Kanzler, der »jetzt mehr als je mit
-den wichtigsten Angelegenheiten nicht nur des preußischen
-Staates, sondern des gesamten Europa beschäftigt« sei, mit
-dieser »Kleinigkeit« nicht behelligen wollen. Nun das aber
-durch Le Coq geschehen sei, müsse er bitten, der Kanzler wolle
-jenen zum Beweis oder zur Zurücknahme der ihm gemachten Beschuldigungen
-veranlassen, da der gewöhnliche Weg der Injurienklage
-dem Polizeipräsidenten gegenüber nicht offen stehe.</p>
-
-<p>Hardenberg gab diese kühne Antwort stillschweigend zu den Akten.
-Einer nochmaligen groben Ansprache des Polizeipräsidenten
-ging aber Schleiermacher aus dem Wege, indem er am
-1. Oktober die Redaktion an Achim von Arnim abgab. So war
-es ihm nicht vergönnt, als Journalist ein Geschichtschreiber
-des glorreichen Oktobermonats zu werden.</p>
-
-<h3>Se. Heiligkeit der Kurialstil.</h3>
-
-<p>Im Jahre 1810 war &ndash; auch ein Ergebnis der Neuorientierung
-dieses Jahres &ndash; der altehrwürdige Kurialstil im
-amtlichen preußischen Verkehr abgeschafft worden. Das bot
-den »Züllichauer wöchentlichen Nachrichten« vom 29. August
-1813 Anlaß, folgende köstliche Anekdote aus dem Jahre 1800
-zu erzählen:</p>
-
-<p>»Ein witziger Berliner erhielt zwei Gerichtsvorladungen
-auf einmal; die eine beschied ihn vor das Kammergericht in
-Berlin, die andere am selben Tage vor die Kammer zu Küstrin.
-Beide begannen in der damals üblichen Form mit den Worten:
-›Wir Friedrich Wilhelm von Gottes Gnaden‹ usw.</p>
-
-<p>»Der Geladene erschien weder da noch dort, und als er
-dieserhalb zur Rechenschaft gezogen wurde, antwortete er:</p>
-
-<p>›Ew. Kgl. Majestät zu Berlin haben mir allergnädigst befohlen,
-daß ich vor allerhöchst demselben erscheinen soll, aber
-Ew. Kgl. Maj. in Küstrin haben auch geruhet, mich zu gleicher
-Zeit vor sich zu bescheiden. Da aber in der Mathematik der
-Satz feststeht, daß ein Objekt, welches von zwei gleichstarken
-Kräften in demselben Zeitraum nach zwei entgegengesetzten
-Richtungen angezogen wird, im Ruhestand verbleibt, so bin
-auch ich im Stande der Ruhe verblieben.‹«</p>
-
-<p><span class="pagenum"><a id="Seite_190"></a>[190]</span></p>
-
-<p>Die Gerichtskollegien von 1800 mußten über den Scherz
-so lachen, daß sie sich nicht einmal zu einem Verweis aufraffen
-konnten. Anders die Berliner Zensurbehörde im Jahre
-1813. Am 27. September erklärte der Kriegsrat Himly, jetzt
-Zensor der Provinzzeitungen, der Abdruck dieser Anekdote habe
-in »ruhigen Zeiten wohl Rüge verdient, da Einrichtungen, die noch
-vor wenigen Jahren gegolten haben, der öffentlichen Verspottung
-doch wohl noch entzogen bleiben sollten«, und der Geh. Staatsrat
-von Raumer war ganz mit ihm einer »erleuchteten« Meinung,
-daß der Scherz »besser ungedruckt geblieben« wäre.
-Die Züllichauer Zeitung erhielt darob eine »Ermahnung«.</p>
-
-<p>Nicht einmal über abgeschnittene Zöpfe durfte man also
-seine Glossen machen, und zu solchen bürokratischen Heldentaten
-hatte die Berliner Zensurbehörde noch Zeit und Sammlung
-drei Wochen vor der Völkerschlacht bei Leipzig!</p>
-
-<h3>Das Dankgebet nach der Leipziger Schlacht.</h3>
-
-<p>Ein »Augenzeuge« hatte in einem Brief geschildert, wie
-Fürst Schwarzenberg am 19. Oktober 1813 den drei auf dem
-Monarchenhügel versammelten verbündeten Fürsten die Siegesnachricht
-überbrachte. Kaiser Franz stieg sogleich vom Pferde
-und kniete zum Gebet nieder; alle übrigen Anwesenden folgten
-seinem Beispiel. »Bewunderungswürdig war es,« setzte der
-von seiner eigenen Schilderung ergriffene Berichterstatter hinzu,
-»daß die zügelfreien Pferde während dieser imposanten Feierlichkeit
-ohne einen Hufschlag zu tun, ruhig neben ihren Reitern
-standen.«</p>
-
-<p>Dieser Brief war in der »Brünner Zeitung« gedruckt
-worden, und am 13. Januar 1814 brachte ihn auch die
-»Vossische«. Die Redaktion freute sich gewiß der höchst stimmungsvollen
-Szene, Schmok würde von »Brillanten« gesprochen
-haben, und sie war auch zweifellos ganz nach dem
-Herzen des Zensors Le Coq.</p>
-
-<p>Wie bestürzt mag er gewesen sein, als ihm gerade diese
-zarte Reporterlyrik einen ziemlich derben Verweis zuzog. Hardenberg
-fand nämlich, daß jene rührende Schlußwendung das
-Gepräge der »Ironie« an sich trage, und warnte den Zensor,
-in ein offizielles Blatt nicht Erzählungen aufzunehmen, »die<span class="pagenum"><a id="Seite_191"></a>[191]</span>
-bei einem großen Teile des Publikums nur gar zu leicht zu
-satirischen Bemerkungen Anlaß geben«.</p>
-
-<p>Verwunderlich ist, daß Hardenberg nicht lieber auf die
-Unrichtigkeit der Tatsache selbst aufmerksam machte, von der
-er im Hauptquartier, wo er weilte, hätte Kenntnis haben oder
-doch leicht erhalten können. Die ganze Episode ist bekanntlich
-von den Historikern als ein Märchen bezeichnet worden.</p>
-
-<h3>Das »System der Mäßigung«.</h3>
-
-<p>Solange Napoleon in Deutschland allmächtig war und
-Preußen wohl oder übel für die Unantastbarkeit seines ihm
-gewaltsam aufgedrungenen Verbündeten einstehen mußte, blieb
-ihm nichts anderes übrig, als alle Angriffe gegen den Unüberwindlichen
-zu unterdrücken. Als aber der Schlachtendonner
-des 18. Oktobers den Nimbus des Korsen zerstört
-hatte, verlangte das Empfinden des Volkes, das doch die
-Kosten des Krieges mit Gut und Blut zu zahlen hatte, die
-Vogelfreiheit des Gegners. Statt diesem gerechten Empfinden
-nachzugeben, versteifte man sich seitens der preußischen Regierung
-auch jetzt noch auf ein »System der Mäßigung«, das
-mit einer lächerlichen Konsequenz innegehalten wurde. Eine
-schlimmere Beleidigung als die Schlacht bei Leipzig konnte
-wohl schwerlich das bitterste deutsche Libell dem gestürzten
-Franzosenkaiser zufügen.</p>
-
-<p>Die Berliner Zensurbehörde dachte anders. Noch am
-20. Dezember 1813 erließ sie eine neue Warnung gegen alle
-eingeführte Flugschriftenliteratur, die natürlich zum vorwiegenden
-Teil an dem gestürzten Feinde ihr Mütchen kühlte, und
-die Lektüre dieser ins Ungemessene wachsenden Druckschriften
-betrieb der gute Renfner immer noch so, als ob Napoleon
-leibhaftig hinter der Tür stände.</p>
-
-<p>Ein so heftiger Napoleonfeind wie Arndt mußte ihm daher
-manches zu schaffen machen. Dieser »<em class="antiqua">écrivain infatigable</em>«
-ließ ja kaum einen Monat verstreichen, ohne immer neue
-Literaturgranaten auf den zurückweichenden Gegner zu schleudern.
-Arndts Flugschrift »Das preußische Volk und Heer im
-Jahre 1813« ließ Renfner im Dezember 1813 »gern und
-willig« durch, »obgleich der Schwung der letzten Seiten wohl<span class="pagenum"><a id="Seite_192"></a>[192]</span>
-hätte gemildert werden können«. Seine »wütende Einleitung«
-aber zu den »Betrachtungen über das Concordat« von dem
-Russen Uwaroff überschritt nach Renfners Urteil »alle Grenzen«
-und wurde verboten, denn Arndt hatte darin Napoleon den
-»großen Virtuosen der Lüge« genannt. Arndts politisches
-Programm »Der Rhein, Teutschlands Strom, aber nicht
-Teutschlands Grenze« kam dem Zensor zwar reichlich »überspannt«
-vor, denn es forderte kurzerhand die Vorschiebung der
-Grenze Deutschlands »soweit die deutsche Zunge klingt«, bis
-zu den Ardennen, den Vogesen und dem Jura, und die Herausgabe
-Elsaß-Lothringens, Forderungen, auf denen leider die
-Diplomaten des Wiener Kongresses zu unserm heutigen Leidwesen
-nicht bestanden. Da aber diese »excentrischen Vorschläge
-mit ziemlicher Bescheidenheit« vorgetragen seien, gab Renfner
-im Januar 1814 die Schrift zum Verkauf frei.</p>
-
-<p>Die Feder aber fiel ihm vor Schreck aus der Hand (»<em class="antiqua">la
-plume tombe des mains</em>«), als er Arndts »Kurze und
-wahrhaftige Erzählung von Napoleon Bonapartens verderblichen
-Anschlägen« (anonym: Germanien 1813) las, und der unauslöschliche
-Haß, den die gleichzeitige Schrift »über Volkshaß
-und über den Gebrauch einer fremden Sprache« gegen die
-Franzosen und ihre Sprache predigte, paßte allerdings wenig
-zur Proklamation der noch immer unentschlossen am Rhein
-stehenden Verbündeten vom 2. Dezember 1813, die Frankreich
-»groß, stark und glücklich« wünschte, weil es eine der »Hauptgrundlagen
-des europäischen Staatsgebäudes« sei.</p>
-
-<p>Beide Schriften wurden nach Vorschlag Renfners am
-31. Januar 1814 durch Hardenberg selbst verboten, weil sie
-im diametralen Widerspruch standen zu dem »System der
-Mäßigung«, das die Alliierten zur Schau trugen.</p>
-
-<p>Ebenso erging es im Februar 1814 dem 3. Teil des
-Werkes »Geist der Zeit«, worin Arndt mit dem ganzen Pathos
-seiner volkstümlichen Beredsamkeit alles heraussprudelte, was
-er über Napoleons Verbrechen an der Menschheit und über
-die unmögliche Versöhnung Deutschlands mit Frankreich auf
-dem Herzen hatte. Der erste Teil dieses Werkes war 1806
-in Dänemark, bei Hammerich in Altona, ohne Angabe eines
-Verlegers erschienen, der zweite Teil 1808 in Schweden, wo<span class="pagenum"><a id="Seite_193"></a>[193]</span>
-sich Arndt vor den Häschern Napoleons verborgen hielt. Den
-dritten hatte Reimer 1813 in Berlin verlegt, ebenso eine
-2. Auflage des zweiten Teils, beide unter der Druckfirma
-Th. Boosey in London, denn die Berliner Zensur würde nie
-die Erlaubnis dazu gegeben haben.</p>
-
-<h3>Die Schonung Napoleons.</h3>
-
-<p>Für die Schonung Napoleons seitens der Zensur auch
-während der Befreiungskriege waren hauptsächlich drei Gründe
-maßgebend. Für einen Mann, der einmal &ndash; ob legitim oder
-illegitim &ndash; den Purpur getragen, verlangte das Kartell der
-Fürsten Europas Achtung unter allen Umständen; er war und
-blieb ein gekröntes Haupt, dessen Verunglimpfung auch nicht
-als Ausnahmefall zugelassen werden durfte. »Der Teufel,
-wenngleich ein Höllenfürst, bleibt doch immer ein Souverain«,
-spottete Kotzebue in seinen »Politischen Flugblättern«. Obendrein
-war Napoleon durch seine Heirat mit der Erzherzogin
-Marie Luise der Schwiegersohn des Kaisers Franz, eines der
-erlauchten Verbündeten. Daher hatte auch die österreichische
-Regierung noch nach Wiederbeginn des Krieges alle »erniedrigenden
-Ausfälle« gegen Napoleon verboten.</p>
-
-<p>Der zweite Grund war ernster politischer Art: solange
-man noch hoffte, mit dem Kaiser von Frankreich zu einem
-Frieden zu kommen, wollte man ihn nicht reizen.</p>
-
-<p>Zum dritten war man auch nach seiner Verbannung nach
-Elba von der Furcht nicht frei, er werde wiederkommen, und
-die Tatsachen schienen ja diesem Bedenken recht zu geben.
-Die deutschen Regierungen rechneten also auch nach der Schlacht
-bei Leipzig mit der Möglichkeit, noch einmal die Gnade des
-Siegers anrufen zu müssen. Es ist Deutschland wahrlich
-schwer gemacht worden, sich im Vertrauen auf seine Kraft
-dauernd zu befestigen.</p>
-
-<p>Von diesen drei Gründen vermochte den ersten auch die
-Geschichte niemals aus der Welt zu schaffen. Der Schwiegervater
-Napoleons, Kaiser Franz von Österreich, regierte ja noch
-bis 1835, und bis zu seinem Tode wenigstens ist dieser allerhöchsten
-Verwandtschaft seitens der Zensur in Deutschland stets
-mit rührendem Zartgefühl Rücksicht getragen worden.</p>
-
-<p><span class="pagenum"><a id="Seite_194"></a>[194]</span></p>
-
-<h3>Fremder Götzendienst.</h3>
-
-<p>Genau so wie Arndt erging es den übrigen Patrioten,
-die ihrem Temperament nicht die von der Zensur verlangte
-»Mäßigung« auferlegen konnten. Der Vorsteher der Berliner
-Blindenanstalt, Professor August Zeune, schickte einem Vortrag
-über das Nibelungenlied, das er als geeigneten Ersatz für die
-überschätzte französische Literatur empfahl, eine Einleitung voll
-»Feuerbrände und Congrevescher Raketen« gegen die »Rotte
-Kora«, das französische Volk, voraus, in der er ebenso wie
-Arndt die Verbannung der französischen Sitte und Sprache,
-die völlige Abschaffung des »Fremden Götzendienstes« forderte.
-Die deutsche Nachahmung der Franzosen erklärte Zeune aus
-unserer Unkenntnis der wahren Geschichte Frankreichs, der Bestechung
-deutscher Gelehrten durch Ludwig XIV., der verkehrten
-Erziehung Friedrichs des Großen durch einen französischen Hofmeister
-und »aus der Sucht gewisser hoher Stände, über das
-Volk erhaben zu sein«. »In diesem Kapitel«, heißt es in dem
-Zensururteil Renfners, »werden nun wieder die Vornehmen,
-oder wie sie Herr Zeune nennt, die Vornehmtuer nach Gebühr
-abgekanzelt.« Der Titel Herr ist in diesen Akten immer
-ironisch gemeint, soweit es sich um Bürgerliche handelt.</p>
-
-<p>Als Zeune seinen Vortrag auf Wunsch seiner Zuhörer,
-Männer und Frauen, herausgeben wollte, verweigerte Renfner
-die Erlaubnis; nach seiner Instruktion, versicherte er, könne
-kein »einziger Satz dieser Vorlesung« gedruckt werden. Auch
-sein Versuch, den Vortrag unter dem Titel »Der Rheinstrom,
-Deutschlands Weinstrom, nicht Deutschlands Rainstrom« durchzuschmuggeln,
-scheiterte an der Wachsamkeit Renfners, der im
-Februar 1814 über das Manuskript folgendes Urteil fällte:</p>
-
-<p>»Unter diesem verschrobenen Titel wollte der Prof. Zeune
-den größten Teil seiner schon vorhin abgewiesenen Vorlesungen zu
-Markte bringen, das alte Frankreich zerstückeln, halb Europa
-zu Deutschland schlagen, die Unabhängigkeit mehrerer benachbarten
-Staaten beeinträchtigen und nach Gewohnheit auf alles,
-was französisch ist, derb losschimpfen. Da dieser unberufene
-Schriftsteller noch ganz neuerlich schwere politische Sünden auf
-sich geladen hat und deshalb von Polizei wegen in strengen
-Anspruch genommen worden, so war ich desto mehr befugt,<span class="pagenum"><a id="Seite_195"></a>[195]</span>
-ihn auch diesmal wieder zur Ruhe zu verweisen. Es ist schlechterdings
-kein Auskommen mit ihm.«</p>
-
-<p>Und wie wütete Renfners Rotstift in der massenhaften
-patriotischen Lyrik, in der sich der deutsche Zorn mehr oder
-weniger gelenk austobte! Überall müssen Strophen voll »rasender
-Schimpfworte« gegen Napoleon gestrichen werden. Kein
-Wunder, daß da nur unangetastet blieb, was nach Renfners
-eigenem Urteil »matt, seicht und unschuldig« war. Sogar der
-Dichter der »Urania«, Tiedge, wurde mit seinen »Denkmalen der
-Zeit« von Renfner im Januar 1814 abgewiesen, obgleich sie, wie
-der Zensor selbst zugab, bewundernswerte Stücke enthielten, die
-das Lob des Königs von Preußen und Deutschlands mit patriotischem
-Schwung sangen; in einigen Gedichten aber flammte eine
-so heftige Empörung (»<em class="antiqua">une rage furibonde</em>«) gegen Napoleon
-und Frankreich, daß Renfner die Druckerlaubnis versagte. Statt
-ihrer gab er dem Dichter den ironischen Rat, sich mit diesen hübschen
-Sächelchen, die er gegen den Schwiegersohn des Kaisers
-Franz auf dem Herzen habe, nach &ndash; Österreich zu wenden!
-Sie erschienen im selben Jahr zu Leipzig bei J. F. Hartknoch.</p>
-
-<p>Soviel ist gewiß: Lissauers »Haßgesang« wäre mit Zustimmung
-Renfners nicht gedruckt worden.</p>
-
-<h3>Der Schneider Kakadu.</h3>
-
-<p>Wo der tiefe Ernst patriotischer Männer ironisch verächtliche
-Ablehnung fand, wie sollte sich da der Übermut des Humors
-oder gar der Satire hervorwagen! Im Januar 1814 fand
-Renfner unter den ihm vorgelegten Schriften eine in Leipzig
-gedruckte »Apologie Napoleons des Großen«, voll »Gelehrsamkeit
-und Witz in Menge«, wie er selbst zugestand; auch mußte
-er »herzlich« darüber lachen, aber zum Verkauf wagte er sie
-nicht freizugeben, und den Druck eines Liederspiels »Politisches
-Quodlibet«, das bereits in Hannover zwei Auflagen erlebt hatte,
-verbot er im Februar hauptsächlich deswegen, weil Napoleon
-darin die Arie »Ich bin der Schneider Kakadu« zu singen hatte.</p>
-
-<h3>Die europäische Barbierstube.</h3>
-
-<p>Ebenso philisterhaft behandelte man die politischen Karikaturen,
-die schon seit dem Frühjahr 1813 wie Mücken nach<span class="pagenum"><a id="Seite_196"></a>[196]</span>
-dem Gewitter zahlreich zum Vorschein kamen und natürlich nur
-<em class="gesperrt">ein</em> Stichblatt hatten: Napoleon. Zunächst durften sie nicht
-»Sitte und sittliche Würde« verletzen, »soweit nämlich«, wie
-Polizeipräsident Le Coq einmal vorsichtig zugab, »der Begriff
-der letzteren nicht in zu weiter Ausdehnung gegen die Natur einer
-<em class="gesperrt">jeden</em> Karikatur als solcher gerichtet sein dürfte«. Vor allem
-aber durften sie durch keinerlei »Attribute« irgendwelche Fürstlichkeiten
-kenntlich machen, auch nicht »feindliche Souveraine«.</p>
-
-<p>Da war u. a. eine Karikatur erschienen, die den Titel
-»Die europäische Barbierstube« führte: Napoleon wird, auf
-einem Stuhl sitzend, rasiert; die Messerklinge trägt die Aufschrift
-1813 und das blutige Rasiertuch die Namen Culm,
-Katzbach, Leipzig und Dennewitz; einer der drei Barbiere hält
-den Kunden auf dem Stuhle fest, der andere schlägt Schaum,
-und der dritte rasiert. Die drei trugen Offiziersuniform ohne
-weitere Abzeichen, und sogar jede persönliche Ähnlichkeit war
-vermieden. Nur Napoleon war erkennbar. Das Publikum
-aber verstand den Spaß und hatte bald heraus: die erste der
-drei Figuren ist Kaiser Franz, die zweite Kaiser Alexander
-und die dritte König Friedrich Wilhelm, also »die allerhöchsten
-Personen der verbündeten Monarchen«.</p>
-
-<p>Diese »bloße Vermutung« genügte dem Berliner Polizeipräsidenten,
-die Karikatur sofort überall wegnehmen und »unverzüglich«
-<em class="gesperrt">verbrennen</em> zu lassen! Der Minister von der
-Goltz billigte das höchlichst; er wollte zwar nicht alle politischen
-Karikaturen glattweg verbieten, »des möglichen Mißbrauchs
-wegen« und um »die Teilnahme des Publikums an
-den Anstrengungen, welche die Pflicht in der gegenwärtigen
-Zeit erfordert«, zu erhalten. Le Coq möge nur weiter mit
-größter Vorsicht zensieren und alles unterdrücken, was Deutungen
-wie die obige zulasse. »Die geheiligten Personen der
-verbündeten Souveraine« dürften selbstverständlich »nicht anders
-als auf eine dem Ernst, der Würde und der Ehrfurcht angemessene
-Art bildlich dargestellt werden.«</p>
-
-<p>Für einen Künstler muß dieser ängstliche Zustand sehr
-anregend gewesen sein! Bedarf es einer andern Erklärung
-dafür, daß es damals in Deutschland noch keine Karikaturisten
-gab? Sie wären jedenfalls alle nach Spandau gekommen.<span class="pagenum"><a id="Seite_197"></a>[197]</span>
-Mit Ausnahme etlicher Blätter Schadows ist denn auch der
-künstlerische Ertrag jener Zeit an Zerrbildern gleich Null.</p>
-
-<h3>Projektenmacher.</h3>
-
-<p>Leute wie Arndt, Zeune und Genossen waren nach dem
-Urteil der damaligen Zensur lauter »Projektenmacher«, die der
-allein zuständigen Regierung ins Handwerk pfuschten, statt in
-bescheidener Demut zu erwarten, welche Zukunft ihnen von der
-unübertrefflichen Weisheit der Staatslenker von 1806 zugedacht
-war. Ein Kammergerichtsrat Willmanns forderte in einem
-Aufsatz »Über die natürlichen Grenzen Frankreichs«, ebenso
-wie Arndt, daß die Grenzen Deutschlands so weit vorgerückt
-würden, als deutsch gesprochen wurde. Renfner setzte ein beredtes
-Ausrufungszeichen dazu und meldete: »Ich habe ihm
-mein Imprimatur versagt und zur Antwort erteilt, daß, da
-die Absichten der verbündeten Mächte über die Bestimmung der
-künftigen Grenzen Deutschlands noch nicht bekannt sind, es ein
-Vorgriff sein würde, dieserhalb öffentlich Grundsätze aufzustellen,
-die vielleicht nicht genehmigt werden dürften«!</p>
-
-<p>Aus einer Ode des Gymnasialkonrektors Pudor zu Marienwerder
-strich er eine »boshafte Strophe, die das französische
-Volk zur Entthronung Napoleons mit Wut aufforderte«, und
-aus einem Lied, das er selbst als »echt patriotisch und auch
-artig gedichtet« rezensierte, die Verse, die »den Deutschen die
-Wiedereroberung vom Elsaß zusagten«.</p>
-
-<p>Ein preußischer Offizier Karl Müller wollte ein strategisches
-Werk »Über Dijon nach Paris und weiter« veröffentlichen.
-Darüber hatte natürlich das Militärgouvernement zu entscheiden.
-Aber am Schluß »verstieg« sich der Verfasser auch
-in die hohe Politik; er wollte aus dem Stromgebiet der Rhône
-einen unabhängigen Staat gebildet, das Kaisertum in Frankreich
-abgeschafft und die Bourbons wiedereingesetzt sehen. »Es
-versteht sich,« erklärte Renfner im Februar 1814, »daß ich
-diesen ganzen zweiten Abschnitt verstoßen mußte.«</p>
-
-<p>Noch hartnäckiger untersagte man im Jahre 1814 die
-öffentliche Erörterung der bevorstehenden Teilung Sachsens.
-Ehe sie erfolgte, sollte die Presse darüber schweigen, und nachdem
-sie entschieden war, erst recht. Und doch hätte das deutsche<span class="pagenum"><a id="Seite_198"></a>[198]</span>
-Volk damals mehr als je das moralische Recht gehabt, nicht
-nur Friedens-, sondern geradezu Kriegsziele ins Auge zu fassen
-und ein Wort darüber mitzureden.</p>
-
-<h3>Zensurfiliale in Königsberg.</h3>
-
-<p>Mit den Russen war seit dem Frühjahr 1813 auch die
-Flut mehr oder weniger wertvoller patriotischer Volksliteratur
-nach Berlin gekommen, die in Rußland und Ostpreußen zur
-Mobilmachung des Volkes entstanden und verbreitet worden
-war. In Petersburg und dann in Königsberg hatte ja der
-Freiherr vom Stein sein literarisches Hauptquartier aufgeschlagen,
-und Arndt hatte ihm gleichsam als literarischer Marschall gedient,
-um mit dem »Zorn der freien Rede« in Liedern, Aufrufen,
-Flugschriften und Pamphleten den schwelenden Haß gegen
-den Erbfeind zur freien lodernden Flamme aufzuschüren.</p>
-
-<p>Die Mehrzahl dieser aus dem Osten eingeführten Kriegsliteratur,
-die jetzt vor allem üppig aufschoß, wo der Augenblick
-gekommen schien, sich an dem endlich verblutenden, verhaßten
-Feinde mit Spott und Hohn zu rächen, war mit russischer
-Zensur gedruckt worden, und das preußische Militärgouvernement
-der Lande zwischen der russischen Grenze und der Weichsel
-hatte gerne seinen Segen dazu gegeben, denn zur Bekämpfung
-Napoleons schien ihm mit Recht jede, nur einigermaßen anständige
-Waffe willkommen. Darin hielt das Militär es ganz
-mit Arndt, der schon 1811 gesungen hatte:</p>
-
-<div class="poetry-container">
-<div class="poetry">
- <div class="stanza">
- <div class="verse indent0">Zusammen braust das deutsche Wort</div>
- <div class="verse indent0">Und weht die fremden Buben fort</div>
- <div class="verse indent0">Im Schlachtendonnerwetter</div>
- <div class="verse indent0">Wie Herbstwind dürre Blätter.</div>
- </div>
-</div>
-</div>
-
-<p>Der Berliner Zensurbehörde aber konnte der eingedruckte
-russische Zensurstempel keineswegs imponieren. Und obendrein
-sprach es ja aller bürokratischen Gepflogenheit Hohn, wenn sich
-da in Königsberg eine besondere Zensurbehörde aufgetan hatte,
-die nach eigenem Ermessen schaltete und waltete. Nach Wiederaufnahme
-der Verbindung zwischen Ostpreußen und der Hauptstadt
-war es die höchste Zeit, daß dieser Not- und Ausnahmezustand
-aufhörte und der Berliner Amtsschimmel wieder allein
-den Zensurkarren zu ziehen hatte.</p>
-
-<p><span class="pagenum"><a id="Seite_199"></a>[199]</span></p>
-
-<p>Die Militärs waren mit der Entziehung ihrer eigenen
-Zensurrechte keineswegs einverstanden und begriffen ebensowenig,
-warum noch immer &ndash; dem Buchstaben getreu &ndash; Bücher verboten
-bleiben sollten, die man nur den französischen Gewalthabern
-zuliebe mit dem Interdikt belegt hatte. Daraus entwickelte
-sich zwischen ihnen und den ängstlichen Bürokraten und
-Diplomaten in Berlin ein ebenso hartnäckiger wie amüsanter
-amtlicher Federkrieg, zu dem vor allem die Schriften von Arndt
-und Kotzebue immer neuen Anlaß boten, und dem auch die
-Schlacht bei Leipzig kein Ende machte.</p>
-
-<h3>Arndts »Historisches Taschenbuch«.</h3>
-
-<p>Zu den von Rußland hereingekommenen patriotischen Schriften
-gehörte auch Arndts »Historisches Taschenbuch für das Jahr
-1813«, sechs Kapitel aus seiner »teutschen Geschichte«, die
-erst zwei Jahre später erschien. Er hatte es in Petersburg mit
-dortiger Zensur drucken lassen und sogar der Kaiserin gewidmet.
-Als er dann am 22. Januar 1813 in Königsberg eintraf und
-Stein als russischer Zivilgouverneur zahlreiche Schriften des
-Freundes hier drucken und verteilen ließ, übernahm der Verleger
-Nicolovius den Verkauf des Taschenbuchs in Deutschland. Er
-versah die Exemplare mit einem neuen Titelblatt, setzte seine
-Firma und, da sich die Ausgabe des »gehemmten Postenlaufes«
-wegen verspätete, die Jahreszahl 1814 darauf und
-ließ sie von Leipzig aus versenden. So kamen einige davon
-auch nach Berlin, wo sie als von auswärts eingeführte
-historisch-politische Schrift dem Zensor Renfner vorgelegt werden
-mußten.</p>
-
-<p>Arndt war damals noch Schwede, seine Heimat Rügen
-wurde ja erst 1815 an Preußen abgetreten, und er erstarb
-keineswegs in Ehrfurcht vor allen Hohenzollernfürsten. So war
-er in diesem Taschenbuch mit Friedrich dem Großen wegen
-seines »Buhlens« mit dem Franzosentum scharf ins Gericht
-gegangen, hatte ihn gar kurzweg einen Franzosen-»Affen« genannt
-&ndash; Grund genug, daß nicht nur der Berliner Zensor
-Renfner die Schrift als »sträflich« bezeichnete, sondern sich der
-Minister des Auswärtigen von der Goltz und sein Staatsrat
-von Raumer persönlich damit beschäftigten.</p>
-
-<p><span class="pagenum"><a id="Seite_200"></a>[200]</span></p>
-
-<p>Die beiden Herren stellten daraus »die schändlichsten und
-empörendsten Schmähungen wider das heilige Andenken des
-großen Königs« zusammen; Goltz fand die Tatsache des Verlags
-durch die Königsberger Firma, »wenn es nicht klar zu
-Tage läge, allen Glauben übersteigend«, verfügte die sofortige
-Beschlagnahme und verlangte entschieden, daß die ostpreußische
-Regierung den schuldigen Zensor seines Amtes entsetze oder, wenn
-der Verleger ohne Zensur habe drucken lassen, das Zensuredikt
-von 1788 gegen diesen im voller Schärfe zur Anwendung bringe.
-Ihm schien »die Wurzel des Übels tiefer zu liegen und mit
-neuen schädlichen Keimen und Sprossen zu drohen«, und er
-hielt es daher sogar für notwendig, das Buch dem Staatskanzler
-Hardenberg vorzulegen, damit dieser imstande sei,
-»den bösen Principien in ihren ersten Fäden zu widerstehen«.
-Voll tiefer Entrüstung schrieb er am 14. Januar 1814 an
-Hardenberg: »Erwägt man den diametralen Widerspruch, in
-welchem diese freche Verunglimpfung der Manen Friedrichs
-mit dem hohen Königlichen Wort vom 17. März 1813: ›Erinnert
-euch an den großen Friedrich‹ stehet, auf welches erhabene
-Wort so herrliche Taten geschehen sind; erwägt man
-ferner, daß die preußische Nation frei von dem bösen Symptom
-ist, die Manen ihrer Heroen zu verunglimpfen oder auch nur
-diese Verunglimpfung zu gestatten, und auf diese Weise durch
-Undank gegen die Vorwelt und gegen verehrte Manen den Undank
-gegen den lebenden Herrscher vorzubereiten; erwägt man,
-daß Arndt, der Verf. der Verunglimpfung, vielleicht ebensowenig
-irgend einer der Regierungen Teutschlands, als der preuß.
-Regierung angehört und vielmehr unter dem gemißbrauchten
-ehrwürdigen Namen eines Teutschen, nach Gründung irgend
-einer, von seinem Einfluß beseelten Willkür strebt, erwägt man
-endlich, daß dieser Arndt ein talentvoller Mann ist, der in
-seiner Schrift ›Über das Preußische Volk und Heer‹, unter
-einigen tadelnswerten Zügen, viel Vortreffliches und der Überlieferung
-auf die Nachwelt Würdiges gesagt hat; so wird die
-Frage interessant, ob eigener böser Wille, eigne Verkehrtheit
-und Schmähsucht des Verf. und zugleich eine unbegreifliche
-historische Kurzsichtigkeit desselben, die in Preußens ruhmvoller
-Zeit unter Friedrich den Keim des preuß. Ruhms in der<span class="pagenum"><a id="Seite_201"></a>[201]</span>
-gegenwärtigen Zeit nicht zu finden weiß, oder ob vielmehr
-äußere Impulsion ihn antreibt, in diesem unwürdigen, frevelnden
-Ton zu schreiben.«</p>
-
-<p>Der hämische Hinweis des Ministers auf die deutsch-patriotische
-Tätigkeit des Ausländers, das Mißtrauen gegen
-seine Motive und der Verdacht, daß er ein Werkzeug in der
-Hand einer fremden Macht sei, den Namen eines Deutschen
-mißbrauche (!) und nach revolutionärer Willkür strebe, sind
-schon weitere Vorboten der Reaktion, die nach den Befreiungskriegen
-mit voller Macht einsetzte.</p>
-
-<p>Hardenberg mußte nach dieser beschwörenden Ansprache wohl
-oder übel die Sache weiterverfolgen. Der Verleger Nicolovius
-hatte das Buch Arndts gar nicht gelesen, berief sich auf die
-Petersburger Zensur und den Freiherrn vom Stein, der mit
-Arndt in seinem Hause gewohnt hatte, und meinte sehr kühl,
-einem Historiker müsse ein freies Urteil erlaubt sein; stimme
-es mit den Ansichten »anderer« nicht überein, so werde es
-schon Widerspruch finden; nur so könne die Geschichte »Wahrheit
-als Haupterforderniß« erhalten.</p>
-
-<p>Ganz andere Saiten aber zog das Militärgouvernement
-von Zastrow und von Dohna auf. Es wies zunächst darauf
-hin, daß Arndt an zahlreichen Stellen seines Buches Friedrichs II.
-»mit dem höchsten Lobe« gedenke, daß sein Tadel des Königs
-auch in andern, nicht verbotenen Schriften erhoben werde, und
-daß dieser Tadel obendrein durchaus berechtigt und »von der
-Nation tief gefühlt« worden sei. Die Nachfolger Friedrichs
-hätten »die traurigen Folgen« seiner Franzosenschwärmerei
-»öffentlich anerkannt und angelegentlich dahin gestrebt, dem
-großen dadurch entstandenen Übel entgegenzuwirken«. Nicht durch
-»Irreligiösität und Vorliebe für die Franzosen, sondern gerade
-im Gegenteil durch eine heilsame Rückkehr zum Bessern, durch
-allgemein wieder reggewordenen [religiösen] Sinn und ganz allgemein
-verbreiteten Haß gegen die Franzosen« habe die Nation
-im letzten Jahr so außerordentliche Dinge geleistet.</p>
-
-<p>Hardenberg erbat sich daraufhin vom Minister von der Goltz
-ein Exemplar des Taschenbuchs. Was weiter daraus wurde,
-darüber besagen die Akten nichts. Der Staatskanzler war
-damals mit den verbündeten Heeren auf dem Wege nach Paris<span class="pagenum"><a id="Seite_202"></a>[202]</span>
-und wird die Sache aus dem Auge verloren haben. Goltz
-aber dürfte der Aufforderung Hardenbergs gar nicht nachgekommen
-sein. Sein Verhalten in dem gleichzeitig spielenden
-Fall Kotzebue läßt das mit Sicherheit annehmen.</p>
-
-<h3>»Noch Jemands Reise-Abentheuer.«</h3>
-
-<p>Ebenso wie Arndts »Historischem Taschenbuch« ging es zur
-selben Zeit auch der heroischen Tragi-Komödie »Noch Jemands
-Reise-Abentheuer«, worin in lustigen Versen die Abenteuer Noch
-Jemands (d. i. Napoleons) und seines Mameluken verspottet
-waren. Ihr Verfasser war der unermüdliche Kotzebue, der
-darin die Taten der Russen und Preußen verherrlicht und den
-Patriotismus des Volkes angeregt zu haben glaubte, wie er
-dies in zahllosen andern Possen, Komödien und Flugschriften mit
-großem Geschick und Erfolg getan hatte. Im übrigen war er
-der Überzeugung: »Das Ungeheuer Napoleon ist ein so verabscheuungswürdiger
-Gegenstand, daß, so lange unsere Monarchen
-noch im Krieg gegen ihn begriffen sind, die Feder sowohl als das
-Schwert sich alles gegen denjenigen erlauben darf, der sich mit
-Schwert und Feder so oft Alles gegen uns erlaubt hat.«</p>
-
-<p>Kotzebue, der damals in Königsberg als russischer Generalkonsul
-lebte, hoffte mit jener Tragi-Komödie eine »Auszeichnung«
-verdient zu haben; statt dessen wurde ihm von Berlin eine
-»Beleidigung« zuteil, denn der Minister von der Goltz nannte
-sein Opus ein »Pasquill« und verfügte am 14. Januar 1814
-dessen Verbot mit der Begründung: »Schmähungen sind mit der
-eigenen Würde einer großen, gerechten Sache nicht vereinbar.«</p>
-
-<p>Dieses Pasquill nun hatte in Reval und Riga eine doppelte
-russische Zensur passiert und war schließlich vom Königsberger
-Militärgouvernement ausdrücklich genehmigt worden. Daraufhin
-hatte der Verleger Nicolovius unbedenklich 500 Exemplare
-nach Berlin gesandt.</p>
-
-<p>Der Minister lief denn auch mit seinem Verbot bei dem
-Königsberger Militärgouvernement sehr übel an. Dieses erwiderte
-in demselben Schreiben vom 30. Januar 1814, das
-Arndts »Historisches Taschenbuch« in Schutz nahm, sehr scharf,
-daß derlei Verbote von Schriften, die »in Rußland und dem
-jetzt befreiten Deutschland« herausgekommen seien, im Publikum<span class="pagenum"><a id="Seite_203"></a>[203]</span>
-»eine tief gekränkte und beunruhigte Stimmung so wie die höchste
-Indignation gegen die Urheber dieses neuen Geistes und Preßzwanges
-hervorgebracht« und außerdem die russische Behörde
-bereits zu der »gehässigen Bemerkung« veranlaßt hätten, dieses
-Verfahren deute wahrscheinlich auf eine Änderung des politischen
-Systems hin! Die gesamte Nation verlange mit Recht, daß
-man nicht in Berlin alles, »was zur Belebung des guten
-Geistes gereichen könne, als Verbrechen verfolge«! Sei doch
-gerade von Berlin während der französischen Besetzung »fast
-jede unwahre, vergiftende, das Königl. Haus und die Nation
-herabwürdigende Darstellung ganz ungehindert« ausgegangen.
-Das Militärgouvernement ersuche daher den Staatskanzler, den
-Minister anzuweisen, »von einem solchen Verfahren abzustehen«
-und den Verkauf aller Schriften zu gestatten, die mit Zensur
-in den Staaten der verbündeten Mächte gedruckt würden.</p>
-
-<p>Hardenberg verfügte daraufhin am 11. März die Freigabe
-der Kotzebueschen Schrift. Dieses Dementi und die scharfe
-Kritik des über die Haltung der Berliner Presse während der
-Okkupationszeit noch immer tief empörten Grafen Dohna an
-der Amtsführung des Ministers von der Goltz ärgerten letzteren
-so sehr, daß er es wagte, den Befehl des Staatskanzlers der
-Behörde in Königsberg einfach nicht mitzuteilen!</p>
-
-<h3>Das »Liedlein nach der Leipziger Schlacht«.</h3>
-
-<p>Hatte da zur Feier der Leipziger Völkerschlacht ein anonymer
-Verskünstler, wahrscheinlich ein damaliger »Feldgrauer«,
-in oder um Königsberg, ein kräftiges Liedlein gedichtet, das
-durch seinen volksmäßigen Ton in Verbindung mit einer bekannten
-Melodie bald auf allen Etappenstraßen des preußisch-russischen
-Heeres gesungen wurde. Es hub an:</p>
-
-<div class="poetry-container">
-<div class="poetry">
- <div class="stanza">
- <div class="verse indent0">Es ritt ein Reiter wohl aus Paris. Trarah!</div>
- <div class="verse indent0">Aus vollen Backen ins Horn er blies. Trarah!</div>
- <div class="verse indent0">Er eignete fremde Taten sich an</div>
- <div class="verse indent0">Und pries nur sich selber den Tatenmann.</div>
- <div class="verse indent10">Trarah! Trarah! Trarah!</div>
- </div>
-</div>
-</div>
-
-<p class="noind">und glossierte so in vierzehn Strophen den Feldzug Napoleons
-nach Rußland, die klägliche Rückkehr der großen Armee und
-die endgültige Niederlage des Korsen bei Leipzig. 8000 Mann<span class="pagenum"><a id="Seite_204"></a>[204]</span>
-Landsturm hatten es unter Begleitung von Kriegsmusik gesungen,
-als die Kaiserin von Rußland auf der Straße von Braunsberg
-nach Mülhausen vorüberfuhr, und es hatte der Kaiserin,
-einer ehemaligen Prinzeß von Baden, so gut gefallen, daß sie
-bald mehrere Strophen auswendig konnte und die sie begrüßenden
-Landesdeputierten bat, ihr doch ja mehrere Exemplare des
-Textes zu verschaffen. Daraufhin war dies »Liedlein nach der
-Leipziger Schlacht« in Königsberg mit Zensur des dortigen
-Militärgouvernements gedruckt worden, und das Militärgouvernement
-in Pommern war eben im Begriff, gleichfalls einige
-hundert Exemplare davon herstellen zu lassen, als der Minister
-von der Goltz am 26. Januar 1814 fand, daß der Text des
-Liedes »wider eigene Würde und wider allen Anstand« verstoße,
-und dem Ostpreußischen Regierungspräsidenten den Auftrag
-gab, den Königsberger Zensor »über die richtigen Grundsätze
-von Anstand und Würde zu instruieren«! Ebenso erklärte
-der Zensor Renfner das Gedicht für »äußerst unanständig«.</p>
-
-<p>Es wird ewig unerfindlich bleiben, was in den lustigen
-Versen das Anstandsgefühl des Grafen so sehr verletzte. Nicht
-die geringste Unanständigkeit ist darin; Napoleon wird ein einziges
-Mal »das Untier« genannt, und die derbste Strophe des
-Liedes lautet:</p>
-
-<div class="poetry-container">
-<div class="poetry">
- <div class="stanza">
- <div class="verse indent0">Des Krieges Sichel er ruchlos wetzt. Ei! Ei!</div>
- <div class="verse indent0">Die Niemens Welle den Fuß ihm netzt. Ei! Ei!</div>
- <div class="verse indent0">Hoch trug er die Nas', als hin er ging,</div>
- <div class="verse indent0">Doch bald erfroren die Nas' ihm hing.</div>
- <div class="verse indent10">Ei! Ei! Ei! Ei! Ei! Ei!</div>
- </div>
-</div>
-</div>
-
-<p>In Königsberg war man ob jener Berliner Verfügung
-denn auch nicht wenig verblüfft. Das dortige Militärgouvernement
-von Zastrow und von Dohna legte den Sachverhalt mit
-einer höchst ironischen Wendung dem Staatskanzler von Hardenberg
-vor. Das Militärgouvernement von Pommern erklärte
-ebenfalls, hier müsse wohl ein Mißverständnis vorliegen: das
-Lied enthalte seines Erachtens nichts Anstößiges und Bedenkliches,
-gehöre vielmehr zu den Liedern, die, der Fassungskraft
-und dem Geschmack des Volkes angemessen, bei diesem eine
-»heitere und enthusiastische Stimmung« erzeugten, deren es
-»bei den fortwirkenden enormen Anstrengungen noch sehr bedürfe«.<span class="pagenum"><a id="Seite_205"></a>[205]</span>
-Auch das Militärgouvernement von Schlesien fand
-die Maßregel »kleinlich«.</p>
-
-<p>Graf von der Goltz aber blieb auch hier hartnäckig bei
-seiner Meinung und antwortete dem Militärgouvernement, das
-Lied sei »wegen der Schimpfworte und andrer Anstößigkeiten
-verwerflich befunden worden«. Vielleicht habe man, fügte er
-hinzu, in Pommern einen andern Text, oder man könne mit
-»einigen wesentlichen« Veränderungen »etwas Besseres« daraus
-machen; dann möge man ihm den »verbesserten Entwurf« gefälligst
-einsenden. Dieser redaktionelle Auftrag kam dem Militärgouverneur
-Stutterheim und dem pommerschen Zivilgouverneur
-Beyme doch wohl allzu komisch vor; sie legten ihn ohne Antwort
-<em class="antiqua">ad acta</em> und ließen die Soldaten das »Liedlein nach der
-Leipziger Schlacht« weiter so singen, wie der Dichter es in
-einer glücklichen Stunde hinausgeschmettert hatte.</p>
-
-<h3>Hardenberg für eine liberalere Zensur.</h3>
-
-<p>Als Hardenberg am 11. März 1814 die Rücknahme des
-Verbots von Kotzebues »Noch Jemands Reise-Abentheuer« verfügte,
-gab er dem Minister des Auswärtigen von der Goltz
-zugleich genauere Anweisung, wie er die Zensur künftig gehandhabt
-wissen wollte. »Der Zensor«, erklärte er, »kann
-immerhin sein Imprimatur denjenigen Schriften erteilen, welche
-die Nation von den Kunstgriffen unterrichten, durch welche es
-dem Kaiser der Franzosen gelang, sein Reich zu der gehabten
-monumentalen Größe zu erheben, die wir erlebt haben, und
-so können auch ohne Bedenken solche Schriften die Censur
-passieren, bei welchen der Verf. die Absicht hat, seinen Zeitgenossen
-ein Gemälde derjenigen Begebenheiten und Ereignisse
-zu liefern, durch welche das franz. System in einem gehässigen
-Lichte gezeigt wird, gleichviel ob die Darstellung in einen satirischen,
-ironischen oder ernsten Vortrag eingekleidet ist, worauf
-um so weniger ein besonderes Gewicht in dem Augenblick gelegt
-zu werden braucht, wo wir uns mit Frankreich in einem
-offenen Krieg befinden.«</p>
-
-<p>Dem Königsberger Militärgouvernement hatte er am Tage
-zuvor die Versicherung gegeben, daß er die Berliner Zensurbehörde
-zu einer »liberalen und dem Geiste der Zeit und den<span class="pagenum"><a id="Seite_206"></a>[206]</span>
-Umständen angemessenen« Beurteilung der ihr vorgelegten
-Schriften angewiesen habe.</p>
-
-<p>Hardenberg irrte sich aber gründlich, wenn er annahm,
-das Ministerium des Auswärtigen werde daraufhin »das Weitere
-verfügen«. Herr von der Goltz übte vielmehr »passive Resistenz«;
-er verschwieg nicht nur dem Königsberger Militärgouvernement
-die Freigabe der Schrift Kotzebues, sondern auch
-den obigen Befehl, den er allerdings auf sein Ressort allein
-beziehen durfte, und beschränkte seinen nach Königsberg gesandten
-»Extract« aus dem Schreiben Hardenbergs auf den
-Passus von der Unstatthaftigkeit einer dortigen eigenmächtigen
-Zensur! Und auch in der Folge waren er und der Zensor
-Renfner weit entfernt, in ihrer Strenge nachzulassen; Renfner
-erlaubte sich sogar Schriften zu beanstanden, die mit Hardenbergs
-Genehmigung oder auf seinen ausdrücklichen Wunsch entstanden
-waren.</p>
-
-<h3>Zwei Randbemerkungen des Grafen Dohna.</h3>
-
-<p>Obgleich sich Hardenberg gegenüber den franzosenfeindlichen
-Druckschriften der Auffassung des Königsberger Militärgouvernements
-im wesentlichen anschloß &ndash; in <em class="gesperrt">einem</em> Punkte konnte
-er ihm nicht recht geben: die Einheitlichkeit der Zensur wurde
-unterbrochen, wenn man sich, wie von der Goltz sich ausdrückte,
-in Königsberg »anmaßte«, eine besondere Zensurbehörde zu
-etablieren. Seiner beruhigenden Versicherung einer künftigen
-liberaleren Zensur vom 10. März 1814 schickte er deshalb
-die Bemerkung vorauf, daß die Zensur aller verlegten oder eingeführten
-historisch-politischen Schriften ausschließlich Sache
-einer einzigen Behörde, nämlich des Auswärtigen Departements
-in Berlin sei. Auf die Streitfragen im einzelnen ging er
-dabei nicht ein, darüber gab er ja dem Minister des Auswärtigen
-am nächsten Tag genauere Anweisung. Graf Dohna,
-der letzteres nicht wissen konnte und auch keinerlei Andeutung
-darüber erhielt, faßte daher das Schreiben des Staatskanzlers
-als eine absichtliche Umgehung des eigentlichen Streitfalles auf
-und schrieb unwirsch an den Rand:</p>
-
-<div class="letter">
-
-<p>»Die Antwort auf die aufgestellten Fragen &ndash; pfiffige
-Anstalt zur Verdunkelung.«</p></div>
-
-<p><span class="pagenum"><a id="Seite_207"></a>[207]</span></p>
-
-<p>Und als nun Minister von der Goltz am 1. Mai aus der
-Verfügung Hardenbergs vom 11. März den unvollständigen
-»Extract« nach Königsberg sandte, der sich aber wohlweislich
-auf den Passus über die Unstatthaftigkeit einer besonderen
-Königsberger Zensur beschränkte, von der Freigabe der Kotzebueschen
-Schrift aber kein Wort verriet, sah sich Dohna in
-seinem Verdacht bestärkt, und in dunkler Vorahnung der kommenden
-Reaktionszeit setzte er eigenhändig die Worte darunter:</p>
-
-<div class="letter">
-
-<p>»Einführung eines möglichst unwürdigen Preßzwanges
-und Zerreißung des Ressorts der Militär-Gouvernements.
-Fürs erste <em class="antiqua">ad acta</em>.«</p></div>
-
-<h3>Blücher über Zensur.</h3>
-
-<p>Nach der Flucht Napoleons von Elba (Februar 1815) wollte
-Friedrich Förster, der Freund Körners, ein Sonett »Blücher
-bei der Nachricht von der Heimkehr Napoleons von Elba« in
-der »Spenerschen Zeitung« drucken lassen; der Zensor Renfner
-strich es. Förster beschwerte sich bei Blücher selbst und bat
-um seine Vermittlung. Aber dieser antwortete:</p>
-
-<p>»Ne, mit die Censoren hier mag ich mir nich befassen;
-über die hat der Teufel Gewalt. Packen Sie man Ihre
-Schriften ein und nehmen Sie sie mit nach Paris; <em class="gesperrt">da</em> hab'
-ich zu befehlen, hier nicht.«</p>
-
-<p>So geschah es; sobald die Verbündeten in die französische
-Hauptstadt eingerückt waren, erschien das Sonett in der »Teutschen
-Feldzeitung aus Paris«, die jedenfalls von Förster selbst
-redigiert wurde, aber eingehen mußte, als der Polizeiminister
-von Wittgenstein im November 1815 die Aufsicht über die
-Tagespresse übernahm und damit die schlimmste Reaktion gegen
-alle freiheitlichen Bestrebungen in Preußen einsetzte.</p>
-
-<hr class="tb" />
-
-<p>Die Zensur trat jetzt in ihre eigentliche Blütezeit. Dieser
-Fülle der Erscheinungen widmet sich das zweite Bändchen:</p>
-
-<p class="center p2">»<em class="gesperrt">Biedermaier-Zensur</em>«.</p>
-<hr class="chap" />
-
-<div class="chapter">
-<p><span class="pagenum"><a id="Seite_208"></a>[208]</span></p>
-
-<h2 class="nobreak" id="bibliographie">Nachweis der wichtigsten Quellenschriften.</h2>
-</div>
-
-<div class="hang">
-
-<p>1. Die Biographien Friedrichs II. von Preuß und Koser; Consentius, F. d. Gr.
-u. die Zeitungszensur (»Preuß. Jahrbücher« 1904); Buchholtz, Vossische Zeitung;
-Consentius, Der Wahrsager; Hesse, Preuß. Preßgesetzgebung; Wiesner, Denkwürdigkeiten
-d. österr. Censur; Nicolai in der »Neuen berlin. Monatsschrift«
-1807; Nicolai, Gedanken über die Verbesserung etc. der Censur 1801; Alexis
-Herbstreise durch Skandinavien.</p>
-
-<p>2. W. Müller, Sonnenfels; Fournier, Swieten als Zensor; Nicolai, Reise durch
-Deutschland u. d. Schweiz; Wiesner, a. a. O.; Gnau, Die Zensur unter Joseph II.;
-Gragger in der »Ungar. Rundschau« 1912.</p>
-
-<p>3. Hesse, a. a. O.; Stölzel, Svarez; Prozeß des Buchdruckers Unger gegen Zöllner
-1791; Nicolais »Allg. deutsche Bibliothek«; W. v. Humboldt's Ideen etc., hrsg.
-v. Cauer; Schlesier, Erinnerungen an Humboldt; Haym, Humboldt; Dilthey im
-»Archiv f. Gesch. d. Philosophie« 1890; Fromm, Kant u. d. preuß. Zensur; Kapp
-im »Archiv f. Gesch. des deutschen Buchhandels« Bd. V; Schrader, Gesch. der
-Friedrichs-Universität Halle; Schütz, Darstellung s. Lebens; Kant, Streit der
-Fakultäten; Harnack, Gesch. d. Berliner Akademie d. Wiss.; Fichte, Zurückforderung
-d. Denkfreiheit; Fichtes Leben u. literar. Briefwechsel.</p>
-
-<p>4. Müller, Sonnenfels; Glossy im Grillparzer-Jahrbuch VII, XVII u. XXV;
-Schreyvogels Tagebücher; Wlassack, Chronik d. k. k. Hof-Burgtheaters; Brahm,
-Schiller; Schillers Briefe.</p>
-
-<p>5. Iffland, Über meine theatr. Laufbahn; Glossy, a. a. O.; Consentius, Die Berliner
-Zeitungen während d. französ. Revolution (»Preuß. Jahrbücher« 1904);
-Buchholtz, a. a. O.; Schreyvogel, a. a. O.; Wiesner, a. a. O.; L. A. Frankl, Erinnerungen.</p>
-
-<p>6. Wlassack, a. a. O.; Anschütz, Erinnerungen; Schreyvogel, a. a. O.; Teichmanns
-Literar. Nachlaß; Urlichs, Briefe an Schiller; Stauf v. d. March in der »Hilfe«
-1913; Grillparzer-Jahrbuch VII u. XXV; Laube, Burgtheater; A. v. Weilen
-in der Festschrift für Kelle; Gragger, a. a. O.; Briefwechsel Schiller&ndash;Körner;
-L. A. Frankl, a. a. O.; Klingemann, Kunst u. Natur.</p>
-
-<p>7. Grillparzer-Jahrbuch IX u. XXV; Castelli, Memoiren meines Lebens; F. L.
-Schmidt, Denkwürdigkeiten; Teichmann, a. a. O.; Karoline Bauer, Bühnenleben;
-Steig, Achim von Arnim; Frankl, a. a. O.; Bauernfeld, Alt- u. Neu-Wien;
-Kaiser, Unter 15 Theaterdirektoren.</p>
-
-<p>8. Salomon, Gesch. des deutschen Zeitungswesens; Buchholtz, a. a. O.; Czygan,
-Zur Geschichte der Tagesliteratur während d. Freiheitskriege; Bassewitz, Kurmark
-Brandenburg; Gubitz, Erlebnisse; Czygan in den »Forschungen z. brandenburg.
-u. preuß. Geschichte«, Bd. XXI; Geiger, Berlin; H. Prutz in der Beilage
-zur »Allgem. Zeitung« 1893; Hagen, Schenkendorfs Leben; Czygan im
-»Euphorion«, Bd. XIII u. XIX; Goedeke, Grundriß; Fichte, Reden an die
-deutsche Nation 1808, neue Ausgabe von Leser 1908; Briefwechsel Gentz&ndash;Adam
-Müller; Köpke, Gründung der Kgl. Friedrich-Wilhelms-Universität zu Berlin;
-Varnhagen, Denkwürdigkeiten; Lehmann in den Sitzungsberichten d. K. Ges.
-d. Wiss. zu Göttingen 1895; Granier in der Sonntagsbeil. der »Voss. Ztg.«
-1905; Gebhardt, W. v. Humboldt als Staatsmann; Humboldt, Ges. Schriften;
-Kleists Werke, hrsg. von Schmidt, Steig u. Minde-Pouet; Chamissos Briefe;
-Castelli, Memoiren.</p>
-
-<p>9. Steig, H. v. Kleists Berliner Kämpfe; Czygan, Zur Gesch. d. Tagesliteratur etc.</p>
-
-<p>10. Czygan, Zur Gesch. d. Tagesliteratur etc.; P. Hassel in der »Zs. f. Preuß.
-Gesch. u. Länderkunde« 1875; Dreyhaus in den »Forsch. z. brandenburg. u.
-preuß. Geschichte«, Bd. 22; Aus Schleiermachers Leben; Preuß. Gesetzessammlung;
-Salomon, a. a. O.</p></div>
-
-<hr class="tb" />
-
-<p class="center">F. A. Brockhaus, Leipzig.</p>
-
-<hr class="chap" />
-
-<div class="chapter transnote" id="tnextra">
-
-<p class="h2">Weitere Anmerkungen zur Transkription</p>
-
-<p>Offensichtliche Fehler wurden stillschweigend korrigiert, ansonsten wurde
-die Originalschreibweise beibehalten.
-Die Darstellung der Ellipsen wurde vereinheitlicht.</p></div>
-
-
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-
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-
-<pre>
-
-
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-
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-End of Project Gutenberg's Hier Zensur - wer dort?, by Heinrich Hubert Houben
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-*** END OF THIS PROJECT GUTENBERG EBOOK HIER ZENSUR - WER DORT? ***
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