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If you are not located in the United States, you'll have -to check the laws of the country where you are located before using this ebook. - -Title: Hier Zensur - wer dort? - Antworten von gestern auf Fragen von heute - -Author: Heinrich Hubert Houben - -Illustrator: Thomas Theodor Heine - -Release Date: November 13, 2020 [EBook #63744] - -Language: German - -Character set encoding: UTF-8 - -*** START OF THIS PROJECT GUTENBERG EBOOK HIER ZENSUR - WER DORT? *** - - - - -Produced by The Online Distributed Proofreading Team at -https://www.pgdp.net - - - - - - - - - - Anmerkungen zur Transkription - - - Das Original ist in Fraktur gesetzt. Im Original gesperrter Text - ist _so ausgezeichnet_. Im Original in Antiqua gesetzter Text ist - ~so markiert~. Im Original fetter Text ist =so dargestellt=. Die - Auszeichnung ^{en} bezeichnet hochgestellten Text. - - Weitere Anmerkungen zur Transkription befinden sich am Ende des - Buches. - - - - - H. H. Houben - - Hier Zensur -- wer dort? - - Antworten von gestern - auf Fragen von heute - - Mit Umschlagbild von - - Th. Th. Heine - - [Illustration] - - Leipzig · F. A. Brockhaus · 1918 - - [Illustration] - - - - -Dieses Büchlein ist ein Auszug aus einem gleichnamigen größeren Werk, -das später im selben Verlag erscheinen wird. - -Als _Fortsetzung_ folgt ein ebenfalls in sich abgeschlossenes -Bändchen von gleichem Umfang und gleichem Preis unter dem Titel: -»=Biedermaier-Zensur=«, das folgende Kapitel enthalten wird: - -1. Friedenshoffnungen und -enttäuschungen. 2. Metternich »karlsbadert«. -3. Friedrich von Gentz als Zensor. Eine Komödie in 1 Vorspiel -und 5 Akten. 4. »Es soll der Sänger mit dem König gehn.« 5. Der -Musterstaat Preußen. 6. Aus den Memoiren eines Berliner Zensors. 7. -Redaktionsgeheimnisse. 8. Zensurstriche und -streiche. 9. Biedermaier -vor und hinter den Kulissen. 10. Franz Grillparzer -- ein besonderes -Kapitel. - - -Copyright 1918 by F. A. Brockhaus, Leipzig. - - - - -Vorwort. - - -Der Kampf der Literatur mit der Zensur, wie sie ehemals in -deutschen Landen betrieben wurde, ist der ewige Widerstreit zweier -Weltanschauungen, der Kampf des Lichtes gegen die Finsternis, der -Aufklärung gegen den Obskurantismus. Der unselige Krieg, der in der -ganzen »Kulturwelt« soviel längst überwundenes Menschliche, allzu -Menschliche wieder lebendig machte, hat auch diesen uralten Zwist aufs -neue entfesselt. »_Hier Zensur!_« ertönt's heute allüberall, wo ein -neues Werk der Literatur -- oder auch nur der Druckerpresse -- zum -Lichte drängt, im Vaterland, in Feindesland und in Neutralien. Mit -allgemeinen Redensarten für oder wider ist da nichts geholfen. Die -unbestechlichen Tatsachen haben diesen Kampf zu entscheiden, in dem -Fürsten und Völker, die Götter, Helden und Don Quichotes unserer Kultur -eine merkwürdig wechselnde Rolle als Sieger und Besiegte spielen. - -»_Wer dort?_« Wer sind diese Leute, die vor dem Richterstuhl -des Zensors als Angeklagte zu stehen pflegten, und was waren -ihre Verbrechen? Diese Frage soll mein Büchlein beantworten. Die -»gute, alte Zeit« hängt es in farbenlustigen Miniaturbildern und -ernsthaft-schwarzen Schattenrissen an die Wand. Da purzelt höfische -und militärische, politische, religiöse und moralische Zensur nur -so übereinander. Ehrlichen Gewissenskonflikt höhnt herausfordernder -Übermut, das Recht des Staates, der Allgemeinheit, und das der -Persönlichkeit übertrumpfen einander in Gewalttaten oder diplomatischen -Listen, stolze Gelassenheit triumphiert über stichflammende -Leidenschaft, und diese Hahnenkämpfe auf Leben und Tod werden anmutig -unterbrochen durch kurieuse Begebenheiten, groteske Saltomortales und -unfreiwillige Humore verblüffendster Art. Zuletzt kommt dann immer das -große Messer und befördert alle die geschwollenen Kämme in den großen -Kochtopf der Geschichte. - -Vielleicht daß ein Blick in das, was _gestern_ war, uns stärkt, im -_Heute_ durchzuhalten. Daher der Untertitel meines Buches: »_Antworten -von gestern auf Fragen von heute_.« - - Prof. ~Dr.~ _H. H. Houben_. - - _Leipzig_, - zu Anfang des fünften Weltkriegsjahres. - - - - -Inhalt. - - - Seite - - 1. Friedrichs des Großen königliche Freiheit 5 - - 2. Kaiser Josephs II. Zensurreform 30 - - 3. Des gottseligen Herrn Ministers von Wöllner - Blumen-, Frucht- und Dornenstücke 47 - - 4. An der Wiege des Theaterzensors 84 - - 5. Die Furcht vor der Revolution 101 - - 6. Der Kampf gegen die Klassiker 118 - - 7. Kleine Kulissengeheimnisse der Theaterzensur 135 - - 8. Im Banne Napoleons 143 - - 9. Ein Opfer der Zensur 165 - - 10. Bürokratie und Militarismus 178 - - Nachweis der wichtigsten Quellenschriften 208 - - - - -1. Friedrichs des Großen königliche Freiheit. - - »Die Religionen Musen alle Tolleriret werden und Mus - der Fiskal nuhr das auge darauf haben das Keine der - andern abruch Tuhe, den hier mus jeder nach Seiner - Fasson Selich werden.« - - Erlaß Friedrichs II. vom 23. Juli 1740. - - -Vom Ursprung der Zensur. - -Die Zensur, die Prüfung von Druckschriften _vor_ ihrem Erscheinen im -Buchhandel, ist eine Erfindung der geistlichen Machthaber zu Ende des -15. Jahrhunderts. Die Buchdruckerkunst hatte dem geknechteten Gedanken -befreiende Flügel verliehen. Nachträgliche Verbote schon gedruckter -und verbreiteter Bücher konnten deren Wirkung nicht mehr ersticken; -also mußte man die Quellen selbst zu erfassen und einzudämmen suchen, -ehe sie erquickend und befruchtend -- nach Ansicht der geistlichen -Kulturträger vergiftend und verheerend -- ins Freie hinaussprudelten. - -Dem Kurfürsten Berthold von Mainz gebührt der zweifelhafte Ruhm, 1486 -in seinem Sprengel die erste Zensurbehörde eingerichtet zu haben; -Exkommunikation und schwere Geldstrafe bedrohten jeden, der ein Buch -druckte oder auch nur las, dem die geistliche Behörde nicht ihre -Genehmigung (~Imprimatur~, d. h. es werde gedruckt) gegeben hatte, und -die Päpste beeilten sich, diese nützliche Einrichtung durch Erlasse -und Konzilienbeschlüsse in der ganzen katholischen Christenheit -zur Geltung zu bringen. Papst Leo X., der die Kosten zum Bau der -Peterskirche durch den Handel mit Ablaßzetteln bestritt und dadurch -den Anstoß zur Reformation gab, erließ noch 1515 ein allgemeines -Zensuredikt, zwei Jahre bevor Luther seine Thesen an die Schloßkirche -zu Wittenberg heftete, und in dem damit ausbrechenden, Jahrhunderte -dauernden Kulturkampf war die Zensur, die Unterdrückung aller -ketzerischen Schriften und die Verfolgung ihrer Verfasser und Drucker, -eine der wirksamsten und immer rücksichtsloser gehandhabten Waffen der -klerikalen Heerscharen, ihrer geistlichen und weltlichen Bannerträger. - - -Politische Zensur. - -Allmählich wucherte die Zensur auch auf das politische Gebiet hinüber. -In Brandenburg-Preußen führte der Große Kurfürst sie 1654 ein; sie -richtete sich aber zunächst nur gegen theologische Schriften. Der erste -Preußenkönig, Friedrich I. (1701--1713), dehnte sie 1703, während des -spanischen Erbfolgekrieges, auf politische Bücher aus, »so den Statum -publicum und die in Krieg verwickelten Potentaten betreffen«. Die -politische Zensur darf daher als eine Begleiterscheinung kriegerischer -Verwicklungen bezeichnet werden. Preußische Zeitungen wurden schon im -17. Jahrhundert durch besondere Zensoren beaufsichtigt. - -1708 ernannte Friedrich I. die Berliner Sozietät der Wissenschaften, -die Vorläuferin der Akademie, zur obersten brandenburgischen -Zensurbehörde. Sie hatte alle »politischen und die Zeit-Geschichte -enthaltenden alß gelahrten zur Literatur und Scientien gehörigen -Schriften« zu prüfen und alles zu verbieten, »worin der Ehre Gottes -und der Würdigkeit der christlichen Religion zu nahe getretten -und dieselben einigermaßen verletzet« wurden und was »wider die -gesunde Moral oder auch ärgerliche und der christlichen Ehrbarkeit -zuwiderlauffende Dinge« enthielt; ebenso alles, worin »von der -Regierung oder hohen Obrigkeit insgemein verächtlich und verfänglich -geredet, oder in Absicht auf dieselbe gefährliche Principia insinuiret -oder zur Unruhe und Zerrüttungen in geist- und weltlichen Stande -abziehlende Sätze eingestreuet« waren oder wodurch der Respekt gegen -die »höchsten Häubter«, die Ehre und das Interesse des Königs, seines -Hauses oder seiner zufälligen Verbündeten verletzt wurde. - -Von einer einheitlichen Gesetzgebung für alle brandenburg-preußischen -Staaten war man aber noch weit entfernt. Für das Herzogtum Magdeburg -z. B. besaß die Universität Halle seit 1697 die Zensurhoheit, und -mehrfache Versuche, die damit verbundenen beträchtlichen Einkünfte der -Berliner Akademie zuzuwenden, stießen auf heftigen und erfolgreichen -Widerstand der Hallenser Professoren. Auch ihre eigene Zensurfreiheit -wollten sie sich nicht nehmen lassen. Da aber die politischen -Schriften, die von der Universität ausgingen, den Fürsten allmählich -unbequem zu werden begannen, wurde 1720 ihre Druckfreiheit in einem -Punkte beschränkt: das Rechtsverhältnis zwischen dem Kaiser und den -Reichsständen durfte in Universitätsschriften, Doktordissertationen -usw., überhaupt nicht mehr erörtert, höchstens berichtweise dargelegt -werden. Um dieselbe Zeit verbot Friedrich Wilhelm I. einem Kriegsrat -von Happe in Halle, jemals wieder Bücher drucken zu lassen, mit den -freundlichen Worten: »Werdet ihr es euch dennoch unterstehn, wil ich -euch aufhengen und eure Schriften durch den Büttel verbrennen lassen«. - -Genau so wie die geistlichen Fürsten hatten auch die weltlichen es -bald gelernt, sich der gefährlichen Erörterung ihrer Rechte durch -Zensurverbote zu entledigen. - - -Das tapfere Generaldirektorium. - -Bald genügten die bisherigen Verordnungen über politische und religiöse -Schriften nicht mehr. Von 1716 bis 1731 wurden in Preußen nur neun -Bücher verboten. Vom kaiserlichen Hof in Wien und besonders von Rußland -liefen Beschwerden ein, und am 20. September 1732 befahl Friedrich -Wilhelm, daß alle Schriften, »in welchen Unser und Unserer hohen -Alliirten Interesse versiren möchte«, nicht nur »durch verordnete -tüchtige Censores approbiret«, sondern außerdem noch, nebst dem Urteil -des Zensors, dem Kabinettsministerium in Berlin eingesandt werden -sollten. - -Gegen gotteslästerliche Schriften war der fromme König besonders -empfindlich. Als im Jahre 1737 eine anonyme satirische Komödie -der Frau Gottsched, »Die Pietisterey im Fischbein-Rocke«, seinen -heftigsten Unwillen erregte, entwarf der Minister von Cocceji ein -erstes allgemeines Zensuredikt. Eine Verordnung des Königs vom 19. -März bestimmte ferner, daß im Berliner Packhof von auswärts ankommende -Bücher nicht eher ausgeliefert werden dürften, bis der Generalfiskal -ein Verzeichnis davon erhalten und die Einfuhr genehmigt habe. - -Dieser damals in Österreich schon längst üblichen Ausdehnung der Zensur -auf alle im Lande gedruckten oder von auswärts eingeführten Schriften -widersetzte sich aber das Generaldirektorium, die damalige preußische -Verwaltungsbehörde, so nachdrücklich, daß Coccejis Zensuredikt, -obgleich es schon gedruckt war, zurückgezogen und die Verfügung des -Königs auf theologische Schriften beschränkt wurde. »Das Bücherwesen«, -erklärte das Generaldirektorium, »hat seit der Reformation in ganz -Deutschland, nicht weniger in allen civilisirten Landen freien Lauf -gehabt, wodurch die Gelehrsamkeit zu sehr hohem Grade gestiegen ist, -in welchem wir sie heut zu Tage sehen. Wollte nun diese Freiheit durch -dergleichen Ordre in Ihro Majestät Landen eingeschränkt werden, so -würden die Gelehrten hiedurch nicht allein sehr niedergeschlagen, und -der Buchhandel gänzlich zu Grunde gerichtet werden, sondern auch die -Barbarei und Unwissenheit, welche Ihro Majestät glorwürdigste Vorfahren -mit so vieler Mühe und Kosten vertrieben, auf's Neue, zum größten -Praejudiz der gegenwärtigen und zukünftigen Zeit überhand nehmen.« - - -»Gazetten dürfen nicht geniret werden.« - -Dies vielzitierte Wort Friedrichs des Großen, der am 31. Mai 1740 seine -Regierung antrat, findet sich in einem Schreiben des Kabinettsministers -Grafen Podewils vom 5. Juni 1740 an den Kriegsminister, das lautete: - -»Sr. Königl. Mayestät haben mir nach auffgehobener Taffel allergnädigst -befohlen des Königl. Etats undt Krieges Ministri H. von Thulemeier -Excellenz in höchst Deroselben Nahmen zu eröffnen, daß dem hiesigen -Berlinschen Zeitungs Schreiber eine unumbschränckte Freyheit gelaßen -werden soll in dem articul von Berlin von demjenigen was anizo -hieselbst vorgehet zu schreiben was er will, ohne daß solches censiret -werden soll, weil, wie höchst Deroselben Worthe waren, ein solches -Dieselbe divertiren, dagegen aber auch so denn frembde Ministri sich -nicht würden beschweren können, wenn in den hiesigen Zeitungen hin -undt wieder Passagen anzutreffen, so ihnen misfallen könten. Ich nahm -mir zwar die Freyheit darauff zu regeriren, daß der Rußische Hoff über -dieses Sujet sehr pointilleux wäre, Sr. Königl. Mayestät erwiederten -aber daß Gazetten wenn sie interessant seyn solten nicht geniret werden -müsten; welches Sr. Königl. Mayestät allergnädigsten Befehl zu folge -hiedurch gehorsahmst melden sollen.« - -Gegen diese Liberalität des neuen Herrn hatte Herr von Podewils selbst -gewichtige Bedenken, und auch der Kriegsminister von Thulemeyer, -der damalige Chef der Zeitungszensur, machte dazu die vorsichtige -Randbemerkung: »Wegen des articuls von Berlin ist dieses indistincte zu -observiren wegen auswärtiger Puissancen aber ~cum grano salis~ und mit -guter Behuetsamkeit.« - - -Ein zweifelhafter Fortschritt. - -Unter »Zeitungen« verstand König Friedrich nichts anderes als die -einzelnen Nummern der seit 1721 dreimal wöchentlich erscheinenden -»Berlinischen Privilegirten (später Vossischen) Zeitung«, der einzigen, -die damals in Berlin bestand. Die ihr jetzt gewährte Zensurfreiheit -bezog sich aber durchaus nur auf den lokalen Teil. Das war immerhin -ein Fortschritt, denn nun durfte sich der Berichterstatter doch wieder -getrauen, Nachrichten über das Leben am königlichen Hofe zu bringen, -was Friedrichs Vorgänger sich stets sehr ungnädig verbeten hatte, so -daß die Zeitungsleser über ausländische Potentaten stets weit mehr -erfuhren denn über ihren eigenen Herrn. - -Andererseits war der russische Gesandte über alles, was die Zeitung -von Rußland erzählte, stets »ungemein sensibel«, so daß schon -Friedrich Wilhelm I. 1724 dem Verleger Rüdiger befohlen hatte, keine -noch so unbedeutende selbständige Nachricht über das Zarenreich mehr -zu bringen; nur was der russische Gesandte selbst einsandte, durfte -gedruckt werden. Gab man nun, so meinte der junge König, den eigenen -Hof den Lokalreportern preis, so konnte sich auch der russische nicht -mehr beklagen. - -Im übrigen stand die Zeitung nach wie vor unter Zensur, die nach dem -Tode Thulemeyers der Kriegsrat von Ilgen übernahm, und bald zeigte -sich, daß es auch mit der »unumbschränkten Freiheit« des lokalen Teils -nicht weit her war. Schon im September wurde die Zeitung strenge -ermahnt, die ihr »erlaubete Freyheit mit mehrer Ueberlegung und -Behutsamkeit zu gebrauchen ... wiedrigen Falls nachdrückliche Ahntung -zu gewärtigen« sei. Der Zensor von Ilgen hielt sich zwar an des Königs -Befehl und strich im lokalen Teil nichts, aber die nachträgliche -»Ahntung« konnte weit unangenehmer werden als die strengste Zensur, -die den Verleger wenigstens von der Verantwortlichkeit für die -zensierten Artikel befreite. Weder der König noch die Minister oder -das Generaldirektorium waren an Öffentlichkeit der politischen -Vorgänge oder auch nur der staatlichen Personalien gewöhnt, und als -schon im Dezember 1740 der erste Schlesische Krieg begann, wurde -die Zeitungsredaktion sehr bald aus dem Traume ihrer vermeintlichen -Zensurfreiheit aufgerüttelt. Über die wichtigsten Tagesvorgänge in -Schlesien usw. durfte sie nichts bringen ohne den ausdrücklichen -Auftrag des Etatsministers. - - -Mit königlicher Freiheit. - -Nicht viel bessere Erfahrungen machte der Verleger Ambrosius Haude, der -vom 30. Juni 1740 an in den »Berlinischen Nachrichten von Staats- und -gelehrten Sachen« (der späteren »Spenerschen Zeitung«) der »Vossischen« -eine gefährliche Konkurrenz entgegenstellte. - -Haude war ein literarischer Vertrauensmann des jungen Fürsten. Als -der strenge Vater die Bibliothek des Sohnes in einem Tapetenschrank -entdeckte und verkaufen ließ, hatte Haude sie erstanden und in einem -Hinterzimmer seines Buchladens aufgestellt, wo nun der Kronprinz -verbotener Lektüre in Ruhe frönen konnte. Der Lohn dafür war jetzt -ein Privileg zur Herausgabe einer deutschen und einer französischen -Zeitung; die letztere, das »~Journal de Berlin~«, bestand nur ein Jahr. - -Zunächst erfreute sich Haude tatsächlich völliger Zensurfreiheit. Da -niemand wußte, wieweit das ihm vom König gewährte Privileg ging, wagte -man sich an ihn nicht heran. Als aber im Dezember 1740 die Kriegszensur -einsetzte und der Verleger der »Vossischen« sich beschwerte, daß der -Zensor ihm Artikel streiche, die in dem Konkurrenzblatt ungehindert -erschienen, fragte man Haude nach seiner Konzession, und da er nichts -Schriftliches vorweisen konnte, wurde ihm am 31. Dezember befohlen, in -seinen beiden Blättern »von Seiner Königl^{en} Mt. höchsten affairen -und Angelegenheiten, von nun-an, weiter nicht das geringste, es habe -Nahmen wie es immer wolle«, ohne Zensur zu drucken. - -Mit der »unumbschränkten Freiheit« auch nur des lokalen Teils der -Berliner Zeitungen war es also schon im Dezember 1740 gründlich vorbei. -Haude sperrte sich zwar noch eine Weile, aber als man ihm mit Verlust -seines Privilegs drohte, blieb ihm nichts übrig, als sich der Zensur -Ilgens zu unterwerfen. - -Schon am 9. Juli 1743 machte dann der König selbst diesem unklaren -Zustand ein Ende, indem er die drei Jahre zuvor verliehene -Zensurfreiheit zurücknahm und die Gazetten nicht eher mehr zum Druck -zu geben befahl, »bis selbige vorher durch einen vernünftigen Mann -censiret und approbiret worden seynd«. - -Kriegsrat von Ilgen übte also die Zensur weiter, bis er 1750 wegen -mangelnder Aufmerksamkeit seines Amtes entsetzt und durch einen -strengeren Herrn, den Geh. Rat Vockerodt, abgelöst wurde. - -Bis Ende 1742 hatte die »Spenersche Zeitung« den Wahlspruch »Wahrheit -und Freiheit« geführt, von Beginn des folgenden Jahres ab erschien sie -nur noch »Mit königlicher Freiheit«. Das sollte jedenfalls heißen »mit -königlichem Privilegium«, klang aber jetzt wie Ironie. - - -Die Berliner Zeitungen unter Friedrich II. - -Man darf es nicht allzu tragisch nehmen, daß Friedrich der Große mit -der Tagespresse genau so willkürlich umsprang wie nur irgendein Despot. -Die damaligen Zeitungen waren nichts weiter als Nachrichtenblätter -und strebten noch kaum danach, sich aus dieser Niederung zu erheben. -Die Geheimdiplomatie war noch die alleinige Lenkerin der Staaten, und -bei den häufigen kriegerischen Verwicklungen war es eine Vorbedingung -des Sieges, die Karten verdeckt zu halten. Die Berichte der Berliner -Zeitungen über die beiden ersten Schlesischen Kriege stammten fast -nur aus dem Hauptquartier, besonders die »Schreiben eines Preußischen -Offiziers«; meist hatte der König selbst sie verfaßt oder wenigstens -durchgesehen. Durch diese königliche Berichterstattung wurden die -Berliner Zeitungen zum erstenmal wichtige Quellen für die gesamte -europäische Presse. Was Friedrichs nächsten Zwecken widersprach oder -seine Pläne verraten konnte, wurde nach dem Gebot der Kriegszensur -unnachsichtig unterdrückt. Man fahndete auf die Verbreiter falscher und -flauer Kriegsgerüchte, und fremde Zeitungen, die mit Tatarennachrichten -die Stimmung verdarben, wurden verboten. - -Im übrigen wurden noch keine Partei- und Überzeugungskämpfe in den -Berliner Zeitungen ausgefochten. Der Verleger Haude hatte in seinem -Blatte zuerst den Artikel »Von gelehrten Sachen« eingerichtet; die -»Vossische« begann erst 1748 diesem Vorbild zögernd zu folgen, -übertrumpfte dann aber die Konkurrentin bald dadurch, daß sie 1749 -Lessing als Mitarbeiter gewann; eine nur kurze Episode, die aber den -Beginn der schöpferischen literarischen Kritik in Berlin nicht nur, -sondern in der deutschen Literatur überhaupt bedeutete. - -Im Jahre 1744 beschwerte sich Haude einmal, daß der Kriegsrat von -Ilgen ihm jede tadelnde Kritik eines Buches verbiete, wodurch sich das -Feuilleton seines Blattes lächerlich machen müsse, und es scheint, daß -der König den Eifer des Zensors ein wenig gedämpft hat. Von sonstigen -Zensurgefechten der Zeitungsschreiber in den vierziger Jahren melden -die Akten aber nichts, woraus sich von selbst ergibt, daß sich das -Fähnlein der damaligen Journalisten nicht sonderlich herausfordernd, -angriffslustig und neuerungssüchtig erwiesen hat. - -Auch das Feuilleton der damaligen Berliner Blätter bot nur einen -kümmerlich matten Abglanz vom Geist der Zeit, der sich dagegen in -der Buchliteratur und den schon ziemlich zahlreichen Wochen- und -Monatsschriften seinem innersten Wesen nach offenbarte. - - -Das Zeitalter der Aufklärung. - -Das Jahrhundert Friedrichs des Großen nennt sich das der Aufklärung. -Nicht als ob der preußische König diesen Stempel seiner Zeit gewaltsam -aufgedrückt hätte. Ihr Gepräge schuf sich, unabhängig von ihm, aus der -geistigen Kraft der Nation. Ihm gebührt aber das Verdienst, dieser -kulturellen Flut keinen Damm entgegengesetzt, sondern ihr freien Lauf -gelassen zu haben. - -Das Wesen der Aufklärung liegt in ihrem Kampf um Gott. Es wurzelte -in religionsphilosophischen Problemen und griff erst allmählich auch -auf das Verhältnis des Menschen zum Staat und zur Obrigkeit hinüber. -Die sich hieraus entspinnenden Kämpfe gehören aber einem spätern -Zeitalter an. Wenn daher Friedrich in politischen Fragen keine Duldung -abweichender Meinungen kannte, so versündigte er sich damit noch nicht -am Geist seiner Zeit, der nur nach Aufklärung in theologischer Hinsicht -verlangte. - -Im ersten Jahrzehnt seiner Regierung war sich der junge König, der -selbst die bittere Qual geistiger Knechtschaft unter der brutalen Faust -seines gewalttätigen Vaters bis zum Äußersten gekostet hatte, über -seine Haltung gegenüber dem Geist seiner Zeit noch nicht klar, was -seine hin- und hertastenden ersten Zensurverfügungen zeigen. - - -Das Zensuredikt von 1749. - -Unterm 11. Mai 1749 erschien in Preußen ein »Edikt wegen der -wiederhergestellten Censur derer in Königlichen Landen herauskommenden -Bücher und Schriften, wie auch wegen des Debits ärgerlicher Bücher, so -außerhalb Landes verleget werden«. - -Der König, so heißt es in der Einleitung, »habe höchst mißfällig -wahrgenommen, daß verschiedene scandaleuse theils wider die Religion, -theils wider die Sitten anlaufende Bücher und Schriften in Unseren -Landen verfertiget, verleget und debitiret werden«. Um diesem »Unwesen« -abzuhelfen und »die ehemalige seit einiger Zeit in Abgang gekommene -Bücher-Censur wiederum herzustellen«, werde nunmehr in Berlin eine -Zensurkommission eingesetzt, die »alle Bücher und Schriften, die in -Unseren sämmtlichen Landen verfertiget und gedruckt werden, oder die -Unsere Unterthanen außerhalb Landes drucken lassen wollen«, vor dem -Druck zu genehmigen habe. - -Zensurfrei waren nur die Schriften der Akademie der Wissenschaften. -Was in Universitätsstädten erschien (mit Ausnahme politischer -Schriften), mußte die Universität selbst durch die in Betracht -kommenden Fakultäten auf eigene Gefahr zensieren lassen. Politische -Schriften, die den »~Statum publicum~« des Deutschen Reiches oder des -preußischen Königshauses und »die Gerechtsame« Preußens betrafen oder -bei denen »auswärtige Puissancen und Reichsstände interessiret sind«, -unterstanden ohne Ausnahme dem »Departement derer auswärtigen Sachen«. -»Bloße Carmina« schließlich konnte, wenn keine Universität am Orte war, -die Landes-Provinzialregierung oder die städtische Ortsbehörde zum -Druck freigeben. - -Im übrigen sollte »nicht das Geringste« ohne vorherige Genehmigung -gedruckt werden. Auf Umgehung der Zensur stand eine Strafe von 100 -Talern. Ebensowenig durften die Buchhändler »scandaleuse und anstößige« -Bücher von auswärts kommen lassen und verkaufen; konnten sie ihre -Ahnungslosigkeit nicht beschwören, so hatten sie ihre Unvorsichtigkeit -in jedem Fall mit 10 Talern Strafe zu büßen. - - -Die gekränkten »Schulbedienten«. - -Der Ruhm, Friedrichs des Großen Zensuredikt veranlaßt zu haben, gebührt -hauptsächlich den Berliner Schulmeistern. - -Seit dem 2. Januar 1749 gab der Verleger der »Vossischen Zeitung«, -Christian Friedrich Voß, der Schwiegersohn Rüdigers, eine Zeitschrift -»Der Wahrsager« heraus, die der Redakteur der »Vossischen«, Christlob -Mylius, zum größten Teil selbst schrieb. Zu ihren Mitarbeitern gehörte -auch Lessing. - -Das 7. Stück des »Wahrsagers« vom 13. Februar 1749 brachte nun einen -sehr amüsanten Aufsatz, der gegen Schule und Lehrerschaft heftige -Angriffe voll Spott und Ironie enthielt, und prompt lief eine -Beschwerde einiger Berliner »Schulbedienten« ein, die darüber Klage -führten, daß in diesem Aufsatz »der Schulstand ziemlich durchgenommen -und lächerlich gemachet werde, welches ihn bei der ohnehin boshaften -Jugend zum Despekt gereichte und aus der nöthigen Autorität setzte«. - -Der ~Adjunctus fisci~ Kornmann beschied also den Verleger zu sich. -Dieser erklärte, der inkriminierte Aufsatz habe nicht »vernünftige -Schulleute attaquiren« wollen; übrigens »gäbe es auch dergleichen, wie -sie in dem Stück charakterisiret wären«. In Zukunft versprach Voß, -seine Zeitschrift »allenfalls moderater« einzurichten. - -Aber acht Tage später brachte das 9. Stück des »Wahrsagers« eine -Plauderei über Hahnreie, worin Kornmann die versprochene Mäßigung -vermißte. Er setzte daher einen Bericht an das Ministerium auf; in dem -letzten Stück geschehe »bei einer satyrischen Materie gewisser Straßen -in Berlin Erwähnung, welche Leuten, so sich mit dergleichen Schriften -amüsiren, leicht Gelegenheit giebet, allerhand Applicationes zu machen, -anderer Folgen, so daraus entstehen könnten, nicht zu gedenken«. - -Der Etatsminister von Bismarck fragte daraufhin beim Großkanzler von -Cocceji an, »da so viele Misbräuche vorgehen, wie noch kürzlich mit -denen Schriften des de La Mettrie geschehen«, ob nicht ein Zensor -einzusetzen sei. Cocceji stimmte zu: am 7. März 1749 wurde dem Verleger -anbefohlen, Anstößiges im »Wahrsager« zu vermeiden, und am selben Tage -schlugen Cocceji, Bismarck und Danckelmann dem Könige die Bestellung -eines Zensors vor, »ohne dessen Approbation nicht das geringste zum -Druck befördert werden dürfe«. - -Am 16. März billigte eine Kabinettsorder des Königs den Vorschlag, -verfügte aber zugleich, »Druck und Debit« des »Wahrsagers« sofort zu -verbieten, ein Befehl, der um so auffälliger war, als die Minister -diesen Vorschlag gar nicht gemacht hatten. Die Minister beeilten sich -auch nicht, dem Befehl Folge zu leisten, denn das Verbot wurde erst -zwei Monate später ausgefertigt -- wenige Tage nachdem der Verleger das -Blatt mit dem 20. Stück vom 15. Mai hatte eingehen lassen. - -Vielleicht hatten die Minister gehofft, den König mittlerweile noch -umstimmen zu können; aber dieser stand damals unter dem Einfluß des -vorhin erwähnten französischen Philosophen Lamettrie, der seiner -polemischen und satirischen Schriften wegen aus Frankreich und Holland -hatte flüchten müssen und in Berlin als Vorleser des Königs ein Asyl -gefunden hatte. Auch ihn hatte der »Wahrsager« in dem Aufsatz über das -Schulwesen heftig mitgenommen, und der Ausländer, der unter Friedrichs -blinder Vorliebe für alles Französische in Preußen Preßfreiheit genoß, -die er in seinem Vaterland nicht hatte finden können, entblödete -sich nicht, seinen königlichen Gönner gegen die einheimische Presse -scharfzumachen. Die Beschwerde der Berliner »Schulbedienten« bot ihm -dazu die willkommene Handhabe, die er geschickt zu benutzen wußte, um -seinen Widersacher Mylius mundtot zu machen. - -Der Berliner Schriftsteller und Verleger Friedrich Nicolai, der -Freund Lessings, versichert dagegen, die treibende Kraft beim Erlaß -des Zensuredikts sei der zelotische Probst Süßmilch gewesen, der -nachdrücklich gegen die vielgelesenen Schriften des »berüchtigten« -Aufklärers Edelmann vorgehen wollte. Dieser freigeistige Polterer -hatte sich 1749 in Berlin niedergelassen und bald eine große Gemeinde -um sich versammelt; der König ließ ihn gewähren, da sich Edelmann -verpflichtet hatte, nichts mehr zu schreiben, und es gelang den -orthodoxen Hetzern auch nicht, das räudige Schaf aus ihrer Hürde zu -entfernen. - - -Die erste Berliner Zensurkommission. - -Wer waren nun die Männer, denen Friedrich der Große 1749 die oberste -Zensurgewalt anvertraute? - -Als der König am 16. März die Anstellung eines Zensors guthieß, -bestimmte er ausdrücklich, »daß ein ganz vernünftiger Mann zu solcher -Censur ausgesuchet und bestellet werden soll, der eben nicht alle -Kleinigkeiten und Bagatelles releviret und aufmutzet«. Aber die -Minister, vor allem wohl der Großkanzler Cocceji, der schon 1737 eine -strenge Zensur hatte einführen wollen, legten den königlichen Willen in -ihrem Sinne aus und bildeten die Zensurkommission aus vier Männern, von -denen allen kaum zu erwarten war, daß sie ihr Amt im friderizianischen -Geiste ausüben würden, deren Wahl aber doch der König genehmigte. - -Die juristischen Schriften sollte der Geheime Tribunalsrat Buchholtz -überwachen, die historischen der französische Prediger und -Konsistorialrat Poloutier, die philosophischen der Kirchenrat und -Prediger ~Dr.~ Elsner und die theologischen der vorhin genannte Probst -und Konsistorialrat Joh. Peter Süßmilch. Die medizinischen Werke -waren gar nicht erwähnt; ihre Zensur besorgte schon seit 1709 das -Oberkollegium medicum. - -Ein Jurist also und drei Theologen. Im Stil der Zeit war demnach -auch diese Zensurkommission des freigeistigen Königs eine vorwiegend -theologische. Über das, was wider die Religion und die guten Sitten -verstieß, hatten Prediger und Konsistorialräte zu entscheiden. Nur die -juristische Literatur erfreute sich der Aufsicht eines Fachgelehrten. - - -Der verwunderte Zensor. - -Von nachhaltiger Wirkung ist aber dieses Zensuredikt nie gewesen. Der -persönlichen Initiative des Königs war es nicht entsprungen, und seine -ministeriellen Ratgeber merkten wohl bald, daß sie mit einer allzu -bürokratischen Auslegung des Gesetzes wenig Beifall bei ihm fanden. So -war es, nach Nicolais Versicherung, bald vergessen, und statt seiner -entwickelte sich in Preußen eine beispiellose Preßfreiheit, die für -den Aufschwung der deutschen Literatur von unberechenbarem Einfluß -war. Schriften, die nirgendwo in Deutschland offen verkauft werden -durften, vor allem solche philosophischer und theologischer Art, -die den erfolgreichen Kampf des Zeitalters der Aufklärung gegen die -Orthodoxie führten, wurden in Berlin nicht beanstandet, zum Teil dort -verlegt, und es fiel bald niemandem mehr ein, die Zensurbehörde auch -nur um Erlaubnis zu fragen. Sah sich schließlich auf das Drängen eines -Angebers hin der Generalfiskal veranlaßt, einen Verleger zu maßregeln, -so schlug der König das Verfahren meist nieder. Im Jahre 1763 war -die Zahl der (seit 1716!) verbotenen Bücher noch nicht auf über 26 -gestiegen. - -Als Friedrich Nicolai im Jahre 1759 den damaligen Zensor der -philosophischen Schriften, ~Dr.~ Heinius, ersuchte, die Zensur der -berühmten »Literaturbriefe« zu übernehmen, die Nicolai mit Lessing, -Mendelssohn und Abbt 1761--1767 herausgab, war der Zensor höchst -überrascht, daß einmal jemand etwas wolle zensieren lassen, was »ihm -lange nicht vorgekommen« sei. Die »Literaturbriefe«, dann desselben -Herausgebers »Allgemeine Deutsche Bibliothek«, die von 1765--1792 -ungehindert in Berlin erscheinen konnte, und seit 1783 Gedike und -Biesters »Berlinische Monatsschrift«, die den großen Philosophen Kant -zu ihren Mitarbeitern zählte, sind die bedeutendsten der zahlreichen -kritischen Zeitschriften, die unter Friedrichs des Großen Regierung -emporblühten und, trotz seiner persönlichen Abneigung gegen alles -deutsche Schrifttum, der machtvollen Entwicklung der deutschen -Literatur bahnbrechend vorgearbeitet haben. - - -Wie Friedrich II. gegen die österreichische Jesuitenzensur ein Exempel -statuierte. - -Wie wenig Friedrich trotz seines Zensurediktes gewillt war, die -fanatische Verfolgung aller Denk- und Redefreiheit, wie sie namentlich -in Österreich ausgeübt wurde, mitzumachen, zeigt ein köstlicher -Streich, den er 1750 den dortigen Jesuiten spielte. - -Der König traf im Jahre 1750 im Schloßgarten von Sanssouci einen jungen -Mann, dessen fremdartige Tracht ihm auffiel. Er ließ sich mit ihm in -ein Gespräch ein und erfuhr, daß er einen Reformierten aus Ungarn vor -sich habe, der in Frankfurt an der Oder Theologie studiert hatte und -vor der Heimreise noch die Residenz des Königs sehen wollte. Friedrich -fand an dem jungen Manne so viel Wohlgefallen, daß er ihm nahelegte, in -seinen Staaten zu bleiben, und ihn daselbst zu versorgen versprach. Der -Kandidat lehnte diesen Vorschlag seiner Familienverhältnisse wegen ab. -Nun forderte ihn der König auf, sich eine andere Gnade zu erbitten, und -als der Kandidat meinte, er wisse nicht, was er verlangen solle, fragte -Friedrich, überrascht durch diese seltene Bescheidenheit, ob er ihm -denn nicht irgendeinen Gefallen erweisen könne? - -»Ich habe mir«, antwortete nun der Theologe, »verschiedene -philosophische und theologische Werke gekauft, die in Österreich -verboten sind. Die Jesuiten werden sie mir wegnehmen, sobald ich in -Wien eintreffe. Wollten nun Eure Majestät mir diese Bücher --« - -»Nehme Er seine Bücher«, unterbrach ihn Friedrich, »in Gottes Namen -mit, kauf' Er sich noch dazu, was Er denkt, das in Wien recht verboten -ist, und was Er nur immer brauchen kann. Hört Er? Und wenn sie Ihm in -Wien die Bücher wegnehmen wollen, so sag' Er nur, ich habe sie Ihm -geschenkt. Darauf werden die Herren Patres wohl nicht viel achten, das -schadet aber nichts. Laß Er sich die Bücher nur nehmen, geh' Er aber -dann gleich zu meinem Gesandten und erzähl' Er ihm die ganze Geschichte -und was ich Ihm gesagt habe. Hernach geh' Er in den vornehmsten Gasthof -und leb' Er recht kostbar. Er muß aber täglich wenigstens einen Dukaten -verzehren, und bleib' Er so lange, bis sie Ihm die Bücher wieder in's -Haus schicken.« - -Der König ging darauf ins Schloß, kehrte aber bald nachher zu dem -Kandidaten zurück und übergab ihm ein Blatt Papier, das die Worte -enthielt: »Gut, um auf Unsere Kosten in Wien zu leben. Friedrich.« -Dieses Blatt sollte er in Wien dem preußischen Gesandten übergeben und -sich im übrigen genau nach der erhaltenen Vorschrift benehmen. Außerdem -versprach der König, ihm die beste Pfarre in Ungarn zu verschaffen; -dann entließ er den jungen Theologen, Hedheßi war sein Name, in Gnaden, -ihm Glück auf die Reise wünschend. - -Hedheßi kaufte so viel verbotene Bücher zusammen, als er vermochte, -und reiste nach Hause. Vor den Linien Wiens wurden seine Bücher -beschlagnahmt. Er wandte sich also an den preußischen Gesandten, um -seine Bücher zurückzuverlangen. - -Der Gesandte, bereits vom König gehörig instruiert, ließ den Theologen -in den ersten Gasthof der Residenz führen und berichtete über den Stand -der Sache nach Berlin. Plötzlich erging aus dem Kabinett des Königs der -Befehl, die Bibliothek der Jesuiten in Breslau zu versiegeln und mit -Wachen zu besetzen. - -Die bestürzten Jesuiten in Breslau forschten vergebens nach der Ursache -der königlichen Ungnade und sandten, um das Gewitter abzuleiten, eine -Deputation nach Potsdam. Friedrich ließ die Abgeordneten vier Wochen -auf eine Audienz warten, während welcher Zeit der junge Hedheßi in -Wien nach der königlichen Vorschrift lebte. Endlich ließ sie der König -vor, verwies sie aber an seinen Gesandten in Wien und bat sie, ihn den -dortigen Bücherrevisoren zu empfehlen. - -Die frommen Väter verstanden diesen Wink ebensowenig wie ihre Brüder -in Breslau. Diese sandten eine andere Deputation nach Wien, um hier -endlich die dringend notwendige Aufklärung zu erlangen. Aber der -preußische Gesandte in Wien, an den sich die Abgeordneten wandten, -bedauerte, ihnen keinen Aufschluß erteilen zu können; nur so nebenher -warf er die Bemerkung hin, es sei hier ein junger Mann, dem die -Jesuiten eine Kiste mit Büchern weggenommen hätten. - -Nun ging den Abgeordneten plötzlich ein Licht auf. Sie eilten zu -ihren Kollegen, und ehe eine Stunde verging, erhielt Hedheßi die -konfiszierten Bücher zurück. Auch beeilten sich die Herren, seine teure -Zeche zu bezahlen. - -Mit leichterem Herzen gingen sie jetzt wieder nach Potsdam, um ihre -Bitte zu erneuern. Friedrich empfing sie diesmal freundlich, übergab -ihnen einen Kabinettsbefehl, der die Wiedereröffnung der versiegelten -Bibliothek anordnete, und ein Schreiben an den Pater Rektor in Breslau, -des Inhalts, daß das Kollegium zu Breslau dafür einstehen müsse, wenn -die Reformierten in Ungarn wegen dieser Sache gekränkt würden und -Hedheßi nicht die beste Pfarre in seiner Heimat erhalte. - -Und es geschah, wie der König wünschte. - - -Wenn die Katze nicht zu Hause ist ... - -Länger als drei Jahre waren die »Literaturbriefe« unter -vorschriftsmäßiger Zensur ungestört erschienen, als sie plötzlich am -18. März 1762 kurzerhand für jetzt und künftig verboten wurden und der -Generalfiskal Geheimer Rat Uhden den Auftrag erhielt, dem Herausgeber -den Prozeß zu machen. - -Um die Gründe des Verbots zu erfahren, begab sich Nicolai sogleich zu -Uhden, der ihm sonst wohlgewogen, aber in Amtssachen ein unparteiischer -und strenger Richter war, konnte von ihm jedoch nichts anderes erfahren -als die Versicherung: »Man wisse sehr wohl, was für höchst strafbare -und unverzeihliche Sachen in den ›Literaturbriefen‹ enthalten seien.« -Nicht wenig betroffen war allerdings der Generalfiskal, als ihm Nicolai -die Zensurbogen vorwies; unter diesen Umständen, meinte er, habe der -Herausgeber nichts zu befürchten; den Verfasser der verbrecherischen -Aufsätze »werde man aber zu finden wissen«. - -Auf den nächsten Tag war auch schon einer der Hauptmitarbeiter der -Zeitschrift, der Philosoph Moses Mendelssohn, vorgeladen, ein sanfter -und ruhiger Mann, dem es aber nicht an Charakterfestigkeit fehlte, wo -es auf Standhaftigkeit ankam. Zwischen ihm und dem Generalfiskal, der -den jüdischen Philosophen noch gar nicht kannte und den Eintretenden -mit finsterer Amtsmiene empfing, entwickelte sich nun folgendes -Gespräch: - -_Uhden_: »Hör' Er! Wie kann Er sich unterstehen, wider Christen zu -schreiben?« - -_Mendelssohn_: »Wenn ich mit Christen Kegel spiele, so werfe ich alle -Neune, wenn ich kann.« - -_Uhden_: »Untersteht Er sich zu spotten? Weiß Er wohl, mit wem Er -redet?« - -_Mendelssohn_: »O ja! Ich stehe vor dem Herrn Geheimen Rat und -Generalfiskal Uhden, vor einem gerechten Manne.« - -_Uhden_: »Ich frage Ihn noch einmal: Wer hat Ihm erlaubt, wider einen -Christen, und noch dazu wider einen Hofprediger, zu schreiben?« - -_Mendelssohn_: »Ich muß nochmal wiederholen, und wahrlich ohne allen -Spott: Wenn ich mit einem Christen Kegel schiebe, wäre es auch ein -Hofprediger, so werfe ich alle Neune, wenn ich kann. Das Kegelspiel ist -eine Erholung für den Leib, wie die Schriftstellerei eine Erholung für -meinen Geist ist; jeder welcher schreibt, macht es so gut wie er immer -kann. Übrigens wüßte ich nicht, daß ich je wider einen Hofprediger noch -einen andern Prediger geschrieben hätte.« - -_Uhden_: »Oh! ich merke, Er will leugnen; man wird Ihm schon die Künste -abfragen. Er hat wider die christliche Religion geschrieben.« - -_Mendelssohn_: »Wer Ihnen dieses gesagt hat, hat Ihnen eine große -Unwahrheit gesagt.« - -_Uhden_: »Leugne Er nur nicht! Man weiß es schon besser. Dies ist wider -das Judenprivilegium. Er hat den Schutz verwirkt.« - -_Mendelssohn_: »Ach, ich habe hier keinen Schutz zu verwirken. Ich habe -kein Privilegium; ich bin Buchhalter bei dem Schutzjuden Bernhard.« - -_Uhden_: »Desto schlimmer! Die geringste Strafe für seinen Frevel wird -sein, daß man Ihn aus dem Lande weiset.« - -_Mendelssohn_: »Wenn man mich gehen heißt, so werde ich gehen. Ich habe -mich nie den Gesetzen widersetzen wollen; und der Gewalt kann ich mich -noch weniger widersetzen.« ... - -Mittlerweile hörte Nicolai, der Staatsrat sei der Urheber des Verbotes -gewesen, und durch den Geheimrat von Podewils, der das Protokoll der -Staatsratssitzung geführt, die »Literaturbriefe« gelesen und die -Haltlosigkeit der übereilten Maßregel sofort erkannt hatte, erfuhr er -den genauern Zusammenhang: - -Ein Vielschreiber namens Justi hatte sich für die scharfe Kritik eines -seiner Bücher in den »Literaturbriefen« dadurch gerächt, daß er die -Zeitschrift denunzierte, ein Jude habe darin in einem Aufsatz wider -den Hofprediger Cramer in Kopenhagen die Gottheit Christi bestritten -und außerdem durch ein freches Urteil über ein Werk des Königs, die -»~Poésies diverses~«, eine Majestätsbeleidigung begangen. Justi, -der später wegen Unterschleife Festungsstrafe erhielt, war durch -die Protektion des königlichen Leibarztes ~Dr.~ Eller soeben nach -Berlin gekommen und galt als ein großer Chemiker, der das verfallene -preußische Bergwerkswesen wieder in Flor bringen sollte. Der Anzeige -dieses Mannes hatte der Staatsrat blindlings Glauben geschenkt. Dem -damaligen Großkanzler von Jariges, der sich um deutsche Literatur nie -bekümmert hatte, war zudem die Denunziation höchst gelegen gewesen: -Manche freie Äußerung des Königs selbst über Religion hatte er mit -stiller Entrüstung hören müssen und an der dadurch eingerissenen -allgemeinen Urteilsfreiheit in religiösen Dingen längst heftigen -Anstoß genommen. Jetzt war die Gelegenheit günstig: der König, der -»dergleichen Sachen zu leicht zu nehmen pflegte«, weilte im Felde -- es -war die Zeit des Siebenjährigen Krieges --, jetzt ließ sich über den -Kopf des Philosophen von Sanssouci hinweg durch eine drakonische Strafe -dem einreißenden Mißbrauch Einhalt tun. In diesem Sinne hatte er dem -Staatsrat die Sache vorgetragen und ohne Widerspruch das Verbot der -»Literaturbriefe« durchgesetzt. - -Justis Denunziation war aber eine doppelte Lüge: einmal hatte nicht -Mendelssohn, sondern Lessing den Aufsatz gegen des Hofpredigers Cramer -Wochenschrift, den »Nordischen Aufseher«, geschrieben und dabei nichts -weiter gesagt, als daß Cramers Vorstellung von der Person Christi -sozinianisch sei, eine noch heute in den Unitariern fortbestehende, -sektirerische Auffassung, die der göttlichen Verehrung Christi keinen -Abbruch tat. Die Kritik über Friedrichs des Großen »~Poésies diverses~« -im 6. Bande der »Literaturbriefe« dagegen hatte Mendelssohn allerdings -geschrieben, aber sie enthielt so wenig eine Majestätsbeleidigung, daß -der König selbst sie mit Zufriedenheit gelesen hatte! - -Nach dieser Aufklärung war es für Nicolai leicht, die Aufhebung des -Verbotes zu erwirken; er machte eine Eingabe an den Staatsrat, bei der -ihm der eigene Sohn des Generalfiskals, der für Musik und Literatur -lebhaft interessierte Kammergerichtsrat Uhden, durch Einfügung etlicher -kräftiger Sprüchlein über das leichtsinnige Vorgehen der Behörde -unterstützte; gleichzeitig beschwerte sich der Zensor ~Dr.~ Heinius -über die Nichtachtung der von ihm ausgeübten Zensur, und vier Tage nach -dem Verbot waren die »Literaturbriefe« wieder freigegeben. - -Der Vorfall hatte wenigstens das eine Gute, daß der Lärm, den er -erregte, manche Leute auf die neuere deutsche Literatur aufmerksam -machte, um die sie sich nach dem Beispiel des Königs bisher wenig oder -gar nicht gekümmert hatten. Denn es war allerdings merkwürdig, daß, -nachdem die »Literaturbriefe« schon bis in den 13. Band fortgesetzt -waren und in der deutschen gelehrten Welt nicht wenig Aufsehen gemacht -hatten, dennoch die damaligen preußischen Staatsminister nebst dem -Generalfiskal weder von der Existenz noch von der Bedeutung der -Zeitschrift eine Ahnung hatten! - - -Was dem einen recht ist ... - -Der Berlinische Kalender für das Jahr 1771 brachte zwölf Blätter -von Chodowiecki, die Szenen aus dem »Don Quichote« darstellten. Das -Titelkupfer zu diesem Bande bildete ein Porträt Josephs II. - -In dieser zufälligen Zusammenstellung witterte man in Wien eine -Verhöhnung des Kaisers, und die dortige Zensurbehörde beschwerte sich -dieserhalb beim König von Preußen. Der aber dachte nicht daran, gegen -die Herausgeber einzuschreiten; um die Wiener von der Grundlosigkeit -ihres Verdachtes zu überzeugen, befahl er vielmehr, für die Bilder des -nächsten Kalenderjahrgangs ein noch viel lächerlicheres Thema zu nehmen -und -- sein eigenes Porträt voranzustellen. - -Chodowiecki wählte Ariosts »Rasenden Roland«, und Daniel Berger stach -des Königs Bildnis dazu. - - -Neuordnung der preußischen Zensur 1772. - -Die geschilderten Vorfälle zeigen, daß die preußische Zensur auch nach -dem Gesetz von 1749 allmählich wieder »in Abgang« gekommen war, sicher -aber ohne sonderliche Strenge durchgeführt wurde. Nicht anders ging es -mit der neuen Auflage des Zensurediktes, die 1772 ans Licht trat. - -Auch dies neue »Circular« vom 1. Juni 1772 beklagte, daß die alten -Vorschriften »mehrfach hintangesetzt« worden seien; außerdem seien -die alten Zensoren gestorben. Die Ernennung der neuen regelte es -zunächst. Die historischen Schriften hatte der Geheime Finanzrat Kahle -zu zensieren, der dieses Amt schon seit einigen Jahren versah; die -juristischen sollte von jetzt an der Geh. Tribunalsrat Stuck, die -theologischen der freisinnige Oberkonsistorialrat Teller, und die -philosophischen der Professor der Ritterakademie Sulzer beaufsichtigen. - -Die Wahl der Persönlichkeiten zeigt, wo Friedrich hinaus wollte: unter -den vier Männern ist nur noch _ein_ Konsistorialrat, und die übrigen -drei, besonders der angesehene Philosoph und Ästhetiker Sulzer, sind -Sachverständige, jeder auf seinem Gebiet. So nahm Friedrich 1772 der -Zensurkommission ihren vorwiegend geistlichen Charakter und schuf eine -_Fachzensur_. - -Außerdem ist dieses neue Zensuredikt ein charakteristischer Spiegel der -literarischen Bewegung der Zeit. - -Die schöne Literatur war in dem Edikt von 1749 nur durch die »Carmina« -vertreten gewesen; jetzt fand auch die Masse der »kleinen Schriften: -Carmina, Wochenschriften, gelehrte Zeitungen, ökonomische Schriften -und alle andere kleine Piecen«, Berücksichtigung; sie sollten, wenn -sie nicht zu den Büchern gehörten, die den vier Zensoren vorgelegt -werden mußten, von der Landesregierung oder den Magistraten begutachtet -werden, in Universitätsstädten von der Universität. Nur Berlin machte -eine Ausnahme: hier hatte der »historische Zensor« auch diese kleinen -Schriften zu begutachten. - -Und schließlich wurden jetzt in das Zensuredikt auch die Zeitungen mit -aufgenommen, deren Zahl seit 1749 stattlich gewachsen war. Die Zensur -der »teutschen und französischen Zeitungen« hatte der Geheime Rat von -Beausobre unter der Direktion des Auswärtigen Amtes zu besorgen; sie -war ihm schon vor siebzehn Jahren übertragen worden. Außerhalb Berlins -sollte die Zeitungszensur von der Regierung oder den Justizkollegien -erledigt werden; wenn diese Behörden nicht am Orte waren, hatten sie -einen Vertreter zu stellen. - -Die bessere Organisation verlangte aber auch mehr Aufwand. Daher wurden -jetzt die Zensurgebühren eingeführt; außer einem Freiexemplar des -geprüften Buches, auf das den Zensoren schon seit 1749 ein Anspruch -zustand, durften sie von 1772 an zwei Groschen für den Druckbogen -berechnen. - -Das erweiterte Edikt von 1772 schärfte den Zensoren noch ein, daß -»Unsere Allergnädigste Absicht keineswegs dahingerichtet ist, eine -anständige und ernsthafte Untersuchung der Wahrheit zu hindern, sondern -nur vornehmlich demjenigen zu steuern, was den allgemeinen Grundsätzen -der Religion und sowohl moralischer als bürgerlicher Ordnung entgegen -ist«. - -Dieser Grundsatz, der auch von spätern, ganz anders gehandhabten -preußischen Zensuredikten übernommen wurde, blieb bis zum Tode des -großen Königs die Richtschnur der preußischen Zensur. In einem Befehl -an die theologische Fakultät in Halle vom 7. Februar 1780 erklärte -Friedrich geradezu, daß »die den Schriftstellern ohnedem äußerst -lästige Zensur soviel als möglich eingeschränkt werden sollte, wann -wider Religion und Sitten nichts vorkommt«. - - -Kleine Ursachen -- große Wirkungen. - -Wenn Nicolai recht hat, ging auch dieses erneuerte Zensuredikt von -1772 nicht auf den eigenen Willen des Königs zurück, sondern auf die -ängstliche Betriebsamkeit seiner Ratgeber. Die einfältige preußische -Dichterin Anna Luise Karschin soll die schuldige Ursache dazu gewesen -sein. »Die Frau Karschinn«, erzählt Nicolai, »hatte in einem gedruckten -Gedichte die erste Teilung Polens erwähnt, welche damals schon genugsam -bekannt, aber noch nicht offiziell angezeigt war. Dem Ministerium -mochte dieses wohl nicht angenehm seyn, aber der Minister von Fürst, -bekanntlich ein sehr ängstlicher Mann, welcher sich vor dem Könige -sehr fürchtete, glaubte der Sache durch ein geschwind zu machendes -Zensuredikt abzuhelfen, damit, wenn der König je von dem Gedicht der -Frau Karschinn etwas erführe und dem Ministerium darüber einen Vorwurf -machte, man ihm gleich sagen könnte, es sey schon Remedur geschehen. -Wirklich war auch das Edikt so geschwind gemacht, daß man verschiedenes -Nöthige darin vergaß und verschiedenes sehr unbestimmt ausdrückte.« - - -Friedrich und die »Bullenbeißer«. - -Geradezu vorbildlich ist Friedrich der Große im Punkte der -»Majestätsbeleidigungen«. Zwar hatte er am 24. Dezember 1752 ein unter -dem Pseudonym ~Dr.~ Akakia (~Dr.~ Harmlos) erschienenes Pamphlet -Voltaires durch den Henker auf den öffentlichen Plätzen Berlins -verbrennen lassen, obgleich der Verfasser, seit zwei Jahren Gast des -zuerst von ihm so überschwenglich verherrlichten Königs, noch in den -Mauern der Stadt weilte. Aber diese Maßregel war nicht von kleinlicher -Empfindlichkeit verfügt, sondern Voltaire hatte durch seine Hinterlist, -Rachsucht, Treulosigkeit und Habgier die Langmut des Königs schon bis -zum äußersten herausgefordert; jene Schrift war zudem eine blutige -Verhöhnung der von Friedrich gegründeten Akademie der Wissenschaften -und ihres Präsidenten Maupertuis; und obendrein hatte sich Voltaire die -Druckerlaubnis durch eine freche Fälschung verschafft. - -Nachdem dann diese Koryphäe der französischen Literatur auf drastische -Weise aus Preußen hinauskomplimentiert war, legte sich Friedrichs -begreifliche Erregung bald, und als Voltaire aus sicherer französischer -Hut eine persönliche Schmähschrift gegen ihn losließ, schrieb der -Angegriffene am 23. Oktober 1753 voll überlegenen Humors an seinen -Ministerresidenten George Keith in Paris: »Jeder im öffentlichen Leben -stehende Mann muß der Kritik, der Satire, ja oft genug der Verleumdung -als Zielscheibe dienen. Jeder, der einen Staat regiert hat, sei es -als Minister, als General oder als König, hat Sticheleien zu ertragen -gehabt; es wäre mir also sehr unangenehm, wenn ich der einzige sein -sollte, dem dieses Schicksal erspart bliebe. Ich verlange weder eine -Widerlegung des Buches noch die Bestrafung des Verfassers, sondern habe -es mit großer Gemütsruhe gelesen und sogar einigen Freunden mitgeteilt.« - -Im Lauf der Jahre nahm dieser königliche Gleichmut gegen persönliche -Angriffe jeder Art nur zu. Zahllos sind die Schmähschriften, die gegen -Friedrich erschienen und sogar von dem Verleger seiner eigenen Werke, -dem Buchhändler Pitra in Berlin, verkauft wurden. Der König ignorierte -sie und gab einmal seinen darüber aufgebrachten Beamten den Rat, nicht -alle »Sottisen«, die geschrieben würden, auf ihn zu beziehen. - -Mit Voltaire hatte er sich so weit wieder versöhnt, daß ein lebhafter -Briefwechsel fortbestand; in einem dieser Briefe an den Franzosen -vom 2. März 1772 schrieb er -- vielleicht in Erinnerung an die -Akakia-Episode --: »Ich denke über die Satire, wie Epiktet: ›Sagt man -was Böses von Dir, und ist es wahr, so bessere Dich; sind es Lügen, so -lache darüber.‹ Ich bin mit der Zeit ein gutes Postpferd geworden, lege -meine Stazion zurück und bekümmere mich nicht um die Bullenbeißer, die -auf der Landstraße bellen.« - - -Exemplarische Strafe. - -Die Langmut des großen Königs gegen Majestätsverbrechen stand oft in -drastischem Gegensatz zu der Empfindlichkeit der Behörden, die, just so -wie heute, auch damals bei jedem herben Tadel ihrer Amtshandlungen zum -Kadi liefen. - -Einmal gab ihnen der alte Fritz eine kräftige Lehre. Als man einen -Bürger bei ihm verklagte, weil er Gott, Se. Majestät und den -Stadtmagistrat gelästert habe, verfügte er: - -»Daß der Arrestant Gott gelästert hat, ist ein Beweis, daß er ihn nicht -kennet; daß er mich gelästert hat, vergebe ich ihm; daß er aber einen -edlen Rat gelästert hat, dafür soll er exemplarisch bestraft werden und -auf eine -- halbe Stunde nach Spandau kommen.« - - -Niedriger hängen! - -Wie schlagfertig überlegen Friedrich der Große selbst Angriffen gegen -seine Regierungshandlungen auch ohne Verbot zu begegnen wußte, zeigt -eine Anekdote, die ein Augenzeuge, der früher in Berlin, später in -Upsala wirkende Kapellmeister Heffner, erzählt: - -Im Jahre 1781 hatte der König die Kaffeeregie eingeführt, um dem -übermäßigen Verbrauch dieser Auslandsware zugunsten der einheimischen -Bierproduktion zu steuern, eine Maßregel, die das Volk sehr erregte; -denn nicht nur in Sachsen, sondern auch in Preußen zog man schon damals -ein Schälchen Kaffee der Biersuppe vor, mit der Friedrich selbst noch -groß gezogen worden war. - -Eines Tages kam der alte Fritz mit seinem Heiducken die Jägerstraße -heraufgeritten und bemerkte in der Nähe des Schlosses, auf dem -Werderschen Markt, einen großen Auflauf. Man drängte sich um ein hoch -an der Mauer angeschlagenes Papier, aber nur die Nächsten konnten -erkennen, was es bedeutete. Bei der Annäherung des Königs flogen die -Mützen herunter, man gaffte ihn mit verlegenen und erschrockenen Mienen -an und wich beiseite. Aber niemand wagte ein Wort zu sagen. Der König -schickte nun seinen Begleiter näher, um zu erfahren, was los sei. -Bald kam der Heiduck ebenfalls verlegen lächelnd wieder und wollte -nicht recht mit der Sprache heraus: »Sie haben etwas auf Ew. Majestät -angeschlagen ...« - -Nun ritt der König dicht heran und sah, daß eine Karikatur auf ihn -selbst dort hing: In höchst kläglicher Positur saß er auf einem -Fußschemel, hielt zwischen den Beinen eine Kaffeemühle, und während -die eine Hand emsig mahlte, griff die andere gierig nach jeder -herausfallenden Bohne. - -Sobald der alte Fritz die Bedeutung der Karikatur erkannt hatte, winkte -er mit der Hand und rief: »Hängt es doch niedriger, daß die Leute sich -nicht den Hals ausrecken müssen!« - -Kaum waren die Worte gefallen, als ein allgemeiner Jubel ausbrach. Man -riß das Bild herab und in Stücke, die Jungen warfen die Mützen in die -Luft, und unter allgemeinem »Vivat der alte Fritz!« ritt der König -langsam von dannen. - - -Was heißt Aufklärung? - -Diese Frage stellte Oberkonsistorialrat Zöllner im Dezemberheft der -»Berlinischen Monatsschrift« 1783. Mendelssohn und Kant beantworteten -sie; Mendelssohn im September, Kant im Dezember 1784. - -Kants Aufsatz begann mit der vielzitierten Definition: - -»Aufklärung ist der Ausgang des Menschen aus seiner selbst -verschuldeten Unmündigkeit. Unmündigkeit ist das Unvermögen, sich -seines Verstandes ohne Leitung eines andern zu bedienen. ... ~Sapere -aude!~ Habe Muth, Dich Deines _eigenen_ Verstandes zu bedienen! ist -also der Wahlspruch der Aufklärung. - -»Zu dieser Aufklärung aber wird nichts erfordert als Freiheit; und zwar -die unschädlichste unter Allem, was nur Freiheit heißen mag, nämlich -die: von seiner Vernunft in allen Stücken _öffentlichen_ Gebrauch zu -machen ... Ich verstehe aber unter dem öffentlichen Gebrauche seiner -eigenen Vernunft denjenigen, den Jemand als _Gelehrter_ von ihr vor dem -ganzen Publicum der _Leserwelt_ macht.« - -Kant verlangte für den Offizier das Recht, über Fehler im Kriegsdienste -Anmerkungen zu machen, für den Bürger, über die Ungerechtigkeit der -ihm auferlegten Lasten öffentlich seine Gedanken zu äußern; für den -Geistlichen, seine sorgfältig geprüften und wohlmeinenden Gedanken über -das Fehlerhafte des Symbols der Kirche oder über bessere Einrichtung -des Religions- und Kirchenwesens dem Publikum mitzuteilen. - - -Kants Huldigung vor Friedrich. - -Die Frage: Leben wir jetzt in einem aufgeklärten Zeitalter? -beantwortete Kant in dem vorhin erwähnten Aufsatz aus dem Jahre 1784 -kurzweg mit: Nein, wohl aber in einem Zeitalter der Aufklärung. Es -fehle noch viel, daß sich die Menschen in Religionsdingen ihres eigenen -Verstandes bedienten, aber der Hindernisse der Unmündigkeit würden doch -weniger. »In diesem Betracht ist dieses Zeitalter das Zeitalter der -Aufklärung, oder das _Jahrhundert Friedrichs_.« - -Ebenso, führte Kant weiter aus, müsse der Untertan der Gesetzgebung -gegenüber öffentlichen Gebrauch von seiner Vernunft machen dürfen und -seine Gedanken darüber mit freimütiger Kritik der Welt öffentlich -vorlegen, »davon wir ein glänzendes Beispiel haben, wodurch noch kein -Monarch demjenigen vorging, welchen wir verehren«. - - -Die Kehrseite der Medaille. - -Obgleich sich aber Preußen unter Friedrich dem Großen fast völliger -Preßfreiheit erfreute, darf doch nicht vergessen werden, daß diese -Freiheit keine gesetzliche, sondern eine durchaus _willkürliche_, eine -mit königlicher Erlaubnis ungesetzliche war. - -»~Il pense en philosophe et so conduit en roi~« (er denkt als Philosoph -und handelt als König -- soll heißen: als Despot), schrieb einmal der -französische Philosoph Jean Jacques Rousseau unter ein Bild Friedrichs; -und als sein pädagogischer Roman »Emile« (1762) vom Pariser Parlament -für gottlos erklärt, im Hofe des Justizpalastes zerrissen und verbrannt -wurde und dem Verfasser die Häscher auf den Fersen waren, flüchtete -selbst er in Friedrichs Schutz, in den damals preußischen Kanton -Neuchâtel. - -Jenes vieldeutige Wort Rousseaus gilt in gewissem Sinne auch für -Friedrichs Behandlung der Zensur. Friedrich der Große ist und bleibt -der Schöpfer auch der preußischen Zensurgesetze; er selbst handhabte -sie nur so freimütig und ging so willkürlich über sie hinweg, daß ihre -tatsächlichen Schärfen den Zeitgenossen gar nicht zum Bewußtsein kamen; -um so empfindlicher aber der nächsten Generation, als nach seinem Tode -(1786) ein andrer Geist in Preußen zur Herrschaft gelangte. - - - - -2. Kaiser Josephs II. Zensurreform. - - Ach, was ich Armer streute, - Fiel auf ein wüstes Land; - Dein Walten büß' ich heute, - Du zweiter Ferdinand, - - Du hast dem Licht gewehret, - Du hast die Luft verdumpft, - Östreichs Gefild verheeret, - Das keiner mehr entsumpft. - - _D. F. Strauß_, Kaiser Joseph im Sterben. 1859. - - -Eine Kaiserin der Zensur. - -Es ist genugsam bekannt, welch heftige, unversöhnliche Feindin der -religiösen Aufklärung die deutsche Kaiserin Maria Theresia (1717--1780) -war und mit welch harter Unduldsamkeit sie alles verfolgte, was Macht -und Ansehen der katholischen Kirche und ihrer Diener verletzen konnte. -Mit »Inquisition und Mission« führte sie gleich ihren Vorgängern die -Gegenreformation in den österreichischen Erblanden durch, und die -Pflege der kulturellen Güter sah sie am liebsten ausschließlich in der -Hut der Jesuiten. - -Die Kaiserin ärgerte sich wohl gelegentlich, wenn einer der -Hoftheologen und Beichtväter seine Bücherrazzia bis in den kaiserlichen -Palast ausdehnte und jagte den allzu Dreisten davon; auch hob sie wohl -einmal das Verbot eines Buches auf, wenn sie selbst es gelesen und gut -gefunden hatte. Aber für die Schmach der geistigen Knechtschaft, in -der sie ihre Völker hielt, hatte sie keine Empfindung. Der beschränkte -Untertanenverstand hatte das auf Treu und Glauben hinzunehmen, -was ihm von einer über alle Zweifel erhabenen, von Jesuiten -beherrschten Regierung als allein seligmachend verkündigt wurde. Die -Absperrmaßregeln gegen die im Reich, besonders in Preußen, herrschende -Cholera der Aufklärung waren großzügig organisiert -- kein Wunder, -daß Österreichs geistige Entwicklung um Jahrhunderte zurückblieb. An -der schönen blauen Donau nahm man an dem Aufschwung des deutschen -Schrifttums so wenig Anteil, daß man noch zur Zeit der großen Kaiserin -diejenigen verlachte, die sich, statt des einheimischen Dialektes, der -hochdeutschen Schriftsprache, des »lutherisch Deutsch« bedienten. -Noch im Jahre 1780 war, wie Friedrich Nicolai versichert, auf der -Universität Innsbruck ein Werk wie Jöchers Gelehrten-Lexikon, das -1750/51 erschien, nicht einmal dem Namen nach bekannt, und ein Mann wie -Joseph von Sonnenfels, der Reformator des österreichischen Schrifttums, -bewarb sich vergeblich um eine Stellung, weil er seiner hochdeutschen -Aussprache wegen als Protestant und überhaupt als verdächtig galt. - - -Jesuitenzensur in Wien. - -Die wirksamste Waffe in der Hand des Protestantismus war von jeher das -Buch; ihm galt deshalb der glühende Haß der geistlichen Machthaber. -Seit 1623 war die Wiener Universität unter Verwaltung der Jesuiten, -ihnen lag auch fast die gesamte Bücherzensur ob, und ohne ihre -Genehmigung durfte in Österreich nichts gedruckt und kein fremdes Buch -verbreitet werden. Gegen die katholische Kirche oder ihre Vertreter -durfte infolgedessen nichts, gegen die Ketzer alles geschrieben werden. -Wissenschaftliche Werke hatten keinen Anspruch auf mildere Behandlung. -Noch im Jahre 1750, versichert Sonnenfels, konnte es Stand und Glück -kosten, wenn man sich anmerken ließ, in einem Buche wie Montesquieus -»~Esprit des lois~« geblättert zu haben. - -Die Verfasser protestantischer und antikatholischer Schriften erwartete -Verbannung und Kerker. Schon der Besitz lutherischer, ketzerischer, -überhaupt unkatholischer Schriften war aufs strengste verpönt; sie -standen außerhalb allen Eigentumsrechtes, jeder Geistliche durfte -sie konfiszieren, wo er sie fand, jeder Privatmann war bei Strafe -verpflichtet, anzugeben, wo immer er sie gesehen hatte. Wer ein -Buch kaufte, mußte es innerhalb vier Wochen seinem Pfarrer zur -Prüfung vorlegen, sonst erhielt er 3 Gulden Strafe, die sich im -Wiederholungsfall empfindlich steigerte. Ein Drittel der Strafgelder -fiel dem Denunzianten zu; daher stand die niederträchtigste Spionage -in voller Blüte. Haussuchungen waren an der Tagesordnung. Die -Koffer der Reisenden wurden auf den Zollämtern durchsucht, alle -bedenklichen Bücher weggenommen, verbotene verbrannt. Verkleidete -Beamte der geistlichen Bücherpolizei besuchten als harmlose Kunden die -Buchläden, schlichen sich in das Vertrauen der Händler und drangen in -sie, ihnen verbotene Bücher zu verschaffen; ließen die Buchhändler -sich überreden, so entdeckten sich die Spitzel als Polizisten, -beschlagnahmten die Werke und nahmen die Verkäufer in Strafe. - - -Das Allerheiligste. - -Als die Kaiserin Maria Theresia eines Tages gerade am Spieltisch saß, -wurde ihr durch eine vertraute Kammerfrau, die Mutter der bekannten -Dichterin Caroline Pichler, Hofrat von Sonnenfels gemeldet, der sie -dringend in Zensurangelegenheiten zu sprechen wünschte. Ungemein -lebhaft, wie die Kaiserin noch in ihren letzten Tagen war, eilte sie -nach wenigen Minuten ins Vorzimmer, strich sich mit den Fingern Haube -und Haar aus dem Gesicht, und heftig die Karten drehend fragte sie den -Besucher: - -»Nun, was ist's denn? Sekieren sie Ihn schon wieder? Hat Er etwas gegen -uns geschrieben? Das ist Ihm von Herzen verziehen. Ein echter Patriot -muß wohl manchmal ungeduldig werden; ich weiß aber schon, wie Er's -meint. Oder gegen die Religion? Er ist ja kein Narr. Oder gegen die -guten Sitten? Das glaube ich nicht; Er ist ja kein Saumagen. Aber wenn -Er etwas gegen die Minister geschrieben hat, ja mein lieber Sonnenfels, -dann muß Er sich selber heraushauen; da kann ich Ihm nicht helfen. Ich -habe Ihn oft genug gewarnt.« - -Damit machte die Kaiserin kehrt und eilte wieder an ihren Spieltisch -zurück. - - -Van Swieten und die Zensurhofkommission. - -1745 wurde der Holländer Gerard van Swieten (1700--1772) als Leibarzt -der Kaiserin nach Wien berufen. Er war ein frommer Katholik, aber -ein Gegner der Jesuiten und vor allem ein strenger Vertreter der -Wissenschaft, dem der geistige Aufschwung Österreichs unendlich viel -zu verdanken hat. Auf seinem eigensten Gebiete gewann er schnell Raum, -denn die praktische Kunst des Arztes war ja die einzige, die die -Jesuiten nicht übten; er gewann berühmte Ärzte für Wien und wurde der -Begründer der dortigen medizinischen Schule. - -Daß die Geistlichkeit anatomische Lehrbücher der unvermeidlichen -»Nuditäten« wegen verbot, hörte nun gänzlich auf. Bald aber dehnte -Swieten seine kraftvolle Reformarbeit auf das ganze geistige -Leben Österreichs aus und stieß nun überall auf die Schranke der -geistlichen Zensur. Unerschrocken nahm er den Kampf gegen sie auf. -Der Übermut seiner Gegner selbst drückte ihm die siegreiche Waffe -in die Hand: als die geistliche Behörde sich anmaßte, sogar den -Reichshofrat ihrer Zensur zu unterstellen, setzte es van Swieten bei -der Kaiserin durch, daß die Prüfung zunächst der philosophischen -und historischen Werke der Universität abgenommen und besonderen -Zensurkommissionen in Wien und in den Provinzen anvertraut wurde. Von -1753 an mußten auch alle zum Druck bestimmten Manuskripte der unterdes -gebildeten Bücherzensurhofkommission in Wien und nicht mehr den -Jesuiten der Universität vorgelegt werden, und die bisherige völlige -Zensurfreiheit der geistlichen Orden für ihre eigenen theologischen -und philosophischen Schriften wurde aufgehoben -- eine gewaltige -Kraftprobe van Swietens, die der späteren josephinischen Reform mächtig -vorarbeitete. - -An die Spitze dieser Wiener Zensurkommission trat 1759 van Swieten -selbst. Sie war jetzt eine rein staatliche Behörde, aber die Hälfte -ihrer Mitglieder bestand noch aus Geistlichen; zwar wurden diese nicht -mehr vom Jesuitenorden, sondern von der Kaiserin im Einverständnis mit -dem Erzbischof gewählt, und seit 1764 war kein Jesuit mehr darunter, -aber den persönlichen Einfluß des Ordens auf die fromme Fürstin -vermochte auch van Swieten nicht völlig auszuschalten. - -Auch konnte er sich auf seinem heftig angefochtenen Posten nur dadurch -halten, daß er gegen alles, was der Religion, dem Staate, den Sitten -und überhaupt der »guten Denkungsart« gefährlich erschien, fast ebenso -unduldsam vorging wie seine geistlichen Gegner. Noch 1759 wurden alle -Buchbinder angewiesen, jedes ihnen anvertraute Buch vor dem Einbinden -ihrem Seelsorger vorzulegen, und der Katalog der verbotenen Bücher -(»~Catalogus librorum prohibitorum~«), der von 1765 bis 1780 in -mehreren Ausgaben erschien, ist alles eher denn ein Ruhmesdenkmal für -seine Zeit. - -Swieten lagen nur die »nützlichen Bücher« der Fachwissenschaft wahrhaft -am Herzen. Deshalb setzte er, den Jesuiten zum Trotz, 1753 die Freigabe -von Montesquieus »~Esprit des lois~« durch, und des Weihbischofs von -Hontheim (Febronius) Buch über die rechtmäßige Gewalt der römischen -Päpste wurde nach langjährigem, erbittertem Kampf wenigstens in -den Händen der Gelehrten geduldet. Aber van Swieten selbst verbot -zahlreiche Schriften von Rousseau und Voltaire, von Maupertuis und -Lamettrie, Thomas Hobbes und Christian Thomasius, von Crébillon und -Fielding, Boccaccio und Sterne, Swift und Holberg, den Macchiavell -und Ariosts »~Rime satire~«, Grimmelshausens »Simplizissimus« und -»Vogelnest« und Rollenhagens »Froschmäusler«, Philander von Sittewalds -»Gesichte« und Reuters »Schelmuffsky« und von Erzeugnissen der -neu aufblühenden deutschen Literatur Albrecht von Hallers »Kleine -Schriften« und Gedichte von Joh. Christ. Günther, Wielands »Idris«, -»Agathon« und »Sieg der Natur« nebst seiner französischen Übersetzung, -die Leipziger und Göttinger Musenalmanache, Mendelssohns »Phädon oder -über die Unsterblichkeit der Seele« und die Schriften Lessings von 1753. - -Gegen van Swietens übertriebene Strenge einzuschreiten, war eine der -ersten Regierungshandlungen des Kaisers Joseph nach seiner Erhebung zum -Mitregenten seiner Mutter (1765). - - -Wien und Rom. - -Wie engherzig und despotisch van Swieten als Zensor seine Urteile ganz -nach seinen persönlichen Ansichten fällte, darüber berichtet Friedrich -Nicolai in seiner »Beschreibung einer Reise durch Deutschland und die -Schweiz« die bezeichnende Anekdote: - -»Als mein sel. Freund Meinhard, dessen vortreffliche Versuche über -die italiänischen Dichter allgemein berühmt sind, mit dem Hrn. Grafen -Moltke nach Wien kam, wurden ihm, wie allen Fremden, seine Bücher -weggenommen. Es waren darunter die Opere di Macchiavello und der Emile -des Rousseau. Hierüber entstand der größte Lärm, daß sich jemand -unterstanden hätte, diese Bücher einzuführen. Meinhard gieng selbst zum -Freyherrn von Swieten, um ihn nur zu bitten, daß die Bücher versiegelt -und an der Gränze ihm wieder ausgeliefert werden möchten. Aber er -erhielt ganz trocken zur Antwort: Die Bücher wären schon verbrannt; -und ›es wäre eine Schande, daß jemand sich unterstände, ein Buch wie -den Macchiavell in die Hände zu nehmen‹. Meinhard wollte wenigstens -den Emile vertheidigen, aber die Antwort war: ›Reden Sie mir nicht von -Rousseau! Der ist ein schlechtes Subjekt!‹ Und nun kam ein so heftiges -Schelten auf Rousseau als den verderblichsten Menschen, daß der gute -Meinhard, der ohnedieß leicht ängstlich ward, sogleich das Zimmer -verließ. - -»Indessen fand Meinhard bey seiner Abreise nach Italien unvermuthet -zu Klagenfurt einen Macchiavell, der ihm, ob es gleich eine schlechte -Ausgabe war, großes Vergnügen machte, da Macchiavell, wegen der -Zierlichkeit seiner Schreibart, einer der Lieblingsschriftsteller -meines Freundes war. Als er nach Rom kam, wurden seine Bücher wieder -angehalten. Er gieng deshalb den folgenden Tag zum Sekretar des -Magister Palatii, der ein Dominikaner war. Dieser gab ihm die Bücher -sogleich zurük. Er setzte hinzu: ›Es sind einige verbotene darunter. -Aber Sie sind ein Gelehrter, und zu verständig, als daß Sie dieselben -öffentlich zeigen und sich und mir Verdruß machen sollten. Da Sie so -gut italiänisch sprechen, so merke ich wohl, daß Sie den Macchiavell -fleißig studirt haben. Aber Sie haben eine gar schlechte Ausgabe -davon. Suchen Sie die beste zu bekommen; sie ist --.‹ Hier nannte der -Dominikaner gerade die Ausgabe, die in Wien verbrannt worden war.« - - -Kaiserliche Handbillette. - -Nach van Swietens Tode 1772 fiel die Zensur bald in ihre alten Übel -zurück, und der Klerus gewann in der Kommission wieder das Übergewicht. -Der neue Präsident der Zensurhofkommission stand den mit frischer -Keckheit auftretenden Anmaßungen der Geistlichkeit hilflos gegenüber, -und so konnte es nicht fehlen, daß die Jesuiten, obgleich ihr Orden -1773 auch in Österreich aufgelöst wurde, verstärkten Einfluß auf den -Gang der Zensurgeschäfte gewannen. Besaßen sie doch noch immer das Ohr -der Kaiserin, der jetzt ein energischer Berater wie van Swieten fehlte. -Hatte ein Jesuit oder sonst ein Betbruder, erzählt Nicolai, an einem -Buche Ärgernis genommen, so steckte er sich hinter eine Kammerfrau -der Fürstin; er zeigte ihr etliche mit Rotstift angestrichene Stellen -des Buches, die anstößig erscheinen konnten, und die Kammerfrau legte -sie der Kaiserin vor. Auf den Zusammenhang des Textes wurde keine -Rücksicht genommen, und ein kaiserliches Handbillett verfügte kurzweg -das Verbot. - - -Das Verbot des Katalogs verbotener Bücher. - -Statt vor der anstößigen unmoralischen, kirchenfeindlichen und -gotteslästerlichen Literatur zu warnen, war der seit 1765 in mehreren -Ausgaben bei verschiedenen Verlegern erscheinende Katalog der -verbotenen Bücher gerade ein Führer zu diesen unsauberen Quellen -geworden und wurde von Liebhabern und Sammlern besonders erotischer -Literatur niederster Sorte fleißig benutzt. Zu dieser Erkenntnis kam -im Jahre 1777 endlich auch die Zensurhofkommission und zog daraus die -einzig richtige Konsequenz: der Katalog der verbotenen Bücher wurde nun -selbst auf den Index gesetzt. - - -Der Thronfolger. - -Es ist das Schicksal aller Thronfolger, daß sich die Hoffnung der -Unzufriedenen an sie klammert und die Enttäuschungen wie aufgescheuchte -Dohlen ihren Thron umflattern. Mit welcher Gloriole umgaben die -deutschen Idealisten die Lichtgestalt des Sohnes, der im Schatten -seiner großen Mutter heranwuchs! Man wußte, daß Kaiser Joseph ein -unbedingter Verfechter des Deutschtums in Österreich war, daß er -deutsche Bücher las und in schaler Hofgesellschaft eine Gruppe -der Geistigen zu sammeln suchte. Je rücksichtsloser Friedrich der -Große seiner Verachtung der deutschen Literatur Ausdruck gab, um so -inbrünstiger erwartete man von dem jungen Kaiser den Werderuf zu einem -neuen perikleischen Zeitalter. - - -Der Gnadenpfennig. - -Dem Mißverständnis von der literarischen Mission des jungen Kaisers -huldigte keiner so begeistert wie der Sänger des »Messias«, Klopstock, -und bei ihm verdichtete sich dieser Glaube zu einem großzügigen »Plan -zur Beförderung der Wissenschaften in Deutschland«, der, ohne die -steifen Formen einer Akademie anzunehmen, die freigebige Unterstützung -deutscher Gelehrter und Schriftsteller durch den Deutschen Kaiser zum -Ziele hatte. Auch ein Finanzprojekt spielte mit hinein: der unerhörte -gesetzlich begünstigte Nachdruck, der in Wien mit außerösterreichischen -Büchern getrieben wurde, schädigte die deutschen Autoren empfindlich, -Lessings »Hamburgische Dramaturgie« war daran zugrunde gegangen. Diese -»Nachdruckerbande«, wie Lessing sich ausdrückte, sollte beseitigt, -dafür aber als Entschädigung unter Josephs Schutz in Wien eine -Reichsdruckerei begründet und darin Werke der deutschen Literatur -zum Vorteil ihrer Verfasser gedruckt werden; »unglaubliche Summen«, -versicherte Gleim, sollten dadurch ins Land kommen. - -Durch einen diplomatischen Freund sandte Klopstock 1767 diese Anregung -nach Wien. Zugleich aber auch das Manuskript einer Widmung an Kaiser -Joseph, die der »Hermanns Schlacht«, seinem neuesten Werk, einem -»Bardiet für die Schaubühne«, vorangestellt werden sollte. Die Naivetät -des Messiassängers hat etwas Rührendes; er stellte allen Ernstes an -Joseph das Ansinnen: nimmst du meine Widmung an, so verpflichtest du -dich damit auch, den beigefügten literarisch-sozialen Plan auszuführen! - -Klopstocks Entwurf kam dem Kaiser nie vor Augen, er verschwand in -den Akten des Staatskanzlers Fürst Kaunitz, nur die Widmung gelangte -an ihre Adresse. Aber der deutsche Dichter würde aus allen seinen -Himmeln gestürzt sein, wenn er geahnt hätte, wie geringschätzig diese -Angelegenheit an höchster Stelle behandelt wurde. Joseph fragte seinen -Kanzler, was er tun solle und ob vor allem der Text der Widmung -nichts Anstößiges enthalte. Fürst Kaunitz erwiderte, dergleichen -Dedikationen entsprängen gewöhnlich aus eigennützigen Absichten, auch -gehöre das Werk gar nicht zur »nützlichsten Wissenschaft«. Da aber -Klopstock in Deutschland große Achtung genieße und ein enthusiastisches -Publikum habe, sei die Sache als ein »ersprießlicher Einfluß in -Staatsangelegenheiten« zu betrachten, und man könne deshalb wohl eine -goldene Kette oder Medaille daranwenden. Auf keinen Fall aber dürfe -in der Widmung die darin enthaltene Spitze gegen Friedrich den Großen -wegen seiner Verleugnung deutscher Literatur stehenbleiben, weil -dadurch »der auch für andere Souveräne zu tragenden Achtung zunahe -getreten werde«. - -Daraufhin nahm der Kaiser auf rein amtlichem Wege die Widmung an -und schenkte dem Dichter als »Gnadenpfennig« sein Medaillonporträt -in Brillanten. Im übrigen aber hatte dieser Akt für Klopstock keine -weiteren Folgen, als daß er sich der Zensur des Kaisers, der damals -noch seinen Zeitgenossen Friedrich bewunderte, ausgesetzt hatte und -sich ihr wohl oder übel unterwerfen mußte. Denn er gab sich noch -lange der Täuschung hin, daß der Kaiser schließlich doch seinen Plan -durchführen werde. - - -Josephinismus. - -Der Vorfall mit Klopstock ist bezeichnend: es fiel Joseph nie ein, sich -als Gönner der deutschen Literatur aufzuspielen. So sehr er Friedrich -den Großen verehrte, über den Verse drechselnden König lächelte er -nur, und Gelehrte, die Bücher schrieben, galten ihm als gewinnsüchtige -Geschäftsleute. Für das »Federvieh« hatte er wenig übrig, und in -verdrießlicher Stimmung nannte er den Buchhandel »ebenbürtig dem -Käsehandel«. Daß ihn Aloys Blumauers Travestierung der »Aeneide« -höchlichst belustigte, richtet seinen Geschmack. Ebenso wie seine -Mutter begünstigte er den Büchernachdruck, weil dadurch zum Nutzen -der heimischen Industrie viel Geld umgesetzt wurde, und als er seine -Grundregeln für die Zensurreform entwarf, war sein oberster Leitsatz: -Besser, daß ein paar schlechte Bücher unter die Leute kommen, als daß -durch übertriebenen Zwang ein »wesentlicher Handlungszweig« lahmgelegt -wird. Den Volkswohlstand zu fördern, war nach dem Siebenjährigen -Krieg die Losung der österreichischen Regierung. Wissenschaft und -Kunst um ihrer selbst willen zu schützen, kam Joseph gar nicht in den -Sinn, er hatte durchaus praktisch-politische Ziele: Vereinfachung -der Regierungsgeschäfte durch Zentralisation und Gleichmäßigkeit, -Entlastung der Beamten, Verminderung ihrer Zahl und damit Ersparnis an -Gehältern, Förderung der einheimischen Industrie auf allen Gebieten -und die dafür notwendige Hebung der Volksbildung. Mit gerechtem Neid -sah Joseph das Emporblühen der protestantischen Nachbarstaaten, -besonders Preußens. Gesunde Aufklärung und religiöse Toleranz, das sah -er, machten unzählige wirtschaftliche Kräfte frei, die bisher durch -veraltete, von der Kirche eifersüchtig gehütete Gesetze verkümmert -waren. Diese Kräfte sollten nun mit einem Schlag geweckt werden. Wenn -er zu diesem Zweck den Kampf aufnahm gegen Privilegien des Adels und -der Kirche, gegen Standesvorurteile und Aberglauben, Kurpfuscher und -Alchimisten, Teufelsaustreiber und Geisterbeschwörer und den ganzen -mittelalterlichen Spuk, der sich in Kirchen- und Klosterwinkeln unter -religiösem Gewande hartnäckig zu erhalten wußte, so war die bisher -verfehmte Aufklärung, die Errungenschaft der Naturwissenschaft und -Philosophie, seine gegebene Bundesgenossin. Die geistliche Zensur hatte -sie bisher des Landes verwiesen; also mußte die Zensur geändert werden. -Nicht um der schönen Augen der deutschen Schriftsteller und Dichter -willen, sondern aus rein praktischen Erwägungen. - -Daß die Literatur selbst durch diese freiere Regung des geistigen -Lebens unendlich viel gewann, darüber hat Joseph sich niemals -weiterdenkenden Betrachtungen hingegeben. Das war ein Verdienst, das -seiner Politik ohne, vielleicht gegen ihren Willen in den Schoß fiel. - - -Zensurreform in Österreich. - -Nach dem Tode seiner Mutter (29. Nov. 1780) fühlte sich Joseph frei von -den drückenden Fesseln, die er bis dahin als guter Sohn getragen hatte, -und sofort ging er daran, den dumpfen Geistesbann zu lösen, der wie ein -Dornröschenschlaf Österreich gefangenhielt. - -Zunächst hob er die bisherigen Zensurkommissionen auf und ersetzte sie -durch eine einzige Bücherzensur-Hauptkommission in Wien. Ihr übergab -er die von ihm selbst entworfenen »Grundregeln zur Bestimmung einer -ordentlichen künftigen Bücherzensur«, und am 13. Oktober 1781 erschien -ein neues Zensurgesetz. - -Verboten sollte nach des Kaisers Willen nur mehr das sein, was -»unsittliche Auftritte und ungereimte Zoten« enthielt, die katholische -und überhaupt die christliche Religion systematisch verfolgte und -lächerlich machte oder den Staat und den Landesfürsten »geradezu auf -eine gar anstößige Art« angriff. Im übrigen aber sollte der Grundsatz -gelten: »Kritiken, wenn es nur keine Schmähschriften sind, sie mögen -nun treffen wen sie wollen, vom Landesfürsten bis zum Untersten, -sollen, besonders wenn der Verfasser seinen Namen dazu drucken läßt und -sich also für die Wahrheit der Sache dadurch als Bürgen dargestellt, -nicht verboten werden, da es jedem Wahrheitliebenden eine Freude sein -muß, wenn ihm solche auf diesem Wege zukommt.« - -Mit dem, was der »große Haufen« oder »schwache Köpfe« lesen, bestimmte -Joseph, soll man streng, um so nachsichtiger aber mit gelehrten Werken -sein, die nur »schon bereiteten Gemütern« und »standhafteren Seelen« in -die Hände kommen. Einzelner anstößiger Stellen wegen braucht man also -wissenschaftliche Werke und Zeitschriften nicht zu verbieten. - -Der bisherige Katalog verbotener Bücher wurde einer gründlichen -Revision unterzogen. Zahlreiche hervorragende Schriften von Abbt, -Basedow, Bernis, Bodmer, G. A. Bürger, Chesterfield, Goethe, Haller, -Home, Jacobi, Moses Mendelssohn, Schroeckh, Süßmilch, Zimmermann, -Yorick (Sterne) und anderen wurden nun endlich aus der Haft entlassen. -Was man bisher nur Gelehrten oder Protestanten »~erga schedam~« (gegen -besondern Erlaubnisschein) zu lesen gab, wurde alles freigegeben; die -unbedingt verbotenen Werke wurden einer nochmaligen Zensur unterworfen -und daraufhin ein neuer Katalog der verbotenen Bücher angefertigt. - -Was verboten blieb oder neu verboten wurde, sollte jetzt nicht mehr -vernichtet, sondern in die Bibliotheken eingestellt werden, so daß -es Gelehrten »~erga schedam~« zugänglich blieb. Protestantische -Religionsbücher zu kirchlichen Zwecken durften frei verkauft werden; -das galt auch für unkatholische Volksliteratur, Erbauungsbücher, -Hauspostillen und dergleichen, in den Landesteilen wie Ungarn und -Schlesien, wo der Protestantismus geduldet war; in Österreich -selbst und den Provinzen, wo der Katholizismus noch die einzige -staatlich anerkannte Religion war, durfte solche Volksliteratur der -andersgläubigen Bevölkerung wenigstens »~erga schedam~« geliefert -werden. Auch diese Beschränkung wurde bald darauf beseitigt. - - -Kaiser Josephs Volkszensur. - -Für die Zensur der in den Erblanden zum Druck kommenden Manuskripte -erfand Joseph eine Neuerung, die seinen Scharfsinn ins hellste Licht -setzt und mit sicherer Hand den Lebensnerv des ganzen Zensurproblems -berührt; sie befreite die ängstliche, um Amt und Brot besorgte -Bürokratie von einem Teil ihrer Verantwortung und schuf neben -ihr einen weiten Areopag gänzlich unabhängiger Männer, die keine -Berufszensoren waren, auch nicht von Staats wegen ernannt, sondern -- -_von den Schriftstellern selbst gewählt_ wurden! - -Kein Manuskript, so bestimmte Josephs Gesetz, soll von der -Zensurbehörde zur Prüfung angenommen werden, wenn es nicht schon -eine Bescheinigung irgendeines sachkundigen Gelehrten oder einer -angesehenen Persönlichkeit mitbringt, die bekundet, daß in dem neuen -Werk nichts gegen die guten Sitten, die Religion und die Landesgesetze -enthalten, »dasselbe demnach dem gesunden Verstande angemessen« -ist. Diesen seinen Vorzensor konnte sich jeder Schriftsteller unter -seinen Freunden und Gönnern suchen, er konnte auch mehrere in -Anspruch nehmen, wenn ihm die Ansicht des ersten nicht behagte, und -da diese freigewählten Zensoren keinerlei Verantwortung traf, war -die Unbefangenheit ihres Urteils gesichert. So verwandelte Joseph -die bisherige ausschließliche Beamtenzensur in eine Art Volkszensur, -denn das Urteil eines unabhängigen, angesehenen Mannes konnte auf die -entscheidende Zensurbehörde nicht ohne Einfluß sein. Er wies damit auf -einen Ausweg aus der Sackgasse der Zensur hin, der zu einer Lösung des -ganzen Problems führen konnte, leider aber von spätern Gesetzgebern nie -betreten worden ist. - - -»Wen's juckt, der kratze sich!« - -Einen sympathischen Zug hatte Joseph mit seinem großen Zeitgenossen -Friedrich II. gemeinsam: er besaß eine sehr geringe Empfindlichkeit -im Punkte der Majestätsbeleidigungen. »Ich habe eine heile Haut,« -pflegte er zu sagen, »wen's juckt, der kratze sich!« Nicht nach -dem vorschnellen Urteil der Broschürenschreiber, sondern auf Grund -seiner Handlungen hoffte er beurteilt zu werden, und als er 1780 -den lutherischen Historiker M. I. Schmid als Direktor des Hof- und -Staatsarchivs nach Wien berief, legte er ihm dringend nahe, in seinen -Geschichtswerken niemanden zu schonen, am wenigsten ihn selbst. -»Die Fehler meiner Vorfahren und meine eigenen sollen die Nachwelt -belehren«, war sein Wahlspruch. Als man ihn einmal auf eine eben -erschienene neue Schmähschrift gegen ihn aufmerksam machte, antwortete -er: »Es ist mir gleich, ob man Gutes oder Schlimmes von mir spricht; -dem einen wird sie gefallen, dem andern mißfallen. Wenn man sich nur -selbst nichts vorzuwerfen hat. Die innere Ruhe ist ein Gut, das man -nicht nehmen und geben kann.« - - -Ein Zensurgespräch zwischen Kaiser und Erzbischof. - -Gleichzeitig mit dem neuen Zensurgesetz erschien Josephs berühmtes -Toleranzedikt, das den Protestanten und nichtunierten Griechen freie -Religionsübung in allen Ländern des Kaiserstaates zusicherte. Dies -und die übrige reformatorische Tätigkeit des Kaisers, die Aufhebung -zahlreicher Klöster, die Auflösung der Orden, die sich keiner -gemeinnützigen Tätigkeit widmeten, die Bevorzugung der Weltpriester -usw. veranlaßte den Papst Pius VI., 1782 persönlich nach Wien zu -kommen, um Einspruch zu erheben. Dieses Ereignis rief eine Fülle von -Schriften hervor, deren meist anonyme Verfasser die ihnen soeben erst -gewährte größere Meinungsfreiheit weidlich ausnützten. Zahlreiche -dieser Broschüren unter dem Titel »Was ist der Papst?«, »Was ist die -Kirche?«, »Was ist der Teufel?« usw. ließen an Deutlichkeit dessen, -was man bisher in Österreich-Ungarn nie hatte sagen, geschweige denn -drucken dürfen, nichts zu wünschen übrig; die meisten wurden sogleich -auch ins Ungarische übersetzt. Der Erzbischof von Calocza, Baron -Patachich, hoffte daher beim Kaiser Joseph Verständnis für seine und -der Geistlichkeit Entrüstung über diese massenhaften Auswüchse der -Preßfreiheit zu finden. Bei dieser Audienz entwickelte sich folgendes -Gespräch: - -_Kaiser_: »Nun itzt wird hier auch allerley geschrieben und die Leute -fangen an freyer und aufgeklärter zu dencken und zu schreiben.« - -_Erzbischof_ (mit aufgehobenen Händen): »Ach du lieber Gott! ja -leider wird nur mehr als zu viel geschrieben, und ich bitte E. M. um -Gottes willen diesem Frevel einhalt zu thun, durch den selbst Ew. M. -geheiligte Person gemißbraucht wird.« - -_Kaiser_: »Ey warum -- lesen Sie die brochuren die heraus kommen?« - -_Erzbischof_: »Ich lese sie alle und muß sie kraft meines Amtes lesen, -damit ich sehe, ob denn diese Leute auch etwas Neues sagen und ob die -Gefahr, in die solche Schriftsteller die Kirche setzen, von würklichen -Folgen seyn kann.« - -_Kaiser_: »Man muß schon die Leute reden lassen, verschonen sie doch -mich auch nicht, sie haben ja gar auch ein Buch herausgegeben, wo sie -mich mit Luthern zusammensetzten -- haben Sie das auch gelesen?« - -_Erzbischof_: »Ach ja wohl -- habe ichs gelesen und bin erstaunt, wie -sich der Verfasser so entsetzlich an Ew. M. vergehen kann. Der Tittel -ist schon Majestät beleidigend, ›Kaiser Joseph und Luther‹; dann -erzählt er alles, was Luther in seinem sogenannten Reformations-Wercke -gethan hat, nennt ihn durch das ganze Buch ~NB.~ den seligen Luther und -endlich schließt er damit: so weit sey der sel. Luther gekommen, nun -wäre es Kaiser Joseph aufgehoben, das vollends auszuführen, was jener -angefangen oder nur zum Theil vollbracht habe.« - -_Kaiser_: »Ich habe aber das Buch in die Censur geschickt, und man hat -mir gesagt, daß nichts unanständiges darinn sey.« - -_Erzbischof_: »Das ists eben Ew. Majestät, die Censur --« - -_Kaiser_: »Ja aber ich habe es der Theologischen Fakultät und besonders -dem Rautenstrauch [Abt von Braunau], der doch ein geschickter Mann in -theologischen Sachen seyn soll, geschickt.« - -_Erzbischof_ (mit Achselzucken): »Ja eben das ist das Unglück, ich will -den Prälat Rautenstrauch nicht verachten, aber --« - -_Kaiser_: »Ja, wenn _diese_ Leute es nicht verstehen, da kann ich mir -weiter nicht helfen.« - -»Danach wurde«, meldet der Berichterstatter, »der Discours auf etwas -anderes gelenckt und weiter dem Erzbischof mit vieler Höflichkeit die -Gelegenheit benommen, von dieser Materie wieder anzufangen.« - - -Preßfreiheit in Wien. - -Im Mai 1786 ging Joseph noch einen Schritt weiter. Mehrfach war es -vorgekommen, daß Drucker statt der Handschrift den schon abgesetzten -Text an die Zensurbehörde geschickt hatten. Das erschien dem Kaiser -überaus praktisch: ein gedruckter Text las sich besser als eine -schlechte Handschrift, und der Verleger gewann dadurch Zeit, er konnte -schneller mit einem neuen Buche erscheinen und bessere Geschäfte -machen. Aus diesen rein praktischen Erwägungen heraus erlaubte der -Kaiser jetzt den Wiener Verlegern, ihre Bücher auf eigene Gefahr -drucken zu lassen. Das erste fertige Exemplar aber mußte der -Zensur eingereicht, und vor der Genehmigung durfte das Werk nicht -ausgegeben werden. Wurde es dann von der Zensur verboten, so mußte der -Drucker für jedes dennoch im Inland verbreitete Exemplar 50 Gulden -Strafe zahlen. Ursprünglich wollte Joseph dieses Vergehen sogar mit -körperlicher Züchtigung ahnden, was ihm aber der damalige Präsident der -Zensurhofkommission auszureden wußte. - -Tatsächlich schuf Joseph durch diese Verfügung einen Zustand, der einer -Preßfreiheit sehr nahe kam. Denn nun erst kam den Schriftstellern die -frühere Bestimmung zugute, daß ein sonst nützliches Werk einzelner -anstößiger Stellen wegen nicht verboten werden durfte; sie konnten -sich also manches zu drucken getrauen, was in der Handschrift von dem -ängstlichen Zensor zweifellos getilgt worden wäre. Und wenn wider -Erwarten ein Buch dem Verbot verfiel, durfte es zwar in Österreich -nicht verbreitet werden; die schon gedruckte Auflage blieb aber -Eigentum des Verlegers, und nach dem Ausland durfte er sie ungehindert -verkaufen. Für Bücher, die nur im Ausland verbreitet wurden, hatten -also die österreichischen Schriftsteller völlige Preßfreiheit. -Verantwortlich blieben sie natürlich immer für die strafrechtlichen -Folgen ihrer Werke, wie ja Preßfreiheit niemals und nirgends mit -Gesetzlosigkeit zu verwechseln ist. - - -Das Ende der Wiener Preßfreiheit. - -Drei Jahre dauerte die Wiener Preßfreiheit, dann machte ein Federstrich -Josephs ihr wieder ein Ende. - -Unlautere Elemente hatten sie arg mißbraucht, und die Fälle, daß -Bücher umliefen, die der Zensurbehörde gar nicht vorgelegt worden -waren, mehrten sich. Die Masse der schnell fertigen Skribenten, der -Wiener »Büchelschreiber«, die Tagesfragen in seichten Broschüren -erörterten, widerte den Kaiser an; besonders verhaßt waren ihm die -zahllosen anonymen und pseudonymen Machwerke dieser Art, ohne daß er -sich jedoch entschließen konnte, ihnen völlig den Garaus zu machen; es -waren immerhin etliche »nützliche« Schriften darunter, deren Verfasser -einleuchtende Gründe für die Verschweigung ihres Namens beibrachten. - -Ob der ungeduldige Reformator, der niemals die Ernte seiner -Aussaat mit Ruhe erwarten konnte, unter der Enttäuschung über den -mangelnden Aufschwung des österreichischen Schrifttums litt? Diese -sentimentale Note klingt bei ihm nie wieder, wie sich seine nüchternen -Zweckmäßigkeitsgründe ja auch niemals zu hoffnungsvollen Verheißungen -gesteigert hatten. Verbittert war er gewiß durch so manche Fehlschläge -seiner Politik, und der Beginn der Französischen Revolution machte -auf ihn einen um so tieferen Eindruck, als er schon an der Krankheit -hinsiechte, der er am 20. Februar 1790 erlag. - -In dieser Verfassung beherrschten ihn die gereizten Stimmungen -des Augenblicks mehr als je, und die plötzliche Zurücknahme der -Preßfreiheit von 1786 kostete ihn um so weniger Überwindung, als er -sich, das steht nach den Zensurakten fest, 1789 ihrer überhaupt nicht -mehr entsann, sich ihrer kulturellen Bedeutung also wohl nie bewußt -geworden war! Zur größten Bestürzung der Zensurkommission erging er -sich Ende 1789 in Entscheidungen despotischer Willkür und mußte erst -auf die von ihm selbst geschaffenen Gesetze hingewiesen werden. Die -Zeit war aber schon vorüber, wo der Geist der josephinischen Reform -in seinen Beamten einen festen Rückhalt gefunden hatte. Sie gingen -auf die plötzliche Laune des Kaisers bereitwilligst ein, sprachen ihm -von Büchern, die »die Grundfeste aller Religion, aller Sittlichkeit, -aller gesellschaftlichen Ordnung untergraben, die Bande aller Staaten, -aller Nationen aufzulösen fähig sind« und von der »Pflicht gegen die -Menschheit«, der Verbreitung solcher Bücher nach Möglichkeit Einhalt zu -tun. Daraufhin erfolgte im Dezember 1789 des Kaisers neue Verfügung: - -Von jetzt ab darf kein Manuskript mehr ohne vorherige Zensur gedruckt -werden. Für jedes in Umlauf gebrachte Exemplar einer unzensierten -Druckschrift ist wie bisher eine Strafe von 50 Gulden festgesetzt, -im Wiederholungsfall tritt Schließung des Geschäftes hinzu. Wer -aber unzensierte Bücher ins Ausland sendet, wird außerdem mit einer -körperlichen Strafe belegt! - -So bricht dieser Kitzel mittelalterlicher Gewaltherrschaft, der -Trieb zu körperlicher Züchtigung, wie eine Jahre hindurch ehrlich -unterdrückte Leidenschaft in Josephs letzter Zensurverfügung wieder -durch. Obendrein wurde am 20. Januar 1790 der gesamte Hausierhandel mit -Büchern schlankweg verboten. - -Dieser plötzliche Rückschritt zeigt, daß bereits ein anderer als der -frühere josephinische Geist in Österreich wieder mächtig zu werden -begann; die gleichzeitige Reaktion in Preußen wird darauf nicht -ohne Einfluß gewesen sein. Zehn Jahre hatte der freigegebene Kampf -gegen die Kirche sich als trefflicher Blitzableiter aller Opposition -erwiesen: jetzt war seine Kraft erschöpft, und gegen die aus dem Westen -anstürmende Flut der Revolution mußten in Eile neue Dämme aufgeworfen -werden. Bisher hatte Joseph die österreichischen Schriftsteller ihre -schärfsten Pfeile ungehindert ins Ausland verschießen lassen, wenn -nur die Ruhe des Kaiserstaates nicht gestört wurde; in der Abwehr -der Revolution fühlte sich plötzlich auch Österreich mit dem Ausland -solidarisch. Nach kurzer Zeit übernahm es sogar die Führung in diesem -Kampfe und wußte sie fast ein halbes Jahrhundert lang zu behaupten. - - -Der letzte Rest ... - -Ein hohes Verdienst der Zensurreform Josephs ist schließlich noch, daß -sie das Recht des Privateigentums wieder anerkannte, der Polizei und -Geistlichkeit die Schwelle des Privathauses zu achten befahl und damit -die niederträchtige Spionage nach verbotenen Büchern beseitigte. In -seinen Grundregeln hatte der Kaiser mit derben Worten den unwürdigen -Gebrauch gebrandmarkt, »jedem Reisenden, jedem Inländer, der nur -von seinen Landgütern in eine Stadt kömmt, alle seine Truhen und -Bett-Säcke zu durchsuchen, um entweder ein Buch zum Verbrennen zu -finden oder ein hier noch nicht bekanntes zu censuriren«, und wenn -auch das Zensurgesetz selbst keine ausdrückliche Bestimmung darüber -enthielt, so beschränkte der Wille des Kaisers von da ab die Vollmacht -der Zensurbehörden auf den öffentlichen Bücherhandel. Verbotene -Bücher waren von nun an in den Händen ihrer rechtmäßigen Besitzer und -im Koffer der Reisenden unantastbar, wenn sie nicht als Handelsware -dienten, und verfielen erst wieder der Beschlagnahme, wenn sie -öffentlich weiterverkauft werden sollten. - -Diese Bestimmung ist die _einzige_ von Josephs Zensurreform, die _auf -die Dauer_ bestehen blieb. Alle übrigen wurden bald nach seinem Tode -ebenso geräuschlos wie gründlich beseitigt, als die Furcht vor der -Revolution über die Regierungen ganz Europas hereinbrach. - - - - -3. Des gottseligen Herrn Ministers von Wöllner Blumen-, Frucht- und -Dornenstücke. - - _Visitator._ - - Oeffnet die Coffers. Ihr habt doch nichts contrebandes - geladen? Gegen die Kirche? den Staat? Nichts von - französischem Gut? - - _Goethe-Schiller_, »_Xenien_«. (1797.) - - -Preßfreiheit und Preßfrechheit. - -Ganz anders als unter Friedrich dem Großen pfiff der Wind unter -seinem Nachfolger Friedrich Wilhelm II. (1786--1797), nach dessen -Regierungsantritt es bereits in Frankreich bedenklich zu kriseln -begann. Unter dem Einfluß seines bigotten Justiz- und Kultusministers -von Wöllner, der den freisinnigen Minister von Zedlitz abgelöst hatte, -erließ der neue Herr zunächst das Religionsedikt vom 9. Juli 1788, das -der friderizianischen Aufklärung den Krieg bis zum Äußersten ansagte -und die auch den morschen Staatsgebäuden gefährliche Aufklärung mit -Stumpf und Stiel ausrotten sollte. - -Gegen dieses mit dem Geist des Protestantismus unvereinbare -Religionsedikt lehnten sich sogar fünf Mitglieder des Oberkonsistoriums -auf; der ehrwürdige Propst Spalding an der Nikolaikirche und Propst -Teller an St. Petri dankten seinetwegen ab, und die gesamte Presse -machte heftig dagegen mobil. Um ihr den Mund zu stopfen, sahen der -König und Wöllner kein anderes Mittel als ein neues Zensurgesetz, -dessen Bearbeitung am 10. September 1788 dem Großkanzler von Carmer mit -folgenden Worten aufgetragen wurde: - -»Da Ich auch vernehme, daß die Preßfreiheit in Berlin in Preßfrechheit -ausartet, und die Bücher-Censur völlig eingeschlafen ist, mithin gegen -das Religions Edict allerlei aufrührerische Schriften gedruckt werden, -so habt ihr gegen den Buchdrucker und Buchhändler sofort ~fiscum~ zu -excitiren, und Mir übrigens Vorschläge zu thun, wie die Büchercensur -auf einen bessern Fuß eingerichtet werden kann. Ich will Meinen -Unterthanen alle erlaubte Freiheit gern accordiren; aber Ich will auch -zugleich Ordnung im Lande haben, welche durch die Zügellosigkeit der -jetzt sogenannten Aufklärer, die sich über alles wegsetzen, gar sehr -gelitten hatt.« - -Durch diese Kabinettsorder Friedrich Wilhelms II. ist der Gleichklang -»Preßfreiheit -- Preßfrechheit« geflügelt geworden. - - -Das »Erneuerte Censur-Edict« von 1788. - -Neue Besen kehren gut. Schon zwei Monate später war das befohlene -Zensurgesetz fertig und wurde am 19. Dezember 1788 vom Könige -unterzeichnet. Es ist schon dadurch von besonderer Bedeutung, daß es -bis 1819 gültig und darüber hinaus von vorbildlicher Wirkung blieb, -obgleich das berüchtigte Religionsedikt, dessen dornenvollen Weg es -ebnen sollte, 1797 wieder aufgehoben wurde. - -Dieses erneuerte Zensuredikt erkannte zwar »die großen und -mannigfaltigen Vortheile einer gemäßigten und wohlgeordneten -Preßfreyheit zur Ausbreitung der Wissenschaften und aller -gemeinnützigen Kenntnisse« an und wollte ebenfalls »keinesweges eine -anständige, ernsthafte und bescheidene Untersuchung der Wahrheit -hindern oder sonst den Schriftstellern irgend einen unnützen und -lästigen Zwang auflegen«. Der Vorbehalt »bescheiden« ist neu, -Friedrichs Zensurgesetz von 1772 führt ihn noch nicht, und er gehört -von jetzt an zum regelmäßigen Wortschatz solcher Verfügungen. - -Aber eine »gänzliche Ungebundenheit der Presse«, klagt der -Gesetzgeber, werde »besonders in den sogenannten Volksschriften -häufig von unbesonnenen oder gar boßhaften Schriftstellern mißbraucht -zur Verbreitung gemeinschädlicher praktischer Irrthümer über die -wichtigsten Angelegenheiten der Menschen, zum Verderbniß der Sitten -durch schlüpfrige Bilder und lockende Darstellungen des Lasters, -zum hämischen Spott und boßhaften Tadel öffentlicher Anstalten und -Verfügungen, und zur Befriedigung niedriger Privat-Leidenschaften, der -Verläumdung, des Neides und der Rachgier, welche die Ruhe guter und -nützlicher Staatsbürger stöhren, auch ihre Achtung vor dem Publiko -kränken«. - -Um solchen Männern, denen es nicht um die Wahrheit zu tun sei, -sondern die nur aus Gewinnsucht oder aus andern Nebenabsichten die -Schriftstellerei ausübten, das Handwerk zu legen, sei es nötig, -das ganze Literaturgewerbe der öffentlichen Aufsicht und Leitung -des Staates zu unterstellen, um allem zu steuern, »was wider die -allgemeinen Grundsätze der Religion, wider den Staat, und sowohl -moralischer als bürgerlicher Ordnung entgegen ist, oder zur Kränkung -der persönlichen Ehre und des guten Namens anderer abzielet«. Daher -dürfe kein Buch ohne Erlaubnis der Zensur gedruckt oder verkauft werden. - -Die Ausübung der Zensur wurde jetzt nicht mehr einer besonderen -Kommission und bestimmten Personen anvertraut, was sich schon -früher als unpraktisch erwiesen hatte, sondern ganzen Kollegien, -die ihrerseits einen Zensor stellen mußten. Die Zensur der -theologischen und philosophischen Schriften wurde den Konsistorien, -die der juristischen dem Kammergericht bzw. den Regierungen und -Landesjustizkollegien, die der medizinischen den jeweiligen -Medizinalkollegien und die der staatswissenschaftlichen Schriften dem -Departement des Äußern übertragen. - -Die Zensur der schönen Literatur (»Wochen- und Monatsschriften -vermischten Inhalts, gelehrte Zeitungen, oeconomische Aufsätze, -Romane, Schauspiele und andere kleine Schriften«) blieb Aufgabe der -Universitäten oder der Landesjustizkollegien; letztere hatten wie -bisher auch die Verantwortung für die politischen Zeitungen, die nur in -Berlin ebenfalls dem Departement des Äußern unterstanden. Da außerhalb -des lokalen Teils der Inhalt der Provinzzeitungen damals noch ganz von -dem der Berliner abhing, war also durch die Berliner Zensur auch die -preußische Provinzpresse besorgt und aufgehoben. - - -Die Wöllnersche Note. - -Man pflegt gemeinhin das »Erneuerte Censur-Edict« mit dem berüchtigten -Religionsedikt in einen Topf zu werfen und beide mit dem Namen des -Ministers Wöllner zu bezeichnen, den Friedrich der Große mit den -Worten charakterisiert hatte: »Der Wöllner ist ein betrügerischer und -intriganter Pfaffe, weiter nichts.« So lautete eine der lapidaren -Randbemerkungen des Königs an einem Gesuch der Familie Itzenplitz, die -1765 für ihren bisherigen Hauslehrer, jetzigen Schwiegersohn Wöllner -den Adel erbeten hatte. Es war eine der ersten Regierungshandlungen -Friedrich Wilhelms II., seinem Günstling diese Standeserhöhung zu -gewähren. - -Daß der Wortlaut des Zensurediktes von 1788 nicht von Wöllner stammt, -sondern von dem berühmten damaligen Juristen Svarez, dem Reformator -des gesamten preußischen Justizwesens, berichtete schon Fr. Nicolai -in seinen »Gedanken über die Verbesserung der Einrichtung der Censur« -1801; ihm gestand auch Svarez zu, daß er, »da er die Sache nicht -ändern konnte«, sie wenigstens durch Weglassung und ungenaue Fassung -einiger Paragraphen zu mildern gesucht habe, »um einer günstigen -Auslegung Platz zu lassen«. Damit gab er indirekt Wöllners bestimmenden -Einfluß zu, der sich ja auch aus der ganzen Sachlage von selbst ergab. -Zweifellos bildet die gemäßigte Form des Zensurediktes, wie Svarez' -Biograph Stölzel sagt, »einen scharfen Kontrast zu der gereizten, -wenig objektiven Sprache des Religionsediktes. Dort redet Svarez, hier -Wöllner«. Auch die Gründlichkeit des neuen Gesetzes verrät überall die -sorgsam überlegte Arbeit eines erfahrenen Juristen. - -Aber war das Edikt von 1788 wirklich nur eine »Erneuerung« der -Zensurvorschriften Friedrichs des Großen? »Wenn man's so hört, möcht's -leidlich scheinen.« Aber wenn man die Einzelheiten genau betrachtet, -fallen doch mehrere sehr wichtige Änderungen auf. - -Daß in der moralisierenden Einleitung, durch deren schlechten Stil -ein Wöllnerscher eigener Entwurf durchzuschimmern scheint, dem -erst aufwachsenden selbständigen Schriftstellerberuf noch keine -Existenzberechtigung zugestanden wird, ist nur ein Zeichen der Zeit. -Über dieses »Gewerbe« dachte der alte Fritz kaum anders. Aber die -neue Verfügung rüttelte an einer der Grundfesten seines Gesetzes von -1772, indem sie die Zensur der wichtigsten aller Disziplinen, der -philosophischen, dem Fachgelehrten wieder entzog und den Konsistorien -überwies, also die unter Friedrich durchgesetzte Fachzensur zum -wesentlichen Teil wieder in eine geistliche Zensur verwandelte. Diese -Neuerung war zweifellos die am tiefsten einschneidende. - -Es finden sich aber noch andere. Die Zensurfreiheit der Akademiker -blieb zwar bestehen, aber sie wurde jetzt beschränkt auf Schriften -»über Gegenstände derjenigen Classe, bei welcher sie angesetzt sind«, -galt also nur mehr für die Fachschriften. Wenn sich demnach etwa ein -Mediziner der Akademie auf das Gebiet der Philosophie oder Religion -verirrte, war er keineswegs mehr immun, sondern hatte sich über diesen -Schritt vom Wege wie jeder andere vor der Zensur des zuständigen -Kollegiums zu verantworten. - -Die »historischen Schriften« des alten Zensurgesetzes nennt das -erneuerte überhaupt nicht mehr. Aber vergessen waren sie nicht, -sondern ganz unauffällig in einen andern Paragraphen geschoben: -neben den politischen mußten jetzt auch »alle in die Reichs- und -Staatengeschichte einschlagenden Schriften« dem auswärtigen Departement -vorgelegt werden. Man wollte jetzt auch die Literatur schärfer -beaufsichtigen, die unter dem Gewande der Geschichte oft sehr unbequeme -Politik trieb. - -Aus diesen sehr bedeutenden Verschärfungen des Zensurediktes von 1788 -klingt die Wöllnersche Note deutlich hervor, und wenn die unkritische -öffentliche Meinung den bigotten Minister zum Vater auch des -Zensurediktes machte, so sollten ihr die nächsten Ereignisse doppelt -recht geben: denn nicht der Wortlaut macht die Schärfe eines Gesetzes, -sondern seine Anwendung. - - -Prometheus. - - Prometheus hatte kaum herab in Erdennacht - Den Quell des Lichts, der Wärm' und alles Lebens, - Das Feuer, vom Olymp gebracht, - Sieh, da verbrannte sich -- denn Warnen war vergebens -- - Manch dummes Jüngelchen die Faust aus Unbedacht. - Mein Gott! Was für Geschrei erhuben - Nicht da so manches dummen Buben - Erzdummer Papa, - Erzdumme Mama, - Erzdumme Leibs- und Seelenamme! - Welch Gänsegeschnatter die Klerisei, - Welch Truthahngekoller die Polizei! -- - - Ist's weise, daß man dich verdamme, - Gebenedeite Gottesflamme, - Allfreie Denk- und Druckerei? - - _Gottfried August Bürger._ 1789. - - -Die gehörige Bescheidenheit. - -Einer der ersten, die das Recht des Königs, für die »ursprüngliche -Reinigkeit« der Religion zu sorgen, nachdrücklich bestritten, -war ein in Berlin lebender Hamburger, ~Dr.~ Würzer, der in seinen -»Bemerkungen über das preußische Religions-Edict nebst einem Anhang -über Preßfreiheit« (Berlin, 1788) jede Einwirkung des Staates auf -die Entwicklung der Religion und jede Maßregel gegen die Aufklärung -als unzulässig nachwies und auch an dem Stil des Ediktes, an seinen -Ausdrücken »Dreistigkeit und Unverschämtheit«, scharfe Kritik übte. - -Er wurde verhaftet und vom Kammergericht zu sechs Wochen Gefängnis -verurteilt, aber nicht seiner theologischen Überzeugung wegen, sondern -weil er diese nicht mit der »gehörigen Bescheidenheit« vorgetragen -und die Achtung vor dem Monarchen verletzt habe. Er hatte es nämlich -gewagt, seine Streitschrift dem Könige zu widmen und ihm ein Exemplar -zu überschicken. - - -Das Kammergericht gegen Wöllner. - -Von der erhofften heilsamen Wirkung des neuen Zensurgesetzes war -Wöllner sehr bald bitter enttäuscht, denn die jetzt mit der Zensur -beauftragten Kollegien, sogar die Konsistorien, arbeiteten ihm wenig -zu Dank. Er sorgte deshalb mehrfach durch Kabinettsorders, die der -König meist ungelesen zu unterzeichnen pflegte, dafür, daß über seine -Auslegung des Zensurediktes und die von ihm bezweckte Anwendung kein -Zweifel mehr bestehen konnte. - -Zur bessern Kontrolle der Rechtgläubigkeit hatte König Friedrich -Wilhelm II. die Einführung eines allgemeinen Landeskatechismus -befohlen, die bei der Geistlichkeit auf ebenso starken Widerstand -stieß wie das Religionsedikt. Eine in Züllichau erschienene anonyme -Abhandlung war _für_ den Landeskatechismus eingetreten, und der -Berliner Prediger Gebhard schrieb eine Entgegnung darauf, die vom -Berliner Oberkonsistorium die Druckerlaubnis erhielt. Kaum aber war sie -erschienen, so verbot Wöllner als Chef des geistlichen Departements dem -Verleger Joh. Christ. Unger den Verkauf der Gebhardschen Schrift bei -100 Dukaten Strafe für jedes Exemplar. Außerdem erhielt der schuldige -Zensor, der Oberkonsistorialrat Zöllner, einen derben Verweis, weil -er eine »Scharteke« zugelassen habe, die die geplante Einführung des -Landeskatechismus als unnötig, unnütz und sogar schädlich bezeichnete, -also einen sträflichen Tadel landesherrlicher Verordnungen und wenig -Achtung vor königlichen Befehlen enthalte. - -Wer zahlte nun dem Verleger seine Unkosten zurück? Daß die Zensoren -selbst sich so gröblich irren konnten, hatte der Gesetzgeber nicht -vorgesehen. Wöllner riet dem Verleger ironisch, er möge sich an -Verfasser und Zensor halten, und Unger folgte seinem Rat, wohl -um über diese noch mehrfach zu befürchtende Streitfrage eine -Gerichtsentscheidung herbeizuführen. - -Aufs neue bewährte das preußische Kammergericht seinen alten Ruf -unbestechlicher Gerechtigkeit. Die Klage gegen den Verfasser nahm es -gar nicht an, da dieser ja sein Buch ordnungsgemäß der Zensur vorgelegt -hatte, und die Klage gegen den Zensor wies es kostenpflichtig ab. -Die Kritik auch schon bestehender, »von der Regierung beliebter« -Staatseinrichtungen, so erklärte es in seiner Urteilsbegründung, -sei nicht nur Recht, sondern Pflicht jedes, der sich zu Belehrungen -der Staatsmänner berufen glaube, sonst würden »alle Kompendien der -Staatswissenschaft unter die verbotenen Bücher, und Plato, Montesquieu -und Thomasius unter die Staatsverbrecher gehören«. Wenn jemals über -Gesetze und öffentliche Anstalten mit Nutzen geschrieben werden könne, -so sei es gewiß zu der Zeit, da sie eben entworfen würden. Zöllner -habe deshalb als Zensor nur seine Pflicht erfüllt und verdiene statt -eines Tadels »_öffentlichen Dank_, daß er ohne Nebenabsichten, als ein -gewissenhafter und verständiger Staatsdiener, seine Stimme gegeben, -und so viel an ihm ist, die Rechte der Vernunft und die mit ihnen -verbundene Ehre der Preußischen Regierung aufrecht erhalten« habe. -Protokollführer bei dieser denkwürdigen Sitzung des Kammergerichts war -der damalige Referendar Wilhelm von Humboldt. - - -Die Grenzen der Wirksamkeit des Staates. - -Vorfälle dieser Art waren es, die einen Augen- und Ohrenzeugen des -Unger-Zöllnerschen Prozesses, eben jenen Referendar am Kammergericht -Wilhelm von Humboldt, mit einem so starken Ekel gegen alle -Vielregiererei erfüllten, daß er im Sommer darauf dem preußischen -Staate den Dienst aufsagte, um sich einem freien Schriftstellerleben -innerlichster Arbeit und geistigster Selbsterziehung hinzugeben. Seine -Mittel erlaubten ihm das. Die Entwicklung der eigenen Individualität, -das hatte ihn seine kurze Beschäftigung an der Staatsmaschine -gelehrt, ist unmöglich ohne die ungebundenste Freiheit. Diese ist -daher das ursprüngliche Recht, das Naturrecht des Menschen, ohne -die er sein Ziel, sich selbst in seiner Eigentümlichkeit voll und -ganz zu entwickeln, nicht erreichen kann. Der Staat aber tötet die -Individualität, schwächt die Energie, die Haupttugend des Menschen, und -hindert durch die Gleichmachung aller den einzelnen an der Erfüllung -seiner individuellen Bestimmung. - -Deshalb soll der Staat nur soweit bestehen, als er schlechterdings -nicht zu entbehren ist. Er hat die »Sicherstellung der Bürger gegen -sich selbst und gegen auswärtige Feinde« zu besorgen, im übrigen -aber sich aller Maßregeln zu enthalten, die mit jener Aufgabe nicht -unmittelbar zusammenhängen. Jeder weitere Versuch, »direkt oder -indirekt auf die Sitten und den Charakter der Nation« einzuwirken, -durch Beaufsichtigung der Erziehung, der Religion, der Ehe, des »freien -Untersuchungsgeistes« usw., liegt außerhalb der Wirksamkeit des Staates -und muß daher abgelehnt werden. Jede aufdringliche Sorgfalt des Staates -für das »positive Wohl« der Bürger kann den einzelnen nur schädigen. -Wieviel Raum in diesem Idealstaat für ein Wöllnersches Religionsedikt -oder die Zensur übrigblieb, ergibt sich von selbst. »Wer Dinge äußert«, -lautete eine der wichtigsten Thesen Humboldts, »oder Handlungen -vornimmt, welche das Gewissen oder die Sittlichkeit des andern -beleidigen, mag allerdings unmoralisch handeln, allein, so fern er sich -keine Zudringlichkeit zu Schulden kommen läßt, kränkt er kein Recht.« -Und nur darauf kommt es an. - -Gedanken dieser Art bestürmten Humboldt, den Freund Georg Forsters, -im Herbst des Jahres 1791, während der Posaunenchor der Französischen -Revolution über den Rhein herübertönte. Er entwickelte sie in einem -Briefe, der im Januar 1792 in der »Berlinischen Monatsschrift« erschien -und zu einem lebhaften Meinungsaustausch mit dem Humboldt nahestehenden -Reichsfreiherrn Karl von Dalberg führte, dem damaligen kurfürstlich -mainzischen Statthalter zu Erfurt und späteren Kurfürsten von Mainz, -der ebenfalls von dem Fieber der Vielregiererei ergriffen war. So -entstand Humboldts erste größere Schrift »Ideen zu einem Versuch, die -Gränzen der Wirksamkeit des Staats zu bestimmen«. Mehrere Kapitel -daraus erschienen noch in der »Berlinischen Monatsschrift« 1792 (Stück -10--12), ein anderes in Schillers »Thalia« (Heft 5). Das Ganze aber -wurde erst ein halbes Jahrhundert später, 1851, aus Humboldts Nachlaß -veröffentlicht, und das kam folgendermaßen: - -Humboldt brannte darauf, seine Streitschrift gegen Absolutismus und -Wöllnerschen Despotismus so schnell wie möglich herauszugeben, und -sie sollte in Berlin gedruckt werden. Am 12. September 1792 aber -mußte er dem Freunde Schiller melden: »Der eine Censor verweigerte -sein Imprimatur ganz, der andere hat es zwar ertheilt, allein nicht -ohne Besorgnis, daß er [genau so wie der Konsistorialrat Zoellner] -deshalb noch künftig in Anspruch genommen werden könne. Da ich nun alle -Weitläufigkeiten dieser Art in den Tod hasse, so bin ich entschlossen, -die Schrift außerhalb drucken zu lassen.« Der geschäftskundige Schiller -sollte einen Verleger ausfindig machen und, wie Humboldt wünschte, eine -Vorrede dazu schreiben, da es ihm besonders wertvoll erschien, wenn ein -Mann von Schillers Geist, »ohne vorhergehendes eigentliches Studium -dieser Materien, und also von ganz anderen, neuen und originellen -Gesichtspunkten ausgehend, diesen Gegenstand behandelte«. - -Der Verlag Göschen, an den sich Schiller wandte, lehnte ab. Dadurch -verzögerte sich der Druck, und als Schiller im Januar 1793 einen -andern Verleger gefunden hatte, war Humboldt über den Wert seiner -Schrift unsicher geworden. Die letzten Ereignisse der Französischen -Revolution, die Verurteilung und Hinrichtung Ludwigs XVI. und seiner -Gemahlin am 17. bzw. 21. Januar 1793, hatten den ausgelassenen Tanz -der Deutschen um den französischen Freiheitsbaum auf furchtbare Weise -unterbrochen. Humboldt, der, wie Graf Stolberg sich ausdrückte, -bis dahin »von dem Gifthauche des Genius der Zeit getroffen« war, -verfiel plötzlich in eine Krisis, die zu einem starken Wandel seiner -politischen Ansichten führen sollte. Innerhalb dieser Krisis mit einer -Schrift hervorzutreten, zu der er sich schon nicht mehr ganz bekennen -konnte, widerstrebte ihm. Erst wollte er sie ändern; dann schob er die -Veröffentlichung weit hinaus, und später verbarg er dies Zeugnis seines -jugendlichen Sturms und Drangs sorgfältig im Schreibtisch. - -So hat in diesem Falle der Berliner Zensor die Rolle der Vorsehung -gespielt und die weitere Entwicklung Wilhelm von Humboldts entscheidend -beeinflußt. Die damals unterdrückte Schrift entsprach der Wöllnerschen -Forderung der »Bescheidenheit« keineswegs und hätte ihren Verfasser -vielleicht wieder mit dem Kammergericht in Beziehung gebracht, -aber nicht als Beisitzer, sondern als Angeklagten. Außerdem ist es -bei aller Ehrlichkeit des jungen Staatsmanns doch wohl fraglich, -ob ihm die Neuorientierung so leicht gefallen wäre, wenn er sich -durch das Erscheinen jener Schrift auf ein so radikales Programm -öffentlich festgelegt hätte. Gerade er hätte schwerlich so leicht den -Selbstvorwurf haben abschütteln können, daß das gedruckte Wort mehr als -anderes verpflichtet. - - -Die Immediat-Examinationskommission von 1791. - -Bei Wöllners Charakter war nicht zu erwarten, daß ihn der unzweideutige -Spruch des Kammergerichts zur Selbsteinkehr bewogen hätte. Wenn die -vom Gesetzgeber bestellten Behörden ihres Amtes nicht in dem erhofften -Sinne walteten, so mußten andere Mittel gefunden werden. Und darum war -er nicht verlegen. Die reaktionäre Kraft des Zensurediktes hatte sich -unerwarteterweise als nicht stark genug erwiesen; also mußte ihm mit -ergänzenden Verfügungen nachgeholfen werden. - -Dem so wenig verläßlichen Berliner Oberkonsistorium wurde am 14. Mai -1791 eine von ihm unabhängige geistliche Prüfungs- und Aufsichtsbehörde -auf die Nase gesetzt, die Immediat-Examinationskommission, die die -Prüfung der Pfarramtskandidaten nach einem einheitlichen Schema regeln -sollte. Ihre Mitglieder waren der Oberkonsistorialrat Silberschlag, -der Prediger an der Berliner Georgenkirche Woltersdorf, der frühere -Breslauer Prediger, jetzige Oberkonsistorialrat Hermes und der -Geh. Konsistorialrat Hillmer, vier »elende, aus aller Wissenschaft -herausfallende Männer, die der Wöllnerschen Verwaltung die verdiente -Verachtung zuzogen«. Hermes (1731--1807) hatte die neue scharfe -Prüfungsordnung für die Kandidaten der Theologie ausgearbeitet und -ebenso den neuen Landeskatechismus, der vom Abt Henke »eine Frucht -der Unwissenheit« genannt und auch bald wieder außer Gebrauch gesetzt -wurde. Hillmer (1756--1831), ehemaliger Oberlehrer ebenfalls in -Breslau, ein Mann ohne jede wissenschaftliche Leistung, hatte durch -seine mystischen Neigungen das Vertrauen des Königs gewonnen; er war -der Haupthahn unter den vieren, der geborene Großinquisitor, und bald -die rechte Hand Wöllners. Nach Silberschlags baldigem Tode wurde der -etwas gemäßigtere Oberkonsistorialrat Hecker sein Nachfolger. - -Diese geistliche Prüfungskommission erhielt aber noch einen zweiten -Auftrag: ihr oder vielmehr ihren beiden besonders zuverlässigen -Mitgliedern Hillmer und Hermes übertrug eine Kabinettsorder vom 1. -September 1791 auch die Zensur aller theologischen und moralischen -Schriften, da sich »die bisherigen Bücherzensoren [also das -Konsistorium!] an das Censuredikt gar nicht gekehrt, sondern viel zu -leichtsinnig verfahren« seien. Eine Berufungsinstanz gegen diese neue -Zensurbehörde gab es überhaupt nicht. - -Das war Wöllners Antwort auf das Urteil des Kammergerichts im Falle -Unger gegen Zöllner. - - -Schärfere Anziehung der Zensurschraube. - -Der ehemalige Oberlehrer Hillmer war aber mit seinem neuen Amte -keineswegs zufrieden. Mit der strengeren Zensur theologischer und -moralischer Schriften, die nur Gelehrten in die Hände kamen, versprach -der Kampf gegen die Aufklärung wenig Erfolg. Viel gefährlicher waren -die Zeitschriften, die durch ihren volkstümlichen und unterhaltenden -Charakter einen großen Leserkreis besaßen und Mitarbeiter aller -Parteien und Geistesrichtungen, auch der radikalsten, zu Wort kommen -ließen. Schon am 14. Oktober stellte er also dem Könige vor, »daß -grade diese Monats-, Zeit- und Gelegenheitsschriften von allen Classen -und Ständen des Volks am meisten gelesen werden, und durch diese Art -Schriften der Religion, der Ruhe und guter Ordnung in Deutschland -wie in Frankreich mehr als durch größere theologische und moralische -Werke geschadet« werde, und erbat für sich und seinen Kollegen -Hermes die Ausübung der Zensur über »alle Monatsschriften, Zeit- und -Gelegenheitsschriften, Bibliotheken, Pädagogischen Schriften und alle -dergleichen Broschüren, philosophischen und moralischen Inhalts«. Am -19. Oktober wurde dieser Antrag genehmigt, und sämtliche Buchhändler -Berlins erhielten die Anweisung, alle derartigen Schriften von nun an -dem Herrn Geheimen Konsistorialrat Gottlob Friedrich Hillmer zur Zensur -einzureichen. - - -Literaturflucht aus Berlin. - -Diejenigen, die es anging, wußten nun Bescheid, und die beiden -Zeitschriften, die Hillmer am ersten im Auge gehabt haben dürfte, -verließen fluchtartig die preußische Hauptstadt. - -Kurz nach seinem Regierungsantritt hatte Friedrich Wilhelm II. den -Herausgebern der »Berlinischen Monatsschrift« für ein Exemplar -ihrer Zeitschrift mit dem Wunsche gedankt, daß »ihre gemeinnützigen -Bemühungen um Aufklärung und Philosophie recht viel Gutes stiften« -möchten (13. Dez. 1786), Wöllner selbst hatte es nicht verschmäht, ihr -1787 einen Beitrag (über nachgelassene Handschriften Friedrichs des -Großen) zu geben, und noch 1790, bei dem plötzlichen Aufstieg des neuen -Ministers, war sein Bildnis, von Berger gestochen, darin erschienen. - -Jetzt (Januar 1792) verlegten Gedike und Biester, beide Mitglieder der -Akademie der Wissenschaften, den Druck ihres Blattes, das Kant und -Fichte, Gleim und Ramler, F. A. Wolf und die Brüder Humboldt, Heyne und -Garve, J. H. Voß, Fr. Schlegel und Adam Müller, Justus Möser und Moses -Mendelssohn zu seinen Mitarbeitern zählte, nach Jena (bei Joh. Mich. -Mauke), von Juli 1793 an nach Dessau (bei H. Heybruch, Hoffürstl. Hof- -und Regierungs-Buchdrucker). Als Verleger zeichnete aber nach wie vor -die Haude- und Spenersche Buchhandlung in Berlin. - -Nicolai, der seine »Allgemeine deutsche Bibliothek« als Schriftsteller -und Buchhändler in einer Person bisher selbst redigiert und verlegt, -aber sie schon seit 1775 auswärts hatte drucken lassen, nahm am -12. März 1792 (im Vorwort zum 2. Stück des 106. Bandes) gerührten -Abschied von seinen Lesern und trat mit Beginn dieses Jahres seine -Zeitschrift, die früher gleichfalls Wöllner zu ihren Mitarbeitern -zählen durfte, dem Hamburger Buchhändler Bohn ab, der sie in seiner -Universitätsbuchhandlung in Kiel, also auf dänischem Boden unter -dortiger Preßfreiheit, weiter erscheinen ließ. Über den Grund des -Verlags- und Redaktionswechsels drückte sich Nicolai sehr diplomatisch -aus: infolge seiner augenblicklichen »Lage« könne er dem Blatte nicht -mehr so nützlich sein wie bisher. Nur der Schluß deutete vorsichtig -auf den geistigen Luftwechsel Preußens hin: die »Morgenröthe der -Aufklärung, die über Deutschland aufgegangen«, könne nie ganz -verdunkelt werden; zwar könne wohl ein Nebel vor ihr aufsteigen, aber -die Sonne werde ihn wieder zerstreuen. Erst 1801, als er die Bibliothek -aufs neue übernahm, schilderte er in der Vorrede, welcher Verfolgungen -wegen er sie 1792 hatte aufgeben müssen. - -Diesem Beispiel der beiden weitverbreiteten Zeitschriften folgten bald -noch andere Verleger. Anfang 1793 wollte der Generalsuperintendent -Ewald in Dessau eine Monatsschrift »Urania; für Kopf und Herz« im -Verlag der Frankeschen Buchhandlung in Berlin herausgeben. Das erste -Heft sollte u. a. eine Abhandlung von Lavater über die Vielseitigkeit -Gottes enthalten. Der Berliner Zensor, die Firma Hillmer und Hermes, -verbot aber den Druck mit der Begründung: Lavater habe »nicht die -rechte Meinung von Gott«. Daraufhin erschien die Zeitschrift bei der -Kgl. privil. Helwingschen Hofbuchhandlung in Hannover, ohne von der -dortigen Zensur angefochten zu werden. Erstaunlich ist nur, daß die -beiden Verleger es wagten, im Anzeigenteil (Umschlag) des Februarheftes -der »Berlinischen Monatsschrift« diesen Verlagswechsel bekanntzumachen -und ausdrücklich mit der »strengen Berliner theologischen Zensur« zu -begründen. - - -Rückgang des Druckgewerbes in Preußen. - -Die naturgemäße Folge dieser Strenge war ein starker Rückgang des -Berliner Druckereigewerbes, das sich in den letzten Jahrzehnten -sehr bedeutend entwickelt und Berlin zu einem Hauptstapelplatz des -Buchhandels erhoben hatte. Ein Gutachten der Kurmärkischen Kammer vom -2. August 1794, das der Willkürherrschaft der neuen Zensoren Hillmer -und Genossen energisch zuleibe ging, lieferte dafür unanfechtbare -Zahlen. Es stellte fest, daß im Jahre 1788 81 Druckpressen in Berlin -im Gange waren; fünf Jahre später war ihre Zahl auf 67 gesunken. -Und während bei Erlaß des Zensurediktes noch 6--700 Personen vom -Druckgewerbe lebten, war die Zahl der Druckereiarbeiter 1795 auf 150 -gefallen! Diese Verödung der preußischen Druckereien schädigte den -Staatssäckel ganz empfindlich, und der Fehlbetrag in der Steuerkasse -sollte sich allemal als das wirksamste Argument gegen eine weitere -Anziehung der Zensurschraube erweisen. - - -Theologische Zensurblüten. - -Das vorhin erwähnte Gutachten der Kurmärkischen Kammer aus dem Jahre -1794 führte auch eine Reihe von Fällen an, die das sinnlose Gebaren der -neuen Berliner Inquisition drastisch brandmarkten. - -Der Sprachforscher Professor Heynatz aus Frankfurt a. O. hatte in einer -Abhandlung erwähnt, daß »viele Philologen die Stelle des 1. Joh. V. 7 -für unächt« hielten. Dieser textkritischen Bemerkung wegen wurde der -Druck seiner Abhandlung untersagt! - -Das »Journal für Gemeingeist« brachte einen Aufsatz: »Darf ein -Protestant die Vertilgung des Katholizismus wünschen?« Die -Druckerlaubnis dafür wurde nur unter der Bedingung gegeben, daß eine -längere Anmerkung des Zensors mit aufgenommen würde. Dagegen hatte der -Verfasser nichts einzuwenden, aber der Zensor bestand darauf, daß die -Fußnote so abgedruckt werde, als ob sie vom Autor selbst stamme; ihre -wahre Herkunft durfte nicht gemeldet werden! - -Selbst der fromme Prediger und Dichter Ludwig Theobul Kosegarten in -Schwedisch-Pommern war den Mitgliedern der Immediat-Prüfungskommission -noch nicht kirchlich genug. Als er 1794 in Berlin Predigten drucken -ließ, unterstand sich der Zensor, Stellen, die ihm nicht paßten, -auszustreichen und andere dafür einzusetzen! - -Unter diesen Umständen war es begreiflich, wenn die Berliner -Buchhändler 1794 beantragten, die Zensoren Hermes und Hillmer »in die -eigentlichen Schranken des Censur-Edicts« zurückzuweisen und sie selbst -»bei Veränderung der Censur-Gesetze mit ihrer Nothdurft zu hören«. - - -Kants Zusammenstoß mit der preußischen Zensur. - -Obgleich die »Berlinische Monatsschrift« in Jena gedruckt wurde, -gab sie doch unbeabsichtigterweise Anlaß zu einem Vorfall, der dem -Wöllnerschen System die Krone aufsetzte. - -Der bedeutendste ihrer Mitarbeiter, der Königsberger Philosoph Kant, -schrieb in eben den Monaten, da die Berliner Zionswächter auf das -Pack der Aufklärer mit Keulen dreinzuschlagen begannen, eine Folge -von Aufsätzen, die 1793 vereint unter dem Titel »Religion innerhalb -der Grenzen der bloßen Vernunft« erschienen und in der Geschichte der -Religionsphilosophie Epoche machten. - -Einzeln sollten sie vorher in dem Organ Biesters gedruckt werden. -Obgleich nun die Monatsschrift gar nicht mehr der Berliner, sondern -Sachsen-Weimarischer Zensur unterlag, bestand Kant darauf, daß seine -Beiträge der neuen Berliner Zensurbehörde unterbreitet würden, da er -jeden Schein »literarischer Schleichwege« vermeiden wollte. - -Wie die Immediat-Prüfungskommission ihm gesinnt war, ahnte er wohl -nicht; sogleich nach ihrer Einsetzung hatte eines der vier Mitglieder, -der Prediger Woltersdorf, den Antrag gestellt, dem freimütigen -Philosophen das Schreiben überhaupt zu verbieten! Von dieser -Zensurbehörde war also für Kant wenig Gutes zu erwarten. - -Gegen den ersten Aufsatz »Über das radikale Böse in der menschlichen -Natur« hatte Hillmer nichts einzuwenden, da »doch nur tief denkende -Gelehrte« die Kantschen Schriften läsen; er erschien im April 1792. - -Unglücklicherweise brachte aber das nächste Heft der Monatsschrift -unter dem Titel »Über die Pflicht der Ergebung, in Zeiten wann die -Wahrheit verfolgt wird« einen anonymen Beitrag, der nichts weniger -als ein energischer Angriff gegen die neue Organisation der Berliner -Zensur war! Er gab sich als eine »Predigt (über 2. Tim. 4, 17), -gehalten in England unter König Jakob II.«, und auch in mancherlei -Anmerkungen wurde die Fiktion durchgeführt, als ob diese Predigt -wahrscheinlich von dem »berühmten Tillotson« zu König Jakobs Zeiten -gehalten worden sei, der »eine wahre Inquisition, ~the court of high -commission~«, errichtete und »sechs Bischöfe, welche ihm Vorstellungen -machten, in den Tower setzen ließ«. Die Beziehung auf die preußische -Immediat-Prüfungs-Kommission und den Protest der fünf Konsistorialräte -gegen das Religionsedikt war gar zu durchsichtig, und wenn der Prediger -gegen den geistlichen Despotismus, »den ärgsten Feind der Wahrheit« -wetterte, so wußte gewiß jeder preußische Leser, gegen wen sich das -schwere Geschütz seiner apokalyptischen Worte richtete. - -Die Berliner Zensoren verstanden jedenfalls nur zu wohl, was hier mit -dem »großen Drachen« der Apokalypse gemeint war, und als unmittelbar -darauf Kants zweite Abhandlung »Von dem Kampfe des guten Princips -mit dem bösen, um die Herrschaft über den Menschen« vorgelegt wurde, -versagte Hillmer im Einverständnis mit seinem Kollegen von der -Theologie, Hermes, am 14. Juni die Druckerlaubnis. - -Der Herausgeber der »Monatsschrift« aber war ein streitbarer Mann. -Biester verlangte zunächst von Hermes Aufklärung darüber, wieso der -Kantsche Aufsatz gegen das Zensuredikt von 1788 verstoße. Hermes -dagegen berief sich auf das Religionsedikt, das für theologische -Schriften maßgebend sei; im übrigen verlange man von ihm wohl nicht, -»mit einem Schriftsteller es auszumachen, auf welcher Seite, bei -verschiedenen Meinungen, Wahrheit sei«. - -Damit ließ sich Biester nicht abfertigen; am 20. Juni protestierte -er in einer umfangreichen Beschwerde energisch gegen die Anwendung -des Religionsediktes in Zensurfragen, verlangte zu wissen, ob etwa -neue, geheime Zensurverfügungen erlassen seien, die also keine -Rechtsverbindlichkeit hätten, legte mit Scharfsinn und Ironie die -Willkür der jetzigen Zensoren dar und bat aufs neue um Druckerlaubnis -für den Kantschen Aufsatz. Für einen preußischen Beamten -- Biester -war Vorsteher der Königlichen Bibliothek und seit 1788 Mitglied -der Berliner Akademie -- war dieser freimütige Protest ein nicht -alltäglicher Akt des »Mannesstolzes vor Königsthronen«. - -Biester würde unter den Mitgliedern des Ministeriums gewiß -Bundesgenossen gefunden haben, wenn nicht gerade damals eine scharfe -Kabinettsorder des Königs vom 21. Februar ebendieses Jahres noch auf -den freisinnigsten Gemütern gelastet hätte. Mit seiner Vermutung einer -neuerdings erfolgten oder doch wenigstens vom Könige erstrebten -Verschärfung der Zensur hatte ja Biester nicht so unrecht. Aber das war -Staatsgeheimnis! Also wurde seine Beschwerde am 2. Juli 1792 kurzweg -abgewiesen. - -Kant zog deshalb sein Manuskript zurück. Nur der erste Akt dieser -Zensurkomödie war damit zu Ende; der zweite spielte zwei Jahre später. - - -Ein Wink aus Österreich. - -Mit der zu dieser Zeit geplanten abermaligen Verschärfung der -preußischen Zensur hatte es folgende Bewandtnis: - -Am 3. Dezember 1791 hatte sich Kaiser Leopold II., der Bruder der -damals schon in Lebensgefahr schwebenden französischen Königin Maria -Antoinette, veranlaßt gefühlt, allen Reichsständen zur Erhaltung der -öffentlichen Ruhe und zum Schutz der gegenwärtigen Verfassung vor dem -Umsturz eine strengere Handhabung der Zensur zu empfehlen. - -Friedrich Wilhelm II. übergab am 3. und 4. Februar die kaiserliche -Warnung seinem Staatsministerium zu sorgfältigster Überlegung, -denn auch in Preußen habe das Übel aufrührerischer Schriften so um -sich gegriffen, »daß am Ende die äußerste Rigoueur und Leib- und -Lebensstrafen nöthig sein werden, um boshafte Schriftsteller, Drucker -und Verleger im Zaum gebührender Ordnung zu halten«. Die Zensoren -seien zu größter Schärfe anzuhalten, besonders seitens des geistlichen -Departements, da »schriftstellerische Aufklärer unter den Theologicis« -den meisten Schaden anrichteten. Strengste Beaufsichtigung aller -Druckereien und Buchhandlungen durch besondere »Polizei-Anstalten« -sei erforderlich, und der Druck unzulässiger Schriften solle »bei -zehnjähriger Vestungs-Arbeit« verboten werden! Alles, was an Büchern -nach Preußen hereinkomme, dürfe in den Buchläden nicht eher verkauft -werden, als bis die Zensur es erlaube. Einwände, als ob der Buchhandel -dadurch leiden würde, seien hinfällig; dem Übel müsse gesteuert werden, -»wenn auch der Buchhandel zu Grunde ginge«. - -Also eine völlige Absage sogar an das eigene Zensuredikt von 1788, -das wenigstens noch einige Rücksicht auf das »dem Staate so nützliche -Gewerbe der Druckerei und des Buchhandels« zur Pflicht gemacht hatte. -Von Leibesstrafen war in den Zensurgesetzen Friedrichs des Großen nie -die Rede gewesen; wohl aber in der letzten Zensurverfügung Kaiser -Josephs vom Dezember 1789. Dieses Beispiel Österreichs übertrumpfte -Preußen noch: im Dunstkreise Wöllners steigerte sich die Leibesstrafe -zu »Leib- und Lebensstrafen« und zu »zehnjähriger Vestungs-Arbeit«! -Und auch gegen die Büchereinfuhr von auswärts sollte jetzt das alte -österreichische Abwehrmittel nachgeahmt werden: jedes fremde Buch -sollte erst die preußische Zensur passieren, ehe es in Preußen verkauft -werden durfte. Bisher hatte man das dem Takt und Risiko der Buchhändler -überlassen, wie ja, entsprechend dem Stand des gesamten Buchwesens, -Preußen in seinen Edikten immer das Hauptgewicht auf den Druck neuer -Bücher, die Zensur der Manuskripte legte, Österreich dagegen, wo die -literarische Industrie mit Ausnahme des Nachdrucks nur vegetierte, auf -die Büchereinfuhr von außen. - - -Preußens Ehrenrettung durch sein Ministerium. - -Das preußische Ministerium kam durch die Kgl. Kabinettsorder in nicht -geringe Verlegenheit. Die einzelnen Departements, die jedes für sich -berieten, hatten von aufrührerischen Gesinnungen in Preußen »noch nicht -die mindeste Spur oder Neigung bemerkt« und ihr Gesamtbericht vom 17. -Februar wurde, statt einer Anklage, das denkbar rühmlichste Zeugnis -für die vaterländische Gesinnung ihrer Landsleute: Preußen habe sich -stets durch »pflichtvolle Treue, Liebe und Verehrung des Landesherrn« -ausgezeichnet, in Fällen öffentlicher Not durch willigste Aufopferung -von Leben und Vermögen den »musterhaftesten Patriotismus« bewiesen, -und das »Exempel der in Aufruhr befangenen Völker« werde auf diese -Nation daher »nie die geringste Würkung haben«. Zur Aufrechterhaltung -der Religiosität, meinten sie, reichten die bestehenden Gesetze -völlig aus, »ohne die rechtmäßige Denk- und Gewissens-Freiheit zu -unterdrücken«, und die »nach dem Charakter der Literatur und Menschheit -unvermeidlichen kritischen Untersuchungen dieser und jener der -Religion beigemischten nicht wesentlichen Streitigkeit« hätten auf die -»allgemeine Religiösität des Volkes keinen Einfluß«. Wolle man aber von -jetzt an auch die Büchereinfuhr der Zensur unterwerfen, die jährlich -etwa 6000 verschiedene, »zum Theil weitläuftige« Werke betrage, -so sei dazu ein neuer Stab von Mitarbeitern nötig, eine besondere -Zensurkommission oder, wie das Justizministerium sich ausdrückte, -»ein ganzes Heer besoldeter Censoren«. Minister von der Reck erklärte -geradezu, das müsse »den Banquerut aller Buchhändler zur nothwendigen -Folge haben«. - -Mit dieser Ehrenrettung Preußens kam das Ministerium beim Könige aber -übel an! Schon vier Tage später erhielt es eine Kabinettsorder vom -21. Februar 1792, die den Ministern vorwarf, daß sie den Aufklärern -das Wort redeten. Es sei gewiß ein Glück, wenn »die bisherigen von -so vielen Geistlichen und andern Aufklärern so dreiste unternommenen -Verfälschungen der alten reinen christlichen Religion«, die das -Ministerium als außerwesentliche Untersuchungen beschönige, die -allgemeine Religiosität noch nicht geschädigt hätten. Dies Glück könne -aber nicht mehr lange dauern, wenn »hier nicht zeitig genug kräftige -Maßregel genommen würden«, stehe doch jedermann »das traurige Exempel -jenes großen Staates« vor Augen, »wo der Keim der unglücklichen -Revolution in jenen Religionsspöttern zu suchen ist, die noch jetzt von -der bethörten Nation im Grabe vergöttert werden«! - -Es kam zwar ganz anders, als es die ungnädige Kabinettsorder bestimmte. -Aber es ist menschlich verständlich, wenn die Staatsminister jetzt im -Falle Kant durch Parteinahme für den Philosophen den König und seinen -bösen Geist Wöllner nicht noch mehr reizen wollten. Wenn Kant den Druck -seines Aufsatzes wünschte, standen ihm ja neben der »Berlinischen -Monatsschrift« viele Wege offen. Sie zogen es daher vor, der Sache den -Lauf zu lassen, den sie nach dem ausgesprochenen Willen des Königs nun -einmal nehmen sollte. - - -»Äußerst gefährliche und übelgesinnte Leute.« - -Trotz des z. T. sehr ungnädigen Tones der Kabinettsorder vom 21. -Februar 1792 hatten die preußischen Staatsminister durch einmütiges -Zusammenhalten einen vollständigen Sieg gegen Wöllner und seine -Kreaturen erfochten. - -Unter anderm hatte der König am 4. Februar befohlen, die »Gothaische -Gelehrte Zeitung« und die »Jenaische Allgemeine Literaturzeitung« in -ganz Preußen sofort zu verbieten, »weil diese beiden Blätter sich -bisher vorzügliche Freiheiten gegen hiesige, sowohl als in andern -Ländern gemachte Einrichtungen erlaubt« hätten. - -Diesem Befehl aber widersetzten sich die Staatsminister wie ein Mann! -Die Gothaer Zeitung hatte offenbar in Berlin wenig Leser und fand -daher nur schwachen Schutz; für die Jenaer Literaturzeitung trat aber -das Ministerium mit einer bewundernswerten Entschiedenheit in die -Schranken, denn die lasen sie alle! Eine Tatsache, die nicht nur diesen -Männern zum Ruhme gereicht, sondern auch ein schlagender Beweis ist für -den Umschwung, der in den letzten dreißig Jahren, seit dem Erscheinen -der dem preußischen Ministerium völlig unbekannt gebliebenen »Briefe, -die neueste Literatur betreffend« (1761--67), mit ebendieser Literatur -vor sich gegangen war. - -Das Generaldirektorium erklärte am 7. Februar, es habe in beiden -Blättern »noch nie etwas befunden, was der wahren Christl. Religiösität -oder der Sicherheit und Ruhe des Staates nachtheilig, und zu Empörung -und Aufruhr beförderlich wäre«, ein deutlicher Hinweis auf die -Beschränkungen, die das bestehende Zensurgesetz solchen Verboten -auferlegte; der königliche Befehl hatte sie willkürlich überschritten! -Zu einem die Herausgeber beider Blätter kränkenden Verbot läge keine -»billige und gerechte Ursache« vor. Im Gegenteil, sie beschäftigten -sich »mit dem besten und wichtigsten Theile der ganzen Literatur, wären -mit vorzüglicher Gründlichkeit, Einsicht und Unpartheilichkeit verfaßt, -und wären die vollständigste, angenehmste und am meisten belehrende -Lektüre aller Gelehrten, Geschäftsmänner und Freunde der Literatur«. - -Das Justizministerium gab am nächsten Tag zu Protokoll, die -Literaturzeitung enthalte »freilich in einigen Recensionen Anpreisungen -sogenannter chimerischer Menschen-Rechte«, man habe aber nichts darin -gefunden, was der preußischen Staatsverfassung nachteilig oder für den -König beleidigend sein könne. Sollten sich etwa »Kgl. Bediente« durch -»zuweilen unglimpfliche Urtheile« darin gekränkt fühlen, so könne man -doch ihretwegen das Blatt nicht dem ganzen Publikum entziehen; sie -müßten sich eben mit dem Bewußtsein ihrer Tadellosigkeit trösten und -hätten ja dann das öffentliche Urteil nicht zu scheuen. - -Im gleichen Sinne äußerte sich dann das gesamte Staatsministerium am -17. Februar, und mit dem Erfolg, daß der Jenaischen Literaturzeitung -gar nichts zuleide geschah. Das Ministerium, das die letztere so eifrig -in Schutz nehme, müsse aber auch, so lautete die Antwort des Königs vom -21., »dafür sorgen, daß nichts unzulässiges darin gedruckt werde, bei -Strafe der Konfiskation und des unausbleiblichen Verbots derselben, -weil S. K. M. bekannt ist, daß die Direkteurs derselben äußerst -gefährliche und übelgesinnte Leute sind«. Diese »Direkteurs« aber waren -der angesehene Weimarer Schriftsteller Bertuch, der Philologe Schütz -und der berühmte Arzt Hufeland, der damals in Jena lebte und 1798 eine -der vornehmsten Zierden der -- Berliner Akademie der Wissenschaften -wurde. - -Die Herausgeber der Literaturzeitung erhielten durch den -Berliner Hofpostmeister und den Grenzpostmeister in Halle nur -eine freundschaftliche Verwarnung, »nichts dem Preußischen Staat -nachtheiliges« aufzunehmen und »bei dem Debit in hiesigen Landen -vorsichtig zu Werke zu gehen«, und hatten alle Ursache, sich beim -Ministerium für die »erhabene Protektion« zu bedanken. - -Nur die »Gothaische Gelehrte Zeitung« mußte daran glauben, weil sich -ihrer niemand energisch angenommen hatte. - - -Zensur und -- Bierkonsum. - -Daß der Humor auch der immer grämlicher werdenden Zensur nicht untreu -wurde, zeigt ein scherzhafter Vorfall, von dem der berühmte Philologe -Friedrich August Wolf, damals in Halle, an den Herausgeber der -»Jenaischen Literaturzeitung«, den Kollegen Schütz in Jena, am 21. -Februar 1792 berichtete. - -Die »Gothaische Gelehrte Zeitung« war in ganz Preußen verboten, also -auch in Halle, aber nicht im nahen Passendorf jenseits der Saale, -das damals zu Kursachsen gehörte. Hier, wo die Hallenser Burschen -seit altersher manche Bierschlacht zu schlagen liebten, legte deshalb -ein spekulativer Wirt namens Währmann gleich mehrere Exemplare des -verbotenen Blattes »bei sein Merseburger Bier« auf, »um mehr Gäste -hinauszuziehen«. »Barkhausen«, schreibt Wolf, »will daher in seinem -nächsten Berichte als Stadtpräsident auf meinen Rath mit einfließen -lassen, daß die hiesige Bier-Consumtion seit den Tagen des Verbots -der Gothaer Zeitung beträchtlich zum Nachtheil der Stadt gefallen -sei, indem die Bier trinkenden studiosi und Un-studiosi, zumal die -studiosi noch studentes, weit häufiger als sonst die sächsischen Dörfer -besuchten, weil dort neben dem Biere auch Gothaische Zeitungen zu haben -wären.« - -Ob der Stadtpräsident von Halle den Spaß wirklich von Stapel ließ, ist -nicht überliefert; aber Wolf »steht dafür, daß er ausgeführt werden -soll«. - - -Die Büchereinfuhr. - -Der Sieg, den 1792 die Besonnenheit des preußischen Ministeriums über -den blinden Eifer des Königs und seiner Ratgeber davontrug, beschränkte -sich aber nicht auf die Freigabe der Jenaer Literaturzeitung. Auch -der andere, tiefer einschneidende Befehl, daß künftig die gesamte -ausländische Büchereinfuhr einer besondern Zensur unterworfen werden -müsse, fiel vor den Bedenken der Minister lautlos in die Versenkung. - -Der König wunderte sich zwar »äußerst«, daß man offenbar »den Flor -des Buchhandels auf den Verkauf unzulässiger Schriften gründen -wolle«, und meinte, es sei eben Sache der Herren Minister, die -Schwierigkeiten einer neuen Maßregel zu heben, da er selbst doch -unmöglich »das Detail vorschreiben« könne. Aber er bestand nicht mehr -auf seinem Willen. Die »zehnjährige Vestungs-Arbeit« und die »Leib- -und Lebensstrafen« verschwanden wie eine schöne Fata Morgana vor den -Augen der Großinquisitoren, und der ganze umfangreiche Aktenwechsel -hatte nur folgendes Gesamtergebnis: die »Gothaische Gelehrte Zeitung« -blieb das eigentliche Opfer; außerdem wurden durch ein Rundschreiben -die »Bülletins«, die handschriftlichen Zeitungen, die noch immer von -kleinen Beamten unter Ausnützung ihres amtlichen Wissens verbreitet -und bis dahin von keinem aufmerksamer gelesen wurden als vom -- Könige -selbst, trotz ihrer Indiskretionen über sein nicht unanfechtbares -Privatleben, bei Festungshaft verboten. Im übrigen begnügte man -sich damit, allen Behörden die strengste Befolgung des Zensuredikts -einzuschärfen und allen Übeltätern die Anwendung der »gesetzlichen -Strafen mit äußerster Rigueur« anzudrohen. - -Diese -- orthographisch berichtigte! -- Redewendung war das einzige, -was der entsprechende Erlaß des Ministeriums vom 28. Februar 1792 -aus dem stachlichten Teil der Kabinettsorder vom 21. übernahm, aber -zugleich durch das Festhalten an den »gesetzlichen Strafen« sorgfältig -abzustumpfen wußte. - - -Ein ehrsamer Buchhändler. - -Wie heftig sich das Ministerium gegen eine Zensur der Büchereinfuhr -sträubte, zeigt noch viel drastischer ein anderer Vorfall. Ein Jahr -später erlaubte sich ein Buchhändler namens Ferdinand Oehmigke -in einem »~Promemoria~« darüber Klage zu führen, welche Masse -»modischer Schriften« gegen Religion und Untertanentreue nach Preußen -eingeschwärzt würde; als ehrsamer Buchhändler, der jeden Gewinn »auf -Unkosten der Religion, der wahren Verehrung des Monarchen, der guten -Sitten und also der allgemeinen Glückseligkeit« verabscheue, könne er -diese »unverantwortliche Volksverführung« nicht ruhig mit ansehen. -Zwar würden die ankommenden Bücherpakete auf dem Packhof von einem -Akzisebeamten einer flüchtigen Durchsicht unterworfen; aber was _in_ -den Büchern stehe, ob die Verleger nicht falsche Titelblätter einzögen, -auswärts gedruckte Verlagswerke als Kommissionsgut einführten, in -erlaubten Büchern die Druckbogen verbotener verbärgen und was solcher -Praktiken mehr seien, das könne nur ein -- »geübter, mit den gehörigen -Befehlen versehener Buchhändler« beurteilen. Zu diesem saubern Geschäft -gestatte er sich, »gegen ein billiges Gehalt« seine Dienste anzubieten. - -Hillmer fand, daß der Vorschlag Oehmigkes nähere Erwägung sehr -verdiene. Er tappte dabei aber ganz übel in die Nesseln. Das -Ministerium lehnte das »unbesonnene und gewinnsüchtige Projekt des -Oehmigke«, der selbst »bei seinem Metier keinen rechten Fortgang« -gehabt habe, mit heftigster Entrüstung ab; das Departement des -Auswärtigen nannte es sogar »unter aller Kritik« und meinte, der Mann -müsse »die ganze Unwürdigkeit seiner Vorschläge einsehen und fühlen«, -und das Generaldirektorium wies ohne weitere Begründung »den Oehmigke -mit diesen seinen Anträgen ein für allemal zur Ruhe«. - - -Die Maßregelung Kants. - -Nach seiner bösen Erfahrung mit der Berliner Zensurbehörde 1792 wollte -Kant nun seine unterdes vollendeten vier religionsphilosophischen -Aufsätze als Buch erscheinen lassen. Der Berliner Zensor hatte den -strittigen Aufsatz ein Werk der »biblischen Theologie« genannt und -deshalb seinen Kollegen Hermes dabei zu Rate gezogen. Kant fragte also -der Vorsicht halber zunächst die theologische Fakultät: Maßt ihr euch -an, mein Buch zu zensieren? Die Königsberger Theologen bedankten sich -aber und verwiesen ihn an die philosophische Fakultät, die auch ohne -Zögern das Imprimatur erteilte. - -So konnte die »Religion innerhalb der Grenzen der bloßen Vernunft« -Ostern 1793 bei Nicolovius in Königsberg erscheinen. Schon ein Jahr -später machte sich eine zweite Auflage nötig, obgleich sofort zwei -Nachdrucker den Erfolg des Buches ausgebeutet hatten. - -In der Vorrede seines Werkes hatte Kant einen Vorstoß gegen die -»Kritik, die Gewalt hat«, gegen die geistliche Zensur, gewagt und -den »Bücher richtenden Theologen«, der nur für das Heil der Seelen, -nicht für das der Wissenschaft Sorge trage, auf dem Felde der -letzteren nur Zerstörung anrichte und sich wohl gar auch in die -Astronomie, Erdgeschichte und andere Dinge einmischen wolle, sehr -energisch abgeschüttelt. Hermes und Hillmer verstanden den Wink. -Aber den widerspenstigen Philosophen mußte ja bald sein Schicksal -ereilen. Der Kampf des Ministeriums Wöllner gegen die Lehrfreiheit -der Universitäten sollte eben auf der ganzen Linie beginnen. Die -»Neologen«, wie man die aufgeklärten Theologen nannte, wurden aufs -nachdrücklichste verwarnt, Geistliche, Schul- und Universitätslehrer -mußten sich schriftlich verpflichten, weder in- noch außerhalb der -Unterrichtsstunden, weder mündlich noch schriftlich, weder direkt -noch indirekt etwas gegen die Hl. Schrift, gegen die christliche -Religion und gegen die landesherrlichen Anordnungen und Verfügungen -in Religions- und Kirchenwesen vorzubringen, und Hermes und Hillmer -erhielten den Auftrag, die Rechtgläubigkeit der Schulen, Gymnasien und -theologischen Fakultäten einer scharfen Prüfung zu unterwerfen. In -Halle, der »Pflanzschule der irrgläubigen Geistlichen«, warfen die -Studenten den beiden apostolischen Gesandten die Fenster ein, so daß -sie schleunigst wieder verdufteten. Eine Untersuchung des Skandals -endete ohne Ergebnis, und die theologische Fakultät verteidigte -mit Nachdruck, Geschick und Erfolg ihre Lehrfreiheit. Dann kam -Königsberg an die Reihe, und am 1. Oktober 1794 erhielt der Mann, -der der Immediat-Prüfungskommission längst ein Dorn im Auge war, der -siebzigjährige Kant, eine Kabinettsorder, deren Wirkung hier durch -keine Textkürzung beeinträchtigt werden soll: - - Von Gottes Gnaden Friedrich Wilhelm, König von Preußen - usw. usw. - - Unsern gnädigen Gruß zuvor! - Würdiger und hochgelahrter lieber Getreuer! - - Unsere höchste Person hat schon seit geraumer Zeit mit großem - Mißfallen ersehen, wie Ihr Eure Philosophie zur Entstellung - und Herabwürdigung mancher Haupt- und Grundlehren der Heiligen - Schrift und des Christentums mißbraucht; wie Ihr dieses - namentlich in Eurem Buch: »Religion innerhalb der Grenzen der - bloßen Vernunft«, desgleichen in andern kleineren Abhandlungen - getan habt. Wir haben uns zu Euch eines bessern versehen; da - Ihr selbst einsehen müsset, wie unverantwortlich Ihr dadurch - gegen Eure Pflicht, als Lehrer der Jugend, und gegen unsere, - Euch sehr wohlbekannten, landesväterlichen Absichten handelt. - Wir verlangen des ehesten Eure gewissenhafteste Verantwortung, - und gewärtigen uns von Euch, bei Vermeidung unserer höchsten - Ungnade, daß Ihr Euch künftighin nichts dergleichen werdet - zuschulden kommen lassen, sondern vielmehr, Eurer Pflicht - gemäß, Euer Ansehen und Eure Talente dazu anwenden, daß unsere - landesväterliche Intention je mehr und mehr erreicht werde, - widrigenfalls Ihr Euch, bei fortgesetzter Renitenz, unfehlbar - unangenehmer Verfügungen zu gewärtigen habt. - - Sind Euch mit Gnade gewogen. - - Auf Seiner Königl. Majestät allergnädigsten Spezialbefehl - - Berlin, den 1. Oktober 1794. - - _Wöllner._ - -Das genügte Wöllner noch nicht; er ließ außerdem am 14. Oktober 1795 -den Gebrauch des Kantschen Buches auf preußischen Universitäten »Ein -für allemal« verbieten. - -Kant ließ die Kabinettsorder nicht ohne Erwiderung. In würdiger Weise, -die von dem Ton jener Order merkbar absticht, rechtfertigte er sich -gegen den Vorwurf des Mißbrauchs und der Pflichtwidrigkeit; doch zog -er die unvermeidliche Folgerung und versprach feierlich »als Ew. -Königl. Maj. getreuester Unterthan«, sich fernerhin aller öffentlichen -Vorträge über Religion in Vorlesungen und Schriften zu enthalten, ein -Versprechen, das seine akademische und schriftstellerische Tätigkeit -in den letzten kostbaren Jahren seines Lebens in bedauerlichster Weise -lahmlegte und die Nachwelt unwiederbringlich um die Früchte dieser -Tätigkeit gebracht hat. - - -Die Akademie schweigt. - -All diese Vorgänge drängen die Frage auf: War denn »kein Dalberg -da«, der es gewagt hätte, seine gewichtige Stimme gegen diesen -täppischen Obskurantismus zu erheben? Wo blieb der vornehmste Hort -der Geistesschätze der Nation, die Akademie der Wissenschaften? Was -erwartete sie für sich, wenn sie einen Mann wie Kant, der seit 1786 ihr -Mitglied war, so mißhandeln ließ? - -Die Geschichte der Akademie weiß nichts von flammenden Protesten, die -sich gegen die Willkürherrschaft der Dunkelmänner erhoben hätten. Die -Akademie seufzte zwar selbst unter dem Joche Wöllners, der sich als ihr -Kurator aufspielte, aber kein Widerspruch wurde laut. Man hatte mit der -bestehenden Gewalt einen schimpflichen Baseler Frieden geschlossen. -»Mit Händen kann man es hier greifen,« sagt der Biograph der Akademie, -Adolf Harnack, »daß diesen Teller, Engel, Zoellner bei allem -Tugendgerede das thatkräftige Pflichtgefühl und bei allem ›Fortschritt‹ -das begeisternde und führende Ideal fehlte. Nicht nur ihre Ästhetik, -mit der im Jahre 1796 die Xenien abrechneten, auch ihr Patriotismus und -ihre Weltanschauung war bankerott.« - -Nur im vertraulichen Kreise der »Philosophischen Gesellschaft«, zu der -sich etliche Akademiemitglieder wie Biester, Dohm, Spalding, Engel mit -Nicolai und andern im Bedürfnis geselliger Anregung allwöchentlich -zusammenfanden, pflegte man noch bei sorgfältig verschlossenen Türen -frei von der Leber weg zu reden. In den Hallen der Akademie aber war -das freie Wort erstorben, und in der Vorsicht, die der bessere Teil der -Tapferkeit ist, wagten sich die würdigen Herren erst an eine Kritik des -Wöllnerschen Regimes, als der »verabscheute Mann« gestürzt war. - - -Ein Zensurerlebnis des Philosophen Fichte. - -Einer nur erhob seine Stimme, ein junger Kandidat der Theologie, dessen -Name gern mit dem seines Zeitgenossen Wilhelm von Humboldt genannt wird -und hier vor allem mit ihm zusammenstimmt, da beide Männer zu gleicher -Zeit im selben Ideenwirbel umgetrieben wurden, Johann Gottlieb Fichte. - -Auch er hatte schon sein persönliches Zensurerlebnis hinter sich. Im -Sommer 1791 war er als mittelloser Mensch nach Königsberg gekommen und -hatte dort sein erstes Buch geschrieben: »Versuch einer Kritik aller -Offenbarung«, das, als es Ostern 1792 ohne Namen des Verfassers in der -Heimat Kants erschien, allgemein für dessen Werk gehalten wurde, so daß -Kant durch eine öffentliche Erklärung die wahre Urheberschaft enthüllen -mußte. Der Königsberger Philosoph hatte an dieser Schrift nur so weit -teilgenommen, daß er sie im Manuskript gelesen und dem ihm befreundeten -Verleger Hartung empfohlen hatte. - -Hartung wollte das Buch in Halle, der »Pflanzschule der irrgläubigen -Geistlichen«, drucken lassen. Dort sollte es auch die Zensur passieren. -Dekan der theologischen Fakultät war aber zufällig einer der dortigen -Pietisten, der Professor Joh. Ludwig Schulze, kein großes Kirchenlicht, -und dieser verweigerte als derzeitiger Zensor das Imprimatur. Er -beanstandete eine der Hauptthesen der Schrift: Daß der Beweis für die -Göttlichkeit einer Offenbarung nicht durch die Berufung auf die dabei -geschehenen Wunder geführt werden dürfe, sondern daß einzig aus dem -Inhalte derselben darüber entschieden werden könne -- ein Satz, der -heute längst zu den selbstverständlichen Voraussetzungen theologischer -Forschung gehört. - -Vergebens erklärte Fichte, sein Buch gehöre vor die philosophische -Fakultät. Die theologische hatte ihr Urteil gesprochen, und dabei blieb -es. - -Schon sollte das Manuskript im Auslande gedruckt werden, als der -Wechsel des theologischen Dekanats in Halle die Schwierigkeit -beseitigte. An die Stelle Schulzes trat Professor Knapp, der trotz -seiner Orthodoxie das Recht der freien Forschung anerkannte und dem -Erstlingswerk Fichtes ohne Anstand die Druckerlaubnis gab. - -Ein Jahr nach Erscheinen verschaffte die Schrift ihrem Verfasser den -Ruf als Professor der Philosophie nach Jena. - - -Zurückforderung der Denkfreiheit. - -Dieses persönliche Erlebnis gehörte dazu, um in der Seele Fichtes die -flammende Entrüstung zu entfachen, die aus seiner nächsten Schrift -emporlodert. Wieder sandte er sie anonym in die Welt, in der Vorrede -aber erklärte er, sich jedem nennen zu wollen, der sich ernsthaft -über das Thema des Büchleins mit ihm auseinanderzusetzen wünsche. -»Zurückforderung der Denkfreiheit von den Fürsten Europens, die sie -bisher unterdrückten. Eine Rede. Heliopolis, im letzten Jahre der -alten Finsternis« (1793), so lautete der Titel dieses Manifestes, das -wie der helle Schrei eines jungen Falken schrill zum Himmel stieg und -den mühsam verhaltenen Ingrimm aller, die sich geknechtet fühlten, in -glühende Worte faßte. - -Wie sein Zeitgenosse Humboldt steht Fichte ganz auf dem Boden des -Naturrechts: der Staat ist nur Mittel zum Zweck, dem Menschen sein -ursprüngliches Recht zu sichern oder wiederzuverschaffen. Er ist ein -Notstaat, wie sich Fichte später einmal ausdrückte, und der Zweck -der Regierung ist, die Regierung überflüssig zu machen. Während aber -der künftige Staatsmann Humboldt diese Grundsätze in der gemessenen, -zum Teil trockenen Sprache des Philosophen vorträgt, ist der junge -Philosoph ganz Temperament und flackernde Empörung. Es ist die -eindringlichste, aufwühlendste »Rede an die deutsche Nation«, die -Fichte je gehalten hat, auch wenn ihr die Wirkung versagt blieb, die -der eifernde Patriot später auf dem Katheder der Berliner Akademie in -dem von den Franzosen besetzten Berlin erzielte. Fast die ganze Rede -ist eine einzige Apostrophe an die Fürsten und Völker. »Glückseligkeit -erwarten wir nicht aus eurer Hand,« ruft er den ersteren zu, »wir -wissen es ja, daß ihr Menschen seyd -- wir erwarten Beschützung und -Rückgabe unserer Rechte, die ihr uns doch wohl nur aus Irrtum nahmt ... -Fürst, du hast kein Recht, unsere Denkfreiheit zu unterdrücken: und -wozu du kein Recht hast, das mußt du nie thun, und wenn um dich herum -die Welten untergehen, und du mit deinem Volke unter ihren Trümmern -begraben werden solltest. Für die Trümmer der Welten, für dich, und -für uns unter den Trümmern wird der sorgen, der uns die Rechte gab, die -du respectirtest ... - -»Und besonders ihr alle, die ihr Kräfte dazu habt, kündigt doch -jenem ersten Vorurtheile, woraus alle unsere Uebel folgen, jener -giftigen Quelle alles unseres Elendes, jenem Satze: daß es die -Bestimmung des Fürsten sey, für unsere _Glückseligkeit_ zu wachen, den -unversöhnlichsten Krieg an; verfolgt ihn in alle die Schlupfwinkel, -durch das ganze System unseres Wissens, in die er sich versteckt hat, -bis er von der Erde vertilgt und zur Hölle zurückgekehrt sey, daher er -kam.« - -Und zu einer Zeit, da die deutschen und österreichischen Heere gegen -die französische Republik im Kampfe lagen, beschwört er die Völker: -»Alles, alles gebt hin, nur nicht die Denkfreiheit. Immer gebt eure -Söhne in die wilde Schlacht, um sich mit Menschen zu würgen, die sie -nie beleidigten, oder von Seuchen entweder aufgezehrt zu werden, oder -sie in eure friedlichen Wohnungen als eine Beute mit zurückzubringen; -immer entreißt euer letztes Stückchen Brot dem hungernden Kinde und -gebt es dem Hunde des Günstlings -- gebt, gebt alles hin; nur dieses -vom Himmel abstammende Palladium der Menschheit, dieses Unterpfand, -daß ihr noch ein anderes Loos bevorstehe, als dulden, tragen und -zerknirscht werden, -- nur dieses behauptet. Die künftigen Generationen -möchten schrecklich von euch zurückfordern, was euch zur Ueberlieferung -an sie von euren Vätern übergeben wurde. Wären diese so feige gewesen -als ihr -- ständet ihr dann nicht noch immer unter der entehrendsten -Geistes- und Leibes-Sklaverei eines geistlichen Despoten? Unter -blutigen Kämpfen errangen jene, was ihr nur durch ein wenig Festigkeit -behaupten könnt.« - -Solche Worte mochten den neuen preußischen Machthabern sonderbar -in die Ohren klingen, und wenn Wöllner sie gelesen hat, wird er -mehr als einmal drohend die Faust gegen den kühnen Ankläger geballt -haben. Besonders bei der Aufforderung an die Völker: »Ruft es in -jedem Tone euren Fürsten in die Ohren, bis sie es hören, daß ihr euch -die Denkfreiheit nicht werdet nehmen lassen, und beweist ihnen die -Zuverlässigkeit dieser Versicherung durch euer Betragen. Lasset euch -nicht durch die Furcht des Vorwurfs der Unbescheidenheit abschrecken. -Gegen was könntet ihr denn unbescheiden seyn? Gegen das Gold und die -Diamanten an der Krone, gegen den Purpur am Kleide eures Fürsten; nicht --- gegen ihn.« - -Während sich Fichtes übrige Rede in pathetischen Allgemeinheiten -erschöpfte, traf dieser Pfeil das Wöllnersche Zensuredikt mitten ins -Herz. - - -Ein preußischer Index verbotener Bücher. - -Der Ingrimm der Examinationskommission gegen das preußische Ministerium -nach der Niederlage von 1792 ist begreiflich. Aber Rom ist nicht in -einem Tage erbaut. Hillmer und Genossen ließen nicht locker und kamen -immer wieder auf die gefährliche Büchereinfuhr zurück. - -Am 5. März 1794 verlangten sie, um angeblich der Einführung auswärts -gedruckter Verlagswerke der Berliner Verleger zu steuern, daß -letztere halbjährlich ein genaues Verzeichnis ihrer Verlags- und -Kommissionsartikel einreichen und auf Verlangen der Kommission -jede Schrift zur Durchsicht vorlegen müßten gegen unbeschädigte -Rückerstattung. - -Diese Anregung fiel beim König auf fruchtbaren Boden; er hatte -offenbar unterdes die österreichischen Zensureinrichtungen »durchaus -studiert, mit heißem Bemüh'n«, und am 17. April befahl er, über den -gestellten Antrag hinausgehend, dem Großkanzler von Carmer, von der -Examinationskommission »ungesäumt eine Liste von allen solchen Büchern -und Schriften« zu verlangen, die »schädliche Principia wider den Staat -und die Religion« enthielten. Es sollte also ein ~Catalogus librorum -prohibitorum~ nach österreichischem Muster hergestellt werden! - -Den Großkanzler beehrte der König zugleich mit der ganzen Verantwortung -für die strengste Ausübung dieser Zensur. Carmer aber erklärte, er -habe »weder Zeit noch Kenntnis genug, alle herauskommenden Schriften -und Journale selbst zu lesen und zu beurtheilen«, und wußte sich nicht -anders zu helfen, als daß er in einem sehr scharfen Zirkular vom 26. -April 1794 die Verantwortung für die Zensur der eingeführten Bücher den -Buchhändlern selbst aufhalste. Diese aber erklärten gleichfalls, zur -Prüfung aller eingeführten Bücher hätten sie weder Zeit noch Kenntnis; -wie könnten sie sich ein Urteil über Dinge anmaßen, über die sich oft -die »gelehrten Censoren und ganze Kollegia« nicht einig seien! Wie -könnten sie den Gelehrten vorschreiben wollen, was sie zu lesen hätten! -Das müsse zu einem »gründlichen Umsturz des Buchhandels« und zum Ruin -ihrer Familien führen. - -Das Generaldirektorium, dem Carmer auch einen Teil der Verantwortung -zuschieben wollte, bedankte sich ebenfalls energisch dafür und -erklärte obendrein, weder mit dem Zensuredikt noch mit dem seit dem -5. Februar d. J. eingeführten Allgemeinen Preußischen Landrecht lasse -sich vereinbaren, »daß es künftig lediglich von dem Gutbefinden der -angeordneten theologischen Examinations-Kommission abhangen soll, -welche Bücher im Lande zu verbieten und ohne weitere Umstände zu -konfisciren« seien. Es wollte also von einem preußischen Index durchaus -nichts wissen. - -Dem Gesamtministerium wurde infolgedessen die Entscheidung schwer, und -die Sache schleppte sich bis in den Winter hinein. Am 16. Dezember -mahnte die Examinationskommission. Das Generaldirektorium war aber -noch immer von der »äußersten Schädlichkeit und Zwecklosigkeit der -beabsichtigten strengen Maßregeln« überzeugt, und ein ausführliches -Gutachten der Kurmärkischen Kammer hatte es darin nur noch bestärkt. - -Gleichwohl beschloß der Staatsrat am 23. März 1795 »auf Vortrag des H. -Geh. Oberjustizraths Suarez«, dem Antrag der Examinationskommission -zuzustimmen. Den Herren Hillmer und Hermes wurde aber zugleich -bedeutet, die Buchhandlungen »nicht ohne Noth und allzuhäufig« mit -Anforderungen verdächtig erscheinender Bücher zu »belästigen« und für -die »prompte und unbeschädigte Zurückgabe« zu sorgen. - -Und der geplante Index? Von ihm berichten die Akten weiter nichts! -Indem der Staatsrat trotz seines Widerstrebens auf den Antrag der -Examinationskommission einging, stopfte er ihr vorerst den Mund. Durch -wohlüberlegtes Nachgeben in der weniger wichtigen Sache, wenn diese -auch für den Buchhandel sehr lästig war, wußte er, ebenso wie zwei -Jahre vorher, das Hauptübel, die Zensur des gesamten Buchwesens durch -die Examinationskommission, stillschweigend zu beseitigen; von dem -Index, den sie herstellen sollte, verlautete kein Wort mehr! - -Ein Jahr später raffte sich die Kommission nochmals zu einem Vorstoß -auf; sie verlangte abermalige Verschärfung der Zensur und Erhöhung der -Strafen; Wöllner unterstützte ihr Gesuch nachdrücklich. Aber seine Uhr -begann schon abzulaufen, und das Ministerium hüllte sich auch diesem -neuen Attentat gegenüber in beredtes Schweigen. - - -Das Verbot der »Allgemeinen deutschen Bibliothek« in Preußen 1794. - -Gleichzeitig mit der versuchten Einführung eines Index spielte sich -noch ein anderes Ereignis ab, das viel Staub aufwirbelte und Hunderte -von Aktenseiten mit Gutachten füllte. - -Im Jahre 1794 vergriff sich die Examinationskommission an der »Neuen -Allgemeinen deutschen Bibliothek«, die seit zwei Jahren in Kiel verlegt -wurde. Dieselbe Kabinettsorder, die die Aufstellung eines Index befahl, -verbot auch jene in Berlin noch immer am meisten gelesene Zeitschrift -»als ein gefährliches Buch gegen die christliche Religion«, und zwar, -da keinerlei Einschränkung ausgesprochen wurde, nach österreichischem -Muster für Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft! Eine Stelle im 8. Band -(I. Stück, S. 88) soll der Anlaß des Verbots gewesen sein. Hier wurde -die Auferstehung verstorbener Menschen beim Tode Jesus' als eine von -Matthäus leichtgläubig untergeschobene Anekdote erklärt. - -Das Verbot der »Allgemeinen deutschen Bibliothek« verursachte aber -einen Sturmlauf von Protesten, wie ihn aus gleichem Anlaß das -Ministerium wohl noch nicht erlebt hatte. Zunächst erklärte der -Buchhändler Joh. Friedr. Hartknoch in Riga seinem Berliner Kommissionär -Friedr. Vieweg d. Ä., wenn dies Verbot nicht zurückgezogen werde, -breche er alle Beziehungen über Preußen ab; er werde sich dann seinen -ganzen Bücherbedarf über Braunschweig und Lübeck verschreiben, wo -ihn keine Zensur behellige, und außerdem in Berlin nie wieder etwas -drucken lassen. Er und seine Kunden, die zum »aufgeklärtesten« Publikum -gehörten, ließen sich so etwas nicht gefallen, und andere würden wohl -seinem Beispiel folgen. - -Vieweg wandte sich nun mit einer ausführlichen Beschwerde an das -Ministerium, wies nach, daß die preußische Post von seinem Geschäft -allein 3000 Taler jährlich einnehme und durch Verschärfung der -Zensurgesetze der ganze preußische Buchhandel zugrunde gehen müsse. -Nicolai belegte diese Prophezeiung mit wirksamem Zahlenmaterial und -sang ein bewegliches Klagelied: Was solle er jetzt mit seinen Vorräten -der von ihm verlegten alten Jahrgänge anfangen, die er gerade im Preise -herabgesetzt habe? Der neue Verleger schulde ihm noch 5000 Taler der -Kaufsumme, die er unter diesen Umständen verlieren müsse. - -Die Halleschen Buchhändler versicherten ebenfalls, das Verbot »eines -der besten und gangbarsten Bücher« sei der Ruin ihres Gewerbes, und die -Kurmärkische Kammer, die das Generaldirektorium mit einem Gutachten -beauftragt hatte, machte sich alle diese Beweisgründe zu eigen. Am -wenigsten sei das Verbot der früher mit preußischer Zensur erschienenen -Bände zu rechtfertigen, an denen übrigens Wöllner selbst mitgearbeitet -hatte. Die von Wöllner gereizte Hallesche Universität sprach sich durch -ihren Direktor Klein gleichfalls gegen das Verbot aus. - -Am 27. Februar schloß sich das Generaldirektorium dem Gutachten der -Kurmärkischen Kammer vollständig an, und am 31. März beantragte der -gesamte Staatsrat die Aufhebung des Verbots. Der jetzige Verleger Bohn -habe sich erboten, »künftighin bei der theologischen Recension alle -den hiesigen Landesgesetzen angemessene Vorsicht und Behutsamkeit -gebrauchen zu wollen«. - -Abermals triumphierte das Ministerium. Am 1. April 1795 hob der König -das Verbot auf, unter der Bedingung, daß »künftig in keiner einzigen -Abhandlung das Mindeste gegen die christliche Religion oder den Staat -oder die guten Sitten« enthalten sein dürfe. Nicolai trage dafür die -Verantwortung. - -Nicolai lehnte natürlich schleunigst die ihm aufgeladene Verantwortung -für eine Zeitschrift, auf die er keinen Einfluß mehr hatte, ab. Das -Ministerium begnügte sich aber, die Eingabe beim Staatsrat zirkulieren -zu lassen und ohne weitere Verfügung zu den Akten zu geben. - -Nicolais Vorsicht war begründet: Schon ein Jahr später gab die -»Allgemeine deutsche Bibliothek« abermals zu theologischen Klagen -Anlaß. Sogleich erhielt er ein von Hillmer entworfenes königliches -Reskript, das ihn an seine »angelobte Pflicht« erinnerte und ein neues -Verbot in Aussicht stellte. - -Die Sache verlief aber im Sande, denn die Tage der -Examinationskommission waren bereits gezählt. - - -Eine Fabel. - - Vor etwa achtzig, neunzig Jahren, - Vielleicht sind's hundert oder mehr, - Als alle Thiere hin und her - Noch hochgelahrt und aufgekläret waren, - Wie jetzt die Menschen ohngefähr; - -- Sie schrieben und _lectür_-ten sehr, - Die Widder waren die _Scribenten_, - Die andern: _Leser_ und _Studenten_, - Und _Censor_ war: der Brummelbär -- - - Da kam man ~supplicando~ ein: - »Es sei unschicklich und sei klein, - Um seine Worte und Gedanken - Erst mit dem Brummelbär zu zanken, - Gedanken müßten zollfrei sein!« - Der Löwe sperrt den Bären ein, - Und that den Spruch: »Die edle Schreiberei - Sei künftig völlig frank und frei!« - - Der schöne Spruch war kaum gesprochen, - So war auch Deich und Damm gebrochen. - Die klügern Widder schwiegen still, - Laut aber wurden Frosch und Crocodil, - Seekälber, Scorpionen, Füchse, - Kreuzspinnen, Paviane, Lüchse, - Kauz, Natter, Fledermaus und Staar, - Und Esel mit dem langen Ohr etc. etc. - Die schrieben alle nun und lieferten Tractate; - Vom Zipperlein und von dem Staate, - Vom Luftballon und vom Altar, - Und wußten's alles auf ein Haar, - Bewiesen's alles sonnenklar, - Und rührten durcheinander gar, - Daß es ein Brei und Gräuel war. - - Der Löwe gieng mit sich zu Rathe - Und schüttelte den Kopf und sprach: - »Die besseren Gedanken kommen nach: - Ich rechnete, aus angestammtem Triebe, - Auf Edelsinn und Wahrheitliebe -- - - Sie waren es nicht werth, die Sudler, klein und groß, - _Macht doch den Bären wieder los_!« - - _Matthias Claudius._ - - -Der König und der Adler. Keine Fabel. - -Das obige reaktionäre Gedicht von Matthias Claudius, dem biedern -Wandsbecker Boten, erschien am 3. Oktober 1795 in der »Hamburger -neuen Zeitung«. Prompt gab darauf im selben Blatt am 28. Oktober der -freisinnige und streitbare Homerübersetzer Johann Heinrich Voß, der -erbitterte Feind aller Dunkelmänner, seine Antwort: »Der König und der -Adler. Keine Fabel.« Der Uhu läßt durch ein Käuzlein den Hahn beim -Könige der Vogelwelt, dem Adler, verklagen: - - Wann noch dein wohlbeherrschter Staat, - Nach sanftem Thun gewohnter That, - Sanft schläft und träumet und verdauet, - Und unser Nachtlied früh und spat ... - Den Frommen, welcher wacht, erbauet; - Schnell kräht uns der Illuminat - Die Sonn' empor, um aufzuklären, - Und Ruh und Andacht uns zu stören: - Fink, Lerche, Schwalb' und Meis' empören - Gefild' und Wald in freien Chören; - Man kann sein eigen Wort nicht hören! - Die tolle Rotte spricht gar Hohn - Der mystischen Religion ... - Ja, König, strafst du nicht, so drohn ... - So drohn dem Münster und dem Staat - Aufruhr, Empörung, Hochverrath ... - Die Nachtigall singt ohne Scheu - Am hellen Tag' Aufklärungslieder; - Daß ohne Scheu das Waldgefieder - Aufklärung nachsingt hin und wieder. - Aufklärung? nein Aufklärerei! ... - Herr König, laß dir doch gefallen: - (Wir Kauz' und Eulen flehn gesamt!) - Dem Hahn und seinen Schreiern allen, - Die immerfort Aufklärung hallen, - Zum Bändiger, im Censoramt - Den frommen Uhu zu bestallen! - - Der Adler that, als hört' er nicht, - Und sah ins junge Morgenlicht. - -In Vossens »Lyrischen Gedichten« (1802) hat sich diese Fabel zu einem -Epos von fünf Fabeln ausgewachsen, das dem Oberkonsistorialrat Spalding -gewidmet ist. Der Uhu und sein Nachtgevögel lassen sich durch die -vornehme Verachtung des Adlers nicht von ihrer finstern Wühlarbeit -abschrecken; mit allen Mitteln suchen sie die lichtfrohen Anhänger des -Königs zu sich herüberzuziehen, und es gelingt ihnen schließlich sogar, -den kecken Hahn zu ihrer »nachtfrohen Münsterklerisei« zu bekehren. Nun -glauben sie gewonnen Spiel zu haben, bis sie schließlich sehen müssen, -daß sich der Sonnenaufgang darum nicht um einen Augenblick verspätet: - - Die hehre Himmelssonne gehet - Unwandelbar die große Bahn, - Sorglos ob krächzet oder krähet - Auf seinem Mist ein Hühnerhahn ... - Nicht lehrt der Hahn die Sonn' aufgehn; - Nein, Sonnenaufgang lehrt ihn krähn. - - -Licht und Sonnenschein. - -Ein marokkanischer Kaiser verbannte einmal alle Lichtzieher, Lampen- -und Ölverkäufer aus seinem Lande. - -»Wozu brauchen meine Sklaven zu sehen? Dies verdirbt ihnen nur die -Augen« -- sagte er. - -»Aber was wird es dir helfen?« erwiderte sein Wesir; »kannst du die -Sonne auslöschen und den Mond verdunkeln? Scheinen sie nicht von -selbst?« - - _Christian August Fischer_, »Politische Fabeln«. 1796. - - -Götzendämmerung. - -Es liegt eine poetische Gerechtigkeit darin, daß der Minister Wöllner -über eben das stürzte, was so vielen aufrechten Männern das Rückgrat -hatte brechen sollen. - -Als er sich nach dem Tode Friedrich Wilhelms II. (16. Nov. 1797) -herausnahm, das verhängnisvolle Religionsedikt nochmals einzuschärfen, -kam er bei dem Thronfolger übel an. Eine scharfe, vom Geheimrat -Mencken, dem Großvater des Fürsten Bismarck, entworfene Kabinettsorder -vom 11. Januar 1798 bedeutete ihn, daß die Religion »Sache des Herzens, -des Gefühls und der eigenen Überzeugung sein und bleiben« müsse und -nicht »durch methodischen Zwang zu einem gedankenlosen Plapperwerk -herabgewürdigt« werden dürfe. »Vernunft und Philosophie«, so lauteten -die wahrhaft königlichen Worte, »müssen ihre unzertrennlichen -Gefährten sein, dann wird sie durch sich selbst feststehen, ohne -die Autorität derer zu bedürfen, die es sich anmaßen wollen, ihre -Lehrsätze künftigen Jahrhunderten aufzudringen, und den Nachkommen -vorzuschreiben, wie sie zu jederzeit denken sollen.« - -Schon im Dezember 1797 war die Examinationskommission nebst allen -ihren jüngeren Schwestern in den Provinzen aufgehoben und das -Oberkonsistorium wieder in seine alten Rechte eingesetzt worden, und am -11. März 1798 erhielt auch Wöllner seine Entlassung. Hermes und Hillmer -wurden mit 500 Taler Pension (statt 2000 Taler Gehalt) abgefunden, und -Minister von der Schulenburg gab ihnen das Abgangszeugnis, daß sie -»in ihren bisherigen Verhältnissen nichts geleistet hätten und auch -fernerhin keinen Nutzen bringen würden«. - - -Kants Schlußwort. - -Durch den Tod des Königs fühlte sich Kant von seinem Schweigegelöbnis -befreit; in diesem Sinne waren seine Worte »als Ew. Maj. getreuester -Unterthan« ein wohlüberlegter Vorbehalt gewesen. Mit dem ganzen -Aufgebot seines Scharfsinns untersuchte er nun in einem neuen Buche -»Der Streit der Facultäten« (Königsberg 1798) das Verhältnis der -Theologie zur Philosophie, der Kirche zur modernen Wissenschaft, und -als Beispiel einer falschen Bekämpfung der Philosophie erzählte er in -der Vorrede seinen Zusammenstoß mit der preußischen Zensur im Jahre -1792 und seine Maßregelung zwei Jahre später. Die Kabinettsorder des -Königs und seine Antwort druckte er wörtlich ab und errichtete so der -Regierung Friedrich Wilhelms II. und seines Günstlings Wöllner den -verdienten Pranger. »In seinem systematischen Denken«, sagt Wilhelm -Dilthey und nach ihm E. Fromm, »gelangte erst mit dieser Arbeit der -im Jahre 1792 begonnene Streit zum Abschluß. Preßfreiheit hat Kant -- -trotz Fichtes Vorgang -- nicht verlangt. Die Censur solle bestehen -bleiben, aber sie sollte zu einer Funktion des Universitäts-Organismus -als der obersten wissenschaftlichen Körperschaft erhoben und so zum -Nutzen der Wissenschaft und des Kulturfortschrittes der Willkür der -Verwaltung und den theologischen Vorurtheilen entzogen werden.« - - - - -4. An der Wiege des Theaterzensors. - - -Der Schrei nach der Theaterzensur. - -Es ist nützlich, daran zu erinnern, daß nicht zuerst die Behörden -die Zensurpolizei ins Theater riefen, sondern -- die deutschen -Schriftsteller. Der erste bedeutende Literarhistoriker, Daniel -Morhof (1639--1691), hat das zweifelhafte Verdienst, die Einsetzung -von Personen gefordert zu haben, »ohne deren Bewilligung kein Stück -aufgeführt werden sollte«. Allerdings war die deutsche Bühne damals -durch die Zügellosigkeit der Stegreifkomödie so verwildert, daß -alle Tugendwächter sich davor bekreuzigen durften. Die deutsche -Sprache und Literatur drückte sich noch als Aschenbrödel zaghaft im -Lande herum; kein Wunder, daß sie verwahrlost war. Fürsten und Adel -würdigten in der Regel nur die italienische und französische Komödie -ihres Besuches; das 1742 als Theater eingerichtete Hofballhaus in -Wien, das spätere Burgtheater, war bis 1776 fast nur ausländischen -Schauspielergesellschaften vorbehalten. - -Für das Volk der deutschen Kaiserstadt waren die »ordinari Comödie« -am Kärntner Tor, dem eigentlichen Stadttheater, und die übrigen -Harlekinaden der Vorstadtbühnen gut genug. Die kaiserliche Regierung -schenkte dieser niedern Art Volksbelustigung noch keine Aufmerksamkeit, -während sich die berüchtigten Tierhetzen des kaiserlichen Schutzes -rühmen durften; wenn sie die Abgaben der Theaterunternehmer pünktlich -hereinbekam, überließ sie der Stadtbehörde die Sorge dafür, daß es -nicht allzu wild dort zuging. Von einer vorhergehenden Prüfung der dort -gespielten burlesken Komödien konnte schon deshalb keine Rede sein, -weil diese Stücke zum größten Teil extemporiert und nicht, wie die -»regelmäßigen« Schauspiele der fremden Komödianten, niedergeschrieben -oder gar gedruckt wurden. Das galt besonders von den Reden der lustigen -Person, des ursprünglich italienischen Arlecchino, den der Schauspieler -Stranitzky (seit 1708 in Wien) in Charakter und Tracht eines -dummdreisten salzburger Bauern namens Hanswurst neu zu gestalten wußte. -Seine unkontrollierbaren, der zufälligen Situation entspringenden -Späße und schlagfertigen Einfälle pflegten auf die Theaterbesucher der -Wiener Vorstädte die größte Anziehungskraft auszuüben. - -Nun begab es sich im Oktober 1737 zu Leipzig an der Pleiße, daß -der biedere Magister Gottsched durch die Schauspielerin Caroline -Neuberin dem gottlosen Hanswurst, der stets die Lacher auf seiner -Seite hatte und keine regelmäßige Komödie nach dem Vorbild der Alten -und der Franzosen aufkommen ließ, ~coram publico~ den Prozeß machen -und ihn auf der Neuberschen Bühne wie einen Mörder und Strauchdieb -~in effigie~ verbrennen ließ. Die Gottschedianer, die Mehrzahl der -damaligen Intelligenz, zogen nun allesamt wacker gegen Hanswursten -zu Felde, und es war Wasser auf ihre Mühle, als Maria Theresia 1752 -gebot, keine andern Komödien zu spielen, »als die aus dem frantzösisch -oder wällisch, oder spanisch theatri herkommen«, und alle »hiesigen -compositionen« zu unterdrücken; »wann aber einige gute doch wären von -weiskern [einem Wiener Komiker], sollten sie ehender genau durchlesen -werden und keine ~equivoques~ noch schmutzige Worte darinnen gestattet -werden«. - -Damit wurde das gesamte Bühnenrepertoire Wiens der schon bestehenden -Bücherzensur unterstellt, denn die »regelmäßigen« Stücke wurden vorher -gedruckt; die Erlaubnis zum Druck war zugleich auch die zur Aufführung. - - -Verbot der extemporierten Komödie. - -Geholfen war aber mit dieser gewaltsamen Einführung der regelmäßigen -Komödie noch nicht viel; die Possenreißer, die zeitlebens durch ihre -Improvisationen geglänzt hatten, ließen sich so leicht nicht ihr -Spiel verderben, in dieser oder jener Gestalt kam der alte Hanswurst -immer wieder zum Vorschein, und gegen seine Extempores gab es keine -Präventivzensur, nur Repressivmaßregeln: der mit der Theaterinspektion -beauftragte Beamte konnte allzu »verdächtige und grobe Redensarten« -zur Anzeige bringen, die Schauspieler bestrafen und ungeziemende -Vorstellungen nachträglich verbieten. - -Die Gottschedianer aber ließen nicht locker. Einer von ihnen, Heinrich -von Engelschall, forderte 1760, »daß kein Wort von einem Schauspieler -auf der Bühne gesprochen werde, das nicht in dem vorher gänzlich -schriftlich abgefaßten und zur Censur eingereichten Stücke befindlich -sei«. Nicht nur, was Religion, Staat und gute Sitte beleidige, müsse -verboten werden, sondern das Schlechte an und für sich, um den guten -Geschmack zu bilden. Also moralische und ästhetische Zensur zugleich. - -Diese Bestrebungen führte Joseph von Sonnenfels zum Siege. Mit -ehrlicher Leidenschaft zog er in seiner Zeitschrift »Der Mann ohne -Vorurteil« (1765 f.) und in seinen »Briefen über die wienerische -Schaubühne« (1768) gegen die »Sittenlosigkeit und Unanständigkeit, -diese Schandflecken der Schaubühne und Nationalsitten« zu Felde; -er beschwor den Kaiser, das deutsche Theater als das eigentliche -Nationaltheater »der Gegenwart des Hofes und des gesitteten Theiles -der Nation würdig zu machen«, und erreichte durch hartnäckigen Eifer -und Freimut sein Ziel: 1769 wurde von Kaiser Joseph, dem Mitregenten -seiner Mutter Maria Theresia, die extemporierte Komödie endgültig -verboten; alle früher erlaubten Stücke wurden einer nochmaligen -Prüfung unterzogen, und neue Stücke mußten vor der Aufführung in zwei -Abschriften eingereicht werden. Damit verschwand der alte Hanswurst von -der Bildfläche. - - -Der erste Theaterzensor. - -Der war Sonnenfels selbst. Am 15. März 1770 wurde er zum Theaterzensor -ernannt, erhielt eine Instruktion und sollte nun alles streichen, -»was die Religion, den Staat im mindesten beleidiget oder auch -offenbarer Unsinn und Grobheit, folglich des Theaters einer Haupt- und -Residenzstadt unwürdig ist«. - -Er sollte aber an seinem neuen, von ihm selbst erfundenen Amt wenig -Freude erleben. Sein Fall ist schon typisch. Lessing, der über -Gottscheds moralische Entrüstung gelacht und in seiner »Hamburgischen -Dramaturgie« den Harlekin zu retten versucht hatte, schüttelte den Kopf -auch zu des Österreichers »allzu strengem Eifer gegen das Burleske«. -Als er das am 25. Oktober 1770 an seine Braut Eva König schrieb, ahnte -er noch nicht, daß der erste Theaterzensor bereits ausgelitten hatte. -Der Unglückswurm hatte ein Stück erlaubt, worin ein Sultan seiner -Schönen sein Schnupftuch reicht. Erst mußte das bedenkliche Tuch durch -einen Spiegel ersetzt werden; nach der dritten Aufführung aber wurde -die ganze Komödie verboten, und Sonnenfels erhielt am 13. Oktober -seinen Abschied. Obendrein hatte er sich in den sieben Monaten seiner -Regierung zu einem kleinen Tyrannen ausgewachsen, der »gar niemanden -neben sich leiden« mochte. - -Sonnenfels ist der vorwitzige Zauberlehrling, und das Theater wurde die -Geister nicht mehr los, die er gerufen hatte. - - -Die notwendigen Eigenschaften eines Zensors. - -Sonnenfels' Nachfolger war der um die Hebung des österreichischen -Schulwesens hochverdiente Regierungsrat Franz Karl Hägelin. Wen muß -nicht ein Schauer heiliger Ehrfurcht überlaufen, wenn er hört: dieser -Mann war Rat der niederösterreichischen Regierung, im Nebenamte -vierzig Jahre lang Bücherzensor hauptsächlich für schöne Literatur, -und außerdem von 1770 bis Ende 1804, also fünfunddreißig Jahre lang -Theaterzensor, ohne daß ihm für diese Tätigkeit je ein Pfennig Gehalt -gezahlt wurde! Ihm unterstand das Repertoire aller Bühnen Wiens, -obendrein hatte er die Anschlagzettel der Tierhetzen und Feuerwerke zu -überwachen, und zeitweilig mußten ihm alle Theater Österreichs ihre -Manuskripte einreichen! Was ist mehr zu bewundern: die märchenhafte -Selbstlosigkeit dieses Mannes oder die Dauerhaftigkeit seiner geistigen -Konstitution, die länger als ein Menschenalter den Kelch der Literatur -bis zur untersten Hefe auskostete?! - -Dabei nahm Hägelin sein Amt keineswegs leicht. Über alle von ihm -gelesenen Stücke verfaßte er ausführliche Gutachten, die den Majestäten -selbst vor Augen kamen. Er war zwar ein eifernder Katholik, aber -doch nicht ohne eine gewisse Unbefangenheit, hatte er doch Wielands -»Deutschem Merkur«, dem »Deutschen Museum« und den Schriften des Barons -von Archenholz, des Geschichtschreibers des Siebenjährigen Krieges, -den Weg nach Österreich geebnet. Er war jeder Willkür abhold, besaß -wenigstens den Willen zum Verständnis, sogar einen grimmigen Humor, -wenn »ein geübter Verhunzer aller beinschrötigen Theatralprodukte« -als »Bearbeiter« eines klassischen Stückes es gar zu toll getrieben -hatte, und stellte an die Persönlichkeit eines Zensors die höchsten -Anforderungen, die er einmal in die Formeln zusammenfaßte: - -»Ein Censor muß viele Belesenheit, eine bescheidene Urtheilskraft, -historische Kenntnisse alter und neuer Gelehrsamkeit, eine gute -philosophische Kritik, Geschmack um den Ton eines Authors zu bestimmen -und hauptsächlich keine insulirte Wissenschaft seines sonstigen Amtes, -sondern eine hinlängliche Kenntnis von der Verwandtschaft zwischen den -Wissenschaften besitzen, um zu wissen, was ein Satz für einen Einfluß -auf die Wahrheiten einer andern Disciplin haben kann. Der Author -erscheint vor seinem Richterstuhl ohne Vertreter, der Censor muß also -seine vorgefaßten eigenen Systeme einen Augenblick auf die Seite legen -können und den Author mit Billigkeit behandeln und wohl unterscheiden -können, ob seine Sätze bloß irrig oder auch zugleich schädlich sein -können.« - -Man kann nicht gerade sagen, daß diese kluge Erkenntnis Hägelins von -der Schwierigkeit seiner Aufgabe später der Leitsatz bei Handhabung der -Zensur, im besonderen der österreichischen, geworden wäre. Im Gegenteil! - - -Die Schaubühne als moralische Anstalt. - -Zu seinem fünfundzwanzigjährigen Jubiläum als Theaterzensor verfaßte -Hägelin eine ausführliche Denkschrift über dies Metier, eine Art -Katechismus für alle Zensoren der Gegenwart und Zukunft, worin er mit -Scharfsinn die tausend Rücksichten, Vorsichten und Nachsichten darlegt, -von denen ein Zensor nach dem Herzen Gottes auszugehen hat, um den oft -so versteckten Fußangeln der Frivolität, des politischen und religiösen -Nihilismus eines Dichters zu entgehen. Manche seiner Gesichtspunkte -haben sich zu den weiter unten folgenden Anekdoten verdichtet. Hier -seien nur einige Leitsätze jener Denkschrift, des Ergebnisses einer -fünfundzwanzigjährigen Erfahrung, skizziert: - -Die Zensur darf keineswegs in steinernen Gesetzestafeln erstarren, -vielmehr sind zeitliche und örtliche Umstände für ihr Urteil -entscheidend. Dieser an sich ganz einleuchtende Grundsatz diente nur -meist zur Ausdehnung der Verbote, statt zu ihrer Aufhebung. Geschmack -ist Sache der Kritik [Bravo!], aber doch auch des Zensors »insoweit, -als er das Schickliche, das Anständige und Vernunftmäßige in Absicht -auf die Sitten selbst und das Konventionelle oder auch das natürliche -und politische Decorum, welches widersinnige, den Wohlstand [soll -heißen: Anstand] verlezende Ungereimtheiten verabscheuet, angehet«. -Auch das ästhetisch Schöne kann unmoralisch sein. Das Theater ist eine -Schule des guten Geschmacks, aber ebenso der guten Sitten. Das Trauer- -oder Lustspiel bezweckt »die Beförderung der Tugenden des Willens -oder des Verstandes«. Jede Fabel, d. i. Handlung, eines Dramas hat -ihre Moral so gut wie eine äsopische Fabel, und da der Eindruck von -der Bühne her viel stärker ist als aus der Lektüre, muß diese Moral, -wenn sie nicht verderblich wirken soll, stets so sein, daß die Tugend -liebenswürdig, das Laster verabscheuenswert erscheint. Erstere darf -nie scheitern, letzteres nie triumphieren. Ein »ungeahndetes Laster« -widerspricht der »moralischen und poetischen Gerechtigkeit« und ist nur -der »Modephilosophie« eigen. Wenn also Stoff oder Moral eines Stückes -gegen Religion, Staatsverfassung oder Sitte verstößt, »mithin im Grunde -fehlerhaft ist«, kann es nicht aufgeführt werden. - -Der Dialog mußte sich daher durchaus auf das beschränken, was in einer -»gesitteten, wohlerzogenen Gesellschaft« ohne Anstoß gesagt werden -konnte. Alles, was irgendwie zweideutig klang, wurde beseitigt, und der -Zensor hatte auch bei der Vorstellung darauf zu achten, daß nicht etwa -der Schauspieler durch Pausen, Pantomimen oder Extempores in harmlose -Worte Zweideutigkeiten hineinbrachte. Schon damals also herrschte in -Wien die vollendete »Komtessenästhetik«, über die Heinrich Laube, der -erfolgreiche Burgtheaterdirektor, sich so oft ärgern mußte. - -Hägelin hatte Schillers Abhandlung von 1784, »Die Schaubühne als -moralische Anstalt betrachtet«, nicht ohne Nutzanwendung gelesen; aber -über die Kluft zwischen dem moralisch und ästhetisch Schönen kam er -ebensowenig wie Sonnenfels hinweg, und der von ihm ausgearbeitete, -in seiner Wirkung noch heute nicht erschöpfte Zensorenkatechismus -lief auf die gleiche Losung hinaus, die hundert Jahre vorher der -Wiener Barfüßermönch und berühmte Kanzelredner Abraham a Santa Clara -ausgegeben hatte: »Die Komödien und Schauspiel hat man aufbracht, damit -die Tugenden erlernt und die Laster sollen gemeidet werden.« Punktum! - - -Keine Religion auf der Bühne! - -Ebenso engherzig wie in moralischer Beziehung war man im Punkte der -Religion, besonders der katholischen. Religiöse Gegenstände, erklärte -Hägelin, sind überhaupt kein Stoff theatralischer Vorstellungen; -die Religion ist zu erhaben und kann durch das profane Theater nur -herabgewürdigt werden. Keine Priestergestalt vom Papst herunter bis zum -geringsten Klosterangehörigen durfte auf der Wiener Bühne erscheinen; -ein Pastor wurde in einen Küster, Magister oder Rektor verwandelt. -Selbst Eremiten und Klausner waren nur erlaubt, wenn »ihre Handlung -ernsthaft« war, ohne jedoch religiös zu sein, und ihre Kleidung -nichts Kirchliches an sich hatte. Gegen »Vertreter der türkischen -und heidnischen Religion« hatte man nichts einzuwenden, nur durften -sie natürlich nicht wie Satiren auf die christliche Geistlichkeit -wirken. Die Geschichte der Juden durfte nach den Daten des Alten -Testaments dramatisiert werden, soweit »ihre Handlungen aus natürlichen -Triebfedern entsprungen sind«. - -Im Dialog waren alle Ausdrücke biblischer, katechetischer oder -hierarchischer Herkunft verboten. Man durfte nicht sagen »alt wie -Methusalem«, sondern nur »alt wie Nestor«, nicht »weise wie Salomo«, -sondern »weise wie Solon«, nicht »stumm wie Loths Salzsäule«, sondern -»stumm wie ein Fisch«, nicht »fett wie ein Dompropst«, sondern »fett -wie ein reicher Pächter«. (Die Rücksicht auf die Agrarier kannte man -damals offenbar noch nicht!) Selbst »Bileams Esel« war vom Theater -verbannt! Das Wort fromm sollte möglichst vermieden werden; Heilige -durfte es auf der Bühne gar nicht geben, nur Verklärte, und statt in -den Himmel kam man nur in das Paradies. Man durfte nicht beichten, -sondern nur bekennen, kein »~Te Deum~«, sondern nur »Loblieder« -singen, nicht in der Bibel lesen, nur in einem Buch. Für Aberglauben -mußte man Irrwahn sagen, und an Dinge wie Aufklärung durfte man -nicht erinnern. Selbst das Wort Sünde mußte durch andere Wendungen -ersetzt werden. Für Todsünde sagte man »schweres Verbrechen«. Anrufe -Christi und der Heiligen waren streng verboten, und fromme Seufzer wie -»allmächtiger ewiger Gott!« deshalb verpönt, weil dem Zuhörer »gleich -auch die Fortsetzung des Kirchengebetes ›Himmlischer Vater‹ etc. dabei -einfallen« könne! - - -Joseph II. und die Theaterzensur. - -Kaiser Joseph übertrug seine liberalen Grundsätze über Bücherzensur -keineswegs auf das Theater. Auch er behandelte es als eine Anstalt -für sich, der andere Grundsätze frommten. Wenn er auch die polemische -Literatur über religiöse Fragen freigab -- auf der Bühne wollte er -nichts davon hören; aber er war konsequent und verbot ebenso die -geistlichen Spiele, mit denen der Klerus an kirchlichen Festtagen das -Volk zu erbauen pflegte. - -In moralischer Beziehung stand er gleichfalls noch ganz unter dem -Einfluß seiner sittenstrengen Mutter Maria Theresia. Kaiser Joseph -hat das große Verdienst, das bisher an Unternehmer und ausländische -Schauspielertruppen verpachtete Burgtheater 1776 in ein deutsches Hof- -und Nationaltheater umgewandelt zu haben, aber er befreite das deutsche -Schauspiel doch nicht aus den Ketten, die ihm der Theaterzensor -umgelegt hatte. Seine Zensurreformen setzten ja überhaupt erst nach dem -Tode seiner Mutter ein. Die Übernahme des Theaters »in Regie des Hofes« -gab dem Wiener Bühnenwesen in sozialer und künstlerischer Hinsicht -einen gewaltigen Aufschwung, und die endliche Alleinherrschaft des -deutschen Schauspiels auf dem Hoftheater sicherte den Siegeszug der -hochdeutschen Sprache, die bis dahin in Wien als »lutherisch Deutsch« -verachtet war. Aber die ästhetisch-moralische Neuorientierung, die -gerade jetzt, bei der Morgenröte unseres klassischen Zeitalters, -notwendig wurde, unternahm Joseph II. nicht. Wenn, wie Heinrich -Laube erzählt, das neubegründete Hof- und Nationaltheater 1776 keine -Bibliothek anlegen konnte, weil die noch in aller Schärfe bestehende -Bücherzensur nicht einmal das Lesen zahlreicher Stücke erlaubte, so -machte Josephs neues Preßgesetz von 1780 diesem unwürdigen Zustand -zwar ein Ende. Die Theaterzensur wurde von jetzt ab ausschließlich von -der Wiener Zensurhofkommission ausgeübt, und die Revision des Katalogs -der früher verbotenen Bücher gab auch eine Masse älterer Stücke frei. -Die Tortur im Gerichtsverfahren schaffte der Kaiser ab, und die -Todesstrafe schränkte er ein; vor dem Richterstuhle des Theaterzensors -dagegen wurde die Anwendung beider Mittel von Jahr zu Jahr beliebter. -So kam es, daß schon unter Josephs Regierung die Werke unserer großen -Klassiker, wenn man sie nicht kurzweg mit dem Zensurschwert vom Leben -zum Tode brachte, mit all den Daumschrauben und spanischen Stiefeln -gefoltert wurden, die gerade die Wiener Theaterzensur zum Gespött der -Welt machen sollten, leider aber auch in Deutschland, besonders auf den -Hoftheatern, als nachahmenswertes Beispiel Geltung gewannen. - - -Das vierte Gebot. - -Klingers »Zwillinge«, die 1776 in einem Hamburger Preisausschreiben -gekrönt wurden, kamen am 11. Januar 1777 auf dem Burgtheater zur -Aufführung, wurden aber am nächsten Tage durch Allerhöchsten Befehl -verboten, »für jetzt und für alle Zukunft«! Den Schauspieler Lange -beschenkte zwar Kaiser Joseph für sein treffliches Spiel mit 100 -Dukaten, erklärte ihm aber zugleich, dies Stück enthalte gar zu -viel gegen das vierte Gebot, das er in Ehren halten müsse. Am 2. -Juli schrieb Regierungsrat Gebler an Friedrich Nicolai, der Kaiser -selbst habe nicht nur dieses Drama Klingers, sondern überhaupt »alle -dergleichen gräßliche, unsinnvolle Shäkespearischen Nachäffungen -künftig« auf dem Theater verboten. - -Das Konkurrenzstück zu den »Zwillingen«, »Julius von Tarent« von -Leisewitz, das ebenso wie Klingers Werk einen Brudermord behandelt, -durfte erst am 15. November 1785 gegeben werden; es stand bis 1780 im -Katalog der verbotenen Bücher. - - -Schauspielerzensur. - -Kaiser Joseph hatte dem neuen Burgtheater von 1776 eine -Art republikanischer Verfassung gegeben: ein Ausschuß von -Theatermitgliedern selbst, Männern und Frauen, sollte über Auswahl -der Stücke, Besetzung der Rollen usw. beraten und seine Beschlüsse -der obersten Direktion vorlegen. Die Protokollführung und die damit -verbundenen Geschäfte besorgten die sogenannten »Wöchner«, die von -der Versammlung der Kollegen gewählten Regisseure, die wöchentlich -abwechselten. - -Diese Einrichtung hatte aber nur dreizehn Jahre Bestand; die Kabalen -der Herren und Damen untereinander führten zu endlosen Streitigkeiten, -und der Ausschuß wurde 1789 noch vom Kaiser selbst beseitigt. - -Auch die Literatur hat dieser Schauspielerrepublik nichts zu verdanken, -denn der literarische Ehrgeiz dieser k. k. Hofschauspieler ging nur -darauf aus, dem Zensor vorzuarbeiten und nichts in Vorschlag zu -bringen, was ihnen höheren Orts Vorwürfe hätte eintragen können. -Statt mit allem, sonst so verschwenderisch vorhandenen Pathos für -jede neue literarische Regung einzutreten, waren es, noch bevor der -Zensor seines Amtes waltete, die Schauspieler, die über die politische -Harmlosigkeit der aufzuführenden Stücke wachten, menschliche Schwächen -gekrönter Personen vom Dichter nicht behandelt sehen wollten, ja sogar -Stoffe der deutschen Geschichte »für ein gutes deutsches Theater nicht -passend« fanden und diese von Shakespeare beeinflußte Vorliebe der -Dramatiker nicht als eine Bereicherung, sondern als eine Verarmung der -Theaterliteratur bezeichneten! Auch sie fügten sich all den Gesetzen -des damaligen Zensurkatechismus, und es ist kein Fall bekannt geworden, -daß ihr künstlerisches Gewissen einmal gegen den Stachel geleckt hätte. -Im Gegenteil! Ausgerechnet die damaligen Schauspieler gingen besonders -scharf mit den moralischen Qualitäten eines von ihnen beurteilten -Stückes ins Gericht. So lehnten sie einmal ein Schauspiel »Nanis« mit -der Begründung ab, »die Zensur könne niemals ein Weib auf der Bühne -leiden, die ohne Scheu bekennt, wie sehr sie ihren Mann haßt und ihren -Liebhaber liebt«. - -Entsprechend hieß es auch in dem von diesem Schauspielerausschuß 1778 -bearbeiteten »Organisationsstatut«, daß der Geschmack nicht durch -»Mißgeburten« schwankend gemacht werden dürfe und kein Stück anzunehmen -sei, »so dem _System_ widerspricht, wenn auch irgend ein Financier eine -gute Einnahme davon prognosticirte«. Es gab also schon vor dem späteren -Staatskanzler Fürsten Metternich ein »System«, und die »Mißgeburten« -waren vorwiegend die Stücke, die sich als klassische Literaturwerke -durch ein Jahrhundert durchgesetzt haben. - - -»Traurige Auftritte.« - -Shakespeares »Romeo und Julia« wurde von den Schauspielern des -Burgtheaters am 2. Juli 1777 vom Repertoire entfernt, mit der -Begründung: die Kaiserin wolle keine Stücke, »worin Leichenbegängnisse, -Kirchhöfe, Todtengruften und solche traurige Auftritte vorkommen«. Die -erste Aufführung in der Umgestaltung des Shakespeareschen Stoffes von -C. F. Weiße hatte am 12. September 1772 stattgefunden. - - -Der Teufelsbanner. - -Shakespeares »Zähmung der Widerspenstigen« wurde 1782 unter dem -Titel »Die bezähmte Widerbellerin oder Gaßner der Zweite« von Schink -frei bearbeitet und dem Hofburgtheater eingereicht. Gaßner hieß -ein berüchtigter österreichischer Teufelsbanner, und die Handlung -begab sich dementsprechend in Wien und dem benachbarten Nußdorf. -Petrucchio hatte sich in einen Hauptmann von Gaßner verwandelt! Der -Schauspieler Müller lobte als »Wöchner« die Bearbeitung; sie habe »die -Hauptcharaktere beibehalten, das Langweilige glücklich herausgeworfen -(!), die Handlung wahrscheinlicher gemacht, die Wortspiele weggelassen -und weniger sentenzirt«. Aber er war doch gegen die Aufführung, da das -Stück der Moralität nachteilig sei! - -Shakespeares unsterbliches Lustspiel gelangte erst am 19. März 1838 -unter dem Titel »Die Widerspenstige« aufs Burgtheater. - - -Der dumme Engel. - -In seiner Zensurdenkschrift erklärte Hägelin den »Doktor Faust« -von dem Wiener Dramatiker C. F. Weidmann für unzulässig, nicht -nur weil überhaupt darin ein Engel auftrat, der eigentlich, wie -alle himmlischen, »durch übernatürliche Gnadenmittel gestärkten« -Personen, für das Burgtheater tabu war, sondern weil dieser Engel -»viel weniger Verstand in seinen Reden wider den Verführer zeigte, -als Mephistopheles, der viel mehr Witz in seinen Gegengründen für das -Laster« entwickelte. - - -Die Mannheimer »Räuber«. - -Bekannt ist, wie Schiller als Regimentsmedicus auf der Karlsschule -in Stuttgart seine »Räuber« schrieb, und der Intendant Heribert von -Dalberg in Mannheim das Erstlingswerk des Dichters am 13. Januar 1782 -zur Aufführung brachte. - -So freimütig und vorurteilslos, wie diese Initiative erwarten läßt, war -aber Dalberg keineswegs; vielmehr mußte Schiller mit Rücksicht auf den -kurfürstlichen Hof sein Stück einer strengen Zensur unterwerfen und -sich selbst zu einer Umarbeitung bereitfinden, die als die Mannheimer -Theaterbearbeitung der »Räuber« auch im Druck erschien. - -Der Dichter hatte die Szenenfolge vereinfacht und mit Rücksicht auf -den zu erwartenden »Unverstand der Gallerie« vieles gestrichen; des -katholischen Hofes wegen mußte der die Räuber zur Übergabe auffordernde -Pater in eine Magistratsperson verwandelt werden und Pastor Moser -ganz fortfallen; in den Räuberszenen selbst wurde vieles gekürzt und -gemildert, besonders die »räsonnirenden« Monologe Karls; sogar das -Räuberlied mußte fortbleiben. Die stärkste Umgestaltung hatte der -Schluß zu erleiden: Franz Moor erhängt sich nicht mehr an der bekannten -Hutschnur, sondern wird von den Räubern gefangen; sie halten über ihn -Gericht, werfen ihn in den Turm, in dem der alte Vater hat umkommen -sollen, und reinigen sich dadurch gewissermaßen von ihrer eigenen -Schuld. - -Auf Dalbergs Verlangen mußte Amalie sich selbst töten, statt als echte -Räuberbraut von ihrem Geliebten Karl Moor erstochen zu werden, eine -Änderung, die Schiller aber bei aller Nachgiebigkeit gegen Dalberg -in der Druckausgabe der Bearbeitung nicht beibehielt. Außerdem wurde -die ganze Handlung aus der Zeit des Siebenjährigen Krieges in die des -ewigen Landfriedens, also nach 1495, verlegt, die »Räuber« mußten -dementsprechend im Ritter-, statt im Rokokokostüm gegeben und alle -zeitgeschichtlichen und politischen Anspielungen diesem veränderten -Milieu angepaßt werden. - -Und wozu sich schließlich der Dichter selbst nicht bequemen wollte, -das änderte der Intendant eigenmächtig. Alles »Unschickliche« wurde -beseitigt. Hatte bei Schiller Franz der Amalie gedroht: »Meine Mätresse -sollst du werden, daß die Weiber mit Fingern auf dich deuten«, so hieß -es nun bei Dalberg in lächerlicher Entstellung: »Ich will dich so -mißhandeln, daß die Weiber mit Fingern auf dich deuten.« Und sogar den -epigrammatisch wuchtigen Schluß »Dem Mann kann geholfen werden« hat -Dalbergs Hand nicht verschont, sondern durch leere Breite abgeschwächt: -»Dem Mann kann geholfen werden -- Er führe mich vor den Richter -- ein -Glücklicher mehr. (Sonnen-Untergang.) Ich sterbe groß durch eine solche -That! und vielleicht Verzeihung vom Himmel durch diese That!« - - -Herzogliche Zensur. - -Der Uraufführung der »Räuber« in Mannheim hatte Schiller selbst -beigewohnt; ohne Urlaub hatte er sich aus Stuttgart fortgestohlen. -Dieser Verstoß gegen die Disziplin der Karlsschule war dem Herzog von -Württemberg verraten worden. - -War Herzog Karl auch großsinnig genug, die Aufführung der »Räuber« -hinter seinem Rücken nicht gerade als ein unerhörtes Verbrechen zu -betrachten, und auf den durch ganz Deutschland widerhallenden Erfolg -eines seiner Karlsschüler wohl auch ein wenig stolz, so ging ihm doch -die militärische Zucht über alles, und neben einem vierzehntägigen -Arrest erhielt der Dichter den strengen Befehl, _nichts mehr außer -medizinischen Arbeiten zu schreiben oder drucken zu lassen_ und jeden -Verkehr mit dem »Auslande« zu meiden. - -Diese Präventivzensur, die der Herzog von Württemberg über Schillers -noch ungeborene Geisteskinder ausübte, zwang den Dichter zu seiner -tollkühnen Flucht aus Stuttgart, die bei seiner militärischen Stellung -und dem jähzornigen Charakter des Herzogs auf Leben oder Tod ging. Am -22. September 1782 führte er sie in Begleitung seines Jugendfreundes -Andreas Streicher glücklich aus. - - -Die »Räuber« in Wien. - -Welche Schwierigkeiten ein in jedem Nerv so revolutionäres Stück wie -Schillers »Räuber« in Wien zu überwinden hatte, ist leicht zu ermessen. -Auf das Burgtheater kamen sie überhaupt erst 1850 durch Heinrich Laubes -Energie; auf den kleineren Theatern hatte der Zensor sie gelegentlich -schon früher passieren lassen. Aber in welcher Vermummung! Ihre -Wiener Erstaufführung erlebten sie 1784, also zwei Jahre nach der -Mannheimer Uraufführung, auf dem Kärntnertortheater, wo sonst meist -Hofoper, Ballett und Singspiel heimisch waren. Der Lustspieldichter -Rautenstrauch hatte Schillers Erstling »bearbeitet« und mit Rücksicht -auf das vierte Gebot den Vater Moor in einen -- Oheim verwandelt! -Der »Oheimmord«, über den Karl Moor im vierten Akt bei Öffnung des -Hungerturmes schaudert, muß eine erschütternde Wirkung gehabt haben! -»Schweizer, so ist noch kein Sterblicher geehrt worden, wie du: räche -meinen -- Oheim!« - -Nur in dieser und ähnlichen Verballhornungen durften die »Räuber« bis -1850 auf den Wiener Nebenbühnen erscheinen. - -Außerdem wimmelte das Stück von Dingen, die nie an das Ohr eines -gesitteten Wiener Theaterbesuchers dringen durften. Das Renommieren der -Räuber mit ihren Schandtaten im Nonnenkloster, ihre Blasphemien, die -Anklagen Karl Moors gegen Gott und die Welt waren unbedingt verboten. -»Gott«, so bestimmte der Zensurkatechismus, »darf als Urheber der Natur -nie zum Urheber des Übels gemacht werden«; Flüche und Verwünschungen -mußten entsprechend gemildert werden, und Ausdrücke wie Sackerment usw. -waren strengstens verpönt. - - -Der »verplümickte« Schiller. - -Schlimmer noch als Rautenstrauch wirtschaftete mit den »Räubern« der -Berliner Theaterdichter Karl Plümicke. Er degradierte Franz Moor zu -einem Halbbruder Karls, die tote Gräfin von Moor mußte sich dieserhalb -einen Ehebruch zuschieben lassen, und Karl Moor fiel durch den Dolch -Schweizers. In dieser Verbesserung gingen die »Räuber« am 1. Januar -1783 über die Bretter des Doebbelinschen Theaters zu Berlin. - -Ein anderer Bearbeiter namens Thomas trieb es noch ärger. Er brachte -die Tragödie zu einem gemütlichen Ende: Nur Franz Moor war und blieb -tot; den Vater, Amalie, Schweizer, Karl, alle ließ er am Leben, Karl -und die Räuber umkehren, Amalie mit ihrem Geliebten glücklich werden, -den Alten ins Kloster gehen und die übrigen in die weite Welt. An -diesem beruhigenden Ausgang sollen sich die Biederleute in Stralsund -und Rostock weidlich ergötzt haben. In Danzig aber legte sich die -Polizei ins Mittel und verbot die »Räuber« als ein »unmoralisches, -sittenbeleidigendes Stück«. - - -Ein Leipziger Zwischenspiel der »Räuber«. - -In Leipzig, berichtet der Schillerbiograph Brahm, ereignete es sich, -daß, während man auf der Bühne die »Räuber« spielte -- die dortige -Uraufführung fand am 20. September 1782 statt --, in der Stadt sowohl -wie im Theater Kollegen des Schufterle feste Griffe in fremdes Eigentum -taten, »welches natürlich viel Gerede verursachte und den dortigen -Magistrat bewog, die fernere Aufführung des Stücks zu verbieten«. - -Der Schauspieler Anschütz versichert sogar, daß sich in Leipzig -einmal eine Anzahl Studenten, »im Enthusiasmus über diese wilde -Dichterphantasie«, nach den böhmischen Wäldern aufgemacht habe, um nach -dem Vorbilde dieses »Carl Moor« eine leibhaftige Räuberbande zu bilden. - - -Aus Anstandsrücksichten. - -»Die Verschwörung des Fiesco zu Genua. Ein republikanisches -Trauerspiel« erschien in Wien zuerst auf dem Kärntnertortheater -am 11. Januar 1784 und stand mit vollem Titel am 1. Dezember 1787 -auf dem Anschlagzettel des Burgtheaters; nur der Name des Dichters -fehlte. Man hatte nach Angabe des Zensors nur »einige wenige -Korrekturen« angebracht; aber schon bei der zweiten Aufführung -mußte die unglückliche Bertha, Verrinas geschändete Tochter, »aus -Anstandsrücksichten« ganz wegbleiben. - -Zwei verliebte Personen, heißt es in Hägelins Denkschrift von 1795, -dürfen nie miteinander allein das Theater verlassen; deshalb wurde in -dem Stück »Das Landmädchen, oder Weiberlist geht über alles«, »den -beiden Verliebten, die sich am Ende des Stücks in ein Haus begeben, um -ihre Heyrath richtig zu stellen, ein Prokurator beygegeben«. - - -Amerikanische Beziehungen. - -Eines der großen Siegesfeste des bürgerlichen Schauspiels ist der 15. -April 1784: da fand auf dem Mannheimer Nationaltheater in Anwesenheit -des Dichters die Uraufführung von »Kabale und Liebe« statt. Iffland -spielte den Sekretär Wurm. - -Im benachbarten Frankfurt hatte die Theatergesellschaft des -Direktors Großmann das neue Werk Schillers schon zwei Tage vorher -herausgebracht, ohne bei der Mangelhaftigkeit der Truppe einen -sonderlichen Erfolg damit zu erzielen. Der stellte sich dort erst -ein, als der Dichter selbst nach Frankfurt kam und Iffland am 3. Mai -die Rolle des Kammerdieners spielte. Großmann hatte vorher die ganze -Kammerdienerszene im 2. Akt, diesen erschütternden Protest gegen die -Willkürherrschaft und den schmählichen Untertanenhandel deutscher -Duodezfürsten -- die nicht allzu weit von Frankfurt residierten --, -gestrichen, und Schiller hatte seine liebe Not, Ifflands neue Rolle mit -»Wegwerfung aller amerikanischen Beziehungen« wiedereinzufügen. - - -Mätresse und Kammerdiener. - -Auf das Wiener Burgtheater gelangte »Kabale und Liebe« erst 1807, denn -eine fürstliche Mätresse, so heißt es in Hägelins Zensurkatechismus, -»ist anstößig, also das ganze Stück nicht zulässig, außer das vitiose -würde weggeschafft.« Die Mätresse war aber nicht allein das Anstößige; -die Kammerdienerszene war natürlich auf dem Wiener Hoftheater vollends -unmöglich. Schon der Ausdruck »Tyrannei« war dort verboten! Im -Privattheater an der Wieden hatte man 1788 eine Aufführung zugelassen; -die Scheu vor der Kammerdienerszene hielt auf der Burg aber bis 1807 -vor. - - -Die Moral des »König Lear«. - -Shakespeares »König Lear« war auf dem Wiener Burgtheater am 29. Januar -1780 in einer Bearbeitung von Schröder und Bock gegeben worden; die -Originalfassung wurde dort nicht geduldet. Warum? Regierungsrat Hägelin -führt in seiner Denkschrift von 1795 die Fabel dieser Tragödie und ihre -Moral als Beispiel verwerflicher Stücke folgendermaßen an: - -»Der König Lear, ein wohlthätiger Vater, legt seine Krone bey Lebzeiten -in die Hände zwoer undanckbarer Töchter nieder, welche ihn verstoßen -und im äußersten Elende schmachten lassen, bis ihm die dritte Tochter -Cordelia zu Hilfe kömmt und ihn rettet. Die Moral dieses Stückes ist, -daß ein Regent bey Lebzeiten die Krone an seine Nachfolger nicht -abtretten soll, weil er Gefahr läuft, für seine Wohlthat mit Undanck -belohnt und mißhandelt zu werden.« - -Und dabei war dieser Hägelin noch ein verhältnismäßig aufgeklärter Mann! - - -Die Wiener Putzmacherinnen. - -Ausdrücke, die ein »sinnliches Laster« andeuteten, wie Kuppler, -durften auf der Bühne nur in »ernstem und strafendem Tone« fallen, -daher allenfalls im Trauerspiel, aber nicht im Lustspiel. Allen -Gelegenheitsmachern war ihr Geschäft auf der Bühne gründlich verdorben, -denn ein Frauenzimmer durfte in einem Theaterstück nie in »sträfliche -Anträge« willigen, höchstens scheinbar, um den Liebhaber zu beschämen, -und das Publikum mußte über diese pädagogische Absicht vom Dichter -rechtzeitig beruhigt werden. »Heurathsstifter und Unterhändler -unsträflicher Liebschaften« aber, sagt Hägelin, sind erlaubt, »nur auf -die Putzhändlerinnen muß Acht gegeben werden.« - -Die Wiener Putzmacherinnen besaßen offenbar im »Einfädeln« eine ganz -besondere Gewandtheit. - - -Schutz der Ehe! - -Ehekonflikte, die nicht beizulegen waren, durfte es nach Vorschrift -der Zensur auf Wiener Theatern nicht geben; die Ehe mußte auch auf der -Bühne geschützt werden, da »dem Staat an der Erhaltung rechtmäßiger -Ehen und Geburten viel gelegen ist«. »Philosophische Winkelehen« -konnten nach Hägelins Denkschrift nie Stoff in Wien aufzuführender -Stücke sein, »besonders wenn sie als gegründet in dem Naturrecht -approbirt würden«. Von »wilden Ehen« durfte überhaupt nicht die Rede -sein. Stücke mit Ehebrecherinnen waren nach Hägelins Denkschrift ebenso -streng verboten wie die mit Mätressen. Schon das Wort »Ehebruch« war -verpönt. - -Verliebte mußten vor Ende des Stückes »stets gesetzmäßig« verbunden -werden, und zwar durch Notare; denn von kirchlicher Trauung durfte -wieder nichts gesagt werden, da das Sakrament der Ehe als zu heilig für -die Bühne galt. - - -Die Hinrichtung auf der Bühne. - -Im Jahre 1792 führte das Landstraßer Theater in Wien eine »Maria -Stuart« von dem Räuberromanschriftsteller C. H. Spieß auf, und »um -dieses vortreffliche Stück noch interessanter zu machen«, wurde »die -Enthauptung der Königin von Schottland öffentlich auf dem Theater -exekutiert«! 1795 aber dekretierte Hägelin: Das moderne Theater -»darf nie mit Blut befleckt werden«. Denn zwei Jahre vorher war jene -Vorstadttheaterromantik furchtbare Wirklichkeit geworden: Maria -Antoinette, die Tochter Maria Theresias, die Tante des Kaisers Franz, -starb auf der Guillotine. - -Auch für die Theatergeschichte bedeutete die Französische Revolution -eine neue Epoche, denn von jetzt an hatte sich die Theaterzensur nicht -nur nach der moralischen und religiösen Seite, sondern vor allem nach -der politischen hin zu orientieren. - - - - -5. Die Furcht vor der Revolution. - - »Man sagte mir, Spanien habe Preßfreiheit und ich - könnte, natürlich unter Aufsicht von zwei, drei - Zensoren, schreiben, was mir beliebte, wenn es nur - nicht gegen den Staat wäre, oder gegen den Hof, gegen - die Kirche, gegen die guten Sitten und schlechte - Beamte, gegen privilegirte Tänzerinnen usw.« - - _Beaumarchais_, »Figaros Hochzeit«. V, 3. - - -»Ein toller Tag.« - -Am 27. April 1784 -- zwölf Tage nach der Uraufführung von Schillers -»Kabale und Liebe« in Mannheim -- ging über die Bretter des ~Théâtre -français~ zu Paris ein Lustspiel, dessen Zensurschicksal bereits -seit drei Jahren die Bevölkerung der französischen Hauptstadt -belustigt und aufgeregt hatte, »Figaros Hochzeit oder ein toller -Tag« von Beaumarchais. Gerade die Spitzen der Gesellschaft, Prinzen -und Herzöge, Minister und Fürstinnen, bahnten in wahnsinniger -Verblendung einem Stück den Weg, das durch seine blutige Verspottung -des Adels der gefährlichste Feind ihrer Standesinteressen war und als -die literarische Ouvertüre der fünf Jahre später hereinbrechenden -Französischen Revolution bezeichnet werden darf. Das ahnten weder -der Dichter noch die ihm behilfliche verrottete Gesellschaft, nur -König Ludwig XVI. erkannte, wie einer der deutschen Übersetzer des -Lustspiels, Franz Dingelstedt, sagt, »in Figaros Scheermesser das -erste, ferne Wetterleuchten der Guillotine«. Die endlich durchgesetzte -Aufführung ist eines der sensationellsten Ereignisse der französischen -Theatergeschichte; selbst der Dichter meinte: »Das Tollste am Tollen -Tag bleibt sein Erfolg.« - -Diesseits des Rheines nahm man hauptsächlich an der übermütigen -Frivolität des Stückes Anstoß, die doch nur ein getreues Abbild ihrer -Zeit war. Kaiser Joseph verbot in einem Handschreiben vom 31. Januar -1785 die Aufführung, und die Wiener lernten den »Tollen Tag« erst in -der wundervollen musikalischen Verkleidung kennen, die Mozart ihm in -seiner Oper »~Le nozze di Figaro~« gegeben hat. Erst am 14. September -1802 gelangte auch das Lustspiel, in entsprechender Bearbeitung von -Jünger, auf das Burgtheater. - -Auch in München wußte die maßgebende Geistlichkeit die Aufführung zu -hintertreiben; in Mannheim dagegen, der zweiten Residenz des Kurfürsten -von Pfalzbayern, ging es noch 1785 in Anwesenheit Karl Theodors mit dem -aus Schillers Biographie bekannten Schauspieler Beck in der Titelrolle -in Szene. Der sonst so allmächtige Beichtvater des Kurfürsten, Pater -Frank, soll, wie der berühmte Schauspieler Iffland erzählt, warnend -an das Münchener Verbot erinnert, der Kurfürst aber gelacht und -geantwortet haben: »Das hat hier in Mannheim nichts zu sagen!« Er -selbst zeichnete bei der Aufführung Stück und Schauspieler durch lauten -Beifall aus. - -Die Zeitgenossen Karl Theodors aber teilten seine Sorglosigkeit nicht, -sondern suchten zunächst durch drakonische Zensurgesetze gegen die rote -Sturmflut einen Damm aufzuwerfen. Nur einige charakteristische Episoden -aus diesem Abwehrkampfe können hier gestreift werden. - - -Verschärfung der Berliner Zeitungszensur. - -Die Zeitungszensur war in den ersten Jahren nach dem Regierungsantritt -Friedrich Wilhelms II. ganz beim alten geblieben, denn das Ministerium -des Äußern, dem sie unterstand, wahrte dem Chef des geistlichen -Departements Wöllner gegenüber seine Selbständigkeit. Da die Minister -noch im Februar 1792 überzeugt waren, daß die Französische Revolution -in Preußen kein Wässerlein trüben würde, hatten sie auch keinen Drang -gefühlt, den harmlosen Berliner Zeitungen trotz der alles umstürzenden -Nachrichten, die sie pflichtschuldigst bringen mußten, genauer auf -die Finger zu sehen. Noch am 12. Juli 1791, als der im Zensurdienst -ergraute Geheimrat Marconnay seinen Abschied nahm und den Zeitungen -als sein Nachfolger der Geh. Legationsrat Renfner vorgestellt wurde, -hatten die Minister es ausdrücklich abgelehnt, sich selbst außer in -»zweifelhaften Fällen« mit der Zeitungszensur zu befassen. - -Da fiel die Warnung aus Wien vom 3. Dezember 1791 (vgl. S. 63) -plötzlich wie ein schwerer Stein in den idyllisch-glatten Spiegel -behaglicher Sicherheit, und den preußischen Ministern erschien es nun -doch an der Zeit, durch sichtbare Regierungsakte zu zeigen, daß sie -hinter der österreichischen Staatsklugheit nicht zurückstanden, wenn -auch ihre eigene noch keineswegs so düster gefärbt war wie jene. - -Zunächst sprachen sie am 5. Januar 1792 den Wunsch aus, von allen in -Preußen gelesenen in- und ausländischen Zeitungen ein -- Freiexemplar -zu erhalten, um sich darüber zu unterrichten, »wie die öffentlichen -Ereignisse in den Landeszeitungen bekannt gemacht würden«. Aber da war -guter Rat im wahrsten Sinne des Wortes teuer! Denn wer sollte ihnen -diese Freiexemplare liefern? Die Post versandte die bei ihr bestellten -auswärtigen Zeitungen an die Abonnenten, und ein Generalabonnement -auf alle diese Blätter kostete ein Heidengeld, das in keinem Etat -vorgesehen war. Für den französischen »Moniteur« zahlte man damals -bei der Post jährlich 30, für englische Blätter sogar 70 Taler. Der -Generalpostmeister konnte also den Ministern nicht helfen. - -Als sich aber nun im Anschluß an die kaiserliche Warnung der -Schriftwechsel mit dem ängstlich gewordenen Könige entspann, sahen die -Minister, daß sie auch im Punkt der Zeitungszensur etwas tun mußten, -und sie erließen am 28. Februar an die Berliner Blätter den Befehl, -»mit größter Schärfe alle aufrührerischen Artikel zu unterdrücken und -die Verbreitung aller revolutionären Grundsätze zu verhindern«. - -Das hatte zunächst für die Berliner Zeitungsverleger eine finanzielle -Folge. Dem Legationsrat Renfner wuchs jetzt die Arbeit über den Kopf; -er mußte den ganzen Tag bis spät am Abend zur Verfügung stehen, -wenn er, wie das Ministerium gefordert hatte, »bei eigener schwerer -Verantwortung« für den Inhalt der Zeitungen bürgen sollte. Ohne eine -Entschädigung, meinte er, sei das nicht zu machen. Bisher war die -Zeitungszensur gebührenfrei gewesen. - -Die beiden Berliner Zeitungsverleger, die Vossische und die -Haude-Spenersche Buchhandlung, sahen denn auch die »Billigkeit« seines -Anspruchs ein und verstanden sich dazu, vom 1. August 1792 ab die -Bemühungen des vielgeplagten Zensors mit einem jährlichen Honorar von -100 Talern zu belohnen. Für diesen Beweis ihrer »Resignation« sprach -ihnen das Ministerium wie billig seine besondere Zufriedenheit aus. - -Dies Entgegenkommen kam die Verleger teuer zu stehen, denn das -Ministerium nahm statt des kleinen Fingers die ganze Hand. Auf ihre -Erklärung, daß sie dieses Honorar mit Rücksicht auf die »gegenwärtigen -Zeitläufte« nur dem jetzigen Zensor zahlen würden, nicht aber seinem -Nachfolger, antwortete man ihnen, sie allein zögen ja den Gewinn -aus ihren Zeitungen, sie hätten deshalb auch in Zukunft dieselbe -Zensurgebühr zu entrichten. - - -Die werdende Journalistik. - -Waren denn die Berliner Zeitungen so stark mit »aufrührerischen -Artikeln« gefüllt, daß die Mahnung des Ministeriums begründet war? - -Etwas Farbe hatten die Blätter unterdes tatsächlich angenommen. Die -Weltgeschichte mußte sich ja doch in ihnen widerspiegeln, und wenn der -Horizont in Flammen stand, mußte schließlich ein roter Widerschein auch -auf Preußen fallen. Wie konnte _der_ dabei gleichgültiger, trockener -Chronist bleiben, der am ersten dazu veranlagt ist, den elektrischen -Strom neuen Lebens zu empfinden, der werdende Journalist? Der eine -wollte löschen helfen, der andere auch schüren, und wenn die deutsche -Presse auch noch nichts von Leitartikeln wußte, in denen sich eine -öffentliche Meinung kundgab oder auch nur die private des Redakteurs, -die sich für die öffentliche hielt, so konnte es doch nicht fehlen, daß -die Art der Berichterstattung besonders über die Pariser Ereignisse -allmählich einen eigenen Ton annahm, der in der Tat die Musik machte. -Über die Berichterstattung im alten Nachrichtenstil ging man noch -nicht hinaus, aber der Zensor Renfner hatte schon seine liebe Not mit -allerhand versteckten Anmerkungen, »Anspielungen« und »Seitenblicken«, -die sich der Zeitungsschreiber von ehedem nie herausgenommen. So -entfesselte der Geist der Revolution eigentlich erst den selbständigen -Journalismus, den der deutsche Zeitungsleser bis dahin noch nicht -gekannt hatte, und unter der Regierung Friedrich Wilhelms II. gewannen -die Zeitungen trotz aller dämpfenden Bestimmungen eine Bedeutung, die -sie unter Friedrich dem Großen, auch bei geringerer Unfreiheit, nie -hätten erringen können, es sei denn, daß der König, in Voraussicht -der Zukunft, sie als die Pioniere einer großzügigen nationalen Politik -hätte brauchen wollen, was seinem unnahbaren und selbstsichern -Souveränitätsgefühl aber ganz fernlag. - -Von den Berliner Zeitungen nahm die »Spenersche« am stärksten jenen -Ton an, und schon am 24. Februar 1793 mußte sie sich darüber von dem -nun aufmerksamer und strenger werdenden Ministerium energisch den -Text lesen lassen. Der Ton der Pariser Artikel, hieß es, lasse sich -besonders seit der »schrecklichen Verurtheilungs-Epoche des Königs von -Frankreich« mit den »Gesinnungen eines treuen Preußischen Untertans -schwer vereinbaren« und steche auffallend ab von dem »wärmeren, -biederen Ton, durch den sich die Vossische Zeitung bei den jetzigen -Umständen auszeichne«. Zensurstriche allein könnten daran nichts -ändern, die Redaktion habe daher streng darauf zu sehen, daß »von nun -an die _ganze Stimmung_ jener Artikel umgeändert werde«. Sonst werde -man das Privilegium »sichereren Händen« anvertrauen. - - -Die erste ministerielle Zeitung in Preußen. - -Mit der Zensur allein sei es nicht getan, hatte das Ministerium im -Februar 1793 der »Spenerschen Zeitung« erklärt, die »ganze Stimmung« -des Blattes müsse eine andere werden. Da sich aber diese Stimmung bei -andern nicht erzwingen ließ, kam man 1794 auf den Einfall, sie selbst -zu erzeugen. Der Geh. Legationsrat le Coq hatte den Vorschlag gemacht, -eine ministerielle Zeitung herauszugeben, und in ihrer Herzensangst -gingen die Minister sogleich darauf ein; früher hatten sie solche Pläne -immer zurückgewiesen. - -Ein Verleger war zur Stelle; der Hofbuchdrucker Decker besaß schon -lange ein Privileg zu einer französischen Zeitung, ohne es bisher -ausgenutzt zu haben. Das war doppelt willkommen, denn so konnte man -den guten Geist Preußens auch in das französisch sprechende Ausland -hinüberleiten, und alle Diplomaten mußten sich ja um solch eine in -ihrer Umgangssprache geschriebene preußische Kabinettszeitung reißen. - -Vom Januar 1794 an erschien also in Berlin die »~Gazette françoise de -Berlin. Avec approbation et privilège du Roi~«, und zwar fünfmal in -der Woche. Bisher hatte man noch jedem Berliner Verleger abgeschlagen, -mit seinem Blatte mehr als dreimal wöchentlich herauszukommen, und -zwar lediglich aus Bequemlichkeit, weil die Zensur dem Ministerium zu -einer fast »unerträglichen« Last geworden war, worauf »billig Rücksicht -genommen werden sollte«. Jetzt sah die erstaunte Reichshauptstadt auf -einmal fast jeden Tag eine neue Nummer der preußischen Amtszeitung -erscheinen. - -Die Verleger der »Vossischen« und »Spenerschen« wurden über diesen -Vorzug natürlich unwirsch und beschwerten sich. Erst sagte man ihnen: -Ihr könnt ja auch fünfmal in der Woche herauskommen! Aber dieses -ungeheure Anwachsen der Zensurarbeit schreckte doch zuletzt ab, und -man kam dann friedlich überein, vom 1. April ab auch das ministerielle -Blatt -- auf drei Nummern die Woche zu beschränken. - -Die Konkurrenz sorgte weiter dafür, daß die sonstigen sehr unbequemen -Vorzüge des Hofblattes paralysiert wurden. Dieses brachte eine Fülle -offizieller Mitteilungen aus allen Departements des Ministeriums, -Kriegsnachrichten von der preußischen Armee, die damals mit den -Österreichern gegen das revolutionäre Frankreich im Felde stand, -Meldungen von Ernennungen und Auszeichnungen, die einen wesentlichen -Teil des Stadtgesprächs beherrschten -- alles Dinge, mit denen die -andern Zeitungen traurig hinterherhinken mußten. Also beschwerte -man sich auch darüber, und richtig wurde jetzt durch die ziellose -Gutmütigkeit des Ministeriums, das keinem königlichen Privileg zunahe -treten wollte, dieses ganze amtliche Material vom Juli 1794 an _allen_ -Berliner Zeitungen zugestellt. - -Damit war natürlich dem ministeriellen Blatte jeder Anreiz genommen, -es siechte kümmerlich dahin und mußte schon Ende 1797 sein Erscheinen -einstellen. - - -Ein verblüffender Erfolg. - -Das vorschnelle klägliche Ende der amtlichen »~Gazette françoise de -Berlin~« hatte noch einen besondern Grund, der drastisch zeigt, welch -unglückliche Hand das preußische Ministerium schon damals in der -Behandlung der Presse bewies. - -Es hatte sich so ehrliche Mühe gegeben, der Forderung des Königs Genüge -zu tun und allen aufrührerischen Geist aus den Berliner Zeitungen -zu entfernen. Was hatte es zu diesem Zweck in den letzten Jahren -nicht alles verfügt: Nicht weniger als 26 Freiexemplare mußten die -Berliner Verleger von ihren Blättern liefern, und man hatte es wirklich -durchgesetzt, daß auch alle Provinzzeitungen regelmäßig zur Kontrolle -eingereicht wurden. Die Minister lasen sich an all dem schlechten -Druck auf Löschpapier fast die Augen blind, es regnete Verwarnungen -und Drohungen, und besonders der alte Graf Finckenstein, der noch ganz -in friderizianisch-absolutistischer Weltanschauung lebte, überbot -sich in strengen Maßregeln. Selbst die Inserate unterlagen seit 1788 -noch einer besonderen Zensur der Polizei. Durch die Gründung der -»Gazette« war ein regelrechtes Preßbureau entstanden, das die Berliner -Blätter mit wichtigen politischen Mitteilungen versorgte. So lieferte -es alle Nachrichten über den Aufstand in Polen nach dessen zweiter -Teilung, dafür durfte aber nichts Selbständiges aus andern Quellen -über die polnischen Angelegenheiten gedruckt werden. In den Pariser -Artikeln wurden unermüdlich alle »Neben-Reflexionen und Raisonnements« -gestrichen, und die Zeitungen mußten sich durchaus auf die »Darstellung -bloßer That-Sachen« beschränken. Die »General- und Spezialpardons«, -die das Ausland preußischen Deserteuren zusicherte, durften nicht -mitgeteilt werden, ebensowenig die Beschreibung republikanischer Feste, -bei denen »im Namen der Weltgeschichte die Verdienste der französischen -Nation um die Menschheit« gefeiert wurden. Alle Notizen über Aufstände, -besonders über militärische Revolten wie die Meuterei der englischen -Matrosen 1797 waren strengstens verboten, ebenso die über die Ankunft -und Abreise der Kuriere, weil dies »für den Königl. Dienst« nachteilig -sei, und selbst fremde Gesandten durften nichts mehr in die Zeitungen -einrücken lassen ohne besondere Genehmigung des Ministeriums. - -Und das Resultat all dieser krampfhaften Bemühungen? Dem Könige -mochten seine willigen Beamten zu Dank arbeiten, _einem_ aber genügten -sie damit noch lange nicht: dem Kaiser von Rußland! Im Oktober 1797 -schmetterte die Minister die plötzliche Nachricht nieder, daß ihre -Sorgenkinder, die so streng behüteten Berliner Tageszeitungen und die -»Berlinische Monatsschrift«, samt und sonders in Rußland verboten -seien! Und die preußische Amtszeitung, das Fähnlein der preußischen -Aufrechten, stand in der Reihe der Kolleginnen mit am russischen -Pranger! Die »~Gazette françoise~« scheint aber jenseits des Niemen -die meisten Leser gehabt zu haben und war dadurch »beinahe gänzlich -ruiniert«. - -Den Anlaß des Verbotes konnte niemand ergründen, am wenigsten -- wie -üblich -- der preußische Gesandte in Petersburg. Von jeher war ja -Rußland über jede deutsche Preßnotiz »ungemein sensibel« gewesen, und -das revolutionäre Schauspiel in Frankreich hatte seine Empfindsamkeit -zur Hysterie gesteigert. Vergebens suchten die Minister nach einem -plausibeln Grund des Verbotes. Sie dachten nicht mehr an ihr eigenes -Wort, daß ja die Zensur allein, die Ausmerzung jeder kleinen -Anzüglichkeit, das Verbot alles Anstößigen und dergleichen Flickarbeit, -nicht Rot in Weiß verwandeln konnte, daß die ursprüngliche Färbung -trotz allem noch durchschimmerte. Die ganze »Stimmung« der Berliner -Presse war es eben, die dem Kaiser der Russen zuwider geworden war. - - -Lichte Augenblicke. - -Ab und zu in dieser Zeit der Bedrängnis dämmerte den betrübten -Lohgerbern an der Spree so etwas wie die Erkenntnis, daß sie dem -Kinde glichen, das in der hohlen Hand das Meer ausschöpfen zu können -wähnt. Dem blinden Eifer des alten Ministers von Finckenstein trat -sein eigener Amtskollege Graf Haugwitz entgegen, und am 12. Juli 1797 -erklärte ihm das Generaldirektorium geradezu: »Überhaupt glauben -wir nicht, daß in einer solchen weit getriebenen Einschränkung der -Preßfreiheit das wahre Mittel liege, um revolutionäre Bewegungen -und gefährliche Nachfolge der darunter gegebenen üblen Beispiele -benachbarter Nationen zu hintertreiben.« - -Und als ein Jahr später der Graf von der Schulenburg von dem neuen -Herrn mit der Leitung der geheimen Polizei betraut wurde und davon -fabelte, den revolutionären Skribenten durch Bestechung einen goldenen -Maulkorb umhängen zu wollen, bekannte sich das preußische Ministerium -in völliger Zerknirschung zu dem reumütigen Glauben, daß all sein -Bemühen nur dann Erfolg verspreche, »wenn Männer von anerkannten -Talenten, von bewährter Moral, _aus eigner inniger Ueberzeugung_, -als Schriftsteller wider Revolutionen und wider revolutionaire Greuel -aufträten«. - -Man vergaß nur eine Kleinigkeit, diese guten Elemente, die gewiß -vorhanden waren, freizumachen und durch soziale Reformen von Staats -wegen die »gute Stimmung« zu erzeugen, die man gern der Presse als -Schminke aufgelegt hätte. So wirkt diese weise Erkenntnis wie eine -Leuchtrakete am dunkeln Nachthimmel und ist es bis heute geblieben. - - -Die Jagd auf die Bulletinschreiber. - -Wie machtlos die regierende Gewalt der Presse gegenüber war, zeigte -nichts deutlicher als das Scheitern aller Bemühungen, die geschriebenen -Zeitungen zu vertilgen, mit denen sich kleine Beamte eine Nebeneinnahme -zu verschaffen wußten. - -1792 war die Bulletinschreiberei aufs strengste untersagt worden. -Aber man hatte, um unnötiges Aufsehen zu vermeiden, diesen Befehl -nicht veröffentlicht, sondern nur durch ein Rundschreiben allen -amtlichen Stellen mitgeteilt, wo die Verfasser dieser »Bülletins« an -irgendeinem staubigen Aktentisch zu sitzen pflegten, alles sammelten, -was ihnen an offiziellen Brocken erreichbar war, und dieses Gemisch von -Vertraulichem und längst Bekanntem zu Korrespondenzen besonders für -Hamburger Blätter verarbeiteten. - -Mit jenem Verbot glaubte man das Handwerk mit Stumpf und Stiel -ausgerottet zu haben. Aber 1794 blühte es wie nie zuvor, denn die -strengere Zensur des gedruckten Wortes machte ja das geschriebene -um so wertvoller! Das ganz Automatische dieser Erscheinung wollten -aber die Minister nicht einsehen, und statt auf der einen Seite die -Zügel lockerer zu lassen, verdoppelten sie nun ihren Eifer auch auf -der andern. Eine vollständige Detektivkomödie wurde in Szene gesetzt, -um diese kleinen Zeilenschreiber dingfest zu machen. Es gab zwar -schon so etwas wie ein Postgeheimnis, das störte aber den Postmeister -Seegebarth nicht, unverdrossen alle ihm verdächtig erscheinenden -Briefe, vor allem die nach Hamburg gerichteten, zu erbrechen, -aufmerksam zu lesen und, wenn ein Indizium vorlag, freudestrahlend dem -Ministerium zu unterbreiten. Als man schließlich einen der Verbrecher -erwischte -- er hieß Woltersdorf und war schon 1791 mit drei Tagen -Gefängnis bestraft worden, weil er zu melden sich erdreistet hatte, -die Französische Nationalversammlung wolle dem König Ludwig und seiner -Gemahlin den Prozeß machen --, entpuppte er sich als Hofagent des -Herzogs von Mecklenburg, und die Geheimräte in Neustrelitz nahmen -ihn so energisch in Schutz, daß man zufrieden war, als er versprach, -sein Korrespondenzeln zu lassen. Auch hatte er mit verblüffender -Dreistigkeit gefordert, wenn man ihm verwehre, sein Brot auf diese -»redliche und anständige Weise« zu erwerben, so möge man ihm gefälligst -eine Anstellung mit auskömmlichem Gehalt geben, da er als kläglichst -besoldeter »Prokurator« seine Familie nicht ernähren könne. - -Aber die Hetzjagd ging weiter. Die 100 Taler, die der »Hamburgische -Korrespondent« für diese Berliner Berichte ausgeworfen hatte, wollte -sich nun ein armes zweiundzwanzigjähriges Magisterlein der Philosophie -namens Stein verdienen. Bald hatte das Falkenauge des Postmeisters -durch Handschriftenvergleichung auch dies herausgebracht. Aber Stein -fand wieder Nachfolger, und wenn man sie beim Kragen nahm, versicherte -jeder hoch und teuer, von dem Verbot keine Ahnung gehabt zu haben; -und das Gegenteil konnten ihm die Minister nie beweisen! So kamen die -Übeltäter mit einem Verweis davon -- und alles blieb hübsch wie zuvor. - - -Die Bildung des kleinen Mannes. - -Was die Literatur von Leopolds Sohn und Nachfolger, Kaiser Franz II., -dem letzten deutschen Kaiser (bis 1806), zu erwarten hatte, brachte -gleich zu Anfang der neuen Regierung ein Gutachten des Polizeiministers -Grafen von Pergen klassisch zum Ausdruck. 1793 hatte der angesehene -Schriftsteller Joh. Bapt. von Alxinger die »Österreichische -Monatsschrift« begründet, die im Sinne der Josephinischen Aufklärung -arbeitete und mit großer Kühnheit gegen die bald einreißende -Jakobinerriecherei und deren Werkzeuge, Spione und Denunzianten, -kämpfte. - -Bald sah sich der Polizeiminister veranlaßt, auf die häufige -Darstellung von »Revolutionsgeschichten« in dieser Zeitschrift -aufmerksam zu machen, »wodurch das Publicum mit der Idee von -Staatsumwälzungen familiarisiret und demselben einleuchtend gemacht -werden soll, daß Revoluzionen von jeher entstanden sind und daß sie -nicht das Werk von Aufklärern und geheimen Orden waren, sondern von -Menschen aller Klassen, und selbst von der Geistlichkeit vorbereitet -und zu Stande gebracht worden sind«. - -Bei dieser Gelegenheit entwickelte Graf Pergen über den Wert der so -viel gerühmten »Aufklärung« eine Ansicht, die zugleich als ein Programm -der eben begonnenen Regierung des Kaisers Franz bezeichnet werden darf. - -»Die Erfahrung hat gelehrt,« so heißt es in diesem Aktenstück, -»daß Brochurenaufklärung bisher sicher mehr geschadet, als genützt -habe, weil durch solche einer Klasse von Menschen, die von allen -Kenntnißen entblößt ist, die vorausgehen müssen, um die Dinge im -Zusammenhange zu sehen, eine Menge unverdaute Begriffe über Religion, -Menschenrechte und Menschenglück beygebracht worden sind, die nun in -den Köpfen derselben eine gräßliche Verwirrung anrichten ... _Die -Bildung der untern Klassen muß verhältnismäßig mit ihrem Stande und -ihrer Bestimmung seyn._ Wenn der gemeine Mann einen einfachen, auf -das Herz wirkenden Religionsunterricht erhält, wenn ihm von den -wissenschaftlichen Kenntnissen nur dasjenige beygebracht wird, was ihm -in seinem Geschäftsbetriebe zur Beförderung seines bürgerlichen Glücks -brauchbar und nützlich ist, so ist er für seine Sphäre aufgeklärt, -und diese Aufklärung ist heilsam für ihn, vortheilhaft für den Staat; -wird hingegen der gemeine Mann mit Dingen beschäftiget, welche in das -Spekulative der Religion und Philosophie einschlagen, so verwirren sich -seine Begriffe, er giebt sich mit unnützen Grübeleyen ab, wünscht sich -in eine höhere Klasse aufzuschwingen, wird für sich selbst unglücklich -und für den Staat gefährlich. _Höhere Kenntnisse sollen also nur für -jene seyn, welche vermöge ihres Standes bestimmt sind, andere zu -leiten_, und diese können und sollen ohne Beschränkung aufgeklärt -werden, und je mehr sie aufgeklärt werden, desto vollkommenere -brauchbarere Menschen werden sie seyn und desto besser wird sich die -Staatsverwaltung hiebey befinden.« ... - -Schon im Juni 1794 mußte die »Österreichische Monatsschrift« -eingehen. Ihre Redakteure Alxinger und Schreyvogel sahen keine andere -Möglichkeit, wenn sie sich nicht als »Jakobiner« den schwersten -Verfolgungen aussetzen wollten. - - -Das österreichische Zensurgesetz von 1795. - -Februar 1795 erschien in Österreich ein neues Zensurgesetz, das in -allem genau das Gegenteil dessen bestimmte, was Josephs Preßreform an -kulturellen Fortschritten ausgezeichnet hatte. - -Nicht das mindeste durfte mehr ohne vorschriftsmäßige Zensur gedruckt -werden, weder Buch noch Zeitung, weder Lied noch Gebet, Einblattdruck -oder Kupferstich, weder Erstdruck noch neue Auflage eines bisher -erlaubten Buches. Wer sich dagegen verging, wurde sofort mit Verlust -des Gewerbes gemaßregelt, außerdem mußte er für jedes verbreitete -Exemplar einer unzensierten Druckschrift 50 Gulden Strafe zahlen. -War er dazu nicht imstande, so durfte er jeden Gulden -- mit einem -Tage Gefängnis absitzen! Ein Buchdrucker oder Verleger brauchte also -nur durch ein Versehen einige hundert Exemplare eines unzensierten -Liedes zu verbreiten, und er hatte, wenn er ein armer Teufel war, -lebenslängliche Haft verwirkt! Handelte es sich gar um 1000 Exemplare -oder mehr, so ergab diese lichtvolle Rechnung etliche hundert Jahre -Gefängnis! - -Da Lieder, Gebete, Kriegsnachrichten, überhaupt die ganze -Einblattliteratur häufig durch Hausierer so schnell vertrieben wurden, -daß der Arm des Gesetzes sie nicht mehr erreichte, blieb der gesamte -Hausierhandel mit Drucksachen verboten, und auf Übertretung dieser -Bestimmung wurde Zuchthausstrafe gesetzt. - -Jede Ausrede oder Entschuldigung für irgendeine Verfehlung gegen das -Zensurgesetz wurde von vornherein als ungültig abgewiesen; mildernde -Umstände gab es in keinem Fall! Auch galt bei Umgehung der Zensur -keinerlei Unterschied zwischen einem Andachtsbuch und etwa einer -unsittlichen Schrift; für den Inhalt der nicht zensierten Drucksache -hatten sich Verfasser, Verleger, Drucker oder Verbreiter »nach dem -Grade der Anstößigkeit« noch besonders zu verantworten. Ebensowenig -wie in Österreich selbst durfte ein k. k. Untertan irgend etwas ohne -Zustimmung der einheimischen Zensur im Ausland drucken lassen. - -Die freie Wahl eines Vorzensors durch den Schriftsteller, wie sie -Kaiser Joseph eingeführt hatte, wurde durch dieses Gesetz von 1795 -ausdrücklich abgeschafft. Ein Zensor durfte überhaupt kein Manuskript -mehr selbst empfangen oder gar genehmigen; dies geschah ausschließlich -durch ein neugebildetes Revisionsamt, das mit anonymen Zensoren -arbeitete. Jeder Versuch, den Zensor irgendeines Buches festzustellen, -sich ihm zu nähern, um Beschleunigung zu bitten oder gar zu -beeinflussen, war verboten. Jeder sollte, so hieß es, die Entscheidung -»ruhig abwarten, sich ihr ohne Widerrede fügen« und sich besonders -hüten vor aller »Verunglimpfung der Zensoren oder des Revisionsamtes, -welche allerdings nach dem Grade des Frevels geahndet werden würde«. -Das Revisionsamt war also unfehlbar; von irgendeinem Berufungsrecht war -von jetzt an nicht mehr die Rede! - -Und diese beispiellose Knebelung der Geistesfreiheit, die nicht dem -finstersten Mittelalter, sondern dem goldenen Zeitalter der deutschen -Klassiker angehört, nannte sich noch obendrein »eine Zusammenfassung -der in verschiedenen Zeiten, unter verschiedenen Regierungen ergangenen -Verordnungen«, also auch der Josephinischen! - - -Hägelins Denkschrift über die Zensur. - -Eine bürokratische Ausgeburt der Furcht vor der Revolution, die zu -jener Zeit die Regierungen ergriff, ist auch Hägelins mehrfach erwähnte -Denkschrift über die Zensur, und ihr Entstehungsjahr 1795 macht es -begreiflich, daß neben der Religion und Moral die Politik darin die -Hauptrolle spielt. - -Alles, was gegen die monarchische Regierungsform oder die ständische -Verfassung Österreichs Stimmung machte, war nicht nur im Leben, sondern -auch auf der Bühne streng verboten. Das schließe, meint Hägelin, -große Helden, Heerführer und Politiker des Altertums nicht vom Drama -aus, aber Stoffe wie der Tod Cäsars, Brutus, die Vertreibung des -Tarquinius usw. seien natürlich unmöglich. Im besonderen seien alle -Begebenheiten der vaterländischen Geschichte, deren »Ausschlag diesen -Regenten nachtheilig sei«, nicht zu dulden. Widerstand gegen die hohe -Obrigkeit auf der Bühne verherrlicht -- das fehlte gerade! Tyrannei, -Despotismus waren überhaupt keine Ausdrücke auf einem Theater, auf dem -man nicht einmal über die verschiedenen Regierungsformen debattieren -oder gar einer andern als der monarchischen Vorzüge einräumen durfte. -Ausfälle gegen Regenten, bestehende Gesetze oder ganze Stände, -»besonders die höheren«, waren ebenso unstatthaft; ließ sich das, was -man gegen sie auf dem Herzen hatte, im Zusammenhang des ganzen Stücks -schlechterdings nicht ganz unterdrücken, so mußte es wenigstens durch -ein eingeschobenes »Manchmal« gemildert werden. - -Völlig unantastbar war der Adel auf der Bühne Österreichs. Zwar -durften einige adelige Personen im Stücke mitspielen, aber sie durften -nichts verüben, was ihren Stand bloßstellte. Die Wörter Adel, Kavalier -usw. sollten überhaupt möglichst vermieden werden. Zwischen dem -adeligen Gutsherrn und seinen Tagelöhnern gab es keine Gegensätze; -von Unterdrückung der Untertanen, Übermut der Junker, Schädigung des -bäuerlichen Grundbesitzes durch das uneingeschränkte Jagdrecht, von -Bauernschinderei seitens der Gutsherren »oder sogar der Beamten« wußte -man in diesem paradiesischen Theaterstaat nichts. Ebensowenig von -Menschenrechten und Menschenwürde, diesen Erfindungen der Revolution -und der »Modephilosophie«, die nur darauf ausgehe, mit der Religion -»die jetzigen Verfassungen entbehrlich zu machen«. Berüchtigte Wörter -wie Freiheit und Gleichheit wurden unbarmherzig gestrichen, selbst -wenn die Schriftsteller gegen diese modernen Begriffe polemisierten, -denn das sei, erklärt Hägelin, ein beliebtes Mittel, um »die Ohren des -Publikums mit denselben zu familiarisieren«. Daß von den revolutionären -Tagesereignissen nicht einmal andeutungsweise die Rede sein durfte, -versteht sich von selbst. - -Außer dem Adel und der Geistlichkeit beanspruchte der staatserhaltende -Militärstand auf der Bühne besondere Schonung wegen des »~point -d'honneur~«. Die Uniformen mußten »ideal« sein, niemals »kennbaren -inländischen Regimentern« angehören, und »höhere Oberoffiziere«, -überhaupt »Männer gesetzten Alters«, durften nie »Helden verliebter -Streiche und anderer Ausgelassenheiten« sein. Mit den jüngeren -Leutnants nahm man es offenbar nicht so genau. Die nach dem Alter und -seiner Leistungsfähigkeit abgestufte Moral ist eine besonders köstliche -Blüte dieser Zensurbürokratie. Vor allem aber durfte nichts vorkommen, -was »den gemeinen Mann vom Militärdienst abschrecken könnte oder es -müßte nach Umständen zureichend widerlegt werden«! - -Der Verfasser dieser Denkschrift, Hägelin, besaß eine fast -abergläubische Furcht vor der Wirkung einer Anstalt, der er doch -selbst fast seine ganze Lebensarbeit gewidmet hat, und er gab ihr oft -unfreiwillig komischen Ausdruck. »Das Theater«, sagt er einmal, »ist -das wahre ~vehiculum~, wodurch die Modephilosophie ihre Grundsätze in -Umlauf zu bringen sucht, denn ihre Absicht ist Verminderung der Kirchen -und Vermehrung der Theater, wenn auch das Kammergut dieser oder jener -Stadt dadurch leiden müßte«! - - -»Es lebe die -- Fröhlichkeit!« - -In der Oper »Don Juan« waren seit der Französischen Revolution die -Verse: - - Es lebe die Freiheit, - Die Freiheit soll leben! - -auf allen österreichischen Bühnen von der Zensur verpönt; nur die -genehmigte Variante durfte gesungen werden: - - Es lebe die Fröhlichkeit, - Die Fröhlichkeit soll leben! - -Auf dem Hoftheater in Darmstadt ließ man später statt der »Freiheit« -die »Zufriedenheit« leben. - - -Die Polizei als Zensurbehörde. - -Der Greifraum des österreichischen Zensurgesetzes von 1795 schien -aber nicht zu genügen; er wurde in den nächsten Jahren noch stattlich -erweitert. 1798 verbot man glattweg alle Lesekabinette, die Kaiser -Joseph gegründet hatte, dann die Leihbibliotheken und das Auflegen -literarischer Journale und anderer Flugschriften in den Kaffeehäusern. -Von der einheimischen Zensur verworfene Manuskripte durften andern -nicht mitgeteilt, ja »mit Gefahr weiterer Ausbreitung« nicht einmal -aufbewahrt werden! Und schließlich schritt man dazu, die Ausübung der -Bücherzensur, die bis 1791 die Bücher-Zensurhofkommission, dann die -Hofkanzlei und das Revisionsamt besorgt hatten, nebst der Theaterzensur -der Polizei zu übertragen. - -Schon 1793 hatte der Polizeiminister Graf Pergen diesen Vorschlag -gemacht, weil die Polizei am leichtesten in der Lage sei »zu -beurteilen, ob in gewissen Augenblicken eine Schrift schädlich oder -unschädlich sei«; im September 1801 erst wurde er von Kaiser Franz -genehmigt und damit die Literatur einer Behörde überantwortet, die auf -diesem neuen Wirkungsfeld eine traurige Berühmtheit erlangen sollte. - -Es dürfte angebracht sein, sich die Regierungsjahre dieser -bürokratischen Despoten, die von da an fast ein halbes Jahrhundert -das Schicksal der Literatur in Österreich souverän bestimmten, zu -merken. Der Polizeiminister Graf Pergen selbst regierte bis 1804; sein -Vizepräsident und Nachfolger Freiherr von Sumerau bis 20. Juli 1808. -Von da an bis 5. März 1813 war Freiherr von Haager Vizepräsident und -bis 1. August 1816 Präsident der »Polizei- und Zensurhofstelle«. - -Ihm folgte am 15. Mai 1817 der seit zwei Jahren amtierende -Vizepräsident Graf Sedlnitzky, der bis zum März 1848 ein literarisches -Schreckensregiment führte, das mit dem zugleich einsetzenden -»System« des Ministers Metternich der Geschichte jener Zeit seinen -unauslöschlichen Stempel aufgedrückt hat. Sein Name wurde bald -»geflügelt«, er bedeutete wie der Metternichs einen Begriff, und -der ganze Haß der geknechteten Literatur heftete sich mit Recht an -seine Fersen. Doch darf er, wie der Wiener Literarhistoriker Karl -Glossy hervorgehoben hat, nicht als der eigentliche Begründer des -Geistesdruckes in Österreich in Anspruch genommen werden; dieser Ruhm -gebührt dem Grafen von Pergen. Sedlnitzky aber wurde der Nero dieser -Polizeicäsaren. - -Die Polizei begann ihre Wirksamkeit damit, daß sie, ganz nach -Josephinischem Muster, eine Rezensurierungskommission einsetzte, aber -nicht etwa um verbotene Bücher dem Verkehr zurückzugeben, sondern um -bisher erlaubte zu verbieten, und sie arbeitete mit solchem Erfolg, -daß sie innerhalb zweier Jahre nicht weniger als 2500 unter Joseph -II. unbeanstandete Druckwerke auf den jetzt ins Ungeheuerliche -anschwellenden Index setzte. In den folgenden Jahrzehnten wuchs die -Zahl der verbotenen Bücher derart, daß die Polizei selbst den Plan -einer übersichtlichen Katalogisierung der anstößigen Literatur als -übermenschliche Riesenarbeit aufgeben mußte. - - -Das Kunstideal des Kaisers Franz. - -Seit Errichtung der Polizeidiktatur schnitt die Zensur dem -Schrifttum immer tiefer ins Fleisch. Schon Hägelins Denkschrift -über die Theaterzensur hatte besonders beliebte Stoffe der damaligen -Literatur, wie Femgerichte, Ausübung des Faustrechts usw., als -bedenklich bezeichnet. Am 22. August 1799 befahl Kaiser Franz, alle -»Nachrichten von geheimen Verbrüderungen, Ritterromane, Geister- und -Betrügergeschichten« ohne weiteres zu verbieten, um »die Köpfe nicht -mit Ideen aus der Romanwelt anzufüllen, die Einbildungskraft nicht zu -überspannen und dem Geiste keine falsche Richtung zu geben«. - -Auf Veranlassung des Polizeiministers wurden zwei Jahre später -(22. Dezember 1801) in dieses Verbot auch ausdrücklich alle -Ritterschauspiele, die damals besonders die Volkstheater füllten, als -Ausgeburt barbarischer und anarchischer Zeiten einbezogen. - -Die tollste Ausgeburt dieser Polizeiherrschaft ist aber das -Generalverbot gewisser Romane, das Kaiser Franz am 18. März 1806 -erließ. Es richtete sich - -1. gegen »alle schwärmerischen Liebesromane, die zu einer den gesunden -Menschenverstand tötenden Empfindelei führen«; - -2. gegen alle »Genieromane, die für Wildfänge einnehmen, deren -Kraftgenie die bürgerlichen Verhältnisse durchbricht«; - -3. gegen alle »Gespenster-, Räuber- und Ritterromane, die Roheit und -Unglauben erzeugen«; und - -4. gegen »die ganze Gattung, welcher man im verächtlichen Sinne den -Namen Roman beilegt«, eine Kautschukbestimmung, die der albernsten -Willkür freieste Hand ließ. - -Ausgenommen von diesem Verbot wurden alle »Schriften, die im Gewande -des Romans ganze Wissenschaften abhandeln, moralische Vorlesungen -anbringen, Länder-, Völker-, Natur- und Kunstkenntnisse verbreiten, -eine tiefe Kenntnis der menschlichen Natur verraten, das sittliche -Leben mit Rührung und Bekehrung des Lesers in einem lebhaften Vortrag -darstellen oder mit Witz und Laune die Torheiten und Laster der -Menschen züchtigen«. - -Das also war das künstlerische Ideal des Kaisers Franz, wenn dabei -von Kunst überhaupt noch die Rede sein kann. Es war nur ein wenig -- -um ein Jahrhundert etwa -- veraltet und auch insofern originell, als -es die Schonung des »gesunden Menschenverstandes« anbefahl, der doch -sonst, als ein Götze der bösen Aufklärung, in Österreich längst auf der -kulturellen Verlustliste stand. - - - - -6. Der Kampf gegen die Klassiker. - - -Die Wiener Scharfmacher. - -Schon ein Jahr vor dem österreichischen Zensurgesetz vom 22. -Februar 1795 war die neue scharfe Richtung von der Theaterbehörde -verkündet worden. Am 24. August 1794 hatte die Obersthofdirektion des -Burgtheaters an die deutschen Autoren einen Aufruf erlassen, der zur -Einsendung neuer Stücke ermunterte. Vor zwei Dingen aber sollten sich -die Schriftsteller hüten: - -»1. Wird nie ein Stück angenommen werden, _das den guten Sitten zuwider -ist_, welche durch das Theater befördert, nicht umgestürzt werden -müssen. - -»2. Wird jedes Schauspiel verworfen, das _anstößige politische -Grundsätze predigt_, und _auch nur von ferne_ dahin zielet, die -heiligen Bande zu zerreißen, welche die Bürger an den Staat binden.« - -Ein kaiserliches Hofdekret vom 5. Februar 1795 hatte dann nochmals -darauf hingewiesen, daß »auf dem Theater, dieser Schule der guten -Sitten, der Tugend und des Patriotismus, alles vermieden werden müsse, -was die guten Sitten beleidigen oder sonst gefährliche Grundsätze in -Rücksicht auf gute Ordnung und das Wohl des Staates verbreiten könnte«. - -Die unmittelbaren Folgen dieser verschärften Theaterzensur bezeichnet -der Wiener Schauspieler Anschütz trefflich mit den Worten: »Man -organisirte ein überängstliches Polizeiwesen und als dessen nächsten -Ausfluß eine doppelt strenge, völlig unerbittliche Censur, welche -platte und frivole Schaustellungen ungehindert passiren ließ, -dagegen aber größere und geistreiche Werke in der empörendsten Weise -verschnitt, verstümmelte, vom ämtlichen Standpunct bearbeitete und am -liebsten ganz von der Bühne ausschloß, denn gerade die vorzüglichsten -Geister der Nation, die Classiker, wurden als die verhaßten -Vertreter jener gefürchteten Ideen verpönt, welche die Schrecken der -französischen Revolution hervorgerufen haben sollen.« - - -Eine Maßregelung Lessings. - -Der Dichter der »Minna von Barnhelm« und der »Emilia Galotti« stand -zu Kaiser Josephs Zeiten zu Wien in hohem Ansehen, und als er sich im -Mai 1775 einige Wochen dort aufhielt, wurde er, wie Staatsrat Gebler -an Nicolai in Berlin schrieb, »mit solcher Distinktion« behandelt, -wie »noch nie ein deutscher Gelehrter, und das von unseren Souverains -anzufangen bis auf das allgemeine Publikum«. - -Durch seine Polemik gegen die orthodoxe Theologie und durch seinen -»Nathan« hatte er es aber dann mit dem offiziellen Wien so arg -verschüttet, daß die Direktion des Burgtheaters 1795 einen Beitrag -zum Wolfenbütteler Lessingdenkmal verweigerte, weil dieser Dichter -»mit seinen Schriften sowohl wider Religion als wider die souveräne -Staatsverfassung so schlechte und irrige Lehren seinen allerorten -verbreiteten Schülern hinterlassen habe«. - -Da jedoch die Direktion schon 1791 den Beitrag versprochen hatte, -verfügte Kaiser Franz, daß es dabei zu verbleiben und das Burgtheater -100 Dukaten zu zahlen habe. - - -Der sittlich entrüstete Schauspieler. - -Für kurze Zeit, von Oktober 1797 bis Januar 1799, war auch der -meerschweinchenhaft fruchtbare Dramatiker August von Kotzebue -Theatersekretär der Wiener Hofburg und besorgte als solcher die -dramaturgischen Geschäfte. Da er es bekanntlich mit der Moral -nicht so genau nahm, hatte er ohne Bedenken Goethes Lustspiel »Die -Mitschuldigen« aufs Repertoire gesetzt. Am 30. Januar 1799 sollte es -gegeben werden. - -In diesen Wochen aber hatte Kotzebue auf seinen Dramaturgenposten -verzichtet, war als »Dichter des Hoftheaters« auf Lebenszeit -pensioniert worden, und ein neuer Schauspielerausschuß hatte wieder die -Leitung der Burg übernommen. Zu diesem gehörte der berühmte Künstler -Brockmann. Ihm war Goethes übermütiges Jugendlustspiel ein Greuel; es -sei »zu niedrig, voll Zoten, und man könne es auf keinem Hoftheater -geben«, erklärte er. Daraufhin ließ der Schauspielerausschuß noch am -Tage der Aufführung, mittag 12 Uhr, die schon aushängenden Zettel -entfernen und zog das Stück zurück. - -»Die Mitschuldigen« haben auch nie die Bretter der Burg betreten. -1815 noch versuchte Schreyvogel, sie einzuschwärzen, aber seine der -Zensurbehörde eingereichte Bearbeitung kam mit einem ausdrücklichen -Verbot versehen wieder an ihn zurück. - - -Wallenstein im Militärstaat. - -Schiller vollendete seine Wallenstein-Trilogie im Jahre 1799 und -brachte sie im nächsten Winter auf der Weimarer Hofbühne zur ersten -Darstellung. - -Nach Weimar war das von Iffland dirigierte Kgl. Schauspielhaus in -Berlin das erste Theater, das den »Wallenstein« aufnahm. Aber nur die -»Piccolomini« und »Wallensteins Tod«, nicht das »Lager«, an das sich -Iffland nicht herantraute. Das Kgl. Theater unterstand damals keiner -Zensur, und Iffland hütete sich wohl, etwas zu unternehmen, was die -Einsetzung einer besonderen Zensurbehörde hätte veranlassen können. - -Nach Rücksprache mit »mehreren bedeutenden Männern« setzte er also dem -Dichter auseinander, es sei bedenklich, »in einem militärischen Staate -ein Stück zu geben, wo über die Art und Folgen eines großen stehenden -Heeres so treffende Dinge, in so hinreißender Sprache gesagt werden. -Es kann gefährlich seyn oder doch leicht gemißdeutet werden, wenn die -Möglichkeit, daß eine Armee in Masse deliberirt, ob sie sich da oder -dorthin schicken lassen soll und will, anschaulich dargestellt wird.« - -Er habe deshalb den Ausfall des Vorspiels mit den zu hohen Kosten -begründet, auf die Gefahr hin, dieses »platten Grundes« wegen getadelt -zu werden. Zugleich beschwor er Schiller hoch und teuer, ja nichts von -dem wahren Grund zu verraten, da sonst der »schreibselige Pöbel« alle -»Broschüren« mit der Notiz überschwemmen werde, »Wallensteins Lager« -sei aus politischen Gründen in Berlin unterdrückt worden. - -Schiller antwortete darauf kurz und schlagend: »Das Skandal wird -genommen und nicht gegeben«; doch versetzte er sich in Ifflands -heikle Lage, deren Erschwerung seine und die gesamte zeitgenössische -Dichtung hätte schädigen können, und gab sich mit der Aufführung -der beiden andern Teile zufrieden. Am 18. Februar 1799 gingen »Die -Piccolomini«, am 17. Mai »Wallensteins Tod« über die Bretter des Kgl. -Schauspielhauses. - -Erst vier Jahre später waren die Bedenken gegen »Wallensteins Lager« -geschwunden; am 28. November 1803 durfte es seinen Siegeslauf endlich -auch in Berlin beginnen, ohne daß von einer bedenklichen Wirkung -etwas verlautet hätte. Im Gegenteil! Vor der Schlacht bei Jena mußte -»Wallensteins Lager« immer wiederholt werden, weil die Berliner sich im -Absingen des Reiterliedes gar nicht genug tun konnten. - - -Der empfindliche Konsistorialpräsident. - -Im dem Örtchen Lauchstädt, wo bekanntlich unter Goethes Theaterleitung -das Weimarer Ensemble die sommerlichen Badegäste mit theatralischen -Belustigungen zu unterhalten pflegte, hatte man »Wallenstein« im Juli -1799 gegeben, eine Aufführung, die nach des Hofrats Kirms Bericht an -Schiller »von Halle und besonders von Leipzig eine Menge Gelehrte und -Ungelehrte nach Lauchstädt in Bewegung gesetzt« hatte. - -Als man aber 1800 die Aufführung wiederholen wollte, verbot sie der -Kanzler des noch zu Kursachsen gehörenden Stifts Merseburg, wenn nicht -»der Pfaffe herausgelassen« werde. »Man hat sich in Dresden darüber -beklagt,« schrieb der Schauspieler Heinrich Becker an Schiller, -»daß man in Lauchstädt einen Ordensgeistlichen im vorigen Sommer -auf das Theater gebracht, welcher von den Soldaten verspottet und -unter Drohungen fortgebracht wäre: welches der jetzt dirigirende -Consistorial-President sehr Uebel aufgenommen hat.« - -Derselbe Kanzler verbot im selben Jahr mit Rücksicht auf die zarten -Nerven der Lauchstädter Badegäste auch die »Räuber«. - - -Die gestrichene Freiheit. - -Als man auf dem Wiener Burgtheater 1794 Schillers »Verschwörung des -Fiesco« wiederholte, machte sie eine so »widrige Sensation«, daß -Hägelin in seiner mehrfach genannten Denkschrift von 1795 sehr bestimmt -erklärte, dies werde der veränderten Zeitumstände wegen »künftig -unterlassen«, denn »Freiheit und Gleichheit sind Wörter, mit denen -nicht zu spaßen ist«. - -Am 21. März 1800 ließ man das Stück unter dem harmloseren Titel -»Fiesco« wieder zu. Die Aufführung ist schon dadurch denkwürdig, daß -bei ihr der Name Schiller zum ersten Male auf dem Theaterzettel der -Burg genannt wurde. Der Theatersekretär Escherich hatte aber durch -eine »Bearbeitung« in sechs Aufzügen dafür gesorgt, daß die Polizei -nichts mehr zu beanstanden hatte. Fiesco war von allen politischen -Anstößigkeiten gereinigt, sogar vieles in der Fabel geändert. Das -»Haupt der Verschwörung«, Fiesco, war nur mehr »Graf von Lavagna«, und -die »Verschworenen« und »Mißvergnügten« waren in harmlose »Edle von -Genua« verwandelt. Man fand sogar im ganzen Stück das Wort Freiheit -nicht mehr, und am Ende mußte die deutsche Garde des Dogen Andreas -Doria ihn vom Tode retten. Selbst der Zensor Hägelin besaß Verstand -genug, sich über diese Verballhornungen lustig zu machen. - -Nach viermaliger Aufführung wurde aber auch diese Bearbeitung vom -Polizeipräsidenten als »nicht geeignet« vom Repertoire abgesetzt und -erst 1807, nach der neuen Verpachtung der Hoftheater, mit abermaligen -Änderungen wieder zugelassen. - - -Die Polizeifliege. - -Der Bearbeiter des »Fiesco«, Escherich, war Adjunkt der Zensurbehörde. -Der Wiener Dichter Jos. Fr. Edler von Retzer, der selbst eine Zeitlang -bei der Bücherzensur beschäftigt war, nannte ihn in Briefen an Nicolai -(15. Juni 1802 und 31. Aug. 1803) eine »Polizeifliege«, ein »thätiges -Werkzeug der Obscuranten und unwissenden Bücherbeschauer auf der -Hauptmaut in Wien«. Dieser Tölpel wurde 1802 zusammen mit Joseph -Schreyvogel zum Burgtheatersekretär ernannt, und seinem irrsinnigen -Rotstift fielen vor allem Schillers Meisterwerke zum Opfer, so daß -seinem Kollegen Schreyvogel eine Lebensaufgabe daraus erwuchs, diese -schauderhafte Patina nach und nach wieder von ihnen zu entfernen. - - -Das Gebet der Jungfrau. - -Schillers »Jungfrau von Orleans« wurde am 27. Januar 1802 auf dem -Burgtheater gegeben, aber unter dem Titel »Johanna d'Arc«, den -schon das Wort Jungfrau erschien aus religiösen oder sittlichen -Gründen anstößig, ohne Namen des Autors und, wie »Fiesco«, in einer -sechsaktigen Bearbeitung (der Monolog war Akt 1) des berüchtigten -Escherich, der, wie selbst Hägelin meinte, »Personen und Stellen -geändert, manche Blätter und Passagen ausgestrichen, Lücken -ausgeflickt und alles getan hatte, um ein anderes Stück herzustellen«. -Sein Machwerk erschien sogar im Druck. Selbst der damalige -Polizeiminister soll darüber so empört gewesen sein, daß er es nur -unter dem Namen des Bearbeiters aufgeführt sehen wollte, was aber -Escherich zu verhindern wußte. Daß man Schillers Namen verschwieg, war -daher wohl mehr ein Akt wohlwollender Rücksicht. - -In dieser Escherichschen Verhunzung waren Frankreich und England fast -gar nicht mehr genannt; Karl VII., jetzt nur noch König Karl, regierte -nicht Frankreich, sondern ein »Reich« im Monde, die Engländer hießen -nur die »Inselbewohner« und waren auch nicht mehr »frech«, sondern -»kühn«. Der Bearbeiter fürchtete jedenfalls, durch Erinnerung an alte -Konflikte die Friedensverhandlungen zu stören, die damals gerade -zwischen beiden Ländern im Gange waren und am 25. März zum Frieden von -Amiens führten. Auch der um sein Leben bettelnde Walliser Montgomery -fiel nicht mehr dem Schwert der Jungfrau, sondern dem Rotstift des -Zensors zum Opfer. - -Isabeau war nicht mehr des Königs Mutter, sondern nur seine auch -sonst von allen sittlichen Makeln gereinigte Schwester, und ihre -Treulosigkeit gegen den Bruder wurde sogar dadurch »motiviert«, daß er -sich einmal »am Haupt der Schwester« vergangen habe. - -Noch weniger als eine unnatürliche Mutter durfte sich eine Mätresse -auf dem Hoftheater zeigen. Also wurde des Königs Geliebte Agnes Sorel -in seine rechtmäßige Gemahlin verwandelt, und Herzog von Burgund wurde -nicht mehr, wie es »Herrenrecht zu Arras« ist, zum Kuß auf die Stirn, -sondern nur zum Handkuß bei der jetzt rechtmäßigen Königin zugelassen. -Im 3. Akt wurde Johanna zwar noch durch den König geadelt, aber »Du -sollst die Lilie im Wappen tragen« wäre gar zuviel Ehre für ein -Bauernmädchen gewesen; dieser Vers blieb also fort. - -Der sterbende Talbot vermachte auch die Welt nicht mehr dem -»Narrenkönig«, sondern dem Narrenfürsten, und die Verse Dunois' an -Talbots Leiche: - - Erst jetzo, Sire, begrüß ich euch als König! - Die Krone zitterte auf euerm Haupt, - Solang' ein Geist in diesem Körper lebte, - -waren gestrichen. - -Der Bastard Dunois war in einen »Prinzen Louis, Vetter des Königs«, -verwandelt; nach Hägelins Zensurdenkschrift mußte ja das Wort Bastard -vermieden und im Notfall durch »Wechselbalg« ersetzt werden. Erzbischof -und Bischöfe waren ganz verschwunden und ihre Reden andern Personen in -den Mund gelegt. - -Den Feinden war Johanna kein Blendwerk mehr des »Teufels«, höchstens -des »Satans«, selbst der derbe Talbot nannte sie einen »jungfräulichen -Satan«, und von »Ketzerei« war nicht mehr die Rede, nur von -»Irrglauben«; die Heldin wurde auch nicht mehr »verflucht«, nur noch -»verwünscht«. - -Die Mutter Gottes, die in Johannas Leben die entscheidende Rolle -spielt, war ganz beseitigt; nicht die »Königin des Himmels«, die -»Heilige« erschien der Jungfrau im Schlaf und gab ihr Fahne und Schwert -zur Befreiung ihres Vaterlandes von der englischen Knechtschaft in die -Hand, sondern eine anonyme »Lichtgestalt«. Johanna betete nicht mehr: - - Wärst du nimmer mir erschienen, - Hohe Himmelskönigin, - -sondern: - - Hoher Geist der Schäferin, - -und ihre Fahne zeigte nicht das Bild der Heiligen, »die über einer -Erdenkugel schwebt«, sondern nur einen roten Saum. Johanna selbst war -kein »heilig«, nur noch ein »himmlisch Mädchen« oder eine »würdige -Prophetin«, und der Krönungszug in Reims mit seinem geistlichen Pomp -war völlig abgesagt. Der Schlachtruf: »Gott und die Jungfrau!« lautete -jetzt: »Der Himmel und das Recht.« - -Außerdem waren alle romantischen Ausschweifungen wie die Erscheinung -des schwarzen Ritters beseitigt; ebenso die ganze Köhlerszene. - -»Schiller stand damals auf der Höhe seines Ruhmes«, sagt Heinrich -Laube. »Er lebte nur noch zwei Jahre und einige Monate, und in solchem -Augenblicke hatte das Nationaltheater den Mut, ein neues Stück von ihm -so umzuändern, seinen Namen wegzustreichen und eine große Tragödie von -ihm so aufzuführen, daß er gar keinen Teil daran zu haben schien und -sicherlich auch nicht das kleinste Honorar dafür erhielt, denn ein -gedrucktes Stück war vogelfrei für die Bühnen!« -- - -»Johanna d'Arc« mißfiel übrigens in dieser Bearbeitung den Wienern sehr -und wurde im Frühjahr 1802 nur fünfmal gegeben; dann verschwand sie für -achtzehn Jahre vom Repertoire des Burgtheaters. Erst 1820 durfte die -richtige »Jungfrau von Orleans« dort erscheinen. - - -Die Dresdener »Jungfrau«. - -Nicht ganz so schlimm, aber ähnlich erging es der »Jungfrau von -Orleans« auf dem Hoftheater zu Dresden, das der Hofmarschall von -Racknitz leitete. Die dortige Erstaufführung fand am 26. Januar 1802 -statt, und Schillers Freund Körner berichtete darüber am folgenden Tage: - -»Die Veränderungen waren zahllos und von einer Art, die Du kaum -errathen solltest ... Racknitz hatte die anstößigen Stellen nur -angestrichen, und die Schauspieler, besonders Opitz, hatten andere -Lesarten substituirt (!). Nur einige Beispiele: Jungfrau erinnerte -zu sehr an Jungfrau Maria, daher war der Titel ›Johanna d'Arc‹, und -anstatt: ›Gott und die Jungfrau‹ hieß es: ›Tod den Feinden, Sieg den -Franken!‹ -- ›Vor diesen fränkischen Weichlingen zu fliehen?‹ hätte -den französischen Gesandten beleidigen können; es hieß also: ›vor -dieser Handvoll Feinde‹. -- Für Gott wurde Himmel, für Teufel: böser -Geist gesagt. -- Agnes hatte _Freundschaft_ für den König, und in dem -2ten Gebete hieß es anstatt Deiner Agnes Liebe: Deines Volkes Liebe -... Sonderbar war indessen, daß der Prinz Anton und die Prinzessin -Maria Anna, Schwester des Churfürsten, gedruckte Exemplare mitgenommen -hatten, worin sie oft nachlasen.« - - -»Ein unmoralisches, höchst gefährliches Theaterstück.« - -Jahre hindurch hatte man Schillers »Räuber« auf den kleineren Theatern -Wiens ihr Wesen treiben lassen, selbst die Furcht vor der Revolution -hatte vor diesem Meisterwerk die Segel gestrichen. Natürlich waren nur -die früheren, von der Zensur genehmigten Bearbeitungen erlaubt. 1804 -wurde Freiherr von Sumerau Präsident der Polizei- und Zensurhofstelle, -und eine seiner ersten Regierungshandlungen war ein kategorisches -Verbot der »Räuber«, die, wie er am 31. August 1805 zu Protokoll gab, -»als ein unmoralisches, alle Bande der Gesellschaft auflösendes, höchst -gefährliches Theaterstück, weder nach der Idee des Verfassers noch in -irgendeiner Umarbeitung zur theatralischen Vorstellung geeignet« seien. - -Kurz vor seiner Amtsentsetzung (20. Juli 1808) aber steckte er ein Loch -zurück. Die adligen Unternehmer, die seit 1807 das Hoftheater, das -Kärntnertortheater und das an der Wien gepachtet hatten, ließen im Juni -1808 das Stück neu bearbeiten und baten dringend um die Erlaubnis zur -Aufführung, »da vorzüglich bei der jetzt eingetretenen Sommerzeit für -gute und interessante Spektakel gesorgt werden muß«. Dieser Notschrei -der Kavaliere machte Eindruck. Zwar habe sich »von jeher die allgemeine -Stimme gegen diese Jugendarbeit Schillers erhoben«, antwortete Sumerau -am 13. Juli, aber er sei doch einem Versuch nicht abgeneigt, »ob dieses -Stück nicht einen widrigen Eindruck auf das Publikum zurücklasse«. -Einige Änderungen wurden noch verlangt, der Titel in »Carl Moor« -verwandelt, und in dieser Gestalt das Stück erlaubt. - -Von einem »widrigen Eindruck« der »Räuber« melden die Akten der -Polizeihofstelle nichts, und der Versuch wurde ebenfalls auf der -Leopoldstädter und Josefstädter Bühne gemacht, ohne daß die Ruhe der -Kaiserstadt dadurch gestört wurde. - - -»Franz heißt die Canaille?« - -Diese Frage des Räubers Schweizer an seinen Kollegen Roller, als sie -den Absagebrief des »zuckersüßen Brüderchens« Franz Moor an Karl lesen, -war während der Regierung des Kaisers Franz in Wien streng verboten, -denn, meinte der Zensor, »das könnte als eine Anspielung auf Se. -Majestät den Kaiser genommen werden«! - - -Tells Geschoß. - -Bei der Weimarer Erstaufführung des »Wilhelm Tell« am 17. März 1804 -war der ganze fünfte Akt gestrichen, »weil wir des Kaisermords nicht -erwähnen wollten«, wie Schiller an seinen Freund Körner schrieb. Das -war zweifellos auf Wunsch Goethes geschehen, der bekanntlich in einem -späteren Gespräch mit Eckermann (16. März 1831) die Gegenüberstellung -Tells und Joseph Parricidas als eine »kaum begreifliche« -Geschmacklosigkeit bezeichnete und auf weibliche Einflüsse -zurückführte. Aber auch die vier ersten Akte waren stark verkürzt, -viele Personen in wenige verwandelt und zahlreiche »schwierige und -bedenkliche Stellen« fortgelassen. - -Die erste Berliner Aufführung fand am 4. Juli desselben Jahres statt. -Iffland wollte aber nicht nur die Parricida-Szenen, sondern auch -den großen Monolog Tells im 4. Akt, »Durch diese hohle Gasse muß -er kommen«, gestrichen sehen. Dem aber widersetzte sich Schiller -nachdrücklich. Außerdem fand Iffland noch drei andere Textstellen -bedenklich, und der Dichter ließ sich überreden, sie nach dem Wunsche -des ängstlichen Theaterdirektors zu ändern, obgleich er meinte, ein -Sujet wie Tell müsse notwendig gewisse Saiten berühren, »welche nicht -jedem gut ins Ohr klingen«. - -In der großen Rede Stauffachers im 2. Akt (2. Szene) wurden die Verse -»Wenn der Gedrückte nirgends Recht kann finden« bis »Der Güter höchstes -dürfen wir verteid'gen Gegen Gewalt« abgeschwächt: - - Wenn es zum letzten, äußersten gekommen, - Wenn rohe Willkür alles Recht zertritt, - Wenn kein Gesetz mehr hilft, dann hilft Natur, - Das altererbte dürfen wir beschützen - Gegen Gewalt. - -In der Unterhaltung Tells mit seinem Sohne Walther (3. Akt, 2. Szene) -wurde das ganze Frag- und Antwortspiel, daß Land und Wild und Strom und -Meer alles dem Könige oder dem Bischof gehöre, das Volk aber nicht den -Segen seiner Arbeit genieße, gestrichen und durch die sinnlosen Verse -ersetzt: - - Das Land ist frei und offen wie der Himmel, - Doch die's bewohnen sind in große Dörfer - Mit Mauern eingesperrt. Sie nennen's Städte. - -Und in der letzten Vision des sterbenden Attinghausen, der den -Entscheidungskampf zwischen Adel und Bauerntum vorhersagt, wurde dieser -Gegensatz der Stände vorsichtig verwischt. Es hieß nicht mehr: - - des Adels Blüte fällt, - Es hebt die Freiheit siegend ihre Fahne, - -sondern: - - errungen ist der Sieg, - Hoch triumphierend schwebt die Landesfahne. - - -Das Verbot des »Fidelio«. - -Selbst Beethovens unsterblicher »Fidelio« entging vor seiner -Uraufführung nicht dem Zensurverbot! Ein spanischer Minister, der sein -Amt zur Befriedigung persönlicher Rache mißbrauchte, und wenn er auch -aus dem sechzehnten Jahrhundert stammte -- das hätte ja die Achtung der -guten Wiener vor den k. k. Hof- und Staatsbeamten untergraben können! -Erst als der Verfasser des Textbuches und damalige Hoftheatersekretär -Joseph Sonnleithner darauf hinwies, daß der Missetäter ja bestraft, -und »durch den Hof« bestraft werde, und der Heroismus der weiblichen -Tugend dadurch um so heller strahle, ließ sich der Polizeipräsident von -Sumerau »nach einiger Abänderung der grellsten Szenen« erweichen, und -die Aufführung durfte am 20. November 1805 im Theater an der Wien vor -sich gehen. - -Sieben Tage vorher hatten die Franzosen Wien besetzt, und auf das -Parterre der französischen Offiziere machte dies Hohelied der -Gattentreue wenig Eindruck. Der europäische Erfolg des »Fidelio« setzte -erst 1814 ein, als Beethoven sein Meisterwerk neu bearbeitet hatte. - - -Der Sohn als Neffe. - -1807 gelang es endlich den neuen Pächtern der drei Haupttheater -Wiens, dem Zensor die Erlaubnis zur Aufführung von Schillers »Kabale -und Liebe« abzuzwingen. Aber welche Mißhandlung hatte sich Schillers -Meisterwerk gefallen lassen müssen! Wieder war ein Theatersekretär, -diesmal Joseph Sonnleithner, darüber gekommen. »Die derben Stellen,« -schrieb Fürst Esterhazy am 30. September an den Polizeipräsidenten, -»welche sich Schiller in seinen späteren Lebensjahren selbst nicht mehr -erlaubt haben würde, sind, darf ich sagen, ebensosehr aus Rücksicht -auf den Dichter selbst, als auf den Ton der Sittlichkeit überhaupt -weggelassen«. Die »Behutsamkeit« des Bearbeiters ging aber der Polizei -noch immer nicht weit genug, vielmehr verlangte Herr von Sumerau, daß -noch »manche allzu grelle Tiraden, in welche der Dichter teils das -religiöse, teils das sittliche Gefühl beleidigende Ausdrücke legte, -entweder ausgemerzt oder gemildert und [mit Rücksicht auf das vierte -Gebot] der Vater des Majors in einen Oheim verwandelt werden möchte«! -Und so geschah es: aus dem Sohn des Präsidenten wurde der Neffe, und -die Wiener Witzbolde Castelli und Bauernfeld erzählten gern von der -überwältigenden Wirkung des Ausrufs Ferdinands: »Es gibt eine Gegend in -meinem Herzen, wo das Wort -- Onkel noch nie gehört wurde!« Diese allzu -lächerlichen Stellen waren aber gestrichen. - -Ein so niederträchtiger Präsident durfte ebenfalls nicht auf -dem Burgtheater erscheinen; man hätte ja am Ende dabei an den -Polizeipräsidenten denken können! Er wurde daher in einen »Vizedom« -(~Vicedominus~ = Statthalter) verwandelt, und aus dem Hofmarschall -von Kalb wurde ein märchenhafter »Obergarderobemeister«, wobei es -dann nicht minder schön klang, wenn Ferdinand am Anfang des 4. Aktes -wütend in die Szene hineinrief: »War kein Obergarderobemeister da?« -Oberhofmeister, Bürgermeister und ähnliche respektable Leute pflegten, -wie August Klingemann erzählt, zu protestieren, wenn Leute ihres -Ranges auf der Bühne nicht mit den höchsten Tugenden und Verdiensten -ausgestattet waren; daher mußten der Zensor oder der Bearbeiter -derartige Phantasiechargen erfinden. Der Zensor scheint aber selbst für -den Humor dieser Änderung nicht ohne Verständnis gewesen zu sein; sie -brachte ihn in so gute Laune, daß er den Obergarderobemeister durch -den Sohn oder vielmehr Neffen des Präsidenten nicht, wie Schiller -vorschreibt, »mein Allervortrefflichster« anreden ließ, sondern »mein -Allerwertester«! - -Lady Milford schwebte ebenfalls völlig in der Luft; die Bezeichnung -»Favoritin des Fürsten« mußte natürlich fallen, und damit auch jede -Stelle des Textes, die ihr Verhältnis zum Fürsten näher bezeichnete, -vor allem die Kammerdienerszene. Daß Serenissimus »von einer britischen -Fürstin Erbarmen gegen sein deutsches Volk lernen« solle, wie es in dem -Billett der Lady an den Fürsten im 4. Akt heißt, war ebenfalls nicht -erlaubt. - -Das reizendste aber war, daß der schuftige Sekretär Wurm in der letzten -Abrechnungsszene, als er seinen Spießgesellen, den Vizedom, preisgibt, -diesen keineswegs, wie der Dichter will, als »Kameraden« behandeln, -als Bube titulieren und ihm in blutigem Galgenhumor auf die Schulter -klopfen durfte, sondern auch da noch den schuldigen Respekt vor dem -Vorgesetzten und der Standesperson zu wahren hatte, demnach alle jene -groben Verstöße gegen die gute Lebensart fallen mußten! - -So zugerichtet erschien »Kabale und Liebe« am 23. Juli 1808 zum ersten -Male auf dem k. k. Hofburgtheater, und dieser Unsinn wurde bis 1848 -geduldet! - - -Die unglückliche »königlich spanische Familie«. - -Im Herbst 1808 hatte der Hofschauspieler Krüger den in Wien noch nicht -zugelassenen »Don Carlos« »bearbeitet« und wollte ihn zu seinem Benefiz -auf dem Theater an der Wien geben. Der Vizepräsident der Polizei von -Haager aber erhob Einwände, weil »das Verhältnis des Prinzen zum König, -seinem Vater, einige entfernte Ähnlichkeit mit den letzten Ereignissen -in Spanien« habe, wo Karl IV. und sein Sohn Ferdinand VII. um die -Krone kämpften, bis sie Napoleon beide an die Luft setzte und seinen -Bruder Joseph zum König von Spanien erhob. Hier standen also nicht nur -das vierte Gebot, sondern auch die wandelbaren »Zeitumstände« einer -Aufführung im Wege, und selbst der freiheitliche Minister Graf Stadion -meinte, daß man es »dem unglücklichen Zustande der königlich spanischen -Familie schuldig sei, selbe nicht zum Gegenstand von Beziehungen zu -machen, die zwar keineswegs in dem Stück selbst liegen, bei der durch -die letzten Ereignisse in Spanien veranlaßten Stimmung des Publikums -aber doch schwer zu vermeiden sein würden«. - -Am 14. Mai 1809 aber zogen die Franzosen in Wien ein, denen die -»königlich spanische Familie« Hekuba war, und während ihrer Herrschaft -bis zum November wurde gerade »Don Carlos« die einzige Novität des -Burgtheaters. Am 23. August 1809 erfolgte die erste Aufführung. - -Ohne Änderungen aber hatte die einheimische Zensur ihn doch nicht -passieren lassen. Der Großinquisitor war gestrichen; aus dem -Beichtvater Domingo war ein gleichgültiger »Höfling Don Antonio Perez« -geworden, eine Änderung, die Schiller selbst für das Hamburger Theater -gemacht hatte, die Rolle des ebenfalls gestrichenen Herzogs Alba -wurde, so gut es ging, mit der jenes Höflings zusammengezogen, und -Carlos durfte beileibe nicht in seine Stiefmutter verliebt sein. Jede -Andeutung davon war noch unter Laubes Direktion streng untersagt! - - -Geßler das Karnickel. - -Schillers »Wilhelm Tell« kam erst 1827 aufs Burgtheater, dagegen schon -am 30. Mai 1810 aufs Theater an der Wien, das 1814 bis 1817 eine -Art Filiale der Burg war. Der Schauspieler Wilhelm Grüner hatte die -Bearbeitung übernommen. Wes Geistes Kind sie war, ergibt sich aus dem -Gutachten des Zensors von Haager vom 12. Dezember 1809: »Österreich -wird gar nicht erwähnt, und kein Schatten fällt auf den Kaiser, sondern -alles wird der Tyranei des Vogts Geßler zugeschrieben.« - -Schon Hägelin hatte den Schweizerheld Wilhelm Tell und jede Empörung -einer Eidgenossenschaft gegen das österreichische Zepter zu den Stoffen -gezählt, die seitens der Zensur nicht zu dulden seien. Daß man 1809 -ein Stück, worin der Widerstand gegen die hohe Obrigkeit als ein Akt -gerechter Selbsthilfe verherrlicht wurde, nicht mehr schroff ablehnte, -war immerhin ein Fortschritt. Im übrigen aber hatte sich der Bearbeiter -Grüner streng an Hägelins Vorschrift gehalten, die besagte: »Nie darf -eine Schuld an den Mängeln der Militärverwaltung auf den Landesfürsten -oder den Dienst selbst fallen.« Stets mußte, genau so wie in der hohen -Politik, ein Untergebener das Karnickel sein. Der vierte und letzte Akt -schloß mit Geßlers Tod. - -Auch Grüners Bearbeitung wurde nicht sofort genehmigt, da man auf der -Bühne nicht gern an Länder erinnern ließ, die Österreich einst besessen -und später verloren hatte und da »die neuesten Ereignisse in Tirol zu -gewissen peinlichen Rückerinnerungen Anlaß« gaben. Erst Graf Palffys -hartnäckiges Drängen erzielte im März 1810 die Freigabe des Stückes. - - -Isabellas Ahnungen. - -Gegen Schillers »Braut von Messina« hatte der Wiener Zensor im Januar -1804 nichts weiter einzuwenden, als daß das Innere einer Kirche auf -dem Theater nicht vorgestellt werden könne, sondern diese in eine -Familiengruft wie in »Romeo und Julia« umzuwandeln sei. Dennoch verbot -der Polizeipräsident die Aufführung. - -Als die Tragödie endlich zum 23. Januar 1810 freigegeben wurde, -mußten die Worte »Kirche« und »Kloster« in »Tempel« und »Eiland« (!) -verwandelt werden, und im 4. Aufzug mußte Isabella statt - - So haltet ihr mir Wort, ihr Himmelsmächte! - -ausrufen: - - So haltet ihr mir Wort, ihr Ahndungen! - -Denn, sagte schon Hägelins Zensurkatechismus von 1795, an der Vorsehung -darf nur dann gezweifelt werden, wenn die handelnde Person sich selbst -korrigiert oder von andern widerlegt wird! - - -»Egmont« in Wien. - -Zu den klassischen Werken, welche die Kavalierdirektion des Wiener -Burgtheaters der Polizei abzutrotzen wußte, gehörte auch Goethes -»Egmont«, der am 24. Mai 1810 seine dortige Uraufführung erlebte. -1795 hatte Hägelin die Rebellion der Vereinigten Niederlande als -unzulässig auf dem Burgtheater bezeichnet. 1810 endlich erklärte die -k. k. Hof- und Staatskanzlei (Graf Metternich), daß gegen »Egmont« -keine Bedenken bestünden. Jedoch mußten die Worte »Franzosen«, »wälsche -Hunde«, »wälsche Majestät« und »vierzehn neue Bischofsmützen« ersetzt -werden durch die Ausdrücke »der Feind«, »die fremden Hunde«, »welsche -Regierung« und »vierzehn neue Kirchenvorsteher« (!). Und statt der -»Freiheit« mußten die unruhigen Bürger Brüssels die »Freundschaft« -leben lassen! - - -Wallensteins Reinigung. - -Gleich nach Erscheinen des »Wallenstein« machte sich der Wiener -Zensurbeamte und berüchtigte »Verhunzer« zahlreicher Klassiker, -Escherich, auch an eine »Bearbeitung« dieses Werkes. Aber selbst -ihm gelang es nicht, den widerspenstigen Stoff nach dem gewohnten -Zensurrezept zurechtzuschneidern, denn den Hauptanstoß konnte auch er -nicht beseitigen. Alle Begebenheiten der vaterländischen Geschichte, -deren »Ausschlag diesen Regenten nachtheilig ist«, jede Empörung -gegen einen Regenten überhaupt, war ja nach den Grundsätzen der -Burgtheaterzensur ausgeschlossen. Die »höhere Entscheidung« fiel denn -auch ablehnend aus. Ebenso ging es 1810, als die Hoftheaterdirektion -nur die »Piccolomini« der Zensur einreichte. Graf Metternich, der -spätere allmächtige Minister, erklärte seitens der geheimen Hof- und -Staatskanzlei, das Stück sei »keineswegs zur öffentlichen Darstellung -geeignet«. - -Erst am 1. April 1814 durfte Schillers Meisterwerk »in die Kürze -gezogen und für einen Abend eingerichtet von H. W-r« auf dem -Burgtheater erscheinen, nachdem Hofrat Friedrich Gentz, die rechte Hand -Metternichs, das »von allen anstößigen Stellen gereinigte« Trauerspiel -noch einmal durchgesiebt und am 9. Februar zu Protokoll gegeben hatte, -daß man in politischer Hinsicht »gegen keine _einzelnen_ Stellen des -Stückes« in dieser Fassung mehr etwas erinnern könne. Die Bedenken -gegen das Ganze waren also auch jetzt nicht völlig beseitigt. - -Das Vorspiel »Wallensteins Lager« aber war der Kapuzinerpredigt wegen -von Wiener Bühnen bis 1848 ausgeschlossen. - - -Maria Stuart -- Maria Antoinette. - -Als Schillers »Maria Stuart« 1801 erschien, wurde sie in Österreich -sofort verboten, aber der Intelligenz »~erga schedam~« (gegen -persönlichen Erlaubnisschein) zur Lektüre gestattet; in den -»Gesammelten Werken« des Dichters beanstandete man sie nicht weiter. - -Die Hinrichtung eines gekrönten Hauptes und die religiösen Elemente -des letzten Aktes schlossen Schillers Drama vom damaligen Wiener -Hofburgtheater natürlich aus. - -In Prag wagte man sich gleichwohl schon am 17. Juni 1804 an die -Aufführung, und zwar nach einer Bearbeitung, die auch das Dresdener -Hoftheater angenommen hatte. Als aber daraufhin 1805 der Wiener -Polizeipräsident von Sumerau die Aufführung auch für Wien befürwortete, -stieß er auf den energischen Widerstand des Kaisers. - -Die »Theater-Unternehmungs-Gesellschaft« streckte aber ihre Hände -auch nach »Maria Stuart« aus. Der Leiter des deutschen Schauspiels, -Graf Palffy, kam in immer erneuten Eingaben auf dieses Werk zurück. -Der Zensor von Haager sogar befürwortete die Aufführung, obgleich -die Hinrichtung Marias »an ein ähnliches unglückliches Ereignis der -jüngsten Vergangenheit« erinnere. - -Doch der Kaiser blieb unzugänglich: an das Schicksal seiner Tante -Maria Antoinette wollte er nicht gemahnt sein. Haager wurde geradezu -beredt in der Verteidigung Schillers; die Haupttendenz des Stückes, -legte er 1812 dem Kaiser dar, könne zwar nicht verwischt werden, Marias -leichtsinniges Leben, die Geschichte ihrer vielen Männer und Liebhaber -komme zur Sprache, aber sie sei »ganz Reue und Ergebung und sterbe -auf dem Schafott als ein Opfer der neidischen und herrschsüchtigen -Elisabeth«; »die in katholischen Ländern nicht zuzulassenden, sehr -verwerflichen Szenen, wo sie kurz vor ihrem Tode beichtet«, seien -leicht zu beseitigen. - -Aber dreimal, 1810, 1812 und 1813, lehnte der Kaiser ab. Da versammelte -der Wiener Kongreß in der österreichischen Hauptstadt »beinahe alles, -was Europa Großes und Glänzendes enthält«; das fremde Publikum -verlangte »Spektakel, die eines so außerordentlichen Zeitpunktes doch -nicht ganz unwürdig seien«; die Finanzen des Hoftheaters waren aber so -herunter, daß Graf Palffy, seit März dieses Jahres alleiniger Pächter, -vor dem Ruin stand; in einer beweglichen Eingabe vom 25. September 1814 -legte er seine mißliche Lage dem Kaiser dar und bat um die Freigabe -einer ganzen Reihe von Stücken, die »die Strenge der Zensurnormalien« -bisher verboten hatte. Darunter war »Maria Stuart«, und am 20. Oktober -gestattete endlich Kaiser Franz die Aufführung der Tragödie unter -der Bedingung, »daß alle in diesem dramatischen Werke vorkommenden -Anstößigkeiten sorgfältig gehoben und durchaus gestrichen werden«. - -Daraufhin ging »Maria Stuart« am 29. Dezember 1814 in der Prager -Bearbeitung auf dem Wiener Burgtheater zum ersten Male in Szene, volle -vierzehn Jahre nach ihrer Uraufführung in Weimar. - - - - -7. Kleine Kulissengeheimnisse der Theaterzensur. - - -Die lästigen Autoren. - -»Felix, oder: Die Laune des Zufalls« hieß ein Manuskript, das -ein unbekannter Autor im Jahre 1802 der Wiener Zensur für die -Leopoldstädter Bühne einreichte. Da es beanstandet wurde, ließ sich -der Verfasser die Mühe nicht verdrießen, es nach dem polizeilichen -Sittenkodex umzuarbeiten. - -In neuer Aufmachung unterbreitete er es zum zweiten Male dem Zensor, -und dieser -- jedenfalls der alte Hägelin -- gab es seiner vorgesetzten -Behörde mit dem charakteristischen Stoßseufzer weiter: »Es ist ein -Jammer, was die Zensur in solchen Fällen von hier befindlichen Autoren -für Plagen auszustehen hat, weil diese jungen Leute ein kleines Geld -sich verdienen wollen.« - - -Anständigere Eselsohren. - -Ausdrücke wie Ehebruch, Hörner tragen usw., die »keusche und gesittete -Ohren« beleidigen konnten, mußten auf dem Wiener Burgtheater -fortfallen. 1802 wurde in einem romantisch-komischen Singspiel »Das -Zauberschwert« auf Verlangen der Zensur »das Hirschgeweih, das der -Autor dem Knappen Pitschili gegeben hatte, in anständigere Eselsohren -verwandelt«. - - -Ein falscher Reim. - -Von dem Freiherrn von Haager, der seit 1803 Hofrat, später -Präsident der Polizei- und Zensurhofstelle in Wien war, erzählt der -österreichische Humorist Castelli: Er war so übel nicht, aber er -hatte seine eigenen kleinen Marotten. So durfte unter ihm der Ausruf -»O Gott!« nur auf den Hoftheatern gesprochen werden; in Stücken der -Vorstadtbühnen wurde der liebe Herrgott immer gestrichen und dafür »O -Himmel!« hingeschrieben. Am spaßigsten nahmen sich solche Korrekturen -an Stellen aus, die gereimt waren. Da hieß es z. B. in einem Drama -Castellis: - - Treibe nicht mit Heil'gem Spott, - Und bedenk', es lebt ein Gott! - -Der Zensor verbesserte kaltblütig: - - Und bedenk', es lebt ein Himmel! - - -Ein Feind der Zweideutigkeiten. - -Der gute alte Haager war auch, und gewiß mit vollem Recht, ein Feind -aller Zweideutigkeiten. Wo er eine witterte, suchte er ihr mindestens -ein Mäntelchen umzuhängen; er tat das aber meist so ungeschickt, daß -dadurch eine größere Zweideutigkeit zum Vorschein kam. So änderte er z. -B. »Sie besitzt einen weißen üppigen Busen« um in »Sie ist vorne sehr -schön gebaut«. - -Selbst Anmerkungen des Soufflierbuchs, die nur den Schauspieler -betrafen und gar nicht gesprochen wurden, verletzten oft sein -Zartgefühl; so litt er nie die Worte: »Er küßt sie«, sondern -verbesserte dafür stets: »Er gibt ihr einen Kuß.« - - -Ottokar, Attila und Napoleon. - -Als nach dem unglücklichen Frieden von Preßburg (26. Dez. 1805) die -Franzosen aus Wien abgezogen waren, schrieb der Hofschauspieler Ziegler -ein Stück »Thekla, die Wienerin«, das den Kampf Kaiser Rudolfs von -Habsburg gegen König Ottokar von Böhmen im Jahre 1278 zum Gegenstand -hatte. - -Die Aufführung wurde aber am 30. April 1806 auf Geheiß des Kaisers -verboten, aus Furcht, die französische Botschaft könne in dem gehässig -geschilderten Ottokar und seinen Böhmen eine Anspielung auf Napoleon -und die Franzosen sehen. - -Erst drei Jahre später, als Österreich aufs neue den Krieg gegen -Frankreich erklärt hatte (9. April 1809), wurde die Aufführung im -Burgtheater gestattet. - -Derselben Angst fiel 1807 Zacharias Werners »Attila« zum Opfer, -obgleich der Dichter sein Ehrenwort gab, daß er dabei nicht im -entferntesten an Napoleon gedacht habe. Erst nach völliger Umarbeitung -durfte es Ende 1809 gegeben werden, da der Zensor Armbruster jetzt -versichern konnte, »daß man auch an den Haaren keine Parallele -herziehen könne«. - - -»So kriegt man die Luise.« - -»Mord und Totschlag, oder: So kriegt man die Luise«, so lautete der -ulkige Titel eines Lustspiels, das ein Wiener Theater aufführen wollte, -just nachdem sich eben Napoleon mit der Tochter des Kaisers Franz, der -Erzherzogin Maria Luise, verlobt hatte. Die Hochzeit fand am 1. April -1810 statt. Natürlich wurde das Stückchen verboten. - -Kurz vorher war es Kotzebue mit seinem Stück »Sorge ohne Not« ebenso -ergangen, nur daß hier der Zensor auf eigene Gefahr den Staatsmann -gespielt und die Erstaufführung am 11. Januar 1810 erlaubt hatte. »Wer -der Urheber der unglücklichen Zeiten sei, darüber kann kein Zweifel -herrschen«, meinte er, und die Mißstimmung gegen den ehrgeizigen und -unersättlichen Weltstürmer müsse von Staats wegen mit allen Mitteln -geschürt werden. Dieses ausnahmsweise intelligente Urteil bekam ihm -aber schlecht: er erhielt einen scharfen Verweis, und das Stück mußte -sofort vom Spielplan verschwinden. - -Von jetzt an durfte auch in Österreich von Napoleon nur mit der größten -Hochachtung gesprochen werden. An dieser Courtoisie hielt man dort -fest, solange Kaiser Franz lebte, und was irgendwie Erinnerungen an -Napoleon weckte, mußte sich auf die heftigsten offenen und mehr noch -versteckten Widerstände gefaßt machen. Das sollte vor allem Franz -Grillparzer, Österreichs größter Dichter, erfahren, als er 1823 »König -Ottokars Glück und Ende« dem Burgtheater einreichte. - - -Spiel bringt Gefahr. - -Am 13. Dezember 1810 wurde Hamburg nebst Bremen, Lübeck, Oldenburg und -einem Teil von Hannover dem französischen Kaiserreich einverleibt, und -die Willkür des Feindes schaltete nun auch in den Hansestädten nach -Belieben. Vor allem in Hamburg vollführte Marschall Davoust ein wahres -Schreckensregiment. - -Während dieser Zeit brachte das Hamburger Stadttheater ein Stück »Spiel -bringt Gefahr« von F. L. W. Meyer aus Bramstedt. Darin kam ein Lied auf -das Kartenspiel vor, dessen Schlußvers lautete: - - Und alles erbeutet der Bube! - -Ein Denunziant benachrichtigte nun die französische Behörde, mit dem -»Buben« sei keineswegs die Spielkarte, sondern -- der Kaiser Napoleon -gemeint! Daraufhin wurde der Theaterdirektor Herzfeld sogleich zur -Verantwortung gezogen, und aus diesem nun doppelt gefährlichen Spiel -befreite ihn nur die Versicherung: das Lied sei extemporiert gewesen. - - -Die Kontinentalsperre. - -Seit jenem Vorfall hatte die französische Behörde ein scharfes Auge -auf das Hamburger Theater. Schon der Name eines mißliebigen Autors -genügte, um seine Stücke vom Repertoire zu streichen. Worte wie -Vaterland, Freiheit, Tyrann, Unterdrückung usw. wurden nicht mehr -geduldet, wo sie auch vorkamen; mit besonderer Sorgfalt aber tilgte der -französische Zensor jede Erwähnung der Mächte, mit denen Frankreich -damals im Kriege lag, vor allem Englands, gegen das Napoleon die -Kontinentalsperre erklärt hatte. Obgleich Schiller eine »Jungfrau von -Orleans« geschrieben hatte, wurde seine »Maria Stuart« ganz verbannt, -weil sie in England spielte. Kotzebues »Brief aus Cadix« mußte nun »aus -Marseille« kommen, und seine »Indianer in England« wurden nach Irland -übergesiedelt. - - -Der unmoralische Theodor Körner. - -Körners Lustspiel in Alexandrinern »Die Braut« kam am 17. Januar 1812 -auf dem Burgtheater zur Aufführung, brachte aber dem Vizepräsidenten -der Polizei- und Zensurhofstelle von Haager als verantwortlichem Zensor -eine heftige Rüge ein. Kaiser Franz erklärte, es genüge nicht, wenn -anstößige Stellen gestrichen würden, sondern es sei »weit wichtiger, -Stücke zu verhindern, deren ganze Tendenz unmoralisch sei, und in denen -die ehrwürdigsten Verhältnisse, z. B. zwischen Eltern und Kindern, -wie dies in der neuen Piece ›Die Braut‹ geschehe, herabgewürdigt und -lächerlich gemacht würden«. - -Als Haager am 4. März ganz bescheiden und »unmaßgeblich« darauf -remonstrierte, kam er vom Regen in die Traufe: der Kaiser verbot -das Stück ausdrücklich mit der bösen Note, er habe sich von der -Zensurstelle »ein richtigeres Urteil über den Wert dieses Stückes -versprochen«. - - -Ein Theaterskandal in Wien. - -Die schärfste Aufmerksamkeit der Zensur verhinderte gleichwohl nicht, -daß in einer mit Politik so geladenen Zeit wie dem Jahre 1812 dieser -Explosivstoff auch ins Theater drang und in der heißen Stimmung des -Publikums unversehens zündete. - -Seit der Zeit Maria Theresias war Voltaires »Mahomet« auf dem -Burgtheater mehrfach aufgeführt worden, ohne irgendwie Anstoß zu -erregen, denn Mahomet war ja ein »Pfaffe heidnischer Religionen«, die -der Zensor der Willkür des Dichters preiszugeben pflegte, wenn darin -nicht etwa Anspielungen auf das Christentum wie Fußangeln verborgen -lagen. - -Nachdem Goethe, um seine Weimarer Schauspieler an die Verssprache zu -gewöhnen, 1799 das Werk Voltaires in meisterhafte deutsche Jamben -übertragen hatte, war diese Neuschöpfung ebenfalls vom Burgtheater -übernommen worden, und im April 1812 fiel es der Leitung des Theaters -an der Wien plötzlich ein, das Stück aufs Repertoire zu setzen. - -Das nichtsnutzige Publikum sah aber nun in dem Helden Voltaires nur -immer Napoleon und belohnte jeden Vers, der auf die Gegenwart zu passen -schien, mit stürmischem Beifall. Welchem lebenden Dichter hätte auch -der Zensor Worte erlaubt wie die Frage Sopirs in dem Voltaireschen -Stück: - - Und jeder muthige Betrüger dürfte - Den Menschen eine Kette geben? Er - Hat zu betrügen Recht, wenn er mit Größe - Betrügt? - -Und bei der Anklage gegen Mahomet: - - Auf deinen Lippen schallt der Friede, doch - Dein Herz weiß nichts davon - -schien die Bühne zum Tribunal zu werden. Die Worte verursachten eine -politische Demonstration, wie man sie in jenen heiligen Hallen, wo man -die Rache nicht kennen wollte, noch nicht erlebt hatte. - -Glücklicherweise stand an diesem Abend die Loge des französischen -Gesandten leer. - -In Paris wurde zur selben Zeit Voltaires »Mahomet« tagtäglich unter den -Augen Napoleons gegeben. - - -Die schöne Luise. - -Pius Alexander Wolffs Schauspiel »Preciosa« wurde 1812 in Berlin -verboten, weil statt harmloser Zigeunerromantik eine »wirkliche -Räuberbande« darin ihr Wesen trieb und damals gerade in der Umgegend -Berlins eine 130 Köpfe zählende Mordbrennerbande gefangen worden -war, unter der die Hauptbrandstifterin, die »schöne Luise, die -aus Kinderfett Brandlichter machte«, wegen ihrer Schönheit und -verbrecherischen Naivetät die größte Neugier erregte. Iffland hatte als -Leiter des Kgl. Schauspielhauses deshalb nicht gewagt, selbst über die -Aufnahme des Stücks zu entscheiden, sondern es der Zensur eingereicht, -die die Aufführung nicht erlaubte. - -Diesmal gereichte das Zensurverbot dem davon betroffenen Werk zum -Glück, denn erst später schrieb Carl Maria von Weber dazu die Musik, -die auch den Text unsterblich machte, der sonst längst vergessen wäre. -In dieser Vertonung fand die erste Aufführung der »Preciosa« auf dem -Berliner Hoftheater am 14. März 1821 statt. - - -Gefährliches Spielzeug. - -In einem Stück »Fehlgeschossen« von Costenoble, das am 12. Oktober -1812 auf dem Theater an der Wien aufgeführt wurde, zeigt ein Drechsler -Kindern Spielzeug und erläutert es ihnen mit den Worten: »Hier ein -Hase, dort ein gesternter General.« Diese Worte wurden von einem -»Geheimagenten« beanstandet und mußten daraufhin gestrichen werden. - - -Das »jüngste Gericht« ohne Jesus. - -Als der Komponist Ludwig Spohr am 21. Januar 1813 in Wien sein -Oratorium »Das jüngste Gericht« aufführte, wurden die Namen Jesus und -Maria im Personenverzeichnis beanstandet. Nach langen Verhandlungen -wurde der Druck des Textes nur mit Auslassung jener Namen erlaubt. -Spohr gab sich damit zufrieden, weil sich jeder Leser aus dem Inhalt -leicht die fehlenden Namen ergänzen konnte. - - -Vaterländische Schauspiele. - -Sofort nach dem Abzug der Franzosen aus Berlin und dem Einmarsch -der Russen Anfang März 1813 reichte Achim von Arnim dem Berliner -Hoftheater ein vaterländisches Schauspiel »Die Vertreibung der Spanier -aus Wesel im Jahre 1629« zur Aufführung ein; bei der Aktualität des -Stoffes durch die neue erlösende Wendung des europäischen Krieges drang -er natürlich auf baldige Aufführung. - -Mit vaterländischen Schauspielen wußte man aber damals in Berlin -ebensowenig anzufangen wie in Wien. Heinrich von Kleists »Prinz -Friedrich von Homburg« und seine »Hermannsschlacht« existierten für -die Bühne nicht. Wie konnte Arnim da Besseres für sich und sein -Stück erhoffen! Iffland als Direktor des Theaters wagte auch keinen -selbständigen Entschluß, sondern fragte erst die den abwesenden -Staatskanzler vertretende Oberregierungskommission, ob sie nichts -dagegen habe. Wider Erwarten erteilte die Kommission die Erlaubnis, da -dem Stück »historische Wahrheit« zugrunde liege, obgleich »allerdings -Anspielungen auf die Bedrängnisse vorkämen, welche Deutschland und -Preußen von den Franzosen erlitten« habe. Dennoch konnte Iffland nicht -das Herz fassen, das Werk aufzuführen. - -Auch in Wien, wo Clemens Brentano sich dafür verwandte, drang es nicht -durch, obgleich es schon der Zensor in der Mache gehabt hatte. Die -Zensurhofstelle hatte dabei allerhand lustige Änderungen vorgenommen, -von denen Brentano am 5. April 1814 dem Freunde Arnim einige verriet. -Eine Szene, in der von Brutus, dem Mörder Cäsars, die Rede war, wurde -ganz gestrichen. »Was wird der Mensch in der Sklaverei, ein rechtes -Vieh« hieß es in einem andern Auftritt; diese echt Arnimsche derbe -Wendung ging dem Wiener Zensor wider die Haare; er schrieb dafür die -hochtrabenden Worte hin: »Wie sinket die Würde der Menschheit unter -eisernem Scepter.« Und den burschikosen Vergleich: »Sie ist so dumm wie -ein Ochs« hatte der höfliche Mann auch nicht zugelassen, sondern die -letzten drei Worte einfach gestrichen. - - -»Auf der Alm, da gibt's ka Sünd.« - -In einer Posse: »Die Pantoffelmacherin« von Told wurde bei der -Aufführung auf einem Wiener Theater die Gräfin von Molkenflur in eine -»Frau von«, der Edle von Wiesenklee in einen bürgerlichen Wiesenklee -umgetauft, und in einer Gesangstrophe änderte der Zensor die Verse -eines Mädchens: - - Und spricht dann nach der Jagd - Der Jager bei mir ein, - -folgendermaßen um: - - Und spricht wohl öfters unter Tags - A Gamsel (!!) bei mir ein. - - -Das Madonnenbild. - -Oehlenschlägers vielgespielter »Correggio« wurde in Wien verboten, weil -darin ein Madonnenbild vorkommt. - -Auf Empfehlung des Zensors von Haager entschied der Kaiser am 8. -Dezember 1814: »Wenn in dem Trauerspiele ›Correggio‹ dem Bilde, -welches dieser malt, eine bestimmte profane Benennung, z. B. aus der -fabelhaften Götterlehre, gegeben wird; wenn alle Anspielungen auf -Maria, Johannes, Magdalena, und überhaupt auf Bilder der Heiligen, wie -auch der Altar in der Eiche vor der Hütte des Einsiedlers wegbleiben, -und wenn Äußerungen, wie z. B. Jesus, Maria, Mutter Gottes, vor dem -schönen Bilde der Magdalena knien und beten usw. gestrichen werden, so -kann die Aufführung des Stückes gestattet werden.« - -Der Altar wurde dementsprechend auf ein kleines Bild reduziert, das -Knien und Beten in »andächtige Betrachtung« verwandelt, die Namen Jesus -und Maria durch gleichgültige Ausrufe und das Madonnenbild durch das -- -der Familie des Malers ersetzt! Nun stand der Aufführung nichts mehr im -Wege; sie fand am 30. August 1815 statt. - - -»Ein König darf nicht lächerlich gemacht werden.« - -Der österreichische Humorist Castelli hatte für ein Wiener -Possentheater einen travestierten Lear geschrieben. Die Zensur -verbot aber die Aufführung mit der Begründung, ein König dürfe nicht -lächerlich gemacht werden. - - - - -8. Im Banne Napoleons. - - »Im Kriege erträgt man die rohe Gewalt, so gut man - kann, man fühlt sich wohl physisch und ökonomisch - verletzt, aber nicht mehr moralisch.« - - _Goethe_, Aus meinem Leben. III, 12. - - -Napoleon und die Presse. - -Die Wirksamkeit der Presse hat keiner besser zu würdigen gewußt als -Napoleon. Auf seinem politischen Schachbrett vertraten die Zeitungen -mindestens die Schar der Bauern. Das Wort Preßfreiheit, das er als -Konsul oft im Munde führte, war allerdings nur eine Redensart, ein -Aushängeschild, das er rücksichtslos beiseite warf, als er auf der -Höhe seiner Macht stand, und wohin er als Eroberer seinen Fuß setzte, -behandelte er die gegnerischen Blätter wie eroberte Geschütze, die -man einfach umkehrt und gegen ihre früheren Besitzer abfeuern läßt. -Wehe dem Schriftsteller oder Verleger, der dabei auch nur mit der -Wimper gezuckt hätte! Das Schicksal des Nürnberger Buchhändlers Palm, -den Napoleon als den Verleger und mutmaßlichen Mitverfasser der -Schrift »Deutschland in seiner tiefen Erniedrigung« am 26. August 1806 -erschießen ließ, stand als warnendes Blutmal vor aller Augen. Ein -Federstrich des Kaisers beseitigte im Jahre 1810 sämtliche politischen -Zeitungen Badens bis auf eine, ebenso in Frankfurt; als er im Dezember -1810 Hamburg seinem Reiche einverleibte, mußten neun Zeitungen dort ihr -Erscheinen einstellen. Was übrigblieb, wurde einfach in französische -Blätter verwandelt oder mußte taktfest einstimmen in den Posaunenchor, -den er dirigierte. Durch die geknebelte Presse diskreditierte er -seine Feinde, hob er seine Soldaten in den Himmel, fälschte er die -Kriegsberichte, daß selbst aus der Schlacht bei Leipzig ein großer -Sieg der französischen Waffen wurde, und ließ er vor allem über sich -selbst des Lobes unendliche Fluten ergießen. Wie zahllose Völker -Europas, zwang er auch die öffentliche Meinung mit brutaler Gewalt zur -Bundesgenossin, und diese Hilfstruppen wußte er mit genialem Geschick -immer da einzusetzen, wo er sie brauchte. - -In diesem Sinne bedeutete für ihn die Presse in der Tat die »fünfte -Großmacht«, wenn ihm auch dieses oft zitierte Wort mit Unrecht -zugeschrieben wird. - - -Presse und Regierung in Deutschland. - -Von dieser Großmachtstellung der Presse waren aber die deutschen -Regierungen jener Zeit noch wenig überzeugt, und Napoleon mußte -auch hierin ihr Lehrmeister werden. Den deutschen Behörden galt die -Presse immer noch als ein Pech, mit dem man sich besudelte, wenn man -es anfaßte. Sie war das ~enfant terrible~, für das nur die Rute gut -war, um sein vorlautes Dreinreden zu zügeln. Am liebsten hätte man -ihm überhaupt den Mund verstopft, denn es lebte ja durch und für die -Öffentlichkeit, die man haßte. Das Mysterium der Staatsregierung -vollzog sich hinter einem dichten Vorhang; statt ihn ab und zu -hochzuziehen, um die schaugierige Menge wenigstens durch ein lebendes -Bild zu befriedigen, wurde jeder als Hochverräter behandelt, der es -wagte, den Vorhang mit dreister Hand zu lüften. - -Das ungeheuer umfangreiche Aktenmaterial, das über die Behandlung -der Presse in den Kriegsjahren 1806 bis 1815 verschrieben wurde, hat -vor allem _ein_ Kennzeichen: der übelste bürokratische Ton feiert -darin wahre Orgien. Alle diese meist hohen Beamten arbeiteten ihren -Vorgesetzten immer zu Dank, wenn sie in jeder Wendung ihres Konzeptes -der tiefsten Verachtung der Presse und ihrer dienstbaren Geister, -mochten sie auch Arndt oder Schleiermacher oder Görres heißen, -kräftigsten Ausdruck liehen und an den Leuten der Feder ihr trauriges -Mütchen kühlten. Dieser Schriftwechsel der Minister unter sich ist eine -Sammlung vollendeter Verbalinjurien ersten Ranges. - -Von einer auch nur notdürftigen Versorgung der Presse mit Nachrichten -war nicht die Rede. Was über die politischen Ereignisse, die Maßregeln -und Ziele der Regierungen durchsickerte, wurde im Haarsieb der Zensur -zu einem winzigen Häuflein Staub zerrieben. Die damaligen Zeitungen -sind daher die allerkläglichsten Meilenzeiger der deutschen Geschichte. -Nur das Ausland überließ man den Journalisten als fette Weide, und -da es zu jener Zeit in Frankreich am lebhaftesten zuging, so war die -deutsche Presse durch eine fehlerhafte geistige Rationierung längst -mit französischem Geiste durchsetzt, ehe dieser durch Napoleon eine -politische Gefahr für Deutschland wurde. - -So kann es nicht Wunder nehmen, daß die völlig unorganisierte, jedes -nationalen Haltes entbehrende deutsche Presse jener Gefahr hilflos -gegenüberstand und vor ihrem Ansturm kläglich die Waffen streckte. - - -»Ruhe ist die erste Bürgerpflicht!« - -Die Schlacht bei Jena hatte am 14. Oktober 1806 Preußens Niederlage -entschieden. Vier Tage später klebte in den Straßen Berlins der -bekannte Anschlagzettel, der mit den Worten begann: - -»Der König hat eine Bataille verlohren. Jetzt ist Ruhe die erste -Bürgerpflicht.« - -Der Gouverneur der preußischen Hauptstadt, der diese Worte prägte, Graf -von der Schulenburg-Kehnert, besaß aber selbst diese Ruhe nicht und -flüchtete mit der Regierung und dem königlichen Hof nach Ostpreußen -in den Schutz des russischen Verbündeten. Auch der bisherige Berliner -Zeitungszensor Renfner, der schon seit 1792, der Zeit Wöllners, dieses -Amt verwaltete, hatte sich dorthin in Sicherheit gebracht. - -Schulenburgs Nachfolger Fürst Hatzfeld gab nun die Losung aus: »Unsere -Aussichten müssen sich nicht über dasjenige entfernen, was in unsern -Mauern vorgeht!« Dafür sorgten dann schon die Franzosen, die am 24. -Oktober in Berlin einrückten. - - -Im Dienst des Feindes. - -In den vom Feinde eroberten Provinzen Preußens herrschten nun das -fremde Gesetz und die Willkür des Siegers. Getreu seiner Gewohnheit, -sich in erster Reihe aller Organe des öffentlichen Lebens zu -versichern, riß er in Berlin sofort die Zensur aller Drucksachen -an sich. Schon am 27. Oktober, dem Tage des Einzugs Napoleons, -ließ der französische Kommandant von Berlin, Hulin, dem Zensor für -historisch-politische Schriften melden, daß die politische Zensur -nunmehr von der französischen Behörde ausgeübt werde. Zwei Tage später -beschied der französische Kommissar Baron Bignon, der schon 1801--04 -Geschäftsträger in Berlin gewesen war, das Terrain also gut kannte, -die Herausgeber der beiden politischen Tageszeitungen zu sich, um sie -zu instruieren. Worin diese »Instruktion« bestand, zeigte sich bald; -die Zeitungen waren von jetzt an in fremdem Dienst: sie brachten -die Lüge von dem begeisterten Empfang Napoleons durch die Berliner -Bürgerschaft, druckten die Bulletins der Großen Armee wortgetreu ab, -verherrlichten die Waffentaten »unserer siegreichen [französischen] -Truppen«, verspotteten das preußische Militär und erniedrigten sich -sogar zu verleumderischen Angriffen gegen König und Königin, die als -Feinde Napoleons jetzt auch ihre Feinde sein mußten. Der geradezu im -Solde der Franzosen stehende täglich erscheinende »Neue Telegraph« -von Hofrat ~Dr.~ K. J. Lange (ehemals Davison) durfte es unter dem -Gelächter der französischen Kavaliere wagen, der Königin Luise ein -Verhältnis zu Kaiser Alexander anzudichten. Diese Haltung der Berliner -Presse, die sogar nach dem Wiederabzug der Franzosen noch eine Weile -die gleiche blieb, verziehen ihr der König und die preußischen -Patrioten nie; Graf Alexander von Dohna war der Meinung, die Zeitungen -hätten lieber eingehen müssen, als »Schmähungen auf die vaterländische -Regierung« aufzunehmen. Noch 1814 brachte er als Gouverneur in -Königsberg diese sklavische Nachgiebigkeit der Berliner Presse in -peinlichste Erinnerung (vgl. S. 202). - - -Französische Zensur. - -Baron Bignon übte die Zensur der Zeitungen und politischen Schriften -mit großer Sorgfalt selbst aus. Artikel, die ihm nicht paßten, schnitt -er aus den Korrekturabzügen heraus; die Abzüge mußten außerdem am -Erscheinungstage der betreffenden Nummer an ihn zurückgegeben werden, -so daß Redakteure und Verleger nicht einmal Beweisstücke in Händen -behielten für das, was ihnen die französische Zensur zumutete. - -Von allen neu erscheinenden Schriften mußten regelmäßig Verzeichnisse -vorgelegt werden. Politische Schriften, soweit Bignon sie nicht selbst -zensierte, übergab er dem Prediger an der französischen Kirche, -Hauchecorne, der ihm schon früher befreundet war und sich dieser -Tätigkeit mehr als willig unterzog. Nur was harmlos erschien, wurde den -bisherigen Zensoren zugestellt. - - -Krieg und Moral. - -Was nicht parierte, wurde beseitigt. Der von August von Kotzebue und -Garlieb Merkel 1804 begründete »Freimüthige«, der bis zuletzt seinem -Namen Ehre zu machen wagte, stellte unmittelbar vor der Ankunft -der Franzosen sein Erscheinen ein. Erst im Januar 1808 wurde er -fortgesetzt, aber schon im Februar stand sein jetziger Herausgeber -August Kuhn unter Polizeiaufsicht, und im März traf ihn wegen eines -Artikels »Nemesis« ein neues Verbot. Von April 1808 ab durfte er wieder -erscheinen und bewahrte auch jetzt noch in allem, was den preußischen -Staat betraf, eine tapfere patriotische Haltung. - -Ein anderes Unterhaltungsblatt, der von Professor Theodor Heinsius -herausgegebene »Preußische Hausfreund«, verschwand am 5. Februar 1807 -plötzlich von der Bildfläche und durfte sich erst nach dem Abzug der -Franzosen wieder hervortrauen. Am 6. Februar 1807 wurde außerdem der -Herausgeber Heinsius aus dem Bette heraus verhaftet und vierzehn Tage -lang auf die Hausvogtei gesetzt. General Clarke soll in einer Schrift -über Moral, die Heinsius herausgeben wollte, »aufregende Tendenzen« -entdeckt und dem Verfasser erklärt haben: »Ach was Moral, was soll -die im Kriege?« Jedenfalls handelte es sich um einen Aufsatz für den -»Hausfreund«, wie auch Gubitz berichtet. Clarke verbot die Fortsetzung, -warnte Heinsius vor Aussprüchen, die den französischen Behörden -unangenehm seien, und ließ ihn auch nach seiner Freilassung durch die -Polizei überwachen. - -Eines aber darf man der französischen Gewaltherrschaft nachrühmen: um -_un_politische Dinge kümmerte sie sich nicht. Auch waren die Franzosen -für Witz und Satire viel leichter zugänglich als die meist grämliche -preußische Behörde. Der Kommandant Hulin, der ebenso wie General Clarke -auf alle Drucksachen ein scharfes Auge hatte, ließ eine boshafte -Karikatur auf den Herausgeber des franzosendienerischen »Telegraphen« -unbeanstandet; als sie eine zweite Auflage erlebte, forderte er zwar -dem Künstler die Platten ab, gab sie aber nach drei Wochen ohne weitere -Vorschriften zurück. - -Bezeichnend ist auch, daß unter dem französischen Regiment in -Berlin das erste dortige Leseinstitut errichtet wurde, wo 200--300 -Zeitungen offenlagen. Da konnte sich auch der mißtrauischste Berliner -überzeugen, daß fast die gesamte deutsche Presse sich glücklich -schätzte, unter den glorreichen Feldzeichen Napoleons für die Freiheit -der Nationen und den Sieg der »Kultur« über die »Barbarei« zu fechten. - - -Fichte als Zensor. - -Die rücksichtslose Fälschung der öffentlichen Meinung durch die -Franzosen und die ihrer Gewalt preisgegebene deutsche Presse hatte -endlich der preußischen Regierung zu denken gegeben: es mußte etwas -geschehen, es galt gegen dies vom Feinde verbreitete Giftgas eine -Schutzmaske zu finden. Das einzige Blatt aber, das sich noch im -vaterländischen Machtbereich befand, war die »Königsberger Hartungsche -Zeitung«, und selbst diese konnte sich dem französischen Einfluß nicht -ganz entziehen. Sie mußte doch melden, was jenseits der Kampffront -vor sich ging, und dafür hatte sie keine andern Quellen, als die -französisch sich räuspernden Berliner Zeitungen. Auch verfügte man in -der Provinz damals nicht über geschulte und selbständig arbeitende -journalistische Kräfte, denn der politische Teil der preußischen -Provinzpresse war nur immer aus den Blättern der Hauptstadt -»zusammengetragen« worden; eigene politische Nachrichten -- von -Leitartikeln war ja damals überhaupt noch keine Rede -- erlaubte die -Zensur nicht. So hatte bisher der Berliner Zensor auch die Königsberger -Zeitung vorsichtig an der Leine gehalten -- kein Wunder, daß sie, -plötzlich und unvorbereitet sich selbst und dem grundlosen Element -überlassen, noch keine kunstgerechten Schwimmbewegungen machen konnte. -Also mußte ihr zunächst ein neuer Zensor gesetzt werden, und dazu erkor -man keinen Geringeren als den Philosophen Fichte. - -Seitdem durch den Atheismusstreit Fichtes Stellung als Professor -der Philosophie in Jena unhaltbar geworden war, hatte er sich 1799 -in Berlin niedergelassen, wo ihn König Friedrich Wilhelm III. -unangefochten ließ. »Gedeckt vor den Bannstrahlen der Priester und den -Steinigungen der Gläubigen« hielt er hier im Winter 1804/05 Vorträge -über die »Grundzüge des gegenwärtigen Zeitalters« vor einem zahlreichen -und auserlesenen Hörerkreis; im folgenden Sommer ging er als Professor -an die jetzt preußisch gewordene Universität Erlangen, kehrte aber -im nächsten Semester wieder nach Berlin zurück, um den bevorstehenden -Ereignissen näher zu sein. So hatte ihn das Kriegsgewitter dort -überrascht, und mit den preußischen Flüchtlingen war er nach der -Schlacht bei Jena nach Königsberg gekommen. - -Hier begann man eben mit großem Nachdruck eine gründliche Reform der -Universität, und auf Drängen des damaligen Konsistorialrats Nicolovius -wurde auch Fichte dort angestellt. Er sollte aber nicht nur als Dozent -wirken, sondern daneben besonders darauf achten, daß in der dortigen -Zeitung »die Nachrichten von den Kriegs- und andern öffentlichen -Begebenheiten nicht in einem verführerischen, den Patriotismus -niederschlagenden Ton erzählt«, vielmehr »alle Anlässe, um den Mut der -Untertanen zu beleben, gehörig benutzt« würden. - -Durch diese Heranziehung Fichtes fühlte sich aber der bisherige -Königsberger Zensor tief gekränkt. Wenn auch die Provinzblätter -Politisches immer nur aus der klar geläuterten Quelle der Berliner -Zeitungen schöpfen durften, so gab es doch in jeder mit einem -Regierungsapparat versehenen Stadt immer noch einen besondern Zensor, -der jenen Stoff noch einmal filtrierte; der lokale Teil und die -Inserate waren ja sowieso hinzugekommen. Das Zensoramt in Königsberg -hatte bisher der Polizeidirektor Kriminalrat Brand durchaus zur -Zufriedenheit seiner Vorgesetzten verwaltet. Nun aber erklärte dieser, -er bedanke sich schönstens dafür, in Zukunft nur noch die Inserate -beaufsichtigen zu sollen, da wolle er schon lieber mit der Zensur -überhaupt nichts mehr zu tun haben. Fichte aber lehnte die alleinige -Verantwortung nachdrücklich ab; daraufhin bestimmte der Oberpräsident -von Auerswald, daß der Polizeipräsident trotz seines Widerwillens -»sowohl die Intelligenzblätter als auch die Zeitungsavertissements« -(die Bekanntmachungen) entweder selbst zu zensieren oder durch einen -Polizeibeamten zensieren zu lassen habe, da »dem Professor Fichte die -das Censurwesen betreffenden Gesetzesbestimmungen und Vorschriften -nicht bekannt« seien. Fichte führte also daneben die höhere politische -Zensur, wie sie vordem in Berlin geübt worden war, dessen Zeitungen -jetzt »unter den insidiösen Einflüssen des Feindes« standen. - - -Zivil- und Militärzensur. - -Fichtes Konflikt mit einem sich zurückgesetzt fühlenden Polizeidirektor -war aber nicht der einzige, der dem Philosophen während seiner -Zensortätigkeit beschieden war. Peinlicher und nachhaltiger war -sein Zusammenprall mit der Militärgewalt, die in Königsberg der -Generalgouverneur von Rüchel vertrat. Diesem Mann paßte Fichtes -Tätigkeit ganz und gar nicht. Er vermißte an ihm die nötige -»militärisch-politische« Sachkenntnis, und dieser Zivilist hatte noch -dazu die Dreistigkeit, an offiziellen Aufsätzen, die der Königsberger -Zeitung von der Adjutantur geliefert wurden, Kritik zu üben: die einen -wies er überhaupt zurück, und andern gab er nur das Imprimatur, wenn -der Generalgouverneur das kraft seines Amtes energisch verlangte. -Schließlich riß diesem die militärisch kurze Geduld, er entzog Fichten -Ende Februar 1807 die Aufsicht über die Zeitung und setzte an Stelle -der bisherigen Zivilzensur eine ausschließliche Militärzensur. - -Der Augenblick dazu war allerdings nicht eben glücklich gewählt. In der -Hartungschen Zeitung war am 19. Februar ein Artikel über die Schlacht -bei Eylau erschienen, der die höchste Entrüstung des Königs erregte. -Auerswald untersuchte den Vorfall, und da stellte sich heraus: der -vom König beanstandete Artikel stammte -- von Rüchel selbst. Fichte -hatte ihn als Zensor gestrichen, war aber gegen den Generalgouverneur -machtlos gewesen. - - -Die Hebung der »Königsberger Hartungschen Zeitung«. - -Die Schlacht bei Eylau hatte die Hoffnungen der Patrioten neu belebt, -man erwartete nachdrückliche Hilfe von den Russen und wagte wieder -der nächsten Zukunft mit klarer Überlegung ihrer Forderungen an die -Staatsverwaltung entgegenzusehen. Hardenberg, der in Memel beim Könige -weilte und am 26. April wieder als Minister die Staatsgeschäfte -übernahm, hatte schon in einer Denkschrift vom 3. März »größere -Rücksicht auf die öffentliche Meinung und Bearbeitung derselben -durch zweckmäßige Publizistik« empfohlen. Er konnte dabei nur das -Königsberger Blatt im Auge haben, und im Mai 1806 verhandelte er mit -dem Oberpräsidenten, wie die Hartungsche Zeitung »durch interessantere -und besser stilisierte Aufsätze« zu »heben« sei. In Auerswalds Antwort -kommt der durch Fichtes Tätigkeit veranlaßte Zwist zwischen Zivil- -und Militärgewalt zum deutlichsten Ausdruck. Die Zeitung, erklärte der -Oberpräsident geradeheraus, sei nur dadurch so heruntergekommen, daß -der Generalgouverneur darauf bestehe, daß alle von ihm gelieferten -Kriegsnachrichten unverändert aufgenommen würden; ebenso schalte und -walte er mit allen übrigen ihm vorgelegten Nachrichten ganz nach -Belieben. Von der Adjutantur aber könne man weder »genaue historische -Kritik« noch »sorgfältige Aufmerksamkeit auf richtigen Ausdruck und -Stil« fordern; dazu hätten die dort beschäftigten Herren natürlich -keine Zeit. Das dringende Bedürfnis, zuverlässige Kriegsberichte dem -Publikum »in lesbaren Aufsätzen« zu bieten, liege allerdings vor. -Dazu müsse man aber beim preußischen und beim russischen Armeekorps -geschickte Berichterstatter (»Bulletinschreiber«) auswählen, die nur -der Zensur des Hauptquartiers unterständen, nicht aber der »Einwirkung -des Generalgouvernements«. Die örtliche Zensur möge man dann wieder -Fichte anvertrauen, der besonders die Radamontaden der feindlichen -Bulletinschreiber niedriger hängen und »die Stimmung des Volkes zur -Ausdauer und Verstärkung der Vaterlandsliebe zu erheben« suchen solle. -Heute, wo wir unter ähnlichen Verhältnissen leben und die großzügige -Organisation der amtlichen militärischen Berichterstattung täglich wie -ein zauberhaftes Uhrwerk ablaufen sehen, können wir erst ganz ermessen, -in welcher Rat- und Hilflosigkeit man sich vor hundert Jahren diesem -Problem gegenüber befand. - - -Scharnhorst als Kriegsberichterstatter. - -In jenem Mai des Jahres 1806 machte man denn auch mit der »Hebung« -der Hartungschen Zeitung schon einen vielversprechenden Anfang. Am -11. Mai begannen darin die durch vier Nummern laufenden »Bemerkungen -über das 58. Bulletin der großen Armee von der Schlacht bei Eylau«, -die den üblen Eindruck des früheren Berichtes von Rüchel wieder -gutmachen sollten. Der anonyme Verfasser dieser Darstellung war ein -schon damals, wie die Redaktion dazu bemerkte, »berühmter militärischer -Schriftsteller«, der noch dazu durch sein Eingreifen die glückliche -Wendung der Schlacht bei Eylau selbst herbeigeführt hatte, der Oberst -von Scharnhorst. - -Zu einer Fortsetzung dieses Hebungsversuchs kam es aber leider nicht. -Nach der Schlacht bei Friedland am 14. Juni rückten die Franzosen auch -in Königsberg ein, Regierung und Armee flüchteten weiter nach Osten, -und am 13. Juni hatte auch Fichte auf dem Reitpferd des Freundes -Nicolovius die Stadt verlassen, um über Memel nach Kopenhagen zu -entkommen. - - -Schurkenstreich eines Zensors. - -Auch nach dem schmachvollen Frieden von Tilsit (7./9. Juli 1807), der -Preußen die Hälfte seiner Länder raubte, mußte sich König Friedrich -Wilhelm noch anderthalb Jahre die Besetzung seiner Hauptstadt gefallen -lassen. Der Gouverneur Clarke wurde 1807 französischer Kriegsminister; -sein Nachfolger wurde Marschall Davoust, der Sieger von Auerstädt, -der bald nachher als Eroberer von Hamburg durch seine unmenschliche -Härte seinem Namen ein unauslöschliches Brandmal aufdrückte. Hulins -Nachfolger als Kommandant wurde Marschall Soult. Bignon blieb auf -seinem Posten, und da er für Kunst und Literatur Verständnis hatte, -konnten die Berliner Literaten noch von Glück sagen, vor allem der -junge Lehrer der Holzschneidekunst an der Berliner Akademie, Gubitz, -den damals die Empörung über Schmähungen Preußens durch seine eigenen -Landsleute zum Schriftsteller machte. - -Mit dem Verbot solcher Schriften, die gegen die preußische Regierung -loszogen, hatte es die französische Behörde natürlich nicht so eilig, -wie wenn es sich um ihr eigenes Interesse handelte. So konnte im -Frühjahr 1808 ein Pamphlet »Gallerie preußischer Charaktere«, das -heftige Angriffe, ja Schmähungen gegen preußische Staatsmänner und -Generale enthielt, in 6000 Exemplaren verbreitet werden, ehe die -Beschlagnahme der Restauflage von 500 Exemplaren erfolgte. Die »Neuen -Feuerbrände« vom Kriegsrat von Cölln, eine Zeitschrift ähnlicher -Tendenz, wurden von Bignons Handlanger, Prediger Hauchecorne, anfangs -verboten, als sich aber der Herausgeber zur Fortlassung einiger -Aufsätze verstand, wieder erlaubt. - -Gegen diese Cöllnschen »Feuerbrände« richtete nun Gubitz eine -Zeitschrift »Das Vaterland«, die Preußens Sache mit Wärme verfocht -und »in geziemender Anständigkeit«, wie Gubitz selbst meint, -manches sagte, was die Franzosen nicht angenehm berührte. Durch die -Niedertracht des Predigers Hauchecorne hätte sie ihren Herausgeber -beinahe auf den Sandhaufen gebracht. - -Am 11. Mai 1808 wurde Gubitz morgens zwischen 6 und 7 Uhr verhaftet -und auf die Kommandantur geschafft. Dort legte man ihm einige aus -dem Zusammenhang gerissene Sätze seiner Zeitschrift vor, die schwere -Beleidigungen des Kaisers und des französischen Heeres enthalten -sollten. So schien es wenigstens nach der Übersetzung, die der -biedere Hauchecorne von jenen Stellen geliefert hatte; das war seine -Rache dafür, daß Gubitz einmal unverblümt seine Meinung über die -Zensorentätigkeit des Predigers, der geborener Preuße war, gesagt hatte. - -Die Lage des Angeklagten schien verzweifelt. Denn wie sollte er der -französischen Behörde die Fälschungen Hauchecornes klarmachen? Da kam -ihm ein glücklicher Zufall zu Hilfe. Der neue Kommandant Marschall -Soult, der wohl kurzen Prozeß mit ihm gemacht haben würde, war noch -nicht zur Stelle, und Bignon vertrat ihn; als dieser den Namen Gubitz -hörte, erinnerte er sich, Holzschnitte des jungen Künstlers gesehen zu -haben, die ihm ein alter Kunstfreund Christian von Mecheln nach Paris -geschickt hatte; und eben, als das Verhör begann, trat wie gerufen -jener Herr von Mecheln ins Zimmer, der Gubitzens Gönner war und Bignon -nun ohne Mühe von der Fälschung seines Vertrauensmannes Hauchecorne -überzeugte. - -Am Mittag des Tages war Gubitz schon wieder entlassen, wenn auch -nicht freigesprochen. Das französische Militärgericht verurteilte ihn -schließlich zu sechs Wochen Hausvogtei, von denen er aber nur vier -tageweise und in gelinder Haft absaß. Der glückliche Zufall und das -Wohlwollen des Kunstfreundes Bignon hatten ihm das Leben gerettet. - - -Der Philosoph Fichte unter Zensur. - -Merkwürdigerweise blieb ein Mann von den wachsamen französischen -Behörden ganz unbehelligt, obgleich er es wagte, mitten im Lager -des Feindes eine öffentliche Philippika gegen den Welteroberer zu -schleudern, wie sie kühner und eindringlicher nie gehalten wurde. - -Nach dem Frieden von Tilsit war der Philosoph Fichte aus Kopenhagen -nach Berlin zurückgekehrt; neben Schleiermacher, dem großen Philologen -Wolf und dem Staatsrechtlehrer Schmalz bildete er den vierten -Grundpfeiler der neu zu errichtenden Berliner Universität, und am -13. Dezember 1807 begann er eine Fortsetzung der Vorlesungen über -die »Grundzüge des gegenwärtigen Zeitalters«, wie er sie schon im -Winter 1804/05 in Berlin gehalten hatte. Wie anders aber war diese -Gegenwart! Jetzt zogen, wenn er Sonntagvormittags den runden Saal -des Akademiegebäudes Unter den Linden betrat, unter den Fenstern -französische Trommler auf Wache, und in der schon ganz akademischen -Zuhörerschaft zeigte man mit Fingern auf die anwesenden französischen -Aufpasser. Das schreckte den Redner nicht; in schlaflosen Nächten -trat ihm wohl das blutige Schicksal Palms warnend vor die Seele; aber -er überwand diese Schwäche und führte seine vierzehn Vorlesungen mit -erhabenem Mut zu Ende. Als »Fichtes Reden an die deutsche Nation« sind -sie eines der heiligen Bücher seines Volkes geworden, und selbst ein -Meister des rhetorischen Stils, Friedrich von Gentz, zollte ihnen seine -Bewunderung mit den Worten: »So groß, tief und stolz hat fast noch -niemand von der deutschen Nation gesprochen.« - -Ob die französischen Aufpasser nicht begriffen, daß diese Reden die -edelsten Kräfte des Deutschtums gegen die fremde Gewaltherrschaft mobil -machten? Nur der »Moniteur« meldete einmal, ein berühmter deutscher -Philosoph in Berlin halte Vorträge über Verbesserung der Erziehung --- das war die einzige Notiz, die man auf französischer Seite davon -nahm, und auch als die Reden im Druck erschienen, legten die Franzosen -ihrer Verbreitung nichts in den Weg. Die einzige Behörde, die ihnen -verhängnisvoll wurde, war -- das preußische Oberkonsistorium, dessen -Zensur sie als philosophische Schrift unterlagen. - -»Um keine Zeit zu verlieren, deutsche Denkweise zu erneuern und zu -bilden«, und um etwaigen falschen Auslegungen des gesprochenen Wortes -vorzubeugen, ließ Fichte seine Reden einzeln sogleich drucken. Als -er die erste zur Zensur vorlegte, erhielt er den kühl bürokratischen -Bescheid: man könne sich auf einzelne Hefte nicht einlassen. Das -Konsistorium hatte es also mit der Verbreitung deutscher Denkweise -in der besetzten Landeshauptstadt nicht so eilig; es wollte erst -die Tendenz der ganzen Schrift beurteilen können, um darnach -zu entscheiden, ob sie nicht vor »eine andere«, die politische -Zensurstelle gehöre, und beantragte sogar bei der Polizeidirektion, -»die Vorlesung selbst durch einen Deputierten näher beachten zu lassen«! - -Der zweiten und dritten Rede gab es gleichwohl ohne weiteres die -Druckerlaubnis; der wahre Grund zum Verbot der ersten waren also -Bedenken gegen den Inhalt, die auch in Randbemerkungen zum Manuskript -angedeutet waren. Daraufhin beschwerte sich Fichte am 2. Januar 1808 -nachdrücklich beim Minister von Beyme, legte ihm das Manuskript der -ersten Rede mit den Randstrichen des Zensors vor und schrieb dazu: -»Was soll aus freier Geisteserregung, was soll aus Erweckung eines -deutschen Sinnes und Muthes erst alsdann werden, wenn _solche_ Censoren -uns bevormunden? Ich weiß recht gut, was ich wage; ich weiß, daß ebenso -wie Palm ein Blei mich tödten kann; aber dies ist es nicht, was ich -fürchte, und für den Zweck, den ich habe, würde ich gern auch sterben. -Ueber diese Rücksichten hinweg soll man nun noch mit den kindischen -Bedenklichkeiten, den kopflosen Auslegungen und der verzagten Politik -solcher Censoren Rücksprache nehmen?« - -Dieser Protest half aber nichts, die erste Rede blieb zunächst -ungedruckt und wurde erst genehmigt, nachdem Fichte »einige Änderungen« -gemacht hatte. - -Niemand würde es dem ehrenwerten Konsistorium verdenken, wenn es -die Verantwortung für Äußerungen abgelehnt hätte, die ihm ernste -Ungelegenheiten seitens der französischen Regierung zuziehen konnten. -Solche Bedenken lagen aber tatsächlich gar nicht vor, sondern die -kleinlichste Kirchturmpolitik gab wieder einmal den Ausschlag. Der -Änderungen, die Fichte machen mußte, waren nur zwei: einmal sprach -er von der »Schwäche der Regierung«, was sich nur auf die preußische -beziehen konnte; um diesen Tadel zu verwischen, setzte er statt der -Einzahl die Mehrzahl »Regierungen«! Und statt des Satzes: »Diese -Bande also waren es, durch deren Zerreißung der Staat zu Grunde ging« --- womit wieder nur Preußen gemeint war -- mußte er jetzt, völlig -unbestimmt, schreiben: »Bande solcher Art waren es, die irgendwo -gänzlich zerrissen, und durch deren Zerreißung das gemeine Wesen sich -auflöste«! - -Die Angst vor den Franzosen veranlaßte aber das Konsistorium, die achte -Rede Fichtes der Oberregierungskommission vorzulegen. Was ihr darin -besonders gefährlich schien, hat sich nicht mehr feststellen lassen. -Aber sogar die nicht eben tapfere Regierungskommission hatte kein -Bedenken dagegen. - -Derselben Kommission legte dann das Konsistorium auch die erste und -letzte Rede zur eigenen Rückendeckung vor. In der letzten milderte -Fichte zwei nicht näher bekannte Stellen; gegen die Änderung einer -dritten aber sträubte er sich und rief dabei den Freiherrn vom Stein -zu Hilfe. Ob es nach dem Kriege »jemals uns wieder wohlgehen soll,« -so hatte er geschrieben, »dies hängt ganz allein von uns ab, und es -wird sicherlich nie wieder irgend ein Wohlsein an uns kommen, wenn -wir nicht selbst es uns verschaffen«. Diese gefährliche Drohung einer -Selbsthilfe wollte auch die Regierungskommission nicht durchlassen; -Fichte setzte also auf Steins Rat den abschwächenden Nachsatz hinzu: -»und insbesondre, wenn nicht jeder Einzelne unter uns in seiner Weise -tut und wirket, als ob er allein sei, und als ob lediglich auf ihm das -Heil der künftigen Geschlechter beruhe«. Damit war das Kapitol wieder -einmal gerettet! - -Als schließlich auch die erste Rede freigegeben wurde, füllte der Text -nicht die dazu leer gelassenen 48 Seiten. Die so entstandene Lücke -stopfte deshalb Fichte mit einigen Abschnitten aus älteren Arbeiten, -die schon gedruckt oder von der Zensur genehmigt waren; er verglich -darin die »Große Schreibe- und Preßfreiheit in Machiavells Zeitalter« -mit der Gegenwart, geißelte die Zensoren, die alles Neue, was sie nicht -sogleich zu fassen vermögen, als verborgenes Gift unterdrücken, »um -ganz sicher zu gehen«, und bestritt ihre Befugnis, »irgend einem Tone -deswegen zu verwehren, laut zu werden, weil er an _ihre_ Ohren fremd -und paradox anschlägt«. So bildeten diese einleitenden, den Leser -zunächst befremdenden Fragmente eine feine Satire auf das, was er -selbst mit diesem seinem Buche erlebt hatte. - - -Fichtes verlorene »Rede an die deutsche Nation«. - -Mit den Zensurschwierigkeiten, die das preußische Oberkonsistorium -Fichtes »Reden an die deutsche Nation« bereitete, ist aber dessen -Wirksamkeit bei der Herausgabe jenes Buches keineswegs erschöpft. -Es kam noch schlimmer! Der unverantwortlichen Nachlässigkeit dieser -Zensurbehörde verdanken wir es, daß die dreizehnte der Fichteschen -Reden in ihrem ursprünglichen Wortlaut unwiderruflich verlorenging! -Statt ihrer erschien nur eine »Inhaltsangabe der dreizehnten Rede« mit -folgender Anmerkung des Verfassers: - -»Nachdem ich eine Reihe von Wochen die Handschrift dieser dreizehnten -Rede, die bei meiner Zensurbehörde eingereicht war, zurückerwartet -hatte, erhalte ich endlich statt derselben das folgende Schreiben: - - ›Das Manuscript der dreizehnten Rede des Herrn Professor Fichte - ist, nachdem derselben schon das Imprimatur ertheilt worden, - durch irgend einen Zufall verlohren gegangen, und hat aller - Bemühungen ohnerachtet nicht wieder aufgefunden werden können. - - ›Um nun den Verleger etc. Reimer beim Abdruck nicht - aufzuhalten, ersuche ich des Herrn Professor Fichte Wohlgeboren - diese Rede aus Ihren Heften zu ergänzen, und mir zum Imprimatur - zuzuschicken. - - ›Berlin, den 13. April 1808. - - _v. Scheve_.‹ - -»Das, was dieses Schreiben unter Heften verstehen mag, halte ich nicht, -und was etwa bei der Ausarbeitung des Textes auf Nebenblättern angelegt -und vorbereitet war, wurde bei einer in dieser Zeit vorgefallenen -Veränderung der Wohnung den Flammen übergeben. Ich war darum -genöthiget, darauf zu bestehen, daß die Handschrift, die verlohren seyn --- nicht sollte, wieder herbeigeschafft würde. Dieses ist, wie man -versichert hat, auch durch das sorgfältigste Nachsuchen nicht möglich -gewesen; es ist wenigstens nicht geschehen, und ich habe die Lücke -ausfüllen müssen, wie ich gekonnt. - -»Indem ich zu meiner eigenen Rechtfertigung genöthigt bin, diesen -Vorfall zur Kunde des auswärtigen Publikums zu bringen, bitte ich -jedoch dasselbe, zu glauben, daß die Erscheinungen, die man sowohl in -dem Vorfalle selbst, als in dem obenstehenden Schreiben darüber finden -dürfte, allhier bei uns keinesweges allgemeine Sitte sind, sondern -daß dieser Vorfall nur eine höchst seltene, und vielleicht nie also -da gewesene Ausnahme macht, und daß sich erwarten läßt, es werden -Vorkehrungen getroffen werden, damit ein solcher Fall nicht wieder -eintreten könne.« - -Dieses ironische Zeugnis, daß derlei Vorfälle »allhier bei uns -keinesweges allgemeine Sitte« seien, läßt darauf schließen, daß Fichte -selbst nicht recht an den unglücklichen »Zufall« glaubte, und um -nicht weiter von den »kindlichen Bedenklichkeiten« dieser Berliner -Zensurbehörde abhängig zu sein, bat er in einem Schreiben vom 2. -Mai 1808 die Oberregierungskommission, die Zensur seiner notdürftig -wiederhergestellten dreizehnten Rede »einer andern zuverlässigen -Behörde« zu übertragen. Vor allem fürchtete er, das Konsistorium -werde jene es selbst bloßstellende Anmerkung unterdrücken wollen. Das -bestätigte sich auch durchaus. Die Regierungskommission betraute zwar -keine andere Behörde, wohl aber einen andern Zensor mit der Aufgabe, -und dieser, der sonst liberale und patriotische Propst Hanstein, wollte -ebenfalls den Abdruck der Anmerkung mit dem Brief des Chefpräsidenten -von Scheve nicht zulassen, da »sie weder in das Fach der Philosophie -noch in das der Religion einschlüge«! Fichte milderte zwar die -kränkendsten und beleidigendsten Stellen der Anmerkung, aber auf dem -wörtlichen Abdruck des den Vorfall so »leichtnehmenden« Briefes bestand -er, und die Regierungskommission ließ ihn gewähren. - -Der Vorfall veranlaßte den Philosophen ferner, beim Minister von Beyme -die gesetzliche Aufhebung aller Zensur über nichtoffizielle Schriften -in Anregung zu bringen, damit in Zukunft keine Behörde mehr, sondern -nur immer Verfasser oder Verleger zur Verantwortung gezogen werden -könnten. Beyme war mit diesem Vorschlag, den er selbst schon 1802 -gemacht hatte, völlig einverstanden, aber seine Hoffnung, daß »die -wiederauflebende Regierung in Berlin« mit einer solchen Maßregel »den -Geist bezeichnen« werde, »der künftig sie beherrschen soll«, erfüllte -sich nicht. - - -Preußische Zensurreform 1808. - -Am 5. Dezember 1808 verließen endlich die französischen -Verwaltungsbeamten Berlin, und schon begann die einheimische -Gesetzgebungsmaschine wieder ihren Lauf. Die von den Franzosen -entlassenen Zensoren Polizeipräsident Büsching und Finanzrat von Hüttel -traten ihr Amt wieder an, und das erste Opfer der wiederkehrenden -Ordnung war der Dichter der »Undine«, Fouqué, der zur Feier des -Abmarschs der Franzosen ein »Gespräch zweier preußischer Edelleute« -geschrieben hatte, das den Vorschlag einer unter Führung des Adels zu -errichtenden Landwehr enthielt; es war schon gedruckt, durfte aber erst -1813 ausgegeben werden, als die Landwehr durch königliche Verordnung -bereits geschaffen war. - -Durch die schon am 24. November 1808 verfügte Neuorganisation der -gesamten preußischen Staatsverwaltung war auch die Zensurbehörde -wesentlich umgestaltet worden. Die stürmische Zeit hatte eine Flut -politischer Literatur aufgewühlt, und bei jeder Drucksache fragte -man seitens der Behörde zuallererst: politisch oder unpolitisch? -In diese beiden großen Gruppen schied man also jetzt die gesamte -Literatur und überwies jede einer besondern Behörde als oberster -Instanz. Die Beaufsichtigung der politischen Schriften einschließlich -der politischen Zeitungen verblieb wie bisher dem Ministerium des -Auswärtigen; an dessen Spitze stand Minister von der Goltz, der -Nachfolger und wieder Vorgänger Hardenbergs; unter ihm führte die -Zensurgeschäfte der Sektionschef Geh. Staatsrat Küster, und als -Zensoren arbeiteten der Geh. Finanzrat von Hüttel und für die Zeitungen -der Geh. Kriegsrat Himly. - -Die ganze Masse der nichtpolitischen Literatur wurde dem Ministerium -des Innern und der Polizei zugewiesen, und zwar dessen erster Sektion, -der Abteilung für Kultus und öffentlichen Unterricht. Die Kollegien, -die bisher, jedes selbständig, die Zensur geübt hatten (Konsistorium, -Kammergericht, Medizinalkollegium und Polizei), schaltete man durch -diese Vereinheitlichung stillschweigend aus, ließ sie aber einstweilen -noch weiter amtieren; nur hatten sie jetzt in schwierigen Fällen die -Akten der Kultusabteilung zur Beschlußfassung vorzulegen. - -Diese sinngemäße Neuerung schien um so wertvoller, als der jetzige -Minister des Innern, Graf Alexander von Dohna, ein freisinniger, -überlegener Kopf war, und an die Spitze der Kultusabteilung auf des -Freiherrn vom Stein Empfehlung am 20. Februar 1809 kein Geringerer als -Wilhelm von Humboldt trat, der von 1801 bis 1808 in Rom die preußische -Diplomatie glänzend vertreten hatte. Hier kam also einmal der richtige -Mann an die richtige Stelle, und für die liebevoll schonende Behandlung -literarischer Werte schienen nun alle Vorbedingungen gegeben zu sein. - - -Humboldt als Zensor. - -Humboldt war von der Überzeugung durchdrungen, daß »uneingeschränkte -Zensurfreiheit das einzig richtige Prinzip« sei, unter gesetzmäßiger -Verantwortlichkeit des Verfassers bzw. des Verlegers oder Druckers, und -daß man »sich diesem Grundsatz mit der Zeit immer mehr und mehr nähern« -müsse. Für Preußen schien ihm aber diese Zeit noch nicht gekommen. Der -Hochflut von Schmähungen gegen Staat und König in zahllosen anonymen -Flugschriften vaterlandsloser, franzosenfreundlicher Gesellen müsse -man steuern, ebenso den Besserwissern, die »ohne wahre Kenntniß der -politischen Lage, wenn auch aus patriotischer Gesinnung«, ohne Beruf -dazu und ungefragt, ihre Staatsrezepte veröffentlichten. Das Bewußtsein -der eigenen Verantwortlichkeit wirke nicht »abmahnend« genug, da man -zu sehr »an gelinde und sanfte Maßregeln gewöhnt« sei. Die Zensur der -politischen Schriften, die der Minister des Äußern von der Goltz ihm -sofort antrug, traute er sich selbst nicht einmal zu; die könne immer -nur ein wirkliches Mitglied des Auswärtigen Amtes führen, das über die -gegenwärtige Lage genau unterrichtet sei; eine bindende Instruktion -für die Zensur sei ja ein Unding, da sie »nach Maßgabe der Zeiten und -Umstände bald mehr, bald weniger strenge sein müsse«. - -Bei dieser schwebenden, immerfort wechselnden Lage der Zensur wußte -auch Humboldt keinen andern Rat, als sich bis auf weiteres an das -Wöllnersche Zensuredikt von 1788 zu halten und sich bei der »in -diesen unbestimmten Grenzen gewährten Freiheit« der Beurteilung »den -allgemeinen und jedesmaligen besondern Verhältnissen des Staates mit -Gewissenhaftigkeit und Einsicht anzupassen«. Er verlangte also von -den Zensoren gerade das, was sie niemals leisten konnten. Er empfahl -zwar seinen Untergebenen, das alte Zensuredikt »liberal« zu handhaben, -dabei sollten sie aber die »Mittelstraße« einhalten, die »nirgend so -sehr als bei der Zensur in jetziger Zeit nothwendig« sei, Vorschriften, -die lauter erleuchtete, einem Humboldt kongeniale »Geschäftsmänner« -voraussetzten, nicht aber Durchschnittsintelligenzen, auf die sich die -Staatsmaschine einstellen muß. - -Während seiner kurzen Amtsdauer konnte sich auch Humboldt selbst -bei Behandlung der Einzelfälle von der ängstlichen Befangenheit des -Neulings nicht freimachen. Der Berliner Polizeipräsident Büsching, -der die Verantwortung für die periodischen Schriften, die Flug- und -Gelegenheitsliteratur, den polizeilichen Teil der Zeitungen und die -Inserate hatte, scheint seinem neuen Vorgesetzten nicht zu Dank -gearbeitet zu haben; er wurde Anfang April 1809 durch Justus Gruner, -den bekannten Patrioten und Freund Arndts, ersetzt. Ihm empfahl -Humboldt, die Zeitungen und Intelligenzblätter schärfer, die von -»wohlbekannten und bewährten Verfassern« herausgegebenen Zeitschriften -wie die »Berlinische Monatsschrift« nach andern Grundsätzen zu -zensieren. Die Vorrechte der Universitäten und der Akademie wollte er -nicht antasten, aber daß die »Berlinische Monatsschrift«, weil ihr -Herausgeber Biester und die Mehrzahl ihrer Mitarbeiter Mitglieder der -Akademie waren, Zensurfreiheit habe, wollte er nicht anerkennen; erst -nach langen Verhandlungen gestand er Biester die Selbstzensur seines -Blattes zu. - -Auch Humboldts Zensurentscheidungen unterschieden sich nicht eben von -denen seiner Vorgänger und Nachfolger. Der Zensor vom Auswärtigen -Amt von Hüttel legte ihm ein neues Buch des fruchtbaren Publizisten -Friedrich Buchholz vor, »Ideen einer arithmetischen Staatskunst«, -worin Humboldt allerhand Stellen beanstandete. »Es giebt keine -gefährlichere Classe in der Gesellschaft« als die Bankiers, hatte -Buchholz geschrieben; »so allgemein« gesagt, sei das anstößig, erklärte -Humboldt. Der Ausdruck »Schmutz« von einer »Achtung verdienenden -Arbeit wie dem Ackerbau« könne »nicht geduldet« werden, und ein -»revolutionärer Zustand« mußte auf seinen Befehl in einen »unsichern« -verwandelt werden. - -Ein anderer Vorfall zeigt, in welchem Kleinkram sich auch ein -Humboldt in seiner Eigenschaft als Zensor erschöpfte. Ein Graf Kameke -veröffentlichte ein Buch über Pferdezucht unter dem barocken Titel »Der -Hengst, wie er sein sollte, ein Gegenstück zu Elisa, oder das Weib, -wie es sein sollte«. Das Buch »Elisa«, ein Produkt der Aufklärung, -hatte seinerzeit ein gewisses Aufsehen erregt; der Hinweis darauf war -also nur ein Reklamestück des Grafen Kameke oder seines Verlegers. -Die »Gesellschaft der Freunde der Wahrheit« hatte gegen diese -Gegenüberstellung von Weib und Hengst öffentlich protestiert, und auch -Humboldt, der spätere Verfasser der »Briefe an eine Freundin«, fand -sie begreiflicherweise unpassend. Obgleich er nun stets hervorhob, -daß die Zensur »keine Rezension« sei, ließ er dem Zensor, der sich an -dem geschmacklosen Titel nicht gestoßen hatte, dem Kammergerichtsrat -Müller, einen Verweis erteilen. Der Kammergerichtspräsident von -Kircheisen wollte aber darüber keine Belehrung annehmen. Die Folge war, -daß Humboldt, der es mit dem Minister Dohna für »auffallend unpassend« -empfand, daß das Kammergericht unter anderm auch die schöne Literatur -beaufsichtigte, diesem Kollegium die Zensur überhaupt nahm und sie am -31. Mai 1809 dem oben erwähnten Professor und kgl. Bibliothekar Biester -übertrug. - -Trotz solcher Strenge gelang es aber auch Humboldt nicht, den immer -empfindlicher und ängstlicher werdenden König zufriedenzustellen, und -er sorgte daher schnell dafür, dies ärgerliche Amt wieder loszuwerden. -Am 29. April 1810 reichte er sein Abschiedsgesuch ein und wurde am 14. -Juni als Gesandter nach Wien versetzt. - - -Kleists Ode auf den Wiedereinzug des Königs in Berlin. - -Auf die Rückkehr des königlichen Hofes mußten die Berliner noch ein -volles Jahr warten, denn die französischen Besatzungstruppen waren -noch keineswegs ganz aus Preußen zurückgezogen, und auch als der -König endlich am 23. Dezember 1809 von Königsberg wieder nach Berlin -übersiedelte, geschah dies nur, um dem mißtrauischen Napoleon einen -Beweis des Vertrauens zu geben. - -Das bevorstehende Ereignis begeisterte den Dichter Heinrich von Kleist -zu seiner prächtigen Ode: - - Was blickst Du doch zu Boden schweigend nieder, - Durch ein Portal siegprangend eingeführt, - -und er wollte dieses Gedicht im Frühjahr 1809 in Berlin als Flugblatt -drucken lassen. Der neue Polizeipräsident Gruner mußte aber am 24. -April das Imprimatur verweigern. - - Blick auf, o Herr! Du kehrst als Sieger wieder, - Wie hoch auch jener Cäsar triumphirt -- - -dieser Hinweis auf Napoleon war zu gefährlich, und ebenso die Andeutung -der dritten Strophe von einer künftigen neuen Erhebung Preußens gegen -das französische Sklavenjoch: - - Und müßt' auch selbst noch auf der Hauptstadt Thürmen, - Der Kampf sich für das heil'ge Recht erneu'n. - -Erst anderthalb Jahre später wagte Gruner die Druckerlaubnis für -das Gedicht zu erteilen; es erschien am 5. Oktober 1810 in Kleists -»Berliner Abendblättern«. - - -Friedrich Schlegels »Gelübde«. - -Ebenfalls zu Anfang des Jahres 1809 dichtete Friedrich Schlegel sein -»Gelübde«: - - Es sey mein Herz und Blut geweiht, - Dich Vaterland zu retten. - Wohlan, es gilt, du seyst befreit; - Wir sprengen deine Ketten! - Nicht fürder soll die arge That, - Des Fremdlings Übermuth, Verrath, - In deinem Schooß sich betten. - usw. - -Die Verse bildeten den Schluß der Sammlung »Gedichte« von Friedrich -Schlegel, die unmittelbar darauf bei J. E. Hitzig in Berlin erschien. -Der zuständige Zensor scheint keinen Anstoß daran genommen zu haben, -und das Buch wurde schon ausgegeben, als der Polizeipräsident Gruner -dahinterkam und schleunigst aus den noch vorhandenen Exemplaren das -bedenkliche Schlußblatt (S. 387 f.) und zugleich das verräterische -Inhaltsverzeichnis entfernen ließ. Ein Teil der Bücher war aber schon -nach Leipzig geschafft worden und entging dieser Verstümmelung. - - -Schicksale eines Kriegsliedes. - -Während Preußen, blutend an Haupt und Gliedern, noch zähneknirschend -das Joch der französischen Sklaverei tragen mußte, raffte sich -Österreich zu neuem Widerstande auf. Am 9. April 1809 erklärte es -Napoleon abermals den Krieg. Zu diesem Anlaß schrieb der Wiener Dichter -Ignaz Franz Castelli sein »Kriegslied für die österreichische Armee«: - - Hinaus, hinaus, mit frohem Muth! - Hinaus in's Feld der Ehre, - Damit der Feinde Übermuth - Nicht uns'rer Brüder Hab' und Gut - Und unser Land verheere ... - -und so weiter in lauterstem Patriotismus. - -Die Verse gingen in zahllosen Abschriften von Hand zu Hand, und um sie -drucken zu lassen, legte sie Castelli der Zensurstelle vor. Als er nach -einiger Zeit persönlich aufs Amt ging, um sein Manuskript abzuholen, -erhielt er es zurück mit dem Vermerk: »Kann gedruckt werden, wenn der -erste Schuß geschehen sein wird.« - -Auf dem Heimwege traf er einen Freund, der ihm ein soeben gekauftes --- gedrucktes und mit dem Namen des Dichters unterzeichnetes Exemplar -ebenjenes Kriegsliedes überreichte. - -Ein zweiter Zensor hatte einem Fabrikanten, der eine Abschrift der -Verse eingereicht hatte, die Erlaubnis zum Druck gegeben, die sein -Kollege dem Dichter selbst fürs erste verweigerte! - -Kurz darauf ließ Erzherzog Karl Castellis Gedicht in mehreren -Hunderttausend Exemplaren drucken und unter seine Soldaten verteilen. -Als infolgedessen Abdrücke davon bei österreichischen Gefangenen -gefunden wurden, erklärte Napoleon den Verfasser in die Acht, und -dieser hätte das Schicksal Palms erlitten, wenn er dem Allgewaltigen in -die Hände gefallen wäre. - - - - -9. Ein Opfer der Zensur. - - -Hardenbergs Maske. - -Napoleons zweiter Einzug in Wien schon am 13. Mai 1809, sein -entscheidender Sieg bei Wagram am 5. und 6. Juli und der Friede zu -Schönbrunn am 14. Oktober, der Österreich über 100000 Quadratkilometer -seines Landes kostete, war für das gedemütigte Preußen eine -nachdrückliche Warnung, sich so gut es ging auf den Trümmern der -Vergangenheit wieder einzurichten und alles zu vermeiden, was aufs -neue den Zorn des übermächtigen Korsen herausfordern konnte. Die -Preßfreiheit war auch in Frankreich längst nur eine falsche Flagge; -sie wurde jetzt eingezogen, indem Napoleon am 5. Februar 1810 die -Zensur wieder einführte und ein großzügiges Generaldirektorium für -die Buchdruckereien und den Buchhandel errichtete, mit dem Grafen -Pourtales an der Spitze, zahllosen Zensoren, geheimen Instruktionen -usw. Da Preußen seine Empfindlichkeit gegenüber vorlauten Skribenten -ausgiebig erfahren hatte, befürchtete es nicht mit Unrecht von diesem -französischen Generaldirektorium eine noch schärfere Beaufsichtigung -der Presse. - -Am 10. Juni 1810 trat Hardenberg, von Napoleon gnädig geduldet, -wieder an die Spitze des Ministeriums, und nun vollendete sich die -übermenschliche Arbeit des Neubaus des preußischen Staates, die Steins -und Hardenbergs Namen unsterblich gemacht hat. - -Die herrschende Aufregung, das trotz des Friedens gespannte Verhältnis -zu den Franzosen und das immer wache Mißtrauen Napoleons durch freie -Meinungsäußerung noch zu verschärfen, glaubte Hardenberg nicht wagen -zu können, und daher ging er sogleich an eine neue Einrichtung der -Zensur. Die Abteilung des Kultus mußte die Zensur der nichtpolitischen -Schriften an die andere Sektion im Ministerium des Innern, die Polizei, -wieder abgeben, und wo auch nur die Spur einer Kritik an den jetzigen -Staatsumwälzungen vorlag, trug der Sektionschef Sack persönlich die -Verantwortung. Hardenberg bescherte dem Volke zwar am 2. November -1810 die Gewerbefreiheit, aber die Begründung neuer Zeitungen nahm er -ausdrücklich davon aus. Denn am 3. August hatte Napoleon befohlen, -daß in jedem Departement des Kaiserreichs nur noch _eine_ politische -Zeitung erscheinen dürfe, und die Erwartung ausgesprochen, daß alle -seine Verbündeten ebenso verfahren würden. Gehörte Preußen auch nicht -gerade zu den Rheinbundfürsten, so hütete es sich doch, den Wünschen -des Kaisers ausdrücklich zuwiderzuhandeln, bemühte sich vielmehr, den -»Großmogul« bei guter Laune zu halten. Ihm mit der rächenden Waffe -entgegenzutreten, dazu war die Kraft noch gelähmt, dazu bedurfte -man noch einiger Jahre beschämender Neutralität, die wohl oder übel -den anwedelt, der die Macht hat. Dieser kommenden Freiheitsstunde -arbeiteten rettende Mächte in vorsichtiger Stille entgegen. - -Ohne schärfste Überwachung der gesamten einheimischen Literatur ging -es da nicht ab, und so mußte sich notgedrungen Hardenbergs Strenge -gegen diejenigen wenden, deren heißblütiger Patriotismus das Schwert -gegen den Gewaltherrscher je eher je lieber wieder ergriffen hätte. -Ein unseliges Geschick wollte es, daß auch einer der größten deutschen -Dichter, Heinrich von Kleist, zu diesen jetzt Verfemten gehörte. - - -Kleists »Abendblätter«. - -Kleist hatte nach seiner Übersiedlung nach Berlin im Frühjahr 1810 -freudige Aufnahme bei der dortigen Patriotengruppe gefunden, die -vorwiegend aus Adligen bestand. Minister von Altenstein, Steins -erster Nachfolger, begünstigte ihn, und der Königin Luise durfte er -zu ihrem Geburtstag am 10. März ein Huldigungsgedicht überreichen. -Vielleicht dieser hohen Protektion verdankte er die Erlaubnis, mit -seinem Freunde Adam Müller eine Berliner Tageszeitung herauszugeben, -die vom 1. Oktober 1810 ab wochentäglich erschien. Im Format fast eines -Gebetbuches und nur vier Seiten die Nummer. Dennoch ein aussichtsvolles -Unternehmen, denn ein täglich erscheinendes Blatt war damals in -Preußens Hauptstadt etwas völlig Neues. - -Und die Zeitung machte Glück, wenn sie auch nach Wilhelm Grimms -Ausdruck nur ein »ideales Wurstblatt« war. Täglich erscheinend, war -sie mit neuen Nachrichten schneller zur Stelle als die schwerfällige -Konkurrenz; sie pflegte Kunst und Theater, die von jener fast ganz -vernachlässigt wurden, und führte in Prosa und Epigrammen eine -schneidige Kritik. Ein lokales Ereignis war außerdem, daß die -»Abendblätter« die ersten Berliner städtischen Polizeiberichte -brachten, die der damalige Polizeipräsident Gruner selbst lieferte. - -So schien sich zum erstenmal dem rast- und glücklos umhergetriebenen -Dichter eine freundlich-sichere Zufluchtsstätte in behaglicher -literarischer Arbeit zu öffnen. - - -Die Zensur der »Abendblätter«. - -Als unpolitisches Blatt unterlagen die »Abendblätter« nach der neuesten -Vorschrift der Aufsicht des Ministeriums des Innern und der Polizei, -und ihr eigener Mitarbeiter, Polizeipräsident Gruner, führte die -Zensur. Die politische Harmlosigkeit war aber nur eine wohlüberlegte -Täuschung, um der Zensur des Kriegsrats Himly vom Auswärtigen Amt zu -entgehen, und die beiden Herausgeber wiegten sich in der trügerischen -Hoffnung, diese Maske nach und nach lüften zu können. Das merkte Himly -natürlich sofort, und bald war Kleists Zeitung der Zankapfel der beiden -gleichgeordneten Behörden. - -So töricht war natürlich auch der Patriot Kleist nicht, in seinem -Winkelblättchen Napoleon den Krieg zu erklären. Aber daß man ihn -geradezu zum Bundesgenossen des Übermütigen, zur Schonung der -Rheinbundpolitiker und der ihm verhaßten vaterlandslosen Gesellen -preßte, hatte er nicht erwartet und ebensowenig geahnt, welcher -Stacheldrahtverhau von Rücksichten ihn von allen Seiten beengen würde. -Nach der Besiegung Preußens und Österreichs ruhten damals die Kämpfe -in Mitteleuropa. Nur die Spanier und Portugiesen erwehrten sich -hartnäckig des französischen Eindringlings, der sie zur Teilnahme -am Krieg gegen England zwingen wollte. Die Rollen sind heute etwas -anders verteilt -- das System aber ist das alte. Gegen England führte -Napoleon den unblutigen Krieg der Kontinentalsperre, um die »Freiheit -der Meere« -- ein altes napoleonisches Schlagwort -- zu ertrotzen, ein -Ziel, das wir hoffentlich besser erreichen als der Korse vor hundert -Jahren. Ein großzügiger Pressefeldzug, dessen Schliche heute John -Bull besser versteht als der deutsche Michel, ging nebenher, und die -gesamte Journalistik Europas, soweit die Staaten von der Gnade des -französischen Kaisers abhingen oder sich um sein Lächeln bemühten, -mußten ihn mitmachen. Brachte nun Kleist eine noch so kleine Notiz -über Verluste der Franzosen in Spanien -- flugs beschwerte sich der -französische Gesandte beim Minister des Äußern von der Goltz, und die -»Abendblätter« wurden verwarnt, sich aller Politik zu enthalten, und -mußten sich gleich den beiden andern Berliner Zeitungen bequemen, -des »Moniteur« offizielle französische Lügenpost von lauter Siegen -aufzunehmen. Kein günstiges Wort über England durfte fallen, mit dem -die preußischen Patrioten im gemeinsamen Kampf gegen Napoleon damals -sympathisierten. Schon jede nicht feindliche Erwähnung Britanniens -wurde vom Berliner Zensor gestrichen. Die Kontinentalsperre und die -Vernichtung aller englischen Kolonialwaren auf dem gesamten Festlande -hatten die Preise für Kaffee, Tee, Zucker usw. genau so wie heute ins -Ungemessene gesteigert; auch das sollte der deutsche Michel wunderschön -finden, und wenigstens in Preußen durfte keine Klage, kein satirischer -Scherz darüber laut werden, dafür sorgte der Rotstift des Zensors. -Manche Anzüglichkeiten dieser Art schlüpften dennoch durch; Kleist -und seine Mitarbeiter lernten bald die Kunst, zwischen den Zeilen zu --- schreiben, woraus sich in den folgenden Jahrzehnten ein besonderer -Zensurstil entwickelte, und auch der wachsamste Zensor hat seine -schwachen Stunden. - -Nicht einmal über die Französische Revolution durften preußische -Politiker ihre Meinung sagen, denn Napoleon war ja der große Sohn jener -Umwälzung. 1793 hatte Friedrich von Gentz das Werk »~Reflections on -the Revolution in France~« von Edmund Burke, einem heftigen Gegner -der Revolution, übersetzt und war darüber selbst aus einem Saulus ein -Paulus, ein Anhänger des Bestehenden, geworden. Jetzt, 1810, durfte an -solche Dinge nicht erinnert werden. - -Auf diese Extratouren in der äußern Politik hätten die »Abendblätter« -zur Not verzichten können, wenn auch Patrioten wie Kleist es schwer -übers Herz brachten, da Liebe oder nur Duldung zu heucheln, wo -- nach -dem Dichter der »Hermannsschlacht« -- Haß ihr Amt war und ihre Tugend -Rache! Weit verhängnisvoller aber wurden für Kleist die Zusammenstöße -mit Hardenberg als dem auch für die innere Politik verantwortlichen -Staatsmanne. - - -Die Neuorientierung 1810. - -Neuorientierung war 1810 auch in der innern Politik die Losung des -Tages. Aber damals ging sie etwas tiefer, als sie heute, trotz -Parlamentarismus und ähnlichen Schlagwörtern, überhaupt noch gehen -kann. Die Leibeigenschaft, die in den ländlichen Bezirken noch -vorherrschte, wurde beseitigt, der Bauer von Hörigkeit und Frondienst -befreit und der Adel eines Teils seiner Vorrechte beraubt, um dem -tüchtigen Bürgertum freie Bahn zu schaffen; die Städte und Gemeinden -erhielten Selbstverwaltung, wodurch der alte Beamtenstaat aufgehoben -und der Begriff des Staatsbürgertums erst lebendig wurde. Die -Verwaltung bis hinauf zu den Ministerien, die bis dahin noch nicht -in Fachministerien geschieden waren, wurde von der Wurzel aus neu -organisiert und die innerpolitische Verfassung Preußens nach dem -Entwurf des Freiherrn vom Stein völlig reformiert. Hardenberg war vor -allem die schwierige finanzpolitische Lösung des Verwaltungsproblems -vorbehalten, und er führte sie glänzend durch. Auch damals waren -ungezählte Milliarden aufzubringen, zum großen Teil zur Bezahlung -der ungeheuern Kriegskontributionen, die Napoleons Übermut dem -geschwächten Preußen abpreßte. Welche Steuerbuketts regneten damals -auf die verarmte Bürgerschaft herab! Grundsteuer, Gewerbesteuer, -Luxussteuer, Konsumtionssteuer -- niemand war vor dem Klingelbeutel -des Fiskus sicher. Die geistlichen Güter wurden säkularisiert, Domänen -verkauft, und durch diese beispiellose neue Steuerorganisation gelang -es wirklich, den Staatsbankerott, den Österreich erlitten hatte, -von Preußen abzuwenden und den französischen Usurpator an weiteren -Übergriffen zu verhindern. - -Der Adel aber murrte über seine Entrechtung, der Grundbesitz jammerte -über seine Vernichtung, das Militär knirschte mit den Zähnen über die -allzu lange Geduld des obersten Kriegsherrn. Hardenbergs Finanzedikt -vom 27. Oktober 1810 hatte obendrein den Beginn einer Parlamentisierung -verheißen, eine »zweckmäßig eingerichtete Repräsentation«, und da -seine sämtlichen Reformen den freihändlerisch-liberalen Geist des -englischen Nationalökonomen Adam Smith atmeten, des Begründers der -modernen Nationalökonomie, so führte er sie durch im notgedrungenen -Einverständnis zwar mit seinem königlichen Herrn, aber im schärfsten -Gegensatz zu denen, die sich als die Paladine des Thrones zu betrachten -gewöhnt waren. - - -Adam Müller -- Kleists Verhängnis. - -In diese innerpolitischen Kämpfe griff nun Kleist als Herausgeber der -»Abendblätter« ein. Er selbst schrieb nicht eigentlich politische -Leitartikel. Das besorgte Adam Müller, und dieser stand mit seiner -Überzeugung ganz auf Seiten der starr konservativen Elemente, deren -Weltanschauung der Oberstleutnant von Ompteda, auch ein Mitarbeiter -der »Abendblätter«, einmal dahin formulierte: »Wenn Voltaire sehr früh -in die Bastille gesetzt und darin vergessen, Rousseau von Frau von -Warens in einem Narrenhospitale versorgt und Basedow im Schuldturme -festgehalten worden wäre, sähe es höchst wahrscheinlich in Frankreich, -Deutschland und dem übrigen Europa ganz anders, und besser aus.« Zwei -politische Richtungen bekämpften damals einander bis aufs Blut; die -eine, die Preußen als ausgesprochenen Agrarstaat erhalten wollte; -die andere, die nach dem neuen Evangelium Adam Smiths Freihandel, -freie Konkurrenz und ungehemmteste Entwicklung aller wirtschaftlichen -Kräfte ohne Vorrechte und Monopole als Losung des modernen Weltbürgers -ausgaben. Hardenbergs Finanzreform empfand die preußische Junkerpartei, -der Adel, die Agrarier und das Militär, als eine unmittelbare -Fortsetzung der Französischen Revolution. Dagegen aufzutreten hielten -sie für ihre vaterländische Pflicht; das Ansehen des altpreußischen -Königtums glaubten sie durch diese Neuorientierung erschüttert; ihm -auch gegen den Willen des Herrschers die Treue zu halten, waren sie -fest entschlossen. Müller aber fühlte sich als der literarische -Vertreter dieser Partei, und in den »Abendblättern« dachte er diesen -Kampf auszufechten. Bald stand er in heller Opposition gegen den -Staatskanzler und mußte der neugegründeten Zeitung und seinem Freunde -Kleist zum Verhängnis werden. - - -Die Opposition gegen Hardenberg. - -Hardenbergs Lage war die der heutigen Regierung. Das Staatsgebäude -sollte, ohne vollständig niedergerissen zu werden, ein neues Fundament -erhalten. Eine Erschütterung konnte katastrophale Folgen haben. -Ruhe innen und außen schien unbedingte Notwendigkeit. Der neue -Weg war einmal beschritten, die Reform auf dem Marsche, der König -hatte sein Jawort dazu gegeben. Eine öffentliche Debatte über das -schon Beschlossene konnte nur verwirren; von einer vorberatenden -Mitarbeit irgendwelcher Volksvertreter war ja in Ermangelung jeder -parlamentarischen Form überhaupt nicht die Rede, und Zeitungen, -die eine ausgesprochene Parteipolitik trieben, wozu sich jetzt die -angeblich unpolitischen »Abendblätter« anschickten, waren eine zu neue -Erscheinung, als daß eine ernsthafte Auseinandersetzung mit ihnen in -Frage gekommen wäre. - -Nach einigen vorbereitenden Plänkeleien nahm Adam Müller in einem -Aufsatz »Vom Nationalcredit« (Nr. 41 der »Abendblätter« vom 16. -November) den Kampf gegen das Finanzedikt mit aller Schärfe auf, und -Gruner ließ den Artikel unbeanstandet durch. Sofort (18. November) -erhielt sein Vorgesetzter im Ministerium des Innern, Geh. Rat -Sack, eine von Hardenberg selbst entworfene Kabinettsorder, die -ihm persönlich die strengste Zensur derartiger Blätter, Zeit- und -Flugschriften, auferlegte, die »so allgemein vom Publikum gelesen« -würden; es gäbe jetzt nichts Schädlicheres, als wenn durch »dergleichen -hingeworfene ganz unreife Aufsätze« Mißtrauen gegen die Maßregeln der -Regierung erweckt werde; dem bisherigen Zensor scheine die richtige -Beurteilung dafür zu mangeln, daß solche Artikel in den »Abendblättern« -»gar sehr am unrechten Orte« seien. - - -Heinrich von Kleist und die Würde der Presse. - -Wohin seines Freundes Polemik gegen den allmächtigen Minister führen -mußte, sah Kleist deutlich voraus. Ließ er Müller noch einmal in jenem -Sinne zu Worte kommen, so war das Schicksal der »Abendblätter« und -damit sein eigenes besiegelt. Er stand aufs neue vor dem Nichts, denn -was ihm seine Dichtungen eintrugen, reichte kaum aus, seinen Barbier -zu bezahlen. Seine starken Gegenwartsstücke, »Prinz Friedrich von -Homburg« und »Die Hermannsschlacht«, lagen fertig in seinem Pult; -aber kein Theaterdirektor und kein Verleger wagten sich daran, die -Zensur hätte diesen Überschwang des Patriotismus mit allen Mitteln -niedergehalten. Das Recht zu leben nahm der Dichter aber noch für sich -in Anspruch, und dazu sollten ihm die »Abendblätter« dienen. Hier -vollzog sich nun eine psychologische Wendung, die der für ihren Helden -eintretenden Kleistforschung immer einige Verlegenheit bereiten wird. -Zweifellos waren die Auffassungen von der Würde der Presse damals noch -sehr primitiv; das mag jeden andern vielleicht entschuldigen, aber auch -Kleist? Kurzum, er wußte sich, um den Bestand der »Abendblätter« zu -sichern, nicht anders zu helfen, als daß er sein Blatt der Regierung -als offizielles Organ antrug. Hardenberg erklärte sich zu einer nicht -näher bezeichneten Unterstützung bereit, wenn das Blatt »zweckmäßig« -geleitet werde. Was er darunter verstand, war klar: völliges Aufgeben -aller Selbständigkeit und unbedingtes Eintreten für die Regierung. - -Für diese Aufgabe seiner Selbständigkeit wollte Kleist den offiziellen -Charakter seiner Zeitung öffentlich anerkannt sehen. Dagegen wieder -sträubte sich Hardenberg, der als kluger Staatsmann wußte, daß die -»Liebe des freien Mannes« ganz anders wirkt als die des erwiesenen -journalistischen Söldners. Die Verhandlungen darüber zogen sich zwei -Monate hin. Kleist duldete, daß die Regierung seine Zeitung mit -offiziellen Beiträgen überschwemmte, und mußte sich gefallen lassen, -daß die Zensur in dieser Zeit mehr als die Hälfte aller seiner Artikel -strich. Dabei konnte er es sich doch nicht versagen, eine verschleierte -Opposition fortzusetzen, jetzt unter der Maske des Lobes, wofür ihm -Hardenberg schwerlich Dank wußte. - -Dennoch kam ihm dieser so weit entgegen, daß er allen ministeriellen -Departements empfahl, die »Abendblätter« mit amtlichen Nachrichten zu -versehen. Aber er hatte mehr versprochen, als er halten konnte, und war -sich der rechtlichen Konsequenz dieses Schrittes offenbar selbst nicht -bewußt gewesen. - - -Eine Zensurverfügung gegen Kleists »Abendblätter«. - -Sobald Kleists »Abendblätter« durch ministerielle Beiträge -innerpolitischer Art offen unterstützt wurden, traten sie in -Konkurrenz mit den beiden andern politischen Berliner Tageszeitungen, -die ein unantastbares Privileg besaßen. Die privilegierten Zeitungen -schlugen denn auch sofort Lärm, als Kleist am Ende des ersten Quartals -die politische Neugestaltung seines Blattes voreilig bekanntmachte. Der -Zensor Himly nahm sich ihrer pflichtgemäß an, und die Verhandlungen -mit Hardenberg liefen urplötzlich auf das Gegenteil dessen hinaus, -was Kleist nach den ebenso vorschnellen Versicherungen des Kanzlers -hatte erwarten dürfen: am 29. Dezember 1810 wurde ihm die Aufnahme -politischer Originalartikel ein für allemal untersagt! Man verwies -ihn ausschließlich auf das, was die »Vossische« und »Spenersche« an -politischem Material unter ordungsgemäßer Zensur Himlys bringen würden. - -Die Verzweiflung Kleists über dieses Fehlschlagen seiner Hoffnungen -ist begreiflich. Sein Blatt war dadurch tatsächlich schon ruiniert. -Womit sollte er einen neuen Leserkreis gewinnen? Den früheren hatte er -zum größten Teil eingebüßt mit dem Augenblick, als er die Spalten der -»Abendblätter« Hardenberg zur Verfügung stellte; selbst den nächsten -Freunden war ihre Haltung »verächtlich« geworden, ihr Kredit war dahin, -und ihr Absatz hatte so stark nachgelassen, daß es Mühe kostete, sie -für das zweite Quartal bei einem andern Verleger unterzubringen; der -erste, Hitzig, hatte schleunigst seine Hand davon abgezogen, als sie -keinen Gewinn mehr versprachen. - - -Die Vernichtung der »Berliner Abendblätter«. - -Aber konnte Kleist, wenn ihm die äußere und innere Politik -verschlossen war, aus den »Abendblättern« nicht wenigstens ein gutes -Unterhaltungsblatt schaffen? Auch dieses hat ihm Hardenberg unmöglich -gemacht! Läßt sich in politischer Beziehung des Staatskanzlers Vorgehen -begreifen -- entschieden ins Unrecht setzte er sich dadurch, daß -er den »Abendblättern« auch das weite allgemein kulturelle Gebiet -der Kunst, Literatur und Wissenschaft verschloß, auf dem sie sich -erfolgreich hätten betätigen können. Es sollte auch in diesen Dingen -keine Ansicht laut werden, die den gerade an maßgebender Stelle -herrschenden widerstritt. Kleist aber und seine Freunde gehörten zu -den Pechvögeln, denen es nun einmal nicht gegeben ist, ihren Flug dem -gerade herrschenden Winde anzupassen. - -Zu der damaligen innern Reform Preußens gehörte die Neueinrichtung -der Volksschule nach dem System Pestalozzis. Kleist und seine -Standesgenossen waren keine Freunde des Schweizer Pädagogen; ihr -aristokratisches Empfinden sträubte sich gegen sein internationales -Gleichheitssystem und verlangte im Gegensatz dazu nationale und -individuelle Erziehung. Solche Probleme hätten sich, sollte man -meinen, doch wohl öffentlich erörtern lassen. Weit gefehlt! Die -Zensur duldete das nicht. Ein erster Artikel von Adam Müller über die -neu gegründete Berliner Universität hatte sogleich den heftigsten -Anstoß erregt -- Grund genug für den Zensor, auch diese Debatte zu -verbieten. Kleist und seine Freunde glaubten bei der Besetzung der -Lehrstühle ein Wort mitreden zu dürfen -- man schloß ihnen den Mund. -Ein Nachruf auf den 1810 in München gestorbenen Physiker Ritter wurde -gestrichen, denn die Regierung empfand es als einen unbequemen Vorwurf, -wenn der Wahrheit gemäß gesagt werden mußte, daß Ritter einer von -den geborenen Preußen war, die wie Winckelmann, Herder, Fernow und -andere im Vaterlande nichts gegolten und dem Ausland ihre Dienste -hatten widmen müssen. Die Leitung der Berliner Kunstakademie konnte -den Romantikern der »Abendblätter« wenig gefallen; flugs gehörte auch -dieses Thema zu den verpönten. Schlechterdings überall stießen sie -auf ein ~Noli me tangere~, und selbst eine alberne Lokalnachricht -über eine Studentenschlägerei brachte sie in Konflikt mit der -Universitätsverwaltung; es half ihnen nichts, daß die Notiz aus dem -Büro des Polizeipräsidenten selbst stammte, sie hatten den Nachteil. - - -»Rad und Wagenschmiere.« - -Ihren Höhepunkt erreichte diese Gewaltherrschaft der unmittelbar von -Hardenberg beeinflußten Zensur bei Behandlung der Theaterkritik. An -der Spitze des Berliner Hoftheaters stand noch immer Iffland, gegen -dessen ganze Richtung die Romantiker und Patrioten aus ästhetischen und -Standesrücksichten Front machten. Kleist war obendrein gegen Iffland -persönlich gereizt, da er nicht einmal sein »Käthchen von Heilbronn« -aufführte; strenge Objektivität von einem Dichter in solcher Lage zu -verlangen, ist eine übermenschliche Forderung. Gegen Iffland führten -also die »Abendblätter« einen lustigen Kleinkrieg mit Ernst und -Satire. In dem Punkte sind alle Theaterdirektoren empfindlich und -ebensowenig objektiv. Zufällig kam es am 26. November 1810 bei der -zweiten Aufführung von Weigls »Schweizerfamilie« zu einem solennen -Theaterskandal; die Darstellerin der Hauptrolle paßte einer Klique von -Offizieren nicht. Auch Kleist hatte sich in diesem Sinne ausgesprochen, -was sein gutes Recht war. Die Vorstellung wurde durch laute -Mißfallensäußerungen unterbrochen. Iffland beschwerte sich, drohte mit -Abdankung; eine Untersuchung des Vorfalls hatte den Erfolg, daß etliche -der militärischen Kunstenthusiasten aus der Stadt verwiesen wurden -- -gewiß ein warnendes Exempel, denn die Herren wohnten in Charlottenburg! -Die »Abendblätter« aber waren wieder das »Karnickel«. Ob Iffland, der -sich bei seinem früheren persönlichen Konflikt mit Kleist wegen des -»Käthchens von Heilbronn« tadellos gegen den Dichter benommen hat, zu -der Maßregelung der »Abendblätter« selbst den Anstoß gab, ist nicht -erwiesen, liegt aber nahe und wäre menschlich verständlich, hatte -er doch schon 1803 das Verbot aller Theaterkritiken gefordert, dem -sich der Zensor Renfner mit Recht widersetzte. Nicht verständlich -aber ist, daß die Zensurbehörde 1810 seiner Empörung nicht den -nötigen Dämpfer aufsetzte, sondern im Gegenteil seine Sache zur ihren -machte und unmittelbar darauf, Anfang Dezember, der Zeitung Kleists -und -- des bessern Aussehens wegen -- auch dem ganz ungefährlichen -Unterhaltungsblatt »Der Freimüthige« die weitere Führung der Berliner -Theaterkritik ein für allemal untersagte! Unter Hardenbergs Regime -duldete man es also nicht, daß ein Journalist und Dichter wie Kleist -über die Führung des Königlichen Hoftheaters eine andere Meinung hatte -als der amtierende Theaterdirektor selbst! Arnim hatte gewiß nicht -unrecht, wenn er den Witz machte, Iffland und Hardenberg hingen »wie -Rad und Wagenschmiere« zusammen. Drei Jahre später stellte derselbe -Iffland wieder den Antrag, alle Kritiken über Neuaufführungen bis nach -der dritten Vorstellung zu verbieten. Diesmal aber erhielt er die -Antwort, das widerstreite »der Freiheit des Urteilens«. Aber 1810 ließ -man sich um diese Freiheit des Urteils noch keine grauen Haare wachsen, -sondern hing dem unbequemen Kritiker einfach den Maulkorb um und fragte -nicht danach, ob durch solch ein radikales Verbot eine Zeitung wie die -»Abendblätter« und mit ihr der Herausgeber zugrunde gingen. - - -Kleists Ende. - -Und mit ihr der Herausgeber! Davon ist nichts abzuwaschen! Daß Kleist -völlig mittellos war, steht fest. Das einzige Unternehmen, durch das er -sich über Wasser halten konnte, brach zusammen. In seiner Verzweiflung -verlangte er vom Staatskanzler Entschädigung für die Zugrunderichtung -der »Abendblätter«; die Verhandlungen darüber unter Vermittlung des -ebenfalls über ihn aufgebrachten Regierungsrats Friedrich von Raumer, -des bekannten Historikers, der später selbst sehr viel von der Zensur -auszustehen hatte, gehören zu den unerfreulichsten Momenten in Kleists -Leben. Der Stil, mit dem man solche Gesuche aufsetzt, war Kleist nicht -gegeben. Er erreichte natürlich nichts. Ende März 1811 stellten die -»Abendblätter« ihr Erscheinen ein, und sieben Monate später fand man -ihren Herausgeber mit durchschossener Schläfe dort, wo heute -- am -kleinen Wannsee bei Berlin -- sein Grab eine heilige Stätte geworden -ist. - -Der Fall Kleist steht durch die Bedeutung seines Opfers und die -Tragik seines Abschlusses vereinzelt da. Aber nur dadurch! Denn er -war leider der Anfang eines ganzen Systems. Man mag zur Romantik und -selbst zu Kleists Poesie stehen wie man will, das eine läßt sich -nicht bestreiten: die »Abendblätter« waren ein ernsthafter Versuch, -mit bescheidenen äußeren Mitteln in Berlin ein populäres Blatt zu -begründen, das die Weltanschauung einer modernen Literaturbewegung -zum Ausdruck brachte und zugleich das Organ einer politischen Partei -sein wollte. Der Versuch wäre gelungen, er hatte vom ersten Tage an -einen kaum erwarteten großen Erfolg. Die preußische Zensur erstickte -ihn durch ihre unfaßbare Willkür. Das literarische Sündenregister -der preußischen Zensur setzt damit vielversprechend ein und erreicht -bis 1848 eine erschreckende Länge. Was war die Folge? Die Berliner -Zeitschriftenliteratur sank auf einen Tiefstand, der durch nichts zu -unterbieten war. Der schale Witz und die persönliche Skandalsucht -wurden Trumpf in der dortigen Presse, nur auf solchem von der Zensur -bereiteten Boden konnte eine Giftpflanze wie der berühmte Humorist -Saphir gedeihen, dieser Revolverjournalist ~par excellence~, der in -den zwanziger Jahren dort Triumphe feierte und den Geschmack für ein -Menschenalter verdorben hat. Auf diese Weise vernichtete die Literatur -sich schließlich selbst, und der Zensor konnte ruhig schlafen! - - -Die Verherrlichung des Selbstmords. - -Noch der tote Kleist sollte der Zensurbehörde eine Verfügung des Königs -bringen. - -Der Berliner Kriegsrat Peguilhen, dem Kleist und seine Freundin -einige Besorgungen aufgetragen, spielte sich als Freund und -Testamentsvollstrecker des Dichters auf und veröffentlichte in der -»Vossischen Zeitung« eine alberne Verherrlichung des Selbstmordes -Kleists. Darauf erließ der König am 27. November 1811 eine -Kabinettsorder, worin es hieß: - -»Wenn es jedem, dessen sittliches Gefühl erstorben ist, freystehen -soll, seine verkehrten Ansichten in Blättern, die in jedermanns Hände -kommen, laut und mit anmaßender Verachtung Besserdenkender zu predigen; -so werden alle Bemühungen, Religiosität und Sittlichkeit im Volke -neu zu beleben, vergeblich seyn, indem der Glaube an das einstimmige -Zeugnis jedes unverdorbenen Herzens verdächtig gemacht, das moralische -Urtheil verwirrt, und die Kraft des Volkes im innersten Lebenskeime -vergiftet werden.« - -Der König befahl daher, diese seine Meinung gehörigen Orts aufs -nachdrücklichste einzuschärfen, »damit überhaupt bey der Aufsicht auf -die öffentlichen Blätter, der Mißbrauch derselben zur Verbreitung der -Immoralität aufs sorgfältigste verhütet werde«, und dem Zensor der -Zeitung einen ernstlichen Verweis zu erteilen. Außerdem befahl er, die -Schrift über den Tod Kleists, die Peguilhen gleichzeitig angekündigt -hatte, nicht zum Druck zu verstatten. -- Sie erschien denn auch damals -nicht, sondern wurde erst zweiundsechzig Jahre später veröffentlicht. - - - - -10. Bürokratie und Militarismus. - - Ach, Herr! Gesegn' uns Wein und Brot, - Und schlage den Napoleon tot, - Durch uns und mit uns, Amen! - - Altes Soldatenlied. - - -Die Flucht der Patrioten. - -Das Jahr 1812 ist das am tiefsten beschämende der Geschichte Preußens. -Am 24. Februar mußte der König mit Napoleon ein förmliches Bündnis -schließen und ebenso wie Österreich zu dem bevorstehenden Feldzug -gegen Rußland Hilfstruppen stellen. Im Mai versammelten sich die -deutschen Fürsten in Dresden zur Huldigung vor dem Imperator; dann kam -dieser als gefeierter Gast seines »allergetreuesten Bundesgenossen« -nach Berlin, und starke französische Besatzungen in der Hauptstadt -und in den Festungen sorgten dafür, daß auch nach dem Durchzug der -französischen Truppen nach Rußland kein Wort des Mißfallens laut wurde. -Den neuen Minister der höheren Polizei, den reaktionären Fürsten zu -Sayn-Wittgenstein, Oberkammerherrn des Königs, und den ebenfalls neuen -Minister des Innern, von Schuckmann, hatte sich der französische -Gesandte selbst ausgesucht. Der »Moniteur« allein gab in Preußen den -Ton an, und von den deutschen Fürsten hatte nur Herzog Karl August den -Mut, sich zu verbitten, daß französische Lügen in preußischen Zeitungen -als Nachrichten aus Weimar umgingen. - -Nebst andern Patrioten wie Gneisenau und Clausewitz hatte auch -Gruner sofort nach dem Bündnis mit Frankreich sein Amt niedergelegt -und war nach Österreich gegangen, wo er mit dem Freiherrn vom -Stein den geheimen Minenkrieg und die Erhebung Deutschlands gegen -Napoleon organisierte und vor allem die literarische Offensive durch -Flugschriften und Aufrufe vorbereitete. - - -Der Umschwung. - -Gruners Nachfolger seit dem 10. März 1812 wurde der Kurator des -Büros im Staatskanzleramte, Geh. Staatsrat Friedrich von Bülow, ein -Verwandter und damaliger Vertrauter Hardenbergs; Himly führte jetzt die -Zensur der historisch-politischen Schriften, und der Geh. Legationsrat -Jordan verwaltete mit großer Strenge die Zensur der Zeitungen. Als -er am 22. Januar 1813 mit dem Könige, der sich bei dem beginnenden -Umschwung den Fängen der Franzosen entzog, nach Breslau abging, wurde -wieder der seit 1792 bewährte Staatsrat Renfner sein Nachfolger. Auch -dieser sorgte nach dem Willen des abwesenden Staatskanzlers und der -ihn vertretenden Oberregierungskommission mit von der Goltz an der -Spitze dafür, daß durch keine Entgleisung der öffentlichen Aussprache -das gute Verhältnis zu den Franzosen getrübt wurde. Alle französischen -Siegesbulletins mußten die Berliner Zeitungsleser über sich ergehen -lassen, von dem Strafgericht, das in Rußland über Napoleon hereinbrach, -erzählten nur durchgeschmuggelte Privatnachrichten und Gerüchte, -das grausige Elend des Rückzugs der großen Armee aus Rußland trat -den Berlinern erst leibhaftig vor Augen, als die zerlumpten Reste -durch die Stadt fluteten, den Brand von Moskau und ähnliche Vorfälle -kannte man nur in französischer Beleuchtung, und die Nachricht von -der Konvention von Tauroggen (30. Dezember) ließ die Berliner Zensur -erst am 19. Januar durch, zugleich mit der Nachricht von der Absetzung -des Generals von York und der strengen Verleugnung seiner Tat durch -den König. Schleiermacher, der schon von der Ungültigkeit erzwungener -Verträge zu predigen begann, wurde noch am 3. Januar 1813 unter -Aufsicht gestellt. Der Aufruf zur Bildung von Freiwilligenkorps vom -3. Februar durfte in Berlin erst am 9. Februar, später als in den -märkischen Provinzblättern, erscheinen, und daß schon am 20. Februar -vereinzelte Kosaken von der Armee Tschernyscheffs in den Straßen -Berlins als Befreier bejubelt wurden, mußten die Zeitungen völlig -verschweigen, denn noch war ja eine starke französische Besatzung -in der Stadt, und der französische Kommandant von Berlin, Augereau, -und der Gesandtschaftssekretär Le Fèvre, der Vertreter St. Marsans, -hätten am liebsten jede Nachricht über militärische Vorgänge wörtlich -vorgeschrieben, was selbst dem pflichteifrigen Renfner etwas stark -schien. - -In der Nacht vom 3. zum 4. März rückten endlich die Franzosen ab, -und am andern Tage begann der Einmarsch der Russen. Die preußischen -Behörden, unter denen sich kein York befand, hielten sich aber in -subalterner Gewissenhaftigkeit noch immer streng an ihre Instruktion, -alle Feindseligkeiten gegen Frankreich sorgfältig zu vermeiden, so daß -heißblütige Patrioten wie Gneisenau kaum an sich halten konnten. Arndts -im Februar verfaßtes und in Königsberg gedrucktes Flugblatt »Aufruf an -die Deutschen zum gemeinschaftlichen Kampfe gegen die Franzosen« durfte -Anfang März in Berlin noch nicht nachgedruckt werden, denn der Anschluß -Preußens an Rußland wurde ja erst durch den »Aufruf an mein Volk« am -20. März amtlich kundgemacht. - - -Worauf die Kosaken reiten. - -1813 berichtete eine Zeitung -- nach andern ein Schulbuch -- von den -Kosaken: »Sie reiten auf kleinen unansehnlichen Pferden.« Ein Zensor in -Breslau strich die beiden Adjektiva, die ihm jedenfalls mit dem Ansehen -der jetzigen Bundesgenossen unverträglich schienen, und so erfuhr die -Welt die große Neuigkeit, daß die Kosaken nicht auf Eseln, Kamelen oder -Stecken ritten, sondern auf Pferden. - - -Der »Preußische Correspondent«. - -Bei dem trostlosen Zustand der Berliner Presse, an dem das politische -Chaos ein gut Teil Schuld trug, war es dem Militärgouvernement höchst -willkommen, daß aus dem Kreise der preußischen Patrioten ein neues -Zeitungsunternehmen erwuchs, dessen Leitung der angesehene Historiker -Niebuhr und dessen Verlag die Realschulbuchhandlung von Reimer -übernahm, und noch ehe das offizielle Jawort des Staatskanzlers vorlag, -genehmigte es die Herausgabe des »Preußischen Correspondenten«, der am -2. April 1813 »einfach und mit Würde zu dem Volke von dessen heiligsten -Interessen« zu reden begann. Niebuhr sah seine Aufgabe darin, »die -Überzeugung von der Notwendigkeit eines Volkskrieges im äußersten Sinne -des Wortes täglich zu nähren, den Haß gegen die Franzosen zu mehren und -über die allgemeine Politik ein gesundes Urteil zu bewirken«. - -»Die Freiheit der Rede und der Schrift ist uns wiedergegeben«, -frohlockte Niebuhr im Leitartikel der ersten Nummer. Das sollte sich -sehr bald als eine gewaltige Hyperbel erweisen. Renfner erlaubte -sich sogar Änderungen an den Kriegsberichten aus dem Hauptquartier, -die Gneisenau selbst schrieb, so daß dieser schon bald mit ihrer -Entziehung drohte. Einer dieser Kriegsberichte von Gneisenau (26. -April) beschuldigte auf Grund von französischen Feldpostbriefen die -Berliner Bankiers hochverräterischer Beziehungen zum Feinde. Als darauf -die »Vossische« ihre Abonnenten von der Hochfinanz in Schutz nahm, -verhinderte Renfner (2. Mai) die Fortsetzung der Polemik. - -Unter seinem Nachfolger von Schultz wurde das Verhältnis zwischen -Redaktion und Zensor auch nicht besser; der Albdruck des -Waffenstillstandes lastete auf dem »Preußischen Correspondenten« -naturgemäß noch stärker, und als erst der temperamentvolle -Schleiermacher am 25. Juni dessen Leitung übernahm, kam es zwischen ihm -und den Behörden über Fragen mehr der innern als der äußern Politik -zu Konflikten, die an Schärfe den Zusammenstoß Heinrich von Kleists -mit Hardenberg noch weit übertrafen. Der »Correspondent« ist nach den -»Abendblättern« die zweite Berliner oder preußische Zeitung, in der -sich die Umrißlinien einer werdenden politischen Partei, hier eines -konservativen Liberalismus, deutlich abzeichneten, und die Regierung -war keineswegs gewillt, solche neuen Machtgruppen aufkommen zu lassen. - - -Schleiermachers Hochverrat. - -Am 14. Juli 1813 sprach der »Preußische Correspondent« von Gerüchten -über einen Friedenskongreß, der in Prag zusammengetreten sei und auch -wirklich stattfand. Die Anhänger eines schnellen Friedensschlusses -warnte er, sich nicht vorschnell zu freuen, und die Gegner, darob nicht -zu verzweifeln. Die Ansicht der letztern Partei, zu der Schleiermacher -selbst gehörte, gehe dahin, daß Preußen, »um zu einem würdigen Zustande -zu gelangen«, noch einer »ungeheuern Kraftentwicklung« und Deutschland -im allgemeinen noch »großer entscheidender Ereignisse« bedürfe, die -»den Grund zu einer künftigen Form legen« müßten. Denn, so schrieb -Schleiermacher wörtlich, »was sich Deutschland von einer Verfassung -versprechen kann, welche durch die Willkür sich durchkreuzender -diplomatischer Verhandlungen begründet wäre, das wissen wir seit dem -westphälischen Frieden, der Deutschland zerstörte, indem er es neu zu -bilden glaubte«. Unter dem »würdigen Zustand« Preußens, das ja schon -eine feste »Form« hatte, verstand er die völlige Unabhängigkeit von -Napoleon, und das schwierige Problem der »künftigen Form« Deutschlands -beschäftigte ein Jahr später den Wiener Kongreß. Diese Fragen durften -wohl dem Redakteur eines politischen Blattes einigermaßen am Herzen -liegen. Schleiermacher beruhigte nun die Gegner eines vorschnellen -Friedens mit der Versicherung, ihre »allgemein verbreitete« Ansicht -werde »gewiß auch bei den Friedensverhandlungen eine Stimme haben«; -er meinte damit: dieser oder jener der beteiligten Diplomaten werde -wohl auch so denken. Und wenn auch, erklärte er zuletzt, ein Friede -geschlossen werde, den man noch nicht als »den wahren Anfang einer -neuen Ordnung der Dinge ansehen« könne, so müsse man ihn eben »nach den -Principien eines Waffenstillstandes beurteilen« und alle Vorteile, die -er gewähre, gehörig benutzen. - -Am 15. Juli erklärte das Auswärtige Amt Schleiermachers Äußerungen -als »unbefugte anmaßende vorgreifende Urteile einer Privatperson -über künftige Resultate« des Friedenskongresses; die »absprechende -Zurückweisung ›Diplomatischer Verhandlungen‹ und die ›Berufung auf -eine allgemein verbreitete Ansicht, die bei den Friedensverhandlungen -eine Stimme haben werde‹, die Entgegenstellung der Begriffe: -›einzelne Mächte‹ und ›Deutschland und Preußen‹,« gebe eine »Tendenz -pflichtwidriger Eigenmacht und Willkür zu erkennen. Der Ton und die -Tendenz mancher Schriftsteller und ihrer Anhänger, zusammengehalten -mit gleichzeitigen verwegenen Vorgängen, deuten auf ein Streben jener -Personen, ihre Eigenmacht und Willkür an die Stelle der rechtmäßigen -Macht und Autorität zu setzen.« Das Auswärtige Amt glaube daher nach -dem Grundsatz verfahren zu müssen: »den Keimen zu widerstehen« (was -wohl eine Übersetzung des Ovidischen »~Principiis obsta~« sein sollte!) -und berichtete darüber an Hardenberg. - -Daraufhin befahl der König am 17., Schleiermacher sofort seines -Predigtamtes zu entsetzen und binnen 48 Stunden über Schwedisch-Pommern -ins Ausland abzuschieben! - -Diese Strenge hielt aber Hardenberg offenbar für übertrieben; er wußte -den König umzustimmen, und so wurde die schon fertige Kabinettsorder -dahin gemildert, daß dem Herausgeber des »Preußischen Correspondenten« -sein Benehmen »ernstlich verwiesen« und ihm bedeutet wurde, eine -Wiederholung desselben werde »aufs nachdrücklichste und mit unfehlbarem -Verlust seiner Dienststelle geahndet werden«. - -Am 19. mußte Schleiermacher vor dem Minister des Innern von Schuckmann -erscheinen, und dieser »bedeutete« ihm laut Protokoll, der betreffende -Artikel »verkündige die Notwendigkeit einer Umwälzung der preußischen -Staatsform durch gewaltsame Ereignisse und enthalte die Anmaßung des -Zeitungsschreibers, die Schritte der Regierung öffentlich meistern und -leiten zu wollen, um sie diesem Ziele entgegenzuführen«. Das sei nach -dem Landrecht nichts geringeres als _Hochverrat_! - -Schleiermacher verteidigte sich ausführlich schriftlich mit großem -Scharfsinn und schlagender Dialektik gegen die unsinnige Auslegung -seines Artikels. Aber seine »Nase« hatte er weg, und dabei blieb es. -»Ich habe aber alles sehr lustig abgeschüttelt«, schrieb er sechs -Jahre später an seinen Freund Arndt, als auch dieser ein Demagog sein -sollte, »und halte mir die Sache nur noch als einen Schinken in Salz«. -Und über die Szene bei Schuckmann berichtete er, dieser habe zwar -erst »mit seiner ganzen Bärenhaftigkeit aufgetatzt«, sei dann aber im -Gespräch mit ihm so »gekirrt« worden, »daß er hernach ordentlich mit -dem Maulkorb herumging«. »Es gibt wohl keine ärgere Erbärmlichkeit für -einen König,« fügte er hinzu, »als solche Schnippchen in der Tasche zu -schlagen, und darum kann man sie ihm ja wohl gönnen.« - - -Reformation und Revolution. - -Kurz vor dem Verfahren gegen Schleiermacher war in Berlin bei Hitzig -eine kleine Broschüre erschienen »Zur politischen Reformation«. Sie -bezeichnete als die schlimmsten Folgen der Französischen Revolution -die »absolute Souverainität, Maschineneinrichtung der Staatsverwaltung -und Conscription«. Der biedere Zensor Himly selbst hatte sie zum -Druck genehmigt, denn er sagte sich: Preußen hat durch Hardenbergs -Finanzedikt vom 27. Oktober 1810 schon eine Nationalrepräsentation -eingeleitet, will also keine absolute Souveränität; -Maschineneinrichtung läßt sich dem preußischen Staat ebenfalls nicht -vorwerfen, und Konskription kennt er nicht; also geht die Tendenz der -Schrift gegen Frankreich und seine Gewaltherrschaft in deutschen Landen. - -Am 5. Juli aber kam der Polizeiminister Fürst Wittgenstein darüber. -Der sah in dem Büchlein nur die deutlich ausgesprochene Absicht, -»die monarchische Regierungsform, wie sie in dem preußischen Staat -eingeführt ist, aufzuheben und dem Volke wesentlichen Anteil an der -Verwaltung und recht eigentlich eine Mitregierung einzuräumen«. Man -brauche nur den Ausdruck »Reformation« in »Revolution« umzuändern, dann -habe man den Sinn und Zweck des Schriftchens am richtigsten erfaßt. -Wolle es doch sogar die Sprache »revolutionieren« und die Ausdrücke -abschaffen, »womit seit länger als tausend Jahren die Untertanen die -schuldige Ehrfurcht gegen ihre Regenten an den Tag zu legen gewohnt -sind«. Genau so seien auch die französischen Jakobiner vorgegangen. - -Jetzt lag es klar zutage: dieses zunehmende dreiste Verlangen nach -Nationalrepräsentation noch während des Krieges war nichts anderes als -die Folge des unseligen Landsturmedikts, das ja das ganze Volk zur -Verteidigung des Staates aufgerufen hatte! Das unvorsichtige Wort des -Fürsten Kaunitz zu Kaiser Joseph II. von dem ganzen »Volk in Waffen«, -das an Majestät dem Kaiser ebenbürtig sei, war furchtbar lebendig -geworden. Die gefährliche Phrase von einem »Volksheer« brauchte ja -selbst ein Mann wie der General von Clausewitz, der mit Scharnhorst -die ostpreußische Landwehr ins Leben gerufen hatte. Von da bis zur -Regierung des Staates durch ebendieses Volk war nur ein Schritt! Und -hatte nicht der Deutschrusse Kotzebue in seinem »Russisch-deutschen -Volksblatt«, das er von Ende März bis Ende Juni 1813 in Berlin -herausgab, im Anschluß an jene Broschüre schon die künftige Verfassung -Preußens entworfen? Ein Oberhaus wollte er eingerichtet sehen aus -den deutschen Fürsten, und ihm gegenüber ein Unterhaus, das aus den -»freien deutschen Männer des Landsturms« zu bilden sei! Diese Projekte -galt es »in den Keimen« zu ersticken. - -Daß Fürst Wittgenstein so dachte, bestätigt der Briefwechsel -zwischen Gneisenau und Clausewitz. Darnach waren sowohl Wittgenstein -wie Polizeipräsident Le Coq und von Bülow der Überzeugung, das -Landsturmedikt sei revolutionär, stürze die Verfassung um und führe -»zu völliger Anarchie und Umsturz des Thrones«. Und ebenjenes anonyme -Büchlein »Zur politischen Reformation« wurde der Anlaß, daß der -Oberkammerherr jetzt auch den König zu seiner Ansicht zu bekehren -wußte. Am 17. Juli, als Friedrich Wilhelm III. die Kabinettsorder -gegen Schleiermacher unterzeichnete, verfügte er auch die Aufhebung -des bisher gebildeten Berliner Landsturms. Die Formation des -Landsturms überhaupt wurde »nunmehr als vollendet« bezeichnet, er -sollte nur noch eine Reserve der Landwehr sein, seine Selbständigkeit -wurde ihm völlig genommen und er nicht nur den ihm vorgesetzten -Kommandanten, sondern allenthalben »den Polizeiobrigkeiten des Orts -oder Bezirks« unterstellt. Auch seine aus Zivilpersonen gewählten -»Schutzdeputationen« wurden beseitigt, und gleich hinterher, am 21. -Juli, eine Verordnung gegen den Mißbrauch der Landsturmwaffe erlassen, -als ob es sich um eine Räuberbande gehandelt hätte. - -Dieser 17. Juli ist daher als ein ~dies ater~ in der Geschichte -Preußens zu betrachten, denn er bezeichnete den ersten entschiedenen -Schritt auf dem Wege der Reaktion, auf dem der König von da an, -begleitet von seinem allmächtigen Oberkammerherrn und Polizeiminister, -zeitlebens hartnäckig weiterging. - - -Engelsturz. - -Noch zwei Männer in Preußen hatten Anlaß, in ihrem Kalender den 17. -Juli 1813 mit schwarzer Tinte anzumalen: die beiden Zensoren Himly und -von Schultz. Ersterer hatte durch die Druckerlaubnis der Flugschrift -»Zur politischen Reformation« auch nach Hardenbergs Urteil »alles -Vertrauen als Censor politischer Schriften verloren« und wurde am -selben Tage zu anderer Verwendung seines Amtes enthoben. - -Schlimmer erging es dem Zensor von Schultz wegen des »Preußischen -Correspondenten«; dieses Mannes Zensorlaufbahn scheint damit -ihr wohlverdientes Ende gefunden zu haben. Ihn stürzte nicht die -bloße Tatsache, daß er den Artikel Schleiermachers über den Prager -Friedenskongreß hatte durchschlüpfen lassen, sondern die nachträgliche -freche Entschuldigung, daß er dies »zu Erreichung eines großen, auf das -Wohl des Staats gerichteten Zwecks absichtlich« getan habe; er wollte -damit »auf die Gefahr persönlicher Verantwortung einen materiellen, -unzweideutigen Beweis von der eigentlichen Tendenz gewisser -Verbindungen vor Augen bringen, um dadurch womöglich zu kräftigen -Maßregeln gegen Thron und Land verderbliche Anschläge Veranlassung zu -geben«! Diese niederträchtige Dienstbeflissenheit ließ auch Hardenberg -nur als das gelten, was sie war: eine faule Ausrede, denn jenen -»großen« Zweck hätte er ja durch Vorweisung des Korrekturbogens schon -erreichen können. - -Und noch ein dritter war von dem Engelsturz am 17. Juli keineswegs -erbaut: der Polizeipräsident Le Coq, denn Hardenberg übertrug -nunmehr ihm trotz seines Sträubens interimistisch die gesamte Zensur -der Berliner Zeitungen sowie der historisch-politischen Flug- und -Zeitschriften. - - -Schleiermachers Obstruktion. - -Der neue Zensor Le Coq las den »Preußischen Correspondenten« mit -besonderer Aufmerksamkeit und mit offenbarer Voreingenommenheit gegen -dessen Herausgeber. Nach seiner Versicherung hörte Schleiermacher auch -nach der ihm gewordenen Zurechtweisung nicht auf, sich durch anstößige -Äußerungen »gegen den Wert der diesseitigen Verfassung, wie gegen -das Ansehen der königlichen Regierung und deren Maßregeln vor andern -auszuzeichnen«, und schon am 2. August stellte er den Antrag, die -Zeitung ganz zu verbieten. Hardenberg ging darauf nicht ein. Gründe zu -nachdrücklicherem Vorgehen fanden sich bald. - -Am 12. August erklärte Österreich an Napoleon den Krieg, und das -diesen Schritt begründende, von Friedrich von Gentz verfaßte glänzende -Manifest des Kaisers bedachte Schleiermacher in Nr. 86 vom 28. August -mit hohem Lobe. Er brauchte dabei in dem der Zensur vorgelegten -Text die Wendung: »Die Gesinnung, welche sich hier ausspreche, sei, -wenn man wolle in einer Art Gegensatz gegen die königliche, die -wahrhaft kaiserliche.« Denn, so hieß es weiter, »dem Kaiser gebührt -eine Mehrheit von Staaten, die sich in ihren innern Bestrebungen -sehr unterscheiden können, mit gleicher ruhiger Liebe zu umfassen«. -Zweifellos brauchte Schleiermacher die Worte Kaiser und König hier -gewissermaßen als Quantitätsbegriffe, aber ebenso zweifellos war er -sich des zweideutigen Klangs dieser Wendung voll bewußt. Sie ist eine -frühe Probe des später aufkommenden Zensurstils, dessen Meister der -witzige, oft boshafte Schleiermacher geworden wäre. Le Coq übertrug -denn auch den begrifflichen Gegensatz sofort auf die Personen, den -Kaiser von Österreich und den König von Preußen -- also »grober Anstoß -gegen des Königs Maj. Allerh. Autorität«! Und da der »Correspondent« -ihm auch weiterhin Ärger verursachte, sogar Ausfälle gegen die -Zensur wagte, gegen »die krankhafte Wachsamkeit über alles was durch -Druck der Welt mitgetheilt werden soll«, so forderte Le Coq am 25. -September in einem geharnischten Schriftstück von Schleiermacher -eine strengere Befolgung der Zensurinstruktion. Das Gesetz erlaube -jedem, seine Einwendungen gegen Regierungsmaßregeln dem Oberhaupt -des Staates oder den Vorgesetzten der Departements anzuzeigen; eine -»weit umher cirkulierende politische Zeitung« der Residenz sei dazu -nicht der Ort! Nur die Redaktion des »Correspondenten« gebe zu steten -»Berichtigungen« seitens der Zensur Anlaß und beantworte diese statt -mit größerer Vorsicht nur mit »ungegründeten Klagen über Beschränkung -der Preßfreiheit«. - -Schleiermacher antwortete darauf nicht weniger entschieden, nicht -die Redaktion, sondern der Zensor habe für die Beobachtung der -Zensurinstruktion zu sorgen, und auch nicht durch »Berichtigungen«, wie -sich Le Coq auszudrücken beliebe, sondern nur durch »Streichungen«. -Der Vorwurf, als ob er »ein eigenes Vergnügen daran fände, etwas -vorlegen zu lassen, was gestrichen werden« müsse, sei ehrenrührig, -und er verlange dafür Beweise. Er lasse in fremden Aufsätzen manches -stehen, was er selbst, »um die Freude eines recht reinen Censurbogens -zu genießen«, nicht schreiben würde, auch wenn es nicht anstößig sei; -er rechtfertige sich dann bei seinen »nicht bezahlten«, sondern nur -»gefälligen« Korrespondenten durch Vorlegung des Zensurbogens und denke -das auch weiter so zu halten. Auch verstehe er nicht, warum sich Le -Coq darüber beklage: »Das Verhältnis zwischen Schriftsteller und Censor -auf diesem Gebiet ist wie ein Handel, bei welchem es einmal üblich ist, -vorzuschlagen und zu dingen.« - -Zum Schluß bedankte er sich noch mit schneidender Ironie für den -Hinweis auf das Gesetz; Le Coq möge ihm aber lieber eine andere Stelle -des Gesetzes nachweisen, die der Zensurbehörde das Recht gebe, Verweise -zu erteilen und Drohungen zu erlassen, denn diesen »Ton« habe er nicht -ohne Befremden in des Polizeipräsidenten geehrter Zuschrift gefunden. -Sollte eine solche Gesetzesstelle nicht existieren, so möge Le Coq -diese Schlußbemerkung gefälligst als einen Gebrauch der Freiheit -betrachten, die das von ihm selbst erwähnte Gesetz zugestehe. Jeder -Satz des Briefes verrät die innere Genugtuung des Schreibers, die -überlegene Schärfe und Geschmeidigkeit seines Stils den Gegner fühlen -zu lassen. - -Auf diese vollendete Kriegserklärung konnte die Antwort nicht -ausbleiben. Le Coq legte den Briefwechsel dem Staatskanzler vor, um für -den schon bekannten »Geist der Anmaßung und Renitenz« Schleiermachers -einen neuen Beweis zu bieten, und ersuchte um eine nachdrückliche -Zurückweisung des Widerspenstigen »in die Schranken der Ordnung und des -Gehorsams«. Diesem Verlangen kam Hardenberg mit ungewöhnlicher Schärfe -nach und verwies Schleiermacher nun seinerseits den »unpassenden Ton« -seines Briefes: »Sie scheinen darin ganz vergessen zu haben, daß Sie -dem St.-R. Le Coq Achtung schuldig sind, und daß es Ihnen in keiner -Hinsicht gebührt, sich seinen Verfügungen zu widersetzen ... Sie -haben hierzu als Volkslehrer eine doppelte Verpflichtung und sind -doppelt straffällig, wenn Sie derselben entgegenhandeln.« Für diesmal -wolle er es bei der Zurechtweisung bewendet sein lassen, warne ihn -aber ernstlich, »sich künftig bescheidner gegen Königl. Behörden zu -betragen, widrigenfalls« usw. - -Von der Achtung, die der Polizeipräsident einem Manne wie -Schleiermacher schuldig sei, war dabei nicht die Rede. - -Schleiermacher nahm auch diese »staatskanzlerische Nase« nicht ohne -Widerspruch entgegen, sondern antwortete sehr kühl und fest: Er habe -seinerseits Ursache genug gehabt, sich über den unangemessenen Ton -des Le Coqschen Schreibens zu beschweren, habe aber den Kanzler, der -»jetzt mehr als je mit den wichtigsten Angelegenheiten nicht nur des -preußischen Staates, sondern des gesamten Europa beschäftigt« sei, mit -dieser »Kleinigkeit« nicht behelligen wollen. Nun das aber durch Le -Coq geschehen sei, müsse er bitten, der Kanzler wolle jenen zum Beweis -oder zur Zurücknahme der ihm gemachten Beschuldigungen veranlassen, da -der gewöhnliche Weg der Injurienklage dem Polizeipräsidenten gegenüber -nicht offen stehe. - -Hardenberg gab diese kühne Antwort stillschweigend zu den Akten. -Einer nochmaligen groben Ansprache des Polizeipräsidenten ging aber -Schleiermacher aus dem Wege, indem er am 1. Oktober die Redaktion an -Achim von Arnim abgab. So war es ihm nicht vergönnt, als Journalist ein -Geschichtschreiber des glorreichen Oktobermonats zu werden. - - -Se. Heiligkeit der Kurialstil. - -Im Jahre 1810 war -- auch ein Ergebnis der Neuorientierung dieses -Jahres -- der altehrwürdige Kurialstil im amtlichen preußischen Verkehr -abgeschafft worden. Das bot den »Züllichauer wöchentlichen Nachrichten« -vom 29. August 1813 Anlaß, folgende köstliche Anekdote aus dem Jahre -1800 zu erzählen: - -»Ein witziger Berliner erhielt zwei Gerichtsvorladungen auf einmal; die -eine beschied ihn vor das Kammergericht in Berlin, die andere am selben -Tage vor die Kammer zu Küstrin. Beide begannen in der damals üblichen -Form mit den Worten: ›Wir Friedrich Wilhelm von Gottes Gnaden‹ usw. - -»Der Geladene erschien weder da noch dort, und als er dieserhalb zur -Rechenschaft gezogen wurde, antwortete er: - -›Ew. Kgl. Majestät zu Berlin haben mir allergnädigst befohlen, daß -ich vor allerhöchst demselben erscheinen soll, aber Ew. Kgl. Maj. -in Küstrin haben auch geruhet, mich zu gleicher Zeit vor sich zu -bescheiden. Da aber in der Mathematik der Satz feststeht, daß ein -Objekt, welches von zwei gleichstarken Kräften in demselben Zeitraum -nach zwei entgegengesetzten Richtungen angezogen wird, im Ruhestand -verbleibt, so bin auch ich im Stande der Ruhe verblieben.‹« - -Die Gerichtskollegien von 1800 mußten über den Scherz so lachen, daß -sie sich nicht einmal zu einem Verweis aufraffen konnten. Anders die -Berliner Zensurbehörde im Jahre 1813. Am 27. September erklärte der -Kriegsrat Himly, jetzt Zensor der Provinzzeitungen, der Abdruck dieser -Anekdote habe in »ruhigen Zeiten wohl Rüge verdient, da Einrichtungen, -die noch vor wenigen Jahren gegolten haben, der öffentlichen -Verspottung doch wohl noch entzogen bleiben sollten«, und der Geh. -Staatsrat von Raumer war ganz mit ihm einer »erleuchteten« Meinung, daß -der Scherz »besser ungedruckt geblieben« wäre. Die Züllichauer Zeitung -erhielt darob eine »Ermahnung«. - -Nicht einmal über abgeschnittene Zöpfe durfte man also seine Glossen -machen, und zu solchen bürokratischen Heldentaten hatte die Berliner -Zensurbehörde noch Zeit und Sammlung drei Wochen vor der Völkerschlacht -bei Leipzig! - - -Das Dankgebet nach der Leipziger Schlacht. - -Ein »Augenzeuge« hatte in einem Brief geschildert, wie Fürst -Schwarzenberg am 19. Oktober 1813 den drei auf dem Monarchenhügel -versammelten verbündeten Fürsten die Siegesnachricht überbrachte. -Kaiser Franz stieg sogleich vom Pferde und kniete zum Gebet nieder; -alle übrigen Anwesenden folgten seinem Beispiel. »Bewunderungswürdig -war es,« setzte der von seiner eigenen Schilderung ergriffene -Berichterstatter hinzu, »daß die zügelfreien Pferde während dieser -imposanten Feierlichkeit ohne einen Hufschlag zu tun, ruhig neben ihren -Reitern standen.« - -Dieser Brief war in der »Brünner Zeitung« gedruckt worden, und am 13. -Januar 1814 brachte ihn auch die »Vossische«. Die Redaktion freute sich -gewiß der höchst stimmungsvollen Szene, Schmok würde von »Brillanten« -gesprochen haben, und sie war auch zweifellos ganz nach dem Herzen des -Zensors Le Coq. - -Wie bestürzt mag er gewesen sein, als ihm gerade diese zarte -Reporterlyrik einen ziemlich derben Verweis zuzog. Hardenberg fand -nämlich, daß jene rührende Schlußwendung das Gepräge der »Ironie« an -sich trage, und warnte den Zensor, in ein offizielles Blatt nicht -Erzählungen aufzunehmen, »die bei einem großen Teile des Publikums nur -gar zu leicht zu satirischen Bemerkungen Anlaß geben«. - -Verwunderlich ist, daß Hardenberg nicht lieber auf die Unrichtigkeit -der Tatsache selbst aufmerksam machte, von der er im Hauptquartier, -wo er weilte, hätte Kenntnis haben oder doch leicht erhalten können. -Die ganze Episode ist bekanntlich von den Historikern als ein Märchen -bezeichnet worden. - - -Das »System der Mäßigung«. - -Solange Napoleon in Deutschland allmächtig war und Preußen wohl oder -übel für die Unantastbarkeit seines ihm gewaltsam aufgedrungenen -Verbündeten einstehen mußte, blieb ihm nichts anderes übrig, als alle -Angriffe gegen den Unüberwindlichen zu unterdrücken. Als aber der -Schlachtendonner des 18. Oktobers den Nimbus des Korsen zerstört hatte, -verlangte das Empfinden des Volkes, das doch die Kosten des Krieges -mit Gut und Blut zu zahlen hatte, die Vogelfreiheit des Gegners. -Statt diesem gerechten Empfinden nachzugeben, versteifte man sich -seitens der preußischen Regierung auch jetzt noch auf ein »System der -Mäßigung«, das mit einer lächerlichen Konsequenz innegehalten wurde. -Eine schlimmere Beleidigung als die Schlacht bei Leipzig konnte wohl -schwerlich das bitterste deutsche Libell dem gestürzten Franzosenkaiser -zufügen. - -Die Berliner Zensurbehörde dachte anders. Noch am 20. Dezember -1813 erließ sie eine neue Warnung gegen alle eingeführte -Flugschriftenliteratur, die natürlich zum vorwiegenden Teil an dem -gestürzten Feinde ihr Mütchen kühlte, und die Lektüre dieser ins -Ungemessene wachsenden Druckschriften betrieb der gute Renfner immer -noch so, als ob Napoleon leibhaftig hinter der Tür stände. - -Ein so heftiger Napoleonfeind wie Arndt mußte ihm daher manches -zu schaffen machen. Dieser »~écrivain infatigable~« ließ ja kaum -einen Monat verstreichen, ohne immer neue Literaturgranaten auf -den zurückweichenden Gegner zu schleudern. Arndts Flugschrift »Das -preußische Volk und Heer im Jahre 1813« ließ Renfner im Dezember 1813 -»gern und willig« durch, »obgleich der Schwung der letzten Seiten wohl -hätte gemildert werden können«. Seine »wütende Einleitung« aber zu den -»Betrachtungen über das Concordat« von dem Russen Uwaroff überschritt -nach Renfners Urteil »alle Grenzen« und wurde verboten, denn Arndt -hatte darin Napoleon den »großen Virtuosen der Lüge« genannt. Arndts -politisches Programm »Der Rhein, Teutschlands Strom, aber nicht -Teutschlands Grenze« kam dem Zensor zwar reichlich »überspannt« vor, -denn es forderte kurzerhand die Vorschiebung der Grenze Deutschlands -»soweit die deutsche Zunge klingt«, bis zu den Ardennen, den Vogesen -und dem Jura, und die Herausgabe Elsaß-Lothringens, Forderungen, auf -denen leider die Diplomaten des Wiener Kongresses zu unserm heutigen -Leidwesen nicht bestanden. Da aber diese »excentrischen Vorschläge mit -ziemlicher Bescheidenheit« vorgetragen seien, gab Renfner im Januar -1814 die Schrift zum Verkauf frei. - -Die Feder aber fiel ihm vor Schreck aus der Hand (»~la plume tombe des -mains~«), als er Arndts »Kurze und wahrhaftige Erzählung von Napoleon -Bonapartens verderblichen Anschlägen« (anonym: Germanien 1813) las, und -der unauslöschliche Haß, den die gleichzeitige Schrift »über Volkshaß -und über den Gebrauch einer fremden Sprache« gegen die Franzosen und -ihre Sprache predigte, paßte allerdings wenig zur Proklamation der noch -immer unentschlossen am Rhein stehenden Verbündeten vom 2. Dezember -1813, die Frankreich »groß, stark und glücklich« wünschte, weil es eine -der »Hauptgrundlagen des europäischen Staatsgebäudes« sei. - -Beide Schriften wurden nach Vorschlag Renfners am 31. Januar 1814 durch -Hardenberg selbst verboten, weil sie im diametralen Widerspruch standen -zu dem »System der Mäßigung«, das die Alliierten zur Schau trugen. - -Ebenso erging es im Februar 1814 dem 3. Teil des Werkes »Geist der -Zeit«, worin Arndt mit dem ganzen Pathos seiner volkstümlichen -Beredsamkeit alles heraussprudelte, was er über Napoleons Verbrechen -an der Menschheit und über die unmögliche Versöhnung Deutschlands mit -Frankreich auf dem Herzen hatte. Der erste Teil dieses Werkes war 1806 -in Dänemark, bei Hammerich in Altona, ohne Angabe eines Verlegers -erschienen, der zweite Teil 1808 in Schweden, wo sich Arndt vor den -Häschern Napoleons verborgen hielt. Den dritten hatte Reimer 1813 in -Berlin verlegt, ebenso eine 2. Auflage des zweiten Teils, beide unter -der Druckfirma Th. Boosey in London, denn die Berliner Zensur würde nie -die Erlaubnis dazu gegeben haben. - - -Die Schonung Napoleons. - -Für die Schonung Napoleons seitens der Zensur auch während der -Befreiungskriege waren hauptsächlich drei Gründe maßgebend. Für -einen Mann, der einmal -- ob legitim oder illegitim -- den Purpur -getragen, verlangte das Kartell der Fürsten Europas Achtung unter allen -Umständen; er war und blieb ein gekröntes Haupt, dessen Verunglimpfung -auch nicht als Ausnahmefall zugelassen werden durfte. »Der Teufel, -wenngleich ein Höllenfürst, bleibt doch immer ein Souverain«, spottete -Kotzebue in seinen »Politischen Flugblättern«. Obendrein war Napoleon -durch seine Heirat mit der Erzherzogin Marie Luise der Schwiegersohn -des Kaisers Franz, eines der erlauchten Verbündeten. Daher hatte auch -die österreichische Regierung noch nach Wiederbeginn des Krieges alle -»erniedrigenden Ausfälle« gegen Napoleon verboten. - -Der zweite Grund war ernster politischer Art: solange man noch hoffte, -mit dem Kaiser von Frankreich zu einem Frieden zu kommen, wollte man -ihn nicht reizen. - -Zum dritten war man auch nach seiner Verbannung nach Elba von der -Furcht nicht frei, er werde wiederkommen, und die Tatsachen schienen -ja diesem Bedenken recht zu geben. Die deutschen Regierungen rechneten -also auch nach der Schlacht bei Leipzig mit der Möglichkeit, noch -einmal die Gnade des Siegers anrufen zu müssen. Es ist Deutschland -wahrlich schwer gemacht worden, sich im Vertrauen auf seine Kraft -dauernd zu befestigen. - -Von diesen drei Gründen vermochte den ersten auch die Geschichte -niemals aus der Welt zu schaffen. Der Schwiegervater Napoleons, Kaiser -Franz von Österreich, regierte ja noch bis 1835, und bis zu seinem -Tode wenigstens ist dieser allerhöchsten Verwandtschaft seitens der -Zensur in Deutschland stets mit rührendem Zartgefühl Rücksicht getragen -worden. - - -Fremder Götzendienst. - -Genau so wie Arndt erging es den übrigen Patrioten, die ihrem -Temperament nicht die von der Zensur verlangte »Mäßigung« auferlegen -konnten. Der Vorsteher der Berliner Blindenanstalt, Professor August -Zeune, schickte einem Vortrag über das Nibelungenlied, das er als -geeigneten Ersatz für die überschätzte französische Literatur empfahl, -eine Einleitung voll »Feuerbrände und Congrevescher Raketen« gegen -die »Rotte Kora«, das französische Volk, voraus, in der er ebenso wie -Arndt die Verbannung der französischen Sitte und Sprache, die völlige -Abschaffung des »Fremden Götzendienstes« forderte. Die deutsche -Nachahmung der Franzosen erklärte Zeune aus unserer Unkenntnis der -wahren Geschichte Frankreichs, der Bestechung deutscher Gelehrten durch -Ludwig XIV., der verkehrten Erziehung Friedrichs des Großen durch einen -französischen Hofmeister und »aus der Sucht gewisser hoher Stände, -über das Volk erhaben zu sein«. »In diesem Kapitel«, heißt es in dem -Zensururteil Renfners, »werden nun wieder die Vornehmen, oder wie sie -Herr Zeune nennt, die Vornehmtuer nach Gebühr abgekanzelt.« Der Titel -Herr ist in diesen Akten immer ironisch gemeint, soweit es sich um -Bürgerliche handelt. - -Als Zeune seinen Vortrag auf Wunsch seiner Zuhörer, Männer und -Frauen, herausgeben wollte, verweigerte Renfner die Erlaubnis; nach -seiner Instruktion, versicherte er, könne kein »einziger Satz dieser -Vorlesung« gedruckt werden. Auch sein Versuch, den Vortrag unter dem -Titel »Der Rheinstrom, Deutschlands Weinstrom, nicht Deutschlands -Rainstrom« durchzuschmuggeln, scheiterte an der Wachsamkeit Renfners, -der im Februar 1814 über das Manuskript folgendes Urteil fällte: - -»Unter diesem verschrobenen Titel wollte der Prof. Zeune den größten -Teil seiner schon vorhin abgewiesenen Vorlesungen zu Markte bringen, -das alte Frankreich zerstückeln, halb Europa zu Deutschland schlagen, -die Unabhängigkeit mehrerer benachbarten Staaten beeinträchtigen und -nach Gewohnheit auf alles, was französisch ist, derb losschimpfen. Da -dieser unberufene Schriftsteller noch ganz neuerlich schwere politische -Sünden auf sich geladen hat und deshalb von Polizei wegen in strengen -Anspruch genommen worden, so war ich desto mehr befugt, ihn auch -diesmal wieder zur Ruhe zu verweisen. Es ist schlechterdings kein -Auskommen mit ihm.« - -Und wie wütete Renfners Rotstift in der massenhaften patriotischen -Lyrik, in der sich der deutsche Zorn mehr oder weniger gelenk austobte! -Überall müssen Strophen voll »rasender Schimpfworte« gegen Napoleon -gestrichen werden. Kein Wunder, daß da nur unangetastet blieb, was -nach Renfners eigenem Urteil »matt, seicht und unschuldig« war. Sogar -der Dichter der »Urania«, Tiedge, wurde mit seinen »Denkmalen der -Zeit« von Renfner im Januar 1814 abgewiesen, obgleich sie, wie der -Zensor selbst zugab, bewundernswerte Stücke enthielten, die das Lob -des Königs von Preußen und Deutschlands mit patriotischem Schwung -sangen; in einigen Gedichten aber flammte eine so heftige Empörung -(»~une rage furibonde~«) gegen Napoleon und Frankreich, daß Renfner -die Druckerlaubnis versagte. Statt ihrer gab er dem Dichter den -ironischen Rat, sich mit diesen hübschen Sächelchen, die er gegen den -Schwiegersohn des Kaisers Franz auf dem Herzen habe, nach -- Österreich -zu wenden! Sie erschienen im selben Jahr zu Leipzig bei J. F. Hartknoch. - -Soviel ist gewiß: Lissauers »Haßgesang« wäre mit Zustimmung Renfners -nicht gedruckt worden. - - -Der Schneider Kakadu. - -Wo der tiefe Ernst patriotischer Männer ironisch verächtliche Ablehnung -fand, wie sollte sich da der Übermut des Humors oder gar der Satire -hervorwagen! Im Januar 1814 fand Renfner unter den ihm vorgelegten -Schriften eine in Leipzig gedruckte »Apologie Napoleons des Großen«, -voll »Gelehrsamkeit und Witz in Menge«, wie er selbst zugestand; auch -mußte er »herzlich« darüber lachen, aber zum Verkauf wagte er sie nicht -freizugeben, und den Druck eines Liederspiels »Politisches Quodlibet«, -das bereits in Hannover zwei Auflagen erlebt hatte, verbot er im -Februar hauptsächlich deswegen, weil Napoleon darin die Arie »Ich bin -der Schneider Kakadu« zu singen hatte. - - -Die europäische Barbierstube. - -Ebenso philisterhaft behandelte man die politischen Karikaturen, -die schon seit dem Frühjahr 1813 wie Mücken nach dem Gewitter -zahlreich zum Vorschein kamen und natürlich nur _ein_ Stichblatt -hatten: Napoleon. Zunächst durften sie nicht »Sitte und sittliche -Würde« verletzen, »soweit nämlich«, wie Polizeipräsident Le Coq -einmal vorsichtig zugab, »der Begriff der letzteren nicht in zu -weiter Ausdehnung gegen die Natur einer _jeden_ Karikatur als solcher -gerichtet sein dürfte«. Vor allem aber durften sie durch keinerlei -»Attribute« irgendwelche Fürstlichkeiten kenntlich machen, auch nicht -»feindliche Souveraine«. - -Da war u. a. eine Karikatur erschienen, die den Titel »Die europäische -Barbierstube« führte: Napoleon wird, auf einem Stuhl sitzend, rasiert; -die Messerklinge trägt die Aufschrift 1813 und das blutige Rasiertuch -die Namen Culm, Katzbach, Leipzig und Dennewitz; einer der drei -Barbiere hält den Kunden auf dem Stuhle fest, der andere schlägt -Schaum, und der dritte rasiert. Die drei trugen Offiziersuniform -ohne weitere Abzeichen, und sogar jede persönliche Ähnlichkeit war -vermieden. Nur Napoleon war erkennbar. Das Publikum aber verstand den -Spaß und hatte bald heraus: die erste der drei Figuren ist Kaiser -Franz, die zweite Kaiser Alexander und die dritte König Friedrich -Wilhelm, also »die allerhöchsten Personen der verbündeten Monarchen«. - -Diese »bloße Vermutung« genügte dem Berliner Polizeipräsidenten, die -Karikatur sofort überall wegnehmen und »unverzüglich« _verbrennen_ -zu lassen! Der Minister von der Goltz billigte das höchlichst; er -wollte zwar nicht alle politischen Karikaturen glattweg verbieten, -»des möglichen Mißbrauchs wegen« und um »die Teilnahme des Publikums -an den Anstrengungen, welche die Pflicht in der gegenwärtigen Zeit -erfordert«, zu erhalten. Le Coq möge nur weiter mit größter Vorsicht -zensieren und alles unterdrücken, was Deutungen wie die obige zulasse. -»Die geheiligten Personen der verbündeten Souveraine« dürften -selbstverständlich »nicht anders als auf eine dem Ernst, der Würde und -der Ehrfurcht angemessene Art bildlich dargestellt werden.« - -Für einen Künstler muß dieser ängstliche Zustand sehr anregend gewesen -sein! Bedarf es einer andern Erklärung dafür, daß es damals in -Deutschland noch keine Karikaturisten gab? Sie wären jedenfalls alle -nach Spandau gekommen. Mit Ausnahme etlicher Blätter Schadows ist denn -auch der künstlerische Ertrag jener Zeit an Zerrbildern gleich Null. - - -Projektenmacher. - -Leute wie Arndt, Zeune und Genossen waren nach dem Urteil der damaligen -Zensur lauter »Projektenmacher«, die der allein zuständigen Regierung -ins Handwerk pfuschten, statt in bescheidener Demut zu erwarten, welche -Zukunft ihnen von der unübertrefflichen Weisheit der Staatslenker -von 1806 zugedacht war. Ein Kammergerichtsrat Willmanns forderte in -einem Aufsatz »Über die natürlichen Grenzen Frankreichs«, ebenso wie -Arndt, daß die Grenzen Deutschlands so weit vorgerückt würden, als -deutsch gesprochen wurde. Renfner setzte ein beredtes Ausrufungszeichen -dazu und meldete: »Ich habe ihm mein Imprimatur versagt und zur -Antwort erteilt, daß, da die Absichten der verbündeten Mächte über -die Bestimmung der künftigen Grenzen Deutschlands noch nicht bekannt -sind, es ein Vorgriff sein würde, dieserhalb öffentlich Grundsätze -aufzustellen, die vielleicht nicht genehmigt werden dürften«! - -Aus einer Ode des Gymnasialkonrektors Pudor zu Marienwerder strich -er eine »boshafte Strophe, die das französische Volk zur Entthronung -Napoleons mit Wut aufforderte«, und aus einem Lied, das er selbst als -»echt patriotisch und auch artig gedichtet« rezensierte, die Verse, die -»den Deutschen die Wiedereroberung vom Elsaß zusagten«. - -Ein preußischer Offizier Karl Müller wollte ein strategisches Werk -»Über Dijon nach Paris und weiter« veröffentlichen. Darüber hatte -natürlich das Militärgouvernement zu entscheiden. Aber am Schluß -»verstieg« sich der Verfasser auch in die hohe Politik; er wollte -aus dem Stromgebiet der Rhône einen unabhängigen Staat gebildet, das -Kaisertum in Frankreich abgeschafft und die Bourbons wiedereingesetzt -sehen. »Es versteht sich,« erklärte Renfner im Februar 1814, »daß ich -diesen ganzen zweiten Abschnitt verstoßen mußte.« - -Noch hartnäckiger untersagte man im Jahre 1814 die öffentliche -Erörterung der bevorstehenden Teilung Sachsens. Ehe sie erfolgte, -sollte die Presse darüber schweigen, und nachdem sie entschieden war, -erst recht. Und doch hätte das deutsche Volk damals mehr als je -das moralische Recht gehabt, nicht nur Friedens-, sondern geradezu -Kriegsziele ins Auge zu fassen und ein Wort darüber mitzureden. - - -Zensurfiliale in Königsberg. - -Mit den Russen war seit dem Frühjahr 1813 auch die Flut mehr oder -weniger wertvoller patriotischer Volksliteratur nach Berlin gekommen, -die in Rußland und Ostpreußen zur Mobilmachung des Volkes entstanden -und verbreitet worden war. In Petersburg und dann in Königsberg -hatte ja der Freiherr vom Stein sein literarisches Hauptquartier -aufgeschlagen, und Arndt hatte ihm gleichsam als literarischer -Marschall gedient, um mit dem »Zorn der freien Rede« in Liedern, -Aufrufen, Flugschriften und Pamphleten den schwelenden Haß gegen den -Erbfeind zur freien lodernden Flamme aufzuschüren. - -Die Mehrzahl dieser aus dem Osten eingeführten Kriegsliteratur, die -jetzt vor allem üppig aufschoß, wo der Augenblick gekommen schien, sich -an dem endlich verblutenden, verhaßten Feinde mit Spott und Hohn zu -rächen, war mit russischer Zensur gedruckt worden, und das preußische -Militärgouvernement der Lande zwischen der russischen Grenze und der -Weichsel hatte gerne seinen Segen dazu gegeben, denn zur Bekämpfung -Napoleons schien ihm mit Recht jede, nur einigermaßen anständige Waffe -willkommen. Darin hielt das Militär es ganz mit Arndt, der schon 1811 -gesungen hatte: - - Zusammen braust das deutsche Wort - Und weht die fremden Buben fort - Im Schlachtendonnerwetter - Wie Herbstwind dürre Blätter. - -Der Berliner Zensurbehörde aber konnte der eingedruckte russische -Zensurstempel keineswegs imponieren. Und obendrein sprach es ja aller -bürokratischen Gepflogenheit Hohn, wenn sich da in Königsberg eine -besondere Zensurbehörde aufgetan hatte, die nach eigenem Ermessen -schaltete und waltete. Nach Wiederaufnahme der Verbindung zwischen -Ostpreußen und der Hauptstadt war es die höchste Zeit, daß dieser Not- -und Ausnahmezustand aufhörte und der Berliner Amtsschimmel wieder -allein den Zensurkarren zu ziehen hatte. - -Die Militärs waren mit der Entziehung ihrer eigenen Zensurrechte -keineswegs einverstanden und begriffen ebensowenig, warum noch immer -- -dem Buchstaben getreu -- Bücher verboten bleiben sollten, die man nur -den französischen Gewalthabern zuliebe mit dem Interdikt belegt hatte. -Daraus entwickelte sich zwischen ihnen und den ängstlichen Bürokraten -und Diplomaten in Berlin ein ebenso hartnäckiger wie amüsanter -amtlicher Federkrieg, zu dem vor allem die Schriften von Arndt und -Kotzebue immer neuen Anlaß boten, und dem auch die Schlacht bei Leipzig -kein Ende machte. - - -Arndts »Historisches Taschenbuch«. - -Zu den von Rußland hereingekommenen patriotischen Schriften gehörte -auch Arndts »Historisches Taschenbuch für das Jahr 1813«, sechs Kapitel -aus seiner »teutschen Geschichte«, die erst zwei Jahre später erschien. -Er hatte es in Petersburg mit dortiger Zensur drucken lassen und sogar -der Kaiserin gewidmet. Als er dann am 22. Januar 1813 in Königsberg -eintraf und Stein als russischer Zivilgouverneur zahlreiche Schriften -des Freundes hier drucken und verteilen ließ, übernahm der Verleger -Nicolovius den Verkauf des Taschenbuchs in Deutschland. Er versah -die Exemplare mit einem neuen Titelblatt, setzte seine Firma und, da -sich die Ausgabe des »gehemmten Postenlaufes« wegen verspätete, die -Jahreszahl 1814 darauf und ließ sie von Leipzig aus versenden. So kamen -einige davon auch nach Berlin, wo sie als von auswärts eingeführte -historisch-politische Schrift dem Zensor Renfner vorgelegt werden -mußten. - -Arndt war damals noch Schwede, seine Heimat Rügen wurde ja erst 1815 an -Preußen abgetreten, und er erstarb keineswegs in Ehrfurcht vor allen -Hohenzollernfürsten. So war er in diesem Taschenbuch mit Friedrich dem -Großen wegen seines »Buhlens« mit dem Franzosentum scharf ins Gericht -gegangen, hatte ihn gar kurzweg einen Franzosen-»Affen« genannt -- -Grund genug, daß nicht nur der Berliner Zensor Renfner die Schrift als -»sträflich« bezeichnete, sondern sich der Minister des Auswärtigen von -der Goltz und sein Staatsrat von Raumer persönlich damit beschäftigten. - -Die beiden Herren stellten daraus »die schändlichsten und empörendsten -Schmähungen wider das heilige Andenken des großen Königs« zusammen; -Goltz fand die Tatsache des Verlags durch die Königsberger Firma, -»wenn es nicht klar zu Tage läge, allen Glauben übersteigend«, -verfügte die sofortige Beschlagnahme und verlangte entschieden, -daß die ostpreußische Regierung den schuldigen Zensor seines Amtes -entsetze oder, wenn der Verleger ohne Zensur habe drucken lassen, das -Zensuredikt von 1788 gegen diesen im voller Schärfe zur Anwendung -bringe. Ihm schien »die Wurzel des Übels tiefer zu liegen und mit neuen -schädlichen Keimen und Sprossen zu drohen«, und er hielt es daher sogar -für notwendig, das Buch dem Staatskanzler Hardenberg vorzulegen, damit -dieser imstande sei, »den bösen Principien in ihren ersten Fäden zu -widerstehen«. Voll tiefer Entrüstung schrieb er am 14. Januar 1814 an -Hardenberg: »Erwägt man den diametralen Widerspruch, in welchem diese -freche Verunglimpfung der Manen Friedrichs mit dem hohen Königlichen -Wort vom 17. März 1813: ›Erinnert euch an den großen Friedrich‹ stehet, -auf welches erhabene Wort so herrliche Taten geschehen sind; erwägt man -ferner, daß die preußische Nation frei von dem bösen Symptom ist, die -Manen ihrer Heroen zu verunglimpfen oder auch nur diese Verunglimpfung -zu gestatten, und auf diese Weise durch Undank gegen die Vorwelt -und gegen verehrte Manen den Undank gegen den lebenden Herrscher -vorzubereiten; erwägt man, daß Arndt, der Verf. der Verunglimpfung, -vielleicht ebensowenig irgend einer der Regierungen Teutschlands, als -der preuß. Regierung angehört und vielmehr unter dem gemißbrauchten -ehrwürdigen Namen eines Teutschen, nach Gründung irgend einer, von -seinem Einfluß beseelten Willkür strebt, erwägt man endlich, daß -dieser Arndt ein talentvoller Mann ist, der in seiner Schrift ›Über -das Preußische Volk und Heer‹, unter einigen tadelnswerten Zügen, viel -Vortreffliches und der Überlieferung auf die Nachwelt Würdiges gesagt -hat; so wird die Frage interessant, ob eigener böser Wille, eigne -Verkehrtheit und Schmähsucht des Verf. und zugleich eine unbegreifliche -historische Kurzsichtigkeit desselben, die in Preußens ruhmvoller Zeit -unter Friedrich den Keim des preuß. Ruhms in der gegenwärtigen Zeit -nicht zu finden weiß, oder ob vielmehr äußere Impulsion ihn antreibt, -in diesem unwürdigen, frevelnden Ton zu schreiben.« - -Der hämische Hinweis des Ministers auf die deutsch-patriotische -Tätigkeit des Ausländers, das Mißtrauen gegen seine Motive und der -Verdacht, daß er ein Werkzeug in der Hand einer fremden Macht sei, -den Namen eines Deutschen mißbrauche (!) und nach revolutionärer -Willkür strebe, sind schon weitere Vorboten der Reaktion, die nach den -Befreiungskriegen mit voller Macht einsetzte. - -Hardenberg mußte nach dieser beschwörenden Ansprache wohl oder übel -die Sache weiterverfolgen. Der Verleger Nicolovius hatte das Buch -Arndts gar nicht gelesen, berief sich auf die Petersburger Zensur und -den Freiherrn vom Stein, der mit Arndt in seinem Hause gewohnt hatte, -und meinte sehr kühl, einem Historiker müsse ein freies Urteil erlaubt -sein; stimme es mit den Ansichten »anderer« nicht überein, so werde es -schon Widerspruch finden; nur so könne die Geschichte »Wahrheit als -Haupterforderniß« erhalten. - -Ganz andere Saiten aber zog das Militärgouvernement von Zastrow und -von Dohna auf. Es wies zunächst darauf hin, daß Arndt an zahlreichen -Stellen seines Buches Friedrichs II. »mit dem höchsten Lobe« gedenke, -daß sein Tadel des Königs auch in andern, nicht verbotenen Schriften -erhoben werde, und daß dieser Tadel obendrein durchaus berechtigt und -»von der Nation tief gefühlt« worden sei. Die Nachfolger Friedrichs -hätten »die traurigen Folgen« seiner Franzosenschwärmerei »öffentlich -anerkannt und angelegentlich dahin gestrebt, dem großen dadurch -entstandenen Übel entgegenzuwirken«. Nicht durch »Irreligiösität und -Vorliebe für die Franzosen, sondern gerade im Gegenteil durch eine -heilsame Rückkehr zum Bessern, durch allgemein wieder reggewordenen -[religiösen] Sinn und ganz allgemein verbreiteten Haß gegen die -Franzosen« habe die Nation im letzten Jahr so außerordentliche Dinge -geleistet. - -Hardenberg erbat sich daraufhin vom Minister von der Goltz ein Exemplar -des Taschenbuchs. Was weiter daraus wurde, darüber besagen die Akten -nichts. Der Staatskanzler war damals mit den verbündeten Heeren auf dem -Wege nach Paris und wird die Sache aus dem Auge verloren haben. Goltz -aber dürfte der Aufforderung Hardenbergs gar nicht nachgekommen sein. -Sein Verhalten in dem gleichzeitig spielenden Fall Kotzebue läßt das -mit Sicherheit annehmen. - - -»Noch Jemands Reise-Abentheuer.« - -Ebenso wie Arndts »Historischem Taschenbuch« ging es zur selben Zeit -auch der heroischen Tragi-Komödie »Noch Jemands Reise-Abentheuer«, -worin in lustigen Versen die Abenteuer Noch Jemands (d. i. Napoleons) -und seines Mameluken verspottet waren. Ihr Verfasser war der -unermüdliche Kotzebue, der darin die Taten der Russen und Preußen -verherrlicht und den Patriotismus des Volkes angeregt zu haben glaubte, -wie er dies in zahllosen andern Possen, Komödien und Flugschriften -mit großem Geschick und Erfolg getan hatte. Im übrigen war er der -Überzeugung: »Das Ungeheuer Napoleon ist ein so verabscheuungswürdiger -Gegenstand, daß, so lange unsere Monarchen noch im Krieg gegen ihn -begriffen sind, die Feder sowohl als das Schwert sich alles gegen -denjenigen erlauben darf, der sich mit Schwert und Feder so oft Alles -gegen uns erlaubt hat.« - -Kotzebue, der damals in Königsberg als russischer Generalkonsul lebte, -hoffte mit jener Tragi-Komödie eine »Auszeichnung« verdient zu haben; -statt dessen wurde ihm von Berlin eine »Beleidigung« zuteil, denn der -Minister von der Goltz nannte sein Opus ein »Pasquill« und verfügte am -14. Januar 1814 dessen Verbot mit der Begründung: »Schmähungen sind mit -der eigenen Würde einer großen, gerechten Sache nicht vereinbar.« - -Dieses Pasquill nun hatte in Reval und Riga eine doppelte -russische Zensur passiert und war schließlich vom Königsberger -Militärgouvernement ausdrücklich genehmigt worden. Daraufhin hatte der -Verleger Nicolovius unbedenklich 500 Exemplare nach Berlin gesandt. - -Der Minister lief denn auch mit seinem Verbot bei dem Königsberger -Militärgouvernement sehr übel an. Dieses erwiderte in demselben -Schreiben vom 30. Januar 1814, das Arndts »Historisches Taschenbuch« -in Schutz nahm, sehr scharf, daß derlei Verbote von Schriften, die »in -Rußland und dem jetzt befreiten Deutschland« herausgekommen seien, -im Publikum »eine tief gekränkte und beunruhigte Stimmung so wie -die höchste Indignation gegen die Urheber dieses neuen Geistes und -Preßzwanges hervorgebracht« und außerdem die russische Behörde bereits -zu der »gehässigen Bemerkung« veranlaßt hätten, dieses Verfahren -deute wahrscheinlich auf eine Änderung des politischen Systems hin! -Die gesamte Nation verlange mit Recht, daß man nicht in Berlin alles, -»was zur Belebung des guten Geistes gereichen könne, als Verbrechen -verfolge«! Sei doch gerade von Berlin während der französischen -Besetzung »fast jede unwahre, vergiftende, das Königl. Haus und die -Nation herabwürdigende Darstellung ganz ungehindert« ausgegangen. Das -Militärgouvernement ersuche daher den Staatskanzler, den Minister -anzuweisen, »von einem solchen Verfahren abzustehen« und den Verkauf -aller Schriften zu gestatten, die mit Zensur in den Staaten der -verbündeten Mächte gedruckt würden. - -Hardenberg verfügte daraufhin am 11. März die Freigabe der -Kotzebueschen Schrift. Dieses Dementi und die scharfe Kritik des über -die Haltung der Berliner Presse während der Okkupationszeit noch immer -tief empörten Grafen Dohna an der Amtsführung des Ministers von der -Goltz ärgerten letzteren so sehr, daß er es wagte, den Befehl des -Staatskanzlers der Behörde in Königsberg einfach nicht mitzuteilen! - - -Das »Liedlein nach der Leipziger Schlacht«. - -Hatte da zur Feier der Leipziger Völkerschlacht ein anonymer -Verskünstler, wahrscheinlich ein damaliger »Feldgrauer«, in oder -um Königsberg, ein kräftiges Liedlein gedichtet, das durch seinen -volksmäßigen Ton in Verbindung mit einer bekannten Melodie bald auf -allen Etappenstraßen des preußisch-russischen Heeres gesungen wurde. Es -hub an: - - Es ritt ein Reiter wohl aus Paris. Trarah! - Aus vollen Backen ins Horn er blies. Trarah! - Er eignete fremde Taten sich an - Und pries nur sich selber den Tatenmann. - Trarah! Trarah! Trarah! - -und glossierte so in vierzehn Strophen den Feldzug Napoleons nach -Rußland, die klägliche Rückkehr der großen Armee und die endgültige -Niederlage des Korsen bei Leipzig. 8000 Mann Landsturm hatten es unter -Begleitung von Kriegsmusik gesungen, als die Kaiserin von Rußland auf -der Straße von Braunsberg nach Mülhausen vorüberfuhr, und es hatte der -Kaiserin, einer ehemaligen Prinzeß von Baden, so gut gefallen, daß -sie bald mehrere Strophen auswendig konnte und die sie begrüßenden -Landesdeputierten bat, ihr doch ja mehrere Exemplare des Textes zu -verschaffen. Daraufhin war dies »Liedlein nach der Leipziger Schlacht« -in Königsberg mit Zensur des dortigen Militärgouvernements gedruckt -worden, und das Militärgouvernement in Pommern war eben im Begriff, -gleichfalls einige hundert Exemplare davon herstellen zu lassen, als -der Minister von der Goltz am 26. Januar 1814 fand, daß der Text des -Liedes »wider eigene Würde und wider allen Anstand« verstoße, und dem -Ostpreußischen Regierungspräsidenten den Auftrag gab, den Königsberger -Zensor »über die richtigen Grundsätze von Anstand und Würde zu -instruieren«! Ebenso erklärte der Zensor Renfner das Gedicht für -»äußerst unanständig«. - -Es wird ewig unerfindlich bleiben, was in den lustigen Versen das -Anstandsgefühl des Grafen so sehr verletzte. Nicht die geringste -Unanständigkeit ist darin; Napoleon wird ein einziges Mal »das Untier« -genannt, und die derbste Strophe des Liedes lautet: - - Des Krieges Sichel er ruchlos wetzt. Ei! Ei! - Die Niemens Welle den Fuß ihm netzt. Ei! Ei! - Hoch trug er die Nas', als hin er ging, - Doch bald erfroren die Nas' ihm hing. - Ei! Ei! Ei! Ei! Ei! Ei! - -In Königsberg war man ob jener Berliner Verfügung denn auch nicht -wenig verblüfft. Das dortige Militärgouvernement von Zastrow und -von Dohna legte den Sachverhalt mit einer höchst ironischen Wendung -dem Staatskanzler von Hardenberg vor. Das Militärgouvernement von -Pommern erklärte ebenfalls, hier müsse wohl ein Mißverständnis -vorliegen: das Lied enthalte seines Erachtens nichts Anstößiges und -Bedenkliches, gehöre vielmehr zu den Liedern, die, der Fassungskraft -und dem Geschmack des Volkes angemessen, bei diesem eine »heitere und -enthusiastische Stimmung« erzeugten, deren es »bei den fortwirkenden -enormen Anstrengungen noch sehr bedürfe«. Auch das Militärgouvernement -von Schlesien fand die Maßregel »kleinlich«. - -Graf von der Goltz aber blieb auch hier hartnäckig bei seiner Meinung -und antwortete dem Militärgouvernement, das Lied sei »wegen der -Schimpfworte und andrer Anstößigkeiten verwerflich befunden worden«. -Vielleicht habe man, fügte er hinzu, in Pommern einen andern Text, oder -man könne mit »einigen wesentlichen« Veränderungen »etwas Besseres« -daraus machen; dann möge man ihm den »verbesserten Entwurf« gefälligst -einsenden. Dieser redaktionelle Auftrag kam dem Militärgouverneur -Stutterheim und dem pommerschen Zivilgouverneur Beyme doch wohl allzu -komisch vor; sie legten ihn ohne Antwort ~ad acta~ und ließen die -Soldaten das »Liedlein nach der Leipziger Schlacht« weiter so singen, -wie der Dichter es in einer glücklichen Stunde hinausgeschmettert hatte. - - -Hardenberg für eine liberalere Zensur. - -Als Hardenberg am 11. März 1814 die Rücknahme des Verbots von Kotzebues -»Noch Jemands Reise-Abentheuer« verfügte, gab er dem Minister des -Auswärtigen von der Goltz zugleich genauere Anweisung, wie er die -Zensur künftig gehandhabt wissen wollte. »Der Zensor«, erklärte er, -»kann immerhin sein Imprimatur denjenigen Schriften erteilen, welche -die Nation von den Kunstgriffen unterrichten, durch welche es dem -Kaiser der Franzosen gelang, sein Reich zu der gehabten monumentalen -Größe zu erheben, die wir erlebt haben, und so können auch ohne -Bedenken solche Schriften die Censur passieren, bei welchen der -Verf. die Absicht hat, seinen Zeitgenossen ein Gemälde derjenigen -Begebenheiten und Ereignisse zu liefern, durch welche das franz. System -in einem gehässigen Lichte gezeigt wird, gleichviel ob die Darstellung -in einen satirischen, ironischen oder ernsten Vortrag eingekleidet ist, -worauf um so weniger ein besonderes Gewicht in dem Augenblick gelegt -zu werden braucht, wo wir uns mit Frankreich in einem offenen Krieg -befinden.« - -Dem Königsberger Militärgouvernement hatte er am Tage zuvor die -Versicherung gegeben, daß er die Berliner Zensurbehörde zu einer -»liberalen und dem Geiste der Zeit und den Umständen angemessenen« -Beurteilung der ihr vorgelegten Schriften angewiesen habe. - -Hardenberg irrte sich aber gründlich, wenn er annahm, das Ministerium -des Auswärtigen werde daraufhin »das Weitere verfügen«. Herr von der -Goltz übte vielmehr »passive Resistenz«; er verschwieg nicht nur dem -Königsberger Militärgouvernement die Freigabe der Schrift Kotzebues, -sondern auch den obigen Befehl, den er allerdings auf sein Ressort -allein beziehen durfte, und beschränkte seinen nach Königsberg -gesandten »Extract« aus dem Schreiben Hardenbergs auf den Passus -von der Unstatthaftigkeit einer dortigen eigenmächtigen Zensur! Und -auch in der Folge waren er und der Zensor Renfner weit entfernt, in -ihrer Strenge nachzulassen; Renfner erlaubte sich sogar Schriften -zu beanstanden, die mit Hardenbergs Genehmigung oder auf seinen -ausdrücklichen Wunsch entstanden waren. - - -Zwei Randbemerkungen des Grafen Dohna. - -Obgleich sich Hardenberg gegenüber den franzosenfeindlichen -Druckschriften der Auffassung des Königsberger Militärgouvernements im -wesentlichen anschloß -- in _einem_ Punkte konnte er ihm nicht recht -geben: die Einheitlichkeit der Zensur wurde unterbrochen, wenn man -sich, wie von der Goltz sich ausdrückte, in Königsberg »anmaßte«, eine -besondere Zensurbehörde zu etablieren. Seiner beruhigenden Versicherung -einer künftigen liberaleren Zensur vom 10. März 1814 schickte er -deshalb die Bemerkung vorauf, daß die Zensur aller verlegten oder -eingeführten historisch-politischen Schriften ausschließlich Sache -einer einzigen Behörde, nämlich des Auswärtigen Departements in -Berlin sei. Auf die Streitfragen im einzelnen ging er dabei nicht -ein, darüber gab er ja dem Minister des Auswärtigen am nächsten Tag -genauere Anweisung. Graf Dohna, der letzteres nicht wissen konnte und -auch keinerlei Andeutung darüber erhielt, faßte daher das Schreiben -des Staatskanzlers als eine absichtliche Umgehung des eigentlichen -Streitfalles auf und schrieb unwirsch an den Rand: - - »Die Antwort auf die aufgestellten Fragen -- pfiffige Anstalt - zur Verdunkelung.« - -Und als nun Minister von der Goltz am 1. Mai aus der Verfügung -Hardenbergs vom 11. März den unvollständigen »Extract« nach -Königsberg sandte, der sich aber wohlweislich auf den Passus über die -Unstatthaftigkeit einer besonderen Königsberger Zensur beschränkte, -von der Freigabe der Kotzebueschen Schrift aber kein Wort verriet, sah -sich Dohna in seinem Verdacht bestärkt, und in dunkler Vorahnung der -kommenden Reaktionszeit setzte er eigenhändig die Worte darunter: - - »Einführung eines möglichst unwürdigen Preßzwanges und - Zerreißung des Ressorts der Militär-Gouvernements. Fürs erste - ~ad acta~.« - - -Blücher über Zensur. - -Nach der Flucht Napoleons von Elba (Februar 1815) wollte Friedrich -Förster, der Freund Körners, ein Sonett »Blücher bei der Nachricht von -der Heimkehr Napoleons von Elba« in der »Spenerschen Zeitung« drucken -lassen; der Zensor Renfner strich es. Förster beschwerte sich bei -Blücher selbst und bat um seine Vermittlung. Aber dieser antwortete: - -»Ne, mit die Censoren hier mag ich mir nich befassen; über die hat der -Teufel Gewalt. Packen Sie man Ihre Schriften ein und nehmen Sie sie mit -nach Paris; _da_ hab' ich zu befehlen, hier nicht.« - -So geschah es; sobald die Verbündeten in die französische Hauptstadt -eingerückt waren, erschien das Sonett in der »Teutschen Feldzeitung -aus Paris«, die jedenfalls von Förster selbst redigiert wurde, aber -eingehen mußte, als der Polizeiminister von Wittgenstein im November -1815 die Aufsicht über die Tagespresse übernahm und damit die -schlimmste Reaktion gegen alle freiheitlichen Bestrebungen in Preußen -einsetzte. - - * * * * * - -Die Zensur trat jetzt in ihre eigentliche Blütezeit. Dieser Fülle der -Erscheinungen widmet sich das zweite Bändchen: - -»_Biedermaier-Zensur_«. - - - - -Nachweis der wichtigsten Quellenschriften. - - - 1. Die Biographien Friedrichs II. von Preuß und Koser; - Consentius, F. d. Gr. u. die Zeitungszensur (»Preuß. - Jahrbücher« 1904); Buchholtz, Vossische Zeitung; - Consentius, Der Wahrsager; Hesse, Preuß. Preßgesetzgebung; - Wiesner, Denkwürdigkeiten d. österr. Censur; Nicolai in der - »Neuen berlin. Monatsschrift« 1807; Nicolai, Gedanken über - die Verbesserung etc. der Censur 1801; Alexis Herbstreise - durch Skandinavien. - - 2. W. Müller, Sonnenfels; Fournier, Swieten als Zensor; - Nicolai, Reise durch Deutschland u. d. Schweiz; Wiesner, a. - a. O.; Gnau, Die Zensur unter Joseph II.; Gragger in der - »Ungar. Rundschau« 1912. - - 3. Hesse, a. a. O.; Stölzel, Svarez; Prozeß des Buchdruckers - Unger gegen Zöllner 1791; Nicolais »Allg. deutsche - Bibliothek«; W. v. Humboldt's Ideen etc., hrsg. v. Cauer; - Schlesier, Erinnerungen an Humboldt; Haym, Humboldt; - Dilthey im »Archiv f. Gesch. d. Philosophie« 1890; Fromm, - Kant u. d. preuß. Zensur; Kapp im »Archiv f. Gesch. - des deutschen Buchhandels« Bd. V; Schrader, Gesch. der - Friedrichs-Universität Halle; Schütz, Darstellung s. - Lebens; Kant, Streit der Fakultäten; Harnack, Gesch. d. - Berliner Akademie d. Wiss.; Fichte, Zurückforderung d. - Denkfreiheit; Fichtes Leben u. literar. Briefwechsel. - - 4. Müller, Sonnenfels; Glossy im Grillparzer-Jahrbuch VII, - XVII u. XXV; Schreyvogels Tagebücher; Wlassack, Chronik d. - k. k. Hof-Burgtheaters; Brahm, Schiller; Schillers Briefe. - - 5. Iffland, Über meine theatr. Laufbahn; Glossy, a. a. O.; - Consentius, Die Berliner Zeitungen während d. französ. - Revolution (»Preuß. Jahrbücher« 1904); Buchholtz, a. a. O.; - Schreyvogel, a. a. O.; Wiesner, a. a. O.; L. A. Frankl, - Erinnerungen. - - 6. Wlassack, a. a. O.; Anschütz, Erinnerungen; Schreyvogel, - a. a. O.; Teichmanns Literar. Nachlaß; Urlichs, Briefe - an Schiller; Stauf v. d. March in der »Hilfe« 1913; - Grillparzer-Jahrbuch VII u. XXV; Laube, Burgtheater; A. v. - Weilen in der Festschrift für Kelle; Gragger, a. a. O.; - Briefwechsel Schiller--Körner; L. A. Frankl, a. a. O.; - Klingemann, Kunst u. Natur. - - 7. Grillparzer-Jahrbuch IX u. XXV; Castelli, Memoiren meines - Lebens; F. L. Schmidt, Denkwürdigkeiten; Teichmann, a. a. - O.; Karoline Bauer, Bühnenleben; Steig, Achim von Arnim; - Frankl, a. a. O.; Bauernfeld, Alt- u. Neu-Wien; Kaiser, - Unter 15 Theaterdirektoren. - - 8. Salomon, Gesch. des deutschen Zeitungswesens; Buchholtz, a. - a. O.; Czygan, Zur Geschichte der Tagesliteratur während - d. Freiheitskriege; Bassewitz, Kurmark Brandenburg; - Gubitz, Erlebnisse; Czygan in den »Forschungen z. - brandenburg. u. preuß. Geschichte«, Bd. XXI; Geiger, - Berlin; H. Prutz in der Beilage zur »Allgem. Zeitung« - 1893; Hagen, Schenkendorfs Leben; Czygan im »Euphorion«, - Bd. XIII u. XIX; Goedeke, Grundriß; Fichte, Reden an - die deutsche Nation 1808, neue Ausgabe von Leser 1908; - Briefwechsel Gentz--Adam Müller; Köpke, Gründung der Kgl. - Friedrich-Wilhelms-Universität zu Berlin; Varnhagen, - Denkwürdigkeiten; Lehmann in den Sitzungsberichten d. - K. Ges. d. Wiss. zu Göttingen 1895; Granier in der - Sonntagsbeil. der »Voss. Ztg.« 1905; Gebhardt, W. v. - Humboldt als Staatsmann; Humboldt, Ges. Schriften; Kleists - Werke, hrsg. von Schmidt, Steig u. Minde-Pouet; Chamissos - Briefe; Castelli, Memoiren. - - 9. Steig, H. v. Kleists Berliner Kämpfe; Czygan, Zur Gesch. d. - Tagesliteratur etc. - - 10. Czygan, Zur Gesch. d. Tagesliteratur etc.; P. Hassel in der - »Zs. f. Preuß. Gesch. u. Länderkunde« 1875; Dreyhaus in den - »Forsch. z. brandenburg. u. preuß. Geschichte«, Bd. 22; Aus - Schleiermachers Leben; Preuß. Gesetzessammlung; Salomon, a. - a. O. - - -F. A. Brockhaus, Leipzig. - - - - - Weitere Anmerkungen zur Transkription - - - Offensichtliche Fehler wurden stillschweigend korrigiert, ansonsten - wurde die Originalschreibweise beibehalten. Die Darstellung der - Ellipsen wurde vereinheitlicht. - - - - - -End of Project Gutenberg's Hier Zensur - wer dort?, by Heinrich Hubert Houben - -*** END OF THIS PROJECT GUTENBERG EBOOK HIER ZENSUR - WER DORT? *** - -***** This file should be named 63744-0.txt or 63744-0.zip ***** -This and all associated files of various formats will be found in: - http://www.gutenberg.org/6/3/7/4/63744/ - -Produced by The Online Distributed Proofreading Team at -https://www.pgdp.net - -Updated editions will replace the previous one--the old editions will -be renamed. - -Creating the works from print editions not protected by U.S. copyright -law means that no one owns a United States copyright in these works, -so the Foundation (and you!) can copy and distribute it in the United -States without permission and without paying copyright -royalties. 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You may copy it, give it away or re-use it under the terms of -the Project Gutenberg License included with this eBook or online at -www.gutenberg.org. If you are not located in the United States, you'll have -to check the laws of the country where you are located before using this ebook. - -Title: Hier Zensur - wer dort? - Antworten von gestern auf Fragen von heute - -Author: Heinrich Hubert Houben - -Illustrator: Thomas Theodor Heine - -Release Date: November 13, 2020 [EBook #63744] - -Language: German - -Character set encoding: UTF-8 - -*** START OF THIS PROJECT GUTENBERG EBOOK HIER ZENSUR - WER DORT? *** - - - - -Produced by The Online Distributed Proofreading Team at -https://www.pgdp.net - - - - - - -</pre> - - -<div class="transnote"> -<p class="h2">Anmerkungen zur Transkription</p> - -<p>Das Original ist in Fraktur gesetzt. -Im Original gesperrter Text ist <em class="gesperrt">so ausgezeichnet</em>. -Im Original in Antiqua gesetzter Text ist <em class="antiqua">so markiert</em>.</p> - -<p>Weitere Anmerkungen zur Transkription befinden sich -am <a href="#tnextra">Ende des Buches</a>.</p></div> - -<div class="figcenter" id="cover"> - <img src="images/cover.jpg" alt="Cover" /> -</div> - -<div class="chapter"> -<p class="h2"> -H. H. Houben -</p> -<h1>Hier Zensur – wer dort?</h1> -<p class="center"> -Antworten von gestern<br /> -auf Fragen von heute</p> -<p class="center smaller"> -Mit Umschlagbild von</p> -<p class="center"> -Th. Th. Heine</p> -<div class="figcenter" id="signet"> - <img src="images/signet.jpg" alt="Signet" /> -</div> -<p class="center p2"> -Leipzig · F. A. Brockhaus · 1918 -</p> -<div class="figcenter" id="zensor"> - <img src="images/zensor.jpg" alt="Zensurstempel" /> -</div> - -<hr class="chap" /> -</div> - -<div class="chapter letter"> -<p>Dieses Büchlein ist ein Auszug aus einem gleichnamigen größeren -Werk, das später im selben Verlag erscheinen wird.</p> - -<p>Als <em class="gesperrt">Fortsetzung</em> folgt ein ebenfalls in sich abgeschlossenes Bändchen -von gleichem Umfang und gleichem Preis unter dem Titel: -»<b>Biedermaier-Zensur</b>«, das folgende Kapitel enthalten wird:</p> - -<p>1. Friedenshoffnungen und -enttäuschungen. 2. Metternich »karlsbadert«. -3. Friedrich von Gentz als Zensor. Eine Komödie in 1 Vorspiel -und 5 Akten. 4. »Es soll der Sänger mit dem König gehn.« -5. Der Musterstaat Preußen. 6. Aus den Memoiren eines Berliner -Zensors. 7. Redaktionsgeheimnisse. 8. Zensurstriche und -streiche. -9. Biedermaier vor und hinter den Kulissen. 10. Franz Grillparzer – -ein besonderes Kapitel.</p> - -<p class="center p2">Copyright 1918 by F. A. Brockhaus, Leipzig.</p> -<hr class="chap" /> -</div> - -<div class="chapter"> -<p><span class="pagenum"><a id="Seite_3"></a>[3]</span></p> - -<h2 class="nobreak" id="Vorwort">Vorwort.</h2> -</div> - -<p>Der Kampf der Literatur mit der Zensur, wie sie ehemals -in deutschen Landen betrieben wurde, ist der ewige Widerstreit -zweier Weltanschauungen, der Kampf des Lichtes gegen die -Finsternis, der Aufklärung gegen den Obskurantismus. Der -unselige Krieg, der in der ganzen »Kulturwelt« soviel längst -überwundenes Menschliche, allzu Menschliche wieder lebendig -machte, hat auch diesen uralten Zwist aufs neue entfesselt. -»<em class="gesperrt">Hier Zensur!</em>« ertönt's heute allüberall, wo ein neues Werk -der Literatur – oder auch nur der Druckerpresse – zum Lichte -drängt, im Vaterland, in Feindesland und in Neutralien. Mit -allgemeinen Redensarten für oder wider ist da nichts geholfen. -Die unbestechlichen Tatsachen haben diesen Kampf zu entscheiden, -in dem Fürsten und Völker, die Götter, Helden und Don -Quichotes unserer Kultur eine merkwürdig wechselnde Rolle -als Sieger und Besiegte spielen.</p> - -<p>»<em class="gesperrt">Wer dort?</em>« Wer sind diese Leute, die vor dem Richterstuhl -des Zensors als Angeklagte zu stehen pflegten, und was -waren ihre Verbrechen? Diese Frage soll mein Büchlein beantworten. -Die »gute, alte Zeit« hängt es in farbenlustigen -Miniaturbildern und ernsthaft-schwarzen Schattenrissen an die -Wand. Da purzelt höfische und militärische, politische, -religiöse und moralische Zensur nur so übereinander. Ehrlichen -Gewissenskonflikt höhnt herausfordernder Übermut, das Recht des -Staates, der Allgemeinheit, und das der Persönlichkeit übertrumpfen -einander in Gewalttaten oder diplomatischen Listen, -stolze Gelassenheit triumphiert über stichflammende Leidenschaft, -und diese Hahnenkämpfe auf Leben und Tod werden anmutig -unterbrochen durch kurieuse Begebenheiten, groteske Saltomortales -und unfreiwillige Humore verblüffendster Art. Zuletzt kommt -dann immer das große Messer und befördert alle die geschwollenen -Kämme in den großen Kochtopf der Geschichte.</p> - -<p>Vielleicht daß ein Blick in das, was <em class="gesperrt">gestern</em> war, uns -stärkt, im <em class="gesperrt">Heute</em> durchzuhalten. Daher der Untertitel meines -Buches: »<em class="gesperrt">Antworten von gestern auf Fragen von heute</em>.«</p> - -<p class="right"> -Prof. <em class="antiqua">Dr.</em> <em class="gesperrt">H. H. Houben</em>.</p> -<div class="left"> -<p class="center"><em class="gesperrt">Leipzig</em>,<br /> -<span class="smaller">zu Anfang des fünften Weltkriegsjahres.</span> -</p> -</div> -<hr class="chap" /> - -<div class="chapter"> -<p><span class="pagenum"><a id="Seite_4"></a>[4]</span></p> - -<h2 class="nobreak" id="Inhalt">Inhalt.</h2> -</div> - -<table summary="Inhalt"> -<tr> -<td colspan="2"></td><td class="tdr">Seite</td> -</tr> -<tr> -<td class="tdrt">1.</td><td class="tdl">Friedrichs des Großen königliche Freiheit</td> - <td class="tdr"><a href="#kap01">5</a></td> -</tr> -<tr> -<td class="tdrt">2.</td><td class="tdl">Kaiser Josephs II. Zensurreform</td> - <td class="tdr"><a href="#kap02">30</a></td> -</tr> -<tr> -<td class="tdrt">3.</td><td class="tdl">Des gottseligen Herrn Ministers von Wöllner -Blumen-, Frucht- und Dornenstücke</td> - <td class="tdr"><a href="#kap03">47</a></td> -</tr> -<tr> -<td class="tdrt">4.</td><td class="tdl">An der Wiege des Theaterzensors</td> - <td class="tdr"><a href="#kap04">84</a></td> -</tr> -<tr> -<td class="tdrt">5.</td><td class="tdl">Die Furcht vor der Revolution</td> - <td class="tdr"><a href="#kap05">101</a></td> -</tr> -<tr> -<td class="tdrt">6.</td><td class="tdl">Der Kampf gegen die Klassiker</td> - <td class="tdr"><a href="#kap06">118</a></td> -</tr> -<tr> -<td class="tdrt">7.</td><td class="tdl">Kleine Kulissengeheimnisse der Theaterzensur</td> - <td class="tdr"><a href="#kap07">135</a></td> -</tr> -<tr> -<td class="tdrt">8.</td><td class="tdl">Im Banne Napoleons</td> - <td class="tdr"><a href="#kap08">143</a></td> -</tr> -<tr> -<td class="tdrt">9.</td><td class="tdl">Ein Opfer der Zensur</td> - <td class="tdr"><a href="#kap09">165</a></td> -</tr> -<tr> -<td class="tdr">10.</td><td class="tdl">Bürokratie und Militarismus</td> - <td class="tdr"><a href="#kap10">178</a></td> -</tr> -<tr> -<td></td><td class="tdl">Nachweis der wichtigsten Quellenschriften</td> - <td class="tdr"><a href="#bibliographie">208</a></td> -</tr> -</table> -<hr class="chap" /> - -<div class="chapter"> -<p><span class="pagenum"><a id="Seite_5"></a>[5]</span></p> - -<h2 class="nobreak" id="kap01">1. Friedrichs des Großen königliche Freiheit.</h2> -</div> - -<div class="epigraph"> - -<p>»Die Religionen Musen alle Tolleriret -werden und Mus der Fiskal nuhr das auge -darauf haben das Keine der andern abruch -Tuhe, den hier mus jeder nach Seiner Fasson -Selich werden.«</p> - -<p class="right"> -Erlaß Friedrichs II. vom 23. Juli 1740. -</p> -</div> - -<h3>Vom Ursprung der Zensur.</h3> - -<p>Die Zensur, die Prüfung von Druckschriften <em class="gesperrt">vor</em> ihrem Erscheinen -im Buchhandel, ist eine Erfindung der geistlichen Machthaber -zu Ende des 15. Jahrhunderts. Die Buchdruckerkunst hatte -dem geknechteten Gedanken befreiende Flügel verliehen. Nachträgliche -Verbote schon gedruckter und verbreiteter Bücher konnten -deren Wirkung nicht mehr ersticken; also mußte man die Quellen -selbst zu erfassen und einzudämmen suchen, ehe sie erquickend -und befruchtend – nach Ansicht der geistlichen Kulturträger vergiftend -und verheerend – ins Freie hinaussprudelten.</p> - -<p>Dem Kurfürsten Berthold von Mainz gebührt der zweifelhafte -Ruhm, 1486 in seinem Sprengel die erste Zensurbehörde -eingerichtet zu haben; Exkommunikation und schwere Geldstrafe -bedrohten jeden, der ein Buch druckte oder auch nur las, dem -die geistliche Behörde nicht ihre Genehmigung (<em class="antiqua">Imprimatur</em>, -d. h. es werde gedruckt) gegeben hatte, und die Päpste beeilten -sich, diese nützliche Einrichtung durch Erlasse und Konzilienbeschlüsse -in der ganzen katholischen Christenheit zur Geltung -zu bringen. Papst Leo X., der die Kosten zum Bau der -Peterskirche durch den Handel mit Ablaßzetteln bestritt und -dadurch den Anstoß zur Reformation gab, erließ noch 1515 -ein allgemeines Zensuredikt, zwei Jahre bevor Luther seine -Thesen an die Schloßkirche zu Wittenberg heftete, und in dem -damit ausbrechenden, Jahrhunderte dauernden Kulturkampf war -die Zensur, die Unterdrückung aller ketzerischen Schriften und -die Verfolgung ihrer Verfasser und Drucker, eine der wirksamsten -und immer rücksichtsloser gehandhabten Waffen der klerikalen -Heerscharen, ihrer geistlichen und weltlichen Bannerträger.</p> - -<p><span class="pagenum"><a id="Seite_6"></a>[6]</span></p> - -<h3>Politische Zensur.</h3> - -<p>Allmählich wucherte die Zensur auch auf das politische Gebiet -hinüber. In Brandenburg-Preußen führte der Große -Kurfürst sie 1654 ein; sie richtete sich aber zunächst nur gegen -theologische Schriften. Der erste Preußenkönig, Friedrich I. -(1701–1713), dehnte sie 1703, während des spanischen Erbfolgekrieges, -auf politische Bücher aus, »so den Statum publicum -und die in Krieg verwickelten Potentaten betreffen«. Die politische -Zensur darf daher als eine Begleiterscheinung kriegerischer Verwicklungen -bezeichnet werden. Preußische Zeitungen wurden schon -im 17. Jahrhundert durch besondere Zensoren beaufsichtigt.</p> - -<p>1708 ernannte Friedrich I. die Berliner Sozietät der Wissenschaften, -die Vorläuferin der Akademie, zur obersten brandenburgischen -Zensurbehörde. Sie hatte alle »politischen und die -Zeit-Geschichte enthaltenden alß gelahrten zur Literatur und -Scientien gehörigen Schriften« zu prüfen und alles zu verbieten, -»worin der Ehre Gottes und der Würdigkeit der christlichen -Religion zu nahe getretten und dieselben einigermaßen -verletzet« wurden und was »wider die gesunde Moral oder -auch ärgerliche und der christlichen Ehrbarkeit zuwiderlauffende -Dinge« enthielt; ebenso alles, worin »von der Regierung oder -hohen Obrigkeit insgemein verächtlich und verfänglich geredet, -oder in Absicht auf dieselbe gefährliche Principia insinuiret -oder zur Unruhe und Zerrüttungen in geist- und weltlichen -Stande abziehlende Sätze eingestreuet« waren oder wodurch der -Respekt gegen die »höchsten Häubter«, die Ehre und das -Interesse des Königs, seines Hauses oder seiner zufälligen Verbündeten -verletzt wurde.</p> - -<p>Von einer einheitlichen Gesetzgebung für alle brandenburg-preußischen -Staaten war man aber noch weit entfernt. Für -das Herzogtum Magdeburg z. B. besaß die Universität Halle -seit 1697 die Zensurhoheit, und mehrfache Versuche, die damit -verbundenen beträchtlichen Einkünfte der Berliner Akademie -zuzuwenden, stießen auf heftigen und erfolgreichen Widerstand -der Hallenser Professoren. Auch ihre eigene Zensurfreiheit -wollten sie sich nicht nehmen lassen. Da aber die politischen -Schriften, die von der Universität ausgingen, den Fürsten allmählich -unbequem zu werden begannen, wurde 1720 ihre<span class="pagenum"><a id="Seite_7"></a>[7]</span> -Druckfreiheit in einem Punkte beschränkt: das Rechtsverhältnis -zwischen dem Kaiser und den Reichsständen durfte in Universitätsschriften, -Doktordissertationen usw., überhaupt nicht mehr erörtert, -höchstens berichtweise dargelegt werden. Um dieselbe -Zeit verbot Friedrich Wilhelm I. einem Kriegsrat von Happe -in Halle, jemals wieder Bücher drucken zu lassen, mit den -freundlichen Worten: »Werdet ihr es euch dennoch unterstehn, -wil ich euch aufhengen und eure Schriften durch den Büttel -verbrennen lassen«.</p> - -<p>Genau so wie die geistlichen Fürsten hatten auch die weltlichen -es bald gelernt, sich der gefährlichen Erörterung ihrer -Rechte durch Zensurverbote zu entledigen.</p> - -<h3>Das tapfere Generaldirektorium.</h3> - -<p>Bald genügten die bisherigen Verordnungen über politische -und religiöse Schriften nicht mehr. Von 1716 bis 1731 -wurden in Preußen nur neun Bücher verboten. Vom kaiserlichen -Hof in Wien und besonders von Rußland liefen Beschwerden -ein, und am 20. September 1732 befahl Friedrich -Wilhelm, daß alle Schriften, »in welchen Unser und Unserer -hohen Alliirten Interesse versiren möchte«, nicht nur »durch -verordnete tüchtige Censores approbiret«, sondern außerdem -noch, nebst dem Urteil des Zensors, dem Kabinettsministerium -in Berlin eingesandt werden sollten.</p> - -<p>Gegen gotteslästerliche Schriften war der fromme König -besonders empfindlich. Als im Jahre 1737 eine anonyme satirische -Komödie der Frau Gottsched, »Die Pietisterey im Fischbein-Rocke«, -seinen heftigsten Unwillen erregte, entwarf der Minister -von Cocceji ein erstes allgemeines Zensuredikt. Eine Verordnung -des Königs vom 19. März bestimmte ferner, daß im -Berliner Packhof von auswärts ankommende Bücher nicht eher -ausgeliefert werden dürften, bis der Generalfiskal ein Verzeichnis -davon erhalten und die Einfuhr genehmigt habe.</p> - -<p>Dieser damals in Österreich schon längst üblichen Ausdehnung -der Zensur auf alle im Lande gedruckten oder von -auswärts eingeführten Schriften widersetzte sich aber das Generaldirektorium, -die damalige preußische Verwaltungsbehörde, so<span class="pagenum"><a id="Seite_8"></a>[8]</span> -nachdrücklich, daß Coccejis Zensuredikt, obgleich es schon gedruckt -war, zurückgezogen und die Verfügung des Königs auf -theologische Schriften beschränkt wurde. »Das Bücherwesen«, -erklärte das Generaldirektorium, »hat seit der Reformation in -ganz Deutschland, nicht weniger in allen civilisirten Landen -freien Lauf gehabt, wodurch die Gelehrsamkeit zu sehr hohem -Grade gestiegen ist, in welchem wir sie heut zu Tage sehen. -Wollte nun diese Freiheit durch dergleichen Ordre in Ihro -Majestät Landen eingeschränkt werden, so würden die Gelehrten -hiedurch nicht allein sehr niedergeschlagen, und der Buchhandel -gänzlich zu Grunde gerichtet werden, sondern auch die Barbarei -und Unwissenheit, welche Ihro Majestät glorwürdigste Vorfahren -mit so vieler Mühe und Kosten vertrieben, auf's Neue, zum -größten Praejudiz der gegenwärtigen und zukünftigen Zeit -überhand nehmen.«</p> - -<h3>»Gazetten dürfen nicht geniret werden.«</h3> - -<p>Dies vielzitierte Wort Friedrichs des Großen, der am -31. Mai 1740 seine Regierung antrat, findet sich in einem -Schreiben des Kabinettsministers Grafen Podewils vom 5. Juni -1740 an den Kriegsminister, das lautete:</p> - -<p>»Sr. Königl. Mayestät haben mir nach auffgehobener Taffel -allergnädigst befohlen des Königl. Etats undt Krieges Ministri -H. von Thulemeier Excellenz in höchst Deroselben Nahmen zu -eröffnen, daß dem hiesigen Berlinschen Zeitungs Schreiber eine -unumbschränckte Freyheit gelaßen werden soll in dem articul -von Berlin von demjenigen was anizo hieselbst vorgehet zu -schreiben was er will, ohne daß solches censiret werden soll, -weil, wie höchst Deroselben Worthe waren, ein solches Dieselbe -divertiren, dagegen aber auch so denn frembde Ministri sich -nicht würden beschweren können, wenn in den hiesigen Zeitungen -hin undt wieder Passagen anzutreffen, so ihnen misfallen könten. -Ich nahm mir zwar die Freyheit darauff zu regeriren, -daß der Rußische Hoff über dieses Sujet sehr pointilleux wäre, -Sr. Königl. Mayestät erwiederten aber daß Gazetten wenn sie -interessant seyn solten nicht geniret werden müsten; welches -Sr. Königl. Mayestät allergnädigsten Befehl zu folge hiedurch -gehorsahmst melden sollen.«</p> - -<p><span class="pagenum"><a id="Seite_9"></a>[9]</span></p> - -<p>Gegen diese Liberalität des neuen Herrn hatte Herr von -Podewils selbst gewichtige Bedenken, und auch der Kriegsminister -von Thulemeyer, der damalige Chef der Zeitungszensur, -machte dazu die vorsichtige Randbemerkung: »Wegen -des articuls von Berlin ist dieses indistincte zu observiren -wegen auswärtiger Puissancen aber <em class="antiqua">cum grano salis</em> und mit -guter Behuetsamkeit.«</p> - -<h3>Ein zweifelhafter Fortschritt.</h3> - -<p>Unter »Zeitungen« verstand König Friedrich nichts anderes -als die einzelnen Nummern der seit 1721 dreimal wöchentlich -erscheinenden »Berlinischen Privilegirten (später Vossischen) -Zeitung«, der einzigen, die damals in Berlin bestand. Die -ihr jetzt gewährte Zensurfreiheit bezog sich aber durchaus nur -auf den lokalen Teil. Das war immerhin ein Fortschritt, -denn nun durfte sich der Berichterstatter doch wieder getrauen, -Nachrichten über das Leben am königlichen Hofe zu bringen, -was Friedrichs Vorgänger sich stets sehr ungnädig verbeten -hatte, so daß die Zeitungsleser über ausländische Potentaten -stets weit mehr erfuhren denn über ihren eigenen Herrn.</p> - -<p>Andererseits war der russische Gesandte über alles, was die -Zeitung von Rußland erzählte, stets »ungemein sensibel«, so -daß schon Friedrich Wilhelm I. 1724 dem Verleger Rüdiger -befohlen hatte, keine noch so unbedeutende selbständige Nachricht -über das Zarenreich mehr zu bringen; nur was der russische -Gesandte selbst einsandte, durfte gedruckt werden. Gab man nun, -so meinte der junge König, den eigenen Hof den Lokalreportern -preis, so konnte sich auch der russische nicht mehr beklagen.</p> - -<p>Im übrigen stand die Zeitung nach wie vor unter Zensur, -die nach dem Tode Thulemeyers der Kriegsrat von Ilgen -übernahm, und bald zeigte sich, daß es auch mit der »unumbschränkten -Freiheit« des lokalen Teils nicht weit her war. -Schon im September wurde die Zeitung strenge ermahnt, die -ihr »erlaubete Freyheit mit mehrer Ueberlegung und Behutsamkeit -zu gebrauchen … wiedrigen Falls nachdrückliche Ahntung -zu gewärtigen« sei. Der Zensor von Ilgen hielt sich zwar -an des Königs Befehl und strich im lokalen Teil nichts, aber -die nachträgliche »Ahntung« konnte weit unangenehmer werden<span class="pagenum"><a id="Seite_10"></a>[10]</span> -als die strengste Zensur, die den Verleger wenigstens von der -Verantwortlichkeit für die zensierten Artikel befreite. Weder der -König noch die Minister oder das Generaldirektorium waren -an Öffentlichkeit der politischen Vorgänge oder auch nur der -staatlichen Personalien gewöhnt, und als schon im Dezember -1740 der erste Schlesische Krieg begann, wurde die Zeitungsredaktion -sehr bald aus dem Traume ihrer vermeintlichen -Zensurfreiheit aufgerüttelt. Über die wichtigsten Tagesvorgänge -in Schlesien usw. durfte sie nichts bringen ohne den ausdrücklichen -Auftrag des Etatsministers.</p> - -<h3>Mit königlicher Freiheit.</h3> - -<p>Nicht viel bessere Erfahrungen machte der Verleger Ambrosius -Haude, der vom 30. Juni 1740 an in den »Berlinischen -Nachrichten von Staats- und gelehrten Sachen« (der späteren -»Spenerschen Zeitung«) der »Vossischen« eine gefährliche Konkurrenz -entgegenstellte.</p> - -<p>Haude war ein literarischer Vertrauensmann des jungen -Fürsten. Als der strenge Vater die Bibliothek des Sohnes -in einem Tapetenschrank entdeckte und verkaufen ließ, hatte -Haude sie erstanden und in einem Hinterzimmer seines Buchladens -aufgestellt, wo nun der Kronprinz verbotener Lektüre in -Ruhe frönen konnte. Der Lohn dafür war jetzt ein Privileg -zur Herausgabe einer deutschen und einer französischen Zeitung; -die letztere, das »<em class="antiqua">Journal de Berlin</em>«, bestand nur ein Jahr.</p> - -<p>Zunächst erfreute sich Haude tatsächlich völliger Zensurfreiheit. -Da niemand wußte, wieweit das ihm vom König gewährte -Privileg ging, wagte man sich an ihn nicht heran. Als -aber im Dezember 1740 die Kriegszensur einsetzte und der -Verleger der »Vossischen« sich beschwerte, daß der Zensor ihm -Artikel streiche, die in dem Konkurrenzblatt ungehindert erschienen, -fragte man Haude nach seiner Konzession, und da er -nichts Schriftliches vorweisen konnte, wurde ihm am 31. Dezember -befohlen, in seinen beiden Blättern »von Seiner Königl<sup>en</sup> -Mt. höchsten affairen und Angelegenheiten, von nun-an, weiter -nicht das geringste, es habe Nahmen wie es immer wolle«, -ohne Zensur zu drucken.</p> - -<p><span class="pagenum"><a id="Seite_11"></a>[11]</span></p> - -<p>Mit der »unumbschränkten Freiheit« auch nur des lokalen -Teils der Berliner Zeitungen war es also schon im Dezember -1740 gründlich vorbei. Haude sperrte sich zwar noch eine -Weile, aber als man ihm mit Verlust seines Privilegs drohte, -blieb ihm nichts übrig, als sich der Zensur Ilgens zu unterwerfen.</p> - -<p>Schon am 9. Juli 1743 machte dann der König selbst -diesem unklaren Zustand ein Ende, indem er die drei Jahre zuvor -verliehene Zensurfreiheit zurücknahm und die Gazetten nicht eher -mehr zum Druck zu geben befahl, »bis selbige vorher durch einen -vernünftigen Mann censiret und approbiret worden seynd«.</p> - -<p>Kriegsrat von Ilgen übte also die Zensur weiter, bis er -1750 wegen mangelnder Aufmerksamkeit seines Amtes entsetzt -und durch einen strengeren Herrn, den Geh. Rat Vockerodt, abgelöst -wurde.</p> - -<p>Bis Ende 1742 hatte die »Spenersche Zeitung« den -Wahlspruch »Wahrheit und Freiheit« geführt, von Beginn des -folgenden Jahres ab erschien sie nur noch »Mit königlicher -Freiheit«. Das sollte jedenfalls heißen »mit königlichem Privilegium«, -klang aber jetzt wie Ironie.</p> - -<h3>Die Berliner Zeitungen unter Friedrich II.</h3> - -<p>Man darf es nicht allzu tragisch nehmen, daß Friedrich -der Große mit der Tagespresse genau so willkürlich umsprang -wie nur irgendein Despot. Die damaligen Zeitungen waren -nichts weiter als Nachrichtenblätter und strebten noch kaum danach, -sich aus dieser Niederung zu erheben. Die Geheimdiplomatie -war noch die alleinige Lenkerin der Staaten, und -bei den häufigen kriegerischen Verwicklungen war es eine Vorbedingung -des Sieges, die Karten verdeckt zu halten. Die Berichte -der Berliner Zeitungen über die beiden ersten Schlesischen -Kriege stammten fast nur aus dem Hauptquartier, besonders -die »Schreiben eines Preußischen Offiziers«; meist hatte der -König selbst sie verfaßt oder wenigstens durchgesehen. Durch -diese königliche Berichterstattung wurden die Berliner Zeitungen -zum erstenmal wichtige Quellen für die gesamte europäische -Presse. Was Friedrichs nächsten Zwecken widersprach oder -seine Pläne verraten konnte, wurde nach dem Gebot der Kriegszensur<span class="pagenum"><a id="Seite_12"></a>[12]</span> -unnachsichtig unterdrückt. Man fahndete auf die Verbreiter -falscher und flauer Kriegsgerüchte, und fremde Zeitungen, die mit -Tatarennachrichten die Stimmung verdarben, wurden verboten.</p> - -<p>Im übrigen wurden noch keine Partei- und Überzeugungskämpfe -in den Berliner Zeitungen ausgefochten. Der Verleger -Haude hatte in seinem Blatte zuerst den Artikel »Von gelehrten -Sachen« eingerichtet; die »Vossische« begann erst 1748 -diesem Vorbild zögernd zu folgen, übertrumpfte dann aber die -Konkurrentin bald dadurch, daß sie 1749 Lessing als Mitarbeiter -gewann; eine nur kurze Episode, die aber den Beginn -der schöpferischen literarischen Kritik in Berlin nicht nur, sondern -in der deutschen Literatur überhaupt bedeutete.</p> - -<p>Im Jahre 1744 beschwerte sich Haude einmal, daß der -Kriegsrat von Ilgen ihm jede tadelnde Kritik eines Buches -verbiete, wodurch sich das Feuilleton seines Blattes lächerlich -machen müsse, und es scheint, daß der König den Eifer des -Zensors ein wenig gedämpft hat. Von sonstigen Zensurgefechten -der Zeitungsschreiber in den vierziger Jahren melden -die Akten aber nichts, woraus sich von selbst ergibt, daß sich -das Fähnlein der damaligen Journalisten nicht sonderlich herausfordernd, -angriffslustig und neuerungssüchtig erwiesen hat.</p> - -<p>Auch das Feuilleton der damaligen Berliner Blätter bot nur -einen kümmerlich matten Abglanz vom Geist der Zeit, der sich dagegen -in der Buchliteratur und den schon ziemlich zahlreichen Wochen- -und Monatsschriften seinem innersten Wesen nach offenbarte.</p> - -<h3>Das Zeitalter der Aufklärung.</h3> - -<p>Das Jahrhundert Friedrichs des Großen nennt sich das der -Aufklärung. Nicht als ob der preußische König diesen Stempel -seiner Zeit gewaltsam aufgedrückt hätte. Ihr Gepräge schuf -sich, unabhängig von ihm, aus der geistigen Kraft der Nation. -Ihm gebührt aber das Verdienst, dieser kulturellen Flut keinen -Damm entgegengesetzt, sondern ihr freien Lauf gelassen zu haben.</p> - -<p>Das Wesen der Aufklärung liegt in ihrem Kampf um -Gott. Es wurzelte in religionsphilosophischen Problemen und -griff erst allmählich auch auf das Verhältnis des Menschen -zum Staat und zur Obrigkeit hinüber. Die sich hieraus entspinnenden -Kämpfe gehören aber einem spätern Zeitalter an.<span class="pagenum"><a id="Seite_13"></a>[13]</span> -Wenn daher Friedrich in politischen Fragen keine Duldung abweichender -Meinungen kannte, so versündigte er sich damit noch -nicht am Geist seiner Zeit, der nur nach Aufklärung in theologischer -Hinsicht verlangte.</p> - -<p>Im ersten Jahrzehnt seiner Regierung war sich der junge -König, der selbst die bittere Qual geistiger Knechtschaft unter -der brutalen Faust seines gewalttätigen Vaters bis zum Äußersten -gekostet hatte, über seine Haltung gegenüber dem Geist -seiner Zeit noch nicht klar, was seine hin- und hertastenden -ersten Zensurverfügungen zeigen.</p> - -<h3>Das Zensuredikt von 1749.</h3> - -<p>Unterm 11. Mai 1749 erschien in Preußen ein »Edikt -wegen der wiederhergestellten Censur derer in Königlichen Landen -herauskommenden Bücher und Schriften, wie auch wegen des -Debits ärgerlicher Bücher, so außerhalb Landes verleget werden«.</p> - -<p>Der König, so heißt es in der Einleitung, »habe höchst mißfällig -wahrgenommen, daß verschiedene scandaleuse theils wider die -Religion, theils wider die Sitten anlaufende Bücher und Schriften -in Unseren Landen verfertiget, verleget und debitiret werden«. Um -diesem »Unwesen« abzuhelfen und »die ehemalige seit einiger Zeit in -Abgang gekommene Bücher-Censur wiederum herzustellen«, werde -nunmehr in Berlin eine Zensurkommission eingesetzt, die »alle -Bücher und Schriften, die in Unseren sämmtlichen Landen verfertiget -und gedruckt werden, oder die Unsere Unterthanen außerhalb Landes -drucken lassen wollen«, vor dem Druck zu genehmigen habe.</p> - -<p>Zensurfrei waren nur die Schriften der Akademie der -Wissenschaften. Was in Universitätsstädten erschien (mit Ausnahme -politischer Schriften), mußte die Universität selbst durch -die in Betracht kommenden Fakultäten auf eigene Gefahr zensieren -lassen. Politische Schriften, die den »<em class="antiqua">Statum publicum</em>« -des Deutschen Reiches oder des preußischen Königshauses und -»die Gerechtsame« Preußens betrafen oder bei denen »auswärtige -Puissancen und Reichsstände interessiret sind«, unterstanden -ohne Ausnahme dem »Departement derer auswärtigen -Sachen«. »Bloße Carmina« schließlich konnte, wenn keine Universität -am Orte war, die Landes-Provinzialregierung oder -die städtische Ortsbehörde zum Druck freigeben.</p> - -<p><span class="pagenum"><a id="Seite_14"></a>[14]</span></p> - -<p>Im übrigen sollte »nicht das Geringste« ohne vorherige -Genehmigung gedruckt werden. Auf Umgehung der Zensur -stand eine Strafe von 100 Talern. Ebensowenig durften die -Buchhändler »scandaleuse und anstößige« Bücher von auswärts -kommen lassen und verkaufen; konnten sie ihre Ahnungslosigkeit -nicht beschwören, so hatten sie ihre Unvorsichtigkeit in jedem Fall -mit 10 Talern Strafe zu büßen.</p> - -<h3>Die gekränkten »Schulbedienten«.</h3> - -<p>Der Ruhm, Friedrichs des Großen Zensuredikt veranlaßt -zu haben, gebührt hauptsächlich den Berliner Schulmeistern.</p> - -<p>Seit dem 2. Januar 1749 gab der Verleger der »Vossischen -Zeitung«, Christian Friedrich Voß, der Schwiegersohn Rüdigers, -eine Zeitschrift »Der Wahrsager« heraus, die der Redakteur -der »Vossischen«, Christlob Mylius, zum größten Teil selbst -schrieb. Zu ihren Mitarbeitern gehörte auch Lessing.</p> - -<p>Das 7. Stück des »Wahrsagers« vom 13. Februar 1749 -brachte nun einen sehr amüsanten Aufsatz, der gegen Schule -und Lehrerschaft heftige Angriffe voll Spott und Ironie enthielt, -und prompt lief eine Beschwerde einiger Berliner »Schulbedienten« -ein, die darüber Klage führten, daß in diesem Aufsatz -»der Schulstand ziemlich durchgenommen und lächerlich -gemachet werde, welches ihn bei der ohnehin boshaften Jugend -zum Despekt gereichte und aus der nöthigen Autorität setzte«.</p> - -<p>Der <em class="antiqua">Adjunctus fisci</em> Kornmann beschied also den Verleger -zu sich. Dieser erklärte, der inkriminierte Aufsatz habe nicht »vernünftige -Schulleute attaquiren« wollen; übrigens »gäbe es auch -dergleichen, wie sie in dem Stück charakterisiret wären«. In Zukunft -versprach Voß, seine Zeitschrift »allenfalls moderater« einzurichten.</p> - -<p>Aber acht Tage später brachte das 9. Stück des »Wahrsagers« -eine Plauderei über Hahnreie, worin Kornmann die versprochene -Mäßigung vermißte. Er setzte daher einen Bericht an das -Ministerium auf; in dem letzten Stück geschehe »bei einer -satyrischen Materie gewisser Straßen in Berlin Erwähnung, -welche Leuten, so sich mit dergleichen Schriften amüsiren, leicht -Gelegenheit giebet, allerhand Applicationes zu machen, anderer -Folgen, so daraus entstehen könnten, nicht zu gedenken«.</p> - -<p><span class="pagenum"><a id="Seite_15"></a>[15]</span></p> - -<p>Der Etatsminister von Bismarck fragte daraufhin beim -Großkanzler von Cocceji an, »da so viele Misbräuche vorgehen, -wie noch kürzlich mit denen Schriften des de La Mettrie -geschehen«, ob nicht ein Zensor einzusetzen sei. Cocceji stimmte -zu: am 7. März 1749 wurde dem Verleger anbefohlen, Anstößiges -im »Wahrsager« zu vermeiden, und am selben Tage -schlugen Cocceji, Bismarck und Danckelmann dem Könige die -Bestellung eines Zensors vor, »ohne dessen Approbation nicht -das geringste zum Druck befördert werden dürfe«.</p> - -<p>Am 16. März billigte eine Kabinettsorder des Königs den -Vorschlag, verfügte aber zugleich, »Druck und Debit« des -»Wahrsagers« sofort zu verbieten, ein Befehl, der um so auffälliger -war, als die Minister diesen Vorschlag gar nicht gemacht -hatten. Die Minister beeilten sich auch nicht, dem Befehl -Folge zu leisten, denn das Verbot wurde erst zwei Monate -später ausgefertigt – wenige Tage nachdem der Verleger das -Blatt mit dem 20. Stück vom 15. Mai hatte eingehen lassen.</p> - -<p>Vielleicht hatten die Minister gehofft, den König mittlerweile -noch umstimmen zu können; aber dieser stand damals unter -dem Einfluß des vorhin erwähnten französischen Philosophen -Lamettrie, der seiner polemischen und satirischen Schriften -wegen aus Frankreich und Holland hatte flüchten müssen und -in Berlin als Vorleser des Königs ein Asyl gefunden hatte. -Auch ihn hatte der »Wahrsager« in dem Aufsatz über das -Schulwesen heftig mitgenommen, und der Ausländer, der unter -Friedrichs blinder Vorliebe für alles Französische in Preußen -Preßfreiheit genoß, die er in seinem Vaterland nicht hatte -finden können, entblödete sich nicht, seinen königlichen Gönner -gegen die einheimische Presse scharfzumachen. Die Beschwerde -der Berliner »Schulbedienten« bot ihm dazu die willkommene -Handhabe, die er geschickt zu benutzen wußte, um seinen Widersacher -Mylius mundtot zu machen.</p> - -<p>Der Berliner Schriftsteller und Verleger Friedrich Nicolai, -der Freund Lessings, versichert dagegen, die treibende Kraft beim -Erlaß des Zensuredikts sei der zelotische Probst Süßmilch gewesen, -der nachdrücklich gegen die vielgelesenen Schriften des -»berüchtigten« Aufklärers Edelmann vorgehen wollte. Dieser -freigeistige Polterer hatte sich 1749 in Berlin niedergelassen<span class="pagenum"><a id="Seite_16"></a>[16]</span> -und bald eine große Gemeinde um sich versammelt; der König -ließ ihn gewähren, da sich Edelmann verpflichtet hatte, nichts -mehr zu schreiben, und es gelang den orthodoxen Hetzern auch -nicht, das räudige Schaf aus ihrer Hürde zu entfernen.</p> - -<h3>Die erste Berliner Zensurkommission.</h3> - -<p>Wer waren nun die Männer, denen Friedrich der Große -1749 die oberste Zensurgewalt anvertraute?</p> - -<p>Als der König am 16. März die Anstellung eines Zensors -guthieß, bestimmte er ausdrücklich, »daß ein ganz vernünftiger -Mann zu solcher Censur ausgesuchet und bestellet werden soll, der -eben nicht alle Kleinigkeiten und Bagatelles releviret und aufmutzet«. -Aber die Minister, vor allem wohl der Großkanzler Cocceji, der -schon 1737 eine strenge Zensur hatte einführen wollen, legten -den königlichen Willen in ihrem Sinne aus und bildeten die -Zensurkommission aus vier Männern, von denen allen kaum zu -erwarten war, daß sie ihr Amt im friderizianischen Geiste ausüben -würden, deren Wahl aber doch der König genehmigte.</p> - -<p>Die juristischen Schriften sollte der Geheime Tribunalsrat -Buchholtz überwachen, die historischen der französische Prediger -und Konsistorialrat Poloutier, die philosophischen der Kirchenrat -und Prediger <em class="antiqua">Dr.</em> Elsner und die theologischen der vorhin genannte -Probst und Konsistorialrat Joh. Peter Süßmilch. Die -medizinischen Werke waren gar nicht erwähnt; ihre Zensur -besorgte schon seit 1709 das Oberkollegium medicum.</p> - -<p>Ein Jurist also und drei Theologen. Im Stil der Zeit -war demnach auch diese Zensurkommission des freigeistigen Königs -eine vorwiegend theologische. Über das, was wider die Religion -und die guten Sitten verstieß, hatten Prediger und Konsistorialräte -zu entscheiden. Nur die juristische Literatur erfreute sich -der Aufsicht eines Fachgelehrten.</p> - -<h3>Der verwunderte Zensor.</h3> - -<p>Von nachhaltiger Wirkung ist aber dieses Zensuredikt nie -gewesen. Der persönlichen Initiative des Königs war es nicht -entsprungen, und seine ministeriellen Ratgeber merkten wohl bald, -daß sie mit einer allzu bürokratischen Auslegung des Gesetzes -wenig Beifall bei ihm fanden. So war es, nach Nicolais Versicherung, -bald vergessen, und statt seiner entwickelte sich in Preußen<span class="pagenum"><a id="Seite_17"></a>[17]</span> -eine beispiellose Preßfreiheit, die für den Aufschwung der deutschen -Literatur von unberechenbarem Einfluß war. Schriften, -die nirgendwo in Deutschland offen verkauft werden durften, -vor allem solche philosophischer und theologischer Art, die den -erfolgreichen Kampf des Zeitalters der Aufklärung gegen die Orthodoxie -führten, wurden in Berlin nicht beanstandet, zum Teil -dort verlegt, und es fiel bald niemandem mehr ein, die Zensurbehörde -auch nur um Erlaubnis zu fragen. Sah sich schließlich -auf das Drängen eines Angebers hin der Generalfiskal -veranlaßt, einen Verleger zu maßregeln, so schlug der König das -Verfahren meist nieder. Im Jahre 1763 war die Zahl der -(seit 1716!) verbotenen Bücher noch nicht auf über 26 gestiegen.</p> - -<p>Als Friedrich Nicolai im Jahre 1759 den damaligen -Zensor der philosophischen Schriften, <em class="antiqua">Dr.</em> Heinius, ersuchte, die -Zensur der berühmten »Literaturbriefe« zu übernehmen, die -Nicolai mit Lessing, Mendelssohn und Abbt 1761–1767 -herausgab, war der Zensor höchst überrascht, daß einmal jemand -etwas wolle zensieren lassen, was »ihm lange nicht vorgekommen« -sei. Die »Literaturbriefe«, dann desselben Herausgebers »Allgemeine -Deutsche Bibliothek«, die von 1765–1792 ungehindert -in Berlin erscheinen konnte, und seit 1783 Gedike und Biesters -»Berlinische Monatsschrift«, die den großen Philosophen Kant -zu ihren Mitarbeitern zählte, sind die bedeutendsten der zahlreichen -kritischen Zeitschriften, die unter Friedrichs des Großen -Regierung emporblühten und, trotz seiner persönlichen Abneigung -gegen alles deutsche Schrifttum, der machtvollen Entwicklung -der deutschen Literatur bahnbrechend vorgearbeitet haben.</p> - -<h3>Wie Friedrich II. gegen die österreichische Jesuitenzensur -ein Exempel statuierte.</h3> - -<p>Wie wenig Friedrich trotz seines Zensurediktes gewillt war, -die fanatische Verfolgung aller Denk- und Redefreiheit, wie sie -namentlich in Österreich ausgeübt wurde, mitzumachen, zeigt -ein köstlicher Streich, den er 1750 den dortigen Jesuiten spielte.</p> - -<p>Der König traf im Jahre 1750 im Schloßgarten von -Sanssouci einen jungen Mann, dessen fremdartige Tracht ihm -auffiel. Er ließ sich mit ihm in ein Gespräch ein und erfuhr, -daß er einen Reformierten aus Ungarn vor sich habe,<span class="pagenum"><a id="Seite_18"></a>[18]</span> -der in Frankfurt an der Oder Theologie studiert hatte und vor -der Heimreise noch die Residenz des Königs sehen wollte. -Friedrich fand an dem jungen Manne so viel Wohlgefallen, -daß er ihm nahelegte, in seinen Staaten zu bleiben, und ihn -daselbst zu versorgen versprach. Der Kandidat lehnte diesen -Vorschlag seiner Familienverhältnisse wegen ab. Nun forderte -ihn der König auf, sich eine andere Gnade zu erbitten, und als -der Kandidat meinte, er wisse nicht, was er verlangen solle, -fragte Friedrich, überrascht durch diese seltene Bescheidenheit, ob -er ihm denn nicht irgendeinen Gefallen erweisen könne?</p> - -<p>»Ich habe mir«, antwortete nun der Theologe, »verschiedene -philosophische und theologische Werke gekauft, die in Österreich -verboten sind. Die Jesuiten werden sie mir wegnehmen, sobald -ich in Wien eintreffe. Wollten nun Eure Majestät mir -diese Bücher –«</p> - -<p>»Nehme Er seine Bücher«, unterbrach ihn Friedrich, »in -Gottes Namen mit, kauf' Er sich noch dazu, was Er denkt, -das in Wien recht verboten ist, und was Er nur immer brauchen -kann. Hört Er? Und wenn sie Ihm in Wien die Bücher -wegnehmen wollen, so sag' Er nur, ich habe sie Ihm geschenkt. -Darauf werden die Herren Patres wohl nicht viel achten, das -schadet aber nichts. Laß Er sich die Bücher nur nehmen, geh' -Er aber dann gleich zu meinem Gesandten und erzähl' Er ihm -die ganze Geschichte und was ich Ihm gesagt habe. Hernach geh' -Er in den vornehmsten Gasthof und leb' Er recht kostbar. Er -muß aber täglich wenigstens einen Dukaten verzehren, und bleib' -Er so lange, bis sie Ihm die Bücher wieder in's Haus schicken.«</p> - -<p>Der König ging darauf ins Schloß, kehrte aber bald nachher -zu dem Kandidaten zurück und übergab ihm ein Blatt Papier, -das die Worte enthielt: »Gut, um auf Unsere Kosten in Wien -zu leben. Friedrich.« Dieses Blatt sollte er in Wien dem -preußischen Gesandten übergeben und sich im übrigen genau -nach der erhaltenen Vorschrift benehmen. Außerdem versprach der -König, ihm die beste Pfarre in Ungarn zu verschaffen; dann -entließ er den jungen Theologen, Hedheßi war sein Name, in -Gnaden, ihm Glück auf die Reise wünschend.</p> - -<p>Hedheßi kaufte so viel verbotene Bücher zusammen, als er -vermochte, und reiste nach Hause. Vor den Linien Wiens<span class="pagenum"><a id="Seite_19"></a>[19]</span> -wurden seine Bücher beschlagnahmt. Er wandte sich also an -den preußischen Gesandten, um seine Bücher zurückzuverlangen.</p> - -<p>Der Gesandte, bereits vom König gehörig instruiert, ließ -den Theologen in den ersten Gasthof der Residenz führen und -berichtete über den Stand der Sache nach Berlin. Plötzlich erging -aus dem Kabinett des Königs der Befehl, die Bibliothek -der Jesuiten in Breslau zu versiegeln und mit Wachen zu -besetzen.</p> - -<p>Die bestürzten Jesuiten in Breslau forschten vergebens nach -der Ursache der königlichen Ungnade und sandten, um das Gewitter -abzuleiten, eine Deputation nach Potsdam. Friedrich ließ die -Abgeordneten vier Wochen auf eine Audienz warten, während -welcher Zeit der junge Hedheßi in Wien nach der königlichen -Vorschrift lebte. Endlich ließ sie der König vor, verwies sie -aber an seinen Gesandten in Wien und bat sie, ihn den dortigen -Bücherrevisoren zu empfehlen.</p> - -<p>Die frommen Väter verstanden diesen Wink ebensowenig -wie ihre Brüder in Breslau. Diese sandten eine andere Deputation -nach Wien, um hier endlich die dringend notwendige -Aufklärung zu erlangen. Aber der preußische Gesandte in Wien, -an den sich die Abgeordneten wandten, bedauerte, ihnen keinen -Aufschluß erteilen zu können; nur so nebenher warf er die -Bemerkung hin, es sei hier ein junger Mann, dem die Jesuiten -eine Kiste mit Büchern weggenommen hätten.</p> - -<p>Nun ging den Abgeordneten plötzlich ein Licht auf. Sie -eilten zu ihren Kollegen, und ehe eine Stunde verging, erhielt -Hedheßi die konfiszierten Bücher zurück. Auch beeilten sich die -Herren, seine teure Zeche zu bezahlen.</p> - -<p>Mit leichterem Herzen gingen sie jetzt wieder nach Potsdam, -um ihre Bitte zu erneuern. Friedrich empfing sie diesmal -freundlich, übergab ihnen einen Kabinettsbefehl, der die -Wiedereröffnung der versiegelten Bibliothek anordnete, und ein -Schreiben an den Pater Rektor in Breslau, des Inhalts, daß -das Kollegium zu Breslau dafür einstehen müsse, wenn die -Reformierten in Ungarn wegen dieser Sache gekränkt würden -und Hedheßi nicht die beste Pfarre in seiner Heimat erhalte.</p> - -<p>Und es geschah, wie der König wünschte.</p> - -<p><span class="pagenum"><a id="Seite_20"></a>[20]</span></p> - -<h3>Wenn die Katze nicht zu Hause ist …</h3> - -<p>Länger als drei Jahre waren die »Literaturbriefe« unter -vorschriftsmäßiger Zensur ungestört erschienen, als sie plötzlich -am 18. März 1762 kurzerhand für jetzt und künftig verboten -wurden und der Generalfiskal Geheimer Rat Uhden den Auftrag -erhielt, dem Herausgeber den Prozeß zu machen.</p> - -<p>Um die Gründe des Verbots zu erfahren, begab sich Nicolai -sogleich zu Uhden, der ihm sonst wohlgewogen, aber in Amtssachen -ein unparteiischer und strenger Richter war, konnte von -ihm jedoch nichts anderes erfahren als die Versicherung: -»Man wisse sehr wohl, was für höchst strafbare und unverzeihliche -Sachen in den ›Literaturbriefen‹ enthalten seien.« -Nicht wenig betroffen war allerdings der Generalfiskal, als ihm -Nicolai die Zensurbogen vorwies; unter diesen Umständen, meinte -er, habe der Herausgeber nichts zu befürchten; den Verfasser der -verbrecherischen Aufsätze »werde man aber zu finden wissen«.</p> - -<p>Auf den nächsten Tag war auch schon einer der Hauptmitarbeiter -der Zeitschrift, der Philosoph Moses Mendelssohn, -vorgeladen, ein sanfter und ruhiger Mann, dem es aber nicht -an Charakterfestigkeit fehlte, wo es auf Standhaftigkeit ankam. -Zwischen ihm und dem Generalfiskal, der den jüdischen Philosophen -noch gar nicht kannte und den Eintretenden mit finsterer -Amtsmiene empfing, entwickelte sich nun folgendes Gespräch:</p> - -<p><em class="gesperrt">Uhden</em>: »Hör' Er! Wie kann Er sich unterstehen, wider -Christen zu schreiben?«</p> - -<p><em class="gesperrt">Mendelssohn</em>: »Wenn ich mit Christen Kegel spiele, so -werfe ich alle Neune, wenn ich kann.«</p> - -<p><em class="gesperrt">Uhden</em>: »Untersteht Er sich zu spotten? Weiß Er wohl, -mit wem Er redet?«</p> - -<p><em class="gesperrt">Mendelssohn</em>: »O ja! Ich stehe vor dem Herrn Geheimen -Rat und Generalfiskal Uhden, vor einem gerechten Manne.«</p> - -<p><em class="gesperrt">Uhden</em>: »Ich frage Ihn noch einmal: Wer hat Ihm erlaubt, -wider einen Christen, und noch dazu wider einen Hofprediger, -zu schreiben?«</p> - -<p><em class="gesperrt">Mendelssohn</em>: »Ich muß nochmal wiederholen, und -wahrlich ohne allen Spott: Wenn ich mit einem Christen Kegel -schiebe, wäre es auch ein Hofprediger, so werfe ich alle Neune, -wenn ich kann. Das Kegelspiel ist eine Erholung für den<span class="pagenum"><a id="Seite_21"></a>[21]</span> -Leib, wie die Schriftstellerei eine Erholung für meinen Geist -ist; jeder welcher schreibt, macht es so gut wie er immer -kann. Übrigens wüßte ich nicht, daß ich je wider einen Hofprediger -noch einen andern Prediger geschrieben hätte.«</p> - -<p><em class="gesperrt">Uhden</em>: »Oh! ich merke, Er will leugnen; man wird Ihm -schon die Künste abfragen. Er hat wider die christliche Religion -geschrieben.«</p> - -<p><em class="gesperrt">Mendelssohn</em>: »Wer Ihnen dieses gesagt hat, hat Ihnen -eine große Unwahrheit gesagt.«</p> - -<p><em class="gesperrt">Uhden</em>: »Leugne Er nur nicht! Man weiß es schon -besser. Dies ist wider das Judenprivilegium. Er hat den -Schutz verwirkt.«</p> - -<p><em class="gesperrt">Mendelssohn</em>: »Ach, ich habe hier keinen Schutz zu verwirken. -Ich habe kein Privilegium; ich bin Buchhalter bei -dem Schutzjuden Bernhard.«</p> - -<p><em class="gesperrt">Uhden</em>: »Desto schlimmer! Die geringste Strafe für -seinen Frevel wird sein, daß man Ihn aus dem Lande weiset.«</p> - -<p><em class="gesperrt">Mendelssohn</em>: »Wenn man mich gehen heißt, so werde -ich gehen. Ich habe mich nie den Gesetzen widersetzen wollen; -und der Gewalt kann ich mich noch weniger widersetzen.« …</p> - -<p>Mittlerweile hörte Nicolai, der Staatsrat sei der Urheber -des Verbotes gewesen, und durch den Geheimrat von Podewils, -der das Protokoll der Staatsratssitzung geführt, die »Literaturbriefe« -gelesen und die Haltlosigkeit der übereilten Maßregel -sofort erkannt hatte, erfuhr er den genauern Zusammenhang:</p> - -<p>Ein Vielschreiber namens Justi hatte sich für die scharfe -Kritik eines seiner Bücher in den »Literaturbriefen« dadurch -gerächt, daß er die Zeitschrift denunzierte, ein Jude habe darin -in einem Aufsatz wider den Hofprediger Cramer in Kopenhagen -die Gottheit Christi bestritten und außerdem durch ein freches -Urteil über ein Werk des Königs, die »<em class="antiqua">Poésies diverses</em>«, -eine Majestätsbeleidigung begangen. Justi, der später wegen -Unterschleife Festungsstrafe erhielt, war durch die Protektion -des königlichen Leibarztes <em class="antiqua">Dr.</em> Eller soeben nach Berlin gekommen -und galt als ein großer Chemiker, der das verfallene -preußische Bergwerkswesen wieder in Flor bringen sollte. Der -Anzeige dieses Mannes hatte der Staatsrat blindlings Glauben -geschenkt. Dem damaligen Großkanzler von Jariges, der sich<span class="pagenum"><a id="Seite_22"></a>[22]</span> -um deutsche Literatur nie bekümmert hatte, war zudem die -Denunziation höchst gelegen gewesen: Manche freie Äußerung -des Königs selbst über Religion hatte er mit stiller Entrüstung -hören müssen und an der dadurch eingerissenen allgemeinen Urteilsfreiheit -in religiösen Dingen längst heftigen Anstoß genommen. -Jetzt war die Gelegenheit günstig: der König, der -»dergleichen Sachen zu leicht zu nehmen pflegte«, weilte im -Felde – es war die Zeit des Siebenjährigen Krieges –, jetzt -ließ sich über den Kopf des Philosophen von Sanssouci hinweg -durch eine drakonische Strafe dem einreißenden Mißbrauch Einhalt -tun. In diesem Sinne hatte er dem Staatsrat die Sache -vorgetragen und ohne Widerspruch das Verbot der »Literaturbriefe« -durchgesetzt.</p> - -<p>Justis Denunziation war aber eine doppelte Lüge: einmal -hatte nicht Mendelssohn, sondern Lessing den Aufsatz gegen -des Hofpredigers Cramer Wochenschrift, den »Nordischen Aufseher«, -geschrieben und dabei nichts weiter gesagt, als daß -Cramers Vorstellung von der Person Christi sozinianisch sei, -eine noch heute in den Unitariern fortbestehende, sektirerische -Auffassung, die der göttlichen Verehrung Christi keinen Abbruch -tat. Die Kritik über Friedrichs des Großen »<em class="antiqua">Poésies diverses</em>« -im 6. Bande der »Literaturbriefe« dagegen hatte Mendelssohn -allerdings geschrieben, aber sie enthielt so wenig eine -Majestätsbeleidigung, daß der König selbst sie mit Zufriedenheit -gelesen hatte!</p> - -<p>Nach dieser Aufklärung war es für Nicolai leicht, die -Aufhebung des Verbotes zu erwirken; er machte eine Eingabe -an den Staatsrat, bei der ihm der eigene Sohn des Generalfiskals, -der für Musik und Literatur lebhaft interessierte Kammergerichtsrat -Uhden, durch Einfügung etlicher kräftiger Sprüchlein -über das leichtsinnige Vorgehen der Behörde unterstützte; gleichzeitig -beschwerte sich der Zensor <em class="antiqua">Dr.</em> Heinius über die Nichtachtung -der von ihm ausgeübten Zensur, und vier Tage nach -dem Verbot waren die »Literaturbriefe« wieder freigegeben.</p> - -<p>Der Vorfall hatte wenigstens das eine Gute, daß der -Lärm, den er erregte, manche Leute auf die neuere deutsche -Literatur aufmerksam machte, um die sie sich nach dem Beispiel -des Königs bisher wenig oder gar nicht gekümmert hatten.<span class="pagenum"><a id="Seite_23"></a>[23]</span> -Denn es war allerdings merkwürdig, daß, nachdem die »Literaturbriefe« -schon bis in den 13. Band fortgesetzt waren und -in der deutschen gelehrten Welt nicht wenig Aufsehen gemacht -hatten, dennoch die damaligen preußischen Staatsminister nebst -dem Generalfiskal weder von der Existenz noch von der Bedeutung -der Zeitschrift eine Ahnung hatten!</p> - -<h3>Was dem einen recht ist …</h3> - -<p>Der Berlinische Kalender für das Jahr 1771 brachte -zwölf Blätter von Chodowiecki, die Szenen aus dem »Don -Quichote« darstellten. Das Titelkupfer zu diesem Bande bildete -ein Porträt Josephs II.</p> - -<p>In dieser zufälligen Zusammenstellung witterte man in -Wien eine Verhöhnung des Kaisers, und die dortige Zensurbehörde -beschwerte sich dieserhalb beim König von Preußen. -Der aber dachte nicht daran, gegen die Herausgeber einzuschreiten; -um die Wiener von der Grundlosigkeit ihres Verdachtes -zu überzeugen, befahl er vielmehr, für die Bilder des -nächsten Kalenderjahrgangs ein noch viel lächerlicheres Thema -zu nehmen und – sein eigenes Porträt voranzustellen.</p> - -<p>Chodowiecki wählte Ariosts »Rasenden Roland«, und Daniel -Berger stach des Königs Bildnis dazu.</p> - -<h3>Neuordnung der preußischen Zensur 1772.</h3> - -<p>Die geschilderten Vorfälle zeigen, daß die preußische Zensur -auch nach dem Gesetz von 1749 allmählich wieder »in Abgang« -gekommen war, sicher aber ohne sonderliche Strenge durchgeführt -wurde. Nicht anders ging es mit der neuen Auflage -des Zensurediktes, die 1772 ans Licht trat.</p> - -<p>Auch dies neue »Circular« vom 1. Juni 1772 beklagte, -daß die alten Vorschriften »mehrfach hintangesetzt« worden -seien; außerdem seien die alten Zensoren gestorben. Die Ernennung -der neuen regelte es zunächst. Die historischen -Schriften hatte der Geheime Finanzrat Kahle zu zensieren, der -dieses Amt schon seit einigen Jahren versah; die juristischen -sollte von jetzt an der Geh. Tribunalsrat Stuck, die theologischen -der freisinnige Oberkonsistorialrat Teller, und die philosophischen -der Professor der Ritterakademie Sulzer beaufsichtigen.</p> - -<p><span class="pagenum"><a id="Seite_24"></a>[24]</span></p> - -<p>Die Wahl der Persönlichkeiten zeigt, wo Friedrich hinaus -wollte: unter den vier Männern ist nur noch <em class="gesperrt">ein</em> Konsistorialrat, -und die übrigen drei, besonders der angesehene Philosoph -und Ästhetiker Sulzer, sind Sachverständige, jeder auf seinem -Gebiet. So nahm Friedrich 1772 der Zensurkommission ihren -vorwiegend geistlichen Charakter und schuf eine <em class="gesperrt">Fachzensur</em>.</p> - -<p>Außerdem ist dieses neue Zensuredikt ein charakteristischer -Spiegel der literarischen Bewegung der Zeit.</p> - -<p>Die schöne Literatur war in dem Edikt von 1749 nur -durch die »Carmina« vertreten gewesen; jetzt fand auch die -Masse der »kleinen Schriften: Carmina, Wochenschriften, gelehrte -Zeitungen, ökonomische Schriften und alle andere kleine -Piecen«, Berücksichtigung; sie sollten, wenn sie nicht zu den -Büchern gehörten, die den vier Zensoren vorgelegt werden -mußten, von der Landesregierung oder den Magistraten begutachtet -werden, in Universitätsstädten von der Universität. Nur -Berlin machte eine Ausnahme: hier hatte der »historische Zensor« -auch diese kleinen Schriften zu begutachten.</p> - -<p>Und schließlich wurden jetzt in das Zensuredikt auch die -Zeitungen mit aufgenommen, deren Zahl seit 1749 stattlich -gewachsen war. Die Zensur der »teutschen und französischen -Zeitungen« hatte der Geheime Rat von Beausobre unter der -Direktion des Auswärtigen Amtes zu besorgen; sie war ihm -schon vor siebzehn Jahren übertragen worden. Außerhalb -Berlins sollte die Zeitungszensur von der Regierung oder den -Justizkollegien erledigt werden; wenn diese Behörden nicht am -Orte waren, hatten sie einen Vertreter zu stellen.</p> - -<p>Die bessere Organisation verlangte aber auch mehr Aufwand. -Daher wurden jetzt die Zensurgebühren eingeführt; -außer einem Freiexemplar des geprüften Buches, auf das den -Zensoren schon seit 1749 ein Anspruch zustand, durften sie -von 1772 an zwei Groschen für den Druckbogen berechnen.</p> - -<p>Das erweiterte Edikt von 1772 schärfte den Zensoren noch -ein, daß »Unsere Allergnädigste Absicht keineswegs dahingerichtet -ist, eine anständige und ernsthafte Untersuchung der Wahrheit -zu hindern, sondern nur vornehmlich demjenigen zu steuern, -was den allgemeinen Grundsätzen der Religion und sowohl -moralischer als bürgerlicher Ordnung entgegen ist«.</p> - -<p><span class="pagenum"><a id="Seite_25"></a>[25]</span></p> - -<p>Dieser Grundsatz, der auch von spätern, ganz anders gehandhabten -preußischen Zensuredikten übernommen wurde, blieb -bis zum Tode des großen Königs die Richtschnur der preußischen -Zensur. In einem Befehl an die theologische Fakultät in Halle -vom 7. Februar 1780 erklärte Friedrich geradezu, daß »die -den Schriftstellern ohnedem äußerst lästige Zensur soviel als -möglich eingeschränkt werden sollte, wann wider Religion und -Sitten nichts vorkommt«.</p> - -<h3>Kleine Ursachen – große Wirkungen.</h3> - -<p>Wenn Nicolai recht hat, ging auch dieses erneuerte Zensuredikt -von 1772 nicht auf den eigenen Willen des Königs zurück, -sondern auf die ängstliche Betriebsamkeit seiner Ratgeber. -Die einfältige preußische Dichterin Anna Luise Karschin soll -die schuldige Ursache dazu gewesen sein. »Die Frau Karschinn«, -erzählt Nicolai, »hatte in einem gedruckten Gedichte die erste -Teilung Polens erwähnt, welche damals schon genugsam bekannt, -aber noch nicht offiziell angezeigt war. Dem Ministerium -mochte dieses wohl nicht angenehm seyn, aber der -Minister von Fürst, bekanntlich ein sehr ängstlicher Mann, -welcher sich vor dem Könige sehr fürchtete, glaubte der Sache -durch ein geschwind zu machendes Zensuredikt abzuhelfen, damit, -wenn der König je von dem Gedicht der Frau Karschinn -etwas erführe und dem Ministerium darüber einen Vorwurf -machte, man ihm gleich sagen könnte, es sey schon Remedur -geschehen. Wirklich war auch das Edikt so geschwind gemacht, -daß man verschiedenes Nöthige darin vergaß und verschiedenes -sehr unbestimmt ausdrückte.«</p> - -<h3>Friedrich und die »Bullenbeißer«.</h3> - -<p>Geradezu vorbildlich ist Friedrich der Große im Punkte -der »Majestätsbeleidigungen«. Zwar hatte er am 24. Dezember -1752 ein unter dem Pseudonym <em class="antiqua">Dr.</em> Akakia (<em class="antiqua">Dr.</em> Harmlos) -erschienenes Pamphlet Voltaires durch den Henker auf den -öffentlichen Plätzen Berlins verbrennen lassen, obgleich der Verfasser, -seit zwei Jahren Gast des zuerst von ihm so überschwenglich -verherrlichten Königs, noch in den Mauern der -Stadt weilte. Aber diese Maßregel war nicht von kleinlicher<span class="pagenum"><a id="Seite_26"></a>[26]</span> -Empfindlichkeit verfügt, sondern Voltaire hatte durch seine -Hinterlist, Rachsucht, Treulosigkeit und Habgier die Langmut -des Königs schon bis zum äußersten herausgefordert; jene -Schrift war zudem eine blutige Verhöhnung der von Friedrich -gegründeten Akademie der Wissenschaften und ihres Präsidenten -Maupertuis; und obendrein hatte sich Voltaire die Druckerlaubnis -durch eine freche Fälschung verschafft.</p> - -<p>Nachdem dann diese Koryphäe der französischen Literatur -auf drastische Weise aus Preußen hinauskomplimentiert war, -legte sich Friedrichs begreifliche Erregung bald, und als Voltaire -aus sicherer französischer Hut eine persönliche Schmähschrift -gegen ihn losließ, schrieb der Angegriffene am 23. Oktober -1753 voll überlegenen Humors an seinen Ministerresidenten -George Keith in Paris: »Jeder im öffentlichen Leben -stehende Mann muß der Kritik, der Satire, ja oft genug der -Verleumdung als Zielscheibe dienen. Jeder, der einen Staat -regiert hat, sei es als Minister, als General oder als König, -hat Sticheleien zu ertragen gehabt; es wäre mir also sehr unangenehm, -wenn ich der einzige sein sollte, dem dieses Schicksal -erspart bliebe. Ich verlange weder eine Widerlegung des Buches -noch die Bestrafung des Verfassers, sondern habe es mit großer -Gemütsruhe gelesen und sogar einigen Freunden mitgeteilt.«</p> - -<p>Im Lauf der Jahre nahm dieser königliche Gleichmut gegen -persönliche Angriffe jeder Art nur zu. Zahllos sind die -Schmähschriften, die gegen Friedrich erschienen und sogar von -dem Verleger seiner eigenen Werke, dem Buchhändler Pitra in -Berlin, verkauft wurden. Der König ignorierte sie und gab -einmal seinen darüber aufgebrachten Beamten den Rat, nicht -alle »Sottisen«, die geschrieben würden, auf ihn zu beziehen.</p> - -<p>Mit Voltaire hatte er sich so weit wieder versöhnt, daß ein -lebhafter Briefwechsel fortbestand; in einem dieser Briefe an -den Franzosen vom 2. März 1772 schrieb er – vielleicht in -Erinnerung an die Akakia-Episode –: »Ich denke über die -Satire, wie Epiktet: ›Sagt man was Böses von Dir, und -ist es wahr, so bessere Dich; sind es Lügen, so lache darüber.‹ -Ich bin mit der Zeit ein gutes Postpferd geworden, lege meine -Stazion zurück und bekümmere mich nicht um die Bullenbeißer, -die auf der Landstraße bellen.«</p> - -<p><span class="pagenum"><a id="Seite_27"></a>[27]</span></p> - -<h3>Exemplarische Strafe.</h3> - -<p>Die Langmut des großen Königs gegen Majestätsverbrechen -stand oft in drastischem Gegensatz zu der Empfindlichkeit der -Behörden, die, just so wie heute, auch damals bei jedem herben -Tadel ihrer Amtshandlungen zum Kadi liefen.</p> - -<p>Einmal gab ihnen der alte Fritz eine kräftige Lehre. Als man -einen Bürger bei ihm verklagte, weil er Gott, Se. Majestät -und den Stadtmagistrat gelästert habe, verfügte er:</p> - -<p>»Daß der Arrestant Gott gelästert hat, ist ein Beweis, -daß er ihn nicht kennet; daß er mich gelästert hat, vergebe ich -ihm; daß er aber einen edlen Rat gelästert hat, dafür soll er -exemplarisch bestraft werden und auf eine – halbe Stunde -nach Spandau kommen.«</p> - -<h3>Niedriger hängen!</h3> - -<p>Wie schlagfertig überlegen Friedrich der Große selbst Angriffen -gegen seine Regierungshandlungen auch ohne Verbot zu -begegnen wußte, zeigt eine Anekdote, die ein Augenzeuge, der -früher in Berlin, später in Upsala wirkende Kapellmeister -Heffner, erzählt:</p> - -<p>Im Jahre 1781 hatte der König die Kaffeeregie eingeführt, -um dem übermäßigen Verbrauch dieser Auslandsware zugunsten -der einheimischen Bierproduktion zu steuern, eine Maßregel, die -das Volk sehr erregte; denn nicht nur in Sachsen, sondern auch -in Preußen zog man schon damals ein Schälchen Kaffee der Biersuppe -vor, mit der Friedrich selbst noch groß gezogen worden war.</p> - -<p>Eines Tages kam der alte Fritz mit seinem Heiducken -die Jägerstraße heraufgeritten und bemerkte in der Nähe des -Schlosses, auf dem Werderschen Markt, einen großen Auflauf. -Man drängte sich um ein hoch an der Mauer angeschlagenes -Papier, aber nur die Nächsten konnten erkennen, was es bedeutete. -Bei der Annäherung des Königs flogen die Mützen -herunter, man gaffte ihn mit verlegenen und erschrockenen -Mienen an und wich beiseite. Aber niemand wagte ein Wort -zu sagen. Der König schickte nun seinen Begleiter näher, um -zu erfahren, was los sei. Bald kam der Heiduck ebenfalls -verlegen lächelnd wieder und wollte nicht recht mit der Sprache -heraus: »Sie haben etwas auf Ew. Majestät angeschlagen …«</p> - -<p><span class="pagenum"><a id="Seite_28"></a>[28]</span></p> - -<p>Nun ritt der König dicht heran und sah, daß eine Karikatur -auf ihn selbst dort hing: In höchst kläglicher Positur saß -er auf einem Fußschemel, hielt zwischen den Beinen eine Kaffeemühle, -und während die eine Hand emsig mahlte, griff die -andere gierig nach jeder herausfallenden Bohne.</p> - -<p>Sobald der alte Fritz die Bedeutung der Karikatur erkannt -hatte, winkte er mit der Hand und rief: »Hängt es doch -niedriger, daß die Leute sich nicht den Hals ausrecken müssen!«</p> - -<p>Kaum waren die Worte gefallen, als ein allgemeiner Jubel -ausbrach. Man riß das Bild herab und in Stücke, die Jungen -warfen die Mützen in die Luft, und unter allgemeinem »Vivat -der alte Fritz!« ritt der König langsam von dannen.</p> - -<h3>Was heißt Aufklärung?</h3> - -<p>Diese Frage stellte Oberkonsistorialrat Zöllner im Dezemberheft -der »Berlinischen Monatsschrift« 1783. Mendelssohn -und Kant beantworteten sie; Mendelssohn im September, Kant -im Dezember 1784.</p> - -<p>Kants Aufsatz begann mit der vielzitierten Definition:</p> - -<p>»Aufklärung ist der Ausgang des Menschen aus seiner selbst -verschuldeten Unmündigkeit. Unmündigkeit ist das Unvermögen, -sich seines Verstandes ohne Leitung eines andern zu bedienen. -… <em class="antiqua">Sapere aude!</em> Habe Muth, Dich Deines <em class="gesperrt">eigenen</em> -Verstandes zu bedienen! ist also der Wahlspruch der Aufklärung.</p> - -<p>»Zu dieser Aufklärung aber wird nichts erfordert als Freiheit; -und zwar die unschädlichste unter Allem, was nur Freiheit -heißen mag, nämlich die: von seiner Vernunft in allen -Stücken <em class="gesperrt">öffentlichen</em> Gebrauch zu machen … Ich verstehe -aber unter dem öffentlichen Gebrauche seiner eigenen Vernunft -denjenigen, den Jemand als <em class="gesperrt">Gelehrter</em> von ihr vor -dem ganzen Publicum der <em class="gesperrt">Leserwelt</em> macht.«</p> - -<p>Kant verlangte für den Offizier das Recht, über Fehler -im Kriegsdienste Anmerkungen zu machen, für den Bürger, -über die Ungerechtigkeit der ihm auferlegten Lasten öffentlich -seine Gedanken zu äußern; für den Geistlichen, seine sorgfältig -geprüften und wohlmeinenden Gedanken über das Fehlerhafte -des Symbols der Kirche oder über bessere Einrichtung des -Religions- und Kirchenwesens dem Publikum mitzuteilen.</p> - -<p><span class="pagenum"><a id="Seite_29"></a>[29]</span></p> - -<h3>Kants Huldigung vor Friedrich.</h3> - -<p>Die Frage: Leben wir jetzt in einem aufgeklärten Zeitalter? -beantwortete Kant in dem vorhin erwähnten Aufsatz aus -dem Jahre 1784 kurzweg mit: Nein, wohl aber in einem -Zeitalter der Aufklärung. Es fehle noch viel, daß sich die -Menschen in Religionsdingen ihres eigenen Verstandes bedienten, -aber der Hindernisse der Unmündigkeit würden doch weniger. -»In diesem Betracht ist dieses Zeitalter das Zeitalter der Aufklärung, -oder das <em class="gesperrt">Jahrhundert Friedrichs</em>.«</p> - -<p>Ebenso, führte Kant weiter aus, müsse der Untertan der -Gesetzgebung gegenüber öffentlichen Gebrauch von seiner Vernunft -machen dürfen und seine Gedanken darüber mit freimütiger -Kritik der Welt öffentlich vorlegen, »davon wir ein -glänzendes Beispiel haben, wodurch noch kein Monarch demjenigen -vorging, welchen wir verehren«.</p> - -<h3>Die Kehrseite der Medaille.</h3> - -<p>Obgleich sich aber Preußen unter Friedrich dem Großen fast -völliger Preßfreiheit erfreute, darf doch nicht vergessen werden, -daß diese Freiheit keine gesetzliche, sondern eine durchaus <em class="gesperrt">willkürliche</em>, -eine mit königlicher Erlaubnis ungesetzliche war.</p> - -<p>»<em class="antiqua">Il pense en philosophe et so conduit en roi</em>« (er -denkt als Philosoph und handelt als König – soll heißen: -als Despot), schrieb einmal der französische Philosoph Jean -Jacques Rousseau unter ein Bild Friedrichs; und als sein -pädagogischer Roman »Emile« (1762) vom Pariser Parlament -für gottlos erklärt, im Hofe des Justizpalastes zerrissen und -verbrannt wurde und dem Verfasser die Häscher auf den Fersen -waren, flüchtete selbst er in Friedrichs Schutz, in den damals -preußischen Kanton Neuchâtel.</p> - -<p>Jenes vieldeutige Wort Rousseaus gilt in gewissem Sinne -auch für Friedrichs Behandlung der Zensur. Friedrich der Große -ist und bleibt der Schöpfer auch der preußischen Zensurgesetze; -er selbst handhabte sie nur so freimütig und ging so willkürlich -über sie hinweg, daß ihre tatsächlichen Schärfen den Zeitgenossen -gar nicht zum Bewußtsein kamen; um so empfindlicher -aber der nächsten Generation, als nach seinem Tode (1786) -ein andrer Geist in Preußen zur Herrschaft gelangte.</p> -<hr class="chap" /> - -<div class="chapter"> -<p><span class="pagenum"><a id="Seite_30"></a>[30]</span></p> - -<h2 class="nobreak" id="kap02">2. Kaiser Josephs II. Zensurreform.</h2> -</div> - -<div class="epigraph"> -<div class="poetry"> - <div class="stanza"> - <div class="verse indent0">Ach, was ich Armer streute,</div> - <div class="verse indent0">Fiel auf ein wüstes Land;</div> - <div class="verse indent0">Dein Walten büß' ich heute,</div> - <div class="verse indent0">Du zweiter Ferdinand,</div> - </div> - <div class="stanza"> - <div class="verse indent0">Du hast dem Licht gewehret,</div> - <div class="verse indent0">Du hast die Luft verdumpft,</div> - <div class="verse indent0">Östreichs Gefild verheeret,</div> - <div class="verse indent0">Das keiner mehr entsumpft.</div> - </div> -</div> - -<p class="right"> -<em class="gesperrt">D. F. Strauß</em>, Kaiser Joseph im Sterben. 1859. -</p> -</div> - -<h3>Eine Kaiserin der Zensur.</h3> - -<p>Es ist genugsam bekannt, welch heftige, unversöhnliche -Feindin der religiösen Aufklärung die deutsche Kaiserin Maria -Theresia (1717–1780) war und mit welch harter Unduldsamkeit -sie alles verfolgte, was Macht und Ansehen der katholischen -Kirche und ihrer Diener verletzen konnte. Mit »Inquisition -und Mission« führte sie gleich ihren Vorgängern die -Gegenreformation in den österreichischen Erblanden durch, und -die Pflege der kulturellen Güter sah sie am liebsten ausschließlich -in der Hut der Jesuiten.</p> - -<p>Die Kaiserin ärgerte sich wohl gelegentlich, wenn einer der -Hoftheologen und Beichtväter seine Bücherrazzia bis in den kaiserlichen -Palast ausdehnte und jagte den allzu Dreisten davon; -auch hob sie wohl einmal das Verbot eines Buches auf, wenn -sie selbst es gelesen und gut gefunden hatte. Aber für die -Schmach der geistigen Knechtschaft, in der sie ihre Völker -hielt, hatte sie keine Empfindung. Der beschränkte Untertanenverstand -hatte das auf Treu und Glauben hinzunehmen, was -ihm von einer über alle Zweifel erhabenen, von Jesuiten beherrschten -Regierung als allein seligmachend verkündigt wurde. -Die Absperrmaßregeln gegen die im Reich, besonders in Preußen, -herrschende Cholera der Aufklärung waren großzügig organisiert -– kein Wunder, daß Österreichs geistige Entwicklung um -Jahrhunderte zurückblieb. An der schönen blauen Donau nahm -man an dem Aufschwung des deutschen Schrifttums so wenig -Anteil, daß man noch zur Zeit der großen Kaiserin diejenigen -verlachte, die sich, statt des einheimischen Dialektes, der hochdeutschen -Schriftsprache, des »lutherisch Deutsch« bedienten.<span class="pagenum"><a id="Seite_31"></a>[31]</span> -Noch im Jahre 1780 war, wie Friedrich Nicolai versichert, auf -der Universität Innsbruck ein Werk wie Jöchers Gelehrten-Lexikon, -das 1750/51 erschien, nicht einmal dem Namen nach bekannt, -und ein Mann wie Joseph von Sonnenfels, der Reformator -des österreichischen Schrifttums, bewarb sich vergeblich -um eine Stellung, weil er seiner hochdeutschen Aussprache -wegen als Protestant und überhaupt als verdächtig galt.</p> - -<h3>Jesuitenzensur in Wien.</h3> - -<p>Die wirksamste Waffe in der Hand des Protestantismus -war von jeher das Buch; ihm galt deshalb der glühende Haß -der geistlichen Machthaber. Seit 1623 war die Wiener Universität -unter Verwaltung der Jesuiten, ihnen lag auch fast -die gesamte Bücherzensur ob, und ohne ihre Genehmigung durfte -in Österreich nichts gedruckt und kein fremdes Buch verbreitet -werden. Gegen die katholische Kirche oder ihre Vertreter durfte -infolgedessen nichts, gegen die Ketzer alles geschrieben werden. -Wissenschaftliche Werke hatten keinen Anspruch auf mildere Behandlung. -Noch im Jahre 1750, versichert Sonnenfels, konnte es -Stand und Glück kosten, wenn man sich anmerken ließ, in einem -Buche wie Montesquieus »<em class="antiqua">Esprit des lois</em>« geblättert zu haben.</p> - -<p>Die Verfasser protestantischer und antikatholischer Schriften -erwartete Verbannung und Kerker. Schon der Besitz lutherischer, -ketzerischer, überhaupt unkatholischer Schriften war aufs -strengste verpönt; sie standen außerhalb allen Eigentumsrechtes, -jeder Geistliche durfte sie konfiszieren, wo er sie fand, jeder -Privatmann war bei Strafe verpflichtet, anzugeben, wo immer -er sie gesehen hatte. Wer ein Buch kaufte, mußte es innerhalb -vier Wochen seinem Pfarrer zur Prüfung vorlegen, sonst -erhielt er 3 Gulden Strafe, die sich im Wiederholungsfall -empfindlich steigerte. Ein Drittel der Strafgelder fiel dem -Denunzianten zu; daher stand die niederträchtigste Spionage in -voller Blüte. Haussuchungen waren an der Tagesordnung. Die -Koffer der Reisenden wurden auf den Zollämtern durchsucht, -alle bedenklichen Bücher weggenommen, verbotene verbrannt. Verkleidete -Beamte der geistlichen Bücherpolizei besuchten als harmlose -Kunden die Buchläden, schlichen sich in das Vertrauen -der Händler und drangen in sie, ihnen verbotene Bücher zu<span class="pagenum"><a id="Seite_32"></a>[32]</span> -verschaffen; ließen die Buchhändler sich überreden, so entdeckten -sich die Spitzel als Polizisten, beschlagnahmten die Werke und -nahmen die Verkäufer in Strafe.</p> - -<h3>Das Allerheiligste.</h3> - -<p>Als die Kaiserin Maria Theresia eines Tages gerade am -Spieltisch saß, wurde ihr durch eine vertraute Kammerfrau, die -Mutter der bekannten Dichterin Caroline Pichler, Hofrat von -Sonnenfels gemeldet, der sie dringend in Zensurangelegenheiten -zu sprechen wünschte. Ungemein lebhaft, wie die Kaiserin noch in -ihren letzten Tagen war, eilte sie nach wenigen Minuten ins Vorzimmer, -strich sich mit den Fingern Haube und Haar aus dem -Gesicht, und heftig die Karten drehend fragte sie den Besucher:</p> - -<p>»Nun, was ist's denn? Sekieren sie Ihn schon wieder? -Hat Er etwas gegen uns geschrieben? Das ist Ihm von Herzen -verziehen. Ein echter Patriot muß wohl manchmal ungeduldig -werden; ich weiß aber schon, wie Er's meint. Oder gegen die -Religion? Er ist ja kein Narr. Oder gegen die guten Sitten? -Das glaube ich nicht; Er ist ja kein Saumagen. Aber wenn -Er etwas gegen die Minister geschrieben hat, ja mein lieber -Sonnenfels, dann muß Er sich selber heraushauen; da kann -ich Ihm nicht helfen. Ich habe Ihn oft genug gewarnt.«</p> - -<p>Damit machte die Kaiserin kehrt und eilte wieder an ihren -Spieltisch zurück.</p> - -<h3>Van Swieten und die Zensurhofkommission.</h3> - -<p>1745 wurde der Holländer Gerard van Swieten (1700–1772) -als Leibarzt der Kaiserin nach Wien berufen. Er war ein -frommer Katholik, aber ein Gegner der Jesuiten und vor allem -ein strenger Vertreter der Wissenschaft, dem der geistige Aufschwung -Österreichs unendlich viel zu verdanken hat. Auf -seinem eigensten Gebiete gewann er schnell Raum, denn die -praktische Kunst des Arztes war ja die einzige, die die Jesuiten -nicht übten; er gewann berühmte Ärzte für Wien und wurde -der Begründer der dortigen medizinischen Schule.</p> - -<p>Daß die Geistlichkeit anatomische Lehrbücher der unvermeidlichen -»Nuditäten« wegen verbot, hörte nun gänzlich auf. Bald -aber dehnte Swieten seine kraftvolle Reformarbeit auf das<span class="pagenum"><a id="Seite_33"></a>[33]</span> -ganze geistige Leben Österreichs aus und stieß nun überall auf -die Schranke der geistlichen Zensur. Unerschrocken nahm er -den Kampf gegen sie auf. Der Übermut seiner Gegner selbst -drückte ihm die siegreiche Waffe in die Hand: als die geistliche -Behörde sich anmaßte, sogar den Reichshofrat ihrer Zensur zu -unterstellen, setzte es van Swieten bei der Kaiserin durch, daß -die Prüfung zunächst der philosophischen und historischen Werke -der Universität abgenommen und besonderen Zensurkommissionen -in Wien und in den Provinzen anvertraut wurde. Von 1753 -an mußten auch alle zum Druck bestimmten Manuskripte der -unterdes gebildeten Bücherzensurhofkommission in Wien und -nicht mehr den Jesuiten der Universität vorgelegt werden, und -die bisherige völlige Zensurfreiheit der geistlichen Orden für -ihre eigenen theologischen und philosophischen Schriften wurde -aufgehoben – eine gewaltige Kraftprobe van Swietens, die -der späteren josephinischen Reform mächtig vorarbeitete.</p> - -<p>An die Spitze dieser Wiener Zensurkommission trat 1759 -van Swieten selbst. Sie war jetzt eine rein staatliche Behörde, -aber die Hälfte ihrer Mitglieder bestand noch aus Geistlichen; -zwar wurden diese nicht mehr vom Jesuitenorden, sondern von -der Kaiserin im Einverständnis mit dem Erzbischof gewählt, -und seit 1764 war kein Jesuit mehr darunter, aber den persönlichen -Einfluß des Ordens auf die fromme Fürstin vermochte -auch van Swieten nicht völlig auszuschalten.</p> - -<p>Auch konnte er sich auf seinem heftig angefochtenen Posten -nur dadurch halten, daß er gegen alles, was der Religion, -dem Staate, den Sitten und überhaupt der »guten Denkungsart« -gefährlich erschien, fast ebenso unduldsam vorging wie -seine geistlichen Gegner. Noch 1759 wurden alle Buchbinder -angewiesen, jedes ihnen anvertraute Buch vor dem Einbinden -ihrem Seelsorger vorzulegen, und der Katalog der verbotenen -Bücher (»<em class="antiqua">Catalogus librorum prohibitorum</em>«), der von 1765 -bis 1780 in mehreren Ausgaben erschien, ist alles eher denn -ein Ruhmesdenkmal für seine Zeit.</p> - -<p>Swieten lagen nur die »nützlichen Bücher« der Fachwissenschaft -wahrhaft am Herzen. Deshalb setzte er, den Jesuiten -zum Trotz, 1753 die Freigabe von Montesquieus »<em class="antiqua">Esprit -des lois</em>« durch, und des Weihbischofs von Hontheim (Febronius)<span class="pagenum"><a id="Seite_34"></a>[34]</span> -Buch über die rechtmäßige Gewalt der römischen Päpste wurde -nach langjährigem, erbittertem Kampf wenigstens in den Händen -der Gelehrten geduldet. Aber van Swieten selbst verbot -zahlreiche Schriften von Rousseau und Voltaire, von Maupertuis -und Lamettrie, Thomas Hobbes und Christian Thomasius, von -Crébillon und Fielding, Boccaccio und Sterne, Swift und Holberg, -den Macchiavell und Ariosts »<em class="antiqua">Rime satire</em>«, Grimmelshausens -»Simplizissimus« und »Vogelnest« und Rollenhagens »Froschmäusler«, -Philander von Sittewalds »Gesichte« und Reuters -»Schelmuffsky« und von Erzeugnissen der neu aufblühenden -deutschen Literatur Albrecht von Hallers »Kleine Schriften« -und Gedichte von Joh. Christ. Günther, Wielands »Idris«, -»Agathon« und »Sieg der Natur« nebst seiner französischen -Übersetzung, die Leipziger und Göttinger Musenalmanache, -Mendelssohns »Phädon oder über die Unsterblichkeit der Seele« -und die Schriften Lessings von 1753.</p> - -<p>Gegen van Swietens übertriebene Strenge einzuschreiten, -war eine der ersten Regierungshandlungen des Kaisers Joseph -nach seiner Erhebung zum Mitregenten seiner Mutter (1765).</p> - -<h3>Wien und Rom.</h3> - -<p>Wie engherzig und despotisch van Swieten als Zensor seine -Urteile ganz nach seinen persönlichen Ansichten fällte, darüber -berichtet Friedrich Nicolai in seiner »Beschreibung einer Reise -durch Deutschland und die Schweiz« die bezeichnende Anekdote:</p> - -<p>»Als mein sel. Freund Meinhard, dessen vortreffliche Versuche -über die italiänischen Dichter allgemein berühmt sind, -mit dem Hrn. Grafen Moltke nach Wien kam, wurden ihm, -wie allen Fremden, seine Bücher weggenommen. Es waren -darunter die Opere di Macchiavello und der Emile des Rousseau. -Hierüber entstand der größte Lärm, daß sich jemand -unterstanden hätte, diese Bücher einzuführen. Meinhard gieng -selbst zum Freyherrn von Swieten, um ihn nur zu bitten, daß -die Bücher versiegelt und an der Gränze ihm wieder ausgeliefert -werden möchten. Aber er erhielt ganz trocken zur Antwort: -Die Bücher wären schon verbrannt; und ›es wäre eine Schande, -daß jemand sich unterstände, ein Buch wie den Macchiavell -in die Hände zu nehmen‹. Meinhard wollte wenigstens den<span class="pagenum"><a id="Seite_35"></a>[35]</span> -Emile vertheidigen, aber die Antwort war: ›Reden Sie mir -nicht von Rousseau! Der ist ein schlechtes Subjekt!‹ Und nun -kam ein so heftiges Schelten auf Rousseau als den verderblichsten -Menschen, daß der gute Meinhard, der ohnedieß leicht -ängstlich ward, sogleich das Zimmer verließ.</p> - -<p>»Indessen fand Meinhard bey seiner Abreise nach Italien -unvermuthet zu Klagenfurt einen Macchiavell, der ihm, ob es -gleich eine schlechte Ausgabe war, großes Vergnügen machte, -da Macchiavell, wegen der Zierlichkeit seiner Schreibart, einer -der Lieblingsschriftsteller meines Freundes war. Als er nach -Rom kam, wurden seine Bücher wieder angehalten. Er gieng -deshalb den folgenden Tag zum Sekretar des Magister Palatii, -der ein Dominikaner war. Dieser gab ihm die Bücher sogleich zurük. -Er setzte hinzu: ›Es sind einige verbotene darunter. Aber Sie -sind ein Gelehrter, und zu verständig, als daß Sie dieselben -öffentlich zeigen und sich und mir Verdruß machen sollten. -Da Sie so gut italiänisch sprechen, so merke ich wohl, daß -Sie den Macchiavell fleißig studirt haben. Aber Sie haben -eine gar schlechte Ausgabe davon. Suchen Sie die beste zu -bekommen; sie ist –.‹ Hier nannte der Dominikaner gerade -die Ausgabe, die in Wien verbrannt worden war.«</p> - -<h3>Kaiserliche Handbillette.</h3> - -<p>Nach van Swietens Tode 1772 fiel die Zensur bald in -ihre alten Übel zurück, und der Klerus gewann in der Kommission -wieder das Übergewicht. Der neue Präsident der Zensurhofkommission -stand den mit frischer Keckheit auftretenden Anmaßungen -der Geistlichkeit hilflos gegenüber, und so konnte es -nicht fehlen, daß die Jesuiten, obgleich ihr Orden 1773 auch -in Österreich aufgelöst wurde, verstärkten Einfluß auf den Gang -der Zensurgeschäfte gewannen. Besaßen sie doch noch immer -das Ohr der Kaiserin, der jetzt ein energischer Berater wie -van Swieten fehlte. Hatte ein Jesuit oder sonst ein Betbruder, -erzählt Nicolai, an einem Buche Ärgernis genommen, so steckte -er sich hinter eine Kammerfrau der Fürstin; er zeigte ihr -etliche mit Rotstift angestrichene Stellen des Buches, die anstößig -erscheinen konnten, und die Kammerfrau legte sie der -Kaiserin vor. Auf den Zusammenhang des Textes wurde<span class="pagenum"><a id="Seite_36"></a>[36]</span> -keine Rücksicht genommen, und ein kaiserliches Handbillett verfügte -kurzweg das Verbot.</p> - -<h3>Das Verbot des Katalogs verbotener Bücher.</h3> - -<p>Statt vor der anstößigen unmoralischen, kirchenfeindlichen -und gotteslästerlichen Literatur zu warnen, war der seit 1765 -in mehreren Ausgaben bei verschiedenen Verlegern erscheinende -Katalog der verbotenen Bücher gerade ein Führer zu diesen -unsauberen Quellen geworden und wurde von Liebhabern und -Sammlern besonders erotischer Literatur niederster Sorte fleißig -benutzt. Zu dieser Erkenntnis kam im Jahre 1777 endlich -auch die Zensurhofkommission und zog daraus die einzig richtige -Konsequenz: der Katalog der verbotenen Bücher wurde nun -selbst auf den Index gesetzt.</p> - -<h3>Der Thronfolger.</h3> - -<p>Es ist das Schicksal aller Thronfolger, daß sich die Hoffnung -der Unzufriedenen an sie klammert und die Enttäuschungen -wie aufgescheuchte Dohlen ihren Thron umflattern. Mit welcher -Gloriole umgaben die deutschen Idealisten die Lichtgestalt -des Sohnes, der im Schatten seiner großen Mutter heranwuchs! -Man wußte, daß Kaiser Joseph ein unbedingter Verfechter -des Deutschtums in Österreich war, daß er deutsche -Bücher las und in schaler Hofgesellschaft eine Gruppe der -Geistigen zu sammeln suchte. Je rücksichtsloser Friedrich der -Große seiner Verachtung der deutschen Literatur Ausdruck gab, -um so inbrünstiger erwartete man von dem jungen Kaiser den -Werderuf zu einem neuen perikleischen Zeitalter.</p> - -<h3>Der Gnadenpfennig.</h3> - -<p>Dem Mißverständnis von der literarischen Mission des -jungen Kaisers huldigte keiner so begeistert wie der Sänger des -»Messias«, Klopstock, und bei ihm verdichtete sich dieser Glaube -zu einem großzügigen »Plan zur Beförderung der Wissenschaften -in Deutschland«, der, ohne die steifen Formen einer -Akademie anzunehmen, die freigebige Unterstützung deutscher Gelehrter -und Schriftsteller durch den Deutschen Kaiser zum Ziele -hatte. Auch ein Finanzprojekt spielte mit hinein: der unerhörte<span class="pagenum"><a id="Seite_37"></a>[37]</span> -gesetzlich begünstigte Nachdruck, der in Wien mit außerösterreichischen -Büchern getrieben wurde, schädigte die deutschen -Autoren empfindlich, Lessings »Hamburgische Dramaturgie« -war daran zugrunde gegangen. Diese »Nachdruckerbande«, -wie Lessing sich ausdrückte, sollte beseitigt, dafür aber als Entschädigung -unter Josephs Schutz in Wien eine Reichsdruckerei -begründet und darin Werke der deutschen Literatur zum Vorteil -ihrer Verfasser gedruckt werden; »unglaubliche Summen«, versicherte -Gleim, sollten dadurch ins Land kommen.</p> - -<p>Durch einen diplomatischen Freund sandte Klopstock 1767 -diese Anregung nach Wien. Zugleich aber auch das Manuskript -einer Widmung an Kaiser Joseph, die der »Hermanns -Schlacht«, seinem neuesten Werk, einem »Bardiet für die Schaubühne«, -vorangestellt werden sollte. Die Naivetät des Messiassängers -hat etwas Rührendes; er stellte allen Ernstes an Joseph -das Ansinnen: nimmst du meine Widmung an, so verpflichtest du dich -damit auch, den beigefügten literarisch-sozialen Plan auszuführen!</p> - -<p>Klopstocks Entwurf kam dem Kaiser nie vor Augen, er -verschwand in den Akten des Staatskanzlers Fürst Kaunitz, -nur die Widmung gelangte an ihre Adresse. Aber der deutsche -Dichter würde aus allen seinen Himmeln gestürzt sein, wenn -er geahnt hätte, wie geringschätzig diese Angelegenheit an höchster -Stelle behandelt wurde. Joseph fragte seinen Kanzler, -was er tun solle und ob vor allem der Text der Widmung -nichts Anstößiges enthalte. Fürst Kaunitz erwiderte, dergleichen -Dedikationen entsprängen gewöhnlich aus eigennützigen Absichten, -auch gehöre das Werk gar nicht zur »nützlichsten Wissenschaft«. -Da aber Klopstock in Deutschland große Achtung genieße und -ein enthusiastisches Publikum habe, sei die Sache als ein »ersprießlicher -Einfluß in Staatsangelegenheiten« zu betrachten, -und man könne deshalb wohl eine goldene Kette oder Medaille -daranwenden. Auf keinen Fall aber dürfe in der Widmung -die darin enthaltene Spitze gegen Friedrich den Großen wegen -seiner Verleugnung deutscher Literatur stehenbleiben, weil dadurch -»der auch für andere Souveräne zu tragenden Achtung -zunahe getreten werde«.</p> - -<p>Daraufhin nahm der Kaiser auf rein amtlichem Wege die -Widmung an und schenkte dem Dichter als »Gnadenpfennig«<span class="pagenum"><a id="Seite_38"></a>[38]</span> -sein Medaillonporträt in Brillanten. Im übrigen aber hatte -dieser Akt für Klopstock keine weiteren Folgen, als daß er sich -der Zensur des Kaisers, der damals noch seinen Zeitgenossen -Friedrich bewunderte, ausgesetzt hatte und sich ihr wohl oder übel -unterwerfen mußte. Denn er gab sich noch lange der Täuschung -hin, daß der Kaiser schließlich doch seinen Plan durchführen werde.</p> - -<h3>Josephinismus.</h3> - -<p>Der Vorfall mit Klopstock ist bezeichnend: es fiel Joseph nie -ein, sich als Gönner der deutschen Literatur aufzuspielen. So -sehr er Friedrich den Großen verehrte, über den Verse drechselnden -König lächelte er nur, und Gelehrte, die Bücher schrieben, -galten ihm als gewinnsüchtige Geschäftsleute. Für das »Federvieh« -hatte er wenig übrig, und in verdrießlicher Stimmung -nannte er den Buchhandel »ebenbürtig dem Käsehandel«. Daß -ihn Aloys Blumauers Travestierung der »Aeneide« höchlichst belustigte, -richtet seinen Geschmack. Ebenso wie seine Mutter -begünstigte er den Büchernachdruck, weil dadurch zum Nutzen -der heimischen Industrie viel Geld umgesetzt wurde, und als er -seine Grundregeln für die Zensurreform entwarf, war sein -oberster Leitsatz: Besser, daß ein paar schlechte Bücher unter -die Leute kommen, als daß durch übertriebenen Zwang ein -»wesentlicher Handlungszweig« lahmgelegt wird. Den Volkswohlstand -zu fördern, war nach dem Siebenjährigen Krieg die -Losung der österreichischen Regierung. Wissenschaft und Kunst -um ihrer selbst willen zu schützen, kam Joseph gar nicht in -den Sinn, er hatte durchaus praktisch-politische Ziele: Vereinfachung -der Regierungsgeschäfte durch Zentralisation und -Gleichmäßigkeit, Entlastung der Beamten, Verminderung ihrer -Zahl und damit Ersparnis an Gehältern, Förderung der einheimischen -Industrie auf allen Gebieten und die dafür notwendige -Hebung der Volksbildung. Mit gerechtem Neid sah -Joseph das Emporblühen der protestantischen Nachbarstaaten, -besonders Preußens. Gesunde Aufklärung und religiöse Toleranz, -das sah er, machten unzählige wirtschaftliche Kräfte frei, die -bisher durch veraltete, von der Kirche eifersüchtig gehütete Gesetze -verkümmert waren. Diese Kräfte sollten nun mit einem -Schlag geweckt werden. Wenn er zu diesem Zweck den Kampf<span class="pagenum"><a id="Seite_39"></a>[39]</span> -aufnahm gegen Privilegien des Adels und der Kirche, gegen -Standesvorurteile und Aberglauben, Kurpfuscher und Alchimisten, -Teufelsaustreiber und Geisterbeschwörer und den ganzen -mittelalterlichen Spuk, der sich in Kirchen- und Klosterwinkeln -unter religiösem Gewande hartnäckig zu erhalten wußte, so war -die bisher verfehmte Aufklärung, die Errungenschaft der Naturwissenschaft -und Philosophie, seine gegebene Bundesgenossin. -Die geistliche Zensur hatte sie bisher des Landes verwiesen; -also mußte die Zensur geändert werden. Nicht um der schönen -Augen der deutschen Schriftsteller und Dichter willen, sondern -aus rein praktischen Erwägungen.</p> - -<p>Daß die Literatur selbst durch diese freiere Regung des -geistigen Lebens unendlich viel gewann, darüber hat Joseph sich -niemals weiterdenkenden Betrachtungen hingegeben. Das war -ein Verdienst, das seiner Politik ohne, vielleicht gegen ihren -Willen in den Schoß fiel.</p> - -<h3>Zensurreform in Österreich.</h3> - -<p>Nach dem Tode seiner Mutter (29. Nov. 1780) fühlte sich -Joseph frei von den drückenden Fesseln, die er bis dahin als -guter Sohn getragen hatte, und sofort ging er daran, den -dumpfen Geistesbann zu lösen, der wie ein Dornröschenschlaf -Österreich gefangenhielt.</p> - -<p>Zunächst hob er die bisherigen Zensurkommissionen auf und -ersetzte sie durch eine einzige Bücherzensur-Hauptkommission in -Wien. Ihr übergab er die von ihm selbst entworfenen »Grundregeln -zur Bestimmung einer ordentlichen künftigen Bücherzensur«, -und am 13. Oktober 1781 erschien ein neues Zensurgesetz.</p> - -<p>Verboten sollte nach des Kaisers Willen nur mehr das sein, -was »unsittliche Auftritte und ungereimte Zoten« enthielt, die -katholische und überhaupt die christliche Religion systematisch verfolgte -und lächerlich machte oder den Staat und den Landesfürsten -»geradezu auf eine gar anstößige Art« angriff. Im -übrigen aber sollte der Grundsatz gelten: »Kritiken, wenn es -nur keine Schmähschriften sind, sie mögen nun treffen wen sie -wollen, vom Landesfürsten bis zum Untersten, sollen, besonders -wenn der Verfasser seinen Namen dazu drucken läßt und sich also -für die Wahrheit der Sache dadurch als Bürgen dargestellt,<span class="pagenum"><a id="Seite_40"></a>[40]</span> -nicht verboten werden, da es jedem Wahrheitliebenden eine Freude -sein muß, wenn ihm solche auf diesem Wege zukommt.«</p> - -<p>Mit dem, was der »große Haufen« oder »schwache Köpfe« -lesen, bestimmte Joseph, soll man streng, um so nachsichtiger -aber mit gelehrten Werken sein, die nur »schon bereiteten Gemütern« -und »standhafteren Seelen« in die Hände kommen. -Einzelner anstößiger Stellen wegen braucht man also wissenschaftliche -Werke und Zeitschriften nicht zu verbieten.</p> - -<p>Der bisherige Katalog verbotener Bücher wurde einer gründlichen -Revision unterzogen. Zahlreiche hervorragende Schriften -von Abbt, Basedow, Bernis, Bodmer, G. A. Bürger, Chesterfield, -Goethe, Haller, Home, Jacobi, Moses Mendelssohn, -Schroeckh, Süßmilch, Zimmermann, Yorick (Sterne) und anderen -wurden nun endlich aus der Haft entlassen. Was man bisher -nur Gelehrten oder Protestanten »<em class="antiqua">erga schedam</em>« (gegen besondern -Erlaubnisschein) zu lesen gab, wurde alles freigegeben; -die unbedingt verbotenen Werke wurden einer nochmaligen Zensur -unterworfen und daraufhin ein neuer Katalog der verbotenen -Bücher angefertigt.</p> - -<p>Was verboten blieb oder neu verboten wurde, sollte jetzt -nicht mehr vernichtet, sondern in die Bibliotheken eingestellt -werden, so daß es Gelehrten »<em class="antiqua">erga schedam</em>« zugänglich -blieb. Protestantische Religionsbücher zu kirchlichen Zwecken -durften frei verkauft werden; das galt auch für unkatholische -Volksliteratur, Erbauungsbücher, Hauspostillen und dergleichen, -in den Landesteilen wie Ungarn und Schlesien, wo der Protestantismus -geduldet war; in Österreich selbst und den Provinzen, -wo der Katholizismus noch die einzige staatlich anerkannte -Religion war, durfte solche Volksliteratur der andersgläubigen -Bevölkerung wenigstens »<em class="antiqua">erga schedam</em>« geliefert -werden. Auch diese Beschränkung wurde bald darauf beseitigt.</p> - -<h3>Kaiser Josephs Volkszensur.</h3> - -<p>Für die Zensur der in den Erblanden zum Druck kommenden -Manuskripte erfand Joseph eine Neuerung, die seinen -Scharfsinn ins hellste Licht setzt und mit sicherer Hand den -Lebensnerv des ganzen Zensurproblems berührt; sie befreite die -ängstliche, um Amt und Brot besorgte Bürokratie von einem<span class="pagenum"><a id="Seite_41"></a>[41]</span> -Teil ihrer Verantwortung und schuf neben ihr einen weiten -Areopag gänzlich unabhängiger Männer, die keine Berufszensoren -waren, auch nicht von Staats wegen ernannt, sondern -– <em class="gesperrt">von den Schriftstellern selbst gewählt</em> wurden!</p> - -<p>Kein Manuskript, so bestimmte Josephs Gesetz, soll von -der Zensurbehörde zur Prüfung angenommen werden, wenn es -nicht schon eine Bescheinigung irgendeines sachkundigen Gelehrten -oder einer angesehenen Persönlichkeit mitbringt, die bekundet, -daß in dem neuen Werk nichts gegen die guten Sitten, die -Religion und die Landesgesetze enthalten, »dasselbe demnach dem -gesunden Verstande angemessen« ist. Diesen seinen Vorzensor -konnte sich jeder Schriftsteller unter seinen Freunden und Gönnern -suchen, er konnte auch mehrere in Anspruch nehmen, wenn ihm -die Ansicht des ersten nicht behagte, und da diese freigewählten -Zensoren keinerlei Verantwortung traf, war die Unbefangenheit -ihres Urteils gesichert. So verwandelte Joseph die bisherige -ausschließliche Beamtenzensur in eine Art Volkszensur, denn -das Urteil eines unabhängigen, angesehenen Mannes konnte auf -die entscheidende Zensurbehörde nicht ohne Einfluß sein. Er -wies damit auf einen Ausweg aus der Sackgasse der Zensur -hin, der zu einer Lösung des ganzen Problems führen konnte, -leider aber von spätern Gesetzgebern nie betreten worden ist.</p> - -<h3>»Wen's juckt, der kratze sich!«</h3> - -<p>Einen sympathischen Zug hatte Joseph mit seinem großen -Zeitgenossen Friedrich II. gemeinsam: er besaß eine sehr geringe -Empfindlichkeit im Punkte der Majestätsbeleidigungen. »Ich -habe eine heile Haut,« pflegte er zu sagen, »wen's juckt, der -kratze sich!« Nicht nach dem vorschnellen Urteil der Broschürenschreiber, -sondern auf Grund seiner Handlungen hoffte er beurteilt -zu werden, und als er 1780 den lutherischen Historiker -M. I. Schmid als Direktor des Hof- und Staatsarchivs nach -Wien berief, legte er ihm dringend nahe, in seinen Geschichtswerken -niemanden zu schonen, am wenigsten ihn selbst. »Die -Fehler meiner Vorfahren und meine eigenen sollen die Nachwelt -belehren«, war sein Wahlspruch. Als man ihn einmal -auf eine eben erschienene neue Schmähschrift gegen ihn aufmerksam -machte, antwortete er: »Es ist mir gleich, ob man<span class="pagenum"><a id="Seite_42"></a>[42]</span> -Gutes oder Schlimmes von mir spricht; dem einen wird sie -gefallen, dem andern mißfallen. Wenn man sich nur selbst -nichts vorzuwerfen hat. Die innere Ruhe ist ein Gut, das -man nicht nehmen und geben kann.«</p> - -<h3>Ein Zensurgespräch zwischen Kaiser und Erzbischof.</h3> - -<p>Gleichzeitig mit dem neuen Zensurgesetz erschien Josephs -berühmtes Toleranzedikt, das den Protestanten und nichtunierten -Griechen freie Religionsübung in allen Ländern des Kaiserstaates -zusicherte. Dies und die übrige reformatorische Tätigkeit -des Kaisers, die Aufhebung zahlreicher Klöster, die Auflösung -der Orden, die sich keiner gemeinnützigen Tätigkeit -widmeten, die Bevorzugung der Weltpriester usw. veranlaßte -den Papst Pius VI., 1782 persönlich nach Wien zu kommen, um -Einspruch zu erheben. Dieses Ereignis rief eine Fülle von -Schriften hervor, deren meist anonyme Verfasser die ihnen soeben -erst gewährte größere Meinungsfreiheit weidlich ausnützten. -Zahlreiche dieser Broschüren unter dem Titel »Was ist der Papst?«, -»Was ist die Kirche?«, »Was ist der Teufel?« usw. ließen an -Deutlichkeit dessen, was man bisher in Österreich-Ungarn nie -hatte sagen, geschweige denn drucken dürfen, nichts zu wünschen -übrig; die meisten wurden sogleich auch ins Ungarische übersetzt. -Der Erzbischof von Calocza, Baron Patachich, hoffte daher beim -Kaiser Joseph Verständnis für seine und der Geistlichkeit Entrüstung -über diese massenhaften Auswüchse der Preßfreiheit zu -finden. Bei dieser Audienz entwickelte sich folgendes Gespräch:</p> - -<p><em class="gesperrt">Kaiser</em>: »Nun itzt wird hier auch allerley geschrieben und die -Leute fangen an freyer und aufgeklärter zu dencken und zu schreiben.«</p> - -<p><em class="gesperrt">Erzbischof</em> (mit aufgehobenen Händen): »Ach du lieber -Gott! ja leider wird nur mehr als zu viel geschrieben, und ich -bitte E. M. um Gottes willen diesem Frevel einhalt zu thun, -durch den selbst Ew. M. geheiligte Person gemißbraucht wird.«</p> - -<p><em class="gesperrt">Kaiser</em>: »Ey warum – lesen Sie die brochuren die -heraus kommen?«</p> - -<p><em class="gesperrt">Erzbischof</em>: »Ich lese sie alle und muß sie kraft meines -Amtes lesen, damit ich sehe, ob denn diese Leute auch etwas -Neues sagen und ob die Gefahr, in die solche Schriftsteller die -Kirche setzen, von würklichen Folgen seyn kann.«</p> - -<p><span class="pagenum"><a id="Seite_43"></a>[43]</span></p> - -<p><em class="gesperrt">Kaiser</em>: »Man muß schon die Leute reden lassen, verschonen -sie doch mich auch nicht, sie haben ja gar auch ein -Buch herausgegeben, wo sie mich mit Luthern zusammensetzten -– haben Sie das auch gelesen?«</p> - -<p><em class="gesperrt">Erzbischof</em>: »Ach ja wohl – habe ichs gelesen und bin -erstaunt, wie sich der Verfasser so entsetzlich an Ew. M. vergehen -kann. Der Tittel ist schon Majestät beleidigend, ›Kaiser -Joseph und Luther‹; dann erzählt er alles, was Luther in -seinem sogenannten Reformations-Wercke gethan hat, nennt ihn -durch das ganze Buch <em class="antiqua">NB.</em> den seligen Luther und endlich -schließt er damit: so weit sey der sel. Luther gekommen, nun -wäre es Kaiser Joseph aufgehoben, das vollends auszuführen, -was jener angefangen oder nur zum Theil vollbracht habe.«</p> - -<p><em class="gesperrt">Kaiser</em>: »Ich habe aber das Buch in die Censur geschickt, -und man hat mir gesagt, daß nichts unanständiges darinn sey.«</p> - -<p><em class="gesperrt">Erzbischof</em>: »Das ists eben Ew. Majestät, die Censur –«</p> - -<p><em class="gesperrt">Kaiser</em>: »Ja aber ich habe es der Theologischen Fakultät -und besonders dem Rautenstrauch [Abt von Braunau], der doch -ein geschickter Mann in theologischen Sachen seyn soll, geschickt.«</p> - -<p><em class="gesperrt">Erzbischof</em> (mit Achselzucken): »Ja eben das ist das Unglück, -ich will den Prälat Rautenstrauch nicht verachten, aber –«</p> - -<p><em class="gesperrt">Kaiser</em>: »Ja, wenn <em class="gesperrt">diese</em> Leute es nicht verstehen, da -kann ich mir weiter nicht helfen.«</p> - -<p>»Danach wurde«, meldet der Berichterstatter, »der Discours auf -etwas anderes gelenckt und weiter dem Erzbischof mit vieler Höflichkeit -die Gelegenheit benommen, von dieser Materie wieder anzufangen.«</p> - -<h3>Preßfreiheit in Wien.</h3> - -<p>Im Mai 1786 ging Joseph noch einen Schritt weiter. -Mehrfach war es vorgekommen, daß Drucker statt der Handschrift -den schon abgesetzten Text an die Zensurbehörde geschickt -hatten. Das erschien dem Kaiser überaus praktisch: ein gedruckter -Text las sich besser als eine schlechte Handschrift, und -der Verleger gewann dadurch Zeit, er konnte schneller mit einem -neuen Buche erscheinen und bessere Geschäfte machen. Aus -diesen rein praktischen Erwägungen heraus erlaubte der Kaiser -jetzt den Wiener Verlegern, ihre Bücher auf eigene Gefahr -drucken zu lassen. Das erste fertige Exemplar aber mußte der<span class="pagenum"><a id="Seite_44"></a>[44]</span> -Zensur eingereicht, und vor der Genehmigung durfte das Werk -nicht ausgegeben werden. Wurde es dann von der Zensur verboten, -so mußte der Drucker für jedes dennoch im Inland verbreitete -Exemplar 50 Gulden Strafe zahlen. Ursprünglich -wollte Joseph dieses Vergehen sogar mit körperlicher Züchtigung -ahnden, was ihm aber der damalige Präsident der Zensurhofkommission -auszureden wußte.</p> - -<p>Tatsächlich schuf Joseph durch diese Verfügung einen Zustand, -der einer Preßfreiheit sehr nahe kam. Denn nun erst -kam den Schriftstellern die frühere Bestimmung zugute, daß ein -sonst nützliches Werk einzelner anstößiger Stellen wegen nicht -verboten werden durfte; sie konnten sich also manches zu drucken -getrauen, was in der Handschrift von dem ängstlichen Zensor -zweifellos getilgt worden wäre. Und wenn wider Erwarten ein -Buch dem Verbot verfiel, durfte es zwar in Österreich nicht -verbreitet werden; die schon gedruckte Auflage blieb aber Eigentum -des Verlegers, und nach dem Ausland durfte er sie ungehindert -verkaufen. Für Bücher, die nur im Ausland verbreitet wurden, -hatten also die österreichischen Schriftsteller völlige Preßfreiheit. -Verantwortlich blieben sie natürlich immer für die strafrechtlichen -Folgen ihrer Werke, wie ja Preßfreiheit niemals und -nirgends mit Gesetzlosigkeit zu verwechseln ist.</p> - -<h3>Das Ende der Wiener Preßfreiheit.</h3> - -<p>Drei Jahre dauerte die Wiener Preßfreiheit, dann machte -ein Federstrich Josephs ihr wieder ein Ende.</p> - -<p>Unlautere Elemente hatten sie arg mißbraucht, und die -Fälle, daß Bücher umliefen, die der Zensurbehörde gar nicht -vorgelegt worden waren, mehrten sich. Die Masse der schnell -fertigen Skribenten, der Wiener »Büchelschreiber«, die Tagesfragen -in seichten Broschüren erörterten, widerte den Kaiser an; -besonders verhaßt waren ihm die zahllosen anonymen und pseudonymen -Machwerke dieser Art, ohne daß er sich jedoch entschließen -konnte, ihnen völlig den Garaus zu machen; es waren immerhin -etliche »nützliche« Schriften darunter, deren Verfasser einleuchtende -Gründe für die Verschweigung ihres Namens beibrachten.</p> - -<p>Ob der ungeduldige Reformator, der niemals die Ernte -seiner Aussaat mit Ruhe erwarten konnte, unter der Enttäuschung<span class="pagenum"><a id="Seite_45"></a>[45]</span> -über den mangelnden Aufschwung des österreichischen -Schrifttums litt? Diese sentimentale Note klingt bei ihm -nie wieder, wie sich seine nüchternen Zweckmäßigkeitsgründe ja -auch niemals zu hoffnungsvollen Verheißungen gesteigert hatten. -Verbittert war er gewiß durch so manche Fehlschläge seiner -Politik, und der Beginn der Französischen Revolution machte -auf ihn einen um so tieferen Eindruck, als er schon an der -Krankheit hinsiechte, der er am 20. Februar 1790 erlag.</p> - -<p>In dieser Verfassung beherrschten ihn die gereizten Stimmungen -des Augenblicks mehr als je, und die plötzliche Zurücknahme -der Preßfreiheit von 1786 kostete ihn um so weniger -Überwindung, als er sich, das steht nach den Zensurakten fest, -1789 ihrer überhaupt nicht mehr entsann, sich ihrer kulturellen -Bedeutung also wohl nie bewußt geworden war! Zur größten -Bestürzung der Zensurkommission erging er sich Ende 1789 in -Entscheidungen despotischer Willkür und mußte erst auf die von -ihm selbst geschaffenen Gesetze hingewiesen werden. Die Zeit -war aber schon vorüber, wo der Geist der josephinischen Reform -in seinen Beamten einen festen Rückhalt gefunden hatte. Sie -gingen auf die plötzliche Laune des Kaisers bereitwilligst ein, -sprachen ihm von Büchern, die »die Grundfeste aller Religion, -aller Sittlichkeit, aller gesellschaftlichen Ordnung untergraben, -die Bande aller Staaten, aller Nationen aufzulösen fähig sind« -und von der »Pflicht gegen die Menschheit«, der Verbreitung -solcher Bücher nach Möglichkeit Einhalt zu tun. Daraufhin -erfolgte im Dezember 1789 des Kaisers neue Verfügung:</p> - -<p>Von jetzt ab darf kein Manuskript mehr ohne vorherige Zensur -gedruckt werden. Für jedes in Umlauf gebrachte Exemplar -einer unzensierten Druckschrift ist wie bisher eine Strafe von -50 Gulden festgesetzt, im Wiederholungsfall tritt Schließung des -Geschäftes hinzu. Wer aber unzensierte Bücher ins Ausland -sendet, wird außerdem mit einer körperlichen Strafe belegt!</p> - -<p>So bricht dieser Kitzel mittelalterlicher Gewaltherrschaft, der -Trieb zu körperlicher Züchtigung, wie eine Jahre hindurch ehrlich -unterdrückte Leidenschaft in Josephs letzter Zensurverfügung -wieder durch. Obendrein wurde am 20. Januar 1790 der -gesamte Hausierhandel mit Büchern schlankweg verboten.</p> - -<p>Dieser plötzliche Rückschritt zeigt, daß bereits ein anderer als<span class="pagenum"><a id="Seite_46"></a>[46]</span> -der frühere josephinische Geist in Österreich wieder mächtig zu -werden begann; die gleichzeitige Reaktion in Preußen wird darauf -nicht ohne Einfluß gewesen sein. Zehn Jahre hatte der freigegebene -Kampf gegen die Kirche sich als trefflicher Blitzableiter aller Opposition -erwiesen: jetzt war seine Kraft erschöpft, und gegen die aus -dem Westen anstürmende Flut der Revolution mußten in Eile -neue Dämme aufgeworfen werden. Bisher hatte Joseph die österreichischen -Schriftsteller ihre schärfsten Pfeile ungehindert ins Ausland -verschießen lassen, wenn nur die Ruhe des Kaiserstaates -nicht gestört wurde; in der Abwehr der Revolution fühlte sich -plötzlich auch Österreich mit dem Ausland solidarisch. Nach -kurzer Zeit übernahm es sogar die Führung in diesem Kampfe -und wußte sie fast ein halbes Jahrhundert lang zu behaupten.</p> - -<h3>Der letzte Rest …</h3> - -<p>Ein hohes Verdienst der Zensurreform Josephs ist schließlich -noch, daß sie das Recht des Privateigentums wieder anerkannte, -der Polizei und Geistlichkeit die Schwelle des Privathauses -zu achten befahl und damit die niederträchtige Spionage -nach verbotenen Büchern beseitigte. In seinen Grundregeln -hatte der Kaiser mit derben Worten den unwürdigen Gebrauch -gebrandmarkt, »jedem Reisenden, jedem Inländer, der nur von -seinen Landgütern in eine Stadt kömmt, alle seine Truhen und -Bett-Säcke zu durchsuchen, um entweder ein Buch zum Verbrennen -zu finden oder ein hier noch nicht bekanntes zu censuriren«, -und wenn auch das Zensurgesetz selbst keine ausdrückliche -Bestimmung darüber enthielt, so beschränkte der Wille des -Kaisers von da ab die Vollmacht der Zensurbehörden auf den -öffentlichen Bücherhandel. Verbotene Bücher waren von nun -an in den Händen ihrer rechtmäßigen Besitzer und im Koffer -der Reisenden unantastbar, wenn sie nicht als Handelsware -dienten, und verfielen erst wieder der Beschlagnahme, wenn sie -öffentlich weiterverkauft werden sollten.</p> - -<p>Diese Bestimmung ist die <em class="gesperrt">einzige</em> von Josephs Zensurreform, -die <em class="gesperrt">auf die Dauer</em> bestehen blieb. Alle übrigen -wurden bald nach seinem Tode ebenso geräuschlos wie gründlich -beseitigt, als die Furcht vor der Revolution über die Regierungen -ganz Europas hereinbrach.</p> -<hr class="chap" /> - -<div class="chapter"> -<p><span class="pagenum"><a id="Seite_47"></a>[47]</span></p> - -<h2 class="nobreak" id="kap03">3. Des gottseligen Herrn Ministers von -Wöllner Blumen-, Frucht- und Dornenstücke.</h2> -</div> - -<div class="epigraph"> - -<p class="center"><em class="gesperrt">Visitator.</em></p> - -<p>Oeffnet die Coffers. Ihr habt doch nichts contrebandes geladen? -Gegen die Kirche? den Staat? Nichts von französischem Gut?</p> - -<p class="right"> -<em class="gesperrt">Goethe-Schiller</em>, »<em class="gesperrt">Xenien</em>«. (1797.) -</p></div> - -<h3>Preßfreiheit und Preßfrechheit.</h3> - -<p>Ganz anders als unter Friedrich dem Großen pfiff der -Wind unter seinem Nachfolger Friedrich Wilhelm II. (1786–1797), -nach dessen Regierungsantritt es bereits in Frankreich -bedenklich zu kriseln begann. Unter dem Einfluß seines -bigotten Justiz- und Kultusministers von Wöllner, der den -freisinnigen Minister von Zedlitz abgelöst hatte, erließ der neue -Herr zunächst das Religionsedikt vom 9. Juli 1788, das der -friderizianischen Aufklärung den Krieg bis zum Äußersten ansagte -und die auch den morschen Staatsgebäuden gefährliche -Aufklärung mit Stumpf und Stiel ausrotten sollte.</p> - -<p>Gegen dieses mit dem Geist des Protestantismus unvereinbare -Religionsedikt lehnten sich sogar fünf Mitglieder des Oberkonsistoriums -auf; der ehrwürdige Propst Spalding an der -Nikolaikirche und Propst Teller an St. Petri dankten seinetwegen -ab, und die gesamte Presse machte heftig dagegen mobil. -Um ihr den Mund zu stopfen, sahen der König und Wöllner -kein anderes Mittel als ein neues Zensurgesetz, dessen Bearbeitung -am 10. September 1788 dem Großkanzler von -Carmer mit folgenden Worten aufgetragen wurde:</p> - -<p>»Da Ich auch vernehme, daß die Preßfreiheit in Berlin -in Preßfrechheit ausartet, und die Bücher-Censur völlig eingeschlafen -ist, mithin gegen das Religions Edict allerlei aufrührerische -Schriften gedruckt werden, so habt ihr gegen den -Buchdrucker und Buchhändler sofort <em class="antiqua">fiscum</em> zu excitiren, und -Mir übrigens Vorschläge zu thun, wie die Büchercensur auf -einen bessern Fuß eingerichtet werden kann. Ich will Meinen -Unterthanen alle erlaubte Freiheit gern accordiren; aber Ich<span class="pagenum"><a id="Seite_48"></a>[48]</span> -will auch zugleich Ordnung im Lande haben, welche durch die -Zügellosigkeit der jetzt sogenannten Aufklärer, die sich über -alles wegsetzen, gar sehr gelitten hatt.«</p> - -<p>Durch diese Kabinettsorder Friedrich Wilhelms II. ist der -Gleichklang »Preßfreiheit – Preßfrechheit« geflügelt geworden.</p> - -<h3>Das »Erneuerte Censur-Edict« von 1788.</h3> - -<p>Neue Besen kehren gut. Schon zwei Monate später war -das befohlene Zensurgesetz fertig und wurde am 19. Dezember -1788 vom Könige unterzeichnet. Es ist schon dadurch von besonderer -Bedeutung, daß es bis 1819 gültig und darüber hinaus -von vorbildlicher Wirkung blieb, obgleich das berüchtigte -Religionsedikt, dessen dornenvollen Weg es ebnen sollte, 1797 -wieder aufgehoben wurde.</p> - -<p>Dieses erneuerte Zensuredikt erkannte zwar »die großen -und mannigfaltigen Vortheile einer gemäßigten und wohlgeordneten -Preßfreyheit zur Ausbreitung der Wissenschaften und -aller gemeinnützigen Kenntnisse« an und wollte ebenfalls »keinesweges -eine anständige, ernsthafte und bescheidene Untersuchung -der Wahrheit hindern oder sonst den Schriftstellern irgend einen -unnützen und lästigen Zwang auflegen«. Der Vorbehalt »bescheiden« -ist neu, Friedrichs Zensurgesetz von 1772 führt ihn -noch nicht, und er gehört von jetzt an zum regelmäßigen Wortschatz -solcher Verfügungen.</p> - -<p>Aber eine »gänzliche Ungebundenheit der Presse«, klagt der -Gesetzgeber, werde »besonders in den sogenannten Volksschriften -häufig von unbesonnenen oder gar boßhaften Schriftstellern mißbraucht -zur Verbreitung gemeinschädlicher praktischer Irrthümer -über die wichtigsten Angelegenheiten der Menschen, zum Verderbniß -der Sitten durch schlüpfrige Bilder und lockende Darstellungen -des Lasters, zum hämischen Spott und boßhaften -Tadel öffentlicher Anstalten und Verfügungen, und zur Befriedigung -niedriger Privat-Leidenschaften, der Verläumdung, des -Neides und der Rachgier, welche die Ruhe guter und nützlicher -Staatsbürger stöhren, auch ihre Achtung vor dem Publiko -kränken«.</p> - -<p>Um solchen Männern, denen es nicht um die Wahrheit zu -tun sei, sondern die nur aus Gewinnsucht oder aus andern<span class="pagenum"><a id="Seite_49"></a>[49]</span> -Nebenabsichten die Schriftstellerei ausübten, das Handwerk zu -legen, sei es nötig, das ganze Literaturgewerbe der öffentlichen -Aufsicht und Leitung des Staates zu unterstellen, um allem zu -steuern, »was wider die allgemeinen Grundsätze der Religion, -wider den Staat, und sowohl moralischer als bürgerlicher Ordnung -entgegen ist, oder zur Kränkung der persönlichen Ehre -und des guten Namens anderer abzielet«. Daher dürfe kein -Buch ohne Erlaubnis der Zensur gedruckt oder verkauft werden.</p> - -<p>Die Ausübung der Zensur wurde jetzt nicht mehr einer besonderen -Kommission und bestimmten Personen anvertraut, was -sich schon früher als unpraktisch erwiesen hatte, sondern ganzen -Kollegien, die ihrerseits einen Zensor stellen mußten. Die -Zensur der theologischen und philosophischen Schriften wurde -den Konsistorien, die der juristischen dem Kammergericht bzw. -den Regierungen und Landesjustizkollegien, die der medizinischen -den jeweiligen Medizinalkollegien und die der staatswissenschaftlichen -Schriften dem Departement des Äußern übertragen.</p> - -<p>Die Zensur der schönen Literatur (»Wochen- und Monatsschriften -vermischten Inhalts, gelehrte Zeitungen, oeconomische -Aufsätze, Romane, Schauspiele und andere kleine Schriften«) -blieb Aufgabe der Universitäten oder der Landesjustizkollegien; -letztere hatten wie bisher auch die Verantwortung für die politischen -Zeitungen, die nur in Berlin ebenfalls dem Departement -des Äußern unterstanden. Da außerhalb des lokalen -Teils der Inhalt der Provinzzeitungen damals noch ganz von -dem der Berliner abhing, war also durch die Berliner Zensur -auch die preußische Provinzpresse besorgt und aufgehoben.</p> - -<h3>Die Wöllnersche Note.</h3> - -<p>Man pflegt gemeinhin das »Erneuerte Censur-Edict« mit -dem berüchtigten Religionsedikt in einen Topf zu werfen und -beide mit dem Namen des Ministers Wöllner zu bezeichnen, -den Friedrich der Große mit den Worten charakterisiert hatte: -»Der Wöllner ist ein betrügerischer und intriganter Pfaffe, -weiter nichts.« So lautete eine der lapidaren Randbemerkungen -des Königs an einem Gesuch der Familie Itzenplitz, die 1765 -für ihren bisherigen Hauslehrer, jetzigen Schwiegersohn Wöllner -den Adel erbeten hatte. Es war eine der ersten Regierungshandlungen<span class="pagenum"><a id="Seite_50"></a>[50]</span> -Friedrich Wilhelms II., seinem Günstling diese -Standeserhöhung zu gewähren.</p> - -<p>Daß der Wortlaut des Zensurediktes von 1788 nicht von -Wöllner stammt, sondern von dem berühmten damaligen Juristen -Svarez, dem Reformator des gesamten preußischen Justizwesens, -berichtete schon Fr. Nicolai in seinen »Gedanken über die Verbesserung -der Einrichtung der Censur« 1801; ihm gestand -auch Svarez zu, daß er, »da er die Sache nicht ändern konnte«, -sie wenigstens durch Weglassung und ungenaue Fassung einiger -Paragraphen zu mildern gesucht habe, »um einer günstigen -Auslegung Platz zu lassen«. Damit gab er indirekt Wöllners -bestimmenden Einfluß zu, der sich ja auch aus der ganzen -Sachlage von selbst ergab. Zweifellos bildet die gemäßigte -Form des Zensurediktes, wie Svarez' Biograph Stölzel sagt, -»einen scharfen Kontrast zu der gereizten, wenig objektiven Sprache -des Religionsediktes. Dort redet Svarez, hier Wöllner«. Auch -die Gründlichkeit des neuen Gesetzes verrät überall die sorgsam -überlegte Arbeit eines erfahrenen Juristen.</p> - -<p>Aber war das Edikt von 1788 wirklich nur eine »Erneuerung« -der Zensurvorschriften Friedrichs des Großen? -»Wenn man's so hört, möcht's leidlich scheinen.« Aber wenn -man die Einzelheiten genau betrachtet, fallen doch mehrere sehr -wichtige Änderungen auf.</p> - -<p>Daß in der moralisierenden Einleitung, durch deren schlechten -Stil ein Wöllnerscher eigener Entwurf durchzuschimmern -scheint, dem erst aufwachsenden selbständigen Schriftstellerberuf -noch keine Existenzberechtigung zugestanden wird, ist nur ein -Zeichen der Zeit. Über dieses »Gewerbe« dachte der alte Fritz -kaum anders. Aber die neue Verfügung rüttelte an einer der -Grundfesten seines Gesetzes von 1772, indem sie die Zensur -der wichtigsten aller Disziplinen, der philosophischen, dem Fachgelehrten -wieder entzog und den Konsistorien überwies, also -die unter Friedrich durchgesetzte Fachzensur zum wesentlichen -Teil wieder in eine geistliche Zensur verwandelte. Diese Neuerung -war zweifellos die am tiefsten einschneidende.</p> - -<p>Es finden sich aber noch andere. Die Zensurfreiheit der -Akademiker blieb zwar bestehen, aber sie wurde jetzt beschränkt -auf Schriften »über Gegenstände derjenigen Classe, bei welcher<span class="pagenum"><a id="Seite_51"></a>[51]</span> -sie angesetzt sind«, galt also nur mehr für die Fachschriften. -Wenn sich demnach etwa ein Mediziner der Akademie auf das -Gebiet der Philosophie oder Religion verirrte, war er keineswegs -mehr immun, sondern hatte sich über diesen Schritt vom Wege -wie jeder andere vor der Zensur des zuständigen Kollegiums -zu verantworten.</p> - -<p>Die »historischen Schriften« des alten Zensurgesetzes nennt -das erneuerte überhaupt nicht mehr. Aber vergessen waren sie -nicht, sondern ganz unauffällig in einen andern Paragraphen -geschoben: neben den politischen mußten jetzt auch »alle in die -Reichs- und Staatengeschichte einschlagenden Schriften« dem -auswärtigen Departement vorgelegt werden. Man wollte jetzt -auch die Literatur schärfer beaufsichtigen, die unter dem Gewande -der Geschichte oft sehr unbequeme Politik trieb.</p> - -<p>Aus diesen sehr bedeutenden Verschärfungen des Zensurediktes -von 1788 klingt die Wöllnersche Note deutlich hervor, -und wenn die unkritische öffentliche Meinung den bigotten Minister -zum Vater auch des Zensurediktes machte, so sollten ihr die -nächsten Ereignisse doppelt recht geben: denn nicht der Wortlaut -macht die Schärfe eines Gesetzes, sondern seine Anwendung.</p> - -<h3>Prometheus.</h3> - -<div class="poetry-container"> -<div class="poetry"> - <div class="stanza"> - <div class="verse indent0">Prometheus hatte kaum herab in Erdennacht</div> - <div class="verse indent0">Den Quell des Lichts, der Wärm' und alles Lebens,</div> - <div class="verse indent0">Das Feuer, vom Olymp gebracht,</div> - <div class="verse indent0">Sieh, da verbrannte sich – denn Warnen war vergebens –</div> - <div class="verse indent0">Manch dummes Jüngelchen die Faust aus Unbedacht.</div> - <div class="verse indent0">Mein Gott! Was für Geschrei erhuben</div> - <div class="verse indent0">Nicht da so manches dummen Buben</div> - <div class="verse indent0">Erzdummer Papa,</div> - <div class="verse indent0">Erzdumme Mama,</div> - <div class="verse indent0">Erzdumme Leibs- und Seelenamme!</div> - <div class="verse indent0">Welch Gänsegeschnatter die Klerisei,</div> - <div class="verse indent0">Welch Truthahngekoller die Polizei! –</div> - </div> - <div class="stanza"> - <div class="verse indent0">Ist's weise, daß man dich verdamme,</div> - <div class="verse indent0">Gebenedeite Gottesflamme,</div> - <div class="verse indent0">Allfreie Denk- und Druckerei?</div> - </div> -</div> -</div> - -<p class="right"> -<em class="gesperrt">Gottfried August Bürger.</em> 1789. -</p> - -<h3>Die gehörige Bescheidenheit.</h3> - -<p>Einer der ersten, die das Recht des Königs, für die »ursprüngliche -Reinigkeit« der Religion zu sorgen, nachdrücklich<span class="pagenum"><a id="Seite_52"></a>[52]</span> -bestritten, war ein in Berlin lebender Hamburger, <em class="antiqua">Dr.</em> Würzer, -der in seinen »Bemerkungen über das preußische Religions-Edict -nebst einem Anhang über Preßfreiheit« (Berlin, 1788) jede -Einwirkung des Staates auf die Entwicklung der Religion und -jede Maßregel gegen die Aufklärung als unzulässig nachwies -und auch an dem Stil des Ediktes, an seinen Ausdrücken -»Dreistigkeit und Unverschämtheit«, scharfe Kritik übte.</p> - -<p>Er wurde verhaftet und vom Kammergericht zu sechs Wochen -Gefängnis verurteilt, aber nicht seiner theologischen Überzeugung -wegen, sondern weil er diese nicht mit der »gehörigen Bescheidenheit« -vorgetragen und die Achtung vor dem Monarchen verletzt -habe. Er hatte es nämlich gewagt, seine Streitschrift dem -Könige zu widmen und ihm ein Exemplar zu überschicken.</p> - -<h3>Das Kammergericht gegen Wöllner.</h3> - -<p>Von der erhofften heilsamen Wirkung des neuen Zensurgesetzes -war Wöllner sehr bald bitter enttäuscht, denn die jetzt -mit der Zensur beauftragten Kollegien, sogar die Konsistorien, -arbeiteten ihm wenig zu Dank. Er sorgte deshalb mehrfach -durch Kabinettsorders, die der König meist ungelesen zu unterzeichnen -pflegte, dafür, daß über seine Auslegung des Zensurediktes -und die von ihm bezweckte Anwendung kein Zweifel -mehr bestehen konnte.</p> - -<p>Zur bessern Kontrolle der Rechtgläubigkeit hatte König -Friedrich Wilhelm II. die Einführung eines allgemeinen Landeskatechismus -befohlen, die bei der Geistlichkeit auf ebenso starken -Widerstand stieß wie das Religionsedikt. Eine in Züllichau -erschienene anonyme Abhandlung war <em class="gesperrt">für</em> den Landeskatechismus -eingetreten, und der Berliner Prediger Gebhard schrieb -eine Entgegnung darauf, die vom Berliner Oberkonsistorium -die Druckerlaubnis erhielt. Kaum aber war sie erschienen, so -verbot Wöllner als Chef des geistlichen Departements dem -Verleger Joh. Christ. Unger den Verkauf der Gebhardschen -Schrift bei 100 Dukaten Strafe für jedes Exemplar. Außerdem -erhielt der schuldige Zensor, der Oberkonsistorialrat Zöllner, -einen derben Verweis, weil er eine »Scharteke« zugelassen -habe, die die geplante Einführung des Landeskatechismus als -unnötig, unnütz und sogar schädlich bezeichnete, also einen<span class="pagenum"><a id="Seite_53"></a>[53]</span> -sträflichen Tadel landesherrlicher Verordnungen und wenig -Achtung vor königlichen Befehlen enthalte.</p> - -<p>Wer zahlte nun dem Verleger seine Unkosten zurück? Daß -die Zensoren selbst sich so gröblich irren konnten, hatte der -Gesetzgeber nicht vorgesehen. Wöllner riet dem Verleger ironisch, -er möge sich an Verfasser und Zensor halten, und Unger folgte -seinem Rat, wohl um über diese noch mehrfach zu befürchtende -Streitfrage eine Gerichtsentscheidung herbeizuführen.</p> - -<p>Aufs neue bewährte das preußische Kammergericht seinen -alten Ruf unbestechlicher Gerechtigkeit. Die Klage gegen den -Verfasser nahm es gar nicht an, da dieser ja sein Buch ordnungsgemäß -der Zensur vorgelegt hatte, und die Klage gegen -den Zensor wies es kostenpflichtig ab. Die Kritik auch schon -bestehender, »von der Regierung beliebter« Staatseinrichtungen, -so erklärte es in seiner Urteilsbegründung, sei nicht nur Recht, -sondern Pflicht jedes, der sich zu Belehrungen der Staatsmänner -berufen glaube, sonst würden »alle Kompendien der -Staatswissenschaft unter die verbotenen Bücher, und Plato, -Montesquieu und Thomasius unter die Staatsverbrecher gehören«. -Wenn jemals über Gesetze und öffentliche Anstalten -mit Nutzen geschrieben werden könne, so sei es gewiß zu der -Zeit, da sie eben entworfen würden. Zöllner habe deshalb als -Zensor nur seine Pflicht erfüllt und verdiene statt eines Tadels -»<em class="gesperrt">öffentlichen Dank</em>, daß er ohne Nebenabsichten, als ein -gewissenhafter und verständiger Staatsdiener, seine Stimme gegeben, -und so viel an ihm ist, die Rechte der Vernunft und -die mit ihnen verbundene Ehre der Preußischen Regierung aufrecht -erhalten« habe. Protokollführer bei dieser denkwürdigen -Sitzung des Kammergerichts war der damalige Referendar -Wilhelm von Humboldt.</p> - -<h3>Die Grenzen der Wirksamkeit des Staates.</h3> - -<p>Vorfälle dieser Art waren es, die einen Augen- und Ohrenzeugen -des Unger-Zöllnerschen Prozesses, eben jenen Referendar -am Kammergericht Wilhelm von Humboldt, mit einem so starken -Ekel gegen alle Vielregiererei erfüllten, daß er im Sommer -darauf dem preußischen Staate den Dienst aufsagte, um sich -einem freien Schriftstellerleben innerlichster Arbeit und geistigster<span class="pagenum"><a id="Seite_54"></a>[54]</span> -Selbsterziehung hinzugeben. Seine Mittel erlaubten ihm das. -Die Entwicklung der eigenen Individualität, das hatte ihn seine -kurze Beschäftigung an der Staatsmaschine gelehrt, ist unmöglich -ohne die ungebundenste Freiheit. Diese ist daher das ursprüngliche -Recht, das Naturrecht des Menschen, ohne die er -sein Ziel, sich selbst in seiner Eigentümlichkeit voll und ganz -zu entwickeln, nicht erreichen kann. Der Staat aber tötet die -Individualität, schwächt die Energie, die Haupttugend des -Menschen, und hindert durch die Gleichmachung aller den einzelnen -an der Erfüllung seiner individuellen Bestimmung.</p> - -<p>Deshalb soll der Staat nur soweit bestehen, als er schlechterdings -nicht zu entbehren ist. Er hat die »Sicherstellung der -Bürger gegen sich selbst und gegen auswärtige Feinde« zu besorgen, -im übrigen aber sich aller Maßregeln zu enthalten, die -mit jener Aufgabe nicht unmittelbar zusammenhängen. Jeder -weitere Versuch, »direkt oder indirekt auf die Sitten und den -Charakter der Nation« einzuwirken, durch Beaufsichtigung der -Erziehung, der Religion, der Ehe, des »freien Untersuchungsgeistes« -usw., liegt außerhalb der Wirksamkeit des Staates und -muß daher abgelehnt werden. Jede aufdringliche Sorgfalt des -Staates für das »positive Wohl« der Bürger kann den einzelnen -nur schädigen. Wieviel Raum in diesem Idealstaat -für ein Wöllnersches Religionsedikt oder die Zensur übrigblieb, -ergibt sich von selbst. »Wer Dinge äußert«, lautete eine der -wichtigsten Thesen Humboldts, »oder Handlungen vornimmt, -welche das Gewissen oder die Sittlichkeit des andern beleidigen, -mag allerdings unmoralisch handeln, allein, so fern er sich keine -Zudringlichkeit zu Schulden kommen läßt, kränkt er kein Recht.« -Und nur darauf kommt es an.</p> - -<p>Gedanken dieser Art bestürmten Humboldt, den Freund -Georg Forsters, im Herbst des Jahres 1791, während der -Posaunenchor der Französischen Revolution über den Rhein herübertönte. -Er entwickelte sie in einem Briefe, der im Januar -1792 in der »Berlinischen Monatsschrift« erschien und zu -einem lebhaften Meinungsaustausch mit dem Humboldt nahestehenden -Reichsfreiherrn Karl von Dalberg führte, dem damaligen -kurfürstlich mainzischen Statthalter zu Erfurt und -späteren Kurfürsten von Mainz, der ebenfalls von dem Fieber<span class="pagenum"><a id="Seite_55"></a>[55]</span> -der Vielregiererei ergriffen war. So entstand Humboldts erste -größere Schrift »Ideen zu einem Versuch, die Gränzen der -Wirksamkeit des Staats zu bestimmen«. Mehrere Kapitel -daraus erschienen noch in der »Berlinischen Monatsschrift« -1792 (Stück 10–12), ein anderes in Schillers »Thalia« -(Heft 5). Das Ganze aber wurde erst ein halbes Jahrhundert -später, 1851, aus Humboldts Nachlaß veröffentlicht, und das -kam folgendermaßen:</p> - -<p>Humboldt brannte darauf, seine Streitschrift gegen Absolutismus -und Wöllnerschen Despotismus so schnell wie möglich -herauszugeben, und sie sollte in Berlin gedruckt werden. Am -12. September 1792 aber mußte er dem Freunde Schiller -melden: »Der eine Censor verweigerte sein Imprimatur ganz, -der andere hat es zwar ertheilt, allein nicht ohne Besorgnis, -daß er [genau so wie der Konsistorialrat Zoellner] deshalb noch -künftig in Anspruch genommen werden könne. Da ich nun -alle Weitläufigkeiten dieser Art in den Tod hasse, so bin ich -entschlossen, die Schrift außerhalb drucken zu lassen.« Der geschäftskundige -Schiller sollte einen Verleger ausfindig machen -und, wie Humboldt wünschte, eine Vorrede dazu schreiben, da -es ihm besonders wertvoll erschien, wenn ein Mann von -Schillers Geist, »ohne vorhergehendes eigentliches Studium -dieser Materien, und also von ganz anderen, neuen und originellen -Gesichtspunkten ausgehend, diesen Gegenstand behandelte«.</p> - -<p>Der Verlag Göschen, an den sich Schiller wandte, lehnte -ab. Dadurch verzögerte sich der Druck, und als Schiller im -Januar 1793 einen andern Verleger gefunden hatte, war -Humboldt über den Wert seiner Schrift unsicher geworden. -Die letzten Ereignisse der Französischen Revolution, die Verurteilung -und Hinrichtung Ludwigs XVI. und seiner Gemahlin am -17. bzw. 21. Januar 1793, hatten den ausgelassenen Tanz -der Deutschen um den französischen Freiheitsbaum auf furchtbare -Weise unterbrochen. Humboldt, der, wie Graf Stolberg -sich ausdrückte, bis dahin »von dem Gifthauche des Genius -der Zeit getroffen« war, verfiel plötzlich in eine Krisis, die zu -einem starken Wandel seiner politischen Ansichten führen sollte. -Innerhalb dieser Krisis mit einer Schrift hervorzutreten, zu -der er sich schon nicht mehr ganz bekennen konnte, widerstrebte<span class="pagenum"><a id="Seite_56"></a>[56]</span> -ihm. Erst wollte er sie ändern; dann schob er die Veröffentlichung -weit hinaus, und später verbarg er dies Zeugnis seines jugendlichen -Sturms und Drangs sorgfältig im Schreibtisch.</p> - -<p>So hat in diesem Falle der Berliner Zensor die Rolle der -Vorsehung gespielt und die weitere Entwicklung Wilhelm von -Humboldts entscheidend beeinflußt. Die damals unterdrückte -Schrift entsprach der Wöllnerschen Forderung der »Bescheidenheit« -keineswegs und hätte ihren Verfasser vielleicht wieder mit -dem Kammergericht in Beziehung gebracht, aber nicht als Beisitzer, -sondern als Angeklagten. Außerdem ist es bei aller Ehrlichkeit -des jungen Staatsmanns doch wohl fraglich, ob ihm -die Neuorientierung so leicht gefallen wäre, wenn er sich durch -das Erscheinen jener Schrift auf ein so radikales Programm -öffentlich festgelegt hätte. Gerade er hätte schwerlich so leicht -den Selbstvorwurf haben abschütteln können, daß das gedruckte -Wort mehr als anderes verpflichtet.</p> - -<h3>Die Immediat-Examinationskommission von 1791.</h3> - -<p>Bei Wöllners Charakter war nicht zu erwarten, daß ihn -der unzweideutige Spruch des Kammergerichts zur Selbsteinkehr -bewogen hätte. Wenn die vom Gesetzgeber bestellten Behörden -ihres Amtes nicht in dem erhofften Sinne walteten, so mußten -andere Mittel gefunden werden. Und darum war er nicht verlegen. -Die reaktionäre Kraft des Zensurediktes hatte sich unerwarteterweise -als nicht stark genug erwiesen; also mußte ihm -mit ergänzenden Verfügungen nachgeholfen werden.</p> - -<p>Dem so wenig verläßlichen Berliner Oberkonsistorium wurde -am 14. Mai 1791 eine von ihm unabhängige geistliche Prüfungs- -und Aufsichtsbehörde auf die Nase gesetzt, die Immediat-Examinationskommission, -die die Prüfung der Pfarramtskandidaten -nach einem einheitlichen Schema regeln sollte. Ihre -Mitglieder waren der Oberkonsistorialrat Silberschlag, der Prediger -an der Berliner Georgenkirche Woltersdorf, der frühere -Breslauer Prediger, jetzige Oberkonsistorialrat Hermes und der -Geh. Konsistorialrat Hillmer, vier »elende, aus aller Wissenschaft -herausfallende Männer, die der Wöllnerschen Verwaltung die -verdiente Verachtung zuzogen«. Hermes (1731–1807) hatte -die neue scharfe Prüfungsordnung für die Kandidaten der Theologie<span class="pagenum"><a id="Seite_57"></a>[57]</span> -ausgearbeitet und ebenso den neuen Landeskatechismus, der -vom Abt Henke »eine Frucht der Unwissenheit« genannt und auch -bald wieder außer Gebrauch gesetzt wurde. Hillmer (1756–1831), -ehemaliger Oberlehrer ebenfalls in Breslau, ein Mann ohne jede -wissenschaftliche Leistung, hatte durch seine mystischen Neigungen -das Vertrauen des Königs gewonnen; er war der Haupthahn -unter den vieren, der geborene Großinquisitor, und bald die rechte -Hand Wöllners. Nach Silberschlags baldigem Tode wurde der -etwas gemäßigtere Oberkonsistorialrat Hecker sein Nachfolger.</p> - -<p>Diese geistliche Prüfungskommission erhielt aber noch einen -zweiten Auftrag: ihr oder vielmehr ihren beiden besonders zuverlässigen -Mitgliedern Hillmer und Hermes übertrug eine -Kabinettsorder vom 1. September 1791 auch die Zensur aller -theologischen und moralischen Schriften, da sich »die bisherigen -Bücherzensoren [also das Konsistorium!] an das Censuredikt -gar nicht gekehrt, sondern viel zu leichtsinnig verfahren« seien. -Eine Berufungsinstanz gegen diese neue Zensurbehörde gab es -überhaupt nicht.</p> - -<p>Das war Wöllners Antwort auf das Urteil des Kammergerichts -im Falle Unger gegen Zöllner.</p> - -<h3>Schärfere Anziehung der Zensurschraube.</h3> - -<p>Der ehemalige Oberlehrer Hillmer war aber mit seinem -neuen Amte keineswegs zufrieden. Mit der strengeren Zensur -theologischer und moralischer Schriften, die nur Gelehrten in -die Hände kamen, versprach der Kampf gegen die Aufklärung -wenig Erfolg. Viel gefährlicher waren die Zeitschriften, die -durch ihren volkstümlichen und unterhaltenden Charakter einen -großen Leserkreis besaßen und Mitarbeiter aller Parteien und -Geistesrichtungen, auch der radikalsten, zu Wort kommen ließen. -Schon am 14. Oktober stellte er also dem Könige vor, »daß -grade diese Monats-, Zeit- und Gelegenheitsschriften von allen -Classen und Ständen des Volks am meisten gelesen werden, -und durch diese Art Schriften der Religion, der Ruhe und -guter Ordnung in Deutschland wie in Frankreich mehr als -durch größere theologische und moralische Werke geschadet« -werde, und erbat für sich und seinen Kollegen Hermes die Ausübung -der Zensur über »alle Monatsschriften, Zeit- und Gelegenheitsschriften,<span class="pagenum"><a id="Seite_58"></a>[58]</span> -Bibliotheken, Pädagogischen Schriften und -alle dergleichen Broschüren, philosophischen und moralischen -Inhalts«. Am 19. Oktober wurde dieser Antrag genehmigt, -und sämtliche Buchhändler Berlins erhielten die Anweisung, alle -derartigen Schriften von nun an dem Herrn Geheimen Konsistorialrat -Gottlob Friedrich Hillmer zur Zensur einzureichen.</p> - -<h3>Literaturflucht aus Berlin.</h3> - -<p>Diejenigen, die es anging, wußten nun Bescheid, und die -beiden Zeitschriften, die Hillmer am ersten im Auge gehabt -haben dürfte, verließen fluchtartig die preußische Hauptstadt.</p> - -<p>Kurz nach seinem Regierungsantritt hatte Friedrich Wilhelm -II. den Herausgebern der »Berlinischen Monatsschrift« -für ein Exemplar ihrer Zeitschrift mit dem Wunsche gedankt, -daß »ihre gemeinnützigen Bemühungen um Aufklärung und -Philosophie recht viel Gutes stiften« möchten (13. Dez. 1786), -Wöllner selbst hatte es nicht verschmäht, ihr 1787 einen Beitrag -(über nachgelassene Handschriften Friedrichs des Großen) -zu geben, und noch 1790, bei dem plötzlichen Aufstieg des -neuen Ministers, war sein Bildnis, von Berger gestochen, -darin erschienen.</p> - -<p>Jetzt (Januar 1792) verlegten Gedike und Biester, beide -Mitglieder der Akademie der Wissenschaften, den Druck ihres -Blattes, das Kant und Fichte, Gleim und Ramler, F. A. Wolf -und die Brüder Humboldt, Heyne und Garve, J. H. Voß, -Fr. Schlegel und Adam Müller, Justus Möser und Moses -Mendelssohn zu seinen Mitarbeitern zählte, nach Jena (bei -Joh. Mich. Mauke), von Juli 1793 an nach Dessau (bei -H. Heybruch, Hoffürstl. Hof- und Regierungs-Buchdrucker). -Als Verleger zeichnete aber nach wie vor die Haude- und -Spenersche Buchhandlung in Berlin.</p> - -<p>Nicolai, der seine »Allgemeine deutsche Bibliothek« als -Schriftsteller und Buchhändler in einer Person bisher selbst -redigiert und verlegt, aber sie schon seit 1775 auswärts hatte -drucken lassen, nahm am 12. März 1792 (im Vorwort zum -2. Stück des 106. Bandes) gerührten Abschied von seinen Lesern -und trat mit Beginn dieses Jahres seine Zeitschrift, die früher -gleichfalls Wöllner zu ihren Mitarbeitern zählen durfte, dem<span class="pagenum"><a id="Seite_59"></a>[59]</span> -Hamburger Buchhändler Bohn ab, der sie in seiner Universitätsbuchhandlung -in Kiel, also auf dänischem Boden unter dortiger -Preßfreiheit, weiter erscheinen ließ. Über den Grund des Verlags- -und Redaktionswechsels drückte sich Nicolai sehr diplomatisch -aus: infolge seiner augenblicklichen »Lage« könne er -dem Blatte nicht mehr so nützlich sein wie bisher. Nur der -Schluß deutete vorsichtig auf den geistigen Luftwechsel Preußens -hin: die »Morgenröthe der Aufklärung, die über Deutschland -aufgegangen«, könne nie ganz verdunkelt werden; zwar könne -wohl ein Nebel vor ihr aufsteigen, aber die Sonne werde ihn -wieder zerstreuen. Erst 1801, als er die Bibliothek aufs neue -übernahm, schilderte er in der Vorrede, welcher Verfolgungen -wegen er sie 1792 hatte aufgeben müssen.</p> - -<p>Diesem Beispiel der beiden weitverbreiteten Zeitschriften -folgten bald noch andere Verleger. Anfang 1793 wollte der -Generalsuperintendent Ewald in Dessau eine Monatsschrift -»Urania; für Kopf und Herz« im Verlag der Frankeschen -Buchhandlung in Berlin herausgeben. Das erste Heft sollte -u. a. eine Abhandlung von Lavater über die Vielseitigkeit -Gottes enthalten. Der Berliner Zensor, die Firma Hillmer -und Hermes, verbot aber den Druck mit der Begründung: -Lavater habe »nicht die rechte Meinung von Gott«. Daraufhin -erschien die Zeitschrift bei der Kgl. privil. Helwingschen -Hofbuchhandlung in Hannover, ohne von der dortigen Zensur -angefochten zu werden. Erstaunlich ist nur, daß die beiden -Verleger es wagten, im Anzeigenteil (Umschlag) des Februarheftes -der »Berlinischen Monatsschrift« diesen Verlagswechsel -bekanntzumachen und ausdrücklich mit der »strengen Berliner -theologischen Zensur« zu begründen.</p> - -<h3>Rückgang des Druckgewerbes in Preußen.</h3> - -<p>Die naturgemäße Folge dieser Strenge war ein starker -Rückgang des Berliner Druckereigewerbes, das sich in den -letzten Jahrzehnten sehr bedeutend entwickelt und Berlin zu -einem Hauptstapelplatz des Buchhandels erhoben hatte. Ein -Gutachten der Kurmärkischen Kammer vom 2. August 1794, -das der Willkürherrschaft der neuen Zensoren Hillmer und -Genossen energisch zuleibe ging, lieferte dafür unanfechtbare<span class="pagenum"><a id="Seite_60"></a>[60]</span> -Zahlen. Es stellte fest, daß im Jahre 1788 81 Druckpressen -in Berlin im Gange waren; fünf Jahre später war -ihre Zahl auf 67 gesunken. Und während bei Erlaß des -Zensurediktes noch 6–700 Personen vom Druckgewerbe lebten, -war die Zahl der Druckereiarbeiter 1795 auf 150 gefallen! -Diese Verödung der preußischen Druckereien schädigte den Staatssäckel -ganz empfindlich, und der Fehlbetrag in der Steuerkasse -sollte sich allemal als das wirksamste Argument gegen eine -weitere Anziehung der Zensurschraube erweisen.</p> - -<h3>Theologische Zensurblüten.</h3> - -<p>Das vorhin erwähnte Gutachten der Kurmärkischen Kammer -aus dem Jahre 1794 führte auch eine Reihe von Fällen an, -die das sinnlose Gebaren der neuen Berliner Inquisition drastisch -brandmarkten.</p> - -<p>Der Sprachforscher Professor Heynatz aus Frankfurt a. O. -hatte in einer Abhandlung erwähnt, daß »viele Philologen die -Stelle des 1. Joh. V. 7 für unächt« hielten. Dieser textkritischen -Bemerkung wegen wurde der Druck seiner Abhandlung untersagt!</p> - -<p>Das »Journal für Gemeingeist« brachte einen Aufsatz: -»Darf ein Protestant die Vertilgung des Katholizismus wünschen?« -Die Druckerlaubnis dafür wurde nur unter der Bedingung -gegeben, daß eine längere Anmerkung des Zensors -mit aufgenommen würde. Dagegen hatte der Verfasser nichts -einzuwenden, aber der Zensor bestand darauf, daß die Fußnote -so abgedruckt werde, als ob sie vom Autor selbst stamme; ihre -wahre Herkunft durfte nicht gemeldet werden!</p> - -<p>Selbst der fromme Prediger und Dichter Ludwig Theobul -Kosegarten in Schwedisch-Pommern war den Mitgliedern der -Immediat-Prüfungskommission noch nicht kirchlich genug. Als -er 1794 in Berlin Predigten drucken ließ, unterstand sich der -Zensor, Stellen, die ihm nicht paßten, auszustreichen und andere -dafür einzusetzen!</p> - -<p>Unter diesen Umständen war es begreiflich, wenn die Berliner -Buchhändler 1794 beantragten, die Zensoren Hermes und -Hillmer »in die eigentlichen Schranken des Censur-Edicts« -zurückzuweisen und sie selbst »bei Veränderung der Censur-Gesetze -mit ihrer Nothdurft zu hören«.</p> - -<p><span class="pagenum"><a id="Seite_61"></a>[61]</span></p> - -<h3>Kants Zusammenstoß mit der preußischen Zensur.</h3> - -<p>Obgleich die »Berlinische Monatsschrift« in Jena gedruckt -wurde, gab sie doch unbeabsichtigterweise Anlaß zu einem Vorfall, -der dem Wöllnerschen System die Krone aufsetzte.</p> - -<p>Der bedeutendste ihrer Mitarbeiter, der Königsberger Philosoph -Kant, schrieb in eben den Monaten, da die Berliner Zionswächter -auf das Pack der Aufklärer mit Keulen dreinzuschlagen -begannen, eine Folge von Aufsätzen, die 1793 vereint unter -dem Titel »Religion innerhalb der Grenzen der bloßen Vernunft« -erschienen und in der Geschichte der Religionsphilosophie -Epoche machten.</p> - -<p>Einzeln sollten sie vorher in dem Organ Biesters gedruckt -werden. Obgleich nun die Monatsschrift gar nicht mehr der -Berliner, sondern Sachsen-Weimarischer Zensur unterlag, bestand -Kant darauf, daß seine Beiträge der neuen Berliner -Zensurbehörde unterbreitet würden, da er jeden Schein »literarischer -Schleichwege« vermeiden wollte.</p> - -<p>Wie die Immediat-Prüfungskommission ihm gesinnt war, -ahnte er wohl nicht; sogleich nach ihrer Einsetzung hatte eines -der vier Mitglieder, der Prediger Woltersdorf, den Antrag -gestellt, dem freimütigen Philosophen das Schreiben überhaupt -zu verbieten! Von dieser Zensurbehörde war also für Kant wenig -Gutes zu erwarten.</p> - -<p>Gegen den ersten Aufsatz »Über das radikale Böse in der -menschlichen Natur« hatte Hillmer nichts einzuwenden, da »doch -nur tief denkende Gelehrte« die Kantschen Schriften läsen; er -erschien im April 1792.</p> - -<p>Unglücklicherweise brachte aber das nächste Heft der Monatsschrift -unter dem Titel »Über die Pflicht der Ergebung, in -Zeiten wann die Wahrheit verfolgt wird« einen anonymen Beitrag, -der nichts weniger als ein energischer Angriff gegen die -neue Organisation der Berliner Zensur war! Er gab sich als -eine »Predigt (über 2. Tim. 4, 17), gehalten in England unter -König Jakob II.«, und auch in mancherlei Anmerkungen wurde -die Fiktion durchgeführt, als ob diese Predigt wahrscheinlich -von dem »berühmten Tillotson« zu König Jakobs Zeiten gehalten -worden sei, der »eine wahre Inquisition, <em class="antiqua">the court of -high commission</em>«, errichtete und »sechs Bischöfe, welche ihm<span class="pagenum"><a id="Seite_62"></a>[62]</span> -Vorstellungen machten, in den Tower setzen ließ«. Die Beziehung -auf die preußische Immediat-Prüfungs-Kommission und -den Protest der fünf Konsistorialräte gegen das Religionsedikt -war gar zu durchsichtig, und wenn der Prediger gegen den -geistlichen Despotismus, »den ärgsten Feind der Wahrheit« -wetterte, so wußte gewiß jeder preußische Leser, gegen wen sich -das schwere Geschütz seiner apokalyptischen Worte richtete.</p> - -<p>Die Berliner Zensoren verstanden jedenfalls nur zu wohl, -was hier mit dem »großen Drachen« der Apokalypse gemeint -war, und als unmittelbar darauf Kants zweite Abhandlung -»Von dem Kampfe des guten Princips mit dem bösen, um -die Herrschaft über den Menschen« vorgelegt wurde, versagte -Hillmer im Einverständnis mit seinem Kollegen von der Theologie, -Hermes, am 14. Juni die Druckerlaubnis.</p> - -<p>Der Herausgeber der »Monatsschrift« aber war ein streitbarer -Mann. Biester verlangte zunächst von Hermes Aufklärung -darüber, wieso der Kantsche Aufsatz gegen das Zensuredikt von -1788 verstoße. Hermes dagegen berief sich auf das Religionsedikt, -das für theologische Schriften maßgebend sei; im übrigen -verlange man von ihm wohl nicht, »mit einem Schriftsteller -es auszumachen, auf welcher Seite, bei verschiedenen Meinungen, -Wahrheit sei«.</p> - -<p>Damit ließ sich Biester nicht abfertigen; am 20. Juni -protestierte er in einer umfangreichen Beschwerde energisch gegen -die Anwendung des Religionsediktes in Zensurfragen, verlangte -zu wissen, ob etwa neue, geheime Zensurverfügungen erlassen -seien, die also keine Rechtsverbindlichkeit hätten, legte mit -Scharfsinn und Ironie die Willkür der jetzigen Zensoren dar -und bat aufs neue um Druckerlaubnis für den Kantschen Aufsatz. -Für einen preußischen Beamten – Biester war Vorsteher -der Königlichen Bibliothek und seit 1788 Mitglied der -Berliner Akademie – war dieser freimütige Protest ein nicht -alltäglicher Akt des »Mannesstolzes vor Königsthronen«.</p> - -<p>Biester würde unter den Mitgliedern des Ministeriums gewiß -Bundesgenossen gefunden haben, wenn nicht gerade damals -eine scharfe Kabinettsorder des Königs vom 21. Februar ebendieses -Jahres noch auf den freisinnigsten Gemütern gelastet -hätte. Mit seiner Vermutung einer neuerdings erfolgten oder<span class="pagenum"><a id="Seite_63"></a>[63]</span> -doch wenigstens vom Könige erstrebten Verschärfung der Zensur -hatte ja Biester nicht so unrecht. Aber das war Staatsgeheimnis! -Also wurde seine Beschwerde am 2. Juli 1792 -kurzweg abgewiesen.</p> - -<p>Kant zog deshalb sein Manuskript zurück. Nur der erste -Akt dieser Zensurkomödie war damit zu Ende; der zweite spielte -zwei Jahre später.</p> - -<h3>Ein Wink aus Österreich.</h3> - -<p>Mit der zu dieser Zeit geplanten abermaligen Verschärfung -der preußischen Zensur hatte es folgende Bewandtnis:</p> - -<p>Am 3. Dezember 1791 hatte sich Kaiser Leopold II., der -Bruder der damals schon in Lebensgefahr schwebenden französischen -Königin Maria Antoinette, veranlaßt gefühlt, allen -Reichsständen zur Erhaltung der öffentlichen Ruhe und zum -Schutz der gegenwärtigen Verfassung vor dem Umsturz eine -strengere Handhabung der Zensur zu empfehlen.</p> - -<p>Friedrich Wilhelm II. übergab am 3. und 4. Februar die -kaiserliche Warnung seinem Staatsministerium zu sorgfältigster -Überlegung, denn auch in Preußen habe das Übel aufrührerischer -Schriften so um sich gegriffen, »daß am Ende die -äußerste Rigoueur und Leib- und Lebensstrafen nöthig sein werden, -um boshafte Schriftsteller, Drucker und Verleger im Zaum -gebührender Ordnung zu halten«. Die Zensoren seien zu -größter Schärfe anzuhalten, besonders seitens des geistlichen -Departements, da »schriftstellerische Aufklärer unter den Theologicis« -den meisten Schaden anrichteten. Strengste Beaufsichtigung -aller Druckereien und Buchhandlungen durch besondere -»Polizei-Anstalten« sei erforderlich, und der Druck unzulässiger -Schriften solle »bei zehnjähriger Vestungs-Arbeit« verboten werden! -Alles, was an Büchern nach Preußen hereinkomme, -dürfe in den Buchläden nicht eher verkauft werden, als bis die -Zensur es erlaube. Einwände, als ob der Buchhandel dadurch -leiden würde, seien hinfällig; dem Übel müsse gesteuert werden, -»wenn auch der Buchhandel zu Grunde ginge«.</p> - -<p>Also eine völlige Absage sogar an das eigene Zensuredikt -von 1788, das wenigstens noch einige Rücksicht auf das »dem -Staate so nützliche Gewerbe der Druckerei und des Buchhandels«<span class="pagenum"><a id="Seite_64"></a>[64]</span> -zur Pflicht gemacht hatte. Von Leibesstrafen war in -den Zensurgesetzen Friedrichs des Großen nie die Rede gewesen; -wohl aber in der letzten Zensurverfügung Kaiser Josephs vom -Dezember 1789. Dieses Beispiel Österreichs übertrumpfte -Preußen noch: im Dunstkreise Wöllners steigerte sich die Leibesstrafe -zu »Leib- und Lebensstrafen« und zu »zehnjähriger Vestungs-Arbeit«! -Und auch gegen die Büchereinfuhr von auswärts -sollte jetzt das alte österreichische Abwehrmittel nachgeahmt -werden: jedes fremde Buch sollte erst die preußische Zensur -passieren, ehe es in Preußen verkauft werden durfte. Bisher -hatte man das dem Takt und Risiko der Buchhändler überlassen, -wie ja, entsprechend dem Stand des gesamten Buchwesens, -Preußen in seinen Edikten immer das Hauptgewicht auf -den Druck neuer Bücher, die Zensur der Manuskripte legte, -Österreich dagegen, wo die literarische Industrie mit Ausnahme -des Nachdrucks nur vegetierte, auf die Büchereinfuhr von außen.</p> - -<h3>Preußens Ehrenrettung durch sein Ministerium.</h3> - -<p>Das preußische Ministerium kam durch die Kgl. Kabinettsorder -in nicht geringe Verlegenheit. Die einzelnen Departements, -die jedes für sich berieten, hatten von aufrührerischen -Gesinnungen in Preußen »noch nicht die mindeste Spur oder -Neigung bemerkt« und ihr Gesamtbericht vom 17. Februar -wurde, statt einer Anklage, das denkbar rühmlichste Zeugnis -für die vaterländische Gesinnung ihrer Landsleute: Preußen -habe sich stets durch »pflichtvolle Treue, Liebe und Verehrung -des Landesherrn« ausgezeichnet, in Fällen öffentlicher Not durch -willigste Aufopferung von Leben und Vermögen den »musterhaftesten -Patriotismus« bewiesen, und das »Exempel der in -Aufruhr befangenen Völker« werde auf diese Nation daher -»nie die geringste Würkung haben«. Zur Aufrechterhaltung -der Religiosität, meinten sie, reichten die bestehenden Gesetze -völlig aus, »ohne die rechtmäßige Denk- und Gewissens-Freiheit -zu unterdrücken«, und die »nach dem Charakter der Literatur -und Menschheit unvermeidlichen kritischen Untersuchungen dieser -und jener der Religion beigemischten nicht wesentlichen Streitigkeit« -hätten auf die »allgemeine Religiösität des Volkes keinen -Einfluß«. Wolle man aber von jetzt an auch die Büchereinfuhr<span class="pagenum"><a id="Seite_65"></a>[65]</span> -der Zensur unterwerfen, die jährlich etwa 6000 verschiedene, -»zum Theil weitläuftige« Werke betrage, so sei dazu -ein neuer Stab von Mitarbeitern nötig, eine besondere Zensurkommission -oder, wie das Justizministerium sich ausdrückte, -»ein ganzes Heer besoldeter Censoren«. Minister von der Reck -erklärte geradezu, das müsse »den Banquerut aller Buchhändler -zur nothwendigen Folge haben«.</p> - -<p>Mit dieser Ehrenrettung Preußens kam das Ministerium -beim Könige aber übel an! Schon vier Tage später erhielt -es eine Kabinettsorder vom 21. Februar 1792, die den Ministern -vorwarf, daß sie den Aufklärern das Wort redeten. -Es sei gewiß ein Glück, wenn »die bisherigen von so vielen -Geistlichen und andern Aufklärern so dreiste unternommenen -Verfälschungen der alten reinen christlichen Religion«, die das -Ministerium als außerwesentliche Untersuchungen beschönige, die -allgemeine Religiosität noch nicht geschädigt hätten. Dies Glück -könne aber nicht mehr lange dauern, wenn »hier nicht zeitig -genug kräftige Maßregel genommen würden«, stehe doch jedermann -»das traurige Exempel jenes großen Staates« vor Augen, -»wo der Keim der unglücklichen Revolution in jenen Religionsspöttern -zu suchen ist, die noch jetzt von der bethörten Nation -im Grabe vergöttert werden«!</p> - -<p>Es kam zwar ganz anders, als es die ungnädige Kabinettsorder -bestimmte. Aber es ist menschlich verständlich, wenn -die Staatsminister jetzt im Falle Kant durch Parteinahme für -den Philosophen den König und seinen bösen Geist Wöllner -nicht noch mehr reizen wollten. Wenn Kant den Druck seines -Aufsatzes wünschte, standen ihm ja neben der »Berlinischen -Monatsschrift« viele Wege offen. Sie zogen es daher vor, -der Sache den Lauf zu lassen, den sie nach dem ausgesprochenen -Willen des Königs nun einmal nehmen sollte.</p> - -<h3>»Äußerst gefährliche und übelgesinnte Leute.«</h3> - -<p>Trotz des z. T. sehr ungnädigen Tones der Kabinettsorder -vom 21. Februar 1792 hatten die preußischen Staatsminister -durch einmütiges Zusammenhalten einen vollständigen -Sieg gegen Wöllner und seine Kreaturen erfochten.</p> - -<p>Unter anderm hatte der König am 4. Februar befohlen,<span class="pagenum"><a id="Seite_66"></a>[66]</span> -die »Gothaische Gelehrte Zeitung« und die »Jenaische Allgemeine -Literaturzeitung« in ganz Preußen sofort zu verbieten, »weil diese -beiden Blätter sich bisher vorzügliche Freiheiten gegen hiesige, sowohl -als in andern Ländern gemachte Einrichtungen erlaubt« hätten.</p> - -<p>Diesem Befehl aber widersetzten sich die Staatsminister wie -ein Mann! Die Gothaer Zeitung hatte offenbar in Berlin -wenig Leser und fand daher nur schwachen Schutz; für die -Jenaer Literaturzeitung trat aber das Ministerium mit einer -bewundernswerten Entschiedenheit in die Schranken, denn die -lasen sie alle! Eine Tatsache, die nicht nur diesen Männern -zum Ruhme gereicht, sondern auch ein schlagender Beweis ist -für den Umschwung, der in den letzten dreißig Jahren, seit -dem Erscheinen der dem preußischen Ministerium völlig unbekannt -gebliebenen »Briefe, die neueste Literatur betreffend« -(1761–67), mit ebendieser Literatur vor sich gegangen war.</p> - -<p>Das Generaldirektorium erklärte am 7. Februar, es habe -in beiden Blättern »noch nie etwas befunden, was der wahren -Christl. Religiösität oder der Sicherheit und Ruhe des Staates -nachtheilig, und zu Empörung und Aufruhr beförderlich wäre«, -ein deutlicher Hinweis auf die Beschränkungen, die das bestehende -Zensurgesetz solchen Verboten auferlegte; der königliche Befehl hatte -sie willkürlich überschritten! Zu einem die Herausgeber beider -Blätter kränkenden Verbot läge keine »billige und gerechte Ursache« -vor. Im Gegenteil, sie beschäftigten sich »mit dem besten -und wichtigsten Theile der ganzen Literatur, wären mit vorzüglicher -Gründlichkeit, Einsicht und Unpartheilichkeit verfaßt, und wären -die vollständigste, angenehmste und am meisten belehrende Lektüre -aller Gelehrten, Geschäftsmänner und Freunde der Literatur«.</p> - -<p>Das Justizministerium gab am nächsten Tag zu Protokoll, -die Literaturzeitung enthalte »freilich in einigen Recensionen -Anpreisungen sogenannter chimerischer Menschen-Rechte«, man -habe aber nichts darin gefunden, was der preußischen Staatsverfassung -nachteilig oder für den König beleidigend sein könne. -Sollten sich etwa »Kgl. Bediente« durch »zuweilen unglimpfliche -Urtheile« darin gekränkt fühlen, so könne man doch ihretwegen -das Blatt nicht dem ganzen Publikum entziehen; sie müßten -sich eben mit dem Bewußtsein ihrer Tadellosigkeit trösten und -hätten ja dann das öffentliche Urteil nicht zu scheuen.</p> - -<p><span class="pagenum"><a id="Seite_67"></a>[67]</span></p> - -<p>Im gleichen Sinne äußerte sich dann das gesamte Staatsministerium -am 17. Februar, und mit dem Erfolg, daß der -Jenaischen Literaturzeitung gar nichts zuleide geschah. Das -Ministerium, das die letztere so eifrig in Schutz nehme, müsse aber -auch, so lautete die Antwort des Königs vom 21., »dafür -sorgen, daß nichts unzulässiges darin gedruckt werde, bei Strafe -der Konfiskation und des unausbleiblichen Verbots derselben, -weil S. K. M. bekannt ist, daß die Direkteurs derselben äußerst -gefährliche und übelgesinnte Leute sind«. Diese »Direkteurs« -aber waren der angesehene Weimarer Schriftsteller Bertuch, der -Philologe Schütz und der berühmte Arzt Hufeland, der damals -in Jena lebte und 1798 eine der vornehmsten Zierden der -– Berliner Akademie der Wissenschaften wurde.</p> - -<p>Die Herausgeber der Literaturzeitung erhielten durch den -Berliner Hofpostmeister und den Grenzpostmeister in Halle nur -eine freundschaftliche Verwarnung, »nichts dem Preußischen -Staat nachtheiliges« aufzunehmen und »bei dem Debit in -hiesigen Landen vorsichtig zu Werke zu gehen«, und hatten -alle Ursache, sich beim Ministerium für die »erhabene Protektion« -zu bedanken.</p> - -<p>Nur die »Gothaische Gelehrte Zeitung« mußte daran -glauben, weil sich ihrer niemand energisch angenommen hatte.</p> - -<h3>Zensur und – Bierkonsum.</h3> - -<p>Daß der Humor auch der immer grämlicher werdenden -Zensur nicht untreu wurde, zeigt ein scherzhafter Vorfall, von -dem der berühmte Philologe Friedrich August Wolf, damals in -Halle, an den Herausgeber der »Jenaischen Literaturzeitung«, -den Kollegen Schütz in Jena, am 21. Februar 1792 berichtete.</p> - -<p>Die »Gothaische Gelehrte Zeitung« war in ganz Preußen -verboten, also auch in Halle, aber nicht im nahen Passendorf -jenseits der Saale, das damals zu Kursachsen gehörte. Hier, -wo die Hallenser Burschen seit altersher manche Bierschlacht zu -schlagen liebten, legte deshalb ein spekulativer Wirt namens -Währmann gleich mehrere Exemplare des verbotenen Blattes -»bei sein Merseburger Bier« auf, »um mehr Gäste hinauszuziehen«. -»Barkhausen«, schreibt Wolf, »will daher in seinem -nächsten Berichte als Stadtpräsident auf meinen Rath mit<span class="pagenum"><a id="Seite_68"></a>[68]</span> -einfließen lassen, daß die hiesige Bier-Consumtion seit den Tagen -des Verbots der Gothaer Zeitung beträchtlich zum Nachtheil -der Stadt gefallen sei, indem die Bier trinkenden studiosi und -Un-studiosi, zumal die studiosi noch studentes, weit häufiger -als sonst die sächsischen Dörfer besuchten, weil dort neben dem -Biere auch Gothaische Zeitungen zu haben wären.«</p> - -<p>Ob der Stadtpräsident von Halle den Spaß wirklich von -Stapel ließ, ist nicht überliefert; aber Wolf »steht dafür, daß -er ausgeführt werden soll«.</p> - -<h3>Die Büchereinfuhr.</h3> - -<p>Der Sieg, den 1792 die Besonnenheit des preußischen -Ministeriums über den blinden Eifer des Königs und seiner -Ratgeber davontrug, beschränkte sich aber nicht auf die Freigabe -der Jenaer Literaturzeitung. Auch der andere, tiefer einschneidende -Befehl, daß künftig die gesamte ausländische Büchereinfuhr -einer besondern Zensur unterworfen werden müsse, fiel -vor den Bedenken der Minister lautlos in die Versenkung.</p> - -<p>Der König wunderte sich zwar »äußerst«, daß man offenbar -»den Flor des Buchhandels auf den Verkauf unzulässiger -Schriften gründen wolle«, und meinte, es sei eben Sache der -Herren Minister, die Schwierigkeiten einer neuen Maßregel zu -heben, da er selbst doch unmöglich »das Detail vorschreiben« -könne. Aber er bestand nicht mehr auf seinem Willen. Die -»zehnjährige Vestungs-Arbeit« und die »Leib- und Lebensstrafen« -verschwanden wie eine schöne Fata Morgana vor den Augen -der Großinquisitoren, und der ganze umfangreiche Aktenwechsel -hatte nur folgendes Gesamtergebnis: die »Gothaische Gelehrte -Zeitung« blieb das eigentliche Opfer; außerdem wurden durch -ein Rundschreiben die »Bülletins«, die handschriftlichen Zeitungen, -die noch immer von kleinen Beamten unter Ausnützung -ihres amtlichen Wissens verbreitet und bis dahin von keinem -aufmerksamer gelesen wurden als vom – Könige selbst, trotz -ihrer Indiskretionen über sein nicht unanfechtbares Privatleben, -bei Festungshaft verboten. Im übrigen begnügte man sich damit, -allen Behörden die strengste Befolgung des Zensuredikts -einzuschärfen und allen Übeltätern die Anwendung der »gesetzlichen -Strafen mit äußerster Rigueur« anzudrohen.</p> - -<p><span class="pagenum"><a id="Seite_69"></a>[69]</span></p> - -<p>Diese – orthographisch berichtigte! – Redewendung war -das einzige, was der entsprechende Erlaß des Ministeriums -vom 28. Februar 1792 aus dem stachlichten Teil der Kabinettsorder -vom 21. übernahm, aber zugleich durch das Festhalten -an den »gesetzlichen Strafen« sorgfältig abzustumpfen wußte.</p> - -<h3>Ein ehrsamer Buchhändler.</h3> - -<p>Wie heftig sich das Ministerium gegen eine Zensur der -Büchereinfuhr sträubte, zeigt noch viel drastischer ein anderer -Vorfall. Ein Jahr später erlaubte sich ein Buchhändler namens -Ferdinand Oehmigke in einem »<em class="antiqua">Promemoria</em>« darüber Klage -zu führen, welche Masse »modischer Schriften« gegen Religion -und Untertanentreue nach Preußen eingeschwärzt würde; als ehrsamer -Buchhändler, der jeden Gewinn »auf Unkosten der Religion, -der wahren Verehrung des Monarchen, der guten Sitten -und also der allgemeinen Glückseligkeit« verabscheue, könne er -diese »unverantwortliche Volksverführung« nicht ruhig mit ansehen. -Zwar würden die ankommenden Bücherpakete auf dem -Packhof von einem Akzisebeamten einer flüchtigen Durchsicht -unterworfen; aber was <em class="gesperrt">in</em> den Büchern stehe, ob die Verleger -nicht falsche Titelblätter einzögen, auswärts gedruckte Verlagswerke -als Kommissionsgut einführten, in erlaubten Büchern die -Druckbogen verbotener verbärgen und was solcher Praktiken -mehr seien, das könne nur ein – »geübter, mit den gehörigen -Befehlen versehener Buchhändler« beurteilen. Zu diesem saubern -Geschäft gestatte er sich, »gegen ein billiges Gehalt« -seine Dienste anzubieten.</p> - -<p>Hillmer fand, daß der Vorschlag Oehmigkes nähere Erwägung -sehr verdiene. Er tappte dabei aber ganz übel in die -Nesseln. Das Ministerium lehnte das »unbesonnene und gewinnsüchtige -Projekt des Oehmigke«, der selbst »bei seinem -Metier keinen rechten Fortgang« gehabt habe, mit heftigster -Entrüstung ab; das Departement des Auswärtigen nannte es -sogar »unter aller Kritik« und meinte, der Mann müsse »die -ganze Unwürdigkeit seiner Vorschläge einsehen und fühlen«, -und das Generaldirektorium wies ohne weitere Begründung -»den Oehmigke mit diesen seinen Anträgen ein für allemal -zur Ruhe«.</p> - -<p><span class="pagenum"><a id="Seite_70"></a>[70]</span></p> - -<h3>Die Maßregelung Kants.</h3> - -<p>Nach seiner bösen Erfahrung mit der Berliner Zensurbehörde -1792 wollte Kant nun seine unterdes vollendeten vier -religionsphilosophischen Aufsätze als Buch erscheinen lassen. -Der Berliner Zensor hatte den strittigen Aufsatz ein Werk der -»biblischen Theologie« genannt und deshalb seinen Kollegen -Hermes dabei zu Rate gezogen. Kant fragte also der Vorsicht -halber zunächst die theologische Fakultät: Maßt ihr euch an, -mein Buch zu zensieren? Die Königsberger Theologen bedankten -sich aber und verwiesen ihn an die philosophische Fakultät, -die auch ohne Zögern das Imprimatur erteilte.</p> - -<p>So konnte die »Religion innerhalb der Grenzen der bloßen -Vernunft« Ostern 1793 bei Nicolovius in Königsberg erscheinen. -Schon ein Jahr später machte sich eine zweite Auflage -nötig, obgleich sofort zwei Nachdrucker den Erfolg des Buches -ausgebeutet hatten.</p> - -<p>In der Vorrede seines Werkes hatte Kant einen Vorstoß -gegen die »Kritik, die Gewalt hat«, gegen die geistliche Zensur, -gewagt und den »Bücher richtenden Theologen«, der nur für -das Heil der Seelen, nicht für das der Wissenschaft Sorge -trage, auf dem Felde der letzteren nur Zerstörung anrichte und -sich wohl gar auch in die Astronomie, Erdgeschichte und andere -Dinge einmischen wolle, sehr energisch abgeschüttelt. Hermes -und Hillmer verstanden den Wink. Aber den widerspenstigen -Philosophen mußte ja bald sein Schicksal ereilen. Der Kampf -des Ministeriums Wöllner gegen die Lehrfreiheit der Universitäten -sollte eben auf der ganzen Linie beginnen. Die »Neologen«, -wie man die aufgeklärten Theologen nannte, wurden -aufs nachdrücklichste verwarnt, Geistliche, Schul- und Universitätslehrer -mußten sich schriftlich verpflichten, weder in- noch -außerhalb der Unterrichtsstunden, weder mündlich noch schriftlich, -weder direkt noch indirekt etwas gegen die Hl. Schrift, -gegen die christliche Religion und gegen die landesherrlichen -Anordnungen und Verfügungen in Religions- und Kirchenwesen -vorzubringen, und Hermes und Hillmer erhielten den Auftrag, -die Rechtgläubigkeit der Schulen, Gymnasien und theologischen -Fakultäten einer scharfen Prüfung zu unterwerfen. In Halle, -der »Pflanzschule der irrgläubigen Geistlichen«, warfen die<span class="pagenum"><a id="Seite_71"></a>[71]</span> -Studenten den beiden apostolischen Gesandten die Fenster ein, -so daß sie schleunigst wieder verdufteten. Eine Untersuchung -des Skandals endete ohne Ergebnis, und die theologische Fakultät -verteidigte mit Nachdruck, Geschick und Erfolg ihre Lehrfreiheit. -Dann kam Königsberg an die Reihe, und am 1. Oktober -1794 erhielt der Mann, der der Immediat-Prüfungskommission -längst ein Dorn im Auge war, der siebzigjährige -Kant, eine Kabinettsorder, deren Wirkung hier durch keine Textkürzung -beeinträchtigt werden soll:</p> - -<div class="letter"> -<p class="center"> -Von Gottes Gnaden Friedrich Wilhelm, König von Preußen<br /> -usw. usw.</p> -<p class="center"> -Unsern gnädigen Gruß zuvor!<br /> -Würdiger und hochgelahrter lieber Getreuer! -</p> - -<p>Unsere höchste Person hat schon seit geraumer Zeit mit großem -Mißfallen ersehen, wie Ihr Eure Philosophie zur Entstellung und -Herabwürdigung mancher Haupt- und Grundlehren der Heiligen -Schrift und des Christentums mißbraucht; wie Ihr dieses namentlich -in Eurem Buch: »Religion innerhalb der Grenzen der bloßen -Vernunft«, desgleichen in andern kleineren Abhandlungen getan -habt. Wir haben uns zu Euch eines bessern versehen; da Ihr -selbst einsehen müsset, wie unverantwortlich Ihr dadurch gegen -Eure Pflicht, als Lehrer der Jugend, und gegen unsere, Euch sehr -wohlbekannten, landesväterlichen Absichten handelt. Wir verlangen -des ehesten Eure gewissenhafteste Verantwortung, und gewärtigen -uns von Euch, bei Vermeidung unserer höchsten Ungnade, daß -Ihr Euch künftighin nichts dergleichen werdet zuschulden kommen -lassen, sondern vielmehr, Eurer Pflicht gemäß, Euer Ansehen und -Eure Talente dazu anwenden, daß unsere landesväterliche Intention -je mehr und mehr erreicht werde, widrigenfalls Ihr Euch, bei -fortgesetzter Renitenz, unfehlbar unangenehmer Verfügungen zu -gewärtigen habt.</p> - -<p>Sind Euch mit Gnade gewogen.</p> - -<p class="center"> -Auf Seiner Königl. Majestät allergnädigsten Spezialbefehl -</p> -<p> -Berlin, den 1. Oktober 1794.</p> -<p class="right"> -<em class="gesperrt">Wöllner.</em> -</p></div> - -<p>Das genügte Wöllner noch nicht; er ließ außerdem am -14. Oktober 1795 den Gebrauch des Kantschen Buches auf -preußischen Universitäten »Ein für allemal« verbieten.</p> - -<p>Kant ließ die Kabinettsorder nicht ohne Erwiderung. In -würdiger Weise, die von dem Ton jener Order merkbar absticht, -rechtfertigte er sich gegen den Vorwurf des Mißbrauchs -und der Pflichtwidrigkeit; doch zog er die unvermeidliche Folgerung -und versprach feierlich »als Ew. Königl. Maj. getreuester<span class="pagenum"><a id="Seite_72"></a>[72]</span> -Unterthan«, sich fernerhin aller öffentlichen Vorträge -über Religion in Vorlesungen und Schriften zu enthalten, ein -Versprechen, das seine akademische und schriftstellerische Tätigkeit -in den letzten kostbaren Jahren seines Lebens in bedauerlichster -Weise lahmlegte und die Nachwelt unwiederbringlich um -die Früchte dieser Tätigkeit gebracht hat.</p> - -<h3>Die Akademie schweigt.</h3> - -<p>All diese Vorgänge drängen die Frage auf: War denn -»kein Dalberg da«, der es gewagt hätte, seine gewichtige -Stimme gegen diesen täppischen Obskurantismus zu erheben? -Wo blieb der vornehmste Hort der Geistesschätze der Nation, -die Akademie der Wissenschaften? Was erwartete sie für sich, -wenn sie einen Mann wie Kant, der seit 1786 ihr Mitglied -war, so mißhandeln ließ?</p> - -<p>Die Geschichte der Akademie weiß nichts von flammenden -Protesten, die sich gegen die Willkürherrschaft der Dunkelmänner -erhoben hätten. Die Akademie seufzte zwar selbst unter dem -Joche Wöllners, der sich als ihr Kurator aufspielte, aber kein -Widerspruch wurde laut. Man hatte mit der bestehenden Gewalt -einen schimpflichen Baseler Frieden geschlossen. »Mit -Händen kann man es hier greifen,« sagt der Biograph der -Akademie, Adolf Harnack, »daß diesen Teller, Engel, Zoellner -bei allem Tugendgerede das thatkräftige Pflichtgefühl und bei -allem ›Fortschritt‹ das begeisternde und führende Ideal fehlte. -Nicht nur ihre Ästhetik, mit der im Jahre 1796 die Xenien -abrechneten, auch ihr Patriotismus und ihre Weltanschauung -war bankerott.«</p> - -<p>Nur im vertraulichen Kreise der »Philosophischen Gesellschaft«, -zu der sich etliche Akademiemitglieder wie Biester, -Dohm, Spalding, Engel mit Nicolai und andern im Bedürfnis -geselliger Anregung allwöchentlich zusammenfanden, pflegte -man noch bei sorgfältig verschlossenen Türen frei von der Leber -weg zu reden. In den Hallen der Akademie aber war das -freie Wort erstorben, und in der Vorsicht, die der bessere Teil -der Tapferkeit ist, wagten sich die würdigen Herren erst an -eine Kritik des Wöllnerschen Regimes, als der »verabscheute -Mann« gestürzt war.</p> - -<p><span class="pagenum"><a id="Seite_73"></a>[73]</span></p> - -<h3>Ein Zensurerlebnis des Philosophen Fichte.</h3> - -<p>Einer nur erhob seine Stimme, ein junger Kandidat der -Theologie, dessen Name gern mit dem seines Zeitgenossen -Wilhelm von Humboldt genannt wird und hier vor allem mit -ihm zusammenstimmt, da beide Männer zu gleicher Zeit im -selben Ideenwirbel umgetrieben wurden, Johann Gottlieb Fichte.</p> - -<p>Auch er hatte schon sein persönliches Zensurerlebnis hinter -sich. Im Sommer 1791 war er als mittelloser Mensch nach -Königsberg gekommen und hatte dort sein erstes Buch geschrieben: -»Versuch einer Kritik aller Offenbarung«, das, als -es Ostern 1792 ohne Namen des Verfassers in der Heimat -Kants erschien, allgemein für dessen Werk gehalten wurde, so -daß Kant durch eine öffentliche Erklärung die wahre Urheberschaft -enthüllen mußte. Der Königsberger Philosoph hatte an -dieser Schrift nur so weit teilgenommen, daß er sie im Manuskript -gelesen und dem ihm befreundeten Verleger Hartung -empfohlen hatte.</p> - -<p>Hartung wollte das Buch in Halle, der »Pflanzschule der -irrgläubigen Geistlichen«, drucken lassen. Dort sollte es auch -die Zensur passieren. Dekan der theologischen Fakultät war -aber zufällig einer der dortigen Pietisten, der Professor Joh. -Ludwig Schulze, kein großes Kirchenlicht, und dieser verweigerte -als derzeitiger Zensor das Imprimatur. Er beanstandete -eine der Hauptthesen der Schrift: Daß der Beweis für die -Göttlichkeit einer Offenbarung nicht durch die Berufung auf -die dabei geschehenen Wunder geführt werden dürfe, sondern -daß einzig aus dem Inhalte derselben darüber entschieden werden -könne – ein Satz, der heute längst zu den selbstverständlichen -Voraussetzungen theologischer Forschung gehört.</p> - -<p>Vergebens erklärte Fichte, sein Buch gehöre vor die philosophische -Fakultät. Die theologische hatte ihr Urteil gesprochen, -und dabei blieb es.</p> - -<p>Schon sollte das Manuskript im Auslande gedruckt werden, -als der Wechsel des theologischen Dekanats in Halle die Schwierigkeit -beseitigte. An die Stelle Schulzes trat Professor Knapp, -der trotz seiner Orthodoxie das Recht der freien Forschung anerkannte -und dem Erstlingswerk Fichtes ohne Anstand die Druckerlaubnis -gab.</p> - -<p><span class="pagenum"><a id="Seite_74"></a>[74]</span></p> - -<p>Ein Jahr nach Erscheinen verschaffte die Schrift ihrem -Verfasser den Ruf als Professor der Philosophie nach Jena.</p> - -<h3>Zurückforderung der Denkfreiheit.</h3> - -<p>Dieses persönliche Erlebnis gehörte dazu, um in der Seele -Fichtes die flammende Entrüstung zu entfachen, die aus seiner -nächsten Schrift emporlodert. Wieder sandte er sie anonym -in die Welt, in der Vorrede aber erklärte er, sich jedem nennen -zu wollen, der sich ernsthaft über das Thema des Büchleins -mit ihm auseinanderzusetzen wünsche. »Zurückforderung der -Denkfreiheit von den Fürsten Europens, die sie bisher unterdrückten. -Eine Rede. Heliopolis, im letzten Jahre der alten -Finsternis« (1793), so lautete der Titel dieses Manifestes, das -wie der helle Schrei eines jungen Falken schrill zum Himmel -stieg und den mühsam verhaltenen Ingrimm aller, die sich -geknechtet fühlten, in glühende Worte faßte.</p> - -<p>Wie sein Zeitgenosse Humboldt steht Fichte ganz auf dem -Boden des Naturrechts: der Staat ist nur Mittel zum Zweck, -dem Menschen sein ursprüngliches Recht zu sichern oder wiederzuverschaffen. -Er ist ein Notstaat, wie sich Fichte später einmal -ausdrückte, und der Zweck der Regierung ist, die Regierung -überflüssig zu machen. Während aber der künftige Staatsmann -Humboldt diese Grundsätze in der gemessenen, zum Teil -trockenen Sprache des Philosophen vorträgt, ist der junge Philosoph -ganz Temperament und flackernde Empörung. Es ist -die eindringlichste, aufwühlendste »Rede an die deutsche Nation«, -die Fichte je gehalten hat, auch wenn ihr die Wirkung versagt -blieb, die der eifernde Patriot später auf dem Katheder der -Berliner Akademie in dem von den Franzosen besetzten Berlin -erzielte. Fast die ganze Rede ist eine einzige Apostrophe an -die Fürsten und Völker. »Glückseligkeit erwarten wir nicht -aus eurer Hand,« ruft er den ersteren zu, »wir wissen es ja, -daß ihr Menschen seyd – wir erwarten Beschützung und -Rückgabe unserer Rechte, die ihr uns doch wohl nur aus Irrtum -nahmt … Fürst, du hast kein Recht, unsere Denkfreiheit -zu unterdrücken: und wozu du kein Recht hast, das mußt -du nie thun, und wenn um dich herum die Welten untergehen, -und du mit deinem Volke unter ihren Trümmern begraben<span class="pagenum"><a id="Seite_75"></a>[75]</span> -werden solltest. Für die Trümmer der Welten, für -dich, und für uns unter den Trümmern wird der sorgen, der -uns die Rechte gab, die du respectirtest …</p> - -<p>»Und besonders ihr alle, die ihr Kräfte dazu habt, kündigt -doch jenem ersten Vorurtheile, woraus alle unsere Uebel folgen, -jener giftigen Quelle alles unseres Elendes, jenem Satze: daß -es die Bestimmung des Fürsten sey, für unsere <em class="gesperrt">Glückseligkeit</em> -zu wachen, den unversöhnlichsten Krieg an; verfolgt ihn -in alle die Schlupfwinkel, durch das ganze System unseres -Wissens, in die er sich versteckt hat, bis er von der Erde vertilgt -und zur Hölle zurückgekehrt sey, daher er kam.«</p> - -<p>Und zu einer Zeit, da die deutschen und österreichischen -Heere gegen die französische Republik im Kampfe lagen, beschwört -er die Völker: »Alles, alles gebt hin, nur nicht die -Denkfreiheit. Immer gebt eure Söhne in die wilde Schlacht, -um sich mit Menschen zu würgen, die sie nie beleidigten, oder -von Seuchen entweder aufgezehrt zu werden, oder sie in eure -friedlichen Wohnungen als eine Beute mit zurückzubringen; -immer entreißt euer letztes Stückchen Brot dem hungernden -Kinde und gebt es dem Hunde des Günstlings – gebt, gebt -alles hin; nur dieses vom Himmel abstammende Palladium der -Menschheit, dieses Unterpfand, daß ihr noch ein anderes Loos -bevorstehe, als dulden, tragen und zerknirscht werden, – nur -dieses behauptet. Die künftigen Generationen möchten schrecklich -von euch zurückfordern, was euch zur Ueberlieferung an -sie von euren Vätern übergeben wurde. Wären diese so feige -gewesen als ihr – ständet ihr dann nicht noch immer unter -der entehrendsten Geistes- und Leibes-Sklaverei eines geistlichen -Despoten? Unter blutigen Kämpfen errangen jene, was ihr -nur durch ein wenig Festigkeit behaupten könnt.«</p> - -<p>Solche Worte mochten den neuen preußischen Machthabern -sonderbar in die Ohren klingen, und wenn Wöllner sie gelesen -hat, wird er mehr als einmal drohend die Faust gegen -den kühnen Ankläger geballt haben. Besonders bei der Aufforderung -an die Völker: »Ruft es in jedem Tone euren -Fürsten in die Ohren, bis sie es hören, daß ihr euch die -Denkfreiheit nicht werdet nehmen lassen, und beweist ihnen die -Zuverlässigkeit dieser Versicherung durch euer Betragen. Lasset<span class="pagenum"><a id="Seite_76"></a>[76]</span> -euch nicht durch die Furcht des Vorwurfs der Unbescheidenheit -abschrecken. Gegen was könntet ihr denn unbescheiden seyn? -Gegen das Gold und die Diamanten an der Krone, gegen den -Purpur am Kleide eures Fürsten; nicht – gegen ihn.«</p> - -<p>Während sich Fichtes übrige Rede in pathetischen Allgemeinheiten -erschöpfte, traf dieser Pfeil das Wöllnersche Zensuredikt -mitten ins Herz.</p> - -<h3>Ein preußischer Index verbotener Bücher.</h3> - -<p>Der Ingrimm der Examinationskommission gegen das preußische -Ministerium nach der Niederlage von 1792 ist begreiflich. -Aber Rom ist nicht in einem Tage erbaut. Hillmer -und Genossen ließen nicht locker und kamen immer wieder auf -die gefährliche Büchereinfuhr zurück.</p> - -<p>Am 5. März 1794 verlangten sie, um angeblich der Einführung -auswärts gedruckter Verlagswerke der Berliner Verleger -zu steuern, daß letztere halbjährlich ein genaues Verzeichnis -ihrer Verlags- und Kommissionsartikel einreichen und auf -Verlangen der Kommission jede Schrift zur Durchsicht vorlegen -müßten gegen unbeschädigte Rückerstattung.</p> - -<p>Diese Anregung fiel beim König auf fruchtbaren Boden; -er hatte offenbar unterdes die österreichischen Zensureinrichtungen -»durchaus studiert, mit heißem Bemüh'n«, und am 17. April -befahl er, über den gestellten Antrag hinausgehend, dem Großkanzler -von Carmer, von der Examinationskommission »ungesäumt -eine Liste von allen solchen Büchern und Schriften« zu -verlangen, die »schädliche Principia wider den Staat und die -Religion« enthielten. Es sollte also ein <em class="antiqua">Catalogus librorum -prohibitorum</em> nach österreichischem Muster hergestellt werden!</p> - -<p>Den Großkanzler beehrte der König zugleich mit der ganzen -Verantwortung für die strengste Ausübung dieser Zensur. Carmer -aber erklärte, er habe »weder Zeit noch Kenntnis genug, alle -herauskommenden Schriften und Journale selbst zu lesen und -zu beurtheilen«, und wußte sich nicht anders zu helfen, als daß -er in einem sehr scharfen Zirkular vom 26. April 1794 -die Verantwortung für die Zensur der eingeführten Bücher -den Buchhändlern selbst aufhalste. Diese aber erklärten gleichfalls, -zur Prüfung aller eingeführten Bücher hätten sie weder<span class="pagenum"><a id="Seite_77"></a>[77]</span> -Zeit noch Kenntnis; wie könnten sie sich ein Urteil über Dinge -anmaßen, über die sich oft die »gelehrten Censoren und ganze -Kollegia« nicht einig seien! Wie könnten sie den Gelehrten -vorschreiben wollen, was sie zu lesen hätten! Das müsse zu -einem »gründlichen Umsturz des Buchhandels« und zum Ruin -ihrer Familien führen.</p> - -<p>Das Generaldirektorium, dem Carmer auch einen Teil der -Verantwortung zuschieben wollte, bedankte sich ebenfalls energisch -dafür und erklärte obendrein, weder mit dem Zensuredikt -noch mit dem seit dem 5. Februar d. J. eingeführten Allgemeinen -Preußischen Landrecht lasse sich vereinbaren, »daß es künftig -lediglich von dem Gutbefinden der angeordneten theologischen -Examinations-Kommission abhangen soll, welche Bücher im Lande -zu verbieten und ohne weitere Umstände zu konfisciren« seien. Es -wollte also von einem preußischen Index durchaus nichts wissen.</p> - -<p>Dem Gesamtministerium wurde infolgedessen die Entscheidung -schwer, und die Sache schleppte sich bis in den Winter -hinein. Am 16. Dezember mahnte die Examinationskommission. -Das Generaldirektorium war aber noch immer von der »äußersten -Schädlichkeit und Zwecklosigkeit der beabsichtigten strengen -Maßregeln« überzeugt, und ein ausführliches Gutachten der -Kurmärkischen Kammer hatte es darin nur noch bestärkt.</p> - -<p>Gleichwohl beschloß der Staatsrat am 23. März 1795 -»auf Vortrag des H. Geh. Oberjustizraths Suarez«, dem Antrag -der Examinationskommission zuzustimmen. Den Herren -Hillmer und Hermes wurde aber zugleich bedeutet, die Buchhandlungen -»nicht ohne Noth und allzuhäufig« mit Anforderungen -verdächtig erscheinender Bücher zu »belästigen« und für -die »prompte und unbeschädigte Zurückgabe« zu sorgen.</p> - -<p>Und der geplante Index? Von ihm berichten die Akten -weiter nichts! Indem der Staatsrat trotz seines Widerstrebens -auf den Antrag der Examinationskommission einging, stopfte -er ihr vorerst den Mund. Durch wohlüberlegtes Nachgeben in -der weniger wichtigen Sache, wenn diese auch für den Buchhandel -sehr lästig war, wußte er, ebenso wie zwei Jahre vorher, -das Hauptübel, die Zensur des gesamten Buchwesens durch -die Examinationskommission, stillschweigend zu beseitigen; von -dem Index, den sie herstellen sollte, verlautete kein Wort mehr!</p> - -<p><span class="pagenum"><a id="Seite_78"></a>[78]</span></p> - -<p>Ein Jahr später raffte sich die Kommission nochmals zu -einem Vorstoß auf; sie verlangte abermalige Verschärfung der -Zensur und Erhöhung der Strafen; Wöllner unterstützte ihr -Gesuch nachdrücklich. Aber seine Uhr begann schon abzulaufen, und -das Ministerium hüllte sich auch diesem neuen Attentat gegenüber -in beredtes Schweigen.</p> - -<h3>Das Verbot der »Allgemeinen deutschen Bibliothek« -in Preußen 1794.</h3> - -<p>Gleichzeitig mit der versuchten Einführung eines Index -spielte sich noch ein anderes Ereignis ab, das viel Staub aufwirbelte -und Hunderte von Aktenseiten mit Gutachten füllte.</p> - -<p>Im Jahre 1794 vergriff sich die Examinationskommission -an der »Neuen Allgemeinen deutschen Bibliothek«, die seit zwei -Jahren in Kiel verlegt wurde. Dieselbe Kabinettsorder, die -die Aufstellung eines Index befahl, verbot auch jene in Berlin -noch immer am meisten gelesene Zeitschrift »als ein gefährliches -Buch gegen die christliche Religion«, und zwar, da -keinerlei Einschränkung ausgesprochen wurde, nach österreichischem -Muster für Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft! Eine -Stelle im 8. Band (I. Stück, S. 88) soll der Anlaß des Verbots -gewesen sein. Hier wurde die Auferstehung verstorbener -Menschen beim Tode Jesus' als eine von Matthäus leichtgläubig -untergeschobene Anekdote erklärt.</p> - -<p>Das Verbot der »Allgemeinen deutschen Bibliothek« verursachte -aber einen Sturmlauf von Protesten, wie ihn aus -gleichem Anlaß das Ministerium wohl noch nicht erlebt hatte. -Zunächst erklärte der Buchhändler Joh. Friedr. Hartknoch in -Riga seinem Berliner Kommissionär Friedr. Vieweg d. Ä., -wenn dies Verbot nicht zurückgezogen werde, breche er alle Beziehungen -über Preußen ab; er werde sich dann seinen ganzen -Bücherbedarf über Braunschweig und Lübeck verschreiben, wo -ihn keine Zensur behellige, und außerdem in Berlin nie wieder -etwas drucken lassen. Er und seine Kunden, die zum »aufgeklärtesten« -Publikum gehörten, ließen sich so etwas nicht gefallen, -und andere würden wohl seinem Beispiel folgen.</p> - -<p>Vieweg wandte sich nun mit einer ausführlichen Beschwerde -an das Ministerium, wies nach, daß die preußische Post von<span class="pagenum"><a id="Seite_79"></a>[79]</span> -seinem Geschäft allein 3000 Taler jährlich einnehme und durch -Verschärfung der Zensurgesetze der ganze preußische Buchhandel -zugrunde gehen müsse. Nicolai belegte diese Prophezeiung -mit wirksamem Zahlenmaterial und sang ein bewegliches Klagelied: -Was solle er jetzt mit seinen Vorräten der von ihm verlegten -alten Jahrgänge anfangen, die er gerade im Preise herabgesetzt -habe? Der neue Verleger schulde ihm noch 5000 Taler -der Kaufsumme, die er unter diesen Umständen verlieren müsse.</p> - -<p>Die Halleschen Buchhändler versicherten ebenfalls, das Verbot -»eines der besten und gangbarsten Bücher« sei der Ruin -ihres Gewerbes, und die Kurmärkische Kammer, die das Generaldirektorium -mit einem Gutachten beauftragt hatte, machte -sich alle diese Beweisgründe zu eigen. Am wenigsten sei das -Verbot der früher mit preußischer Zensur erschienenen Bände -zu rechtfertigen, an denen übrigens Wöllner selbst mitgearbeitet -hatte. Die von Wöllner gereizte Hallesche Universität sprach sich -durch ihren Direktor Klein gleichfalls gegen das Verbot aus.</p> - -<p>Am 27. Februar schloß sich das Generaldirektorium dem -Gutachten der Kurmärkischen Kammer vollständig an, und am -31. März beantragte der gesamte Staatsrat die Aufhebung des -Verbots. Der jetzige Verleger Bohn habe sich erboten, »künftighin -bei der theologischen Recension alle den hiesigen Landesgesetzen -angemessene Vorsicht und Behutsamkeit gebrauchen zu wollen«.</p> - -<p>Abermals triumphierte das Ministerium. Am 1. April -1795 hob der König das Verbot auf, unter der Bedingung, -daß »künftig in keiner einzigen Abhandlung das Mindeste gegen -die christliche Religion oder den Staat oder die guten Sitten« -enthalten sein dürfe. Nicolai trage dafür die Verantwortung.</p> - -<p>Nicolai lehnte natürlich schleunigst die ihm aufgeladene -Verantwortung für eine Zeitschrift, auf die er keinen Einfluß -mehr hatte, ab. Das Ministerium begnügte sich aber, die Eingabe -beim Staatsrat zirkulieren zu lassen und ohne weitere -Verfügung zu den Akten zu geben.</p> - -<p>Nicolais Vorsicht war begründet: Schon ein Jahr später -gab die »Allgemeine deutsche Bibliothek« abermals zu theologischen -Klagen Anlaß. Sogleich erhielt er ein von Hillmer -entworfenes königliches Reskript, das ihn an seine »angelobte -Pflicht« erinnerte und ein neues Verbot in Aussicht stellte.</p> - -<p><span class="pagenum"><a id="Seite_80"></a>[80]</span></p> - -<p>Die Sache verlief aber im Sande, denn die Tage der -Examinationskommission waren bereits gezählt.</p> - -<h3>Eine Fabel.</h3> - -<div class="poetry-container"> -<div class="poetry"> - <div class="stanza"> - <div class="verse indent0">Vor etwa achtzig, neunzig Jahren,</div> - <div class="verse indent2">Vielleicht sind's hundert oder mehr,</div> - <div class="verse indent2">Als alle Thiere hin und her</div> - <div class="verse indent0">Noch hochgelahrt und aufgekläret waren,</div> - <div class="verse indent2">Wie jetzt die Menschen ohngefähr;</div> - <div class="verse indent0">– Sie schrieben und <em class="gesperrt">lectür</em>-ten sehr,</div> - <div class="verse indent0">Die Widder waren die <em class="gesperrt">Scribenten</em>,</div> - <div class="verse indent0">Die andern: <em class="gesperrt">Leser</em> und <em class="gesperrt">Studenten</em>,</div> - <div class="verse indent2">Und <em class="gesperrt">Censor</em> war: der Brummelbär –</div> - </div> - <div class="stanza"> - <div class="verse indent2">Da kam man <em class="antiqua">supplicando</em> ein:</div> - <div class="verse indent0">»Es sei unschicklich und sei klein,</div> - <div class="verse indent0">Um seine Worte und Gedanken</div> - <div class="verse indent0">Erst mit dem Brummelbär zu zanken,</div> - <div class="verse indent2">Gedanken müßten zollfrei sein!«</div> - <div class="verse indent2">Der Löwe sperrt den Bären ein,</div> - <div class="verse indent0">Und that den Spruch: »Die edle Schreiberei</div> - <div class="verse indent0">Sei künftig völlig frank und frei!«</div> - </div> - <div class="stanza"> - <div class="verse indent2">Der schöne Spruch war kaum gesprochen,</div> - <div class="verse indent2">So war auch Deich und Damm gebrochen.</div> - <div class="verse indent0">Die klügern Widder schwiegen still,</div> - <div class="verse indent0">Laut aber wurden Frosch und Crocodil,</div> - <div class="verse indent0">Seekälber, Scorpionen, Füchse,</div> - <div class="verse indent0">Kreuzspinnen, Paviane, Lüchse,</div> - <div class="verse indent0">Kauz, Natter, Fledermaus und Staar,</div> - <div class="verse indent0">Und Esel mit dem langen Ohr etc. etc.</div> - <div class="verse indent0">Die schrieben alle nun und lieferten Tractate;</div> - <div class="verse indent0">Vom Zipperlein und von dem Staate,</div> - <div class="verse indent0">Vom Luftballon und vom Altar,</div> - <div class="verse indent0">Und wußten's alles auf ein Haar,</div> - <div class="verse indent0">Bewiesen's alles sonnenklar,</div> - <div class="verse indent0">Und rührten durcheinander gar,</div> - <div class="verse indent0">Daß es ein Brei und Gräuel war.</div> - </div> - <div class="stanza"> - <div class="verse indent0">Der Löwe gieng mit sich zu Rathe</div> - <div class="verse indent2">Und schüttelte den Kopf und sprach:</div> - <div class="verse indent2">»Die besseren Gedanken kommen nach:</div> - <div class="verse indent0">Ich rechnete, aus angestammtem Triebe,</div> - <div class="verse indent0">Auf Edelsinn und Wahrheitliebe –</div> - </div> - <div class="stanza"> - <div class="verse indent2">Sie waren es nicht werth, die Sudler, klein und groß,</div> - <div class="verse indent0"><em class="gesperrt">Macht doch den Bären wieder los</em>!«</div> - </div> -</div> -</div> - -<p class="right"> -<em class="gesperrt">Matthias Claudius.</em> -</p> - -<p><span class="pagenum"><a id="Seite_81"></a>[81]</span></p> - -<h3>Der König und der Adler. Keine Fabel.</h3> - -<p>Das obige reaktionäre Gedicht von Matthias Claudius, -dem biedern Wandsbecker Boten, erschien am 3. Oktober 1795 -in der »Hamburger neuen Zeitung«. Prompt gab darauf im -selben Blatt am 28. Oktober der freisinnige und streitbare Homerübersetzer -Johann Heinrich Voß, der erbitterte Feind aller Dunkelmänner, -seine Antwort: »Der König und der Adler. Keine -Fabel.« Der Uhu läßt durch ein Käuzlein den Hahn beim -Könige der Vogelwelt, dem Adler, verklagen:</p> - -<div class="poetry-container"> -<div class="poetry"> - <div class="stanza"> - <div class="verse indent0">Wann noch dein wohlbeherrschter Staat,</div> - <div class="verse indent0">Nach sanftem Thun gewohnter That,</div> - <div class="verse indent0">Sanft schläft und träumet und verdauet,</div> - <div class="verse indent0">Und unser Nachtlied früh und spat …</div> - <div class="verse indent0">Den Frommen, welcher wacht, erbauet;</div> - <div class="verse indent0">Schnell kräht uns der Illuminat</div> - <div class="verse indent0">Die Sonn' empor, um aufzuklären,</div> - <div class="verse indent0">Und Ruh und Andacht uns zu stören:</div> - <div class="verse indent0">Fink, Lerche, Schwalb' und Meis' empören</div> - <div class="verse indent0">Gefild' und Wald in freien Chören;</div> - <div class="verse indent0">Man kann sein eigen Wort nicht hören!</div> - <div class="verse indent0">Die tolle Rotte spricht gar Hohn</div> - <div class="verse indent0">Der mystischen Religion …</div> - <div class="verse indent0">Ja, König, strafst du nicht, so drohn …</div> - <div class="verse indent0">So drohn dem Münster und dem Staat</div> - <div class="verse indent0">Aufruhr, Empörung, Hochverrath …</div> - <div class="verse indent0">Die Nachtigall singt ohne Scheu</div> - <div class="verse indent0">Am hellen Tag' Aufklärungslieder;</div> - <div class="verse indent0">Daß ohne Scheu das Waldgefieder</div> - <div class="verse indent0">Aufklärung nachsingt hin und wieder.</div> - <div class="verse indent0">Aufklärung? nein Aufklärerei! …</div> - <div class="verse indent0">Herr König, laß dir doch gefallen:</div> - <div class="verse indent0">(Wir Kauz' und Eulen flehn gesamt!)</div> - <div class="verse indent0">Dem Hahn und seinen Schreiern allen,</div> - <div class="verse indent0">Die immerfort Aufklärung hallen,</div> - <div class="verse indent0">Zum Bändiger, im Censoramt</div> - <div class="verse indent0">Den frommen Uhu zu bestallen!</div> - </div> - <div class="stanza"> - <div class="verse indent2">Der Adler that, als hört' er nicht,</div> - <div class="verse indent0">Und sah ins junge Morgenlicht.</div> - </div> -</div> -</div> - -<p>In Vossens »Lyrischen Gedichten« (1802) hat sich diese -Fabel zu einem Epos von fünf Fabeln ausgewachsen, das dem -Oberkonsistorialrat Spalding gewidmet ist. Der Uhu und sein -Nachtgevögel lassen sich durch die vornehme Verachtung des<span class="pagenum"><a id="Seite_82"></a>[82]</span> -Adlers nicht von ihrer finstern Wühlarbeit abschrecken; mit -allen Mitteln suchen sie die lichtfrohen Anhänger des Königs -zu sich herüberzuziehen, und es gelingt ihnen schließlich sogar, -den kecken Hahn zu ihrer »nachtfrohen Münsterklerisei« zu bekehren. -Nun glauben sie gewonnen Spiel zu haben, bis sie -schließlich sehen müssen, daß sich der Sonnenaufgang darum -nicht um einen Augenblick verspätet:</p> - -<div class="poetry-container"> -<div class="poetry"> - <div class="stanza"> - <div class="verse indent0">Die hehre Himmelssonne gehet</div> - <div class="verse indent0">Unwandelbar die große Bahn,</div> - <div class="verse indent0">Sorglos ob krächzet oder krähet</div> - <div class="verse indent0">Auf seinem Mist ein Hühnerhahn …</div> - <div class="verse indent2">Nicht lehrt der Hahn die Sonn' aufgehn;</div> - <div class="verse indent0">Nein, Sonnenaufgang lehrt ihn krähn.</div> - </div> -</div> -</div> - -<h3>Licht und Sonnenschein.</h3> - -<p>Ein marokkanischer Kaiser verbannte einmal alle Lichtzieher, -Lampen- und Ölverkäufer aus seinem Lande.</p> - -<p>»Wozu brauchen meine Sklaven zu sehen? Dies verdirbt -ihnen nur die Augen« – sagte er.</p> - -<p>»Aber was wird es dir helfen?« erwiderte sein Wesir; -»kannst du die Sonne auslöschen und den Mond verdunkeln? -Scheinen sie nicht von selbst?«</p> - -<p class="right"> -<em class="gesperrt">Christian August Fischer</em>, »Politische Fabeln«. 1796. -</p> - -<h3>Götzendämmerung.</h3> - -<p>Es liegt eine poetische Gerechtigkeit darin, daß der Minister -Wöllner über eben das stürzte, was so vielen aufrechten -Männern das Rückgrat hatte brechen sollen.</p> - -<p>Als er sich nach dem Tode Friedrich Wilhelms II. (16. Nov. -1797) herausnahm, das verhängnisvolle Religionsedikt nochmals -einzuschärfen, kam er bei dem Thronfolger übel an. -Eine scharfe, vom Geheimrat Mencken, dem Großvater des -Fürsten Bismarck, entworfene Kabinettsorder vom 11. Januar -1798 bedeutete ihn, daß die Religion »Sache des Herzens, -des Gefühls und der eigenen Überzeugung sein und bleiben« -müsse und nicht »durch methodischen Zwang zu einem gedankenlosen -Plapperwerk herabgewürdigt« werden dürfe. »Vernunft -und Philosophie«, so lauteten die wahrhaft königlichen Worte,<span class="pagenum"><a id="Seite_83"></a>[83]</span> -»müssen ihre unzertrennlichen Gefährten sein, dann wird sie -durch sich selbst feststehen, ohne die Autorität derer zu bedürfen, -die es sich anmaßen wollen, ihre Lehrsätze künftigen Jahrhunderten -aufzudringen, und den Nachkommen vorzuschreiben, -wie sie zu jederzeit denken sollen.«</p> - -<p>Schon im Dezember 1797 war die Examinationskommission -nebst allen ihren jüngeren Schwestern in den Provinzen -aufgehoben und das Oberkonsistorium wieder in seine alten -Rechte eingesetzt worden, und am 11. März 1798 erhielt auch -Wöllner seine Entlassung. Hermes und Hillmer wurden mit -500 Taler Pension (statt 2000 Taler Gehalt) abgefunden, und -Minister von der Schulenburg gab ihnen das Abgangszeugnis, -daß sie »in ihren bisherigen Verhältnissen nichts geleistet hätten -und auch fernerhin keinen Nutzen bringen würden«.</p> - -<h3>Kants Schlußwort.</h3> - -<p>Durch den Tod des Königs fühlte sich Kant von seinem -Schweigegelöbnis befreit; in diesem Sinne waren seine Worte -»als Ew. Maj. getreuester Unterthan« ein wohlüberlegter Vorbehalt -gewesen. Mit dem ganzen Aufgebot seines Scharfsinns -untersuchte er nun in einem neuen Buche »Der Streit der -Facultäten« (Königsberg 1798) das Verhältnis der Theologie -zur Philosophie, der Kirche zur modernen Wissenschaft, und als -Beispiel einer falschen Bekämpfung der Philosophie erzählte er -in der Vorrede seinen Zusammenstoß mit der preußischen Zensur -im Jahre 1792 und seine Maßregelung zwei Jahre später. -Die Kabinettsorder des Königs und seine Antwort druckte er -wörtlich ab und errichtete so der Regierung Friedrich Wilhelms II. -und seines Günstlings Wöllner den verdienten Pranger. »In -seinem systematischen Denken«, sagt Wilhelm Dilthey und nach -ihm E. Fromm, »gelangte erst mit dieser Arbeit der im -Jahre 1792 begonnene Streit zum Abschluß. Preßfreiheit hat -Kant – trotz Fichtes Vorgang – nicht verlangt. Die Censur -solle bestehen bleiben, aber sie sollte zu einer Funktion des -Universitäts-Organismus als der obersten wissenschaftlichen -Körperschaft erhoben und so zum Nutzen der Wissenschaft und -des Kulturfortschrittes der Willkür der Verwaltung und den -theologischen Vorurtheilen entzogen werden.«</p> -<hr class="chap" /> - -<div class="chapter"> -<p><span class="pagenum"><a id="Seite_84"></a>[84]</span></p> - -<h2 class="nobreak" id="kap04">4. An der Wiege des Theaterzensors.</h2> -</div> - -<h3>Der Schrei nach der Theaterzensur.</h3> - -<p>Es ist nützlich, daran zu erinnern, daß nicht zuerst die -Behörden die Zensurpolizei ins Theater riefen, sondern – die -deutschen Schriftsteller. Der erste bedeutende Literarhistoriker, -Daniel Morhof (1639–1691), hat das zweifelhafte Verdienst, -die Einsetzung von Personen gefordert zu haben, »ohne deren -Bewilligung kein Stück aufgeführt werden sollte«. Allerdings -war die deutsche Bühne damals durch die Zügellosigkeit der -Stegreifkomödie so verwildert, daß alle Tugendwächter sich davor -bekreuzigen durften. Die deutsche Sprache und Literatur -drückte sich noch als Aschenbrödel zaghaft im Lande herum; -kein Wunder, daß sie verwahrlost war. Fürsten und Adel -würdigten in der Regel nur die italienische und französische -Komödie ihres Besuches; das 1742 als Theater eingerichtete -Hofballhaus in Wien, das spätere Burgtheater, war bis 1776 -fast nur ausländischen Schauspielergesellschaften vorbehalten.</p> - -<p>Für das Volk der deutschen Kaiserstadt waren die »ordinari -Comödie« am Kärntner Tor, dem eigentlichen Stadttheater, -und die übrigen Harlekinaden der Vorstadtbühnen gut genug. -Die kaiserliche Regierung schenkte dieser niedern Art Volksbelustigung -noch keine Aufmerksamkeit, während sich die berüchtigten -Tierhetzen des kaiserlichen Schutzes rühmen durften; wenn -sie die Abgaben der Theaterunternehmer pünktlich hereinbekam, -überließ sie der Stadtbehörde die Sorge dafür, daß es nicht -allzu wild dort zuging. Von einer vorhergehenden Prüfung -der dort gespielten burlesken Komödien konnte schon deshalb keine -Rede sein, weil diese Stücke zum größten Teil extemporiert und -nicht, wie die »regelmäßigen« Schauspiele der fremden Komödianten, -niedergeschrieben oder gar gedruckt wurden. Das galt -besonders von den Reden der lustigen Person, des ursprünglich -italienischen Arlecchino, den der Schauspieler Stranitzky (seit 1708 -in Wien) in Charakter und Tracht eines dummdreisten salzburger -Bauern namens Hanswurst neu zu gestalten wußte. Seine<span class="pagenum"><a id="Seite_85"></a>[85]</span> -unkontrollierbaren, der zufälligen Situation entspringenden Späße -und schlagfertigen Einfälle pflegten auf die Theaterbesucher der -Wiener Vorstädte die größte Anziehungskraft auszuüben.</p> - -<p>Nun begab es sich im Oktober 1737 zu Leipzig an der -Pleiße, daß der biedere Magister Gottsched durch die Schauspielerin -Caroline Neuberin dem gottlosen Hanswurst, der stets -die Lacher auf seiner Seite hatte und keine regelmäßige Komödie -nach dem Vorbild der Alten und der Franzosen aufkommen -ließ, <em class="antiqua">coram publico</em> den Prozeß machen und ihn auf der -Neuberschen Bühne wie einen Mörder und Strauchdieb <em class="antiqua">in effigie</em> -verbrennen ließ. Die Gottschedianer, die Mehrzahl der damaligen -Intelligenz, zogen nun allesamt wacker gegen Hanswursten -zu Felde, und es war Wasser auf ihre Mühle, als -Maria Theresia 1752 gebot, keine andern Komödien zu spielen, -»als die aus dem frantzösisch oder wällisch, oder spanisch theatri -herkommen«, und alle »hiesigen compositionen« zu unterdrücken; -»wann aber einige gute doch wären von weiskern [einem Wiener -Komiker], sollten sie ehender genau durchlesen werden und keine -<em class="antiqua">equivoques</em> noch schmutzige Worte darinnen gestattet werden«.</p> - -<p>Damit wurde das gesamte Bühnenrepertoire Wiens der -schon bestehenden Bücherzensur unterstellt, denn die »regelmäßigen« -Stücke wurden vorher gedruckt; die Erlaubnis zum -Druck war zugleich auch die zur Aufführung.</p> - -<h3>Verbot der extemporierten Komödie.</h3> - -<p>Geholfen war aber mit dieser gewaltsamen Einführung der -regelmäßigen Komödie noch nicht viel; die Possenreißer, die zeitlebens -durch ihre Improvisationen geglänzt hatten, ließen sich -so leicht nicht ihr Spiel verderben, in dieser oder jener Gestalt -kam der alte Hanswurst immer wieder zum Vorschein, und -gegen seine Extempores gab es keine Präventivzensur, nur Repressivmaßregeln: -der mit der Theaterinspektion beauftragte Beamte -konnte allzu »verdächtige und grobe Redensarten« zur -Anzeige bringen, die Schauspieler bestrafen und ungeziemende -Vorstellungen nachträglich verbieten.</p> - -<p>Die Gottschedianer aber ließen nicht locker. Einer von -ihnen, Heinrich von Engelschall, forderte 1760, »daß kein -Wort von einem Schauspieler auf der Bühne gesprochen werde,<span class="pagenum"><a id="Seite_86"></a>[86]</span> -das nicht in dem vorher gänzlich schriftlich abgefaßten und zur -Censur eingereichten Stücke befindlich sei«. Nicht nur, was -Religion, Staat und gute Sitte beleidige, müsse verboten werden, -sondern das Schlechte an und für sich, um den guten Geschmack -zu bilden. Also moralische und ästhetische Zensur zugleich.</p> - -<p>Diese Bestrebungen führte Joseph von Sonnenfels zum -Siege. Mit ehrlicher Leidenschaft zog er in seiner Zeitschrift -»Der Mann ohne Vorurteil« (1765 f.) und in seinen »Briefen -über die wienerische Schaubühne« (1768) gegen die »Sittenlosigkeit -und Unanständigkeit, diese Schandflecken der Schaubühne -und Nationalsitten« zu Felde; er beschwor den Kaiser, -das deutsche Theater als das eigentliche Nationaltheater »der -Gegenwart des Hofes und des gesitteten Theiles der Nation -würdig zu machen«, und erreichte durch hartnäckigen Eifer und -Freimut sein Ziel: 1769 wurde von Kaiser Joseph, dem Mitregenten -seiner Mutter Maria Theresia, die extemporierte Komödie -endgültig verboten; alle früher erlaubten Stücke wurden -einer nochmaligen Prüfung unterzogen, und neue Stücke mußten -vor der Aufführung in zwei Abschriften eingereicht werden. Damit -verschwand der alte Hanswurst von der Bildfläche.</p> - -<h3>Der erste Theaterzensor.</h3> - -<p>Der war Sonnenfels selbst. Am 15. März 1770 wurde -er zum Theaterzensor ernannt, erhielt eine Instruktion und sollte -nun alles streichen, »was die Religion, den Staat im mindesten -beleidiget oder auch offenbarer Unsinn und Grobheit, folglich -des Theaters einer Haupt- und Residenzstadt unwürdig ist«.</p> - -<p>Er sollte aber an seinem neuen, von ihm selbst erfundenen -Amt wenig Freude erleben. Sein Fall ist schon typisch. Lessing, -der über Gottscheds moralische Entrüstung gelacht und in seiner -»Hamburgischen Dramaturgie« den Harlekin zu retten versucht -hatte, schüttelte den Kopf auch zu des Österreichers »allzu -strengem Eifer gegen das Burleske«. Als er das am 25. Oktober -1770 an seine Braut Eva König schrieb, ahnte er noch -nicht, daß der erste Theaterzensor bereits ausgelitten hatte. Der -Unglückswurm hatte ein Stück erlaubt, worin ein Sultan seiner -Schönen sein Schnupftuch reicht. Erst mußte das bedenkliche -Tuch durch einen Spiegel ersetzt werden; nach der dritten Aufführung<span class="pagenum"><a id="Seite_87"></a>[87]</span> -aber wurde die ganze Komödie verboten, und Sonnenfels -erhielt am 13. Oktober seinen Abschied. Obendrein hatte er sich -in den sieben Monaten seiner Regierung zu einem kleinen Tyrannen -ausgewachsen, der »gar niemanden neben sich leiden« mochte.</p> - -<p>Sonnenfels ist der vorwitzige Zauberlehrling, und das -Theater wurde die Geister nicht mehr los, die er gerufen hatte.</p> - -<h3>Die notwendigen Eigenschaften eines Zensors.</h3> - -<p>Sonnenfels' Nachfolger war der um die Hebung des österreichischen -Schulwesens hochverdiente Regierungsrat Franz Karl -Hägelin. Wen muß nicht ein Schauer heiliger Ehrfurcht überlaufen, -wenn er hört: dieser Mann war Rat der niederösterreichischen -Regierung, im Nebenamte vierzig Jahre lang Bücherzensor -hauptsächlich für schöne Literatur, und außerdem von -1770 bis Ende 1804, also fünfunddreißig Jahre lang Theaterzensor, -ohne daß ihm für diese Tätigkeit je ein Pfennig Gehalt -gezahlt wurde! Ihm unterstand das Repertoire aller -Bühnen Wiens, obendrein hatte er die Anschlagzettel der Tierhetzen -und Feuerwerke zu überwachen, und zeitweilig mußten -ihm alle Theater Österreichs ihre Manuskripte einreichen! Was -ist mehr zu bewundern: die märchenhafte Selbstlosigkeit dieses -Mannes oder die Dauerhaftigkeit seiner geistigen Konstitution, -die länger als ein Menschenalter den Kelch der Literatur bis -zur untersten Hefe auskostete?!</p> - -<p>Dabei nahm Hägelin sein Amt keineswegs leicht. Über -alle von ihm gelesenen Stücke verfaßte er ausführliche Gutachten, -die den Majestäten selbst vor Augen kamen. Er war -zwar ein eifernder Katholik, aber doch nicht ohne eine gewisse -Unbefangenheit, hatte er doch Wielands »Deutschem Merkur«, -dem »Deutschen Museum« und den Schriften des Barons von -Archenholz, des Geschichtschreibers des Siebenjährigen Krieges, -den Weg nach Österreich geebnet. Er war jeder Willkür abhold, -besaß wenigstens den Willen zum Verständnis, sogar einen -grimmigen Humor, wenn »ein geübter Verhunzer aller beinschrötigen -Theatralprodukte« als »Bearbeiter« eines klassischen -Stückes es gar zu toll getrieben hatte, und stellte an die -Persönlichkeit eines Zensors die höchsten Anforderungen, die er -einmal in die Formeln zusammenfaßte:</p> - -<p><span class="pagenum"><a id="Seite_88"></a>[88]</span></p> - -<p>»Ein Censor muß viele Belesenheit, eine bescheidene Urtheilskraft, -historische Kenntnisse alter und neuer Gelehrsamkeit, -eine gute philosophische Kritik, Geschmack um den Ton eines -Authors zu bestimmen und hauptsächlich keine insulirte Wissenschaft -seines sonstigen Amtes, sondern eine hinlängliche Kenntnis -von der Verwandtschaft zwischen den Wissenschaften besitzen, um -zu wissen, was ein Satz für einen Einfluß auf die Wahrheiten -einer andern Disciplin haben kann. Der Author erscheint -vor seinem Richterstuhl ohne Vertreter, der Censor muß also -seine vorgefaßten eigenen Systeme einen Augenblick auf die -Seite legen können und den Author mit Billigkeit behandeln -und wohl unterscheiden können, ob seine Sätze bloß irrig oder -auch zugleich schädlich sein können.«</p> - -<p>Man kann nicht gerade sagen, daß diese kluge Erkenntnis -Hägelins von der Schwierigkeit seiner Aufgabe später der Leitsatz -bei Handhabung der Zensur, im besonderen der österreichischen, -geworden wäre. Im Gegenteil!</p> - -<h3>Die Schaubühne als moralische Anstalt.</h3> - -<p>Zu seinem fünfundzwanzigjährigen Jubiläum als Theaterzensor -verfaßte Hägelin eine ausführliche Denkschrift über dies -Metier, eine Art Katechismus für alle Zensoren der Gegenwart -und Zukunft, worin er mit Scharfsinn die tausend Rücksichten, -Vorsichten und Nachsichten darlegt, von denen ein Zensor -nach dem Herzen Gottes auszugehen hat, um den oft so versteckten -Fußangeln der Frivolität, des politischen und religiösen -Nihilismus eines Dichters zu entgehen. Manche seiner Gesichtspunkte -haben sich zu den weiter unten folgenden Anekdoten -verdichtet. Hier seien nur einige Leitsätze jener Denkschrift, -des Ergebnisses einer fünfundzwanzigjährigen Erfahrung, skizziert:</p> - -<p>Die Zensur darf keineswegs in steinernen Gesetzestafeln erstarren, -vielmehr sind zeitliche und örtliche Umstände für ihr -Urteil entscheidend. Dieser an sich ganz einleuchtende Grundsatz -diente nur meist zur Ausdehnung der Verbote, statt zu ihrer -Aufhebung. Geschmack ist Sache der Kritik [Bravo!], aber doch -auch des Zensors »insoweit, als er das Schickliche, das Anständige -und Vernunftmäßige in Absicht auf die Sitten selbst -und das Konventionelle oder auch das natürliche und politische<span class="pagenum"><a id="Seite_89"></a>[89]</span> -Decorum, welches widersinnige, den Wohlstand [soll heißen: Anstand] -verlezende Ungereimtheiten verabscheuet, angehet«. Auch -das ästhetisch Schöne kann unmoralisch sein. Das Theater ist -eine Schule des guten Geschmacks, aber ebenso der guten Sitten. -Das Trauer- oder Lustspiel bezweckt »die Beförderung der -Tugenden des Willens oder des Verstandes«. Jede Fabel, -d. i. Handlung, eines Dramas hat ihre Moral so gut wie eine -äsopische Fabel, und da der Eindruck von der Bühne her viel -stärker ist als aus der Lektüre, muß diese Moral, wenn sie -nicht verderblich wirken soll, stets so sein, daß die Tugend -liebenswürdig, das Laster verabscheuenswert erscheint. Erstere -darf nie scheitern, letzteres nie triumphieren. Ein »ungeahndetes -Laster« widerspricht der »moralischen und poetischen Gerechtigkeit« -und ist nur der »Modephilosophie« eigen. Wenn also -Stoff oder Moral eines Stückes gegen Religion, Staatsverfassung -oder Sitte verstößt, »mithin im Grunde fehlerhaft ist«, -kann es nicht aufgeführt werden.</p> - -<p>Der Dialog mußte sich daher durchaus auf das beschränken, -was in einer »gesitteten, wohlerzogenen Gesellschaft« ohne Anstoß -gesagt werden konnte. Alles, was irgendwie zweideutig -klang, wurde beseitigt, und der Zensor hatte auch bei der -Vorstellung darauf zu achten, daß nicht etwa der Schauspieler -durch Pausen, Pantomimen oder Extempores in harmlose -Worte Zweideutigkeiten hineinbrachte. Schon damals also -herrschte in Wien die vollendete »Komtessenästhetik«, über die -Heinrich Laube, der erfolgreiche Burgtheaterdirektor, sich so oft -ärgern mußte.</p> - -<p>Hägelin hatte Schillers Abhandlung von 1784, »Die Schaubühne -als moralische Anstalt betrachtet«, nicht ohne Nutzanwendung -gelesen; aber über die Kluft zwischen dem moralisch -und ästhetisch Schönen kam er ebensowenig wie Sonnenfels hinweg, -und der von ihm ausgearbeitete, in seiner Wirkung noch -heute nicht erschöpfte Zensorenkatechismus lief auf die gleiche -Losung hinaus, die hundert Jahre vorher der Wiener Barfüßermönch -und berühmte Kanzelredner Abraham a Santa Clara -ausgegeben hatte: »Die Komödien und Schauspiel hat man -aufbracht, damit die Tugenden erlernt und die Laster sollen -gemeidet werden.« Punktum!</p> - -<p><span class="pagenum"><a id="Seite_90"></a>[90]</span></p> - -<h3>Keine Religion auf der Bühne!</h3> - -<p>Ebenso engherzig wie in moralischer Beziehung war man -im Punkte der Religion, besonders der katholischen. Religiöse -Gegenstände, erklärte Hägelin, sind überhaupt kein Stoff theatralischer -Vorstellungen; die Religion ist zu erhaben und kann -durch das profane Theater nur herabgewürdigt werden. Keine -Priestergestalt vom Papst herunter bis zum geringsten Klosterangehörigen -durfte auf der Wiener Bühne erscheinen; ein Pastor -wurde in einen Küster, Magister oder Rektor verwandelt. Selbst -Eremiten und Klausner waren nur erlaubt, wenn »ihre Handlung -ernsthaft« war, ohne jedoch religiös zu sein, und ihre -Kleidung nichts Kirchliches an sich hatte. Gegen »Vertreter -der türkischen und heidnischen Religion« hatte man nichts einzuwenden, -nur durften sie natürlich nicht wie Satiren auf die -christliche Geistlichkeit wirken. Die Geschichte der Juden durfte -nach den Daten des Alten Testaments dramatisiert werden, soweit -»ihre Handlungen aus natürlichen Triebfedern entsprungen sind«.</p> - -<p>Im Dialog waren alle Ausdrücke biblischer, katechetischer -oder hierarchischer Herkunft verboten. Man durfte nicht sagen -»alt wie Methusalem«, sondern nur »alt wie Nestor«, nicht -»weise wie Salomo«, sondern »weise wie Solon«, nicht »stumm -wie Loths Salzsäule«, sondern »stumm wie ein Fisch«, nicht -»fett wie ein Dompropst«, sondern »fett wie ein reicher Pächter«. -(Die Rücksicht auf die Agrarier kannte man damals offenbar -noch nicht!) Selbst »Bileams Esel« war vom Theater -verbannt! Das Wort fromm sollte möglichst vermieden werden; -Heilige durfte es auf der Bühne gar nicht geben, nur Verklärte, -und statt in den Himmel kam man nur in das Paradies. -Man durfte nicht beichten, sondern nur bekennen, kein »<em class="antiqua">Te -Deum</em>«, sondern nur »Loblieder« singen, nicht in der Bibel -lesen, nur in einem Buch. Für Aberglauben mußte man Irrwahn -sagen, und an Dinge wie Aufklärung durfte man nicht -erinnern. Selbst das Wort Sünde mußte durch andere Wendungen -ersetzt werden. Für Todsünde sagte man »schweres -Verbrechen«. Anrufe Christi und der Heiligen waren streng verboten, -und fromme Seufzer wie »allmächtiger ewiger Gott!« -deshalb verpönt, weil dem Zuhörer »gleich auch die Fortsetzung des -Kirchengebetes ›Himmlischer Vater‹ etc. dabei einfallen« könne!</p> - -<p><span class="pagenum"><a id="Seite_91"></a>[91]</span></p> - -<h3>Joseph II. und die Theaterzensur.</h3> - -<p>Kaiser Joseph übertrug seine liberalen Grundsätze über -Bücherzensur keineswegs auf das Theater. Auch er behandelte -es als eine Anstalt für sich, der andere Grundsätze frommten. -Wenn er auch die polemische Literatur über religiöse Fragen -freigab – auf der Bühne wollte er nichts davon hören; aber er -war konsequent und verbot ebenso die geistlichen Spiele, mit denen -der Klerus an kirchlichen Festtagen das Volk zu erbauen pflegte.</p> - -<p>In moralischer Beziehung stand er gleichfalls noch ganz -unter dem Einfluß seiner sittenstrengen Mutter Maria Theresia. -Kaiser Joseph hat das große Verdienst, das bisher an Unternehmer -und ausländische Schauspielertruppen verpachtete Burgtheater -1776 in ein deutsches Hof- und Nationaltheater umgewandelt -zu haben, aber er befreite das deutsche Schauspiel -doch nicht aus den Ketten, die ihm der Theaterzensor umgelegt -hatte. Seine Zensurreformen setzten ja überhaupt erst nach -dem Tode seiner Mutter ein. Die Übernahme des Theaters -»in Regie des Hofes« gab dem Wiener Bühnenwesen in sozialer -und künstlerischer Hinsicht einen gewaltigen Aufschwung, und -die endliche Alleinherrschaft des deutschen Schauspiels auf dem -Hoftheater sicherte den Siegeszug der hochdeutschen Sprache, die -bis dahin in Wien als »lutherisch Deutsch« verachtet war. -Aber die ästhetisch-moralische Neuorientierung, die gerade jetzt, -bei der Morgenröte unseres klassischen Zeitalters, notwendig -wurde, unternahm Joseph II. nicht. Wenn, wie Heinrich Laube -erzählt, das neubegründete Hof- und Nationaltheater 1776 keine -Bibliothek anlegen konnte, weil die noch in aller Schärfe bestehende -Bücherzensur nicht einmal das Lesen zahlreicher Stücke erlaubte, -so machte Josephs neues Preßgesetz von 1780 diesem unwürdigen -Zustand zwar ein Ende. Die Theaterzensur wurde von jetzt ab -ausschließlich von der Wiener Zensurhofkommission ausgeübt, und -die Revision des Katalogs der früher verbotenen Bücher gab -auch eine Masse älterer Stücke frei. Die Tortur im Gerichtsverfahren -schaffte der Kaiser ab, und die Todesstrafe schränkte -er ein; vor dem Richterstuhle des Theaterzensors dagegen wurde -die Anwendung beider Mittel von Jahr zu Jahr beliebter. So -kam es, daß schon unter Josephs Regierung die Werke unserer -großen Klassiker, wenn man sie nicht kurzweg mit dem Zensurschwert<span class="pagenum"><a id="Seite_92"></a>[92]</span> -vom Leben zum Tode brachte, mit all den Daumschrauben -und spanischen Stiefeln gefoltert wurden, die gerade -die Wiener Theaterzensur zum Gespött der Welt machen sollten, -leider aber auch in Deutschland, besonders auf den Hoftheatern, -als nachahmenswertes Beispiel Geltung gewannen.</p> - -<h3>Das vierte Gebot.</h3> - -<p>Klingers »Zwillinge«, die 1776 in einem Hamburger Preisausschreiben -gekrönt wurden, kamen am 11. Januar 1777 auf -dem Burgtheater zur Aufführung, wurden aber am nächsten -Tage durch Allerhöchsten Befehl verboten, »für jetzt und für -alle Zukunft«! Den Schauspieler Lange beschenkte zwar Kaiser -Joseph für sein treffliches Spiel mit 100 Dukaten, erklärte ihm -aber zugleich, dies Stück enthalte gar zu viel gegen das vierte -Gebot, das er in Ehren halten müsse. Am 2. Juli schrieb -Regierungsrat Gebler an Friedrich Nicolai, der Kaiser selbst -habe nicht nur dieses Drama Klingers, sondern überhaupt »alle -dergleichen gräßliche, unsinnvolle Shäkespearischen Nachäffungen -künftig« auf dem Theater verboten.</p> - -<p>Das Konkurrenzstück zu den »Zwillingen«, »Julius von -Tarent« von Leisewitz, das ebenso wie Klingers Werk einen -Brudermord behandelt, durfte erst am 15. November 1785 gegeben -werden; es stand bis 1780 im Katalog der verbotenen -Bücher.</p> - -<h3>Schauspielerzensur.</h3> - -<p>Kaiser Joseph hatte dem neuen Burgtheater von 1776 eine -Art republikanischer Verfassung gegeben: ein Ausschuß von -Theatermitgliedern selbst, Männern und Frauen, sollte über -Auswahl der Stücke, Besetzung der Rollen usw. beraten und -seine Beschlüsse der obersten Direktion vorlegen. Die Protokollführung -und die damit verbundenen Geschäfte besorgten die sogenannten -»Wöchner«, die von der Versammlung der Kollegen -gewählten Regisseure, die wöchentlich abwechselten.</p> - -<p>Diese Einrichtung hatte aber nur dreizehn Jahre Bestand; -die Kabalen der Herren und Damen untereinander führten zu -endlosen Streitigkeiten, und der Ausschuß wurde 1789 noch -vom Kaiser selbst beseitigt.</p> - -<p><span class="pagenum"><a id="Seite_93"></a>[93]</span></p> - -<p>Auch die Literatur hat dieser Schauspielerrepublik nichts zu -verdanken, denn der literarische Ehrgeiz dieser k. k. Hofschauspieler -ging nur darauf aus, dem Zensor vorzuarbeiten und -nichts in Vorschlag zu bringen, was ihnen höheren Orts Vorwürfe -hätte eintragen können. Statt mit allem, sonst so verschwenderisch -vorhandenen Pathos für jede neue literarische -Regung einzutreten, waren es, noch bevor der Zensor seines -Amtes waltete, die Schauspieler, die über die politische Harmlosigkeit -der aufzuführenden Stücke wachten, menschliche Schwächen -gekrönter Personen vom Dichter nicht behandelt sehen wollten, -ja sogar Stoffe der deutschen Geschichte »für ein gutes deutsches -Theater nicht passend« fanden und diese von Shakespeare beeinflußte -Vorliebe der Dramatiker nicht als eine Bereicherung, -sondern als eine Verarmung der Theaterliteratur bezeichneten! -Auch sie fügten sich all den Gesetzen des damaligen Zensurkatechismus, -und es ist kein Fall bekannt geworden, daß ihr -künstlerisches Gewissen einmal gegen den Stachel geleckt hätte. -Im Gegenteil! Ausgerechnet die damaligen Schauspieler gingen -besonders scharf mit den moralischen Qualitäten eines von ihnen -beurteilten Stückes ins Gericht. So lehnten sie einmal ein -Schauspiel »Nanis« mit der Begründung ab, »die Zensur -könne niemals ein Weib auf der Bühne leiden, die ohne Scheu -bekennt, wie sehr sie ihren Mann haßt und ihren Liebhaber liebt«.</p> - -<p>Entsprechend hieß es auch in dem von diesem Schauspielerausschuß -1778 bearbeiteten »Organisationsstatut«, daß der Geschmack -nicht durch »Mißgeburten« schwankend gemacht werden -dürfe und kein Stück anzunehmen sei, »so dem <em class="gesperrt">System</em> widerspricht, -wenn auch irgend ein Financier eine gute Einnahme -davon prognosticirte«. Es gab also schon vor dem späteren -Staatskanzler Fürsten Metternich ein »System«, und die »Mißgeburten« -waren vorwiegend die Stücke, die sich als klassische -Literaturwerke durch ein Jahrhundert durchgesetzt haben.</p> - -<h3>»Traurige Auftritte.«</h3> - -<p>Shakespeares »Romeo und Julia« wurde von den Schauspielern -des Burgtheaters am 2. Juli 1777 vom Repertoire -entfernt, mit der Begründung: die Kaiserin wolle keine Stücke, -»worin Leichenbegängnisse, Kirchhöfe, Todtengruften und solche<span class="pagenum"><a id="Seite_94"></a>[94]</span> -traurige Auftritte vorkommen«. Die erste Aufführung in der -Umgestaltung des Shakespeareschen Stoffes von C. F. Weiße -hatte am 12. September 1772 stattgefunden.</p> - -<h3>Der Teufelsbanner.</h3> - -<p>Shakespeares »Zähmung der Widerspenstigen« wurde 1782 -unter dem Titel »Die bezähmte Widerbellerin oder Gaßner der -Zweite« von Schink frei bearbeitet und dem Hofburgtheater eingereicht. -Gaßner hieß ein berüchtigter österreichischer Teufelsbanner, -und die Handlung begab sich dementsprechend in Wien -und dem benachbarten Nußdorf. Petrucchio hatte sich in einen -Hauptmann von Gaßner verwandelt! Der Schauspieler Müller -lobte als »Wöchner« die Bearbeitung; sie habe »die Hauptcharaktere -beibehalten, das Langweilige glücklich herausgeworfen (!), -die Handlung wahrscheinlicher gemacht, die Wortspiele weggelassen -und weniger sentenzirt«. Aber er war doch gegen -die Aufführung, da das Stück der Moralität nachteilig sei!</p> - -<p>Shakespeares unsterbliches Lustspiel gelangte erst am 19. März -1838 unter dem Titel »Die Widerspenstige« aufs Burgtheater.</p> - -<h3>Der dumme Engel.</h3> - -<p>In seiner Zensurdenkschrift erklärte Hägelin den »Doktor -Faust« von dem Wiener Dramatiker C. F. Weidmann für unzulässig, -nicht nur weil überhaupt darin ein Engel auftrat, -der eigentlich, wie alle himmlischen, »durch übernatürliche -Gnadenmittel gestärkten« Personen, für das Burgtheater tabu -war, sondern weil dieser Engel »viel weniger Verstand in seinen -Reden wider den Verführer zeigte, als Mephistopheles, der viel -mehr Witz in seinen Gegengründen für das Laster« entwickelte.</p> - -<h3>Die Mannheimer »Räuber«.</h3> - -<p>Bekannt ist, wie Schiller als Regimentsmedicus auf der -Karlsschule in Stuttgart seine »Räuber« schrieb, und der Intendant -Heribert von Dalberg in Mannheim das Erstlingswerk -des Dichters am 13. Januar 1782 zur Aufführung brachte.</p> - -<p>So freimütig und vorurteilslos, wie diese Initiative erwarten -läßt, war aber Dalberg keineswegs; vielmehr mußte -Schiller mit Rücksicht auf den kurfürstlichen Hof sein Stück -einer strengen Zensur unterwerfen und sich selbst zu einer Umarbeitung<span class="pagenum"><a id="Seite_95"></a>[95]</span> -bereitfinden, die als die Mannheimer Theaterbearbeitung -der »Räuber« auch im Druck erschien.</p> - -<p>Der Dichter hatte die Szenenfolge vereinfacht und mit -Rücksicht auf den zu erwartenden »Unverstand der Gallerie« -vieles gestrichen; des katholischen Hofes wegen mußte der die -Räuber zur Übergabe auffordernde Pater in eine Magistratsperson -verwandelt werden und Pastor Moser ganz fortfallen; -in den Räuberszenen selbst wurde vieles gekürzt und gemildert, -besonders die »räsonnirenden« Monologe Karls; sogar das -Räuberlied mußte fortbleiben. Die stärkste Umgestaltung hatte -der Schluß zu erleiden: Franz Moor erhängt sich nicht mehr -an der bekannten Hutschnur, sondern wird von den Räubern -gefangen; sie halten über ihn Gericht, werfen ihn in den Turm, -in dem der alte Vater hat umkommen sollen, und reinigen sich -dadurch gewissermaßen von ihrer eigenen Schuld.</p> - -<p>Auf Dalbergs Verlangen mußte Amalie sich selbst töten, -statt als echte Räuberbraut von ihrem Geliebten Karl Moor -erstochen zu werden, eine Änderung, die Schiller aber bei aller -Nachgiebigkeit gegen Dalberg in der Druckausgabe der Bearbeitung -nicht beibehielt. Außerdem wurde die ganze Handlung -aus der Zeit des Siebenjährigen Krieges in die des -ewigen Landfriedens, also nach 1495, verlegt, die »Räuber« -mußten dementsprechend im Ritter-, statt im Rokokokostüm gegeben -und alle zeitgeschichtlichen und politischen Anspielungen -diesem veränderten Milieu angepaßt werden.</p> - -<p>Und wozu sich schließlich der Dichter selbst nicht bequemen -wollte, das änderte der Intendant eigenmächtig. Alles »Unschickliche« -wurde beseitigt. Hatte bei Schiller Franz der Amalie -gedroht: »Meine Mätresse sollst du werden, daß die Weiber -mit Fingern auf dich deuten«, so hieß es nun bei Dalberg in -lächerlicher Entstellung: »Ich will dich so mißhandeln, daß die -Weiber mit Fingern auf dich deuten.« Und sogar den epigrammatisch -wuchtigen Schluß »Dem Mann kann geholfen -werden« hat Dalbergs Hand nicht verschont, sondern durch leere -Breite abgeschwächt: »Dem Mann kann geholfen werden – Er -führe mich vor den Richter – ein Glücklicher mehr. (Sonnen-Untergang.) -Ich sterbe groß durch eine solche That! und vielleicht -Verzeihung vom Himmel durch diese That!«</p> - -<p><span class="pagenum"><a id="Seite_96"></a>[96]</span></p> - -<h3>Herzogliche Zensur.</h3> - -<p>Der Uraufführung der »Räuber« in Mannheim hatte -Schiller selbst beigewohnt; ohne Urlaub hatte er sich aus -Stuttgart fortgestohlen. Dieser Verstoß gegen die Disziplin der -Karlsschule war dem Herzog von Württemberg verraten worden.</p> - -<p>War Herzog Karl auch großsinnig genug, die Aufführung -der »Räuber« hinter seinem Rücken nicht gerade als ein unerhörtes -Verbrechen zu betrachten, und auf den durch ganz -Deutschland widerhallenden Erfolg eines seiner Karlsschüler wohl -auch ein wenig stolz, so ging ihm doch die militärische Zucht über -alles, und neben einem vierzehntägigen Arrest erhielt der Dichter -den strengen Befehl, <em class="gesperrt">nichts mehr außer medizinischen -Arbeiten zu schreiben oder drucken zu lassen</em> und jeden -Verkehr mit dem »Auslande« zu meiden.</p> - -<p>Diese Präventivzensur, die der Herzog von Württemberg -über Schillers noch ungeborene Geisteskinder ausübte, zwang -den Dichter zu seiner tollkühnen Flucht aus Stuttgart, die bei -seiner militärischen Stellung und dem jähzornigen Charakter -des Herzogs auf Leben oder Tod ging. Am 22. September -1782 führte er sie in Begleitung seines Jugendfreundes Andreas -Streicher glücklich aus.</p> - -<h3>Die »Räuber« in Wien.</h3> - -<p>Welche Schwierigkeiten ein in jedem Nerv so revolutionäres -Stück wie Schillers »Räuber« in Wien zu überwinden hatte, -ist leicht zu ermessen. Auf das Burgtheater kamen sie überhaupt -erst 1850 durch Heinrich Laubes Energie; auf den kleineren -Theatern hatte der Zensor sie gelegentlich schon früher passieren -lassen. Aber in welcher Vermummung! Ihre Wiener Erstaufführung -erlebten sie 1784, also zwei Jahre nach der Mannheimer -Uraufführung, auf dem Kärntnertortheater, wo sonst meist Hofoper, -Ballett und Singspiel heimisch waren. Der Lustspieldichter -Rautenstrauch hatte Schillers Erstling »bearbeitet« und -mit Rücksicht auf das vierte Gebot den Vater Moor in einen -– Oheim verwandelt! Der »Oheimmord«, über den Karl Moor -im vierten Akt bei Öffnung des Hungerturmes schaudert, muß -eine erschütternde Wirkung gehabt haben! »Schweizer, so ist noch -kein Sterblicher geehrt worden, wie du: räche meinen – Oheim!«</p> - -<p><span class="pagenum"><a id="Seite_97"></a>[97]</span></p> - -<p>Nur in dieser und ähnlichen Verballhornungen durften die -»Räuber« bis 1850 auf den Wiener Nebenbühnen erscheinen.</p> - -<p>Außerdem wimmelte das Stück von Dingen, die nie an -das Ohr eines gesitteten Wiener Theaterbesuchers dringen durften. -Das Renommieren der Räuber mit ihren Schandtaten im -Nonnenkloster, ihre Blasphemien, die Anklagen Karl Moors -gegen Gott und die Welt waren unbedingt verboten. »Gott«, -so bestimmte der Zensurkatechismus, »darf als Urheber der -Natur nie zum Urheber des Übels gemacht werden«; Flüche -und Verwünschungen mußten entsprechend gemildert werden, und -Ausdrücke wie Sackerment usw. waren strengstens verpönt.</p> - -<h3>Der »verplümickte« Schiller.</h3> - -<p>Schlimmer noch als Rautenstrauch wirtschaftete mit den -»Räubern« der Berliner Theaterdichter Karl Plümicke. Er degradierte -Franz Moor zu einem Halbbruder Karls, die tote Gräfin -von Moor mußte sich dieserhalb einen Ehebruch zuschieben lassen, -und Karl Moor fiel durch den Dolch Schweizers. In dieser -Verbesserung gingen die »Räuber« am 1. Januar 1783 über -die Bretter des Doebbelinschen Theaters zu Berlin.</p> - -<p>Ein anderer Bearbeiter namens Thomas trieb es noch -ärger. Er brachte die Tragödie zu einem gemütlichen Ende: -Nur Franz Moor war und blieb tot; den Vater, Amalie, -Schweizer, Karl, alle ließ er am Leben, Karl und die Räuber -umkehren, Amalie mit ihrem Geliebten glücklich werden, den -Alten ins Kloster gehen und die übrigen in die weite Welt. -An diesem beruhigenden Ausgang sollen sich die Biederleute in -Stralsund und Rostock weidlich ergötzt haben. In Danzig aber -legte sich die Polizei ins Mittel und verbot die »Räuber« als -ein »unmoralisches, sittenbeleidigendes Stück«.</p> - -<h3>Ein Leipziger Zwischenspiel der »Räuber«.</h3> - -<p>In Leipzig, berichtet der Schillerbiograph Brahm, ereignete -es sich, daß, während man auf der Bühne die »Räuber« -spielte – die dortige Uraufführung fand am 20. September -1782 statt –, in der Stadt sowohl wie im Theater Kollegen -des Schufterle feste Griffe in fremdes Eigentum taten, »welches -natürlich viel Gerede verursachte und den dortigen Magistrat -bewog, die fernere Aufführung des Stücks zu verbieten«.</p> - -<p><span class="pagenum"><a id="Seite_98"></a>[98]</span></p> - -<p>Der Schauspieler Anschütz versichert sogar, daß sich in -Leipzig einmal eine Anzahl Studenten, »im Enthusiasmus über -diese wilde Dichterphantasie«, nach den böhmischen Wäldern -aufgemacht habe, um nach dem Vorbilde dieses »Carl Moor« -eine leibhaftige Räuberbande zu bilden.</p> - -<h3>Aus Anstandsrücksichten.</h3> - -<p>»Die Verschwörung des Fiesco zu Genua. Ein republikanisches -Trauerspiel« erschien in Wien zuerst auf dem Kärntnertortheater -am 11. Januar 1784 und stand mit vollem Titel -am 1. Dezember 1787 auf dem Anschlagzettel des Burgtheaters; -nur der Name des Dichters fehlte. Man hatte nach Angabe des -Zensors nur »einige wenige Korrekturen« angebracht; aber schon -bei der zweiten Aufführung mußte die unglückliche Bertha, Verrinas -geschändete Tochter, »aus Anstandsrücksichten« ganz wegbleiben.</p> - -<p>Zwei verliebte Personen, heißt es in Hägelins Denkschrift -von 1795, dürfen nie miteinander allein das Theater verlassen; -deshalb wurde in dem Stück »Das Landmädchen, oder -Weiberlist geht über alles«, »den beiden Verliebten, die sich -am Ende des Stücks in ein Haus begeben, um ihre Heyrath -richtig zu stellen, ein Prokurator beygegeben«.</p> - -<h3>Amerikanische Beziehungen.</h3> - -<p>Eines der großen Siegesfeste des bürgerlichen Schauspiels -ist der 15. April 1784: da fand auf dem Mannheimer Nationaltheater -in Anwesenheit des Dichters die Uraufführung von -»Kabale und Liebe« statt. Iffland spielte den Sekretär Wurm.</p> - -<p>Im benachbarten Frankfurt hatte die Theatergesellschaft des -Direktors Großmann das neue Werk Schillers schon zwei Tage -vorher herausgebracht, ohne bei der Mangelhaftigkeit der Truppe -einen sonderlichen Erfolg damit zu erzielen. Der stellte sich -dort erst ein, als der Dichter selbst nach Frankfurt kam und -Iffland am 3. Mai die Rolle des Kammerdieners spielte. Großmann -hatte vorher die ganze Kammerdienerszene im 2. Akt, -diesen erschütternden Protest gegen die Willkürherrschaft und -den schmählichen Untertanenhandel deutscher Duodezfürsten – -die nicht allzu weit von Frankfurt residierten –, gestrichen, und -Schiller hatte seine liebe Not, Ifflands neue Rolle mit »Wegwerfung -aller amerikanischen Beziehungen« wiedereinzufügen.</p> - -<p><span class="pagenum"><a id="Seite_99"></a>[99]</span></p> - -<h3>Mätresse und Kammerdiener.</h3> - -<p>Auf das Wiener Burgtheater gelangte »Kabale und Liebe« -erst 1807, denn eine fürstliche Mätresse, so heißt es in -Hägelins Zensurkatechismus, »ist anstößig, also das ganze Stück -nicht zulässig, außer das vitiose würde weggeschafft.« Die -Mätresse war aber nicht allein das Anstößige; die Kammerdienerszene -war natürlich auf dem Wiener Hoftheater vollends -unmöglich. Schon der Ausdruck »Tyrannei« war dort verboten! -Im Privattheater an der Wieden hatte man 1788 eine -Aufführung zugelassen; die Scheu vor der Kammerdienerszene -hielt auf der Burg aber bis 1807 vor.</p> - -<h3>Die Moral des »König Lear«.</h3> - -<p>Shakespeares »König Lear« war auf dem Wiener Burgtheater -am 29. Januar 1780 in einer Bearbeitung von Schröder -und Bock gegeben worden; die Originalfassung wurde dort -nicht geduldet. Warum? Regierungsrat Hägelin führt in -seiner Denkschrift von 1795 die Fabel dieser Tragödie und -ihre Moral als Beispiel verwerflicher Stücke folgendermaßen an:</p> - -<p>»Der König Lear, ein wohlthätiger Vater, legt seine Krone -bey Lebzeiten in die Hände zwoer undanckbarer Töchter nieder, -welche ihn verstoßen und im äußersten Elende schmachten lassen, -bis ihm die dritte Tochter Cordelia zu Hilfe kömmt und ihn -rettet. Die Moral dieses Stückes ist, daß ein Regent bey Lebzeiten -die Krone an seine Nachfolger nicht abtretten soll, weil -er Gefahr läuft, für seine Wohlthat mit Undanck belohnt und -mißhandelt zu werden.«</p> - -<p>Und dabei war dieser Hägelin noch ein verhältnismäßig -aufgeklärter Mann!</p> - -<h3>Die Wiener Putzmacherinnen.</h3> - -<p>Ausdrücke, die ein »sinnliches Laster« andeuteten, wie -Kuppler, durften auf der Bühne nur in »ernstem und strafendem -Tone« fallen, daher allenfalls im Trauerspiel, aber nicht -im Lustspiel. Allen Gelegenheitsmachern war ihr Geschäft auf -der Bühne gründlich verdorben, denn ein Frauenzimmer durfte -in einem Theaterstück nie in »sträfliche Anträge« willigen, -höchstens scheinbar, um den Liebhaber zu beschämen, und das<span class="pagenum"><a id="Seite_100"></a>[100]</span> -Publikum mußte über diese pädagogische Absicht vom Dichter -rechtzeitig beruhigt werden. »Heurathsstifter und Unterhändler -unsträflicher Liebschaften« aber, sagt Hägelin, sind erlaubt, »nur -auf die Putzhändlerinnen muß Acht gegeben werden.«</p> - -<p>Die Wiener Putzmacherinnen besaßen offenbar im »Einfädeln« -eine ganz besondere Gewandtheit.</p> - -<h3>Schutz der Ehe!</h3> - -<p>Ehekonflikte, die nicht beizulegen waren, durfte es nach -Vorschrift der Zensur auf Wiener Theatern nicht geben; die -Ehe mußte auch auf der Bühne geschützt werden, da »dem -Staat an der Erhaltung rechtmäßiger Ehen und Geburten viel -gelegen ist«. »Philosophische Winkelehen« konnten nach Hägelins -Denkschrift nie Stoff in Wien aufzuführender Stücke sein, »besonders -wenn sie als gegründet in dem Naturrecht approbirt -würden«. Von »wilden Ehen« durfte überhaupt nicht die Rede -sein. Stücke mit Ehebrecherinnen waren nach Hägelins Denkschrift -ebenso streng verboten wie die mit Mätressen. Schon -das Wort »Ehebruch« war verpönt.</p> - -<p>Verliebte mußten vor Ende des Stückes »stets gesetzmäßig« -verbunden werden, und zwar durch Notare; denn von kirchlicher -Trauung durfte wieder nichts gesagt werden, da das Sakrament -der Ehe als zu heilig für die Bühne galt.</p> - -<h3>Die Hinrichtung auf der Bühne.</h3> - -<p>Im Jahre 1792 führte das Landstraßer Theater in Wien eine -»Maria Stuart« von dem Räuberromanschriftsteller C. H. Spieß -auf, und »um dieses vortreffliche Stück noch interessanter zu machen«, -wurde »die Enthauptung der Königin von Schottland öffentlich auf -dem Theater exekutiert«! 1795 aber dekretierte Hägelin: Das -moderne Theater »darf nie mit Blut befleckt werden«. Denn zwei -Jahre vorher war jene Vorstadttheaterromantik furchtbare Wirklichkeit -geworden: Maria Antoinette, die Tochter Maria Theresias, -die Tante des Kaisers Franz, starb auf der Guillotine.</p> - -<p>Auch für die Theatergeschichte bedeutete die Französische Revolution -eine neue Epoche, denn von jetzt an hatte sich die -Theaterzensur nicht nur nach der moralischen und religiösen -Seite, sondern vor allem nach der politischen hin zu orientieren.</p> -<hr class="chap" /> - -<div class="chapter"> -<p><span class="pagenum"><a id="Seite_101"></a>[101]</span></p> - -<h2 class="nobreak" id="kap05">5. Die Furcht vor der Revolution.</h2> -</div> - -<div class="epigraph"> - -<p>»Man sagte mir, Spanien habe Preßfreiheit und ich könnte, -natürlich unter Aufsicht von zwei, drei Zensoren, schreiben, -was mir beliebte, wenn es nur nicht gegen den Staat wäre, -oder gegen den Hof, gegen die Kirche, gegen die guten Sitten -und schlechte Beamte, gegen privilegirte Tänzerinnen usw.«</p> - -<p class="right"> -<em class="gesperrt">Beaumarchais</em>, »Figaros Hochzeit«. V, 3. -</p></div> - -<h3>»Ein toller Tag.«</h3> - -<p>Am 27. April 1784 – zwölf Tage nach der Uraufführung -von Schillers »Kabale und Liebe« in Mannheim – ging über -die Bretter des <em class="antiqua">Théâtre français</em> zu Paris ein Lustspiel, dessen -Zensurschicksal bereits seit drei Jahren die Bevölkerung der -französischen Hauptstadt belustigt und aufgeregt hatte, »Figaros -Hochzeit oder ein toller Tag« von Beaumarchais. Gerade die -Spitzen der Gesellschaft, Prinzen und Herzöge, Minister und -Fürstinnen, bahnten in wahnsinniger Verblendung einem Stück den -Weg, das durch seine blutige Verspottung des Adels der gefährlichste -Feind ihrer Standesinteressen war und als die literarische -Ouvertüre der fünf Jahre später hereinbrechenden Französischen -Revolution bezeichnet werden darf. Das ahnten weder der -Dichter noch die ihm behilfliche verrottete Gesellschaft, nur König -Ludwig XVI. erkannte, wie einer der deutschen Übersetzer des -Lustspiels, Franz Dingelstedt, sagt, »in Figaros Scheermesser -das erste, ferne Wetterleuchten der Guillotine«. Die endlich -durchgesetzte Aufführung ist eines der sensationellsten Ereignisse -der französischen Theatergeschichte; selbst der Dichter meinte: -»Das Tollste am Tollen Tag bleibt sein Erfolg.«</p> - -<p>Diesseits des Rheines nahm man hauptsächlich an der übermütigen -Frivolität des Stückes Anstoß, die doch nur ein getreues -Abbild ihrer Zeit war. Kaiser Joseph verbot in einem -Handschreiben vom 31. Januar 1785 die Aufführung, und die -Wiener lernten den »Tollen Tag« erst in der wundervollen -musikalischen Verkleidung kennen, die Mozart ihm in seiner Oper -»<em class="antiqua">Le nozze di Figaro</em>« gegeben hat. Erst am 14. September<span class="pagenum"><a id="Seite_102"></a>[102]</span> -1802 gelangte auch das Lustspiel, in entsprechender Bearbeitung -von Jünger, auf das Burgtheater.</p> - -<p>Auch in München wußte die maßgebende Geistlichkeit die -Aufführung zu hintertreiben; in Mannheim dagegen, der zweiten -Residenz des Kurfürsten von Pfalzbayern, ging es noch 1785 -in Anwesenheit Karl Theodors mit dem aus Schillers Biographie -bekannten Schauspieler Beck in der Titelrolle in Szene. -Der sonst so allmächtige Beichtvater des Kurfürsten, Pater -Frank, soll, wie der berühmte Schauspieler Iffland erzählt, -warnend an das Münchener Verbot erinnert, der Kurfürst aber -gelacht und geantwortet haben: »Das hat hier in Mannheim -nichts zu sagen!« Er selbst zeichnete bei der Aufführung Stück -und Schauspieler durch lauten Beifall aus.</p> - -<p>Die Zeitgenossen Karl Theodors aber teilten seine Sorglosigkeit -nicht, sondern suchten zunächst durch drakonische Zensurgesetze -gegen die rote Sturmflut einen Damm aufzuwerfen. -Nur einige charakteristische Episoden aus diesem Abwehrkampfe -können hier gestreift werden.</p> - -<h3>Verschärfung der Berliner Zeitungszensur.</h3> - -<p>Die Zeitungszensur war in den ersten Jahren nach dem -Regierungsantritt Friedrich Wilhelms II. ganz beim alten geblieben, -denn das Ministerium des Äußern, dem sie unterstand, -wahrte dem Chef des geistlichen Departements Wöllner -gegenüber seine Selbständigkeit. Da die Minister noch im -Februar 1792 überzeugt waren, daß die Französische Revolution -in Preußen kein Wässerlein trüben würde, hatten sie auch keinen -Drang gefühlt, den harmlosen Berliner Zeitungen trotz der -alles umstürzenden Nachrichten, die sie pflichtschuldigst bringen -mußten, genauer auf die Finger zu sehen. Noch am 12. Juli -1791, als der im Zensurdienst ergraute Geheimrat Marconnay -seinen Abschied nahm und den Zeitungen als sein Nachfolger -der Geh. Legationsrat Renfner vorgestellt wurde, hatten die -Minister es ausdrücklich abgelehnt, sich selbst außer in »zweifelhaften -Fällen« mit der Zeitungszensur zu befassen.</p> - -<p>Da fiel die Warnung aus Wien vom 3. Dezember 1791 -(vgl. S. <a href="#Seite_63">63</a>) plötzlich wie ein schwerer Stein in den idyllisch-glatten -Spiegel behaglicher Sicherheit, und den preußischen<span class="pagenum"><a id="Seite_103"></a>[103]</span> -Ministern erschien es nun doch an der Zeit, durch sichtbare -Regierungsakte zu zeigen, daß sie hinter der österreichischen -Staatsklugheit nicht zurückstanden, wenn auch ihre eigene noch -keineswegs so düster gefärbt war wie jene.</p> - -<p>Zunächst sprachen sie am 5. Januar 1792 den Wunsch -aus, von allen in Preußen gelesenen in- und ausländischen -Zeitungen ein – Freiexemplar zu erhalten, um sich darüber zu -unterrichten, »wie die öffentlichen Ereignisse in den Landeszeitungen -bekannt gemacht würden«. Aber da war guter Rat -im wahrsten Sinne des Wortes teuer! Denn wer sollte ihnen -diese Freiexemplare liefern? Die Post versandte die bei ihr -bestellten auswärtigen Zeitungen an die Abonnenten, und ein -Generalabonnement auf alle diese Blätter kostete ein Heidengeld, -das in keinem Etat vorgesehen war. Für den französischen -»Moniteur« zahlte man damals bei der Post jährlich -30, für englische Blätter sogar 70 Taler. Der Generalpostmeister -konnte also den Ministern nicht helfen.</p> - -<p>Als sich aber nun im Anschluß an die kaiserliche Warnung -der Schriftwechsel mit dem ängstlich gewordenen Könige entspann, -sahen die Minister, daß sie auch im Punkt der Zeitungszensur -etwas tun mußten, und sie erließen am 28. Februar -an die Berliner Blätter den Befehl, »mit größter Schärfe alle -aufrührerischen Artikel zu unterdrücken und die Verbreitung aller -revolutionären Grundsätze zu verhindern«.</p> - -<p>Das hatte zunächst für die Berliner Zeitungsverleger eine finanzielle -Folge. Dem Legationsrat Renfner wuchs jetzt die Arbeit über -den Kopf; er mußte den ganzen Tag bis spät am Abend zur Verfügung -stehen, wenn er, wie das Ministerium gefordert hatte, »bei -eigener schwerer Verantwortung« für den Inhalt der Zeitungen -bürgen sollte. Ohne eine Entschädigung, meinte er, sei das nicht -zu machen. Bisher war die Zeitungszensur gebührenfrei gewesen.</p> - -<p>Die beiden Berliner Zeitungsverleger, die Vossische und die -Haude-Spenersche Buchhandlung, sahen denn auch die »Billigkeit« -seines Anspruchs ein und verstanden sich dazu, vom -1. August 1792 ab die Bemühungen des vielgeplagten Zensors -mit einem jährlichen Honorar von 100 Talern zu belohnen. -Für diesen Beweis ihrer »Resignation« sprach ihnen das Ministerium -wie billig seine besondere Zufriedenheit aus.</p> - -<p><span class="pagenum"><a id="Seite_104"></a>[104]</span></p> - -<p>Dies Entgegenkommen kam die Verleger teuer zu stehen, -denn das Ministerium nahm statt des kleinen Fingers die ganze -Hand. Auf ihre Erklärung, daß sie dieses Honorar mit Rücksicht -auf die »gegenwärtigen Zeitläufte« nur dem jetzigen Zensor -zahlen würden, nicht aber seinem Nachfolger, antwortete man -ihnen, sie allein zögen ja den Gewinn aus ihren Zeitungen, -sie hätten deshalb auch in Zukunft dieselbe Zensurgebühr zu -entrichten.</p> - -<h3>Die werdende Journalistik.</h3> - -<p>Waren denn die Berliner Zeitungen so stark mit »aufrührerischen -Artikeln« gefüllt, daß die Mahnung des Ministeriums -begründet war?</p> - -<p>Etwas Farbe hatten die Blätter unterdes tatsächlich angenommen. -Die Weltgeschichte mußte sich ja doch in ihnen -widerspiegeln, und wenn der Horizont in Flammen stand, -mußte schließlich ein roter Widerschein auch auf Preußen fallen. -Wie konnte <em class="gesperrt">der</em> dabei gleichgültiger, trockener Chronist bleiben, -der am ersten dazu veranlagt ist, den elektrischen Strom neuen -Lebens zu empfinden, der werdende Journalist? Der eine wollte -löschen helfen, der andere auch schüren, und wenn die deutsche -Presse auch noch nichts von Leitartikeln wußte, in denen sich -eine öffentliche Meinung kundgab oder auch nur die private -des Redakteurs, die sich für die öffentliche hielt, so konnte es -doch nicht fehlen, daß die Art der Berichterstattung besonders -über die Pariser Ereignisse allmählich einen eigenen Ton annahm, -der in der Tat die Musik machte. Über die Berichterstattung -im alten Nachrichtenstil ging man noch nicht hinaus, -aber der Zensor Renfner hatte schon seine liebe Not mit allerhand -versteckten Anmerkungen, »Anspielungen« und »Seitenblicken«, -die sich der Zeitungsschreiber von ehedem nie herausgenommen. -So entfesselte der Geist der Revolution eigentlich -erst den selbständigen Journalismus, den der deutsche Zeitungsleser -bis dahin noch nicht gekannt hatte, und unter der -Regierung Friedrich Wilhelms II. gewannen die Zeitungen trotz -aller dämpfenden Bestimmungen eine Bedeutung, die sie unter -Friedrich dem Großen, auch bei geringerer Unfreiheit, nie hätten -erringen können, es sei denn, daß der König, in Voraussicht<span class="pagenum"><a id="Seite_105"></a>[105]</span> -der Zukunft, sie als die Pioniere einer großzügigen nationalen -Politik hätte brauchen wollen, was seinem unnahbaren und -selbstsichern Souveränitätsgefühl aber ganz fernlag.</p> - -<p>Von den Berliner Zeitungen nahm die »Spenersche« am -stärksten jenen Ton an, und schon am 24. Februar 1793 mußte -sie sich darüber von dem nun aufmerksamer und strenger werdenden -Ministerium energisch den Text lesen lassen. Der Ton der -Pariser Artikel, hieß es, lasse sich besonders seit der »schrecklichen -Verurtheilungs-Epoche des Königs von Frankreich« mit den -»Gesinnungen eines treuen Preußischen Untertans schwer vereinbaren« -und steche auffallend ab von dem »wärmeren, biederen Ton, -durch den sich die Vossische Zeitung bei den jetzigen Umständen -auszeichne«. Zensurstriche allein könnten daran nichts ändern, -die Redaktion habe daher streng darauf zu sehen, daß »von nun an -die <em class="gesperrt">ganze Stimmung</em> jener Artikel umgeändert werde«. Sonst -werde man das Privilegium »sichereren Händen« anvertrauen.</p> - -<h3>Die erste ministerielle Zeitung in Preußen.</h3> - -<p>Mit der Zensur allein sei es nicht getan, hatte das Ministerium -im Februar 1793 der »Spenerschen Zeitung« erklärt, -die »ganze Stimmung« des Blattes müsse eine andere werden. -Da sich aber diese Stimmung bei andern nicht erzwingen ließ, -kam man 1794 auf den Einfall, sie selbst zu erzeugen. Der -Geh. Legationsrat le Coq hatte den Vorschlag gemacht, eine -ministerielle Zeitung herauszugeben, und in ihrer Herzensangst -gingen die Minister sogleich darauf ein; früher hatten sie solche -Pläne immer zurückgewiesen.</p> - -<p>Ein Verleger war zur Stelle; der Hofbuchdrucker Decker -besaß schon lange ein Privileg zu einer französischen Zeitung, -ohne es bisher ausgenutzt zu haben. Das war doppelt willkommen, -denn so konnte man den guten Geist Preußens auch -in das französisch sprechende Ausland hinüberleiten, und alle -Diplomaten mußten sich ja um solch eine in ihrer Umgangssprache -geschriebene preußische Kabinettszeitung reißen.</p> - -<p>Vom Januar 1794 an erschien also in Berlin die »<em class="antiqua">Gazette -françoise de Berlin. Avec approbation et privilège du -Roi</em>«, und zwar fünfmal in der Woche. Bisher hatte man -noch jedem Berliner Verleger abgeschlagen, mit seinem Blatte<span class="pagenum"><a id="Seite_106"></a>[106]</span> -mehr als dreimal wöchentlich herauszukommen, und zwar lediglich -aus Bequemlichkeit, weil die Zensur dem Ministerium zu -einer fast »unerträglichen« Last geworden war, worauf »billig -Rücksicht genommen werden sollte«. Jetzt sah die erstaunte -Reichshauptstadt auf einmal fast jeden Tag eine neue Nummer -der preußischen Amtszeitung erscheinen.</p> - -<p>Die Verleger der »Vossischen« und »Spenerschen« wurden -über diesen Vorzug natürlich unwirsch und beschwerten sich. -Erst sagte man ihnen: Ihr könnt ja auch fünfmal in der -Woche herauskommen! Aber dieses ungeheure Anwachsen der -Zensurarbeit schreckte doch zuletzt ab, und man kam dann friedlich -überein, vom 1. April ab auch das ministerielle Blatt – -auf drei Nummern die Woche zu beschränken.</p> - -<p>Die Konkurrenz sorgte weiter dafür, daß die sonstigen sehr -unbequemen Vorzüge des Hofblattes paralysiert wurden. Dieses -brachte eine Fülle offizieller Mitteilungen aus allen Departements -des Ministeriums, Kriegsnachrichten von der preußischen -Armee, die damals mit den Österreichern gegen das revolutionäre -Frankreich im Felde stand, Meldungen von Ernennungen und -Auszeichnungen, die einen wesentlichen Teil des Stadtgesprächs -beherrschten – alles Dinge, mit denen die andern Zeitungen -traurig hinterherhinken mußten. Also beschwerte man sich auch -darüber, und richtig wurde jetzt durch die ziellose Gutmütigkeit -des Ministeriums, das keinem königlichen Privileg zunahe treten -wollte, dieses ganze amtliche Material vom Juli 1794 an -<em class="gesperrt">allen</em> Berliner Zeitungen zugestellt.</p> - -<p>Damit war natürlich dem ministeriellen Blatte jeder Anreiz -genommen, es siechte kümmerlich dahin und mußte schon -Ende 1797 sein Erscheinen einstellen.</p> - -<h3>Ein verblüffender Erfolg.</h3> - -<p>Das vorschnelle klägliche Ende der amtlichen »<em class="antiqua">Gazette -françoise de Berlin</em>« hatte noch einen besondern Grund, -der drastisch zeigt, welch unglückliche Hand das preußische Ministerium -schon damals in der Behandlung der Presse bewies.</p> - -<p>Es hatte sich so ehrliche Mühe gegeben, der Forderung des -Königs Genüge zu tun und allen aufrührerischen Geist aus -den Berliner Zeitungen zu entfernen. Was hatte es zu diesem<span class="pagenum"><a id="Seite_107"></a>[107]</span> -Zweck in den letzten Jahren nicht alles verfügt: Nicht weniger -als 26 Freiexemplare mußten die Berliner Verleger von ihren -Blättern liefern, und man hatte es wirklich durchgesetzt, daß -auch alle Provinzzeitungen regelmäßig zur Kontrolle eingereicht -wurden. Die Minister lasen sich an all dem schlechten Druck -auf Löschpapier fast die Augen blind, es regnete Verwarnungen -und Drohungen, und besonders der alte Graf Finckenstein, der -noch ganz in friderizianisch-absolutistischer Weltanschauung lebte, -überbot sich in strengen Maßregeln. Selbst die Inserate unterlagen -seit 1788 noch einer besonderen Zensur der Polizei. -Durch die Gründung der »Gazette« war ein regelrechtes Preßbureau -entstanden, das die Berliner Blätter mit wichtigen politischen -Mitteilungen versorgte. So lieferte es alle Nachrichten -über den Aufstand in Polen nach dessen zweiter Teilung, dafür -durfte aber nichts Selbständiges aus andern Quellen über -die polnischen Angelegenheiten gedruckt werden. In den Pariser -Artikeln wurden unermüdlich alle »Neben-Reflexionen und Raisonnements« -gestrichen, und die Zeitungen mußten sich durchaus -auf die »Darstellung bloßer That-Sachen« beschränken. Die -»General- und Spezialpardons«, die das Ausland preußischen -Deserteuren zusicherte, durften nicht mitgeteilt werden, ebensowenig -die Beschreibung republikanischer Feste, bei denen »im -Namen der Weltgeschichte die Verdienste der französischen Nation -um die Menschheit« gefeiert wurden. Alle Notizen über Aufstände, -besonders über militärische Revolten wie die Meuterei -der englischen Matrosen 1797 waren strengstens verboten, ebenso -die über die Ankunft und Abreise der Kuriere, weil dies »für -den Königl. Dienst« nachteilig sei, und selbst fremde Gesandten -durften nichts mehr in die Zeitungen einrücken lassen ohne besondere -Genehmigung des Ministeriums.</p> - -<p>Und das Resultat all dieser krampfhaften Bemühungen? -Dem Könige mochten seine willigen Beamten zu Dank arbeiten, -<em class="gesperrt">einem</em> aber genügten sie damit noch lange nicht: dem Kaiser -von Rußland! Im Oktober 1797 schmetterte die Minister die -plötzliche Nachricht nieder, daß ihre Sorgenkinder, die so streng -behüteten Berliner Tageszeitungen und die »Berlinische Monatsschrift«, -samt und sonders in Rußland verboten seien! Und -die preußische Amtszeitung, das Fähnlein der preußischen Aufrechten,<span class="pagenum"><a id="Seite_108"></a>[108]</span> -stand in der Reihe der Kolleginnen mit am russischen -Pranger! Die »<em class="antiqua">Gazette françoise</em>« scheint aber jenseits des -Niemen die meisten Leser gehabt zu haben und war dadurch -»beinahe gänzlich ruiniert«.</p> - -<p>Den Anlaß des Verbotes konnte niemand ergründen, am -wenigsten – wie üblich – der preußische Gesandte in Petersburg. -Von jeher war ja Rußland über jede deutsche Preßnotiz -»ungemein sensibel« gewesen, und das revolutionäre Schauspiel -in Frankreich hatte seine Empfindsamkeit zur Hysterie gesteigert. -Vergebens suchten die Minister nach einem plausibeln -Grund des Verbotes. Sie dachten nicht mehr an ihr eigenes -Wort, daß ja die Zensur allein, die Ausmerzung jeder kleinen -Anzüglichkeit, das Verbot alles Anstößigen und dergleichen Flickarbeit, -nicht Rot in Weiß verwandeln konnte, daß die ursprüngliche -Färbung trotz allem noch durchschimmerte. Die ganze -»Stimmung« der Berliner Presse war es eben, die dem Kaiser -der Russen zuwider geworden war.</p> - -<h3>Lichte Augenblicke.</h3> - -<p>Ab und zu in dieser Zeit der Bedrängnis dämmerte den -betrübten Lohgerbern an der Spree so etwas wie die Erkenntnis, -daß sie dem Kinde glichen, das in der hohlen Hand das Meer -ausschöpfen zu können wähnt. Dem blinden Eifer des alten -Ministers von Finckenstein trat sein eigener Amtskollege Graf -Haugwitz entgegen, und am 12. Juli 1797 erklärte ihm das -Generaldirektorium geradezu: »Überhaupt glauben wir nicht, -daß in einer solchen weit getriebenen Einschränkung der Preßfreiheit -das wahre Mittel liege, um revolutionäre Bewegungen -und gefährliche Nachfolge der darunter gegebenen üblen Beispiele -benachbarter Nationen zu hintertreiben.«</p> - -<p>Und als ein Jahr später der Graf von der Schulenburg -von dem neuen Herrn mit der Leitung der geheimen Polizei -betraut wurde und davon fabelte, den revolutionären Skribenten -durch Bestechung einen goldenen Maulkorb umhängen zu wollen, -bekannte sich das preußische Ministerium in völliger Zerknirschung -zu dem reumütigen Glauben, daß all sein Bemühen -nur dann Erfolg verspreche, »wenn Männer von anerkannten -Talenten, von bewährter Moral, <em class="gesperrt">aus eigner inniger Ueberzeugung</em>,<span class="pagenum"><a id="Seite_109"></a>[109]</span> -als Schriftsteller wider Revolutionen und wider revolutionaire -Greuel aufträten«.</p> - -<p>Man vergaß nur eine Kleinigkeit, diese guten Elemente, -die gewiß vorhanden waren, freizumachen und durch soziale -Reformen von Staats wegen die »gute Stimmung« zu erzeugen, -die man gern der Presse als Schminke aufgelegt hätte. -So wirkt diese weise Erkenntnis wie eine Leuchtrakete am -dunkeln Nachthimmel und ist es bis heute geblieben.</p> - -<h3>Die Jagd auf die Bulletinschreiber.</h3> - -<p>Wie machtlos die regierende Gewalt der Presse gegenüber -war, zeigte nichts deutlicher als das Scheitern aller Bemühungen, -die geschriebenen Zeitungen zu vertilgen, mit denen sich kleine -Beamte eine Nebeneinnahme zu verschaffen wußten.</p> - -<p>1792 war die Bulletinschreiberei aufs strengste untersagt -worden. Aber man hatte, um unnötiges Aufsehen zu vermeiden, -diesen Befehl nicht veröffentlicht, sondern nur durch ein -Rundschreiben allen amtlichen Stellen mitgeteilt, wo die Verfasser -dieser »Bülletins« an irgendeinem staubigen Aktentisch -zu sitzen pflegten, alles sammelten, was ihnen an offiziellen -Brocken erreichbar war, und dieses Gemisch von Vertraulichem -und längst Bekanntem zu Korrespondenzen besonders für Hamburger -Blätter verarbeiteten.</p> - -<p>Mit jenem Verbot glaubte man das Handwerk mit Stumpf -und Stiel ausgerottet zu haben. Aber 1794 blühte es wie nie -zuvor, denn die strengere Zensur des gedruckten Wortes machte -ja das geschriebene um so wertvoller! Das ganz Automatische -dieser Erscheinung wollten aber die Minister nicht einsehen, und -statt auf der einen Seite die Zügel lockerer zu lassen, verdoppelten -sie nun ihren Eifer auch auf der andern. Eine vollständige -Detektivkomödie wurde in Szene gesetzt, um diese kleinen -Zeilenschreiber dingfest zu machen. Es gab zwar schon so -etwas wie ein Postgeheimnis, das störte aber den Postmeister -Seegebarth nicht, unverdrossen alle ihm verdächtig erscheinenden -Briefe, vor allem die nach Hamburg gerichteten, zu erbrechen, -aufmerksam zu lesen und, wenn ein Indizium vorlag, freudestrahlend -dem Ministerium zu unterbreiten. Als man schließlich -einen der Verbrecher erwischte – er hieß Woltersdorf und<span class="pagenum"><a id="Seite_110"></a>[110]</span> -war schon 1791 mit drei Tagen Gefängnis bestraft worden, -weil er zu melden sich erdreistet hatte, die Französische Nationalversammlung -wolle dem König Ludwig und seiner Gemahlin -den Prozeß machen –, entpuppte er sich als Hofagent des -Herzogs von Mecklenburg, und die Geheimräte in Neustrelitz -nahmen ihn so energisch in Schutz, daß man zufrieden war, -als er versprach, sein Korrespondenzeln zu lassen. Auch hatte -er mit verblüffender Dreistigkeit gefordert, wenn man ihm verwehre, -sein Brot auf diese »redliche und anständige Weise« zu -erwerben, so möge man ihm gefälligst eine Anstellung mit auskömmlichem -Gehalt geben, da er als kläglichst besoldeter »Prokurator« -seine Familie nicht ernähren könne.</p> - -<p>Aber die Hetzjagd ging weiter. Die 100 Taler, die der -»Hamburgische Korrespondent« für diese Berliner Berichte ausgeworfen -hatte, wollte sich nun ein armes zweiundzwanzigjähriges -Magisterlein der Philosophie namens Stein verdienen. -Bald hatte das Falkenauge des Postmeisters durch Handschriftenvergleichung -auch dies herausgebracht. Aber Stein fand wieder -Nachfolger, und wenn man sie beim Kragen nahm, versicherte -jeder hoch und teuer, von dem Verbot keine Ahnung gehabt zu -haben; und das Gegenteil konnten ihm die Minister nie beweisen! -So kamen die Übeltäter mit einem Verweis davon – -und alles blieb hübsch wie zuvor.</p> - -<h3>Die Bildung des kleinen Mannes.</h3> - -<p>Was die Literatur von Leopolds Sohn und Nachfolger, -Kaiser Franz II., dem letzten deutschen Kaiser (bis 1806), zu -erwarten hatte, brachte gleich zu Anfang der neuen Regierung -ein Gutachten des Polizeiministers Grafen von Pergen klassisch -zum Ausdruck. 1793 hatte der angesehene Schriftsteller Joh. -Bapt. von Alxinger die »Österreichische Monatsschrift« begründet, -die im Sinne der Josephinischen Aufklärung arbeitete -und mit großer Kühnheit gegen die bald einreißende Jakobinerriecherei -und deren Werkzeuge, Spione und Denunzianten, kämpfte.</p> - -<p>Bald sah sich der Polizeiminister veranlaßt, auf die häufige -Darstellung von »Revolutionsgeschichten« in dieser Zeitschrift -aufmerksam zu machen, »wodurch das Publicum mit der Idee -von Staatsumwälzungen familiarisiret und demselben einleuchtend<span class="pagenum"><a id="Seite_111"></a>[111]</span> -gemacht werden soll, daß Revoluzionen von jeher entstanden -sind und daß sie nicht das Werk von Aufklärern und geheimen -Orden waren, sondern von Menschen aller Klassen, und selbst von -der Geistlichkeit vorbereitet und zu Stande gebracht worden sind«.</p> - -<p>Bei dieser Gelegenheit entwickelte Graf Pergen über den -Wert der so viel gerühmten »Aufklärung« eine Ansicht, die -zugleich als ein Programm der eben begonnenen Regierung des -Kaisers Franz bezeichnet werden darf.</p> - -<p>»Die Erfahrung hat gelehrt,« so heißt es in diesem Aktenstück, -»daß Brochurenaufklärung bisher sicher mehr geschadet, -als genützt habe, weil durch solche einer Klasse von Menschen, -die von allen Kenntnißen entblößt ist, die vorausgehen müssen, -um die Dinge im Zusammenhange zu sehen, eine Menge unverdaute -Begriffe über Religion, Menschenrechte und Menschenglück -beygebracht worden sind, die nun in den Köpfen derselben -eine gräßliche Verwirrung anrichten … <em class="gesperrt">Die Bildung der -untern Klassen muß verhältnismäßig mit ihrem Stande -und ihrer Bestimmung seyn.</em> Wenn der gemeine Mann einen -einfachen, auf das Herz wirkenden Religionsunterricht erhält, wenn -ihm von den wissenschaftlichen Kenntnissen nur dasjenige beygebracht -wird, was ihm in seinem Geschäftsbetriebe zur Beförderung -seines bürgerlichen Glücks brauchbar und nützlich ist, so ist er für -seine Sphäre aufgeklärt, und diese Aufklärung ist heilsam für ihn, -vortheilhaft für den Staat; wird hingegen der gemeine Mann mit -Dingen beschäftiget, welche in das Spekulative der Religion und -Philosophie einschlagen, so verwirren sich seine Begriffe, er giebt -sich mit unnützen Grübeleyen ab, wünscht sich in eine höhere Klasse -aufzuschwingen, wird für sich selbst unglücklich und für den Staat -gefährlich. <em class="gesperrt">Höhere Kenntnisse sollen also nur für jene -seyn, welche vermöge ihres Standes bestimmt sind, -andere zu leiten</em>, und diese können und sollen ohne Beschränkung -aufgeklärt werden, und je mehr sie aufgeklärt werden, -desto vollkommenere brauchbarere Menschen werden sie seyn und -desto besser wird sich die Staatsverwaltung hiebey befinden.« …</p> - -<p>Schon im Juni 1794 mußte die »Österreichische Monatsschrift« -eingehen. Ihre Redakteure Alxinger und Schreyvogel -sahen keine andere Möglichkeit, wenn sie sich nicht als »Jakobiner« -den schwersten Verfolgungen aussetzen wollten.</p> - -<p><span class="pagenum"><a id="Seite_112"></a>[112]</span></p> - -<h3>Das österreichische Zensurgesetz von 1795.</h3> - -<p>Februar 1795 erschien in Österreich ein neues Zensurgesetz, -das in allem genau das Gegenteil dessen bestimmte, was Josephs -Preßreform an kulturellen Fortschritten ausgezeichnet hatte.</p> - -<p>Nicht das mindeste durfte mehr ohne vorschriftsmäßige -Zensur gedruckt werden, weder Buch noch Zeitung, weder Lied -noch Gebet, Einblattdruck oder Kupferstich, weder Erstdruck noch -neue Auflage eines bisher erlaubten Buches. Wer sich dagegen -verging, wurde sofort mit Verlust des Gewerbes gemaßregelt, -außerdem mußte er für jedes verbreitete Exemplar einer unzensierten -Druckschrift 50 Gulden Strafe zahlen. War er dazu -nicht imstande, so durfte er jeden Gulden – mit einem Tage -Gefängnis absitzen! Ein Buchdrucker oder Verleger brauchte also -nur durch ein Versehen einige hundert Exemplare eines unzensierten -Liedes zu verbreiten, und er hatte, wenn er ein armer -Teufel war, lebenslängliche Haft verwirkt! Handelte es sich gar -um 1000 Exemplare oder mehr, so ergab diese lichtvolle Rechnung -etliche hundert Jahre Gefängnis!</p> - -<p>Da Lieder, Gebete, Kriegsnachrichten, überhaupt die ganze -Einblattliteratur häufig durch Hausierer so schnell vertrieben -wurden, daß der Arm des Gesetzes sie nicht mehr erreichte, -blieb der gesamte Hausierhandel mit Drucksachen verboten, und -auf Übertretung dieser Bestimmung wurde Zuchthausstrafe gesetzt.</p> - -<p>Jede Ausrede oder Entschuldigung für irgendeine Verfehlung -gegen das Zensurgesetz wurde von vornherein als ungültig -abgewiesen; mildernde Umstände gab es in keinem Fall! -Auch galt bei Umgehung der Zensur keinerlei Unterschied zwischen -einem Andachtsbuch und etwa einer unsittlichen Schrift; für den -Inhalt der nicht zensierten Drucksache hatten sich Verfasser, Verleger, -Drucker oder Verbreiter »nach dem Grade der Anstößigkeit« -noch besonders zu verantworten. Ebensowenig wie in -Österreich selbst durfte ein k. k. Untertan irgend etwas ohne -Zustimmung der einheimischen Zensur im Ausland drucken lassen.</p> - -<p>Die freie Wahl eines Vorzensors durch den Schriftsteller, -wie sie Kaiser Joseph eingeführt hatte, wurde durch dieses Gesetz -von 1795 ausdrücklich abgeschafft. Ein Zensor durfte überhaupt -kein Manuskript mehr selbst empfangen oder gar genehmigen; -dies geschah ausschließlich durch ein neugebildetes<span class="pagenum"><a id="Seite_113"></a>[113]</span> -Revisionsamt, das mit anonymen Zensoren arbeitete. Jeder -Versuch, den Zensor irgendeines Buches festzustellen, sich ihm -zu nähern, um Beschleunigung zu bitten oder gar zu beeinflussen, -war verboten. Jeder sollte, so hieß es, die Entscheidung »ruhig -abwarten, sich ihr ohne Widerrede fügen« und sich besonders -hüten vor aller »Verunglimpfung der Zensoren oder des Revisionsamtes, -welche allerdings nach dem Grade des Frevels -geahndet werden würde«. Das Revisionsamt war also unfehlbar; -von irgendeinem Berufungsrecht war von jetzt an -nicht mehr die Rede!</p> - -<p>Und diese beispiellose Knebelung der Geistesfreiheit, die -nicht dem finstersten Mittelalter, sondern dem goldenen Zeitalter -der deutschen Klassiker angehört, nannte sich noch obendrein -»eine Zusammenfassung der in verschiedenen Zeiten, unter -verschiedenen Regierungen ergangenen Verordnungen«, also auch -der Josephinischen!</p> - -<h3>Hägelins Denkschrift über die Zensur.</h3> - -<p>Eine bürokratische Ausgeburt der Furcht vor der Revolution, -die zu jener Zeit die Regierungen ergriff, ist auch Hägelins -mehrfach erwähnte Denkschrift über die Zensur, und ihr Entstehungsjahr -1795 macht es begreiflich, daß neben der Religion -und Moral die Politik darin die Hauptrolle spielt.</p> - -<p>Alles, was gegen die monarchische Regierungsform oder -die ständische Verfassung Österreichs Stimmung machte, war -nicht nur im Leben, sondern auch auf der Bühne streng verboten. -Das schließe, meint Hägelin, große Helden, Heerführer -und Politiker des Altertums nicht vom Drama aus, aber -Stoffe wie der Tod Cäsars, Brutus, die Vertreibung des Tarquinius -usw. seien natürlich unmöglich. Im besonderen seien -alle Begebenheiten der vaterländischen Geschichte, deren »Ausschlag -diesen Regenten nachtheilig sei«, nicht zu dulden. Widerstand -gegen die hohe Obrigkeit auf der Bühne verherrlicht – -das fehlte gerade! Tyrannei, Despotismus waren überhaupt -keine Ausdrücke auf einem Theater, auf dem man nicht einmal -über die verschiedenen Regierungsformen debattieren oder gar -einer andern als der monarchischen Vorzüge einräumen durfte. -Ausfälle gegen Regenten, bestehende Gesetze oder ganze Stände,<span class="pagenum"><a id="Seite_114"></a>[114]</span> -»besonders die höheren«, waren ebenso unstatthaft; ließ sich -das, was man gegen sie auf dem Herzen hatte, im Zusammenhang -des ganzen Stücks schlechterdings nicht ganz unterdrücken, -so mußte es wenigstens durch ein eingeschobenes »Manchmal« -gemildert werden.</p> - -<p>Völlig unantastbar war der Adel auf der Bühne Österreichs. -Zwar durften einige adelige Personen im Stücke mitspielen, -aber sie durften nichts verüben, was ihren Stand bloßstellte. -Die Wörter Adel, Kavalier usw. sollten überhaupt -möglichst vermieden werden. Zwischen dem adeligen Gutsherrn -und seinen Tagelöhnern gab es keine Gegensätze; von Unterdrückung -der Untertanen, Übermut der Junker, Schädigung des -bäuerlichen Grundbesitzes durch das uneingeschränkte Jagdrecht, -von Bauernschinderei seitens der Gutsherren »oder sogar der Beamten« -wußte man in diesem paradiesischen Theaterstaat nichts. -Ebensowenig von Menschenrechten und Menschenwürde, diesen -Erfindungen der Revolution und der »Modephilosophie«, die -nur darauf ausgehe, mit der Religion »die jetzigen Verfassungen -entbehrlich zu machen«. Berüchtigte Wörter wie Freiheit und -Gleichheit wurden unbarmherzig gestrichen, selbst wenn die -Schriftsteller gegen diese modernen Begriffe polemisierten, denn -das sei, erklärt Hägelin, ein beliebtes Mittel, um »die Ohren -des Publikums mit denselben zu familiarisieren«. Daß von -den revolutionären Tagesereignissen nicht einmal andeutungsweise -die Rede sein durfte, versteht sich von selbst.</p> - -<p>Außer dem Adel und der Geistlichkeit beanspruchte der staatserhaltende -Militärstand auf der Bühne besondere Schonung -wegen des »<em class="antiqua">point d'honneur</em>«. Die Uniformen mußten »ideal« -sein, niemals »kennbaren inländischen Regimentern« angehören, -und »höhere Oberoffiziere«, überhaupt »Männer gesetzten -Alters«, durften nie »Helden verliebter Streiche und anderer -Ausgelassenheiten« sein. Mit den jüngeren Leutnants nahm -man es offenbar nicht so genau. Die nach dem Alter und -seiner Leistungsfähigkeit abgestufte Moral ist eine besonders köstliche -Blüte dieser Zensurbürokratie. Vor allem aber durfte -nichts vorkommen, was »den gemeinen Mann vom Militärdienst -abschrecken könnte oder es müßte nach Umständen zureichend -widerlegt werden«!</p> - -<p><span class="pagenum"><a id="Seite_115"></a>[115]</span></p> - -<p>Der Verfasser dieser Denkschrift, Hägelin, besaß eine fast -abergläubische Furcht vor der Wirkung einer Anstalt, der er doch -selbst fast seine ganze Lebensarbeit gewidmet hat, und er gab ihr -oft unfreiwillig komischen Ausdruck. »Das Theater«, sagt er einmal, -»ist das wahre <em class="antiqua">vehiculum</em>, wodurch die Modephilosophie -ihre Grundsätze in Umlauf zu bringen sucht, denn ihre Absicht ist -Verminderung der Kirchen und Vermehrung der Theater, wenn auch -das Kammergut dieser oder jener Stadt dadurch leiden müßte«!</p> - -<h3>»Es lebe die – Fröhlichkeit!«</h3> - -<p>In der Oper »Don Juan« waren seit der Französischen -Revolution die Verse:</p> - -<div class="poetry-container"> -<div class="poetry"> - <div class="stanza"> - <div class="verse indent0">Es lebe die Freiheit,</div> - <div class="verse indent0">Die Freiheit soll leben!</div> - </div> -</div> -</div> - -<p class="noind">auf allen österreichischen Bühnen von der Zensur verpönt; nur -die genehmigte Variante durfte gesungen werden:</p> - -<div class="poetry-container"> -<div class="poetry"> - <div class="stanza"> - <div class="verse indent0">Es lebe die Fröhlichkeit,</div> - <div class="verse indent0">Die Fröhlichkeit soll leben!</div> - </div> -</div> -</div> - -<p>Auf dem Hoftheater in Darmstadt ließ man später statt -der »Freiheit« die »Zufriedenheit« leben.</p> - -<h3>Die Polizei als Zensurbehörde.</h3> - -<p>Der Greifraum des österreichischen Zensurgesetzes von 1795 -schien aber nicht zu genügen; er wurde in den nächsten Jahren -noch stattlich erweitert. 1798 verbot man glattweg alle Lesekabinette, -die Kaiser Joseph gegründet hatte, dann die Leihbibliotheken -und das Auflegen literarischer Journale und anderer -Flugschriften in den Kaffeehäusern. Von der einheimischen Zensur -verworfene Manuskripte durften andern nicht mitgeteilt, ja »mit -Gefahr weiterer Ausbreitung« nicht einmal aufbewahrt werden! -Und schließlich schritt man dazu, die Ausübung der Bücherzensur, -die bis 1791 die Bücher-Zensurhofkommission, dann die -Hofkanzlei und das Revisionsamt besorgt hatten, nebst der -Theaterzensur der Polizei zu übertragen.</p> - -<p>Schon 1793 hatte der Polizeiminister Graf Pergen diesen -Vorschlag gemacht, weil die Polizei am leichtesten in der Lage -sei »zu beurteilen, ob in gewissen Augenblicken eine Schrift -schädlich oder unschädlich sei«; im September 1801 erst wurde<span class="pagenum"><a id="Seite_116"></a>[116]</span> -er von Kaiser Franz genehmigt und damit die Literatur einer -Behörde überantwortet, die auf diesem neuen Wirkungsfeld eine -traurige Berühmtheit erlangen sollte.</p> - -<p>Es dürfte angebracht sein, sich die Regierungsjahre dieser -bürokratischen Despoten, die von da an fast ein halbes Jahrhundert -das Schicksal der Literatur in Österreich souverän bestimmten, -zu merken. Der Polizeiminister Graf Pergen selbst -regierte bis 1804; sein Vizepräsident und Nachfolger Freiherr -von Sumerau bis 20. Juli 1808. Von da an bis 5. März -1813 war Freiherr von Haager Vizepräsident und bis 1. August -1816 Präsident der »Polizei- und Zensurhofstelle«.</p> - -<p>Ihm folgte am 15. Mai 1817 der seit zwei Jahren -amtierende Vizepräsident Graf Sedlnitzky, der bis zum März 1848 -ein literarisches Schreckensregiment führte, das mit dem zugleich -einsetzenden »System« des Ministers Metternich der Geschichte -jener Zeit seinen unauslöschlichen Stempel aufgedrückt hat. -Sein Name wurde bald »geflügelt«, er bedeutete wie der Metternichs -einen Begriff, und der ganze Haß der geknechteten Literatur -heftete sich mit Recht an seine Fersen. Doch darf er, wie der -Wiener Literarhistoriker Karl Glossy hervorgehoben hat, nicht -als der eigentliche Begründer des Geistesdruckes in Österreich in -Anspruch genommen werden; dieser Ruhm gebührt dem Grafen von -Pergen. Sedlnitzky aber wurde der Nero dieser Polizeicäsaren.</p> - -<p>Die Polizei begann ihre Wirksamkeit damit, daß sie, ganz -nach Josephinischem Muster, eine Rezensurierungskommission -einsetzte, aber nicht etwa um verbotene Bücher dem Verkehr -zurückzugeben, sondern um bisher erlaubte zu verbieten, und sie -arbeitete mit solchem Erfolg, daß sie innerhalb zweier Jahre -nicht weniger als 2500 unter Joseph II. unbeanstandete Druckwerke -auf den jetzt ins Ungeheuerliche anschwellenden Index -setzte. In den folgenden Jahrzehnten wuchs die Zahl der verbotenen -Bücher derart, daß die Polizei selbst den Plan einer -übersichtlichen Katalogisierung der anstößigen Literatur als übermenschliche -Riesenarbeit aufgeben mußte.</p> - -<h3>Das Kunstideal des Kaisers Franz.</h3> - -<p>Seit Errichtung der Polizeidiktatur schnitt die Zensur dem -Schrifttum immer tiefer ins Fleisch. Schon Hägelins Denkschrift<span class="pagenum"><a id="Seite_117"></a>[117]</span> -über die Theaterzensur hatte besonders beliebte Stoffe -der damaligen Literatur, wie Femgerichte, Ausübung des Faustrechts -usw., als bedenklich bezeichnet. Am 22. August 1799 -befahl Kaiser Franz, alle »Nachrichten von geheimen Verbrüderungen, -Ritterromane, Geister- und Betrügergeschichten« -ohne weiteres zu verbieten, um »die Köpfe nicht mit Ideen aus -der Romanwelt anzufüllen, die Einbildungskraft nicht zu überspannen -und dem Geiste keine falsche Richtung zu geben«.</p> - -<p>Auf Veranlassung des Polizeiministers wurden zwei Jahre -später (22. Dezember 1801) in dieses Verbot auch ausdrücklich -alle Ritterschauspiele, die damals besonders die Volkstheater füllten, -als Ausgeburt barbarischer und anarchischer Zeiten einbezogen.</p> - -<p>Die tollste Ausgeburt dieser Polizeiherrschaft ist aber das -Generalverbot gewisser Romane, das Kaiser Franz am 18. März -1806 erließ. Es richtete sich</p> - -<p>1. gegen »alle schwärmerischen Liebesromane, die zu einer -den gesunden Menschenverstand tötenden Empfindelei führen«;</p> - -<p>2. gegen alle »Genieromane, die für Wildfänge einnehmen, -deren Kraftgenie die bürgerlichen Verhältnisse durchbricht«;</p> - -<p>3. gegen alle »Gespenster-, Räuber- und Ritterromane, die -Roheit und Unglauben erzeugen«; und</p> - -<p>4. gegen »die ganze Gattung, welcher man im verächtlichen -Sinne den Namen Roman beilegt«, eine Kautschukbestimmung, -die der albernsten Willkür freieste Hand ließ.</p> - -<p>Ausgenommen von diesem Verbot wurden alle »Schriften, -die im Gewande des Romans ganze Wissenschaften abhandeln, -moralische Vorlesungen anbringen, Länder-, Völker-, Natur- und -Kunstkenntnisse verbreiten, eine tiefe Kenntnis der menschlichen -Natur verraten, das sittliche Leben mit Rührung und Bekehrung -des Lesers in einem lebhaften Vortrag darstellen oder mit Witz -und Laune die Torheiten und Laster der Menschen züchtigen«.</p> - -<p>Das also war das künstlerische Ideal des Kaisers Franz, -wenn dabei von Kunst überhaupt noch die Rede sein kann. Es -war nur ein wenig – um ein Jahrhundert etwa – veraltet -und auch insofern originell, als es die Schonung des »gesunden -Menschenverstandes« anbefahl, der doch sonst, als ein Götze der -bösen Aufklärung, in Österreich längst auf der kulturellen Verlustliste -stand.</p> -<hr class="chap" /> - -<div class="chapter"> -<p><span class="pagenum"><a id="Seite_118"></a>[118]</span></p> - -<h2 class="nobreak" id="kap06">6. Der Kampf gegen die Klassiker.</h2> -</div> - -<h3>Die Wiener Scharfmacher.</h3> - -<p>Schon ein Jahr vor dem österreichischen Zensurgesetz vom -22. Februar 1795 war die neue scharfe Richtung von der -Theaterbehörde verkündet worden. Am 24. August 1794 hatte -die Obersthofdirektion des Burgtheaters an die deutschen Autoren -einen Aufruf erlassen, der zur Einsendung neuer Stücke ermunterte. -Vor zwei Dingen aber sollten sich die Schriftsteller hüten:</p> - -<p>»1. Wird nie ein Stück angenommen werden, <em class="gesperrt">das den -guten Sitten zuwider ist</em>, welche durch das Theater befördert, -nicht umgestürzt werden müssen.</p> - -<p>»2. Wird jedes Schauspiel verworfen, das <em class="gesperrt">anstößige -politische Grundsätze predigt</em>, und <em class="gesperrt">auch nur von -ferne</em> dahin zielet, die heiligen Bande zu zerreißen, welche -die Bürger an den Staat binden.«</p> - -<p>Ein kaiserliches Hofdekret vom 5. Februar 1795 hatte -dann nochmals darauf hingewiesen, daß »auf dem Theater, -dieser Schule der guten Sitten, der Tugend und des Patriotismus, -alles vermieden werden müsse, was die guten Sitten -beleidigen oder sonst gefährliche Grundsätze in Rücksicht auf -gute Ordnung und das Wohl des Staates verbreiten könnte«.</p> - -<p>Die unmittelbaren Folgen dieser verschärften Theaterzensur -bezeichnet der Wiener Schauspieler Anschütz trefflich mit den -Worten: »Man organisirte ein überängstliches Polizeiwesen -und als dessen nächsten Ausfluß eine doppelt strenge, völlig -unerbittliche Censur, welche platte und frivole Schaustellungen -ungehindert passiren ließ, dagegen aber größere und geistreiche -Werke in der empörendsten Weise verschnitt, verstümmelte, vom -ämtlichen Standpunct bearbeitete und am liebsten ganz von der -Bühne ausschloß, denn gerade die vorzüglichsten Geister der -Nation, die Classiker, wurden als die verhaßten Vertreter jener -gefürchteten Ideen verpönt, welche die Schrecken der französischen -Revolution hervorgerufen haben sollen.«</p> - -<p><span class="pagenum"><a id="Seite_119"></a>[119]</span></p> - -<h3>Eine Maßregelung Lessings.</h3> - -<p>Der Dichter der »Minna von Barnhelm« und der »Emilia -Galotti« stand zu Kaiser Josephs Zeiten zu Wien in hohem -Ansehen, und als er sich im Mai 1775 einige Wochen dort -aufhielt, wurde er, wie Staatsrat Gebler an Nicolai in Berlin -schrieb, »mit solcher Distinktion« behandelt, wie »noch nie ein -deutscher Gelehrter, und das von unseren Souverains anzufangen -bis auf das allgemeine Publikum«.</p> - -<p>Durch seine Polemik gegen die orthodoxe Theologie und -durch seinen »Nathan« hatte er es aber dann mit dem offiziellen -Wien so arg verschüttet, daß die Direktion des Burgtheaters -1795 einen Beitrag zum Wolfenbütteler Lessingdenkmal verweigerte, -weil dieser Dichter »mit seinen Schriften sowohl -wider Religion als wider die souveräne Staatsverfassung so -schlechte und irrige Lehren seinen allerorten verbreiteten Schülern -hinterlassen habe«.</p> - -<p>Da jedoch die Direktion schon 1791 den Beitrag versprochen -hatte, verfügte Kaiser Franz, daß es dabei zu verbleiben -und das Burgtheater 100 Dukaten zu zahlen habe.</p> - -<h3>Der sittlich entrüstete Schauspieler.</h3> - -<p>Für kurze Zeit, von Oktober 1797 bis Januar 1799, -war auch der meerschweinchenhaft fruchtbare Dramatiker August -von Kotzebue Theatersekretär der Wiener Hofburg und besorgte -als solcher die dramaturgischen Geschäfte. Da er es bekanntlich -mit der Moral nicht so genau nahm, hatte er ohne Bedenken -Goethes Lustspiel »Die Mitschuldigen« aufs Repertoire -gesetzt. Am 30. Januar 1799 sollte es gegeben werden.</p> - -<p>In diesen Wochen aber hatte Kotzebue auf seinen Dramaturgenposten -verzichtet, war als »Dichter des Hoftheaters« auf -Lebenszeit pensioniert worden, und ein neuer Schauspielerausschuß -hatte wieder die Leitung der Burg übernommen. Zu -diesem gehörte der berühmte Künstler Brockmann. Ihm war -Goethes übermütiges Jugendlustspiel ein Greuel; es sei »zu -niedrig, voll Zoten, und man könne es auf keinem Hoftheater -geben«, erklärte er. Daraufhin ließ der Schauspielerausschuß -noch am Tage der Aufführung, mittag 12 Uhr, die schon -aushängenden Zettel entfernen und zog das Stück zurück.</p> - -<p><span class="pagenum"><a id="Seite_120"></a>[120]</span></p> - -<p>»Die Mitschuldigen« haben auch nie die Bretter der Burg -betreten. 1815 noch versuchte Schreyvogel, sie einzuschwärzen, -aber seine der Zensurbehörde eingereichte Bearbeitung kam mit -einem ausdrücklichen Verbot versehen wieder an ihn zurück.</p> - -<h3>Wallenstein im Militärstaat.</h3> - -<p>Schiller vollendete seine Wallenstein-Trilogie im Jahre 1799 -und brachte sie im nächsten Winter auf der Weimarer Hofbühne -zur ersten Darstellung.</p> - -<p>Nach Weimar war das von Iffland dirigierte Kgl. Schauspielhaus -in Berlin das erste Theater, das den »Wallenstein« -aufnahm. Aber nur die »Piccolomini« und »Wallensteins -Tod«, nicht das »Lager«, an das sich Iffland nicht herantraute. -Das Kgl. Theater unterstand damals keiner Zensur, und -Iffland hütete sich wohl, etwas zu unternehmen, was die Einsetzung -einer besonderen Zensurbehörde hätte veranlassen können.</p> - -<p>Nach Rücksprache mit »mehreren bedeutenden Männern« -setzte er also dem Dichter auseinander, es sei bedenklich, »in -einem militärischen Staate ein Stück zu geben, wo über die -Art und Folgen eines großen stehenden Heeres so treffende Dinge, -in so hinreißender Sprache gesagt werden. Es kann gefährlich -seyn oder doch leicht gemißdeutet werden, wenn die Möglichkeit, -daß eine Armee in Masse deliberirt, ob sie sich da oder -dorthin schicken lassen soll und will, anschaulich dargestellt wird.«</p> - -<p>Er habe deshalb den Ausfall des Vorspiels mit den zu -hohen Kosten begründet, auf die Gefahr hin, dieses »platten -Grundes« wegen getadelt zu werden. Zugleich beschwor er -Schiller hoch und teuer, ja nichts von dem wahren Grund zu -verraten, da sonst der »schreibselige Pöbel« alle »Broschüren« -mit der Notiz überschwemmen werde, »Wallensteins Lager« sei -aus politischen Gründen in Berlin unterdrückt worden.</p> - -<p>Schiller antwortete darauf kurz und schlagend: »Das -Skandal wird genommen und nicht gegeben«; doch versetzte er -sich in Ifflands heikle Lage, deren Erschwerung seine und die -gesamte zeitgenössische Dichtung hätte schädigen können, und -gab sich mit der Aufführung der beiden andern Teile zufrieden. -Am 18. Februar 1799 gingen »Die Piccolomini«, am 17. Mai -»Wallensteins Tod« über die Bretter des Kgl. Schauspielhauses.</p> - -<p><span class="pagenum"><a id="Seite_121"></a>[121]</span></p> - -<p>Erst vier Jahre später waren die Bedenken gegen »Wallensteins -Lager« geschwunden; am 28. November 1803 durfte es -seinen Siegeslauf endlich auch in Berlin beginnen, ohne daß -von einer bedenklichen Wirkung etwas verlautet hätte. Im -Gegenteil! Vor der Schlacht bei Jena mußte »Wallensteins -Lager« immer wiederholt werden, weil die Berliner sich im -Absingen des Reiterliedes gar nicht genug tun konnten.</p> - -<h3>Der empfindliche Konsistorialpräsident.</h3> - -<p>Im dem Örtchen Lauchstädt, wo bekanntlich unter Goethes -Theaterleitung das Weimarer Ensemble die sommerlichen Badegäste -mit theatralischen Belustigungen zu unterhalten pflegte, -hatte man »Wallenstein« im Juli 1799 gegeben, eine Aufführung, -die nach des Hofrats Kirms Bericht an Schiller »von -Halle und besonders von Leipzig eine Menge Gelehrte und -Ungelehrte nach Lauchstädt in Bewegung gesetzt« hatte.</p> - -<p>Als man aber 1800 die Aufführung wiederholen wollte, -verbot sie der Kanzler des noch zu Kursachsen gehörenden -Stifts Merseburg, wenn nicht »der Pfaffe herausgelassen« -werde. »Man hat sich in Dresden darüber beklagt,« schrieb -der Schauspieler Heinrich Becker an Schiller, »daß man in -Lauchstädt einen Ordensgeistlichen im vorigen Sommer auf das -Theater gebracht, welcher von den Soldaten verspottet und unter -Drohungen fortgebracht wäre: welches der jetzt dirigirende -Consistorial-President sehr Uebel aufgenommen hat.«</p> - -<p>Derselbe Kanzler verbot im selben Jahr mit Rücksicht auf -die zarten Nerven der Lauchstädter Badegäste auch die »Räuber«.</p> - -<h3>Die gestrichene Freiheit.</h3> - -<p>Als man auf dem Wiener Burgtheater 1794 Schillers -»Verschwörung des Fiesco« wiederholte, machte sie eine so »widrige -Sensation«, daß Hägelin in seiner mehrfach genannten Denkschrift -von 1795 sehr bestimmt erklärte, dies werde der veränderten -Zeitumstände wegen »künftig unterlassen«, denn »Freiheit -und Gleichheit sind Wörter, mit denen nicht zu spaßen ist«.</p> - -<p>Am 21. März 1800 ließ man das Stück unter dem harmloseren -Titel »Fiesco« wieder zu. Die Aufführung ist schon -dadurch denkwürdig, daß bei ihr der Name Schiller zum ersten<span class="pagenum"><a id="Seite_122"></a>[122]</span> -Male auf dem Theaterzettel der Burg genannt wurde. Der -Theatersekretär Escherich hatte aber durch eine »Bearbeitung« -in sechs Aufzügen dafür gesorgt, daß die Polizei nichts mehr -zu beanstanden hatte. Fiesco war von allen politischen Anstößigkeiten -gereinigt, sogar vieles in der Fabel geändert. Das -»Haupt der Verschwörung«, Fiesco, war nur mehr »Graf von -Lavagna«, und die »Verschworenen« und »Mißvergnügten« -waren in harmlose »Edle von Genua« verwandelt. Man fand -sogar im ganzen Stück das Wort Freiheit nicht mehr, und am -Ende mußte die deutsche Garde des Dogen Andreas Doria ihn -vom Tode retten. Selbst der Zensor Hägelin besaß Verstand -genug, sich über diese Verballhornungen lustig zu machen.</p> - -<p>Nach viermaliger Aufführung wurde aber auch diese Bearbeitung -vom Polizeipräsidenten als »nicht geeignet« vom Repertoire -abgesetzt und erst 1807, nach der neuen Verpachtung -der Hoftheater, mit abermaligen Änderungen wieder zugelassen.</p> - -<h3>Die Polizeifliege.</h3> - -<p>Der Bearbeiter des »Fiesco«, Escherich, war Adjunkt der -Zensurbehörde. Der Wiener Dichter Jos. Fr. Edler von Retzer, -der selbst eine Zeitlang bei der Bücherzensur beschäftigt war, -nannte ihn in Briefen an Nicolai (15. Juni 1802 und 31. Aug. -1803) eine »Polizeifliege«, ein »thätiges Werkzeug der Obscuranten -und unwissenden Bücherbeschauer auf der Hauptmaut in Wien«. -Dieser Tölpel wurde 1802 zusammen mit Joseph Schreyvogel -zum Burgtheatersekretär ernannt, und seinem irrsinnigen Rotstift -fielen vor allem Schillers Meisterwerke zum Opfer, so daß seinem -Kollegen Schreyvogel eine Lebensaufgabe daraus erwuchs, diese -schauderhafte Patina nach und nach wieder von ihnen zu entfernen.</p> - -<h3>Das Gebet der Jungfrau.</h3> - -<p>Schillers »Jungfrau von Orleans« wurde am 27. Januar -1802 auf dem Burgtheater gegeben, aber unter dem Titel -»Johanna d'Arc«, den schon das Wort Jungfrau erschien -aus religiösen oder sittlichen Gründen anstößig, ohne Namen -des Autors und, wie »Fiesco«, in einer sechsaktigen Bearbeitung -(der Monolog war Akt 1) des berüchtigten Escherich, der, wie -selbst Hägelin meinte, »Personen und Stellen geändert, manche<span class="pagenum"><a id="Seite_123"></a>[123]</span> -Blätter und Passagen ausgestrichen, Lücken ausgeflickt und alles -getan hatte, um ein anderes Stück herzustellen«. Sein Machwerk -erschien sogar im Druck. Selbst der damalige Polizeiminister -soll darüber so empört gewesen sein, daß er es nur unter -dem Namen des Bearbeiters aufgeführt sehen wollte, was aber -Escherich zu verhindern wußte. Daß man Schillers Namen verschwieg, -war daher wohl mehr ein Akt wohlwollender Rücksicht.</p> - -<p>In dieser Escherichschen Verhunzung waren Frankreich und -England fast gar nicht mehr genannt; Karl VII., jetzt nur -noch König Karl, regierte nicht Frankreich, sondern ein »Reich« -im Monde, die Engländer hießen nur die »Inselbewohner« -und waren auch nicht mehr »frech«, sondern »kühn«. Der -Bearbeiter fürchtete jedenfalls, durch Erinnerung an alte Konflikte -die Friedensverhandlungen zu stören, die damals gerade -zwischen beiden Ländern im Gange waren und am 25. März -zum Frieden von Amiens führten. Auch der um sein Leben -bettelnde Walliser Montgomery fiel nicht mehr dem Schwert -der Jungfrau, sondern dem Rotstift des Zensors zum Opfer.</p> - -<p>Isabeau war nicht mehr des Königs Mutter, sondern nur seine -auch sonst von allen sittlichen Makeln gereinigte Schwester, und ihre -Treulosigkeit gegen den Bruder wurde sogar dadurch »motiviert«, -daß er sich einmal »am Haupt der Schwester« vergangen habe.</p> - -<p>Noch weniger als eine unnatürliche Mutter durfte sich eine -Mätresse auf dem Hoftheater zeigen. Also wurde des Königs -Geliebte Agnes Sorel in seine rechtmäßige Gemahlin verwandelt, -und Herzog von Burgund wurde nicht mehr, wie es »Herrenrecht -zu Arras« ist, zum Kuß auf die Stirn, sondern nur -zum Handkuß bei der jetzt rechtmäßigen Königin zugelassen. -Im 3. Akt wurde Johanna zwar noch durch den König geadelt, -aber »Du sollst die Lilie im Wappen tragen« wäre gar zuviel -Ehre für ein Bauernmädchen gewesen; dieser Vers blieb also fort.</p> - -<p>Der sterbende Talbot vermachte auch die Welt nicht mehr -dem »Narrenkönig«, sondern dem Narrenfürsten, und die Verse -Dunois' an Talbots Leiche:</p> - -<div class="poetry-container"> -<div class="poetry"> - <div class="stanza"> - <div class="verse indent0">Erst jetzo, Sire, begrüß ich euch als König!</div> - <div class="verse indent0">Die Krone zitterte auf euerm Haupt,</div> - <div class="verse indent0">Solang' ein Geist in diesem Körper lebte,</div> - </div> -</div> -</div> - -<p class="noind">waren gestrichen.</p> - -<p><span class="pagenum"><a id="Seite_124"></a>[124]</span></p> - -<p>Der Bastard Dunois war in einen »Prinzen Louis, Vetter -des Königs«, verwandelt; nach Hägelins Zensurdenkschrift mußte -ja das Wort Bastard vermieden und im Notfall durch »Wechselbalg« -ersetzt werden. Erzbischof und Bischöfe waren ganz verschwunden -und ihre Reden andern Personen in den Mund gelegt.</p> - -<p>Den Feinden war Johanna kein Blendwerk mehr des -»Teufels«, höchstens des »Satans«, selbst der derbe Talbot -nannte sie einen »jungfräulichen Satan«, und von »Ketzerei« -war nicht mehr die Rede, nur von »Irrglauben«; die Heldin -wurde auch nicht mehr »verflucht«, nur noch »verwünscht«.</p> - -<p>Die Mutter Gottes, die in Johannas Leben die entscheidende -Rolle spielt, war ganz beseitigt; nicht die »Königin des Himmels«, -die »Heilige« erschien der Jungfrau im Schlaf und -gab ihr Fahne und Schwert zur Befreiung ihres Vaterlandes -von der englischen Knechtschaft in die Hand, sondern eine -anonyme »Lichtgestalt«. Johanna betete nicht mehr:</p> - -<div class="poetry-container"> -<div class="poetry"> - <div class="stanza"> - <div class="verse indent0">Wärst du nimmer mir erschienen,</div> - <div class="verse indent0">Hohe Himmelskönigin,</div> - </div> -</div> -</div> - -<p class="noind">sondern:</p> - -<div class="poetry-container"> -<div class="poetry"> - <div class="stanza"> - <div class="verse indent0">Hoher Geist der Schäferin,</div> - </div> -</div> -</div> - -<p class="noind">und ihre Fahne zeigte nicht das Bild der Heiligen, »die über -einer Erdenkugel schwebt«, sondern nur einen roten Saum. -Johanna selbst war kein »heilig«, nur noch ein »himmlisch -Mädchen« oder eine »würdige Prophetin«, und der Krönungszug -in Reims mit seinem geistlichen Pomp war völlig abgesagt. -Der Schlachtruf: »Gott und die Jungfrau!« lautete -jetzt: »Der Himmel und das Recht.«</p> - -<p>Außerdem waren alle romantischen Ausschweifungen wie die -Erscheinung des schwarzen Ritters beseitigt; ebenso die ganze -Köhlerszene.</p> - -<p>»Schiller stand damals auf der Höhe seines Ruhmes«, -sagt Heinrich Laube. »Er lebte nur noch zwei Jahre und -einige Monate, und in solchem Augenblicke hatte das Nationaltheater -den Mut, ein neues Stück von ihm so umzuändern, -seinen Namen wegzustreichen und eine große Tragödie von ihm -so aufzuführen, daß er gar keinen Teil daran zu haben schien -und sicherlich auch nicht das kleinste Honorar dafür erhielt, -denn ein gedrucktes Stück war vogelfrei für die Bühnen!« –</p> - -<p><span class="pagenum"><a id="Seite_125"></a>[125]</span></p> - -<p>»Johanna d'Arc« mißfiel übrigens in dieser Bearbeitung -den Wienern sehr und wurde im Frühjahr 1802 nur fünfmal -gegeben; dann verschwand sie für achtzehn Jahre vom Repertoire -des Burgtheaters. Erst 1820 durfte die richtige »Jungfrau -von Orleans« dort erscheinen.</p> - -<h3>Die Dresdener »Jungfrau«.</h3> - -<p>Nicht ganz so schlimm, aber ähnlich erging es der »Jungfrau -von Orleans« auf dem Hoftheater zu Dresden, das der -Hofmarschall von Racknitz leitete. Die dortige Erstaufführung -fand am 26. Januar 1802 statt, und Schillers Freund Körner -berichtete darüber am folgenden Tage:</p> - -<p>»Die Veränderungen waren zahllos und von einer Art, -die Du kaum errathen solltest … Racknitz hatte die anstößigen -Stellen nur angestrichen, und die Schauspieler, besonders Opitz, -hatten andere Lesarten substituirt (!). Nur einige Beispiele: -Jungfrau erinnerte zu sehr an Jungfrau Maria, daher war -der Titel ›Johanna d'Arc‹, und anstatt: ›Gott und die Jungfrau‹ -hieß es: ›Tod den Feinden, Sieg den Franken!‹ – -›Vor diesen fränkischen Weichlingen zu fliehen?‹ hätte den -französischen Gesandten beleidigen können; es hieß also: ›vor -dieser Handvoll Feinde‹. – Für Gott wurde Himmel, für -Teufel: böser Geist gesagt. – Agnes hatte <em class="gesperrt">Freundschaft</em> -für den König, und in dem 2ten Gebete hieß es anstatt Deiner -Agnes Liebe: Deines Volkes Liebe … Sonderbar war indessen, -daß der Prinz Anton und die Prinzessin Maria Anna, -Schwester des Churfürsten, gedruckte Exemplare mitgenommen -hatten, worin sie oft nachlasen.«</p> - -<h3>»Ein unmoralisches, höchst gefährliches Theaterstück.«</h3> - -<p>Jahre hindurch hatte man Schillers »Räuber« auf den -kleineren Theatern Wiens ihr Wesen treiben lassen, selbst die -Furcht vor der Revolution hatte vor diesem Meisterwerk die -Segel gestrichen. Natürlich waren nur die früheren, von der -Zensur genehmigten Bearbeitungen erlaubt. 1804 wurde Freiherr -von Sumerau Präsident der Polizei- und Zensurhofstelle, -und eine seiner ersten Regierungshandlungen war ein kategorisches -Verbot der »Räuber«, die, wie er am 31. August 1805 zu<span class="pagenum"><a id="Seite_126"></a>[126]</span> -Protokoll gab, »als ein unmoralisches, alle Bande der Gesellschaft -auflösendes, höchst gefährliches Theaterstück, weder nach -der Idee des Verfassers noch in irgendeiner Umarbeitung zur -theatralischen Vorstellung geeignet« seien.</p> - -<p>Kurz vor seiner Amtsentsetzung (20. Juli 1808) aber steckte -er ein Loch zurück. Die adligen Unternehmer, die seit 1807 -das Hoftheater, das Kärntnertortheater und das an der Wien -gepachtet hatten, ließen im Juni 1808 das Stück neu bearbeiten -und baten dringend um die Erlaubnis zur Aufführung, -»da vorzüglich bei der jetzt eingetretenen Sommerzeit für gute -und interessante Spektakel gesorgt werden muß«. Dieser Notschrei -der Kavaliere machte Eindruck. Zwar habe sich »von -jeher die allgemeine Stimme gegen diese Jugendarbeit Schillers -erhoben«, antwortete Sumerau am 13. Juli, aber er sei doch -einem Versuch nicht abgeneigt, »ob dieses Stück nicht einen -widrigen Eindruck auf das Publikum zurücklasse«. Einige -Änderungen wurden noch verlangt, der Titel in »Carl Moor« -verwandelt, und in dieser Gestalt das Stück erlaubt.</p> - -<p>Von einem »widrigen Eindruck« der »Räuber« melden die -Akten der Polizeihofstelle nichts, und der Versuch wurde ebenfalls -auf der Leopoldstädter und Josefstädter Bühne gemacht, -ohne daß die Ruhe der Kaiserstadt dadurch gestört wurde.</p> - -<h3>»Franz heißt die Canaille?«</h3> - -<p>Diese Frage des Räubers Schweizer an seinen Kollegen -Roller, als sie den Absagebrief des »zuckersüßen Brüderchens« -Franz Moor an Karl lesen, war während der Regierung des -Kaisers Franz in Wien streng verboten, denn, meinte der -Zensor, »das könnte als eine Anspielung auf Se. Majestät den -Kaiser genommen werden«!</p> - -<h3>Tells Geschoß.</h3> - -<p>Bei der Weimarer Erstaufführung des »Wilhelm Tell« -am 17. März 1804 war der ganze fünfte Akt gestrichen, »weil -wir des Kaisermords nicht erwähnen wollten«, wie Schiller an -seinen Freund Körner schrieb. Das war zweifellos auf Wunsch -Goethes geschehen, der bekanntlich in einem späteren Gespräch -mit Eckermann (16. März 1831) die Gegenüberstellung Tells<span class="pagenum"><a id="Seite_127"></a>[127]</span> -und Joseph Parricidas als eine »kaum begreifliche« Geschmacklosigkeit -bezeichnete und auf weibliche Einflüsse zurückführte. -Aber auch die vier ersten Akte waren stark verkürzt, viele Personen -in wenige verwandelt und zahlreiche »schwierige und bedenkliche -Stellen« fortgelassen.</p> - -<p>Die erste Berliner Aufführung fand am 4. Juli desselben -Jahres statt. Iffland wollte aber nicht nur die Parricida-Szenen, -sondern auch den großen Monolog Tells im 4. Akt, -»Durch diese hohle Gasse muß er kommen«, gestrichen sehen. -Dem aber widersetzte sich Schiller nachdrücklich. Außerdem -fand Iffland noch drei andere Textstellen bedenklich, und der -Dichter ließ sich überreden, sie nach dem Wunsche des ängstlichen -Theaterdirektors zu ändern, obgleich er meinte, ein Sujet -wie Tell müsse notwendig gewisse Saiten berühren, »welche -nicht jedem gut ins Ohr klingen«.</p> - -<p>In der großen Rede Stauffachers im 2. Akt (2. Szene) -wurden die Verse »Wenn der Gedrückte nirgends Recht kann -finden« bis »Der Güter höchstes dürfen wir verteid'gen Gegen -Gewalt« abgeschwächt:</p> - -<div class="poetry-container"> -<div class="poetry"> - <div class="stanza"> - <div class="verse indent0">Wenn es zum letzten, äußersten gekommen,</div> - <div class="verse indent0">Wenn rohe Willkür alles Recht zertritt,</div> - <div class="verse indent0">Wenn kein Gesetz mehr hilft, dann hilft Natur,</div> - <div class="verse indent0">Das altererbte dürfen wir beschützen</div> - <div class="verse indent0">Gegen Gewalt.</div> - </div> -</div> -</div> - -<p>In der Unterhaltung Tells mit seinem Sohne Walther -(3. Akt, 2. Szene) wurde das ganze Frag- und Antwortspiel, -daß Land und Wild und Strom und Meer alles dem Könige -oder dem Bischof gehöre, das Volk aber nicht den Segen seiner -Arbeit genieße, gestrichen und durch die sinnlosen Verse ersetzt:</p> - -<div class="poetry-container"> -<div class="poetry"> - <div class="stanza"> - <div class="verse indent0">Das Land ist frei und offen wie der Himmel,</div> - <div class="verse indent0">Doch die's bewohnen sind in große Dörfer</div> - <div class="verse indent0">Mit Mauern eingesperrt. Sie nennen's Städte.</div> - </div> -</div> -</div> - -<p>Und in der letzten Vision des sterbenden Attinghausen, der -den Entscheidungskampf zwischen Adel und Bauerntum vorhersagt, -wurde dieser Gegensatz der Stände vorsichtig verwischt. -Es hieß nicht mehr:</p> - -<div class="poetry-container"> -<div class="poetry"> - <div class="stanza"> - <div class="verse indent22">des Adels Blüte fällt,</div> - <div class="verse indent0">Es hebt die Freiheit siegend ihre Fahne,</div> - </div> -</div> -</div> -<p><span class="pagenum"><a id="Seite_128"></a>[128]</span></p> -<p class="noind">sondern:</p> - -<div class="poetry-container"> -<div class="poetry"> - <div class="stanza"> - <div class="verse indent22">errungen ist der Sieg,</div> - <div class="verse indent0">Hoch triumphierend schwebt die Landesfahne.</div> - </div> -</div> -</div> - -<h3>Das Verbot des »Fidelio«.</h3> - -<p>Selbst Beethovens unsterblicher »Fidelio« entging vor seiner -Uraufführung nicht dem Zensurverbot! Ein spanischer Minister, -der sein Amt zur Befriedigung persönlicher Rache mißbrauchte, -und wenn er auch aus dem sechzehnten Jahrhundert stammte -– das hätte ja die Achtung der guten Wiener vor den k. k. -Hof- und Staatsbeamten untergraben können! Erst als der -Verfasser des Textbuches und damalige Hoftheatersekretär Joseph -Sonnleithner darauf hinwies, daß der Missetäter ja bestraft, -und »durch den Hof« bestraft werde, und der Heroismus der -weiblichen Tugend dadurch um so heller strahle, ließ sich der -Polizeipräsident von Sumerau »nach einiger Abänderung der -grellsten Szenen« erweichen, und die Aufführung durfte am -20. November 1805 im Theater an der Wien vor sich gehen.</p> - -<p>Sieben Tage vorher hatten die Franzosen Wien besetzt, -und auf das Parterre der französischen Offiziere machte dies -Hohelied der Gattentreue wenig Eindruck. Der europäische -Erfolg des »Fidelio« setzte erst 1814 ein, als Beethoven sein -Meisterwerk neu bearbeitet hatte.</p> - -<h3>Der Sohn als Neffe.</h3> - -<p>1807 gelang es endlich den neuen Pächtern der drei -Haupttheater Wiens, dem Zensor die Erlaubnis zur Aufführung -von Schillers »Kabale und Liebe« abzuzwingen. Aber welche -Mißhandlung hatte sich Schillers Meisterwerk gefallen lassen -müssen! Wieder war ein Theatersekretär, diesmal Joseph -Sonnleithner, darüber gekommen. »Die derben Stellen,« schrieb -Fürst Esterhazy am 30. September an den Polizeipräsidenten, -»welche sich Schiller in seinen späteren Lebensjahren selbst -nicht mehr erlaubt haben würde, sind, darf ich sagen, ebensosehr -aus Rücksicht auf den Dichter selbst, als auf den Ton -der Sittlichkeit überhaupt weggelassen«. Die »Behutsamkeit« -des Bearbeiters ging aber der Polizei noch immer nicht weit -genug, vielmehr verlangte Herr von Sumerau, daß noch »manche -allzu grelle Tiraden, in welche der Dichter teils das religiöse,<span class="pagenum"><a id="Seite_129"></a>[129]</span> -teils das sittliche Gefühl beleidigende Ausdrücke legte, entweder -ausgemerzt oder gemildert und [mit Rücksicht auf das vierte -Gebot] der Vater des Majors in einen Oheim verwandelt werden -möchte«! Und so geschah es: aus dem Sohn des Präsidenten -wurde der Neffe, und die Wiener Witzbolde Castelli -und Bauernfeld erzählten gern von der überwältigenden Wirkung -des Ausrufs Ferdinands: »Es gibt eine Gegend in meinem -Herzen, wo das Wort – Onkel noch nie gehört wurde!« -Diese allzu lächerlichen Stellen waren aber gestrichen.</p> - -<p>Ein so niederträchtiger Präsident durfte ebenfalls nicht auf -dem Burgtheater erscheinen; man hätte ja am Ende dabei an -den Polizeipräsidenten denken können! Er wurde daher in einen -»Vizedom« (<em class="antiqua">Vicedominus</em> = Statthalter) verwandelt, und aus -dem Hofmarschall von Kalb wurde ein märchenhafter »Obergarderobemeister«, -wobei es dann nicht minder schön klang, -wenn Ferdinand am Anfang des 4. Aktes wütend in die -Szene hineinrief: »War kein Obergarderobemeister da?« Oberhofmeister, -Bürgermeister und ähnliche respektable Leute pflegten, -wie August Klingemann erzählt, zu protestieren, wenn Leute -ihres Ranges auf der Bühne nicht mit den höchsten Tugenden -und Verdiensten ausgestattet waren; daher mußten der Zensor -oder der Bearbeiter derartige Phantasiechargen erfinden. Der -Zensor scheint aber selbst für den Humor dieser Änderung -nicht ohne Verständnis gewesen zu sein; sie brachte ihn in so -gute Laune, daß er den Obergarderobemeister durch den Sohn -oder vielmehr Neffen des Präsidenten nicht, wie Schiller vorschreibt, -»mein Allervortrefflichster« anreden ließ, sondern »mein -Allerwertester«!</p> - -<p>Lady Milford schwebte ebenfalls völlig in der Luft; die -Bezeichnung »Favoritin des Fürsten« mußte natürlich fallen, -und damit auch jede Stelle des Textes, die ihr Verhältnis -zum Fürsten näher bezeichnete, vor allem die Kammerdienerszene. -Daß Serenissimus »von einer britischen Fürstin Erbarmen -gegen sein deutsches Volk lernen« solle, wie es in dem -Billett der Lady an den Fürsten im 4. Akt heißt, war ebenfalls -nicht erlaubt.</p> - -<p>Das reizendste aber war, daß der schuftige Sekretär Wurm -in der letzten Abrechnungsszene, als er seinen Spießgesellen,<span class="pagenum"><a id="Seite_130"></a>[130]</span> -den Vizedom, preisgibt, diesen keineswegs, wie der Dichter will, -als »Kameraden« behandeln, als Bube titulieren und ihm in -blutigem Galgenhumor auf die Schulter klopfen durfte, sondern -auch da noch den schuldigen Respekt vor dem Vorgesetzten und -der Standesperson zu wahren hatte, demnach alle jene groben -Verstöße gegen die gute Lebensart fallen mußten!</p> - -<p>So zugerichtet erschien »Kabale und Liebe« am 23. Juli -1808 zum ersten Male auf dem k. k. Hofburgtheater, und -dieser Unsinn wurde bis 1848 geduldet!</p> - -<h3>Die unglückliche »königlich spanische Familie«.</h3> - -<p>Im Herbst 1808 hatte der Hofschauspieler Krüger den in -Wien noch nicht zugelassenen »Don Carlos« »bearbeitet« und -wollte ihn zu seinem Benefiz auf dem Theater an der Wien -geben. Der Vizepräsident der Polizei von Haager aber erhob -Einwände, weil »das Verhältnis des Prinzen zum König, -seinem Vater, einige entfernte Ähnlichkeit mit den letzten Ereignissen -in Spanien« habe, wo Karl IV. und sein Sohn -Ferdinand VII. um die Krone kämpften, bis sie Napoleon beide -an die Luft setzte und seinen Bruder Joseph zum König von -Spanien erhob. Hier standen also nicht nur das vierte Gebot, -sondern auch die wandelbaren »Zeitumstände« einer Aufführung -im Wege, und selbst der freiheitliche Minister Graf -Stadion meinte, daß man es »dem unglücklichen Zustande der -königlich spanischen Familie schuldig sei, selbe nicht zum Gegenstand -von Beziehungen zu machen, die zwar keineswegs in dem -Stück selbst liegen, bei der durch die letzten Ereignisse in -Spanien veranlaßten Stimmung des Publikums aber doch -schwer zu vermeiden sein würden«.</p> - -<p>Am 14. Mai 1809 aber zogen die Franzosen in Wien -ein, denen die »königlich spanische Familie« Hekuba war, und -während ihrer Herrschaft bis zum November wurde gerade -»Don Carlos« die einzige Novität des Burgtheaters. Am -23. August 1809 erfolgte die erste Aufführung.</p> - -<p>Ohne Änderungen aber hatte die einheimische Zensur ihn -doch nicht passieren lassen. Der Großinquisitor war gestrichen; -aus dem Beichtvater Domingo war ein gleichgültiger »Höfling -Don Antonio Perez« geworden, eine Änderung, die Schiller<span class="pagenum"><a id="Seite_131"></a>[131]</span> -selbst für das Hamburger Theater gemacht hatte, die Rolle des -ebenfalls gestrichenen Herzogs Alba wurde, so gut es ging, -mit der jenes Höflings zusammengezogen, und Carlos durfte -beileibe nicht in seine Stiefmutter verliebt sein. Jede Andeutung -davon war noch unter Laubes Direktion streng untersagt!</p> - -<h3>Geßler das Karnickel.</h3> - -<p>Schillers »Wilhelm Tell« kam erst 1827 aufs Burgtheater, -dagegen schon am 30. Mai 1810 aufs Theater an der -Wien, das 1814 bis 1817 eine Art Filiale der Burg war. -Der Schauspieler Wilhelm Grüner hatte die Bearbeitung übernommen. -Wes Geistes Kind sie war, ergibt sich aus dem -Gutachten des Zensors von Haager vom 12. Dezember 1809: -»Österreich wird gar nicht erwähnt, und kein Schatten fällt -auf den Kaiser, sondern alles wird der Tyranei des Vogts -Geßler zugeschrieben.«</p> - -<p>Schon Hägelin hatte den Schweizerheld Wilhelm Tell und -jede Empörung einer Eidgenossenschaft gegen das österreichische -Zepter zu den Stoffen gezählt, die seitens der Zensur nicht zu -dulden seien. Daß man 1809 ein Stück, worin der Widerstand -gegen die hohe Obrigkeit als ein Akt gerechter Selbsthilfe verherrlicht -wurde, nicht mehr schroff ablehnte, war immerhin ein -Fortschritt. Im übrigen aber hatte sich der Bearbeiter Grüner -streng an Hägelins Vorschrift gehalten, die besagte: »Nie darf -eine Schuld an den Mängeln der Militärverwaltung auf den -Landesfürsten oder den Dienst selbst fallen.« Stets mußte, genau -so wie in der hohen Politik, ein Untergebener das Karnickel -sein. Der vierte und letzte Akt schloß mit Geßlers Tod.</p> - -<p>Auch Grüners Bearbeitung wurde nicht sofort genehmigt, -da man auf der Bühne nicht gern an Länder erinnern ließ, -die Österreich einst besessen und später verloren hatte und da -»die neuesten Ereignisse in Tirol zu gewissen peinlichen Rückerinnerungen -Anlaß« gaben. Erst Graf Palffys hartnäckiges -Drängen erzielte im März 1810 die Freigabe des Stückes.</p> - -<h3>Isabellas Ahnungen.</h3> - -<p>Gegen Schillers »Braut von Messina« hatte der Wiener -Zensor im Januar 1804 nichts weiter einzuwenden, als daß<span class="pagenum"><a id="Seite_132"></a>[132]</span> -das Innere einer Kirche auf dem Theater nicht vorgestellt -werden könne, sondern diese in eine Familiengruft wie in -»Romeo und Julia« umzuwandeln sei. Dennoch verbot der -Polizeipräsident die Aufführung.</p> - -<p>Als die Tragödie endlich zum 23. Januar 1810 freigegeben -wurde, mußten die Worte »Kirche« und »Kloster« in -»Tempel« und »Eiland« (!) verwandelt werden, und im 4. Aufzug -mußte Isabella statt</p> - -<div class="poetry-container"> -<div class="poetry"> - <div class="stanza"> - <div class="verse indent0">So haltet ihr mir Wort, ihr Himmelsmächte!</div> - </div> -</div> -</div> - -<p class="noind">ausrufen:</p> - -<div class="poetry-container"> -<div class="poetry"> - <div class="stanza"> - <div class="verse indent0">So haltet ihr mir Wort, ihr Ahndungen!</div> - </div> -</div> -</div> - -<p>Denn, sagte schon Hägelins Zensurkatechismus von 1795, -an der Vorsehung darf nur dann gezweifelt werden, wenn -die handelnde Person sich selbst korrigiert oder von andern -widerlegt wird!</p> - -<h3>»Egmont« in Wien.</h3> - -<p>Zu den klassischen Werken, welche die Kavalierdirektion des -Wiener Burgtheaters der Polizei abzutrotzen wußte, gehörte auch -Goethes »Egmont«, der am 24. Mai 1810 seine dortige Uraufführung -erlebte. 1795 hatte Hägelin die Rebellion der Vereinigten -Niederlande als unzulässig auf dem Burgtheater bezeichnet. -1810 endlich erklärte die k. k. Hof- und Staatskanzlei (Graf -Metternich), daß gegen »Egmont« keine Bedenken bestünden. Jedoch -mußten die Worte »Franzosen«, »wälsche Hunde«, »wälsche -Majestät« und »vierzehn neue Bischofsmützen« ersetzt werden -durch die Ausdrücke »der Feind«, »die fremden Hunde«, »welsche -Regierung« und »vierzehn neue Kirchenvorsteher« (!). Und statt -der »Freiheit« mußten die unruhigen Bürger Brüssels die -»Freundschaft« leben lassen!</p> - -<h3>Wallensteins Reinigung.</h3> - -<p>Gleich nach Erscheinen des »Wallenstein« machte sich der -Wiener Zensurbeamte und berüchtigte »Verhunzer« zahlreicher -Klassiker, Escherich, auch an eine »Bearbeitung« dieses Werkes. -Aber selbst ihm gelang es nicht, den widerspenstigen Stoff nach -dem gewohnten Zensurrezept zurechtzuschneidern, denn den Hauptanstoß -konnte auch er nicht beseitigen. Alle Begebenheiten der<span class="pagenum"><a id="Seite_133"></a>[133]</span> -vaterländischen Geschichte, deren »Ausschlag diesen Regenten -nachtheilig ist«, jede Empörung gegen einen Regenten überhaupt, -war ja nach den Grundsätzen der Burgtheaterzensur -ausgeschlossen. Die »höhere Entscheidung« fiel denn auch ablehnend -aus. Ebenso ging es 1810, als die Hoftheaterdirektion -nur die »Piccolomini« der Zensur einreichte. Graf Metternich, -der spätere allmächtige Minister, erklärte seitens der geheimen -Hof- und Staatskanzlei, das Stück sei »keineswegs zur öffentlichen -Darstellung geeignet«.</p> - -<p>Erst am 1. April 1814 durfte Schillers Meisterwerk »in -die Kürze gezogen und für einen Abend eingerichtet von H. W-r« -auf dem Burgtheater erscheinen, nachdem Hofrat Friedrich Gentz, -die rechte Hand Metternichs, das »von allen anstößigen Stellen -gereinigte« Trauerspiel noch einmal durchgesiebt und am 9. Februar -zu Protokoll gegeben hatte, daß man in politischer Hinsicht -»gegen keine <em class="gesperrt">einzelnen</em> Stellen des Stückes« in dieser -Fassung mehr etwas erinnern könne. Die Bedenken gegen das -Ganze waren also auch jetzt nicht völlig beseitigt.</p> - -<p>Das Vorspiel »Wallensteins Lager« aber war der Kapuzinerpredigt -wegen von Wiener Bühnen bis 1848 ausgeschlossen.</p> - -<h3>Maria Stuart – Maria Antoinette.</h3> - -<p>Als Schillers »Maria Stuart« 1801 erschien, wurde sie -in Österreich sofort verboten, aber der Intelligenz »<em class="antiqua">erga -schedam</em>« (gegen persönlichen Erlaubnisschein) zur Lektüre gestattet; -in den »Gesammelten Werken« des Dichters beanstandete -man sie nicht weiter.</p> - -<p>Die Hinrichtung eines gekrönten Hauptes und die religiösen -Elemente des letzten Aktes schlossen Schillers Drama vom damaligen -Wiener Hofburgtheater natürlich aus.</p> - -<p>In Prag wagte man sich gleichwohl schon am 17. Juni -1804 an die Aufführung, und zwar nach einer Bearbeitung, -die auch das Dresdener Hoftheater angenommen hatte. Als -aber daraufhin 1805 der Wiener Polizeipräsident von Sumerau -die Aufführung auch für Wien befürwortete, stieß er auf den -energischen Widerstand des Kaisers.</p> - -<p>Die »Theater-Unternehmungs-Gesellschaft« streckte aber ihre -Hände auch nach »Maria Stuart« aus. Der Leiter des<span class="pagenum"><a id="Seite_134"></a>[134]</span> -deutschen Schauspiels, Graf Palffy, kam in immer erneuten -Eingaben auf dieses Werk zurück. Der Zensor von Haager -sogar befürwortete die Aufführung, obgleich die Hinrichtung -Marias »an ein ähnliches unglückliches Ereignis der jüngsten -Vergangenheit« erinnere.</p> - -<p>Doch der Kaiser blieb unzugänglich: an das Schicksal seiner -Tante Maria Antoinette wollte er nicht gemahnt sein. Haager -wurde geradezu beredt in der Verteidigung Schillers; die Haupttendenz -des Stückes, legte er 1812 dem Kaiser dar, könne -zwar nicht verwischt werden, Marias leichtsinniges Leben, die -Geschichte ihrer vielen Männer und Liebhaber komme zur -Sprache, aber sie sei »ganz Reue und Ergebung und sterbe -auf dem Schafott als ein Opfer der neidischen und herrschsüchtigen -Elisabeth«; »die in katholischen Ländern nicht zuzulassenden, -sehr verwerflichen Szenen, wo sie kurz vor ihrem -Tode beichtet«, seien leicht zu beseitigen.</p> - -<p>Aber dreimal, 1810, 1812 und 1813, lehnte der Kaiser -ab. Da versammelte der Wiener Kongreß in der österreichischen -Hauptstadt »beinahe alles, was Europa Großes und Glänzendes -enthält«; das fremde Publikum verlangte »Spektakel, die -eines so außerordentlichen Zeitpunktes doch nicht ganz unwürdig -seien«; die Finanzen des Hoftheaters waren aber so herunter, -daß Graf Palffy, seit März dieses Jahres alleiniger Pächter, -vor dem Ruin stand; in einer beweglichen Eingabe vom -25. September 1814 legte er seine mißliche Lage dem Kaiser -dar und bat um die Freigabe einer ganzen Reihe von Stücken, -die »die Strenge der Zensurnormalien« bisher verboten hatte. -Darunter war »Maria Stuart«, und am 20. Oktober gestattete -endlich Kaiser Franz die Aufführung der Tragödie unter der -Bedingung, »daß alle in diesem dramatischen Werke vorkommenden -Anstößigkeiten sorgfältig gehoben und durchaus gestrichen -werden«.</p> - -<p>Daraufhin ging »Maria Stuart« am 29. Dezember 1814 -in der Prager Bearbeitung auf dem Wiener Burgtheater zum -ersten Male in Szene, volle vierzehn Jahre nach ihrer Uraufführung -in Weimar.</p> -<hr class="chap" /> - -<div class="chapter"> -<p><span class="pagenum"><a id="Seite_135"></a>[135]</span></p> - -<h2 class="nobreak" id="kap07">7. Kleine Kulissengeheimnisse der Theaterzensur.</h2> -</div> - -<h3>Die lästigen Autoren.</h3> - -<p>»Felix, oder: Die Laune des Zufalls« hieß ein Manuskript, -das ein unbekannter Autor im Jahre 1802 der Wiener Zensur -für die Leopoldstädter Bühne einreichte. Da es beanstandet -wurde, ließ sich der Verfasser die Mühe nicht verdrießen, es -nach dem polizeilichen Sittenkodex umzuarbeiten.</p> - -<p>In neuer Aufmachung unterbreitete er es zum zweiten Male -dem Zensor, und dieser – jedenfalls der alte Hägelin – gab -es seiner vorgesetzten Behörde mit dem charakteristischen Stoßseufzer -weiter: »Es ist ein Jammer, was die Zensur in solchen -Fällen von hier befindlichen Autoren für Plagen auszustehen hat, -weil diese jungen Leute ein kleines Geld sich verdienen wollen.«</p> - -<h3>Anständigere Eselsohren.</h3> - -<p>Ausdrücke wie Ehebruch, Hörner tragen usw., die »keusche -und gesittete Ohren« beleidigen konnten, mußten auf dem -Wiener Burgtheater fortfallen. 1802 wurde in einem romantisch-komischen -Singspiel »Das Zauberschwert« auf Verlangen -der Zensur »das Hirschgeweih, das der Autor dem Knappen -Pitschili gegeben hatte, in anständigere Eselsohren verwandelt«.</p> - -<h3>Ein falscher Reim.</h3> - -<p>Von dem Freiherrn von Haager, der seit 1803 Hofrat, -später Präsident der Polizei- und Zensurhofstelle in Wien war, -erzählt der österreichische Humorist Castelli: Er war so übel -nicht, aber er hatte seine eigenen kleinen Marotten. So durfte -unter ihm der Ausruf »O Gott!« nur auf den Hoftheatern -gesprochen werden; in Stücken der Vorstadtbühnen wurde der -liebe Herrgott immer gestrichen und dafür »O Himmel!« hingeschrieben. -Am spaßigsten nahmen sich solche Korrekturen an -Stellen aus, die gereimt waren. Da hieß es z. B. in einem -Drama Castellis:</p> - -<p><span class="pagenum"><a id="Seite_136"></a>[136]</span></p> - -<div class="poetry-container"> -<div class="poetry"> - <div class="stanza"> - <div class="verse indent0">Treibe nicht mit Heil'gem Spott,</div> - <div class="verse indent0">Und bedenk', es lebt ein Gott!</div> - </div> -</div> -</div> - -<p class="noind">Der Zensor verbesserte kaltblütig:</p> - -<div class="poetry-container"> -<div class="poetry"> - <div class="stanza"> - <div class="verse indent0">Und bedenk', es lebt ein Himmel!</div> - </div> -</div> -</div> - -<h3>Ein Feind der Zweideutigkeiten.</h3> - -<p>Der gute alte Haager war auch, und gewiß mit vollem -Recht, ein Feind aller Zweideutigkeiten. Wo er eine witterte, -suchte er ihr mindestens ein Mäntelchen umzuhängen; er tat -das aber meist so ungeschickt, daß dadurch eine größere Zweideutigkeit -zum Vorschein kam. So änderte er z. B. »Sie -besitzt einen weißen üppigen Busen« um in »Sie ist vorne -sehr schön gebaut«.</p> - -<p>Selbst Anmerkungen des Soufflierbuchs, die nur den Schauspieler -betrafen und gar nicht gesprochen wurden, verletzten oft -sein Zartgefühl; so litt er nie die Worte: »Er küßt sie«, -sondern verbesserte dafür stets: »Er gibt ihr einen Kuß.«</p> - -<h3>Ottokar, Attila und Napoleon.</h3> - -<p>Als nach dem unglücklichen Frieden von Preßburg (26. Dez. -1805) die Franzosen aus Wien abgezogen waren, schrieb der -Hofschauspieler Ziegler ein Stück »Thekla, die Wienerin«, das -den Kampf Kaiser Rudolfs von Habsburg gegen König Ottokar -von Böhmen im Jahre 1278 zum Gegenstand hatte.</p> - -<p>Die Aufführung wurde aber am 30. April 1806 auf Geheiß -des Kaisers verboten, aus Furcht, die französische Botschaft -könne in dem gehässig geschilderten Ottokar und seinen -Böhmen eine Anspielung auf Napoleon und die Franzosen sehen.</p> - -<p>Erst drei Jahre später, als Österreich aufs neue den Krieg -gegen Frankreich erklärt hatte (9. April 1809), wurde die Aufführung -im Burgtheater gestattet.</p> - -<p>Derselben Angst fiel 1807 Zacharias Werners »Attila« -zum Opfer, obgleich der Dichter sein Ehrenwort gab, daß er -dabei nicht im entferntesten an Napoleon gedacht habe. Erst -nach völliger Umarbeitung durfte es Ende 1809 gegeben werden, -da der Zensor Armbruster jetzt versichern konnte, »daß -man auch an den Haaren keine Parallele herziehen könne«.</p> - -<p><span class="pagenum"><a id="Seite_137"></a>[137]</span></p> - -<h3>»So kriegt man die Luise.«</h3> - -<p>»Mord und Totschlag, oder: So kriegt man die Luise«, -so lautete der ulkige Titel eines Lustspiels, das ein Wiener -Theater aufführen wollte, just nachdem sich eben Napoleon mit -der Tochter des Kaisers Franz, der Erzherzogin Maria Luise, -verlobt hatte. Die Hochzeit fand am 1. April 1810 statt. -Natürlich wurde das Stückchen verboten.</p> - -<p>Kurz vorher war es Kotzebue mit seinem Stück »Sorge -ohne Not« ebenso ergangen, nur daß hier der Zensor auf -eigene Gefahr den Staatsmann gespielt und die Erstaufführung -am 11. Januar 1810 erlaubt hatte. »Wer der Urheber der -unglücklichen Zeiten sei, darüber kann kein Zweifel herrschen«, -meinte er, und die Mißstimmung gegen den ehrgeizigen und unersättlichen -Weltstürmer müsse von Staats wegen mit allen Mitteln -geschürt werden. Dieses ausnahmsweise intelligente Urteil bekam -ihm aber schlecht: er erhielt einen scharfen Verweis, und das -Stück mußte sofort vom Spielplan verschwinden.</p> - -<p>Von jetzt an durfte auch in Österreich von Napoleon nur -mit der größten Hochachtung gesprochen werden. An dieser -Courtoisie hielt man dort fest, solange Kaiser Franz lebte, -und was irgendwie Erinnerungen an Napoleon weckte, mußte -sich auf die heftigsten offenen und mehr noch versteckten Widerstände -gefaßt machen. Das sollte vor allem Franz Grillparzer, -Österreichs größter Dichter, erfahren, als er 1823 »König -Ottokars Glück und Ende« dem Burgtheater einreichte.</p> - -<h3>Spiel bringt Gefahr.</h3> - -<p>Am 13. Dezember 1810 wurde Hamburg nebst Bremen, -Lübeck, Oldenburg und einem Teil von Hannover dem französischen -Kaiserreich einverleibt, und die Willkür des Feindes -schaltete nun auch in den Hansestädten nach Belieben. Vor -allem in Hamburg vollführte Marschall Davoust ein wahres -Schreckensregiment.</p> - -<p>Während dieser Zeit brachte das Hamburger Stadttheater -ein Stück »Spiel bringt Gefahr« von F. L. W. Meyer aus -Bramstedt. Darin kam ein Lied auf das Kartenspiel vor, -dessen Schlußvers lautete:</p> - -<div class="poetry-container"> -<div class="poetry"> - <div class="stanza"> - <div class="verse indent0">Und alles erbeutet der Bube!</div> - </div> -</div> -</div> -<p><span class="pagenum"><a id="Seite_138"></a>[138]</span></p> -<p>Ein Denunziant benachrichtigte nun die französische Behörde, -mit dem »Buben« sei keineswegs die Spielkarte, sondern -– der Kaiser Napoleon gemeint! Daraufhin wurde der -Theaterdirektor Herzfeld sogleich zur Verantwortung gezogen, und -aus diesem nun doppelt gefährlichen Spiel befreite ihn nur die -Versicherung: das Lied sei extemporiert gewesen.</p> - -<h3>Die Kontinentalsperre.</h3> - -<p>Seit jenem Vorfall hatte die französische Behörde ein -scharfes Auge auf das Hamburger Theater. Schon der Name -eines mißliebigen Autors genügte, um seine Stücke vom Repertoire -zu streichen. Worte wie Vaterland, Freiheit, Tyrann, -Unterdrückung usw. wurden nicht mehr geduldet, wo sie auch -vorkamen; mit besonderer Sorgfalt aber tilgte der französische -Zensor jede Erwähnung der Mächte, mit denen Frankreich damals -im Kriege lag, vor allem Englands, gegen das Napoleon -die Kontinentalsperre erklärt hatte. Obgleich Schiller eine -»Jungfrau von Orleans« geschrieben hatte, wurde seine »Maria -Stuart« ganz verbannt, weil sie in England spielte. Kotzebues -»Brief aus Cadix« mußte nun »aus Marseille« kommen, und -seine »Indianer in England« wurden nach Irland übergesiedelt.</p> - -<h3>Der unmoralische Theodor Körner.</h3> - -<p>Körners Lustspiel in Alexandrinern »Die Braut« kam am -17. Januar 1812 auf dem Burgtheater zur Aufführung, brachte -aber dem Vizepräsidenten der Polizei- und Zensurhofstelle -von Haager als verantwortlichem Zensor eine heftige Rüge ein. -Kaiser Franz erklärte, es genüge nicht, wenn anstößige Stellen -gestrichen würden, sondern es sei »weit wichtiger, Stücke zu -verhindern, deren ganze Tendenz unmoralisch sei, und in denen -die ehrwürdigsten Verhältnisse, z. B. zwischen Eltern und Kindern, -wie dies in der neuen Piece ›Die Braut‹ geschehe, herabgewürdigt -und lächerlich gemacht würden«.</p> - -<p>Als Haager am 4. März ganz bescheiden und »unmaßgeblich« -darauf remonstrierte, kam er vom Regen in die Traufe: -der Kaiser verbot das Stück ausdrücklich mit der bösen Note, -er habe sich von der Zensurstelle »ein richtigeres Urteil über -den Wert dieses Stückes versprochen«.</p> - -<p><span class="pagenum"><a id="Seite_139"></a>[139]</span></p> - -<h3>Ein Theaterskandal in Wien.</h3> - -<p>Die schärfste Aufmerksamkeit der Zensur verhinderte gleichwohl -nicht, daß in einer mit Politik so geladenen Zeit wie dem -Jahre 1812 dieser Explosivstoff auch ins Theater drang und -in der heißen Stimmung des Publikums unversehens zündete.</p> - -<p>Seit der Zeit Maria Theresias war Voltaires »Mahomet« -auf dem Burgtheater mehrfach aufgeführt worden, ohne irgendwie -Anstoß zu erregen, denn Mahomet war ja ein »Pfaffe -heidnischer Religionen«, die der Zensor der Willkür des Dichters -preiszugeben pflegte, wenn darin nicht etwa Anspielungen auf -das Christentum wie Fußangeln verborgen lagen.</p> - -<p>Nachdem Goethe, um seine Weimarer Schauspieler an die -Verssprache zu gewöhnen, 1799 das Werk Voltaires in meisterhafte -deutsche Jamben übertragen hatte, war diese Neuschöpfung -ebenfalls vom Burgtheater übernommen worden, und im April -1812 fiel es der Leitung des Theaters an der Wien plötzlich -ein, das Stück aufs Repertoire zu setzen.</p> - -<p>Das nichtsnutzige Publikum sah aber nun in dem Helden -Voltaires nur immer Napoleon und belohnte jeden Vers, der -auf die Gegenwart zu passen schien, mit stürmischem Beifall. -Welchem lebenden Dichter hätte auch der Zensor Worte erlaubt -wie die Frage Sopirs in dem Voltaireschen Stück:</p> - -<div class="poetry-container"> -<div class="poetry"> - <div class="stanza"> - <div class="verse indent0">Und jeder muthige Betrüger dürfte</div> - <div class="verse indent0">Den Menschen eine Kette geben? Er</div> - <div class="verse indent0">Hat zu betrügen Recht, wenn er mit Größe</div> - <div class="verse indent0">Betrügt?</div> - </div> -</div> -</div> - -<p class="noind">Und bei der Anklage gegen Mahomet:</p> - -<div class="poetry-container"> -<div class="poetry"> - <div class="stanza"> - <div class="verse indent0">Auf deinen Lippen schallt der Friede, doch</div> - <div class="verse indent0">Dein Herz weiß nichts davon</div> - </div> -</div> -</div> - -<p class="noind">schien die Bühne zum Tribunal zu werden. Die Worte verursachten -eine politische Demonstration, wie man sie in jenen -heiligen Hallen, wo man die Rache nicht kennen wollte, noch -nicht erlebt hatte.</p> - -<p>Glücklicherweise stand an diesem Abend die Loge des französischen -Gesandten leer.</p> - -<p>In Paris wurde zur selben Zeit Voltaires »Mahomet« -tagtäglich unter den Augen Napoleons gegeben.</p> - -<p><span class="pagenum"><a id="Seite_140"></a>[140]</span></p> - -<h3>Die schöne Luise.</h3> - -<p>Pius Alexander Wolffs Schauspiel »Preciosa« wurde 1812 -in Berlin verboten, weil statt harmloser Zigeunerromantik eine -»wirkliche Räuberbande« darin ihr Wesen trieb und damals -gerade in der Umgegend Berlins eine 130 Köpfe zählende Mordbrennerbande -gefangen worden war, unter der die Hauptbrandstifterin, -die »schöne Luise, die aus Kinderfett Brandlichter -machte«, wegen ihrer Schönheit und verbrecherischen Naivetät -die größte Neugier erregte. Iffland hatte als Leiter des Kgl. -Schauspielhauses deshalb nicht gewagt, selbst über die Aufnahme -des Stücks zu entscheiden, sondern es der Zensur eingereicht, -die die Aufführung nicht erlaubte.</p> - -<p>Diesmal gereichte das Zensurverbot dem davon betroffenen -Werk zum Glück, denn erst später schrieb Carl Maria von Weber -dazu die Musik, die auch den Text unsterblich machte, der -sonst längst vergessen wäre. In dieser Vertonung fand die -erste Aufführung der »Preciosa« auf dem Berliner Hoftheater -am 14. März 1821 statt.</p> - -<h3>Gefährliches Spielzeug.</h3> - -<p>In einem Stück »Fehlgeschossen« von Costenoble, das am -12. Oktober 1812 auf dem Theater an der Wien aufgeführt -wurde, zeigt ein Drechsler Kindern Spielzeug und erläutert es -ihnen mit den Worten: »Hier ein Hase, dort ein gesternter -General.« Diese Worte wurden von einem »Geheimagenten« -beanstandet und mußten daraufhin gestrichen werden.</p> - -<h3>Das »jüngste Gericht« ohne Jesus.</h3> - -<p>Als der Komponist Ludwig Spohr am 21. Januar 1813 -in Wien sein Oratorium »Das jüngste Gericht« aufführte, -wurden die Namen Jesus und Maria im Personenverzeichnis -beanstandet. Nach langen Verhandlungen wurde der Druck -des Textes nur mit Auslassung jener Namen erlaubt. Spohr -gab sich damit zufrieden, weil sich jeder Leser aus dem Inhalt -leicht die fehlenden Namen ergänzen konnte.</p> - -<h3>Vaterländische Schauspiele.</h3> - -<p>Sofort nach dem Abzug der Franzosen aus Berlin und -dem Einmarsch der Russen Anfang März 1813 reichte Achim<span class="pagenum"><a id="Seite_141"></a>[141]</span> -von Arnim dem Berliner Hoftheater ein vaterländisches Schauspiel -»Die Vertreibung der Spanier aus Wesel im Jahre 1629« -zur Aufführung ein; bei der Aktualität des Stoffes durch die -neue erlösende Wendung des europäischen Krieges drang er -natürlich auf baldige Aufführung.</p> - -<p>Mit vaterländischen Schauspielen wußte man aber damals -in Berlin ebensowenig anzufangen wie in Wien. Heinrich von -Kleists »Prinz Friedrich von Homburg« und seine »Hermannsschlacht« -existierten für die Bühne nicht. Wie konnte Arnim -da Besseres für sich und sein Stück erhoffen! Iffland als -Direktor des Theaters wagte auch keinen selbständigen Entschluß, -sondern fragte erst die den abwesenden Staatskanzler -vertretende Oberregierungskommission, ob sie nichts dagegen -habe. Wider Erwarten erteilte die Kommission die Erlaubnis, -da dem Stück »historische Wahrheit« zugrunde liege, obgleich -»allerdings Anspielungen auf die Bedrängnisse vorkämen, welche -Deutschland und Preußen von den Franzosen erlitten« habe. -Dennoch konnte Iffland nicht das Herz fassen, das Werk aufzuführen.</p> - -<p>Auch in Wien, wo Clemens Brentano sich dafür verwandte, -drang es nicht durch, obgleich es schon der Zensor in -der Mache gehabt hatte. Die Zensurhofstelle hatte dabei allerhand -lustige Änderungen vorgenommen, von denen Brentano -am 5. April 1814 dem Freunde Arnim einige verriet. Eine -Szene, in der von Brutus, dem Mörder Cäsars, die Rede -war, wurde ganz gestrichen. »Was wird der Mensch in der -Sklaverei, ein rechtes Vieh« hieß es in einem andern Auftritt; -diese echt Arnimsche derbe Wendung ging dem Wiener Zensor -wider die Haare; er schrieb dafür die hochtrabenden Worte hin: -»Wie sinket die Würde der Menschheit unter eisernem Scepter.« -Und den burschikosen Vergleich: »Sie ist so dumm wie ein -Ochs« hatte der höfliche Mann auch nicht zugelassen, sondern -die letzten drei Worte einfach gestrichen.</p> - -<h3>»Auf der Alm, da gibt's ka Sünd.«</h3> - -<p>In einer Posse: »Die Pantoffelmacherin« von Told wurde -bei der Aufführung auf einem Wiener Theater die Gräfin -von Molkenflur in eine »Frau von«, der Edle von Wiesenklee<span class="pagenum"><a id="Seite_142"></a>[142]</span> -in einen bürgerlichen Wiesenklee umgetauft, und in einer Gesangstrophe -änderte der Zensor die Verse eines Mädchens:</p> - -<div class="poetry-container"> -<div class="poetry"> - <div class="stanza"> - <div class="verse indent0">Und spricht dann nach der Jagd</div> - <div class="verse indent0">Der Jager bei mir ein,</div> - </div> -</div> -</div> - -<p class="noind">folgendermaßen um:</p> - -<div class="poetry-container"> -<div class="poetry"> - <div class="stanza"> - <div class="verse indent0">Und spricht wohl öfters unter Tags</div> - <div class="verse indent0">A Gamsel (!!) bei mir ein.</div> - </div> -</div> -</div> - -<h3>Das Madonnenbild.</h3> - -<p>Oehlenschlägers vielgespielter »Correggio« wurde in Wien -verboten, weil darin ein Madonnenbild vorkommt.</p> - -<p>Auf Empfehlung des Zensors von Haager entschied der -Kaiser am 8. Dezember 1814: »Wenn in dem Trauerspiele -›Correggio‹ dem Bilde, welches dieser malt, eine bestimmte -profane Benennung, z. B. aus der fabelhaften Götterlehre, gegeben -wird; wenn alle Anspielungen auf Maria, Johannes, -Magdalena, und überhaupt auf Bilder der Heiligen, wie auch -der Altar in der Eiche vor der Hütte des Einsiedlers wegbleiben, -und wenn Äußerungen, wie z. B. Jesus, Maria, Mutter -Gottes, vor dem schönen Bilde der Magdalena knien und -beten usw. gestrichen werden, so kann die Aufführung des -Stückes gestattet werden.«</p> - -<p>Der Altar wurde dementsprechend auf ein kleines Bild -reduziert, das Knien und Beten in »andächtige Betrachtung« -verwandelt, die Namen Jesus und Maria durch gleichgültige -Ausrufe und das Madonnenbild durch das – der Familie des -Malers ersetzt! Nun stand der Aufführung nichts mehr im -Wege; sie fand am 30. August 1815 statt.</p> - -<h3>»Ein König darf nicht lächerlich gemacht werden.«</h3> - -<p>Der österreichische Humorist Castelli hatte für ein Wiener -Possentheater einen travestierten Lear geschrieben. Die Zensur -verbot aber die Aufführung mit der Begründung, ein König -dürfe nicht lächerlich gemacht werden.</p> -<hr class="chap" /> - -<div class="chapter"> -<p><span class="pagenum"><a id="Seite_143"></a>[143]</span></p> - -<h2 class="nobreak" id="kap08">8. Im Banne Napoleons.</h2> -</div> - -<div class="epigraph"> - -<p>»Im Kriege erträgt man die rohe Gewalt, so gut man -kann, man fühlt sich wohl physisch und ökonomisch verletzt, -aber nicht mehr moralisch.«</p> - -<p class="right"> -<em class="gesperrt">Goethe</em>, Aus meinem Leben. III, 12. -</p></div> - -<h3>Napoleon und die Presse.</h3> - -<p>Die Wirksamkeit der Presse hat keiner besser zu würdigen -gewußt als Napoleon. Auf seinem politischen Schachbrett vertraten -die Zeitungen mindestens die Schar der Bauern. Das -Wort Preßfreiheit, das er als Konsul oft im Munde führte, war -allerdings nur eine Redensart, ein Aushängeschild, das er rücksichtslos -beiseite warf, als er auf der Höhe seiner Macht stand, -und wohin er als Eroberer seinen Fuß setzte, behandelte er die -gegnerischen Blätter wie eroberte Geschütze, die man einfach -umkehrt und gegen ihre früheren Besitzer abfeuern läßt. Wehe -dem Schriftsteller oder Verleger, der dabei auch nur mit der -Wimper gezuckt hätte! Das Schicksal des Nürnberger Buchhändlers -Palm, den Napoleon als den Verleger und mutmaßlichen -Mitverfasser der Schrift »Deutschland in seiner tiefen -Erniedrigung« am 26. August 1806 erschießen ließ, stand als -warnendes Blutmal vor aller Augen. Ein Federstrich des -Kaisers beseitigte im Jahre 1810 sämtliche politischen Zeitungen -Badens bis auf eine, ebenso in Frankfurt; als er im Dezember -1810 Hamburg seinem Reiche einverleibte, mußten neun Zeitungen -dort ihr Erscheinen einstellen. Was übrigblieb, wurde -einfach in französische Blätter verwandelt oder mußte taktfest -einstimmen in den Posaunenchor, den er dirigierte. Durch die -geknebelte Presse diskreditierte er seine Feinde, hob er seine -Soldaten in den Himmel, fälschte er die Kriegsberichte, daß -selbst aus der Schlacht bei Leipzig ein großer Sieg der französischen -Waffen wurde, und ließ er vor allem über sich selbst -des Lobes unendliche Fluten ergießen. Wie zahllose Völker -Europas, zwang er auch die öffentliche Meinung mit brutaler<span class="pagenum"><a id="Seite_144"></a>[144]</span> -Gewalt zur Bundesgenossin, und diese Hilfstruppen wußte er -mit genialem Geschick immer da einzusetzen, wo er sie brauchte.</p> - -<p>In diesem Sinne bedeutete für ihn die Presse in der Tat -die »fünfte Großmacht«, wenn ihm auch dieses oft zitierte -Wort mit Unrecht zugeschrieben wird.</p> - -<h3>Presse und Regierung in Deutschland.</h3> - -<p>Von dieser Großmachtstellung der Presse waren aber die -deutschen Regierungen jener Zeit noch wenig überzeugt, und -Napoleon mußte auch hierin ihr Lehrmeister werden. Den -deutschen Behörden galt die Presse immer noch als ein Pech, -mit dem man sich besudelte, wenn man es anfaßte. Sie war -das <em class="antiqua">enfant terrible</em>, für das nur die Rute gut war, um sein -vorlautes Dreinreden zu zügeln. Am liebsten hätte man ihm -überhaupt den Mund verstopft, denn es lebte ja durch und für -die Öffentlichkeit, die man haßte. Das Mysterium der Staatsregierung -vollzog sich hinter einem dichten Vorhang; statt ihn ab -und zu hochzuziehen, um die schaugierige Menge wenigstens durch -ein lebendes Bild zu befriedigen, wurde jeder als Hochverräter -behandelt, der es wagte, den Vorhang mit dreister Hand zu lüften.</p> - -<p>Das ungeheuer umfangreiche Aktenmaterial, das über die -Behandlung der Presse in den Kriegsjahren 1806 bis 1815 -verschrieben wurde, hat vor allem <em class="gesperrt">ein</em> Kennzeichen: der übelste -bürokratische Ton feiert darin wahre Orgien. Alle diese meist -hohen Beamten arbeiteten ihren Vorgesetzten immer zu Dank, -wenn sie in jeder Wendung ihres Konzeptes der tiefsten Verachtung -der Presse und ihrer dienstbaren Geister, mochten sie -auch Arndt oder Schleiermacher oder Görres heißen, kräftigsten -Ausdruck liehen und an den Leuten der Feder ihr trauriges -Mütchen kühlten. Dieser Schriftwechsel der Minister unter sich -ist eine Sammlung vollendeter Verbalinjurien ersten Ranges.</p> - -<p>Von einer auch nur notdürftigen Versorgung der Presse mit -Nachrichten war nicht die Rede. Was über die politischen Ereignisse, -die Maßregeln und Ziele der Regierungen durchsickerte, -wurde im Haarsieb der Zensur zu einem winzigen Häuflein -Staub zerrieben. Die damaligen Zeitungen sind daher die -allerkläglichsten Meilenzeiger der deutschen Geschichte. Nur das -Ausland überließ man den Journalisten als fette Weide, und<span class="pagenum"><a id="Seite_145"></a>[145]</span> -da es zu jener Zeit in Frankreich am lebhaftesten zuging, so -war die deutsche Presse durch eine fehlerhafte geistige Rationierung -längst mit französischem Geiste durchsetzt, ehe dieser -durch Napoleon eine politische Gefahr für Deutschland wurde.</p> - -<p>So kann es nicht Wunder nehmen, daß die völlig unorganisierte, -jedes nationalen Haltes entbehrende deutsche Presse -jener Gefahr hilflos gegenüberstand und vor ihrem Ansturm -kläglich die Waffen streckte.</p> - -<h3>»Ruhe ist die erste Bürgerpflicht!«</h3> - -<p>Die Schlacht bei Jena hatte am 14. Oktober 1806 Preußens -Niederlage entschieden. Vier Tage später klebte in den Straßen -Berlins der bekannte Anschlagzettel, der mit den Worten begann:</p> - -<p>»Der König hat eine Bataille verlohren. Jetzt ist Ruhe -die erste Bürgerpflicht.«</p> - -<p>Der Gouverneur der preußischen Hauptstadt, der diese -Worte prägte, Graf von der Schulenburg-Kehnert, besaß aber -selbst diese Ruhe nicht und flüchtete mit der Regierung und -dem königlichen Hof nach Ostpreußen in den Schutz des russischen -Verbündeten. Auch der bisherige Berliner Zeitungszensor -Renfner, der schon seit 1792, der Zeit Wöllners, dieses Amt -verwaltete, hatte sich dorthin in Sicherheit gebracht.</p> - -<p>Schulenburgs Nachfolger Fürst Hatzfeld gab nun die Losung -aus: »Unsere Aussichten müssen sich nicht über dasjenige entfernen, -was in unsern Mauern vorgeht!« Dafür sorgten dann -schon die Franzosen, die am 24. Oktober in Berlin einrückten.</p> - -<h3>Im Dienst des Feindes.</h3> - -<p>In den vom Feinde eroberten Provinzen Preußens herrschten -nun das fremde Gesetz und die Willkür des Siegers. Getreu -seiner Gewohnheit, sich in erster Reihe aller Organe des öffentlichen -Lebens zu versichern, riß er in Berlin sofort die Zensur -aller Drucksachen an sich. Schon am 27. Oktober, dem Tage -des Einzugs Napoleons, ließ der französische Kommandant von -Berlin, Hulin, dem Zensor für historisch-politische Schriften -melden, daß die politische Zensur nunmehr von der französischen -Behörde ausgeübt werde. Zwei Tage später beschied der französische -Kommissar Baron Bignon, der schon 1801–04 Geschäftsträger<span class="pagenum"><a id="Seite_146"></a>[146]</span> -in Berlin gewesen war, das Terrain also gut -kannte, die Herausgeber der beiden politischen Tageszeitungen -zu sich, um sie zu instruieren. Worin diese »Instruktion« bestand, -zeigte sich bald; die Zeitungen waren von jetzt an in -fremdem Dienst: sie brachten die Lüge von dem begeisterten -Empfang Napoleons durch die Berliner Bürgerschaft, druckten -die Bulletins der Großen Armee wortgetreu ab, verherrlichten -die Waffentaten »unserer siegreichen [französischen] Truppen«, -verspotteten das preußische Militär und erniedrigten sich sogar -zu verleumderischen Angriffen gegen König und Königin, die -als Feinde Napoleons jetzt auch ihre Feinde sein mußten. Der -geradezu im Solde der Franzosen stehende täglich erscheinende -»Neue Telegraph« von Hofrat <em class="antiqua">Dr.</em> K. J. Lange (ehemals Davison) -durfte es unter dem Gelächter der französischen Kavaliere -wagen, der Königin Luise ein Verhältnis zu Kaiser Alexander -anzudichten. Diese Haltung der Berliner Presse, die sogar nach -dem Wiederabzug der Franzosen noch eine Weile die gleiche -blieb, verziehen ihr der König und die preußischen Patrioten nie; -Graf Alexander von Dohna war der Meinung, die Zeitungen -hätten lieber eingehen müssen, als »Schmähungen auf die vaterländische -Regierung« aufzunehmen. Noch 1814 brachte er als -Gouverneur in Königsberg diese sklavische Nachgiebigkeit der -Berliner Presse in peinlichste Erinnerung (vgl. S. <a href="#Seite_202">202</a>).</p> - -<h3>Französische Zensur.</h3> - -<p>Baron Bignon übte die Zensur der Zeitungen und politischen -Schriften mit großer Sorgfalt selbst aus. Artikel, die -ihm nicht paßten, schnitt er aus den Korrekturabzügen heraus; -die Abzüge mußten außerdem am Erscheinungstage der betreffenden -Nummer an ihn zurückgegeben werden, so daß Redakteure -und Verleger nicht einmal Beweisstücke in Händen behielten für -das, was ihnen die französische Zensur zumutete.</p> - -<p>Von allen neu erscheinenden Schriften mußten regelmäßig Verzeichnisse -vorgelegt werden. Politische Schriften, soweit Bignon -sie nicht selbst zensierte, übergab er dem Prediger an der französischen -Kirche, Hauchecorne, der ihm schon früher befreundet -war und sich dieser Tätigkeit mehr als willig unterzog. Nur -was harmlos erschien, wurde den bisherigen Zensoren zugestellt.</p> - -<p><span class="pagenum"><a id="Seite_147"></a>[147]</span></p> - -<h3>Krieg und Moral.</h3> - -<p>Was nicht parierte, wurde beseitigt. Der von August von -Kotzebue und Garlieb Merkel 1804 begründete »Freimüthige«, -der bis zuletzt seinem Namen Ehre zu machen wagte, stellte -unmittelbar vor der Ankunft der Franzosen sein Erscheinen ein. -Erst im Januar 1808 wurde er fortgesetzt, aber schon im -Februar stand sein jetziger Herausgeber August Kuhn unter -Polizeiaufsicht, und im März traf ihn wegen eines Artikels -»Nemesis« ein neues Verbot. Von April 1808 ab durfte er -wieder erscheinen und bewahrte auch jetzt noch in allem, was -den preußischen Staat betraf, eine tapfere patriotische Haltung.</p> - -<p>Ein anderes Unterhaltungsblatt, der von Professor Theodor -Heinsius herausgegebene »Preußische Hausfreund«, verschwand -am 5. Februar 1807 plötzlich von der Bildfläche und durfte sich -erst nach dem Abzug der Franzosen wieder hervortrauen. Am -6. Februar 1807 wurde außerdem der Herausgeber Heinsius -aus dem Bette heraus verhaftet und vierzehn Tage lang auf -die Hausvogtei gesetzt. General Clarke soll in einer Schrift -über Moral, die Heinsius herausgeben wollte, »aufregende Tendenzen« -entdeckt und dem Verfasser erklärt haben: »Ach was -Moral, was soll die im Kriege?« Jedenfalls handelte es sich um -einen Aufsatz für den »Hausfreund«, wie auch Gubitz berichtet. -Clarke verbot die Fortsetzung, warnte Heinsius vor Aussprüchen, -die den französischen Behörden unangenehm seien, und ließ ihn -auch nach seiner Freilassung durch die Polizei überwachen.</p> - -<p>Eines aber darf man der französischen Gewaltherrschaft -nachrühmen: um <em class="gesperrt">un</em>politische Dinge kümmerte sie sich nicht. -Auch waren die Franzosen für Witz und Satire viel leichter zugänglich -als die meist grämliche preußische Behörde. Der Kommandant -Hulin, der ebenso wie General Clarke auf alle Drucksachen -ein scharfes Auge hatte, ließ eine boshafte Karikatur -auf den Herausgeber des franzosendienerischen »Telegraphen« -unbeanstandet; als sie eine zweite Auflage erlebte, forderte er -zwar dem Künstler die Platten ab, gab sie aber nach drei -Wochen ohne weitere Vorschriften zurück.</p> - -<p>Bezeichnend ist auch, daß unter dem französischen Regiment -in Berlin das erste dortige Leseinstitut errichtet wurde, wo -200–300 Zeitungen offenlagen. Da konnte sich auch der mißtrauischste<span class="pagenum"><a id="Seite_148"></a>[148]</span> -Berliner überzeugen, daß fast die gesamte deutsche -Presse sich glücklich schätzte, unter den glorreichen Feldzeichen -Napoleons für die Freiheit der Nationen und den Sieg der -»Kultur« über die »Barbarei« zu fechten.</p> - -<h3>Fichte als Zensor.</h3> - -<p>Die rücksichtslose Fälschung der öffentlichen Meinung durch -die Franzosen und die ihrer Gewalt preisgegebene deutsche -Presse hatte endlich der preußischen Regierung zu denken gegeben: -es mußte etwas geschehen, es galt gegen dies vom Feinde -verbreitete Giftgas eine Schutzmaske zu finden. Das einzige -Blatt aber, das sich noch im vaterländischen Machtbereich befand, -war die »Königsberger Hartungsche Zeitung«, und selbst -diese konnte sich dem französischen Einfluß nicht ganz entziehen. -Sie mußte doch melden, was jenseits der Kampffront vor sich -ging, und dafür hatte sie keine andern Quellen, als die französisch -sich räuspernden Berliner Zeitungen. Auch verfügte man -in der Provinz damals nicht über geschulte und selbständig -arbeitende journalistische Kräfte, denn der politische Teil der -preußischen Provinzpresse war nur immer aus den Blättern der -Hauptstadt »zusammengetragen« worden; eigene politische Nachrichten -– von Leitartikeln war ja damals überhaupt noch keine -Rede – erlaubte die Zensur nicht. So hatte bisher der Berliner -Zensor auch die Königsberger Zeitung vorsichtig an der -Leine gehalten – kein Wunder, daß sie, plötzlich und unvorbereitet -sich selbst und dem grundlosen Element überlassen, noch -keine kunstgerechten Schwimmbewegungen machen konnte. Also -mußte ihr zunächst ein neuer Zensor gesetzt werden, und dazu -erkor man keinen Geringeren als den Philosophen Fichte.</p> - -<p>Seitdem durch den Atheismusstreit Fichtes Stellung als -Professor der Philosophie in Jena unhaltbar geworden war, -hatte er sich 1799 in Berlin niedergelassen, wo ihn König -Friedrich Wilhelm III. unangefochten ließ. »Gedeckt vor den -Bannstrahlen der Priester und den Steinigungen der Gläubigen« -hielt er hier im Winter 1804/05 Vorträge über die »Grundzüge -des gegenwärtigen Zeitalters« vor einem zahlreichen und -auserlesenen Hörerkreis; im folgenden Sommer ging er als -Professor an die jetzt preußisch gewordene Universität Erlangen,<span class="pagenum"><a id="Seite_149"></a>[149]</span> -kehrte aber im nächsten Semester wieder nach Berlin zurück, -um den bevorstehenden Ereignissen näher zu sein. So hatte -ihn das Kriegsgewitter dort überrascht, und mit den preußischen -Flüchtlingen war er nach der Schlacht bei Jena nach Königsberg -gekommen.</p> - -<p>Hier begann man eben mit großem Nachdruck eine gründliche -Reform der Universität, und auf Drängen des damaligen -Konsistorialrats Nicolovius wurde auch Fichte dort angestellt. -Er sollte aber nicht nur als Dozent wirken, sondern daneben -besonders darauf achten, daß in der dortigen Zeitung »die -Nachrichten von den Kriegs- und andern öffentlichen Begebenheiten -nicht in einem verführerischen, den Patriotismus niederschlagenden -Ton erzählt«, vielmehr »alle Anlässe, um den Mut -der Untertanen zu beleben, gehörig benutzt« würden.</p> - -<p>Durch diese Heranziehung Fichtes fühlte sich aber der bisherige -Königsberger Zensor tief gekränkt. Wenn auch die Provinzblätter -Politisches immer nur aus der klar geläuterten -Quelle der Berliner Zeitungen schöpfen durften, so gab es doch -in jeder mit einem Regierungsapparat versehenen Stadt immer -noch einen besondern Zensor, der jenen Stoff noch einmal -filtrierte; der lokale Teil und die Inserate waren ja sowieso -hinzugekommen. Das Zensoramt in Königsberg hatte bisher -der Polizeidirektor Kriminalrat Brand durchaus zur Zufriedenheit -seiner Vorgesetzten verwaltet. Nun aber erklärte dieser, -er bedanke sich schönstens dafür, in Zukunft nur noch die Inserate -beaufsichtigen zu sollen, da wolle er schon lieber mit der -Zensur überhaupt nichts mehr zu tun haben. Fichte aber lehnte -die alleinige Verantwortung nachdrücklich ab; daraufhin bestimmte -der Oberpräsident von Auerswald, daß der Polizeipräsident -trotz seines Widerwillens »sowohl die Intelligenzblätter -als auch die Zeitungsavertissements« (die Bekanntmachungen) -entweder selbst zu zensieren oder durch einen Polizeibeamten zensieren -zu lassen habe, da »dem Professor Fichte die das Censurwesen -betreffenden Gesetzesbestimmungen und Vorschriften nicht -bekannt« seien. Fichte führte also daneben die höhere politische -Zensur, wie sie vordem in Berlin geübt worden war, dessen -Zeitungen jetzt »unter den insidiösen Einflüssen des Feindes« -standen.</p> - -<p><span class="pagenum"><a id="Seite_150"></a>[150]</span></p> - -<h3>Zivil- und Militärzensur.</h3> - -<p>Fichtes Konflikt mit einem sich zurückgesetzt fühlenden Polizeidirektor -war aber nicht der einzige, der dem Philosophen während -seiner Zensortätigkeit beschieden war. Peinlicher und nachhaltiger -war sein Zusammenprall mit der Militärgewalt, die in -Königsberg der Generalgouverneur von Rüchel vertrat. Diesem -Mann paßte Fichtes Tätigkeit ganz und gar nicht. Er vermißte -an ihm die nötige »militärisch-politische« Sachkenntnis, -und dieser Zivilist hatte noch dazu die Dreistigkeit, an offiziellen -Aufsätzen, die der Königsberger Zeitung von der Adjutantur -geliefert wurden, Kritik zu üben: die einen wies er überhaupt -zurück, und andern gab er nur das Imprimatur, wenn der -Generalgouverneur das kraft seines Amtes energisch verlangte. -Schließlich riß diesem die militärisch kurze Geduld, er entzog Fichten -Ende Februar 1807 die Aufsicht über die Zeitung und setzte an -Stelle der bisherigen Zivilzensur eine ausschließliche Militärzensur.</p> - -<p>Der Augenblick dazu war allerdings nicht eben glücklich gewählt. -In der Hartungschen Zeitung war am 19. Februar ein -Artikel über die Schlacht bei Eylau erschienen, der die höchste -Entrüstung des Königs erregte. Auerswald untersuchte den Vorfall, -und da stellte sich heraus: der vom König beanstandete Artikel -stammte – von Rüchel selbst. Fichte hatte ihn als Zensor gestrichen, -war aber gegen den Generalgouverneur machtlos gewesen.</p> - -<h3>Die Hebung der »Königsberger Hartungschen Zeitung«.</h3> - -<p>Die Schlacht bei Eylau hatte die Hoffnungen der Patrioten -neu belebt, man erwartete nachdrückliche Hilfe von den Russen -und wagte wieder der nächsten Zukunft mit klarer Überlegung -ihrer Forderungen an die Staatsverwaltung entgegenzusehen. -Hardenberg, der in Memel beim Könige weilte und am -26. April wieder als Minister die Staatsgeschäfte übernahm, -hatte schon in einer Denkschrift vom 3. März »größere Rücksicht -auf die öffentliche Meinung und Bearbeitung derselben -durch zweckmäßige Publizistik« empfohlen. Er konnte dabei nur -das Königsberger Blatt im Auge haben, und im Mai 1806 -verhandelte er mit dem Oberpräsidenten, wie die Hartungsche -Zeitung »durch interessantere und besser stilisierte Aufsätze« zu -»heben« sei. In Auerswalds Antwort kommt der durch Fichtes<span class="pagenum"><a id="Seite_151"></a>[151]</span> -Tätigkeit veranlaßte Zwist zwischen Zivil- und Militärgewalt -zum deutlichsten Ausdruck. Die Zeitung, erklärte der Oberpräsident -geradeheraus, sei nur dadurch so heruntergekommen, -daß der Generalgouverneur darauf bestehe, daß alle von ihm -gelieferten Kriegsnachrichten unverändert aufgenommen würden; -ebenso schalte und walte er mit allen übrigen ihm vorgelegten -Nachrichten ganz nach Belieben. Von der Adjutantur aber -könne man weder »genaue historische Kritik« noch »sorgfältige -Aufmerksamkeit auf richtigen Ausdruck und Stil« fordern; dazu -hätten die dort beschäftigten Herren natürlich keine Zeit. Das -dringende Bedürfnis, zuverlässige Kriegsberichte dem Publikum -»in lesbaren Aufsätzen« zu bieten, liege allerdings vor. Dazu -müsse man aber beim preußischen und beim russischen Armeekorps -geschickte Berichterstatter (»Bulletinschreiber«) auswählen, die nur -der Zensur des Hauptquartiers unterständen, nicht aber der -»Einwirkung des Generalgouvernements«. Die örtliche Zensur -möge man dann wieder Fichte anvertrauen, der besonders die -Radamontaden der feindlichen Bulletinschreiber niedriger hängen -und »die Stimmung des Volkes zur Ausdauer und Verstärkung -der Vaterlandsliebe zu erheben« suchen solle. Heute, wo wir -unter ähnlichen Verhältnissen leben und die großzügige Organisation -der amtlichen militärischen Berichterstattung täglich wie -ein zauberhaftes Uhrwerk ablaufen sehen, können wir erst ganz -ermessen, in welcher Rat- und Hilflosigkeit man sich vor hundert -Jahren diesem Problem gegenüber befand.</p> - -<h3>Scharnhorst als Kriegsberichterstatter.</h3> - -<p>In jenem Mai des Jahres 1806 machte man denn auch -mit der »Hebung« der Hartungschen Zeitung schon einen vielversprechenden -Anfang. Am 11. Mai begannen darin die durch -vier Nummern laufenden »Bemerkungen über das 58. Bulletin -der großen Armee von der Schlacht bei Eylau«, die den üblen -Eindruck des früheren Berichtes von Rüchel wieder gutmachen -sollten. Der anonyme Verfasser dieser Darstellung war ein -schon damals, wie die Redaktion dazu bemerkte, »berühmter -militärischer Schriftsteller«, der noch dazu durch sein Eingreifen -die glückliche Wendung der Schlacht bei Eylau selbst herbeigeführt -hatte, der Oberst von Scharnhorst.</p> - -<p><span class="pagenum"><a id="Seite_152"></a>[152]</span></p> - -<p>Zu einer Fortsetzung dieses Hebungsversuchs kam es aber -leider nicht. Nach der Schlacht bei Friedland am 14. Juni -rückten die Franzosen auch in Königsberg ein, Regierung und -Armee flüchteten weiter nach Osten, und am 13. Juni hatte auch -Fichte auf dem Reitpferd des Freundes Nicolovius die Stadt -verlassen, um über Memel nach Kopenhagen zu entkommen.</p> - -<h3>Schurkenstreich eines Zensors.</h3> - -<p>Auch nach dem schmachvollen Frieden von Tilsit (7./9. Juli -1807), der Preußen die Hälfte seiner Länder raubte, mußte -sich König Friedrich Wilhelm noch anderthalb Jahre die Besetzung -seiner Hauptstadt gefallen lassen. Der Gouverneur -Clarke wurde 1807 französischer Kriegsminister; sein Nachfolger -wurde Marschall Davoust, der Sieger von Auerstädt, der -bald nachher als Eroberer von Hamburg durch seine unmenschliche -Härte seinem Namen ein unauslöschliches Brandmal aufdrückte. -Hulins Nachfolger als Kommandant wurde Marschall -Soult. Bignon blieb auf seinem Posten, und da er für Kunst -und Literatur Verständnis hatte, konnten die Berliner Literaten -noch von Glück sagen, vor allem der junge Lehrer der Holzschneidekunst -an der Berliner Akademie, Gubitz, den damals die -Empörung über Schmähungen Preußens durch seine eigenen -Landsleute zum Schriftsteller machte.</p> - -<p>Mit dem Verbot solcher Schriften, die gegen die preußische -Regierung loszogen, hatte es die französische Behörde natürlich -nicht so eilig, wie wenn es sich um ihr eigenes Interesse -handelte. So konnte im Frühjahr 1808 ein Pamphlet »Gallerie -preußischer Charaktere«, das heftige Angriffe, ja Schmähungen -gegen preußische Staatsmänner und Generale enthielt, in -6000 Exemplaren verbreitet werden, ehe die Beschlagnahme der -Restauflage von 500 Exemplaren erfolgte. Die »Neuen Feuerbrände« -vom Kriegsrat von Cölln, eine Zeitschrift ähnlicher -Tendenz, wurden von Bignons Handlanger, Prediger Hauchecorne, -anfangs verboten, als sich aber der Herausgeber zur -Fortlassung einiger Aufsätze verstand, wieder erlaubt.</p> - -<p>Gegen diese Cöllnschen »Feuerbrände« richtete nun Gubitz -eine Zeitschrift »Das Vaterland«, die Preußens Sache mit -Wärme verfocht und »in geziemender Anständigkeit«, wie Gubitz<span class="pagenum"><a id="Seite_153"></a>[153]</span> -selbst meint, manches sagte, was die Franzosen nicht angenehm -berührte. Durch die Niedertracht des Predigers Hauchecorne -hätte sie ihren Herausgeber beinahe auf den Sandhaufen gebracht.</p> - -<p>Am 11. Mai 1808 wurde Gubitz morgens zwischen 6 und -7 Uhr verhaftet und auf die Kommandantur geschafft. Dort -legte man ihm einige aus dem Zusammenhang gerissene Sätze -seiner Zeitschrift vor, die schwere Beleidigungen des Kaisers -und des französischen Heeres enthalten sollten. So schien es -wenigstens nach der Übersetzung, die der biedere Hauchecorne -von jenen Stellen geliefert hatte; das war seine Rache dafür, -daß Gubitz einmal unverblümt seine Meinung über die Zensorentätigkeit -des Predigers, der geborener Preuße war, gesagt hatte.</p> - -<p>Die Lage des Angeklagten schien verzweifelt. Denn wie -sollte er der französischen Behörde die Fälschungen Hauchecornes -klarmachen? Da kam ihm ein glücklicher Zufall zu Hilfe. -Der neue Kommandant Marschall Soult, der wohl kurzen Prozeß -mit ihm gemacht haben würde, war noch nicht zur Stelle, und -Bignon vertrat ihn; als dieser den Namen Gubitz hörte, erinnerte -er sich, Holzschnitte des jungen Künstlers gesehen zu -haben, die ihm ein alter Kunstfreund Christian von Mecheln -nach Paris geschickt hatte; und eben, als das Verhör begann, -trat wie gerufen jener Herr von Mecheln ins Zimmer, der -Gubitzens Gönner war und Bignon nun ohne Mühe von der -Fälschung seines Vertrauensmannes Hauchecorne überzeugte.</p> - -<p>Am Mittag des Tages war Gubitz schon wieder entlassen, -wenn auch nicht freigesprochen. Das französische Militärgericht -verurteilte ihn schließlich zu sechs Wochen Hausvogtei, von -denen er aber nur vier tageweise und in gelinder Haft absaß. -Der glückliche Zufall und das Wohlwollen des Kunstfreundes -Bignon hatten ihm das Leben gerettet.</p> - -<h3>Der Philosoph Fichte unter Zensur.</h3> - -<p>Merkwürdigerweise blieb ein Mann von den wachsamen -französischen Behörden ganz unbehelligt, obgleich er es wagte, -mitten im Lager des Feindes eine öffentliche Philippika gegen -den Welteroberer zu schleudern, wie sie kühner und eindringlicher -nie gehalten wurde.</p> - -<p><span class="pagenum"><a id="Seite_154"></a>[154]</span></p> - -<p>Nach dem Frieden von Tilsit war der Philosoph Fichte aus -Kopenhagen nach Berlin zurückgekehrt; neben Schleiermacher, -dem großen Philologen Wolf und dem Staatsrechtlehrer Schmalz -bildete er den vierten Grundpfeiler der neu zu errichtenden -Berliner Universität, und am 13. Dezember 1807 begann er -eine Fortsetzung der Vorlesungen über die »Grundzüge des -gegenwärtigen Zeitalters«, wie er sie schon im Winter 1804/05 -in Berlin gehalten hatte. Wie anders aber war diese Gegenwart! -Jetzt zogen, wenn er Sonntagvormittags den runden -Saal des Akademiegebäudes Unter den Linden betrat, unter den -Fenstern französische Trommler auf Wache, und in der schon -ganz akademischen Zuhörerschaft zeigte man mit Fingern auf -die anwesenden französischen Aufpasser. Das schreckte den -Redner nicht; in schlaflosen Nächten trat ihm wohl das blutige -Schicksal Palms warnend vor die Seele; aber er überwand -diese Schwäche und führte seine vierzehn Vorlesungen mit erhabenem -Mut zu Ende. Als »Fichtes Reden an die deutsche -Nation« sind sie eines der heiligen Bücher seines Volkes geworden, -und selbst ein Meister des rhetorischen Stils, Friedrich -von Gentz, zollte ihnen seine Bewunderung mit den Worten: -»So groß, tief und stolz hat fast noch niemand von der deutschen -Nation gesprochen.«</p> - -<p>Ob die französischen Aufpasser nicht begriffen, daß diese -Reden die edelsten Kräfte des Deutschtums gegen die fremde -Gewaltherrschaft mobil machten? Nur der »Moniteur« meldete -einmal, ein berühmter deutscher Philosoph in Berlin halte Vorträge -über Verbesserung der Erziehung – das war die einzige -Notiz, die man auf französischer Seite davon nahm, und -auch als die Reden im Druck erschienen, legten die Franzosen -ihrer Verbreitung nichts in den Weg. Die einzige Behörde, -die ihnen verhängnisvoll wurde, war – das preußische Oberkonsistorium, -dessen Zensur sie als philosophische Schrift unterlagen.</p> - -<p>»Um keine Zeit zu verlieren, deutsche Denkweise zu erneuern -und zu bilden«, und um etwaigen falschen Auslegungen -des gesprochenen Wortes vorzubeugen, ließ Fichte seine Reden -einzeln sogleich drucken. Als er die erste zur Zensur vorlegte, -erhielt er den kühl bürokratischen Bescheid: man könne sich auf -einzelne Hefte nicht einlassen. Das Konsistorium hatte es also<span class="pagenum"><a id="Seite_155"></a>[155]</span> -mit der Verbreitung deutscher Denkweise in der besetzten Landeshauptstadt -nicht so eilig; es wollte erst die Tendenz der ganzen -Schrift beurteilen können, um darnach zu entscheiden, ob sie -nicht vor »eine andere«, die politische Zensurstelle gehöre, und -beantragte sogar bei der Polizeidirektion, »die Vorlesung selbst -durch einen Deputierten näher beachten zu lassen«!</p> - -<p>Der zweiten und dritten Rede gab es gleichwohl ohne -weiteres die Druckerlaubnis; der wahre Grund zum Verbot der -ersten waren also Bedenken gegen den Inhalt, die auch in -Randbemerkungen zum Manuskript angedeutet waren. Daraufhin -beschwerte sich Fichte am 2. Januar 1808 nachdrücklich -beim Minister von Beyme, legte ihm das Manuskript der ersten -Rede mit den Randstrichen des Zensors vor und schrieb dazu: -»Was soll aus freier Geisteserregung, was soll aus Erweckung -eines deutschen Sinnes und Muthes erst alsdann werden, wenn -<em class="gesperrt">solche</em> Censoren uns bevormunden? Ich weiß recht gut, was -ich wage; ich weiß, daß ebenso wie Palm ein Blei mich tödten -kann; aber dies ist es nicht, was ich fürchte, und für den -Zweck, den ich habe, würde ich gern auch sterben. Ueber diese -Rücksichten hinweg soll man nun noch mit den kindischen Bedenklichkeiten, -den kopflosen Auslegungen und der verzagten -Politik solcher Censoren Rücksprache nehmen?«</p> - -<p>Dieser Protest half aber nichts, die erste Rede blieb zunächst -ungedruckt und wurde erst genehmigt, nachdem Fichte -»einige Änderungen« gemacht hatte.</p> - -<p>Niemand würde es dem ehrenwerten Konsistorium verdenken, -wenn es die Verantwortung für Äußerungen abgelehnt hätte, -die ihm ernste Ungelegenheiten seitens der französischen Regierung -zuziehen konnten. Solche Bedenken lagen aber tatsächlich -gar nicht vor, sondern die kleinlichste Kirchturmpolitik gab wieder -einmal den Ausschlag. Der Änderungen, die Fichte machen -mußte, waren nur zwei: einmal sprach er von der »Schwäche -der Regierung«, was sich nur auf die preußische beziehen konnte; -um diesen Tadel zu verwischen, setzte er statt der Einzahl die -Mehrzahl »Regierungen«! Und statt des Satzes: »Diese -Bande also waren es, durch deren Zerreißung der Staat zu -Grunde ging« – womit wieder nur Preußen gemeint war – -mußte er jetzt, völlig unbestimmt, schreiben: »Bande solcher Art<span class="pagenum"><a id="Seite_156"></a>[156]</span> -waren es, die irgendwo gänzlich zerrissen, und durch deren Zerreißung -das gemeine Wesen sich auflöste«!</p> - -<p>Die Angst vor den Franzosen veranlaßte aber das -Konsistorium, die achte Rede Fichtes der Oberregierungskommission -vorzulegen. Was ihr darin besonders gefährlich -schien, hat sich nicht mehr feststellen lassen. Aber sogar die -nicht eben tapfere Regierungskommission hatte kein Bedenken -dagegen.</p> - -<p>Derselben Kommission legte dann das Konsistorium auch -die erste und letzte Rede zur eigenen Rückendeckung vor. In -der letzten milderte Fichte zwei nicht näher bekannte Stellen; -gegen die Änderung einer dritten aber sträubte er sich und rief -dabei den Freiherrn vom Stein zu Hilfe. Ob es nach dem -Kriege »jemals uns wieder wohlgehen soll,« so hatte er geschrieben, -»dies hängt ganz allein von uns ab, und es wird -sicherlich nie wieder irgend ein Wohlsein an uns kommen, wenn -wir nicht selbst es uns verschaffen«. Diese gefährliche Drohung -einer Selbsthilfe wollte auch die Regierungskommission nicht -durchlassen; Fichte setzte also auf Steins Rat den abschwächenden -Nachsatz hinzu: »und insbesondre, wenn nicht jeder Einzelne -unter uns in seiner Weise tut und wirket, als ob er allein -sei, und als ob lediglich auf ihm das Heil der künftigen -Geschlechter beruhe«. Damit war das Kapitol wieder einmal -gerettet!</p> - -<p>Als schließlich auch die erste Rede freigegeben wurde, füllte -der Text nicht die dazu leer gelassenen 48 Seiten. Die so -entstandene Lücke stopfte deshalb Fichte mit einigen Abschnitten -aus älteren Arbeiten, die schon gedruckt oder von der Zensur -genehmigt waren; er verglich darin die »Große Schreibe- und -Preßfreiheit in Machiavells Zeitalter« mit der Gegenwart, -geißelte die Zensoren, die alles Neue, was sie nicht sogleich zu -fassen vermögen, als verborgenes Gift unterdrücken, »um ganz -sicher zu gehen«, und bestritt ihre Befugnis, »irgend einem -Tone deswegen zu verwehren, laut zu werden, weil er an <em class="gesperrt">ihre</em> -Ohren fremd und paradox anschlägt«. So bildeten diese einleitenden, -den Leser zunächst befremdenden Fragmente eine feine -Satire auf das, was er selbst mit diesem seinem Buche erlebt -hatte.</p> - -<p><span class="pagenum"><a id="Seite_157"></a>[157]</span></p> - -<h3>Fichtes verlorene »Rede an die deutsche Nation«.</h3> - -<p>Mit den Zensurschwierigkeiten, die das preußische Oberkonsistorium -Fichtes »Reden an die deutsche Nation« bereitete, -ist aber dessen Wirksamkeit bei der Herausgabe jenes Buches -keineswegs erschöpft. Es kam noch schlimmer! Der unverantwortlichen -Nachlässigkeit dieser Zensurbehörde verdanken wir es, -daß die dreizehnte der Fichteschen Reden in ihrem ursprünglichen -Wortlaut unwiderruflich verlorenging! Statt ihrer erschien -nur eine »Inhaltsangabe der dreizehnten Rede« mit -folgender Anmerkung des Verfassers:</p> - -<p>»Nachdem ich eine Reihe von Wochen die Handschrift dieser -dreizehnten Rede, die bei meiner Zensurbehörde eingereicht war, -zurückerwartet hatte, erhalte ich endlich statt derselben das -folgende Schreiben:</p> - -<div class="letter"> - -<p>›Das Manuscript der dreizehnten Rede des Herrn Professor -Fichte ist, nachdem derselben schon das Imprimatur -ertheilt worden, durch irgend einen Zufall verlohren gegangen, -und hat aller Bemühungen ohnerachtet nicht wieder -aufgefunden werden können.</p> - -<p>›Um nun den Verleger etc. Reimer beim Abdruck nicht -aufzuhalten, ersuche ich des Herrn Professor Fichte Wohlgeboren -diese Rede aus Ihren Heften zu ergänzen, und -mir zum Imprimatur zuzuschicken.</p> - -<p>›Berlin, den 13. April 1808.</p> - -<p class="right"> -<em class="gesperrt">v. Scheve</em>.‹ -</p></div> - -<p>»Das, was dieses Schreiben unter Heften verstehen mag, -halte ich nicht, und was etwa bei der Ausarbeitung des Textes -auf Nebenblättern angelegt und vorbereitet war, wurde bei einer -in dieser Zeit vorgefallenen Veränderung der Wohnung den -Flammen übergeben. Ich war darum genöthiget, darauf zu -bestehen, daß die Handschrift, die verlohren seyn – nicht sollte, -wieder herbeigeschafft würde. Dieses ist, wie man versichert -hat, auch durch das sorgfältigste Nachsuchen nicht möglich gewesen; -es ist wenigstens nicht geschehen, und ich habe die Lücke -ausfüllen müssen, wie ich gekonnt.</p> - -<p>»Indem ich zu meiner eigenen Rechtfertigung genöthigt bin, -diesen Vorfall zur Kunde des auswärtigen Publikums zu bringen, -bitte ich jedoch dasselbe, zu glauben, daß die Erscheinungen,<span class="pagenum"><a id="Seite_158"></a>[158]</span> -die man sowohl in dem Vorfalle selbst, als in dem obenstehenden -Schreiben darüber finden dürfte, allhier bei uns keinesweges -allgemeine Sitte sind, sondern daß dieser Vorfall nur -eine höchst seltene, und vielleicht nie also da gewesene Ausnahme -macht, und daß sich erwarten läßt, es werden Vorkehrungen -getroffen werden, damit ein solcher Fall nicht wieder -eintreten könne.«</p> - -<p>Dieses ironische Zeugnis, daß derlei Vorfälle »allhier bei -uns keinesweges allgemeine Sitte« seien, läßt darauf schließen, -daß Fichte selbst nicht recht an den unglücklichen »Zufall« -glaubte, und um nicht weiter von den »kindlichen Bedenklichkeiten« -dieser Berliner Zensurbehörde abhängig zu sein, bat er -in einem Schreiben vom 2. Mai 1808 die Oberregierungskommission, -die Zensur seiner notdürftig wiederhergestellten dreizehnten -Rede »einer andern zuverlässigen Behörde« zu übertragen. -Vor allem fürchtete er, das Konsistorium werde jene es -selbst bloßstellende Anmerkung unterdrücken wollen. Das bestätigte -sich auch durchaus. Die Regierungskommission betraute -zwar keine andere Behörde, wohl aber einen andern Zensor mit -der Aufgabe, und dieser, der sonst liberale und patriotische -Propst Hanstein, wollte ebenfalls den Abdruck der Anmerkung -mit dem Brief des Chefpräsidenten von Scheve nicht zulassen, -da »sie weder in das Fach der Philosophie noch in das der -Religion einschlüge«! Fichte milderte zwar die kränkendsten -und beleidigendsten Stellen der Anmerkung, aber auf dem -wörtlichen Abdruck des den Vorfall so »leichtnehmenden« -Briefes bestand er, und die Regierungskommission ließ ihn -gewähren.</p> - -<p>Der Vorfall veranlaßte den Philosophen ferner, beim Minister -von Beyme die gesetzliche Aufhebung aller Zensur über -nichtoffizielle Schriften in Anregung zu bringen, damit in -Zukunft keine Behörde mehr, sondern nur immer Verfasser oder -Verleger zur Verantwortung gezogen werden könnten. Beyme -war mit diesem Vorschlag, den er selbst schon 1802 gemacht -hatte, völlig einverstanden, aber seine Hoffnung, daß »die -wiederauflebende Regierung in Berlin« mit einer solchen Maßregel -»den Geist bezeichnen« werde, »der künftig sie beherrschen -soll«, erfüllte sich nicht.</p> - -<p><span class="pagenum"><a id="Seite_159"></a>[159]</span></p> - -<h3>Preußische Zensurreform 1808.</h3> - -<p>Am 5. Dezember 1808 verließen endlich die französischen -Verwaltungsbeamten Berlin, und schon begann die einheimische -Gesetzgebungsmaschine wieder ihren Lauf. Die von den Franzosen -entlassenen Zensoren Polizeipräsident Büsching und Finanzrat -von Hüttel traten ihr Amt wieder an, und das erste Opfer -der wiederkehrenden Ordnung war der Dichter der »Undine«, -Fouqué, der zur Feier des Abmarschs der Franzosen ein -»Gespräch zweier preußischer Edelleute« geschrieben hatte, das -den Vorschlag einer unter Führung des Adels zu errichtenden -Landwehr enthielt; es war schon gedruckt, durfte aber erst -1813 ausgegeben werden, als die Landwehr durch königliche -Verordnung bereits geschaffen war.</p> - -<p>Durch die schon am 24. November 1808 verfügte Neuorganisation -der gesamten preußischen Staatsverwaltung war -auch die Zensurbehörde wesentlich umgestaltet worden. Die -stürmische Zeit hatte eine Flut politischer Literatur aufgewühlt, -und bei jeder Drucksache fragte man seitens der Behörde zuallererst: -politisch oder unpolitisch? In diese beiden großen -Gruppen schied man also jetzt die gesamte Literatur und überwies -jede einer besondern Behörde als oberster Instanz. Die -Beaufsichtigung der politischen Schriften einschließlich der -politischen Zeitungen verblieb wie bisher dem Ministerium -des Auswärtigen; an dessen Spitze stand Minister von der -Goltz, der Nachfolger und wieder Vorgänger Hardenbergs; -unter ihm führte die Zensurgeschäfte der Sektionschef Geh. -Staatsrat Küster, und als Zensoren arbeiteten der Geh. -Finanzrat von Hüttel und für die Zeitungen der Geh. Kriegsrat -Himly.</p> - -<p>Die ganze Masse der nichtpolitischen Literatur wurde dem -Ministerium des Innern und der Polizei zugewiesen, und zwar -dessen erster Sektion, der Abteilung für Kultus und öffentlichen -Unterricht. Die Kollegien, die bisher, jedes selbständig, die -Zensur geübt hatten (Konsistorium, Kammergericht, Medizinalkollegium -und Polizei), schaltete man durch diese Vereinheitlichung -stillschweigend aus, ließ sie aber einstweilen noch weiter amtieren; -nur hatten sie jetzt in schwierigen Fällen die Akten der Kultusabteilung -zur Beschlußfassung vorzulegen.</p> - -<p><span class="pagenum"><a id="Seite_160"></a>[160]</span></p> - -<p>Diese sinngemäße Neuerung schien um so wertvoller, als -der jetzige Minister des Innern, Graf Alexander von Dohna, -ein freisinniger, überlegener Kopf war, und an die Spitze der -Kultusabteilung auf des Freiherrn vom Stein Empfehlung am -20. Februar 1809 kein Geringerer als Wilhelm von Humboldt -trat, der von 1801 bis 1808 in Rom die preußische Diplomatie -glänzend vertreten hatte. Hier kam also einmal der -richtige Mann an die richtige Stelle, und für die liebevoll -schonende Behandlung literarischer Werte schienen nun alle Vorbedingungen -gegeben zu sein.</p> - -<h3>Humboldt als Zensor.</h3> - -<p>Humboldt war von der Überzeugung durchdrungen, daß -»uneingeschränkte Zensurfreiheit das einzig richtige Prinzip« -sei, unter gesetzmäßiger Verantwortlichkeit des Verfassers bzw. -des Verlegers oder Druckers, und daß man »sich diesem Grundsatz -mit der Zeit immer mehr und mehr nähern« müsse. Für -Preußen schien ihm aber diese Zeit noch nicht gekommen. Der -Hochflut von Schmähungen gegen Staat und König in zahllosen -anonymen Flugschriften vaterlandsloser, franzosenfreundlicher -Gesellen müsse man steuern, ebenso den Besserwissern, -die »ohne wahre Kenntniß der politischen Lage, wenn auch aus -patriotischer Gesinnung«, ohne Beruf dazu und ungefragt, ihre -Staatsrezepte veröffentlichten. Das Bewußtsein der eigenen -Verantwortlichkeit wirke nicht »abmahnend« genug, da man zu -sehr »an gelinde und sanfte Maßregeln gewöhnt« sei. Die -Zensur der politischen Schriften, die der Minister des Äußern -von der Goltz ihm sofort antrug, traute er sich selbst nicht einmal -zu; die könne immer nur ein wirkliches Mitglied des Auswärtigen -Amtes führen, das über die gegenwärtige Lage genau -unterrichtet sei; eine bindende Instruktion für die Zensur sei -ja ein Unding, da sie »nach Maßgabe der Zeiten und Umstände -bald mehr, bald weniger strenge sein müsse«.</p> - -<p>Bei dieser schwebenden, immerfort wechselnden Lage der -Zensur wußte auch Humboldt keinen andern Rat, als sich bis -auf weiteres an das Wöllnersche Zensuredikt von 1788 zu -halten und sich bei der »in diesen unbestimmten Grenzen gewährten -Freiheit« der Beurteilung »den allgemeinen und jedesmaligen<span class="pagenum"><a id="Seite_161"></a>[161]</span> -besondern Verhältnissen des Staates mit Gewissenhaftigkeit -und Einsicht anzupassen«. Er verlangte also von -den Zensoren gerade das, was sie niemals leisten konnten. Er -empfahl zwar seinen Untergebenen, das alte Zensuredikt »liberal« -zu handhaben, dabei sollten sie aber die »Mittelstraße« einhalten, -die »nirgend so sehr als bei der Zensur in jetziger -Zeit nothwendig« sei, Vorschriften, die lauter erleuchtete, einem -Humboldt kongeniale »Geschäftsmänner« voraussetzten, nicht -aber Durchschnittsintelligenzen, auf die sich die Staatsmaschine -einstellen muß.</p> - -<p>Während seiner kurzen Amtsdauer konnte sich auch Humboldt -selbst bei Behandlung der Einzelfälle von der ängstlichen -Befangenheit des Neulings nicht freimachen. Der Berliner -Polizeipräsident Büsching, der die Verantwortung für die periodischen -Schriften, die Flug- und Gelegenheitsliteratur, den -polizeilichen Teil der Zeitungen und die Inserate hatte, scheint -seinem neuen Vorgesetzten nicht zu Dank gearbeitet zu haben; -er wurde Anfang April 1809 durch Justus Gruner, den bekannten -Patrioten und Freund Arndts, ersetzt. Ihm empfahl -Humboldt, die Zeitungen und Intelligenzblätter schärfer, die -von »wohlbekannten und bewährten Verfassern« herausgegebenen -Zeitschriften wie die »Berlinische Monatsschrift« nach andern -Grundsätzen zu zensieren. Die Vorrechte der Universitäten und -der Akademie wollte er nicht antasten, aber daß die »Berlinische -Monatsschrift«, weil ihr Herausgeber Biester und die Mehrzahl -ihrer Mitarbeiter Mitglieder der Akademie waren, Zensurfreiheit -habe, wollte er nicht anerkennen; erst nach langen Verhandlungen -gestand er Biester die Selbstzensur seines Blattes zu.</p> - -<p>Auch Humboldts Zensurentscheidungen unterschieden sich nicht -eben von denen seiner Vorgänger und Nachfolger. Der Zensor -vom Auswärtigen Amt von Hüttel legte ihm ein neues Buch -des fruchtbaren Publizisten Friedrich Buchholz vor, »Ideen einer -arithmetischen Staatskunst«, worin Humboldt allerhand Stellen -beanstandete. »Es giebt keine gefährlichere Classe in der Gesellschaft« -als die Bankiers, hatte Buchholz geschrieben; »so -allgemein« gesagt, sei das anstößig, erklärte Humboldt. Der -Ausdruck »Schmutz« von einer »Achtung verdienenden Arbeit -wie dem Ackerbau« könne »nicht geduldet« werden, und ein<span class="pagenum"><a id="Seite_162"></a>[162]</span> -»revolutionärer Zustand« mußte auf seinen Befehl in einen -»unsichern« verwandelt werden.</p> - -<p>Ein anderer Vorfall zeigt, in welchem Kleinkram sich auch -ein Humboldt in seiner Eigenschaft als Zensor erschöpfte. Ein -Graf Kameke veröffentlichte ein Buch über Pferdezucht unter -dem barocken Titel »Der Hengst, wie er sein sollte, ein Gegenstück -zu Elisa, oder das Weib, wie es sein sollte«. Das Buch -»Elisa«, ein Produkt der Aufklärung, hatte seinerzeit ein gewisses -Aufsehen erregt; der Hinweis darauf war also nur ein -Reklamestück des Grafen Kameke oder seines Verlegers. Die -»Gesellschaft der Freunde der Wahrheit« hatte gegen diese -Gegenüberstellung von Weib und Hengst öffentlich protestiert, -und auch Humboldt, der spätere Verfasser der »Briefe an eine -Freundin«, fand sie begreiflicherweise unpassend. Obgleich er -nun stets hervorhob, daß die Zensur »keine Rezension« sei, ließ -er dem Zensor, der sich an dem geschmacklosen Titel nicht gestoßen -hatte, dem Kammergerichtsrat Müller, einen Verweis -erteilen. Der Kammergerichtspräsident von Kircheisen wollte -aber darüber keine Belehrung annehmen. Die Folge war, daß -Humboldt, der es mit dem Minister Dohna für »auffallend -unpassend« empfand, daß das Kammergericht unter anderm auch -die schöne Literatur beaufsichtigte, diesem Kollegium die Zensur -überhaupt nahm und sie am 31. Mai 1809 dem oben erwähnten -Professor und kgl. Bibliothekar Biester übertrug.</p> - -<p>Trotz solcher Strenge gelang es aber auch Humboldt nicht, -den immer empfindlicher und ängstlicher werdenden König zufriedenzustellen, -und er sorgte daher schnell dafür, dies ärgerliche -Amt wieder loszuwerden. Am 29. April 1810 reichte -er sein Abschiedsgesuch ein und wurde am 14. Juni als Gesandter -nach Wien versetzt.</p> - -<h3>Kleists Ode auf den Wiedereinzug des Königs in -Berlin.</h3> - -<p>Auf die Rückkehr des königlichen Hofes mußten die Berliner -noch ein volles Jahr warten, denn die französischen Besatzungstruppen -waren noch keineswegs ganz aus Preußen zurückgezogen, -und auch als der König endlich am 23. Dezember -1809 von Königsberg wieder nach Berlin übersiedelte, geschah<span class="pagenum"><a id="Seite_163"></a>[163]</span> -dies nur, um dem mißtrauischen Napoleon einen Beweis des -Vertrauens zu geben.</p> - -<p>Das bevorstehende Ereignis begeisterte den Dichter Heinrich -von Kleist zu seiner prächtigen Ode:</p> - -<div class="poetry-container"> -<div class="poetry"> - <div class="stanza"> - <div class="verse indent0">Was blickst Du doch zu Boden schweigend nieder,</div> - <div class="verse indent2">Durch ein Portal siegprangend eingeführt,</div> - </div> -</div> -</div> - -<p class="noind">und er wollte dieses Gedicht im Frühjahr 1809 in Berlin als -Flugblatt drucken lassen. Der neue Polizeipräsident Gruner -mußte aber am 24. April das Imprimatur verweigern.</p> - -<div class="poetry-container"> -<div class="poetry"> - <div class="stanza"> - <div class="verse indent0">Blick auf, o Herr! Du kehrst als Sieger wieder,</div> - <div class="verse indent0">Wie hoch auch jener Cäsar triumphirt –</div> - </div> -</div> -</div> - -<p class="noind">dieser Hinweis auf Napoleon war zu gefährlich, und ebenso -die Andeutung der dritten Strophe von einer künftigen neuen -Erhebung Preußens gegen das französische Sklavenjoch:</p> - -<div class="poetry-container"> -<div class="poetry"> - <div class="stanza"> - <div class="verse indent0">Und müßt' auch selbst noch auf der Hauptstadt Thürmen,</div> - <div class="verse indent0">Der Kampf sich für das heil'ge Recht erneu'n.</div> - </div> -</div> -</div> - -<p>Erst anderthalb Jahre später wagte Gruner die Druckerlaubnis -für das Gedicht zu erteilen; es erschien am 5. Oktober -1810 in Kleists »Berliner Abendblättern«.</p> - -<h3>Friedrich Schlegels »Gelübde«.</h3> - -<p>Ebenfalls zu Anfang des Jahres 1809 dichtete Friedrich -Schlegel sein »Gelübde«:</p> - -<div class="poetry-container"> -<div class="poetry"> - <div class="stanza"> - <div class="verse indent0">Es sey mein Herz und Blut geweiht,</div> - <div class="verse indent0">Dich Vaterland zu retten.</div> - <div class="verse indent0">Wohlan, es gilt, du seyst befreit;</div> - <div class="verse indent0">Wir sprengen deine Ketten!</div> - <div class="verse indent0">Nicht fürder soll die arge That,</div> - <div class="verse indent0">Des Fremdlings Übermuth, Verrath,</div> - <div class="verse indent0">In deinem Schooß sich betten.</div> - <div class="verse indent14">usw.</div> - </div> -</div> -</div> - -<p>Die Verse bildeten den Schluß der Sammlung »Gedichte« -von Friedrich Schlegel, die unmittelbar darauf bei J. E. Hitzig in -Berlin erschien. Der zuständige Zensor scheint keinen Anstoß daran -genommen zu haben, und das Buch wurde schon ausgegeben, -als der Polizeipräsident Gruner dahinterkam und schleunigst<span class="pagenum"><a id="Seite_164"></a>[164]</span> -aus den noch vorhandenen Exemplaren das bedenkliche Schlußblatt -(S. 387 f.) und zugleich das verräterische Inhaltsverzeichnis -entfernen ließ. Ein Teil der Bücher war aber schon -nach Leipzig geschafft worden und entging dieser Verstümmelung.</p> - -<h3>Schicksale eines Kriegsliedes.</h3> - -<p>Während Preußen, blutend an Haupt und Gliedern, noch -zähneknirschend das Joch der französischen Sklaverei tragen -mußte, raffte sich Österreich zu neuem Widerstande auf. Am -9. April 1809 erklärte es Napoleon abermals den Krieg. Zu -diesem Anlaß schrieb der Wiener Dichter Ignaz Franz Castelli -sein »Kriegslied für die österreichische Armee«:</p> - -<div class="poetry-container"> -<div class="poetry"> - <div class="stanza"> - <div class="verse indent0">Hinaus, hinaus, mit frohem Muth!</div> - <div class="verse indent4">Hinaus in's Feld der Ehre,</div> - <div class="verse indent0">Damit der Feinde Übermuth</div> - <div class="verse indent0">Nicht uns'rer Brüder Hab' und Gut</div> - <div class="verse indent4">Und unser Land verheere …</div> - </div> -</div> -</div> - -<p class="noind">und so weiter in lauterstem Patriotismus.</p> - -<p>Die Verse gingen in zahllosen Abschriften von Hand zu -Hand, und um sie drucken zu lassen, legte sie Castelli der -Zensurstelle vor. Als er nach einiger Zeit persönlich aufs Amt -ging, um sein Manuskript abzuholen, erhielt er es zurück mit -dem Vermerk: »Kann gedruckt werden, wenn der erste Schuß -geschehen sein wird.«</p> - -<p>Auf dem Heimwege traf er einen Freund, der ihm ein -soeben gekauftes – gedrucktes und mit dem Namen des Dichters -unterzeichnetes Exemplar ebenjenes Kriegsliedes überreichte.</p> - -<p>Ein zweiter Zensor hatte einem Fabrikanten, der eine Abschrift -der Verse eingereicht hatte, die Erlaubnis zum Druck -gegeben, die sein Kollege dem Dichter selbst fürs erste verweigerte!</p> - -<p>Kurz darauf ließ Erzherzog Karl Castellis Gedicht in -mehreren Hunderttausend Exemplaren drucken und unter seine -Soldaten verteilen. Als infolgedessen Abdrücke davon bei österreichischen -Gefangenen gefunden wurden, erklärte Napoleon den -Verfasser in die Acht, und dieser hätte das Schicksal Palms -erlitten, wenn er dem Allgewaltigen in die Hände gefallen wäre.</p> -<hr class="chap" /> - -<div class="chapter"> -<p><span class="pagenum"><a id="Seite_165"></a>[165]</span></p> - -<h2 class="nobreak" id="kap09">9. Ein Opfer der Zensur.</h2> -</div> - -<h3>Hardenbergs Maske.</h3> - -<p>Napoleons zweiter Einzug in Wien schon am 13. Mai 1809, -sein entscheidender Sieg bei Wagram am 5. und 6. Juli und -der Friede zu Schönbrunn am 14. Oktober, der Österreich über -100000 Quadratkilometer seines Landes kostete, war für das -gedemütigte Preußen eine nachdrückliche Warnung, sich so gut -es ging auf den Trümmern der Vergangenheit wieder einzurichten -und alles zu vermeiden, was aufs neue den Zorn -des übermächtigen Korsen herausfordern konnte. Die Preßfreiheit -war auch in Frankreich längst nur eine falsche Flagge; -sie wurde jetzt eingezogen, indem Napoleon am 5. Februar 1810 -die Zensur wieder einführte und ein großzügiges Generaldirektorium -für die Buchdruckereien und den Buchhandel errichtete, -mit dem Grafen Pourtales an der Spitze, zahllosen Zensoren, -geheimen Instruktionen usw. Da Preußen seine Empfindlichkeit -gegenüber vorlauten Skribenten ausgiebig erfahren hatte, -befürchtete es nicht mit Unrecht von diesem französischen Generaldirektorium -eine noch schärfere Beaufsichtigung der Presse.</p> - -<p>Am 10. Juni 1810 trat Hardenberg, von Napoleon gnädig -geduldet, wieder an die Spitze des Ministeriums, und nun vollendete -sich die übermenschliche Arbeit des Neubaus des preußischen -Staates, die Steins und Hardenbergs Namen unsterblich -gemacht hat.</p> - -<p>Die herrschende Aufregung, das trotz des Friedens gespannte -Verhältnis zu den Franzosen und das immer wache Mißtrauen -Napoleons durch freie Meinungsäußerung noch zu verschärfen, -glaubte Hardenberg nicht wagen zu können, und daher ging er -sogleich an eine neue Einrichtung der Zensur. Die Abteilung des -Kultus mußte die Zensur der nichtpolitischen Schriften an die -andere Sektion im Ministerium des Innern, die Polizei, wieder -abgeben, und wo auch nur die Spur einer Kritik an den jetzigen -Staatsumwälzungen vorlag, trug der Sektionschef Sack persönlich -die Verantwortung. Hardenberg bescherte dem Volke zwar am<span class="pagenum"><a id="Seite_166"></a>[166]</span> -2. November 1810 die Gewerbefreiheit, aber die Begründung -neuer Zeitungen nahm er ausdrücklich davon aus. Denn am -3. August hatte Napoleon befohlen, daß in jedem Departement -des Kaiserreichs nur noch <em class="gesperrt">eine</em> politische Zeitung erscheinen -dürfe, und die Erwartung ausgesprochen, daß alle seine Verbündeten -ebenso verfahren würden. Gehörte Preußen auch nicht -gerade zu den Rheinbundfürsten, so hütete es sich doch, den -Wünschen des Kaisers ausdrücklich zuwiderzuhandeln, bemühte -sich vielmehr, den »Großmogul« bei guter Laune zu halten. -Ihm mit der rächenden Waffe entgegenzutreten, dazu war die -Kraft noch gelähmt, dazu bedurfte man noch einiger Jahre beschämender -Neutralität, die wohl oder übel den anwedelt, der -die Macht hat. Dieser kommenden Freiheitsstunde arbeiteten -rettende Mächte in vorsichtiger Stille entgegen.</p> - -<p>Ohne schärfste Überwachung der gesamten einheimischen Literatur -ging es da nicht ab, und so mußte sich notgedrungen -Hardenbergs Strenge gegen diejenigen wenden, deren heißblütiger -Patriotismus das Schwert gegen den Gewaltherrscher je eher -je lieber wieder ergriffen hätte. Ein unseliges Geschick wollte -es, daß auch einer der größten deutschen Dichter, Heinrich von -Kleist, zu diesen jetzt Verfemten gehörte.</p> - -<h3>Kleists »Abendblätter«.</h3> - -<p>Kleist hatte nach seiner Übersiedlung nach Berlin im Frühjahr -1810 freudige Aufnahme bei der dortigen Patriotengruppe -gefunden, die vorwiegend aus Adligen bestand. Minister von -Altenstein, Steins erster Nachfolger, begünstigte ihn, und der -Königin Luise durfte er zu ihrem Geburtstag am 10. März -ein Huldigungsgedicht überreichen. Vielleicht dieser hohen Protektion -verdankte er die Erlaubnis, mit seinem Freunde Adam -Müller eine Berliner Tageszeitung herauszugeben, die vom -1. Oktober 1810 ab wochentäglich erschien. Im Format fast -eines Gebetbuches und nur vier Seiten die Nummer. Dennoch -ein aussichtsvolles Unternehmen, denn ein täglich erscheinendes -Blatt war damals in Preußens Hauptstadt etwas völlig -Neues.</p> - -<p>Und die Zeitung machte Glück, wenn sie auch nach Wilhelm -Grimms Ausdruck nur ein »ideales Wurstblatt« war.<span class="pagenum"><a id="Seite_167"></a>[167]</span> -Täglich erscheinend, war sie mit neuen Nachrichten schneller zur -Stelle als die schwerfällige Konkurrenz; sie pflegte Kunst und -Theater, die von jener fast ganz vernachlässigt wurden, und -führte in Prosa und Epigrammen eine schneidige Kritik. Ein -lokales Ereignis war außerdem, daß die »Abendblätter« die ersten -Berliner städtischen Polizeiberichte brachten, die der damalige -Polizeipräsident Gruner selbst lieferte.</p> - -<p>So schien sich zum erstenmal dem rast- und glücklos umhergetriebenen -Dichter eine freundlich-sichere Zufluchtsstätte in behaglicher -literarischer Arbeit zu öffnen.</p> - -<h3>Die Zensur der »Abendblätter«.</h3> - -<p>Als unpolitisches Blatt unterlagen die »Abendblätter« nach -der neuesten Vorschrift der Aufsicht des Ministeriums des Innern -und der Polizei, und ihr eigener Mitarbeiter, Polizeipräsident -Gruner, führte die Zensur. Die politische Harmlosigkeit war -aber nur eine wohlüberlegte Täuschung, um der Zensur des -Kriegsrats Himly vom Auswärtigen Amt zu entgehen, und die -beiden Herausgeber wiegten sich in der trügerischen Hoffnung, -diese Maske nach und nach lüften zu können. Das merkte -Himly natürlich sofort, und bald war Kleists Zeitung der -Zankapfel der beiden gleichgeordneten Behörden.</p> - -<p>So töricht war natürlich auch der Patriot Kleist nicht, in -seinem Winkelblättchen Napoleon den Krieg zu erklären. Aber -daß man ihn geradezu zum Bundesgenossen des Übermütigen, -zur Schonung der Rheinbundpolitiker und der ihm verhaßten -vaterlandslosen Gesellen preßte, hatte er nicht erwartet und -ebensowenig geahnt, welcher Stacheldrahtverhau von Rücksichten -ihn von allen Seiten beengen würde. Nach der Besiegung -Preußens und Österreichs ruhten damals die Kämpfe in Mitteleuropa. -Nur die Spanier und Portugiesen erwehrten sich -hartnäckig des französischen Eindringlings, der sie zur Teilnahme -am Krieg gegen England zwingen wollte. Die Rollen -sind heute etwas anders verteilt – das System aber ist das -alte. Gegen England führte Napoleon den unblutigen Krieg -der Kontinentalsperre, um die »Freiheit der Meere« – ein -altes napoleonisches Schlagwort – zu ertrotzen, ein Ziel, das -wir hoffentlich besser erreichen als der Korse vor hundert Jahren.<span class="pagenum"><a id="Seite_168"></a>[168]</span> -Ein großzügiger Pressefeldzug, dessen Schliche heute John Bull -besser versteht als der deutsche Michel, ging nebenher, und die -gesamte Journalistik Europas, soweit die Staaten von der -Gnade des französischen Kaisers abhingen oder sich um sein -Lächeln bemühten, mußten ihn mitmachen. Brachte nun Kleist -eine noch so kleine Notiz über Verluste der Franzosen in Spanien -– flugs beschwerte sich der französische Gesandte beim Minister -des Äußern von der Goltz, und die »Abendblätter« wurden -verwarnt, sich aller Politik zu enthalten, und mußten sich -gleich den beiden andern Berliner Zeitungen bequemen, des -»Moniteur« offizielle französische Lügenpost von lauter Siegen -aufzunehmen. Kein günstiges Wort über England durfte fallen, -mit dem die preußischen Patrioten im gemeinsamen Kampf gegen -Napoleon damals sympathisierten. Schon jede nicht feindliche Erwähnung -Britanniens wurde vom Berliner Zensor gestrichen. Die -Kontinentalsperre und die Vernichtung aller englischen Kolonialwaren -auf dem gesamten Festlande hatten die Preise für Kaffee, -Tee, Zucker usw. genau so wie heute ins Ungemessene gesteigert; -auch das sollte der deutsche Michel wunderschön finden, -und wenigstens in Preußen durfte keine Klage, kein satirischer -Scherz darüber laut werden, dafür sorgte der Rotstift des -Zensors. Manche Anzüglichkeiten dieser Art schlüpften dennoch -durch; Kleist und seine Mitarbeiter lernten bald die Kunst, -zwischen den Zeilen zu – schreiben, woraus sich in den folgenden -Jahrzehnten ein besonderer Zensurstil entwickelte, und -auch der wachsamste Zensor hat seine schwachen Stunden.</p> - -<p>Nicht einmal über die Französische Revolution durften -preußische Politiker ihre Meinung sagen, denn Napoleon war -ja der große Sohn jener Umwälzung. 1793 hatte Friedrich -von Gentz das Werk »<em class="antiqua">Reflections on the Revolution in -France</em>« von Edmund Burke, einem heftigen Gegner der Revolution, -übersetzt und war darüber selbst aus einem Saulus -ein Paulus, ein Anhänger des Bestehenden, geworden. Jetzt, -1810, durfte an solche Dinge nicht erinnert werden.</p> - -<p>Auf diese Extratouren in der äußern Politik hätten die -»Abendblätter« zur Not verzichten können, wenn auch Patrioten -wie Kleist es schwer übers Herz brachten, da Liebe oder nur -Duldung zu heucheln, wo – nach dem Dichter der »Hermannsschlacht«<span class="pagenum"><a id="Seite_169"></a>[169]</span> -– Haß ihr Amt war und ihre Tugend Rache! -Weit verhängnisvoller aber wurden für Kleist die Zusammenstöße -mit Hardenberg als dem auch für die innere Politik verantwortlichen -Staatsmanne.</p> - -<h3>Die Neuorientierung 1810.</h3> - -<p>Neuorientierung war 1810 auch in der innern Politik die -Losung des Tages. Aber damals ging sie etwas tiefer, als -sie heute, trotz Parlamentarismus und ähnlichen Schlagwörtern, -überhaupt noch gehen kann. Die Leibeigenschaft, die in den -ländlichen Bezirken noch vorherrschte, wurde beseitigt, der Bauer -von Hörigkeit und Frondienst befreit und der Adel eines Teils -seiner Vorrechte beraubt, um dem tüchtigen Bürgertum freie -Bahn zu schaffen; die Städte und Gemeinden erhielten Selbstverwaltung, -wodurch der alte Beamtenstaat aufgehoben und der -Begriff des Staatsbürgertums erst lebendig wurde. Die Verwaltung -bis hinauf zu den Ministerien, die bis dahin noch -nicht in Fachministerien geschieden waren, wurde von der Wurzel -aus neu organisiert und die innerpolitische Verfassung Preußens -nach dem Entwurf des Freiherrn vom Stein völlig reformiert. -Hardenberg war vor allem die schwierige finanzpolitische Lösung -des Verwaltungsproblems vorbehalten, und er führte sie -glänzend durch. Auch damals waren ungezählte Milliarden -aufzubringen, zum großen Teil zur Bezahlung der ungeheuern -Kriegskontributionen, die Napoleons Übermut dem geschwächten -Preußen abpreßte. Welche Steuerbuketts regneten damals auf -die verarmte Bürgerschaft herab! Grundsteuer, Gewerbesteuer, -Luxussteuer, Konsumtionssteuer – niemand war vor dem -Klingelbeutel des Fiskus sicher. Die geistlichen Güter wurden -säkularisiert, Domänen verkauft, und durch diese beispiellose -neue Steuerorganisation gelang es wirklich, den Staatsbankerott, -den Österreich erlitten hatte, von Preußen abzuwenden und den -französischen Usurpator an weiteren Übergriffen zu verhindern.</p> - -<p>Der Adel aber murrte über seine Entrechtung, der Grundbesitz -jammerte über seine Vernichtung, das Militär knirschte -mit den Zähnen über die allzu lange Geduld des obersten -Kriegsherrn. Hardenbergs Finanzedikt vom 27. Oktober 1810 -hatte obendrein den Beginn einer Parlamentisierung verheißen,<span class="pagenum"><a id="Seite_170"></a>[170]</span> -eine »zweckmäßig eingerichtete Repräsentation«, und da seine -sämtlichen Reformen den freihändlerisch-liberalen Geist des englischen -Nationalökonomen Adam Smith atmeten, des Begründers -der modernen Nationalökonomie, so führte er sie durch im notgedrungenen -Einverständnis zwar mit seinem königlichen Herrn, -aber im schärfsten Gegensatz zu denen, die sich als die Paladine -des Thrones zu betrachten gewöhnt waren.</p> - -<h3>Adam Müller – Kleists Verhängnis.</h3> - -<p>In diese innerpolitischen Kämpfe griff nun Kleist als Herausgeber -der »Abendblätter« ein. Er selbst schrieb nicht eigentlich -politische Leitartikel. Das besorgte Adam Müller, und dieser -stand mit seiner Überzeugung ganz auf Seiten der starr konservativen -Elemente, deren Weltanschauung der Oberstleutnant -von Ompteda, auch ein Mitarbeiter der »Abendblätter«, einmal -dahin formulierte: »Wenn Voltaire sehr früh in die Bastille -gesetzt und darin vergessen, Rousseau von Frau von Warens -in einem Narrenhospitale versorgt und Basedow im Schuldturme -festgehalten worden wäre, sähe es höchst wahrscheinlich in Frankreich, -Deutschland und dem übrigen Europa ganz anders, und -besser aus.« Zwei politische Richtungen bekämpften damals -einander bis aufs Blut; die eine, die Preußen als ausgesprochenen -Agrarstaat erhalten wollte; die andere, die nach dem -neuen Evangelium Adam Smiths Freihandel, freie Konkurrenz -und ungehemmteste Entwicklung aller wirtschaftlichen Kräfte -ohne Vorrechte und Monopole als Losung des modernen Weltbürgers -ausgaben. Hardenbergs Finanzreform empfand die -preußische Junkerpartei, der Adel, die Agrarier und das Militär, -als eine unmittelbare Fortsetzung der Französischen Revolution. -Dagegen aufzutreten hielten sie für ihre vaterländische -Pflicht; das Ansehen des altpreußischen Königtums glaubten sie -durch diese Neuorientierung erschüttert; ihm auch gegen den -Willen des Herrschers die Treue zu halten, waren sie fest entschlossen. -Müller aber fühlte sich als der literarische Vertreter -dieser Partei, und in den »Abendblättern« dachte er diesen -Kampf auszufechten. Bald stand er in heller Opposition gegen -den Staatskanzler und mußte der neugegründeten Zeitung und -seinem Freunde Kleist zum Verhängnis werden.</p> - -<p><span class="pagenum"><a id="Seite_171"></a>[171]</span></p> - -<h3>Die Opposition gegen Hardenberg.</h3> - -<p>Hardenbergs Lage war die der heutigen Regierung. Das -Staatsgebäude sollte, ohne vollständig niedergerissen zu werden, -ein neues Fundament erhalten. Eine Erschütterung konnte -katastrophale Folgen haben. Ruhe innen und außen schien unbedingte -Notwendigkeit. Der neue Weg war einmal beschritten, -die Reform auf dem Marsche, der König hatte sein Jawort -dazu gegeben. Eine öffentliche Debatte über das schon Beschlossene -konnte nur verwirren; von einer vorberatenden Mitarbeit -irgendwelcher Volksvertreter war ja in Ermangelung -jeder parlamentarischen Form überhaupt nicht die Rede, und -Zeitungen, die eine ausgesprochene Parteipolitik trieben, wozu -sich jetzt die angeblich unpolitischen »Abendblätter« anschickten, -waren eine zu neue Erscheinung, als daß eine ernsthafte Auseinandersetzung -mit ihnen in Frage gekommen wäre.</p> - -<p>Nach einigen vorbereitenden Plänkeleien nahm Adam Müller -in einem Aufsatz »Vom Nationalcredit« (Nr. 41 der »Abendblätter« -vom 16. November) den Kampf gegen das Finanzedikt -mit aller Schärfe auf, und Gruner ließ den Artikel unbeanstandet -durch. Sofort (18. November) erhielt sein Vorgesetzter -im Ministerium des Innern, Geh. Rat Sack, eine von -Hardenberg selbst entworfene Kabinettsorder, die ihm persönlich -die strengste Zensur derartiger Blätter, Zeit- und Flugschriften, -auferlegte, die »so allgemein vom Publikum gelesen« würden; -es gäbe jetzt nichts Schädlicheres, als wenn durch »dergleichen -hingeworfene ganz unreife Aufsätze« Mißtrauen gegen die Maßregeln -der Regierung erweckt werde; dem bisherigen Zensor scheine -die richtige Beurteilung dafür zu mangeln, daß solche Artikel in -den »Abendblättern« »gar sehr am unrechten Orte« seien.</p> - -<h3>Heinrich von Kleist und die Würde der Presse.</h3> - -<p>Wohin seines Freundes Polemik gegen den allmächtigen -Minister führen mußte, sah Kleist deutlich voraus. Ließ er -Müller noch einmal in jenem Sinne zu Worte kommen, so -war das Schicksal der »Abendblätter« und damit sein eigenes -besiegelt. Er stand aufs neue vor dem Nichts, denn was ihm -seine Dichtungen eintrugen, reichte kaum aus, seinen Barbier -zu bezahlen. Seine starken Gegenwartsstücke, »Prinz Friedrich<span class="pagenum"><a id="Seite_172"></a>[172]</span> -von Homburg« und »Die Hermannsschlacht«, lagen fertig in seinem -Pult; aber kein Theaterdirektor und kein Verleger wagten sich -daran, die Zensur hätte diesen Überschwang des Patriotismus -mit allen Mitteln niedergehalten. Das Recht zu leben nahm -der Dichter aber noch für sich in Anspruch, und dazu sollten ihm -die »Abendblätter« dienen. Hier vollzog sich nun eine psychologische -Wendung, die der für ihren Helden eintretenden Kleistforschung -immer einige Verlegenheit bereiten wird. Zweifellos -waren die Auffassungen von der Würde der Presse damals noch -sehr primitiv; das mag jeden andern vielleicht entschuldigen, -aber auch Kleist? Kurzum, er wußte sich, um den Bestand -der »Abendblätter« zu sichern, nicht anders zu helfen, als daß -er sein Blatt der Regierung als offizielles Organ antrug. -Hardenberg erklärte sich zu einer nicht näher bezeichneten Unterstützung -bereit, wenn das Blatt »zweckmäßig« geleitet werde. -Was er darunter verstand, war klar: völliges Aufgeben aller -Selbständigkeit und unbedingtes Eintreten für die Regierung.</p> - -<p>Für diese Aufgabe seiner Selbständigkeit wollte Kleist -den offiziellen Charakter seiner Zeitung öffentlich anerkannt -sehen. Dagegen wieder sträubte sich Hardenberg, der als kluger -Staatsmann wußte, daß die »Liebe des freien Mannes« ganz -anders wirkt als die des erwiesenen journalistischen Söldners. -Die Verhandlungen darüber zogen sich zwei Monate hin. Kleist -duldete, daß die Regierung seine Zeitung mit offiziellen Beiträgen -überschwemmte, und mußte sich gefallen lassen, daß die -Zensur in dieser Zeit mehr als die Hälfte aller seiner Artikel -strich. Dabei konnte er es sich doch nicht versagen, eine verschleierte -Opposition fortzusetzen, jetzt unter der Maske des -Lobes, wofür ihm Hardenberg schwerlich Dank wußte.</p> - -<p>Dennoch kam ihm dieser so weit entgegen, daß er allen -ministeriellen Departements empfahl, die »Abendblätter« mit -amtlichen Nachrichten zu versehen. Aber er hatte mehr versprochen, -als er halten konnte, und war sich der rechtlichen -Konsequenz dieses Schrittes offenbar selbst nicht bewußt gewesen.</p> - -<h3>Eine Zensurverfügung gegen Kleists »Abendblätter«.</h3> - -<p>Sobald Kleists »Abendblätter« durch ministerielle Beiträge -innerpolitischer Art offen unterstützt wurden, traten sie in Konkurrenz<span class="pagenum"><a id="Seite_173"></a>[173]</span> -mit den beiden andern politischen Berliner Tageszeitungen, -die ein unantastbares Privileg besaßen. Die privilegierten -Zeitungen schlugen denn auch sofort Lärm, als Kleist -am Ende des ersten Quartals die politische Neugestaltung seines -Blattes voreilig bekanntmachte. Der Zensor Himly nahm sich ihrer -pflichtgemäß an, und die Verhandlungen mit Hardenberg liefen -urplötzlich auf das Gegenteil dessen hinaus, was Kleist nach -den ebenso vorschnellen Versicherungen des Kanzlers hatte erwarten -dürfen: am 29. Dezember 1810 wurde ihm die Aufnahme -politischer Originalartikel ein für allemal untersagt! -Man verwies ihn ausschließlich auf das, was die »Vossische« -und »Spenersche« an politischem Material unter ordungsgemäßer -Zensur Himlys bringen würden.</p> - -<p>Die Verzweiflung Kleists über dieses Fehlschlagen seiner -Hoffnungen ist begreiflich. Sein Blatt war dadurch tatsächlich -schon ruiniert. Womit sollte er einen neuen Leserkreis gewinnen? -Den früheren hatte er zum größten Teil eingebüßt -mit dem Augenblick, als er die Spalten der »Abendblätter« -Hardenberg zur Verfügung stellte; selbst den nächsten Freunden -war ihre Haltung »verächtlich« geworden, ihr Kredit -war dahin, und ihr Absatz hatte so stark nachgelassen, daß -es Mühe kostete, sie für das zweite Quartal bei einem -andern Verleger unterzubringen; der erste, Hitzig, hatte schleunigst -seine Hand davon abgezogen, als sie keinen Gewinn mehr -versprachen.</p> - -<h3>Die Vernichtung der »Berliner Abendblätter«.</h3> - -<p>Aber konnte Kleist, wenn ihm die äußere und innere Politik -verschlossen war, aus den »Abendblättern« nicht wenigstens -ein gutes Unterhaltungsblatt schaffen? Auch dieses hat ihm -Hardenberg unmöglich gemacht! Läßt sich in politischer Beziehung -des Staatskanzlers Vorgehen begreifen – entschieden -ins Unrecht setzte er sich dadurch, daß er den »Abendblättern« -auch das weite allgemein kulturelle Gebiet der Kunst, Literatur -und Wissenschaft verschloß, auf dem sie sich erfolgreich hätten -betätigen können. Es sollte auch in diesen Dingen keine Ansicht -laut werden, die den gerade an maßgebender Stelle herrschenden -widerstritt. Kleist aber und seine Freunde gehörten<span class="pagenum"><a id="Seite_174"></a>[174]</span> -zu den Pechvögeln, denen es nun einmal nicht gegeben ist, -ihren Flug dem gerade herrschenden Winde anzupassen.</p> - -<p>Zu der damaligen innern Reform Preußens gehörte die Neueinrichtung -der Volksschule nach dem System Pestalozzis. Kleist -und seine Standesgenossen waren keine Freunde des Schweizer -Pädagogen; ihr aristokratisches Empfinden sträubte sich gegen -sein internationales Gleichheitssystem und verlangte im Gegensatz -dazu nationale und individuelle Erziehung. Solche Probleme -hätten sich, sollte man meinen, doch wohl öffentlich erörtern -lassen. Weit gefehlt! Die Zensur duldete das nicht. -Ein erster Artikel von Adam Müller über die neu gegründete -Berliner Universität hatte sogleich den heftigsten Anstoß erregt – -Grund genug für den Zensor, auch diese Debatte zu verbieten. -Kleist und seine Freunde glaubten bei der Besetzung der Lehrstühle -ein Wort mitreden zu dürfen – man schloß ihnen den -Mund. Ein Nachruf auf den 1810 in München gestorbenen -Physiker Ritter wurde gestrichen, denn die Regierung empfand -es als einen unbequemen Vorwurf, wenn der Wahrheit gemäß -gesagt werden mußte, daß Ritter einer von den geborenen -Preußen war, die wie Winckelmann, Herder, Fernow und andere -im Vaterlande nichts gegolten und dem Ausland ihre Dienste -hatten widmen müssen. Die Leitung der Berliner Kunstakademie -konnte den Romantikern der »Abendblätter« wenig gefallen; -flugs gehörte auch dieses Thema zu den verpönten. Schlechterdings -überall stießen sie auf ein <em class="antiqua">Noli me tangere</em>, und selbst -eine alberne Lokalnachricht über eine Studentenschlägerei brachte -sie in Konflikt mit der Universitätsverwaltung; es half ihnen -nichts, daß die Notiz aus dem Büro des Polizeipräsidenten -selbst stammte, sie hatten den Nachteil.</p> - -<h3>»Rad und Wagenschmiere.«</h3> - -<p>Ihren Höhepunkt erreichte diese Gewaltherrschaft der unmittelbar -von Hardenberg beeinflußten Zensur bei Behandlung -der Theaterkritik. An der Spitze des Berliner Hoftheaters -stand noch immer Iffland, gegen dessen ganze Richtung die -Romantiker und Patrioten aus ästhetischen und Standesrücksichten -Front machten. Kleist war obendrein gegen Iffland persönlich -gereizt, da er nicht einmal sein »Käthchen von Heilbronn«<span class="pagenum"><a id="Seite_175"></a>[175]</span> -aufführte; strenge Objektivität von einem Dichter in solcher -Lage zu verlangen, ist eine übermenschliche Forderung. Gegen -Iffland führten also die »Abendblätter« einen lustigen Kleinkrieg -mit Ernst und Satire. In dem Punkte sind alle Theaterdirektoren -empfindlich und ebensowenig objektiv. Zufällig kam -es am 26. November 1810 bei der zweiten Aufführung von -Weigls »Schweizerfamilie« zu einem solennen Theaterskandal; -die Darstellerin der Hauptrolle paßte einer Klique von Offizieren -nicht. Auch Kleist hatte sich in diesem Sinne ausgesprochen, -was sein gutes Recht war. Die Vorstellung wurde -durch laute Mißfallensäußerungen unterbrochen. Iffland beschwerte -sich, drohte mit Abdankung; eine Untersuchung des Vorfalls -hatte den Erfolg, daß etliche der militärischen Kunstenthusiasten -aus der Stadt verwiesen wurden – gewiß ein -warnendes Exempel, denn die Herren wohnten in Charlottenburg! -Die »Abendblätter« aber waren wieder das »Karnickel«. -Ob Iffland, der sich bei seinem früheren persönlichen Konflikt -mit Kleist wegen des »Käthchens von Heilbronn« tadellos gegen -den Dichter benommen hat, zu der Maßregelung der »Abendblätter« -selbst den Anstoß gab, ist nicht erwiesen, liegt aber -nahe und wäre menschlich verständlich, hatte er doch schon 1803 -das Verbot aller Theaterkritiken gefordert, dem sich der Zensor -Renfner mit Recht widersetzte. Nicht verständlich aber ist, daß -die Zensurbehörde 1810 seiner Empörung nicht den nötigen -Dämpfer aufsetzte, sondern im Gegenteil seine Sache zur ihren -machte und unmittelbar darauf, Anfang Dezember, der Zeitung -Kleists und – des bessern Aussehens wegen – auch dem -ganz ungefährlichen Unterhaltungsblatt »Der Freimüthige« die -weitere Führung der Berliner Theaterkritik ein für allemal -untersagte! Unter Hardenbergs Regime duldete man es also -nicht, daß ein Journalist und Dichter wie Kleist über die -Führung des Königlichen Hoftheaters eine andere Meinung hatte -als der amtierende Theaterdirektor selbst! Arnim hatte gewiß -nicht unrecht, wenn er den Witz machte, Iffland und Hardenberg -hingen »wie Rad und Wagenschmiere« zusammen. Drei -Jahre später stellte derselbe Iffland wieder den Antrag, alle -Kritiken über Neuaufführungen bis nach der dritten Vorstellung -zu verbieten. Diesmal aber erhielt er die Antwort, das widerstreite<span class="pagenum"><a id="Seite_176"></a>[176]</span> -»der Freiheit des Urteilens«. Aber 1810 ließ man -sich um diese Freiheit des Urteils noch keine grauen Haare -wachsen, sondern hing dem unbequemen Kritiker einfach den -Maulkorb um und fragte nicht danach, ob durch solch ein radikales -Verbot eine Zeitung wie die »Abendblätter« und mit -ihr der Herausgeber zugrunde gingen.</p> - -<h3>Kleists Ende.</h3> - -<p>Und mit ihr der Herausgeber! Davon ist nichts abzuwaschen! -Daß Kleist völlig mittellos war, steht fest. Das -einzige Unternehmen, durch das er sich über Wasser halten -konnte, brach zusammen. In seiner Verzweiflung verlangte er -vom Staatskanzler Entschädigung für die Zugrunderichtung der -»Abendblätter«; die Verhandlungen darüber unter Vermittlung -des ebenfalls über ihn aufgebrachten Regierungsrats Friedrich -von Raumer, des bekannten Historikers, der später selbst sehr -viel von der Zensur auszustehen hatte, gehören zu den unerfreulichsten -Momenten in Kleists Leben. Der Stil, mit dem -man solche Gesuche aufsetzt, war Kleist nicht gegeben. Er erreichte -natürlich nichts. Ende März 1811 stellten die »Abendblätter« -ihr Erscheinen ein, und sieben Monate später fand -man ihren Herausgeber mit durchschossener Schläfe dort, wo -heute – am kleinen Wannsee bei Berlin – sein Grab eine -heilige Stätte geworden ist.</p> - -<p>Der Fall Kleist steht durch die Bedeutung seines Opfers -und die Tragik seines Abschlusses vereinzelt da. Aber nur dadurch! -Denn er war leider der Anfang eines ganzen Systems. -Man mag zur Romantik und selbst zu Kleists Poesie stehen -wie man will, das eine läßt sich nicht bestreiten: die »Abendblätter« -waren ein ernsthafter Versuch, mit bescheidenen äußeren -Mitteln in Berlin ein populäres Blatt zu begründen, das die -Weltanschauung einer modernen Literaturbewegung zum Ausdruck -brachte und zugleich das Organ einer politischen Partei -sein wollte. Der Versuch wäre gelungen, er hatte vom ersten -Tage an einen kaum erwarteten großen Erfolg. Die preußische -Zensur erstickte ihn durch ihre unfaßbare Willkür. Das literarische -Sündenregister der preußischen Zensur setzt damit vielversprechend -ein und erreicht bis 1848 eine erschreckende Länge.<span class="pagenum"><a id="Seite_177"></a>[177]</span> -Was war die Folge? Die Berliner Zeitschriftenliteratur sank -auf einen Tiefstand, der durch nichts zu unterbieten war. Der -schale Witz und die persönliche Skandalsucht wurden Trumpf -in der dortigen Presse, nur auf solchem von der Zensur bereiteten -Boden konnte eine Giftpflanze wie der berühmte Humorist -Saphir gedeihen, dieser Revolverjournalist <em class="antiqua">par excellence</em>, der -in den zwanziger Jahren dort Triumphe feierte und den Geschmack -für ein Menschenalter verdorben hat. Auf diese Weise -vernichtete die Literatur sich schließlich selbst, und der Zensor -konnte ruhig schlafen!</p> - -<h3>Die Verherrlichung des Selbstmords.</h3> - -<p>Noch der tote Kleist sollte der Zensurbehörde eine Verfügung -des Königs bringen.</p> - -<p>Der Berliner Kriegsrat Peguilhen, dem Kleist und seine -Freundin einige Besorgungen aufgetragen, spielte sich als Freund -und Testamentsvollstrecker des Dichters auf und veröffentlichte -in der »Vossischen Zeitung« eine alberne Verherrlichung des -Selbstmordes Kleists. Darauf erließ der König am 27. November -1811 eine Kabinettsorder, worin es hieß:</p> - -<p>»Wenn es jedem, dessen sittliches Gefühl erstorben ist, -freystehen soll, seine verkehrten Ansichten in Blättern, die in -jedermanns Hände kommen, laut und mit anmaßender Verachtung -Besserdenkender zu predigen; so werden alle Bemühungen, -Religiosität und Sittlichkeit im Volke neu zu beleben, vergeblich -seyn, indem der Glaube an das einstimmige Zeugnis jedes -unverdorbenen Herzens verdächtig gemacht, das moralische Urtheil -verwirrt, und die Kraft des Volkes im innersten Lebenskeime -vergiftet werden.«</p> - -<p>Der König befahl daher, diese seine Meinung gehörigen -Orts aufs nachdrücklichste einzuschärfen, »damit überhaupt bey -der Aufsicht auf die öffentlichen Blätter, der Mißbrauch derselben -zur Verbreitung der Immoralität aufs sorgfältigste verhütet -werde«, und dem Zensor der Zeitung einen ernstlichen Verweis -zu erteilen. Außerdem befahl er, die Schrift über den Tod -Kleists, die Peguilhen gleichzeitig angekündigt hatte, nicht zum -Druck zu verstatten. – Sie erschien denn auch damals nicht, -sondern wurde erst zweiundsechzig Jahre später veröffentlicht.</p> -<hr class="chap" /> - -<div class="chapter"> -<p><span class="pagenum"><a id="Seite_178"></a>[178]</span></p> - -<h2 class="nobreak" id="kap10">10. Bürokratie und Militarismus.</h2> -</div> - -<div class="epigraph"> -<div class="poetry"> - <div class="stanza"> - <div class="verse indent0">Ach, Herr! Gesegn' uns Wein und Brot,</div> - <div class="verse indent0">Und schlage den Napoleon tot,</div> - <div class="verse indent0">Durch uns und mit uns, Amen!</div> - </div> -</div> - -<p class="right"> -Altes Soldatenlied. -</p> -</div> - -<h3>Die Flucht der Patrioten.</h3> - -<p>Das Jahr 1812 ist das am tiefsten beschämende der Geschichte -Preußens. Am 24. Februar mußte der König mit -Napoleon ein förmliches Bündnis schließen und ebenso wie -Österreich zu dem bevorstehenden Feldzug gegen Rußland Hilfstruppen -stellen. Im Mai versammelten sich die deutschen -Fürsten in Dresden zur Huldigung vor dem Imperator; dann -kam dieser als gefeierter Gast seines »allergetreuesten Bundesgenossen« -nach Berlin, und starke französische Besatzungen in -der Hauptstadt und in den Festungen sorgten dafür, daß auch -nach dem Durchzug der französischen Truppen nach Rußland -kein Wort des Mißfallens laut wurde. Den neuen Minister der -höheren Polizei, den reaktionären Fürsten zu Sayn-Wittgenstein, -Oberkammerherrn des Königs, und den ebenfalls neuen Minister -des Innern, von Schuckmann, hatte sich der französische Gesandte -selbst ausgesucht. Der »Moniteur« allein gab in Preußen den -Ton an, und von den deutschen Fürsten hatte nur Herzog Karl -August den Mut, sich zu verbitten, daß französische Lügen in -preußischen Zeitungen als Nachrichten aus Weimar umgingen.</p> - -<p>Nebst andern Patrioten wie Gneisenau und Clausewitz -hatte auch Gruner sofort nach dem Bündnis mit Frankreich -sein Amt niedergelegt und war nach Österreich gegangen, wo -er mit dem Freiherrn vom Stein den geheimen Minenkrieg und -die Erhebung Deutschlands gegen Napoleon organisierte und vor -allem die literarische Offensive durch Flugschriften und Aufrufe -vorbereitete.</p> - -<h3>Der Umschwung.</h3> - -<p>Gruners Nachfolger seit dem 10. März 1812 wurde der -Kurator des Büros im Staatskanzleramte, Geh. Staatsrat<span class="pagenum"><a id="Seite_179"></a>[179]</span> -Friedrich von Bülow, ein Verwandter und damaliger Vertrauter -Hardenbergs; Himly führte jetzt die Zensur der historisch-politischen -Schriften, und der Geh. Legationsrat Jordan verwaltete -mit großer Strenge die Zensur der Zeitungen. Als -er am 22. Januar 1813 mit dem Könige, der sich bei dem -beginnenden Umschwung den Fängen der Franzosen entzog, -nach Breslau abging, wurde wieder der seit 1792 bewährte -Staatsrat Renfner sein Nachfolger. Auch dieser sorgte nach -dem Willen des abwesenden Staatskanzlers und der ihn vertretenden -Oberregierungskommission mit von der Goltz an der -Spitze dafür, daß durch keine Entgleisung der öffentlichen Aussprache -das gute Verhältnis zu den Franzosen getrübt wurde. -Alle französischen Siegesbulletins mußten die Berliner Zeitungsleser -über sich ergehen lassen, von dem Strafgericht, das in -Rußland über Napoleon hereinbrach, erzählten nur durchgeschmuggelte -Privatnachrichten und Gerüchte, das grausige -Elend des Rückzugs der großen Armee aus Rußland trat den -Berlinern erst leibhaftig vor Augen, als die zerlumpten Reste -durch die Stadt fluteten, den Brand von Moskau und ähnliche -Vorfälle kannte man nur in französischer Beleuchtung, und die -Nachricht von der Konvention von Tauroggen (30. Dezember) -ließ die Berliner Zensur erst am 19. Januar durch, zugleich -mit der Nachricht von der Absetzung des Generals von York -und der strengen Verleugnung seiner Tat durch den König. -Schleiermacher, der schon von der Ungültigkeit erzwungener Verträge -zu predigen begann, wurde noch am 3. Januar 1813 -unter Aufsicht gestellt. Der Aufruf zur Bildung von Freiwilligenkorps -vom 3. Februar durfte in Berlin erst am -9. Februar, später als in den märkischen Provinzblättern, erscheinen, -und daß schon am 20. Februar vereinzelte Kosaken -von der Armee Tschernyscheffs in den Straßen Berlins als -Befreier bejubelt wurden, mußten die Zeitungen völlig verschweigen, -denn noch war ja eine starke französische Besatzung -in der Stadt, und der französische Kommandant von Berlin, -Augereau, und der Gesandtschaftssekretär Le Fèvre, der Vertreter -St. Marsans, hätten am liebsten jede Nachricht über -militärische Vorgänge wörtlich vorgeschrieben, was selbst dem -pflichteifrigen Renfner etwas stark schien.</p> - -<p><span class="pagenum"><a id="Seite_180"></a>[180]</span></p> - -<p>In der Nacht vom 3. zum 4. März rückten endlich die -Franzosen ab, und am andern Tage begann der Einmarsch -der Russen. Die preußischen Behörden, unter denen sich kein -York befand, hielten sich aber in subalterner Gewissenhaftigkeit -noch immer streng an ihre Instruktion, alle Feindseligkeiten -gegen Frankreich sorgfältig zu vermeiden, so daß heißblütige -Patrioten wie Gneisenau kaum an sich halten konnten. Arndts -im Februar verfaßtes und in Königsberg gedrucktes Flugblatt -»Aufruf an die Deutschen zum gemeinschaftlichen Kampfe gegen -die Franzosen« durfte Anfang März in Berlin noch nicht nachgedruckt -werden, denn der Anschluß Preußens an Rußland -wurde ja erst durch den »Aufruf an mein Volk« am 20. März -amtlich kundgemacht.</p> - -<h3>Worauf die Kosaken reiten.</h3> - -<p>1813 berichtete eine Zeitung – nach andern ein Schulbuch -– von den Kosaken: »Sie reiten auf kleinen unansehnlichen -Pferden.« Ein Zensor in Breslau strich die beiden Adjektiva, -die ihm jedenfalls mit dem Ansehen der jetzigen Bundesgenossen -unverträglich schienen, und so erfuhr die Welt die -große Neuigkeit, daß die Kosaken nicht auf Eseln, Kamelen -oder Stecken ritten, sondern auf Pferden.</p> - -<h3>Der »Preußische Correspondent«.</h3> - -<p>Bei dem trostlosen Zustand der Berliner Presse, an dem -das politische Chaos ein gut Teil Schuld trug, war es dem -Militärgouvernement höchst willkommen, daß aus dem Kreise -der preußischen Patrioten ein neues Zeitungsunternehmen erwuchs, -dessen Leitung der angesehene Historiker Niebuhr und -dessen Verlag die Realschulbuchhandlung von Reimer übernahm, -und noch ehe das offizielle Jawort des Staatskanzlers vorlag, -genehmigte es die Herausgabe des »Preußischen Correspondenten«, -der am 2. April 1813 »einfach und mit Würde zu dem -Volke von dessen heiligsten Interessen« zu reden begann. Niebuhr -sah seine Aufgabe darin, »die Überzeugung von der Notwendigkeit -eines Volkskrieges im äußersten Sinne des Wortes täglich -zu nähren, den Haß gegen die Franzosen zu mehren und über -die allgemeine Politik ein gesundes Urteil zu bewirken«.</p> - -<p><span class="pagenum"><a id="Seite_181"></a>[181]</span></p> - -<p>»Die Freiheit der Rede und der Schrift ist uns wiedergegeben«, -frohlockte Niebuhr im Leitartikel der ersten Nummer. -Das sollte sich sehr bald als eine gewaltige Hyperbel erweisen. -Renfner erlaubte sich sogar Änderungen an den Kriegsberichten -aus dem Hauptquartier, die Gneisenau selbst schrieb, so daß -dieser schon bald mit ihrer Entziehung drohte. Einer dieser -Kriegsberichte von Gneisenau (26. April) beschuldigte auf Grund -von französischen Feldpostbriefen die Berliner Bankiers hochverräterischer -Beziehungen zum Feinde. Als darauf die »Vossische« -ihre Abonnenten von der Hochfinanz in Schutz nahm, -verhinderte Renfner (2. Mai) die Fortsetzung der Polemik.</p> - -<p>Unter seinem Nachfolger von Schultz wurde das Verhältnis -zwischen Redaktion und Zensor auch nicht besser; der Albdruck -des Waffenstillstandes lastete auf dem »Preußischen Correspondenten« -naturgemäß noch stärker, und als erst der temperamentvolle -Schleiermacher am 25. Juni dessen Leitung übernahm, -kam es zwischen ihm und den Behörden über Fragen mehr -der innern als der äußern Politik zu Konflikten, die an Schärfe -den Zusammenstoß Heinrich von Kleists mit Hardenberg noch -weit übertrafen. Der »Correspondent« ist nach den »Abendblättern« -die zweite Berliner oder preußische Zeitung, in der -sich die Umrißlinien einer werdenden politischen Partei, hier -eines konservativen Liberalismus, deutlich abzeichneten, und die -Regierung war keineswegs gewillt, solche neuen Machtgruppen -aufkommen zu lassen.</p> - -<h3>Schleiermachers Hochverrat.</h3> - -<p>Am 14. Juli 1813 sprach der »Preußische Correspondent« -von Gerüchten über einen Friedenskongreß, der in Prag zusammengetreten -sei und auch wirklich stattfand. Die Anhänger -eines schnellen Friedensschlusses warnte er, sich nicht vorschnell -zu freuen, und die Gegner, darob nicht zu verzweifeln. Die -Ansicht der letztern Partei, zu der Schleiermacher selbst gehörte, -gehe dahin, daß Preußen, »um zu einem würdigen Zustande -zu gelangen«, noch einer »ungeheuern Kraftentwicklung« und -Deutschland im allgemeinen noch »großer entscheidender Ereignisse« -bedürfe, die »den Grund zu einer künftigen Form -legen« müßten. Denn, so schrieb Schleiermacher wörtlich, »was<span class="pagenum"><a id="Seite_182"></a>[182]</span> -sich Deutschland von einer Verfassung versprechen kann, welche -durch die Willkür sich durchkreuzender diplomatischer Verhandlungen -begründet wäre, das wissen wir seit dem westphälischen -Frieden, der Deutschland zerstörte, indem er es neu zu bilden -glaubte«. Unter dem »würdigen Zustand« Preußens, das ja -schon eine feste »Form« hatte, verstand er die völlige Unabhängigkeit -von Napoleon, und das schwierige Problem der -»künftigen Form« Deutschlands beschäftigte ein Jahr später -den Wiener Kongreß. Diese Fragen durften wohl dem Redakteur -eines politischen Blattes einigermaßen am Herzen liegen. -Schleiermacher beruhigte nun die Gegner eines vorschnellen -Friedens mit der Versicherung, ihre »allgemein verbreitete« -Ansicht werde »gewiß auch bei den Friedensverhandlungen eine -Stimme haben«; er meinte damit: dieser oder jener der beteiligten -Diplomaten werde wohl auch so denken. Und wenn -auch, erklärte er zuletzt, ein Friede geschlossen werde, den man -noch nicht als »den wahren Anfang einer neuen Ordnung der -Dinge ansehen« könne, so müsse man ihn eben »nach den -Principien eines Waffenstillstandes beurteilen« und alle Vorteile, -die er gewähre, gehörig benutzen.</p> - -<p>Am 15. Juli erklärte das Auswärtige Amt Schleiermachers -Äußerungen als »unbefugte anmaßende vorgreifende Urteile -einer Privatperson über künftige Resultate« des Friedenskongresses; -die »absprechende Zurückweisung ›Diplomatischer -Verhandlungen‹ und die ›Berufung auf eine allgemein verbreitete -Ansicht, die bei den Friedensverhandlungen eine Stimme -haben werde‹, die Entgegenstellung der Begriffe: ›einzelne -Mächte‹ und ›Deutschland und Preußen‹,« gebe eine »Tendenz -pflichtwidriger Eigenmacht und Willkür zu erkennen. Der -Ton und die Tendenz mancher Schriftsteller und ihrer Anhänger, -zusammengehalten mit gleichzeitigen verwegenen Vorgängen, -deuten auf ein Streben jener Personen, ihre Eigenmacht -und Willkür an die Stelle der rechtmäßigen Macht und -Autorität zu setzen.« Das Auswärtige Amt glaube daher nach -dem Grundsatz verfahren zu müssen: »den Keimen zu widerstehen« -(was wohl eine Übersetzung des Ovidischen »<em class="antiqua">Principiis -obsta</em>« sein sollte!) und berichtete darüber an Hardenberg.</p> - -<p>Daraufhin befahl der König am 17., Schleiermacher sofort<span class="pagenum"><a id="Seite_183"></a>[183]</span> -seines Predigtamtes zu entsetzen und binnen 48 Stunden über -Schwedisch-Pommern ins Ausland abzuschieben!</p> - -<p>Diese Strenge hielt aber Hardenberg offenbar für übertrieben; -er wußte den König umzustimmen, und so wurde die -schon fertige Kabinettsorder dahin gemildert, daß dem Herausgeber -des »Preußischen Correspondenten« sein Benehmen »ernstlich -verwiesen« und ihm bedeutet wurde, eine Wiederholung -desselben werde »aufs nachdrücklichste und mit unfehlbarem -Verlust seiner Dienststelle geahndet werden«.</p> - -<p>Am 19. mußte Schleiermacher vor dem Minister des Innern -von Schuckmann erscheinen, und dieser »bedeutete« ihm laut -Protokoll, der betreffende Artikel »verkündige die Notwendigkeit -einer Umwälzung der preußischen Staatsform durch gewaltsame -Ereignisse und enthalte die Anmaßung des Zeitungsschreibers, -die Schritte der Regierung öffentlich meistern und leiten zu -wollen, um sie diesem Ziele entgegenzuführen«. Das sei nach -dem Landrecht nichts geringeres als <em class="gesperrt">Hochverrat</em>!</p> - -<p>Schleiermacher verteidigte sich ausführlich schriftlich mit -großem Scharfsinn und schlagender Dialektik gegen die unsinnige -Auslegung seines Artikels. Aber seine »Nase« hatte er weg, -und dabei blieb es. »Ich habe aber alles sehr lustig abgeschüttelt«, -schrieb er sechs Jahre später an seinen Freund Arndt, -als auch dieser ein Demagog sein sollte, »und halte mir die -Sache nur noch als einen Schinken in Salz«. Und über die -Szene bei Schuckmann berichtete er, dieser habe zwar erst »mit -seiner ganzen Bärenhaftigkeit aufgetatzt«, sei dann aber im -Gespräch mit ihm so »gekirrt« worden, »daß er hernach ordentlich -mit dem Maulkorb herumging«. »Es gibt wohl keine -ärgere Erbärmlichkeit für einen König,« fügte er hinzu, »als -solche Schnippchen in der Tasche zu schlagen, und darum kann -man sie ihm ja wohl gönnen.«</p> - -<h3>Reformation und Revolution.</h3> - -<p>Kurz vor dem Verfahren gegen Schleiermacher war in -Berlin bei Hitzig eine kleine Broschüre erschienen »Zur politischen -Reformation«. Sie bezeichnete als die schlimmsten -Folgen der Französischen Revolution die »absolute Souverainität, -Maschineneinrichtung der Staatsverwaltung und Conscription«.<span class="pagenum"><a id="Seite_184"></a>[184]</span> -Der biedere Zensor Himly selbst hatte sie zum Druck genehmigt, -denn er sagte sich: Preußen hat durch Hardenbergs Finanzedikt -vom 27. Oktober 1810 schon eine Nationalrepräsentation eingeleitet, -will also keine absolute Souveränität; Maschineneinrichtung -läßt sich dem preußischen Staat ebenfalls nicht -vorwerfen, und Konskription kennt er nicht; also geht die Tendenz -der Schrift gegen Frankreich und seine Gewaltherrschaft -in deutschen Landen.</p> - -<p>Am 5. Juli aber kam der Polizeiminister Fürst Wittgenstein -darüber. Der sah in dem Büchlein nur die deutlich -ausgesprochene Absicht, »die monarchische Regierungsform, wie -sie in dem preußischen Staat eingeführt ist, aufzuheben und -dem Volke wesentlichen Anteil an der Verwaltung und recht -eigentlich eine Mitregierung einzuräumen«. Man brauche nur -den Ausdruck »Reformation« in »Revolution« umzuändern, -dann habe man den Sinn und Zweck des Schriftchens am -richtigsten erfaßt. Wolle es doch sogar die Sprache »revolutionieren« -und die Ausdrücke abschaffen, »womit seit länger -als tausend Jahren die Untertanen die schuldige Ehrfurcht -gegen ihre Regenten an den Tag zu legen gewohnt sind«. -Genau so seien auch die französischen Jakobiner vorgegangen.</p> - -<p>Jetzt lag es klar zutage: dieses zunehmende dreiste Verlangen -nach Nationalrepräsentation noch während des Krieges -war nichts anderes als die Folge des unseligen Landsturmedikts, -das ja das ganze Volk zur Verteidigung des Staates -aufgerufen hatte! Das unvorsichtige Wort des Fürsten Kaunitz -zu Kaiser Joseph II. von dem ganzen »Volk in Waffen«, das -an Majestät dem Kaiser ebenbürtig sei, war furchtbar lebendig -geworden. Die gefährliche Phrase von einem »Volksheer« -brauchte ja selbst ein Mann wie der General von Clausewitz, -der mit Scharnhorst die ostpreußische Landwehr ins Leben gerufen -hatte. Von da bis zur Regierung des Staates durch ebendieses -Volk war nur ein Schritt! Und hatte nicht der Deutschrusse -Kotzebue in seinem »Russisch-deutschen Volksblatt«, das er von -Ende März bis Ende Juni 1813 in Berlin herausgab, im Anschluß -an jene Broschüre schon die künftige Verfassung Preußens -entworfen? Ein Oberhaus wollte er eingerichtet sehen aus den -deutschen Fürsten, und ihm gegenüber ein Unterhaus, das aus<span class="pagenum"><a id="Seite_185"></a>[185]</span> -den »freien deutschen Männer des Landsturms« zu bilden sei! -Diese Projekte galt es »in den Keimen« zu ersticken.</p> - -<p>Daß Fürst Wittgenstein so dachte, bestätigt der Briefwechsel -zwischen Gneisenau und Clausewitz. Darnach waren sowohl -Wittgenstein wie Polizeipräsident Le Coq und von Bülow der -Überzeugung, das Landsturmedikt sei revolutionär, stürze die -Verfassung um und führe »zu völliger Anarchie und Umsturz -des Thrones«. Und ebenjenes anonyme Büchlein »Zur politischen -Reformation« wurde der Anlaß, daß der Oberkammerherr -jetzt auch den König zu seiner Ansicht zu bekehren wußte. -Am 17. Juli, als Friedrich Wilhelm III. die Kabinettsorder -gegen Schleiermacher unterzeichnete, verfügte er auch die Aufhebung -des bisher gebildeten Berliner Landsturms. Die Formation -des Landsturms überhaupt wurde »nunmehr als vollendet« -bezeichnet, er sollte nur noch eine Reserve der Landwehr sein, -seine Selbständigkeit wurde ihm völlig genommen und er nicht -nur den ihm vorgesetzten Kommandanten, sondern allenthalben -»den Polizeiobrigkeiten des Orts oder Bezirks« unterstellt. -Auch seine aus Zivilpersonen gewählten »Schutzdeputationen« -wurden beseitigt, und gleich hinterher, am 21. Juli, eine Verordnung -gegen den Mißbrauch der Landsturmwaffe erlassen, als -ob es sich um eine Räuberbande gehandelt hätte.</p> - -<p>Dieser 17. Juli ist daher als ein <em class="antiqua">dies ater</em> in der Geschichte -Preußens zu betrachten, denn er bezeichnete den ersten -entschiedenen Schritt auf dem Wege der Reaktion, auf dem -der König von da an, begleitet von seinem allmächtigen Oberkammerherrn -und Polizeiminister, zeitlebens hartnäckig weiterging.</p> - -<h3>Engelsturz.</h3> - -<p>Noch zwei Männer in Preußen hatten Anlaß, in ihrem -Kalender den 17. Juli 1813 mit schwarzer Tinte anzumalen: -die beiden Zensoren Himly und von Schultz. Ersterer hatte -durch die Druckerlaubnis der Flugschrift »Zur politischen Reformation« -auch nach Hardenbergs Urteil »alles Vertrauen als -Censor politischer Schriften verloren« und wurde am selben -Tage zu anderer Verwendung seines Amtes enthoben.</p> - -<p>Schlimmer erging es dem Zensor von Schultz wegen des -»Preußischen Correspondenten«; dieses Mannes Zensorlaufbahn<span class="pagenum"><a id="Seite_186"></a>[186]</span> -scheint damit ihr wohlverdientes Ende gefunden zu haben. -Ihn stürzte nicht die bloße Tatsache, daß er den Artikel -Schleiermachers über den Prager Friedenskongreß hatte durchschlüpfen -lassen, sondern die nachträgliche freche Entschuldigung, -daß er dies »zu Erreichung eines großen, auf das Wohl des -Staats gerichteten Zwecks absichtlich« getan habe; er wollte -damit »auf die Gefahr persönlicher Verantwortung einen materiellen, -unzweideutigen Beweis von der eigentlichen Tendenz -gewisser Verbindungen vor Augen bringen, um dadurch womöglich -zu kräftigen Maßregeln gegen Thron und Land verderbliche Anschläge -Veranlassung zu geben«! Diese niederträchtige Dienstbeflissenheit -ließ auch Hardenberg nur als das gelten, was sie -war: eine faule Ausrede, denn jenen »großen« Zweck hätte er -ja durch Vorweisung des Korrekturbogens schon erreichen können.</p> - -<p>Und noch ein dritter war von dem Engelsturz am 17. Juli -keineswegs erbaut: der Polizeipräsident Le Coq, denn Hardenberg -übertrug nunmehr ihm trotz seines Sträubens interimistisch -die gesamte Zensur der Berliner Zeitungen sowie der historisch-politischen -Flug- und Zeitschriften.</p> - -<h3>Schleiermachers Obstruktion.</h3> - -<p>Der neue Zensor Le Coq las den »Preußischen Correspondenten« -mit besonderer Aufmerksamkeit und mit offenbarer Voreingenommenheit -gegen dessen Herausgeber. Nach seiner Versicherung -hörte Schleiermacher auch nach der ihm gewordenen -Zurechtweisung nicht auf, sich durch anstößige Äußerungen »gegen -den Wert der diesseitigen Verfassung, wie gegen das Ansehen -der königlichen Regierung und deren Maßregeln vor andern -auszuzeichnen«, und schon am 2. August stellte er den Antrag, -die Zeitung ganz zu verbieten. Hardenberg ging darauf nicht -ein. Gründe zu nachdrücklicherem Vorgehen fanden sich bald.</p> - -<p>Am 12. August erklärte Österreich an Napoleon den Krieg, -und das diesen Schritt begründende, von Friedrich von Gentz -verfaßte glänzende Manifest des Kaisers bedachte Schleiermacher -in Nr. 86 vom 28. August mit hohem Lobe. Er brauchte -dabei in dem der Zensur vorgelegten Text die Wendung: -»Die Gesinnung, welche sich hier ausspreche, sei, wenn man -wolle in einer Art Gegensatz gegen die königliche, die wahrhaft<span class="pagenum"><a id="Seite_187"></a>[187]</span> -kaiserliche.« Denn, so hieß es weiter, »dem Kaiser gebührt -eine Mehrheit von Staaten, die sich in ihren innern Bestrebungen -sehr unterscheiden können, mit gleicher ruhiger Liebe -zu umfassen«. Zweifellos brauchte Schleiermacher die Worte -Kaiser und König hier gewissermaßen als Quantitätsbegriffe, -aber ebenso zweifellos war er sich des zweideutigen Klangs -dieser Wendung voll bewußt. Sie ist eine frühe Probe des -später aufkommenden Zensurstils, dessen Meister der witzige, -oft boshafte Schleiermacher geworden wäre. Le Coq übertrug -denn auch den begrifflichen Gegensatz sofort auf die Personen, -den Kaiser von Österreich und den König von Preußen – -also »grober Anstoß gegen des Königs Maj. Allerh. Autorität«! -Und da der »Correspondent« ihm auch weiterhin Ärger verursachte, -sogar Ausfälle gegen die Zensur wagte, gegen »die -krankhafte Wachsamkeit über alles was durch Druck der Welt -mitgetheilt werden soll«, so forderte Le Coq am 25. September -in einem geharnischten Schriftstück von Schleiermacher eine -strengere Befolgung der Zensurinstruktion. Das Gesetz erlaube -jedem, seine Einwendungen gegen Regierungsmaßregeln dem -Oberhaupt des Staates oder den Vorgesetzten der Departements -anzuzeigen; eine »weit umher cirkulierende politische Zeitung« -der Residenz sei dazu nicht der Ort! Nur die Redaktion des »Correspondenten« -gebe zu steten »Berichtigungen« seitens der Zensur -Anlaß und beantworte diese statt mit größerer Vorsicht nur mit -»ungegründeten Klagen über Beschränkung der Preßfreiheit«.</p> - -<p>Schleiermacher antwortete darauf nicht weniger entschieden, -nicht die Redaktion, sondern der Zensor habe für die Beobachtung -der Zensurinstruktion zu sorgen, und auch nicht durch -»Berichtigungen«, wie sich Le Coq auszudrücken beliebe, sondern -nur durch »Streichungen«. Der Vorwurf, als ob er -»ein eigenes Vergnügen daran fände, etwas vorlegen zu -lassen, was gestrichen werden« müsse, sei ehrenrührig, und er -verlange dafür Beweise. Er lasse in fremden Aufsätzen manches -stehen, was er selbst, »um die Freude eines recht reinen -Censurbogens zu genießen«, nicht schreiben würde, auch wenn -es nicht anstößig sei; er rechtfertige sich dann bei seinen »nicht -bezahlten«, sondern nur »gefälligen« Korrespondenten durch -Vorlegung des Zensurbogens und denke das auch weiter so zu<span class="pagenum"><a id="Seite_188"></a>[188]</span> -halten. Auch verstehe er nicht, warum sich Le Coq darüber -beklage: »Das Verhältnis zwischen Schriftsteller und Censor -auf diesem Gebiet ist wie ein Handel, bei welchem es einmal -üblich ist, vorzuschlagen und zu dingen.«</p> - -<p>Zum Schluß bedankte er sich noch mit schneidender Ironie -für den Hinweis auf das Gesetz; Le Coq möge ihm aber -lieber eine andere Stelle des Gesetzes nachweisen, die der -Zensurbehörde das Recht gebe, Verweise zu erteilen und -Drohungen zu erlassen, denn diesen »Ton« habe er nicht ohne -Befremden in des Polizeipräsidenten geehrter Zuschrift gefunden. -Sollte eine solche Gesetzesstelle nicht existieren, so möge Le Coq -diese Schlußbemerkung gefälligst als einen Gebrauch der Freiheit -betrachten, die das von ihm selbst erwähnte Gesetz zugestehe. -Jeder Satz des Briefes verrät die innere Genugtuung -des Schreibers, die überlegene Schärfe und Geschmeidigkeit -seines Stils den Gegner fühlen zu lassen.</p> - -<p>Auf diese vollendete Kriegserklärung konnte die Antwort -nicht ausbleiben. Le Coq legte den Briefwechsel dem Staatskanzler -vor, um für den schon bekannten »Geist der Anmaßung -und Renitenz« Schleiermachers einen neuen Beweis zu bieten, -und ersuchte um eine nachdrückliche Zurückweisung des Widerspenstigen -»in die Schranken der Ordnung und des Gehorsams«. -Diesem Verlangen kam Hardenberg mit ungewöhnlicher -Schärfe nach und verwies Schleiermacher nun seinerseits -den »unpassenden Ton« seines Briefes: »Sie scheinen darin -ganz vergessen zu haben, daß Sie dem St.-R. Le Coq Achtung -schuldig sind, und daß es Ihnen in keiner Hinsicht gebührt, -sich seinen Verfügungen zu widersetzen … Sie haben hierzu -als Volkslehrer eine doppelte Verpflichtung und sind doppelt -straffällig, wenn Sie derselben entgegenhandeln.« Für diesmal -wolle er es bei der Zurechtweisung bewendet sein lassen, warne -ihn aber ernstlich, »sich künftig bescheidner gegen Königl. Behörden -zu betragen, widrigenfalls« usw.</p> - -<p>Von der Achtung, die der Polizeipräsident einem Manne -wie Schleiermacher schuldig sei, war dabei nicht die Rede.</p> - -<p>Schleiermacher nahm auch diese »staatskanzlerische Nase« -nicht ohne Widerspruch entgegen, sondern antwortete sehr kühl -und fest: Er habe seinerseits Ursache genug gehabt, sich über<span class="pagenum"><a id="Seite_189"></a>[189]</span> -den unangemessenen Ton des Le Coqschen Schreibens zu beschweren, -habe aber den Kanzler, der »jetzt mehr als je mit -den wichtigsten Angelegenheiten nicht nur des preußischen -Staates, sondern des gesamten Europa beschäftigt« sei, mit -dieser »Kleinigkeit« nicht behelligen wollen. Nun das aber -durch Le Coq geschehen sei, müsse er bitten, der Kanzler wolle -jenen zum Beweis oder zur Zurücknahme der ihm gemachten Beschuldigungen -veranlassen, da der gewöhnliche Weg der Injurienklage -dem Polizeipräsidenten gegenüber nicht offen stehe.</p> - -<p>Hardenberg gab diese kühne Antwort stillschweigend zu den Akten. -Einer nochmaligen groben Ansprache des Polizeipräsidenten -ging aber Schleiermacher aus dem Wege, indem er am -1. Oktober die Redaktion an Achim von Arnim abgab. So war -es ihm nicht vergönnt, als Journalist ein Geschichtschreiber -des glorreichen Oktobermonats zu werden.</p> - -<h3>Se. Heiligkeit der Kurialstil.</h3> - -<p>Im Jahre 1810 war – auch ein Ergebnis der Neuorientierung -dieses Jahres – der altehrwürdige Kurialstil im -amtlichen preußischen Verkehr abgeschafft worden. Das bot -den »Züllichauer wöchentlichen Nachrichten« vom 29. August -1813 Anlaß, folgende köstliche Anekdote aus dem Jahre 1800 -zu erzählen:</p> - -<p>»Ein witziger Berliner erhielt zwei Gerichtsvorladungen -auf einmal; die eine beschied ihn vor das Kammergericht in -Berlin, die andere am selben Tage vor die Kammer zu Küstrin. -Beide begannen in der damals üblichen Form mit den Worten: -›Wir Friedrich Wilhelm von Gottes Gnaden‹ usw.</p> - -<p>»Der Geladene erschien weder da noch dort, und als er -dieserhalb zur Rechenschaft gezogen wurde, antwortete er:</p> - -<p>›Ew. Kgl. Majestät zu Berlin haben mir allergnädigst befohlen, -daß ich vor allerhöchst demselben erscheinen soll, aber -Ew. Kgl. Maj. in Küstrin haben auch geruhet, mich zu gleicher -Zeit vor sich zu bescheiden. Da aber in der Mathematik der -Satz feststeht, daß ein Objekt, welches von zwei gleichstarken -Kräften in demselben Zeitraum nach zwei entgegengesetzten -Richtungen angezogen wird, im Ruhestand verbleibt, so bin -auch ich im Stande der Ruhe verblieben.‹«</p> - -<p><span class="pagenum"><a id="Seite_190"></a>[190]</span></p> - -<p>Die Gerichtskollegien von 1800 mußten über den Scherz -so lachen, daß sie sich nicht einmal zu einem Verweis aufraffen -konnten. Anders die Berliner Zensurbehörde im Jahre -1813. Am 27. September erklärte der Kriegsrat Himly, jetzt -Zensor der Provinzzeitungen, der Abdruck dieser Anekdote habe -in »ruhigen Zeiten wohl Rüge verdient, da Einrichtungen, die noch -vor wenigen Jahren gegolten haben, der öffentlichen Verspottung -doch wohl noch entzogen bleiben sollten«, und der Geh. Staatsrat -von Raumer war ganz mit ihm einer »erleuchteten« Meinung, -daß der Scherz »besser ungedruckt geblieben« wäre. -Die Züllichauer Zeitung erhielt darob eine »Ermahnung«.</p> - -<p>Nicht einmal über abgeschnittene Zöpfe durfte man also -seine Glossen machen, und zu solchen bürokratischen Heldentaten -hatte die Berliner Zensurbehörde noch Zeit und Sammlung -drei Wochen vor der Völkerschlacht bei Leipzig!</p> - -<h3>Das Dankgebet nach der Leipziger Schlacht.</h3> - -<p>Ein »Augenzeuge« hatte in einem Brief geschildert, wie -Fürst Schwarzenberg am 19. Oktober 1813 den drei auf dem -Monarchenhügel versammelten verbündeten Fürsten die Siegesnachricht -überbrachte. Kaiser Franz stieg sogleich vom Pferde -und kniete zum Gebet nieder; alle übrigen Anwesenden folgten -seinem Beispiel. »Bewunderungswürdig war es,« setzte der -von seiner eigenen Schilderung ergriffene Berichterstatter hinzu, -»daß die zügelfreien Pferde während dieser imposanten Feierlichkeit -ohne einen Hufschlag zu tun, ruhig neben ihren Reitern -standen.«</p> - -<p>Dieser Brief war in der »Brünner Zeitung« gedruckt -worden, und am 13. Januar 1814 brachte ihn auch die -»Vossische«. Die Redaktion freute sich gewiß der höchst stimmungsvollen -Szene, Schmok würde von »Brillanten« gesprochen -haben, und sie war auch zweifellos ganz nach dem -Herzen des Zensors Le Coq.</p> - -<p>Wie bestürzt mag er gewesen sein, als ihm gerade diese -zarte Reporterlyrik einen ziemlich derben Verweis zuzog. Hardenberg -fand nämlich, daß jene rührende Schlußwendung das -Gepräge der »Ironie« an sich trage, und warnte den Zensor, -in ein offizielles Blatt nicht Erzählungen aufzunehmen, »die<span class="pagenum"><a id="Seite_191"></a>[191]</span> -bei einem großen Teile des Publikums nur gar zu leicht zu -satirischen Bemerkungen Anlaß geben«.</p> - -<p>Verwunderlich ist, daß Hardenberg nicht lieber auf die -Unrichtigkeit der Tatsache selbst aufmerksam machte, von der -er im Hauptquartier, wo er weilte, hätte Kenntnis haben oder -doch leicht erhalten können. Die ganze Episode ist bekanntlich -von den Historikern als ein Märchen bezeichnet worden.</p> - -<h3>Das »System der Mäßigung«.</h3> - -<p>Solange Napoleon in Deutschland allmächtig war und -Preußen wohl oder übel für die Unantastbarkeit seines ihm -gewaltsam aufgedrungenen Verbündeten einstehen mußte, blieb -ihm nichts anderes übrig, als alle Angriffe gegen den Unüberwindlichen -zu unterdrücken. Als aber der Schlachtendonner -des 18. Oktobers den Nimbus des Korsen zerstört -hatte, verlangte das Empfinden des Volkes, das doch die -Kosten des Krieges mit Gut und Blut zu zahlen hatte, die -Vogelfreiheit des Gegners. Statt diesem gerechten Empfinden -nachzugeben, versteifte man sich seitens der preußischen Regierung -auch jetzt noch auf ein »System der Mäßigung«, das -mit einer lächerlichen Konsequenz innegehalten wurde. Eine -schlimmere Beleidigung als die Schlacht bei Leipzig konnte -wohl schwerlich das bitterste deutsche Libell dem gestürzten -Franzosenkaiser zufügen.</p> - -<p>Die Berliner Zensurbehörde dachte anders. Noch am -20. Dezember 1813 erließ sie eine neue Warnung gegen alle -eingeführte Flugschriftenliteratur, die natürlich zum vorwiegenden -Teil an dem gestürzten Feinde ihr Mütchen kühlte, und -die Lektüre dieser ins Ungemessene wachsenden Druckschriften -betrieb der gute Renfner immer noch so, als ob Napoleon -leibhaftig hinter der Tür stände.</p> - -<p>Ein so heftiger Napoleonfeind wie Arndt mußte ihm daher -manches zu schaffen machen. Dieser »<em class="antiqua">écrivain infatigable</em>« -ließ ja kaum einen Monat verstreichen, ohne immer neue -Literaturgranaten auf den zurückweichenden Gegner zu schleudern. -Arndts Flugschrift »Das preußische Volk und Heer im -Jahre 1813« ließ Renfner im Dezember 1813 »gern und -willig« durch, »obgleich der Schwung der letzten Seiten wohl<span class="pagenum"><a id="Seite_192"></a>[192]</span> -hätte gemildert werden können«. Seine »wütende Einleitung« -aber zu den »Betrachtungen über das Concordat« von dem -Russen Uwaroff überschritt nach Renfners Urteil »alle Grenzen« -und wurde verboten, denn Arndt hatte darin Napoleon den -»großen Virtuosen der Lüge« genannt. Arndts politisches -Programm »Der Rhein, Teutschlands Strom, aber nicht -Teutschlands Grenze« kam dem Zensor zwar reichlich »überspannt« -vor, denn es forderte kurzerhand die Vorschiebung der -Grenze Deutschlands »soweit die deutsche Zunge klingt«, bis -zu den Ardennen, den Vogesen und dem Jura, und die Herausgabe -Elsaß-Lothringens, Forderungen, auf denen leider die -Diplomaten des Wiener Kongresses zu unserm heutigen Leidwesen -nicht bestanden. Da aber diese »excentrischen Vorschläge -mit ziemlicher Bescheidenheit« vorgetragen seien, gab Renfner -im Januar 1814 die Schrift zum Verkauf frei.</p> - -<p>Die Feder aber fiel ihm vor Schreck aus der Hand (»<em class="antiqua">la -plume tombe des mains</em>«), als er Arndts »Kurze und -wahrhaftige Erzählung von Napoleon Bonapartens verderblichen -Anschlägen« (anonym: Germanien 1813) las, und der unauslöschliche -Haß, den die gleichzeitige Schrift »über Volkshaß -und über den Gebrauch einer fremden Sprache« gegen die -Franzosen und ihre Sprache predigte, paßte allerdings wenig -zur Proklamation der noch immer unentschlossen am Rhein -stehenden Verbündeten vom 2. Dezember 1813, die Frankreich -»groß, stark und glücklich« wünschte, weil es eine der »Hauptgrundlagen -des europäischen Staatsgebäudes« sei.</p> - -<p>Beide Schriften wurden nach Vorschlag Renfners am -31. Januar 1814 durch Hardenberg selbst verboten, weil sie -im diametralen Widerspruch standen zu dem »System der -Mäßigung«, das die Alliierten zur Schau trugen.</p> - -<p>Ebenso erging es im Februar 1814 dem 3. Teil des -Werkes »Geist der Zeit«, worin Arndt mit dem ganzen Pathos -seiner volkstümlichen Beredsamkeit alles heraussprudelte, was -er über Napoleons Verbrechen an der Menschheit und über -die unmögliche Versöhnung Deutschlands mit Frankreich auf -dem Herzen hatte. Der erste Teil dieses Werkes war 1806 -in Dänemark, bei Hammerich in Altona, ohne Angabe eines -Verlegers erschienen, der zweite Teil 1808 in Schweden, wo<span class="pagenum"><a id="Seite_193"></a>[193]</span> -sich Arndt vor den Häschern Napoleons verborgen hielt. Den -dritten hatte Reimer 1813 in Berlin verlegt, ebenso eine -2. Auflage des zweiten Teils, beide unter der Druckfirma -Th. Boosey in London, denn die Berliner Zensur würde nie -die Erlaubnis dazu gegeben haben.</p> - -<h3>Die Schonung Napoleons.</h3> - -<p>Für die Schonung Napoleons seitens der Zensur auch -während der Befreiungskriege waren hauptsächlich drei Gründe -maßgebend. Für einen Mann, der einmal – ob legitim oder -illegitim – den Purpur getragen, verlangte das Kartell der -Fürsten Europas Achtung unter allen Umständen; er war und -blieb ein gekröntes Haupt, dessen Verunglimpfung auch nicht -als Ausnahmefall zugelassen werden durfte. »Der Teufel, -wenngleich ein Höllenfürst, bleibt doch immer ein Souverain«, -spottete Kotzebue in seinen »Politischen Flugblättern«. Obendrein -war Napoleon durch seine Heirat mit der Erzherzogin -Marie Luise der Schwiegersohn des Kaisers Franz, eines der -erlauchten Verbündeten. Daher hatte auch die österreichische -Regierung noch nach Wiederbeginn des Krieges alle »erniedrigenden -Ausfälle« gegen Napoleon verboten.</p> - -<p>Der zweite Grund war ernster politischer Art: solange -man noch hoffte, mit dem Kaiser von Frankreich zu einem -Frieden zu kommen, wollte man ihn nicht reizen.</p> - -<p>Zum dritten war man auch nach seiner Verbannung nach -Elba von der Furcht nicht frei, er werde wiederkommen, und -die Tatsachen schienen ja diesem Bedenken recht zu geben. -Die deutschen Regierungen rechneten also auch nach der Schlacht -bei Leipzig mit der Möglichkeit, noch einmal die Gnade des -Siegers anrufen zu müssen. Es ist Deutschland wahrlich -schwer gemacht worden, sich im Vertrauen auf seine Kraft -dauernd zu befestigen.</p> - -<p>Von diesen drei Gründen vermochte den ersten auch die -Geschichte niemals aus der Welt zu schaffen. Der Schwiegervater -Napoleons, Kaiser Franz von Österreich, regierte ja noch -bis 1835, und bis zu seinem Tode wenigstens ist dieser allerhöchsten -Verwandtschaft seitens der Zensur in Deutschland stets -mit rührendem Zartgefühl Rücksicht getragen worden.</p> - -<p><span class="pagenum"><a id="Seite_194"></a>[194]</span></p> - -<h3>Fremder Götzendienst.</h3> - -<p>Genau so wie Arndt erging es den übrigen Patrioten, -die ihrem Temperament nicht die von der Zensur verlangte -»Mäßigung« auferlegen konnten. Der Vorsteher der Berliner -Blindenanstalt, Professor August Zeune, schickte einem Vortrag -über das Nibelungenlied, das er als geeigneten Ersatz für die -überschätzte französische Literatur empfahl, eine Einleitung voll -»Feuerbrände und Congrevescher Raketen« gegen die »Rotte -Kora«, das französische Volk, voraus, in der er ebenso wie -Arndt die Verbannung der französischen Sitte und Sprache, -die völlige Abschaffung des »Fremden Götzendienstes« forderte. -Die deutsche Nachahmung der Franzosen erklärte Zeune aus -unserer Unkenntnis der wahren Geschichte Frankreichs, der Bestechung -deutscher Gelehrten durch Ludwig XIV., der verkehrten -Erziehung Friedrichs des Großen durch einen französischen Hofmeister -und »aus der Sucht gewisser hoher Stände, über das -Volk erhaben zu sein«. »In diesem Kapitel«, heißt es in dem -Zensururteil Renfners, »werden nun wieder die Vornehmen, -oder wie sie Herr Zeune nennt, die Vornehmtuer nach Gebühr -abgekanzelt.« Der Titel Herr ist in diesen Akten immer -ironisch gemeint, soweit es sich um Bürgerliche handelt.</p> - -<p>Als Zeune seinen Vortrag auf Wunsch seiner Zuhörer, -Männer und Frauen, herausgeben wollte, verweigerte Renfner -die Erlaubnis; nach seiner Instruktion, versicherte er, könne -kein »einziger Satz dieser Vorlesung« gedruckt werden. Auch -sein Versuch, den Vortrag unter dem Titel »Der Rheinstrom, -Deutschlands Weinstrom, nicht Deutschlands Rainstrom« durchzuschmuggeln, -scheiterte an der Wachsamkeit Renfners, der im -Februar 1814 über das Manuskript folgendes Urteil fällte:</p> - -<p>»Unter diesem verschrobenen Titel wollte der Prof. Zeune -den größten Teil seiner schon vorhin abgewiesenen Vorlesungen zu -Markte bringen, das alte Frankreich zerstückeln, halb Europa -zu Deutschland schlagen, die Unabhängigkeit mehrerer benachbarten -Staaten beeinträchtigen und nach Gewohnheit auf alles, -was französisch ist, derb losschimpfen. Da dieser unberufene -Schriftsteller noch ganz neuerlich schwere politische Sünden auf -sich geladen hat und deshalb von Polizei wegen in strengen -Anspruch genommen worden, so war ich desto mehr befugt,<span class="pagenum"><a id="Seite_195"></a>[195]</span> -ihn auch diesmal wieder zur Ruhe zu verweisen. Es ist schlechterdings -kein Auskommen mit ihm.«</p> - -<p>Und wie wütete Renfners Rotstift in der massenhaften -patriotischen Lyrik, in der sich der deutsche Zorn mehr oder -weniger gelenk austobte! Überall müssen Strophen voll »rasender -Schimpfworte« gegen Napoleon gestrichen werden. Kein -Wunder, daß da nur unangetastet blieb, was nach Renfners -eigenem Urteil »matt, seicht und unschuldig« war. Sogar der -Dichter der »Urania«, Tiedge, wurde mit seinen »Denkmalen der -Zeit« von Renfner im Januar 1814 abgewiesen, obgleich sie, wie -der Zensor selbst zugab, bewundernswerte Stücke enthielten, die -das Lob des Königs von Preußen und Deutschlands mit patriotischem -Schwung sangen; in einigen Gedichten aber flammte eine -so heftige Empörung (»<em class="antiqua">une rage furibonde</em>«) gegen Napoleon -und Frankreich, daß Renfner die Druckerlaubnis versagte. Statt -ihrer gab er dem Dichter den ironischen Rat, sich mit diesen hübschen -Sächelchen, die er gegen den Schwiegersohn des Kaisers -Franz auf dem Herzen habe, nach – Österreich zu wenden! -Sie erschienen im selben Jahr zu Leipzig bei J. F. Hartknoch.</p> - -<p>Soviel ist gewiß: Lissauers »Haßgesang« wäre mit Zustimmung -Renfners nicht gedruckt worden.</p> - -<h3>Der Schneider Kakadu.</h3> - -<p>Wo der tiefe Ernst patriotischer Männer ironisch verächtliche -Ablehnung fand, wie sollte sich da der Übermut des Humors -oder gar der Satire hervorwagen! Im Januar 1814 fand -Renfner unter den ihm vorgelegten Schriften eine in Leipzig -gedruckte »Apologie Napoleons des Großen«, voll »Gelehrsamkeit -und Witz in Menge«, wie er selbst zugestand; auch mußte -er »herzlich« darüber lachen, aber zum Verkauf wagte er sie -nicht freizugeben, und den Druck eines Liederspiels »Politisches -Quodlibet«, das bereits in Hannover zwei Auflagen erlebt hatte, -verbot er im Februar hauptsächlich deswegen, weil Napoleon -darin die Arie »Ich bin der Schneider Kakadu« zu singen hatte.</p> - -<h3>Die europäische Barbierstube.</h3> - -<p>Ebenso philisterhaft behandelte man die politischen Karikaturen, -die schon seit dem Frühjahr 1813 wie Mücken nach<span class="pagenum"><a id="Seite_196"></a>[196]</span> -dem Gewitter zahlreich zum Vorschein kamen und natürlich nur -<em class="gesperrt">ein</em> Stichblatt hatten: Napoleon. Zunächst durften sie nicht -»Sitte und sittliche Würde« verletzen, »soweit nämlich«, wie -Polizeipräsident Le Coq einmal vorsichtig zugab, »der Begriff -der letzteren nicht in zu weiter Ausdehnung gegen die Natur einer -<em class="gesperrt">jeden</em> Karikatur als solcher gerichtet sein dürfte«. Vor allem -aber durften sie durch keinerlei »Attribute« irgendwelche Fürstlichkeiten -kenntlich machen, auch nicht »feindliche Souveraine«.</p> - -<p>Da war u. a. eine Karikatur erschienen, die den Titel -»Die europäische Barbierstube« führte: Napoleon wird, auf -einem Stuhl sitzend, rasiert; die Messerklinge trägt die Aufschrift -1813 und das blutige Rasiertuch die Namen Culm, -Katzbach, Leipzig und Dennewitz; einer der drei Barbiere hält -den Kunden auf dem Stuhle fest, der andere schlägt Schaum, -und der dritte rasiert. Die drei trugen Offiziersuniform ohne -weitere Abzeichen, und sogar jede persönliche Ähnlichkeit war -vermieden. Nur Napoleon war erkennbar. Das Publikum -aber verstand den Spaß und hatte bald heraus: die erste der -drei Figuren ist Kaiser Franz, die zweite Kaiser Alexander -und die dritte König Friedrich Wilhelm, also »die allerhöchsten -Personen der verbündeten Monarchen«.</p> - -<p>Diese »bloße Vermutung« genügte dem Berliner Polizeipräsidenten, -die Karikatur sofort überall wegnehmen und »unverzüglich« -<em class="gesperrt">verbrennen</em> zu lassen! Der Minister von der -Goltz billigte das höchlichst; er wollte zwar nicht alle politischen -Karikaturen glattweg verbieten, »des möglichen Mißbrauchs -wegen« und um »die Teilnahme des Publikums an -den Anstrengungen, welche die Pflicht in der gegenwärtigen -Zeit erfordert«, zu erhalten. Le Coq möge nur weiter mit -größter Vorsicht zensieren und alles unterdrücken, was Deutungen -wie die obige zulasse. »Die geheiligten Personen der -verbündeten Souveraine« dürften selbstverständlich »nicht anders -als auf eine dem Ernst, der Würde und der Ehrfurcht angemessene -Art bildlich dargestellt werden.«</p> - -<p>Für einen Künstler muß dieser ängstliche Zustand sehr -anregend gewesen sein! Bedarf es einer andern Erklärung -dafür, daß es damals in Deutschland noch keine Karikaturisten -gab? Sie wären jedenfalls alle nach Spandau gekommen.<span class="pagenum"><a id="Seite_197"></a>[197]</span> -Mit Ausnahme etlicher Blätter Schadows ist denn auch der -künstlerische Ertrag jener Zeit an Zerrbildern gleich Null.</p> - -<h3>Projektenmacher.</h3> - -<p>Leute wie Arndt, Zeune und Genossen waren nach dem -Urteil der damaligen Zensur lauter »Projektenmacher«, die der -allein zuständigen Regierung ins Handwerk pfuschten, statt in -bescheidener Demut zu erwarten, welche Zukunft ihnen von der -unübertrefflichen Weisheit der Staatslenker von 1806 zugedacht -war. Ein Kammergerichtsrat Willmanns forderte in einem -Aufsatz »Über die natürlichen Grenzen Frankreichs«, ebenso -wie Arndt, daß die Grenzen Deutschlands so weit vorgerückt -würden, als deutsch gesprochen wurde. Renfner setzte ein beredtes -Ausrufungszeichen dazu und meldete: »Ich habe ihm -mein Imprimatur versagt und zur Antwort erteilt, daß, da -die Absichten der verbündeten Mächte über die Bestimmung der -künftigen Grenzen Deutschlands noch nicht bekannt sind, es ein -Vorgriff sein würde, dieserhalb öffentlich Grundsätze aufzustellen, -die vielleicht nicht genehmigt werden dürften«!</p> - -<p>Aus einer Ode des Gymnasialkonrektors Pudor zu Marienwerder -strich er eine »boshafte Strophe, die das französische -Volk zur Entthronung Napoleons mit Wut aufforderte«, und -aus einem Lied, das er selbst als »echt patriotisch und auch -artig gedichtet« rezensierte, die Verse, die »den Deutschen die -Wiedereroberung vom Elsaß zusagten«.</p> - -<p>Ein preußischer Offizier Karl Müller wollte ein strategisches -Werk »Über Dijon nach Paris und weiter« veröffentlichen. -Darüber hatte natürlich das Militärgouvernement zu entscheiden. -Aber am Schluß »verstieg« sich der Verfasser auch -in die hohe Politik; er wollte aus dem Stromgebiet der Rhône -einen unabhängigen Staat gebildet, das Kaisertum in Frankreich -abgeschafft und die Bourbons wiedereingesetzt sehen. »Es -versteht sich,« erklärte Renfner im Februar 1814, »daß ich -diesen ganzen zweiten Abschnitt verstoßen mußte.«</p> - -<p>Noch hartnäckiger untersagte man im Jahre 1814 die -öffentliche Erörterung der bevorstehenden Teilung Sachsens. -Ehe sie erfolgte, sollte die Presse darüber schweigen, und nachdem -sie entschieden war, erst recht. Und doch hätte das deutsche<span class="pagenum"><a id="Seite_198"></a>[198]</span> -Volk damals mehr als je das moralische Recht gehabt, nicht -nur Friedens-, sondern geradezu Kriegsziele ins Auge zu fassen -und ein Wort darüber mitzureden.</p> - -<h3>Zensurfiliale in Königsberg.</h3> - -<p>Mit den Russen war seit dem Frühjahr 1813 auch die -Flut mehr oder weniger wertvoller patriotischer Volksliteratur -nach Berlin gekommen, die in Rußland und Ostpreußen zur -Mobilmachung des Volkes entstanden und verbreitet worden -war. In Petersburg und dann in Königsberg hatte ja der -Freiherr vom Stein sein literarisches Hauptquartier aufgeschlagen, -und Arndt hatte ihm gleichsam als literarischer Marschall gedient, -um mit dem »Zorn der freien Rede« in Liedern, Aufrufen, -Flugschriften und Pamphleten den schwelenden Haß gegen -den Erbfeind zur freien lodernden Flamme aufzuschüren.</p> - -<p>Die Mehrzahl dieser aus dem Osten eingeführten Kriegsliteratur, -die jetzt vor allem üppig aufschoß, wo der Augenblick -gekommen schien, sich an dem endlich verblutenden, verhaßten -Feinde mit Spott und Hohn zu rächen, war mit russischer -Zensur gedruckt worden, und das preußische Militärgouvernement -der Lande zwischen der russischen Grenze und der Weichsel -hatte gerne seinen Segen dazu gegeben, denn zur Bekämpfung -Napoleons schien ihm mit Recht jede, nur einigermaßen anständige -Waffe willkommen. Darin hielt das Militär es ganz -mit Arndt, der schon 1811 gesungen hatte:</p> - -<div class="poetry-container"> -<div class="poetry"> - <div class="stanza"> - <div class="verse indent0">Zusammen braust das deutsche Wort</div> - <div class="verse indent0">Und weht die fremden Buben fort</div> - <div class="verse indent0">Im Schlachtendonnerwetter</div> - <div class="verse indent0">Wie Herbstwind dürre Blätter.</div> - </div> -</div> -</div> - -<p>Der Berliner Zensurbehörde aber konnte der eingedruckte -russische Zensurstempel keineswegs imponieren. Und obendrein -sprach es ja aller bürokratischen Gepflogenheit Hohn, wenn sich -da in Königsberg eine besondere Zensurbehörde aufgetan hatte, -die nach eigenem Ermessen schaltete und waltete. Nach Wiederaufnahme -der Verbindung zwischen Ostpreußen und der Hauptstadt -war es die höchste Zeit, daß dieser Not- und Ausnahmezustand -aufhörte und der Berliner Amtsschimmel wieder allein -den Zensurkarren zu ziehen hatte.</p> - -<p><span class="pagenum"><a id="Seite_199"></a>[199]</span></p> - -<p>Die Militärs waren mit der Entziehung ihrer eigenen -Zensurrechte keineswegs einverstanden und begriffen ebensowenig, -warum noch immer – dem Buchstaben getreu – Bücher verboten -bleiben sollten, die man nur den französischen Gewalthabern -zuliebe mit dem Interdikt belegt hatte. Daraus entwickelte -sich zwischen ihnen und den ängstlichen Bürokraten und -Diplomaten in Berlin ein ebenso hartnäckiger wie amüsanter -amtlicher Federkrieg, zu dem vor allem die Schriften von Arndt -und Kotzebue immer neuen Anlaß boten, und dem auch die -Schlacht bei Leipzig kein Ende machte.</p> - -<h3>Arndts »Historisches Taschenbuch«.</h3> - -<p>Zu den von Rußland hereingekommenen patriotischen Schriften -gehörte auch Arndts »Historisches Taschenbuch für das Jahr -1813«, sechs Kapitel aus seiner »teutschen Geschichte«, die -erst zwei Jahre später erschien. Er hatte es in Petersburg mit -dortiger Zensur drucken lassen und sogar der Kaiserin gewidmet. -Als er dann am 22. Januar 1813 in Königsberg eintraf und -Stein als russischer Zivilgouverneur zahlreiche Schriften des -Freundes hier drucken und verteilen ließ, übernahm der Verleger -Nicolovius den Verkauf des Taschenbuchs in Deutschland. Er -versah die Exemplare mit einem neuen Titelblatt, setzte seine -Firma und, da sich die Ausgabe des »gehemmten Postenlaufes« -wegen verspätete, die Jahreszahl 1814 darauf und -ließ sie von Leipzig aus versenden. So kamen einige davon -auch nach Berlin, wo sie als von auswärts eingeführte -historisch-politische Schrift dem Zensor Renfner vorgelegt werden -mußten.</p> - -<p>Arndt war damals noch Schwede, seine Heimat Rügen -wurde ja erst 1815 an Preußen abgetreten, und er erstarb -keineswegs in Ehrfurcht vor allen Hohenzollernfürsten. So war -er in diesem Taschenbuch mit Friedrich dem Großen wegen -seines »Buhlens« mit dem Franzosentum scharf ins Gericht -gegangen, hatte ihn gar kurzweg einen Franzosen-»Affen« genannt -– Grund genug, daß nicht nur der Berliner Zensor -Renfner die Schrift als »sträflich« bezeichnete, sondern sich der -Minister des Auswärtigen von der Goltz und sein Staatsrat -von Raumer persönlich damit beschäftigten.</p> - -<p><span class="pagenum"><a id="Seite_200"></a>[200]</span></p> - -<p>Die beiden Herren stellten daraus »die schändlichsten und -empörendsten Schmähungen wider das heilige Andenken des -großen Königs« zusammen; Goltz fand die Tatsache des Verlags -durch die Königsberger Firma, »wenn es nicht klar zu -Tage läge, allen Glauben übersteigend«, verfügte die sofortige -Beschlagnahme und verlangte entschieden, daß die ostpreußische -Regierung den schuldigen Zensor seines Amtes entsetze oder, wenn -der Verleger ohne Zensur habe drucken lassen, das Zensuredikt -von 1788 gegen diesen im voller Schärfe zur Anwendung bringe. -Ihm schien »die Wurzel des Übels tiefer zu liegen und mit -neuen schädlichen Keimen und Sprossen zu drohen«, und er -hielt es daher sogar für notwendig, das Buch dem Staatskanzler -Hardenberg vorzulegen, damit dieser imstande sei, -»den bösen Principien in ihren ersten Fäden zu widerstehen«. -Voll tiefer Entrüstung schrieb er am 14. Januar 1814 an -Hardenberg: »Erwägt man den diametralen Widerspruch, in -welchem diese freche Verunglimpfung der Manen Friedrichs -mit dem hohen Königlichen Wort vom 17. März 1813: ›Erinnert -euch an den großen Friedrich‹ stehet, auf welches erhabene -Wort so herrliche Taten geschehen sind; erwägt man -ferner, daß die preußische Nation frei von dem bösen Symptom -ist, die Manen ihrer Heroen zu verunglimpfen oder auch nur -diese Verunglimpfung zu gestatten, und auf diese Weise durch -Undank gegen die Vorwelt und gegen verehrte Manen den Undank -gegen den lebenden Herrscher vorzubereiten; erwägt man, -daß Arndt, der Verf. der Verunglimpfung, vielleicht ebensowenig -irgend einer der Regierungen Teutschlands, als der preuß. -Regierung angehört und vielmehr unter dem gemißbrauchten -ehrwürdigen Namen eines Teutschen, nach Gründung irgend -einer, von seinem Einfluß beseelten Willkür strebt, erwägt man -endlich, daß dieser Arndt ein talentvoller Mann ist, der in -seiner Schrift ›Über das Preußische Volk und Heer‹, unter -einigen tadelnswerten Zügen, viel Vortreffliches und der Überlieferung -auf die Nachwelt Würdiges gesagt hat; so wird die -Frage interessant, ob eigener böser Wille, eigne Verkehrtheit -und Schmähsucht des Verf. und zugleich eine unbegreifliche -historische Kurzsichtigkeit desselben, die in Preußens ruhmvoller -Zeit unter Friedrich den Keim des preuß. Ruhms in der<span class="pagenum"><a id="Seite_201"></a>[201]</span> -gegenwärtigen Zeit nicht zu finden weiß, oder ob vielmehr -äußere Impulsion ihn antreibt, in diesem unwürdigen, frevelnden -Ton zu schreiben.«</p> - -<p>Der hämische Hinweis des Ministers auf die deutsch-patriotische -Tätigkeit des Ausländers, das Mißtrauen gegen -seine Motive und der Verdacht, daß er ein Werkzeug in der -Hand einer fremden Macht sei, den Namen eines Deutschen -mißbrauche (!) und nach revolutionärer Willkür strebe, sind -schon weitere Vorboten der Reaktion, die nach den Befreiungskriegen -mit voller Macht einsetzte.</p> - -<p>Hardenberg mußte nach dieser beschwörenden Ansprache wohl -oder übel die Sache weiterverfolgen. Der Verleger Nicolovius -hatte das Buch Arndts gar nicht gelesen, berief sich auf die -Petersburger Zensur und den Freiherrn vom Stein, der mit -Arndt in seinem Hause gewohnt hatte, und meinte sehr kühl, -einem Historiker müsse ein freies Urteil erlaubt sein; stimme -es mit den Ansichten »anderer« nicht überein, so werde es -schon Widerspruch finden; nur so könne die Geschichte »Wahrheit -als Haupterforderniß« erhalten.</p> - -<p>Ganz andere Saiten aber zog das Militärgouvernement -von Zastrow und von Dohna auf. Es wies zunächst darauf -hin, daß Arndt an zahlreichen Stellen seines Buches Friedrichs II. -»mit dem höchsten Lobe« gedenke, daß sein Tadel des Königs -auch in andern, nicht verbotenen Schriften erhoben werde, und -daß dieser Tadel obendrein durchaus berechtigt und »von der -Nation tief gefühlt« worden sei. Die Nachfolger Friedrichs -hätten »die traurigen Folgen« seiner Franzosenschwärmerei -»öffentlich anerkannt und angelegentlich dahin gestrebt, dem -großen dadurch entstandenen Übel entgegenzuwirken«. Nicht durch -»Irreligiösität und Vorliebe für die Franzosen, sondern gerade -im Gegenteil durch eine heilsame Rückkehr zum Bessern, durch -allgemein wieder reggewordenen [religiösen] Sinn und ganz allgemein -verbreiteten Haß gegen die Franzosen« habe die Nation -im letzten Jahr so außerordentliche Dinge geleistet.</p> - -<p>Hardenberg erbat sich daraufhin vom Minister von der Goltz -ein Exemplar des Taschenbuchs. Was weiter daraus wurde, -darüber besagen die Akten nichts. Der Staatskanzler war -damals mit den verbündeten Heeren auf dem Wege nach Paris<span class="pagenum"><a id="Seite_202"></a>[202]</span> -und wird die Sache aus dem Auge verloren haben. Goltz -aber dürfte der Aufforderung Hardenbergs gar nicht nachgekommen -sein. Sein Verhalten in dem gleichzeitig spielenden -Fall Kotzebue läßt das mit Sicherheit annehmen.</p> - -<h3>»Noch Jemands Reise-Abentheuer.«</h3> - -<p>Ebenso wie Arndts »Historischem Taschenbuch« ging es zur -selben Zeit auch der heroischen Tragi-Komödie »Noch Jemands -Reise-Abentheuer«, worin in lustigen Versen die Abenteuer Noch -Jemands (d. i. Napoleons) und seines Mameluken verspottet -waren. Ihr Verfasser war der unermüdliche Kotzebue, der -darin die Taten der Russen und Preußen verherrlicht und den -Patriotismus des Volkes angeregt zu haben glaubte, wie er -dies in zahllosen andern Possen, Komödien und Flugschriften mit -großem Geschick und Erfolg getan hatte. Im übrigen war er -der Überzeugung: »Das Ungeheuer Napoleon ist ein so verabscheuungswürdiger -Gegenstand, daß, so lange unsere Monarchen -noch im Krieg gegen ihn begriffen sind, die Feder sowohl als das -Schwert sich alles gegen denjenigen erlauben darf, der sich mit -Schwert und Feder so oft Alles gegen uns erlaubt hat.«</p> - -<p>Kotzebue, der damals in Königsberg als russischer Generalkonsul -lebte, hoffte mit jener Tragi-Komödie eine »Auszeichnung« -verdient zu haben; statt dessen wurde ihm von Berlin eine -»Beleidigung« zuteil, denn der Minister von der Goltz nannte -sein Opus ein »Pasquill« und verfügte am 14. Januar 1814 -dessen Verbot mit der Begründung: »Schmähungen sind mit der -eigenen Würde einer großen, gerechten Sache nicht vereinbar.«</p> - -<p>Dieses Pasquill nun hatte in Reval und Riga eine doppelte -russische Zensur passiert und war schließlich vom Königsberger -Militärgouvernement ausdrücklich genehmigt worden. Daraufhin -hatte der Verleger Nicolovius unbedenklich 500 Exemplare -nach Berlin gesandt.</p> - -<p>Der Minister lief denn auch mit seinem Verbot bei dem -Königsberger Militärgouvernement sehr übel an. Dieses erwiderte -in demselben Schreiben vom 30. Januar 1814, das -Arndts »Historisches Taschenbuch« in Schutz nahm, sehr scharf, -daß derlei Verbote von Schriften, die »in Rußland und dem -jetzt befreiten Deutschland« herausgekommen seien, im Publikum<span class="pagenum"><a id="Seite_203"></a>[203]</span> -»eine tief gekränkte und beunruhigte Stimmung so wie die höchste -Indignation gegen die Urheber dieses neuen Geistes und Preßzwanges -hervorgebracht« und außerdem die russische Behörde -bereits zu der »gehässigen Bemerkung« veranlaßt hätten, dieses -Verfahren deute wahrscheinlich auf eine Änderung des politischen -Systems hin! Die gesamte Nation verlange mit Recht, daß -man nicht in Berlin alles, »was zur Belebung des guten -Geistes gereichen könne, als Verbrechen verfolge«! Sei doch -gerade von Berlin während der französischen Besetzung »fast -jede unwahre, vergiftende, das Königl. Haus und die Nation -herabwürdigende Darstellung ganz ungehindert« ausgegangen. -Das Militärgouvernement ersuche daher den Staatskanzler, den -Minister anzuweisen, »von einem solchen Verfahren abzustehen« -und den Verkauf aller Schriften zu gestatten, die mit Zensur -in den Staaten der verbündeten Mächte gedruckt würden.</p> - -<p>Hardenberg verfügte daraufhin am 11. März die Freigabe -der Kotzebueschen Schrift. Dieses Dementi und die scharfe -Kritik des über die Haltung der Berliner Presse während der -Okkupationszeit noch immer tief empörten Grafen Dohna an -der Amtsführung des Ministers von der Goltz ärgerten letzteren -so sehr, daß er es wagte, den Befehl des Staatskanzlers der -Behörde in Königsberg einfach nicht mitzuteilen!</p> - -<h3>Das »Liedlein nach der Leipziger Schlacht«.</h3> - -<p>Hatte da zur Feier der Leipziger Völkerschlacht ein anonymer -Verskünstler, wahrscheinlich ein damaliger »Feldgrauer«, -in oder um Königsberg, ein kräftiges Liedlein gedichtet, das -durch seinen volksmäßigen Ton in Verbindung mit einer bekannten -Melodie bald auf allen Etappenstraßen des preußisch-russischen -Heeres gesungen wurde. Es hub an:</p> - -<div class="poetry-container"> -<div class="poetry"> - <div class="stanza"> - <div class="verse indent0">Es ritt ein Reiter wohl aus Paris. Trarah!</div> - <div class="verse indent0">Aus vollen Backen ins Horn er blies. Trarah!</div> - <div class="verse indent0">Er eignete fremde Taten sich an</div> - <div class="verse indent0">Und pries nur sich selber den Tatenmann.</div> - <div class="verse indent10">Trarah! Trarah! Trarah!</div> - </div> -</div> -</div> - -<p class="noind">und glossierte so in vierzehn Strophen den Feldzug Napoleons -nach Rußland, die klägliche Rückkehr der großen Armee und -die endgültige Niederlage des Korsen bei Leipzig. 8000 Mann<span class="pagenum"><a id="Seite_204"></a>[204]</span> -Landsturm hatten es unter Begleitung von Kriegsmusik gesungen, -als die Kaiserin von Rußland auf der Straße von Braunsberg -nach Mülhausen vorüberfuhr, und es hatte der Kaiserin, -einer ehemaligen Prinzeß von Baden, so gut gefallen, daß sie -bald mehrere Strophen auswendig konnte und die sie begrüßenden -Landesdeputierten bat, ihr doch ja mehrere Exemplare des -Textes zu verschaffen. Daraufhin war dies »Liedlein nach der -Leipziger Schlacht« in Königsberg mit Zensur des dortigen -Militärgouvernements gedruckt worden, und das Militärgouvernement -in Pommern war eben im Begriff, gleichfalls einige -hundert Exemplare davon herstellen zu lassen, als der Minister -von der Goltz am 26. Januar 1814 fand, daß der Text des -Liedes »wider eigene Würde und wider allen Anstand« verstoße, -und dem Ostpreußischen Regierungspräsidenten den Auftrag -gab, den Königsberger Zensor »über die richtigen Grundsätze -von Anstand und Würde zu instruieren«! Ebenso erklärte -der Zensor Renfner das Gedicht für »äußerst unanständig«.</p> - -<p>Es wird ewig unerfindlich bleiben, was in den lustigen -Versen das Anstandsgefühl des Grafen so sehr verletzte. Nicht -die geringste Unanständigkeit ist darin; Napoleon wird ein einziges -Mal »das Untier« genannt, und die derbste Strophe des -Liedes lautet:</p> - -<div class="poetry-container"> -<div class="poetry"> - <div class="stanza"> - <div class="verse indent0">Des Krieges Sichel er ruchlos wetzt. Ei! Ei!</div> - <div class="verse indent0">Die Niemens Welle den Fuß ihm netzt. Ei! Ei!</div> - <div class="verse indent0">Hoch trug er die Nas', als hin er ging,</div> - <div class="verse indent0">Doch bald erfroren die Nas' ihm hing.</div> - <div class="verse indent10">Ei! Ei! Ei! Ei! Ei! Ei!</div> - </div> -</div> -</div> - -<p>In Königsberg war man ob jener Berliner Verfügung -denn auch nicht wenig verblüfft. Das dortige Militärgouvernement -von Zastrow und von Dohna legte den Sachverhalt mit -einer höchst ironischen Wendung dem Staatskanzler von Hardenberg -vor. Das Militärgouvernement von Pommern erklärte -ebenfalls, hier müsse wohl ein Mißverständnis vorliegen: das -Lied enthalte seines Erachtens nichts Anstößiges und Bedenkliches, -gehöre vielmehr zu den Liedern, die, der Fassungskraft -und dem Geschmack des Volkes angemessen, bei diesem eine -»heitere und enthusiastische Stimmung« erzeugten, deren es -»bei den fortwirkenden enormen Anstrengungen noch sehr bedürfe«.<span class="pagenum"><a id="Seite_205"></a>[205]</span> -Auch das Militärgouvernement von Schlesien fand -die Maßregel »kleinlich«.</p> - -<p>Graf von der Goltz aber blieb auch hier hartnäckig bei -seiner Meinung und antwortete dem Militärgouvernement, das -Lied sei »wegen der Schimpfworte und andrer Anstößigkeiten -verwerflich befunden worden«. Vielleicht habe man, fügte er -hinzu, in Pommern einen andern Text, oder man könne mit -»einigen wesentlichen« Veränderungen »etwas Besseres« daraus -machen; dann möge man ihm den »verbesserten Entwurf« gefälligst -einsenden. Dieser redaktionelle Auftrag kam dem Militärgouverneur -Stutterheim und dem pommerschen Zivilgouverneur -Beyme doch wohl allzu komisch vor; sie legten ihn ohne Antwort -<em class="antiqua">ad acta</em> und ließen die Soldaten das »Liedlein nach der -Leipziger Schlacht« weiter so singen, wie der Dichter es in -einer glücklichen Stunde hinausgeschmettert hatte.</p> - -<h3>Hardenberg für eine liberalere Zensur.</h3> - -<p>Als Hardenberg am 11. März 1814 die Rücknahme des -Verbots von Kotzebues »Noch Jemands Reise-Abentheuer« verfügte, -gab er dem Minister des Auswärtigen von der Goltz -zugleich genauere Anweisung, wie er die Zensur künftig gehandhabt -wissen wollte. »Der Zensor«, erklärte er, »kann -immerhin sein Imprimatur denjenigen Schriften erteilen, welche -die Nation von den Kunstgriffen unterrichten, durch welche es -dem Kaiser der Franzosen gelang, sein Reich zu der gehabten -monumentalen Größe zu erheben, die wir erlebt haben, und -so können auch ohne Bedenken solche Schriften die Censur -passieren, bei welchen der Verf. die Absicht hat, seinen Zeitgenossen -ein Gemälde derjenigen Begebenheiten und Ereignisse -zu liefern, durch welche das franz. System in einem gehässigen -Lichte gezeigt wird, gleichviel ob die Darstellung in einen satirischen, -ironischen oder ernsten Vortrag eingekleidet ist, worauf -um so weniger ein besonderes Gewicht in dem Augenblick gelegt -zu werden braucht, wo wir uns mit Frankreich in einem -offenen Krieg befinden.«</p> - -<p>Dem Königsberger Militärgouvernement hatte er am Tage -zuvor die Versicherung gegeben, daß er die Berliner Zensurbehörde -zu einer »liberalen und dem Geiste der Zeit und den<span class="pagenum"><a id="Seite_206"></a>[206]</span> -Umständen angemessenen« Beurteilung der ihr vorgelegten -Schriften angewiesen habe.</p> - -<p>Hardenberg irrte sich aber gründlich, wenn er annahm, -das Ministerium des Auswärtigen werde daraufhin »das Weitere -verfügen«. Herr von der Goltz übte vielmehr »passive Resistenz«; -er verschwieg nicht nur dem Königsberger Militärgouvernement -die Freigabe der Schrift Kotzebues, sondern auch -den obigen Befehl, den er allerdings auf sein Ressort allein -beziehen durfte, und beschränkte seinen nach Königsberg gesandten -»Extract« aus dem Schreiben Hardenbergs auf den -Passus von der Unstatthaftigkeit einer dortigen eigenmächtigen -Zensur! Und auch in der Folge waren er und der Zensor -Renfner weit entfernt, in ihrer Strenge nachzulassen; Renfner -erlaubte sich sogar Schriften zu beanstanden, die mit Hardenbergs -Genehmigung oder auf seinen ausdrücklichen Wunsch entstanden -waren.</p> - -<h3>Zwei Randbemerkungen des Grafen Dohna.</h3> - -<p>Obgleich sich Hardenberg gegenüber den franzosenfeindlichen -Druckschriften der Auffassung des Königsberger Militärgouvernements -im wesentlichen anschloß – in <em class="gesperrt">einem</em> Punkte konnte -er ihm nicht recht geben: die Einheitlichkeit der Zensur wurde -unterbrochen, wenn man sich, wie von der Goltz sich ausdrückte, -in Königsberg »anmaßte«, eine besondere Zensurbehörde zu -etablieren. Seiner beruhigenden Versicherung einer künftigen -liberaleren Zensur vom 10. März 1814 schickte er deshalb -die Bemerkung vorauf, daß die Zensur aller verlegten oder eingeführten -historisch-politischen Schriften ausschließlich Sache -einer einzigen Behörde, nämlich des Auswärtigen Departements -in Berlin sei. Auf die Streitfragen im einzelnen ging er -dabei nicht ein, darüber gab er ja dem Minister des Auswärtigen -am nächsten Tag genauere Anweisung. Graf Dohna, -der letzteres nicht wissen konnte und auch keinerlei Andeutung -darüber erhielt, faßte daher das Schreiben des Staatskanzlers -als eine absichtliche Umgehung des eigentlichen Streitfalles auf -und schrieb unwirsch an den Rand:</p> - -<div class="letter"> - -<p>»Die Antwort auf die aufgestellten Fragen – pfiffige -Anstalt zur Verdunkelung.«</p></div> - -<p><span class="pagenum"><a id="Seite_207"></a>[207]</span></p> - -<p>Und als nun Minister von der Goltz am 1. Mai aus der -Verfügung Hardenbergs vom 11. März den unvollständigen -»Extract« nach Königsberg sandte, der sich aber wohlweislich -auf den Passus über die Unstatthaftigkeit einer besonderen -Königsberger Zensur beschränkte, von der Freigabe der Kotzebueschen -Schrift aber kein Wort verriet, sah sich Dohna in -seinem Verdacht bestärkt, und in dunkler Vorahnung der kommenden -Reaktionszeit setzte er eigenhändig die Worte darunter:</p> - -<div class="letter"> - -<p>»Einführung eines möglichst unwürdigen Preßzwanges -und Zerreißung des Ressorts der Militär-Gouvernements. -Fürs erste <em class="antiqua">ad acta</em>.«</p></div> - -<h3>Blücher über Zensur.</h3> - -<p>Nach der Flucht Napoleons von Elba (Februar 1815) wollte -Friedrich Förster, der Freund Körners, ein Sonett »Blücher -bei der Nachricht von der Heimkehr Napoleons von Elba« in -der »Spenerschen Zeitung« drucken lassen; der Zensor Renfner -strich es. Förster beschwerte sich bei Blücher selbst und bat -um seine Vermittlung. Aber dieser antwortete:</p> - -<p>»Ne, mit die Censoren hier mag ich mir nich befassen; -über die hat der Teufel Gewalt. Packen Sie man Ihre -Schriften ein und nehmen Sie sie mit nach Paris; <em class="gesperrt">da</em> hab' -ich zu befehlen, hier nicht.«</p> - -<p>So geschah es; sobald die Verbündeten in die französische -Hauptstadt eingerückt waren, erschien das Sonett in der »Teutschen -Feldzeitung aus Paris«, die jedenfalls von Förster selbst -redigiert wurde, aber eingehen mußte, als der Polizeiminister -von Wittgenstein im November 1815 die Aufsicht über die -Tagespresse übernahm und damit die schlimmste Reaktion gegen -alle freiheitlichen Bestrebungen in Preußen einsetzte.</p> - -<hr class="tb" /> - -<p>Die Zensur trat jetzt in ihre eigentliche Blütezeit. Dieser -Fülle der Erscheinungen widmet sich das zweite Bändchen:</p> - -<p class="center p2">»<em class="gesperrt">Biedermaier-Zensur</em>«.</p> -<hr class="chap" /> - -<div class="chapter"> -<p><span class="pagenum"><a id="Seite_208"></a>[208]</span></p> - -<h2 class="nobreak" id="bibliographie">Nachweis der wichtigsten Quellenschriften.</h2> -</div> - -<div class="hang"> - -<p>1. Die Biographien Friedrichs II. von Preuß und Koser; Consentius, F. d. Gr. -u. die Zeitungszensur (»Preuß. Jahrbücher« 1904); Buchholtz, Vossische Zeitung; -Consentius, Der Wahrsager; Hesse, Preuß. Preßgesetzgebung; Wiesner, Denkwürdigkeiten -d. österr. Censur; Nicolai in der »Neuen berlin. Monatsschrift« -1807; Nicolai, Gedanken über die Verbesserung etc. der Censur 1801; Alexis -Herbstreise durch Skandinavien.</p> - -<p>2. W. Müller, Sonnenfels; Fournier, Swieten als Zensor; Nicolai, Reise durch -Deutschland u. d. Schweiz; Wiesner, a. a. O.; Gnau, Die Zensur unter Joseph II.; -Gragger in der »Ungar. Rundschau« 1912.</p> - -<p>3. Hesse, a. a. O.; Stölzel, Svarez; Prozeß des Buchdruckers Unger gegen Zöllner -1791; Nicolais »Allg. deutsche Bibliothek«; W. v. Humboldt's Ideen etc., hrsg. -v. Cauer; Schlesier, Erinnerungen an Humboldt; Haym, Humboldt; Dilthey im -»Archiv f. Gesch. d. Philosophie« 1890; Fromm, Kant u. d. preuß. Zensur; Kapp -im »Archiv f. Gesch. des deutschen Buchhandels« Bd. V; Schrader, Gesch. der -Friedrichs-Universität Halle; Schütz, Darstellung s. Lebens; Kant, Streit der -Fakultäten; Harnack, Gesch. d. Berliner Akademie d. Wiss.; Fichte, Zurückforderung -d. Denkfreiheit; Fichtes Leben u. literar. Briefwechsel.</p> - -<p>4. Müller, Sonnenfels; Glossy im Grillparzer-Jahrbuch VII, XVII u. XXV; -Schreyvogels Tagebücher; Wlassack, Chronik d. k. k. Hof-Burgtheaters; Brahm, -Schiller; Schillers Briefe.</p> - -<p>5. Iffland, Über meine theatr. Laufbahn; Glossy, a. a. O.; Consentius, Die Berliner -Zeitungen während d. französ. Revolution (»Preuß. Jahrbücher« 1904); -Buchholtz, a. a. O.; Schreyvogel, a. a. O.; Wiesner, a. a. O.; L. A. Frankl, Erinnerungen.</p> - -<p>6. Wlassack, a. a. O.; Anschütz, Erinnerungen; Schreyvogel, a. a. O.; Teichmanns -Literar. Nachlaß; Urlichs, Briefe an Schiller; Stauf v. d. March in der »Hilfe« -1913; Grillparzer-Jahrbuch VII u. XXV; Laube, Burgtheater; A. v. Weilen -in der Festschrift für Kelle; Gragger, a. a. O.; Briefwechsel Schiller–Körner; -L. A. Frankl, a. a. O.; Klingemann, Kunst u. Natur.</p> - -<p>7. Grillparzer-Jahrbuch IX u. XXV; Castelli, Memoiren meines Lebens; F. L. -Schmidt, Denkwürdigkeiten; Teichmann, a. a. O.; Karoline Bauer, Bühnenleben; -Steig, Achim von Arnim; Frankl, a. a. O.; Bauernfeld, Alt- u. Neu-Wien; -Kaiser, Unter 15 Theaterdirektoren.</p> - -<p>8. Salomon, Gesch. des deutschen Zeitungswesens; Buchholtz, a. a. O.; Czygan, -Zur Geschichte der Tagesliteratur während d. Freiheitskriege; Bassewitz, Kurmark -Brandenburg; Gubitz, Erlebnisse; Czygan in den »Forschungen z. brandenburg. -u. preuß. Geschichte«, Bd. XXI; Geiger, Berlin; H. Prutz in der Beilage -zur »Allgem. Zeitung« 1893; Hagen, Schenkendorfs Leben; Czygan im -»Euphorion«, Bd. XIII u. XIX; Goedeke, Grundriß; Fichte, Reden an die -deutsche Nation 1808, neue Ausgabe von Leser 1908; Briefwechsel Gentz–Adam -Müller; Köpke, Gründung der Kgl. Friedrich-Wilhelms-Universität zu Berlin; -Varnhagen, Denkwürdigkeiten; Lehmann in den Sitzungsberichten d. K. Ges. -d. Wiss. zu Göttingen 1895; Granier in der Sonntagsbeil. der »Voss. Ztg.« -1905; Gebhardt, W. v. Humboldt als Staatsmann; Humboldt, Ges. Schriften; -Kleists Werke, hrsg. von Schmidt, Steig u. Minde-Pouet; Chamissos Briefe; -Castelli, Memoiren.</p> - -<p>9. Steig, H. v. Kleists Berliner Kämpfe; Czygan, Zur Gesch. d. Tagesliteratur etc.</p> - -<p>10. Czygan, Zur Gesch. d. Tagesliteratur etc.; P. Hassel in der »Zs. f. Preuß. -Gesch. u. Länderkunde« 1875; Dreyhaus in den »Forsch. z. brandenburg. u. -preuß. Geschichte«, Bd. 22; Aus Schleiermachers Leben; Preuß. Gesetzessammlung; -Salomon, a. a. O.</p></div> - -<hr class="tb" /> - -<p class="center">F. A. Brockhaus, Leipzig.</p> - -<hr class="chap" /> - -<div class="chapter transnote" id="tnextra"> - -<p class="h2">Weitere Anmerkungen zur Transkription</p> - -<p>Offensichtliche Fehler wurden stillschweigend korrigiert, ansonsten wurde -die Originalschreibweise beibehalten. -Die Darstellung der Ellipsen wurde vereinheitlicht.</p></div> - - - - - - - - -<pre> - - - - - -End of Project Gutenberg's Hier Zensur - wer dort?, by Heinrich Hubert Houben - -*** END OF THIS PROJECT GUTENBERG EBOOK HIER ZENSUR - WER DORT? *** - -***** This file should be named 63744-h.htm or 63744-h.zip ***** -This and all associated files of various formats will be found in: - http://www.gutenberg.org/6/3/7/4/63744/ - -Produced by The Online Distributed Proofreading Team at -https://www.pgdp.net - -Updated editions will replace the previous one--the old editions will -be renamed. - -Creating the works from print editions not protected by U.S. copyright -law means that no one owns a United States copyright in these works, -so the Foundation (and you!) can copy and distribute it in the United -States without permission and without paying copyright -royalties. 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